e ℳ 3 . 8 6 4 2 6..* — S —2 * Agathokles Vo Caroline Pichler, gebornen von Greiner. ₰ Pritter Theil. — Mien, 1828. Gedruckt und im Verlage bey Anton Pichler. Leipzig⸗ in Commiſſion bey Auguſt Liebeskind. Das Leben iſt der Güter höchſtes nicht. Schiller. Erſter Brief. Theophania an Junia Marcella. Nikomedien den 24. Februar 503. Zitternd, angſtvoll, jetzt mit freudigen Schauern, jetzt voll banger Beſorgniſſe ſetze ich mich nieder, Dir von dem theuerſten, dem bängſten Augenblicke meines Lebens Nachricht zu geben. Eine Wand ſcheidet mich von Agathokles; ich höre ſein leiſes Athmen, jeden Laut des Schmerzens, den ſein Zu⸗ ſtand ihm entreißt. Ich fahre freudig empor, wenn ich glanbe, daß er ruft, und ich zittere jedes Mahl, de otz der ſorgfältigſten Verhüllung, mich e ieſe Erſchütterung ihm tödtlich ſeyn könnte. Du begreifſt nicht, wie das zuſammen hängt. Ach, wenn es mir möglich iſt, mein tiefbe⸗ wegtes Gemüth zu ſammeln, ſo will ich mich be⸗ mühen, alles, was ſeit geſtern geſchehen iſt, or⸗ dentlich zu erzählen. Was noch fehlt, was noch 6— unzuſammenhängend iſt, wird Deine Liebe nach⸗ ſehen. Die traurigen Auftritte des geſtrigen Tages wirſt Du mit mir und allen unſern Glaubensge⸗ noſſen getheilt haben, indem das Gerücht allge⸗ mein verbreitet iſt, daß derſelbe Schlag an Einem Tage in allen Städten des Reichs beſtimmt war, die chriſtliche Religion zu zerſtören. Ich ſage Dir alſo nichts von unſern Gedanken und Empfindun⸗ gen. Wir verlaſſenen Frauen hielten uns ſtille in unſern Mauern, brachten die Zeit mit Gebeth und Verpflegung der Unglücklichen zu, die die blutigen Vorfälle des Tages nur zu häufig zwangen, bey uns Hülfe zu ſuchen, und erwarteten jeden Augen⸗ blick, daß der Sturm ſich bis zu uns verbreiten, und wir gezwungen ſeyn würden, unſern ſtillen Aufenthalt zu verlaſſen. Müde von den Sorgen und Pflichten des ban⸗ gen Tages ſaß ich am Abend, als es ſchon ganz finſter geworden war, in meinem Zimmer, deſſen Fenſter gerade auf das gegenüber ſtehende Thor ¹) gehen. Ein heftiges Pochen an demſelben erſchreck⸗ te mich; ich ſah die Pforte ſich öffnen, und viele Männer, die ich beym Scheine der Fackeln an ih⸗ ren Rüſtungen für Soldaten erkannte, drangen herein. Ich glaubte nichts anders, als daß es jetzt — 7— um uns geſchehen ſey. Ich eilte an's Fenſter; die Stille, die Ruhe, mit der die Krieger ſtanden, befremdete mich, ich ſah ſchärfer hin, und entdeck⸗ te nun, daß ſie eine Bahre niederließen, auf der ein Verwundeter lag. Meine erſte Angſt war ver⸗ ſchwunden; aber ein anderes nahmenloſes Gefühl, eine bange Ahnung ergriff mich. In demſelben Au⸗ genblicke kam Tabitha, meine Gefährtinn bey der Pflege der Verwundeten, um mich zu hohlen. Ich raffte mein Geräth mit zitternder Eile zuſammen, und folgte ihr beklommen und haſtig; es war, als ob mein Herz mir mein Schickſal verkündete. Ach⸗ es betrog mich nicht, als ich an den Thorweg kam, als die Soldaten ſtumm und trauernd zurückwi⸗ chen, und ich nun beym Fackelſchein Alles erkann⸗ te! O Gott! Da lag Agathokles— bleich, leblos, mit geſchloſſenen Augen in allem ſeinem Blute vor mir. Ich ſank mit einem lauten Schrey an ihm nieder, ich nannte ſeinen Nahmen, ich verſuchte es, ihn in's Leben zurück zu rufen. Vergebens! Er ſchien todt, und ich weiß nicht, welche Kraft mich in dieſem entſetzlichen Augenblicke vor der Ohn⸗ macht bewahrte. Ich raffte mich auf, ich vermoch⸗ te zu fragen. O Junia! Wenn es möglich iſt, ſo fühle die Wonne nach, die mitten in der Todes⸗ gngſt mich durchſchauerte. Agathokles war ein — 8— Chriſt! Der Eifer für unſere Religion und hel⸗ denmüthige Menſchenliebe hatten ihn in dieſen Zu⸗ ſtand verſetzt. Ich bebte vor Freude und Angſt; aber Gott erhielt mir meine Beſinnung ſo, daß ich für ſeine Pflege ſorgen konnte. Ich folgte den Kriegern, die ihn ſchweigend und beſtürzt trugen. O wie that die Treue, mit der dieſe rauhen Män⸗ ner ihren geliebten Führer ehrten, meinem Herzen ſo wohl! Nun begann ich mit zitternden Händen ſeine Wunden zu waſchen, und ſo gut es die Eile verſtattete, zu verbinden. Ein geheimer Hoffnungs⸗ ſtrahl drang in meine Seele; ſo viel ich verſtand, konnten dieſe Wunden nicht tödtlich ſeyn, und nur der Blutverluſt hatte dieſe Erſchöpfung hervorge⸗ bracht. Er lag ohne Laut, ohne Zeichen des Le⸗ bens, die Augen wie im Todesſchlummer geſchloſ⸗ ſen. Aber, o meine Junia! wie ſchön, wie un⸗ ausſprechlich liebenswürdig ſchien er mir in dieſer Bläſſe, in dieſen Wunden, die einſt herrlich am Throne Gottes ſtrahlen werden! Wie erhaben ſtand ſeine Tugend vor mir! Mit ängſtlicher Sorge erwarteten wir nun He⸗ liodors Ankunft, den man von einem andern Kran⸗ ken gerufen hatte; denn er verſieht mit beyſpiel⸗ loſer Treue das dreyfache Amt des Lehrers, Arztes und Prieſters bey der Gemeinde. Auf einmahl ößf⸗ ————— nete ſich die Thüre, und ein ſchöner junger Mann trat mit königlichem Anſtand ein. Er eilte ſogleich auf Agathokles zu. Die Haſtigkeit, mit der er ſich nach allem, was vorgefallen, erkundigte, die Lie⸗ be, mit der er ſich um ihn beſchäftigte, ſein ſin⸗ kendes Haupt erhob, ſeine ſtarren Hände faßte und drückte, gewannen ihm mein innigſtes Wohlwol⸗ len. Jetzt kam Heliodor. Er unterſuchte die Wun⸗ den er prüfte lange, vorſichtig. Mein innerſtes bebte, ich fühlte, wie ich zitterte, und der Stuhl mit mir ſchwankte, an dem ich mich während die⸗ ſer ſchweren Minuten hielt. Endlich verkündete He⸗ liodors Ausſpruch Leben— und mein Herz, das den ganzen Umfang des Schmerzens zu faſſen im Stan⸗ de geweſen war, erlag der Freude. Ich ſank ohne Bewußtſeyn zu Voden. Man brachte mich in's Ne⸗ benzimmer. Hier, als ich erwachte, als ich fähig war zu begreifen, daß die Vorgänge dieſes Abends kein Traum geweſen waren, ergoß ſich meine See⸗ le in heißen Gebethen des Danks und der Liebe⸗ Ich fragte nach Agathokles. Er hatte ſich wieder ein Paar Mahle ſo weit erhohlt, daß er die Au⸗ gen aufgeſchlagen, und einige Worte geſprochen hatte. Man gab mir die beruhigendſten Hoffnun⸗ gen. Heliodor hatte meine Ahnung beſtätigtz nicht die Wunden, nur der Blutverluſt hatten ihm die⸗ — 10— ſe todähnliche Betäubung zugezogen, ſie wird auf⸗ hören, wie ſeine Kräfte ſich erhohlen. So bald ich einiger Maßen mein Herz beruhigt fühlte, ſetzte ich mich hin, Dir zu ſchreiben, und Dir zu ſagen, daß es mir nicht möglich iſt, meine Blicke vor den ſchönen Ausſichten, die ſich mir er⸗ öffnen, mit gehöriger Standhaftigkeit zu ſchließen. Soll es denn bloßes bedeutungsloſes Zuſammen⸗ treffen ſeyn, was mich von den Ufern der Gothen bis hierher brachte, was mich gerade jetzt zur Pfle⸗ ge der Verwundeten beſtimmte, und mir den theu⸗ ren Freund in dieſem Augenblicke ſchenkte? Er iſt ein Chriſt. Wie kann er Calpurnien ſeine Hand reichen? Wie kann er, der ſo hohe Begriffe vom Zuſammenklang der Seelen hat, ein Mädchen lie⸗ ben, das über den wichtigſten Gegenſtand des Men⸗ ſchen ganz verſchieden von ihm denkt? O Junia! Welche beglückende Folgen liegen in dieſen Fragen verborgen! Aber noch muß ich mein Herz halten, noch darf ich mich ihnen nicht überlaſſen, und vor allem darf Agathokles jetzt noch nicht wiſſen, wer ich bin. Wie er auch immer für mich fühle, was ſein Verhältniß zu Calpurnien ſeyn mag— eine gähe Entdeckung könnte ſein Leben in Gefahr ſetzen. Noch muß ich verborgen bleiben; aber ich hoffe, die Zeit, das Leben in ſeiner Gegenwart wird bald — 11— meine Zweifel löſen, und dann ſoll er nach und nach errathen, wer an ſeinem Lager weinte, und wachte, oder— ich fliehe mit meinem unauslöſchli⸗ chen Gram ihn, mein Vaterland, die Welt, und begrabe mich in einer tiefen Einſamkeit, in die nur Deine Freundſchaft einen Strahl des Troſtes bringen ſoll. Am 24. Abends. Die Zweifel ſind gelöſt, mein Schickſal iſt ent⸗ ſchieden! O es war thöricht, vermeſſen, ſo unge⸗ gründeten Hoffnungen auch nur einen Augenblick Raum zu geben! In welchen Betracht kann die Verſchiedenheit der Denkart, der Religion ſelbſt, vor der verzehrenden Flamme einer Leidenſchaft kommen, die mit wüthender Gewalt das ergriffe⸗ ne Herz über alle Schranken des Wohlſtandes und der Weiblichkeit hinreißt? Von dieſer Macht der Gefühle habe ich keinen Begriff; aber wer ſo liebt, muß auch verſichert ſeyn, eben ſo heiß wieder ge⸗ liebt zu werden. Und was bleibt dann für die Ver⸗ geſſene, Verſtorbene übrig? Heute Morgens, als ein luftiger, ſüßer Schlum⸗ mer, voll trügeriſcher theurer Geſtalten, mir die erſchöpfte Kraft wieder gegeben hatte, hörte ich —— Agathokles leiſe rufen. Ich zog den ſchwarzen dich⸗ ten Schleyer feſt um mein Geſicht, um meine gan⸗ ze eſtalt zuſammen, und trat mit klopfendem Herzen an ſein Lager. Er öffnete die Augen kaum, und forderte nur mit leiſer Stimme zu trinken. Ich reichte ihm den Becher, meine Hand zitterte. Wo bin ich? fing er nach einer Weile wieder an: Wo hat man mich hingebracht 2 Ich legte die Hand auf den Mund, und ſchwieg. Ich fürchtete zu re⸗ den, da ich in dieſem Augenblicke gewiß nicht über meine Stimme gebiethen konnte. Ich weiß nicht, ob er mich für ſtumm oder eigenſinnig hielt; er ſchloß die Augen wieder, und ſank auf die Küſſen zurück. Jetzt kam Heliodor, nach den Wunden zu ſehen. Agathokles erwachte wieder, und wieder⸗ hohlte ſeine Frage. Heliodor gab ihm Beſcheid; er ſchien ſehr zufrieden, und ein freundlicher Blick, eine Bewegung ſeiner Hand dankte mir für den Theil, den ich an ſeiner Pflege hatte. Seine Wun⸗ den waren, ſo gut ſie ſeyn konnten; der ehrwür⸗ dige Arzt empfahl ihm nichts als Ruhe und ſtär⸗ kende Arzneyen. Ich weinte ungeſehen Thränen der reinſten Freude; aber ich wagte es nicht, län⸗ ger bey ihm zu bleiben, aus Furcht, mich zu ver⸗ rathen. Die Schwäche, die noch von den Erſchüt⸗ terungen des vorigen Tages an mir ſichtbar war, — diente mir bey der Vorſteherinn des Hauſes zur Entſchuldigung, daß ich Tabitha mehr für Aga⸗ thokles zu thun überließ, als ich ſelbſt zu verrich⸗ ten wagte. Ach, dieſe Verſagung kam mich ſchwer genug an! Aber die Freude konnte ich mir nicht abſchlagen, ſo viel wie möglich im Nebenzimmer zu ſeyn, und wenigſtens ſeine Stimme zu hören. Gegen Abend, als es bereits zu dämmern an⸗ fing, wagte ich es, hinein zu gehen. Er ſah mich freundlich an, und grüßte mich als ſeine ſtumme Wohlthäterinn. Ich neigte mich, ohne zu ant⸗ worten, und beſchäftigte mich an meinem Tiſche mit Zurechtlegen ſeiner Binden. Jetzt kam eine Aufwärterinn des Hauſes, und meldete Agatho⸗ kles, einer ſeiner Selaven ſey da, der ihn zu ſpre⸗ chen wünſche. Er ließ ihn kommen. Gerechter Gott! Wer kam? Ein bildſchöner Knabe in niedlicher Sclavenkleidung trat ein. Das hellbraune Haar flatterte in reichen Locken um ſeine weiße Stirn und die blühenden Wangen. So ſchwebte die rei⸗ zende Geſtalt näher an's Bett— ich erkannte ſie jetzt— es war Calpurnia! Auch Agathokles, der ſie vorher verwundert angeſehen hatte, errieth die Wahrheit. Er erſchrak ſichtbar. Cal— rief er; aber mit unbegreiflicher Faſſung fiel ihm die Leicht⸗ fertige in's Wort: Callias, ja, Dein treuer Cal⸗ lias iſt's, der unmöglich von der Gefahr ſeines Ge⸗ biethers hören konnte, ohne ſich ſelbſt davon zu überzengen. Bey dieſen Worten ſtand ſie an ſeinem Bette. Er faßte ihre Hand; ich ſah ihn erröthen, und wieder erbleichen, ich ſah die glühenden Blicke, die ſie auf ihn warf, die ſelige Trunkenheit, mit der ſein leuchtendes Auge über die reizende Geſtalt hingleitete, und die ſchönen Formen mit Entzücken betrachtete. Ich hörte ihn jetzt ihr mit gerührter Stimme für ihre Güte danken, und das Entſetzen, das mich vorher an einer Stelle gefeſſelt hielt, 1ö⸗ ſete ſich in wilden Schmerz auf. Ein heftiges Schluchzen übermannte mich, daß die Glücklichen ſich erſtaunt nach mir umſahen. Ich entfloh. Ach Gott! So enden ſich meine Hoffnungen! Zwey Stunden ſpäter. Ich hatte mir vorgeſetzt, ihn nicht wieder zu ſehen, ſein Zimmer nicht wieder zu betreten. Ich hätte es auch gehalten; aber Tabitha war bey ei⸗ nem andern Kranken beſchäftigt, als Heliodor den Abend kam, um Agathokles zu beſuchen, und ſo mußte ich mit ihm, ihm kleine Handreichungen zu leiſten. Mit ſcheuem Widerwillen betrat ich das Zimmer— ſah ich ihn wieder, den ich einſt nie an⸗ — 1 5— ders als mit Entzücken wieder zu ſehen dachte, den ich geſtern in der traurigſten Lage leblos und in ſeinem Blute doch freudig wiederſah! Und war⸗ um? Bin ich denn die Flatterhafte, die Leicht⸗ ſinnige? Bin ich's, die ihn ſo tief gekränkt? O Junia! Warum ſcheute ich ſeinen Anblick? In welche ſeltſame Geſtalten verhüllt ſich oft unſer Gefühl! Heliodor fand ihn weniger wohl, ſein Puls ging ſieberhaft. O ich wußte wohl warum, und zitterte vor Zorn und Schmerz, daß der un⸗ beſonnene, unweibliche Schritt des leichtfertigen Geſchöpfes ſein Leben in Gefahr ſetzen könnte. Noch war unſer Geſchäft nicht geendet, und meine Angſt, in dieſem Augenblicke vielleicht durch einen Zufall verrathen zu werden, nicht vorbey, als der ſchöne Mann eintrat, der den vorigen Abend ſo viel Antheil an Agathokles gezeigt hatte. Die Au⸗ gen des Kranken ſtrahlten vor Freude. Conſtan⸗ tin! rief er, und der Fremde ſtürzte an ſeine Bruſt. Sie hielten ſich lang umarmt. Das war alſo Con⸗ ſtantin, der Sohn des abendländiſchen Cäſars, der Agathokles einſt das Leben rettete! Nun war mir ſeine Theilnahme am vorigen Abend erklärbar. Wie theuer ward er mir durch dieſe Liebe! Wie gern wäre ich ihm zu Füßen geſunken, um ihm für das Leben ſeines Freundes zu danken!— So liebe ich — 16— ihn denn noch? So wird denn dieſe Flamme nie erlöſchen? So iſt kein Leichtſinn, keine Kränkung fähig, mich zu heilen? O ich bin ſchwach bis zur Verächtlichkeit! Ich verdamme mich ſelbſt darum — aber ich kann nicht anders. Tief in mein We⸗ ſen, in die feinſten Fäden meines Lebens iſt dieſe Liebe verwebt, ſie wird nur mit ihnen zerreißen. O zürne mir nicht, Junia! Ich fliehe bald— bald zu Dir! Zweyter Brief. Calpurnia an Sulpicien. Nikomedien den 25. Februar 303. Bald ſind es zwey Monathe, ſeit Du Nikome⸗ dien verlaſſen haſt. Du mußt längſt in Eebatana ganz eingewohnt ſeyn, und noch habe ich außer ei⸗ nem kleinen Briefchen, das Du mir unterwegs ſchriebſt, und das eben nicht gemacht war, mich über Deinen Zuſtand zu beruhigen, keine Nachricht von Dir und Tiridates erhalten. Ich bin ſehr um Dich bekümmert, und beſchwöre Dich, wenn mei⸗ ne ängſtigenden Gedanken wahr ſeyn ſollten, wenn Du zu krank zum Schreiben wäreſt, mir durch Ti⸗ ridates, durch eine Selavinn, durch wen Du willſt, nur ein paar Zeilen zu ſenden, die meine Zweifel endigen. Ich ſelbſt bin jetzt in einer ſonderbaren Stim⸗ mung. Sehen möchte ich die Miene doch, mit der Agath. III. Th. 2 — Du dieſen Brief leſen wirſt, und die Bemerkun⸗ gen hören, die Du darüber machſt. Abenteuer, tra⸗ giſche und zärtliche Scenen, Schrecken, Verwun⸗ dungen, Verkleidungen— kurz alles, was ein Mileſiſches Mährchen anziehend machen kann, habe ich Dir heut zu berichten; und ich hoffe, es wird Dir im Leſen wenigſtens die Hälfte von dem Schre⸗ cken und dem Vergnügen machen, das es mir in der Wirklichkeit verurſachte. Schon lange hätte es ein hohes Intereſſe für mich gehabt, ein kleines Abenteuer zu erfahren; mein Leben floß in gar zu gewöhnlicher Alltäglichkeit hin. Nun haben die Göt⸗ ter und meine Laune mir eines beſchert, und Du ſollſt alles getreulich hören. Vorgeſtern war ein trüber unruhiger Tag für Nikomedien. Es galt eigentlich nur den Chriſten, deren Tempel auf kaiſerlichen Befehl zerſtört wur⸗ den, um einmahl ihrem Unweſen ein Ende zu ma⸗ chen; aber die ganze Stadt fühlte die Wirkungen dieſes Schlages. Allenthalben ſielen bald tolle, bald blutige Auftritte vor, und es verging keine Stun⸗ de, wo man nicht meinem Vater irgend ein Ver⸗ brechen oder einen Unglücksfall zu berichten kam. Mir war recht unheimlich zu Muthe. Wäre ich ei⸗ ne Schwärmerinn, ſo würde ich dieß Gefühl für Ahnung ausgelegt habenz ſo aber ſehe ich ſehr deut⸗ lich ein, daß es nichts als eine natürliche Folge der Begebenheiten dieſes Tages war. Ich legte mich ſpät nieder, und ſchlief nicht viel; denn auch die Nacht war nicht ſtille. Da weckte mich am Morgen das Geräuſch meiner Thüre, die leiſe geöffnet wur⸗ de; ich fuhr auf, Druſilla trat herein, mit einem Geſichte, das ſchon von weiten übels prophezeyte. Was iſt's, rief ich, was iſt geſchehen? Erſchrick nicht, Gebietherinn! ſagte ſie nach der Art dieſer Menſchen, und goß dadurch kalte Schauer über mich: Es iſt ein großes Unglück— Ich ſprang zit⸗ ternd am ganzen Leibe aus dem Bette. Mein Va⸗ ter? rief ich; denn nichts Geringeres als ein Un⸗ fall, der ihn oder uns alle betroſfen hätte, ſtand vor mir. Rein, ſagte Druſilla: Dein Vater iſt recht wohl; bleib nur und höre mich.— Ich war im Begriff fortzueilen. Agathokles— fuhr ſie fort, und ſah mich ängſtlich an.— Auf einmahl fühlte ich, wie ſich die ganze Natur meiner Empfindungen änderte; ich fühlte noch Bangigkeit, aber nichtmehr jene fürchterliche Beklemmung, die mir vorher den Hals zugeſchnürt hatte. Agathokles? wiederhohlte ich. Was iſt's mit ihm?„Er iſt ſchwer verwundet, vielleicht todt.« Jetzt erſchrack ich von Neuem, ich zitterte, und mußte mich ſetzen, ohne ſprechen, oh⸗ ne Druſilla fragen zu können. Sie erſparte mir's, 2* — 20— und berichtete mir mit unerträglicher Weitläufig⸗ keit, daß er geſtern Abends in der langen Straße beym Tempel der Ceres ſich einer armen Frau an⸗ genommen, welche die Prieſter der Göttinn zwin⸗ gen wollten, ihr zu opfern, daß der wüthende Hau⸗ fe ihn umringt, übermannt, und mit vielen Wun⸗ den für todt auf dem Platze liegen gelaſſen. Seine Soldaten hatten ihn geſucht, und brachten ihn end⸗ lich in das Witwenhaus der Chriſten. Dort iſt er jetzt, ob todt, ob ſterbend, wußte Druſilla nicht zu ſagen. Der Selave, der ihr die Bothſchaft brach⸗ te, wußte ſelbſt nicht mehr. Ein ſeltſames Gemiſch von Empfindungen wogte nun in meiner Bruſt auf und ab, Mitleid, Sorge, Urger über ſeine Schwärmerey, und Bewunderung ſeines Helden⸗ muths. Endlich ſiegte das Mitleid, und mit ihm wurde der Wunſch, ihn zu ſehen, ihm den Antheil“ zu zeigen, den ich an ihm nahm, herrſchend. Mein Vater hatte alſobald hingeſandt, um ſich nach ihm zu erkundigen. Die Antwort war beruhigend, er lebte, ſeine Wunden waren nicht tödtlich. Von Au⸗ genblick zu Augenblick wurde jenes Verlangen ſtär⸗ ker in mir, und ein ſeltſamer Plan entwickelte ſich in meinem Kopfe. Ich wollte Männerkleider an⸗ ziehen, und ſo unerkannt ihn beſuchen. Je mehr ich dem Gedanken nachhing, je reizender ſchien er — 21— mir, und ſo wurden denn niedliche Sclavenkleider beſtellt, und alles geheim und verſchwiegen berei⸗ tet; denn niemand, auch mein Vater nicht, ſollte um dieſen Schritt wiſſen, den ich mir, Falls er ihn mißbilligte, weder von ihm verwehren laſſen, noch geradezu wider ſeinen Willen thun wollte. Die Kleider kamen, ich zog ſie an, ſie ſaſſen vortreff⸗ lich. Druſilla ordnete mein Haar, ſo gut es gehen wollte, damit mein Kopf dem eines Knaben ähn⸗ lich wäre, und ich mußte geſtehen, daß der Knabe, der mir da aus dem Spiegel entgegen ſah, ſein Lobliedchen wohl eben ſo gut verdiente, als Bathyll oder Antinous*). Nun, als die Dämmerung kam, warf ich einen großen Mantel meines Bruders über mich, zog die Kappe 3) tief ins Geſicht, und mach⸗ te mich mit dem treuen Phädo, der den Kopf ge⸗ waltig über die Mummerey ſchüttelte, auf den Weg. Das Herz pochte mir wohl ein wenig, ob vor Angſt oder vor Erwartung, weiß ich nicht. Wir kamen glücklich vor die Stadt, und in das Haus. Hier ließ ich mich als einen Selaven, der ſeinen Gebiether zu ſprechen wünſchte, bey Agathokles melden. Man führte mich in ein einfaches, aber durchaus anſtän⸗ diges Zimmer. Ich trat beklommen ein.— Sehr bleich, erſchöpft, aber mit ruhiger Miene und hei⸗ term Auge lag Agathokles auf dem Bette, ſein rech⸗ ſicht noch nicht geſehen, und ihre Stimme nicht ge⸗ — 22— ter Arm war mit ſchneeweißen Binden umwickelt; ſonſt konnte ich kein Zeichen von Krankheit oder Ver⸗ wundung an ihm entdecken. Mir ward ſeltſam zu Muthe. Jetzt erſt, da er nicht mehr zurückzuneh⸗ men war, ſah ich lebendig die Sonderbarkeit mei⸗ nes Schrittes und der Rolle ein, die ich ſpielte. Doch es war zu ſpät. Agathokles hatte mich be⸗ reits erkannt; ich ſah, daß er im Begriff war, mich zu nennen. Ich erſchrack; denn nun erſt ward ich eines ſchwarzen, ganz verſchleyerten Frauenzimmers gewahr, das an einem Nebentiſche mit Leinenzeug beſchäftigt war. Ich faßte mich ſchnell, ſiel ihm in die Rede, und nannte mich Callias— ſeinen Scla⸗ ven. Ich ſah, daß er erſtaunt und gerührt war; er faßte meine Hände mit ſeiner Linken, drückte ſie heftig, und ſah mich mit einem Blicke an, der mir tief in die Seele drang. Gerade in dieſem Augen⸗ blicke ſtürzte das ſchwarze Frauenzimmer mit einem ſonderbaren Laut, der wie Schluchzen klang, zur Thür hinaus. Agathokles wandte ſich ſchnell nach ihr um. Was war das? ſagte er: Mich dünkt, ſie weinte? So ſchien es mir auch, erwiederte ich. Es iſt eine ſeltſame Frau, fuhr er nach einer Weile fort: Seit geſtern pflegt ſie meiner mit der größ⸗ ten Geduld und Sorgfalt, aber ich habe ihr Ge⸗ — 23— hört; ich weiß nicht, kann oder will ſie nicht ſpre⸗ chen. Ich fing ein anderes Geſpräch an, ich fragte ihn um die Vorfälle des geſtrigen Abends; aber er antwortete mir ſehr zerſtrent, indem er öfters nach der Thüre ſah, und es gelang mir nur mit Mühe, ihn von dem Gegenſtande, der ſeine Auf⸗ merkſamkeit ſo ſehr beſchäftigte, abzubringen. Er fragte mich jetzt, welcher ſonderbare Zufall mich, und in dieſer Kleidung, hierher führte? Kein Zu⸗ fall, mein Freund! antwortete ich, ſondern der Wunſch, Dich zu ſehen, mich zu überzeugen, wie es Dir geht, und ob es in meines Vaters oder mei⸗ ner Macht ſteht, Deine Lage zu erleichtern, etwas für Dich zu thun. Er ſchien bewegt, ſein Ange glänzte, er faßte meine Hand; aber ſchnell ſenkte er den Blick wieder, drückte meine Hand an ſeine Bruſt, und ſagte mit unterdrückter Stimme: Ich verdiene dieſe Güte nicht; gewiß, ſchöne Calpurnia, ich verdiene ſie nicht. Ich war ein wenig verlegen über dieſe Antwort, in die ſich ſo mancher Sinn hineindeuten ließ. Mir ſiel die Geſchichte mit jener Theophania und meiner Zeichnung ein. Aber ich hatte nun einmahl die Rolle der heldenmäßigen Freundſchaft übernommen; ich mußte ſie mit Eh⸗ ren ausſpielen. Ich ſagte ihm alſo, was ſich in einer ſolchen Lage ſagen läßt, wo man weder ſich, noch der —— Freundſchaft etwas vergeben, weder ſeine Güte an einen Undankbaren verſchwenden, noch den geſchätz⸗ ten Freund, den vielleicht nur Beſcheidenheit ſo reden hieß, kränken will. Ich zog mich zum Ver⸗ wundern gut aus der Sache, ſo, daß ich überzeugt bin, Agathokles weiß bis dieſe Stunde nicht recht, woran er mit mir iſt; und die Unterredung nahm nach und nach einen ruhigen Gang. Er erzählte mir nun ganz kurz und mit manchen Unterbrechun⸗ gen— denn ſeine Schwäche erlaubte ihm nicht, viel zu ſprechen—die Geſchichte des geſtrigen Abends. Ich konnte ſeinem Edelmuthe meine volle Achtung nicht verſagen; aber der gefährliche Eindruck, den der Zuſtand des Erzählers, und der Inhalt der Ge⸗ ſchichte auf mein Herz hätten machen können, wur⸗ de mächtig durch die Schilderung gedämpft, die Agathokles von ſeinen Empfindungen machte, als er zu ſich kam, ſich bereits für todt, und die Um⸗ ſtehenden für Bewohner einer andern Welt hielt. Die ſonderbare Beleuchtung, fügte er mit ſichtli⸗ cher Rührung hinzu, der fremde Ort, die ſchwar⸗ zen Frauen in langen Schleyern, die blaſſen Ge⸗ ſichter trugen bey, die Täuſchung zu vermehren. Ich glaubte unter den Frauen meine verſtorbene Jugendfreundinn zu ſehen; mir war, als erkennte ich deutlich ihre Züge, als hörte ich den Ton ihrer ——5— Stimme. Es war ein Traum! ſetzte er tiefſinnig und mit einem ſchlechtverborgenen Seufzer hinzu: Aber es war ein lieblicher Traum! Ich ſah, daß ihn das Reden erſchöpfte, und kürzte meinen Beſuch ab. Er dankte mir ſehr in⸗ nig für meine unausſprechliche Güte, wie er es nannte; ich verſprach, ihn den folgenden Tag wie⸗ der zu ſehen, wenn es mir möglich wäre. Er drück⸗ te mir die Handz ſchon wollte ich mich entfernen, als ſein Arzt, ein chriſtlicher Prieſter, herein trat. Mir waren die Züge dieſes Mannes bekannt, ich ſah ihn genauer an. Stelle Dir mein Erſtaunen vor. Es war der Alte von Synthium, der Vater ijener Byzantiniſchen Witwe, der geheimnißvollen Theophania. Mir ward ganz ſonderbar zu Muthe bey dieſer Entdeckung. Iſt er hier, ſo iſt auch wohl ſeine Tochter nicht weit— vielleicht als Witwe ei⸗ nes Chriſten hier im Hauſe— und— erfährt es Aga⸗ thokles?— Ich war beſonnen genug, nichts von meiner Verwunderung zu äußern, und froh, daß der Alte mich nicht erkannte, eilte ich eben nicht ſehr, dem Kranken meine Entdeckung mitzutheilen. Wer weiß, wie viel oder wenig Beſuche ich noch in dem Witwenhanſe machen werde! Indeſſen be⸗ ſchäftigt das Verhältniß eben, weil es verwickelt und ſeltſam iſt, meinen Geiſt und meine Einbil⸗ 66— dungskraft ſehr angenehm; und daß es mein Herz ja nicht mehr, als meine Ruhe erlaubt, beſonders bey der Nähe dieſer Theophania, beſchäftige, dar⸗ über ſollen meine Vernunft und meine richtige Schätzung des männlichen Geſchlechts wachen. Leb wohl! Ich ſehe mit Neugier, mit Ungeduld, aber wahrlich ohne Sehnſucht, der Stunde der Däm⸗ merung entgegen, ich will die Freude genießen, ſo lange ſie vernünftiger Weiſe währen kann, und ſie, wenn es die Vernunft beſiehlt, ohne Verdruß oder Reue aufgeben. Dritter Brief. Tcheophania an Junia Marcella. Nikomedien den 26. Februar 303. Wo⸗ ſteht mir bevor! Zu welchem entſetzlichen Schritte will mich der harte Heliodor zwingen! Ich ſoll mich Agathokles entdecken, jetzt, in dieſen Verhältniſſen, und ohne Verzug. Weigere ich mich⸗ es ſelbſt auf eine ſchickliche Art zu thun, ſo hat er mir gedroht hinzugehen, und ohne alle Schonung — denn was gelten Liebe und Zartgefühl einer ſo rauhen Tugend?— es ihm— zu ſagen. Was bleibt mir übrig? Wiederſehen! O Ton, der ſonſt meine ganze Seele mit Entzückungen durchbebte! Wiederſehen! Wie ſchrecklich, wie ſchauerlich klingt es jetzt in meinem Ohr! Ach, als wir uns im Garten zu Edeſſa trafen— wir waren durch heilige Pflichten getrennt— aber er liebte mich! Das ſagten mir — ſein Blick, ſeine ausgebreiteten Arme, ſeine ſprach⸗ loſe Freude. Ich ſank an ſeine Bruſt. Acht Jahre der Trennung hatten unſere Empfindungen nicht geändert; meine Hand war eines Andern, mein Herz war ſein. O das waren glückliche Tage— die ſchönſten meines Lebens! Jetzt? Mit Scheu und Zittern ſehe ich dem fürchterlichen Augenblicke entgegen, dieſer Verwirrung, dieſem bangen Schre⸗ cken! O ſeine Beſtürzung wird mich vernichten, ſeine Beſchämung mir qualvoller ſeyn, als ewige Trennung! Ich ſoll mich ihm zeigen, in dieſer blaſſen, ab⸗ gehärmten Geſtalt, mit dieſen verweinten Augen, mit der Narbe auf den Wangen, ihm, der täglich das reizendſte Geſchöpf der Erde in ſeine Arme ſchließt? Nein, nein, tauſend Mahl lieber ſterben! Und was bleibt mir übrig? Ich will fliehen! Er ſoll hören, daß ich lebe; aber er ſoll mich nicht wieder ſehen! Er würde ſich Mühe geben, mich artig zu empfangen, die Veränderung meiner Ge⸗ ſtalt nicht zu bemerken; er würde mir recht viel Verbindliches ſagen, wie es ihn freue, mich wieder zu ſehen, wie beſtürzt er über die Nachricht meines Todes geweſen u. ſ. w. Und ich— ich würde ver⸗ zweifeln! O was hat Heliodor über mich gebracht! In . — 29— welchen Jammer hat er michgeſtürzt! Und er glaubt noch, ein Recht zu haben, mit mir zu zürnen; er ſieht mich für ſtrafbar an. Dahin kommt ein Herz⸗ das ſich jedem ſanften Gefühl aus Anlage oder Grundſatz verſchloſſen hat! Dieſen Morgen kam er plötzlich und in ſehr lebhafter Bewegung zu mir. Er hatte erſt geſtern ſpät den Nahmen und die Umſtände ſeines Kran⸗ ken erfahren. Mein ehemahliges Geſtändniß ſiel ihm ein; er eilte raſch zu mir, um mich um die urſache meiner vorſetzlichen Verborgenheit zu fra⸗ gen, da der Freund meiner Jugend unter einem Dache mit mir lebte. Seine ſtrenge Tugend hatte ſich eine wohlgefällige Vorſtellung dieſer Urſache entworfen. Er hatte mir Kälte und Andacht kge⸗ nug zugetraut, daß ich freywillig meinen liebſten Wünſchen entſagen, mich den Pflichten dieſes Hau⸗ ſes für immer widmen, und mein Leben in der ihm ſo erhaben dünkenden beſchaulichen Abgezo⸗ genheit zubringen würde. Er war ganz gerührt von dieſer Vorſtellung; er fing an, mich zu loben, ſein Auge ruhte mit väterlichem Wohlgefallen auf mir. O wie peinlich war mir dieß Lob! Richt der ungerechteſte Verdacht hätte mich halb ſo ſehr ge⸗ ſchmerzt. Eine Weile ſchwieg ich; endlich konnte ich's nicht länger ertragen. Ich geſtand ihm unter — 6— Thränen alles, was ich ſagen konnte, ohne Cal⸗ purniens Beſuche und ihre Verkleidung zu verra⸗ then; denn leicht hätte er bey ſeinen ſtrengen Be⸗ griffen ein Argerniß daran nehmen, und dem ſchö⸗ nen Sclaven den Zutritt verwehren können, und ich— ach, ich will das Glück der Liebenden nicht ſtören! Er fand es daß eine ſo verzeih⸗ liche Untreue, als die des Agathokles, der mich ſeit mehr als einem Jahre für todt hielt, mich ſo aufbrächte, daß ich ihn gar nicht wieder ſehen woll⸗ te. Man könnte ja, meinte er, wenn die Liebe auf⸗ gehört habe, noch Freundſchaft für einander füh⸗ len, und ſich herzlich gut ſeyn. Es war vergeblich, ihm die Unmöglichkeit dieſer Freundſchaft begrei⸗ fen zu machen; er ſah es nicht ein, daß das be⸗ ſchämende Gefühl des Flatterſinns und Unrechts, wie verzeihlich es auch ſey, das reine Verhältniß ewig ſtören, und die verſtimmten Saiten nie wie⸗ der harmoniſch klingen würden. Als er endlich mei⸗ nem Eigenſinne dieſe Grille zugeſtand, fand er doch, daß, wenn ich auch Agathokles Freun⸗ dinn nicht ſeyn wollte, er doch würde erfahren dürfen, daß ich lebe; ja, er würde es, der Natur der Sachen nach, über kurz oder lang erfahren müſſen. Das mußte ich zugeben⸗ aber ich ſbe zu⸗ letzt, als er mit unausſtehlicher Härte in mich drang, es würde mir nicht ſo viel daran liegen, daß Agathokles mein Daſeyn erfahre, wenn ich nur erſt entfernt, und bey Dir in Apamäa wäre. Nun wollte er die Urſache dieſer Seltſamkeit wiſſen. Er forſchte, er fragte, und ach, auf allen Seiten gedrängt, und mit einer grauſamen Con⸗ ſequenz von Schlüſſen, Vorausſetzungen und Fol⸗ gen auf's Außerſte getrieben, bekannte ich endlich⸗ daß mir der Gedanke, mich, ſo entſtellt, wie ich bin, neben der ſchönen Calpurnia zu zeigen, uner⸗ träglich, und ſchlechterdings unmöglich ſey. Das iſt's! fuhr er auf einmahl mit einer Hef⸗ tigkeit auf, daß ich zuſammenſchrak: Das iſt's, die Eitelkeit iſt's, die euer Geſchlecht von jeher zum Böſen verführt, die den Tod, die Erbſünde, die alle übel der Welt über uns gebracht hat. Aus Ei⸗ telkeit ſündigte Eva, aus Eitelkeit fallen alle ihre Töchter. Und nun ergoß ſich ein fürchterlicher Strom von Beredſamkeit über mich, den ich ver⸗ gebens zu unterbrechen ſuchte. Er hielt mir alle meine Vergehungen vor, ſeit dem erſten Augen⸗ blick, als er mich bey den Gothen gefunden, Falſch⸗ heit, übermäßige Leidenſchaft, Verkehrtheit, Vos⸗ heit, Eitelkeit— ach! Gott weiß, was alles! Ich fing an zu weinen und zu zittern. Ich erkannte, 6— daß er in vielen Stücken Recht hatte; aber ſo ſchlimm, als ſein Zorn mich machte, bin ich doch nicht. O Gott! Meine Abſicht war ja ſchuldlos! Kann es ein Verbrechen ſeyn, nur nicht ſo ganz verſchmäht und vergeſſen neben der glücklichen Ne⸗ benbuhlerinn ſtehen zu wollen? Ich will ihnen ja kein übles— ach, ich habe es ja ſogar ſchon über mein Herz vermocht, für Calpurnien zu bethen! Kann ich denn gar ſo ſtrafbar ſeyn? Und doch legt es mir Heliodor als Buße auf, als unerläßliche Bedingung, unter der allein mir meine Sünden vergeben werden können, mich Agathokles zu ent⸗ decken! Was kann ich thun? Er ging im höchſten Zorne von mir weg. Alles was ich erhalten konnte, war, daß er nicht auf der Stelle zu Agathokles eilte; aber ich mußte ihm geloben, es morgen ſelbſt zu thun. O Junia! Das wird ein ſchrecklicher Tag werden! Einige Stunden ſpäter. Wie ein Engel, von Gott geſandt, iſt mir auf ein Mahl der Gedanke gekommen, mich an den ed⸗ len Conſtantin zu wenden. Er iſt Agathokles Freund; es kann ihm an dem Zartgefühl nicht fehlen, das die Behandlung dieſes Verhältniſſes fordert. Ich werde ihm ſchreiben; mein Brief wird meine Ret⸗ tung in Trachene, meine Befreyung durch Helio⸗ dor, meinen Aufenthalt in Synthium, in Nicäa, und die Beweggründe enthalten, die mich bisher handeln machten. Conſtantin müßte nicht ſo edel ſeyn, als ihn der Ruf und ſeine Geſtalt verkünden, wenn er nicht Sinn für meine Lage, und den fe⸗ ſten Willen haben ſollte, das peinliche Verhältniß auf die Art zu löſen, wie es für ſeinen Freund und mich am beſten iſt. Er kennt ſein Herz; er wird die Wirkung beurtheilen können, die dieſe Entde⸗ ckung auf ihn machen muß. O wenn er— ich wer⸗ de ihn dringend darum bitten— wenn er es fo einzuleiten wüßte, daß Agathokles ſelbſt damit zu⸗ frieden wäre, mich nie wieder zu ſehen! Nie wie⸗ der ſehen! Junia! Niemahls— niemahls, in mei⸗ nem ganzen Leben nicht wieder ſehen!— Es iſt ein ſchrecklicher Gedanke! Ich ſehe ſeine Nothwen⸗ digkeit ein; aber ich zittere noch davor, ich kann ihn noch nicht ganz faſſen. Niemahls! Später. Der Prief iſt geſchrieben. Ich erwarte Con⸗ ſtantins Ankunft. Mit welchen Gefühlen? kannſt Du mir leichter nachempfinden, als ich ſagen. O Agath. III. Th. 5 — 34— in dem Augenblicke, da das Loos fallen muß, da wir in die ſchickſalsvolle Urne greifen, entſetzt ſich das Herz, die feſteſten Entſchlüſſe wanken noch ein Mahl, zum letzten Mahl; und ſo drückend uns die Ungewißheit dünkte, ſo heftig ergreifen wir jeden Augenblick, der ſie zu verlängern im Stande iſt. Die Nacht iſt da. Calpurnia, die jeden Tag mit der Dämmerung kommt, iſt bereits wieder fort. Conſtantin kann jeden Augenblick kommen. Dann iſt alles unwiderruflich geſchehen! Dann iſt mein Stab gebrochen! Bey der Gewißheit, daß ich ihn in meinem Le⸗ ben nicht mehr ſehen werde, habe ich geſtern und heut das einzige Glück, das mir übrigt, mit Geiz genoſſen. Sein Zimmer zu betreten wagte ich nicht mehr, ſeitdem Calpurniens erſter Beſuch mich dar⸗ aus vertrieb. Tabitha hat ſeine Pflege übernom⸗ men, ich beſorge dafür ihre Kranken; aber im Re⸗ benzimmer halte ich mich auf, ſo viel ich kann. Da höre ich ihn athmen, reden, ſeufzen— ach, für wen? Es iſt eine ſchmerzliche Freude; aber es iſt meine einzige, meine letzte! Bald werde ich auch ihr entſagen müſſen. Dann wird ſeine Stimme nie wieder tauſend ſüße Gefühle und Erinne⸗ rungen in meiner Bruſt wecken, dann werde ich = 65—= nichts mehr für ihn zu ſorgen haben, dann iſt al⸗ les— alles verloren! O Junia! Vielleicht folge ich dieſem Briefe bald— bis morgen iſt mein Schickſal entſchieden— ich kom⸗ me ſchnell— ſchnell! Vierter Brief. Calpurnia an Sulpicien. Nikomedien den 26. Februar 303. E⸗ iſt ſeltſam, wie ein Abenteuer, eine Beſchwer⸗ lichkeit, die wir um eines Freundes willen über⸗ nehmen, plötzlich dieſem Freunde einen viel höhern Werth in unſern Augen gibt, wie Gärtnern die Pflanzen am liebſten werden, mit denen ſie die mei⸗ ſte Mühe hatten. Ich habe oft darüber nachgedacht, und Dir einſt in Rückſicht auf den Flatterſinn der Männer darüber geſchrieben; jetzt finde ich dieſe Beobachtung an mir beſtätigt. Zwey Mahl bin ich nun in meiner Selavenhülle bey ihm geweſen. Wahrlich ein Mann, der ſonſt nicht ſchön iſt, wird nicht reizend dadurch, wenn er bleich und verwun⸗ det auf ſeinem Bette liegt! Dennoch dünkt mich, er ſey mir noch nie ſo anziehend vorgekommen, als eben jetzt. Gerade daß er mir nur die Linke reichen kann, weil ſein rechter Arm verwundet iſt, daß ich ihm manches Mahl bey etwas helfen muß, wozu er zwey Hände brauchte, daß ihn das ſo ungeſchickt, ſo hülflos macht, bewegt mich ſeltſam; und die Bläſſe ſeines Geſichts, der weichere Ton ſeiner Stimme, die mindere Lebhaftigkeit ſeiner Bewegungen rüh⸗ ren mich, ich weiß nicht warum, weit mehr, als wenn er auf einmahl durch die Sprüche einer Theſ⸗ ſaliſchen Zauberinn in einen Adonis wäre umgewan⸗ delt worden. Das iſt ſonderbar; aber mich dünkt, es iſt vollkommen gut, daß es ſo iſt. Nicht um mei⸗ netwillen— lächle nicht ſpöttiſch, wenn Du dieß lie⸗ ſeſt; mein Verhältniß zu Agathokles iſt gar nicht von der Art, wie Du denkſt, und unſere Geſpräche ſind von ſo ernſtem Inhalt, daß die ſanftern Ge⸗ fühle ſcheu davor zurückbeben müſſen— aber ich finde dieſe Einrichtung für's Ganze gut. Das Schick⸗ ſal, die Natur, die Vorſicht, die Götter, oder wie man das Weſen nennt, das die Sorge für die An⸗ ordnung und Erhaltung der Welt über ſich genom⸗ men hat, hat dieſen Zug mit vieler Weisheit in die Tiefe unſers Herzens gelegt. Die Welt iſt nun ein⸗ mahl ſo eingerichtet, daß im Phyſiſchen wie im Moraliſchen nichts ohne Mühe, Anſtrengung, Kampf erlangt werden kann. Dem Muthigen hilft das Glück; der Anſtrengung gewähren die Götter al⸗ les. Das ſind uralte Sprüche, die jede Generation — von den Vätern übernimmt, und, durch ihr Bey⸗ ſpiel beſtätigt, den Enkeln hinterläßt. Wie weiſe iſt es nun, daß dieſe warme Anhänglichkeit und Vor⸗ liebe für das Kind unſers Fleißes, unſerer Aufopfe⸗ rungen, uns für die vergangene Mühe entſchädigt, zu künftiger ſpornt, und oft, recht oft unſern einzi⸗ gen und doch genügenden Lohn ausmacht. Agathokles iſt mir ſehr werth geworden durch die ſchöne Handlung, die ihm dieſe Wunden zuzog, und beynahe das Leben gekoſtet hätte, durch ſeinen jetzigen Zuſtand, und durch die Thorheit, die ich um ſeinetwillen begangen habe. Noch mehr, ich laufe vielleicht einige Gefahr, wenn ich meine Beſuche fortſetze; denn ich merke ſeit geſtern, daß mir je⸗ mand nachſchleicht, und mich beobachtet. Phädo hat es ebenfalls bemerkt. Wer es iſt, kann ich nicht er⸗ rathen. Von meinem Vater kommt es nicht; denn der würde offen mit mir zu Werke gehen. Ich kann Verdruß bekommen; auf jeden Fall wird die Ge⸗ ſchichte, wenn ſie bekannt würde, mich den Nachre⸗ den und Verleumdungen der Stadt ausſetzen. Hier⸗ an liegt mir wenig; ich verachte das Geklatſch in Nikomedien, wie ich es in Rom verachtet habe, und gehe meinen Gang nach meiner überzeugung, ohne mich darum zu kümmern, was einfältige Weiber, denen dasſelbe zu thun, was ſie verläſtern, nur Geiſt — 59— und Muth gebricht, darüber ſchwatzen mögen. Aber die Sache ſelbſt wird mir dadurch werther, und die unbekannte Gefahr, die mir drohen mag, beſtimmt mich um ſo ſicherer, heut wieder zu gehen. Zu fürch⸗ ten habe ich perſönlich nichts; denn Phädo und ſein Sohn werden mich bewaffnet begleiten, und in un⸗ ſern Tagen hört man von keinen Helenen und Pro⸗ ſerpinen.*) So dient das Abenteuer nur, mich zu unterhalten. übrigens bin ich ganz ruhig, und es kommt mir zuweilen vor, als ſähe mein inneres Ich mit Vergnügen einer Komödie zu, in der mein äußeres Ich, Agathokles, und der unbekannte 5 her die Hauptrollen ſpielen. Ein Verdacht iſt mir ſchon gekommen; aber er iſt faſt zu weit geſucht, zu ungegründet. Marcius Alpinus iſt ſeit einigen Tagen hier. Du weißt, daß meines Vaters Einfluß und Vermögen ihm in der erſten Zeit meiner Anweſenheit meine Perſon ſehr liebenswürdig machten. Er plagte mich damahls; ich begegnete ihm, wie es ſeine Denkart verdiente. Er haßt Agathokles, das weiß ich, und ſpielt wieder eine bedeutende Rolle am Hofe, wo das kriechende liſtige Inſect recht in ſeinem Elemente lebt. Es wä⸗ re möglich, aber, wie geſagt, nicht wahrſcheinlich. Agathokles iſt ſehr ſtrenge geworden. Ich habe geſtern einen lebhaften Streit mit ihm gehabt. Von — 40— ungefähr entſchlüpfte mir ſeine leichte Bemerkung⸗ von der Art wie die vorige, über Gott, Vorſicht, Schickſal. Er nahm das ſehr ernſt auf, und verwies mir den ſträflichen Leichtſinn,(ſo wagte er es, meine Denkart zu nennen) mit dem ich die wich⸗ tigſte Sache des Menſchen behandelte. Ich fragte ihn lachend, ob er etwas davon wiſſe, ob irgend ein Menſch ſeit Deucalions Zeiten etwas Gewiſſes darüber habe erfahren, ergrübeln, ſchließen können? Das mußte er verneinend beantworten. Aber er ver⸗ wies mich an den Glauben, als das Theuerſte, was der Menſch beſitze, das einzige, was ihn über den Staub erhebe, und ihm Kraft gebe, alles, was ihm als einem ſinnlichen Weſen werth iſt, ſein ir⸗ diſches Wohlſeyn, und endlich ſelbſt die letzte Be⸗ dingung dieſes Wohlſeyns, ſein Leben, aufzugeben, um das Höchſte, Größte zu erringen. Und was iſt denn dieß ſo geprieſene Höchſte, Größte? fragte ich lächelnd in einem wohl zu leichten Tone; denn ich wollte unſerm Geſpräch eine fröhlichere Wendung geben. Er ſah mich ſtreng und forſchend an, dann legte er ſeine Hand auf mein Herz: Und ſollte dieß gute Herz durch den Umgang mit der Welt ſo erkaltet worden ſeyn, daß es die Antwort auf dieſe Frage nicht in allen ſeinen Tiefen wiederhallen hören ſoll⸗ — 41— te? Ich muß Dir geſtehen, ich war ein wenig ver⸗ legen und beſchämt; und doch lag etwas Angeneh⸗ mes in dieſem Vorwurf. Ich ſchwieg eine Weile. Ein Blick auf Agathokles verwundeten Arm, ein Ge⸗ danke an die Urſache desſelben machten mich fühlen, daß ich mit meiner Weltphiloſophie etwas klein vor dem Manne ſtand, der noch vor drey Tagen eben die⸗ ſe letzte Bedingung ſeines Wohlſeyns kaltblütig auf's Spiel geſetzt hatte, um jenes unnennbare Höchſte zu erhalten. Wie nennſt du es, Glück, Bewußtſeyn, Tugend? Er nennt es das Gute, und ſeinen er⸗ ſten, hiernieden vielleicht einzigen, Lohn Seelen⸗ frieden. Ich vertheidigte mich noch ziemlich gut Trotz meiner Verlegenheit, und er ſing nun, um mich ganz zu überzeugen, mit ſeiner glühenden Bered⸗ ſamkeit an, mir die Erhabenheit der chriſtlichen Mo⸗ ral zu ſchildern, deren Hauptgeſetz höchſte Reinheit des Willens und unabläßiges Streben nach dem Gu⸗ ten iſt, die ihren Jüngern auferlegt, ſo zu leben, daß ihre Handlungsweiſe zur Richtſchnur für die ganze Welt dienen könnte u. ſ. w. Ich muß Dir geſtehen, was er ſagte, und wie er's ſagte, war ſchön und wür⸗ dig; es rührte, es erhob mich. Aber ſo denkt auch nur Agathokles, und auch er vielleicht nur in weni⸗ gen Augenblicken. Wer von den übrigen Chriſten denkt aber wie er? Dieſe Bemerkung drängte ſich mir, leider! bald darnach auß, als ich ihn verlaſſen hatte, und in der Stille meines dunkeln Zurückweges, mir ſelbſt über⸗ laſſen, und nicht mehr von einem gewaltigen Geiſt aus meiner Bahn in einen fremden Geſichtspunct geriſſen, die Sache wieder in dem gewöhnlichen Lichte betrachtete. Ach, unſere Vorältern waren ja auch nicht lauter Thoren oder Betrüger, und wenn der Polytheismus ſo gar verächtlich und untauglich geweſen wäre, das Menſchengeſchlecht im Zaum zu erhalten, die Welt hätte nicht ſo lange beſtanden, das eiſerne Zeitalter, das Ovid, als ſchon ein Mahl da geweſen, beſingt, wäre wieder gekommen, der Krieg Aller gegen Alle wäre ausgebrochen, und das ver⸗ tilgte Geſchlecht hätte eines zweyten Deucalions be⸗ durft. So ſank ich denn allmählich aus den Wol⸗ ken, oder vielmehr aus Agathokles erhabenem Ehri⸗ ſtenhimmel langſam wieder auf die Erde herab, und nichts blieb mir übrig, als reine Bochachtung für den Mann, der nicht allein ſo zu ſchwärmen, ſon⸗ dern auch dieſer Schwärmerey gemäß zu handeln fähig iſt. Als ich kaum ein paar hundert Schritte von dem Witwenhauſe an einem Gebüſch vorbey war, be⸗ merkte ich dieſelbe verhüllte Geſtalt, die mich ſchon auf dem Hinweg begleitet hatte, und die ſich in der — 45— Entfernung von ein paar Schritten immer an un⸗ ſerer Seite hielt; ich ſah, daß ſie mir unabläßig folg⸗ te, ſchneller und langſamer, links und rechts ging, wie ich es oft, um ſie zu necken, that. Ich fand es nicht rathſam, gerade in unſer Haus zu gehen. Als wir daher innerhalb der Thore waren, flüſterte ich Phädo zu, er möchte mich zu ſeinem Bruder führen, der hier ein kleines Kaufmannsgewölbe hat. Er that es. Ich kann auf die Verſchwiegenheit dieſer Leute rechnen, und blieb hier ſo lange, bis ich mit Wahr⸗ ſcheinlichkeit vermuthen konnte, daß mein unbekann⸗ ter Begleiter, des Wartens müde, fortgegangen ſeyn mochte. Das war auch wirklich geſchehen, und ich langte endlich ohne weiteres Abenteuer, aber nicht ohne einige Bangigkeit, zu Hauſe an. Ich bin neugierig, wie es heut Abends ſeyn wird. Meine Maßregeln ſind getroffen, ich fürchte nichts; und wenn ich auch ein wenig Furcht em⸗ pfände, ſo würde das Intereſſante des Abenteuers, und dieſer heimlichen Zuſammenkünfte ſie weit überwiegen. Leb wohl, Sulpicia! Ich bin müde vom Schreiben. Nächſtens mehr. Fünfter Brief. Theophania an Junia Marcella. Nikomedien den 23. Februar 303. In Junia! Ich bin glücklich, ich bin unaus⸗ ſprechlich glücklich! Warum kann ich dieſem Brie⸗ fe nicht Flügel geben, um Dich den Augenblick Theil an meiner Freude nehmen zu laſſen! Ich bin glücklich, ich bin es ſo ſehr, ſo ganz, daß ich nichts als das übermaß fürchte; denn unmöglich kann meine Seligkeit ſich lang in dieſer Stärke und Reinheit erhalten. Höre denn die frohe Erzählung, und freue Dich ſo herzlich mit mir, als du bis jetzt herzlich mit mir getrauert haſt! Vorgeſtern, an dem bangen Tage, wo ich Dir das letzte Mahl geſchrieben hatte, entwarf ich den Brief an Conſtantin, und harrte ſeiner mit hoch⸗ klopfendem Herzen im Porticus des Hauſes, als er von Agathokles wegging. Calpurnia war vor ihm da geweſen; ſie hatte ſich heute nicht ſo lang aufge⸗ —— halten, und ihre Unterredung war nicht ſo laut und lebhaft als ſonſt. Jetzt öffnete ſich die Thür, und Conſtantin trat heraus. Ich ging auf ihn zu; ich zitterte, als ich ihm den Brief überreichte, und ihn bath, ihn zu leſen. Er ſah mich verwundert an, und fragte mich, wer ich wäre 2 Ich ſchwieg ver⸗ legen. Mir iſt, ich habe Dich ſchon geſehen, hob er wieder an, und ſein Auge ſchien mich zu durch⸗ dringen: ja ganz gewiß, in jener traurigen Nacht, als Agathokles hierher gebracht wurde. Ich war zugegen, antwortete ich.„Du haſt damahls eine beſondere Theilnahme an dem Verwundeten gezeigt. Er iſt Dir mehr als ein bloßer Bekannter. Darf ich Deinen Nahmen nicht wiſſen 2“ Sein Auge blieb feſt auf mich geheftet; es war ein Blick, den ich nicht auszuhalten vermochte, ein Blick, der des Men⸗ ſchen Innerſtes zu erforſchen vermag. Ich ſammel⸗ te mich mit Mühe. Erlaube, ſtotterte ich endlich, daß ich heute noch ſchweige, und mache auch Du für dieſen Abend keinen Gebrauch mehr von dem, was der Brief enthält! Das bitte ich Dich um Dei⸗ nes Freundes, um einer Unbekannten willen, die als Menſch wenigſtens Anſpruch auf Deine Scho⸗ nung hat. Er hatte den Brief geöffnet. Ein Blick, den er darauf warf, mochte ihm Nahmen gezeigt haben, die ihm Licht gaben. Du biſt— rief er auf —— einmahl heftig, und ergriff meine Hand. Laß mich! rief ich gewaltſam, und riß mich los: Heut darf nichts mehr geſchehen. Ich entfloh. Er blieb noch eine Weile, vermuthlich um den Brief zu leſen; nach einer Viertelſtunde hörte ich ſeinen ſtolzen ſchnellen Tritt durch den Portiens bis an's Thor. Dieß wurde geöffnet und wieder geſchloſſen; und ich ſah nun, daß ich für heute nichts mehr zu fürch⸗ ten hatte. O ich hatte ſo davor gezittert, daß er noch dieſen Abend zu Agathokles eilen, und ſo kurz vor der Nacht ſeine Ruhe durch eine ſolche Erſchütte⸗ rung ſtören würde! Ich ſchlief wenig; mein Gemüth war zu be⸗ wegt. Am frühen Morgen, als kaum der Tag an⸗ gebrochen war, kam Tabitha eilig in mein Zimmer, um eine ſtärkende Arzney für Agathokles zu hohlen. Ich erſchrack, ich fragte.„Der Sohn des Cäſars iſt bey ihm, er iſt ſehr zeitlich gekommenz ich hörte ſie lange eifrig reden und leſen. Plötzlich rief Con⸗ ſtantin nach Hülfe. Ich eilte ins Zimmer. Agatho⸗ kles lag ohne Bewußtſeyn in ſeinen Armen. Wir brachten ihn mit Mühe zu ſich ſelbſt. Heliodor hat mich um den Balſam geſchickt.« Sie eilte fort, oh⸗ ne mich zu hören, ohne ſich um meinen Zuſtand zu bekümmern; er gränzte an Bewußtloſigkeit. Ich erwachte nur durch Heliodors Stimme, die mir rauh zurief: Theophania! Folge mir! Aga⸗ thokles verlangt Dich zu ſehen. Ich ſchwankte, kaum vermochte ich ihm zu gehorchen. O welcher Ent⸗ ſcheidung ging ich entgegen! An der geöffneten Thüre blieb ich zögernd ſte⸗ hen. Heliodor zog mich in's Zimmer. Ich wußte nicht, wie mir geſchah— Himmel und Erde waren mir vergangen. Da weckte mich die Stimme der innigſten Liebe. Lariſſa! Meine Lariſſa! rief Aga⸗ thokles. Ich ſah empor, ich ſah ihn weit vorge⸗ beugt den Arm nach mir ausſtrecken, als wollte er mir entgegen ſtürzen. Lariſſa! rief er noch ein Mahl. Jetzt war Alles vergeſſen. Ich flog an ſeine Bruſt; ich wußte nichts mehr von der Welt, ich wußte nichts, als daß ich geliebt war! Meine Freude wechſelte ſchnell mit Schrecken. Agathokles lag bleich, mit geſchloſſenen Augen in meinem Arm. Ich ſchrie um Hülfe; da ſchlug er das Auge auf, und heftete einen Blick auf mich. Ach Junia! Der ganze Him⸗ mel war in dieſem Blicke! Du lebſt? begann er nun nach einer Weile: Du lebſt, Du biſt frey, Du biſt mein!— Er legte ſeine Hand auf meine Stirn, auf meine Schultern, er faßte meine Hände.— Es iſt kein Traum? ſagte er endlich langſam: Richt wahr, Conſtantin, es iſt kein Traum?2 Jetzt erſt ſah ich mit Erröthen, daß wir einen Zeugen gehabt —— hatten. Ich trat zurück. Conſtantin näherte ſich; in ſeinem edlen Geſichte ſtrahlte der Wiederſchein von der Freude ſeines Freundes. Nein, mein Agatho⸗ kles! ſagte er lächelnd: Sie lebt wirklich, Du haſt ſie wieder, und ich freue mich herzlich darüber. Er faßte meine Hand.„Ich habe Dich ſchon geſtern erkannt, Du fühlteſt es wohl, ob Du es ſchon nicht geſtehen wollteſt.“ Ich lächelte, und bath ihn, der Sorge für ſeinen Freund dieſe Zurückhaltung zu verzeihen. Agathokles nahm jetzt unſere beyden Hän⸗ de in ſeine linke, und drückte ſie herzlich.„O mein Conſtantin! Meine Lariſſa! Meine Theophania! Denn ſo will ich Dich fortan nennen; mit dieſem Nahmen wurdeſt Du für mich wiedergeboren. So war es auch kein Traum, als ich Deine Geſtalt in der erſten Nacht zu ſehen, Deine Stimme zu hören glaubte? O wie konnteſt Du ſo hart ſeyn, mir dieß Glück durch vier lange Tage zu entziehen, und ſo kalt in meiner Nähe leben, ohne Dich zu verrathen?“ Ich erröthete. Wenn Conſtantin Dir den Brief ganz geleſen hat, ſagte ich endlich, ſo weißt Du— Das war nicht geſchehen. Agathokles ungeduld hatte nicht ſo lange gewartet. Jetzt las Conſtantin⸗ Ich fühlte, daß heißer Purpur mein Geſicht be⸗ deckte; meine Thränen floſſen, und doch war ich ſelig. Mit den letzten Worten des Briefes entfern⸗ te ſich Conſtantin ſchnell. Nun waren wir allein, allein mit unſern vollen Herzen, mit unſerm Glü⸗ cke. Agathokles ſagte nichts, er reichte mir ſchwei⸗ gend die Hand, und ſah mich mit einem unbeſchreib⸗ lichen Blicke an. Sein Auge ſchimmerte feucht, ich ſah Thränen darin. Ach Junia! Zürne der irdiſch geſinnten Freundinn nicht! Ich fühlte mein Inne⸗ res gewaltſam zu ihm gezogen, ich ſank an ſeine Bruſt, unſere Lippen berührten ſich innig und feſt, unſere Seelen floſſen in einander. Ach es war der erſte Kuß ſeit jenem letzten Abſchied an den Hecken in meines Vaters Garten! Aus ſeinem Arm glitt ich am Bette auf meine Kniee nieder, ich bethete. Nein! Gott kann dieſe ſchuldloſe Außerung inniger Liebe nicht verdammen, was auch Heliodor ſagen mag; denn ich konnte bethen. Nach und nach, wie die heftige Spannung unſerer Gemüther nachließ, wurden wir wieder fähig, von unſern Schickſalen, von dem, was wir für und wegen einander gelit⸗ ten hatten, zu ſprechen. Agathokles erzählte mir, was ſeit unſerer Trennung in Niſibis vorgegangen war; ich ſchilderte meinen Aufenthalt bey dem gu⸗ ten Fritiger, den Abend in Synthium, meine Ei⸗ ferſucht, meine Angſt. Er hörte mir lächelnd zu, er ſing an mit meinen Haaren zu ſpielen, wie ich im Eifer der Erzählung an ſeinem Lager knieete; Agath. II. Th. er zog die goldenen Nadeln aus meinen Flechten; ſchlang die Hand in meine Haare, ordnete ſie und zerſtörte tändelnd wieder, was er gemacht hatte. Ich ließ ihn gewähren, und war ſo glücklich durch ſeine Liebe, durch das Bewußtſeyn, ihn wieder zu beſitzen, durch die heiligſten Verſicherungen ſeiner Treue, die er mir unter tauſend Liebkoſungen und ſüßen Schmeichelworten gab. O es war ſchon ſeit ſeinem erſten Worte kein Zweifel mehr in meiner Bruſt! So ſchwatzten, ſo tändelten wir fort, glück⸗ lich wie die Kinder, und ſorglos wie ſie, bis He⸗ liodor's Ankunft uns in die Wirklichkeit zurückrief. Agathokles ſagte mir nun, daß ſein übergang zum Chriſtenthum ihn den Segen und die Reichthümer ſeines Vaters gekoſtet habe. Sein Sold als Tri⸗ bun und ſein mütterliches Erbtheil waren alles, was er beſaß. Stockend trug er es mir vor. Ich ſchau⸗ derte bey dem Fluche ſeines Vaters, aber wir konn⸗ te das zweyte mich rühren? Wir werden miteinan⸗ der leben! rief er muthig: Wir werden alles thei⸗ len, Glück und Unglück, viel oder wenig, was Gott ſendet! Biſt Du's zufrieden, Theophania, ſo gib mir Deine Hand am Altar, ſo bald ich im Stan⸗ de bin, Dir meine Rechte zu reichen, ſo bald ich geneſe. Ich drückte ſeine Hand an meine Bruſt, mein Auge antwortete ihm. Heliodor wird uns ver⸗ einigen, hob Agathokles an, und ſah dem ſtrengen Greiſe freundlich in's Geſicht. So eiſern iſt ſeine Bruſt doch nicht, daß ihn eine ſo reine menſchliche Freude nicht gerührt hätte. Ihr verdient euer Glück, ſagte er, indem er nach einigem Bedenken näher trat, denn ihr ſeyd gut und fromm; und wenn ihr's denn in der Ehe zu finden glaubt— der Herr hat den Eheſtand auch eingeſetzt, und Chriſtus ihn ge⸗ heiligt— ſo werdet denn Mann und Frauzich will euch trauen. Agathokles ſchüttelte ihm die Hand; ich küßte ſie ihm mit kindlicher Rührung. Soſtren⸗ ge er es mit mir gemeint hatte, ſo war er doch der Schöpfer meines Glücks geworden. Er mußte ſelbſt lächeln, als ich es ihm vorerzählte; aber dieß Lä⸗ cheln verſchwand bald vor dem gewohnten Ernſt. Er faßte Agathokles Hand.„Dein Blut wallt ſie⸗ beriſch, Du bedarfſt der Ruhe; Theophania geht mit mir.“ Er ergriff mich beym Arm. Nimmer⸗ mehr! rief Agathokles mit einer Heftigkeit, die ich ihm kaum zugetraut hätte: Sie iſt mein, meine Braut; ſie bleibt bey mir.« Er richtete ſich ſchnell auf, und zog mich mit Gewalt zurück; denn ge⸗ wohnt, Heliodorn zu gehorchen, hatte ich mich be⸗ reits ein paar Schritte entfernt. Heliodor ſah uns finſter an; dann ſchleuderte er meine Hand hin. Nun, ſo treibt eure Abgötterey fort! rief er entrü⸗ 4* — 52— ſtet, und ging aus dem Zimmer. Ich ſtand verle⸗ gen. Furcht vor Heliodors Zorn, Sorge für die Geſundheit meines Freundes, und das heiße Ver⸗ langen, ihn keinen Augenblick zu verlaſſen, ſtritten in mir. Agathokles ſah mich ernſt an. Du wankſt? ſagte er, Du willſt mich verlaſſen? So hat Helio⸗ dor mehr Gewalt über Dich, als Dein Freund? So hatte Agathokles noch nie mit mir geſprochen. Ich erſchrack, ich ſank an ſeine Bruſt:„O, mache mit mir, was Du willſt! Ich bin Dein Geſchöpf.“ Er drückte mich feſt an ſich, er beruhigte mein Herz durch tauſend ſüße Worte und theure Nahmen. O welche himmliſche Augenblicke waren das! Dann ließ er mich an ſeinem Bette niederſitzen, und ent⸗ wickelte mir mit feuriger Beredſamkeit und jener klaren Weisheit, mit welcher einſt Apelles meinen jugendlichen Geiſt überzeugt hatte, die wahre An⸗ ſicht unſerer heiligen Lehren. Weit erhabener, weit mehr eines allweiſen, allgütigen Geiſtes würdig, erſchienen ſie mir in ſeiner Darſtellung, als wie Heliodor und Viele, mit denen ich in Nicäa und hier lebte, ſie ſchilderten. Agathokles lehrte mich Menſchenſatzungen und Anſichten einer beſchränkten Eigenthümlichkeit von dem urſprünglichen Sinn derſelben unterſcheiden; er zeigte mir, was eigent⸗ lich Chriſtenthum ſey, und welchen Einfluß es in —— ſeiner Reinheit auf das Menſchengeſchlecht haben müſſe. Ich hing begeiſtert an ſeinem Munde. O, wenn die Liebe zu allem, ſelbſt zu falſchen Schrit⸗ ten überreden kann: welche unwiderſtehliche Macht muß die erhabenſte Wahrheit in dem Munde des Geliebten haben! Seine Wärme riß mich hin; ich ſank vor ſeinem Bette auf die Kniee und rief: O ſey Du mein Lehrer, mein Führer, Agathokles! Verlaß mich nie wieder, ich will Dir mit kindli⸗ chem Gehorſam folgen, und laß dann Deine Lie⸗ be meinen Lohn ſeyn! Er umfaßte mich, er hob mich zärtlich auf; aber ich ſah, daß die Erſchütte⸗ rung der Freude und des heftigen Redens ihn an⸗ gegriffen hatte— er ſank in meinem Arm auf die Kiſſen zurück. Ich bath ihn, nun nicht mehr zu ſprechen, und ſich Ruhe zu gönnen. Er folgte mir, drückte meine Hand; wir ſchwiegen beyde, nur un⸗ ſere Augen unterredeten ſich, und ſtill und ſelig ge⸗ noſſen wir das Glück der Wiedervereinigung. Mit dem Anfange der Dämmerung ſiel mir Calpurniens bevorſtehender Beſuch ſchwer auf's Herz. Das war die Zeit, wo ſie zu kommen pflegte. Ich ſah, daß auch Agathokles etwas unruhig und in Gedanken ſchien, obwohl er ſich Mühe gab, es zu verbergen, und mein Herz, deſſen Schwäche er kannte, auch nicht durch die leiſeſte Berührung zu verletzen. Owie dankte ich ihm für dieſe Schonung! Nach und nach verſchwand meine Furcht; es ward immer ſpäter, und der ſchöne Callias erſchien nicht. Mit dem Einbruch der Nacht trat Conſtantin ein. In ſeinen Armen, in inhaltvollen Geſprächen verließ ich nun meinen Freund, um in der Einſamkeit mich zu ſammeln, und Gott für mein Glück zu danken. Die folgende Nacht ließ ich mir die theure Pflicht, meinen Kran⸗ ken ſelbſi zu beſorgen, ihm jede Arzeney, jede Labung zu reichen, und bey ihm zu wachen, von niemand rauben, und widerſtand Heliodorn mit Feſtigkeit, der als ein Sühnopfer für meine übermäßige Freu⸗ de meine freywillige Entfernung von Agathokles forderte. Ich blieb im Nebenzimmer, und bewach⸗ te ſeinen Schlummer; er war ruhig und erquickend, wie der Schlummer der Unſchuld und Tugend. Am Morgen erwachte er heiter und geſtärkt; ſein erſter Laut war mein Nahme. Seitdem bin ich wieder be⸗ ſtändig um ihn. Wir haben uns ſo viel zu erzählen, zu fragen! Auch heute kam Calpurnia nicht. Sollte ſie vermuthen oder wiſſen, was vorgefallen iſt? Aga⸗ thokles nennt ihren Nahmen nicht, und Conſtantin zu fragen, habe ich nicht den Muth. Er iſt jetzt bey ihmzich habe dieſe Zeit benützt, um Dirmein Glück zu melden, an dem Du, theure treue Freundinn, ge⸗ wiß den lebhäfteſten Antheil nehmen wirſt. Leb wohl! Sechſter Brief. 2— Sulpicia an Calpurnien. Ecbatana im Februar 305. Wi vom düſtern Strande des Coeyt und den Reichen der Schatten, kommt dieſer Brief zu Dir. Mühſam bin ich noch dieß Mahl dem Nachen des Charon entronnen, und zu dem Reſte von Leben erwacht, der der zerſtörten Maſchine übrigt. Die Reiſe, die Luftveränderung, ſtatt wohlthätig auf mich zu wirken, hatten mich ganz erſchöpft. Mit Todesgedanken betrat ich den königlichen Pallaſt, den ich wohl nicht lebend mehr verlaſſen werde. Nach einigen Tagen fühlte ich mich ſo weit erhohlt, daß ich, dem Wunſche meines Gemahls zufolge, die Ceremonien der Krönung mitmachen konnte. Aber ſie waren kaum vorüber, ſo ſanken meine Kräfte völlig, und ich ſchwebte mehr als einen Monath zwiſchen Leben und Tod. Ich genas end⸗ lich wieder, das heißt, ich kann in dem ſonnigen Porticus meines Pallaſtes und in den Gärten lang⸗ ſam herumſchleichen, die eben jetzt unter dem Hau⸗ che des Frühlings zu erwachen beginnen. Bald wird auch das wieder aufhören; ich fühle das mör⸗ deriſche Eiſen, das die Parze an den morſchen Fa⸗ den meines Lebens legt, und bald wird von Dei⸗ ner Freundinn nichts ehr übrig ſeyn, als was eine Urne füllt. Und warum hat ein eiſernes Geſchick mein Ur⸗ theil ſo ſtrenge, ſo unwiderruflich geſprochen? Warum hat mich ſeit meiner Kindheit das unglück unabtrennbar begleitet? Wie wenig frohe Stun⸗ den wurden mir zum Theil! und jetzt, wo endlich alle Kämpfe aufgehört haben, alle Hinderniſſe be⸗ ſiegt ſind— jetzt ſoll ich ſterben? Wie hart, wie ungerecht iſt dieſes Lvos! Haben denn nicht alle Geſchöpfe Anſprüche auf Glück? Auch das gering⸗ ſte Inſeet iſt mit den Fähigkeiten dazu ausgerü⸗ ſtet, und erfüllt dieſen Zweck, und iſt in ſich voll⸗ endet. Nur der Menſch allein darf ſich des Vor⸗ rechts rühmen, vernünftig und elend zu ſeyn. So beſchämt uns der Wurm, der zu unſern Füßen kriecht; und wir wären tauſend Mahl glücklicher, wenn wir nichts als den blinden Inſtinet von der Natur erhalten hätten, wenn unſre Wünſche mit unſerm Vermögen gleichen Schritt hielten, und keine Vorausſehung uns die Freuden der Gegen⸗ wart vergiftete. Sage mir, Calpurnia— ich flehe Dich darum an— ſage mir aus Nitleid, wenn Du es aus überzeugung nicht kannſt, daß es jenſeits der Ur⸗ nen noch Etwas gibt, daß wir nicht ganz verge⸗ hen! Ich habe mir den Phädon 6) des großen Plato bringen laſſen. Tiridates ſelbſt las ihn mir vor. Ach, ſo lange die Worte des Weiſen mir durch ſeine Stimme die Seele berührten, ſchwie⸗ gen die Zweifel, ich hörte ihn⸗ mein Herz ward aufgeregt; aber mein Verſtand blieb müßig. Als ich allein war, und die Nolle in die Hand nahm, da ſuchte ich mit Mühe, mit einer Art von Angſt, und fand— Vermuthungen, Wahrſcheinlichkeiten, individuelle Beruhigungen, die gerade den Sokra⸗ tes in ſeiner Lage und Gemüthsſtimmung anſpra⸗ chen, aber nichts, das meine Zweifel löſte. Alt⸗ lebensſatt, von ſeiner Kantippe geplagt, und von ſeinen undankbaren Mitbürgern verkannt, welche Reize konnte die Erde für ihn haben? Wie leicht konnte er ſich über den Abſchied von ihr tröſten, wie bald mit einem Zuſtande zufrieden ſeyn, der ſo leicht beſſer ſeyn konnte, als ſein gegenwärtiger? — 583— Er hatte keine Jugend, keinen Thron, keinen ge⸗ liebten Gemahl zu verlaſſen! Auch Du, Calpurnia, biſt nicht glücklich! Das ſagen mir Deine Briefe. Es iſt ein ſeltſamer Streit in Deinem Herzen. Du liebſt Deinen Freund mehr, als Du ihm zeigen darfſt, mehr, als Du ſelbſt glaubſt; und dennoch hindert Dich theils Dein altes Syſtem von Unabhängigkeit und Gleich⸗ gültigkeit, theils ſein unbeſtimmtes Betragen, Dich dem mächtigen Zuge Deines Herzens zu überlaſ⸗ ſen, der Dich, Trotz allen jenen Hinderniſſen, zu ihm führt. Was bleibt da für Hoffnung über, die⸗ ſen Streit geſchlichtet, und eure Herzen vereinigt zu ſehen? Es iſt etwas, das ſich ſtets zwiſchen euch legt, und eure Annäherung nie bis über einen ge⸗ wiſſen Punkt gehen läßt. Keines hat den Muth, dieſe Schranken zu durchbrechen, und ſo quält ihr einander wechſelſeitig. Aber das iſt Menſchenloos, und ihr tragt die Schuld eures Geſchlechts. Es ſoll nicht glücklich ſeyn, das ſteingeborne Weſen, os ſoll ſein Leben in Kämpfen, Leiden und Ent⸗ behren zubringen; und wenn einſt das Geſchick, müde, ſeine Launen an ihm zu verſuchen, von ihm abläßt, dann nimmt es der Tod zur letzten Ruh in ſeine kalten Arme, und auf dem Scheiter⸗ haufen verlodert endlich das Herz, das hier ſtets vergebens glühte. So wird es auch Dir ergehen⸗ wenn einſt ein glücklicher Zufall Dich ganz mit Dei⸗ nem Freund vereinigen ſollte. Hofſe nichts Beſſeres; Du biſt ein Kind der harten Erde! Die ſchwarze Ge⸗ ſtalt, die ſchluchzend aus dem Zimmer ſtürzte, iſt euer böſer Genius. Als ich die Stelle las, überlief mich ein unwillkürliches Grauen. Das iſt das Gekrächze der Raben! rief eine Stimme in mir. Ich kann nur wünſchen, daß die Vorbedeukung triegen möge! überhaupt iſt Dein Schritt ſehr gewagt; und ich bin weder mit Deiner Kühnheit, noch mit Agatho⸗ kles Betragen zufrieden. So muß der Mann, um deſſentwillen ein ſchönes, geſuchtes, edles Mädchen ſo weit geht, nicht mit ihr ſprechen! Er ſoll ſein Glück fühlen, er ſoll davon hingeriſſen ſeyn. Aber dieſe ſtolzen Männerſeelen erkalten ſchnell, ſobald ſie fühlen, daß ihr Unglück ihre Vorzüge oder ſonſt ein Zufall unſer Herz für ſie erwärmt hat.— O Calpur⸗ nia! Denke der Warnungen, die ich Dir noch in Nũom ſchrieb, denke der Fabel des Tantalus! Wir ſind zum Leiden geboren! Mein Kopf iſt müde, meine Kraft erſchöpft. Leb wohl! Sobald ich kann„ſchreibe ich Dir wieder; denn ich finde Deine Briefe nicht geeignet, ſie von ir⸗ gend jemand andern leſen und beantworten zu laß⸗ ſen; und ich habe Dir noch viel zu ſagen. — — 60— Siebenter Brief. — Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus. Rikomedien im März 303. Du ſiehſt aus der Aufſchrift, daß ich in Nikome⸗ dien bin. Galerius hat einſehen gelernt, daß er in der jetzigen Epoche nicht igenug thätige Menſchen um ſich haben kann, daß beſonders ein unwiſſender Krieger, wie er, überall des verſtändigen Staats⸗ mannes bedürfe. So bin ich nun wieder für ihn geſchäftig. Alles geht gut, und für's erſte dürften wohl Conſtantins hochfliegende Gedanken etwas ge⸗ mäßiget werden. Dioeletian, der ſich ſeiner aus Politik gegen den übermächtigen Galerius bisher annahm, wird durch Kränklichkeit und ſeines Mit⸗ regenten Beſtrebungen endlich dahin gebracht wer⸗ den, den Gedanken einer freywilligen Abdankung als ſehr natürlich und räthlich, vielleicht ſogar als den einzigen Weg anzuſehen, der ihm übrig bleibt, —— um aus einem Labyrinth zu kommen, in welches ihn Galerius ſehr zweckmäßige Maßregeln einge⸗ ſchloſſen haben. Der oeccidentaliſche Auguſtus muß ſeinem Beyſpiele folgen; und die Welt wird die er⸗ habene Komödie mit Lachen oder Grauen anſtan⸗ nen. Nach Maximians Entſagung tritt Conſtan⸗ tius in ſeine Würde, ein wenig furchtbarer Gegner für einen Galerius. Seine ſchwächliche Geſundheit wird ihn an jedem kühnen Entſchluſſe hindern; und ſollte er zu lange leben, ſo weiß Galerius auch für ſolche Hinderniſſe Rath. Dem Golde und der Macht iſt kein Weg ungangbar. Dann übrigt nur Con⸗ ſtantin, und— wie unternehmend und ehrſüchtig er auch ſeyn mag, der Kampf mit dem alleinigen Herrn der gebildeten Welt wird zu ungleich ſeyn⸗ als daß er nicht erliegen müßte. Doch bis ſich dieß alles entſcheidet, kann mancher Zufall tückiſch da⸗ zwiſchen treten. Ein Jahr, vielleicht noch länger, kann darüber hingehen; denn Diocletian, der Rom noch nicht als Kaiſer geſehen hat, will ſeinen Trir umph noch vorher dort feyern— und übereilt darf nichts werden. Du ſiehſt, daß mir das Glück zu lächeln an⸗ fängt, und es bleibt ſich im Kleinen, wie im Großen treu. Die andächtige Lariſſa war mir, wie du weißt, entflohen, gerade in einem Zeitpunete, wo ich ſie als Chriſtinn, und Hausgenoſſinn— viel⸗ leicht als Mitverſchworne des verdächtigen Lyſias in meine richterliche Gewalt zu bekommen, und natürlicher Weiſe nur um einen hohen Preis zu entlaſſen dachte. Wie leicht wäre es geweſen, ein unbekanntes Geſchöpf wie ſie, in den Augen der Welt, und zuletzt in ihren eigenen, als ſchuldig er⸗ ſcheinen zu machen! Aber, wie geſagt, ſie war ent⸗ flohen, und keine Spur von dem Wege zu finden, den ſie genommen hatte. Endlich erfuhr ich, daß der alte Prieſter, mit dem ſie nach Nicäa gekommen war, ſich hier auf⸗ halte, und daß ihn auf der Reiſe ein junges Frauen⸗ zimmer begleitet habe. Es ward mir je mehr und mehr unzweifelhaft, daß es Theophania war, daß ſie in Nikomedien ſey; aber alle Nachforſchungen konnten nicht entdecken, wo und in welchen Ver⸗ hältniſſen ſie hier lebe. Indeſſen kam der unruhige Tag, wo die chriſtlichen Kirchen zerſtört wurden. Agathokles, der ſich ſchon einige Zeit vorher als ein Mitglied dieſer Secte bekannt und geweigert hatte, ſich gegen ſie gebrauchen zu laſſen, trat auch jetzt als ihr Vertheidiger auf, und ward ein Opfer ſeiner Tollheit, und ſeine andächtigen Mitbrüder brachten ihn in ein Haus vor der Stadt, in wel⸗ chem einige alte chriſtliche Weiber in frommem — 63— Müßiggange beyſammen leben⸗ Bey dieſer Gele⸗ genheit zählte ich nun ſicher darauf, die verborge⸗ ne Theophania zu entdecken, die, wenn auch ſonſt nichts in der Welt, doch wenigſtens die Gefahr ih⸗ res Freundes bewegen würde, ihren Schlupfwin⸗ kel zu verlaſſen. Ich hielt mich daher viel in der Gegend dieſes Hauſes auf, und, ſiehe da! am Abend des folgenden Tages, als es ſchon ganz dun⸗ kel geworden war, ſah ich eine ſchlanke Knabenge⸗ ſtalt, ſorglich in Mantel und Kappe verhüllt, mit einem etwas ängſtlichen trippelnden Schritte, von einem alten Manne begleitet, aus dem Hauſe tre⸗ ten. Die ganze Haltung des vermeinten Knaben, eine zarte Stimme, die dem Begleiter etwas leiſe zuflüſterte, alles erregte Verdacht in mir, und die Muthmaßung, daß es Theophania ſey, die in die⸗ ſer Verkleidung den geliebten Freund beſuchte, ward mir beynahe zur Gewißheit. Ich folgte ihr auf dem Fuße nach; aber unter dem Stadtthore verlor ich ſie unter einem großen Haufen von Menſchen, der ſich hin und her drängte, und mich lange Zeit von ihr entfernt hielt. Als ich aus dem Gewühle war, ſah ich keine Spur mehr von ihr; es war Nacht geworden, und ihr Entkommen eben ſo begreiflich, als ärgerlich für mich. Ich war nun noch begieriger geworden, etwas ſammlung auseinander ſtäuben, und Theophanien Beſtimmtes zu erfahren. Am nächſten Tage Abends ſtellte ich mich wieder auf die Lauer, und richtig kam mein verkleidetes Bürſchchen desſelben We⸗ ges. Ich vernahm wieder die weibliche Stimme, obwohl ich nicht verſtehen konnte, was ſie ſagte, und ging ihr voll Neugierde nach. Innerhalb des Thores ſehe ich ſie durch einige kleine Straßen bis in ein unſcheinbares Haus gehen; ich ziehe mich zurück, um nicht geſehen zu werden, und wie ich vermuthen kann, daß ſie in dem Zimmer iſt, er⸗ kundige ich mich um die Bewohner. Das Haus ge⸗ hört einem kleinen Kaufmann, der ein Chriſt iſt, und beh dem ſich ſeit der Zerſtörung der Kirchen einige dieſer Fanatiker verſammeln, um ihre Ce⸗ remonien und Opfer zu halten. Ich wartete eine Weile vor dem Thore; es kamen nach und nach Menſchen von allerley Alter und Stand, die alle geheimnißvoll eingelaſſen wurden, und ich ſchloß daraus, daß eben jetzt eine ſolche Verſammlung gehalten würde, bey welcher die andächtige Thev⸗ phania zu erſcheinen nicht verabſäumen konnte. Alles ſchien ſich natürlich und höchſt wahrſcheinlich aneinander zu reihen, und ich beſchäftigte mich in meinem Hinterhalte bereits mit Entwerfung ver⸗ ſchiedener Plane, wie ich die geſetzwidrige Ver⸗ — 65— zugleich in meine Gewalt bekommen könnte. Un⸗ terdeſſen war es ſpät geworden, es kam niemand mehr, ich hörte das Thor von innen verſchließen; und da ich nicht ſo lange warten wollte, bis die andächtige Gemeinde auseinander gehen würde, verließ ich meinen Poſten mit einem ſüßen Gefühle naher Rache, und mit einem Kopfe voll Anſchläge und Plane. Meine Ungeduld ließ mich kaum den folgenden Abend erwarten. Ich war entſchloſſen, Theopha⸗ nien geradezu anzureden, und mich ihrer erſten Be⸗ ſtürzung zu bedienen, um zu erfahren, was ich ver⸗ muthete. Nicht weit vom Hauſe begegnete ſie mir, von zwey Sclaven begleitet, vermuthlich, weil ſie bemerkt hatte, daß man ihr auflauerte. Sie ging ſehr ſchnell. Ich betrachtete ihre Geſtalt aufmerk⸗ ſam; und je mehr ich ſie betrachtete, je mehr über⸗ zeugte ich mich, daß dieſer vermeinte Jüngling ein verkleidetes Weib ſey. Daß ſie etwas kleiner als Theophania ſchien, irrte mich nicht, denn ich maß es der männlichen Kleidung bey; und ſo trat ich bey einem Gebüſche, weit von den Häuſern, wo es ganz einſam war, plötzlich auf ſie zu, faßte ſie bey der Hand, und redete ſie als Lariſſa an; denn ich glaubte meiner Sache ganz gewiß zu ſeyn. Ich weiß nicht mehr, was ich geſagt habe; aber bey Agath. III. Th. 5 dem Nahmen Lariſſa fuhr mein ſchöner Knabe plötz⸗ lich empor, vergaß ſeine Verkleidung, ſah mir ſtarr in's Geſicht, und— ſtelle Dir mein Erſtaunen vor! — es war die reizende Calpurnia! Sie ſchien eben ſo betroffen über meinen An⸗ blick und ihre Entdeckung, als ich. Sie wollte ſtolz und verächtlich thun; aber es gelang ihr nicht ge⸗ gen einen Mann, der ſie in dieſer Kleidung und auf dieſem Wege getroffen hatte. Sie fühlte die Blöße, die ſie mir gegeben hatte, und wurde artiger. Daß Lariſſa lebte, und hier in Rikomedien, und wahr⸗ ſcheinlich in der Nähe ihres Jugendfreundes wäre, war ihr ſehr unerwartet. Es erſchreckte ſie, das ſah ich deutlich, und ich benützte dieſen Schrecken. Ich erzählte ihr Manches, das wenigſtens ſo hätte ſeyn können, von Agathokles Treue zu Lariſſen, von manchem Schritte, den er gethan haben könn⸗ te, und— vielleicht auch gethan hat. Sie wurde zu⸗ ſehends ſtiller, nachdenklicher. An ihrem Hauſe bo⸗ urlaubte ich mich von ihr, und erhielt mit vieler Artigkeit die Erlaubniß, unſere längſt abgebroche⸗ ne Bekanntſchaft wieder zu erneuern, und ſie zu beſuchen. Was wollte ſie auch anders 2 Sie iſt in meiner Macht, ich weiß ein Geheimniß von ihr, das ſie nicht gern laut werden laſſen wird; ſie muß mich ſcheuen. So knüpfen ſich leiſe Fäden an, und wir wollen ſehen, wohin ſie führen. Zwey Tage ſpäter erfuhr ich denn auch, daß meine Vermuthungen nicht ganz ungegründet ge⸗ weſen waren, und Theophania in dem Witwen⸗ hauſe lebte, wohin man Agathokles nach ſeiner Ver⸗ wundung gebracht hatte. Natürlich hatten ſie ſich erkannt, und alle alten Verhältniſſe waren wieder hergeſtellt. Ich hätte nicht geglaubt, daß die Be⸗ ſtätigung einer Sache, die ich als längſt geſchehen, oder wenigſtens als nächſtens geſchehend, betrach⸗ ten mußte, mich ſo tief reizen könnte. Ich wurde ärgerlich, ich fühlte, daß Theophania, vielleicht ihrer Sonderbarkeit wegen, mir mehr war, als die ſchöne Calpurnia, und ich entwarf meinen Plan. Er darf ſie nicht beſitzen! Dieß zu verhindern ſoll meine Sorge ſeyn. Indeſſen iſt Calpurnia auch ſchön, ihr Vater Proconſul, und von mächtigem Einfluß, und ich werde vorſichtig genug ſeyn, um über Theopha⸗ niens ungewiſſen Beſitz ein ſo nahes reizendes Glück nicht zu verſcherzen. Ich denke immer, es ſollen ſich beyde vereinigen laſſen. Nächſtens hörſt Du mehr von mir. Leb wohl! ein neuer Anfall Dich in geſetzt. Achter Brief. Calpurnia an Sulpicien. Nikomedien im März 303. Het ein Gott Dir mein Geſchickgeoffenbaret? Iſt Dir, als Du nahe an der Pforte der Unterwelt warſt, die Gabe der Weiſſagung verliehen worden? Ja, meine Hoffnungen ſind zernichtet, und die ſchwar⸗ ze Geſtalt iſt mein böſer Dämon, ſie iſt— das Irg⸗ ſte, was für mich auf Erden lebte! Dein Brief hat mich ſehr traurig gemacht. So waren auch meine trüben Ahnungen über Dein Schickſal wahr! Du ſtandſt an Rande des Grabes, und ich bin getrennt von Dir, und viele Tage ver⸗ gehen, bis ich Nachricht von Dir erhalten kann! Längſt kann ein unglücklicher Zufall die günſtige Kunde Lügen geſtraft haben, die ich vielleicht in dieſem Augenblicke mit Freuden leſe; und indem ich mit Vergnügen an Deine Beſſerung glaube, hat — 69— Du ſprichſt von meinem Verhältniſſe zu Aga⸗ thokles mit düſterm, aber nur mit allzuwahrem Tone. Ja, es iſt entſchieden, für immer, und un⸗ widerruflich! Wenn ich hier noch zweifeln oder hof⸗ fen könnte, würde ich dem Wahnſinnigen gleichen, der ſich einbilden könnte, das Schiff, das er in die⸗ ſem Augenblicke vom Sturm an dem Felſen zer⸗ trümmern ſah, werde in wenigen Tagen wohlbe⸗ halten mit günſtigem Winde in den Hafen einlau⸗ fen. Jetzt erſt, Sulpicia, jetzt, wo alles klar und entſchieden iſt, fühle ich, daß der Eindruck tiefer war, als ich glaubte! Lariſſa iſt gefunden, ſie und Thevphania ſind Eine Perſon. Nun iſt mir ihr ganzes Betragen in Synthium, ſeine Bewegung, als er ihre Briefe ſah, ſeine Nachforſchungen nach der räthſelhaften Fremden begreiflich, in der ſein ahnendes Herz die frü⸗ he Geliebte errieth. Sie lebt jetzt mit ihm in einem Hauſe, ſie pflegt ſeine Wunden ſie iſt den ganzen Tag um ihn; er wird ſich unauflöslich mit ihr verbinden, er wird ſein ganzes Glück in ihren Armen finden, und die übrige Weltwird aus ſeinen Blicken verſchwinden. Beym Jupiter! Eine ſeltſame Geſchichte! Und warum muß die Laune des Schickſals mich, gerade mich in das wunderbare Geſchick dieſer ſchwärme⸗ riſchen Menſchen verwickeln? Warum mußte ich ihn kennen lernen? Ich war ſo glücklich vor dieſem Zeitpunkte. Habe ich ihn nach Rom beſchieden, ihn angezogen, daß ich nun ſo bitter geſtraft worden? Du wirſt Dich erinnern, daß ich mich belauert glaubte. Aus Vorſicht nahm ich das nächſte Mahl Phädo und ſeinen Sohn mit mir. Ich fand Aga⸗ thokles merklich gebeſſert, ſeine Stimmewar ſtärker, ſein Blick heiterer; aber mit der Kraft des Körpers ſchien auch die ganze Strenge ſeiner Geſinnungen wieder zu kehren. Er hatte des Geſpräches vom vorigen Abende nicht vergeſſen; er fing davon an, er drang mit hohem Ernſt in mich, dem Höchſten und Heiligſten, wie er die Vorſtellungen von unſerer Be⸗ ſtimmung, der Zukunft, dem Schickſale, nennt, meine ganze Aufmerkſamkeit zu widmen. Die Härte in ſeinen Kußerungen überhaupt, ſein Tadel meines Leichtſinnes, wie er es nannte, hätte mich auf⸗ bringen können. Aber die ſchöne Wärme, der innige Antheil an meinem Wohle, der wie ein milder Son⸗ nenſtrahl aus dieſer Strenge hervorbrach, ſein Blick, der bald ſtrafend, bald freundlich auf mir ruh⸗ te, bewegten mich wunderbar. Es erhob ſichein un⸗ ruhiger Kampf in mir; ich wußte nicht, ob ich ihm zürnen, ob ich von ſeiner Freundſchaft gerührt wer⸗ den ſollte. Das allein fühlte ich dunkel, was Dein Brief ſo deutlich ausſpricht— ſo hätte ich nicht von ihm empfangen werden, dieſe Geſpräche hätten in unſerer Lage nicht geführt werden ſollen, wenn al⸗ les geweſen wäre, wie es ſollte! Der letzte Grund aller meiner Empfindungen war Scham und ge⸗ kränkter Stolz, dem es an ſchicklichem Anlaſſe zum Ausbruche mangelte. Er deutete das Unentſchiede⸗ ne meines Benehmens falſch; er glaubte, mein Verſtand ſchwanke zwiſchen meinen und ſeinen Vor⸗ ſtellungen, indeſſen Stolz und Zuneigung in meinem Herzen ſtritten. Er zog mich näher an ſich, er be⸗ ſchwor mich um meiner ſelbſt willen, um des Antheils willen, den er, ſo lange er mich kannte, an meinem wahren Glücke genommen habe, meine Anſichten zu berichtigen, und ernſthaft über ſo wichtige Gegen⸗ ſtände nachzudenken. Ich wurde gerührt, ich drückte ſeine Hand— ich weiß nicht, Sulpicia, wozu der Mannmich in dieſem Augenblicke hätte bereden kön⸗ nen! Es war ein ſeltſames Verhältniß von mir zu ihm. Nicht er— wie ich es ſonſt gewohnt war zu ſehen— ich war der untergeordnete, der zurechtge⸗ wieſene, der nachgebende Theil, und eine Stimme in der innerſten Tiefe meines Herzens erhob ſich immer lauter und lauter, um mir zuzurufen, daß ich noch nie ſo glücklich geweſen war, als in dieſem Augen⸗ blicke. Was war das, Sulpicia? Welche wunder⸗ bare, welche unerhörte Erſcheinung! Ich ſetzte mich — 72— neben ihn, meine Hand ruhte in der ſeinigen, ſein glühendes Auge, die feine Röthe, die beym lebhaf⸗ ten Geſpräche ſein blaſſes Geſicht überflog, ſein freundlich lächelnder Mund, unſer ganzes Verhält⸗ niß— ach, alles war ſo anziehend, ſo gefährlich! Zur guten Stunde rettete mich Urania. Man mel⸗ dete Conſtantin. Ich warf Mantel und Kappe über. Du kommſt doch morgen wieder, rief er mit einem Tone, der mehr als freundlich war.„Gewiß, ge⸗ wiß, mein theurer Freund!« Ich drückte ſeine Hand, und entfloh ſchnell neben Conſtantin vorbey, der bereits durch den Porticus herauf kam. Kaum war ich, verloren in tauſend ſüßen Vor⸗ ſtellungen, ein paar hundert Schritte gegangen, als die verhüllte Geſtalt, die mir ſchon zwey Mahl ge⸗ folgt war, ſchnell auf michzutrat, mich bey der Hand faßte, und mit einer bekannten Stimme ſagte: So trifft man die ſpröde Lariſſa, in dieſer Klei⸗ dung, und um dieſe Zeit? Der Nahme wirkte in dieſem Augenblicke ſchrecklich auf mich; ich vergaß, daß ich verborgen bleiben wollte.— Lariſſa? rief ich, fuhr empor, und ſah den Fremden erſtaunt an. Er warf in eben dem Augenblicke ſeine Kappe ab, und— o gerechte Götter!— Marcius Alpinus ſtand vor mir, der Menſch, von dem ich unter allen Sterbli⸗ chen am letzten und unliebſten entdeckt werden woll⸗ te Auch er ſchien betroffen, mich zu erblicken; es war deutlich, daß er jemand andern zu ſehen gehofft hatte. Alſo Lariſſen! Alſo lebte ſie, alſo war ſie in der Nähe! Ich fühlte, daß mir eine Ohnmacht nahe war. Marcius Betroffenheit gab mir Zeit, mich zu ſammeln. Ob er die wahre Urſache meiner Verklei⸗ dung errieth, weiß ich nicht; aber ich habe Grund es zu glauben, obwohl der ſchlaue Höfling fein genug war, mir eine vollendete Beſchämung zu erſparen. O, er war ſich nur zu gut bewußt, daß er die Fäden des Gewebes, das ihm ein unſeliger Zufall in die Hand ſpielte, dadurch nur feſter um mich zog! Er both mir ſeine Begleitung an. Wie konnte ich ſie ausſchlagen? Es lag mir auch zu viel daran, durch ihn etwas Beſtimmteres von dieſer Lariſſa zu erfah⸗ ren. Er hatte ſie in Nicäa, unter dem Nahmen Theo⸗ phania, kennen gelernt; und ich müßte mich ſehr ir⸗ ren, wenn ſie nicht einigen Eindruck auf ihn gemacht hat. Wie ſie den Händen der Gothen und dem Tode entgangen iſt, wußte er nicht zu ſagen, oder wolite es nicht. Genug, ſie lebte, und trieb mit feiner Kunſt ihr Spiel ſo lange und ſo geſchickt, bis ſie endlich⸗ ohne ſich bloß zu geben, in Agathokles Nähe und zu der Möglichkeit gekommen war, ihre alten An⸗ ſprüche geltend zu machen. Er hat ihr in Nicäa nachforſchen laſſen, ſie ſpielte die Spröde, entfloh ihm, um ihn mehr zu reizen, und ließ ſich endlich hier von ihm finden. Die Heuchlerinn! Ich ſchlief die Nacht wenig. Entgegengeſetzte, quälende Empfindungen durchkreuzten mein Inner⸗ ſtes. Ich beſchloß, meinem Vater die ganze Sache zu entdecken. Er nahm ſie ſo auf, wie ich beſorgt hatte, nicht hart, aber ſtrenge. Was mich am tiefſten verwundete, war die Wahrnehmung, daß nicht meine Neigung für Agathokles, nur mein gewagter Schritt ſeinen Tadel erregte. Eine unverhehlte Achtung, ei⸗ ne väterliche Zuneigung ſprachen ſich unwillkürlich in ſeinen iußerungen aus, und ich fühlte mit tiefem Schmerzen, daß ihm dieſer Schwiegerſohn vor al— len andern lieb geweſen wäre. Spät am Abende dieſes Tages— Du kannſt denken, daß ich nicht mehr zu Agathokles ging— ließ ſich Conſtantin melden. Sein Beſuch iſt eine ſolche Seltenheit in unſerm Hauſe, daß mich unter den jetzigen Umſtänden eine ſchaurige Ahnung böſer Neuigkeiten überlief. Sie hatte mich nicht getäuſcht. Nach einer artigen Einleitung kam er auf die Ur⸗ ſache ſeines Beſuches. Die Gaſtfreundſchaft, die ſo lange zwiſchen unſerm und Agathokles Hauſe be⸗ ſtanden habe, laſſe ihn vermuthen, daß wir alle— merke wohl, Sulpicia, er war zartfühlend genug, um mich nicht allein zu nennen!— wahren Antheil an dem Schickſal unſers Freundes nehmen wür⸗ den, und er habe uns eine ſehr günſtige Wendung desſelben zu berichten. Agathokles habe ſeine La⸗ riſſa wieder gefunden, ſie ſey durch wunderbare Er⸗ eigniſſe, die er uns ganz vollſtändig erzählte, dem Tode und der Gefangenſchaft entgangen, habe ſich vor den Nachſtellungen eines böſen Menſchen hier⸗ her in das Witwenhaus geflüchtet, ihrer Sorgfalt ſey Agathokles, der keine Ahnung von ihrer Gegen⸗ wart, und kaum eine von ihrem Leben hatte, über⸗ geben worden, ſie habe drey Tage noch unerkannt mit ihm in demſelben Hauſe zugebracht, und erſt heute ſich ihm entdeckt. Wer hatte nun die Unwahrheit erzählt, Mar⸗ cius oder Conſtantin? Und war nicht vielleicht Mar⸗ cius ſelbſt der Böſewicht, deſſen Nachſtellungen ſie entgehen wollte? Zu gut iſt er nicht für dieſen Ver⸗ dacht. Wie dem immer ſeyn mag— genug, ſie lebt, er hat ſie wieder. Das Ende der Geſchichte läßt ſich an den Fingern abzählen. Einer der bedeutendſten Menſchen ſeiner Zeit wird ſich in dem alltäglichen Ehemann eines alltäglichen Geſchöpfes verlieren! Ich haſſe dieſe Theophania, oder Lariſſa, die wohl ſo viele Außenſeiten als Nahmen haben mag. Ich halte ſie für eine Heuchlerinn. Was ſoll dieſe Ko⸗ mödie der Verborgenheit? Wenn ſie wahrhaft lieb⸗ — 76— te— wie war es ihr möglich, ſich ihm zu entzie⸗ hen? Aber ſie will verwirren, reizen, anziehen; und da ſie wohl fühlt, daß ihre höchſt mittelmäßi⸗ ge Geſtalt keinen bedeutenden Eindruckmachen wird, nimmt ſie ihre Zuflucht zu Künſten. Man muß ſich in dichte Schleyer hüllen, etwas Sonderbares, Ge⸗ heimnißvolles um ſich ziehen, man muß die Rolle der ſelbſtverläugnenden, verkannten Zärtlichkeit ſpielen, beſcheiden entfliehen, wenn die gefürchtete Nebenbuhlerinn eintritt, aber durch ein wohlange⸗ brachtes Schluchzen die Aufmerkſamkeit auf die Ent⸗ fliehende heften, man muß lange auf ſich warten laſſen, um dem Wenigen, was man zu geben hat, mehr Werth zu verleihen! O ich kenne dieſe Nän⸗ ke, dieſe Miene der duldenden Sanftmuth— ſie ver⸗ birgt meiſt ein liſtiges tückiſches Gemüth, das jene Zwecke heimlich zu erſchleichen ſtrebt, die es offen⸗ bar nie erreichen würdez ich kenne die verfeinerte Buhlerey dieſer Geſchöpfe, die bey der Ohnmacht der Natur ihre Zuflucht zur Kunſt nehmen! Ich habe ſie von jeher gehaßt, und dieſe Theophania am meiſten! Sie war mir widerlich, als ich ſie zuerſt in Synthium ſah. Ich bin offen, froh und heiter, wie mich die Natur gebildet hat; lich liebe und haſſe, wie es mein Herz befiehlt, und verlange nicht, eine Neigung zu verbergen, deren ich mich nicht zu ſchämen habe. Ich bin zu Agathokles ge⸗ eilt, als ich ihn in Gefahr glaubte, ich habe ihm meine Freundſchaft unverhohlen gezeigt, in allem meinem Werth oder Unwerth ſtand ich vor ihm; von ſeinem Herzen allein erwartete ich meine Wür⸗ digung, nicht von Schauſpielkünſten, die ich ver⸗ achte und verſchmähe. Aber das wollen die Män⸗ ner nicht. Sie wollen getäuſcht, gereizt, hinge⸗ halten ſeyn, und darum, wenn ſo ein von der Na⸗ tur vernachläſſigtes Geſchöpf einmahl ſich die Herr⸗ ſchaft über ein Männerherz zu erobern gewußt hat, iſt ihre Macht auch unzerſtörbar; denn weder Zeit, noch Alter, noch Krankheit kann den Zauber enden, der nicht auf den Einfluß der Sinne geſtützt, der bloß in der Einbildungskraft und dem Gemüthe gegründet iſt. Das iſt alſo das Ende aller jener Ausſichten⸗ Hoffnungen, Erwartungen! Sulpicia! Wer mir das geſagt hätte, als ich ihm bey dem kleinen Feſte den Kranz aufſetzte, als er erröthend, gerührt, be⸗ troffen, und in dieſer Verlegenheit ſo liebenswür⸗ dig vor mir ſtand! O es iſt zu arg, zu arg! Reunter Brief. Agathokles an Phocion. Nikomedien im März 305. Conſtantins Brief, den ich in meinem Nahmen an Dich zu ſchreiben bath, wird Dich von allem unterrichtet haben, was ſeit einigen Wochen mit mir vorgegangen iſt. Jetzt iſt meine Wunde am Arm, die unbeträchtlichſte von allen, ganz geheilt, und der erſte Gebrauch, den ich von dieſer Gene⸗ ſung mache, iſt, Dir zu ſagen, daß ein wunder⸗ bares Verhängniß mich plötzlich an das Ziel ge⸗ führt hat, das beynahe, ſeit ich lebe, der Gegen⸗ ſtand meiner heißeſten Wünſche, meines Entzü⸗ ckens, und oft meiner Verzweiflung war. Lariſſa iſt mein. Sie lebt, ſie iſt frey, und in wenig Ta⸗ gen wird eine heilige Ceremonie die Gefühle wei⸗ hen und rechtfertigen, die unſere Herzen ſeit unſe⸗ rer Kindheit zu Einem Weſen gemacht haben. Wie — 59— ſie dem Tod und der Gefangenſchaft entgangen iſi, warum ihr feines Gefühl ſie bewog, ſich durch ſechs Monathe meiner heißen Sehnſucht zu entziehen, wird Dich die Abſchrift ihrer Erzählung belehren, die ich hier beyſchließe. O Phocion! Welch ein Ge⸗ müth! Welche himmliſche Sanftmuth im Handeln, welche ſtille Kraft im Dulden der ſchwerſten Schick⸗ ſale! Nun iſt ſie mein, und nun ſey es meine hei⸗ ligſte Pflicht, dieß zarte Leben, das mir, ſeit ich denken kann, geweiht war, zu leiten, zu verſchö⸗ nern, und vor jedem Ungemache treu zu bewahren. Es wäre vergeblich, wenn ich Dir meine Gefühle ſchildern wollte, als Conſtantin, dem ſie ſich ent⸗ deckt hatte, mir die erſte Ahnung ihres Daſeyns gab, als er mich nach und nach errathen ließ, daß ſie Witwe, daß ſie mir unverbrüchlich treu, in meiner Nähe, unter Einem Dache mit mir ſey. Die Schwäche meines damahligen Zuſtandes, und dieß längſt auf⸗ gegebene Entzücken beraubten mich des Bewußt⸗ ſeyns. Mit heißem Ungeſtüme verlangte ich ſie zu ſehen, ſobald ich meiner Sinne mächtig war. Man wollte das nicht, man fürchtete, eine ſolche Scene würde nachtheilig auf meine Geſundheit wirken. O der ſchwachen Furcht! Wie könnte die Ver⸗ einigung der zwey Hälften eines Weſens, die ge⸗ trennt, ohnmächtig trauernd dahin ſchmachteten, etwas anders als ihr höchſtes Glück ſeyn! Siekam. Erröthend, zitternd, weinend blieb ſie von fern ſtehen. Ach ſie hatte es vermocht, an meiner Treue zu zweifeln! Sie hatte es vermocht, vier Tage mit mir in einem Hauſe zu ſeyn, und ſich zu verber⸗ gen! Ich rief ſie. Mit dem Tone erwachte die Ver⸗ gangenheit in ihrer Seele. Alles, was Mißver⸗ ſtändniß und Bosheit zwiſchen uns gelegt hatten, verſchwand. Sie ſank an mein Herz, unſere Blicke ſprachen, jeder Zweifel entwich. Rein, wie ent⸗ körperte Geiſter, ungehindert vonirdiſchen Beſchrän⸗ kungen, ſenkte mit einem Blicke ſich Seele in See⸗ le; die unſterblichen Bewohner unſerer Hüllen ver⸗ ſtanden ſich, es bedurfte keiner Worte, um ſich an⸗ ſchauend zu erkennen, und im eigenen Gemüthe al⸗ les zu finden und zu fühlen, was in dem andern vorging. Sie iſt mein, im höchſten, ausſchließend⸗ ſten Sinne des Wortes mein— mein Geſchöpf, wie ſie ſich ſelbſt nannte! Als ich das erſte Mahl mein Zimmer verlaſſen durfte, leitete ſie meine Schritte. Sie hatte ein Feſt veranſtaltet, wie nur die innigſte Liebe es erſinnen kann. Mit allen Blumen, die der Frühling jetzt ins Leben ruft, war das freundlich helle Gemach geſchmückt, in das ſie mich führte. Ihre zarten Geſtalten, ihre Düfte umfingen mich, ebenfalls in's — 86— Leben Zurückgekehrten, und in welches Leben der Seligkeit! Laue Lüfte, milde Strahlen der Früh⸗ lingsſonne drangen aus dem Garten durch die offe⸗ ne Thür in das duftende Zimmer. Hier hatte ſie mir ein Ruhebett bereiten laſſen— hier athmete ich an ihrer Bruſt zum erſten Mahl die freye Luft, traf mich zum erſten Mahl der Strahl der Früh⸗ lingsſonne. Sie hängt an mir mit allen Kräften ihres We⸗ ſens, mit allen ihren Gefühlen und Gedanken. Ich weiß, daß es nur eines Wortes, einer leiſen Anre⸗ gung bedürfte, um ſie zu jedem Opfer zu vermö⸗ gen; aber eben in dem Bewußtſeyn dieſer unum⸗ ſchränkten Gewalt über ihr Gemüth liegt für mich die heiligſte Verbindlichkeit, ihrer nie zu mißbrau⸗ chen, und jeden Schein von übergewicht zu ver⸗ meiden. Dieſe heilige Scheu von einer Seite, und die innigſte Hingebung von der andern erzeugen ein Verhältniß, deſſen Reinheit und zartes Leben un⸗ ſerer Verbindung einen Reiz gibt, den Witz, Schön⸗ heit und Leidenſchaft vergeblich nachzuahmen ſtre⸗ ven würden. Was iſt aller Zauber äußerlicher Rei⸗ ze, was die Lebhaftigkeit eines leichtbeweglichen Sinnes, und die Abwechslung, die nur von Abſicht oder Laune zeigt, gegen die unwiderſtehliche Ge⸗ walt der Sanftmuth, und des innigſten Zutrauens? Agath. III. Th. 6 — 823— Und ſie iſt auch ſchön; ſie iſt es nicht bloß in mei⸗ nen Augen! Mir zu Liebe putzt ſie ſich wieder. Ich äußerte neulich den flüchtigen Wunſch, ſie einmahl anders, als in dem gar zu ſchlichten Anzuge der Bewohnerinnen dieſes Hauſes zu ſehen. Am an⸗ dern Morgen trat ſie zwar einfach, aber höchſt edel gekleidet in den Garten, wo ich ihrer Ankunft län⸗ ger als gewöhnlich geharrt hatte. Ein goldener Gürtel faßte das blendendweiße Gewand unter dem keuſch verhüllten Buſen, goldene Spangen umzir⸗ kelten die ſchönen Arme, und über den hellbraunen Locken floß ein nebelartiger Schleyer bis zu ihren Ferſen nieder, und folgte ihr bey jedem Schritte in langſamen Bewegungen. Freude und Liebe hat⸗ ten ein feines Roth über ihre Wangen gehaucht; das große dunkle Auge ſtrahlte Seligkeit und Nu⸗ he. So ſtand ſie vor mir, und erweckte zartes Ver⸗ langen und ſtille Hoffnung, aber keine Begierde. Mein Vater iſt noch nicht verſöhnt, er hat den Fluch noch nicht von meinem Haupte genommen; und Theophaniens reine Seele zittert vor einer Verbindung, die unter ſolchen Vorbedeutungen ge⸗ ſchloſſen werden ſoll. Es iſt mir heilige Pflicht, ſie zu beruhigen, und ſo will ich zu meinem Vaterge⸗ hen; und wenn noch ein Funke väterlicher Liebe in ſeiner Bruſt lebt, ich will ihn finden, und wieder . — 835— erwecken. Was ich vielleicht um meiner ſelbſt wil⸗ len nicht thun würde, muß um Theophaniens wil⸗ len geſchehen. Ich habe geſchaudert, als mein Va⸗ ter ſeinen Zorn ſo fürchterlich ausſprach; aber mein Herz gab mir das Zeugniß, daß ich ihn nicht ver⸗ diente, daß es eine höhere Pflicht gäbe, als ſelbſt die kindliche, die, dem Worte unſers heiligen Lehr⸗ meiſters zu gehorchen: Vater und Mutter, Reich⸗ thümer und Beſitz zu verlaſſen und ihm nachzu⸗ folgen⸗ Dann bleibt noch ein ſeltſames Verhältniß zu löſen übrig, das von Calpurnia zu mir. Am erſten Tage nach jener Nacht, wo ich verwundet in das Haus der gütigen Pflegerinnen gebracht wurde, trat ſie unvermuthet in Knabenkleidern, ich kann wohl ſagen, zu meinem Schrecken in's Zimmer. Im erſten Augenblicke fürchtete ich, zu große Güte gegen mich, Mitleid, überraſchung habe ſie hinge⸗ riſſen, dieſen gewagten Schritt zu thun. Ihr leich⸗ ter Ton, ihr munteres Betragen zeigten mir bald, daß nur eine unverzeihliche Eitelkeit von meiner Seite dieſen Gedanken hätte feſt halten können. Liebe— ſolche Liebe, die ein Wagniß dieſer Art rechtfertigen könnte, wohnt nicht in dieſer luftigen Bruſt, in der jede Laune, jeder augenblickliche Eindruck offenen Eingang und willige Aufnahme — 84— finden! Calpurnia liebt nur ſich ſelbſt, und Ande⸗ re nur, in ſo weit ſie ihr angenehme Empfindun⸗ gen, Zerſtreuung u. ſ. w. gewähren. Kein ernſte⸗ rer Gedanke, keine beſſere Anſicht vermag etwas über ihr leicht flatterndes Weſen. So habe ich ſie hundert Mahl, ſo jetzt wieder erkannt, und alle Macht ihrer Reize gleiten von meinem Herzen ab. In jenen Augenblicken des rührenden Wiederſe⸗ hens, wie hätte ein liebendes Weib ſich betragen! Sie that den ungeheuren Schritt, um etwas Selt⸗ ſames zu thun. Die einzige Triebfeder, die ihn ent⸗ ſchuldigen konnte, fehlte; ſo bleibt er nichts als ei⸗ ne Wirkung der Laune und Abſicht. Ihr Leichtſinn iſt unbegreiflich; es gibt durchaus nichts, das ihren flatternden Geiſt feſt halten könnte. Conſtantin hat auf mein Bitten mit ihr geſprochen, und ihr erzählt, daß ich meine Theophania wieder gefunden habe; ſeitdem habe ich ſie nicht mehr geſehen, und erwar⸗ te jetzt nicht ohne unangenehmes Gefühl die Ent⸗ ſcheidung dieſes Verhältniſſes. Meine Hand iſt müde. Ich habe zwey Tage an dieſem Briefe zugebracht; denn ich kann weder oft noch anhaltend den Griffel führen. So baldich mehr ſchreiben darf, ſollſt Du wieder von Denen glück⸗ lichen Freunde hören. ——— Zehnter Brief. Agathokles an Phocion. Nikomedien im Aprill 303. Sp acht Tagen bin ich mit meiner Theophania vermählt. Der höchſte Wunſch, der bisher meine Bruſt bewegte, iſt erfüllt; und wenn Sterbliche ſagen können, daß ſie glücklich ſind, ſo können wir es, wenigſtens ſind wir es ganz in uns. Kein lei⸗ ſes Verlangen, keine Ahnung nach höherer Selig⸗ keit läßt irgend eine Saite unſerer Herzen leer und unberührt. Alle beben in vollen Schwingungen, alle vereinigen ſich zur reinſten Harmonie; und un⸗ ſer Leben könnte ein Bild jenes goldnen Zeitalters werden, an deſſen Daſeyn der Menſch, von den Gräueln der Wirklichkeit ermüdet, und voll Sehn⸗ ſucht nach einem vollkommenern Zuſtand, ſo gern glaubt. Aber dazu iſt der Pilger dieſer Erde nicht be⸗ — 66— ſtimmt; und damit er nie ſich übernehme, fehlt es. auch in ſeinen glücklichſten Lagen nicht an dunkeln Schatten, die den allzuhellen Glanz mäßigen. Un⸗ ſer Lvos iſt Arbeit und Kampf mit uns, mit der Welt, damit es uns und den Brüdern beſſer wer⸗ de. Wohl dem, der das erſte beſtanden, der Frie⸗ de mit ſich ſelbſt hat, und in ſeinen Wünſchen, An⸗ ſichten und Grundſätzen ein beſchloſſenes Ganzes findet! Ich hoffe, wenigſtens zum Theil, dieſe Stu⸗ fe erreicht zu haben. Es iſt ſtille in mir. Lariſſens Beſitz war eine weſentliche Bedingung dieſes Frie⸗ dens; ohne ſie war mein Daſeyn halb und unvol⸗ lendet. Sie allein verſteht mich ganz; ihr kindli⸗ cher Sinn faßt, was der Verſtand ſonſt würdiger Männer, in Weltanſichten verſtrickt, nicht immer zu begreifen fähig iſt. Auch Conſtantin, der nächſt Dir mein Innerſtes am tiefſten erkannte, und in den wichtigſten Dingen mit mir gleich denkt, em⸗ pfindet nicht gleich mit mir. Du weißt, daß ich geſonnen war, alles anzu⸗ wenden, um meinen Vater zu verſöhnen. Es iſt keiner der unbedeutendſten Vorzüge des Chriſten⸗ thums, daß es unter ſeinen göttlichen Geſetzen ei⸗ nes ausſpricht, das ſonſt nie eine Religion gab, ein Geboth, das, wenn wir die menſchliche Natur und den Gang der Empfindungen betrachten, höchſt — 8) weiſe und nützlich iſt; auch iſt es das einzige, das Verheißung hat. Ehre Vatern nd Mutter, auf daßes Dir wohlgehe, und Du lange lebeſt auf Erden. So ſpricht das Geſetz, das Gott auf Sinai unter den Schrecken des Gewitters und ſeiner Herrlichkeit dem ſinnlichen Volke der Wüſte verkündigen ließ. Vater⸗ und Mutterliebe hat die Natur in unſre Herzen gepflanzt; ſie braucht kein Geſetz einzuſchärfen. Aber der erwachſeno Zweig ſondert ſich vom Mutterſtamme, wurzelt für ſich allein, und wird zum Baume. Das junge Thier entläuft der älterlichen Pflege, ſo bald es fähig iſt, ſich ſelbſt zu erhalten; denn der Trieb der Natur wirkt vorwärts, nicht zurück. Nur der Menſch ſtcht höher; von ihm fordern die Welt und ſein Schöpfer mehr, er ſoll, wenn er ſelbſtſtändig iſt, die urhober ſeines Lebens nicht vergeſſen, er ſoll die Pflege ſeiner Jugend ihrem Alter vergelten; und da kein eingepflanzter Trieb ihn hierzu führt, ſo müſſen Dankbarkeit, Ehrfurcht, Gewohnheit alles bewirken. Darum erweiterten die Geſetzgeber das Anſehen der Ultern bis zum Rechte über Leben und Tod; aber Furcht gebiert keine Neigung, und nur in edeln Gemüthern treibt Dankbarkeit zur Wiedervergeltung. Da gab die höchſte Weisheit dem Menſchen das Geſetz der Liebe und Achtung für die Altern, knüpfte den Lohn daran, der für die Stufe der Entwickelung, auf welcher damahls das Menſchengeſchlecht ſtand, der höchſte war, und ordnete das Geſetz, das Ehrfurcht für die ſichtba⸗ ren Urheber des Lebens geboth, unmittelbar nach den Geſetzen, die die Verehrung für den unſicht⸗ baren Urheber desſelben enthalten. So trieb, nebſt Theophaniens Wunſch, auch das Gefühl der Pflicht mich zu dieſem Schritte; aber ich wollte es nicht wagen, mich unvorbereitet dem erzürnten Vater zu zeigen, den ſelbſt der dro⸗ hende Tod nicht an das Daſeyn ſeines Sohnes er⸗ innert hatte. Conſtantin ging zu ihm. Er fand ihn ſeltſam, nicht erzürnt, zuweilen ſogar gerührt, aber unſchlüßig, wankend, ſo daß er ſeine Antwort erſt am folgenden Tage zu ſchicken verſprach. Sie lau⸗ tete alſo: Wenn ich mich entſchließen könnte, ge⸗ ſetzmäßig und feyerlich allen Anſprüchen auf ſein Vermögen zu entſagen, weil er nicht geſonnen ſey, ſeine Reichthümer zum Beſten einer Chriſtenge⸗ meinde verwenden zu laſſen, ſo wollte er mich wie⸗ der als ſeinen Sohn erkennen, und ſeine Einwilli⸗ gung zu meiner Vermählung geben. Meine Wahl blieb keinen Augenblick zweifelhaft. Ich unterſchrieb das Inſtrument, das mir Conſtantin unwillig gab, und noch denſelben Abend eilte ich, meine vollkom⸗ — 89— mene Verzeihung ſelbſt von meinem Vater zu er⸗ halten. Ich ließ mich in einer Sänfte hintragen; ich trat in's Atrium, und befahl dem Sclaven, mich zu melden. Der Anblick unſerer Ahnenbilder, die in langen Reihen die Halle zierten, das Anden⸗ ken an meine Jugend, an meine theure Mutter, an ſo manche Seenen, die hier vorgefallen waren, das Sonderbare meiner jetzigen Lage, vielleicht auch die höhere Reizbarkeit meines Weſens, eine Folge meiner überſtandenen Gefahr, ſtimmten mich zu ungewöhnlicher Nührung; und als endlich, ſtatt des Selaven, den ich erwartete, um mich zu mei⸗ nem Vater zu führen, dieſer ſelbſt mit ſichtbarer Eile in's Atrium trat, auf mich zuging, und mit Mühe die tiefe Bewegung verbarg, die dennoch je⸗ de ſeiner Mienen verrieth, da überwältigte mich mein Gefühl, ich zog meines Vaters Hand an mei⸗ ne Lippen, eine Thräne fiel darauf, ich war nicht fähig, meinen Dank auszuſprechen; aber er ver⸗ ſtand meine wortloſe Nührung. Als er ſelbſt ſich ge⸗ ſammelt hatte, erkundigte er ſich höchſt gütig nach meiner Geſundheit, meinem Zuſtande, er fand mich noch ſehr bleich und entkräftet, und faßte mei⸗ nen Arm, um mich zu unterſtützen, und in die in⸗ nern Gemächer zu führen. Er that dieß mit ſo ſichtbarer Schonung meiner Wunden, daß ich wohl — 9⁰— fühlte, er ſey von meiner Lage viel beſſer unter⸗ richtet, als er ſcheinen wollte. Ich war unaus⸗ ſprechlich gerührt; ich küßte ſeine Hand von Neuem, ich drückte ſie an meine Bruſt. Er ſchien mit Ge⸗ walt ſeine eigene Bewegung zu unterdrücken; den⸗ noch nannte er mich ſein Kind— eine Benennung, die lange nicht zwiſchen uns gehört worden war— er ließ mich an ſeiner Seite niederſitzen, er über⸗ häufte mich mit allen Bequemlichkeiten und Erfri⸗ ſchungen, die er mir in dieſem Augenblicke ver⸗ ſchaffen konnte, und entließ mich erſt nach zwey Stunden mit dem Auftrage, ihm des andern Ta⸗ ges meine Braut vorzuſtellen. Des Inſtrumentes wurde nicht gedacht; es ſchien, als ſcheute ſich mein Vater, ſeiner zu erwähnen. Irre ich nicht ganz, ſo waren hier Rathgeber und Freunde thätig, die ihn zu einem Schritte beredet haben, den er ſelbſt vor ſeinem Gefühle nicht rechtfertigen kann. So glücklich, ſo kindlich froh, als Theophania durch die Nachricht von meiner Aufnahme bey mei⸗ nem Vater wurde, hatte ich ſie niemahls geſehen. Eine drückende Laſt ſchien von ihrer Seele genom⸗ men; ſie ſcherzte, ſie tändelte, und dieſe jußerun⸗ gen einer ſchuldlos reinen Freude, je ſeltener ſie bey ihr ſind, gaben ihrem ganzen Weſen einen neuen eigenthümlichen Reiz. Der Abend, den ich mit ihr zubrachte, war einer der ſchönſten meines Lebens. Sein Andenken wird, wie ein ſtrahlender Stern, künftig durch meine Vergangenheit glän⸗ zen, und das Bild ſeines Glückes vielleicht manche trübe Stunde der Zukunft erhellen. Am andern Morgen ſchickte mein Vater Lariſ⸗ ſen ſehr koſtbare Geſchenke. Mehrere Selaven brach⸗ ten ſie. Die väterliche Liebe wußte das ſelbſtgege⸗ bene Geſetz zu umgehen; was dem Sohne nicht werden durfte, ſollte die künftige Tochter erhalten. Es waren reiche Gewande, Geſchmeide aller Art, köſtliche Schleyer u. ſ. w. Auf mein Bitten ſchmück⸗ te ſich Theophania ſogleich damit, und wir traten in Umgebungen, wie ich ſie den Wünſchen und An⸗ ſichten meines Vaters am entſprechendſten fand, unſern Weg zu ihm an. Er ſchien angenehm durch Theophaniens Geſtalt und Betragen überraſcht, das man ihm vermuthlich ganz anders geſchildert haben mochte. Er empfing ſie als die Witwe des Demetrius mit unverſtellter Achtung, und als ſei⸗ ne künftige Tochter mit eben ſo unverkennbarem Wohlwollen. Mir trug er an, ſo bald ich ganz hergeſtellt, und der ſorgſamen Pflege nicht mehr bedürftig ſeyn würde, in ſeinem Hauſe zu wohnen. Das war ich beynahe; und ſo nahm ich mit Dank⸗ barkeit ſeine Güte an, ſo wenig mich die Entfer⸗ — 92— nung von Theophanien freuen konnte, die vor der Hand bis zu ihrer Vermählung in dem Witwen⸗ hauſe blieb. Ich begleitete ſie alſo bloß zurück, und kehrte zu meinem Vater wieder, wo ich bereits meine gewohnten Gemächer mit allen meinen Sa⸗ chen, die er ſchnell aus dem Quartiere der Leib⸗ wache hatte abhohlen laſſen, und noch überdieß mit allen Bequemlichkeiten verſehen fand, die meine Lage jetzt vielleicht nothwendig machen konnte. Mein Vater machte glänzende Anſtalten zu un⸗ ſerer Vermählung. Theophania und ich hätten uns mit dem zehnten Theil aller dieſer Pracht begnügt; aber wir hatten uns vorgenommen, in allen ſol⸗ chen äußerlichen Dingen ihm, der hierin einen ſo großen Theil ſeines Glückes ſetzt, gar nicht zu wi⸗ derſprechen. Sobald alles gehörig bereitet war, führte ich Theophanien, als meine Gattinn, in das väterliche Haus. Heliodor hatte uns getraut; aber mein Vater äußerte ſehr beſtimmt, daß er die Braut ſeines Sohnes auf Altrömiſche Art in ſein Haus aufzunehmen wünſchte. Wir fügten uns auch die⸗ ſem Wunſche, und ſo wurden Theophanien die Schlüſſel des Hauſes übergeben 6), Feuer und Waſſer überreicht, die Selaven vorgeſtellt u. ſ. w.; und bis auf das Opfer am Altare der Laren, das ihre Religion verboth, verrichtete ſie alles mit ei⸗ 95— nem Anſtand und einer Liebenswürdigkeit, die, das ſah ich wohl, ihr das Herz meines Vaters ge⸗ wann. Seit der ſchwere Druck des Unglücks nicht mehr auf dieſem zarten Gemüthe liegt, erhebt ſie ſich in ſtiller Heiterkeit, und einem reizenden Froh⸗ ſinn, der ſie verſchönert, der ſie zu einem von der ehemahligen Lariſſa ganz verſchiedenen Weſen macht. Sie führt das große Hausweſen meines Vaters mit Leichtigkeit und Ordnung, und der frohe Greis ſcheint ſich in dem Umgange ſeiner Kinder, deren Glück er als ſein Werk betrachtet, zu verjüngen. So bin ich unausſprechlich glücklich. Nur Conſtantin iſt mit mir unzufrieden. Mein ſchnelles Verzichtleiſten auf die Reichthümer mei⸗ nes Vaters erregte einen Streit zwiſchen uns. Con⸗ ſtantins Geiſt, der große Abſichten durch kräftige Mittel zu erreichen ſtrebt, glaubt dieſe zum Theil in beträchtlichen Reichthümern zu finden. Er hat nicht Unrecht, aber mein Ziel liegt nicht ganz bey dem ſeinigen; und der geliebte Sohn eines ſehr gütigen Vaters, den nie ein Mißverſtändniß von ſeinem Herzen riß, hat keine Vorſtellung von dem Preiſe, um welchen ein vernachläßigtes Kind die väterliche Zuneigung gern wieder erkauft. So blei⸗ ben unſere ſchuldloſeſten, unſere heiligſten Freuden nicht rein. Ich habe Conſtantin ſeit jenem Streite nicht wieder geſehen. In einigen Tagen denke ich nach Synthium zu gehen, und dort in einſamer Stille und reiner Luft meine Kräfte ganz zu erhohlen. Mein Vater hat verſprochen, mich oft zu beſuchen. Dort, wo meine treffliche Mutter lebte, wo ihr ſchönes Da⸗ ſeyn ſo früh zerriß, wo wir als Kinder um ſie ſpielten, werde ich mit Lariſſen leben; aber ſelbſt im Arme der Liebe werde ich nie vergeſſen, daß Du von mir getrennt biſt, und Conſtantin mir zürnt. — 95— Eilfter Brief. Calpurnia an ihren Bruder, Lucius Piſo. Nikomedien im Aprill 303. Einſt war eine Zeit, wo ich Thränen und Kum⸗ mer nur aus fremder Erfahrung kannte, oder ein ſeltner trüber Augenblick, eine leichte Sorge, ein bald zerſtreuter Schmerz die hellen Farben in dem Gemählde meines Lebens durch ſeinen Schatten de⸗ ſto blendender erhob. O goldene Zeit! Wo biſt Du hin? Mir iſt, als hätte ich bis jetzt in dem ſchönen Traume der Kindheit gelebt, und wäre erſt hier in Aſien zur Wirklichkeit, zur reifen Beſinnung er⸗ wacht. Hesperien! Schönes mütterliches Land! Wie ſo ganz anders war es dort! Wie glücklich, wie beglückend war dort mein Leben! Und wie reiz⸗ los, wie düſter iſt es hier! Meine arme Sulpicia werde ich ſchwerlich wie⸗ der ſehen. Ihren letzten Brief erhielt ich vor einem — 596— Monathe in eben der Zeit, wo ein friſch zerriſſe— nes Band anderer Art mein Herz in eine trübe Stimmung verſetzt hatte. Er enthielt Ahnungen ihres nahen Todes. Ich hatte das beynahe gefürch⸗ tet, als ich ſie im vorigen Frühling in dem unſeli⸗ gen Synthium wieder ſah. Ihr Zuſtand verſchlim⸗ mert ſich jetzt täglich, ſie iſt nicht mehr im Stande zu ſchreiben. Vielleicht, während ich Dir dieß ſa⸗ ge, lebt ſie nicht mehr. O meine Sulpicia! Un⸗ glückliches, ſchuldloſes Ha einer allzutreuen Zärtlichkeit! Vorgeſtern habe ich einen Brief von Tiridates erhalten; er war im Tone der düſterſten Verzweif⸗ lung geſchrieben. Jetzt, da er auf dem Punecte ſteht, ſie auf ewig zu verlieren, iſt ſeine Leidenſchaft in ihrer ganzen Stärke erwacht. Ach, war es nicht ihr Verlöſchen, was ſie an den Rand des Grabes gebracht hat? Welcher Widerſpruch im männlichen HBerzen! Die Urzte, ſagte er mir, geben beynahe alle Hoffnung auf. Beynahe! An dieſem ſchwachen Faden hält ſich ſeine verzweifelnde Liebe doch noch feſt, und manches Mahl ſchimmert ein Hoffnungs⸗ ſtrahl durch das Dunkel ſeiner Seele. Armer Ti⸗ ridates! Er iſt ſehr unglücklich, und Trotz aller ſei⸗ ner Schuld und ſeinem Leichtſinne kann ich ihn jetzt nur beklagen; denn er leidet unausſprechlich, um ſo mehr, da ſein Herz ihm heimlich Vorwürfe ma⸗ chen muß. So leiden denn alle guten Menſchen; alle ſind gequält. Und warum ſind wir denn gut Warum thut nicht jeder für ſich, was ihm die Klugheit räth, ohne ſich um die andern zu bekümmern? O die Selbſtſüchtigſten ſind die Glücklichſten; und je län⸗ ger ich in der Welt lebe, je mehr ſehe ich die Recht⸗ mäßigkeit und Klugheit ihres Verfahrens ein. Krieg gegen Krieg, Liſt gegen Liſt, Kälte gegen Kälte! Wer am längſten aushält, iſt der Glücklichere, und dann auch in ſeinen und der Welt Augen der Beſſe⸗ re, der Verſtändigere. Iſt nicht in der ganzen Na⸗ tur das Recht des Stärkern gültig? So denn auch in der geſitteten Welt, nur mit dem Unterſchiede, daß hier Verſtand und Geſchicklichkeit ſtatt der kör⸗ perlichen Kraft eintreten. Hier iſt der Klügere der Stärkere. So laß uns denn klug ſeyn, und nichts als klug, ſo lange das Flämmchen des Lebens brennt! Dann faßt uns die Urne, und wir ſind Staub, wir mögen für uns allein geſorgt, oder uns um Anderer willen hingeopfert haben. Ars ich Dich verließ, als ich mit frohem Mu⸗ the das Schiff beſtieg— o warum hat kein Gott mir damahls mein Geſchick verkündet, kein unglück⸗ Agath. 1II. Th. 7 liches Wahrzeichen mich zurückgehalten an dem va⸗ terländiſchen Ufer! Zu welchen Erfahrungen bin ich nach Bythinien gekommen! Die ich liebe, muß ich entbehren und verlieren, die ich haſſe, verfolgen mich, die ich vergeſſen möchte, ruft mir das Schick⸗ ſal mit immer neuer Lebhaftigkeit zurück. Agatho⸗ kles iſt verheirathet, und lebt in Synthium. O wie viele Erinnerungen drängen ſich in das einzige Wort! Um ſeines Vaters Einwilligung zu ſeiner Heirath zu erhalten, hat er ſeinem Erbtheil ent⸗ ſagt. Du weißt, ich bin nicht habſüchtig; aber es iſt keine Kleinigkeit, wenn man im überfluß erzo⸗ gen worden iſt, alle die tauſend Bequemlichkeiten und Genüſſe zu entbehren, die der Reichthum ſicht⸗ bar und unſichtbar um ſeine Günſtlinge verbreitet. Sein Vater hat dieß Opfer nicht um ihn verdient, ſchon darum nicht, weil er dieſe Forderung machen konnte; dennoch bringt es Agathokles. Ich konnte ſeinen Schritt nicht billigen, als ich es hörte; aber ich mußte ihn achten. Noch war die Bewegung, die jene Rachricht in meinem Innern erregt hat, nicht ganz geſtillt, als neue Kränkungen und neue Erin⸗ nerungen mir ſein Bild in einem noch glänzendern, noch gefährlichern Lichte vor die Seele riefen. Ich bin ihm ſehr verpflichtet geworden; und daß dieſe Schuld, die ich einſt ſo gern übernommen haben „ würde, mich nun drückt, kannſt Du wohl denken. Der verächtliche Makcius Alpinus, von dem ich nun beſtimmt weiß, daß er in Nicäa niedrige Ab⸗ ſichten auf Theophanien gehabt hat, hat vermuth⸗ lich berechnet, daß es nicht ſo übel wäre, den Pro⸗ eonſul Lucius Piſo zum Schwiegervater zu haben, und iſt ſeit jenem unſeligen Abend, wo er mich auf dem Wege nach Nikomedien fand, mein erklärter Verehrer und Freyer. Er peinigte mich mit ſeiner Zudringlichkeit, er wandte ſich an meinen Vater, an den Bruder, an einige Freunde; ich wurde von gllen Seiten mit thörichten Erzählungen von ſei⸗ ner Leidenſchaft, von den Qualen, die er um mei⸗ netwillen und durch meine Härte leide, geplagt. Als mir dieſe Art von Peinigung zu viel wurde— o ich war in dieſer Zeit ſo wenig geſtimmt, mit An⸗ derer Bosheit oder Thorheit Geduld zu haben!— erklärte ich ihm einmahl geradezu, daß ich nun und nimmer die Seinige werden könnte. Ich war im Anfange ganz artig; aber der pie⸗ drige Menſch glaubte in dieſer Schonung eine ge⸗ heime NReigung oder Furcht zu ſehen— die Götter mögen wiſſen, was— genug, er wurde zudring⸗ lich, ungeſtüm; er trotzte auf Rechte, er wollte An⸗ ſprüche geltend machen. Da übermannte mich der Unwille, und ich zeigte ihm meine ganze tiefe Ab⸗ 7— — 100— neigung und Verachtung. Glaubſt Du, daß der Boſewicht dadurch beleidigt oder entrüſtet worden wäre? Nicht im geringſten! Lächelnd, mit einer Miene, die mein ganzes Weſen empörte, neigte er ſich, und ſagte: Die ſchöne Calpurnia kleidet auch der Zorn; aber ich bitte ſie, nicht zu vergeſſen, daß diejenige, die in Männerkleidern einem grauſamen Geliebten nachläuft, kein Recht hat, in dieſem To⸗ ne mit einem Manne zu ſprechen, der ehrliche Ab⸗ ſichten auf ſie hat. Bisher habe ich aus Schonung geſchwiegen; aber die Geſchichte dieſer Verkleidung iſt zu luſtig, um ſie der ſchönen Welt in Nikome⸗ dien länger zu entziehen. Er neigte ſich und ging. Mich hatten Scham, Zorn und Erſtaunen ſtumm gemacht. Erſt als er entfernt war, vermochte ich den ganzen Umfang ſeiner Bosheit und meine Ge⸗ fahr einzuſehen. Ich war außer mir. Ich wagte nicht, mit meinem Vater zu ſprechen; ich zitterte vor ſeiner gerechten Ahnung, und fürchtete zugleich, daß vielleicht irgend eine gewaltſame Maßregel, die ihn die Sorge für die Ehre ſeiner Tochter ergreifen machen würde, das übel ärger machen könnte⸗ Am Abend des folgenden Tages kam Quintus mit glühendem Geſichte und funkenſprühenden Augen zu mir. Der Böſewicht Marcius hatte ſeine Dro⸗ hung bereits ausgeführt, und in einer luſtigen Ge⸗ N ſellſchaft ſeiner Zechbrüder meine Geſchichte, mei⸗ nen und Agathokles Nahmen Preis gegeben. Ei⸗ ner von den Gäſten hatte es unter dem Scheine des Zweifels und als ein unglaubliches Mährchen mei⸗ nem Bruder erzählt. Ich brachte die Nacht in ei⸗ nem qualvollen Zuſtande zu; nicht beſſer war der folgende Tag. Ich zitterte, ſo oft jemand eintrat, ſo oft man meinem Vater einen Beſuch meldete, daß jetzt wicder der unſeligen Geſchichte erwähnt werden würde. Plötzlich am dritten Tage war Marcius aus Nikomedien verſchwunden, doch nicht ohne vorher ſeine vorige Erzählung als einen Scherz, deſſen Veranlaſſung eigentlich eine tolle Wette unter ihm und einem ſeiner Freunde geweſen wäre, ernſtlich und feyerlich widerrufen zu haben. So war das Gewitter dieß Mahl vorübergegangen, undich konn⸗ te nicht begreifen, wie? bis ein paar Tage darauf Quintus durch denſelben Centurio, der ihm die Ge⸗ ſchichte zuerſt erzählt hatte, erfuhr, daß Agathokles in größter Eile von Synthium gekommen, und bey Marcius abgeſtiegen war, daß man ſie ſehr lebhaft ſtreiten gehört habe, daß Marcius ſogleich ſeine Pfer⸗ de zu ſatteln, und den Selaven, ſich reiſefertig zu machen, befohlen habe, und noch denſelben Abend, wenige Stunden nach Agathokles, der ſogleich wie⸗ — 102— der auf ſeine Villa zurückgekehrt war, die Stadt verlaſſen habe. So war denn die Rettung meines guten Nah⸗ mens Agathokles Werk, ſo bin ich ihm dafür ver⸗ pflichtet! Und er äußert nichts gegen mich, er ent⸗ zieht ſich meinem Dank, er weiß vielleicht gar nicht, daß mir die ganze Sache bekannt iſt. O mein Lucius! Iſt es möglich, dieß zu denken, ein füh⸗ lendes Herz, und einſt ſo lachende Hoffnungen ge⸗ habt zu haben, und jetzt ruhig oder kalt zu ſeyn? Was wird noch aus mir werden? Ein Entſchluß ſteht feſt in meiner Seele. Wenn mein Schickſal fortfährt, Qual auf Qual, Beſchä⸗ mung auf Beſchämung über mich zu häufen, ſo will ich ſeinen Launen weichen, ich will den Ort verlaſſen, an den ich unter ſo unglücklichen Vor⸗ bedeutungen gekommen bin, und meinen Vater bitten, daß er mich nach Rom zu Dir und meiner Tante Sempronia zurückſchicke. Hier kann ich es nicht länger aushalten. *„ — 205— Zwölfter Brief. — Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus. Cäſarea im May 303. Haben die Eumeniden mir dieſen Agathokles zur Strafe meiner Vergehungen geſandt? Lebt der Menſch nur, um mir überall, wo ich ihn am we⸗ nigſten vermuthe, in den Weg zu treten? Sein Fanatismus, die Eitelkeit der Einen, die Schwä⸗ che des Andern, alles muß ſich vereinigen, um Pla⸗ ne zu zerſtören, die weit klüger angelegt waren, als dieſe ſchwachen Seelen es je auch nur träumen konnten. Sein Vater hat ihm verziehen, und alles was ich ſeit Monathen mit Verſtand und Vorſicht be⸗ reitete, wird nun an dem langſamen Feuer häus⸗ licher, kindlicher Zärtlichkeit ſchmelzen. Wer hätte auch an die ungeheure Thorheit glauben ſollen, daß. ein Menſch, der fünf geſunde Sinne hat, um die — 104— Einwilligung ſeines Vaters zum Beſitz eines Wei⸗ bes, das ihm jederzeit gewiß war, zu erhalten, ein Vermögen von mehr als hundert Talenten aus⸗ ſchlagen würde! Als ich ſicher war, daß Theophania nicht bloß in Nikomedien, daß ſie unter einem Dache mit ihm lebte, und mir den Schluß der Tragikomödie an den Fingern abzählen konnte, war es natürlicher Weiſe nothwendig, alles vorzukehren, was dieſe Verbindung entweder gleich trennen, oder wenig⸗ ſtens auf ſo lange Zeit verſchieben konnte, daß mir Muße und Gelegenheit übrigten, allerley andere Hinderniſſe herbeyzuführen. Hegeſippus iſt ſchwach, eitel, und darum ſehr lenkbar. Er hatte im erſten Anfalle des Zornes ſei⸗ nem Sohn den Fluch gegeben, als er von ihm hör⸗ te, daß er ein Chriſt ſey; ich durfte alſo nur auf dieſem Grunde fortbauen, und that es mit Klug⸗ heit und gutem Erfolge. Bey der Nachricht von der Gefahr ſeines Sohnes bekam zwar der ſchwache Alte eine Art Rückfall; aber ich machte ihm begreif⸗ lich, wie ſehr er ſein Anſehen vor der Welt und bey Hofe auf's Spiel ſetzen würde, wenn er jetzt nachgäbe, und den Sohn anerkennte, der ſich ge⸗ radezu als Rebell gegen den kaiſerlichen Befehl ge⸗ zeigt hatte, und ich brachte es dahin, daß er we⸗ — — — i5 nigſtens öffentlich ſich gar nicht um ihn zu beküm⸗ mern ſchien. Aber freylich, wie das bey Menſchen dieſer Art geht, ich konnte nicht hindern⸗ daß nicht täglich ein Sclave heimlich in das Witwenhaus ab⸗ gefertigt wurde, der ſich unter fremden Nahmen nach allen Umſtänden des Sohnes erkundigen muß⸗ te. Ich ließ die Thorheit hingehen, weil ich ſie für unſchädlich hielt; aber man ſoll keinen, auch nicht den unbedeutendſten Umſtand außer Acht laſſen, be⸗ ſonders wenn man mit ſo unzuſammenhängenden Gemüthern zu thun hat. Ein paar Wochen waren ſtill vergangen; da er⸗ ſchien plötzlich Conſtantin, und wandte ſich im Nah⸗ men ſeines Freundes an Hegeſippus, und bath ihn um ſeine Einwilligung, und ſeinen Segen zur Heirath. Der Alte war beſtürzt, geſchmeichelt, ge⸗ rührt. Er hatte auf dieß Zeichen von Liebe und Un⸗ terwerfung gar nicht mehr gerechnet, und Agatho⸗ kles hätte den Vothſchafter nicht beſſer wählen kön⸗ nen. Es war der Sohn des abendländiſchen Cäſars, der als Client im Nahmen ſeines Sohnes, ſeines innigſten Freundes, vor ihm ſtand! Zum Glück beſann ſich der ſchwachſinnige Greis noch ſo viel, daß er nicht auf der Stelle ja ſagte, ſondern die Antwort den folgenden Tag zu geben verſprach. Er ließ mich rufen, ich war ſelbſt überraſcht. Wer hätte dieſe neue Thorheit von Agathokles vermuthen ſol⸗ len? Da er mir aber ſo gutmüthig die Waffen gegen ihn in die Hand gab, wäre es Wahnſinn geweſen, ſie nicht zu brauchen. Ich ſtimmte den Alten, was über⸗ haupt nicht ſchwer iſt, und ließ ihm in der Ferne eine Ausſicht ſehen, vor der ihm graute, ſein Ver⸗ mögen zum Nutzen und zur Emporbringung einer Secte angewendet, die er haßte und verachtete, die ihm ſchon ſo viel Herzeleid gemacht hatte. Der Ent⸗ ſchluß war bald gefaßt. Hegeſippus gab ſeine Ein⸗ willigung, aber nur bedingungsweiſe— nur dann nähmlich, wenn Agathokles allen Anſprüchen auf ſein Vermögen entſagte. Ich konnte mir nicht den⸗ ken, daß er dieſe Bedingung eingehen würde, und eben ſo wenig, daß die andächtige Theophania, de⸗ ren Einwirkung ich in jenem Schritte deutlich erkann⸗ te, ſich entſchließen würde, ihm wider oder ohne des Vaters Einwilligung ihre Hand zu geben. Es war alſo vorerſt ein Hinderniß zwiſchen ihnen und dem Ziele ihrer Wünſche aufgethürmt; und ich fing an, gute Hoffnungen zu nähren. Da zerſtörte der raſende Schritt des fanatiſchen Menſchen den ganzen Plan. Er unterzeichnete die Entſagung. Der Alte wurde gerührt, weichherzig. Er nahm den zurückgekehrten Sohn mit größter Zärtlichkeit auf, und überſchüttete die fromme S v — 10)— Schwiegertochter mit prächtigen Geſchenken. So ſucht ſeine Erbärmlichkeit den Sinn der Bedingung, die er ſelbſt gegeben hat, thöricht zu umgehen. Wie verächtlich ſind dieſe Geſchöpfe! Recht beym Lichte beſehen, iſt Agathokles viel⸗ leicht feiner, als ich dachte; wenigſtens hätte er ſich⸗ wenn er mich zu überliſten geſonnen war⸗ nicht an⸗ ders betragen können⸗ Er hofft vielleicht, nachdem er nun einmahl jetzt die Einwilligung des Vaters erſchlichen hat, durch Unterwerfung und kindlichen Gehorſam eines Tages dem weichherzigen Alten auch noch die Erbſchaft abzuſchwatzen. Doch dafür ſoll Sorge getragen werden. Leucippus, ein Neffe des Alten, der, wenn er ohne Kinder ſtürbe, ſein natürlicher Erbe wäre, iſt durch mich bereits von dem Fall unterrichtet, und hundert Talente Gol⸗ des, die ihm zufallen, verlohnen ſchon der Mühe, daß man dem Oheime mit Fleiß und Klugheit den Hof mache. Doch nicht dieſe einzige Sache iſt's, die meine Galle gegen ihn rege gemacht hat. Er hat mich vor einigen Tagen auf eine Art beleidigt und gereizt⸗ die ich, ihm zu vergelten, mir feſt und ſicher vor⸗ genommen habe. Die Zeit wird die Gelegenheit herbeyführen, bis dahin bleibt alles ſtill und ru⸗ hig. Du weißt, daß ich mich ſeit jenem ſeltſamen — 108— Zuſammentreffen Calpurnien von Neuem genähert habe. Sie iſt ſchön, ſie iſt reich, ihr Vater hat be⸗ deutenden Einfluß. Aber mein Geſicht ſchien ihr nicht zu behagen; ihr Herz war noch zu voll von dem Bilde des chriſtlichen Schwärmers. Genug, ſie begegnete mir zuerſt kalt, dann übermüthig, dann verächtlich. Ich hätte mich darüber hinausgeſetzt⸗ wenn ich hätte hoffen können, auf dieſe Art zum Ziele zu gelangen. Aber Calpurnia iſt eigenſinnig, ſie reizte mich immer mehr und mehr; daübernahm mich endlich der Zorn, und in einer ſchwachen Stunde ließ ich mich hinreißen, nicht allein ihr zu drohen, daß ihr guter Ruf ſeit jener Zuſammen⸗ kunft in meiner Gewalt ſey, ſondern auch noch den⸗ ſelben Abend, von Wein und Zorn erhitzt, unter einer frohen Geſellſchaft die Geſchichte zu erzählen. Zwey Tage darauf meldet man mir Agatho⸗ kles. Ich glaubte, der Selave habe den Nahmen nicht recht verſtanden. Er war es wirklich. In ſei⸗ nen dunkelglühenden Blicken, in ſeiner ganzen Hal⸗ tung lag der kalte übermuth, denn dieſe Menſchen Tugendſtolz nennen. Mit empörendem Tone ſiellte er mich über mein Betragen gegen Calpurnien zur Rede, das er, die Götter mögen wiſſen wie? er⸗ fahren hatte. Mein Blut kochte; ich bezwang mich mit Mühe ſo weit, daß ich ihn gelaſſen fragte, was ihn das anginge, und woher ihm das Recht zu die⸗ ſer Frage käme? Nun brachen die Schleußen ſei⸗ ner Beredſamkeit los; er ſprach von Niederträch⸗ tigkeit, von hämiſcher Rache, von der Pflicht je⸗ des ehrlichen Mannes, ſich der beleidigten Ehre ſei⸗ nes Nebenmenſchen anzunehmen u. ſ. w. wie die Gemeinplätze der ſchönen Seelen alle heißen. Mei⸗ ne Geduld riß endlich, und ich erklärte ihm gera⸗ dezu, daß ich ſeine Beleidigungen und ſein Ge⸗ ſchwätz nicht länger dulden wollte. Da trat er zu⸗ rück, ſah mich mit einem Blicke an, den ich mir noch jetzt nicht vergegenwärtigen kann, ohne jeden Tropfen Blut in Aufruhr zu fühlen, und ſagte mit empörender Kälte: Mareius! Wie kannſt Du es wagen, dieſe Sprache zu führen? Weißt Du nicht, daß es in meiner Macht ſteht, Dich zu ver⸗ derben? Und nun fing er an von Dingen zu ſpre⸗ chen, die ihm die Furien eingegeben haben mußten. Er war von Vorfällen unterrichtet, die ich in tie⸗ fes Dunkel vergraben glaubte; er wußte Dinge, die aus einem andern Munde als dem meinen zu hören, mir die Haare empor ſträubte. Hatte Con⸗ ſtantin ſie erfahren ² Hatte mein böſer Dämon mich verrathen? Die Götter mögen es wiſſen. Genng, ich muß ihn fürchten, und ſchonen. Knirſchend vor Wuth, leiſtete ich ihm das Verſprechen, die Erzäh⸗ lung als eine Poſſe zu widerrufen, und mich Cal⸗ purnien nie wieder zu nähern. Er ging, und ich verließ Nikomedien denſelben Tag. Aber er ſoll nicht umſonſt das alles wiſſen, und mir gedroht haben. Ich werde mich rächen. Wie und wann? wird der Zufall, die Klugheit beſtim⸗ men, aber ſein Haupt iſt den Unterirdiſchen ge⸗ weiht. Leb wohl! Dreyzehnter Brief. Theophania an Junia Marcella. Synthium im Junius 305. Du ſollſt Dich nicht mehr zu beklagen haben, meine geliebte Freundinn, daß ich Dir, ſeit ich glücklich bin, ſo ſelten ſchreibe. Wir ſind jetzt ſeit einigen Tagen auf unſerem ſtillen Landhauſe, und meine Zeit iſt freyer. So lange ich in Nikomedien im Hauſe meines Schwiegervaters lebte, war ein großer Theil meiner Stunden der Beſorgung ſei⸗ nes ſehr weitläufigen Hausweſens, und der Unter⸗ haltung dieſes gütigen Greiſes geweiht, der aber leider, wie die meiſten Menſchen, die in der Zeit ihrer Jugend und vollen Kraft nur immer außer ſich und in ſteter Zerſtreuung gelebt haben, nun, da Alter und Schwächlichkeit ihm dieß einzige Element, in dem ſein Weſen ſich fühlte, unzugäng⸗ — 112— lich machen, ſehr ſchwer zu unterhalten, und faſt nie zu befriedigen iſt. Hier bin ich ſehr vergnügt. Hier im Schatten blühender Haine, im Gedüfte von tauſend Blu⸗ men, im Genuſſe der fröhlichſten Einſamkeit leben wir uns ſelbſt und unſerer Liebe. An Agathokles Hand durchſtreife ich die Scenen meiner Jugend⸗ freuden, die Vergangenheit ſchmilzt in wunderba⸗ rem Zauber mit der Gegenwart zuſammen, alles Trübe, Nächtliche, was zwiſchen unſerer frohen Kindheit und dem ſeligen Jetzt lag, iſt verſchwun⸗ den, wir ſind wieder, was wir damahls waren, fröhliche glückliche Kinder, und in ſeinem engelrei⸗ nen Geiſte iſt nichts, was dieſen ſchönen Traum ſtörte, nichts, als die Erhabenheit ſeiner Anſichten, und die Fülle ſeiner Empfindungen, mit der er das Wohl ſeiner Glaubensgenoſſen, der ganzen Welt heiß umfaßt, und die zuweilen, wie ein leuchten⸗ der Blitz des Himmels, über die Blumengefilde unſerer Liebe erhaltend, erhebend fährt. In einſamen Stunden, wenn der Hain um mich rauſcht, wenn ein reges Frühlingsleben durch alle Weſen webt und ſchauert, und ich im Gefühle mei⸗ nes Glückes ſelig zerfließe, dann fühle ich den Hauch der allgegenwärtigen Gottheit, und mein inniges Entzücken löſet ſich in ſtillen Dank auf gegen den, — 15— der das Dunkel meines Schickſals ſo väterlich er⸗ hellte, und durch finſtere Pfade mich zu dieſem Lichte geführet hat. Iſt es möglich, daß Menſchen ſo ſelig ſeyn und bleiben können, als ich es bin? Iſt dieſe Stille alles Verlangens, dieſes Bewußt⸗ ſeyn ganz erfüllter Wünſche nicht zu ſehr Vorge⸗ ſchmack unſers Zuſtandes in beſſern Welten, um auf dieſer einheimiſch zu ſeyn? Ach, ſo frage ich mich oft, und mein erſchüttertes Herz zittert vor der Wahrſcheinlichkeit einer nahen Veränderung. Aber ich weiſe dieſe Gedanken nicht zurück, ich ſeg⸗ ne dieſe heilſamen Warner vor übermuth⸗ die ge⸗ wiß mein Schutzgeiſt mir ſendet. Sie lehren mich, meines Glückes in Demuth mich freuen, und ſei⸗ nen ungetrübten Genuß durch kindliche Ergebung heiligen. Unſere Lebensweiſe iſt bequem, aber von über⸗ fluß entfernt, unſerer Sclaven ſind wenig, unſere Speiſen einfach; aber wir fühlen beſtimmt, daß die Reichthümer unſeres Vaters unſer Glück nicht erhöhen, daß ſie es vielleicht durch die tauſend klei⸗ nen und großen Verbindlichkeiten und Sorgen, die der Reichthum auferlegt, nur ſtören würden. Jetzt würzt kurze Entſagung den erkauften Genuß, jetzt freut das Selbſterworbene, das Erübrigte mehr, als was das Glück mit vollen Händen acht⸗ Agath. III. Th. 8 — 114— los ausſtreut. O wüßte das Conſtantin, er würde ſeine Begriffe von Glück, wenigſtens für unſere Lage, verändern, und meinem Agathokles nicht mehr zürnen! Dieſer Zwieſpalt iſt es, der den ein⸗ zigen Tropfen Bitterkeit in unſern Freudenkelch gießt. Ich ſehe, daß Agathokles mehr darunter leidet, als er aus Schonung mir geſteht. O, daß ich einen Weg vor mir ſähe, Conſtantin zu verſöh⸗ nen! Aber er iſt mächtig, der Sohn des Cäſars, ein künftiger Auguſtus, und jetzt iſt die Kluft zwi⸗ ſchen dem Herrſcher und Beherrſchten nicht mehr ſo unbedeutend, als in den Zeiten eines Octavians oder Marc Aurels. Das iſt das Böſe an unſerm Verhältniß— wir ſind nicht gleich. Und dieſe Gleichheit in allen Empfindungen, in allen Richtungen des Geiſtes iſt es, welche allein und dauerhaft das Glück einer Verbindung ſichert. Agathokles und ich wurden ſchon als Kinder mit und für einander gebildet, jeder Eindruck ward ge⸗ meinſchaftlich aufgefaßt, jede Empfindung von ei⸗ nem Herzen dem andern beantwortet. Wir lebten, wir laſen, wir lernten gemeinſchaftlich. Selbſt in Edeſſa unter dem Geräuſch der Waffen, wußte er Stunden zu gewinnen, um mit mir zu leſen, über das Geleſene, über die Ereigniſſe des Tages zu ſpeechen, unſere Gefühle und Gedanken umzutau⸗ ſchen, und ſo nicht bloß mein Herz, ſondern auch meinen Verſtand mit dem ſeinigen in Einklang zu bringen. Wie ſegensreich, wie beglückend iſt jetzt dieſe übereinſtimmung für mich! NRicht weil Ver⸗ faſſung und Religion den Mann zum Haupt des Weibes erheben, und ihm eine Gewalt einräumen, die manches rohe Gemüth mißbraucht, ſondern weil zwey Menſchen ein ſchönes Ganzes ausma⸗ chen, und als Einheit da ſtehen und wirken ſollen, ſollen auch ihre Geiſter gleichförmig gebildet ſeyn, und nur die Verſchiedenheit des Geſchlechtscharak⸗ ters und der daraus folgenden Beſtimmung und Ppflichten darf eine reizende Abwechslung in den ſchönen Einklang bringen. Aber wenn die verſchie⸗ denen Charaktere ſich ſelbſtſtändig zu unterſcheiden, und jeder als ein vollendetes Ganzes dazuſtehen ſtreben: wer ſoll entſcheiden, welcher von beyden im Fall eines Streites nachgeben, und ſeine Ei⸗ genthümlichkeit aufopfern ſoll?— Die hergebrach⸗ te Sitte?— Dann muß das Weib ewig der un⸗ terdrückte Theil ſeyn. Die Vernunft?— Und wer beſtimmt, auf weſſen Seite ſie ſteht, wenn jedes die Sache aus ſeinem Geſichtspunkte anſieht, und mit Gründen unterſtützt? O nur die Liebe, die Liebe kann das bewirken, und ſie bewirkt es ſicher. Sie führt auf tauſend ſtillen Wegen die Gemi⸗ 6 — 116— ther zu einander, ſie zeigt uns den Geſichtspunkt, aus dem der geliebte Gegenſtand die Welt betrach⸗ tet, als den richtigſten, ſie macht uns theuer, was ihm lieb iſt, und ohne Opfer, ohne Nachgeben ver⸗ ſchmelzen zwey Willen in Einen. So iſt mein Verhältniß zu Agathokles— und wenn Du mir oft in früheren Zeiten meinen Mangel an Feſtigkeit und mein Bedürfniß, mich an ein liebendes Herz anzuſchmiegen, als Schwäche vorwarfſt, ſo verſi⸗ chere ich Dich, daß gerade jetzt aus dieſer Schwä⸗ che, wie Du es nennſt, mein ſchönſtes Glück ent⸗ ſpringt. Leb wohl, Junia! Ich weiß, Du freuſt Dich meiner Seligkeit, und meine Briefe, wenn ſie auch arm an Vorfällen ſind, werden Dir doch manchen vergnügten Augenblick machen, wenn Du in ih⸗ nen die Schilderung meines Glückes findeſt. Vierzehnter Brief. Calpurnia an ihren Bruder Lucius Piſo. Nikomedien im Julius 303. Jo komme von Synthium. Von Synthium? hö⸗ re ich Dich rufen. Wie kamſt Du dahin?— Aus eigenem Willen, lieber Bruder, aus feſtem Vor⸗ ſatze den erſten Schritt zu thun⸗ und ein Zuſam⸗ mentreffen ſelbſt ſchicklich einzuleiten, dem für be⸗ ſtändig auszuweichen nun einmahl vernünftiger Weiſe für Bewohner Einer Stadt nicht möglich war. Wenn ich Agathokles, ſeit er verheirathet iſt, nicht mehr ſehen wollte, wenn ich von dem Augen⸗ blicke, als er Theophanien gefunden hatte, ſeinen Anblick floh: berechtigte ich ihn nicht zu dem ſtol⸗ zen Gedanken, ſein Verluſt ſchmerze mich tief, und ich könne die Gegenwart einer glücklicheren Neben⸗ buhlerinn nicht ertragen? O dieſe bloße Möglich⸗ keit empörte mein Herz. Was habe ich denn zu ſcheuen? Gytheren ſey Dank! Die Rückſicht, die * Theophania zur Verborgenheit bewegen konnte, brauche ich nicht zu nehmen; und ſo war es Pflicht, die ich mir ſelbſt, meinem Ruf und der Achtung, die er für mich haben ſoll, ſchuldig war, dieſe Ge⸗ danken nie in ihm aufkommen zu laſſen, und ihm zu beweiſen, daß ich nur ſeine Freundinn war, weil ich es auch jetzt blieb. So mußte es zwiſchen uns ſtehen wenn ich ruhig ſeyn, und ſein unvermuthe⸗ ter Anblick mir nicht einſt drückend werden ſollte. Und überdieß, war ich ihm nicht innigen Dank ſchuldig? Er hatte, auf welche Art, konnte ich nicht erfahren, mich von der Bosheit und Zudringlichkeit des Marcius befreyt; ich mußte dieſe Schuld ab⸗ tragen. Ich fühlte das, und that es gern; aber nicht bloß mit Worten, mit Thaten wollte ich es thun. Die Bedingung ſeines Vaters, unter der er ihm ſeine Einwilligung zuſagte, ſchien mir immer ſehr hart, ſehr unväterlich; ich glaubte Agathokles kei⸗ nen größern Dienſt leiſten zu können, als wenn ich es dahin brächte, ſeinen Vater zum Widerruf zu ver⸗ mögen. Ich ſprach mit unſerm davon; er fand ei⸗ nige Bedenklichkeiten— er kann den alten Hegeſip⸗ pus nicht wohl leiden. Aber für mich bekam mein Plan, je länger ich ihm nachſann, je mehr Reize, und ſo erhielt ich denn endlich halb durch überre⸗ dung, halb durch Vorſtellung, daß ein ſolcher Schritt nothwendig ſey, um Agathokles von der Ruhe mei⸗ nes Herzens zu überzeugen⸗ die Erlaubniß, mein Vorhaben auszuführen. Ich kenne die alten Herren. Wenn ſie für keine Frau oder Tochter mehr zu fürchten haben, finden ſie eben keine ſo ſtrenge Sitte, und ängſtliche Ver⸗ hüllung nöthig, wie ſie mancher junge Mann⸗ wahrlich auch nur aus Eiferſucht, von ſeinem Mäd⸗ chen fordert, und kleidete mich daher etwas weni⸗ ger matronenmäßig, als ich wohl ehedem zu thun pflegte, wenn ich ſeinen Sohn zu ſehen hoffte. Es klingt lächerlich, dieß zu ſagen; aber können wir Weiber dafür, daß die Männer in der Jugend aus Selbſtſucht eiferſüchtig, und im Alter aus Selbſt⸗ ſucht verliebte Gecken ſind? So ſandte ich hin, und ließ ihn um eine Stunde bitten, wo ich ihn ſprechen könnte. Ich wußte, daß er das nicht annehmen, und ſelbſt kommen würde. Er kam auch, nur etwas ſpät; aber als er eintrat, ſah ich die Urſache dieſer Ver⸗ ſpätung wohl ein. Der alte Herr hatte ſich in große Unkoſten von Pracht und Niedlichkeit geſetzt; er duftete alle Würzen Arabiens, und ſein Bart(wenn es möglich iſt, ſo war es ein falſcher) hätte einer Büſte des Plato Ehre gemacht. Verwunderung und Neugier mahlten ſich auf ſeinem Geſichte, und ich ſah, welche Mühe es ihn koſtete, ſie unter den — 120— Schranken der guten Lebensart zu halten. Aus Mitleid ließ ich ihn nicht lange warten, ſondern rückte ſo eilig, als es die etwas ſonderbare Art mei⸗ nes Geſchäftes erlaubte, mit meiner Bitte heraus. Sein Erſtaunen wurde nun noch größer, obwohl er ſich beſtrebte, es zu verbergen, und in dieſem Er⸗ ſtaunen und einigen entſchlüpften Worten las ich deutlich ſeine Meinung über mein Verhältniß zu ſeinem Sohne, das wohl ſo ziemlich die Meinung der ganzen Stadt ſeyn mag. Um ſo lieber war es mir, durch dieſen Schritt ihn und die Welt vom Ge⸗ gentheile zu überzeugen. Ich ſprach mit Wärme von den vorzüglichen Eigenſchaften ſeines Sohnes, ſeiner Schwiegertoch⸗ ter.(Ich vermochte das, Lucius, in einer Aufwal⸗ lung von Großmuth, über die ich ſelbſt erſtaunte.) Ich ſuchte ihm darzuthun, daß alle Schritte, die Agathokles bisher gethan, nur Wirkungen derſelben Tugenden und jenes allzuſtrengen Pflichtgefühls wären, das wir, auf andere Gegenſtände angewen⸗ det, an einem Curtius, Cocles, Cato bewundert hatten. Ich ließ ihn die Freundſchaft des Armeni⸗ ſchen Königs und Conſtantins Liebe für ſeinen Sohn, die Achtung, in der er allgemein ſteht, im ſchim⸗ mernden Lichte ſehen, und hinter dieſem Schimmer ſein eigenes Bild, auf das der Ruhm des Sohnes — 221— keinen unbedeutenden Glanz warf. Im Eifer des Geſpräches waren die Locken um meinen Nacken losgegangen, ſie ſanken auf die Bruſt herab; ich mußte ſie zurückſchlagen, und verſchob dadurch den Schleyer, ſo, daß auf einen Augenblick ein kleiner Theil des Buſens ſichtbar wurde. Ich ſtrebte das unglück zu verbeſſern; aber indem ich den Arm über die Schulter legte, fiel auch das faltenreiche Gewand zurück, und der Arm erſchien beynahe gans unverhüllt. Hegeſipps Auge folgte leuchtend mei⸗ nen Bewegungen, und er war auf einige Augen⸗ blicke ſo mit Schauen beſchäftigt, daß er mir ganz verkehrt antwortete. Ich nutzte dieſe Stimmung⸗ ich drang nun mit Bitten in ihn; und was früher Vernunftgründe nicht erſchüttert hatten⸗ fiel nun durch die vereinte Wirkung eines rührenden Tones⸗ einer flehenden Miene und eines Paars unverhüll⸗ ter Arme, die bittend gefaltet vor ſeinen Augen ſpielten. Ganz verklärt und mit jugendlicher Mun⸗ terkeit ſagte er mir, es ſey unmöglich mir zu wi⸗ derſtehen— er müßte bekennen, daß ich etwas Großes fordere, er habe ſein Wort heilig verpflich⸗ tet, und haſſe übrigens ſeinen Sohn nicht— doch einer ſolchen Vorbitterinn ſey nichts abzuſchlagen⸗ und Agathokles habe ſein Glück nur mir allein zu verdanken. So ging er ſort, um die Schrift zu hoh⸗ —— len, und war in einer halben Stunde wieder damit bey mir. Und nun in der Freude meines Herzens gab ich dem guten Alten einen recht kindlich dankba⸗ ren Kuß, den er nun freylich nicht mit väterlicher Würde aufnahm, ſondern mit aller Geckenhaftig keit eines grauen Liebhabers. So lächerlich mir das war, ſo gab ich mir doch Mühe, ernſthaft zu ſchei⸗ nen, und wir ſchieden als die beſten Freunde. Ich zeigte meinem Vater im Triumphe die Schrift. Er ſchüttelte abermahls den Kopf, und ſchien nicht zufrieden mit der ganzen Geſchichte. In⸗ deſſen das Größte war geſchehen, und ich wollte nicht auf halbem Wege ſtehen bleiben; ſo bath ich denn den Bruder, mich zu begleiten, und fuhr nach Synthium. Es ſind über ſechzig Stadien 7). Wir fuhren mit anbrechendem Tage ab, um die Hitze zu vermeiden. Du kennſt die Lage der Villa nicht; ſie iſt äußerſt angenehm, nur etwas düſter zwiſchen waldigen Hügeln verſteckt. Wie wir näher kamen, wie ich die obere Säulenhalle zwiſchen den Zedern und Pinien hindurch ſchimmern ſah, wie ich die Platanenallee erblickte, in der ich ſo oft mit Sul⸗ picien gewandelt hatte, mit ihr, deren Reſt viel⸗ leicht nun ſchon die Urne füllt, das Gitterthor, an welchem ich vor einem Jahre die gegenwärtige Ge⸗ bietherinn der Villa tiefgebeugt geſehen und em⸗ — 125— pfangen hatte, da ward mir ſonderbar zu Muth, und Thränen drangen in meine Augen. Sulpiciens Andenken, tauſend andere Frinnerungen ſtürmten auf mich ein, und ich hätte große Luſt gehabt, um⸗ zukehren, wenn man nicht ſchon von der Villa aus hätte den Wagen geſehen, und erkannt haben kön⸗ nen. Während dieſer überlegungen lenkte unſer Wagenführer in den Platanengang ein. Sogleich ſah ich Leute aus der Villa kommen— ein Paar Selaven, wie es ſchien— und kaum waren wir noch einige Schritte gefahren, als Agathokles ſelbſt uns eilig entgegen kam. Er bewillkommte uns mit einer Freude, die zu ſehr das Gepräge der Herzlichkeit trug, um auch nur einen Augenblick für Künſteley gehalten zu wer⸗ den. Als er uns an einen ſchattigen Platz geführt hatte, ging er, ſeine Frau zu hohlen. Sie kam. Ich war begierig geweſen, ſie zu ſehen, aber ich hatte Mühe, in dieſer jugendlich blühenden Frau mit den großen heiteren Augen, der zarten Nöthe auf den Wangen, in dem geſchmackvollen häuslichen Anzuge jene abgehärmte Trauergeſtalt, in die dichten fal⸗ tenreichen Schleyer gewickelt, zu erkennen. Die Argliſtige wußte auch, Trotz ihrer Heiligkeit, das geltend zu machen, was die Natur ihr Schönes ge⸗ geben hatte. Ein durchſichtiges Indiſches Gewebe — 124— zeigte den Obertheil des Armes mehr, als es ihn verhüllte, und wo dieß endigte, erhöhten zierliche Armbänder ſeine natürliche Weiße und Rundung. Auch erſchien ihr ſchlanker Wuchs vortheilhaft in dem feinen fließenden Gewande; kurz, man ſah, daß ſie ihren Anzug mit Geſchmack wählte. Aber über allen Putz machte ſie und ihren Gemahl das Vergnügen liebenswürdig, das aus allen ihren Re⸗ den, Blicken, Handlungen ſprach. Beſonders ſcheint ſie nur für ihn zu leben. Die Glückliche! Auch er war verändert; ſein Auge ſtrahlte von jugendlichem Feuer und Lebensluſt, und das freundliche Lächeln, das ſeinen fein geſpaltenen Lippen einen ſo eigen⸗ thümlichen Reiz gibt, verläßt ihn jetzt eben ſo ſel⸗ ten, als es ihn ſonſt erheiterte. Unſere Unterredung ſiel bald auf meine unglück⸗ liche Sulpicia. Theophaniens unverſtellte Theilnah⸗ me, die zarte Achtung, mit der ſie von ihr ſprach, nahmen einen Stachel nach dem andern aus mei⸗ ner Bruſt; ich fing an, ſie nach und nach ohne ge⸗ heimen Widerwillen, und endlich mit Wohlwollen zu betrachten. Ich benutzte eine Zeit, wo ſie nicht zugegen war, und erklärte mich gegen ihn über die Abſicht meines Beſuches, indem ich ihm zugleich mit Wärme für meine Rettung von Marcius Alpinus dankte, und ihm die Schrift überreichte. Er wollte — 125— erſt eine Weile nichts von dieſer Nettung wiſſen; und als ich ihm endlich die zuverläßige Quelle nann⸗. te, von der meine Naochricht gekommen war⸗ lehnte er meinen Dank mit Würde und Feinheit ab. Leb⸗ hafter bewegt und erſtaunt war er über die Schrift und die Art, wie ſie in meine Hände gekommen war; aber alles, was ihn daran zu freuen ſchien, war mein guter Wille und die neue Beſtätigung von der Ver⸗ gebung ſeines Vaters. Er bath mich, und zwang mich zuletzt, der wunderbare Menſch, die Schrift wieder mitzunehmen, ſie ſeinem Vater zurückzuſtel⸗ len, und ihm zu ſagen, ihm genüge ſein Wort und ſeine Liebe, und zwiſchen ihnen ſollte es nie eines ſolchen Inſtrumentes bedürfen. Ich that es ungern; denn ich fürchte die Gewalt, welche böſe Menſchen in einer üblen Stunde über den ſchwachen Hegeſip⸗ pus erhalten können. Doch mußte ich Agathokles Gründen weichen, und ſeine Verſicherung, daß ihn die Ausſicht auf ſo glänzende Reichthümer nicht glücklicher machen könnte, als er es jetzt ſchon ſey⸗ war ſo ſehr von allem, was ihn umgibt, was er thut, beſtätigt, daß ich zuletzt die Rolle beſchämt in den Buſen ſtecken, und geſtehen mußte, Agathokles ſey in ſeinen einfachen Verhältniſſen weit glücklicher, als wir in allem Schimmer, der uns umringt. Seit dem gefällt mir unſer Haus in Nikomedien nicht — 126— mehr ſo ganz; mich dünkt, es wären da zu viel Glanz, zu viel Menſchen, zu wenig Genuß, zu wenig Mög⸗ lichkeit, wahrhaft zu genießen. Sollte die Anſicht wahr ſeyn, die in Synthium ſo lebhaft vor meine Seele trat, daß nur Frieden und Liebe wahrhaft glücklich machen? Sollte dieß das Element ſeyn, in dem unſer Weſen ſich am leichteſten, am vollſtändig⸗ ſten entwickelte? O ich verſichere Dich, lieber Lu⸗ cius, ſeit geſtern gehen mir dieſe Zweifel nicht aus dem Kopfe, und das Bild eines ſtillen häuslichen Le⸗ bens an der Seite eines Mannes, wie— Ich weiß nicht, was mir fehlt; eine Thräne tritt in meine Augen. Leb wohl für heute, Lucius! Ich mag nicht weiter ſchreiben— ich war in meinem Leben nicht ſo wehmüthig geſtimmt, und doch ſo ſtill und ruhig. — Am folgenden Tage. Wie ich überleſe, was ich geſchrieben habe, ſehe ich eben, daß ich noch ganz am Anfange meiner Er⸗ zählung ſtehen geblieben bin; aber geſtern war durchaus zu nichts mehr aufgelegt. Theophania kam zurück, eben als ich die Schrift von Agathokles empfangen hatte, und lud mich ein, in das Bad zu gehen, das ſie für mich hatte berei⸗ ten laſſen. Alles im ganzen Hauſe, der Badeſaal⸗ — 127— die Sclavinnen, das Geräthe; das Wollenzeug 3) trug das Gepräge der Einfachheit, aber der höch⸗ ſten Reinlichkeit und Bequemlichkeit, Recht erquickt kehrte ich aus dem ſchönen Saale zurück, deſſen ho⸗ he Fenſter auf den Wald hinaus gehen, und vor welchen die rauſchenden Zweige, vom Winde be⸗ wegt, Sonnenblicke und tanzende Schatten über das Marmorbecken und die ſpiegelreine Fluth hin⸗ ſtreuten. Jetzt führten mich die glücklichen Gatten in ihrem kleinen Eigenthum umher. Ich hatte öf⸗ ters ganze Tage in Synthium zugebracht, aber bey Sulpiciens düſterer Lebensweiſe nichts als ein Paar Gemächer und einen Theil der Gärten geſehen. Al⸗ les, was zur anhaltenden Beſchäftigung gehört, al⸗ les, was das Hausweſen betraf, war ihr, ſeit dem die unglückliche Leidenſchaft ihr Herz eingenommen hatte, fremd und läſtig geworden. Ich fand alles niedlich und in ſchönſter Ordnung; ein liebenswür⸗ diger Geiſt, Agathokles Mutter, von der er ſtets mit höchſter Verehrung ſpricht, hatte alles ange⸗ legt, und ſein ſtilles, klares, zweckmäßiges Walten kündigte ſich überall an. In den warmen Stunden des Mittags ruhten wir in der lieblichen Kühlung eines Marmorſaals. Eine Offnung in der Kuppel ließ nur angenehmes Licht, aber keinen Sonnenſtrahl hereindringen 2) — 128— ein Springbrunnen in der Ecke erfriſchte unabläßig die Luft, und keine Ahnung der glühenden Hitze, die jetzt die Gefilde draußen verſengte, drang in dieſen ſtillen, halb dämmerigen Zufluchtsort. Hier wurde das Mahl aufgetragen, einfache Speiſen, meiſt Er⸗ zeugniſſe der Villa ſelbſt, aber ſo einladend bereitet, und auf dem mit duftenden Kräutern und Blumen beſtreuten Tiſche geordnet, daß ich nie ein liebliche⸗ res Mahl genoſſen zu haben glaubte. Du kennſt den guten eifrigen Quintus; er vergaß, in welchem Hau⸗ ſe er war, und ergriff beym Anfange der Mahlzeit den Becher, um dem Jupiter eine Libation 10) aus⸗ zugießen. Ich winkte ihm; Agathokles bemerkte mei⸗ nen Blick. Laß Dich nicht ſtören, Quintus! ſagte er: Thue, was Du für Pflicht hältſt, und glaube nicht, daß wir uns daran ärgern! Aber Du wirſt auch unſer nicht ſpotten, wenn wir dem, der uns erhält und nährt, auf unſere Weiſe danken. Und nun ſtand er mit Theophania auf; ſeine Selaven, lauter Chriſten, ſtellten ſich in einiger Entfernung um ihn her, alle machten das Zeichen des Kreuzes, ihr Symbol über Stirn und Bruſt, alle betheten lei⸗ ſe, mit gefalteten Händen, in ehrfurchtsvollen Stel⸗ lungen. Ich geſtehe Dir, ich war weit entfernt, das lächerlich zu finden. Es war mir ein zu ſchöner An⸗ blick, wie hier Quintus dem Jupiter die Libation — 129— verrichtete, und dort Agathokles mit ſeinen Chriſten zu ihrem Gott, und ſie alle im Grunde zu dem Ei⸗ nen unbekannten Weſen betheten, deſſen Daſeyn niemand beweiſen kann, an das glauben zu kön⸗ nen, gewiß eine Art von Glück ſeyn muß. Es war mir ſogar ſchmerzlich, daß ich dieß Glück nicht thei⸗ len konnte, und mein Herz da kalt bleiben mußte, wo jene in ſüßen Empfindungen des Dankes ſchlugen. Es entſpann ſich nun ſogleich zwiſchen Quintus und Agathokles ein lebhaftes Geſpräch über ihre Re⸗ ligionen. Agathokles hieß die Selaven hinausgehen, und fing an, des Bruders Behauptungen mit Waf⸗ fen zu widerlegen, denen dieſer nicht gewachſen ſchien. Er ſchilderte, ohne ſich einen ſpottenden Aus⸗ druck zu erlauben, die Nichtigkeit unſerer Gotthei⸗ ten, wie ſie jeder denkende Menſch fühlen muß, die ſchädliche Wirkung des Mangels an allgemein ver⸗ ehrlichen würdigen Gegenſtänden auf ein Volk, das größten Theils nicht durch langſame Fortſchritte zu einer ſeinen Geiſteskräften angemeſſenen Cultur ge⸗ kommen, ſondern über das die Wollüſte, die üppig⸗ keit und die Kenntniſſe unterjochter weichlicher Na⸗ tionen, als Beute der Sieger, wie ein Strom un⸗ vorbereitet hineingebrochen waren, auf ein Volk, bey dem ſich ſchnell die alte rauhe Tugend mit den verfeinerten Wollüſten Aſtens und Griechenlands Agath. HI. Th. 9 — — 150— vermiſchte, und das nun durch die eben ſo ſchnell erreichte überreifheit des Geiſtes alles, was einer beſſern Vorwelt heilig war, muthwillig und lüſtern in den Staub tritt. Er ſuchte uns endlich zu bewei⸗ ſen, daß nur die Einführung einer Religion, die ſtatt der erloſchenen Tugenden, ſtatt Vaterlandsliebe, ſtrenger Sitte u. ſ. w., überirdiſche Beweggründe zum Handeln angibt, und die reinſte Sittlichkeit fordert, dem allgemeinen Verderbniß und der Auf⸗ löſung des ungeheuren Staatskörpers wirkſam ent⸗ gegen arbeiten könne. Während dieſes Geſpräches, das mich, obwohl ich bey weiten nicht mit Allem verſtanden war, doch ſehr anzog und beſchäftigte, war die Sonne geſun⸗ ken; wir traten aus dem Speiſeſaal in's Freye, der Mond ging hinter dem Zedernwald auf, und wir wollten Abſchied nehmen. Aber unſere gütigen Wir⸗ the ließen uns nicht ſo ſchnell von ſich. Beſonders drang Theophania mit einer Herzlichkeit in mich, der ich unmöglich widerſtehen konnte. Wir blieben mit dem angenehmen Gefühle, mit dem man ſich unter guten liebenden Menſchen beſindet, und mein Widerwille gegen Theophania hatte ſich, ich weiß nicht wie, ganz aus meinem Herzen verloren. Wir durchwandelten die Gärten in der Kühlung des Abends und der kommenden Nacht; Geſpräche, Sai⸗ — 25— tenſpiel und Geſang verkürsten die Stunden. Auch Theophania ſingt und ſpielt, und ich kann Dich ver⸗ ſichern, mit bedeutender Fertigkeit und Anmuth⸗ Zwey freundliche Zimmer, vor deren Fenſtern Oran⸗ genbäume im Nachtwinde ſäuſelten, nahmen uns endlich auf, und ein leichter luftiger Schlummer ſchloß meine Augen, und hinderte jeden ernſten Rück⸗ blick auf den in ſo vieler Hinſicht merkwürdigen Tag. Als ſos mit Roſenſingern erwachte, erweckte ihr röthlicher Glanz, zwiſchen Blätterſchatten um mich ſpielend, meine Sinne aus dem erquickenden Schlafe. Ich wagte es um meines Vaters willen nicht, länger zu bleiben, ſo wohl es mir hier in die⸗ ſer Wohnung des Friedens und der Liebe gefiel. Wir nahmen herzlichen Abſchied von den edlen Be⸗ wohnern des Hauſes, mußten ihnen verſprechen, bald wieder zu kommen, und ſo langte ich denn ge⸗ ſtern in ſeltſamen Gefühlen und Gedanken hier an, die mich noch nicht verlaſſen haben, deren Eindruck, wie ich glaube, ſo bald nicht aus meiner Bruſt ver⸗ ſchwinden wird. Leb wohl!. —— Fünſzehnter Brief. — Agathokles an Conſtantin. Synthium im Auguſt 303. Nice an den Fürſten— der Genügſame bedarf deſſen nicht— nicht an den Retter meines Lebens, das dem Sohne des Abendländiſchen Cäſars, wie dem unberühmten Sohne des Hegeſipps nie Zweck, nur Mittel zu höheren Zwecken ſeyn kann— aber an den geliebten, ewig theuern Freund, der mich im Unwillen verlaſſen, und nun ſeit Monden ver⸗ geſſen zu haben ſcheint, wendet ſich mein Herz noch ein Mahl. Gegen keinen andern Sterblichen wür⸗ de ich dieſen Schritt thun. Bey Dir bin ich ſicher, daß Du, wenn auch Deine Liebe geſtorben iſt, doch Achtung für mich bewahrſt, und mich nicht verkennſt. Ich kann nichts von dem bereuen, was ich ge⸗ than habe, ich würde es noch ein Mahl thun, wenn die Gelegenheit wieder einträte; aber ich fühle, — 455— daß mein Leben ſelbſt in Theophaniens Armen ohr ne Dich nicht vollendet iſt. Das ſchöne urbild voll⸗ kommenen Seeleneinklangs, das mir in den Ge⸗ ſilden von Carrhä erhebend und ſtols vor die See⸗ le trat, iſt entflohen, wie die meiſten ſeiner Brüder⸗ Ein verklärtes himmliſches Gebild, iſt es zum Him⸗ mel zurückgekehrt, aus dem es ſtammte, nächdem es meine Bruſt eine Weile entflammt, und man⸗ chen nicht unwürdigen Keim entwickelt hatte. So mußte es ſeyn, und in der Verkettung der Dinge war auch dieſe Läuterung nothwendig⸗ Aber die Liebe iſt zurückgeblieben, rein und warm, wie ſie in meinem Herzen entſprang, als ich Dich das er⸗ ſte Mahl ſah. Ich ſchäme mich nicht, es Dir zu ge⸗ ſtehen, ich ſchäme mich nicht, der erſte die Hand zur Verſöhnung zu biethen. Das, was bey gewöhn⸗ lichen Freundſchaften das Zartgefühl von dieſem Schritte abhalten könnte, Deine und meine bür⸗ gerlichen Verhältniſſe, kann bey uns nicht in An⸗ ſchlag kommen. Für mich biſt Du nur Conſtantin⸗ nur der, in deſſen Bruſt ich die himmliſche Flam⸗ me hell auflodern ſah, an der auch mein Leben ſich gern verzehrt. Ich lebe in Synthium. Wo Du Dich jetzt be⸗ findeſt, weiß ich nicht beſtimmt. Ich ſende dieſen Brief nach Nikomedien in den kaiſerlichen Pallaſt. In acht Tagen, wo immer Du Dich auf einer der Deinigen, oder der kaiſerlichen Villen aufhältſt, kann ich Nachricht haben. Kommt mir keine, ſo werde ich mich beſcheiden, und mit der Kraft, mit der ich ſchon ſo Manches in dieſem Leben ertrug, auch dieß ertragen lernen; Dich aber ſoll kein Wort, weder bittend noch vorwerfend, an alte Ban⸗ de erinnern, die in demſelben Augenblicke gegen⸗ ſeitig abgeworfen werden müſſen, wo ſie den Ei⸗ nen Theil zu drücken anfangen. Leb wohl! Sechzehnter Brief. Theophania an Junia Marcella. Synthium im September 303. Mein Leben iſt ſtill und einfach, und mag in den Augen der Welt wohl einförmig erſcheinen, aber in ſeinem verborgenen Schooße liegt ein Reich⸗ thum von kleinen Begebenheiten, von regen Ab⸗ wechſelungen für das Herz, die uns die Geſchich⸗ te manches Tages merkwürdig und unvergeßlich machen. Einen ſolchen Tag verſchaffte uns neulich ein Beſuch, den ich wahrlich nicht vermuthet, von dem ich mir das Angenehme nicht verſprochen hätte, das er mir gewährte. Calpurnia war bey uns. Ich kann Dir nicht beſchreiben, wie ſeltſam mir zu Muthe war, als Agathokles in mein Zimmer trat, um ſie mir anzukündigen. Ich fühlte, daß meine innere Bewegung ſich in meinen Jügen mahl⸗ — 136— te. Agathokles bemerkte es wohl, und eine innige Umarmung ſollte mich beruhigen.„Empfange ſie gütig, meine Geliebte! Sie iſt, Trotz ihrer von uns verſchiedenen Denkart, ein edles Mädchen.“ Ich faßte mich ſchnell. Daß Agathokles es wünſch⸗ te, war mir genug, und daß ſie ihn geliebt, ver⸗ loren, und an mich verloren hatte, ſtimmte mein Derz zu ihrem Vortheil. Ich fühlte, daß ich in ei⸗ ner Schuld gegen ſie war, und daß ich ihr durch die größte Freundlichkeit und Zuvorkommung nur einen kleinen Theil derſelben abtragen konnte. So empfing ich ſie, und was ich um meiner ſelbſt wil⸗ len gewünſcht hatte, gelang mir vollkommen. Sie ward mir gut. O gewiß, zwey Herzen, die ſich ſo genau, ſo innig in ihrer Liebe für ein drittes be⸗ gegnen, denen ein gleiches Urbild von Liebens⸗ würdigkeit vorſchwebt, können unmöglich anders, als ähnlich fühlen! Wie ganz anders erſchien ſie mir nun als da⸗ mahls, wie ſie mich zum erſten Mahle ſah! Noch war ſie reizend im höchſten Grade; aber dieſer Reiz hatte nicht mehr den Anſtrich von Leichtſinn und Flatterhaftigkeit, der mich einſt ſo empörte. Es war ein leichter Schleyer von Ernſt darüber ge⸗ breitet, und manches Mahl glaubte ich ſogar ein Wölkchen der Wehmuth in ihren ſchönen Angen — 1357— ſchwimmen zu ſehen. Ach, wenn ich dachte, dieſe ſanfte Trauer könnte einem verlornen Gute gelten⸗ das ich ihr entriſſen hatte, dann ſchwoll mein Herz von Mitleid, und ich hätte ihr um den Hals fallen, und das anmuthige Weſen um Vergebung bitten können. Noch zwey Tage klangen die ſüßen Gefühle in uns nach, die Calpurniens und ihres Bruders, ei⸗ nes ſehr edlen Jünglings, umgang in uns geweckt hatte. Ich ſah⸗ daß Agathokles froher athmete, ſeitdem ſeinem Berzen die Verſicherung ward, ein ſiebenswürdiges Weſen, das ſich vielleicht von ihm gekränkt glauben konnte, habe dieſen Wahn aufge⸗ geben, und ihre Achtung ſey ihm unverloren. Auch ſein Vater fährt fort, ihn mit großer Güte und Liebe zu behandeln; er war ſchon zwey Mahl bey uns, und es ſcheint, als ob die Natur mit ihren einfachen Freuden ihr unverjährbares Recht ſelbſt über die allzuverfeinerten, von ihr entfremdeten Menſchen ausübte. Er ſcheint, ſo wie Calpurnia, ſich auf dem Lande zu gefallen; vielleicht iſt es eben um der Neuheit der Gegenſtände und des ſcharfen Contraſtes willen. Die größte, die reinſte Freude war uns noch vorbehalten. Am ſchwerſten unter allen ertrug Aga⸗ thokles ſeine Trennung von Conſtantin. Ich ſah — 1356— deutlich, wie dieſer Gedanke an ſeinem Herzen nag⸗ te, und ſeine ſtillſten, ſüßeſten Freuden ſtörte. Sei⸗ ne Liebe hielt dieſe Spannung nicht mehr länger aus; er ſuchte einen Anlaß, den erſten Schritt zur Verſöhnung thun zu können, ſo ſehr auch das Recht auf ſeiner Seite war. Es fand ſich keiner, und ſo that er ihn denn endlich unveranlaßt, weil er liebte. Er ſchrieb an den Fürſten; und ich konnte wohl bemerken, wie geſpannt ſein ganzes Weſen auf den Erfolg dieſes Briefes war. Er hatte acht Tage feſigeſetzt, binnen welchen er die Antwort erwar⸗ ten wollte. Am Abend des zweyten gingen wir durch thauende Geſilde von einem Spatziergange in unſer Haus zurück, als plötzlich aus dem nahen Gebüſche Conſtantin hervorſtürzte, und heftig an Agathokles Bruſt ſank. Feſt, innig, als wollten ſie ſich für die Ewigkeit halten, umſchlangen ſich die beyden Freunde; kein Laut entweihte die ſtille Feyer dieſer Scene. Endlich richtete ſich Conſtan⸗ tin auf, er wollte etwas von Verzeihung, von Ent⸗ ſchuldigung ſagen. Agathokles ſegte ihm den Finger auf den Mund: Still davon, mein Getreuer! Laß uns das Vergangene völlig vergeſſen! Du liebſt mich noch, Du haſt mich nicht aus Deinem Herzen geſchloſſen; das iſt alles, was ich zu wiſſen brauche, um ganz glücklich zu ſeyn. Sie umarmten ſich von Neuem. Ich ſah Thränen in Agathokles Augen; die untergehende Sonne hatte nie aus ſchöneren Tropfen wiedergeſtrahlt. Ich war tief bewegt, mei⸗ ne Hände falteten ſich unwillkürlich, und ich bemerk⸗ te erſt, daß ich in bethender Stellung dageſtanden hatte, als Agathokles zu mir trat, den Arm um mich ſchlang, und Conſtantin meine Hand mit herz⸗ lichem Drucke ergriff. In ihrer Mitte kehrte ich in die Villa zurück. Conſtantin blieb drey Tage bey uns; und nie habe ich meinen Agathokles ſo glück⸗ lich geſehen, als in dieſen drey Tagen. So wächſt meine Zufriedenheit mit jedem Tage, und in fro⸗ hen Ahnungen ſieht mein Herz noch ſchöneren Zei⸗ ten entgegen. Dich noch ein Mahl zu ſehen, iſt jetzt der einzige heftige Wunſch meiner ſonſt ſtillen be⸗ glückten Bruſt; und wer weiß, ob es mir nicht möglich wird⸗ in Geſellſchaft meines Agathokles den nächſten Frühling in Deine Arme zu eilen? Dann bin ich vollkommen glücklich. Siebzehnter Brief. Calpurnia an ihren Bruder Lucius Piſo. Nikomedien im September 303. We⸗ wird ſich noch mit mir zutragen? Wohin wird das launenhafte Schickſal mich noch führen? Sulpicia iſt todt! Ihr trauriges freudenloſes Da⸗ ſeyn iſt geendigt. Was ich längſt als gewiß vvraus ſah, war nun geſchehen; es überraſchte mich nicht— aber es ſchmerzte mich tief. Du weißt, wie ich ſie geliebt habe, und wie ſehr ich ſtrebte, ihr Herz vor Eindrücken zu bewahren, deren zerſtörende Folgen ich dunkel im voraus ahnete. Tiridates ſelbſt brachte die Trauerbothſchaft, er iſt hier. Dieſer Verluſt, ſeine Anweſenheit, ſein Schmerz, die Pflicht der Freundſchaft, ihn zu tröſten und aufzu⸗ heitern— alles vereinigt ſich, um mich mir ſelbſt zu entreißen, und mein Leben aus jenem behagli⸗ chen Gleichmuthe zu bringen, in dem mir durch — 1— neunzehn Jahre ſo wohl war, den ich mir aus al⸗ len Kräften zu erhalten ſtrebte. Agathokles war vermählt. Alle Empfindungen⸗ die um ſeinetwillen mein Gemüth in irgend eine angenehme oder widrige Spannung brachten, muß⸗ ten auf Befehl der Vernunft ſchweigen, jede leb⸗ hafte Regung zur ſtillen Neigung, jede ſchmerzli⸗ che Erinnerung zum ſtachelloſen Andenken an einen entſchwundenen ſchönen Traum werden. Meine Philoſophie, oder mein Leichtſinn— nenne es, wie Du willſt; was liegt am Nahmen, wenn nur die Wirkung bleibt?— war in dieſen Beſtrebungen ſchon ziemlich weit gekommen · Der Gedanke, daß ich ihn ohne Rückkehr durch ſeine eigene Wahl ver⸗ loren, hob die Unruhe der Ungewißheit auf; kein Räthſel blieb zu löſen, kein Wort, keine Begeg⸗ nung zu deuten. So hörte ſein Bild auf, die Be⸗ ſchäftigung meiner einſamen Stunden zu ſeyn. Ich verglich mich mit Theophanien, gans unpartheyiſch⸗ Bruder, ich verſichere Dich; und ich fand bey al⸗ ler Gerechtigkeit, die ihr mein Herz willig wider⸗ fahren ließ, daß der Mann, der mit ihr zufrieden ſeyn konnte, es unmöglich mit mir hätte ſeyn, un⸗ möglich auf die Dauer mich glücklich hätte machen können. So hatte ich nach und nach mein Herz, das die — 142— Vorfälle der letzten Zeit gewaltſam aufgeregt hat⸗ ten, zu beſchwichtigen angefangen. Es ward wie⸗ der ſtille in mir; und ich ſaß eben vor mehreren Tagen am Rahmen, um einen Schleyer für Thev⸗ phanien zu ſticken, und ihr ſo alle die zarten Auf⸗ merkſamkeiten und Gefälligkeiten zu vergelten, wo⸗ mit ſie mich überhäuft, mir die ſchönſten Blumen, die ſchönſten Früchte ihrer Villa ſchickt, als plötz⸗ lich die Vorhänge meines Gemachs ſich rauſchend theilten, und ein Mann in ſchimmernder vrienta⸗ liſcher Kleidung, von einer großen Anzahl eben ſo glänzender Selaven gefolgt, die im Vorſaale ſtan⸗ den, in mein Zimmer trat. Ich ſprang auf; ich er⸗ kannte den Fremden nicht ſogleich. Da eilte er auf mich zu. Sie iſt todt!— rief eine ſchmerzliche be⸗ kannte Stimme, und ich ſah mich in Tiridates Ar⸗ men. Sie iſt todt! wiederhohlte er noch ein Mahl, riß ſich ſchnell los, warf ſich auf das Ruhebett, ver⸗ barg das Geſicht in die Kiſſen, und ſchluchzte laut auf. Ich begriff nun, was dieſe plötzliche Erſchei⸗ nung bedeutete. Sulpicia hatte geendet, und ihr unglücklicher Gemahl hatte nicht vermocht, an dem Orte zu bleiben, wo ihn alles an ſeinen Verluſt er⸗ innerte. Mein Herz war von einer Menge ſchmerz⸗ licher Empfindungen auf einmahl ergriffen. Sul⸗ piciens Tod, Tiridates Erſchütterung, die Erinne⸗ rung an ſo manche vergangene Tage, wo ich den, der nun tief gebeugt, ſchluchzend, unglücklich vor mir lag, in allem Schimmer ſeines Standes, in königlichem Wirken, in frohem Lebensmuthe geſe⸗ hen hatte, preßten meine Bruſt gewaltſam, und nur ein Thränenſtrom machte meiner Beklemmung Luft. Als er mich weinen hörte, richtete er ſich auf, und— o mein lieber Bruder, wie unwiderſtehlich war er in ſeinem Schmerzen! Das ſprühende Feuer ſeiner Augen brach ſchön gemäßigt durch einen Schleyer von Thränen, die üppige Jugendfülle ſei⸗ ner Züge war verſchwunden, ſeine Farbe war blaſ⸗ ſer geworden, und der Ausdruck des tiefſten Kum⸗ mers erhöhte auf eine wunderbare Art die Bedeu⸗ tenheit dieſer edlen Formen. Denke Dir noch dazu die prächtige vrientaliſche Kleidung, die Gehänge von den koſtbarſten Steinen über die Bruſt, den vreiten majeſtätiſchen Kopfputz von blendendweißem Stoffe mit ſchimmernden Edelſteinen aufgebunden, dieſe Tracht, die ſo ſehr gemacht ſcheint, eine edle Geſtalt noch edler und majeſtätiſcher zu zeigen Ich war ſo überraſcht, ſo ſeltſam bewegt, daß ich eine Weile ſtumm und weinend vor ihm ſtand. Er nahm meine Hand. Ach wer hätte das gedacht, fing er endlich aus tiefer Bruſt an, als ich vor einem Jah⸗ re mit ihr aus Italien entfloh! So hatte endlich ſein Schmerz Worte gefunden. Ich war froh dar⸗ über, ich ſetzte mich an ſeine Seite; er erzählte mir von unſerer Verlornen, den Gang ihrer Krank⸗ heit, die letzten Stunden, die letzten Worte meiner theuern Sulpicia. Meine Thränen begleiteten oft ſeine Erzählung; aber die ſeinigen hatten aufgehört zu fließen, und ich ſah mit Freuden, daß dieſe un⸗ geſtörte Ergießung ſein Herz erleichtert hatte. Seitdem bringt er faſt alle Stunden, die ihm ſeine Verhältniſſe, ſein Aufenthalt am Hofe übrig laſſen, wo ihn Dioeletian mit ausgezeichneter Pracht und Freundſchaft empfangen hat, bey uns, oder ei⸗ gentlich bey mir zu. Wir waren geſtern, von mei⸗ nem Vater begleitet, in Synthium. Der erſte Anblick ſeines Freundes, den er ſeit ſeinem Verluſte nicht geſehen hatte, erweckte ſei⸗ nen Schmerz wieder, und das Glück der beyden Gatten, Theophaniens Geſtalt, die ihren Gemahl zu Hoffnungen berechtigt, welche dem kinderloſen letzten Fürſten ſeines Stammes ſo unendlich wich⸗ tig wären, erinnerten ihn ſchmerzlich an ſein zer⸗ ſtörtes Glück. Doch richtete ſich ſein Geiſt auch dieß Mahl mächtig auf. Die Freude, Agathokles ſo glücklich zu wiſſen, und anziehende Geſpräche zer⸗ ſtreuten ihn angenehm. Ich finde, daß ſeitdem ſei⸗ ne Heiterkeit mit jedem Tage zunimmt, und das Bild der trüben Vergangenheit je mehr und mehr in Schatten zurücktritt. Das iſt's auch eigentlich, was ein vernünftiger Mann thun ſoll. Nur Schwärmer oder unſelbſt⸗ ſtändige Gemüther halten einen ſchmerzlichen Ein⸗ druck mit ſtolzem Eigenſinne feſt, und finden eine Art von Wolluſt oder Ruhm darin, unglücklich zu ſeyn, oder es wenigſtens zu ſcheinen. Tiridates hat ſeiner Frau ſowohl während ihrer Krankheit, als nach ihrem Tode die befriedigendſten Zeichen ſeiner Treue und Liebe gegeben. Er hatte ſie in den letz⸗ ten Tagen keinen Augenblick mehr verlaſſen In ſei⸗ nem Arme war ſie geſtorben, ſein Mund empfing ihren letzten Hauch, und es koſtete ſeinen Freunden, ſo wie ſeine Begleiter erzählen, Mühe, ihn von der Leiche zu entfernen, und wieder an ſeine vorige Le⸗ bensweiſe, an den Anblick der Menſchen zu gewöh⸗ nen, die er, in Schmerz verſenkt, unwillig floh. Das iſt alles, was die Vernunft, die Liebe, was ſelbſt Sulpicia, wenn bey den Schatten noch Er⸗ innerung iſt, von ihm fordern können. Das Ange⸗ denken an ihre Liebe, an die ſchönen Stunden, die ſie ihm gab, wird nie aus ſeiner Seele ſchwinden. Aber ſein Reich, ſeine Verhältniſſe zu den Höfen von Nikomedien und Perſien fordern ſeine Auf⸗ merkſamkeit mit gebiethender Strenge; ſein Volk Agath. III. Th. 10 ſieht einer zweyten Verbindung, die ihm einen Thronerben und dem Reiche ſeine künftige Nuhe zuſichert, mit Verlangen entgegen. Er kann nicht handeln, wie ein Einzelner, und ſo darf er auch nicht trauern wie ein Einzelner. Der Maßſtab, mit dem man gewöhnliche Menſchen mißt, darf nicht für Herrſcher gebraucht werden, die nicht für ſich allein ſtehen, an deren Entſchließungen däs Wohl von Myriaden hängt. So müſſen ſeine Freun⸗ de froh ſeyn, wenn ſein erſter wilder Schmerz in ſanfte Wehmuth, und dieſe in ſtillen Ernſt ſich auf⸗ löſet. Hier in Rikomedien hat mit ſeiner Ankunft wie⸗ der ein regeres Leben angefangen. Der Auguſtus gibt ſeinem königlichen Gaſte zu Ehren glänzende Feſte, Schauſpiele u. ſ. w. Viele ſchöne, viele be⸗ deutende Frauen und Mädchen erſcheinen dabey; einige benachbarte Fürſten ſind mit ihren Familien hier, man kann wohl denken, in welcher Abſicht. Ein Thron, eine Geſtalt und ein Herz wie Tirida⸗ tes, der auch als Privatmann ſo achtungs⸗ und liebenswerth ſeyn würde, verdienen wohl die An⸗ ſtrengungen, die freylich etwas zu ſichtlich dafür gemacht werden. Meine Zeit iſt jetzt wieder ſehr be⸗ ſchränkt. Tiridates zeigt uns deutlich, daß meines Vaters und meine Gegenwart ihm die Freuden je⸗ — ner Feſte erhöhen, und ihn für manchen Zwang, dem er ſich unterwerfen muß, entſchädigen. Ich le⸗ be daher ziemlich zerſtreut, und habe volle vier Ta⸗ ge an dieſem Briefe zugebracht, dem Du es wohl abmerken wirſt, daß er nicht in einem Zuge, und nicht in derſelben Stimmung geſchrieben worden iſt. Leb wohl! Achtzehnter Brief. Agathokles an Phocion. Nikomedien im October 303. E⸗ iſt möglich, mein theurer Freund! daß wir uns bald ſehen. Ich werde Nikomedien, wo mich wenig mehr zurückhält, wahrſcheinlich mit den Meinigen auf lange Zeit verlaſſen. Meinen güti⸗ gen geliebten Vater hat vor wenig Tagen ein jä⸗ her Tod uns entriſſen. Hohes Alter und zunehmen⸗ de Schwäche hatten uns zwar längſt auf dieſen Fall vorbereitet; dennoch erfüllte er uns mit eben ſo viel Trauer und Schrecken, als wäre er in der Blüthe der Jahre geweſen. Denn wie ſehr der Menſch ſich auch auf einen böſen Zufall gewaffnet glaubt, ſo iſt doch ein unendlicher Abſtand zwiſchen der feſtbeſtimmten Wirklichkeit, die nichts mehr er⸗ ſchüttert, und jenem zitternden Zuſtand, in den noch ſtets, uns unbewußt, ſich leiſe Hoffnung miſcht. Er hat mir verziehen, er hat mich mit ſchwacher ſterbender Hand geſegnet, und ſein liebes Kind ge⸗ ——— nannt. Das iſt der einzige Punct, auf dem meine Seele mit Beruhigung verweilt. Er hat ſogar ſein Teſtamentzurückgenommen⸗ und ſeine großen Reich⸗ thümer auf eine für mich ſehr partheyiſche Weiſe zwiſchen mir und ſeinem Neffen Leucippus, dem ſie vorher ganz beſtimmt waren, getheilt. Leucippus iſt ein guter Menſch; eine Verbindung, die er wi⸗ der den Willen ſeines Vaters, meines Oheims, traf, hatte ihm die Liebe und das Vermögen ſeines Vaters entzogen. Dieſe Rückſicht, eine zahlreiche Familie und mancherley unglücksfälle machten, daß ich mit Freuden das Schickſal eines würdigen ge⸗ kränkten Verwandten durch dieſe Verfügung er⸗ leichtert ſah. Er war edel genug, ſogleich zu mir zu kommen, und freywillig auf ein Geſchenk Ver⸗ zicht leiſten zu wollen, wodurch er mir mein Ei⸗ genthum zu entziehen fürchtete. Mir wäre der blo⸗ ße Wille meines Vaters hinreichend geweſen,wenn er mich auch hart getroffen hätte, um nie den ge⸗ ringſten Anſpruch auf einen Beſitz zu machen, deſ⸗ ſen Vertheilung ganz von ihm abhing, auf den ich kein Recht zu haben erkenne. Leucippus iſt ſehr glück⸗ lich; ich habe einen treuen dankbaren Freund ge⸗ wonnen, und ſo muß ich doppelt meines Vaters Verfügung ſegnen. Wenn ich nach Europa komme, ſo werde ich — 150— unmöglich die Küſten eines Landes, wo Du ſchon ſo lange von mir getrennt lebſt, betreten können, oh⸗ ne Dich zu ſehen. Wie groß auch der Umweg ſeyn mag, ich eile ſicher von Byzanz in Deine Arme, und bringe Dir meine Theophania. Mich führen die Angelegenheiten meiner Glaubensgenoſſen durch Dacien und Noricum, vielleicht ſogar bis nach Britannien zu dem abendländiſchen Cäſar. Gale⸗ rius Untergebene wüthen in den Provinzen, die ſei⸗ ner Macht anvertraut ſind, ganz im Sinne ihres Gebiethers gegen die Chriſten. Conſtantin hat vom Dioeletian, der ihn ſeit einiger Zeit mit größerer Auszeichnung behandelt, ein Ediet erhalten, worin das Verfahren bey den Unterſuchungen, die Zwangs⸗ mittel und Strafen genauer beſtimmt, und der Willkühr nicht mehr ſo viel Raum gelaſſen wird. Dieß iſt hauptſächlich für jene Provinzen beſtimmt, in denen Galerius beſiehlt. Nicht viel beſſer geht es in jenen, die unter dem Zepter des rohen Ma⸗ rimian ſtehen. Nur in Spanien, Gallien und Bri⸗ tannien ſchützt Conſtantins milder Geiſt die unglück⸗ lichen Verfolgten. Viele hart bedrängte Familien flüchten daher aus jenen Provinzen in dieſe ſtillen Freyſtätten, und da man ſie, beſonders die reichen, nicht gern ziehen läßt, ſo entſtehen hieraus tauſend Mißhelligkeiten und Zwiſte, die nur eines An⸗ — 15— laſſes bedürften, um in volle Flammen auszu⸗ brechen. ⸗ Alles gährt in wildem Mißmuthe, alles iſt be⸗ reit, offenen Krieg zu erklären; die Zeiten der Ru⸗ he ſind vorbey, die dumpfe Stille, die noch jetzt herrſcht, iſt Täuſchung und Schein. Sobald Dio⸗ cletian, deſſen Geſundheit und Geiſteskraft ſichtbar abnehmen, die Augen ſchließt, treten die ſchreckli⸗ chen Scenen ein, die vor ſeiner Regierung, das Reich, die Welt verwüſteten. Das ſind die Ahnun⸗ gen, die bereits vor zwey Jahren meinen Geiſt dü⸗ ſter unwölkten, wenn ich dem Gang der Begeben⸗ heiten nachſann, und ſeit jener Zeir hat nicht das geringſte Ereigniß meine Furcht Lügen geſtraft, vielmehr jedes dazu beygetragen, ſie zu beſtätigen. Aber nicht mehr rettungslos erſcheint mir jetzt, wie damahls, die Lage des Menſchengeſchlechts. Es gibt eine Hoffnung, es lebt ein Retter. Das Chriſten⸗ thum muß herrſchende Volksreligion werden, die Römiſche Welt Ein Oberhaupt haben, die alten Formen müſſen zerbrochen, der Sitz der Regierung wo anders hin verlegt, die Macht der Pretorianer, dieſer nie zu löſchende Vulkan, aus deſſen Schooße alle die unſeligen Stürme hervorbrechen, zerſtört werden. Und wer, wer unter allen Menſchen, die jetzt auf dem Schauplatze der großen Begebenheiten — 152— leben und wirken, könnte dieſe ſchöne, beglückende Idee in die Wirklichkeit einführen, wer anders als Conſtantin, er, den die Vorſicht ganz dazu beſtimmt, und mit allen Gaben, die dieſer hohe Beruf erfor⸗ dert, ausgerüſtet zu haben ſcheint? Oft in ſtillen unvergeßlichen Stunden war der Entwurf und die mögliche Ausführung dieſes Plans unſer feuriges Geſpräch, unſer glühender Wunſch. Vieles iſt ab⸗ geredet, angelegt, vorbereitet worden; und ich ge⸗ he jetzt mit freudigem Muthe hinüber aufden Schau⸗ platz künftiger großer Ereigniſſe. Jene Angelegen⸗ heiten, von denen ich Dir ſchrieb, die Verfolgun⸗ gen meiner Brüder, ſind, ſo wichtig ſie meinem Herzen bleiben, doch für jetzt nur Nebenzweck und Vorwand, der die eigentliche Urſache meiner Sen⸗ dung und meiner Geſchäfte verbergen muß. Ein grö⸗ ßerer wichtigerer Zweck fordert alle meine Aufmerk⸗ ſamkeit. Tauſend geheime Fäden müſſen angeknüpft, tauſend Anſtalten im Verborgenen getroffen wer⸗ den, damit, wenn die Cataſtrophe, die aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach nicht mehr fern iſt, eintritt, Con⸗ ſtantin alle Mittel zur Pand, Heere geworben, Schätze, Freunde geſammelt, nichts dem Zufall überlaſſen, und ſo alle Kräfte bereit finde, um den großen Plan zu begründen, und zu befeſtigen. — — 155— Reunzehnter Brief. Theophania an Junia Marcella. Nikomedien im October 305. Fünf Monathe ſind nun im ſtillen Genuſſe der reinſten Seligkeit verfloſſen; ich war glücklich— glücklich, wie vielleicht Menſchen es ſonſt nie oder nur auf kurze Augenblicke ſind. Ich habe dieſes Glück durch fünf Monathe genoſſen; ich darf nicht klagen, wenn es jetzt zum Theil aufhört, und dü⸗ ſtere Wolken hier und da emporſteigen⸗ und die Zu⸗ kunft meiner Vergangenheit gleich zu machen dro⸗ hen. Mein Schwiegervater iſt geſtorben; das war die erſte Störung unſeres ſtillen Glückes. Er hat meinem Gemahle völlig verziehen, er hat ihn in den letzten Angenblicken mit rührender Zärtlichkeit behandelt, er hat ſein erſtes Teſtament zurückge⸗ nommen, und nur einen Theil ſeines Vermögens einem edlen, aber unglücklichen Verwandten zuge⸗ — 15 4— wendet, den die Familie vorher tief gekränkt, und im Elende beynahe hätte untergehen laſſen, wenn ihn nicht Agathokles nach allen ſeinen Kräften un⸗ terſtützt hätte, ohne daß Leucippus jemahls erfah⸗ ren konnte, wer ſein unbekannter Wohlthäter ſey. Nun hat Hegeſippus letzter Wille ſie auch öffentlich vereinigt, und Agathokles behandelt den neuen Freund wie einen geliebten Bruder. Aber ſeine Stimmung war ernſt und düſter, und wurde es immer mehr. Conſtantin kam oft zu uns; ſie unterredeten ſich lange und angelegentlich, ſie ließen mich oft Theil an ihrem Geſpräche neh⸗ men. Ich mußte die Wichtigkeit ihrer Entſchlüſſe, und ihren ernſten Willen zum Guten bewundern; aber mein Herz zitterte in Geheim vor den man⸗ cherley Verhältniſſen, Verwirrungen, Anſtrengun⸗ gen, die ſie nach ſich zogen, vor dem gewaltigen Treiben der Welt, das meinen Gemahl jetzt wie⸗ der ergreifen und mitten in ſeine Wirbel reißen würde. Ich konnte alle dieſe ſchönen großen Ent⸗ würfe für nichts anders, als den Schwanengeſang meines ſtillen Glückes halten. Aber unſre Seelen verſtehen ſich zu gut, um auch nur Einen Gedan⸗ ken, Eine Regung ungetheilt zu bewahren. Er er⸗ rieth mich, er verwies mir liebreich dieſe Anwand⸗ lung von Egvismus, dem herrſchenden Geiſte der — 155— Zeit; er ſtellte mir vor, daß ich eine Römiſche Bürgerinn, eine Chriſtinn ſey. Ach ich erkannte die Wahrheit aller ſeiner Gründe; aber dennoch ſchauderte ich bey jedem Gedanken an die unruhige, ungewiſſe Zukunft! Nun wurde endlich beſchloſſen, daß Agathokles nach Europa, und vielleicht bis nach Britannien gehen ſollte. Er kündete es mir an, und tröſtete mich zärtlich und liebevoll. Ich betheuerte ihm⸗ daß ich den Gedanken der Trennung nicht ertragen könne. Ich erklärte ihm, ich würde ihn begleiten, wohin er ginge, bis an die Säulen des Herkules, bis an's äußerſte Thule*²); keine Entbehrung, keine Beſchwerlichkeit der Reiſe würde mir ſo hart, ſo ſchmerzlich werden, als ein Leben im Schvoße der Bequemlichkeit und des überfluſſes ohne ihn. Er gab endlich meinen Bitten nach, nachdem er mir vorher alles, was ich zu dulden, zu fürchten haben könnte, mit den lebendigſten Farben gemahlt hatte; und als ich endlich weinend an ſeine Beuſt ſank, und ihm ſagte, ich könnte nicht leben ohne ihn, da ſchloß er mich heftig und mit naſſen Augen an ſein Herz, und geſtand mir, daß es ſein heißer Wunſch geweſen ſey, ſich nicht von mir trennen zu dürfen, daß er vor meinem Ausſpruche gezittert, und nur aus ängſtlicher Sorge für meine Geſund⸗ — 156— heit und ſeine Vaterhoffnungen ſich verpflichtet ge⸗ fühlt habe, mir alles vorzuſtellen, was ich wagte und unternahm. O Junia! Welche Leiden, welche Beſchwerlichkeiten müßten das ſeyn, die ich nicht mit Freuden ertrüge, um ſeine Gegenwart, das Glück, mit ihm zu leben, damit zu erkaufen! So ward denn unſere Abreiſe feſt beſtimmt, als plötzlich, ich kann eben nicht ſagen, ein unerwarte⸗ tes, aber doch ein überraſchendes Ereigniß ſie noch eine Weile verſchob. Die Königinn von Armenien endigte vor einigen Monathen ihr ſchwermuthvol⸗ les Leben; und wenn ich mir denke, wie wenig glücklich ſie ſich ſelbſt bey der Erfüllung aller ihrer Wünſche fand, ſo kann ich bey dieſem Verluſte, wie Du mir einſt ſagteſt, wieder nur die Zurück⸗ gelaſſenen bedauern, und auch dieſe in dem gegen⸗ wärtigen Falle nicht tief. Der König kam vor zwey Monathen hierher, um ſeinem Schmerzen zu ent⸗ fliehen, um ſich zu zerſtreuen; und wirklich ſah ich noch nie einen Menſchen, dem dieß Beſtreben ſo bald und vollſtändig gelungen wäre, als ihn. Die ſchöne Calpurnia, die Freundinn ſeiner verſtorbe⸗ nen Frau, war natürlicher Weiſe die erſte Perſon, bey welcher er Troſt und Beruhigung ſuchte. Sie weinte mit ihm, ſie hörte ſeine Flagen an, in der Liebe für die Entriſſene begegneten ſich ihre See⸗ — 157— len; und was können die Seelen dafür, wenn ein ſolches Zuſammentreffen länger währt, als gerade der Schmerz erforderte, wenn man ſich einander wieder, und abermahls wieder zu begegnen wünſcht, und wenn endlich die Seelen in ſo reizende Hüllen eingeſchloſſen ſind, daß ſie vor Vergnügen, einan⸗ der in dieſen Hüllen zu bewundern, gar nicht mehr von einander ſcheiden wollen? Ich muß geſtehen, Tiridates iſt vielleicht die ſchönſte männliche Ge⸗ ſtalt, die ich je geſehen habe; die Art und die aus⸗ nehmende Pracht ſeiner Kleidung tragen noch mehr vey, ſie im vortheilhafteſten, im wahren königli⸗ chen Glanz und Anſtand zu zeigen. Dennoch glau⸗ be ich, wenn ich auch meinen Gemahl nie gekannt hätte, wenn ich noch in der Blüthe meiner Jugend⸗ gefühle wäre, dieſe koloſſalen Formen, dieſe leb⸗ haft und munter blitzenden Augen⸗ dieſer Ausdruck von Lebensluſt und Fröhlichkeit würden mich nie angezogen haben. Calpurnia denkt anders. Nur kann ich nicht recht faſſen, wie der Ausdruck ſo ent⸗ gegengeſetzter Gemüther, ſo ganz verſchiedene Er⸗ ſcheinungen, als Agathokles und der König ſind, ſo ſchnell hintereinander dieſelbe Perſon in derſel⸗ ben Stärke rühren konnten. Doch wer ergründet das menſchliche Herz in ſeinen Widerſprüchen und Inconſequenzen! Es iſt hierüber nichts zu ſagen, — 153— und niemand zu tadeln, weil er auf eine Weiſe fühlt, die wir nicht begreifen können. Schon bey dem erſten Beſuche, den ſie uns ei⸗ nige Tage nach Tiridates Ankunft auf der Villa machten, war es mir ſehr wahrſcheinlich, der Kö⸗ nig werde ſich bey Calpurnien über ſeinen Verluſt tröſten, und ſie den ihrigen gern und leicht über einen ſo ſchimmernden Erſatz vergeſſen. Ich theilte Agathokles meine Vermuthungen mit. Er hatte nichts beobachtet. Du weißt, Männeraugen ſehen in dergleichen Dingen nie ſcharf; nur in unſere Seelen hat die Natur über ſolche Dinge ein gar zu feines, ſicheres Gefühl gelegt. Wir ahnen, wir erkennen dieſe Erſcheinungen bey uns und Andern leicht, wenn wir auch von den Gründen oder Merk⸗ mahlen keine deutliche Rechenſchaft zu geben wiſſen. Bey der zweyten, dritten Zuſammenkunft blieb mir kein Zweifel übrig. Tiridates redete mit mei⸗ nem Gemahle von unſerm Glücke, von unſern Hoff⸗ nungen mit feuriger, nicht wehmüthiger Begeiſte⸗ rung; er ſprach von der Nothwendigkeit, ſeines Volkes Glück durch eine unbeſtreitbare ruhige Thron⸗ folge zu ſichern, von dem traurigen Looſe der Re⸗ genten, die ſo ſelten den Neigungen ihres Herzens folgen dürften, von der Nothwendigkeit, ſeine lieb⸗ ſten Gefühle, den gerechteſten Schmerz zu beſiegen, — 155— wenn es höhere Rückſichten fordern, u. ſ. w. und Calpurnia ward von dieſer Zeit an von der Augu⸗ ſta und des Cäſars Gemahlinn mit vorzüglicher Aufmerkſamkeit behandelt. Indeſſen verbreitete ſich das Gerücht, und wurde bald zur Gewißheit, Dio⸗ eletian wolle das zwanzigſte Jahr ſeiner glücklichen Regierung und den Sieg über die Perſer durch ei⸗ nen feyerlichen Triumph in Rom, das er, wie ich glaube, als Auguſtus gar noch nicht geſehen hat⸗ feyern. Es wurden glänzende Anſtalten dazu ge⸗ macht, der abendländiſche Auguſtus ebenfalls da⸗ zu aufgefordert, und Tiridates fand es nun nö⸗ thig, einen Entſchluß, der längſt ſchon feſt in ſei⸗ ner Seele lag, öffentlich zu erklären, bevor der Kaiſer Nikomedien verließe. Er warb feyerlich um Calpurnia bey ihrem Vater und dem Kaiſer, der den Proconſul außerordentlich ſchätzt, und ſeine Einwilligung ſo ſchnell und frendig gab, daß es wohl ſcheint, dieſe Anwerbung ſey nichts als eine Förmlichkeit, und die Sache ſelbſt ſchon vorher un⸗ ter den Hauptperſonen verabredet geweſen. Als er mit freundlicher Wärme in Agathokles drang⸗ ſei⸗ ne Abreiſe zu verſchieben, um Zeuge eines Zeit⸗ punctes zu ſeyn, der für das Glück ſeines Freun⸗ des ſo wichtig wäre, mochte er wohl fühlen, daß dieſe ſchnelle Wahl, dieſe noch ſchnellere Vollzie⸗ — 160— hung Agathokles befremdete. Mit leichtem Ton, und noch leichterem Sinn entſchuldigte er dieſe übereilung durch ſeine Verhältniſſe, die Forderun⸗ gen der Pflicht, die jähe Abreiſe des Kaiſers, und ſagte, daß, da er nun einmahl hätte wählen müſ⸗ ſen, alte Freundſchaft, Achtung für Sulpiciens Angedenken, und des Proconſuls bedeutender Ein⸗ fluß ſeine Wahl auf Calpurnien gelenket hätten. Agathokles widerſprach nicht, er nahm mit unver— ſtellter Freude Theil an dem Glücke ſeiner Freun⸗ de; und ſo bleiben wir noch eine Weile hier, und ich ſehe nicht ohne Widerwillen einer unruhigen Zeit voll Schimmer, Geräuſch und Zerſtreuung entgegen, welche die Vermählungs⸗Feyerlichkeiten mit ſich bringen werden. Mein ſtilles Glück iſt ge⸗ ſtört, wie ich Dir ſagte, und es beginnt eine neue Epoche meines Lebens, auf deren ungewiſſere Schickſale ich mein Herz in ſtiller Ergebung vor⸗ bereite. Leb wohl! Zwanzigſter Brief. Calpurnia an ihren Bruder Lucius Piſo. Nikomedien im October 503. Bruder! Was wirſt Du ſagen, wenn Du dieſen Brief erhältſt? Ich bin Braut— und bald, ſehr bald vermählt. Und mit wem? O Du erräthſt es wohl. Es wäre mir nicht möglich, Dir alles ſo genau und regelmäßig zu erzählen, wie es ſich machte. Wie könnte ich es auch? Ich weiß ſelbſt kaum, wie es kam— ſo ſchnell, ſo unver⸗ muthet, daß ich jetzt noch manches Mahl alles für einen Traum halte. Genug, ich bin Tiridates Braut, und werde in Kurzem Königinn von Armenien ſeyn. Es wird mich im Anfange Mühe koſten, mich in alle die Formen und Steifheiten des orientaliſchen Cere⸗ moniels zu fügen; aber ich weiß eben ſo beſtimmt, daß es mir gelingen wird, und ich mit eben ſo viel Agath. 1II. Th. 11 Anſtand Königinn ſeyn werde, als ich bis jetzt mit Anmüth ein römiſches Mädchen war, und mit Wür⸗ de eine Nikomediſche Matrone geworden wäre wenn es die Götter ſo gefügt hätten. Das thaten ſie nun aber nicht, und ſo wurde ich zuerſt aus der Vertrauten die Freundinn, aus der Freundinn die Geliebte, aus der Geliebten die Braut des edelſten, liebenswürdigſten Fürſten! Denn ich muß Dir ſagen, es gibt kein gefährli⸗ cheres Amt für ein junges Mädchen, als die Ver⸗ traute und Tröſterinn eines ſchönen Unglücklichen zu ſeyn. Das Mitleid iſt eine gar zu verrätheriſche Empfindung. Wir wurden einander mit jedem Tage lieber, nothwendiger. Ich fand Zerſtreuung und Freude in ſeinem lebhaften Umgange; er be⸗ weinte zuerſt mit mir ſeinen Verluſt, erzählte mir voz den erſten Tagen ſeiner Liebe, ſeines Glückes, und fand es zuletzt unmöglich, ohne dieſes Glück zu leben. Außere Umſtände trafen nun auch zuſam⸗ men. Des Auguſtus ſchnelle Abreiſe machte eine übereilte Erklärung nöthig, wenn wir nicht mit un⸗ ſerer Verbindung bis zu Diveletians Wiederkunft, die vielleicht in einem Jahre Statt häten konnte, warten wollten. Du kennſt die Verhältuiſſe der Fürſten zu dem römiſchen Hofe, Du kennſt Armeniens Lage in Rückſicht der Perſer. — 165— Es liegt alles daran, die Thronfolge beſtimmt und unbeſtreitbar feſtzuſetzen. Dioecletian ſelbſtſchien dieß zu wünſchen. Die Zeit war kurz; Tiridates entſchloß ſich. Er fragte mich: und konnte ich wohl Nein ſagen? Was, um aller Götter willen, hätte ich gegen ihn einwenden können? Daß unſere Verbindung übereilt ſey? Ach! ich kannte ihn ſeit zwey Jahren genauer, als wenn er dieſe ganze Zeit über ſich um mich beworben hätte; denn ich ſah ihn ohne Vorurtheil, und er hatte keine Urſache, ſich vor mir zu verſtellen. Daß ich ihn nicht mit der Leidenſchaft liebte, die manche Menſchen zum Glücke einer Verbindung für nöthig halten? Das iſt Grille. Ich achte ihn, weil er es durch tauſend Vorzüge wohl verdienet, und ſeine Geſtalt gefällt mir. Das iſt alles, was ich zu meinem Glücke be⸗ darf. Meine Forderungen an euer Geſchlecht wa⸗ ren immer mäßig. Mileſiſche Mährchen kann man träumen; in der wirklichen Weltgeht alles anders zu. Es iſt über dieß auch kein unbedeutender Vor⸗ zug, Königinn, wenn auch nur Königinn eines ver⸗ bündeten Staates zu werden. Auguſtus gibt es höchſtens zwey, und zwey Cäſarn; da iſt nur Raum für vier römiſche Jungfrauen oder Matronen. Auch iſt der Auguſtus gewöhnlich nicht mehr in der Blüthe der Jahre. Wie unbaͤndig müßte der Ehrgeiz einer Römerinn ſeyn, die, wenn ſelbſt Dioerletian ſich zugleich mit Tiridates um ihre Hand bewürbe, den alternden, rauhen Illyrier vor dem jugendlich blühenden Fürſten wählen könnte, den alle Grazien ſchmücken! So iſt denn alſo mein Schickſal beſtimmt, un⸗ widerruflich, wenn nicht außerordentliche Ereigniſſe dazwiſchen treten! Seltſam! Wenn ich mir das recht lebhaft denke, ſo wandelt mich eine Art von Grauen an. Heirathen— mein Loos in die Hand eines Mannes legen, ihm in ein fernes Land fol⸗ gen, wo er unumſchränkt gebeuth, wo niemand iſt, der ihm Widerſtand leiſten darf— wahrlich, der Schritt iſt ernſt, ſo ernſt, daß, wenn ich alles das früher ſo würde bedacht haben, ich ihn vielleicht nicht gethan hätte! Nun iſt nichts mehr zu ändern. Meine Verbin⸗ dung iſt öfſentlich erklärt, der Auguſtus ſelbſt hat über meine Hand entſchieden. Tiridates iſt trunken von Freuden. Er liebt mich leidenſchaftlich, und er iſt keiner Verſtellung fähig. Aber wie lange wird dieß währen? Und wie kann ich mich vor dem Looſe meiner Freundinn ſchützen, oder wie kann ich er⸗ warten, ihm zu entgehen? Und auf dieſen Punkt wird einſt ſo vieles ankommen. Hier iſt es nöthig, alle Kraft des Verſtandes, alle Macht über ſich — 165— und über Andere, alle Erfahrung zu Hülfe zu neh⸗ men. Mein Schickſal wird in ſeiner Hand liegen, niemand wird, niemand kann ſich meiner anneh⸗ men; ich muß mir ſelbſt alles ſeyn, ich muß mich ſchützen, ich muß feſt ſtehen, und das kann ich nur, wenn ich mich nie vergeſſe. Nie wiſſe, nie fühle er ſich meines Herzens ganz ſicher und im uneinge⸗ ſchränkten Beſitze desſelben, nie verliere mein Geiſt die Herrſchaft über ſein Herz! Zwar ſo lange er noch etwas zu wünſchen, zu hoffen, zu fürchten hat, ſo lange er liebt, wird es leicht ſeyn, auf ihn zu wirken; aber wie klug ich mich auch betragen mag, ſo wird die Zeit doch kommen, wo fremde friſchere Reize, oder allmähliche Gewöhnung dieſe Art von Jauber zerſtören. Bis alſo die gefährliche Epoche eintritt, muß ſeine Achtung für meinen Charakter, für meinen Verſtand ſo feſt gegründet ſeyn, daß die Freundinn keines von den Rechten verliert, die die Geliebte hatte, und ſeine Untreue nichts weiter für mich ſeyn kann, als ein flatterndes Spiel, das ich ihm gern zu ſeiner Unterhaltung gönne. Rie werde ich mich in die Angelegenheiten ſei⸗ nes Reiches miſchen, wenigſtens nie unmittelbar. Sucht er in manchen Fällen den Rath der Freun⸗ dinn, kann es ſein Herz erleichtern, wenn er ſeine Sorgen zuweilen in meine Bruſt niederlegt, ſo will — 166— ich ihm redlich tragen und ſorgen und denken hel⸗ fen. Nie werde ich meine engbegränzte Sphäre verlaſſen; aber auch nie ſoll er vergeſſen, daß ich meinem ſchönen Vaterlande, dem Leben im Schoo⸗ ße einer edlen ruhmvollen Familie, die mich zärt⸗ lich liebt, entſagt habe, um ihm in ſeine Gebirge öu folgen, und die Gattinn eines Barbariſchen Ty⸗ rannen zu werden, wie ſich Sulpiciens Vater aus⸗ drückte. über einige dieſer Punkte habe ich mit dem meinen mehrere ernſte feyerliche Unterredungen ge⸗ habt, und nie werde ich der weiſen Lehren vergeſ⸗ ſen, die er mir mit Rührung, mit väterlichen Thrä⸗ nen gab. Ach er freut ſich wohl, mich ſo glänzend und an einen ſo würdigen Gatten verheirathet zu wiſſen; dennoch fühle ich, daß der Gedanke, ein Kind zu verlieren, an deſſen ſteten Umgang er ſo gewohnt war, ihn manches Mahl wehmüthig macht. Dann ergreift dieſe Stimmung auch mich; aber ich bemühe mich, ſie, wie jede weiche ihrer Art, zu verſcheuchen. Wenn ich nicht als Veſtale leben und ſterben will, ſteht mir dieſe Trennung immer be⸗ vor; und ich könnte mir doch unter allen Männern keinen denken, um deſſentwillen ich ſie lieber er⸗ krüge, als Tiridates. Keinen? Man muß nie falſch ſeyn. Das, was *6 ich für Tiridates empfinde, iſt viel anders, als was — 6— ehedem meine Bruſt ſo unruhig, ſo unabläßig be⸗ wegte. Doch kommt dieſer unterſchied vielleicht wohl nur von der Art des Verhältniſſes, und nicht von dem Gegenſtcde desſelben her. Ehemahls war ich ungewiß, zweifelhaft, meine Phantaſie auf⸗ geregt, alle Seelenkräfte in Spannung; jetzt iſt alles ſtille und ſicher, und ſo iſt mein Gefühl nur ruhiger, aber vielleicht nicht kälter. Sey dem, wie ihm wolle! Ich mag nicht dar⸗ über grübeln; es nützt zu nichts, und kann nur ſchaden. Agathokles wird Zeuge unſerer Verbin⸗ dung ſeyn; ich habe den Gedanken, ihn darum zu bitten, in Tiridates erregt, ohne daß er meinen Wunſch errieth. Ich weiß nicht, welche Art von ſtolzer Befriedigung ich darin ſuche; genug⸗ ich wünſche und ſehe es als einen Theil der Freuden jenes wichtigen Tages an, daß er gegenwärtig ſey. Leb wohl, lieber Bruder! Meine Lebensart iſt jetzt ſehr beſchäftigt, ſehr zerſtreut; Du wirſt es dieſem Briefe abgemerkt haben. Bevor ich Niko⸗ medien verlaſſe, und mich noch um viele, viele Mei⸗ len weiter von Dir entferne, ſchreibe ich Dir ſicher noch ein Mahl. 6— 6 — 168— Ein und zwanzigſter Brief. Conſtantin an Agathokles. Salona 12) im Januar 304. As wir uns in Byzanz trennten, Du mit Deiner liebenswürdigen Frau nach Athen gingſt, und ich dem Auguſtus auf ſeinen Befehl nach Rom folgte, um Zeuge ſeines Triumphs zu ſeyn, da dachte ich nicht, daß jene Ereigniſſe, von denen wir, als in ferner Zukunft möglich, ſprachen, ſchon ſo bald ih⸗ re dunkeln verhängnißvollen Schatten über unſere Gegenwart werfen, und uns nöthigen würden, Pla⸗ ne und Entſchlüſſe, deren größeres Verdienſt doch wohl Reifheit und beſonnene Vorbereitung iſt, viel⸗ leicht mehr als gut iſt, zu beſchleunigen. Wie Ga⸗ lerius die Zurückſetzung ertrug, daß nur die beyden Auguſte den Triumph feyern, er und mein Vater hingegen von dieſem Ruhme ganz ausgeſchloſſen ſeyn ſollten, haſt Du ſchon in Nikomedien geſehen, als nach den Hochzeitfeyerlichkeiten des Königs von Armenien ſich alles zum Aufbruche anſchickte, und auch er bereit ſchien, den Auguſtus nach Rom zu begleiten, und an dem Triumph Antheil zu neh⸗ men, den er durch ſeine Tapferkeit wohl verdient hatte. Die alte Sitte, welche die Verdienſte der Cä⸗ ſarn ihren Vätern zuſchrieb ¹3), obwohl ſie dem Dioecletian zum günſtigen Vorwand diente, be⸗ friedigte den Stolz des wilden Cäſars nicht, der ſich wohl bewußt war, daß dieß Mahl nicht ſein kleineres kriegeriſches Verdienſt vor dem größern des Auguſtus zu verſchwinden hatte, der es tief fühlte, daß durch ſeinen Arm allein die Lorber er⸗ rungen worden waren, mit denen ſich der langge⸗ haßte Auguſtus nun in Nom ſchmücken ſollte. Daß er nicht wüthete, daß er dieſe Kränkung ſo gelaſ⸗ ſen, mit ſo ſchmeichelnder Ergebung ertrug, dieſe dumpfe, ahnungsvolle Stille ließ mich eben mit größerm Rechte ein heranziehen witter fürch⸗ ten. Wie ſicher mußte Galerius ſeines Erfolges ſeyn, da er den rauhen Krieger ganz unter dem ge⸗ ſchmeidigen Hofmanne zu verbergen wußte! Ich theilte Dir damahls meine Beſorgniſſe mit; Du ſchienſt es nicht ſo anzuſehen, und ich verwies Dich auf die Zukunft. So langte ich mit dem Auguſtus in der Hälfte des Novembers nach einer ſehr glücklichen Fahrt in Oſtia an. Die Fey⸗ — 170— erlichkeiten des Triumphs, die Spiele, Schauſpie⸗ le u. ſ. w.— wirſt Du mir zu beſchreiben erlaſ⸗ ſen. Mancher Griffel ſetzte ſich deßwegen ohnedieß in Bewegung, und Du wirſt ſie entweder ſchon ge⸗ leſen haben, oder noch zu leſen bekommen. Bald nach ihrer Beendigung verließ Dioeletian ſchnell und unvermuthet die alte Hauptſtadt der Welt, die er nur erſt betreten hatte, empört durch die Zudring⸗ lichkeit und Ausgelaſſenheit des Römiſchen Pö⸗ bels 14). Wir reiſcten am Ende des Decembers mitten in den Saturnalien ab; aber ſchon i in Aqui⸗ leja wurde Diveletian von Sie plötzlichen Schwä⸗ che, die mit mehreren ſeltſamen Symptomen beglei⸗ tet war, überfallen. Er mußte einige Tage dort ſtille liegen, und konnte ſeit dem die Reiſe in dieſer un⸗ günſtigen Jahreszeit nur in ſehr kleinen Tagemär⸗ ſchen fortſetzen. Gerade nach Nikomedien zu gehen, war ganz lich. Um, lſo einen milden und zugleich t zu finden, wählte er Salona, wo ohnedieß ſchon ſeit einiger Zeit an ei⸗ nem Pallaſt, an Bädern und Gärten, mit einem Wort, an einem ſehr prächtigen Wohnorte für ihn gebaut wird, und zwar mit einer Emſigkeit und Vorliebe, die mich in manchen meiner Vermuthun⸗ gen beſtärkt. So ſind wir nun hier; und da Dio⸗ tian vielleicht aus beſondern urſachen mir jetzt — 171— ſeine Gunſt immer deutlicher und offenbarer bewei⸗ ſet, und überhaupt mich ſehr gern um ſich zu ha⸗ ben ſcheint, ſo wird es mir nicht möglich, ihn zu verlaſſen, und ich werde nur mit ihm nach Niko⸗ medien zurückkehren⸗ Hier hörten wir denn auch, daß Galerius in Syrmium*³), die Feyer der Vicennalien mit ſo viel Pracht, lauter Freude und ſchmeichleriſcher Huldigung gegen den Auguſtus verherrlichet habe, daß mir ſeine böſen Abſichten und der ſtille Triumph ſeiner Rache beynahe unzweifelhaft werden. Rechne noch dazu, daß Dioecletians jetziger Leibarzt vorher im Dienſte des Galerius ſtand, daß dieſer ihm den⸗ ſelben vor einiger Zeit gleichſam aus kindlicher Er⸗ gebenheit und Sorge für des Anguſtus Geſundheit aufdrang, und daß dieſer Arzt noch jetzt⸗ wie ich ſicher weiß, einen anſehnlichen Jahrgehalt von ſei⸗ nem vorigen Herrn genießt, unddu wirſt über Man⸗ ches anders und richtiger urtheilen können, als die Du denkſt wohl leicht, daß ich keinen dieſer Um⸗ ſtände außer Acht laſſe. Mein ruhiger Sinn, mein leidenſchaftloſes Gemüth, das ſo oft in traulichen Geſprächen Deinen und Deiner Theophania leich⸗ ten Spott erfahren mußte, kommt wir in dieſen umgebungen treflich zu. Statten. Es darf nichts —— gering geachtet, nichts übereilt, nichts unter, nichts über ſeinen Werth und Einfluß geſchätzt werden; und wie mehr uns die Ereigniſſe zu drängen und in Gährung zu bringen ſcheinen, je nöthiger iſt es, ſeine ruhige Faſſung und den einzigen Punct, auf den alles ankommt, nie aus den Augen zu verlieren. Mein Vater war ſehr gekränkt durch jene auf⸗ fallende Hintanſetzung. Es mag ſeyn, daß er mit dulden mußte, was eigentlich nur ſeinem Gefähr⸗ ten galt. Indeſſen trug er es wie ein großgeſinnter Fürſt, wie ein edler Mann. In Eboracum ſind die Vicennalien mit anſtändiger Pracht, wie in al⸗ len Hauptſtädten des Reiches begangen worden. Keine heuchelnde Geſchmeidigkeit, keine überlaute Freude entwürdigte das Verhältniß und das Be⸗ tragen meines Vaters. Er hat mir geſchrieben; ſein Brief iſt voll zärtlicher Beſorgniß um mich, er kennt des Galerius Geſinnungen, er weiß von der Krankheit des Auguſtus, und fürchtet, wenn ei⸗ ne entſcheidende Cataſtrophe eintreten ſollte, alles für mich in dieſen Provinzen, die ganz dem Zepter des düſtern Cäſars unterworfen, und eben darum mit ſeinen Ereaturen angefüllt ſind. Ich bin ziem⸗ lich unbeſorgt, weil ich die umſtände, meine Ge⸗ fahr, und die möglichen Nettungsmittel ſehr genau kenne; aber ich begreife, daß in einer ſo großen Entfernung bey den unſichern Gerüchten ſeine Lie⸗ be leicht beſorgt werden kann. Er will mir den treuen Lehrer meiner Kindheit, den edlen Florianus, ſenden, der mir theils ſchrift⸗ lich, theils mündlich verſchiedene Nachrichten und Warnungen bringen ſoll, die zu meinen Abſichten unentbehrlich, und bey der jetzigen Lage der Um⸗ ſtände keinem Briefe anzuvertrauen ſind. Ich freue mich ſehr, ihn nach ſo langer Zeit wieder zu ſehen, und fürchte nur, ihn viel verändert zu finden. Du weißt die Geſchichte, die ſein ſonſt ſo ſtilles ſchönes Leben vergiftet hat. Sieh hier eine neue Veranlaſ⸗ ſung, mich der Kälte meines Herzens, wie ihr es nennt, zu rühmen und zu freuen. Was könnte Flo⸗ rianus ſeyn, und was iſt er? So viele Macht hat die Leidenſchaft! So gefährlich iſt's, von ihrem ſüßen Gifte nur zu koſten, ſelbſt im reifen männ⸗ lichen Alter! Sollteſt Du ihn in Laureacum 16) ſehen, wie ich nicht zweifle, ſo freue Dich im voraus, eines der edelſten Gemüther, der reichſten Herzen Dei⸗ nen Freund nennen zu können. Das wird er ſeyn⸗ das iſt er ſchon; denn er kennt Dich durch mich⸗ Grüße Deine liebenswürdige edle Theophania hers⸗ lich von mir, und leb wohl! — Zwey und zwanzigſter Brief. Theophania an Junia Marcella. Laureacum im May 304. Sec Monathe bin ich nun in einem andern Welttheile, weit weit von Dir, weit von mei⸗ nein Vaterlande entfernt. Hier iſt kein mildes Kli⸗ ma, wie in den ſchönen Gefilden Kreinaſiens, hier weht keine laue Luft durch immergrünende Gebü⸗ ſche, und bringt den tauſendfachen Balſamduft, aus bunten Blumenkelchen gehaucht, kein unge⸗ trübter Himmel lächelt über Pinien und Zederhai⸗ nen. Eine düſtere, wilde, zber ſelbſt in dieſer Dü⸗ ſterheit erhabene Natur umgibt mich hier, und ſie iſt mir nicht ſo fremd, als meinem Agathokles; denn ich habe manche ihrer Scenen in noch unge⸗ ſtörterer Furchtbarkeit an den Ufern des Vory⸗ ſthenes kennen gelernt. Auch dirſen Gegenden fehlt es nicht an eigenthümlichen Rei en, und ein Ge⸗ müth, das Sinn für ſille Große und den ernſte⸗ ren Ausdruck der Naturſcenen hat, kann leicht in den umgebungen, in denen ich jetzt lebe, etwas finden, das ſie ihm lieber und anziehender machte, als jene lachenden Gefilde, auf die der Himmel ohne Zuthun oder Anſtrengung des menſchlichen Fleißes aus immer reichem Füllhorne ſeine milden Gaben gießt. v Dieſe Provinzen, die nicht ſeit ſehr lange un⸗ ter Römiſcher Herrſchaft ſtehen, tragen überall das Gepräge kühner feſſelloſer Natur, der die Hand des Fleißes nur einen kleinen Theil zur Be⸗ friedigung der erſten Bedürfniſſe abgekämpft hat. Das ganze Land iſt mit Gebirgen bedeckt; nur jen⸗ ſeits des breiten Stromes, der in einiger Entfer⸗ nung von uns gegen Oſten hinabſtrömt, iſt der Boden flächer, und auch Laureacum liegt in einer Ebene, wo der Anaſus**), nach einem langen mühevollen Laufe durch Schluchten und Wälder, über Felſentrümmer und Bergſtürze ſich endlich ruhig in der ſonnigen Ebene ausbreitet. Ein weh⸗ müthiges Bild! Dort unten fließt ſchon der große Strom, in deſſen Fluthen er ſich bald verliert. Nur kurze Zeit war ihm vergönnt, der Ruhe zu —— 2 — 356— genießen, und die müden Wellen, kaum vom hei⸗ tern Sonnenſtrahle erwärmt, ſtürzen dort ſchon in die Gewäſſer, in denen ſie Nahmen und Da⸗ ſeyn verlieren. Wie manchem Sterblichen ſah ich ein gleiches Loos fallen! Wenn ſein hartes Schick⸗ ſal endlich abließ, ihn zu verfolgen, wenn ſeine ſtillen, gerechten Wünſche erhört ſchienen, dann rief ihn der Tod aus dem Kreiſe ſeiner Freuden ab, gleich als wäre hiernieden nicht Raum für ſolch ein Glück, das nur in beſſern Welten zu blü⸗ hen beſtimmt iſt. Agathokles hat mit mir manche kleine Reiſe in dieſe düſtern Wildniſſe gemacht, aus denen der Anaſus und alle die Ströme herkommen, die ſich in den Danubius verlieren. An ihren Ufern win⸗ den ſich die Straßen aufwärts, ihren Quellen entgegen; ſie zeigen dem Wanderer den Pfad in die geheimen Thäler, aus denen ſie herabkommen, und der Weg, den die lebendige Fluth bey der er⸗ ſten Geſtaltung dieſer Erde nahm, die Tiefen, durch welche ſie ſich Bahn machte, um heraus in die Ebene zu gelangen, ſind meiſt auch der einzige Weg, auf dem man hinein gelangen kann. Dicht verwachſene Wildniſſe empfangen den Wanderer, in denen vielleicht noch nie eine Axt erſchollen iſt, nie ein Fußtritt gewandelt hat, himmelanſtreben⸗ de Felſen tragen ſelbſt jetzt im Frühlinge noch Schnee auf ihren kahlen Häuptern, wilde Berg⸗ ſtröme ſtürzen ſich brauſend von gähen Höhen; dann öffnet ſich ein geheimes Thal, und im Schoo⸗ ße waldiger Berge und ſchroffer Felſen liegt ein ſtiller Waſſerſpiegel weit ausgebreitet, deſſen ein⸗ ſames Ufer nur Vögel oder verirrte Gemſen beſu⸗ chen. Keine Menſchenſpur iſt zu finden, nur die Laute der Natur tönen hier; wir ſind allein mit ihr, die in ungebrochner Kraft um uns waltet, ai⸗ lein mit ihr und unſerm gemeinſchaftlichen Schö⸗ pfer. Seine erhabene Gegenwart wird doppelt fühlbar in dieſer einſamen Wildniß, ſein Hauch erhält und trägt ſie und uns; hier ergreift ſeine Nähe uns mit Schauer, Ehrfurcht und Liebe. Die tauſendjährigen Eichen verſchlingen die kühnge⸗ formten Iſte zum luftigen hohen Dach, und bilden einen würdigen Tempel; überall iſt Hoheit, Ein⸗ falt, Stille und Größe.. unwillkürlich wirkt dieſe Umgebung auf unſer Innerſtes. Ich fühle es, daß ich hier ernſter ge⸗ worden bin, als ich in Synthium war. Der Him⸗ mel iſt hier ſehr oft trübe, in ſeltſamen Geſtalten ziehen ſich die Nebel, die aus dem Strom und den dichten Wäldern aufſteigen, um die dunkeln Berge herum, die nördlichere Sonne vermag nicht Agath. III. Th. 12 immer, ſie zu W dann ſammeln ſie ſich, S verdecken das freundliche Blau, oder ergießen ſich in unaufhörlichem Regen über die winterlich dü⸗ iere Landſchaft. Solche trübe Tage machen unſe⸗ re Anſichten ebenfalls trübe, ohne daß wir uns deſſen bewußt ſind, und über dieß tragen die tägli⸗ chen Begebenheiten auch nicht dazu bey, ein ern⸗ ſter geſtimmte s Gemüth zu erheitern. Es ſind zu 6 traurige, zu gräuelvolle Seenen in dieſen Gegen⸗ den vorgefallen; man hört von allen Seiten zu viel von dem Mißbrauche des gewaltigen über⸗ muths„von der Grauſamkeit des Parteygeiſtes und den tauſendfachen Neckereyen, Leiden, Qua⸗ len und Todesarten, die hier die verfolgte Un⸗ ſchuld von ihren Drängern erdulden muß, als daß man ſeines Lebens recht froh werden könnte, ſelbſt wenn ein Paradies um uns her lachte. Es ſind doch im Grunde nur die Menſchen, die uns die Erde lieb oder leid machen können, und ein glück⸗ liches Paar, wie Agathokles und ich, würde auch in noch düſterern Gegenden als dieſe ſind, ſelig le⸗ ben, wenn es möglich, wenn es billig wäre, Aug' und Herz vor den Leiden Se Brüder zu ver⸗ ſchließen.. Ich habe hier unter ſeltſamen und anziehe ie e die mir dieſe Gegen⸗ — 179— den ſchon zeigten, auch die Bekanntſchaft eines Mädchens gemacht, das ganz zu dieſen umgebun⸗ gen paßt, und in ſich das treueſte Bild der Natur um ſich her darſtellt. Es iſt jene Valeria, die Frucht einer geheimen Liebe Dioeletians, welche in Britannien geboren und erzogen worden war. Ich erinnere mich, Dir einmahl einen Theil ihrer Geſchichte geſchrieben zu haben, wie ich ſie von Conſtantin erzählen hörte. Ein ſtiller tiefer Kum⸗ mer liegt auf dieſem ſchönen Geſichte, deſſen blen⸗ dende Weiße kaum durch einen leichten Anflug des zarteſten Roth belebt wird. Große dunkelblaue Au⸗ gen bewegen ſich langſam unter langen ſeidenen Wimpern, und die Farbe der Augen wiederhohlt ſich lieblich in dem feinen Geäder, das die blen⸗ dende Haut durchſchimmert. Ihre lange ſchlanke Beſtalt iſt nicht ſtolz, kaum aufrecht, das ſchöne Köpfchen, von goldenem Gelocke umffoſſen, ſinkt beſtändig auf die Bruſt; ihre ganze Haltung zeugt von tiefem Kummer. So erſchien ſie mir, als ich ſie das erſte Mahl ſah, das anziehendſte Bild der Schwermuth und ſtillen Ergebung. Seit zwey Jahren hat ſie keine Nachricht mehr von ihrem Lehrer und Freunde. Er wollte nicht, daß ſie ihm noch ſchreiben ſollte, und ſein Wunſch iſt ihr Ge⸗ ſetzz ſie verehrt ſeinen Willen, ſeine Entſchlüſſe — 160— mit jener Heiligkeit, mit der vielleicht nur die er⸗ ſten Jünger die Gebothe ihres Meiſters ehrten und hielten. Treu und unauslöſchlich bewahrt ſie ſein Bild in ihrer Bruſt, Religion, Tugend und die Gluth der erſten Liebe verklären es in himmliſchem Glanz, und nicht inniger hängt ſie an den Lehren unſers göttlichen Stifters, als an den Ausſprü⸗ chen ihres Freundes. Ihre Pflegeältern haben ſie auf Befehl ihres Vaters hierhergeführt; denn ſeit man ſie aus ih⸗ rer heimathlichen Inſel, von der ſie nie ohne weh⸗ müthige Begeiſterung, ohne Thränen ſpricht, ent⸗ fernt hat, iſt ihr Leben ſehr unſtät, und ihr Auf⸗ enthalt überall nur kurz. Sie ergibt ſich in dieß ſchwere Schickſal, nachdem mancher vergebliche Kampf, mancher vereitelte Verſuch zur Flucht ſie belehrt hat, daß eine höhere Macht über ſie waltet, der zu entfliehen ſie zu ſchwach iſt. übrigens liebt ſie ihre Pflegeältern, die mit ſchwerem Herzen die Befehle des Auguſtus an ihrer geliebten Schutzbe⸗ fohlenen üben; und dieß einzige Gefühl, ſagte ſie mir neulich, ſchützt ſie vor Verzweiflung. Ich ſehe wichtigen und erſchütternden Auftrit⸗ ten entgegen. Agathokles weiß, daß Florianus auf dem Wege hierher iſt, um nach Salona zu gehen, und dort mit Conſtantin zu ſprechen. Noch ahnet — 181— Valeria nichts davon; und ich weiß nicht, ob ich es ihr ſagen oder verbergen, und ihre Pflegeältern bitten ſoll, ſich mit ihr zu entfernen. Ich würde ſie ſehr ſchmerzlich vermiſſen, wenn ich ſie verlie⸗ ren ſollte; denn ich bin ihres umganges ſchon ſehr gewohnt, und ich fühle wohl, daß auch ſie mit Lie⸗ be und innigem Vertrauen an Agathokles und mir hängt. Von meinem häuslichen Glücke ſage ich Dir nichts; Du kennſt es, es iſt größer, als ich es je dachte, je hoffen konnte. Ein geſunder blühender Knabe knüpft ſeit etlichen Monathen ein neues in⸗ niges Band zwiſchen uns. Agathokles, meine then⸗ re Junia, iſt der beſte Vater, wie er der zärtlich⸗ ſte Gemahl, der treueſte Freund iſt; und mir vleibt keine Sorge für dieſe Welt⸗ als Gott zu bitten, daß er mir mein Glück und die ſtille Scheu erhalte, mit der ich es zitternd, aber ſelig genieße. 4 Drey und zwanzigſter Brief. Agathokles an Conſtantin. Laurearum im Junius 3o4. Grße Gemüther hat, wie ich glaube, und wie die Geſchichte lehrt, die Vorſicht darum von Zeit zu Zeit erweckt, und mit vorzüglichen Gaben aus⸗ gerüſtet, daß ſie gleich himmelanſtrebenden Felſen die Gewitter, welche das Menſchengeſchlecht tref⸗ fen, mit höherem Haupte tragen, und ſo den übri⸗ gen zum Schutz und zum Beyſpiele dienen ſollen⸗ woran ihre Schwäche ſich erhebe und ſtärke. Noch erhebender wird ſolch ein Muſter, wenn jenes ſtar⸗ ke Gemüth zugleich ein zum Herrſchen berufenes iſt, und ſich ſein göttlicher Beruf, Andere zu leiten und zu zügeln, zuerſt an der Macht offenbart, die es über ſich ſelbſt und ſeine edelſten Triebe ausübt. So, o mein Conſtantin, kenne ich Dich ſeit dem erſten Augenblick, wo wir uns ſahen; ſo haſt Du Dich ſtets bewährt, und ſo wirſt Du es bey der Nach⸗ richt thun, die ich Dir zu geben habe. Wir erwarteten ſeit einiger Zeit die Ankunft Deines verehrten Lehrers und Freundes, des Cen⸗ turio Eneus Florianus, hier in Lauregeum Ein Zufall wollte, daß gerade jetzt auch Valeria mit ihren Pflegeältern ſich hier befänd. Von Dir un⸗ terrichtet, theilte ich dem Aſinius Pontieus meine Nachricht mit, und überließ es ihm, zu thun, was ſeine Pflicht erheiſchen würde. Er machte auch wirk⸗ lich in aller Stille Anſtalten zur Abreiſe; aber un vermuthet traf Florianus um mehrere Tage frü⸗ her ein, und Aquilinus, der Präfect der Stadt⸗ ein Geſchöpf und treues Werkzeug des grauſamen Galerius, ließ ihn auf der Stele bis einen Aus⸗. ſpäher, als einen verdächtigen Abgeſandten des Eou — ſtantius verhaften, und ihm abüehmen, was er an Briefen und Schriften für Dich und Dioeletian nach Salona bey ſich hatte. Vergebens wandte ich alles an, was in meiner Macht ſtand, um dem feeten die Ungerechtigkeit, die Gefahr ſeines wider⸗ rechtlichen Unternehmens einſehen zu machen und Florianus zu befreyen, mit dem mir ſogar nicht, erlaubt wurde zu ſprechen Die Ru he, mit der der Präfect auf ſeinem Beginnen eſtand, di heit, mit der er verfuhr, ſießen mich bald für ten, daß er nicht ohne höhern Befehl handle, daß das, was mir anfangs ein Ausbruch unverſtändi⸗ ger Härte ſchien, lange bereitete, geheißene Maß⸗ regel war, wodurch ſich Galerius Einſicht in alle unſere Plane, und Rache an Dir verſchaffen woll⸗ te. Sein widriges Vorhaben mißlang doch zum Theil. Florianus war beſonnen genug geweſen, die geheimſten Briefe auf ſeiner Bruſt zu verwahren. Er verlangte mit mir zu ſprechen; man verweiger⸗ te es ihm durchaus. Aſinius Ponticus, der, ſo lan⸗ ge Florianus verhaftet war, keine Gefahr für Va⸗ lerien ſah, blieb in Laureacum, und wandte alles an, um ſeinen alten Freund zu befreyen, oder ihn wenigſtens zu ſehen. Auch ſeine Bemühungen wa⸗ ren fruchtlos. Valeria ſchwebte zwiſchen Furchtund Hoffnung, Freude und Verzweiflung. Da faßte, als er keine Möglichkeit ſah, ſeine Briefe, ſeine Nachrichten, den ganzen Zweck ſeiner wichtigen Sendung an Dich und den Auguſtus in treue Hän⸗ de niederzulegen, Florianus endlich muthig den Ent⸗ ſchluß, ſie zu vertilgen. Unbemerkt, wie er hoffte, und langſam war er dahin gekommen, an der Flam⸗ me der Lampe, die ſein Gefängniß erhellte, und zu der er, damahls noch ungefeſſelt, mit einiger Mühe zu gelangen gewußt hatte, die Briefe zu ver⸗ brennen. Sein Beginnen ward entdeckt. Die Ge⸗ — 5485— wißheit, daß er noch geheimere Briefe beſeſſen, und der Verdruß darüber, daß er ſie den Augen ſeiner Feinde zu entziehen gewußt hatte, entfeſſel⸗ ten nun den ganzen Grimm des Aquilinus, und lie⸗ ßen ihn ohne Schonung gegen ſeinen Gefangenen wüthen. Unter nichtigen Vorwänden, denen man eine Art von rechtlicher Form zu geben ſuchte, ward er vor das Tribunal gezogen, deſſen Veyſitzer,wür⸗ dige Gehülfen des Präfects, das Urtheil ſchon ge⸗ fällt hatten, ehe noch der Angeklagte erſchienen war. Er ward zum Tode verurtheilt. Ich eilte zum Aquilinus, ich verſuchte alles, was in meiner Macht ſtand, um, wo nicht das Le⸗ ven Deines Freundes, doch wenigſtens unter al⸗ lerley ſcheinbaren Vorwänden einen Aufſchub von ihm zu erhalten, bis der Eilbothe, den ich gleich bey Florianus Gefangennehmung an Dich abgefer⸗ tigt hatte, zurück ſeyn würde. Sey es nun, daß Aquilinus meine Abſicht merkte, ſey es, daß er ge⸗ meſſene Befehle von ſeinem Gebiether hatte— mit der größten Urbanität und unter ſtäten Verſiche⸗ rungen ſeiner Achtung und ſeines Bedauerns, daß er meinen Wünſchen nicht willfahren könnte, ſchlug er mir meine Bitten ab. Ich ging tief bekümmert weg. Am zweyten Tage ließ er mich rufen⸗ Mit glatten Worten und Schmeicheleyen, die mich em⸗ — 186— pörten, da ich ſie für nichts anders halten konn⸗ te, als für die Hülle niedriger Vosheit und Tü⸗ cke, ſagte er mir, aus Nückſicht gegen mich und aus wahrer Achtung gegen ſeinen Gefangenen, deſ⸗ ſen edles Betragen ihn innigſt bewege, wolle er das letzte, das einzige Mittel verſuchen, das ihm zu ſeiner Rettung bliebe, obwohl er geſtehen müſſe, daß er nichts Geringes wage, und dieſe Nach⸗ giebigkeit ihm vielleicht bedeutenden Verdruß zu⸗ ziehen könnte. Florianus ſollte, wie ſchon viele vor ihm in dieſen Gegenden gethan, ſeinen Glauben abſchwören, der dem Galerius ſo verhaßt ſey, und er hoffe dann, daß der Eäſar dieſes Opfer nicht mit Unwillen anſehen, und es ihm, dem Aquili⸗ nus, verzeihen werde, daß er ihn dafür frey gelaſ⸗ ſen, und ihm das Leben geſchenkt habe. Was ich geantwortet habe, was ich antworten konnte, weißt Du im voraus, und auch Florianus that, was ich und Du nicht anders erwarten konn⸗ ten. Aber der Wunſch; ein Leben, das er nicht mehr erhalten konnte, das er auch ohne dieſen ſchimpflichen Preis längſt nicht mehr zu ethalten wünſchte, wenigſtens nicht nutzlos hinzubpfern, be⸗ 3 wog ihn zum Schein, ſich jener entehrenden Be⸗ dingung zu fügen. Er täuſchte mit ſchlauer Klug⸗ heit ſeine Verfolger, und erboth ſich, an dem von ihnen beſtimmten Tag öffentlich auf dem Forum der Stadt ihr Verlangen zu erfüllen. Das Gerücht von ſeiner Willfährigkeit, von dem Schauſpiele, das man zu erwarten hatte, lief in Laureacum und der Gegend ſchnell umher. Es gelangte auch zu uns und zu der unglücklichen Valeria. Wir glaubten es nicht; wir ahneten etwas von dem Vorhaben des unglücklichen, edlen Mannes, ohne jedoch alles er⸗ rathen zu können. Valeria war am gewiſſeſten, am hoffnungsloſeſten von ſeinem ſichern Tode überzeugt. Sie hatte durch Liſt und Gold ſich ohne unſer Wiſ⸗ ſen ſchon ein Mahl den Weg in ſeinen Kerker ge⸗ bahnt, ſie hatte verkleidet mit ihm geſprochen, ihr hatte er, ſo viel ſie es faſſen konnte, die Aufträge an Dich mitgetheilt, und Du wirſt von mir erhal⸗ ten, was ich durch dieſes treue, bedauernswürdige Weſen, als ein heiliges Vermächtniß ihres über alles verehrten Freundes, für Dich erhielt. Der Tag des großen ängſtlichen Schauſpiels brach an. Noch muß ich Dir vorher ſagen, daß die Grauſamkeit des Galerius und ſeiner Werkzeuge in dieſen Gegenden bereits bedenkliche Folgen für das Chriſtenthum hatte. Viele haben lieber ihr Le⸗ ben, als ihren Glauben geopfert, aber auch viele — und wer kann dem großen, meiſt ungebildeten Huüfen dieß wohl ſtrenge berargen?— viele ha⸗ Buh brn, müdt dor Necterthen, die iht gonzes jediſches — 188— Glück zerſtörten, geſchreckt durch die unerhörten Martern, unter denen die Muthigen ihr Leben laſ⸗ ſen mußten, das einzige Rettungsmittel ergriffen, das die Liſt ihrer Verfolger ihnen ließ— ſie haben den Göttern geopfert, und ſolche Abſchwörungen, wie man ſie Deinem verehrten Freunde zumuthe⸗ te, waren nichts Neues in dieſer Zeit. Deſto nöthiger, deſto wirkſamer war jetzt ein Beyſpiel, und zwar ein großes, in die Augen fal⸗ lendes, ein Beyſpiel an einem Manne, den Rang, Verhältniſſe und perſönliches Verdienſt ohnedieß auf einen erhabenen Standpunct geſtellt hatten⸗ Das mochte Dein edler Freund wohl erkannt, und ſeinen Plan darauf gegründet haben. Eine unzähli⸗ ge Menge Volkes, und darunter ſehr viele Chri⸗ ſten, waren verſammelt. Florianus erſchien, im ganzen feyerlichen Schmucke ſeines Standes, eine edle, ehrfurchtgebiethende Geſtalt, in der vollen Reife des männlichen Alters. Alle Augen waren auf ihn geheftet; Mitleid, Liebe, Neugier, Be⸗ wunderung und Mißbilligung mahlten ſich auf den Geſichtern, je nachdem ſein Vorhaben oder die Vor⸗ ſtellung, die man ſich von ihm machte, die Gemü⸗ ther verſchieden bewegte. Das Opferfeuer vor ei⸗ nem Götterbilde wurde angezündet, der Prieſter reichte dem Centurio das Rauchfaß, und mit An⸗ ſtand ſtieg er die Stufen hinauf, von denen er die Verſammlung leicht überſehen konnte. Jetzt, ſtatt zu vpfern, wandte er ſich gegen das Volk, und mit hinreißender Beredſamkeit, und einem Tone der Stimme, der tief in die Herzen drang, mit flam⸗ mendem Blicke, die Gluth des edelſten Zornes auf der dunkeln Wange, hob er an, ſeinen Abſchen vor der ihm zugemutheten Handlung, die Niedrigkeit des Götterdienſtes, die Würde ſeiner Religion, und die hohe Belohnung der muthigen Bekenner zu ſchildern. Der Präfect geboth ihm Stillſchweigen; aber das Volk, das den kühnen Redner zu hören wünſchte, überſtimmte den Befehl. Florianus fuhr fort, er ermahnte ſeine Brüder zur Standhaftig⸗ keit, er verwies ſie auf ein beſſeres Leben. Da dran⸗ gen die Prätorianer ungeſtüm von ollen Seiten herbey, ein wilder Tumult erhob ſich, der Prä⸗ fect, von Jorn außer ſich, gab ſchnell Befehl zu ſeinem Tode, die Wache bemächtigte ſich des Ge⸗ fangenen, der ihrer Wuth überlaſſen wurde. Das Volk ſuchte ihn zu befreyen; aber ſeine Bemühun⸗ gen waren vergeblich. Um keine Zeit zu verlieren, um keine Möglichkeit der Rettung übrig zu laſſen⸗ ſchleppten die wüthenden Soldaten ihn auf die Brü⸗ cke, und ſtürzten ihn von dort in die Fluthen des Anaſus, der eben von heftigen Regengüſſen im — 190— Gebirge geſchwellt, ſtrudelnd und ſchäumend daher brauſte, und ſein Opfer gierig verſchlang 1). So endete Dein trefflicher Freund ein Leben, das, ſtets der Tugend geweiht, auch noch in den letzten Augenblicken nur dieſen Zweck hatte, und ſchied mit dem Bewußtſeyn aus dieſer Welt, ein hohes Beyſpiel gegeben, und einen Eindruck in den Gemüthern hinterlaſſen zu haben, der bald ſe⸗ gensvolle Früchte der Treue, des Muthes tragen würde. Ich ſetze nichts weiter hinzu. Alles, was ich ſa⸗ gen könnte, würde den Eindruck, den die einfache Erzählung bey Dir ſicher hervorbringen muß, nur ſchwächen oder ſtören. Ihm iſt wohl, und ſelig derjenige, der einſt mit ſolchem Bewußtſeyn, zu ſolchem Zwecke, wie Florianus, ſein Leben hinge⸗ ben kann! Leb wohl! — nbG Vier und wanzigſter Brief. Theophania an Junia Marcella. Laureacum im Julius 504. Jo habe ſehr trübe Tage durchlebt, meine Junia! Schon ſeit ich Noricum betrat, verging vielleicht keine Woche, wo nicht irgend ein Beyſpiel uner⸗ hörter Grauſamkeit von Seiten unſerer Verfolger, oder ſchimpflicher Weichheit und niedrigen Eigen⸗ nutzes von Seiten ſo mancher Abtrünnigen mein Herz mit Trauer, meine Einbildungskraft mit dü⸗ ſtern Bildern erfüllte. Das traurigſte von allen erlebte ich hier in Lauregeum. Florianus iſt todt. Er ſiel, ein Opfer des Haſſes, ein ſtrahlendes Bey⸗ piel für ſo manche ſeiner Brüder, ſchmerzlich und wig von dem zärtlichſten Herzen betrauert, das vielleicht je in einer weiblichen Bruſt ſchlug. Sie erfuhr ſeine Anweſenheit an dem Orte, wo ſie ſich zufälliger Weiſe befand, nur durch die — 192— Nachricht von ſeiner Gefangennehmung, von ſei⸗ ner dringenden Gefahr. Er war nicht fern, er ath⸗ mete Eine Luft mit ihr; nach drey hoffnungsloſen Jahren hatte ihn ein günſtiges Geſchick in ihre Nähe gebracht, und— er war gefangen, und die Möglichkeit, ihn noch ein Mahl zu ſehen, zu ſpre⸗ chen, für die ſie noch vor wenig Monathen den Reſt ihres Lebens hingegeben hätte, lag nun ſo nahe, und war ihr durch undurchdringliche Mauern, durch den ſtrengen Befehl des Präfects, keinen Menſchen mit dem Gefangenen ſprechen zu laſſen, verwehrt. Es iſt ſchlechterdings unmöglich, den Zuſtand zu beſchreiben, in welchem ſich Valeria in dieſer Zeit befand. Ich fürchtete, daß er ihr Leben aufreiben werde. Dieſe geſpannte Thätigkeit, dieſe glühende Liebe, dieſe hingegebene Verehrung, und dieſe überzengung ewiger Trennung! All ihr Gold, alle Verſuche, die ſie auf jedem nur erſinnlichen Wege machte, um den Präfect mit Recht und Un⸗ recht für ihren heißen Wunſch zu gewinnen, be⸗ wirkten ihres Freundes Freyheit nicht. Sie erhielt nicht einmahl die Erlaubniß, ihn in Gegenwart von Zeugen zu ſprechen. Eine finſtere Stille trat nun auf einmahl an die Stelle ihrer vorigen Leb⸗ haftigkeit. Man ſah, daß ſie über einem Entſchluſſe brütete. Gott weiß, woher dieſem ſonſt ſo ſanften, —— ſo ſchüchternen Mädchen die Liſt, die Kühnheit kam, alles das in's Werk zu ſetzen, was ſie that. Genug, an einem Abend trat ſie bleich, verſtört, mit ver⸗ weinten Augen und einer unruhigen Heftigkeit in ihrem ganzen Weſen in mein Zimmer, ſie ſah ſich überall ängſtlich, ſcheu herum. Sind wir allein? fragte ſie mit dumpfer haſtiger Stimme; dann warf ſie ſich an meine Bruſt, und mit einem ſchmerz⸗ lichen Schrey rief ſie: Ich habe ihn geſehen!— Nun will ich ſterben! Er ſtirbt auch! Es war ihr auf Wegen, über die ich erſtaunte, als ſie ſpäterhin uns alles zu erzählen vermochte, gelungen, die Wachen zu beſtechen, und verkleidet in ſein Gefängniß zu dringen. O welch ein Wieder⸗ ſehen nach drey Jahren! Sie war der Verzweif⸗ lung nahe. Aber Florianus Geiſt erhob und ſtärk⸗ te ſie. Noch ein Mahl vor dem gewiſſen Tode er⸗ laubte er ſich, den Regungen ſeines Herzens ganz zu folgen, noch ein Mahl ſchwelgten ihre Seelen in den leidenſchaftlichen Ergießungen unglücklicher Zärtlichkeit, noch ein Mahl wiederhohlte er ihr, was durch drey Jahre ſein Mund ſtrenge verſchwie⸗ gen hatte, das Geſtändniß ſeiner gränzenloſen Lie⸗ be, ſeiner Trauer um ſie, ſeiner heißen Sehnſucht nach dieſem Augenblicke, den er, ach! nicht ſo bald, und nicht auf dieſe Art zu erleben glaubte. In ihre Agath. III. Th. 15 treue Bruſt legte er ſeine Geheimniſſe nieder. Sie preßte in dem kurzen Raume von ein paar Stun⸗ den, der ihnen vergönnt war, alle Leiden, alle Hoff⸗ nungen, alle bitteren Erfahrungen von drey trau⸗ rigen Jahren, und alle wehmüthige Seligkeit ei⸗ nes ſolchen Wiederſehens zuſammen. Sie genoß dieß traurige Glück mit vollen Zügen. Sie riß ſich endlich halb ohnmächtig aus ſeinen Armen, mit dem feſten Bewußtſeyn, ihn nie wieder auf dieſer Erde zu ſehen, und kam in dieſem Zuſtande zu mir. Nie werde ich den Eindruck dieſer Stunde ver⸗ geſſen. Eine Art von Schauer überfiel mich; der Gedanke, wie mir zu Muthe wäre, wenn ich an Valeriens Stelle wäre, und eben ſo von Agatho⸗ kles ſcheiden müßte, drängte ſich mir mit einer marternden Lebhaftigkeit auf, und ich weiß nicht, was es iſt, Junia, aber ich kann ihn ſeit dem nicht wieder los werden. Bey jeder Veranlaſſung, oft ſogar ohne dieſelbe ſteigt er in meinem Gemüthe empor, umzieht meine Seele mit düſtern Schat⸗ ten und erſcheint nicht ſelten inängſtigenden Träu⸗ men unter tauſenderley Geſtalten und Zuſammen⸗ ſtellungen wieder. So bleibt, wenn an einem trü⸗ ben Herbſtmorgen die Sonne endlich das ſchwere Gewölk zertheilt, noch hier und dort auf den Ber⸗ gen der düſtere Nebelflor, die überbleibſel der Nacht, gelagert, und ach! oft noch, ehe die Sonne ſinkt, ſteigt er herauf, und begräbt den kurzen Tag in ſchnelle Schatten! O meine Junia! Wenn das nur keine Ahnungen ſind! Ich darf meinem Aga⸗ thokles nichts davon ſagen, er verweiſet ſie in das Reich der Träume; aber ich habe mehr als eine urſache, für meine Zukunft beſorgt zu ſeyn. Flo⸗ rianus heldenmüthiger Tod, ſeine letzte Ermah⸗ nung an die Chriſten, die geſegneten Folgen, die man wirklich ſchon in dem Betragen unſerer Brü⸗ der fühlt, ihre größere Standhaftigkeit, ihre mu⸗ thige Verachtung irdiſcher Vortheile haben, wie ich fürchte, einen gefährlichen Funken in Agatho⸗ kles Seele geworfen! Den Tag, wo Florianus ſtarb, ſah ich ihn zum erſten und letzten Mahle. Der Zug ging in höch⸗ ſter Feyerlichkeit; denn das Volk vermuthete nichts weniger als ſeinen Tod, vor unſerm Hauſe vor⸗ über. Er kam— im vollen Schmucke ſeines Ran⸗ ges, ungefeſſelt, an der Seite des Präfects, ein ſchöner Mann in der vollen Reife der Jahre, groß, edel, kräftig. Sein dunkles Auge war mit einem Ausdrucke von Wohlwollen und innerer Hoheit bald auf das Volk, das ihn umgab⸗ bald auf ſei⸗ nen Begleiter gerichtet, mit dem er ruhig, und wie es ſchien, von gleichgiltigen Dingen ſprach. Nur 45 ein paar Mahl ſah ich ihn den Blick zum Himmel richten; dann aber war auch eine Verklärung dar⸗ in, die mehr als alles, was ich wußte, den nahen Bürger einer beſſern Welt verkündigte, der im Be⸗ griff war, ſein Leben für ſeine überzeugung aufzu⸗ opfern. Alles, was ich vorhin von ihm gehört hat⸗ te, und jetzt ſah, machte es mir ſehr wahrſcheinlich, daß er eine ſolche Leidenſchaft in Valeriens Her⸗ zen hatte entzünden können. Er hatte den Götzen nicht geopfert, ſeine Re⸗ ligion nicht abgeſchworen, wie es das getäuſchte Volk erwartete— in dem beygeſchloſſenen Blatte ſindeſt Du die weitläufigere Erzählung des ganzen Vorfalls— und endigte nun in den Fluthen des Anaſus ſein Leben. Valeria war auf alles vorbe⸗ reitet. Sobald die ſchauerliche Scene vorüber, und der unwürdige Präfect in ſeinem Pallaſte ange⸗ langt war, eilte ſie zu ihm; und ihr Gold erhielt, was ihren rührendſten Bitten nicht gewährt wur⸗ de, die traurige Gunſt, den Leichnam ihres gelieb⸗ ten Freundes im Anaſus ſuchen, und auf eine an⸗ ſtändige Art beſtatten zu laſſen. Der Strom war von einem Gewitterregen in den Gebirgen zu einer außerordentlichen Höhe an⸗ geſchwollen, und tobte an ſeinen ufern ſtrudelnd und reißend dahin. Kein Schiffer wollte es wagen, einen Kahn durch die wilden Fluthen zu drängen. Aber was wäre der Liebe und dem Golde unmög⸗ lich? Valeria beſtieg ſelbſt einen Fiſchernachen, eine übermäßige Belohnung verſchaffte ihr ein paar kühne Ruderer; ſie zwangen den Kahn mitten durch die ſchäumende Fluth, und fanden bald un⸗ weit der Brücke unter den Geſträuchen des Ufers den theuren Reſt, den ſie ſuchten. Vaoleria weinte nicht, als ihn die Schiffer vor ſie hin in den Kahn legten; kein Seufzer, keine Thräne erleichterte ih⸗ ren dumpfen Schmerz. So blieb ſie dieſen und den folgenden Tag, bis die fromme Sorge einiger Chriſten der verehrten Leiche alle Dienſte der Treue erwieſen hatte. In der Gegend umher, die ziem⸗ lich flach iſt, hatte Valeriens Liebe ſchon ſeit dem letzten Geſpräche mit ihrem Freunde zu dieſem Vorhaben eine ſchickliche geheime Stelle geſucht und gefunden. Unfern von Laureacum erheben ſich in Südweſten einige kleine Hügel mit Laubwäl⸗ dern bedeckt. Hinter einem derſelben in einem ſtil⸗ len Thale, an einer friſchen Quelle, der einzigen, die dieſe waſſerarmen Geſilde netzt und erquickt, wollte ſie ſein verborgenes Grab machen laſſen. Ihre Liebe hatte ſinnreich gewählt. An dem Orte, der allein Leben ausſpendete, ſollte das Koſtbarſte verwahrt werden, das ſie beſaß; von ſeiner Ruhe⸗ ſtätte aus ſollte ſich Segen verbreiten, und die fromme Dankbarkeit vielleicht einſt in fernen Jahr⸗ hunderten, wo ſo gern alle Geſchichten die Geſtalt der Fabel und des Wunderbaren annehmen, dieſe einzige Quelle als ein Geſchenk des verehrten Man⸗ nes betrachten, der hier nach ſeinem heldenmüthi⸗ gen Tode Ruhe gefunden hatte 19). Sie ſelbſt begleitete die geliebte Hülle an den einſamen Ort. Hier begruben ihn ihre Begleiter, trauernde Chriſten, unter frommen Gebethen und heiligen Gefühlen. Als der Hügel erhöht, ein ein⸗ faches Kreuz darauf gepflanzt, und nun jede Spur der theuren Geſtalt von der Erde verſchwunden war, da brach Valeriens gewaltſame Spannung, und ihre Kraft verließ ſie. Mit einem lauten Schrey ſank ſie ohnmächtig auf das Grab; keine Bemühung vermochte ſie wieder zu erwecken— man brachte ſie bewußtlos nach Laureacum zurück. Eine tödtliche Krankheit, die ſie bald mit ihrem Freunde zu vereinigen verſprach, ſtürzte ihre Pfle⸗ geältern und alle ihre Freunde in die tiefſte Be⸗ kümmerniß. Ihre Jugend überwand endlich den Sturm, und ſie genas langſam dem Körper nach. Ihr Herz wird nie geneſen. Sie iſt viel bey uns; wir thun, was wir kön⸗ nen; aber was vermag die treueſte Freundſchaft gegen einen Schmers⸗ wie Valeriens? Ich bin überzeugt, Junia, daß dieß der größte iſt, den je ein menſchliches Herz fühlen kann; ich war nahe daran, ihn zu empfinden, und ich glaube, oder ei⸗ gentlich ich hoffe, ich würde ihn nicht überleben. Laß mich abbrechen! Es iſt nicht gut, in einer Zeit, wo fremdes Leiden unſere Thätigkeit, unſere Gei⸗ ſteskräfte auffordert, dieſe durch geträumte Schmer⸗ zen und mögliche Schreckbilder zu lähmen⸗ Leb wohl! Fünf und zwanzigſter Brief. Agathokles an Phocion. Laureacum im Auguſt 304. Sei wir uns zu Athen auf meiner Hierherreiſe ſahen, iſt mein Leben eine ununterbrochene Kette von eben ſo wichtigen als unangenehmen Geſchäf⸗ ten geweſen. Die wenigen Briefe, die ich Dir ſen⸗ den konnte, werden Dir ſchon ziemlich eine Vor⸗ ſtellung von meinen Verhältniſſen gegeben haben; ſo brauche ich Dir nur zu ſagen, daß ſie noch im⸗ mer fortwähren, und daß ich nicht abſehe, wann und wie ſie aufhören werden. Ich habe in dieſen Gegenden für Conſtantin und meine Glaubensge⸗ noſſen viel zu ſorgen und zu bereiten. Es kommt die Zeit— ſie iſt vielleicht näher, als wir denken— wo große Entſchlüſſe reifen, allesumfaſſende Ver⸗ änderungen eintreten, und die neue Form der Din⸗ ge ganz neue Maßregeln erfordern wird. Diocle⸗ tian liegt noch krank in Salona, wo Conſtantin ſeiner mit Achtung und kindlicher Sorge pflegt. Ga⸗ lerius verſtärkt ſeine Macht täglich auf geheimen — 201— und offenen Wegen. Es iſt Conſtantin in ſeiner Lage nicht möglich, das Gleiche zu thun, ohne Ver⸗ dacht zu erregen⸗ da er nur des Cäſars Sohn, nicht wirklich Cäſar iſt. Was geſchehen kann, und unab⸗ anderlich geſchehen muß, wenn nicht alle Plane ſcheitern ſollen, muß alſo theils in Geheim durch ihn, theils durch ſeinen Vater geſchehen. Es iſt ſchon vieles gethan, aber noch weit mehr zu thun übrig, und ich hoffe mit Zuverſicht viel Gutes und Großes für die Menſchheit von dem, was jetzt be⸗ reitet wird. Du zwar, mein geliebter Freund, wirſt nicht ganz in unſere Plane einſtimmen⸗ Deine Anſichten ſind verſchieden. Ich werde es nicht unternehmen⸗ ſie zu bekämpfen, noch weniger ſie unrichtig zu nen⸗ nen; aber ich fühle mein Herz erleichtert, wenn ich Dir die Beweggründe, die mich handeln machen, genau auseinander legen, und ſo mein Inneres Dir, dem Lehrer und Leiter meiner Jugend, un⸗ verhüllt zeigen kann. Du haſt mir in Deinem letzten Briefe zugege⸗ ben, daß Neligion für die Menſchheit überhaupt nothwendig, und däß ſie, weil der Menſch auch im roheſten Zuſtande Spuren von überſinnlichen Be⸗ griffen zeigt, gewiſſer Maßen in ſeiner Natur ge⸗ gründet ſey. Aber Du ließeſt ihn, den unſichtba⸗ — 202— ren Urheber des Ganzen, den Schländerer des Bli⸗ tzes, den Spender der Ernten nur mit dem Ver⸗ ſtande aufſuchen und finden, und biſt überzeugt, daß ijene Vermuthungen, auf welche die freywirkende Vernunft des Menſchen durch bloße Betrachtungen der Natur führt, folglich die bloße Idee eines höch⸗ ſten Weſens und einer Fortdauer nach dem Tode hinreichend zur Sittlichkeit und Glückſeligkeit des Menſchen auf jeder Stufe der Cultur ſey. Ich will nichts davon ſagen, daß bis jetzt weder die ältere noch neuere Geſchichte uns ein Beyſpiel eines, wenn auch noch ſo kleinen, Volkes auſſtellt, das ſich mit dieſer bloßen Vernunftreligion begnügt hätte. Ich bitte Dich, bloß umherzuſehen, und un⸗ ter den Menſchen, welche ſich geſittet, gebildet, gelehrt nennen, mit ſcharfer Prüfung diejenigen auszuſondern, deren Seelen erhaben und reich ge⸗ nug wären, um zum Guten und Schönen keines andern Antriebes, als der heiligen Stimme in ih⸗ rer reinen Bruſt zu bedürfen. Wie klein wird dieſe Anzahl ſeyn! Und kann es wohl mehr als ein ſchöner Traum genennt werden, wenn wir hoffen wollten, die ganze Menſchheit einſt auf dieſer ho⸗ hen Stufe der Cultur zu ſehen?Würden nicht ſelbſt in einer mehr als Platoniſchen Republik die Men⸗ ſchen noch immer dem Irrthume der Sinne, den ſich vor ſtechenden Zweifeln ſchützen konnte, und alle — 205— Grübeleyen, den Täuſchungen der Vernunft unter⸗ worfen, dem Einfluß und der Gewalt der Elemen⸗ te, der Naturwirkungen hülflos bloß geſtellt ſeyn? Was können ſpitzfindige Syſteme gegen die Macht des Unglücks? Was vermag die ſo oft irrende Ver⸗ nunft, die über die wichtigſten Punete nichts als Vermuthungen hat, gegen die furchtbare Gewalt des nagenden Zweifels, wenn er einmahl angefan⸗ gen hat, die Grundfeſten unſerer Ruhe zu unter⸗ graben? O Phocion! Denke Deinem Schickſale nach— meine Hand würde zittern, wenn ich jene alten, vielleicht jetzt nicht ganz geheilten Wunden berühren ſollte— denke Deinem Schickſale nach, und wenn Du wünſcheſi, daß das Menſchengeſchlecht nur durch Vernunft zur feſten Ruhe und Sittlich⸗ keit gelange, ſo erinnere Dich jener Stunden, in welchen die Hand des Geſchickes ſchwer auf Deinem Herzen lag, dieß Hers durch keine Vernunftgründe Syſteme der Philoſophen, die Dein vielgebildeter Geiſt ſich gegenwärtig hielt, nicht hinreichten⸗ Dir Beruhigung zu verſchaffen, weil eben Dein hoher Geiſt ihre Lücken und Blößen ſchmerzlich in dieſem Augenblicke erkannte! Rein, Phocion, es iſt nicht möglich! Dieſem vielgeſtaltigen, jeder Täuſchung unterworfenen, ie⸗ — 204— der Form ſich anſchmiegenden Weſen kann die Vor⸗ ſicht unſere Ruhe, unſer Glück nicht allein an⸗ vertraut haben. Denke an die erſtgenannten See⸗ ten, deren jede nachfolgende die vorhergehenden aufzuheben, und alles, was vergangene Alter mit Mühe erſannen und für wahr hielten, Lügen zu ſtrafen ſcheint; denke an die Verſammlungen des Senats, an jede noch ſo kleine Verbindung mehre⸗ rer Menſchen, wo jeder mit gleich ſtarken Gründen den Satz vertheidigt, der ihm wahr und ausge⸗ macht iſt, und jeder ſich rühmt, die Vernunft auf ſeiner Seite zu haben! Sollte es wirklich dieſe viel⸗ getäuſchte und vieltäuſchende Erkenntniß ſeyn, in der wir alles ſuchen und finden müſſen, was wir zu unſerer Beruhigung ſo nothwendig bedürfen? O nein, Phocion! Es muß etwas anderes ſeyn, etwas, das in allen Menſchen gleich iſt, das in dem wilden Gothen, wie in dem weichlichen Bewohner Aſiens, in einem Caligula, wie in einem Sokrates liegt, und, nur durch Klima, Erziehung und Ge⸗ wohnheit verſchieden geſtimmt, ſich ſtärker oder ſchwächer äußert— das Gemüth, das, was wir mit einem metaphoriſchen Ausdrucke das Herz, den Sitz aller Empfindung, alles Willens, des innerſten Le⸗ bens nennen! Hierin ſind alle Sterblichen gleich. Alle fliehen ſie den Schmerz, alle ſuchen ſie die Luſt, — — 205— ſie mögen ſie nun ſetzen, in was ſie wollen, alle ſtre⸗ ven glücklich, ruhig zu ſeyn, wie das Waſſer aus je⸗ der Störung, durch jedes Hinderniß nach ſeiner ho⸗ rizontalen Lage ſtrebt, alle haſſen, alle lieben auf glei⸗ che Art, nur verborgener oder offenbarer, ſtärker oder ſchwächer, je nachdem Sitte oder Wildheit, unſchuld oder Verſtellung ihrem Gefühle Schranken aufer⸗ legt. Und in das Herz, in das Gemüth des Menſchen hat der Schöpfer die Religion gelegt. Mit dem Ge⸗ müthe ſollen wir ihn ſuchen, und mit feſtem Glau⸗ ben ergreifen, wenn er ſich uns durch ſinnliche und überſinnliche Wege offenbart. Die Vernunft ſoll nur dazu dienen⸗ das, was jene geheimen Stimmen ſagten, durch ihre kalten Erfahrungen zu beſtätigen⸗ So iſt unſer Glaube an unſterblichkeit, an einen all⸗ weiſen Schöpfer des Ganzen, an die Erlöſung der Menſchen, an eine künftige Vergeltung, an eine all⸗ gemeine Brüderſchaft des ganzen Menſchengeſchlechts nicht bloß Reſultat grübelnder Unterſuchungen und kalter Schlüſſe, es iſt ein lebendiger Glaube, eine fe⸗ ſte überzeugung, die keine neuerfundene Theorie wankend machen kann; denn ſie iſt aus mehr als menſchlichen Quellen gefloſſen, und in dem Ewigen und Heiligen unſerer Bruſt niedergelegt. Wenn jetzt der Frühling dem Chriſten in der rings erwachenden Natur das wiederkehrende Leben — 206— zeigt, wie alles neu erſteht, und vom Winterſchlafe ſich fröhlich losringt, dann lockt ihn nicht gereizte Sinnlichkeit, nur überall den Trieb der Liebe zu ſu⸗ chen und zu erkennen; er feyert keine Nachtfeyer der Venus*) mit üppigen Geſängen und Tänzen. Ihm erſteht die todte Natur in neues Leben, ihm keimt Unſterblichkeit aus dem Grabe, ihm erhebt ſie ſich in der Perſon ſeines göttlichen Meiſters und Leh⸗ rers mit dem Strahle der Morgenſonne ſiegreich aus der umſchließenden Felſengruft. So belebt je⸗ der kommende Frühling mit neuer Kraft die hohe Zuverſicht in ſeiner Bruſt, und durch ſinnliche Wahr⸗ nehmungen und vernünftige Schlüſſe wird der Glau⸗ be in ihm feſt und unerſchütterlich. Ich könnte Dir in unſern übrigen Glaubensſä⸗ tzen, in unſern Offenbarungen noch mehr Beyſpiele dieſer Art liefern, wenn eine ſolche Ausrinanderſe⸗ tzung nicht für einen Brief zu weitläufig würde. Kann es mir auch nicht gelingen, Dich ganz zu über⸗ zeugen, ſo wünſche ich doch, Dir meine Handlungs⸗ 3 weiſe und die Gründe, die mich dazu bewegen, in 6 einem ſolchen Lichte zu zeigen, daß Du bekennen 1 müſſeſt, mein Ziel ſey würdig des Strebens, und daß Deine Freundſchaft, wenn ich vielleicht unter dieſen Beſtrebungen erliegen ſollte, mir einſt das Zeugniß 1 gebe: Sein Wille war gut. Leb wohl! — 207— Sechs und zwanzigſter Brief. Valeria an Theophanien. Byzanz im October 304. Man hat mich von Deiner Seite geriſſen, von dem einzigen Herzen, das auf dieſer Welt noch für mich empfindet, um mich in die Arme meines Vaters zu führen, den ich nie geſehen, und, ſeit ich denken kann, nur aus den Wirkungen ſeiner Macht und den Eingriffen in meine Wünſche ken⸗ nen gelernt habe. Ich ſchreibe Dir in einem Augenblicke der höch⸗ ſten Bewegung. Der Kaiſer iſt von ſeinem langen Aufenthalte in Salona, wo ſich ſeine Kräfte nur wenig erhohlt haben, endlich geſtern nach einer langſamen Reiſe hier angekommen. Mich hat man, um ihn hier zu erwarten, von dem Orte wegge⸗ ſchleppt, wo ſich alles befindet, was über und un⸗ ter der Erde noch Werth für mich hat. Morgen ſoll ich ihm vorgeſtellt werden. Ein ängſtliches Gemiſch ſtreitender Empfindungen wühlt — 208— in meiner Bruſt. Ach, darf ich es Dir geſtehen, daß Abneigung und Furcht am hellſten aus dem verworrenen Haufen hervortreten? Warum hat man mich nicht in der glücklichen Dunkelheit gelaſſen, in der ich lebte? Heimathli⸗ che Inſel! Ihr friſchgrünenden Fluren, ihr hallen⸗ den Bäche, ihr duftigen Nebelgeſtalten! Warum hat man mich von euch getrennt? Ach dort, wo es ſo trüb war, war ich ſo glücklich! Was ſoll mir die Pracht der Kaiſertochter, was der blendende Glanz des Mittags? Dorthin will ich, dorthin, wo der düſtere Himmel über unermeßlichen Waldungen ſchwebt, wo eine lichte Geſtalt einſt dieſe trübe Na⸗ tur zum Paradies um mich her verklärte, in das einfache Haus, das ſeine Gegenwart zum Tempel weihte, dorthin, wo ich geliebt ward, und wieder unendlich liebte, wo meine Seele an ſeinen Lippen hing, mein Geiſt, dem Körper entflohen, nur in ſeinen Gedanken und Gefühlen ſich empfand! Oder laßt mich an dem waldigen Hügel bleiben, wo er unter grünem Raſen ſchläft! Da iſt jetzt mein Vaterland, und ſonſt auf der weiten Erde keine Hei⸗ math mehr für mich. Ach, Theophania, ich war einſt ſehr glücklich! Kein Menſch kann ſich einen Begriff von jener ſtil⸗ len Seligkeit machen. Alles in mir war Harmonie, Friede, Genuß. Du verſtehſt mich; im Arme Dei⸗ nes Agathokles fühlſt Du mir nach, was ich nicht zu erklären vermag— fühlſt es mir doch nicht nach — denn Agathokles war nicht Dein Lehrer. Alles, was Du biſt, iſt nicht ſein Werk⸗ nicht ſein Mund enthüllte Dir die Geheimniſſe der Seligkeit, nicht ſein Geiſt ſchloß die Welt und den Himmel vor Dir auf! Und nun!—— Leb wohl, Theophania! Ich habe nach dieſem Nun nichts mehr hinzuzuſetzen; denn ich habe nichts mehr zu denken, zu hoffen. Mein Leben, mein ganzes Weſen hat mit ihm aufgehört. ———— Zwey Tage ſpäter. Die gefürchtete Stunde iſt vorüber, und ich athme freyer. O Natur und Religion! Welche Macht der Erde gleicht eurer ſiegenden Gewalt! Vater! Verzeih ihnen; denn ſie wiſſen nicht⸗ was ſie thun! Einſt, als ich an Florianus Sei⸗ te ſitzend aus ſeinem Munde die Erzählung des Verſöhnungstodes vernahm, als ſein ſtrahlendes Auge Flammen in meiner Seele entzündete, ſeine ſtolze Haltung mich unwillkürlich emporzog, er nun nit einer Stimme der edelſten Begeiſterung dieſe Worte des ſterbenden Gottmenſchen ausſprach⸗ und Agath. III. Th. 14 ſein ganzes Weſen ſo deutlich ſagte: Auch ich kann ſo verzeihen— ach da ſprang ich bebend vor Liebe und Andacht auf, und wollte an ſeine Bruſt ſinken; aber ein ſcheues Gefühl hielt mich zurück, ich ergriff ſeine Hand und drückte ſie an meine Lippen, an mein Herz. Er verſtand mich. O welch ein Augenblick war dieß! Vorgeſtern Abends rang ich im heißen Gebeth um Kraft zu der bevorſtehenden Prüfung, um Ge⸗ duld und ein kindliches Herz. Müde und weinend ſchlief ich endlich ſehr ſpät gegen den Morgen ein. Ein lieblicher Traum kam, meine naſſen Augen zu trocknen. Ich ſah ihn— ſo hell, ſo lebendig, wie ich ihn noch nie in meinen Träumen, in denen ſein Bild ſo oft erſcheint, geſehen hatte. Ein ſeltſames Gefühl bewegte mich. Das Bewußtſeyn, daß er todt war, und die überzeugung, ihn dennoch vor mir zu ſe⸗ hen, ein geheimes Grauen, und eine unausſprech⸗ lich wehmüthige Freude ergriffen wechſelsweiſe mein Herz. Ich eilte in ſeine Arme, und bebte vor dem Gedanken, nur ein Schattenbild zu umarmen. Aber es war kein Schatten; er war es wirklich. Er ſchloß mich an ſeine Bruſt; ich fühlte das Klopfen ſeines Herzens. Da erhob er die Linke feyerlich, und ſag⸗ te mit ſeiner ſchönen Stimme, deren Klang ſo tief in meiner Seele liegt: Vater! Verzeih ih⸗ — 211— nenz denn ſiewiſſen nicht, was ſiethun! Da blickte ich ihn an, und ſah ſein Geſicht in hoher Verklärung ſtrahlen; allmählich wurde es zu lau⸗ ter Schimmer. Ich wollte, von Grauen und Se⸗ ligkeit überwältigt, vor ihm niederſinken, und— erwachte. Noch lange bebte in meiner wunderbar bewegten Bruſt der Eindruck des Traumgeſichtes nach, und meine Thränen floſſen heftig und ſchmers⸗ lich um den entriſſenen Freund, bis mir plötzlich die Beſtimmung des kommenden Tages einſiel, und der furchtbare Mann, der mein Vater hieß, und al⸗ les, was ich durch ihn gelitten hatte, was ich noch leiden würde. Da erklang Florianus Stimme wie⸗ der in meinem Innerſten: Vater! Verzeihih⸗ nen; denn ſie wiſſen nicht, was ſiethun! Auf einmahl fiel es mir wie ein Schleyer von den Augen, auf einmahl war ich wie verwandelt. Ich konnte verzeihen, ich konnte entſchuldigen, ich fühl⸗ te, daß ich ſogar würde lieben können, wo ich bis ietzt nur gezittert hatte. Der Kaiſer kannte ja mein ſtilles Verhältniß nicht, als er mich aus Britan⸗ nien wegführen ließ; er hat es gut mit mir ge⸗ meint, mich nach ſeinem Begriffe glücklich machen wollen. Ach, es gibt ſo wenig Menſchen, die glück⸗ lich zu machen verſtehen, ſo wenige, die es über ſich gewinnen können, die, die ſie lieben, nach ihrer 14* Weiſe froh werden zu laſſen! Der Menſch nimmt ſo gern ſeine Wünſche zum Maßſtabe für die übrige Welt, und wie klein, wie unbedeutend müßte dem Auguſtus, ſelbſt wenn er ſie gekannt hätte, die Lie⸗ besangelegenheit eines jungen Mädchens vorkom⸗ men, ihm, der das Wohl und Weh der ganzen Welt in ſeinem Herzen trägt! So dachte ich, oder viel⸗ mehr, ſo entwickelte der Engel, der mir auf Erden in einer theuern Geſtalt erſchienen war, der jetzt im Traume vor mir geſtanden, und die bedeutenden Worte geſprochen hatte, die Gedankenreihe in mei⸗ ner Seele. Ja, Theophania, es war mein Schutz⸗ geiſt! Um mich den Weg des Heils zu leiten, nahm er einſt die ſchöne Bildung meines Freundes an, und iſt jetzt wieder in den Himmel zurückgekehrt, wo ich ihn finden werde, wenn ich ſeiner würdig bleibe. O laß mir den füßen Glauben, er hält mich aufrecht! Mir ward leichter um's Herz, nachdem jene Ideen und Empfindungen in mir klar geworden waren. Mit ergebener Faſſung, ja ſogar mit einer Art von angenehmer Erwartung, den zu ſehen, an den mich ſo heilige Bande knüpften, ließ ich mich mit all dem Geſchmeide belaſten, das mein Vater mir geſandt hatte, und folgte meinem Führer in den Pallaſt. — 215— In der Einſamkeit und Einfachheit meiner Kind⸗ heit, fern von allem, was mir richtige Begriffe von dem Leben und Weſen der Großen dieſer Erde hät⸗ te geben können, ſtanden ihre Bilder, wenn ich ſie mir dachte, in beynahe übermenſchlicher Hoheit und Glanz vor mir. Als ſpäterhin mein Schickſal ven dem Erſten unter ihnen ſo unſanft berührt, und in den wilden Wirbel der Welt gezogen worden war⸗ da geſellte ſich ein Schein von Furchtbarkeit zu je⸗ nen rieſenhaften Geſtalten, und die Herren der Er⸗ de erſchienen mir mit den Zügen unerbittlicher⸗ ſtrenger Richter. O meine Liebe! Wie ſo gans ver⸗ ſchieden fand ich die Wahrheit von dieſen Bildern meiner Phantaſie! In einem Lehnſtuhle ſaß oder lag vielmehr ein kranker abgezehrter Greis, deſſen Blick und Haltung eher alles, als den Gebiether von Myriaden verkündigten. Freylich umhüllte ein Purpurgewand dieſe zitternden Glieder; aber es ſchien mit ſeiner Pracht und jugendlichen Farbe nur dieſes Alters, dieſer Hinfälligkeit zu ſpotten Iſt das der Herr der Erde? dachte ich. O Vorſicht! Was ſind die Könige vor Deinem Throne? Mich bewegte eine ſeltſame Empfindung; ſie war nicht mehr Furcht, ſie war dem Mitleid verwandt, und ſo trat ich ein paar Schritte näher. Da ſtreckte er mir die Hand entgegen, und richtete ſich, von zweyen — 214— ſeines Gefolges unterſtützt, mühſam auf. Komm, mein Kind! ſagte er: Komm näher, daß ich Dich recht anſehe! Der leiſe gütige Ton der väterlichen Stimme, die ich jetzt zum erſten Mahle hörte, über⸗ wältigte jeden Reſt von Scheu; ich eilte hinzu, ſank vor ihm nieder, und drückte die zitternde Vaterhand feſt an meine Lippen, an mein Herz. Ich warzzu be⸗ wegt, um zu ſprechen; und auch mein Vater ſchien erſchüttert. Bald aber faßte er ſich wieder, hieß mich aufſtehen, und betrachtete mich genau, indem er meine Züge mit einem Bilde verglich, das ihm ein ſehr ſchöner junger Mann, deſſen Geſicht ganz allein unter allen, die ich hier ſah, einen freundli⸗ chen Eindruck auf mich machte, von einem Tiſche herüber gelangt hatte. Ach, es war wahrſcheinlich das Bild meiner nie gekannten Mutter! Der Ge⸗ danke ergriff mich ſehr, und ich fing an zu weinen. Da winkte mir einer der glänzenden Herren; und ich verſtand, daß ich mich bezwingen ſollte, weil allzugroße Nührung dem Kranken ſchädlich ſeyn könnte. Ich mußte alſo im erſten Augenblicke der Ergießung mein volles Herz verſchließen, und mei⸗ ne Thränen verſchlingen. Ach da öffenbarte ſich der Fluch, der auf Macht und Hoheit liegt, an mir. Ich begann in meine alten Gedanken zurückzuſinken, als mein Vater das Pild bey Seite legte, und mich ſehr — 215— liebreich über allerley umſtände meines frühern Le⸗ bens befragte, auch mit einer Schonung, für die ich ihm ewig danken werde, alles vermied, was mich an mein größtes Unglück erinnern konnte. Endlich ſtellte er mir mit einem bedentenden, aber nicht ſtrengen Blicke den ſchönen jungen Mann⸗ als mei⸗ nen Landsmann— Conſtantin, vor. Ach, ich hatte es dunkel geahnet, als ich ihn ſah; ich hatte wenig⸗ ſtens gewünſcht, ihn ſo zu finden. Nun ward mir viel leichter. Ich hatte nebſt meinem theuren Va⸗ ter noch ein Hers in dieſer freudenloſen Welt gefun⸗ den, das Theil an mir nahm, mich verſtand, und über das, was mir allein wichtig iſt, gleich mit mir dachte. So endigte der erſte Beſuch viel beſſer, als ich gehofft hatte. Ich ſoll nun⸗ ſo gebeuth es mein Va⸗ ter, ihn täglich beſuchen, ſo lang er in Byzanz bleibt, dann mit ihm nach Nikomedien gehen, und ihn nie wieder verlaſſen. Leb wohl, Theophania! Ich muß mich bereiten, am Hofe zu erſcheinen. Einer Kaiſertochter wird es nicht ſo gut, wie der Tochter des gemeinſten Hand⸗ werkers, daß ſie ihrem Vater unvorbereitet, und in ihrem alltäglichen Anzuge an die Bruſt fliegen könnte. Sieben und zwanzigſter Brief. Conſtantin an Agathoklez. Nikomedien im März 305. Ra einer ſehr langſamen, und ſehr unangeneh⸗ men Reiſe bin ich endlich vor einigen Wochen mit dem Auguſtus hier eingetroffen. Sein Zuſtand iſt bedenklich, obwohl für den jetzigen Augenblick ohne Gefahr. Die Arzte, oder vielmehr ſein Leibarzt, der durch ſie ſpricht, derſelbe, den ihm Galerius überlaſſen hat, erklären, daß nur Entfernung von allen Geſchäften, wenigſtens auf einige Zeit, nur vollkommene Ruhe ſeine ganz zerrüttete Ge⸗ ſundheit wieder herſtellen kann. Ob ſie in der Tie⸗ fe ihrer Kunſt, oder in der Politik des Galerius dieſe Kunde geſchöpft haben, entſcheide ich nicht. Dieſer, der uns von Syrmium auf dem Fuße hier⸗ her gefolgt iſt, um keinen Augenblick zu verſäu⸗ men, und überall ſelbſt gegenwärtig zu ſeyn, ſtei⸗ — 217— gert ſeinen Ton und ſein Betragen an Beſtimmt⸗ heit und Hoheit mit jeder ſchlimmen Nachricht von des Auguſtus Befinden, und zwiſchen den Höfen von Nikomedien und Mailand waltet ein ununter⸗ brochener Briefwechſel.. Nicht umſonſt wird Salona, wie ich mich ſelbſt überzeugt habe, mit kaiſerlicher Pracht erbaut und eingerichtet. Es iſt ein äußerſt lieblicher Aufent⸗ halt, reizend zwiſchen ſanften Hügeln und dem Meer, in der ſchönſten Gegend von Dalmatien ge⸗ legen. Dioeletian ſchien mit auffallender Vorliebe und allem Eifer, den ihm ſeine Schwachheit übrig ließ, die Vollendung dieſes Baues zu betreiben, der ſo ganz das Gepräge einer ſtillen Freyſtatt nach den Stürmen und Mühſeligkeiten eines tha⸗ tenvollen Lebens trägt. Ich ſehe im Geiſte alles vor; es iſt, als ob eine geheime Stimme mir es zuflüſterte. Freywillig oder halbgezwungen, aus Philoſophie, oder um das untergehende Geſtirn dem böſen Einfluſſe des gewaltſam empor dringen⸗ gen zu entziehen, wird Diocletian die Zügel der Regierung niederlegen, Galerius— Auguſtus hei⸗ ßen, und, wie Diocletian, Herr der Welt ſeyn wollen. Auch ſpricht man am Hofe und in der Stadt zu viel, zu allgemein, zu laut von dieſer wahrſcheinlichen Zukunft, als daß dieß Gerücht — 218— bloß der aufgetriebene Schaum des Müßiggangs und der langen Weile ſeyn ſollte, die ſchon ſo man⸗ ches Gerede erzeugt haben. Heimliche Bothen ſind ausgeſandt, um im Geſpräche gleichſam zufällig die Nachricht zu verbreiten, und die Welt auf das ſeltſam wichtige Schauſpiel vorzubereiten. Man erwartet das jüngſt kaum Geglaubte, das halb Unmögliche faſt ſchon als gewiß. Der Ehrgeiz, die Ruhmſucht, der Eigennutz, in ihren innerſten Tie⸗ fen durch neue Hoffnungen, Beſorgniſſe und Aus⸗ ſichten geweckt, kommen in gährende Bewegung; die Neugierde zermartert ſich in Vermuthungen und Erwartungen, und der müßige Pöbel des Ho⸗ fes und der Stadt ſieht mit geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit dem großen Ereigniſſe, wie einem intereſ⸗ ſanten Schauſpiel entgegen, von dem er Zerſtreu⸗ ung und Zeitkürzung erwartet. So ſtehen die Sa⸗ chen hier. Seitdem dieſe Gerüchte anfangen laut zu werden, und vom HBofe aus ihnen Niemand wi⸗ derſpricht, handelt und befiehlt Galerius als einer, der bald allein zu handeln und zu befehlen haben wird. Er möchte ſich doch verrechnet haben. Der Titel eines morgenländiſchen Augnſtus enthält noch nicht den Titel des Herrſchers der Welt, nicht je⸗ der Auguſtus iſt ein Diocletian, und gerechte An⸗ ſprüche zu ſichern, und, von ihnen geleitet und ge⸗ — — 219— ſchützt, ſo weit zu gehen, als Sterblichen möglich iſt, iſt der hohe Beruf, den die Natur in manche Seelen legte, und den zu überhören, ſie eben ſo unwürdig als unmöglich dünken würde. Was mein Vater für mich im Stillen bereitet hat, was mir aus jenen Gegenden droht, und was ich dort durch ſeine und deine raſtloſe Sorge und Anſtrengungen zu hoffen habe, habe ich theils durch deine geheimen Briefe, die mir der treue Vipſa⸗ nius aus Laureacum brachte, theils durch die münd⸗ lichen Nachrichten erfahren, die mir die edle Va⸗ leria als das letzte Vermächtniß ihres und meines ſterbenden Freundes mitgetheilt hat. Ich habe ſie in Byzanz geſehen, und auf den erſten Blick ihr Vaterland in ihr erkannt. Solche ſchlanke weiße Geſtalten, ſo gelbes Haar, ſo dunkelblaue Augen erzeugt nur Brittanniens lieblich düſterer Him⸗ mel. Sie iſt ſehr unglücklich. Eine ihrer erſten Bitten an mich, dem ſie als einem Bruder ſich mit ſchöner Zuverſicht offen nahte, war, wenn ſie ſtür⸗ be, ihre überreſte nach Laureacum zu ſenden, und ſie an unſers verehrten Lehrers Seite begraben zu laſſen. Sie ſcheint nur Raum für dieſen Gedanken zu haben, und in ihm allen Troſt zu finden, deſſen ihre Lage fähig iſt. Schmerzlich hatte ihr Anblick, ihr Geſpräch jene alten Wunden wieder in mir er⸗ — 220— neuert, ihr Umgang mich weich und wehmüthig ge⸗ ſtimmt, und ich fand es bald nöthig, meine Ein⸗ bildungskraft mit Gewalt von dieſen Bildern ab⸗ zuziehen, deren lähmende Wirkung ich mit Ver⸗ druß in meiner Empfindungs⸗ und Handlungs⸗ weiſe bemerkte. Die hieſigen Angelegenheiten bo⸗ then mir bald würdige Gegenſtände, und Valeria, die ich übrigens ſo ſehr achte, als es ihre Vorzü⸗ ge und ihr Unglück verdienen, wird mich, wie ich hoffe, nicht verkennen, und nicht glauben, daß das Andenken unſers verklärten Freundes darum in meiner Seele ſchwächer fortlebt, weil ich ſelten und mit mehr Ruhe, als ſie vermag, von ihm ſpreche. 1 So, wie es ſcheint, haben ihr wirklich großer Reiz und ihre ſanften Tugenden ihr das Herz ihres Vaters ganz gewonnen; man ſagt, er denke ſie in ſeine Einſamkeit mitzunehmen, und habe ſie deß⸗ wegen ſchon vor einem halben Jahre zu ſich kom⸗ men laſſen, und als ſeine Tochter anerkannt. Ein neuer Beweis, daß der Plan, dem Throne zu ent⸗ ſagen, ſchon lange in ſeiner Seele gelegen, und er alles geheim und langſam dazu vorbereitet hat. So handelt der kluge, der vorſichtige Mann, und gibt uns ein nachahmungswürdiges Beyſpiel. Auch wir ſollen langſam und geheim bereiten, was der — 221— entſcheidende Augenblick plötzlich in ſeiner ganzen Größe und Vollendung der erſtaunten Welt ent⸗ hüllen muß. Hinderniſſe ſpornen den Eifer, und wichtige Gegner lehren uns unſere Blicke ſchärfen, und alle Kräfte anſtrengen, in deren lebendiger Thätigkeit dem rüſtigen ſtarken Mann erſt recht wohl wird. Galerius iſt auch thätig, ich weiß es wohl; aber jener Augenblick wird zeigen, wer ſi⸗ cherere und beſſere Maßregeln genommen hat. Sende mir das nächſte Mahl Nachricht, wie es mit den Legionen ſteht, die mein Vater in Britan⸗ nien bey ſich hat. In Gallien ſind mehrere Legio⸗ nen, theils Römer, theils Eingeborne zerſtreut, auf deren Treue ziemlich ſicher zu zählen iſt, und die ſich, wenn es nöthig iſt, leicht verſammeln laſ⸗ ſen. Es muß auf alles gedacht, und auf den ſchlimm⸗ ſten Fall uns ein würdiger Rückzug gedeckt ſeyn, der keiner Flucht gleiche, und uns nur die Muße verſchaffe, mit erneuerter Kraft einſt wieder her⸗ vorzutreten. Auch in Italien habe ich meine Zeit nicht vergebens zugebracht. Unter Mapimians Au⸗ gen in ſeinen Provinzen wird, ohne daß er es ah⸗ net, an dem Plane gearbeitet, deſſen Vollendung den Erdkreis neu geſtalten ſoll. Der römiſche Se⸗ nat hat längſt aufgehört zu ſeyn, in dem Sinne, in welchem ihn einſt die verſammelten Väter und — 222— die ſtaunende Welt kannten. Warum ſollen wir aus altem Wahn oder unzeitiger Schonung eine Form behalten, die längſt nichts mehr als eine leere Hülle iſt, aus der der Geiſt entfloh? Der rö⸗ miſche Staat iſt reif zur Wiedergeburt; ſo werde er wiedergeboren, und eine neue Fra**) beginne für die erneuerte Welt! Vor allen Dingen iſt es nöthig, um jede Wur⸗ zel des Alten zu vertilgen, daß der Sitz des Reichs an eine neue Stelle komme. Dein Vorſchlag we⸗ gen Byzanz ſcheint mir ſehr klug und ausführbar. Ich habe an Ort und Stelle alles überlegt und be⸗ dacht, was Du mir früher ſchriebſt. Wie gar kein anderer Punkt in der Welt, eignet ſich dieſer zur Bauptſtadt des Ganzen, hier, wo zwey Erdtheile einander beynahe berühren, und das freye Meer einen unmittelbaren Verkehr mit dem dritten er⸗ öffnet. Aber— Eine Hauptſtadt— Ein Reich— Ein Herrſcher— Ein Gott! Ganz neu muß alles werden, und von dem Al⸗ ten auch keine Spur mehr übrig bleiben, die zur Vergleichung mit Ehmahls oder zum Schlupf⸗ winkel für Widerſpenſtige dienen könne. Erſtaunt und betäubt, ſollen ſie ſich zuerſt in der neuen Schöpfung umſehen, und dann, bis ſie ſich erhohlt haben, wird die neue Ordnung ihnen nicht mehr — 223— fremd ſeyn. Nur ſo kann man hoffen, den Keim alles alten Unglücks, das Schwankende der Ver⸗ faſſung und die tauſend Mißverhältniſſe einer ge⸗ theilten Gewalt zu heben. Wenn dann die alte Regierungsform mit küh⸗ ner Hand zerſchlagen iſt, folgen ihr die zertrüm⸗ merten Götzenbilder und Altäre, und ein neuer würdiger Cultus erhebt ſich über der gereinigten Erde! So ſteht das Bild vor mir, groß, erhaben; und alle Kräfte aufzubiethen, die mir zu Gebothe ſtehen, iſt mir nicht allein Freude, iſt, wie ich glau⸗ be, Pflicht, vom Schöpfer mir auferlegt, der mit dieſen Kräften mir auch den Beruf zu dieſem Wer⸗ ke gab. Leb wohl! Acht und zwanzigſter Brief. Tiridates an Conſtantin. Amida im März 305. Die vichtigen Greigniſe, die ſich bey Euch in Nikomedien zubereiten, und die noch wichtigeren Folgen, die daraus entſpringen können, haben mich beſtimmt, nach Bithynien zu gehen, wo ich in un⸗ gefähr acht Tagen einzutreffen hoffe. Die Gunſt und die Macht des Cäſar Galerius haben bisher meine Rechte unterſtützt und aufrecht erhalten. Es kann ſeyn, daß der künftige Auguſtus dieſelben Geſinnungen beybehält; aber es kann auch ſeyn, daß Politik oder Laune ihn umſtimmen, und ſo glau⸗ be ich, daß es auf jeden Fall gut iſt, bey der wich⸗ tigen Cataſtrophe gegenwärtig zu ſeyn. Dir, mein Conſtantin, brauche ich die unbeſtreitbaren Anſprü⸗ che eines eingebornen Fürſten auf den Thron ſeiner Vorältern nicht an's Herz zu legen. Nicht bloß Deine Geſinnungen gegen mich, auch Deine Denkart im — 225— Allgemeinen birgt mir dafür, daß Du ſie jederzeit ehren und anerkennen wirſt; und ſo kann ich auch, ohne den Vorwurf der Heucheley zu verdienen, Dich verſichern, daß ich es für eine ſehr günſtige Wen⸗ dung des Schickſals anſehen würde, wenn es Dich bey den bevorſtehenden Veränderungen an einen Platz ſtellen möchte, auf dem Dein gerechter Sinn, Deine Klugheit und Kraft, die Macht des Nömi⸗ ſchen Staates aufrecht erhalten, und die Ruhe der letzten zwanzig Jahre fortſetzen können. Meine Calpurnia war ſehr vergnügt, als ich ihr meinen Entſchluß mittheilte. Die Ausſicht, ih⸗ ren Vater, ihren Bruder, ſo viel werthe Freunde wieder zu ſehen, erfüllte ſie mit ſo reger Munter⸗ keit und Thätigkeit, daß ſie ſelbſt unter ihren Au⸗ gen alle Anſtalten zur Abreiſe treffen ließ. Wir ſind in Amida, wie Du aus der überſchrift des Brie⸗ fes geſehen haſt, und folglich an der Grenze des Reiches. Sobald Calpurnia und mein Sohn, den ich mitbringe, ſich in etwas von den Beſchwerden einer ſchnellen Reiſe erhohlt haben werden, ſetzen wir ſie ununterbrochen ſort, und denken in wenig Tagen Dir mündlich zu ſagen, wie ſehr wir beyde Dich lieben und ſchätzen. Leb wohl! — gath. m. ⁊h. Neun und zwanzigſter Brief. Agathokles an Conſtantin. Laureacum im März 305. Ein ſehr verläßlicher Bothe bringt Dir dieſen Brief; er enthält die näheren Angaben von dem allen, was Du zu wiſſen verlangſt, und was Dein Vater Dir melden läßt. Alles iſt bereit, der Le⸗ gionen in Gallien, Spanien und Britannien biſt Du durch Deinen Vater ſicher; hier in Noricum, durch Pannonien und ganz Dacien iſt ſo viel ge⸗ ſchehen, als möglich war, und Du wirſt mit mir zufrieden ſeyn. Die Chriſten, die ſich unter ihnen befinden, binden Religion und gerechter Haß gegen —— ,——— ihren Verfolger Galerius an Dich; die übrigen zieht das Beyſpiel der orößten Anzahl und mehr noch die Zuverſicht auf den jungen muthigen Füh⸗ rer Dir nach, deſſen Heldenthaten die Fama von Carrhä's Gefilden und aus den Gebirgen von Ar⸗ — 227— menien bis hierher geſchäftig trug. Sobald Div⸗ cletian den Purpur ablegt, und Mapimian, wie es allgemein heißt, zu einem gleichen Schritte be⸗ wegt oder zwingt, ſind Dein Vater und Galerius Auguſtus, und Du, der Sohn des abendländiſchen, ſein geborner, berufener, würdiger Cäſar. Mag Galerius ſich in den Morgenländern, oder unter den Illyriſchen Bauern ²²), einen Nachfolger wäh⸗ len, Du haſt ihn nicht zu fürchten. Der Geiſt der Zeit, der ſich allmählich vom Heidenthume zu einer beſſeren Religion hinüber neigt, iſt auf Deiner Sei⸗ te; er kämpft mit Deinen Scharen, er zieht die Menſchheit in Dein Intereſſe, und vergebens ſtämmt die alte morſche Form ſich das letzte Mahl gegen die ſiegende Gewalt des beſſern Neuen. Ja, er wird ausgeführt werden, der ſchöne große Plan, den wir in ſtillen Stunden der Begeiſterung entworfen; ſtolz blickt mein Geiſt auf den Antheil hin, den meine Anſtrengung, meine Thätigkeit daran hat⸗ ten, und nichts— gar nichts auf der Welt würde mir zu koſtbar ſeyn, um es nicht mit Freuden für die Sicherung desſelben hinzug eben. Seit ich den edlen Florianus ſterben ſah⸗ ſchwebt das Bild— nicht der Marterkrone im gewöhnlichen Sinne, wie es oſt übelverſtandener Eifer und fal⸗ ſcher Religionsbegriff ſich ausmahlen— nein, ei⸗ — 228— nes freywilligen Todes zum Beſten der Menſchheit, zur Sicherſtellung und Ausführung eines großen, beglückenden Werkes mit ſchimmerndem Glanze vor meiner Seele. 8 Wie ich meine Theophanie liebe, was ſie mir iſt, weißt Du, und was ein Sohn, von ihr gebo⸗ ren, meinem Herzen ſeyn kann, welche Begriffe ich von meinen Vaterpflichten habe, kannſt Du Dir denken, ohne daß ich nutzloſe Worte verſchwende. Mein ganzes Erdenglück ruht auf ihnen; ſo lange ich ſie beſitze, bin ich ſicher in jeder Lage glücklich zu ſeyn, ohne ſie iſt keine Macht der Welt, keine Hoheit, keine Gewalt vermögend, mein Herz auch nur einen Augenblick zu rühren. Dennoch— ich habe mich geprüft, ſtrenge, oft, in der Einſamkeit, und wenn ich ſie in meinen Armen hielt— es gibt ein höheres Gut, um deſſentwillen ich auch ihnen entſagen könnte! Vielleicht traue ich mir zu viel zu, und fern ſey der Frevel von mir, die Vorſicht auf dieſen blutigen Kampf herauszufordern; aber ich glaube, ich würde Kraft haben, ſie zu opfern, wenn ich mit überzeugung die Nothwendigkeit da⸗ von einſähe. Ich glaube— aber ich bethe, Con⸗ ſtantin, daß mich Gott nicht auf dieſe ſchreckliche Probe ſetze— mein Herz würde durch ihren Ver⸗ luſt eher brechen, als durch den Todesſtreich. — 229— Ich darf keinen dieſer Gedanken laut werden „laſſen. Theophaniens zarte Seele hat in jener Zeit, wo Florianus Tod uns alle weich und finſter ſtimm⸗ te, nur zu viel in der meinigen geleſen. Sie ver⸗ ſteht mich ſo ganz, daß es keines Wortes, keiner noch ſo leiſen Kußerung bedarf, um alles zu wiſ⸗ ſen, was in mir vorgeht. Ja, aus Einem Stoffe, aus denſelben Fäden ſind unſere Herzen gewebet, und keiner kann in dem Einen erſchüttert werden, oh⸗ ne daß ſie alle in dem Andern mit beben. Das macht jetzt unſer höchſtes Glück, und macht vielleicht einſt das Unglück desjenigen, dem die Vorſicht ein län⸗ geres Leben beſtimmt. Du, mein Conſtantin, biſt glücklich oder weiſe genug, nichts von dieſen Gefühlen zu wiſſen. Zu einem andern Zwecke beſtimmt, hat Dich der Schö⸗ pfer mit andern Gaben ausgerüſtet, auf einen an⸗ dern Platz geſtellt, den Du würdig und allgemein beglückend behaupten wirſt. Das iſt mir entſchieden gewiß; und ſo darf ich nichts empfehlen, als was eben größeren Gemüthern oft ſo nöthig iſt, Vor⸗ ſicht und kluge Schätzung möglicher Gefahren. Soll⸗ te der Auguſtus den entſcheidenden Schritt wirklich thun, dann bedenke, daß Dein alter Feind unum⸗ ſchränkter Herr in jenen Gegenden wird, daß Du ſein erſter, aber immer ſein Unterthan biſt, und — 230— was dem frey ſteht, der mit der höchſten Gewalt zügelloſe Rachbegierde und offene Verachtung alles desjenigen verbindet, was dem Menſchen theuer und heilig iſt. Sichere Dir eine ſchnelle Flucht, und beſtimme über mich und alles, was mein iſt, zur Ausführung jedes Deiner Plane. Leb wohl! — 251— Dreyßigſter Brief. Conſtantin an Agathokles. Nikomedien im März 505. Ee iſtzentſchieden, Divecletian legt den Purpur ab. Was hier noch vorgefallen iſt, um ihm dieſen Entſchluß, der vielleicht bey zunehmender Krank⸗ heit ſeit längerer Zeit in ſeiner Seele lag, ſo ſchnell, ſo plötzlich zu entreißen, vermag Niemand mit Ge⸗ wißheit zu beſtimmen. Galerius hat viele— lange⸗ und öfters heftige Unterredungen mit ihm gehabt. Genug, der erſte May iſt zu dem feyerlich ernſten verhängnißvollen Schauſpiel beſtimmt. Von allen Seiten ziehen Neugier, Erwartung, Furcht und Hoffnung Fremde und Einheimiſche in die Stadt. Auch der edle König von Armenien iſt mit ſeiner Gemahlinn vor zwey Tagen hier angelangt. Sie iſt, das ſage ich Dir im Vertrauen, und um Dich zur nöthigen Stärke aufzufordern, Falls noch ein überreſt alter Neigung in Dir wohnt— ſchöner als ie, beſonders in der üppigen reichen Kleidung ihres — 232— neuen Vaterlandes. Er ſieht mit Grund den Fol⸗ gen des wichtigſten Ereigniſſes nicht ohne Beſorg⸗ niß entgegen. Was iſt ſich von der alten Zuneigung eines Mannes, wie Galerius, zu verſprechen, der mehr als das Intereſſe eines Bundesgenoſſen, der ſogar das Wohl des eigenen Staats ſeinen wilden Begierden zu opfern im Stande wäre? Ich werde mich verwahren; das habe ich längſt als höchſt nö⸗ thig erkannt, das hat Deine treue Bruderliebe mir neuerdings an's Herz gelegt. Auch ſind ſchon alle Anſtalten getroffen. So wie Diocletian vom Throne ſteigt, und dem Galerius die Zügel übergibt, iſt Niko⸗ medien kein ſicherer Aufenthalt mehr für mich. Du aber komm, komm ſchnell! Du mußt Zeuge jenes Ta⸗ ges ſeyn, Du mußt hier zurückbleiben, um für mich zu wirken, wenn meine perſönliche Sicherheit mich des Galerius gefährliche Nähe fliehen heißt. Die bey⸗ geſchloſſene geheime Schrift enthält alle Maßre⸗ geln, die Du auf dem Wege hierher für mich zu treffen haſt, damit ich denſelben Pfad zurück bis nach Britannien ſicher und ſchnell machen könne, wo ein geliebter Vater mir wichtige und würdige Ge⸗ ſchäfte bereitet hat. Ich erwarte und bitte Dich, in ſo kurzer Zeit, als es möglich iſt, mit Theophania und Deinem Sohn den Weg von Laureacum bis hierher zu machen. Leb wohl! — 233— Ein und dreyßigſter Brief. Theophania an Junia Marecella. . Byzanz im Aprill 305. Da bin ich wieder, im Angeſichte des theuren Va⸗ terlandes. Gegen mir über liegt die Küſte von Bi⸗ thynien. Bald, in wenig Stunden, werde ich ſie be⸗ treten, und ein geheimer Schander ergreift mich bey dem Gedanken an alles das, was ich dort ſchon er⸗ fahren habe, was ich vielleicht noch zu erfahren ha⸗ ben werde. Warum kann ich mich nicht freuen? Warum erfüllt, was ich von der nächſten Zukunft weiß, die Abdankung Dioeletians, Conſtantins Maßregeln, ſeine hochfliegenden Plane mein Herz mit geheimer Angſt? Ach, Agathokles und ſein Wohl, und ſo auch das meine ſind zu innig mit allem dieſem verwebt, um mir einen freyen, fro⸗ hen Blick in die wildverworrene Ferne zu geſtat⸗ ten. Dunkle Geſtalten regen ſich im Hintergrunde, — 254— wilde Leidenſe chaften gä hren in grauenvoller S tille, und nur das Auge, vor dem die Nächte ſonnenhell, und tauſend Jahre wie einer unſerer Tage ſind, weiß, wie ſich dieſe düſtere Zukunft entwickeln wird. Ach wie glücklich war ich in Synthium! War⸗ um konnte ich es nicht immer bleiben? Ich erken⸗ ne die Würdigkeit des Zweckes, den Conſtantin und Agathokles ſich vorſetzen, ich muß ihre Anſtrengun⸗ gen loben, ihre Maßregeln billigen; aber ich fürch⸗ te, mein ſtilles Glück geht in dem großen Kampfe gewaltiger Maſſen unter. So werde ich Nikomedien nicht mit fröhlichem Herzen wiederſehen, und unter trüben Vorbedeu⸗ tungen naht ſich mir zum zweyten Mahle der Zeit⸗ punct, der jedem Weibe ſo wichtig iſt, der jedes Mahl über Leben und Tod entſcheiden kann. Soll⸗ te ich dieß Mahl minder glücklich ſeyn, als das er⸗ ſte Mahl? Sollten das neugeborne, und das noch kaum lallende Kind mutterloſe Waiſen werden?2— O die Trennung von ihnen und Agathokles iſt das einzige, was mir jenes ſinſtre Thal des Todes ſchreck⸗ lich machen könnte. Ich kann hier nicht glücklich ſeyn ohne ſie— wie könnte ich dort der Seligkeit Und wenn Gott über mich gebeuth— mit ſchau⸗ dernder Ergebung unterwerfe ich mich— dann ſey —— — 255— Du meinen Verlaſſenen Mutter, bis ihre reiferen Jahre ſie zu keiner unerträglichen Laſt mehr für ihren theuren, unglücklichen Vater machen. Ich werde ruhiger ſterben, wenn dieſe Ausſicht mir die Trennung von meinen Lieben verſüßt, ich werde mit dem Gefühle erfüllter Pflicht ſterben, mit dem der Krieger im Schlachtfelde fällt. Ich ſterbe in und wegen meiner Pflicht. So wenigſtens erſcheint mir der Tod eines Weibes über der Ge⸗ burt eines neuen Menſchen, eines künftigen Chriſten. Leb recht wohl, meine Geliebte! Aus Nikome⸗ dien ſchreibe ich Dir nächſtens und ausführlicher. unſere Reiſe gleicht dieſes Mahl einem Fluge, und ſchon kommt man, mich zu ermahnen, weil das Schiff, das uns an's Bithyniſche Ufer bringen ſoll, die Segel löſen will. Zwey und dreyßigſter Brief. Marcins Alpinus an Lucius Scribonianus. Nikomedien im Aprill 305. Di Würfel liegen, die Hand des Zufalls greift nach der Scheere, um das letzte Haar abzuſchneiden, das das bloße Schwert über den wichtigſten von Galerius Feinden auſgehoben hält. Doch ohne Bil⸗ der, mein Freund; denn ich liebe ſie nicht, weil ſie mich unbequem dünken, meine Gedanken, die nichts als klare Wahrnehmungen enthalten, auszudrücken. Im vergangenen Monathe hat ſich der kaum herge⸗ ſtellte Kaiſer dem Volke zum erſten Mahle wieder ge⸗ zeigt, und wer ihn lange nicht ſah, hatte Mühe, ihn wie⸗ der zu erkennen. Seine Geſundheit iſt ganz zerrüt⸗ tet, ſeine Kraft gebrochen; dieſer Schatten des ehe⸗ mahligen Dioeletian taugt nicht mehr zu dem Ge⸗ ſchäfte, das einen ſtarken Arm und ungeſchwächten Muth fordert. Er fühlt es, oder iſt klug genug zu thun, als fühlte ers, und— legt die Regierung nie⸗ der. Die Welt wird das lächerlich ernſte Schauſpiel —— als eine Wirkung hoher Philoſophie, einer ruhm⸗ würdigen Gleichgültigkeit gegen die höchſten Güter der Erde anſtaunen, die Klugen werden insgeheim lachen oder fürchten, je nachdem ſie zu einer Partey gehören, und Galerius allein gewinnt; denn ſeine Plane ſind ausgeführt, und das ſtill bereitete Werk mancher Jahre iſt nun reif. Mapimian wird mit Dioeletian zugleich den Purpur ablegen; Conſtan⸗ tius iſt nicht zu fürchten, ſo bleibt Galerius die Herr⸗ ſchaft über die Welt ſo ziemlich ſicher und allein, wenn Einer, nur Einer noch aus dem Wege ge⸗ räumt iſt, den ſeine Geburt, und mehr noch als die⸗ ſe, ein unternehmender Ehrgeiz zu einem fürchter⸗ lichen Nebenbuhler machen, obwohl er bis jetzt ſeine Plane und Anſprüche unter dem Scheine vollkom⸗ mener Ruhe und Gleichgültigkeit verbirgt. Er iſt fein, doch gibt es Menſchen, die ihn durchſchauen; denn was hätten nicht ſchon Gold und Beſtechung geoffenbaret und bewirkt! Er muß fallen, wenn Ga⸗ lerius ſicher ſeyn ſoll— er wird fallen; denn er iſt in der Hand ſeines Feindes, und dieſer Feind iſt in wenig Tagen unumſchränkter Herr der Erde. Das iſt er klug genug, ſelber zu berechnen, und darum hat er ſeine Anſtalten ſehr zweckmäßig ge⸗ macht. Jetzt, mein Freund, iſt es für Dich Zeit zu wirken, und Deinen beſchiedenen Theil an dem gro⸗ —— ßen Plane zu nehmen. Wir wiſſen, daß in Chalre⸗ don Anſtalten zur heimlichen Abreiſe, oder vielmehr zur Flucht einer bedeutenden Perſon gemacht wer⸗ den; es iſt ein Schiff bereit, und in dem Hauſe ei⸗ nes gewiſſen Clemens, bey welchem ſich ſeit jenem Ediete die Chriſten zuweilen verſammeln, ſind Vor⸗ kehrungen zu ihrem Empfange getroffen. Uber dieß wiſſen wir, daß in Conſtantins Ställen beſtändig gezäumte Pferde ſtehen. Wenn es Zeit ſeyn wird, ſoll ein fliegender Bothe Dich benachrichtigen. Du als Präfect von Chalcedon umringſt mit Deiner Wa⸗ che das Haus, in welchem geſetzwidrige Verſamm⸗ lungen gehalten werden, und was ſich darin befin⸗ det, iſt Dein Gefangener. Du erſtaunſt über die Be⸗ deutenheit der Perſon, von deren Anweſenheit Du keine Ahnung gehabt haſt, und wenn er entlaſſen zu werden fordert, ſo entſchuldigſt Du Dich mit der Strenge Deines Befehls, und der Sonderbarkeit des Falles. Du verſprichſt in aller Demuth, ſogleich nach Nikomedien zu ſchreiben, thuſt es auch, und für das übrige laß uns hier ſorgen. Er ſoll Britannien, ja die Küſte von Europa nie wieder ſehen. Nun leb wohl! Mache Deine Sachen geſchickt, und rechne auf die Dankbarkeit des künftigen Auguſtus! —— ————,—— Drey und dreyßigſter Brief. Calpurnia an ihren Bruder Lucius Piſo. Nikomedien im May 305. Des große Schauſpiel iſt vorüber, auf welches die Welt ſeit ein paar Monathen mit der geſpanw teſten Aufmerkſamkeit wartete. Heute Morgens waren die Einwohner von Nikomedien, viele Frem⸗ de, die die Neugier oder Privatabſichten hierher gezogen haben, der ganze Hof, die Prieſter, die öffentlichen Autoritäten, alles in größtem Schmucke auf einer weiten Ebene vor der Stadt verſammelt. Für die Auguſta, des Gäſars Gemohlinn, ihre Tochter, mich und einige angeſehene Matronen, war ein eigener Ort beſtimmt, wo wir unbeläſtigt von dem Gedränge zuſehen konnten. Das erſte, was mir hier in die Augen ſiel, war Theophania, und an ihrer Seite ein ſehr ſchönes, aber blaſſes Mädchen, Diocletians neue Tochter Valeria. Wir begrüßten uns als alte Bekannte; ſie war erſt den Tag zuvor aus den Abendländern hier angekom⸗ men, und eben ſo wie ich mit dem, was heute ge⸗ ſchehen ſollte, angelegentlich beſchäftigt. Rur nahm ſie nach ihrer Weiſe die Sache ſehr ernſthaft, und ſchien eine böſe Zukunft zu fürchten. übrigens iſt ſie, das ſieht man in jedem ihrer Blicke, in jedem Worte, noch unausſprechlich glücklich; ſie hat ei⸗ nen Sohn von ungefähr anderthalb Jahren, und ſieht der Ankunft eines zweyten Kindes entgegen. Indeſſen wir ſchwatzten, kam der Wagen des Au⸗ guſtus langſam von der Stadt herabgefahren, von einer Menge Männer zu Pferde begleitet. Gale⸗ rius, Tiridates, Conſtantin und Agathokles waren unter ihnen. Ich hatte dieſen ſeit anderthalb Jah⸗ ren nicht mehr geſehen; ich bin verheirathet nach meinem Wunſche, mit einem würdigen Gemahle:— warum klopfte mein Herz dennoch, als ich ihn von ſeinem muthigen Roſſe, das ſich unter ihm bäum⸗ te, abſpringen, und in der ſchimmernden Rüſtung ſtolz und ernſt ſeinen angewieſenen Platz einneh⸗ men ſah? Seltſame Bewegung, wunderbarer Zug des Herzens, deſſen ich nie ganz mächtig werden kann! Jetzt war der Wagen des Auguſtus an der Tribune angekommen, die für ihn bereitet war. Von zwey Perſonen unterſtützt, ſtieg er mühſam — 241— die wenigen Stufen hinan, und hielt eine wohl ausgeſonnene, und wie mir ſchien, künſtlich ge⸗ ordnete Rede an's Volkz er erinnerte es an die mancherley Wohlthaten, die es in der langen Zeit ſeiner Regierung genoſſen hatte, an die ge⸗ wonnenen Schlachten, den Triumph über die Per⸗ ſer u. ſ. w. Er hielt öfters inne, ob aus Schwä⸗ che, oder um zu ſehen, welche Wirkung ſeine Re⸗ de machen würde, weiß ich nicht. Sie machte kei⸗ ne, oder wenigſtens nicht die, die er vielleicht erwartet hatte. Keine Stimme erhob ſich, ihm zu danken, kein Menſch ſchien an dem Vorgange ein anderes Intereſſe, als das der Neugier, zu haben. Endlich kam er auf ſeinen jetzigen Zuſtand, und die Unmöglichkeit, mit ſo geſchwächten Kräf⸗ ten länger die große Laſt der Staatsverwaltung zu tragen; er kündigte ſeinen Entſchluß an, ſich dieſer Bürde zu entziehen, und das Ruder des Staates jüngeren, ſtärkeren Händen anzuver⸗ trauen. Er hielt von Neuem inne, es regte ſich niemand. Da rief er den Cäſar Galerius zu ſich⸗ ſtellte ihn dem Volke als den künftigen Auguſtus vor, zog den Purpur aus, mit dem er ſogleich ſeinen Nachfolger bekleidete, und verließ die Tribune. Nun erhob ſich ein lautes Beyfallrufen, von dem man nicht recht wußte, ob es der Abdankung des alten, oder der Agath. III, Th. 16 — 242— Vahl des neuen Auguſtus gelte. Galerius nahm auf der Stelle den Platz ſeines Vorfahrers ein; dieſer ſtieg mit ſeiner Tochter in den Wagen, und fuhr ſchnell in die Stadtzurück, wo bereits alles zu ſeiner ſchleunigen Abreiſe nach Salona bereitet iſt. So endigte die große Komödie; und ich muß Dir bekennen, daß ſie meine Achtung für das Menſchenge⸗ ſchlecht nicht vermehrt hat. überhaupt habe ich, ſeit der Zufallmich zur Gattinn eines Königes machte, in dieſer Rückſicht widerliche Erfahrungen gemacht, und meine kalte, nüchterne Anſicht der Welt iſt noch viel kälter geworden. Wie armſelig ſind die meiſten Men⸗ ſchen! An was für elenden Fäden werden ſie gezogen! Wäre ich vielleicht nicht glücklicher geweſen, wenn ich das nie erkannt hätte? Es gibt doch menſchliche Verhältniſſe, wo die Verächtlichkeit des Geſchlechtes ſich nicht ſo unverhüllt zeigt, wie an Höfen, wo viel⸗ leicht bey wenigeren Anlockungen auch weniger Böſes geſchieht, und unverſucht ſich ſtille Tugenden entwi⸗ ckeln. Ein ſolches Los hätte einſt mein werden kön⸗ nen, wenn nicht ein neidiſches Schickſal mich tückiſch verfolgt hätte. Ich bin nicht unglü cklich; aber ich kann der Erinnerung nicht verbiethen, zuweilen ihren wel⸗ ken Blumenkranz neben meine ſchimmernde Tiare zu legen, und ein verborgener Schmerz im Innerſten meiner Seele löſt ſich dann in einen Seufzer auf. — 245— Vier und dreyßigſter Brief. Agathokles an Phocion. Nikomedien im May 305. Mun iſt der wichtige Schritt geſchehen. Geſtern Morgens hat Dioeletian auf eine ſehr feyerliche Art der Regierung entſagt, und den Purpur an Galerius übergeben, und dieſe Nacht iſt Conſtan⸗ tin von hier fort. Eher war es nicht möglich, oh⸗ ne auffallend Verdacht zu erregen; und morgen möchte es vielleicht nicht mehr möglich ſeyn, weil Galerius bereits Schritte gethan hat, um ſich ſei⸗ ner Perſon zu verſichern. Um die Rechtmäßigkeit, ſelbſt um den Vorwand zu dieſer empörenden Gräuelthat kümmert ſich ein Auguſtus, wie der, nicht, und die Geſchichte liefert genug Beyſpiele ſolcher Thaten, wenn Beyſpiele ein Verbrechen ent⸗ ſchuldigen können. Die Anſtalten zu Conſtantins Entweichung ſind zweckmäßig getroffen, und ich 6 — 244— erwarte mit Ungeduld einen Bothen aus Chalce⸗ don, der mir die Nachricht bringen ſoll, daß er das Schiff beſtiegen hat. Von Byzanz aus iſt ſo⸗ dann alles geheim bereitet. Nichts wird ſeine Rei⸗ ſe aufhalten; er kann ungehindert bis nach Lute⸗ tien 23) oder nach Eboracum gelangen, wo immer er ſeinen Vater zu treffen hofft, und dieſer wird als Auguſtus den Sohn zum Cäſar ernennen. So iſt dann die nothwendige erſte Stufe erſtiegen, und das Künftige werden Klugheit und Glück ſichern. Am andern Tage. Der Bothe von Chalcedon iſt noch nichtzurück. Dreyßig tödtlich lange Stunden ſind vorüber; er könnte längſt da ſeyn. Meine Bruſt iſt voll banger Unruhe, und trübe Ahnungen ſinken, wie Mitter⸗ nächte, über meinen Geiſt herab. Was iſt geſche⸗ hen? Was haben wir zu fürchten? Ich ſende den Brief nicht ab, bis ich Dir etwas Beſtimmtes ſa⸗ gen kann. Gott gebe, daß es nichts Schlimmes iſt! — — 245— Fünf und dreyßigſter Brief. Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus. Nikomedien im May 305. De Vogel geht in die Schlinge. Nun iſt es an Dir, ſie geſchickt zuzuziehen. Der Bothe, der Dir dieſen Brief bringt, iſt um einige Stunden vor Conſtantin voraus. Er bildet ſich ein, den Augu⸗ ſtus überliſtet zu haben; und wir laſſen ihm die Freude, ſich eine Weile an dem ſtolzen Gedanken zu ergetzen. Einige Drohungen und ein ziemlich merklicher Verſuch des Galerius, ihn mit Gewalt hier zu behalten, haben ſeinen Entſchluß beſtimmt. Du ergreifſt ihn, und ſchickeſt ihn unter ſtarker Be⸗ deckung, und unter dem ſtrengſten Geheimniſſe zu⸗ rück; denn das Volk liebt ihn, und die Armee hängt an ihm. Leb wohl! Sechs und dreyßigſter Brief. —— Theophania an Phocion. Nikomedien im May 3o5. (Einſchluß in dem vierund dreyßigſten Brief.) Aue iſt verloren, Phocion! Was wird aus uns, was wird aus meinem Gemahle, meinen Kindern werden? Conſtantin iſt in Chalcedon ergriffen, und vor einer Stunde gefeſſelt und ſtark bewacht in den kaiſerlichen Pallaſt zurück gebracht worden. Ein vertrauter Sclave brachte Agathokles dieſe Nach⸗ richt. Ich ſah ihn erbleichen, zittern; ohne Laut, ohne Antwort auf alle meine Fragen riß er ſich von mir los, und ging auf ſein Zimmer. In einer halben Stunde ungefähr, kam er verſtört und kodtenbleich zurück, drückte mich und ſein Kind beftig, faſt ſchreyend an ſeine Bruſt, und trug mir — 247— auf, den Brief zu ſchließen, und Dir zu melden, was vorgefallen iſt. Kein Bitten, kein Fragen hielt ihn auf. O mein Gott! Was ſoll das bedeuten? Ich thue, was er mir befahl; aber meine Hand zittert, indem ich den Brief ſchließe. Sieben und dreyßigſter Brief. Calpurnia an ihren Bruder Lucius Piſo. Nikomedien im May 305. Wae⸗ unerhörte Sachen geſchehen hier! Es iſt, als ob man ſich den Mauern dieſer unſeligen Stadt nur nähern dürfte, um ſogleich in den Strudel der Verwirrung, der Angſt und Qual gezogen zu wer⸗ den, der den größten Theil der Einwohner immer⸗ während mit ſich fortreißt. Ach Bruder! Mein Herz hatte richtig geahnet, und richtig empfunden, als es beym erſten Anblicke des unvergeßlichen Freundes ſtärker als je bey eines andern Mannes Anblicke ſchlug! Was habe ich um ſeinetwillen ſchon gelit⸗ ten! Was werde ich noch zu leiden haben! Der Streit zwiſchen Conſtantin und Galerius iſt offen⸗ bar ausgebrochen; dieſer hat jenem, wie man ſagt, nach dem Leben geſtrebt. Conſtantin iſt hierauf entflohen, aber in Chalcedon ergriffen, und wieder nach Nikomedien gebracht worden; und Galerius hat einen lauten Schwur gethan⸗ ihnöffentlich hin⸗ richten zu laſſen. So ſtanden die Sachen geſtern⸗ Agathokles hört dieſe Nachricht, er erkennt die Gefahr ſeines Freundes, und reißt ſich aus den Ar⸗ men eines geliebten Weibes, aus dem Schooße des häuslichen Glückes, beſticht die Wachen, die den Conſtantin lieben, und ohne dieß den verehrten Feldherrn unwillig in dem ſchmählichen Gefäng⸗ niſſe, und zum Tode beſtimmt ſahen, und beredet dieſen, an ſeiner Statt und in ſeinen Kleidern den Kerker zu verlaſſen, indem er ſich für ihn dem To⸗ de weiht. Conſtantin nimmt das ungeheure Opfer an, entflieht, und iſt jetzt ſchon vielleicht in By⸗ zanz. Galerius wüthet über den Betrug, der ihm geſpielt wurde, und hat öffentlich erklärt, daß kein Menſch bey Lebensſtrafe ſich erkühnen dürfe, auch nur ein Wort für Agathokles Leben zu ſprechen, den er jetzt noch ärger als Conſtantin haßt, und zu verderben geſchworen hat; und der ſchändliche Marcius Alpinus unterläßt nichts, was in ſei⸗ ner Macht ſteht, um die alte Rache an Agatho⸗ kles zu kühlen. So wird der edelſte Sterbliche, den ich je gekannt, ein Opfer ſeiner überſpannten Be⸗ griffe, und der Bosheit niedriger Menſchen; und es übrigt kein Strahl von Hoffnung, um ihnzu retten. — 25 0— Vorgeſtern noch war er bey mir, ſo fröhlich, ſo heiter, daß unwillkührlich die ſchönen Stunden in Rom vor meine Seele zurückkehrten. Und heut? Tiridates war der erſte, der die Schreckensboth⸗ ſchaft hörte. Agathokles fand die Möglichkeit, ei⸗ nen Soldaten von der abgehenden Wache zu ihm zu ſenden, um ihm ſein Weib, ſeine Kinder zu em⸗ pfehlen. Ich habe Tiridates nie liebenswürdiger ge⸗ ſehen, als in dem Augenblicke, wo er tief erſchüttert und mit Thränen mir die Gefahr ſeines Freundes ankündigte, und mich bath, die unglückliche Frau auf die ſchreckliche Nachricht vorzubereiten, und ſie in ihrem Schmerzen nicht zu verlaſſen. Ichfiel ihm weinend um den Hals, und wir gelobten uns mit Thränen, alles zu thun, was zur Rettung oder zur Erleichterung des edlen unglücklichen Paares in unſerer Macht ſtand. Ich ließ mich ſogleich zu Theophanien führen. Ich fand ſie in unbeſchreiblicher Angſt; denn Aga⸗ thokles war vor mehreren Stunden fortgegangen, ohne daß ſie wußte, wohin, aber in einer Faſſung, die ſie alles fürchten ließ. Langſam und nach und nach ließ ich ſie mehr errathen als hören, was ge⸗ ſchehen war, und nun fing ſie heftig an zu zittern, eine Todtenbläſſe überzog ihr Geſicht, und ſie ſank leblos vom Stuhle herab. Es brauchte mehr als — 251— eine Stunde Zeit, bis ſie wieder ein Zeichen des Lebens gab; dann aber wechſelten Ohnmacht und halber Wahnſinn mit einander ab, und in dieſem bedauernswürdigen Zuſtande iſt ſie noch. Die Urzte fürchten ſehr für ihr Leben, beſonders, wenn die erſchütterte Natur den Zeitpunct, der ihr nahe be⸗ vorſteht, beſchleunigen ſollte. Ich habe mir vorge⸗ nommen, ſie nicht zu verlaſſen, und werde es hal⸗ ten; es iſt vielleicht der letzte Beweis wahrer, treuer Freundſchaft, den ich meinem verlornen Freunde geben kann. Leb wohl! . Acht und dreyßigſter Brief. 38 —— Agathokles an Phocion. Nikomedien im May 305. Kurseniaurrn umſchließen mich, ein matter Licht⸗ ſtrahl fällt von oben herab durch das Gitter, und beleuchtet ſparſam den Brief— vielleicht den letz⸗ ten, den ich an den treueſten, älteſten Freund auf dieſer Erde ſchreibe. An mein Weib habe ich geſtern geſchrieben. Sie und mein Kind— hald vielleicht meine Kinder— ſind die einzigen Gegenſtän⸗ de, die ich mit Schmerzen verlaſſe, aber o mit welchem Schmerzen! Das weiß nur der, der dieß Herz ſo weich, ſo empfindlich für das unausſprech⸗ liche Glück der Liebe gebildet hat, der es ihm in vollem Maße zu genießen gab, und es jetzt mit ſtrengem Ernſte von demſelben abruft! Sein Wil⸗ le geſchehe! — 255— Ich habe gethan, was meine Pflicht geboth. Kein Zweifel, keine Unruhe kommt in meine See⸗ le. Da war nicht zu wählen, nicht anzuſtehen. Fre⸗ de Stimme, ſelbſt die der Liebe mußte verſtum⸗ men. Es blieb kein Ausweg. Er oder ich! Fiel Conſtantin, ſo war alle Ausſicht für die Verbeſ⸗ ſerung, die Rettung der Menſchheit verloren, je⸗ de Hoffnung im Keim zerſtört. Der wüthende Galerius behielt den Erdkreis in ſeinen blutigen Händen, das Chriſtenthum wurde zwar nicht vertilgt— denn welche Erdenmacht könnte Got⸗ tes Werk vertilgen?— doch jede ſeiner Segnun⸗ gen vielleicht auf Jahrhunderte hinaus vernich⸗ tet. Und was verlor die Welt an mir? Zwar weiß ich, daß Theophaniens Herz brechen wird— aber es wird mit meinem brechen, wir werden uns wie⸗ der ſehen! Zwey gebrochene Herzen, zwey Ster⸗ bende— für einen geretteten Erdkreis! I„ch verließ mein Weib, ohne ihr zu ſagen, was ich vorhatte. Ganz wußte ich's in dieſem Augen⸗ blicke ſelbſt nicht; aber ich ahnete, daß mir ein großer Schritt bevorſtand, und alles auf einen ſchnellen Entſchluß ankam. Ich traf Anſtalten, um eine zweyte Flucht Conſtantins zu ſichern; dann öffnete mir mein Gold den Weg zu ihm. Ich fand ihn, vernichtet, kann ich wohl ſagen, und doch in manchen Augenblicken ganz muthvoll, alles zu wagen, wenn nur die Riegel ſeines Gefängniſſes geſprengt würden. Ich entdeckte ihm den Plan, den ich ent⸗ worfen hatte. Er ſchauderte; es brauchte lange, bis die Anſicht, die Größe, die Gemeinnützigkeit jener Entwürfe, die ſeit zwey Jahren das leuch⸗ tende Ziel aller unſerer Beſtrebungen und Anſtren⸗ gungen waren, über ſeine Liebe zu mir und die Pflicht der Freundſchaft ſiegte. Er ergriff meinen Mantel, hüllte ſich ein, ſchloß mich mit dumpfen Seufzern an ſeine Bruſt, und entfloh. Die Thüre ſchmetterte krachend hinter ihm zu, und ich fühlte mich lebend begraben. Alles, alles war für mich verloren. Theophaniens Bild trat in allen Reizen vor mich hin; ich weinte— ich ſchäme mich nicht, es zu bekennen; mein Zuſtand gränzte an Ver⸗ zweiflung. Da ſiel ein Strahl himmliſchen Lichts in die umnachtete Bruſt. Himmliſch! Keine Vernunft, keine menſchliche überzeugung bewirkten dieſen Frie⸗ den, dieſe Klarheit. Seitdem iſt es ſtille in mir ge⸗ worden. Ich weiß, was meiner wartet, ich weiß aber auch, welche helle Zukunft hinter dieſen dun⸗ keln Stunden liegt. Ich ſterbe nicht um meines Glaubens willen, wie ſo viele, die mit blindem Cifer ſich zur Marterkrone drängen, und in ihr — 255— vollen Erſatz für ein ſonſt unverdienſtliches Leben und jede verſäumté Pflicht ſinden. Ich ſterbe für meinen Glauben, weil er das höchſte Glück der Menſchheit iſt, weil nur durch ſeine Verbreitung das Glück allgemein werden kann, und weil, we⸗ nigſtens ſo weit meine und vieler Erfahrener Ein⸗ ſicht reicht, nur in Conſtantin ſich alle Eigenſchaf⸗ ten vereinigen, um dieſen Zweck ſiegreich auszu⸗ führen. So muß auch jener Zweifel, der ſich mir im Anfange zuweilen aufdrang, verſtummen, als hätte blinde Freundſchaft für Conſtantin mich hingeriſ⸗ ſen, die höhern Pflichten gegen Weib und Kind zu verletzen. Nein, ich liebe Conſtantin, ich liebe ihn mit aller Stärke, die Dankbarkeit, gleiche Geſinnung und hohe Uberzeugung von ſeinem Werthe geben; aber wie unendlich tiefer iſt die Liebe zu dem engel⸗ gleichen Geſchoͤpfe, das ich liebe, ſeit ich lebe, in das Innerſte meines Weſens verwebt! O Theopha⸗ nia! Reines, liebevolles, ewig theures Weib! Von dir zu ſcheiden, iſt ſchwerer als zu ſterben; dich zu verlieren, iſt ſchon Tod für mich! Dennoch verlaſſe ich dich, denn meine überzeugung befiehlt, und duſelbſt kannſt mir nicht zürnen, wenn auch dein Herz darunter bricht. Ich habe an Tiridates geſchrieben, und ihn ge⸗ — 56— bethen, ſich ihrer anzunehmen. Er ſoll meinen Verlaſſenen Gatte und Vater ſeyn, bis eine glück⸗ liche Wendung der Umſtände Conſtantin erlaubt, dieſe heilige Pflicht, die er mir im letzten Augen⸗ blicke vor Gott gelobt hat, zu erfüllen. Ich hoffe, Galerius wird ſich mit meinem Leben begnügen, und die Schuldloſen nicht mit mir in's Verderben ziehen. Iſt aber keine Möglichkeit, den Wütherich zu erweichen, ſo führe eine ſchöne Stunde uns zu⸗ ſammen in ein beſſeres Leben, und der Tod wird keine Schrecken mehr für mich haben! Phocion! Eine große Schwäche bleibt in mei⸗ ner Bruſt zurück, und ich vermag nicht, ſie ganz zu bekämpfen. Iſt dem Sterbenden keine erlaubt? In manchen Augenblicken wünſche ich, daß der Ty⸗ rann mir die Schuldloſen nachſende, oder Theopha⸗ niens Zuſtand, der aller Wahrſcheinlichkeit nachjetzt bedenklich ſeyn muß, ſie ſammt dem ungebornen Pfand ihrer Liebe mit mir vereinige. O Theopha⸗ nia! Ich weiß ja, wie unglückſelig dich mein Tod machen, wie freudenlos dein Leben ohne mich ſeyn wird! Darf ich dir die Wohlthat nicht wünſchen, mit mir zu ſterben? So fliſtert mir die Stimme der Selbſtſucht zu, und ich habe nicht immer Kraft genug, ſie ſchweigen zu heißen. Ich habe auch an mein Weib geſchrieben. Du kannſt denken, daß ich keinen dieſer ſelbſtſüchtigen Wün⸗ ſche laut werden ließ. Nur in deine Bruſt gießtſich mein volles blutendes Herz aus; aber dieſe Ergie⸗ ßung iſt ihm unentbehrlich, in ihr allein liegt die Möglichkeit, dieſes ſchreckliche Daſeyn geduldig zu tragen, bis der letzte Streich gefallen iſt. Vor die⸗ ſem Augenblicke ſchreibe ich Dir noch, wenn anders es mir vergönnt iſt; denn wer weiß, wie lange mich meine Henker leben laſſen werden Agath. III. Th⸗ 17 Neun und dreyßigſter Brief. Agathokles an Theophanien. Nikomedien im May 303. Tiutdates treue Freundſchaft hat mir Nachricht von Deinem Zuſtande gegeben, und durch ihn er⸗ hältſt Du dieſen Brief. Mein Weib! Mutter mei⸗ ner Kinder! Heilige, verehrte Nahmen! aber noch mehr— Chriſtinn und Bürgerinn einer Welt, die auch an Deine Kräfte Anſpruch macht! Du leideſi, Du leideſt unausſprechlich, und mein iſt die Schuld dieſer Schmerzen, mein Werk iſt Dein ſchrecklicher Zuſtand! Ich hätte Dir ihn erſparen können; es war mein Entſchluß, mein Wille, mich für Con⸗ ſtantin zu opfern, und den Dolch in Deine Bruſt zu ſtoſſen, von deſſen tödtlicher Schärfe ich über⸗ zeugt war. Wäreſt Du nicht die, die Du biſt, nimmer⸗ mehr würde ich ſo mit Dir ſprechen, nimmermehr die unverhüllte Wahrheit vor einem blöden Auge — 259— erſcheinen laſſen, das ihre Strahlen nicht zu ertra⸗ gen vermag. Ich hätte entweder den langen Kla⸗ gen, den unerſchöpflichen Thränen eines ſchwachen Weibes, oder den Vorwürfen eines heftig gereiz⸗ ten Gemüthes entfliehen, und ſie in wohlthuender Täuſchung laſſen müſſen. Das alles habe ich von Dir nicht zu fürchten. Du, meine Theophania, wirſt weder das Schickſal, noch Deinen Freund anklagen; in Deiner zarten Seele iſt Muth genug, alles zu ertragen, was die Tugend Dir zu ertra⸗ gen gebeuth. Unſere Entwürfe ſind Dir bekannt. Vor Dir hatte ich kein Geheimniß; auch das Wichtigſte, das Deiner weiblichen Beſtimmung Fremdeſte, beſprach ich mit Dir, meinem erſten Freunde! Conſtantin, mit Deinem Werthe bekannt⸗ vertraute Dir un⸗ bedingt, und Du warſt mehr als Ein Mahl Zeu⸗ ginn unſerer Verabredungen, oft unſere kluge, ſanfte Nathgeberinn. Auf das alles führe ich Dich gefliſſentlich zurück, um Dir die Wichtigkeit, die unabänderliche Nothwendigkeit jener Maßregeln anſchaulich darzuſtellen, an denen Du ſo lebhaften Theil nahmſt. Jetzt galt es, entweder ihre ſegen⸗ reiche Erſcheinung in der Welt, oder ihre gänzliche Vernichtung. Conſtantin war gefangen, Galerius hatte ſeinen Tod geſchworen; er konnte ihn nicht 17* — 260— leben laſſen. Das wußte ich, Du, er ſelbſt— und eben ſo gut wußten wir, daß kein Mittel, als eine glückliche Liſt, ihn befreyen konnte. Ein Opfer mußte für das andere untergeſchoben, und die Grau⸗ ſamkeit der Hüther getäuſcht werden. Das alles ſtand klar vor mir. Bey jedem Verzuge war Ge⸗ fahr. Dir entdeckte ich meine Abſicht nicht, weil ich theils noch nicht recht über die Ausführung ei⸗ nig war, theils weil ich mein Herz vor dem großen Augenblicke der That nicht zu ſehr erweichen woll⸗ te. Was hierauf geſchah, weißt Du. Ich ſage Dir nichts über meine Empfindungen, als Conſtantin entfernt, und mein Schickſal unwiderruflich be⸗ ſchloſſen war. Ein heißes Gebeth, kindliche Unterwerfung, und kindlicher Glaube an den, der auch freywillig für ſeine Brüder ſtarb, bewahrten mich vor Ver⸗ zweiflung, und ich warf mich geſtärkt und ruhiger auf Conſtantins Lager, zog ſeinen Mantel über mich, und ſchien zu ſchlafen, als der Wächter kam, das Abendeſſen zu bringen. Vor dem folgenden Morgen durfte die Täuſchung nicht bekannt wer⸗ den, wenn nicht das Opfer vergeblich, und Con⸗ ſtantin mit mir zugleich verloren ſeyn ſollte. Am andern Tage, als ich mit Gewißheit hoffen konnte, daß Conſtantin in Sicherheit ſeyn würde, und kei⸗ — 261— ne Möglichkeit war, mich länger zu verbergen, gb ich mich dem Kerkermeiſter zu erkennen. Er er⸗ ſtarrte. Ein ſeltſames Gemiſch von Schrecken, Be⸗ dauern, Zorn und Achtung zeigte ſich in ſeinen fin⸗ ſtern Zügen. Er mußte es dem Auguſtus melden. Ich trieb ihn ſelbſt an, ſeine Pflicht zu thun. Du biſt verloren! ſagte er. Ich wußte es ohnedieß. Er ging. Seitdem habe ich eine Art von Freund oder wenigſtens einen innigen Theilnehmer an mei⸗ nem Schickſal in ihm erworben. Es iſt auch Troſt — Troſt, den der Himmel ſendet! Nun weißt Du alles, und in Deine Bruſt, die ich zerriſſen habe, lege ich meine Rechtfertigung. Kannſt du wünſchen, daß ich anders gehandelt hät⸗ te2 Findeſt Du Conſtantins und des Chriſtenthums Alleinherrſchaft zu theuer mit dem Opfer unſers ganzen Erdenglücks erkauft? Regt ſich in Deiner Bruſt ein Unwille, ein Vorwurf gegen mich, der es freywillig zerſtörte? Was hätteſt Du mir gera⸗ then, wenn es mir möglich geweſen wäre, Dich vorher zu befragen? Ich weiß Deine Antwort, und ſo bin ich ganz ruhig; ich bitte Dich nicht, mir zu vergeben, was Du ſelbſt mich thun geheißen hätteſt, was Du in dem Augenblicke, wo Du dieſes lieſeſt, billigeſt und ſegneſt. Du biſt unausſprechlich unglücklich, — 262— ich weiß es; Dein Leben iſt vergiftet, nie wird ei⸗ ne heitere Stunde Dich mehr beglücken, die Ver⸗ gangenheit hat nichts als Qualen für Dich, und die Zukunft ſtarrt Dich finſter an, wie ein Grab. Dir wäre es beſſer, mit mir zu ſterben, Du wün⸗ ſcheſt es, und wenn auf dieſer Erde mir noch eine Freude erſcheinen kann, ſo wäre es die, in Dei⸗ nen Armen zu vergehen. Dennoch fordere ich Dich auf, zu leben. Ich fordere Dich auf im Nahmen unſerer Liebe, unſerer Kinder, unſerer Pflicht, im Nahmen Gottes, der dieſe Pflichten von uns heiſcht; nicht weil ich das Leben für ein Gut halte— für Dich iſt es keines— nicht weil ich an die Möglich⸗ keit einer Heilung durch die Zeit für Dich glaube — ich kenne Dich, und weiß, daß Deine Liebe und Dein Schmerz mit Deinem Weſen Eins geworden iſt— aber weil es Pflicht iſt, weil Gott dir Kinder gegeben hat, und in einem ernſten Augenblick ihr Glück von Deiner Hand fordern wird, weil die Re⸗ ligion uns verbeuth, den Platz zu verlaſſen, auf dem wir Gutes wirken können, weil endlich der leidende Chriſt in dieſen Zeiten der Entnervung ſei⸗ nen Brüdern das Beyſplel hoher Geduld und ſtand⸗ haften Muthes ſchuldig iſt. Du wirſt leben, Theophania! Du wirſt alles anwenden, Dein Leben ſo lange zu friſten, als es“ — 265— möglich iſt, um unſern Kindern ihre Mutter zu er⸗ halten, bis ſie erzogen ſind, und Deiner nicht mehr bedürfen. Dann folgſt Du mir gewiß; ein ſanfter Tod löſet die morſchen Bande der längſt erſchütter⸗ ten Hülle, die Dein Geiſt ungern trug, und Dein Freund, der Dich unſichtbar umſchwebte, der Dein und unſerer Kinder Schutzgeiſt war, empfängt Dich in den Auen des Friedens. O Augenblick der Won⸗ ne, wenn jede Pflicht erfüllt, jedes Opfer, auch das des langen Lebens, gebracht iſt, und Du tit⸗ ternd vor Luſt in meine Arme eilſt! Er kommt, er kommt gewiß; und bis dahin wollen wir ihnnicht beſchleunigen, ſondern verdienen. Nun lebe wohl, Geliebte! Dieſe Blätter wer⸗ den nicht das letzte ſeyn⸗ was Du von mir erhältſt. Ich hoffe Dir noch ein Mahl ſchreiben, vielleicht— Dich noch ein Mahl umarmen zu können. O mit⸗ ten in den ernſten Gedanken, die die Nähe des To⸗ des in mir weckt, ſchauert mein Herz vor Freude bey der Hoffnung: ich werde Dich hier noch ein Mahl, und bald wieder ſehen, ich werde Dir mei⸗ nen letzten Abſchied, unſerm Sohne den letzten Se⸗ gen bringen!. —— Vierzigſter Brief. Calpurnia an ihren Bruder Lucius Piſo. Nikomedien im May 305. Träbe und langſam ſchleicht die gelähmte Zeit hin; ein Tag reiht ſich an den andern, keiner bringt Rettung, keiner Hoffnung, ſo thöricht auch oft das Herz auf eine Möglichkeit hofft, wo nicht die ge⸗ ringſte Wahrſcheinlichkeit einer Inderung vorhan⸗ den iſt. Galerius iſt wüthend über den ungeheuern Betrug, der ihm geſpielt worden. Er hat dem Conſtantin nachſetzen laſſen; aber dieſer hatte durch die kluge Standhaftigkeit ſeines Freundes bereits einen zu ſtarken Vorſprung, und wir wiſſen ſicher, daß er weit über Byzanz hinaus ſich den Grenzen Illyriens nähert. Bis ihm dort die Diener des Tyrannen nachfolgen können, hat er wohl ſchon Gallien, oder das Meer erreicht, und iſt in Si⸗ cherheit. Nun fällt der ganze Zorn des Auguſtus auf ſeinen unglücklichen, großmüthigen Freund. — 265— Er war im eigentlichen Sinne außer ſich vor Wuth; er ſchäumte, brüllte, und mißhandelte alle, die ſich ihm näherten. Er befahl, Agathokles auf der Stel⸗ le das Urtheil zu ſprechen, und ihn— mich ſchau⸗ dert es zu ſchreiben— im Cireus den wilden Thie⸗ ren vorzuwerfen. Alle Freunde des Unglücklichen, alle beſſern Menſchen in Nikomedien fanden ſich durch dieß unmenſchliche Urtheil empört, und ver⸗ einigten ſich, dem Tyrannen Vorſtellungen zu ma⸗ chen. Das würde indeſſen wenig gefruchtet haben, wenn nicht die Jovianer, deren Tribun der edle Verurtheilte war, ſich laute Klagen und ganz un⸗ zweydeutige Zeichen der Unzufriedenheit erlaubt hätten. Tiridates wagte, was ſeit Conſtantins Flucht Niemand gewagt hatte. Er ging zu dem wüthenden Galerius nach Cäſarea, wo dieſer ſich gewöhnlich aufhält, und wußte ihm die üble Stim⸗ mung des Volks, den gährenden Unmuth der Leib⸗ wache, und die Gefahren, die das alles für eine neue Regierung haben konnte, ſo geſchickt vorzu⸗ ſtellen, daß Galerius von ſeinem rachedürſtenden Ausſpruch abſtand. Das Leben des theuern Freun⸗ des zu erbitten, war unmöglich. Alles, was Tiri⸗ dates noch erhielt, war eine Friſt von einigen Ta⸗ gen, die Erlaubniß, Agathokles zu beſuchen, und die Hoffnung, daß auch dieſem vergönnt werden 266— würde, ſein unglückliches Weib und ſeine übrigen Freunde noch ein Mahl zu ſehen. O wie lernt der Menſch genügſam ſeyn, wenn ihn das Unglück in ſeiner harten Schule erzieht! Wie ſchienen dieſe geringen Vergünſtigungen uns ſo bedeutend! Wie freudig eilte ich zu der bedau⸗ ernswürdigen Frau, um ihr dieſe Hoffnungen an⸗ zukünden, und ihr den Troſt zu geben, daß Aga⸗ thokles nicht ganz einſam und verlaſſen ſey, daß mein Mann ihn täglich beſuchen würde. Seit dem Augenblicke, wo ſie durch mich die Schreckensnach⸗ richt hörte, war ich faſt beſtändig bey ihr, und fand eine Art von Beruhigung und Erleichterung darin, alles für die Gattinn des edlen Unglücklichen zu thun, was in meiner Macht ſtand. Aber was ver⸗ mag die treueſte Freundſchaft über einen ſo gerech⸗ ten, ſo unendlichen Schmerz! Ich fürchtete wirk⸗ lich für ihr Leben, und manches Mahl für ihren Verſtand, bis endlich geſtern ein Brief von ihrem Manne eine Veränderung bey ihr bewirkte, von deren Möglichkeit ich keinen Begriff gehabt hatte. Eine Purpurröthe übergoß die todtblaſſen Wan⸗ gen, ein heftiges Zittern ergriff ihre Glieder; ſie drückte den Brief mit ſtummem Entzücken an ihre Lippen, an ihre Bruſt, und ihr zum Himmel em⸗ porgeſchlagenes Auge zeigte mir, daß ſie ihrem —— Gott ein inniges Dankgebeth brachte. Dann las ſie; aber ſie brauchte ſo lange, daß ich glaube, ſie muß den Brief drey Mahl durchgeleſen haben. Jetzt ſtürzten wohlthätige Thränen, die erſten, die ſie ſeit der Zeit ihres unglückes vergoſſen hatte, aus ihren Augen, und man ſah deutlich, wie die⸗ ſer Ausbruch ihr gepreßtes Herz erleichterte. Ich ſtörte ſie nicht; ich weinte ſtill mit ihr. Als ſie ſich Luft gemacht hatte, ſtand ſie auf, und ſagte mit einer Würde und Feſtigkeit in Haltung und Ton, die ich lange nicht an ihr geſehen hatte: Er hat mir gebothen zu leben; ſo will ich ihm und der Tugend gehorchen, ich will das Leben ertragen. Ich ſah, daß ſie aus dem Zimmer gehen wollte; ich unterſtützte ſie, und fragte ſie, wohin ſie wollte. Zu meinem Sohn! antwortete ſie. Der Vater be⸗ ſiehlt, mich für das Kind zu erhalten. Ich bath ſie, ruhig zu ſeyn, und ſchickte um das Kind. Der Klei⸗ ne kam. Die Scene, die nun vorfiel, wird nie aus meinem Gedächtniſſe ſchwinden; ſie war in dem⸗ ſelben Grade erhebend und ſchmerzlich. Wahrlich⸗ es muß ein großes Gefühl ſeyn, was dieſe Men⸗ ſchen Glauben nennen; denn es gibt ihnen mehr als menſchliche Kräfte. Seit dem faßt ſie ſich mit einer Stärke und Geduld, die alles überſteigt, was ich je geſehen habe. Sie pflegt ihr Kind, ſo viel es ———— — 2638— ihre Schwäche erlaubt, ſie folgt allen Vorſchrif⸗ ten des Arztes, ſie ſpricht mehr, ſie ſtrengt ſich ſo⸗ gar an, zu thun, als könnte ſie an etwas anderm Theil nehmen. So hat ſie geſtern von Sulpicien zu ſprechen angefangen. Ich ergriff dieß Geſpräch gern, weil ich dachte, es wäre ihr nützlich, ſich zu zerſtreuen; aber mitten im Reden, wo vielleicht irgend ein Wort, eine Nebenidee ſie an ihr Unglück erinnerte, verſtummte ſie plötzlich, brach in Thrä⸗ nen aus und ſchwieg. Und das alles iſt Wirkung ihrer Liebe, ihrer Liebe zu einem Manne, der ſie ſeinem Freunde ſo auffallend nachſetzt, und ihr Glück, ihr Leben für die Freyheit des Andern aufopfert! O welche un⸗ ſelige Macht der Leidenſchaft! Und welcher unge⸗ heure Mißbrauch, den euer Geſchlecht von der Ge⸗ walt macht, die hergebrachte Sitte und unſere zu große Nachgiebigkeit euch über uns einräumen! Eher wird kein Weib zum Beſitz ihrer natürlichen Nechte kommen, bis ſie es über ſich vermag, den tiefgewurzelten, durch tauſend Vorurtheile genähr⸗ ten Wahn auszurotten, daß wir nur in der Liebe, und alſo nur durch euch glücklich werden können. Und wann wird die goldene Zeit erſcheinen, wo dieſe kühne Wahrheit allgemeine überzeugung wer⸗ den wird? ——— — 269— Ein und vierzigſter Brief. Theophania an Junia Marcella. Nikomedien im May 305. Agatholles ſtirbt. In wenig Tagen bin ich Wit⸗ we. Ich ſetze nichts hinzu; Du kannſt meinen Schmerz ermeſſen, Du weißt, wie ich liebte, ob⸗ wohl Du nicht weißt, wie ich geliebt wurde. Die um mich ſind, fürchten für meinen Verſtand; ich merke es wohl. O dieſe Wohlthat wird mir nicht zu Theil, ſo wenig als der Tod! Der Tod? Ich ſoll ja leben. Er will es. Ach ſterben für den Geliebten, wer könnte es wagen, dieß etwas Schweres, Großes zu nennen? Es iſt nichts— ein trüber Augenblick zum Preiſe unend⸗ licher Freuden! Aber leben, leben ohne ihn, und auf ſein Geheiß, das iſt das Schwerſte, was die Liebe fordern kann! Wie ein weiter, düſterer, uferloſer Ocean um⸗ — 270— gibt mich das Leben, in dem ich verſinke ohne Hoff⸗ nung der Rettung, ohne Hoffnung des Todes. Es ſind gute Menſchen um mich, Calpurnia und ihr Gemahl; ſie haben mir, und dem, den ich bald verlieren werde, viel Liebes, Herzliches erwieſen. Ihnen danke ich die einzigen Tröſtungen, deren ich fähig bin. Aber Calpurnia möchte mir gern noch andere geben. Ich kann ſie nicht annehmen; denn ich kann ſie nicht faſſen. Sie iſt vielleicht ſtärker als ich— vielleicht auch nur kälter. Mein ganzes Weſen, jeder Gedanke, jede Re⸗ gung iſt ein unendliches Weh. So muß dem Men⸗ ſchen zu Muthe ſeyn in der Todesſtunde, wenn ſich die innigſten Bande des Lebens löſen, und der beſſere Theil ſich gewaltſam von der morſchen Hül⸗ le losreißt. Auch meines Lebens innigſte Bande löſen ſich jetzt; mein beſſerer Theil ſchwebt ver⸗ klärt und ſelig der Heimath zu, und läßt die todte Hülle im Grabe. Das iſt die Welt für mich. Dort, dort iſt Leben, wo er hingeht, und mich ſtreng und unerbittlich zurückſtößt! Warum Agathokles ſtirbt, um welches Zweckes willen er mich, ſich, unſer Lebensglück opfert, kann ich Dir jetzt nicht ſagen; auch wage ich es nicht, in dieſer Zeit ſo etwas einem Briefe anzu⸗ vertrauen. Calpurnia und der König glauben, er — 271— habe ſich für Conſtantin geopfert; und die Welt urtheilt eben ſo. Es iſt viel höher, viel ſchöner; und mitten unter ſchmerzlichen Schauern muß ich ſeinen Entſchluß billigen und verehren! Er hat mir geſchrieben. Dieſer Brief kommt nie wieder von meinem Herzen. Ich habe mich be⸗ ſtrebt, ihm eine Antwort zu ſenden, die ſeine un⸗ endliche Liebe für mich, ſeinen Edelmuth vergelte. Ich habe mich beherrſcht, kein Wort der Klage iſt mir entſchlüpft; nur gegen Dich öffnet ſich das Herz, und mein Blut ſtrömt gewaltſam aus den verhaltenen Wunden. O wenn nur er zufrieden mit mir iſt, wenn nur der Gedanke, daß er mich ruhig geſprochen hat, auch Ruhe in ſeiner Scele verbreitet! Das zu bewirken, iſt jetzt der Punet, auf den alle Kräfte meines erſchütterten Weſens gerichtet ſeyn müſſen— ſeine letzten Augenblicke zu erheitern! O allmächtiger Gott! Agathokles letzte Augenblicke! Er iſt ſo jung, es lag ein ſo langes, ſo ſchönes Leben vor uns! Er entreißt ſich ihm, und ich darf nicht klagen! Leb wohl, meine Junia! Leb wohl! O warum biſt Du nicht bey mir! Wie wohlthätig wäre es mir in dieſen Augenblicken, eine treue Freundinn von ganz gleicher Sinnesart um mich zu haben! Calpurnia iſt ſehr gut, ich verkenne gewiß weder ihre Vorzüge, noch was ich ihr jetzt ſchuldig bin; aber ſie iſt keine Chriſtinn, und— ſie iſt Königinn. Auf dem Throne verlernt ſich ſo manches, deſſen das Herz in den Beziehungen des gewöhnlichen Lebens ſo ſehr bedarf. Ein Gerücht hat mir geſtern verkündigt, Apelles ſey in der Nähe, und halte ſich in Nicäa auf, Ti⸗ ridates, der, um des theuern Verlornen willen, mir innig wohl will, hatte kaum meinen Wunſch errathen, als er ſchon einen Eilbothen nach Nicäa abfertigte. O wenn Apelles käme, mich in den Stunden, die mir bevorſtehen, zu ſtärken und zu erhalten, ich würde Tiridates treuer Freundſchaft eine der größten Wohlthaten danken! Zwey und vierzigſter Brief. — Theophania an Agathokles. Nikomedien im May 305. Ja mein einzig geliebter Freund, ich werde le⸗ ben. Du ſollſt Dich nicht an mir getäuſcht haben. Du befiehlſt es, die Tugend befiehlt es durch Dich. Glaube nicht, daß je der frevelhafte Gedanke in meine Bruſt gekommen ſey, mein Daſeyn gewalt⸗ ſam abzukürzen; aber daß ich gewünſcht habe zu ſterben, das kannſt Du, das kann Gott ſelbſt nicht dem ſchwachen zerriſſenen Herzen zur Schuld an⸗ rechnen. Jetzt werde ich aber auch dieſen Wunſch unter⸗ drücken; er könnte zu lebhaft werden, und Unter⸗ laſſungen erzeugen, die mittelbar auf jenen Zweck hinwirkten. Ich werde nicht zu ſterben wünſchen, bis unſer Sohn erzogen, bis des Vaters vielge⸗ liebtes hohes Bild in ſeiner Seele noch ein Mahl Agath. III. Th. 18 — 274— dargeſtellt iſt. Ich werde Muth haben zu leben, und den Entſchluß, den Du gefaßt haſt, zu billi⸗ gen. Du ſollſt mich nicht umſonſt Deinen einzigen Freund nennen. Ich werde Dein Zutrauen recht⸗ fertigen; es erhebt mich über meinen Schmerz, über mich ſelbſt, über mein Geſchlecht. Ja, Agathokles! Du haſt recht gethan— ich klage nicht. Wos ich fühlen muß, wie öde mein Leben iſt, weißt Du. Du kennſt mich, vor Dir lag von jeher meine ganze Seele offen, ich könnte Dir dieſe Ge⸗ wißheit nicht entziehen, ſelbſt wenn ich es aus fal⸗ ſcher Großmuth wollte; aber ich gelobe Dir bey unſerer Liebe, bey unſerm Kinde, bey Gott, der unſere Herzen für einander gebildet hat, und deſſen heiligen Willen ich ſelbſt in dieſer Trennung erken⸗ ne, daß ich dieß öde Leben ertragen werde. * WMit feſter Zuverſicht erwarte ich von Gott die Kraft, welche mir hierzu nöthig ſeyn wird. Er hat ſie dem redlichen Willen, der kindlichen Unterwer⸗ fung noch nie verſagt, und ich werde viel brauchen! Noch ein heißer Wunſch liegt in den Tiefen mei⸗ nes bekümmerten Herzens. Ich möchte Dich noch ein Mahl ſehen, nur Ein Mahl, Ein Mahl noch auf dieſer Erde! Ich habe etwas Wichtiges, ſehr Ernſtes mit Dir zu ſprechen— etwas, was ſchlech⸗ terdings keinem Briefe, keinem, auch noch ſo treuen fremden Munde anzuvertrauen iſt. Gern würde ich zu Dir kommen, es ließe ſich leicht thun, in Män⸗ nerkleidern, als Tiridates Sclave, dem ja Deines Kerkers Thore ſich ſtets öffnen; aber— ich weiß, ich erſchrecke Dich nicht, und ſage Dir auch nichts Unerwartetes— meine Geſundheit hat etwas ge⸗ litten, und ich ſehe nicht ohne Beſorgniß der Er⸗ ſcheinung eines Weſens entgegen, das, unter ſol⸗ chen Umſtänden geboren, entweder das Licht gar nicht ſehen, oder ein trauriges Daſeyn nicht lange genießen wird. So ſagen es mir die Irzte vor, und ich gehorche ihnen; denn ich gehorche Dir, Dei⸗ nem Wunſche nach meiner Erhaltung. Es iſt aber gewiß nicht unmöglich, ſelbſt von dem grauſamen Galerius die Erlaubniß zu erhalten, unter allen möglichen Vorſichtsmaßregeln, die Deine Henker nach Gefallen nehmen mögen, Dein Weib, Dein Kind, vielleicht Deine Kinder, von denen Du keinen Abſchied nahmſt, nur Ein Mahl noch zu ſehen. Ich habe Tiridates gebethen, ſich für die⸗ ſen heißen Wunſch zu verwenden, ich habe an mei⸗ ne Valeria geſchrieben, dieſe Bitte ihrem Vater vorzutragen; vielleicht erhalten wir ſein Fürwort. Dem Vater, dem Wohlthäter ſo vieler Cäſarn wird doch der begünſtigte Sohn, dem er erſt das ungeheure Geſchenk der unumſchränkten Herrſchaft 16 machte, dieſe Nachgiebigkeit nicht verweigern. Fürch⸗ te dieſe Zuſammenkunft nicht! Auf meine Geſund⸗ heit wird ſie gewiß keine nachtheilige, auf mein Gemüth die beſte Wirkung haben. Auch ſollſt Du keine zaghaften Klagen, keine unerſchöpfli⸗ chen Thränen ſehen. Nur ſehen, nur ſehen muß ich Dich noch ein Mahl, noch ein Mahl die theuern Züge mit heißen Blicken betrachten, in mich auf⸗ nehmen, noch ein Mahl den Ton Deiner Stimme in meinem Innern wiederhallen hören, noch ein Mahl Stärke, Freudigkeit, Ruhe und Kraft, ach, für eine lange, einſame Zukunft aus Deinem Um⸗ gange ſchöpfen! Schlage mir dieſe letzte Vitte nicht ab! Sie iſt heilig, wie die Bitte einer Sterben⸗ den. Iſt es denn nicht Tod, nicht mehr als Tod, wenn unſer beſſeres Selbſt von uns ſcheidet? Und über dieß, es hängt davon eine Erfüllung ab, die mir unendlich theuer, ſo theuer, wie meine Se⸗ jigkeit iſt. Du kommſt gewiß, ich weiß es, Du kommſt. Aber noch Eins, geliebter Freund! Ich habe beſon⸗ dere Urſachen, um zu wünſchen, daß Du nicht ohne heilige Vorbereitung kommeſt; ich wünſchte, daß Du Deine reine Seele auch von den kleinſten irdiſchen Flecken vorher reinigen, und Dich in die Verfaſſung ſetzen möchteſt, um das Abendmahl wür⸗ dig zu empfangen. Forſche nicht um die Urſache dieſer Bitte! Du wirſt alles erfahren, und Du traueſt mir zu, daß ich nichts Unbilliges fordern werde, nichts, das Deiner und derjenigen unwür⸗ dig wäre, die den Stolz genießt, Dein Weib zu ſeyn. Leb wohl!— Leb wohl! Drey und vierzigſter Brief. Valeria an Theophanien. Byzanz im May 3o5. Ungcsgeſährtinnt Empfange den einzigen Troſt, den ich Dir geben kann, dieſen Brief meines Va⸗ ters an den Galerius! Mein unendliches Mit⸗ leid, meine Thränen hatteſt Du ſeit dem Augen⸗ blick, als Conſtantin auf ſeiner Flucht durch dieſe Gegenden heimlich und unerkannt zu meinem Va⸗ ter kam. O gütiger Gott! Was iſt das für eine Welt, was ſind das für Menſchen! Iſt es denn der Mühe werth zu leben, um unter Larven zu wan⸗ deln, die die hohlen Geſichter nach Gefallen auf dieſe oder jene Seite wenden, wie es die Rolle for⸗ dert? Ich war ſo glücklich, ehe ich dieſe Welt kann⸗ te, die mich nun auf einmahl mit ihren kalten feind⸗ lichen Armen ergreift und drückt und peinigt. . Conſtantin ſprach mit aller Macht der Vered⸗ ſamkeit für ſeinen unglücklichen Freund bey meinem Vater. Er bath, er beſchwor ihn, ſein Anſehen dahin zu verwenden, daß ihm Galerius Freyheit und Leben ſchenke. Er ſtirbt für mich! rief er ein paar Mahl in einem Tone, der mir durch die See⸗ le drang. Sein Schmerz war unverſtellt, und der Schmerz eines Mannes, eines Feldherrn, wie Conſtantin, erſchüttert tiefer, als das Leiden ge⸗ wöhnlicher ſchwächerer Menſchen. Aber ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren: Warum haſt Du ihn ſterben laſſen? Warum haſt Du es zuge⸗ geben? Für Dich hatte der Thron höhern Werth als die Liebe! Das iſt das Unglück der Welt, daß ihr die Lie⸗ be ſo wenig gilt. O liebten die Menſchen, wie ſie ſollten, wie Jeſus Chriſtus geliebt hat, wie er uns zu lieben befahl! Mit dieſer Liebe, die alles trägt, alles duldet, nie das Ihrige ſucht, und nie zu er⸗ müden iſt, was könnte die Erde ſeyn! Aber Con⸗ ſtantin ſucht auch das Seinige, und über dem Su⸗ chen verliert der edelſte Freund das Leben, und das beſte Weib auf Erden ihr ganzes Glück. So dachte ich mit Bitterkeit, und wandte mich von Conſtan⸗ tin ab. Mein Vater— Du glaubſt nicht, Theophania, — 280— wie viel ſchöne Gelaſſenheit in dieſem Charakter liegt, den vielleicht nur der hohe Platz, auf dem er ſtand, der Menge unkenntlich machte— ſchien wirklich gerührt von Conſtantins Bitten. Aber, o mein Gott, was iſt das für eine Welt! muß ich wie⸗ der ausrufen. Er erklärte ihm gerade zu, er könne wenig oder nichts thun. Ich bin nicht mehr Kaiſer, ſagte er, und der bloße Nahme ohne Gewaſt ver⸗ mag nichts über die Menſchen, in deren Herzen die Dankbarkeit keine Stimme hat. Conſtantin reiſte ab, wie er gekommen war, tief gebeugt, verkleidet, und in größter Eile. Nun übernahm ich ſein Ge⸗ ſchäft; aber mein Vater hieß mich ſchweigen mit je⸗ nem Ernſte, den ich nur zu wohl kenne, und ich ſah, daß nichts zu hoffen war. Indeſſen kam ein Brief des Königs von Armenien an ihn, und Dei⸗ 1 ner an mich. Nicht Rettung, das erkanntet ihr un⸗ glücklichen Freunde des edlen Gefangenen wohl ſelbſt für unmöglich, aber Aufſchub, und die Erlaubniß, daß Agathokles Dich und ſein Kind noch ein Mahl 1 ſehen dürfe, verlangtet ihr mit tiefer Wehmuth. Dieß Mahl war Diocletian tief gerührt, beſonders durch Deinen Brief, den ich ihm gab. Er ſchrieb an Galerius; und ich ſchließe den Brief bey, den er mir freundlich und mit dem Wunſche gab, daß er etwas bewirken möchte. Nun eile ich, ihn Dir — 2381— zu ſenden. Der Gilbothe wartet, und zu unſerer Abreiſe nach Salona ſind alle Anſtalten getroffen. Ich ſetze nichts hinzu, theils um jenen nicht aufzu⸗ halten, theils weil ich nichts zu ſagen weiß, was Dei⸗ nen tiefen Schmerz nicht noch tiefer machen müßte. Leb wohl! Vier und vierzigſter Brief. Apelles an Junia Marcella. Nikomedien im May 3o5. Ein Brief des Königs von Armenien hat mich ſchnell hierher beſchieden, um Deiner unglücklichen Freundinn den kleinen Troſt zu bringen, deſſen ſie fähig iſt, den Troſt des Umgangs mit einem Glau⸗ bensgenoſſen. Ich habe ſie ſehr gebeugt, aber ganz in den Willen der Vorſicht ergeben gefunden. Vor⸗ geſtern gab ſie wider alles Vermuthen, denn je⸗ dermann fürchtete für ſie und ihr Kind, einem ge⸗ ſunden ſchönen Mädchen das Leben, und befindet ſich ſo wohl, als es in ihrer Lage möglich iſt. Sie folgt mit kindlichem Zutrauen jeder Vorſchrift des Arztes, jedem Wunſch, den ihre Freunde für ihre Geſundheit äußern. Du kennſt die Quelle dieſer Sorgfalt, und wirſt die Gewalt, die ſie über ſich ſelbſt hat, in dieſem ſonſt ſo zarten Weſen mit mir bewundern. — 285— Geſtern war der merkwürdige Tag, wo endlich⸗ nachdem der abgegangene Auguſtus, Tiridates, der Präfect der Jovianer, und viele andere Menſchen von Bedeutung ſich bey dem Galerius verwendet hatten, dem Gefangenen die Erlaubniß zu erwir⸗ ken, daß er ſeine Frau noch ein Mahl ſehen dürf⸗ te— dieſer traurige Beſuch Statt hatte. Theopha⸗ nia begehrte am Morgen zu beichten. Ich fand dieß Begehren etwas ſeltſam, da ihr körperliches Be⸗ ſinden nicht die mindeſte Veranlaſſung dazu gab; doch wollte ich ihr die Beruhigung nicht verſagen. Sie verrichtete die heilige Handlung mit Heiterkeit und Stärke. Als die Stunde nahte, wo ſie ihren Gemahl erwartete, ſah ich ſie unruhig werden; ſie erblaßte bey jedem Geräuſche, wurde zerſtreut, und immer ängſtlicher und ängſtlicher. Da trat die Kö⸗ niginn ein. Ein kleines Zittern, das ich trotz ihrer gehaltenen Faſſung an ihr bemerkte, eine unge⸗ wöhnliche Bläſſe in ihrem blühenden Geſichte kün⸗ digten mir den gefürchteten Augenblick an. Sie nä⸗ herte ſich Theophanien, und ſagte mit mühſam er⸗ zwungener Gelaſſenheit, daß Agathokles wahr⸗ ſcheinlich bald kommen würde. Er kommt, rief Theophania jetzt mit einer fürchterlichen Heftigkeit, die ich nie von ihr geſehen hatte: Er kommt! O mein Gott!— Calpurniens Zittern nahm immer mehr zu. Du kennſt, meine Freundinn, fuhr ſie langſam fort, die armſelige Furcht des Tyrannen; er glaubt ſich ſeines Opfers nicht ſicher genug. Es ſind zwey Officiere vorausgekommen, die Befehl haben, zu unterſuchen, ob hier keine Möglichkeit, kein Anſchlag zur Befreyung vorhanden ſey. O laß ſie kommen! rief Theophania: Sie ſollen thun, was ſie wollen, was ſie müſſen; aber mich laß nur nicht lange auf ihn warten! Calpurnia ging, und kam ſogleich mit zwey Centurionen wieder, die mit größter Achtung die Kranke um Entſchuldigung ih⸗ rer ſchweren Pflicht bathen, und dann das Zimmer und die Umgebungen ſchonend, aber aufmerkſam unterſuchten. Hierauf ſtellte ſich der eine außerhalb der zweyten Thür, die in ein anderes Gemachfführ⸗ te, der zweyte ging zurück, um Agathokles herein zu führen. Jetzt richtete ſich Theophania aufz ſie zitterte, daß ihre Hände zuſammenſchlugen, eine Leichenbläſſe bedeckte ihr Geſicht, während ihr Au⸗ ge vor Freude ſtrahlte. Beynahe eben ſo zitternd hielt die Königinn ſie umfaßt. Nun hörten wir au⸗ ßer der Thür eine Kette fallen, dann noch eine; die beyden Frauen ſchrieen laut auf— und Aga⸗ thokles trat ein. Theophania nannte ſeinen Nah⸗ men mit einem heftigen Schrey, und beugte ſich mit ausgebreiteten Armen gegen ihn; er ſtürzte auf — 285— ſie zu, und ſchloß ſie feſt an ſeine Bruſt. Nun riß ſich die Königinn laut ſchluchzend von der Gruppe los, und eilte in's andere Zimmer. Ich folgte ihrz ſie warf ſich auf das Ruhebett, und weinte heftig ohne zu ſprechen, ohne etwas anzuhören, was ich ihr zu ſagen verſuchte. Im Zimmer der Gatten war alles ſtill und ru⸗ hig. Nach einer Stunde ungefähr rief mich ein Sclave. Ich ging hinein. Welche Veränderung in der kurzen Zeit! Still, gefaßt ſaß Theophania an die Bruſt ihres Mannes gelehnt, eine himmliſche Freude war über ihre Züge ausgegoſſen; das jün⸗ gere Kind lag in ihrem Arme, das ältere hing an des Vaters Hand, und ſpielte mit ſeinem Gewan⸗ de. Agathokles Geſicht trug neben den Spuren ei⸗ nes mühſamen Kampfes alle Zeichen erſtrittener Ruhe und männlicher Kraft. Nur wenn ſein Blick auf die Kinder ſiel, durchzuckte ein wehmüthiger Zug ſein Geſicht, und er ſah mitleidig auf ſeine Frau. Er reichte mir die Hand entgegen. Wir ſehen uns zum zweyten Mahle in einer wichtigen Minu⸗ te, ſagte er, und ich werde Dir dieß Mahl, wie das erſte, hoch verpflichtet ſeyn. Theophania erſuchte mich, ihr und ihrem Gemahle das heilige Abend⸗ mahl zu reichen, das ſie noch nicht empfangen hatten. Er iſt vorbereitet, fügte ſie hinzu, als ich ſie et⸗ ₰ was befremdet anſah. Die Kinder wurden entfernt, und die beyden Gatten empfingen mit Rührung und ungemeiner Faſſung die heilige Speiſe. Agathokles ſtand vom Boden auf, wo er geknieet hatte, und ietzt ſah ich, daß er zitterte, und ſich an den neben⸗ ſtehenden Tiſch anhalten mußte. Sein Geſicht wur⸗ de zuſchends bläſſer, ſein Auge war ſtarr auf die Waſſeruhr 24) geheftet, die ihm gegen über an der Wand ſtand. Der Offizier trat ein, und erinnerte ihn, daß die Zeit, die ihm vergönnt war, vorüber ſey. Vorüber! rief Theophania, und alle Unruhe und Heftigkeit der vorigen Stunden kamen wieder in ihr Geſicht. Vorüber! wiederhohlte er mit dum⸗ pfer Stimme: Ich komme den Augenblick! Er ver⸗ neigte ſich gegen den Centurio, der das Zimmer alſogleich verließ; und ich ging aus der andern Thür, um es der Königinn zu melden, wie ſie mir befohlen hatte. Ich ſah ſie erſtarren. Sie ſtand auf; aber ſie bedurfte meiner Unterſtützung, um den Porticus hinab bis in's Atrium zu gehen, wo wir Agathokles bereits wieder gefeſſelt an einer Säule gelehnt fanden. Dumpfe Laute, halb Seufzer, halb Schluchzen, tönten einzeln und heftig aus ſeiner Bruſt. Calpurnia winkte uns, ſie einen Augen⸗ blick mit ihm allein zu laſſen; ich ging mit den Centurionen, die ihr ehrfurchtsvoll gehorchten, hin⸗ — 257— aus. Bald darauf kam Agathokles mit bleichem verſtörtem Geſicht aus dem Atrium; er trat zu mir, both mir die Hand, und empfahl mir ſeine Frau, ſeine Kinder. Die Offiziere naheten ſich ihm; er eilte raſch in ihrer Mitte fort. Theophania fand ich ohne Bewußtſeyn, und ſie hat ſeitdem nur wenig helle Augenblicke gehabt. Wenn es erlaubt wäre, ſo etwas zu wünſchen, ſo würde ich ihr vom Himmel zu erbitten ſuchen, daß dieſer Zuſtand der Bewußtloſigkeit bis über jenen fürchterlich-ernſten Augenblick dauern möge, dem Agathokles in der künftigen Nacht entgegen geht; denn längeren Aufſchub von Galerius zu erhalten, war unmöglich. Sobald ich Dir etwas Beſſeres oder Beſtimmteres zu ſchreiben habe, ſollſt Du Naochricht erhalten. Funf und vierzigſter Brief. Agathokles an Phocion. Nikomedien im May 305. Di. letzte Stunde naht, und mit vollem Be⸗ wußtſeyn, in der Fülle der Jugend und Geſund⸗ heit gehe ich ihr entgegen. Es iſt ſeltſam, es iſt ganz anders, wenn in des Greiſen verwelktem Kör⸗ per ſich längſt alles zur Auflöſung neigt, und die letzte Stunde nur der letzte Tod iſt 26), anders, wenn eine Krankheit die künſtliche Maſchine zer⸗ ſtört oder gewaltſam zerrüttet, und in peinlichen Gefühlen oder dumpfer Betäubung der letzte Au⸗ genblick ein Leben endet, das dieſen Nahmen nicht mehr verdient. Morgen um dieſe Zeit bin ich todt! Das konnte ich mir, das müſſen ſich viele tauſend Menſchen ſehr oft denken— denn wer weiß, wie — 289— lange ihm zu leben beſtimmt iſt?— aber im ge⸗ wöhnlichen Leben miſcht ſich die Vorſtellung der ungewißheit und die tägliche Erfahrung des Ge⸗ gentheils mächtig zu dieſem Gedanken, und er ver⸗ liert ſich in ein dunkles Vielleicht, das nur bey dem Ernſteren eine lebhaftere Betrachtung des Todes und den Entſchluß erzeugt, ſtets wachſam und vor⸗ bereitet zu ſeyn. Ich weiß aber beſtimmt, daß morgen um dieſe Zeit meine letzte Stunde bereits vorüber, und der dunkle Vorhang aufgezogen ſeyn wird, der die Ge⸗ heimniſſe der Geiſterwelt vor unſern Blicken ver⸗ hüllt. Morgen um dieſe Zeit iſt dieſer Körper, in dem ich jetzt noch denke, handle, als eine ſtarre, ralte Maſſe zu nichts gut, als in dem Schooße der Erde in ſeine Elemente zurückzukehren. Agathokles iſt nicht mehr. Sein Wirken hat aufpehört, kein Freundesauge erblickt ihn mehr, kein Ohr ver⸗ nimmt den Ton ſeiner Stimme. Und der Geiſt?— Mit Entſetzen wendet ſich in dieſen ernſten Augenblicken, die ſchaudernde Seele von dem Gedanken der Vernichtung hinweg, hin⸗ weg von allen ſpitzfindigen Syſtemen der Philoſo⸗ phie, und umfaßt mit Innigkeit und kindlichem Glauben die troſtvollen Verkündigungen der Reli⸗ gion. Ja, ich werde leben! Noch ſehe ich die Be⸗ Agath. III. Th. 19 — 290— dingungen meines künftigen Seyns nicht ein. Uns iſt nur eine Seligkeit verheißen, wie ſie noch kein Auge geſehn, kein Ohr gehört hat. Wir ſtehen vor der geſchloſſenen Pforte, und quälen und mühen uns ab, Möglichkeiten und Wahrſcheinlichkeiten zu erſinnen; wie es aber ſeyn wird, ob der Blind⸗ geborne ſich eine richtige Vorſtellung von den Far⸗ ben hat machen können, die, wenn ſein Auge ge⸗ öffnet wird, mit der Wahrheit übereinſtimmt, das iſt eine Frage, die der menſchliche Verſtand beyna⸗ he mit Gewißheit verneinen kann. Alles, was wir mit großem Rechte erwarten können, iſt, daß es dem, deſſen Wille redlich war, beſſer gehen muß, als hier. Und war mein Wille redlich?— Ja, er war es. Dieß Zeugniß gibt dem Sterbenden ſein Ge⸗ wiſſen, und in dieſen furchtbaren Augenblicken fällt jede Maske, auch die der Selbſttäuſchung. Ich ha⸗ be eine große Idee im Herzen getragen, ich habe ihrer Verwirklichung alles aufgeopfert, was Men⸗ ſchen theuer iſt. Habe ich geirrt, ſo trage ich die Schuld der Menſchheit. Aber ich habe nicht bloß mein, ich habe noch eines andern, über alles ed⸗ len, Weſens Glück auf jenem ernſten Altar ge⸗ ſchlachtet— das Glück meines Weibes! Durfte ich das? O barmherziger Gott! Wenn ich das nicht — 291— durfte!— Wenn jene Idee dieſes Opfers nicht werth war! Wenn— mein Geiſt verliert ſich in Zweifel und Unruhe, und iſt in ſolchen Augenblicken der Verzweiflung nahe; aber leuchtend und ſiegreich erhebt ſich der Gedanke wieder: Mein Wille war gut, und wie der Leitſtern den Schiffer in ſtürmi⸗ ſchen Nächten, führt er mich aus Angſt und Dun⸗ kel heraus in lichte Klarheit und ſtillen Frieden. Mein Zeitliches iſt beſorgt. Ich habe an Con⸗ ſtantin geſchrieben, und ihm noch ein Mahl mein Weib und meine Kinder empfohlen, wenn er einſt das Ziel erreicht, zu dem er raſch hinſtrebt. Mein Grab iſt die erſte Stufe, von der er ſich mächtig aufwärts ſchwingt; ſo habe ich wohl ein Recht, ſeinen Schutz anzuſprechen⸗ Tiridates und Calpurnia, die edlen Freunde, deren Liebe ich ſo viel verdanke, haben mir thätige Hülfe verſprochen, ſie haben ſich angebothen, meine Witwe, meine Waiſen mitſich in ihr Reich zu nehmen, wenn ich es wünſchte, wenn ich ſie dort vielleicht ſiche⸗ rer glaubte. Aber Theophania ſehntſich, den Reſt ih⸗ rer Tage unter Chriſten, an der Seite einer lang⸗ geprüften Freundinn, die ſie vor Jahren hat ken⸗ nen lernen, zuzubringen. Welchen Schutz kann ihr auch ein bundesverwandter König gewähren, wenn es dem blutigen Galerius einfiele, ſeine Wuth und — 292— Rache auch auf ſie auszudehnen? Iſt wohl Bun⸗ desgenoſſe mehr, als ein tönender Nahme für Unterthan? So wird ſie in Apamäa nicht we⸗ niger ſicher ſeyn, als in Eebatana. Sie iſt ſeinen Augen entrückt; das iſtalle Sicherheit, die ſie hof⸗ fen kann. Ich habe ſie noch ein Mahl geſprochen, und meine Kinder noch ein Mahl geſegnet. Nächtlich und furchtbar, und dennoch ſo unausſprechlich theuer kehrt die Erinnerung an dieſe heilige Stun⸗ de nur zu oft in meine Seele zurück. Zu oft! denn ich ſoll ruhig ſeyn, ich ſoll, durch keine irdiſchen Bande mehr gefeſſelt, nur der Vorbereitung auf die große Zukunft leben. Aber das Herz behauptet mit unwiderſtehlicher Kraft ſein Recht. Ich liebe, Phocion! Jetzt an der Schwelle der Cwigkeit lie⸗ be ich ſtärker als je; denn höher als je ſteht das Bild meines Weibes vor mir! Geſtern ward es mir vergönnt, ſie zu ſehen. Mit hochſchlagendem Herzen trat ich den Weg an. Im Atrium erblickte ich von Weitem die Königinn; aber ſie floh bey meinem Anblicke in's Innere des Hauſes. Ich folgte langſam mit heimlichem Be⸗ ben: da öffnete ſich die Thür, und Theophania, bleich, zitternd, in fürchterlicher Bewegung ſank ſchreyend an meine Bruſt. Calpurnia entfloh zum zweyten Mahl ſchluchzend, und ließ mich mit der Ohnmächtigen allein. Meine Liebe, meine Stim⸗ me brachten ſie zu ſich ſelbſt, und nun begann ei⸗ ne Scene, deren Erinnerung noch in jener Welt mein Herz zerreiſſen wird, wenn anders dort un⸗ ſere Empfindungen den irdiſchen gleichen. Selbſt tiefgebeugt, ſelbſt von dem Anblicke alles deſſen, was ich ſo heiß liebte, und ſo bald verlaſſen ſollte, verwundet, mußte ich Stärke für ſie und mich haben⸗ ich mußte ihr Troſt zuſpre⸗ chen, ich mußte ſie zur Ergebung bereiten⸗ Es gelang doch. O der ernſte Wille iſt allmächtig, er iſt der Gott in unſerer Bruſt! Und, Phocion⸗ bey dieſer reinen Seele, bey dieſem kindlichen Glau⸗ ben an Gottes weiſe Fügung, bey dieſem heiligen Streben nach dem Guten, um des Guten willen, war es nicht ſo ſchwer, als ich fürchtete. Sie be⸗ griff mich, ſie faßte ſich⸗ ſie war fähig, ihre Ge⸗ danken von ſich ſelbſt hinweg auf etwas anders zu richten, und wieder jene ſchöne Gluth zu em⸗ pfinden, die oft in unvergeßlichen Stunden, wenn Conſtantin und ich mit ihr von unſern Planen ſprachen, ihre Seele begeiſtert hatte. Sie war nicht bloß Gattinn und liebendes Weib, ſie war Chriſtinn im erhabenſten Sinne des Wortes⸗ Ach⸗ ſterben für einen großen, menſchenbeglückenden Plan, es iſt ſchwer, es iſt groß, wenn man Ge⸗ liebte zurückläßt; aber leben, leben ohne dich, rief ſie, indem ſie mich heftig umſchlang, das iſt weit ſchwerer, es iſt unaufhörlicher Tod! Ich fühlte die Wahrheit dieſer Klage, und dieſer Ausdruck der Liebe und des Schmerzens überwältigte mich. Ich hielt meine Thränen nicht zurück. Sie ſah ſie fließen. Jetzt umfaßte ſie mich noch inniger, und bey dem herben Schmerzen der Trennung, bey dem Bewußtſeyn, wie elend wir beyde ohne ein⸗ ander ſeyn würden, beſchwor ſie mich, ihr eine Bitte zu gewähren, die ſie ſchon lange im Herzen trüge, die allein es ihr möglich gemacht habe, ihr Leid zu ertragen. Ich verſprach es ihr unbe⸗ dingt; denn was konnte dieß reine Gemüth wohl verlangen, was nicht mit der Tugend überein⸗ ſtimmte? Schüchtern und behuthſam, in leiſen aber kühnen Muthmaßungen über die Möglichkeit des Zuſammenhangs im Geiſterreiche, über den Zuſtand nach dem Tode, über die Macht der Sym⸗ pathie, entwickelte ſie zu meinem Erſtaunen ein ſchönes ſeltſames Syſtem, das, aus Chriſtlichen und Platoniſchen Ideen zuſammengeſetzt, mich durch ſeine Conſequenz überraſchte, und in mir— zugleich die ſüßeſten Hoffnungen erregte, deren Wahrſcheinlichkeit ich nichts entgegen zu ſetzen wuß⸗ te, als den Mangel an ſolchen Erfahrungen⸗ Nun drang ſie mit heißer Liebe in mich, ich ſollte ihr verſprechen, wenn es möglich wäre, ihr ſichtbar zu erſcheinen, oder, Falls dieß außer den Grensen meiner Macht wäre, ſie doch nie zu verlaſſen, und um ſie und unſere Kinder zu ſchweben, damit ſie den ſüßen Troſt genieße, meine Gegenwart zu ah⸗ nen, und vielleicht in jenen leiſen Einwirkungen⸗ wie aufmerkſame Fromme ſie wohl kennen, ge⸗ wahr zu werden. Ihre Schwärmerey riß mich hin; es war mir in dieſem Augenblicke mehr als möglich, es war mir beynahe gewiß, daß wir uns einander ſo nahe bleiben könnten⸗ und— noch iſt der hohe Zauber dieſer Hoffnungen nicht entkräf⸗ tet, und weder Philoſophie noch Religion erheben ſich ſiegreich gegen ſie. So laß mich ſie haltes und pflegen! Morgen um dieſe Zeit iſt alles klar. Ich hatte meinem Weibe den heiligen Schwut gethan; aber ich ſollte auch das Abendmahl mit ihr zugleich zur Beſieglung dieſes Bundes em⸗ pfangen. Dieß, hoffte ſie, würde mein Verſpre⸗ chen unwiderruflich⸗ und für die Geiſterwelt bin⸗ dend machen. Ich verſprach ihr auch dieß. O was hätte ich dieſem ſo liebenden, durch mich ſo tief verwundeten Herzen verſagen können! Run ganz zufrieden, ganz gefaßt, ließ ſie unſere Kinder brin⸗ gen. Sie legte mir das jüngſte, das ich noch nicht geſehen hatte, in die Arme; ich ſollte es ſegnen. Welch ein Anblick ſür das Vaterherz! Dieß Kind, das in der Geburt ſchon verwaiſet war, jener hoff⸗ nungsvolle Knabe, deſſen Erziehung der ſüßeſte Wunſch meines Herzens geweſen war, dieſes Weib, an deren Seite zu leben, ſeit meiner Kindheit mir die höchſte Stufe irdiſcher Seligkeit. geſchienen hat⸗ te— und nun alles, alles das verlaſſen und auf⸗ geben zu müſſen! Es erhob ſich ein Sturm in meiner Seele; aber ein Blick auf mein Weib, das ſtill und erge⸗ ben das Kind am Mutterbuſen hielt, auf dieß⸗ Geſicht, in das ich den Frieden zurückgeführt hat⸗ te, gab mir Kraft, ihn nicht wieder zu zerſtören. Jetzt trat Apelles ein; er reichte uns das heilige Abendmahl. Vielleicht war es ſeit ſeiner Einſe⸗ tzung nicht mit mehr Wehmuth und Rührung em⸗ pfangen worden! Auch hier ſchied der Liebende von Geliebten in Erwartung eines nahen gewiſ⸗ ſen Todes. Als ich aufſtand, ſiel mein Blick auf die Waſ⸗ ſeruhr. Die letzte glückliche Stunde auf Erden war vorüber. Der Offizier trat ein, und jetzt war meine und Theophaniens Standhaftigkeit dahin. Mit einer krampfhaften Heftigkeit umſchlangen wir uns, und wünſchten und dachten eins an des andern Bruſt zu vergehen. Ich drückte die Kinder an mein Herz; es ſchien mir unmöglich, mich los⸗ zureiſſen. Das Verhängniß geboth; der Centurio kam zum zweyten Mahl; Theophania ſank mit ei⸗ nem lauten Schrey in Ohnmacht; ich legte ſie in die Arme ihrer herbeygeeilten Sclavinnen, und floh. Im Atrium fand ich mich wieder ſchluchzend an eine Säule gelehnt, als eine bekannte Stimme mich beym Nahmen rief. Es war die Königinn. Auf dem ernſten Wege zum Tode erſchien ſie mir noch ein Mahl. Sie winkte den Zeugen, ſich zu entfernen; ſie trat auf mich zu, ſchlug ihre Arme um mich, und geſtand mir, daß ſie mich von dem erſten Augenblicke unſerer Bekanntſchaft an geliebt⸗ daß ſie mich jedem Manne vorgezogen habe, und daß ich ihr noch jetzt über alles in der Welt theuer ſey. Welcher Moment, zu welchem Geſtändniſſe! So war ich beſtimmt, zwey der edelſten Herzen zu brechen! Und warum ſagte ſie mir das? Warum goß ſie dieſen bittern Tropfen noch in die Schale, die ohnedieß ſo voll war? Das hätte Theophania nicht vermocht. Sie hätte ihr Geheimniß mit in's Grab genommen, wenn ſeine Enthüllung dem Freunde ſo ſchmerzlich ſeyn mußte.. Aber ich habe ihr verziehen; ich ehre ihre Vor⸗ züge, und danke ihr die Ltebe und Sorge für mein theures unglückliches Weib, gleichviel, aus welcher Quelle ſie fließen mag. Und ſo iſt mein Tagewerk vollendet. Mit Scheu, aber dennoch mit Zuverſicht nahe ich mich dem Throne des allſehenden Richters. Unendlich iſt un⸗ ſere Schwäche, aber auch ſeine Güte iſt unendlich. Und wenn auf der richtenden Wage die ſchimmernd⸗ ſten Tugenden in nichtigen Staub zerflattern, und ſo mancher geheime Gedanke in ſchreckender Blöße vor uns ſtehen, und wider mich zeugen wird: dann flüchtet der zagende Sohn des Staubes zu dem erbarmenden Vaterherzen; denn von dem Blute, das auf Golgatha ſtrömte, ſloß auch ein Tropfen zur Entſühnung für mich. Das iſt unſer Erbtheil, wir ſind Erlöſte! Nun lebe wohl, theurer Phocion! Wenn Du dieſe Tafel in Deiner Hand halten wirſt, ruht meine Hülle längſt im Schooße der Erde, und die Verweſung verzehrt die Geſtalt, unter welcher Dein Freund, Dein Schüler, Dir erſchien. Aber, er ſtirbt Dir nicht! Auch jenſeits wird ihn Dein An⸗ denken begleiten, und der Dank für ſo manche mir geweihte Stunde, ſo manche Lehre, und ſo manches wirkſamere Beyſpiel wird in jener Welt vielleicht noch reiner und ſtärker gegen Dich ent⸗ — —— glühen. Am offenen Grabe laß ihn mich Dir noch ein Mahl wiederhohlen, mein Lehrer, mein zwey⸗ ter Vater, und ſey verſichert, wenn es die Vor⸗ ſicht erlaubt, und die furchtbaren Geſetze der Gei⸗ ſterwelt, ſo wird nicht Theophania allein ein Zei⸗ chen meines Daſeyns erhalten! Es iſt Mitternacht. Die kleine Lampe, die mir leuchtete, erliſcht. So erliſcht bald mein Leben. Ich gehe zur Ruhe, der Schlaf behauptet ſeine Rechte auf den erſchöpften Körper; morgen ſchläft er einen unerweckbaren. Leb wohl! — 5300— Sechs und vierzigſter Brief— Calpurnia an ihren Bruder, Lucius Piſo. Nikomedien im May 305. E⸗ iſt vorüber— er iſt todt! In der Nacht, dem Auge des Volkes verborgen, weil man kleinherzig die Nache der Jovianer fürchtete, floß das edelſte Blut, das je vielleicht auf der Erde ein menſchli⸗ ches Herz bewegt hatte. Ich habe mich ſeines Be⸗ tragens nicht zu rühmen. Manche meines Ge⸗ ſchlechts würde nie verziehen haben, was er an mir that; dennoch ſage ich mit Stolz: ich habe ihn ge⸗ liebt, wie ich noch nie einen andern Mann geliebt habe, wie ich nie einen lieben werde. Zwey Tage vorher ſah ich ihn zum letzten Mahl. Er kam, Abſchied von ſeiner Frau zu nehmen. Und wenn ich Titons 26) Jahre erreichte, ſo würde keine Zeit die Erinnerung dieſes Anblicks aus mei⸗ ner Bruſt vertilgen, wie er bleich, gefeſſelt, aber 2 — 301— in dieſen Feſſeln ſtolz und frey zwiſchen den Cen⸗ turionen in's Atrium trat. So mögen einſt die ge⸗ fangenen Könige vor den Wagen der Triumphato⸗ ren gegangen ſeyn. Das Herz wendete ſich mir in der Bruſt, ein ungeheurer Schmerz zerriß mein Innerſtes. Ich eilte zu Theophanien— ich wollte Zeuginn des Wiederſehens ſeyn. Er ſolgte mir auf dem Fuße, in meiner Seele wiederhallte der Klang ſeiner Ketten. Er trat ein, er ſtürste mit dem Tone des wildeſten Schmerzens in die Arme ſeines Weibes. Ich wurde gar nicht bemerkt, und entfloh; denn es war mir nicht möglich, hier aus⸗ zuhalten. Eine tödtlich lange Stunde verſchlich— die ſchwerſte in meinem Leben, bis man endlich kam, mir zu melden, daß ſich Agathokles entferne. Ich hatte es verlangt; denn ich wollte ihn noch ein Mahl ſprechen. Ich eilte in's Atrium. Da ſtand er, an eine Säule gelehnt. Ich rief ihn, er hörte mich nicht; nur einzelne Töne des Schmerzens dran⸗ gen aus ſeiner Bruſt hervor. Meine Liebe erwachte in ihrer alten Macht; ich eilte auf ihn zu, und ſchlang die Arme um ihn. Was hatte ich zu fürchten? Er ſtand am offenen Grabe, und nahm mein Geheim⸗ niß mit ſich. Er ſah ſich nach mir um, und eine Riſchung von Erſtaunen und ſanfter Rührung — 302— mahlte ſich in den zerſtörten wilden Zügen. Er woll⸗ te ſeinen Arm um mich ſchlagen; ſeine Ketten ver⸗ hinderten es. Ich ſchlang ſie um mich, und ſo von klirrenden Feſſeln umgeben, und ſelbſt durch die Seltenheit dieſer Lage noch mehr geſpannt, warf ich mich von Neuem an ſeine Bruſt. Lange vermoch⸗ te er nicht zu ſprechen; endlich fand er Worte, und dankte mir für die Liebe und Sorgfalt, die ich ſei⸗ ner Frau, für die Freundſchaft, die ich ihm bis an ſeinen Tod bewieſen. Nicht Freundſchaft, hob ich mit ernſter feſter Stimme an: Nicht Freundſchaft, Agathokles! Der Tod hebt alle Verſtellung auf, und ich kenne Deinen Edelmuth. Laß mich Dir ein Geſtändniß thun, das ich unter keinen andern Um⸗ ſtänden gewagt haben würde! Lerne mich ganz ken⸗ nen, und dann beurtheile den Werth deſſen, was ich für Dich that! Ich habe Dich geliebt, Agatho⸗ kles, von dem erſten Augenblicke unſerer Bekannt⸗ ſchaft an mit leidenſchaftlicher Wärme geliebt!— Ich ſchwieg, und ſah ihm ernſt in's Geſicht. Er ſchlug die Augen nieder, und ließ die Arme ſinken; die Ketten klirrten wieder, und ihr Schall klirrte in meiner Bruſt nach. Ein ſchmerzhaftes Lä⸗ cheln zuckte um ſeinen Mund. So habe ich denn auch Deinen Kummer mir vorzuwerfen! fing er nach einer Pauſe an: Vergib, Calpurnia! Erreich⸗ — 505— te mir die Hand. Vergib, wenn ich manche Stun⸗ de Deines ſchönen heitern Lebens getrübt habe, wenn ich Dich mißverſtand, wenn vielleicht mein Betra⸗ gen ſelbſt Dich berechtigte, mich falſch zu deuten! Vergib! Dieſe Antwort war mir unerwartet. Ich ſchwieg verlegen. Es ward klar und kühl in meiner Seele, der Rauſch des Enthuſiasmus war verſchwunden— aber ich mußte ihn achten. Ich reichte ihm die Hand⸗ und ſagte mit Herzlichkeit: Glaube nicht, Agatho⸗ kles, daß dieſe Erklärung ſo gemeint war! Ich ma⸗ che Dir keine Vorwürfe; ich habe nichts zu verge⸗ ben. Er drückte meine Hand an ſein Herz: Du biſt immer gütig, immer freundlich! Habe Dank für jede ſchöne Stunde, die ich in Deinem Umgange genoß, für jeden Beweis der Freundſchaft, den Du mir und meinem Weibe gegeben haſt! Entziehe ſie der Unglücklichen nicht Rimm ſie als Deine Freun⸗ dinn, als mein einziges theuerſtes Vermächtniß auf! Mit Thränen der innigſten Rührung, aber gewiß ohne Leidenſchaft, gelobte ich ihm, Theopha⸗ nien als meine Schweſter zu betrachten. Ich war jetzt wirklich ſeine Freundinn geworden. O was hãt⸗ te der Mann aus mir machen können, wenn keine frühere Verbindung eine unüberſteigliche Kluft zwi⸗ ſchen uns eröffnet hätte! Und er iſt todt! Tiridates und Apelles, ein chriſtlicher Prieſter, waren den letzten Tag viel bey ihm. Er war ge⸗ faßt, und ſogar heiter, wenn die Rede nicht auf ſeine Frau fiel. Den Abend wendete er an, um Brie⸗ fe zu ſchreiben, legte ſich dann ſchlafen, und ſchlief noch ſehr ruhig, als Tiridates gegen den Morgen in ſein Gefängniß trat. Die Lictoren kamen bald darauf. Eine leichte Bewegung war in Agathokles Zügen ſichtbar, dann ſtand er ruhig auf, umarmte ſeine Freunde, gab Tiridates ein letztes Lebewohl an ſeine Hinterlaſſenen auf, und folgte den Licto⸗ ren. Seine vertrauteren Selaven empfingen ihn an der Thür des Gefängniſſes; die Treuen wollten ihren geliebten Herrn noch ein Mahl ſehen. Er re⸗ dete gütig mit ihnen, gab den meiſten die Freyheit, und verwies ſie auf ſein Teſtament, das er im Ker⸗ ker geſchrieben hatte, und jetzt Tiridates übergab. Dann beſtieg er das Todesgerüſt, bethete mit ſtil⸗ ler Rührung— und ſo verließ der Schatten des edelſten Mannes die Erde, die ſeiner nicht werth war. O mein Bruder! Nie, nie wird dieſer unge⸗ heure Verluſt ſeinen Verlaſſenen, Freunden erſetzt werden! Theophania war, ſeit dem Abſchied ihres Man⸗ nes, wenig bey ſich geweſen. Wir wünſchten ſehr, daß dieſer Zuſtand noch eine Weile dauern, und die — 305— traurige Cataſtrophe ihr unbewußt vorübergehen möchte. Aber es iſt ſeltſam, obwohl es nichts als Zufall ſeyn kann: in der Nacht ſeines Todes, ge⸗ gen den Morgen, fuhr ſie auf einmahl aus dem Schlummer empor, nannte ſeinen Nahmen, ſah uns alle ſtarr an, und ſagte: Jetzt iſt er todt! Wir ſuchten ihr dieſe Vorſtellung zu benehmen; ſie blieb ruhig auf ihrer Behauptung, fragte, welche Zeit es wäre, und ſchwieg zuletzt mit einem ſonderbaren Lächeln. Als Apelles eintrat, ſagte ſie ihm die Stunde, in der ihrer Meinung nach ihr Mann ge⸗ endet hatte. Er war erſtaunt; denn ſie traf ziem⸗ lich mit der Wahrheit zuſammen. Apelles mußte ihr alle Umſtände, jeden Blick, jedes Wort, jede Bewegung ihres Gemahls wiederhohlen; in dieſer traurigen Beſchäftigung, die mir ſo ganz zweckwi⸗ drig vorkam, ſchien ſie Troſt zu ſuchen, und fand ihn wirklich. Seit dem iſt ſie ſich immer gegenwär— tig, ſie faßt ſich mit unglaublicher Kraft, ſie iſt ſtill, beynahe wortlos, aber ſie iſt bey Weitem nicht ſo gebeugt und zernichtet, als ich es bey ihrem Charakter fürchtete. Woher kommt dieſem ſonſt ſo zagenden Weſen dieſer Muth, woher die Kraft, oh⸗ ne den zu leben, der ihr einſt ſo ganz unentbehr⸗ lich zu ihrem Daſeyn ſchien? Sollte ich glauben, daß dieß die Wirkung der Schwärmerey, der Religion Agath. 1II. Th. 20 ſey? Wie kann ſie das? Wie kann der Glauben an die Götter; oder an einen Gott, ſolche Umwand⸗ lungen, ſolche Wunder hervorbringen? Wenn es aber wirklich ſo iſt, ſo muß die Religion der Chri⸗ ſten von ganz anderm Einfluſſe auf die Gemüther ſeyn, als die unferige⸗ Tiridates und ich haben ihr angebothen, ſie mit nach Eebatana zu führen; denn ich liebe, und verehre ſie wirklich, und ihre Geſellſchaft wäre mir äußerſt erwünſcht. Sie zieht aber vor, nach Syrien zu einer Freundinn zu gehen, die ſie lan⸗ ge kennt und liebt, und mit der viele alte Bande, auch der Religion, ſie verknüpfen. Hiergegen konn⸗ te ich nichts einwenden, und ſo ſehe ich mit Weh⸗ muth dem Augenblicke der Trennung entgegen. Es wird mich ſchmerzen, von allem zu ſcheiden, was einſt dem theuren Freunde noch angehörte, hund nichts, gar nichts mehr für ihn in ſeinen Verlaſſe⸗ nen thun zu können. Ach, ich fand bey dem unend⸗ lichen Verluſt einen kleinen Erſatz darin, das, was ich ihm nicht ſeyn konnte, den Seinigen zu werden! O Lucius! Er war mir ſo viel, ſo viel! Noch kann ich mich nicht an den Gedanken gewöhnen, daß er todt iſt, noch kann ich es nicht faſſen, daß ich ihn nie, nie wieder ſehen ſoll! Lebe wohl, lieber Bruder! Sobald Theopha⸗ — 307 nia im Stande iſt, ihre Reiſe anzutreten, brechen auch wir auf. Mein Vater geht nach Rom zurück, und ich habe es geſchworen, die Umgebungen die⸗ ſer Stadt, in der das edelſte Blut vergoſſen ward, deren Annäherung mir nichts als Unheil gebracht hat, nie wieder zu betreten. Sieben und vierzigſter Brief. Apelles an Junia Marcella. Nikomedien im Junius 305. In drey Tagen, meine theuerſte Freundinn, wird unſere arme Theophania ſich mit ihren Waiſen auf den Weg zu Dir machen, und ich werde ſie beglei⸗ ten. Seit dem Tode ihres Mannes habe ich ſie we⸗ nig verlaſſen, und vielfach Gelegenheit gehabt, die geheime Kraft ihrer Seele, und ihre Ergebung in den Willen des Schöpfers und ihres Gemahls zu bewundern. Er hat ſie gebethen, zu leben; er hat gewünſcht, daß ſie ſich für ihre Kinder erhalte. Das war genug für ſie. Das Daſeyn iſt ihr unzweifel⸗ bar eine drückende Laſt; alle ihre Gedanken woh⸗ nen im Grabe, und dennoch hat ſie ſich aufgerafft, und ihre liebſten Neigungen bekämpft, und ihre Geſundheit gepflegt, wie wenn das Leben das wün⸗ ſchenswertheſte Gut für ſie wäre. Sie ſpricht oft und am liebſten, und faſt nur von ihm, und dieſe Geſpräche dienen nicht, wie in ähnlichen Fällen, ihren Zuſtand zu verſchlimmern; ſie ſcheinen viel⸗ mehr ihre gepreßte Bruſt zu erleichtern. Ach, ihre Wunden können nicht aufgeriſſen werden; denn ſie haben noch keinen Augenblick aufgehört zu bluten! Darum kann ich auch kein langes Leben für ſie hoffen; und ich müßte wahrlich die Selbſtſucht bis zur Grauſamkeit treiben, wenn ich es ihr wünſchen könnte. Wir und ihre Kinder werden unendlich durch ihren Tod verlieren; denn wie ein guter Geiſt wal⸗ tet ſie ſanft, beruhigend und erheiternd, ſelbſt jetzt in allen ihren Schmerzen unter uns, und die fremd⸗ artigſten Gemüther bezwingt und feſſelt ihre unwi⸗ derſtehliche Güte, ihr tiefer innerlicher Werth. Aber ſie iſt nur mehr halb auf dieſer Erde. Ihre beſſere Hälfte, ſo ſagt ſie ſelbſt, iſt hinüber gegangen, und der traurige Reſt muß verwelken, wie der Baum abſtirbt, dem ein Sturmwind oder die Axt des Landmanns alle ſeine Iſte geraubt, und den größ⸗ ten Theil des Stammes geſplittert hat. So lange die matten Säfte noch auf und abſteigen, grünt die Rinde noch, und ſproſſen noch einzelne Blätter her⸗ vor; aber jeden Frühling weniger und immer we⸗ niger, bis, wenn einſt der Wanderer kommt, und ihn ſucht, er ihn dürr und abgeſtorben findet, und — 310— mitleidig die morſchen überbleibſel zu den längſt gefällten Theilen geſellt. Nur Ein Punkt iſt, außer ihren Kindern, auf der Welt, der ihr lebhafte Theilnahme einflößt, — Conſtantins Schickſal. Sie hat vor zwey Tagen durch den König einen Brief von ihm erhalten. Er iſt Auguſtus. Als er an der Galliſchen Küſte an⸗ kam, fand er ſeinen Vater ſchwer krank, und im Begriffe, ſich nach Britannien bringen zu laſſen. Kaum in Eboracum angelangt, ſtarb er in den Armen ſeines Sohnes. Die Legionen ſtanden kei⸗ nen Augenblick an, zwiſchen dem würdigen Sohn ihres geliebten Kaiſers, und irgend einem Frem⸗ den, den ihnen Galerius aufdringen würde, zu wählen, und riefen ihn einmüthig zum Auguſtus und Imperator aus 27). Dieß alles meldete ihr Conſtantin mit der Genauigkeit und dem edlen Zu⸗ trauen eines Freundes, und in dem Ton eines Man⸗ nes, dem ein doppelter Verluſt für dieſen Angen⸗ blick den Glanz des Purpurs verdüſtert, und ihn für nichts als den Schmerz um Vater und Freund empfänglich gemacht hat. Theophania ergriff dieſe Nachrichten mit Wärme, ja ich kann ſagen, mit Heftigkeit. Sie brach in Thränen aus, faltete die Hände, und ſchlug den leuchtenden Blick zum Him⸗ mel. O mein Agathokles! rief ſie dann mit leb⸗ hafter Zärtlichkeit: Du haſt es gewußt! Du weißt es auch jetzt; und das iſt Dein Lohn! 35 Sie entfernte ſich bald darauf, und ſchloß ſich in ihr Zimmer ein. Lange darauf kam ſie ſehr bleich, und wie es ſchien, erſchöpft, aber mit einer unausſprechlich milden Heiterkeit wieder zu uns⸗ Ihre Thränen floſſen beynahe den ganzen Abend; aber es ſchienen keine Thränen de— Unglücks zu ſeyn. überhaupt iſt es zuweilen, als hätte ſie Trö⸗ ſtungen, die weit über unſre Begriffe und alle Macht der menſchlichen Natur erhaben wären. Ihr ſcheint Agathokles nicht gant todt zu ſeyn, ſie fühlt ſich manches Mahl nicht völlig von ihm getrennts es iſt, als beglücke ſie noch ein unſichtbares Band, als walte ein geheimnißvoller Zuſammenhang zwi⸗ ſchen ihnen. Ich kann nicht beſtimmen, wie vielen Antheil an dieſen Vorſtellungen Religion, Schwär⸗ merey, Wirklichkeit, oder ein durch ſo heftige lan⸗ ge Leiden geſchwächter Geiſt hat. Sey es immer Wahn— er iſt wohlthätig für ſiez und ich werde mich ſehr hüthen, ihn durch Zergliederung und Vernunftſchlüſſe zu zerſtören. Und wer von uns kennt denn die Geſetze der Geiſterwelt und die un⸗ erforſchten Kräfte der Natur? Wer wagt es aus⸗ zuſprechen, daß eine ſeltſame, unerhörte Sache darum nicht möglich ſey, weil ſie bisher noch nicht — 312— in dem Kreis unſerer Erfahrungen lag? Die höch⸗ ſte Weisheit iſt, zu bekennen, daß wir hierüber, wie über ſo viele andere Dinge, nichts wiſſen; und ſo müſſen wir wünſchen und hoffen, daß un⸗ ſere unglückliche Freundinn dieſe beruhigenden Vorſtellungen ſo lange hege und nähre, bis es dem Schöpfer gefällt, die ſchwachen Bande zu löſen, die ihren Geiſt an die welkende Hülle binden, und ſie ganz und auf ewig mit dem zu vereinigen, mit dem ihr Weſen, ſeit ihrer Kindheit, nur Eins aus⸗m— gemacht hat, und von dem ſie, wie es beynahe ſcheint, ſelbſt der Tod nicht völlig zu trennen ver⸗ mochte. So weit die Geſchichte des unglücklichen Paa⸗ res, die der Inhalt dieſer Blätter war. Sechs Jahre darnach ſtarb Galerius; aber nur erſt nach einem langen Zwiſchenraume von Kampf und Elend, nachdem mehr als ſechs aufeinander folgende Au⸗ guſte und Cäſarn um die Herrſchaft der Welt ge⸗ ſtritten und geblutet hatten, ging aus Krieg und Zerrüttung über den ſtillen Gräbern der erſten Opfer für Conſtantins Rettung jener Zeitpunkt von Ruhe und Stille hervor, um deſſentwillen ſo — 315— vieles geſchehen, und ſo manches edle Herz gebro⸗ chen worden war. Conſtantin wurde Herr der ganzen römiſchen Welt. Er verlegte den Sitz der Regierung nach Byzanz, das er mit vieler Pracht zur Hauptſtadt erhob, und nach ſeinem Nahmen Conſtantinopel nannte. Das Chriſtenthum, als die laut bekannte Religion des Kaiſers, ward bald herrſchend im ganzen Staate; alle ſpätern Verſuche, ſie zu ſtür⸗ zen, waren vergeblich, und die Nachwelt kennet die Folgen dieſer wichtigen Veränderung aus der Geſchichte. — 314— Anmerkungen. —— ¹) D⸗ Häuſer der Alten, ſpwohl in Italien, als vorzüglich im Morgenlande, hatten ſelten Fen⸗ ſter auf die Straße. Man trat durch den Thorweg in den Hof, um welchen herum die Zimmer gebaut waren, deren Fenſter und Thüren gleichfalls auf den Hof gingen. 2) Bathyll war Anacreons, Antinous Kaiſer Ha⸗ drians Liebling; beyde ſind ihrer Schönheit wegen berühmt, und die Bildſäulen des letzteren haben'zu manchem gelehrten Streite Anlaß gegeben. 3) Die Römer trugen Mäntel wider die Kälte und den Regen, welche von dichtem Wollenzeuge, und mit einer Kappe verſehen waren. 4) Helene wurde zwey Mahl, ein Mahl von Theſeus, das zweyte Mahl von Paris entführt. Pro⸗ ſerpinens Entführung durch Pluto iſt bekannt. — 345— 5) Phädon, ein Geſpräch des Plato über die Un⸗ ſterblichkeit der Seele— genng bekannt durch die überſetzung und Erlänterung des verewigten Men⸗ delsſohn. 6) Bey den Hochzeitfeyerlichkeiten der Römer wur⸗ den der Braut beym Eintritt in das Haus ihres Ge⸗ mahls die Schlüſſet des Hauſes, und Feuer und Waſſer, als Symbole ihrer künftigen Herrſchaft im Hauſe, dargereicht. 7) Stadium war ein Längenmaß der Alten. s) Die Alten kannten den Gebrauch der Lein⸗ wand nicht ſo ſehr wie wir; ſie bedienten ſich mei⸗ ſtens wollener Stoffe, wozu die Wolle oft auf ihren eigenen Gütern, von ihren Herden gesogen, dann von ihren Selavinnen geſponnen, gewebt, und zu dem verſchiedenen Gebrauche, den man davon ma⸗ chen wollte, bearbeitet wurde. 9) Das warme Klima in den Ländern, welche die Oriechen und Römer bewohnten, machte es ihnen nothwendig, auf Schutz vor Hitze und Sonnenbrand in ihren Häuſern zu ſehen. Es waren alſo manche Gemächer, wie auch heut zu Tage in den Häuſern der Morgenländer, die ihr Licht bloß von oben em⸗ vüngen, und in welchen ein ſpringendes Waſſer bie Kühlung erhielt. 10) Die Alten goſſen am Anfange der Mahlzeit ihren Göttern etwas Wein zum Opfer auf die Erde. Dieß hieß die Libation. 1¹) Die Säulen des Hercules, das jetzige Gi⸗ braltar, und Thule, der äußerſte HOrt, den man da⸗ — 3516— mahls gegen Rorden kannte, wurden insgemein für die Gränzen der damahls bekannten Erde, oder der Erde überhaupt genommen. 12) Ein unberühmtes Dorf in Dalmatien trägt noch heut zu Tage den Nahmen, welchen einſt ein prächtiger Pallaſt und Gärten, Tempel, Bäder, kurz alles, womit Diocletian ſeine Einſamkeit verſchöner⸗ te, trug. 13) Daß die Verdienſte der Cäſarn den Augu⸗ ſten, als ihren Vätern, zugeſchrieben worden, iſt geſchichtlich. 14) Geſchichtlich. 13) Syrmium war die Reſidenz des Galerius in dem Theile des Reichs, der damahls Fllyrien hieß⸗ Vicennalien, das Feſt der zwanzigjährigen Regie⸗ rung des Diocletian. 16) Laureacum, das heutige Enns in Dberöſtreich. 17) Anaſus, der alte Rahme des Ennsfluſſes. 18) Der heilige Florian iſt einer der bekannte⸗ ſten und am meiſten verehrten Volksheiligen in Hſt⸗ reich. Die Legende erzählt von ihm, daß er— ein Römiſcher HOffizier von bedeutendem Range— nach Laureacum, dem heutigen Enns, gekommen, um dort entweder die Chriſten zur Standhaftigkeit zu ermah⸗ nen, oder ſelbſt zum Muſter zu dienen, und für ſei⸗ nen Glauben zu ſterben. Der Präfect Aquilinus er⸗ mahnte ihn, den Götzen zu opfern: er weigerte ſich, und wurde in die Enns geſtürzt. Hier ſoll nun eine chriſtliche Matrone, mit Rahmen Valeria, ſeinen Körper aus dem Strom ziehen, und auf einem mit Ochſen beſpannten Wagen bis an jenen Platz haben — — 317 führen laſſen, wo jetzt das bekannte ſchöne Stift St. Florian ſteht. Ich habe dieſe Geſchichte ſo zu be⸗ nutzen geſucht, wie ſie in meinen Plan zu taugen ſchien, und die wunderbare Erzählung von der Eut⸗ ſtehung einer Quelle am Fuße des Berges, um die müden Thiere zu laben, die den Wagen nicht mehr weiter ziehen wollten, auf etwas andere Art einge⸗ flochten. 19) Richt weit von der Stelle, wo der Sage nach der Körper des H. Florians begraben worden, ſteht jetzt das Stift der regulirten Chorherren zu St. Flo⸗ rian auf einem Hügel. An ſeinem Fuße entſpringt jene Quelle, wirklich die einzige mit friſchem gu⸗ tem Waſſer, in dieſer ſonſt ſo fruchtbaren, aber waſ⸗ ſerarmen Gegend. Das Stift zeichnet ſich durch äu⸗ ßere Schönheit der Bauart, durch eine treffliche Ver⸗ faſſung, noch mehr aber durch ſein würdiges Ober⸗ haupt, den gegenwärtigen Herrn Propſt, einen eben ſo kenntnißreichen als edlen Mann, und durch viele gelehrte ſchätzbare Mitglieder vor den meiſten Stif⸗ tern in Hſtreich und Deutſchland ſehr vortheilhaft aus. 20) Die Rachtfeyer der Venus des Catull wird nach Bürgers überſetung wohl den Meiſten bekannt ſeyn. 2¹) Aera, Zeitrechnung. 22) Diocletian und Maximian waren ihrer Her⸗ kunft nach Illyriſche Bauern, wie denn überhaupt ſehr viele Kaiſer jener Zeit aus den unterſten Stän⸗ den waren. 23) Lutetiä, das heutige Paris. — 518 — 24) Die Alten hatten, um die Zeit zu meſſen, keine Uhren wie bie unſrigen, ſondern bedienten ſich der Sonnen⸗ Waſfer⸗ und ähnlicher Uhren, in wel⸗ chen eine beſtimmte Quantität Materie in einer be⸗ ſtimmten Zeit ablief, wie z. B. in unſern Sand⸗ 6 uhren. a5) Mors non ultima venit; quae rapit, ultima mors est. Seneca. 26) Titon, Aurorens Gemahl, der von den Göt⸗ tern zwar bas Geſchenk der unſterblichkeit, aber nicht der ewigen Fugend erhielt, und daher endlich aus Mitleid in eine Heuſchrecke verwandelt wurde⸗ 27) Geſchichtlich nach Gibbon. 1 ½. 5.—— —— w „ M . 8 9 10 11 i 12 14 15 16 1