——.————————. ——— S2 Zwepter Theil. Mien, 1828. Gtpruckt und im Verlage bey Anton Pichler. Leipzig, in Commiſſion bey Auguſt Liebeskind. —— ———— Sieben und zwanzigſter Brief. Ferdinand Blum an Ludwig Seltig. ***den 14. Jänner 1798 Abends. Sitt mich, Ludwig! Lache über mich! Renne mich einen ſchwachen Thoren! Ich verdiene es. O, was iſt der Menſch, der hochgeprieſene König der Natur, für ein elendes, armſeliges Weſen, wenn ihn eine Leidenſchaft beherrſcht! Daß ich noch trauen, noch hoffen konnte! Ja, ich verdiene die⸗ ſe Züchtigung meines Schickſals, ich verdiene den unſanften Schlag, mit dem es mich endlich ganz aus dem Traume rüttelt, aus dem zu erwachen ich mich nicht entſchließen konnte. Ich habe geheu⸗ chelt, dir und mir geheuchelt, und ich ſchäme mich vor mir ſelbſt, vor meinem beſſeren Bewußtſeyn, dieſer ſchwachen kindiſchen Heucheley. Trotz alles 6— deſſen, was ich von Leonoren erfahren habe, war es meinem kraftloſen Herzen nicht möglich, ſich ganz von ihr zu reißen. Immer noch hoffte es, immer noch ſchwebte ihm die Möglichkeit einer Verände⸗ rung täuſchend vor, und was ich dir auch von mei⸗ nen Entſchlüſſen, ſie aufzugeben, ſchrieb, es war nicht wahr; ich hoffte, das Feuer würde nicht bren⸗ nen, die Nacht nicht finſter ſeyn. Es war unmög⸗ lich, ſo was auch nur zu denken; meine Seele dach⸗ te es doch, und hing mit Macht an dieſen Hoffnun⸗ gen. Nun iſt aber auch der letzte matte Schein ver⸗ ſchwunden. O Ludwig! Ich ſchreibe mit blutendem Herzen: Leonorens Gemüth iſt vergiftet, ſie iſt falſch, ſie iſt buhleriſch; und nun iſt der letzte Faden zwi⸗ ſchen ihr und mir zerriſſen. Ich will verſuchen, ob ich meine Gedanken ſam⸗ meln, und in das Chaos, das ich dir geſchrieben habe, Ordnung bringen kann. Ich kam dieſen Nach⸗ mittag von P'*g zurück, wo ich meinen lieben Carl beynahe ganz hergeſtellt in den Armen ſeiner neu⸗ beglückten Familie verließ. Voll von ſüßen Bildern ehelichen und häuslichen Glückes lange ich an, klei⸗ de mich ſchnell um, und eile zu Schöndorf. Leono⸗ re empfing mich mit lebhafter Freude, mit füßer zutraulicher Zärtlichkeit. Die Falſche! So war ſie lange nicht mit mir e— 3 eweſen, und ich Thor gab mich ihr hin! Atglos ſchwatzte ich mit ihr, wie in vergangenen Tagen, ſie beredete mich mit ihrem unwiderſtehlichen Zauber, auf's Schöndorfſche Piquenique zu gehen, das mor⸗ gen ſeyn ſoll, ſie hüpfte fort, und brachte mir das Bidet. Wie reizend war ſie in dieſen Augenblicken! Wie täuſchend wußte ſie die Sprache der eiuch ſten Liebe nachzuahmen! Ich ahnete nichts. Hätte mich nicht Sn die ungewöhnliche Zärtlichkeit aufmerkſam machen ſol⸗ len? Nun kam Wallner, und ſein Betragen zeig⸗ te genugſam, daß meine Abweſenheit ihm ein Recht gegeben hatte, ſich über Leonorens Vertraulichkeit . gegen mich zu beklagen. Mein Blut fing zu kochen an. Endlich wurde eine Quadrille probirt, die mor⸗ gen getanzt werden ſoll. Die jüngere Schöndorf bath mich, die Stelle ihres abweſenden Tänzers zu vertreten. Ludwig! Ludwig! Welch eine Qua⸗ drille! Wallner führte den Reigen, links ſtand die Valſin, rechts ein noch verächtlicheres Geſchöpf, eine gewiſſe Herborn, die anerkannte Buhlerinn ei⸗ nes alten Grafen, deren Sündengehalt die ganze Stadt zu berechnen weiß. Und unter dieſen Ge⸗ ſchöpfen, an Wallners Hand— meine?— nein— nicht mehr meine, ſeine Leonore. O, ich dachte raſend zu werden! Nach der unſeligen Quadrille 8 —— — 8— faßte ich den Entſchluß, noch ein Mahl, und zwar zum letzten Mahl eindringend mit Leonoren zu ſpre⸗ chen. Ich that es, ich beſchwor ſie im Nahmen der Ehre, der Tugend, dieſe Quadrille nicht öffentlich zu tanzen, ſich nicht vor den Augen der Welt in ei⸗ ne Reihe mit ſolchen Creaturen zu ſtellen. Sie ſchlug es aus. Sie wird tanzen, noch mehr, ſie wird den Blumenſtrauß tragen, den ihr Wallner geben wird, ſie wird vor den Augen der ganzen Geſellſchaft ſich als ſeine Geliebte bekennen; denn außer der Her⸗ born, die nun freylich nicht mit ihrem podagriſchen Galan tanzen kann, iſt alles gepaart. Leonore, Wallners Geliebte, ſeine erklärte Geliebte! Und ich? Ludwig! Ludwig! Alle Martern der Hölle wä⸗ ren Labung gegen die Qual, wenn ich morgen Zeu⸗ ge dieſer Quadrille ſeyn müßte! Ich habe das Bil⸗ let zurückgeſchickt. Vielleicht— o ich Thor, noch zu hoffen!— vielleicht, wollte ich ſagen, erſchüttert ſie dieß, vielleicht tanzt ſie nicht, vielleicht geht ſie gar nicht auf den Ball. Wie thöricht! Sie wird gehen, ſie wird nur deſto unbefangener ſeyn, wenn der lä⸗ ſtige Beobachter nicht dabey iſt. Darauf war ja die Quadrilleprobe und mein Mittanzen berechnetz denn das Billet mußte man mir doch anbiethen, aber verleidet mußte mir der Ball werden, darum ward das Bild des künftigen Abends ſchon heute — vor meinen Blicken enthüllt. O, ich werde ſie nicht ſtören! Und wenn ſie nicht ginge? Wenn ſieé er⸗ ſchüttert und bewegt über ihre Lage nachdächte? Nein, nein, es iſt nicht möglich! Den 16. Morgens. Sie iſt gegangen, ſie hat die Quadrille getanzt, den Blumenſtrauß getragen, die ganze Nacht an Wallners Seite zugebracht, und— wir ſind ge⸗ trennt. Ich habe ihr dieſen Morgen geſchrieben. Wenn ſie aus dem Schlafe nach dieſer entzückenden Nacht erwachen wird, wird man ihr das Billet einhändigen. Jetzt bin ich ganz ruhig. Meine Maß⸗ regeln ſind genommen. Hier bleibe ich auf keinen Fall; nur weiß ich noch nicht beſtimmt, wohin ich reiſen werde. Ich war die Racht auf der Redoute, wohin ich unſern Freund, den guten Wiprecht, beſchieden hatte, der vorher auf's Schöndorfſche Piquenique ging, und mir verſprach, um zwey Uhr Nachricht zu bringen, wie es dort zugeht. Er hielt Wort. Meine Tante war ebenfalls mit Babetten auf der Redoute. Das war mir ungelegen, denn ich mußte das Mädchen eine gute Weile führen, weil die Mutter zu müde warz endlich ward ich ſie — 10— los, und nun erzählte Wiprecht. Es iſt alles vor⸗ bey, es kann nicht anders ſeyn, es bleibt kein Aus⸗ weg, wir ſind geſchieden. Möchte ſie recht glücklich werden! denn ihr Herz war gut, und iſt es viel⸗ leicht noch. —— Acht und zwanzigſter Brief. Juliane von Schöndorf an Babette von Leſſert. *** den 17. Jänner 1798. Nun iſt der entſcheidende Schritt gethan. Die Verliebten haben ſich mißverſtanden, gezankt, und geſchieden, und, was das beſte bey der Sache iſt, er ſelbſt hat die letzte Hand ans Werk gelegt, und den Abſchiedsbrief geſchrieben. So kann ſte nun wohl, ohne ihrem Stolze zu vergeben, welchen ich in Vewegung zu ſetzen nicht ermangeln werde, nicht mehr zurück, und wenn es ſie noch ſo bitter reuen ſollte. Dieſes Piquenique hat dem baufälligen Lie⸗ besgebäude den letzten Stoß gegeben; die gewiſſen Sträußer, und die Quadrille mit Wallnern und den zwey Damen haben Blums Eiferſucht, ſeine ſtrengen Grundſätze empört, und Lorchens kopflo⸗ ſes, widerſprechendes Betragen hat den feindſeligen Eindruck vollendet. Sie ſind getrennt, die Kluft iſt — 12— eröffnet; meine Sorgfalt ſey es, ſie immer weiter und breiter zu machen, bis ſie nicht mehr zu über⸗ ſpringen iſt. Aus eben dem Grunde, und weil Per⸗ ſonen, wie Leonore, außerordentlich an Förmlich⸗ keiten hangen, die bey ihnen oft die Kraft von Zau⸗ berceremonien haben, will ich ſie bereden, ihm Briefe und Portrait zurück zu ſchicken. Die Red⸗ lichkeit, welche ſie Wallners gegründeten Hoffnun⸗ gen ſchuldig zu ſeyn glaubt, und ihr beleidigter Stolz, da Blum ihr zuerſt entſagte, werden mir helfen, ſie zu dieſem Schritte zu vermögen, nach welchem ihr die Rückkehr in ihre vorigen Verhält⸗ niſſe eben ſo unmöglich ſcheinen wird, als die Rück⸗ kehr des geſtrigen Tages. Und dann iſt die Reihe aufzutreten an Ihnen. Aber ich beſchwöre Sie, Ihre Sachen klug zu machen, und nicht etwa durch ein täppiſches Zufahren und voreilige Schritte den ganzen Plan zu zerſtören, und das Spiel eher auf⸗ zudecken, als die Parteyen ſo weit gebracht ſind, daß ſie nicht mehr zurück können. Es muß nichts dem Zufalle überlaſſen, kein Umſtand unberechnet, keine Möglichkeit unbedacht bleiben. Blum hat Ver⸗ ſtand, noch mehr, er hat Zartgefühl und Stolz. Nehmen Sie ſich alſo in Acht! Solche Männer ekelt nichts mehr an, als ein zuvorkommendes Be⸗ tragen, und nichts macht ihnen ein Mädchen wi⸗ — driger, als wenn ſie merken, daß man Plane auf ſie hat, und ihnen etwas will. Das laſſen Sie ſich geſagt ſeyn, und richten Sie ſich darnach! Ja kei⸗ ne Coquetterie in dem gewöhnlichen Sinne! Kei⸗ ne Aufmerkſamkeit auf ihn! Zeigen Sie ſich eher zu gleichgültig, und vor allen Dingen bemühen Sie ſich, in Ihr Betragen ſo viel Anſpruchsloſig⸗ keit, und in Ihre Denkart ſo viel Einfachheit zu legen, als Sie können! Jeder Schein von Falſch⸗ heit würde ihn auf immer von Ihnen entfernen. Beſonders aber ſuchen Sie ihm jede Spur der Ge⸗ fallſucht zu verbergen, ſonſt iſt er verloren. Ich ge⸗ ſtehe, die Aufgabe iſt ſchwer; aber der Preis des Sieges belohnt die Mühe des Kampfs. Nur ſo kann Blum dahin gebracht werden, Erſatz für ſei⸗ nen, ihm jetzt gewiß äußerſt ſchmerzlichen, Verluſt zu finden, nur unter dieſen Bedingungen können Sie hoffen, ſeine Hand einſt zu erhalten; denn auf einen übereilten Schritt aus Trotz oder klein⸗ licher Rache dürfen Sie bey dieſem Manne nicht rechnen. Wenn Sie nur nicht gar ſo weit von mir wohn⸗ ten! Wahrlich, meine Liebe, es war ein wunderli⸗ cher Einfall Ihres Vaters, das Haus in dem ent⸗ legenen Winkel der Vorſtadt zu kaufen! Man kann Sie ja im Winter gar nicht beſuchen, und zum — 14— Schreiben habe ich weder viel Luſt noch viel Zeit Iſt es Ihnen möglich, ſo kommen Sie morgen eine Stunde vor Tiſche herein; denn ich habe Ih⸗ nen noch manches zu ſagen, was ſich im mündlichen Geſpräche weit beſſer mittheilen läßt. Lorchen iſt von zehn bis zwölf Uhr bey ihrem Vormund, und wir ſind alſo ungeſtört. Reun und zwanzigſter Brief. Leonore von Brandner an Thereſe Friedberg. Jänner 1796. J habe Deinen Brief vom ꝛ5ten vor drey Ta⸗ gen erhalten. Ich war nicht im Stande, ihn ſo⸗ gleich zu beantworten. Erſt heute bin ich gefaßt genug, Dir mit ruhiger überlegung alles zu ſa⸗ gen, was in mir vorgeht, wie ich denke und fühle. Welcher Brief! Und zu welcher Zeit! Er hatmich unausſprechlich erſchüttert. Aber Schweſter! Es iſt zu ſpät, auf jeden Fall, in jedem Sinne zu ſpät! Die ſchlechten Wege verzögerten ſeine An⸗ kunft. Wäre er früher gekommen!— Doch nein! Keine Täuſchung! Wäre er auch früher gekom⸗ men, die Sachen hätten keinen andern Gang neh⸗ men können, als ſie genommen haben. Es war der Gang, den ſie nach allem, was geſchehen war, nehmen mußten. Es war voraus zu ſehen, zu be⸗ — 16— rechnen, daß die Bande gelöſet werden mußten die Eines von uns ſo ungern trug, und die es ab⸗ zuſchütteln nur die nächſte Gelegenheit ſuchte. Ich glaube mit vielem Grunde, die Urſache zu ken⸗ nen, die Blums unvorbereiteten Schritt veran⸗ laßte, und dieſe Kenntniß läßt mich an keine Mög⸗ lichkeit einer Rückkehr glauben. Es iſt vorbey, und muß vorbey ſeyn, und ich darf, wenn ich nicht un⸗ redlich und unedel handeln will, mich nicht mehr bey dem Nachdenken über die Gründe, die jene Entſcheidung herbeyführten, aufhalten. Du ſiehſt, daß ich ganz kalt und ruhig über dieſen Punkt bin. Wahrlich, Schweſter, ich bin ruhig! Ich habe ja genug gekämpft, gelitten, geweint, bis ich dieſe Ruhe errungen habe. Die vergangene Woche war eine ſchreckliche Zeit für mich. Jetzt iſt auch das vergangen, und ſo wird noch mehr vergehen, was uns, ſo lange es künftig oder gegenwärtig iſt⸗ fürchterlich, nnerträglich ſcheint. Es kommt, wir leiden unausſprechlich, endlich vergeht es doch wie⸗ der, und indeſſen recht viel ſolche Stürme kommen und vergehen, vergeht auch das Leben, und mit ihm all unſer Elend. Wallner macht ſich mit Recht Hoffnungen auf mein Herz, vielleicht auch auf meine Hand. Sein Betragen gegen mich war immer edel und ſich gleich. Sein Vermögen iſt anſehnlich. Ich weiß zwar, daß er vor einiger Zeit, wie die Meiſten ſeines Standes, in einiger Verlegenheit war; aber ſeit dem Tode eines Großonkels, der ihm ei⸗ ne anſehnliche Summe hinterließ, ſind ſeine Um⸗ ſtände ganz geändert. Es iſt alſo nicht ſehr wahr⸗ ſcheinlich, daß mein Vermögen, das doch, gegen das ſeine gehalten, in gar keinen Betracht kom⸗ men kann, ſo viel Werth in ſeinen Augen haben ſollte, um ihn zu einer ſo langen, planmäßigen Verſtellung zu bewegen. Warum ſoll ich alſo al⸗ len Umſtänden zum Trotze das Schlechteſte von ihm glauben, das auch zugleich das unwahrſchein— lichſte iſt? Die Eitelkeit hat keinen Antheil an dieſem Glauben, das verſichere ich Dich. Ich weiß nur zu wohl, daß Männerherzen ſehr flüchtig, ſehr ſchwer zu feſſeln ſind, und daß es einem treuen, aufrichtigen Gemüthe, wie meines, das ſich offen hingibt, viel weniger gelingt, einen Mann feſt zu halten, als einer ſchlauen Coquette, die bey Her⸗ zenskälte Gelaſſenheit genug beſitzt, ihr Außeres immer zu bewachen, die Seite ihres Charakters herauszukehren, die der Liebhaber gern ſieht, und über ihre Fehler und Schwachheiten einen künſt⸗ lichen Schleyer zu werfen. Das weiß ich, Schwe⸗ ſter, ich habe es nur zu ſehr gefühlt, und fühle Leon. II. Th. 2 8— es noch; denn noch ſind die Wunden nicht geheilt, welche die Kälte und Vernachläſſigung eines An⸗ dern meinem Herzen ſchlug. Es kann auch wohl ſeyn, daß Wallner keinen Angenblick beſſer iſt; es kann ſeyn, daß ihn jetzt Reuheit, äußerlicher Reiz, Ungewißheit und Schwierigkeit des Beſitzes an mich feſſeln, daß er, ſobald er meines Herzens, das er bis jetzt noch immer mit einem Andern theilen mußte, gewiß iſt, auch kalt werden, und mich vernachläſſigen wird. Das iſt alles nicht nur möglich, ſondern auch wahrſcheinlich. Bis jetzt aber habe ich noch nicht Eine Klage über ihn. Er hat mich dieſe Zeit her, wo mein Gemüth in ei⸗ ner ſo traurigen Verſtimmung war, mit ſo viel zarter Schonung, ſo viel freundſchaftlicher Theil⸗ nahme, mit folcher Vermeidung jedes Scheines von Zudringlichkeit behandelt, daß ich mich ihm hoch verpflichtet fühle, und er ſich unbeſtreitbare Anſprüche auf meine Achtung und Dankbarkeit erworben hat. Wenn einſt mein Herz ruhig genug ſeyn wird, um ſeinen Verdienſten volle Gerechtig⸗ keit widerfahren zu laſſen, und er dann meine Hand fordern wird, werde ich ſie ihm gewiß ge⸗ ben. Glücklich werde ich nicht mit ihm ſeyn; aber wäre ich es denn mit jenem Andern geworden? Iſt es mir überhaupt vom Himmel beſtimmt, je glücklich zu werden? Iſt es irgend einem Men⸗ ſchen beſtimmt? Ich werde ruhig ſeyn; und das iſt ja das Loos der Menſchheit, der unauslöſchliche Stempel, den jedes irdiſche Geſchöpf, jedes Ver⸗ hältniß trägt. Mittelmäßigkeit iſt ihr allgemeiner Charakter, und jene Ideale von vollkommenem Glücke, oder überhaupt von Vollendung, leben nur in den ſchwärmeriſchen Herzen junger guter Menſchen, ehe ſie in die Welt treten, und ihr Ge⸗ ſchlecht und die Verhältniſſe kennen lernen. Ach mit welchen Hoffnungen und Erwartungen, trat nicht auch ich in die Welt! Wie leicht ſchien es mir, alle ihre Freuden mit den langgenährten Wünſchen meines Herzens zu vereinigen! Welcher lachenden Zukunft ſah ich entgegen! Noch iſt kein volles Jahr verfloſſen, ſeit ich den einſamen Schau⸗ platz meiner Jugendträume, meiner Mutter Haus, verlaſſen habe, und welche Erfahrungen habe ich gemacht! Wie bin ich von allen Seiten beraubt, arm, verlaſſen! Wie öde iſt alles um mich! O, wo ſind jene Bilder hin? Wohin iſt meiner erſten Jugend ſtilles Glück?— Verſunken im Ocean des Weltlaufs, von kleinlichen Zufällen und Be⸗ gebenheiten, wie von tauſend Wellen, dahinge⸗ rafft, auf ewig verſchlungen! So ſtehe ich hier, und muß mit zwanzig Jahren wieder anfangen, 2* nach einem neuen Plane zu leben, und alles um mich aus einem Geſichtspunkte zu ſehen, wovon ich mir im Hauſe meiner unvergeßlichen Mutter nichts tränmen ließ.— Du allein, Dein Herz, Deine Liebe ſind mir aus jener goldenen Zeit, wo ich in der ganzen Welt nur gute Menſchen und einfache Verhältniſſe glaubte, aus jener Zeit war⸗ mer, niegetäuſchter Gefühle übrig. Wie ein Stern aus beſſeren Gefilden der Ruhe ſtrahlet deine lie⸗ bevolle Theilnahme allein in die Nacht, die mich umgibt, herüber, und gibt mir Kraft, nicht ganz zu unterliegen. Wenn ich Dich nicht hätte, There⸗ ſe, was würde aus mir werden? Was Du mir von Julianen ſchreibſt, iſt größ⸗ ten Theils richtig. Sie iſt, wie ich mit ſehr vie⸗ lem Rechte vermuthe, Babettens Vertraute, und vielleicht— ich wage dieſe liebloſe Bemerkung nur gegen dich— vielleicht die geheime Unterſtützerinn ihrer Abſichten. Doch auch das iſt bloße Vermu⸗ thung, aber hinlänglich, mich noch mißtrauiſcher gegen ſie zu machen. übrigens ſcheint es, daß ſie jetzt für ſich ſelbſt ſehr hochfliegende Ausſichten hat, und vielleicht bald heirathen wird. Graf Kelm, der Präſident und Geheimerath, von dem ich Dir, wie ich glaube, ſchon einmahl geſchrieben habe, ſcheint nicht ohne Boffnung zu— lieben kann 6 3 — 21— man wohl von ſolchen Verhältniſſen nicht ſagen, aber— ſich um ſie zu bewerben. Er hat zwar kein Vermögen, und iſt über fünfzig Jahre alt. Aber ſie wird ſich Gräfinn, Epeellenz nennen hören, in Geſellſchaften einen der erſten Plätze einnehmen, und in den Reichthümern ihres Vaters Quellen genug zur Führung eines glänzenden Hauſes fin⸗ den. Er bekommt ein reiches Weib. So ſind bey⸗ de vergnügt. Und haben ſie am Ende nicht Recht, Thereſe? Was iſt häusliches Glück? Was iſt die Seligkeit der Liebe? Ein Traum, der nur zu bald vergeht! Schreibſt Du nicht ſelbſt, daß kein Ehepaar lebt, das nicht über einander zu klagen hätte? Das ſchreibſt Du, deren Ehe mir oft als ein Mu⸗ ſter häuslichen Glückes vorſchwebte. Auch Du haſt zu klagen, Du leideſt vielleicht jetzt unausſprechlich durch die Krankheit Deiner Kinder; und was ha⸗ be ich zu erwarten? Darf ich wohl murren? Darf ich mich nur im Geringſten wundern, wenn Wall⸗ ner ganz, oder größten Theils dem Bilde entſpre⸗ chen wird, das Du von ihm entwirfſt? Ich weiß es, ich werde nicht mehr glücklich ſeyn; kein Menſch iſt es, weil es kein Glück auf Erden gibt. Sieh, Thereſe, dieſer Gedanke, ſo troſtlos er Dir ſcheinen mag, gibt mir Muth, Feſtigkeit, ja — eine Art von Troſt. Ich möchte das Schickſal her⸗ ausfordern, mich noch elender zu machen, als ich ſchon war, und einſt zu werden mir ohnedieß vor⸗ ſtelle. Ich bin ruhig. Das iſt's, was ich wünſchte, und das iſt das Böchſte, was der Menſch wünſchen ſollte. 13 Und nun lebe wohl, Thereſe! Denke recht oft an mich! Bethe für mich, daß der Himmel mir die gegenwärtige gefaßte Stimmung erhalte! Ich hoffe in Deinem nächſten Briefe zu hören, daß Deine Kinder wieder wohl ſind. Grüße ſie alle herzlich von mir, ſo wie auch Deinen ſchätzbaren Gemahl, und vergiß und verlaß nicht Deine ge⸗ treue Schweſter. Dreyßigſter Brief. 3 Dieſelbe an dieſelbe. *** den g. Februar 1798. Nun iſt alles vollendet, jedes Band gelöſet, jedes noch ſo leiſe Verhältniß zerſtört! Ich habe Briefe und Porträt zurückgeſendet, und die meinigen in einem verbindlichen Billet wieder bekommen. O mein Gott! Ein verbindliches Billet! Wie ruhig, wie kalt muß es in dem Herzen ſeyn, das in einem ſolchen Falle verbindlich ſchreiben kann! Thereſe! Dir darf ich's geſtehen, in Deinen Schweſterbuſen darf ich die Thränen weinen, wel⸗ che die übrige Welt nicht ſehen, nicht einmahl ah⸗ nen darf! Der Ton dieſes Billets hat mich un⸗ endlich geſchmerzt, er hat mir den ganzen Abgrund meines hoffnungsloſen Unglücks gezeigt. Sieh, wenn nur die geringſte Erbitterung, der verſteck⸗ teſte Vorwurf darin zu finden geweſen wäre, es — 24— hätte mich einiger Maßen getröſtet. Aber ſo? J habe es wohl zwanzig Mahl geleſen, und nie et⸗ was anders als Artigkeit darin finden können. Und was hätte es dir genützt, höre ich Dich fragen, wenn du aus dem Billet auf eine noch nicht ganz erloſchene Liebe hätteſt ſchließen kön⸗ nen? Ach Schweſter! Weiß iches denn? Weiß ich überhaupt, was ich wünſchen oder fliehen ſoll2 Es iſt überall Nacht um mich, und vor mir, auf meiner Zukunft, die grauenvollſte. Es hätte mich beruhiget, es hätte mich getröſtet, wenn ich gefun⸗ den hätte, daß mein Andenken in ſeinem Herzen lebt, daß ich ihm nicht ganz frenid, ganz gleich⸗ gültig bin! Ganz fremd! Ihm, mit dem meine Kindheit, meine Jugend, unter welchen Hoffnun⸗ gen! verfloß!— Doch ſtille! Wecke die ſchlafen⸗ de Schlange nicht auf, die im innerſten Herzen liegt, und, wenn ſie wacht, mit verzehrenden Schmerzen nagt!— Ein anderer, treuerer Freund hat gegründete Anſprüche auf meine Achtung und Dankbarkeit. Ihm muß jedes ähnliche Gefühl ge⸗ widmet ſeyn; und dieß war auch d um ich Briefe und Porträt zurück Wallnern ſchuldig, r keinen Gedanken an ei ie Urſache, war⸗ gab. Ich bin es edlich mit ihm umzugehen, nen Andern mehr Raum in 5 — meiner Seele zu geben, und alles zu entfernen, was dieſe Gedanken nähren könnte.— Wenn ich überdieß bedenke, daß Blum— ach, dieſe Vermuthung iſt nur zu wahrſcheinlich! — eine Andere liebt, und daß ich um dieſerwillen ſo plötzlich verlaſſen wurde: fordert es dann nicht ein nie zu verletzendes Zartgefühl, dem Manne, der bereits in neuen Verhältniſſen lebt, alle Er⸗ innerung an die alten, ſoviel als möglich, zu be⸗ nehmen? So wie ich Wallnern dieſe Redlichkeit ſchuldig zu ſeyn glaube, mit eben ſo vielem Rech⸗ te kann Fräulein Leſſert ſie von Blum fordern. Er als Mann könnte einr durch eine Aufwallung von Zorn oder Eiferſucht veranlaßt und entſchul⸗ diget werden, wenn er dieſen Schritt zuerſt thäte; und— ach Thereſe, er zürnt nicht, er iſt ja kalt und höflich! So mußte denn ich es thun; es war unausweichlich. Aber, Thereſe, es hat mich viel gekoſtet! Wie gern hätte ich nur Einen, einen einzigen Brief zurückbehalten, um nur einſt ſagen zu können: So ward ich geliebt! Ich durf⸗ te nicht. Die Briefe ſind numerirt; er hätte den Abgang merken können. Aber wohl zwanzig Mayl habe ich ſie in's Couvert und wieder heraus ge⸗ legt, und mit meinen Thränen benetzt, bis Julia⸗ ne eintrat, und meine Beſchämung und ihr gebie⸗ — 26— theriſches Weſen mich drangen, ein Ende zu md⸗ chen. Nun wird ſie vielleicht Babette leſen! Sie wird ſie fordern; dazu iſt ſie eitel und unzart ge⸗ nug, ſo wie ich ſie kenne. Und er wird nicht den Muth haben, es ihr abzuſchlagen; denn Männer, die gegen zutrauensvolle Weiber kühn und despo⸗ tiſch handeln, gehorchen gern und ſclaviſch der fei⸗ nen Coquette, die ſie an dem Köder ihrer ſchlauen Zurückhaltung hinzuhalten weiß. Wer ein Mäd⸗ chen, wie dieſe Babette, lieben kann, der muß ihr auch unterwürfig ſeyn. Bald, bald möchte ich mit meiner armen Nahmensgefährtinn, mit Fiesco's unglücklicher Leonore, aunzufen: Ich habe meinen Fiesco nicht verloren, oder ich habe nichts an ihm verloren! Leb wohl! Ein und dreyßigſter Brief. Ferdinand Blum an Ludwig Seltig. *** den 10. Februar 1793. Mein Entſchluß iſt gefaßt, Ludwig! Ich gehe nach England. Du weißt, daß meine Geſchäfte die⸗ ſe Reiſe längſt gefordert hatten. Ich konnte mich nur nicht entſchließen, fortzugehen; denn ich konn⸗ te den Gedanken, mich ſchon wieder von Leonoren zu trennen, nicht ertragen. Jetzt kann ich es. Sie hat mir's ſehr leicht gemacht. Vorgeſtern hat ſie mir Briefe und Portrait zurück geſandt, und ſich die ihrigen ausgebethen. Nun iſt jede Förmlichkeit beobachtet, und ſie ganz Wallners. Man ſpricht in der Stadt von dieſem neuen Verhältniſſe, als von etwas vollkommen Sicherem; man ſieht ſie überall beyſammen, an ſeinem Arme geht ſie in der Re⸗ doute, bey jedem Balle iſt er ihr Tänzer, auf Spa⸗ tziergängen folgt er ihrem Wagen zu Pferde oder aber es iſt um ſo beſſer, um ſo natür⸗ licher. Wer ſo bald lange getragene Vande vergeſ⸗ ſen konnte, warum ſoll der nicht eben ſo fertig ſeyn, neue zu empfangen, und feſt zu knüpfen2 Sie hat Recht; und ich wäre ein Thor, mich über Ereig⸗ niſſe zu wundern, die nichts, als unausbleibliche Folgen vorhergehender bekannter Handlungen ſind. Varoneſſe Wallner! Meine— nein, nicht mehr dieß Wort!— Leonore Brandner, die Geſpielinn meiner Kindheit, die Geliebte meiner Jugend, einſt die Gefährtinn meines ganzen, o wie feligen Le⸗ bens— Wie war das, Ludwig2 Habe ich geträumt oder träume ich jetzt? O nein, nein, ich bin völlig wach und ganz nüchtern, um in dieſer müchternen, kalten, klugen Welt alles ſo deutlich und klar zu ſehen, daß mir die Augen darüber vergehen möchten. Es iſt gar vieles, was ſich vereinigt, mich fort⸗ zutreiben, und mir* zur Hölle zu machen. Mei⸗ ne Schweſter will mich von meiner Leidenſchaft heilen, ſie will mich vergeſſen ſehren. Lacheſt Du nicht, Ludwig? O, ich würde auch lachen, wenn ich nicht der Tollheit näher wäre, als der Ruhe! Mich heilen, mich vergeſſen jehren! Dieſe Men⸗ ſchen, die ſich gar keinen Begriff machen können, — — — 2— wie man etwas anderes, als ſeine Bequemlichkeit und Ordnung lieben kann, die jede lebhafte Re⸗ gung ängſtlich vermeiden, weil ſie ſie aus dem lieb⸗ lichen Gleichgewicht bringen könnte, in dem ſie ſich mit thieriſcher Behaglichkeit wiegen, und die Liebe und Ehe für nichts anders, als eine vernünftige Speeulation anſehen, dieſe Menſchen wollen ſich vermeſſen, das Ding, das ſie kaum vom Hörenſagen kennen, das menſchliche Herz, ein liebendes, ein zerriſſenes Herz zu behandeln! Doch darf ich ihr nicht zürnen; denn ſie meint es im Grunde gutmit mir, und dieſer Zwang, den ich mir anthun muß, macht meine Lage bey ihr noch peinlicher. Wenn ich dann geärgert, und doch unfähig, meinen Unwillen gegen ſie ganz zu zeigen, von ihr zur Tante eilte, da empfängt man mich ſeit meiner entſchiedenen Trennung von Leonoren mit einer Zuvorkommung, einer Gefälligkeit, einem zuthun⸗ lichen Weſen, das mich empört und zurückſtößt. Babette iſt mir vollends unausſtehlich geworden. Sie ſcheint eine Rolle zu ſpielen, die ihr zu ſchwer iſt. Bald will ſie ſanft ſcheinen, und ſchnell kehrt die Natur zurück, und mit ihr Eitelkeit, Coquette⸗ rie und alle Thorheiten gewöhnlicher Mädchen. Ich ſehe es, daß man Plane auf mich hat. Glaube nicht, daß ich läppiſch genug wäre, mir ſo etwas einzu⸗ bilden, oder gegen jemand auf der Welt als gegen dich deſſen zu erwähnen. Auch weiß ich, daß alle dieſe niedrigen Bewerbungen nicht mich, nur mein Geld gelten. Könnte ich durch einen Zauberſchlag mich auf einmahl vor ihren Augen arm erſcheinen machen: o der geſtreichelte, geſchmeichekte Couſin⸗ der gute, theure Ferdinand würde bald zu dem un⸗ bedeutendſten Geſchöpfe herab ſinken, man würde ſich nicht mehr auf alte Zeiten berufen, und nicht mehr ſo viel Anſpielungen auf längſt zerriſſene und vergeſſene Verhältniſſe machen, die man nur zu gern aufwärmen möchte. So vertreiben mich Eigennutz⸗ und Gefühlloſigkeit aus der einzigen Familie, an der mein einſames Herz noch hing. Ich kann nicht bleiben, ich kann weder mit meiner Schweſter, noch mit meiner Tante umgehen; ich muß fort, und hoffe wenigſtens durch dieſen Schritt alle Plane der Letz⸗ tern und ihrer Tochter zu zernichten. Was ich in England mache? Ich werde Geſchäf⸗ te treiben, mir recht viel zu thun machen, und ſo unglücklich ſeyn, wie hier. Das weiß ich! Aber kann ich anders 2 Bleibt mir ein anderer Wegübrig, um dem Anblick von Leonoren in Wallners Armen und den Verfolgungen meiner Verwandten zu ent⸗ gehen? Bedaure mich, Ludwig! Aber verſuche nicht, meinen Entſchluß wankend zu machen! Bald in ich bey Dir; denn bevor ich den Continent ver⸗ laſſe, muß ich noch ein Mahl an Deinem Herzen ru⸗ hen. Gern möchte ich auch noch Friedberg beſuchen, dieſe guten geraden Seelen, und meinen Pathen umarmen; aber mir graut vor ihren Fragen um Leonoren und unſere Verhältniſſe, und vor den Er⸗ örterungen, die ich ihnen zu geben habe. Schreiben werde ich ihnen noch, und Dir empfehle ich ſie. Alles, was ſie ſonſt mit mir in Geſchäften, in Geld⸗ und Familien⸗Angelegenheiten verkehrten, ſollen ſie jetzt mit Dir abmachen. Ich weiß, daß Du meine Stelle als Bruder vertreten wirſt. Auch meinen Carl will ich noch ein Mahl ſehen, und dann fort, auf lange— lange! Zwey und dreyßigſter Brief. ————— Baron Wallner an den Grafen Feldern. *** den 13. Februar 1795. Winſche mir Glück, Bruder! Der wichtigſte Theil meines Planes iſt ausgeführt, mein Gegner aus dem Sattel gehoben, und ich alleiniger und unumſchränkter Gebiether in dem empfindſamen Herzen meiner ſchönen reichen Erbinn. Wie das ſo ſchnell und ſo ganz nach Wunſche gehen konnte, be⸗ greifſt Du gar nicht. Nicht wahr 2 Ja, aber es war auch Wallner, der dieſen Plan entworfen, und ſei⸗ nen Witz, ſeine Talente aufgebothen hatte, um ihn durchzuſetzen! Manches hat indeſſen der Jufall gethan, vieles die Bosheit oder Ungeſchicklichkeit mitintereſſirter Perſonen, das Meiſte Leonorens Unſelbſtſtändigkeit, und mein Verſtand. Nun muß ich aber, ſo bald als möglich, der Comödie, im eigentlichen Sinne, ein Ende zu machen ſuchen; ſonſt— beym Teufel— falle ich noch aus meiner Rolle, die mir anfängt ſehr beſchwerlich zu werden, und die ich noch länger zu ſpielen mich unvermö⸗ gend fühle. Es iſt doch eine gar zu verdrießliche Lage, wenn man ſo wider ſeine Natur handeln, und immerfort einen Charakter behaupten muß, der dem unſrigen vollkommen entgegen geſetzt iſt. Doch laß ſie nur erſt mein ſeyn, und ihr Vermö⸗ gen ſich in meinen Händen befinden, dann ſoll mich die Rolle auch keinen Augenblick länger drücken. Aber wundern wird ſie ſich, ſtaunen, und wohl auch jammern wird ſie, wenn auf einmahl— le masque tombe, l'homme reste, et le heros s'eva- nouit— aus dem zartfühlenden, empfindſamen, ehrfurchtsvollen Seladon ein ganz gewöhnlicher Ehemann, aus dem Grandiſon ein Lovelace werden wird. Weißt Du, daß ich mich ordentlich auf den Zeitpunct freue, und nicht bloß, weil ich mich dann wieder ordentlich bewegen und betragen kann, ſon⸗ dern weil ich mir von ihren Geberden dabey einen ganz beſondern Spaß verſpreche? Wenn er nur erſt da wäre! Aber hat mir ſo viel gelungen, ſo wird mir der Uberreſt auch nicht fehlen. Leon. II. Th. 3 die Hand gearbeitet. Wahrlich, wenn ich bedenke, daß er ſich zuerſt ſo ungeſchickt gegen ſie benahm, daß er ſo gar keine Geduld hatte, daß er zuletzt ſelbſt alle Bande zerriß, und ihr den Abſchied gab, ja, daß er mir jetzt noch den unausſprechlichen Gefallen erweiſet, ſich freywillig zu verbannen und nach Eng⸗ land zu gehen, ſo kann ich ſagen, daß nicht bald ein Menſch auf der Welt iſt, dem ich, zwar ohne ſein Wiſſen und Wollen, aber dennoch im Grunde ſo viel Dank ſchuldig wäre, als dieſem armen Teu⸗ fel. Nun, ich bin auch nicht undankbar geweſen. Was an mir lag, habe ich treulich gethan, um ihm ſeinen Verluſt zu erſetzen, und durch Julianen ihm ſtatt Leonoren ſeine Couſine, die wahrlich kein un⸗ ebenes Lärvchen hat, in die Hand zu ſpielen. Daß er ſie nicht nimmt, iſt nicht meine Schuld; genug⸗ wir ſind quitt, und ich meine, daß auch das zarte⸗ ſte Gewiſſen nichts mehr an mir zu fordern haben könnte. Sollteſt Du wohl glauben, daß mein Verdacht, die ſtolze Juliane ſey nichts weniger, als unem⸗ pfindlich, und ihr Herz habe nun endlich einmahl ſeinen Beherrſcher gefunden, der das Heer der von ihr gemißhandelten Anbether,(worunter, wie äich glaube, auch Du in Deinen glänzenden Zeiten Der aufgebrachte Liebhaber hat mir trefflich in gehörteſi) rächen wird, ſich immer mehr beſtätigt? Und dieſer glückliche Sterbliche, dieſer zweyte Alexander— iſt niemand anders, als mein oft berührter Nebenbuhler, Herr Ferdinand Blum, der theils durch ſeine Geſtalt, vielleicht aber noch mehr durch ſeine abenteuerliche Denkart, die dem wunderbaren Mädchen eine willkommene Erſchei⸗ nung war, ihre Einbildungskraft, und durch dieſe ihr Herz gefangen hat. Das iſt nun freylich der ſicherſte Weg, einem Weiberherzen beyzukommen. Der kluge Mann geht ihn abſichtlich, der Schwär⸗ mer, ohne es zu wiſſen; beyde aber erreichen ſicher ihr Ziel. Indeſſen theilt Blum dieſe Gefühle, die er einflößt, nicht im Geringſten; ja ich glaube, er hat auch nicht einmahl eine Ahnung davon, ſo we⸗ nig als Leonore, die in ihrer Argloſigkeit in jede Schlinge ging, welche die liſtige Nebenbuhlerinn ihr legte. Glaube indeſſen nicht, daß das ſehr un⸗ geſchickt von Lorchen, oder ein Zeichen ihres weni⸗ gen Verſtandes war. Verſtand hat ſie genug, nur gar keine Erfahrung, und noch weniger Menſchen⸗ kenntniß. Auch muß man Julianen ſo genau ken⸗ nen, als die Valſin und ich, um ihre Niederlage zu bemerken. Wir ſind vielleicht die einzigen von allen Menſchen, die ſie umgeben, welche ihr auf die Spur gekommen ſind; aber wir unterhalten 3* — 36 uns auch köſtlich mit unſerer Entdeckung. Seit es bekannt iſt, daß Blum nach England geht, iſt Julianens Laune unausſtehlich. Es ſcheint alſo, ſie habe noch immer auf ihn gehofft, und ihre Ab⸗ ſichten mit der Leſſert ſeyen nichts, als eine künſt⸗ liche Maske, eine Art Diverſion, die ſie dem Fein⸗ de machen wollte, geweſen. Wie dem auch immer ſey, der Plan iſt geſcheitert, und Julianens har⸗ ter, unfreundlicher Charakter iſt ſeit dem Augen⸗ blicke noch härter und lunfreundlicher geworden. Gnade Gott dem Manne, der ſie bekommt! Und doch drängen die hungrigen Wichte ſich in Schaa⸗ ren um ſie oder ihr Geld! Nein, Feldern, das kann ich behaupten: ich brauche Geld, ich muß ein rei⸗ ches Weib haben; aber an eine ſolche Kantippe, wie Juliane in der Ehe ſicher werden muß, wür⸗ de ich meine Freyheit nicht verkaufen, und wenn ſie ſo viel Geld beſäße, als ſie ſchwer iſt. Kelm, Du kennſt ihn, ſcheint das Wageſtück dennoch beſtehen zu wollen, und wirklich unter al⸗ len Männern, die ich kenne, iſt keiner, der es noch mit ſo viel Hoffnung eines glücklichen Erfolgs könn⸗ te, als er. Seine Finanzen ſind zerrüttet, wie denn das mehreren ehrlichen Leuten geſchieht. Er braucht Julianens Geld, und Madame Hellmann, die noch immer die unumſchränkte Gebietherinn ſeines Her⸗ zens und Hauſes iſt, wird der ſtolzen Juliane die Wage halten. So gehts noch leidlich. Aber nun Adieu, Brüderchen! Mein Brief iſt lang; es iſt Zeit, daß ich abbreche, und zu Schöndorf eile, wo ich meine Göttinn ſehen werde. Drey und dreyßigſter Brief. Juliane von Schöndorf an Babette Leſſert. *** den 13. Februar 1798. Iſ es wahr, daß Blum verreiſet, daß er nach England gehet, daß er lange nicht, daß er vielleicht nie zurückkehren wird? Iſt es wahr? O, wenn es wahr iſt, dann, nehmen Sie mir nicht übel, iſt Niemand daran Schuld, als Sie. Es iſt ein un⸗ trügliches Zeichen, daß Sie weder genug Feinheit noch genug Macht über ihn hatten, um ihn von die⸗ fem Schritte abzuhalten. Wenn er fortgeht, dann iſt alles verloren, jede Hoffnung zernichtet, und Sie mögen ſelbſt ſehen, wie Sie dann Ihren Plan durchſetzen wollen, an dem ich ferner keinen Antheil nehme. Es iſt mir ſchlechterdings unmöglich, Sie heu⸗ te zu beſuchen. Der Weg iſt allzu weit, das Wet⸗ ter allzu ſchlecht, und meine Geſchäfte zu dringend. — 39— Antworten Sie mir alſo nur in ein paar Zeilen— Ja oder Nein— und auf welche Veranlaſſung. Sollte es wahr ſeyn, ſo muß es Leonoren ſo lang als möglich verborgen bleiben; ſonſt bringen Angſt und Schrecken, ihn zu verlieren, einen gähen Ent⸗ ſchluß in ihr hervor, und die überraſchung des Au⸗ genblicks thut, was überlegung und Vernunft nicht konnten. Sie darf es nur dann erfahren, wenn es ſchon zu ſpät iſt, wenn alle Anſtalten gemacht ſind, und der Schritt nicht mehr zurück zu thun iſt. Da⸗ für zu ſorgen, wird meine Sache ſeyn; die Ihrige iſt jetzt, mich von allem ſchnell, genau und verläß⸗ lich zu unterrichten, damit ich meine Maßregeln darnach nehmen kann. Leben Sie wohl! Vier und dreyßigſter Brief. — Juliane von Schöndorf an Madame Hortenſe Deſengay. *** den 15. Februar 1793. Men Plan iſt gemacht. Ich werde heirathen, den⸗ ſelben Grafen von Kelm, von dem ich Ihnen ſchon einmahl ſchrieb. Ich werde unglücklich ſeyn an ſei⸗ ner Seite, an der Seite eines jeden Mannes; dar⸗ um iſt's gleich viel, wem ich meine Hand reiche. Aber heirathen will, und muß ich. Warum? Ih⸗ nen das zu ſchreiben, iſt nicht möglich. Ich kann dieß gefolterte Herz unmöglich in ſeine kleinſten Fa⸗ ſern mit grauſamer Genauigkeit zerlegen, um alle Warum und Wie haarklein zu demonſtriren. Ge⸗ nug, ich muß, und es iſt traurig, daß ich muß! Ich werde elend ſeyn. Der Flitterſtaat, der mich umgibt, wird ein wundes Herz verbergen; aber niemand, dafür ſtehe ich, am wenigſtens Leonore, oder— mit einem Worte, niemand ſoll es merken, wie elend es iſt. Ich werde glänzen, ich werde An⸗ dere verdunkeln, eine Rolle ſpielen, und unter die⸗ ſen armſeligen Kindereyen meine Verzweiflung ver⸗ bergen. Warum legte die Natur Triebe in ein menſch⸗ liches Herz, und ſetzt es durch alle Verhältniſſe au⸗ ßer Stand, ſie zu befriedigen? Hat das Weſen, das ſie Gott nennen,— das blinde Schickſal— hat es ſeine grauſame Luſt am Elende denkender und em⸗ pfindender Weſen? Ja, es iſt ſicher, nur ſchwache Gemüther können da Anſtalten der Liebe und Va⸗ terhuld finden, wo ein blindes Geſetz mit eifernem Zepter herrſcht, und auf ſeinem unaufhaltſamen Gange über Menſchenelend und Menſchenglück, über zertrümmerte und entſtehende Welten mit glei⸗ cher Achtloſigkeit hinſchreitet. Eitler, lächerlicher Wahn, daß unſer Wohl, das Wohl eines beſeelten Stäubchens, auf der Wage, die das Schickſal der Welten wiegt und mißt, ein Gewicht haben könne! Nein, wir ſind bloß Mittel, und der Ameiſenhau⸗ fen, den der Gärtner zerſtört, gilt nicht weniger, als die reiche menſchenvolle Hauptſtadt, die der blutige Feind mit ſtürmender Hand erobert, und alles Leben daraus vertilgt. Nur daß die Ameiſen glücklicher waren, als wir, daß keine unbefriedig⸗ —— ten Triebe ihr kurzes Leben vergällten, daß ihrr Wünſche nicht weiter als ihre thieriſchen Bedürf⸗ niſſe reichten, und die Natur, nur gegen die ver⸗ nunftloſen Thiere mild, ſie mit Allem verſehen hat⸗ te, um dieſe zu ſtillen. So müſſen wir, geprieſene Könige der Schöpfung, uns— vor des Wur⸗ mes Spott flüchten. Leonore wird ſich vermuthlich auch bald ver⸗ mählen, aber nicht mit Blum; denn das haben ich und ihre Thorheit zu verhindern gewußt. Sie wird Wallnern ihre Hand reichen, und, wie ich hoffe, das Schickſal finden und dulden, das ihre Schwä⸗ che ihr bereitet hat. Ach, wie nahmenlos glücklich dieß Geſchöpf hätte werden können, und wie leicht⸗ ſinnig ſie das Glück von ſich geſtoßen hat! Doch kann Blum ſie nicht vergeſſen. Es iſt unmöglich⸗ ihn in andere Bande zu verſtrickenz wenigſtens Babetten hat es durchaus nicht geglückt. Er hat mit leichter Hand das Gewebe zerriſſen, das ſie nun wohl, wie mir ſcheint, allzuſichtlich um ihn geſpon⸗ nen hat. Nun geht er nach England, von wo er, wie man ſagt, nie wieder kommen wird⸗ Und das alles um Leonorens willen! Vaterland, Freunde, Hoffnung zu verlaſſen, um eines Mädchens willen! So geliebt zu werden, und dieſe Liebe zu verken⸗ nen! Können Sie eine verächtlichere, leichtſinni⸗ — 45— gere, unverzeihlichere Verblendung denken? Doch das iſt recht! Es muß alles elend ſeyn, Babette, Leonore, Blum und ich. Leben Sie wohl, meine Freundinn, und wün⸗ ſchen Sie mir recht viel Glück; denn ich werde ja Gräfinn, Präſidentinn, Epcellenz! Welche Herr⸗ lichkeit! Welcher Himmel auf Erden! Und o wel⸗ che Hölle im Herzen! Doch das darf niemand wiſ⸗ ſen, als Sie— Sie ganz allein. Fünf und dreyßigſter Brief. Leonore von Brandner an Thereſe Friedberg. *** den 18. Februar 1793. Fiinend reiſt fort, nach Hamburg, von da nach England. Er wird lange, vielleicht ein Jahr, viel⸗ leicht darüber wegbleiben. Da ſtehen die todten Buchſtaben! Ich habe es niedergeſchrieben, wie eine Zeitungsnachricht, ganz kalt, ganz bewegungs⸗ los; denn ich kann nicht denken, nicht wünſchen, nicht fürchten, nicht hoffen. Nur das ſteht in mei⸗ ner Seele, und iſt kein Gedanken, iſt nur Gefühl, daß er wegreiſet, daß ich ihn lange, vielleicht nie wieder ſehen werde! NRie wieder ſehen! Thereſe! D es ſind ſchwere inhaltsvolle Worte, und doch nur wenige Buchſtaben! Mein Leben fließt dahin; es ſind nur Augenblicke, aber welche Augenblicke! ————— 6 — 45— Wie viele Martern liegen in jedem Ich kann nicht mehr ſchreiben. Leb wohl! Mein Kopf iſt ganz wüſt, und mein Blut ſcheint ſtille zu ſtehen. Wenn ich doch recht krank würde! Vielleicht könnte ich ſterben! Sechs und dreyßigſter Brief. Dieſelbe an dieſelbe. *** den 26. Februar 1793. Di⸗ Natur hat ſich meiner nicht erbarmt. Mei⸗ ne ſtarke Geſundheit hat den Sturm beſiegt. Ich war zu etwas Schmerzlicherem aufgeſpart. Ich ha⸗ be Blum noch ein Mahl geſehen, geſprochen, Ab⸗ ſchied von ihm genommen, und das alles ſo un⸗ vermuthet, ſo fremd, ſo kalt, ſo ſchnell, daß ich noch jetzt kaum begreifen kann, wie es zuging, und woher ich die Stärke nahm, Faſſung zu behalten, und meine Rolle leidlich zu ſpielen. Nach meinem letzten Briefe mußte ich mich wirklich niederlegen; denn meine Kniee zitterten, alle Glieder ſchienen wie gelöſet, und ein heftiges Fieber, mit Krämpfungen begleitet, hielt mich zwey Tage(die ſchrecklichſten meines Lebens) im Bette. Am dritten Tage war mir beſſer, und mit —— der Wuth des Fiebers ließ auch die ſtarre Kälte des Schmerzens nach, die bis dahin mein Herz krampfhaft ergriffen hatte. Ich konnte wieder wei⸗ nen, mir ward leichter. Die gute Liſette wartete meiner mit einer Sorgfalt und Liebe, die meinem Herzen unausſprechlich wohl thaten. überhaupt lerne ich das Mädchen ſeit einiger Zeit näher und von mancher liebenswürdigen Seite kennen, die ich vorher nicht in ihr vermuthet hatte. Am vierten Tage ſtand ich auf, und ſegnete die wohlthätige Wirkung der Zeit, oder die Folge der Abſpannung und Ermattung meines ganzen RNervenſyſtems. Mein Schmerz hatte ſich in eine müde Trauer (wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf) ver⸗ wandelt. Ich ſchlich ſtill und theilnahmlos im Hau⸗ ſe herum, ich ſah wieder mehrere Menſchen, auch Wallnern, der, wie mir Liſette ſagte, während meiner Krankheit Beſorgniß und wahren Kummer gezeigt, und wohl zehn Mahl des Tages entweder geſchickt, oder ſich ſelbſt nach mir erkundiget hatte. Seine Freude, mich wieder zu ſehen, war gewiß aufrichtig, und rührte und tröſtete mich. Die ängſt⸗ liche Sorge, die er für meine noch ſchwache Ge⸗ ſundheit zeigte, die zarte Schonung, mit der er mich(obwohl er vielleicht die urſache meiner Krankheit durch Julianen erfahren haben mochte) — 48— behandelte, alles das trug dazu bey, mein Gemüth in eine ſtille leidende Verfaſſung zu ſetzen. Ich er⸗ hohlte mich bald wieder gänzlich, und vermied mit irgend jemanden von Blum und überhaupt von der Lage meines Herzens zu reden. Er kam nicht, ſich zu beurlauben, ich ſcheute mich, um den Tag ſeiner Abreiſe zu fragen; und ſo ging denn unter Furcht und Erwartung eine Woche hin. Vorge⸗ ſtern war ein überaus ſchöner, lauer Tag. Julia⸗ ne beredete mich, einen Spaziergang zu machen; ſie behauptete, die reine Luft und der erquickende Sonnenſchein würden wohlthätig auf meine Ge⸗ ſundheit wirken. Ich ließ mich überreden. Ich glaubte, wir würden auf den Wall gehen; aber da ſie eben ein Geſchäft bey Fräulein Leſſert hat⸗ te, ſo ſchlug ſie mir vor, zu ihr in die Vorſtadt zu gehen. Mir war dieſer Beſuch nun freylich nicht angenehm; aber ich ließ ſie mit mir machen, was ſie wollte, und wir gingen. Wenige Schritte vor dem Leſſertſchen Hauſe hörten wir Pferdege⸗ trappe; und da die Straße etwas eng iſt, und ich furchtſam bin, ſo trat ich ſchnell auf die Seite, und ſah mich beſorgt um. Ach welcher Schrecken! Es war Ferdinand! Ich erkannte ihn; ein Zittern überfiel mich, ich mußte mich an Julianen halten. Kaum war ich vermögend, ſeinen Gruß(denn er hatte uns ſogleich erkannt) zu erwiedern. Er ſtieg vor dem Hauſe ab, gab ſein Pferd ſeinem Bedien⸗ ten, und ging hinein. Da ſtand ich nun, verle⸗ gen, ob ich in's Haus gehen, ob ich umkehren ſoll⸗ te. Zu dieſem rieth meine Vernunft, zu jenem mein Herz. Ach, ich hätte ihn ſo gern noch ein Mahl ge⸗ ſehen! Er ſchien mir— lächle nicht über dieſe Schwäche!— er ſchien mir reizender, als je. Der dunkelblaue Reiſeanzug, das braune ungepuderte Haar, ſein Anſtand auf dem Pferde, ſein Auge, das er halb düſter und halb freundlich auf mich ge⸗ richtet hatte— o Thereſe! ich war nicht vermögend, dem Herzen zu widerſtehen; und obwohl Juliane ſelbſt mir anrieth umzukehren, und aus Gefällig⸗ keit ihr Geſchäft auf ein anderes Mahl verſchieben wollte, ſo fand ich doch eben in der Unbeſcheiden⸗ heit, Gebrauch von ihrem Erbiethen zu machen, einen ſchicklichen Vorwand, um zu Leſſert zu ge⸗ hen. Mir ſchien es auf einen Augenblick, als ob dieſer Entſchluß Julianens Beyfall nicht hätte; indeſſen nahm ſie ihn mit vieler Artigkeit an, doch ſchlug ſie mir vor, nicht gleich zu der Frau, bey der Blum wahrſcheinlich ſeyn würde, ſondern zu Babetten zu gehen, die auf einer Hintertreppe ziemlich weit von ihrer Mutter wohnt. Ich folgte ihr mit hochklopfendem Herzen und bebenden Leon. I. Th. 4 — 5— Knieen. Babette empfing uns freundlich, und war ſehr verwundert, ja, ich möchte ſagen, betroffen, als Juliane ihr erzählte, wen wir auf der Gaſſe geſehen hatten. Blum iſt bey uns? rief ſie mit großem Erſtaunen: Das kann ich gar nicht begrei⸗ fen. Er war geſtern Abends da, um ſich zu beur⸗ lauben, und ſoupirte noch mit uns. Heute nach Tiſche will er abreiſen⸗ Ich kann nicht errathen, was ihn noch ein Mahl zu uns führt. Wie mir während dieſer Rede war, kannſt du dir leichter denken, als ich beſchreiben. Liebe Thereſe! Ich mußte mich ſetzen, ſonſt, glaube ich, wäre ich um⸗ geſunken. Alſo in wenigen Stunden wird er fort ſeyn, und du haſt ihn in deinem Leben das letzte Mahl geſehen! Dieſe einzige Idee füllte mein gan⸗ zes Weſen, dieſen einzigen Gedanken vermochte ich zu denken. Das Geſpräch fiel bald auf gleichgülti⸗ gere Dinge, und das Geſchäft, welches uns her⸗ geführt hatte Was ich geantwortet habe, wenn die Rede an mich gewandt wurde, weiß Gott; ich wußte es kaum in dem Augenblick, als ich es aus⸗ ſprach. Mitten in dieſer Zerrüttung meines ganzen Weſens trat die Jungfer ein, und ſagte: Fräulein Babette möchte zur Mama hinab kommen, es ſey ein gar angenehmer Beſuch da. Der Ton, mit dem das ſchnippiſche Mädchen dieſes ſagte, und ein leichtes Roth, das Babettens Wangen über⸗ flog, zeigten mir zu deutlich das Verhältniß, das zwiſchen Ferdinand und dieſer Babette herrſchte. Ein Gefühl von Unwillen über Blum gab mir ei⸗ ne Kraft, worüber ich ſelbſt erſtaunte. Ich war ſogleich vermögend aufzuſtehen, nahm meine Be⸗ gleiterinn bey der Hand, und ſagte recht gefaßt und ſogar munter: Dann laſſen Sie uns gehen, Juliane, um Babetten nicht von ihrem angeneh⸗ men Beſuch abzuhalten. Sie wollte das nicht an⸗ nehmen, und ſagte, der Beſuch könne wohl war⸗ ten, es wäre nicht ſo dringend, ihr Couſin ginge ohne dieß ſobald nicht weg. Ach, wie ſchnitt jedes dieſer Worte durch mein Herz! Wir machten noch Complimente, als die Thür aufging, und— Blum eintrat. Verzeihen Sie, Couſine, ſagte er, daß ich ſo unangemeldet komme; aber ich kann unmög⸗ lich zum letzten Mahl im Hauſe ſeyn, ohne Sie zu ſehen, und Sie von ihrem ſchönen Beſuche abru⸗ fen zu laſſen, wäre gar zu unbeſcheiden. Er ver⸗ neigte ſich gegen mich und Julianen bey dieſen Worten. Dieſer ungezwungene Ton, dieſe Ver⸗ traulichkeit gegen Babetten gaben mir die Stärke wieder, die mich bey ſeinem Anblick faſt verlaſſen hatte. Wir waren im Begriff fortzugehen, um Fräulein Leſſert nicht länger aufzuhalten, ſagte ich — 5— ſehr gefaßt. Es iſt mir angenehm, nahm Juliane das Wort, Sie vor ihrer Abreiſe noch zu ſehen⸗ Ich war eben in Ihrem Hauſe, gnädiges Fräulein, fiel er ein, um mich zu beurlauben; aber ich war nicht ſo glücklich, jemanden anzutreffen. Er war bey uns! bey mir! O wie ſchlug mein Herz in die⸗ ſem Augenblick! Wie verwünſchte ich den Spazier⸗ gang! Nun fiel das Geſpräch auf ſeine Reiſe, auf die Vergnügungen, die ſeiner in Hamburg und London warteten. Babette zog ihn ziemlich ver⸗ traulich mit allerley mir unbekannten Anſpielun⸗ gen auf. Juliane war kalt, verdrießlich, und ab⸗ ſprechend, ich verlegen. Blum allein blieb bey ſei⸗ nem gelaſſenen Tone. Ich bemerkte ihn genau. Kein anderer als ein höchſt gleichgültiger Blick fiel zuweilen von der Seite auf mich; er vermied nicht, und ſuchte nicht mit mir zu reden, er war mir ganz und gar fremd. Konnte ich wohl anders, ich Arme, als mit blutender Seele mitſcherzen? Zum Glücke ſchlug es Ein Uhr, und ich erinnerte Ju⸗ lianen, daß wir auf den Rückweg denken ſollten. Blum empfahl ſich zugleich mit uns. Babette ging, uns zu begleiten, bis unter die Treppe mit; ſie ſah Blum auf's Pferd ſteigen, und warf ihm noch einen freundlichen Gruß nach. Wir ſtanden am Thore. Er grüßte uns ehrerbiethig, gab dem Pfer⸗ . — 55— de die Sporen, das ſich bäumte, und mir einen Schrey der Angſt entriß, flog die Straße hinab, und verſchwand vor meinen Augen. Nun aber war es auch mit allem meinem Muthe zu Ende. Ich wankte an Julianens Arm das Haus entlang, und mußte mich dort auf eine Bank ſetzen. Mein Gott! rief ſie: Wie iſt Ihnen? Sie werden lei⸗ chenblaß. Mir iſt übel, ſehr übel, antwortete ich ſchwach. So kommen Sie zu Leſſert zurück, und erhohlen Sie ſich dort ein wenig. Bey dieſen Wor⸗ ten wollte ſie mich umfaſſen, und mir aufhelfen. D um Gotteswillen nicht! rief ich ängſtlich: Richt zu Leſſert in dieſem Zuſtande! Ehe will ich auf der Straße ſterben. Sie wußte nicht, was ſie mit mir anfangen ſollte; denn wir hatten keinen Be⸗ dienten mit uns. Zum Glücke fuhr ein Miethwa⸗ gen vorbey; ſie rief ihn, half mir hinein, hielt mir Salz vor, und machte mir über meine Schwä⸗ che eine derbe Predigt, von der ich vor Betrübniß und Beklemmung nichts verſtand. Indeſſen that mir die Bewegung wohl; ich befand mich ſtark ge⸗ nug, als wir an's Haus kamen, allein auszuſtei⸗ gen, und die Treppe hinauf zu gehen. Als ich in mein Zimmer kam, lag Blums Abſchiedskarte auf dem Tiſche. Es war ſeine Schrift. Wie oft hatte ich dieſe Züge geſehen! Wie oft in ganz anderer 54⁴ Beziehung und Stimmung in ſeinen Briefen ge⸗ leſen! Sobald ich allein war, konnte ich mich nicht enthalten— du darfſt ja meine Schwäche wiſſen, aber auch nur du allein!— die Karte an mein Herz, an meine Lippen zu drücken, und mehr als eine Thräne floß den Gedanken an eine ſelige Vergangenheit. Ich wollte die Karte in meinen Buſen ſtecken; ſie war noch das einzige, was ich von ihm hatte. In dem Augenblicke ſtand Wallners Bild vor mir. Ich fühlte das Unrecht⸗ was ihm geſchah, ich fühlte meine Verpflichtung⸗ jeden Gedanken an einen Andern zu entfernen⸗ ich dachte an Babetten,— ich ſtand auf, und legte die Karte in den Schrank zu den Bildniſ⸗ ſen meiner Altern. Da ſoll ſie liegen bey den Bildniſſen theurer Verſtorbener! Er iſt ja auch für mich ſo gut als todt! Wenigſtens will und muß ich das ſo denken, um meine Verbindlich⸗ keit gegen Wallnern nicht zu verletzen. Ach, wie fühlte ich jetzt, da er für mich verloren iſt, wie fühlte ich es ſchmerzlich, daß du Recht haſt,— daß ich ihn liebe, über alles in der Welt liebe und weder für Wallnern noch für irgend einen Andern das mehr empfinden könne, was ich für ihn empfand! Was wird aus mir werden? Mein Glück iſt auf ewig zerſtört, und ich muß ringen . ⸗ — 55— und kämpfen, um wenigſtens meine Ruhe zu erhalten! Lebe recht wohl! Mich freuet es un⸗ endlich, daß deine Kinder wieder hergeſtellt ſind. Grüße ſie alle, und beſonders— doch nein— weg mit der Erinnerung! Empfiehl mich deinem wür⸗ digen Manne! Sieben und dreyßigſter Brief. Juliane von Schöndorf an Babette von Leſſert. *** den 26. Februar 1798. Jc weiß wahrlich nicht, wo ich die Geduld her⸗ nehme, um Ihnen nur einen leidlich gelaſſenen Brief zu ſchreiben, und Sie nicht gleich im An⸗ fange mit allen den Vorwürfen zu überhäufen, die Sie ſo wohl verdient haben. Welche verwünſch⸗ te Geſchichte haben Sie mir und ſich ſelbſt geſtern bereitet! Als ich den Zettel erhielt, worin Sie ſchrieben, daß Blum den Abend vorher bey Ihnen ſoupirt, und ſich für immer beurlaubt habe, ſah ich voraus, daß er den Vormittag kommen, und ſich Höflichkeits halber bey uns, und Zärtlichkeits halber bey ſeiner Leonore beurlauben würde. Schon daß er den Abſchied von ihr bis auf den letzten Au⸗ genblick verſchoben hatte, war mir ein Zeichen, daß ſeine Liebe, Trotz aller Mißverſtändniſſe, noch heftig lodere. Um ſo mehr war es nöthig, jede — 57— Zuſammenkunft zu vermeiden, die vielleicht alle meine Plane hätte zernichten können. Und nun, nachdem ich alles eingeleitet hatte, mußten Sie den unglücklichen Umſtand vergeſſen, oder zu er⸗ forſchen unterlaſſen, daß er Ihrer Mutter noch Schriften zu bringen habe. Wie konnten Sie das nicht wiſſen? Wie konnten Sie bey der großen Wahrſcheinlichkeit, daß er dieſe Schriften ſelbſt bringen würde, mir ſchreiben, daß alles ſicher ſey, und ich Leonoren nur zu Ihnen führen ſollte? Doch Sie ſind am ärgſten für Ihre Nachläſſigkeit geſtraft. Er hat ſie wieder geſehen, er hat gehört, daß ſie krank war, er hat ihre Schwermuth, die das ſchwache Geſchöpf nicht zu verbergen im Stan⸗ de war, bemerkt. Was daraus erfolgen kann, S wird ganz Ihre Schuld ſeyn. Und nun noch die ärgerliche Kühnheit Ihres Kammermädchens! Woher kommt dem ſchnippi⸗ ſchen Dinge das Recht, Ihnen, Blum als einen gar angenehmen Beſuch zu melden? Iſt etwa Ihre Mutter ſo klug geweſen, ihr die Poſt ſo auf⸗ zugeben? Wenn das iſt, ſo iſt's wieder Ihre Schuld. Was hatten Sie nöthig gehabt, Ihre Mutter um unſere Plane wiſſen zu laſſen? Sie kennen ſie, Sie wiſſen, daß ſie, wie alle Mütter und Tanten, ihre größte Luſt an Verheirathen hat, und die — 58— Freude über die Anwartſchaft auf eine gute Par⸗ tie für ihre Angehörigen gar nicht verbergen kann⸗ Rührt aber der Ausdruck im Tone des Mädchens nicht von Ihrer Mutter, ſondern von dem Mäd⸗ chen ſelbſt her, deſto ſchlimmer. Ich kann die Ver⸗ trauten überhaupt nicht leiden, aber am wenigſten die vertrauten Kammermädchen. Es hat mich in den Komödien immer empört; in der Wirklichkeit iſt es mir durchaus unausſtehlich, und bey Ihnen äußerſt ärgerlich. Iſt es euch weichen Seelen denn gar nicht möglich, allein zu ſtehen, und müßt ihr immer ein dienſtbares gefälliges Gefäß haben, in das ihr eure Wünſche, Thränen und Plane ergießt? Denn was anders iſt Euch die Freundſchaft doch nicht, als das Bedürfniß jenes Barbiers, der das drückende Geheimniß von ſich geben, und in Er⸗ manglung eines ſo genannten Freundes es in den Schooß der Erde hinein rufen mußte. überhaupt hat dieſe Geſchichte mir ſehr deut⸗ lich gezeigt, was ich vorher ſchon vermuthete, nähmlich daß bloß Ihr Betragen gegen Blum urſache an ſeiner Abreiſe iſt. Glauben Sie, daß ein Mann, wie er, mit dieſem Stolze, dieſem Zartgefühle, dieſer noch ſo neuen Wunde im Her⸗ zen ſich wie jeder junge Laffe, der um Sie gaukelt, behandeln laſſe? Dachten Sie nicht daran, daß * * — 59— mehr dazu gehöre, ihn zu feſſeln, als bloß Reize und Talente, und daß das Verbergen der Abſich⸗ ten weit mehr Geſchicklichkeit erfordere, als die ge⸗ wöhnlichen Künſte der Coquetterie? Doch daran dachten Sie nicht, oder wenn Sie die Schwierig⸗ keit Ihrer Rolle einſahen, ſo waren ihr Ihre Kräf⸗ te nicht gewachſen. Kurz, Sie und Niemand ſonſt iſt Schuld, daß Blum im Stande war, fortzurei⸗ ſen, weil ihn nun gar kein Vand an einen Ort mehr knüpfte, der ihm einſt ſo theuer war. Was daraus entſtehen wird, mögen Sie ſelbſt beurthei⸗ len. Mir bleibt weiter nichts übrig, als mich zu⸗ rückzuziehen, und einem Strom, den ich aufzuhal⸗ ten nicht im Stande bin, ſeinen Lauf zu laſſen. Glauben Sie nicht, daß das nichts zu bedeuten haben werde! Tröſten Sie ſich nicht mit den Ge⸗ meinſprüchen läſſiger Gemüther: Es wird ſich ge⸗ ben, die Zeit wird alles heilen, Blum wird end⸗ lich vergeſſen, er wird wieder kommen, u. ſ. w. Bey Seelen, wie Blum, heilt und vergißt ſich's nicht ſo geſchwind, und eine Scene, wie die bey Ihnen, iſt mächtig genug, alle die kleinen Verſuche, die Sie bis jetzt auf ſein Herz machten, auf einmahl zu zernichten. Das bedenken Sie, und erlaſſen Sie mir künftig alle Theilnahme und Mitwirkung an einem Plane, den ich ſeit geſtern ganz verloren gebe! ——— — Acht und dreyßigſter Brief. Ferdinand Blum an Ludwig Seltig. P**g den 2. März 1798. J bin hier bey meinem Bruder, deſſen Glück und Leben auf's neue, und ſchöner als je, in den Armen ſeiner Familie empor blüht. O dieſe Freu⸗ den, Ludwig, dieſe Seligkeiten! Was hätte ich nicht dafür gegeben! Und wodurch habe ich es ver⸗ ſchuldet, ſie ewig entbehren zu müſſen! Indeſſen, wenn gleich mein Herz bey Erinnerungen und Ver⸗ gleichungen blutet; ſo thun mir die liebende herz⸗ liche Stimmung, die in dieſem Hauſe herrſcht, dieſe gegenſeitige Schonung, dieſe Sinneseinig⸗ keit, dieſe zärtlichen Aufmerkſamkeiten, die ſich auch auf mich erſtrecken, unendlich wohl. Ach, wenn*** nur nicht ſo nahe läge! Wenn nicht ein ewiger Verkehr zwiſchen beyden Städten alle Nach⸗ richten und Gerüchte aus der einen ſo ſchnell und .— 61— ſorgfältig in die andere trüge! Hier, nur hier al⸗ lein möchte ich bleiben, und unter der wohlthäti⸗ gen Pflege brüderlicher Liebe und Freundſchaft die Wunden meiner Seele ſtill ausbluten laſſen! über die letzten Tage meines Aufenthaltes in waltete ein eigener feindſeliger Dämon. Du kannſt denken, daß es mir nicht einfiel, zu Leonoren zu gehen ſeit jenem unſeligen Abende, wo die Qua⸗ drille getanzt war. Doch meine Abreiſe rückte her⸗ an. Ich dachte dann, daß ich ſie lange, vielleicht nie wieder ſehen werde. Lächle nicht, Ludwig! Zür⸗ ne meiner Schwäche nicht! Ich überredete mich, daß es unſchicklich, unbeſcheiden, daß es wie Trotz ausſehen würde, wenn ich gar keinen Abſchied von ihr und dem Hauſe nehmen würde, wo ich doch ſo manche Höflichkeiten empfangen hatte. Ich wollte durchaus nicht trotzig, nicht erzürnt, ich wollte ja vollkommen gleichgültig ſcheinen, und von dem gleichgültigen Bekannten forderte die gewöhnliche Lebensart den Abſchiedsbeſuch. So überliſtete mein Herz die Vernunft. Ich wollte Leonoren, die Fal⸗ ſche, Treuloſe, die Braut eines Andern, ach die noch immer heiß geliebte Geſpielinn meiner Kind⸗ heit und Jugend ſehen! Ich kämpfte lange mit mir ſelbſt. Vergebens. Das Herz behauptete un⸗ geſtüm ſeine Rechte. Ich ging hin, den Tag mei⸗ — ner Abreiſe ſelbſt. Sie war nicht zu Hauſe, und überhaupt Niemand. Da ſtand ich, beſchämt, glü⸗ hend vor Unwillen und Selbſtverachtung gegen mein ſchwaches Herz; denn es war mir unbezwei⸗ felt klar, daß ſie ſich verläugnen ließ. Mit dieſem Aufruhr im Innerſten ſchwang ich mich auf's Pferd, und eilte in die Vorſtadt zur Tante, von der ich zwar ſchon am Tage vorher förmlichen Abſchied genommen, der ich aber noch wichtige Papiere zu bringen hatte. Wie ich gegen das Haus komme, (s war ein ſchöner heiterer Wintermorgen) ſehe ich zwey Frauenzimmer ängſtlich auf die Seite tre⸗ ten. Gott im Himmel! ſie war es mit Julianen! ſie war alſo wirklich nicht zu Hauſe geweſen! Ich hatte ihr Unrecht gethan! ſie hätte mich vielleicht kommen laſſen, ich hätte ſie noch ein Mahl geſpro⸗ chen! O mein Ludwig! Wie viel tauſend Gedan⸗ ken und Gefühle folgten auf dieſes Vielleicht! ſie ſchien mir blaß und verfallen; doch überzog ei⸗ ne glühende Röthe bey meinem Anblick ihr Ge⸗ ſicht, und wich eben ſo ſchnell einer tödtlichen Bläſ⸗ ſe. Ich grüßte ſie und ſtieg ab; ich wußte nicht, was ſie thun würden. Wie ein Träumender ging ich zur Tante, und richtete meine Commiſſion ſo verwirrt aus, daß die gute Frau mich zwey Mahl erinnern mußte. Jetzt ſchellte ſie, und befahl Ba⸗ — 65— betten zu rufen. Das Mädchen kam allein zurück. Es iſt Beſuch bey ihr, ſagte ſie: die Fräulein von Schöndorf und von Brandner. Wie mir ward, kann ich Dir nicht beſchreiben. Leonore mir ſo nahe, unter einem Dache? Und ich ſollte ſie nicht mehr ſehen? Unmöglich! Mochten doch Tante und Couſine denken, was ſie wollten; ich ging zu Ba⸗ betten hinüber. Da ſtand ſie eben im Begriffe fortzugehen. Mich dünkte, ſie zittern zu ſehen, als ich eintrat, auch ſetzte ſie ſich ſogleich nieder, und ihre Stimme ſchwankte noch, da ſie mit erzwun⸗ gener Kälte mir etwas Gleichgültiges ſagte. Ich hörte ſpäterhin im Geſpräch, daß ſie krank gewe⸗ ſen war, und überhaupt trugen ihre ganze Geſtalt, und ihr Betragen den Ausdruck der leidenden Ge⸗ duld. O mein Ludwig! Wie war mir! Ich hätte meine Seligkeit darum gegeben, ſie jetzt nur auf eine Minute allein ſprechen zu können. Es war mir, als ob tauſend Stimmen in meinem Innern riefen; ſie iſt unſchuldig, ſie kann dich nicht verra⸗ then haben, ſie leidet um deinetwillen; nur der Schein iſt wider ſie. Juliane und Babette verſie⸗ ßen uns aber keinen Augenblick, und ich ſah wohl, wie ſie jeden Blick, jedes unſerer Worte hütheten. Meine letzte Hoffnung hing noch an der Möglich⸗ keit, ſie beym Fortgehen einen Augenblick allein — 64— zu ſprechen. Auch dieß ward vereitelt. Babette be⸗ gleitete uns mit tückiſcher Böflichkeit bis an's Thor, und begegnete mir überhaupt in Leonorens Ge⸗ genwart mit einer Vertraulichkeit, einer Zudring⸗ lichkeit, daß ich alle meine Stärke zuſammen neh⸗ men mußte, um nicht die Regeln der gemeinſten Höflichkeit gegen ſie zu übertreten, und ihr zu zei⸗ gen, wie wenig Recht ſie zu dieſem Ton habe. Als ich das Pferd beſtieg, und dieß ſich bäumte, hörte ich einen ängſtlichen Schrey, der mir Leonorens Stimme ſchien. Aber ich flog die Straße hinab, denn ich wußte nun, daß es unmöglich war, ſie noch ein Mahl zu ſprechen; und als der Sturm in meinem Herzen ſich gelegt hatte, zeigte mir die kalte Vernunft die ganze Scene in einem völlig erſchiedenen Lichte. Dennoch bin ich unmuthiger als jemahls. O Ludwig, Ludwig! Wie ſchwach, wie thöricht iſt ein liebendes Herz! übermorgen reiſe ich von P'g ab, und in ei⸗ nigen Tagen bin ich bey Dir. Dann ſollſt Du mir Kraft und Stärke wider mein Herz, Du ſollſt mich mir ſelbſt wieder geben. . — Neun und dreyßigſter Brief. Leonore von Brandner an Thereſe Friedberg. *** den 10. März 1796. E⸗ iſt geſchehen. Der entſcheidende Schritt iſt ge⸗ than. Wallner hat mir geſtern Abends ſeine Liebe förmlich erklärt, und ich habe ihn nicht zurück ge⸗ wieſen. Ich habe alſo ſtillſchweigend eingewilligt, S und muß mich von nun an, als mit zarten Banden an ihn gebunden, betrachten. Wie das kam, weiß ich ſelbſt nicht; daß es aber ganz anders war, als jene unvergeßliche Sceue in unſerm Garten, als Er, deſſen Nahmen ich nicht nennen mag, gerade nachdem er ein paar Tage eines Mißverſtändniſ⸗ ſes wegen mit mir geſchmollt hatte, mir den ent⸗ flohenen Kanarienvogel von der höchſten Spitze des Lindenbaumes herabhohlte, ich dann ſeine blu⸗ tende Hand ſah, die er an der ſchroffen Rinde ver⸗ Leon. II. Th. 5 wundet hatte, meine Thränen auf ſeine Hand ſie⸗ len, und er— Nein! Fort, fort ihr allzutheuren, allzu verführeriſchen Bilder! Ihr dürft nicht wie⸗ der kommen, und meine Ruhe ſtören, die nur zu mühſam, und ach, nur zu zerbrechlich erbaut iſt! Thereſe! Wenn man ihm damahls, als er noch er⸗ zürnt, bloß um mir meine Freude zu erhalten, mit Gefahr ſeines Lebens in die Spitze der Linde klet⸗ terte, als ich an ſeiner Bruſt laa die lang ge⸗ nährten Gefühle mit aller Macht einer erſten Lei⸗ denſchaft hervorbrachen, wir das Wort Liebe ausſprachen, und ſo den Empfindungen einen Nah⸗ men gaben, die, verſchleyert und verkannt, ſeit un⸗ ſerer Kindheit in unſeren Seelen allmächtig ge⸗ herrſcht hatten— wenn man ihm damahls geſagt hätte, daß er mich um einiger Schwachheiten wil⸗ len einſt in dem Wirbel der großen Welt rath⸗ und freundlos ſtehen laſſen, und ſein Herz dieſer Babette ſchenken würde! O Schweſter! Ich ſoll ja nicht daran denken! Ich habe Wallners Liebe und ſeine Schwüre angehört und angenommen! Ich ſoll jenes Andenken verbannen, aber ich kann nicht. Und ſieh den unausſtehlichen Widerſpruch meines rebelliſchen Herzens! Gerade ſeit geſtern, gerade in dieſem Augenblicke, wo ich ganz von an⸗ dern Bildern erfüllt, nur für ſie Gefühl und Sinn haben ſollte, gerade jetzt kehren jene mit unbegreiflicher Macht zurück, und vor ihrem äthe⸗ riſchen Schimmer, vor ihrer erſchütternden Gewalt ſchwindet die matte Wirklichkeit in ihr ſchales Richts zurück. O meine Thereſe! Was wird aus mir wer⸗ den? Kann ich unter dieſen Umſtänden Wallnern meine Hand geben? Kann ich ſie verweigern, nach dem, was vorgegangen iſt, nach dem, wozu ich ſtillſchweigend meine Einwilligung gegeben habe? Wallner iſt ein edler Mann, er hat ſich ſo ſcho⸗ nend, ſo redlich gegen mich betragen, daß, wenn ich keine Rückſicht auf eine Leidenſchaft, die ſeine Ruhe ſo lange zerſtöret hat, nehmen wollte, ſchon bloß jene Anſprüche mir Achtung und Dankbarkeit einflößen müßten. Nun aber bin ich auch ver⸗ pflichtet, eine Liebe, die ich entſtehen und wachſen ſah, ohne ihr zu wehren, die ich duldete, und da⸗ durch rechtfertigte, nicht zu täuſchen, beſonders da weder meine Vernunft, noch ſelbſt mein Herz, wenn ich unparteyiſch unterſuchen und keine Ver⸗ gleichungen anſtellen will, mit Grund und Recht etwas an Wallnern und der Verbindung mit ihm auszuſetzen haben. Man liebt ja nur Ein Mahl! Solcher inniger, das ganze Weſen durchdringender, lebendiger, hei⸗ 3 ßer Gefühle iſt das Menſchenherz nur Ein Mahl fähig. Was von ihnen, wenn ſie verlodert ſind, übrig bleibt, iſt mehr oder weniger ausgebrannte Gluth, die folglich keine Wärme zu erzeugen mehr im Stande iſt. Darüber kann ſich weder Wallner noch ich beklagen. Auch er liebt nicht mit dem Feuer der Jugend, nicht mit dem Enthuſiasmus eines jugendlich, kindlich fühlenden Herzens. Das habe ich ſeit einiger Zeit nicht bloß geahnet, auch bemerkt; und es iſt natürlich, ja es iſt nothwen⸗ dig, daß es ſo ſey. Denn kann ich wohl von dem Manne von ſechs und dreyßig Jahren fordern, daß er vor mir nie ſollte geliebt haben? Wir ſte⸗ hen auch in dieſem Punete einander völlig gleich⸗ Ich werde das Glück nicht erreichen, das ich,— Du weißt mit wem,— zu erreichen hoffte!— Aber wer ſteht mir denn dafür, daß ich es erreicht hätte, wenn wir wirklich vereinigt worden wären? Läßt mich nicht ſein Wankelmuth mit ziemlicher Wahrſcheinlichkeit vermuthen, daß auch da die Wirk⸗ lichkeit weit unter dem Ideale geblieben wäre? und iſt es dann nicht im Grunde einerley? Ich bin nun einmahl nicht beſtimmt, und kein Menſch iſt es, ganz glücklich zu werden. So laß uns denn unſer Lyos geduldig tragen, und unſern Alltags⸗ ſchritt in dieſer beſten Welt, ohne viel um uns zu 69— ſehen, gleichgültig fortgehen! Meine Pflicht wird von nun an ſeyn, ſo viel als möglich jede Erinne⸗ rung zu verbannen, um Wallnern wenigſtens ein ſtilles Herz für ſeine wahre, achtungsvolle Liebe geben zu können. In der ſtrengen und mühevollen Erfüllung dieſer, wie aller meiner übrigen Pflich⸗ ten, wenn ich erſt einmahl Gattinn und Hausfran ſeyn werde, will ich dann nicht mein Glück, ſon⸗ dern meine Beruhigung zu finden ſuchen. Leb wohl Vierzigſter Brief. ———— Dieſelbe an dieſelbe. *** den 30. März 1798. Veneh, liebe Schweſter, wenn meine Briefe jetzt ſeltener und kürzer werden, als vorher. Mein Leben gleicht dem Traume eines Fieberkranken, dem ſeltſam ändernde Bilder vor der Seele gau⸗ keln, verſchwinden, und neue entſtehen, ohne nur eine Spur zurückzulaſſen, als die Mattigkeit, mit der er aus ſolchen Träumen erwacht. Das Schön⸗ dorfſche Haus wird immer glänzender, wie ſie es nennen, unſere Geſellſchaften dauern immer tiefer in die Nacht hinein, die Anzahl der Beſuchenden wird immer größer; jeder Fremde von einiger Bedeutung läßt ſich vorſtellen, erſcheint ein paar Mahl, und verſchwindet wieder, um neuen Me⸗ teoren ſeiner Art Platz zu machen. Auch haben wir im Innern der Wirthſchaft jetzt alle Hände — 71— voll zu thun; denn wir haben eine Braut im Hau⸗ ſe. Unſere Juliane hat ſich plötzlich, und ohne daß man dis Veranlaſſung dieſes gähen Entſchluſſes wüßte, erklärt, daß ſie dem Grafen Kelm ihre Hand geben würde. Ihre Iltern und wir alle wa⸗ ren höchſt erſtaunt darüber, da ſie den Grafen, wie. überhaupt alle ihre Freyer, und, ich möchte wohl ſagen, alle Menſchen bisher kalt und hochmüthig behandelt hatte. Indeſſen die Sache iſt richtig. Was aber auch immer Julianen vermocht haben mag, dieſen Schritt zu thun; glücklicher, fröhli⸗ cher iſt ſie nicht dadurch geworden. Vielmehr iſt ihre Laune, die nie gut war, jetzt vollends unaus⸗ ſtehlich. Alles im Hauſe leidet darunter, da ſie 3 durch ihren Verſtand und den Nichtverſtand der übrigen Glieder der Familie von jeher eine ent⸗ ſchiedene Gewalt im Hauſe ausübte. Es iſt, als fände ſie eine Art Vergnügen daran, uns alle zu quälen, und unſere Freuden zu ſtören. Ich denke mir oft, wenn ich ſie ſo handeln ſehe? wie iſt es möglich, ſo viel Geiſt, ſo viele Kenntniſſe, ſo viel Klugheit zu beſitzen, und einen ſo ſchlechten Ge⸗ . brauch für ſich und andere davon zu machen! Ja, manches Mahl bin ich durch verſchiedene Umſtän⸗ de ſchon auf die Vermuthung gefallen, daß ſie ſich unglücklich fühle, daß ſie ein geheimes Leiden ha⸗ be, das zu geſtehen ihr Stolz nicht erlaubt; und ich muß bekennen, daß dieſe Vorausſetzung, zu⸗ ſammengehalten mit ihrem feſten verſchloſſenen Character, mir die meiſten Erſcheinungen in die⸗ ſem ſonderbaren Weſen ſo ziemlich befriedigend er⸗ klärt. Wer weiß, ob nicht eine unglückliche, ver⸗ kannte oder hoffnungsloſe Liebe in früher Jugend dieſen Quell der Bitterkeit durch ihr ganzes We⸗ ſen gegoſſen hat, der mit zunehmenden Jahren Guliane iſt bald vier und zwanzig Jahre alt) und bey ihrem ſelbſtſtändigen Gemüthe ſie natürlicher Weiſe nicht ſanfter und nachſichtiger werden läßt. D wenn das iſt, Thereſe, dann iſt dieß arme Ge⸗ ſchöpf wohl nur zu beklagen, und ich wenigſtens bin, wenn mir das einfällt, nicht im Stande, ihr zu zürnen, wenn ſie auch mich und das ganze Haus peiniget. Ach, ich weiß nur zu gut, was ei⸗ ne unglückliche, verkannte Liebe iſt, und daß es gar nicht mein Verdienſt, ſondern bloß die weiche⸗ re Stimmung meines Characters iſt, was mich in demſelben Falle geduldiger als Julianen macht. Es iſt nicht ſo ganz ausgemacht, daß das Unglück jederzeit beſſert; es kommt viel auf den Menſchen ſelbſt, auf ſein Temperament, ſeine Sinnesart an, ob ihn Leiden ſpröde und bitter, oder geſchmeidig und ſanft machen ſollen. Es geht damit wohl, wie —— mit der Liebe, und überhaupt mit allen andern Leidenſchaften und Regungen, die nichts anders, als die Natur und Farbe, möchte ich ſagen, der Stoffe annehmen können, auf welche ſie wirken. Doch, ich wollte dir ja nicht von Julianen, ſon⸗ dern von mir, von meiner Lebensart ſchreiben; und ſo höre denn meine Tagesordnung. Wir ſtehen um zehn Uhr des Morgens auf. Frühſtück, Putz und einige kleine Hausgeſchäfte nehmen bald ein paar Stunden ein. Um zwölf Uhr fahren wir in die Galanterie⸗ und andere Buden, und ſuchen al⸗ les, was elegant und prächtig iſt, für die Braut aus. Iſt das Wetter ſchön, ſo machen wir nach dem Einkaufe noch eine Fahrt in den Park, ſtatten ein paar Beſuche ab, oder gehen zu einem Hand⸗ werker oder Künſtler, deren eine beträchtliche An⸗ zahl mit der Einrichtung und Ausſtattung des Brautpaares beſchäftigt iſt. Indeſſen wird es drey Uhr, und man ruft zu Tiſche. Nach Tiſche bleibt gerade ſo viel Zeit, um ſich aus dem Morgenan⸗ zug in den vollen Staat für den Abend zu werfen, wenn dieß nicht vor der Tafel geſchehen konnte, Muſik zu machen, oder ein wenig zu arbeiten u. ſ. w. Um ſieben Uhr iſt Theater oder Geſellſchafts⸗ zeit, um eilf Uhr Souper zu Hauſe oder anders⸗ wo, und faſt nie wird es vor zwey oder halb drey ugr ſtille in unſerem Hauſe. Du uſeyß, wie ſelten die Augenblicke der Nüchternheit bey mir ſeyn können, und ich bin auch froh, daß ſie es ſind; denn ich fürchte ſie. O Schweſter! Welches Erwa⸗ chen wartet meiner, wenn der Taumel, in wel⸗ chem mein Weſen ſchwebt, auf Minuten ſinkt! Welche Blicke voll Schmerz in die Vergangenheit, voll Angſt in die Zukunft, und voll Leere und Un⸗ zufriedenheit auf die Gegenwart! Thereſe, ich bin nicht glücklich, obwohl ich es der Welt, die mich umgibt, ſcheinen mag; aber ich genieße die ſcha⸗ len Freuden, die ſie mir darbiethet, mit einer Art von begieriger Heftigkeit. Ich ſtürze mich abſicht⸗ lich in den tiefſten Wirbel der Zerſtreuungen, um mein Gefühl zu übertäuben, und während des Taumelrauſches zu vergeſſen, wie elend ich bin. Wallner trägt das Seinige redlich dazu bey. Er hat mich überredet, wieder einen Zeichen⸗ und Singmeiſter anzunehmen, und mich im Claviere, das ich ſeit meiner Mutter Tod etwas vernach⸗ läſſigt hatte, mehr zu üben. Dieſe Beſchäftigun⸗ gen nehmen meine wenigen freyen Augenblicke ein. Abends machen wir oft Muſik, während die Frauen ſpielen. Wallner, der ſelbſt ſehr muſikaliſch iſt, hat mich mit mehreren Mitgliedern der Oper be⸗ kannt gemacht, und leicht die Erlaubniß erhalten, ſie in unſere Abendzirkel einzuführen. Wir ſingen die beſten Stücke aus den Italiäniſchen und Deut⸗ ſchen Opern, aber auch nichts als Operngeſänge. Jene kleinen ſeelenvollen Lieder von Mozart, Rei⸗ chard und andern, die in den ſtillen Zeiten meiner glücklichern Jugend oft die Freude unſers kleinen Kreiſes machten, ſind als abgeſchmackt, als zu ein⸗ fach, zu alt, verbannt. O Thereſe! Wenn mir bey dieſen künſtlichen Muſikübungen jene Unter⸗ haltungen einfallen, wenn ich denke, wie ich da⸗ mahls am Claviere ſaß, und ein einfaches Lied, Ihn, den ich nicht vergeſſen und nicht nennen kann, ſo tief bewegte, wenn er dann mit ſeiner kunſtlo⸗ ſen rührenden Stimme meinen Geſang begleitete, oder die Flöte ergriff, die er ſo meiſterlich ſpielte, und in ſchönen Tönen nachahmte, was ich geſpielt hatte!— Wallner ſingt auch, er ſingt kunſtmäßi⸗ ger, fertiger; aber es iſt keine Seele, keine Rüh⸗ rung in dieſer gellenden Tenorſtimme, die, wie alle Stimmen dieſer Art, bey zunehmenden Jah⸗ ren ſchon etwas durch die Naſe zu gehen anfängt. Sie rührt mein Herz nicht, ich bewundere ſeine Geſchicklichkeit, ja, ich lerne gern und mit Nutzen von ihm; aber ſein Geſang läßt mich kalt. Im Valſinſchen Hauſe, das ſeit einiger Zeit auf einen viel glänzendern Fuß eingerichtet wird, herrſcht auch eine Beſchäftigung oder Zeitkürzung, die, nebſt der Muſik, zu einer meiner liebſten ge⸗ hört, und, wenn auch nicht das Herz, doch den Berſtand und die Einbildungskraft angenehm auf⸗ regt und unterhält. Wir machen Boutrimés, Re⸗ bus, Charaden, wir geben einander Räthſel auf, ſpielen allerley witzige Spiele, wir leſen zuweilen die neueſten Producte der beſſeren Dichter, und unterhalten uns auf dieſe Art ſehr angenehm. Graf Van der Werth, ein ſehr gebildeter Mann, iſt der Meiſter und Urheber dieſer Spiele, in denen er eine ungemeine Fertigkeit beſitzt. Auch Wallnern glückt es manches Mahl ſehr gut, beſonders wenn, was mir freylich ſehr anſtößig iſt, und bald die ganze Geſellſchaft verleiden könnte, das Thema aus der Zahl der ſchlüpfrigen und zweydeutigen 6 Gegenſtände genommen iſt. Das mißfällt mir an Wallnern; aber ich ſehe, daß die Andern keinen Augenblick beſſer ſind, und nur einer mehr, der andere minder, von dem Wege der ſtrengen Sitt⸗ lichkeit abweicht. Abweichen aber wird und muß jeder, der in der ſogenannten großen Welt lebt. Weißt du gar nichts von dem Abweſenden? ¹ Schreibt er deinem Manne nicht? Sie waren ja ſonſt Freunde. Ich ſollte mich nicht erkundigen, ich weiß es; aber ich kann mir den einzigen ſchwa⸗ chen Troſt nicht verſagen, daß wenigſtens meine Gedanken ihn auf der Reiſe begleiten können. Soffti che' in traccia almeno Di mia perduta pace Venga il pensier seguace Su Porme del tuo pie Sempre nell tuo camino Sempre m'avrai vicino E tu———— Ich mag den Vers nicht ausſchreiben. Ich weiß es ja ſchon, daß ich vergeſſen bin. Lebe wohl, theu⸗ re Thereſe, einziges Weſen, das mich und zärtlich liebt! Ein und vierzigſter Brief. Dieſelbe an dieſelbe. *** den 25. Aprill 1798. Unſere Braut iſt nun ſeit acht Tagen vermählt. Die Brautgeſellſchaften, Tafeln und Soupers ha⸗ ben endlich aufgehört, und ich finde wieder Zeit, Athem zu ſchöpfen und Dir zu ſchreiben. O meine Schweſter! Welche traurige, aber belehrende Er⸗ fahrungen habe ich dieſe fünf oder ſechs Wochen über gemacht! Das iſt's alſo, was man eine Par⸗ tie, ein glänzendes Glück nennt! So geht man bey der wichtigſten und heiligſten Handlung, die für das Leben von zwey— vielleicht von noch mehr— Perſonen entſcheidet, in der wirklichen, nüchternen, klugen Welt zu Werke! Da waren freylich meine Begriffe ſehr davon verſchieden; und wenn ich die ſtille ernſte Feyer Deines Hochzeittages mit dieſem glänzenden kalten Feſte vergleiche, ſo iſt mir, als müßte ich damahls geträumt, oder in einem an⸗ dern Planeten gelebt haben. Zuerſt hätte man ſchon während des ganzen Brautſtandes die beyden Ver⸗ ſprochenen, ihrem gegenſeitigen Betragen nach, für alles andere, nur nicht für Braut und Bräutigam, nur nicht für zwey Menſchen halten ſollen, welche im Begriffe ſtanden, ſich ewig und untrennbar mit einander zu verbinden, und künftig ihr ganzes ir⸗ diſches Wohl oder Weh von einander zu erwarten. Du kannſt Dir keine Vorſtellung von der Kälte und Förmlichkeit machen, mit welcher ſie einander be⸗ handelten. Die abgemeſſene Galanterie des Bräu⸗ tigams, der Stolz, die üble Laune der Brautüber⸗ ſtiegen alle Vorſtellungen, die ich, ziemlich gewohnt an die Denkungsart dieſer Menſchen, mir davon machte. Sie ſind doch beſtimmt, mit einander zu leben, ſie müſſen ſich doch zum wenigſtens gut ſeyn und achten können, dachte ich, und ſo wird ihr Be⸗ tragen doch wenigſtens von Herzlichkeit und Freund⸗ ſchaft zeugen. Auch das nicht, Schweſter! Sie blieben kalt, fremd, nur daß der Bräutigam ſich zuweilen Freyheiten heraus nehmen wollte, über welche Juliane ihn ſtolz in ſeine Schranken zurück⸗ wies, und die wirklich, ſo ganz einzeln, ſo gar nicht von herzlichen Gefühlen begleitet oder veran⸗ laßt, nur frey und empörend waren. Wenn ſie — 80— aber etwas angelegentlicher und wärmer mit einan⸗ der ſprachen, ſo war es über eine Anſtalt, eine Ein⸗ richtung in ihrer neuen Wohnung, eine Austheilung der Zimmer oder der Meubeln. Sonſt hatten ſie ſich nichts, gar nichts zu ſagen⸗ Wahrlich ich glau⸗ be, der Handel um ein Haus oder ein Pferd würde mit mehr Wärme geſchlichtet werden, als hier der Handel um Perſonen und Vermögen; denn Han⸗ del— und ſonſt nichts als Handel und Specu⸗ lation iſt es ihnen⸗ Die Ausſtattung übertraf an Pracht und Fül⸗ le alles, was ich in dieſer Art in unſerem Stande geſehen hatte; ſie übertraf auch bey weiten den Stand der Braut, ja beynahe den des Bräuti⸗ gams, und wurde in einem eigens dazu gewähl⸗ ten Zimmer auf ſechs langen Tiſchen nicht allein den Bekannten, ſondern auch Fremden, die es ſe⸗ hen wollten, wie die Ausſtattung einer Prinzeſſinn mit lächerlicher Ruhmredigkeit gezeigt, um ins Ge⸗ ſicht Schmeicheleyen, und hinter dem Rücken Ver⸗ leumdung und Tadel einzuernten. Endlich kam der beſtimmte Tag. Juliane war ſo finſter, ſo übel gelaunt, ſo bitter und hart, als ich ſie nie geſehen hatte. Ich glaubte, dieß mache die Wichtigkeit des bevorſtehenden Schrittes, und es ſey der an einem ſolchen Tage natürliche Ernſt, H——— — 5— 4 welcher in dieſem Gemüthe ſolche Erſcheinungen hervorbrächte. Aber es war mehr Sie war un⸗ glücklich, ſie war, wie aus Verzweiflung, reſignirtz das zeigte ihr ganzes Weſen, und nun war mein ganzer Unwille entwaffnet. Ich ſchauderte vor der Zukunft, der ſie entgegen ging, und es ſtieg die übel angebrachte romantiſche Idee in mir empor, mich in dieſem ſchrecklichen Augenblicke mit theil⸗ nehmender Liebe an ihr bis zum Zerſpringen vol⸗ les Herz zu drängen, die Eisrinde, die es über⸗ zog, zu ſchmelzen, und ſie vielleicht durch ein oſſe⸗ nes Geſtändniß ihrer Lage in der letzten Stunde ihrer freyen Wahl von dem traurigen Entſchluſſe abzubringen, einem Manne, den ſie nicht liebte, ihre Hand zu reichen. Ich verſuchte es. O There⸗ ſe! Wie konnte ich ſo thöricht ſeyn! Sieſtieß mein warmes Gefühl mit empörendem Stolze zurück. Sie erklärte, daß ſie von niemand auf der Welt am allerwenigſten von mir bedauert oder geliebt ſeyn wollte. Ich bin unglücklich, rief ſie zuletzt, und was meine Lage noch bitterer macht, iſt, daß Sie es geſehen haben; aber auch Sie ſind nicht glücklich, und— das iſt meine Beruhigung. Mit dieſen Worten ging ſie aus dem Zimmer, und warf die Thür heftig zu. Ich ſtand wie betäubt, wie vernichtet von dieſem Ausbruche des Haſſes, dieſer Leon. II. Th. 6 4 — 9— unwürdigen Behandlung, und dieſem Ubermaße von Elend in einem Herzen, das eine Freude dar⸗ in finden kann, den gehaßten Gegenſtand unglück⸗ lich zu ſehen. Seit dieſem ſchrecklichen Augenblicke hat ſie auch die letzte Hülle, welche Lebensart und Klugheit über ihren, weiß Gott, von mir unver⸗ ſchuldeten Haß gezogen hatten, abgelegt, und be⸗ gegnet mir ſo rauh, ſo offenbar feindſelig, daß ich dem Himmel danke, daß wir nicht mehr unter ei⸗ nem Dache leben. Wer ihr dieſe Empfindungen ge⸗ gen mich eingeflößt, kann ich nicht errathen. Geah⸗ net habe ich ſie lange; aber ſo ganz in ihrer fürch⸗ terlichen Geſtalt iſt mir ihr Haß noch nicht erſchie⸗ nen, als damahls. Daß mich dieſe Scene erſchütterte, daß ſie mich für den ganzen Tag verſtimmte, kannſt Du Dir wohl vorſtellen. Nur das übergroße Geräuſch, und die Geſchöftigkeit betäubten mein empörtes Befühl, ich hatte, eigentlich zu reden, nicht Zeit, dem feindſeligen Eindrucke nachzuhängen. Um ſechs Uhr Abends verfammelten ſich die Gäſte, und einige von den vertrauteren Freunden des Hauſes, wor⸗ unter auch Wallner war. Alles war im größten Staate, beſonders die Damen, denen man es an⸗ ſah, daß ſie in ihren ganz neuen, meiſt gold⸗ und ſilberreichen Kleidern nur dahin geſtrebt hatten, — ——— 1 „ einander zu verdunkeln. Doch, ſo viel Pracht an Stoffen, Geſchmeide und Koſtbarkeiten auch hier zu ſehen war, ſo übertraf doch der Anzug der Braut alles übrige. Ihr Kleid war ein weißer Seiden⸗ ſtoff, reich mit Silber geſtickt, ihr dunkles Haar beynahe ganz mit Perlen und Brillanten bedeckt, ſo auch ihre Bruſt; koſtbare goldene Ketten, Span⸗ gen, Ringe und Spitzen vollendeten den wahrhaft fürſtlichen Anzug, und gaben der regelmäßig ſchö⸗ nen, hohen Geſtalt das Anſehen einer Königinn. um ſieben Uhr fuhren wir in mehr als zwanzig Wagen nach der prächtig erleuchteten Kirche, wo eine Menge Menſchen verſammelt war, um den Brautzug zu ſehen. Mich überlief Schauer auf 8 Schauer; aber den beklemmendſten und ſchrecklich⸗ ſten Eindruck, wenn ich ſo ſagen darf, machte mir das Betragen der Braut, welche nach allem, was 5 ich in ihrem Herzen hatte vorgehen ſehen, ſeit dis Gäſte da waren, ſich mit einer Gleichgültigkeit mit einer Leichtigkeit und einem lächelnden Weſen betrug, das mich empörte und erſchütterte. Sie ging ruhig und ſtolz zum Altar, keine Miene, kei⸗ ne Bläſſe verrieth den Kampf, der nothwendig in ihrem Innern vorgehen mußte; es war, als könne keine innerliche Regung durch dieſe feſte Schale, welche Weltton und Selbſtbeherrſchung über ihr 6— — ganzes Weſen gezogen hatten, durchbrechen. Als les an die Spieltiſche, und die wahrhaft ſchöne der Prieſter die Formel auszuſprechen anfing, und Wallners Blick in demſelben Augenblick mit einem zärtlichen Ausdrucke auf den meinen fiel, überlief mich ein eiskaltes Grauen. Blums Bild, deine Hochzeitsfeyer, meine jetzige Lage, meine Zukunft, alles das drängte ſich fürchterlich und beängſtigend von allen Seiten auf mein Herz, ünd ich brach in einen Strom von Thränen aus, den ich zu verber⸗ gen nicht im Stande war. Zu meinem Glücke wein⸗ ten, wie es bey ſolchen Ceremonien gebräuchlich iſt, mehrere von der Verwandtſchaft,— aus welchen Regungen, mag Gott wiſſen!— und ſo blieb mei⸗ ne Rührung unbemerkt; aber der Eindruck ver⸗ ſchwand lange nicht aus meiner Seele, und noch jetzt kann ich nicht ohne Wehmuth daran denken. Zu Hauſe warteten eine rauſchende Muſik, und eine neue Menge geladener Gäſte auf uns. Trom⸗ peten⸗ und Paukenſchall empfing das Brautpaar, als es in den Geſellſchaftsſaal trat, und alles ſtröm⸗ te herbey, ihm Glück zu wünſchen. Die Scene war außerordentlich lärmend, aber weit, weit von je⸗ ner feyerlichen Stimmung, von jener ernſten Rüh⸗ rung entfernt, die nach meinem Gefühle einen ſo wichtigen Tag bezeichnen ſollte. Nun rauſchte al⸗ . — Muſik verhallte, nur von wenigen gehört und ge⸗ noſſen, vergebens im Nebenzimmer. Braut und Bräutigam brachten den ganzen Abend mit der größten Gleichgültigkeit bey den Karten zu; auch ich nahm gern ein Spiel an, um meinen Gedanken nicht Zeit zu laſſen, ſich auf Gegenſtände zu rich⸗ ten, die nicht anders als ſchmerzlich für mich ſeyn konnten. Nachdem ſich um eilf Uhr mehrere Gäſte wegbegeben hatten, öffneten ſich die Flügelthüren eines andern Zimmers, und ein prächtiges Sou⸗ per duftete und ſtrahlte, von hundert Lichtern auf ſchweren ſilbernen Leuchtern erleuchtet, uns entge⸗ gen. Von neuem erſcholl, ungeſehen von den Gä⸗ ſten, eine ſeelenerhebende Harmonie; und nun la⸗ gerte ſich die Geſellſchaft an den langen Tiſch in bunter Reihe herum, der mit allem, was die Jah⸗ reszeit gibt und verſagt, auf's koſtbarſte und ver⸗ ſchwenderiſchſte beladen war. Nach einer Weile, als der Wein, der, ich möchte ſagen, in Strömen floß, die Zungen gelöſet und die Köpfe begeiſtert hatte, ertönten lautes Lachen, und mancher nicht eben allzuanſtändige Scherz über das Brautpaar. um zwey Uhr zog ſich alles zurück, und das ſchim⸗ mernde Feſt war zu Ende, ohne daß jemand durch alle die verſchwendeten Summen wahrhaftig fröh⸗ lich oder glücklicher geworden wäre; deny daß es 5 — 86— das Brautpaar nicht werden konnte, das zeigte ihr Betragen allzudeutlich. Der einzige Gewinn, den wir, oder vielmehr ich, bey dieſer Heirath hatten, iſt Julianens Ent⸗ fernung, und die größere Stille im Hauſe, ſeit dem ſie, und mit ihr alle die Unruhe, die ihre Vermählung machte, fort iſt. Liſette ſchließt ſich⸗ immer mehr an mich, und hat mir dieſer Tage das Geheimniß ihres Herzens entdeckt. Ich dachte wohl, daß das gute Mädchen nicht glücklich ſey, und ich hatte nicht geirrt. Sie liebt ohne Anſchein eines glücklichen Ausgangs den jungen Seefeld, der Val⸗ ſin Bruder, der kein Vermögen hat, und im Bu⸗ reau ſeines Schwagers mit einem mäßigen Gehalt angeſtellt iſt. Er wäre nun freylich im Stande, durch ſeinen Fleiß und Liſettens einſt zu hoffendes Vermögen ſie anſtändig und bequem zu verſorgen. Das iſt's aber nicht, was man im Schöndorfſchen Hauſe ſucht. Man will Glanz, Anſehen oder un⸗ geheures Vermögen; und von dem allen kann See⸗ feld nichts biethen. Am meiſten war Juliane wider dieſe Liebe, und ſie war es auch, die die Mutter, und durch dieſe den Vater, ſo außerordentlich da⸗ gegen einnahm. Nun da ſie aus dem Hauſe iſt, hofft Liſette wieder, und verſpricht ſich durch den guten Gredit, in dem ich bey ihren Altern ſtehe, und durch — 87— mein Verhältniß mit der Valſin, Unterſtützung und mehrere Freyheit, ihren Geliebten zu ſehen. Das arme Mädchen dauerte mich herzlich, als ſie mir mit Thränen ihre Leiden klagte, und ich habe mir feſt vorgenommen, alles, was in meinen Kräf⸗ ten ſteht, anzuwenden, um dieſem jungen Paare, welches ſich ſo treu, ſo zärtlich liebt, ein Glück zu verſchaffen, das der Wille der Vorſicht mir ver⸗ ſagt hat. O meine Schweſter! Wie beſeligend wür⸗ de der Gedanke für mich ſeyn, ſie durch mich be⸗ glückt zu ſehen! Wenn irgend etwas auf der Welt mir noch eine Ahnung von Seligkeit verſchaffen könnte, ſo würde es die Erfüllung dieſes Wun⸗ ſches ſeyn. Leb wohl! Zwey und vierzigſter Brief. ———— Dieſelbe an dieſelbe. *** den 4. May 1793. Je habe jetzt ziemliche Hoffnungen für die Aus⸗ ſichten der guten Liſette und des jungen Seefeld. Juliane, in ihren neuen Glanz verſenkt, nimmt ſich keine Zeit, an ſolche Kleinigkeiten zu denken. Sie lebt ganz in einer andern Welt, und ihr Haus iſt auf den Fuß der Häuſer vom hohen Adel ein⸗ gerichtet. Jedes von den beyden Gatten wohnt und lebt für ſich, obwohl in Einem Hauſe. Jedes hat ſeine Dienerſchaft, ſeine Wohnzimmer, ſeine Equi⸗ page für ſich; ſie ſehen ſich höchſtens bey Tiſche, und die Geſellſchaften, die großen Theils aus Per⸗ ſonen vom erſten Adel beſtehen, fangen erſt nach dem Theater an, wo die Frau Gräfinn ihre eige⸗ ne Loge hat. Die alte Schöndorf weidet und ſon⸗ net ſich, ſo zu ſagen, an dem Glanze, der ihre es jetzt von Cavalieren und Damen. Es wird mit einer lächerlichen Großthuerey und im affectirt ver⸗ traulichen Tone von Grafen und Gräfinnen, wie von Gevattern und Gevatterinnen geſprochen, wenn ſie nicht zugegen ſind, und ihnen knechtiſch gehul⸗ digt, wenn ſie kommen, und ſo gnädig ſind, ſich alles wohl ſchmecken zu laſſen, was für ſolche Gä⸗ ſte mit thörichtem Aufwande aufgetragen wird. Mir wird das nach geradezu ſehr abgeſchmackt und verächtlich, beſonders wenn ich, wie es zuweilen geſchieht, von dritter oder vierter Hand die gering⸗ ſchätzigen Bemerkungen und boshaften Spötte⸗ reyen höre, welche ſich eben dieſe Cavaliere und Damen an andern Orten oder unter ſich über das Haus erkauben, in welchem ſie doch ſo manches bürgerliche Vergnügen zu genießen nicht verſchmähten. Doch genug der Armſeligkeiten. Sie ärgern mich, wenn ich ſie ſehe, und ich mag mir durch ihre Beſchreibung meine Laune nicht mehr verderben. Alſo von Liſetten und ihren Ausſichten, der ein⸗ zigen Angelegenheit, die jetzt noch in dieſem Hau⸗ ſe, und überhaupt auf der Welt, einiges Intereſ⸗ ſe für mein abgeſtorbenes Gefühl hat. Ich habe es gewagt, mit der alten Schöndorf zu ſprechen, ich. 65 — 3. mich, daß mein Herz ſich verrathen, und Gefühle habe ihr die Liebe der beyden Menſchen, ihren Kummer, den wirklich ſchätzbaren Charakter des jungen Seefeld, Liſettens anſpruchloſe, ſtille Denk⸗ art, das Glück, das ſie in einem kleinen Kreiſe, ſelbſt bey eingeſchränkten Glücksumſtänden, genie⸗ ßen würde, alles, alles mit einem Feuer und ei⸗ ner Beredſamkeit vorgeſtellt, worüber ich ſelbſt er⸗ ſtaunte, und die die Mutter beynahe zu Thränen rührte. Sie verſprach mir, über die Sache nach⸗ zudenken, bey günſtiger Gelegenheit mit ihrem Manne zu ſprechen, und vor der Hand nicht allein Liſetten nicht entgegen zu ſeyn, ſondern auch ihrer älteren Tochter nichts von unſerer Unterredung zu ſagen. Der letzte Punkt wird ſie am ſchwerſten ankommen. Doch verlaſſe ich mich auf ihre Her⸗ zensgüte. Als die Unterredung zu Ende war, frag⸗ te ſie mich, indem ſie mich lächelnd bey der Hand nahm: Aber woher kommt denn das lebhafte In⸗ tereſſe, daß Sie an dem Glücke und an der Liebe meiner Tochter nehmen? Wer hätte glauben ſol⸗ len, daß Fräulein Brandner, das über den Punkt der Liebe ſelbſt ſo vernünftig, ſo geſetzt denkt, mit ſolchen ſchwärmeriſchen Ausdrücken und ſolchem Feuer davon reden könnte? Ich erröthete, The⸗ reſe! Aber warum erröthete ich? Ach, ich ſchämte —— —— . an den Tag gelegt hatte, welche zu zeigen in der großen Welt lächerlich iſt. Meine Neigung zu Li⸗ ſetten und die Hoffnung, ihr zu nützen, mußten mir zum Vorwande meiner Wärme dienen, und die Schöndorf war damit zufrieden. Nun aber ent⸗ ſpann ſich ein für mich peinliches Geſpräch über mein Verhältniß mit Wallnern. Sie wollte wiſ⸗ ſen, wie ich mit ihm ſtände, ob und wann ich mich entſchließen würde, die Seinige zu werden. Sie verſicherte mich, daß er raſend in mich verliebt ſey. Das war ihr eigener Ausdruck. Was konnte ich ihr ſagen? Ich wußte es ſelbſt nicht, ich hatte dar⸗ über noch nicht nachgedacht; und gefühlt?— äu⸗ ßerſt wenig. Ich kann, das allein weiß ich beſtimmt, Wallnern nun einmahl nicht lieben, wie ich das Wort verſtehe, und wie Liſette es verſteht. Das iſt mir ganz unmöglich. Ich habe mich oft darüber befragt und gefunden, daß, wenn ich auch nie ei⸗ nen Andern gekannt und geliebt hätte, Wallner mir dennoch nie eine zärtliche Leidenſchaft einflö⸗ ßen würde. Es iſt etwas eigenes, gemeſſenes in ſeinem Betragen, das mich entfernt, und, um das wahre Wort zu gebrauchen, ermüdet. Er ſoll mich raſend lieben? Es mag ſeyn; dann iſt ſeine Ra⸗ ſerey ſehr konſequent, ſehr gelaſſen, und ich möchte ihn einmahl kalt ſehen. Bey dem allen kann ich * nicht ſagen, daß er es an irgend etwas mangeln — 92— ließe, um mir ſeine Aufmerkſamkeit, ſeine Achtung, ſeine Liebe zu bezeigen. Er läßt es an nichts man⸗. geln; aber den Außerungen ſeiner Liebe man⸗ 5 gelt es doch an jenem unnennbaren, unerklärba⸗ ren Etwas, das ſich nur fühlen, nicht beſchreiben läßt, deſſen Abweſenheit aber mir im Innerſten meiner Seele widerlich und abſtoſſend iſt. Mein Verſtand findet ſeine Rechnung bey ihm, er iſt äußerſt liebenswürdig in Geſellſchaft, ich ſehe, daß mich viele um ihn beneiden; aber mein Herz bleibt kalt, ungeachtet ich mich täglich zur dankbaren Er⸗ wiederung ſeiner Zärtlichkeit auffordere. Was iſt das, Schweſter? Woher kommt der Widerſpruch?„ Dennoch werde ich ihn heirathen, wenn erwill; aber ich bin froh, daß er mir noch nichts Beſtimm⸗ tes darüber geſagt hat. Adien! Drey und vierzigſter Brief. Dieſelbe an dieſelbe. 1*** den 3. Junius 17938. Wi mir dieſe Menſchen verächtlich werden, The⸗ rreſe! Wie klein, wie niedrig alle ihre Abſichten, Leidenſchaften und Plane ſind! Nichts als Eigen⸗ nutz regiert ſie; und je näher man ihnen kommt, je gröber und ſichtlicher werden die Fäden des Ge⸗ webes, womit ſie die Armſeligkeit ihres Weſens überhüllen, und das von Weitem ausſieht, als ob etwas Schätzbares dahinter wäre. Es ſind nun drey Wochen, daß ich mit der alten Schöndorf von den Angelegenheiten ihrer Tochter geſprochen,. und ſie gebethen habe, ihren Mann zu des Mäd⸗ chens Beſten zu ſtimmen. Dieſer Schritt, an wel⸗ chem dem Mutterherzen, meiner Meinung nach, ſo viel hätte liegen ſollen, hat noch nicht geſchehen können. Und warum? Frau von Schöndorf möch⸗ te gern eine neue Equipage haben, um ſich im Park, der in dieſer Jahrszeit ſehr beſucht wird, zu zeigen. Es iſt zwar die alte noch recht hübſch; aber in dieſer hat ſie voriges Jahr ganz*** ſchon geſehen, und da kann man doch unmöglich wieder damit erſcheinen. Man braucht alſo eine neue, und dieſe neue wird ſechs oder acht hundert Gulden ko⸗ ſten. So viel konnte man weder vom Nadelgeld erübrigen, noch dem Küchenzettel aufbürden. Es muß der Mann darum angegangen werden. Man muß ihn in guter Laune erhalten, man muß einen fröhlichen Augenblick erhaſchen, worin er, von Schmeicheleyen bethört, gewähret, was ſeine Ver⸗ nunft wohl ſonſt verſagen würde; und darum kann die Mutter jetzt nicht mit dem Vater über das Glück ihres Kindes reden, weil ihm dieß die Lau⸗ ne und die Luſt, das Geld herzugeben, verderben könnte. Wie armſelig, wie elend! Um das arme Mädchen doch einiger Maßen zu tröſten, erlaubte ſie ihr(ohne des Vaters Vor⸗ wiſſen) mit mir, ſo oft ich wollte, zur Valſin zu gehen, wo ſie den Bruder derſelben ſehen und ſprechen kann. Natürlich drang das Mädchen nun ſehr oft in mich, ſie mitzunehmen, und zwang mich gleichſam, jenes Haus öfter zu beſuchen, als ich ſelbſt wollte. Ich hatte anfänglich nichts dagegen, — „—— als den Unwillen, den mir jeder heimliche Schleich⸗ weg einflößt, weil wir zu Hauſe ein Geheimniß daraus machen, und dem Vater auf alle Art ver⸗ bergen mußten, an welchem Orte Liſette jetzt ſo viele Abende zubrachte. Ich unterhielt mich ſehr gut bey der Valſin, und nichts ſtörte meinen Ge⸗ nuß, als der etwas freyere Ton, der in unſern Spielen zu herrſchen anſing, und die Gegenwart mehrerer Weiber, von denen es ſtadtkundig war, daß ſie von Dieſem oder Jenem ausgehalten wür⸗ den. Indeſſen hatten die meiſten dieſer Perſonen einen ſolchen Grad von äußerer Liebenswürdigkeit, und ſo viel Anſtrich von Geiſtesbildung, daß ihr angenehmer Umgang meinen Verſtand gegen mein beſſeres Gefühl beſtach. Aber mit Verwunderung bemerkte ich die immer zunehmende Pracht und Verſchwendung in dieſem Hauſe; und da Herr von Valſin niemahls bey dieſen Abendunterhaltun⸗ gen gegenwärtig war, welche ſtets ein ſehr niedli⸗ ches Souper ſchloß, ſo war es mir nicht wahr⸗ ſcheinlich, daß er ſo ganz aus ſeinem Charakter treten, und mit voller Hand Geld zu Vergnügun⸗ gen hergeben ſollte, an denen er keinen Theil nahm. Wie unangenehm und empörend wurde mir aber neulich das Räthſel gelöſet, als man bey uns zu Hauſe ganz ohne Scheu erzählte, daß Graf Van der Werth das ganze Haus aushalte, daß ihn die Valſin ſeit dem Tode ſeines Vaters, der vor einigen Monathen geſtorben war, und ſeinem Sohne ein großes Vermögen hinterlaſſen hatte, vielleicht ſchon über zehn tauſend Gulden gekoſtet, ja, daß er ihr zu Liebe, als ſein Vater noch lebte, beträchtliche Schulden gemacht habe! Wie verächt⸗ lich, wie nichtswürdig kam mir das Weib in die⸗ ſem Augenblick vor, deren Verhältniß zu dem Gra⸗ fen ich bisher zwar nicht gerechtfertigt, aber mit innigem Gefühle für ihre traurige Lage entſchul⸗ digt hatte! Alſo das war es, was ich für Zärt⸗ lichkeit, für Bedürfniß des Geiſtes und Herzens bey einem feingebildeten Weibe hielt? Das war's, worüber ich ſo manche bis dahin nicht verſtandene Anſpielungen hörte, die ich oft im Glauben an die beſſere Denkart des verächtlichen Geſchöpfes mit Hitze bekämpfte, und nicht ſelten dafür ausgelacht wurde? Doch ich hatte noch nicht genug empörende Er⸗ fahrungen gemacht, und die große Welt von ihrer häßlichen Kehrſeite noch nicht in ihrem ganzen ab⸗ ſcheulichen Lichte geſehen. Juliane, die ſeit ein paar Monathen verheirathet iſt, ſpricht davon, ſich ſcheiden zu laſſen. Ihr Mann hat eine erklärte Mai⸗ treſſe unter dem Titel einer Haushälterinn bey ſich. Daß es Julianen nicht um den Beſitz ſeines Berzens zu thun iſt, verſteht ſich wohl von ſelbſt; aber jenes Weib nimmt ſich Rechte und Freyhei⸗ ten im Hauſe heraus, die keine ehrliebende Gat⸗— tinn, viel weniger die ſtolze Juliane, ertragen* würde. So iſt nun ein offenbarer Krieg in jenem Hauſe ausgebrochen. Die Dienerſchaft hat ſich in zwey Theile getheilt, wovon einer dem Herrn, der andere, gewiß beſſere,(dieſe Gerechtigkeit muß man Julianens untadelhaftem Betragen in Rück⸗ ſicht der Sitten widerfahren laſſen) der Frau an⸗ hängt. Die Schwiegerältern wollen auch ihr Wort dazu geben. Der Präſident, unwillig, ſich hof⸗ meiſtern zu laſſen, hat ihnen das Haus verbothen, und ſetzt ſelbſt den Fuß nicht mehr über unſere Schwelle; ja ließe ſeine Frau ſich etwas verbie⸗ then, ſo würde er auch ihr den Umgang mit ihren 8 Altern unterſagen. Juliane iſt, wenn ſie allein oder unter ihren Verwandten ſich befindet, vie⸗ mahl in einer Stimmung, wie ich mir das Gemüth der Erinnyen denke. Die Welt aber ſieht nur die künſtliche glatte Außenſeite, die nichts von den Stürmen verräth, die ihr Inneres zerreißen. Ei⸗ ne ſonderbare Befriedigung oder Beruhigung ſcheint ihr gährendes Gemüth jetzt am Spiele ge⸗ funden zu haben, das ſie ſonſt nie liebte, aber Leon. II. Th. 7 „ — 98 jetzt bis zur Ausſchweifung treibt. Sie ſpielt halbe Nächte, und ſo hoch, daß oft Tauſende auf dem Spiele ſtehen. Ich glaube, die Heftigkeit ihres Weſens, die verzehrende Raſtloſigkeit ihres Geiſtes finden nur in der großen Spannung zwiſchen Furcht und Hoffnung, die durch das Spiel unab⸗ läßig unterhalten wird, eine angemeſſene Beſchäf⸗ tigung. Wie dem immer ſey, ſie iſt unglücklich, Niemand aus der ganzen Familie iſt recht zufrie⸗ den, alles ſtößt, neckt und quält ſich einander, und ich ſtehe mitten darunter mit krankhaft reitz⸗ barem Gefühle, und einem höchſt unbefriedigten, blutenden Herzen. O meine Thereſe! Wie wenig finde ich die Beruhigung und den Genuß in dieſer großen Welt, den ich mir thörichter Weiſe davon verſprach! Wallner fährt fort, ſo galant und ſo kalt zu lieben, wie vorhin. Wir haben oft heftige Scenen, Erklärungen, Ausſöhnungen, die, wie ein gäher Windſtoß, in die abgeſtorbene Gluth ein täuſchen⸗ des Leben zu bringen ſcheinen. Aber es iſt nur Schein, und bald ſinken unſere Herzen zu ihrem natürlichen Froſte herab. Wie lange wird das ſo dauern? Er ſpricht jetzt öfter als vorher von ſei⸗ nen Ausſichten, von ſeiner Verbindung mit mir, die ihn, ſo ſagt er, zum glücklichſten Menſchen machen werde. Das kann ſeyn, nach ſeiner Art. Daß ihn aber eine abſchlägige Antwort nicht un⸗ glücklich machen würde, das weiß ich. Dazu iſt er viel zu beſonnen— viel zu ſelbſtſüchtig. Er hat ei⸗ ne eigene Philoſophie, die er Lebensweisheit nennt, die ganz für ihn, aber nicht eben ſo für andere, die mit ihm leben, ſeyn mag. Alles beginnet in dir⸗ ſem Syſteme vom Ich, und, was das Schlimm⸗ ſte iſt, er hat ſo viel Menſchenkenntniß und Er⸗ fahrung, daß er mir es ſchon ziemlich deutlich be⸗ wieſen hat, ſeine Philoſophie ſey, nur mehr oder weniger deutlich gedacht und ausgeführt, ſo ziem⸗ lich die Richtſchnur und Regel aller Menſchen. Ach, dieſe Erfahrungen, dieſe traurigen Beobachtun⸗ gen, deren Wahrheit ich unmöglich läugnen kann, tragen auch das Ihrige bey, mein Gefühl zu ver⸗ gällen, mir die Welt, in der ich lebe, verhaßt, und Wallnern zuweilen, ich möchte ſagen— fürch⸗ terlich zu machen. Ja, Thereſe,— fürchterlich! Denn welches wird mein Loos an der Seite die⸗ ſes Mannes ſeyn, der allen Glauben an Menſchen⸗ werth, an Tugend, an Kraft und Willen zum Gu⸗ ten, um des Guten willen, durch traurige Erfah⸗ rungen verloren hat? Oft zwar iſt's, als müßte ich ihn deßhalb bedauernz ich nehme mir dann vor, durch mein Betragen, durch die offene lau⸗ 100 tere Wahrheit meines Weſens wieder eine Mög⸗ lichkeit von Menſchenachtung in ſeiner erſtorbenen Bruſt zu erwecken. Das denke ich, und will an⸗ fangen, ihn mit zarter Schonung zu behandeln, und ſeinen verdüſterten Sinn durch Aufzählung von Beyſpielen guter, mehr als gewöhnlicher Men⸗ ſchen zu erheitern. Da bricht er plötzlich in ein lau⸗ tes Gelächter aus, ſagt ein Bonmot, oder macht einen unbedeutenden Spaß, und ich ſtürze auf ein⸗ mahl aus meiner Idealwelt ſehr unſanft in die Wirklichkeit herab. Und doch iſt er noch der Beſte von allen, die ich kenne, derjenige, der am meiſten Verſtand, brauchbare Kenntniſſe und feines Gefühl hat. Ach, ich werde nicht glücklich ſeyn! Aber ich werde ihn doch nach ſeiner Art glücklich machen, und das ſoll mir genügen. Die kommende Woche gehen wir auf's Land, das heißt, wir werden mit all unſerm ſtädtiſchen Geräuſche, Geſchleppe und Geziere das Gartenhaus der Schöndorf in H*** bewohnen. Da werde ich vielleicht noch weniger Muße haben, dir zu ſchreiben; denn die Lebensart in dieſen ſo⸗ genannten Landhäuſern iſt noch rauſchender, als in der Stadt. Doch kannſt du darauf rechnen, daß jede freye heitere Minute dir gewidmet ſeyn wird. —— Vier und vierzigſter Brief. Dieſelbe an dieſelbe. *** den 3. Junius 1798. Woe Bekanntſchaft habe ich gemacht? Wen habe ich geſehen und geſprochen? Seltig, Blums Jugendfreund, war auf vierzehn Tage von Le hierher gekommen. Seine Handelsverbindungen zogen ihn in das Schöndorf'ſche Haus. Ich hatte ihn nie geſehen; aber ſein Nahme war mir nur allzubekannt. Ich ſaß die vorige Woche, in ziem⸗ lich trübe Gedanken verſenkt, welche einige unan⸗ genehme Scenen mit Wallnern in mir erregt hat⸗ ten, bey der Abendgeſellſchaft im Garten, und ſah nicht von meiner Acbeit empor, als plötzlich der junge Schöndorf mir jemand vorſtellte, der, wie er ſagte, meine Bekanntſchaft zu machen wünſch⸗ te. Ich blickte auf, und ſah einen jungen Mann vor mir ſtehen, der, ohne im geringſten ſchön zu — 102 ſeyn, eine ſehr empfehlende Bildung hatte. Herr Seltig aus L'! ſetzte Schöndorf hinzu, und ich unbegreifliche Thörinn erröthete bis in die Finger⸗ ſpitzen, und war ſo verlegen, daß ich beynahe nichts zu antworten wußte. Indeſſen knüpfte ſich das Geſpräch bald an, und mir war, als ob ich einen theuren alten Freund nach langer Trennung und vielen Unglücksfällen wieder zum erſten Mahle ſähe. Die ganze Geſellſchaft reihete ſich nach dem Kaffehtrinken um die Spieltiſche. Ich ſpiele nicht gern, Liſette auch nicht; und ſo entfernten wir uns von den übrigen, und gingen mit Seltig und ein paar Männern die Alleen auf und ab. Blums Nahme wurde nicht genannt; aber ich fühlte wohl, daß Seltig mich beobachtete, und verſchiedene Ge⸗ ſpräche auf die Bahn brachte, um meine Auße⸗ rungen zu hören. Jetzt kam Wallner. Seltig faß⸗ te ihn ſcharf in's Auge, und verdoppelte ſeine Aufmerkſamkeit auf uns beyde. Mir war das ſehr ungelegen. Ich war ſchon vorher mit Wallnern unzufrieden geweſen, weil die Kälte, mit der er ſo viele Dinge überſieht, die mir heilig ſind, mich empörte. Dieſe Unzufriedenheit hatte ich ihm heu⸗ te Abends zeigen wollen, und nun mochte ich es doch vor Seltigs ſcharfem Späherblick nicht thun. Wie leicht hätte er meine Kälte gegen Wallnern * † — — 105— für Verſtellung, für falſche Scham vor ihm halten können! Doch war mir's in Seltigs Gegenwart, bey der traurigen Erinnerung, die er ſo lebhaft in meiner Bruſt erweckte, bey dem Unwillen über den kalten Weltmenſchen Wallner, und bey den ſchmerzlichen Vergleichen, die ſich unabläſſig mei⸗ ner Seele aufdrängten, beynahe nicht möglich, ihn warm und zutraulich zu behandeln. Das Beſtre⸗ ben, mich in dem gehörigen Gleichgewichte zu hal⸗ ten, die tauſend ſtreitenden Gefühle, welche ſich in meinem Herzen kreuzten, ermüdeten endlich meinen Geiſt; ich fühlte meine Lebhaftigkeit dahin ſchwin⸗ den, und eine unausſprechliche Wehmuth ſich mei⸗ nes ganzen Weſens bemächtigen. Wir hatten uns auf die Teraſſe geſetzt, von wo wir den aufgehen⸗ den Mond gerade vor uns ſahen. Liſette bewun⸗ derte das ſchöne Schauſpiel mit einigen empfind⸗ ſamen Ausdrücken; denn das gute Mädchen, das von der Mutter eben nicht ſorgfältig erzogen wor⸗ den iſt, hat ihre meiſte Bildung aus Romanen. Wallner ſagte ein paar fade Scherze über den Mann im Monde. Ich ſaß ſtill, und hörte Seltig zu, der mit wahrem Gefühl und anſtändigem Feuer die Empfindungen äußerte, die die heitere ſchöne Nacht in ihm weckte. Ach, wie lange hatte ich keine ſolche Sprache mehr gehört! Und zu welcher ganz an⸗ — 104— dern Zeit, in welcher ganz anderen, ſeligen Lage hatte ich aus einem theuren Munde oft ähnliche Bemerkungen gehört! Dieſer Gedanke wurde ſo lebhaft in mir, daß meine Thränen hervorbrachen. Ich bückte mich, als ob ich was aufzuheben hätte, und ließ durch dieſe Bewegung den zurückgeſchla⸗ genen Schleyer über mein Geſicht herabſinken, um meine naſſen Augen zu verhüllen; ich fühlte mich unbeſchreiblich unglücklich. So verging der erſte Abend. Seltig war ein paar Tage darauf zu uns zu Mittag gebethen. Er kam, und ich weiß nicht, ob ich mich täuſchte; aber es ſchien mir, er begeg⸗ ne mir mit mehr Achtung als das erſte Mahl, wo ſein Ton gegen mich etwas leicht, kalt, und zuwei⸗ len ſcharf geweſen war. Nach Tiſche fuhren wir nach dem benachbarten fürſtlichen Garten. Seltig war mein Führer, weil Wallner nicht gegenwär⸗ tig war. Wir ſprachen recht herzlich über verſchie⸗ dene Gegenſtände. Es war mir, als ob ich Seltig ſeit Jahren kennte, ſo ohne Zurückhaltung und mit aller Wärme meines Herzens konnte ich mit ihm reden, und keine Furcht, mißverſtanden oder belächelt zu werden, ſtörte den ſüßen Genuß. Seit langer Zeit hatte ich das Vergnügen eines offenen freundſchaftlichen Umganges entbehrt, und nur in Briefen an Dich hatte ſich mein Herz ergießen kön⸗ — 105— nen. Mir war unbeſchreiblich wohl; und doch war dieſe Freude mit einer Art von Wehmuth gemiſcht, die ich zu unterdrücken nicht vermochte. Und wie iſt es Ihnen möglich, ſagte Seltig auf einmahl, nachdem wir über die geräuſchvolle Le⸗ bensart in dieſem Hauſe und über den wenigen Genuß, den ſie Trotz ihrer Koſtbarkeit und ihrem Glanze dem Herzen gewährt, geſprochen hatten— wie iſt es Ihnen möglich, das alles mitzumachen? Warum verlaſſen Sie den Strudel nicht, der die Kräfte Ihres Geiſtes und Körpers aufzehrt?(Ich hatte ihm geſagt, daß ich ſeit einiger Zeit einige Abnahme meiner Geſundheit fühlte.) Warum zie⸗ hen Sie ſich nicht zurück? Warum kehren Sie nicht wieder zu den einfachen Freuden der Natur und eines ſtillen Lebens, in dem Ihnen gewiß wohl ſeyn würde? Dieſe Frage traf mein Innerſtes. Ich war erſchüttert. O ich hätte in Thränen aus⸗ brechen, und ihm den unglücklichen Zuſtand mei⸗ nes Gemüths entdecken mögen; aber Scham und Furcht, mißverſtanden zu werden, hielten mich ab. Herr Seltig! ſagte ich nach einer ziemlich langen Pauſe, während welcher er mich genau betrachtete: Ich glaube, man muß die Frenden der großen Welt entweder nie genießen, oder nie verlaſſen. Der übergang von ihnen zu de einfachen Freu⸗ den des ſtillen Lebens und der Natur iſt ſehr ſchwer. Man macht ihn gewöhnlich nur an der Hand der Liebe oder der Neue. Vor der zweyten Art wird mich Gott bewahren, und die erſte hängt nicht von uns ſelbſt ab. Ich ſah zu Boden; denn ich hätte ſeinen Blick nicht ertragen können. Er antwor⸗ tete mir nichts, es ſchien, als wäre es ihm leid⸗ dieſen Punkt berührt zu haben; denn er ſing bald darauf ein ganz verſchiedenes Geſpräch über einen gelegentlichen Gegenſtand an, aber in meinem Her⸗ zen blieb der Stachel zurück, den er ſo unbarm⸗ herzig in dasſelbe gedrückt hatte. Was kann ich denn thun? Welche Bahn bleibt mir offen, als mich von dem Strome forttreiben zu laſſen, der alles um mich her mit ſich reißt? Es iſt wahr, ich bin nicht glücklich, und ich fühle tief, daß, ſo reitzend mir dieſe Vergnügungen auch einige Zeit ſchienen, ſie mir doch keinen wahren Genuß ge⸗ währen können. Die lange Weile verfolgt mich überall, und wenn ſie mich ergreift, dann folgt der Schmerz der Erinnerung auf dem Fuße nach. um ihnen zu entgehen, ſtürze ich mich in den rau⸗ ſchenden Wirbel der Unterhaltungen, und ergreife jede Gelegenheit, mich zu zerſtreuen, mich mir ſelbſt zu entfremden. Ich merke, daß meine Ge⸗ ſundheit darunter leidet, aber— zürne nicht, — 16— Schweſter! ich weiß, daß es unrecht iſt— aber ein geheimes Gefühl macht, daß ich mich darüber nicht betrüben kann. Was liegt daran, ob dieß zweckloſe Daſeyn früher oder ſpäter endige, und der Faden der unbedeutenden Tage um einige Um⸗ ſchwünge ſchneller bricht! Le wohl! Rächſtens mehr von Seltig. Fünf und vierzisſter Brief. Ludwig Seltig an Ferdinand Blum. L** den 16. Junius 1798. J habe lange bey mir überlegt, ob ich Dir wohl ſchreiben ſollte, was ich dieſe Tage hin⸗ durch erfahren und bemerkt habe. Ich habe alle Dafür und Dawider erwogen, und endlich gefun⸗ den, daß die Wahrheit, wenn ſie auch ſchmerzt, immer und in jedem Falle dem ſchmeichelnden Schei⸗ ne vorzuziehen ſey, und daß die Furcht, meinem Freunde unnütze Reue zu erwecken, bey dem ge⸗ ringſten Schimmer von Möglichkeit, das ganze Le⸗ bensglück einer würdigen Perſon zu retten, in kei⸗ nen Betracht kommen dürfe. Poll von dieſer über⸗ zeugung ſetze ich mich nieder, Dir zu ſchreiben, und bitte Dich nur, lieber Ferdinand, wenn mein Brief Dich ſchmerzt, wenn ich gezwungen bin, alte Wun⸗ den Deines Herzens aufzureißen, und ihm viel⸗ leicht noch neue zuſchlagen, Dich an unſere Freund⸗ ſchaft zu erinnern, und keinem Grolle, keinem Arg⸗ 7 109 wohne oder Unwillen gegen mich in Deinem Her⸗ zen Naum zu laſſen, gegen mich, der, das ſchwöre ich bey der heiligen Erinnerung an unſere ſeligen Jugendtage, jeden Schlag doppelt mit empfindet, und bey jedem Vorwurfe zittert, den er Dir ma⸗ chen muß. Ich habe Leonoren kennen gelernt. Ich weiß, daß Deine Seele bey dieſem Nahmen bewegt wird. Einige Geſchäfte machten meinen Aufenthalt in *** nöthig. Ich benützte dieſe Gelegenheit, die ehemahlige Geliebte meines Freundes kennen zu lernen, auf welche mich Deine Liebe und Dein Schickſal außerordentlich aufmerkſam gemacht hat⸗ ten. Ich ließ mich bey Schöndorf aufführen, wo es wahrlich nicht ſchwer iſt, Zutritt zu erhalten, und fand das ganze Haus gerade ſo, wie ich es mir gedacht hatte. Der junge Schöndorf ſtellte mich auf mein Verlangen Leonoren vor. Aber wie erſtaunte ich, ſie ſo zu finden! Du weißt, ich habe ſie nie gekannt; und meine Seele hatte ſich das Bild ei⸗ nes ſchönen, blühenden, munteren Mädchens mit einem großen Antheile Leichtſinn, Eigenliebe, Ei⸗ telkeit u. ſ. w. entworfen. Nun ſtand ich plötzlich vor einer feinen, ſchlanken Geſtalt, mit angeneh⸗ men Zügen, denen eine zarte Bläſſe und ein leich⸗ ter Schatten von Gram etwas ungemein Anziehen⸗ — 110— des gaben. Sie bewillkommte mich mit ſichtlicher Beſtürzung, und eine hohe Röthe ergoß ſich über ihr Geſicht. Ich ſprach einige gleichgültige Dinge mit ihr, und nahm mir vor, ſie genau zu beobach⸗ ten. Ich fand ein anſpruchloſes, höchſt anſtändiges Betragen, keine Spur von Coquetterie, zuweilen, wenn ſie ſich unbemerkt glaubte, ſinnenden Ernſt in den Zügen und beſonders in dem düſtern Blick ihrer blauen Augen, ſonſt eine ruhige Heiterkeit und ein ſtilles, beſcheidenes Weſen. Wie verſchie⸗ den war dieſe Erſcheinung von dem Bilde meiner Phantaſie! Ich begegnete ihr mit kalter Höflich⸗ Leit, in die ſich unwillkührlich aus Liebe zu Dir zuweilen etwas Schneidendes miſchte; denn ich hat⸗ te große Vorurtheile gegen ſie. Sie zeigte keine Empfindlichkeit, kein Zeichen gereitzter Eitelkeit; aber ich ſah, daß ſie ſich Mühe gab, eine ſchöne Wärme, die ſie zu einem offenen Betragen gegen mich hinzureißen ſchien, zu unterdrücken, und eine gelaſſenere Stimmung zu erkünſteln. Ihr Liebha⸗ ber, jener Baron Wallner, kam jetzt, und meine Neugierde ſtieg. Er drängte ſich auffallend an ſie, und ſchien ſich ihrer und ihrer Unterhaltung aus⸗ ſchließlich bemächtigen zu wollen. Sie vereitelte dieß ohne Affectation, und ohne der zarten Achtung zu nahe zu treten, mit der ſie ihm überhaupt be⸗ — 111— gegnete; doch glaubte ich deutlich zu ſehen, daß ſie nur ſich ſelbſt und ihre Wahl in ihm ehre. Meine Achtung gegen ſie ſtieg unwillkührlich mit jeder Minute; aber ich gab mir ordentlich Mühe, das Gute nicht zu ſehen, und nur das Böſe oder viel⸗ mehr Verkehrte an einem Mädchen zu bemerken, das meinen Freund auf eine ſo unverzeihliche Art gekränkt hatte. Wir waren in den Garten gegan⸗ gen. Der Mond ſtieg gegen über hinter den Bäu⸗ men empor, das ſchöne Schauſpiel riß mich hin, ich benützte dieſe Gelegenheit, ich ließ meiner Em⸗ pfindung freyen Lauf, und bediente mich einiger Ausdrücke, die ich Dich bey Deinem heißen Ge⸗ fühle in ähnlichen Gelegenheiten hatte brauchen hören. Sie wurde auffallend ſtill; ſie ſeufzte, ließ den Schleyer über das Geſicht fallen, und konnte doch meinem ſcharfen Blicke die Thräne nicht ver⸗ bergen, die in ihrem Auge glänzte. Mit einem Herzen voll unwillkührlichen Antheils und einem Kopfe voll Zweifel kam ich nach Hauſe. Und das ſoll das leichtſinnige, nur an Zerſtreuungen han⸗ gende Mädchen ſeyn, dachte ich, das im Stande war, heilige alte Bande mit ſträflicher Gedanken⸗ loſigkeit zu zerreißen, und ſich einem verführeri⸗ ſchen Wüſtling in die Arme zu werfen, bloß weil dieſer ihrer Eitelkeit und ihrem Hange zur Zer⸗ — 112— ſtreuung ſchmeichelte? Ich konnte nicht einig mit mir werden, und verſchob die Berichtigung meines urtheils auf meine nächſte Zuſammenkunft. Zwey Tage darauf war ich bey Schöndorf zu Tiſche ge⸗ bethen. Leonore empfing mich mit ſichtbarer Freu⸗ de, wie man einen alten Freund empfängt. Ein gutes Zeichen! dachte ich. Würde ſie wohl den Muth haben, den innigſten Freund ihres ehemahligen Ge⸗ liebten mit dieſer Offenheit zu empfangen, wenn ſie ſich einer großen Schuld gegen dieſen bewußt wäre2 Wallner war nicht zugegen, und ſie war heiterer und theilnehmender als neulich, wo ſeine Gegenwart ihr einigen Zwang anzulegen ſchien. Auch dieß geſiel mir. Nach Tiſche ward ſpatzieren gegangen. Ich führte Leonoren, ich brachte ver⸗ ſchiedene Gegenſtände auf die Bahn, Gegenſtände, die nur ein unverdorbenes Gefühl, ein reines Herz mit Wärme umfaſſen kann. Sie that dieß, ſie ſprach mit inniger Theilnahme, oft mit Rührung, noch öfter mit verhaltener Wehmuth. Sie geſtand mir, daß die Freuden der Welt für ſie gar keinen Reiz mehr hätten, daß die Lebensart im Schöndorfſchen Hauſe immer weniger für ſie paſſe, ja daß ſie die nachtheiligen Folgen derſelben für ihre Geſundheit, die mir überhaupt ſehr zart und kränklich zu ſeyn ſcheint, fühle. Aber als ich ſie aufforderte, dieſer —— S 3— Lebensart zu entſagen, erklärte ſie mir die Unmög⸗ lichkeit dieſes Schrittes mit einer Reſignation, und unterdrückter Wehmuth, die mich tief rührten. Ich ſah ſie dann noch ein paar Mahle, und fand ſie ſich immer gleich, ohne Spur von Verſtellung oder Eitelkeit; ja auch ſogar vom Leichtſinn— dem ein⸗ zigen Fehler, den ich ihr, nach Deinen Briefen über ſie, vorwerfen zu müſſen glaubte— möchte ich ſie, wenigſtens jetzt, freyſprechen. Ob Du noch in ihrem Herzen lebſt, wage ich nicht zu entſcheiden. Dein Nahme wurde nicht ge⸗ nannt, und ich hüthete mich vohl, Deiner zu er⸗ wähnen. Denn wozu hätte es dienen ſollen? Liebt ſie Dich noch, ſo wäre es unedel geweſen, die Wun⸗ de wieder aufzureißen, und hat ſie Dich bereits ver⸗ geſſen, ſo konnte die Erinnerung an ſolche Verhält⸗ niſſe ſie nur in eine unangenehme Verlegenheit ſe⸗ tzen. Daß ſie ſich aber keiner großen Schuld gegen Dich bewußt iſt, und daß ſie vielleicht— ich ſage nur vielleicht; denn auch hierüber habe ich keine Gewißheit— ſich von Dir gekränkt oder ſogar ver⸗ laſſen glaubt, iſt ſehr wahrſcheinlich. Auf jeden Fall iſt ſie jetzt nicht glücklich, und wenn ſie dem Dran⸗ ge ihrer Umſtände folgt, und Wallnern ihre Hand reicht, gewiß unglücklich. Sie ſcheint das ſehr be⸗ ſtimmt zu fühlen; aber Zartgefühl und eine ängſt⸗ Leon. II. Th. 3 liche Redlichkeit, die man ihr wahrlich nicht zum Fehler machen kann, werden ſie hindern, zurück zu treten, und wenn in dieſer Verlegenheit kein treuer Freund ſich ihrer thätig annimmt, ſo wird ſie ein Opfer mißgünſtiger Umſtände und argliſtiger Men⸗ ſchen, die ihre ſchwache Seite kennen und benutzen. Aber wozu ſchreibſt du mir das? Warum muß ich das wiſſen? rufſt Du jetzt vielleicht unwillig aus: Soll ich handelnd eingreifen? Soll ich, der Verſchmähte, Zurückgeſetzte jetzt plötzlich auftreten, ſie warnen, alte Anſprüche geltend machen, und vielleicht, wenn ſie mich längſt vergeſſen hat, mit kalter Höflichkeit in die Schranken zurück gewieſen werden, die ich nicht hätte verlaſſen ſollen? So ſprichſt Du ſicher. Mir iſt's, als hörte ich Dich ſchon. Aber Geduld, Lieber! Ich verlange Deine Mitwirkung nicht. Du ſollſt nur darum wiſſen; denn Deine Verhältniſſe zu mir machenmeineSchrit⸗ te bedeutender, als ſie ſonſt wären, und man wird Dich vielleicht nicht ſo theilnahmlos glauben, als Du wirklich biſt. Darum ſollſt Du wiſſen, was ich zu thun geſonnen bin, und es ſteht dann bey Dir, mir zu geſtatten, oder zu verbiethen, ob und in wie fern ich Dich in's Spiel miſchen ſoll. Ich habemich bereits nach allen Umſtänden bey unparteyiſchen Perſonen erkundigt, die von der Sache wiſſen konn⸗ ten ſch habe Dinge erfahren, die Levnoren nicht bekantt ſeyn können, weil man ſie ihr gefliſſentlich verbarg, und die ſie doch wiſſen ſollte. Ihr Vor⸗ mund iſt ein elender, eigennütziger Wicht, und Wall⸗ ner einer der lockerſten Burſche, der bis über die Ohren in Schulden ſteckt. Ich muß Leonoren ſchrei⸗ ben, ich muß ihr ihre ganze Lage, alle Folgen ihres Schrittes vorſtellen— gebethen habe ich ſie ohne⸗ dieß ſchon bey meinem Abſchiede, ſich nicht zu über⸗ eilen, und ihre Antwort zeigte mir, daß ſie meine verblümte Bitte wohl verſtanden hatte— und ihr geradezu abrathen. Bey einem gewöhnlichen Mäd⸗ chen würde ich das nicht wagen. Bey Lepnoren lau⸗ fe ich keine Gefahr, und ich werde dem Briefe alles anvertrauen, was ich weiß, ohne die geringſte Sor⸗ ge, daß ſie fähig wäre, einen Mißbrauch davon zu machen. Das iſt mein Plan, und ich theile Dir ihn vorläufig mit. Vielleicht bekomme ich noch Deine Antwort, ehe ich meinen Brief an das unglückliche, liebenswürdige Mädchen abſende; denn es fehlen mir noch ein paar Belege, die ich nothwendig brauche. Eile alſo, mir zu ſchreiben, mir Deinen Entſchluß in dieſer Sache bekannt zu machen, und zugleich mein Herz zu beruhigen, das über den Kummer, den ich Dir vielleicht mache, ängſtlich ſchlägt. Zür⸗ ne mir nicht, und lebe wohl! ——— 6* Sechs und vierzigſter Brief. Baron Wallner an den Grafen Feldern. *** den 20. Junius 1798. De⸗ ſage ich Dir, Brüderchen! wenn meine Schöne nicht bald Ernſt macht, ſo geht meine Ge⸗ duld zu Ende, und unſere Heirath in die Brüche. Das halte der Teufel aus! Ich kann es nicht mehr länger. So ein ganzes Jahr hindurch zärtlich, em⸗ pfindſam, gewiſſenhaft und züchtig zu thun, wenn man ſo gar nichts von dem allen im Grunde des Herzens iſt, und dieſe Rolle bey einem außeror⸗ dentlich zartfühlenden, und, Trotz ſeiner anſchei⸗ nenden Unerfahrenheit in dieſem Puncte ſchlauen Geſchöpfe zu ſpielen, das mir auf alle Worte lau⸗ ert, alle meine Blicke bewacht, und aus jedem Zwei⸗ fel ſaugt— ich ſage Dir, Feldern, es iſt eine ent⸗ ſetzliche Aufgabe, die man nur unternehmen kann, wenn man das glänzende Ziel mit den hundert — 117— tauſend Gulden immer im Geſicht behält. Auch hat ſie ſchon ſeit einiger Zeit angefangen, Unrath zu merken, z. B. in den Geſellſchaften bey der Valſin, wo es denn, wie Du weißt, nicht eben gar klöſter⸗ lich zugeht, und wo ein vernünftiger Menſch, wie unſer eins, ſonſt ganz in ſeinem Elemente war. Wenn mir da unglücklicher Weiſe in einem An⸗ falle von luſtiger Laune ein muthwilliger Scherz, oder eine kleine Zweydeutigkeit entwiſcht: hilf Him⸗ mel! da ſollteſt Du ſehen, wie ſie die Naſe rümpft, wenn wir allein ſind, mir den Tept lieſt, und mich herunter macht, gleich einem Schulknaben, daß ich alle meine Geduld und die Erinnerung analle mei⸗ ne dringenden Schulden zu Hülfe nehmen muß, um ihr den Handel nicht auf der Stelle aufzuſagen. Freylich iſt es mir noch jederzeit gelungen, ſie wie⸗ der zu verſöhnen; aber ich merke doch, daß jeder ſolche Vorfall ihre Neigung zu mir, die,(die Wahr⸗ heit zu geſtehen) nie recht groß war, wieder um ein Merkliches abgekühlt hat. Indeſſen wäre noch alles leidlich gegangen, wenn nicht mein Unſtern einen gewiſſen Seltig, den treuen Pylades ihres noch immer nicht vergeſſenen alten Liebhabers, nach*** und in das Schöndorfſche Haus geführt hätte. Das iſt gerade ſo ein Menſch von ihrem Schlage, ein ſo rechtlicher, ſo ernſthafter und ſtrenger Pedant, ———— daß einem halbweg vernünftigen Mädchen die Zeit bey ihm zum Sterben lang würde. Aber das war Waſſer auf Leonorens Mühle. Zuerſt konnte ſie ſich wieder recht nach Herzensluſt in jene langwei⸗ ligen Zeiten hinein träumen, von denen ſie ſo oft, und ſogar mit mir ſich unterſteht, wie von einem Arkadien zu ſprechen, aus dem ſie ihr grauſames Geſchick verſtoſſen habe, und zweytens war er gans der Mann, ihre Mondſcheinsphiloſophie und ihre ſchwärmeriſchen Ausbrüche geduldig anzuhören und zu beantworten. Ich ſage Dir, Feldern⸗ ich glaubte an jenem Abend, den wir mit dem Monſieur im Garten zubrachten, der Teufel müſſe mich hohlen über allen den empfindſamen Unſinn, den ſie da um die Wette auskramten! Das Urgſte war, daß ich nicht allein nicht lachen oder ſpotten, daß ich ſogar zum Theil den närriſchen Leuten Recht geben muß⸗ te, um nicht für ein verruchtes Weltkind zu gelten. Seit dem unſeligen Beſuche dieſes Menſchen iſt Leonore noch reizbarer, und, was das Schlimmſte iſt, noch kälter gegen mich geworden. Wie ich ſage, ich habe alle Mühe von der Welt⸗ die Sache nur ſo leidlich im Geleiſe zu erhalten; und wenn ich ſie nicht bald dahin bringe, mir die Hand zu rei⸗ chen, ſo weiß ich nicht, wie das noch enden wird. Doch gebe ich noch nichts verloren. So lang unſere ſchwindſüchtige Lieb⸗ einen Funken Leben hat, habe ich auch noch Hoffnung; aber klein, klein iſt dieſer Funke, das muß ich geſtehen, und es gehört viel Kunſt dazu, ihn am Leben zu erhalten. Bey Kelm geht es, wie ich dachte, oder auch nicht ganz ſo, wie ich dachte; denn Juliane, kaum ſeit zwey Monathen verheirathet, dringt ſchon jetzt auf die Scheidung. Er hat es aber auch ein bißchen zu arg gemacht, und Madame Hellmann beträgt ſich mit einem übermuthe, den kein Weib, viel we⸗ niger Juliane dulden kann. Ich weiß wohl, was Kelm dabey für Abſichten hatte. Er dachte ſeiner Frgau, deren Herrſchſucht er kannte, das neue Jahr, wie man ſagt, abzugewinnen; aber er hat vergeſ⸗ ſen, ihren Stolz, und manche andere wirklich ſchätz⸗ bare Eigenſchaft in Anſchlag zu bringen. Er hat ſie behandelt wie ein gemeines Weib, und das iſt Juliane nicht. überhanpt iſt es ein Fehler, in den ſo viele meines Geſchlechts fallen, die ſich doch rüh⸗ men, die Welt und die Weiber zu kennen, daß ſie ſie alle nach Einem Maßſtabe behandeln, ohne auf die tauſenderley Verſchiedenheiten zu achten, welche Lage, Erziehung, ſelbſt angenblickliche Verhältniſſe in dieſen zarten leicht beweglichen Weſen hervor⸗ bringen, und welche ſogar die allgemeinen Ge⸗ ſchlechtsfehler unter tauſenderley durch dieſe Ver⸗ — 120— ſchiedenheiten oft ganz unkenntlichen Geſtalten er⸗ ſcheinen machen. Doch ich ſehe Dich lachen über mein Auskramen von Theorien und Syſtemen, während mich die meinigen ſelbſt zu verlaſſen ſcheinen. Aber Leonore iſt auch ein ganz eigenes 1 Weſen, auf welches gewöhnliche Beobachtungen nicht paſſen, und das eine ganz eigene Behand⸗ lung erfordert. Und habe ich ſie denn ſchon verlo⸗ ren? Richts weniger als das, mein Freund! Viel⸗ mehr hoffe ich mit Grund, es ſoll mir nicht daran fehlen, irgend einen überraſchenden Theaterſtreich zu erſinnen, der ſie plötzlich aufſchreckt, und mir in die Arme jagt. Wenn alles fehlt, werde ich ſter⸗ benskrank, und auf dem Todbette werden Mitleid und Zartgefühl ſie bewegen, mir ihre Hand zu geben. Sieben und vierzigſter Brief. Leonore von Brandner an Thereſe von Friedberg. HP** den 28. Junius 1798. Jꝙ habe Dir jetzt kange nicht geſchrieben; aber Du wirſt mich gern entſchuldigen, wenn Du die Urfache hören wirſt. Ich war dieſe ganze Zeit über öfter nicht wohl, ohne eben beſtimmt krank zu ſeyn. Der Arzt nannte mein Ubel Krämpfungen, Ner⸗ venſchwäche, und erklärte, daß es nicht im minde⸗ ſten gefährlich wäre. Das mag ſeyn; ich war auch nicht im geringſten beforgt. Aber das iſt auch ein Leiden, das ich in den ſeligen Tagen meiner ſtillen frühen Jugend nicht kannte, und das, wie der Arzt und meine eigene Erfahrung ſagen, größten Theils von der unregeimäßigen Lebensart herrührt, die aus Tag Nacht, und aus Nacht Tag macht, und die Kräfte des Geiſtes durch allzugroße Zerſtreu⸗ ung, durch allzugeſuchte Koſt und raſtloſes Herum⸗ treiben aufreibt. Ja, meine Schweſter, ich ſehe immer mehr und mehr ein, was Du mir ſo oft ſagteſt: weder mein Herz noch meine Geſundheit iſt für das Taumelleben gemacht, das ich führe; aber dennoch würde dieſe gewiß nicht ſo ſchnell untergraben worden ſeyn, wenn jenes, von keinem innern Gram zerriſſen, mir verſtattet hätte, die Freuden und Zerſtreuungen unbefangen und froh zu genießen. Ich habe mit Wallnern wieder ſehr unange⸗ nehme Auftritte gehabt. Der Ton bey der Valſin wird immer lauter, immer freyer. Eine Zeit lang hielt ſich Wallner ſo ziemlich zurück, zum minde⸗ ſten in meiner Gegenwartz aber je lauer ſeine Lie⸗ be wird, je weniger vermag ſie dem wahren Hau⸗ ge ſeines Herzens zu widerſtehen, und er ſtimmt oft mit voller Seele in die ſittenloſen zweydeuti⸗ gen Scherze und Geſpräche ein, die man ſich häu⸗ ſig dort erlaubt. Ich habe ihm Vorwürfe darüber gemacht, aber nichts damit erhalten, als Lachen und Spott über meinen Hang zur Schwärmerey; und bey der Gelegenheit enthüllte er eine Art, über unſer Geſchlecht und die Welt zu denken, daß mir davor ſchauderte. Ich bezeigte ihm meinen Abſcheu vor ſolchen Grundſätzen; er trieb eine Weile Poſ⸗ ſen. Ich machte ihm heftige Vorwürfe, und konnte mich der Thränen nicht ganz enthalten; da ſtürzte er plötzlich vor mir auf die Knie, und verſicherte mich mit einem Tone, der unmöglich ganz Heu⸗ cheley ſeyn konnte, daß er mich wirklich verehre, daß ihm meine Denkart Hochachtung einflöße, daß er aber bedaure, mich die Welt aus einem ſo phan⸗ taſtiſchen Geſichtspunkte betrachten zu ſehen, den mir Zeit und Erfahrung gewiß einſt ſehr unſanft verrücken würden. So endigte dieß Geſpräch, oh⸗ ne daß ich ihm zürnen konnte, aber auch ohne daß er mich gerührt oder näher an ſich gezogen hätte. Indeß iſt mein Vorſatz, den Umgang mit der Val⸗ ſin nach und nach aufzuheben, beſonders da die Hauptabſicht, die mich hinzog, aufgehört hat. Li⸗ ſette hat, weil ihre Mutter immer zögerte, auf meinen Nath mit ihrem Vater geſprochen, und ihn viel geneigter gefunden, als das arme Mäd⸗ chen dachte. Er hat nichts wider Seefelds Perſon, ja er ſchätzt und ehrt ſeine Sitten, ſeinen Charak⸗ ter, und hat ihr erlaubt, ihn zuweilen im Hauſe zu ſehen, nur mit der nöthigen Vorſicht und ohne Aufſehen, damit die Sache nicht früher kund wer⸗ de, ehe der junge Mann ſo viel erwerben wird, um ihr ſeine Hand mit einer ſtandesmäßigen Ver⸗ ſorgung zu biethen. Liſette iſt ganz entzückt und höchſt zufrieden. Ich wäre es nicht an ihrem Platze. — 124— Denn was heißt das Ganze? Seefeld ſteht jetzt ſchon ſo gut, daß er mit einem Mädchen, das ei⸗ genes Vermögen beſitzt, und nicht unmäßige For⸗ derungen macht, ſehr bequem leben könnte. Aber das iſt dem Glanz und Pracht liebenden Vater zu wenig. Das Glück des jungen Paares muß alſo verſchoben, ihre Liebe vor der Welt verborgen werden, damit, wenn vielleicht während der Zeit ſich ein reicherer Freyer fände, dieſer durch kein Stadtgerücht abgeſchreckt werde, und die köſtliche Waare immer für den Meiſtbiethenden aufgeho⸗ ben bleibe. Kommt keiner, und hat Seefeld mit der Zeit einen höheren Rang und mehrere Ein⸗ künfte, ſo mag er ſie hinnehmen! Welche nie⸗ drige Spekulation! Welche grauſame Art, mit dem Wohl ſeiner Kinder zu ſpielen! Liſette iſt aber glücklich wie eine Königinn; und ſo bin ich denn auch zufrieden, um ſo mehr, da ich nicht nöthig habe, zu Valſin zu gehen. Seltig iſt abgereiſt. Zwey Tage vorher war er bey uns, um Abſchied zu nehmen. Er betrug ſich ſo achtungsvoll, ſo freundſchaftlich gegen mich, daß es mir unausſprechlich wohl that. Er iſt ein edler guter Mann, ein trefflicher Vater und Gatte. Mit welcher Innigkeit ſprach er von ſeinen Lieben⸗ mit welcher ſchönen und unüberſpannten Sehn⸗ — — 125— ſucht von dem Vergnügen, ſie bald wieder zu um⸗ armen! Wie reizend ſtellte ſich bey dieſem Geſprä⸗ che das Glück des häuslichen Lebens, dieſes allzu ſchöne Phantom, meiner Seele dar! Seltigs Wär⸗ me, mit der er davon ſprach, erweckte meinen Glau⸗ ben daran auf's neue. Ach, in dem Cirkel der gro⸗ ßen Welt wäre ich beynahe zu der überzeugung gelangt, daß es auf Erden nirgends anzutreffen ſey, und für mich iſt's auch auf ewig verloren! Seltig erwähnte ſeines Freundes nie, und ich hät⸗ te doch ſo gern, ſo gern gewußt, wie es ihm geht, was er macht, ob er recht glücklich iſt, ob er— ach, ich hätte tauſend Fragen gehabt, und durſte nicht Eine wagen. Endlich verſuchte ich doch Eine, die von fern Bezug darauf hatte. Ich fragte ihn, ob er nicht bey Frau von Leſſert geweſen ſey? Frau von Leſſert? ſagte er fragend, als ob er ſich erſt beſinnen müſſe, wer das ſey. Ah, Blums Tante! ſagte er endlich: Nein, da war ich nicht. Was ſoll⸗ te ich dort? Ich bin kaum bekannt, und meine Zeit iſt genau zugemeſſen. Fräulein Babette iſt ein ſchönes artiges Mädchen, ſetzte ich ziemlich thöricht hinzu. Glauben Sie wohl, antwortete er, daß das genug iſt, um mich anzuziehen? Ich dächte doch, Sie hätten eine beſſere Meinung von mir. Sieh⸗ Thereſe, dieſe Kälte und Fremdheit gewährte mir thörichtem Geſchöpfe eine unausſprechliche Beru⸗ higung. Schilt mich nicht! Ich fand Grund dar⸗ in, zu hoffen, ja liebe Schweſter, zu hoffen, daß Blums Liebe zu ſeiner Couſine doch nicht ſo warm feyn müſſe, als ich mir dachte. Würde Seltig denn nicht die Geliebte ſeines Freundes beſuchen? Wür⸗ de ihm nicht ihr Nahme geläufiger ſeyn? O, dieſe Bemerkung, ſo geringfügig ſie vielleicht ſcheinen mag, ſo wenig ſie mir in meiner Lage nützt, mach⸗ te mich auf einige Augenblicke ſehr glücklich. Beym Fortgehen ſagte mir Seltig, er ſcheide mit ganz andern Ideen von mir, als mit denen er mich ken⸗ nen gelernt habe, er wünſche, daß ich recht glück⸗ lich ſeyn möge, und er bäthe mich nur, einen Ent⸗ ſchluß nicht zu übereilen, der gewiß nicht zu mei⸗ nem Glücke führen würde. Was kann er wohl an⸗ ders meinen, als meine Verbindung mit Wall⸗ nern? O, ich habe ohnedieß nicht Luſt, dieſe Ban⸗ de ſo ſchnell auf mich zu nehmen; und hätte ich ſie auch, ſo würde Seltigs Iußerung ein großes Ge⸗ wicht in die entgegengeſetzte Schale legen. Wallner wird zwar immer dringender; aber ich kann und werde mich nicht ſobald dazu entſchließen. Leb wohl! Acht und vierzigſter Brief. Dieſelbe an dieſelbe. E⸗ iſt vorbey, es iſt beſchloſſen! Ich kann Wall⸗ ners Gattinn nicht werden. Dieſer Entſchluß, der lange ſchon dunkel im Innerſten meiner Seele lag, der ſo ganz mit dem tiefſten Gefühle meines Her⸗ zens zuſammen ſtimmte, iſt nun durch eine Bege⸗ benheit, wie der Funke aus dem Steine, hervor⸗ geſchlagen, und ſteht unwiderruflich da. O meine Schweſter! Auf welchem Pfade taumelte ich ſor⸗ genlos dahin! Zu welchem Abgrunde führte mich der blumige, ſchlüpfrige Weg, auf welchen Zufall, böſe Menſchen und mein eigener Leichtſinn mich ge⸗ leitet hatten! Aber der Zanber iſt zernichtet, und das Laſter, die Sittenloſigkeit ſtehen in ihrer gan⸗ zen Päßlichkeit unverſchleyert vor mir. Eine Nacht hat hingereicht, um mir die Augen zu öffnen, H** den 6. Julius 1798. und mich mir ſelbſt wieder zu geben. Aber nun ſteht auch mein Entſchluß feſt. Fort, fort von dieſen Menſchen, aus dieſen magiſchen Kreiſen, aus die⸗ ſem betäubenden Gewühle, das die beſſeren See⸗ lenkräfte verderblich in Schlummer wiegt, damit das unbewachte Herz ein Raub der Verführung werde! Doch ich könnte noch lange ſo fortreden, ohne daß du mich verſtändeſt; und das ſollteſt du doch. Ich muß mich aber erſt ſammeln, und das empörte Gefühl ſich ſenken laſſen, ehe es mir mög⸗ lich iſt, dir die Begebenheiten der vorigen Tage in gehöriger Ordnung zu erzählen. Du weißt, daß ich mir vorgenommen hatte, ſeltener zu Valſin zu gehen. Ich that es auch, und vermied ſo viel, als ſich mit Anſtand thun ließ, ih⸗ re Geſellſchaft. Sie bemerkte dieß bald, und kam alſo vor einigen Tagen, mir Vorwürfe zu machen. Sie beklagte ſich über meine Kälte, über meine Vernachläſſigung ihrer Liebe mit einem ſo freund⸗ ſchaftlichen, zutraulichen Tone, daß es mir nicht möglich war, dieſem Weibe, dem jede Art, die Herzen zu gewinnen, ſo ſehr zu Gebothe ſteht, die wahre, natürlicher Weiſe beleidigende Urſache mei⸗ nes Wegbleibens zu ſagen. Ich ſchützte alſo einige Arbeiten und öftere Unpäßlichkeiten vor, und, da ſie von den letzteren gehört hatte, ſo fand ich, oder — 129— ſchien wenigſtens vollen Glauben zu finden. um aber nun, wie ſie ſagte, unſere Verſöhnung zu beſiegeln, und zu beweiſen, daß ich keinen Groll gegen ſie hege, ſollte ich ihr das Vergnügen nicht abſchlagen, mit ihr den folgenden Tag auf einen Ball nach M'*, eine Stunde von hier, zu fah⸗ ren. Was wollte ich thun? Um nicht unartig zu ſcheinen, willigte ich endlich, nach einigen Verſu⸗ chen, mich zu entſchuldigen, ein, und ſie verließ mich mit neuen Verſicherungen ihrer innigen Freundſchaft. Am andern Tage, nähmlich vorge⸗ ſtern gegen Abend, fuhr ſie um die beſtimmte Stunde bey uns vor. Ich hatte ſie ſchon erwartet, und eilte hinab; ſie kam mir auf der Hausflur entgegen, und ſah ſehr reizend aus. Ihr Haar war auf eine beſonders geſchmackvolle Art geord⸗ net; von ihrem Anzuge konnte ich nichts ſehen, weil ſie des Staubes wegen, eben ſo wie ich, in einen taffetenen Uberrock gehüllt war. Als wir vor das Thor traten, fand ich zu meinem nicht gerin⸗ gen Mißvergnügen die Herborn und den Grafen Van der Werth bey ihr im Wagen. Jetzt war in⸗ deß nichts mehr zu thun, als einzuſteigen. Es war mir ſchon nicht angenehm, auf dem Balle in Ge⸗ ſellſchaft der Valſin und ihres Galans zu erſchei⸗ neun; die Gegenwart dieſer Herborn aber war mir Leon. II. Th. 9 unbeſchreiblich widerlich. Ich war unzufrieden, und folglich ſehr ſtill. Die Valſin bemerkte es, und befragte mich. Ich ſchützte leichten Kopfweh vor, und wir kamen zum Balle. Stelle dir mei⸗ nen Verdruß vor, als hier beym Eintritt in das Vorzimmer meine beyden Begleiterinnen die über⸗ röcke abwarfen, und nun in einer zwar reizenden, aber ſo freyen, ſo unverſchämten Nymphen⸗ tracht vor mir ſtanden, daß mir ihr Anblick das Blut in's Geſicht jagte. Wir hatten auch kaum den Saal betreten, als ein Heer von Stutzern, von galanten und lockern Burſchen und Männern ſich um uns ſammelte, die beyden Damen mit kühnen Schmeicheleyen überhäufte, und mich, weil ich in ihrer Geſellſchaft war, auf gleiche Art zu behan⸗ deln anfing. Vergebens rief ich alle Würde, deren mein Außeres fähig war, auf, um dem ausgelaſ⸗ ſenen Schwarm Achtung zu gebiethen. Ich erregte im Anfange nur Lächeln; aber endlich bewirkte ich doch ſo viel, daß ſie mich als abgeſchmackt in Ruhe ließen. Jetzt kam Wallner. Ich betrachtete ihn, wie einen vom Himmel Geſandten, und hoffte thö⸗ richter Weiſe unter ſeinem Schutze ſicher zu ſeyn; aber der ſittenloſe Ton war nur zu verwandt mit ſeiner eigenen Denkart, und er ſtimmte mit voller Seele ein. Nun war ich ganz verlaſſen. Ich tanzte hbbche nicht, fühlte Langeweile, und, was immer ge⸗ ſchieht, wenn dieſes übel ſich mir nahet, tauſend ſchmerzhafte Erinnerungen erwachten in meiner Bruſt, und zerriſſen mein ohne dieß verſtimmtes Gemüth. Nun gingen wir zum Souper, die Her⸗ born mit ihrem alten Liebhaber, die Valſin, ich, Van der Werth, Wallner und noch ein paar Män⸗ ner. Anfangs ging es ganz leidlich; aber nachdem Punſch und Champagner die letzten Bande der Vernunft und Schicklichkeit gelöſet hatten, fingen Scherze an, worüber ich noch jetzt erröthe. Wie häßlich, wie empörend kamen mir dieſe Menſchen in der halben Trunkenheit vor! Aber vor allen be⸗ leidigte mich Wallner, er, den ich eines ſo pöbel⸗ haften Vergnügens, einer ſo niedrigen Denkart doch nicht fähig gehalten hatte. Auch er war betrun⸗ ken; und als wir vom Souper aufſtanden, und ich mit ihm in den Zimmern herumging, fing er an, ſich ein ſo beleidigendes Betragen zu erlauben, daß mir Thränen des Zorns und Unwillens in die Au⸗ gen krnten. Ich riß meinen Arm aus dem ſeinigen, ſagte ihm mit vieler Bitterkeit, was ich von ihm dachte, und eilte allein in den Saal. Mein Herz war ſo empört, meine ganze Seele ſo in Aufruhr, daß ich beynahe nicht wußte, was ich that. Zum Glücke erblickte ich unſern Buchhalter Rechtler, ei⸗ 9— nen redlichen alten Mann, den ich von jeher mit Achtung betrachtet hatte, und der auch mir mit vorzüglicher Freundſchaft begegnet war. Er war mit ſeiner Frau da; ich eilte auf ihn zu, und be⸗ ſchwor ihn, mir zu erlauben, daß ich mich in ih⸗ ren Schutz begeben, und auch mit ihnen nach Hau⸗ ſe fahren dürfe. Er ſah mich verwundert an; aber er bewilligte meine Bitte mit vieler Gutmüthig⸗ keit, und führte mich zu ſeiner Frau, einer ange⸗ nehmen Matrone, die mich freundlich aufnahm, und mir Platz machte. Nun ging ich zur Valſin, und entſchuldigte mich unter dem Vorwande eines ſtarken Kopfſchmerzens, daß ich nicht mit ihr zurück fahren könnte, weil ſie vielleicht bis zum Morgen zu bleiben geſonnen wäre, und ich eine Geſellſchaft gefunden hätte, die bald aufbrechen und mich mit⸗ nehmen würde. Sie war betroffen; aber ſie both mir mit vieler Artigkeit an, den Augenblick nach Hauſe zu fahren. Ich verſicherte ſie, daß es mir ſehr leid thun würde, ſie von ihrem Vergnügen ab⸗ zuziehen u. ſ. w., was man in ſolchen Gelegenhei⸗ ten zu ſagen pflegt. Die Valſin ſchien empfindlich zu werden; mir lag da nichts daran. So ſchieden wir auseinander, und ich ſetzte mich zu meiner gu⸗ ten Frau Rechtler. Jetzt kam auch ihr Mann zu uns, und befragte mich mit freundſchaftlicher Theil⸗ nahme um die Urſache meiner Aufwallung. Ich verbarg ſie ihm nicht, und erzählte ihm aufrichtig alles, bis auf das, was Wallnern betraf. Ich hat⸗ te zu viel Achtung für mich ſelbſt, als daß ich den Mann, den ich ſelbſt gewählt hatte, in fremden Augen ſo tief hätte herabſetzen ſollen, als er in den meinigen geſunken war. Nun Gottlob! unterbrach auf einmahl der würdige Mann meine Erzählung: Gottlob, daß Sie endlich dahin gekommen ſind, wohin Sie mein Herz ſchon lange gewünſcht hat! Glauben Sie mir, liebes Fräulein! Der Umgang mit ſolchen Frauen hat Ihnen mehr geſchadet, als Sie vielleicht denken können. Man ſchließt ſehr gern von der Geſellſchaft auf die Denkart der Leu⸗ te, und die Welt iſt ohnedieß immer geneigt, das Schlimmere zu glauben. Ja, ſetzte die Frau mit gutmüthiger Redſeligkeit hinzu: Ich weiß von gu⸗ ter Hand, daß mehrere Frauen ſich über des Fräu⸗ leins Freundſchaft mit der Valſin und Herborn ge⸗ ärgert haben, daß ſie ſie Ihnen ſehr verdachten, und ihren Töchtern darum nicht gern erlauben wollten, mit dem Fräulein umzugehen. Mein Gott! rief ich aus, und mein Herz bebte bey dem Ge⸗ danken: So weit war es ſchon gekommen? Ach, liebe Frau Rechtler! Warum warnten Sie mich nicht? Warum fand ſich denn kein Menſch, der ſo barmherzig geweſen wäre, mich mit dem Gerede der Welt bekannt zu machen? Eben weil es ein Ge⸗ rede war, fiel der Mann mir in's Wort, und ich ſah, daß er ſeiner Frau mit den Augen winkte, nicht weiter zu ſprechen. Aber ſie ließ ſich nicht irre machen, und überhäufte mich mit Bemerkungen und Erzählungen von Der und Jener, von Die⸗ ſem und Jenem, die alle darauf hinausliefen, mir zu verſtehen zu geben, daß man die Menſchen nach ihrem Umgange zu beurtheilen pflege, und daß man daher nicht ohne Grund eine Ahnlichkeit der Denkart zwiſchen mir und den Weibern, mit denen man mich ſo oft ſah, vorausſetzte. Gott! Welches Heer von ſchrecklichen unabſehbaren Folgen meiner Thorheit und Schwachheit ſtellte ſich jetzt auf ein⸗ mahl meinen Blicken dar! Ich zitterte, ich wurde blaß, und war eine Weile nicht vermögend, der Rechtler zu antworten. Vielleicht war es auch nicht nöthig; denn mir ſcheint, ſie hörte nicht auf zu re⸗ den, obwohl ich durch einige Seeunden ſo betäubt war, daß ich nichts von allem wußte, was um mich vorging. Als ich mich wieder beſinnen konn⸗ te, hörte ich, daß ſie fragte, ob mir übel ſey; ich ſähe ſo blaß aus. Mir war dieſe Vermuthung will⸗ kommen, um meine Verwirrung zu entſchuldigen. Ich ſagte alſo, daß mein Kopfweh immer ſtärker würde. Die guten Menſchen waren ſogleich bereit, mir zu helfen. Er eilte fort, um den Wagen zu be⸗ ſtellen, und ſie führte mich in ein Nebenzimmer, wo man das Geräuſch der Muſik und der Tanzen⸗ den weniger hörte. Hier begegnete ſie mir mit ſo vieler Sorgfalt und Güte, daß ich ihr den tödtli⸗ chen Schmerz verzeihen mußte, den mir ihr Ge⸗ ſchwätz verurſacht hatte. Und hatte ſie denn nicht die Wahrheit geſagt? Mußte ich nicht froh ſeyn, endlich einmahl die Geſtalt zu kennen, unter wel⸗ cher ich der Welt erſchien, und zu wiſſen, was die⸗ ſe, und ſelbſt meine Feinde von mir dachten? Nun konnte ich doch meine Maßregeln nehmen, und mein Betragen darnach richten. Als wir eine Wei⸗ le im Nebenzimmer geſeſſen hatten, kam Wallner, noch immer ſtark benebelt, zu uns. Er hatte mit Erſtaunen von der Valſin gehört, daß ich mich übel befände, und ohne ſie zurück kehren wolle. Er ſchien ſehr beſorgt, und wollte mich bereden, zu bleiben. Ich dankte ihm artig— denn ich wollte ihn vor Rechtlern nicht beſchämen— aber auf eine Weiſe, die ihm zeigte, daß mein Entſchluß, nicht mit der Valſin zu gehen, unwiderruflich ſey. In⸗ deß kam Rechtlers Wagen. Wallner begleitete mich über die Treppe, und nahm zärtlich Abſchied von mir. Ich duldete es, ohne es zu erwiedern, und ſo brachten mich meine beyden Begleiter um zwey Uhr nach Hauſe, wo ich mit innigem Danke und dem Vorſatz, ihnen dieſes Gefühl künftig noch beſſer zu zeigen, von ihnen ſchied. Ich warf mich ſchnell in's Bett; aber ich konn⸗ te keine Ruhe finden. Tauſend ſchreckliche Bilder ſchwebten vor meiner Seele, und die Zukunft lag, wie eine finſtere grauenvolle Wildniß, vor mir, in der ich keinen Troſt, keine Freuden mehr zu hoffen hatte. Ich ſah meinen guten Ruf befleckt, mich in die Claſſe verworfener Weiber geſetzt, und von der Welt mit ihnen vermengt. Ich ſtand im Begriffe, meine Hand einem Menſchen zu reichen, deſſen Sittenloſigkeit ſich mir heute ganz enthüllt hatte. Alle dieſe Vorſtellungen ſtürmten auf mich, meine Kräfte erlagen endlich, ich ſank ohne Bewußtſeyn, ob in Ohnmacht, ob in Schlummer, weiß ich nicht; denn als ich erwachte, war es bereits zehn Uhr. Aber ich fand mich ſo krank, daß ich, als ich ver⸗ ſucht hatte, aufzuſtehen, mich ſogleich wieder nie⸗ derlegen mußte. Doch dieſe Abſpannung meiner ganzen Natur hatte auch das tobende Gewühl in meiner Bruſt beſänftigt; ich fühlte mich nur un⸗ glücklich, aber nicht mehr ſo empört, ſo zerrüttet, wie vor dem Schlummer. Nur der Entſchluß blieb mir aus der Verwir⸗ rung von Ideen, Planen und Entſchließungen, — die die verganhnt 7 in meiner Seele auf und ab gefluthet hatten, mit Wallnern gänzlich zu bre⸗ chen, nie wieder mit der Valſin umzugehen, und wo möglich auch das Schöndorfſche Haus zu ver⸗ laſſen. Dieſer beſtimmte Vorſatz gab meinem Her⸗ zen eine Art von Stille, von tröſtender Empfin⸗ dung. Nach Tiſche ließ ſich Wallner melden. Ich war nicht im Stande geweſen, das Bett zu ver⸗ laſſen, und ließ mich alſo entſchuldigen. Die fol⸗ gende Nacht war ruhiger, als ich ſie erwartet hat⸗ te. Vermuthlich trug die gänzliche Erſchöpfung da⸗ zu bey, in der ich mich befand. Ich verſuchte es ge⸗ ſtern„aufzuſtehen, und konnte auch aufbleiben, ob⸗ wohl ich das Zimmer nicht verließ, und froh war, in meiner Unpäßlichkeit einen Vorwand zur Ver⸗ meidung unſerer Geſellſchaften zu finden. Nach Ti⸗ ſche, als ich mich ein wenig geſtärkter fühlte, ſchrieb ich an Wallnern, erklärte ihm beſtimmt meinen Ent⸗ ſchluß, und ſandte den Brief in die Stadt. Heute wird er vermuthlich kommen. Ich erwarte ihn mit Faſſung, aber mit dem heiligen Vorſatze, daß keine überredung, keine wahre oder geheuchelte Reue, kei⸗ ne anſcheinende Verzweiflung mich wankend machen ſollen. Ich fürchte den Auftritt; aber er iſt nothwen⸗ dig, und ſo waffne ich mich mit Muth. Leb recht wohl, liebſte Schweſter! — Reun und vierzigſter Brief. Ferdinand Blum an Ludwig Seltig. London den 15. Julius 1798. So haſt auch Du Dich gegen mich verſchworen? Auch Du trittſt auf die Seite meiner innern Fein⸗ de, und vereinigſt Dich mit den tauſend quälenden Stimmen, die unaufhörlich meine Seele beſtür⸗ men? Leonore wäre ſchuldlos? Ich hätte ſie miß⸗ . verſtanden? Ich hätte unrecht an ihr gehandelt? D Ludwig! Nur zu oft ſteigen dieſe Gedanken . ſchmerzend in meiner Seele empor, und es iſt mir 1 nicht mehr möglich, jetzt, da die tobenden Stürme ſich gelegt haben, alles in dem Lichte zu ſehen, in dem ich es in*** ſah. Und dennoch, Ludwig, kann 3 ich mich nicht beruhigen, kann ich nicht unterſuchen, und will es auch nicht. Sieh, das iſt das Eigene, das Quälende meiner Lage, daß ich wünſchen muß, in meinen ungünſtigen Vorſtellungen von Leonoren ———,— beſtärkt zu werden, daß ich jede Aufklärung der unſeligen Mißverſtändniſſe, die uns dazumahl trenn⸗ ten, zu fliehen gezwungen bin. Denn iſt ſie nicht eines Andern? Wird ſie ihm nicht bald ihre Hand reichen, was Du auch von ihrer Kälte gegen ihn beobachtet zu haben meinſt? Und iſt es nicht beſ⸗ ſer für mich, wenn ich ſie dann wenigſtens ſchuldig denken, wenn ich mir mit halber Sicherheit zum mindeſten ſagen kann: Du hätteſt ſie nicht glücklich gemacht, du wäreſt nicht glücklich mit ihr geworden? Ludwig! Ich bin ſehr unglücklich! Was ich auch von der Zerſtreuung der Reiſe hoffte, ich habe es nicht gefunden. Mein Schmerz iſt mir, ein allzu treuer Begleiter, auch über's Meer gefolgt, und der Aufenthalt in dieſer Inſel voll Nebel, wo nur ſelten ein heiterer Sonnenblick die düſtern Wolken zerſtreret, in dieſem eigentlichen Wohnort des Spleens, iſt nicht gemacht, meine Laune zu verbeſ⸗ ſern. Setze noch hinzu, daß der Fremde hier überall noch fremder iſt, als anderswo, daß es ſo unſäglich ſchwer hält, in guten Cirkeln Zutritt zu finden, daß freundſchaftlicher, zwangloſer Umgang eines der erſten Bedürfniſſe meines wunden Herzens iſt, und Du wirſt Dir ein Bild meiner traurigen Lage machen können. Lange halte ich es hier nicht mehr aus. So bald meine Geſchäfte geendet ſind, kehre ich nach Deutſchland zurück. Ob ich nach Hauſe komme? Das iſt eine Frage, die ich mir ſelbſt zu beantworten noch unfähig bin. Wenn ſie erſt eine Weile Wallners Frau ſeyn wird, wenn ich mich an den Gedanken, ſie in ſeinen Armen zu wiſſen, ge⸗ wohnt haben werde, dann werde ich vielleicht nach ** kommen, meine Geſchäfte in Ordnung bringen, und dann fort, fort auf ewig aus der verhaßten Hauptſtadt zu meinem Bruder gehen, und mit ihm die Handlung gemeinſchaftlich führen. Das iſt bis jetzt mein Plan. Indeſſen will ich meinen Aufent⸗ halt hier benützen, um eine kleine Reiſe in die Hoch⸗ lande und die Hebriden zu machen. Vielleicht, wenn ich zurückkomme, finde ich einen Brief von Dir, der mir von der Baroneſſe Wallner Nachricht gibt. Ludwig! Wenn ich mir das vor einem Jahre auch nur hätte denken können, daß ſie eines Andern werden könnte! Und noch, noch iſt es mir in man⸗ chen Augenblicken, als wäre es nicht möglich. Schreibe ihr indeſſen, was Du für gut findeſt, und laß Dich durch keine Rückſicht auf mich abhal⸗ ten, alles zu thun, was Du für ihr Glück nöthig findeſt! O, daß ich es nicht ſelbſt thun kann, daß ich nicht hineilen, ihr nicht ſagen darf, wie ſehr ſie durch den Schein getäuſcht wird! Wenn Deine Vermuthungen wahr wären, wenn ſie Wallnern nicht liebte, wenn ſie ſich durch Deinen Brief be⸗ ſtimmen ließe, mit ihm zu brechen, wenn ſie— Doch was will ich? Keine eigennützigen Wünſche, keine ſanguiniſchen Hoffnungen! Es ſchmerzt zu ſehr, ſie wieder aufgeben zu müſſen! Aber ihre Tren⸗ nung von Wallnern, ihr Glück vielleicht einſt in den Armen eines andern würdigen Mannes, das darf ich wünſchen; und das zu befördern, will ich gern alles thun, was in meiner Macht ſteht. Schreib alſo, Ludwig! Schreib, was Du willſt! Nenne mich ſogar! Ich bin größten Theils von dem thö⸗ richten Stolze geheilt, der mich mehr, als ich dach⸗ te, gekoſtet hat, und wenn ſie meiner auch ganz ver⸗ geſſen hat, wenn ſie mich auch mit kalter Höf⸗ lichkeit in meine Schranken zurück wei⸗ ſen ſollte, ich will es verſchmerzen, wenn ich hoffen darf, durch meine Mitwirkung ihr Glück zu befördern. Sie iſt kränklich, ſchreibſt Du, ihre Ge⸗ ſundheit ſcheint gelitten zu haben. O das fehlte meinen Leiden noch; und Du haſt mir vielleicht aus Schonung nicht alles geſchrieben! Ludwig Ich beſchwöre Dich, ſchreib mir bald, wie es ihr geht, und was ich für ſie zu hoffen habe! ——— Fünfzigſter Brief. Ludwig Seltig an Ferdinand Blum. L** den 26. Julius 1798. Mein Brief an Leonoren iſt durch die glücklichſte Wendung ganz unnütz geworden. Sie hat aus ei⸗ genem Antriebe gethan, zu was ich ſie zu bereden wünſchte. über die letzte Veranlaſſung und die Art der Trennung habe ich ſehr verſchiedene Gerüchte gehört, wie denn das gemeiniglich der Fall bey Per⸗ ſonen iſt, die viel bekannt ſind, und um deren Thun und Laſſen ſich recht viel müßige Menſchen beküm⸗ mern. Die Hauptumſtände, worin alle überein⸗ kommen, ſind, daß Leonore mit Wallnern und ein paar Frauen von ihrer Bekanntſchaft— die, wie man ſagt, nicht den beſten Ruf haben ſollen— auf einem öffentlichen Balle in der Nachbarſchaft war, daß ſie dort mit ihnen in einen Zwiſt gerieth, der ſich damit endigte, daß Leonore gar nicht mehr mit ihrer vorigen G aft zurückkehrte, ſondern ſehr zeitlich, von dem guten alten Rechtler und ſei⸗ ner Frau begleitet, nach Hauſe kam, und ſeit je⸗ nem Tage allen Umgang und alle Verhältniſſe mit den beyden Damen und mit Wallnern abgebrochen hat. So wie mir Rechtler ſchreibt— deſſen Zeug⸗ niß bey Dir und mir gewiß ſehr viel gilt, da er Leonoren beynahe täglich ſieht— waren die Ver⸗ anlaſſung des Streites das unanſtändige Betragen, welches ſich die Geſellſchaft, von Wein und Punſch erhitzt, erlaubte, und beſonders einige Freyheiten, die Wallner im halben Rauſche ſich gegen Leono⸗ ren herausnahm. Dieſe Erklärung, die mir unter allen die wahrſcheinlichſte iſt, und für die ſelbſt der Zorn der beleidigten Damen und des verabſchiede⸗ ten Liebhabers ſpricht,macht Leonoren ſehr viel Eh⸗ re, und der biedere Rechtler ſpricht auch mitfreund⸗ ſchaftlichem Enthuſiasmus in ſeinen Briefen von ihr. überhaupt danke ich ihm die meiſten Nachrich⸗ ten und Behelfe in dieſer Sache, da unſere alte Verbindung und ſeine Verhältniſſe zum Schöndorf⸗ ſchen Hauſe ihn zu einem ſehr verläßlichen Ge⸗ währsmanne machen. Er hat Leonoren gleich bey ihrem Eintritte in das Haus ſeines Principals mit beſonderer Aufmerkſamkeit und Wohlwollen beob⸗ achtet; denn des Mädchens unverdorhene Seele, ihr gerader Verſtand,ihre Tarente und Bildung waren in der Welt, in der er lebte, eine ſeltene Erſcheinung. Mit innigem Mißvergnügen ſah er ſpäterhin, wie ſie ſich immer mehr von Dir ent⸗ fernte, und in die Schlingen, die der nichtswürdi⸗ ge Wallner ihr legte, ſorglos ging. Auch glaubt er, wie er mir ſchreibt, daß alles nicht ohne thäti⸗ ge Einwirkung anderer Perſonen, die ihre beſondern Abſichten haben mochten, geſchehen ſey. Er will zwar niemand in ſeinem Briefe nennen, weil es nur Vermuthungen ſind; aber er hofft ſicher, die Zeit werde alles an's Licht bringen, und die bey⸗ den Menſchen, an denen ſein Herz ſo väterlichen Antheil nahm, einſt Trotz allen Hinderniſſen ver⸗ einigen, und mit einander glücklich machen. Du ſiehſt aus dem allen, daß Rechtler eine ſehr gute Meinung von Leonoren hat, und das ſollte auch Dich von Deinen Vorurtheilen— erlaube mir im⸗ mer das Wort!— wenigſtens zum Theile heilen, ſo wie Du auch aus dem Gange der Dinge abneh⸗ men kannſt, daß die Bande, die Leonoren an Wall⸗ nern feſſelten, ziemlich locker geweſen ſeyn müſſen, weil ein Mißverſtändniß oder ein in der Trunken⸗ heit begangener Fehler ſie zur Trennung beſtimmen konnte. Ich enthalte mich aller weiterer Nutzan⸗ wendungen und Folgerungen, die ſich mir ſcha⸗ eiten gleichſam aufdringen. Ich habe mir vorgenommen, Dir die bloße hiſtori⸗ ſche Wahrheit zu geben, und es iſt mir leid, daß ich dieſen Vorſatz in den vorigen Zeilen ſchon einiger Maßen gebrochen habe. Eines, was ich Dir zwar ungern berichte, Du aber doch wiſſen mußt, iſt, daß jener Vorfall, die Strenen, die er nach ſich zog, die boshaften Gerüch⸗ te, die deßwegen in der Stadt herumgingen, und die Gemüthsbewegung, welche dieſe Erſchütterun⸗ gen in ihr erregten, ſie von Neuem krank Lemacht haben. Falſche Scham oder Trotz gegen die elenden Menſchen, mit denen ſie zu leben gezwungen iſt, beſtimmten ſie doch, nicht von der gewöhnlichen Lebensart abzuweichen, und alles tolle Zeug und die verkehrte Tagesordnung mitzumachen, die in dem Schöndorfſchen Hauſe eingeführet iſt; und ſo kann auch weder ihr Geiſt noch ihr Körper die Ru⸗ he finden, deren ſie in dem jetzigen Zuſtande ſo ſehr bedürfte. Rechtler fürchtete für ſie; aber er hofft, wenn die jetzigen Stürme ſich nur ein wenig gelegt haben werden, und die müßige Welt aufgehört ha⸗ ben wird, von ihr zu ſprechen, ſie dann zu bewe⸗ gen, ſich in etwas zurück zu ziehen, und eine Le⸗ bensart anzufangen, die ihrer erſchütterten Geſund⸗ heit zuträglicher wäre. Leon. II. Th. 10 Nun, lieber alles berichtet, was ich weiße Roch habe ich— was aber auch nicht möglich war— auf meinen vorigen Brief keine Antwort von Dirz ich hoffe ſie indeſſen bald zu erhalten, und wenn auch ſchon die Erlaubniß, um welcheich Dich in demſelben erſuch⸗ te, jetzt nutzlos iſt, ſo wird ſie doch vielleicht man⸗ ches enthalten, das mir und unſerem guten Recht⸗ ler bey unſerm Vorhaben zu Statten kommen kann. 8 Ein und fünfzigſter Brief. Leonore von Brandner an Thereſe Friedberg. H** den 20. Auguſt 1798. Mein Leben iſt jetzt eine Kette von peinlichen Auftritten, und der Wunſch, der ſchon lange, lan⸗ ge im Innerſten meiner Seele lag, gewinnt mit jedem Tage mehr Lebhaftigkeit. Noch wage ich nicht, ihn Dir mitzutheilen, weil vorher noch man⸗ ches beſeitigt und geſchlichtet werden muß. Daß es mir aber nach und nach immer mehr unmöglich wird, unter dieſen Menſchen auszuhalten, das iſt unbeſtreitbar, und ich ſehe keinen andern Weg vor mir, als zu fliehen, oder hier zu Grunde zu gehen. Wallner kam, nachdem er meinen Brief erhalten, ſogleich zu mir. Ich hatte mir das vor⸗ geſtellt, und erwartete ihn mit Faſſung. Der Auf⸗ tritt war ſo, wie ich dachte. Er flehte, er beſchwor mich, er warf ſich auf die Knie vor mir, er wand⸗ 10* te alle Beredſamkeit an, ſei ſer zu entſchul⸗ digen, er ſuchte alle Beweggründe hervor, mich zu. einer Inderung meines Entſchluſſes zu bringen⸗ der, wie er ſagte, ſeine Ruhe, wo nicht gar ſein Leben koſten würde. Das alles brachte er in recht gewählten Aüsdrücken vor, er ſprach mit Lebhaf⸗ tigkeit, ja mehrmahls mit Hitze, er machte mir bald Vorwürfe, bald flehte er mein Mitleid an, er redete von ſeinem gewiſſen Unglück, von der Unmöglichkeit, ſeine Boffnungen anders, als mit dem Leben aufzugeben. Aber ſonderbar, liebe The⸗ reſe! ich weiß nicht, wie es kam; nichts von allem dem rührte mich. Ich hatte mich auf die Scene gefürchtet, weil ich mir vorſtellte, daß mein Herz, von Mitleid bewegt, unendlich dabey leiden wür⸗ de. Es litt nicht im Geringſten. Ich war gar nicht bewegt; ich war nur in jener verlegenen, peinli⸗ chen Stimmung, in der man ſich immer befindet, wenn man ſich gezwungen ſieht, jemanden etwas Unangenehmes zu ſagen. Was auch Wallner that und ſagte, mein Herz blieb kalt, ich konnte kein Mitleid mit den Schmerzen fühlen, die, wie er vorgab, ſeine Bruſt zerriſſen, ich konnte ihnen nicht einmahl Glauben beymeſſen. Nur das wünſchte ich lebhaft und innig, daß dieſe widrige Scene bald ein Ende hoben möchte. Indeſſen hörte ich ihn mit Stbuls ind Sanftmuth an, und beant⸗ wortete jede ſeiner K agen und jeden Vorwurf mit ſchonendem Ernſte; aber mein Entſchluß blieb un⸗ erſchüttert. Er ging endlich. Nun glaubte ich al⸗ les überſtanden' zu haben, und war herzlich froh⸗, ſo leichten Kaufs davon gekommen zu ſeyn. Aber Wallner gab ſein Spiel noch nicht verloren. Er wandte ſich nun an andere Perſonen, und jetzt ka⸗ men ſie, eins nach dem andern, über mich, und jedes beſtürmte mich auf eine andere, aber jedes auf eine höchſt fatale Art, um mich zu einer Sin⸗ nesänderung zu bewegen. Die Frau von Schön⸗ dorf, Liſette, ihr Bruder, ein Fräulein Bucher, das ich unter jenen, die das Schöndorf'ſche Haus beſuchen, noch am meiſten ausgezeichnet hatte, kurz, alle Perſonen, von denen Wallner glaubte, daß ſie in einigem Credit bey mir ſtänden, wurden auf⸗ gebothen, mir zuzureden. Sogar der gute Recht⸗ ler wurde aufgefordert; aber der biedere Mann ſchlug ſeine Vermittlung geradezu ab, und ich dank⸗ te ihm kindlich für dieſen neuen Beweis ſeines wahren Wohlwollens. Mit Liſetten wurde ich am eheſten fertig. Ihre zarte Seele faßte bald mein Gefühl auf; ſie verſtand mich, und gab mir Recht. So ſchlug ich einen Sturm nach dem andern ab, aber ich litt dabey unausſprechlich; denn es iſt art ſo ganz verſchieden iſt, 3 fühle geben zu müſſen, die ſich nur nachfühlen, aber nicht beweiſen oder berechnen laſſen. Indeſſen es ging⸗ Abir. geſtern wurde meine Geduld auf die empfindlichſte Probe geſtellt, zugleich aber auch der Entſchluß, Wallnern nun nimmermehr anzuhö⸗ ren, und ihn keiner Antwort mehr zu würdigen, da er mich ſolchen Auftritten ausſetzen konnte, feſt und unwiderruflich beſtimmt. Mein Vormund kam. Er war durch Wallnern von allem, was zwi⸗ ſchen ihm und mir vorgegangen war, obwohl par⸗ teyiſch, unterrichtet; aber er wußte mehr, als Wallner ihm hätte ſagen können, und das war es, womit er mich am empfindlichſten kränkte, und was er nur von Julianen, die mich haßt, und mich, wie ein böſer Dämon, ſeit meinem Eintrit⸗ te in dieſes Haus verfolgt, erfahren haben konnte. Auch ſie hatte, das konnte ich leicht aus des unfei⸗ nen Mannes Reden erkennen, auf Walluers An⸗ trieb gehandelt, und auf ſeine Bitte ihrem Onkel die Waffen— mit welcher Herzensluſt, kann ich mir vorſtellen!— gegen mich in die Hände ge⸗ ſpielt. Er machte den Anfang damit, daß er gleich⸗ ſam ein Verhör mit mir anſtellte, und Erklärun⸗ gen forderte, die nur der zärtlichſte Vater von dem denken, daß ich ihm ſo znwo wie er wünſchte. Das brachte ihn auf. Er fing nun an, ſich ziemlich bittere Ausdrücke zu erlauben, von überſpannten Ideen, Schwärmereyen, Mömanen⸗ heldinnen u. ſ. w. zu ſprechen, und kand es. unaus⸗ ſprechlich lächerlich, ja ſogar einfältig, mit eine Liebhaber zu brechen, weil er ein Räuſchchen ge⸗ habt habe. Ich mochte ſagen, was ich wollte, daß dieſes Räuſchchen nur die letzte entſcheidende Ur⸗ ſache war, daß ich ſchon längſt mit Wallners Be⸗ tragen unzufrieden geweſen ſey, und darauf ge— dacht hätte, eine Verbindung aufzuheben, welche keines von uns beyden glücklich gemacht haben würde— er ließ nichts von allen dem gelten, er wurde immer heftiger und unartiger; ja endlich erlaubte er ſich die beleidigende Bitterkeit, mir zu ſagen, er wiſſe wohl den eigentlichen Grund mei⸗ ner Abneigung gegen Wallnern: es ſtecke mir noch ein Anderer im Kopfe; den könnte ich nicht ver⸗ geſſen, obwohl er mich hätte ſitzen laſſen. Das traf das Innerſte meiner Seele mit ſtechenden Schmer⸗ zen. Meine Thränen brachen hervor, meine Ge⸗ duld war zu Ende. Ich fuhr auf, ich wollte ant⸗ worten, aber die Stimme verſagte mir, und er hatte noch eine Weile Zeit, in eben ſo pöbelhaften ch nii wieder ſprechen konnte. Herr von Wichmann! rief ich, in⸗ dem ich die Thränen zurück hielt, die meinen Au⸗ gen entſtürzen wollten, und mich zwang, ſo gelaſ⸗ ſen als möglich, zu reden: Ob jener Andere mich ſitzen ließ, oder nicht, gehört nicht hierher, und geht Sie nicht im geringſten an. Wenn er es wirk⸗ lich that, wie Sie zu ſagen beliebten, ſo iſt nie⸗ mand daran Schuld, als derjenige, der mich aus eigennützigen Abſichten, die mir ſehr wohl bekannt ſind, in dieſes Haus brachte, in welchem all mein Unglückangefangen hat. Bey dieſen Worten wand⸗ te ich mich ſchnell von ihm weg, und ging in mein Cabinet, das ich hinter mir zuſchloß, und meinen Thränen und allen ſchmerzhaften Empfindungen freyen Lauf ließ, die des unbeſcheidenen Mannes Reden ſo tief in mir aufgeregt hatten. Ich hörte ihn noch ein paar Worte brummen, dann ging er;z und ich büßte die widrige Scene, die meinem Her⸗ zen ſo viel gekoſtet hatte, mit einem Anfalle von Krämpfen, und einer Nacht voll körperlicher und geiſtiger Leiden. In zwey Tagen darauf befand ich mich beſſer, und nun fing Wallners und der übrigen Dringen und Bitten auf's neue wieder an. Endlich hieß es, Wallner ſey krank, und zwar ſehr bedenklich, wie nicht undeutlich zu ſ daß 7 dieſe Krank⸗ heit, und vielleicht ſeinen Tod zu verantworten haben würde, wenn ich fortführe, in meinem grau⸗ ſamen Entſchluſſe zu beharren; ich hätte ſelbſt be⸗ merken müſſen, wie bleich, wie abgehärmt er dieſe letzten Tage ausgeſehen habe u. ſ. w. Dieſe Reden empörten mein innerſtes Gefühl; aber ſie vermoch⸗ ten mich nicht zu rühren. Es iſt mir unmöglich, Wallners Krankheit für eine Folge unſerer Tren⸗ nung zu halten. Der Mann, der ſo denken und handeln kann, wie er, der Welt und Menſchen, ſo wie er, betrachtet, und von Liebe und häuslichem Glücke ſolche Begriffe hat, wie er, der iſt nicht fä⸗ hig, um irgend einer fehlgeſchlagenen Hoffnung, am wenigſten um einer unglücklichen Liebe willen — krank zu werden. Das kann ich freylich dieſen Menſchen, die um mich ſind, Liſetten und den bie⸗ dern Rechtler ausgenommen, nicht ſagen, denn ſie verſtehen mich nicht. über dieß iſt die Valſin ſehr aufgebracht gegen mich, und kommt ſeit dieſem Vorfalle nicht mehr in unſer Haus. Auch dieſes wird mir vorgeworfen, und zur Strafe für den unverantwortlichen Naub, den ich nach dieſer Leute Meinung an den Annehm⸗ lichkeiten ihrer Geſellſchaften durch mein Betra⸗ gen verſchuldet habe, weide ich von allen, bald är⸗ gerlichen, bald lächerlichen, im Grunde aber im⸗ mer verkleinernden Gerüchten unterrichtet, die auf meine Koſten über die letzte Geſchichte auf dem Balle herumgehen. O meine Schweſter! Was iſt das für eine Welt! Was ſind das für Menſchen? Nein, es iſt unmöglich, ich kann nicht unter ihnen aushalten! Wie lebhaft auch dieſe überzeugung in mir ge⸗ worden iſt, ſo iſt doch jetzt in dieſer Gährung der Gemüther, in dieſer allgemeinen Verſtimmung nichts zu thun. Ich muß warten, bis es ruhiger wird, bis wenigſtens Wallners Zuſtand ſich ent⸗ ſcheidet; aber dann, dann ſoll mich auch nichts auf⸗ halten, den Entſchluß auszuführen, der unwider⸗ ruflich vor mir ſteht. ₰ — Zwey und fünfzigſter Brief. Dieſelbe an dieſelbe. H** den 1. September 1796. theure Schweſter! Ich muß fort, und das ſo bald als möglich. Du, meine treueſte Freundinn, du, welche Natur und Liebe mit mir auf's innigſte vereinigt hat, du ſollſt mir jetzt als ein helfender Engel erſcheinen, und mich aus dem Strudel ret⸗ ten, der mich zu verſchlingen droht. O höre meine heiße, meine ängſtliche Bitte, und laß ſie nicht un⸗ erfüllt bleiben! Nimm mich auf! Laß mich zu dir fliehen! In der Einſamkeit deines ſtillen Landſitzes will ich weinen, und ſterben. O ich weiß nur zu wohl, daß ich nicht vermag, zu jener heiteren Stil⸗ le, zu jener reinen Beſonnenheit zurück zu kehren, die in dem Hauſe meiner Mutter die Tage meiner Kindheit und erſten Jugend beſeligte! Durch meine Bekanntſchaft mit den niedrigen Freuden der großen Welt, durch mein Wohlgefaller digt, bin ich nicht mehr fähig ligthum zu gelangen⸗ Aber laß wenigſtens meine Thränen an deinem Buſen verſtrömen, und mein zerriſſenes Herz unter deiner ſchonenden Pflege blu⸗ ten, bis mein Leben ſtill und unbemerkt entflieht! O meine Thereſe! Meine Schweſter! Wie ſo ganz anders würde mein Schickſal ſeyn, wenn ich dieſen Schritt, zu dem mich jetzt Unglück, Mißhandlung und halbe Verzweiflung zwingen, vor anderthalb Jahren nach meines guten erſten Vormunds Tode hätte machen dürfen! Aber es war anders über mich beſchloſſen. Eigennutz und niedrige Abſichten ſtießen mich aus meiner ſtillen Einſamkeit in die weite Welt hinaus, und überließen ein Herz, das ſogar nicht gemacht war, um ſich allein zu genü⸗ gen, mitten unter tauſend Verführungen, Lockun⸗ gen und lböſen Menſchen ſich ſelbſt. Ich war un⸗ vermögend, mich zu leiten, und ich fand nicht allein keinen Freund, der ſich mitleidig meiner hülfloſen unſelbſtſtändigkeit erbarmt hätte; ich fand nur Feinde, deren Selbſiſucht ſich ein teufliſches Ver⸗ gnügen daraus machte, mich Unerfahrne, Nathloſe in ihre Schlingen zu ziehen, und mein Verderben zu bereiten. Jetzt iſt's mir von den Angen gefal⸗ len, wie ein Schleyer; ich ſehe deutlich, ach, und 4 ch zur Verzweiflung! Wie war mir? Wo hatte ich meine Beſinnung, daß ich ſo gar nichts von allem dem merkte und ahnete, was um mich geſchah, was man mit mir vorhat⸗ te? Einfältig und unbeſonnen ließ ich mich fangen, und half den böſen Geiſtern die Netze ſpannen und feſter ziehen, in denen mein Leben, mein Glück, meine Ruhe untergingen. O Ferdinand, Ferdi⸗ nand! Warum verließeſt auch du mich? Auch dn haſt mich verrathen, wenn gleich nicht ſo falſch und niedrig, wie dieſe verächtlichen Menſchen— aber doch treulos und eigenſinnig! Wenn ich bedenke, was ich geſchrieben habe, ſo ſehe ich wohl, daß du nichts davon verſtehen kannſt, als meine inſtändige dringende Bitte, mich zu dir zu nehmen. Aber ich kann dir auch nicht ſo beſon⸗ nen ſchreiben; mein Gefühl iſt zu ſehr empört. Es war geſtern ein heiterer ſtiller Herbſtabend. Ich ging, in trübe Gedanken verloren, im Garten auf und ab, und ſann der Ausführung meines Pla⸗ nes, zu dir zu fliehen, nach, den ich ſchon lange in meiner Bruſt nährte. Da kam Frau von Schöndorf mit einem ſonderbaren, Unglück bedeutenden Ge⸗ ſichte auf mich zu, und reichte mir ſchweigend ein Billet mit unbekannter Aufſchrift. Ich entfaltete es, nicht ohne heimliches Herzklopfen— denn das Ge⸗ See Wallners Schrift, 3 e ſo zitternd, ſo un⸗ leſerlich, wie ſie nur die matte Hand eines tödtlich Kranken zi nkann. Mein Herzklopfen wurde ſtär⸗ ker. Ich Thörinn ließ mich täuſchen,— ich las. Er ſchrieb mir auf dem Todbette, wie er ſich ausdrück⸗ te, bereit, in eine andere unbekannte Welt zu tre⸗ ten, und mit dem laſtenden Gefühle meines Unwil⸗ lens beladen. Er könne den furchtbaren Schritt ſo nicht thun,— er könne ohne meine Verzeihung nicht ruhig ſterben. Ich kennte ſeine Geſinnungen in Ab⸗ ſicht ſeines künftigen Schickſals,— ſie ſind eben nicht die tröſtendſten— ich wüßte alſo, wie ihm zu Muthe ſeyn müſſe. Er ſpräche daher mein Herz, deſſen Gü⸗ te er kenne, um die letzte— letzte Gnade an. Ich ſollte die Bitte eines Sterbenden nicht verſagen, ihn nur noch Ein Mahl, in welcher Begleitung und unter welchen anſtändigen Formen ich immer woll⸗ te, zu beſuchen, damit er mir die Größe ſeiner Schuld bekennen, mich um Verzeihung bitten— und wenigſtens mit dieſem Troſte, da ihm die Re⸗ ligion leider keinen böthe, den ernſten nächtlichen Pfad wallen könne⸗ Dieſes war ungefähr der Inhalt des Billets, das ich dir ganz geſchickt hätte, wenn ich es nicht ſpäter hin in meinem auflodernden Zorne zerriſſen hätte. c eſte e wenig ich auch vor⸗ hin auf Wallners achtete, mich dieſes Billet doch tief erſchütterte beſonders, da das gan⸗ ze Betragen und die folgenden Redender Frau von Schöndorf das ihrige beytrugen, den Eindruck zu verſtärken. Mein Gott! rief ich aus: Was ſoll ich thun? Was Sie wollen, erwiederte ſie mit ernſtem Achſelzucken: Ich will ſie zu nichts bereden. Sie ſind gewohnt, in dieſer Sache ihren eigenen Gang zu gehen; und es iſt überhaupt ſchwer, in ſolchen Fällen zu irgend etwas zu rathen. Iſt er denn wirk⸗ lich ſo gefährlich krank? rief ich aus, und ſeit wann? »Sie wiſſen ja daß er bereits ſeit vierzehn Tagen krank war. Sie wiſſen auch, daß man ihn gleich an⸗ fangs bedenklich fand. Die Urſache ſeiner Krankheit iſt ſeit dem nicht gehoben worden: wie hätte er beſ⸗ ſer werden ſollen 26 Die Urſache ſeiner Krankheit? ſagte ich mit un⸗ gewiſſem Tone. Ich wollte deßgleichen thun, als ah⸗ nete ich ſie nicht. »Er iſt in ſeinem Briefe ſo delicat, ſie Ihnen nicht vorzuwerfen, und er bleibt auch hierin der Idee getreu, die ich mir immer von der Feinheit ſeiner Denkungsart machte. Ich denke nicht, daß ich ſie Ihnen zu nennen brauche.« Ich ſchwieg. ſchien eine Thräne imAuge zu zerdrücken: Ich be⸗ greife nich ie ein Frauenzimmer, das ſo viele Güte des Herzens, ſo viel Zartgefühl hat, einen ſol⸗ chen Brief ganz ungerührt leſen konnte. Sehen Sie nur— und nun fing ſie an, jede Stelle auszulegen, und mit Anmerkungen zu verſehen, die wirklich man⸗ ches Mahl tief in mein Herz drangen. Mir geſchah unausſprechlich hart dabey; ich fing an, mir einige Schuld, wenigſtens der übereilung beyzumeſſen, ich empfand Mitleid, wahres tiefes Mitleid mit Wallnern, weniger wegen ſeiner Gefahr, als we⸗ gen ſeines Gemüthszuſtandes, der bey ſeinen Ge⸗ ſinnungen über Gott und unſterblichkeit leider ſchreck⸗ lich ſeyn mußte. Ich fing an zu wanken, und bald, vald hätte es dieſer Frau gelungen, das Verſpre⸗ chen, Wallnern in ihrer Begleitung zu beſuchen, und dieſen Entſchluß auf der Stelle auszuführen, von mir zu erhalten. Zu imeinem Glücke meldete man Beſuche. Sie ließ mir den Brief, umarmte mich ſo warm, ſo mütter ich, als ſte lange nicht ge⸗ than hatte, wiederhohlte noch ein Mahl, ſie könne mir weder ab⸗ noch zurathen, aber ſie bäthe mich, alles wohl zu überlegen, und ging fort. Ich blieb mit meinen Gedanken allein, ich las den Brief noch s, was vorhergegangen merreger; ich fing an, gelinder von Wallnern zu urthrilen, und ſeine Liebe für aufrichtiger und edler zu halten, als ich gewohnt war. O meine Schweſter! Auf welchem ſchlüpfrigen Pfade ſtand ich bereits! Und was wäre aus mir ge⸗ worden, wenn der Anblick eines gefährlich Kranken, gegen den ich mich im Unrecht fühlte, wenn ſeine Bitten, das Dringen der übrigen, mein wundes Gefühl, die Vorwürfe meines Gewiſſens— alles das auf mein ſchwaches Gemüth geſtürmt hätten? Freylich hatte ich mir eine Art Plan über mein Be⸗ tragen entworfen, von welchem mich weder Bitten noch überraſchung abbringen ſollte; denn ich weiß nicht, welche geheime Stimme in meinem Innerſten mir immer zufliſterte, die Bitte um Vergebung ſey nicht das einzige, was man vielleicht bey jenem Be⸗ ſuche von mir zu erhalten ſuchen würde. Und daß ich auf jeden Fall, wenn auch Wallner wieder ge⸗ neſen ſollte, nie die Seinige werden nte, das ſtand lebhaft vor mitz Aber ich fühlte eben ſo ſehr, wie wenig der Reizbarkeit weiner Gefühle zu trauen ſey; und ſo verging der Ab nduterſtreitenden Em⸗ pfindungen, und überhaupt etwas ernſter und ſtil⸗ ler, als gewöhnlich, weil die drohende Gefahr eines ſo werthen Freundes die ganze Familie zu verſtim⸗ Leon. II. Th. 11 — men ſchien. Mir gefiel d ich fing än, wieder ein bißchen beſſer von deuten zu denken. Mein Vormund war auch da. Seine Schweſter trug ihm den Fall vor; er ſchien Bedenken zu haben, mich hingehen zu laſſen⸗ Der Heuchler! Endlich willigte er unter der Bedingung ein, daß ſeine Schweſter und er mich begleiten würden, und daß niemand im Hauſe etiwas von unſerm Beſuche wiſſen ſollte. Es war unſer Vorhaben erführen. Vor dem Schlafengehen erzählte ich der th eilnehmenden Liſette die ganze Sa⸗ che. Sie weinte über den Brief, und dankte mir herzlich für den Entſchluß, dem armen Kranken die⸗ ſe Linderung nicht zu verſagen, obwohl ſie mich eben ſo dringend bath, ja bey meinem feſtgeſetzten Plane zu bleiben. Dieſes gute Mädchen wurde mein Schutz⸗ geiſt, und ihr danke ich meine Rettung. Sie ſteht gewöhnlich früh auf, und geht ſogleich in die Kir⸗ che. Wie ſie heute aus der Kirche kömmt, ſieht ſie den Wagen von Wallners Arzte bey einem Hauſe ſtehen, und ihn eben im Begriffe einzuſteigen. Sie eilt auf ihn zu; ihr gutes Herz drängt ſie, Nach⸗ richten von dem unglücklichen zu hören⸗ der in die⸗ ſem Zuſtande Anſprüche auf ihre lebhafte mir alles recht, und die Stunde wurde feſtge⸗ ſetzt, wo uns Wichmann in einem Miethwagen ab⸗ hohlen wollte, damit weder ſeine noch unſere Leute Theilnah⸗ — 2 ten, noch ehe ſie de Wägen vrreicht.„Ganz leid⸗ lich, mein Fräulein!“ Wirklich?— O das freut mich; er iſt alſo außer Gefahr? Gefahr? wiederhohlte der Arzt: Es war nie bedenklich— ein rheumatiſcher An⸗ fall, mit etwas Fieber verbunden. Er muß das Bett hüthen, aber an Gefahr iſt gar nicht zu denken. Li⸗ ſetten fiel das außerordentlich auf; ſie war aber ſo klug, ſich nichts merken zu laſſen, empfahl ſich dem Arzte, und verdoppelte ihre Schritte, um mich noch vor dem Frühſtück allein zu ſprechen. Ich ſchlief noch, als ſie kam. Mit empörten Gefühle, und ganz durchdrungen von Abſcheu über die Comödie, die man meiner gutherzigen Leichtgläubigkeit zu ſpielen dachte, ſtürzte ſie in mein Zimmer, weckte mich auf, und erzählte mir ihr Geſpräch mit dem Arzte. Nun war mir auf einmahl alles klar, Wallners Falſch⸗ heit und niedrige Verſtellung während der ganzen Zeit, als er mich zu lieben vorgab, ſeine jetzige nie⸗ drige Liſt, um mich zum Mitleid, und, wenn er mich erſt dahin gebracht hätte, vielleicht noch zu mehr zu bewegen, die Verſchwörung, welche gegen mich angelegt wurde, und in welcher die Schöndorf, Wichmann, Juliane, kurz das ganze Haus, Liſetten ausgenommen, Theil hatten. Ich ſah mich verra⸗ then, verkauft unter dieſen Menſchen; ich brach in me hat. Mnern? ruft ſie von wei⸗ heiße Thränen aus, und nicht zu verlaſſen Sie weint und gelobte mir, alles zu thun, was in ihrer Macht ſtände; nur möchte ich ihr verſprechen, gegen keinen Menſchen von der Entdeckung etwas laut werden zu laſſen, die ſie gemacht hatte, weil ſonſt der Zorn ihrer Verwandten, und vorzüglich ihres Oheims⸗ auf ſie fallen, und ihr Schickſal ſehr traurig werden würde. Das that ich gern; und nun verabredeten wir, was ich thun und ſagen ſollte, um dem Beſu⸗. che bey Wallnern zu entgehen, und meine treue Ret⸗ terinn nicht zu verrathen. Ich blieb im Bette; und als ich zum Frühſtück gehohlt wurde, ſchützte ich ſtarke Kopfſchmerzen vor, und ſagte, es ſey mir nicht möglich, das Bett zu verlaſſen, und noch viel weniger auszugehen. Sogleich war Frau von Schön⸗ dorf bey mir, die ſonſt, ſelbſt wenn ich krank bin, nie in unſer Zimmer kommt, und ihr ganzes Be⸗ tragen zeigte nur zu deutlich Mißtrauen und Un⸗ muth über den fehlgeſchlagenen Plan. Sie ſuchte mich auszuforſchen, das fühlte ich; aber ſie benahm ſich ein wenig ungeſchickt, und bewies dadurch, daß ich ihr nicht zu nahe getreten war, als ich ſie für eine Mitverſchworne gehalten hatte. Es währte kei⸗ ne Stunde, ſo kam auch ihr Bruder, wahrſcheinlich auf ihr Bitten: denn die Zeit unſers vorgehabten hatte, er wollte mich aus⸗ hohlen; aber ich blieb feſt bey meiner Behauptung, daß ich krank ſey, und bey meiner Weigerung auf⸗ zuſtehen, denn ſie hätten mich gern beredet— da ſie doch nicht unverſchämt genug waren, mir mein übelbefinden in's Geſicht abzuſtreiten— einem Ster⸗ benden zu Liebe die kleine Unpäßlichkeit zu über⸗ winden. Nun kam eine Bothſchaft von Wallnern— dann noch eine. Ich blieb feſt. Der Arzt wurde ge⸗ hohlt, um mich, wie ſie meinten, auf der Lüge zu ertappen; aber es ſey nun, daß er ſie durchſchaute, oder daß der Sturm, den die vorhergehenden Sce⸗ nen in mir erregt hatten, auf meinen Körper wirk⸗ te, er erklärte, ich habe ein Fieber, und würde wohl daran thun, nicht aufzuſtehen. Endlich verließen ſie mich, weil ſie ſahen, daß nichts zu machen war, und ich ſchrieb einen Zettel an meinen biedern Rechtler, und bath ihn zu mir. Ihm vertraute ich alles, und er billigte mein Betragen, ſo wie auch den Ent⸗ ſchluß, das Schöndorfſche Haus zu verlaſſen. Nur, glaubte er, würde dieß Mühe koſten, indem die Wahl meines Aufenthalts doch nicht ganz allein von mir, ſondern auch von meinem Vormunde abhin⸗ ge; aber er verſprach mir alles, was er könnte, bey⸗ zutragen, um mich aus n reißen. So ſiehen ni achen, und ich muß den Sturm mit Faſſung erwarten, der ohne Zweifel über mich losbrechen wird, wenn ich morgen be⸗ ſtimmt erklären werde, daß ich Wallnern nun und nimmermehr zu beſuchen, und das Haus zu ver⸗ laſſen geſonnen bin. O meine Schweſter! Zu wel⸗ chen Kämpfen, zu welchen peinlichen Verhältniſſen war deine Leonore von einem feindſeligen Schick⸗ ſal beſtimmt! Wo ſeyd ihr hin, ihr ruhigen Tage meiner ſchuldloſen, einfachen Jugend2 Ach dahin ohne Hoffnung der Wiederkehr! Laß mich denn, theure, einzige Seele, die ſich noch in dieſer kalten feindlichen Welt meiner annimmt, o laß mich zu dir füehen! Hffne mir die ſtille Freyſtätte in deinem Hauſe, nimm mich arme Vertriebene dort auf, und laß mich, nachdem ich alles, was mir theuer iſt⸗ verloren habe, zum mindeſten ein ruhiges Grab bey dir finden! —„ Drey und fünfzigſter Brief. Dieſelbe an dieſelbe. *** den 20. September 8. D meine Thereſe! Wie ſoll ich Dir und Deinem ken, mit der Ihr meine Bitte erfülltet! Alſo ich kann, ich darf zu Euch kommen?— Es ſind noch Menſchen in der Welt, die es gut und aufrichtig mit mir meinen, die mich mit allen meinen Fehlern und Schwächen lieben? Es iſt noch ein Winkel der Erde, wohin ich mit meinem Grame fliehen, wo ich ungeſtört weinen, und ruhig, und von guten Seelen bedauert, ſterben kann? Eure Liebe wird mich ertragen, ſie wird den ſtechenden Schmerz lindern, der unaufhörlich an meinem Herzen nagt. Das iſt ein Glück, das ich manches Mahl, wenn mein Trübſinn zu mächtig wurde, kaum mehr zu hoffen wagte. Thereſe! Wenn ich mir die lachen⸗ 3 den Ausſichten zurüc uft; mit e mit ch vor ei⸗ Fahre in die Welt trat, wen edenke, wel⸗ che Tage der ununterbrochenen Glückſeligkeit ich mir verſprach im Genuſſe aller der Freuden, die mir damahls ſo reizend ſchienen, und an ſeiner Seite, an ſeiner Seite, den ich nicht mehr mein nennen darf! Und jetzt,— ſo tief herabgeſunken, herab⸗ geſtürzt aus allen meinen Himmeln, ſo arm, ſo verlaſſen, ſo um alles gebracht, daß ein ſtiller ru⸗ higer Tod meine einzige, übrig gebliebene Freude, das höchſte Gut iſt, was ich zu erwarten habel Ich war wieder acht Tage ſehr krank, und ſte⸗ he erſt ſeit vorgeſtern ein wenig auf; alles Folgen des unnennbaren Verdruſſes, und der nagenden Reue,— ach, Thereſe, Dir darf ich das Wort nennen, das allein und vollkommen den fürchter⸗ lichen Zuſtand meines zerrütteten Weſens ausſpricht! — die jetzt mein Leben vergiften. Ja, Neue, Reue iſt's, was mich mit Schlangengeißeln züch⸗ tiget; die Ate iſt's, die mir auf jedem Schritt folgt, mich, wie dort in Morganens Grotte den unglück⸗ lichen Roland, über wüſte Heiden und durch ſchreck⸗ liche Wildniſſe jagt, und, wenn ich ermattet ſtille ſtehen will, mich mit verdoppelten Schlägen fort⸗ treibt. Mein iſt die Schuld, mein Werk iſt das Elend, das ich trage! Das iſt's, was mich foltert, was je⸗ und die innerſten Welche Ungeheuer ſind dieſer Wallner, dieſe Schön⸗ dorf, dieſe Juliane, dieſer Wichmann! Und dieß ſind die Menſchen, die ich ihm, ihm, dem Hoch⸗ beleidigten, ach! dem Verlornen vorzog, um de⸗ rentwillen ich ihn ſo unverſöhnlich kränkte! Er hat⸗ te Recht, mich zu verlaſſen. Die thörichte Achtung, die ich Wallners vermeinten Tugenden zollte, das ſinnloſe Wohlgefallen an der Welt, meine Anhäng⸗ lichkeit an Menſchen und Sitten, die ſo verächtlich ſind, mußten ſein Herz von mir abwenden. Gab er ſich nicht alle Mühe, mich aus dem Strudel zu reißen? Beſchwor er mich nicht mit aller Bered⸗ ſamkeit unſchuldiger, wahrer Liebe, mit allem Feuer der Tugend, von dieſem Pfade zu weichen, der mich zum Verderben führen mußte? Und habe ich ihm gefolgt? Habe ich nicht ſeine Bitten verſagt, ſein Herz, dieß edle treue Herz von mir geſtoſſen, und mein jetziges rächendes Schickſal verdient? O, wenn ich mir den letzten Abend zurück rufe, wie er vor mir ſtand, meine Hände in ſeiner zitternden Rechten hielt, und mich mit Thränen in den Au⸗ gen, mit gebrochener Stimme beſchwor, die unſe⸗ lige Quadrille nicht zu tanzen! Und was that ich! Ich ließ ihn flehen, folgte dem Rufe des Leicht⸗ Kräfte meines Lebens verzehrt. ſinns ℳ*— 4* 5 8 170* des Laſters; und er Lerließ Wich. Mit ihm floh mein Schutzgeiſt. Seit jenem Tage binich nicht mehr glücklich geweſen, keine frohe Stunde, kein erheiternder Gedanke, kein frohes Gefühl hat mich mehr beſeligt, ich fiel von Vergehen in Vergehen, von Jammer in Jammer. Ihn darf ich nicht an⸗ elagen, ich, und nur ich allein bin Schuld. Ich glaube jetzt ſelbſt kaum noch, daß er Babetten ge⸗ liebt hat; der Tauſch wäre ja gar zu unerheblich geweſen. Was hätte er gewinnen können? Babet⸗ te iſt leichtſinnig, den Weltfreuden ergeben, wie ich es war, und noch überdieß kokett. Das war ich nicht, auch ſelbſt dann nicht, als ich ihm Wallnern vorzuziehen ſchien. Die Gefühle, die mich an die⸗ ſen Menſchen zogen, waren auf Dankbarkeit und mißverſtandene Achtung gegründet. Ich buhlte nicht mit ihm, ich liebte ihn nie, ich liebte nur Ferdinan⸗ den. Dieß Zeugniß kann ich mir Trotz aller Ver⸗ gehungen geben; ich bin ihm nie untreu geweſen. Selbſt als ich, von böſen Menſchen, von eigenen Schwächen und tauſend unſeligen umſtänden fort⸗ geriſſen, mich an Wallnern gebunden glaubte, ſelbſt dann herrſchte er noch mit aller Macht in meinem Herzen, das nie für einen Andern ſchlagen wird. Ach, Thereſe! Er hätte mich doch nicht verlaſſen ſollen! Sieh, da klage ich ihn ſchon wieder an, das ſollte —— . ich nicht; aber mein opyf iſt ſchwach, und mein Gemüth ganz zerrüttet. Laß mich davon abbrechen! Ich will Dir lieber die Geſchichte der letzten Tage erzählen, ſo kurz, ſo faßlich, als ich kann. Den Tag, nachdem ich Dir geſchrieben hatte, ſtand ich auf, und ging zum Frühſtück der Familie in den Saal hinab, wie ich immer zu thun pflegte. Man ſchien ſehr erfreut, mich zu ſehen, und drang ſogleich in mich, mein Verſprechen zu erfüllen, und Wallnern zu beſuchen. Nun erklärte ich beſtimmk, daß ich das nie thun, und Wallnern weder heute noch künftig jemahls mehr ſehen wollte. Man er⸗ ſtaunte, mißbilligte, redete mir zu, ja man ſtellte mir den Beſuch als Gewiſſensſache vor. Nun konn⸗ te ich ein kleines Lächeln unmöglich unterdrückenz ich ließ mich aber nicht weiter heraus, und blieb mit großer Ruhe und einer Faſſung, die immer mehr wuchs, je mehr Unruhe und Heftigkeit die Andern zeigten, bey meiner erſten Erklärung. Nach Tiſche kam Wichmann. Laß mich über dieſe peinli⸗ che Scene hinweg gleiten! Ich blieb ſtandhaft; aber ich büßte die Ungezogenheit und den Eigennutz dieſer Menſchen ſehr hart. Abends ſchon ergriffmich ein heftiges Fieber, und durch acht Tage war ich bedenklich krank. Doch in dieſem traurigen Zuſtan⸗ de lag der Keim meiner Rettung. Ich vertraute mich „— „ 3 ſtrm Arzte, bath ihn um niſeß fe, ich ihm ſagte, es ſey mir unmöglich zu geneſen, ſo lan⸗ ge ich in dieſem Hauſe bleiben müßte. Er hörte mich mit Theilnahme an, und verſprach mir ſeine Hül⸗ fe, und die Erfüllung meiner Bitte mit einer Zu⸗ verſicht, die mich überraſchte und entzückte. Ich ſah auch bald die geſegneten Folgen davon. Schon am zweyten Tage kam mein Vormund zu mir, und gab mir mit ungewöhnlicher Höflichkeit und Freund⸗ lichkeit die Erlaubniß, zu Dir auf's Land zu gehen und zu bleiben, ſo lange ich wollte. Ich war ganz erſtaunt; aber mein Erſtaunen machte bald der Verachtung Platz, als der Arzt mir am folgenden Tage die Beweggründe erzählte, womit er Wich⸗ mann zur Einwilligung gezwungen hatte. Zuerſt hatte er ihm den ſchlechten Zuſtand meiner Geſund⸗ heit und die Gefahr, die ich bey Fortſetzung mei⸗ ner jetzigen Lebensart liefe, vorgeſtellt, dann aber vorzüglich einige Winke über die Art, wie Wich⸗ mann die Vormundſchaft erſchlichen, und über die Verwaltung meiner Einkünfte fallen laſſen, wo⸗ von er zufälliger Weiſe unterrichtet war. Das hat den kleinherzigen niederträchtigen Menſchen ge⸗ ſchreckt, und, um ſich den Doctor und mich nicht zu Feinden zu machen, da er unſers Stillſchwei⸗ gens und unſerer Schonung wohl zu bedürfen fürch⸗ tet, hatte er e tneen 39 hatte F längſt einmahl von Blum manches über meinen Vormund und über ſeine Abſichten mit mir gehört. Jetzt fiel mir das wieder ein. Ach, Thereſe! Auch hierin wollte der verkannte edle Blum mein Schutz⸗ geiſt ſeyn, und auch hierin ſtieß ich Sinnloſe ſeine rettende Hand von mir. So ſchmerzend dieſe Be⸗ trachtung war, ſo trugen doch die Hoffnung der Erlöſung, und die Ausſicht auf ein ſtilles ruhiges Leben in Deinen Armen unendlich viel zu meiner Beſſerung bey. Ich erhohlte mich langſam, und bin noch unbeſchreiblich ſchwach. An dieſem Briefe habe ich ſechs ganze Tage, theils im Bette, theils außer demſelben, geſchrieben. Ich hätte Dir noch viel, ſehr viel zu ſagen; aber ich kann nicht mehr, und mag den Brief nicht noch länger liegen laſſen. Lebe wohl! Vier und fünfzigſter Brief. Dieſelbe an dieſelbe. H** den 26. September 1795. Wahrlich, Schweſter! Deine und Deines Ge⸗ mahls Güte überſteigt alle meine Erwartungen, alle meine Wünſche. Er wird alſo ſelbſt kommen, mich abzuhohlen? Er will bey ſeinen vielen Ge⸗ ſchäften die weite Reiſe von zwey vollen Tagen her, und eben ſo viel zurück, machen, um mir jede Verlegenheit wegen der überkunft zu erſparen, und mich unter ſeinen brüderlichen, väterlichen Schutz zu nehmen? Ach, ihr ſeyd mir ja Vater und Mutter, Bruder und Schweſter, ihr edlen guten Seelen, die ihr die arme Verlaſſene aufneh⸗ men, und mit ſo viel Liebe behandeln wollt! Ich werde ihn ganz reiſefertig erwarten; meine Ge⸗ ſundheit beſſert ſich⸗ und meine Geſchäfte ſind ge⸗ than. überdieß brennt die Stelle unter meinen Füßen in dieſem Hauſe, und nur der Abſchied von Liſetten, die über meine Abreiſe ſehr betrübt iſt, wird meinem Herzen etwas koſten. Ich ſchickte meinen letzten Brief ab, ohne Dir alles erzählt zu haben, was bis dahin vorgegangen war. Höre alſo noch den überreſt, der ein trauri⸗ ges Licht auf mein und überhaupt auf meines gan⸗ zen Geſchlechts Schickſal wirft! Als ich kaum et⸗ was beſſer geworden, und wieder im Stande war, Menſchen zu ſehen, ſagte mir Liſette, daß Frau von Valſin täglich zwey Mahl geſchickt habe, um nach meinem Beſinden zu fragen, und daß ſie, ſo oft ſie während meiner Krankheit wieder in unſe⸗ rem Hauſe geweſen war, ſich mit unverſtellter Theilnahme bey Liſetten um alles, was mich be⸗ traf, erkundigt, und ſie gebethen habe, ihr, ſobald es meine Umſtände zuließen, eine Unterredung mit mir zu verſchaffen. Dieſe Bitte überraſchte und verwirrte mich; ich wußte nicht, was ich davon denken ſollte, und konnte wohl, nach dem, was vorgefallen war, und wie ich die Valſin zu kennen glaubte, nichts anders, als eine neue Mine Wall⸗ ners, einen veränderten Verſuch, auf mich zu wir⸗ ken, darunter vermuthen. Dieſe Meinung, die unter vielen andern die größte Wahrſcheinlichkeit hatte, machte, daß ich anſtand, ſogleich in die Un⸗ terredung zu willigen⸗ Indeß ganz ließ ſie ſich, ohne feindſelig zu ſcheinen, nicht vermeiden⸗ und ſo bath ich nur um Aufſchub von ein paar Tagen, bis ich mich beſſer erhohlt, und mehr Kräfte ge⸗ ſammelt hatte, dem Sturme zu begegnen, den ich wieder herannahen zu ſehen glaubte. Wie ſehr hat⸗ te ich geirrt, wie viel Unrecht einer Perſon gethan, die in den meiſten Rückſichten Achtung und Liebe, und da, wo ſie von dem rechten Pfade abwich, in⸗ niges Mitleid verdient! An einem Vormittage, wo mir recht wohl war, nur daß ich aus Schwä⸗ che noch nicht das Bett verlaſſen konnte, trat die Valſin an Liſettens Hand in mein Zimmer⸗ Ich muß geſtehen, daß ich in den erſten Augenblicken verlegen und unangenehm bewegt war. Auch ſie ſchien meine Stimmung zu theilen, und das Ge⸗ ſpräch blieb eine Weile ſteif und kalt. Jetzt ent⸗ fernte ſich Liſette, und nun ſtand das liebenswür⸗ dige Weib ſchnell auf, eilte auf mich zu, ſchlug ihre Arme um mich, und ſagte mir, daß ſie ge⸗ kommen ſey, ſich über ihr Betragen gegen mich zu erklären, und, wenn ſie ſich nicht rechtfertigen könnte, wenigſtens meine Vergebung zu erhalten. Dieſer Anfang überraſchte mich. Ich war ſogar nicht darauf vorbereitet; und die Bewegung, in welcher die Valſin zu ſeyn ſchien, theilte ſich mei⸗ nen ohnedieß geſchwächten Ner mit, daß mit Erſchütterung und Bangigkeit erwartete, was ſie mir ſagen würde. Ehe ich von den Verhältniſ⸗ ſen zwiſchen uns reden kann, hob ſie an, erlauben Sie mir, meine Geſchichte zu erzählen. Und nun begann ſie mit Beſcheidenheit, Rührung und ſchö⸗ ner Faſſung eine Erzählung, von der ich wünſch⸗ te, daß alle jungen Mädchen ſie hören möchten, um daraus zu lernen, wie viel auf einen einzigen falſchen Schritt im Leben ankommt. Ich wünſchte, daß ich Dir alles ſo wieder ſagen könnte, wie ich es von ihr hörte, meine Erzählung würde ſehr dabey gewinnen. Aber das iſt unmöglich, beſon⸗ ders da der Ton ihrer weichen Stimme, und der Ausdruck ihres holden Geſichts, das in ſanfter Rührung oft verklärt ſchien, ihren Reden den mei⸗ ſten Reiz verliehen. Höre alſo nur im kurzen die Hauptſache! Sie iſt in G'** geboren, wo ihre Mutter früh verwitwet, wie die unſrige, ſie mit großer Sorg⸗ falt und in einer ſtrengen Abgeſchiedenheit von der Welt erzog. Mit achtzehn Jahren, als ihre Gefühle ſich zu entwickeln begannen, lernte ſie auf eine romantiſche Weiſe denſelben Wallner, der damahls in der Blüthe ſeiner Schönheit und Lie⸗ benswürdigkeit war, kennen. Ihr junges Herz, Leon. II. Th. 12 durch Einſamkeit, Nomanenlectüre und die Ein⸗ wirkung einer ſchwärmeriſchen Mutter höchſt reiz⸗ bar geſtimmt, widerſtand dem Eindrucke nicht, den er auf ſie machte, beſonders da auch er, von ihrer aufblühenden Schönheit angezogen, ſich um ihr Herz bewarb. Die Mutter war nicht für dieſe Lie⸗ be, weil Wallners Stand und Vermögen ihn gar zu weit über ihre Sophie erhoben. Sie widerrieth ihr, ſie ſuchte Zuſammenkünfte zu hindern, und ſie bewirkte das Gegentheil. Sophiens Liebe und Wallners Wunſch, ſie zu beſitzen, ſtiegen im glei⸗ chen Grade. Seine Grundſätze waren ſchon da⸗ mahls beynahe dieſelben, wie jetzt; aber das ah⸗ nete das ſtill erzogene, verliebte Mädchen nicht. Sie ſahen ſich verſtohlen im Schutze der Einſam⸗ keit und Nacht, und das Unglücklichſte geſchah. Sophie zitterte vor ihrem Schickſale. Nur die heiligen Verſicherungen ihres Geliebten, ihr, ſo⸗ bald er ſeines Vaters Einwilligung erhalten wür⸗ de, die Hand zu geben, beruhigten ſie. Dieſer Au⸗ genblick verzögerte ſich aber immer mehr, und Wallner mußte endlich auf Befehl ſeines Vaters G'* verlaſſen. Schmerz und Angſt raubten ei⸗ vem Weſen das Daſeyn, ehe es noch das Licht er⸗ blickte, und nur der ununterbrochene zärtliche Brief⸗ wechſel mit ihrem geliebten Verführer erhielt der armen hie ſelbſt das Leben. So gingen Jahre hin, binnen welchen Waltner ſie zuweilen ſah, und, wenn er abweſend war, ihr fleißig ſchrieb. Aber ſo lange ſein Vater lebte, konnte er, wenig⸗ ſtens wie er ſagte, nicht daran denken, ſie zu hei⸗ rathen. Indeſſen hatten der ſtäte Umgang, der Umtauſch der Geſinnungen, die Nachſicht, die Vor⸗ liebe, die man für die Grundſätze eines ſo innig geliebten Mannes fühlt, auch manche Verände⸗ rung in Sophiens Denkart hervorgebracht. Sie fing an, über viele Dinge leichter hinweg zu glei⸗ ten, und manches als Vorurtheil zu betrachten, was ihr vor einigen Jahren unverletzlich und hei⸗ lig geſchienen hatte. Wallern zu Liebe hatte ſie einige rechtliche bürgerliche Verſorgungen ausge⸗ ſchlagen. Jetzt war ſie beynahe vier und zwanzig Jahre; ihre Schönheit verlor durch die Zeit, und noch mehr durch Kummer und heimliche Sorgen ihre friſche Blüthe. Die Mutter wurde alt und kränklich; ſie bedurfte mehr Unterſtützung, mehr Bequemlichkeit. Herr von Valſin lernte Sophien auf einer Geſchäftsreiſe kennen; ſie geſiel ihm, er both ihr ſeine Hand. Verlegen und ängſtlich wand⸗ te ſie ſich an ihren noch immer Heißgeliebten; er rieth ihr zu, da auf ſeiner Seite nun einmahl bey ſeines Vaters Leben und guter Geſundheit keine T Ausſicht ſey. Sie dachte an ihre Mutter, und gab — Valſin die Hand. Bald darauf ſtarb Wallners Va⸗ ter, und Wallner lehrte ſie, in den Grundſätzen, die er ihr eingeflößt hatte, Troſtgründe gegen die⸗ ſen Schlag zu finden. Er lehrte ſie begreifen, daß nichts verloren ſey, daß ein Mann, wie Valſin, nur ihre Hand und ihre häusliche Sorgfalt, kei⸗ neswegs aber ihr Herz zu begehren das Recht hätte, da er es nicht zu ſchätzen wiſſe. Ihr Ver⸗ hältniß mit Wollnern dauerte alſo noch eine Wei⸗ le fort, bis Sättigung und lange Weile ihm von beyden Seiten ein Ende machten. Wallners Platz nahmen hierauf mehrere nach einander ein, und zuletzt Van der Werth. Ihre Grundſätze erlaub⸗ ten ihr das, und die Härte ihres Mannes zwang ſie zu noch mehr, was ſie im Anfange mit Wider⸗ willen that. Indeſſen blieb, Trotz aller genaueren Kenntniß der Welt, und Wallners ſelbſt, dieſer ihrem Herzen noch immer werth, und der Mann ihrer erſten und in dieſem Sinne einzigen Liebe, der Mann, der Trotz ſeiner Grundſätze ſo liebens⸗ würdig ſeyn konnte, wurde ihr nie genz gleich⸗ gültig. Sie blieb ſeine Freundinn, die aufrichtig⸗ ſte Theilnehmerinn an allem ſeinem Wohl und Weh. So war ihr Verhältniß, als er ſie auf mich aufmerkſam machte, und ihr ſeinen Plan mittheil⸗ te. Sie ergriff ihn mit Wohlgefallen, wie alles, was er für ſich zuträglich fand, und was ihren Be⸗ griffen von Recht und Unrecht nicht geradezu wi⸗ derſtrebte. Sie verſprach ihm, mitzuwirken. Sie ſuchte meine Liebe zu gewinnen. Ach! rief ſie aus, als ſie bisher gekommen war— wie es denn öfters mit ſolchen Vorſätzen geht, ich verliebte mich bey⸗ nahe ſelbſt in ſie. Das wenige Zutrauen, das ich ihr Trotz des Wohlgefallens an ihrem Umgange bezeigte, nebſt Julianens und Wallners Behaup⸗ tungen, hinderte ſie, meinen Charakter richtig zu beurtheilen, und beſonders mein Verhältniß zu Blum im wahren Lichte zu ſehen. Sie glaubte nicht, mich unglücklich zu machen, wenn ſie dieß zu zerreiſſen, und mich dafür mit Wallnern zu ver⸗ binden ſuchte. Aus dieſem Geſichtspunete bath ſie mich, ihr Betragen gegen mich zu betrachten. Die Begebenheit auf dem Balle hatte ſie im Anfange tief gekränkt; aber die Erinnerung an ihre eigene ſchuldloſe Jugend, an ihre damahlige Verehrung für Tugend und weibliche Würde, an die Lehren einer ewig theuren Mutter, ſtiegen nach und nach in ihrer Seele empor. Sie fing an mein Betra⸗ gen zu achten, ſie dachte daran, was ſie hätte wer⸗ den können, wenn ſie dieſelbe Kraft oder vielmehr dieſelben Veranlaſſungen zu handeln gehabt hätte, wie ich, und ſie gewann mich lieber, ſtatt mich an⸗ zufeinden. Ach! ſetzte ſie hinzu: Das Nachdenken, das Vergleichen unſerer Umſtände, die ſo viele Vhnlichkeit haben, hat mich dieſe Zeit her manche trübe Stunde, manche Thräne gekoſtet. Leonore! rief ſie, indem ſie meine Hand ergriff, und ihr ſchönes Auge mit Ausdruck zum Himmel erhob: Was hätte ich werden können, wenn ich von einem Blum geliebt worden wäre, wenn Wallner nicht meine erſte Liebe, der erſte Mann, ſo zu ſagen, geweſen wäre, den ich kennen lernte! Ihre Thrä⸗ nen floßen, und die meinen mit ihnen. Als wir uns beyde erhohlt hatten, ſetzte ſie noch hinzu, daß Juliane— o meine Schweſter! welch ſchrecklichen Aufſchluß gab mir das edle Weib hiermit!— daß Juliane wahrſcheinlicher Weiſe Blum geliebt, und deßwegen alles angewandt habe, um mich in ſei⸗ nen Angen ſtrafbar, ihn in den meinigen unduld⸗ ſam und untreu ſcheinen zu machen. Mein Entſchluß, die Verbindung mit Wallnern aufzuheben, das Schöndorf'ſche Haus und die gro⸗ ße Welt zu verlaſſen, hatte ſie überraſcht, noch mehr aber die Standhaftigkeit, mit welcher ich, aller Hinderniſſe ungeachtet, auf meinem Vorſatze be⸗ parrte. Dieſe Feſtigkeit, ſetzte ſie lächelnd hinzu, indem ſie mich ſchmeichelnd umfaßte, hatte ich Ih⸗ nen— verzeihen Sie mir meine Aufrichtigkeit!— wahrlich nicht zugetraut. Deſto größer wurde mei⸗ ne Achtung, deſto lebhafter der Wunſch, mich in Ihren Augen zu rechtfertigen. Aber dieß iſt nicht allein der Zweck meines Beſuches; ich muß Sie auch bitten, auf Ihrer Huth zu ſeyn. Ihr Vor⸗ mund, dieſe niedrige Seele, hat Wallnern ver⸗ ſprochen, Sie zu der Heirath mit ihm zu bereden oder zu überliſten, wenn er bey Ablegung der vor⸗ mundſchaftlichen Rechnung es nicht ſo genau mit ihm nehmen wollte. Ob Wallner dieſen Vorſchlag ergriffen hat, weiß ich nicht; aber von ihm weiß ich, daß er ihm gemacht wurde. Nehmen Sie ſich alſo in Acht, laſſen Sie ſich zu nichts bewegen, und trauen Sie überhaupt keinem Menſchen in dieſem Hauſe, wo es niemand mit Ihnen redlich meint! So endigte ſich dieß Geſpräch, das einen unaus⸗ löſchlichen Eindruck in meiner Seele hinterlaſſen, und viel zu meiner Geneſung beygetragen hat, in⸗ dem es mein Herz zwar wehmüthig, aber ſanft be⸗ wegte. Ich bin nun um eine wohlwollende Seele in der Welt reicher. Ich kann wieder Achtung für ein Weib haben, das mir ſo unwillkührlich Liebe abdrang, als ich es kennen lernte, und von dem bloß das falſche Licht, in dem ich es ſehen mußte, mich zurück ſtieß. Ja, die Valſin iſt guter, edler Sozen fähig, und züe ihre Fehter, ihre Vergehen ſind nur unausblribliche Folgen einer einzigen Schwachheit. Wer ihr aber dieſe zum Ver⸗ brechen anrechnen wollte, der erwäge ihre Um⸗ ſtände, greife in ſeinen eigenen Buſen, und dann wage er es, eine Frau ſtreng zu verdammen, die ſelbſt in ihren großen Verirrungen noch ſo viel Ach⸗ tung für Tugend behalten hat. Was mich aber noch mehr freute, iſt die Recht⸗ fertigung von Blums Betragen, die in den Wor⸗ ten der Valſin lag. Alſo er iſt mir nicht untreu geweſen! Es war Bosheit, Eiferſucht, Cabale, was ihn von mir riß! Er iſt ſchuldlos; nur ich allein habe gefehlt! O Thereſe! So ſchmerzend dieſe überzeugung auf der einen Seite iſt, ſo möch⸗ te ich ſie nicht um alle Schätze der Welt vertau⸗ ſchen. Fleckenlos und rein, im ätheriſchen Glanze ſchwebt es wieder vor mir, das Bild des erſten, des Einziggeliebten. Kein Tadel, kein Vorwurf trifft die himmliſche Geſtalt. Ich liebe ihn wieder mit allem Feuer, mit aller Hingebung meiner er⸗ ſten ſchuldloſen Jugend. Zwar habe ich ſeine Liebe verloren. Ach, meine Schweſter! Ich habe ſie ver⸗ wirkt. Leichtſinn, Eitelkeit, Zerſtreuungsſucht, fal⸗ ſche Scham hatten mein Herz umſtrickt, und ihn von mir geriſſen. Aber ich bin wieder zurückgekehrt auf den verlaſſenen Pfad. Ich weiß, daß, wenn er mich gleich nicht mehr liebt, er mir doch ſeine Ach⸗ tung nicht verſagen kann; und dieß Gefühl hält mich aufrecht. Ich werde ihn ewig lieben, wenn er auch, durch Länder und Meere getrennt, nicht mehr an die Geſpielinn ſeiner Kindheit denkt, und nichts von der heiligen Flamme ahnet, die noch immer für ihn in meinem Buſen lebt. Treu und unabläſſig, wie eine Veſtalinn, will ich ſie nähren, mit den beſten Kräften, den edelſten Gefühlen mei⸗ nes Weſens, und mich freuen, wenn über dieſer wehmüthigen heiligen Beſchäftigung jene Kräfte und Gefühle ſich bald verzehren. Leb wohl, Schwe⸗ ſter! Schreibe mir nicht; ich hoffe nächſtens in Deinen Armen zu ruhen. Fünf und fünfzigſter Brief. Ludwig Seltig an Ferdinand Blum. L** den 18. Oetober 1793. nn ich nur dieß Mahl mit meinem Briefe zu Dir fliegen, und die Mienen beobachten könn⸗ te, mit welchen Du ihn leſen wirſt! Wennich nur ſehen könnte, ob Erſtaunen, oder Freude ſich ſicht⸗ licher darin mahlen! Blum, lieber theurer Her⸗ zensbruder! Welche herrliche Bothſchaft habe ich Dir zu bringen! Leonore geht aus eigenem Ent⸗ ſchluſſe, und Trotz aller Hinderniſſe, die böſe Men⸗ ſchen ihr in den Weg legen wollten, auf's Land zu ihrer Schweſter, und will künftig bey ihr leben. Freut Dich dieſe Nachricht nicht? Dein letzter Brief, der ſo voll Schwermuth und hoffnungsloſer Träu⸗ me war, ſollte mich wohl glauben machen, daß ich Dir gewiß eine willkommene Neuigkeit erzählt ha⸗ be. Leonore, die einſt und vielleicht noch ſo heiß —,.—— geliebte Leonore, ſie, di Mißverſtändniſſe Dir geraubt, und von dem einfa⸗ chen Pfade der Natur abgezogen hatten, kehrt nun freywillig zurück, zerbricht alle Bande, die ſie an jene Welt geknüpft hatten, und wirft ſich, von al⸗ len Schlacken der Modethorheiten gereinigt, und nur mit dem Beſten, was ihre ſchöne Seele ſich aneignete, bereichert, in die Arme der Natur und der häuslichen ſtillen Zufriedenheit. Du ſagteſt im⸗ mer in Deinem Unmuthe: Ach, Ludwig! Wer mir das vor einem Jahre geſagt hätte! Und ich ſage dir nun auch: Nun, Ferdinand! Wer Dir das noch vor zwey Monathen geſagt hätte, als Du Dei⸗ ne gerettete Leonore Dir ſchon als Baroneſſe Wall⸗ ner dachteſt! Sie iſt nun frey von jedem Schat⸗ ten des Argwohnes, ſchuldlos, und verdient die Hochachtung der Menſchen in einem höheren Gra⸗ de, da ſie die Kraft hatte, ſich aus den goldenen Ketten los zu machen, in denen ſo viele, die gera⸗ de nicht zu den Schlechteſten gehören, wenn ſie einmahl hinein gerathen ſind, ewig hängen bleiben. Wäre ſie, ſo wie ihre Schweſter, gleich aus den Armen ihrer Mutter in die eines Gatten überge⸗ gangen, ſo wäre ſie, wie die Friedberg, ein ganz braves Weib geworden; aber nie hätte ihr Cha⸗ rakter ſich in einem ſo vortheilhaften Lichte zeigen kennen, als jetzt, da ſie ſo viele Verſuchungen be⸗ ſiegt, und ſo harte Proben ſo tapfer beſtanden hat. Du ſiehſt, ich bin begeiſtert; aber ich habe ſo eben des guten Rechtlers Brief geleſen, der mir mit wahrem Enthuſiasmus Leonorens Entſchluß berichtet. Der redliche Alte iſt ganz verliebt in das Mädchen, an dem er mit väterlicher Zärtlichkeit hängt, und ſchreibt ſo warm von ihr, als man von einem betagten, bedächtigen Buchhalter, der in ſei⸗ nem Leben nicht viel anderes geleſen und geſchrie⸗ ben haben mag, als Hauptbücher und Kaufmanns⸗ briefe, kaum erwarten ſollte. Sein Feuer hat auch mich angeſteckt. Und iſt denn nicht auch im Him⸗ mel mehr Freude über einen bekehrten Sünder, als über neun und neunzig Gerechte? Aber ich ha⸗ be noch andere Gründe, mich über Leonorens Be⸗ tragen zu freuen; erſtens meine befriedigte Eitel⸗ keit, daß nähmlich ihr Betragen mein Urtheil von ihr ganz rechtfertigt, und zweytens die Hoffnung, daß dieſe Veränderung auch noch für das Glück meines theuren, inniggeliebten Bruders wohlthä⸗ tig ſeyn werde. Ferdinand! Ich wüßte nicht, was ich vor Freuden thäte, wenn ich über kurz oder lang die Nachricht von Dir hörte, daß Du auf dem Wege hierher ſeyeſt, und daß es vielleicht den vereinten Bemühungen Deiner Freunde gelingen könnte, zwey Herzen wieder zu vereinigen, die für einander beſtimmt, und nur durch äußere Umſtän⸗ de getrennt waren. Blum! Gute, treue Srele Du biſt nicht gemacht, um allein in der Welt zu ſtehen, und noch weniger, Dein Herz, das durch zwölf Jahre in theuren gewohnten Banden ſo ſanſt und leicht ruhte, in fremde Feſſeln zu ſchmieden. Du mußt mit Leonoren vereinigt werden, oder Du wirſt nie recht glücklich ſeyn. Laß alſo Deine Freun⸗ de dafür ſorgen, da Dich die Verkettung der Um⸗ ſtände jetzt abhält, ſelbſt thätig zu ſeyn, und gib mir in Deinem nächſten Briefe unbeſchränkte Voll⸗ macht, zu thun, was ich für gut finde! Dann hoffe ich nächſtens, Dir die beſten Nachrichten von der Welt mittheilen zu können. Leb wohl! Sechs und fünfzigſter Brief. — Leonore von Brandner an Liſette v. Schöndorf⸗ Weidenbach den 20. October 1793. Es iſt lange, ſehr lange, liebe, gute Freundinn, daß Du nichts von Deiner Entfernten gehört haſt, und Du hätteſt wohl Recht, zu zürnen, wenn nicht eine kleine Unpäßlichkeit, die mich gleich nach mei⸗ ner Ankunft befiel, und einige Tage anhielt, voll⸗ gültige Entſchuldigung für mein Stillſchweigen wäre. Die letzten Stürme, die ich in*** aushal⸗ ten mußte, dann die Scenen beym Abſchiede, end⸗ lich die Reiſe bey ſehr kaltem regneriſchen Wetter, das uns gleich am erſten Nachmittag auf der Stra⸗ ße überfiel, und bis in den dritten Tag währte, alles dieſes zuſammen genommen war meiner ge⸗ ſchwächten Geſundheit zu viel, und ich kam mit ei⸗ nigen Krankheitsgefühlen an. Aber ich hoffte, es würde von keiner Bedeutung ſeyn, und wollte mei⸗ wohnt war. Hier iſt das alles unendlich beſſer, und ner Schweſter, die ich zwey Jahre nicht geſehen hatte, die Freude über meine Ankunft nicht ver⸗ derben. Ich bezwang mich zwey Tage; am dritten mußte ich der ſiegenden Gewalt der Krankheit wei⸗ chen. Vielleicht waren auch die Veränderung der Luft, das kältere Klima hier in dieſen Gebirgen, wo bereits der Herbſt in ſeiner Strenge herrſcht, das harte Gebirgswaſſer, und alle die tauſend Um⸗ ſtände, deren hülfloſes Spielwerk der arme Herr der Schöpfung iſt, mit Urſache. Aber, o Liſette! wie glücklich machte mich in meinen körperlichen Schmerzen das Gefühl, von liebenden, theilneh⸗ menden Menſchen umgeben zu ſeyn, in deren trü⸗ ben Geſichtern meine Leiden ſich ſpiegelten, in de⸗ ren hellen Blicken ſpäterhin die Hoffnung meiner Geneſung glänzte! In Deinem Hauſe war ich fremd. Nur Du, gutes, treues Mädchen, nahmſt Dich meiner an, und ließeſt mich nicht fühlen, daß ich ſo ganz allein war. Du ſchenkteſt mir Deine Zeit, Du pflegteſt meiner, ſo viel man Dir erlau⸗ ben wollte, und nie, nie wird das Andenken an Deine Güte aus meiner Seele ſchwinden. Aber wenn Du mich verlaſſen mußteſt, dann fühlte ich ſchrecklich, daß ich fremd war, um ſo ſchrecklicher, ie weniger ich das von meiner erſten Kindheit ge⸗ wenn es möglich iſt, daß meine zerrüttete Geſund⸗ heit noch hergeſtellt werden könnte, ſo muß es hier geſchehen, hier, wo Freundſchaft und Geſchwiſter⸗ liebe alles für mich zu thun und zu opfern willig bereit ſind. Aber ich denke, es iſt überall ſchon zu ſpät. Indeſſen geht es mir noch ſo leidlich, daß ich den größten Theil meiner Empfindungen, und vor allen meine Gedanken darüber meiner guten Schwe⸗ ſter verbergen kann, und ſie hofft weit mehr als ich. Sonſt verfließt mein Leben einförmig und ru⸗ hig, und das thut mir unendlich wohl. Mir iſt, als wenn ich wieder in die ſtillen glücklichen Zeiten meiner erſten Jugend zurückgeſetzt wäre, wo ein Tag dem andern gleich war, und nur Jahrszeiten und häusliche Beſchäftigungen einige Veränderun⸗ gen hervorbrachten, wo noch eine Spazierfahrt, eine Muſik, oder ein Abend im Theater ein recht fühlbares Vergnügen für mich waren, an welchem mein ſtilles Gemüth in der Erwartung und Erin— nerung Tage lang mit Wohlgefallen zehrte. Ach, es iſt doch nichts ſeliger, wenigſtens nichts, was dem Menſchen ein dauerhafteres, beſſeres Glück gewäh⸗ ren kann, als ein ſtilles, thätiges, einförmiges Leben, wenn er nur die Genußfähigkeit, nähmlich ein ruhiges Herz und einen unbefangenen Geiſt, dazu bringt. Doch, ich bin Dir ja noch die Geſchichte mei⸗ ner Reiſe und meiner Ankunft hier ſchuldig. Sie war einförmig, und größten Theils unangenehm; allein der letzte Nachmittag und der erſte Abend, den ich in dem Hauſe meiner Schweſter zubrachte, hätten wohl größere Mühſeligkeiten vergütet, als die ich auszuſtehen hatte. Das Wetter und die weit vorgerückte Jahrszeit zwangen uns, auf dem Wege, den man bey guter Zeit in zwey Tagen macht, drey zuzubringen. Es regnete beynahe in einem fort; die Nebel hingen über die Gebirge herab, verbargen uns die nächſten Dörfer, und auf hundert Schritte vor uns waren Himmel, Luft und Erde, nur eine wüſte, graue Maſſe. Ich kann Dir die tiefe Schwermuth nicht beſchreiben, die dieſe Umgebungen in mir erzeugten. Es trug ſo alles das Gepräge meines Gemüthes und meines Schickſals; nur der immer heitere Sinn meines guten Schwagers, der meine Laune mit ſchonender Liebe trug, hielt mich empor. Am dritten Morgen klärte ſich der Himmel auf. O meine Liebe! Welch einen unbeſchreiblichen Eindruck machte jetzt die Gebirgswelt auf mich, in die wir immer tiefer und tiefer hineinfuhren, dieſe Felſenmaſſen, dieſe ſtür⸗ zenden Ströme, dieſe klappernden Mühlen, dieſe luftigen Fichtenhaine auf den Scheiteln grauer Leon. II. Th. 13 Berge, dieſe blühenden lachenden Ehäter, rings von furchtbaren Klippen umſtarrt, und über dem ſchönen Bilde ein heiterer blauer Himmel und freundliche Sonnenblicke, die Schatten und Licht mannigfaltig und mahleriſch vertheilten! Ich hatte noch nie etwas Ihnliches geſehen, und war gans in Vergnügen verſunken. Den Nachmittag fuhren wir durch ein enges Thal zwiſchen ſo hohen Felſen⸗ wänden durch, daß ich mich aus dem Wagen hervor legen mußte, um den Himmel zu ſehen. Neben uns wühlte ein Waldbach zwiſchen Geſträuch und Klip⸗ pen ſich mühſam eine Bahn, und kämpfte laut brauſend mit den Felſen und Baumſtämmen, die ſich ihm widerſetzten. Auf der andern Seite rauſch⸗ ten die finſtern Tannenäſte über den Wagen hin, und ſchlugen uns, wenn wir hinaus ſehen wollten, in's Geſicht. Plötzlich öffnete ſich eine weite Aus⸗ ſicht vor uns, die Felſenwände wichen zurück; ich ſah eine lachende Gegend, und mitten im Schooße der Berge, die ſich rings in lieblicher Abwechslung, bald mit Wieſen und Wäldern, bald mit keimen⸗ den Saatfeldern bedeckt, bald ſteil und ſchroff in einem ſchönen Kranze umherzogen, ruhte der helle Spiegel eines weiten, grünlichen Landſees. Ament⸗ gegengeſetzten Ufer ſtand ein friedliches Ortchen, ein Markt mit der Kirche, aus welcher der Klang — der Abendglocke uns friedlich entgegen könte. Mein Schwager fragte mich, ob ich wohl Luſt und Muth hätte, zu Schiffe über den See zu ſetzen; ſonſt könnten wir den etwas unbequemern Weg am ufer hin machen. Mit Freuden ergriff ich ſein Anerbie⸗ then. Die Anſtalt war bald gemacht, wir ſchickten den Wagen voraus, und beſtiegen ein kleines Schiff⸗ chen. Noch nie hatte ich eine ſo angenehme Reiſe gemacht. Die Sonne ſank rechter Hand zwiſchen Felſen und Kiefernwäldern hinab, eine Feuerſäule zitterte lodernd vor ihr über die Waſſerfläche heran, bis an unſern Kahn, der in rothen Funken dahin glitt. Die gegen über ſtehenden Berge glänzten im Purpurlichte; Hirtenflöten riefen von den einſamen Alpen hinab in's Thal. Mir ſiel der Nachen Cha⸗ rons ein. Erlöſet vom Geräuſche der Welt, abge⸗ ſtorben allen irdiſchen Leiden und Freuden, ſchwamm ich ſo auf der ſtillen Fluth dem Lande zu, wo Frie⸗ den und Ruhe meiner warteten. Eine unbeſchreib⸗ liche, ſüße, beruhigende Empfindung erfüllte mein ganzes Weſen. Wir ſtiegen aus, und gingen zu Fuß durch den reinlichen Marktfſecken. Der Weg führte an der Kirche vorbey. Es war Sonnabend, die Li⸗ taney und der Segen eben zu Ende; das Land⸗ volk verließ noch ſingend die Gothiſche uralte Kir⸗ che, in der einige rothflammende Lichter die Dun⸗ ketheit mehr zeigten als erhellten, und zerſtreute ſich auf dem Raſenplatze unter der Linde, wo neben einem heiligen Bilde ein klarer Brunnen im Schat⸗ ten plätſcherte. Die Arbeit des Tages, der ganzen Woche war nun vollbracht, und ein feyerliches Ge⸗ beth heiligte die Muße, welcher der Menſch ſich überließ. Auch ſie ſehen den Freuden der Ruhe nach langer Plage entgegen, dachte ich, und bethete im Stillen mit ihnen, und bath Gott, auch die Ruhe zu ſegnen, der ich nun entgegen ging. Von allen Seiten wurden wir jetzt, wie wir uns der Kirche näherten, freundlich begrüßt. Die Geſellſchaft mei⸗ nes Schwagers machte auch mich Unbekannte die⸗ ſen guten Menſchen weniger fremd; und als mein Schwager ihnen ſagte, wer ich wäre, bekam ich manchen herzlichen Gruß und Handſchlag. Ich war bis zu Thränen gerührt, ich hatte Mühe, ſie zu verbergen, um den einfachen Landleuten keine irri⸗ gen Begriffe von mir zu geben. Mehrere begleite⸗ ten uns aus dem Markte nach dem Eiſenhammer⸗ der nur eine Viertelſtunde davon liegt. Der Weg ſenkte ſich außer dem Markte, und wir bogen links in ein Thal ein, das ziemlich eng und von hohen Bergen beſchränkt war. Hier erblickte ich, von ein⸗ zelnen Bäumen umgeben, auf einem mäßigen Hü⸗ gel das Wohnhaus. Schon flimmerte Licht in ei⸗ nem Fenſter, und und nachbarlich Finz mir der Schein des lodernden Feuers aus der Kü⸗ che entgegen. Von dem⸗Hauſe ſtreckt ſich ein Keiner Vorgarten mit Blumen und einigen Obſtbäumen den Hügel herab; mein Herz ſchlug hoch, das Bild meiner Schweſter, meiner verſtorbenen Mutter und Ferdinands ſchwebten lebhaft vor mir, mein gan⸗ zes Schickſal ſtieg in hellen Geſtalten vor mir auf, meine lang verhaltenen Thränen brachen mit Macht hervor. Plötzlich hörte ich rufen: Sie ſind's! Sie ſind's! Ich blickte auf, ich ſah im Garten ſich eini⸗ ge weiße Geſtalten bewegen, und meine Schweſter mit ihren Kindern ſtürzte uns entgegen. Laß mich über die erſten Angenblicke hingleiten! Sie vertra⸗ gen keine Beſchreibung. Thereſe ſieht vortrefflich aus, man merkt es ihr auf den erſten Blick an, daß ſie glücklich iſt. Sie führte mich in's Haus. Dieſe Reinlichkeit, dieſe Stille, dieſer häusliche Friede, der mir überall entgegen ſtrahlte, thaten meinem aufgeregten Herzen unausſprechlich wohl. Da wohnt die Ruhe, ſagte ich zu mir ſelbſt, da mußt du ſie finden, wenn du es noch werth biſt, ſie zu erlangen. Und ich habe ſie gefunden, liebe Liſette! Mir iſt wohl, ſo wohl, wie mir ſeit lan⸗ ger Zeit nicht war, ob ich gleich nicht ſagen kann, daß ich froh, ja daß ich nur geſund wäre. Aber es iſt ſtill in mir, * ich habe Friede m das iſt's allein, was ich, ſo lange ich auf dieſer Welt wandle, noch brauche. Unſere Lebensart iſt ſehr einfach. Wir ſtehen früh auf, beſchäftigen uns den ganzen Tag mit Wirthſchaft, Handarbeit und den Kindern. Der Abend, der ſchon um halb ſechs Uhr anfängt, wenn nähmlich die Arbeiter, die um fünf Uhr aufhören, entlaſſen ſind, wird mit Leſen, Muſik, zuweilen mit einem Kartenſpiele zugebracht, beſonders, wenn der Pfarrer kommt, ein ehrwürdiger, ſehr gebilde⸗ ter Greis, oder der Forſtmeiſter von der Herr⸗ ſchaft, der nur ein paar hundert Schritte von uns wohnt. Um halb neun Uhr eſſen wir zu Nachts, um zehn Uhr ſchläft alles im Hauſe. Ach wie oft, wenn die große Hausuhr mit langſamen Schlägen zehn Uhr angibt, der Wächter ſein„Alle meine Herrn“ u. ſ. w. anſtimmt, und alles umher ſo ſtill iſt, daß man das Rauſchen des Waſſers am Eiſen⸗ hammer deutlich hört, wie oft denke ich daran, wie ich ſonſt um dieſe Zeit im glänzenden Putze beym Scheine von hundert Lichtern in euren prächtigen Zimmern ſtand, alles um mich her von Menſchen wimmelte, Glanz, Geſchmeide, Putz⸗ Kartenſpiel und flüchtige Geſchwätze meine Sinne betäubend einnahmen, und ich mich felbſt in dem Wirbel ver⸗ it mir ſelbſt; und lor! Dann iſt mir wohl in meiner einſamen Stil⸗ le, und mit ſeligem Gefühle weide ich mich an der tiefen Ruhe, die mich umgibt. So friedlich iſt es auch in meinem Herzen ge⸗ worden. Nicht daß ich meinen unerſetzlichen Ver⸗ luſt nicht mehr ſo tief fühlte, nicht, daß ich glück⸗ lich wäre, oder es zu werden hoffte; aber der Kampf meiner Seelenkräfte, die unglückliche Spannung, der innere Zwiſt, der mein ganzes Weſen, ſo lang ich in eurer ſchimmernden Welt lebte, peinlich auf⸗ regte, haben aufgehört, die ſchreckliche Vorſtellung, von ihm, den ich ſo gern innig achten möchte, ver⸗ laſſen, vernachläſſigt zu ſeyn, ihn darum weniger achten zu können, iſt vor dem milden Strahle der Wahrheit verſchwunden. Er erſcheint mir wieder ſo edel, ſo verehrungswürdig, als in meinen glück⸗ lichen Tagen; und ſelbſt der nagende Schmerz der Reue hat ſeine Stacheln in dieſer ſeligen Stille verloren. Ich ſehe mich ſelbſt, und alle Menſchen in einem ſanfteren Lichte. Ich habe allen vergeben, Wallnern, Babetten, ſogar Julianen; ich bedaure ihr unglückliches Schickſal, und wünſchte es mil⸗ dern zu können. An ihn, den ich nun wieder nen⸗ nen darf, an Ferdinand denke ich mit inniger, un⸗ auslöſchlicher Liebe. Ich weiß, ich habe ihn für die⸗ ſe Welt verloren, unſere Bande können nicht mehr ernüpft e aber innig, ſtandhaft, treu und ergeben, kann und darf ich das geliebte Bild, das wieder im hitumliſchen Glanze vor mei⸗ ner Seele ſchwebt. Wis lange wird das auch wohl währen? Langſam, aber mächtig zehrt hoffnungs⸗ loſer Schmerz an meinem Leben; meine Geſund⸗ heit iſt ſehr verfallen, meine Geſtalt ebenfalls, und ich fühle,— Dir, Liſette darf ich es ſagen; meine Geliebten hier würde eine ſolche ußerung zu ſehr betrüben— daß ich den nächſten Frühling wohl ſchwerlich erleben werde. Und das iſt's, das, ge⸗ liebtes Mädchen, was mich am meiſten, am kräf⸗ tigſten tröſtet: es wird nicht mehr lange dauern! So lang ich lebe, ſoll mein ganzes Weſen, jede meiner Kräfte ſeinem Andenken, und den theuern Freunden um mich gewidmet ſeyn; in dieſer ſtil⸗ len, aber raſtloſen Thätigkeit ſoll der ſchwach ge⸗ wordene Funke meines Lebens ſich verzehren. Und wenn ich todt bin, dann Liſette, dann werde ich ihn ohne Reue, ohne Furcht, ohne Vorwurf wie⸗ der ſehen, und ſein Schutzgeiſt ſeyn. An dieſem Briefe habe ich acht Tage geſchrie⸗ ben, denn meine Schweſter erlaubt mir nicht an⸗ zuhalten. Ich werde auch künftig Dir keine förm⸗ lichen Briefe mehr ſchreiben. Dazu iſt mein Leben zu einfach und arm an intereſſanten Neuigkeiten; aber wennmein. en recht voll iſ. will ich es gegen Dich ergießen, und wenn ſolche abgeriſſene Blätter ein ziemliches Packet ausmachen, werdeich ſie Dir ſchicken. Nun lebe wohl! Denke meiner oft, und ſchreibe mir alles, auch das Unbedeutend⸗ ſte, was Dich betrifft! Es wird meinem Herzen wohl thun. Grüße Frau von Valſin herzlich, und ſage ihr, daß ich ihr ſchreiben werde, Pbald meine Kräfte ſich mehr erhohlt haben!* Sieben und fünfzigſter Brief. Ferdinand Blum an Ludwig Seltig. London den 10. Oetober 1795. Jo ſoll Dir Vollmacht geben? Ich ſoll Dich für mich handeln laſſen? Leonore iſt frey? Sie iſt aus dem Schöndorfſchen Hauſe gerettet? Von Wall⸗ nern getrennt? Ich ſoll hoffen? Du hoſſſt ſelbſt? O mein Bruder! Welcher Sturm von Gefühlen, welches unüberſehbare Heer von ſtreitenden Gedan⸗ ken haben Deine letzten Briefe, die ich durch Zu⸗ fall zugleich erhielt, in meiner Seele erregt! Iſt es möglich? Iſt es nur wahrſcheinlich, daß das alles, was auch meine ſchwärmeriſchen Wünſche kaum zu hoffen wagten, geſchehen ſeyn ſoll? Schmei⸗ chelt Deine Liebe nicht meinem zerriſſenen Herzen mit ſchönen Träumen, denen keine Wirklichkeit entſprechen wird? Ich habe Deine Briefe wohl zehn Mahl gele⸗ ſen. Zuerſt— lächle nicht über mich!— zuerſt ver⸗ ſtand ich ſie nicht; denn mein Herz war durch die erſten Worte derſelben in zu großen Aufruhr ge⸗ bracht. Ich hatte ſie zwey Mahl überleſen, und wuß⸗ „ te noch nicht, was ſie enthielten, ob ich über ihren Inhalt jauchzen oder verzweifeln ſollte. Ich mußte mich ſammeln, ich mußte den Sturm in meiner Seele ſich legen laſſen. Dann nahm ich die ver⸗ hängnißvollen Blätter wieder in die Hand. Mein Herz hatte ſich nicht getäuſcht, als es beym erſten Anblicke ſo ungeſtüm zu pochen angefangen hatte; ich durfte jauchzen. Nun las ich beyde Briefe bis an's Ende, und nun verſtummte mein Jauchzen wieder; und ſo innig ſich meine ganze Seele über Leonorens Rettung freute, ſo konnte ich doch nim⸗ mer in die ſanguiniſchen Hoffnungen einſtimmen, die Du für mich nähreſt. Hoffen! Ludwig! Die zwey Sylben ſagen viel, ſetzen viel voraus, das ich den Muth, oder laß mich aufrichtig reden, die Thorheit nicht habe, vorauszuſetzen. Warum ſoll ich hoffen? Laß uns Deine Nachricht mit unpar⸗ teyiſchen Augen betrachten! Laß mich, mich aus mir ſelbſt und aus allen den erſchütternden Beziehungen hinausdenken, die jedes Wort für mich haben muß, und laß mich als einen kaltblütigen Zuſchauer über⸗ denken, was ſich daraus ſchließen läßt! Leonore iſt von Wallners Nichtswürdigkeit überzeugt worden. Gut. Das war natürlich und zu erwarten, wenn ſtolze Sicherheit und Gewißheit ſeiner Beute einſt ſeine Klugheit einſchläfern würden. Das mußte früher oder ſpäter geſchehen. Levnorens Schutzgeiſt hat es ſo gelenkt, daß es noch nicht zu ſpät für die Ruhe ihres Lebens war. Sie iſt von ihrer Bezau⸗ berung zurück gekommen; der Schleyer iſt von ihren Augen gefallen, der ſie in Anſehung ſei⸗ nes Werthes geblendet hatte, und ſie reißt ſich von ihm los. Auch das war von einem Mädchen, das ſo viel Zartgefühl, als Leonore, beſitzt, ja, beyna⸗ he von jedem, das nur richtigen Verſtand hatte, zu erwarten; denn welches Loos konnte wohl an der Seite eines ſolchen Menſchen ihrer warten? Sättigung, Ekel an den ſchalen Freuden der gro⸗ ßen Welt, die ein edles Herz unmöglich lange mit ihrem falſchen Glanze täuſchen können, vielleicht Kränklichkeit, oder wohl gar Kummer, ſich von dem Manne trennen zu müſſen, den ſie ſo gern geach⸗ tet hätte, Gefühl der Einſamkeit mitten unter Menſchen, die ihrem Herzen und Kopfe nichts ſeyn konnten, beſtimmten ſie, den Schauplatz zu verlaſ⸗ ſen, der ihr nichts Neues, nichts Reizendes, nichts, was ihr vielleicht blutendes Herz ausfüllen konnte, anzubiethen hatte. Sie geht auf's Land, und läßt ihre Thränen um den Mann, der ſie ſo ſchrecklich getäuſcht hatte, in der Einſamkeit ungeſtörter flie⸗ ßen. Warum ſoll ich mir dieſen Schritt günſtiger deuten, der bloß natürlich aus den vorhergegange⸗ nen fließt, und keine Motive enthält, die nicht ſchon zum Theile in den vorigen gelegen hätten? Ich ſe⸗ he alſo keinen, auch nicht den ſchwächſten Strahl von Hoffnung für meine verkannte, längſt vergeſſe⸗ ne Liebe; und es wäre lächerlich von mir, wenn ich nun auftreten, und, voll eitler Zuverſicht auf die letzten Ereigniſſe, Anſprüche geltend machen wollte, auf welche doch nicht die geringſte Rückſicht genom⸗ men wurde. Sieh, Ludwig, ſo denke ich über Dei⸗ ne Briefe, und über die Neuigkeiten, die ſie enthal⸗ ten. Aber dennoch freuen ſie mich unendlich; denn Leonore wird, wenn auch nicht glücklich, doch ru⸗ hig, und mit ſich ſelbſt eins werden. Ach, um den Frieden dieſer ſchönen Seele zu retten, hätte ich jeden, auch noch ſo lächerlich ſcheinenden, Schritt gewagt, ich hätte Dir wirklich Vollmacht gegeben⸗ alles zu ſagen und zu ſchreiben, was Du nöthig ge⸗ funden haben würdeſt, um ſie aus den verhaßten Banden zu retten. Jetzt hat ſie ſie muthig ſelbſt zerbrochen, und ſie bedarf unſerer Hülfe nicht mehr. Sie ſteht groß und erhaben, und um ſo viel edler da, je freyer dieſer Entſchluß aus ihrer ſchönen Seele hervorging. Ach, Ludwig! Was habe ich an — .— 206— ihr verloren! Wie unausſprechlich glückich hätte ſie mich gemacht, und wie rlend bin ich ohne ſie! Der Zweck meines Lebens iſt verfehlt, das Ziel, wornach alle meine Kräfte ſtrebten, zu welchem ich mein ganzes Weſen mit räſtloſer Thätigkeit gebildet hat⸗ te, iſt mir entriſſen, und alle dieſe Kräfte, dieſe Thätigkeit, ſind nun an ein Phantom verſchwendet. Vezichungslos, einſam ſtehe ich in der Welt, und kann nicht einmahl hoffen, daß künftige Tage oder ein Zuſammenfluß günſtiger Begebenheiten mir ei⸗ nen Erſatz des Verlornen geben können; denn wie kann ich hoffen, jemahls ein Mädchen zu finden, das ſo von ihrer zarteſten Jugend an, mit mir und für mich gebildet, ſo in allem Eins mit mir wäres Ludwig! Wenn ich dieſe Saite berührs, dann bluten alle Wunden meines Herzens auf's neue, und ich fühle, wie unerſetzlich mein Verluſt iſt. Laß mich ſchweigen, laß mich d.awohlthätigen Schleyer nicht lüften, den angeſtrengte Geſchäftigkeit und Entfernung über dieſen ſchmerzendſten Theil mei⸗ nes Schickſals en ziehen anfangen! Leb wohl! Ich werde nie glücklich ſeyn; aber ich bin ruhiger, ſeit ich weiß, daß Leonore ſich ſelbſt wieder gegeben iſt, und dafür, für dieſe ſo ſchnell mitgetheilte Nach⸗ richt, dankt Dir mein wundes Herz mit innigem Geſühle. Leonore von Brandner an Liſette von Schöndorf. Weidenbach den 5. November 1793. Heute war ich ſeit vielen Tagen wieder zum er⸗ ſten Mahle im Freyen draußen. Ein anhaltendes Negen⸗ und Nebelwetter hielt uns in den Zimmern. Welche Veränderung, als ich hinaus trat in den Garten, der von dem Hauſe ſich an einen ſanften Hügel bis zum Walde hinan zieht! Die Bäume waren beynahe ganz kahl, die Stürme in den letz⸗ ten Tagen hatten ihnen ihre welken Blätter größ⸗ ten Theils entriſſen, die ſeltenen, die noch hier und da hingen, rieſelten bey jedem kleinen Lufthauch auf mich herab, mein Fuß rauſchte in dem einſt ſo üppigen Frühlingsſchmucke der Zweige; keine Blume, keine Frucht, kein Gemüſe war mehr zu ſehen, der ganze Garten ſchien verödet und trau⸗ ernd. O, der Anblick erſchütterte mich tief! So al⸗ ler Freuden und Reize beraubt, ſo dem nahen letz⸗ ten Schluſe zuwelkend, liegt auch das geben vor mir, und wohl mir, wenun er recht, recht nahe wäre! Den 15. November 1793. Nun iſt der Winter mit allen ſeinen Schrecken eingetreten, ſagte geſtern mein Schwager, als er unter einem heftigen Schneegeſtöber Abends von dem nächſten Dorfe nach Hauſe kam. Mir kommt es nicht ſo vor, ich finde ihn nicht ſchrecklich; denn die finſtere Trauer, die er über die Gegend ver⸗ breitet, ſtimmt ganz mit dem Innern meiner See⸗ le zuſammen. Die Nebel hängen bis an den Fuß der Berge herab, ein heulender Sturm beugt die Bäume des Forſtes; kein Sonnenſtrahl durchdringt die trübe Hülle, die auf allen Gegenſtänden liegt. So iſt es außer mir, ſo iſt es in mir. Auch greift die naßkalte Witterung meinen geſchwächten Kör⸗ per ſtärker an; das Abendfieber, das mich eine Zeit lang verließ, ſtellt ſich wieder ein. Ich ſtehe erſt um neun Uhr auf, und lege mich um acht Uhr Abends nieder. So wird die Zeit, die ich im Bet⸗ te zubringe, immer länger, ſo werden die Stun⸗ den, die ich als thätiger lebender Menſch genieße, immer weniger, bis ich einſt das Bett gar nicht mehr verlaſſen werde, und man mich endlich in dem engen⸗ finſtern Hauſe mit allen mei⸗ nen Schmerzen und Leiden Jur Ruhe beingt. Dann wird mir gewiß wohl ſeyn. den2 Zeitpunkt ſoll⸗ te ich fürchten? —— Den 20. November a798. Meine liebſte Beſchäftigung iſt mit den Kin⸗ dern meiner Schweſter, beſonders mit dem klei⸗ nen vierjährigen Ferdinand. Ein holder ſchöner Knabe, der mit inniger Liebe an mir hängt. Er iſt faſt den ganzen Tag auf meinem Zimmer; ich lehre ihn leſen, ich zeige und erkläre ihm Kupfer⸗ ſtiche aus der Bibliothek ſeines Vaters. Er faßt ſchnell, und zeigt ſehr viel Scharfſinn in ſeinen Antworten und Fragen; am meiſten aber freut mich die Tiefe des Gefühls, die, mit Sanftheit verbunden, eine ſeltne Erſcheinung bey einem Kin⸗ de iſt. O Liſette! Iſt es nicht kindiſch, wenn ich Ahnlichkeit zwiſchen dem Knaben und ſeinem Pa⸗ then ſuche, und zu finden glaube, Ahnlichkeit des Gemüths, ja ſogar eine flüchtige Ihnlichkeit der Geſtalt? Lächle nur, Liſette, ich verdiene es, ich ſehe es auch wohl ſelbſt ein; und dennoch möchte ich dieſe traurige Beſchäftigung um nichts in der Welt hergeben, Sie iſt jetzt meine einzige Freude. Leon. II, Th. 14 Die Witterung wird immer rauher; jetzt liegt ſchon überall Schnee, und nur die ſteilen ſchwar⸗ zen Felſenwände und dis dunkeln Stämme der Tannen unterbrechen dis weite weiße Wüſte. Ich komme nicht aus dem. Zimmer, zuweilen nur auf einige Stunden aus dem Bette; aber es iſt ſo ſtill, ſo ruhig in mir, wie in der erſtarrten Gegend umher. Ein einziger Gedanke, Ein Gefühl bewegt ſich oft ſüß, öfters ſchmerzlich in meiner Seele, Erinnerung an ſchöne Tage, an ein unwiederbring⸗ liches verlornes Glück; und ſelbſt dieſe Wehmuth hat etwas Neizendes für mich. Neulich wurde ſie aber doch beynahe zu ſtark. Mein Schwager war auf ein paar Tage verreiſet. Du kannſt nicht glau⸗ ben, mit welcher Liebe, mit welcher Verehrung, möchte ich ſagen, meine Schweſter, die Kinder, ja alle ſeine Leute an ihm hängen. Auch iſt er ein trefflicher Mann, der rund um ſich her Leben, Thätigkeit und Glück verbreitet. Er hat ſeine Ei⸗ genheiten, die, ehe man ihn genauer kennt, ab⸗ ſchreckend ſind; er iſt ſehr gähzornig, ein Liebha⸗ ber vom Diſputiren, oſt im Zorne übereilt, aber eben ſo bereit, wieder gut zu machen. Meine Schwe⸗„ ſter hatte anfangs manche unangenehme Scene mit ihm; aber jetzt, da ſie ihn kennt, und ſich in ſeine Launen fügen gelernt hat, iſt ſie eines der glücklichſten Weiber auf Erden. Das fühlt ſie auch, obwohl ſie ihres Mannes Fehler nicht mißkennt; und nun verſtehe ich auch manche Stelle ihrer Briefe viel richtiger, die mich einſt auf die falſche Meinung brachte, als ſey ſie nicht glücklich, und überhaupt kein Glück in der Ehe zu hoffen. Doch zurück zu meiner Geſchichte. Die Reiſe ſollte nur in allem fünf bis ſechs Tage dauern, und Fried⸗ berg fand es nicht nöthig, daß ihm vom Hauſe ge⸗ ſchrieben würde, weil er ohnedieß nicht viel an Ei⸗ nem Orte ſeyn würde. Doch verſprach er, wenn es irgend möglich wäre, ſeiner Frau zu ſchreiben, und am Ende der Woche zu kommen. Es kam kein Brief, und meine Schweſter fing an, unruhig zu werden, beſonders da das Wetter außerordentlich ſchlecht war, und man hier und da von Angriffen im Gebirge hörte. Wir ſprachen ihr alle zu, ſtell⸗ ten ihr vor, daß es ihr Mann ja nicht gewiß ver⸗ ſprochen habe, und vertröſteten ſie auf den Sonn⸗ abend. Der Sonnabend kam und verging, der Sonntag kam und verging— mein Schwager blieb aus. Nun wurde auch mir und den Leu⸗ ten in der Fabrik bange; meine Schweſter aber war in einem wirklich mitleidswerthen Zuſtan⸗ de. Tauſend Mahl des Tages ſah ſie aus dem Fenſter, bey jedem Geräuſche fuhr ſie auf, und die *.— 212— Schreckbilder, die ihrè Phantaſie ihr machte, ver⸗ ſetzten ſie in eine ſolchs innerliche ttnruhe und Gäh⸗ rung, die ihr Eßluſt und Schlof nahmen. So et⸗ was war ihr in ihrer achtfährigen Ehe bey den vielen Reiſen ihres Mannes noch nicht begegnet; er hatte noch jederzeit bis auf die Stunde Wort gehalten. Sie wußte ſich alſo ſein Ausbleiben, Trotz aller Möglichkeiten und Wahrſcheinlichkeiten, die wir khr vorſtellten, nicht anders, als durch ein Un⸗ glück zu erklären. Der Montag verging auch⸗ und am Dinstag Abends ſaßen wir eben in der Däm⸗ merung beyſammen, uns in Erfindung aller mög⸗ lichen Fälle, die des Schwagers längere Abweſen⸗ heit verurſachen konnten, erſchöpfend, als auf ein⸗ mahl das Poſthorn erſchallte. Die Miene meiner Schweſter, ihr Freudengeſchrey, und zugleich im nächſten Angenblicke die Furcht, ob es auch ihr Mann, und in welchem Juſtande er vielleicht ſeyn würde, werde ich nie vergeſſen. Alles ſtürzte aus dem Zimmer; die Kaleſche fuhr in den Hof, und — mein Schwager ſprang wohlbehalten heraus, und ſchloß mit innigem Entzücken ſein Weib in die Arme, das ſprachlos und zitternd an ſeinem Halſe hing. Die Kinder klammerten ſich an ihn, ſeine Leute umringten ihn mit lautem Rufen; es war eine Seene der höchſten Rührung und Freude, der 213— ſchönſten menſchlichen Gefühle. Nur ich, i Sn⸗ ſtand allein, Lerlaſſen⸗ und im Gefühle dieſer Ver⸗ laſſenheit weinend⸗ an der Seite der unausſprech⸗ lich glücklichen Gattinn; und das Andenken, daß ich einſt auch ſo glücklich hätte ſeyn können, und nun nie, nie mehr werden würde, ſtürzte mich in eine ſo tiefe Trauer, daß ich mich entfernen, und einen Anfall von Fieber vorſchützen mußte, um meinen Thränen freyen Lauf zu laſſen, und die Freude der Glücklichen nicht zu entweihen. Die Ahnungen meiner Schweſter waren indeß nicht ſo ganz ungegründet geweſen. Mein Schwa⸗ ger hatte in den ſchlechten Wegen auf ſeiner Rück⸗ reiſe umgeworfen, den Wagen ganz zerbrochen, und ſich ſtark an der Hand beſchädigt, ſo, daß er theils des Wagens, theils ſeiner ſelbſt wegen zwey Nächte und einen Tag in einem Dorfe bleiben mußte, und nicht ſchreiben konnte. Dieſes war die urſache ſeiner Verzögerung geweſen, und der Brief, den er vorher geſchrieben hatte, war durch die ſchlech⸗ ten Wege oder einen andern Zufall aufgehalten worden, und kam erſt nach ihm an. Dieſer kleine Unfall diente nun, den Genuß der häuslichen Ru⸗ he und der allerinnigſten Freundſchaft und Liebe um vieles zu erhöhen. Ach Liſette! So leben dieſe Menſchen um mich her, und es iſt, bey Gott! nicht Reid 5 Scheelſucht, Fen mich ihr Glück oft bittere Thränen koſtet. Mein Schwager wſid„ verreiſen und auf längere Zeit, vermuthlich auf drey oder vier Wo⸗ chen. Ich fürchte mich darauf, erſtens, weil ich wirklich beſorgt bin, hey dieſem immerwährenden Schueegeſtöber und den ſchlechten Straßen im Ge⸗ birge, zweytens, weil wieder eine trübe Einſam⸗ keit und traurige Stille in unſerm kleinen Kreiſe herrſchen wird, wenn er, der ihn hauptſächlich be⸗ lebt, uns mangelt. Er iſt die Seele des ganzen Hauſes; ihm danke ich viele meiner angenehmſten, heiterſten Stunden, und noch mehr manche treff⸗ liche, tief aus dem Herzen geſchöpfte Grundſätze und Bemerkungen, welche viel dazu beytragen, mir Geduld und ruhige Faſſung zu geben. Ach Liſette! Welches köſtliche Kleinod für ein Weib iſt das Herz eines ſolchen Mannes, in welchem ſie bey jedem Falle Troſt, Rath, Unterſtützung, oder wenigſtens die innigſte, aufrichtigſte Theilnahme findet! Auch die bangen Ahnungen, die Angſt meiner Schwe⸗ ſter, während der künftigen Abweſenheit, werden mein Herz quälen; und dennoch iſt etwas in die⸗ ſer Reiſe, was mir eine kleine Freude macht. Er geht nach L**, er wird mit Seltig, mit dem er Geſchäfte hat, zuſammen kommen⸗er wird ihn ſpre⸗ chen, und ihn einladen, uns künftigen rihln zu beſuchen; denn die beyden Männer ſind, was ich erſt hier erfuhr, ſehr alte Freunde⸗ Künftigen Früh⸗ ling! Ja, wer ihn erlebte! Wie leichtſinnig ſprach ich ſonſt oft die Worte aus, und dachte mir auch die Möglichkeit nicht, daß ich ihn nicht erreichen könnte! Was waren vier oder fünf Monathe für ein glückliches Mädchen, in der Fülle der Geſund⸗ heit und Jugend! Und jetzt? O es ſind vier Ewig⸗ keiten! Und wenn ich meine abnehmenden Kräfte bedenke, ſo zweifle ich oft, daß ſie nur noch einen Monath hinreichen werden. Aber genug der trü⸗ ben Gedanken! Ich kann dir doch nichts anders als Klagen und Seufzer ſchreiben. Vergib, Liebe! Aber Du willſt, daß ich Dir Nachricht von mir gebe, daß ich Wahrheit berichte: und was kann ich denn Frohes und Angenehmes ſchreiben? Leb wohl! Ich ſchließe jetzt den Brief, weil ohnedieß der Bothe kommt; ſonſt wird der Pack zu ſtark. Reun und fünfzigſter Brief. Liſette v. Schöndorf an Leonore v. Brandner. *** den 20. October 1798. Ag, liebes Lorchen! Welche Geſchichten, was für fatale und angenehme Veränderungen habe ich dir zu ſagen! Ich Unglückliche war ſchon auf dem Pune⸗ te, auf ewig von Seefeld getrennt zu werden, und jetzt bin ich ſeine Braut. Ich bin ſo glücklich, und doch wieder ſo unglücklich, ſo zufrieden und ſo miß⸗ vergnügt, und die Begebenheiten ſind die letzte Zeit her ſo bunt durcheinander gegangen, daß ich gar nicht weiß, wo ich eigentlich anfangen ſoll, um dir einen deutlichen Begriff von allem zu geben. Du weißt auch, liebes Lorchen⸗ daß ich eine ungeübte Schreiberinn bin; du wirſt alſo Geduld haben, und das Beſte, nähmlich das Verſtehen und Auseinan⸗ derſetzen, aus deinem Kopfe dazu geben müſſen. Du erinnerſt dich noch wohl, daß meine Schwe⸗ ſter und die Valſin vor einem Jahre recht gute Freundinnen waren, nähmlich als meine Sei noch unverheirathet war. Seit ſie mit dem Grafen vermählt iſt, iſt das Verhältniß zwiſchen den bey⸗ den Frauen merklich käkter geworden. Meiner Schweſter Rang iſt weit höher, als der der Valſin, und ſie fordert alſo mancherley Aufmerkſamkeiten und Rückſichten, welche ihr die andere in Hinſicht auf ihre alte Bekanntſchaft eben nicht allezeit zu er⸗ weiſen geneigt iſt. Dazu kommt noch, daß nicht al⸗ lein in unſerem Hauſe, ſondern beynahe in unſerer ganzen Bekanntſchaft ſie beyde ſich in Putz und Pracht vor allen auszeichnen. Du weißt, liebes Lorchen, wie die Weltdamen ſind, und was man von ſolchen Freundſchaften zu halten hat. Es gab hier und da kleine Eiferſüchteleyen und Neckereyen. Keine woll⸗ te ſich von der andern verdunkeln laſſen, wie denn das ſo zu gehen pflegt. Neulich nun bekommt zum Glück oder Unglück, ich weiß nicht wie ich ſagen ſoll, Madame Jonquilkle eine große Menge ganz neuer Moden von Paris. Meine Schweſter und die Valſin waren die erſten, die hineilten, um das Be⸗ ſte auszuwählen. Die Valſin kam aber zuvor, und ſuchte ein Ballkleid und einen Hut, den die Mada⸗ me Lisfrand*) ſelbſt gemacht haben ſoll, aus. Es *) Eine berühmte Modehändlerinn in Paris. 2— 218— war prächtig; aber die Marchande de Modes for⸗ derte einen ſo ungeheuren Preis, daß die Valſin fortging, Und ſich zu bedenken verſprach⸗ Gleich darauf kommt meine Schweſter. Sie ſucht ſich die⸗ ſelben zwey Stücke aus, welche unſtreitig die ſchön⸗ ſten waren; die Marchande de Modes ſagte, daß ſie ſchon halb und halb beſtellt wären. Die Schwe⸗ ſter fragte: von wem? Madame Jonquille erzähl⸗ te ihr alles, und Juliane, voll Begierde und Freu⸗ de, die Valſin auffallend zu verdunkeln, zahlt noch um fünf Ducaten mehr, als die Jonquille gefor⸗ dert hatte, fährt triumphirend mit ihren Putzſa⸗ chen nach Hauſe, und erſcheint Abends bey Neh⸗ feld, wo die Valſin auch hinzugehen pſlegt⸗ in ih⸗ rem neuen Staate. Die Folgen kannſt Du Dir denken. Es brach eine offenbare Feindſchaft zwi⸗ ſchen ihnen aus. Die Valſin hielt ſich laut über meine Schweſter auf, deren Hochmuth ſie dieſe Ne⸗ ckerey zuſchreibt, und die meiſten jungen Männer nahmen eifrig ihre Partey. Meine Schweſter, höchſt aufgebracht durch die Bonmots und witzigen Ein⸗ fälle, die von der Valſinſchen Partey auf ſie ge⸗ ſchoſſen wurden, ſchont ihrerſeits der Valſin auch nicht, und geſchäftige Klätſcherinnen, worunter hauptſächlich die Dorſing gehört, ermangeln nicht, das Geſagte mit Vermehrungen hin und her zu 219— en Es kommt ſo weit, daß ſich die zwey Frauen in einer Geſellſchaft laut. Bitterkeiten ſagen. Nun dringt meine Schweſtér, deren Plan das längſt war, und die vielleicht den Streit mit der Balſin wohl nur deßwegen anfing, darauf, daß meine Al⸗ tern dem jungen Seefeld das Haus verbiethen, und jede Verbindung zwiſchen mir und dem Bruder ih⸗ rer Feindinn aufheben ſollen. Du kennſt meine Al⸗ tern und die Verfaſſung in unſerem Hauſe; meine Schweſter herrſcht über die Mama, die Mamaüber den Papa, und ſo wurde denn das Todesurtheil geſprochen. Ich war etliche Tage wie vernichtet, und mein armer Ernſt auch. Der gute Rechtler war mein einziger Troſt, in ſeiner und ſeiner braven Frau Theilnahme fand ich noch einige Beruhigung, und er verſprach mir zu thun, was er könnte; aber er konn⸗ te leider nicht viel. Doch höre, was nun weiter geſchah! Die Valſin, höchſt erbittert, daß ihrem Bruder das Haus bey uns verbothen, und alle Hoff⸗ nung auf meine Hand abgeſchlagen wurde, beſtürm⸗ te ihren Gemahl, ihren und ihres Bruders Schimpf zu rächen, und die Lieferungen, die er bisher mei⸗ nem Vater überlaſſen hatte, einem Andern zu ge⸗ ben. Das war ein tödtlicher Streich für meines Vaters Handlung. Er war völlig betäubt, als er es hörte; und nun ſparte der gute Rechtler nichts, ihm die Hölle recht. heiß zu machen, und ihn zu überreden, das einzige Mittel zur Verſöhnung, das er in Händen habe, nicht zu vernachläſſigen, und ſeinen übereilten Schritt gegen Seefeld wieder zu⸗ rück zu nehmen. Daran wollte mein Vater aus Scham lange Zeit nicht, und meine Mutter, die von Julianen aufgehetzt wurde, noch weniger; aber Rechtler ließ nicht nach, und erboth ſich, wenn denn mein Vater durchaus nicht ſelbſt handeln woll⸗ te, alle Schritte an ſeiner Statt zu thun, wenn er ihm nur Vollmacht gäbe. über dieſe Auskunft war mein Vater ganz entzückt; er fiel dem braven Al⸗ ten um den Hals, und gab ihm uneingeſchränkte Erlaubniß, zu ſagen und zu bedingen, was er für gut finde, wenn ihm nur die Lieferungen blieben. Rechtler ging alſo gerade zu Valſin, und machte ſeine Sachen ſo gut mit ihm und mit ihr, die wirk⸗ lich kein böſes Herz hat, daß er mit der Nachricht einer vollſtändigen Verſöhnung nach Hauſe kam, nur unter der Bedingung, daß meine Hochzeit mit Seefeld nicht mehr länger verſchoben, ſondern, vermuthlich meiner Schweſter zum Trotz⸗ in ſechs Wochen mit aller Pracht vollzogen werden ſollte⸗ Dieſe Bedingung, die mein Vater ganz gern zu⸗ gab, koſtete bey meiner Mutter einen ſchweren Kampf; ſie meinte, es wäre ſchon genug, wenn alles wieder auf den⸗alten Fuß geſetzt würde. Da⸗ zu hatte denn Rechtler. osü der Gegenpartey keine Erlaubniß, und zuletzt ſiegte doch diẽ Vorſtellung des großen Vortheils und die mütterliche Liebe; denn ich war ihr zu Füßen geſunken, und hatte ſie beſchworen, mein ganzes Erdenglück nicht auf ein ſo grauſames Spiel zu ſetzen. Sie willigte ein; aber man ſah, was es ſie koſtete, und das alles nicht etwa aus Stolz oder Abneigung gegen See⸗ feld, ſondern— ach Lorchen, ich ſchäme mich faſt, das von einer ſonſt ſo guten Mutter zu ſchreiben— aus Furcht vor Julianen. Auch gab es eine ent⸗ ſetzliche Scene, als dieſe nach Tiſche kam, und hör⸗ te, was ſo unwiderruflich beſchloſſen war. Verge⸗ bens verſuchte ſie alles, um die Sache rückgängig zu machen; der gute Rechtler, der ſo etwas vorher geſehen hatte, war auf der Stelle zu Valſin ge⸗ gangen, und kam noch, während Juliane da war, mit dem neu abgeſchloſſenen Contracte für die Lie⸗ ferungen zurück, und mit einem Entwurfe unſeres Heirathsbriefes, den die Valſin ſelbſt aufgeſetzt hatte, und der für mich ſehr vortheilhaft ſeyn ſoll, wie man ſagt; denn ich habe mir vor lauter Ver⸗ gnügen und Verdruß noch nicht Zeit genommen, ihn zu leſen. Als Juliane die beyden Papiere ſah, wurde ſie bleich und roth, ergoß ſich in Bitterkei⸗ ten gegen die Valſin, gegen Rechtler., gegen mich, gegen ihre Altern ſogar, und verließ das Haus, um es, wie ſie agte, nie niehr zu betreten. Sieh, Lor⸗ chen, ſo hat eine Chemiſe und ein Hut das Glück zweyer Menſchen gemacht, und die gute Madame Lisfrand mochte es wohl nicht ahnen, als ſie mit ſchöpferiſchen Händen dieſen zwey Meiſterſtücken hundert Meilen von hier das Daſeyn gab, daß ſie am äußerſten Ende von Deutſchland zu ſo wichti⸗ gen Scenen Anlaß geben, und ſo viel Freude und ſo viel Schmerz verbreiten würden. Bey allem dem, ſo glücklich die Wendung für mich iſt, die die Sachen genommen haben, kann ich doch nicht vergnügt ſeyn. Die Schweſter iſt mir feind, die Mama betrachtet mich als die Urſache alles des häuslichen Zwiſtes, und läßt mich's oft recht ſchmerzlich entgelten; beſonders behandelt ſie Seefelden mit auffallender Geringſchätzung, und der Papa iſt böſe über alle die Zänkereyen und Miß⸗ helligkeiten. Bey Tiſche ſpricht keines ein Wort, und wenn ſie reden, ſo ſind's Sticheleyen. Die Fremden merken das wohl, und ſind verlegen. Ich ſage Dir s, Lorchen, daß ich mich zuweilen fürchte, wenn ſolche Seenen vorfallen, wenn die Mama mich bey jeder Gelegenheit neckt, und der Papa, der das merkt, mich oſſenbar in Schutz gegen ſie nimmt, und ſie dann vor den Hausleuten und Gä⸗ ſten in Bitterkeiten ausbrechen. Ach, dann möchte ich oft lieber allen meinen ſüßen Hoffnungen ent⸗ ſagen, um nur den Frieden wieder herzuſtellen! Ich freue und fürchte mich dann auf die Stunde, wenn Seefeld kommt. Ach, er iſt der einzige, dem ich meine Noth klagen kann, und doch muß ich ſu⸗ chen, ihn den Augen der Mama zu entziehen, weil ſie ihm oft wirklich unhöflich begegnet, und er ſchon ein paar Mahl im Begriffe war, dieß Betragen ernſthaft zu rügen, wenn ihn nicht ein Blick auf mich wieder beſänftiget hätte. Sieh, liebe, gute Levnore, ſo glücklich und unglücklich, ſo ſelig und geplagt iſt Deine Liſette; und ich wollte nur, daß Du hier wäreſt, damit ich alle meine Klagen in Deine Bruſt ausſchütten könnte. Das Beſte iſt, daß in ſechs Wochen alles geendigt ſeyn, und ich das Haus verlaſſen werde, wo ich jetzt nur ein Stein des Anſtoſſes und ein wahrer Zankapfel bin. O wenn nur bis dahin kein neues Gewitter über mich losbricht! Bin ich dann erſt Seefelds Frau, und nicht immer meiner Mutter vor Augen, ſo will ich ſehen, durch ein recht kindliches unterwürfiges Betragen ſie wieder zu verſöhnen, und ihr den Ver⸗ luſt meiner Schweſter ſo viel möglich zu erſetzen. Ach, ich weiß wohl, daß ſie mich nie halb ſo ſehr, wie Julianen, geliebt hat, und, weiß Gott! ſi that nicht. recht daran; denn wenn ich auch nicht ſo ſchön und nicht ſo klug bin, ſo iſt mein Herz ihr ge⸗ wiß eindlicher zugethan, und liebt ſie aufrichtiger. Aber das hat ſie nie erkannt, und mich immer von Kindesbeinen an von ſich entfernt. Und ich wäre ihr ſo gern näher geweſen, hätte ihr ſo gern meine Liebe recht gezeigt! Doch vielleicht kannich es künf⸗ tig, und dann ſoll ſie ſehen, welche von ihren Töch⸗ tern ſie mehr liebt, die verſtoſſene Liſette oder die ge⸗ liebte Juliane. Aber ich ſehe, daß mein Brief un⸗ endlich lang geworden iſt. Vergib meiner Schwatz⸗ haftigkeit! Mein Herz iſt voll, und ich habe keine Freundinn auf der Welt, gegen welche ich es ſo zutrauensvoll und ſo freudig, wie gegen Dich, aus⸗ gießen könnte. Lebe wohl, Liebe, Gute, und ant⸗ worte mir recht bald! Sechzigſter Brief.. Ferdinand Blum an Ludwig Seltig. London den 24. November 1795. halte ich dieſe marternde Ungewißheit nicht aus. Ich kehre zurück, ich muß nach*, ich muß mich ſelbſt überzeugen, was Levnore macht, wie ihr Schickſal, ihre Stimmung, ihre Geſundheit iſt. Ich habe einen Brief von meiner Schweſter erhalten, der mich beynahe zum Wahnſinn gebracht hat. Leonore iſt krank, gefährlich krank, ein ſchlei⸗ chendes Fieber nagt an ihrem Leben, ſie verzehrt ſich in Gram und freudenloſer Einſamkeit; ob um mich? ob um Wallnern? ſey zweifelhaft: aber daß ſie den Frühling nicht erleben werde, gewiß. Ludwig! Und das ſchreibt ſie mir ſo kalt, ſo oben⸗ hin, wie eine neue Zeitung, und auch Du ſprichſt nur abgebrochen, und wenig von Leonorens Ge⸗ ſundheit. Freund! Bruder! Wie war es Dir mög⸗ Leon. 1I. Th. 15 lich, Dir, der Du die Senfe Tiefen meines Herzens, der Du meine heiße und unauslöſchliche Liebe zu dem Mädchen kennſt, das verächtliche Menſchen und Mißverſtändniſſe mir raubten, wie war es Dir möglich, mir ihren Zuſtand zu ver⸗ ſchweigen, oder nur ſo oberflächlich davon zu ſpre⸗ chen? Wenn es wahr wäre? Wenn ſie um meinet⸗ willen litte? Wenn ihr Kummer dem Freund ih⸗ rer Jugend gälte? Ludwig! Fühlſt Du, was in dem Gedanken liegt? O, daß Ströme, Berge, unendliche Flächen zwiſchen uns liegen! Ich möch⸗ te hineilen, zu ihren Füßen ſinken, und den Aus⸗ ſpruch über Leben und Tod von ihr erflehen!— Und wenn ſie mich nicht liebte? wenn Wallner— Ludwig! Wenn ich bey Sinnen bleiben, wenn ich das Bißchen Vernunft, das ſo viele Stürme er⸗ ſchüttert haben, erhalten ſoll, ſo muß ich hin, ich muß ſelbſt ſehen, ſelbſt hören. Ihr alle, kalte, theilnahmsloſe Seelen, ihr erkundigt euch nur um Begebenheiten, und geht achtungslos über das hin, was mir am theuerſten iſt, über ihre Beſtim⸗ mung, ihre Geſundheit. Ich habe Thereſen geſchrie⸗ ben, weil ich unmöglich länger warten konnte, ich habe mich bey ihr geradezu um Leonoren erkundigt. Mag ſie doch von mir denken, was ſie will! Mag Leonore über mich lächeln, und den allzutreuen 2 — 227— Schwärmer bemitleiden, der noch für ſie glüht, indeß ihr Leben um eines Andern willen langſam abſtirbt! Wenn ich nur weiß, wie es ihr geht, ob ſie lebt, ob noch Hoffnung für ſie iſt? Und wenn ſie mich liebte? Wenn dieſer Brief der erſte zarte Faden würde, der unſere Herzen wieder aneinan⸗ der zöge? Wenn ich wieder glücklich werden ſollte? — Und wenn es zu ſpät wäre? Wenn ſie ſtürbe, und ich wäre Schuld an ihrem Tode durch mein Mißverſtehen, durch meine Bitterkeit, meine Nauh⸗ heit? O dann ſterbe ich ihr nach, und Friedberg läßt mich an ihrer Seite begraben! Ich bin ein Thor, ich fühle es; aber es iſt nicht möglich, ich kann mich nicht faſſen. Leb wohl! Ich werde mei⸗ nem Briefe bald folgen. Sobald die dringendſten Geſchäfte geendigt ſind, eile ich zuerſt in Deine Arme, dann nach*** und dann zu ihr. O, in den Worten liegt ein Himmel! Ein und ſechzigſter Brief. Frau von Valſin an Leonore von Brandner. *** den 30. November 1795. Di⸗ freundſchaftlichen Geſinnungen gegen mich, mit welchen Sie vor zwey Monathen*** verließen, geben mir das volle Zutrauen, daß ein Brief von mir, Ihnen keine unangenehme Erſcheinung ſeyn wird; und da es meinem Herzen von jeher Be⸗ dürfniß war, ſich mitzutheilen, ſo ergreife ich mit doppeltem Vergnügen dieſe Gelegenheit, wo ich Ihnen, theure Leonore, ſo vieles zu ſagen habe, was Sie und mich und andere uns ſchätzbare Per⸗ ſonen betrifft. Liſette, das gute, ſanfte Mädchen, nun bald meine theure Schweſter, wird Sie be⸗ reits mit einem Vorfalle bekannt gemacht haben, der uns allen Unglück drohte, der aber durch eine glückliche Wendung, und vorzüglich durch das klu⸗ ge und feſte Betragen des ſchätzbaren Rechtler, deſſen vortrefflichen Charakter ich bey dieſer Gele⸗ genheit erſt recht kennen lernte, zum Segen für ein edles Paar— erlauben Sie imir immer den ſtolzen Ausdruck; denn ich weiß, was ich an mei⸗ nem Bruder beſitze— und zur Quelle neuer Freu⸗ den für uns alle geworden iſt. Es liegt mir aber zu viel an der Meinung, welche mein theures Lorchen von mir haben kann, daß ich nicht alles thun ſollte, um mein Betragen bey dieſer Geſchichte in ihren Augen in das gehö⸗ rige Licht zu ſetzen. Es wäre möglich, daß Liſette mich nicht recht verſtanden, und darum auch nicht alles ſo dargeſtellt hätte, wie Sie es anſehen ſol⸗ len, und wie es wirklich iſt. Glauben Sie nicht, daß ich ſo kindiſch ſeyn konnte, eines Anzuges we⸗ gen, welchen Juliane mir wegkaufte, Haß auf ſie und ihre Familie zu werfen, und das Glück meines Bruders zu untergraben. Es war nicht der Raub, den ſie an mir beging, den ich ihr ganz gern ver⸗ geben hätte; es war die hämiſche Art, mit der es geſchah, noch mehr aber ihr ganzes Betragen ge⸗ gen mich, ſeit ſie Gräfinn Kelm iſt, worauf dieſe letzte Handlung nur gleichſam das Siegel drückte. Sie kennen ihren Stolz, aber Sie haben in der letzten Zeit Ihres Aufenthaltes in*** unſere großen Geſellſchaften zu wenig beſucht, um das Benehmen gehörig bemerkt zu haben⸗ das dieſer Stolz, dieſer üvermuth, möchte ich lieber ſagen, ihr gegen mich und meinen Bruder eingab. Seine und Liſettens Liebe, die beſchränkte Epiſtenz, die ſie in ihrer Verbindung erwarten, war Julianen von jeher anſtößig. Jetzt, da ſie ſo glänzend und ſo unglück⸗ lich vermählt war, da ſie auf dem Punkte ſtand, die Bande zu zerbrechen, die ſie ſelbſt aus Trotz⸗ oder aus, Gott weiß, welchen Abſichten geknüpft hatte, jetzt war das ſtille Glück treuer belohnter Liebe, die unſchuldige Seligkeit eines genügſamen Paares ihrem tief verwundeten Herzen ein ſchmer⸗ zender Stachel. Sie war elend; und es war ein Verbrechen neben ihr glücklich zu ſeyn, beſonders ein Glück zu genießen, deſſen hohen Werth ſie wohl kannte, und auf ewig verſcherzt hatte. Nur auf dieſe Art weiß ich den offenbaren Haß zu erklären, mit welchem ſie meinen Bruder und mich behan⸗ delte. Sie gab ſich alle Mühe, ihre Altern, welche durch Ihre gütige Verwendung, liebe Leonore, und durch Liſettens Bitten den Wünſchen des jungen Paares geneigter gemacht waren, wieder von ih⸗ nen abzuwenden; kurz, ich ſah mit vielem Grunde einem ſehr auffallenden Schritt entgegen⸗ der die Verbindung der Liebenden zerreißen, und ihnen jede Hoffnung benehmen ſollte. Der Schritt ge⸗ ſchah. Die půmiſche niedrige Art, mit welcher ſie die zwey Putzſtücke wegkaufte, der Triumph, mit welchem ſie damit vor meinen Augen erſchien, ſoll⸗ ten das Signal zum Bruche ſeyn. Das ſah ich, und eilte zuvorzukommen. Ich kannte des alten Schöndorfs ſchwache Seite; ich wußte, wie ihm beyzukommen iſt. Es gelang mir, meinen Mann in's Complott zu ziehen; er both die Hand dazu, die Lieferungen wurden aufgekündigt, und der alte Schöndorf ließ ſich zu allem herbey, was wir for⸗ dern konnten und wollten, um dieſe Goldgrube zu erhalten. Die Vermählung meines Bruders war die Bedingung. Schöndorf ging ſie herzlich gern ein, und wäre vielleicht noch mehr eingegangen⸗ wenn wir es begehrt hätten, und— die ſchlaue Juliane wurde in der Schlinge gefangen, die ſie Andern zu legen dachte. So, liebes Lorchen, müſ⸗ ſen Sie die Sache betrachten, und ich habe Ihnen alles ſo umſtändlich erzählt, um mir die gute Mei⸗ nung zu erhalten, die Sie von mir mitnahmen, und auf die ich ſo ſtolz bin. Liſette und mein guter Bruder ſind unausſprech⸗ lich glücklich, und— o liebes Lorchen, Sie dürfen ja in mein Herz ſehen— ihr Glück hat mich man⸗ chen Seufzer, manche heimliche Thräne gekoſtet. Ich bin es nicht. Meine Verhältniſſe ſind nicht warten könnte, der allein und rechtmäßig ſie mir geben könnke. und andere Verbindungen?— Ja, Lorchen, ich bin geliebt. Van der Werth iſt mir wirklich warm zugethanz; aber unſeren Verhält⸗ niſſen fehit ein Reiz, der höchſte, der ſchönſte, den ein menſchliches Verhältniß haben kann, der Reiz der Pflichtmäßigkeit. Nimmermehr kann ein Herz, das Begriffe und Gefühle für jene hohen Reize, jenen erhabenen Frieden hat, den nur die Tugend gewährt, in andern Dingen Erſatz dafür finden, und eben ſo unmöglich iſt es, auf der Bahn, auf welche Schickſal, Lockung und die Härte meines Mannes mich geſtoßen haben, umzukehren. Lor⸗ chen! Wenn ich oft, indeß Liſette und Ernſt in Wonne verſunken neben mir ſitzen, und der Him⸗ mel aus ihren Blicken ſpricht, wenn ich bedenke, wie glücklich ich hätte werden können, wenn Er, der meine erſte, und ich darf es wohl ſagen, meine einzige Liebe war, dieſe heiligen Bande geehrt hät⸗ te, wenn er ſo treu als leidenſchaftlich, und ſo edel als liebenswürdig geweſen wäre! Er iſt's, der mein Leben vergiftet, ein Weſen, das für häus⸗ liches ſtilles Glück gebildet war, in die freudenlo⸗ ſen Wirbel der großen Welt geſchlendert, und ſei⸗ nen Frieden zerſtöret hat. Und dennoch haſſe ich . tich, daß ich dieſe ſtille Sengket von demer⸗ ihn nicht!— Ja, Lorchen, Sie ſollen meine ganze Schwachheit wiſſen, er iſt mir nicht einmahl gleich⸗ gültig. Es iſt mir durchaus unmöglich, bey der Vorſtellung oder dem Anblicke eines Menſchen, dem einſt mein ganzes Weſen geweiht war, dem alle meine Gefühle, alle Regungen gehörten, ganz ruhig zu ſeyn. Ich weiß, daß er dieſe Empfindun⸗ gen nicht theilt, aber ich weiß doch, daß dr mich achtet; und zürnen Sie nicht, Lorchen, er achtet auch Sie, das weiß ich aus ſeinem eigenen Mun⸗ de. Er ſchämt ſich jetzt der Rolle, die er vor Ihnen geſpielt hat. Sie haben ihm Ehrfurcht eingeflößt; und die Fähigkeit, dieſe Empfindung zu hegen, iſt doch ein Beweis, daß ſein Herz nicht ganz ſo ver⸗ dorben iſt, als es Ihnen erſcheinen muß. Doch, liebe Leonore, ſehen Sie einmahl, wie ſchwatzhaft mich die Erinnerung an die Freuden meiner Ju⸗ gend macht! Wahrhaftig wenn auch mein Spiegel nicht wäre, ſchon dieſe Redſeligkeit allein würde hinreichend ſeyn, zu beweiſen, daß ich ſo ziemlich zu den alten Weibern gehöre. Aber Trotz meiner vier und dreyßig Jahre iſt mein Herz noch jung, und das junge Herz liebt Sie, theure Leonore, mit aller Wärme und Zärtlichkeit der Jugend. Leben Sie wohl! Zweh und ſechzigſtet Brief. Leonore von Brandner an Liſette v. Schöndorf. Weidenbach den 1. December 1798. Gutes, liebes, treues Mädchen! Welche Freude hat mir Dein Brief gemacht! Du biſt Braut, Du biſt glücklich! Deine Bahn war nicht mit Roſen beſtreut, aber ſie führte Dich doch an's ſchöne Ziel, und dafür danke der Vorſicht⸗ die ihren wahren Lieblingen nie ſo ganz auf Blumen bettet! Der Gang dieſer letzten Begebenheiten hat mir Stoff zu manchen Betrachtungen gegeben. Liſette! Wie wunderbar, wie beynahe unglaublich war dießmahl wieder die Führung der Vorſicht! Ein armſeliger Zank um einen noch armſeligeren Gegenſtand muß die plötzliche Vereinigung zweyer liebenden Herzen bewirken, die ſonſt noch vielleicht Jahre hätten warten müſſen! Die Eitelkeit Deiner Schweſter treibt ſie an, Dein Glück zu zerſtören, und eine gefährliche Nebenbuhlerinn zu demüthigen; und ſieh, dieſe Eitelkeit wird das Werkzeug, den Triumph dieſer letztern zu erhöhen, und eure Wünſche zu er⸗ füllen. So ſpielt das Schickſal, das über uns in heiligen Finſterniſſen wandelt, wie Wieland ſagt, mit unſern kindiſchen Entwürfen, und alles, was wir thun, erſinnen und veranlaſſen mögen, dient, wie ſehr wir uns auch ſträuben, ſeiner mächtigen Hand oft als Werkzeug ganz entgegen geſetzter Pla⸗ ne. Nun ſo laß uns kindlich und innig danken, daß Dein Glück mit in dieſen Plan gehörte, und glau⸗ be mir, daß Dein BVrief mich recht geſtärkt, und auf ein paar Tage völlig geſund gemacht hat! 3 Daß Du, gutes Mädchen, Trotz dieſer gün⸗ ſtigen Ereigniſſe nicht ganz froh biſt, macht Dei⸗ nem ſchönen Herzen Ehre. Wie Manche würde in Deiner Lage nur an ihr Vergnügen denken, und nicht an die vielen zertretenen Blumen fremder Freuden und Hoffnungen, über welche das Schick⸗ ſal ſie raſch fort zum Ziele führte! Fahre fort, Dich ſo mit Mäßigung, mit heiliger Scheu zu freuen! Es ſichert Dir die Dauer Deines Glückes; denn⸗ es beweiſet, daß Du desſelben werth biſt, und ver⸗ ſöhnt die ſtrenge Nemeſis, die den übermüthigen ſtraft. Liebe Liſette! Ich habe ſie erzürnt durch den leichtſinnigen Gebrauch meines Glückes, und mir iſ ſie noch nicht verſöhnt. Sie dringt aufihr Opfer und es wird bald— bald fallen. Das will mir zwar hier niemand im Hauſe glauben. Sie finden mich nicht ſo ſchwach, nicht ſo abgefallen, wie ich mir ſelbſt vorkomme. Es mag ſeyn; ich weiß am beſten, wie ich mich fühle, aber ich beſtrebe mich nicht, ihren Glauben zu zerſtören, denn es würde ſie kränken. Die guten treuen See⸗ len lieben mich alle herzlich; ſie wünſchen alſo mein längeres Leben, und darum glauben ſie es auch. Meine Schweſter beſonders, die ſo mit ganzer See⸗ le an mir hängt, möchte mich gar zu gern wieder . einmahl ſo froh und glücklich ſehen, wie in den ſchö⸗ nen Jahren, wo wir zuſammen in unſerer Mutter Hauſe lebten. Sie hat mir ſo gar ſchon ein paar Partien angetragen. Im Anfange war ich ärger⸗ lich über dieſe Zumuthungen; endlich aber ſah ich ein, daß doch bloß Liebe für mich ſie dazu vermocht habe, und ſo vergebe ich ihr, und liebe ſie ſeit dem nur noch mehr. Hörſt Du denn gar nichts von Ferdinand? Euer Haus wird von ſo vielen Fremden, auch von Engländern beſucht, und durch eure Handelsver⸗ bindungen könntet ihr ja, wenn auch nur zufälli⸗ ger Weiſe, Nachricht erhalten. Frage doch unſern väterlichen Freund, den guten Rechtler, dem ich ſo vielen Dank ſchuldig bin, und ſage ihm zugleich⸗ daß ſein Andenken neben den Bildern meiner theu⸗ ren Altern ewig in meiner Seele leben wird! Frey⸗ lich, London iſt groß, und der einzelne Fremde wird leicht überſehen; aber wenn es möglich wäre, etwas von ihm zu erfahren, und wenn es auch die geringſte Kleinigkeit wäre, ſo ſchreibe ſie mir, ſie iſt meinem Herzen unendlich wichtig. Geſtern hatte ich wieder einen recht wehmüthigen Tag. Ich räumte und ordnete in meinen Schriften und Büchern, die ich, ſeit ich hier bin, noch nicht aus⸗ gepackt hatte; und, wie ich ein Buch in die Hand nehme, fällt ein Zettel von Blums Hand heraus. Es war nichts als ein Verzeichniß von etlichen Büchern, die er mir vor ſechs oder acht Jahren zum Leſen vorgeſchlagen hatte. Aber, Liebe! Mit welcher unbegreiflicher Macht wirkte dieſer unbe⸗ deutende Zettel auf mein ganzes Weſen! Da ſtan⸗ den ſie plötzlich wieder im hellen Roſenlichte vor mir, die Tage meiner unſchuldigen Jugend, mein verlornes Paradies, wo ich kein Buch las, das Ferdinand mir nicht empfohlen oder doch gebilliget hatte, wo kein Gedanke, kein Wunſch in meiner Seele war, den er nicht kannte! O Liſette! Das waren ſelige Zeiten! Und jetzt? Ich habe den Zet⸗ tel genommen, und trage ihn ſeit dem an meinem es iſt, ach Gott! ohnedieß das einzige, was ich noch von ihm habe, nachdem Liſt und Bosheit an⸗ derer Menſchen und mein ſträflicher Leichtſinn mich bewogen hatten, ihm Briefe und Portrait zurück zu ſenden! Ich habe ſeit dem wieder viel geweint, die Wunden meines Herzens ſind wieder alle auf⸗ gegangen, und bluten fort. Sieh, meine theure Liſette, ich habe Dir wieder nichts als Klagen ge⸗ 3 ſchrieben, und ich hatte mir doch vorgenommen, in der Freude über Dein Glück Dir nichts als fro⸗ he Sachen zu ſchreiben. Vergib Deiner ſchwärmeri⸗ 3 ſchen Freundinn, und entziehe mir darum Deine Liebe nicht! Grüße mir auch Deine künftige Schwä⸗ 1 gerinn, die liebenswürdige Valſin! Sie war ſo gütig mir zu ſchreiben, und ich werde ihr nächſtens antworten. Du darfſt Dich glücklich ſchätzen, dieſe Frau zu Deiner Freundinn und Schweſter zu be⸗ ſ kommen. Ich weiß gewiß, Du wirſt ſie lieben, und ſogar ehren. Leb wohl! Drey und ſechzigſter Brief. Ludwig Seltig an Ferdinand Blum. L den 30. December 1798. Ungtubiger Menſch! Sol ich mich über Dich ärgern, oder ſoll ich Dich bedauern? Welche ſelt⸗ ſame Verblendung hat Deine Sinne umfangen, daß Du nichts von allem ſiehſt, was Dir Glück bedeutet, und nur, wie ein krächzender Rabe, das traurigſte, das finſterſte Verhängniß aus allen Be⸗ gebenheiten prophezeyeſt, die Deinen verdüſterten Blicken erſcheinen! Was wirſt Du aber nun ſagen, wenn ich Dir mit völliger Gewißheit verſichern kann, daß Deine ſo oft von Dir verkannte, ſo oft durch Argwohn gekränkte Leonore Dich noch liebt, und vielleicht mit eben der Stärke und Innigkeit, wie in dem Hauſe Deiner Mutter? Du ſtaunſt? Du kannſt Dein Glück nicht begreifen, und möch⸗ teſt mich gern einer freundſchaftlichen übertreibung zeigen? Nein, Blum! Dieſes Mahl hat keine Lie⸗ be zu Dir, keine vorgefaßte Meinung von Leonv⸗ ren mich geblendet; ich habe ſie gar nicht geſehen, nicht geſprochen. Aber ich war auf ein paar Wo⸗ chen in***, und meiner Goſchäfte wegen bey Schön⸗ dorf, wohin ich wohl ſonſt ſeit Eleonorens Abwe⸗ ſenheit nicht gegangen wäre. Die jüngere Tochter iſt ein herzensgutes Mädchen, das nur, ſo lange die ſchimmernde Juliane im Hauſe herrſchte, mit Unrecht überſehen und gering geachtet wurde. Du weißt, daß junge Mädchen, wenn ſie nichts weiter ſind, als hübſch, mich gewöhnlich nicht ſehr anzie⸗ hen. Ich wäre alſo wahrſcheinlich eben ſo fremd gegen ſie geblieben, als bey meiner erſten Anwe⸗ ſenheit. Aber es traf ſich, daß ſie Braut iſt, und zwar mit einem jungen Manne, deſſen Wahl ih⸗ rem Kopfe und Herzen mehr Ehre macht, als die große Welt zu glauben ſcheint, die von der Hei⸗ rath eines ſo reichen Mädchens mit einem jungen Manne, der nichts hat, als einen vortrefflichen Charakter und ein Amt, das nur eben zureicht, eine Frau anſtändig zu verſorgen, mit ſpöttiſchem Naſerümpfen ſpricht. Da hatte es ihre Schweſter beſſer getroffen, die als eine blühende Schönheit von vier und zwanzig Jahren dem Präſidenten Kelm die Hand gab! Der Präſident war nun frey⸗ lich fünfzig Jahre alt, hatte gelebt, die Welt ge⸗ noſſen, den größten Theil ſeines Vermögens ver⸗ ſchleudert, und war mit allen Laſtern vertraut, die in der großen Welt zum Tone gehörenz aber Ju⸗ liane wurde Präſidentinn, Gräfinn, hieß künftig Epcellenz: und wie konnte man nun noch etwas gegen ihre Wahl einwenden? Dieſe und ähnliche Anmerkungen hörte ich in ein paar Geſellſchaften von allen Seiten, und ſie machten mich auf das Mädchen aufmerkſam, das den Muth gehabt hat⸗ te, allen den Spöttereyen, allen Eingebungen der Eitelkeit, und, wie man ſagt, auch allen Hinder⸗ niſſen, die ihr von Mutter und Schweſter gemacht wurden, zum Trotz, dem Ausſpruche der Vernunft und der Treue zu folgen. Sobald ich alſo zu Schön⸗ dorf kam, wendete ich mich gleich an die Braut, und die gewöhnlichen Glückwünſche gaben mir Ge⸗ legenheit, ſie in ein längeres Geſpräch zu verwi⸗ ckeln. Ich fand einen anſpruchsloſen Charakter, aber auch jene außerordentliche Schüchternheit, welche lange Unterdrückung und Hintanſetzung bey ſanf⸗ ten Gemüthern hervor bringen. Es gelang mir, ſie etwas geſprächiger zu machen, und ſie gefiel mir immer beſſer. Endlich fiel das Geſpräch zufällig auf Leonoren. Jetzt entſiegelten die Erinnerung an dieſe geliebte Freundinn und das Bewußtſeyn, mit Leon. II. Th. 16 — ₰ einem Manne zu reden, der ſie ebenfalls kannt und ſchätzte, ihre Lippen, und ihr Herz ſtrömte über bey der Berührung dieſes uns beyden ſo wer⸗ then Gegenſtandes. Wir waren uns von dem Au⸗ genblicke an nicht mehr fremd, und ich erfuhr, daß ſie in einem eifrigen Briefwechſel mit Leonoren ſte⸗ he, daß Leonore ſchon in*** gekränkelt, und ihr Zuſtand ſich eher verſchlimmert als gebeſſert habe. Mit inniger Wehmuth, ja beynahe mit Thränen im Auge, erzählte mir das gute Mädchen, wie ihre Freundinn von Tag zu Tag ſchwächer und ſchwermüthiger werde, wie ſie in jedem Briefe vom Sterben ſpräche, aber auch ihren Tod mit einer Geduld, ja mit einer Freudigkeit erwarte, die mich, ſetzte ſie hinzu, faſt zur Verzweiflung bringt. Mei⸗ ne Aufmerkſamkeit wuchs mit jedem Worte, das Liſette ſprach. Ich forſchte leiſe nach der Quelle dieſer Schwermuth, ich wagte es, von der wahren urſache ihrer Entfernung aus dem Schöndorfſchen Hauſe zu ſprechen, und ich erfuhr mehr, als ich erwartet hatte, mehr, als die gute Liſette verra⸗ then wollte. Es ward mir nicht ſchwer, durch al⸗ lerley verfängliche und überraſchende Fragen dem gutherzigen Mädchen alles abzulocken, was ich wiſ⸗ ſen wollte, und was ſie mir, mit aller Treue ge⸗ gen die Geheimniſſe ihrer Freundinn zu verbergen 3 ſuchte. nun im Kurzen das Reſultat hnſer Verhörs— ſo darf ich es wohl nennen— und dann läugne noch, wenn Du kannſt! Leonore iſt ſeit dem Augenblick, als ſie Deinen letzten Brief erhielt, worin Du Dich von iht losſagteſt, ganz and gar verändert geweſen. Ihre Heiterkeit, ihre Freude an den Unterhaltungen, ja ſelbſt ihre Geſundheit wa⸗ ren erſchüttert. Dein Abſchied koſtete ſie eine be⸗ deutende Krankheit, und ſeit dem hat ſie ſich nicht mehr erhohlt. Wallner benutzte die Zeit ihrer Schwermuth, um ſich näher an ſie zu drängen, und ihr zerriſſenes Herz, das Theilnahme bedurf⸗ te, gab ſich ſeinen Beſtrebungen argloſer hin, als ſonſt geſchehen ſeyn würde. Aber nie, das verſicher⸗ te mir Liſette heilig, und beynahe mit Unwillen, als ich zu zweifeln ſchien, nie hat ſie Walenern ge⸗ liebt. Sie hielt ſich für verpflichtet, ihm für ſeine Liebe dankbar zu ſeyn, und dann ſpäterhin die Hoff⸗ nungen und Anſprüche nicht zu täuſchen, die er ſich durch ſein Betragen in jenem Zeitpunete ihrer Lei⸗ den auf ſie erworben hatte. Immer mit dem Pfei⸗ le einer unvergeßlichen Liebe im Herzen, ward ſie nach und nach kalt gegen alle Freuden, und Wall⸗ ner, der ſich je mehr und mehr in ſeiner eigentli⸗ chen Geſtalt zu zeigen anfing, ihr immer unerträg⸗ licher. Endlich gab der Ball auf dem Lande ihr 16 eine gültige Veranlaſſung zu einem gänzlichen Br che, die ſie mit haſtiger Freude ergriff. Wallners Betragen bey der Tafel, und die Freyheiten, mit denen er ihr nach dem Souper zu begegnen wagte, riſſen den letzten Reſt des Schleyers von ihren Au⸗ gen. Sie ſah ihren Liebhaber und ihr künftiges Lvos an ſeiner Seite in ihrem wahren Lichte vor ſich. Sie ſchrieb ihm ein Billet, worin ſie ihm den förmlichen Abſchied gab, und faßte ſogleich den WVorſatz⸗ die große Welt auf immer zu verlaſſen. Dieſen Vorſatz führte ſie auch mit großer Stand⸗ haftigkeit aus, Trotz der Hinderniſſe, die ihr von allen Seiten in den Weg gelegt wurden, und rei⸗ ſte endlich im Anfange des Oetobers mit ihrem 1 Schwager ab. ¹ Dieſes alles, ſo weit es Leonorens Verhältniß mit Wallnern betrifft, erzählte mir Liſette ohne Rückhalt mit der größten Aufrichtigkeit und einer umſtändlichkeit, die für einen Brief zu groß wäre. Aber über das, was Dich betraf, mußte ich ihr das Feld Schritt für Schritt abkämpfen. Endlich erfuhr ich doch noch, daß Leonore auf dem Lande nur in der Erinnerung an ihre erſte Liebe lebt, ob⸗ ſchon ſie Dich lange Zeit für verliebt in Deine Couſi⸗ ne hielt, und nun nichts anders wünſcht als den Tod. Daß Deiner von Liſetten, die ihre Freundinn zärt⸗ lich liebt, nicht gar zu ruhmvoll gedacht ward, daß von Vernachläſſigung, Flatterſinn, unverzeihlichem Betragen u. ſ. w. geſprochen wurde, wirſt Du oh⸗ ne mein Zuthun errathen; und wie viel Du von dieſen Beſchuldigungen verdienſt, von wie vielen Du Dir nur den Schein zuzogſt, magſt Du ſelbſt entſcheiden, ſo wie auch die ferneren Schritte, die Du jetzt noch zu thun haſt, lediglich von Deinem Entſchluſſe abhängen müſſen, den zu beſtimmen ich nicht das Geringſte thun mag. Du weißt genug, und ich bin glücklich, daß es mir gelungen iſt, das alles zu erfahren, und Dir mittheilen zu können. E Vier und ſechzigſter Brief. Thereſe Friedberg an ihren Gemahl. ₰ Weidenbach den g. Jänner 1799. Mr dir iſt Freude und Frohſinn aus unſerm klei⸗ nen Eirkel gewichen, lieber Carl! und wenn du nicht bald zurück kommſt, ſo werden wir alle in Un⸗ thätigkeit und langer Weile abſterben, wie Fiſche im Sande. Selbſt die Kinder ſind nicht ſo fröhlich⸗ wie ſonſt, wenn Papa da iſt. Die Stunden, die ſie bey dir zubrachten, werden ihnen unerträglich lang, unſere Abende ſind traurig, deine Leute am Eiſen⸗ hammer arbeiten weder ſo froh, noch ſo fleißig, als wenn du da biſt; kurz, die Seele des Ganzen iſt weg, und niemand fühlt das mehr, als ich. übri⸗ gens ſind wir alle ziemlich geſund, die Geſchäfte ge⸗ hen leidlich von Statten, die Kinder ſind ganz ar⸗ tig, und lernen nicht übel;z aber doch iſt alles nur halb. Es iſt freylich nicht das erſte Mahl⸗ daß du uns ve n haſt; aber es iſt das erſte Mahl, da wir Armen, die wir alle ſo ganz, ſo innig an dir hängen, einer Trennung von langen ſechs oder acht Wochen entgegen ſehen. Sechs Wochen! Zwey und vierzig Tage! So viele Stunden ohne dich— den Gemahl, Vater, Freund und Regierer des ganzen Hauſes! Welche Ewigkeit! Unſere gute Leonore bemüht ſich, mich zu zer⸗ ſtreuen, und mir zu verbergen, wie ſehr auch ſie dich überall vermißt. Denn daß du nicht wenig zu ihrer Erheiterung und Beruhigung beygetragen haſt, und daß ihr Geiſt unter dem Mangel dieſes Troſtes leidet, iſt ſichtbar. Mir zu Liebe thut ſie ſich viele Gewalt an, ſie redet mehr als ſonſt, bringt allerley intereſſante Geſpräche auf die Bahn, nimmt Antheil daran, ſpielt uns auf dem Clavier, ſingt auch zuweilen, was ſie eigentlich bey ihrer ſchwa⸗ chen Geſundheit nicht ſollte, nur um mir meine Ein⸗ ſamkeit erträglich zu machen. Ich fühle das wohl, und rechne es ihr hoch an; denn ich ſehe, wie un⸗ endlich viel es ſie koſtet. So bald ich aber ander⸗ wärts beſchäftiget bin, oder unſer kleiner Cirkel zahlreich genug iſt, daß ſie ſich für entbehrlich hal⸗ ten kann, überläßt ſie ſich ihren trüben Gedanken, ihren traurigen Bemerkungen über ihr Schickſal, und ihrer Furcht— oder Hoffnung ſollte ich ſagen, denn ſie hofft es— den F rüh ng nicht leben. Du weißt, daß wir beyde, ſo wie auch der Arzt, ſie bey weiten nicht für ſo entkräftet, ſo krank halten, als ſie ſelbſt; aber es iſt ihr nicht auszure⸗ den, und ſeit du fort biſt, hat dieſe Stimmung ſicht⸗ lich zugenommen. Sie wünſcht nun einmahl zu ſter⸗ ben, und weil ſie wünſcht, ſo hofft ſie, und weil ſie hofft, ſo glaubt ſie ſich weit kränker, als ſie iſt. Es iſt erſtaunlich, mit welcher Stärke Blums Anden⸗ ken, ſein Bild in dieſem treuen Herzen lebt, wie je⸗ de Kleinigkeit, ſein Nahme, ein Blatt Papier mit irgend einigen unbedeutenden Worten von ſeiner Hand, das ſie unter ihren Schriften findet, eine Er⸗ innerung aus unſerer Jugendzeit u. ſ. w. ihr gan⸗ zes Weſen aufregen, und ſie in eine Art von leiden⸗ ſchaftlicher Stimmung ſetzen kann. Zwar muß man hierbey viel auf die Rechnung ihrer erhöhten Reiz⸗ 2 barkeit ſchreiben; aber was auch die Quelle der Er⸗ ſcheinung iſt, ſo iſt es ſicher, daß vielleicht noch nie ein Menſch mit ſolcher Hingebung, ſolcher Anbe⸗ thung möchte ich ſagen, geliebt worden iſt, als der glückliche, undankbare Blum. Ich kann kühn behaupten, daß ſie ihn jetzt, in der Entfernung, von ihm getrennt, verlaſſen und verkannt, noch weit mehr liebt, als in den ruhigern Zeiten ihrer glücklichen Liebe. Es iſt, als hätten dieſes ſonderbare Verhältniß, das Unrecht, das ſie wirklich gegen ihn hatte, und die Erkenntniß, daß er nicht, wie ſie einſt glaubte, untreu war, alle Schatten von dem geliebten Bild abgeſtreift. Da iſt kein Fehler, keine Schwäche, nichts als Tugen⸗ den, nichts als Vollkommenheiten! Und ich möchte es nicht wieder verſuchen, was ich ein paar Mahl ſehr zur Unzeit that, dieſe ſchwärmeriſchen Begriſſe herabzuſtimmen. Sie weiß, daß er von dieſer rei⸗ nen hingegebenen Liebe nichts ahnen kann, ſie glaubt feſt, daß er ſich auf ewig von ihr getrennt habe, und doch würde ſie es für Sünde halten, wenn ſie ihm auch nur einen Gedanken, nur einen kleinen Theil ihres Gefühles entzöge, um ihre Aufmerkſamkeit auf einen andern Mann zu richten. Es ſind mir, ſeit ſie hier iſt, ein paar Vorſchlä⸗ ge, die ganz annehmbar waren, geſchehen. Doch das weißt du. Aber auch, ſeit du weg biſt, bin ich von dem Oberamtmann in Z***g für ſeinen Sohn um ſie angegangen worden. Ich habe es Leonoren geſagt, ich habe ſie gebethen, den jungen Menſchen wenigſtens zu ſehen. Umſonſt. Ich mußte zuletzt ſchweigen; denn ſie wurde aufgebracht, und ſolche Erſchütterungen ſchaden ihrer Geſundheit. Wenn du jetzt nach L***kommſt, ſo ſuche mit Seltig zu ſprechen und zu erfahren, was Blum macht, ob er — 250 ihm ſchreibt, ob er geſund iſt, ob er noch an Schweſter denkt, und ob es denn nicht möglich wäre, die Mißverſtändniſſe aufzuklären, die dieſe beyden guten Menſchen ſo grauſam getrennt haben. Daß du dieſen Auftrag mit aller Klugheit und Schonung ausrichten wirſt, welche Leonorens Ge⸗ ſchlecht und Lage fordern, iſt mir gar nicht bange; und darum empfehle ich dir es nicht. Aber das be⸗ denke, daß du es vielleicht in deiner Hand haſt, Leonoren Glück und Leben wieder zu ſchenken, und mir und dir und uns allen eine theure Verwandte zu retten! Leb wohl, lieber, beſter Mann, und keh⸗ re bald zu den Deinen zurück, die dich mit Sehn⸗ ſucht erwarten! 5 . — Thereſe Friedberg an ihren Gemahl. Weidenbach den 12. Jänner 1799. Wenn es deine Geſchäfte irgend erlauben, ſo kür⸗ ze deine Reiſe ſo ſehr ab, als du kannſt, und eile ſchnell zu uns zurück. Ich ſehe wichtigen, und, wie ich hoffe, erfreulichen Ereigniſſen entgegen; aber noch iſt alles unſicher und ſchwankend. Wir haben einen Brief erhalten. Ich ſage, wir; denn ob er gleich an mich gerichtet war, ging er mich doch ſicher nicht zur Hälfte an, einen Brief, der auf ein⸗ mahl Freude und Schrecken, Beſtürzung und Ju⸗ bel in unſerem Hauſe verbreitete. Denke dir ein⸗ mahl, lieber Carl, Blum hat geſchrieben! Sein Brief iſt vom zwanzigſten November. Gott weiß⸗ warum er ſo lange unter Wegs blieb! Da mögen Fünf und ſechzigſter Brief. wohl die Kriegsunruhen Sch war ein Brief von ihm, von unſerem guten, lieben Ferdinand, dem Pathen unſeres Kindes, den ich Trotz aller Klagen, die ich meiner Schweſter wes gen über ihn hätte, doch ſo herzlich liebe; und dieß allein wäre ſchon hinreichend geweſen, mich zu er⸗ Sfreuen. Und nun erſt die Rückſicht auf meine arme Leonore, die Furcht und Hoffnung, was er wohl enthalten möchte! Doch ich muß in Ordnung er⸗ zählen. Geſtern Vormittag ſaß ich mit Leonoren bey der Arbeit; die Kinder liefen ein wenig im Hofe herum, weil der Tag ungewöhnlich heiter war. Da tritt das Mädchen ein und bringt die Briefe, die der Bothe gebracht hat. Ich greife haſtig darnach, weil ich einen von dir zu erhalten hoffte; Leonore thut deßgleichen. Wir leſen ein Paar Aufſchriften; ſie waren von gleichgültigen Perſonen. Auf ein⸗ mahl ſchreyt Leonore: Jeſus Maria! Ich ſehe ſie an; ſie wird bleich, dann wieder glühend roth, ih⸗ re Hand, mit der ſie einen Brief hält, zittert, ihr Athem fliegt. Ich ſpringe auf, um ihr beyzuſtehen, und frage ſie, was ihr iſt. Da, da, ruft ſie, ohne mehr ſagen zu können, und reicht mir den Brief hin. Es war Blums Schrift, und die Addreſſe an mich. Ich nehme ihn haſtig, um ihn zu erbrechen. Laß! uß! ruft ſie, und hält mich ab: Ach Gott! Was wird er enthalten? 2 Nun ſo laß mich ſehen! antwortete ich, und nahm den Briefvon neuem.„O um Gotteswillen! ich bin ſogar nicht vorbereitet.“ Worauf willſt du denn vorbereitet ſeyn 2 Wir wiſ⸗ ſen ja noch gar nichts. Laß mich erſt leſen!„Ach, er iſt ſicher verheirathet, und gibt dir Nachricht da⸗ von.“ Was für Einbildungen! Laß mich nur le⸗ ſen!„In meiner Gegenwart nicht,“ rief ſie haſtig“ und ſprang auf, und ging in ein Nebenzimmer. Ich erbrach den Brief. O lieber Carl! Welch ein lie⸗ ber angenehmer Inhalt! Aus jeder Zeile ſprach ſein freundſchaftliches Herz. Der Geburtstag ſeines Pa⸗ then, unſers Ferdinands, hatte ihm zur Einleitung ge⸗ dient, um nach ſo langer Zeit den Fadenunſerer Ver⸗ hältniſſe wieder anzuknüpfen. Er erkundigt ſich nach dir, nach mir, nach allen unſern Kleinen, unſern Geſchäften u. ſ. w. und kommt endlich auf das, weß⸗ wegen eigentlich, wie ich gar wohl merke, der gan⸗ ze Brief geſchrieben war, auf meine Schweſter. Er ſchreibt, daß er mit großer Beſtürzung vernommen habe, daß ſie immer kränkle, und er bittet mich, doch über dieſen Punct, der ihm als einem alten Bekannten und Jugendfreunde gewiß wichtig ſeyn muß, ihm aufrichtige und ausführliche Nachricht zu geben. Ich hätte dir den Brief beygeſchloſſen— aber du kannſt wohl denken, daß man ihn mir nicht ließ— damit du ſehen könnteſt, wie ſonderbar, wie widerſprechend, wie anſcheinend kalt, künſtlich, und doch ſo verrätheriſch der Brief geſchrieben iſt. Der. gute Ferdinand will fein ſeyn, er will ſich nicht verrathen, er will nicht ſagen, daß ihm Leonorens Wohl am Herzen liegt, er will auch nicht geſtehen, daß er nichts weniger als glücklich iſt; und doch guckt dieß Gefühl aus jedem Worte hervor. Ich hatte nun geleſen, und rief Leonoren. Sie kam; 3 ich ſah, daß ſie ſich Mühe gegeben hatte, Faſſung zu erkünſteln, und mit bleichem Munde ſagte ſie halblächelnd: Nun was werd' ich hören? Recht viel Schönes, autworkete ich. Vielleicht mochte mein Auge ihr Gutes verkündet haben; ſie lächelte jetzt aufrichtiger. Ich las, ſie hörte mit geſpannter Aufmerkſamkeit zu; aber ſie ſah nicht in den Brief. Als ich ihren Nahmen ausſprach, ergoß ſich eine glühende Nöthe über ihr Geſicht, und ich bemerkte, daß ſie ſich am Tiſche hielt, um nicht zu ſchwanken. Ich las noch einige Zeilen. Jetzt trgt ſie ſchnell hin⸗ ter mich, und ſah mir über die Schulter in den Brief; aber auf einmahl riß ſie ihn mir mit einer Haſt, die ich lange nicht an ihr geſehen hatte, aus der Hand, und eilte damit aus dem Zimmer. Nach einer ſtarken Viertelſtunde, während welcher mich meine Neugierde heftig plagte, und mich mehr als einmahl verführen wollte, hinaus zu gehen und zu ſehen, was ſie mache, kam ſie endlich herein. Ich ſah an ihren Augen, daß ſie geweint hatte; ſonſt aber ſchien ſie ruhig. Ich ſprang ihr entgegen. Nun, was ſagſt du zu dem Briefe, liebe Schweſter? Iſt er nicht ganz allerliebſt? Wie man's nimmt, ant⸗ wortete ſie mit einer Ruhe und Wehmuth, die mich in Erſtaunen ſetzte: Der Brief iſt freundſchaftlich gegen dich, gegen uns alle. Es iſt die Erinnerung eines alten Freundes an ſeine Jugendgefährten, es ſpricht ein theilnehmend warmes Herz aus jeder Zeile; ſonſt aber habe ich nichts darin gefunden⸗ Kurz, ſie hatte ſo oft geleſet, erwogen und wieder geleſen, bis ſie endlich herausbrachte, daß der Brief gar keinen Bezug auf ſie haben könnte, als in ſo fern er ſich um ihre Geſundheit erkundigte, daß ſie gar keine Urſache fände, nur den geringſten Schein von Hoffnung zu ſehen, daß nichts natürlicher ſey, als daß Blum, bey Gelegenheit des Geburtstages ſeines Pathen, ſich ſeiner und unſer aller in Freund⸗ ſchaft erinnert habe. Das war es nun alles. Ich mochte ihr ſagen, was ich wollte, ſie auf den Ton der Rührung und Schwermuth aufmerkſam ma⸗ chen, der ſo deutlich in dieſem Briefe herrſchte, ihr die widerſprechenden Ausdrücke zeigen, die er ent⸗ hielt, und die klar beweiſen, daß er es nicht zu ge⸗ ſtehen wage, was wirklich in ſeinem Herzen vor⸗ geht: ſie glaubt oder ſcheint wenigſtens nichts zu glauhen, als daß er auf der Rückreiſe iſt; und das erfüllt ſie abwechſelnd mit Freude und Trauer. Ich habe ihr den Brief aufgedrungen; denn ſie weiger⸗ te ſich eine Weile, ihn zu nehmen, wie ſehr ſie auch ihn zu beſitzen gewünſcht hatte, und wie ſichtlich Stolz, Scheu und Verlangen in ihr kämpften. Wohl zwanzig Mahl hatte ſie ihn vom Tiſche genommen, beſehen, entfaltet, hineingeblickt, wieder hingelegt u. ſ. w.; und ich konnte wohl bemerken, daß ihre Blicke nur auf die Seite fielen, wo von ihr die Re⸗ de war. Jetzt hat ſie ihn; und wie viel Thränen ſchon daraufgefloſſen ſeyn mögen, mag ich gar nicht berechnen. Seit dem iſt ſie ganz ſonderbar, bald ru⸗ hig, bald heftig; doch redet ſie wenig von ihrem Ge⸗ müthszuſtande, und ſcheint überhaupt heimlich und ſtill, doch im Ganzen heiterer, als ſonſt. Ich laſſe ſie gewähren, kann aber auch meinerſeits nicht in meine gewohnte Faſſung kommen; denn die Gedan⸗ ken über alle die Möglichkeiten und Wahrſchein⸗ lichkeiten, welche nun erfolgen könnten, gehen mir beſtändig im Kopfe herum, und der Brief kommt mir vor, wie ein Comet, der plötzlich am Himmel erſcheint, und die armen Menſchenkinder mit Furcht — 257— und Hoffnung, Schrecken und Erwartung der Din⸗ ge, die da kommen ſollten, erfüllt. Und doch iſt nichts anders zu thun, als geduldig zu warten. Aber du würdeſt mir, und, wie ich glaube, auch Leono⸗ ren, die ſo viel auf dein Urtheil baut, einen großen Gefallen thun, wenn du kämeſt, und unſeren Ge⸗ gäbeſt. Leon. II. Tß. danken, Wünſchen und Erwartungen durch deine 6 ruhige Anſicht der Dinge eine beſtimmte Richtung Sechs und ſechzigſter Brief ——— Leonore von Brandner an Liſette von Schöndorf. 11 Weidenbach den 15. Jänner 1799. We ſoll ich ſagen? Liſette! Wie ſoll ich Dir ſchreiben, was in meinem Innern vorgeht? Ach⸗ es wäre vergeblich, Dir ein Bild meiner Seele zu entwerfen, welche alle Augenblicke, wie der Cha⸗ mäleon, Geſtalt und Farbe ändert! Du wirſt al⸗ res begreifen, wenn ich Dir ſage, daß Blum ge⸗ ſchrieben hat, an meine Schweſter, zum Geburts⸗ tage ſeines Pathen. Er erinnert ſich ſeiner alten Freunde mit liebevoller Theilnahme. Liſette! Er gedenkt auch meiner! Er hat faſt die Hälfte des Briefes von mir und über mich geſchrieben, ob ich drank bin? daß es ihn ſehr ſchmerzen würde u. ſ. f. Doch ich will Dir die Stelle wörtlich herſetzen. Nachdem er ſich mit warmer kindlicher Herzlichkeit nach allen, auch den kleinſten Familienverhältniſſen Fertidiget nach dem Befinden aller Kinder, die er nahmentlich nennt, ſchreibt er endlich:„Ei⸗ ne Frage habe ich zu thun, die meinem Her— das war mühſam ausgeſtrichen, und dafür mir von***, daß Fräulein Eleonore jetzt bey Ihnen auf dem Lande lebt, und dieſe Nachricht hat mir ſehr viele Freude gemacht; aber ich habe auch ge hört, daß ſie kränkelt, daß ihre Geſundheit ſichtich abnehmen ſoll. O meine Freundinn! Geben Sie mir hierüber beruhigende Auskunft! An Sie wen⸗ de ich mich; denn Sie müſſen es am beſten wiſſen, und das Schweſterherz wird nach ſeinen Gefühlen auf die Gefühle des alten Bekannten und Ingend⸗ geſpielen ſchließen und urtheilen können, wie un⸗ ausſprechlich— dieß war wieder ausgeſtrichen, und ungemein geſetzt— werth mir eine wahre zuverläßige Nachricht über dieſen Punkt ſeyn muß. Schreiben Sie mir aufrichtig— ſchreiben Sie mir alles! O das Schlimmſte, was Sie mir melden können, iſt gewiß nicht ſo arg, als das, was meine düſtere Phantaſie mir oft in trüben Stunden vor⸗ mahlt! Lebt ſie noch? Haben Sie Hoffnung für ihre Geneſung? Was iſt eigentlich ihre Krankheit? Welchen Arzt hat ſie? Was braucht ſie für Arz⸗ neyen? Dieſe und noch tauſend andere Fragen, r7* — 266 die ich an Sie hätte, und die Ihnen alle zu ſchre ben, Ihre Geduld mißbtauchen hieße, möchte ich Ihnen gern ſo angelegentlich, ſo recht dringend an's Herz legen, und Sie bitten, Sie bey der Freundſchaft unſerer Kinderjahre und unſers rei⸗ feren Alters beſchwören, mir alle mit der möglich⸗ ſien Treue und Ausführlichkeit zu beantworten⸗ Meine lange und innige Bekanntſchaft mit ihrem Hauſe, und die vorzügliche Achtung und Theilnah⸗ me, welche mich ſtets an dasſelbe band, werden Ihnen Bürge ſeyn, daß alles, was Sie mir ſchrei⸗ ben können und wollen, mir ſehr werth⸗ ſehr wich⸗ tig ſeyn wird.“ Sieh, Liſette, das hat er geſchrieben; und ich weiß nicht, woher ich die Ruhe nahm, Dir dieſen Brief und dieſe Stelle, die mein ganzes Weſen, ſo oft ich ſie anſehe, im Innerſten gewaltſam aufregt, nit Treue und Gelaſſenheit abzuſchreiben. Was ſoll ich denken, was fürchten, was hoffen? Meine Schweſter will mich bereden⸗ daß ſichtlich aus al⸗ lem, was er ſchreibt, und wie er ſchreibt, warme Liebe herausblicke, daß er ſich aber bemühe, dieß zu verbergen, und bloß freundſchaftliche Theilnah⸗ me zu zeigen, und daß eben dieſer Widerſtreit ſei⸗ ner Gefühle und ſeiner überlegung mir Bürge für die Stärke und Innigkeit ſeiner Liebe ſeyn könnte, die Rch ſolanger Trennung, ſo viel widrigen Schic⸗ ſalen noch jetzt ſeiner überzeugung zum Trotz in ſeiner Bruſt lebe. Liſette! Sie behauptet, daß die ausgeſtrichenen Worte, die wir mit Mühe durch's Fenſter laſen, ihrer Meinung viel Gewicht gäben. Es ſcheint, ſagt ſie, ſein Herz habe lauter geſpro⸗ chen, als ſeine Vernunft billigen konnte, und ſ löſchte er die verrätheriſchen Worte aus, und ſetzte kältere an ihre Stelle. Auch in dem ſchwermüthi⸗ gen Tone, der in dem ganzen Briefe herrſcht, will Thereſe Gründe für ihre Behauptung finden, und vor allem in der Stelle, wo er ſo ängſtliche Zwei⸗ fel und ſo viele düſtere Beſorgniſſe über mein Le⸗ ben äußert. Ach Liſette, wenn ſie mir das alles ſchmeichelid vorſtellt, mein Herz, das ſo lange zu hoffen ver⸗ lernt hat, wieder mit ſüßen Bildern erfüllt, wenn ſie mit zauberiſcher Hand die ſchöne Vergangenheit* an eine ſchöne Zukunft bindet, und die kalte düſte⸗ re Gegenwart verſchwinden läßt, dann iſt mir oft, als ſollte, als könnte ich ihr glauben. Meine Bruſt öffnet ſich tauſend beruhigenden Gefühlen, es iſt mir, als könnte ich noch glücklich werden, das Le⸗ ben wird mir wieder lieb, ich verlange nicht mehr, ja ich fürchte dann zu ſterben, und wünſche ſehn⸗ lich, daß es möglich ſey, meine Krankheit zu heilen. Aber dieſe ſchönen Augenblicke dausrn nicht lange. Wenn ich den Brief überſehe, alle Worte genau erwäge, und mit ſeiner mir ſo lange bekannten Denkart vergleiche, dänn finde ich wenig Tröſt⸗ liches. Er iſt anhänglich, ſein Herz liebt und ehrt alte Verhältniſſe, ſelbſt wenn ſie aufgehört haben, und es iſt ihm wohl in alten Gewohnheiten, die eine große Macht über ihn ausüben. Ich habe tau⸗ ſend Mahl geſehen, daß auch lebloſe Sachen ihm werth wurden, bloß weil er ſie lange hatte. Er konnte es nicht wohl leiden, wenn wir in meiner Mutter Haus eine andere Eintheilung der Zimmer oder eine Veränderung mit den Meublen treffen wollten. So wie er die Zimmer, die Plätze im Hauſe als Kind geſehen hatte, wollte er ſie als Jüngling noch haben, und es war, als nähme man ihm eine ſüße Erinnerung, wenn man einen Schrank oder Tiſch, bey dem er als Kind froh geſpielt hatte, wo anders hinſetzte. So iſt ſein Herz auch gegen Perſonen geſtimmt. Er kennt mich lange, er hat mich einſt ſehr— ach Liſette! ich kann wohl ſagen, fehr geliebt. Das hat nun freylich aufgehört, er liebt mich nicht mehr, er hat mich vernachläſſigt, und es herrſcht vielleicht eine Andere in ſeiner Seele; aber dennoch erinnert er ſich mit Wohl⸗ wolten ſeiner Jugendgeſpielinn, und äußert die Sorge für ihr Wohl, die ſein Herz wirklichempfindet. Sieh, das iſt's alles, und nichts anderes kann ich in dem Briefe finden. Die aus⸗ geſtrichenen Worte entſchlüpften ihm bloß wie Re⸗ densarten; man ſagt gemeiniglich aus Artigkeit um ein Paar Grade mehr, als man fühlt, ſo wie man unendlich erfreut iſt, jemand zu ſehen, der einem ſehr gleichgültig iſt, und ſich den ge⸗ horſamſten Diener von Perſonen nennt, für die man nicht über die Treppe gehen möchte. Aber er hat auch dieſe hyperboliſchen Ausdrücke zurück⸗ genommen, weil ſein Zartgefühl ihm ſagte, daß ſie in dem Verhältniſſe, worin wir jetzt ſtehen, zu unangenehmen Mißverſtändniſſen Anlaß geben könnten; und mein Herz dankt ihm für dieſe Scho⸗ nung. Daß er übrigens ſchwermüthig zu ſeyn ſcheint, kann wohl Wirkung der engländiſchen Luft auf ſein ohnedieß nicht lebhaftes Temperament ſeyn. So erkläre ich mir den Brief und Ferdinands Stimmung; und ſo lange mir niemand die Un⸗ wahrſcheinlichkeit meiner Anſicht beweiſen, oder offenbar das Gegentheil zeigen kann, werde ich die⸗ ſe Erklärungsart nicht aufgeben, weil ich ſie der Vernunft, den Umſtänden, Ferdinands Charakter, und— meiner Ruhe am angemeſſenſten ſinde. Ich habe darüber mit Thereſen geſprochen. Sie iſt nicht meiner un eiſtens ſtille; denn überzeugen kann ic ſe ſo wenig, als ſie mich, und ich habe zu viel mit meinem rebelli⸗ ſchen Herzen zu thun, bis ich es wieder in die ſtille, geduldige Faſſung bringe, aus der mich der gelieb⸗ te, unſelige Brief riß, um mich mit Thereſen in den ſchmeichleriſchen, verführeriſchen Streit ein⸗ ulaſſen. O meine Liſette! Was wird noch aus mir werden, wenn nicht der Tod bald die ver⸗ ſchlungenen Knoten meines Schickſals löſet? Wenn er zurückkommt, bald, nächſtens vielleicht, wenn er wieder in** ſeyn wird, in der Nähe von ſo vielen lich enswürdigen Mädchen, durch keine äl⸗ tern Anſprüche geſtört, reich und unabhängig: was wird ihn hindern, Einer von ihnen ſeine Hand zu biethen? Sie wird ſie mit tauſend Freuden anneh⸗ men; ich werde in meiner abgeſchiedenen Einſamkeit die Nachricht hören, und ich werde für ihn bethen, daß er recht glücklich ſeyn möchte, ſo glücklich, als ich mich beſtrebt haben würde, ihn zu machen. Aber ich werde eben ſo inbrünſtig bethen, daß der freund⸗ liche Genius dann bald, recht bald die Fackel ſen⸗ ken möchte, die doch nur ein Leben voll Jammer beleuchtet. Leb wohl! Mein Herz iſt zu beklom⸗ men, ich kann nicht mehr ſchreiben. ———— Sieben und ſechzigſter Brief. Ferdinand Blum an Ludwig Seltig. ***den a8. Februar 1799. Wo bin ich geweſen, Ludwig! und was habe ich erfahren? Wird mir Leonore je verzeihen können Ach, ich habe ſie unausſprechlich beleidiget. Meine Schuld ſteht in Rieſengröße vor mir, ich mache mir ſelbſt Vorwürfe, und doch bin ich glücklich, doch iſt ein ſeliges Gefühl über mein ganzes Weſen verbrei⸗ tet, und ich möchte ſagen, daß ich in Wonne ſchwim⸗ me, indeß die Reue mich mit Schlangengeißeln züch⸗ tiget. Höre denn die Geſchichte dieſer letzten Tage! Ich bin bey der Valſin geweſen, Ludwig, und mit Achtung von dieſer Frau geſchieden, die ich ſonſt im⸗ mer um ſo mehr verachtete, je mehr ich ihren man⸗ nigfaltigen Vorzügen Gerechtigkeit widerfahren laſ⸗ ſen mußte. Iſt es nicht zu beklagen, wenn mißver⸗ ſtandene Erziehung, ungünſtige Umſtände und Ver⸗ führung einem Weibe, das von der Natur beſtimmt war, eines der edelſten Weſe zu werden, eine falſche Richtung gaben, daß ſie zu dem Troſſe der eitlen verächtlichen Geſchöpfe herabzuſinken ſcheint, und nie auf die ungetheilte Achtung beſſerer Men⸗ ſchen Anſpruch machen darf? Dein letzter Brief, und noch mehr deine Worte, als ich in L** an deine Bruſt ſank, als du mich ſo brüderlich, ſo theilnehmend beruhigteſt, und mir die unbeſonnenen Ausdrücke meines letzten Briefes ſo gütig vergabſt, hatten bereits Leonorens Unſchuld in meinem Geiſte verklärt, und mir zugleich meine eigene Strafbarkeit nur zu deutlich bewieſen. Ich war feſt entſchloſſen, zu ihr zu eilen; und hätten nicht unausweichliche Geſchäfte mich nach*** ge⸗ fordert, ich hätte von L**aus an Thereſen geſchrie⸗ ben, ſie um Erlaubniß gebethen, Leonoren zu ſe⸗ hen, und ſie erſucht, ihre Schweſter auf meine Reue vorzubereiten. Dann wäre ich meinem Briefe nach⸗ geeilt, und jetzt, Ludwig, jetzt wäre ich vielleicht ſchon glücklich. Aber ich mußte nach***. So bald ich konnte, eilte ich zu Schöndorf. Die Mutter em⸗ pfing mich ſehr kalt. Darauf war ich vorbereitet, und kümmerte mich nicht darum; denn mein Be⸗ ſuch galt nur Liſetten. Ich fragte nach ihr; ſie kam. Ihr Empfang gab mir Hoffnung. Sie erröthete, als ſie mich ſah, und ihr Betragen verrieth ein Ge⸗ miſch von Unwillen und Freude, woraus mein Herz ſich tauſend willkommene Vorſtellungen zuſammen⸗ ſetzte. Es gelang mir, ſie allein zu ſprechen. Ich ſagte ihr alles, was ich von meiner Schweſter wuß⸗ te, und was mein Herz empfand; ich bath ſie, mir mit aller Treue und ohne alle Schonung zu ſagen, wie es Leonoren gehe, und wie ſie gegen mich ge⸗ ſinnt ſey. Sie weigerte ſich lange. Endlich erfuhr ich, daß Leonore ſich jetzt beſſer befände, als vor ei⸗ niger Zeit, daß ſie aber, im Ganzen genommen, nie ſo ſchlimm geweſen ſey, als ſie ſelbſt gedacht, oder vielmehr gehofft hatte, daß Thereſe bey der Liſette ſich ein paar Mahl ohne Levnorens Vorwiſſen um ihren wahren Zuſtand erkundiget habe, ihr viel beſ⸗ ſere Hoffnungen gegeben habe, und daß ſie nicht zweifle, da Leonorens Zuſtand theils Folge der un⸗ gewohnten Lebensart bey Liſettens Altern, theils Gemüthskrankheit geweſen ſey, daß Landluft, Ru⸗ he und Einſamkeit, beſonders aber der kunftige Frühling viel zu ihrer Wiederherſtellung thun wür⸗ den. über Leonorens Geſinnungen aber beobachte⸗ te ſie ein unverletzliches Stillſchweigen; denn ich war nicht ſo geſchickt, wie du, oder nicht unbefan⸗ gen genug, um ihr etwas abzufragen, bis ich ihr endlich ſagte, daß ich nach Weidenbach wollte, daß ich Leonoren ſehen, und entweder ihre Verzeihung hören müßte, daß mein ie ganz fühle und bereit ſey, alles zu thun und zu leiden, um ihr Ge⸗ nugthuung zu geben. Jetzt löſts ſich die ſpröde Rin⸗ de, welche Liebe zu Leonoren, Unwillen über mich, und Weiblichkeit um das Herz des guten Mädchens gezogen hatten. Die unverſtellte Reue, mit der ich ſprach, die Thränen, die unwillkürlich meine Augen wellten, riſſen ſie hin, und die ihrigen fingen an eftig zu fließen. O lieber Blum! rief ſie aus: Gott⸗ ob, daß Sie ſo denken! Nun wird meine Leonore wieder glücklich werden! Ich darf es Ihnen ſagen, ſie liebt Sie; Blum! Sie hat nie aufgehört, Sie zu lieben, ſelbſt dann nicht, als ſie in Ihren und der ganzen Welt Augen für Wallners Geliebte und Braut galt. Ihr Abſchiedsbrief hatte ihr das Herz gebrochen; und ſeit jenem Augenblicke hat ihre Ge⸗ ſundheit, und ihre Heiterkeit immer mehr abgenom⸗ men, bis ſie endlich dahin gekommen iſt, daß ihre Freunde für ihr Leben zittern müßen. Hier verdop⸗ pelten ſich Liſettens Thränen. In dem Augenblicke trat Seefeld, Liſettens Bräutigam, ein. Er ſchien. erſtaunt und ſehr betroffen, ſeine Braut und einen jungen Mann, den er nicht ſogleich erkannte, Hand in Hand— denn ich hielt die ihrigen, ſeit ſie ſprach — und beyde in Thränen am Fenſter ſtehen zu ſe⸗ 269— hen. Liſette auß und ſprang auf Seefeld zu. Es iſt Blum, rief ſie, der Jugendfreund meines Lor⸗ chens! Das iſt mein Bräutigam ſetzte ſie mit ho⸗ her Röthe hinzu: Doch ich glaube, Sie kennen ſich ſchon ſeit dem vorigen Winter? Wir begrüßten uns freundſchaftlich; und nun fing Liſette mit einer Geſchwätzigkeit und Munter keit, die mir an dem ſonſt ſo ſtillen, furchtſame Mädchen eine völlig neue Erſcheinung war, an, ih ren Bräutigam von allem zu unterrichten, und ich erſtaunte über das Zartgefühl, mit dem ſie jeden Umſtand verſchwieg, der mir oder ihrer abweſenden Freundinn eine Schamröthe hätte koſten müſſen. Am Ende der Erzählung umarmte mich Seefeld herzlich, und wünſchte, daß ich bald eben ſo glücklich ſeyn möchte, als er. Der junge Mann gefällt mir außerordentlich, und Liſette hat, ſeit dem ich ſie und den Mann ihrer Wahl kenne, unendlich in meiner Achtung gewonnen. Wir ſchieden als Freunde einander. 5 Am andern Morgen, nähmlich heute, erhielt ich zu meinem größten Erſtaunen einen Zettel von der Frau v. Valſin, worin ſie mich in ſehr artigen Aus⸗ drücken um halb ein Uhr zu ſich beſchied, weil ſie nothwendig mit mir zu ſprechen hätte. Ich konnte nicht begreifen, was ſie mir zu ſagen haben könnte, oder wie ich zu der Ehre käme, von ihr eingeladen zu werden, und ging voll Gedanken über alle die Möglichkeiten, welche dieſen Beſuch veranlaßten, zu ihr. Sie empfing mich äußerſt artig, und mit einem Ausdruck von Theilnahme und Achtung, wel⸗ cher ſie noch anziehender machte. Nach einigen gleich⸗ gültigen Geſprächen und Entſchuldigungen, daß ſie mich zu ſich genöthigt habe, ſing ſie an, von meinen Verhältniſſen mit Leonoren zu ſprechen, und ich er⸗ fuhr nun Dinge, die ich noch jetzt kaum begreifen kann. Leonore hatte ihr bey ihrer erſten Bekanntſchaft rebhaftes Intereſſe eingeflößt, und das Verlangen in ihr erregt, ſich innig an dieſe liebliche Erſchei⸗ nung anzuſchließen. Aber Leönore ſchien nicht das⸗ ſelbe für ſie zu fühlen; und ſo ſehr ſich auch ihr Geiſt in dem Umgange mit ihr und dem Cirkel, der ſich bey ihr verſammelte, zu gefallen ſchien, ſo blieb doch ihr Herz immer zurückhaltend und kalt. Dieß war die Urſache, warum die Valſin nie den eigent⸗ lichen Zuſtand ihres Gemüthes erfuhr, und ſich kein Bedenken machte, Wallners Bewerbungen zu un⸗ terſtützen, dem ſie viele Verbindlichkeiten hatte. So ging alles ſeinen Gang, bis zu der Seene auf dem Balle, die ich durch dich erfuhr. Hier öffnete Leo⸗ norens Betragen ihr auf einmahl die Augen über die wahre Denkart des Mädchens; und ſo ſehr, ſetz⸗ te ſie mit edler Selbſtverläugnung hinzu, ſo ſehr 8 mich Leonorens Betragen kränkte, da es einen ſcho⸗ nungsloſen Tadel des meinigen enthielt, ſo bitter ich mich im Anfange über ſie beſchwerte, ſo mußte ich doch ſpäter, nachdem ich die Sachen aus einem richtigeren Geſichtspuncte betrachtete, geſtehen, daß ſie vollkommen Recht hatte. Glauben Sie nicht, lieber Blum, fuhr ſie mit leichtem Erröthen fort, daß der Ton, der damahls in unſerer Geſellſchaft herrſchte, und der Leonoren ſo tief empörte, nicht auch mein Gefühl beleidigt hätte; aber es waren Perſonen zugegen, deren Scherzen Einhalt zu thun, ein eben ſo vergebliches als thörichtes Unternehmen geweſen ſeyn würde. Sie wiſſen, es gibt Lagen, wo man nicht alles kann, was man will, und für Recht hält. Ich habe hierüber bereits mit Leonoren ge⸗ ſprochen, und ich hoffe, ſie denkt jetzt von mir, wie ich es wünſche. Aber das iſt noch nicht alles, rief ſie lebhaft, als ich in der Meinung, ihre Erzählung ſeh zu Ende, ihre Hand mit warmer Achtung küßte, und von meinem Danke gegen ſie ſprechen wollte: Ich habe Ihnen noch mehr und wichtigere Dinge 2 zu ſagen. Und das iſt die eigentliche Urſache, war⸗ um ich Sie zu mir bitten ließ. Es iſt nothwendig, daß Sie alles erfahren. Sie erzählte mir nun, daß ſie ganz unumſtößlich überzeugt worden ſey, daß 6 entzweyen, daß man andere Abſichten mit ihr und F mit mir gehabt, und alles gethan habe, um jede Er⸗ klärung zwiſchen uns zu verhindern, und Levnoren in meinen, und mich in Levnorens Augen ſtrafbar und treulos ſcheinen zu machen, daß man deßhalb meine Couſine mit in's Spiel gezogen habe, die aber nichts weiter geweſen ſey, als ein blindes Werkzeug in fremder Hand, und ſelbſt durch Hoffnungen ge⸗ täuſcht worden wäre, die man nie im Sinne hatte, zu erfüllen. Ich drang in ſie, ſich hierüber näher zu erklären, aber ſie blieb bey der erſten Weigerung, und ich mußte zuletzt fortgehen, ohne irgend etwas 11 Näheres zu erfahren. Doch ſchied ich mit einer un⸗ 11 gleich beſſeren Meinung von dieſer Frau, als die war, mit der ich kam. Zu Mittag war ich bey meiner Schweſter gebethen. Du weißt, ich achte alle ihre guten Eigenſchaften, ihre Häuslichkeit, ihre Liebe zur Ordnung, die kluge Einſchränkung und Leitung ih⸗ rer Wirthſchaft, die es ihr möglich macht, bey ziem⸗ lich mäßigen Einkünften ihr Haus auf einen an⸗ ſtändigen Fuß zu erhalten, aber ſympathiſirt haben wir nie, und ſo iſt es auch noch. Sie empfing mich mit unverſtellter Freude, aber indem ſie mich in ih⸗ re Arme ſchloß, und tauſend Fragen an mich zu ha⸗ ben ſchien, riß ſie ſich auf einmahl los und eilte zur man es darauf angelegt habe, mii dL norenzu 5 ſie am Abende eben 3 gut hätte erfahren können. ₰ Der Empfang kühlte mich ein wenig ab; aber ich bin deßgleichen ſchon von ihr gewohnt, und ließ es hingehen. Endlich kam ſie wieder, und nun ging's * an ein Erzählen aller Neuigkeiten, Heirathen, To⸗ desfälle, Kindbetten u. ſ. w. in ihrer Bekanntſchaft und beynahe in der ganzen Stadt. Mit unter kam ſie auf eine Geſchichte, die zwiſchen der Valſin und Julianen vorgefallen, und die Veranlaſſung zu ei⸗ ner offenbaren Feindſchaft zwiſchen ihnen geweſen ſeyn ſoll. Es iſt eine lächerliche Geſchichte, die Ju⸗ lianen wenig Ehre macht, aber glücklicher Weiſe L ſettens Glück gründete, indem ihr Vater dadurch vermocht wurde, früher, als er ſelbſt wollte, in ih⸗ re Verbindung mit Seefeld zu willigen. Nachdem ich endlich die Läſterchronik der ganzen Stadt ange⸗ hört hatte, kam meine Schweſter auch auf meine Angelegenheiten, und redete ſo lange, ſo neugierig liebt in meine Couſine, und meine unvermuthete Zurückkunft ſey eine Folge meiner großen Sehnſucht daß ich nie einen ſolchen Gedanken gehabt hätte; und es entſtand nun ein ziemlich lebhafter Wort⸗ wechſel darüber unter uns, beſonders da ſie mich Leon. II. Th. 18 S herum, bis ich deutlich ſah, ſie halte mich für ver⸗ nach Babetten. Ich verſicherte meine Schweſter, 3 Streits erfuhr ich Dinge, we bey kaltem Blute mir vielleicht nie geſagt hätte, die mir aber eine vollkommen klare Anſicht aller der Ränke gaben, welche das vorige Jahr von allen Sei⸗ ten geſpielt wurden, um Leonoren von mir zu tren⸗ nen. Ich erfuhr, daß Juliane ſich lebhaft um Ba⸗ bettens Abſichten intereſſirt, daß ſie Wallners Be⸗ erbung um Leonoren unterſtützt habe, um unſere Verbindung deſto gewiſſer zu löſen, daß ſie alles an⸗ gewandt habe, um mir, wie meine Schweſter ſich ausdrückte, die Augen über Leonorens wahre Stim⸗ mungzuöffnen, um mir ihren Leichtſinn, ihren Wan⸗ kelmuth recht in's Licht zu ſetzen u. ſ. w. Welches Gewebe von Bosheiten, Kunſtgriffen und niedrigen Abſichten! Wennich nun noch das, was mir die Val⸗ ſin über die geheimen Plane einer ungenannten Per⸗ 1 ſon, von welcher Babette nur ein blindes Werkzeug 5 war, wennich gewiſſe Bemerkungen über Julianens Betragen gegen mich zuſammen halte, dann, Lud⸗ wig, ſteht Leonorens Unſchuld in ihrem hellſten Lich⸗ te vor mir. Aber eben ſo achtungswerth erſcheint die Denkungsart der Valſin, die mit ſo vielem Zart⸗ i gefühle ſich weigerte, mir Julianen, von der ſie ſo ſahr beleidigt war, zu nennen⸗ Ich ſehe nun, daß hingeriſet wo u ſt nur daß die aus allzu großer Güte, aus ſehr verzeihlicher Unbekannt⸗ ſchaft mit den Menſchen entſprangen, während ich, der Altere, der Erfahrnere, der ihr zum Rathge⸗ . ber, zum Freunde, zur Stütze hätte dienen ſollen, von unverzeihlicher Eiferſucht verblendet, von raſt⸗ loſer Leidenſchaft betäubt, alles vergaß, was ich einſt ſo ſehr, und mit ſo viel Grund an Leonoren geſchätzt und geliebt hatte. Ja, ich bin ſtrafbar, ich erkenne es, Ludwig! aber doch bin ich ſelig; denn ſie liebt mich noch, und ich Herde ſie wieder ſehen, ſie wird mir verzeihen, die zarte Blüthe wird ſich Pflege der innigſten Zärtlichkeit wieder erhohlen, wir werden glücklich ſeyn, und dein iſt der größte reſen zu ſchreiben, um ſie auf meinen Beſuch vor⸗ zubereiten. 8 am wärmenden Strahle der Liebe, unter der treuen Antheil an dieſem Glücke! Leb wohl! Ich eile The⸗ Acht und ſechzigſter Brief. — Die Gräfinn Juliane von Kelm an Madame Hortenſe Deſensay. *** den 20. Februar 1799. Seit zehn Monathen bin ich vermählt, und dieß iſt der erſte Brief, den ich an meine einzige Freun⸗ dinn in der Welt ſchreibe. Hortenſe! Sie kennen mich, ich bin nicht fähig zu vergeſſen, wen ich einſt iebte; und daß mein Glück, daß meine Freuden mich vicht zerſtreuen konnten, dafür wird ihnen die Art, wie meine Verbindung mit dem Grafen ge⸗ ſchloſſen wurde, Bürge ſeyn. Ich war ſehr un⸗ glücklich. Difſe bodenloſe Tiefe des häuslichen Elends hatte ich mir bey allen düſtern Vorſtellun⸗ gen davon doch nicht gedacht. Ich war auf dem Punete, mich ſcheiden zu laſſen; ich hätte es auch gethan, wenn nicht eine wohl überlegte Nachgiebig⸗ keit von Seite des Grafen Kelm noch eben zur rech⸗ er Nothwendigkeit dieſes trau⸗ rigen Schrittes befreyet hätte. Seine ökonomiſchen umſtände waren ganz zerrüttet, und eine feile Crea⸗ tur, deren Epiſtenz man mir künſtlich genug zu verbergen gewußt hatte, während Graf Kelm ſich um mich bewarb, und die er, ſobald wir vermählt waren, unter dem Titel einer Haushälterinn, ei⸗ gentlich aber als ſeine Buhldirne, und meine oß⸗ fenbare Feindinn, in's Haus nahm, vollendete das Maß meiner häuslichen Leiden. Daß die Welt nur ſo viel davon erfuhr, als ich nicht verbergen konn te, werden Sie ſich wohl vorſtellen können, und es beſtand ein großer Theil meiner Beruhigung darin, zu denken: wie ſchrecklich auch meine Lage iſt, ſ ahnet doch die Welt nicht den zehnten Theil davon Die Gläubiger wurden immer dringender, dev übermuth jener Perſon immer empörender, ihr Aufwand überſtieg alle meine gerechten Forderun⸗ gen, der Verluſt unſers Vermögens, meines Anſe⸗ hens und der Ehre des mir angetrauten Mannes waren unausbleiblich. Nur eine Scheidung oder ein kühn gewagter Schritt konnte mich retten. Ich that dieſen, und er gelang über meine Erwartung⸗ All mein Geſchmeide wurde das Opfer dieſes Ent⸗ ſchluſſes, und ſelbſt der Credit meines Vaters muß⸗ te in Anſpruch genommen werden. Endlich waren die Gläubiger befriedigt, Mad dem Hauſe entfernt,— dieß war die unerläßliche Bedingung, unter welcher ich mich zu ſenem Opfer verſtand— und mir das unumſchränkte Regiment in unſerm Hausweſen übergeben. Das war's, was ich wollte. Ob Graf Kelm dieſe Perſon noch be⸗ ſucht, ob er ſie liebt, iſt mir ganz gleichgültig; ge⸗ nug, meine und ſeine Ehre ſind gerettet. Sonſt geht mein Leben ſo freuden⸗ und gehalt⸗ 06 hin, wie immer; ewig derſelbe ermüdende Eir⸗ kel von Beſuchen, Geſellſchaften und ſchalem Ge⸗ ſchwätze, ewig dieſelbe lange Weile, derſelbe Ekel und überdruß, der mich allenthalben verfolgt! Wo⸗ zu bin ich in der Welt? So frage ich mich oft, und mit halber Verzweiflung antwortete mir eine Stim⸗ me in meinem Innern: Zu nichts und wieder nichts. Das iſt der Ausſpruch meines eiſernen Schickſals! So iſt das Lvos über mich geworfen. Noch hat nie einer meiner Plane gelungen. Noch iſt mir kei⸗ ne Hoffnung erfüllt, kein Wunſch, ſo lange ich le⸗ be— und mich dünkt, ich lebe lange, ſehr lange, ob ich gleich nicht fünf und zwanzig Jahre zähle— befriedigt worden. Meine Schweſter heirathet nun auch. Eine Nar⸗ ren— eine lächerliche Romanenheirath! Sie wer⸗ den in einer Hütte leben, und ſich alles ſeyn. Die nſinnigen! Aber dennoch ſind ſie glüctich hrem magiſchen Taumel, und ich— bin elend, und möchte alle meine theuer erkauften Erfahrungen, alle Stärke meiner Vernunft willig hingeben, um nur Einen Theil dieſer Beſchränkt⸗ heit zu erkaufen, in der ſie ſich glücklich fühlen, wie die Kinder, mit den armſeligſten Kleinigkeiten vergnügt ſind, wie die Kinder, und harmlos in allem Genuß finden, wie die Kinder! O wo iſt die Macht, die überirdiſche, die alles bezwingen de, die aus meiner Seele alles, was ich weiß, was ich erkenne, mit einem Striche auslöſchen, und mir dieſen Kinderſinn, dieſe Einfalt des Herzens geben könnte? Blum iſt auch wieder zurück. Er iſt ganz von Leonorens Unſchuld, oder vielmehr von ihrer Kopf⸗ loſigkeit, überzeugt, und eilt nun in ihre Arme. Ab⸗ le Leiden ſind vergeſſen, alle Stürme haben ſich ge⸗ legt. Leonore, dieß ſchwache, armſelige Geſchöpf erſcheint ihm wieder wie eine Gottheit, der er Un⸗ recht gethan, gegen die er Fehler abzubüßen hat⸗ und ſie werden— das weiß ich gewiß— ſie wer⸗ den über alle Begriffe glücklich werden. Das iſt auch ein ſolches Paar Kinderſeelen, wie meineSchwe⸗ ſter und ihr Bräutigam. Unausſtehliche Menſchen⸗ die man haſſen, und doch beneiden muß! Ich bin — 260 nur zu beweinen, mein D dauern Sie mich, meine Freuſdit hen Sie, wenn meine Briefe künfti werden! Ich mag mit hiemand, nicht mit meinen Verwandten, nicht mit Ihnen, ja nicht einmahl mit mir ſelbſt über mein Schickſal ſprechen. Reun uid fechjigſter Beief. Thereſe Friedberg an ihren Gemahl. Weidenbach den 28. Februar 1799. D mein lieber Mann! Wo bleibſt Du ſo lange? Warum kann ich Dich nicht in dieſen glücklichen ſchönen Augenblicken zu mir zaubern? Er iſt hier er iſt mit Leonoren verſöhnt, meine Schweſter iſt unausſprechlich glücklich. Vor acht Tagen erhielt ich einen zweyten Brief von ihm, worin er mir mel⸗ dete, daß er in*** angekommen ſey, daß er vor Verlangen glühe, Leonoren zu ſehen, und ihr das unrecht abzubitten, das ſeine eiferſüchtige übere⸗ lung ihr zugefügt hatte; aber er wage es nicht, un⸗ angemeldet zu kommen, weil er bey den ſchwan⸗ 5 kenden und traurigen Nachrichten über ihre Geſund⸗ heit fürchte, daß eine plötzliche überraſchung ihr 5 ſchädlich werden könnte. übrigens athmete der Brief die heißeſte Liebe und Sehnſucht. Dir kann ich's geſtehen, Carl! Du wirſt es nicht falſch deuten; ich ſprang wie ein Kind vhr und kaun 1 hat mir in den Zeiten Deiner B ebung ein Brief von Dir ſo viel Vergnügen gemacht. Ich bezwang mich aber doch ſo weit, daß ich nicht im erſten Tau⸗ mel zu Leonoren lief, wie mein Herz mich hieß, ſondern daß ich mich zuerſt ein wenig faßte, und auf die Art vorbereitete, wie ich ihr die Freudenboth⸗ ſchaft bringen wollte. Endlich ging ich zu ihr, den Brief in der Hand, und ließ ſie zuerſt nur die Schrift ſehen. Sie erkannte ſie ſogleich und ſprang auf, ihn zu erhaſchen; aber ich hielt ihn hoch em⸗ por, und neckte ſie ſcherzend eine Weile. Endlich ließ ich ſie theils durch die Frende, die aus meinen Blicken leuchtete, theils durch Fragen nach und nach den Inhalt errathen, und nun gab ich ihr den Brief. Ich glaubte ſie genugſam vorbereitet; aber ich hatte mich geirrt, ich hatte nicht auf die Em⸗ pfindlichkeit dieſer weichen und ſo lange gebeugten Seele gerechnet. Sie las— las— und redete nicht. Mir ſiel ein kleines Geſchäft im Zimmer vor⸗ und ich wandte mich von ihr weg. Ich erwartete, daß ſie ſprechen würde; aber ſie ſprach nichts. Endlich drehte ich mich nach ihr. Da ſaß ſie bleich und bey⸗ nahe ohnmächtig in den Stuhl zurück geſunken. Der Brief lag auf ihrem Schooße. Ich redete ſie an; aber ſie antwortete mir nicht. Erſchrocken ging zu ihſ vid faßte ſi ſie beym Arm. Da brach ein Strom von Thränen aus ihren Augen; ſie ſchlang ihre Hände feſt um mich, und rief ge⸗ waltſam: Er liebt mich, Thereſe! Ich werde ihn ſehen! Sie blieb eine Weile beynahe ſtarr. End⸗ lich fingen ihre Thränen an, milder zu fließen, die Bruſt ſchlug in ruhigeren Schlägen, ſie ließ die Arme ſinken, lehnte ſich an mich, weinte ſanft, und ſprach nur einzelne Worte, die aber wie Blitze die ganze Tiefe ihrer entzückten Seele enthüllen. Als ſie ſich ein weuig gefaßt hatte, bath ſie mich, ſe allein zu laſſen. Ich ging. Nach einer Stunde un⸗ gefähr kam ſie zu mir; ich ſah, daß ſie viel ge⸗ weint hatte. Auch glaube ich, daß ſie gebethet ha⸗ ben mochte; denn einen ſolchen Ausdruckvonhimm⸗ liſcher reiner Freude ſah ich noch nie an einem Men⸗ ſchen. Sie war wie verwandelt. Ich habe Dir ge⸗ ſchrieben, daß ſie ſchon ſeit dem erſten Briefe wie⸗ der ein wenig aufzuleben anfing, daß ihrFieber aufge⸗ hört hat, und ihre Kräfte ſich zu erhohlen begannen. So wie die Tage länger wurden, und die wenigen lauen Stunden des Februars uns erlaubten, in den Garten zu gehen, ſah ich recht deutlich, welche Macht Hoffnung und Frühling auf ein trauerndes Gemüth haben. Ihr Herz ſchien zu ſchwellen und aufzuge⸗ hen, wie die Knoſpen der Kornelkirſchen und des Steinhollunders. Jetzt nach di ein anderes Weſen geworden; et war wieder gans mein Lorchen, wie in den glücklichen Cagen unſerer Jugend, wieder dieſe ſtille Heiterkeit ihres reinen Gemüthes, dieſe zarte Empfänglichkeit für alles Schöne und Gute, dieſe freundliche Theilnahme, die einſt das Glück des kleinen Kreiſes ausmachte, in welchem ſie lebte; nur ſtörte jetzt zuweilen eine gewiſſe Unruhe, eine Spannung des Erwartens den ſtillen Frieden, der ſie, und durch ſie uns alle Peſeligte. So ging es bis heute Voemittags Wohl tau⸗ ſend Mahl hatte ſie während dieſer Tage aus dem Fenſter nach der Straße gefehen, war bey jedem Geräuſche von Wagen oder Pferden glühend roth und wieder blaß geworden, und hatte eben ſo oft bald mich, bald den Brief zu Rathe gezogen, wann Fer⸗ dinand wohl kommen könnte. Als bereits ſechs Ta⸗ ge nach dem Empfange dieſes Briefes und fünf ſeit der Beantwortung desſelben, die ich ſogleich ab⸗ ſandte, verfloſſen waren, ſchienen auf's neue Schwermuth und Zweifel ſich ihrer Seele bemäch⸗ tigen zu wollen. Heute lockte uns die außerordentliche Schönheh und erquickende Wärme des Tages in den Garten. Ich ging mit Leonoren ſpatzieren, und ſuchte ſie Geſpräche zu serſtreuen; ich ſprach von den Freuden des nahen Frühlings, von dem Glücke, das hrer wartete u. ſ. w. Jetzt kam das Dienſtmädchen, und rief mich ab. Ich verließ Lev⸗ noren bey der Geißblattlaube auf dem Blumenhü⸗ gel, von wo ſie den Garten und Hof überſehen konnte. Als ich in den Hof trat, flog die Glasthür des Saales nuf, und— o Du erräthſt es ſchon— Blum ſtürzte mir entgegen, der mich im Hauſe vergebens geſucht hatte. Er umfaßte mich, und ich weinte herzlich, als ich ihn nach zwey langen Jah⸗ ren wieder ſah, ihn, den ich von Jugend auf wie meinen theuren Verwandten betrachtet und geliebt, und der ſo manche Freud, ſo manchen Kummer über meine Schweſter und uns alle gebracht hatte. Er fühlte meine Rührung, und theilte ſie. Wir blieben eine Weile ſtumm. Endlich rief er haſtig? Wo iſt ſie? Iſt ſie geſund? Haben Sie mich nicht getäuſcht? ſetzte er heftig und wildforſchend hinzuz*4 denn er mochte vielleicht mein Schweigen mißver⸗ ſtehen. Sie iſt wohl, antwortete ich ſchnell: Sie iſt im Garten, wir wollen zu ihr. Ich dachte ihm einen Vorſprung abzugewinnen, und Leonoren ein wenig vorzubereiten. Aber daß er mir ſo viel Zeit gelaſſen hätte! Wie wir zur Gartenthür kamen, erblickte er Leonoren auf dem Hügel. Sie ſehen, Ich mochte rufen, reden, was ich wollte, er hör⸗ te nicht; und ehe ich mich beſinnei konnte, ſah ich ſie ihm entgegen ſchweben, ihn auf die Kniee ſtür⸗ zen, und ſie an ſeine Bruſt ſinken. O mein Gott! rief er: Sie ſtirbt! Und ich habe ſie getödtet. Ich erſchrack ſo ſehr, daß ich kaum im Stande war, den Hügel hinaufzuſteigen. Als ich bey ihnen war⸗ ſah ich Leonoren wirklich bleich, und ohne alle Be⸗ wegung in ſeinen Armen liegen. Aber ich erkannte wohl, daß da nicht ans Sterben zu denken war. Nichts deſto weniger that ich ernſtlich böſe über ſei⸗ ne Heftigkeit, und Du hätteſt ſehen ſollen, mit welcher Zerknirſchung der gute Junge meine Vor⸗ würfe anhörte, wie er mich und Leonoren um Ver⸗ zeihung bath! Wer hätte ihm länger zürnen kön⸗ nen? Er bath ſo rührend und ſo ſchön, daß es mich nicht Wunder nimmt, wenn ihm meine Schweſter auf das erſte Wort alles vergeben hat. Wir tru⸗ gen indeß Leonoren auf das Kanapeh in der Laubez ich hielt ihr Engliſches Salz vor, und ſie erhohl⸗ te ſich. Sie ſchlug die Augen auf; ihr erſter Blick fiel auf den Wonnetrunkenen, der ihr jetzt auf's neue zu Füßen ſank. Ihr erſtes Wort war: Ferdi⸗ nand! Aber, wie ſie den Nahmen ausſprach, ſo ſpricht ihn nur einſt ſein Schutzgeiſt aus, wenn er ihn in te, daß ich nun nicht weiter nothwendig ſeyn wür⸗ de, und ſchlich mich, ohne Lon den Glücklichen ver⸗ mißt zu werden, leiſe hinter ihnen weg, dem Hau⸗ ſe zu, um einige Anſtalten zu machen. Als ich nach einer ziemlichen Weile wieder in den Garten ging, um ſie zum Speiſen zu hohlen⸗ hüpften die Kinder mit, um den lieben Pathen zu ſehen. Er und Leonore ſaſſen mit verſchlungenen Armen auf dem Kanapeh und ſprachen ſehr eifrig. Die Kinder ſprangen an ihn hinan; er grüßte und küßte ſie alle herzlich, erkundigte ſich um alles ſo freundlich, was ſie betraf, was ſie lernten, ſpiel⸗ ten u. ſ. w., daß es mich innig freute. Das iſt Leonorens Liebling! ſagte ich bedeutend, indem ich den kleinen Ferdinand an ihn hinſtellte: Sie iſt den ganzen Winter ſeine Lehrmeiſterinn und Erzie⸗ herinn geweſen. Er drückte den Knaben an ſein Herz, und Leonore erröthete. Dann ſetzte er ihn ihr auf den Schvoß, ſie bückte ſich zu dem Kna⸗ ben; er ſah die Gruppe mit leuchtenden Augen an. Wir werden ſehr glücklich ſeyn! rief er, ſchlug den einen Arm um Leonorens Schulter, und zog mit der andern Hand die ihrige an ſeine Lippen. Ich verſtand ihn ſehr wohl, und auch Leonore fühlte dasfelbe; denn ſie erröthete noch mehr, ſie zog endlich fort, weil Suppe ſchon dem Tiſche ſtand. Sie ſtand auf, und jetzt erſt ſah ich, wie ſehr die Freude Leonoren erſchüttert hatte. Sie ſchwankte, und Blum führte oder trug ſie vielmehr aus dem Garten in den Speiſeſaal. Daß die Glücklichen wenig ſprachen, und noch weniger aßen, kannſt Du denken. Ich mochte ſie auch nicht viel ſtören; denn alle Geſpräche, worein ich ſie hätte verwickeln können, wären nicht ſo ſüß, ſo anziehend geweſen, als die Gefühle, in denen ſie ſchwelgten. Jetzt ſind ſie in Leonorens Zimmer, und ſpielen Clavier, ſchwatzen und ſingen. Mich brau⸗ chen ſie nicht; und ich benutze die Zeit, um Dir alles das zu berichten, woran Du ſicher den wärm⸗ ſten Antheil nimmſt. Wärs denn nicht möglich, daß Du dieſe Woche zurückkämeſt? Ferdinand bleibt acht Tage bey uns, und hätte wegen der Heirath und ſeines Etabliſſements nothwendig mit Dir zu ſprechen. Komm doch, lieber Carl, und genieße den Anblick zweyer unausſprechlich Glücklicher, der Deinem ſchönen Herzen gewiß angenehm ſeyn wird! Siebenzigſter Brief. Leonore von Brandner an Liſette Seefeld. Weidenbach den 10. März 1799. Jo bin wohl ein undankbares Geſchöpf, daß ich meiner treuen, liebevollen Freundinn mein Glück ſo ſpät bekannt mache. Liſette, gute theure Seele! Ich bin glücklich, wir ſind wieder vereinigt, und keine Macht der Welt ſoll uns mehr trennen! In vier Wochen, ſobald nähmlich die nöthigſten An⸗ ſtalten gemacht ſeyn werden, wird unſere Verbin⸗ 3 dung vollzogen, und Deine Leonore, das kummer⸗ volle Mädchen, zum glücklichſten Weibe auf Erden werden. Blum war bey uns durch acht Tage. Ge⸗ ſtern iſt er wieder fort, und heute habe ich ſo viel Beſinnung geſammelt, um Dir alles zu ſchreiben. Zuweilen glaube ich noch, es ſey nur ein Traum. O mein Gott! Wie oft habe ich mir den Winter Leon. II, Th. 19 und wenn ich auf dieſer Welt noch ein Mahl recht glücklich werden ſollte! Und jetzt iſt's geſchehen. Ich habe ihn wieder, er iſt mein, auf ewig nein! Er zweifelt nicht mehr an mir, mein ganzes Berz liegt offen, wie in unſerer Kindheit, vor ihm; es iſt kein Gedanke, kein Wunſch darin, der nicht durch ihn, für ihn entſtanden, und ihm ganz bekannt wäre. Wenn er an meiner Seite ſaß, wenn ich den Ton ſeiner Stimme hörte, ſeine Ge⸗ danken in ſeinen Augen las, o dann zweifelte ich nicht, daß ich wirklich glücklich ſey! Aber in einſa⸗ men Stunden, und beſonders jetzt, da er wieder fort iſt, iſt mir's, als könnte ich's nicht glauben, und ich habe mir ſchon ein paar Mahl ein lautes Lachen von meiner Schweſter und meinem Schwa⸗ ger zugezogen, wenn ich ſagte: ich fürchtete, ich hätte die acht Tage über nur geträumt. Doch ich ſchreibe ſo lange, und Du haſt noch nicht den Her⸗ ſo ordentlich zu erzählen als ich kann. Vor vier⸗ zehn Tagen ungefähr bekam meine Schweſter ei⸗ nen zweyten Brief. O Liſette! Welch ein Brief! Er ſchrieb ihr, daß er nicht aufgehört hätte mich zu lieben, daß er einſehe, er habe Unrecht gegen 3 gang der Sache erfahren. Ich will verſuchen, Dir mich, daß e mich un Verzeihung und um die Er⸗ Du denken, kanuſt Du mir nachfühlen, was ich beſſer, als ſeit langer Zeit, und alle dieſe Stürme 291— laubniß bitten laſſe, mich zu ſehen. Liſette! Kannſt denken und empfinden mußte, als meine Schwe⸗ ſter mir den Brief gab 2 Ich war im eigentlichen Verſtande außer mir; und nur das Zureden mei⸗ ner Schweſter brachte mich wieder zur Beſinnung und zum Bewußtſeyn meines Glückes. O Gott! Nach einem vollen Jahre der Trennung, nach ſo vielen Mißverſtändniſſen, ſo vielen Schmerzen, ſo vielen Thränen mich auf einmahl wieder in die vorige Seligkeit zurückgeſetzt zu ſehen, das war mehr, als mein ſchwaches Herz tragen konnte! Ich mußte allein ſeyn, ich mußte durch Thränen und Gebeth der gepreßten Bruſt Luft machen⸗ Von dem Augenblicke an erwartete ich Ferdinan⸗ den mit jeder Minute, jedes Geräuſch zog mich an's Fenſter, und brachte eine ſieberhafte Erſchüt⸗ terung in mir hervor. Dennoch befand ich mich griffen mein ſonſt ſo ſchwaches Rervenſyſtem nicht an. Ach, es waren ja Stürme der Freude! In⸗ deſſen vergingen vier, fünf, ſechs ſchmerzlich lan⸗ ge Tage. Thereſe hatte ſogleich den folgenden Tag geantwortet, durch eine Eſtafſette den Brief geſchickt, und ihn gebethen, ſobald als möglich 19 zu e ober mein n dem Brieſ gleich folgen. A6 r. war zartfüh⸗ lender, beſcheidener, als ich dachte. Er wagte es nicht zu kommen, bis er nicht die Erlaubniß hat⸗ te; und ſo verſpätete ſich ſeine Ankunft. Aber ſo manche Thräne, ſo manche Herzensangſt mich die⸗ ſe Verzögerung koſtete, ſo ſehe ich doch jetzt ein, daß ſie gut war. Liſette! Ich glaube, meine Freu⸗ de wäre zu unmäßig geweſen, ich hätte mein Glück nicht verdient. Durch jene niederſchlagen⸗ den Gefühle lernte ich mich mit Demuth und Zittern freuen, und nun wurde ich glücklich; denn meine Angſt hat die Nemeſis verſöhnt. Am letz⸗ ten Hornung— o der Tag wird mir unvergeßlich bleiben!— Es war ein ungemein ſchöner, lauer Frühlingstag, die Natur ſchien an meiner kom⸗ menden Freude Theil zu nehmen, und mich durch frohe Frühlingsgefühle darauf vorzubereiten, ich ging mit Thereſen in den Garten. Ein warmer Hauch wehte über die Erde, die Grasſpitzen dran⸗ gen hervor, die Schneeglöckchen und Zeitloſen öff⸗ neten ſich dem Strahle der Sonne; alles ſchien von einem freudigen Vorgefühle des nahen Len⸗ zes durchdrungen. Da wurde Thereſe abgerufen. Ich blieb auf einem Hügel ſtehen; von wo aus n Hof überſehen Fonnte. Wie ſie auf den Pof kam, flog die Thür des Speiſeſaals auß, ünd— er— er ſtürzte meiner Schweſter in die Arme. Mir verging Himmel und Erde bey dem Anblick dieſer Geſtalt! Ich hat⸗ te ihn beym erſten Blicke erkannt, ich wollte ihm entgegengehen; aber meine Füße trugen mich nicht, ich mußte mich an dem Tiſche, der neben mir ſtand halten. Jetzt ſah ich ihn zum Garten herein und gerade auf mich zu eilen, er flog mehr, als er ging; ich ſchwankte ein paar Schritte vorwärts, da ſank er mit dem Ausdrucke: Kannſt du mir vergeben, Leonore? zu meinen Füßen nieder. Ich konnte nicht reden, meine Sinne ſchwanden; ich ſank oh⸗ ne Bewußtſeyn an ſeine Bruſt. Als ich zu mir kam, fand ich mich auf dem Sopha in der Laube, meine Schweſter um mich beſchäftigt, und ihn zu meinen Füßen. Ich wollte ihn aufheben, aber ich mußte das Wort Verzeihung ausſprechen, ehe er aufſtand. Nun ſaſſen wir beyſammen, wir hielten uns umſchlungen, und hatten uns ſo viel zu ſa⸗ gen; aber keines vermochte ordentlich zu erzählen, und dennoch verſtanden wir uns. So ging es uns die ganzen acht Tage. Ich habe ihm noch eine Menge Dinge nicht geſagt, von denen ich ſo gern geſprochen hätte; und doch — 29 waren wir beſtändig vhſehnen 1 beſtändig ungeſtört miteinande meine Liſet⸗ te! Was waren das für acht age! Sieh, wenn ich jetzt ſterben müßte, ſo könüte ich doch ſagen, daß ich Trotz allem, was ich ausgeſtanden habe, das glücklichſte Geſchöpf auf Erden war; denn ich habe durch acht Tage die Freuden des Himmels rein und ungeſtört genoſſen. Aber ich hoffe, ich werde leben, mit ihm, für ihn, durch ihn leben⸗ und unausſprechlich glücklich ſeyn. Es iſt mir jetzt alles klar, nach dem, was mir Ferdinand erzählt hat, und ich begreife deut⸗ lich den Zuſammenhang aller Begebenheiten ſeit dem erſten Eintritte in euer Haus. Juliane, die bedauernswerthe Juliane hat ihn geliebt. Daher ihr glühender Haß gegen mich, ihr Beſtreben, mich von ihm zu trennen, und zuletzt ihr ver⸗ zweifelter Entſchluß, dem Grafen ihre Hand zu geben. Wenn ſie wüßte, wie herzlich ich ihr ver⸗ gebe, wie manche Thräne des Mitleids ihrer un⸗ glücklichen Leidenſchaft gefloſſen iſt, ſie würde aufhören, mich zu haſſen! Sollte einſt ihr ſto⸗ zes Herz ſich gegen Dich wieder in ſchweſterli⸗ chen Empfindungen öffnen, ſo vergilt ihr all ihr Leiden, allen Kummer, den ſie Dir und mir ge⸗ macht hat, mit Wohlwollen und Liebe. Ach, ſie eß ſo ungluͤcklich, daß wir nichts Heiligeres zu thun hbet als ihr ſchweres Loos zu erleichtern! Ferdinand hat einen himmliſchen Plan für unſer künftiges Leben entworfen. Die Gegend hier herum gefällt ihm ſo ſehr, und es war ſchon ſo lange ſein Wunſch, auf dem Lande zu leben⸗ daß er begierig dieſe Gelegenheit ergriffen hat, die ſich ihm jetzt darbiethet, dieſes Projekt ſo⸗ gleich auszuführen. Mein Schwager, der vor vier Tagen zurückgekommen iſt, um unſere Freude zu theilen und zu erhöhen, hatte längſt gewünſcht, noch einen Compagnon zu haben, der ihm die Laſt ſeiner Geſchäfte, die er nicht mehr allein be⸗ ſtreiten kann, zum Theil abnähmè, und der zu⸗ gleich durch eigenes Vermögen ſich ſelbſt, und den Schwager in Stand ſetzte, den Eiſenhandel und noch verſchiedene andere Geſchäfte, die der Schwäger ſehr glücklich macht, im Großen zu treiben. Beydes findet er nun an Blum. Dieſer iſt ganz entſchloſſen, alles übrige aufzugeben, und ſich mit Friedberg zu aſſoeiiren. Durch einen glücklichen Zufall iſt ein beträchtlicher Freyhof, eine Viertelſtunde von hier, zu verkaufen. Dort wollen wir wohnen, und in dieſer paradieſiſchen Gegend, im Schooße der Natur, im Arme der Stadt 4 en, Deine edle Schw ſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſ 8 9 10 12 13 14 15 16 17 1