— Leond ————— Von Caroline Pichler, gebornen von Greiner ————— 6 nr T. . 3 ien, 1828. Gedrudt ünd im Ver Erſter Brief. Baron Wallner an S von PValſin. der 15. Aprill 197. J ſchreibe Ihnen ſchon widder, meine ſchöne Freundinn, ob; pohl ich auf meinen ketzten Brief ſeit fünf Wöchen keine Antwort erhielt, und alſo Recht hätte, ein Bißchen zu wenn das, Ihnen gegenüber, möglich wäre. Aber wenn ich auch weder ſchmollen kann darß ſo iſt es mir doch unmöglich, über Ihre lange Abweſenheit ganz ohne Arger zu bleiben; und ſo eine hübſche Sache kindliche Zärtlichkeit ſeynnag, ſo finde ich ſis doch im gegenwärtigen Falle herzlich langweilig, und Ih⸗ re ſchätzbare Frau Mutker könnte kaum ſich ſelbſt oder Ihnen einen größeren Gefallen thun, wenn ſie wieder geſund werden möchte, als mir. Was ſuic denn mit ſo mancher Stunde meines Tages muchen die ich in Ihrer Geſellſch ft köſtlich S verbrachte? Womit ſoll ich dieſe peinlichen Lücken ausfüllen, wohin mich wenden, um einen Verluſt zu erſetzen, den mir in der ganzen großen Stadt nichts, ſchlechterdings nichts vergüten kann? Denn wo fände ich wieder Verſtand, Schönheit, Anmuth und Witz in ſo harmoniſchem Bunde, jedes für ſich ſelbſt reizend und in dem göttlichen Verein un⸗ iderſtehlich? Und ich hatte es gefunden, ich genoß das überſchwengliche Slück, ich durfte mir ſchmei⸗ cheln, zu dem Cirke Bhrer vertrautern Freunde zu gehören, vor welchem die reiche Fülle Ihres Geiſtes, der hintriſſende Zauber Ihres ganzen Weſens ſich Wehindert im freyen ſchönen Spiele zeigte. Da muß ein feindlicher Dämon Ihre Mut⸗ n lauf's Krankenbett werfen; und nun fliegen Sie ihr, laſſen bereits durch zwey Monathe den Kreis ihrer zahlloſen Verehrer mißmuthig ſich nach Ihnen ſehnen, und bringen ſo viele Tage Ihres Lebens, die der Freude. und Ihren Freunden ge⸗ weiht ſehn ſollten, an dem traurigen Lager einer ſiechen Mütter u. Wiſſen Sie wohl, daß Sie eeinen Raub begehen, und wir Sie vor dem Tri⸗ bunat Amors und der Grazien darüber belangen wecdens Den ſeit Sieun k i 2 „ iz ihre S Aber im vollen Ernſte, meine ſchöne u Frau! Ich wünſchte Sie jetzt ſehnlichſt zurüc und aus mehr als einer Urſache. Es iſt eir meine erregt hat, und allem2 ſehen nach, wenn anders meine Welt⸗ und Men⸗ ſchenkunde mich nicht betrügt, nicht allein zu den ſeltenſten Erſcheinungen in ſeiner Art gehört, ſon⸗ dern auch vielleicht bedeutenden Einfluß auf das Syſtem unſerer ſfie Ve chältniſe 5e ben wird. Doch ohne Alles te zu ſprechen, un⸗ ſer rechtskundiger Freund,„Perr n iſt, Gott weiß auf welchen We Bormund⸗ 6 über ein ſehr liebenswürdiges. ſchr reiches Mädchen ernannt worden die er zu ſeiner S . Schönvorfi in Seoſtte Bee ie M nicht im er 2 3 und ber von n aus Erſehrin bel L⸗ es ſ 83— auftrugen. Sie wiſſen, er verſteht ſeine Sachen zu betreiben, und man ſagt, er habe dieß Mahl mit einem Steine zwey Würfe machen, ſich die eintegliche Vormundſchaft, und ſeinem jüngern Neffen Schöndorf ein reiches Weib verſchaffen wollen, und darum ſey Fräulein Leonore Brand⸗ ner— ſo heißt die neue Schönheit— zu ſeiner Schweſter gegeben worden. Daß er, was die zwey⸗ älfte betrifft, die Rechnung ohne Wirth ge⸗ macht hahe, davon läßt 6 i ud ſeine Schweſter ſich Pfreylich ſichts träum; aber wir wiſſen es beſſer. 5 langz S öndorf die Verbindung mit ſeiner hübſchen K— unsfrau hat⸗ wird aus jenem Pro⸗ jekte nichts, obwohl er nicht klug iſt, und weit beſ⸗ ſer thäte, beyde Sachen, die ſich, mit ein Bißchen Flugheit, gar wohl ver einigen laſſen, zuſammen zu nrhmen Das habe ich ihm ſchon ein paar eſagtz aber er iſt noch zu verlirbt, um von unee llung etwas hören zu wol⸗ Fräulein Brandner alle die Eigen⸗ die Sage beylegt⸗ beſonders in Finauzſachen, wirtſie beſitzt, ſo werde ich mich wohl hüthen⸗ Heinrichtn noch Sfir zuzureden, und ber verſuchen, welchen Eindtuck meine Pe und mei Betragen auf ſi ſie 6 wen im Stt 3 Sie 7 ———————— — 1 — 0— Doch da habe ich Ihnen auf einmahl alles ge⸗ plaudert, was ich Sie erſt langſam und nach man⸗ chen Vorbereitungen errathen laſſen wollte, näpi 36 lich, daß ich Lorchen, ſeit ich ſie kenne, genau ſ⸗ 2 diere, wenn ich ſo ſagen darf, daß ich mir eine Idee von ihrem Charakter entworfen, und auf die⸗ ſen einen allerliebſten Plan gegründet habe, der. mir hoffentlich nicht fehlſchlagen wird. Aber ebe, 53 weil ich meiner Einſicht nicht gaiz traue, wril nicht weiß, ob ich den Charakter dieſes li digen Geſchöpfes richtig aufgefaßt Jahe wünſchte ich Sie zurück, und würde von 5 stſblic. 5 von Ihrer Weiblichkelt jend Heügeſ er⸗ warten, welche meine Art, die Dinos zu betrach⸗ ten, und ſelbſt mein Geſchlecht mich zn machen hindern. Unſtreitig haben Hi e Dahist herin eine eigene Gabe ich möchte ſagem⸗ einen ſtinen Tact von der Natur erhalten, der ihnen das pft auf den erſten Blick und gan hlbt Ntten zn läßt was uns Männern allen unſ Vorkennt⸗ e Menſch ſeng 66 n ter⸗ der Menſchen, itdene 6 umgehen⸗ müſſ hinein, und empfinden das Urtheil! was darüber fällen ſhenz nnd ui theil wird ſie um deſto ſicherer leiten, als ſinnliche rnehmungen ſtets weniger Täuſchungen un⸗ vorfen ſind, als abſtracte Ideen und gewagte Socheſen. Beſonders aber wird ein Weib in ihrem eigenen Herzen immer den untrüglichſten Scfüſſel zu den verborgenſten Tiefen eines andern eiberherzens finden, und den Gehalt und Werth esfelben weit beſſer würdigen, als wir Männer, in Re ine Eiferſucht die ruhige 1 ber das iſt es eben, was 5 und wovon ich jetzt eben bey Buliane ein auffallendes Bey⸗ wiſſen, daß es Julianen Schön⸗ rf wede Fn Verſtand noch geübten Kennerblicke 1 5 fehlt, um die Menſchen zu bemerken und zu wür⸗ digenz bennoch läßt ſie, wie es mir vorkommt, Lorchen alzuwenig Gerechtigkeit widerfahren. Sie bet gchtet ſie mit ſo viel Geriigſchätzung, behan⸗ ie im Gofühle ihrer überlegenheit an Welt⸗ 3 keintniß nd ſo Ei als Su und eſtreitbare Vorzi⸗ ie ſich gerad⸗ da am lie enswürdigſten ſen⸗ o Jvlchens Charaktetr manches zu wünſchen i ichen dieß ſtze Pnd der allgemei — 11— digung gewohnte Geſchöpf eine allzu ſiucthere Nebenbuhlerinn in dem ſanften, immer glei en immer gefälligen Mädchen finden. Wie den Zůch ſeyn mag, ſo hoffe ich alles von Ihrer Zut kunft, und will Ihr Urtheil durch keine vorſchnt⸗ le und vielleicht unrichtige Behauptung beſte Daß ich aber Sie, meine ſchöne Freundin ſo ganz geſchidt— en 1 urtheil zu erwarten, das ſollte treue Bürgſchaft für die hohr w ſo mein Herz von Ihrer eigenen Pieß Rswürdigkeit hegt, und die— zürnen Sie nicht über dieſe An⸗ maßungk— auch ſelbſt ein Glücktichter als ich, der e Pan nicht inni⸗ Sweytet Brief. n Valſin an Baron Wallner. G'*den 2. May 1797. vor acht Tagen ſchon Ant⸗ ſe erhalten, wenn ich recht mit mir 125 ſelbſt davüber Hätte einig werden könden, ob ich Ihnen zürnen ſollte oder nicht; und ſo lange ich das nicht ußte, wäre es mir eine platte Unmög⸗ lichkeit geweſen, Ihren ſchmeichelhaft unartigen beantworten. Das werden] Sie ſelbſt 3 Sagen Sie mir aufrichtig, wollen Sie Sie in Ihr Lorchen verliebt, wauf eine kitzliche Prob ſtel⸗ ſo eine A on morgliſchen Verſuch an rngchen, ob wohl die Etſcheinungen, die Sie melinem Charakter ſehen würden, in Ihre votheſe haſſen, und ſie beſtätigen würden odern 7 ar's das nicht? Sollte ich mich getäuſch 3 ——— 13— zum erſten Mahl in meinem Leben etwas viſr hinter Ihren Abſichten geſucht haben, als wirkich dahinter ſteckt? Doch da ſich das alles nicht aut der Stelle beantworten läßt, ſo will ich großiü⸗ thig darüber hinausgehen, und, allen Groll ver⸗ geſſend, die Frage beantworten, die Ihnenf am Herzen liegt, und ohne daß Sie ſie vtih ausſprachen, doch unverkennbat der einzige und S Ihres ganzen Brſefe hat ein n Pahen 5e nt Herzensnöthen meines abweſenden Feundes, mi oder viel imehr ihm, den Gefallen gethan unterrichten⸗ Ich wußte wirklich de 2 2 ich Ihren Brief erhielt, mehr von Lor Sie vielleicht ſelbſt wiſſen, und J nur dazu, mein vorgefaßtes urth Wie ie e kanß Gedur nete ſich die Thr, und herein trat zuerſt die ma⸗ Ktiſch⸗ Juliane in allem blendenden Glanze ih⸗ er Junoniſchen Schönheit; hinter ihr ſchwebte an iſottens Arm ein zartes ſchlankes Weſen in den Saal. Das dunkle ſinnende Auge haftete am B und ihre Schüchternheit erlaubte ihr kaum, en anf Momente zu erheben; das braune nhaar wa Ute in natürlichen Locken, ihr An⸗ ch dieſe ſittſamen lieblichen nachzuahmen. Die Blicke der h ſosleich auf ſie gerichtet. Sie as u fühen Eine leichte Roſenfarbe flog das etchas blaſſe Ge Sichen, und ſie ſetzte Stteien Enpe des Cirkels dort hin, wo erhelle Veleuchtung ihr eine Art von Un⸗ wit zuzuſichern verſprach. Die Stutzer ich i merkte ihr an, daß das ſcha⸗ bringen. übel wendete ſich mit ſeiner gewohnten feinen 3 die Fremde, und bath ſie zu ſingen. Sie errð he⸗ te, und entſchuldigte ſich mit⸗ ihren wenigen Kennt⸗ niſſen; als aber die gutherzige Liſette mit herzlichen: v liebes Lorchen⸗ ſpiel' und ſinge zu Gefallen! in ſie drang, ging ſie ſchnell ai Clavier, zog die ſeidenen Handſchuhe aus, und k gaukelten zehn niedliche Finger, aus ſ gluth und Lilienſchnee ge b ſo viele Sylphen über die Taſten ne auf überwundene Schwierigkit machen, durch ein leichtes fet Spiel ſo tiebliche Töne aus dem Elaviere, daß man ein anderes In⸗ ſtrument zu hören glaubte. Man bath ſie zü ſin⸗ gen. Sie that es ohne weitere Umſtände; un ſang ein artiges Liedchen mi neiee und meiſterlichem Vor lauten Beyfall Shr Purpur, ſie ſtand ſchnoll igt burg Wi im der Ser n auf nn esſchw Fßh Stärke und Peſen les Siem und bewundernd hoichte, und nu ni Ein lärmender gwien belohnte hr und Heiſerkeit und üble Laune ſ weggeblaſen, daß ſie nun eine Stunde Fortepiano ſitzen blieb, und mit der größ⸗ eugret alles ſang und ſpielte, um was lich war die Fremde ganz in ſur wenige Männer, unter de⸗ Känen Traume Sie immer deut⸗ eſice Rone, die die⸗ ſem A Plelte, bewäßrt mir nicht allein den Vortheil⸗a alles ungehindert bemerken, ſondern auch a in die Herzen der Menſchen blicken nen ein Vortheit, den ich nicht zu theuer er der Unſichtharkeit erkauft zu ha⸗ Be mittelſt dieſer Gabe entdeckte ich zen der ſtotten Juliane einen tief⸗ d witlen gegen ein Mädchen, das manche Brtrachte verdunkeln konnte, a3 be die Linge und dauerhaft e dc ſcher war. In der Serl en aber fand ich 10t der tert hei und Verwirrung, in der ſie war, kein gerlhe Wohlgefallen über den Eindruck, den ſie genlac und ein— aus 2 Bitte v. erſten Wi zu ver i und der ſie Lüch jett mit einer Ze dünkte, daß ich meiner Gaſeeſit laut auflachte, und über dieſes Sils hie nem Traum erwachte, ehe ich Jei ſeinem Herzen zu lelen, Woh ſ nicht ſehen konüte, hat mir ſein Brief mehr als zu euni gezeigt⸗ d⸗ bin nun Dogh Swetz bey Seit ven daß ich meine Geiſterrolle nu könnte, bis Sie ſich Sinbitt 1 ne behri te d e Zeuge jener Seiin die er mir, freylichn ganz ſo, wie ich ſie Ihnen beſchrieb, in nen Briefe ie Sie en mäſche ſuhen, die ich nicht von einem Beobachter Ihres ſondern von Weiberhand haben muß. richten mir ein Bild von gegen und ge⸗ Bansg⸗ kann ich zwar Ih⸗ nicht anders als billigen, muß Ihnen rgundinn die größte Achtſam⸗ aus I pfindun Weſen, welches reizbare Gefühl, 6 tieſe Leutchen haben. Der ufmerkſamkeit, ein Ausbruch uſuen Sur ein sdruck⸗ vor, ſo iſt es um ihre gute Meinung von der Per⸗ ſon, an der ſie ſie bemerken, gethan; ſie ött nun zu den gemeinen Seelen, zu den roheß. turen, und aus dieſer moraliſchen Hölle iſt beh jenen hohen Geiſtern keine Erlöſung iehr Be⸗ denken Sie das, mein Freund, und prüfen nS genau, ob das Glück, ein ſchönes und öhiches Weib zu bekommen— denn ich rruthe, daß die hundert tauſend Gulden keinen Leriigen Antheil an Lorchens Liebenswürdigkeit bey Ihnen haben. werden— die gewaltſame Spännung⸗ die immer⸗ währende Selbſtverläugnng uð das ganz Ge⸗ webe von Verſtellung und Liſt wergelten kann,. dem Sie ſichncihe Zeit werden unterwerfen müſſen! Ich hoffe jetzt in wenig Tagen nach mei⸗ nem lieben*** zurück zu kehr ren; deln meits te Mutter iſt faſt ganz yergöſteitt ner nicht mehr. Wie ſehr ich mi wie herzlich ich mich darna mir ohne laüß Mann auch ſchyn Kügedul Hauſe zu vermiſſenz und⸗vbn noch ſein Berz etwas von t Bedürfniſſe wiß⸗ ſo gibtes doch eine Meige kleiner häuslicher Ge⸗ wetn welhet ihm ſeine feizige Spobiethiut leben S S Sie Van der Wert Whl 3 Dein Brief, den ich vorgeſtern hi aus einer wahrhaft peinüch ri Wochen waren vergangen, u t benszeichen von dir geſehen, vier dringende Briefe erhalken Bi die ſich meine übt Si lich, ja 3 vorſtellet — 23— mich wieder ſo ganz allein, ſo nnendlic ver⸗ oſſen, ſo von allem, was mir auf Erden theuer und iſt, geriſſen, wie im Anfange meines Auf⸗ alts hier. Je mehr Menſchen mich umgaben, web Gewühl war, h drückender war ſinlten; denn mehr waren ſie nicht für mich. ve ches Mahl mußte ich mich entfernen, und meinem Per teu⸗ das unter der Centnerlaſt dieſes Gefühles cher S einen Thränenſtrom Luft atte das Schickſal mit mir ge⸗ in wein neunzehntes Jahr nie ü uden Mauern des mütterlichen Hau⸗ deren weiches Berz, von Kind⸗ it it Liebe Freundſchaft und Zöt egeß die räuhe Berührung ei⸗ Hond erfahren hatte, ich, die ind Sellebten immer mit 6 guter e 8 ſn in ſenem — 25— edlen Gattinn und Tochter Troſt und Beruhigung für meinen großen Verluſt, und, wieder mit Lieh und Geradheit behandelt, fühlte mein Hers den Abſtand des mütterlichen Hauſes zu dem ſeinigen nicht ſehr. Aber als der Tod auch dieß Band ſer riß, als ich nun wie ein hergenloſes Gut in fremde Hände überging, u und plötzlich durch einen Zauberſchlag aus der tiefſten Stille in das lärmen⸗ de Gewühl des Schöndorf'ſchen Hauſes, mitteflin⸗ den Strudel der 3 Welt e urden de mein in ſeiner was möne. von n ernnine und meiner ee Hauſe ſciehen, heinnic einen Wagen beſtelle und zu Dir wolltel Wenn dann ein mitlei teſhwich — 2½— get hatte, und am andern Morgen der helle Ta⸗ Sſrahr der Vernunft die phantaſtiſchen Geburten e Nacht beleuchtete, dann fand ich freylich, daß ich thöricht entworfen hatte, und noch thörichter ausgeführt haben würde. Aber du kannſt aus die⸗ Geſtändniſſe ſchließen, in welcher Stimmung ſeine Seele ſich damahls befand. Nach und nach hört nun freylich dieſe Spannung uf; und hätte nicht in dieſen letzten Tagen die ic im Dich meine Phantaſie ſo unangenehm häftigt, ſo könnte ich ſagen, ich fange an, mich idiith ne neuen Verhältniſſe zu fügen. Es it n eniti, daß ich in dieſem Hauſe 48 S wohſthätig hat ſich die Natur an uns elichen bewieſen, da ſie uns die Ge⸗ ſolchen ſtillwirkenden, aber allmäch⸗ erkriften verſehen, zur Begleiterinn gabl anches, das mir im Anfange, als ich hier⸗ * 1 kn, uteſd 6 ſchien, iſ mir jett durch Ge⸗ Ste wphüheit Sichltig Wie manchts, das mir un⸗ reiglich oe ſis für ſich allein betrge et, Tadel rdienen, aber gerade an ihrem Otte zu die⸗ SrZeit nic alkein nicht tadelnswürdig, ſondern ſogar zu empfehlen ſind! Duweißt zum Beyſpiele, wie wir beyde von jeher über das Kartenſpiel dachs ten. Je nun, meine liebe Thereſe, ſeit ich die⸗ ſe aus ſo heterogenen Gliedern gemiſchten Geſell⸗ ſchaften, dieſen Hang zur Verleumdung, dieß Au lauern auf Worte, Blicke, Außerungen, Anzü u. ſ. w. kennen gelernet habe, ſegne ich die Erfin⸗ dung des Kartenſpiels, dieſe bunten Blätter, die auf einmahl den ſteifen Kreis der Damen trennen⸗ die fluthende Menge in viele kleine Häuſchen thei⸗ len, und, indem ſie den Eigennutz, un durch Hoffnung und Furcht in ein⸗ lebendiges Spist tzen, die herumſchwärmenden boshaftei Vun iſ Gedanket auf einen Pnet feſt halen wirſt in 3 niedrige Leidenſchaft⸗ Zach verzeihlicher, als die Schmähſucht, und ſtiftet 2 Weicet ſö viel Böſes. Doch n. n ie Geſellſchaft zu Nſein ſi zu en Nei 5 man hat i in en Häuſern, und Peiebe i 6— das Fortepiano in einem hohen Grade von Vor⸗ efflichkeit; der ältere Sohn des Hauſes, der zwar ſchon verheirathet iſt, aber ſelten einen Geſellſchafts⸗ tag bey ſeinen ältern verſäumt, iſt Meiſter auf der Violine; ſeine Frau, ein artiges Geſchöpf, ſingt rreidlich; der zweyte Sohn, Heinrich, hat eine an⸗ genehme Stimme; dann ſind noch mehrere aus fleißigern Beſuchern des Hauſes muſikaliſch, z. B. gewiſſer Baron Wallner, der einen reinen Te⸗ kſingt, und viel Muſik verſteht, auch überhaupt artiger Mann 3 bringen wir denn Se geiſtige vor⸗ und 9 ut ausgeführter Muſikſtücke meine Selenkräfte angenehm beſchäftigt, vergeſſe ich al⸗ teünwenVeauſe ind trüben Stellen i in mei⸗ ür mich waren, und die i leider S meiner ie Lage ſo en fühle. — F. * *. — 27— überhaupt unterſcheidet ſich mein jetziger Zu⸗ ſtand von meinem vorigen hauptſächlich dadurch, daß ich damahls am glücklichſten war, wenn ich, ganz in mich ſelbſt zurückgezogen, von allen zer⸗ ſtreuenden Gegenſtänden entfernt, langſam und in vollen Zügen die Seligkeit meines ſtillen Glü⸗ ckes im Arme der Liebe oder Freundſchaft genoß, und mich an dem behaglichen Zuſtande meines Ge⸗ müthes gleichſam beſchauend mit innigſtem gefühle gegen den Schöpfer weiden konnte J Zerſtreuung, jeder äußere Vorfall, der mir Blick oder ein kleines Hinhorchén abubthigte te meine Seligkeit und minderte ſie. Je frieden mit meiner Lage, getrennt. was mir theuer war, fliehe ich mit nsſtlicher Sorgfalt jeden Rückblick auf meinen Ge üthezu⸗ ſtand; ich gehe am liebſten dus mni uſt heraus, haſche begierig nach jeder Zerſteeunng, die mich mir ſelbſt entfremden und mir auf te nen täuſchenden Sthei von Zufriebbu und Ge⸗ nuß gewähren kann/ und benebeß die n ei ſten Menſchen Um mich 5 Glücklich oder unglücklich, zuſeieden vd iet gnügt, trachtet alles nut ſich ſelbſt zu entfliechen, und ſtrebt mit räſtloſer Geſchäftigkeit und mit oft — 28— ſtreuungen zu erſinnen oder zu genießen, die ſo recht alle Geiſtesthätigkeit erſchöpfend beſchäftigen, und die ganze Aufmerkſamkeit auf äußere Gegen⸗ ſtände heften können. Daher je lärmender, deſto lieber; und wenn nun vollends auch die natürliche Ordnung des Tages oder der gewohnten Beſchäf⸗ tigung auffallend geſtört, und alles ſo zu ſagen auf den Kopf geſtellt wird, iſt es ihnen am aller⸗ liebſten. Sind erſt die Zimmer ſo voll gedrängt it Menſchen, daß man ſich kaum bewegen, und vor Unruhe mit Niemand ein zuſammenhängen⸗ des Geſpr führen kann, wogt und fluthet die Nenge ſunſend, wis ein Bienenſchwarm, hin und rertsut neben den Spieltiſchen eine rauſchende uſik peizen leckerhafte Erfriſchungen und Nä⸗ ſchereyen ihren Gaumen, und währt das alles noch bis um ein oden zwey Uhr nach Mitternacht, Whaben ſie einen ungtnehmen Abend genoſſen, dan und fühlen ſich votgůjiht. Ferdinand ſchreibt ſieißig, und ſeine Brieſe ſib die einzi wahre Freude die ich hier genie⸗ O wann wird die ſelige eit kommen, die ihn mir wiedetbringt! Auch zriſt zußerſt unzufrieden mit dem Gange der Begelenheiten, und beſonders nit dem Aufenthalt, den man für mich gewählt be ſerylich in den Wermeiſten Stücen veht; abeti in einigen, dünkt mich, geht er doch zu weit, und macht ſich Schreckbilder, wo gar nichts zu beſorgen iſt. Er fürchtet für meinen innern Frieden, für das Glück meines Lebens, für unſers Liebe, ja ſogar für meine Tugend. Schwärmer!, dachte ich, als ich den Brief las. Doch rührte er mich tief, und ich gelobte ihm mit heißen Thränen, ſo übertrieben ich ſeine Außerungen fand, von Neuem 2 warme Zärtlichkeit und unverbrüchliche Treue. Nein, Ferdinand! Die große Welt ſoll dein Mäð⸗ chen nicht verderben, dir ein Herxncht gebildet wurde. Kehre nun vider et i Hand, mich aus dem Geräuſche zu re 5 mir in deinem Art eine dir⸗ nn zů n eit zurſckt i befangen und ver ner theuern ſtilen Giin ehr Vierter Brief. Leonore von Brandner an Tbereſe Friedberg. *** den 1. Junius 1797. ine theure geliebte Schweſter! ich ver⸗ wü nicht. Ich hänge nicht ſo ſehr e Wett t als du zu glauben ſchei⸗ kann nich ugnen, daß ich manches n dieſer Süen nart finde, die nur durch n Contraſt iie meiner vorigen mir im ange ſo peinlich war⸗ Das verliert ſich nach und ch. S mß iches gewöhnt, und as an ſich ſelbſt gewiß W ſchen Werth haben muß; dzu digen, iſt ja Pflicht, cht vermieden werden, en man nicht vorſetlich mit iigedrückten Augen Durch die Welt gehen, und jede Berichtigung ſei⸗ — eſeewen will. 6 de Dir gewiß eben ſo gehen, wenn Du hier wäreſt. Die Leich⸗ tigkeit des Umgangs, der gute Ton, der in man⸗ chen Cirkeln herrſcht, die Eleganz der Formen in Häuſern, Meublen, Kleidungen, der Umgang mit ſo vielen wirklich gebildeten Menſchen, der man⸗ nigfaltige Umtauſch der Ideen, die Abwechſelung von Geſellſchaften und Unterhaltungen gewähren nicht bloß den Sinnen und der Phantaſie eine an⸗ genehme Beſchäftigung, ſondern dienen, wie ich ſehr wohl fühle, auch dazu, den Geiſt auszubjlden⸗ den Geſchmack zu berichtigen, den Se zu wecken und zu nähren. Zwar werder heren Forderungen nicht in allen, reden, nur in den allerwenigſten Eir aber wo ſie es werden, da ſchwelgt auch 2 und Geſchmack in Genüſſen, von welch her in meinem ſtillen Lrben hatte. So kab den S i jetzt nur auf einige Zeitbey n ſend war. Welch eine Fuau Thereſer Stelle L eine— vor — und die Wahl ihres Anzuges könnte immer zur Regel für uns andere gelten, wenn es nur die an⸗ dern auch ſo verſtänden, wie ſie, jedes Bändchen, iede Blume ſo zu ſtecken, daß man geſtehen muß, es könnte nicht anders ſeyn, wenn es ſchön ſeyn ſollte. So reizend das Außere dieſer Frau iſt, ſo anziehend und zauberiſch iſt auch ihr Umgang. Sie ſpricht die meiſten Sprachen ſo fertig, wie ihre Mutterſprache, und dieſe ſelbſt mit dem reinſten Yochdeutſchen Accent— eine wahre Seltenheit in zirkeln; ſie zeichnet und mahlt als Künſt⸗ erinn, ſie kennt die neueſte Literatur vollkommen, die ältere nicht unbekannt iſt, nihr richtiger Geſchmack gezeigt, ch nicht hier und da kleine Bemerkun⸗ au gen u üsdrücke entſchlüpft wären, die es ver⸗ riethen, obwohl ſie dieſe Kenntniſſe, ſo wie über⸗ haupt alle andern in den gewöhnlichen Cirkeln ſorg⸗ filtig verbirgt Mit deſto liebenswürdigerer Of⸗ fenheit enthüllt e die Schätze ihres Verſtandes in beit meines Briefes r mich ſo⸗ nntſchaft auf eine A zus die mir ſehr ſchmeichelhaft und um ſo erwünſchter war, weil unſere Juliane, die auch zu der Geſellſchaft der Valſin gehört, und wegen ihres gebildeten Geiſtes dieſen Platz wohl verdient, mich im Gefühle ihrer überlegenheit an Welt⸗ und Menſchenkenntniß immer ſo, ich möchte ſagen„ ſchnöde behandelt hat. Du wirſt das vielleicht Ei⸗ telkeit nennen, liebe Thereſe! Vielleicht iſt es auch das; aber ich konnte nicht umhin, mir in jener Auszeichnung und überhaupt im Valſin' ſchen Hau⸗ ſe ſehr zu gefallen. Auch verſammeln ſich vottt bloß artige und witzige, ſondern uch manche lehrte Männer, deren unterrichte mgang nir unendlich ſchätzbar iſt. Unter zden zeichnet ſich vor allen jener Baron Wanner iwel⸗ chem ich Dir, wie ich glaub ſchrieben habe. Alle Woch Abend bey der Välſin geendigt, wozu die w rer ſandha .„ wel chen andern Hän trieben wird; a — 54— überhaupt iſt dieß Haus, Trotz des bekannten Reichthums des Herrn von Valſin, in Vergleich mit dem Schöndorf'ſchen und anderen ſehr einge⸗ ſchränkt; auch ſcheint mir aus Allem, daß die gute Frau in ihren häuslichen Verhältniſſen nicht glück⸗ lich iſt. Ihr Mann iſt wenigſtens um dreyßig Jah⸗ re älter als ſie, und nicht im Stande, an den fei⸗ nen Vergnügungen Geſchmack zu finden, die das Glück ſeiner Gattinn ausmachen, und ihr ihre Lage und Abhängigkeit von einem mürriſchen, alten, und, wie man ſagt, geitzigen und rohen Manne ertragen zu helfen ſcheinen. Wie dem immer ſey, ſie beträgt ſich por der Welt ganz gut gegen ihn, und weiß i Schickſal, wie ihren Putz und ihren Körper, mit unbeſchreiblicher Anmuth zu tragen. O wenn Ferdinand dieſe Frau wird kennen ler⸗ nen, dann wird er mich nicht mehr ſo ſtreng über mein Vergnügen an der großen Welt tadeln, und ihre Liebenswürdigkeit wird ihn mit manchem aus⸗ ſöhnen, was ihm jetzt unverzeihlich dünkt. Es iſt doch ſondesbat, wie verſchieden der umgang mit der Welc üſd den Menſchen auf uns beyde gewirkt hat! Ferdinand ſcheint, je länger er reiſet, je mehr Menſchen er kennen lernt, eſto ſchlechter von ih⸗ nen zu denken, doſto ſche verſchloſſener zu werdén; ich hingegen, die ihne der großen — 35— Welt wohl mit nicht geringeren Vorurtheilen da⸗ gegen betrat, fühle dieſe immer mehr und mehr verſchwinden, und finde tauſend Reize und An⸗ nehmlichkeiten, von welchen ich vorher keinen Be⸗ griff hatte. Iſt das nicht ſonderbar? Und dennoch iſt es ſo. Ich ſehe das aus jedem ſeiner Briefe, in welchen ſich jene Anſichten, und eine Art von Sor⸗ ge, ja von Angſt, ich möchte zu viel Gefallen an dieſen gefährlichen Freuden finden, deutlich aus⸗ ſprechen. Wir haben ſchriftlich ſchon manche Er⸗ klärung, ja manchen Zank, wenn ich ſo ſagen Harf, darüber gehabt. Das iſt nicht gut; es iſt über⸗, haupt nicht recht, daß zwey Menſchen, welche Schickſal, Erziehung und Liebe ſo ganz mit und für einander geſchaffen und gebildet hatten⸗ von derſelben Sache ſo ganz verſchieden gerührt wer⸗ den. Ach! was gäbe ich därum, wenn Ferdinund mit meinen Angen ſähe, oder wennich nie die Dinge kennen gelernt htz⸗ die— ſ vorkommen! 3 Doch warum quãe 6 ic nut ſiſer Vor⸗ ſtellungen! Unſere Liebe wird alle Uiebenheiten ausgleichen, ſie wird uns Beyden Nachſicht und Schonung gegen nMeingen einflößen ia, ſie wird ſe erſchiedenheit aufheben, und in zwey W von ihre Kindheit an bis 4* s 2 auf dieſen Zeitpunct keinen Gedanken, kein Gefühl kannten, das nicht vollſtimmig und im reinſten Einklange aus dem Herzen des andern wiedertön⸗ te, dieſe beſeligende Harmonie wieder herſtellen. Nicht wahr, Thereſe, ich habe nichts zu fürchten? Blum wird mich ertragen, und ich werde mich kind⸗ lich in ſeinen, mir von jeher theuern Willen fü⸗ genz es wird alles gut gehen. Fünfter Brief. Juliane von Schöndorf an Madame Hortenſe Deſengay. *** den 20. Junius 1797. Jc weiß zwar nicht, ob dieſer Brief ein beſſeres Schickſal haben wird, als ſo manche ſeiner Vor⸗ gänger, ob er mitten durch zweh eitende Beere ſeinen Weg in ein von unſern Feinden beſetztes Land finden wird, und ich bin auch durch dieſe Rückſichten in manchem Punkte ſehr Pſchränkt; denn wer weiß, in welche Hände er fallen, und wie man meine Anſichten der Dinge, die ich nun einmahl unmöglich in die gewöhnlichen Former ſchmiegen kann, deuten und auslegennöchte. In deſſen es iſt mir Vedütfüiß⸗ Ihnenß terliche Freundinn, zu ſchreiben, Ihnei mel jeher, ſo lange ie in unſerm Hauſ* auch jetzt, ſeit ft 56— einzige waren, und ſind, mit der ich, ohne Gefahr mißverſtanden zu werden, und ohne mich über Armſeligkeiten ärgern zu müſſen, aufrichtig ſpre⸗ chen kann. Warum hat das Schickſal mich in die⸗ ſen Kreis von armſeligen, verächtlichen, oder, wenn's hoch kommt, mittelmäßigen Menſchen gebannet? Warum konnte ich nicht das Licht in Ihrem Va⸗ terlande oder auf den Alpen der Schweiz erbli⸗ cken? Dann hätte ich den großen Kampf ſtreiten⸗ der Kräfte, der das Wohl der Menſchheit auf Jahr⸗ hunderte entſcheiden muß, vor meinen Augen vor⸗ gehen geſehen, ich hätte vielleicht daran Theil ge⸗ nommen, meine Rolle, gleich den geprieſenen Göt⸗ tinnen der Seine, einer Tallien, Louvet, Stasl mitgeſpielt, oder ich wäre in dem Sturme zu Grun⸗ de gegangen, wie Charlotte Corday, und ſo viele tauſend Opfer der Fuſilladen und der Guillotine, und dieß zwock⸗ und fruchtloſe Daſeyn wäre ent⸗ weder ruhmvoll oder wenigſtens nicht alltäglich geendet worden Aber ſo, und hit! hier, wo das armſelige ch her, unbekümmert um die großen ſein kleinliches Weſen in Unterhaltun⸗ mecloſen oder unbedeutenden Geſchäften * ie es ſich den näch⸗ t* chem Anzuge oder Equipage es ſich nächſtens auf der Promenade zei⸗ gen wird! Wahrlich das Leben iſt herzlich ſchal! Ich ſtürze mich gefliſſentlich recht mitten in den Strom der großen, und, wie man ſie nennt, ge⸗ bildeten Welt, um vielleicht doch ein Mahl in dem Wirrwarr einigen Erſatz für die arme Wirklichkeit zu finden, die mich umgibt. Vergebens. Langewei⸗ le und Ekel verfolgen mich überall, und meine Tage haſpeln ſich einer wie der andere, höchſtens der durch eine Spazierfahrt, jener durch eine Stadt⸗ neuigkeit bezeichnet, einförmig und ermüdend ab⸗ Wie lange ſoll das fortwähren? Sehen Sie, liebe Hortenſe, wenn ich nur verliebt werden könnte! Wenn es nur möglich wäre, daß eines von den ſchwächlichen flatternden Geſchöpfen, die wie Mü⸗ cken um das Licht, nicht meiner Porzüge, fondern meines Reichthums ſchwärmen, glauben nicht, Hortenſe, daß ich das vollkommeſ zi unter⸗ ſcheiden weiß?— mir Achtung einflößpn könnte, wahre Achtung, Ehrfurcht, ohne welche neinem Herzen Liebe undenkbar it! Aber das k. nicht ſeyn, und ich brauche mich bey⸗8 — 40— ſchwunden; aber die jetzt an ihre Stelle getreten ſind, ſind um kein Haar beſſer, ja beynahe noch ſchlechter. Auch unter meinem Geſchlechte finde ich keinen Erſatz. Die Valſin war und bleibt noch ſtets die Perle unter allen. Sie wiſſen, welches Urtheil wir einſt von ihr gefällt haben. Sie hat tauſend Vorzüge, aber auch tauſend Eigenheiten, in denen ich mit ihr nicht harmoniren, und über die ich mich eben ſo wenig in einem näheren Ver⸗ hältniſſe hinausſetzen könnte. So kann ich ihr z. B. ihre noch immer fortwährende Parteylichkeit für den einmahl geliebten Wallner— jetzt noch nach zwölf Jahren— und ihr neues Verhältniß mit dem Grafen Van der Werth nicht recht verzeihen. Nicht daß ſie liebt, das iſt's nicht, was ich an ihr tadle; denn daß ſie ihren Mann nicht lieben kann, iſt ihr wohl zu verzeihen, und daß ſie ſich zu entſchädigen ſucht, auch, obwohl ich glaube, ich hätte an ihrer Stelle nicht ſo gehandelt, ich hätte mit meinem Schickſale gerungen, und eine Art von ſolzer Peruhigung darin gefunden, ſeinen Schlägen nicht ſo feige auf einem Nebenwege aus⸗ Das iſt's alſo nicht, wie geſagt, was Sle; aber daß ſie dieſen Grafen Dieß zi iche, parfümirte Geſchöpf, n ryphen und Cha⸗ ——— ſchen, und ſeine Talente in Verfertigung witziger Boutsrimés und Calembourgs, das iſt mir unbegreiflich von einem Weibe, die ſelbſt ech⸗ ten Witz und reiche Talente beſitzt. Ich fürchte, lie⸗ be Hortenſe, der Graf zahlt reichlich, und das iſt ſein Hauptverdienſt. Ich fürchte, ſage ich; denn es dünkt mich unausſprechlich niedrig, einen ſonſt unbedeutenden Menſchen nicht bloß zu dulden, ſon⸗ dern ihm Liebe zu heucheln— mehr kann es nicht ſeyn— weil er uns reiche Geſchenke macht. Dem ſey, wie ihm wolle, Sie ſehen, und ich füh⸗ le, mit der Valſin iſt es nichts. Indeſſen ſind wir einander gut, und die fürchterliche lange Weile verläßt mich noch am längſten, wenn ich mit ihr oder in ihrem Hauſe bin, wo ſich wirklich ein ge⸗ wählter Cirkel von Menſchen ein det, und wo doch von etwas Beſſerem, als von Neuigkeiten, Moden und Spiel geſprochen wird. Ich habe noch eine an Smnittheſ ge⸗ macht, die auf einer Sei auf der andern aber ſo ganz das W nes iſ, daß aller Gerech wie unter Ounn ſelben Urſache. W — Mein Oheim hat ſich wieder ein v Nirn⸗ del verſchafft— Sie kennen ſeine Künſte— und dieß Mündel iſt bey uns in die Koſt gegeben wor⸗ den; eine gewiſſe Leonore von Brandner, hübſch, reich, voll Kenntniſſe, voll Talente, ſanft, gefällig, gutmüthig. Nun das wäre ja etwas für Sie! hö⸗ re ich Sie ſagen. Nein, liebe Hortenſe, das iſt doch nichts für mich. Das iſt ſo ein weiches, ſchmelzen⸗ des Geſchöpf, ſo ohne Character, ohne Menſchen⸗ kenntniß, ohne alle auch nur gewöhnliche Klugheit, eine ſolche Taubeneinfalt, daß es mir unmöglich iſt, auch nur in den geringſten Dingen mit ihr übereinzuſtimmen. Und doch hat das Dämchen ver⸗ zweifelt viel Stolz, ja auch eine Portion Eitelkeit; und es ſoll mich wundern, wenn dieſe Eitelkeit nicht zur Schlinge wird, in der ihr Herz und ihr Glück ſich auf ewig erbärmlich fangen. Baron Wallner ſtellt kihr nach, er hat ſie durchſchaut, wie denn das nicht ſchwer iſt; ſein.„ gut und wie man ſezt ſehr hübſchen der jetzt auf iund⸗ einem Weibe; indeſſen das weiß man nicht, und ſucht in dieſer glücklichen Unwiſſenheit das Mäd⸗ chen von ihrer ältern Verbindung auf tauſender⸗ ley Art loszumachen. Man führt ſie zu allen Un⸗ terhaltungen, man ſchmeichelt ihr, man macht ihr das Köpfchen drehend, und man jagt ſie gerades Weges in Wallners aufgeſpanntes Netz, der vor⸗ ſichtig und ſchlau im Mittelpuncte ſeines Gewebes gleich einer Spinne lauert, und jeden Schritt, den die andern für ſich thun, und jede Blöße, wel⸗ che ſeine unerfahrne Göttinn häufig genug gibt, zu ſeinem Vortheile zu benutzen weiß. Er hatiſich jetzt zu ihrem Lehrer und Rathgeber aufgeworfen, und es iſt zum Lachen für jemand, der ſein Spiel ſo ganz durchſieht, und ihn ſo genau kennt, wie ich⸗ zu ſehen, mit welcher Zartheit des Gefühls, mit welcher ſtrengen Moralität und welcher unaus⸗ ſprechlichen Sanftmuth, die bue hiſen läge nicht ein Zug von dem, was lich ſcheint. Er macht aber ſeine Sa lich, und könnte wohl ein Fliü dieſe Leonore iſt. Sie ſchmi — an ſeinen Geiſt, und es iſt zum Erſtaunen, wel⸗ chen Fortgang ſie in der kurzen Zeit, in Rückſicht ihres äußern Betragens gemacht hat. Doch bleibt es für's erſte bey den allgemeinen Unterredungen über die Welt, die Menſchen und das nöthige Ver⸗ halten gegen ſie, und er iſt fein genug, das Wort Liebe nicht zu nennen, ja ſie überhaupt keine ſolche Abſicht auch nur ahnen zu laſſen, um ſie nicht zu verſchüchtern, welches bey ihren ſchwärmeriſchen Begriffen von Treue und ihrer Anhänglichkeit an ihren erſten Geliebten gewiß geſchehen würde. Aber er macht käglich Rieſenſchritte in ihrer Achtung und Zuneigung, um ſo mehr, da er das einzige gebildete Weſen von dem andern ſowohl als un⸗ ſerm Geſchlechte iſt, das ſich ihr mit freundlicher Theilnahme nähert, und ihr zugleich Achtung einflößt. Daß die Valſin die letztere Wirkung nicht auf ſie gemacht hat iſt mir aus einigen entfallenen ore egreiflich. Ein Mädchen von ihrer über⸗ Denkart kann das Verhältniß, in wel⸗ dis Welſn zu Van der Werth ſteht, 3— 45— der nhere umgang mit ihr und Wallners Unter⸗ richt werden ſie bald jene zu 9 gewiſſenhaften Be⸗ denklichkeiten als unnütz und kleinſtädtiſch verwer⸗ fen lehren. Ich ſtehe denn ſo dabey, mache meine Bemer⸗ kungen, und das iſt noch das einzige, was mir auf einige Zeit wenigſtens eine angenehme Unterhal⸗ tung gewährt. Ach Hortenſe! Warum kann ich nicht zu Ihnen fliegen? Warum feſſeln mich bey allem Schein von Freyheit doch tauſend laſtende Verhältniſſe? Ich möchte mit Klärchen im Egmont ausrufen: Ich bin frey, und in dieſer Frayheit liegt die Angſt der Ohnmacht! und warum ſoll ich denn hier bleiben? Wäre es gar ſo ein abenteuerlicher oder unausführbarer Enutſchluß, wenn ich zu Ihnen käme? Wahrlich, ie mehr ich dem Dinge nachdenke, je reiflicher ich alle Schwierigkeiten, die tauſenderley Pinderniſſe, das maulaufſperrende Erſtaunen meiner Bekann ten, ihr albernes Geſchwätz darübtr⸗ das Urt der Menge u. ſ. w. erwäge, deſto reizender erſche mir mein Plan. Je nun, wer weiß, was noch ge ſchieht. Leben Sie wohh S nne Sechſter Brief. Leonore von Brandner an Thereſe Friedberg. ½*** den 30. Junius 1797. Er iſt hier! Ferdinand iſt hier! Thereſe! Theile mein Glück und meinen Schmerz! O er iſt der edelſte, beſte Mann auf der Erde, und ich das glücklichſte Geſchöpf durch ſeine Liebe! Und doch möchte ich lieber weinen als lachen. Aber Duwirſt mich nicht verſtehen, ja Dich vielleicht an mir är⸗ gern. Nun ſo höre denn den ganzen Hergang ſo ordentlich und vernünftig, als mein hochklopfendes 5 Herz das ſich bald in Freuden⸗und bald in Weh⸗ muths Thränen ausgießen möchte, ihn zu erzäh⸗ ler rmag! Vorgeſtern kam er an. Ich wußte as ſeiner Ankunft nicht genau vorher, und nicht ſo bald erwartet. Still ſaß ich an 2 beitstiſche und beſchäftigte mich eben, zu machen, womit ich ihn bey raſch die Thür, ich blicke hin, und— Ferdinand fliegt mir entgegen. Was ich zuerſt ſagte oder that, weiß ich nicht; nur als ich mich beſinnen konnte, lag ich an ſeiner Bruſt, und meine Thränen floſ⸗ ſen reichlich. Wir vermochten beyde lange nicht zu reden, und auch ſein männliches Auge floß über. Endlich als der erſte Freudentaumel vorbey war, fingen wir an, über unſere Schickſale, unſere Hoff⸗ nungen zu ſprechen; und ach Thereſe!— was mußte ich hören! Sie werden wieder nicht erfüllt, dieſe freundlichen, lachenden Hoffnungen,wenigſtens jetzt nicht, und die Urſache dieſer Verzögerung iſt ſo beſchaffen, daß, obgleich ſie mich innig ſchmerzt, ich mich doch darüber freuen, ja ſtolz darauf ſeyn muß. Liebe Schweſter! Was ſind unſere Vorha⸗ ben, unſere Gewißheiten? Spinnengewebe, die des Weſtes leiſeſter Hauch zerreißt! Wie ſicher hoffte ich nicht, ſobald Ferdinand angekommen ſeyn wür⸗ de, endlich das Band geknüpft zu ſehen, wozu wir beyde von unſerer Jugend an beſtirmmt, Eezogen und gebildet wurden, das tauſend neidiſche ſtän de früher zu knüpfen hinderten, das ſtetsd meines Lebens gemacht hätte, aber jetzt zich als je unverſchiebbar nothwendig ſcien müſſen wir wieder warten⸗ 6 werden vergehen, ehe ich Ferdinands genahunn heißen kann. Dieß Mahl iſt er ſelbſt Schuld dar⸗ an. Sein Bruder hat durch eine unglückliche Spe⸗ culation, noch mehr aber durch den Fall von meh⸗ reren Correſpondenten ſo beträchtliche Summen verloren, daß er auf dem Punete ſtand, ſelbſt Ban⸗ kerott zu machen. Er ſchrieb Ferdinanden ſeine traurige Lage, und der edelmüthige Bruder fſog zu ihm, gab ihm alles, was er entbehren konnte, und verwandte ſeinen Credit, ihm noch mehr zu verſchaffen, bis er ihn endlich ganz und ſo ſchnell als möglich gerettet hatte. Der glückliche Bruder, ein liebenswürdiges Weib, und fünf Kinder dan⸗ ken Ferdinanden nun ihr ganzes zeitliches Glück. Aber dieſe ſtarken Aufopferungen machen ihm für einige Zeit Einſchränkung zur Pflicht, und er darf vor mehreren Monathen nicht an die Erweiterung ſeines Haushaltes und alle die unausweichlichen Zhahet denken, welche die erſte Einrichtung ei⸗ näßigen Wirthſchaft nothwendig muß ich nun wieder warten, und c i6 gleic Ferdinands Snnei * halt in dieſem Hauſe mißbilliget,und ich weiß auch, daß es unmöglich iſt, meinen Vormund zu bewe⸗ gen, mich wo anders hinzugeben. Wo ſollte ich auch mit mehrerem Anſtande ſeyn können, als bey ſeiner Schweſter? Denn zu Dir zu gehen, daran darf ich nicht denken, weil Wichmann findet, es wäre wider ſeine Pflicht, wenn er mich der Gele⸗ genheit beraubte, die jedem Weibe nöthige Welt⸗ und Menſchenkenntniß zu erlangen, und ſich immer ärgert, wenn ich dieſe Saite berühre. Setze noch hinzu, daß Blum auch bereits anfängt, meinen Geſchmack an dem Leben, das ich hier führe, zu tadeln, daß er jederzeit zum Mißtrauen und zu ei⸗ ner düſteren Anſicht der Dinge geneigt war: ſo wirſt Du mich keiner übertriebenen Furcht beſchul⸗ digen können, wenn ich Dir geſtehe, daß ich ban⸗ ge vor der Zukunſt bin, und tauſend unangeneh⸗ men Stenen zwiſchen Blum, mir, dem Vormun⸗ de, und vielleicht dem ganzen Hauſe entgegen ſehe. Vie wird das noch enden? Welche Stürhi ſehen mir vielleicht noch bevor? Schil nung nicht erwehren. Auch Ferdinand i heiter, wie ehemahls, und das ſo lang ſo heiß gewünſchte Wiederſehen hat⸗ d nicht gebracht, das wir beyde devdn erwartete Leon. I. Th. 28 55— Iſt es vielleicht das allgemeine Loos der Menſch⸗ heit, daß uns die Erwartung mit ſchöneren Ver⸗ ſprechungen ſchmeichelt, als die Wirklichkeit hält, und liegt dieß in der Unart des menſchlichen Her⸗ zens, das, allzu ſelbſtſüchtig, mit keiner Freude, wie die Wirklichkeit ſie biethen kann, zufrieden iſt? Oder, Liebe, iſt es ein Zeichen, daß in unſeren Seelen ein Ideal von Seligkeit liegt, dem kein irdiſches Vergnügen entſprechen kann, weil nichts Irdiſches hoch und rein genug iſt, um jene himm⸗ liſchen Bilder in ihrer ganzen Schönheit zu ver⸗ wirklichen? Und ſollte das nicht ein Beweis von unſerer mehr als irdiſchen Abkunft und Beſtim⸗ mung ſeyn? Damit habe ich mich ſchon oft zu trö⸗ ſten verſucht, wenn mein begehrliches Herz ſo gar keine Befriedigung in den Gegenſtänden fand, die mich umgaben; ein Fall, der mir, ſeit ich aus dem Schooße der Meinigen geriſſen— viel öfter als vorher begegnet iſt. WMeein Leben geht übrigens ſehnen gewohnten Gang fort, und mich unterhält die bunte Welt, 3 die S meinen in immer m— — 3— Genuß gewähren. Auch hierin fürchte ich Wider⸗ ſprüche von Ferdinands Seite. Er beurtheilt das alles ſo ganz anders, und iſt unzufrieden mit al⸗ lem; das ſehe ich ihm an, wenn er gleich aus Schonung und Liebe nicht gleich in den erſten Ta⸗ gen ſeinen ganzen Unmuth zeigt. Er ſpricht wenig, aber er macht ſehr oft jene Miene, die wir an ihm kennen, und mit der er deutlicher, als mit einer ganzen Predigt, ſein Mißvergnügen zu erkennen gibt. Wenn ich nur ſo viel von ihm erhalten könn⸗ te, daß er mich gelaſſen und ohne Vorurtheil an⸗ hörte! Dann hoffte ich, es würde ſich manches ge⸗ ben, er würde von ſeinen überſtrengen Forderun⸗ gen nachlaſſen, ich würde ihm hier und da ein klei⸗ nes Opfer bringen, und es würde alles gut gehen. Warum ſoll ich das nicht hoffen? Wir lieben uns ja, und die Liebe hat oft größere Wunder bewirkt, als den Umtauſch einiger zufällig angenommenen Vorſtellungen. Nun ſo will ich mich denn nicht niederſchlagen laſſen von meinen trüben Ahnungen, ich will hoffen, und heiter ſeyn. Mit heiterem Sin⸗ ne greift man jedes Werk leichter an, und das Glück iſt dem Frohen günſtig. Lebe wohl! Siebenter Brief. Juliane von Schöndorf an Madame Hortenſe Deſengay. H*** den 10. Julius 1797. Wenn ich nur wüßte, warum der Himmel mich gerade in dem Schooße dieſer Familie geboren werden ließ, und wie es kommen konnte, daß mitten unter fünf, einander mehr oder weniger ähnlichen, Weſen ein ſechſtes ganz heterogenes ent⸗ ſtehen mußte, das ſich und den übrigen fünfen zur Qual, und wieder von jedem auf ſeine eigene Art gequält, mitten unter ihnen leben und bleiben muß, und doch ſich bey jedem täglichen Vorfall fragen möchte, wie kommſt du hierher? Da ſind ſie nun in den Garten gegangen,— meine Altern, meine ich— auf's Land, wie ſie es zu nennen pfle⸗ Das iſt mir ein Landleben! Es iſt halb zum tern und halb zum Lachen, wenn man dieſen gmſeligen Zwitter von Stadt und Dorf einen tundichn n Auſenthat nennt. Das einzige, was wir gewinnen, iſt, daß es noch ein Bißchen langwei⸗ liger zugeht, als in der Stadt, weil bey der klei⸗ nern Anzahl von Nachbarſchaften der Kreis der Beſuchenden immer derſelbe iſt, und dieſelben Ge⸗ ſtalten mit unbedeutenden Veränderungen alle Ta⸗ ge auf der Promenade und Abends beym Spiel in tödtender Einförmigkeit langweilig vor mir vor⸗ übergehen. Da ſitzt ſich Eines dem Andern ſo nahe auf dem Halſe, und hat nichts Angelegeneres zu thun, als zu forſchen, wie viel der neue Hut geko⸗ ſtet hat, den die Nachbarinn links geſtern aufhatte, warum die Nachbarinn rechts heute mit ihrem Manne, und nicht mit ihrem Liebhaber, in die Stadt gefahren iſt, was das kleine Wickelkind der dritten macht, das ſie inoculirt haben, und warum die vierte geſtern nicht bey dem Spiele erſchienen iſt u. ſ. w., was denn der wichtigen und intereſ⸗ ſanten Begebenheiten mehr ſind. O, es iſt k Verzweifeln! Unter andern, Leonorens Liebhaber iſt ange⸗ kommen, eine ſchöne männliche Figur, Feſtigkeit und düſterer Ernſt in 6 Miene, durch eine ein⸗ von Stärke der Seele, die mich ſehr zu ſeinem Vortheile eingenommen hat. Er ſtand im Begriff, Leonoren, die er innig zu lieben ſcheint, ſeine Hand, nach einer langen Trennung, zu reichen; aber ſein Bruder brauchte eine anſehnliche Unter⸗ ſtützung an Geld, um ſeiner faſt geſunkenen Hand⸗ lung aufzuhelfen. Blum bedenkt ſich keinen Augen⸗ blick, zwiſchen ſeinem und ſeines Bruders Glücke zn wählen, gibt ihm alles, was er ohne den größ⸗ ten eigenen Nachtheil nur immer entbehren kann, und ſetzt ſich dadurch außer Stand, Leonoren vor mehreren Monathen ſein nennen zu können. Dazu gehört doch wohl ein Vißchen mehr Energie des Geiſtes, als unſere jungen Herren gewöhnlich ha⸗ ben, und das iſt es, was mir den jungen Mann intereſſant gemacht hat. Mich unterhält es, dieſe Erſcheinung näher zu beobachten, und zu ſehen, wie ein Menſch, der eines ſolchen Entſchluſſes fä⸗ hig war, ſich in den gewöhnlichen Verhältniſſen dres Lebens benehmen wird. So viel ich ihn beob⸗ achten konnte, hatte ſein Betragen etwas Rauhes, Finſteres, Verſchloſſenes, das an einem jungen Manne, der eben von Reiſen kommt, ſelten iſt. eine Begriffe von Moral ſcheinen übertrieben ſtreng wie ſeine isie der. 5. würden ft mit einander in Streit kommen, das fühle ich; aber ich meine, es würde mich unterhal⸗ ten, und ihm nützen, wenn die ſchiefen Ecken ſei⸗ nes Charakters im Umgange abgeſchliffen würden. Doch dann wird er aufhören intereſſant zu ſeyn, und es iſt ärgerlich, daß ſelbſt der nähere und län⸗ gere Umgang mit der Welt in ſolchen ſehr indivi⸗ duellen Charakteren dieſe Individualität verlöſchen, und ſo das Seltene, überraſchende der Erſcheinung nothwendig aufheben muß, wie die Kerze eben da⸗ durch, daß ſie leuchtet, ſich ſelbſt verzehrt. So muß mich alles peinigen, ſelbſt, indem mich's unterhält, und jeder Genuß ſich ſelbſt zer⸗ ſtören. Warum das? Ich bin verſtimmt, übel ge⸗ launt, das fühle ich; und da es unartig iſt, wenn man nicht wohl iſt, in Geſellſchaft zu gehen, und den Leuten vorzuklagen, ſo iſt es auch nicht artig, eine liebe Freundinn mit dem Ausbruche unſerer üblen Laune zu unterhalten. Leben Sie alſo wohl, theure Hortenſe, und theilen Sie mir, wenn es möglich iſt, nur einen kleinen Theil von jener Ge⸗ laſſenheit und Fröhlichkeit mit, die Sie ſo ge⸗ ſchickt macht, nicht bloß Widerwärtigkeiten, ſon⸗ dern, was noch ärger iſt, auch Narren und Dunm⸗ köpfe zu ertragen! Achter Brief. Frau von Voalſin an den Grafen Van der Wercth. *** den 15. Julius 1797. Men Mann iſt auf ein Paar Tage in Geſchäften verreiſet. Warum ſind Sie nicht hier, theurer Freund, daß ich dieſe zwey köſtlichen Tage der un⸗ geſtörteſten Ruhe mit Ihnen verleben kann? Oder warum konnte mein Mann den ſehr vernünftigen Einfall, mich auf ein Paar Tage in Frieden zu laſſen, nicht zwey Wochen früher haben? Doch das wäre vielleicht des Glückes zu viel geweſen; und da auf dieſer armen, beſten Welt kein Glück und eine Pein vollkommen ſeyn kann, ſo iſt's eben recht der Regel, daß, wenn mein Hausdeſpot mich den ganzen Tag über mit grämlichen Anmerkun⸗ gen, mit Jammer über die ſchweren Zeiten, und rchterlichen Schilderungen des Elends, das da noch kommen wird, müde gemartert hat, ich — — 57— dann in Ihrem Umgange Entſchädigung, Erhoh⸗ lung und Freude finde. Hingegen, wenn ich von jener Plage erlöſet bin, bedarf und verdiene ich vielleicht auch jenen Erſatz nicht. So will ich denn nicht weiter klagen, und nur die wenigen ſtillen Stunden, die mir meine häusliche Einſamkeit ge⸗ währt, dankbar und froh genießen. Ach, was das für ein Himmel wäre, wenn ich einmahl, ein hal⸗ bes Jahr durch, keine Klagen über meine Ver⸗ ſchwendung, keinen Vorwurf uber die Armuth mei⸗ ner Familie, kein Vorzählen all der Herrlichkeiten anhören dürfte, deren ich, durch die preiswürdige Verbindung mit ihm, theilhaftig geworden ſeyn ſoll! Es iſt mir ſeit geſtern Nachmittags, wo er ſich abführte, ſo leicht, ſo wohl um's Herz, wie wenn man aus dem betäubenden Geklapper und Geräuſche einer Mühle plötzlich heraus ins Freye kommt, und nun die liebliche Stille uns wohlthä⸗ tig umfängt. Ja, lieber Adolph, wenn nur Sie jetzt hier wären, ich wäre wie im Paradieſe⸗ Wan 8 kommen Sie denn wieder? Wie ewig lange dün ken mich die acht Tage, ſeit ich Sie nicht geſehen habe! Sie mangeln mir überall, alles erinnert mich an Ihre Abweſenheit, und wohl hundert Mahl des Tages überraſche ich mich bey dem Gedanken? das muß ich heute Abends meinem Adolph — 56— len, darum muß ich ihn fragen; und ach— dann fällt mir ſchmerzlich ein, daß Adolph nicht kommt, und daß ich ihm nichts erzählen kann! Geſtern verging der ganze Vormittag mit Zu⸗ rüſtungen zu der großen Reiſe, und ſechs Hände, nähmlich meine, der Jungfer und des Bedienten waren in Bewegung, um— einen Mantelſack zu packen. Sie lachen, nicht wahr? Ich hätte auch gelacht, wenn ich mich nicht hätte ärgern müſſen. Aber wenn man ſo die erſte Rolle in dem tragiſch⸗ komiſchen Schauſpiel hat, iſt es bey Weitem nicht ſo ſpaßig, als wenn man bloß zuſieht. Jedes Hemd, jedes Tuch mußte zwanzig Mahl beſehen, mit der größten Vorſicht gepackt, wieder herausgenommen, und mit einem andern vertauſcht werden. Dieß war zu gut, und konnte durch die Reibung verdor⸗ ben werden, jenes war doch gar zu ſchlecht, ein Stück war zu klein, das andere zu groß, eines zu lang, das andere zu kurz. Der Mantelſack ſollte ganz voll ſeyn, damit nichts geſchüttelt werden önnte, und doch ſollte die Wäſche ſo bequem lie⸗ en, daß ſie durch den Druck nicht zerknittert wür⸗ de u. ſ. w. Kurz, das Unmögliche ſollte möglich gemacht werden, und als das nicht ging, entſtand übl Laune. Der Herr keifte, die Leute brumm⸗ 4 .— 59— eamen pdlich die ſehnlich erwarteten Poſipferde, und nach eben ſo viel überwundenen Schwierigkei⸗ ten, Gefahren und Zänkereyen beym Aufpacken rollte zu meiner, und ich glaube, des ganzen Hau⸗ ſes Freude, der Wagen mit unſerm Hauskreuze davon. Ach! dachte ich, und meinte in den Geſich⸗ tern meiner Leute vollkommene übereinſtimmung zu finden: Wenn er doch ſo bald nicht wieder kämer Abends ging ich zu Schöndorf, die jetzt in ih⸗ rem Garten ſind, und wo ich den neuen Ankömm⸗ ling, auf den wir alle längſt begierig waren⸗ Eleo⸗ norens Liebhaber, zu treffen hoffte. Ich hatte ihn noch nicht geſehen, und wurde ganz angenehm durch ſein ußeres überraſcht, das ich mir, dem Gerüch⸗ te zu Folge, bey Weitem nicht ſo elegant, und, die Wahrheit zu ſagen, auch nicht ſo angenehm vor⸗ geſtellt habe. Eriſt wirklich ein ſehr hübſcher Mann, und ich glaube, es würde nur auf ihn ankommen, da er ſehr reich iſt, bedeutenden Eindruck, wo er ſich nur immer zeigte, zu machen, wenn er nicht viel zu ernſt und zu pedantiſch wäre. Indeſſen müß te mich alles betriegen— und meine Wahrneh mungsgabe hat mich doch ſelten irre geführt— wenn er nicht, Trotz ſeiner Pedanterie, ſchon eine ſehr bedeutende Eroberung gemacht hätte, eine Erobe⸗ rung, die unter vielen ihm die meiſte Ehre ma⸗ — 60— 3 chen, und der armen Leonore am gefährlichſten werden könnte. Ich möchte es außer Ihnen Niemand ſagen, denn bis jetzt ſind es bloße Vermuthungen; aber ganz kann ich mir den Triumph über die Nie⸗ derlage dieſer ſtolzen Schönen nicht verſagen, die bis jetzt auf uns arme Geſchöpfe, bey denen ſich unter der linken Bruſt manches Mahl etwas zu regen pflegte, ſo verachtend niederſah. Hören Sie alſo, was ich bemerkt zu haben glaube! Juliane, die ſtolze, ſpröde, majeſtätiſche Juliane iſt verliebt — und das nicht wenig— und das in einen Mann, der der erklärte Liebhaber einer Andern iſt, welche ſie tief unter ſich glaubt, in einen Mann, der au⸗ ßer den gewöhnlichen Höflichkeitsbezeigungen ihr gar keine Aufmerkſamkeit zeigt. Ich weiß nicht, ob ich nicht zu weit gehe, und von meiner, ſo oft von Ihnen belachten, Vorherſehungsgabe wieder ein⸗ mahl einen zu ausgedehnten Gebrauch mache; aber mich dünkt, daß dieſe Verliebung, wenn ich o ſagen darf, wichtige Folge für Leonoren, Blum, d Julianen haben wird. Wir wiſſen alle, daß die etzte nicht gewohnt iſt, eine Idee, die ſie einmahl efaßt hat, ſo leicht wieder aufzugeben; auch iſt ſie viel zu wagen im Stande, und endlich wird ih⸗ e Abneigung gegen Leonoren durch dieſes Ereig⸗ iß wo nicht vermindert, ſondern vielleicht— ich .—— 3— 61— 13 kenne Jullanen— zum entſchiedenen Haſfe wer⸗ den. Auf der andern Seite höre ich, daß Blum mit Leonoren und ihrem Aufenthalte in dem ge⸗ räuſchvollen Hauſe nichts weniger als zufrieden iſt, Leonore aber viel Geſchmack an der Welt zu finden ſcheint. überdieß rückt Wallner ihr immer näher⸗ und fängt an, die Feſtung nach allen Regeln zu belagern. Dieß Alles zuſammen genommen⸗ läßt mich eine recht unterhaltende Komödie erwarten, bey welcher ich eine zwar müßige, aber theilneh⸗ mende Zuſchauerinn ſeyn werde, und ich bin äu⸗ ßerſt neugierig, was aus dem Zuſammenſtoße ſo vieler entgegen geſetzter Neigungen und Abſichten, bey Menſchen von ſo ganz verſchiedenen Charakte⸗ ren, entſtehen wird, wer ſeine Plane am feſteſten und zweckmäßigſten ausführen, und zuletzt Sieger bleiben wird. Kommen Sie nur bald zurück, mein Freund, daß ich mich mit Ihnen gemeinſchaftlich an dem intereſſanten Schauſpiele ergetzen kann; 1 denn ſo allein genoſſen hätte es nicht die Hälfte des Reizes für mich. Leben Sie wohl, lieber, theurer Adolph! eilen Sie, Ihre Geſchäfte zu ſchließen, und denken Sie, daß ich Sie mit liebevoller Ungeduld erwarte! Reunter Brief. Leonore von Brandner an Thereſe Friedberg. H** den 15. Auguſt 1797. Di düſtern Ahnungen, die ich mir vergeblich auszureden, und für Schwärmerey zu erklären ſuchte, bewähren ſich leider immer mehr. Es iſt nicht mehr alles ſo, wie es ſeyn ſollte. Blum iſt verändert. Die Bekanntſchaft mit mehreren Men⸗ ſchen, die große Welt hat ſeine Ideen von dieſer und den Menſchen ſehr tief herabgeſtimmt, ſein zartes Gefühl peinlich geſpannt, ſeine Reizbarkeit bis zum übertriebenen erhöht, und überhaupt ſei⸗ nen Hang zum Argwohn und zur Eiferſucht unend⸗ lich vergrößert. Bey mir hat ſie die blöde Schüch⸗ ternheit vermindert, meine grotesken Anſichten von der Verderbtheit der Menſchen haben ſich der Wahr⸗ heit und Duldung mehr genähert, meine ſchwär⸗ meriſchen ſeengen haben von ihrer Span⸗ — 63— nung verloren, und der leichte fröhliche Umgang, die Eleganz und Zerſtreuung des Lebens, das mich umgibt, erhalten meine Seele in einer angenehmen Schwebung, welche meinem ſonſt zu reisbaren Ge⸗ fühle ſehr wohl thut. Wir haben oft Erörterungen darüber, die leider nicht immer mit der gehörigen Sanftmuth und Kälte geführt werden. Ferdinand macht mir häufige Vorwürfe, bald über meinen Anzug, bald über die Zerſtreuungen, denen ich mich zu ſehr überlaſſe, wie er meint, bald über meinen umgang mit dieſer oder jener Perſon, bald über meine Lebensordnung; kurz es geſchieht faſt nichts, an dem er nicht etwas zu tadeln hätte, das er nicht anders wünſchte. Ich fühle wohl, daß er in den meiſten Stücken im Grunde Recht hat; aber er geht zu weit, und beſonders— das iſt gewiß keine Selbſttäuſchung— fehlt er in der Weiſe, wie er mich tadelt. Ach, Thereſe! ich fürchte, unſere See⸗ len verſtehen ſich nicht mehr ſo rein, ſo ganz, ſo ſchnell, wie einſt; und es wird lange brauchen, und noch mancher Kampf überſtanden werden müß ſeneehe jenes ſtille harmoniſche Verhältniß, in dem wir einſt beyde unſer Glück fanden, wieder hergeſtellt werden kann. Daß es doch wieder ſo wäre! Daß ich unsbey⸗ de hinüber zaubern könnte über dieſe Zeit der Stürme und Mißverſtändniſſe, welche plötzlich und ſchnell zu heben, jedem von uns nach unſerer tzigen Anſicht der Dinge unmöglich iſt! Wie gern ich meine Hand und alle meine Kräfte dazu biethen wollte, weiß Gott; auch bin ich unſtreitig der billi⸗ gere, parteyloſere Theil. Ich laſſe es zu, daß vie⸗ les anders und den Vorſchriften der Vernunft mehr angemeſſen ſeyn könnte; aber erſtlich kommt es nur auf unſere individuelle Stimmung an, um doch Trotz aller Thorheiten, die rund umher vorgehen, vernünftig zu bleiben, wie es denn überhaupt wohl bey jedem böſen oder verführeriſchen Beyſpiele nicht ſo wohl auf die Macht desſelben, als den Grad unſerer Empfänglichkeit ankommt; und zweytens möchte ich den Stand, das Verhältniß, die Le⸗ bensweiſe auf der Erde kennen, an welchen nicht die Vernunft mit Recht etwas auszuſetzen fände! Es iſt wahr, ich lebe mitten im Geräuſche, ich ha⸗ be mehr Zerſtreuungen, ich verwende mehr Sorge auf meinen Putz, als in dem Hauſe meiner Mut⸗ ter; aber⸗ folgt daraus, daß ich meine morali ſche Geiſtesbildung vernachläſſige, daß ich ſchaal und gedankenlos werden, daß ich mich zur Co⸗ quetterie erniedrigen würde? Mich ergetzt das bun⸗ te Gewimmel, mir entgeht keine der Thorheiten, — Lin und Armſeligkeiten, die da geſchehen, — 65— ich lerne die Menſchen und ihr eitles chten nach luftigen Gütern kennen, ich unterhalte mich mit der Betrachtung der verſchiedenen Charaktere und Abſichten, ich gehe täglich um einige richtige Be⸗ merkungen und Klugheitslehren reicher zu Bette, ich bilde meine Maximen und meinen Charakter. Das iſt doch, wie ich denke, reiner Gewinn, der wahrlich mit einigen kleinen Aufopferungen, eini⸗ gen Abänderungen in meiner einſt gewohnten Le⸗ bensordnung, mit einer gefälligen Nachſicht gegen fremde Wünſche und Schwächen, und einem grö⸗ ßeren Aufwande in Putz, den mir meine Lage un⸗ entbehrlich macht, nicht zu theuer erkauft wird. Ferdinand iſt gewiß äußerſt unbillig; denn er läßt mir von allen dem nichts gelten, und ſieht nichts als Gefahren und Verführungen in allem, was mich umgibt, und ſelbſt dieſe überſpannte Anſicht, dieſe auffallende Parteylichkeit bürgen mir, wenn ich es genau betrachte, für das unbefangene und alſo richtigere Urtheil meines Geiſtes. Wenn es doch möglich wäre, gefipiigeß ſchaften ſo von Einem auf den Andern zu über⸗ tragen, wie man Geld oder Geräthſchaften, die dem Einen mangeln, von Andern entlehnen kann! Wie gern möchte ich Ferdinanden etwas von Wall⸗ ners Gelaſſenheit, von ſeiner oft zu weit⸗ be⸗ Leon. I. Th. 5 66— nen Toleranz, die an Indolenz gränzt, von ſei⸗ ner Gabe, über alles, was er nicht ändern kann, mit gutartigem Witze zu lachen, mittheilen, und dafür in Wallners übrigens ſchätzbaren Charak⸗ ter etwas von Ferdinands überflüſſiger Energie, von ſeiner übertriebenen Strenge legen! Es wür⸗ den, das verſichere ich Dich, zwey ganz vortreffliche Menſchen werden. Was ich thun konnte, ſie einander näher zu bringen, mit einander bekannt zu ma⸗ chen, und durch Umtauſch der Ideen eine Ver⸗ ſchmelzung der Sinnesarten zu bewirken, habe ich oft, aber immer mit ſchlechtem Erfolge, ver⸗ ſucht. Sie fliehen und ſtoſſen ſich ab, wie die gleichnahmigen Pole des Magnets; kein Kunſt⸗ griff und kein offenbares Zureden iſt im Stande, dieſe entgegen geſetzten Naturen auch nur bis auf einen gewiſſen Punet einander zu nähern, und es iſt gerade, als ob Jeder, ſich ſeiner Vorzüge mit übermüthigem Selbſtgefühle bewußt, des Andern Verdienſte, aus Furcht verdunkelt zu werden, nicht neben ſich dulden möchte. Doch auch hier iſt Wall⸗ ner wieder billiger als Blum, der jenen beynahe zu verachten ſcheint, während Wallner ihn zwar nntt ſichtlichem Widerwillen, aber doch immer mit der Achtung, die er Ferdinands Tugenden ſchul⸗ 1 dig iſt, behandelt. Das hat mich oft gekränkt; und ich nehme mir vor, nächſtens mit Blum dar⸗ über zu reden, an deſſen reiner ſchönen Seele ich den garſtigen Flecken des Neids ſehr ungern be⸗ merken würde. Doch man ruft mich in den Gar⸗ ten, weil Geſellſchaft da iſt. Zehnter Brief. Ferdinand Blum an Ludwig Seltig. *** den 20. Auguſt 1797. Weißt Du noch, Ludwig, wie Du meiner lach⸗ reſt, und über meine düſtere Anſicht der Zukunft ſpotteteſt, als wir uns das letzte Mahl auf meiner Herreiſe ſahen? Du ſchalteſt mich einen Schwär⸗ mer, einen Hypochondriſten u. ſ. w., Du mahl⸗ teſt mir Alles im roſigen Lichte, und nach Deiner Meinung war nichts leichter, als Leonoren aus dem Strudel zu reiſſen, der ſie umgibt, und von allen Thorheiten der großen Welt wieder zu den eeinfachen reinen Gefühlen zurückzuführen, die einſt unſer Glück machten, und meines ewig machen würden, wenn ſie daran theilnehmen möchte. Möch⸗ te!— Ja Ludwig! Das iſt das rechte Wort. Aber ſie mag nicht.— Sie hat das Geräuſch und die Zerſtreuungen lieb gewonnen, ihr iſt wohl unter den * 5 ſchaalen Menſchengeſtalten, die ſie umgeben, ihre Ei⸗ telkeit iſt erwacht, und der junge Keim findet nur allzureiche Nahrung auf dem Boden, in dem er ſteht. Das ſind Menſchen, dieſe Schöndorf! Aber gerade ſo, wie ich mir ſie einbildete, nicht zu ver⸗ dorben, um Abſcheu einzuflößen, und doch ſo arm⸗ ſelig, ſo nichtig, daß man ihnen nicht einmahl gut ſeyn kann. Frau von Schöndorf iſt eine ziemlich gute Mutter, eine ziemlich gute Hausfrau, eine ziemlich treue Gattinn, dienſtfertig und höflich; ihr Mann und ihre Kinder, die älteſte Tochter aus⸗ genommen,(ein ſehr ſchönes, aber, wie mich dünkt, ſehr ſonderbares Mädchen) ſind eben ſolche Ge⸗ ſchöpfe, und der Charakter der ganzen Familie iſt Leichtſinn, Eitelkeit, und ein raſender Hang zu Zerſtreuungen. Der Tag, den ſie zu Hauſe allein zubringen müſſen, ſcheint ihnen verloren, und ein Spectakel, ein Feuerwerk, das ſie nicht mit anſe⸗ hen könnten, wäre eine Quelle von Reue und Sor⸗ ge für ſie. Sie fühlen ſich unglücklich, wenn die erwartete Geſellſchaft nicht zahlreich genug ausfällt, und gedemüthigt, wenn eine oder einer ihrer Be⸗ kannten mit einem prächtigeren Putz, oder in ei⸗ ner prächtigeren Kutſche erſcheint. Das allein iſt auch das Ziel ihres Dichtens und Trachtens— glänzen, ſich unterhalten, und nach Allem forſchen was darauf Bezug hat. Und unter ſdieſem Volke kann Leonore der ſeligen, ſtillen, durch Geiſt und Herzensgenüſſe erhöhten Lebensart im Hauſe ihrer Mutter vergeſſen, und an Zerſtreuungen, an Klei⸗ dertrachten und Geſprächen Geſchmack finden, vor denen ſie einſt vielleicht gebebt haben würde! Wel⸗ cher Unterſchied nur in ihrer Art ſich zu kleiden! Wo ſind die anſpruchsloſen, ſittſamen Formen, die⸗ ſe Wahl von Schnitt und Farbe hin, denen man es anſah, daß ſie jedes Aufſehen zu vermeiden ſuchten, und die doch ſelbſt durch ihre liebliche Ein⸗ fachheit Leonoren doppelt ſchön machten? Es iſt wahr, ſie kleidet ſich noch ungleich weniger frey, als alle ihre Geſpielinnen; aber ſelbſt das iſt ſehr wenig geſagt. Sie rennt nicht mit derſelben Gie⸗ rigkeit, wie dieſe, nach allen Zerſtreuungen und Unterhaltungen; aber ſie läßt ſich's wohl gefallen, wenn ſie ſich ihr anbiethen, und ihr gebildeterer Verſtand, ihr feineres Gefühl weiß ſie mit einem Geſchmacke und folglich mit einem Vergnügen zu genießen, das jenen ewig entgeht. Ihre ſchöne Seele ſaugt, wie die Biene, auch aus den ſchlech⸗ teſten Blumen Honig, ach! und von lauter Wie⸗ ſenblumen umgeben, vergißt ſie, daß ſie einſt nur auf Roſen und Lilien lebte! Ludwig! Wenn es möglich wäre, die Erfül⸗ lung einer Pflicht zu bereuen, ſo möchte ich wün⸗ ſchen, mich jetzt nicht außer Stand geſett zu Ha⸗ ben, Leonoren meine Hand auf der Stelle zu bie⸗ then. Ich weiß es, ſie liebt mich noch— warm, innig, wenn gleich nicht mehr ſo hingegeben, wie einſt; ſie würde mir folgen, ſie würde die rauſchen⸗ de Lebensart verlaſſen, mir zu Liebe ſich im An⸗ fange Gewalt anthun, und, nur kurze Zeit in den Taumel verſchlungen, die thörichten Gewohnhei⸗ ten und Sitten der ſchimmernden Welt bald in dem ſtillen Raum unſerer einfachen Wohnung ver⸗ geſſen. Aber es müßte auf der Stelle ſeyn können; ſonſt— ach Ludwig! laß mich das ſchmerzende Geheimniß an Deiner treuen Bruſt ausſprechen!— ſonſt fürchte ich,es möchte zu ſpät ſeyn. Mirſcheint, es ahnet ihr ſelbſt. Ihr Schrecken, als ich ihr je⸗ nes Hinderniß entdeckte, die Heftigkeit ihrer Kla⸗ gen, einige entfallene Worte, alles, alles ſcheint mir anzudeuten, daß ſie ſelbſt den Zuſtand ihres Gemüths und unſer Verhältniß ſehr klar erkennt. und doch ändert ſie nichts, doch verharrt ſie in ih⸗ rer Lebensart, ja ſie findet tauſend Scheingründe, und bedient ſich aller ihrer Waffen im Streite ge⸗ gen mich, wenn ich ihr Vorſtellungen mache, und auf eine Anderung dringe. Es flattert ein Heer von Gecken um ſie; Schönheit und Reichthum, den die — 72— L Sage ſo gern vergrößert, ziehen es an ſie. Leono⸗ re achtet ihrer nicht; aber es ſchmeichelt ihr doch, ſich ſo bewundert, auf jedem Schritt ehrfurchtsvoll begleitet, auf jeden Wink von zwanzig Händen be⸗ dient zu ſehen.— Dieſe alle fürchte ich nicht. Es iſt ein armſeliges Geſchlecht, deſſen Nichtigkeit Leo⸗ nore wohl kennet, nach Verdienſten würdiget, und nur als dienſtbare Geiſter zu ihrer Verherrlichung um ſich duldet. Aber da iſt ein gewiſſer Baron Wall⸗ ner, ein alter Bekannter und genauer Freund des Schöndorf'ſchen Hauſes, eine von den abgeſchliffe⸗ nen glatten Seelen, die in alle Formen paſſen, und von den Wogen der großen Welt ſo auf allen Sei⸗ ten abgerundet ſind, wie die Bachkieſel. Das wüſte Leben der Leute von gutem Ton, wie ſie es nennen, oder vielleicht noch etwas Urgeres, ſpricht deutlich aus dieſen bleichen verfallenen Zügen, welche ſonſt nicht unangenehm, ja ſogar regelmäßig wären, aus den erloſchenen tiefen Augen, aus der ganzen Gei⸗ ſtergeſtalt. Aber er hat Witz, Kenntniſſe, Anſtand, iſt nie verlegen, kann ſtundenlang über lauter Nichts ſprechen, und doch einen ganzen Cirkel unterhalten. Lorchen ſchätzt ihn. Er hat ſich zu ihrem Lehrer und Nathgeber aufgeworfen. Sie hat eine außerordent⸗ lich günſtige Meinung von ihm, und biethet alle ihre Kräfte auf, mich auch zu dieſer Meinung zu bekehren. Das iſt mir nun ſchlechterdings unmög⸗ lich. Mir iſt der Menſch unausſprechlich zuwider, und wie das gewöhnlich wechſelſeitig iſt, ſo fühle ich recht wohl, daß ich ihm auch keine Zuneigung einflöße. Aber ſeine große Artigkeit und die unſe⸗ lige Verläugnung aller Individualität, die eines der erſten Geſetze des guten Tones iſt, geben ihm Kraft, mir mit einer Art von zuvorkommender Gefälligkeit und geheuchelter Achtung zu begegnen, die mich weit mehr empört, als wenn er mir ſeine Abneigung offen zeigte. Lorchen ſieht das, gibt mir wohl mit unter gute Lehren über die Duldung, über die Nothwendigkeit, ſich in allgemein ange⸗ nommene Formen zu fügen, und richtet ihre Re⸗ den immer zwar ganz fein, aber doch nur allzu ſichtlich ſo ein, daß ich wohl fühle, ſie ſtellt mir Wallners Beyſpiel zur Nachahmung auf. Daß mich das verdrießt, daß ich es nicht gelaſſen anhö⸗ ren kann, kannſt Du— kann irgend jemand auf der Welt mir das verargen? Und ſie thut es doch, ſie gibt mir, freylich ſehr verblümt, zu verſtehen, es wäre Anwandlung von Neid, die dem edlen Manne nicht zieme; das echte Verdienſt müſſe frem⸗ des ohne Bitterkeit neben ſich dulden, und ſo wei⸗ ter. Ludwig! Ludwig! Es gehört alle mögliche Faſſung und Gewalt über ſich ſelbſt, und eine Lie⸗ be, wie meine, dazu, um da nicht alle Geduld zu verlieren, wenn man ſich um ſolch eines Menſchen willen belehrt, zurecht gewieſen, geſchulmeiſtert ſieht! Großer Gott! Lorchen, die ſonſt nur an mir hing, deren Gedanken und Gefühle wie Saiten ei⸗ nes gleich geſtimmten Inſtruments mit dem mei⸗ nigen bey jeder Berührung harmoniſch erklangen, ſie, die nichts kannte, nichts dachte, nichts wollte, als für mich und mit mir ſtill und einſam leben, ſie achtet jetzt dieſen Burſchen eben ſo hoch, und vielleicht noch höher als mich, findet Tugenden an ihm, die mir fehlen, rechnet ihm ſeine Charakter⸗ loſigkeit für Edelmuth an, und fordert von mir, ich ſoll mich nach ihm richten, den ich verachte, wie ein ſolches Geſchöpf es verdient. Ludwig! Was wird noch daraus werden? Wird der Zwieſpalt, der in unſern Gemüthern aufkeimt, ſich noch freund⸗ lich löſen laſſen? Wird die alte Ruhe und Harmo⸗ nie wieder kehren? O! ſchreibe mir, daß Du hof⸗ feſt, zeige mir die Thorheit meiner Furcht, wider⸗ lege meine Ahnungen, und ſtehe mir wider mich ſelbſt bey!. Eilfter Brief. Leonore von Brandner an Thereſe Friedberg⸗ H** den 24. September 1797. Wayrlich, Schweſter, Du thuſt mir Unrecht, wenn Du mich einer Untreue gegen Ferdinand zei⸗ heſt, und glaubſt, ich wäre fähig, ihm Wallnern vorzuziehen. Du weißt ja, daß Ferdinand meine erſte, meine einzige Liebe war. Schon im Flügel⸗ kleide kannten wir uns, ſchon damahls zog er mich allen Mädchen, und ich ihn allen Knaben vor, ſchon damahls fand mein ſchwächeres Gemüth in ſeinem ernſten Charakter die Kraft und Selbſt⸗ ſtändigkeit, die mir ſelbſt mangelte. Zutrauensvoll ſchmiegte ich mich an ihn, und er war ſchon als Knabe nicht bloß mein Spielgefährte, auch mein Vertrauter, mein Beſchützer, mein Nathgeber. Mei⸗ ne Mutter ſah mit innigem Wohlgefallen dieſe kindiſche Zuneigung wachſen, und weidete ſich an dem Gedanken, daß ihre Tochter und der Sohn ihres ihr noch immer theuern erſten Jugendfreun⸗ des einſt mit einander jenes Glück erreichen ſoll⸗ ten, das ihnen beyden vom Schickſale verſagt wor⸗ den war. Alles, was in unſer Haus kam, liebte den edlen, ſchönen Knaben, ich hörte nichts als ſein Lob, meine Liebe zu ihm wuchs mit jedem Tage, und ich ſog ſie, ſo zu ſagen, mit der Luft ein, die mich umgab. Es ſiel mir nicht ein, zu denken, daß es außer ihm noch liebenswürdige Jünglinge gäbe. Meine Bekanntſchaften waren klein, meine Anſich⸗ ten der Welt beſchränkt. So kam ich in dieß Haus. Glaube nicht, daß es Eitelkeit iſt, wenn ich Dir bekenne, daß viele junge und mitunter artige Män⸗ ner ſich an mich wandten! Man wußte, daß ich Vermögen hatte, und neu war ich ihnen auch, theils durch meine gänzliche Fremdheit, theils durch die etwas ungewöhnliche Stimmung meines Charak⸗ ters. Ihre Bewerbungen, ihr Beſtreben, mir zu gefallen, erfüllten mich zuerſt mit einer ängſtlichen Furcht, ja mit Widerwillen; ich betrachtete mich als Ferdinands Verlobte, als ſein Eigenthum, und iede Annäherung eines dritten als einen Eingriff in ſeine Rechte. Juliane— ich liebe das Mädchen nicht, denn ſie iſt mir zu kalt, zu herriſch; aber ſie hat Verſtand und Menſchenkenntniß— Juliane „ 3 ſah meine Angſtlichkeit und das thörichte Betra⸗ gen, wozu meine überſpannten Begriffe mich ver⸗ leiteten. Sie redete mir zu, ſie ſtéllte mir die Sa⸗ che in ihrem gehörigen Lichte dar; ich ſah ein, daß man ein Heer von Gecken unbekümmert vor ſich ſchwärmen laſſen könne, ohne daß das Bild des geliebten Freundes auch nur auf eine Minute in unſerer Seele verdunkelt würde. Ich wurde ruhi⸗ ger, ſah dem Spiele zu, und jetzt, ſtatt mich zu ängſtigen, beluſtigt es mich. Natürlicher Weiſe führ⸗ te mich das zu einer näheren Bekanntſchaft mit ihnen, zu Vergleichen zwiſchen ihnen und Ferdi⸗ nand, bey denen ſie freylich alle tief, tief hinunter ſanken. Endlich lernte ich auch Wallnern näher ken⸗ nen. Ich konnte nicht umhin, auch ihn zu beobach⸗ ten, zu vergleichen; aber bey dieſem war es nicht derſelbe Fall. Er gehörte nicht in jene Claſſe, er bewarb ſich nicht um mich, er ſagte mir keine Schön⸗ heiten vor, und trat nicht als Liebhaber, ſondern als ein älterer erfahrner Freund auf, der voll Wohl⸗ wollen und Klugheit das unerfahrne Mädchen zu leiten, und ſie mit den in ihrer Lage nöthigen Kennt⸗ niſſen zu bereichern ſucht. So mußte ich ihn betrach⸗ ten. Ich liebe Ferdinanden einzig und treu, aber ich ſchätze Wallnern; und wenn Blums Edelmuth⸗ die Jartheit ſeiner Gefühle mich mit Liebe und Ehr⸗ furcht erfüllen, ſo kann ich doch nicht umhin, auch des Andern gebildetem Verſtande, ſeinen vielſeiti⸗ gen Kenntniſſen Gerechtigkeit widerfahren zu laſ⸗ ſen, und ihm für die Mühe, die er ſich mit mir nimmt, dankbar zu ſeyn. Das beeinträchtigt ja Fer⸗ dinanden nicht, ſo wenig, als es z. B. Julianens regelmäßiger Schönheit nachtheilig iſt, wenn ich bemerke, daß auch Frau von Valſin und Liſette, iede auf eine andere Art, angenehm gebildet ſind. Wallner iſt beſtändig heiter und ſanft, was Fer⸗ dinand nicht immer, und jetzt ſeltner als je iſt. Wenn er einen Fehler an mir bemerkt, ſo rügt er ihn mit ſanfter Schonung, und weiſt mich liebreich zurecht. Wenn Blum etwas zu tadeln findet— und wann fände er das nicht?— ſo wird er finſter und einſylbig, und es braucht Stunden, bis ich die Ur⸗ ſache ſeines Mißmuths erfahre. Ja, dieſer iſt oft ſo ſtark, und ſeine Außerungen desſelben ſind ſo offenbar, daß nicht ſelten mehrere aus der Geſell⸗ ſchaft ſie bemerken, und bey der Bekanntheit un⸗ ſerer Verhältniſſe ſetzt mich das ſehr in Verlegen⸗ heit. Schon öfters, wenn ſo ein Zwiſt entſtand, erzählte mir Juliane dann, was ſie bemerkt hatte, und wenn ich ihr's auch hätte läugnen wollen, ſo würden meine Verlegenheit und meine Schamröthe ihr ſchon alles verrathen haben. Das ſind denn . ſehr unangenehme Scenen, deren Pein mir Blum doch wohl erſparen könnte, und in die Wallners feiner Ton, wenn ich in demſelben Verhältniſſe mit ihm wäre, mich gewiß nicht bringen würde. Wallner iſt beleſen, und ſein unerſchöpflicher Witz macht oft die Freude eines ganzen Eirkels. Blum iſt in großer Geſellſchaft nicht ſelten verlegen, und die rührende Beredſamkeit, die im Kreiſe ſeiner Freunde von ſeinen Lippen ſtrömt, verſiegt gans in gemiſchten Cirkeln oder vor Fremden. Jener hat den feinſten Weltton, und einen überaus ſiche⸗ ren Tact, Jeden, der ihm vorkommt, ſogleich aus⸗ zunehmen, und die einzig wahre Art zu finden, wie er ihn behandeln muß. überall iſt er zu Hauſe, in großer Geſellſchaft wie im kleinen Kreiſe, nichts macht ihn verlegen, nirgends ſpielt er eine trau⸗ rige Figur; nur habe ich bemerkt, daß ihm die Zeit unter wenigen Perſonen eher lange zu werden ſcheint, und ihm überhaupt jene ſchöne Wärme mangelt, die Ferdinanden bey ſolcher Gelegenheit ſo liebenswürdig macht. Seine Züge ſind hübſch, eigentlich regelmäßiger als Ferdinands; aber er hat, da er wenigſtens um zehn Jahre älter iſt als dieſer, die blühende Farbe, den Ausdruck von Ge⸗ ſundheit und Jugendfülle nicht, der Ferdinands Züge ſo ſehr belebt, und der matte Blick ſeines et⸗ — 60— was trüben lichtblanen Auges dringt nicht ſo in die Seele, wie Ferdinands dunkles ſeelenvolles An⸗ ſchauen. Du ſiehſt, ich bin ganz unparteyiſch, ich ſinde an jedem ſeine gute und üble Seite, und die⸗ ſe Unparteylichkeit ſoll Dir für die Richtigkeit mei⸗ ner Wahrnehmungen bürgen, ja ſelbſt die innige Liebe, die Trotz jener bemerkten Fehler noch im⸗ mer für Blum in meiner Seele lebt, ſollte Dir beweiſen, daß dieſe Neigung gewiß von echter Art und ewig dauernd ſeyn wird. Gib alſo Deinen ungerechten Argwohn auf, und höre auf, Dich und mich mit Vorwürfen zu quälen, die gewiß, das verſichere ich Dich, liebe ganz ohne Grund ſind! Zwölfter Brief. Juliane von Schöndorf an Madame Hortenſe Deſengay. H*** den 6. October 1797. Haten Sie von dem Engländer gehört, der ſich erſchoß, weil ihm das alltägliche Aufſtehen, An⸗ kleiden, Eſſen, Auskleiden und zu Bette Gehen unausſtehliche Langeweile machte? Wahrlich, der Mann hatte ſo Unrecht nicht; und wenn ſo ein ganzes Leben hinſchleicht, ohne daß man ſagen kann, wozu und warum, iſt es dann nicht beſſer, lieber gar nicht zu leben? Nun ſind wir wieder in die Stadt gezogen, und das Stückchen vom Naturge⸗ nuſſe iſt für dieß Jahr auf der Lebensbahn ausge⸗ ſpielt. Es bleibt auch gerade ſo viel Wirkung und Eindruck davon zurück, als wenn das Glockenſpiel ſein Liedchen mit der auslaufenden Stunde klin⸗ gelt. Muß ich denn ſo leben? Muß ich von dieſen Menſchen, die ſich alle wie Maſchinen in dem ein⸗ Leon. I. Th. 6 mahl angewieſenen Geleiſe gedankenlos fortbewe⸗ gen, mich auchmitgängeln laſſen? Verdieneich nicht gegängelt zu werden, weil ich es geſchehen laſſe2 Warum bin ich mit in den Garten gegangen, war⸗ um wieder in die Stadt? Warum kleide ich mich? Warum beſuche ich dieſe langweiligen Geſellſchaf⸗ ten? Warum laſſe ich mich in dieſe gehaltloſen Ko⸗ mödien, auf dieſe ermüdenden Promenaden mit⸗ ſchleppen? So möchte ich mich bey tauſend Din⸗ gen fragen; ich frage mich auch oft voll innerli⸗ chem Arger, und ärgere mich noch mehr, wenn ich mir nichts darauf zu antworten weiß! Dieſe Leonore wird mir täglich verhaßter. Es iſt ſo gar keine Kraft, keine Selbſiſtändigkeit in dem armſeligen Weſen, das ſich in ſeiner Schwä⸗ che noch heraus nimmt, manches zu tadeln, was es gar nicht begreifen kann. So habe ich ſie ge⸗ ſtern, als von der Valſin die Rede war, mit lächer⸗ licher Wärme wider die Verbindungen verheirathe⸗ ter Weiber eifern gehört. Sie ſprach von Verle⸗ tzung heiliger Pflichten, von gebrochenen Schwü⸗ ren, von dem Werthe der öffentlichen Achtung u. ſ. w. Das ſind ſo die Popanzen ſchwacher Seelen, die keinen Begriff davon haben, wie ſich ein ſtarkes Gemüth im Gefühle ſeiner Kraft, wenn nur der Endzweck ſchön und groß iſt, über jedes Vorur⸗ theil hinwegſetzen kann. Ich entſchuldige die Valſin ſonſt nicht, denn ich finde, daß ein Mann, wie Van der Werth, die Opfer, die ſie ihm bringt, nicht verdient; aber ich begreife ſehr wohl, daß man für ein Weſen, wie— wie ich nur Eines kennen gelernet habe, ſo viel und noch mehr hingeben kann, daß der Gedanke, von einem ſolchen Manne geliebt zu werden, und in dieſer Liebe den Zweck und die Abſicht eines ganzen Lebens zu finden, alle jene vermeinten übertretungen tauſendfältig ver⸗ gütet und rechtfertiget. Ich begreife, wie man ei⸗ nem Weſen, das durch Energie des Geiſtes und durch Kraft zur Selbſtverläugnung ſich jedes Opfers von unſerer Seite würdig macht, auch jedes Opfer bringen darf und ſoll, ich begreife, wie man für ein ſolches Weſen zu ſterben für leicht halten, und, ſelbſt von ihm getrennt, bloß durch den Gedanken, von ihm geliebt zu werden, noch ſelig ſeyn kann. Ich begreife— o was könnte ich, wenn ich ſo ge⸗ liebt würde, nicht alles begreifen? Und eben dar⸗ um haſſe ich dieſe Leonore, ja ich haſſe ſie, und be⸗ gehre nicht, ein Gefühl zu beſchönigen, das aus der tiefſten Tiefe meines Charakters hervorgeht, und mir unauslöſchlich bleibt. Ihr zum Trotz ha⸗ be ich auch die Valſin vertheidigt, und meine Luſt 6* — 8 ½— ʒeſunden⸗ ſie durch Scheingründe und euſuſ irre zu machen. Während wir zankten, trat Blum ein. Wir trugen ihm unſern Streit vor, ohne die Perſonen zu nennen, die er betraf. O des unſeligen Gedan⸗ kens! Sie hätten ſehen ſollen, mit welchem Ent⸗ zücken in dem blitzenden Auge er ſein ſchwaches Mädchen ihre ſogenannten Grundſätze und heiligen Gefühle vertheidigen hörte, wie die Röthe, die ihre ſonſt bleichen Wangen beym heftigern Reden über⸗ zog, ſie ihm doppelt ſchön zu machen ſchien, wie er ihr Recht gab, und als ich, gereizt durch den Widerſpruch, lebhafter für meine Gründe zu ſtrei⸗ ten anfing, nun mit einer ſiegenden Gewalt und mit einer Beredſamkeit, der ich, überwunden, nicht überzeugt, weichen mußte, die Sache des Unſinns, den ſie Tugend und Recht nennen, zu vertheidigen begann. O ich hätte vor Jorn vergehen mögen! Und ſo geht es immer fort. Er liebt ſie mit ei⸗ nem Eigenſinn, einer Treue, einer Verblendung, die ich nicht faſſen kann. Er nennet ihre Unerfah⸗ renheit Unſchuld, ihre Unbeſonnenheit Wahrheit des Herzens, ihren Mangel an Klugheit Zartheit des Gefühls. Selbſt ihr Geſchmack an der großen Welt, ihr Hang zu rauſchenden Ergetzlichkeiten, ſo eief ſie ſein Gefühl verwunden, und gegen ſeine Denkart anſtoſſen, können ihn nicht vermögen, ihr nur ein Tauſendtheilchen der unbegrenzten Achtung und Liebe zu entziehen, mit der er an ihr hängt, und die mir an einem Weſen, wie er iſt, nur durch eine einzige Rückſicht begreiflich wird. Er hat ſie von ſeiner Kindheit an gekannt, ſie war ſeine erſte, ſeine einzige Liebe; dieſe Empfindung iſt ihm gleich⸗ ſam zur Natur geworden, und er iſt überhaupt das, was man eine Gewohnheitsſeele nennet. Alte Sitten, hergebrachte Formen, ſelbſt lebloſe We⸗ ſen, die er lange unter gewiſſen Beziehungen zu ſehen und zu denken gewohnt war, wirken auf ſein kindlich empfängliches Gemüth, und feſſeln es mit einer bewundernswürdigen Macht. Nur ſo kann ich mir auch ſeine eigenſinnige Vorliebe für ein Ge⸗ ſchöpf, das ihrer ſo wenig werth iſt, erklären; und ihr gebührt denn freylich nicht viel mehr Ehre von der Macht, einen ſo trefflichen Mann ſo lange zu feſſeln, als dem Schranke oder Baum, den er von ſeiner Kindheit an kannte und liebte, und gewiß nur ſehr ungern weggeben oder umhauen laſſen würde. Indeſſen zieht ſich doch ſelbſt über dieſe eigen⸗ ſinnige Anhänglichkeit ein Gewitter zuſammen, das ihr trotz ihrer Feſtigkeit den Untergang droht; und dieß Gewitter geht aus Levnorens eigenem Herzen auf. Es heißt Flatterſinn— Treuloſigkeit. Dem wird doch ſelbſt die ſtarke Natur von Blums Liebe nicht widerſtehen können, dagegen werden weder Gewohnheit noch Vorurtheil aushalten. Wenn er erſt entdeckt, daß er nicht mehr allein ge⸗ liebt wird, daß ein anderer dieß Herz, dem er al⸗ les aufopfert, mit ihm theilt, dann denke ich, wird der unbegreifliche Zauber ſinken, und er wird in ſeiner Heldinn das ſchwache Weib erkennen. Dann verlaſſe ich mich auf die Richtigkeit ſeines Verſtan⸗ des, auf die Zartheit ſeiner Gefühle, um die Hei⸗ lung zu vollenden. Unmöglich wird er das Mäd⸗ chen noch lieben, das er nicht mehr achten kann, und unmöglich wird er ein Mädchen achten können, das ihm— einen Wallner vorzieht. Ihm dieſe überzeugung ſo bald als möglich zu verſchaffen, und der lächerlichen Verblendung, die ihn in meinen und aller Welt Augen herabſetzen muß, ein Ende zu machen, ſoll meine Sorge ſeyn. Ich habe Stoff genug in der Hand, und was mir etwa fehlen könnte, wird Leonorens Unbeſonnenheit und Leicht⸗ ſinn mir reichlich verſchaffen. —— Dreyzehnter Brief. Leonore von Brandner an Thereſe Friedberg. *X den 18. October 1797. Wir ſind jetzt ſeit zehn Tagen wieder in die Stadt gezogen; denn die Abende wurden kühl und lang, und Herr von Schöndorf nebſt ſeinen Söhnen fand es zu unbequem, täglich bey Nacht ſo weit aus der Stadt hinaus zu fahren. Der Garten wurde alſo verlaſſen. Mir that es im Herzen ein wenig weh; denn ich war gern da, und fühlte, daß, wenn gleich unſere Lebensart nichts weniger als ländlich war, ſchon die freye Luft und der Anblick der Pflanzen meinem Geiſte und Körper wohl thaten. Doch das iſt nun nicht zu ändern, und ich muß hier, leider! wie bey mehreren Dingen, mein Gefühl unterdrü⸗ cken. Ach, Thereſe, es gibt immer mehr Stellen in meinen Verhältniſſen, die mich ſchmerzen, und mit der Zeit wund zu drücken drohen. Ich habe eine Entbeckung gemacht, die mir ſo unlieb iſt daß ich mir oft Mühe gebe, mich zu überreden, es ſey Täuſchung, und ich irre mich, eine Entdeckung, vor der mein Herz bebt, und die mich in einen Ab⸗ grund von Rathloſigkeit und Mißmuth ſtürzet. Ich fürchte, Thereſe— ich fürchte, ſage ich— Wallner liebt mich, und es iſt mehr als Wohlwollen und Freundſchaft, was ihn an mich zieht. Stelle Dir dieß recht lebhaft und mit allen ſeinen Folgen vor, und dann urtheile, ob meine Lage verdrießlich, und meine Furcht vor dem, was noch geſchehen wird und kann, gegründet iſt. Du weißt, wie ſehr Blum jederzeit zur Eiferſucht geneigt war, Du kennſt ſeine reizbare Empfindlichkeit und ſeine Verſchloſ⸗ ſenheit, wenn er ſich von jemand, den er liebt, vernachläſſigt glaubt. Rechne noch dazu ſeine übermäßig ſtrengen Forderungen an unſer Ge⸗ ſchlecht, ſeine Vorſtellungen von weiblicher Würde und Zurückhaltung! Auf der andern Seite achte ich Wallnern wirklich, und habe Grund dazu, ſo wie er Anſprüche auf meine Dankbarkeit hat. Ich zittere vor dem Gedanken, daß eine Leidenſchaft, die ewig hoffnungslos bleiben muß, einen edlen Mann unglücklich machen ſoll; ich bin aufgebracht über mich ſelbſt, daß ich die urſache dieſes Un⸗ glücks bin, und habe doch, beſonders, da alles nur b oße Vermuthungen ſind, weder die Kraft noch das Recht, Wallnern mit jener entſchiedenen Käl⸗ te zu begegnen, die den glimmenden Funken wirk⸗ ſam löſchen könnte. Während mich dieſe Gedanken ſo tief quälen, und mir manche Stunde verbittern⸗ trägt auf der andern Seite Blums Betragen al⸗ les bey, um meine Lage noch peinlicher zu machen. Erſt geſtern hatten wir einen ſehr unangenehmen Auftritt, der mir auch eigentlich jene fatale Ent⸗ deckung machen half, und wie ein Blitz die Nacht erhellte, in der ich ſorglos fortging. Du weißt, oder vielleicht weißt Du auch nicht, daß man jetzt die Haare auf dem gänzen Kopfe kurz abzuſchnei⸗ den, und in kleine Locken zu legen pflegt; auch trägt man, ſtatt der gewöhnlichen Urmel von dem Stoſſe des Kleides, gewirkte rmel von weißer oder blaßröthlicher Seide, welche den Arm knapp umſchließen, jede Form mahleriſch bezeichnen, und⸗ mit goldenen Armbändern geziert, der ganzen Fi⸗ gur ein recht Griechiſches Anſehen geben. Die Schön⸗ dorf halten die Modejournale von Paris und Wei⸗ mar. So bald ſie den Kupferſtich von dieſen bey⸗ den Moden erhielten, eilten ſie ſogleich, ſich ſolche Anzüge zu beſtellen, und überredeten mich gleich⸗ falls dazu. Ich weigerte mich lange, beſonders vor dem Haarabſchneiden und den rothen Irmeln; end⸗ 5 2 behalten und ein Kleid mit weißen Tricots haben ſollte. Den nächſten Geſellſchaftstag wollten wir in unſern neuen Anzügen erſcheinen. Ich wag⸗ te es nicht, Blum etwas zu ſagen, und hoffte, der Anblick der viel anſpruchsloſeren weißen Urmel wür⸗ de ihn mit der Mode und mit mir wieder ausſöh⸗ nen. Ach, es ging alles ganz anders!— Der Nach⸗ mittag des geſtrigen Tages kam, mit ihm der Fri⸗ ſeur, welcher den beyden Schweſtern die Köpfe à la Titus zuſtutzen ſollte. Ich ſah eine Weile un⸗ gläubig zuz aber als ich ſah, wie die kleinen zierlichen Ningel ſich um Liſettens ſchön geformtes Köpfchen ſo niedlich ſchmiegten, als der Friſeur mich verſi⸗ cherte, daß man bald gar kein langes Haar mehr tragen, und das lange Geſchleppe als eine unnütze Laſt betrachten würde, als die beyden Schweſtern in mich drangen, ihrem Beyſpiele zu folgen, fing mein Entſchluß an zu wanken. Nun hielt mich nur die Furcht vor Ferdinands Mißfallen. Juliane errieth mich; ſie zog mich auf die Seite, und ſtellte mir vor, daß ich ſelbſt ſehr klein von meinem Freun⸗ de denken müßte, wenn ich ihn fähig hielte, über die Form eines Anzuges, der weder frech noch unge⸗ lich wurben wir ſo weit eins, daß ich mein Haar ſund, noch in irgend einer Rückſicht tadelhaft ge⸗ nennt werden könnte, mit mir zu zürnen. Zürnt er aber doch— ſetzte ſie hinzu— ja dann verdient er, daß Sie ſich um ſolche Launen nicht beküm⸗ mern, ſondern im Gefühle Ihres Rechts Ihren Weg fortgehen, und bey gleichgültigen Dingen die Zuſtimmung, die er ihnen verſagt, miſſen lernen. Sie hatte Recht, das fühlte ich; ich ſchwankte nicht mehr, ich hoffte ſogar, Blum würde an der ſchö⸗ nen Einfachheit des Haarputzes Gefallen finden— und ließ mir denn auch mein Haar verſchneiden, und in Locken legen. Ich fand, daß es ſehr gut läßt, und für jemand, der etwas Beſſeres mit ſei⸗ ner Zeit zu thun weiß, als lange vor dem Spiegel zu ſtehen, weſentliche Vortheile haben muß. Jetzt kamen die Kleider. Aber wie erſchrack ich, als ich auch in dem meinigen rothe Tricots fand! Juliane lachte; ſie hatte mir heimlich den Streich geſpielt. Ich weigerte mich lange, das Kleid anzuziehen. Indeſſen wurde es immer ſpäter; die Geſellſchaft fing an, ſich zu verſammeln, einen andern Anzug hatte ich, im Vertrauen auf dieſen, nicht bereiten laſſen, ich mußte alſo wohl den bittern Entſchluß faſſen, und mich in dieſem vor Blum zeigen. Aber ich nahm mir vor, ihm alles zu erzählen, und mich zu entſchuldigen. Wir kleideten uns an; und ich muß Dir geſtehen, daß wir alle drey ſehr gut aus⸗ ſahen, wie denn überhaupt eine halbweg gute Bil⸗ dung bey der jetzigen Mode ſehr ihre Rechnung findet. Als wir ins Beſuchzimmer traten, wand⸗ ten ſich alle Augen auf uns. Die Mode war noch neu, und hier nicht viel geſehen worden; man um⸗ ringte uns, man überhäufte uns mit Schmeiche⸗ leyen. Jetzt kam Blum; er eilte wie gewöhnlich auf mich zu. Du weißt, er ſieht nicht gut in die Ferne. Plötzlich blieb er ſtehen. Jetzt hatte er mich ganz erblickt. Er warf einen ſcharfen Blick aufmich — verneigte ſich fremd und kalt, wandte ſich um, und ſprach kein Wort mit mir. Ich war außeror⸗ dentlich verlegen; denn mehrere aus der Geſellſchaft hatten dieß Betragen bemerkt, und da ſie unſers Verhältniſſe kenne, wußten ſie's zu meiner Be⸗ ſchämung zu deuten. Am meiſten ärgerte mich's, daß Juliane es geſehen hatte. Sie kam ſogleich mit jenem höhniſchen Lächeln auf mich zu, das ihr ſo ganz eigen iſt, und Trotz ihrer Schönheit ſie in meinen Augen ſehr entſtellt. Und werden Sie das dulden? ziſchelte ſie mir in's Ohr: Iſt das das Betragen eines wahren Freundes? Könnte ſich ein Haustyrann anders benehmen? Nein, fürwahr, Lorchen! Wenn Sie das ſo hingehen laſſen, ſo ſchmieden Sie ſich ſelbſt Ketten, über die Sie einſt bitter ſeufzen werden. Heute, da ich dieſen Worten mit mehr Ruhe nachdenke, ſehe ich wohl ein, daß Julianens herrſchſüchtiger Charakter ſie da Anma⸗ ßungen fürchten ließ, wo ich nur die Wirkung zu ſtrenger Begriffe von Sittſamkeit finde; aber in dem Augenblicke, wo ſie mir's ſagte, noch ganz im Gefühle des beſchämenden Auftritts verloren, dien⸗ ten ſie dazu, meinen ganzen Unwillen gegen Fer⸗ dinand anzufachen, und ich nahm mir vor, mein Recht kalt und entſchloſſen zu behaupten. Das Ge⸗ ſpräch wurde wieder allgemein. Blum hatte ſich unvermerkt dem Kreiſe genähert, der uns umgab; die Herren erſchöpften ſich in Lobpreiſungen der Griechiſchen Moden, und ein ſchaler junger Menſch war einfältig genug, zu ſagen, daß doch weder Franzoſen noch Engländer es mit den Griechen in der Erfindung ſchöner Moden aufnehmen könnten, und daß er ſich nur wundere, warum man keine Modejournale aus Illyrien oder der Türkey hät⸗ te, er würde ſonſt gleich darauf pränumeriren. Die⸗ ſe Albernheit machte alle lachen; nur Blum blieb ernſt und ſagte mit einem äußerſt kalten, beynahe verächtlichen Tone: Glauben Sie denn, daß die alten Griechen das Ding kannten, das wir jetzt mit dem Nahmen Mode bezeichnen? Klima, Le⸗ bensart und Sitte beſtimmten ihren Anzug, wie es bey vernünftigen Menſchen immer ſeyn ſollte, und nicht dem allen zum Trotze die Launen . der Putzhändlerinnen und Schneider, wie bey uns. Nun miſchten ſich Andere in den Streit, der bald lebhafter wurde. Blum ſtand allein gegen die Ver⸗ theidiger der Gräcomanie, und es wurde ſeinen überlegenen Kenntniſſen leicht, ſie alle bald zum Schweigen zu bringen. Das war mir nicht recht; ich miſchte mich alſo auch in's Geſpräch und ſagte: Da es bey Sachen des Geſchmacks ſo ſchwer ſey, ein allgemein gültiges Urtheil zu fällen, indem bey jeder Nation die Begriffe von Schön und Häß⸗ lich conventionell wären, ſo thäten wir doch wohl daran, in ſolchen Fällen die Anſichten der geſchmack⸗ vollſten und gebildetſten Nation der Erde als Richt⸗ ſchnur anzunehmen. Das ſagte ich ſo hingeworfen und ſo kalt, als möglich. Blum hatte mich doch verſtanden. Ich ſah ihn verſtohlen an, ich ſah eine hohe Röthe über ſeine Wangen fliegen. Er ſchwieg einen Augenblick, dann war er ſogleich gefaßt, und antwortete mit ſchneidendem Tone: Nun ſo wer⸗ den unſere Mädchen auch bald öffentlich unbeklei⸗ det tanzen; denn das thaten die Spartanerinnen, und das waren auch Griechinnen. überhaupt ſehe ich, daß man bereits anfängt, ſich dieſer Mode zu nähern. Er warf einen unmerklichen Blick, den ich aber nur zu wohl ſah, auf meinen entblößten Na⸗ cken und meine Arme, verbengte ſich mit halb ſpöt⸗ — tiſchem Lächeln gegen den ganzen Cirkel, und ging zu den Spieltiſchen. Da ſtand ich nun ſtumm und verlegen, und wußte nichts vorzubringen⸗ Den Meiſten aus der Geſellſchaft ging es auch ſo, ein Paar ſahen recht dumm aus, um Julianens Lippen ſchwebte jenes verwünſchte Lächeln, und ich war im Begriff, etwas vielleicht ſehr Albernes zu ſa⸗ gen. Da trat zu meinem Glücke, und recht um mich aus dieſem Fegfeuer der Beſchämung zu er⸗ löſen, Wallner herein. O wie ſo ganz anders war ſein Betragen gegen Blums! Er grüßte mich, und ſein Blick blieb mit ſichtbarem Gefallen, das ſich in einem feinen Lächeln zeigte, an meiner Geſtalt hängen. Aber kaum, daß wir ein paar Worte ge⸗ wechſelt hatten, bemerkte ich, daß er nachdenkend wurde, ſein Blick ſchien ſich zu verdüſtern, nur zu⸗ weilen heftete er ihn brennend und gleichſam ſcheu auf mich, und ließ ihn ſinken, ſo oft ihn mein Au⸗ ge traf. Sein Tiefſinn nahm ſichtbar zu, ſo, daß Liſette ihn ſcherzend darüber aufzog; er läugnete es ihr gerade zu ab, und man ſah, daß er ſich Mü⸗ he gab, munterer zu ſcheinen. Eine Weile darauf fragte ich ihn allein und recht liebreich, ob er Kum⸗ mer hätte. Er ſchwieg; dann heftete er ſein düſter brennendes Auge auf mich, dann ſchlug er es wie⸗ der zu Boden. Ich fragte ihn noch ein Mahl. Ach! — 96— rief er endlich aus: Warum ſind Sie ſo reizend! Iſt es nicht grauſam, einem unglücklichen ein Gut in aller ſeiner Liebenswürdigkeit zu zeigen, dem er auf ewig entſagen muß? Nun war die Reihe zu ſchweigen an mir. Ich erröthete bis in die Haare, das fühlte ich. Er hatte meine Hand gefaßt; ich hatte doch ſo viel Veſinnung, ſie ihm zu entziehen. Baron Wallner! ſtotterte ich endlich: Wirklich, eine ſolche Antwort hätte ich nicht vermuthet; ſonſt — In dem Augenblicke hüpfte Liſette heran, und riß mich, zu meiner größten Freude, aus der ſchreck⸗ lichen Verlegenheit. Ich war verſtimmt. Wallners ſtille Trauer, und dann doch die Kühnheit ſeiner Antwort, ſein folgendes beſcheidenes, faſt ſcheues Betragen, Blums Unart und Hofmeiſterey, alles machte mich tiefſinnig, ärgerlich. Blum hoffte ich doch wenigſtens beym Abſchiede noch ein Mahl zu ſehen, und meinen Verweis anzubringen; aber wie ich mich nach ihm umſah, war er verſchwunden. Ich fragte Julianen um ihn. Er iſt erſt fortgegangen, ſagte ſie: Er näherte ſich Ihnen, als Sie allein mit Wallnern eifrig ſprachen. Sie ſahen ihn nicht gleich, und das wird den gebiethenden Herrn ver⸗ droſſen haben; denn er drehte ſich raſch um, und ging zur Thüre hinaus. Ich wurde noch verdrieß⸗ licher. Nach dem Soupér nahm mich Frau von Schoͤndorf bey Seite, und redete ernſtlich wegen Blum mit mir. Sie ſagte mir, daß ſein ſonderba⸗ res Betragen ihn, und durch ihn mich lächerlich machen müßte, daß ſehr viele von der Geſellſchaft ſeine ſchneidenden Anmerkungen über unſern An⸗ zug gehört, und ſeinen Trotz gegen mich bemerkt hätten, daß dieß nicht die Art ſey, wie man einem Frauenzimmer, das man liebe, ſeine Mißbilligung zu erkennen geben müßte, und kurz, daß ich das nicht leiden ſollte. Ich war beſchämt, verſtimmt, antwortete ihr ziemlich kurz und ſo, daß ſie ſehen konnte, mir ſey mit dieſer Einmengung in meine Angelegenheit nicht gedient; aber der unangeneh⸗ me Eindruck, den dieſe Seene in meinem Gemü⸗ the zurück gelaſſen hatte, das bittere Nachdenken über die immer wachſenden Mißverſtändniſſe zwi⸗ ſchen Ferdinand und mir, die Entdeckung, die ich an Wallnern gemacht hatte, raubten mir den Schlaf, bis ſpät, als ſchon der Tag zu grauen anfing, ein matter Schlummer meine Augen ſchloß. Noch habe ich Ferdinanden nicht geſehen. Ichzittere vor ſeinem Beſuche, auf den ich mich ſonſt gefreuet hatte. Ach, Thereſe! Was iſt aus mir geworden? Was wird noch werden? Ich bin abgeſpannt, übel gelaunt, ängſtlich, mit mir ſelber uneins. Wo iſt der ſüße Friede hin, der mich einſt beſeligte? Ach, mich ha⸗ Leon. I. Th. 7 ben des Lebens Wellen ergriffen, und von den ſtil⸗ len Ufer weggeriſſen, wo ich in dunkler Einſamkeit lebte! Und doch kann ich mich nicht zurückwünſchen in jene Zeit; doch gefällt es mir ind raſchen Treiben und Wirken, das mich umgibt hereſe! Ich weiß ſelbſt nicht, was ich will; aber das weiß ich, daß, wie ruhig oder ſtürmiſch auch mein Leben ſeyn mag, meine Liebe zu Dir doch nie wanken wird. Vierzehnter Brief⸗s Ferdinand Blum an Ludwig Seltig. *** den 26. October 1797. Das geht nicht ſo fort, Ludwig! Es iſt nicht möglich; ich kann es nicht länger mehr aushalten. Wenn Leonore dieſem tollen Leben nicht entſagen kann oder will, wenn ſie ſich in der bunten Nar⸗ renwelt, die ſie umgaukelt, immerfort ſo wohl ge⸗ fällt, wenn andere neuere Eindrücke ſo mächtig auf ihr Herz wirken, daß die alten kaum mehr be⸗ merkt werden— was kann ich für meine Liebe, für das Glück meines Lebens hoffen? Wenn Du ſie jetzt ſehen ſollteſt, Ludwig, Du würdeſt ſtau⸗ nen, und es nicht glauben, daß dieß das Mädchen ſey, das ſo ſtill, ſo ganz nur für das häusliche Le⸗ ben in dem Hauſe ihrer Mutter heranwuchs. Oft kann ich es ſelbſt nicht glauben. Ich ſehe ſie an, ich betrachte mit Erſtaunen dieſe lockend gekleidete 7* wande, mit dem entblößten Nacken, den verräthe⸗ riſch verhüllten Armen, wie ſie ſich leicht und fröh⸗ lich in dem bunten Schwarme bewegt, der ſie um⸗ gibt. Ich vergleiche ſie mit der ſittſamen Geſtalt, die in zierlicher, aber einfacher Kleidung züchtig verhüllt, im Hauſe ihrer Mutter, wie ein milder Genius, waltete, und ich kann mich manches Mahl kaum überreden, daß es dieſelbe Perſon ſey, oder begreifen, wie es möglich iſt, in ſo kurzer Zeit ſein Außeres ſo gänzlich zu ändern. Und doch wa⸗ ren und blieben ihr ſchönes Herz, die edle Einfalt ihres Geiſtes, die Wahrheit ihres Gemüthes noch immer dieſelben, und dieſer anziehende Contraſt ihres Innern mit ihren äußern Umgebungen macht ſie in demſelben Augenblicke, da ich mit ihr zür⸗ nen, da ich ihr ernſte Vorwürfe machen ſollke, mir wieder doppelt liebenswürdig. Es iſt ein Hir⸗ tenmädchen in königlicher Kleidung, eine ſeltene, eine unendlich reizende Erſcheinung in dieſer ge⸗ haltloſen Welt. Aber wie lange darf ich hoffen, daß dieſer Contraſt dauern kann? Werden nicht die Umgebungen, das Beyſpiel, die Verführung mit ſtiller aber ſicherer Gewalt auf ſie wirken? Pird nicht endlich auch ihr Inneres ſich nach ih⸗ rem Uußern formen, das Leben, das für ſie ſo viel Griechiſche Rymphe in dem Se. Reiß hat, endlich auch ihre Grundſätze beſtechen, und die ſchöne Wahrheit ihres Charakters in dem Strudel von Falſchheit und Armſeligkeit zu Grun⸗ de gehen Alles, was ich anwende, um ſie zurück zu iſt vergeblich⸗ Sie ſieht keine Gefahr, und zittert darum vor keiner; ihr reines Herz iſt ihr Bürge für die Sittlichkeit ihrer Handlungs⸗ weiſe, meine Furcht nennet ſie übertrieben, ſchwär⸗ meriſch, und verſichert mich, ich würde ſie endlich eben ſo verlieren, wie ſie ihre unrichtigen Vorſtel⸗ lungen von der großen Welt verloren habe. Ach, dieſe ſchuldloſe Seelein ihrer weiblichen Beſchränkt⸗ heit kennet die empörenden Erfahrungen nicht, die der Mann auf Reiſen und überhaupt in der Welt unter allen Ständen und Lebensarten der Menſchen zu machen gezwungen iſt. Ich habe die ſogenannte ſchöne Welt auf einer ſehr häßlichen Seite kennen gelernt, auf einer Seite, die meinen tief gewurzelten Haß gegen ſie befeſtigte und recht⸗ fertigte. Empört und erſchreckt von dieſen grellen Bildern, nahm ich mir vor, mit Leonoren in die Einſamkeit eines ſtillen unbemerkten Lebens zu flüchten, dort nur ihr, meinen Kindern, meinen Freunden zu leben, und jede Berührung, jede Ge⸗ meinſchaft mit einem laſterhaften Geſchlechte zu meiden. So dachte ich, ſo entwarf ich reizende Plane für die Zukunft, und nun— finde ich Lev⸗ noren mitten in dieſem Strudel, finde ſie mit Luſt, Poffnung aufgeben, ſie daraus zu reißen! Was kann ich nun für meine Entwürfe hoffen? Wird das ſtille Glück, das ich ihr anzubiethen habe, dieß häusliche Leben, nur von Familienſorgen und un⸗ bemerkten Freuden gewürzt, ihren verwöhnten Ge⸗ ſchmack nicht anekeln? O meine Plane, meine Hoff⸗ nungen! Was iſt der Menſch, daß er ſich vermißt, machen! Ludwig, Ludwig! Es iſt noch mehr als dieß, was mich tief bekümmert, und manches Mahl alle Ausſichten für die Zukunft in finſtere Nacht hüllt. Jener Wallner, von dem ich Dir ſchon geſchrieben was ich fürchtete, was ich niemand, kaum mir ſelbſt zu geſtehen wagte, iſt in Erfüllung gegan⸗ gen. Er liebt ſie— oder ſcheint ſie wenigſtens zu lieben, und ſpielt, da er unſere Verhältniſſe kennt, den ehrerbiethigen unglücklichen Liebhaber mit ei⸗ ner Wahrheit und Feinheit, die mich ſelbſt, da ich Leonorens Vorzüge ſo wohl kenne, ſehr oft ver⸗ leiten, zu gkauben, es ſeh Natur und nicht Rolle. überhaupt iſt es ſehr möglich, ja ſogar wahrſchein⸗ mit Wohlgefallen darin, und muß vielleicht jede einen Entwurf auch nur für den künftigen Tag zu habe, nähert ſich Leonoren täglich mehr und mehr; — 5 ſich, daß er ſie wirklich 3 nur die Art, wie dieſer feine Weltmann ſeine Liebe äußert, dieſes ſentimentale ſchüchterne Weſen, das ſolchen Men⸗ ſchen ſo ganz fremd iſt, macht mir die Sache ver⸗ dächtig, und wo die Form erkünſtelt iſt, könnte es da der Stoff nicht auch ſeyn? Dieſer Gedanke kommt aber nie in Leonorens Seele, das ſehe ich wohl; ſie fühlt reines, ach manches Mahl nur zu zärtliches Mitleid mit ihm, und dieß gefährliche Gefühl untergräbt alle meine Hoffnungen. Sie behandelt ihn mit einer ſo zarten Schonung, mit einer ſo milden Achtung, daß ich oft darüber ver⸗ zweifeln möchte. Ich ſtehe darneben, ich muß es⸗ mit anſehen, und darf und kann ihr nicht einmahl Vorwürfe darüber machen. Mein Verdacht iſt viel⸗ leicht ein Kind der Ciferſucht; ich kann Wallnern Unrecht thun, da ich ihn viel zu wenig kenne, um zu beurtheilen, ob ſein Betragen wirklich aus ſei⸗ nem Herzen kommt. Wie könnte ich, ohne zu er⸗ röthen, ohne mich vor mir ſelbſt zu ſchämen, hin⸗ gehen, und Levnoren dieſen Verdacht einflößen?— So ſtehen nun die Sachen zwiſchen uns, und Du ſiehſt, Ludwig, wie peinlich dieſer Zuſtand iſt, den nichts ändern kann, als Leonorens freywillige Ent⸗ fernung aus dieſem unſeligen Hauſe, das ich jedes Mahl aus mehr als einer Urſache mit Widerwil⸗ ältern Tochter geſchrieben. Juliane iſt ſchön, ſi hat Verſtand, Würde, Kenntniſſe, Weltton; aber mit allem dem wird es ihr nie gelingen, Leiden⸗ ſchaft einzuftößen, denn ſie iſt nicht liebenswürdig.“ Ein abgemeſſenes Betragen und eine ſonderbare Denkungsart über die wichtigſten Gegenſtände der menſchlichen Wünſche und ihre Verhältniſſe ma⸗ chen ſie zugleich intereſſant und abſtoſſend. Sie hat Grundſätze und Feſtigkeit, ihnen zu folgen, möge auch der Weg, der dazu führt, über das Glück ih⸗ rer Nebenmenſchen hingehen. Sie wird von hun⸗ dert Gecken, die ihre Schönheit und ihr Reichthum locken, umflattert. Kalt und ungerührt nimmt ſie ihre Huldigungen an, als einen ſchuldigen Tribut, und ſie dienen ihr nur dazu, ihre Verachtung ge⸗ gen das menſchliche, vorzüglich aber gegen unſer Geſchlecht zu beſtärken. Ich fühlte mich daher an⸗ genehm überrafcht, als ich mich, von dem erſten Augenblicke unſerer Bekanntſchaft an, von dieſem ſeltenen Mädchen mit einer Achtung behandelt ſah, deren ſich ſonſt kein anderes Weſen, ſelbſt ihre Al⸗ tern nicht rühmen konnten. Ich erwiederte dieß Gefühl um ſo viel lieber, da ihr Charakter, Trotz ſeiner grellen Züge, viel Schätzbares hat, und auch Leonore ſchien ſich in dem Gedanken zu gefallen, len betrete. Ich habe Dir vielleicht ſchon von der pfe freundlich ausgezeichnet wurde. So ging es eine Weile recht gut fort; ich unterhielt mich gern mit Julianen, da ihr gebildeter Verſtand und ihre ſonderbare Anſicht der Dinge mich angenehm be⸗ ſchäftigten. Oft, wenn Leonore— was leider nicht ſelten geſchieht— nicht zu Hauſe war, oder wenn ſie Abends am Claviere ſaß, ſprach Juliane ſtun⸗ denweiſe mit mir, und, Ludwig— ich bin kein Geck, mir iſt ein eitler Mann höchſt verächtlich, Du wirſt mich nicht mißverſtehen, mich keiner Lä⸗ cherlichkeit zeihen— ich fühlte endlich, ich mußte wohl fühlen, was ich außer Dir Niemanden auf der Welt, ſelbſt Leonoren nicht entdecken darf, daß Juliane einer Empfindung Raum gab, die mehr als Achtung war. Jetzt iſt ſie meine unverſöhnliche Feindinn. Sie behandelt mich zwar mit kalter Höf⸗ lichkeit; aber ſie haßt mich und Leonoren, das ſehe ich nur zu wohl, beſonders da dieſe Julianen ge⸗ rade in allen den Dingen, die ein Weib unwider⸗ ſtehlich machen, weit übertrifft. Unter dieſen Um⸗ ſtänden iſt jeder Beſuch, den ich dort mache, ein wahres Opfer, das nur die Freude, Leonoren zu ſehen, vergüten kann. Weißt Du wohl, daß mich meine Tante Leſ⸗ ſert ſehr götig eingeladen hat? Ich ging hin, wie ſich's verſteht, obwohl nach den Mißverſtändniſſen. die zwiſchen uns gewaltet hatten, dieſe Einladung mir fremd und nicht ſehr angenehm war. Aber ich fand zu meinem Vergnügen mich ganz in meiner Erwartung betrogen. Ich wurde von der Mutter als Neffe, als Sohn, kann ich ſagen, von Babet⸗ ten als Bruder aufgenommen und behandelt. Das Mädchen hat ſich zu ihrem Vortheile verändert, ſie iſt ſehr hübſch geworden, obwohl ich nicht ſa⸗ gen könnte, daß dieſe Art von Schönheit mir in⸗ tereſſant wäre. Sie iſt, was man ein Doſenſtück⸗ chen nennt, und der Ausdruck ihrer, übrigens an⸗ genehmen, Züge gefällt mir nicht ſonderlich. In⸗ deſſen hat ſie ein gutmüthiges, munteres Weſen, das mich aufheitert und zerſtreut. Von dem, was einſt vorgefallen war, von allen alten Planen und Projecten war gar keine Rede mehr, ſelbſt die ent⸗ fernteſten Beziehungen wurden mit Schonung ver⸗ mieden, und mein Herz weiß ihnen warmen Dank dafür. Mir iſt wohl in dieſem Hauſe; ich fühle mich nicht ſo fremd, als ſonſt überall, und in mei⸗ ner jetzigen Lage hat dieſes Verhältniß doppelten Werth für mein wundes Herz. Es bedarf freund⸗ licher Behandlung, herzlichen Wohlwollens; und das finde ich im Hauſe meiner Verwandten, und bitte ihnen im Stillen mit wahrer Reue alles das inrecht ab, das ich ihnen durch meine falſchen Vorſtellungen ſo lange Zeit that. Zu meiner Schwe⸗ ſter komme ich ſelten. Sie konnte mir meine Liebe für Leonoren nie verzeihen, und der Triumph, den ihr Leonorens Betragen gegen Wallner und mich zu gewähren ſcheint, iſt zu ſüß für ſie, als daß ſie mir ihn nicht ziemlich unſchweſterlich bey jeder Gelegenheit fühlen laſſen ſollte. Sie iſt auf's ge⸗ naueſte von allem unterrichtet, was bey Schön⸗ dorf vorgeht, obgleich ſie nie in das Haus kommt; aber Du weißt, es war von jeher das Ziel ihres raſtloſen Strebens, alles zu erfahren, was andere Leute thun, und da ſie nur zu viel Geiſtesſchwe⸗ ſtern hat, ſo kann es ihr nicht fehlen, die Nach⸗ richten und Neuigkeiten aus der ganzen Stadt zu⸗ ſammen zu bringen, ganz ſo falſch und entſtellt, wie der Ruf durch den Mund klatſchhafter Weiber die Begebenheiten zu verbreiten pflegt. Mich pei⸗ nigt dieſe Allwiſſenheit ganz unausſprechlich, um ſo mehr, da ſie gemeiniglich ganz falſch berichtet iſt, und nur höchſtens der Stoff, nie aber die Form ihrer Geſchichten wahr iſt, und da ihre Ab⸗ neigung gegen Leonoren, und die Freude, Recht zu haben, ſie, vielleicht ihr ſelbſt unbewußt, zu klei⸗ nen Verdrehungen und Zuſätzen verleitet. Aber ich ſehe, daß ich fürchterlich viel geſchrieben habe. Wenn Du nur nicht ſo müde vom Leſen wirſt, als ich es ſchon vom Schreiben bin! Doch es iſt Bedürfniß meiner Seele, mit Dir zu reden, und was im mündlichen Geſpräche geſchieht, thut auch das ſchriftliche; ich habe mich ruhiger, heiterer ge⸗ ſchrieben, wie ich mich ſonſt ruhiger glaubte, wenn ich an Deiner Bruſt mein volles Herz ausgießen konnte. Fünfzehnter Brief. Leonore von Brandner an Thereſe Friedberg. ***den 6. November 1797. J habe einen peinlichen Auftritt mit Blum ge⸗ habt, eine Erklärung, die keines von uns Beyden zufrieden ſtellte. Er hat mir ſanfte, aber ſehr ein⸗ dringende Vorwürfe gemacht. Ich ſuchte mich zu vertheidigen, und mein offenbares Recht zu behaup⸗ ten. Er wurde bitter, ich heftig, und endlich brach ich in Thränen aus. Er erſchrack, er ſuchte mich zu beſänftigen— aber wie beſchämend!— ſo wie man ein Kind beſchwichtigt, das über ein zerbro⸗ chenes Spielzeug weint, voll Gefühl ſeines Rech⸗ tes, voll erniedrigender Herablaſſung zu meiner Schwäche! O meine Thereſe! Iſt das noch Fer⸗ dinand 2 Bin ich noch Lorchen, die einſt keinen Ge⸗ danken, keinen Wunſch hegte, der nicht volle ein⸗ tönende Antwort in des andern Herzen fand? Er hat ſo viel an mir zu tadeln, meinen Geſchm meinen Umgang, meine Gefühle. Sollte das ei Mann, der innig liebt? Sollte nur er Luchsau⸗ gen für Fehler haben, die außer ihm niemand be⸗ merkt? Wallner tadelt mich auch zuweilen; aber ſein Tadel trifft nur Verſtöße gegen geſellſchaftliche Formen. Das, was meine Perſönlichkeit ausmacht, meine Denkart, meine Empfindungsweiſe, iſt ihm ganz recht, ja ich ſehe, daß er ſie ſchätzt. Ach, The⸗ reſe! Es wird mir immer deutlicher. Er iſt ſeit einiger Zeit, beſonders aber ſeit jenem Abend, ganz verändert: er iſt ſtill, in ſich gekehrt, einſylbig, finſter geworden. Er vermeidet mich, er ſpricht wenig, am wenigſten mit mir, iſt in Gedanken ver⸗ loren, und ermannt ſich nur zuweilen, wenn ihn jemand anſpricht; dann ſcheint er wie aus einem Traume zu erwachen, und gibt ſich Mühe, heiter zu ſcheinen. Plötzlich verfällt er in eine ausgelaſ⸗ ſene Luſtigkeit, die ihm eben ſo fremd iſt, als jener Tiefſinn, ſingt, lacht, ſcherzt, und ein Blick, den er auf mich wirft, ein Wort, das ich ſpreche, verſenkt ihn augenblicklich wieder in jene Schwermuth. Sprich, was ſoll ich thun? Wie ſoll ich mich ge⸗ gen ihn benehmen?2 Nur erſt geſtern kam er nach Tiſche zu dem Sohn vom Hauſe, mit dem er zu⸗ weilen Geſchäfte yat. Schöndorf war nicht zu Hau⸗ ſe, Wallner mußte warten; wir waren alle aus⸗ gefahren, etwas einzukaufen. Wie wir nach Hauſe gekommen, und in's Beſuchzimmer treten, wo mein Fortepiano ſteht, finden wir Wallnern, der uns nicht hört, nicht ſieht, am Fortepiano ſitzen, und ſein Geſicht in den verſchränkten Armen verbergen. Ich erſchrack, als ich ihn ſo ſah. Juliane trat zu ihm, klopfte ihn auf die Schulter, und als er er⸗ ſtaunt auffuhr, rief ſie: Guten Morgen, Baron Wallner! Wie hat das Nachmittagsſchläfchen ge⸗ ſchmeckt? Erwar verlegen entſchuldigte ſeine Stel⸗ lung mit heftigen Kopfſchmerzen, und ſah dabey ſo bleich und trübe aus, daß es ihm die Geſellſchaft gern glaubte. Er entfernte ſich auch, ſobald es der Anſtand zuließ. Als er fort war, und jedes ſich in ſein Zimmer begeben hatte, ging ich noch ein Mahl an mein Fortepiano, um zu ſehen, was er da ge⸗ macht habe. Auf dem Pulte lag eine von meinen Arien, die vorher nicht da gelegen hatte, aufge⸗ ſchlagen, nähmlich die aus Salieri's Ciffra: Sola e mesta fra tormenti Passerò languendo gli anni, E faro de mici lamenti Campi e selve risuonar. Ah perché spietato amore Nell mio cuor entrasti mai 2 Perché vidi i cari rai, Onde appresi a sospirar! Wallner hatte ſie zur Hälfte geſpielt, und war dann wahrſcheinlich in jene Träumereyen verſunken. Was denkſt Du von dieſer Scene? Und wie ſoll ich mich wohl gegen einen Mann betragen, der mich zu lieben ſcheint, ohne es zu geſtehen, der mich mit mehr Intereſſe behandelt, als ich, die Geliebte eines Andern, vielleicht geſtatten ſollte, und doch wieder mit zu viel Beſcheidenheit, als daß ich die Waffen, welche Vernunft und Redlichkeit mir nach einer Erklärung in die Hand geben wür⸗ den, gegen ihn brauchen könnte. Geſtehe, Thereſe, daß mein Verhältniß zu ihm ſonderbar, aber wahr⸗ lich ſehr zart und oft peinlich für mich iſt! Ach, was drohen mir hier von Blums Seite für Stür⸗ me, wenn er erſt Wallners Betragen genauer be⸗ merken, und die Empfindungen darin finden wird, welche ſeinem ſcharfen Blicke unmöglich lange mehr entgehen können! Was ſoll ich dann thun? Wie ſoll ich Blums allzu argwöhniſche Liebe, und Wallners ſtille trau⸗ ernde Empfindung ohne ſchmerzliche Auftritte von uchen? O, dieſe drückenden Beſorgniſſe ſt⸗ ren oft meinen Schlummer, und beſchäftigen mei⸗ ne ganze Seele! Um mir noch mehr Verdruß zu machen, habe ich ſeit einiger Zeit bemerkt, daß eine Frau, für deren Geiſt und Herz ich bisher die reinſte Achtung hatte, eine Frau, deren liebenswürdiges Betragen in der Welt, deren häusliche Tugenden ich Thö⸗ rinn mir oft zum Muſter dargeſtellt hatte, mit ei⸗ nem Worte, Frau von Valſin, ſich einer Schwach⸗ heit ſchuldig macht, die ich nach meinen Begriffen keinem Weibe, am wenigſten aber einer Frau von Kenntniſſen und gebildetem Geiſte, verzeihen kann. Daß ſie ihren Mann, der um dreyßig Jahre älter iſt als ſie, der ſie an den Vergnügungen der Ju⸗ gend und der großen Welt nur ſehr ungern Antheil nehmen läßt, der durch ſeine böſe Laune ihr häus⸗ liches Leben verbittert, nicht lieben kann, das be⸗ greife ich wohl, und ſchätzte bey der Kenntniß ihrer Lage bisher recht innig die gute Art, mit der ſie öffentlich und in ihrem Hauſe den mürriſchen Al⸗ ten zu behandeln pflegte. Aber daß ſie ſich für die traurigen Stunden, die er ihr macht, durch ein Verhältniß mit einem jungen Manne, dem Grafen Van der Werth, zu entſchädigen ſucht, daß ſie die Leon. I. Th. 3 — 114— Gefühle, für die nun freylich ihr Mann keine Sinn hat, einem Fremden weiht, daß ſie den Schwur verletzt, den ſie feyerlich am Altare ableg⸗ te, das kann ich ihr nicht verzeihen, denn ich halte es für pflichtwidrig; und die Welt mag noch ſo gleichgültig darüber hinſehen, ich finde jedes ſolche oder ähnliche Verhältniß höchſt ſelten zu entſchul⸗ digen, aber in keinem Falle zu rechtfertigen. Zwar bin ich, ſo wie die Valſin bisher mir erſchienen iſt, beynahe überzeugt, daß ihre Neigung zu Van der Werth immer in den Schranken des Anſtandes und der Tugend bleiben wird, däß ſie nicht fähig iſt, einen Fehltritt zu thun, oder was noch niedriger wäre, Geſchenke von ihrem Geliebten anzunehmen. Die Welt aber, die nur nach dem Scheine richtet, urtheilt nicht ſo ſchonend, und obwohl ſie in ihrer Gleichgültigkeit gegen ſolche Verbindungen ſie nicht mit dem Widerwillen betrachtet, mit dem ich oder Du ſie anſehen, ſo macht doch ſelbſt dieſe Gleich⸗ gültigkeit, daß ſie ſich nicht die Mühe gibt, feine Unterſcheidungen zu machen, und Bedürfniſſe des Berzens von niedriger Wolluſt oder verächtlicher Speculation zu unterſcheiden. Gest une femme, qui a une intrigne, heißt es, und ſo wird die edle Valſin ohne Rückſicht auf ihre Lage, ohne Schonung für die feineren Bedürfniſſe eines gebildeten Geiſtes und Herzens mit dem Tro⸗ der ſogenannten galanten Weiber vermengt. Bey dieſen Verhältniſſen iſt es mir doppelt nnan⸗ genehm, daß Frau von Valſin mich mit ſo vieler Güte und Auszeichnung behandelt. Ich muß jede Woche einen oder zwey Abende bey ihr zubringen, oft bey ihr ſpeiſen, ſie in's Theater, auf Spatzier⸗ gänge begleiten u. ſ. w. Es iſt wahr, ich fühle mich nirgends ſo unterhalten, wie bey ihr, Geiſt und Geſchmack finden da ihre volle Rechnung, und ihr Uumgang iſt eben ſo liebenswürdig als unterrich⸗ tend; aber es iſt mir unbehaglich, jenes Verhält⸗ niß mit Van der Werth bemerken zu müſſen, das ich nun einmahl nicht billigen kann, und doch nicht tadeln darf, es iſt mir peinlich, mit ihr öffentlich zu erſcheinen, wenn Van der Werth dabey iſt, und das iſt ſehr oft. Wenn es mir nur gelänge, einmahl recht herzlich mit dieſer ſonſt ſo liebenswürdigen Frau zu ſprechen! Glaubſt Du nicht, Schweſter, daß eine Erklärung von meiner Seite über die Art, wie dieſe Verhältniſſe mir erſcheinen, und vielleicht eine recht feyerliche, ſchweſterliche, treue Aufforderung, ganz ihren Pflichten zu leben, in ihrer ſtrengſten Erfüllung allein ihr Glück zu ſu⸗ chen, und nicht allein tugendhaft zu ſeyn, ſondern es auch zu ſcheinen, Eindruck auf ihr gewiß un⸗ 8 — 6 verdorbenes Herz machen, und viellet eſegr Folgen haben würde? Ach, ich habe mich oft ſchon im Stillen an dieſen Gedanken geweidet, ich habe auch ſchon ein paar Mahl, wenn ich mit ihr allein war, leiſe auf den Anfang eines ſolchen Geſprä⸗ ches hin geſpielt; aber es iſt, als ahnete ſie, wo ich hinaus will, ſie weiß jederzeit meinen Plan zu vereiteln, und ihr gewandter Geiſt entſchlüpft mir, ſobald ich ſie irgend wo feſt halten will. Ich ſprä⸗ che ſehr gern mit Blum darüber; aber ich wage es nicht, mein Verhältniß zu dieſer Frau zu berüh⸗ ren, und von ihrer Verbindung zu ſprechen. Er denkt noch viel ſtrenger als ich, ja ſtrenger, als Vernunft und Tugend fordern. Seine Ideen von der Verderbtheit der Welt grenzen an Pedanterey; er würde ſich ereifern, ſie in Eine Claſſe mit den verworfenen Weibern ſetzen, er würde meinen Um⸗ gang mit ihr verdammen, meine Plane für aben⸗ teuerlich halten, und mich vielleicht bey unſerer Liebe beſchwören, nicht mehr mit ihr umzugehen. Dann müßte ich ihm entweder geradezu Trotz bie⸗ then, und dadurch— ach, Thereſe, meine Seele ſchaudert vor dem Gedanken!— ſeiner Liebe ent⸗ ſagen, oder ich müßte ſeine Bitte erfüllen. Das will ich auch nicht; ich will mir den Genuß, den äe und ihre Geſellſchaften mir gewähren, die wah⸗ 117 Schwelgerey für meinen Geiſt und Geſchmack, nicht durch ängſtliche Furcht rauben laſſen, und überhaupt Blum nicht gewöhnen, ſolche Opfer, die meine Vernunft nicht gut heißt, von mir zu for⸗ dern und zu erhalten. Vielleicht zeigt ſich einſt un⸗ verhofft ein Mittel, alle dieſe feindlichen Kräfte zu vereinigen, und den Knoten meines Schickſals, der ſich immer feſter zuſammen zu ziehen ſcheint, freundlich zu löſen. Dieſe Hoffnung ſoll mich hal⸗ ten, Thereſe, und mir Muth und Heiterkeit geben, 5 die drückenden Bande vielfach verſchlungener Ver⸗ hältniſſe leicht und gelaſſen zu ertragen. Sechzehnter Brief. Baron Wallner an den Grafen Feldern. *** den 15. November 1797. Ein Brief von Wallner! Welches Wunder! höre ich Dich rufen, indem der Kammerdiener Dir das Paket, das der Bothe gebracht hat, überreicht, und Dir, unter dem Haufen ſo vieler andern Geſchäfts⸗ und Liebesbriefe, die Schrift oder vielmehr das Gekritzel Deines alten Freundes in die Hand fällt. Und ſo dick, ſo ausführlich! fährſt Du fort, und kannſt die ſeltene Erſcheinung nicht begreifen: Nun ietzt lebt Wallner nicht mehr lange!»Er wohl nicht, mein Freund, aber ſeine Freyheit, dieß beſte Geſchenk des Himmels, das er nun durch lange ſechs und dreyßig Jahre ſo getreu und heilig verwahrt hat, iſt im Begriffe zu ſterben.« Was Teufel! fährſt Du auf: Sind deine Schulden ſo viel geworden, daß du in engere Gewahrſam wandern mußt? Ha⸗ ſich die lange hingehaltenen Handwerks⸗ und ufleute nicht mehr länger bedeuten laſſen? Und ſind dein Schneider, dein Tapezier, dein Galanterie⸗ händler endlich grob und bürgerlich genug gewor⸗ den, um dem gnädigen Herrn Baron nichts mehr zu borgen, und ihr Geld mit Gewalt zu fordern 2 Armer Wallner! Wahrhaftig, du dauerſt mich; und wäre ich nur nicht die Zeit her im Spiele ſo ſchrecklich unglücklich geweſen, ſo könnteſt du auf die Börſe deines ewig getreuen Freundes zählen.— Richt doch, Lieber! Gar ſo übel geht es mir noch nicht. Ein alter Onkel meines Vaters hat mir vor einigen Monathen den Gefallen gethan, zu ſterben, und mir als den einzigen hoffnungsvollen Stamm⸗ halter unſers erlauchten Hauſes einige Tauſend Gulden zu hinterlaſſen. Das hat nun gerade hinge⸗ reicht, um die drohendſten Lücken, die das Schiff meines Eredits mit einem unvermeidlichen Unter⸗ gange bedroht hatten, zu ſtopfen, und jetzt geht es wieder eine Weile flott. Aber ich meine ganz etwas anders, etwas, das mich auf lange Zeit, vielleicht auf immer, von den wahrhaft verdrießlichen Schul⸗ den befreyen, und mir eine ganz hübſche Exiſtenz zuſichern ſoll. Ich will heirathen. Du erſtarrſt, Du kannſt Deinen Augen nicht trauen, und ſiehſt noch⸗ mahls in den Brief, ob Du wohl auch recht geleſen — 120— haſt? Ja, ja, ſieh nur nach, es ſteht deittt ſo deutlich, als ich ſchreiben kann, was zwar nicht viel ſagen will. Ich Joſeph, darl, des heil. Röm. Reichs Freyherr von Wallner auf und zuꝛc. ꝛc. bin nach reifer überlegung entſchloſſen, nächſtens in den Stand der heiligen Ehe zu treten.— Und dieß ſagſt du ſo munter, ſo fröhlich, erwiederſt Du, und ein Schauer überläuft Dich, wenn Du nur an die Möglichkeit, ein Ehemann zu werden, denkeſt.— Nun ich verſichere Dich, das Ding iſt, wenn man's beym Lichte heſieht, weder ſo gefährlich, noch ſo ſchrecklich, als Du denkſt. Ich habe mich aber auch nicht von dem blinden Gotte ſo unverſehens, wie beym blinden Kuhſpiel, fangen, und mit der näch⸗ ſten Beſten zuſammenknüpfen laſſen. Nein, mein Freund! Mein Kopf ging bey allem, was ich that, mit kühler überlegung dem Herzen voran, und nur, nachdem jener alles auf's beſte überlegt und berech⸗ net hatte, bekam dieſes Erlaubniß, auch ſo viel als nöthig an dem Zandel Theil zu nehmen— wohl⸗ gemerkt!— ſo viel als nöthig, damit es mir ja nicht das ſchön angelegte Spiel verderben könne. Alſo, lieber Feldern, ich bin ſo zu ſagen, verliebt, und werde heirathen.— Auch ſo zu ſagen? fällſt Du mit höhniſchem Lachen ein.— Rein, mein Freund, in vollem Ernſte, mit allen rechtsgebräuch⸗ lichen und kirchlichen Ceremonien, damit der Kno⸗ ten, der mich an eines der hübſcheſten und reiche⸗ ſten Mädchen, oder vielmehr ſie an mich bindet, ja niemahls wieder, als nur durch den bittern Tod, aufgelöſet werden könne. Und nun höre alles mit Aufmerkſamkeit und Geduld an, was ich Dir zu ſagen habe! Im Schöndorfſchen Hauſe, wo Du auch einſt in Deinen beſſern Zeiten manches ſchöne Sümm⸗ chen am Spieltiſche fliegen ließeſt, lebt ſeit dem vergangenen Frühling Fräulein Brandner, ein hübſches, reiches Mädchen, das Mündel von der Schöndorf Bruder, das, in der größten Stille ind Ehrbarkeit von einer lange verwitweten Mut⸗ ter erzogen, nun von dem einſichtsvollen Vormund zu ſeiner Schweſter in die Koſt gegeben wurde, um ſie mit der Welt bekannt zu machen. Ein feiner ſchlanker Wuchs, ein Paar dunkelblaue, ſchmach⸗ tende Augen, ein klarer Teint, obwohl nicht viel Farbe, ſeidene Haare von dem ſchönſten Hellbraun, ziemlich viel natürlicher Verſtand, einige Geiſtes⸗ kultur und artige Talente, ſo unausſprechlich viel Gutmüthigkeit und Leichtſinn, daß der Verſtand ſelten zum Worte kommen kann, und, was die wichtigſte und ſchätzenswertheſte Eigenſchaft iſt, hundert tauſend Gulden freyes, eigenes Vermö⸗ — 722— Lgen!— Du ſiehſt, die ganze Perſon iſt wie vom Himmel für mich geſchaffen; und wenn ich noch achtzehn oder zwanzig Jahre alt wäre, ſo würde ich das feſt glauben. Ihre Reize werden mich be⸗ glücken, ihre Talente werden mir Ehre machen, ihr Leichtſinn wird ſie vor dem Mißbrauche ihres Verſtandes gegen mich, ihren künftigen Herrn, be⸗ wahren, und ihre Gutmüthigkeit ſichert mir den freyen Gebrauch ihres Vermögens. Ich denke, die⸗ ſe Speculation wird Deinen ganzen Beyfall, wo nicht gar Deinen Neid erregen; aber ſie koſtet mich auch Mühe. Ich habe nicht allein ihr Herz zu er⸗ obern, ich habe auch einen gefährlichen Nebenbuh⸗ ler daraus zu verdrängen, eine alte, noch aus den Kinderjahren her datirende Liebe, an der ſie mit dem Eigenſinne ſchwacher Gemüther hängt. Es iſt ein junger hübſcher Burſche, der Großhändler und ziemlich reich dabey iſt. Das Männchen hat durch Zeit und Gewohnheit einen gewaltigen Einfluß auf das Herz und den Verſtand ſeiner Geliebten er⸗ halten; aber, wie es denn gemeiniglich den Macht⸗ habern ergeht, er bedient ſich ſeiner übermacht mit ſo viel übler Laune und Tadelſucht, denkt ſo pe⸗ dantiſch und altfränkiſch, und möchte das arme Mädchen, das mit unausſprechlichem Vergnügen an allen ihr ganz neuen Ergötzlichkeiten der Welt hängt, ſo wider allen Dank heraus reißen, und ſie mit ſich in eine poetiſch langweilige Einſamkeit be⸗ graben, daß der Thor mir ſelbſt die Waffen gegen ihn in die Hand liefert, und mein Spiel halb gewonnen macht. Du ſollteſt mich aber auch ſehen, mit welchem herzrührenden Anſtande ich den un⸗ glücklichen und dabey äußerſt beſcheidenen Sela⸗ don ſpiele! Du würdeſt herzlich lachen, und auch mir entwiſcht oft ein unwillkührliches Lächeln, wenn ich meine Jammergeſtalt in einem Spiegel ſo von ungefähr erblicke, wie ich da ſitze, ſeufze, in Schwer⸗ muth verſunken bin, auf einmahl, durch einen ih⸗ rer gütigen Blicke wie in's Himmelreich verzückt, aus meinen Träumereyen emporfahre, ausgelaſſen luſtig bin, und, ſo bald mein ſtrenger Nebenbuh⸗ ler eintritt, wieder in meins Troſtloſigkeit verſin⸗ ke. Das Beſte iſt, daß die verliebten Secenen mich nicht ſo viel Mühe koſten, als Du denken magſt; denn das Mädchen iſt wirklich recht hübſch, und ich bin ſo ſtark verliebt in ſie, als es ein vernünftiger Mann in meiner Lage ſeyn kann. Ein Zug ihres Charakters indeſſen machte mir anfangs einige Sorge. Trotz ihres jetzigen Hanges zu Zerſtreuungen und Luſtbarkeiten— der denn im Schöndorfſchen Hauſe reichlich genähret wird— Trotz aller Huldigungen, die alles um ſie täglich ihrer Eitelkeit und ihrem Leichtſinn bringet, liegt doch tief im Grunde ihres Herzens eine Anlage zur Zärtlichkeit, Empfindlichkeit, Schwärmerey, Re⸗ ligioſität und wie die Litaney weiter heißt, die mir manche fatale Stunde machen könnte, und jetzt ſchon ihre Trennung von Blum, ſo heißt ihr Geliebter, ſehr erſchwert Doch auch da wußtemein erfinderiſcher Geiſt Mittel. Du weißt, wie ich, Trotz ihrer Verbindung mit Van der Werth, noch von alten Zeiten her mit der Valſin ſtehe. Das Ver⸗ hältniß, das zwiſchen uns, als ſie noch Mädchen war, und auch ſpäterhin als Weib des geizigen Al⸗ ten herrſchte, macht, daß ſie mich gern verbindet. Ich bin beſcheiden, darauf kann ſie zählen, und werde ihr kein übles Spiel machen; aber ich forde⸗ re den kleinen Freundſchaftsdienſt von ihr, daß ſie mir meine Künftige ein wenig für die Welt bilde, und von den albernen Vorurtheilen ihrer einſamen Erziehung befreyen helfe. Das geht nun vortreſſ⸗ lich. Die Valſin iſt wie gemacht dazu. Ihre Ver⸗ hältniſſe mit dem Schöndorfſchen Hauſe machen, daß man ſie dort mit aller Achtung behandelt, ihr Verſtand, ihre Talente, ihr einnehmendes Betra⸗ gen ziehen das Mädchen an ſie; überdieß hält die gute Närrinn die Valſin für ein Opfer des Eigen⸗ nutzes, und ihr Verhältniß zu Van der Werth für ine Platoniſche Neigung, für ein Bedürfniß des Berzens, bedauert und entſchuldiget das arme Weib, überläßt ſich ohne viel Bedenklichkeit dem Zuge, der ſie zu ihr führt, und geht recht willig in die Schlin⸗ ge. Freylich müſſen wir behutſam vorgehen; ein zu raſcher Schritt, ein zu ſchnelles Vortreten würde alles verderben, und das verſcheuchte Täubchen ge⸗ radezu ihrem Galan in die Arme jagen. Aber da laß mich dafür ſorgen! Es geht alles vortrefflich, und die Bekanntſchaft mit der Valſin wird nach und nach zu andern, z. V. mit der Herborn führen, mei⸗ ne ſchöne Novize in die Geheimniſſe der großen Welt und des wahren Lebensgenuſſes einweihen, zu⸗ gleich ihren altfränkiſchen Liebhaber erbittern Zank und Streit veranlaſſen, und ſo die letzten Fäden ab⸗ reißen, die Leonorens Herz an ihn binden. Dann iſt ſie gewiß mein, und ich werde eilen, bald nach dieſem Zeitpuncte zur Schürzung des Knotens zu gelangen, der ſie und ihre hundert tauſend Gulden vin meinen Beſitz geben ſoll. Adieu, Schatz! Näch⸗ ſtens mehr. Meine Finger ſind lahm vom ewigen Schreiben. Sicizhuter Bref. — Juliane von Schöndorf an Madame Hortenſe Deſengay. *** den 30. November 1797. Di Indier bethen die Gottheit unter drey ver⸗ ſchiedenen Geſtalten, des Schöpfers, Erhalters, und Zerſtörers, an. Es ſind dreyerley Fußerungen der Allmacht, jede groß, erhaben, jede der Gottheit würdig, und es iſt albern, zu denken, daß eine von ihnen den Vorzug vor den andern beyden verdiene. Was geſchaffen iſt, muß untergehen, und aus der Zerſtörung müſſen neue Geſtalten entſtehen; das iſt der Kreislauf der Dinge. Ein ermüdender, troſtlo⸗ fer Gedanke, wenn man ihn als ein Werk des blin⸗ den Zufalls denkt! Aber wenn man mitten im Ge⸗ wühle werdender und vergehender Naturen, im wilden Kampfe gährender Urſtoffe ein mit Vernunft waltendes und wollendes Weſen erblickt, dann he⸗ kommnt ſelbſt dieß wilde Bild Reiz für den menſch⸗ zeiſt. Und ſo ein Schiven unter ſeines glei⸗ chen zu ſeyn, wenn das Schickſal uns mit kaltem Neide die Seligkeit eines Brama oder Viſchnu ver⸗ ſagt hat, hat hohen Werth für ein Weſen, das in ſich unendlichen Trieb zur Thätigkeit, und um ſich nichts als Schranken ſieht. Wenn mir nichts zu ſchaffen, zu erhalten erlaubt iſt, ſo will ich zerſtö⸗ ren, und in dieſer Uußerung meiner Kraft das Be⸗ wußtſeyn der Thätigkeit fühlen und genießen. Leonore eilt mit raſchen Schritten und blindem Muthe ihrem Untergang entgegen. Wallner und die große Welt gewinnen täglich mehr in ihrer Gunſt. Durch tauſend Kunſtgriffe und eine Geſchick⸗ lichkeit, die ich mit Vergnügen bewundern muß, weiß er ſie von ſeiner uneigennützigen Leidenſchaft zu überzengen. Die Thörinn! Aber das iſt gerade ein Menſch, wie ſie ihn verdient, wie ihn ihr der Himmel zur Strafe ihres Leichtſinns in den Weg ſchicken mußte. Er hintergeht ſie, er wird ſie, wenn ſie einfältig genng iſt, ihm ihre Hand zu geben, um ihr Geld bringen, ſie dann verlaſſen, ſein Glück bey Andern verſuchen, und ſie wird vor Gram und 1* Reue vergehen. Blum ſieht das, er fühlt, was in ihrem Herzen vorgeht, und verzweifelt. Ich fehe ſeine Qual, aber ich bedaure ihn nicht; denn auch er iſt ſchwach, eine unmännliche Seele, der es an — 1268 S Kraft fehlt, die Feſſeln zu zerreißen, die ſie doch verabſcheuet. Wie kindiſch er ſich benimmt! Wie er den einzigen Weg verfehlt, der ihn retten könnte! Ein raſcher Schritt würde alles in's Geleiſe brin⸗ gen, die ängſtliche Leonore aus dem Taumel auf⸗ ſchrecken, ihr die Augen öffnen, und die Furcht, den noch immer theuern Jugendgeliebten zu verlieren, würde ſie zu allem bewegen, was er nur immer wünſchen und hoffen könnte. Aber das erlauben ihm ſein Zartgefühl, ſeine ſchwärmeriſche überſpanntheit nicht, und ſo quält und grämt er ſich an der Seite des abgeſchmackten Geſchöpfes, ohne Muth, ohne Kraft, dieſe peinliche Lage zu ändern. Aber ſie ſoll ihn nicht bekommen! Das habe ich geſchworen, und werde alles aufbiethen, meinen Schwur zu halten. Ohne dieß arbeiten die beyden kläglichen Geſchöpfe mir ſehr in die Hand, und es iſt nicht ſchwer, Seelen, die ſich einmahl mißzuver⸗ ſtehen angefangen haben, vollends zu trennen; nur muß jede auffallende Scene, jede überraſchung, die eine erſchöpfende Erklärung oder einen ſchnellen Entſchluß hervorbringen könnte, verhindert wer⸗ den. Sie müſſen ſich minder oft, und nur in un⸗ günſtigen, Verdacht erregenden Lagen ſehen. Be⸗ ſinnen Sie ſich noch auf ſeine Couſine Leſſert? Ein ſchönes Mädchen, das einſt Anſprüche auf ihn machte und durch Leonoren verdrängt ward! Sie wäre vielleicht als Maſchine zu brauchen; nur muß ſie ihre Rolle mit Gelaſſenheit ſpielen, und nicht wiſſen, daß ſie nur Maſchine iſt. Es ſteht viel auf dem Spiele— und die Zeit wird entſcheiden. Vielleicht hören Sie bald, daß ich mich verheirathe. Schließen Sie daraus nicht, daß ich liebe. Noch nie war meine Bruſt von feind⸗ ſeligern Empfindungen erfüllt, und ich möchte wohl ſchwören, daß die Liebe nie mehr darin wohnen wird. Aber dennoch könnte es ſeyn, daß ich heira⸗ thete. Es gaukeln der Thoren genug um mich. Ich weiß, daß ſie nicht mich, ſondern mein Geld, das Anſehen meines Vaters u. ſ. w. lieben. Daran liegt nichts; ich liebe ſie auch nicht, und wir betriegen uns alſo nicht. Der paſſendſte aus allen für meine Abſichten iſt der Graf von Kelm, aus einer alten Familie, Geheimerrath, Präſident. Er ſucht mich, weil ſein verſchwendetes Vermögen ihm die Mittel raubt, ſeinen Stand mit Glanz zu behaupten. Wenn ich ihm meine Hand gebe, erhält er Geld und Cre⸗ dit, und ich Rang, Anſehen, Titel. Die Partieiſt gleich, die Jahre nicht; doch was liegt daran Ich werde glänzen, weil mir das Schickſal beſſere Freuden verweigert hat. Leon. I. Th. Achtzehnter Brief. ——— Ferdinand Blum an Ludwig Seltig. *** den 8. December 1797. Liwt Mein Unglückwird immer gewiſſer, mein Untergang unvermeidlicher; und ich muß dabey ſtehen und unthätig zuſehen, wie die Flamme, der ich nicht wehren kann, das ganze ſtolze Gebäude meines Erdenglücks verzehrt. Leonorens Herz iſt nicht mehr ganz mein; es iſt ſichtlich, welche Fort⸗ ſchritte dieſer unſelige Wallner in ihrer Gunſt macht, wie er mit jedem Tage mehr Raum in ih⸗ rer Seele gewinnt, und ihre Liebe zu mir durch feindſelige Vergleichungen und tauſend kleine Zu⸗ fälle täglich abnimmt. Wir haben oft, wenn wir uns allein ſehen, was freylich bey Leonorens zer⸗ ſtreutem Leben viel ſeltener geſchieht, als mein Herz wünſchte, Erklärungen, und manches Mahl Auf⸗ tritte, die unſere Herzen gewaltſam zerreißen, ohne uns zum Ziele zu führen. Sie liebt mich noch, das fühle ich; ſie wäre im Stande, mir auf der Stelle ihre Hand zu geben, und durch einen raſchen Ent⸗ ſchluß die drückenden Vande verworrener Verhält⸗ niſſe, die ſie langſam zu löſen nicht Muth und Fe⸗ ſtigkeit genug hat, zu zerbrechen. Sie hat mir das geſagt, und mit Thränen und einer Wahrheit des Gefühls betheuert, daß, daran zu zweifeln, Hoch⸗ verrath an ihrer ſchönen Seele geweſen wäre. Ich bin überzeugt, daß es ihr ernſter Wille war, mein zu werden, wenn ich dieſen Augenblick des über⸗ wallenden geſpannten Gefühls unedel hätte miß⸗ 1 brauchen wollen. Aber mein zu werden nach reifer überlegung, die Verbindungen, die ſie halten, nach und nach aufzugeben, das Schöndorfſche Haus zu verlaſſen, zu ihrer Schweſter zu ziehen, und von dort in meine Arme überzugehen— davor, vor dieſem rieſenhaften Plane, wie ſie ihn nannte, zitterte ſie, und keine überredung war im Stande, ſie dahin zu bringen. Ach, und was war es anders, als Wall⸗ ners Vild, das ſie ſchreckte, der Gedanke an ſeine Leiden, an ſeine Trauer, wenn ſie ihn zuerſt kälter behandeln, dann ganz verlaſſen, und endlich nicht S durch überraſchung, ſondern aus freyer Wahl und mit ſtiller überzeugung eines Andern werden ſoll⸗ te? Reben her mochten auch das Stadtgeſchwätz⸗ 9— ihr nur zu großes Wohlgefallen an dem geräuſch⸗ vollen Leben, das ſie führt, und einige Bekannt⸗ ſchaften, die ihr intereſſant ſind, ihr Gewicht in die verneinende Schale legen. Wie dem immer ſeyn mag, ſie war nicht zu bewegen, jenen langſamen Weg einzuſchlagen, und von ihrem raſchen Aner⸗ biethen kann und werde ich nie Gebrauch machen. Soll ich ſie übertäuben? Soll ich eine Aufwallung benutzen, um unauflösliche Bande zu knüpfen, da⸗ mit, wenn ſie aus dem Taumel erwacht, und ſieht, was ſie im Enthuſiasmus einer edelmüthigen Auf⸗ vpferung gethan hat, ſie dann den Augenblick der überraſchung verwünſche, berechne, was ſie verlo⸗ ren, und was ſie dafür erhalten hat, ſich an meiner Seite unglücklich fühle, an meiner Seite, der ſein Glück nur in dem ihrigen findet? Nein, Ludwig, das konnte ich nicht, und ich bin gewiß, Du wirſt mich verſtehen, und meine Weigerung billigen. Aber daß mich dieſe Erkennt⸗ niß meines unvermeidlichen Unglücks elend macht, daß meine Lebensluſt, ja ſelbſt oft meine Stand⸗ haftigkeit unter der drückenden Bürde meines Schickſals erliegt, das wirſt Du auch begreifen, und mich bedauern. So ſoll ich ſie denn aufgeben, die ſchönen Träume und Hoffnungen einer glückli⸗ chen Jugend? So ſoll ich das Mädchen, das ich von dem Augenblicke an, wo das Gefühl der Liebe in meiner kindiſchen Bruſt aufwachte, allein und nnausſprechlich geliebt habe, die für mich, mit mir, von mir gebildet ward, in deren Armen ich mein Leben zuzubringen dachte, außer der ich nie ein Weib geliebt, kaum eines näher gekaunt habe, nun all⸗ mählig und unaufhaltſam ſich von meinem Herzen löſen ſehen, Zeuge ſeyn, wie ein Band nach dem an⸗ dern zwiſchen uns bricht, wie jede Stunde ſich neue für einen Andern in dieſem Herzen, das einſt nur für mich empfand, anknüpfen, und ſo das zerrei⸗ ßende Gefühl meines unvermeidlichen Verluſtes mit jeder Stunde, mit jedem Augenblicke neu und ſchmerzend empfinden? O mein Ludwig! Dazu ge⸗ hört mehr Stärke, als ich beſitze. Oft mache ich mir täuſchende Hoffnungen, wie ſich alles noch ändern, noch gut werden könnte, und in der nächſten Minu⸗ te muß ich lächeln über das ſchwache Herz, das ſich an ſolchen Spinnengeweben zu halten denkt. Dann blicke ich zurück in die entflohenen Tage, auf die Zeit, wo ſie noch bey ihrer Mutter, unbekannt mit der ſchimmernden Welt und ihren Lockungen, ſtill und verborgen, nur für mich und unſer künftiges Glück lebte; dann mahle ich mir mit einer Art von grauſamer Freude die lieblichen Bilder aus, wie alles ſo gut hätte gehen können, wenn ſie nicht in das verhaßte Haus gekommen, wenn keine Valſin, kein Wallner— o! und alle dieſe unglückſeligen Wenn bringen mich zur Verzweiflung! Die Zu⸗ kunft liegt öde, finſter, wie ein Gefilde voll Nacht und Schrecken vor mir. Ich bin allein, ich bin ein Fremdling in dieſer Welt, mit der ich nur durch Leonoren zuſammenhänge. Und wenn dieß Band zerriſſen ſeyn wird— Ludwig! es iſt mir öfters, als müßte ich dann wahnſinnig werden, und als ſollte ich es wünſchen, um mein nahmenloſes Elend weniger zu fühlen. Reunzehnter Brief. — 0 Leonore von Brandner an Thereſe von Friedberg. *** den 20. December 1797. Wonmit habe ich es verſchuldet, liebe Schweſter, daß ich für ſo viele, ſonſt gute Menſchen ein Ge⸗ genſtand des Unwillens, und eine Quelle von Ver⸗ druß geworden bin, und daß wieder eben dieſe Menſchen ſich vereinigen, mich ihrerſeits eben ſo ſehr zu quälen? Ach! Gott iſt mein Zeuge, er, der in mancher kummervollen Stunde auch der Zeuge meiner Thränen iſt, wie ich alle meine Kräf⸗ te aufbiethen möchte, um rings um mich her nichts als Liebe und Glück zu verbreiten! Und doch wird dieß warme Verlangen, dieſer aufrichtige, thätige Wille verkannt, ja ſogar verfolgt. Blum hält mich für leichtſinnig, vielleicht für treulos, gewiß aber für verloren in dem Strudel der Welt. Er glaubt keiner meiner Verſicherungen, hört keine Rechtfer⸗ — 1365— tigung an, und ſieht in mir nur die Quelle ſeines unglücks. Wallner liebt mich, das iſt leider nicht mehr zweifelhaft; er trauert ſichtlich, ſeine Heiter⸗ keit iſt dahin, er betrachtet mich mit ſcheuen, weh⸗ müthigen Blicken, und ſcheint mich mit jedem ei⸗ ner hoffnungsloſen Leidenſchaft anzuklagen, die ich Unglückliche ihm wider Willen eingeflößt und die ſeine Ruhe untergräbt. Und nun kommſt auch Du noch, und machſt mir ſo ſchmerzliche Vor⸗ würfe, trauſt mir ſo viel übles zu, und kränkeſt durch Deinen ungerechten Verdacht ein Berz, dem ſelbſt ſein Kummer ein Recht auf mehrere Scho⸗ nung geben ſollte! Du hältſt Wallnern für liſtig, für verſtellt, ſeine Treue für geheuchelt, ſeine Liebe für eine künſtliche Rolle. Meine Schweſter! Es iſt ſehr ſchwer, in einem Briefe über ſo etwas ab⸗ zuſprechen, weil es eben ſo ſchwer iſt, in einem Briefe die tauſend kleinen Bemerkungen mitzuthei⸗ len, aus denen nach und nach ein ſolches Reſultat entſteht, und weil es ganz unmöglich iſt, den Ton der Stimme, den Ausdruck der Züge und Blicke, auf welche eigentlich alles ankommt, zu beſchrei⸗ ben. Glaube mir, Thereſe, ich erkenne deine ſchwe⸗ ſterliche Liebe, welche Dir jene Beſorgniſſe und Vorwürfe eingab, mit warmem Danke; aber traue Du mir auch ſo viel richtiges Gefühl und ſo viel habe, — 157— anſpruchtoſgkeit zu, daß ich mich nicht ſo leicht täuſchen, und eine geheuchelte Liebe für das erken⸗ nen würde, was ſie iſt. Nein, Thereſe! Wenn Wall⸗ ner mich täuſchen kann, dann iſt ſelbſt die Wahr⸗ heit zweifelhaft, dann kann ich keinem andern Men⸗ ſchen, dann kann ich mir ſelbſt nicht mehr trauen. Meine überzeugung iſt um ſo viel gewiſſer, da ich ſie ganz wider meinen Willen bekommen habe. Man glaubt nur leicht, was man wünſcht; wenn man etwas für wahr zu halten gezwungen wird, was man ſich ſelbſt gern abſtreiten möchte, dann iſt es wohl nicht mehr möglich, ſich getäuſcht zu haben. Welche marternde Auftritte jetzt zwiſchen mir und Ferdinand vorfallen, kannſt Du Dir nicht denken. Ferdinand ſieht alles, was vorgeht, und fürchtet noch mehr, als wirklich iſt. Auch er iſt niedergeſchlagen, finſter, und ſeine Eiferſucht iſt durch keine Bitten, keine Verſicherungen, keine Schwüre zu beruhigen. Ich ſehe ihn leiden, ich möchte gern alles anwenden, was in meiner Macht ſteht, ihm ſeine Ruhe wieder zu geben; aber er fordert Unmöglichkeiten von mir, und nur in die⸗ ſen will und glaubt er ſein verlornes Glück wieder zu finden. Ich ſoll allen Umgang mit der Valſin und Wallner, den er, wie Du, im höchſten Grade „ mißkennt, abbrechen, ich ſoll das Schöndorf'ſche Haus verlaſſen; er will es durch Beweiſe gegen Wichmann, die ihm zu erlangen nicht ſchwer ſeyn ſollen, dahin zu bringen ſuchen, daß mir ein an⸗ derer Vormund geſetzt werde. Dann ſoll ich zu Dir auf's Land, und aus jenem ſtillen Aufenthalte, ſo⸗ bald es ſeine umſtände erlauben, in ſeine Arme übergehen. Welcher rieſenhafte Plan! Welche überſpann⸗ ten Forderungen! Und doch beſtehet er mit der größten Feſtigkeit darauf. Nur ſo, behauptet er, könnten wir noch gerettet werden; und wenn ich ihn wirklich liebe, wenn ſeine Ruhe, das Glück ſei⸗ nes Lebens noch Werth für mich haben, ſo ſoll ich mich über das thörichte Stadtgeſchwätz, das ich doch allein zu fürchten hätte, hinaus ſetzen, und Muth genug haben, glücklich und gut zu bleiben. Du ſiehſt ſelbſt, Thereſe, es iſt nicht möglich, in jene Forderungen einzuwilligen. Wie kann ich als Mädchen, als Waiſe ſolche kühne Schritte thun, ſelbſt handelnd auftreten, und die Führung meines Schickſals zu übernehmen wagen? Und wenn der gewagte Plan mißlänge, wenn Ferdinand mit ſei⸗ nen Klagen gegen Wichmann nicht auslangte, wenn er mein Vormund, und ich in dieſem Hauſe blei⸗ ben müßte: was würde dann mein Schickſal ſeyn? Welche Begegnung würde ich zu erwarten haben? Das alles habe ich Ferdinanden warm und wahr, aber leider ganz fruchtlos vorgeſtellt, ach! und in jeder Vorſtellung ſah ſein gekränktes Ge⸗ fühl nichts als Ausflüchte meines Nichtwollens, nichts als Beweiſe meiner innigen Anhänglichkeit an die große Welt, und— o Schweſter! das ſchmerzte mich am meiſten— an Wallner. Seit geſtern, wo wir wieder eine ſolche äußerſt heftige Soene hatten, iſt er nun beynahe überzeugt, daß ich dieſen liebe, und ihn vergeſſen habe. Ihn ver⸗ geſſen! Nein, Thereſe— das kann ich vor Gott mir bezeugen— das iſt nicht möglich, das kann nicht ſeyn! Dieſe Liebe iſt zu innig mit allen Fa⸗ ſern meines Weſens verwebt, ſein Bild zu tief, zu lange in mein Herz gegraben; ich kann, ich werde ihn nie, nie vergeſſen, das fühle ich. Ich ha⸗ be es ihm auch mit Thränen geſagt. Er wurde ge⸗ rührt, er umſchlang mich, heftete ſein dunkles naſ⸗ ſes Auge mit einem unausſprechlichen Blicke auf mich, und ſagte mit ſeiner ſchönen Stimme: Gu⸗ te, weiche Seele! Ich weiß, du willſt mich nicht täuſchen; aber du täuſcheſt dich ſelbſt, und ahneſt es nicht, und hältſt für Liebe, für Leidenſchaft, was nur Macht der Gewohnheit und jugendliches Wohl⸗ wollen iſt! Von dieſem Gedanken war er nicht mehr — 140— abzubringen. Umſonſt bath und beſchwor ich ihn mit tauſend Thränen, umſonſt drang ich endlich darauf, ihm meine Hand auf der Stelle zu geben. Auch das nahm er nicht an, und ſeine Gründe wa⸗ ren ſo edel, ſo zartgefühlt, daß ich mich nur ſelbſt bedauern mußte, aber nicht mehr in ihn zu drin⸗ gen wagte. Er wollte meinen Entſchluß nicht ſtür⸗ mend erlangen, er wollte keiner augenblicklichen Rührung, keinem letzten Auflodern einer halbver⸗ löſchten Flamme danken, was nur ruhigere über⸗ zeugung und tiefes Gefühl ihm geben ſollten. O Thereſe! Warum muß ich dieſem edlen vortreffli⸗ chen Mann ſo viel Kummer machen? Warum führ⸗ te das Schickſal mich dieſem Wallner in den Weg, und erweckte in ſeinem Berzen eine Liebe, die ich nicht billigen, nicht anhören, und doch nicht ver⸗ dammen darf? Ich liebe Ferdinanden, gewiß, ich liebe ihn; aber ich kann nicht umhin, auch Wall⸗ nern dankbar zu ſeyn, ihn zu ſchätzen, zu bedauern, und dieſe Geſinnungen ſchreiben mir ein Betragen gegen ihn vor, das leider in Ferdinands, und, wie mir ſcheint, auch in mehrerer Leute Augen den Verdacht einer Erwiederung ſeiner Gefühle erregt. Thereſe! Ich bin recht bekümmert, mein Herz iſt von ſo viel ſtreitenden Empfindungen zerriſſen, ich kann unmöglich Ruhe finden, bis nicht jener Kampf — 141— aufhört, und ich ſehe doch kein Mittel, ihn zu en⸗ digen. So geht der Cirkel meiner Leiden immer in ſich zurück, unaufhörlich quälend, und unauf⸗ horlich rettungslos. Bethe für mich, Thereſe! Ach, wenn nicht Hülfe vom Himmel, jähe, unerwartete, entſcheidende Hülfe kommt, ſo weiß ich mich nicht aus dieſem Labyrinthe zu retten. Zwanzigſter Brief. Dieſelbe an dieſelbe. ***den 28. December 1797. Ferdinand hat mich nun ſeit jenem Tage nicht mehr beſucht. Iſt es Zufall? Iſt es Abſicht? Was es immer ſey, er handelt nicht gut an mir. Er ſieht, oder glaubt zu ſehen, daß ich in dem Stru⸗ del, der mich umbrauſet, unterzugehen Gefahr lau⸗ fe; ich ſtrecke meine Hände nach ihm aus, und er verläßt mich, kümmert ſich nicht um mich, verſtößt mich vielleicht aus ſeinem Herzen, indeß ich heiße Thränen darüber weine, daß ich ihm ſo viel Kum⸗ mer mache. Er hat meine Hand ausgeſchlagen. Anders kann ich nun ſeine Weigerung einmahl nicht nennen. Und warum hat er das gethan? Es iſt wahr, ſeine Umſtände fordern jetzt Einſchränkung; aber lieben wir uns nicht? Hätte dieſes beſeligende Gefühl nicht hundertfältigen Erſatz für die kleinen Entbehrungen gebothen, die ja nur unſere Eitel⸗ keit, unſere verwöhnte Sinnlichkeit, nicht die wah⸗ ren Bedürfniſſe des Lebens getroffen hätten? Und wo bringt er denn die Zeit zu, welche ihm ſonſt in meiner Geſellſchaft verfloß? Ich weiß, er hat we⸗ nig Bekanntſchaften, und gar keinen vertrauten umgang; denn mit ſeiner Schweſter Dorſing hat er größten Theils meinetwillen nie ſehr überein⸗ geſtimmt. Wir mochten uns ſchon als kleine Mäd⸗ chen nie leiden. Du weißt, daß ihre Neugierde, ihre Klatſchhaftigkeit, ihre Gemeinheit, wenn ich ſo ſagen darf, ſie uns allen widrig machten. Ge⸗ gen mich hatte ſie aber immer eine beſondere Ab⸗ neigung, und nahm es Ferdinanden ſehr übel, daß er eine ſolche empfindſame Närrinn, eine Roma⸗ nenheldinn, und wie die Titel alle hießen, die ſie mir gab, heirathen wollte. Ferdinand ging nicht viel mit ihr um, er wird ſich in ſeiner jetzigen Ge⸗ müthsſtimmung noch viel weniger bey ihr behag⸗ lich finden, als ſonſt, und alſo gewiß nicht öfter zu ihr gehen. Wo iſt er alſo? Wo bringt er ſeine Abende zu? O, Thereſe! Ich habe eine Idee— Verdacht mag ich ſie⸗ nicht nennen, denn das wäre unedel— aber eine Möglichkeit, eine quälende Wahrſcheinlichkeit. Du kennſt ſeine Tante Leſſert, und ihre wirklich hübſche Tochter Babette; Du S weißt, daß dieſe Tante mit ihrer Schweſter, Blums Mutter, ſchon als Ferdinand und Babette noch Kinder waren, Plane für ſie entworfen hatte, die nur erſt ſpäter nach der Mutter Tod, als ſein Va⸗ ter und meine Mutter ihre alte Freundſchaft er⸗ neuerten, zerſtöret wurden. Das hat mir Blums Tante nie verzeihen können, und was in ihrer und ihrer Tochter Macht ſtand, wurde treulich aufge⸗ bothen, um ein Band zu zerreiſſen, das ſie als ei⸗ nen Eingriff in ihre Rechte anſahen. Und jetzt— o Thereſe! ich weiß es ſicher— jetzt iſt Blum oft bey Leſſert, bringt ganze Abende daſelbſt zu, be⸗ gleitet das reizende Mädchen in's Theater, und wird von ihnen allen auf den Händen getragen. Ich weiß, wie ſehr ein herzliches freundſchaftliches Betragen ihn beſtechen kann, ich weiß, wie wohl es ſeinem Herzen thut, mit Wärme und Theilnah⸗ me behandelt zu werden. Die Leſſert iſt klug ge⸗ nug, um jetzt alle Anſprüche zu entfernen, und bloß als theilnehmende Freundinn, als Vertraute ſeines Kummers aufzutreten; und das— däs iſt ein un⸗ fehlbarer Weg zu ſeinem Wohlwollen, zu ſeiner innigſten Achtung. Wenn ich mir alles das vor⸗ ſtelle, wenn ich mir ſeine Weigerung, ſein Aus⸗ bleiben, ſein widerſprechendes Betragen zuſammen⸗ denke, o meine Schweſter, was für traurige Re⸗ — 145— ſultate könnte ich daraus ziehen! Acht Tage ſind es nun, ſeit ich ihn jede Minute mit ängſtlicher Sehnſucht erwarte.— Ihm zu ſchreiben bey die⸗ ſen Verhältniſſen, würde ich gegen meine Würde halten. Daß er nicht krank iſt, weiß ich von Wall⸗ nern, der ihn vor drey Tagen mit zwey Damen in der Loge ſah. Wallner hatte ſie nicht gekannt; ich wurde neugierig, er beſchrieb ſie, und Juliane, die dabey war, erkannte ſogleich aus der Beſchrei⸗ bung, daß es ſeine Tante und Couſine waren. Sie kennt die Leſſert ſehr gut, und iſt ihre Freundinn, wenn man das Freundſchaft nennen kann, was Ju⸗ liane zu fühlen im Stande iſt, und was überhaupt in der großen Welt ſo genannt wird. Sie ſagte ſehr läſſig: er kommt öfter hin, ich habe ihn ſelbſt ein paar Mahl dort angetroffen. Ach, wietiefdran⸗ gen dieſe hingeworfenen Worte in mein ſchmerz⸗ haft geſpanntes Herz! Alſo indeß ich mit meinen Blicken die Thür bewachte, und bey jedem Eröff⸗ nen derſelben mit frohem Pochen meines Herzens ihn zu ſehen hoffte, während jede fehlgeſchlagene Erwartung mich bitter ſchmerzte, ſaß er mit der ſchönen Couſine im Theater, und dachte auch mit keinem Gedanken an meinen Schmerz! Und dann Wallner, der mit ſo inniger Wärme an jeder leiſen Veränderunz meines Gemüthes An⸗ Leon. I. Th. 10 theil nimmt, der, ſo oft nur ein Wölkchen auf mei⸗ ner Stirn ſchwebt, alles, was er beſitzt, hingeben möchte, um es zu verſcheuchen, der ſo froh wird, wenn er mich wieder lächeln ſieht, daß ich mir um ſeinetwillen Mühe gebe, meinen Kummer zu ver⸗ bergen, der ſo hoffnungslos und ſo treu liebt, keine Gelegenheit verſäumt, wo er mich, wär's auch auf Augenblicke, ſehen kann, und mit dem Winde zan⸗ ken möchte, wenn er mich unſanft anweht, der— liebt unerwiedert, und verzehrt ſich in ſtillem Gram, daß er ein Herz nicht erhalten darf, welches jener, dem es allein gehört, kränkt, und vielleicht, ach Thereſe, vielleicht nicht mehr achtet! Ich werde Ferdinanden keine Vorwürfe machen, das nehme ich mir feſt und unverbrüchlich vor. Ba⸗ bettens Nahme ſoll nicht über meine Lippen ge⸗ hen; aber ich werde mich wohl hüthen, ihm meine Band wieder anzubiethen, und überhauptnicht mehr ſo thöricht ſeyn, dieß kindlich zutrauende Gemüth mit allen ſeinen Fehlern und Schwächen, mit aller ſeiner glühenden Liebe und ſeinen marternden Be⸗ ſorgniſſen vor ſeinen Blicken, denen vielleicht ein anderes Bild lebhafter vorſchwebt, ſo unverhüllt zu zeigen. Ein und zwanzigſter Brief. Dieſelbe an dieſelbe. *** den 1. Jänner 1795. Eine feindliche Macht waltet über mein Verhält⸗ niß mit Blum, und weiß jeden Umſtand, jede zu⸗ fällige Begebenheit auf eine Art zu wenden, daß un⸗ ſer Mißverſtändniß immer größer, der Fäden, die zwiſchen unſern Seelen reißen, immer mehr wer⸗ den müſſen. Was ich immer beginne, was ich thne, was ich unterlaſſe, jener Dämon weiß es ſo zu nu⸗ tzen, daß es Blums Argwohn gegen mich vergrö⸗ ßern, ſeine Schuld in meinen Augen vermehren muß. So erfuhr ich z. B. erſt geſtern Morgens, daß Ferdinand in jener Woche, wo ich mich ganz geweſen war, und ſogar an einem Tagezwey Mahl. Aber einige Beſuche, Neujahrswünſche und Anſtal⸗ ten für den Neujahrstag hatten Julianen genö⸗ 16 — 148— thiget, öfter auszugehen, und ſie wußte mich mit ihrer imponirenden Art mitzuziehen, ohne daß ich die Macht hatte, es zu verweigern. Ihre Jungfer, die auch mich bedient, hatte Blum alle drey Mahl geſehen und abgewieſen, weil ich nicht zu Hauſe war. Sie hatte es auch ihrer Gebietherinn gemeldet; die⸗ ſe aber fand es nicht wichtig genug, mich davon zu unterrichten, und ſo brachte ich achtpeinvolle Tage in tauſend Beſorgniſſen und immerwährender Spannung des Gemüthes zu. Was muß man für ein Herz haben, um ſo etwas zu vernachläſſigen! Sie weiß, wie theuer mir Ferdinand, wie lieb mir jeder ſeiner Beſuche iſt, und ſie vergißt nur drey Mahl mir zu ſagen, daß er hier war! Aber es iſt wahr, dieß kalte herrſchſüchtige Gemüth, das nichts kennet, nichts liebt außer ſich, die ganze Welt und alle Menſchen darin, ſelbſt die nächſten beſten, nur als Maſchinen und Werkzeuge zu Erreichung ſeiner Plane betrachtet, kann nicht anders handeln. Wel⸗ che Schmerzen ſie mir hätte erſparen können, um wie viel freyer und leichter meine Lage gegen Blum geweſen wäre, wenn ich das gewußt, wenn ich ihm hätte ſchreiben, mich entſchuldigen, ihm einen Tag beſtimmen können, wo ich ſicher zu Hauſe geblie⸗ ben wäre, das fällt ihr gar nicht ein. Ihre Seele kennt ja kein warmes Gefühl, und weiß nichts von den Beſorgniſſen, von den Qualen und Freuden der Liebe. Sie iſt überhaupt ein ſeltſames, aber fürchterliches Mädchen. Ihrem Falkenblick entgeht nichts, und ſie verbindet mit ihrem Scharfſinn ſo viel Eigenmächtigkeit, ſo viel Beredſamkeit und Sophiſterey, daß es unmöglich iſt, ihr etwas ab⸗ zuläugnen, oder ihren Gründen zu widerſtehen, wenn ſie, ſelbſt wider des Andern überzengung und Neigung, ihn zu etwas bereden will. So beherrſcht ſie ihre Geſchwiſter, ihre Mutter, durch dieſe den Vater und das ganze Haus, und kein Menſch kann ſich rühmen, von ihr geſchätzt oder geliebt zu wer⸗ den. Die einzige Perſon, die ich ſie jemahls mit Achtung behandeln ſah, war Ferdinand, aber auch das nur im Anfange; jetzt behauptet ſchon wieder ihr kalter Stolz die Oberhand, und ſie beträgt ſich gleichgültig, oft ſogar ſpöttiſch gegen ihn, wie ge⸗ gen jeden Menſchen. Aber ich vergeſſe im Irger über Julianen, Dir zu erzählen, wie ſonderbar, wie feindſelig das Schickſal mit mir ſpielt. Die letzteren Tage vor dem neuen Jahre über⸗ raſchten mich; denn Trotz der zahlreichen Geſell⸗ ſchaften, die ich immer zu ſehen gewohnt war, wa⸗ ren ſie doch die geräuſchvollſten, die ich je erlebt hatte. Durch zwey Nachmittage fuhren wir im größten Staate herum, um Glück zu wünſchen, und die Abende brachten wir zu Hauſe zu, um uns wünſchen zu laſſen. Eine zahlloſe Menſchenmenge fluthete da ab und zu. Jede Stunde waren die Zim⸗ mer mit andern Geſtalten erfüllt; wenn die Einen ſich verloren hatten, und ich dachte, nun wird es zu Ende gehen, ſo kamen eben ſo viel, wo nichtmehr an ihre Stelle. Dieß dauerte bis ein Uhr nach Mit⸗ ternacht. Obwohl mein Herz nichts weniger als ru⸗ hig war, ſo ergetzte mich doch das Gewühl, die Verſchiedenheit der Anſichten, der Anzüge, des Be⸗ tragens, und ich fühlte mich angenehm zerſtreuet. Am letzten December war das Gedränge am ärg⸗ ſten. Wallner trat im vollen Anzuge ein, der ihn ſehr gut kleidet, weil er viel Anſtand beſitzt. Nach⸗ dem er der Frau vom Hauſe mit einer Feinheit, die ihn unendlich zu ſeinem Vortheil unterſchied, Glück gewünſcht hatte, näherte er ſich mir, faßte meine Hand, und ſetzte nach den gewöhnlichen Com⸗ plimenten hinzu: Möchten Sie recht glücklich wer⸗ den, ſo glücklich, als Ihr vortreffliches Herz es ver⸗ dient, und möge nie ein unerfüllter Wunſch ſeinen Frieden ſtören! Seine Stimme war zitternd, als er dieß ſagte. Ein Seufzer, den er nicht ſchnell genug unterdrücken konnte, entfloh ſeinen Lippen, und ein faſt unmerklicher Druck der Hand erklärte nur zu deutlich den Sinn ſeiner Worte. Mein Herz — 151— war bewegt, mir traten Thränen in die Augen. Vielleicht mochte ich in dem wehmüthigen Gefühle den Druck erwiedert haben; denn er ſchoß einen funkelnden Blick auf mich, riß meine Hand heftig an ſeine Lippen, ruhte lange darauf, ließ ſie dann plötzlich los, wie Jemand, der aus tiefen Gedan⸗ ken erwacht, und verließ mich ſchnell. Ich ſah ihm einige Seerunden halb erſtaunt, halb wehmüthig nach, dann drehte ich mich um, um einen Platz zum Sitzen zu ſuchen, als plötzlich Blum vor mir ſtand, der alles gehört und geſehen haben konnte, was zwi⸗ ſchen Wallnern und mir vorgefallen war. Ich er⸗ röthete bis in die Haare; er ſah mich ernſt und for⸗ ſchend an. Ich ſchlug die Augen nieder, und ver⸗ mochte nicht ein Wort zu ſprechen. So ſtanden wir eine Weile; endlich brach er das Stillſchweigen. Was kann ich nach einem ſolchen Glückwunſch noch hinzu ſetzen? ſagte er mit einer unbeſchreiblichen Bitterkeit in Ton und Miene: Möge er ganz in Erfüllung gehen, und nie ein Menſch über mehr Unglück zu ſeufzen haben, als Baron Wallner! Bey dieſen Worten bückte er ſich, wandte ſich ſchnell um⸗ und verlor ſich ſo geſchwind in dem Gedränge, das uns umgab, daß er verſchwunden war⸗ ehe ich mich von meiner Verlegenheit erhohlen und ihm nachei⸗ len konnte. O ſeine Worte ließen einen ſchmerzen⸗ den Stachel in meinem Herzen zurück! Ich hätte mein ganzes Vermögen darum gegeben, wenn ich ihn nur noch auf einen Augenblick hätte ſprechen, ihm alles erklären, und meine Unſchuld beweiſen können. Er war fort; ich fand ihn nirgends, und verſank in finſtere Träumereyen. Wallner näherte ſich mir ſehr ehrerbiethig wieder, und fing ein gleich⸗ gültiges Geſpräch an. Ich war mit zu vielen Ge⸗ danken beſchäftiget, und er ſelbſt ſpielte eine zu wichtige und für mich zu qualvolle Rolle in dem kreiſe der Ideen, die mir vorſchwebten, als daß ich ihm mit der gehörigen Faſſung und Freundlich⸗ keir hätte antworten ſollen. Er bemerkte es ſo⸗ gleich, wurde ſichtlich niedergeſchlagen, und verließ mich und die Geſellſchaft bald darauf. Ich erwar⸗ tete mit Ungeduld das Ende der rauſchenden Aſſem⸗ blee. Endlich wurde es leer; wir zogen uns in un⸗ ſer Zimmer zurück, und nun ſing ich an, meine verworrenen zerſtreuten Gedanken zu ſammeln. Nach langem überlegen, Wählen und Verwerfen beſchloß ich endlich, an Blum zu ſchreiben, um mich zu rechtfertigen, zugleich aber ein zwar achtungs⸗ volles, doch kaltes Betragen gegen Wallnern an⸗ zunehmen, deſſen Hoffnung zu nähren ich nicht be⸗ rechtiget war; ja ich fand, es ſey Pflicht, ihn ſcho⸗ nend und ſanft zurück zu führen in die unüber⸗ — 155— ſteiglichen Schranken, die meine und ſeine Ver⸗ hältniſſe uns vorſchreiben. So legte ich mich zu Bette, und fand einige Beruhigung in jenen Vor⸗ ſätzen, und mehr Erhohlung im Schlummer, als ich nach einem ſolchen Abend gehofft hatte. Den 2. Jänner. O meine Schweſter! Was habe ich Dir zu ſchreiben! Geſtern Morgens, als ich kaum ange⸗ kleidet war, trat Juliane in mein Zimmer. Ich ſah in ihren Mienen, daß ſie mich den Abend vorher beobachtet hatte, und nun kam, um mit mir dar⸗ über zu ſprechen. Ein heimliches Grauen überlief mich, und ich kann Dir gar nicht ſagen, wie kin⸗ diſch mein Herz vor dieſem Examen zitterte. Doch nahm ich mir vor, ſtandhaft zu ſeyn, und ihr nichts zu geſtehen. Aber das war vergebens. Mit einer Schlauheit, mit einer Sicherheit und Conſequenz⸗ die ich, ſo weh mir's that, während ihres Ausfra⸗ gens bewundern mußte, wußte ſie mir alles, alles rein abzufragen, mich, wenn ich etwas läugnen wollte, zu überführen, aus jedem Hinterhalte her⸗ vorzutreiben, bis ſie endlich alles ſo genau wußte, als ich ſelbſt. Noch jetzt begreife ich kaum, wie es zugegangen iſt; aber genug, ſie weiß es, und ich glaube, kein Eriminalrichter kann treffender, ver⸗ führeriſcher fragen, als dieſe Juliane, die ich fürch⸗ ten, beynahe haſſen möchte, wenn ich dieſes Gefühl nicht für Sünde hielte, und doch bewundern muß. Und was wollen Sie nun thun? fragte ſie endlich. Ich ſagte ihr, daß ich an Blum ſchreiben, mich we⸗ gen meiner dreymahligen Abweſenheit, als er mich die Woche vorher beſuchte, entſchuldigen, ihn um einen Beſuch bitten, und mich dann ganz rechtfer⸗ tigen wollte. Sehr wohl! antwortete ſie: Aber was werden Sie ihm eigentlich ſagen?„Daß er mir Unrecht thue, daß ich Wallnern bloß ſchätze, weil er es wirklich verdient, daß ich aber nuri hn lie⸗ ben, und ihm ewig treu ſeyn werde, daß ſich Wall⸗ ner auch wirklich keine Hoffnungen mache, und daß ich mich künftig ſo betragen würde, um auch jede kleine Außerung ſeiner Gefühle abzuhalten.“ Hier fing ſie an, laut zu lachen: Wie wollen Sie denn das anfangen? Ich ſagte ihr, ziemlich verdrießlich über ihr Gelächter, was ich Dir vorher über die⸗ ſen Punet geſchrieben habe.„Meinen Sie denn, daß Blum Ihnen das glauben wird? Und ſind Siewirklich ſelbſt depon überzeugt 2“ Lorchen! fing ſie jetzt auf einmahl ſehr ernſt an, indem ſie mir die Bände auf beyde Schultern legte, und mir ſcharf ins Geſicht ſah: Lorchen! Sie kennen ſich ſelbſt — 155— nicht, Sie täuſchen ſich, Sie meinen es redlich, aber— Sie lieben Wallnern. Dieſe Worte ſprach ſie langſam, gezogen, und mit einem Blicke aus, der bis in das Innerſte meiner Seele zu dringen ſuchte. Ich erſchrak; es war mir, als ob ein Blitz vor mir niederführe. Ich trat zurück, ſah ſie ſtarr an, und vermochte nicht, ihr ſogleich zu antworten. Ja, fuhr ſie fort: Sie lieben ihn. Der warme Antheil, den er an Ihnen ſeit Ihrer Bekanntſchaft genommen hat, ſeine ſtille Trauer, ſeine unglück⸗ liche Liebe haben Sie gerührt. Sie fühlen Mitleid mit ihm, und vom Mitleid mit einem liebenswür⸗ digen, jungen Mann iſt bis zur Liebe nur ein ſehr kleiner Schritt. Ich wollte ſie unterbrechen, aber ſie ließ mich nicht zum Worte kommen. Den Schritt haben Sie größten Theils auch ſchon gethan, ſagte ſie, und fing nun an, eine Menge kleiner Beobachtun⸗ gen herzuzählen, die ſie über mich und Wallnern gemacht hatte. Ich erſchrack über den aufmerkſamen Spion, den ich an ihr gehabt hatte; aber ich muß⸗ te geſtehen, daß ſie meiſt überall recht geſehen hat⸗ te. Nun ging ſie weiter, und erklärte jene Erſchei⸗ nungen aus meinen und Wallners Gefühlen. Sie entwickelte mein eigenes Herz mit einer Kenntniß⸗ einer Genauigkeit, die mich zittern machte. Ich war — 156— beſchämt, verwirrt, erſchrocken, wenn ich ſo ſagen darf. Sie überzeugte mich zwar nicht ganz; aber ich war doch nicht im Stande, ihr zu widerſpre⸗ chen. Der Sieg blieb in ihren Händen, ich mußte zuletzt zugeben, worüber mein ganzes Weſen ſchau⸗ derte, daß Wallner mir wirklich nicht ganz gleich⸗ gültig ſey. Und nun, ſagte ſie mit ſchneidendem Ton und einem Blicke, der mich erſchütterte, nun gehen Sie hin, und ſchreiben Sie Ihrem Jugendfreun⸗ de, bitten Sie ihn zu kommen, rechtfertigen Sie ſich, ſagen Sie ihm, daß er Ihnen Unrecht gethan hat, daß Sie ihn ganz allein und unausſprechlich lieben, daß Wallner nichts als Ihre kalte Achtung beſitzt, daß er geſtern Abends ganz falſch geſehen habe, wenn er Thränen in Ihren Augen und tiefe Rührung der keimenden Liebe in Ihren Zügen ge⸗ leſen hat! Das ſagen Sie ihm, und nun Adieu! Sie wiſſen, was Sie wiſſen ſollten. Es war, wie ich glaube, meine Pflicht, Sie über den Zuſtand Ihres Herzens aufzuklären, und eine Täuſchung zu zernichten, die zwey edle Männer und ein gu⸗ tes Mädchen, je länger ſie dauerte, je unglücklicher gemacht haben würde. Was Sie künftig zu thun haben, wie Sie ſich gegen Blum und Wallner be⸗ tragen ſollen, das muß Ihnen Ihre Vernunft und Ihre Redlichkeit vorſchreiben. Nur das, liebes Lor⸗ chen, bitte ich Sie, zu bedenken, ob Ihre Denk⸗ art nach einer ſo genauen, und, wie mir ſcheint, erwünſchten, Bekanntſchaft mit der großen Welt beſſer mit der ſtillen Lebensart, die Ihnen Ihr In⸗ gendfreund anweiſen wird, oder mit dem fröhliche⸗ ren Gange harmoniven werde, den Sie an Wall⸗ ners Seite gehen könnten. Bey dieſen Worten er⸗ hob ſie ſich raſch, und eilte aus dem Zimmer. Ich kann Dir die Beſtürzung, den Schrecke nicht genug ſchildern, in welche ihre Reden michge⸗ ſtürzt hatten. Ja, Thereſe, ich fühlte, ſie hatte in vielen Stücken Recht. Ich bin ſtrafbar. Wallner iſt mir mehr, als er ſeyn ſollte. Ich habe Ferdi⸗ nanden verrathen, ich habe ſeine Rechte gekränkt. Aber was kann ich thun? Kann ich jetzt hintreten, und es ihm entdecken? Mit welcher Stimme, mit welcher Faſſung kann ich ihm eine Erklärung ge⸗ ben, die ſeine Ruhe vergiften, ſeine Achtung gegen mich vermindern, und bey ſeiner feinen und leb⸗ haften Art zu fühlen vielleicht die gewaltſame Auf⸗ löſung eines Bandes nachſich ziehen würde, an dem Trotz meiner Verirrung mein ganzes Glück hängte Ach Thereſe! Welche Widerſprüche in dieſem Her⸗ zen? Iſt es möglich? Kann man zwey Perſonen auf einmahl lieben? Konnte ich ſo tief ſinken, bis zu dieſem Leichtſinne, dieſer Doppelherzigkeit, ich, die ſonſt jede Untreue, jedes zu geſchwinde Ver⸗ geſſen eines geliebten Gegenſtandes für Hochver⸗ rath hielt? Thereſe! Was wird aus mir werden? Ach, ich zittere jetzt davor, daß Ferdinand kom⸗ men wird! Wie kann ich vor ihm erſcheinen 2 Wie werde ich ſeinen Anblick aushalten? Und doch flie⸗ ßen meine Thränen über ſein Außenbleiben. Seit vorgeſtern, ſeit jenem unglücklichen Abend habe ich ihn nicht mehr geſehen. Geſtern waren wir wie⸗ der den ganzen Tag nicht zu Hauſe. Es war Fa⸗ milientafel bey meinem Vormund, und ich war eines Theils froh, daß das Geräuſch, und die lau⸗ te Fröhlichkeit, welche dabey herrſchte, die weh⸗ müthigen Gefühle meines Herzens übertäubten. Als ich nach Hauſe kam, forſchte ich bey allen Hausleuten, ob niemand hier geweſen ſey. Man hatte niemand geſehen. Er war nicht gekommen; und zu ſchreiben, ach Thereſe! zu ſchreiben kannich mich in dieſer Gemüthsſtimmung nicht entſchlie⸗ ßen. Was wird Ferdinand von mir denken? Was wirſt Du denken? O verachte mich nicht, verſtoß mich nicht aus Deinem Herzen, und denke beſſer von mir, als ich ſelbſt es thue! — . Zwey und zwanzigſter Brief. Dieſelbe an dieſelbe. *** den 6. Jänner 1798. In es die Strafe der Schuld, die mich verfolgt? Muß ich eine Schwachheit meines zu weichen Her⸗ zens ſo bitter büßen? O was iſt es, das alle mei⸗ ne Plane, mich zu retten, zerſtört, und meinen un⸗ bedeutendſten Handlungen einen Schein gibt, der meine Schuld und meine Rettungsloſigkeit ver⸗ größert? Blum iſt verreiſet, zu ſeinem Bruder, der tödtlich krank geworden iſt; ich werde ihn viel⸗ leicht viele Tage nicht mehr ſehen, und den Tag, wo er Abſchied nehmen wollte, mußte er mich wie⸗ der verfehlen! Am Abend nach dem Neujahrstag war unſere Geſellſchaft ganz klein, nur Wallner und einige von den vertrauten Freunden des Hau⸗ ſes waren zugegen. Ich war niedergeſchlagen, Wall⸗ ner ebenfalls. Er näherte ſich mir kaum, und mir — 160— war es lieb, denn es erleichterte meinen Vorſatz, ihm jede Hoffnung zu benehmen. Ich erwartete Ferdinanden. Ich zitterte, wenn die Thür aufging, weil ich ſeine Gegenwart fürchtete, und dennoch ſiel es mir immer ſchwerer und ſchwerer auf's Herz, daß er auch heute nicht kam. Bey einer Pauſe, die unterm Spiele gemacht wurde, trat Wallner, der keine Partie angenommen hatte, zu mir, und frag⸗ te— o Thereſe, mit welcher Schüchternheit, wel⸗ cher Delicateſſe!— um die Urſache meines verän⸗ derten Betragens, ob er mir Anlaß zum Unwillen gegeben habe, weil ich ihm vorgeſtern und heute ſo fremd begegnet ſey. Ich war äußerſt verlegen, und wußte nicht gleich, was ich ſagen ſollte. Er drang mit ſanften Klagen in mich. Gott weiß, wie ich ſo kopflos ſeyn konnte; aber es war, als woll⸗ te mir nichts anders einfallen, und ſo ſchob ich end⸗ lich, dumm genug, die Schuld auf Verſtimmung und auf einige trübe Augenblicke, die ich Blums wegen gehabt hätte. Er ſchien mehr Sinn in mei⸗ ne Worte zu legen, als ich ſelbſt; er ſah betroffen aus, wollte ſprechen, und ſchwieg doch wieder, als reuete ihn das, was er ſagen wollte, verneigte ſich ſtumm, und ging zum Spieltiſch zurück. Ich wuß⸗ te mir ſein Betragen nicht recht zu erklären; aber Blums Außenbleiben, und das Bild ſeiner ſchönen * — 161— Couſine, das ſich mir unaufhörlich vor die Seele drängte, beſchäftigten mich zu ſehr, als daß ich über Wallnern hätte nachdenken können. Die klei⸗ ne Geſellſchaft blieb zum Abendeſſen. Wallner nahm ſeinen Platz neben Julianen; ich ſah ihn ſtill und eifrig mit ihr ſprechen. Mit mir redete er wenig. So verging der Abend, und ein tröſten⸗ der Schlummer ſchloß endlich ſehr ſpät nach Mit⸗ ternacht meine thränenvollen Augen, die ſich über Blums Kälte, über meine Schuld gegen ihn, und über heiße feſte Vorſätze, meinen Fehler gut zu machen, müde geweint hatten. Am Morgen kam Juliane in's Zimmer. Sie fragte mich, ob ich nicht von der Partie ſeyn woll⸗ te, einen künſtlichen Arbeitstiſch zu beſehen, der bey einem Galanteriehändler ſtand, und erſt aus England gekommen war; Wallner hätte ihr ge⸗ ſtern davon geſagt, und werde um zwölf Uhr ſie und ihre Mutter abhohlen. Ich ſtand eine Weile an, ob ich zuſagen ſollte. Sie bedenken ſich? ſag⸗ te ſie endlich mit einem ſeltſamen Tone: Freylich, nachdem Sie Wallnern geſtern förmlich abgewie⸗ ſen haben, wiſſen Sie jetzt nicht ſo eigentlich, ob ſich's ſchicken wird, mit ihm auszufahren. Ich war ganz erſtaunt, und fragte verwundert: Abge⸗ wieſen? Wann und wie? Dazu habe ich gar kein Leon. I. Th. Recht; denn Wallner hat ſich nie gegen mich er⸗ klärt. Das weiß ich nicht, erwiederte ſie: Das mögen Sie mit ſich ſelbſt ausmachen. Genug, er hat die Antwort, die Sie ihm geſtern gaben, ſo verſtanden, daß Sie ſeinetwegen mit Blum Ver⸗ druß gehabt hätten, und ihn deßwegen künftig kalt behandeln wollten. Ich wurde recht ärgerlich über das Hin- und Hererzählen, und wiederhohlte Julianen, was ich Wallnern geſagt hatte. Aber, liebes Kind! erwie⸗ derte ſie mit einem mitleidigen ſpöttiſchen Tone, der mich unendlich verdroß: Was heißt denn das anders, als: Ich darf nicht zu freundlich mit Jh⸗ nen ſeyn, weil ich ſonſt Verdruß mit meinem Ge⸗ liebten habe. Nehmen Sie mir's nicht übel, Lor⸗ chen! Das war ſehr aufrichtig, aber ſehr unklug geantwortet, beſonders wenn Wallner, wie Sie ſa⸗ gen, ſich nie erklärt hat. Muß er nicht, wenn er vielleicht keine ernſthaften Abſichten hatte, über ihre Schwachheit lächeln? Und wenn er ſie hat, wenn er Sie wahrhaft liebt, wie ich gewiß glaube, ſo muß ihn ein ſolches Betragen tief ſchmerzen. Womit hat er dieſe kalte Zurückweiſung verdient? Worin hat ſeine ehrerbiethige Liebe die Anſprüche Ihres Geliebten oder Ihre Ehre gekränkt? Wahr⸗ lich, Sie treiben Ihre Gewiſſenhaftigkeit ſehr weit. — 165— Das Schlimmſte an der Sache iſt, daß Blum bey Weitem nicht ſo ängſtlich iſt, als Sie. Er war ge⸗ ſtern den ganzen Tag bey ſeiner Couſinè, und un⸗ terhielt ſich ſehr gut, während Sie voll übertrie⸗ bener Delicateſſe einen Mann tief kränkten, der in keiner Rückſicht dieß Betragen um Sie ver⸗ dient hat. Bey dieſen Worten zog ſie ihre Brief⸗ taſche heraus, und nahm ein Billet aus derſelben, das ſie mir reichte. Das iſt von Babetten, ſie: Leſen Sie's! Um zwölf Uhr kommt Wallner. Bis dahin überlegen Sie, was Sie zu thun, und wie Sie ſich gegen ihn zu betragen haben! So ging ſie, wie eine Gouvernante, die ihrem Zöglinge den Text geleſen hat, und die Straffäl⸗ lige nun ihren quälenden Gedanken überläßt. Und das waren ſie wirklich für mich, quälend im höch⸗ ſten Grade. Ich hatte das Billet entfaltet, als ſie noch im Zimmer war, aber vergeblich zu leſen ver⸗ ſucht. Tauſend widerſprechende Vorſtellungen, jede peinlicher als die andere, zerſtreuten meine Denk⸗ kraft, und machten es mir unmöglich, nur zwey Worte mit Sinn zu leſen. Endlich gelang es mir doch, und ich las. O meine Thereſe! Die Worte dieſes Zettels werden lange in meiner Seele wie⸗ derhallen. Babette ſchreibt in einem muntern ſchä⸗ kerhaften Tone, daß ſie Julianens Einladung, ſie * ſagte als geſtern zu beſuchen, nicht habe annehmen kön⸗ nen, weil ſie gar zu angenehme Geſelkſchaft gehabt habe.„Ferdinand— merke wohl, Thereſe! ſie nennt ihn vertraulich nur mit dem Vornah⸗ men— hat bey uns geſpeiſet, und iſt Abends mit uns in's Theater gegangen. Daß ich mich köſtlich unterhalten habe, brauche ich Dir nicht zu verſi⸗ chern, und ich meine, ſein Tag wird ihn auch nicht gereuet haben; denn es ſcheint, die Wolken, welche ſeine Stirn, als er zu uns kam, noch verfinſter⸗ ten, waren am Abend ſo ziemlich gewichen. Er war heiter, geſprächig, ſogar zuweilen muthwilligz kurz, der Tag war zu ſchön zugebracht, um nicht bald wiederhohlt zu werden.“ Alſo Blum war heiter, muthwillig ſogar, und das bey ſeiner ſchönen Couſine? Bey mir iſt er immer finſter, grämlich, und mir kann es nicht gelingen, die Wolken von ſeiner Stirn zu ver⸗ ſcheuchen. O Thereſe! Wie mich dieſe Bemerkung ſchmerzte, kann ich Dir nicht ſagen. Daß ſie wahr war, konnte ich nicht bezweifeln, und ſein Betra⸗ gen beſtätiget mir es ja genugſam. Warum kam er ſeit drey Tagen nicht? Es iſt wahr, er glaubte ſich am Neujahrstage von mir beleidiget; aber drängte ihn ſein Herz denn nicht, mit mir darüber zu ſprechen? Trieb es ihn nicht wenigſtens, mir * Vorwürfe zu machen? Die macht man ja gern, ſo lange man noch Antheil an der Perſon, die uns kränkte, nimmt; und nur mir macht er keine. Und ich habe mir ſeinetwegen ſo viele gemacht! Ich ha⸗ be mir vorgenommen, mit ſo viel Angſtlichkeit über jede meiner Handlungen zu wachen, damit nur ja kein Schatten von Verdacht mehr ſein Herz quäle, damit ich ihm jeden Kummer, jede Sorge erſpare. Ich habe ſeinetwillen einen edlen Mann gekränkt, der mich aufrichtig und vielleicht zärt⸗ licher liebt, als Blum. Solche und noch tauſend quälendere, beſchämendere Gedanken folterten mich, und zerriſſen ſchmerzhaft mein tief erſchüttertes Herz. Lange ſaß ich, das fatale Billet in der Hand⸗ an meinem Tiſche, und wäre vielleicht noch län⸗ ger geſeſſen, wenn nicht die Jungfer eingetreten wäre, um mich zu erinnern, daß es Zeit zum Fri⸗ ſiren und Ankleiden ſey. Es war halb zwölf Uhr; ich eilte, mit meinem Anzuge fertig zu werden, und war es noch nicht ganz, als das Mädchen der Frau von Schöndorf eilig kam, um mir zu ſagen, es ſey angeſpannt, und Baron Wallner ſchon da. Was ſollte ich thun? Sollte ich gehen? Sollte ich bleiben? Ich beſchloß zu gehen; denn hatte ich nicht ein Unrecht gegen Wallnern gut zu machen, und mußte ihn, wenn er mich liebte, mein Weg⸗ wenn er mich nicht liebte, dieſe übel angebrachte Sprödigkeit mich lächerlich machen? Ich ging hin⸗ über. Er verbeugte ſich, ohne ſich mir zu nähern, ohne meine Hand zu küſſen, was er ſonſt nie un⸗ terließ. Sein braunes Haar hing ungepudert, und nur nachläſſig gelockt, auf ſeiner Stirn, und mach⸗ le das ohnehin blaſſe Geſicht noch bleicher. Sein ganzes Benehmen trug ſo ſichtbar das Gepräge ei⸗ nes tiefen Kummers, daß ſogar Frau von Schön⸗ dorf, die nicht leicht etwas bemerkt, ihn darüber anredete. Er ſchützte Kopfweh vor, und jeder Ton ſeiner unterdrückten Stimme drang ſtechend in mein Herz. Wir fuhren fort. Während wir Frauen⸗ zimmer den Tiſch beſahen, der ſehr ſchön gearbei⸗ tet war, und in zahlloſen Schubladen und Fächern die Werkzeuge zu allen erdenklichen weiblichen Ar⸗ beiten, zum Schreiben, Zeichnen u. ſ. w. enthielt, ſtand Wallner mit verſchränkten Armen ſtumm und düſter am Fenſter, und ſah in die fallenden Schnee⸗ flocken, die der Nordwind tobend herum jagte. Ich konnte es nicht länger aushalten; ich trat zu ihm, legte meine Hand auf ſeinen Arm, und frag⸗. te ihn theilnehmend, ob ſein Kopfſchmerz noch im⸗ mer ſo heftig ſey? Er ſah mich ſtarr und ſchwei⸗ gend an. Sie hätten in dieſem Wetter nicht aus⸗ — 167— gehen, Sie hätten ſich ſchonen ſollen, ſetzte ich hin⸗ zu, und erſchrack ſelbſt über die Weichheit des Tons mit dem ich dieſe Worte geſprochen hatte. Er er⸗ griff meine Hand; ſein trübes Auge fing an zu funkeln. Himmliſche Güte! rief er: Wie iſt es möglich, ſo unendlich gut, und zugleich ſo grau⸗ ſam zu ſeyn! Ich ſchwieg verlegen und erröthend. Erlauben Sie mir eine einzige Frage! rief er heftig: Sind Sie mit Blum feyerlich verſpro⸗ chen? Das bin ich nicht, gewiß nicht, antwortete ich, vielleicht mit zu großer Heftigkeit. O dann, rief er aus, und ſeine Augen ſtrahlten, dann iſt noch nicht alles verloren! Er küßte meine Hand, führte mich zur Geſellſchaft zurück, und hatte nun plötzlich alle ſeine gewohnte Munterkeit wieder. Juliane ſah bald mich, bald Wallnern forſchend an, und ſchüttelte lächelnd den Kopf. Ich war nun auch fröhlicher; denn ich hatte ja einem guten Menſchen eine frohe Stunde gemacht. Ach Gott! Wie ſchnell, wie bitter ward ich wieder aus dieſer leichteren Stimmung gebracht, und in meinen vo⸗ rigen Kummer zurück geſtürzt! Wie ich auf mein Zimmer kam, eilte mir Julianens Mädchen ent⸗ gegen, und brachte mir eine Viſitkarte von Blum mit p. p. c. Ich erſchrack. Was ſoll das bedeuten? rief ich.„Herr Blum iſt da geweſen, um ſich zu beurlauben. Sein Bruder iſt gefährlich krank; reiſt heute nach Tiſche fort zu ihm. Ich habe ihm geſagt, er möchte nur einen Augenblick warten, Euer Gnaden wären nur mit der gnädigen Frau und Baron Wallnern ausgefahren, und würden gleich wieder kommen. Er ſchien ſich eine Weile zu beſinnen, dann aber zog er das Billet heraus, und ſagte, er könne unmöglich warten, ich möchte Euer Gnaden ſagen, es wäre ihm ſehr leid, Sie nicht getroffen zu haben.“ Ich war ſo betroffen, daß ich dem Mädchen keine Antwort geben konnte. Stumm legte ich die Karte vor mir auf den Tiſch ſetzte mich hin, und ſah ſie ſtarr an, ohne im Gewühle peinlicher Ge⸗ fühle und Gedanken einen beſtimmten Begriff faß⸗ ſen zu können. Als der Sturm in meinem Innern ſich gelegt hatte, als ich wieder klar und deutlich zu denken vermochte, o meine Schweſter! welche ſchmerzende Reſultate zog meine Vernunft aus den feindſeligen Begebenheiten und Umſtänden, die mich ſeit den letzten Tagen, ich kann wohl ſagen, ver⸗ folgten! Soll ich denn wirklich von Ferdinanden geriſſen werden? Sollen denn alle Bande zwiſchen uns ſich löſen? Muß uns ein feindlicher Dämon gerade in jenen Augenblicken zuſammen führen, wo aus den Umſtänden Mißverſtändniſſe entſtehen — 169— nüſſen, und ihn immer von mir entfernen, wenn ich mich gegen ihn erklären, und ein peinliches Verhältniß freundlich löſen möchte? Was wird er von mir denken? Wie ſchmerzend muß der Zuſtand feines guten, tief fühlenden Herzens ſeyn, wenn er jetzt mit dieſem Argwohn, dieſem Verdacht ge⸗ gen mich dem Anblick eines ſterbenden Bruders, ei⸗ ner verzweiflungsvollen Familie entgegen gehen poll! Nein, ſagte ich zu mir ſelbſt, was auch im⸗ mer ſein Verhältniß gegen Babetten ſeyn mag, was ihn auch bewegen mag, meine Hand auszu⸗ ſchlagen, und mir ſo kalt zu begegnen; gegen eine Lage, wie die ſeine, verſchwindet jede Bedenklich⸗ keit, jeder Groll, und es iſt meine Pflicht, alles zu thun, was in meinem Vermögen ſteht, um ſei⸗ ner Seele, wenigſtens auf der einen Seite, ſo viel Frieden und Freude zu geben, als ich kann. Ich werde ihm ſchreiben, ich werde mich über alles rechtfertigen, ihm jeden Umſtand mit aller Wahr⸗ haftigkeit erzählen, und dieß Herz, das ſo feſt an dem ſeinen hängt, offen und wahr vor ihm zeigen. Vielleicht gibt dieß uns beyden die verlorne Ruhe wieder, und zieht ein Band wieder feſter, das nur mit dem Glücke meines Lebens zugleich zerriſſen werden könnte. So dachte ich, und fand eine Art von wehmi⸗ — 170 thig ſüßer Beruhigung, von Hoffnung ſoga dieſem Entſchluſſe. Ich wollte nur warten, bis Ferdinand bey ſeinem Bruder angekommen ſeyn würde, damit mein Brief ihn ſicher treffe. Noch beſchäftigten mich dieſe Entwürfe, als Juliane her⸗ eintrat, und mich fragte, ob Blum da geweſen ſey, indeß wir aus waren? Ich bejahete es, und barg ihr den Verdruß und die Sorge nicht, die mir dieß abermahlige Verfehlen machte. Sonderbar, rief ſie, daß er gerade jetzt kommen mußte, oder kommen wollte, wo er wußte, daß Sie nicht zu Hauſe wären. Er wußte es? fragte ich erſtaunt. „Natürlich! Er hat uns ja fahren ſehen. Er ging die Straße herauf, als wir hinab fuhren; ich ha⸗ be ihn noch gegrüßt. Er hat Sie auch geſehen; nur haben Sie ihn nicht bemerkt.„Warum haben Sie mir nichts davon geſagt? rief ich.„Ich dachte nicht, daß es ſo nothwendig oder ſo intereſſant wäre, es Ihnen zu ſagen, beſonders vor Wallnern, vor dem ich in ſeiner heutigen Stimmung Blums Nahmen ungern genannt hätte. Er verdient, glaubeich, die⸗ ſe Schonung.“ Ich ſchwieg nachdenkend und ver⸗ drießlich. Es ſieht beynahe ſo aus, hob ſie an, in⸗ dem ſie ſich von mir abwandte, und in den Büchern blätterte, die auf dem Tiſche lagen, als hätte er Sie nicht antreffen wollen, als hätte er dieſe Stun⸗ e gefliſſentlich ausgeſucht. Ich ſchwieg noch immer. Auffallend iſt es bey allem dem, fuhr ſie fort, daß er gerade, ſeit dem er ſo oft zu Babetten kommt, die Stunde, wo er Sie treffen kann, ſo ſehr ver⸗ fehlt. Babette iſt glücklicher, oder mehr zu Hauſe, als Sie; die trifft er immer an.— Es iſt auch wahr, rief ich jetzt haſtig: Ich gehe ſehr oft, wahr⸗ lich zu oft aus; er muß mich wohl verfehlen.— Doch nicht öfter als vormahls, erwiederte Juliane gelaſſen, und fuhr fort zu blättern, es trifft ſich nur jetzt immer ſo ſonderbar. Er weiß ja doch z. B. daß Sie Abends vielzu Hauſe ſind, um zwölf Uhr hingegen öfters ſpazieren fahren; und jetzt wählt er meiſtens dieſe Stunde und läßt ſich Abends wenig ſehen. Das iſt doch gewiß auffallend. So währte unſer Geſpräch noch eine Weile fort, und Juliane träufelte langſam Tropfen für Tropfen das Gift des Verdachtes in mein Herz. Ach Thereſe, wenn ſie die Wahrheit redete! Auf⸗ fallend iſt es immer, und wenigſtens darf ich es bey dieſen Umſtänden nicht wagen, ihm zuerſt zu ſchreiben. Er wird doch an mich denken, er wird mir ſchreiben; dann will ich mich nach ſeinem Brie⸗ fe richten. O meine Schweſter! Wohin iſt es mit uns gekommen, daß ich ſolcher Vorſichtigkeit, ſol⸗ cher kluger Maßregeln gegen Ferdinanden bedarf! Er liebt vielleicht Babetten, und ich— o Schwe⸗ ſter! ich ſchlage reuig aber muthlos an mein Herz; ich weiß mir nicht zu helfen, ich— o ich bin auch nicht ſo ganz gleichgültig gegen Wallner, als ich 6 es ſeyn ſollte!— Der Himmel gebe mir, There⸗ ſe, daß ich Kraft und Muth zum Kampfe gegen mein Herz, gegen mein Schickſal erhalte, daß ich aus dem Streit der Empfindungen, der Verhält⸗ niſſe, in dem jetzt mein ganzes Weſen ſchwebt, wo nicht Ferdinands Liebe, doch wenigſtens meine Treue gegen ihn, meine Wahrhaftigkeit rette. —— — Drey und zwanzigſter Brief. Juliane von Schöndorf an Babette Leſſert. *** den 6. Jänner 1795. Si⸗ können ſich Glück wünſchen, liebe Babette. wenn das ſo fort geht, und die zweyte Hälfte un⸗ ſers Planes eben ſo ſchnell und erwünſcht ihr Ende erreicht, als die erſte. Der Zufall thut außeror⸗ dentlich viel für Sie, und ich habe weiter kein Ge⸗ ſchäft, als hier und da ein wenig nachzuhelfen, und beſonders unſere Liebenden ſo wenig allein beyſam⸗ men zu laſſen, als möglich. Alle Erklärungen, alle zärtlichen Scenen, alle Gelegenheiten zu Erinne⸗ rungen an ihre Jugendjahre, an ihre Liebe, alle Geſpräche über die Zukunft müſſen verhindert, oder geſtört, oder durch irgend einen umſtand ſo modi⸗ ſicirt werden, daß ſie, ſtatt ſie einander näher zu bringen, nur dazu dienen, ſie mehr zu entfernen⸗ Ich bin daher, ſo viel ich kann, zugegen, was mir leicht fällt, da mein Zimmer neben dem Le is iſt. Ich berede ſie oft, mit mir auszugehen, und die Jungfer, die uns beyde bedient, hat ohnedieß ihre gemeſſenen Befehle. So gelang es mir ſehr gut, Blum in der Neujahrswoche vier Mahl frucht⸗ los zu ihr gehen zu laſſen. Bald war ſie mit mir aus, bald wurde ſie ohne ihr Wiſſen verläugnet; denn meine Cathon iſt geſchickt und verläßlich. Daß ihn das erbitterte, können Sie denken, und die Folgen waren ganz, wie ich ſie hoffte. Er iſt ohne Abſchied fortgereiſet. Machen Sie jetzt nur, daß ich durch Ihre Mutter oder die Dorſing zu⸗ weilen Nachrichten von ſeiner Reiſe erhalte! Sie gehörig an Mann zu bringen, wird meine Sorge ſeyn. Nur eins iſt zu fürchten, Levnorens unbeſchreib⸗ liche, wahrhaft kindiſche Weichheit, in der kein bleibender Eindruck haftet, als den uralte Gewohn⸗ heiten und Jahre lang genährte Gefühle gemacht haben, und auf der andern Seite ſeine unbegreif⸗ liche Anhänglichkeit an dieß Geſchöpf, das ſeiner ſogar nicht werth iſt. Es kommt alſo darauf an, die neuen Eindrücke, welche Wallner, die Welt, der Glanz und das Geräuſch des neuen Lebens auf ſie machen, ſo viel möglich zu verſtärken, und auf der andern Seite jede Blöße, die ſie gibt, jeden —— wahren Fehler, und jeden Schein zur Waffe gegen ſie zu machen, um in Blum die überzengung her⸗ vorzubringen, daß ſie nicht mehr für ihn ſey, daß er ſie und ſie ihn nicht mehr glücklich machen wür⸗ de. Das iſt ſchwer, aber es geht dennoch; die ar⸗ men Geſchöpfe arbeiten mir in die Hand, und ah⸗ nen nicht, zu welchem Bau, unter dem ihr Glück begraben werden ſoll, ſie ſelbſt unbewußt die Stei⸗ ne herbey tragen. Und begraben ſoll ihr Glück werden, dafür ſtehe ich! Sie ſollen getrennt wer⸗ den. Blum ſoll Leonoren nicht haben. Es wird von Ihrer Klugheit abhängen, ob Sie dann, wenn das Band zerriſſen iſt, Ihre alten gegründeten Anſprü⸗ che mit Feinheit und Zartgefühl geltend machen werden, und Sie wiſſen, daß ich deßhalb Ihren Plan, Blum von Leonoren zu trennen, und Ihre Abſichten auf ihn durchzuſetzen, gleich vom Anfan⸗ ge gebilliget, und ſehr gern die Hand dazu gebo⸗ then habe. Wäre er nicht vielleicht jetzt ſchon Ihr Gemahl, wenn ſein phantaſtiſcher Vater nicht durch den Tod einer eiferſüchtigen Frau die Freyheit er⸗ halten hätte, die Bekanntſchaft mit ſeiner erſten Geliebten wieder anzuknüpfen, und ſeinen Sohn ihrer Tochter zu beſtimmen? Lächerliche Anma⸗ ßung! Was vermißt ſich der Menſch, das Schick⸗ ſal eines Andern auf Jahre hinaus feſtſtellen zu 36 wollen! Es rollt die Zeit unaufhaltſam, es ſchaff nächſte Augenblick iſt in unſerer Gewalt. Laß den empfindſamen Vater, die zärtliche Mutter vor Jah⸗ ren ihre Kinder mit einander verſprechen, laß ihre weichen Seelen ſich ſchon im voraus an dem künf⸗ tigen Glücke der Kinder weiden, und in dem Bil⸗ de dieſer Seligkeit Troſt und Erſatz für eine eige⸗ ne hingeopferte Jugend finden! Die Umſtände verketten ſich, der Zufall verwirrt, die Gelegenhei⸗ reißt fort, das Schickſal gebiethet, die Plane ſind zerſtört, die Bilder vernichtet, alles iſt verſchwun⸗ den, und die menſchlichen Entwürfe und Anſtalten ſtehen in ihrer armſeligen Blöße da. Es iſt eine Art von Freude für mich, andieſer Zertrümmerung mitwirken zu können. Der Menſch ſoll ja keinen Wunſch erreichen, keine Lieblings⸗Hoffnung erfüllt ſehen; er ſoll elend ſeyn, und nur in ſich ſelbſt, in ſeiner Bruſt den Gott finden, der ihn auch über die Nothwendigkeit erhebt. übrigens, liebe Babette, geht alles ſeinen gu⸗ ten Weg. Wallner macht ſeine Sachen vortrefflich, obwohl er nicht halb ſo viel Kunſt brauchte, als er anwendet, um ſo ein albernes Ding, wie dieſe Leonore, zu täuſchen. Er gewinnt durch das Anſe⸗ hen eines Hoffnungsloſen immer mehr Platz in ih⸗ rem Herzen, und in eben dem Maße verliert Blum den ſeinigen. Die Valſin drängt ſich mit jedem Tage mehr an ſie, und zieht ſie unvermerkt in den berauſchenden Wirbel ihrer Geſellſchaft;— auch eine Erſcheinung, die ich mir auf eine einzige Art erklären kann. Was will die geiſtreiche muntere Frau, die noch überall mit eigenem Lichte glänzen kann, und bey Weitem nicht alt genug iſt, um ſich durch eine ſchönere Gefährtinn Huldigungen erkau⸗ fen zu müſſen, mit dieſem einfältigen, empfindeln⸗ den Geſchöpfe? Es iſt unerklärlich, wenn ich nicht eine Muthmaßung annehme, die aber ſehr viel Wahrſcheinlichkeit für ſich hat, und Wallners Schlauhe“ Ehre macht. Er iſt mit der Valſin, als ſie noch Mädchen war, in Verhältniſſen geſtanden, die ſie ihm jetzt noch verpflichten, oder wenigſtens ihr ſeine Wünſche werth machen. Wie wäre es, wenn er Leonoren durch den Umgang mit der Val⸗ ſin, der Heerborn und ihren übrigen Freundinnen, die ſo ziemlich alle gleichen Gehalts ſind, nach und nach in die Grundſätze ſeiner Schule einweihen, ſie allmählich für ihn bilden, und zugleich deſto mehr von ihrem ſtrengen Liebhaber, der jene Wei⸗ ber haßt und verabſcheuet, dem der Umgang ſei⸗ nes Mädchens mit ihnen ein Gräuel iſt, entfernen wollte? Dem ſey nun, wie ihm wolle, Sie ſe⸗ Leon. I. Th. 12 an unſerm Ziele ſtehen werden. Wallner wird ſich zwar ein Bißchen betrogen finden; denn das Ziel, das er zu erreichen denkt, iſt von der Wahrheit ziemlich verſchieden. Es läßt ſich an den Fingern abzählen, daß er auf Leonorens Geld rechnet, um ſeine zerrütteten Finanzen herzuſtellen; aber eben ſo gewiß iſt's, daß er ſich zu große Hoffnungen macht. Ich weiß von ſicherer Hand, daß er ihr Vermögen auf hundert tauſend Gulden ſchätzt. Es iſt nur ſiebzig tauſend. Ich werde mich aber wohl hüthen, ihm das zu ſagen; denn es würde ſeinen Eifer um dreyßig tauſend Gulden kälter machen, und er iſt gerade der Mann, den wir brauchen, um unſere Abſichten auszuführen. hen, daß alles, Freund und Feind, ſich zu Ihrem Beſten vereinigt, und wir ſowohl als Wallner bald Vier und zwanzigſter Brief. Ferdinand Blum an Ludwig Seltig. P'* den 7. Jänner 1798. Am Krankenbette meines geliebten Bruders, der geſtern mit dem Tode rang, und den der Arzterſt dieſen Morgen aus der drohendſten Gefahr zu ſpre⸗ chen wagte, ſitze ich, und lauſche auf die Athem⸗ züge des theuern Kranken, dem ein erquickender Schlummer neue Lebenshoffnung gibt, und verſu⸗ che es, Dir die Geſchichte der vergangenen Tage zu erzählen, die wahrlich keine Carnevalstage für mich waren. Ich bin in Po*g, vierzig Meilen von Leono⸗ ren entfernet, und vielleicht in dieſem Augenblicke von ihr vergeſſen. Ja, vergeſſen— denn um nur noch zu zweifeln, daß ſie Wallnern liebt, müßte ich blind oder der eitelſte Thor ſeyn, der je unter der Sonne lebte. Sie liebt ihn, Ludwig, ſie liebt 12„ — — 1860— ihn! Welche Hölle liegt in dieſen Gedankei! Er darf von ſeiner Liebe mit ihr ſprechen. Sie weiſet ihn nicht ab, ſie hört ihn gütig an, ſie weint eine Thräne der Rührung, der Trauer, daß ſie nicht ſein werden kann, über ſeine unglückliche Leiden⸗ ſchaft, und ich?— O ſie darf, ſie ſoll ſein wer⸗ den! Dieß Berz wird keinen Einſpruch thun in die Verbindung der glücklichen Liebenden. Ich wer⸗ de keine Anſprüche geltend machen. Sie gehe hin in ſeine Arme, und genieße das Glück, das er im bunten Gefolge rauſchender Freuden ihr beuth⸗ Was hätte ich ihr anzubiethen, das dieſe ſchimmer⸗ reichen Seligkeiten aufwöge? Ein ſtilles Leben im Schooße der Natur und der Häuslichkeit, einſame Freuden, unſcheinbare Genüſſe, und ein Herz voll treuer Liebe. Sie hat gewählt— ſie hat entſchie⸗ den— ſie würde an meiner Seite nicht glücklich ſeyn. Ihr Herz iſt für jenes einfache Glück nicht mehr einfach, nicht mehr unbefangen genug. O Ludwig! Welche ſchreckliche überzeugungen! Sey es Zufall oder Abſicht— doch wie könnte das Zu⸗ fall ſeyn!— es wird mir ſchon lange ſehrerſchwert, ſie allein zu ſprechen. Abends flatterte jener unſeli⸗ ge Menſch um ſie, unter Tags war ſie entweder in Geſellſchaft der beyden Fräulein vom Hauſe und noch anderer unbedeutender Geſchöpfe, in deren ,— gehaltloſem Geplauder — 8— ſie ſich doch wohl geſel, oder— was am öfteſten geſchah, ſie war nicht zu Hauſe. So ſuchte ich Sie in einer Woche vier Mahl, und vier Mahl vergeblich. Sie mußte wiſ⸗ ſen, daß ich da geweſen war; denn ihr Mädchen hatte mich geſehen und geſprochen. Auch gegen den unbedeutendſten Fremden hätten die Geſetze der allgemeinen Höflichkeit eine Entſchuldigung ſchrift⸗ lich oder mündlich gefordert. Mir ward ſie nicht. Man wußte, daß ich da geweſen, daß ich wieder zu kommen verſprochen, ſogar die Stunde meiner Wiederkunft beſtimmt hatte; man war dennoch wieder aus— oder ließ ſich verläugnen, und wür⸗ digte mich nicht einmahl einer Entſchuldigung. Lud⸗ wig, ich geſtehe Dir, daß dieß Betragen meinen Zorn ſo ſehr reizte, daß ich beynahe entſchloſſen war, ſie nie wieder zu ſehen. O was ſind die Ent⸗ ſchlüſſe eines wahrhaft liebenden Herzens! Ich über⸗ redete mich, daß ich nur noch ein Mahl hingehen wollte, um ihr auf ewig Lebewohl zu ſagen— und um ſie gewiß zu treffen, ging ich am Neujahrsabend hin, wo die Familie gern zu Hauſe bleibt, um den ſüßen Weihrauch von hundert Glückwünſchen ein⸗ zuſchlürfen, und die Pracht ihrer Meublen und Kleider zu zeigen. Ich trat ein. Der erſte Gegen⸗ ſtand, auf den mein Auge fällt, iſt Wallner, der Leonorens Hand vertraulich hält, und in angele⸗ gentlichem Geſpräche ſcheint. Ich trete näher— die glücklichen Liebenden bemerken mich nicht— ich höre ihn von hoffnungsloſer Liebe reden, und Blicke voll Leidenſchaft begleiten dieſe Worte. Sie errö⸗ thet, ſie iſt ängſtlich, wie eine Braut, Thränen der Rührung glänzen in ihrem Auge, ſie ſieht ihn an, mit welchem Ausdrucke! Ludwig! So ſah ſie einſt nur mich an! Er hätte ein Pinſel ſeyn müſ⸗ ſen, um dieſe Blicke nicht zu verſtehen! Haſtig riß er ihre Hand an ſeine Lippen, und ruhte lange dar⸗ auf; ſie duldete es, ihr Auge ſank nur verſchämt, nicht unwillig nieder. Er ging. Nun ſah ſie mich. Ihr Erſchrecken, ihr Stammeln waren Beweiſe genug wider ſie, wenn ich auch nichts geſehen hät⸗ te. Sie wollte ſich entſchuldigen; ich erſparte ihr die Mühe, und verließ ſie. Mit zerriſſenem Herzen fand ich mich eine Stun⸗ de darauf in meinem Zimmer wieder, ohne daß ich gewußt hätte, wie ich nach Hauſe kam. Mein Geiſt war zerrüttet. Trotz aller Vorbereitungen, aller Ahnungen, die ich längſt von meinem kommenden Unglücke gehabt hatte, betäubte mich doch die Ge⸗ wißheit. Das obſcheuliche Bild ſtand überall vor meinen Blicken. Lache nicht, Ludwig! Ich war Thor genug, Wallnern fordern zu wollen; der Zet⸗ * gewann es meine beſſere überzeugung über mein empörtes Gefühl. Ich warf mich auf's Bett; kein Schlaf beſuchte meine brennenden Augen. Am an⸗ dern Tage wollte ich ſie aufſuchen, ich wollte ihr Vorwürfe machen, ich wollte förmlich mit ihr bre⸗ chen. O was wollte ich nicht! Sie war wieder nicht zu Hauſe; die Familie brachte den Tag bey ihrem Vormund zu. Am zweyten war ich ſchon ſeit mehrern Tagen zu meiner Tante gebethen, und der Tag ging ſo leidlich hin, als es in meiner La⸗ ge möglich war. Der herzliche Ton, die ſchonende und doch aufrichtige Theilnahme meiner Verwand⸗ ten thaten mir wohl. O meine Seele bedurfte die⸗ ſes Balſams, um ſie für den folgenden Schmerz zu ſtählen. Als ich Abends nach Hauſe kam, fand ich einen Brief von meiner guten Schwägerinn. Carl war gefährlich krank, man gab alle Hoffnung auf; er verlangte mich vor ſeinem Ende noch ein Mahl zu ſehen. Ludwig! Ich wünſche meinem Feinde, ich wünſche Wallnern keine Nacht, wie die war, die ich nach dieſem Abend zubrachte. Am Mor⸗ gen waren die Poſtpferde beſtellt. Ich ſchickte ſie fort, und hieß ſie ſpäter wieder kommen. Ich wag⸗ te es auf die Gefahr, einen über alles geliebten Bruder nicht mehr zu ſehen, ihm den letzten Troſt 5 tel lag ſchon geſchrieben vor mir. Nur mit Mühe im Tode zu rauben, weil ich Leonoren doch noch ſprechen wollte. Ich wußte, daß es ſpät Tag bey ihr wird. Ich ging um zwölf Uhr hin— ſie war mit der Schöndorf und Wallnern ausgefahren. Ludwig! Dieſer letzte Schlag machte mich beynahe wahnſinnig. Ich warf mich in den Wagen— der Poſtillon erhielt doppeltes Trinkgeld, um recht raſch zu fahren— ich hätte mich den brauſenden Pferden in den Weg werfen mögen, um mein Le⸗ ben zu enden.— Laß mich über die Erinnerung dieſer Reiſe wegeilen! Es waren die ſchrecklichſten Stunden meines Lebens; um mich her die unfreund⸗ lichſte Natur, in mir unausſprechlicher Gram, Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft gleich öde und troſtlos; hier Leonore treulos und allen Künſten ihres Verführers allein überlaſſen, dort ein ſterbender Bruder, eine verzweifelnde Witwe, fünf vaterloſe Waiſen. Unter ſolchen Gedanken und Gefühlen kam ich nach P'g. Wie ſoll ich Dir den Eintritt in das Haus beſchreiben? Dieſe Stille, dieß dumpfe Schweigen, dieſe bleichen traurigen Geſichter, dieß ſcheue Ausweichen, um nicht von einer Cataſtrophe zu reden, die jeder nur zu wohl voraus ſah. Ich fragte den erſten Bedienten, der mir begegnete, wie es ginge. Schlecht, erwieder⸗ te der Menſch: Der gnädige Herr kennet ſeit ge⸗ ——— 5 nung aufgegeben. Man rief meine Schwägerinn. Sie kam blaß, verweint, mit wankendem Schrit⸗ te aus dem Zimmer. Ach Ferdinand! rief ſie: Gott⸗ lob, daß Sie gekommen ſind!— Aber, o mein Gott! zu welchen Auftritten ſind Sie gekommen! Sie reichte mir die Hand, und ihre Thränen erſtickten iedes fernere Wort. Jetzt begannen auch die meinigen zu fließen. Welche Macht der Sympathie und des ge⸗ genwärtigen Anſchauens! Ich hatte nicht mehr ge⸗ hört, als ich ſchon vorher wußte, ich war auf alles das vorbereitet, und doch hatte den ganzen ſchrecklich langen Weg über keine erleichternde Thräne mei⸗ nem Herzen Luft machen können. Jetzt floſſen ſie häufig. Ich ſchämte mich nicht, ſie fließen zu laſ⸗ ſen; ſie erleichterten mich unausſprechlich, ich fühl⸗ te mich geſtärkter, ruhiger. Der Anblick ſo vielen, ſo gegründeten fremden Jammers gab mir Kraft, mein eigenes Unglück zu ertragen. Wie ſchwanden die Klagen über eine zerſtörte Liebe vor dieſem nah⸗ menloſen Schmerz einer gebeugten Witwe und fünf vaterloſer Waiſen in Richts zurück. Ich ſchämte mich beynahe meiner vorigen muthloſen Trauer. Als wir uns beyde ausgeweint hatten, fragte ich das gute Weib, ob ich meinen Bruder ſehen könn⸗ te. Ach, er wird Sie nicht kennen! rief ſie ſchmerz⸗ ſtern niemanden mehr, der Doctor hat alle Boff⸗ haft: Aber ich will Sie zu ihm führen, er hat ſo ſehnlich nach Ihnen verlangt. Und nun führte ſie mich in's Krankenzimmer. Ich trat ans Bett, ich ergriff meines Bruders Hand; mein Herz war voll zum Zerſpringen. Willkommen, lieber Carl! ſagte ich leiſe: Kennſt du mich? Und ſiehe— des Kran⸗ ken bleiche Züge bewegte ein ſchwaches Lächeln; er drückte meine Hand ſo, daß ich es fühlte, und nick⸗ te mit dem Kopfe. Ich ſagte ihm nun, daß ich ge⸗ kommen ſey, weil er es verlangt habe, und daß ich, wenn er beſſer ſeyn werde, mit ihm ſprechen würde. Er lächelte wieder, und legte die Hand auf's Herz mit einem Ausdruck, als wenn er mir danken wollte. Ich war unbeſchreiblich gerührt. Der Wachdoctor war ſehr verwundert, daß der Kranke mich erkannt hatte, indem er ſchon ſeit ge⸗ ſtern weder ſeine Frau noch Kinder gekannt, und nichts geredet hätte, ja er ſchöpfte ſogar einige Hoffnung aus dieſem Zeichen des wieder aufgereg⸗ ten Bewußtſeyns; aber er ermahnte mich, nicht länger zu bleiben. Ich ging zur Frau. Wie doch das Unglück ſonſt verſtändige Menſchen ſchwach macht! Sie ließ es ſich nicht nehmen, daß ihr Mann nun gewiß ſterben würde; er habe nur auf mich gewartet, um zu verſcheiden. Ich ſagte ihr den Ausſpruch des Arztes. Ein Strahl von Hoffnung . — — 6 6 — ——— 7— blitzte aus ihren erloſchenen Augen; aber gleich ver⸗ ſank ſie wieder in ihre vorige Muthloſigkeit. Sie ſchüttelte ungläubig den Kopf, und ſchien jenem Volkswahne mehr zu glauben, als dem Arzte. Wir ſprachen nun von den Einrichtungen, welche ſie zu treffen Willens war, wenn der gefürchtete Schlag wirklich käme. Sie hatte noch auf nichts gedacht, ſich auf nichts beſinnen, gar keinen Entſchluß faſſen können Ach! ſagte ſie, es iſt überall Nacht, wo ich hindenke, wo ich hinblicke. Fünf unerzogene Kinder, ein großes Handelshaus, und nun ohne ihn, der mir Vater, Führer, Freund, Alles, Al⸗ les auf der Welt war! O lieber Schwager! Ich kann gar nichts erdenken, mich auf nichts beſinnen, was meine Lage nur im geringſten erleichtern könn⸗ te. Sterben, Sterben wäre jetzt für mich und mei⸗ ne Kinder das Beſte. Ich ſprach ihr Muth ein, ich regte ihre Mutterliebe auf, ich verſprach ihr, ihr Bruder, der Vater ihrer Kinder zu ſeyn, mich mit ihrem Hauſe zu aſſociiren, und ihre Geſchäfte wie meine eigenen zu führen. Du hätteſt den Aus⸗ druck von Hoffnung, von innigem Danke, von wahrhaft kindlicher Rührung ſehen ſollen, der die ohnedieß angenehmen Züge des liebenswürdigen Weibes verklärte. Sie konnte eine Weile nicht ſpre⸗ chen. Als ſie zu reden vermochte, hatte ich Mühe, 3 — 6— ſie ette daß ſie mir nicht zu Füßen ſiel, um mir knieend zu danken. Ach Ludwig! Ich war ſelig in dieſem Augenblicke, Trotz alles deſſen, was noch auf meinem Herzen lag. Ich hatte ja ſechs, wo nicht glückliche, doch ruhige Menſchen gemacht, und der dumpfen Verzweiflung eines edlen Weibes gewehrt. Sie rief nun, Trotz meines Abhaltens, ihre Kinder, und machte ihnen meinen Entſchluß bekannt. Die Kleinen umringten mich, ſie küßten weinend meine Hände, und verſprachen mich zu lieben, und mir zu gehorchen, wie ihrem guten Vater. Ich habe die Kinder immer geliebt; der Anblick zerriß mein Herz. Ich drückte die armen Kleinen an meine Bruſt, ich küßte ſie, ich verſprach ihnen mit thränenden Augen, auch ein guter Va⸗ ter zu ſeyn. Während dieſes erſchütternden Auf⸗ trittes trat der Arzt in's Zimmer, und ſagte uns, daß mein Bruder zu ſchlummern anfange, eine Wohlthat der Natur, die er ſeit mehreren Tagen gar nicht mehr genoſſen hatte. Er erwachte etwas geſtärkt, aber ohne noch ſprechen zu können. Ich brachte die Nacht bey ihm zu. Gegen Morgen ent⸗ ſchlummerte er wieder. Als er erwachte, fragte er ſogleich nach mir und ſeinem Weibe. Man hohlte mich; denn ich war, als ich ihn ſchlummern ſah, in mein Zimmer gegangen, um nach zwey ſchlaf⸗ 1 — — 189— loſen Nächten und ermüdenden Tagen eine Weile zu ruhen. O mein Ludwig! Welche Scene der ſanfteſten, rührendſten Zärtlichkeit erwartete mich in meines Bruders Zimmer! Er empfahl mir ſein Weib und ſeine Kinder im Falle ſeines Todes; er dankte mir für meine Bereitwilligkeit, zu kommen, er verſuchte, ſo viel es ſeine Schwäche zuließ, mir die Freude zu beſchreiben, die ihm mein Anblick geſtern gemacht hatte. Der Wachdoctor mußte end⸗ lich den Ergießungen ſeines gerührten Bruderher⸗ zens durch einen Machtſpruch Einhalt thun, um ihm keine Erſchöpfung zuzuziehen. Jetzt kam ſeine Frau mit dem Arzte, der ſehr zufrieden mit ſei⸗ nem Kranken ſchien, und uns verſicherte, daß, wenn es bis morgen ſo fortginge, er uns wieder Hoff⸗ nung geben könne. Wie kann ich Dir das Wieder⸗ aufleben des guten Weibes, die ängſtliche Freude, die aus ihrem Geſichte ſprach, dieſe rege Thätig⸗ keit, ihren Mann zu bedienen, ſeinen Zuſtand zu erleichtern, und alles zu vermeiden, was ihn von Neuem in Gefahr ſtürzen könnte, beſchreiben Ich ſah ihr eine Weile zu, und bey dem Anblick dieſer heiligen Auftritte häuslichen Glückes und ehelicher Treue fingen die Wunden meines Herzens auf's Neue zu bluten an. So hatte ich auch einſt geliebt und beſorgt zu werden gehofft, ſolche Treue, ſol⸗ 5 4 che Liebe hatte ich von ihr, die ich nicht mehr nen⸗ nen will, erwartet, ſo glücklich, wie mein Bru⸗ der, hoffte ich auch zu werden! Und nun— das alles zerſtört, verheert, zu Grunde gerichtet durch Leichtſinn und Eitelkeit! Die folgende Nacht war noch beſſer. Geſtern erwachte er recht froh und ſo ſichtlich geſtärkt, daß der Arzt ihn für den Augenblick ganz aus der Ge⸗ fahr ſprach, und uns verſicherte, daß, wenn wir durch genaue Befolgung aller Vorſchriften jeden Rückfall zu verhindern ſuchten, er unſerm geliebten Kranken in wenig Tagen eine vollkommene Wie⸗ derherſtellung verſprechen könne. Nun iſt alles wie⸗ der froh, voll Hoffnung, voll Freude. Die Kinder hohlen ihr Spielzeug wieder hervor, hüpfen und ſcherzen wieder, und nehmen ſich voll kindlicher Liebe immer in Acht, ja nicht laut zu ſeyn, um dem Papa nicht zu ſchaden. Die Frau geht wie ei⸗ ne Wonnetrunkene im Hauſe herum, und ſchon zwey Mahl habe ich ſie auf den Knien in Dankge⸗ bethen überraſcht. Alle Augen ſtrahlen von Vergnü⸗ gen, weil ein theures Leben geborgen iſt. O Lud⸗ wig! Welche Himmel voll Seligkeit liegen in dem häuslichen Kreiſe! Und dieſe Himmel ſind mir auf ewig verſchloſſen! Ich werde nun ſo lange hier bleiben, bis ich 6 ganz von meines Bruders Wiederherſtelung iter zeugt bin. Was ſollte ich auch in*** Hier bin ich mitten im Kreiſe guter, anhänglicher Menſchen, denen meine Gegenwart wohl thut und nützt. Ich ſehe im Comptoir meines Bruders nach, ich berich⸗ tige, was ſeine Krankheit ihn zu vollenden abhielt, ich werde von Allen mit Augen voll Liebe und Dankbarkeit beträchtet; die guten Seelen ſchreiben meiner Ankunft und der angenehmen Regung, die ſie in den ſtockenden Lebensgeiſtern meines Carls machte, ſeine Heilung größten Theils zu. Es iſt Täuſchung, ich weiß es; ich habe es ihnen auch ge⸗ ſagt, aber ſie wollen es nicht glauben, und ſo ſage ich denn nichts mehr dagegen. Es iſt ja eine ſüße Täuſchung, die mir und ihnen wohl thut. Ach, war nicht mein Glück bisher auch Täuſchung? Und gäbe ich nicht gern mein Leben darum, wenn ſie nie aufgehört hätte? „ Fünf und zwanzigſter Brief. Leonore von Brandner an Thereſe Friedberg. ***den 7. Jänner 1798 Nachts um Uhr. E⸗ iſt Ein Uhr nach Mitternacht; um mich iſt al⸗ les ſtill und ruhig. Liſette und Juliane ſchlafen im Nebenzimmer. Ach, wer auch ſchlafen könnte! In meiner Bruſt iſt nur Aufruhr und Unruhe. D The⸗ reſe! Liebe Schweſter! Wo nehme ich Kraft her, die Gedanken, die ſich ſtürmiſch und eilig von al⸗ len Seiten herdrängen, zurück und in Ordnung zu halten, damit ich Dir ſchreiben kann, was vor⸗ gegangeniſt? Das Lvos über mein künftiges Schick⸗ ſal iſt geworfen. Ich ſtehe an der Schwelle einer mir noch unbekannten Zukunft, ich wage es nicht, den Blick vorwärts zu werfen; und hinter mir? O die Vergangenheit iſt ſo abgeſchnitten, ſo verloren — nichts, nichts von Allem, was mich einſt glück⸗ lich machte— nur eine wüſte Leere. Und was iſt's, * —— ——— ————,. —.——— —.——— das meiner künftig wartet?— Wer mir das ſagen. könnte!— Ich muß aufhören zu ſchreiben, und S.— mich zu ſammeln ſuchen. Ich bin einige Mahle das Zimmer auf- und bgegangen, und glaube nun im Stande zu ſeyn, Dir die Geſchichte der vorigen Tage zu erzählen. Wie ſpielt das Schickſal mit uns, Thereſe! Was iſt der ſchwache Menſch im Drange der Umſtände und Begebenheiten, die ihn gewaltſam fortreißen? Was vermag er gegen ihre unvorzuſehende, unwi⸗ derſtehliche Macht? Doch ich ſoll nicht klagen, ich ſoll Dir ja erzählen, ſo kalt, ſo beſonnen mein Herz es im Stande iſt. Du weißt aus meinem letzten Briefe, daß Vlum abgereiſet war, und daß ich mit Sehnſucht einen Brief von ihm erwartete. Ach, ihm zuerſt zu ſchrei⸗ ben, erlaubte mir der Gedanke an Babetten nicht. Es vergingen vier, ſechs bis ſieben Tage, und ich bekam keinen Brief. Meine Ingſtlichkeit nahm zu, ich war unendlich verſtimmt, und meine Phantaſie mit tauſend marternden Bildern erfüllt. Julianens forſchendes Auge begleitete mich überall;meine ver⸗ änderte Laune konnte ihr nicht entgehen. Sie drang in mich; ich konnte nicht läugnen, was die Um⸗ ſtände ihr ſchon verrathen hatten. Mit einer Scho⸗ nung und Theilnahme, die ich dem kalten Geſchö⸗ Leon. I. Th. 5 pfe nie et hätte, ging ſie in alle meine Gefühle ein, und tröſtete mich wahrhaft freund⸗ ſchaftlich. Auch Wallner zeigte mir ſo viel beſorgte Zärtlichkeit, ſo viel Schonung meines Kummers, daß mein Herz, dem liebevolle Behandlung von jeher Bedürfniß war, ſich gerührt und erleichtert fühlte. Zehen Tage nach Blums Abreiſe, als ich eben ſehr bekümmert in meinem Zimmer ſaß, trat Juliane ein, und ſagte mit einer ſonderbaren Mie⸗ ne, die ich Dir nicht beſchreiben kann: Ich denke, es wird Sie intereſſiren, Nachrichten von Blum zu hören. Ich kann Ihnen mit Zuverläßigkeit ſa⸗ gen, daß er ſich wohl befindet, und daß ſein Bru⸗ der bereits außer aller Gefahr iſt. Vermuthlich wird er in einigen Tagen hier ſeyn. Sie war den Abend vorher bey Leſſert geweſen. Ich wußte das. Eine peinliche Ideenverbindung drang ſich gewalt⸗ ſam meiner Seele auf. Ich zitterte, und war kaum im Stande, mit erzwungener Faſſung zu ſagen: Haben Sie das geſtern bey Leſſert gehört? Sie be⸗ jahte es. Hat er an Babetten geſchrieben?„Ich vermuthe; denn von ihr habe ich die Nachricht mit einer Menge kleiner Umſtände über des Bruders Krankheit.“ Ich ſchwieg. Liebes Lorchen! ſagte ſie, trat zu mir, und legte ihre Hand auf meine Schul⸗ ter: Sie kennen die Welt und die Männer nicht. — 5 5 —————— — S 195— Glauben Sie mir, auch der deſe iſt des Kummers nicht werth, den ein weibliches Herz um ſeinetwil⸗ len fühlt. Blum iſt gut, er iſt verſtändig, er iſt ſo⸗ gar edel; aber er iſt ein Mann, und die Lerſtehen 63 nie, das weibliche Herz mit Schonung zu behan⸗ deln. Sie haben ihn aufgebracht, weil Sie nicht unbedingt ſeiner Meinung waren; er verläßt Sie, und wendet ſich an eine Andere, die wenigſtens für jetzt ihm alle die Unterwürfigkeit und Reſignation zu haben ſcheint, die er als Inbegriff aller Tugen⸗ den von ſeiner Gattinn fordert. Das iſt s, was die Beſſern von uns wollen. Sie redete noch eine Weile fort; ſie hätte noch länger reden können; denn ich war nicht im Stande, ſie zu unterbrechen, ich hörte auch beynahe nichts von allem, was ſie ſprach, als die fürchterlichen Worte: Er verläßt Sie. Als ich mich ſammeln konnte, war das Gefühl des beleidigten Stolzes die herrſchende Empfin⸗ dung in meiner Seele. Ich ſtand auf: Glauben Sie mir, Juliane, ich werde nicht immer ſo ſchwach ſeyn, als Sie mich bisher geſehen haben; aber laſſen Sie mir Zeit, mich zu faſſen. Ich ging in's Cabinett. Der Tag verging mir, wie in einem ſchweren Traume. Alſo an Babetten hatte er ge⸗ ſchrieben, und mir keine Sylbe!— Ich war ver⸗ 3 geſſen— verlaſſen! Die glückliche Couſine nahm meinen Platz in ſeinem Herzen ein, und ich Thö⸗ rinn war ſo bewegt geweſen durch ſeine Lage, ſo geneigt, mich ihm wieder hinzugeben, jede Em⸗ pfindung meiner Seele vor ihm zu enthüllen, je⸗ des Mißverſtändniß zu verbannen! Dieſe Gedan⸗ ken quälten mich den ganzen Tag über. Abends kam Wallner. Er war ſo vortheilhaft gekleidet, daß ich, obgleich gewohnt ihn zu ſehen, doch beynahe durch ſeine gefällige Geſtalt überraſcht wurde, und ſein Betragen war leidenſchaftlicher, und doch ſchüchter⸗ ner als jemahls. Wir ſangen einige Duetten. Mich dünkte, er ſang nie ſo gut, fo ausdrucksvoll. Ich war freundlich gegen ihn, und zwang mich, heite⸗ rer zu ſeyn, als ich die vergangenen Tage geweſen war. Er ſchien ſo froh, ſo dankbarl! Und dieß Herz, das mich ſo treu, ſo warm, ſo voll Zutrauen und Nachſicht gegen meine Schwächen liebt, ſollte ich ſo bitter kränken, und einem Manne aufopfern, der— O meine Schweſter! Mein ſchwaches Herz blutete doch bey dem Gedanken, und Trotz aller Liebenswürdigkeit, die ſich an Wallnern wirklich fand, und die mein Verſtand ſich gefliſſentlich auf⸗ zuſuchen bemühte, riefen doch tauſend Stimmen in mir, daß Ferdinand mir viel theurer ſey als er! Spät nach dem Theater beſuchte uns Frau von Valſin, um wegen des Piquenique, das Frau von Schöndorf in einigen Tagen auf dem ſchen Saa⸗ le geben wollte, mit uns zu ſprechen. Sie erbath ſich noch einige Billets, und ſchlug uns dann vor, eine Franzöſiſche Quadrille zu tanzen. Wallner ſollte mit mir vortanzen; ſie wollte mit Van der Werth, Liſette mit dem jungen Seefeld, der Valſin Bruder,(den das gute Mädchen, wie mir ſcheint, heimlich liebt), und eine gewiſſe Frau von Heer⸗ born, die viel zu uns und Valſin kommt, mit dem jungen Schöndorf tanzen. Dieſe Heerborn iſt ein ſehr artiges Weib, deren Umgang mir nicht unan⸗ genehm wäre, und die mich auch ſehr oft zu ſich gebethen hat; aber ich habe bis jetzt noch immer vermieden, in ihr Haus zu kommen, und bin über⸗ haupt nicht gern viel mit ihr, weil ſie die erklärte Geliebte eines reichen alten Cavaliers iſt, der ihr Haus auf einem fürſtlichen Fuß unterhält. Es war mir ſehr unangenehm, daß ſie mit uns tanzen ſoll⸗ te; allein die Austheilung geſchah in ihrer Gegen⸗ wart, und ſo konnte ich nur ſchweigen. Nachdem wir über die Probe und alle übrigen Vorkehrun⸗ gen geſprochen hatten, wurde vorgeſchlagen, daß doch die Paare etwas Auszeichnendes, was ſie wech⸗ ſelſeitig kenntlich machte, haben ſollten. Nun ge⸗ ſchahen hundert bald lächerliche, bald ſentimentale, bald recht artige Vorſchläge; aber die Valſin und Heerborn verwarfen das Meiſte, und es wurde ſo viel geſcherzt und gelacht, daß ich in ziemlich gute Laune kam. Zuletzt hatte Jemand, ich weiß nicht wer, den Einfall, daß jeder Tänzer ſeiner Tänze⸗ rinn einen Blumenſtrauß geben, und einen gleichen tragen ſollte. Der Antrag wurde mit vielem Bey⸗ fall aufgenommenz; es blieb bey den Sträußern. Die drey Tage bis zu dem Piquenique, das vor⸗ geſtern gegeben wurde, vergingen mir unter ab⸗ wechſelnden Geſchäften, Sorgen und Gefühlen. Wir probirten die Quadrille, bereiteten unſere Anzüge, die ſehr artig waren, und hatten überhaupt viel zu thun. Dieſe Geſchäftigkeit zerſtreute meinen Geiſt einiger Maßen, und gab ſeiner Thätigkeit, die bis⸗ her nur immer auf zwey mir gleich peinliche Pune⸗ te, meine Verhältniſſe zu Blum und Wallnern, geheftet war, eine angenehme ableitende Richtung. Ich kann ſagen, daß ich manchen recht heiteren Au⸗ genblick, manche Zeit hatte, wo ich mich mitkindlichem Frohſinn auf das Piquenique freuen konnte. Es war ja der erſte große glänzende Ball, den ich bis⸗ her in meinem eingeſchränkten Leben geſehen hatte; und wie viel Genuß verſprach ich mir nicht davon! Freylich blieb dieſe Stimmung nicht immer herr⸗ ſchend; es kamen auch ſehr trübe Stunden, wo die Erinnerung an Blum, an ſeine Kälte, an ſeine Couſine, an den Brief, den er ihr, nicht mir geſchrieben hatte, mich tief kränkte. Aber auch für dieſen Schmerz fand mein Herz, das ſich ſo gern an ein liebendes Weſen anſchmiegt, dem jede Au⸗ ßerung von Theilnahme ſo wohl thut, eine Art von wehmüthigem Troſt in Wallners ungeheuchel⸗ ter, unverkennbarer Liebe. So kam der vierzehnte Jänner, der Tag vor dem Piquenique. Es war Abend, und die Geſellſchaft ſchon ziemlich zahlreich⸗ Ich machte an einem Seitentiſche den Thee, und Li⸗ ſette ſchenkte Kaffeh ein. Ein kleines Geräuſch mach⸗ te mich aufblicken. Ich ſah auf die offene Thür hin, und— denke Dir meinen Schrecken, meine über⸗ raſchung, und— ol ich ſchäme mich jetzt, es zu ſagen— meine unausſprechliche Freude! Ferdi⸗ nand trat ein. Er grüßte mich mit einem ſo ge⸗ miſchten Ausdruck in Blick und Mienen, daß ich ihn Dir nicht beſchreiben könnte. Meine Hände zitterten; ich war kaum fähig die Taſſen hinzuſtel⸗ len. Er ging zuerſt zur Frau von Schöndorf, und kam dann zu uns. Ich hatte noch nicht mit mir ei⸗ nig werden können, wie ich ihn empfangen ſollte; aber ich wollte kalt, trocken ſeyn. O Schweſter! Was ſind die Vorſätze eines liebenden Herzens! Er verbeugte ſich ohne zu reden, und ergriff meine 200 Sn⸗ er drickte ſie an ſeine Lippen, ſeine Augen mit einem unausſprechlichen Ausdruck an den meinigen. Ich war ſo beklemmt, ſo verwirrt, ich glaubte zu fühlen, daß ſeine Hand zitterte, daß er ſeinen Mund feſter, länger als gewöhnlich, auf meine Hand drückte, ich glaubte Liebe, Reue, Trauer in ſeinem Blicke zu ſehen. O was glaubte ich Thörinn nicht alles! Meine Vorſätze waren verſchwunden, vergeſſen alle Kränkungen, aller Groll. Ich drückte ihm die Hand mit inniger Em⸗ pfindung. Er ſah mir ſo herzlich in die Augen. Ach, wie könnte das Verſtellung oder Leichtſinn ſeyn! rief mein überwallendes Gefühl, und nun war die Geſchichte aller vergangenen Tage verſunken und verloren. Ich dachte und fühlte nichts, als daß ich ihn wieder hatte, ihn, den ich über alles liebte! Wir hahen uns lange nicht geſehen, liebe Leonore! hob er mit ſeiner rührenden Stimme an.„O wahr⸗ lich lange nicht! Wie geht es Ihrem Bruder Iſt er beſſer? Sind Sie wieder ruhig 2“ Und nun ſchwatz⸗ ten wir ſo herzlich, ſo kindlich, ſo ohne Zurückhal⸗ tung, wie in jenen glücklichen, ach in den beſten Tagen meines Lebens! Ich ſchenkte ihm Thee ein, und trank zugleich mit ihm. Wir erinnerten uns lä⸗ chelnd an jene Zeit, wo uns meine Mutter den Kaffeh allein an einem kleinen Seitentiſche gab, — * 201— 2 wie wir uns dann ſo froh, ſo glücklich dünkten. und, wenn keine Fremden da waren, immer vor⸗ zogen, aus einer Taſſe zu trinken, und ſo beyde nach einander zu leeren. O warum mußten dieſe himmliſchen Bilder mir gerade jetzt zurück kom⸗ men? Wie war es ihm möglich, mit dem Bild ſei⸗ ner Couſine im Herzen, mich jener Zeiten zu mah⸗ nen? O Ferdinand! Womit hatte das um dich verdient? Doch ich will meiner Erzählung nicht vorgrei⸗ fen. Nachdem wir getrunken hatten, ſtanden wir noch eine Weile, Hand in Hand gelegt, am Tiſche. Kein Wort des Vorwurfes, keine Anſpielung auf vergangene Auftritte ſtörte den reinen Genuß die⸗ ſer ſchönen Augenblicke, die, das weiß ich nur zu gewiß, die letzten glücklichen meines Lebens wa⸗ ren. Es war, als ſcheute ſich jedes, der vergange⸗ nen Kränkungen zu erwähnen, und die ſchöne Stun⸗ de zu entweihen. Ich erzählte ihm vom morgigen Balle, von meiner Freude, einmahl ein ſolches Feſt zu ſehen, wovon ſich meine Phantaſie die la⸗ chendſten Bilder ſchuf. Er hörte mich freundlich lä⸗ chelnd an. Ich bath ihn, auch dabey zu ſeyn. Sie wiſſen, daß ich ſolche Ergetzlichkeiten nicht ſehr lie⸗ be, erwiederte er: Aber wenn es ihnen Frende macht, liebes Lorchen, ſo bitten Sie Frau von Schön⸗ n eiet. 6* ging g ieich. Sie hatte keines mehrz aber mir zu Gefallen gab ſie mir das von einem ihrer Neffen, und beſchloß, die⸗ derte noch eine Weile ganz arglos und vertraulich mit ihm. Plötzlich trat Wallner ein. Er eilte auf mich zu, und ſo, wie er Blum in einer vertrauten Stellung mit mir erblickte, wich er betroffen zu⸗ er machte mir eine ehrerbiethige Verbeugung, wen⸗ dete ſich um, und verließ das Zimmer. Ich ſah ihn in der Thür die Hand an die Stirn ſchlagen; mein Auge folgte ihm, und Blums Augen den meini⸗ gen. Er ſixirte mich, ließ meine Hand los, die er bisher immer gehalten hatte, und ſagte: Es ſcheint Herrn von Wallner nicht lieb zu ſeyn, mich hier, und ſo zu finden; vermuthlich hat er ein Recht, ſich darüber zu beklagen. Der Ton, mit dem er dieß ſprach, war ſo beißend, und er ſah mir ſo durchbohrend in die Augen, daß ich über und über erröthete, und etwas herſtammelte, was einem Läugnen gleichen ſollte. Genug, genug! unterbrach er mich: Geben Sie ſich keine Mühe, mir einen Zuſammenhang zu erklören, den ich nur zu wohl verſtehe! Wir haben uns die letzte Zeit ſelten ge⸗ ſen mit ihren Söhnen gehen zu laſſen. Ich brach⸗ te Blum das Billet voll wahrer Freude, und plau⸗ rück. Eine finſtere Wolke lagerte ſich auf ſeine Stirn, ———————————— — —— * 905—. ſehen, und die Abweſenden haben immer Unrecht. Dieſe bittern Worte weckten auf einmahl alle ſchlummernden Erinnerungen an ſeine Kälte, und das Unrecht, das er gegen mich hatte, auf. Ba⸗ bette ſtand vor mir, der Brief fiel mir ein, und Julianens Worte„er verläßt Sies hallten im Innerſten meiner Seele wieder. Ich antwortete etwas ziemlich Spöttiſches, deſſen ich mich nicht mehr erinnere. Nun war die Aſche, die die Gluth täuſchend verhüllt hatte, plötzlich weggeblaſen, und das Feuer des Unmuths und der Eiferſucht loderte in unſern beyden Herzen hoch auf. Blum antwor⸗ tete noch bitterer, und ſpielte auf die Scenen am Neujahrs⸗Abend an. Ich hätte meinem Stolz zu vergeben geglaubt, wenn ich ihm Vorwürfe hätte machen wollen. Mein Ton war alſo bloß kalt und ernſt; aber eben dieß ſchien ihn noch mehr zu rei⸗ zen. Jetzt kam Juliane mit Wallner wieder in's Geſellſchaftszimmer. Sie ging auf uns zu, bewill⸗ kommte Blum ſehr artig, aber mit ihrem gewöhn⸗ lichen Stolze, und fing ein Geſpräch über ſeine Reiſe und P'*g an. Sie fragte ihn, ob er ſeine Tante ſchon geſehen habe. Er verneinte es; er ſey erſt vor zwey Stunden gekommen. Sollte ich ihm glauben Mein Herz rief ſchüchtern Ja; aber mein Kopf wollte ſich dieſe überzeugung nicht aufdringen laſſen. Indeſſen kam Liſette herbey gehüpft, um mich zu der Quadrille⸗Probe abzuhohlen, die im anſtoſſenden Zimmer gehalten werden ſollte. Eben recht, ſagte ſie, indem ſie ſich zu Blum wandte: Mein Tänzer iſt noch nicht da. Wollen Sie wohl ſo gütig ſeyn, ſtatt ſeiner mit mir zu tanzen Blum wollte ſich ſehr artig entſchuldigen, daß er gar kei⸗ ne übung in den Franzöſiſchen Schritten habe; aber Liſette nahm keine Einwendung an; ſie verſprach ihm alle Schritte zu erlaſſen, er ſollte nur figuri⸗ ren. Er mußte gehorchen, und ihr folgen. Wir ſtellten uns an. Ich war wie im Feuer— Blum mir gegen über, ich an Wallners Hand, links die Val⸗ ſin, rechts die Heerborn, und mein Bewußtſeyn von ſeiner ſtrengen Denkungsart in Abſicht ſolcher Frauen! O meine Lage war höchſt unangenehm! Ich ſah die Blicke, die Blum auf ſeine Nachbarinn warf, ich ſah die durchdringenden Blitze, die er auf mich und meinen Tänzer ſchoß; ich tanzte kopflos, und fehlte alle Augenblicke. Wallner ſah mich ernſt und traurig an, leiſe Seufzer entſchlüpf⸗ ten ſeinen Lippen, aber keine Bewegung, kein Wort zeigte auch nur die geringſte Vertraulichkeit an. Er hätte mit der fremdeſten Perſon nicht zu⸗ rückhaltender umgehen können. Mein Herz dankte ihm innig für dieſe Delicateſſe. Jetzt kam die Reihe A. 205— an Blum, zu tanzen. Ich L als ich ihn mit außerordentlichem Anſtand und kraftvoller Leich⸗ tigkeit die Schritte beſſer als alle übrigen tanzen ſah. O von welchen ſtreitenden Gefühlen ward mein Herz in dieſem Augenblicke zerriſſen! Ich wußte nicht mehr, was und wie ich tanzte. Wall⸗ ner zog mich wie eine Maſchine dahin und dorthin, und jeder Fehler, jedes gedankenloſe Hinſtarren meiner Blicke ſchien ſein Herz ſchmerzlich zu ver⸗ wunden. Endlich war die Quadrille zu Ende, Wall⸗ ner entfernte ſich mit einer ſtummen Verbeugung, ich wollte auch zur Geſellſchaft zurückkehren; aber Blum hielt mich ab. Mit finſterem Ernſte zog er mich an's Fenſter, und rief: Und dieſe Quadrille werden Sie morgen öffentlich tanzen? Natürlich! antwortete ich mit aller ſcheinbaren Unbefangen⸗ heit, die mein verwirrtes Gemüth aufbringen konnte: Warum dennnicht?— Weil Sie Ihren Ruf auf's Spiel ſetzen, erwiederte Blum heftig, weil Sie ſich mit ausgehaltenen laſterhaften Weibern in eine Claſſe ſtellen.„Sie bedienen ſich ſehr ſon⸗ derbarer, ſehr harter Ausdrücke.“— Es ſind die wah⸗ ren, die paſſendſten. Was wird die Welt von Ih⸗ nen denken? Fräulein Brandner in einer ſo ver⸗ trauten Geſellſchaft mit einer Valſin und Heerbornt Von Wallnern will ich nicht reden, ich weiß nichts veint Suchte von„* Srſe Wüß⸗ te ich etwas; bey Gott! ich würde mein Leben daran ſetzen, Sie ihm zu entreißen! Aber ſo wie die Sachen jetzt ſtehen— Sie ſind Frau über Ihr Herz, Sie können damit ſchalten, wie Sie wollen — hier zitterte ſeine Stimme hörbar, und mein ganzes Weſen bebte mit— von mir, von meinen Wünſchen iſt gar keine Rede; aber Eleonore! ich beſchwöre Sie um Ihres guten Nahmens, um Ih⸗ rer Tugend willen, tanzen Sie morgen dieſe Qua⸗ drille nicht! Mein Gott! Blum! rief ich äußerſt erſchüttert: Was verlangen Sie von mir? Ich kann ja unmöglich mehr abſagen.— Nicht? rief er fin⸗ ſter: Können Sie nicht einen ſchicklichen Vorwand erdenken? Können Sie keine Krankheit, kein Fuß⸗ weh— was weiß ich was, vorſchützen? Das geht nicht an, ſagte ich: Man würde im Hauſe wohl merken, daß das nur eine Ausflucht iſt; ich würde ſchrecklich ausgelacht werden. Immerhin, rief er, wenn kein anderes Mittel iſt, der Schande zu ent⸗ kommen. Oder wollen Sie lieber Ihre Ehre ver⸗ lieren, als die Thoren über ſich lachen laſſen? Welche Ausdrücke! ſagte ich: Sie nehmen alles ſo erſtaunlich ernſthaft, ich weiß gar nicht warum? Ich ſehe nichts ſo Schreckliches an der Quadrille. Muß ich denn darum eine vertraute Freundinn 3 dieſer Perſonen ſeyn, weil ich auch ein Mahl mit ihnen tanze? So dauerte der Streit noch eine Weile fort, als der junge Schöndorf kam, und mir ſagte, Frau von Valſin wolle mir die Bou⸗ quete zeigen, die zur morgigen Quadrille gehören. Was für Bouquete? fragte Blum. Schöndorf er⸗ klärte es ihm. Sie werden alſo, ſagte Blum jetzt mit ausgelöſchter Stimme— Sie werden den Strauß tragen, den Ihnen Wallner gibt? Sie werden ſeine beſtändige Gefährtinn ſeyn, und öffentlich dieß Verhältniß mit ihm bekennen? Leben Sie wohl! — Und verſchwunden war er. Ich ſtand wie ein⸗ gewurzelt. Heinrich zog mich fort: Kommen Sie doch, die Valſin wartet auf Sie. Ich folgte ihm maſchinenmäßig; ich wußte nicht, was ich machte. Ich ſollte die Sträußer beſehen; ich that es, ich lobte ſie, und ich wußte nicht, was ich geſehen hatte. Juliane bemerkte meine Beſtürzung, ſie zog mich auf die Seite; aber ich wollte und konn⸗ te ihr in dem Aufruhr meines ganzen Weſens nichts geſtehen. Wallner ging bald fort. Ich hatte den Muth nicht, mit ihm zu ſprechen. Was hätte ich ihm ſagen können? Es blieben ein Paar Perſonen zum Souper, das Geſpräch wurde allgemein; ich nahm wenig Theil daran, und ſuchte meine ver⸗ wirrten Gedanken zu ſammeln. Indeſſen kam ein Bedienter; und brachte meiner Koſtfrau einen Brief von Herrn Blum. Sie öffnete, zog das Bil⸗ let heraus, las einen Zettel, der dabey lag, ſchüt⸗ telte mißmuthig den Kopf, und ſagte: Die Mühe hätte er ſich und mir erſparen können, wenn er kein Billet verlangt hätte. Und nun wandte ſie ſich an mich: Fräulein Brandner! Herr Blum kommt nicht zum Piquenique; er hat plötzlich wie⸗ der eine Reiſe zu machen. Hier iſt ſein Billet. Ich war wie vom Blitze getroffen, und nicht im Stan⸗ de, etwas zu antworten. Zu meinem Glücke wur⸗ de in dem Augenblicke ein intereſſantes, allgemei⸗ nes Geſpräch auf die Bahn gebracht, und ich blieb meinen Gedanken überlaſſen. Endlich ſtanden wir auf. Noch nie hatte mich ein Souper ſo lange gedünkt. Ich wollte geſchwind fortgehen, um auf mein Zimmer zu kommen; aber Frau von Schön⸗ dorf hielt mich zurück. Es war niemand mehr da, als Juliane und ich. Sie rief mich, und ſagte: Sagen Sie mir nur, Fräulein Leonore, was das für eine Geſchichte mit dem Billet iſt? Warum kommt Blum nicht zum Ball? Denn daß die Reiſe nur ein Vorwand iſt, läßt ſich mit Händen greifen. Ich war unausſprechlich beſchämtund ärgerlich über dieſe unbeſcheidene Frage, und ſagte mit einem Tone, der wohl meine Stimmung verrathen mochte, daß ich mehr wüßte, als ſie. Das ſihicht noglc rief ſie, das werden Sie mich nicht glauben ma⸗ chen. Sie haben ſich gezankt; es iſt etwas vorge fallen.„Nicht das Geringſte.« O! rief Frau von Schöndorf: Das Räthſel läßt ſich leicht löſen. Er iſt aufgebracht, daß Sie morgen mit Wallnern die Quadrille tanzen. Er hat ſich zwar vierzehn Tage nicht um Sie bekümmert; aber Sie hätten ſich doch nicht unterſtehen ſollen, ſich mit einem Andern zum Tanzen zu engagiren. Dieſe höhni⸗ ſche, ſchonungsloſe Bemerkung brachte mich auf's Lußerſte. Ich fühlte, daß mir das Blut in das Geſicht ſchoß; ich hätte beynahe vor AIrger ge⸗ weint. Wenn Sie's denn durchaus wiſſen müſſen, rief ich heftig: es iſt nicht Wallners, es iſt der Geſellſchaft wegen. Der Geſellſchaft wegen? wie⸗ derhohlte Frau von Schöndorf, und ſchien ſehr beleidigt durch dieſen Ausdruck.„Er will nicht, daß ich mich mit Weibern, wie die Valſin und Heerborn iſt, öffentlich in irgend einem vertrau⸗ lichen Verhältniſſe zeige.“ Bey dieſen Worten brach die Frau in ein lautes höhniſches Gelächter aus, das den Irger, ſich in dieſem Vorwurf mitgeta⸗ delt zu fühlen, nur ſchlecht verbarg: Wahrhaf⸗ tig! Blum mag ein ganz guter Menſch ſeyn; aber die Welt kennt er nicht. Wie kann es einem ver⸗ Leon I. Th. 4 — 210„ nünftigen Menſchen einfallen, ſolche Forderungen 14 zu machen? Wie ſoll man denn in der Welt le⸗ ben, wenn man nur mit den Leuten umgehen will, deren Charakter und Aufführung ganz tadellos iſt? Bin ich zur Sittenrichterinn über die Leute berufen, die mein Haus beſuchen? Es iſt die Pflicht jeder Hausfrau, darauf zu ſehen, daß kei⸗ ne Unanſtundigkeit in ihrem Hauſe vorfalle, und ſt hat das Recht, die Leute, die ſich dergleichen erlauben, davon auszuſchließen; wie ſich aber je⸗ des in ſeinen vier Mauern beträgt, was es ſich da erlaubt oder nicht erkaubt, das geht uns in der Geſellſchaft nichts an, und wir haben kein Recht, uns darum zu bekümmern, wir müßten denn folche Klatſchmuhmen ſeyn, wie Frau von Dorſing, die die Laſterchronik und den ganzen Hausſtand von jeder ihrer Bekannten wiſſen und beſchwatzen will. Mein Fräulein! Wenn Sie Ih⸗ 1 ſ rem Liebhaber ſolche Pedanterien erlauben, und ihm in ſolchen lächerlichen Forderungen nachge⸗ ben, ſo werden Sie ſich eine ſchreckliche Ruthe binden. Gute Racht! Mit dieſen Worten ging ſie in ihr Cabinett, und ich und Juliane auf unſer Zimmer. Als wir allein waren, ſagte Juliane: Ich muß Sie der Indiseretion meiner Mutter we⸗ gen um Verzeihung bitten. Sie hatte ſchlechter⸗ ₰ dings kein Recht, Sie um Ihr Verhältniß zu Blum, und die Urſache Ihres Zwiſtes zu befra⸗ gen. Ich dankte ihr, und verſicherte ſie, daß ich ſchon alles vergeſſen hätte. Indeſſen fing ſie wie⸗ der an: Wenn auch meine Mutter nicht ganz Recht hat, ſo hat doch Blum gewiß noch mehr Unrecht. Nun ſuchte ſie mir zu beweiſen, daß man in der großen Welt und überhaupt im Umgange mit Menſchen nicht ſo ekel ſeyn könne und müſſe, daß ein gemiſchter Umgang durch ſeine Mannig⸗ faltigkeit zu unſerer vielſeitigen Ausbildung bey⸗ trüge, und daß es ſelbſt in den Augen ſtrenger Richter ein weit ſicherer Beweis von der Feſtig⸗ keit unſers Charakters und unſerer Tugend ſey, wenn wir da ſtehen, wo wir ſo Manche neben uns fallen ſehen, als wenn wir unter lauter guten erhabenen Beyſpielen nicht hinter ihnen zurück bleiben. In dieſer Rückſicht redete ſie mir mit ein⸗ dringendem Ernſte zu, Blums Forderungen nicht zu weichen, und da, wo mein Bewußtſeyn mir keine Vorwürfe mache, mich um ſeinetwillen kei⸗ ner Lächerlichkeit auszuſetzen. Ich konnte ihr nicht ganz beypflichten, ob⸗ wohl ich ihren Gründen nichts entgegen zu ſetzen wußte; endlich aber ſtand der Entſchluß feſt, mich in Blums Augen, der mich ohne Schonung einem ₰ ſolchen aufteii Preis hatte, nicht du 3 eine ſchwache kindiſche Nachgiebigkeit ſelbſt ver⸗ ächtlich zu machen, und in dieſem, wie in allen Fällen, wo weder mein Gewiſſen noch die Stim⸗ me der Welt mich verdammen, meinen geraden Gang zu gehen, und meiner überzeugung zu fol⸗ gen. Dieſe Betrachtungen brachten einige Ruhe in mein aufgeregtes Gemüth; ich legte mich nieder, und ſchlief beſſer, als ich es erwartet hatte. Doch es iſt vier Uhr Morgens. Ich habe drey Stunden theils geweint, theils geſchrieben, meine Augen ſind entzündet, ich bin ganz erſchöpft, und ſchaudere vor Kälte; denn das längſt erloſchene Feuer in meinem Kamin hat einer durchdringen⸗ den Kälte Platz gemacht, die mich bis in's Inne⸗ re durchſchüttert. Schlaf wohl, liebe Schweſter! Ach, indeſſen ich hier weine und wache, ſchlum⸗ merſt du ruhig an der Seite deines geliebten Carls, vielleicht neben einem deiner Kinder. Schlaf ſüß, und Gott ſegne deine unſchuldsvolle Ruhe! Ich will verſuchen, ob ich ſchlummern kann. S Den 17. Vormittags. ch habe ein Paar Stunden geruht, und will nun die Geſchichte dieſer unſeligen Tage enden. Vorgeſtern am Tage des Balls erwachte ich ziem⸗ lich ſpät, weil ich nur ſpät eingeſchlafen war, und die Zeit bis zum Abend verging mit Putzen und Zurüſtungen zum Piquenique ſo geſchäftig und ſo ſchnell, daß ich dadurch zerſtreut und gehindert wurde, den unangenehmen Gedanken nachzuhän⸗ gen, die bey jedem Augenblick von Muße ſich ge⸗ waltſam in meiner Seele drängten. Wir fuhren endlich auf den Saal, und Frau von Schöndorf empfing die Geſellſchaft, die ſich zu verſammeln anfing. Der bunte Wechſel zahlloſer, glänzender Geſtalten, die Pracht und Mannigfaltigkeit der Anzüge, das Geräuſch, die Muſik, der Schim⸗ mer von mehr als hundert Lichtern, die Eleganz des Tanzſaales und der Nebenzimmer, die ge⸗ ſchmackvolle Einrichtung, alles das umfing meine Sinne mit einer Art von Zauber, der mich zu⸗ gleich berauſchte, und ergetzte. Es war der erſte große Ball, den ich je geſehen hatte. Ich war überraſcht, zerſtreut und vergnügt, jedes trübe Bild, jede peinliche Spannung ſchwand aus mei⸗ nem angenehm bewegten Gemüthe, ich genoß, ohne Rückblick auf die Vergangenheit und ohne Furcht vor der Zukunft, ganz wie ein Kind, nur den gegenwärtigen Augenblick, ich tanzte recht von Herzen, und ſchwatzte und lachte mit fröhlichem Sinne. Wallner kam. Sein Anblick weckte zuerſt die Erinnerung an meine Lage, und verſtimmte den reinen Einklang aller meiner Empfindungen, in dem mir erſt ſo wohl geweſen war. Noch mehr aber that mir der Ausdruck von Kummer weh, der po ſichtlich auf ſeinem Geſicht und in ſeinem gan⸗ zen Weſen lag. Ach ich war ſo froh geweſen— und er, der mich ſo wahr, ſo treu liebte, litt ſo viel um mich und durch mich! Der Gedanke mach⸗ te mich unausſprechlich weich, und mein der Freu⸗ de und jedem beſſeren Gefühle geöffnetes Herz war ſehr geneigt, ihn durch ein recht freundliches Be⸗ tragen aufzuheitern, und die Fröhlichkeit, die in mir war, auch auf jedes andere Weſen, das mir lieb war, zu verbreiten. Aber er vermied mich auf⸗ fallend, er ſprach gar nicht mit mir⸗ und wenig mit andern, er tanzte keinen Schritt, bis endlich kurz vor dem Sonper die unſelige Quadrille be⸗ gann. Mein Herz ſchlug, als die Muſik die erſten Töne angab. Ach, Blum ſtand vor meinem Gei⸗ ſte; ich ſah ſeine zürnenden Blicke, ich hörte ſeine Vorwürfe, und ein weisſagender Schauer über⸗ lief mich! Aber ich rief meinen Eutſchluß vom vo⸗ r aend zurück, und faßte mich Wall⸗ ner kam, um mich abzuhohlen. Ich begegnete ihm ſehr freundlich; er reichte mir den bewußten Strauß. Ich ſteckte ihn an die Bruſt; er ſeufzte. Ich ſah ihn freundlich an; er ergriff meine Hand und küßte ſie mit Feuer. Nun führte er mich zum Tanze. Noch nie habe ich ihn ſo ſchön und mit ſo viel Anſtand tanzen geſehen! Aber dennoch ſchob mein Herz mir alle Augenblicke ein anderes Bild zur Vergleichung vor, und da— ach da verlor Wallner. Doch das iſt ja vorbey, und ich ſoll alle Erinnerungen verbannen. Wir erhielten ſehr viel Beyfall. Nach der Qua⸗ drille gab jeder Tänzer ſeiner Dame den Arm. Wallner allein ging neben mir, ohne mir den ſei⸗ nen zu biethen. Ich fühlte mit Schmerz, daß ich ihn den Tag zuvor ſehr gekränkt, und überhaupt ſeine Ruhe vergiftet hatte; ich glaubte ihm durch ein ſehr achtungsvolles offenes Betragen Erſatz für ſeinen Kummer ſchuldig zu ſeyn, und nahm daher ſelbſt ſeinen Arm. Eine lebhafte Bewegung durch⸗ bebte ſein Inneres; er drückte meinen Arm an ſein Herz, und küßte mir ſo dankbar, ſo freudig die Hand, als hätte ich ihm mit meinem Arm eine Welt geſchenkt. Er wurde nun auch offner, ge⸗ ſprächiger; beym Souper ſtand er hinter meinem Stuhle, 63 ſörzte für ihn, wie ch die an⸗ dern Mädchen und Weiber thun ſah. Nach dem Souper war ich zu müde zum Tanzen, und ging mit Wallnern auf und ab. Wir plauderten, und waren beyde vergnügt und munter. Jetzt geſellte ſich auch Juliane und ihr Führer, Graf Kelm, zu uns, ein Mann bey funfzig Jahren, der ſehr viel Lebensart, Geſchmack und feinen Ton hat⸗ Er iſt Präſident und geheimer Rath, einer von Julianens vielen Verehrern, und, wie mir ſeit ei⸗ niger Zeit ſcheint, nicht der unglücklichſte. Nun ward unſere Unterhaltung noch lebhafter und an⸗ ziehender. Juliane war heut in ungewöhnlich gu⸗ ter Lanne, und ihr Witz ſchoß, wie Blitze, tref⸗ fend und ſchnell auf jeden Gegenſtand. Auch der Graf blieb nicht hinter ihr zurück. Doch zuletzt dünkte mich dieſe Art von Unterhaltung zu ſehr ins Beißende überzugehen. Dieß verwundete mein Gefühl, und machte mich ſtumm. Auch Wallner ſprach wenig mit, was mir ſehr geſiel; nur Ju⸗ liane und der Graf ſetzten ihr Geſpräch, einen Wettſtreit von Witz und Bosheit, eifrig fort. rend wir ſo ſaſſen, nahte ſich uns der jüngere ru⸗ der des Grafen Van der Werth, der mit einer Ge⸗ ſellſchaft auf der Redoute geweſen war, und erſt jetzt zum Piquenique kam. Mon fragte ſich gegenfeitig ob viel Menſchen und Seunnte auf der Redoute waren, u. ſ. w. Van der Werth nannte mehrere, unter andern die Frau von Leſſert und ihre: Tochter, die er mit Blum begegnet hatter Wie mir in dieſem Augenblicke zu Muth war, kann ich Dir nicht ſagen. Meine Sinne ſchwan⸗ den, die Kronleuchter tanzten vor meinen Augen, die Geſellſchaft ſchien ſich im Wirbel um mich zu drehen, und endlich das Ganze in eine formloſe Maſſe zu zerfließen. Ich fürchtete eine Ohnmacht, und hielt mich nur mit Mühe aufrecht. Juliane ſah mich ſcharf an. Das war alſo dis Reiſe? flü⸗ ſterte ſie mir in's Ohr, und ich dachte zu Boden zu ſinken. Wallners Auge betrachtete mich ängſt⸗ lich. Ihnen iſt nicht wohl, ſagte er leiſe, aber hef⸗ tig, und faßte mit inniger Theilnahme meine Hand. Ich drückte die ſeinige. O wie unendlich wohl that mir dieſer freundliche Antheil in dem Augenblicke, wo ein Weſen, das ich über alles ge⸗ liebt hatte, mich kaltſinnig einer Andern aufopferte! Es wird vorüber gehen, ſagte ich, mir iſt nur ein wenig ſchwindlich. Er ſchlug mir vor, den Saal zu verlaſſen, wo es ſehr heiß warz ich wollte nicht, um kein Aufſehen zu erregen, und raffte alle mei⸗ ne Kräfte zuſammen, um mich zu faſſen. Es ge⸗ lang mir auch endlich, und ich war geſammelt ge⸗ nug, um mich wieder in's Geſpräch zu miſcheh; aber melne Heiterkeit, der Frohſinn, mit dem ich Anfang des Balles genoſſen hatte, waren da⸗ de hyin. Ich erwartete mit Sehnſucht die Stunde der Rückkehr, um zu Hauſe ungeſtört den quälenden Gedanken nachzuhängen, die hier, zurückgedrängt und verläugnet, mit ſtechendem Schmerz in mei⸗ ner Bruſt wütheten. Wallner gewann in dieſer Nacht unendlich in meiner Achtung; und das war die einzige beruhigende Empfindung, die ich hatte. Er behandelte mich mit der Zärtlichkeit eines Bru⸗ ders, und mit der Sorgfalt eines theilnehmenden Arztes. Endlich ward es fünf Uhr Morgens, und Herr von Schöndorf wollte mit Liſetten nach Hau⸗ ſe fahren. Ich bath⸗ daß er mich mitnehmen möch⸗ te; denn ſeine Frau und Juliane blieben bis gans zu Ende, und das war erſt um ſieben Uhr. So kam ich nach Hauſe, und lag nach dem erſchöpfen⸗ den Balle noch lange ſchlaflos, und von tauſend traurigen Gefühlen und Ahnungen gefoltert, bis endlich ein wohlthätiger Schlummer meine ver⸗ weinten Augen ſchloß. Ich erwachte ſpät, ermat⸗ tet, und mit heftigen Kopfſchmerzen. Ach⸗ mir waren noch ärgere Schmerzen beſtimmt! Kaum hatte ich mich angezogen, als mein Mädchen her⸗ —— 2* ur. und mir den Brif ch, v„ Dir hier peyſchließe.* O meine Schweſter! Welch ein Brit Hat Ferdinand ſo ſchreiben können, er, der Geſpiele meiner Kindheit, der Vertraute, der einzige Ge⸗ liebte meiner Jugend, er, der einſt nur für mich zu leben ſchien! Zerriſſen ſind die heiligen Bande, zerſtört jede Hoffnung auf künftiges Glück! Ich bin allein, ganz allein auf der Welt! Meine Thränen, die ſeit geſtern Morgens faſt nicht aufgehört haben zu fließen, die ich nur, ſo lange ich ſchrieb, mit Mühe zurückhielt, ſtrömen jetzt, daß ich beynahe das Papier nicht ſehe. Und ich ſoll glauben, daß die Veränderung meiner Le⸗ bensart, meines Geſchmacks allein ihn zu dieſem Schritte vermocht hat? Nein, nimmermehr! Wenn auch unſelige Mißverſtändniſſe, und ein triege⸗ riſcher Schein unſere Herzen auf Augenblicke ent⸗ zweyen konnten: waren ihm mein Beſitz, meine Ruhe, ach Thereſe! mein ganzes irdiſches Glück nicht der Mühe werth, zu unterſuchen, ob ich ſo gewaltig Unrecht hätte, mich liebvoll zurecht zu weiſen, Geduld mit meinen Schwächen zu haben? Aber wie? Geduld? Habe ich ihm nicht ſelbſt mei⸗ ne Hand angebothen? Habe ich nicht in ihn gedrun⸗ gen, unſer Bündniß ſchnell zu vollziehen? Hat er und ich ſoll glauben, daß *„. es nicht abgeſchlagen? ich allein Schuld hätte? O nein! nein! Er liebt Vabetten, das iſt klar, das iſt unwiderleglich⸗ und er ergreift haſtig dieſe Gelegenheit, um ſich von mir zu trennen, und Anſprüche zu vernichten, die ſein neues Glück hindern könnten. Er verläßt mich. O meine Schweſter! Fühle mit mir den gränzenloſen Jammer, der in dieſen Worten für Deine arme Leonore liegt! Ich kann nicht mehr ſchreiben. — 2— P Sechs und zwanzigſter Btief Ferdinand Blum an Leonore von Brandner. (Im vorigen eingeſchloſſen.) *** den 16. Jänner 1795. E. iſt ſchon ſehr lange her, daß unſere Herzen angefangen haben, ſich mißzuverſtehen. Ohne in die Urſachen und Verhältniſſe tiefer einzudringen, welche dieſe Veränderung hervorgebracht haben, beſchwöre ich Sie bloß, zu glauben, daß es das einzige höchſte Ziel aller meiner Beſtrebungen war, dieſe Mißverſtändniſſe zu enden. Wie ohnmächtig der menſchliche Wille im Kampfe gegen das Schick⸗ ſal ſey, hat die Geſchichte der letzten Monathe mich gelehrt. Jene Umſtände und Beziehungen wurden ſo mächtig, ſo unwiderſtehlich, daß wir beyde uns jetzt auf einem Puncte befinden, von dem wir— dieſe überzeugung habe ich zu theuer erkauft, um ſie nicht für unbeſtreitbar zu halten— weder vor⸗ —— noch ridwrt Snn. Seagen Sie uns atſo mein Fräulein, Bande vollends löſen, welche durch tauſend Cxeiqie und Mißverſtändniſſe längſt ſo lofe geworden ſind, daß ſie nur mehr der Form, nicht dem Weſen nach bindend ſeyn können, und einen Schein ablegen, der für Sie und mich bloß drückend und unbequem ſeyn kann. Gnädiges Fräukein! Es iſt nöthig, es iſt un⸗ ausweichlich, daß wir uns trennen. Jedes von uns wird künftig ſeinen Weg allein gehen; aber es wird immer ein tröſtendes und theures Be⸗ wußtſeyn bleiben, wenn ich hoffen kann, daß Ihre Achtung, die ich nicht verwirkt zu haben glaube, auch in der Entfernung dem Freunde ihrer Kind⸗ heit folgt. ii 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17