₰ Von Caroline Pichler, gebornen von Greiner. PZwepter Theil. WMien, 1828. Gedruckt und im Verlage bey Anton Pichler. Leipzig, in Commiſſion bey Auguſt Liebeskind. Das Leben iſt der Güter höchſtes nicht. Schiller, Erſter Brief. Sulpicia an Calpurnien. Synthium bey Nikomedien im Februar 502. Jo bin in Synthium, meine Geliebte, auf dem Landhauſe unſers, Deines Freundes Agathokles. Eine angenehme Stille umgibt mich, und wiegt nach einer langen Zeit voll Zerſtreuungen und Er⸗ ſchütterungen meine ermüdeten Sinne in eine wohl⸗ thätige Ruhe. Agathokles beſucht uns, ſo oft es ſeine Geſchäfte erlauben, und mein Tiridates bringt alle Zeit, die er dem Hofe abmüßigen kann, bey mir zu. Ich bin frey. Galerius hat meine Schei⸗ dung bewilligt, und den Befehl darüber an den Senat von Rom und den Serranus Anicius ge⸗ ſandt. So ſind denn alle Plane ausgeführt, alle Wünſche erfüllt, und ich kann ruhig dem Zeitpunkt entgegen ſehen, wo keine Macht der Welt michmehr den Armen meines Tiridates wird entreiſſen können. * . P— Nichts ſtört den vollkommenen Genuß meines Glücks, as die noch fortdauernde Schwäche mei⸗ ner Geſindheit, eine Folge der langen Leiden und Kränfungen. Sie ſind verſchwunden; aber ihre Wirungen fühle ich noch. Auch die Jahreszeit hoce während der Seereiſe nachtheilig auf mich gwirkt. Ich kam krank in Nikomedien an. Aber, meine Calpurnia, um keinen Preis möchte ich die Erfahrung dieſer Krankheit nicht gemacht haben. Sie hat mir Tiridates Liebe in noch glänzenderm Lichte gezeigt. Ich bin ganz glücklich. Er ließ mich ohne weitere Vorbereitung, feſt auf Agathokles Freundſchaft rechnend, gerade in ſein Haus füh⸗ ren; er trug mich auf ſeinen Armen aus der Sänf⸗ te in das Zimmer, das uns der freundliche Wirth ſelbſt anwies. Agathokles bewährt ſich auch jetzt, wie immer, als einen der beſten Menſchen; er empfing uns mit rührender Freude, und behandelt uns wie geliebte Geſchwiſter. Ich finde ihn ſehr verändert. Doch davon nachher. Jetzt laß mich Dir nur erzählen, daß ich ſeinen Bemühungen für alles, was er zur Erleichterung meiner Lage dien⸗ lich fand, und Tiridates zärtlicher Sorgfalt größ⸗ ten Theils meine Wiederherſtellung verdanke. Das Geräuſch, die Unruhe in der glänzenden Hauptſtadt des Orients wurde mir bald zur Laſt. Agathokles meinen Wünſch, id oth mir ſeine Villa Synthium, die einige Meilen von Ri⸗ komedien liegt, ein Erbtheil ſeiner Mutter, zum Aufenthalt an. Ich nahm es mit Vergnügen an Das Einzige, was meine Freude ſtörte, war die Bemerkung, daß Tiridates ſich nicht eben ſo leicht, wie ich, aus der Hauptſtadt entfernte. Indeſſen brachte mir ſeine Liebe auch dieſes Opfer, und ich lebe hier ganz nach meinem Herzen. Die Pilla liegt einſam und verborgen zwiſchen waldigen Hü⸗ geln, die der Anfang des Gebirges ſind, das weiter hin ſich zum Berg Olymp aufthürmt. Obgleich die Landſtraße nicht weit vor dem Garten vorbeygeht, ſo fällt doch das Haus, das halb zwiſchen Pinien verſteckt und nicht groß iſt, nicht ſogleich in die Augen. Die Gärten ſind weitläufig, und zeigen in manchen Anlagen Spuren eines düſtern Geiſtes, der hier in der Einſamkeit ſeinen Gefühlen nach⸗ hing. Dieſer Ausdruck des Ganzen gefällt mir ungemein, und ich belauſche in ungeſtörter Ein⸗ ſamkeit hier das Erwachen des Frühlings, von deſſen Einfluß ich viel für meine Geſundheit hoffe. Tiridates hat mich den Kaiſerinnen Priſca und Va⸗ leria*) vorgeſtellt; auch mit dem Cäſar Galerius habe ich geſprochen, und alle haben mich mit An⸗ ſtand und Güte empfangen. Bey Diocletian allein war es mir noch nicht möglich, Zutritt zu erhalten; er umgibt ſich mit ſo viel Perſiſchem Pomp und Ceremoniel, daß der Zugang zu ihm überaus ſchwer iſt. Der Cäſar hat mir ſeinen Schutz verſprochen, und Wort gehalten, wie du weißt; und ſo iſt mei⸗ ne Zukunft freundlich erheitert, und jede Sorge verſchwunden. k Ich habe Dir geſagt, daß ich Agathokles ſehr verändert gefunden habe. Der Verluſt, den er erlitten, und die Art desſelben werden Dir bekannt ſeyn, ſo wie ſie es mir waren, noch ehe ich in Ni⸗ komedien ankam. Ich war folglich vorbereitet, die Spuren dieſer Begebenheit in ſeinem Ausſehen zu finden; dennoch fand ich mit Trauer weit mehr, als ich erwartet hatte. Seine Züge, die nie den Ausdruck der Jugendblüthe trugen, ſind jetzt tief verfallen; ſein Blick iſt erloſchen, und alles kün⸗ digt ein ganz niedergebeugtes Gemüth an. Ich ver⸗ meide, von ſeinem Unglücke zu ſprechen, und er hat Lariſſens Nahmen noch nicht genannt, ſeit ich hier bin; doch ſehe ich vor, daß der Zufall viel⸗ leicht einſt ein ſolches Geſpräch herbeyführen wird, und zittre davor. Auch in dieſer Rückſicht wäre mir die Beſchleu⸗ nigung Deiner Ankunft, nachdem nun einmahl die Beſtimmung Deines Vaters als Proconſul ent⸗ ſchieden iſt, ſehr awünſcht nicht als ob ich eine ſo geringe Meinung von Agathokles Feſtigkeit hät⸗ te, um zu glauben, daß Dein bloßer Anblick hin⸗ reichen würde, dieſe tiefen Wunden ſchnell zu hei⸗ len; aber ich hoffe viel, und mit der Zeit alles von Deinem heitern Sinn, von Deiner freundlichen Güte, von Deinem Verſtande, und von Deiner Schönheit. Wie empfindlich das ſtarke Geſchlecht gegen äußerliche Reize iſt, lerne ich immer mehr und mehr einſehen; es wirkt nichts ſo ſchnell, ſo ſtark, ſo bleibend auf ſie, und auch die Beſten ſind hierin bis zum Erſtaunen ſchwach. Nikomedien wird Dir gefallen. Es herrſcht hier ein geſelliger Ton, man liebt Pracht und Zer⸗ ſtreuung, aber man liebt es mit Geſchmack und ziemlichen Anſtand. Dieß ſcheint eine Wirkung des eeremoniöſen Hofes und der Denkart der beyden Kaiſerinnen zu ſeyn, die in ihren Grundſätzen ſehr ſtreng, und, wie manche glauben, heimliche Chri⸗ ſtinnen ſeyn ſollen. Genug, der Schein wird ge⸗ rettet, aber im Innern der Häuſer hat eine über⸗ mäßige üppigkeit nicht allein auf den Genuß des Lebens, ſondern auch auf die Sitten unſers Ge⸗ ſchlechts einen nachtheiligen Einfluß. Die Weiber des Hofes und der Stadt ſind faſt alle locker in iyren Grundſätzen und von zweydeutigem Rufe; aber ſie ſind ſchön! Ich habe bey einem Feſte eine Verſammlung von Geſtalten geſehen, über deren Reize, durch den ſinnreichſten Putz und die ge⸗ ſchmackvollſte Pracht erhöht, ich wirklich erſtaunte, deren Anblick mir nicht Neid— deſſen hält Dein Herz mich nicht fähig— aber ein Gefühl von Trauer 3 über meine ſo ſchnell verwelkte Jugend einflößte. Ich bin nicht mehr, was ich war; und hier iſt Al⸗ les ſo bezaubernd, ſo verführeriſch, ſo zudringlicht Schreibe mir doch noch, meine Geliebte, ehe Du Rom verläſſeſt, und ſuche Deine Reiſe zu be⸗ ſchleunigen! Mein Herz ſchlägt Dir mit Sehn⸗ 1 ſucht und Ungeduld entgegen. Leb wohl! Zweyter Brief. Agathokles an Phocion. Nikomedien, im Februar 502. E⸗ iſt lange, mein Freund, daß Du meinen letzten Brief*) erhieltſt, worin ich Dir meinen unerſetz⸗ lichen Verluſt gemeldet habe. Ich erinnere mich jetzt nicht mehr beſtimmt, was ich Dir geſchrieben ha⸗ be. In jener Zeit war es dumpf und düſter in mei⸗ ner Seele. Indeſſen weißt Du, was ich verlor und wie? Dieß genügt, um Dir eine Vorſtellung mei⸗ nerjetzigen Lage zu machen. Keine Betäubung währt ewig, und ſo hat ſich mein Geiſt auch aus der em⸗ porgeriſſen, die einige Zeit nach jenem Ereigniſſe ſchwer und entnervend auf mir lag. In Trachene un⸗ ter Gefahren und fremden Sorgen blieb mein Geiſt *) Er kommt nicht vor, ſo wie alle, die nichts zum Gang der Geſchichte beytragen, und deren dennoch wegen des Zuſammenhangs erwähnt werden muß. — 12— und Körper aufrecht; erſt in Nikomedien, in der Stil⸗ le des gewöhnlichen Lebens, im väterlichen Hauſe, erlagen beyde, und ich ward im eigentlichen Sinne an beyden krank. Wie ich geneſen bin, und wozu? warum? weiß ich nicht. Aber ich kann wieder ſchla⸗ fen, ich kann Speiſe zu mir nehmen; und ſo kann und wird mein Daſeyn wohl noch lange währen. So zweckſos, ſo klein, ſo nichtsbedeutend, wie dieß Daſeyn mir damahls erſchien, und noch jetzt zu⸗ weilen in ſeiner ganzen Schalheit unabſehlich vor mir liegt, hätte ich es vielleicht von mir geworfen, oder in der nächſten Schlacht verſchlendert; aber das ſollen, das dürfen wir nicht.— Ein Strahl überir⸗ diſchen Lichtes ſenkt ſich in meine Racht, und das Le⸗ ben bekommt wieder Gehalt, obwohl nicht für met⸗ ne Poffnungen, und nicht für dieſe Welt. Ein Pfad öffnet ſich mir, um zur Wahrheit zu gelangen. Es iſt des Forſchers Pflicht, darauf fort⸗ zuſchreiten, und wenigſtens zu ſehen, wohin er führt, ſelbſt ohne Rückſicht auf eigenen Gewinn, ſelbſt dann, wenn ſicherer Verluſt die Folge ſeiner Forſchungen wäre. Könnte er auch anders? Würde ſich nicht die ſchreckliche Wahrheit ſelbſt Bahn zu ihm machen, wenn er auch ſeine Augen vor ihr verſchließen woll⸗ te? O, es hat ſchon ſo manche traurige Gewißheit den Weg gefunden, um dieß Herz unfehlbar zu zer⸗ 3— reißen! Jetzt erſcheint ſie im milden Lichte, und ich folge dem leitenden Strahl, der mich in eine trö⸗ ſtende Helle zu führen verſpricht. Ein Chriſt, jener Apelles, den du als den Leh⸗ rer und Freund der vorausgegangenen Jugendge⸗ ſpielinn aus ihren Briefen kennſt, war das erſte We⸗ ſen, das mir in ſchrecklichen Augenblicken theilneh⸗ mend erſchien. Menſchenfreundlich und weiſe be⸗ handelte er den Kranken; ihm danke ich zuerſt die wiederkehrende Beſinnung, ihm ſpäter die Kraft, da nicht zu erliegen, wo menſchliche Stärke allein bey einem ſehr reizbaren Gefühl, wie meines, viel⸗ teicht nicht zu ſtehen vermocht hätte. Seine Trö⸗ ſtungen waren von mehr als gewöhnlicher Art. Er nahm ſie aus den innerſten Tiefen des verarmten zerriſſenen Herzens, er eröffnete ihm den Himmel, ließ überirdiſche Strahlen in dasſelbe fallen, füllte es mit Hoffnungen auf Jenſeits, und richtete alle Kräfte und Neigungen, denen hier kein würdiger Gegenſtand mehr entſprechen konnte, auf große Aus⸗ ſichten und Wirkungen in die Zukunft. Meine See⸗ lenkräfte kamen nach und nach zurück, und an ih⸗ nen richtete ſich der irdiſche Gefährte auf. Ich ge⸗ nas, und bin wieder fähig zu denken, zu wirken, wenn auch nicht für mich, doch für Andere. Phocion! Ein weiſer Chriſt iſt ein erhabenes Weſen, iſt vielleicht das Höchſte, was die menſchli⸗ che Natur erreichen kann, die höchſte Vollendung, deren ſie fähig iſt. Sie ganz zu erſtreben, iſt nicht das Loos des Sterblichen; aber das erhabenſte Ziel hat ihnen ihr mehr als menſchlich weiſer Lehrer geſteckt: Seyd vollkommen, wie euer Va⸗ ter im Himmel vollkommen iſt! Kein ge⸗ ringeres Urbild, als die Gottheit, gab er ihnen nachzuahmen; und welcher Gott iſt der Gott der Chriſten! Kein leidenſchaftliches, ſinnliches, allen menſchlichen Schwächen unterworfenes Phantom, wie die Bewohner des alten Olymp, kein müßiger Zuſeher, der in vollkommener Apathie die Welt ge⸗ hen läßt, wie ſie kann, wie die Götter Epikurs. Es iſt ein allmächtiger, durch ſich ſelbſt von Ewigkeit beſtehender, allwiſſender, allgegenwärtiger Geiſt, der alles, was da iſt, aus dem Nichts hervorgebracht, und nur darum geſchaffen hat um ſeine Machtund Liebe zu verklären. Die Gev iie der Chriſten iſt einfach erhaben, und wenigſtens oben ſo faßlich und wahrſcheinlich, als die Syſteme unſerer Philoſo⸗ phen; ja ich getraue mir zu behaupten, daß, in dem gehörigen Lichte betrachtet, und von dem poetiſchen Schmucke entkleidet, der dieſe Erzählung aus der Kindheit des Menſchengeſchlechts umgeben muß, Du keine den Naturgeſetzen gemäßer und vernünftiger finden virſ. Unbeſchreiblich ſhön iſt die Geſchichte des ſittlichen Verfalls der Menſchheit unter einem bald idylliſch⸗lieblichen, bald furchtbar ernſten Bil⸗ de dargeſtellt. Ja, die Erkenntniß des Guten und Böſen war es, das erwachende Gewiſſen, das Ge⸗ fühl des Rechts und Unrechts, das den ſchönen Traum ewiger Unſchuld und Jugend zerſtörte! Du ſiehſt hier ein goldenes Zeitalter, und die Urſache ſeines Verſchwindens tief und weiſe in den inner⸗ ſten Trieben des Menſchen aufgeſucht und darge⸗ ſtellt. Was in der Fabel von Amor und Pſyche mehr bildliche Darſtellung eines Platoniſchen Traumes iſt, iſt hier die Geſchichte des Menſchen, der Menſch⸗ heit in ihrer individuellen und allgemeinen Entwi⸗ ckelung zur Cultur. Dieſen Gott nun, aus deſſen Hand die Sonne, die Sterne, alle uns bekannten Weſen hervorgin⸗ gen, der ihr Schickſal nach ewigen Geſetzen lenkt, dieſen Gott nennen die Ghriſten ihren Vater. In dieſem Kindes⸗ Verhältniß denken ſie ſich zu ihm; und nichts iſt, womit ſie ſich ihm gefällig machen können, kein Opfer, keine Büßung, nichts als ein reiner Sinn, und ein menſchlich-gutes Herz. Alle Sterbliche ſind ihnen Brüder; ſie zu lieben, wie ſich ſelbſt, keinem zu thun, was man nicht ſelbſt leiden möchte, iſt ihr Hauptgeſetz. Je — 16— mehr man dieſem einfachen Gedanken nachforſcht, je mehr muß man den Lehrer bewundern, der in wenig Worte alle Geſetze der Moral ſo zuſammen zu faſſen wußte, daß in allen Schulen und Secten unſerer Philoſophen nicht mehr, und nichts Beſſe⸗ res gelehrt wurde. Liebe Gott über Alles, und Deinen Nächſten wieDich ſelbſt! Wer kann mehr fordern als dieß? und was würde die Welt ſeyn, wenn alle Menſchen dieſe einfache Vor⸗ ſchrift beobachteten? Aber die Chriſten gehen noch weiter; ſie dringen nicht bloß auf Liebe gegen die⸗ ienigen, die wir zu haſſen keine Urſache haben, ſie fordern überwindung unfrer ſelbſt, und Bezähmung der heftigſten Leidenſchaften, Zorn und Rachgier. Segnet, dieeuch verfolgen! Bethet für die, die euch haſſen! In welcher Schule, Pho⸗ cion! ward je reinere Tugend gelehrt? Noch ein Mahl, die chriſtliche Moral iſt mehr als menſchlich; aber indem ſie eine Höhe fordert, die wir nicht zu erreichen fähig ſind, ſpornt ſie uns wenigſtens an, das zußerſte zu thun. Und was kann nicht der Menſch, wenn er alle ſeine Kräfte braucht? Das Höchſte muß der Menſch ſich vorſetzen, wenn er das Hohe erreichen, und nicht im Gemeinen ver⸗ ſinken will. Nach dem Unendlichen muß er ſtreben; dann bewährt er ſich als einen unſterblichen Geiſt, dem dieſe Hülle zu eng, dem dieſe Erde nur eine Herberge iſt. Das haben unſere Philoſophen ſchon geſagt; auch der Chriſt ſagt es, nur unendlich ein⸗ facher. Aber bey der Schwäche unſeres halb ſinnlich⸗ halb geiſtigen Weſens, das, zwey Welten angehö⸗ rig, ewig zwiſchen beyden ſchwankt, was bliebe uns für Hoffnung übrig, den hohen Befehlen gehorchen, und das Ideal erreichen zu können, das jene Lehren von uns fordern? Müßten wir nicht daran verzwei⸗ feln, den ſtrengen Geſetzen genug zu thun? Hier könnte das Gewiſſen uns nicht beruhigen, dort wür⸗ de ein unendlich heiliges Weſen den ſchwachen Sohn der Sinnlichkeit ſtrafend von ſich weiſen. Aber lie⸗ bend und erbarmend tritt die geheimnißvolle Lehre von der Verſöhnung, von einem unbefleckten, heili⸗ gen, der ganzen S Strenge jener Forderungen genug⸗ thuenden Opfer dazwiſchen, von einem Opfer, das, die Schuld des ganzen Menſchengeſchlechts auf ſich nehmend, freywillig ſich der göttlichen Gerechtigkeit darboth, und für alle litt, blutete, ſtarb. In ſeinen Verdienſten ſindet der ſchwache Menſch vollenden⸗ den Erſatz für ſeine unvollkommenen Beſtrebungen; ſie eignet er ſich zu, und durch ihre Vermittelung darf er dem Throne des allerreinſten Weſens mit minderer Schüchternheit nahen. Agath. II. TDh. 2 Du ſiehſt aus dieſen keichten Umriſſen, die ich Dir mitzutheilen im Stande bin, wie erhaben und den Bedürfniſſen des Herzens angemeſſen dieſe Leh⸗ re iſt. Noch kenne ich ſie nicht vollſtändig; was ich aber kenne, überzeugt meinen Verſtand, und befrie⸗ digt mein Gefühl. Und wenn dieſe überzeugung einſt vollendet ſeyn wird: wer kann mich tadeln, ja, wer kann mich der entgegengeſetzten Handlungs⸗ weiſe fähig halten, wenn ich ſie annehme, und ganz werde, was ich ohnehin ſchon zum Theile bin?— übereilen aber will ich nichts. Der Schritt iſt wich⸗ tig; er fordert vollkommene Geiſtesfreyheit, und ge⸗ wiſſenhafte Prüfung. Die erſte fehlt mir noch ganz, mein Gemüth iſt nicht ruhig. Die Erſchütterungen der vergangenen Schrecken haben noch nicht aufge⸗ hört, in mir nachzubeben; noch drückt ein zu la⸗ ſtendes Gewicht meinen Geiſt. O mein Freund! Was habe ich verloren? La⸗ riſſa! Geſpielinn meiner Kindheit! Geliebte meiner Jugend! Holdes, ſanftes, liebevolles Weſen! Wo biſt du jetzt? Wo ſchwebt Dein reiner Geiſt? Haſt du noch Erinnerung vom Vergangenen? Weißt Du, daß Dein unglücklicher Freund hier verlaſſen trau⸗ ert? Oder hört mit dem Leben oder mit der Per⸗ ſönlichkeit, wenn auch der Geiſt nicht vernichtet wird, volle Erinnerung, alle Liebe auf? Troſtloſes Syſtem, 3 * v das mnſchlicht Herz biraiſchenen, über dem der Unglückliche verzweifeln müßte, wenn es ſeinen Anhängern gelingen könnte, es zu beweiſen! Was wäre die Unſterblichkeit dann für ein Vorrecht für das denkende Weſen? Würde ſie es nicht mit dem Thiere, der Pflanze theilen, deren aufgelöſete Kör— per auch nicht vernichtet, ſondern nach dem Gange der Natur in urſprüngliche Elemente zerſetzt wer⸗ den, bis ſie endlich nach längerer oder kürzerer Zeit wieder in organiſche Theile einer Pflanze oder eines Thieres übergehen? Es iſt unmöglich! So kann der Kreislauf des göttlichen Funkens in uns nicht ſeyn! Auch hierüber hat das Chriſtenthum einen erhe⸗ benden ſchönen Glauben, der alle Spitzfindigkeiten und Sophismen beſchämt. Doch hierüber ſollſt Du ein anderes Mahl mehr hören. Genug, ſie lebt, ſie weiß um mich, ſie liebt mich, wenn gleich hiernieden ihre ſanfte Stimme verklungen iſt, und nie wieder in den kalten leeren Räumen mir die holde Geſtalt begegnet, nie wieder ihr ſeelenvolles Auge mir freundlich ſtrahlen, und kein Herz auf dieſer Erde mir das ihrige erſetzen wird. O Phocion! Ich wer⸗ de ſie niemahls, niemahls hier wieder ſehen! In dieſem Gedanken liegt ein unendlicher Schmerz— aber bevor er wieder die innerſte Tiefe meines We⸗ ſens aufregt, laß mich abbrechen! Leb wohl! * — 2 Dritter Brief. S Calpurnia an Sulpicien. Nikomedien im März 302. Hir bin ich, in der großen, geräuſchvollen Stadt, unter dem ſchönen Himmel von Kleinaſien, und, was noch beſſer iſt, in Deiner Nähe, meine theure geliebte Freundinn! Ich wäre wahrlich gern, ſtatt meines Briefes, ſelbſt zu Dir in Deine Einſam⸗ keit geeilt; aber mein Vater bedarf meiner zu ſei⸗ ner häuslichen Einrichtung, die hier an einem frem⸗ den Orte, unter ganz neuen Verhältniſſen, nicht ohne große Veſchwerlichkeit vollendet werden kann. Es iſt mir daher unmöglich, Dich für's erſte zu beſuchen. Könnteſt denn Du nicht auf ein paar Ta⸗ ge in die Stadt kommen? Du biſt doch hoffentlich ſo wohl, daß die kleine Reiſe von einigen Meilen keinen übeln Einfluß auf Deine Geſundheit haben wird. O, wie freue ich mich, Dich nach ſo langer Trennung wieder zu ſehen, und mit Dir über tau⸗ ſend Dinge der Vergangenheit und Zukunft zu ſprechen, die Trotz aller überlegung mir nie ganz gleichgültig waren, und unter dieſen Umgebungen hier erſt wieder recht lebendig werden! Am zweyten Tage nach unſerer Ankunft beſuch⸗ te uns Agathokles. Dir darf ich es ja geſtehen, daß mir ſonderbar zu Muthe ward, als ich im Neben⸗ zimmer ſeine Stimme hörte, die mir gedämpfter, als ſonſt, vorkam. Er begrüßte meinen Vater mit herzlicher Ehrfurcht, und erkundigte ſich nach mir und meinen Brüdern. Ich benutzte meine Verbor⸗ genheit, um mich in die gehörige Faſſung zu ſetzen, und trat dann, als mein Vater mich rief, ganz ge⸗ laſſen hinein. Ach, es war wieder nichts mit dieſer Künſteley! Dieſes düſtere trübe Auge, aus dem die tiefſte Schwermuth ſprach, die wehmüthige Herz⸗ lichkeit, mit der er auf mich zuging, und meine Hand faßte, die weiche Stimme, mit der er mich in ſeinem Vaterlande willkommen hieß, und dann der Gedanke, um weſſentwillen dieſe traurige Ver⸗ änderung mit ihm vorgegangen war, das alles be⸗ wegte mich ſo ſeltſam, daß ich wohl fühlte, wie meine Faſſung mich verließ. Er hatte ſo viel ge⸗ litten: wie hätte ich ihn durch abgemeſſene Kälte kränken können? Und doch war mein Stolz durch — 2— eben dieſe Schwerinuth, die ich zu zerſtreuen wünſch⸗ te, beleidigt. Die Feinheit ſeines Betragens brachte indeß bald wieder einige Ruhe in unſere Haltung. Mein Vater bemächtigte ſich ſeiner mit einem politiſchen Geſpräche, in das Agathokles ſogleich mit voller Seele einging; und jetzt im Feuer der Unterhal⸗ tung, als er auf Augenblicke ſeiner Lage vergaß, ſchien er wieder derſelbe zu ſeyn, der er in Rom war. Dieß Bild trat vor meine Seele; ich rief, während die Männer angelegentlich ſprachen, die frohen Stunden zurück, die ich damahls genoſſen hatte, und auf einmahl war es mir, als müßten zwey Agathokles ſeyn, als könnten jener anziehen⸗ de Schwärmer, deſſen Ernſt vor meinem Lächeln ſo oft gewichen war, deſſen Blick hundert Mahl mit Entzücken an mir hing Bild des Kummers, das m war, dieſer Trauernde, d ie Andere ſo heiß ge⸗ liebt hatte, daß ihr To ihn an den Rand des Grabes brachte, unmöglich eine und dieſelbe Per⸗ ſon ſeyn. Ich ſchauderte, die Vorſtellung war mir hochſt peinlich, ich ſtrebte aus allen Kräften, die wunderbare Täuſchung zu zernichten. Es gelang nicht. Auf einmahl fühlte ich, daß meine Thränen im Begriffwaren, hervorzubrechen. Ich ſtand ſchnell 5 3 auf und verließ das Zimmer. Sie ſtrömten heftig; warum? wußte ich ſelbſt nicht, aber ich fand eine Erleichterung darin, ſie fließen zu laſſen. Es kam mir vor, jener Agathokles ſey todt, und der, den ich jetzt geſehen hatte, nur ein Bild, ein Schatten von ihm. Mir ward ſo weich um's Herz⸗wie wenn man nach dem Verluſt einer geliebten Perſon an einem Orte, wo man ſie ſonſt oft geſehen hatte, nur ihre kalte Bildſäule fände. Dieſe Ihnlichkeit im ußern, und dieſe Verſchiedenheit von Innen, jener warme Antheil und dieſe Kälte! Es ergriff mich ſchmerzlich. Ich fühlte, daß ich mich in die⸗ ſer Stimmung nicht vor ihm ſehen laſſen konnte. Als ich nach einer Weile wieder hinein ging, war er bereits fort, und hatte verſprochen, bald wie⸗ der zu kommen. So hatte ihn alſo mein Wegge⸗ hen nicht gekränkt, wie ich im erſten Augenblick fürchtete, als ich meinen Vater allein fand? So hatte er gar nichts mir bemerkt, nichts zu deu⸗ ten gefunden? Ratürlichz: ich bin ihm nichts mehr, als eine alte Bekannte, und einer ſolchen nimmt man es ja nicht übel, wenn ſie ſich entfernt, und den guten Freund in einer Geſellſchaft zurück läßt, die ihm wenigſtens eben ſo lieb iſt, als die ihrige. Seit dem Augenblick iſt ein wunderbarer, aber wahrlich nicht angenehmer Kampf in meinem In⸗ — 24— nern. Mitleid mit Agathokles unglück, Wunſch, ſeinen Kummer zu erkeichtern, und ein bitteres Ge⸗ fühl des gewaltigen Abſtandes zwiſchen jener Zeit in Rom und dieſem kalten Wiederſehen wechſeln unaufhörlich in mir. Was wird hieraus entſtehen2 Welche Haltung wird mir das gegen ihn geben? Du, meine theure Freundinn, könnteſt hierin mir den weſentlichſten Dienſt leiſten. Du ſiehſt Aga⸗ thokles ſo oft, er vertraut Dir, das weiß ich; Du wirſt ungefähr wiſſen, wie er von mir denkt. Schreibe mir doch, was er von mir ſpricht, und beſonders in welchem Ton! Daraus läßt ſich viel ſchließen, und ein fein fühlendes Weib iſt im Stan⸗ de, aus der Art, wie ein Mann von einer Andern ſpricht, zu errathen, was er für dieſe empfindet. Hierauf verlaſſe ich mich vollkommen, und erwar⸗ te Deine Nachricht mit Ungeduld. Leb wohl! Vierter Brief. Sulpicia an Calpurnien. Synthium im März ö3o2. kann ich nicht zu Dir fliegen, an Deine Bruſt ſinken, und Dich mit Thränen der Freude willkommen heißen? Ach! Entbehren und Entſa⸗ gen war von jeher der Wahlſpruch meines Lebens, und ſeine Macht bewährt ſich fort und fort. Ich bin krank, meine Geliebte, nicht ſo krank, daß ich nicht allenfalls im Hauſe, und an einem warmen Frühlingstag in dem reizenden Garten unſeres Freundes herumſchleichen, und ohne zu große An⸗ ſtrengung meines Kopfes, Dir, meine Theure, ſchreiben könnte, aber viel, viel zu ſchwach, um eine Reiſe von ſechs Stunden zu Dir in die Stadt zu unternehmen. Ich habe viel von der Ruhe mei⸗ ner gegenwärtigen Lage, von Aſiens mildem Him⸗ mel, und am gllermeiſten von der Erfüllung mei⸗ nes hoöchſten Wunſches gehofft. Es will ſich nicht ändern. Ich kränkle immerfort; und ſo ſoll ich denn vielleicht im Hafen Schiffbruch leiden, und die Welt zu einer Zeit verlaſſen, wo mein Leben . erſt eigentlich beginnen und ich nach ſo vielen Stür⸗ men an's Ziel gelangen ſoll? Es war eine Zeit, wo ich den Tod wünſchte, wo er mir als das Ende meiner Qualen erſchienen wäre. Aber jetzt, jetzt iſt der Gedanke, aus Tiridates Armen, aus dem Sonnenſchimmer ſeiner beglückenden Liebe hinabzu⸗ ſteigen in das Reich weſenloſer Schatten— oder des weſenloſeren Nichts— ſchauderhaft, entſetzlich! Unerfreulich und düſter ſteht die dunkle Welt jen⸗ ſeits vor dem forſchenden Blicke, und nach tauſend Zweifeln, eiteln Speculationen und nichtigen Er⸗ wartungen bleibt dem grübelnden Verſtande höch⸗ ſtens der Troſt der Ungewißheit. Weiter kann er es nicht bringen, weiter hat es nie ein Weiſer ge⸗ bracht. Was ſich wider dieſe überzeugung in uns empört, iſt der Trieb der Selbſterhaltung, dem der Gedanke der Vernichtung unmöglich zu faſſen iſt. Ich ſollte von Tiridates ſcheiden, ihn der dü⸗ ſtern Verzweiflung, oder— ſchreckliche Wahl!—. den Tröſtungen einer neuen Liebe überlaſſen, und hingehen, woher nie jemand zurückkommt, wo keine Hoffnung des Wiederſehens iſt? O nein, nein, nur —— jetzt nicht ſterben! Die Arzte geben mir Hoffnung, und ich ergreife ſie begierig; ſie ſagen, und es iſt auch mehr als wahrſcheinlich, daß jene traurigen Erſchütterungen, die Beſchwerden der Reiſe, die Veränderung des Klima's auf meinen geſchwäch⸗ ten Körper nachtheilig wirken mußten; ſie verſpre⸗ chen mir viel von der Wirkung der Zeit, und der inneren Zufriedenheit; und ſo will ich denn gedul⸗ dig ſeyn, und alle Gedanken und Zweifel verban⸗ nen, die noch zuweilen in mir aufſteigen wollen, ich will recht gelaſſen, recht ergeben ſeyn, ſogar blind und gefühllos, wenn es die Erhaltung meiner Geſundheit fordert. Du fragſt mich, was und wie Agathokles von Dir ſpricht? Du willſt Dein Betragen nach mei⸗ nen Beobachtungen einrichten? So muß ich ja wohl ganz aufrichtig ſeyn, und nichts als ſtrenge Wahrheit ſprechen. Er achtet Dich ohne Zweifel, er will Dir herzlich wohl; und wenn ich ſeinen Kummer zu zerſtteuen wünſche, kann ich es am beſten dadurch, daß ich einige Bilder und Secenen aus ſeinem römiſchen Aufenthalte vor ſeine Seele führe. Er erheitert ſich dann und ſpricht mit Ver⸗ gnügen von jener Zeit, aber das alles ſehr ruhig, und ohne daß die geringſte Verlegenheit oder höhe⸗ re Wärme auf eine lebhaftere Empfindung ſchlie⸗ — 28— ßen ließe. Vergiß aber nicht für meine und Deine Erwartungen, und für das künftige Glück unſers Freundes, daß die Wunde ſeines Herzens noch friſch und durch die Art des Verluſts ſeiner Geliebten wirklich ſchrecklich iſt! Zudem iſt er einer von je⸗ nen beneidenswerthen Schwärmern, die ſich mit einem ſeligen Wiederſehen nach dem Tode ſchmei⸗ cheln können. Für ihn iſt ſeine Lariſſa nicht todt; ſte iſt nur vorangegangen, und ſo muß er ihr wohl die Treue bewahren. Doch ungeachtet dieſer und mancher andern Schwärmereyen, die er mir aus den Lehrſätzen der Chriſten genommen zu haben ſcheint, — laß nur einige Zeit verfließen, bis die Neuheit des Eindrucks ſich verliert, laß die Reize Deines ange⸗ nehmen Umganges ſeinen Verſtand beſchäftigen, ſein Gemüth erheitern, laß ihn den Zauber Deiner Schönheit empfinden— und die Liebe zu einem lee⸗ ren Schattenbilde wird der Gegenwart weichen! Tiridates bringt Dir dieſen Brief. Erfreut ſich ſehr, Dich wieder zu ſehen, ſo ſehr, daß, wäreſt Du weniger, was Du biſt ich beynahe beſorgt ſeyn müßte. Er hat mir verſprochen, Dich und Deinen Vater zu bereden, daß ihr mit ihm zu mir herauskommen ſollt; und ſo erwarte ich denn in wenigen Tagen das allein ungetrübte Glück der Freundſchaft in Deinen Armen zu genießen. Leb wohl! Fünfter Brief. Agathokles an Phocion. Nikomedien im März 302. Di Friedenshoffnungen haben ſich zerſtreut, und der Kampf beginnt auf's neue. Das Heer hat Be⸗ fehl aufzubrechen, und ich gehe mit Tiridates, unter Galerius Fahnen zu dienen. Die Zurüſtungen ſind mit eben ſo viel Klugheit als Anſtrengung gemacht. Galerius hat unumſchränkte Macht, und es iſt zu hoffen, daß dieſes Jahr etwas Entſcheidenderes vor⸗ gehen werde. Immer iſt es Gewinn für den Gang der Angelegenheiten, wenn der höchſte Wille, die Macht und die Ausübung ſich in einem Punete ver⸗ einigen. Wir ziehen an das Ufer des Euphrats; dort wird wahrſcheinlich der erſte Schlag geſchehen. Ich folge dieß Mahl dem Heere nicht bloß aus Pflicht, ſondern auch in der Hoffnung, ſtrenge Be⸗ ſchäftigung, und in derſelben Aufheiterung zu fin⸗ den. Einſamkeit und Muße ſind nicht für ein Ge⸗ müth, das in dieſer Stille nur an Trauer und Ver⸗ luſt zu denken hat. Eine viel verſprechende, ſehr anziehende Be⸗ kanntſchaft habe ich noch in dieſen Tagen gemacht. Apelles, den ein Befehl ſeiner Vorgeſetzten nach Apamäa zurückrief führte mich vorher zu dem Bi⸗ ſchofe von Nikomedien, Eutychius. Ich fand an ihm einen Mann, der feine Lebensart, Menſchenkennt⸗ niß und prieſterliche Würde wohl zu vereinigen weiß. Ich errieth Apelles Wunſch: Eutychius ſollte vollen⸗ den, was er begonnen hatte. Noch kann ich nicht ur⸗ theilen, ob dieſe Wahl gut getroffen iſt; aber das öffentliche Zeugniß und Apelles Meinung ſprechen für Eutychius. Als ich zum zweyten Mahl bey ihm war, trat ein junger Mann, ungefähr von meinem Alter, ein, eine hohe, männlich ſchöne Geſtalt. Kraft, feſter Wille, beynahe Härte, ſprachen aus den bedeu⸗ tenden Zügen, den ſchmalen, feſtgeſchloſſenen Lip⸗ pen; nur in manchem Blick, in manchem Aufſchlag der großen blauen Augen, lag ein zarter edler Aus⸗ druck, der höchſt anziehend den feſten Ernſt des Ganzen milderte. Der Sohn des abendländiſchen Cäſars, Conſtantin! ſagte der Biſchof als er mich ihm vorſtellte, und auch ihm meinen Nahmen, nebſt einigen Umſtänden von mir, ſagte. Ein forſchender Blick, doch nicht ohne freundliche Güte, ſchien mein Innerſtes durchſchauen zu wollen; übrigens nahm er mich ſehr anſtändig auf. Der Biſchof wurde ab⸗ gerufen. Conſtantin blieb mit mir allein. Er ſprach wenig, aber gut. Du weißt, ich bin nie ſehr geſprä⸗ chig, am wenigſten mit Höheren; doch ſelbſt das We⸗ nige, was zwiſchen uns geredet wurde, reichte hin, uns einander achtungswerth und bekannter zu ma⸗ chen, als man es ſonſt gewöhnlich in der erſten Un⸗ terredung wird. Als der Biſchof zurückkam, fand er uns in einem Geſpräch über Gegenſtände, die in der jetzigen Zeit jedem wichtig ſeyn müſſen, der nicht bloß für den Augenblick lebt. Conſtantins Unter⸗ haltung ſtraft den erſten Eindruck, den ſeine Ge⸗ ſtalt macht, nicht Lügen; ſie hält mehr, als jener verſpricht. Wir haben uns ſeitdem öfters geſehen, und wer⸗ den es künftig noch mehr; denn er iſt von ſeinem Vater dem Schutze und Befehl des Cäſars Gale⸗ rius übergeben, und wir werden den Feldzug zu⸗ ſammen machen. Dieſe Ausſicht iſt ein Reiz mehr für mich, Nikomedien, ſeine Muße und ſeine Ver⸗ hältniſſe bald zu verlaſſen. Ich ſtehe mit einem tief verwundeten Herzen ſeltſam unter Menſchen, die eine ſolche gänzliche Umſtaltung des Innern für Schwärmerey halten, und nicht begreifen können, 3 daß unmöglich mehr alles ſo ſeyn kann, wie vor anderthalb Jahren. Dieſe Forderungen, ſo leiſe ſie angedeutet werden, fühle ich doch, und ſie drücken mich, beſonders dort, wo ich überall kein Recht zu Forderungen ſehes ſie verleiden mir den Umgang, den ich ſonſt geſucht haben würde, und verſchließen mir die kleine Ausſicht, die ich für Erheiterung und Zerſtreuung vor mir ſah. O daß die glücklichen, leichtherzigen Menſchen ſo ſchwer die Bedürfniſſe ei⸗ nes trauernden Gemüthes ahnen können! Ihnen iſt nur dort wohl, wo alles ſo leicht, ſo ſchwebend iſt, als in ihrem Innern! Was dieſem behaglichen Zu⸗ ſtand widerſpricht, was ihn zu ſtören droht, flie⸗ hen ſie aus einer Art von natürlicher Antipathie, und glauben an kein tieferes Gefühl, als das, was ſie begreifen können. Es wird mir ſehr wohl ſeyn, wenn ich einmahl die Stadt im Rücken haben, und mit Conſtantin und Tiridates dem kräftig wechſeln⸗ den Spiel des Lebens im Lager zueilen werde. Du lebe recht wohl, und ſieh mir freundlich nach, wenn in den geräuſchvollen Stunden, die meiner jetzt warten, meine Briefe ſeltner und kürzer ſeyn werden! ——— Sechſter Brief. —— Cneus Florianus, Centurio der Leibwache des Cäſars Conſtantius, an Conſtantin. Eboracum*) im März 302. Wenn ich Dein Herz nicht kennte, und von der Billigkeit ſowohl als dem Ernſte Deiner Denkungs⸗ art überzeugt wäre, ſo würde ich gewiß Bedenken tragen, ich, der Mann, den Jüngling, der Lehrer den Zögling, zum Vertrauten einer Angelegenheit zu machen, die ſonſt nur der junge Mann mit ſei⸗ nes Gleichen auszumachen haben ſollte. Noch mehr ſollte mich die Rückſicht abhalten, daß du ſelbſt, obgleich in der Blüthe der Jugend, und mit allen Anſprüchen auf ein Glück begabt, dem, in Deinen Jahren, ſo Manches aufgeopfert wird, dieß nie dafür erkannt, und den Neigungen von einer weicheren Art nie Eingang in deine See⸗ le geſtattet haſt. Doch mit aller dieſer Kälte gegen Agath. II. Th. 8 die Liebe weiß ich Dein Herz der Freundſchaft fähig. und ſo lege ich meine Sorgen und mein Bekennt⸗ niß offen in Deine Hand. Du wirſt Dich des Aſinius Ponticus erinnern, den ſeine Geſchäfte oft mit üns in Verbinduns brachten. Als Du Brittannien verlaſſen, und mein Herz und meine Zeit öde gemacht hatteſt, beſuchte ich zuerſt aus Bedürfniß der Zerſtreuung ſein Haus öfters. Er und ſeine Frau waren Heiden, aber rechtliche und einfache Menſchen; ſie erzogen eine Pflegetochter, Valeria, ein liebliches Geſchöpf auf der Gränze zwiſchen Kind und Jungfrau mit großer Sorgfalt und Liebe. Des Schulmeiſterns gewohnt, zog ich bald dieß Kind an mich, und es war mir„ eine angenehme Beſchäftigung, dieſes empfängliche Gemüth zum Guten zu bilden. So vergingen drey Jahre in ungeſtörter Ruhe; aber unbemerkt war während meiner Anweiſungen das Kind ganz ver⸗ ſchwunden, und die Jungfrau ſtand blühend, ver⸗ ſchämt und bedeutend vor mir. Es waren andere Regungen, die nun mein Herz gegen ſie bewegten, und ich fühlte die Nothwendigkeit, hier mit Ernſt und Feſtigkeit abzubrechen. Aber bey dem erſten Verſuche entdeckte ich, daß auch das ihrige ſich ſei⸗ ner bewußt zu werden anſing, und daß Dankbar⸗ keit, täglicher Umgang, und das überſtrömende Be⸗ dürfniß, ſich innig an ein theitks Weſen anzuſchlie⸗ ßen, alle edleren Neigungen desſelben auf den näch⸗ ſten Gegenſtand, den überraſchten Lehrer, geheftet hatten. Mich hatte in Rückſicht ihrer der große Un⸗ terſchied der Jahre und der Gedanke ſicher gemacht, daß ein Mann von meiner Denkart und meinem Betragen keine Anſprüche an die zärtliche Empfin⸗ dung eines Mädchens von ſechzehn Jahren machen könnte. Deſto heftiger und tiefer war der Eindruck, den dieſe Entdeckung in mir hervorbrachte, und ich erröthe nicht, zu geſtehen, daß ich im achten Lu⸗ ſtrum ³) des Lebens Valeriens Gefühle mit glei⸗ chem Feuer erwiederte. Ich erwog ihre Umſtände, die ich genau zu kennen glaubte, ich ſtellte ihr Herz auf mehr als Eine Probe, ich durchſpähte jede Fal⸗ te des meinigen, und nach einer beſonnenen ſberle⸗ gung, wie ſie dem Manne wohl ziemt, gab ich mich endlich dem reizenden Zuge hin, der mit jedem Ta⸗ ge mich feſter an das S⸗ Mädchen, ſie inniger an mich band. Ich dachte nun dattuß ſie ganz für mich zu bil⸗ den, das heißt, ich verſuchte i in dem heiligſten und wichtigſten Punecte meine überzeugung zu der ihri⸗ gen zu machen. Ihr kindlich frommer Sinn kam mir auf halbem Wege entgegen, und machte mir das Vorhaben, ſie in die Geheimniſſe unſerer Reli⸗ 3* gion einzuweihen, zum anziehendſten aber auch zum bindendſten Geſchäfte. Nun erſt, als unſere Seelen zu Einem erhabenen Weſen emporſtrebten, und ſie Theil an allen Segnungen nahm, die das ſchöne Vorrecht der Chriſten ſind, nun erſt fühlte ich mich innig und untrennbar mit ihr vereinigt, und jetzt entdeckte ich den ültern meine Wünſche. Der Schre⸗ cken, mit dem Aſinius meine Bewerbung aufnahm, zeigte mir ſchnell mein Unglück. Valeria war nicht die Tochter eines ſeiner Verwandten, wie ich und die Welt bisher geglaubt hatten, und ihre Geburt, der Stand ihres Vaters, der noch lebte, von ſolcher Art, daß es eben ſo unmöglich war, ohne ſein Wiſ⸗ ſen über ſie zu beſtimmen, als vergeblich, ſeine Ein⸗ willigung zu dieſer Verbindung zu hoffen. Dioele⸗ tian, als er vor achtzehn Jahren auf einem Zuge nach Brittannien gekommen war, hatte ihre Mut⸗ ter, die Tochter eines eingebornen Fürſten, kennen gelernt, und— geliebt kann man wohl von ſol⸗ chen Empfindungen nicht ſagen— aber dem Prä⸗ fecten der Prätorianer, in dem man mit Recht den künftigen Kaiſer ahnete, widerſtand vielleicht ſelten ein Herz oder eine Tugend. Die Fürſtinn ſtarb bey der Geburt des Kindes, und Valeria wurde der ge⸗ prüften Treue einer Kammerfrau übergeben. Dieſe reichte darauf dem Aſinius Ponticus ihre Hand, 3 und theilte ſich mit ihm in die Liebe und Pflege die⸗ ſer Verlaſſenen, die ſie den Mangel der Altern ſo wenig empfinden ließen. Als Diveletian den Thron beſtieg, und ihm Aſinius Nachricht von dem Daſeyn ſeiner Tochter, und unzweifelhafte Beweiſe für die Wahrheit dieſer Behauptung ſandte, gab ihr der Kaiſer den Nahmen, den er ſelbſt bey der Thronbe⸗ ſteigung angenommen hatte, und befahl, ſie in der Stille und unbekannt zu erziehen, bis es ihm ge⸗ fallen würde, ſie anzuerkennen. Ich wußte nun mein Schickſal, und beſchloß, es männlich zu tragen. Ich entſagte Valerien, und ent⸗ deckte ihr die Urſache. Ihre Liebe war ſtärker, als ihre Beſinnung. Sie wollte nichts von Trennung wiſſen; ſie war entſchloſſen, mit mir zu fliehen, und allen ſchimmernden Ausſichten, die ihre Geburt ihr öffnete, ohne die geringſte Reue zu entſagen. Du wirſt nicht fordern, daß ich Dir die Kämpfe und ſchmerzlichen Siege dieſer Zeit, die ſo tiefe Spuren in meinem Gemüthe hinterlaſſen haben, genau ſchil⸗ dern ſoll. Der ſchwerſte aus allen war der gegen Valeriens Liebe und rückſichtsloſe Aufopferung. Ih⸗ re Pflegeältern ſahen die Gefahr, ſie fürchteten von Valeriens allzuheftiger Leidenſchaft vielleicht kühne Schritte, oder zitterten vor dem Zorne des Augu⸗ ſtus— Gott weiß, was die Urſache war— genug, —— vor fünf Monathen verſchwanden ſie ſammt Vale⸗ rien plötzlich aus Eboracum, und ſehr wahrſchein⸗ lich auch aus der ganzen Inſel. Wenigſtens waren alle meine Nachforſchungen, durch Deines Vaters Anſehen unterſtützt, vergeblich, und ich habe mehr als einen Grund zu glauben, daß ſie Brittannien verlaſſen haben. Ich wende mich nun an Dich. Ich habe alle Hoffnung aufgegeben; aber ich wünſchte Valeriens Schickſal zu kennen. Du biſt am Hofe des Auguſtus: o ſo ſuche nur zu erfahren, ob bloß Beſorgniß der Altern, oder ein unmittelbarer Be⸗ fehl des Kaiſers die Urſache dieſer eiligen Flucht war! Ich bin verſichert, daß ich Nachrichten erhalten werde, wenn Du ſelbſt Dir welche verſchaffen kannſt. Ich weiß, daß ſie zu nichts führen werden, denn ich habe entſagt; aber es ſtört meine Ruhe, nichts von einem Weſen zu wiſſen, das ſo innig mit mir verbunden war, das ich als einen Theil meiner ſelbſt betrachte, und an deſſen Unglück ich vielleicht die größere Hälfte der Schuld trage. Das iſt es, was mich quält. Leb wohl, Conſtantin, und er⸗ freue mich bald mit einem Brief! Wenn er auch nichts von Valerien enthält, ſo finde ich ½ Dein Herz darin. Siebenter Brief. Conſtantin an Cneus Florianus. Nikomedien im Aprill 302. E⸗ gibt Verhältniſſe im menſchlichen Leben, be⸗ ſonders in den höheren Regionen desſelben, die, wie die Flügel des Schmetterlings, von weiten mit ſchönen Farben prangen, die man aber nicht kräf⸗ tig anfühlen und unterſuchen muß, wenn nicht der Glanz verſchwinden, und ein trübes unſcheinbares Gewebe übrig bleiben ſoll. Von dieſer Art, mein väterlicher verehrter Freund, iſt mein Verhältniß an dem hieſigen Hofe zu den Menſchen, die den näch⸗ ſten und unmittelbarſten Einfluß auf mein Schick⸗ ſal haben. Schon lange fühlte ich das; und daß ich es weder Dir, noch meinem geliebten Vater entdeckte, war— vielleicht Stolz, vielleicht die Erkenntniß, daß dieſe Entdeckung zu nichts führen könnte, als euch am fernen Ufer der Thamiſis über — 4d— Umſtände zu beunruhigen, die nur der Gegenwär⸗ tige mit Beſtimmtheit durchſchauen, und mit Kraft zu ſeinem Vortheil lenken kann. Dein Brief, in welchem Du ſo Manches von meinem Einfluſſe zu hoffen ſcheinſt, hläſt die Aſche von der verborge⸗ nen Gluth, und ich zeige Dir nun mich ſelbſt, und meine Verhältniſſe, wie ſie ſind. Mein Vater hat mich dem Schutze, der Sorge des Cäſar Galerius übergeben; und es ſind, ſeit ich aus Deinen Ar⸗ men ſchied, drey ganz leidliche Jahre verſtrichen, in welchen er ſoziemlich die Rolle eines zwar ſtren⸗ gen, aber beſorgten Vaters gegen mich behauptete. Auf die Länge wurde ihm entweder die Rolle zu lä⸗ ſtig, oder er fand den Pflegeſohn nicht ganz ſo ge⸗ ſchmeidig, als er ſich im Anfang den unerfahrnen Brittanniſchen Jüngling gedacht haben mochte. Die Sorge verſchwand, die Strenge blieb, und aus dem Vater würde nach und nach ein deſpotiſcher Herr geworden ſeyn, wenn nicht zu dieſem Verhält⸗ niß zwey Weſen erforderlich wären: ein gebiethen⸗ des, und eines, das ſich gebiethen läßt. Der Sohn des abendländiſchen Cäſars fühlte ſich durch Geburt, Natur und Glück nicht ſo tief unter dem morgen⸗ ländiſchen; er ſah eine ruhmwürdigere Ausſicht vor ſich aufgethan, als ſein Leben im Sonnenſchein fremder Hoheit zu verflattern, und ſich mit dem hohlen Anſehen und kindiſchen Schimmer zu be⸗ gnügen, mit dem ihn Galerius ſo ſchlau als ver⸗ ſchwenderiſch umgab. Das erzeugte Furcht, und Furcht gebiert den Haß. Galerius haßt mich, aber er fürchtet mich auch. Er umgibt mich mit Spio⸗ nen; es koſtet manches Mahl Nachſinnen und ge⸗ ſpannte Aufmerkſamkeit, einen Brief von hier aus durch die weiten Römiſchen Provinzen, die ſeinem Zepter gehorchen, bis nach Eboracum unentdeckt, unerbrochen zu bringen. Dieſer iſt einer von den glücklichen, der ſeinen Spähern entgehen wird, und darum enthalte er, was viele ſeiner Vorgänger nicht enthalten konnten. Du haſt in dieſer treuen Schilderung meiner Lage zugleich die Urſache, warum es mir nicht möglich war, in Deiner Angelegenheit thätig zu ſeyn. Diocletians vorzüglichſte Tugend iſt Ver⸗ ſchloſſenheit und Verſchwiegenheit. Indeß ſoll die Kaiſerinn Priſca mit der ehemahligen Königinn des Olymps nicht bloß die Eigenſchaft gemein ha⸗ ben, die Gattinn des Weltgebiethers zu ſeyn, und der Auguſtus ſoll ſich öfters gezwungen geſehen haben, manche ſeiner Freuden vor dem Blicke ſei⸗ ner Juno geheim zu halten. Unter dieſen Verhält⸗ niſſen iſt es ſchwer, Erkundigungen über eine ſo verborgene Geſchichte einzuziehen, beſonders dort, wo jeder Schritt belauſcht, und jeder entdeckte zu den unangenehmſten Verwickelungen führen wür⸗ de. Ich kann nur mit der größten Vorſicht zu Wer⸗ ke gehen, und alles, was ich bisher erfahren konn⸗ te, iſt, daß Aſinius Ponticus mit zwey Frauen, die man nicht kannte, bey den letzten Saturnalien in Coloniä Agrippinä geſehen wurde. Von dort ſoll er ſich nach Mantua gewendet haben. Sobald ich mehr erfahre, wird es mir das theuerſte Ge⸗ ſchäft ſeyn, Dich zu benachrichtigen, wo ich mich auch immer befinden möge; denn wir brechen in drey Tagen auf, um uns zu dem Heere zu bege⸗ ben. Dein Vertrauen hat mich ſehr geehrt; ich werde desſelben würdig zu bleiben ſtreben, und je⸗ de Gelegenheit ergreifen, um Dir zu beweiſen, wie unauslöſchlich das Gefühl iſt, das in meiner Bruſt gegen Dich glüht, dem ich die zwey köſtlichſten Ga⸗ ben danke, die der Menſch dem Menſchen geben kann— freye Liebe, und Anleitung zum Guten. Leb wohl! Achter Brief. Calpurnia an ihren Bruder, Lucius Piſo, in Rom. Nikomedien im Aprill 302. Wenn der Menſch nur nichts erwartete! Wenn man ſich nur abgewöhnen könnte, der Zukunft mehr zuzutrauen, als der Gegenwart! Aber ſo ſind wir nun. Immer blicken wir in die Ferne, vorwärts, und kein Beſitz wirklicher Güter dünkt uns ſo reizend, als die ſchimmernden Freuden, die uns von Weitem im magiſchen Lichte der Einbil⸗ dungskraft entgegen glänzen. Was ich mir mitrecht kindiſchem Sinne für Vorſtellungen von dieſem Ni⸗ komedien und den Freuden machte, die ich hier fin⸗ den würde! Was ich mir für Geſchichten erzählte, für Scenen träumte! Es iſt Nichts, eitel Nichts. Ich bin hier keinen Augenblick beſſer daran, als in Rom, ſchlimmer vielmehr, denn ich bin hier fremd und allein. O wer mir das geſagt hätte, als ich mit fröhlichem Muthe in das Schiff ſtieg, als nur der Abſchied von Dir mich Thränen koſtete, und ich mit hoffnungsreicher Seele die ſchönen Ufer He⸗ ſperiens*) nach und nach verſchwinden ſah! Ja, das iſt's eben; der Menſch iſt zur Täuſchung gebo⸗ ren. Das wahre Glück iſt nirgends als in ſeiner Einbildungskraft. In dieſer genießt er es voraus; ſo darf er es denn von der lauen unbedeutenden Gegenwart nicht fordern. Er hat ſeinen Lohn da⸗ hin, wie die Chriſten zu ſagen pflegen. Hier gibt es erſtaunlich Viele von dieſer Secte; ſelbſt die Gemahlinn des Cäſar Galerius, Valeria, ſoll dazu gehören. Das iſt auch eine Urſache mehr, die mir den hieſigen Aufenthalt verleidet. Es ſind kopfhängeriſche traurige Menſchen, die in den un⸗ ſchuldigſten Vergnügungen Gift ſinden, und ſich aus den unbedeutendſten Handlungen ein Gewiſſen machen. Auch nur ein Körnchen Weihrauch auf den Altar einer unſerer Gottheiten zu ſtreuen, auch nur einen Biſſen Opferfleiſch zu eſſen, iſt ihnen ein to⸗ deswürdiges Verbrechen. Auch leiden ihn manche lieber, als ſie das thun. Ihr Gott muß ein ſtren⸗ ges, eiferſüchtiges Weſen ſeyn. Da lobe ich mir unſere Götter und Göttinnen. Eine unzählbare Menge dieſer harmloſen Weſen bevölkert Himmel, Erde und Meer. Sie ſtreiten nicht unter einander, ſie beneiden einander ihre Opfer nicht, ſie nehmen gaſtfrey jeden Fremdling ihrer Art aus den entfern⸗ teſten Gegenden unter den abenteuerlichſten Ge⸗ ſtalten auf; ſey es Zwiebel, Sperber, Affe, 6) ein Ungeheuer mit hundert Brüſten, oder ein Ideal menſchlicher Schönheit. Alles dulden ſie, Jedem gönnen ſie ein Plätzchen; dafür duldet man auch ſie. Glauben kann ſie kein vernünftiger Menſch; aber der Pöbel bedarf dieſes Spielwerks. So laßt es ihm, und thut, was euch euer Herz zu thun erlaubt! Doch was ereifere ich mich um Dinge, die mich nichts angehen, die ich mir eben aus dem Sinne ſchlagen will? Ach, liéber Bruder, das iſt die Wirkung der Nikomediſchen Luft. Wenn man von nichts als Religionsſtreitigkeiten hört, wenn dieſe Ideen alle andern verſchlingen, jedes Geſpräch verderben, ſo wird man zuletzt ſelbſt mit hinein⸗ gezogen, und nimmt, ſo ungern man es auch thut, doch endlich Partey, dafür oder dawider. Auch Agathokles iſt von dieſem Schwindel er⸗ griffen; und ich fürchte faſt, er iſt weit mehr Chriſt, als er ſelbſt geſteht. Du ſollteſt ihn jetzt für die Reinheit und Erhabenheit dieſer Lehre, für die beſeligenden Wirkungen ſprechen hören, die er ſich .— 6— von ihr für die Menſchheit verſpricht! Oft muß ich lächeln, noch öfter ärgere ich mich; zuweilen gelingt es aber dem Schwärmer, mich für einen Augenblick hinzureißen. Meinen Vater hat er ſchon ziemlich auf ſeiner Seite. Eigentlich hat er nur den Gegenſtand gewechſelt, und was ihm ſonſt das alte Rom und die Republik waren, iſt ihm jetzt das Chriſtenthum, von deſſen Verbreitung er ſich Erſatz für jene verlornen Tugenden, und die An⸗ regung aller beſſern Kräfte im Menſchen verſpricht. übrigens habe ich ihn ſehr verändert gefun⸗ den, ſo verfallen, ſo bleich, daß ich über ſeinen er⸗ ſten Anblick erſchrack. Das hat die Liebe aus die⸗ ſem Manne gemacht. Und ſie ſollte eine beglücken⸗ de Empfindung ſeyn? Nimmermehr! Ich habe nur erſt kürzlich noch ein trauriges Beyſpiel von ihren Verheerungen geſehen, und hätte ich ſie je für et⸗ was Gutes halten können, ſo würden Sulpicia und Agathokles meinen Wahn heilen. Es ſind nun zehn Tage, als Tiridates zu uns kam. Er ſieht blühend und ſchön aus, ſchöner als ich ihn je ſah, und aus den jugendlichen Zügen ſtrahlten Kraft, Muth und Lebensfreude. Er brachte mir einen Brief von Sulpicien. Ein ſeltſames Gemiſch von anſcheinendem Glücke und geheimer Wehmuth ſprach aus ihm. Sie bath mich, ſie das einzig ungetrüh⸗ te Glück der Freundſchaft genießen zu machen, und ſie zu beſuchen. Sie ſchrieb mir, daß ſie zu krank ſey, um zu mir zu kommen. Mein Entſchluß war ſchnell gefaßt. Mein Vater hatte nicht Zeit, mich zu begleiten. Ich ſagte dem Prinzen von Arme⸗ nien, daß ich am folgenden Tage mit ihm nach Synthium zurückkehren würde; um aber doch nicht ganz allein mit ihm zu ſeyn, bath ich Agathokles, mich zu begleiten. Der ſeltſame Menſch! Statt ſich durch das Vertrauen geehrt zu finden, das ich auf ihn und die Achtung, in der er überall ſteht, zu ſetzen ſchien, wagte er es, einige Bedenklichkei⸗ ten gegen die Reiſe eines jungen Mädchens mit zwey unverheiratheten Jünglingen vorzubringen, und ergab ſich nur, als er mich unerſchütterlich und unempfindlich gegen alles fand, was die Stadt über mich zu klatſchen belieben würde. Dennoch geſiel mir dieſe Sorge für meinen Ruf, die Freymüthig⸗ keit, mit der er ſie äußerte, und mehr noch als vor⸗ hin fühlte ich mich, von dieſem Augenblicke an, durch ſeine Begleitung geehrt, und vor jedem un⸗ gerechten Tadel geſchützt. O wie liebenswürdig könnte er ſeyn, wenn er minder vollkommen, min⸗ der überſpannt ſeyn möchte! Wir reiſten nach Synthium. Mich trugen mei⸗ ne Cappadocier 6) in einer offenen Sänfte; meine Gefährten ritten jangſam neben mir. Es war ein lieblicher Frühlingsmorgen, die Gegend um uns freundlich, die Luft lau, der Himmel heiter, alles zu Luſt und Fröhlichkeit geſtimmt. Scherz und La⸗ chen verkürzten die lange Zeit der Reiſe, ſogar der ernſte Freund widerſtand nicht dem Zauber, der durch alle Sinne in ſein Herz drang; er gab ſich dem fröhlichen Zuge hin, der ihn mit fortriß, und ſo kamen wir alle vergnügt und heiter in Synthium an. Ach, die ſchöne Stimmung verſchwand bald! Sulpicia kam uns entgegen, ein Bild des geheimen Grams, in der kurzen Zeit um zehn Jahre gealtert. Nun ward mir auf einmahl vieles klar. Ich war kaum einige Tage in Nikomedien geweſen, als das Stadt⸗ geſchwätz mich von einigen neuen Liebesgeſchichten des leichtſinnigen Tiridates unterrichtete, undzugleich mit liebloſem Spotte ſeines abenteuerlichen Verhältniſſes mit einer entlaufenen Römiſchen Matrone erwähnte. Man wußte nicht, wie nahe mich das Verhältniß anging, ſonſt würde man wohl vor mir geſchwiegen haben. Hier fand ich die Be⸗ ſtätigung von dem, was ich früher nicht glauben wollte. Doch muß ich Tiridates die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß er wenigſtens in Sulpiciens Gegenwart keinem Tadel unterliegt. Er begegnet ihr mit der zarteſten Achtung und der liebevollſten * Aufmerkſamkeit. Sie ſcheint auch vollkommen zu⸗ frieden; es entwiſcht ihr keine Klage, kein Blick, der auf den wahren Zuſtand ihres Herzens ſchlie⸗ ßen ließe. Selbſt als wir allein waren, und ich ſie dringend befragte, geſtand ihr Mund nichts, aber eine heftige Bewegung, ein leiſes Zittern, das ih⸗ ren ganzen Körper ergriff, zeigte nur zu deutlich, wie ſehr ſie ihre Lage kennt und fühlt. Aber geſte⸗ hen wird ſie es nie, ſo kenne ich ſie, und ſich lieber im ſtillen Gram verzehren, als zugeben, daß ihr Schritt, mit Tiridates zu entfliehen, unüberlegt war. Ich beklage ſie herzlich; aber ich kann ſie nicht ganz entſchuldigen, eben ſo wenig, als ich ihn ganz verdammen kann. Sieh, lieber Lucius, ich bin bil⸗ lig, ich erkenne alle eure Untugenden, Schwächen und Laſter, aber die Wahrheitsliebe erlaubt mir nicht, alle Schuld auf die männlichen Schultern, (die zwar von der Natur eigentlich darum ſo ſtark gebaut ſcheinen) zu wälzen. Sulpiciens Liebe iſt nicht die leichte heitere Flamme, die überall Leben und Freude verbreitet, jedes Verhältniß verſchö⸗ nert, den gemeinſten Dingen Bedeutung, den ent⸗ fernteſten eine angenehme Beziehung gibt, in deren mildem Schein der Mann ſein Leben froh verflat⸗ tert, und ſich ſelbſt in ſeinen Entbehrungen glück⸗ Agath. II. Th. 4 lich fühlt. Ihre Liebe iſt ein dunkel loderndes ver⸗ zehrendes Feuer, das mit eiferſüchtigem Stolz je⸗ des Wort, jeden Blick bewacht, aus Allem Gift ſaugt, und ohne Rückſicht dieſelbe grenzenloſe Hin⸗ gebung, dieſelbe geſpannte Aufmerkſamkeit fordert, die ſie ſelbſt leiſtet, und über die ſie ſich ein hochmü⸗ thiges Zeugniß gibt. Ach! Sulpicia kennt euer Ge⸗ ſchlecht nicht, und hört den Rath derjenigen nicht, deren Erfahrungen ſie belehren könnten. Das Weib, das dem Geliebten die ganze Fülle ihrer Liebe zeigt, handelt höchſt unklug; diejenige aber, die von ihm eine gleiche Stärke und innige Erwiederung for⸗ dert, zeigt, daß ſie nicht die geringſte Menſchen⸗ kenntniß hat. Tiridates iſt jung, ſchön, beliebt und geſucht; tauſend lockende Abenteuer, tauſend üppige Geſtal⸗ ten winken ihm auf allen Seiten: und er ſoll die Herkuliſche Kraft beſitzen, dem Allen zu widerſte⸗ hen, und aus dieſen ſchimmernden Freudenkreiſen freudig und ohne Rückblick in die Arme ſeiner krän⸗ kelnden, verblühten, verſtimmten Geliebten zu flie⸗ gen? Wahrlich, das iſt zu viel von einem ſo ge⸗ brechlichen Weſen gefordert. In wenig Tagen wird er zum Heere abgehen; denn der Feldzug iſt ſchon eröffnet. Nun wird Sulpiciens Qual verdoppelt beginnen. Ich fürchte * .— 51— mich darauf, ſie nach ſeinem Abſchiede wieder zu ſehen, wenn Entfernung, Ungewißheit und Furcht ihr ohnehin bewegtes Gemüth in noch heftigere Spannung bringen werden. Auch Agathokles wird mit ihm Nikomedien ver⸗ laſſen. Dann bin ich ganz einſam in der großen menſchenvollen Hauptſtadt. Er eilt dieß Mahl ſehr, fortzukommen; es iſt, als brennte hier der Boden unter ſeinen Füßen. Nun wahrlich, von dem Feh⸗ ler der Eitelkeit, wenn ich ihn je gehabt hätte, würde ich hier ganz geheilt werden müſſen. Schreibe mir bald und oft, lieber Bruder! Deine Briefe werden eine liebe, eine höchſt noth⸗ wendige Abwechslung in das tödtende Einerley bringen, in welchem mein Leben hier dumpf ver⸗ ſchleicht. Wahrlich, wenn ſich das nicht bald ändert, ſo werde ich meine ganze Munterkeit verlieren, und ein Gegenſtück zu Sulpicien werden. Leb wohl! Reunter Brief. Agathokles an Phocion. Hierapolis*) im May 302. Ein⸗ mörderiſche Schlacht iſt vorüber, in der Tau⸗ ſende ihr Leben verloren haben, in der auch mir der Tod furchtbar nahe war, und ohne Conſtan⸗ tins heldenmüthige Liebe mich unter die Myriaden ſeiner Opfer geriſſen hätte. Wir ſind geſchlagen, und ſtehen am rechten Ufer des Euphrats. Das Lager iſt bey Hierapolis aufgeſchlagen; ich aber bin meinem Feldherrn, meinem Retter in die Stadt gefolgt, wohin ihn ſeine Wunde ſich bringen zu laſſen nöthigte, ſeine Wunde, die er für mich em⸗ pfangen hatte. Er ſchläft im anſtoſſenden Zimmer, und ich eile, Dir Bericht von unſerm Schickſal und meinem Leben zu geben, damit kein vergrößerndes Gerücht Dich beunruhigen, und bey der Gewißheit unſerer Riederlage mein Schweigen Dich mit Sor⸗ ge um mich erfüllen möge. Galerius, der ſchon das vorige Jahr vergebens auf eine Gelegenheit geharrt hatte, Valerians ſchimpfliches Ende und die Schmach des römiſchen Nahmens durch einen entſcheidenden Sieg an den Perſern zu rächen, ſuchte jetzt, vielleicht mit mehr Haſt als Klugheit, eine Schlacht zu liefern. Ein unglückliches Verhängniß hieß ihn die unabſeh⸗ lichen Sandgeſilde von Carrhä 3) zum Schaupla⸗ tze wählen, wo ſchon einſt Craſſus mit ſeinen Le⸗ gionen in dem verrätheriſchen Boden und der glü⸗ henden Hitze ſeinen Untergang gefunden hatte. War er falſch berichtet, oder traute er ſich allzu viel zu, genug, er griff wider den Rath aller ſei⸗ ner Kriegsoberſten die weit überlegenen Perſer wüthend an. Das Gefecht wurde heiß; die Römer erkannten die überzahl der Feinde, ihre Gefahr, aber auch die Ehre ihres Nahmens, und die Schmach, die ſie zu rächen hatten. Es wurde mit unerhörter Tapferkeit geſtritten; allein der ſandige Boden wich treulos unter unſern Füßen, und der ſenk⸗ rechte Sonnenſtrahl entglühte unſere Rüſtungen zur unerträglichen Laſt. Die Perſer, ſtets durch friſche Schaaren erſetzt, erneuten ſich unaufhörlich, wie das Haupt der Hydra, und bothen unſern mü⸗ den Armen immer friſche Gegner dar. Ihre ganze Macht warf ſich auf den Mittelpunkt unſeres Hee⸗ res, wo Galerius befahl; er wurde durchbrochen, und nun war Verwirrung und Unordnung allge⸗ mein. Nur Conſtantin hatte Beſonnenheit und Mäßigung genug, um ſeine Schaaren, unverwirrt von dem allgemeinen Lärmen, in feſtgeſchloſſenen Gliedern gegen die Brücke zu ziehen, die über den Euphrat führt, und in ihr die Hoffnung unſres Rückzugs zu erhalten. Die zerſtreuten Haufen flo⸗ hen jetzt in wilder Haſt dem Strome zu, und viele fanden in den Fluthen ihr Grab. Tiridates, auf den, als die Haupturſache des Krieges, jeder Perſer ſeine Aufmerkſamkeit gerichtet hielt, und der, zu ſtolz, eine unrühmliche Sicherheit durch Verklei⸗ dung zu erkaufen, an Waffen, Helmbuſch und der Heroengeſtalt vor Allen kenntlich, auch jetzt noch durch die Reihen ſprengte, und erhielt, was noch zu erhalten war, ſah ſich auf einmahl allein von einem großen Tupp Perſer umringt. Widerſtand war nicht möglich. Er gab dem Pferde die Spor⸗ nen, und ſprengte an den Euphrat ⁵). Die Fein⸗ de hatten ihn ereilt, keine Rettung blieb, als in den Wogen. Er ſtürzte mit der ganzen Rüſtung in die ſchäumende Fluth. Ich hielt ihn für verlo⸗ ren; aber mit Rieſenkraft kämpfte er gegen das Clement, und erreichte das ziemlich ferne Ufer, wo ihn die Unſrigen mit lautem Freudengeſchrey empfingen. Jetzt ſuchten die Perſer unſerm klei⸗ nen Haufen den übergang zu erſchweren; aber Conſtantin vertheidigte die Brücke mit eben ſo viel Beſonnenheit als Muth. Da ſprengte der Anfüh⸗ rer der Feinde heran. Conſtantins ſchlichte Rü⸗ ſtung mochte ihn getäuſcht habenz er hielt mich für ſeinen Gegner, und in der Hoffnung, die Spo⸗ liä opimä 20) zu erbeuten, zuckte er ſein Schwert über mich. Ich ſtand abgewendet, der gewaltige Streich hätte mich tödten müſſen, wenn nicht Con⸗ ſtantin mit Schild und Arm ihn aufgefangen hätte. Im Augenblick der Rettung erſt erkannte ich meine Gefahr; ich wandte mich, und mein Schwert räch⸗ te die Drohung, und Conſtantins Wunde. Der Perſer fiel, die Seinigen zerſtreuten ſich; wir ſprengten ungehindert über die Brücke, die ſogleich hinter uns abgeworfen wurde, und erſt hier, als wir von unſern Pferden ſprangen, fand ich den Augenblick, meinem Retter zu danken. Auch er fühlte erſt jetzt ſeine Wunde, und ſank halb ohn⸗ mächtig in meine Arme. Wir hielten uns feſt um⸗ ſchlungen. Du biſt mein, rief er: Ich habe Dich mit meinem Blute erkauft. Ich drückte ihn an mein Herz; unſere Seelen, nicht unſere Lippen, ſchwuren ſich ewige Treue. Ich trug ihn aus dem Gewühle; ſeine Leute eilten herbey, und was Liebe und Er⸗ gebenheit erſinnen konnten, wurde aufgebothen, um ſeinen Zuſtand zu erleichtern. Seine Wunde iſt tief, aber nicht gefährlich. Ich lebe um ihn, ich ſchlafe an ſeiner Seite, tauſend kleine Bande knü⸗ pfen uns jeden Tag feſter, und mein Herz öffnet ſich willig und freudig erhebenden Gefühlen, Aus⸗ ſichten und Planen, die Conſtantins Verhältniſſe, ſeine Denkart, ſeine Freundſchaft für mich, mir in ſchönerer Zukunft zeigen. In weit umfaſſenden Ent⸗ würfen für die Menſchheit verliert ſich die Rückſicht auf einzelnen Schmerz, und vor dem lauten Rufe der Pflicht für's Ganze verſtummt die Stimme bitterer Erinnerungen, wenigſtens in ſo langen Zwiſchenräumen, daß der Geiſt Zeit und Kraft gewinnt, um den Satz deutlich zu erkennen, den man in guten Stunden ſo leicht ausſpricht, und in trüben ſo ſchmerzlich zugibt, den Satz daß Glück⸗ ſeligkeit nicht der Zweck des Einzelnen ſey, um ſei⸗ ne vielen Entſagungen und geringen Anſprüche dar⸗ nach einzurichten. Zehnter Brief. Conſtantin an Cneus Florianus. Hierapolis im Junius 302. Viueicht hat das tauſendzüngige Gerücht meinen geehrten Vater, und Dich, meinen väterlichen Freund, mit dem Unglücke und der Niederlage unſe⸗ res Heeres bekannt gemacht, ehe dieſer Brief den wei⸗ ten Raum zwiſchen den Ufern des Euphrats und der Thamiſis zurücklegt. Auf jeden Fall werden die ämt⸗ lichen Berichte des Diocletian und Galerius meinen Vater ſchon weitläufig von den Umſtänden dieſer unſeligen Begebenheit unterrichtet haben; ich ent⸗ halte mich alſo aller näheren Beſchreibungen. Und die Urſache unſeres Unglücks? Die Unzufriedenheit der Offiziere und Soldaten flüſtert ſie ſich leiſe in's Ohr. Ich werde ſie niemanden nennen, als meinem Vater und Dir; denn nur Ihr kennt mich ſo, daß natürlicher Widerwille gegen einen heimlichen Feind 8— 58— die Stimme der Billigkeit nicht in mir übertäubt. Ich war Zenge, Theilnehmer der Schlacht. Nur ein ſtürmiſch heftiges Gemüth, wie Galerius, konn⸗ te durch das Andenken an alte Schmach ſo erhitzt werden, um mit einem ungleich ſchwächeren Hee⸗ re und in ungünſtiger Stellung anzugreifen. Jetzt breitet der ſtolze Perſer die ſchimmernden Gezelte weit dießſeits der Gegend aus, wo vor einem Mo⸗ nathe die römiſchen Adler ſtanden. Wir ſind am rechten Ufer des Euphrats. Dioeletian, der ſich zu Anfang des Feldzugs in Antiochien aufhielt, iſt jetzt nach Nikomedien zu⸗ rückgegangen. Er hat dem Cäſar die ganze Schwe⸗ re ſeines Zornes fühlen laſſen*¹). Zu Fuß, im Purpur, der in dieſem Augenblicke den Stachel des Schimpfes ſchärfte, mußte der ſtolze Galerius eine Stunde weit dem Wagen des Kaiſers folgen. Es wäre thöricht und anmaßend von einem Jünglinge, das Verfahren verſtändiger Greiſe, deren gemein⸗ nützige Klugheit achtzehn glückliche Jahre bewährt haben, laut tadeln zu wollen. Doch kann ich nicht bergen, daß mir dieſe außerordentliche Beſtrafung, die mehr von einem Durſt nach Rache, als einer weiſen Abſicht zu beſſern zeugt, nicht in Dioecletians gewöhnlichem Charakter zu liegen ſcheint. Entwe⸗ der hat ihn ſeine Kränklichkeit reizbarer gemacht, — 59— oder es hat der Liſt und den Ränken gelungen, die langgenährten Funken der Zwietracht endlich in eine helle Flamme ausbrechen zu machen. Galerius iſt ſchlau und ſtolz genug, um ſeine Demüthigung mit Gelaſſenheit zu ertragen, und vor der Welt durch Unterwerfung unter den Willen ſeines Au⸗ guſtus ſie als eine väterliche Züchtigung minder entehrend ſcheinen zu machen. In ihm kochen Ra⸗ che und Wuth. Er haßt den Auguſtus, er haßt auch mich; und ich kann Dioeletian eben ſo wenig lieben, wie er. So ſtehen wir einander entgegen, jeder gerüſtet, jeder mißtrauiſch, jeder im Andern ſeinen Untergang befürchtend. In ſolchen Verhältniſſen iſt der Gewinn eines offnen treuen Freundes größer und bedeutender, als je. Ich habe mir einen erworben. Es iſt ein junger Nikomedier, den ich im Hauſe des Biſchofs kennen lernte. Sein Außeres, der Geiſt, der ſich in ſeinen Reden zeigte, gewannen ihm meine Ach⸗ tung; jetzt hat im genauern Umgange ſeine Denk⸗ art meine Liebe erworben. Er iſt auf dem Wege, ein Chriſt zu werden; in ſeinem Kopfe iſt Raum für viel umfaſſende Plane, in ſeiner Bruſt Liebe und Muth genug, ſie auszuführen. Ich ſuche ihn an mich zu ketten. Doch wozu dieß abſichtsvolle Wort? Unſere Herzen finden und verſtehen ſich von ſelbſt. In der letzten Schlacht hat gleiche Gefahr im Sturm des Gefechts unſern Freundſchaftsbund, wie ich hoffe, unauflöslich geknüpft. Er iſt mein, ich ſage es mit Stolz und Liebe; ich habe ihn mir erworben, und ich glaube in jedem Falle auf ihn zählen zu können. Noch muß ich meinen Vater und Dich um Nach⸗ ſicht bitten, daß dieſer Brief ſo ſpät, ſo lange nach den Gerüchten der Schlacht vor euch kommen wird. Ich war verwundet, nicht beträchtlich, doch ſo, daß es mich einige Zeit im Schreiben hinderte. Dieſer lange Brief und meine Verſicherung ſollen Bürge für meine vollkommene Herſtellung ſeyn. ———— Eilfter Brief. Agathokles an Phocion. Nikomedien im Auguſt 309. Du wirſt erſtaunen, mitten im Laufe des Kriegs, wo Du mich beym Heere vermutheſt, einen Brief von mir aus Nikomedien zu erhalten. Ich bin ſeit geſtern hier, und erwarte alle Augenblicke abge⸗ ſandt zu werden. Eine ſeltſame, eine glänzende Reihe von Begebenheiten hat ſich in den letzten Tagen zuſammengedrängt, und mich aus dem Dun⸗ kel meiner Lage hervorgeriſſen. Dir zu erzählen, wie raſch, wie erſchütternd, wie erhebend alles auf⸗ einander folgte, ſoll die Beſchäftigung meiner Muße ſeyn, während ich in einem Gemache des kaiſerli⸗ chen Pallaſtes auf meine Abfertigung warte. Eingedenk der erlittenen doppelten Schmach ſann Galerius im finſtern Gemüth darauf, durch einen entſcheidenden Schlag dem übermüthigen ₰— 6 3 Perſer die verſpottete Macht der römiſchen Heere, und dem ungerechten Auguſtus den Werth Desje⸗ nigen, den er ſtraflos beleidigen zu können geglaubt hatte, mit nie empfundenem Nachdruck zu zeigen. Er entwarf einen kühnen, aber großen Plan. Men⸗ ſchenleben und Forderungen der Natur kamen nicht in Anſchlag; ſein Weg ging über ſie hin. Durch Sandwüſten und unwirthbare Gegenden führte er das Heer in überſtrengten Märſchen und erſtau⸗ nenswürdiger Eile bis in die Gebirge Armeniens, und ſtand auf einmahl weit über und hinter den nichts ahnenden Perſern ienfeits des Euphrats. Die Erfahrungen dieſes Marſches werden mir ewig im Gedächtniſſe bleiben. Sie waren hart, aber groß und erhebend. Conſtantin, kaum von ſeiner Wunde ſo weit hergeſtellt, daß er die Bewegung des Reitens vertragen konnte, Tiridates in Pracht und Wolluſt erzogen, ſelbſt Galerius, den Alter und Würde von den größern Beſchwerden des Kriegs⸗ dienſtes freyſprachen, trugen, duldeten und entbehr⸗ ten, wie die gemeinſten Krieger. Ihr Beyſpiel er⸗ munterte das Heer, und willig und muthig folgte der Soldat dem Führer, der nichts vor ihm vor⸗ aus hatte, als die größere Sorge für die ihm un⸗ tergebene Schaar. Es war ein römiſches Heer, es war ein Impergtor, würdig der vergangenen — 63— beſſern Zeiten, und freudig erhob ſich der Geiſt im Anblick dieſer kräftigen Gemüther, dieſer Anſtren⸗ gungen zu einem großen Zweck, dieſes Verſchwin⸗ dens kleiner Abſichten vor dem gemeinen Wohl. Mit Achtung und Freude ſah ich Tiridates handeln, mit Ehrfurcht und Liebe meinen Conſtantin, mit Bewunderung den betagten Cäſar. Ein empfängliches Gemüth wird durch ſolche Beyſpiele unwiderſtehlich hingeriſſen, und oft er⸗ wachen Kräfte in ihm, die es vorher ſelbſt nicht kannte. So groß iſt die Macht des Guten und der Tugend! Kundſchafter hatten das Perſiſche Heer von unſerer Annäherung unterrichtet; es wandte ſich uns eilig entgegen, aber es vermuthete uns nicht ſo nahe. Unbeſorgt um eine Gefahr, die ſie entfernt glaubten, ſchlugen ſie in der Nacht ihre Gezelte auf, und ruhten von den Beſchwerden zweyer Tagemärſche aus. Dieß hatte Galerius er⸗ wartet. Ein Angriff in der Nacht iſt für die Per⸗ ſer eine halbe Niederlage 12). Ihre Pferde ſtehen abgeſattelt, angebunden; ſie ſelbſt, mit dem Troß und Geſchleppe der Bequemlichkeit und Wolluſt im Lager überhäuft, können ſich nicht frey bewegen. Conſtantin erhielt den ſchwerſten Poſten. Ihm den größten Theil des Ruhms zu laſſen, war der ſchöne Vorwand, unter welchem der Cäſar ihm wenige Stunden vor der Schlacht ſeine Inſtruction über⸗ gabz vielleicht mochte eine gehäſſigere Abſicht zum Grunde liegen. Behm Einbruche der Nacht nahte ſich Conſtantin, ſchweigend und ernſt wie ſie, von einer kleinen treuen Schaar, die er ſich ſelbſt er⸗ las, begleitet, dem Lager der Perſer. Wir erſtie⸗ gen den leichten Wall, der es umgab. Niemand hörte uns. Die äußern Wachen fielen lautlos un⸗ ter unſern Streichen. Mit Beſonnenheit und Vor⸗ ſicht drangen wir vorwärts, als jetzt auf zwey Sei⸗ ten, der Verabredung gemäß, Tiridates und Ga⸗ lerius mit wildem Getöſe von außen das Lager ſtürmten. Auf einmahl waren Verwirrung und Lär⸗ men allgemein, und die Perſer, die ſich nur gegen einen äußern Feind vertheidigen zu müſſen glaub⸗ ten, ſahen ihn plötzlich in ihrer Mitte. Die Nie⸗ derlage war vollkommen. Das ganze Lager, alle ſeine Schätze, eine Menge Gefangener, und unter dieſen die Frauen des Narſes, wurden unſere Beute. Narſes ſelbſt entkam verwundet und nur mühſam den Händen des kühnen Tiridates, der ihn wüthend verfolgte. Erſt der anbrechende Tag zeig⸗ te unſern ganzen Sieg, die ganze Niederlage der Perſer. Aber auch von den Unſrigen waren viele gefallen. Der Tribun der Cohorte, unter der mei⸗ ne Centurie ſtand, ſank an meiner Seitez ich über⸗ ————————— nahm ſeine Stelle in der entſcheidenden Nacht. Am Morgen gefiel es meinen Gefährten/ mich auf dem Wahlplatze zum Tribun zu erwählen. Ihr Zeug⸗ niß war ehrenvoll. Conſtantin erhielt vom Cäſar, den Siegesluſt und geſtillte Rache milder machten⸗ die Beſtätigung dieſer Wahl, und den Vorzug für mich, als Siegesbothe nach Nikomedien geſandt zu werden. So bin ich mitten in der vorigen Nacht, wenige Tage nach dem Gefecht, in ununterbrochenem Jagen hier angekommen. Der Kaiſer ließ mir befehlen, öffentlich einzuziehen, und ſchickte eine Abtheilung der Jovianer ¹3), Ofſiciere und Soldaten in ſchim⸗ merndem Schmucke, um mich abzuhohlen und zu begleiten. Ich bin kein Freund von öffentlichen Schauſtellungen; dieß Mahl indeß benahm die all⸗ gemeine Wichtigkeit der Bothſchaft dieſem Auftrag einen Theil ſeiner Unannehmlichkeit. Ganz Niko⸗ medien hatte ſich vor die Thore und in die Straßen ergoſſen, um den Siegesbothen zu ſehen; mancher Jugendgeſpiele, mancher alte Bekannte, den Freude und Neugier herbeygelockt hatten, bewillkommte mich freundlich unter dem frohlockenden Haufen, der dem Auguſtus und dem ſiegreichen Cäſar laut zujauchzte. Mein Herz war erweitert und angeneh⸗ men Eindrücken geöffnet. Von der Terraſſe ¹*) ih⸗ Agath. II. Th. 5 — 65— res auſes begrüßten mich Calpurnia und ihr Bru⸗ der. Eine feine Röthe überzog ihr Geſicht, als ich ihren freundlichen Gruß mit Achtung und Freude beantwortete. Mir war wohl; ich gab mich dem ſchönen Zauber hin, der mich umfing, bis im Pal⸗ laſt des Kaiſers die Hrientaliſche Despoten⸗Pracht mein Herz beklemmend einengte. Ich kam von ei⸗ nein Römiſchen Heere, geſandt von einem Impe⸗ rator, der, würdig der beſſern Vergangenheit, nichts als der erſte Krieger ſeines Heeres war; ich war Zeuge, Genoſſe jener Anſtrengungen und Entbeh— rungen geweſen— und wie eine Laſt drückten das goldene Getäfel, die ſchimmernden Wände, die Pracht, die ſich um einen Einzigen hier aufthürm⸗ te, auf meinen Geiſt. Die Gegenwart des Procon⸗ ſuls im Gemache des Kaiſers verſchaffte mir eine Art von Erquickung. Der Auguſtus hörte mich gnädig an; und ich muß Dir geſtehen, daß der durchdringende Verſtand, das ſcharfe Urtheil, die vollkommenen Kenntniſſe, die er in dieſem Geſprä⸗ che äußerte, mir unwillkürlich Achtung abzwangen, und mich zum Theil meinen Widerwillen gegen ſei⸗ nen Hochmuth vergeſſen machten. Sehr verbindlich erkannte er meine Beförde⸗ rung zum Tribun an, und fügte noch ein koſtba⸗ res Geſchenk hinzu. Warum mußte er das thun? „ — 67— Warum müſſen die Großen jeden Dienſt/ der dem Vaterland geſchah, abzahlen, und mit einem Geſchenk, das, wie groß es auch für den Beſchenk⸗ ten ſeyn mag, dem Geber nicht mehr gilt, als ein Sandkorn, das ihm unbewußt von dem aufge⸗ thürmten Haufen ſeiner Güter herabrollt! Lucius Piſo behandelte mich mit Liebe und Ach⸗ tung. Er lud mich zu ſich. Ich nahm es gern an; denn außer meinem Vater habe ich ja ſonſt nie⸗ mand mehr in Nikomedien, der an meinem Schick⸗ ſal Theil nimmt, dem ich Etwas bin, als ſein Haus. Mein Vater empfing mich mit großer aber prunkvoller Freude, und bedauerte nur, daß die kurze Zeit meines Aufenthalts ihm nicht geſtattete, die glänzendſte Begebenheit ſeines Hauſes durch ein Feſt zu feyern; doch nahm er ſich vor, das Ver⸗ ſäumte nächſtens nachzuhohlen. Ich widerſprach nicht, und bemühte mich in allem, was er that und ſagte, nichts als die väterliche Liebe zu ſehen, die ſeinen ußerungen zum Grunde lag, und nur die Farbe ſeines Charakters trug. Er war ſo ver⸗ gnügt: wie hätte ich ihm widerſprechen können? Er liebt mich: und iſt das nicht das Beſte, das Schönſte, was der Menſch dem Menſchen geben kann? Der Proconſul kam mir ſchon im Atrium mit Calpurnien und ſeinem Sohne entgegen. In die herzliche Freundſchaft ihres Betragens miſchte ſich eine zarte Achtung, die, ſtatt uns einander fremd zu machen, den jußerungen gegenſeitiger Zunei⸗ gung einen höhern Reiz gab. Die Scheidewand, die Mann und Jüngling trennt, ſchien heute zwi⸗ ſchen dem Vater und mir geſunken; Calpurniens Bruder behandelte mich mit achtungsvoller Freund⸗ ſchaft, und ſie, höchſt ſittſam, beynahe matronen⸗ mäßig gekleidet, und in heiterer Geſprächigkeit gleich weit von Anſprüchen und Muthwillen ent⸗ fernt, ſchien mir ganz liebenswürdig. Ich war ver⸗ gnügt, und kein Mißton ſtörte die ſtille Harmonie meiner Seele. Nach Tiſche entſchlüpfte uns Cal⸗ purnia unbemerkt. In einer halben Stunde ließ ſie uns rufen. Eine junge Selavinn in Nymphentracht führte uns durch mehrere Gemächer und Gallerien bis in einen Saal des Hintergebäudes. Wir tra⸗ ten hinein; liebliche Dämmerung und ſüße Düfte umſingen uns. Am Ende des Saales war eine Art Bühne, bloß durch blühende Orangenbänme und Blumengewinde gebildet, und auf eine wunderba⸗ re Weiſe durch Lampen erleuchtet, die ſelbſt ver⸗ borgen nur durch ihre zauberiſche Wirkung bemerk⸗ bar wurden. Eine angenehme Muſik ertönte, und Calpurnia, in einem Anzuge, der die ganze Schön⸗ heit ihrer Geſtalt zeigte, ohne dem ſtrengſten Sit⸗ tenrichter Anlaß zum Tadel zu geben⸗ ſchwebte, von Nymphen begleitet, als Venus Urania herein. In einem ſinnreichen Tanze drückte ſie die Geſin⸗ nungen aus, die ihr als dieſer Göttinn zukamen⸗ Die Nymphen brachten ihr Lilien und Hrangeblü⸗ then; ſie wand weiße Kränze als Sinnbilder der unſchuld daraus. Mitten in dieſen Beſchäftigun⸗ gen ertönte von fern und immer näher und näher dieſelbe kriegeriſche Muſik, die mich heute bey mei⸗ nem Einzuge in die Stadt begleitet hatte, und in dem gleichen Augenblicke gaukelte eine Schar Lie⸗ besgötter aus den Gebüſchen hervor. Kränze von Roſen, die ſie trugen, Köcher und Pfeile, Schalk⸗ heit und Muthwille charakteriſirten ſie als die Kin⸗ der der gewöhnlichen Cythere. Unwillig empfing ſie Urania. Sie bedeuteten ſie, was dieſe Muſik anzeige, wer komme, und daß ſie dem Juge entge⸗ gen eilen wollten. Urania ſchien ihr Vorhaben zu mißbilligen, ſie zu warnen. Die Knaben eilten achtlos fort, aber nicht lange, ſo kamen ſie, die Kränze zerriſſen, Pfeil und Bogen zerbrochen zu⸗ rück, ſchienen Uranien zu klagen, wie übel ſie em⸗ pfangen worden waren, und entflohen endlich auf ihr ſtrenges Geheiß. Jetzt ſandte ſie ihre Nymphen mit den weißen Blumenketten ab; ſie entſchwebten in einer lieblichen Gruppe, und Venus Urania drückte in einem pantömimiſchen Tanze ihre Er⸗ wartung und Ungeduld, wie dieſe Sendung aufge⸗ nommen werden würde, aus. Auch dieſe Mädchen kamen traurig zurück; ſie hatten ihre Kränze noch unverſehrt, aber ſie drückten in ernſten mitleidigen Stellungen aus, daß auch ihre Geſchenke keinen Eingang in ein trauerndes Herz gefunden hatten. Gerührt und mitleidsvoll ſetzte nun die Göttinn ſich auf einen Raſenſitz, und ſchien nachzuſinnen. Plötzlich ſprang ſie wie begeiſtert auf, winkte den Nymphen, enteilte mit ihnen, und indeß die Mu⸗ ſik des Marſches fortwährte, kam ſie, jedes Zei⸗ chen der Venus Urania abgeworfen, geharniſcht und behelmt, als Göttinn Roma 16) zurück. Die Victoria in der Rechten, einen Lorberkranz in der Linken haltend, und von ihren Nymphen begleitet, eilte ſie gerade auf mich zu, und erhob die Hand, um mir den Kranz aufzuſetzen. Ich ward betroffen, gerührt, erſchüttert; und indeß eine wehmüthige Erinnerung, durch die Pantomime der zurückkeh⸗ renden Nymphen erregt, mein Innerſtes durch⸗ zuckte, ſchlang ſo viel ſchmeichelnde Güte, ſo viel herzliche Achtung ſich tröſtend und milde um mein Herz. Aber ihren Kranz konnte nur die Eitelkeit annehmen. Ich wich zurück, ich wollte ihre Hand ergreifen; da umringten mich die Begleiterinnen, und indem ein Chorgeſang anfing, der mir ſagte, daß nicht die Liebe, nicht die Freundſchaft, nur das Vaterland mich lohnen können, und ich ſtarr und wie bezaubert daſtand, wand ſie mit beyden ſchö⸗ nen Armen mir das Lorberreis um's Haupt. Nun eilten Vater und Bruder auf mich zu; der Chorge⸗ ſang erhob ſich lauter im Einklange mit der krie⸗ geriſchen Muſik; ich fühlte Thränen in meinen Au⸗ gen; ein theures verklärtes Bild ſchwebte freund⸗ lich vor mir, und im Gedränge ſo viel gemiſchter Empfindungen gab ich mich willenlos dem ſchönen Eindruck hin, den das Ganze auf mich machte, und der mein Herz nicht verfehlen konnte. Calpurnia ergriff meine Hand, und führte mich an die Thür. Sie öffnete ſich; wir ſtanden im Garten, der im Abendſchimmer duftend und glänzend vor uns lag. Jetzt erſt beym Tageslichte ſah ich, wie ſchön ſie im Helm und Harniſch— ein zauberiſches Mittel⸗ weſen zwiſchen Venus und Pallas— war. Sie be⸗ hielt ihren Anzugz ſie mochte wohl wiſſen, warum — übrigens blieb ſie ſich gleich, heiter, freundlich, anſpruchslos, und ſchien den Sinn ihres bedeu⸗ tungsvollen Schauſpiels ganz vergeſſen zu haben. Ich konnte das nicht; und ſo war es mir lange nicht möglich, den Ton zu finden, in welchem ich nmit dieſem feltnen, gefährlichen und doch achtungs⸗ würdigen Weſen ſprechen ſollte. Eben fing ihre Unbefangenheit an, mir die meine wiederzugeben, als der Befehl des Auguſtus mich abrief, vielleicht ſehr zur Zeit. Noch dieſe Nacht reiſe ich ab, und werde Ni⸗ komedien ſo bald nicht wieder ſehen. Ich denke, das muß ich; denn es iſt nicht gut, in gewiſſen Um⸗ gebungen viel zu ſeyn, wenn man beſtändig weder darin ſeyn kann, noch will. Was in mir vorgeht, und welchen Eindruck die heutigen Scenen in mir hinterließen, ſollſt Du aus dem Lager hören. Zwölfter Brief. — Calpurnia an Sulpicien. Nikomedien im Auguſt 302. Jo habe einen höchſt genußreichen ſchönen Tag durchlebt, meine liebe Sulpicia, und mein volles Herz drängt mich, meine Freude in den Buſen mei⸗ ner Freundinn zu ergießen. So herrlich der Tag war, ſo lieblich iſt ſein Abend— und ich habe, um ihn recht mit allen Sinnen zu genießen, mir das Schreib⸗ geräth auf das platte Dach unſers Hauſes bringen laſſen, das nach orientaliſcher Sitte mit Blumen und Orangebäumen beſetzt, einen Garten und recht angenehmen Spazierort für die kühleren Stunden anbiethet. Hier ſitze ich unter Duften und Blüthen⸗ weiche Lüfte umſpielen mich, vor mir liegt die hei⸗ lige Meeresfluth unermeßlich ausgebreitet, über die der letzte Sonnenſtrahl feurig brennende Brücken zieht. Sie ſelbſt glühend, wie vor Freude in den Erinnerungen des ſchönen Tages, dem ſie leuchte⸗ te, ſinkt hinter den Vergen von Europa hinab, de⸗ ren dunkelblaue Rieſengeſtalten ſonderbar mit den hellen Maſſen in Luft und Meer contraſtiren⸗ Um mich her iſt ein freudiges Weben und Schwelgen im ruhigem Genuſſe. Käfer und Mücken kanzen im letzten Sonnenſtrahl, oder wiegen ſich in Blumenkelchen. Vor den Häuſern oder auf ih⸗ ren Dächern ſitzen die Nachbarn und wiederhohlen in traulichem Geſchwätz die Freuden des Tages; hier und dort tönt eine Leyer, oder ein ferner Ge⸗ ſang durch die Stille. O meine Sulpicia! Warum biſt Du nicht hier, um das Alles mit zu genießen! Ja, es war ein ſchöner Tag für mich— für ganz Nikomedien, und Du ſollſt alles hören, um Dich im Wiederſchein unſeres Vergnügens zu freuen. Schon geſtern Abends verbreitete ſich ein Ge⸗ rücht von einem vollſtändigen Siege, den Galerius über die Perſer erfochten habe. In der Niederge⸗ ſchlagenheit, die ſich ſeit der letzten unglücklichen Schlacht der Gemüther bemächtigt hatte, war die⸗ ſe Neuigkeit ſehr erwünſcht, und wurde begierig, obwohl nicht ganz ohne Mißtrauen ergriffen, weil wir leider ſchon öfters durch falſche Siegeshoffnun⸗ gen waren getäuſcht worden. Deſto größer war die Freude, als heut mit anbrechendem Tage, vom kai⸗ ——— ſerlichen Pallaſte aus, wohin der Tribun, der die Nachricht gebracht, vorläufige Bothſchaft geſandt hatte, ſich die frohe Beſtätigung durch die ganze Stadt verbreitete. Der Tribun bekam Befehl, öf⸗ fentlich in die Stadt einzuziehen. Die Straßen waren mit einer unzählbaren Menſchenmenge be⸗ deckt, deren dumpſes Geräuſch, wie des fernen Mee⸗ res, und ihr Hin⸗und Herfluthen mich ergetzte. Ich war auf die Terraſſe über unſerm Hauſe gegangen, wo ich jetzt ſchreibe, und ſah dem Schauſpiel ver⸗ gnügt, aber ohne beſondere Theilnahme zu. Auf einmahl verkündigten ein lebhaftes Geſchrey und Jauchzen, der Schall kriegeriſcher Inſtrumente und die heftigere Bewegung der Menſchenmaſſe die An⸗ näherung des Siegesbothen. Alles ſchrie: Es lebe Diocletian! Es lebe Galerius! Es war ein Freu⸗ dentumult, der auch mich unwillkührlich ergriff, mein Herz ſchneller ſchlagen, und Thränen der Freude in meinen Augen ſchwellen machte; es war mir, als ſollte ich mitrufen: Es lebe der Kaiſer! So anſteckend iſt das Entzücken. Jetzt kam der Zug. Voraus ritt eine Schaar ganz gewaffneter und präch⸗ tig geſchmückter Krieger, hinter ihnen, von Ofi⸗ eieren umgeben, der Tribun im Schmucke ſeines Ranges. Ich hatte ſchon vorher von meinen Sela⸗ vinnen gehört, daß er ſich bey der Schlacht ſehr — 56— ausgezeichnet, und von ſeiner Cohorte auf dem Schlachtfelde zum Tribun erwählt worden war. Dieß machte mich aufmerkſamer auf ihn. Es war eine ſchlanke Geſtalt, die ſich mit Anſtand gegen die grüßende Menge verneigte; aber je näher er kam, je ſonderbarer ward mir zu Muthe.— Ich glaubte, bekannte Züge zu entdecken, und— ſtelle Dir mei⸗ ne überraſchung, meine Freude vor— es warwirk⸗ lich Agathokles! Als er an unſer Haus kam, ſah er ſogleich empor. So einnehmend, ſo froh hatte ich ihn nie geſehen. Sein Geſicht glühte, ſeine Au⸗ gen leuchteten vom freudigen Stolze; und doch war eine beſcheidene Haltung in ſeinem Weſen, die den ſchimmernden Eindruck lieblich mäßigte. Er grüß⸗ te mich ſehr freundlich; ich beantwortete ſeinen Gruß mit ſo viel Achtung und theilnehmender Freu⸗ de, als ſich nur in einen Gruß legen läßt, und er⸗ getzte mich an dem Umſehen, Emporblicken und Fliſtern der Menge, die dieſes Zeichen meiner ge⸗ nauern Bekanntſchaft mit dem Helden des Tages aufmerkſam gemacht hatte. Nach einer Stunde kam mein Vater vom Auguſtus zurück. Auch er war erfreut über die Auszeichnung, die ſeinen Gaſtfreund ehrte. Er rühmte den gütigen Empfang des Augu⸗ ſtus, Agathokles beſcheidenes kluges Betragen, und kündigte ihn mir als Gaſt zur Tafel an. Wie ein Blitzſtrahl zhr mir der Gedanke durch den Kopf, den heutigen Tag und⸗ Agathokles wohl⸗ verdienten Nuhm durch ein eleines Feſt zu feyern. Gedacht— gethan! Ich ließ meine Mädchen, und die jüngſten Selaven meines Vaters rufen; ich un⸗ terrichtete ſie, ſo gut ſich's in der Eile thun ließ- Unſer großer Gartenſaal ward zum Schauplatze ein⸗ gerichtet, und alles recht hübſch geordnet. Noch vor der Eſſenszeit zog mich ein Geräuſch an's Fen⸗ ſter;— er war es. Ohne den Prunk, der ihn zu⸗ vor umgeben hatte, zu Fuß, nur von einem Scla⸗ ven begleitet, kam er auf unſer Haus zu; aber das Volk lief ihm nach, und begleitete ihn mit Freu⸗ densbezeugungen bis beynahe in's Atrium. Hier empfingen ihn mein Vater, mein Bruder und ich mit einer herzlichen Freude, in die ſich— unwill⸗ köhrlich etwas Feyerliches miſchte. Er gab ſich, in dem frohen Gefühle, unſerer Freundſchaft hin; er war heiter, geſprächig, ſogar munter. O wie lie⸗ benswürdig, wie gefährlich könnte der Mann ſeyn, wenn er immer ſo heiter wäre! Nun zum Glücke für uns arme leichtſinnige Geſchöpfe, die nicht ſo glücklich ſind, Lariſſen zu ſeyn, kommt er nicht alle Tage als Siegesbothe, und ſo iſt auch keine Gefahr, daß er alle Tage ſo liebenswürdig ſehn wird. 13— Nach dem Eſſen entſchlüpfte ich unbemerkt, und nachdein alles veranſtaltet war, ließ ich meinen Va⸗ ter und ihn in den Gartenſaal rufen. Auch für mei⸗ nen Vater war mein kleines Feſt eine überraſchung um deſto beſſer gelang es, und ich glaube, daß alle Parteyen gleich vergnügt auseinander gingen. Als ich zu Agathokles trat, ihm den Kranz aufzuſetzen, ſah ich ihn unwillkührlich zurücktreten, und eine brennende Nöthe überflog ſein Geſicht. Er hielt meine Hand zurück, aber ich ließ mich nicht ſtörenz und während meine Mädchen ſich in lieblichen Stel⸗ lungen ſchwebend und tanzend um ihn gruppirten, wand ich ihm das Siegeszeichen in die Locken. So ſtand er bekränzt und betroffen vor mir, und dank⸗ te mir mit einem Blicke und Ton, der mir meine kleine Mühe ſo vergalt, wie ich ſie vergolten zu ha⸗ ben wünſchte, und— zeihe mich immer heimlicher Liſten und Abſichten— durch mein Feſt vergolten haben wollte. Wir gingen in den Garten. Mein Vater wur⸗ de abgerufen; ich blieb allein mit Agathokles. Er war nicht ohne Verlegenheit, das ſah ich; es freu⸗ te mich, und erhielt mir meine ganze Unbefangen⸗ heit. Das muß ſeyn, wenn ich nicht auf der Stelle den erhaltenen Gewinn verlieren, und wieder auf dem Platze mit ihm ſtehen will, auf dem ich vor — — 39— ſeiner Ankunft ſtand. Er muß zu denken, auszule⸗ gen, zu enträthſeln haben, wenn ich meine Abſicht erreichen will; nicht ich. Wir müſſen Charactere tauſchen. Unſere Unterhaltung war eine Weile ein⸗ ſylbig, dann aber deſto lebhafter; und obwohl ſie beſtändig in den Schranken zwangloſer Freundſchaft blieb, war ich doch ganz wohl mit dem Erfolge des Tages zufrieden, und ſah ihn ruhig Abſchied neh⸗ men, als er, zum Auguſtus berufen, dem unwill⸗ kommenen Befehl ziemlich unmuthig gehorchte. So ſtehen nun die Sachen. Die nähere Be⸗ ſchreibung des Feſtes, und eine Zeichnung, die ich bis jetzt nur entworfen, und nächſtens auszuführen im Sinne habe, bringe ich Dir ſelbſt mit, ſobald meines Bruders Geſchäfte ihm erlauben, mich zu Dir zu begleiten. Der Entwurf iſt gelungen; ich hoffe, die Vollendung ſoll es auch werden. Aber nun auch kein Wort weiter. Die Sonne iſt längſt hin⸗ ab, und dis Dämmerung macht alle Buchſtaben vor meinen müden Augen verſchwinden. Schlaf wohl! Dreyzehnter Brief. Theophania an Junia Marcella. Nicäa im September 302. Mu welchen Empfindungen, geliebte Freundinn, wirſt Du dieſes Blatt in die Hand nehmen, das Dir Nachricht von dem Leben, von dem Schickſa⸗ le eines Weſens gibt, deſſen Tod Deine Freund⸗ ſchaft ſeit acht Monathen als gewiß beweint hat? Ja, ich lebe noch! Es hat der Vorſicht gefallen, mein Daſeyn auf eine unverhoffte, wunderbare Weiſe zu erhalten; aber ich würde mich dieſer wun⸗ derbaren Fügung durch eine Falſchheit unwürdig machen, wenn ich ſagen wollte, daß ich ſie für ein Glück erkenne, und jetzt in dieſer Lage, in der ich mich beſinde, mein verlängertes Leben für ein wün⸗ ſchenswerthes Gut halte. Ich kann mir die tauſen⸗ derley Empfindungen und Fragen vorſtellen, die ich aus Deinem liebevollen Herzen, na meinen . Schickſalen, meiner Erhaltung, meinem jetzigen Zuſtande hervordrängen; aber da ich ſie nicht alle zugleich beantworten kann, ſo genüge Dir, indeß zu wiſſen, daß ich geſund und ruhig bin, daß ich zu Nicäa im Schooße einer ſehr rechtſchaffenen Fami— lie, bey Heliodors Bruder, dem achtungswürdigen Lyſias, lebe, und laß mich nun langſam und or⸗ dentlich die ſonderbaren Zufälle erzählen, die mein Leben erhielten, und bis jetzt friſteten. In jener Schreckensnacht, als plötzlich ein gräß⸗ licher verwirrter Lärmen die Bewohner unſerer Villa aus dem Schlafe aufſchreckte, und Demetrius durch kein Flehen von ſeinem Vorhaben, ſich den Barbaren zu widerſetzen, abzubringen, und zur Flucht zu bereden war, ſah ich mich, nachdem er alle waffenfähigen Männer mit ſich genommen hatte, mit ein paar alten Selaven und meinen Wei⸗ bern ganz allein. Mir war dieſe Lage nicht uner⸗ wartet; ich hatte ſie vorherſehen können, und war darauf vorbereitet. Ich kann nicht ſagen, daß ich ſehr erſchrocken oder verwirrt geweſen wäre; denn mein Vorſatz war gefaßt. Ich ließ meine Leute alle zu mir kommen, ſtellte ihnen die Lage der Dinge vor, und überließ es ihrer Wahl, was ſie thun, ob ſie den Ausgang des Gefechtes abwarten, oder noch in Zeiten fliehen wollten. Ich ſelbſt erklärte für Agath. II. Th. 6 — mich, daß ich bis zum entſcheidenden Augenblicke meinen Gemahl und die Villa nicht verlaſſen, und mich nur in der höchſten Noth durch die Flucht ret⸗ ten würde. Nachdem ich ihnen dieſes verkündigt hatte, ergriffen einige die Flucht auf der Stelle, einige verbargen ſich in dem Garten, einige blieben im Hauſe, unter ihnen Melyte, die ſchönſte und jüngſte meiner Seclavinnen, indem ſie, verführt durch allerley Gerüchte, überzeugt war, daß die Gothen nichts weniger als unempfindlich gegen die Schönheit wären, und manches gefangene Mädchen ein glänzendes Glück bey ihnen gemacht habe. Ich verſuchte vergeblich, ihr die Thorheit dieſer Hoff⸗ nung begreiflich zu mächen; ſie beharrte auf ihrem Entſchluß, und von allen meinen Leuten blieb nur eine einzige, die treue Evadne, bey mir. Mit dieſer begab ich mich in eines der Gartenhäuſer, von wo aus uns im ſchlimmſten Falle die Rettung auf das Feld, und dann durch Auen und Gebüſche, die ich wohl kannte, bis zu einem eine Stunde weit entle⸗ genen Dorfe offen ſtand. Wir zogen männliche Selavenkleider an, ſteckten einige Koſtbarkeiten, und jede ein kurzes Schwert und einen Dolch zu uns, und ſo harrten wir, bethend in banger Er⸗ wartung, der Entſcheidung unſers Schickſals. Ein alter Selave gab uns von Zeit zu Zeit Kunde von dem Gefechte, das lunger weiſehift blieb, als ich anfangs gedacht hatte. Endlich überzeugte uns die ſchreckliche Nachricht, daß mein Gemahl mit den meiſten ſeiner Leute erſchlagen ſey, und nur einige wenige ſich durch die Flucht zu retten ſuchten, von unſerer drohenden Gefahr. Trotz aller Leiden, die meine Verbindung mit Demetrius über mich ge⸗ bracht hatte, erſchütterte mich ſein Tod doch auf's äußerſte; ich brach in Thränen aus, und wollte auf's Schlachtfeld, zu ſehen, ob noch Rettung, noch Hoffnung für ihn übrig war. Meine Leute hielten mich ab; ſie ſtellten mir die Gefahr, ja die Un⸗ möglichkeit des Schrittes vor, ſie drangen in mich, zu entfliehen. Ich folgte ihnen zuletzt. Wir flohen, und kamen glücklich, beynahe eine Viertelſtunde weit, durch das Dickicht fort. Wie mir damahls war, kann ich nicht ſagen. Tauſend ſchmerzliche Gefühle ſtrebten in meiner Seele empor, aber das mächtigere der gegenwärtigen Gefahr hielt ſie alle nieder, und richtete alle meine Gedanken nur auf den einzigen Punct meiner Rettung. Schon fingen wir an, wieder Hoffnung zu nähren, als plötzlich einige Barbaren, die ſich während des Gefechtes in der Gegend zerſtreut hatten, uns von der Seite überſielen. Flucht war unmöglich; wir ſuchten uns alſo zu wehren, ſo lange wir konnten. Noch begrei⸗ 6— fe ich nicht, vrhe mir dieſ⸗ Entſchloſſenheit kam. Es war nicht der Muth der Verzweiflung, denn ich behielt eine ziemlich klare Anſicht meiner Lage; aber ich ſchreibe ſie zuerſt der Güte Gottes zu, der ja jedes Weſen mit den zu ſeiner Erhaltung nöthi⸗ gen Gaben ausgerüſtet hat, und dann meiner ge⸗ ringen Furcht vor dem Tode. Ich fühlte wohl, daß uns die Barbaren ſchonten, daß ſie uns lebend zu fangen trachteten; das gab mir Zuverſicht. Aber was ſind weibliche Kräfte, und ein Arm, ungeübt das Schwert zu führen? Ungeduldig und erzürnt über meinen fruchtloſen Widerſtand zückte der Go⸗ the ſeinen Säbel, und haute nach mir. Ich glaubte den Todesſtreich zu empfangen; aber er wollte mich vermuthlich nur wehrlos machen. Sein Streich traf meine Wange, die ſogleich heftig zu bluten an⸗ ſing; und wie ich erſchrocken mit der Hand darnach fuhr, entriß er mir leicht das Schwert, an das ich in der Beſtürzung nicht gleich dachte. Evadne ſchrie laut auf, da ſie mich bluten ſah, und warf ihr Schwert weg, um mir zu helfen. Ich winkte ihr, uns nicht durch übertriebene Sorgfalt zu verrathen; ſie ſchwieg, aber ich ſah Thränen in ihren Augen, und dieſer Anblick gab mir mitten in meiner trau⸗ rigen Lage ein angenehmes Gefühl. Jetzt ſielen die Gothen über uns her, und banden uns die Hände; — aber indeß ſie noch damit beſchäftigt waren, nahte ſich ein zweyter Haufe zu Pferd, an deſſen Spitze ein Mann von edlem Anſehen ritt. Sie ſprengten auf uns zu, ſie ſprachen unter einander, ſie ſahen uns öfters an, wir konnten ſe⸗ hen, daß wir der Gegenſtand ihres Geſpräches wa⸗ ren. Endlich näherte ſich uns der Anführer; er ließ unſere Bande auflöſen, und ſagte uns in gebroche⸗ nem Griechiſch, indem er uns als Knaben anrede⸗ te, unſer Muth hätte ihm gefallen, er wolle uns nicht binden laſſen, er traue unſerer Ehrlichkeit, wir ſollten ihm zu den Schiffen folgen. Jetzt war Alles verloren, und unſer Loos das ſchlimmſte, das uns treffen konnte— Gefangenſchaft. Meine einzi⸗ ge Hoffnung, meine einzige Rettung beſtand noch in dem Dolche, den ich auf's ſorgfältigſte zu ver⸗ bergen mich beſtrebte. Man führte uns zu den Schiffen. Der ziemlich weite Gang, die kalte Luft hatten die Schmerzen meiner Wunde ſehr vermehrt. Der edle Fritiger, ſo hieß der Anführer, ſah mir meine Leiden an. Er ließ den Zug bey einer Quelle halten; ein bejahrter Gothe trat auf ſeinen Befehl hinzu, wuſch meine Wunde, legte Kräuter, die er bey ſich trug, darauf, und verband ſie, ſo gut es Eile und Ort erlaubten. Ich fühlte bald einige Linderung, und mußte die Güte der Vorſicht be⸗ wundern, die dieſe Wilden in den rohen Erzeug⸗ niſſen der Natur einfache Heilmittel finden läßt. Wir beſtiegen die Schiffe— ach! und wie die Mor⸗ genröthe anbrach, ſah ich die geliebten Ufer der Heimath ſchon ziemlich fern in Nebeln ſich verlie⸗ ren. Bey dieſem Anblick brachen meine Thränen heftig hervor, und das ganze Gefühl meines Un⸗ glücks, die ganze überſicht alles deſſen, was ich ver⸗ lor, und die Schrecken, die meiner warteten, ſie⸗ len auf einmahl auf mich. Ich glaubte zu vergehen. Zwey Mahl zuckte meine Hand nach dem Dolche— zwey Mahl hielt mich bloß der Gedanke an die Un⸗ rechtmäßigkeit des Selbſtmords ab. Doch blieb der Entſchluß feſt, ihn zu brauchen, ſobald mein Ge⸗ ſchlecht entdeckt, und meine Ehre in Gefahr ſeyn würde. Dann hielt ich das letzte Rettungsmittel für erlaubt. Zwey Tage vergingen in dieſem troſi⸗ loſen Zuſtande auf dem elenden Kahn, der uns, unbegreiflich genug, dennoch über den unſichern Eupin trug. Am dritten Abend erſchien uns die weſtliche Küſte. Jetzt erwachten alle meine Schmer⸗ zen, welche Ergebung in den Willen der Vorſicht, und das Mitleid unſers edelmüthigen Gebiethers etwas beſänftigt hatten, wieder. Ich war ſo er⸗ ſchüttert, daß ich ſchwankte. Fritiger ſah meine Schwäche; er nahm mich wie ein Kind auf den Arm, und trug mich an's Land. Hier ſprach er mir von Neuem Troſt ein. Er ſagte mir, daß ich ihm angehörte, daß ich ſein Sclave ſey, daß er mich aber recht gut halten wollte, wenn ich es verdiente. Aus ſeinen männlichen Zügen ſprach nichts Grauſames, aus den großen blauen Augen ſogar Güte. Er war nun das einzige Weſen auf der Welt, dem ich an⸗ gehörte, das an mir Theil nahm, das mich ſchützen konnte. Ein Grauen überlief mich, aber ich ſah die Nothwendigkeit ein, mich in mein Geſchick zu erge⸗ ben; ich gelobte ihm Gehorſam und Treue, und bath ihn um Geduld. Er verſprach mir, väterlich für mich zu ſorgen. Der Zug ging dem Walde zu, aus dem uns bald mit lautem Frendengeſchrey ein großer Haufe von Weibern und Kindern entgegen eilte, die Zurückkehrenden zu empfangen. Eine Art von Freude ſtrahlte in meine Seele, als ich eine ſchöne große Frau von mittlern Jahren, und drey ſehr wohlgebildete Mädchen, deren älteſtes etwa fünfzehn Jahre alt ſeyn mochte, auf meinen Ge⸗ biether zueilen, und ihn als Gemahl und Vater be⸗ willkommen ſah. Er ſtellte ihnen ſeine beyden Sela⸗ ven vor, und ich ſah wohl, daß Evadne, die einem ganz hübſchen Jüngling glich, die Aufmerkſamkeit und Theilnahme Giſella's, des älteſten Mäd⸗ chens, auf ſich gezogen hatte. Doch nahm man uns beyde gütig auf, und wir kamen bald zu den Wohnungen des Stammes und in Fritigers Hütte. Wie dieſe Hütte ausſah, wie hier jede Bequem⸗ lichkeit fehlte, an die der Bewohner des gebildeten Landes gewohnt iſt, und welche Leiden und Ent⸗ behrungen uns daraus entſprangen, wäre über⸗ flüſſig zu ſchildern; du kannſt es Dir vorſtellen. Doch die ſtille unwiderſtehliche Gewalt der Ge⸗ wohnheit machte uns zuletzt auch dieſe Beſchwer⸗ lichkeiten erträglich. Ich lernte hier unter dieſen einfachen Menſchen einſehen, wie wenig die Na⸗ tur bedarf, wie viele Laſten uns unſre Bedürfniſſe auferlegt haben, und in der Denkungsart und Be⸗ handlung unſrer Gebiether fanden wir Troſt und Erleichterung. Ach, meine Liebe! Wir ſchelten die⸗ ſe Menſchen Barbaren; und ich habe Tugenden und Gefühle unter ihnen angetroffen, die wir in der gebildeten Welt bald nur dem Nahmen nach kennen werden. Ihre Sitten ſind rauh, aber ein⸗ fach, ihre Gefühle heftig, aber wahr; und in die⸗ ſen ſtarken unverdorbenen Gemüthern iſt Groß⸗ muth, Treue, Aufopferung und Liebe bis zum To⸗ de keine bewundernswürdige Seltenheit. Ihre mei⸗ ſten Fehler ſind Folgen ihres einſamen Zuſtandes, ihres Mangels an Beſchäftigung. Die Frauen be⸗ ſorgen den Haushalt, der Männer einziger Beruf ⸗ iſt Jagd und Krieg; und in den⸗ vielen müßigen Stunden, die dieſe Lebensart mit ſich bringt, ver⸗ fällt der Geiſt, der noch immer thätig ſeyn will, auf gefährlichen niedrigen Zeitvertreib. Spiel und Trunk füllen dieſe Stunden aus; und da in dieſen großen kräftigen Gemüthern jede Neigung bald zur Leidenſchaft wird, ſo fallen hierdurch oft em⸗ pörende Auftritte vor. Das ſind aber auch die ein⸗ zigen Laſter, die wir ihnen mit Recht vorwerfen können. Sonſt beſchämen ſie uns in den meiſten Tugenden, und, wahrlich, die Frauen hätten vor allen Urſache, die Sitten dieſer ſogenannten Wil⸗ den zu preiſen. Ihre Weiber ſind nicht, wie bey⸗ nahe im ganzen Orient, Sclavinnen der Männer, oder höchſtens ein Spielwerk, mit dem ſie tändeln, ſo lange es ihren Augen gefällt. Die Frau des Go⸗ thiſchen Kriegers iſt ſeine Freundinn, ſeine erſte Vertraute, die Theilnehmerinn aller ſeiner Ent⸗ ſchlüſſe, oft ſeine Begleiterinn in die Schlacht. Dort darf ſie hinter dem Treffen ſeiner harren; ſie verbindet ſeine Wunden, ſie trocknet den Schweiß * von ſeiner Hoſenſien, ſie theilt ſeinen Ruhm, oder ſtirbt mit ihm, wenn er fällt, um ſeinen Ver⸗ luſt und ihre Freyheit nicht zu überleben. Ach, wie oft habe ich mir in jenen ängſtlichen ſchönen Zei⸗ ten, als das Heer bey Edeſſa und Niſibis ſtand, ein ſolches Verhältniß geträumet, ohne zu ahnen, daß es ſchon wirklich irgendwo vorhanden ſey! Wenn ich damahls mit gedurft hätte— wenn ich ihn hätte begleiten, ſeine Lanze tragen, meine Bruſt zu ſeinem Schilde machen, ſein Blut mit meinem Schleyer ſtillen dürfen— ich würde nicht gezittert haben; alle weibliche Furchtſamkeit wre vor dem Gedanken entwichen, bey ihm zu ſeyn, und ihn zu ſchützen. Eitle Wünſche! Da⸗ mahls geboth die Pflicht— und jetzt?—— Doch ich will meiner Erzählung nicht vorgreifen. Die Güte, womit wir behandelt wurden, die Strenge und Reinheit der Sitten in Abſicht auf den Umgang der beyden Geſchlechter, die ich unter dieſem Volke herrſchen ſah, und vor allem Giſel⸗ la's Empfindungen gegen Evadne, die durch die fortgeſetzte Täuſchung immer lebhafter wurden, be⸗ wogen mich, der Mutter unſer Geheimniß zu of⸗ fenbaren, und ihr zu ſagen, daß wir Frauen wä⸗ ren. Man nahm dieſe Entdeckung mit Erſtaunen, aber ohne Widerwillen auf, und die Sorgfalt, die man von dem Augenblicke an für unſere ſtrenge Abſonderung von den männlichen Bewohnern des Hauſes, und für angemeßne Kleidung trug, zeigte mir, wie zweckmäßig dieſer Schritt war, und wie — wenig wir in dieſer Hinſicht zu fürchten hatten. Ich lebte nun ziemlich ruhig, aber in tiefer Schwer⸗ muth fort. Die Trennung von allen meinen Lie⸗ ben, die mannigfaltigen Beſchwerden meiner La⸗ ge, und die wenige Hoffnung auf eine Inderung beugten mich tief. So verging der Winter, deſſen Macht ich hier ſt mit Schrecken und mit körperlichem Schmerz kennen lernte, als ich den tiefen Schnee die ganze Gegend unwegſam machen, und die großen breiten Ströme, von Eis gefeſſelt, ſtarr und ſtill ſtehen ſah. Indeſſen fand mein Gemüth auch in dieſen rauhen Tagen eine Beſchäftigung, an der es mit Liebe und Zufriedenheit hing. Ich lehrte meine Hausgenoſſinnen allerley Arbeiten, Vortheile und Annehmlichkeiten des Lebens und Haushalts ken⸗ nen; ich und Evadne wurden ihre Meiſterinnen, und bald ſah ich die unwiderſtehliche Macht der hö⸗ heren Bildung über rohe aber unverdorbene Ge⸗ müther. Wir bekamen immer mehr Schülerinnen aus den benachbarten Hütten. Sie, die uns befeh⸗ len konnten, horchten begierig auf unſern Unter⸗ richt; ſie ehrten uns wie beſſere Weſen, und hät⸗ ten ſich unſre Befehle gefallen laſſen, wenn der Wunſch zu gebiethen in meiner oder Evadnens Bruſt gelegen hätte. Aber wenn ich auch ihren Ge⸗ horſam nicht verlangte, ſo war es mir doch ein ſüßes Gefühl, Gutes unter ihnen verbreitet, und ſchönen Samen ausgeſtreut zu haben, der noch in ſpäter Zukunft Früchte tragen könnte. Du wirſt es mir für keine Eitelkeit auslegen, wenn ich Dir ſa⸗ ge, daß uns mehr als Ein Antrag von Gothiſchen Jünglingen, ja von einigen ihrer erſten Heerfüh⸗ rer gemacht wurde. Eben ſo leicht wirſt Du mir auch glauben, daß es mich weder überwindung noch überlegung koſtete, ſie auszuſchlagen. Bey Evadnen, deren freyes Herz ſie nicht nach dem Va⸗ terland zurückzog, deren Stand ihr manche Härte ihrer jetzigen Lage erträglicher machte als mir, ge⸗ lang es dem edlen tapfern Kattwald beſſer. Er iſt Fritigers Neffe, und, wahrlich, ich habe wenig ſchönere Männer geſehen, als dieſen hohen, bey⸗ nahe rieſenmäßig gebauten Jüngling mit ſeinen dunkelblauen Augen und ſeinem goldnen Gelocke. Er warb um ſie, und ſie gab ihm nach der Nei⸗ gung ihres Herzens, nach dem Nath der Familie und nach meinem eigenen, ihre Hand. Jetzt war der Frühling gekommen. Der tiefe Schnee und das Eis der Flüſſe ſchmolzen zu einem unendlichen Gewäſſer, das fürchterliche Verhee⸗ rungen in der Gegend anrichtete, und in mir die Sehnſucht nach dem ſchönen Himmel meines Va⸗ — 5 terlandes, nach Allem, was dort lebte, mit ſol⸗ chem Schmerz erregte, daß ich manches Mahl wirklich vor Sehnſucht zu ſterben fürchtete. O mei⸗ ne Liebe! Wie ſchwach, wie thöricht war ich! Ich fürchtete mich, zu ſterben; denn trotz aller Hin⸗ derniſſe nährte ich die Hoffnung der Rückkehr, der jetzt ſchuldloſen ewigen Vereinigung mit dem Freun⸗ de meiner Jugend. Das Leben war mir lieb ge⸗ worden— um ſeinetwillen! Ich zitterte vor dem Gedanken, es jetzt zu verlieren, und in die⸗ ſem wilden Lande, einſam, von ihm geſchieden, zu ſterben. Die Waſſer verliefen, die Gegend ſtand im Frühlingsſchmuck, die Wege wurden wieder gang⸗ bar, und mit ihnen kam uns Kunde, daß Frem⸗ de— Chriſten, Griechen in der Nachbarſchaft wä⸗ ren. Den Eindruck, den mir dieſe Nachricht mach⸗ te, kann ich Dir nicht beſchreiben. Ich ward krank vor Freude; denn die entzückende Hoffnung, daß ſie um meinetwillen, mich zu ſuchen, da waren, daß Er unter ihnen ſey, brachte mich faſt außer mir. Immer hatte ich dieſen heimlichen Wunſch' gehegt, und ihn, was auch meine Vernunft dage⸗ gen einwenden mochte, nie aus dem Sinne verlie⸗ ren können. Daß es noch nicht geſchehen war, ſchrieb ich der Jahreszeit und den Stürmen des — Meeres zu. Dieſe ſchöne Täuſchung verſchwand bald; aber es blieb noch Stoff genug zur Freude für mich. Es waren Griechen, Landsleute, dieſel⸗ ben, von denen Du mir nach Trachene geſchrieben, die aus dem frommen Endzwecke, das Chriſten⸗ thum zu verbreiten, ſich in dieſe rauhen Gegenden, unter dieſes barbariſche Volk gewagt hatten. Die Mühſeligkeiten und Gefahren, die ſie auf ihren Pilgerfahrten ausgeſtanden, die Standhaftigkeit, wit der ſie alles ertrugen, der Eifer, mit dem ſie ihre Bequemlichkeit, ihr Leben wagten, rührten mich tief, und flößten mir heilige Ehrfurcht vor ihnen ein. Auch waren ſie ſchon ſo glücklich gewe⸗ ſen, ſchöne Früchte ihrer Bemühungen zu ſehen. Die einfachen Lehren des Chriſtenthums hatten Ein⸗ gang in die unverdorbenen Herzen gefunden, und die Milde, womit dieſe frommen Männer ihre neuen Schüler in den Lehren der Religion ſowohl als in manchen nützlichen Arbeiten und Künſten unter⸗ richteten, gewann ihnen die Liebe derſelben. Sie hatten Ackergeräthe, Handwerkszeuge, Sämereyen. mitgebracht. Sie lehrten ſie den Nutzen dieſer Din⸗ ge, den großen Vortheil des Ackerbaues, und ei⸗ ner ſtäten Lebensart einſehen; und ſchon waren hier und da kleine Gemeinden errichtet, die dichten Wäl⸗ der, die dieſes Land in feuchte kalte Schatten hüll⸗ — 95— ten, ſtellenweiſe niedergehauen, und das friſche Erd⸗ reich mit nützlichem Samen bebaut, den die Hand der neuen Chriſten unter feyerlichem Gebethe und Segnungen ihrer ehrwürdigen Lehrer in frommem Vertrauen ausgeſtreut hatte. Man kündigte auch uns ihren Beſuch anz und eine entzückende Hoff⸗ nung auf Rettung durch ſie, und Rückkehr in mein Vaterland durchdrang mein gebeugtes Gemüth, und achte mich unausſprechlich froh. Sie kamen anz; es war Heliodor mit noch zwey Gefährten. Nie werde ich den Eindruck vergeſſen, den der Anblick der Landsleute, der Ton der Mutterſprache aus ihrem Munde auf mich machte. Fritiger nahm ſie mit Achtung und Liebe auf. Ihr Geſchäft gelang auch hier zum Verwundern gut. Ich hatte das himmliſche Vergnügen, die Familie meines Wohl⸗ thäters in den Bund der Ehriſten aufgenommen, und ſo den Keim zu tauſend künftigem Guten in dieſen Gegenden empor wachſen zu ſehen. Heliodor war ſeinerſeits nicht wenig erſtaunt, mich hier zu finden. Ich entdeckte ihm mein Schick⸗ ſal, und bath ihn, mich zu retten, und zu den Mei⸗ nigen zu bringen. Er verſprach zu thun, was er vermöchte; denn er war ohne dieß entſchloſſen, bald nach Bithynien zurück zu kehren, dem Biſchofe Nachricht von dem Fortgang ſeiner Unternehmun⸗ gen zu gehr jn ihn um Unterſtützung in ſeinem Geſchäfte, und mehrere Gefährten zu bitten. Er trug Fritigern meine Bitte vor. Ich hatte nicht den Muth dazu; denn ich wußte wohl, daß man mich nicht gern ziehen laſſen würde. Was ich ge⸗ fürchtet hatte, geſchah. Des Gothen ganze Wild⸗ heit brach ungeſtüm hervor, als man ihm von dem Verluſte einer Perſon ſprach, an die er ſich mit Liebe gewohnt hatte. Heliodors unwiderſtehlicher Beredſamkeit, ſeinem ehrwürdigen Anſehen gelang es endlich, das ſtürmiſche Gemüth zu beſänftigen. Er hörte ihn gelaſſener anz aber mich fortzulaſ⸗ ſen, dazu war er auf keine Weiſe zu bewegen. Er ließ mich rufen, er ſchalt, er drohte; endlich bath er mich mit Thränen, ihn nicht zu verlaſſen. Ach, das war ein harter Kampf! Es gehörte alle Macht treuer Liebe dazu, um hier zu widerſtehen. Ich weinte heftig, ich ſank vor ihm nieder, küßte ſei⸗ ne Hand, wie die eines Vaters, und wahrlich mit denſelben Empfindungen; ich ſchilderte ihm alles, was ich in meinem Vaterlande zurückgelaſſen hat⸗ te, was meiner wartete; ich ſprach endlich ſeine eigene Vaterlandsliebe an, ich bath ihn, ſich an meine Stelle zu ſetzen, und für mich zu entſcheiden. Er ſtand eine Weile ſtumm, dann ſagte er mit heftigem aber nicht rauhem Tone: Geh hin! Ich weiß, Du kannſt hier nicht glücklich ſeyn; aber wir können Dich auch nicht vergeſſen. Ich ergriff ſeine Hand, drückte ſie an mein Herz, und wollte ihm danken. In dem Augenblicke ſagte Heliodor etwas von dem Löſegelde, das er für mich beſtim⸗ men ſollte. Ich hatte vorher mit Heliodor darüber geſprochen, und dabey auf die kleinen Schätze, die ich und Evadne gerettet und bisher verborgen hat⸗ ten, und, Falls dieſe nicht zureichen ſollten, auf Deine und meines Jugendfreundes Reichthümer und Liebe gerechnet; aber ein geheimes Gefühl er⸗ laubte mir nicht, dieſes Anerbiethens in dieſem Augenblicke zu erwähnen. Heliodor that es doch, und Fritiger fuhr wild empor. Zorn ſprühte aus ſeinem Blick, er entriß mir ſeine Hand, und ſtieß mich unſanft weg. Was denkſt du? rief er entrü⸗ ſtet: Was wagſt du mir anzubiethen? Ich kann dich frey laſſen, ich kann dich verſchenken; verkau⸗ fen werde ich dich nie. Geh in dein Vaterland zu⸗ rück, weil du nicht mehr bey uns bleiben willſt, und ſag deinen Landsleuten, daß uns Barbaren das, was wir lieben, nicht um Gold feil iſt! Er wandte ſich raſch weg, und wollte ſich entfernen. Ich eilte ihm nach, ich ergriff ſeine Hand, ich küßte ſie, ich beſchwor ihn, mich nicht im Zorn zu ent⸗ laſſen, mir zu ſagen, daß er mir vergebe, und mir Agath. II. Th. 3 , 93— eine Schuld nicht anzurechnen, die ich nicht began⸗ gen hatte. Er blieb ſtehn, ſah mich ernſt aber ohne Zorn an, drückte mir endlich die Hand und ſagke: Du bleibſt doch meine Tochter, wenn du auch jen⸗ ſeits des Meeres wohnen wirſt! Ich gelobte es ihm; ja ich gelobte ihm ſogar, wenn ein widriges Schickſal meine Hoffnungen zerſtören, wenn ich in meinem Vaterlande nicht glücklich werden ſollte, zu ihm und ſeiner Familie zurückzukehren. Und, bey Gott! Junia, es ſcheint, ich werde dieſes Ver⸗ ſprechen halten! 2. In den wenigen, wehmüthig frohen Tagen, die wir noch miteinander zuhrachten, wurden alle An⸗ ſtalten zu unſerer Abreiſe gemacht. Fritiger und ſein Neffe Kattwald beſorgten uns ein Schiff und die geſchickteſten Ruderer, die ſie unter ihrem Stamme fanden. Evadnens Herz wurde in ſelt⸗ ſamen Widerſpruch aufgeregt, als ſie hörte, daß ich mit Heliodor nach unſerm gemeinſchaftlichen Vaterlande zurückkehren würde; aber der Gedanke an ihren Gatten beſiegte jeden Zweifel, machte je⸗ den Wunſch verſtummen. O was kann ein Weib nicht dem geliebten, dem liebenden Manne auf⸗ opfern! Er wird ihr Vater und Mutter, Heimath und Vaterland, und wo er iſt, findet ſie ihr Glück. Hoft, welche Auftritte ſchwebten — 99— nicht vor meinem Blicke! Was habe ich nicht für Seenen geträumt! Ach, ja wohl geträumt! Unter ſehr gemiſchten aber doch meiſt frohen Empfindungen ſah ich den Tag der Abreiſe ſich nä⸗ hern. Er kam. Ich ſchied mit heißen Thränen von meinem gütigen Gebiether, von ſeiner Familie, von meiner treuen Evadne. Nicht allein Fritigers Haus, alle Nachbarn, ſogar manche fern wohnen⸗ den Familien kamen, uns noch einmahl zu ſehen, nmich, die ſie gekannt und geliebt, und den würdi⸗ gen Prieſter, den ſie als einen gottgeſandten Leh⸗ rer verehrt hatten. Er verſprach ihnen, bald wie⸗ der zu kommen, und Fritigern und Evadnen Nach⸗ richt von mir zu brinßen. Am ufer kniete ich vor Fritiger und ſeiner Gemahlinn nieder, und bath ſie um ihren Segen. Sie gaben ihn mir im Nah⸗ men des Gottes, den ſie durch Heliodor hatten kennen gelernt. Nun ſtiegen wir in's Schiff; und nach einer ziemlich ängſtlichen Fahrt an den Küſten des Eupin herab in einem ſchlecht gebauten Kahn und mit Gothiſchen Ruderern langten wir in Byzanz an. Bier ſandten wir ſre Schiffer zurück, ſo reich beſchenkt, als ich es v mochte, und mit tauſend dankbaren Grüßen an Unſre Freunde. In der Stadt bath ich Heliodorn, mir ſogleich alles zu verſchaf⸗ ſen, was nöthig war, um wieder anſtändig * — gepideten Menſchen zu erſcheinen. O meine Liebel Welchen zauberiſchen Reiz gibt lange Entbehrung den gemeinſten Dingen! Wie wenig erkennen wir den Werth unſerer Bequemlichkeiten beym all⸗ täglichen Gebrauche! Mit wahrer Wolluſt hüllte ich mich in die gewohnten Gewänder, ordnete mein Haar, und genoß in dem einfachen Anzug eine Befriedigung, die mir nie der koſtbarſte Putz verſchafft hatte. Aber dennoch ſah ich in dem erſten Spiegel, der ſeit acht Monathen mein Geſicht zurück ſtrahlte, mit einigem Schrecken die Veränderung, die das rauhe Clima und ei⸗ ne ziemlich tiefe Narbe auf meiner Wange her⸗ vorbrachten. Ich war nie ſchön— ich hatte dieſen Vorzug an Andern wohl erkannt, aber nie bey mir vermißt— ich war ja auch ohne ihn von dem Freund meiner Jugend geliebt, von einem würdigen Gemahl geachtet worden. Jetzt flößte mir doch die große Veränderung eine Art von Ingſtlichkeit ein, und mit zitternder Zuverſicht, die dieſer Empfindung einen neuen innigen Reiz gab, hoffte ich auf die unwan⸗ delbare Treue, auf die edle Denkart meines Freundes. Wir fanden ein ſegelfertiges Schiff im Hafen, das nach Chalcedon beſtimmt war, — 101— und landeten glücklich an der vaterländiſchen Küſte. Doch mein Brief iſt unmäßig lang. Ich verſpare die Erzählung der ferneren Begeben⸗ heiten und meiner jetzigen Lage auf einen zwey⸗ ten. Leb wohl! Vierzehnter Brief. Theophania an Junia Marcella. Nicäa im September 302. Bis zu meiner Ankunft an der Küſte von Bithy⸗ nien war ich im erſten Briefe gekommen.— Mi⸗ Wonneſchauer, mit einem Entzücken, das mir bis⸗ her unbekannt geweſen war, betrat ich den gelieb⸗ ten Strand, wo ich alles zu finden hoffte, was mein Leben zur Himmelsſeligkeit erhöhen, mir voller Erſatz für ſo viel freudenloſe Jahre ſeyn ſollte. Ich war frey; keine Pflicht hinderte mich mehr, ſchuld⸗ los dem ſüßen Zuge zu folgen, der, ſeit der Kind⸗ heit in mein Weſen verwebt, mir zur zweyten Na⸗ tur geworden war. Heliodors Jahre und ſeine ſtren⸗ gen Grundſätze, die jede heftigere Neigung für ein Geſchöpf, als ſündlich, als unſerer höhern Beſtim⸗ mung zuwider verdammten, hielten mich ab, ihm meine Empfindungen zu entdecken. Ich ehrte ſeine. — 105 Grundſätze, weil ich ihren Urſprung in einem vom Irdiſchen abgezogenen Gemüth erkannte, weil ich einſah, daß nur ſolche Geſinnungen ihm die heilige Achtung für alles einflößen konnten, was er für Pflicht hielt, daß er nur durch ſie fähig war, das Apoſtelamt bey barbariſchen Völkern zu überneh⸗ men, jede Bequemlichkeit des Lebens, und das Le⸗ ben ſelbſt für gering zu achten. Ich verſchloß meine Freuden, mein ſüßes Geheimniß in meiner Bruſt, und genoß ſie vielleicht um deſto inniger. Mein Vorſatz war, ſogleich nach Nikomedien zu gehen, wo ich Agathokles ſelbſt, oder doch Nachricht von ihm zu finden hoffte. Wir nahmen Pferde, und auf mein dringendes Bitten einen Sclaven zur Be⸗ gleitung. Heliodor war mein Vater, ich ſeine Toch⸗ ter, die Witwe eines Kaufmanns aus Byzanz. So machten wir uns auf den Weg. O welche glänzen⸗ de, entzückende Bilder mahlte mir nicht meine Phantaſie! Welche frohe Geſchichten erzählte ich mir nicht in den vielen ſtillen Stunden unſerer Rei⸗ ſe! Ich wußte, daß Synthium, Agathokles Land⸗ gut, an der Straße von Chalcedon nach Nikome⸗ dien liegt. Der Gedanke, dahin zu gehen, ihn viel⸗ leicht dort zu treffen, wenn er im düſteren Schatten ſeiner Gärten ſchwermüthig ging, und manches Bild einer beſſern Vergangenheit vor ſeinen Blin — 104— cken ſchwebte, ihm dann zu begegnen, und wenn er erſtaunt zurückbebte, an ſeine Bruſt zu ſinken, und ihm zu ſagen, daß wir glücklich, daß wir vereinigt wären— dieſer Gedanke, dieſe Ausſichten mach⸗ ten mein Herz vor Freude zittern, und ſo näherten wir uns den waldigen Hügeln, hinter denen es verborgen liegt. Heliodorn wagte ich nicht meinen geheimen Wunſch zu entdecken; ich gab eine große Ermüdung vor, und bath ihn, weil der Abend ein⸗ brach, in dem Dorfe, das vor uns lag, zu über⸗ nachten. Wir ritten langſam die Straße hin. Schon ſah ich das Dach des Hauſes freundlich zwiſchen dunkeln Pinien hervorblicken. Ein Theil des Gar⸗ tens erſtreckt ſich bis an den Weg, gegen welchen er ſich in ein großes Gegitter endigt, das die Aus⸗ ſicht auf die Straße und die Gegend umher gewährt. Das wußte ich noch recht wohl, und freute mich, alles ſo zu finden, wie es in den guten Tagen mei⸗ ner erſten Jugend geweſen war. Wie wir uns dem Garten näherten, ſah ich zwey Frauenzimmer in häuslicher Tracht, die aber, Trotz ihrer Einfach⸗ heit, Reichthum und hohen Stand verrieth, Arm in Arm den Platanengang herabwandeln. Das Gitterthor war offen; unſer Anblick hatte ſie her⸗ beygezogen, ſie traten heraus Es warenzwey voll⸗ kommen ſchöne Geſtalten; die eine, ſchlank und majeſtätiſch gebaut, mit dunkeln Augen und Haa⸗ ren, ſchien älter, und ein Zug von Kummer in dem blaſſen Geſichte machte ſie mir lieber, als ihre jün⸗ gere Gefährtinn, die in der Fülle der Jugend und Schönheit neben ihr ſtand. Die Erſcheinung be⸗ fremdete mich. Eine unangenehme Empfindung bemächtigte ſich meiner. Hatte Agathokles das Land⸗ gut verkauft? Wohnte er nebſt dieſen ſchönen Frauen hier? Mein Herz ſchlug ängſtlich. Die Frauen grüßten uns freundlich. Ich ſandte den Selaven ab, um mich bey ihnen zu erkundigen, wem die Villa gehöre, und ob wir im Dorfe eine Nacht⸗ herberge finden könnten. Der Selave kam bald zu⸗ rück, und brachte die Antwort: die Villa gehöre einem kaiſerlichen Tribun, im Dorfe würden wir keine anſtändige Unterkunft finden; wenn wir ih⸗ nen aber das Vergnügen machen wollten, bey ih⸗ nen zu bleiben, ſo würden ſie ſich bemühen, uns einen erträglichen Aufenthaſt für dieſe Nachtzu ver⸗ ſchaffen. Das Zuvorkommende dieſer Einladung, noch mehr aber die Begierde, hier klar zu ſehen, trieb mich an, das Anerbiethen anzunehmen, Trotz manchem Widerſpruche meines Begleiters, der ge⸗ gen die ſchönen geſchmückten Frauen, gegen den hohen Wohlſtand, den hier alles verrieth, Manches einzuwenden hatte. Mein unſeliger Vorwitz ſiegte. — 106— Ach, was ſollte ich erfahren? Wie bitter wurde meine Falſchheit gegen Heliodor, die Abſichtlichkeit meines ganzen Betragens geſtraft! Wir ſtiegen ab. Die Frauen empfingen uns ſehr freundlich; man erkundigte ſich nach unſerer Reiſe, und mit vieler Feinheit nach unſern Umſtänden. Wir erzählten, was wir bereits verabredet hatten. Mein Mann war in Byzanz geſtorben; ich ging nach ſeinem Tode mit meinem Vater nach Nikome⸗ dien zurück.— Unſere wahre Geſchichte hätte viel unglaublicher geklungen, als dieſe gewöhnliche Er⸗ dichtung. So kamen wir in den Garten. Ach! Tau⸗ ſend Erinnerungen wehten mich aus den Wipfeln dieſer Bäume an; bey jedem Schritte dachte ich den Eigenthümer des Gartens aus einem Gebüſche her⸗ vortreten zu ſehen— die theure Geſtalt zu erbli⸗ cken, die ſtets vor meinen Augen ſchwebte! Wir ſetzten uns, das Geſpräch fiel bald auf die Neuig⸗ keiten des Tages; es wurde vom Kriege, von des Cäſars letztem Siege, von den Hoffnungen des Ar⸗ meniſchen Prinzen Tiridates, deſſen Anſprüche der Hof von Nikomedien ſo thätig unterſtützte, geſpro⸗ chen. Heliodor nahm eifrig Theil an dieſen Nach⸗ richten; das Geſpräch wurde lebhaft. Die ſchöne junge Perſon lächelte ihre ältere Freundinn ſchalk⸗ haft an, und ein angenehmes Lächeln, das den trü⸗ — 107 ben Blick dieſer zweyten erhellte, zeigte mir, daß des Prinzen Schickſal ſie nahe anging. Bald hörte ich auch ihren Nahmen. Es war Sulpicia, jene Römerinn, von deren unglücklichen Leidenſchaft mir Agathokles öfters erzählt hatte. Wie ſie aber nach Bithynien und auf dieſe Villa kam, war mir un⸗ erklärlich. Heliodor, der noch einige Anſtalten für unſere Reiſe zu machen hatte, entfernte ſich jetzt. Sulpicia bath ihre Freundinn, ihn zu begleiten, und alles zu beſorgen. Komm dann bald wieder, liebe Calpurnia, rief ſie ihr freundlich nach.— Cal⸗ purnia! Wie ein Blitzſtrahl wirkte dieſer Nahme auf mich; mein Blut ſtand ſtill— ich war unver⸗ mögend, mich zu regen oder ein Wort zu ſprechen. Erſt als der gefürchtete Gegenſtand ſchon weit von uns war, erwachte ich aus meiner Betäubung. Al⸗ ſo Calpurnia hier— auf dieſer Villa! Schwan⸗ kend wie die Erinnerung eines Traumes kam mir nach und nach die Beſinnung, daß ich von Dir er⸗ fahren hatte, Calpurnia ſollte mit ihrem Vater nach Vithynien kommen. Und ſie war hier! Sie lebte auf dieſer Villa— als was? als was anders als die Braut— vielleicht die Gattinn des Beſi⸗ tzers! Was in mir vorging, als dieſe Entdeckungen langſam aber deutlich ſich aus meinen verworrenen Gedanken entwickelten— o, der Tod kann nicht — 108— bitterer ſeyn, als dieſe Gefühle! Darum war alſo bey der Ungewißheit meines Schickſals auch nicht Eine Nachforſchung nach mir, nicht Ein Verſuch zu meiner Rettung gemacht worden! Sulpicia war bey mir zurück geblieben. Die Sonne ſank hinter den Bergen hinab; ihr letzter Strahl brach durch das Gebüſch, und mahlte alles um uns mit glänzendem Golde. Ich ſaß verloren in ſchmerzlichen Gefühlen, und hörte nur halb, was Sulpicia von der Stille und Schönheit des Abends ſprach. Ich muß ihr nichts geantwortet ha⸗ ben; denn ſie legte endlich die Hand auf meinen Arm, und ſagte mit unbeſchreiblich gütigem Tone: Du ſcheinſt auch nicht glücklich zu ſeyn, liebe Frem⸗ de! Ich fuhr empor— ich ſah ſie ſtarr an; ihr Auge wurde feucht, und meine Thränen brachen hervor. O, ich habe viel— viel verloren! rief ich erſchüttert.„Das glaube ich. Verluſt von dieſer Art— ſie deutete auf mein Trauerkleid— wird ſel⸗ ten oder nie verſchmerzt.« Ich war froh, ſo mißver⸗ ſtanden zu werden, ich ließ meinen Thränen freyen Lauf. Sulpicia verſtand mich, ohne mich zu er⸗ gründen; ich fand eine Art von Beruhigung in ih⸗ rer zarten Theilnahme. Ach, ſie weiß auch, was ein zerriſſenes Herz iſt! Die Sonne war jetzt hinunter. Calpurnia kam — 109— hüpfend zurück, und ermahnte ihre Freundinn, bey der ſinkenden Dämmerung ihre Geſundheit zu ſcho⸗ nen und in's Haus zu gehen. Wir ſtanden auf. Im Hineingehen betrachtete ich dieſe reizende Geſtalt recht aufmerkſam. O ſie ſchien mir jetzt, da ich wuß⸗ te, wer ſie war, noch ſchöner, noch verführeriſcher! Jede Bewegung war Anmuth— Wohllaut möch⸗ te ich ſagen, jedes Wort bedeutend, jeder Blick ſiegreich. Als wir in einen Saal zu ebener Erde traten, nahm ſie mich auf eine muntere Art bey der Hand, und zog mich fort, um mir mein Schlafge⸗ mach zu zeigen. Es war ein niedliches kleines Zim⸗ mer mit allen Bequemlichkeiten des Wohlſtandes ohne Pracht verſehen, und mit der Ausſicht in den wildeſten Theil der Gärten. Ein Spiegel an der Wand zeigte mir plötzlich, ich kann ſagen mit Schrecken, unſere beyden Geſtalten; Calpurnia blühend, jugendlich, mit den ſiegreichen Blicken, den glänzend braunen Locken, die künſtlich gerin⸗ gelt um die weiße Stirn, die roſigen Wangen, den blendenden Nacken flatterten, in der üppigſten Fülle einer glücklichen Schönheit— und ich neben ihr, verblüht, von Kummer verzehrt, von Sonne und Luſt verbrannt, mit trüben Blicken und der tiefen Narbe auf den farbloſen Wangen. O Junia! Nur die ungemeſſenſte Eitelkeit oder die lächerlichſte — 170— Verblendung ſhätte es wagen können, hier ſich in einen Wettſtreit einzulaſſen. Ich erkannte deutlich die Größe des Abſtandes und meinen entſchiedenen Verluſt. Sie entfernte ſich hierauf, um mir Ruhe zu laſſen, ſagte ſie. Ach ja wohl! Sie läßt mir Ru⸗ he— die Ruhe des Grabes, nachdem ich durch ſie Alles verloren habe, was dem Leben Werth gibt. Ich weinte recht heftig, und weinte mich aus; ich warf mich auf meine Kniee, und demüthigte mich unter der Hand des Gottes, der züchtigt, weil er liebt. Ich bath ihn um Stärke, und fühlte mich wirklich gefaßter, als nach einer Weile eine Sela⸗ vinn kam, um ſich zu erkundigen, ob ich nichts be⸗ dürfe. Ich verlangte zu ihrer Gebietherinn geführt zu werden. Das Mädchen brachte mich in einen Saal, der angenehm durch einige in ſchönen Ur⸗ nen brennende Lampen erhellt war. Sulpicia lag auf einem Ruhebette; Calpurnia ihr gegenüber hatte die elfenbeinerne Leyer im Arm, auf der ſie eben geſpielt und dazu geſungen hatte. Ich bath ſie, fortzufahren; da griff ſie mit den Lilienarmen in die goldenen Saiten, und ſang mit wollüſtig ſchmelzender Stimme ein ziemlich loſes Lied dar⸗ ein. Ich dachte der Zeit, wo ich auch geſpielt und geſungen hatte, damahls, als die erſten Gefühle in unſern jungen Herzen erwacht waren, und ſpäter S in Edeſſa und Niſibis, wo mein Geſang oft die müden Waffengenoſſen erheiterte, Demetrius Bey⸗ fall mich lohnend ermunterte, und ein Auge voll Rührung und heiliger Liebe an meinen Blicken hing. Aber freylich, ſo verſtehe ich nicht zu ſingen, mit ſo ſprechenden Geberden, mit ſo wolluſtathmen⸗ den Lauten, und keine ſo weichen runden Arme be⸗ zauberten das trunkene Auge, indeß das Ohr dem Sirenenſang lauſchte. So ward jeder Blick auf ſie ein Stachel in mei⸗ ne Seele. Aber ich war noch zu etwas Härterem be⸗ ſtimmt; ich ſollte den Kelch bis auf die Hefen lee⸗ ren, und in keinem unaufgehellten Winkel meines Geſchickes den Troſt der Ungewißheit, der mögli⸗ chen Hoffnung, erhalten. Es lagen Zeichnungen auf dem Tiſche. Ich ſah ſie durch; es waren ver⸗ ſchiedene Gegenſtände ſehr geſchickt ausgeführt. Jetzt ergriff ich die größte und letzte. O Gott im Himmel, was erblickte ich?— Agathokles Bild, zu Pferde, in einer mir bekannten Straße von Ni⸗ komedien, in vollem kriegeriſchem Schmucke, und von einer Menge Menſchen umgeben! Ich zitter⸗ te; lange hielt ich wie bewußtlos das unglückliche Blatt in der Hand— und mein Auge ſah nur ihn. Es waren ſeine Züge, ſeine Haltung, ſo genau, ſo lebendig! Meine Seele verlor ſich im Anſchauen. — 112— Calpurniens Stimme weckte mich aus meinem Traume. Sie fragte mich, wie mir das Blatt gefie⸗ le?— Vortrefflich, antwortete ich, und ſetzte in der ſchrecklichen Verwirrung hinzu: Er iſt zum Spre⸗ chen getroffen. Wie, Du kennſt den Tribun? rief ſie raſch und ſprang auf mich zu, gleich als hätte meine Bekanntſchaft mit ihm mir ein höheres In⸗ tereſſe in ihren Augen gegeben. O wie lebhaft muß das ſeyn, das ſie an ihm, das er an ihr nimmt! Es war zu ſpät, meine Unbeſonnenheit wieder gut zu machen; ich mußte ſie nun ſchicklich bemänteln. Iſt es nicht Agathokles, der Sohn des Hegeſippus? ſagte ich. Ja, er iſt's, rief ſie fröhlich: Du kennſt ihn?„Ich erinnere mich, ihn vor mehreren Jah⸗ ren zuweilen in Nikomedien geſehen zu haben.“ Und Du findeſt das Bild getroffen?„Vollkommenz nur wünſchte ich die Bedeutung zu wiſſen.“ Nun erfuhr ich, daß Agathokles ſich in der letzten Schlacht außerordentlich ausgezeichnet hatte, daß er auf dem Wahlplatze zum Tribun erwählt, und vom Cäſar als Siegesbothe zum Diocletian geſendet worden war. In dieſem Augenblicke des ſchmeichelnden Volkszurufes hatte ſie ihn gezeichnet— ſie ſelbſt. Sulpicia lächelte fein, als Calpurnia mir das er⸗ zählte. Es iſt kein Wunder, ſagte ſie endlich, daß ſie ihn ſo gut getroffen hat; die Phantaſie entwirft, — 113— und Eros 6) führt die Hand. Ein kleiner ſcherz⸗ hafter Streit begann nun unter den beyden Rö⸗ merinnen, ein Streit, deſſen Gegenſtand er und ſeine Liebe zu Calpurnien war— und ich war Zeu⸗ ginn, und ich wurde zuweilen von der freundli⸗ chen Sulpicia aufgefordert, Theil daran zu neh⸗ men! O, das war eine der bitterſten Stunden mei⸗ nes Lebens! Ich erfuhr durch dieſe kleine Reckerey endlich ſo viel, daß zwar Calpurnia noch nicht ſeine Gat⸗ tinn, aber ſeine Geliebte, und nicht viel weniger als ſeine Braut war, daß ihr Verhältniß ſchon in Rom angefangen, und in Nikomedien fortgeſetzt wurde, daß er aber jetzt wieder zum Heere abge⸗ gangen war, wo die Friedensunterhandlungen mit den Perſern beginnen ſollten. Ich wußte genug, und entfloh, ſo bald ich konn⸗ te, in die Einſamkeit meines Zimmers. Kein Schlaf beſuchte meine Augen. Ich hatte erlangt, was ich gewünſcht hatte; ich war aus der Gefangenſchaft befreyt, ich war in meinem Vaterlande, auf ſei⸗ ner Villa— und wie war ich es, unter welchen Verhältniſſen! Wild und verworren durchkreuzten ſich Gedanken, Gefühle und Entwürfe in meiner Seele. Das allein fühlte ich klar, daß nun mein Lebensplan zerriſſen, und ein neuer nothwendig Agath. 1I. Th. 3 — 114— war. Aus dem Kampfe ſtreitender Kräfte, aus dem Chaos ſchmerzlicher Empfindungen ging er endlich hervor, wie ein einzigübriger Lebender ſich bleich und ſchaudernd von dem Schlachtfelde aufrichten mag, auf dem alle ſeine Brüder gefallen ſind. Ich entwarf ihn mit klarer Beſinnung; und du ſollſt ihn hören und billigen. An eine Vereinigung mit dem, den ich nicht mehr nennen will, iſt nicht zu denken. Er iſt todt für mich; ſo will ich es auch für ihn ſeyn. Das Schickſal hat mein Daſeyn zerſtört, es hat mir Stand, Gemahl, Vermögen, Alles geraubt, alle Lebenshoffnungen zernichtet; ſo höre denn auch mein Weſen, mein Nahme auf. Lariſſa iſt todt— ſie iſt unter den Ruinen von Trachene begraben. Dieſe Theophania,(du weißt, daß dieß mein Chri⸗ ſtennahme iſt), die jetzt arm, verlaſſen, einſam zu⸗ rückkehrt, iſt ein anderes Weſen, fremd für die Welt, fremd für jene, die ſie ſo ſchnell vergeſſen konnten. Sie iſt nicht in Nikomedien geboren. Syn⸗ thium iſt der Ort ihrer Entſtehung. Sie hat auch nichts mehr in der glänzenden Hauptſtadt zu ſu⸗ chen. Einige Koſtbarkeiten, die jene verſtorbene Lariſſa rettete, und die immer einige Talente 17) werth ſeyn mögen, werden ihr ein beſchränktes aber ſorgenfreyes Leben ſichern. Sie kann entbeh⸗ — 115— ren; das Schickſal hat ſie in ſeine Schule geführt. Sie wird mit Heliodor nach Nicäa gehen, und dort, entweder in dem Hauſe ſeiner Verwandten, oder ei⸗ ner andern unbeſcholtenen Chriſtenfamilie Aufnah⸗ me und Schutz ſuchen. Dort wird ſie unbemerkt leben, ſterben, oder vielleicht nächſtens zu ihren wilden Freunden zurückkehren, deren unverfeiner⸗ te Gemüther nicht fähig ſind, jeden Eindruck ſo ſchnell fahren zu laſſen. Sobald der Tag anbrach, verließ ich mein Zim⸗ mer, und ſtieg in die thauigen Gärten hinab. Un⸗ geſtört durchirrte ich die wohlbekannten Gänge, und rief mit ſchmerzlicher Luſt die Bilder der Ver⸗ gangenheit zurück. Hier hatte ich als Kind mit dem Geſpielen der Kindheit ſchuldlos und glücklich ge⸗ ſpielt; dort in jener dunkeln Pinienlaube hatten die Gefühle der Jungfrau zuerſt Worte bekommen, dort hatten wir uns ewige Treue geſchworen, und von dem Gipfel jenes Hügels wehten die Palmen im Morgenwind, unter denen ſeine Mutter uns oft um ſich geſammelt, Lehren der Tugend und Weisheit in unſere Seelen geſenkt, und uns mit⸗ einander und für einander gebildet hatte. Mit ſchmerzlich ſüßer Wehmuth, mit zerreißenden Ge⸗ fühlen durchſtreifte ich dieſe Denkmahle einer beſ⸗ ſern Vergangenheit. Als ich mich dem Hauſe nä⸗ 8— 6 herte, kam mir Heliodor entgegen. Er hatte mich geſucht, um mich zur ſchnellen Abreiſe zu beſtim⸗ men. Ihm war es nicht wohl in dieſem glänzen⸗ den Hauſe, in der Nähe der leichtfertigen Calpur⸗ nia. Sein Antrag kam mir erwünſcht; ich erſuchte ihn zugleich, den Reiſeplan zu ändern, indem ich nicht mehr, wie anfangs, geſonnen ſey, nach Ni⸗ komedien zu gehen, wohin er mich ohne dieß nur aus Gefälligkeit begleitet hätte. Und wohin willſt Du? ſagte er. Wohin Du gehſt, erwiederte ich, nach Nicäa, oder an die Ufer des Boryſthenes. Er ſah mich ſehr erſtaunt und forſchend an; aber er fragte nicht weiter.„Und was willſt Du in Ni⸗ cäa machen, du biſt ganz fremd dort?“ Ich bin es überall, erwiederte ich: Du weißt, daß ich nir⸗ gends Freunde oder Verwandte habe. Willſt Du ſo gütig ſeyn, mir in Deines edlen Bruders Hau⸗ ſe eine Freyſtatt zu verſchaffen, ſo wirſt Du dir ein unglückliches, heimathloſes Geſchöpf ewig ver⸗ pflichten. Er ſchien nicht unzufrieden mit dieſer Bitte, er verſprach mir, gut und eifrig für mich zu ſorgen; allein, ich ſah wohl, daß er nur für dieſen Augenblick nicht weiter forſchen wollte, daß ihm aber mein geänderter Entſchluß ſehr auffiel. Ich fühlte, daß ich ſeinem ſtrengen Forſcherblicke nicht entgehen, und früher oder ſpäter mich ihm — 117— entdecken müſſen würde. Doch gern unterwarf ich mich allem, um nur aus dieſer Villa, aus der Nä⸗ he von Nikomedien zu kommen. Wir nahmen Ab⸗ ſchied. Man ſchien unzufrieden über unſern ſchnel⸗ len Aufbruch. Sulpicia zeigte eine wahre Theil⸗ nahme; ich ſah, daß ich ihr werth geworden war, und dieß Gefühl that mir, von aller Welt Verlaſ⸗ ſenen, unendlich wohl. Wir verabredeten, einan⸗ der zu ſchreiben. So ſchieden wir, und langten in zwey Tagen in Nicäa an. Heliodors Verwandte nahmen mich auf ſeine Empfehlung ungemein gü⸗ tig auf. Ich lebe mit Ihnen; ich bin ruhig und verborgen in einem ſtillen Hauſe, unter guten Men⸗ ſchen, unter Chriſten; und ſo ſind die kleinen Wün⸗ ſche, die ich noch au dieſer Welt habe, erfüllt. Fünfzehnter Brief. Agathokles an Phocion. Samoſata im September 302. De⸗ Geräuſch iſt vorüber; es iſt wieder ſtill in mir, und ſo wie die Seele, ſich ſelbſt überlaſſen, nach und nach in ihre vorige Stimmung zurück⸗ kehrt, kehren auch ihre gewohnten Empfindungen zurück. Der Aufenthalt in Nikomedien mit allem ſeinen Glanz, ſeinem prunkenden Geräuſch liegt wie der Traum einer kurzen Sommernacht hinter mir. Die Eindrücke, die er hervorbrachte, verklin⸗ gen allmählich; die Bezauberung entflieht, der Geiſt ſieht wieder hell und richtig. Nein, das iſt nicht die Liebe, die mich glücklich machen kann. Ach, diejenige, welche dieſe Empfindung für mich in dem treuen wahren Herzen trug, ſchläft unter dem Hügel von Trachene! Sie hätte mir kein Feſt ge⸗ geben, ſie hätte die kurze Zeit unſres Beyſammen⸗ — 119— ſeyns nicht durch ein Schauſpiel noch mehr ver⸗ kürzt, in dem nur ihre Talente und ihre Schön⸗ heit ſtaunenden Beyfall einernten ſollten. Lariſſa wäre an meine Bruſt geſunken, ſie hätte nach mei⸗ nen Gefahren, meinen Leiden gefragt, ſie hätte mich geliebt; und Calpurnia wollte mich blen⸗ den und feſſeln. Wie war es möglich, dieſe Deutung in das Feſt zu legen, ſich als meine Freundinn zu erklären, deren ſorgliche Liebe nur den höhern Anſprüchen des Vaterlandes weicht, und in einer Stunde dar⸗ auf alles das rein zu vergeſſen, oder wenigſtens den Anſchein haben zu wollen, als hätte man es mit allen Eindrücken, die es hervorbringen mußte, vergeſſen? O wenn es Liebe geweſen wäre, was ſie hinriß, mir ihr Herz unverhüllt zu zeigen, wie hätte ſie's vermocht, meinem wirklich bewegten Gemüthe ſo kalt und ruhig gegenüber zu ſtehen, und wenige Minuten nach dem deutungsvollen Feſt nichts als eine leichte fröhliche Geſellſchafte⸗ rinn zu ſeyn? Es war Eitelkeit, nichts als Eitel⸗ keit; ſie wollte einen gewaltſamen Eindruck auf mich machen, aber die Regungen nicht theilen, die er in mir hervorbrachte. Wie klein, wie kalt erſcheint mir ihr Bild! Laß mich davon abbrechen! — 120— Ich ſchäme mich, auch nur für einen Augenblick dem Zauber unterlegen zu ſeyn. Du ſcheinſt, mein väterlicher Freund, nicht ganz zufrieden mit meinen Anſichten des Chriſten⸗ thums, und noch weniger mit meiner Neigung, ein Bekenner desſelben zu werden. Es iſt ſchwer, in Briefen alles zu erſchöpfen, was ſich für oder wider eine Sache von ſo vieler Wichtigkeit ſagen läßt; ich will alſo nur einige Deiner Einwürfe zu beantworten ſuchen. Du wirfſt dieſem Syſtem vor, daß es auf bloße Tradition gebaut, durch Wunder unterſtützt, und in undurchdringliche Geheimniſſe gehüllt ſey, die des menſchlichen Verſtandes zu ſpot⸗ ten ſcheinen. Was die Tradition betrifft, ſo erging es dem Urheber dieſes Syſtems nicht anders, als den weiſen Sokrates, Pythagoras, und den mei⸗ ſten Stiftern berühmter Secten und Glaubensfor⸗ men. Von ihrer Hand beſitzen wir wenig oder nichts. Alles, was aus der Ferne der Zeiten zu uns her⸗ über tönt, ſind einzelne Laute, aus ihrem oder ih⸗ rer erſten Schüler Mund, aufgezeichnet von Ent⸗ fernteren, ſelten von Zeitgenoſſen oder Augenzeu⸗ gen. Die Chriſten beſitzen doch wenigſtens in den ſogenannten Evangelien viele Sprüche, Lehren, Thaten und Meinungen ihres Meiſters, ſeine Bio⸗ graphie von ſeiner Geburt bis an ſeinen Tod, — 121— Wenn wir dem Zeugniſſe der Geſchichte überhaupt Glauben beymeſſen, ſo müſſen wir es auch dieſen einfachen Erzählungen anſpruchsloſer Menſchen, denen es an Geſchicklichkeit ſowohl zum beſſern Vortrag, als zur liſtigern Einkleidung gebrach⸗ Hätten ſie zu täuſchen vermocht, oder es gewollt, wahrlich, die Gegner würden weniger einzuwenden haben, und das gefliſſentlich künſtliche Gebäude weniger Blößen geben. Daß ſie es nicht thaten, daß der grübelnde Verſtand Manches an dieſen nicht ganz gleichlautenden Zeugniſſen aufzufinden weiß, was er haarſcharf ſichten und zergliedern will, das bürgt mir für ihre Wahrheit. Die Jün⸗ ger ſahen ihren göttlichen Lehrer handeln, leiden, ſterben; und wie ſich dieſe Erſcheinung in den Au⸗ gen vier verſchiedener einfacher Menſchen ſpiegel⸗ te, wie die Erzählungen jener Begebenheiten, wo⸗ von ſie zum Theil nicht ſelbſt Zeugen waren, mit den gewöhnlichen kleinen Veränderungen ljedem erzählt, und von ihm aufgefaßt wurden, ſo zeich⸗ nete ſie jeder, unbekümmert um das Urtheil der Nachwelt und die ſcharfe Critik ſpäterer Gelehrten, zur Erbauung der Gemeinde auf, der er vorſtand⸗ über die Wunder kann ich Dir nichts ſagen. Manche mögen ſich natürlich erklären laſſen, bey andern, ſo wie bey dem Geheimniſſe der Geburt — und Natur des Stifters ſteht unſer Verſtand ſtill. Wir können es nicht begreifen; aber müſſen wir es denn begreifen? Wie viele tauſend Erſcheinun⸗ gen gehen in der phyſiſchen und moraliſchen Welt vor; wir fühlen ihre Wirkung, aber wir begreifen ihre Entſtehung nicht. Mit fruchtloſer Mühe zer⸗ arbeitet ſich der menſchliche Witz, dieſe Beobach⸗ tungen unter Regeln und in Hypotheſen zu brin⸗ gen; und wie ſpottet die Größe und Erhabenheit der Natur dieſer armen Abtheilungen, Unterab⸗ theilungen und ſpitzfindigen Erklärungen durch die geheimnißvolle Art, wie ſie ihre Geſetze befolgt, daß alle Augenblicke Lücken und Blößen in den künſt⸗ lich errichteten Syſtemen entſtehen! Werden wir„ weniger an das Daſeyn des Windes, des Donners, der Erderſchütterungen glauben, weil wir nicht wiſſen, woher ſie kommen? Werden wir weniger Maßregeln dagegen ergreifen, weil uns ihre Natur unbekannt iſt? Gewiß nicht. Auf unſer Verhalten wird der Zweifel, in dem ſie uns laſſen, keinen Einfluß haben. Eben ſo verfährt der redliche Chriſt. Das, was für unſer Leben anwendbar iſt, was uns beſſer, edler macht, was den Frieden in uns er⸗ zeugt, das iſt's, was wir annehmen und befolgen müſſen. Das ſind die ſegensreichen Wirkungen die⸗ —— — 125— ſer Lehre; das übrige ergreift der kindliche Glau⸗ be, ohne ſich um ſeine Ergründung zu bekümmern. Ich habe Dir bereits in manchen meiner Brie⸗ fe über die chriſtliche Moral geſchrieben. Ich bin überzeugt, daß ſie die reinſte iſt, die bisher auf der Erde gelehrt wurde, daß ſie ſo ganz für das jetzige Zeitalter, für den Stand unſrer Cultur, die gegenwärtige Lage des Menſchengeſchlechts paßt⸗ daß ſchon hieraus ihr göttlicher Urſprung ſich be⸗ weiſen ließe, wenn ihn auch keine früheren Zeug⸗ niſſe beſtätigten. Die Gottheit, die das Schickſal der Menſchheit lenkt, die weiß, zu welcher Zeit und auf welche Art ihre Schwäche unterſtützt, ih⸗ rem Verderben geſteuert werden ſoll, hat in dieſer Epoche dieſe Religion entſtehen laſſen. Sie ſandte einen Götterſohn, ſie zu lehren. Was finden wir hierin Sonderbares, wir, die wir unter Mythen von Heroen und Götterſöhnen aufgewachſen ſind, die die Menſchen zur Zeit der Noth retteten, die Erde von Ungeheuern befreyten, den Zorn der Göt⸗ ter verſöhnten? Iſt der Begriff eines einzigen Got⸗ tes anſtößiger, als der von unzähligen Söhnen unzähliger Götter? Und welche Religion hätte nicht ſolche Verkörperungen überirdiſcher Weſen, die zum Beſten der leidenden Sterblichen den Sitz der Seligen verließen? O, der Gedanke liegt ſo tief — 124— in dem Herzen des Unglücklichen! Und welcher Sterbliche iſt glücklich? Die Geſetze der Natur, die phyſiſchen Revolutionen gehen achtlos über den Ruin ſeiner Habe, ſeines Lebens hin, ſie vermag kein Flehen zu beugen, ihrem Gange ſetzt keine Klugheit Schranken. Die Laſter, die Verderbtheit ſeiner Mitmenſchen züchtigen ihn mit noch ſchärfe⸗ ren Nuthen; er muß büßen, was Andre verſchul⸗ det haben; er wird hingeopfert, weil ein übermü⸗ thiger ſchwelgen will; weil ein Raſender das Un⸗ mögliche fordert, bluten Myriaden aufdem Schlacht⸗ felde. O, wohin ſoll der verfolgte, geängſtete Menſch ſich wenden, als zu der unſichtbaren Macht, die ſtärker iſt, als die Natur und die böſen Men⸗ ſchen? Er flieht dahin, er ringt im Gebethe mit ihr, und ſie ſendet ihm einen Retter. Ströme von Menſchenblut haben die Geſilde Hesperiens, die Felder von Pharſalus, von Gallien, Syrien, von allen Provinzen des römiſchen Reiches getränkt. Tauſend einzelne Schlachtopfer ſind dem Neid und Verdacht der Triumvirn, der Wuth der Prätorianer, der wollüſtigen Grauſamkeit eines Tiberius oder Caligula gefallen, und wenn zehn Tauſende ihr Leben einbüßten, ſo verjammerten es dreyßig Tauſend im Elend oder Schmach, weil ſie ihre Stützen, ihr Glück in jenen verloren hat⸗ — 125— ten. Der Coloß des unermeßlichen Reiches naht ſeinem Umſturz. An allen Enden kracht das mor⸗ ſche Gebäude; alle Säulen ſchwanken, alle Grund⸗ feſten ſind erſchüttert, und mit ungeheurer Kraft dringen ungeſchwächte Horden von Barbaren in Nord und Oſt auf die untergrabenen Mauern los. Bald werden ſie ſie eingeſtürzt haben, und die ſchö⸗ nen Provinzen mit Mord und Raub erfüllen. Was bleibt dem Menſchengeſchlechte dann übrig? Wer⸗ den jene Truggeſtalten einer üppigen Phantaſie, ijene armſeligen Erfindungen des kindiſchen Welt⸗ alters gegen die Schrecken aushalten? Wird der rohe Aberglaube, der unbegreiflich genug neben dem leichtſinnigſten Unglauben beſteht, dem Men⸗ ſchen Troſt und Muth gewähren? Kann er, wenn ſein Glück zertrümmert iſt, mit Zuverſicht Hülfe von den Bildſäulen hoffen, die er mit ſchwelgeri⸗ ſchen Mahlzeiten oder lächerlichen Ceremonien ehrt? Werden ihn die Zauberformeln beruhigen, die Theſſaliſche Weiber für ihn ſprechen? Und wenn kein Mahl, kein Opfer mehr der Götter Zornſtillt, wird er gelaſſen und freudig in die öden Wohnun⸗ gen der Nacht, des Nichts hinabſteigen? Die täg⸗ liche Erfahrung zeigt uns, daß die Volksreligion nicht mehr gegen die eindringenden übel Stand halten kann. Die Menſchheit muß wiedexr geboren — 126— werden durch eine Religion, die dem Verderbniß der Sitten durch ſtrenge Moral, dem Egoismus durch Einſchärfung der Liebe, der Verzweiflung durch feſten Glauben an eine beſſere Welt wehre. Dieſe Religion iſt das Chriſtenthum, und ſie lei⸗ ſtet alles, was der Menſchenfreund für das Zeit⸗ alter wünſchen kann. Doch, mein Brief iſt eine Abhandlung gewor⸗ den. Zürne der Weitläuftigkeit nicht, mit der ich Dir gern von jedem Beweggrunde meiner Hand⸗ lungen und meiner überzeugung Rechenſchaft ge⸗ ben möchte, und lebe wohl, bis ich Zeit ſinde, Dir noch mehr zu ſagen! — 127— Sechzehnter Brief. Valeria an Cneus Florianus. Mantua im September 502. Frrianns! Florianus! Deine Valeria lebt noch! Sie ruft Dir zu— es iſt ihr möglich geworden, Dir ein Zeichen ihres Lebens zu geben. O, die Verzweiflung war ihr mehr als Ein Mahl nahe, während ein endloſes Jahr verſchlich, ohne daß ih⸗ re Liebe und Liſt ein Mittel gefunden hatte, die engen Schranken zu zerbrechen, die ſie feſt um⸗ ſchließen, und ſo unendlich fern von Dir halten. Wund haben ſie mein Herz längſt gedrückt. Wenn ich in verzweiflungsvollen Tagen keine Hoffnung ſah, eine Spur meines Daſeyns bis zu Dir zu bringen, wünſchte ich ſie noch feſter, noch enger, daß ſie mich ganz erdrückt hätten! Wirſt Du mir zürnen, Florianus? Ich hatte mehr als Einen Verſuch gemacht, dem Leben, das als eine uner⸗ — 128— trägliche Laſt auf mir lag, zu entfliehen. Es war nicht recht; der Gedanke ſchreckte mich zurück. Du haſt mich in einer Lehre unterwieſen, die den Selbſit⸗ mord verdammt. Du haſt es mir in Britannien, als man uns zuerſt trennte, als ich Dir dieſe letzte Rettung ſo manches edlen Menſchen der Vorwelt auch zu unſerer vorſchlug, ſtrenge verwieſen. Mit einander ſterben! Süßes Loos! Es ſchmerzt nicht, würde ich wie Arria ²8) geſagt haben, und gewiß eben ſo freudig. Aber Du wollteſt nicht— und ich brachte Dir das größere Opfer. Ich bin von Dir getrennt, und lebe noch. Durch wie viel Städte man mih geſchleppt hat, ſeit in jener fürchterlichen Nacht mein Vater an mein Bett trat, mir befahl aufzuſtehen, mich an⸗ zukleiden, als die Mutter weinend hereintrat, ich alles zur Abreiſe fertig ſah, der Vater mir den Mantel überwarf, als keine Frage, keine verzwei⸗ felnde Bitte Antwort erhielt, keine offenbare Wi⸗ derſetzlichkeit der höhern Gewalt zu entfliehen ver⸗ mochte, das weiß ich nicht. Als ich aus einer tis⸗ fen Ohnmacht erwachte, war ich auf dem Schiff, und ſah die Küſten der theuren Inſel weit hinter mir. Dann wurde ich krank, ſehr ſchmerzlich, ſehr gefährlich, ſo, daß ich hoffte, ſterbenſzu können. Von Dir ſprach mir kein Menſch, ſo liebevoll ſie — 129— mich ſonſt behandelten, und für alle Fragen, die ich mit verzagender Seele an ſie that, waren ſie taub. Das erſte Mahl, als ich mit ſchwankenden Tritten in's Freye geleitet wurde, ſah ich mich in ganz un⸗ bekannten Gegenden; man ſagte mir, wir wären am Rheinſtrom, und die große Stadt, die ich nicht weit davon ihre Zinnen in ſeinen Wellen ſpiegeln ſah, wäre Coloniä Agrippinä 1⁰). Ach, guter Gott! Wie fern, wie abgeſchnitten durch den wei⸗ ten Ocean! Griffel und Papier, Feder und Tafel 7⁰), wa⸗ ren mir entzogen; einige Verſuche, auf ein Stück⸗ chen Leinen oder Stoff mit Farbe, mit meinem Blute zu ſchreiben, wurden mit unſeliger Schlau⸗ heit entdeckt, und ſtrenge zernichtet. O warum hät⸗ te ich nicht ſterben ſollen? Warum mußte ich dieß elende Leben ertragen! Jetzt ſind wir in einer Stadt von Italien; Mantua nennen ſie die Leute. Ich kann mich nicht in dieſe Menſchen, in ihre Le⸗ bensart, in ihr Clima finden. Die unerträgliche Hitze thut mir weh; mein Körper, den die ſchwe⸗ re Krankheit erſchöpft hat, leidet durch die glühen⸗ de Sonne und die böſen Ausdünſtungen der Süm⸗ pfe, die die Gegend umher verpeſten. Ich bin der friſchen Luft, der kühlen Schatten meiner Inſel, ich bin der Gegenwart des geliebten Gegenſtandes Agath. II. Th. 9 — 1350— gewohnt; hier— muß ich verſchmachten. Du wür⸗ deſt mich kaum erkennen. Ach, Florianus! Iſt es Dir nicht möglich, mich zu befreyen? O rette, rette ein unglückliches Weſen, das ohne Dich nicht leben, hier nicht tugendhaft, und dort nicht ſelig ſeyn kann! Du haſt mich Deinen Glauben, den Glauben der Liebe gelehrt, und jetzt ſtoßeſt Du mich kalt und ſtreng in die vorige Nacht. O wäre es nicht beſſer geweſen, mich dort zu laſ⸗ ſen? Jupiter hätte nicht gezürnt, wenn ein freund⸗ licher Stahl mir den Weg aus dieſem Leben ge⸗ bahnt hätte. Minos würde mein Unglück geehrt, und ein mildes Urtheil geſprochen haben. Im Ely⸗ ſium hätten wir uns wieder geſehen; dort, wo Di⸗ do's Schatten zürnend dem Ineas*¹) auswich, wä⸗ re ich in Deine Arme geeilt! Wie trüb und düſter auch dieſe Reiche ſind, ich wäre mit Dir vereinigt geweſen— und ſie hätten uns gelächelt! Ich hätte ſterben dürfen! O glückliche Freyheit! Florianus! Was habe ich geſagt? O, wirſt Du mir verzeihen können? Rein, ich kann es nicht be⸗ reuen, eine Chriſtinn geworden zu ſeyn! Es iſt Dein Glaube, es iſt der Glaube der Liebe, und Liebe iſt ſein Symbol, die höchſte, die reinſte, die Mutterliebe. Das Kind auf den liebenden Armen ſchwebt ſie vom Himmel zu uns herab. Zu ihr wen⸗ — 151— de ich mich auch am öfteſten, am liebſten. über al⸗ les erhaben, groß und furchtbar, ſteht die Gott⸗ heit vor meinem ſchüchternen Blick. Aber ſie war Weib, war Mutter, ſie lebte, ſie litt, ſie liebte wie ich, ſie verſteht meinen Kummer. O, ſie hat mich getröſtet, wenn ich recht heiß und zitternd vor ihr geweint, wenn ich ſie um Linderung, um Für⸗ bitte bey ihrem Sohne geflehet hatte; und gewiß iſt es ihr Werk, daß ich jetzt ein Mittel gefunden habe, Dir zu ſchreiben, und den Brief durch den treuen Menſchen, den Du wohl kennſt, und der morgen von hier nach Eboracum abgeht, abzu⸗ ſenden. Man erzählt hier, Conſtantin, Dein Zögling, ſey in großem Anſehen am Hofe des morgenländi⸗ ſchen Auguſtus, und vermöge ſehr viel. Könnte Er uns denn nicht helfen? O wende Dich an ihn, ſchreib ihm! Die unglückliche Tochter des Augu⸗ ſtus hat ja einige Anſprüche auf menſchliche Hülfe. Oder bin ich nur darum aus der glücklichen Un⸗ wiſſenheit meines Privatſtandes geriſſen worden, um zu erfahren, daß auf dieſer Höhe Freundſchaft, Theilnahme und Mitleid aufhören? O Florianus! Schreibe mir bald, aber nicht ſo ſtreng, ſo kalt, wie Du in den letzten Tagen in Eboracum mit mir ſprachſt. Ich ehre die Grund⸗ 9— — 132— ſätze, die Dich ſo handeln heißen; aber ich erliege unter der ernſten Laſt, die ſie auf mein allzuwei⸗ ches Herz legen. Ich kann nicht ſo heldenmüthig ſeyn. Ich liebe Dich mit allen Kräften, mit allen Empfindungen meiner Seele! O ſchreibe mir gü⸗ tig! Laß mich nur Ein Mahl einen Strahl jener Liebe erblicken, die in jenen goldnen Tagen mein Leben zum Himmel erhellte! Nur Ein Wort, wie Du mir in unſrer Inſel Tauſende ſagteſt! Wenn Du ſchnell antworteſt, und Deine Antwort dem Bothen gibſt, der ſie auf einem ſichern Weg hier⸗ her bringen kann, ſo trifft ſie mich noch hier; denn wir bleiben bis zu Ende des nächſten Monaths in dieſer Stadt. Das habe ich halb durch Liſt, halb durch Zufall erfahren. Aſinius Ponticus hat an den Auguſtus geſchrieben, der mein Vater ſeyn ſoll, und wird die Antwort hier erwarten. Dieſe Friſt iſt vielleicht die einzige, die uns in langen Monathen, vielleicht in Jahren offen ſteht. O laß ſie nicht fruchtlos verſtreichen, und laß mich die Verſicherung hören, daß Du mich noch liebſt, daß Du noch hoffeſt, und an Rettung glaubſt! Leb wohl! Siebzehnter Brirf. Agathokles an Phocion. Niſibis im Oectober 302. Hier bin ich, in Riſibis. Das Haus, das ich be⸗ wohne, liegt in derſelben Straße, in der ich vor zwölf Monathen mit Demetrius lebte. Es hat den Cäſarn geſallen, dieſe Stadt auf der äußerſten Gränze des Reichs gegen Perſien zum Schauplatz der Friedensunterhandlungen zu wählen, die Nar⸗ ſes nach der erlittenen Niederlage eröffnet hat, und ſehr eifrig zu verlangen ſcheint. Conſtantin, als der Sohn des abendländiſchen Cäſars, durfte nicht da⸗ bey fehlen, und ich folgte meinem Fürſten, meinem Freunde, weil er es wünſchte. So iſt es gekommen, daß ich dieſe Stadt wieder geſehen, dieſe Stadt, die mir ewig unvergeßlich, und ewig zu ſchmerzli⸗ cher Erinnerung ſeyn wird. Als Conſtantin zuerſt den Wunſch äußerte, daß ich ihn begleiten möchte, warnte mich eine innere Stimme, dieſer Vitte nicht — zu willfahren. Aber ich trotzte auf die Macht der Zeit, die jeden Eindruck ſchwächt, auf die Zer⸗ ſtreuung durch die Geſchäfte, die meiner hier war⸗ teten, endlich auf die Stärke meines Herzens. Es war thöricht, es war vermeſſen, dieß zu hoffen. Als ich von weiten dieſe Mauern erblickte, wo ich ſo ſchöne, ſo ſelige, ſo ſchmerzliche Stunden verlebt hatte, erwachte die ganze Vergangenheit und das Gefühl meines Verluſtes mit unwiderſtehlicher Kraft in mir; und keine Zerſtreuung, keine Beſchäftigung hat dieſen Eindruck bis jetzt ſchwächen, kein Kampf ihn beſiegen können. Conſtantin weiß nicht, was er von mir gefordert hat; es wäre unedel, es ihm jetzt zu ſagen, und ſeinem Herzen die drückende Laſt einer ſolchen Verbindlichkeit aufzuwälzen. über⸗ haupt iſt es wohl eben ſo vergeblich als unbillig, Andere, die nichts dazu beygetragen haben, unſer Glück zu zerſtören, und nichts beytragen können, es wieder herzuſtellen, mit dem ſteten Anblick unſe⸗ rer trüben Mienen, mit der Anhörung unſerer al⸗ ten Klagen zu quälen. So ſuche ich mich zu beherr⸗ ſchen, und glaube wenigſtens durch dieſe übung meiner Willenskraft einigen Nutzen für mein beſ⸗ ſeres Selbſt zu finden. Es iſt ſeltſam, wie unauslöſchlich tief manche Eindrücke bleiben, indeſſen andere kaum die Zeit — 135— ihrer gegenwärtigen Dauer überleben, und noch ſeltſamer und übler für uns Sterbliche, daß jene meiſtens unter die traurigen gehören, und die fro⸗ hen ſchnell verſchwinden. Warum hält des Menſchen Sinn den Schmerz ſo feſt, und vergißt ſo ſchnell, was ihm wohlgethan hat? Das iſt nicht gut, es führt zur Undankbarkeit gegen Gott und Menſchenz und eben darum iſt vielleicht auch die Begierde nach Rache bey rohen Menſchen der mächtigſte und un⸗ auslöſchlichſte Trieb. Für mein Gefühl iſt keine Zeit zwiſchen jenen ſelig düſtern Tagen und dem gegenwärtigen Augenblick. Alles ſteht hell vor mir, alles lebt um mich wie damahls; nur Eins, Eins fehlt, und dieß Ein e2— Es iſt kein Wahn, kein Werk der erhitzten Einbildungskraft!— Ich werde dieß Eine nie vergeſſen! Warum ſind die freundlichen Erinnerungen an meinen letzten Aufenthalt in Nikomedien, an alles, was ſich dort vereinigte, um ihn mir zu einem ſchö⸗ nen hellen Punete in meinem Leben zu machen, ſo ganz verſchwunden? Warum drängt ſich, wenn ich ſie ja zuweilen gefliſſentlich zurück rufe, um mich zu zerſtreuen, nur der einzige Schatten, der dar⸗ auf liegt, die Eitelkeit und Abſichtlichkeit des We⸗ ſens, das ſonſt ſo liebenswürdig iſt, mächtig her⸗ vor, und wirft ſeinen düſtern Schein auf das gan⸗ — ze Gemählde, und macht ſeine fröhlichen Farben erblaſſen, und kehrt, indem er mich auf den ſchar⸗ fen Gegenſatz zwiſchen Calpurnien und meiner ver⸗ klärten Jugendfreundinn hinweiſet, den Stachel grauſam gegen mein Herz? Doch, wo gerathe ich hin? Was ich noch kurz zuvor als löblich und nöthig anpries, unterlaſſe ich ſogleich ſelbſt, und breche gegen Dich, mein väter⸗ licher Freund, was ich gegen Andere zu beobachten mir ſtrenge vornehme. Verzeih, wenn zuweilen ein ſchnelles Gefühl mich hinreißt! Ich ſehe die Zweck⸗ loſigkeit und Läſtigkeit ewiger Klagen ein, und es iſt mein feſter Vorſatz, ſie nicht laut werden zu laſ⸗ ſen. Du aber, der Du weißt, wie vieler Nachſicht, Geduld und Liebe mein Herz von jeher bedurfte, um zufrieden zu ſeyn, Du, der Du ſie ſo oft mit mir hatteſt, und mich Verwaiſten mitleidsvoll an das Deine ſchloſſeſt, trage ſie noch ferner, und ſieh mir gütig nach, was eine ſchnelle Empfindung, der Vernunft, zum Trotze, verbricht! Conſtantins Freundſchaft erſetzt mir viel, und ein ſtilles Band, das ſich mit jedem Tage mehr und mehr um meine Seele ſchlingt, kann nicht anders, als uns noch näher vereinigen. Er iſt ein Chriſt, wie Du weißt, und daher ſtets mit vielen ſeiner Glaubensgenoſſen umgeben, welche ſich um ihn als einen feſten und erhabenen Mittelpunct ſammeln. Mit ihm beſuche ich ihre Verſammlungen⸗ und fin⸗ de— ich weiß, daß Trotz der Verſchiedenheit unſe⸗ rer Denkart mein Vertrauen Dich nicht beleidigt — immer mehr Grund, die gute Meinung und die ſchönen Hoffnungen, die ich von den Wirkungen die⸗ ſer Lehre auf die Menſchheit hege, zu nähren und zu vergrößern. Ihr Gottesdienſt, ſo weit ich als Ungeweihter demſelben beywohnen darf— denn bey der Feyer ihrer Myſterien muß nicht allein der Nicht⸗Chriſt, ſondern auch der noch auf niedrigen Stufen ſtehen⸗ ne Glaubensgenoſſe ſich entfernen— alſo ihr Got⸗ tesdienſt, ſo weit ich Zeuge davon war, beſteht in gemeinſchaftlichen Gebethen und Geſängen, in Vor⸗ leſungen aus ihren heiligen Büchern, der Lebens⸗ geſchichte ihres Meiſters, und in zweckmäßigen Re⸗ den darüber. Wie oft hat, wenn Du mit mir die Reden des Cicero, des Hortenſius, des Demoſthe⸗ nes laſeſt, ein ſtilles Feuer meine Bruſt ergriffen⸗ und in ſchmerzlicher Erinnerung das Bild jener ſchö⸗ nen Zeit vor meine Seele geführt! Da ſah ich die verſammelten Quiriten, ich ſah den Redner vor den Roſtris 2*) ſtehen, und voll glühender Vater⸗ landsliebe, mitbegeiſtertem Tone die würdigen Ge⸗ genſtände, die das Wohl oder Wehe des ganzen Vol⸗ — 158— kes betrafen, würdig und hinreißend vortragen; ich ſah die Menge an ſeinen Lippen hangen, jetzt von Trauer, jetzt von edlem Unwillen, jetzt von großen Entſchlüſſen bewegt, der Gemüthsſtimmung des Redners willig folgen, und in ſympathetiſcher Rüh⸗ rung ſeine Gefühle theilen. Erhaben und über alles groß erſchien mir dann dieſer Beruf, und göttlich die Macht, ein ganzes Volk nach eigenen Einſich⸗ ten durch die ſanfte aber unwiderſtehliche Gewalt der Sprache zu leiten, der Sprache, dieſes Him⸗ melsgeſchenks, das ganz eigentlich und allein den Menſchen über das Thier erhebt, worin ſeine Per⸗ fectibilität, ſeine ſchönſten Vorrechte liegen. Das ſind die goldenen Ketten, die vom Munde des Her⸗ mes fließen. Aber verſtummt iſt der Mund der Sua⸗ da, verſchwunden das kräftige ſelbſtſtändige Volk der alten Comitien, die Ketten des Hermes ſind verroſtet. Nur Sophiſten und Rechtsgelehrte miß⸗ brauchen noch zuweilen ihre entweihten Geheimniſſe, um vor Unwürdigen einen unwürdigen Zweck zu erreichen. Aber in den Tempeln der Chriſten erhebt ſich dieſe ſo geſunkene Kunſt wieder in ihrer alten Rein⸗ heit und Stärke, und wenn auch die Gegenſtände, an denen ſie ſich übt, nicht von ſo allgemein bemerk⸗ barem Einfluß, die Menge, vor der ſie ſich zeigt, nicht ein ganzes ſelbſiſtändiges Volk iſt, ſo ſind je⸗ ne, die ſie wählt, nicht minder würdig und gemein⸗ nützig, und ihre Wirkung auf die verſammelte Ge⸗ meinde nicht minder groß und mächtig. Mit erhe⸗ bendem Gefühle, mit Rührung habe ich manche dieſer Redner gehört, und mich durch Erfahrung überzeugt, daß jene ſchimmernden Bilder von der Macht der Beredſamkeit und Declamation, die mir damahls vorſchwebten, kein jugendlicher Traum waren. Es liegt eine ſympathetiſche Kraft in der lebhaften Rede. Noch ehe uns die vorgebrachten Gründe überzeugt haben, hat das ſprechende Auge, die ausdrucksvolle Miene, der bewegte Ton uns überredet. Es iſt ein Menſch, ein Weſen wie wir, das wir ſich freuen, leiden, zürnen ſehen; und wir leiden, zürnen und jubeln mit ihm. Der Menſch ſpricht zum Menſchen, die Natur ergreift uns mit unſichtbarer Gewalt, und reißt uns fort, wohin zu folgen wir nicht widerſtehen können. Ich bin überzeugt, daß, wenn es mir möglich wäre, Dich zum Zeugen einer ſolchen Feyer zu ma⸗ chen, ein großer Theil Deiner Abneigung gegen die Chriſten verſchwinden würde. Da es nun unſere Pflicht iſt, überall Wahrheit zu ſuchen, und die Mög⸗ lichkeit, Dich von dieſer zu überzeugen, überall in Deiner Nähe iſt, wo ſich ein Chriſtentempel und ein geſchickter Redner befindet, ſo bitte ich Dich um Deiner Liebe zu mir, um der Beruhigung willen, Dich meiner überzeugung näher kommen zu ſehen, beſuche eine ſolche Verſammlung, höre ihre Red⸗ ner, und ſchreibe mir dann, welche— auf hatte! Leb wohl! Achtzehnter Brief. Theophania an Sulpicien. Nicäa im October 302. Deiner gütigen Aufforderung und dem Wunſche meines Herzens gemäß, ſchreibe ich Dir, meine liebenswürdige Freundinn, aus dem ſtillen Auf⸗ enthalte, in welchem ich endlich nach ſo manchen Stürmen Ruhe zu genießen hoffe. Ich bin nicht in Nikomedien geblieben, wie Du aus der überſchrift meines Briefes ſehen wirſt. Meines Vaters Ge⸗ ſchäfte fordern ſeine Anweſenheit hier, und ich be⸗ gleite ihn gern. Der Heimathloſe findet überall ſein Vaterland, wo die wenigen guten Menſchen wohnen, die noch einigen Theil an ihm nehmen. Ich habe auf der weiten Welt nun außer der klei⸗ nen Familie, bey der ich lebe, und einer einzigen Freundinn, die aber gebiethende Umſtände fern von mir halten, keine Seele mehr, um derentwillen ich — 142— irgend einen Ort zum Aufenthalt vorziehen, die um meinetwillen auch nur die geringſte Veränderung in ihrer Lebensweiſe machen möchte. Ich binallein. Es iſt ein eigenes Gefühl, ſo ganz einſam in der Welt zu ſeyn, zu wiſſen, daß unſer Glück kein frem⸗ des Auge erheitert, unſer Schmerz keine fremde Thräne hervorlockt. Es iſt traurig— aber es liegt dennoch etwas Beruhigendes darin. Es macht uns die Gegenſtände und Verhältniſſe außer uns ſo gleichgültig, ſo beziehungslos, daß wir dadurch in jene ſtille Faſſung kommen, die ſo viele Weiſe des Heidenthums als das höchſte Gut, das Ziel aller menſchlichen Beſtrebungen anprieſen, und die chriſt⸗ liche Religion(ich bin eine Chriſtinn; Du wirſt das ſchon ſo lange geahnet haben) als diejenige Stimmung empfiehlt, die uns am geſchickteſten macht, die Welt, ihre Freuden, und uns ſelbſt zu vergeſſen, und an unſerer Veredlung, unſerer Hei⸗ ligung zu arbeiten. Doch, ſo ſtill mein Gemüth auch iſt, ſo ſehr ich mich beſtrebe, alles, was mir dieſe Erde an Freuden verſprach, und an Schmerzen zumaß, zu vergeſſen, ſo wird doch der Abend in Synthium nie aus meiner Seele ſcheiden. Ich habe Dich kennen gelernt; unv wenn mich kein Vorurtheil, keine Eitelkeit verführt, ſo habe ich an Dir eine Frau gefunden, die, ſelbſt mit dem unglücke bekannt, Leidende zu verſtehen, zu ſchonen weiß, ſo iſt die unbekannte Reiſende, die ſie gaſt⸗ frey in ihrem Hauſe aufnahm, nicht ganz aus ih⸗ rem Andenken verſchwunden. Dieſe Hoffnung iſt es auch, welche mir Zuverſicht gibt, Deine gütige Aufforderung zu einem Briefwechſel für mehr als Artigkeit zu nehmen, und Dir zuweilen Nachricht von dem einſamen, vergeſſenen Weſen zu geben, das einige Stunden in Deiner Nähe verlebte. Wenn Deine ſchöne Freundinn im Wirbel ih⸗ rer bräutlichen Geſchäfte und Freuden, in der Fül⸗ le ihres Glückes mit dem Manne vereinigt zu wer⸗ den, den ihr beyde als ſo edel und liebenswürdig ſchildert, noch einige Erinnerung an eine gleich⸗ gültige Erſcheinung behalten hat, ſo rufe mein An⸗ denken in ihre Seele zurück, und vergiß nicht, wenn Du mich, wie ich hoffe, mit einer Antwort erfreuen willſt, mir zu ſagen, ob ſie bereits ver⸗ mählt iſt, oder wann ſie es ſeyn wird! Schreibe mir auch den Tag und die Stunde, wenn Durrecht gütig ſeyn willſt! Calpurniens Reiz und unwider⸗ ſtehliche Liebenswürdigkeit, ſo wie der Umſtand, daß ſie Deine Freundinn iſt, machen ſie meinem Herzen werth, und es wäre mir ſehr wichtig, die große Stunde, die ihr Geſchick auf eine ſolche Art entſcheiden wird, in meiner Einſamkeit nach meiner Stimmung zu feyern. Noch hätte ich eine Bitte, aber ſie grenzt an Unbeſcheidenheit; und ſo fehlt mir der Muth, ſie vorzutragen. Auch betrifft ſie nicht Dich, ſondern die reizende glückliche Braut. Wüßte ich, daß ſie ſich meiner mit einiger Theilnahme erinnerte, und mir nicht zürnte, wenn ich ſie um eine große Gefäl⸗ ligkeit bäthe, ſo würde ich in meinem nächſten Brief meinen Wunſch entdecken, und freundliche Gewäh⸗ rung hoffen. Leb wohl! Reunzehnter Brief⸗ Sulpicia an Theophania. Synthium im November 302. War dem ermüdeten Wanderer in der öden Gleich⸗ förmigkeit einer weiten wüſten Ebene der Anblick eines waldigen Hügels iſt, der ihm Kühlung, Ruhe und Erhohlung verſpricht, das war mir Dein Brief, meine geliebte Theophania! Mein Leben ſchleppt ſich ſo freudenlos, ſo eintönig hin, mein Herz darbt ſo ſehr an ſeinen beſſern Freuden, daß die bloße Aus⸗ ſicht, ein Weſen gefunden zu haben, das mich ver⸗ ſtehen, und Geduld und Treue für mich haben könn⸗ te, ſeit dem Tage, als ich Dich kennen lernte, wie ein freundlicher Stern durch die trübe Dämmerung mei⸗ nes Daſeyns ſtrahlte. Gern hätte ich ſchon damahls mehr Schritte gegen Dich gethan; aber eine zarte Furcht, nicht zudringlich zu ſcheinen, und meiner Freundſchaft ſelbſt ihren Werth dadurch in deinen Augen zu benehmen, hielt mich ab. Um deſto erfreu⸗ licher war mir Dein Brief; denn er gab mir Gewiß⸗ heit über das, was ich im erſten Augenblick geahnet Agath. II. Th. 10 — 146— hatte, über die gleiche Stimmung unſerer Seelen, und einen geheimen Zug, der uns wechſelweiſe zu einander führt. Ja, es bleibt ewig wahr— nur gleiche Denkart macht die Freundſchaft feſt, und nur unſer Geſchick beſtimmt unſere Denkart. Wie kann das fröhliche Weſen, das im Sonnenſchein des Glückes ſein Freu⸗ denleben verflattert, mit dem Unglücklichen gleich fühlen, den ein ernſtes Schickſal von der Wiege an zu Entbehrungen und Leiden erzogen hat? Ihnen beyden muß nothwendiger Weiſe die Welt, und Alles um ſie her in einem ſo verſchiedenen Lichte erſchei⸗ nen, daß an einen feſten Zuſammenhalt, der gegen Zeit und Stürme ausdauerte, nicht zu denken iſt. So lange kein entſcheidender Fall eintritt, wo Eines für das Andre auf die Probe einer ſchweren Wahl, oder eines großmüthigen Opfers geſtellt wird, mag das Bündniß dauern. Kommt einmahl jener Zeit⸗ punct, ſo muß die verſchiedene Stimmung, der ent⸗ gegengeſetzte Geſchmack, der ihnen ihr Glück in ganz verſchiedenen Gegenſtänden zeigt, die loſen Bande leicht zerreißen. Darum wohl den gleichgeſtimmten Seelen, bey denen ähnliche Schickſale ähnliche Ge⸗ ſinnungen und ähnliche Wünſche erzeugt haben, die keiner Opfer bedürfen, um auf dem ſelbſt gut ge⸗ heißnen Pfade einig mit einander zu wallen! Uns dunkeln Gemüthern, denen das Schickſal ſelten lächelt, hat es doch auch wieder eigene Freu⸗ den geſchenkt. Wir genießen das Glück der Freund⸗ ſchaft inniger. Keine Zerſtreuung wendet unſere Ge⸗ danken ſo leicht von der Freundinn ab, keine Eitel⸗ keit verleitet uns, auf fremde Koſten zu glänzen⸗ kei⸗ ne Eroberungsſucht bringt uns in Colliſionen mit unſern Geſpielinnen, uns, die wir nach nichts Ande⸗ rem ſtreben, als mit allen Kräften einen Gegenſtand auf ewig feſtzu halten, und keinen größern Schmerz kennen, als ihn zu verlieren, ſey es durch den Tod oder durch Wankelmuth. Doch nein— nicht gleich⸗ viel! O meine Theophania! Ich kenne dein Schick⸗ ſal nicht ganzz aber faſt möchte ich Dich beneiden: Der Tod entriß Dir den Gemahl⸗ den liebenden, den treuen, in der Zeit, als, nach deinen Jahren und dei⸗ ner Trauer zu urtheilen, eure Liebe noch in ſchöner Blüthe ſtand, und der Quell der Empfindung voll und rein durch enre beyden Herzen floß. Du liebſt ihn noch, obgleich die Urne ſeine Aſche birgt, und Du hoſſſt nach deinem Glauben, in einer Region des Lichts und unzerſtörbarer Freude ihn wieder zu ſe⸗ hen. Ihr Glücklichen! Eure Liebe hat eure Verbin⸗ dung, ſie hat euer Daſeyn überlebt. O wehe denen, deren Daſeyn, deren Verbindung ihre Liebe über⸗ lebt! Wenn Eines kalt und abgeſtorben an des An⸗ dern Seite kaum noch den Schatten jener Entzü⸗ ckungen nachzubilden fähig iſt, die es einſt hinriſſen⸗ wenn jenes Feuer, in dem ſich die trunknen Seelen zur Götterwonne emporſchwangen, zu matten Ruße⸗ rungen achtungsvoller Freundſchaft herabgekommen iſt, wenn die glühende Bruſt des länger Getreuen vergebens ihr Feuer in die kalte Aſche zu ſtrömen ſucht, und ein ungeheurer Schmerz um das, was war und nicht mehr werden kann, die tief erregte Bruſt zerreißt, die mit allen ihren Wunden ſich nur in abgemeſſener Förmlichkeit an einen Marmorbu⸗ ſen gedrückt fühlt— das iſt Schmerz, Theophania, wüthender, verzehrender Schmerz, und daß er der letzte iſt, iſt das einzige Tröſtliche daran! Du haſt, wie es ſcheint, meine geliebte Freun⸗ dinn, einen flüchtigen Scherz, den wir uns in dei⸗ ner Gegenwart erlaubten, etwas zu ernſt genom⸗ men. Calpurnia iſt noch nicht Braut; ſie iſt nur die geachtete vertraute Freundinn jenes Mannes, deſſen Bild Du geſehen haſt. Daß er für ſie empfindet, iſt wohl nicht zweifelhaft— aber wer kann auf Män⸗ nerliebe bauen? Es iſt nicht lange, daß er einen ſehr theuern Gegenſtand, eine Freundinn verloren hat, die er von Jugend an mit heftiger und unglücklicher Zärtlichkeit geliebt hat. Dennoch fängt er an, bey der reizenden Calpurnia ſeines Verluſtes zu vergeſ⸗ ſen, und der unbeſchreiblichen Gewalt zu weichen, mit der dieß gefährliche Mädchen bisher auf alle Männer wirkte, indeß ſie ſelbſt unbefangen blieb. Nur bey Agathokles ſcheint ihre Stunde auch gekom⸗ men zu ſeyn, und wenn keine neuen Hinderniſſe ein⸗ treten, wenn die Zeit über das Vergangene den mil⸗ dernden Schleyer gezogen haben wird, ſo ſehe ich dieſem Bündniß mit Hoffnung und Freude entge⸗ gen. Dir aber den Zeitpunet zu beſtimmen, iſt, wie Du ſelbſt einſiehſt, nicht möglich. Agathokles iſt mit den Cäſarn in Niſibis, wo der Friede geſchloſſen wirdz wir hoffen ihn erſt in einem Monathe zu ſehen. Viel⸗ leicht kann ich Dir dann mehr ſagen. Calpurnien- will ich den Antheil, den Du an ihrem Schickſal nimmſt, melden; ich weiß, es wird ſie freuen, von einer Frau geachtet zu ſeyn, deren Anblick nichts Ge⸗ wöhnliches verkündigte, und deren näherer Umgang das Verſprechen des erſten Augenblicks wahr gemacht hat. Was die Vitte betrifft, ſo glaube ich ſie im vor⸗ aus in meiner Freundinn Nahmen zuſagen zu kön⸗ nen, und ſo erſuche ich Dich, ſie mir mitzutheilen, von was immer für einer Art ſie ſeyn mag. Theo⸗ phania kann um nichts bitten, deſſen Gewährung nicht ihren Freundinnen zur angenehmen Pflicht würde. Leb wohl! ————— Zwanzigſter Brief. Junia Marcella an Theophania. Apamäa im November 302. H meine Theophania! Meine theure unvergeß⸗ liche Freundinn! Du haſt Recht, wenn Du im Anfange deines Briefes ſagſt, daß ſeltſame Em⸗ pfindungen und tauſenderley Gedanken meine See⸗ le durchkreuzen würden, wenn ich Deinen Brief würde eröffnet haben. Schrecken, Freude, und dann Zweifel waren die erſten Regungen meines Her⸗ zens, als ich die Schriftzüge der geliebten Freun⸗ dinn erblickte, die ich längſt unter dem Hügel von Trachene begraben glaubte. Aber als der Inhalt der erſten Zeilen jede Ungewißheit zerſtreut hatte — da, meine Geliebte, war inniger heißer Dank und ein kindliches Gebeth zu dem gütigen Vater, der die Herzen der Menſchen wie Waſſerbäche lenkt, und ohne deſſen Willen kein Haar von unſerm Haupte fällt, mein dringendſtes Gefühl. Dann las ich weiter, und mein Herz begleitete Dein Schick⸗ ſal mit ſympathetiſchen Gefühlen bis gegen das Ende. Ja, meine Geliebte! Wunderbar und un⸗ vegreiflich ſind die Fügungen Gottes⸗ der Dich mitten unter Barbaren erhielt, und Dir ihre Ge⸗ müther geneigt machte, daß ſie nicht allein Deines Lebens und Deiner Ehre ſchonten, ſondern Dich auch in Frieden ziehen ließen, als die Rettung er⸗ ſchien. Wie ſehr hätte ich gewünſcht, dieſe reine Freude mit unſerm ehrwürdigen Vater Theophron zu theilen! Aber ſein verklärter Geiſt ſchwebt be⸗ reits in höhern Räumen, und er ſah wohl längſt mit hellem Blicke das Schickſal ſeiner Schülerinn ſich hiernieden aus verſchlungenen Knoten ſchön und friedlich auflöſen, als Du noch in der Hütte Deines edelmüthigen Gebiethers düſter ſinnend Deiner Zukunft entgegen ſahſt. Er ſtarb den ver⸗ gangenen Frühling; mit der neugebornen Natur wurde auch er neugeboren, und erwachte aus dem düſtern Erdenwinter in Edens Frühlingshainen⸗ So hatte ich, wie das immer beym Verluſte ge⸗ liebter Menſchen geht, nur mich zu beklagen. Unſ⸗ re Trauer um Entſchlafene iſt immer nur Trauer über uns ſelbſt. Ihnen iſt ja beſſer geworden, als es uns iſt. — 152— So war es auch, als ich Dich zehn Monathe für todt hielt. Ach, ich konnte dein Loos nicht be⸗ weinen! Wie wenig Freuden hatteſt Du genoſſen! Aber ich beweinte mich ſelbſt, ich betrauerte das Schickſal Deines Freundes, und hier komme ich auf jenen Punkt Deines Briefs, mit dem ich un⸗ möglich zufrieden ſeyn, oder Dir beyſtimmen kann. Agathokles— laß mich immerhin dieſen Nahmen nennen, den Du ſo gefliſſentlich in Deinem Briefe zu vermeiden ſcheinſt!— iſt ſo, wie ich es war, von Deinem Tode vollkommen überzeugt. Die Gründe dieſer überzeugung und überhaupt die Wirkung, die dieſe Cataſtrophe auf ihn gemacht hat, kannſt Du am beſten aus dem Briefe unſeres Freundes Apelles kennen lernen, den ich Dir hier⸗ mit in einer getreuen Abſchrift beylege. Er iſt aus Trachene, dem Schauplatz jener unglücklichen Be⸗ gebenheiten geſchrieben. Wenn Du ihn geleſen haſt, wirſt Du ſelbſt bekennen müſſen, daß Aga⸗ thokles keine Ahnung Deines Leben haben konnte. Die weibliche von Wunden entſtellte Leiche in präch⸗ tigen Kleidern, die man in Deinen Zimmern ge⸗ funden, für Dich gehalten, und begraben hatte, und die wahrſcheinlich jene Melyte war, welche ihre Eitelkeit zu dieſem Schritte verleitet hatte, mußte ihm und Apelles jeden Zweifel, jede noch — 153— ſo ſchwache Hoffnung benehmen, beſonders da die Todten ſchon begraben, und Leine Spur Deiner Rettung zu ſinden war. Es iſt alſo ſehr natürlich⸗ daß Agathokles keine weiteren Nachforſchungen anſtellte, und keinen Gedanken mehr nährte, die, die er unter dem Hügel von Trachene begraben glaubte, an den ufern des Boryſthenes zu ſuchen. So viel zur Beantwortung Deiner erſten unge⸗ rechten Klagen über dieſe vermeintliche Gleichgül⸗ tigkeit. Daß es eine kleine Falſchheit war, mit der Du Heliodorn nach Synthium lockteſt, fühlſt Du ſelbſt, und ich ſage Dir nichts darüber; aber wie magſt Du ſo erfinderiſch ſeyn, Dich ſelbſt zu quä⸗ len, und aus einem freundſchaftlichen Scherze, aus dem zufälligen Zuſammentreffen einiger Umſtän⸗ de Dir ein ganzes Gewebe von Untreue, Verrath und gewiſſem Unglücke zu bilden? Ich weiß von ſehr guter Hand, daß nicht Calpurnia, ſondern Sulpicia in Synthium wohnt, daß Agathokles ihr dieſe Villa aus Freundſchaft eingeräumt, und ihre Freundinn ſie dort beſucht hat, wie ſie an je⸗ dem andern Ort gethan haben würde. So bedeu⸗ tete denn ihre Anweſenheit gar nichts in Rückſicht auf den Beſitzer der Villaz denn ihr Beſuch galt nicht ihm, ſondern Sulpicien, und es wäre Dir leicht geweſen, durch einige geſchickte Fragen die Wahrheit herauszubringen, wenn Dein empörtes Herz dir Unbefangenheit genug hierzu gelaſſen hätte. Ich will hierdurch nicht ſagen, daß Du keinen Grund hätteſt, unruhig zu ſeyn; ich bin vielmehr nach allen Nachrichten, die ich aus Nikomedien erhalte, beynahe überzeugt, daß Calpurnia einen bedeutenden Eindruck auf ihn gemacht hat, daß iene Verhältniſſe, die ſchon in Rom anfingen, hier fortgeſetzt worden ſind, und durch die Gewißheit, daß jedes frühere Band zerriſſen ſey, an Stärke und Rechtmäßigkeit gewonnen haben. Sie hat ihm, als er mit der Siegesbothſchaft ankam, ein ſinn⸗ reiches Feſt gegeben, an deſſen Schluſſe ſie ihm einen Lorberkranz um's Haupt wand, und deſſen Inhalt ihm ihre Empfindungen für ihn auf eine eben ſo feine als ſchmeichelhafte Weiſe zu erkennen gab. Das alles iſt wahr, und Deine Beſorgniſſe ſind nicht zu tadeln; aber ihn— ihn ſollſt und kannſt Du nicht ſo hart beſchuldigen. Er iſt ein Mann. Männer haben andre Gefühle, andre Pflich⸗ ten als wir. Ihr Wirkungskreis iſt der Staat, die Welt; der unſrige ſind unſere Kinder, unſer Haus; ijenem gehören ihre beſten Kräfte. Wir würden die Ordnung der Natur verkehren, wenn wir einen ausſchließenden Anſpruch an alle ihre Thätigkeit, alle ihre Empfindungen machen wollten. Wenn — 155— nun bey dem großen Treiben und Regen aller edleren Kräfte des Menſchen, im Feld oder in wichtigen Staatsgeſchäften, worin ihn Conſtantin braucht, bey der Gewißheit Deines Todes, die ihn faſt an den Rand des Grabes brachte, bey den un⸗ ausgeſetzten Beſtrebungen der ſchönen und ſchlauen Calpurnia, einen Eindruck auf ſein wundes Herz zu machen, wenn ſage ich, bey allen dieſen Um⸗ ſtänden Dein Bild nach und nach in Schatten zu⸗ rück weicht, kannſt Du ihn ſo hart anklagen, ſo unnachſichtlich tadeln? Kannſt Du dir ein großes Verdienſt aus Deiner feſtern Treue machen, Du, die ihn am Leben weiß, und die durch keine Zer⸗ ſtreuung, keine Verführung von ihm abgelockt wird? Aus allen dieſen Gründen kann ich Deinen Plan, dich ihm ganz zu entziehen, und die Rolle der Verſtorbenen fortzuſpielen, unmöglich billigen. Wie leicht kann ein Zufall dein Geheimniß enthül⸗ len? Wie tief müßte es deinen Freund, wenn ſei⸗ ne Hand noch frey iſt, ſchmerzen, dieſe Entdeckung nicht Dir ſelbſt verdankt zu haben? Und wenn es zu ſpät wäre— was würde Deine und ſeine Lage ſeyn? Mich ſchaudert vor dem Gedanken. Das überlege wohl, meine Geliebte, ehe Du auf dem begonnenen Wege weiter ſchreiteſt! Auf mich kannſt Du jedoch in jedem Fall ſicher zählen; ich werde — 156— Dein Geheimniß treu bewahren, obwohl ich nicht mit Deiner Anſicht verſtanden bin, und ſehr wün⸗ ſche, Dich von der Unthunlichkeit und Gefahr die⸗ ſer Grille— verzeih meiner Freymüthigkeit den Ausdruck!— zu überzeugen. Theophania! Du gehſt auf einem ſchlüpfrig ſteilen Wege. Er kann Dich an den Rand des Abgrundes, er kann Dich in den Abgrund ſelbſt führen; und Du ſtürzeſt nicht allein hinein, Du reißeſt auch Deinen Freund mit Dir. Wenn Du denn aber wirklich für ihn unſicht⸗ bar bleiben willſt, ſo entziehe Dich mir nicht, jetzt, wo keine Pflicht Dich mehr abhält, dem Rufe der Freundſchaft zu folgen! Komm zu mir! In mei⸗ nem Hauſe ſollſt Du ſo einſam und verborgen le⸗ ben, als in der Zelle eines Eremiten. Komm zu mir, und laß mich das Glück der Freundſchaft ge⸗ nießen, das ich ſo lange entbehrt habe! Du weißt, wie ich dich liebe, und wie glücklich mich deine Zuſage machen würde. Leb wohl! *.— — 157— Ein und zwanzigſter Brief. Florianus an Valerien. Eboracum im November 302. Du haſt verlangt, daß ich Dir antworten ſoll, Valeria! Es ſcheint, daß Du zu Deiner Beruhi⸗ gung und zur künftigen Leitung Deines Betragens dieſer Antwort bedarfſt. Ich erfülle den Wunſch meiner Freundinn. Denke aber nicht⸗ Valeria, daß es räthlich, daß es möglich ſey, dieſen Brief⸗ wechſel fortzuſetzen! Die innere Stimmung inmei⸗ ner Bruſt, der ſtreng geprüfte Ausſpruch meiner Vernunft verwerfen jedes Mittel, das nur dazu dienen könnte, ein Verhältniß fortzuſetzen, welches wir beyde, als vom Himmel ſelbſt getrennt, betrach⸗ ten müſſen Es war eine Zeit, wo ein verzeihlicher Irrthum uns verleitete, kühne Wünſche und Hoff⸗ nungen zu nähren. Dieſer Irrthum iſt verſchwun⸗ den, und mit ihm jede Hoffnung, jede Entſchuldi⸗ gung für einen ſpätern Verſuch. Der Himmel hat nur zu deutlich geſprochen. Dieſer Brief iſt mein — 158— erſter an Dich ſeit jenem Tage, der mir die volle Kenntniß unſers Schickſals gab; er wird auch mein letzter ſeyn. Du kennſt mich, Valeria! Es iſt unmöglich, daß Du in dieſer Erklärung die Sprache des ver⸗ larvten Wankelmuths, des flatternden Leichtſinns fürchten ſollteſt, der heilige Pflichten zum Vor⸗ wand ſträflicher Kälte mißbraucht. Der Mann, der in ſo reifen Jahren wählte, hat für den traurigen Reſt ſeines Lebens gewählt. Doch von mir ſoll die Rede nicht mehr ſeyn. Ich weiß, Du haſt Glauben an mich; aber ich möchte dieß ſchöne Gefühl zum Werkzeug Deiner Ruhe, Deines künftigen Glückes gebrauchen. Beſinne Dich, Valeria! Du biſt eine Kaiſer⸗ tochter, Du biſt eine Chriſtinn! Es ziemt Dir nicht, ſo kleinlaut zu verzagen, wenn das Unglück mit kalter Hand in den Blüthengarten Deines Glückes greift, und ſeine lachende Schöpfung zer⸗ ſtört. Du flüchteſt im Gebethe zu jener erhabenen Mutter des Herrn, die ſo viele Schmerzen, ſo viele trübe Erfahrungen gelaſſen ertrug, und aus jedem Sturme in neuer Würde und ſtiller Hoheit hervor⸗ ging. Flüchte zu ihr! Dieß Gefühl iſt richtig und tadellos. Aber wende Dich nicht bloß mit zittern⸗ dem Herzen und ſtrömenden Thränen an ihre Für⸗ — 159— pitte! Lerne von ihr dulden und tragen! Sie litt weit mehr als Du, und weit ſtandhafter. Hal⸗ te Dir ihr Vorbild gegenwärtig! Sie iſt nicht bloß das Symbol unendlicher Liebe, ſie iſt auch das Ur⸗ bild weiblicher Geduld und Sanftmuth, und der er⸗ gebenſten Gottesfurcht⸗ Unterwirf Dich mit ruhi⸗ ger Hoffnung dem vereinten Willen Deines Vaters⸗ Deines Kaiſers, und der Vorſicht! Nicht umſonſt hat ſie Dich ihn gerade in dieſem Zeitpunet finden laſ⸗ ſen. Nicht ohne ihre Leitung war Dein Geſchick bis hierher. Vielleicht, und ſehr wahrſcheinlich, biſt Du zu etwas Größerm beſtimmt; und es wäre Frevel, dieſe höhern Zwecke, wenn wir ſie gleich nicht ken⸗ nen, auf dem häuslichen Altar unſerer Liebe eigen⸗ mächtig zu opfern. Wir haben die innere Stimme vom Himmel erhalten, um zu wiſſen, was recht iſt, die Vernunft, um uns in ſchwerer Wahl zu leiten, endlich ſeine göttliche Lehre, um das einmahl ge⸗ wählte Recht mit Kraft zu ergreifen, und muthig auszuführen— ſollte auch unſer Glück darüber zu Grunde gehen. Viel deutlicher iſt noch in dieſem Fall ſein Wille ausgeſprochen. Kein Dunkel kann unſere Wahl erſchweren, kein Zweifel über das Recht bleibt übrig. Dürfen wir anſtehen, uns ſeinen Fügungen zu unterwerfen? Könnten wir's, wenn wir auch wollten? Darum, Valeria, faſſe Dich, fordere die Kraft auf, die in Deinem Buſen wohnt, die ich nur zu wohl kenne! Sey ſtark, ſey geduldig, vor Allem, ſey fromm! Laß mich nie wieder von einem ſträflichen Wunſche hören, der meine Seele verwundet hat! Laß mich nicht fürchten müſſen, daß Du Dich einſt ſo weit verlieren könnteſt, Hand an Dich ſelbſt zu le⸗ gen! Weißt Du wohl, Valeria, daß wir dannewig getrennt wären? Nur in Elyſium begegnet die Selbſtmörderinn dem einſt geliebten Schatten; aber ein heiliger Gott verwirft den Raſenden, der über ſein Leben gebiethen zu können glaubt, und den Fei⸗ gen, der die auferlegte Laſt ungeduldig abwirft, und der Prüfung entflieht. Valeria! Wenn ich Dich einſt dort mit Wonne empfangen, wenn Du mich in einer Welt des Friedens und der Gleichheit wie⸗ der antreffen willſt, ſo trage, was Dir die Vorſicht auferlegt, und harre ſtandhaft aus! Valeria! Leb wohl! Was Du auch zu dulden haſt, wie viele Schwerter durch Deine Seele ge⸗ hen mögen, denke, daß Dein Freund mit dir leidet, und Dein Herz keine Wunde empfängt, die nicht das meine eben ſo ſchmerzlich zerreißt! Schreibe mir nicht mehr! Ich darf Dir nicht antworten. Mache keinen Verſuch, Dich an Conſtantin zu wenden! Ich kenne ſeine Lage— er kann uns nicht helfen; uns iſt nicht zu helfen. Das bedenke— und vergiß mich! — Zwey und zwanzigſter Brief. Theophania an Junia Marcella. Nicäa im November 502. Wenn Du nicht lächeln willſt, meine geliebte Freundinn, ſo möchte ich mein Herz einem klaren Waſſerſpiegel vergleichen, der zwiſchen Büſchen ver⸗ borgen das Bild des ſchönen Himmels treu in ſei⸗ ner Tiefe bewahrt. Wenn auch Stürme auf eine Weile ſeine Oberfläche trüben und empören, daß die Bilder entfliehen oder verworren auf den un⸗ ſtäten Wellen ſchwanken, ſo bringt es doch ſeine Natur mit ſich, daß er mit allen ſeinen Kräften wieder in ſeine vorige Lage zu kommen ſtrebt, und ſich nach und nach ſelbſt beruhigt. Dann ſieht der Wanderer, der ihn in ſeiner ſtillen Verborgenheit aufſucht, nicht die Fluth ſelbſt, er ſieht nur die Bil⸗ der des ufers und den ſchönen blauen Himmel, der ihm aus der klaren Tiefe entgegenſtrahlt. So iſt Agath. II. Tb⸗ 11 es mir ergangen, meine Geliebte! Von ſelbſt, oh⸗ ne äußeres Zuthun, hat ſich mein Herz wieder ge⸗ funden; der ſtille Friede und mit ihm ein theures Bild ſind in dasſelbe zurückgekehrt. O, es war ei⸗ ne traurige Zeit, als ich ihn nicht mehr lieben zu dürfen glaubte, als ich ihn für leichtſinnig und flatterhaft halten mußte! Es war ein Aufruhr in meiner Natur, eine gewaltſame Verirrung derſel⸗ ben. Ich muß ihn lieben, ich muß mit ihm einig ſeyn, wenn ich es mit mir ſelbſt ſehn ſoll. Ich bin es wieder, und das iſt das Kleinod meiner Bruſt. Jetzt ſtrahlt der ſtille Spiegel wieder nur ſein theu⸗ res Bild zurück, und ich darf wohl ſagen, es iſt mir, wie der Fluth, die ſelbſt verſchwindet, und nur den Himmel zeigt. Ichwill mich gern ſelbſt vergeſ⸗ ſen, wenn nur Er glücklich iſt. Du wirſt vielleicht glauben, daß ich ihn geſehen, oder ſonſt etwas von ihm gehört hätte. Nein, mei⸗ ne Liebe! Aus meinem Innern, aus den Erinne⸗ rungen an meine Jugend, aus der Zuſammenhal⸗ tung mehrerer Umſtände, aus der überzeugung von ſeinem Werthe ging die kräftige Beruhigung her⸗ vor. Selbſt Deinen Brief habe ich erſt bekommen, als es bereits ſtille in mir war. Was er enthielt, gab mir noch höhere Kraft und das angenehme Gefühl der übereinſtimmung mit der edelſten Freun⸗ — 163— dinn. Ja, meine Liebe, er iſt ganz entſchuldigt. Er ſteht rein und tadellos vor mir, und das macht mich glücklich, ſo wenig beneidenswerth ſonſt meine La⸗ ge iſt. Nur der Gedanke, an ihm zweifeln zu müſ⸗ ſen, kann mich wahrhaft unglücklich machen; denn er ſtört meinen Frieden. Ihn lieben, und die Tu⸗ gend lieben, iſt Eins bey mir! Aber wenn auch dieſe überzeugung die unerläßliche Bedingung mei⸗ ner Seelenruhe iſt, ſo iſt ſein Beſitz kein Recht, das ich von der Vorſicht als ein Eigenthum anſpre⸗ chen darf. Jenes hat ſie inir gewährt, weil See⸗ lenfrieden zu unſerm Seelenheile nothwendig iſt. Unſere Glückſeligkeit iſt es aber nicht, und ſo darf ich dieſe nicht anſprechen, und thue es auch nicht. O meine Junia! Wie glücklich ich geworden wäre, wenn es Gott gefallen hätte, uns zu vereinigen, wage ich nicht zu denken. Mir ſchwindelt vor dieſer Höhe von Seligkeit, die vielleicht für dieß Leben zu groß geweſen wäre. In dieſer Furcht beruhigt ſich mein Herz, und beſcheidet ſich, die Wonne des Himmels nicht ſchon hiernieden zu genießen. Mein Vorſatz, unbekannt zu bleiben, ſteht da⸗ her noch immer feſt. Es tragen manche Nachrich⸗ ten, manche überlegungen dazu bey; es rührt auch wohl manche Anſicht aus Heliodors Umgange her. Ich will mich bemühen, Dir alles klar und deut⸗ e „„ lich zu machen, ſo deutlich, als ich es fühlez aber es iſt ſchwer, Gefühlen Sprache zu geben, und was wir als entſchieden wahr empfinden, dem Andern eben ſo klar einſehen zu machen. Es lebt hier ein gewiſſer Marecius Alpinus, der⸗ ſelbe, der zum Nachfolger meines verſtorbenen Ge⸗ mahls bey dem Heere beſtimmt war, und deſſen Ankunft der gekränkte würdige Held nicht erwarten wollte. Er kennt mich alſo nicht perſönlich, ſo we⸗ nig, als ich ihn je geſehen habe; aber er kennt al⸗ les, was in Nikomedien und am Hofe von einiger Bedeutung iſt, und ſo denn auch das Haus des Proconſuls, ſeine ſchöne Tochter und ihre Ver⸗ hältniſſe. Irre ich nicht, ſo haben ihre Reize ſelbſt einigen Eindruck auf ihn gemacht, aber, wie das bey ſolchen Weltmenſchen geht, es gleitet alles leicht über ihre abgeſchliffenen Seelen hin, und alſo auch die Liebe. Von ihm habe ich nun durch ſchickliche Fragen und Erkundigungen ſo viel erfahren, daß Calpurniens Verhältniß zu Agathokles kein Ge⸗ heimniß iſt, und daß man ihrer Verbindung als einem ſehr wahrſcheinlichen Ereigniſſe entgegen ſieht. Wie ſoll ich bey dieſen Verhältniſſen den Muth haben, hervorzutreten? Wie leicht könnte es ge⸗ ſchehen, daß Agathokles durch mein Daſeyn mehr erſchreckt als erfreut würde, daß er dann aus Recht⸗ ſchaſſenheit ein Band zerreißen würde, das ihn glücklich machen könnte, um ſich in ein altes zu ſchmiegen, das ihm fremd geworden iſt, und nicht anders als drückend ſeyn würde? Und würde ich dann glücklich ſeyn? Nein, meine Liebe! Viel beſ⸗ ſer iſt's, er erfährt nie, daß ich lebe, ſo erſpare ich 3 ihm Beſchämung, Reue, eine ſchwere Wahl, oder 8. eine noch mühſamere Treue, die mich unglücklicher machen würde, als ſeine Sinnesänderung. So bin ich ſtill, und feſt entſchloſſen, meinem Plane treu zu bleiben, und aus eben der Urſache kann ich Dein Anerbiethen, nach Apamäa zu flie⸗ hen, nicht annehmen. Dort bin ich bekannt, dort könnte es mir nicht gelingen, unter meinem Chri⸗ ſtennahmen unerkannt zu bleiben, und ich muß dieſem Glücke, wie ſo manchem andern, entſagen. Ich muß hier, wie ſo oft in meinem Leben, ſa⸗ gen: Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, der Nahme des Herrn ſey gebenedeyet! Ach, wenn ich den Troſt nicht hätte, wie könnte ich mein Schickſal ertragen! So viel zu verlieren, ſo Vielem zu entſagen, und doch nicht zu verzwei⸗ feln, dazu gehört unmittelbare Unterſtützung von oben, Wirkung der göttlichen Gnade, um die ich in unabläßigem Gebethe ringe.„Bittet, ſo wird euch gegeben werden!“ Ja, es wird mir gegeben .— 166— werden— nicht das, was mein Herz, vielleicht ir⸗ rig, für mein Glück hielt— aber das, was ich bedurfte, um ſeinem Verluſte nicht in Beduld, Kraft und Frieden. Glaube aber nicht, meine Theure, daß mein Gemüth immer ſo ruhig iſt! Nein, Deine arme Freundinn iſt nicht in jeder Stunde ſo unbegreiflich ſtark, um den Verluſt von Agathokles Liebe, und den Entſchluß, Dein Anerbiethen auszuſchlagen, mit ſtillem Gleichmuth zu ertragen. O es iſt mir oft, als wollte es mir die Bruſt zerreißen, wenn ich bedenke, was ich gehofft habe, und wie es nun geworden iſt! Zuweilen ſchweben mir Bilder aus der Vergangenheit vor, zuweilen, wenn ich das ſtille Glück betrachte, das Fulvia, die Gemahlinn des Lyſias, genießt, wenn ich die Liebe und Ach⸗ tung bedenke, mit der dieſe Gatten ſich behandeln, die tauſend kleinen Geſchäfte des Lebens, die durch Liebe, Zärtlichkeit, Treue und Aufmerkſamkeit ſo nahmenloſen Reiz erhalten, und ſich mir dann der Gedanke aufdringt, was ich als Agathokles Gattinn hätte werden können— o dann, Junia, gehört mehr als menſchliche Kraft dazu, um nicht zu verzwei⸗ feln. Dann bleibt mir keine Rettung als im Ge⸗ bethe, das oft die Hälfte meiner Nächte einnimmt, und in Heliodors düſter erhabenen Anſichten der Welt und Zukunft. Er reißt mich mächtig empor, er, der die leidenſchaftliche Liebe zu einem Geſcho⸗ pfe verdammt, während er ſein Leben der Menſch⸗ heit widmet, er, dem der Landsmann, der Ver⸗ wandte nicht näher ſtehen als der Wilde, für den er eben ſo willig ſein Blut vergißt, er zeigt mir meine Pflicht in einem wunderbaren, erhabenen kalten Lichte; und ſo wehe ſeine Vorſtellungen mei⸗ nem Gefühle thun, ſo mächtig ſtärken ſie meinen Willen, und erhöhen meine Kraft. Ich habe an Sulpicien geſchrieben, mit ver⸗ ſtellter Hand, um jeder Entdeckung vorzubeugen. Ich will mir dieſen Weg offen erhalten, um etwas Zuverläſſiges von Calpurniens Verhältniſſen zu er⸗ fahren. Sie hat mir geantwortet, gans ſo, wie ich es erwartet hatte; ihre Antwort hat nichts an meinem Entſchluſſe geändert. Nächſtens werde ich ihr wieder ſchreiben; ich will es wagen, Calpur⸗ nien unter einem ſchicklichen Vorwande um jene Zeichnung bitten zu laſſen, die mir die volle Ge⸗ wißheit meines Unglücks gab. Es iſt ſein Bild. Ach, ich habe ſonſt nichts von ihm, und muß das Einzige von meiner Nebenbuhlerinn erbetteln! Ach Junia! Iſt einſt dieſes Band, wie es Sulpicia ſelbſt zu erwarten ſcheint, wirklich geknüpft, verlaſſen viel⸗ leicht die glücklichen Gatten Aſten, was doch mög⸗ lich wäre, oder hat die Zeit auch die letzte Spur meines Andenkens in ſeiner Bruſt verlöſcht, dann komme ich zu Dir, dann birgſt Du mich im Schat⸗ ten Deines Hauſes, und gönnſt mir einen Antheil an der Beſorgung Deines Hausweſens, an der Er⸗ ziehung Deiner Kinder, Deiner Enkel, die bis da⸗ hin Deine ſpätern Jahre verſchönern werden, da⸗ mit mein Daſeyn nicht ganz nutzlos verſchwinde, und ich, wenn der milde Befreyer der gefangenen Seele erſcheint, mit dem Bewußtſeyn aus der Welt ſcheide, doch Einem Menſchen etwas geweſen zu ſeyn. Leb wohl! Drey und zwanzigſter Brief. Conſtantin an Cneus Florianus. Nikomedien im December 302. Di⸗ Zeit wird immer fruchtbarer an Begebenhei⸗ ten und Samen für die Zukunft. Der Krieg mit den Perſern iſt durch einen glorreichen Frieden ge⸗ endigt, wir haben unſern triumphähnlichen Ein⸗ zug in Nikomedien gehalten, und Diocletian be⸗ gegnet dem Galerius mit einer Achtung, die ver⸗ muthlich die ehemahlige ſchimpfliche Strafe gut machen ſoll. Galerius müßte nicht ſeyn, wie er iſt, wenn er dieß Gefühl des Unrechts nicht mit gewal⸗ tiger Hand ergreifen, und zu ſeinem Beſten nützen ſollte. Ich weiß zuverläßig, daß er die überlegen⸗ heit, die ihm dieß Gefühl und die ſinkenden Kräfte des alternden Auguſtus geben, mißbraucht, um die⸗ ſen zu manchem Schritte zu zwingen, oder zu über⸗ reden— wer entſcheidet das?— der eine langer⸗ — 170— probte Klugheit Lügen zu ſtrafen droht. Man ſpricht ſogar hier und da, aber nur höchſt geheim davon, daß Dioecletian freywillig die Regierung niederle⸗ gen, den Mayländiſchen Auguſtus zu demſelben Schritte bereden, und ſich dann in die Einſamkeit nach Salona, wo er ſich in geheim und lange ſchon einen lieblichen Aufenthalt zubereiten läßt, bege⸗ ben wird. Dann würden Galerius und mein Va⸗ ter Auguſtus werden; und wer würde den Rang der Cäſarn einnehmen? Mir hier keinen Neben⸗ buhler, keine Ereatur des düſtern Galerius vor⸗ kommen zu laſſen, ſoll meine Sorge ſeyn Ich ha⸗ be fürſtliches Blut und fürſtlichen Sinn von mei⸗ nem Vater geerbt, und Deine unterweiſungen ha⸗ ben mich gelehrt, das, wozu mich Natur und Ge⸗ ſchick beriefen, mit feſtem Gemüth zu erkennen, und zu ergreifen. Marcius Alpinus iſt von Galerius entfernt, und Präfect in Nicäa geworden, er, dieſer gewandte Höfling, der Günſtling des Cäſars, ein kriechender Schmeichler, ein erklärter Feind der Chriſten, und darum ſeinem Gebiether bis jetzt ſcheinbar unent⸗ behrlich. Aber wer wäre dem Galerius unentbehr⸗ lich! Genug, er iſt entfernt, und ſpielt in Nicäa die Rolle des Philoſophen, der, des Hofes und der Welt ſatt, nur ſich allein leben will. Ich habe ihn — 171— von jeher verachtet. Seit er aber bey jeder Gele genheit, und erſt neulich bey Agathokles Beförde⸗ rung zum Tribun dieſem mit heimlicher Bosheit entgegen war— ob aus eigenem Widerwillen, oder weil der Sclave auch die Neigungen ſeines Herrn kriechend theilt, und mich in meinem Freunde haßt, weiß ich nicht— ſeitdem habe ich ihm die Geſinnung⸗ die mir ſein Betragen einflößte⸗ deutlich merken laſſen, und ſeinen Einfluß verachtet. Jetzt in ſeiner Verbannung hat er, uneingedenk alles Vorgefalle⸗ nen, mir ſeine guten Dienſte anbiethen laſſen. Die verächtliche Seele! Er weiß viel, ſein Einfluß war vedeutend; was ich zu thun habe, werde ich ſehen⸗ Es iſt nichts ſo gering, ſo verwerflich, das nicht an ſeinen rechten Platz geſtellt, zweckmäßig gebraucht werden könnte, und meine Zukunft, folglich auch meine Maßregeln liegen noch in tiefem Dunkel⸗ Daß ich nichts unwürdiges thun werde, weißt Du. Aber was Nothwehr und drängende Verhältniſſe fordern, kann nicht mit dem Maßſtabe ruhiger Faſ⸗ ſung gemeſſen werden, und die Moral des Men⸗ ſchen und des Staats nicht dieſelbe ſeyn. Gegen den, der ſich Alles erlaubt, muß die Vernunſt ſelbſt alle Mittel ohne Unterſchied ergreifen heißen; ſonſt ſind unſere Waffen nicht gleich, und die gute Sache unterliegt ängſtlichen Rückſichten. Doch, bey Gott! — 172— Cneus, bey dem, der für das Heil der Menſchheit ſein Leben am Kreuze opferte, nur die Nothwehr wird mich ſolche Mittel ergreifen machen! Auf den Höhen der Politik kehren wir wieder in den Stand der Natur zurück, wo nur das Recht des Liſtigern oder Stärkern gilt. Galerius haßt mich; er haßt die Chriſten, er will ſie verfolgen. Es wird ein harter, ein gewaltiger Kampf entſtehen, aber ich hoffe, der Himmel und Cato werden dann auf Ei⸗ ner Seite ſtehen 23). An meinen theuern Vater habe ich vor zwey Tagen geſchrieben, und mich umſtändlicher über meine Lage erklärt. Er iſt wohl ſo gut, Dir zu er⸗ zählen, was zwey Mahl zu ſchreiben mir weder meine Neigung, noch meine Zeit erlaubt. Leb wohl! Vier und zwanzigſter Brief. Agathokles an Phocion. Nikomedien im December 302. E⸗ werden beynahe zwey Monathe vergangen ſeyn, ſeit Du keinen Brief mehr von mir erhalten haſt; und da jetzt meine Zeit wieder freyer iſt, haſt Du wohl gegründetes Recht, Nachricht von mir zu fordern. Ich bin mit dem Cäſar, Conſtantin und Tiridates ſeit einigen Tagen hier. Der Kaiſer hat mich zum Tribun unter den Jovianern ernannt. Bis in dem Quartiere der Leibwache Platz für mich gemacht wird, wohne ich bey meinem Vater, der mich mit beſonderer Güte behandelt, ſeit mein Ver⸗ hältniß zu Conſtantin und glückliche umſtände mir eine bedeutendere Exiſtens verſchafft haben. übri⸗ gens iſt mein Leben wie vorhin. Ein trüber Ge⸗ danke verläßt mich nie, und vergebens ſuche ich ernſtlich mich in dem umgange einer liebenswürdi⸗ gen Freundinn zu zerſtreuen, deren Vorzüge ver⸗ mögend wären, vielleicht in jedem andern Herzen frühere Eindrücke zu verlöſchen. Bey mir iſt ihr Zauber verloren. Ich achte ihre Verdienſte, ich er⸗ kenne die ſeltene Macht ihrer Reize, ich fühle mich erheitert, ſo lange ich um ſie bin; aber die Leere meiner Bruſt auszufüllen vermag ſie nicht. So von der Wirklichkeit abgeſtoſſen, und unfähig in irdiſchen Gütern Glück zu ſuchen und zu finden, ergreift der Geiſt deſto heftiger die Ideen, die ſich ihm darbiethen. Und ſo höre nun, Phocion, was eigentlich mich abhielt, Dir ſchon längſt zu ſchrei⸗ ben! Glaube nicht, daß es Mangel an Erinnerung oder minderes Verlangen war, Dir alle meine Ge⸗ danken mitzutheilen! Es war Unſchlüſſigkeit, Furcht, möchte ich beynahe ſagen. Es iſt eine peinliche Lage, wenn verſchiedene Schickſale zwey Freunde zu ſehr verſchiedenen Arten der Ausbildung und überzeu⸗ gung führen, ſo, daß dem Einen zuletzt nichts übrig bleibk, als dem ſüßen Troſte zu entſagen, mit dem geliebten Freunde über den wichtigſten Punct der Erkenntniß gleichſtimmig zu denken. Dann zögert der Mund das auszuſprechen, was ſchon längſt in beyder Herzen bereit lag, und die Hand weigert ſich, der Tafel die inhaltſchweren Worte einzu⸗ graben. Doch muß es geſchehen. Höre denn, mein Freund, mein Geſtändniß, und laß mich hoffen⸗ daß der Zwieſpalt in unſrer Erkenntniß keinen Zwieſpalt in unſern Empfindungen hervorbringen werde! Ich bin ein Chriſt. Vor vier Wochen habe ich vor einer kleinen Anzahl meiner Glaubensgenoſſen feyerlich das Bekenntniß jener Wahrheiten und Leh⸗ ren abgelegt, die lange vorher ſchon mein ganzes Weſen mit inniger überzeugung ergriffen hatten⸗ Daß es ſo kommen würde, war mir längſt gewiß⸗ und auch Dir wird dieſe Nachricht nicht unerwar⸗ tet ſeyn; aber meines Vaters wegen bleibe dieſer Schritt noch ſo lange verborgen⸗ bis dringende umſtände mein öffentliches Bekenntniß fordern. Das bin ich ihm ſchuldig.. Nun habe ich erreicht, was ich ſo lange als das Ziel dunkler heftiger Wünſche ſuchte, das Höchſte, Beſte, was der Menſch erreichen kann. Ich bin ei⸗ nig mit mir ſelbſt, gewiß über meine Beſtimmung in dieſem, mein Lvos im andern Leben; jeder Zwei⸗ fel iſt gelöſet, und jede Pflicht liegt klar und deut⸗ lich vor mir. Um meine überzeugung ſo viel als möglich in deinen Augen zu rechtfertigen wende ich mich zur Beantwortung der neuen Anklagen und Vorwürfe, — 176— die Deine letzten Briefe, welche ich in Niſibis em⸗ pfing, gegen meinen Glauben enthalten. Du ſchilderſt mir in dem erſten derſelben mit wahrhaft dichteriſchem Feuer die Lieblichkeit der Griechiſchen Mythologie, und die ſchönen Bilder, die ſie den Sinnen in jeder Art der Wahrnehmung darbiethet. Nicht fähig, ihren Werth für die über⸗ zeugung und Moralität der Menſchen auf der jetzi⸗ gen Stufe ihrer Bildung zu beweiſen, bemühſt Du Dich, ihnen einen höhern, beſſern Sinn unterzu⸗ legen, und deuteſt in dieſe Fabeln, was nie darin lag, und was nur Geiſter, wie der Deinige, die denn ohne dieß dieſes Behelfes nicht bedürfen, hin⸗ einlegen können. Warum das, mein Freund? Die Mythen unſerer Vorältern waren in ihrem Ur⸗ ſprung ganz löbliche und nützliche Erfindungen für die Menſchheit in ihrer damahligen Lage. Sie ent⸗ hielten naturgeſchichtliche Wahrheiten, in liebliche Bilder verhüllt, die Geſchichte der Erde, ihre Re⸗ volutionen, den Einfluß der Geſtirne, der Jahres⸗ zeiten auf ihre Bewohner. So waren ſie dem ein⸗ geweiheten Prieſter ehrwürdige Symbole der Al⸗ les erzeugenden Natur, dem Laien aber bald nichts anders als widerſinnige Repräſentanten eben ſo vie⸗ ler über⸗ oder untergeordneter Gottheiten, die bald einig, bald kämpfend, ſich in die Herrſchaft der Welt theilten, und ſo den erhabenen Begriff eines einzigen Schöpfers verdrängten. Das heranreifen⸗ de Menſchengeſchlecht entwuchs dieſen kindiſchen Begriffen. Der Weiſe fing an zu grübeln, die Men⸗ ge zu ſpotten; und nun ſind wir dahin gekommen⸗ daß kein verſtändiger Menſch einen erhebenden Sinn mit dieſen Mährchen verbinden, kein Herz durch ihren Anblick zu höherm Schwunge geweckt werden könnte, wenn auch alle ſchönen Künſte ſich um die Wette beeiferten, Götterbilder und Tempel mit allem auszuſtatten, was die Siüne reizen, die Einbildungskraft vergnügen kann. In weſſen Herz ſtrömt jetzt noch ein Tempel, wo die verſpottete Gottheit wohnt, heilige Schau⸗ er? Wer fühlt noch etwas anderes bey dem Anblick eines ſchönen Götterbildes, als daß es ein treffli⸗ ches Werk der Kunſt ſey? Und ſelbſt dieſe Kün⸗ ſte! Die Zeiten des Perikles ſind dahin, die Ju⸗ gendblüthe der Menſchheit iſt vorüber, und mit ihr die Blüthe der Kunſt. Kein friſches lebendiges Geſchlecht trägt Göttergeſtalten in ſeiner Bruſt, und ſtellt in Marmor oder Erz dar, was ſeine Seele vegeiſternd erfüllt. An den zugelloſen Hofhaltungen verächtlicher Wollüſtlinge oder blutdürſtiger Tyran⸗ nen verſtummen die Geſänge der heiligen Dichter: und wie könnte ein Imperator, der im wilden Lager Agath. II. Th. 12 ausgearteter Legionen erzogen wurde, mit Luſt und Geſchmack den Liedern horchen, die einſt einen Au⸗ guſt entzückten? Jene Zeiten ſind vorbey, und mit ihnen die Fähigkeit, jene Fabeln und Bilder für etwas zu halten, und ſie zu verehren. Würdeſt Du wohl die Leidenſchaft des erwachſenen Jüng⸗ lings durch den Aſop oder Phädrus zu zähmen wähnen? Oder könnteſt Du Dich mit der Hoffnung täuſchen, die Wuth der empörten Prätorianer mit einer Fabel zu beſchwören, wie Menenius Agrip⸗ pa? 1*) Andere Zeiten erzeugen andere Sitten, andere Menſchen; und dieſe haben andre Bedürf⸗ niſſe. Eins der erſten des aus Geiſt und Körper zuſammengeſetzten Geſchöpfes iſt Religion. Der Hang dazu liegt in ihm, und äußert ſich bey den roheſten Völkern im kindiſcheſten Weltalter. Ihnen genügt die todte Natur nicht; ſie beſeelen ſie, und bethen den Geiſt an, den ſie ahnend entdecken. Tie⸗ fer als mancher Philoſoph, mancher herzloſe Spöt⸗ ter wähnt, liegen dieſe Gefühle in unſerer Bruſt, und verkünden ſich bald als erhabene Gottesfurcht, bald als Neigung zum Wunderbaren, Geſpenſter⸗ furcht, Glauben an Ahnungen, Träume u. ſ. w Der Menſch, ſeines unſterblichen Gefährten ſich bewußt, ſucht dieſe wunderbare Vereinigung von Geiſt und Materie überall, ahnet in jeder außer⸗ ordentlichen Begebenheit viel lieber die Einwirkung eines höhern Weſens, als die Folge todter kalter Geſetze, und fühlt ſich nirgends allein, wenn Al⸗ les um ihn her von einer unſichtbaren denkenden Kraft geleitet wird. Aber die Dryaden und Hama⸗ dryaden, die Nymphen der Quellen, die Satyren und Faunen ſind aus den Wäldern entflohen, zum Theil vor der Stimme der Vernunft, zum Theil vor dem Hohngelächter, womit der nnüberlegte Spott die fromme Einfalt ſchreckt. Statt ihrer wohnt in dem einſamen Dunkel der Wälder und in der erhabenen Stille der Natur das Gefühl der allgegenwärtigen Gottheit, die das Moos am Bau⸗ me mit eben der Weisheit ſchuf, als das Auge des Beobachters, und den denkenden Geiſt, der fähig iſt, dieſe Betrachtungen anzuſtellen. Der einige, allwiſſende, allmächtige Schöpfer erfüllet das Gan⸗ ze; ſein Hauch ſchwebt in den ſäuſelnden Lüften um uns, ſeine väterliche Fürſorge offenbaret ſich in dem Inſtinete jedes Thiers, dem Bau jedes Ne⸗ ſtes. Scheint Dir dieſer Erſatz zu gering für jene fabelhaften Weſen? Und warum bemüheſt Du Dich, dem Glauben an ſie einen neuen Sinn un⸗ terzuſchieben? Laß ſie entfliehen mit dem Strom der Zeit, der ſie der Vergangenheit zuträgt! Sie gehören nicht mehr in unſer Zeitalter. Ein neues 12 — 180— beſſeres Syſtem ſteht da; die Menſchheit ſolt es ergreifen, oder es ergreift ſie mit mächtigen Arm; denn es iſt ein Kind des Geiſtes der Zeit, und un⸗ widerſtehlich wie er. Noch habe ich einen Einwurf zu beantworten. Das Ghriſtenthum, ſagſt du, iſt den Künſten nicht günſtig. Ein Theil der Antwort liegt ſchon im Vor⸗ hergehenden. Das Zeitalter iſt ihnen ungünſtig. Es iſt wahr, das Chriſtenthum duldet nicht Bil⸗ der und Zeichen desjenigen, der weit über alle Vorſtellung, über jeden Begriff erhaben iſt. Schlie⸗ ßen doch ſelbſt die wilden Germanier ihre Gottheit nicht in Tempel, als in eine unwürdige Beſchränkung ein: ſo darf und muß der Chriſt auch ſeinen höch⸗ ſten Gott auf die höchſte, reinſte Weiſe verehren. Aber das Rad der Veränderung wälzt ſich unab⸗ läßig fort, und der menſchliche Geiſt ſteht nie ſtil⸗ le. Es werden Zeiten kommen, wo in ſicherer Ru⸗ he der thätige Trieb ſich erfindend, bildend entfal⸗ ten wird. Wenn einſt nach Jahrhunderten die Stür⸗ me vertobt haben, deren Beginn wir nun erleben, wenn alle wilden Nationen, die jetzt über die ge⸗ ſittete Welt hereinzubrechen, und Cultur, Künſte, Wiſſenſchaft und Ordnung zu ſtürzen drohen, ſich untereinander bekämpft, verjagt, und blutig auf⸗ gerieben haben werden, dann wird in dem allge⸗ — 181— meinen Schrecken nur die Religion allein aufrecht ſtehen; ſie wird das Heiligſte und Höchſte des Men⸗ ſchen bewahren, ſie wird dem übermuth roher Bar⸗ baren Ehrfurcht gebiethen, ihre ſanfte Macht wird der wilden Gewalt das Gleichgewicht halten⸗ in die Hallen ihrer Tempel werden ſich Künſte und Wiſ⸗ ſenſchaften vor dem Sturm retten, und wenn es auf dem müden Erdkreis ſtille geworden, wird ein ſchönerer Tag aus ihnen über die neugeborne Welt hervorgehen. Leb wohl! Fünf und zwanzigſter Brief. Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus. Nicäa im December 302. Du willſt Nachrichten, Neuigkeiten von mir hö⸗ ren. Was, bey allen Göttern, ſoll ich dir aus die⸗ ſem Neſte von Stadt ſchreiben? Es geht Alles ſei⸗ nen langſamen regelmäßigen Gang fort; und da eine große Anzahl der hieſigen Einwohner Chriſten iſt, ſo iſt dieſer Gang ſo ſtille und erbaulich, daß jemand, der aus einem raſchern abwechſelnden Le⸗ ben kommt, hier Gefahr läuft, vor langer Weile zu ſterben. Zwey Monathe bin ich hier— ſie dünken mich zwey Jahre— und bin entſchloſſen, nicht mehr lange hier zu ſeyn. Es bereiten ſich wichtige Vor⸗ fälle im Stillen vor; es ſind viele Hände geſchäf⸗ tig. Daß meine Freunde unter der Zahl ſind, iſt natürlich. Aber nicht allein, was für mich gethan wird, ſoll mir zum Nutzen gereichen, auch was mei⸗ — 135— ne Feinde wider mich zu thun meinen, ſoll ſich un⸗ ter ihren Händen in Waffen gegen ſie verkehren. Man hat mich vom Hofe entfernt, und glaubt, mich auch von jeder Einwirkung entfernt zu haben. Ich laſſe ſie bey dem Glauben, der ſie vergnügt und ſicher macht, und ſpiele hier die Rolle des geſtürz⸗ ten Günſtlings mit Anſtand und Demuth. Gale⸗ rius kann meiner nicht entbehren, das weiß ich. Conſtantin haßt mich, und braucht mich vielleicht doch einſt. Diocletian iſt ein untergehendes Geſtirn. Die Chriſten arbeiten in geheim für ſich, Galerius offenbar gegen ſie, der Anguſtus ſchwankt; ein bö⸗ ſes Anzeichen bey einem Manne, der ſonſt den Zwei⸗ fel nicht kannte. Eine Partey muß ſiegen. Es kommt nur darauf an, ſich die Hände ſo frey zu erhalten⸗ daß man ſie zur rechter Zeit ohne Schande ergrei⸗ fen kann; und dafür wollen wir ſorgen. Du willſt wiſſen, was ich von Galerius Maß⸗ regeln gegen die Chriſten denke? Sie ſcheinen mir vollkommen zweckwidrig. Sollte es möglich ſeyn, die chriſtliche Religion auszurotten, woran ich je mehr und mehr zweifle, nicht aus Achtung für ſie— eine ſolche Abgeſchmacktheit wirſt du mir nicht zu⸗ trauen— ſondern weil ich ſie zu feſt begründet glau⸗ be, ſo müßte es nicht mit offenbarer Gewalt geſche⸗ hen. Verfolgung, Strafen, Gefahren erhitzen ſolche — 183— Menſchen noch mehr, ſie machen ſie eigenſinnig, unüberwindlich. Von innen, in ihren edelſten Thei⸗ len müßte dieſe Secte angegriffen, in ſie der Keim des Verderbens gelegt werden, der dann den gan⸗ zen Körper langſam vergiften, und zur Auflöſung bereit machen könnte. Aber ein ſolches Mittel wird ein Menſch, wie Galerius, nie ergreifen. Conſtantin wird eine bedeutende Rolle ſpielen, die Natur hat ihn dazu beſtimmt; er kann nicht untergeordnet bleiben, und es iſt ein ſicheres Zei⸗ chen ſeines Scharfblickes, daß er es mit den Chri⸗ ſten hält, und alſo den Geiſt der Zeit für ſich hat. Das iſt auch wohl bey einem ſo klugen Manne, wie er, der wahre Beruf zu dieſem Glauben. Er ſam⸗ melt jetzt ſchon Menſchen und Hülfsquellen um ſich, die er zu ſeiner Zeit in Bewegung ſetzen wird. Ihm können auch Schwärmer nützen, und ſo hat er ei⸗ nen der entſchiedenſten, jenen Agathokles, um ſich, den neulich der Schwindelgeiſt ſeiner Kameraden zum Tribun machte. Ich haſſe den Menſchen aus mehr als einem Grunde, und nehme mir vor, ihm nächſtens einen empfindlichen Streich zu ſpielen. Es iſt eine lächerliche Geſchichte, die ich vielleicht in Nikomedien keiner Aufmerkſamkeit gewürdigt hät⸗ te, die aber dazu dienen ſoll, mir hier die lange Weile zu vertreiben. Ich war kaum acht Tage hier, als mir eines Morgens in der Nähe eines Chriſten⸗ tempels ein Frauenzimmer begegnet, deſſen guter Anſtand und tiefe Witwentrauer meine Blicke flüch⸗ tig auf ſich ziehen. Sie kommt näher; ich betrach⸗ te ſie genauer, und obwohl der ſchwarze Schleyer ihr Geſicht halb verbirgt, erkenne ich mit Erſtaunen Lariſſa, die Witwe des Demetrius, die man ſchon lange für todt gehalten hatte. Als ich nach Niſibis kam, um den Heerbefehl zu übernehmen, war ſie ſchon abgereiſet; aber ich kaunte ſie von frühern Zei⸗ ten, und war öfters auf Reiſen mit ihr zuſammen getroffen. Wie ſie den Händen der Gothen entgan⸗ gen, wie ſie hierher gekommen, weiß ich nicht; im Grunde liegt auch nichts daran. Genvg ſie iſt hier, und lebt im Hauſe eines gewiſſen Lyſias, eines der an⸗ geſehenſten Bürger dieſer Stadt, unter dem Nahmen Theophania, als Witwe eines Byzantiniſchen Kauf⸗ manns. Dieſe geheimnißvolle Verborgenheit fiel mir auf; denn ich weiß, daß ſie die heiß geliebte Jugendfreundinn jenes Agathokles war, der alles, was er auf Erden beſitzt, darum geben würde, wenn er erfahren könnte, daß ſie lebt, und ihn noch liebt. Ich mußte der Sache auf die Spur kommen, und führte mich unter einem leichten Vorwande bey Ly⸗ ſias ein. Da ſehe und ſpreche ich ſie nun zuweilen. Ich ſtelle mich, als kennte ich ſie nicht, begegne ihr — 186— mit großer Achtung, ſchone ihre Vorurtheile, und habe nun ſchon ſo viel herausgebracht, daß ſie ihren Agathokles für untreu hält, und deßwegen ihre Ver⸗ borgenheit nicht verlaſſen will. Das hat ſie mir nun freylich nicht ſo gerade zu erzählt, aber ihre Fragen und Erkundigungen ſagten mir alles, was ich wiſſen wollte. Sie iſt leicht zu bethören, wie alle die from⸗ men und argloſen Menſchen ihrer Art. Sie gefällt mir, und ich hätte Luſt, ſie in Liebe gegen mich zu entzünden. Schön iſt ſie nicht, aber beym Jupiter, kein gemeines Geſchöpf. Eine kleine Narbe auf der einen Wange entſtellt ſie ein wenig; aber ihr Wuchs iſt edel, ihr dunkles Auge, das ſich langſam unter ſeidenen Wimpern wendet, hat einen ſehnſüchtigen anziehenden Ausdruck. Ihre Arme ſind vorzüglich ſchön. über dieß iſt ſie eine Chriſtinn, und eine höchſt andächtige. Es wäre doch luſtig zu ſehen, welchen Contraſt die irdiſche Venus mit allen dieſen Fröm⸗ migkeiten machen würde, und zu verſuchen, ob es nicht möglich wäre, den philoſophiſchen Jugendge⸗ liebten aus ihrem Herzen zu verdrängen. Der Spaß lohnt wohl die Mühe einer kleinen Verſtellung, und beluſtigt mich in voraus. Leb wohl! Sechs und zwanzigſter Brief. Calpurnia an ihren Bruder Lucius Piſo. Nikomedien im December 302. Stehlen muß ich die Zeit, liebſter Bruder, um Dir zu ſchreiben, und meine alte Schuld abzutra⸗ gen. Aber du kennſt meine Unart. Es koſtet mich Mühe, zum Schreiben zu kommen; wenn ich aber einmahl anfange, koſtet es mich eben ſo viele, wie⸗ der aufzuhören. So wirſt du zwar wenige, aber deſto längere Briefe von mir bekommen. Wir leben jetzt in einer unruhigen fröhlichen Zeit. Wie Scha⸗ de iſt's, daß du nicht Theil daran nehmen kannſt! Feyerlichkeiten und Unterhaltungen jeder Art wech⸗ ſeln mit einander ab, Hoffeſte, Volksfeſte, Hoch⸗ zeitfeſte, Friedensfeſte; und deine Schweſter ſpielt bey allen dieſen Herrlichkeiten, als Tochter des Pro⸗ conſuls und Freundinn der Armeniſchen Kö⸗ niginn, eine gar nicht unbedeutende Rolle. Ich „— 186— erſcheine faſt jeden Tag öffentlich bey irgend einem feyerlichen Aufzuge; und ich müßte doch wahrlich kein Mädchen, ich müßte ſo etwas von einem Stoi⸗ ker oder Cyniker ſeyn, wenn es mir nicht eine wah⸗ re Angelegenheit ſeyn ſollte, jedes Mahl in einem ſo viel wie möglich neuen und paſſenden Anzug zu erſcheinen. Das koſtet Zeit, Nachdenken, Arbeit. Rechne dazu die vielen Stunden, welche Gaſtmahle, feyerliche Opfer u. ſ. w. einnehmen, und du wirſt leicht begreifen, daß deiner geſchäftigen Calpurnia in ihrem weitläufigen Hausweſen wenig Zeit übrig bleibt. Zuweilen könnte ich wohl ein Stündchen fin⸗ den; aber bald iſt ein Freund, bald Braut und Bräutigam da, es wird geſchwatzt, geſcherzt— wer kann dem Reiz der geſelligen Freuden wider⸗ ſtehen?— und ſo verfliegt der Tag, wie eine Mi⸗ nute. Wenn ich dann Abends müde auf mein Lager ſinke, wiederhohlt Morpheus gefällig die Freuden des Tags in noch ſchöneren Bildern. Ich bin ſo vergnügt, wie ich ſeit langen nicht mehr war, und fühle, daß ſich in dieſen Freuden, als in meinem eigentlichen Elemente, mein ganzes Weſen auf's leichteſte und angenehmſte entfaltet. Doch ich plaudere in einem fort, ohne zu beden⸗ ken, daß du unmöglich wiſſen kannſt, was ich mei⸗ ne. Nun ſo will ich denn einmahl die flatternde — 189— Phantaſie beym Flügel haſchen, und ſie zwingen, recht ſittſam und ordentlich zu erzählen, wie ſich alles begeben hatte. Vor zwanzig Tagen ungefähr hielten der Auguſtus, Galerius und Tiridates ihren feyerlichen Einzug in Nikomedien. Es war eins der glänzendſten Feſte, das ich je, ſelbſt in Rom, geſe⸗ hen hatte. Die angeſehenſten Einwohner, alle öffent⸗ lichen Autoritäten zogen ihnen im prächtigſten An⸗ zuge und mit feyerlichem Gepränge entgegen; aber alles verſchwand vor der Pracht des ankommenden Hofes. Der Kaiſer zwar und Cäſar Galerius mach⸗ ten Trotz dem außerordentlichen Schimmer, der ſie umgab, nicht viel Effeet, wenigſtens nicht auf mich, und ich glaube, halb Nikomedien— ſo hoch wird ſich wohl das weibliche Geſchlecht hier belaufen— war einerley Meinung mit mir, was auch die ſogenann⸗ ten Verſtändigen oder die Schmeichler von ihren bedeutenden Phyſiognomien, dem Herrſcherblick, den Heldenſtirnen ſagten. Für mich waren es ein Paar alte Herren ohne alles Intereſſe. Deſto präch⸗ tiger nahmen ſich dicht hinter ihnen die Prinzen Con⸗ ſtantin und Tiridates aus. So herrlich, ſo blendend, wie dieß Mahl, hatte ich ſie nie geſehen. Sie ritten auf ſtolzen Pferden mit allem Anſtande geſchickter Meiter; die Sonne zog blendende Funken aus ih⸗ ren Rüſtungen, und die Helmbüſche wogten auf und nieder, wie ſich ihre Pferde tanzend unter ihnen bewegten. Ihre ſchönen Geſtalten waren durch die ſchimmernden Umgebungen ſehr erhoben, und die Stimmen zwiſchen dem edlen Ernſt des blonden Britten, und dem freundlichen Feuer des dunkeln Armeniers getheilt. Nicht weit davon im Gefolge ihrer erſten Offiziere befand ſich Agathokles. Auch ſein Anzug war prächtig, wie es die Feyer und ſein Stand forderten; aber ich muß dir aufrichtig be⸗ kennen, ſo wohl er mir damahls gefiel, als die Blicke des ganzen Volkes an ihm, als Siegesbo⸗ then, hingen, ſo verſchwand er heut gänzlich vor der Schönheit und dem Glanze der beyden Fürſten. Was auch die Philoſophen ſagen mögen, Schönheit und hohe Geburt ſind keine ſo ganz gleichgültigen Ei⸗ genſchaften; und wenn ſie auch keine Verdienſte ver⸗ leihen, ſo dienen ſie doch dazu, die, welche ſchon vorhanden ſind, in ein blendendes Licht zu ſtellen. Tiridates mit allen ſeinen guten Eigenſchaften, als der Sohn eines Bürgers, der etwa durch Un⸗ glück ſein Vermögen verloren hätte, würde unſer Mitleid erregen, und wir würden uns freuen, wenn ihm der Zufall wieder ſein väterliches Gut zurück⸗ gäbe. Aber hier iſt ein Fürſt, der Jetzte Sprößling eines erlauchten Hauſes, an deſſen Willen einſt das Schickſal von Millionen hing, einen Uſur⸗ pator ſeines Throns, ſeiner Rechte beraubt, ver⸗ folgt, nur durch die Treue eines alten Dieners ge⸗ rettet. Dieſer Fürſt hat nun ſein Neich mit Hülfe ſeiner Freunde erobert. Er iſt wieder König; ſein Wille lenkt wieder das Geſchick von Tauſenden. Wie ganz anders iſt dieſer Eindruck! Und wenn das Gemüth durch jene Erzählung vorbereitet iſt⸗ den merkwürdigen Mann mit günſtiger Stimmung zu betrachten, dann vollendet noch eine ſchöne Ge⸗ ſtalt den JZauber des ganzen Bildes. Wer kann ſich deſſen ganz erwehren 2 Wer wird läugnen, daß der ſchöne Tiridates als Privatmann, oder der Fürſt in alltäglicher Bildung nicht halb ſo intereſſant ſeyn würde? Das wiſſen auch die Dichter; und darum ſtellen ſie uns ſo gern Fürſten, Helden, Götter der Erde dar, laſſen ſie von großen Schickſalen gebeugt oder erhoben werden, und ſchildern ſie uns oben drein als vollendete Schönheiten. Gegen Abend kam er mit Agathokles zu mir. Jetzt war der Zauber verſchwunden, und in der einfachen friedlichen Toga⸗ im freundſchaftlichen Geſpräche gewann dieſer bald wieder ſeinen alten Platz neben oder ſelbſt vor Tiridates in meinem Geiſte. Ich fand ihn etwas heiterer als ſonſt. Die tiefe Schwermuth, die ihn vorher beynahe zu je⸗ der geſelligen Freude unfähig machte, hatte ſich in einen ſanften Ernſt verwandelt; er war freundlich, aber ſtill und wortarm. Tiridates hatte beſchloſſen, ſchon den folgenden Tag nach Synthium zu gehen. Ich erhielt einen Tag Aufſchub von ihm, weil ich es nothwendig fand, Sulpieien erſt auf dieſen Be⸗ ſuch, und das erſehnte Ziel aller ihrer Leiden und Wünſche vorzubereiten. Am dritten Tage reiſte er endlich im Gefolge eines Heeres von Sclaven, Pfer⸗ den und Kamehlen, die königliche Brautgeſchenke trugen, ab, um ſeine Braut zu hohlen. Der Em⸗ pfang ſoll ganz ſo geweſen ſeyn, wie ich dachte, voll Zärtlichkeit und Achtung auf der einen, voll Entzücken auf der andern Seite. Sobald Sulpicia ſich von dem Freudenſturm erhohlt hatte, wurde ſie in einer prächtigen Sänfte von acht reich gekleide⸗ ten Cappadociern, die in kleinen Abſätzen von an⸗ dern abgelöſt wurden, ſo ſchonend und ſo feyerlich als möglich nach Nikomedien gebracht, und ich em⸗ pfing ſie am Thore des prächtigen Hauſes, das Tiridates ſchon lange gekauft, und mit königlicher Pracht hat einrichten laſſen. Dier blieb ſie acht Tage bis zu ihrer Vermäh⸗ lung; und dieſe wurden größten Theils mit Zube⸗ reitungen, mit Wahl der koſtbarſten Stoffe, Ju⸗ welen, Geräthſchaften u. ſ. w. höchſt angenehm zu⸗ gebracht. Am Tage des Friedensfeſtes, das der Au⸗ * guſtus ſehr feyerlich beging, wurde auch die Vermäh⸗ lung des Armeniſchen Königs vollzogen, und Sulpi⸗ cia mit einer Pracht ausgeſtattet, die faſt die Auguſta und ihre Tochter, des Cäſars Gemahlinn, verdun⸗ kelte. So will es Tiridates, der nichts unterläßt, wodurch er der Welt die Achtung zeigen kann, mit der er ſeine Frau behandelt. Seit dieſem Tage dauert nun das fröhliche Leben, von dem ich Dir im Anfange ſchrieb, und nichts ſtört meinen Ge⸗ nuß, als der trübe Gedanke, daß es nicht mehr lan⸗ ge währen, und dann eine tödtliche Leere an ſei⸗ ne Stelle treten wird. Tiridates führt ſeine Frau, ſo bald die Feſte vorüber ſind, nach Eebatana. Sulpicia hat ſich ziemlich erhohlt, und wird im Stande ſeyn, die Reiſe ohne Schaden für ihre Ge⸗ fundheit zu unternehmen. Ihr Gemüth iſt beruhigt, und ſo die erſte Quelle ihres übels gehoben. Ich hoffe jetzt auf ihre gänzliche Herſtellung; aber ich werde ihre Abweſenheit ſehr ſchwer empfinden, ich werde ſie, ich werde Tiridates überall vermiſſen⸗ Jetzt, wo alle Zweifel verſchwunden, alle ängſtli⸗ chen Spannungen aufgelöſet ſind, und ſein Geiſt ſich ungehindert und frey enthalten kann, kannſt Du Dir keinen Begriff machen, welch ein angeneh⸗ mer Geſellſchafter er iſt, höchſt liebenswürdig als Fürſt und Menſch. Seine Heiterkeit belebt auch Agath. II. Th. 13 Sulpicien, und unſer Umgang iſt angenehm und fröhlich. Freylich wird Agathokles hier bleiben: wird aber ſein Ernſt, ſeine wortarme Unterhaltung im Stande ſeyn, mich für jenen Verluſt zu entſchä⸗ digen? Ich zweifle ſehr. Er iſt ein Feind aller lau⸗ ten Freuden, aller öffentlichen Beluſtigungen; er war ſogar entſchloſſen, während der Feſtlichkeiten nach Synthium zu gehen, und dort ganz allein ſei⸗ nen Gedanken und Schwärmereyen zu leben. Du mußt geſtehen, daß das doch zu arg war; auch lie⸗ ßen wir ihn dieſen trübſinnigen Vorſatz nicht aus⸗ führen, und er ergab ſich zuletzt unſern vereinigten Bitten und Neckereyen. Wie er ſich dann betragen wird, wenn unſere Freunde ferne ſind, und wieder alles ſtille um mich geworden iſt, das wiſſen die Götter; ich ſehe dieſer Zeit mit einer Art von Schauer entgegen. Doch weg mit den trüben Ge⸗ danken! Sie ſollen mir die gegenwärtige Luſt nicht verderben. Und ſo leb wohl, lieber Bruder! Ich eile zu Sulpicien, um im Umgange meiner Freun⸗ de jede düſtere Regung zu verſcheuchen. — Sieben und zwanzigſter Brief. Theophania an Sulpicien. Nicäa im December 302. E⸗ mag vielleicht unbeſcheiden von mir ſcheinen, zu einer Zeit, wo die große Welt mit allem, was ſie Glänzendes verleihen kann, Anſpruch auf Dich macht, und Du den erhabenen Schauplatz betreten haſt, auf dem nicht mehr geſellſchaftliche Verhält⸗ niſſe, ſondern die Schickſale von Tauſenden an Dein Herz ſprechen, Dich an ein unbedeutendes Weſen zu erinnern, das Du einmahl freundlich aufgenommen haſt. Aber wenn ich mich ſchon gern beſcheide, und wohl weiß, daß die Beherrſcherinn von Armenien, und die Römiſche Matrone nicht mehr eine und dieſelbe Angelegenheit haben kön⸗ nen, ſo würde ich doch ſelbſt der Achtung, die Du mir eingeflößt haſt, zu nahe treten, wenn ich Dich eines unzeitigen Stolzes, und eines übermüthigen 13* Vergeſſens jener Empſindungen fähig hielte, die Dir noch vor einigen Monathen wichtig waren. In dieſer ſchönen Zuverſicht wage ich es noch ein Mahl an Dich zu ſchreiben, und vor Deiner Abreiſe von Nikomedien mein Andenken bey Dir zu erneuern. Du ſtehſt nun am Ziele Deiner Wünſche. Heil Dir, meine geſchätzte Freundinn! Und mögen die Gegenwart und Zukunft Deinem Herzen mit Wu⸗ cher die Leiden der Vergangenheit lohnen! Daß ich mich innig Deines Glückes erfreut, daß ich warme Gebethe für Dein Wohl zum Himmel geſandt ha⸗ be, wirſt Du mir glauben; denn Du konnteſt es voraus ſetzen. Wenn dieſe auch vor einem andern Altar, zu einer andern Gottheit emporſtiegen, ſo wird doch, was auch Deine Meinung von ihrem Erfolge ſeyn mag, Deine Meinung über die Abſicht derſelben gewiß richtig ſeyn. Ja, dauerndes Glück, wie es Dein Herz verdient, hat Deine Freundinn für Dich erflehen wollen; und wenn mein Gebeth nicht ganz verworfen wird, ſo muß es Dir wohl ergehen. In meiner Lage hat ſich, ſeit ich Synthium ver⸗ ließ, wenig geändert. Ich lebeſtill und verborgen. Meine Anſprüche auf Glück in jedem Sinne des Wortes ſind längſt aufgegeben; ich verlange nichts als Nuhe und Vergeſſenheit, und das hoffe ich noch — 195— zu erreichen. Meine Freuden beſtehen darin, daß ich Zeuginn der häuslichen Zufriedenheit einer ſchätz⸗ baren Familie bin, die mich als eins ihrer Glieder betrachtet, und mich mein Alleinſeyn in der Welt, ſo wenig als möglich⸗ fühlen läßt. Ihnen wieder Freude zu machen⸗ iſt mir eine ſüße Pflicht, und ſo wage ich es, Dir eine Bitte vorzutragen⸗ deren ich ſchon in meinem erſten Brief erwähnte, und de⸗ ren Erfüllung Du mir ſo gütig zugeſichert haſt. Es war bald nach meiner Ankunft in Nicäa ein⸗ mahl die Rede von dem feyerlichen Tage in Niko⸗ medien, als der Tribun die Siegesbothſchaft brach⸗ te. Ich erzählte, daß ich eine wohlgelungene Zeich⸗ nung dieſer Scene geſehen, und mit Vergnügen die Richtigkeit der Umgebungen ſowohl als den Aus⸗ druck der Empfindungen auf den Geſichtern der ver⸗ ſammelten Menge bewundert hätte. Mein gütiger Hauswirth, der ſelbſt Kenner iſt, äußerte den leb⸗ haften Wunſch⸗ dieß Blatt zu ſehen. Ich ſchwieg, weil ich die Schwierigkeiten wohl einſah, die ſeiner Erfüllung im Wege ſtanden; indeſſen hielt ich es für meine Pflicht, wenigſtens Meldung davon zu ma⸗ chen, und erſuche Dich nun, Dich für mich, oder vielmehr für den achtungswerthen Liſias bey der ſchönen Calpurnia zu verwenden, und uns die Zeichnung für einige Tage zu ſenden. So bald ſie —* geſehen und bewundert ſeyn wird, ſoll es mein an⸗ gelegentlichſtes Geſchäft ſeyn, ſie ſo wohlbehalten und ſchnell als möglich wieder zurückzuſtellen. Ich fühle wohl, daß meine Bitte etwas unbeſcheiden iſt; aber ich hoffe, der Zweck derſelben wird ſie bey Calpurnien entſchuldigen, und den Unmuth mil⸗ dern, der vielleicht in der Seele Deiner reizenden Freundinn gegen mich entſtehen könnte. Leb wohl! Acht und zwanzigſter Brief. Sulpicia an Theophania. Nikomedien im December 302. Wen ſchon der bloße Anblick deiner Briefe hin⸗ reicht, mir ein angenehmes Gefühl zu geben, ſo iſt ihr Inhalt immer von der Art, um mein Ge⸗ müth auf's anziehendſte zu beſchäftigen. Der letzte traf mich in einer der ſeltenen einſamen Stunden, wo ich, müde von Pracht und gehaltloſem Geprän⸗ ge, mich mit Luſt in mich ſelbſt verſenkte, und die Bilder der Vergangenheit vor mir vorüber gehen ließ. Dein Brief verſetzte mich um ſo lebhafter in iene Zeit. Der ſchöne Abend in Synthium, deine freundliche Erſcheinung, dein Trübſinn, der meiner Schwermuth ſo ſchmeichelnd antwortete, alles ſtand wieder hell vor mir, und ich flog zu meinem Tiſche, um dir zu ſagen, daß keine Zeit, keine Ver⸗ änderung meines Schickſals dein Bild aus meiner — 200— Bruſt vertilgen wird, und wie ſehr es mich freut, daß du mir Achtung genug für's Schöne und Gute zutraueſt, um mich keiner ſolchen Vergeßlichkeit fähig zu halten. Das alles wollte ich dir ſchreiben, als mir deine Bitte einfiel, und ich mich nun be⸗ ſcheiden mußte, erſt Calpurniens Ankunft zu erwar⸗ ten. Sie kam in wenig Stunden darauf zu mir herein gehüpft. Ich trug ihr deinen Wunſch vor; ſie gewährte ihn mit der größten Willfährigkeit. Es ſchien ſie zu freuen, daß ihre Arbeit Beyfall gefunden hatte, daß man ſie zu ſehen wünſchte; und in dieſem angenehmen Gefühle beſchloß ſie, die Zeichnung dem Kenner Lyſias, oder vielmehr dir zum Geſchenke zu machen, indem ſie noch eine wohlgelungene Copie davon beſitzt, und das Origi⸗ nal der Hauptſigur ohne dieß jetzt immer um ſie lebt, und ihr ein Porträt überflüßig macht. Sie bittet dich, es als ein Zeichen ihrer Achtung und als ein Andenken an jenen Abend anzunehmen. Das alles war in der erſten Viertelſtunde ausge⸗ macht: aber wie hätte ſie in dem abwechſelnden Geräuſche von Unterhaltungen und öffentlichen Ge⸗ pränge Zeit ſinden ſollen, an ihr Verſprechen zu denken? Die Friedensfeyer, die Saturnalien, und meine Vermählung haben Nikomedien in einen Schauplatz der lebhafteſten Bewegung und der lau⸗ — 20 1— teſten Fröhlichkeit verwandelt: und in dieſen Zer⸗ ſtreuungen, die einem ernſten Gemüthe eher Anlaß zum Mißvergnügen und zu Betrachtungen geben, lebt und webt dieß leichte liebliche Weſen, wie in ſeinem natürlichen Elemente. So vergingen acht volle Tage, ehe ich die Zeichnung von ihr erhalten ronnte. Heute endlich gab ſie ſie mir, und ſogleich geht ein Selave ab, um ſie dir zu überbringen. Wie ſchön, wie beglückend wäre es für mich, wenn du dich entſchließen könnteſt— wozu der Selave, der den Brief bringt, Befehl hat⸗ alle Anſtalten zu treffen— wenn du dich entſchließen könnteſt, mit ihm hierher zu kommen, und mir noch ein Mahl⸗ wohrſcheinlich das letzte Mahl in meinem Leben⸗ das Vergnügen deines umganges zu gewährent Ich gehe ſehr bald mit meinem König und Gemahl nach Armenien. Meine Geſundheit iſt zwar etwas beſſer, als ſie in Synthium war, aber doch ſo ge⸗ brechlich, daß ich wenig Hoffnung habe, eine ſo weite Reiſe noch ein Mahl zurück zu machen. Die Urzte und auch Tiridates verſprechen mir viel von der Veränderung des Glima, von der reinen Luft in den Armeniſchen Gebirgen⸗ Es iſt möglich, daß ſie Recht haben; aber es liegt ein Gefühl in mir, das allen dieſen Hoffnungen widerſpricht. Der tödtlich verwundete Baum prangt noch mit Blättern und —* Früchten, der achtloſe Wanderer freut ſich des Schat⸗ tens, und hofft auf künftigen Genuß; aber von der Sonnenſchwüle der Leidenſchaft verſengt, vom Ge⸗ witterſturm im innerſten Lebenskeime verletzt, welkt er langſam ſeinem Untergange zu. Wie kann er vom lauen Herbſt mit ſeinen kurzen Tagen, ſeinen froſti⸗ gen Lüften ſich Heilung verſprechen? Nur der milde Einfluß des Frühlings vermöchte es vielleicht; aber— der Frühling des Lebens, der Frühling der Liebe iſt dahin! Du haſt um dauerndes Wohl für mich zu deinen Göttern gebethet. Mit Rührung habe ich deiner Lie⸗ be gedankt, und Dich beneidet, Du Glückliche, die in dieſen Bedrängniſſen, wo keine menſchliche Kraft mehr ausreicht, ihre Zuflucht gläubig zu höhern Mächten nehmen kann. Ich kann nicht hoffen, ich kann nicht bethen; denn ich kann nicht glauben. Unſre Gottheiten ſind leere Schattenbilder; und an taube Mächte, die des Sterblichen Loos nach eiſernen Ge⸗ ſetzen lenken, kann ich kein Gebeth verſchwenden. O komm, Theophania, komm, und bringe mir deine ſanf⸗ ten Tröſtungen mit! Flöße meinem Herzen deinen beglückenden Glauben ein! Wie gern will ich mich dir ganz hingeben! Und da dein Herz durch kein ſüßes Band hiernieder gehalten iſt, ſo ergreife das Ein⸗ zige, was dir übrigt, ſchlinge es noch feſter, und — 203— folge mir nach Eebatana! Dort ſoll die treueſte Freundſchaft ſich bemühen, deine Wunden zu hei⸗ len, und Dir deinen Verluſt erträglich zu machen. Tiridates, dem ich von meinem Wunſche geſagt ha be, läßt dich durch mich ſeiner Achtung verſichern, und vereinigt ſeine Bitte mit der meinigen. Wie ſchön würden die letzten Tage in Nikomedien ſeyn, wie manche Beſchwerlichkeiten der Reiſe würden ver⸗ ſchwinden, wenn du ſie mit mir theilen wollteſt! Bedenke das, meine theuere Freundinn, und laß mich einer günſtigen Antwort entgegen ſehen!, Reun und zwanzigſter Brief. Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus. Nicäa im Jänner 303. Die todte Materie fängt an, ſich zu regen, und es kommt wieder Leben und Bewegung in mein einförmiges Daſeyn. Begierde und Widerſtand, Vorurtheil und übermacht erregen Kampf und Gährung auf dem großen Schauplatz der Welt, und in dem Mikrokosmus, der mich hier umgibt. Die Kräfte, die bisher ungebraucht ſchliefen, erwa⸗ chen, da ſich ihnen würdige Gegenſtände der Thä⸗ tigkeit darbiethen, und ich werde bald wieder ganz das ſeyn können, wozu mich Natur und Umſtän⸗ de bildeten. Der lange glimmende Funke iſt in Flammen ausgebrochen, der Krieg des Polytheis⸗ mus gegen den Chriſtianismus erklärt. Galerius hat die kluge Gleichmüthigkeit des alternden Au⸗ guſtus zum Wanken gebracht, und ihn bewogen, — 205— lange geprüften Grundſätzen zu entſagen. An allen Orten iſt den Chriſten befohlen worden, ihre Tem⸗ pel zu ſchließen, ihre Opfer einzuſtellen, keine Pre⸗ digten zu halten; und jeder Verſuch, Proſelyten zu machen, wird mit dem Tode beſtraft ²6). So neigt ſich alſo wenigſtens für den Augenblick das Züng⸗ lein der Wage auf die Seite der alten Ordnung. Auf wie lange? wird die Zeit lehren. Indeſſen ſind meine Freunde thätig geweſen; man hat Galerius meiner denken gemacht, und ich erwarte nun näch⸗ ſtens einen angemeſſenen Wirkungskreis zu erhal⸗ ten. Ich werde ihn mit Vorſicht benützen, und über der Gegenwart nicht die Zukunft außer Acht laſſen. Conſtantin iſt ein zu glänzendes Geſtirn, um ſogleich nach ſeinem Aufgange zu verſchwinden, und der Plan, das Chriſtenthum zu unterdrücken oder gar zu vertilgen, wird wohl ein fruchtloſer Verſuch bleiben. Indeſſen ſo lange man ſein Glück mit Verfolgen machen kann, verfolge man, doch immer mit gehöriger Klugheit und Feinheit, um den übergang zum Gegentheil nicht unmöglich zu machen. Nie wird ohne dieß ein verſtändiger Mann das rechte Maß überſchreiten; nur Raſende oder Verblendete ſtürzen ſich über Hals und Kopf in ei⸗ ne Partey. So viel vom Hffentlichen, worin Du nun bald — 206— wieder den Nahmen Deines Marcius wirſt nennen hören. Etwas weniger günſtig, aber nicht weniger lebhaft bewegt es ſich in meiner kleinen Welt. Die fromme Theophania iſt eigenſinnig, und ihre be⸗ ſchränkte Denkart ſetzt meinen Wünſchen Hinder⸗ niſſe entgegen, die mich nur heftiger reizen. Sie muß mein werden, auf welche Art es ſey. Nicht daß ich ſo ſehr verliebt in ſie wäre; aber die Er⸗ ſcheinung iſt neu, und mich unterhält das Son⸗ derbare. Die Art der gewöhnlichen Weiber kenne ich auswendig; da iſt nichts mehr, was mir uner⸗ wartet wäre, nichts mehr, das meine Wünſche ſpannen könnte. Bey Theophanien öffnet ſich mir eine neue Welt, und ich fühle ſeit langer Zeit zum erſten Mahl wieder mit wahrem Behagen alle Triebfedern meines Weſens in eine angenehme Spannung verſetzt. Ich habe allerley Plane ent⸗ worfen, und Du wirſt nächſtens den glücklichen Erfolg meiner Bemühungen hören; denn ich muß eilen, an's Ziel zu gelangen, ehe meine künftige Beſtimmung mich aus ihrer Nähe wegruft. Leb wohl! Dreyßigſter Brief. —— Agathokles an Phocion. Rikomedien, im Jänner 305. Eine heftige Unruhe bewegt mein Innerſtes, Furcht und Hoffnung wechſeln jede Secunde, und bringen mich bald der Verzweiflung, bald der Se⸗ ligkeit nahe. Es iſt möglich— faſſe das Entzücken, das in dieſem Gedanken liegt!— es iſt möglich, daß Lariſſa noch lebt; aber es iſt auch möglich, daß ſie meiner vergeſſen hat, daß ein Anderer— Nein, das iſt nicht möglich! Es iſt Läſterung, dieß auch nur zu denken. Wenn ſie noch lebt, ſo liebt ſie mich, wie nächtlich auch ihr Geſchick, wie gebie⸗ thend die Umſtände ſeyn mögen, die ſie hindern, mich ihr Daſeyn wiſſen zu laſſen. Aber ob ſie noch lebt, ob die Luftgeſtalt, die vor mir ſchwebt, mehr als das iſt, das liegt noch verhüllt im Schooße der Zukunft. Und was wird ſie mir bringen? — 208— Vor ungefähr acht Tagen komme ich zu Sulpi⸗ eien. Calpurnia iſt bey ihr. Es iſt die Rede von einer Zeichnung, die dieſe entworfen hat. Ich wün⸗ ſche ſie zu ſehen. Man weigert ſich eine Weile; end⸗ lich reicht Sulpicia mir ein Blatt, das neben ihr liegt. Stelle Dir meine überraſchung, meine Ver⸗ wirrung vor, als ich in der Zeichnung jene Seene meines Einzugs als Siegesbothe erkenne! Ich war betroffen, gerührt, beſchämt von Calpurniens un⸗ verdienter Güte. Auch ſie erröthete und war ver⸗ legen; aber mit einer unbeſchreiblichen Leichtigkeit fand ſie ſich bald wieder, und fing ſo unbefangen an, von der Zeichnung als Kunſtwerk, als ſchwie⸗ rige Aufgabe, zu ſprechen, die ſie ſich ſelbſt, um ih⸗ re Kräfte zu verſuchen, gegeben habe, daß meine eigene Betroffenheit, aber auch mein freudiges Ge⸗ fühl entwich, und nichts übrig blieb, als die Be⸗ wunderung ihrer Kunſt, und ihrer— Kälte. End⸗ lich rief Sulpicia eine Selavinn, und befahl ihr, das Blatt einzupacken und abzuſenden. Wohin? fragte ich mit ſehr natürlicher Neugierde, und er⸗ fuhr nun, daß im vorigen Herbſt eine Fremde, die ſich Theophania nannte, die eine Chriſtinn, Wit⸗ we eines Vyzantiniſchen Kaufmanns war, und mit ihrem Vater nach Nikomedien reiſen wollte, von den beyden Römerinnen im Vorbeyreiſen eingela⸗ — 209— den worden war, die Racht auf der Villa zuzu⸗ bringen. Die Schwermuth der Fremden gewann ihr Sulpiciens Zuneigung. Im vertraulichen Abend⸗ geſpräche kam die Rede auf jenes Bild. Die Frem⸗ de beſah es, ſchien erſchüttert, und verrieth da⸗ durch, daß ſie mich kenne. Am andern Morgen⸗ wo Sulpicia ſie ſehr blaß und verſtört fand, er⸗ klärte ſie, daß ein plötzlicher Zufall ſie zwinge, ihren Reiſeplan zu verändern, und nach Nicäa zu gehen. Kein Bitten der beyden Frauen vermochte ſie, nur eine Stunde länger zu verweilen. Sie rei⸗ ſete alſogleich mit ihrem Vater ab, und lebt nun in Nicäa, im Hauſe eines angeſehenen Mannes, der ſich Lyſias nennt. Von hieraus hat ſie ein paar Mahl an Sulpicien geſchrieben, und ſich die Zeich⸗ nung ausgebethen. Die Erzählung machte mich aufmerkſam, und erregte ſeltſame Vermuthungen in meiner Seele. Calpurnia ſchilderte mir die Ge⸗ ſtalt der Fremden⸗ Ach, jeder Zug rief ein theures Bild zurück! Alles traf ein, bis auf eine Narbe auf der Wange, die ich nie an Lariſſa bemerkt hat⸗ te. Mein Herz ſchlug heftig, man zeigte mir ihren Brief. Da zerfloß die ſchöne Hoffnung wieder. Die Züge glichen nicht ihrer Schrift; dennoch glaubte mein einmahl erregtes Gemüth zu entdecken, daß die Buchſtaben nicht frey gebildet, ſondern wie mit Agath. II. Th. 14 — 210— Abſicht verſtellt ſeyen. Ich äußerte meine Vermu⸗ thungen nicht; aber ich eilte zum Präfect der Leib⸗ wache, und bath ihn um Urlaub auf acht Tage⸗ ch wollte nach Nicäa, in's Haus des Lyſias; ich wollte mich ſelbſt überzeugen, wer dieſe Theopha⸗ nia ſey. Der Präfect ſchlug meine Bitte geradezu ab, und gleich als ob er fürchtete, ich möchte ohne ſeine Erlaubniß dennoch fortreiſen, trug er mir die Wache im kaiſerlichen Pallaſte auf. Ich knirſchte vor Zorn; aber ich mußte gehorchen. Mein ver⸗ trauteſter Selave wurde nach Nicäa an einen alten Bekannten unſeres Hauſes geſandt, um ſich nach den Fremden zu erkundigen. Nach ſechs langen Ta⸗ gen kam er geſtern zurück. Seine Nachrichten löſe⸗ ten keinen meiner Zweifel, ſie dienten nur, ſie noch mehr zu verwirren. Theophania galt auch hier für die Witwe eines Byzantiniſchen Kaufmanns; aber der Greis, der ſie begleitet hatte, war nicht ihr Vater, es war ein chriſtlicher Prieſter, ein Bru⸗ der des Senators Lyſtas, derſelbe, der vor mehr als einem Jahre als Glaubenslehrer zu den Go⸗ then gereiſet war. Zu den Gothen! Und von da⸗ her war er jetzt mit dieſer Fremden gekommen! Hat er ſie dort gefunden? War ſie aus Byzanz? Warum nannte ſie ihn auf der Reiſe ihren Vater2 Wie kam er dazu, ſie zu begleiten? Wie kam ſie — in das Haus des Lyſias? Der feile Marcius kommt täglich hin; er ſpielt öffentlich ihren Freywerber, er will ſie heirathen, und ſie— ſie begegnet ihm freundlich. Iſt das auch wahr? Kann man Gerüch⸗ ten trauen? Marcius Alpinus muß Lariſſen per⸗ ſönlich kennen, und ſie ihn. Gegen dieſen Mann könnte ſie ihr Daſeyn nicht verſchweigen, wenn ſie mit Theophanien eine Perſon wäre. Oder verbirgt ſie ſich bloß vor mir? Und iſt Marcius ihr Ver⸗ trauter, der einzige, der um ihr Schickſal wiſſen darf? O Phocion! Wie glühende Dolche kreuzen ſich dieſe Gedanken in meiner Seele. So viel iſt gewiß, entweder Theophania iſt nicht Lariſſa, oder wenn ſie es iſt, ſo trennen ein böſes Schickſal, und noch böſere Menſchen ſie auf ewig von mir, ſo iſt ſie nicht viel beſſer, als für mich verloren, für mich, dem ſie ſich ſo ängſtlich verbirgt. O kann ſie denn das Entzücken nicht denken, in das mich ihre Erſcheinung verſetzen würde2 Glaubt ſie nicht mehr an meine Treue, weil die ihrige erloſchen iſt? O beym Himmel! Wenn das wäre, dann müßte ich den für meinen Todfeind halten, der mir die Ge⸗ wißheit gäbe, daß ſie den Händen der Gothen ent⸗ gangen iſt, um das Weib jenes Marcius zu werden! Und wenn ſie nicht Lariſſa iſt? Wenn dieſe wirklich unter dem Hügel von Trachene begraben — 212— liegt? Ach, die Wahrſcheinlichkeit dieſes Gedanken drängt ſich mir, wenn meine Phantaſie in kühnen Bildern ſchwelgt, am öfteſten, am lähmendſten auf! Wer weiß, wer dieſe Theophania iſt! Sie iſt aus Nikomedien gebürtig; ſie hat mich vor zehn Jahren öfters geſehen, ich ſie auch vielleicht, ohne ihren Nahmen zu wiſſen. Wie leicht iſt eine gleich⸗ gültige Geſtalt in zehn Jahren vergeſſen! Helio⸗ dor hat ſie zufällig in Byzanz kennen gelernt; die lunge verlaſſene Witwe begibt ſich unter den Schutz des ehrwürdigen Prieſters, deſſen Alter und Denk⸗ art ihr eine anſtändige Begleitung zuſichern. So kommen ſie nach Synthium, ſo nach Nicäa, wo er ſie zu ſeinen Verwandten bringt. Dort lebt ſie verborgen, bis der verächtliche Wollüſtling Mar⸗ cius die große Zahl ſeiner Schlachtopfer mit ihr vermehren will. Wie alltäglich, wie allzunatürlich iſt dieſe Geſchichte! Ihre Erſchütterung beym An⸗ blick meines Bildes, ihre folgende Bläſſe, Ver⸗ ſtörtheit, der geänderte Reiſeplan, ſind wohl eben ſo unbedeutende Umſtände, die nur in Sulpiciens Phantaſie, welche gern die gewöhnlichſten Dinge in einem ſeltſamen pathetiſchen Lichte ſehen will, ihren Urſprung haben. So fallen meine Hoffnun⸗ gen in ein leeres Nichts zuſammen! Hundert Mahl in einem Tage durchläuft mein bewegtes Gemüth den ganzen Kreis von Vermu⸗ thungen und Zweifeln, die dieſer Brief enthält. Hundert Mahl entſagt die prüfende Vernunft den leeren Schattenbildern, und eben ſo oft faßt ſie das Herz mit wehmüthiger Freude wieder auf. O wer kann einer ſolchen Ausſicht entſagen, ehe er be⸗ ſtimmt weiß⸗ daß ſie bloß Täuſchung iſt? Auch ſteht mein Entſchluß feſt, ſo bald ich kann, nach Ricäa zu eilen, und mir überzeugung zu verſchaf⸗ fen, falle ſie nun aus, wie ſie wolle. Ich denke bald Erlaubniß zu erhalten; bis dahin brennt der Boden unter meinen Füßen. Der Staatskunſt und dem alten Haß iſt ihr feindliches Werk gelungen⸗ Die Chriſtenverfolgung iſt ausgebrochen. Aber unſre Feinde werden doch nicht triumphiren. Es werden tauſend Opfer fal⸗ len, und das Gebäude der Kirche, benetzt mit dem Blute unzähliger Bekenner, wird ſich ſchöner und feſter aus ſeinem Schutt erheben. Auf einer neuen Seite wird mein Gemüth in dieſem Zeitpunct in⸗ nerlicher Unruhe von jenen Unfällen erſchüttert. Ich ſehe meine Brüder leiden, ich ſehe die Unge⸗ rechtigkeiten, die man ſich gegen ſie erlaubt; und Schonung gegen einen dem Grabe nahen Vater verbiethet mir, öffentlich aufzutreten, und mich als ihren Glaubensgenoſſen zu bekennen, jetzt, wo ſie — 214— der Vertheidiger und Helfer nicht genug haben könnten. Verborgen und heimlich verſammeln ſich die Gemeinden in Katakomben und Gräbern, die ih⸗ nen ſchon in früheren Verfolgungen zu Zufluchts⸗ örtern dienten. Dort halten ſie ihren Gottesdienſt, berathen ſich über ihre Gefahren; und mir iſt der Zutritt verwehrt, weil man mich für einen Heiden, einen Anhänger des Hofes hält. Wie ſehr dieſe Verſtellung das Gewicht meines Kummers ver⸗ mehrt, begreifſt Du leicht, Phocion! Auch werde ich ſie beſtimmt nur ſo lange fortſetzen, bis eine heilige Pflicht gegen meine Brüder und meine über⸗ zeugung jene ſchonenden Rückſichten aufheben. Viel⸗ leicht hörſt Du bald mehr von mir, mein Schick⸗ ſal muß ſich nun ſchnell entſcheiden. Leb wohl! Ein und dreyßigſter Brief. Theophania an Junia Marcella. Nicäa im Jänner 303. Auch in den trübſten Stunden meines Lebens war es mein eifrigſtes Beſtreben, mein Herz mit 3 den Fügungen der Vorſicht zufrieden zu ſprechen⸗ und mich ihnen unbedingt in Allem zu unterwer⸗ fen. So erhielt ich mir mitten unter Trübſalen den heiligen Frieden, den unſer göttlicher Lehrer ſeinen Jüngern als das ſchönſte Geſchenk hinter⸗ ließ. Bisher hatte ich es immer vermocht; denn bisher hatte ich meine Leiden als unmittelbare Schickungen Gottes betrachten können, ich hatte noch nicht durch die Bosheit der Menſchen ge⸗ litten. Jetzt, wo dieſe neue Art von Bedräng⸗ niß über mich kommt, und mir das letzte Gut⸗ was ich auf Erden beſitze, meine Verborgen⸗ heit und meinen unbeſcholtenen Ruf zu rauben droht, jetzt empört ſich mein Herz in wilden — 216— Schlägen. Zum erſten Mahl miſcht ſich der Zorn in meinen gerechten Schmerz, und die ſtille Erge⸗ bung entflieht aus meiner Bruſt. Sollteſt Du es für möglich halten, daß ich den Nachſtellungen ei⸗ nes Böſewichts ausgeſetzt bin, daß meine Geſtalt die wilde Sinnlichkeit des verächtlichen Marcius Alpinus gereizt hat, der zuerſt ſich mir unter der Pülle der Achtung und Freundſchaft näherte, dann ſeine niedrigen Abſichten durchſcheinen ließ, und als er entſchloſſenen Widerſtand fand, ſeine Zuflucht zu Liſt und Nachſtellungen nahm? Schon lange merkte ich, daß er mich auszufor⸗ ſchen ſuchte; ſeit einigen Tagen fühle ich mich auf jedem Schritte von ſeinen Spähern belauſcht, beob⸗ achtet. Ich fürchte, er ahnet, wer ich bin. So viel iſt gewiß, daß man ſich genau nach meinen Schick⸗ ſalen, nach meiner Hierherkunft, meinem Verhält⸗ niſſe zur Familie des Lyſias, ſogar nach meinem Aufenthalt in Synthium erkundigt. Von wem an⸗ ders, als von ihm, können dieſe Verfolgungen her⸗ rühren? Er möchte gern Meiſter meines Geheim⸗ niſſes, und mit ihm Meiſter meines Willens ſeyn. Schlechtdenkend, wie er iſt, kann er, wenn er ver⸗ muthet, wer ich bin, mir keine andere als eine nie⸗ drige Urſache oder Abſicht meiner Verborgenheit zutrauen; er muß nothwendiger Weiſe glauben, — 217— 1 mich in ſeine Gewalt zu bekommen, wenn er mein Geheimniß weiß. Das ſoll er nicht hoffen⸗ der Bö⸗ ſewicht. Er iſt mächtig, ſein Einfluß iſt wieder groß, und das Laſter findet überall Gehülfen. Dennoch werde ich ſeine Erwartungen zu täuſchen wiſſen, und ein Weſen, das, wie ich, ſo von allen theuern Banden losgeriſſen, ſo gleichgültig gegen jeden Aufenthalt iſt⸗ wird doch einen Winkel auf Erden ſinden, in welchem es ſich und ſeinen Schmerz ver⸗ bergen und ruhig ſterben kann. Bin ich todt, dann mag Agathokles wiſſen, daß die vergeſſene Lariſſa noch lange genug lebte, um zu erfahren, daß ein Band, das ſie für mehr als Eine Welt geknüpft glaubte, durch die Gewalt einer leichtſinnigen Schön⸗ heit zerriſſen werden konnte. Sie lieben ſich, das iſt gewiß; darüber kann auch die kühnſte Hoffnung keinen Zweifel nähren⸗ Ich weiß das aus ſichern Quellen, und was ihnen mangelte, erſetzte Sulpiciens Brief. Sie hat mir die Zeichnung geſchickt. Calpurnia macht mir ein Geſchenk damit. O allmächtiger Gott! Sein Bild aus ihrer Hand! Sie bedarf deſſen nicht mehr, ſchreibt die Königinn, da das Original beſtändig um ſie lebt! Und Calpurnia ſchwebt, wie eben der Brief ſagt, mitten im Geräuſch und Schimmer glänzender Feſte, und dorthin folgt er ihr! Er, deſ⸗ S — 216— ſen Weſen ſonſt dieſer Art von Freuden zu wider⸗ ſtehen ſchien, er verläugnet ſeine beſſere überzeu⸗ gung, er iſt nicht mehr Agathokles, er iſt der ge⸗ fällige, tändelnde Liebhaber der reizenden Calpur⸗ nia, die er, wie ihr Schatten, überall hin begleitet! Sulpicia hat mir ſehr freundſchaftlich, aber in einem höchſt ſchwermüthigen Tone geantwortet. So haben denn auch ſie der Beſitz des Geliebten, der Thron, die Erfüllung aller ihrer Wünſche nicht glück⸗ lich gemacht; Sie lud mich ein, mit ihr nach Ecba⸗ tana zu gehen. Ich erkenne ihre Güte mit dankbarem Gemüth, ich habe ihr alles geſchrieben, was mein wahrhaft gerührtes Herz mir darüber eingab; aber ich habe ihr Anerbiethen ſtandhaft abgelehnt. Ach, wenn ich mich in der Welt zeigen dürfte, wohin würde ich am liebſten fliehen, als in deine Arme! —— Zwey Tage ſpäter. Was ich fürchtete, iſt eingetroffen, nur auf eine ganz andere Weiſe. Ich gehe fort von hier, ich muß fort; denn hier iſt keine Sicherheit mehr für mich. Es iſt ein furchtbarer Schlag gefallen.— Auch Du wirſt ſeine Wirkungen empfinden. Unſre Kirchen ſind geſchloſſen, viele unſrer vornehmſten Mitbrüder in Verhaft genommen. Auch dem würdigen Lyſias, der einer der Alteſten der Gemeinde, und ein thätiges eifriges Mitglied derſelben iſt, droht dasſelbe Schick⸗ ſal. Indeſſen iſt er entſchloſſen zu bleiben, und alles ſtandhaft abzuwarten, was Bosheit oder Rachſucht über ihn zu verhängen veſchloſſen hat. Er hat Feinde, und weiß nur zu wohl, daß Religionshaß nicht zum erſten Mahle zum Deckmantel kleinlicher Rache die⸗ nen mußte. Heliodor geht von hier nach Nikome⸗ dien, wo unter den Augen des Auguſtus der Ver⸗ folgungsgeiſt minder geſetzlos wüthet. Unter dieſen umſtänden bleibt dieß Haus keine ſichere Zuflucht mehr für mich. Allein zu reiſen wage ich nicht⸗ da ich mich ſo wenig perſönlicher Sicherheit erfreuen kann. Es bleibt mir alſo kein Ausweg übrig, als mit Heliodor zu gehen. Mareius Alpinus iſt in die⸗ ſem Augenblick nach Cäſarea zum Galerius beru⸗ fen; vielleicht iſt dieß der einzige Zeitpunet, der mir zur Flucht übrigt. Auch haben Heliodor und Lyſias mich überzeugt, daß man in einer großen geräuſch⸗ vollen Stadt viel eher hoffen kann, unbemerkt zu bleiben, als an einem kleinen Orte, wo jeder Nach⸗ bar um jeden Schritt des andern weiß. überdieß werde ich nicht in der Stadt ſelbſt wohnen. Eine Viertelſtunde davon am Eingange eines kleinen Ge⸗ hölzes liegt ein Dörfchen, deſſen ich mich noch wohl aus meiner Kindheit erinnere⸗ Hier von Lärmen und — 220— Zerſtreuung geſchieden, bewohnen einige chriſtliche Witwen ein einſames kleines Haus, und widmen, da ſie in der Welt nichts mehr zu wirken und zu hoffen haben, den Reſt ihrer Tage den übungen der Fröm⸗ migkeit und Menſchenliebe. Sie verfertigen die Ge⸗ räthe und Kleidungsſtücke für die Kirchen, und dienen in denſelben als Diaconiſſinnen 26); aber ihr ſchön⸗ ſter Wirkungskreis iſt die Unterſtützung der Armen, der Unterricht der Mädchen, die ihrer Aufſicht über⸗ geben ſind, und die Pflege der Kranken, die theils in's Haus gebracht, theils in ihren Wohnungen von den wohlthätigen Frauen beſucht werden. Zu ihnen wird mich Heliodor bringen. In den Mauern die⸗ ſes Hauſes, das ich nicht verlaſſen muß, wenn ich nicht will, kann ich ganz unbemerkt und verborgen leben; und der Beruf dieſer Witwen gibt meinem gehaltloſen Daſeyn Zweck und Werth. Morgen rei⸗ ſe ich ab. Wir werden, um alle Nachforſchungen zu täuſchen, die Straße nach Apamäa einſchlagen, und von dort erſt auf einem Umwege nach Nikomedien gehen. Sobald ich in meiner ſtillen Freyſtätte an⸗ gelangt bin, werde ich Dir ſchreiben. Leb wohl! Zwey und dreyßigſter Brief. — Agathokles an Phocion. Nikomedien im Febrnar 303. Des Ungewitter zieht ſich von allen Seiten zuſam⸗ men. Bald iſt es nicht mehr möglich, ſeinen Schlä⸗ gen auszuweichen. So werde ihnen denn mit Mu⸗ the begegnet. Geſtern ließ der Präfect der Leibwa⸗ che mich rufen. Vielfache Neckereyen⸗ in denen der Sinn des kaiſerlichen Ediets überſchritten wurde, haben die lange Geduld der unglücklichen Chriſten ermüdet. Es ſind hier und da unruhige Auftritte vorgefallen; und dieſe wahrlich natürlichen Regun⸗ gen der Selbſterhaltung brandmarkt die Tyranney mit dem Nahmen Rebellion. Man both die bewaff⸗ nete Macht gegen ſie auf, mit ungleichem Erfolge. An einigen Orten wurden die Verſolgten das Opfer der Ubermacht; an andern mußte der kleine Haufe der Soldaten der überzahl der unglücklichen wei⸗ chen, die ihr Theuerſtes und Höchſtes mit der Wuth der Verzweiflung vertheidigten. Man hat nun be⸗ ſchloſſen, wirkſamere Maßregeln zu ergreifen; und — 222— ich ſollte mit ein Paar Centurien, die ich mir aus den geprüfteſten Kriegern ſelbſt auswählen durfte, nach Cäſarea, wo die Mißhandlungen des Stadt⸗ präfecten dem Biſchof, einem ehrwürdigen Greis, bereits das Leben gekoſtet, und alle chriſtlichen Ein⸗ wohner zur Empörung gezwungen hatten. Hier zu ſchweigen war unmöglich. Aber die Pflicht des Sohnes geboth, das nicht mehr zu verhehlende Geheimniß dem Vater wenigſtens zuerſt zu entde⸗ cken. Ich bath mir Bedenkzeit aus, und kündigte meinem Vater meinen Entſchluß, den Auftrag nicht zu übernehmen, und die Urſache desſelben an. Er wüthete— das hatte ich vorgeſehen— er drohte mit Enterbung und Fluch, ich war darauf vorbe⸗ reitet, es erſchreckte mich nicht, er verbannte mich zuletzt aus ſeinen Blicken, und verboth mir, ſein Haus je wieder zu betreten. Ich würde unwahr ſeyn, wenn ich behaupten wollte, daß mich dieß Betra⸗ gen nicht geſchmerzt habe; aber es ſchmerzte mich mehr um ſeinetwillen, denn ich fürchtete die ſchäd⸗ liche Wirkung des Zorns für den abgelebten Greis. Von ihm ging ich zum Präfecten der Leibwache, und erklärte ihm, warum ich unmöglich gegen die Chriſten ſtreiten könnte. Er ſchien eben ſo erſtaunt als aufgebracht; und nachdem erſich in Drohungen mit der Ungnade des Kaiſers, mit Verluſt meiner — 225— Stelle, und in leerer Wiederhohlung aller der ſeich⸗ ten Beſchuldigungen gegen das Chriſtenthum, die man gewöhnlich vorbringen hört, erſchöpft hatte, machte er zuletzt einen Verſuch, mich zu bekehren. Ich hatte meines Vaters Jorn und Fluch ertragenz kaum konnte das Beginnen des Präfects mir mehr als ein Lächeln abnöthigen⸗ Ich bath ihn zu thun, was ſeine Pflicht in dieſem Falle von ihm fordern würde, und das übrige meiner überzeugung zu überlaſſen. So verließ ich ihn. Als ich in dem Quartier meiner Kameraden an⸗ gelangt war, brachten die Selaven meines Vaters alle meine Geräthſchaften, Bücher, Waffen, Klei⸗ der Mein Vater wolle nichts mehr von mir wiſ⸗ ſen; er habe keinen Sohn mehr; dieſe Bothſchaft gab er den Sclaven mit, und dachte mich dadurch* ſehr tief zu kränken. Mich rührten die Trauer und die Liebe, die dieſe guten Menſchen mir zeigten⸗ und mein Herz öffnete ſich mildern Empfindungen. Am Abend langte ein Brief aus Nicäa an. Theo⸗ phania war verſchwunden, niemand wußte wohin⸗ In Lyſias Hauſe wird ein tiefes Schweigen darüber beobachtet. Heliodor hat ſie begleitet. Marcius Al⸗ pinus iſt einige Tage vorher nach Cäſarea abge⸗ reiſt. Sollte ſie ihm dahin gefolgt ſeyn? Unmög⸗ lich! Heliodor kann die Frau, die ſich ſeinem Schutze übergab, die er in's Haus ſeiner Verwandten brach⸗ te, nicht einem Marcius Alpinus in die Arme füh⸗ ren, ſey ſie übrigens, wer ſie wolle! Ihr Geſchick beunruhigt mich. Ich kann den Gedanken, den ich einmahl von ihr gefaßt habe, nicht aufgeben, und- ietzt, da ſie auf's neue für mich verloren ſcheint, wird er mir wahrſcheinlicher als jemahls. Wahrlich, es hätte dieſes Zuſatzes nicht bedurft, um meine Lage höchſt unangenehm zu machen. In⸗ deſſen ſoll nichts mein Bewußtſeyn erſchüttern. Ich weiß, was ich zu thun habe. Ob es ſchwer oder leicht ſey, darf ich nicht fragen. Es muß geſchehen! Je⸗ der, der in dieſer Zeit ſich als Chriſten bekennt, hat einen viel härteren Stand, als die längſtbekannten Glaubensgenoſſen. Man ſieht ihn gleichſam als ei⸗ nen trotzigen Rebellen, als einen offenbaren Ver⸗ ächter des kaiſerlichen Gebothes an. So geht es mir, ſo würde es Conſtantin gehen, der auch in dieſen entſcheidenden Augenblicken dem Auguſtus ſeine wahre Geſinnung entdecken mußte, wäre er nicht der Sohn des Cäſars. Mißtrauen und Haß umlauern uns von allen Seiten; ſelbſt die Briefe find nicht ſicher. Sollteſt Du lange keinen erhalten, ſo denke, daß es mir unmöglich war, zu ſchreiben, oder das Geſchriebene ſicher abzuſenden. Leh wohl! Drey und dreyßigſter Brief. Theophania an Junia Marcella. Nikomedien im Februar 303. Seit zwey Wochen bin ich hier, eine Viertelſtun⸗ de von Nikomedien entfernt. Von dem flachen Haus⸗ dache ſieht mein Auge die nahe Stadt, die Giebel ihrer prächtigen Tempel, die ehrwürdigen Thürme unſerer Kirchen, von denen leider jetzt kein Laut zu uns herüber tönen darf. Linker Hand gegen das Stadtthor zu, das an's Meeres⸗ Ufer führt, liegt das Quartier der kaiſerlichen Leibwache. Dort wohnt Agathokles. Ich ſehe den Rauch aus den Eſſen ſtei⸗ gen, ich höre die kriegeriſche Muſik herüberſchallen⸗ ich entdecke zuweilen ſchimmernde Scharen, die durch die Thore ein⸗ und ausziehen. Wie manches Mahl mag er an ihrer Spitze geweſen ſeyn! Das ſchärf⸗ ſte Auge könnte in dieſer Entfernung keine Geſtalt unterſcheiden; aber der Gedanke daran erſchüttert mein Innerſtes, und macht jede Nerve beben. Unter den Frauen, mit denen ich lebe, iſt die Agath. i. Th.. 15 — 226— Witwe eines Freygelaſſenen aus dem Piſoniſchen Hauſe. Verſchiedene Schickſale haben ſie von Rom hierher geführt; aber ihre Tochter Druſilla blieb aus Anhänglichkeit freywillig in Calpurniens Dien⸗ ſten. Das junge Mädchen, auch eine Chriſtinn, be⸗ ſucht ihre Mutter zuweilen. O meine Junia! Was erzählt uns das Mädchen öfters von der Güte und Freundlichkeit ihrer Gebietherinn, von dem weni⸗ gen Credit, in dem das männliche Geſchlecht bey ihr ſteht, und daß ſie nur höchſtens Einen, einen Officier der Leibwache, den ſie ſchon in Rom ge⸗ kannt, und nicht ungern geſehen habe, von der all⸗ gemeinen Verdammung ausnehmel Dann beſchreibt ſie uns manche kleine Unterhaltung, manches trau⸗ liche Sympoſion 27), wobey der geſchätzte Freund nicht fehlen darf. So bekamen wir neulich die Schil⸗ derung eines Feſtes, das Calpurnia ihrem ruhm⸗ bekleideten Geliebten zu Ehren gab. Das Feſt muß unausbleiblich einen gewaltſamen Eindruck auf ſein Herz gemacht haben, oder er müßte unempfindlich gegen ſo mächtige Reize, und mehr als demüthig, er müßte blind gegen ſeinen Werth ſeyn. Druſilla hatte ſelbſt eine Rolle dabey, und ſie mag ſie ganz geſchickt ausgeführt haben; denn es iſt ein artiges wohlgebildetes Geſchöpf, dem man die beſſere Er⸗ zichung anſieht. Das iſt Calpurniens Werk, ſagt 6 — 227— die Mutter; ſie hat ſich des Mädchens wie eine äl⸗ tere Schweſter angenommen, und Druſilla iſt ihr auch dafür mit ganzer Seele ergeben. Und ſo iſt denn der letzte Strahl von Hoffnung verſchwunden! Calpurnia iſt nicht allein höchſt rei⸗ zend und liebenswürdig, ſie iſt auch edel und ſchätz⸗ bar. Agathokles wird ſich nicht bey näherer Kennt⸗ niß ihres Charakters kalt von ihr wenden; er wird ſie immer mehr lieben, je mehr er ſie kennen wird, und geiſtige Vorzüge werden das Band unauflös⸗ lich machen, das körperlicher Reiz und ſchmeicheln⸗ des Betragen um ſein Herz warfen. Und darüber trauere ich? Es ſchmerzt mich, daß Calpurniagut iſt? Ich hätte mich freuen können, daß eine Per⸗ ſon, die mich nie mit Willen beleidiget hatte, un⸗ edler Geſinnungen fähig geweſen wäre? Mich be⸗ einträchtigt das Gute, was ein dankbares Gemüth von ihr erzählt? O Neid und Eiferſucht! Ihr Ge⸗ burten der Eitelkeit und Selbſtſucht! So muß auch ich euren giftigen Einfluß fühlen! So iſt denn die Tugend, auf die ich ſtolz ſeyn zu dürfen glaubte, 3 nichts als Heucheley oder Schein geweſen, der vor einer ernſten Probe entflieht! O Junia! Wie ge⸗ brechlich iſt das menſchliche Herz! Welche Hoffnung bliebe ihm auf Verzeihung und Gnade, wenn es 5 — 223— nicht mit zitterndem Vertrauen zu dem väterlichen Erbarmen Gottes flüchten könnte! Dieſe Stimmung darf nicht bleiben; ſie iſt nicht menſchlich gut, vielweniger einer Chriſtinn würdig. Wo meine Kraft nicht ausreicht, halte mich ein ſtär⸗ kerer Arm. Heliodor kommt morgen von einer klei⸗ nen Reiſe zurück. So viel überwindung es mich koſten mag, ſo wenig Schonung ich von dieſem ſtrengen Richter hoffen darf, ſo enthülle ihm doch ein offenherziges Geſtändniß den Zuſtand meiner Seele, und ſeine ernſte Tugend zeige mir den Weg, auf dem ich mich wieder erheben, und Selbſtach⸗ tung gewinnen kann. Einige Tage ſpäter. Ich bin viel ruhiger in meinem Innern. Leicht war dieſe Stille nicht erworben; doch ich hoffe, ſie ſoll dauerhaft ſeyn. Heliodors Strenge hat mich gebeugt, vernichtet. Aber wie die Pflanze nach dem ſchweren Gewitterregen ſich am Strahle der Abend⸗ ſonne aufrichtet, ſo richtet ſich auch mein Geiſt, 8 durch verſöhnende Reue und feſte Vorſätze geſtärkt, empor. Ich habe mich ſelbſt überwunden, ich habe mein innerſtes Weſen zum Opfer auf dem Altar der Pflicht gebracht, und der himmliſche Lohn folgt * „ auf den Kampf. Ich kann nun zwar nicht mich über Calpurniens Edelmuth und ihre Verbindung mit Agathokles freuen— ach, das iſt noch nicht mög⸗ ihn verloren habe, einige Beruhigung in dem Ge⸗ danken ſinden, daß er mit ihr glücklich ſeyn wird. Heliodor hat mir zur Sühnung meines Verge⸗ hens eine Pflichtübung auferlegt, die mir wahrlich ſehr ſchwer fällt, die nur die Erkenntniß ihrer Ver⸗ dienſtlichkeit mich anfangs ertragen machen konnte⸗ Ich war bisher von der Krankenpflege befreyt; mei⸗ ne Erziehung, meine Erfahrung in weiblichen Ar⸗ beiten beſtimmten mich zum Unterricht der Schüle⸗ rinnen, und ich widmete mich gern dieſer Beſchäf⸗ tigung. Jetzt muß ich auf Heliodors Befehl— denn ſeine überzeugung ſpricht ſich nicht, wie bey unſerm ehrwürdigen Vater Theophron, als Rath oder Ermahnung aus— ich muß auf ſeinen Befehl mich der Pflege der Kranken widmen; und da er mir, meiner vorigen Verhältniſſe wegen⸗ Kenntniß in äußern Verletzungen zutraute— o, welche Sce⸗ nen rief dieß Geſpräch hervor!— ſo muß ich un⸗ ter ſeiner und einer betagten Matrone Anleitung war eine ſchreckliche Aufgabe! Das erſte Mahl trug man mich ohnmächtig weg. Aber Heliodor iſt uner⸗ lich!— aber ich kann bey der Gewißheit, daß ich die Verwundeten beſorgen. O meine Junia! Das — 230— bittlich. Er findet, und mit Recht, das Verdienſt⸗ liche unſerer Handlungen nicht in der leichten übung von Temperaments⸗Tugenden, er fordert Selbſt⸗ überwindung und Aufopferung des Liebſten, Er⸗ tödtung unſerer geheimen Wünſche, unſerer Eitel⸗ keit. Wir müſſen den alten Menſchen ablegen, und einen neuen anziehen. Das Alles führte er mir in einer unvergeßlichen Stunde mit einer Beredſam⸗ keit zu Gemüthe, daß ich endlich, in Thränen zer⸗ fließend, in ſeine Hand den Schwur niederlegte, meinem Berufe treu zu bleiben, und ſollte es mir Geſundheit und Leben koſten. 5 Seitdem geht es merklich beſſer. Ich habe ziem⸗ lich viel übung; denn die Grauſamkeit der Heiden läßt es nicht an Unglücklichen fehlen, die der Hül⸗ fe unſeres Hauſes bedürfen. Mein Widerwille ver⸗ liert ſich, meine Geſchicklichkeit nimmt zu, und ich ſehe wohl ein, daß, das Grauen des erſten Anblicks abgerechnet, bey dieſer Art von Kranken viel we⸗ niger Gefahr und Beſchwerde iſt. So will ich denn mein Loos mit Geduld tragen; aber, ſo bald mein Schickſal entſchieden, Agathokles vermählt, und das Daſeyn eines vergeſſenen Geſchöpfes ganz gleichgül⸗ tig iſt, eile ich in Deine Schweſterarme, und ach! ich denke, ich komme bald, ſehr bald! — 25— Vier und dreyßigſter Brief. — Conſtantin an Cneus Florianus. Rikomedien im Februar 363. In einer ſehr unruhigen Stimmung ſende ich Dir, mein väterlicher Freund, dieſen Brief. Noch dieſe Nacht geht ein verläßlicher Bothe damit heimlich auf einem Fiſcherkahne aus dem Hafen ab, und bringt ihn nach Byzanz⸗ zu unſerm Vertrauten, der ihn dann auf bekannten Wegen weiter befördert. Die Stadt iſtgeſperrt, und alles in dumpfgährender Bewegung. Hinte Morgens iſt gäh und unerwartet der Schlag gefullen, den Rache und Partheywuth längſt geheim bereitet hatten⸗ Mit Anbruch des Tages zogen ſtarke Abtheilungen von der Leibwache ſtill und geheimniß⸗ voll kurch die Straßen der Stadt nach allen chriſt⸗ lichen Lirchen. Die geſperrten Thüren wurden mit Gewab aufgeſprengt, das Heiligſte erbrochen, her⸗ vorgeriſen; Geräthe, Schriften, Bücher, alles auf einen Hufen geworfen, und verbrannt, und endlich — 232— die Kirchen ſelbſt mit wilder Wuth zerſtört, und der Erde gleich gemacht. Schrecken und Betäubung wa⸗ ren die erſten Wirkungen dieſes unerwarteten Vor⸗ falls auf die ohnedieß gebeugten Chriſten. Nach und nach ermannten ſich einige, die in unüberlegtem Eifer für ihr Heiligſtes ſich der übermacht zu widerſetzen, oder auf den Trümmern ihrer Kirchen zu ſterben be⸗ 1 ſchloſſen. Ein ſolcher Auftrittzog mehrere ähnliche nach ſich. In wenig Stunden war die ganze Stadt in aufrühriſcher Bewegung. Aufallen Straßen, bey allen Tempeln ſtellte ſich im Kleinen das Bild des großen Kampfs des Polytheismus mit dem Chriſten⸗ thume dar, überall ſah man Mißhandlungen, Ver⸗ wundete, Todte. Die Vernünftigern hielten ſich in 3 ihren Häuſern verſchloſſen; ſelbſt die Beſſern unter den Heiden ſah man keinen Theil an den wilden Aus⸗ brüchen ihrer Parthey nehmen, nur Pöbel wüthete gegen Pöbel, aber um ſo empörender und frecher. . Die Erſten von uns erwarteten jeden Augenblick den Befehl, ſich vor Gericht zu ſtellen. Ich war ind bin noch auf jeden Fall bereitet. Es iſt mehr als wahr⸗ ſcheinlich, daß Galerius nicht bloß die Ausrottuſg ei⸗ ner verhaßten Glaubensform, daß er den Sturmeh⸗ rerer Gefürchteten zur Abſicht bey dieſen Maßeegeln hatte, deren Gewaltſamkeit das deutliche Gpräge ſeines wilden Gemüths trägt. — 2553— Agathokles theilte meine Vermuthungen und mei⸗ ne Beſorgniſſe. Gebiethende Umſtände hatten ihn ſchon vor mehreren Tagen beſtimmt, ſeinen Glauben öffentlich zu bekennen. Seine Weigerung, ſich wider die Chriſten gebrauchen zu laſſen, diente dem düſtern Galerius zum willkommenen Vorwande. Im Nahe men des Auguſtus ward ihm befohlen, ſeine Stelle is Tribun niederzulegen. Er gehorchte ſchnell und nitig Als die Nachricht in dem Quartier der Sol⸗ daten erſcholl, entſtand Unruhe und Lärmen unter den Treuen, die den geliebten Anführer nicht miſſen wollten. Mit einem Ungeſtüm, in dem ſich noch der Geiſt der alten Prätorianer zeigte, drangen ſie in den kaiſerlichen Pallaſt, und forderten ihren Oberſten zu⸗ rück. Die Schwäche bewilligte unzeitig, was überei⸗ lung und Rache eben ſounzeitig verhängt hatten. Auf iyren Schilden, unter lautem Jauchzen, trugen ſie ihren Anführer in ſeine Wohnung zurück. Hier blieb er eine Weile unangefochten; man wagte nicht, ihm einen Auftrag von Wichtigkeit zu geben, man fürch⸗ tete kleinherzig, daß er die anvertraute Macht miß⸗ brauchen würde. Aber man umgab ihn, ſo wie mich auf allen Seiten mit Lauſchern und Spähern. Wir trugen unſer gemeinſchaftliches Schickſal gelaßen, und hielten uns ſtille, beſonders den heutigen Tag⸗ an dem jedem klugen Manne Vorſicht ziemte. Gegen — 234— Abend verließ mich Agathokles, um noch vor Ein⸗ bruch der Nacht in ſein ziemlich fernes Quartier zu gelangen. Ein einziger Sclave begleitete ihn; Mantel und Kappe verbargen ſeine Kleidung und ſeinen Stand, und ein kurzes Schwert war ſeine gande Sicherheit. Aufdem Wege trifft ein verwirrter Lärmen und kla⸗ gende Stimmen ſein Ohr- Bekannt mit den Auftrit⸗ ten des heutigen Tages eilt er dem Getöſe zu, und fin⸗ det einen Haufen Soldaten und Pöbel ſchreyend, to⸗ bend um den Altar einer heidniſchen Gottheit vor ei⸗ nem kleinen Tempel verſammelt, die im Begriffe ſind, ein armes Weib mit einem Kind zum Genuß des Opferfleiſches, das ihnen ein fanatiſcher Götzenprie⸗ ſter aufdringt,zu zwingen. Die unglückliche weigert ſich ſtandhaft. Jetzt entreißt einer der Barbaren ihr das Kind, und droht, es in die Opferflamme zu wer⸗ fen. Die Verzweiflung der Mutter, das Angſtge⸗ ſchrey des Kindes durchdringen Agathokles Bruſt, und reißen ihn hin, zu thun, was die Klugheit nimmer billigen konnte. Er drängt ſich in den Kreis, er ruft ihnen im Nahmen des Kaiſers Friede zu, erſtellt ih⸗ nen vor, daß das Edict nur Unterlaſſung der chriſt⸗ lichen Gebräuche, aber nicht die Annahme der heidni⸗ ſchen befehle. Wann hört der wüthende Pöbel die Stimme der Vernunft? Sie übertäuben ſeine Rede, — 235— und ſchleppen das Weib bey den Haaren zum Altar. Da übermannt ihn der Jornz er entreißt dem Sol⸗ daten das Kind, gibt es der Mutter, und vertheidigt ſie und den Kleinen gegen das Andringen der Wü⸗ S thenden. Aber die Menge wächſt jeden Augenblick. Von der Frau und dem Kinde weg, wendet ſich ihre Raſerey auf den neuen Gegenſtand. Mit Spießen, Schwertern, und allerley Geräthe, womit Zufall und blinder Zorn den Unverſtand bewaffnet, dringen ſie auf ihn ein. Er übergibt die Unglücklichen, deren Rettung ihm vielleicht ſein Leben koſten wird, dem Sclaven, der ihn begleitet. Dieſer will ſeinen Herrn nicht verlaſſen; ein ſtrenger Befehl gebeut Gehor⸗ ſam, und man läßt ihn mit ſeinen Geretteten unge⸗ hindert fliehen. Aber Agathokles wird das Opfer ih⸗ rer Wuth. Schwer und vielfach verwundet ſinkt er nieder; und wie ſein Mantel ſich auseinander ſchlägt, erkennen die Nächſten mit Schrecken, daß ſie einen Officier der Leibwache getödtet haben. Sie entflie⸗ hen; der erſchrockene Haufe zerſtreut ſich, Agatho⸗ kles bleibt allein im Blute ſchwimmend liegen. Der Sclave war ſogleich in das Quartier ſeines Herrn geeilt, und verkündete den treuen Soldaten die Ge⸗ fahr ihres Anführers. Sie ſtürmen hinaus; aber wie ſie auf den Platz kommen, iſt alles einſam, und mit Schrecken und Schmerz finden ſie ſeine Leiche. = — 2356— Sie nähern ſich, er athmet noch; mit roher Kunſt ſucht ihre Liebe das Blut ſeiner vielen Wunden zu ſtillen, und einige von den Soldaten, geheime Chri⸗ ſten, beſchließen, ihn an das beſte Ort, das ſie für die⸗ ſen Fall kennen, zu bringen, in das Witwenhaus der Chriſten, die ſich in der Nähe der Stadt mit Werken der Wohlthätigkeit beſchäftigen, und bey denen in dieſen Tagen ſchon mancher Unglückliche Schutz ge⸗ 5 funden hat. Die Wachen am Thore laſſen ſie ziehen da ſie ihr Vorhaben hören; und nun eilt der Selave zurück, mir die Unglücksbothſchaft zu bringen. Nir öffnet mein Nahme die geſchloſſenen Stadtthore; ich . fliege zu meinem Freunde. Bleich, ohne Bewegung, ohne Bewußtſeyn finde ich ihn unter den Händen zweyer Frauen, von denen die jüngere, in Thränen zerfließend, kaum ſo viel Beſonnenheit übrig hatte, um den Verwundeten zu behandeln. Nie ſah ich eine ſolche Rührung bey einer Unbekannten. Ich trat zu Agathokles, ich faßte ſeine Hand, ich nannte ſeinen Nahmenz endlich ſchlug er das milde Auge auf, blick⸗ te ſtarr um ſich her, ohne etwas zu erkennen, und ſchloß es ſogleich wieder. Jetzt ſchien die Vewegung der Fremden ſich noch zu vermehrenz ſie zitterte ſo ſtark, daß ich ihr rieth, ſich lieber zu entfernen, wenn ihr der 3 3 Anblick vielleicht zu ſchauderhaft wäre. Sie ſah mich wild an. Um keinen Preis der Welt, nicht um meine Seligkeit! antwortete ſie heftig mit bebender Stim⸗ me, und fuhr emſiger in ihrem traurigen Geſchäft fort. Der Arzt kam, ein bejahrter Prieſter, er unter⸗ ſuchte die Wunden; mit Angſt ſah ich ſeinem urtheil entgegen. Bläſſer als der Verwundete, mit einem Zittern, das ihren ganzen Körper fieberhaft erſchüt⸗ terte, harrte die Frau auf ſeinen Ausſpruch. Er er⸗ ärte endlich, daß die Wunden zwar bedenklich, aber nicht tödtlich ſeyen. Hier ſank die Unbekannte mit ei⸗ nem Freudengeſchrey ohnmächtig nieder, und man mußte ſie wegbringen. Ich blieb noch eine Weile; ich erkundigte mich nach der Fremden, deren Betragen mir ſo ſeltſam aufgefallen war. Nichts, was ich hör⸗ te, vermochte mir eine Aufklärung zu geben, oder eine Vermuthung zu begründen. Agathokles erhohlte ſich nicht ſo weit, daß er eines vollen Bewußtſeyns fähig geweſen wäre; und ſo entfernte ich mich endlich, um nicht meine eigene Sicherheit in Gefahr zu ſetzen, und ſchreibe Dir alſogleich die Ereigniſſe dieſes merk⸗ würdigen Tages. Was in meiner Seele vorgeht, kannſt Du denken; Du weißt, was mir die Sache meiner Glaubensgenoſſen, meine künftigen Ausſich⸗ ten, und Agathokles ſind. Die Nacht iſt vorgerückt, der Vothe wartet. Leb Anmerkungen. ¹) D Kaiſerinn Prisca war Diocletians Ge⸗ mahlinn. Er nahm bey ſeiner Thronbeſteigung den Rahmen Valerius an, und gab ſeine Tochter Vale⸗ ria dem Galerius zur Frau. 2) In Eboracum, dem heutigen York, war der kaiſerl. Pallaſt. 3) Luſtrum, ein Zeitraum von fünf Fahren. 4) Hesperien, ein Rahme von Italien. 3) In den Rgyptiſchen Tempeln ſtanden Sym⸗ bole, die unter Thier⸗ und Pflanzengeſtalten allerley Andeutungen und geheimnißvolle Lehren für die Eingeweihten enthielten. Der Pöbel bethete ſie als Götter an. Die Diana von Epheſus, als Sinnbild der allernährenden Ratur wurde als eine hohe Frau mit vielen Brüſten vorgeſtellt. 6) Cappadociſche Sclaven wurden zum Tragen der Sänften gebraucht. 7) Hierapolis, eine Stadt am rechten ufer des Euphrats. Die Schlacht, welche hier beſchrieben wird, findet ſich beynahe mit allen Umſtänden der wirklich geſchichtlichen Jerſonen(Conſtantin ausge⸗ nommen) in dem dreyzehnten Kapitel von Hertn 2 Gibbons Geſchichte. Daß ich ſie von dem Jahre 256 auf z02 verlegt habe, wird man in einem Romane wohl verzeihen. 3) Geſchichtlich. 2) Geſchichtlich. 10) Spolid opimä wurde die Rüſtung des ſeinb⸗ lichen eerführers genannt. ¹¹) Die Hauptzüge dieſer Begebenheit ünd ganz nach Gibbon. 12) Ebenfalls geſchichtlich, ſo wie die Folgen dieſer Schlacht, Rarſes Verwundung, und der durch den Apharban geſchloſſene Friede. 13) Jovianer und Herculianer waren die Benen⸗ nungen zweyer Fllyriſcher Legionen von geprüfter Treue, welchen Diveletian, um den übermuth der Prätorianer zu mäßigen, den Dienſt der Leibwachen übertrug. 14) Die Häuſer im ODrient hatten, und haben noch größten Theils platte Dächer, die in den kühlen Stunden zumkuftſchöpfen und Spazierengehen dienen. 13) Rom hatte ſeine eigene Göttinn, der unter dieſem Rahmen Tempel erbaut wurden. Sie wurde verſchieden abgebildet, unter andern aber auch mit einer Victoria in der Hand. 16) Eros, ein Nahme des Amors. 17) Ein Talent galt ungefähr gegen 1000 Gulden. 18) Als Arria und ihr Gemahl Pätus mit ein⸗ aander zu ſterben beſchloſſen hatten, ſenkte ſie zuerſt den Dolch in ihr Herz, und gab ihn dann ihrem Manne mit den berühmten Worten: Er ſchmerzt nicht. 19) Coloniae Agrippinas, das heutige Cölln. 20) Die Römer ſchrieben bald mit Griffeln auf — 240— Tafeln, welche mit Wachs überzogen waren, bald mit Federn von Rohr auf Pergament und eine Art Pa⸗ pier, das aus einer Agyptiſchen Staude bereitet murde. 2) Als Rneas bey ſeiner Höllenfahrt in Elyſtum dem Schatten der Dido begegnete, die ſich um ſei⸗ ner untrene willen ermordet hatte, wandte ſie ſich zürnend von ihm ab. 3 22) Roſtra, war ein Gebäude auf dem Hauptplaße von Rom, das aus den Schiffſchnäbeln einer beſiegten Flotte errichtet worden war, und vor welchem die öffentlichen Reden gehalten wurden. Hermes oder Merkur iſt auch der Gott der Beredſamkeit, und wird als ſolcher mit goldnen Kettchen abgebildet, die von ſeinem Munde an die Ohren der Zuhörer gehen. *3) Die Stelle, auf welche ſich dieſe Anſpielung bezieht, iſt aus dem Lucan: Magno se judice quisque tuetur, Victrix caussa Diis placuit, sed victa Catonf. 24) Als das Volk in den erſten Zeiten der Repub⸗ lik einſt gegen den Senat und die Reichen aufge⸗ bracht war, und ſich außer Nom auf einem Berge gelagert hatte, brachte es der Conſul Menenius Agrippa durch die bekannte Fabel von dem Magen und den Gliedern des Leibes wieder zur Ordnung, und in die Stadt zurück. 23) Alles dieß, ſo wie die Stürmung der Kirchen an einem Tage im ganzen Reiche iſt geſchichtlich. 26) Diaconiſſinen waren chriſtliche Witwen, wel⸗ che in den Kirchen, beſonders bey der Taufe weide licher Katechumenen dienten.* 27) Spympoſion, ein kleines Gaſtmahl. ———— mſſſiiſ 9 g . 10 11 12 14 15 16 17 18