——— — Vonn roline pichler, von Greiner. „ — ien, 1828. Gedruckt und im Verlage bey Anton Pichler. Leipzig, bey Auguſt Liebeskind. ter höchſtes nicht. itte. Vorrede zweyten Auflage. Es wird vielleicht ſeltſam ſcheinen, daß ein Buch, welches das erſte Mahl vor fünf Jahren ohne alle einleitende Vorrede, wie unangekün⸗ digt, in die Welt trat, nun bey ſeinem zwey⸗ ten Erſcheinen von einer Vorerinnerung beglei⸗ tet wird. Indeſſen kann ſich in fünf Jahren Manches ereignen, was es nothwendig macht, ſpäter über eine Sache ein Wort zu ſprechen, das man früher nicht für nöthig hielt; und da nun dieß der Fall bey dieſer zweyten Auflage des Agathokles iſt, ſo ergreife ich zugleich die Gelegenheit ⸗ mich über die erſte Veranlaſſung. und Entſtehung des Buches überhaupt zu er⸗ klären, und dadurch den Standpunct anzuge⸗ ben, von welchem aus ich es betrachtet und be⸗ 5 urtheilt wünſchte. 3 Vor ungeführ ſieben oder acht Jahren aß ich Gibbons vortreffliche Geſchichte vom Verfall des Römiſchen Reichs. So ſehr ich allen übrigen Eigenſchaften des Verfaſ⸗ ſers, als Geſchichtſchreibers„ und geiſtreichen verſtändigen Brurtheilers Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſe/ und hierin mit der ganzen Welt übereinſtimme, die über den Werth dieſes Bu⸗ ches durch ungetheilten Beyfall längſt entſchie⸗ den hat, ſo war doch etwas in demſelben, was en Darſtellungsart hervorzu⸗ 1 mir aus der ganz gehen ſchien, und mein Gefühl verletzre. Dieß iſt eine, mir wenigſtens ſichtbare, Parteylich⸗ keit gegen das Chriſtenthum, welchem Gibbon, wie ich zu bemerken glaubte, einen großen und nicht beglückenden Antheil an den PVeränderun⸗ gen und umwälzungen jener Zeiten beymaß.. Er erzählt ſelbſt in ſeiner Lebensgeſchichte pie bekannte Anecdote von der erſten Petanlaſ⸗ ſung zu jenem geſchichtlichen Werke. In einer ſtilen Nacht nähmlich, wo er in Rom aufdem Hügel des Capitols Träumen und Betrachtun⸗ 2. gen über das Schickſal der weltbeherrſchenden meine Unzufriedenheit mit des Verfaſſers Mei⸗ — V11— Stadt nachhing, brachte ihn der Geſang der Mönche in einer nahen Kloſterkirche auf den Gedanken, den allmählichen Verfall und end⸗ lichen Untergang des Römiſchen Staates zu beſchreiben, die Urſachen desſelben aufzuſpüren⸗ zu verfolgen, zu entwickeln, und ſo ein leben⸗ diges Gemählde aufzuſtellen, von dem, was Rom zu den ſchönen Zeiten der Antonine war/ und was es nach und nach durch ſchwache Kai⸗ ſer, den lbermuth der Prätorianer, die Ein⸗ fälle der Barbaren und— die Dazwiſchenkunft des Chriſtenthums wurde. Dieſe Anecdote, und der Ideengang, den Verfaſſer bey dem Entwurf ſeiner Geſchich⸗ tte leitete, ſcheinen meiner Anſicht nicht zu wi⸗ derſprechen. Doch ohne mich länger bey den Grün⸗ den, die mich zu derſelben beſtimmten, aufzu⸗ halten, will ich bloß die Wirkung erzählen, die ſie auf mich machte. Dieſe Anſicht nähmlich und — V1 nungen vom Chriſtenthum beſtimmten mich, einen Roman zu dichten, der auf hiſtoriſchen Grund gebaut, aus den wirklichen Verhältniſ⸗ ſen der damahligen Römiſchen Welt genom⸗ men und jenen Sitten ſo viel als möglich ange⸗ paßt, zeigen ſollte, daß die Dazwiſchenkunft des Chriſtenthums eine Anſtalt der Vorſicht, zum Troſte und zur Beglückung der leidenden Menſchheit, von ſegenreichen Folgen für Cul⸗ tur und Menſchenwerth⸗ und endlich ſeine Ver⸗ breitung in der Natun, den Verhältniſſen, und dem Stande der damahligen Bildung oder Ver⸗ bildung des Menſchengeſchlechtes tief gegrün⸗ det, und nothwendig war. Ein Jahr ungefähr, nachdem der Agatho⸗ kles gedruckt war, erſchien hier in Wien des phantaſiereichen Chateaubriand's Werk: les Martyrs, ou le PTriomphe du Christianisme. Begierig ergriff ich es⸗ wie Alles, was aus der Feder dieſes trefflichen Dichters gefloſſen war, und fand, zu meinem Erſtaunen, aber auch zu meiner nicht geringen Freude, daß die⸗ ſelbe Anſicht, derſelbe Gegenſtand— vermuth⸗ lich auch ungefähr um dieſelbe Zeit, wenn man berechnet, wie lang es braucht, bis Producte des Auslands bey uns bekannt werden— die⸗ ſen von mir ſo ſehr verehrten Schriftſteller ge⸗ rührt und zu einem Werke begeiſtert hatte, das, den Unterſchied der Form abgerechnet(welché bey Chateaubriand ganz poetiſch, ja eigentlich epiſch iſt) der Bruder des meinigen genannt werden konnte. Der Zeitpunct, in welchen er ſeine Geſchichte verſetzt hat, iſt derſelbe, die letzten Regierungsjahre des Divcletign; die Chriſtenverfolgungen? e ri ſchürzen den Knoten; ſein Held' Ei Freund Conſtantins; er ſtirbt um 8 Glau⸗ bens willen; und ſogar der epiſodiſche Umſtand, daß der Eine von den Liebenden(bey Cha⸗ teaubriand Eudor der Chriſt, wie in dem gegenwärtigen Buche die Chriſtinn Lariſſa) in die Gefangenſchaft einer barbariſchen Nation geräth, trifft zuſammen. Es iſt dieſes Zuſam⸗ mentreffen für mich um ſo erfreulicher und wun⸗ * derbarer, als ich mit Gewißheit behaupten kann, daß weder Herr von Chateaubriand den Agathokles, noch ich die Martyrs auch nur geſehen haben konnte, als wir Jedes in einem weit entfernten Orte an unſeren Dich⸗ tungen arbeiteten; aber es iſt vielleicht nicht unnütz, darüber zu ſprechen, und dieß ſeltſa⸗ me Spiel des Zufalls zu berühren, welches, unerklärt, vielleicht zu Mißdeutungen Anlaß geben könnte. Erſter Brief. Calpurnia an Sulpicien. Rom im December 3oo. Waher Einfall von Sulpicien, in dieſen Ta⸗ gen auf's Land zu gehen, und den Zeitpunct, wor⸗ in die Hauptſtadt der Welt in ihrem glänzendſten Lichte erſcheint, auf einer einſamen Villa am ufer der See zuzubringen, die in dieſer Jahrszeit von Stürmen gepeitſcht und mit Rebeln bedeckt iſt! Was, um aller Götter willen, kann ſie dort hal⸗ ten? Wie iſt es möglich, allen Freuden und Herr⸗ lichkeiten der Saturnalien ²) zu entſagen, um in der abgeſchiedenſten Einſamkeit ſich ſelbſt zu leben? Sich ſelbſt? Nicht doch. Laß immerhin die Welt in jene Ausrufungen ausbrechen, und vergebens rathen, was Dich jetzt in jene Stille lockt? Sie ſoll und darf die heimlichen Reize nicht kennen, die Deine Verborgenheit verſchönern. Das iſt recht 12 und in der Ordnung. Aber daß Du auch mir ein Geheimniß daraus machen willſt, das kann ich Dir nicht verzeihen. Ich darf ja nur Einen Nah⸗ men nennen, um Dein Get cht mit dem ſchönſten Purpur. zu überziehen, und Dich, Falls Du den Brief in Gegenwart einer gewiſſen Perſon lieſeſt, noch reizender zu machen. Aber da würde Dir ja ein Dienſt damit geſchehen, und das will ich in dieſem Augenblicke nicht. Es ſey Dir genug, zu wiſſen, daß ich von Allem unterrichtet bin, und Deine Zurückhaltung Dir nichts nützt. Wahrlich, Du machſt Deine Sachen ſchlau und gut. Unter dem Vorwandt des Sorgfalt für Deine Landwirth⸗ ſchaft erhältſt Du von Deinem Manne die Erlaub⸗ niß, und einen großen Dank oben drein, jetzt auf Deine Villa zu gehen, um den nachläßigen Ver⸗ walter zu überraſchen, und— während der gute Ehemann in Rom die Emſigkeit ſeiner Frau nicht genug rühmen kann, hat ſie ſich nur Gelegenheit verſchafft, ihren Liebling ganz ungeſtört, und iuc Gefallen zu ſehen. Doch Scherz bey Seite, liebe Freundinn! Zi⸗ Sache hat eine viel zu ernſte Seite, als daß ich länger in jenem Tone fortfähren könnte. Wie war es Dir möglich, dieſen Schritt zu wagen, und die Angen ganz vor den Folgen, die er haben muß⸗ —— — 13— zu verſchließen? Tiridates iſt liebenswürdig, ta⸗ pfer, edel; ſeine königliche Abkunft, ſein und ſei⸗ ner Familie Unglück machen ihn anziehend, und ich begreife wohl, daß er einem feinfühlenden Wei⸗ be, beſonders einem, das, leider! in ſeinem Hauſe nichts ſolches aufzuweiſen hat, gefährlich werden 5 kann; ich begreife, daß Du ihn liebſt; und daß er Dich, die ſchöne geiſtreiche Frau, dafür anbe⸗ thet, iſt nicht mehr als ſeine Schuldigkeit. Aber muß man darum ſo halsbrechende Dinge wagen? Du konnteſt ja den Armeniſchen Prinzen täglich in Deinem Hauſe ſehen. Dein Mann, ich weiß es, ſchätzt ſichs zur Ehre, den Liebung des Cäſfar Ga⸗ lerius ²*) ſeinen Freund nennen zu können. Er prahlt damit, er gibt ſich das Anſehen, die Abſich⸗ ten des Prinzen durch ſich und ſeine Freunde anden Höfen von Mayland und Nikodemien zu unterſtü⸗ tzen, und wenn einſt Tiridates den Thron ſeiner Väter beſteigt— gib Acht!— Dein Serranus läßt dann nicht undeutlich merken, daß ohne ihn das Alles wohl nicht geſchehen wäre. Was trieb Dich denn alſo fort? Was bewog Dich jetzt nach Bajä zu gehen, wo Dein Umgang mit Tiridates weit mehr auffallen muß, als in Rom, und Deine häusliche Nuhe, Deinen Ruf vor der Welt auf's Spiel zu ſetzen? Wenn Dein Mann, der, wie al⸗ ſe eitle Menſchen, eiferſüchtig iſt, erfährt, was auf ſeiner Villa vorgeht— und wie leicht iſt das nicht, da Deine Leute darum wiſſen müſſen!— wird er nicht koben, raſen und ein Aufſehen machen, das Wich dem boshafteſten Gelächter der Stadt Preis geben, Dir die Herrſchaft über ihn, die allein Dei⸗ ne häusliche Ruhe ſichert, entreißen, und Dir den Aufenthalt bey ihm vollends unerträglich machen wird? Willſt Du Dich⸗ dann von ihm trennen? Wird das Dein Vater zugeben, der in die Ver⸗ bindung mit der Aniciſchen Familie ſeinen Stolz ſetzt? Und was ſteht Dir dann für ein Leben bevor? Es iſt wahr, Du kannſt in Rom Deinen Ti⸗ ridates weder ſo oft noch ſo ungeſtört ſehen, als Dein Herz wünſchen mag. Dein Mann, die Freun⸗ de Deines Mannes, Deine Verwandten, die Dich beſuchen, ſind öfters zugegen. Das iſt aber auch das Einzige, was Du zu ertragen haſt; und, auf⸗ richtig geſprochen, liegt nicht ſelbſt in dieſer Stö⸗ rung, in dieſen Entbehrungen gans eigentlich die Würze der Liebe, die wohl ohne ſte gewiß nicht halb ſo warm und reizend ſeyn würde? Du nennſt mich immer dle Leichtſinnige, die Epikuräerinn, aber Du kennſt entweder die Leh⸗ ren dieſes Weiſen nicht in ihrem ganzen Uumfange, oder Du ſchließeſt die Augen abſichtlich vor ihrem Werth. Kluges Maß, ſparſamer Genuß der Freu⸗ de, Kraft zur Entbehrung des Liebſten wenn es die Vernunft fordert, däs iſt es, was man in ſei⸗ ner Schule lernt, die bey weiten nicht ſo leicht, ſo locker iſt, als Du glaubſt. Ich, an Deinem Pla⸗ tze, zum Beyſpiel, würde nicht nach Bajä 3) ge⸗ gangen ſeyn; ich würde mir den Genuß der Freu⸗ den, die mich dort erwarteten, aus Grundſätzen verſagt haben, und meinen Geliebten lieber ſelt⸗ ner, und mit minderer Freyheit ſehen, um ihn immer ſehen zu können; den großen Vortheil ab⸗ gerechnet, daß unſere gegenſeitige Liebe dann viel länger neu und anziehend gebliöben, und mit dem Reize der Heimlichkeit gewürzt geweſen wäre. Du ſiehſt, meine Sulpicia, daß ich beſonnener und klüger bin, als Du glaubſt, und jener Leicht⸗ ſinn, jene Kälte, die Du mir ſo oft vorwirfſt, ſind nichts als Ausübung wohl überdachter Grund⸗ ſätze. Sogar die Lehren der ſtrengen Stoa, die Du einſt ſo warm behauptet, und jetzt ſo arg verlaſſen haſt, verwerfe ich nicht. Ich erkenne z. B. ganz die tiefe Wahrheit des Satzes, daß man alle Güter 3 der Erde an einen ſolchen Hrt ſtellen ſoll, woher ſie das Schickſal nehmen Fann, ohne das Gebäude unſerer Ruhe zu erſchüttern.*) An dieſen Platz nun würde ich, wenn ich je liebte— und das könnte ſich — 16 denn wohl ereignen— auch meinen Geliebten ſtel⸗ Len; denn der gehört ja, wie Dein Beyſpiel mich lehrt, ganz yorzüglich zu den edelſten Gütern des Lebens Doch was helfen alle dieſe Vorſtellungen? Was hälfe die Beredſamkeit eines Cicero gegen die Macht einer Leidenſchaft, deren zerſtörende Wirkungen ich mit Bedauern an meinen Freunden erfahre, und vor der mich die gütigen Götter bewahren mö⸗ gen Ohne alſo nur im Geringſten zu hoffen, daß mein Brief Dich bekehren werde, will ich bloß hier⸗ mit die Pflicht der Freundſchaft erfüllt, und Dich gewarnt haben zugleich aber Dich verſichern, daß, was auch der Ausgang der Begebenheiten ſeyn mö⸗ ge, meine Liebe zu Dir unverändert bleiben wird, und daß ich meinen Stolz darein ſetzen werde, wenn— was die Götter verhüthen!— die Sache ſchlimm abläuft, Dich nie zu verlaſſen, und aus allen meinen Kräften Dein böſes Schickſal entwe⸗ der abzuwehren, oder redlich mit Dir zu tragen. Leb wohl! Zwepter Brief. Sulpicia an Calpurnien. Bajä im December 3oo. Du liebſt nicht, Calpurnia, Du wirſt nie lieben. In dieſen Worten liegt der Aufſchluß zu Deinem ganzen Betragen, und zugleich die Antwort auf alles, was mir Deine Freundſchaft, die ich mit in⸗ nigſtem Danke erkenne, ſo wohlmeinend, ſo ver⸗ nünftig vorſtellt. Glaube nicht, meine geliebte Ju⸗ gendgeſpielinn, meine treue Freundinn, daß ich den Werth Deiner Grundſätze mißkenne, oder Dei⸗ nem ſchönen Gemüth auch nur um einen Grad weniger Wärme und Eifer für's Gute zutraue! Du haſt Recht, vollkommen, unbeſtreitbar; aber ich, meine Calpurnia, obwohl ich das Widerſpiel von Dir ſcheine, ich habe auch nicht Unrecht. Und warum? Wir ſehen beyde uns ſelbſt, die Welt um uns, und unſere Verhältniſſe zu ihr aus einem an⸗ Agath. I. Th. 2 dern Geſichtspunkte an, wir handeln nach den Re⸗ geln, die dieſe Anſicht uns an die Hand gibt, kurz⸗ wir thun beyde, nicht was wir wollen, ſondern liebe Calpurnia, den eitlen Stolz auf Grundſätze und Syſteme aufgeben, in welchem wir ohne Ver⸗ dienſt bloß dem Antriebe der Natur folgen! Wir ſind nichts, als was die Umſtände aus uns ma⸗ chen wollen. Dich haben ſie mit einem leichten Blute, mit vielem Verſtande, und einem ſo glück⸗ lichen Verhältniß deiner Leibes⸗ und Seelenkräfte ausgeſtattet, daß das Gleichgewicht unter ihnen ſelten geſtört, und, geſtört, leicht wieder herge⸗ ſtellt wird. Zudem hat dich das Glück in einer gro⸗ ßen reichen Familie geboren werden laſſen. Die Piſonen bedürfen keiner fremden Unterſtützung. Dein Vater hat außer zwey hoffnungsvollen Söh⸗ nen, dem Stolz und den Stützen ſeines edlen Hau⸗ ſes, nur Dich, das Ebenbild einer geliebten, längſt entſchlafenen Gattinn. In Dir lebt ihm ſeine Sem⸗ pronia wieder auf, in Dir liebt er Tochter und Weib zugleich. Dich wird er nie zu einem Eheband wünſcht, durch Dich einen dritten Sohn zu erhal⸗ ten, drängt er Dich doch nie zu dieſem Schritt, nnd wendet nicht einmahl die Waſſen der ülberre⸗ was wir eben nicht laſſen können. Laß uns doch, zwingen, das Dein Herz verwirft; und ob er gleich dung gegen Dich an. Du biſt alſo von Natur und Glück zur Epikuräerinn beſtimmt, ja Du biſt die geborne Schülerinn dieſes Weiſen. Mich leiteten ein düſteres Temperament, das Unglück eines herabgekommenen Hauſes, der Kum⸗ mer einer geliebten Mutter, die ihr häusliches Lei⸗ den ſtandhaft trug, der harte Zwang, unter wel⸗ chem mein Vater nach altrömiſcher Sitte das gan⸗ ze Haus hielt, zu einer ernſteren Schule. Ich glaubte in den Lehren der Stoa die Kraft zu fin⸗ den, die mich mein Loos ertragen machen ſollte. Ich ſuchte meinen Stolz darin, den Göttern das Schauſpiel eines ſtarken, mit ſeinem feindlichen Schickſal ringenden Gemüthes zu geben, 3) und ſo folgte ich mit keinem beſondern Widerwillen dem Befehle meines Vaters, als er, ohne mich zu fragen, aus Rückſichten für ſeine übrigen Kinder, meine Hand einem Sohne des Aniciſchen Hauſes verhieß. Serranus Anicius wurde mein Gemahl; und ich glaube, ich hatte ihn vorher kaum drey Mahl, und nie anders als in Gegenwart unſerer Verwandten geſehen. Ich fühlte keine beſondere Abneigung gegen ihn, aber eine große Reigung, meine Pflichten auf's ſtrengſte zu erfüllen. Die Matronen des alten Noms, jene würdigen großen Geſtalt en der Vorwelt waren meine Vorbild er 2 ihnen ſuchte ich zu Wie ſie, lebte ich nur 2 in meinem S Syverſammelte meine Scla⸗ mit Wahrheit behaupten, daß in den drey Jah⸗ en unſerer Ehe mein Mann und ich kein anderes Gewand trugen, als was durch meine Hände, oder unter meiner Anfſicht geſponnen, gewebt, genäht oder geſtickt wurde. Die volle Zufriedenheit mei⸗ nes Vaters, die unbegrenzte Achtung des Serra⸗ nus waren der Lohn meiner Anſtrengungen. Die Eitelkeit, ſeine einzige Leidenſchaft, war durch den Gedanken geſchmeichelt, eine Frau von echt römi⸗ ſcher Sitte zu beſitzen, die ſich vor den meiſten ih⸗ rer Zeitgenoſſinnen auszeichnete. Ich war zufrie⸗ den— aber bey weiten nicht glücklich. Da kam Tiridates in unſer Haus. Laß mich von dem Eindrucke ſchweigen, den ſeine Geſtalt, ſein Schickſal auf mich gemacht haben! Du weißt es ohnedieß; Du warſt größten Theils Zeuginn jener Begebenheiten. Nur das laß mich ſagen, daß ſeit jenem Augenblicke mein ganzes Weſen verän⸗ dert und umgeſtaltet war! Laß mich das Gleichniß brauchen, das meine Empfindungen am beſten er⸗ klärt! In mir war es, wie in einer düſtern Nacht⸗ gegend, wenn auf einmahl Aurora die Pforten des e öffnet, und Licht und Wärme durch die kal⸗ — te Dunkelheit ſich ergießen. In mir ward es licht. Ich wußte, was ich wollte, was mir ſo lange ge⸗ fehlt hatte, wozu ich eigentlich auf der Welt war. Dieſe Leidenſchaft hat das Räthſel meines bis da⸗ hin zweckloſen Daſeyns gelöſet, und was hindert mich, mit ſfrommem Glauben der Meinung des göttlichen Plato beyzupflichten, und überzeugt zu ſeyn, daß ich jetzt die zweyte Hälfte meines Ichs gefunden habe? Was thut's zur Sache, daß Tiri⸗ dates an den Ufern des Araes und ich in Rom geboren wurde? Die Seelen, die ſich vor ihrer Herabkunft auf die Erde kannten und Riebten, ha⸗ ben ſich wieder gefunden, und nichts als der Tod kann ſie ſcheiden. In dieſer unumſtößlichen überzeugung wird und kann mich nichts irre machen, und nichts be⸗ wegen, auch nur um einen Grad kälter oder be⸗ ſonnener, wie Du es nennſt, zu handeln. Tirida⸗ tes oder den Tod! Es gibt kein Glück, kein Leben, keine Tugend ohne ihn. Mag die Welt ſagen, was ſie will; mag Serranus durch Argwohn oder Ver⸗ rath mein Geheimniß entdecken, mögen er und mein Vater dann über mich verhängen, was ſie wollen— es gilt mir gleich. Achtet der Taucher, der ſich in's Ne um eine köſtliche Perle zu hohlen— achtet er der Wogen, die über ihn zuſammenſchlagen? Muß er ſie nicht über erz gehen laſſen, wenn er ſeinen Zweck erreichen will? Und dann endlich! Was kann Serranus von mir fordern, das ich nicht bereit wäre, ihm im⸗ merfort ſo zu leiſten, wie bisher? Sein Hauswe⸗ ſen will ich mit pünktlicher Treue beſorgen, ſeine Selaven und Selavinnen zur Arbeit anhalten, auf die Wirthſchaft, auf ſeinen Nutzen ſehen, wo und wie ich's vermag. Mehr fordert er nicht, mehr be⸗ darf er nicht. Liebe hat er nie verlangt, ich nie ge⸗ geben, ihm nie geben könntu. Worin wäre er alſo verkürzt? Ich verletze keine Pflicht gegen ihn, und bin ſicher, üie eine zu verletzen; denn dafür, daß ein Umgang mit Tiridates in den Schranken der Tugend bleiben ſoll, bürgt mir meine Denkart. Ubrigens glaube nicht, daß ich ſo tief herabſinken würde, ihn zu betriegen! Die Reiſe nach Bajä war weder mein Vorwand, noch mein Plan. Sie war ſein Wunſch; er erſuchte mich darum, weil die Anweſenheit Eines von uns jetzt ſchlechterdings auf der Villa nothwendig war, und er ſich nicht entſchließen konnte, Nom während der Saturna⸗ lien zu verlaſſen. Er ſchickte mich, ich gehe gern denn Tiridates hält ſich ſeiner Geſchäfte wegen in Puteoli auf. Ich mache mir kein Verdienſt aus dieſer Reiſe, ich will nicht, daß Serranus ſe da⸗ 5ö—— ——— für anſehe; es bleibt Alles klar und würdig zwi⸗ 3 ſchen ihm und mir. Doch genug von mir. Jetzt auch ein Weilchen von Dir, meine Freundinn! Wir haben noch eine kleine Rechnung miteinander abzuthun. Iſt es wohl recht von Dir, während ich, die Altere von uns beyden, die Matrone, Dir, dem Mädchen, meine Geheimniſſe aufdecke, ſo verſchloſſen gegen mich zu ſeyn? Woher weißt Du meine Zuſammenkünfte mit Tiridates? Woher kommt Dir dieſe Allwiſſen⸗ heit? Soll ich glaube: Du könnteſt, wie eine Theſ⸗ ſaliſche Zauberinn, das Verborgene errathen? O halte mich nicht für leichtgläubig, weil ich ſo offen⸗ herzig bin! Soll auch ich Dir einen Nahmen nen⸗ nen, um Dein Geſicht mit Purpur zu überziehen? Agathokles?— Nicht? Er, der Freund des Armeniſchen Prinzen, der Sohn des Hegeſippus, der Gaſtfreund Deines Hauſes, iſt jetzt in Nom, täglich in Eurem Hauſe, ja ich glaube, er wohnt bey Euch. Er iſt edel, verſtändig, und ein glühen⸗ der Schwärmer für alles, was ihm groß und gut ſcheint. Wie könnte es anders ſeyn, als daß die ſchöne blühende Römerinn, mit allen Vorzügen, die Natur und Fleiß einem weiblichen Weſen geben können, geſchmückt, den Beyfall des feinen Ken⸗ ners alles Schönen und Guten erhalten mußte, de 5 der Sonderling zuerſt Achtung, dung für dieſe ſeltne Erſcheinung fühltes Erröthe nicht, Calpurnia! Agathokles iſt Deiner würdig. Wenn ich wieder in Rom ſeyn werde, werde ich Dir viel Schönes und Schätzbares von ihm erzäh⸗ len, das ich durch Tiridates von ihm erfuhr, das aber für einen Brief viel zu lang wäre. Leb wohl⸗ liebe Calpurnia; und zürne mir nicht, daß ich nicht wollen kann, weiſe und beſonnen ſeyn! Bald hoffe ich bey Dir in Rom zahſeyn; denn ich denke zu haben. Ich habe die Villa in einem ſehr zer⸗ rrütteten Zuſtande angetroffen, wie es denn bey der gänzlichen Abweſenheit der Gebiether, wo alles dem Geſinde überlaſſen wurde, nicht anders zu ver⸗ muthen war. Indeſſen habe ich mancherley Anſtal⸗ ten und Einrichtungen getroffen, mit denen Serra⸗ nus, wie ich glaube, zufrieden ſeyn wird, und wel⸗ che künftigen Unordnungen vorbeugen ſollen. So⸗ ne Arme. 3 und dann vielleicht auch eine wärmere Empfin⸗ mit meinen Geſchäften hier nicht ſehr lange zuthun bald alles in gehörigem Gange iſt, eile ich in Dei— Dritter Brief. Sabne an Suiien Rom im Sanur 301. Bad hätte mich Sen Brief böſe“ gemacht, wenn ich Dir überhaupt jemahls zürnen könnte, und wenn mich nicht die feinen Schmeicheleyen am En⸗ de wieder beſänftiget hätten. Von Dir ſage ich al⸗ ſo nichts mehr. Du ſcheinſt es nicht zu wollen, S und kannſt auch jetzt nicht hören. Dir darzuthun, daß die Leidenſchaft, die Dich beherrſcht, Deine geſunde Vernunft gefangen hält, und Dich alles durch das gefärbte Glas ihrer Eingebungen anſe⸗ hen läßt, würde eben ſo vergeblich ſeyn, als wenn ich mich jetzt an's Ufer des Meeres hinſtellte, um den Fiſchen den Homer vorzuleſen. Alles, was ich hinzufügen will iſt der fromme und gewiß herz⸗ liche Wunſch, daß die Bezauberung, in der ich Dich zu melner Vetrübniß ſehe, eher aufhören möge, als es für Deine Ruhe zu ſpät iſt. RNun alſo von mir und unſerm Gaſifreunde. Wie kannſt Du glauben, daß ich Dir etwas ver⸗ ſchweigen wollte? Gewiß, der Gedanke kam nicht in meine Seele. Ich ſchrieb Dir nicht von ihm, weil— weil. ich nicht an ihn dachte, weil Deine Angelegenheit mich zu⸗ ſehr beſchäftigte, um andern Gedanken Raum zu laſſen. Du nennſt ihn einen Sonderling; darin haſt Du vollkommen Recht. Aber auch einen kiebenswürdigen? O da fehlt noch viel! Erſtlich iſt ſeine Geſtalt, obwohl edel und bedeutend, doch nichts weniger als ſchön. Zwey⸗ tens iſt ſeine Art, ſich zu kleiden, viel zu einfach, ja beynahe nachläſſig; und er wird nie zwiſchen allen den ſchöngelockten, geſchmückten, von Salben duftenden Jünglingen, die uns umſchwärmen, ei⸗ nen vortheilhaften Eindruck machen. Drittens iſt mir ſeine Tugend und Philoſophie zu rauh. Er kommt auch mit niemand beſſer aus, als mit Dei⸗ nem Vater. Ich wünſchte, Du wäreſt einmahl ge⸗ kaner, dieſe geſchwornen Feinde der Tyranney⸗ miteinander eifrig reden. Der Gegenſatz der Wirk⸗ llichkeit mit ihren Ideen erhitzt ihre Einbildungs⸗ kraft noch mehr;ß ſie ergießen ſi ſich i in bitteren Ta⸗ genwärtig, wenn dieſe zwey glühenden Republi⸗ del der jetzigen Zeit und Sitte, und— 36 8 Vergangenheit mit den ungemeſſenſten Lobſprü⸗ chen. Dann bekommt die Haltung unſers Gaſt⸗ freundes etwas ſo Hohes, Edeltrotziges; ſein dunk⸗ les Auge ſprüht Funken, ſein ſonſt bleiches Ge⸗ ſicht überzieht eine ſo feine Röthe, und um ſeinen Mund, der überhaupt nicht. unangenehm iſt, bildet ſich ein ſo lieblicher Zug, daß man in ſolchen Au⸗ genblicken verſucht wäre, den begeiſterten Redner für hübſch, und das, was er ſagt, für nicht ganz ſo abenteuerlich zu halken, als ſonſt. Aber das ſind nur Augenblicke, und ſo, wie er ſchweigt;und man Zeit hat, über ſeine Behauptungen nachzudenken, ſieht man ihre Unſtatthaftigkeit ein. Ich weiß übri⸗ gens wenig, beynahe nichts von ihm; denn mit mir ſpricht er nicht viel. Ich ſtehe viel zu tief un⸗ ter den hohen Vorbildern der Lucretien, Portien u. ſ. w., die ſeinem Geiſte vorſchweben. Schon der erſte Eindruck, den ich auf ihn machte, muß höchſt ungünſtig für mich geweſen ſeyn. Mein Va⸗ ter führte ihn zu mir, als ich eben— ich muß ge⸗ ſtehn— ziemlich nachläſſig gekleidet, und ein Mi⸗ leſiſches Mährchen 7) in der Hand, auf meinem Ruhebette lag. Welch ein Abſtand von jenen Ma⸗ tronen! Welche Verſündigung an ſeinen Grund⸗ ſätzen! Wie könnte ein ſo leichtfertiges Ding vor ſo ſtrengen Augen Gnade finden! Du wirſt Dein Glück bey ihm machen— und ich werde Dich ſicher nicht beneiden. Eins habe ich an ihm bemerkt, und es ſollte mir leid thun, wenn ich richtig geſehen hätte; denn bey allen ſeinen Sonderbarkeiten halte ich ihn für einen achtungswürdigen Mann. Er ſcheint einen geheimen Kummer zu haben⸗ Dieſe trübe Anſicht des Lebens, dieſe ſtrenge Abneigung von allen Freuden der Welt und der Jugend ſind bey einem geiſtvollen, im Schooße des Glückes gebornen jun⸗ gen Manne ſonſt nicht zu erklären. Auch beſtäti⸗ gen manche ſeiner Iußerungen dieſe Vermuthung. Wenn ſie gegründet wäre— wie geſagt— es wür⸗ 4 mir ſehr leid thun. Erkundige Dich doch dar⸗ über bey Tiridates, und ſchreibe mir noch, ehe Du Bajä verläſſeſt! Leb wohl! ——— Vierter 2 wne an vpeuen Romi im Januar 301. Jo bin in Rom. Daß ich dir ſeit meinem Aufent⸗ halte von vierzehn Tagen noch nicht geſchrieben, mag die Neuheit der Dinge, die mich umgibt, und ihre Einwirkung auf mich entſchuldigen. Daß ich aber hier jene Heiterkeit und Fröhlichkeit nicht ge⸗ funden habe, und nicht finden werde, die man ſich in Nikomedien für mich verſprach— das fühle ich⸗ Auch iſt Nom vielleicht unter allen Orten der Welt gera⸗ de derjenige, wo ich am wenigſten geneſen werde. Bin ich denn aber krank? Man bildet es ſich ein, weil ich nicht leben kann, wie die übrigen um mich herum. Ihre Verkehrtheit macht mich ſeltſam, ihre Thorheiten mich ſtreng und unverträglich erſchei⸗ nen. Nicht daß ic das Ungeheure, das Unmögliche fordere, aber rheit und Tugend, Zucht und Sitte ihnen unmöglich ſcheinen, iſt der eigentliche 30 Grundunſeres Streites. Das Jahrhundert iſt krank, nicht der, der kühn genug iſt, mit voller Kenntniß der beſſern Vergangenheit es ſo zu nennen. Wie ſoll ich es unter dieſen Menſchen aushalten! WMit der Beſchreibung meiner Reiſe zu Waſſer und zu Land will ich dich aus Achtung für deine Zeit verſchonen. Dir genügt zu wiſſen, daß ich geſund und mit recht heitern offenen Sinnen in der Haupt⸗ ſtadt der Welt ankam. Der Genuß der unbeſchränk⸗ ten Natur, die Unendlichkeit des Meeres, die Frey⸗ heit meiner Muße hatten mich froh und für jeden guten Eindruckempfänglich geſtimmt. Dir, dem Leh⸗ rer meiner Jugend, dem keine meiner Empfindun⸗ gen fremd iſt, darf ich geſtehen, daß ein ſeltſames Gefühl mich ergriff, als unſer Schiff in die Mün⸗ dung der Tiber einlief, und nun bald der Schau⸗ platz jener großen würdigen Scenen, die mein Ge⸗ müth von Kindheit an ergriffen hatten, vor mir er⸗ ſcheinen ſollte. Es glühte in mir, meine Bruſt ſchlug ſtärker. So kam ich in Nom an. Von der Höhe des Capitols ſchienen die Manen der großen Vorfahren herabzuſchweben. Rund umher war heiliger Boden. überall Erinnerung, Würde, Hoheit. Durch die menſchenvollen Straßen führte mich mein Wegwei⸗ ſer in das Haus unſers Gaſtf undes, Lucius Piſo. An manchem Denkmahl ehrwür iger Vergangen⸗ N — heit, an manchem Weiſer auf einen hellen Punet der Geſchichte ging ich mit hochſchlagendem Derzen vorüber, mit dem feſten Vorſatz, ſie alle nächſtens zu beſuchen. Im Vorhofe empfing uns eine Schaar reich gekleideter Sclaven. Man führte mich in's Atrium. ³) Die Bildſäulen des Piſoniſchen Hauſes, viel merkwürdige Geſtalten, dem Geſchichtskundigen wohl bekannt, ſtanden hier. Ihre erhebende Gegen⸗ wart hatte die Länge der Zeit getäuſcht. Ich ſah erſt am Sonnenzeiger im Hofraume, daß map. mich eine ziemliche Weile hatte warten laſſen. Jetzt erſchien ein zierlicher Sclave, der vorzüglich ſchön Griechiſch ſprach, und führte mich durch viele koſtbar geſchmück⸗ te Gemächer, voll Vaſen, Gemählde, Bildſäulen, zu Lucius Piſo. Er iſt ein würdiger Mann, an der Grenze des Greiſenalters, kräftig, verſtändig, edel, weit edler aber ohne den Prunk, der ihn umgibt, und ſeinen innern Werth verhüllend mindert. Der Vater gefiel mir, minder die Söhne. Es ſind Jüng⸗ linge, nicht ganz ſo von allen Vorzügen entblößt, wie die übrigen, die ich hier und zu Hauſe kennen gelernt habe; aber die Farbe des Zeitalters hat ſich ihnen zu ſtark mitgetheilt, um ſie wahrhaft achtungs⸗ werth zu laſſen. Vor dem Abendeſſen ſtellte mich Pi⸗ ſo ſeiner Tochter gor. Bey den Höttern, ein reizen⸗ des Geſchöpf! Das Gerücht hatte mich bereits auf ſie aufmerkſam gemacht; ich fand dennoch in jedem Sinne mehr, als ich erwartet hatte. So viel Schön⸗ heit, ſo viel unausſprechliche Anmuth des Körvers und umgangs, und ſo viel Leichtſinn und Verkehrt⸗ heit der Geſinnungen! Die Tochter eines der erſten Nömiſchen Häuſer, die Abkönimlinginn ſo edler Ma⸗ tronen, im Anzug und den Umgebungen einer Grie⸗ chiſchen Hétäre, ³) und dennoch in Reden und Hand⸗ lungen vollkommener Anſtand und edle Weiblichkeit! Beſſer als alle übrigen Menſchen, die ich in Rom kennen gelernt habe, würde mir Septus Sulpicius, ein Römer aus einem altadeligen Geſchlechte, gefal⸗ len, wenü nicht ein Zug von Härte, und, ich fürchte zu ſagen, Eigennutz dieſen Character befleckte. Eine liebenswürdige Tochter hat er, ohne auf ihr Glück Rückſicht zu nehmen, ſeinen Planen geopfert. Sul⸗ pieia ſoll ſchön, tugendhaft, und in der Verbindung mit einem armſeligen Weichling aus dem Anieiſchen Hauſe ſehr unglücklich ſeyn. Ich freue mich, ſie bald kennen zu lernen. Unſer Freund Tiridates iſt auch der ihrige. Ob er ihr noch mehr iſt, mag ich nicht erforſchen, weil ich mir die Achtung für ſie 2 rein erhalten möchte. Meinem Vater habe ich bereite wey Mahl ein Mahl aus Corinth mit einem zurückgehenden Schif⸗ fe⸗ nd vor mehreren Tagen aus S Die Ehrfurcht, die ich ihm als Sohn ſchuldig bin, will ich wiſſentlich nie verletzen. übrigens kann ich keider von dem, was er wünſcht, nichts thun. Ich kann nicht leben und handeln wie er, denn ich kann nicht denken und fühlen wie er; und die gänzliche Umſtimmung eines feſten Gemüthes iſt nicht das Werk der überredung oder des Zwanges. Umſtän⸗ de, Zeit, Verlockung könnten etwas thun; aber wo die überzengung des Rechts ſo unerſchütterlich ge⸗ gründet iſt, wie in mir, iſt auch von dieſen nichts für mich zu fürchten, für ihn nichts zu hoffen. Er hat mich aus Nikomedien fortgeſchickt, um in an⸗ dern Ländern durch Erfahrung zu lernen, daß mei⸗ ne Denkart abenteuerlich, meine Forderungen an die Menſchen überſpannt, meine Begriffe von öffent⸗ lichem Wohl thöricht ſeyen. Ich habe ihm gehorcht. Laß mich geſtehn, daß mich dieſer Gehorſam nichts koſtete; denn in meinem Innern war eine Stim⸗ me, die mir ſagte, daß Vater und Sohn nicht ſo von einander denken, und wenn ſie ſo denken, nicht beyſammen leben ſollten. Meine Anſicht aber wird ewig dieſelbe bleiben. Rom wenigſtens wird nichts daran ändern. Wie widerlich mir dieſe Stadt mit ihren Einwohnern iſt, kann ich dir nicht ſagen. Auch glaube ich gern, was ſchon Tiridates— mit dem al⸗ lein ich hier in dieſem Sammelplatze von Laſtern und Agath. 1. Th. 8 cẽhorheiten leben und reden mag— gegen mich be⸗ hauptete, daß gerade der ſcharfe Gegenſatz des Einſt und Jetzt, der in dieſen verächtlichen Nachkommen würdiger Väter ſo grell in die Augen ſpringt, mei⸗ n Abneigung gegen ſie noch vergrößert. Nein, wahr⸗ lich, Phocion! mein Vater hätte mich nicht nach Rom ſchicken ſollen. Indeß bin ich, im Ganzen genommen, doch nicht ungern hier. Ich lerne viel, ſammle Erfahrungen, ſehe manches Denkmahl der Kunſt und beſſern Zeit⸗ und rhe mit vielen unterrichteten Männern um. . Meine Stunden ſind regelmäßig unter Geiſtes⸗ und örperübungen, Genuß und Anſtrengung getheilt. Du weißt, ich brauche nur Muße und Freyheit, um zufrieden zu ſeyn. Zufrieden! Mehr kann und ſoll ja der Menſch nicht verlangen. Und iſt nicht jeder nur ſo glücklich, als er ſelbſt dafür hält? Wenn auch man⸗ ches Mahl trübe Gedanken in meiner Seele aufſtei⸗ gen, ſo iſt es übung der innern Kraft, ſie zu bekäm⸗ pfen. Der Menſch iſt nicht zum Glück geboren; ſeine Beſtimmung iſt, gut zu ſeyn. Zur Güte führt die Weisheit, zur Weisheit Freyheit von Bedürfniſſen, Das laß uns nie vergeſſen, daran laß uns feſthalten, und was dann über uns ergehen mag, mit muthi⸗ gem Sinn und heiterer Stirn erwgrten! Fünfter Brief. Derſelbe an denſelben. Rom im Februar 30 Mein Vater war krank, ſchreibſt du mirz aber er iſt wieder auf dem Wege der Beſſerung. Dank den himmliſchen Mächten, die unſer Schickſal leiten! Es würde mich ſehr geſchmerzt haben, ihn in den letz⸗ ten Augenblicken nicht geſehen, und ſeinen Segen, ſeine volle Verzeihung nicht erhalten zu haben. Er iſt doch mein Vater, und was auch zwiſchen uns ob⸗ waltet, ſo behauptet die Natur in ernſten Momen⸗ ten ihre vollen Rechte, und ich fühle an der Freu⸗ de, welche mir ſeine Geneſung verurſacht, was für Bitterkeit ſein entfernter einſamer Tod durch mein Leben gegoſſen haben würde. Sein Betragen während der Krankheit iſt dir ſo ſehr aufgefallen? Mir nicht. Seine Philoſophie iſt, wie bey vislen Menſchen unſrer Zeit, nie Wir⸗ 3 kung von Grundſätzen, ſondern Folge der Bequem⸗ lichkeit geweſen. Er hat dem Tempel zu Delphi ei⸗ nen Dreyfuß gelobt, und dem Isculap einen Hahn geopfert,*0) er, der ſonſt Götter und Götterdienſt als leere Schattenbilder verachtete, hingeſtellt um einen blinden Pöbel in Hoffnung und Furcht zu er⸗ halten? Wcs er gethan hat, werden Tauſende thun⸗ Das iſt das Verderben der Zeit, daß ſie in den Staub tritt, was der Vorwelt heilig war, und nichts hat⸗ den ungeheuren Verluſt zu erſetzen. Was auch die Meinung des Pöbels von ſeinen Göttern iſt— laß ſie ihm, wenn du ihm nichts Beſſeres zu geben haſt! Und wer hat das? Das Licht, das uns in den Eleu⸗ ſiniſchen Geheimniſſen leuchtete, iſt Etwas, aber immer wenig für den dürſtenden Geiſt, der hier an der Quelle zu trinken ſich ſehnt und ängſtigt. Es iſt kein kleiner Theil des Kummers, der oft meine ein⸗ ſamen Stunden verdunkelt, hier ſo ganz in Nacht zu tappen. Ich ſinne und ſtrebe und kämpfe meinen Geiſt müde; und verſinke ich in eine Art von Be⸗ täubung, dann iſt der Gedanke, daß ſo viele große Männer der Vorzeit nicht mehr wußten, dem er⸗ matteten Sinn Beruhigung, bis eine neue Anre⸗ gung meine Zweifel auf's neue ſtürmiſch empor⸗ treibt, und die Stille meiner Seele ſtört. 3 Wenn nur irgend eine Leidenſchaft, ein würdi⸗ ————— — ger Gegenſtand des Ehrgeizes, der Liebe oder Freundſchaft meinem unſtäten Willen eine beſtimm⸗ te Richtung, meinen Kräften einen angemeſſenen Zweck darböthe! Du biſt entſernt, du, der allein mich verſteht. Hier bin ich gaz einſam. Tiridates iſt unſtreitig liebenswürdig, und ich glaube, hät⸗ ten wir uns jünger gekannt, wir wären viel⸗ leicht Freunde geworden. Das, was uns jetzt trennt, und unſere vollkommene Vereinigung hin⸗ dert, liegt nicht ſowohl in unſerm Innern, als es von außen angebildet worden iſt. Denn über alles, was dem Menſchen, als ſolchem, werth, unſchätz⸗ bar, heilig iſt, denken wir ganz gleich. Aber der frohmüthige Königsſohn, am Hrientaliſch⸗ präch⸗ tigen Hofe Dioeletians, in der Gunſt des Cäſar Galerius, in Hoffnungen auf den Thron ſeiner Vä⸗ ter erzogen, kann niemahls mit dem unberühmten Sohn des Privatmannes, den Erziehung und Um⸗ ſtände auf einen ganz andern Standpunect geſtellt haben, die Dinge der Welt in einem gleichen Lich⸗ te ſehen. Wir lieben uns, das iſt viel; aber nicht genug für mein Herz, nicht genug für ſeines, das außer mir noch Manches bedarf, und auch geſucht und gefunden hat. Er liebt Sulpicien, das un⸗ glückliche, aber bis dahin tugendhafte Weib eines Andern. — Galpurnien terne ich täglich näher kennen, und täglich entfaltet ſich ihr Charakter mehr der erſten Anſicht gemäß, unter der er mir ſogleich erſchienen war. Sie iſt nicht ohne Verdienſt, aber ſie iſt un⸗ beſchreiblich teichtſinnig, und das Größte und Wür⸗ digſte muß, wenn ſie die Laune anwandelt, ihrem Witz ebeir ſowohl zum Spielwerk dienen, als das Gemeine und Lächerliche. Wir ſind im ewigen Streite mit einander, wir ſcheinen uns zu haſſen; doch weiß ich wohl, daß wir uns im Grunde beyde achten, aber nie— nie nähern werden. Ehrenſtellen zu ſuchen, bey dieſer Entartung des Gemeinweſens, bey dieſer Auflöſung aller hei⸗ ligen Bande, kann nur Eigennutz oder Ruhmſucht anreitzen. Vaterlandsliebe iſt ein leerer Schall, und Wirken zum Beſten des Ganzen ein kindiſcher Traum geworden, ſeit ein Einziger mit unaus⸗ weichbarer Gewalt alle Macht i in Händen hat, und Senat, Patricier und Volk eine folgſame Herde Selaven iſt, dieſer Senat, der mit derſelben Be⸗ reitwilligkeit die Mörder des Caligula belohnt, und die Vergötterung eines Caracalla**) unter⸗ zeichnet!— O, Tiber het ihn wohl gekannt und verachtet! Und wie tief unter jenem ſteht noch der jetzige, dieſes willenloſe Spielwerk der Laune eines 1. Kinzigen⸗ oder des rohen iwerinutht der v rianer! Ich haſſe die Tyranney, ich fühle mit Scn daß mich das Schickſal um vier oder fünf Jahr⸗ hunderte zu ſpät geboren weyden. ließ. Dennoch muß ich Diveletian bewundern. deſſen Rieſengeiſt und vorzügliche Herrſchergaben nicht allein den ganzen Erdkreis, ſo weit ihn gebildete Nationen bewohnen, ſondern, was noch mehr iſt, die Lei⸗ denſchaften derjenigen in Zaum halten, denen Nä⸗ he des Throns und oft wiederhohltes VBryſpiel ei⸗ ne ewige Anreizung zu kühnen Verſuchen ſeyn könn⸗ ten. Doch, ſcheint mir, die Würde der Römiſchen Macht, die der außerordentliche Geiſt dieſes Man⸗ nes aus zerfallenden Trümmern herrſchend hervor⸗ rief, wird wohl mit dieſem Geiſte ſtehen und ſin⸗ ken. Nicht Mapiminians rohe Kraft, nicht Gale⸗ rius düſteres Gemüth, nicht der weiche Conſtan⸗ tius ſind der ungeheuren Laſt gewachſen. Jetzt be⸗ hauptet jeder, von des Herrſchers Klugheit wohl gewählt, den angewieſenen Platz mit Ehre, und bewegt ſich leicht und kräftig in ſeinem Kreis. Doch das iſt Täuſchung. Es ſind nicht ſowohl zwey Au⸗ guſte und zwey Cäſaren, die die Römiſche Welt theilend regieren: es iſt Ein gewaltiges Genie, das durch die Andern, wie die Seele durch Orga⸗ ne, wirkt. Was entſtehen wird, wenn einſt dieſe Seele entweicht, liegt im Dunkel der Zukunft ver⸗ borgen. Erfreulich kann es auf keinen Fall ſeyn. Sieh, das iſt unſer Unglück, daß wir, Bewoh⸗ ner eines Freyſtaates, ſo weit gekommen ſind, den Tod eines Aleitherrſchers fürchten zu müſſen, daß an Einem Geiſte das Schickſal der Welt hängt⸗ und in dem von Grund aus verderbten Volke, das einſt den ganzen Erdkreis durch ſeine Helden erober⸗ te, durch ſeine Staatsmänner regierte, ein ſolcher Verluſt unerſetzlich iſt. Sein Tod wird das künſt⸗ liche Band zerreißen, womit er die zerfallenden Glieder des Rieſenkörpers wider den Geiſt der Zeit und die Umſtände gewaltſam zuſammenhielt, und den Barbaren, die neidiſch und gierig unſere Gren⸗ zen umlauern, ſcheue Ehrfurcht geboth. Trüb und düſter liegt die Zukunft vor mir, die Gegenwart iſt ſchal, die Vergangenheit ohne Freuden; denn meine Kindheit und erſte Jugend ſchwanden unter feindlichen Umgebungen hin. Wo ſoll mein Geiſt ſich hinwenden? Phocion! Ich bin nicht glücklich, und mit un⸗ endlichen Schmerzen fühle ich, daß die Quelle meines Unglücks nicht ſowohl in der Welt um mich, als in mir ſelbſt liegt. Tauſende an meinem Platze würden vergnügt ſeyn, ſind es wirklich. Ich X trage Begriffe, Forderungen, Geſtalten in meiner 5 Bruſt, die nimmermehr zu dem paſſen, was um mich vorgeht. Ich bin in ewigem Kampfe mit der Wirklichkeit, und ſie rächt ſich nur zu bitter an dem, der ihre Freuden verſchmäht! Und wie ſoll ich's ändern? Kann ich mich umgrſtälten? O war⸗ um ward mir nicht ein kleinet Theil des holden Leichtſinns zum Looſe, der die reizende Calpurnia ſo ſanft über alle Unannehmlichkeiten des Le bens hinwegführt. Dem trüben Geiſt, in quälenden cedarten ver⸗ ſunken, erſcheint nur ein einziges Bild aus der Nacht der Vergangenheit, das ihn ſanft und freund⸗ lich anlächelt, dann ſchnell verſchwindet, und den brennenden Schmerz in ſüße Wehmuth löſet. Als ich ein Kind war, lange ehe mein Vater mich deiner Leitung übergab, wohnte dicht an un⸗ ſerm Hauſe Timantias, ein edler Nikomedier, der eine der erſten Würden im Staate bekleidete. Mein Vater und er waren Freunde, wenigſtens was man gewöhnlich ſo nennk, ſeine Kinder unſre Spielge⸗ fährten. Mich hielten ein ſchwächlicher Körperbau, das Erbtheil einer früh verblichenen Mutter, und meine Gemüthsſtimmung von wilderen Spielen ab, in denen meine früh verſtorbenen Brüder mit Timantias Söhnen die Jugendkräfte freudig übten. 2—. Lariſſa, Timantias Tochter, blieb dann bey mir, ihr ſanftes Gemüth fand Vergnügen darin, mich nicht zu verlaſſen. Wir ſpielten zuſammen, oder ſie beredete mit der unwiderſtehlichen Macht der Güte 1 die übrigen, ein Spiel ruhigerer Art zu wählet⸗ So ſorgte ſie für mich, liebte mich, und erfüllte mein Herz mit ſüßen Empfindungen. Wir wuchſen heran, unſere Neigungen wuchſen mit uns. Da trat das Schickſal feindlich zwiſchen uns. Timah⸗ tias wurde eines Verbrechens wegen angeklagt. Ob wirkliches Vergehen, oder ſeine großen Reichthü⸗ mer, eine mächtige Verſuchung für den habſüchti⸗ gen Proconſul Siſenna Statilius, daran Urſachs waren, iſt nie bekannt worden⸗ Er wurde ins Ge⸗ fängniß geworfen. Mein Vater brach allen Um⸗ gang mit der geächteten Familie ab. Ich und La⸗ riſſa ſahen uns nur verſtohlen, und mit deſto größe⸗ rer Sehnſucht an den Hecken, die unſre Gärten ſchieden. Endlich nach vierzehn Monden gefängli⸗ cher Haft wurde Timantias, aus Schonung, wie es hieß, indem er des Todes ſchuldig befunden wor⸗ den, mit ſeiner Familie verbannt, ſeine großen Güter eingezogen. Siſenna Statilius brachte ſein Haus, das neben dem unſern lag, um einen gerin⸗ gen Preis an ſich, und mein Vater unterhielt die⸗ ſelbe Freundſchaft mit ihm, die er mit Timantias N gepflogen hatte. Ich war nicht zu bereden, das Haus wieder zu betreten, wo mir die Geiſter der Vertriebenen, Rache fordernd, zu ſchweben ſchler nen. Dieſer Eigenſinn des achtzehnjährigen Jüng⸗ lings war eine von den Häupkquellen des ewigen Zwiſtes zwiſchen meinem Vaker und mir. Acht Jah⸗ re ſind verſtrichen; keine Spur von Timantias Schickſal iſt mehr zu ebforſchen geweſen. Ob Lariſ⸗ ſa glücklich, ob ſie vermählt, ob ſie überhaupt noch am Leben ſey, ſo wichtig mir dieſe Fragen. vft er⸗ ſcheinen, niemand weiß ſie zu beantworten. Alle Nachforſchungen, die ich anſtellte, waren fruchtlos. Doch lebt ihr Andenken in meiner Bruſt, als der einzige helle Punct in meinem Schickſale. Und auch der mußte verſchwinden! Leb wohl! Calpurnia an Sulpicien. Nom, im Februar 501. Noch gerade wird mir Dein Aufenthalt in Bajä und Deine lange Abweſenheit unerträglich. Ich hät⸗ te Dir ſo viel zu ſagen, ſo viel zu erzählen, und muß mich mit Schreiben, dieſem armſeligen Be⸗ helf für ein volles Herz, begnügen. Auch Serra⸗ nus fängt an, über Dein Außenbleiben unmuthig zu werden. Zwar weiß er wohl, daß Du weit mehr Geſchäfte gefunden haſt, und der Zuſtand eurer Villa weit zerrütteter iſt, als ihr anfänglich glaub⸗ tet; dennoch meint er, könnteſt Du jetzt fertig ſeyn⸗ oder was allenfalls noch zu thun übrigt, auf ein anderes Mahl laſſen. Es iſt doch eir gutes Weſen, . dieſer Serranus, und Dir von Ferzen zugethan. . Er weiß, daß Du den Prinzen oft in Bajä geſe⸗ hen haſt, und— es ſcheint, er frenet ſich darüber⸗ X — — 6—„. daß Du doch in Deiner Einſamkeit nicht ohne um⸗ gang warſt. Auch ſchätzt er Dich viel zu ſehr, um nicht den Gedanken, Dein Verhältniß zu Tiridates könnte etwas mehr als Freundſchäft ſeyn, für Hoch⸗ verrath an Dir zu halten. Wit haben geſtern, als er zu mir kam, um ſich mit nir über Deine Ab⸗ weſenheit zu berathen und zu beklägen, recht viel mit einander von Dir geſprochen. Er wird Dir nächſtens ſchreiben, und Dich recht dringend bit⸗ ten, nach Hauſe zu kommen; denn ſeine Sulpicio⸗ la, wie er Dich nennt, mangelt ihm überall. Auch mir mangelſt Du recht ſehr. In mir iſt eine Art von Veränderung vorgegängen, über die ich gern mit Dir ſprechen möchte. Es iſt nicht mehr Alles, wie es war. Ich ärgere mich darüber, und kann doch nicht wünſchen, daß es nicht geſchehen ſeyn möchte. Ich bin jetzt manches Mahl ſehrernſtz ich kann ſtundenlang über tiefſinnige Dinge recht tiefſinnig ſprechen. Ich lache ſeltener, und finde ſo⸗ gar Vergnügen an manchen Ideen, die ich ſonſt, als ich noch ganz Calpurnia war, als überſpannt verſpottete. Das macht bloß der Umgang. Man achte ja dieſe leiſe und langſame Gewalt, eben weil ſie unbemerkt wirkt, nicht für gering; man glaube nur ja nicht, ſich vor ihrem ſtillen Einfluſſe bewah⸗ ren zu können. Wie der Bewohner der einen Pro⸗ vinz, in eine andere verpflanzt, nach und nach, oh⸗ us es ſelbſt zu wiſſen, ſeine Sitte, ſeine Tracht. ſogar ſeine Sprache nach dem Gebrauche und Dia⸗ loct dieſes Landes modelt, und ſo unvermerkt mit den Eingebornen vetſchmilzt, ſo nehmen wir auch eicht und unierklich die Gedankenreihe, die An⸗ ſichten⸗ ja bis⸗ auf die Nedensarten unſerer Freun⸗ de an, und ſehen erſt nach einiger Zeit mit Erſtau⸗ nen die Underung, die mit uns vorgegangen iſt. Aßathokles— wie komme ich eben jetzt auf ihn? — iſt recht viel bey mir. Wir plaudern recht oft, recht lange, recht anziehend mit einander, und mei⸗ ne Eitelkeit müßte mich ganzs ſchrecklich irre führen⸗ wenn ich nicht glauben ſollte, er finde wenigſtens 4 eben ſo viel Vergnügen an meinem Umgang, als ich an dem ſeinen. Vielleicht eben des grellen Ab⸗ ſtandes wegen, der im Anfange zwiſchen unſern Charakteren zu ſeyn ſchien? Schien! ſage ich mit Vorbedacht; denn es zeigt ſich immer deutli⸗ cher, daß wir im Grunde über die meiſten und wichtigſten Dinge ziemlich gleich denken. Zuweilen 2 entſteht wohl ein kleiner Streit; aber das dient nur, den Umtauſch der Gedanken zu befördern, und die Unterhaltung zu beleben. übrigens ſcha⸗ det es unſerer Einigkeit nicht. Agathokles iſt, wenn er bey genauerer Bekanntſchaft die ſpröde Außen⸗ X 3 ſeite ablegt, ein ſehr angenehmer Sennſceſte Unter andern lieſet und declamirt er vortrefflich,. und es iſt einer meiner köſtlichſten Genüſſe, mir von ihm die beſten Stellen aus unſern Dichtern, die er faſt alle auswendig wriß, vorſagen zu laſ⸗ ſen. Zuweilen löſe ich ihn auch wohl ab. Du weißt, es war von jeher eine Lieblingsübüng von mir. Und dann, liebe Sulpicia, unter uus geſagt, geht meine Eitelkeit nicht leer aus. Ich ſehe, oder ei⸗ gentlich, ich fühle wohl, daß die Leſerinn ihn weit mehr anzieht, als der Dichter ſelbſt; und je ſtren⸗ ger der Mann gewöhnlich iſt, je ſüßer ſchmeichelt es, dieſes Eis am Strahle der Freundſchaft ſchmelzen zu ſehen. Freundſchaft! Merke das Wort wohl, liebe Sulpicia! Keine Liebe; denn ich bin ſeine Vertraute, und weiß, daß ſein Herz, wie es einem echten Schwärmer geziemt, theils der ganzen Menſchheit angehört, theils mit ſeinen fei⸗ ueren Neigungen einem ſchönen Schattenbilde zu⸗ gewandt iſt, das noch aus den roſigen Tagen der Kindheit in himmliſchem Lichte vor ſeiner Seele ſchwebt, und ihn für alle irdiſchen Reize unem⸗ pfindlich macht. Du ſiehſt, ich weiß ſchon Man⸗ ches, und habe damit nicht auf Deine Ankunft war⸗ ten dürfen. Nein, ich habe ihm einen Theil ſeiner Geheimniſſe mit freundlicher Herzlichkeit abgefragt, 0 hebe den Kummer bemerkt, der ſein edles Herz drückt, und ihn zu erforſchen geſucht, und er hat ſich der ungeheuchelten Theilnahme wahrer Freund⸗ ſchaft nicht verſchloſſen. Seine Unzufriedenheit mit dem Zeitalter, ſeine Beſorgniſſe für die Zu⸗ unft, ſeine Brauer um die beſſere Vergangenheit, ſind jetzt nicht mehr Gegenſtand unſeres Streites, und die Zielſcheibe meines Scherzes⸗ Seit ich weiß⸗ wie tiefen Antheil mein Freund an ihnen nimmt⸗ wird über dieſe Materien ernſt und würdig geſpro⸗ chen, und mit Vergnügen ſehe ich dann am Ende eines ſolchen Geſpräches die Gewitterwolken, die im Anfange ſeine Stirn umsogen, verſchwinden, und ſeinen Blick mir freundlich und dankbar ſtrah⸗ len. Sogar ſein geſpanntes Verhältniß zu ſeinem Vater hat er, freylich nur leiſe, berührt, und ich achte ſeine Zurückhaltung in dieſem Punecte, und dringe nicht weiter in ihn⸗ Scheint es doch, er hät⸗ te willig alles, worüber er Herr war, der Freun⸗ dinn mitgetheilt, und halte nur mit dem zurück, was er nicht ganz ſein nennen kann! Gekannt möchte ich das Mädchen wohl haben, das ſeine Kindheit und erſte Jugend verſchönerte. Schön iſt ſie nicht geweſen, das ſagt er ſelbſt⸗ aber gut und höchſt liebenswürdig. Nun das verſteht ſich von ſelbſt, wenn ein Liebhaber ſie ſchildert. Bis X . in ſein achtzehntes Jahr iſt er mit ihr umgegan⸗ gen; ſeitdem hat er ßie nicht wieder geſehen. Ob nun gleich die folgenden acht Jahre für ſeine Ent⸗ wickelung ſicher die bedeutendſten waren, ſo iſt doch ein Jüngling, wie Agathokles, mit achtzehn Jahren reif genug, um einen ſolchen Eindruck auf zeitlebens feſt zu halten. Das kann ihm bey der Wahl ſeiner künftigen Gattinn immer ſchaden, oder auch nützen— wie Du willſt; denn es wird ihn behutſam und ekel machen. Ich finde es nicht übel, wenn ein Jüngling ein idealiſches Bild von Wür⸗ de, Größe, Tugend in ſeiner Bruſt trägt, und die Welt um ihn her an dieſem großen Maßſtabe mißt. Er und ſie gewinnen dabey; denn er wird nichts Gemeines, und nichts gemein thun. Mag das Ideal nun die Geſtalt irgend eines berühmten Man⸗ nes, eines großen Helden, wie Miltiades dem Themiſtokles 12) war, oder eines holden Weibes tragen; das iſt in Rückſicht der Wirkung einerley. Du ſiehſt, Liebe, wie gelaſſen, wie wahrhaft philoſophiſch ich die Sache betrachte. Hörſt Du wohl? Philoſophiſch! Du mußt mir das Wort gelten laſſen. Es bezeichnet ganz eigentlich das, was ich andeuten will. Philoſophie iſt Liebe zur Weis⸗ heit. Und iſt der nicht weiſe zu nennen, der ſich be⸗ müht, mit klarer ruhiger überlegung alle Dinge Agath. I. Th. 4 3 55 cuf der Welt in den gehörigen Beziehungen und Abſtänden von ſich zu ſtellen, und zu erhalten?. Das allein führt zur Gemüthsruhe; und nur beh Gemüthsruhe kann Weisheit wohnen. Nach dieſer Erklärung, die mir ziemlich richtig ſcheint, käme es nun darauf an, zu beſtimmen, wer eher Anſpruch auf den Litèl eines Philoſophen machen kann, ihr eidenſchaftlichen Seelen, die ihr Alles mit düſterm Ernſte betrachtet, die Welt als einen ewigen Kampf⸗ platz der Tugend mit dem Unglück oder Laſter an⸗ ſeht, und Alles ſchwer ertraget, weil ihr eben Al⸗ les recht ſchwer nehmt, oder wir andern frohmü⸗ thigen Geſchöpfe, die wir uns von keiner Sache tiefer bewegen laſſen, als ſie es verdient, vor allen 5 Dingen den Erſcheinungen in dieſer Welt die trie⸗ geriſche Maske abziehen, die ihnen Vorurtheil, Leidenſchaft, Phantaſie anlegen, und dann, wena wir den ſchrecklichen Rieſen auf ſeine wahre Zwerg⸗ geſtalt herabgebracht haben, zuſehen, wie wir mit ihm ferrig werden wollen? Jetzt will ich Dir auch eine Stelle aus Deinem erſten Briefe, die mich damahls faſt ein wenig verdroß, zurückgeben. Laß 3 uns den eitlen Stolz auf Syſteme aufgeben, ſchreibſt Du. Wir ſind nicht, was wir wollen, ſondern was wir können. Laß uns, ſage ich Dir, nicht hinter Entſchuldigungen des Unvermögens flüchten, — 5 wo wir thätig ſeyn, und handeln ſollen! Wie vft, ich gebrauche mich der Waffen Deines großen ſivi⸗ ſchen Lehrers, wie oft iſt Nichtwollen die urſa che, Nichtkönnen der Vorwand! 13). Sieh, Sulpicia, ich fühle, daß Agathokles mehr Bedeutung für mich bekommen könnte, als nach der Kenntniß, die ich von feinem Herzen und unſern gegenſeitigen Verhältniſſen habe; mit mei⸗ ner Ruhe beſtehen kann. Ich ſage es aufrichtig; denn warum ſollte ich mich der Neigung zu einem der edelſten Sterblichen ſchämen? Aber eben darum werde ich mich und ihn ſtrenge bewachen, und nie ſoll Leidenſchaft und ausſchließende Liebe die ſchöne Stille ſtören, in der allein mir ſo wo hl iſt. Freund⸗ ſchaft, Achtung, zwangloſer gebildeter Umgang, das iſt alles, weſſen ich bedarf, um glücklich zu bleiben. Das wollte ich ſuchen, das habe ich ge⸗ funden, und will es mir erhalten. Leb wohl! Siebenter Brief. Sulpicia an Calpurnien. Bajä, im Februar 301. 3 We⸗ ſoll ich ſagen, Calpurnia? Soll ich mehr das Glück Deines frohen Sinnes bewundern, oder Deine ungeheure Anmaßung bedauernd anſtaunen?. Du fängſt an zu lieben, ja Du liebſt bereits, Du bleibſt in der Gegenwart des geliebten Gegenſtan⸗ des, und darfſt es wagen, Deinen Gefühlen ſo na⸗ he, oder überhaupt nur einige Grenzen ſetzen zu wollen? Entweder Du irreſt ſchrecklich⸗ und wirſt nur zu früh aus Deinem ſorgloſen Schlummer er⸗. wachen, oder— Du biſt die glücklichſte Sterbliche, die jemahls gelebt hat, und leben wird. Aber Du, die Du unſre Tragiker auswendig weißt, kennſt Du die Stelle nicht: Ich fürchte die Götter, wenn ſie allzugünſtig ſind?*4) Daß Du und Agathokles einander näher kom⸗ N men, daß ihr euch, trotz der Verſchiedenheit. ode eben um der Verſchiedenheit eurer Gemüther gen, wechſelſeitig anziehen würdet, das habe ich vorgeſehn, als Tiridates mir nebſt der Schilde⸗ rung ſeines Freundes die Nachricht brachte, daß er als Gaſtfreund in eurem Hauſe lebe. Daß Du aber auch mit dieſer Empfindung, mit der Rei⸗ gung zu einem Agathokles, wie bisher mit allen übrigen, nach Gefallen zu ſpielen, ſie zu lenken und zu drehen hoffen kannſt— das hatte ich nicht erwartet. Was denkſt Du denn von der Liebe? Welche Begriffe machſt Du Dir von ihr? O daß die Stimme einer unglücklichen Freundinn die Kraft hätte, Dich zu warnen, da es noch Zeit iſt! Ja, die Liebe iſt die ſchönſte, die ſeligſte Empfin⸗ dung, deren das menſchliche Herz fähig iſt; ſie iſt es, die den armen Sterblichen auf Augenblicke ſei⸗ ner dürftigen Exiſtenz vergeſſen läßt, und ihn in den Aufenthalt der ſeligen Götter zu ihren Freu⸗ den entzückt. Aber— dieſe Freuden ſind nicht für den Sohn der harten Erde, für das zu Mühe und Sorgen beſtimmte Geſchlecht des Deucalion 2³) gemacht! Die Götter ſtrafen den Eingriff in ihre Rechte, und ſtoſſen den Frevler, der in dieſer ſterb⸗ lichen Hülle ſich an ihren Tiſch drängen wollte, in den Tartarus hinab. Sieh hier den wahren Sinn * der Fabel des Tantalus, oder Prometheus, der den himmliſchen Funken ſtahl, um die Gebilde ſei⸗ uer Hand damit zu beleben! Nicht das ſtolze, kal⸗ te Vorrecht der Vernunft— die Seligkeit der Lie⸗ be, die ganz eigentlich das Glück des denkenden We⸗ ſens ausmacht, war es, womit er ſeine Geſchöpfe weit glücklicher zu machen dachte. Aber die Himm⸗ itſchen ſträften den Raub, und Prometheus büßte durch unendliche Martern, was er in einem ſchö⸗ nen Augenblick verbrach. Ja, unendliche Martern liegen unter den rei⸗ zenden Blumen der Liebe verborgen! Das fühle ich, das wirſt auch Du fühlen, und darum möchte ich warnen, rufon, flehen: Zieh Dich zurück, ſo lange es noch Zeit iſt, wenn Du nicht die größte Wahrſcheinlichkeit eines glücklichen Erfolgs haſt! Siehſt Du aber den, liebt Dich Agathokles wie Du ihn, ſtellt ſich eurer Verbindung kein anderes Hinderniß in den Weg— o dann gehe hin⸗ Du Liebling der Götter, genieße Deines Glückes, un⸗ beneidet von der trauernden Freundinn, der kein ſo ſchönes Loos ſiel, die aber an Deiner Freude ſich mitfreuen wird! Genieße es, aber gedenke der Nemeſis,*6) und laß die heilige Scheu, die Furcht, es zu verlieren, Dir ſeine Dauer verſöhnend ſichern! O meine Calpurnia! Wie will ich mich freuen⸗ N . wenn ich Dich glücklich weiß! Du n biſt gut, ſchön⸗ liebenswürdig. Vielleicht haben die Götter Dich zu dein höchſten Glück beſtimmt, das ihre Huld dem Menſchen geben kann. Sein Abglanz ſoll mei⸗ ne Nacht erhellen. Tiridates iſt ſeit vorgeſtern von hier fort, um nach Rom zu gehen, und ſich auf ei⸗ ne lange Reiſe zu bereiten. Cäfar Galerius hat ihn nach Nikomedien beſchieden. Es ſollen neue Verſuche gemacht werden, vom Kaiſer und Senat ſeine Einſetzung auf den Thron ſeiner Väter zu bewirken. 7) Es ſoll ein Heer gerüſtet weiden; den Perſern iſt der Krieg angekündet, in Armenien ſind wichtige Dinge vorgefallen, Verſchwörungen für und wider das Geſchlecht der Arſaciden. Wel⸗ che Blitze aus den Wolken brechen werden, die ſich von allen Seiten an unſerm Horizont herauf zie⸗ hen, wiſſen nur die Götter. Wir müſſen in gedul⸗ diger Ergebung zitternd erwarten, wen und wie der Schlag treffen ſoll. O welches traurige Loos, wenn die Liebe eines unglücklichen Paares, in das Schickſal der Reiche und Nationen verwebt, von ihm ſtürmiſch fortgeriſſen wird, und nichts thun kann, als ſich blind dem unwiderſtehlichen Zuge hingeben! Calpurnia! Wie biſt Du auch in dieſem Stücke glücklich! Cure Liebe wird kein Tyrann ſtören, euer Bündniß wird nicht auf der beweg⸗ würde ich der ſchimmernden Ausſicht auf den Thron der Arſaciden entſagen, wie gern— wenn nur ein⸗ mahl die welken Bande, die mich an Serranus vinden, durch das Machtwort des Auguſtus gelö⸗ ſet wären— mich mit Tiridates in irgend einem ſtillen Winkel der Welt verbergen! Aber darf ich wohl dieſe Wünſche laut werden laſſen? Darf ich den zum Thron Gebornen⸗ den der heiße Wunſch der beſſern Mehrheit ſeines Volkes, den die Stim⸗ me der Weiſen unter den Römern, den endlich ſein hohes Gemüth mehr als alles das zum Herrſchen rufen, von ſeiner erhabenen Beſtimmung ablen⸗ Len, und ihn um meinetwillen in niedriges Dun⸗ kel begraben? Könnte ich dieſen Verrath an der Welt, an ſeinem Volke verantworten, und endlich, könnte ich hoffen, daß ein Hers, wie Tiridates, in dieſer ruhmloſen Abgeſchiedenheit glücklich ſeyn würde? und ſo muß ich ſchweigen, dulden, tragen⸗ das, was das Irgſte für liebende Herzen iſt, Trennung⸗ nchen Welle der Volksgunſi getragen. Kein ernſter 3 Wille einer Nation entſcheidet über euer Lvos. Ihr dürft euch im ſtillen Schatten des Privatlebens lieben, und miteinander leben, bis der Tod dieſe. Bande ſanft löſet, und eines nach dem andern in* das dunkle Reich der Nacht führet. O wie gern. N —— — 57 und Ungewißheit der Zukunft. Seit geſtern— wie ſtille, wie unendlich einſam iſt es um mich her! Rirgends höre ich mehr' die Stimme des Gelieb⸗ ten, nirgends begegnet mir mehr die theure Geſtalt in der kalten, beziehungsloſen Umgebung. Von al⸗ lem, was uns bevorſteht, kenne ich nur die Gefah⸗* ren, die Hinderniſſe, die Schrecken mit Gewißheit. O, meine Liebe, das ſind Schmerzen, von denen Du keinen Begriff haſt! Mögen die Götter Dich vor ihrer Kenntniß bewahren! Was iſt der Tod im Arm des Geliebten gegen dieſe Qual? Mit je⸗ dem Augenblicke ſterbe ich ein Mahl, denn jeden Augenblick rückt die lange, gefahrvolle Trennung näher; und ſo habe ich tauſend Mahl den Tod ge⸗ fühlt, ehe er kommen wird, ſich meiner wirklich zu erbarmen. Calpurnia! Ich bin ſehr gebeugt, und zu den Leiden eines zerriſſenen Gemüthes geſellt ſich ſeit einigen Tagen ein körperliches übelbefinden. Ob es bloß Zuwachs des erſtern, ob Folge desſelben und der vielen Verdrießlichkeiten ſey, die ich hier mit unſern Leuten, und beſonders mit Novius, unſerm Verwalter, einem durchaus böſen Men⸗ ſchen, hatte, weiß ich nicht. Genug, jetzt, da ich nach mehr als zwey Monathen wieder in Deine Arme zurückkehren, und den Geliebten vor der un⸗ endlichen Trennung vielleicht noch ein Mahl in Rom ſehen könnte, ſcheint meine zerrüttete Geſundheit mir auch dieſen letzten Trpſt verweigern zu wollen⸗ Ich habe an Serranus geſchrieben, und eine wohl⸗ geſchloſſene Sänfte beſtellt. Vielleicht kommt er ſelbſt, oder ſendet einen ſeiner Vertrauten, mich abzuhohlen. Das wäre mir ſehr angenehm, denn ich fürchte mich, krank und allein zu reiſen. Von den hieſigen Leuten mag ich niemand mitnehmen; ich habe ſie auf einer viel zu ſchlechten Seite ken⸗ nen gelernt. Wäre jene Hoffnung nicht, ich würde ohne weiters die Rückkehr meiner Geſundheit und der beſſern Jahreszeit hier erwarten⸗ Aber dieſe Ausſicht iſt auch auf ein bloßes Vielleicht nicht aufzugeben, und zwey Tage, mit dem Geliebten vor einer langen— ach! wer bürgt dafür?— viel⸗ leicht ewigen Trennung zugebracht, ſind mit keiner Frankheit, mit keinen Schmerzen, ja ſelbſt mit dem Tode nicht zu theuer erkauft. . „ *„% — 98 Achter Brief.. Calpurnia an Sulpicien. Rom im Febtuar 301. Jo habe Deiner überkunft wegen geſtern mit Ser⸗ ranus ſprechen wollen. Ich ſandte zu ihm; aber er iſt krank, und wirklich ſehr bekümmert, daß er, wie ſein erſter Vorſatz beym Empfange Deines Briefes war, Dich nicht ſelbſt abhohlen kann. Es waren wirklich ſchon alle Anſtalten zu ſeiner Reiſe getroffen, als er krank wurde. Jetzt alſo komme ich, Dich abzuhohlen; mein Vater hat es mir er⸗ laubt, unſer alter treuer Phädo, der Freygelaſſene meines Vaters, begleitet mich. Leb wohl! In vier Tagen bin ich bey Dir. ———— Reunter Brief. Agathokles an Phocion. Rom im Februar 301. Tiridates geht nach Mailand zum Eäſar Mapi⸗ mian, von da nach Nikomedien. Zum Perſiſchen Krriege werden eifrige Zurüſtungen gemacht. In ih⸗ nen ſieht Tiridates den Keim ſeiner künftigen Größe, die Hoffnung unumſchränkter Herrſchaft über das Reich ſeiner Väter. Galerins ſcheint ihn zu lieben⸗ wenn Menſchen, wie er, oder Cäſarn überhaupt, lieben können. Auch Diocletian iſt ihm nicht abge⸗ neigt. Sein ſchlauer Geiſt ſieht in Tiridates gegrün⸗ deten Anſprüchen einen ſchönen Vorwand, den über⸗ muth der Perſer, die ihm ſein Reich vorenthalten, zu demüthigen. Narſes trotzt auf ungeheure Heere, auf ſeines Ahnherrn Sapor allzugünſtiges Glück⸗ und die Gäſarn, eingedenk Valerians 48) ſchimpf⸗ 5 licher Gefangenſchaft und ſeines entehrenden Todes, . brennen, die alte Schmach in Perſerblut abzuſpüh⸗ —— len. So ſtehen beyde Völker einander gegenüber; che ſind gerecht, der Ausgang kann mir nicht gleich⸗ gültig ſeyn. Er gründet noch manche andre Hoff⸗ und nach der vorigen Niederlage des Galerius jſt das Auge der Welt auf dieſen entſcheidenden K Kampf gleicher Kräfte ängſtlich geheftet. Auch meines, Pho⸗ cion; und höher ſchlägt mein Herz bey dem Bilde künftiger Schlachten, großer Ereigniſſe, verhängniß⸗ voller Thaten, die für das Vaterland ſehr wichtig werden können⸗ Aber nicht allein des Vaterlandes Schicſal, auch“ das Schickſal des Freundes iſt's, was mich dieß Mahl lebhafter als je für dieſen Krieg bewegt. Tiridates Glück hängt davon ab. Ich liebe ihn; ſeine Anſprü⸗ nung auf den Fortgang ſeiner Waffen, die ihm wohl ſehr theuer, nach meiner Meinung aber nicht eben ſo gerecht iſt. Sulpicien, die er mit unausſprechli⸗ cher Heftigkeit liebt, denkt er durch eine Scheidung, die er durch die Einwirkung des Galerius zu erhal⸗ ten hofft, ihrem Manne zu entziehen, und dann auf den Armeniſchen Thron zu erheben. Es iſt Alles un⸗ ter ihnen verabredet und ſicher beſtimmt; nur Zeit und Gelegenheit wird erwartet. Mir iſt dieſe Sache widerlich, und ich würde einen vorzüglicheren Ruhm darin finden, gar nicht im Geheimniſſe zu ſeyn, wo abrathen vergebens, und zuſtimmen wider meine Denkart iſt. Nicht viel beſſer, als der Plan zu ei⸗ nem Ranbe, ſcheint mir dieſe Verabredung, durch überdachte Maßregeln einem Maune das zu neh⸗ men, was rechtmäßig ſein iſt. Mag immer Serra⸗ nus Sulpiciens ſchätzbaren Eigenſchaften kein glei⸗ ches Verdienſt entgegen zu ſetzen haben, und mit eben ſo viel Leichtſinn als Schwäche über Gebühr an arm⸗ ſeligen Vergnügungen hängen: ſie iſt nach den Rech⸗ ten der Väter⸗ nach ihres Vaters Willen, mit threr eigenen Zuſtimmung ſein Weib geworden, und ſoll es bleiben, bis gegenſeitige übereinkunft beyder Gat⸗ een ein Band zu löſen für gut ſindet, das nicht län⸗ ger mit ihrem Wohl beſtehen kann. Tritt einſt die⸗ ſer Fall ein, dann mag ſie aus ſeinem Hauſe in das eines Andern übergehen⸗ Was noch mehr als dieſe heimliche Falſchheit mich innerlich verdrießt, iſt der Leichtſinn, mit wel⸗ chem Calpurnia in dieſen Plan eingeht, und ihn, ſo viel ſie kann, unterſtützt. Was könnte dieſes Mäd⸗ chen ſeyn, wenn nicht allzugroße Leichtigkeit der Denkart, und ihr Hauptgrundſatz daß Behaglichkeit und Vergnügen der einzige und letzte Zweck unſers Daſeyns ſind, ſie über manches Erhabene und Ern⸗ ſte ſo ſpielend wegſhhrten. Sie hat viele achtungs⸗ werthe Vorzüge; ſie iſt eines hohen Grades von Men⸗ ſchenliebe, von Freundſchaft fähig; manches Opfer X — 63— ſogar bringt ſie mit feſtem Willen und heiterm Sinnz und mitten in dieſer würdigen Stimmutg geht ſie mit unbegreiflichem Leichtſinn zu Thorheiten und Uußerungen über, die mein Gefühl tief verwunden. Aber ſie iſt ſchön, Phocion! Sie iſt das ſchönſte Weib das ich je geſehen habe. Das fühle ich, und zürne mir ſelbſt, daß ich es ſo tief fühle. Wenn ſie, hinge⸗ goſſen auf ihr Ruhebett, die goldne Leyer im Arm, durch Ton und Geſang meine Sinne bezaubert, oder in begeiſterter Stellung, noch nnendlich reizender durch den ſeltnen Ernſt, der ihre Züge erhebt, ſchö⸗ ne Stellen aus unſern Dichtern herſagt, oder end⸗ lich, was ich zwar nur ein einziges Mahl ſah, im pantomimiſchen Tauz, wie eine Luftgeſtalt, daher⸗ ſchwebt, und in jeder Bewegung tauſend nahmen⸗ koſe Grazien entfaltet: o Phocion! wie ſchön iſt ſie dann! Nur Ein Mahl, wie ich dir fagte, ſah ich ſie ſo; denn trotz ihrer Epikuräiſchen Grundſätze hat ſie ein ſehr feines Gefühl für Schicklichkeit und weibli⸗ che Würde. Es war ein ſtiller traulicher Abend, kein fremder Zeuge außer mir gegenwärtig, als ſie auf vieles Bitten ihres ältern Bruders Lucius, der ihr Liebling zu ſeyn ſcheint, ihrem Vater, den Brü⸗ dern und mir bey verſchloſſenen Thüren dieß un⸗ endlich reizende Schauſpiel gab. Sie tanzt vortreſſ⸗ lich; noch anziehender aber ſind die Bewegungen hrer arme, ihr Mienenſpiel, ihre Geberben womit ſte ſprechend und unverkennbar dem Zuſeher die Fa⸗ bel des Stückes vergegenwärtigtJ ₰ Phocion, die⸗ ſer Eindruck wird nie aus inerSi ſchwinden. Iſt das aber recht? Soll ein Spiel unſrer Sin⸗ ne, eine angenehme Einwirkung auf äußere Orga⸗ e, denen kein deutlicher Begriff zum Grunde liegt, ermögend ſeyn, nicht allein mächtig auf den edlern Tcheil unſeres Selbſts zu wirken, ſondern ſogar die⸗ ſen Theit wider ſeine überzeugung mit ſich fortzu⸗ reißen, und zu Handlungen zu beſtimmen, die vor derprüfenden Verunft nicht beſtehen können? Was iſt der Menſch für ein armes, ſchwaches Geſchöpf! Ein Spiel, nicht allein des Schickſals, der allgewal⸗ tigen Natur, der Leidenſchaften— auch ein weit ver⸗ ächtlicheres ſeiner Sinne, die ſelbſt bey beſſeren Men⸗ ſchen ſich gegen die Vernunft empören. Unbegreiflicher Zauber der Schönheit! Was biß du? Ein Phantom, ein wandelbarer Begriff, abge⸗ ändert nach Clima und Zeit, weder aus der Natur der Menſchen beſtimmbar, noch überhaupt unter Regeln zu bringen! An den ſchönſten Geſtalten Grie⸗ chenlands geht der Bewohner der heißen Zone un⸗ gerührt vorüber, und was uns widrig erſcheint, ent⸗ zündet ſeine Einbildungskraft, und bezwingt ſein Herz. Und was iſt endlich Schönheit oder Reiz? — ,—— Dieſe oder jene unwillkürliche Geſtaltung des Kör⸗ pers, die Lage irgend einiger Muskeln, das zartere 4 oder gröbers Gewebe der Haut, oben ſo eine bloße Wirkung phyſiſchor Kräfte, jedem Einfluß der Ver⸗ nunft entzogen, als die Bildung eines Graſes, einer Blume, und eben ſo ohne Folge für den inneren Werth, der doch alleig den Menſchen zum Menſchen macht! Tauſend Mahl, Phocion, habe ich mir dieß geſagt, tauſend Mahl, wenn Calpurnia in ihren Rei⸗ zen vor mir ſchwebte, mich bemüht, die Natur und Quelle des mächtigen Eindrucks zu zergliedern, und ſo die Wirkung des Ganzen aufzuheben. Es ge⸗ lang auf einen Augenblick; im nächſten verſchwand alles Nachſinnen vor der allgewaltigen Macht der Schönheit. Phocion! Ich fange an, mit mir ſelbſt ſehr un⸗ zufrieden zu werden. Ich weiß beſtimmt, daß Cal⸗ purnia mich nie wahrhaft glücklich machen kann, und trotz dieſer feſten überzeugung—— Wie kann ich Tiridates tadeln, der auch nichts anders thut, als dem Eindrucke nachgeben, dem zu widerſtehn ihm Kraft und Wille fehlen? Wille? Fehlt mir dieſer? Nein, Phocion! dieſe Gerechtigkeit darf ich mir widerfahren laſſen. Ich will widerſtehn, und ich hoffe, ich werde es. Iſt kein Schild wider dieſe Reize in Vernunſt und Grund⸗ Agath. I. Th. 5 der ernſtlich will, entſtehen kann. CGalpurnia hat in dieſen Tagen einen Veweis gegeben, daß ſie nicht allein liebenswürdig ſey, daß ſie auch mit Kraft einen edlen Vorſatz auszuführen vermöge. Sulpicia lag krank in Bajä. Sie fürchte⸗ eee, allein in bloßer Begleitung ihrer Selaven nach Rom zurückzukehren. Serranus, durch eignes übel⸗ befinden abgehalten, konnte ſie nicht abhohlen. Da S entſchloß ſich Galpurnia, die Freundinn nicht zu ver⸗ laſſen. Des Vaters abgeneigter Wille ward durch Bitten und Flehen beſtürmt, und unter dem Schutze eines treuen Freygelaſſenen reiſete ſie im ungünſtig⸗ ſten Wetter, Tag und Nacht, nach Bajä, und brachte der kranken Freundinn Hülfe und Troſt. Am folgen⸗ den Morgen kehrte ſie in kleinen Tagereiſen mit ihr nach Nom zurück. Ich war zugegen, als ſie anlang⸗ ten. Tiridates, der kurz vorher wenig Hoffnung ge⸗ vabt hatte, ſeine Geliebte noch vor ſeiner Abreiſe zu ſehen, harrte ihrer mit Sehnſucht und Angſt. Sie traten ein. Phocion! Welche Gewalt auf der Erde dre nicht, daß ich dir das Wiederſehn dieſer ſeligen Unglücklichen beſchreibe, dieſes Entzücken, dieſen Schmerz, dieſe Götterwonne, dieſe Verzweiflung! Sie müſſen ſich trennen, und ihre Zukunſt liegt in ſiten zu finden, ſo übrigt die Flucht, die keinem. kann ſich mit der Allmacht der Liebe meſſen? For⸗ — 3. tieſem Dunkel. Entzündet und tief erregt von Auftritte, deſſen Zeuge ich war, gerührt von Cal⸗ purniens Edelmuth, wiederhohle ich es doch noch ein Mahl: Ich will ihrem Zauber widerſtehen, und ich hoffe, ich werde cs. Ein hohes Bild ſchwebt in ätheriſcher Klarheit vor meiner Seele. Lariſſa erſcheint mir oft, hier in Rom, ſeit ich um Calpurnien lebe, öfter als ſonſt, im Wachen, in Träumen— und nicht vergebens An dieſer reinen Flamme verzehrt ſich 1 unlautere Begierde, läutert ſich der Wille, ſuni ß die Kraft. Ich habe alle Hoffnung verloren, ſie wieder zu ſe⸗ 5 hen; dennoch kann ich in manchen Augenblicken ei⸗ nem heißen Wunſch, einer Ahnung künftiger Verei⸗ nigung nicht widerſtehen. Auch das iſt einer der Wi⸗ derſprüche in meinem Innern, die mich beſchämen und quälen. Soll ich denn zu keiner Ruhe des Ge⸗ müths gelangen? Soll meine Bruſt ewig ſtreiten⸗ den Neigungen zum Kampfplatze dienen? Oft ver⸗ tröſtet mich die Hoffnung, die doch keinen Menſchen, wie elend er ſey, verläßt: Manneskraft und kälte⸗ res Blut würden in ſpätern Jahren bewirken, was jetzt Vernunft und Uberlegung fruchtlos verſuchen. Vielleicht hat dieſe Stimme Recht. Manches Mahl iſt mir aber auch, als wäre mir nicht beſtimmt, dieß Alter zu erreichen, als ſollte ein fruͤhzeitiger Tod 5* S68— ien den Kampfendigen. Ich würde nicht dar⸗ üher trauern. Auch hierin kann ich ohne Anmaßung 5 mit dem Weiſen ſagen: Ich gehorche den Göttern nicht, ich ſtimme ihnen bey. 19) Denn, was iſt das Leben, Phocion? Die Bedin⸗ gung unſerer Beſtimmung auf Erden. Wir ſind hier, weil wir etwas zu thun, zu hindern haben, das in den Plan des großen Ganzen gehört. Haben wir das verrichtet, ſo können wir abtreten. Hierzu iſt kein Maß der Jahre beſtimmt. Die Vorſicht ſetzt das Werkzeug ihrer Abſicht in der gehörigen Zeit und den erforderlichen Umſtänden in Bewegung. Iſt die Wirkung vollbracht, dann zerbricht ſie das unnütze Geräth, und— wo wir dann hinkommen? Phocion! Das iſt das ſchauerliche Räthſel, das kein Sterbli⸗ cher löſen kann. Tartarus, Elyſium ſind artige Mähr⸗ chen. Doch hangen Viele daran, die nichts Höheres zu denken wagen. Darum ſollen ſie uns öffentlich heilig ſeyn! Und auch!— Es wäre ein ſchöner Ge⸗ danke, die vorangegangenen Geliebten in ſtillen Auen des Friedens wieder zu finden Dort würde ich auch meine Lariſſa ſehen! Ach, wer daran glauben könnte! Wie unglücklich iſt es, dieſen ſeligen Wahn auf⸗ gegeben zu haben, und in allen Schulen der Philo⸗ ſophen, in allen ihren Büchern nichts zu finden, daß „ dieſen Verluſt erſetzt! Ach wer an v glauben könnte! ſage ich noch ein Mahl. Es iſt gar zu traurig, welche vüſtre entnervende Vorſtellungen von unſerm Fortwähren im Hades 25) ſich die meiſten, ſelbſt vernünftigen Menſchen ma⸗ chen. Wenn Hadrian ſein Seelchen bleich und nackt in unbekannte Orte hinwandelnd denkt, wo kein Scherz, keine Freude mehr iſt, wenn Achill im Ho⸗ mer lieber Taglöhner auf der Oberwelt, als König im Reiche der Schatten ſeyn möchte, wenn Mäce nas es wünſchenswerth findet, unter allen erdenkli⸗ chen Schmerzen, ſelbſt am Kreuze zu leben, nur um zu leben, wie müſſen die Begriffe der Menſchen von ihrem Zuſtande nach dem Tode geweſen ſeyn! Wer aber gibt uns beſſre, die einen Grad von Wahrſcheinlichkeit hätten? Schlafen? Nichts von ſich wiſſen? Was ſind das anders, als ſchonende Nahmen für die grauenvolle Idee der Vernichtung, vor der das denkende Weſen zurückſchaudert? Pla⸗ to hat ſchöne Ideen, aber ſie befriedigen nicht; ſein Phädon vermag keinen Zweifler zu beruhigen. Die Stviker und alle übrigen Philoſophen geben Ver⸗ muthungen. Wer gibt dem dürſtenden Geiſte Ge⸗ wißheit? Und vor allem, wer gibt dem rohen ſinn⸗ lichen Volke, das durch loſen Spott und unberufe⸗ ne Lehrer auf die Nichtigkeit ſeiner Götter aufmerk⸗ tige Bande abzuwerfen ſtrebt, einen neuen Zaum? Es iſt ſchrecklich, ſage ich dir, wie weit die Verach⸗ tung alles Heiligen und Ehrwürdigen in Rom, nicht bloß in den höheren Ständen, ſondern auch unter dem niedrigſten Pöbel geht. Dieſe alte Religion ſinnlicher, leidenſchaftvoller, diebiſcher, ehebrecheri⸗ ſcher Götter kann nicht mehr den Zauber ausüben, den ſie, unbegreiflich genug, ſo manches Jahrhun⸗ dert ausgeübt hat. Die Welt in ihrer jetzigen Ver⸗ feinerung und Verderbtheit braucht einen ſtärkeren Zaum und würdigere Begriffe von ihrer Beſtim⸗ mung und von der Gottheit ſelbſt. Es iſt unmöglich, bey den Folgen dieſes Mißver⸗ hältniſſes der Religion zum Zeitalter gleichgültig zu bleiben. Die Zukunft ſcheint mir ſchrecklich; ich fürch⸗ te traurige Ereigniſſe für die Mit⸗ und Nachwelt. Ich kann mich diefer Gedanken nicht entſchlagen, wenn ſie mich oft recht peinlich faſſen. So leide ich doppelt. Das iſt das unſelige Loos von Gemüthern, wie das meine, daß das künftige übel ſie ſchon quält, ehe noch das gegenwärtige ſeine Macht über ſie ver⸗ loren hat. Beklage mich, Phocion; nur entzieh dem düſtern Träumer, den du ſchon oft vergebens ermahnt haſt, deine wi und Liebe nicht. Leb wohl! ſan geworden iſt, und Ehrfurcht und Scht als lä⸗ ———— Zehnter Brief. Sulpicia an Calpurnien. Rom im März 301. Daß Du, ſtatt meines Beſuchs, einen Brief von mir erhältſt, daß es mir, drey Straßen weit von Dir, nicht möglich iſt, Dich zu beſuchen, iſt das Werk niedriger harter Menſchen, an deren Spitze Serranus, und— ich ſchaudre es zu ſagen— mein Vater ſtehen. Novius, der Nichtswürdige, der un⸗ ſere Villa ſo unverantwortlich vernachläſſigt hat, rächt die Entdeckung ſeiner Schandthaten durch niederträchtige Verleumdung an mir, indem er Serranus und meinen Vater von meinem Verhält⸗ niſſe zu Tiridates unter dem Geſichtspunete unter⸗ richtet, aus welchem ein feiles Gemüth, wie das ſeinige, eine ſolche Verbindung zu betrachten im Stande iſt. Um die Gunſt ſeiner alten Gebiether zu gewinnen, hat er nichts unterlaſſen, was den recht viel Abſcheuliches und Entehrendes hinzuge⸗ ſetzt. Was mir aber unbegreiflich bleibt, iſt, daß er, die Götter wiſſen woher? von allem weiß, was für die Zukunft zwiſchen Tiridates, mir und Dir verabredet iſt. Mein Vater wüthet. Der Gedan⸗ ee einer Scheidung, einer Verbindung mit einem barbariſchen Tyrannen, ²*), wie er Tiri⸗ dates nach alter Nömerſitte nennt, macht ihn aller Schonung, aller väterlichen Liebe vergeſſen. Cal⸗ purnia! Ich würde trotz des Kummers und der Kränkungen, die ich ausſtehen muß, dennoch dieſe Ausbrüche ſeines Zorns mit kindlicher Ergebung tragen, wenn ich ſie als Folgen wirklicher Schwach⸗ heiten und eingewurzelter Vorurtheile, die nicht mehr in die Zeiten paſſen, anſehen könnte; aber ich fürchte, es liegt dieſer unverhältnißmäßigen Wuth etwas anders zum Grunde, das vielleicht nicht ſo edel, ſo verzeihlich, das—— O laß mich darüber hingleiten! Das Geſchlecht der Anicier iſt mächtig, ihr Einfluß am Hofe bedeutend. Mein Va⸗ ter iſt ehrgeizig, er hat drey Söhne zu verſorgen, die zum Theil ſchon in Hofämtern— wie wenig ſtimmt das mit echtem Republikanismus überein!— die⸗ nen, die er gern weiter bringen möchte. Das em⸗ pört mich, das macht mir meine hülfloſe Lage un⸗ vergißt, und die Inconſequenz ſeines Innern durch 5 g. ter dieſen Händen unerträglich! Serranus würde ſich nicht unterſtehen, niche mit bittern Vorwürfen, mit niederm Verdacht, ſo wie er thut, zu verfolgen, wenn nicht die Aufrei⸗ zungen meines Vaters und ſein Anſehen dieß ſchwa⸗ che unſelbſtſtändige Gemüth zu einer ihm ſelbſt un⸗ erreichbaren Härte und Kraft aufregten. So aber ſtützt ſich ſeine Armſeligkeit auf jenen feſten Grund, und er peinigt mich um ſo mehr, je weher es thut, ſich von jemand mißhandelt zu ſehen, den mannicht achten kann, der alle Augenblicke die gelernte Rolle unzuſammenhängendes Betragen äußert, jetzt ſchilt, jetzt trauert, in dieſer Stunde mich durch niedri⸗ gen Verdacht herabſetzt, in der nächſten die alte Liebe wieder hervorbrechen läßt, und mich mit Klagen, Bitten und Vorwürfen ärger als mit Scheltworten martert. Seit acht Tagen währt die⸗ ſe Qual, die jeden Tag peinlicher wird, ſeitdem Serranus, gewiß auf Anſtiften oder Befehl mei⸗ nes Vaters, ſo weit geht, mich durch meine Scla⸗ vinnen beobachten zu laſſen, ſeitdem ich— o ich erröthe, indem ich es ſchreibe!— wie ein Kind behandelt, nicht einmahl allein ausgehen darf, we⸗ nigſtens nicht zu Dir. Dich hält man für meine Ritverſchworne⸗ Man glaubt, daß Du Tiridates und meine Vertraute biſt, und man traut Dir und mir und dem Prinzen Dinge zu, die zu wiederhoh⸗ len mir Stolz und Achtung verbiethen. Genug, ich ſoll Dich nicht ſehen, wenigſtens nicht allein. Lu⸗ eia 22), die Amme meines Gemahls, oder er ſelbſt begleiten mich bey jedem Ausgang. Seit ich das fühle, verlaſſe ich den Umkreis meiner Wohnung nicht mehr. Ich erkenne meines Vaters unbeugſa⸗ men Sinn in dieſen Anſtalten, der vor der Verbin⸗ dung mit dem Prinzen zu erröthen vorgibt, aber nicht erröthet, ſeine Tochter vor ihren Selaven zu erniedrigen! Calpurnia! Fühlſt Du ganz, wie tief ich geſunken, wie elend ich bin? Und Tiridates iſt fern, und Dein Umgang mir verſagt! Ich bin einſam und hülflos, den Händen meiner Peiniger überlaſſen! O! welcher Gott gibt mir Kraft, dieß zu ertragen, oder Muth und Liſt, meine Ketten zu zerbrechen? — W reizend und zu leichtſinnig. Um ſie zu ſeyn, und ſie Eilfter Brief. Agathokles an Phocion. Nom im März 501. Dieſer Brief iſt der letzte, den Du aus Rom er⸗ hältſt. Ich verlaſſe es in wenigen Tagen, um Kriegs⸗ dienſte zu nehmen, und jetzt, wo das Ange der Welt auf die große Entſcheidung geheftet iſt, mit und für Tiridates zu ſtreiten. Zeihe mich keiner Unbe⸗ ſtändigkeit, wenn Du mich, nach dem, was ich Dir unlängſt geſchrieben habe, doch dieſen Stand, der ſo viel von ſeiner urſprünglichen Würde und Zweckmäßigkeit verloren hat, ergreifen ſiehſt! Ich brauche Beſchäftigung, beſtimmte, unnachläßige Thätigkeit; denn ich fühle, daß in meiner jetzigen Lage jene Muße, in der ſich ſonſt meine Seele ſo wohl befand, Gift für mich wäre. Calpurnia iſt zu nicht zu lieben, iſt unmöglich; ſie zu beſitzen und glücklich zu ſeyn, noch unmöglicher. So ſehr ſie mich anzieht, ſo tief fühle ich, daß wir nicht für einander geboren ſind. Darun iſt es Pflicht gegen mich„grgt ſe daß dieſer Jauber zerſtört werde, S d das kaur, md iede her durch Entfer⸗ uung. Weniger als je widert mir dieß Mahl der Zweck und die Art des angefangenen Krieges. Es gilt keine neue Eroberung, kein prunkendes Hinzu⸗ fügen neuer Provinzen zu dem ungeheuern Staats⸗ körper, um ſie eben ſo zu vernachläſſigen und aus⸗ zuſaugen, wie die vorigen. Dem rechtmäßigen Be⸗ herrſcher ſoll der Thron ſeiner Väter erſtritten, und die Schmach vergangener Jahre an übermüthigen Barbaren gerochen werden. So ehrt der Zweck die WVittel; und ich erröthe nicht, ich freue mich viel⸗ mehr, in dieſem Kriege auch meine Kräfte zu ver⸗ fuchen, und eine edle Abſicht mit Aufopferungen befördern zu helfen. Tiridates iſt nach Mailand zum Auguſtus Maximian. Ich folge ihm bald; wir ſchiffen uns in Ravenna ein, und in ein Paar Wo⸗ chen denke ich in Nikodemien zu ſeyn. Daß ich Dich nicht mehr dort treffen ſoll, war eine ſchmerzliche, eine niederſchlagende Nachricht für mich, die ich ans dem Briefe meincs Vaters vernahm. Du biſt als Lehrer in der Akademie nach Athen berufen; Du verläſſeſt meine Vaterſtadt, vielleicht in dem N Augenblicke, wo ich mich anſchicke, ſie wieder zu 6, ſehen. Wie hätte ich mich gefreut, Dich noch dort zu finden. Es ſollte nicht ſeyn. So will ich denn auch dieſe fehlgeſchla Füung, ie ſe viele andere, woran mich mein Seſchic von Iüeid an gewohn⸗ te, gelaſſen ertragen“ Min Vater hat mir geſchrie⸗ ben, ſo väterlich, ſo gütig, wie ſeit langer Zeit nicht. Ich weiß wohl, und fühle es dankbar, daß dieſe Milderung ſeiner Geſinnungen gegen mich Dein Werk, daß es das ſchöne Vermächtniß iſt, das Du ſcheidend mir im väterlichen Hauſe zurückläf⸗ ſeſt. Habe Dank dafür, jenen innigen aber wort⸗ armen Dank, den Du weder verkennſt noch ver⸗ ſchmähſt! Ich hoffe endlich meinen Vater, auch in dieſer Hinſicht, mit mir zufrieden zu ſehn. Ich ha⸗ be ihm meinen Entſchluß, Kriegsdienſte zu nehmen, geſchrieben, und ihn um ſeine Verwendung gebe⸗ then. Er wünſchte längſt, mich in irgend einer Laufbahn thätig zu ſehn; und ſo fällt ſein Wunſch mit meinen Abſichten zuſammen. Trifft Dich dieſer Brief noch in ſeinem Hauſe, ſo ſchildere ihm meine kindliche Dankbarkeit für ſeine Güte, und ſage ihm, daß ich es nächſtens ſelbſt thun werde⸗ Leb wohl, theurer, väterlicher Freund! ——— Zwölfter Brief. Calpurnia an Sulpicien. Rom im März 301. . erſten Wehri in meinem Leben ſetze ich mich mit rothgeweinten Augen, erſchöpft von einer halb⸗ durchwachten Nacht, nieder, um Deinen Brief zu beantworten, den mir Deine treue Chromis ge⸗ ſtern in der Dämmerung verſtohlen brachte, Dein Schickſal mit Dir zu beklagen, und, was mich ſelbſt ſchmerzt, in Deinen mittheilenden Buſen auszu⸗ gießen. Arme, unglückliche Freundinn, und durch wen unglücklich, als durch das boshafte Geſchlecht, das, zu unſerer Qual geſchaffen, uns durch ſeine Fehler und Tugenden gleich empfindlich martert! O glaube mir, Sulpicia, ich fühle mit Dir. Die Ausſicht, einen Freund zu verlieren, deſſen Vor⸗ züge mich eine Weile verblendeten, zeigt mir, was es ſeyn muß, einen Geliebten zu vermiſſen. 4 ₰ Agathokles iſtim Begriffe, fortzureiſen. Du ſaunſt? So plötzlich, ſo ukerwartet, ſo, wie ſoll ich ſagen? ohne alle hinlängliche Veranlaſſung! Sein Eifer für die gute Sache Deines Tiridates wurde auf einmahl ſo brennend, und ſeine Pflicht, dem Wun⸗ ſche ſeines Vaters entgegen zu kommen, ſo drin⸗ gend, daß er ſich auf der Stelle entſchloß, Kriegs dienſte zu nehmen, und den Feldzug wider die Per⸗. ſer mitzumachen. Er, deſſen Charakter, deſſen Den⸗ art nie dieſem Berufe günſtig war, er, der faſt in allen Stücken von ſeinem Vater verſchieden denkt, er hat nun nichts Angelegeners zu thun, als ſich zur Reiſe anzuſchicken, und einen Ort bald zu ver⸗ laſſen, wo ihn nichts auf der Welt zurückhält. Er hat vollkommen Recht! Aber diejenigen, die ſich über ſeine Entfernung grämen wollten, hätten eben ſo vollkommen Unrecht. Das weiß ich, das fühle ich, und doch, Sulpi⸗ cia— wie muß ich mich meiner Schwachheit ſchä⸗ men— doch, geſtern, als er es mir ankündigte! Ich war nicht vermögend, ihm ſogleich zu antworten. Meine Knie wankten, mein Blut ſchien auf einen Augenblick ſtille zu ſtehn, und ich empfand, daß auch meine Geſichtsfarbe, wenigſtens zum Theil, die Bewegung verrathen mußte, die in meinem Innern vorging. Indeſſen— er war ja ſo gefaßt, ruhig, ſo aus freyem Willen entſchloſſen! Was hätte ich für ein verworfenes Geſchöpf ſeyn müſſen, wenn ich mich nicht an dieſer Kälte abgekühlt, an dieſer bewundernswürdigen Kraft ge⸗ ſtärkt hätte! Ich wurde auch ſtark! Ich fand in ein paar Secunden, ja indeß er noch, ich weiß nicht mehr was, ſagte— denn zum Verſtehn war ich zu ſehr, gegen Dich darf ich ja den Ausdruck brau⸗ chen, zu ſehr betäubt— ich fand die Kraft wie⸗ der, ihm mit Gelaſſenheit, ja ſogar ſcherzhaft zu antworten. Schnell, mit einer leichten Wendung drehete ich das Geſpräch auf Nebenſachen, auf die Anſtalten zu ſeiner Reiſe, die günſtige Witterung n. ſ w. Mein Vater und meine Brüder waren ger genwärtig. Es ward mir leicht, unter einem Vor⸗ wande das Zimmer zu verlaſſen, und in der Ein⸗ ſamkeit die mühſam zurückgehaltene Erſchütterung meines ganzen Weſens austoben zu laſſen. Gern hätte ich auch den Thränen, die Schmerz und Zorn unaufhaltſam hervorriefen, freyen Lauf gegeben; aber das durfte ich nicht wagen, denn die Stunde des Abendeſſens war nahe, und Agathokles, wie immer, bey uns. Ich wandte alſo bloß die einſa⸗ me Viertelſtunde an, um eine leidentliche Haltung anzunehmen; dann kam ich in's Speiſezimmer zu⸗ rück. Die Abreiſe, welche mein Vater und die Brü⸗ der recht aufrichtig bedauerten, war, wie Du den⸗ ken kannſt, der Gegenſtand aller Geſpräche. Ich 46 that mir Gewalt an, ſo viel Gewalt, daß mein Herz heimlich aus allen Tiefen zu bluten anfing; äber ich erſtaunte ſelbſt über meine Kraft. Ich ſchien von Allen die Ruhigſte, die Kälteſte, ſogar kälter als er, und das wollte Viel ſagen! Da bemerkte ich denn— o, was ſind dieſe Männer für ſchwa⸗ che Geſchöpfe? Wie reizt ſie ſogar nichts, als was ihnen verwehrt iſt! Wie wird die uheteutend Sache ihnen, wie den kleinen Kindern, nur dann lieb, wenn ſie ſich ihnen entzieht!— ich bemerkte deutlich, daß Agathokles in eben dem Maße ſtiller, nachdenkender, mißmuthiger ſchien, je heiterer und fröhlicher ich wurde. Das verdoppelte meine Kraft; denn es flößte mir ein Gefühl von Spott ein, un? ſo gelang es mir, bis zu Ende der Mahlzeit die Rollen ganz umzutauſchen. Wir ſchieden ſcherzend auseinander. Ich ging auf mein Zimmer, ich hoff⸗ te ruhig bleiben zu können Da trat Deine Chro⸗ mis ein, und ich las Deinen Brief. Auf einmahl fiel die Erinnerung an meine Lage, vermiſcht mit dem, was ich für Dich empfand, wie eine Centner⸗ laſt auf mein Herz. An Deinen Schmerzen er⸗ neuerten ſich die meinigen, und meine Thränen fin⸗ gen an ſo heftig zu fließen, daß der enen Agath. I. Th. 6 Schluf meine Augen ſchloß. So ſind es denn Män⸗ er, und immer Männerſebie die höchſten Qualen nſer Le ausgießen, ſie mögen uns lieben 1Serranus liebt Dich; Dein Vater, hart er ſcheint, nimmt doch gewiß innigen An⸗ an Dir, und Agathokles? O! wie oft las ich das Geſtändniß ſeiner Liebe in ſeinen Augen, ſei⸗ nen entſchlüpften Worten!— Und doch, doch kön⸗ en ſie uns ſo grauſam peinigen, ſo aller Rück⸗ ſichten vergeſſen, und in der rohen wilden Kraft chres Weſens auch nicht von fern ahnen, wie ein fühlt, und was unſre Herzen bey dieſen rau⸗ hen Berührungen leiden müſſen! Was iſt es bey Agathokles? Philoſophiſcher Stolz, keiner Leidenſchaft zu unterliegen? Spiel mit einer wachſenden Empfindung, oder lächerliche Treue gegen ein Schattenbild? Was es immer ſey⸗ er befolgt ſeinen Plan, weil er ihn einmahl ent⸗ worfen hat, ohne Rückſicht auf die, die Antheil an ſeinem Schickſal nehmen, die ihn in jedem Zimmer, bey jedem einſamen Mahle, bey jeder reizloſen Freude ſchmerzlich vermiſſen werden. Er denkt nicht daran. Er will reiſen, und ſo thut er es. Und ich ſollte ihm nachweinen? Nein, Sulpieia, dieſen Triumph ſoll der kalte ernſte Cenſor ²²) zu dämmern als endlicht ein nitleidiger 1 7 — 65— nicht erleben. Pl ich will fröhlich und heiter ſeyn, und lächeln, wenn er ſein Pferd beſteigt, und zum letzten Mahl aus dem Thore unſers Hauſes ſprengt. Ich will, denn er verdient es nicht anders!. Sieh doch, Sulpicia, was Stolz un für eine Gewalt über den Metſchen haben! habe mit Thränen zu ſchreiben angefangen, ſi ſin während des Briefes noch häufig geſtoßen; jetzt. ſind ſie getrocknet. Ich weine nicht mehr, denn ich zürne, und finde in meinem Zorn eine Stütze ge⸗ gen die unzeitige Weichheit meines Herzens. O, man tadle mir den Zorn nicht! Er iſt eine erhe⸗. bende, eine heldenmüthige Empfindung; er hält der lähmenden Wehmuth das Gleichgewicht, und ſtärkt uns, wenn wir zu befürchten müſſen. Mit Deinen zwey Peinigern wollen wir ſchon auch noch fertig werden. Sie ſollen uns nicht über die Köpfe wachſen. Sind ſie hart, wir wollen noch härter, ſind ſie ſchlau, wachſam, wir wollen es noch mehr ſeyn. Es ſoll ihnen nicht gelingen, uns zu trennen. Wir ſehen uns, das verſpreche ich Dirz wir ſehen uns bald und ungeſtört wieder. Leb wohlt Dreyzehntet Brief. 6 Sulpicia an Tiridates. Rom im März 301. Aus einer düſtern Einſamkeit, von keinem Troſt, von keinem heitern Gedanken erhellt, nur von den Manen meines ehemahligen Glückes umſchwebt, deſſen Erinnerung dieStacheln meiner Leiden ſchärft, ſchreibe ich an Dich, Tiridates! Bald vielleicht iſt mir auch dieſes letzte Gut geraubt. Härte und nie⸗ ere Selbſtſucht umgeben mich mit hundert feilen Argusaugen. Unſer Verhältniß iſt auf eine unwür⸗ dige Art von Unwürdigen entheiligt, dem Serra⸗ nus und meinem Vater verrathen worden. Alles, was ſtrenge, von gemeinen Anſichten geleitete Här⸗ 2 te, was engherzige Kleinlichkeit und niedrige Ei⸗ erſucht für Qual und Laſten auf ein zerriſſenes Herz wälzen können, erdulde ich. Man hat geſucht, — mich von Galpurnien zu trennen. Ihre treue Liebe hat dieß gedrohte unglück von mir abgewandt. Sie hat Serranus rufen laſſen. Ihr Verſtand, ih⸗ re wohlangewandte Freundlichkeit haben ihn ge⸗ wonnen. Das Geſchlecht, aus dem ſie ſtammt, und ihres Vaters Einfluß, haben dem Meinigen Ehr⸗ furcht gebothen, und man wehrt ihr jetzt nicht, mit 8 mir umzugehn. Nur fühle ich wohl, daß mich ſelbſt in ihren Armen Verdacht und Argwohn umlauèri. Man läßt uns ſelten allein. Immer weiß man zu veranſtalten, daß noch ein Beſuch zu gelegner Zeit kommt, oder ein Mitglied der Familie ſich et⸗ was in unſerm oder den anſtoßenden Gemächern zu ſchaffen macht. Wie klein, wie verächtlich mir das erſcheint, brauche ich Dir das wohl zu ſchil⸗ dern? O wenn ich hier je hätte lieben können; die leiſeſte Empfindung wäre mit der letzten Wur zel durch ein ſolches Betragen vertilgt! Und vo ends nun— da ich nie liebte, nicht einmahl achtete! Man lauert auf meine Briefe. Dieſen beſorgt Cal⸗ purnia ſelbſt, und auch die ihrigen müſſen durch Umwege an mich gelangen. Wenn nichts mich zum Haß, zur Rache berechtigte, wärs es nicht ſchon die fürchterliche Nothwendigkeit, in die man mich ſetzt, mich zu ſolchen Schritten heräblaſſen zu müſſen? Ich bin unausſprechlich unglücklich. Mein Le⸗ ben iſt eine grauenvolle Nacht, in der bewußtlos hinzuſchlummern jetzt der höchſte Wunſch meines gepeinigten Weſens wäre! Tiridates! Warum ußte ich Dich kennen lernen! Warum mußte Dein Anblick die ſtille Faſſung, worein Gleichgültigkeit und überlegung mein Herz gebracht hatten, ſo ge⸗ 4 altſam ſtören? Warum mußte mir das möglich⸗ e Sdeal männlicher Vollkommenheit, das biswei⸗ len in einſamen Stunden meine Seele, wie ein ſchöner Traum, beſchäftigte, in Dir auf einmahl wirklich erſcheinen, in Dir, den Geburt, Vater⸗ land und Verhältniſſe mir ewig fremd halten muß⸗ en Welches grauſame Vergnügen findet das Scieſal darin, in den Gebirgen Armeniens und im glänzenden Rom, zwey Seelen ganz für ein⸗ nder zu bilden, ſie ſich finden zu laſſen, und ſie gewaltſam zu trennen? Doch nein, ich klage nicht. Ich habe Dich gefunden, ich habe Dich geliebt, das kann mir keine Macht der Erde rauben; und wenn auch das Glück, daß ich Dich kennen gelernt habe, mich von dieſem Augenblicke an ewig elend machen müßte, ich könnte es nicht bedauern, nicht reuen; denn ich war ſelig, ſelig wie die Götter! und iſt denn jede Hoffnung verſchwunden? Biegt hinter der grallenvollen Gegenwart keine beſ⸗ ſere Zukunft? Tiridates! Ich bin ſehr ſchwach. Es gibt Augenblicke, wo mein Herz, in ſeinen unend⸗ lichen S v ihn heftig ergreift, von keiner Hoffnung etwas wiſſen will, wo es ſich jeder Ausſicht möglicher Verbeſſerung verſchließt,* und eine Art von dumpfer Beruhigung darin fin⸗ det, daß es nie aufhören wird, zu leiden. Dann iſt mir, als wäre meine Rechnung mit dem Schick⸗—. ſal abgeſchloſſen. Mein Leben, auch das noch kom⸗ mende, liegt hinter mir, wie ein vollbrachter Tag. Die Zukunft iſt vorüber; ich fürchte nichts, ich hoffe nichts, nicht einmahl den Tod. Ich fühle nur, daß ich elend, daß ich von Dir getrennt bin. und was wird, indeſſen ich hier leide, Dein Schickſal ſeyn? Vielleicht kämpft Dein Schiff mit Sturm und Wogen, ein Blitz trifft es, es ſinkt. Du biſt im Abgrunde des Meeres begraben! Oder ich ſehe Dich ſpäterhin im Schlachtgewühl, ein Pfeil durchbohrt Dein Herz, für das zu leben mei⸗ ne einzige Beſtimmung iſt! Was ſoll ich denn auf der Welt? O, laß mich Dir nacheilen! Laß mich mit Dir in's öde Reich der Nacht hinabſteigen, oder an Deiner Seite liegen und ſchlafen! Benei⸗ denswerthes Loos, wenn uns im Reiche des Lichts und fröhlichen Wirkens kein Glück mehr beſchieden iſt! O ſchreibe mir bald, Liridateh! Reiß mich aus dieſer Angſt, die oft bis zur Verzweiflung ſteigt! Nur dieß, daß Du lebſt, daß ich hoffen kann, Dich ₰ B noch einmahl zu ſehen, macht es mir möglich, zu leben. Auch Agathokles hat uns verlaſſen. Er eilte Dir bald nach, um ſich mit Dir einzuſchiffen. Ich vermiſſe ſeinen Umgang, ſeine thätige warmeFreund⸗ ſchaft recht ſehr, obwohl wir über viele und wich⸗ tige Punkte nicht gleich dachten. Aber ich war die Geliebte ſeines Freundes, und das war genug, ihn für mich zu gewinnen. Er hat Manches für mich gethan⸗ das ihm mein Herz nie vergeſſen wird. Er iſt ſehr edel, aber ich fürchte, er wird nie glücklich Zeitalter. Calpurnia hat ſicher einen ſtarken Ein⸗ druck auf ihn gemacht; dennoch erlaubte er ſich, die Götter mögen wiſſen warum, nicht, dieſem ſanften Zuge zu folgen. Man ſah die Gewalt, mit der er ieſer Einwirkung widerſtand. Er iſt ein ſonderba⸗ rer Menſch. Bey ihm gilt nicht, was in ähnlichen Fällen Calpurnien vor heftigen Eindrücken bewahrt — Leichtigkeit des Sinnes, und ein fröhliches Tem⸗ perament. Seine Kälte iſt Gewalt über ſein Ge⸗ müth, ſeine Gelaſſenheit die Frucht eines ſchmerz⸗ ichen Kampfes. Die glückliche Calpurnia! Aga⸗ hokles war ihr ſehr werth. Sie war wohl zu ſtols, es ihm zu zeigen, da ſie die ſtrenge Entfernung bemerkte, in der er ſich gefliſſentlich von ihr hielt. werden; denn ſeine Begriffe paſſen nicht in ſein — — . 60— Ich weiß aber, daß ſie ihn ſehr zelilet her viele und bittre Thränen ſind über ſeine Abreiſe in mei⸗ nen Schooß vergoſſen worden. Ich hatte ſie noch nie ſo geſehen, als am Tage nach ſeinem Abſchiede: Dennoch, nach drey Tagen kam ſie zu mirz ihre Thränen floſſen nöch bey jeder Erwähnung des— theuren Nahmens, und, ſie hoffte ſchon auf die Linderung, die ihr die wohlthätige Zeit bringen würde, auf die allmähliche Schwächung jedes hef⸗ 23 tigen Eindrucks, auf die Kraft der Zerſtreuung, der ſie ſich zu überlaſſen recht ernſtlich vorn O wie glücklich iſt ſie! Soll ich, darf ich ſie beneiden? Nein, Litda tes! Ich kann nicht, wenn ich auch dürfte. Nein,. daß ich Dich liebe, und ſo innig, ſo unaustilgbar, ſo mit aller Kraft meines Weſens, iſt mein Glück, und wenn es mich auch verzehrt. Du aber, der Du weißt, daß Deine Briefe jetzt mein einziger Troſt, der einzige helle Strahl in der Nacht meines Kum⸗ mers ſind, ſchreibe mir bald, oft, alles, was Dich betrifft, jede Kleinigkeit, jeden Gedanken, jeden Wunſch! Bedenke, was mir dieſe Briefe zu erſe⸗ tzen haben, für was ſie mich entſchädigen ſollen, und laß mich nicht verzweifeln! 4 Vierzehnter Brief. Agathokles an Phocion. Nikomedien, im May 301. Nag einer ziemlich beſchwerlichen Seereiſe, wo unſtäte Winde, und ein empörtes Meer uns bey⸗ nahe auf immer von dem Ziele unſerer Reiſe, dem holden Vaterlande getrennt hätten, langten Tiri⸗ dates und ich vor acht Tagen in Nikomedien an. Süßer Zauber der heimathlichen Gefilde! Wie nft bewegſt Du unſer Herz! Wie lieblich er⸗ ſcheint die Küſte des Vaterlandes nach langer Ab⸗ weſenheit! Zwar wirſt Du mir ſagen, nach einer gefahrvollen Seereiſe wäre uns jedes Ufer erwünſcht erſchienen. Doch iſt es nicht ganz ſo. Bey Erbli⸗ ung dieſer Hügel, die ich als Knabe beſtieg, die⸗ ſes Geſtades, an dem ich ſo oft lag, um Aug' und n an der Unermeßlichkeit des Meeres zu ſtärken, und endlich des väterlichen Hauſes, ſeiner nächſten umgebůei wo ſo Manches Frn war, das noch jetzt ſüß und ſchmerzlich meine ver⸗ ödete Bruſt bewegt, fühlte ich mich ergriffen, und ich ſchäme mich nicht, zu geſtehen, daß ich die theu⸗ ren Gegenſtänden mit einigen Thränen grüßte, die unwillkührlich über meine Wangen floſſen. Auch Tiridates, obwohl noch fern von ſeinem Vaterlan⸗ de, war durch den Anblick des Aſiatiſchen Ufers, des Schauplatzes großer noch unentſchiedener Tha⸗ ten, nicht weniger bewegt, als ich. Wir umfaßten uns, und ſchworen ernſt und heiter, uns ſelbſt und dem treu zu bleiben, was wir für gut und recht erkannten. So ſprangen wir an's Land, ſo eilten wir in die Stadt in meines Vaters Haus. Er kam uns ſehr freundlich entgegen. Die Geſell⸗ ſchaft des Prinzen, des Lieblings zweyer Cäſarn, ſchien ihm angenehm für ſich, und ehrenvoll für mich. Ich gab mich, ohne weiter zu grübeln, dem Gefühl des Augenblicks hin, und genoß die Freu⸗ de, meinen Vater ſo zuvorkommend und gütig zu ſehen, mit vollen Zügen. Ich durchlebte einen fro⸗ hen Tag. Am zweyten ging es ſchon anders. Wir ſollten zum Diocletian. Mein Vater wollte mich ihm vorſtellen. Auch Tiridates billigte dieſen Schritt und ſchien ihn nothwendig zu finden. Mir widerte das Anſehen von Aufwartung und Unterthänigkeit, — 9— visn er znch die vielen umwegẽ, und ſcyerlihen Anſtalten bekam, die jetzt nöthig ſind, um ſich d dem Imperator zu nähern. Ich dachte an das alte Rom, an die Hof⸗oder Haushaltung der erſten Cäſarn, wie ſelbſt der ſchlaue Oetavian, der edle Mare⸗ Aurel, der tugendhafte Pertinax, aus Biederſinn oder Liſt des Volkes Meinung ſchonend, nichts an⸗ ders als Roms erſte Bürger ſchienen— und mein Innerſtes empörte ſich. Was mußte da herumge⸗ ſchickt, engeſi gebethen, zubereitet werden! Selbſt an unſerer Kleidung wurde gemuſtert. End⸗ lich ſchien meinem Vater alles würdig und gehö⸗ rig beſtellt, und wir traten in ſehr koſtbaren Ge⸗ wändern, von vielen Selaven gefolgt, unſern Weg nach dem Pallaſt an. Ich glühte vor Scham und Unwillen. Ich glaubte in den Mienen jedes Vor⸗ übergehenden den verächtlichen Spott über unſere eigennützige Erniedrigung zu leſen. Mir war's, als ſchwebten in dem Augenblicke die Schatten der Ahnen um uns, und ſähen verachtend auf die ent⸗ arteten Enkel nieder, die ſich knechtiſch vor Dem zu bücken gingen, den ſie in ihren Zeiten als einen ihres gleichen behandelt hatten. Tiridates nahm es viel gelaſſener auf. An vorientaliſche Sitte ge⸗ wöhnt, bewegte ihn unſere Lage nur zu feinem Spott, mit dem er ſich ſelbſt nicht ſchonte. So ka⸗ men wir in den pauß S eine ehe Fei cher geführt, in denen Aſiatiſche Wolluſt und Pracht um den Vorrang ſtritten, ließ man uns endlich in einem der innerſten unter einer Menge ſchimmern⸗ der Selaven und Clienten warten, warten, zwey S tödtlich lange Stunden, und— ſchickte uns in der dritten unverrichteter Dinge nach Hauſe, weil der Auguſtus nicht für gut fand, uns vorzulaſſen. Nur der ausdrückliche Befehl meines Vaters, und mein feſter Vorſatz, unſer ſcheinbar gutes Einverſtänd⸗ niß, ſo lange ich in Nikomedien bleiben mußte, nicht zu ſtören, brachten mich dazu, am andern Morgen den erniedrigenden Verſuch zu erneuern. 3 Dieß Mahl dankte ich's dem Einfluſſe des Tirida⸗ tes, daß wir ziemlich bald vorkamen. Aber, o mein Phocion! Welche Wunden ſchlugen meinem Herzen der blendende Schimmer, die empörende Eitelkeit, das lächerlichſteife Ceremoniel 24) am Hofe dieſes gekrönten Selaven. Aus dem Staube der Dienſtbarkeit durch eignen Genius, noch mehr durch Umſtände und eine Denkart, der kein Mit⸗ tel zu ſchlecht war, auf den Thron erhoben, herrſcht 3 er mit einem Trotz und übermuth über die zittern⸗ de Welt, die mit nichts als dem ungeheuren Glücks zu vergleichen ſind, das ihn in ſeiner Laune erhob, und mit bisher beyſpielloſer Treue hegtund pflegt. — * nch daß 1 ſeine wahrhaft großen Geiſtesanlagen verkennte, nicht daß ich ihm die Stille nicht dank⸗ die während ſeiner Regierung das erſchöpfte Menſchengeſchlecht genießt: aber ſehen, ſehen muß man ſo etwas nicht in der Nähe, wenn man un⸗ parteyiſch bleiben ſoll! Er empfing uns ziemlich anſtändig; aber die Tiara, die von ſeinem Haupte ſtrahlte, der Thron, auf dem er hoch erhoben ſaß, verengten meine Bruſt, und ſchloſſen meine Lippen. Mein Vater führte das Wort. Er ſtellte mich ihm vor, er bath ihn um einen Platz unter den Truppen für mich. Fch ließ alles geſchehen, ohne eine Sylbe zu ſpre⸗ chen. Mag mich der Tyran für einfältig oder ſtor⸗ riſch halten, mir gilt es gleich. Doch hat er mich zum Centurio ernannt, und übermorgen gehe ich mit Tiridates zum Heere ab. Hier brennt der Bo⸗ den unter meinen Füßen. So ungewohnt meiner Denkart das wilde Leben im Lager ſeyn wird, ſo wird mir doch dort im Freyen beſſer ſeyn, als hier⸗ Siſenna Statilius hat das Haus neben dem unſerigen wieder verkauft, es gehört einem unbe⸗ deutenden Bürger. Unter einem Vorwande war ich geſtern dort. Es iſt noch Vieles unverrückt, wie es vor acht Jahren war. Mir war ſehr weh und ſehr wohl zu Muthe, Ich erkundigte mich nach ſei⸗ ———————— nen ee ewðhntn Bie Meiſteni in nRi⸗ 53 bomedien erinnerten ſich ihrer kaum mehr, doch wollen Einige gehört haben, daß Timantias in Syrien, unbekannt, unter einem fremden Nah men gelebt habe, und vor ein paar Jahren geſtor⸗ S ben ſey. Die Söhne ſind zerſtreut, die Tochter— o Phocion!— wie ſchlug mein Herz!— ſoll gehei⸗ rathet haben. Geheirathet!! Alſo bin ich vergeſſen! Kann ich es ihr verdenken? Und doch ſchmerzt es mich. Vielleicht iſt ſie auch ſchon todt. Ich weiß nicht, in welchem Gedanken mehr Qual liegt! Sie zu finden, iſt wohl jede Hoffnung verlo⸗ ren; und nichts iſt, was mir Erſatz gewähren könn⸗ te. Calpurnia nun gewiß nicht. Ich habe mich in Rom ſeltſam von ihr getrennt. Als ich ihr meine Abreiſe ankündigte, ſchien ſie, nicht bewegt, nicht wie eine Freundinn betrübt; ſie ſchien beleidigt, gereizt. Ihre Eitelkeit war gekränkt. Der Srirh den ſie ſicher an ihrem Triumphwagen gekettet glaubte, war noch ſtark genug, ſich loszureißen. Das war ihr unerhört, unverzeihlich. Sie behan⸗ delte mich nun beſtändig ſo bis zum Tage meiner Abreiſe, und ich ward ſehr ernſt durch die Entde⸗ ckung dieſer Falte in ihrem Gemüthe. So iſt auch ſie, die ſo weit über den meiſten Weibern ſteht, von dieſer allgemeinen Schwäche nicht frey, und eeiner Freundſchaft fähig, wenn Eitelkeit ſich ins Spiel miſcht! Nur Ein Weib habe ich gekannt, in deren reinem milden Gemüth nichts als Liebe, hol⸗ e Demuth und Selbſtvergeſſenheit waren! Nur Sine! Und wo iſt ſie? Beym wirklichen Abſchiede ſchien indeß Calpurniens beſſeres Selbſt die Ober⸗ hand zu gewinnen. Sie entließ mich,wiedie Freun⸗ dinn den werthen Freund, theilnehmend, gütig, gerührt. Wir haben uns zu ſchreiben verſprochen. Die Erinnerung an ihren Liebreiz, an ihre hohen Vorzüge wird mich, wie die Erinnerung an einen froh durchlebten Tag, freundlich begleiten; aber ich glaube verſprechen zu können, daß ſie meine Freyheit nie ſtören wird. Dazu ſind wir zu un⸗ ähnlich. Mögen gute Götter ſie beſchützen, und bald ein würdiger Gatte ihre Vorzüge erkennen, ind mit Liebe vergelten! Ich ſchreibe Dir heute nicht mehr. Die Anſtal⸗ ten zu meiner Reiſe, die ich mit großer Eile be⸗ treibe, rauben alle meine Muße. Leb wohl! ——————— Fünfzehnter Brief. Calpurnia an Sulpicien. Mein treuer Phädo bringt Dir dieſen Brief ſammt dem Einſchluſſe, der Dir freylich lieber ſeyn wird, als alles, was der meinige enthält. Ich will Dir's auch nicht übel nehmen; deün ich würde im umge⸗ kehrten Falle eben die Nachſicht von Dir fordern, wenn ich ihrer bedürfte. Ich bin aber ſo glücklich, oder ſo unglücklich, wenn Du willſt, daß die Brie⸗ fe, die ich bekommen ſoll, ganz frey und ungehin⸗ dert zu mir gelangen können, ohne des Einſchluſſes einer dienſtfertigen Freundinn zu bedürfen, die ſie mir unbemerkt in die Hände ſpielt. Vielleicht ſind ſie aber auch aus dieſer Urſache ſo beſchaffen, die ganze Welt ſie unbedenklich leſen dürfte. Es i nun einmahl eine Eigenheit des männlichen Her⸗ zens, daß es nur durch das heftig gereizt wird, was ihm verwehtt iſt, und einen Gegenſtad nur nach dem Maße des Kraftaufwandes ſchätzt, den ihm ſein Beſitz koſtete. Sie können nicht dafür, die ar⸗ men Herren der Schöpfung; die Natur hat dieſe Tiebe in ihr Herz gelegt. Wir wollen ſie auch dar⸗ um nicht verdammen, aber in Acht ſollen und wer⸗ dden wir uns vor ihnen nehmen. Wende mir nicht ein, Sulpicia, daß das über⸗ haupt eine Eigenheit des m enſchlichen Herzens, und eine Anſtalt des Schickſals ſey, um unſere Fä⸗ higkeiten zu wecken und zu entwickeln. Ich weiß wohl, daß die Mutter manches Mahl auch das ſchwächliche Kind, das ihr viel Sorgen und Mühe gemacht hat, mehr liebt, als die übrigen; und wie manche Frau ſehen wir nicht in ſeltſamer Verir⸗ rung mit unauslöſchlicher Zärtlichkeit an einem Wanne hängen, der ihr durch Leichtſinn und Un⸗ Kummer macht? Doch nie, gewiß nie wendet ihr Gemüth ſich launiſch von einem Ge⸗ genſtande ab, bloß weil es ihr leicht war, ihn zu erhalten, oder erkaltet in der Dauer und Sicherheit des Genuſſes. Nein, vielmehr ſtärken Gewohnheit und Zeit unſere Neigungen. Was wir ange haben, wird uns darum werther, und in der Rechtmäßigkeit und Würde ſeiner Gefühle findet das Weib ſeinen Stolz und ſein ſtärkſtes Band. Der Brief von Tiridates an nPich war in einem eingeſchloſſen, den mir Agathokles bey ſeiner Rück⸗ kunft nach Nikomedien geſchrieben hat— ein ſehr verbindliches Dankſagungsſchreiben für glle Gefäl⸗ ligkeiten, die er in unſerm Hauſe empfangen, eine kurze Beſchreibung ſeiner Reiſe, Nachrichten von— Tiridates, Grüße an Dich, an ſeine übrigen Rö⸗— miſchen Bekannten u. ſ. w. ein Brief, den ich im Forum hätte können anſchlagen laſſen! Und das ſchreibt Agathokles mir? Es iſt alſo vollkommene Ruhe in ſeinem Herzen, und von Al⸗ lem, was ihn hier ſo tief zu bewegen ſchien, jede Spur auf der glatten Oberfläche ſeiner Seele ver⸗ ſchwunden? Ich muß Dir geſtehen, daß es mich überraſcht hat, auch mitunter ein Bißchen verdroſ⸗ ſen. Aber das iſt ſchon vorüber. Solche Stirme verwehen ſchnell bey mir, und es bleib von zurück, als die weiſe Lehre, künftig 2 ger zu ſeyn, und vor allen Dingen kein Weſen auf der Welt in einem andern als dem klaren Tages⸗ lichte der Wirklichkeit anzuſehen. Traue nur nie⸗ mand den Geſtalten, die die Phantaſie uns ſta der Dinge an ſich unterſchiebt! Sie haben meiſter. nichts von ihren Urbildern, als die äußere Form; und wir würden oft ſehr erſtaunen, wenn wir auf einmahl ſtatt des geträumten Phönix den gemeinen * 5 8 Paushahn ſehen könnten, der wirklich vor uns ſteht; wir würden klüger und demüthiger werden. Denn, laß es uns aufrichtig geſtehen, unſere Eitelkeit hat an dergleichen Vergötterungen wohl eben ſo viel Theil, als unſer Herz und unſere Phantaſie. Wir möchten gar zu gern von einem Heros geliebt ſeyn, mit Göttergeſtalten umgehen, und ſo nach und nach ſelbſt zur Göttinn werden. Aber es kommt die lie⸗ be Zeit in ihrem Alltagsſchritte, und die gemeine Wirklichkeit. Sie nähern ſich dem ſchönen Phan⸗ tom, das vor uns ſteht. Vor ihrer kräftigen Be⸗ rührung verſchwindet der Schimmer, der es um⸗ gab; die Göttergeſtalt ſelbſt ſinkt zur gewöhnlichen Erdengröße herab, und die arme Sterbliche, die ſich ſchon eine Heroine glaubte, iſt wieder auf die ſchlichte Menſchheit zurütgeführt. Das thut nun freylich weh im erſten im zweyten ver⸗ ſchmerzt man's um den Gewinn an Menſchenkennt⸗ niß und Erfahrung, und küßt, wie ein wohlgezo⸗ genes Kind, die Ruthe, die uns für den verwege⸗ nen Verſuch auf die Finger klopft. Sieh, Liebe, aus dieſem gemeinen, aber ſehr wahren Lichte ſehe ich die Geſchichte zwiſchen Aga⸗ thokles und mir an. Auch er iſt ein ganz gewöhnli⸗ cher Mann, jedem erſten Eindruck offen, ſchwach gegen die Macht der Schönheit, achtlos für weib⸗ * e — lichen B, leichtſinnig 355 Fen. Z er⸗ kenne ich nun deutlich, und bin auch ſeit dieſer Er⸗ kenntniß wieder ganz in den Beſitz der ſeligen Ruhe gelangt, die ſeine Anweſenheit, ſein Scheiden ge⸗ ſtört hatten, und in der doch allein mir eigentlich wohl iſt. Könnte ich nur in Deine Bruſt Einen Tropfen— dieſer friedlichen Stille, dieſer behaglichen Gleich⸗ gültigkeit übertragen! Könnte ich Dich nur ein ein⸗ ziges Mahl die Welt und die Menſchen ſo betrach⸗ ten machen, wie ich ſie anſehe! Glaube mir, es wür⸗ den noch Schönheiten genug an der erſten, und Tu⸗ genden an den letztern übrig bleiben, um ihnen recht gut zu ſeyn, und ſeines Lebens froh zu genießen. Aber was unſere Leidenſchaften in ſo ſtürmiſche Be⸗ wegung bringt, was uns das kurze Daſeyn ſo oft verbittert, würde wegfa Uen. Wir würden von Um⸗ ſtänden und Menſcheß i t mehr erwarten, als ſie leiſten können, kein We ſen mehr ſchätzen als es ver⸗ dient, und jedes nach ſeiner Art benützen, ohne über die übel, die wir ja zu berechnen wußten, bir⸗ tere Klagen zu erheben. Ich meine, mit dieſer Art zu denken hätte ich auch mit Deinem Sertnus nicht unglücklich ſeyn wollen. Er kommt zuweilen zu mir, und ich glau⸗ be beynahe, er hat Luſt, mich zur Vertrauten ſei⸗ ₰ — nes bekleminten Herzens zu machen. Ich kann eben nicht ſagen, daß mich das ſehr freuen würde; aber die Achtung, die er mir zeigt, freut mich⸗ Es iſt im Grunde ein guter Menſch, nur leichtſinnig und ſchwach, durch Erziehung und Beyſpiel verdorben, und hätte wohl vielleicht, unter vernünftiger Lei⸗ tung, ein ganz annehmliches Weſen werden kön⸗ nen. Er liebt Dich aufrichtig. Der Verluſt Dei⸗ ner Neigung— der arme Mann wiegt ſich in den ſüßen Traum ſie vor Tiridates Ankunft beſeſ⸗ ſen zu haben— thut ihm ſehr weh. Im Ernſt, Sul⸗ picia! glaube mir, ſo ein Mann iſt Trotz ſeiner all⸗ täglichen Denkart weit brauchbarer für's Leben, als jene hochgeſtimmten Geſchöpfe. In Verbindung mit einem vernünftigen Weibe übernimmt ſich ſo ein Menſch nicht leicht, überläßt der klügeren Frau die Leitung ihres gemeinſchaftlichen Beſtens, ſtört ihre Ruhe durch keine wilden Flüge der Einbildungs⸗ kraft, reißt ſie nicht, ihrer beſſeren Vernunft zum Trotz, in überirdiſche Welten fort, liebt ſie aufrich⸗ tig und dankbar, und bleibt ihr treu! O, ich lobe ir die Alltäglichkeit! Darum, liebe Sulpicia, um dieſer neuen Er⸗ fahrungen willen überhöre die Stimme der Freund⸗ ſchaft, die ſchon ſo oft vergeblich an Dein Herz drang, nicht länger! Suche jetzt, da Entfernung und andere Umſtände dieſen Entſchluß begünſtigen, eine Neigung zu beſiegen, die Dich gewiß unglück⸗ lich machen muß, nicht, weil Du mit Anicius ver⸗ mählt biſt— Ehen können getrennt werden— nicht, weil Deiner Verbindung mit Tiridates Hin⸗ derniſſe im Wege ſtehen— Muth und Standhaf⸗ tigkeit würden ſie beſiegen— nein, darum, weil* kein Mann der Liebe eines Weibes würdig iſt, dar⸗ um, weil ſie alle, mehr oder minder flatterhaft, ſinnlich, ſelbſtſüchtig ſind! Was ſie an uns lockt, iſt Sinnenreiz, was ſie eine Weile feſt hält, Phantaſie, Eitelkeit, Eigenſinn. Hören dieſe Triebfedern auf zu ſpielen, ſo erſchlafft die Begierde, mit ihr die Liebe, und wir ſind ihnen nichts mehr. Nenne mich nicht grauſam, wenn ich Dir jetzt etwas ſage, das Dich hart dünken wird! Schiltden Arzt nicht, der in überzeugung des Beſſern die bit⸗ tere Arzney reicht! Glaubſt Du wohl, daß ohne Deine Schönheit und die ungeheuren Hinderniſſe Tiridates Liebe ſo feurig und treu ſeyn würde? Laß nur den Krieg glücklich enden, Deine Verbindung mit Anicius durch die Macht des Cäſars getrennt werden, den Prinzen im ruhigen Beſitz ſeines vã⸗ terlichen Throns und Deiner Hand ſeyn, und dann ſieh, wie lange die Flamme noch matt fortglimmen wird, die jetzt ſo ungeſtüm lodert! — S5 denleſis Alle— Ale, und dieje die einen Einzigen ausnehmen will, iſt betrogen. Was ſie aber betriegt, iſt nicht der Mann— denn der Vöſewichter, die aus Abſichten Liebe heucheln, ſind wenige— ſondern ihr eigenes Herz, ihre aufgereiz⸗ te Einbildungskraft, die es ihr unmöglich macht, den allgemeinen Geſchlechtsbegriff auf den Einzel⸗ nen anzuwenden; die Eitelkeit, die ihr zufliſtert, daß ſie eine Ausnahme würde gefunden haben,weil ſie eine zu finden verdiente u. ſ. w. Verzeih, Sulpicia! wenn Dich mein Brief ſchmerzt! Verzeih es der Freundſchaft, die Dich ſo gern vom Abgrund zurückreißen möchte, verzeih es den Erfahrungen, die ich gemacht habe, und liebe mich darum nicht weniger! Leb wohl, theure Freun⸗ in! Wir ſehen uns nächſtens. * — Sechzehnter Brief. (Im vorigen eingeſchloſſen.) Tiridates an Sulpicien. Nikomedien im May 301. Mere und Länder trennen uns! Zwey unendli⸗ che Monathe dehnen ſich zwiſchen dem letzten glück lichen Augenblicke nn Lebens, und den uners träglichen Stunden, di ier pflanzengleich ver⸗ träume! Was iſt das aſeyn vhne dich? Was iſt das bedeutungsloſe Athmen eiher Luft, in der dein Hauch nicht ſchwimmt, der langweilige Verkehr mit Menſchen, von denen keiner dich kennt, kei⸗ ner deine Göttergeſtalt geſehen, keiner je das Glück gefühlt hat, den Ton deiner Stimme zu hören? Sulpicia! Nur die Ausſicht auf das Ziel, das mei⸗ ne angeſtrengteſten Kräfte jetzt zu erreichen ſtreben, — 106 die vn auf die Befriedigung der dei Lei⸗ denſchaften, deren die menſchliche. Bruſt fähig iſt, gibt mir Stärke, hier auszuhalten. Was ſonſt, als dieß, kann mich hindern, zurück zu eilen, und in deinen Armen, an deiner Bruſt die Wonne der Götter zu fühlen? O der Anblick deiner Reize, der Wohllaut deiner Stimme wird mit dem Leben nicht zu theuer bezahlt! Und all dieſe Fülle von Seligkeit wird mein ſeyn! Keine Macht der Welt, keine unwürdigen Bande, kein Beſtreben niederer Eiferſucht werden mir deinen Beſitz ſtreitig machen. Mein Arm wird den Thron meiner Väter erkämpfen, und ich wer⸗ de ihn mit dem ſchönſten Weibe der Erde theilen. Dann Sulpicia! dann wird dein Geiſt ſeinen an⸗ gebornen Platz behaupten, und dein königlicher Sinn in königlichem Wirken ſich beglückt und be⸗ glückend fühlen. O eilt, eilt, ihr Stunden! Stei⸗ ge früher, Titan, aus dem Flammenmeere, ſtür⸗ e dich früher in Thetis Arme, und beflügle den trägen Gang der Zeit, bis der helle Augenblick naht, der allein den Nahmen des Lebens ver⸗ dient! Ich ſchwärme, Sutpieid! Meine Pulſe flie⸗ gen, mein Blut kocht, mein ganzes Weſen ent⸗ zündet ſich bey dem Gedanken dieſes Glücks. Dann ——————————— — 10)—* biſt du mein! und all der unendliche eietreiz dei⸗ ner Geſtalt, dieſe zauberiſchen Formen, dieſe an⸗ muthigen Bewegungen, dieſer Ton der Stimme, der in den innerſten Tiefen meines Herzens wie⸗ derhallt, ſind mein— mein ausſchließliches, unbe⸗ ſtreitbares Eigenthum! Laß mich abbrechen, laß mich ruhiger werden, ſonſt kann ich unmöglich den Brief endigen, und dir ſagen, was du zu wiſſen brauchſt! Ich habe deinen Brief erhalten. Welche düſte⸗ — ren Bilder, welche quälenden Vorſtellungen be⸗ unruhigen dich, meine Geliebte! Fürchte nichts für unſere Liebe, nichts für mein Leben! Den Ge⸗ fahren der Seereiſe bin ich glücklich entgangen. Mehr als Ein Mahl drohte der Sturm unſer Schiff an Felſen zu zerſchlagen; er durfte nicht. Der Glückliche, der zur Wonne der Götter in dei⸗ nen Armen beſtimmt iſt, durfte ſein Grab nicht in den dunkeln Fluthen finden, und kein Pfeil wird dieſe Bruſt treffen, in der dein Bildniß lebt. Die⸗ ſe Zuverſicht ſteht feſt in mir; mir iſt, als könnte ich den Zufall kühn herausfordern, und verſichert ſeyn, daß ſeine ganze Tücke nichts gegen mein Glück vermögen wird. Du liebſt mich, Sulpicia! Du haſt mich gewählt. Aus fernen Weltgegenden hat uns das Schickſal zuſammengeführt, unſre . — 06— die ſo verſchieden lagen, vereinigt, mir in Cäſar Galerius einen Freund geſchenkt, der das einzige Hinderniß unſerer Vereinigung⸗ deine Ver⸗ bindung mit dem ſchwachen Serranus, zu heben vermag. Dioeletians Politik macht ihn meinen Ab⸗ ſichten geneigt; die Armee iſt voll des beſten Wil⸗ ens, in Armenien ſind meine Freunde thätig ge⸗ weſen, mein Volk liebt mich, es liebt nicht mich allein umn meiner ſelbſt willen, es ſegnet und ehrt noch die Wohlthaten und die weiſe Regierung ei⸗ ner langen Reihe von Vätern in dem letzten Sprößling des edlen Stammes. Das Perſiſche Joch hat auch den Nacken der einſt Mißvergnüg⸗ ten wund gedrückt, ſie werden ſich mit meinen Freunden vereinigen, ſie werden viel, Alles wa⸗ gen. Sage mir, Sulpicia! Wo iſt nun ein Grund zur Furcht für uns? Muthig, meine Geliebte! O laß mich die freudige Zuverſicht, die meine Bruſt erfüllt, a auch in deinen zarten Buſen gießen, und dir Kraft ertheilen, das Einzige, was wir zu fürch⸗ ten id zu tragen habe die Qualen einer langen Snug⸗ ſtandhaft bo iſt ni 65 mit mir in den Strudel des geſchüftigen Le ineingezogen. Ich glaube, es iſt ſehr gut füsi denn die ſtille Muße ließ ſeintm kräftigen zu viel Srer — 09— heit, in ſich hinein mit venziche⸗ gwalt zu wirken. Er hat Calpurnien mehr geliebt, als ſie vielleicht 9 glaubt; dennoch hat er in der übetzeu⸗ gung, daß er nie glücklich mit ihr werden könnte, die Kraft gehabt, ſich von ihr loszureißen. Ich weiß nicht, was ich mehr bewundern ſoll, dieſe Standhaftigkeit oder jene Grille. Genug, es hat— ihn einen ſchweren Kampf gekoſtet, aus dem ſein beſſeres Ich, wie er es nennt, als Sießer. hervor⸗ ging. Das hat er mir auf der Reiſe geſtanden, ſo wie auch das, daß die Erinnerung an ſei Geliebte in den gewohnten alten umgebu der lebhafter geworden iſt. Er hat von Nachforſchungen nach i fer, mit dem er dieſem P antom nachſtrebt, und Negionen der Phantaſie i ren. Dennoch liebe ich ihn mich auf unſre nahe Trent in Cäſar Galerius, und A Demetrius auf unſe Du aber, mei lich theure Freund düſtern Bilder, de en Fligel. beruhige dich Entferne die ein ſchönes Gemüth guälen! erſte die ſchöne Wirklichkeit voſt ſich ſtößt, ſcheint mir 8 ein neuer Beweis, wie nöthig ihm Zerſtreuung und thätige Geſchäftigkeit ſind, die ihn aus den die Gegenwart einfith⸗ hetzlich, und füpchte ing; denn ich gehe zum bles äls Centürio zu geſtellt, und der Ei⸗ ebte, meine mauſroh 3 Die Götter werden, ſie können uns nicht trennen. Was auch niedrige Menſchen beginnen mögen, was ſie erſinnen, um unſre Verbindung zu hindern, laß es dir keinen trüben Augenblick machen! Ich wer⸗ de den Cäſar in wenig Tagen ſprechen. Sein Macht⸗ wort beſchwört jeden Sturm, der ſich gegen uns &. erhebt, und mein Arm wird den Zufluchtsort, von dem aus unſere Liebe der ganzen Welt ſicher Trotz biethen kann, erkämpfen. Dieſe ſchöne Hoffnung ſteht lebhaft vor mir, befeuert meinen Muth, und macht es mir möglich, ohne dich zu leben. Leb wohl! ————— Siebzehnter Brief. Agathokles an Phocion. Edeſſa im Junius 301. Wan Sen Begriff von der verzweif⸗ lungsvollen Lage des Verbannten machen kannſt, der nach langem Irren endlich die Küſten des Va⸗ terlandes erblickt, und im Begriff, das Ende ſei⸗ ner Leiden zu finden, ſich auf einmahl von einem furchtbaren Sturm zurück geworfen, und an das unwirthbare Geſtade eines Felſen getrieben ſieht, wo er die heiß erſehnte Gegend, das Ziel ſeiner Wünſche beſtändig im Auge, vor Hunger und Elend umkommen muß, ſo kannſt Du Dir ein Bild von meinem Zuſtande machen. Phocion! Welches un⸗ erbittliche Spiel treibt das Schickſal mit meinen Wünſchen? Was hat es mit mir vor, daß es mich durch ſolche Prüf ugen führt? Ich habe ſie ge⸗ funden— ich hebe Lariſſen geſehn! Ich lebe mit ihr unter einem Dache— und habe ſie auf ewig Worten liegt? Ich bin zu bewegt, um ordentlich zu ſchreiben. Laß mir Zeit, mich zu faſſen! Ich habe gekämpft, ich habe auf Minuten den Sturm beſänftigt, der in meinem Innern wüthet, um Dir erzählen zu können. Dieſe übung meiner Seelenkräfte ſteht mir jetzt noch oft bevor, ich kann nicht genug eilen, um mich daran zu gewöhnen. Höre alſo! Vor acht Tagen kam ich nach dem Be⸗ fehl Diocletians zu Edeſſa bey Demetrius*) an⸗ Das Hauptquartier unſers Flügels iſt bey dieſer Stadt auf der Villa eines reichen Bürgers. Zu die⸗ ſem Feldherrn hatten mich der Wunſch meines Va⸗ ters, die Genehmigung des Auguſtus beſtimmt. Alter Kriegsruhm, ſtrenge Zucht und unbeſcholtne Redlichkeit haben ihn Veyden empfohlen, damit ich von ihm in Allem unterwieſen, würdig unter eines würdigen Mannes Anleitung meine erſte Schlacht kämpfen ſollte. Demetrius empfing mich, wie ich es erwartet hatte, rauh, trocken, aber mit Anſtand. Die Zerſtreuungen und Geſchäfte meines neuen Berufs halfen mir in den erſten Tagen vergeſſen, was mir öfters ſchmerzlich einſiel, daß ich allein, von jedem theuern Weſen losgeriſſen, unter frem⸗ den Menſchen, in einer ganz ungewohnten Lage verloren! Faſſeſt Du den Jammer, der in dieſen 2 ſepte. Die Frau des Feldherkn, die ihren Gemahl aus Achtung für ſeinen Willen begleiten ſollte, ders bemerkbar, als durch eine ehrerbiethige Stil⸗ , 15 F 4„ wurde erwartet. Nach drey Tagen langte ſie an. Ihre Gegenwart i im Hauſe wurde durch nichts an⸗ le auf dem Flügel, den ſie bewohnte, und den öf⸗ tern Anblick weiblicher Sclaven, die hin und her gingen. Sonſt blieb ſie im Gynäceum verſchloſſen. An der Tafel, wo ſie mit ihrem bejahrten Gatten ſpeiſte, waren nur wenige Vertraute zugelaſſen, und ſelbſt in den Gärten, die weitläufig um die Villa herum liegen, ſchien ſie eigne Plätze zu wäh⸗ len, die Düſterheit, Einſamkeit und ihre Gegen⸗ wart die übrigen vermeiden machten. Vorgeſtern führten mich meine Träume in ei⸗ nen der wildeſten Theile des Gartens, wo hohe Tannen, mit Epheu umwebt, eine finſtre Laube bildeten. Die Stille, die Heimlichkeit des Orts luden mich ein. Ich trat in die Laube, in der ich niemand ſah, und war im Begriff, mich auf die Raſenbank zu werfen, als ein Korb mit vielen Knäueln von Goldfäden und einigen Spindeln voll Purpurwolle, der auf dem Tiſche ſtand, mir in die Augen fiel. Dieſer Anblick ließ mich vermuthen, daß die Gebietheri nn des Hauſes dieſen Platz ge⸗ wählt habe, und ſchon wollte ich mich entfernen, Agath. I. Th. 8 als ein zweyter Blick auf den Korb mich feſt hielt. Eine dunkle wehmüthige Erinnerung, ſüße halb⸗ verwiſchte Bilder„die immer lebhafter wurden, wachten in meiner Seele auf. Ich konnte die Au⸗ gen nicht von dem Korbe wenden; es war mir, als hätte ich ihn ſchon irgendwo geſehn, er ſchien mir nicht fremd, und an ſein Bild kettete ſich eine Reihe von ſeltſamen Gedanken und Empfindungen, bis auf einmahl die Gewißheit— es war derſelbe Korb, den ich vor mehr als zwölf Jahren ſelbſt 3 geflochten⸗ und Lariſſen an ihrem Geburtstage voll Blumen gebracht hatte— hell und erſchütternd vor mir ſtand. In der heftigſten Bewegung ergriff ich den Korb, beſah ihn noch ein Mahl, und war im Begriff, ihn an meine Lippen zu drücken, als ein kleines Geräuſch mich aufmerkſam machte. Ich ſah mich um; eine ſchlanke weibliche Geſtalt, das Haupt mit einem Schleyer bedeckt, trat in den Eingang der Laube, und ſchien vor Erſtaunen ge⸗ feſſelt ſtehn zu bleiben. Auf einmahl drang eine Stimme, die mein Innerſtes aufregte, in mein Ohr: Iſi's möglich, ſehe ich den Sohn des He⸗ geſippus wieder? Biſt dus, Agathokles? Die Geſtalt näherte ſich, und ſchlug den Schleyer zu⸗ rück. O Götter, allmächtige Götter! Es war La⸗ riſſa! Wir ſlogen einander in die Arme, wir ver⸗ 6 ſchh nicht zu wir fühlten nur das Glück, uns nach acht hoffnungsloſen Jahren wie⸗ der zu ſehen. Auf einmahl richtete ſich Lariſſa in meinen Armen auf; ich ſah ihr Geſicht mit einer tödtlichen Bläſſe überzogen, ſie trat einen Schritt zurück, und ſagte mit gebrochener Stimme: Ich bin die Frau des Demetrius! Ich erſtarrte— mehr über ihren Anblick, als den verhängnißdollen In⸗ halt ihrer Worte. Meine Lariſſa! hob ich von Neuem an, und wollte mich ihr nähern. Nein! nein! rief ſie, und machte mit der Hand eine Be⸗ wegung, als wollte ſie mich entfernen. In dem Augenblicke wurde ſie noch bleicher, ihre Knie zit⸗ terten, ſie wankte, ich umfaßte ſie, und ſie glitt aus meinen Armen auf die Raſenbank. Ach, Aga⸗ thokles! rief ſie ſchmerzhaft: Warum haben wir uns jetzt gefunden? Ich ſah, daß ſie einer Ohn⸗ macht nahe war, ich ſtrebte ihr zu helfen, ich woll⸗ te ihre Frauen rufen. Laß! rief ſie, mit kaum hörbarer Stimme: Laß uns allein! Hier brach ihr Blick und Stimme, und ſie ſank ganz bewußtlos an meine Bruſt. O Götter, welch ein Augen⸗ blick! Nach ſo vielen Leiden, ſo langer Entbeh⸗ rung ſchien ſie Agenblicke des Wiederſehens an meiner B ruſt zu vergehen! Was ich gethan, um ſie wieder zu weiß ich ſelbſt nicht ehr, kaum daß ich es damahls wußte. enu⸗ ſchlug ſie die Augen auf, ſie ſah mich an.— O Phocion! Was iſt Liebe, wenn ſie nicht aus die⸗ ſen Blicken ſprach? Und doch!— Ich ſchloß ſie feſt an meine Bruſt, ich ſagte ihr alles, was mir mein Herz eingab. Sie hörte mich ſtumm, aber ohne Widerſtreben an, ihr Auge hing unverwandt an den meinigen. Endlich brach ſie in Thränen aus. Du haſt mich nicht vergeſſen, meine Lariſſa! Du liebſt mich noch! rief ich entzückt. Ihr Blick wurde auf einmahl finſter, ſie hob ihren Kopf won meiner Schulter auß zog ſich zurück, drückte mich mit dem Arm weg, und ſagte mit dumpfer Stimme: Nein, ich darf nicht! Ich bin verheira⸗ thet. Das Gewicht Mrt fiel auf mein Herz. Ich ſah unſer Ungligk, den Abgrund, an dem wir ſtanden. Aber xiriele Hoffiungen ſtrahlten durch die dunkle Nacht meinet e. Ich näherte mich ihr wieder: Sollte denn keine Hoffnung zur Ver⸗ einigung ſeyn, keine Möglichkeit? ſagte ich mit neuem Muthe. Keine, keine! rief ſie gewaltſam, und ihre Thränen verdoppelten ſich. Ich drang hef⸗ tig in ſie, ſich zu erklären. Sie ſchluchzte, daß ihre Bruſt bebte. Nach einer Weile erhob ſie ſich. Aga⸗ thokles! ſagte ſie mit himmliſcher Güte: Verlaß mich! Dringe jetzt nicht in mich! Ich bin unfähig * mit Dir zu ſprechen. Wenn Du ebſt, Fn meiner Jugend, ſo gönne mir Ruhe! Geh! Ich 6 werde mich zu faſſen ſuchen. Sende mir in einer Weile meine Selavinnen, daß ſie mich zurück be⸗ gleiten! Ich fühle es, ich bin nicht im Stande, das Haus zu erreichen. Ich wollte ſprechen, ich wollte ſie unterſtützen. Mit gerungenen Händen und einems Blick, der mehr ſagte, als ihr bang geſchloſſener Mund, drang ſie auf meine Entfernung. Ich ver⸗ ließ ſie, und fand mich nach einiger Zeit in mei⸗ nem Zimmer wieder. Erſt lange darnach vermoch⸗ te ich den Begebenheiten, die mir wie ein Traum⸗ vorkamen, nachzudenken. Wenig tröſtlich war, was Vernunft und überlegung mir ſagten; dennoch ſchien es mir weder nöthig, jede Hoff⸗ nung aufzugeben. Wie ie When ſind mit Ein⸗ willigung beyder Thille getrennt worden! Es ii nicht der Fall Sulpitus, die den jungen Gatten dem ſie freywillig die Ve gab, d der ſein Glück in ihr findet, verlaſſen will, um dem ſpäter Ge⸗ liebten zu folgen. Es iſt die Jugendfreundinn des Wiedergefundenen, der heilige Rechte an ſie hatte, ehe Demetrius ſie kennen lernte; es iſt die junge Gemahlinn des kalten Greiſen, der unempfindlich für ihre Vorzüg e und Tugenden, vielleicht nur ſei⸗ ne Haushälterinn in ihr ſchätzt. Mehr ſcheint ihm Lariſn ja nſcht zu en z wie bald iſ ſp ein Platz in einem Hauſe erſetzt, wo die Frau keinen latz im Herzen des Mannes behauptet. So dach⸗ te ich, ſo denke ich noch, und glühte vor Verlan⸗ gen⸗ mit ihr zu ſprechen, ihr dieſe Gründe an's Herz zu legen, über unſer Schickſal mich mit ihr zu berathen. Phocion! Welch unbegreifliches Be⸗ tragen! Welche erſtarrende Kälte! Seit vorgeſtern habe ich ſie, die mit mir in einem Hauſe lebt, die mich einſt ſo ſehr liebte, die mich noch zu lieben ſcheint, die wiſſen muß, welchen Qualen ſie mein Herz preis gibt, mit keinem Auge mehr geſehn! Ich weiß, daß ſie ſogar die Gärten, ſonſt ihren Lieblingsaufenthalt, ſeitdem nicht mehr betreten hat, um mir nicht zu begegnen! Wie iſt dieß Be⸗ nehmen zu erklären, wie zu vertheidigen? Verdie⸗ ne ich nicht einmahl, daß man mit mir ſpricht, daß man ſich die Mühe nimmt, die dunkeln Räthſel unſers Verhältniſſes zu löſen, und nur wenigſtens zu ſagen: Lieber Freund! Meine Liebe iſt erſtor⸗ ben; das, was mich im erſten Augenblick erſchüt⸗ terte, war überraſchung; übrigens haben wir nichts miteinander zu beſprechen, Du nichts zu hoffen? Wie iſt ſie dazu gekommen, einem Greiſe, den ſie nicht lieben kann, die Haud iſt aus ihrer Familie geworden? Man gibt doch k ² dem gleichgltigſten Bekannten aus de Setiede den man in der Fremde trifft, freundlichen Beſcheid um alte Verhältniſſe und Freunde. Ich will j nicht mehr, ich will ja nichts mehr von Lariſſen, der Frau des Demetrius; nur die Tochter des Ti⸗ mantias, die Nachbarinn ſoll mir erzählen, was aus der Geſpielinn meiner Kindheit, aus ihren Al⸗ tern, ihren Brüdern geworden iſt. Das kann doch ihre Pflicht gegen Demetrius nicht verletzen. Sie thut es nicht; alſo will ſie— alſo bin ich ihr nichts, gar nichts mehr!— O Phocion! Das iſt denn nun die erſehnte Entwickelung lange Er⸗ wirrter Schickſale! Leb Gedanken zu ordnen, ſchreibe ich Dir, geliebte Züge meiner Schrift zu leſen; aber ich ſinde eine — bethe, unbedingte Unterwerfung unter die Hand Desjenigen, der züchtigt, weil er liebt, ſind für jetzt Achtzehnter Brief. Lariſſa an Junia Marcella. Edeſſa im Junius 301. Mi ſchwacher unſichrer Hand, kaun fähig meine Freundinn! Vielleicht wirſt Du Mühe haben, die Art von Beruhigung darin, Dir zu ſagen, was in mir vorgeht, und Dich in dieſen trüben Stunden um Rath und Troſt zu bitten. Dieß, und heiße Ge⸗ alles, was mir übrigt, um nicht zu unterliegen. Fünf traurige Jahre der Trennung und man⸗ nigfacher Leiden, unter Mangel, häuslichem Zwiſt und Härte fremder Menſchen waren vergangen, oh⸗ ne daß es meinen glühenden Wünſchen, meinem heißen Gebethe gelungen wäre, as vom Himmel zu erlangen, was allein mein höchſtes Gut ausmach⸗ te. Warum es nicht geſchah, welche Leidenſchaften welche Zufälle ſich in's Spiel miſchten, um das ſtil⸗ le Glück eines armen Herzens zu zerſtören, weißt Du. Laß mich ſchweigen! Das Grab bedeckt unſte Tugenden und unſre Fehler mit gleich dichter Lül⸗. le. Genug, es war nicht Gottes Wille! Da reichte ich am Sterbebette eines unglücklichen Vaters dem* Demetrius meine Hand. Auf Glück und Liebe hat⸗ te ich alle Anſprüche aufgegeben. Warum ſollte ich nicht, mit dem Opfer meines verödeten Herzens, meiner verlaſſenen Familie eine Stütze, dem ſter⸗ benden Vater den letzten Troſt, mir ſelbſt einen an⸗ ſtändigen Wirkungskreis für meine Beſtimmung als Weib erkaufen? Drey Jahre lebe ich an der Seite dieſes Mannes, drey Jahre erdulde ich ſchwei⸗ gend, was ein herriſches Gemüth und kriegeriſche Sitten einer Frau von ſo verſchiedener Denkart Schweres auflegen können. Ich hatte errungen, was ich ſuchte— die Achtung meines Gemahls. Ich opferte Gott meine Leiden auf, ich erhielt von ihm Kraft und Geduld zu meinem Berufe, ich war ru⸗ hig; denn in mir war Friede. Es ſind nun vier Tage, als ich eines Nachmit⸗ tags einſam in einer dunklen Laube des Gartens ſaß, der die Villa umgibt, in welcher das Haupt⸗ quartier unſers Heeres, und für jetzt mein Aufent⸗ zu einem Waſenmantel für en Jenes Körbchen, das Du kennſt, das einzige über⸗ bleibſel einer beſſern Zeit, ſtand neben mir auf dem Tiſche, und meine Gedanken irrten in weiten Fer⸗ nen, als man mich eines Geſchäftes wegen in's Haus zurück rief. Nach einer Weile kam ich wieder, und ging auf die Laube zu. Der Anblick eines fremden Mannes, der am Tiſche ſtand, und meinen Arbeits⸗ korb betrachtete, machte mich ſtutzen. Ich ließ den Schleyer nieder, und trat näher. O meine Freun⸗ dinn! Wie ſoll ich Dir meine überraſchung, meinen Schrecken, und mein Entzücken ſchildern, als jeder Blick, jedes nähere Betrachten mich überzeugte, daß ich Agathokles vor mir ſähe! Seine Aufmerkſamkeit auf das Körbchen, das er erkannt haben mochte, hinderte ihn, mich ſogleich zu bemerken. Im erſten Taumel der Freude war ich unfähig, überlegungen anzuſtellen. Ich folgte dem Zuge, der mich gewalt⸗ ſam zu ihm riß, ich rief ihn beym Nahmen, er er⸗ kannte mich, und ich fühlte in ſeinen Armen, an ſei⸗ nem ſprachloſen Entzücken, daß mich meine Boff⸗ nungen nicht getäuſcht hatten, daß ich noch eben ſo ſehr in ſeinem Herzen lebte, wie zu jener Zeit, da wir, als ſchuldloſe Kinder, ungekrennt von ernſten Verhältniſſen, mit einander ſpielten. Ich weiß nicht, 3— 123—„ wie lange der glückliche Rauſch währte, in welchem ich, alles um mich her vergeſſend, an ſeiner Bruſt lag, und kein anderes Gefühl, als das des nahmen loſen Glückes kannte, den Gegenſtand meiner un⸗ ausſprechlichen Liebe wieder gefunden zu haben. Warum konnte ich nicht in dieſem Augenblick ſter⸗ ben? Warum mußte ich zum Bewußtſeyn meines„ Unglücks erwachen? Demetrius Bild, das Bild meiner Pflicht ſtieg ſchreckend vor mir empor. Die⸗ ſer plötzliche übergang, und vielleicht die heftige Er⸗ ſchütterung einer ſo fremden Empfindung, als mir die Freude iſt, ſchlug meine Kraft nieder, ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe. Von ihm unterſtützt, von ihm bedauert, an ſeiner Bruſt ſank ich bewußt⸗ los hin, und wäre ſo glücklich, ſo gern in ſeinen Ar⸗ men vergangen! Seine Stimme, dieſer ſüße wohl⸗ bekannte Klang, rief mich in's Leben zurück. O mei⸗ ne Junia, in welches Leben Die erſte Regung des wiederkehrenden Bewußtſeyns mußte ich anwen⸗ den, um ihm zu ſagen, daß wir auf ewig getrennt ſind. Er verſtand mich nicht; ich glaube es wohl, ſeine Begriffe ſind wahrſcheinlich hierin von den meinigen ſehr verſchieden. Ich bath ihn, mich zu verlaſſen; er konnte ſich nicht entſchließen. Ich zit⸗ terte vor ſeinem längern Bleiben, vor der Schwä⸗ che meines Herzens, vor dem Verlöſchen des über⸗ reſtes von Kraft, die ich noch in mir fühlte. Doch gelang es mir. Sein ſchönes Gefühl verſtand mich⸗ Er verließ mich. Als er fort war, als ich das Ende ſeines Mantels hinter den Hecken verſchwinden ſah, da Qda fühlte ich erſt die gänze Größe meines Ver⸗ luſtes, mein ganzes Unglück und ſeines! Meine Thrä⸗ nen floſſen von Neuem ſo unaufhaltſam, daß, als meine Frauen kamen, ſie mich beynahe zurücktragen mußten. Aber, o meine Junia! wie gern wollte ich leiden, alles, was Gott über mich zu verhängen für gut fände, wenn ich ſein edles Herz von dieſer Laſt befreyen könnte! Der Gedanke, noch ſo treu, ſo warm von dem Beſten aller Menſchen geliebt zu ſeyn, war in dem erſten Augenblicke mir eine Quelle unaus⸗ ſprechlicher Freuden— iſt's noch manches Mahl in einer ſchwachen Stunde; aber ich kann es vor Gott bezeugen, daß den größten Theil der Zeit, die ſeit⸗ dem verfloſſen iſt, mein zerriſſenes Gemüth mit in⸗ niger überzeugung wünſcht, daß er mich vergeſſen, daß er ſeine Ruhe wieder finden, und ſo glücklich werden möchte, als ſein Herz verdient! Was kann— was ſoll ich jetzt thun? Mein Ge⸗ wiſſen ruft mir oft genug zu, daß jeder leidenſchaft⸗ liche Gedanke an ihn eine Verletzung meiner Pflich⸗ ten gegen Demetrius iſt, dem ich vor Gottes Ange⸗ ſicht Treue und Liebe bis as den Tod geſchworen Nun—biebe konnte e uicht geben, ui De⸗ 4 metrius in ſeinen Jahren verlangte ſie auch nicht; aber die Treue binich verpflichtet zu halten, und die⸗ ſe bricht nicht bloß das äußerſte Vergehn, zu dem ein Weib herabſinken kann, es bricht ſie auch die all⸗ zuzärtliche Neigung für einen Andern. Dieſe über⸗ zeugung und die Achtung für meine Pflicht waren bis jetzt lebendig genug, um mir Kraft zur Befol⸗ gung des Weges zu geben, den ich mir als den ein⸗ zig richtigen vorgezeichnet habe. Ich habe Agatho⸗ kles ſeitdem nicht mehr geſehen. Die Erſchöpfung, in welcher ich mich ſeit jener Scene befinde, und die wahrlich an Krankheit grenzt, hat mir bis jetzt zum ſchicklichen Vorwand gedient, nirgends zu erſcheinen, wo ich ihn treffen könnte. Was das mich koſtet, weiß nur Gott, vor deſſen Vaterblicke ich mein wulldes Herz enthülle, der allein Zeuge meiner einſamen Thränen iſt. Aber wie werde ich es in die Länge be⸗ haupten können? Agathokles dient unter den Trup⸗ pen, die dem Befehl meines Mannes gehorchen, er iſt ſeit einigen Tagen zu ſeinem Legaten ernannt wor⸗ den, er wohnt in unſerm Hauſe. Ich kann es in die Länge nicht vermeiden, ihn zu ſehen, und mit ihm umzugehn. Demetrius Gemüthsart, die ſich lang⸗ ſam und ſchwer an neue Gegenſtände gewöhnt, mach⸗ te ihn im n Agathokles rauh. Du ß aus meiner ſe über ſeine Gegen⸗ wart in unſerm Hauſe ſchließen, wie welig Aufmerk⸗ ſamkeit ihm Demetrius ſchenkte. Das fängt an, ſich zu verlieren. Ich höre meinen Mann oft, und im⸗ mer mit größerer Achtung von den Fähigkeiten, den vorzüglichen Sitten, der Entſchloſſenheit u. ſ. w. ſei⸗ nes neuen Legaten ſprechen. So wohl mir dieſes Zeugniß für Agathokles Tugenden aus dem Munde eines ſo ſtrengen Richters thut, ſo ſehe ich doch mit Zittern den Augenblick herannahen, wo er ihn in den Kreis der Wenigen ziehen wird, die er mit ſei⸗ nemVertrauen beehrt, und gern und oft um ſich hat. Was bleibt mir dann für eine Zuflucht übrig! Wel⸗ che Kämpfe ſtehen mir, welche Leiden dem Unglück⸗ lichen bevor, dem ich ſo gern jedes unangenehme Gefühl erſparen möchte! Es wird nicht dabey ſte⸗ hen bleiben, es wird zu Fragen, zu Erklärungen kommen, die ich nicht vermeiden, und eben ſo wenig ganz nach der Wahrheit geben kann. Das iſt's, wo⸗ vor ich zittre, wovor mein Innerſtes ſich entſetzt. Ich habe eine Weile angeſtanden, ob ich Deme⸗ trius ſagen ſollte, daß Agathokles und ich uns ſchon als Kinder gekannt hätten. Ich wog die Gründe dafür und dawider; endlich ſiegten der Wunſch, kein Geheimniß vor dem Manne zu haben, dem das er⸗ ſte Recht auf alles, was mich betrifft, zukommt, und 5 das Beſorgniß, daß eben die Verheimlichung, weun ein Zufall uns gerriethe, ihm Verdacht einflößen könnte. Ich erzählte ihm alles offenherzig, und ver⸗ ſchwieg nur den Grad der Empfindung, der uns da⸗ mahls belebte. Das war, glaube ich, eben ſo ſehr meine Pflicht, beſonders bey dem feſten Vorſatze des muthigſten Kampfes wider dieſe Empfindung. Er nahm dieſe Entdeckung nach ſeiner Art recht freund⸗ lich auf, und ich fürchte nur, daß eben dieſe Kennt⸗ niß ihm den Jugendgeſpielen ſeiner Frau noch nä⸗ her bringen, und den Augenblick des Wiederſehens beſchleunigen wird. Dieß iſt nun aber nach der La⸗ ge der Umſtände nicht zu vermeiden, und Gott wird mir die Kraft geben, eine Laſt zu tragen, die er mir ſelbſt aufgelegt hat. Er fordert ja nicht mehr von uns, als wir leiſten können. Meine Junia! Nun habe ich dir alles treulich erzählt, und es iſt mir, als ob ich meinen Kummer leichter trüge, ſeit ich ihn dir vertraut habe, ſeit ich weiß, daß du ihn, wenn du den Brief wirſt geleſen haben, mir tragen helfen wirſt. Bethe für mich, daß Gott mich nicht verläßt! Auf ihm allein ſteht meine Hoffnung, mei⸗ ne Zuverſicht. Leb wohl! Reunzehnter Brief. Agathokles an Phocion. Edeſſa im Junius 501. Da⸗ Räthſel iſt gelöſet. Ich ſehe deutlich in die Tiefe des Abgrunds, der vor mir liegt. Ich weiß⸗, daß ich nichts mehr zu fürchten habe, denn ich habe nichts mehr zu hoffen. Lariſſa iſt unwiederbringlich für mich verloren. Die heiligſten Gefühle, die zu beſtreiten Vermeſſenheit und Verbrechen wäre, ſte⸗ hen ſcheidend zwiſchen us. Mein Urtheil iſt ge⸗ ſprochen. 8 Als ich Dir das letzte Mahl ſchrieb, regte ſich noch mancher Funke von Hoffnung in meiner Bruſt⸗ 8 Selbſt der Unmuth über ihr wunderbar kaltes Be⸗ tragen flößte mir Kraft und Willen ein, einen küh⸗ nen Schritt zu wagen. Ich kannte Lariſſens Lage, ich kannte die Größe ihrer Geſinnungen, die heili⸗ gen Triebfedern nicht, die ſie handeln machen. Ich 129— n einen Puun, uns langſam, aber cher, an's Ziel geführt hätte; meine Phantaſie entzün⸗ dete ſich an den ſchimmernden Bildern des Glücks, das ich in der Zukunft erblickte. Ich brannte vor Begierde, mit Lariſſen zu ſprechen, ihr meine Ent⸗ würfe mitzutheilen, und mit ihr alles zu überle⸗ gen, was uns zu thun erlaubt und möglich ſey. un⸗ fähig zu allen übrigen Geſchäften und Gedanken, nur auf dieſen Punet, auf dieſe einzige Hoffnung feſtgeheftet, brachte ich noch drey ängſtliche Tage zu. Ich durchſtrich hundert Mahl die Gärten, ich lauſchte in den Gängen des Hauſes auf ihre Tritte, ich fuhr auf bey dem Anblicke jeder weiblichen Ge ſtalt; denn jedes Mahl hoffte ich ſie zu erblickei Sie kam nicht, ſie ließ ſich nirgends ſehen. Endlich erfuhr ich, daß ſie die ganze Zu über krank gewe⸗ ſen war, und ihr Zimmer nicht verlaſſen habe. O Phocion! Ich ſage Dir nicht, wie mir damahls zu Muth war! War es Wahrheit, Folge der Er⸗ ſchütterung, Zufall, Vorwands Tauſend Gedan⸗ ken beſtürmten und zerriſſen meine Bruſt. Ich konn⸗ te mich nicht länger halten. Meine Seele war von Kummer gebeugt, mein Herz drohte zu zerſprin⸗ gen. Ich ſchrieb ihrz Du findeſt den Brief in der Abſchrift beygelegt. Ein alter Diener des Hauſes, der mich lieb gewonnen hatte, übernahm die Be⸗ Agath. I. Th. . 5 ſtelung. Wahnſinniger! Ich dachte in dem Augen⸗ blick nicht an die Gefahr, der ich ſie und mich bloß⸗ ſtellte. Ich dachte, ich fühlte nichts, als daß ich ihr ſagen mußte, was in mir vorging, was ich gehofft hatte, für mich, für ſie— wenn ihr Herz noch dasſelbe war. Abſchrift des Briefes von Agathokles an Lariſſen. Sechs Tage ſind nun verfloſſen, ſeit ein un⸗ glaublicher Zufall nach acht Jahren uns wieder vereinigte. Die Art unſers Wiederſehens ließ mich auf einen Augenblick die Täuſchung nähren, Ent⸗ fernung und Zeit hätten die Geſinnungen der Freun⸗ dinn, der Geliebren meiner Jugend nicht verän⸗ dert. Es war nur ein Augenblick. Sechs lange Ta⸗ ge haben mich vom Gegentheil überzeugt. Lariſſa vermag dieſe ganze Zeit über mich in ihrer Nähe, in demſelben Hauſe zu wiſſen, zu ahnen, welche Unruhe meine Bruſt erfüllt, und ſich mir gänzlich zu entziehen. Kein Gedanke an meine Qual, kein Wunſch ſie zu lindern, kommt in ihre ſtreng verſchloſ⸗ ſene Seele, und in der tiefen Ruhe, deren ſie ge⸗ nießt, wird des Freundes zerſtörender Schmerz nicht geachtet. Nicht einmahl das Verlangen der * Neugier, was in acht Jahren mik dem Altbekann⸗ ten geſchehen, oder das leichte Gefühl der Frende, das des Landsmannes Anblick in der Fremde er⸗ weckt, regt ſich in ihrem Buſen. Sie iſt nichts, als die Frau des Demetrius. Nikomedien, ihre Jugend — Agathokles ſind todt für ſie. Iſt's möglich, Göt⸗ ter! iſt's möglich? O warum habe nur ich ein ſo unſeliges Gedächtniß? Warum iſt nurdieſe Bruſt ſchwach genug, einen ſchmerzlichen Eindruck durch acht lange Jahre ſo unauslöſchlich zu bewahren? Lariſſa hat mich vergeſſen, der Zeiten vergeſſen, wo ſie mir Alles, wo auch ich— die Frau des De⸗ metrius zürne dem kühneren Ausdruck nicht!— ih⸗ rem Herzen Viel war. Das iſt vorbey, ſo ganz vorbey, wie die Welle des Stroins, die vor acht Jahren vorübergleitete, nun und nimmer wieder⸗ kehrt, und ſpurlos verſchwunden iſt. In den erſten Stunden, als die täuſchende Hoffnung auf Lariſſens treueres Gedächtniß mich belebte, war ich thöricht genug, Wünſche zu hegen, und Plane zu entwerfen, die ſie hören, theilen, ge⸗ nehmigen, von denen ſie und ich unſer Glück er⸗ warten ſollten. Demetrius Jahre, ſeine Gemüths⸗ art, ſeine wenige Empfänglichkeit für zartere Ge⸗ fühle, gaben mir Hoffnung und Muth. Ich wollte ihm unſer Verhältniß geſtehen, ich wollte— Hich — 232— vnchs auf Lariſſens Liebe! i ich, darf ich denn, ohne mich einer Raſerey ſchuldig zu machen, jetzt noch auf eine ſolche Möglichkeit rech⸗ nen? Laß mich aufhören! Du liebſt mich nicht mehr! Wozu alles Weitere? Leb wohl! Dein künftiges Betragen, Deine Antwort auf meinen Brief, wenn Du den Vergeſ⸗ ſenen einer würdigeſt, werden mein Schickſal be⸗ ſtimmen. Dein Gatte zeigt mir Zutrauen genug, daß ich es wagen kann, ihn um eine Anſtellung auf 8 einem fernen Poſten zu bitten. Ich werde Dich we⸗ nig, vielleicht gar nicht mehr ſehen— nicht, um Dich von meinem Anblick zu befreyen, der Dir wohl keine Unruhe verurſacht, ſondern um mir, bey dem Bewußtſeyn Deiner Denkart, den Schmerz des Wiederſehens zu erſparen. Leb wohl! ——— Dieß hatte ich ihr geſchrieben. Einen marter⸗ vollen Tag, zwey ſchlafloſe Nächte brachte ich zu in geſpannter Erwartung des Ausganges meines unüberlegten Schrittes, deſſen ganze Thorheit ich erſt einſah, als es zu ſpät war. Heut' endlich, am Morgen des dritten Tages, erſchien der alte Sela⸗ ve, und brachte mir ihre Antwort. Sie folgt hier⸗ Lies ſie, Phocion, und dann fühle mit mir das tetungsleſe unic i meiner Lage, den meidichen Verluſt eines ſolchen Herzens? Lariſſens Brief an Agathokles, im vorigen eingeſchloſſen. Wenn ich dem Zuge meines Herzens hätte fol⸗ gen wollen, das mich durch die natürlichen Triebe der Selbſtachtung, der Eitelkeit, wenn Du willſt, anureizte, mich in den Augen eines ſchätzbaren Freun⸗ des zu rechtfertigen, und meine Vertheidigung ſo warm und eifrig zu unternehmen, als ſeine Vor⸗ würfe waren, ſo hätteſt Du bereits geſtern Ant⸗ wort von mir bekommen. Da es mir aber nicht bloß darum zu thun iſt, für den gegenwärtigen Au⸗ genblick, ſondern auch für die Zukunft alles zwi⸗ ſchen uns ſo klar und beſtimmt auszumachen, daß auf keiner Seite ein Zweifel oder eine Furcht vor Rückfällen möglich wäre, ſo mußte ich zuerſt in die Tiefe meiner, nicht erfreulichen, Vergangenheit hin⸗ abſteigen, und Begebenheiten hervorrufen, deren Andenken meiner Seele zu unangenehm iſt, als daß ich ſie ohne innern Kampf betrachten, und Dir, mein Freund, ordentlich erzählen könnte. Es iſt nothwen⸗ dig, daß Du meine Geſchichte kennſt, um mein Betra⸗ 3— gen zu beuttheilen, das dan vrn ein⸗ zurichten.* Als vor acht Sey mein Vater, an deſſen en zu Pracht und Wohlleben Du Dich noch erinnern wirſt, durch einen ungerechten Richter⸗ ſpruch ſeine bürgerliche Ehre, ſein Vermögen, ſein Vaterkand verlor, und ſich arm, hülflos, verachtet, mit drey unerzogenen Kindern in die weite Welt hinausgeſtoſſen ſah, da goß dieſes Unglück eine ſol⸗ * che Bitterkeit in ſein Herz, und veränderte ſeine Sinnesart ſo gänzlich, daß er faſt in allen Dingen das Widerſpiel von dem zu ſeyn ſchien, was er ehe⸗ mahls war. Finſter, unfreundlich, oft ſogar hart flüchtete er mit uns in die Gebirge von Armenien, wo ihm ein alter Verwandter lebte, der ihm eine Zuflucht im Unglücke verſprochen hatte. Man nahm uns auf, wie unempfindliche Reiche die Armuth aufzunehmen pflegen, die bey ihnen Hülfe ſucht— nicht in das Haus meines Großoheims, nicht an ſeinen Tiſch, viel weniger in ſein Herz. Gnaden⸗ brot zu eſſen, dazu war mein Vater zu ſtolz; er wurde alſo auf ein Landgut des Vetters als Auf⸗ ſeher, Verwalter, mit vieler Arbeit und kargem Lohne geſetzt. Hier in einer rauhen Gebirgsgegend, in einer ſchlechten Hütte, mit kaum mehr als Scla⸗ venkoſt genährt, in Selaventracht gehüllt, mußte ſchauderhaft iſt. der Mann ſbir⸗ der einſt 5 ſhönſten Him⸗ melsſtrich von Kleinaſien, in einer glänzenden Städt, ein Leben, durch alle Reize der Kunſt und Pracht verſchönert, geführt hatte. Der Abſtand war zu grauſam. Die letzte Spur von Gleichmuth entfloh aus der Bruſt meines unglücklichen Vaters. Miß⸗ verſtändniß, Unverträglichkeit, Ungeduld, Muth⸗ loſigkeit zogen in unſere Hütte ein, und es begann ein Leben für uns, das nicht viel von dem Zuſtan⸗ de derjenigen verſchieden war, die, wie unſere Vor⸗ ältern glaubten, die Schuld ihrer Sünden im Tar tarus abbüßen. Laß mich ſchnell über den trübſten Zeitpunet meines Lebens hingleiten! Mein Aufent halt in den Gebirgen von Armenien iſt ein grauen— voller Abgrund, in den zu blicken mir noch jet Endlich nach drey Jahren ſchien der Himmel, von welchem wir uns gänzlich vergeſſen glaubten, ſich unſer zu erbarmen. Obwohl in der Einſamkeit ſeiner Berge hatte meines Vaters Geiſt doch Mit⸗ tel gefunden, allerley Bande zwiſchen ſich und der Welt, die ihn ausgeſtoſſen hatte, wieder anzuknü⸗ pfen. Er führte lange Zeit einen geheimen Brief⸗ wechſel mit einem Freunde, der in Syrien lebte. Eines Tages trat er mit einer Miene, die wir lan⸗ ge nicht ſo freundlich geſehen hatten, in unſere Hütte⸗ — ner Mutter laß mich ebenfalls übergehen! Genug, wir langten in Apamäa 27) an. Hier miethete mein Vater ein kleines, aber nicht unbequemes Haus, Packt eure Sachen zuſunmen, rief er: Morgen reiſen wir aus dieſem Orte des Elends ab. Wo⸗ hin wie? warum? das waren Fragen, die, ſo ſehr ſie uns auch drängten, Keines ſich zu machen trau⸗ te. Es wurde gepackt— die Armuth iſt bald fertig — und den andern Tag machten wir uns, mein Vater und die Brüder abwechſelnd auf dem einzigen Maulthier, das wir beſaßen, meine Mutter und ich in einem ſchlechten Fuhrwerke auf den Weg. Die Beſchwerlichkeiten der Reiſe, die Leiden mei⸗ nd aus Quellen, die mir damahls unbekannt wa⸗ en, die ich aber ſpäterhin nicht ohne Grund der Thätigkeit ſeiner Freunde in Nikomedien, die die überbleibſel ſeines Vermögens gerettet hatten, zu⸗ ſchrieb, floſſen uns nach und nach immer mehr Be⸗ quemlichkeiten, und endlich einiger Wohlſtand zu. Mein Vater führte einen fremden Nahmen, galt für einen Kaufmann aus Armenien, und Tracht und Sprache, die er ſich während jener drey Jahre ganz eigen gemacht hatte, ließen keinen Verdacht entſtehen. Er trieb Handelsgeſchäfte, wie es ſchien; denn wiſſen durften wir nichts von ſeinen Verhält⸗ 3 niſſen. übrigens wäre unſere häusliche Lage, be⸗ Nachricht von Dir zu erhalten. Ich ſchrieb wieder, wort. Dein Tod oder eine gänzliche Vergeſſenheit, ſonders fi mich, deren groß warin, recht erträglich geweſen, hätten nur mit der Er⸗ 4 weiterung unſers Haushalts ſich auch unſere Ge⸗ müther gegen einander aufgeſchloſſen, Liebe und Eintracht zugleich mit dem Wohlſtand unter uns gewohnt. An Dich hatte ich im erſten Jahre unſerer Ver⸗ bannung oft, ſehr oft geſchrieben, mit banger Un⸗ geduld auf Antwort geharrt, und immer verge⸗ bens. Endlich hörte ich auf zu ſchreiben, und in der Tiefe meines Kummers blieb mir nur die leiſe Hoffnung übrig, daß Briefe aus einem ſo abgele⸗ genen Winkel der Erde wohl leicht den Weg ver fehlen, und den nicht erreichen konnten, für wel⸗ chen ſie beſtimmt waren. Sobald wir in Apamäa angekommen waren, erneuerte ich meine Verſuche, theils gerade an Dich, theils unter verſchiedenen Aufſchriften an alle alten Bekannten in Nikomedien, auf deren Wohlwollen und Verſchwiegenheit ich zählen konnte. Es war fruchtlos. Ein ganzes Jahr verging unter ſteter Abwechslung von Hoffnung und Niedergeſchlagenheit. Ich bekam keine Ant⸗ das waren die zwey einzigen Möglichkeiten, zwi⸗ ſchen denen meinem bangen Geiſte die Wahl blieb, ut in behden lag keine Fee 33 ein tief⸗ gebeugtes Herz. Mit ſtiller Ergebung, deren ich „ ſchon gewohnt war, gab ich auch dieſe letzte Ausſicht auf, und lebte, in mich gekehrt und geduldig, mein freudenloſes Daſeyn hin. Es kamen immer mehr Fremde in unſer Haus, die theils meines Vaters Geſchäfte, theils ſein wie⸗ der erwachender Hang zum geſelligen Leben anuns zogen. Für mich waren die meiſten gar nichts, un⸗ bedeutende Geſtalten, die höchſtens durch Handels⸗ verhältniſſe irgend einen Werth bekamen. Nur zwey WMänner unterſchied ich allmählich unter der ziem⸗ lich großen Anzahl Bekannten. Der Eine war ein ehrwürdiger Greis, der Andere ein Mann vonmitt⸗ leren Jahren, aber in allem Feuer, aller Kraft der Jugend. Ein angenehmer Umgang, ein vielſeitig gebildeter Verſtand und Menſchenkenntniß mußten ſie jedem, der mit ihnen umging, werth machen; für mich hatten ſie noch etwas Anziehenderes. Es lag eine ſanfte Heiterkeit, eine ſchöne Gelaſſenheit in ihrem Weſen, die bey dem Greiſe Theophron die Bitterkeit des Alters milderte, und bey Apel⸗ les, dem jüngeren, die feurig aufſtrebende Kraft in ſtrengen Schranken hielt. Beyde waren mir un⸗ endlich ſchätzbar, und wenn Apelles Erzählungen von allem, was er auf weiten Reiſen geſehn und „ erlebt zahit die Lebhaftigkeit Fan ni belehrte und unterhielt, ſo flößte Theophrons ru⸗ hige Weisheit, ſein himmelwärts gewandter Sinn mir ſüße Ruhe und Troſt ein. Vald hatte ich auch Gelegenheit zu bemerken, daß ihre Tugend nicht bloß in ſchönen Geſinnungen beſtand, ſondern ſich wirkſam durch Menſchenliebe, Wohlthätigkeit und raſtloſen Eifer für die Unglücklichen, die bey ihnen Hülfe oder Troſt ſuchten, zeigte. Ich war bemüht, mir den Umgang dieſer beyden Männer ſo viel als möglich zu Nutze zu machen; und nach vier freuden⸗ loſen Jahren, wo, ich kann es mit Wahrheit be⸗ zeugen, der Taß mir glücklich ſchien, an dem keine neue Urfache meine Thränen fließen gemacht hatte, empfand ich zum erſten Mahl die Regungen eines erheiternden Gefühls, und wagte es, den würdigen Greis zum Vertrauten, nicht meiner Schickſale— denn die mußten aus Familienabſichten verſchwie⸗ gen bleiben— ſondern meiner muthloſen gedrück⸗ ten Seele zu machen. Agathokles! O daß ich je⸗ dem leidenden Herzen die himmliſche Wohlthat der Tröſtungen verſchaffen könnte, die von den Lippen dieſes Mannes in meine wunde Bruſt ſtrömten! Solche Beruhigungen, ſolche Ausſichten, ſolche Stärkungen kann nur der ertheilen, der in den er⸗ habenen Geheimniſſen unterrichtet iſt, woraus Theo⸗ ₰— 159— * 140— phron die ſeinigen ſchöpfte. Er leitete meinen Geiſt vom Irdiſchen weg, und eröffnete mir eine Aus⸗ ſicht in die Zukunft jenſeits des Grabes, von einer Art, wie man ſie weder in den Begriffen der herr⸗ ſchenden Volksreligion, noch in den Syſtemen der Philoſophen findet. Er ließ die unglückliche Ver⸗ bannte, die auf dieſer Erde nichts mehr zu hoffen hatte, in eine ſchönere Welt des Lichts und unver⸗ gänglicher Freuden ſchauen, die dem milden Dul⸗ der offen ſtand. Dort ſollte ich die hier verlornen Lieben wieder finden, dort, von keinem feindlichen Geſchicke mehr getrennt, ſollte im Angeſichte des Allmächtigen in verklärten Leibern, in Betrachtung ſeiner unendlichen Eigenſchaften, ſeiner bewun⸗ dernswürdigen Werke ein Leben beginnen, deſſen Grenze nur die Ewigkeit war. O Freund meiner Jugend! Welche Bilder, welche Hoffnungen! Wie wäre es möglich, daß ein zerriſſenes Herz, das ſei⸗ ne Freude nur jenſeits des Grabes finden konnte, ſich ſolchen Lehren hätte verſchließen können? Ich nahm ſie freudig, gläubig an. Bald ging ich wei⸗ ter. Jetzt von Theophrons ſanfter Weisheit gelei⸗ tet, jetzt von Apelles feuriger Beredſamkeit hinge⸗ riſſen, machte ich große Fortſchritte in Erkenntniß der neuen Wahrheit, der tröſtlichen Lehren und erhabenen Geheimniſſe, worin ſie mich unterrich⸗ teten. Ich lernte, wie ſie, die Menſchen als meine Brüder, als Kinder eines gemeinſchaftlichen Va⸗ ters anſehen, ich lernte ſogar meine Feinde lieben, und für die bethen, die mich unglücklich gemacht hatten. Mein Herz erweiterte ſich, meine Anſichten der Menſchheit und ihrer Schickſale erhoben ſich, die Truggeſtalten niedriggeſinnter Gottheiten, de⸗ nen ich längſt nicht mehr aus überzeugung, nur aus Gehorſam geopfert hatte, verſchwanden vor meinem aufgehellten Blicke. Ein einziger, allwei⸗ ſer, allmächtiger, allgütiger Geiſt erſchuf, erhielt. beherrſchte und erlöſete die Welt. Tartarus und Elyſium waren nicht mehr; aber dieſer große Geiſt lohnte und ſtrafte als vergeltender Richter nach dem Tode. Dieſe und noch viele andere Lehren, die Dir mitzutheilen nicht erlaubt iſt, enthüllten mir Theophron und Apelles, und ich ward eine Chri⸗ ſtinn! Du wirſt ohne dieß ſchon längſt errathen haben, daß die beyden Männer zu jener Secte ge⸗ hörten, welche ſeit drey hundert Jahren von Palä⸗ ſtina und Syrien aus, wo ihr göttlicher Stifter, unbekannt und verfolgt, gelebt und gelehrt hatte, und endlich als Opfer ſeiner Feinde fiel, ſich über die Welt zu verbreiten angefangen hat. Ja, Aga⸗ thokles! Ich ward eine Chriſtinn. Die Lehren, die, ehe ich ſie kannte, mich mit Schauer erfüllten, mach⸗ — 142— ten jetzt mein Entzücken aus! Ich ergriff ſie mit heißer Begierde. O mein Freund! Das Chriſten⸗ thum iſt die Religion der Unglücklichen! In ihren Schooß ſoll jeder Leidende ſich flüchten. Sie hat Balſam für alle Wunden, die keine Menſchenhand zu heilen vermag; und wenn ſie uns gleich ſchwere Pflichten auferlegt, ſo gibt ſie uns doch ſelbſt durch die Größe ihrer Forderungen ein erhebendes Gefühl unſerer Würde, ein Vertrauen auf unſere Kraft, und biethet uns durch den Gebrauch mancher ihrer geheimnißvollen Ceremonien ſo ſanfte Tröſtungen, ſo überirdiſche Stärkungen an, daß der wahre Chriſt gewiß auch immer im Stande ſeyn wird, die La⸗ ſten zu tragen, die ſeine Religion ihm auferlegt. Doch genug von den Beweggründen, die mich zur Annahme meiner Religion beſtimmten, und den Veränderungen, die ſie in meiner Denkart machte. Ich wollte ja nicht Dich zum Proſelyten machen, ich wollte bloß Dir Alles treu und deut⸗ lich vortragen, woraus Du Dir meine Handlungs⸗ weiſe erklären könnteſt. Meine Mutter ward mei⸗ ne Vertraute. Die Urſachen, die mich in den Schooß der Chriſtenheit riefen, äußerten bald dieſelbe Ge⸗ walt über ſie; auch ſie ſuchte Troſt und Stärkung, und fand ſie, wie ich. Wir empfingen beyde von Theophron, der einer von den Alteſten der Gemein⸗ — 145— de war, die heilige Taufe, und wurden in den Bund der Kinder Gottes aufgenommen. Dem Vater, der zwar nicht eigentlich am Götterdienſt hing— denn dazu war er zu aufgeklärt— der aber, nach dem Beyſpiel des Hofs und der Welt, die chriſtliche Religion als eine Religion der Ar⸗ men und Unglücklichen verachtete, mußte der Schritt verborgen bleiben. Er konnte es um ſo leichter, da mein Vater meiſt nicht zu Hauſe war, und ſich im Ganzen, wenn nur ſeine Befehle vollzo⸗ gen wurden, wenig um uns kümmerte. Wir be⸗ ſuchten heimlich die Verſammlungen unſerer Kir⸗ che, und wohntén den Agapen bey, einer ſchönen Sitte, die Deinem Herzen gewiß theuer werden wird, wenn ich Dir ſage, daß die ganze Ge⸗ meinde ohne Unterſchied der Stände hier mitein⸗ ander öffentlich ſpeiſet, die Reichen die Speiſen bringen, die Armen Theil daran nehmen laſſen, und bey ſolchen Gelegenheiten überhaupt Samm⸗ lungen gemacht, und Einrichtungen und Veran⸗ ſtaltungen zum Beſten der Armen und Leiden⸗ den aus derſelben oder einer andern Gemeinde getroffen werden. Bey dieſen Verſammlungen lernte ich zuerſt eine andre Chriſtinn, Junia Marcella, eine ange⸗ ſehene in Sn⸗ kennen. Mit acht und zwanzig Jahren, Witwe eines angebetheten Ge⸗ mahls und Mutter von ſechs unerzogenen Kindern, widmete ſie im Bewußtſeyn ihrer Kraft ſich und ihr großes Vermögen der Erziehung ihrer Waiſen und den Bedürfniſſen und Sorgen ihrer Gemein⸗ de. An dieſem reichen Herzen, das Raum genug für die Leiden und Freuden aller ſeiner Mitmen⸗ ſchen hatte, an dieſem milden und richtigen Ver⸗ ſtande erhob ſich mein gebeugtes Weſen, und ich 3 fand endlich, was mir ſo lange gefehlt hatte, eine weibliche Seele, die mich ganz verſtand, der ich auch jene Gefühle enthüllen konnte, die Verſchie⸗ denheit der Jahre und des Geſchlechts mich vor Theophron, vor Apelles, ſelbſt vor meiner Mutter verbergen hieß. O wie wohl ward mir in Juniens Umgange! Wie erweiterte ſich meine gepreßte Bruſtl Wie erſchien die erhabene Religion, zu der auch ſie ſich bekannte, in ihrem Weſen und Handeln auf eine ganz eigne und verehrungswürdige Weiſe! In ihrem Hauſe ſah ich Demetrius zuerſt, der eben⸗ falls ein Chriſt war, und zu jener Zeit mit ſeinen Truppen in Syrien ſtand. Junia, obwohl nicht mehr in der Blüthe der Jugend, beſaß Reize ge⸗ nug, um den bejahrten Helden zu feſſeln. Er warb um ihre Hand. Feſt entſchloſſen, nur ihrer Pſlicht zu leben, ſchlug ſie dieſen Antrag aus. Jetzt rich⸗ tete Demetrius ſein Auge auf mich; mein ußer⸗ liches ſchien ihm die Eigenſchaften zu verſprechen, die er von ſeiner Gattinn verlangte. Er fing an, unſer Haus zu beſuchen. Mein Vater ward um die⸗ 8 ſe Zeit kränklich. Langes Unglück und heftige Lei⸗ denſchaften hatten ſeine Kräfte aufgerieben; er er⸗ hohlte ſich nicht, und welkte vor der Zeit dahin. Die Sorgfalt, mit der mein Vater gepflegt wurde, ließ den Demetrius vielleicht für ſein herannahen⸗ des Alter gleiche Treue erwarten; er ließ durch Apelles um mich werben. Meinem unglücklichen Vater, der ſeinen Zuſtand und die Verlaſſenheit ſeiner Familie nach ſeinem Tode kannte, erſchien dieß Anerbiethen als das höchſte Glück, das er hiernieden noch zu erwarten hatte. Er willigte ſo⸗ gleich ein, und nur, nachdem Alles zwiſchen ihm und Demetrius richtig geworden war, ließ er mich rufen, und verkündigte mir mein Schickſal. Ich erſchrack, ich beſchwor meinen Vater, ſein Wort zurückzunehmen. Rie gewohnt, unſern Bitten zu weichen, war es auch dieß Maohl vergebens; und nur die Heiligkeit und Unauflöslichkeit des Ehe⸗ bandes unter den Chriſten konnte mich beſtimmen, dieſen letzten Verſuch zu machen, von dem ich mir Agath. I. Th. 10 — 46— im Voraus wenig verſprach. Ich e krank. Ju⸗ nia und Theophron beſuchten mich treulich, ihnen 6 vertraute ich mein Leiden. Junia, eingedenk der Seligkeit ihrer Ehe, und feſt überzeugt, daß ſie mir in einer ſo ungleichen Verbindung nicht wer⸗ den könnte, both ſich an, mit meinem Vater zu ſprechen; auch Theophron und Apelles verhießen mir ihren Beyſtand. Sie thaten, was ſie konnten— nie wird es ihnen mein Herz vergeſſen. Es war fruchtlos. Nun, da jedes Mittel, meinen Vater umzuſtimmen, verſucht, und vergeblich befunden war, unternahm es Junia, mein Herz auf den wichtigen Schritt, den ich zu thun hatte, mit Kraft und Entſchloſſenheit vorzubereiten; und der wür⸗ dige Theophron goß ſo viel Beruhigung in meine zagende Seele, daß ich nach einigen Tagen gefaßt genug war, den Willen meines ſterbenden Vaters zu vollziehen, und mich für die Meinigen zu opfern. So wurde ich Demetrius Frau, und habe noch bis jetzt keine Urſache gehabt, einen Schritt zu bereuen, den mir die vergeltende Vorſicht durch das emporſtei⸗ gende Glück meiner beyden Brüder, und die Beruhi⸗ gung meiner Altern, die mit frohen Ausſichten für ihre Kinder ruhig ſtarben, belohnt hat. Nach mei⸗ nes Vaters Ableben, als man ſeine Schriften durch⸗ ſuchte, fanden ſich alle meine Briefe an Dich, die er durch den Freygelaſſenen, der mein Vertrauter war, aber den Zorn meines Vaters fürchtete, in die Hände bekommen, und nie abgeſandt hatte. So wie nun dieſer Mann mir mit Thränen geſtand, war ein tiefer Haß Schuld an dieſem Verfahren, den der Entſchlafene gegen Deinen Vater trug, indem er ihm, wo nicht einen Theil an ſeinem Un⸗ glück ſelbſt, doch eine unverzeihliche Läßigkeit im Abwenden desſelben, beymaß. Nun wußte ich auch, warum ich durch fünf Jahre nichts mehr von Dir gehört hatte. Zwar beruhigte mich der Gedanke, daß Du kei⸗ nen von den Vorwürfen verdienteſt, die ich Dir oft in bittern Stunden gemacht hatte; aber deſto deutlicher ſah ich ein, daß eine ſo lange Trennung und gänzliche Unwiſſenheit über mein Schickſal auch das kleinſte Band gelöſet haben mußten, das Dich vielleicht noch an mich band. überdieß war ich die Gattinn eines Andern, und eine Chriſtinn. Bey uns ſind die Ehen keine bürgerlichen Verträ⸗ ge;z es ſind heilige Bündniſſe, durch hohe Eide vor dem Altar des Ewigen verſiegelt, durch Prieſters Hand geſchloſſen, Verbindungen für's ganze Leben, ein heiliges Verſprechen, ſich nie zu verlaſſen, Glück und Unglück miteinander zu theilen; und keine Scheidung findet Statt, als nur durch den Tod. 10* Hier iſt nicht blos förmliche untreiſ hier iſt auch jede zärtliche Empfindung für einen andern Ge⸗ genſtand Verbrechen, und in der Bruſt einer chriſt⸗ lichen Gattinn darf kein anderes Bild leben, als das des Gatten, den ihr der Himmel gegeben hat. Das alles mußte ich Dir ſagen, Agathokles, damit Du mein Betragen ſeit dem erſten Augenblicke un⸗ ſers Wiederſehens verſtehen, und richtig beurthei⸗ len könneſt. Dein Brief hat mich gerührt und er⸗ ſchüttert. Glaube nicht, Freund meiner Jugend! daß es mir gleichgültig iſt, ob der edelſte Sterb⸗ liche, den! ich je kannte, mich noch ſeiner Liebe werth hält oder nicht; aber eben ſo ſehr muß es mir am Herzen liegen, mich ſowohl in ſeinen Au⸗ gen zu rechtfertigen, als jeden Verſuch zu machen, den Schmerz, der ein ſo edles Gemüth ergriffen, zu mindern, und die Kräfte, die in ihm liegen, hervorzurufen, damit es ein unabänderliches Schick⸗ ſal gelaſſen ertrage. Denke, mein Freund, an die Lehren der weiſen Heiden, die wir einſt miteinan⸗ der bewunderten! Erinnere Dich der Vorſätze, die Du damahls oft mit glühender Seele faßteſt, alle äußerlichen Zufälligkeiten, aber zuerſt Dich ſelbſt, zu beſiegen! O daß ich Dir noch dringen⸗ dere Aufforderungen, die meine Religion mir bö⸗ the, ſagen dürfte! — .— — mich dann, wenn es Dir gelungen iſt, Deine Ru⸗ Wenn es einen Theil Deiner Beruhigung aus⸗ machen kann, über meine Lage unbeſorgt zu ſeyn; ſo wiſſe, daß Du Dir von meinem Looſe, als Frau des Demetrius, falſche Begriffe macheſt. Ich bin nicht unglücklich verheirathet. Mein Gemahl ach⸗ tet und ehrt mich; das wird Dir die Art bezeugen wie man mir im Hauſe begegnet. Liebe kann ich nicht fordern; glaube aber meiner Erfahrung, ſie iſt zu unſerem Glücke nicht nothwendig, und ich bin mit meinem Schickſale zufrieden. Nur ein Wunſch bleibt mir jetzt übrig, der— auch Dich ruhig zu wiſſen. Glaubſt Du dieß durch Deine Entfernung béwirken zu können, ſo thue die nö⸗ thigen Schritte! Geh, mein Freund!— Verlaß einen Ort, der zu vielen Anlaß zur Unruhe, zu quälenden Erinnerungen für Dich enthält! Laß he herzuſtellen, aus der Ferne dieſe tröſtliche Nach⸗ richt vernehmen, und ſey verſichert, daß ſie nicht wenig zu meiner Zufriedenheit beytragen wird! Leb wohl! Antworte mir nicht auf dieſen Brief! Es iſt weder nöthig, noch gut, daß wir oft von un⸗ ſern Gefühlen miteinander reden. Gott, der unſer Schickſal auf ſo unbegreifliche Weiſe geführet, und unſer Wiederſehen gewiß aus weiſen Abſichten ver⸗ anſtaltet hat, wenn wir es gleich jetzt nicht ein⸗ ſehen, wird Dich auf Deinen Wegen leiten und ſchützen. Auch mein heißes Gebeth wird Dir über⸗ all folgen; und wenn einſt der höchſte, der einzige Wunſch, deſſen mein Herz noch fähig iſt, erfüllt werden ſollte, wenn die Lehren der Kirche, in de⸗ nen ich Beruhigung gefunden habe, auch in Dei⸗ ner Seele Eingang finden könnten: O Agatho⸗ kles! wie wollte ich den ſchmerzlichen Augenblick un⸗ ſers Wiederſehens preiſen, und die Leiden ſegnen, die er mich koſtete! Das iſt Lariſſens Brief. Es war mir eine ſüße, eine traurige Beſchäftigung, ihn für Dich abzu⸗ ſchreiben; es war mir ein Troſt, aus ſo manchen Stellen zu errathen, daß ſie mich nicht vergeſſen hat; daß ſie mich vielleicht eben ſo heiß liebt, als ich ſie!— Aber antworten darf, und kann ich nicht. Was ſollte ich ihr auch ſagen? Ich kann nichts, als meinen unendlichen Verluſt fühlen, der in je⸗ der Zeile, in der ſich dieſer reine Sinn, dieſe himm⸗ liſche Güte abmahlt, mir ſchrecklicher erſcheint. Aber welche Religion muß das ſeyn, die dem Menſchen . ſolche Begriffe von Pflicht, und einer zarten weib⸗ lichen Seele ſo viel Kraft, ihr treu zu bleiben, er⸗ theilt? Ich verabſcheue ſie in dieſem Augenblicke, denn ſie raubt mir jede Hoffnung; und ich muß ſie im nächſten bewundern. Leb wohl! Phocion! Wenn ich mich geſammelt habe, wenn ich wieder klar zu denken vermag, und erſt eine weite Strecke zwi⸗ ſchen mir und der Ewigverlornen ſich ausdehnt, ſchreibe ich Dir wieder. Zwanzigſter Brief. Lariſſa an Junia Marcella. Edeſſa im Junius 301. E⸗ hat dem Himmel gefallen, meine Junia, mich auf eine ſchwere Prüfung zu ſetzen. Ich darf nicht klagen; denn die Begebenheiten ſind zu außeror⸗ dentlich, als daß ich nicht deutlich die Spuren ſei⸗ ner Führung darin erkennen ſollte. Es iſt ſein Wil⸗ le, dieſe Leiden über mich zu verhängen, dieſe ſtren⸗ gen Pflichten von mir zu fordern. Ich darf nicht fragen, warum? Ich muß nur ſtill tragen, käm⸗ pfen und leiſten, was ich kann. Soll ich in dem Streit beſtehen, ſo wird Gott mir Kräfte dazu ge⸗ ben. Soll ich untergehen, o dann willkommen, du letzte ſüße Stunde, die ſo vielen Schmerzen ein En⸗ de machen, und mir eine ſchönere Welt eröffnen wird, wo es kein Verbrechen iſt, die reinſte Tugend 1 zu lieben, und ein ſchwaches Herz nicht aus den ten ſüßen Banden reißen zu können! Als ich dir das letzte Mahl geſchrieben hatte, nahm ich mir vor, die Gegenwart desjenigen, den ich weder lieben durfte, noch vergeſſen konnte, ſo viel möglich zu vermeiden. Ich hielt den ſchweren Vorſatz treu durch fünf Tage. Am Morgen des ſechsten brachte mir der treue Anicetas, der mir noch aus meines Vaters Haus gefolgt iſt, ſehr ge⸗ heimnißvoll einen Brief. Ich ſtand eine Weile an, ob ich ihn nehmen ſollte. Endlich erkannte ich, wie aus dunkler Erinnerung, die Züge der theuern Schrift. Er war von ihm! Ich bebte. Noch ein Mahl drang der Zweifel, ob ich auch von ihm einen Brief annehmen dürfte, in mein Herz. Aber der Gedanke an die tiefe Kränkung, der ich ihn aus⸗ ſetzte, und— laß es mich dir geſtehn, Junia!— das heiße Verlangen, zu wiſſen, was er mir ſagen wür⸗ de, überwogen jede Bedenklichkeit. Ich nahm den Brief, ich verſchloß mich in mein geheimſtes Zim⸗ mer, und las, und fand, was ſich mit Flammen⸗ zügen in mein Herz grub, was weder Thränen⸗ noch Kämpfe, noch Zeit je verlöſchen werden, die feſte überzeugung, von dem edelſten aller Men⸗ ſchen mit eben der Treue und Wärme, wie vor acht Jahren, geliebt zu ſeyn, aber auch die Gewiß⸗ heit, daß er durch dieſe Liebe und unſer Schickſal unausſprechlich unglücklich ſey. Er ſchmeichelte ſich mit Hoffnungen, er ſuchte ſie auch meiner Bruſt einzuflößen, er zürnte über meine Kälte, er wollte fliehen. O meine Junia! Welch ein Brief! Wenn die Gewißheit, geliebt zu ſeyn, mich mit ſüßen Ge⸗ fühlen überſtrömte, ſo beugte der Gedanke an ſei⸗ ne Leiden meine Seele bis zur Verzagtheit nieder. Agathokles unglücklich! Was kann die Tugend für Lohn hiernieden hoffen, wenn er leidet? Aber ſoll ſie denn überhaupt ihren Lohn hier finden, oder auch nur erwarten? Nirgends auf der ganzen Erde ſehen wir eine Veranſtaltung, die dem Tugendhaf⸗ ten den Lohn ſeiner edlen Thaten zuſicherte. Nur das Chriſtenthum lehrt uns an eine Einrichtung glauben, die die Vorſehung ganz rechtfertiget. Sie öffnet uns eine andre Welt, einen würdigen Schau⸗ platz, wo die verſchlungenen Knoten unſres Schick⸗ ſals entwirret, und die anſcheinenden Mißverhält⸗ niſſe zwiſchen Tugend und Glück in die ſchönſte Har⸗ monie aufgelöſet werden. Dorthin, o du Freund meiner Jugend! dorthin muß ich dich verweiſen, dort werden wir uns finden, dort dürfen wir— Was bin ich im Begriffe zu ſagen? O Junia! Darf ich denn auch nur dieſen Gedanken und Wünſchen Raum geben? Darf ich, die Frau eines Andern⸗ — 55— fremde Flammen in meiner Bruſt nähren? O Ju⸗ nia, Junia! Ich bin tief geſunken, ich ſündige im⸗ mer fort, ich erkenne meine Strafbarkeit, und be doch nicht Kraft, mich zu beſiegen! Aber ich wollte dir ja erzählen. Sieh, meine Geliebte, ſo zerrüttet iſt mein Gemüth, daß es mir Mühe macht, meine Gedanken in Ordnung zu hal⸗ ten, und bey dem zu bleiben, was ich mir vorge⸗ ſetzt hatte. Als ich den Brief geleſen hatte, fühlte ich die Nothwendigkeit zu antworten. Aber was? und in welchem Ton?2 Ich durfte auf keine Weiſe ihn in mein Herz blicken laſſen, und doch konnte ich unmöglich mit der Kälte antworten, die die Ver⸗ nunft von mir gefordert hätte. Ach, konnte ich denn ſo gleichgültig und vorſetzlich ein Herz verletzen, das ſo warm und treu für mich ſchlug, das ſo edel war, und ohne dieß ſo tief verwundet? Lies die Abſchrift des langen Briefes, den ich nach zehn mißlungenen Verſuchen endlich in der zweyten Nacht nach Empfang des ſeinigen, mühſam und unter tauſend Thränen, zu Stande gebracht habe. Ich glaube, er iſt zweckmäßig; er ſoll ihm die ganze Rettungsloſigkeit unſrer Lage, aber auch meine und ſeine Pflicht vorſtellen, und ihn auffor⸗ dern, ſtark— ach Junia! ſtärker zu ſeyn, als ſeine unglückliche Lariſſa. 3 „ ½. *— 156— ICch habe mir vorſetzlich keine Klage über meine häuslichen Verhältniſſe erlaubt, vielmehr ich habe geſucht, den Gedanken in ihm zu nähren, daß ich zufrieden ſey. Ich glaube, das iſt überhaupt meine Schuldigkeit. Demetrius kann dieſe Schonung von mir fordern, und dann denke ich auch, es wird den Freund meiner Jugend beruhigen, es wird ihn tröſten, wenn er mich nicht unglücklich glaubt. Aber, was iſt es, Junia, daß dieſe Rückſicht mich weit mehr antreibt als jene, daß der Gedanke, pflichtmäßig zu handeln, mir weniger ſüß iſt, als der, ihm Freude zu machen? Iſt das auch recht? Soll mir meine Pflicht nicht das Heiligſte und Er⸗ ſte ſeyn? Ach, es iſt leider nicht! Rebelliſch empört ſich mein Herz gegen die vereinten Stimmen der Ver⸗ nunft, und der Religion. Ich liebe, ich liebe mit glühender Seele; ich habe, ſo lange ich lebe, nie ein anderes Bild in meiner Bruſt getragen, nie für einen andern Mann eine zärtliche Regung em⸗ pfunden, als nur allein für ihn, für ihn, dem mein ganzes Weſen gehört— und ich bin die Frau eines Andern! O ſchrecklich, ſchrecklich! Was ſoll ich thun, Junia? Wer hilft mir, mich vor mir ſelbſt zu retten? Am Abend desſelben Tages. Als ich heute Morgens ſo weit gekommen war, mußte ich abbrechen, weil mein Gemüth zu zerrüt⸗ tet war, als daß ich weiter hätte ſchreiben können. Seit dem haben anhaltende Arbeit und Gebeth meinen Geiſt ein wenig beruhigt, und ich ſetze mei⸗ ne Erzählung fort. Den Tag darauf, als ich die Antwort an Agathokles abgeſandt hatte, und mit ſchwerem Herzen hoffte— ach, daß ich das hof⸗ fen muß!— er würde Gelegenheit finden, ſeinen Vorſatz auszuführen, und ſich zu entfernen, kündig⸗ te mir Demetrius meinen Landsmann, als Gaſt, zur Tafel an. Die wenige Achtſamkeit, die er auf ſeine häuslichen Umgebungen, und auch auf mich zu richten gewohnt iſt, war dieß Mahl mein Glück; ſie entzog ſeinen Augen den Schrecken, den mir ſeine Nachricht verurſachte, ich hatte Zeit, mich zu faſſen, und hielt mich für ziemlich vorbereitet, als er ein paar Stunden darauf, mit Agathokles an der Hand, in den Speiſeſaal trat. Ach, es war ein Wahn! Der Anblick des Gegenſtandes ſo vieler Liebe, ſo vieler Leiden, raubte mir beynahe die Be⸗ ſinnung— wenigſtens im erſten Augenblicke, das Vermögen zu ſprechen. Agathokles feſte Haltung beſchämte mich. Er nahte ſich mir mit aller Ruhe und Freundlichkeit eines alten geſchätzten Bekann⸗ — 158— ten, und ſprach heiter und geſetzt mit mir. Mein Mann ſchien vergnügt über unſer Juſammentref⸗ fen, er war geſprächiger als gewöhnlich; man brachte die Speiſen, und wir legten uns zu Ti⸗ ſche 28). Agathokles zeigte eine Selbſtbeherrſchung⸗ eine Kraft, die nach dem, was vorgefallen war, nach den Briefen, die wir gewechſelt hatten, meine höchſte Verwunderung erregte, an der meine Schwä⸗ che ſich ſtärkte. Ich erhob mich endlich ſo weit, daß ich im Stande war, an den leichten Geſprächen der Geſelligkeit Theil zu nehmen⸗ O Junia! Was iſt das für eine Heldenſeele! Sie war mein— und ich habe ſie auf ewig verloren! Von nun an werde ich Agathokles vielleicht öf⸗ ters ſehen müſſen. Ob er ſich entfernen kann, iſt mir jetzt unmöglich zu erfahren; denn ich kann und wollte auch um alles in der Welt nicht mit ihm darüber ſprechen.— Und Demetrius, der, trotz ſei⸗ ner rauhen Außenſeite, für wahres Verdienſt nicht unempfindlich iſt, zeichnet ihn vor allen ſeinen Offi⸗ zieren aus; er gibt ſeiner Entſchloſſenheit, ſeinem Eifer öffentlich das ſchönſte Zeugniß, und zieht ihn in den engen Kreis ſeiner Vertrauten, der ſo be⸗ ſchaffen iſt, daß jeder ſeine Berufung dazu wohl als eine Ehre betrachten kann. Das iſt nun der ſchwerſte Theil meiner Prüfung, das iſt's, wor⸗ — 159— über ich dir im Anfange meines Briefs ſo bitter klagte. Ach, ich wollte ja gern alles anwenden, was in meiner Macht ſteht, um mein Herz zu be⸗ ruhigen, und es nach und nach in das verlaſſene Geleiſe ſeiner Pflichten zurückzuführen; aber ſehn — ſehn muß ich ihn dann nicht immer, nicht aus ijedem Munde ſein Lob hören, nicht den Ton ſeiner Stimme, die Schönheit ſeiner Seele, die ſich in iedem Worte mahlt, täglich im Innerſten meines Herzens fühlen. Er iſt ſtark, unbegreiflich ſtark. Das kann ich nicht! Ach, wir Weiber ſind in die⸗ ſer Rückſicht gar unglückliche Geſchöpfe. Wenn der Mann im Waffengetümmel, im Geſchwirre des Ge⸗ richtsſaals, im Drange der Geſchäfte Augenblicke genug findet, wo ſeine Leidenſchaft ſchweigt, weil ſie ſchweigen muß, wenn eben dieſe anſtrengenden Geſchäfte, alle ſeine Geiſteskräfte auffordernd, ſei⸗ ner Phantaſie keinen Spielraum laſſen, und alle auf ein würdig großes Ziel gerichtet, durch dieſe Thätigkeit ihn ergetzen und zerſtreuen, was bleibt uns übrig? In der Einſamkeit des Gemachs, nur von dienenden Geſchöpfen umringt, ſchweift an Webſtuhl und Spindel der Geiſt ungehindert um⸗ her, und jedes ſchmerzliche Gefühl hat recht lange und ungehindert Zeit, ſich in unſre Bruſt einzu⸗ graben. Selbſt Gebeth und Leſen beſchäftigen nur — 160— halb, und mitten im würdigen Fluge der Andacht, oder auf dem Fittige eines ſchönen Gedanken ent⸗ — flieht der verwirrte Sinn zu dem Gegenſtand, auf den alles Würdige und Schöne eben erſt recht hinweiſet. Einige Tage ſpäter. Wenn ich nur eine Freundinn, einen Rathgeber hier um mich hätte, der meinem Herzen das wäre, was Du und Thevophron mir in Apamäa waren! An Deiner Stärke würde ich mich halten; ſein himmliſcher Sinn würde den meinigen von der Erde und den irdiſchen Gegenſtänden, an denen er ſtrafbar hängt, abziehen, ich würde Kraft zu mei⸗ ner Pflicht, und in der Ausübung derſelben die Beruhigung finden, die meine jetzige Stimmung unmöglich gewähren kann. O, ſollte denn der Ewi⸗ ge ein Wohlgefallen daran haben, mich Arme ganz ſinken zu laſſen, und mir in einer Lage, wo ich ſo gar nichts zu meiner Rettung thun kann, auch alle fremde Hülfe entziehen? Meine erſte Hoffnung auf Agathokles Entfer⸗ nung iſt ganz verſchwunden. Demetrius Zunei⸗ gung zu ihm, und mehrere Verhältniſſe haben ſie — 161— unmöglich gemacht. Dann hoffte ich auf die Zufäl⸗ le des Kriegs, auf die Nothwendigkeit, daß mich Demetrius vom Schauplatz der Waffen werde ent⸗ fernen müſſen. Auch dieß ſchlug bis jetzt fehl. Zwar ſind mehrere kleine Gefechte vorgefallen, zwey Mahl ſind die Unſrigen vorgerückt, aber im Gan⸗ zen bleibt die Lage der Dinge immer dieſelbe, und ieder Vorfall trägt auf's neue nach ſeiner Art bey, meine Kämpfe zu erſchweren. So war die Scene, die geſtern vorfiel. Agathokles kam mit Demetrius aus einem kleinen Gefechte zurück. Beyde waren leicht verwundet, und mir wurde die Sorge aufer⸗ legt, ſie zu verbinden und zu pflegen. Wie mir da zu Muthe war, das verlange nicht von mir zu hö⸗ ren. Hier verſagte auch ſeine Stärke, und ſein dunkel glühender Blick, der, während ich vor ihm ſtand, mein thränenvolles Aug entdeckte, und er⸗ ſchütternd in mein Innerſtes drang, enthüllte auch mir die ganze Tiefe ſeines Herzens. Ich fing an zu zittern, ich war ſo außer mir, daß ich mich ſetzen mußte. Mein Mann ſchalt mich; der Anblick des Blutes, glaubte er, habe dieſe Erſchütterung hervorgebracht. Du mußt dich überwinden lernen, rief er: Die Frau eines Nömers muß Blut ſehen können. Komm, verbinde meine Wunde! Ich ſtand auf, ich entſchuldigte mich, und knieete gefaßter Agath. I. Th. 11 hin, um ſeinen Fuß zu verbinden. Ich mochte mei⸗ ne Sachen ziemlich geſchickt gemacht haben; denn er lobte mich zuletzt. Wie es aber war, das wußte ich in jenem Augenblicke der Verwirrung ſelbſt nicht. Als ich aufſtand, und mich nach Agathokles um⸗ ſah, ſah ich ihn am Fenſter ſtehen, die Stirn feſt daran gedrückt. Er hörte meine Annäherung nicht. Ich hatte den Verband um ſeinen Finger noch nicht vollendet, und das mußte ich doch. Ich rede⸗ te ihn an. Wie erſchrocken fuhr er empor, und, ach Junia! ich glaubte eine Thräne in ſeinem Au⸗ ge zittern zu ſehen. Die meinigen ſingen ſogleich an hervorzuquellen. Komm, Agathokles! ſagte ich ſo gefaßt als möglich: Ich muß deine Hand ganz verbinden. Er folgte mir zu dem Tiſche, auf dem das Geräthe lag, er ſetzte ſich wieder vor mich hin, ich ergriff ſeine Hand, ſie zitterte wie die meinige. Jetzt ſchlug er ſeine Augen auf mich; ich hatte nicht die Kraft, dieſem Blicke zum zweyten Mahle auszuweichen. Ich wandte mein Auge nicht ab; ich ließ es ihm in Thränen ſchwimmend ſagen, was in meinem Herzen vorging. Er faßte meine Hand und drückte ſie an ſeine Bruſt. Jetzt brachen melne Thranen ſo ungeſtüm hervor, daß ich nicht mehr ſehen konnte, was ich machte. Er ſchlug den Arm um mich, und ſagte leiſe: O meine Lariſſa! Wie iſt es möglich, dir zu entſagen? Ich zitterte, daß mir die Sprache verſagte. Der Gedanke an Demetrius Gegenwart, an die Möglichkeit, daß er uns geſehen haben konnte, fiel ſchreckend auf mich. Ich ſah mich um, er ſtand zum Glücke abgewandt; aber Agathokles verſtand meine Bewegung. Er zog ſeinen Arm ſchnell zurück, ſein Blick ſank nie⸗ der, er hielt mir ſtill die wunden Finger hin, und ich endigte mein Geſchäft. Schmerzt es dich noch ſehr? fragte ich ihn, als ich fertig war, und hielt ſeine Hand in meinen beyden. Jetzt nicht, antwor⸗ tete er, und ſein Blick erklärte mir den Sinn die⸗ ſer Worte. Er drückte meine Hand noch ein Mahl, und ging ſchnell aus dem Zimmer. Auch ich raffte mein Geräthe zuſammen, und eilte durch die an⸗ dere Thür fort in mein Gemach, wo heiße Thrd⸗ nen dem ſchmerzlichen und ſeligen Andenken dieſer Scene floſſen. Und ſolche Auftritte ſtehen mir noch unzählige bevor! Ich ſehe keine Rettung; denn Demetrius, der ſehr ſtrenge Begriffe von den Pflichten einer Gattinn hat, und an tauſend kleine häusliche Be⸗ quemlichkeiten gewohnt iſt, fordert durchaus, daß ich ihn begleite, ſo lang als es mit meiner perſön⸗ lichen Sicherheit beſtehen kann. Ich habe von wet⸗ ten verſucht, ihn von dieſem Vorſatze abzubrin⸗ * .— 164— genz aber die Heftigkeit, mit der er ſich äußerte, zeigte, wie ſehr ein offenbarer Widerſpruch ihn aufbringen würde. Das darf ich denn nicht wa⸗ gen; denn ich kenne aus Erfahrung die Wirkungen ſeines Zornes, und auch, dieß abgerechnet, iſt es meine Pflicht, ihn zu begleiten, ſo lange er es fordert; denn ich habe es ihm vor Gott geſchwo⸗ ren. Indeſſen fallen öfters auch ſchreckende Ereig⸗ niſſe vor. Schon zwey Mahl wurde ich, und zwar das eine Mahl mitten in der Nacht von einem gräßlichen Lärmen geweckt. Ein Centurio trat un⸗ angemeldet in mein Zimmer, und kündigte mir auf Demetrius Befehl an, daß ich mich fertig ma⸗ chen ſollte, in einer Stunde mit allen meinen Leu⸗ ten aufzubrechen, denn der Feind nähere ſich, De⸗ metrius ſey ihm ſchon mit den Truppen entgegen gegangen, da man aber den Ausſchlag des Ge⸗ fechtes nicht wiſſen könne, ſo fordere es meine Sicherheit, mich zu entfernen. Ich war ſo er⸗ ſchrocken, daß ich mich kaum fähig fühlte, die nö⸗ thigen Befehle zu geben. Ach, waren nicht De⸗ metrius und Agathokles in Todesgefahr? Und konnte nicht jeder Augenblick mir einen von ih⸗ nen entreiſſen? Nachdem aber Alles in Bereit⸗ ſchaft war, und ich nur auf den letzten Befehl parrte, verkündigten mir ein fröhlicher Tumult, — 165— und der Schall unſrer Tuben 29), die Rückkehr der Sieger. So ging dieß Mahl die drohende Gefahr an mir vorüber. Aber wird es immer ſo ſeyn? O Junia! Es iſt kein kleiner Zuſatz zu meinen Leiden, beſtändig für das zittern zu müſ⸗ ſen, was mir das Liebſte auf der Welt iſt. Ein und zwanzigſter Brief. Agathokles an Phocion. Lager vor Niſibis im Auguſt 301. E⸗ iſt eine lange Zeit verfloſſen, ſeit mein letzter Brief Dich von der wunderbaren und traurigen Wendung meines Schickſals unterrichtet hat. Seit⸗ dem ſind viele ſchmerzhafte Stunden vergangen, und in durchwachten Nächten iſt mancher frucht⸗ loſe Verſuch zur Bekämpfung einer Leidenſchaft gemacht worden, die mit jedem Tage neu genährt, und allzu reizend unterhalten, endlich jedes ohn⸗ mächtigen Widerſtandes ſpottet. Feindſelig hat das Geſchick ſich wider mich verſchworen; es umſtellt mich mit unausweichbaren Netzen, in denen ich mich verwirren, in denen ich fallen muß. Habe ich denn irgend eine verborgene Schuld meines eige⸗ nen Herzens, oder eine alte meines Geſchlechts ab⸗ zubüßen, daß, wie in den Dichtungen der Tragiker, — — 167— die Eumeniden mich rächend verfolgen, und das Fatum ſein Opfer zürnend fordert? Nur zwey Auswege ſehe ich offen, wie mein verworrenes Schickſal ſich löſen kann— nur zwey— und einer iſt finſterer als der andere. Aber wenn hier das Bewußtſeyn verlorner Unſchuld, zertretner Pflicht den Gefallenen für kurze Seligkeit endlos foltert, ſo öffnet dort nach wenig durchkämpften Stunden „ ſich hinter dem finſtern Vorhang eine hoffnungs⸗ reiche Ausſicht in eine lohnende Welt. Schuld oder Tod! Wie kann das denkende Weſen zwei⸗ felnd anſtehen? Von allen Seiten umgeben mich hier Menſchen und Grundſätze aus einer Secte, die ich bisher, angeſteckt von den Vorurtheilen unſerer Schulen und unſers öffentlichen Lebens, als ängſtlich, die Kraft des Menſchen lähmend und lächerlich ſchwär⸗ mend verachtete. Ich lebe unter Chriſten, ich ler⸗ ne ihr Syſtem, ihre Lehrſätze genauer kennen, und es liegen Begriffe, Anſichten, Hoffnungen darin, die nicht bloß dem blinden Glauben, die ſelbſt der vorurtheilsfreyen Vernunft, groß, edel, und hochſt⸗ wahrſcheinlich erſcheinen müſſen. Tief aus der Na⸗ tur des Menſchen geſchöpft, auf ſeine mächtigſten Triebe gebaut, und mit ſeinen edelſten Kräften wirkend, ſteht ihr Syſtem da, und ſcheint, ſo weit ich es kenne, nichts als das deutlich ausgeſprochene Reſultat deſſen, was unſere Weiſen ſeit Jahrhun⸗ derten, zweifelnd und ahnend, in unzuſammenhän⸗ genden Sätzen vortrugen. Wo dieſe in Dämme⸗ rung irrten, zeigt jenes ſeinen Anhängern volles Licht; wo dieſe zweifelten, lehrt jenes mit kindli⸗ cher Zuverſicht glauben, und wer auch nicht von ihrer Seete iſt, fühlt ſich hingeriſſen und verſucht, den Troſt zu ergreifen, den ſie anbiethet. Es iſt eine Zukunft, eine Vergeltung nach dem Tode, und unſer Schickſalsgewebe wird erſt dort entwirret. Was zaudere ich, der Auflöſung ſchneller zu nahen? Im Schlachtgetümmel iſt der Tod in tauſend Ge⸗ ſtalten vorhanden, und auf dem Bette der Ehre, indem ich die Pflicht gegen mein Vaterland erfüll⸗ te, zerreißt ein mitleidiges Feindesſchwert die Netze⸗ die mich gefangen halten, und gibt meinem Geiſte die Freyheit, ohne Widerſtand glücklich zu ſeyn! Dann hört der Zwieſpalt in meinem Innern auf, das Gefühl des unheilbaren Schmerzens entſtrömt mit dem Leben der durchſtoſſenen Bruſt, das ſtille Herz ſchlägt nicht mehr widerſpenſtig gegen ſeine Schranken, aller Streit iſt geendet, aller Kampf Friede geworden! Und ich ſoll zaudern? Wir haben Edeſſa verlaſſen. Ein Paar Vorthei⸗ le, die wir über den Feind errangen, öffneten uns — 169— den Weg bis hierher. Wir ſtehen vor Riſibis, das die Perſer noch beſetzt halten. Demetrius belagert es, und denkt es bald einzunehmen, beſonders da er auf eine Verſtärkung rechnet, die ihm Galerius ſicher verſprochen hat. Auch hierher mußte ihm Lariſſa folgen, muß alle Gefahren und Beſchwer⸗ lichkeiten mit ihm theilen, und nicht immer, v nur ſelten erſetzen ihr Schonung und Liebe die Unge⸗ mächlichkeiten, die wahrlich nur Liebe um der Liebe willen freudig auf ſich nehmen kann, und die kalte Pflicht ſtets doppelt laſtend fühlen muß. Das muß ich mit anſehen, fühlen, was ſie leidet, mir bewußt ſeyn, welches Loos ſie an meiner Seite erwartet hätte, und ſchweigen, und oft noch aus ihrem Mun⸗ de die Verſicherung hören, daß ſie nicht unglücklich ſey! Phocion! Ich erkenne die Schönheit ihrer Geſinnungen, die zarte Schonung, die in dieſer Verläugnung liegt, ich weiß, was ſie damit errei⸗ chen will; aber es dient nicht, meine Leidenſchaft zu mäßigen. Ich habe es ſchon in Edeſſa verſucht, von mei⸗ nem Platze loszukommen, und eine Beſtimmung zu erhalten, der mich aus dem gefährlichen Kreiſe entfernte, in den ich mich, wie durch Zauber, ge⸗ bannt ſehe. Demetrius ließ mich nicht von ſich; ja er zog mich, unterrichtet von meiner Bekannt⸗ ſchaft mit ſeiner Frau, freundlich in den kleinen Eirkel, der ihn ſtets umgibt. Da ſehe ich ſie nun täglich, bin Zeuge ihrer Tugenden, ihres himmliſch ſchönen Kampfes, oft ihres Sieges, aber auch— o Phocion! hier liegt die Quelle meines unheilba⸗ ren Unglücks!— aber auch zuweilen ihrer Schwär che. Sie liebt mich, ich weiß es, ich fühle es. Man⸗ ches Mahl bricht die mühſam verhaltene Flamme hell und leuchtend aus ihrer reinen Bruſt, Als ſie mir neulich meine wunde Hand verband, als ſie, mit dem Ausdrucke der zarteſten Sorge um mich beſchäftigt, mit ihren zitternden Händen die mei⸗ nige hielt, ihre Thränen auf meine Wunde floſſen, und ſie in dieſem Augenblick, aller Verhältniſſe vergeſſend, nur das beſorgte liebende Weib war— o Freund! ich erröthe nicht, es zu ſagen, daß mei⸗ ne Kraft mich hier verließ, daß auch mein Herz ſich ihr unverhüllt offenbarte. Ich fordere den WMann heraus, der hier ſtandhaft geblieben wäre. Ich wage es zu behaupten⸗ daß den ſeine Tugend 2 nichts koſten kann denn er kann nicht fühlen⸗ =——— — — Acht Tage ſpäter. Ich habe lange keine Nachricht von Dir. Im Getümmel des Krieges mögen ſich die Briefe wohl leicht verlieren. Noch ſind wir vor Niſibis, aber wir werden es nicht mehr lange ſeyn. Demetrius, der die Stadt ſchon ſeit ein paar Wochen eng ein⸗ geſchloſſen, und vergebens auf eine Verſtärkung vom Cäſar Galerius gewartet hat, will der Unge duld der Truppen, ihrem lauten Murren, ihrem Wunſch, die Stadt durch Sturm zu nehmen, nicht länger widerſtehn. Auch iſt es dringend, daß ihr Schickſal ſich entſcheide. Hitze, Durſt und Krank⸗ heiten fangen an, unſer Lager zu verheeren. Kommk nicht bald Hülfe, mißlingt der Sturm auf Niſibis, ſo müſſen wir fort, und ſchimpflich ein Unterneh⸗ men aufgeben, das mit großem Muth, nicht ohne reife überlegung begonnen, und wahrlich für das Schickſal des ganzen Krieges entſcheidend iſt. Fällt Niſibis nicht, ſo hoffe ich wenig Gutes, wenigſtens für dieſen Feldzug mehr. Es iſt aber bereits mehr als Vermuthung, daß die alte Feindſchaft zwiſchen Galerius und unſerm Feldheht für Jenen Grund genug wäre, das Gelingen eines folchen Planes zu zerſtören, wenn auch mehr äls die Ehre des Man⸗ nes, den er haßt, darüber verloren gehen ſollte. Was auch immer die erſte Auelle dieſes Zwieſpalts . 4 m ſo weiß ich jetzt beſtimmt, daß Galerius Haß gegen die Chriſten die Kluft zwiſchen ihm und dem Feldherrn, der dieſer Secte ſo treu ergeben iſt, immer mehr erweitert. Jener möchte ſie derderben, er verfolgt ſie, wo er kann; und ließe Dioeletians politiſche Weisheit, oder ſeine gemüthloſe Gleich⸗ gültigkeit gegen alles, was den Menſchen über ſich ſelbſt erheben kann, ſich von ihm, wie er's wünſcht, erhitzen, ſo zweifle ich nicht, daß wir bald eine allgemeine Verfolgung erleben würden. —ů—— Zwey Tage darauf. Was wir längſt fürchteten, und uns ſelbſt nicht. zu geſtehen wagten, die Wahrſcheinlichkeit, daß keine Verſtärkung zu hoffen iſt, iſt nun zur Gewiß⸗ heit geworden. Galerius denkt niedrig genug, das Heer, das Schickſal des Krieges, ſeinen Leiden⸗ ſchaften aufzuopfern. Wir ſind verlaſſen; aber De⸗ metrius findet in ſeinem feſten Willen und dem Muthe der Truppen Kraft genug, das allein zu thun, wovon ihn Schelſucht und Rache abzuſchre⸗ cken vergebens verſuchen. Morgen wird geſtürmt. Mauerbrecher, Sturmleitern, Wurfmaſchinen, al⸗ les iſt in Bereitſchaft, das Heer voll guten Willens und freudigen Muthes. Ein Bothe, den ich abſen⸗ — 173—. de, bringt Dir dieſen Brief und die beygefügte Rolle, die meinen letzten Willen und die kleinen Verfügungen über mein mütterliches Vermögen enthält. Wer weiß, ob wir uns hier je wieder ſe⸗ hen. Mir ſteht eine ernſte Stunde bevor. Meiner Treue, meinem anhaltenden Bitten vertraut De⸗ metrius den Poſten an einer der gefährlichſten Stel⸗ len, und wenn dieß Zutrauen mich ehrenvoll aus⸗ zeichnet, ſo ſichert mir die Gefahr des Auftrags entweder künftigen Ruhm oder Heilung aller mei⸗ ner Schmerzen. So erwarte ich den kommenden Morgen. Es iſt Mitternacht. Alles iſt ſtille. Viel⸗ leicht wacht außer mir nur noch Ein Auge, das in dieſen ernſten Stunden für mich bethend und angſt⸗ voll zum Himmel blickt. Auch deiner, gutes, edles Weſen! harret ein beſſeres Schickſal, wenn mor⸗ gen der Tod den unwillig geliebten Freund deinem kämpfenden Herzen entreißt, und über ſeiner Aſche dein ängſtlicher Streit ſich in ruhige Wehmuth verliert. Meinen Vater tröſte Du. Verlaß Athen, kehre nach Nikomedien zurück! Mein Teffament enthält die Verfügungen, die Dich für jenen Schritt entſchädigen ſollen. Ihm, dem von drey hoffnungs⸗ vollen Söhnen nur der ungeliebteſte übrig blieb, wird Deine ſanfte Gemſüthsart, Dein heiterer Sinn leicht Erſatz für den ernſten, allzudüſtern Sohn werden. So ſehe ich wohl einige, die durch meinen Tod gewinnen, niemand, der darunter lei⸗ den wird! Und welche Thränen hätte nicht die Zeit getrocknet? Leb wohl, Phocion! Daß wir uns wiederſehen, weiß ich gewiß. Wie, wo, wann? das ſind Fragen, die vielleicht morgen ein Pfeit ein Schwert befriedigend löſet. Zwey und zwanzigſter Brief. Lariſſa an Junia Marcella. Lager vor Niſibis im September 301. orgen mit anbrechendem Tage wird Niſibis geſtürmt. Alles iſt bereit. Demetrius führt ſein Heer an, Agathokles hat er auf ſein dringendes Bitten einen der gefährlichſten Poſten übergeben. Ich verſtehe Agathokles Wunſch. Ruhm oder Tod! Die männliche Seele findet in beyden Beruhigung. Aber was aus mir werden wird? Daran geht die rauhere Kraft achtlos vorüber. Ich kann nicht zu⸗ ſammenhängend denken, viel weniger ſchreiben. Von Dir habe ich nun auch ſeit faſt zwey Mona⸗ then keine Nachricht. Meine Bruſt iſt feſt, feſt z ſammengedrückt. Bald ſteht mein Blut, bald iagt es ſtürmend durch die Adern. Ich habe viel in mei⸗ nem Leben gelitten; ſolche Angſt habe ich nie em⸗ — 176— pfunden. Ich vermag nicht zu bethen— nur, hin⸗ geworfen auf meine Kniee, kann ich jammern. Selbſt das Labſal der Thränen verſagt dem geängſteten Herzen. Bethe für mich, Junia!— Was will ich? Wozu?— Bis der Brief Dich erreicht, iſt mein 5 Schickſal längſt entſchieden. Drey und zwanzigſter Brief. Lariſſa an Junia Marcella. Niſibis im Septembher 301. De Kelch des bitterſten Leidens iſt dieß Mahl vorübergegangen. Niſibis iſt erobert, Demetrius und Agathokles leben! Dieſer iſt gar nicht, mein Gemahl wohl bedeutend, aber nicht gefährlich ver⸗ wundet, und in dem beglückenden Gefühle, ſo gro⸗ ßem Unglücke entgangen zu ſeyn, überſieht das ge⸗ täuſchte Herz die dunkeln Stellen, deren noch ſo viel übrig ſind. Jetzt will ich ſie alle vergeſſen, ich will nur Gott danken, der mir die zwey theuerſten Weſen erhielt, und mich vor Verzweiflung bewahr⸗ te. Auch hat es der Vorſicht, deren Fügungen in dem Gange meines Schickſals immer ſichtbarer er⸗ ſcheinen, gefallen, ein neues ſchönes Band zwiſchen dem Freunde meiner Jugend und mir anzuknü⸗ pfen, ein Band, das viele Empfindungen, die ich Agath. I. Th. — 178— bisher verdammen mußte, rechtfertigt, und mir erlaubt, dem Zuge meines Herzens ohne ſo große Ingſtlichkeit zu folgen. Demetrius dankt der Treue, dem Muth, der Anhänglichkeit ſeines Legaten das Le⸗ ben. O meine Junia! Welche Seligkeit liegt in die⸗ ſem Gedanken! Nicht allein die Schönheit der Hand⸗ lung ſelbſt, ſondern auch die Sicherheit, die ſie mei⸗ nem Geiſte gewährt, die Freyheit, den mit reiner ſchweſterlicher Liebe lieben zu dürfen, der unſeren gemeinſchaftlichen Vater erhalten hat! Ich darf ihn jetzt nicht mehr ſo ſcheu betrachten, ich darf ei⸗ nen Theil meines Gefühls ihm ungehindert zeigen. Die reine Dankbarkeit, die unſchuldige Neigung, die in meinem Herzen liegt, iſt kein Verbrechen. O Junia! Ich bin befriodigt, ich verlange für meine Wünſche kein höheres Glück. Und wenn es auch nicht lange währen ſollte,— denn ſchon ſehe ich Wolken an unſerm Horizonte heraufſteigen,— ſo war ich doch für kurze Zeit recht glücklich! Dieſe Zeit iſt mein, dieſe Erinnerungen kann mir keine Zukunft rauben, und der helle Zwiſchenraum in meinem nächtlichen Leben ſoll mich ſtärken, künfti⸗ ge Widerwärtigkeiten mit freudigem Muthe zu er⸗ tragen⸗ Agathokles hatte zuerſt auf ſeinem Poſten, der der gefährlichſte von allen war, die Mauer er⸗ — ſtürmt. Wie es da erging, dieſe ſchrecklichen Auf⸗ tritte, dieſe fürchterlichen Geſtalten des Todes, die ich erzählen hörte, wirſt Du mir zu wiederhohlen erlaſſen. Genug, nach einem zweyſtündigen Gefech⸗ te drangen die Unſrigen, ihren muthigen Führer an der Spitze, in die Stadt ein. Nicht lange dar⸗ nach erreichte Demetrius von der andern Seite den⸗ ſelben Zweck. Aber da man auf dieſer ſchwächern Seite der Stadt den Sturm vermuthet hatte, fand er viel größern Widerſtand, und das Gefecht wur⸗ de von beyden Seiten mit der heftigſten Erbitterung fortgeſetzt. So gelangten ſie bis auf den Markt⸗ platz; die Beſatzung wich nur Schritt vor Schritt, die Unfrigen mußten jeden Fußbreit Boden theuer erkaufen.— Plötzlich ſtürzte, als Demetrius mit den Seinen ſchon auf dem Platze ſtand, aus einer Nebenſtraße ein weit überlegener Haufe von feind⸗ lichen Soldaten hervor. Demetrius ſah die Seinen— um ſich her fallen, er ſtritt faſt allein gegen den wüthenden Schwarm. Einer von den Seinigen hatte die Beſonnenheit, zu Agathobles zu eilen, und ihm die Gefahr ſeines Feldherrn zu melden. Dieſer ſchlug ſich mit Wenigen, die ihm muthig folgten, bis zu ſeinem Feldherrn durch. Er fing den todtlichen Hieb, der das Leben meines Gatten hät⸗ te enden können, mit ſeinem Schwerte auf, er 12 — 180— deckte ihn, als er verwundet niedergeſunken war, mit ſeinem Schilde, und ſchützte ſein Leben auf Gefahr des eignen, bis eine Verſtärkung der Unſ⸗ rigen ankam, und dem treuen Agathokles er⸗ laubte, nun auch für die Pflege ſeines Geretteten zu ſorgen. Mit kindlicher Sorgfalt wachte er über ihn, ließ ihn in ein nahes Haus bringen, und alle Anſtalten zu ſeiner Erhaltung treffen. Sobald die Feinde die Stadt gänzlich geräumt hatten, ſandte er zu mir. Mit der größten Schonung, in der ich ſein Herz erkannte, wurde mir der Vorfall berichtet, und ich eilte zu Demetrius, den ich zwar verwun⸗ det und erſchöpft, aber bey ſo heiterm Geiſt, ſo froh über den gelungenen Sieg, und ſo dankhar gegen ſeinen edlen Retter fand, daß die Pflicht, ſeiner zu pflegen, mir doppelt ſüß wird. Den Tag, nachdem ich in Niſibis angekommen war, erhielt ich einen Brief von Dir, den die Ver⸗ änderungen unſeres Aufenthalts, oder andere Zu⸗ fälle verſpätet haben. Er iſt mehrere Wochen alt. Du ſchreibſt mir darin mit aller Liebe einer Freun⸗ dinn, mit aller Strenge einer tugendhaften Chri⸗ ſtinn über mein Verhältniß zu Agathokles. Du räthſt mir nicht bloß, Du befiehlſt mir, die Gefahr zu fliehen, in der ich ſicher untergehen wür⸗ de Du findeſt die einzige Möglichkeit der Rettung — 181— in ſchneller gänzlicher Trennung, und verlansſt, doß ich meine Sicherheit, ſogar mit dem Scheine des Ungehorſams gegen Demetrius, mit der Ge⸗ fahr, ſeinen Zorn, den Vorwurf pflichtwidriger Kälte auf mich zu laden, erkaufen ſollte. Ach, Ju⸗ nia! Was Du forderſt! Es mag möglich ſeyn, daß dieß Mittel mich früher hätte retten können; es mag möglich ſeyn, ſo ſtrengen Forderungen der Pflicht zu gehorchen. Ich glaube auch, daß in Dei⸗ ner Bruſt die Kraft dazu läge. Aber ich? Zürne nicht, Junia! Ich brauche dieß einzige grauſame Mittel nicht anzuwenden. Demetrius iſt ſchwer krank, nicht ſowohl durch die Art ſeiner Verwun⸗ dung, als durch ein heftiges Fieber, das ſich zu ſeiner Erſchöpfung geſellte. Jetzt iſt der Wille des Himmels deutlich ausgeſprochen. Ich ſoll und wer⸗ de den kranken Gemahl nicht verlaſſen. Aber ich bedarf es auch nicht; denn mein Verhältniß zu Agathokles iſt verändert, und der ſtrenge Zwang aufgehoben, in dem, wie Du ſelbſt einſiehſt, ein großer Theil unſerer Gefahr lag, ſeit ein neues ſchönes Band ſich zwiſchen uns angeknüpft hat, und pflichtmäßige Dankbarkeit meine Sefüß ver⸗ edelt und heiligt. Demetrius behandelt ihn, ſeit dem tetzten Vor⸗ falle, mit väterlicher Zärtlichkeit. Agathokles iſt . faſt immer um ihn. Er wünſchet es, er verlangt es ſogar deutlich; wir theilen uns in ſeine Pflege und Unterhaltung, und mein Gemahl ſcheint die Hülfleiſtungen ſeines treuen Legaten beynahe mit mehr Freude zu erkennen, als die meinigen. Ach Junia! Das ſind dann ſelige Stunden! Wenn De⸗ metrius ſchlummert, dann waltet ein leiſes herzliches Geſpräch zwiſchen uns, von alten guten Zeiten; die Geiſter unſerer kindlichen Freuden umſchweben uns rein und unſchuldig, vielleicht der Geiſt ſeiner vor⸗ trefflichen Mutter, der er und ich ſo viel zu danken haben, von der der edle Sohn nie ohne Rührung ſpricht. Ihre heilige Gegenwart weiht unſere Em⸗ pfindungen, verbannt alles Leidenſchaftliche daraus, und läßt uns nur die Süßigkeit einer freyen ſchuld⸗ loſen Neigung genießen. Wacht Demetrius, ſo er⸗ heitert ihn entweder abwechſelndes Vorleſen, oder ein anziehendes Geſpräch, deſſen Gegenſtand oft die Lehrenunſerer heiligen Religion ſind. Du weißt, welch ein eifriger Chriſt Demetrius iſt, und wie manchen Verdruß ihm dieſer Eifer ſchon zugezogen hat. Seit dem letzten Vorfall iſt das Beſtreben, ſeinen Freund von einer Lehre zu überzeugen, die ihm allein in dieſer und jener Welt dauerhaftes Glück ſichern kann, eben ſo natürlich als ſichtlich. Und Agathokles— O meine Freundinn Wie glück⸗ — 165— lich macht mich oft dieſe Bemerkung!— Agatho⸗* 4 kles ſcheint von der Erhabenheit, unſerer Lehrſätze weit mehr durchdrungen, als ich mir zu hoffen er⸗ laubt hatte. Neulich, als Demetrius, der ſeinen Zuſtand als Weiſer und Chkiſt mit Ernſt bedenkt, und kei⸗ nen Täuſchungen Raum gibt, das heilige Abend⸗ mahl zu genießen wünſchte, hieß er uns alle ge⸗ genwärtig ſeyn, und auch Agathokles durfte nicht fehlen. Obgleich es ihm nun unmöglich war, den Theil daran zu nehmen, der Chriſten erlaubt iſt⸗ ſo ſah ich ihn doch von dem erhabenen Zwecke und der ganzen Anſicht dieſer Einrichtung, von unſe⸗ ren Gebräuchen, von unſerer ſtillen Andacht ge⸗ rührt. Er ſank mit uns zugleich auf die Kniee, und brachte, wie er mir hernach geſtand, dem unbe⸗ kannten Gott den Tribut der Ehrfurcht und Liebe. Ich ſah ihn an. So edel, ſo unausſprechlich liebens⸗ würdig, als in dieſer feyerlichen Stunde, hatte er mir noch nie geſchienen Ich fühlte mich unwider⸗ ſtehlich zu ihm hingezogen. O ich hätte ihm, wenn. es die Umſtände gefordert hätten, in Gegenwart aller Zengen eine Liebe geſtehen können, die ſo rein⸗ ſo fromm war! Als ich ihm ſagte, daß ich für ihn, für ſein Glück gebethet hätte, daß ich täglich für ihn bethete, da ſah ich Thränen aus ſeinen Augen dringen. Er ergriff meine Hand in einer heftigen Bewegung, er wollte ſprechen— aber er vermoch⸗ te es nicht. Er riß ſich los, und eilte hinaus. Hat⸗ te er mich verſtanden? Fühlte er, was ich ſagen wollte? Laß mich nun, Junia, meine Hoffnungen, mei⸗ ne Ausſichten, alle meine Freude und Beruhigung in Deine theilnehmende Bruſt gießen, und zürne mir nicht zu ſtrenge! Ach, ich war lange genugun⸗ glücklich. Mißgönne mir den Sonnenſtrahl nicht, an dem mein verdüſtertes Weſen ſich zutrauensvoll entfaltet, und zu beſſern Tagen auflebt! Nichts iſt Zufall in der Welt, meine Geliebte! Alles iſt Fügung und Anordnung einer weiſen Vor⸗ ſicht, die der belebten und unbelebten Natur ihre ewig unverbrüchlichen Geſetze mitgetheilt hat, von denen abzuweichen eben ſo unmöglich iſt, als den geſtrigen Tag zurück zu rufen. Alles Zufällige, al⸗ les Ungefähr hört auf, und daß uns etwas ſo er⸗ ſcheint, iſt nur Schuld unſerer beſchränkten Anſicht, welche nicht mehr als einen kleinen Theil des gro⸗ ßen Ganzen zu überſehen im Stande iſt. Da wir vom Schöpfer mit Vernunft und Gewiſſen begabt, und verpflichtet ſind, unter Leitung der erſtern auf Antrieb des letztern zu handeln, zu wählen, zu ver⸗ werfen, ſo hört unſere Zurechnung, und unſer freyer * — 185— Wille nicht zugleich auf. Nun aber, weil es un⸗ möglich iſt, etwas zugleich zu thun und zu laſſen, weil unter tauſend möglichen Fällen nur Einer in die Wirklichkeit eintreten, und, in die Kette der Begebenheiten eingreifend, ſelbſt zur Urſache un⸗ abſehlicher Folgen werden kann, ſo iſt unſere Ent⸗ ſchließung und ihre Wirkungen vorausgeſehen von dem Auge, dem Vergangenheit, Zukunft und Ge⸗ genwart Ein Tag iſt, und wir handeln nach dem großen Plan, wie zwanglos, wie vernunftmäßig oder ſinnlich, wie tugendhaft oder leidenſchaftlich unſere Entſchließung geweſen ſeyn mag, und alles leitet zu einem ſchönen Ziel, das weit hinter dieſem nächtlichen Erdenleben in lichter Ferne zuweilen dem redlichen Forſcher, oder dem kindlichen Sinne erſcheint. Wenn Du mir nun das zugibſt,— und ich ſehe nicht wohl, wie Du als Chriſtinn und ſelbſt⸗ denkendes Weſen es beſtreiten kannſt,— ſo darf ich mich ja wohl dem ſüßen Gedanken überlaſſen, daß die Begebenheiten der letzten Tage eben ſo vovn Gott geordnet, und eben ſo wie alles übrige inder Welt, Leitung zu einem hohen edlen Zwecke ſeyen⸗ Warum, meine Liebe, mußte Agathokles gerade zu dem Feldherrn kommen, in deſſen Frau er ſei⸗ ne Jugendgeliebte findet? Warum zu einer Fami⸗ lie, die aus lauter Bekennern des Chriſtenthums — beſteht? Warum mußte beym Sturm auf Niſibis unter ſo augenſcheinlichen Gefahren ſein Leben ver⸗ ſchont bleiben, und er Gelegenheit finden, ſich ſeinen Vorgeſetzten ſo hoch zu verpflichten, ihn zu ſeinem Freunde zu machen? Warum kam Dein Brief, der mich in Edeſſa vielleicht zur Trennung von ihm vermocht hätte, erſt jetzt, wo es viel zu ſpät war? Wie wäre es, Junia, wenn alle dieſe ſcheinbaren Zufälligkeiten ſich zu dem Zwecke verei⸗ nigten, Agathokles in den Schvoß unſerer heiligen Kirche zu führen, und ihm den einzigen Vorzug zu ertheilen, der ihm noch fehlt, um gansz vollkommen zu ſeyn? Agathokles ein Chriſt! Junia! Dieſe ſtrenge Tugend, dieſer erhabene Sinn, durch den Geiſt des Chriſtenthums erhöht, veredelt, verfei⸗ nert! O wie gern will ich dann meine Leiden ge⸗ tragen, und durch acht freudenloſe Jahre dieſen Augenblick höchſter Seligkeit erkauft haben! Dein Brief hat mir die Ankunft meines geehr⸗ ten Lehrers, Apelles, hoffen laſſen. Noch iſt ſie nicht erfolgt, aber ich begreife wohl, daß die Stö⸗ rungen, die der Krieg in dieſen Gegenden verur⸗ ſacht, und die öftere Veränderung unſers Stand⸗ orts, ſeine Reiſe verzögert haben mögen. Wie ſehr wünſchte ich ihn zu ſehen! Ich würde mir ſehr viel von der Gewalt ſeiner Uberzeugung und ſeiner feu⸗ rigen Beredſamkeit für Agathokles Sinnesänderung verſprechen. Ach, es iſt ſchon ein ſo ſchöner Anfang gemacht! Gelingt es Apelles, das Ganze zu voll⸗ enden, ſo wäre das eine neue Wohlthat, die ich Deiner Liebe und Theophrons väterlicher Sorge um mich zu danken hätte. Sage ihm, dem ehrwür⸗ digen Lehrer und Tröſter meiner Jugend, daß ich ihm mit kindlicher, und Dir mit ſchweſterlicher Zärtlichkeit dafür danke. Mein Gemüth iſt jetzt viel ſtiller und ruhiger; ein heiterer Friede wohnt in mir, wie er einſt die Jahre meiner Kindheit beſelig⸗ te, und zum erſten Mahle nach mehr als acht Jah⸗ ren blicke ich mit Ruhe auf die Gegenwart, und ohne Furcht in die Zukunft. Vielleicht hat die gü⸗ tige Vorſicht mir in ſpäteren Jahren Erſatz für die verlorne Jugend beſtimmt. Was ſie auch ſenden mag, wie viel, wie wenig es ſey, ich will es kind⸗ lich hinnehmen, und dem, was ſie verweigert— Junia! Es iſt etwas Großes! Es hätte mich zum glücklichſten Weibe auf Erden gemacht!— miti ſtiller Unterwerfung entſagen. Vier und zwanzigſter Brief. Agathokles an Phocion. Niſibis im September 301. No lebe ich! Die Ahnung eines nahen Endes aller meiner Kämpfe und Leiden hat mich getäuſcht, und es beginnt ein Daſeyn für mich, das zwiſchen der Seligkeit der Götter und den Qualen des Tar⸗ tarus oft und plötzlich wechſelnd mich entweder zum Wahnſinn bringen wird, oder die erſchöpfte Natur erliegt den unaushaltbaren Stürmen. Es war eine Zeit, wo der Gedanke, Lariſſen zu ſehen, mich zu jedem Wageſtück getrieben, mich je⸗ des Hinderniß zu überwältigen gelehrt hätte, wo ich für die Seligkeit, dieſe Züge zu erblicken, die ſo tief in mein Herz gegraben ſind, den Ton dieſer Stimme zu hören, die ſeit den Kinderjahren nicht in meiner Bruſt verhallt iſt, mein Leben gegeben haben würde. Noch denke, noch fühle ich eben ſo— noch iſt Lariſſa mir das Theuerſte auf Erden; könnte ich für ihren pflichtmäßigen Beſitz alles ßie geben, was andere Menſchen Glück nennen. Und jetzt— ich habe das heiß erſehnte Ziel errungen, ich bin bey ihr, ich lebe um ſie, ich ſehe ſie täglich, ich ſpreche zwanglos mit ihr, ſie flieht mich nicht mehr, ſie hört mich gütig an, ſie zeigt mir Zuneigung„ Freundſchaft, Liebe— und jetzt, Phocion! jetzt lie⸗ gen die Qualen des Erebus in dieſem Verhältniſſe, und daß ſie es nicht ahnet, daß ſie, in ſüßer Täu⸗ ſchung verloren, den Schmerz ganz allein auf mei⸗ ne Bruſt häuft, das iſt's, was mich zur Verzweif⸗ lung bringt. Mein letzter Brief ſagte dir, daß wir bereit wa⸗ ren, Niſibis mit Sturm zu nehmen. Es war ein gewagtes Unternehmen, bey dem viel auf der Spitze ſtand, und das nur durch den großen Vortheil, den ſein Gelingen gewähren konnte, und die traurige Lage des Heeres zu rechtfertigen war. Mit ſonder⸗ baren Gefühlen nahm ich, am Abend vorher, von Lariſſen Abſchied. Es war vielleicht der letzte auf dieſer Erde. Ich darf dir wohl geſtehen, daß ich es hoffte; daß ſie es zu fürchten ſchien, ſprach ihr ganzes Weſen deutlich aus, und eine wehmü⸗ thige Beruhigung drang bey dem Gedanken, von einem ſo edlen Herzen ſo geliebt zu werden, in mei⸗ 0 ne wunde Bruſt. Am andern Morgen riefen uns die Tuben zum Sturm. Du weißt, Phocion, ich bin nicht weich, und habe dem Tod mehr als Ein Mahl auf dem Schlachtfeld in's Antlitz geſehen, mehr wie einem Freund, der uns von drückenden Laſten befreyt, als wie einem Geſpenſt, das uns vom Schauplatz unſrer Freuden abruft. Aber dieſe Schrecken, dieſe gräßlichen Geſtalten, unter denen er hier erſchien, dieß gänzliche Ausziehen aller Menſchlichkeit, das ein eiſernes Geboth hier zur Pflicht machte, empörte die Natur, und jedes beſ⸗ ſere Gefühl in mir. Noch ziemlich glücklich erſtieg ich auf den Leichen meiner Freunde, meiner Un⸗ tergebenen, die neben mir, unter mir bluteten, rö⸗ chelten, ſtarben, mit verwirrtem Geiſt, mich ſelbſt betäubend, die ſchwer zu erobernde Schanze. Was iſt die gerühmte Tapferkeit des Helden? O Pho⸗ cion! Betäubung, Fühlloſigkeit, Glück. Warum traf mich kein Pfeil, verwundete mich kein Wurf⸗ indeß rings um mich hundert ſanken, die vielleicht mehr als ich zu leben gewünſcht, verdient, und ih⸗ ren Platz, als Führer einer kühnen Schar, wohl eben ſo gut behauptet hätten, als ich? Was war's, das mich fortriß, mir Kraft, Hartherzigkeit, Be⸗ ſonnenheit und Schutz verlieh? Und warum eben — 191— mird Und zu welcher Zukunft? O Phocion! Daß ich nicht vor Niſibis gefallen bin! Als ich in die Stadt drang, den kleinen Hau⸗ fen, der übri, geblieben war, hinter mir, ereilte uns in höchſter Angſt ein Verwundeter, um mir zu ſagen: Demetrius ſey auf dem Marktplatze von den Seinen verlaſſen, von Feinden umringt, in Todesgefahr. Ich verließ ohne weitere Beſinnung den Poſten, den ich nach dem Plane hätte behaup⸗ ten ſollen, und eilte, den Gemahl Lariſſens zu ret⸗ ten. Die Vorſicht erhörte meinen Wunſch, der Feind ward zerſtreut. Demetrius, der mit einer Tapferkeit, weit über ſeine Jahre, faſt allein ſich gegen eine ziemliche Anzahl Feinde gewehrt hatte, ſank, als ich ihn erreichte, durch Anſtrengung und Wunden erſchöpft, nieder. Ich hielt die eindringen⸗ den Feinde ab, bis eine Verſtärkung der Unſrigen kam, und das ungleiche Gefecht und unſere Gefahr endigte. Demetrius ward in ein nahes Haus ge⸗ bracht, und ein Centurio, auf deſſen Gefühl ich mich verlaſſen konnte, abgeſandt, um Lariſſen von dem Unfall zu unterrichten, und ſie nach der Stadt zu geleiten. Sie kam ſogleich. Demetrius empfing ſie freundlicher, als ich ihn je geſehen hatte, und ſtellte mich ihr als ſeinen Retter vor. Phocion! So ſehr ich Lariſſen liebe, ſo war ich doch nie verbles⸗ — 192— det genug, um ihre Geſtalt, die edel und anziehend iſt, für ſchön zu halten. Aber in dieſem Augenbli⸗ cke, als ſie mit offnen Armen, mit glühenden Wan⸗ gen auf mich zuging, und im Angeſſchte ihres Go⸗ mahls ihre Arme um mich ſchlug, mir zu danken ſtrebte, und ſtatt der Worte nur Thränen hatte, die heftig aus ihren Augen ſtürzten, da, Phocion, fand ich ſie ſchön, unwiderſtehlich reizend. Ich zit⸗ terte wie ein Verbrecher. Ein verzehrendes Feuer lief durch meine Adern, ich brannte ſie zu umfaſſen, ſie feſt an meine Bruſt zu drücken, ihr zu geſtehen, was ich fühle. Ich durfte es nicht wagen! Ohne Laut und Vewegung ſtand ich in ihren umſchlin⸗ genden Armen, froh genug, daß ich den Sturm, der mein Innerſtes durchtobte, verhehlen, und ihr und Demetrius die wilde Gluth verbergen konnte, die mich durchdrang. Sie begriff mein Verſtum⸗ men nicht, oder ſie deutete es anders— ſie hat kei⸗ ne Ahnung von den Qualen, die ſeit dieſem Au⸗ genblick mein Herz zerreißen. Sicher im Bewußtſeyn der himmliſchen Rein⸗ heit ihrer Gefühle, getäuſcht durch die Schönheit derſelben, nennt ſie ihre jetzige Stimmung, Dank⸗ barkeit, ſchweſterliche Zuneigung, und überläßt ſich ihr ohne Zwang und Rückhalt vor den Augen ihres Gemahls, der in väterlichem Wohlwollen gegen — 195— mich es gern ſieht, daß ſeine Frau dem Retter ih⸗ res Gatten mit vorzüglicher Achtung begegnet, und es natürlich findet, daß alte Bekannte, Jugendge⸗ ſpielen in tauſend Kleinigkeiten einander weniger fremd ſind. O Phocion! Welcher Frieden, welche Unſchuld liegt in dieſem Gemüthe, das in der Freu⸗ de, ſich ſeinen Gefühlen überlaſſen zu dürfen, ſich über alle Folgen derſelben kindlich täuſchend, auch nicht von fern vermuthet, welche Leiden ſie über mich häufet! Wenn ſie, am Lager ihres Gemahls beſchäftigt, mit der Sorgfalt einer Tochter ihm je⸗ den Dienſt leiſtet, jedem Wunſche zuvorkommt, und nach mancher unruhigen Stunde ſich dann, er⸗ müdet, mir gegenüber ſetzt, ihr Blick mit unaus⸗ ſprechlicher Milde auf mir ruht, und ich an der ſtillen Zufriedenheit, die aus ihren Zügen ſtrahlt, fühle, wie vergnügt ſie meine Gegenwart macht, wie ſie den Lohn ihrer Tugend, die Entſchädigung für alle ihre Sorgen in einem freundlichen Geſprä⸗ che mit mir findet, wenn ich dieſe ſchöne Miſchung von erhabenen Geſinnungen und kindlicher Einfalt, von ſtillem Muthe und zarter Weiblichkeit ſehe, die ſich in allen ihren Neden und Handlungen äu⸗ ßert, wenn ich denke, was ſie mir hätte werden können, und was ſie nun iſt— und dann im Ge⸗ fühle, von ihr geliebt zu ſeyn, gelaſſen ausharren, Agath. 1. Th. 15 und die Flammen unterdrücken ſoll, die alle Au⸗ genblicke aus meiner empörten Bruſt hervorzubre⸗ chen ſcheinen, das, Phocion, geht über meine Kräf⸗ te! Ich fühle, ich kann es nicht länger mehr tra⸗ gen, ich muß ſie fliehen, wenn ich bey Sinnen, wenn ich mir ſelbſt treu bleiben will. Demetrius ſcheint noch eine Abſicht damit zu verbinden, daß er mich beſtändig um ſich hält. Ich müßte mich ſehr täuſchen, wenn er nicht den Plan hat, mich zum Chriſtenthum nicht zu überreden— aber wohl mir es durch eine genauere Kenntniß ſei⸗ ner Lehren und Gebräuche angenehmer und werther zu machen. Ich habe keine Vorurtheile mehr dage⸗ gen, ſeit ich Lariſſens Denkart und die Lebenswei⸗ ſe der Chriſten näher kennen gelernt habe, ich ach⸗ te ſogar einige ihrer Sätze recht ſehr; aber, einer der Ihrigen zu werden— ſo lange dieſe Seete noch ſo vielen, nicht ganz gehobenen Vorwürfen ausge⸗ ſetzt iſt, ſo lange mein Vater lebt, der ſie haßt, würde ich mich ſchwerlich entſchließen. Es fehlt noch viel, bis ich volle überzeugung hehe: und wer kann einen ſolchen Schritt ohne dieſe thun? Indeſſen habe ich einigen ihrer Ceremonien beyge⸗ wohnt, manches Mahl mit Ehrfurcht, einige Mah⸗ le mit wahrer Rührung; und Demetrius, wenn das ſein Zweck iſt, hat ihn in ſo weit erreicht. Aber auch hierin liegt eine neue, unvermeidliche Gefahr für mich. Lariſſen bethen zu ſehen, Zeuge der Er⸗ hebung ihres Gemüthes, der Verklärung ihres We⸗ ſens zu ſeyn, zu wiſſen, daß ſie für mich bethet, und kalt und gelaſſen bleiben, das iſt ſchlechter⸗ dings unmöglich. Später oder früher muß die Maske fallen, die ich, widerſtrebend und kämpfend, nicht länger zu tragen vermag. Und was wird für Lariſſen, für Demetrius, für mich daraus entſte⸗ hen? Ich muß fliehen, ich muß! Sobald Deme⸗ trius ſo weit geneſen iſt, daß er dieſer Unterredung fähig iſt, bitte ich ihn ernſt und dringend um mei⸗ ne Entlaſſung. Weigert er ſie mir ſchlechterdings, dann ende ein Machtwort des Cäſars, das ich durch Tiridates ſchnell zu erhalten hoffe, den Kampf, der meine beſten Kräfte verzehrt. Fünf und zwanzigſter Brief. Calpurnia an Agathokles. Rom im September 301. E⸗ iſt ſchon ſo lange, mein verehrter Freund! ſeit du nichts von mir, und ich nichts von Dir gehört habe, daß ich kaum beſtimmt ſagen kann, ob du mich noch im Lande der Lebendigen vermutheſt, oder ſchon im Elyſium glaubſt. Auch mir würde es ſo ergangen ſeyn, wenn nicht der öffentliche Ruf erſetzte, was unſerer loſen Freundſchaftsverbindung fehlt, und ich nicht durch ihn erfahren hätte, daß du lebſt, und Dich im Kriege mit Ruhm auszeich⸗ neſt. Der Ruf ſpricht mit Achtung von Dir, und ich geſtehe Dir freymüthig, daß ich ihm mit Wohl⸗ gefallen horche, wenn er mir von dem Gaſtfreunde unſeres Hauſes angenehme und ehrenvolle Dinge erzählt. Doch hatte ich weder Luſt noch Muth, Dei⸗ nen Geiſt, der, ſo gewiſſenhaft zwiſchen häusli⸗ cher und kriegeriſcher Pflicht getheilt, den Lohn für dieſe in jener ſuchte, und fand, auch nur ei⸗ nen Augenblick von ſo anziehenden Beſchäftigungen abzurufen. Dieſer wahrlich gewiſſenhaften Rück⸗ ſicht mußt Du es zuſchreiben, wenn ich Dich mit keiner Antwort auf Deinen erſten und letzten Brief aus Nikomedien bemühen wollte. Du gingſt, wie Du mir ſchriebſt, gleich zum Heere ab, und was ſich dort mit Dir zutrug, weißt Du, und in Rom weiß man es auch. Jetzt aber fordert eine dringen⸗ de Pflicht, die Pflicht der Freundſchaft gegen eine edle unglückliche Frau, mich auf, alle anderen Be⸗ trachtungen aus den Augen zu ſetzen, und Deinen Edelmuth anzuſprechen, um von Dir Hülfe, oder wenigſtens Rath für meine Freundinn zu erhalten. Es iſt mir ſehr unangenehm, daß die Art mei⸗ nes Anliegens mir nicht erlaubt, weder Dein Ge⸗ ſchlecht überhaupt, noch Deine Liebe für einen ſonſt ſchätzbaren Mann zu ſchonen, gegen den ich eben klagen muß. Schließe aber daraus, welches Ver⸗ trauen ich auf Dein ſtrenges Pflichtgefühl, und Deine vorurtheilsloſen Anſichten ſetze, indem ich mich ohne weitere Rnſn in dieſer Sache an Dich wende! Du weißt, in welchem Veryältniß Sulpicia und Tiridates ſtanden, als dieſer im Frühlinge Rom verließ. Ihre Anſprüche an ſeine Treue waren vollgültig, durch ihre gränzenloſe Liebe und tau⸗ ſend Aufopferungen wohlverdient, ihre Hoffnungen auf ſeine Hand rechtmäßig und gegründet, und durch heilige Eide verſichert. So ſchied er von ihr, und ließ ſie in häuslichen Verhältniſſen zurück, über deren Schwierigkeit und Unannehmlichkeit er ſich unmöglich täuſchen konnte, und an denen doch ei⸗ gentlich ſeine Verbindung mit ihr Schuld war. Ein alltägliches Geſchöpf von Ehemann erniedrigt ſie durch Verdacht und Auflauern, während ein har⸗ ter Vater ſie mit Vorwürfen quält, welche nur wirkliche Vergehungen rechtfertigen könnten, die aber in Sulpiciens Falle, wo bloß das Herz— Doch wozu brauche ich Dir ein Verhältniß zu ſchil⸗ dern, das Du wohl kennſt, und einſt mit zu großer Strenge gerichtet haſt? Vielleicht denkſt Du jetzt auch über dieſen Punct milder, und ſpätere Er⸗ fahrungen mögen Deine Anſichten verändert haben. Wie aber immer Deine Denkart ſeyn mag, ſo glaube ich, wirſt Du doch darin vollkommen mit mir übereinſtimmen, daß Treue, ausſchließen⸗ de Anhänglichkeit, und feſtes Verfolgen des abge⸗ redeten Planes, Bedingungen ſind, die, wenn ſie gehalten werden, nicht großes Aufheben, und wenn ſie gebrochen werden, den allerſtrengſten Tadel, ja gar keine Entſchuldigung verdienen. Was ſoll alſo die unglückliche Sulpieia denken und fühlen, wenn ſie von allen Seiten beſtätigen hört, daß der leicht⸗ ſinnige Tiridates, verſunken in Aſtens Wollüſte, beſtrickt von verführeriſchen Weibern, von einer zur andern gedankenlos flattert, und, von den Freu⸗ den des Hofes trunken, nicht Zeit hat, ſich um ſo geringfügige Sachen zu bekümmern, als der Thron ſeiner Väter, und die Ruhe eines Herzens iſt, das ſich ihm ganz und willenlos geopfert hat? Wie zerriſſen dieß ſchöne, edle Herz iſt, wird Dir der beygeſchloſſene Brief zeigen, den ich aus Bajä von ihr erhielt, wo ihre niedrigen Peiniger ſie eingeſchloſſen halten, um ihr den letzten Troſt, den Umgang mit mir, zu entziehen. Serran's klei⸗ ner Geiſt fürchtet meinen Einfluß, darum hat er ſeine Frau aus Rom entfernt; und Septus Sulpi⸗ cius ſieht in mir nichts, als eine ſchlaue Mittlerinn eines verbothenen Verhältniſſes. Wie könnte auch ſeine grobgeſchnitzte Seele, die an keine weibliche, ja an keine menſchliche Tugend, als allenfalls den Patriotismus, glaubt, ſich zu dem Gedanken erhe⸗ ben, daß man einander wirklich lieben, und durch dieſe Liebe ſich recht viel ſeyn kann? Dieſe Lage al⸗ lein wäre ſchon hinreichend, für Sulpicien das Mit⸗ leid und die Schonung der ganzen Welt aufzufor⸗ dern; um wie viel mehr die allerzarteſte Aufmerk⸗ ſamkeit desjenigen, für den, um deſſentwillen ſie ſo ſehr leidet? Aber dieſer leichtſinnige Königsſohn vergißt ihrer im Arm Aſiatiſcher Hetären, und ver⸗ mehrt ihre Qualen noch durch den ſcharfen Stachel, den der Gedanke, ſo gewiſſenlos vergeſſen zu ſeyn, in ihr zerriſſenes Herz drücket. Zwar will ich gern glauben, daß der immer ver⸗ größernde Ruf auch hier Manches hinzugeſetzt hat, was nicht ſo ganz wahr iſt; indeſſen, wenn ich auch die Hälfte abrechne, bleibt noch immer genug übrig, um Tiridates ſehr ſtrafbar erſcheinen zu machen. Noch ſchreibt er ziemlichoft und ziemlich warm an Sulpicien; aber was iſt dieß für ein Herz, das von Zweifel und Angſt gefoltert wird, und in der ſehr natürlichen Vorausſetzung, daß der Prinz wohl ſo klug ſeyn wird, ſich nicht ſelbſt anzuklagen, ſeine Briefe ſchon mit ungünſtigem Vorurtheil empfängt? Da wird jedes kühlere Wort, jeder unvorſichtige Ausdruck eine neue Quelle des Argwohns. Bey ei⸗ nem Brief kommt ſo viel auf die Stimmung des Leſenden an; ſie gibt die Muſik zu den Worten. Was kann der todte Vuchſtab, was kann ein treuer Freund zur Beruhigung ſagen, wenn ein krankes Gemüth mit jener gefliſſentlichen Grauſamkeit, die eben den beſſern Seelen eigen iſt, in jedem Worte — 201— einen Pfeil finden will, um ihn tiefer in ſeine Wunden zu drücken? O wahrlich! Solche Gemü⸗ ther ſind ſehr zu beklagen; ſie ſind ewig das Spiel und der Raub der rauheren ſtärkern Seelen. Bey dieſer Lage der Sachen, bey der halben Ungewißheit, in der wir über Tiridates wahre Ge⸗ ſinnungen ſchweben, und bey der Unmöglichkeit, im geringſten auf ihn wirken zu können, wende ich mich nun an Dich, und hoffe von Dei Denk⸗ art, von Deiner Achtung für Sulpicien, und haupt⸗ ſächlich von Deiner genauen Verbindung mit dem Prinzen noch allein das Wenige, oder Viele, was ſich in dieſer Sache thun läßt. Zuerſt erſuche ich Dich um eine genaue Nachricht von Tiridates Le⸗ bensart und Geſinnungen, ſo weit Du ſie zu ken⸗ nen vermagſt. Für's zweyte überlaſſe ich Deinem Gefühle, Deiner Beurtheilung, die weitern Schrit⸗ te zu beſtimmen, die allenfalls noch hierin zu thun wären. Deine Denkart iſt mir Bürge, daß ich mei⸗ ne Freundinn hier nicht ausſetze, daß nichts geſche⸗ hen wird, worüber ſie zu erröthen, ja, was ſie nur von fern ungethan zu wünſchen haben würde. Lei⸗ te, führe Du die Sache, wie Du es für gut ſin⸗ deſt! Ich lege mit Zuverſicht Sulpiciens Geſchick und meine treue Sorge für ſie in Deine Hand, und erwarte, wo nicht Hülfe— denn wer weiß, ob Du die gewähren kannſt?— doch wenigſtens Troſt und Beruhigung für ſie von Deinem Herzen. Mein Vater und meine Brüder, die alle recht wohl und vergnügt ſind, grüßen Dich herzlich durch mich. Sollteſt Du zu antworten nöthig finden, ſo ſey auch ſo gütig, mir den Ort Deines Aufenthalts zu bemerken. Nicht immer wiſſen wir in Rom ge⸗ nau die Standörter unſerer Armeen, und nicht im⸗ mer iſt 8 Legat ſo glücklich, im Hauſe ſeines Feld⸗ herrn zu leben, und alle ſeine Leiden und Freuden mit ihm zu theilen. Leb wohl! Sechs und zwanzigſter Brief. (Im vorigen eingeſchloſſen.) Sulpicia an Calpurnien. Bajä im September 301. Mu unſäglicher Mühe und mit Aufopferungen, die mich mehr koſten, als ich zu ſagen im Stande bin— denn es Zilt hier nicht Geld, oder Geldes⸗ werth, ſondern Grundſätze, deren Unterdrückung mein innerſtes Leben angreift— habe ich einen Selaven auf unſerm Landgute gewonnen, der ſich endlich erbothen hat, Dir dieſen Brief zu bringen. Allmächtige Götter! Zu welchen Erniedrigungen zwingt mich die verächtliche Geſinnung Anderer, und die Nothwehr, die ja auch dem ſchwächſten Wurm gegen ſeinen Peiniger erlaubt iſt! Beſtechung, Ver⸗ lockung von der dem Gebiether geſchwornen Treue muß ich mir zu Schulden kommen laſſen. Ich, die ich jeden Winkelzug, jede Unredlichkeit, als meiner Natur widernd, haſſe, ich muß die Betrieger über— — 204— liſten, weil ich ſonſt— o Götter, Götter! welche Lage!— weil ich ſonſt verzweifeln müßte. Ster⸗ ben? Kleinigkeit! Tag und Nacht ſind die Pforten des Todes geöffnet, und wer zu ſterben weiß, braucht nicht zu dienen. Aber ſterben zu wollen, und keines Augenblicks, keiner Bewegung Herrzu ſeyn, ſich auf jeden Schritt beobachtet, bey jedem Laut behorcht zu fühlen, zu wiſſen, daß alle Schränke und Kiſten durchſucht, und alle Mittel zur Flucht, nicht allein aus dieſem Aufenthalte, ſondern auch aus dem Le⸗ ben, genommen ſind, das zu wiſſen, und mit der Wuth der Ohnmacht ſeine Ketten zu ſchütteln, oh⸗ ne ſie zerreißen zu können, das iſt die ſchrecklichſte Lage, in der ein Sterblicher ſich befinden kann! Man hat in Rom erkundſchaftet, daß ich durch Dich Briefe aus Aſien bekam, daß jene unſelige Verbin⸗ nes gleichen. dung durch die vorigen Maßregeln noch nicht abge⸗ brochen war, und man ſchritt nun zum Iußerſten. Man ſchleppte mich in dieſe Einſamkeit, man hält mich wie eine Verbrecherinn, und macht ſich ein Geſchäft daraus, mir das Leben zu verbittern. Ja, was der Menſch dem Menſchen thun kann, iſt das Höchſte und Niedrigſte. Die größte Erdenſeligkeit und die ſchrecklichſte Verzweiflung häuft er auf ſei⸗ Nehmt, nehmt mir Alles, was noch an meinem — 205— Ja, die höchſte Erdenſeligkeit und die tieſſte Verzweiflung! Vom Schickſale verfolgt, gemiß⸗ handelt, flüchtet das zerriſſene Herz an den Buſen der Liebe, und dort in ihren weichen Armen, von ihren Thränen benetzt, von ihrem Hauche neu be⸗ lebt, weiß es nichts mehr von den Tücken des Schick⸗ ſals, und iſt ſelig in dem Gedanken, treu und wahr⸗ haft geliebt zu ſeyn. Nein, der Sterbliche iſt nicht zu beklagen, der ein geliebtes Herz ganz beſitzt und in dem Bewußtſeyn ruht, was auch ſein Loos ſey⸗ wie weit Zeit und Raum ihn von dieſem Herzen ſchei⸗ den, es fühlt für ihn, es ſchlägt nur für ihn, es achtet kein Opfer, keine Gefahr, um den Geliebten glücklich zu machen. Laß dann die ganze Natur, laß die Göt⸗ ter ſich wider ihn verſchwören! Er achtet ihrer Wuth nicht, er liebt, und wird geliebt. O, ich Raſende! Daß ich damahls klagte, da nichts als eine Verket⸗ tung von Umſtänden ein geliebtes Weſen ſchuldlos aus meinen Armen riß! Damahls wähnte ich un⸗ glücklich zu ſeyn, und was bin ich jetzt? Sie war Frevel, dieſe unzeitige unmäßige Klage; Kleinig⸗ keit, Spiel waren die Leiden, die ich damahls fühl⸗ te, gegen die Martern, die mich jetzt verzehren. Damahls war ich geliebt, damahls ſchlug ein Herz tren und ausſchließend für mich. O ihr Götter! 1 Looſe wünſchenswerth ſeyn mag, und gebt mir je⸗ ne Schmerzen wieder! Gebt mir ſie wieder die Zeit, wo ich euch durch voreilige Bitten beſtürm⸗ te, und ich fordere euch heraus, mich unglücklich zu machen, ſo lange ich geliebt bin! Aber ich bin nicht geliebt, ich bin nicht geliebt!— O⸗ mit brennendem Schmerzen reißt dieſer Gedanke anmeinem Herzen:ich bin nicht geliebt! Was in dieſen Worten liegt, drückt keine Sprache aus, nur die Verzweiflung in ihrer dumpfen kalten Nacht fühlt die Qualen, die ſie enthalten. Zwey Tage trug ſich dieß Hers mit täuſchenden Hoffnungen, jene Nachrichten könnten Verleumdung ſeyn, eine wohl⸗ ausgeſonnene Liſt meiner Peiniger. Die bitterſte Erfahrung, ganz unzweifelhafte Beweiſe haben mir gezeigt, daß Alles, was man mir ſagte, Wahr⸗ heit, und mein unglückentſchieden ſey. Ein gewiß⸗ ſer Marcius Alpinus aus Nikomedien, eines von jenen kaltvernünftigen Weſen, die nichts tiefer ver⸗ achten und beſpötteln, als Gefühl, hat an einen ſeiner Freunde geſchrieben, und von dieſem erhielt mein Bruder Septimius den Brief. Aſiatiſche He⸗ tären— zwar verheirathete Matronen und vom erſten Range, nichts deſto weniger aber an Geſin⸗ nung und Betragen den Verworfenſten ihres Ge⸗ ſchlechtes gleich— theilen ſich in ein Herz, das ich — 207—„ einſt in einem dunkeln verworrenen Traume mein u nennen wähnte. Treue, Schwur, Ehre, Ruhm und Thron verſchwinden aus den verblendeten Au⸗ gen, die nur mit wollüſtiger Trunkenheit an ſchö⸗ nen Formen hangen; und gleichgültig opfert man das Glück eines längſtvergeſſenen Herzens am Al⸗ tare einer frechen Schönheit. O wer gibt mir Dumpfheit, Wahnſinn, Ver⸗ nichtung? Ich will ja nicht leben, ich will ja ein zweckloſes Daſeyn nicht länger hinſchleppen. Liebſt Du mich, Calpurnia, haſt Du in der großen Welt nicht auch jede beſſere Empfindung verlernt, ſo be⸗ ſorge mir nur einen einzigen wohlthätigen Tropfen, nur Einen, der genug iſt, mein Leben auszulöſchen! 52 6 Sieben und zwanzigſter Brief. Agathokles an Calpurnien, Niſibis im October 301. Dein Brief, meine edle Freundinn, hat mir ein wahrhaft großes und dreyfaches Vergnügen ge⸗ macht. Er hat mich wieder in die ſchöne Zeit zu⸗ rückgezaubert, wo ich in Rom in Deines Vaters Hauſe mit Dir und den Deinigen ſo angenehme Tage verlebte, deren größter Reiz in Deinem hei⸗ tern geiſtvollen Umgang beſtand. Er hat mir Nach⸗ richt von lieben Entfernten gegeben, deren Anden⸗ ken mir unvergeßlich pleiben wird, und endlich hat er mir das erhebende Gefühl gewährt, mich von einer edlen Seele mit Achtung und Zutrauen be⸗ handelt zu ſehen. Innig danke ich Dir für jede die⸗ ſer angenehmen Empfindungen, vorzüglich aber für die letzte, die zu verdienen und zu rechtfertigen mein thätigſtes Beſtreben ſeyn ſoll. — 209— Du weißt, meine Freundinn, Du wiederhohlſt es ſogar in Deinem Briefe, daß die Verbindung zwiſchen Sulpicien und dem Prinzen mir nie, we⸗ der vernünftig, noch rechtmäßig ſchien. Indeſſen, ſo dachte ich mir den Ausgang nicht, obwohl ich Ti⸗ ridates ziemlich genau zu kennen glaubte. Seit wir in Aſien ſind, haben wir uns beynahe nicht mehr geſehen, die Reiſe und ein Paar Tage nach unſerer Ankunft in Nikomedien ausgenommen. Wir ſchrei⸗ ben uns zuweilen, aber meiſtens nur über Angele⸗ genheiten des Kriegs, oder andere Geſchäfte. Ich weiß alſo nichts Beſtimmtes über ſeine Lebenswei⸗ ſe und ſeinen Umgang. Gerüchte, Sagen laufen freylich hin und her, aber auf ſie kann ich kein Ur⸗ theil bauen. Auich würdeſt Du, meine Freundinn, nicht mit dem zufrieden ſeyn, was ich Dir von Hö⸗ renſagen berichten könnte. Sey aber verſichert, daß ich alles thun werde, was in meiner Macht ſteht, nm hierüber Gewißheit zu erlangen, und daß ich dann ſo handeln werde, wie es mein beſter Wille, die Umſtände, Dein edles Zutrauen und Sulpi⸗ eiens Lage nur immer von mir fordern können. übrigens bitte ich Dich, zu bedenken, daß Ti⸗ ridates ſich durch Geburt, Schickſal und perſön⸗ liche Annehmlichkeiten genug auszeichnet, um von der müßigen Menge bemerkt, beſprochen, beneidet, Agath. I. Th. 14 ½ getadelt zu werden; wie auch, daß ein liebenswür⸗ diger Fürſt an einem üppigen Hofe manchen Ver⸗ ſuchen und Fallſtricken ausgeſetzt ſeyn muß. Vie⸗ les, was geſchehen konnte, wird dann als gethan vorausgeſetzt und erzählt, vieles, was verworfs⸗ nen Menſchen wahrſcheinlich iſt, von ihnen als wahr verkündet; und die Welt urtheilt ſchnell und lieb⸗ los. Schon, daß er immer in Nikomedien ſeyn ſoll, iſt Verleumdung. Er befindet ſich größten Theils beym Heere des Cäſar Galerius, wo er ſich durch perſönliche Tapferkeit und Feldherrngaben gleich rühmlich auszeichnet. Glaube nicht, daß ich Tiridates hierdurch ent⸗ ſchuldigen will! Ich weiß nichts, und kann alſo nichts weder für noch wider ihn behaupten; bis ich aber etwas mit Gewißheit erfahre, könnten dieſe Betrachtungen vielleicht beytragen, Sulpiecien zu beruhigen, und zu verhüthen, daß dieſe unglück⸗ liche Frau ſich nicht vergeblich in Gram verzehre. Wenn ſie wiſſen darf, daß Du mir geſchrieben haſt, ſo ſage ihr, daß mein Herz innig mit ihr fühlt, ſie tief bedauert, und, ſelbſt unglücklich, ihre Leiden wohl zu begreifen und zu theilen verſteht. Marcius Alpinus iſt mir übrigens aus früheren Zeiten als ein Mann bekannt, der mit einem durchdringen⸗ den Verſtande, durch den Umgang der großen ver⸗ —— — 211— derbten Welt, durch Wollüſte aller Art und eine herzloſe Kälte endlich dahin gekommen iſt, an kei⸗ ne Tugend mehr zu glauben, und nichts für ſchätz⸗ bar zu halten, als was unſere Sinne auf irgend eine Art in angenehme Bewegung zu ſetzen vermag. Sein Urtheil wird immer richtig ſeyn, denn er iſt ſehr verſtändig; ſeine Anſichten aber ſind es gewiß ſelten. Noch habe ich einen Punct zu berühren, den ich, ſo ungern ich über dergleichen Dinge ſpreche, unmöglich übergehen kann. Du ſcheinſt, meine ed⸗ le Freundinn, von meinem Schickſale unterrichtet zu ſeyn; aber ich fürchte, es war wieder nur der Nuf, oder etwas dem Ihnliches, der Dir nicht ganz getreu berichtet hat. Ja, ich habe Lariſſen, die Freundinn, die Geliebte meiner Jugend gefunden. Ein ſeltſames Verhängniß hat ſie als die Gemah⸗ linn meines Feldherrn mir wieder gezeigt. Es wür⸗ de thöricht ſeyn, und Deines Verſtandes ſpotten heißen, wenn ich behaupten wollte, ſie ſey mir gleichgültig. Nein, Calpurnia! Ich liebe ſie noch, wie ich ſie in meiner erſten Jugend liebte. Aber die⸗ ſe Neigung iſt nicht, wie bey Sulpicien und Tiri⸗ dates, hoffnungsvoll und gegenſeitig. Lariſſa behan⸗ delt den Freund ihrer Ingend, der ihr Zutrauen nicht verwirkt hat, mit Achtung und Freundſchaft; 14* — 212— aber Lariſſa und Demetrius ſind Chriſten. Ihre Religion weiht die Ehe zu einem unauflöslichen Bande, das nichts als der Tod trennen kann. Du ſiehſt alſo, daß ich keine Hoffnung nähren darf. Bedaure mich, meine Freundinn, aber ſpotte mei⸗ ner nicht! Nur der Glückliche kann dieß ertragen⸗ Deinen nächſten Brief, wenn Du mir die Freu⸗ de gönnen willſt, mich etwas von Dir, den Deini⸗ gen und unſerer unglücklichen Freundinn wiſſen zu laſſen, ſende nach Nikomedien an meinen Vater. Er weiß immer am erſten und zuverläßigſten, wo ich mich befinde. Vielleicht bin ich ſogar bis dahin ſelbſt dort. Der heiße Wunſch, einem Verhältniſſe zu entflie⸗ hen, das ſich weder mit meiner Ruhe, noch mit meiner Uberzeugung verträgt, und die Nothwen⸗ digkeit, ſelbſt mit Tiridates zu ſprechen, werden mich ohne Zweifel bald dahin rufen. Nimm noch einmahl den wärmſten Dank für Dein Vertrauen und die Verſicherung, daß an je⸗ dem Orte und in allen Verhältniſſen Nachrichten von Dir und den Deinigen meinem Herzen eine pöchſt willtommene Erſcheinung ſeyn werden! t und zwanzigſter Brief 3 Lariſſa an Junia Marcella. Niſibis im October 301. Sp iſt denn keine irdiſche Freude von Beſtand; und der Himmel, der ſie uns, kaum empfunden, wieder entzieht, ſcheint uns immerfort zu ermah⸗ nen, daß wir hier nicht in unſerer Heimath ſind. Freundliche Geſtalten begegnen dem Pilger, die ſchnell an ihm vorüber gleiten, liebliche Gegenden eröffnen ſich ihm, in denen er ſo gern weilen möch⸗ te. Umſonſt! Das Schickſal treibt ihn fort; ſein Bleiben iſt hiernieden nicht, und fern, fern von den reizenden Umgebungen, muß er durch ein dunk⸗ les grauenvolles Thal, um jenſeits die ſonnige Höhe zu erklimmen, von deren Gipfel der Kranz der Vollendung ſtrahlt. Ja, meine Junia, der kurze Frühlingsſchim⸗ mer meines Glückes iſt verſchwunden. Trübe Wol⸗ .— 214— ken ſteigen herauf, und verfinſtern den freundli⸗ chen Tag, in deſſen holdem Lichte mein wundes Herz ſich zu erhohlen anfing. Was noch aus mir werden ſoll, weiß nur Gott; aber, daß er es weiß, daß ich ſeiner Vaterhuld mein Schickſal getroſt überlaſſen darf, das iſt für jetzt, und wird wohl für immer meine einzige Beruhigung ſeyn. Demetrius fing an, ſich nach und nach zu er⸗ hohlen. Er konnte das Bett wieder verlaſſen, und entwarf bereits mit ſeinen Officieren weitere Pla⸗ ne für den Reſt dieſes, und den Anfang des näch⸗ ſten Feldzuges. Ich überließ mich ſanften Hoffnun⸗ gen von der Dauer meines Glückes, als auf ein⸗ mahl ein Befehl des Dioeletian erſchien, der mei⸗ nem Gemahl in unſanften Ausdrücken die allzuge⸗ wagte Stürmung von Niſibis vorwarf, und es ihm zum Fehler anrechnete, dieſe That bey ſo we⸗ niger Hoffnung auf glücklichen Erfolg gewagt, und ſo viel Leute geopfert zu haben. Wenn Du indeſſen wüßteſt, wie es mit uns ſtand, wie das Heer von unmuth, Krankheit und Mangel aufgerieben, weit mehr dadurch verlor, als durch den blutigſten Sturm, wie gefliſſentlich man es ohne Hülfe ließ, wie— doch wozu dieß alles wiederhohlen, was ich Dir doch nicht ſo umſtändlich beſchreiben kann, und was jetzt nichts mehr nützt? Genug, mein Mann wurde — 215— des Befehls über ſeine Armee enthoben. Seine ho⸗ hen Jahre, ſeine Krankheit dienten zum beſſern PVorwand, und Marcius Alpinus, der ein Liebling des Galerius, und vorher Tribun bey ſeiner Leib⸗ wache geweſen war, iſt ſchon auf dem Wege ſeine Stelle einzunehmen. Wie das meinen Mann ſchmerzt, wie es ihn, den kaum Geneſenen, von Reuem nie⸗ derwirft, ſein Gemüth bitter, ſeine Stimmung reizbar macht, kannſt Du Dir vorſtellen; und daß alles, was ihn umgibt, darunter leiden muß, iſt wohl eben ſo natürlich. Er hat auch ſogleich ſeinen völligen Abſchied begehrt; er will einem Staate nicht länger dienen, der ihn ſo mißkennt. Der Vor⸗ wand, unter dem ihm der Oberbefehl genommen worden, dient ihm eben ſo, ſeine Entlaſſung zu fordern, und wir werden uns in wenig Tagen auf den Weg nach unſerer Villa am Ufer des Bospo⸗ rus begeben. So wird es mir denn alſo von den Umſtänden ſelbſt ſehr leicht gemacht, Deinen Nath zu befol⸗ gen, und mich von Agathokles zu trennen. Es iſt auch in Rückſicht dieſes Verhältniſſes ſchon eine Zeit her nicht mehr alles, wie es war, wie es ſeyn ſoll⸗ te. Ich ſah ſchon vorher mit Schmerz, daß Aga⸗ thokles meine ſchöne friedliche Stimmung nicht theilte. Eine unruhige Heftigkeit lag in ſeinem We⸗ — 216— ſen. Sein Blick, den er ſelten offen auf mich rich⸗ tete, hing oft verſtohlen mit wilder Gluth an mir, und ſank ſcheu nieder, wenn ihn mein Auge traf. ſah ihn bey meiner unverhehlten Herzlichkeit dald feurig auflodern, bald ſie mit ſtarrer Kälte aufnehmen. Jetzt ſchien er mich mit heißer Liebe zu ſuchen, jetzt gefliſſentlich zu vermeiden; kurz, er war ungleich, launiſch, möchte ich ſagen, und der ſtille Friede entfloh durch dieß Betragen auch end⸗ lich aus meiner Bruſt. Ich glaubte indeſſen nichts darin zu ſehen, als die längſt gemachte Bemer⸗ tung, daß es den Männern ſo gar nicht möglich iſt, eine ruhige ſanfte Neigung zu nähren, und ſich mit den Rechten und Empfindungen der Freund⸗ ſchaft zu begnügen, wenn ihnen der volle ausſchlie⸗ ßende Beſitz verſagt iſt; und es that mir weh, ſo⸗ gar einen Agathokles nicht frey von den Schwächen ſeines Geſchlechtes zu finden. Aber ſeit einigen Tagen bemerkte ich, daß er mehrere Briefe aus Rom und Nikomedien erhielt, und ſie ſehr angelegentlich beantwortete; auch ſchien er mir noch düſterer und tiefſinniger als vorher. Einer dieſer Briefe nach Rom war an eine gewiſſe Calpurnia. Das erfuhr ich zufällig. Calpurnia heißt die ſchöne Tochter des Lucius Piſo, bey welchem. Agathokles in Rom gewohnt hat, von deren unwi⸗ — 217— derſtehlichen Reizen ich ſchon öfters von edi⸗ tigen Zeugen ſprechen gehört habe. Geſtern kün⸗ digte er uns an, daß ihn Tiridates nach Nikome⸗ dien beſchieden habe, und er Niſibis noch vor uns verlaſſen müſſe. Wie das zuſammenhängt, ſehe ich wohl nicht ein; aber daß es zuſammenhängt, das fühle ich, und erkenne es beſtimmt aus tauſend Kleinigkeiten, die ich wohl zu vereinbaren wußte. Ich läugne Dir nicht, daß es mich tief ſchmerzt, nicht allein, daß Agathokles ſich, wie es ſcheint, freywillig von uns entfernt, und die kurze Zeit unſers Beyſammenſeyns noch abkürzt, ſondern daß er mir, mir, deren Herz ſo offen vor ihm lag, mir, der Jugendgeſpielinn, der inni ſten Freundinn ein Geheimniß aus den Schritten macht, die er thut. Zwey Tage werde ich noch mit ihm zubringen, vielleicht die letzten in meinem Leben! Es iſt ſehr ungewiß, ob ich ihn je wieder ſehen werde; und die kurze Zeit meines Glücks wird mir wie ein Traum vorkommen, aus dem ein unfreundlicher Morgen mich weckte. Und doch ſoll ich wünſchen, von ihm getrennt zu ſeyn! Doch ſoll ich die Stun⸗ de ſegnen, die uns— für immer— ſcheidet? Ach Junia, ich vermag es nicht! Jetzt, in dem Augen⸗ blicke, wo der Himmel das Gebeth erhört, das ich in der Angſt meines Herzens oft zu ihm ſandte, wo 8 S* — 218— der Zweifel an meines Freundes Offenheit, an ſei⸗ ner ausſchließenden Liebe mir die Trennung erleich⸗ tern ſollte, jetzt fühle ich alle Kräfte ſchwinden, und ich zittere vor dem Gedanken, ihn nicht mehr zu ſehen, vor dem Gedanken, daß er mich nicht ſo ausſchließend liebt, als ich glaubte. Was wirſt Du von mir denken, wenn Du Dich der vielen Stel⸗ len erinnerſt, wo ich in plötzlicher Aufwallung von Selbſtverläugnung betheuerte, daß ich es gelaſſen anſehen wollte, wenn er mich vergäße, um ruhig und glücklich zu ſeyn? Wie ſo ſchwach iſt das menſch⸗ liche Herz, wie ſo ganz aus Widerſprüchen zuſam⸗ mengeſetzt! Wie ſo gar nichts iſt unſere Tugend, wenn die Vorſicht ſie auf eine ernſte Probe ſetzt! Das Schickſal ſcheint mich bey dem raſchgeſproche⸗ nen Wort zu nehmen. Es iſt möglich, daß er eine Andere liebt, und ich ſchaudre vor der Erfüllung rechtmäßiger Wünſche, die ich einſt ſo eifrig nährte. Ach, warum hat ein unvorgeſehener Zufall, wie Du mir neulich ſchriebſt, Apelles Ankunft ver⸗ zögert? Gewiß, Junia! ich wäre nicht ſo ſchwach, wenn der Geiſt dieſes Mannes meine ſinkende See⸗ le aufrecht hielte. Er wird kommen, ſchreibſt Du; ach, wann und nach welchen Auftritten? In fünf Tagen gehe ich mit meinem Gemahle nach unſerm einſamen Landgut Trachene ab. In der traurigſten — 219— Jaßhreszeit, in ununterbrochener Einſamkeit wird dort mein Leben an der Seite eines kränklichen, und durch ſein Schickſal gebeugten Greiſes verflie⸗ ßen. Könnte mich Apelles dort beſuchen, ſo wür⸗ den meine Wunden ſich ſtiller verbluten, und viel⸗ leicht eine Spur des Friedens wieder in mein Herz einkehren, der jetzt vor ſo viel Stürmen entflohen iſt, und den ich einſt unter allen Leiden ſo ſorglich bewahrt habe. Sage ihm das, meine Junia! Sage ihm, wie es mit mir iſt, und wie ſehr ich den Abgang eines weiſen, feſtgeſinnten Freundes fühle, deſſen richti⸗ ger Sinn mein ſchwankendes Gemüth in den ge⸗ hörigen Schranken halte! Deinen nächſten Brief ſende nach Trachene. Leb wohl! Reun und zwanzigſter Brief. Agathokles an Phocion. Nikomedien im November 301. J bin von Lariſſen getrennt! Der Wunſch⸗ den meine Vernunft ſeit jenem Zufall, der uns verei⸗ nigte, meinem Herzen aufgedrungen hat, iſt er⸗ füllt; meine Feſſeln ſind zerbrochen, ich bin frey. Keine verführeriſche Gegenwart macht die ſtolzen Vorſätze, die ich in einſamen Stunden ſaßte, zu nichte, kein mildes, herzliches Betragen fordert meine Seelenkräfte zum Kampfe auf; es iſt nicht mehr die ſchreckliche Wahl zwiſchen Tod und Ver⸗ rath, die vor mir liegt. Der Weg der Pflicht ſteht offen, ich habe ihn mir zum Theile ſelbſt gebahnt, ich habe ihn muthig betreten, und dennoch— den⸗ noch fühle ich mich ſehr unglücklich: Daß ich nicht mehr beym Heere bin, wird Dir der Anfang mei⸗ nes Briefes gezeigt haben. Die Bosheit hat ge⸗ ſiegt, Demetrius iſt vom Heer entfernt; das, was durch einen Machtſpruch ertrotzt worden. Die Fein⸗ de des redlichen, vielleicht nur allzu gewiſſenhaften Demetrius haben ſelbſt den hellſehenden Dioele⸗ tian dieß Mahl zu überliſten verſtanden. Man hat ihm die Sache aus dem falſcheſten Geſichtspunkte gezeigt, und er hat gethan, was ſie ihn thun laſ⸗ ſen wollten; er hat dem Feldherrn den Oberbe⸗ fehl genommen, und ſein Nachfolger iſt auf dem Wege. Demetrius gereiztes Ehrgefühl erlaubte ihm nicht, eine Würde länger zu behalten, die nichts mehr als ein hohler Nahme ohne Einfluß und Wirkſamkeit war. Er hat ſeine Entlaſſung auf der Stelle gefordert, erhalten, und ſich mit ſeiner Gemahlinn in die Ruhe des Privatlebens zurückgezogen. Aber noch, ehe ſie Niſibis verlie⸗ ßen, war der Plan, den ich, ohne zu ahnen, was das allzugefällige Schickſal für mich thun würde, entworfen hatte, zur Reife gekommen. Tiridates hatte auf mein Verlangen vom Galerius die Er⸗ laubniß erwirkt, mich zu ſich zu rufen. Ich erhielt den Brief nur um acht Tage ſpäter, als Demetrius den ſeinigen. Er war nun vergeblich; denn die Trennung von Lariſſen ſtand mir ohnedieß bevor. Indeſſen, ſo weh es mir that, die letzten ſchönen Tage meines Lebens verkürzen zu müſſen, ſo rief auf Schleichwegen nicht zu erhalten war, iſt nun doch eine heilige Pflicht, die Pflicht der Menſchlich⸗ keit gegen eine Unglückliche, und die Gefahr eines Freundes, der am Rande des Abgrunds ſtand, mich eilig nach Nikomedien. Zwey Tage war es mir noch vergönnt, bey Lariſſen zuzubringen. Ich genoß ſie mit eiferſüchtigem Geize, ich war den ganzen Tag um ſie, ich labte mich in den letzten Strahlen der ſcheidenden Sonne meines Glückes, ich wich nicht von Lariſſens Seite, ich verbannte den ſchmerzlichen Zwang, der mich ſo lange Zeit von ihr entfernt gehalten hatte; ich wollte noch einmahl ganz glücklich ſeyn, und ſie verſtand die — heißen Wünſche meines Herzens. Mit dem Zu⸗ trauen einer Schweſter, mit der Innigkeit einer Freundinn behandelte ſie mich, ſo offen, ſo gütig, ſo ſchonend! O Phocion! Was iſt ſie für ein We⸗ ſen! Hingegeben mit aller Wärme einer erſten un⸗ glücklichen Leidenſchaft, und doch ſo rein, ſo ſtreng! Die Engel, die ſie glaubt, können nicht ſanfter, nicht unſchuldiger lieben. Was binichgegen ſie! Auf welcher Höhe erſcheint der ſtille Friede dieſer See⸗ le, die ergebene Geduld, mit der ſie ihr ſchweres Schickſal trägt, der Reichthum ihres Herzens, das, von eignen Leiden zerriſſen, doch noch Troſt und Schonung für den Freund, noch zärtliche Achtung — 223— und kindliche Sorgfalt für einen mürriſchen, kum⸗ mervollen Greis hat! Ich werde ſie vielleicht nie wieder ſehen. In dieſem Bewußtſeyn haben wir uns getrennt. De⸗ metrius entließ mich mit väterlicher Liebe, mit Thränen; ich empfing knieend ſeinen Segen. Er gab ihn mir als Vater, als Chriſt, und ich konnte mich nicht enthalten, die Hand, die das Zeichen des Kreuzes, dieß Symbol der Ehriſten, über mein Paupt machte, mit kindlicher Rührung zu küſſen. Es iſt keine Täuſchung. Das Chriſtenthum erhebt den Menſchen zu einer bisher unbekannten Würde; und in dieſem ſelbſtſüchtigen Zeitalter, wo alle hö⸗ heren Gefühle abgeſtorben, und die einzige Tugend, die einſt die Menſchen über den Staub erhob, die Vaterlandsliebe, ein nichtiges Geſpenſt geworden iſt, ſcheint ſich alle Seelengröße, alle Fähigkeit, ſich über das Sinnliche emporzuſchwingen, in den klei⸗ nen Kreis der Chriſten zurückgezogen zu haben. Sie verzeihen ihren Feinden, ſie bethen für ihre Verfolger, indeſſen der größte Theil der Menſchen Wiedervergeltung für erlaubt hält, und einige philoſophiſche Secten, Zorn und Rachgier als er⸗ habene Vußerungen unſerer Seelenkräfte preiſen und empfehlen. Ich habe hier in Nikomedien ſogleich Geſchäfte gefunden, die mich auf eine unangenehme Art von der wehmüthig ſüßen Beſchäftigung mit Lariſſens Andenken abriefen. Tiridates allzu weicher Sinn hat nicht vermocht, den Lockungen der Wolluſt zu widerſtehen. Er war tief, tief gefallen. Es hat mich geſchmerzt, ihn ſo zu finden⸗ Doch ſah ich auch mit Vergnügen, wie viel Kraft in dieſem Gei⸗ ſte iſt. Die Stimme der Tugend hat noch Macht über ihn; er hat ſich ermannt, er hat entehrende Feſſeln geſprengt, und wird zu ſeiner Pflicht zurück⸗ kehren. Es iſt ſeltſam, wie in manchen Seelen die widerſprechendſten Eigenſchaften, die ſich einander aufzuheben ſcheinen, Platz finden können. Tirida⸗ tes iſt eine von dieſen ſchwankenden, oder reichen Naturen. Noch eben mit dem Plan zu einem Feld⸗ zug, mit würdigen Unternehmungen für ſeine künf⸗ tige Herrſchergröße beſchäftigt, achtet er es nicht zu gering, mit eben ſo viel Ernſt und Eifer den Plan zu einem üppigen Feſte zu entwerfen, liegt ietzt, von Salben duftend, bekränzt auf Perſiſchen Teppichen, ein verächtlicher Weichling, und ſpringt beym Schalle der Tuba auf, ſich zu waffnen, ſtürzt in die Schlacht, und fordert den gemeinſten Krie⸗ ger heraus, Mangel⸗ Ungemach und Gefahren mit größerer Standhaftigkeit und gelaſſenerem Muthe zu ertragen. Es iſt, als ob zwey Seelen ihn be⸗ — 225— lebten. Die üppigkeit des Hofes, die Buhlereh verworfener Geſchöpfe, und der Umgang mit herz⸗ loſen Wollüſtlingen hatten die beſſere Seele in ihm auf eine Weile unterdrückt; jetzt hat ſie ſich wie⸗ der mächtig erhoben, er iſt ſogleich zum Heere ab⸗ gegangen, und ich hoffe, es ſoll mir gelingen, ihn in dieſer beſſern Stimmung zu erhalten. Mein freundſchaftliches Verhältniß zu Calpur⸗ nien hat ſich wieder angeknüpft; ſie hat mir in einer Angelegenheit geſchrieben. Wahrlich, Pho⸗ cion! ſie iſt auch ſo ein Doppelweſen, ein weib⸗ licher Tiridates, in den Beſchränkungen und Ver⸗ hältniſſen, die ihr Geſchlecht nöthig macht. Ich kann ihr meine Achtung in gewiſſer Rückſicht nicht verſagen; aber ich kann ihre Art zu denken nicht billigen. Wie man hier erzählt, ſoll der Kaiſer ih⸗ ren Vater als Proconſul nach Rikomedien beſtimmt haben, und die ganze Familie im Frühling hier⸗ her kommen. Ich weiß noch nicht, ob ich mich über die Erneuerung dieſer Verbindung freuen, oder ſie fürchten ſoll. Leb wohl! Agath. I. Th. Dreyßigſter Brief. Calpurnia an Agathokles. Rom im November 301. Di⸗ ſeltſamſte Begebenheit von der Welt, eine Erſcheinung, die ſchnell wie ein Blitz kam, und ver⸗ ſchwand, und der ich noch ſtaunend nachſehe, ohne recht zu wiſſen, ob ich nicht vielleicht geträumt ha⸗ be, zwingt mich, ſchon wieder Deine Güte und Freundſchaft für meine Sulpicia in Anſpruch zu nehmen. Sie iſt fort, fort aus Bajä, aus Italien— und ich muß eilen, dieſen Brief nachzuſenden, und die Götter um günſtige Winde anflehen, damit das Schiff, das ihn bringt, die eilige Flucht eines ver⸗ liebten Paares überhohle, und Dich auf ſeine Er⸗ ſcheinung vorbereite. Vor drey Tagen ſaß ich gegen Abend in der Dämmerung in meinem Zimmer, als plötzlich mei⸗ ne Thür haſtig aufgeriſſen wurde, und eine männ⸗ liche Geſtalt, die ich nicht ſogleich erkannte, unge⸗ ſtüm auf mich zueilte. Ich geſtehe Dir, daß ich im erſten Augenblick erſchrak; denn ich vermuthete nichts anders, als einen Anſchlag auf mein Geld, meine Habſeligkeiten. Ich ſprang daher auf, und lief an die entgegengeſetzte Thür, um meine Sela⸗ vinnen zu rufen, als der Fremde mich erreicht hat⸗ te, und mein Nahme, von einer bekannten Stim⸗ me ausgeſprochen, meine Schritte hemmte. Ich fühlte mich bey der Hand ergriffen, der Unbekann⸗ te war Tiridates. Was bey dem ſchnellen Wechſel von Erſtaunen, Schrecken und Freude in mir vor⸗ ging, kann ich Dir nicht beſchreiben. Um aller Göt⸗ ter willen, wie kommſt Du hierher? rief ich.„Lebt Sie— lebt meine unglückliche Sulpicia noch? Kann Sie mir verzeihen? Darf ich ſie ſehen? O ich bin hier, um Alles gut zu machen. Ich muß ſie be⸗ freyen, ihr Leiden enden. Sie muß mit mir fort. WMein Schiff liegt in Oſtia. O führe mich zu ihr, verſäume keinen Augenblick!« Dieſer ganze Rede⸗ ſtrom ſloß ununterbrochen von ſeinen Lippen, ohne daß es mir möglich geweſen wäre, eine Sylbe ein⸗ zuſchalten. Als er fertig war, ſagte ich endlich: Faſſe Dich doch, und erzähle mir ordentlich und ruhig, wie das alles zuſammenhängt! Er folgte 15 — 228 mir zu einem Sitze; aber daß er ſitzen geblieben wäre! Zehn Mahl in einer Viertelſtunde ſprang er auf, zehn Mahl ſetzte er ſich wieder hin, und un⸗ ter Ausrufungen, Verwünſchungen ſeiner ſelbſt, des Schickſals und der Verwandten Sulpiciens er⸗ fuhr ich endlich, daß Du ihm zuerſt die Augen über ſeine Schuld geöffnet, daß Deine Freundes⸗ ſtimme ihn von dem Abgrunde zurückgerufen, an dem er ſorglos taumelte, daß Du ihm dann mit Würde und Schonung Sulpiciens Lage errathen laſſen, und erſt, nachdem ſein Herz von Selbſter⸗ kenntniß und Reue über Sulpiciens Leiden durch⸗ drungen war, ihm ihren Brief gegeben hatteſi, mit einem Wort, daß mein Freund ſo gehandelt hatte, wie ich es von ihm erwartete, und ihm innigſt und gerührt danke. Sehnſucht, Sulpicien zu ſehen, de⸗ ren Bild durch Deine Schilderungen lebhafter als je in ſeiner Bruſt erwacht war, ſtürmiſches Ver⸗ langen, ſie aus ihrer drückenden Lage zu befreyen, und ſein Unrecht wieder gut zu machen, hatten ihn hierauf zu dem raſenden Entſchluß beſtimmt, ſo⸗ gleich nach Italien zu ſegeln, und ſie mit oder wi⸗ der ihren Willen zu entführen. Dir hatte er nichts von dieſem Vorhaben geſagt, weil er fürchtete, Du möchteſt es mißbilligen. Das Ungeheure dieſes Plans machte mich ganz ſtumm; es brauchte eine ₰ — 229— Weile, bis ich ihn begreifen, und ihm die Einwür⸗ 1 fe machen konnte, die Vernunft und Kenntniß der Umſtände mir eingaben. Umſonſt! Wie konnte ich es auch nur verſuchen, einem ſolchen Feuerkopfe etwas ausreden zu wollen, oder ihn von einem Vorſatze abzuhalten, der in dieſem Gehirn ent⸗ ſprungen, von dieſem Gemüthe leidenſchaftlich er⸗ griffen worden war? Alles, was ich erhalten konn⸗ te, war das Verſprechen, Sulpiciens erſchütterte Geſundheit zu ſchonen. Noch dieſelbe Nacht reiſte er ab. Zwey halbtodt gerittene Pferde bezeugten die unglaubliche Schnelligkeit, mit der er Bajä erreichte. Er wußte, daß ſein Schiff nicht lange warten konnte, und weder in Rom noch Nikome⸗ dien ſollte Jemand ſeine Anweſenheit, oder den Zweck ſeiner Reiſe erfahren. Heut Morgens brach⸗ te ein alter Sclave Sulpiciens mir dieſen Brief. Sulpicia an Calpurnien. Er iſt hier. Ich bin geliebt! Er kommt, mich zu befreyen, ich folge ihm. Der Plan iſt gewagt, aber göttlich. Wenn du dieß lieſeſt, ſchwimme ich weit von Italien mit ihm über die Fluthen. Du wirſt meinen Schritt faſſen und nicht tadeln. Was die Welt ſagen mag, kümmert mich nicht. Leb wohl! Sie war alſo fort. Sie hatte eingewilligt. Ich wußte nicht, ob ich mich freuen oder betrüben ſoll⸗ te. Wenn ich auf der einen Seite den Troſt hatte⸗ ihre Lage geändert, und ihr Herz beruhigt zu wiſ⸗ ſen, ſo ſchreckte mich auf der andern die Sorge für ihre Geſundheit auf einer ſolchen Reiſe, in einer ſolchen Jahreszeit, und die Furcht vor ihrer Zu⸗ kunft, da ſie nun in der weiten Welt keinen an⸗ dern Schutz, keine Stütze hat⸗ als die Liebe und Treue eines ſo leidenſchaftlichen, leichtſinnigen Menſchen, von deſſen Wankelmuth wir ſchon Pro⸗ ben genug haben. O was iſt die Liebe, wenn ſie einen ſolchen Grad erreicht, für ein ſchreckliches Feuer, das überlegung, Ruhe, Leben, Alles ver⸗ zehrt, was dem Menſchen ſonſt lieb und theuer iſt! Ohne Zweifel wird ſie Tiridates nach Nikome⸗ dien führen. Du wirſt ſie vielleicht ſelbſt ſehen, oder doch leicht Nachricht erhalten. Laß— dieß iſt der eigentliche Zweck meines Briefs, die dringende Bitte der Freundſchaft— laß Dir meine Sulpicia empfohlen ſeyn! Wache über ſie, wo ihre eigene Leidenſchaft oder fremder Leichtſinn ſie ſchutz⸗ und wehrlos laſſen. Sey ihr Freund, ihr Beſchützer, ihr Rathgeber! Ja wenn es Dein Verhältniß zu Lariſſen geſtattet, deſſen wahre Beſchaffenheit mir freylich der Ruf nicht gans getreu mag berichtet huben, ſo verſuche es, Sulpicien die Bekanntſchaſt und vielleicht den Schutz dieſer Frau zu verſchaf⸗ fen! Könnteſt Du dieß, ſo wäre mein Herz eines großen Theils ſeiner Sorgen für dieſe mißleitete 3 und bedauernswürdige Freundinn los. Ich weiß, du wirſt meine Bitte nicht übel deuten; und der Gedanke, einem hülfloſen Weſen ſo viel zu ſeyn, als du Sulpicien jetzt in Aſien werden kannſt, iſt reizend genug für Dein Herz, um Deine ganze Thätigkeit aufzufordern. Es wäre möglich, daß ich ſelbſt bis nächſten Frühling nach Nikomedien käme. Man ſpricht da⸗ von, daß mein Vater das Proconſulat erhalten ſoll. Doppelt wichtig iſt mir dieſe Ausſicht jetzt⸗ und ich werde mich ſehr freuen, ſie erfüllt, und mich mit ſo werthen Freunden, als Du und meine Sulpicia ſind, wieder vereinigt zu ſehen. Leb wohl! Ein und dreyßigſter Brief. — Sulpicia an Calpurnia. Corinth im November 501. Zum erſten Mahl nach einer pfeilſchnellen Reiſe von ſechs Tagen genieße ich einige Stunden Erhoh⸗ lung, und ſie ſeyen Dir geweiht, Dir, Du treue Freundinn, Du meine Wohlthäterinn, meine Ret⸗ terinn! Ja, das biſt Du, Calpurnia, und mein Herz erkennt es mit dankbarer Rührung, und wird nie aufhören, Dich zu lieben und ſeine Verpflich⸗ tungen zu fühlen, ſelbſt wenn Zufall und umſtände uns jede Hoffnung auf künftiges Wiederſehen rau⸗ ben ſollten. Meine Abreiſe von Bajä, welche die Stim⸗ me der Welt nicht unterlaſſen wird, Entführung, Flucht zu nennen, war ſo ſchnell beſchloſſen und ausgeführt, daß mir keine Zeit übrig blieb, Dich weitläufiger zu unterrichten, und Dir die Unruhe ſenden konnte, waren ein Paar flüchtige Zeilen. Verzeihung anflehen, obwohl ich Dir nicht ungern der Ungewißheit zu erſparen. Alles, was ich Dir Jetzt, da ich dieß ſchreibe, wirſt Du bereits mehr wiſſen; denn ich zweifle nicht, daß Serranus und mein Vater nicht geſäumt haben werden, bey mei⸗ ner Mitverſchworenen, wie ſie Dich nennen, ge nauere Erkundigungen über eine Begebenheit ein⸗ zuziehen, von der ſie Dich gewiß vollkommen un⸗ terrichtet glauben. Es wird nicht auf die ſchonend⸗ ſte Art geſchehen ſeyn; auch dafür muß ich Deine eine kleine Buße für den warmen Schutz gönnte, den Du vor einiger Zeit dem Serranus angedei⸗ hen ließeſt, als Du ſogar fandeſt, daß er ein recht erträglicher Mann ſey, mit dem Du ganz gut hät⸗ teſt leben können. Doch laſſen wir Serranus, und alle, die ihm beyſtanden! Meine Ketten ſind zerbrochen. Ich bin frey, und es iſt nicht die Hand des ernſten Genius, der, ſeine Fackel ſenkend, mitleidig meinem Leiden ein Ende macht; ein ſchönerer fröhlicherer Gott hat die Feſſeln gelöſet, und ſeine hellleuchtende Fa⸗ ckel führte, wie das Geſtirn der Dioskuren, unſer Schiff dem ſichern Zufluchtsorte zu. Und dieſe nah⸗ menloſe Seligkeit danke ich den drey Weſen, die mir auf der Welt am theuerſten ſind: Dir, dem 234— i Agathoktes, und ihm— ihm, der aus der düſtern Nacht der Zweifel und des Mißtrauens, ſchön und glänzend wie das Geſtirn des Tages, hervortrat, alle Schatten verſcheuchte, alle Thrä⸗ nen trocknete, und mich zur höchſten Wonne erhob. O wer nicht unglücklich war, wie ich, weiß einen ſolchen übergang nicht zu ſchätzen. Nur der befrey⸗ te Sclave kennt das Glück, feſſellos zu ſeyn, und ich war Sclavinn, Selavinn im engſten, drückend⸗ ſten Sinne des Worts, denn auch mein Geiſt war gebunden. Jetzt bin ich frey, frey, meine Calpur⸗ nia, und im Arme der Liebe fühle ich die Seligkeit meines Daſeyns! Doch ich ſoll Dir ja erzählen und berichten, was mit mir vorging. Acht Tage ſind es jetzt, als ich am Morgen nach einer halbdurchweinten Nacht, matt und krank, auf meinem Bette lag. Da trat meine Chromis ein. Ein fröhlicheres Geſicht, als ich ſeit langer Zeit nicht an dieſer treuen Seele ſah, erweckte mich zuerſt aus meinen düſtern Gedanken. Eine Bothſchaft von Dir, vielleicht Hoffnung auf Deine Ankunft war das Erſte, das mir einfiel. „Was haſt Du? Gute Nachrichten aus Rom, von Calpurnien?„Mitunter, aber auch von weiten her, auch aus Aſien.“ Aus Aſien! rief ich heftig: Was weißt du aus Aſien?„Der Prinz iſt auf dem We⸗ — 255— ge nach Ztaiet.„Nicht möglich! Warum? Weß⸗ wegen? Ich war aufgeſprungen, und ſtand zitternd vor Chromis.„Faſſe Dich, meine Gebietherinn! ſagte das gute Mädchen, und leitete mich zurück zu meinem Bette: Wie willſt du den Verlauf mei⸗ ner langen, langen Bothſchaft anhören, wenn die erſten Worte dich ſo erſchüttern?« O ſprich, ſprich! Du tödteſt mich durch dein Jaudern. Wo iſt Tiri⸗ dates?„Nicht weit von hier!“ Was will er? Was ſoll ich? Er wird doch nicht— nach dem, was vorgefallen iſt—„Er kommt wahrſcheinlich, um 8 ſich zu vertheidigen, und die böſen Gerüchte zu wi⸗ derlegen, die man ſich über ihn erzählt.“ Er kommt hierher? Ich ſoll ihn ſehen? O ich kann nicht, ich kann nicht!„Doch, meine Gebietherinn! du ſollſt ihn ſehen, anhören, ihm verzeihen! O du verzeihſt ihm gewiß. Wer kann ihm denn zürnen, wennman ihn ſieht?“ Du haſt ihn geſehen? rief ich in der größten Erſchütterung: Wo iſt er, wo? 7 Uund ich ſprang auf's neue auf, und wollte hinaus eilen, als Chromis mich zurückhielt.„Erlaube mir, meine Gebietherinn! dich an die Tagszeit, an deine Ge⸗ ſundheit zu erinnern. Die Sonne iſt kaum aufge⸗ gangen, du biſt leicht gekleidet, und wir ſind al⸗ lenthalben beobachtet.“ Ich blieb ſtehen⸗ aber Alles brannte und pochte in mir. Was ſoll ich denn thun? eief ich endlich halbweinend aus: Was haſt du mit mir vor?„Wenn du dich beruhigen, wenn du mich gelaſſen anhören willſt, ſo will ich dir alles erzäh⸗ len.“ Was war zu thun? Dieß Mahl mußte die Frau der Selavinn folgen. Ich ließ mich wie ein Kind von ihr leiten, und nun erzählte ſie mir, daß man ſie geſtern Abends, als ich ſchon ſchlief, unter dem Vorwand, einer ihrer Verwaudten warte im Gaſthof des Dorfes auf ſie, dahin gerufen habe. Sie ging, und war ſehr erſchrocken, ſtatt ihres Vetters einen vermummten Unbekannten zu finden, der ſie auf eine geheimnißvolle Weiſe in einen Win⸗ kel des Hauſes führte, und ſich ihr dort zu erken⸗ nen gab. Er war es, mein Tiridates! mein Be⸗ freyer, meine rettende Gottheit! Er war gekommen, mich zu befreyen; er hatte dem ſtürmiſchen Meer in dieſer Jahrszeit Trotz gebothen, und einen gefährlichen Plan entworfen, um mich zu retten. O fühle, fühle, Calpurnia, den Himmel, der in dem Gedanken liegt, ſo geliebt zu ſeyn, und von einem Weſen, wie mein Tiridates! Mein Tiridates! Ich ſage es mit Stolz und Göt⸗ terluſt, eriſtmein! Du, Calpurnia, weißt nicht, was ich an ihm beſitze; Du warſt nur ſeine Freun⸗ dinn, nicht ſeine Geliebte, ſeine Braut. Ich weiß, Du achteſt und liebſt ihn; aber es iſt nicht möglich⸗ ten Herzens zu ergründen, wenn uns nicht die Hand der Liebe leitet. Wie er liebt, mit dieſer Stärke und dieſer Zartheit, dieſer Kraft und dieſer Hinge⸗ bung, ſo liebt nur ein Mann und ein Mädchen zu gleich. Er vereinigt beyde Empfindungen in ſeiner Bruſt, er denkt wie ein Mann, und fühlt wie ein Weib. Er iſt mir Alles, Alles auf der Welt! Und ohne ihn? O weg mit dieſen ſchrecklichen Gedan⸗ ken! Ich habe genug gelitten!— Doch nein, nein! Ich habe nicht genug gelitten. So elend ich war, als Verdacht und Eiferſucht meine Bruſt zerriſſen, und ſein Götterbild in dunkle Schatten hüllten, als der Leitſtern meines Lebens verſchwunden ſchien— ich war doch nicht unglücklich genug, um dieſe Se⸗ ligkeit erkauft zu haben! Und doch hat ihm mein Verdacht nicht ganz Un⸗ recht gethan. Er hat mir alles bekannt, vor mir auf den Knieen liegend, das ſchöne Geſicht in mei⸗ ne Hände verborgen, über die ſeine glänzenden Lo⸗ cken fielen, unendlich liebenswürdig in ſeiner Zärt⸗ lichkeit, unwiderſtehlich in ſeiner Reue hat er mir alles erzählt. Ja, er war mir ungetren; aber ſein Herz wußte nichts davon, nur ſeine Sinne wareu beſtrickt. O dieß Herz, das reich genng iſt, zehn alltägliche Geſchöpfe aus ſeiner Fülle überglücklich alle Tiefen dieſes reichen, wunderbar ausgeſtatte 3 — zu machen, behielt Raum genug für ſeine beſſere — Liebe, während einige gemeine Seelen im Sonnen⸗ blicke ſeines Wohlgefallens nach ihrer Art ſelig her⸗ umgaukelten. Und doch klagte er ſich an, doch hat er ſich mit einer Strenge beurtheilt, deren nur das zartfühlendſte Weib fähig iſt. O Calpurnia! Was war das für eine Scene! Nur um ſie erlebt zu haben, lohnt es der Mühe, geboren zu ſeyn! Wer ſie erfahren hat, kann nie ganz unglücklich werden, denn er war im Olymp, er hat ſeinen Lohn vor⸗ aus; das Schickſal mag ſpäter mit ihm beginnen, was es wolle. Vergib, Calpurnia, theure Geliebte, daß ich Dir ſtatt einer ordentlichen Erzählung Ausrufun⸗ gen und Schilderungen meines Glückes ſchreibe! Du haſt ſo treu und thätig meine Leiden getheilt, Du vaſt das erſte heiligſte Recht auf jede meiner Freuden. Mit Chromis, und nach ihrem Rathe, hatte er nun den Plan entworfen, mich noch denſelben Tag zu befreyen, wenn ich einwilligen wollte. Und wie hätte ich nicht ſollen, wie nicht können? Ich ging um die Mittagsſtunde mit Chromis unter dem Vor⸗ wande, zu verſuchen, ob ich nicht im Meere baden rönnte, an's Geſtade hinaus. Ein Paar Sclavin⸗ nen begleiteten uns, weil man Chromis längſt miß⸗ ⸗ 8 trauete, und ſie nirgends allein mit mir hingehen ließ. An der ſchattigen Bucht, die uns in wärmern Tagen oft zu einem angenehmen Badeplatze gedient hatte, ließ ich, wie gewöhnlich, die Mädchen war⸗ ten, und ging mit Chromis tiefer hinein. Man ah⸗ nete nichts, und ließ uns gehen. Aber am Ufer des Meeres lag ein Kahn, und in dem Kahn war ein Schiffer. Ach, Calpurnia! welcher Schiffer! Ver⸗ mummt, und jedem Auge unkenntlich konnte er 827 doch das Auge der Liebe nicht täuſchen. Ich ſprang in's Schiff, ich lag in ſeinen Armen. Mit unbe⸗ greiflicher Stärke ruderte er allein den Kahn mit mir und Chromis durch die ſtrudelnde Brandung, und brachte uns an das größere Schiff, das nicht weit davon hinter einem Felſen lag. Hier erſtwag⸗ te ich es, mich meiner Rettung zu freuen. Hier erſt fühlte ich, was ich ihm dankte, und wie mein gan⸗ zes Weſen, meine Freyheit, mein Leben, mein Glück ſein Werk, das Geſchenk ſeiner Hand war. Schön und lieblich war bisher, der Jahreszeit ungeach⸗ tet, unſere Fahrt. Wir haben Corinth ohne das mindeſte Ungemach erreicht, und dieſer glückliche Anfang ſoll meinem Herzen ein Zeichen von der dauernden Gunſt der Götter ſeyn. Morgen gehen wir ſchon von hier weg. Ein Schiff, das nach Ni⸗ komedien beſtimmt iſt, liegt ſegelfertig im Hafen. 2½ Wir werden es beſteigen; und bald hoffe ich Dir aus dieſer Stadt zu ſchreiben, wie glücklich ich bin, und wie ich Agathokles gefunden habe, der jetzt dort ſeyn ſoll. Fordere nicht, meine thenre Freundinn, daß ich Dir eine Beſchreibung der merkwürdigen Stadt und des heiligen Iſthmus gebe, auf dem ich mich ietzt befinde! Für tauſend Reiſende mag das ſehr wichtig ſeyn, mir iſt es nichts. Ob ich auf einer wüſten Inſel, oder in Corinth lebe, iſt mir gleich⸗ gültig. Genug, ich lebe mit Tiridates; er iſt mei⸗ ne Welt, und in dieſer verſunken, verloren, was kümmert mich das Treiben der Menſchen um mich, was vollends die Geſchichten verfloſſener Jahrhun⸗ derte? Aus Nikomedien hoffe ich Dir etwas Be⸗ ſtimmteres über mein Schickſal ſagen zu können. Leb wohl! Zwey und dreyßigſter Brief. Junia Marcella an Lariſſa. Apamäa im Rovember 301. Dieſer Brief, meine geliebte Freundinn! wird kaum ein Paar Tage vor unſerm Lehrer und Freun⸗ de Apelles bey Dir eintreffen. Endlich haben es ſeine Geſchäfte erlaubt, den längſt verſprochenen Beſuch bey Dir abzulegen. In einer Rückſicht kommt er nun freylich zu ſpät; er wird Dich in Deiner Einſamkeit zu Trachene, und nicht in der gefährlichen Nähe eines allzugeliebten Freundes ſinden. Das iſt Fügung der Vorſicht meine Theu⸗ re! Hierin erkenne ich ihren Finger, nicht in den kleinen Zufällen, die ſich vereinigten, oder für Dich zu vereinigen ſchienen, um ein Verhältniß fortdauern zu machen, das zu gefährlich war, als daß Du Dich lange hätteſt darüber täuſchen kön⸗ Agath. I. Th. — nen. Auch hier ſah Agathokles ſchärfer und weiter als Du. Seine Ungleichheit, ſein Trübſinn, über den Du klagteſt, waren nichts anders, als klare Einſicht in eure Lage, und zarte Schonung für Dich, die er zu warnen nicht kalt genug war. Nun, ihr ſeyd getrennt; die Vorſicht hat ſich euer erbarmt, und wie ein gütiger Vater die hülfloſen Kinder gerettet, die ohne ſeine Einwir⸗ kung verloren waren. Laß uns ihr dafür innig und herzlich danken! Ich habe es mit Theophron und Apelles gethan, der nun mit viel leichterem Herzen ſich auf den Weg macht, um Deinem wunden Gemüthe Beruhigung und Troſt zu brin⸗ gen. Er wird Dir Manches erzählen, was hier vorgefallen iſt. Es ſteht bey weiten nicht mehr ſo, wie es vor vier Jahren ſtand! Galerius Haß gegen die Chriſten hat viele Leiden über unſere Brüder verhängt. Es iſt beynahe jetzt ein Ver⸗ brechen, ein Chriſt zu ſeyn, oder wenigſtens ein Grund zu tauſend Neckereyen. Daher ſind eini⸗ ge ausgewandert; die meiſten halten ſich verbor⸗ gen. Es gibt nun mehr, wie ſonſt, Unglückliche zu tröſten, Arme zu unterſtützen, und viele Gele⸗ genheiten, wo durch Einfluß, Geld und Verbin⸗ dungen den Bedrängten zu Hülfe geeilt werden muß. Ich thue, was ich kann, und was die Pflich⸗ ten gegen meine Kinder erlauben; aber wie we⸗ nig iſt, was ein Weib, eine Witwe vermag, wo es darauf ankommt, außer dem Umfang ihres Hauſes, in den Verhältniſſen der Welt zu wir⸗ ken! Wie ſchmerzhaft fühle ich dann den Verluſt eines geliebten Gatten, den Gottes Rathſchluß mir und ſeinen Kindern ſo früh entriß! Apelles wird euch von Allem näher unterric⸗ ten, und Demetrius kann, wenn ihm das Bern⸗ higung gibt, ſich mit dem Gedanken aufrichten, daß er tauſend Leidensgefährten hat, die des Cä⸗ ſars wilder Haß, um ihres Glaubens willen, wie ihn verfolgt, neckt, ſtürzt. Er wird euch auch noch mehr erzählen, und einen erhabenen Plan mit⸗ theilen, den der ehrwürdige ſtrenge Heliodor— Du wirſt Dich ſeiner wohl erinnern— entwor⸗ fen hat. Die barbariſchen Nationen umlagern von allen Seiten das römiſche Gebieth. Ihre unge⸗ zähmte Rohheit, ihre einfachen Sitten, gleich weit von unſerer Cultur und unſern Laſtern entfernt, erregten längſt in Heliodors eifrigem, menſchen⸗ liebenden Gemüthe den Wunſch, dieſe wilden Naturen durch das Chriſtenthum auf einem ed⸗ leren Wege zur Bildung zu führen. Nicht unſere dünſte, unſere Bedürfniſſe, unſere üppigkeit ſol⸗ len ſie zuerſt kennen lernen; die chriſtliche Reli⸗ 6. gion ſoll vorher in ihren noch urverdorbenen Herzen Wurzel faſſen, ihre rohen Tugenden ver⸗ edeln, ihre Wildheit zähmen, damit, wenn ſie, wie er vofher zu ſehen, vorher zu wiſſen glaubt, einſt über die gebildete Welt hereinbrechen wer⸗ den, die Menſchheit nicht ſo viel zu leiden habe, und das Chriſtenthum, von reinern Gemüthern aufgefaßt, ſiegend mit den Siegern ſich über die Welt verbreite. Noch kann ich nichts als den erhabenen Ent⸗ ſchluß bewundern, der ihn alle Beſchwerlichkeiten, alle Gefahren, ja den Tod verachten lehrt, um in unbekannten Wildniſſen den Barbaren die hei⸗ ligen Lehren des Chriſtenthums zu bringen; aber ich ſehe weder ſeine Nothwendigkeit ein, noch ei⸗ nen guten Erfolg bevor. Indeſſen iſt Heliodor ganz durchdrungen von ſeinem Vorhaben, und ſein glühender Eifer kann kaum den Augenblick erwarten, wo die Anſtalten zu ſeiner Reiſe ge⸗ troffen ſeyn werden. Er geht jetzt nach Nikome⸗ dien, wo er ſich einzuſchiffen, und über den Eupin zu ſeiner künftigen Beſtimmung zu eilen denkt. Vielleicht ſiehſt Du ihn in Trachene. Noch Eins habe ich Dir mitzutheilen, das ich Dir lieber ſchreiben, als Apelles anvertranen woll⸗ te. Es gehört nicht unmittelbar zu dem, was er — 25— zu wiſſen braucht, um Dich zu tröſten und in Deie„ nem Gemüth den Frieden herzuſtellen, und betrifft zu unbekannte Perſonen, um ohne Prüfung Meh⸗ reren mitgetheilt zu werden. Man ſagt— aber ich bitte Dich, wohl zu bedenken, liebe Lariſſa, daß ich Dir nur Gerüchte ſchreibe— man ſagt, daß Agathokles nicht nur in Rom im Hauſe jener Calpurnia gelebt habe, daß ſie ein ſehr ſchönes, ſehr geiſtreiches, aber ziemlich leichtſinniges Mäd⸗ chen ſey, ſondern auch, daß ſie ſich beyde nicht gleichgültig geblieben wären, und daß Agathokles nur auf Befehl ſeines Vaters, und ſehr wider ſei⸗ nen Willen, ihre reizende Geſellſchaft verlaſſen habe. Daß ſie ſich ſchreiben, weißt Du, vielleicht aber nicht, daß ihr Vater das Proconſulat von Bithynien erhalten hat, und nächſten Frühling mit ſeiner ganzen Familie dahin kommen wird. Kön⸗ nen dieſe Nachrichten beytragen, Dein Gemüth in eine ruhigere Verfaſſung zu bringen, indem ſie ei⸗ nen Verluſt, den Du für unerſetzlich hieltſt, in Deinen Augen etwas mindern, ſo bin ich froh, und der Eifer, mit dem ich jeder Spur ſeines Verhält⸗ niſſes nachforſchte, iſt belohnt. Sollte es ſich fügen, daß ich Gewißheit erhielte, ſo werde ich nicht ſäu⸗ men, ſie Dir mitzutheilen. Wenn ſie Dich auch im Anfange ſchmerzt, ſo denke, daß es unſere Pflicht eiſt, überall Wahrheit zu ſuchen, alles zu prüfen, und nur nach richtiger Erkenntniß zu handeln, enn auch darüber ein ſchöner Traum zerſtört erden ſollte. Bedenke ferner, daß es der Anfang Deiner völligen Geneſung ſeyn kann, und wenig⸗ ſtens ein ſicherer Weg, um auf eine ſchnellere und ruhigere Art aus dem Labyrinthe zu kommen, in welches Dein Herz und die Umſtände Dich ver⸗ flochten haben! Leb wohl! Drey und dreyßigſter Brief. Lariſſa an Junia Marcella. Trachene im November 301. Da bin ich nun, geliebte Freundinn, auf unſerm ſtillen Landgütchen. Die Natur verliert nach und nach ihre Reize, die Bäume ſtreuen ihr welkes Laub auf den unbeblümten Boden nieder, kältere Winde regen die ſtillen Fluthen des Bosporus auf, und in trüben Tagen, wo der Nebel die ge⸗ genüber liegenden Ufer verbirgt, unterbricht nichts die düſtere Stille, als der Schall der ſtärkeren Brandung, die lautſeufzend an das Geſtade ſchlägt. Stundenlang ſitze ich da oft am Meeresufer, ſehe dem Spiel der Wellen zu, betrachte ihr heftiges Treiben, ihr unruhiges Emporſtreben, und wie zuletzt jede wieder zurückſinkt in den dunkeln Schooß des Meeres, wo keine Spur von ihrem Daſeyn bleibt, das mit allen ſeinen Anſtrengungen auf ſchengeſchlecht mit dieſen Wogen vergleichen? Ach, ſo unruhig, ſo bewegt, ſo raſtlos ſtreben ſie nach einem fernen Glücke, das jeder anders nennt, und im Grunde keiner kennt; ſie bemühen ſich, ſie mat⸗ ten ſich ab, und verſinken zuletzt alle im Schooß der Erde; keine Spur bleibt zurück, ſie ſind dahin, wie ein Schatten— wie Gras auf dem Felde, das am Morgen grünt, und am Abend verwelkt iſt. Meines Mannes Laufbahn iſt nun aus. Vier⸗ zig Jahre ſind unter Waffen, Gefahren, und man⸗ cherley Sorgen und Verfolgungen hingearbeitet worden— wenige Tage der Erhohlung, ſelten ein Augenblick von Freude! Und was iſt ſein Lohn? Und was iſt mein Loos? Obgleich meine Jah⸗ re lange nicht an die Hälfte der ſeinigen rei⸗ chen, was habe ich nicht ertragen, gekämpft, verloren! Einſam, freudenlos, ſelten ſo geliebt, wie mein heißes Herz es wünſchte, floß, ſeit ich denken kann, mein Leben hin. Der, für den mein Weſen gebildet ſchien, ward durch das Schickſal von mir geriſſen; der, dem ich ange⸗ höre, hat keinen Sinn für das, was ich bin, und ihm ſeyn möchte. So ſchwindet mein Da⸗ ſeyn zwecklos hin. Still, vergeſſen, unbedauert wird es endlich verlöſchen, und niemand darnach * fragen, niemand darum wiſſen, daß einſt eine un⸗ glückliche Lariſſa lebte. Ach, wenn ich nur ſagen könnte: Dazu war ich auf der Welt! Aber ich weiß ganz und gar kei⸗ nen Zweck, warum ich geboren ward, als, einſt die Wärterinn eines kränklichen, gebeugten Grei⸗ ſes zu werden, der meine Dienſte noch meiſt ver⸗ kennt, und faſt immer ungütig aufnimmt. Dazu ward mir dieß heiße Herz? Dazu führten alle mei⸗ ne verworrenen Schickſale? Ach, Junia! Wie viel Ergebung und Geduld brauchte ich nicht jetzt, um mich vom Murren zu enthalten! Agathokles iſt fern. Ich werde ihn nie wieder ſehen. Das wußte ich, als ich mich von ihm in Ri⸗ ſibis trennte. Nie wieder ſehen!— Nie! Demetrius und Agathokles! Trachene und Riſibis! Laß mich einen Vorhang über meine Geſchichte ziehen, die Aſche nicht aufrühren, die über der ſchlecht ge⸗ dämpften Gluth meines Herzens liegt! Ich ſoll, ich muß ja vergeſſen! O wenn es einen Lethe gä⸗ be, und mir ein mitleidiger Engel eine Schale da⸗ von bringen möchte! Ich will ja leiden, tragen, und alle Geduld mit Unglücklichen haben, die in ihrem Kummer andere nicht ſchonen. Aber an das, was war, muß ich nicht immer erinnert werden, 6 mmer fühlen, wie es iſt, und wie es ſeyn könnte. Mein Mann hat einen Briefwechſel mit Aga⸗ thokles verabredet. Er iſt zu bequem zum Schrei⸗ ben; ſo hat er mir dieſen Auftrag gegeben. Ich ſoll an Agathokles ſchreiben! Ich! Und wie? So wie Demetrius ſchreiben würde? Das iſt unmöglich. So wie mein Herz es eingibt? Das darf ich nicht. Ich zittere vor dem neuen Sturm, den meine Wei⸗ gerung erregen wird. Ja, du haſt recht, Junia! Ich war zu ſchwach, als ich meine Hand in dieſe Ketten fügte, aber jetzt— iſt nichts mehr zu thun. Agathokles hat mir in den letzten Tagen Eini⸗ ges von Calpurnien erzählt— vielleicht nicht ganz ohne Veranlaſſung von meiner Seite. Ach! Wie er mir das erzählte, und wie er überhaupt die letz⸗ ten zwey Tage ſich betrug, das hätte jeden Fun⸗ ken von Verdacht auslöſchen, und das argwöhni⸗ ſcheſte Gemüth entwaffnen müſſen! Ja, ich bin ge⸗ liebt!— Aber ſtill, ſtill! Nichts mehr von jenen Tagen des Himmels, hier in dem Aufenthalte der büßenden Geiſter! Wenn die ſchöne Calpurnia nach Nikomedien kommen ſoll— ſo— ſo will ich mich bemühen, mich darüber zu freuen. O möchte ſie meinen Freund glücklich machen! Mich betrachte ich als eine ſchon Verſtorbene, und im Grabe hören Eigenthum und Eiferſucht auf. Ich will ſeyn, wie der Geiſt ſeiner Geliebten, und mich in den Auen des Friedens freuen, daß mein Agathokles auf der Erde noch glücklich geworden iſt. Nein, was ich für ihn fühle, iſt keine ſträfliche Leidenſchaft. Ich bin ja todt, todt für ihn, für die Welt, für mich ſelbſt, nur nicht für meine Pflicht! Die öffentlichen Nachrichten tragen auch nicht bey, ein düſteres Gemüth aufzuheitern. Heimlich und verborgen glimmen die Funken der Zwietracht unter denen, in deren Hände die Vorſicht das Wohl des Menſchengeſchlechts gelegt hat. Alle Briefe, die mein Mann von ſeinen Freunden am Hofe und bey dem Heere erhält, beſtätigen die traurige Vermu⸗ thung, daß es zum Ausbruche bürgerlicher Kriege, und der Erneuerung jener blutigen Auftritte, die ſo lange Zeit das Unglück und die Schande des Rö⸗ miſchen Reichs machten, nur an einer bequemen Gelegenheit fehlt. Zwiſchen Galerius und Divele⸗ tian ſollen bedeutende Mißverſtändniſſe walten. Dann ſey uns der Himmel gnädig! Bis jetzt er⸗ hielt Diocletian wenigſtens Ruhe und Frieden im Innern. Von Außen drohet uns ohnedieß ein an⸗ deres Unglück. Die Gothen, eine von jenen wilden Völkerſchaften, zu welchen der fromme Heliodor zu reiſen, und die rohen Gemüther durch die chriſt⸗ nche Religion zu zähmen gedenkt, fangen an, un⸗ ſere Küſten durch Streifzüge zu beunruhigen. 30) Sie kommen auf ſchlecht gezimmerten Kähnen in kleinerer oder größerer Anzahl längſt dem Ufer des Eupin herabgefahren, landen an einſamen Plätzen, überfallen kleine Dörfer, einzelne Häuſer, Rei⸗ ſende, rauben, was ſie finden, ermorden, was ſich widerſeht⸗ und ſchleppen dann ihre Beute, auch oft unglückiche. die lebend in ihre Hände fallen, mit ſich an ihre unwirthbaren Ufer. Ihre Beſuche wer⸗ den immer häufiger, die Anzahl ihrer Streiter im⸗ mer größer, der glückliche Erfolg gibt ihnen Muth; denn nirgends iſt eine kriegeriſche Macht in der Nähe, die ihrem Beginnen Einhalt thun könnte. Wir ſind ihnen ganz Preis gegeben. Ich habe mei⸗ nen Mann bereden wollen, unſer einſames Land⸗ haus zu verlaſſen, das ſo nahe am Ufer des Mee⸗ res, und ſo entfernt von aller Hülfe liegt; aber er verwarf dieſen Vorſchlag mit Verachtung, er hält alles, was man erzählt, für übertreibungen der Furcht, er kennt die Nordiſchen Barbaren nicht, und hofft ſie— ſelbſt, wenn ſie einen Angriff in un⸗ ſerer Gegend machen ſollten, leicht zu überwinden. Zu dem Ende hat er ſeine Selaven bewaffnet, und übt ſie regelmäßig alle Tage. Welche Auftritte mir bevor! 8 Der einzige freundliche Punet in dieſer düſtern. Zukunft iſt die Ankunft unſeres verehrten Freun⸗ des Apelles, den ich nach Deinem Briefe jeden Tag erwarte. Immer wäre mir ſeine Gegenwart erfreulich geweſen; jetzt werde ich ihn als einen Bo⸗ then des Himmels betrachten, der Licht, Ruhe und Troſt in meine traurige Einſamkeit bringen ſoll. Du ſandteſt ihn mir. Habe Dank dafür, Junia! Du wirſt oft der Gegenſtand unſerer Geſpräche ſeyn; mein Herz wird ſich wieder dem ſanften Ein⸗ fluß der Freundſchaft öffnen, und ich werde wenig⸗ ſtens auf einige Zeit minder unglücklich ſeyn. Leb wohl! ſal unwiderruflich entſchieden, und Tod oder Leben darin athmete, getödtet, oder in Knechtſchaft ge⸗ Vier und drepßigſter Brief. Agathokles an Phocion. Nikomedien im November 301. We Du dieſen Brief erhältſt, iſt mein Schick⸗ über mich ausgeſprochen. Lariſſa iſt ermordet oder geraubt. Die Gothen haben einen Einfall auf die ufer des Bosporus gemacht, wo ihre Villa liegt. Im erſten Schrecken des überfalls hat ſich Deme⸗ trius mit ſeinen Selaven zur Wehre geſetzt. Er ſoll erſchlagen, das Haus geplündert, und alles, was ſchleppt worden ſeyn. Was an dieſer fürchterlichen Nachricht wahr, was Erdichtung, übertreibung i eile ich mit bebendem Herzen zu unterſuchen. *Die Pferde ſind geſattelt. Morgen bin ich an dem Orte der ſchaudervollen Entſcheidung. Leb wohl! Fünf und dreyßigſter Brief. Apelles an Junia Marcella. Trachene im November 301. Ein kleines Geſchäft, welches ich auf dem Wege hierher bey einem Freunde abzuthun hatte, verzö⸗ gerte meine Ankunft um zwey Tage, und ſetzt mich dadurch in den Stand, Dir, meine verehrte Freun⸗ dinn, Nachricht von mir, von dem Schickſale der Gegend umher, und den Perſonen geben zu kön⸗ nen, an denen Dein Herz gewiß Antheil nehmen wird. Sehr glücklich würde ich mich ſchätzen, wenn es dem HPimmel gefallen hätte, dieſe Schickſale ſo zu leiten, daß ich Dir recht erfreuliche Nachrichten geben könnte. Leider aber iſt hier Manches vorge⸗ fallen, das zu erzählen und mit der gehörigen Scho⸗ nung und Treue vorzubringen, eine wahrhaft trau⸗ rige Freundſchaftspflicht iſt. Bereite Dich, höchſt unangenehme, ja gewiſſer Maßen ſchreckliche Neuig⸗ keiten zu hören, und vergiß nie den großen Ge⸗ danken, daß ohne Gottes Willen kein Sperling vom Dache, kein Haar von unſerm Haupte fällt, daß unſere Tage gezählt ſind, und daß ja nicht dieſe Erde allein der Schauplatz der Regierung, der Liebe, der Barmherzigkeit Gottes iſt! Lege jetzt dieß Blatt auf einen Augenblick aus der Hand⸗ faſſe Dich in Ergebung und Geduld, und dann lies den traurigen Bericht zu Ende, den ich Dir zu geben habe! Du weißt vielleicht, ſo wie ich es bey meiner Annäherung in dieſen Gegenden erfuhr, daß die Gothen ſeit einiger Zeit wiederhohlte überfälle auf den Küſten des Bosporus, ſowohl auf unſerer als der Europäiſchen Seite gewagt haben. Hier und da erzählte man mir von ihrer Grauſamkeit, von ihrer Kühnheit, ihrer Raubſucht ſehr fürchterliche Bey⸗ ſpiele; und ich kann Dir nicht bergen, daß der Ge⸗ danke, an einen Ort zu reiſen, der ſo nahe an der Meeresküſte und ihren Raubzügen ſo ausgeſetzt iſi, mir nicht ſehr erfreulich war. Indeſſen hoffte ich durch meinen Beſuch, außer dem Troſte, den ich La⸗ riſſen überhaupt in ihrem Leiden zu bringen hatte, auch noch vielleicht in der Rückſicht etwas Gutes für ſie zu bewirken, daß ich Demetrius zu überre⸗ den dachte, dieſe gefährliche Nachbarſchaft zu ver⸗ laſſen, und den Winter an einem ſicheren Orte zu⸗ zubringen. Ach, meine verehrte Freundinn! Was ſind die Rathſchlüſſe und Vorſätze der Menſchen vor dem Nathſchluß Gottes, der ſie wie Spreu vor dem Winde zerſtreut? Meine Hoffnungen, mein Vorhaben, meine Ankunft, Alles, Alles war zu ſpät. Zwey Tage, ehe ich in Trachene anlangte, hatten die Barbaren eine Landung gewagt, waren in der Nacht ausgeſtiegen, und mit wildem Ge⸗ ſchrey und Lärmen gerade auf Demetrius Villa zu⸗ geeilt. Demetrius, ſtatt ſich und die Seinigen durch eine eilige Flucht zu retten, die vielleicht noch mög⸗ lich geweſen wäre, ging ihnen mit ſeinen bewaff⸗ neten Seclaven entgegen. Der Kampf begann; aber die übermacht war ſo ſehr auf der Seite der Feinde, daß die im Hauſe Zurückgebliebenen keine Zeit hatten, ſich vor den Siegern zu flüchten, oder zu verbergen. Demetrius ward ermordet, ſeine Selaven ſtarben neben ihm. Die Gothen drangen in's Haus, die zitternden Sclavinnen, und— al⸗ ler Wahrſcheinlichkeit nach auch ihre unglückliche Gebietherinn— ſielen unter den Streichen der durch den heftigen Widerſtand bis zur Raſerey erhitzten Agath. I. Th. 17 6 —— —— — 2538— Barbaren. Das Haus wurde geplündert, ein Theil davon in Brand geſteckt, und die Horde entfernte ſich am Morgen mit wildem Siegesgeſchrey wieder von dem verheerten Ufer. Erſt lange nach ihrem Abzuge wagten es die nächſten Anwohner, zu de⸗ nen ſich ein paar Unglückliche aus der Villa geret⸗ tet hatten, den Schauplatz der Gräuel zu betre⸗ ten, und zu ſehen, ob vielleicht noch einige Hülfe zu bringen wäre. Sie fanden alles leer, ſtill— ausgeſtorben. Demetrius und ſeine Selaven lagen todt auf dem Wahlplatze, aber unter ſo vielen Lei⸗ chen von Barbaren, daß man ſah, ſie mußten hel⸗ denmüthig gefochten, und ihr Leben theuer ver⸗ kauft haben. In dem Hauſe fand man noch einige ermordete Selaven und Sclavinnen, und in La⸗ riſſens Gemach eine weibliche Leiche, die durch Wunden zwar ſehr entſtellt, aber durch die Klei⸗ dung und einen goldreichen Schleyer kenntlich war, der mit Blut beſpritzt neben ihr lag. Einige Mäd⸗ chen und ein paar Selaven werden vermißt. Wahr⸗ ſcheinlich haben die Barbaren ſie mit ſich fortge⸗ führt, oder ſie ſind in dem verbrannten Theil des Hauſes ein Naub der Flammen geworden. Wie dem immer ſey, es iſt mehr als wahrſcheinlich, ja, meine verehrte Freundinn, es iſt gewiß, daß Gott ſich des langen Leidens unſerer unglücklichen Schwe⸗ —— ſter erbarmt, und ſie auf eine— freylich firt die übriggebliebenen ſchreckliche Art zu ſich genommen hat. Sie hat wahrſcheinlicher Weiſe weniger dabey gelitten, als wenn ſie ihr Leben auf einem ſchmerz⸗ lichen Krankenlager geendigt hätte— eine. ſchreck⸗ liche Stunde vielleicht während des Kampfes, von der ſie vorher keine Ahnung hatte, und ein paar ſchmerzhafte Augenblicke, bis Wunden und Blut⸗ verluſt ihrem Leben ein Ende gemacht hatten. Nach den Ausſagen der Selaven, die die Todten geſe⸗ hen, und beſtattet haben, waren ihre Wunden ſo viel, und von ſolcher Art, daß ſie unmöglich län⸗ ger, als ein paar Minuten kann gelebt haben. Dieß muß bey dieſer ſchrecklichen Kataſtrophe ihren übrig⸗ gebliebenen zum Troſte dienen. überhaupt ſind ja ſelten die zu beklagen, die hingehen, ein ſchwan⸗ kendes Glück mit ewigen Freuden zu vertauſchen, am wenigſten dann, wenn ihr Daſeyn ohne dieß in ſteten Kämpfen, und ohne Ausſicht auf eine Ver⸗ beſſerung ihres Schickſals dahin floß. Ichwill aber nicht unternehmen, Dich zu tröſten. Ich ſehe die Bröße Deines Verluſtes zu wohl ein; denn ich ha⸗ be unſere Entriſſene gekannt, und die Art, wie wir ſie verloren, muß durch ihre Neuheit und Grauſamkeit unſere Gemüther erſchrecken und tief verwunden. Doch erwarte ich von Deiner Stand⸗ * 17 ——— haftigkeit, Deiner Gottesfurcht, und Theophrons freundſchaftlichem Umgange das Beſte für Deine Beruhigung. Ich wäre auf der Stelle wieder umgekehrt, und dieſem Briefe gefolgt, den ich bloß in der Abſicht anſing, um den alles vergrößernden und oft ſo falſchen Gerüchten, wo möglich, zuvorzukommen, und-Dich, meine verehrte Freundinn, auf eine ſchicktichere und beſſere Art von dem Schickſal Dei⸗ ner Geliebten zu unterrichten; aber den Morgen nach meiner Ankunft fand ſich ein Geſchäft, eine Beſtimmung für mich, in deren Würde und Ge⸗ halt ich einen Fingerzeig der Vorſicht zu finden glaubte, warum ſie mich gerade jetzt auf dieſen Schauplatz der Zerſtörung und Trauer geführt hat⸗ te. Abends war ich in Trachene angekommen, und hatte von den zitternden Nachbarn die Schrecken der vorletzten Nacht erfahren. Man hatte mei⸗ nen Antheil an den unglücklichen Bewohnern der Villa geſehen, mir auf mein Bitten den Schleyer Lariſſens ausgehändigt, den ich Dir als das einzi⸗ ge Vermächtniß dieſer theuern Verklärten zu brin⸗ gen dachte, und verſprochen, mich am Morgen auf die Brandſtätte zu führen. Dieß geſchah auch. Indeß wir in dem verödeten Hauſe herumgin⸗ gen, hörten wir auf einmahl ein lautes Getöſe, — 261— wie von mehreren Pferden. Ich trat an ein Fen⸗ ſter, und ſah einen jungen Mann von edler Ge⸗ ſtalt, von mehreren Selaven zu Pferde beglei⸗ tet, in den Hof ſprengen. Die Fremden ſtiegen ab, es ſammelten ſich Leute um ſie; ich ſah den jungen Mann in heftiger Bewegung mit ihnen ſprechen, ſie befragen. Eine geheime Ahnung ſagte mir, wer es ſeyn könnte. Ich eilte hinaus, um ihm ſelbſt zu berichten. Leider kam ich zu ſpät. Agathokles— denn Du wirſt, wie ich, errathen haben, wer der Fremde war— lag ohne Beſinnung in den Armen ſeiner Begleiter. Die Leute hatten ihm die trauri⸗ ge Geſchichte ohne Vorſicht und mit allen Vergrö⸗ ßerungen und Verſchlimmerungen erzählt, die ſol⸗ che Menſchen dazu zu dichten pflegen. Ich ließ ihn in's Haus bringen. Nach einer Weile erhohlte er ſich; aber ſein Blick war wild, ſeine Reden unzu⸗ ſammenhängend. Als ich mich genannt hatte, ſchien ein Strahl von Ruhe in ſeine Seele zu fallen; er ſah mich an, ſank an meine Bruſt, und ſeine Thrä⸗ nen, die zu fließen anfingen, erleichterten ſein ge⸗ preßtes Herz. Ich trug ihm nun die Begebenheit ſo vor, wie ich ſie anſah, wie ſie eigentlich war, und wie ich ſie Dir berichtet habe. Das ſchien ihn etwas zu beruhigen; er faßte die Vorſtellung be⸗ gierig auf, daß ſeine Lariſſa nicht ſo viel gelitten „ — 262 hatte, daß ihr nun beſſer ſey, als ihm. Dennoch blieb eine wilde Schwermuth, die an Verzweiflung gränzte, in ſeinem Weſen. Endlich ſtand er auf: Verzeih, daß ich Dich verlaſſe! Mein Zuſtand be⸗ darf der Einſamkeit, der Ruhe. In ein paar Stun⸗ den ſehen wir uns wieder. Ich ſah ihn zweifelnd an. Fürchte nichts, antwortete er, indem er mit einem wehmüthigen Lächeln meine Hand ergriff: Was Dir Deine Religion verbiethet, erlauben mir mei⸗ ne Grundſätze auch nicht.— Ichſchämte mich meines Verdachts, und verließ ihn. Nach einer langen Zeit ſuchte er mich wieder auf. Er war gelaſſener als vorher, und im Stande, zuſammenhängend über die ſchreckliche Geſchichte und ſeinen Verluſtzu ſpre⸗ chen. Dann ordnete er an, daß Lariſſens Schlafge⸗ mach mir und ihm zur Wohnung eingerichtet wer⸗ de. Ich wollte mich anfänglich dieſem Vorhaben, aus Schonung für ihn, widerſetzen; aber ich ſah bald, daß ſein Herz nicht wie die gewöhnlichen Her⸗ zen war. Die Umgebungen, in denen ſie gelebt hatte, die Erinnerung an ihre Tugenden, an ihre Geduld, an ihre Liebe zu ihm, ſchienen ſein Ge⸗ müth zu erheben, ſtatt ſeinen Schmerz zu vergrö⸗ ßern. Er fing am andern Morgen an, mit mir in der Gegend herum zu gehen, ſich nach allem, was vorgefallen war, zu erkundigen, und thätige, ſehr — 263— zweckmäßige Anſtalten zur Verhüthung eines neuen ſolchen Unglücks zu treffen. Die Einwohner wur⸗ den angewieſen, ihre beſten Sachen in die nächſte Stadt zu bringen. Er ließ den Männern Waffen austheilen, ordnete an, wie ſie ſich üben, und zur Vertheidigung vorbereiten ſollen. Er veranſtaltete Lärmſignale auf den Hügeln, wodurch in wenig Augenblicken die ganze Gegend aufgeſchreckt, und unter den Waffen ſeyn kann. Kurz, es ſchien, als ob ſein eigener Verluſt vor der allgemeinen Gefahr verſchwunden wäre, und er nur für Andere denken, für Andere ſorgen könnte. Wenn wir dann allein waren, kehrte die ſchmerzliche Empfindung freylich mit doppelter Stärke zurück; aber ich bin verſi⸗ chert, daß ſie ſeine Tugend nie überwältigen, nie ſeine Kraft zum Guten lähmen wird. Er hat mich gebethen, ihn nach Nikomedien zu begleiten, wo⸗ hin er morgen abreiſet, um noch kräftigere Anſtal⸗ ten zur Abtreibung der feindlichen Einfälle zu ma⸗ chen. Ich konnte ihm dieſe Bitte nicht verſagen; denn ich geſtehe Dir, daß ich ihn liebe und verehre. Auch Lariſſens Schleyer habe ich ihm gegeben. Er war dieſes Vermächtniſſes ſo würdig als Du, und ſeiner vielleicht noch mehr bedürftig. Zwar ſchau⸗ derte er bey Erblickung desſelben und der Spuren von Blut, die daran hafteten; ſeitdem aber glau⸗ be ich, iſt er nie wieder von ſeiner Bruſt, auf der 2 er ihn verwahrte, gekommen. Ich weiß, meine Freundinn, daß Du mir dieſen Raub und mein längeres Außenbleiben verzeiheſt. Sage dasſelbe auch unſerm verehrten Vater Theophron, und erwirke mir von ihm Verlängerung meines Urlaubs! W e tkun gen ¹) De. Saturnalien waren eines der glänzend⸗ ſten und allgemeinſten Feſte in Rom, beynahe das, was jetzt der Carneval iſt, und wurden im Decem⸗ ber gefeyert. Zum Andenken des goldenen Zeitalters, unter Saturns Herrſchaft, ſchien alles während je⸗ ner Tage in den Zuſtand urſprünglicher Gleichheit zurückzutreten; die Selaven aßen mit ihren Gebie⸗ thern, und aller unterſchied der Stände hörte auf. 2) Zu der Zeit, in welcher dieſer Roman ſpielt, hatte Rom bereits aufgehört, der Sitz der Römiſchen Kaiſer zu ſeyn. Diocletian, der ſich aus dem Scla⸗ venſtande zur Würde eines der vornehmſten Officie⸗ re, zum Befehlshaber der k. Leibwache, und nach dem Tode des Kaiſers Rumerianus auf den Thron desſelben geſchwungen hatte, hatte ſich in ſeinem ehemahligen Waffengenoſſen und Landsmann, Ma⸗ rimian, einen Gefährten der Regierung erwählt, und das Römiſche Reich ſo zwiſchen ihm und ſich ge⸗ theilt, daß Maximian die Abendländer von Mailand 3 aus, wo er reſidirte, Dioeletian hingegen den ößtli⸗ chen Theil des Reichs in Rikomedien, wohin er ſei⸗ — — 266— nen Sitz verlegte, beherrſchte. Bald darauf fand er nöthig, noch zwey Mitregenten zu erwählen. Maxi⸗ mian geſellte ſich den Conſtantius Chlorus als Cäſar zu, und Diocletian nahm den Galerius in dieſer Würde zu ſich. Beyde Cäſarn ſtanden zu ihren Au⸗ guſten in dem Verhältniß von Söhnen zu ihren Vä⸗ tern; auch mußten beyde ſich von ihren vorigen Ge⸗ mahlinnen trennen. Maximian gab dem Conſtantius ſeine Tochter zur Ehe, und Diocletian vermählte dem Galerius die ſeinige, Valeria. Dieſe vier Beherrſcher theilten ſich in den wei⸗ ten Umfang des Römiſchen Reichs. Conſtantius be⸗ ſaß Gallien, Spanien, Brittannien, Galerius die ufer der Donau und bie Flüyriſchen Provinzen, Maximian Italien und einen Theil von Afrika, Diocletian ſelbſt, Agypten, Thrazien und die Aſiatiſchen Pro⸗ vinzen. Jeder dieſer vier Monarchen war unumſchränkt in ſeinem Bezirke; aber ihr vereinigtes Anſehen er⸗ ſtreckte ſich über die ganze Monarchie. Man ſehe Gibbons Geſchichte des Verfalls des Römiſchen Reiches aten Theil, woraus überhaupt faſt alle geſchichtlichen Rotizen und Züge in dieſem Buche genommen ſind. 3) In Bajä, einer der reizendſten Gegenden von Italien, auf dem Wege zwiſchen Rom und Reapel, hatten die meiſten Römiſchen Großen ihre Landhäu⸗ ſer, die ſie Villa nannten. 4) Seneca de consolatione. 6) Seneca de Providentia. 6) So hieß der Hrt des Hauſes, in welchem die Frauen abgeſondert wohnten. 7 Mileſiſche Mährchen hießen die zr Er⸗ zählungen und Romane jener Zeiten, deren Gegen⸗ ſtand die Liebe, und nicht immer die Platoniſche, war. 8) Atrium war eine Art Vorhaus oder Vorſaal, in welchem bey den adeligen Familien die iii der Vorfahren aufgeſtellt waren. 9) Hetäre, ein griechiſches Wort, das 6 viel als Freundinn oder Gefährtinn bedeutet, und eine an⸗ ſtändige Benennung für eine Lebens⸗ art war. 10) In Delphi war der berühmteſte Lempel des Apoll, und ein Drakel. Die Dreyfüße waren eine Art von Gefäß oder Schale, welche auf drey Füßen ſtand, und dazu diente, um Rauchwerk darin anzu⸗ zünden Es war eines der gewöhnlichſten Opfer, das die Frömmigkeit, die Furcht oder die Prachtliebe den Göttern brachte. Dem Asculap, dem Gott der Arzte, pflegte man bey der Geneſung einen Hahn su opfern. 1¹) Valerius Aſiaticus, deſſen Werk vorzüglich der Tod des Caligula war, rühmte ſich ſeiner That im Senat, und forderte ſeine Belohnung dafür. Ca⸗ racalla wurde von Maerrin getödtet, und die Solda⸗ ten, welche unter ſeiner grauſamen Regierung ſich alle Ausſchweifungen erlauben durften, und ſeinen Verluſt betrauerten, trotzten dem Senat ſeine Ver⸗ götterung ab. überhaupt war die Macht des Reiches in jenen Zeiten in der Hand der Armee, oder viel⸗ mehr der Prätorianer, der k. Leibwache, welche von dem Zelte des Imperators, Prätorium genannt, das — 268 ſie zu bewachen beſtimmt waren, ihren Nahmen hat⸗ ten. Wer ihre ungeheuren Forderungen an Ausgelaſ⸗ ſenheit und Geld zu ſtillen verſprach, oder ihnen ge⸗ neigt ſchien, wurde von ihnen auf den Römiſchen Thron geſetzt, und durch ſie ermordet oder herabge⸗ ſtoßen, wenn er jene Verſprechungen nicht erfüllen konnte öder wollte. Der Senat, dieſe einſt ſo ehr⸗ würdige und mächtige Verſammlung, war zu einem bloßen Schattenbild und Werkzeug der Tyranney und Anmaßung herabgeſunken. Der Präfect der Präto⸗ rianer, ihr Anführer oder Capitän, war die wich⸗ tigſte Perſon im Staate, und ſehr oft der Candidat zur Kaiſerwürde, wie denn auch Diocletian von die⸗ ſem Poſten auf den Thron ſtieg. 12) Themiſtokles hat bey der Sacue des Mil⸗ tiades, der die Perſer überwand, als Füngling Thrä⸗ nen bes Ehrgeizes geweint, und dann ſpäter die Perſer, wie jener, geſchlagen. 13) Seneca in ſeinen Epiſteln: Nolle in caus- sa est, non posse prastenditur. 14) Aus Senera's Tragödie: Die Trojanerinnen. 16) Deucalion und Pyrrha waren die einzigen Menſchen, die nach einer Waſſerfluth, in der die übrigen Sterblichen zu Grunde gingen, übrig blie⸗ ben. Auf Befehl der Götter warfen ſie mit verhüll“ tem Angeſichte Steine hinter ſich, aus welchen Men⸗ ſchen entſtanden, und die Erde auf's neue bevöl⸗ kerten. 16) Remeſis war die Göttinn des rechten Ma⸗ ßes, die Richterinn des übermuthes. Man ſehe hier⸗ über des verklärten Herders unübertrefflich ſchönen — 269— Aufſatz: Remeſis im zweyten Bande ſeiner zer⸗ ſtreuten Blätter. 17) Armenien war lange Zeit ein unabhängiges Reich, in welchem Könige aus dem Geſchlechte der Arſaciden regierten. Endlich wurde es von den Per⸗ ſern überwältigt, ihr letzter König Chosroes getöd⸗ tet, und ſein einziger Sohn, Tiridates, öls Kind, nur mit Mühe und durch die Treue der Diener ſei⸗ nes Vaters an den Römiſchen Hof gerettet. Hier wurde der Prinz in Hoffnungen auf das Reich ſei⸗ ner Ahnen erzogen, und zeichnete ſich bey jeder Ge⸗ legenheit durch perſönliche Tapferkeit und Edelmuth aus. Rachdem Armenien ſechs und zwanzig Fahre lang das Perſiſche Joch getragen hatte, erſchien Ti⸗ ridates, der rechtmäßige Erbe, von den Römern un⸗ terſtützt, in ſeinem Vaterlande. Alles eilte züu ſei⸗ nen Fahnen, und er war bereits wieder Herr ſeines Reichs, als die Zwiſtigkeiten in Perſten, die ſeine Fortſchritte bisher begünſtigt hatten, ſich zu ſeinem Schaden in einen Frieden auflöſten, und er nun nicht mehr im Stande war, das Erbe ſeiner Väter gegen die ungerechte übermacht der Perſer zu vertheidigen. Er floh zum zweyten Mahle aus ſeinem Vaterlande; aber die Römer, welche wohl einſahen, wie wichtig und nützlich es ihnen ſeyn würde, Armenien von Perſien zu trennen, und ihm einen eigenen, ihnen ergebenen bundesgenoſſen König zu geben, nahmen ſich ſeiner gerechten Anſprüche auf's neue an, und der Krieg wurde an Rarſes, König von Perſien, er⸗ lärt. 13) Der Kaiſer Valerianus wurde bey Edeſa „ —— 5 den Perſern geſchlagen, und zum Gefangenen gemacht. Sapor, ihr mächtiger König, hielt ihn bis an ſeinen Tod in ſchimpflicher Gefangenſchaft, und ſetzte, wenn er ſein Pferd beſtieg, immer den Fuß auf den Racken des unglücklichen Monarchen. 19) Seheca de Tranquillitate. 20) Hades, Tartarus, Rahmen für die unter⸗ welt. Die Stellen, auf welche weiterhin angeſpielt wird, ſind folgende: Animula vagula, blandula, Hospes, comesque corporis, Quae nunc abibis in loca Pallidula, rigida, nudula, Nec, ut soles, dabis jo cos. Debilem facito manu Debilem pede, coxa: Vita dum superest, bene est, Hanc mihi, vel acuta Si sedeam eruce, sustine. 2¹) Die Römer nannten voll Rationalſtolz alle fremden Völker Barbaren; und Tyrann war im Al⸗ terthum der Rahme eines jeden Monarchen, ohne daß man eben den gehäſſigen Begriff damit verband, den wir bey dieſem Worte denken. 2²) Die Ammen der Vornehmen jener geit bu e — 271 ben meiſtens bis an ihren Tod in den Häuſern ihrer Pfteglinge, und ſpielten manches Mahl die Rollen der Vertrauten und Gehülfinnen bey heimlichen Ver⸗ hältniſſen, wie man in den Theaterſtücken der Al⸗ ten findet. 23) Cenſor wat eine obrigkeitliche Perſon in Rom, unter deren Aufſicht die Sitten und das Vermögen der Römiſchen unterthanen ſtanden. 24) Dioeletian war der erſte Römiſche Faiſer, ber, vielleicht aus ſehr guten Urſachen, in dieſem verderbten Zeitalter jene Popularität ablegte, die längſt aufgehört hatte, mehr als Maske und eine kluge Schonung alter Volksbegriffe von Republika⸗ nismus zu ſeyn. Er führte Perſiſches Ceremoniel ein, trug eine Tiare, eine mit Perlen beſetzte Bin⸗ de im Haar, und umgab ſich mit einer blenden⸗ den Hülle von Pracht, Gefolge und Unzugänglichkeit. 23) Ebeſſa, eine Stadt in Meſopotamien. 126) Die ehrbaren und wirthlichen Frauen jener Zeit folgten noch dem Beyſpiele der vergangenen Fahrhunderte, wo die vornehmſten Matronen, ja ſelbſt Fürſtinnen und Kaiſerinnen, die Wolle zu den Klei⸗ dern und Mänteln ihrer Gatten und Söhne ſelbſt zum Weben zubereiteten, auch wohl ſelbſt webten. So verfertigte Livia die Gewänder des Detavianus Auguſtus, als er bereits Herr der Welt war. Jeder kennt aus dem Homer den liſtigen Fleiß der Pene⸗ lope, und das Körbchen mit Spindeln und Purpur⸗ wolle, das Helena bey ſich ſtehen hatte, wie LTele⸗ machos ihren Hof beſuchte„um Kunde von ſeinem entfernten Vater einzuziehen. So ein Körbchen hieß ob 5 Calathiskos, 5 wat e e nin and des Lurus bey vornehmen Frauen. 4 27) Apamäa, Sine Stadt in Syrien. 23) Die Alt aßen nicht, ſondern tagen auf unß ihre Liſche herum, meiſtens drey und dr uß eei Lager, ſo, daß drey Seiten des e⸗ vierte Jür den Vorſchneider offen LTiſche 7 ene t von Blasinſtrument, wie noder Trompeten, ren ſich die Rö⸗ met 3 Felde bedienten. 30) Die erſten Raubzüge der Gothen, in wel⸗ chen ſie die Europäiſchen und Aſiatiſchen Ufer des Eurin plünderten, fielen beynahe ein halbes Jahr⸗ bundert früher vor; aber dieſe, ſo wie noch einige andere kleine Abweichungen von der Geſchichte, die man weiterhin finden wird, iſt wohl jeder Leſer ge⸗ neigt, einem Buche zu verzeihen, das gar keinen Anſpruch auf gelehrte Genauigkeit macht, und in welchem die Begebenheiten derſelben⸗ oder der näch⸗ ſten Zeit, nur in der Rückſicht gewählt wurden, in weicher ſie in den Plan des Ganzen paßten. ſſſſ ſfſſſſ 7 8