Leipiblioche Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur cLeih und Teſebedingungen. F Gdnard Ollmunn in Gießen, 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterkegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. beträgt für wöchentlich Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 3 Monat:* Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. . 3 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden 2 — 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 5 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 7 6. Schadenersatz. 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Der Eine rettet ſich nur mit Muhe, indem er ſeine Gluͤcksguter mit dem Ruͤcken anſieht, der Andere, indem er einen Stand ergreift, der ſeinem bisherigen vielleicht gerade entgegengeſetzt war. Wie Viele, die ſich den Wiſſenſchaften, den Kuͤnſten, dem Handel gewid⸗ met hatten, ſtrömten jetzt zu den Waffen! wie viele Kuͤnſtler wurden Handelsleute, wie viele Vornehme, die durch ihren Reichthum ermaͤch⸗ 1* — tigt, einſt ein muͤßiges Leben fuͤhrten, mußten im Alter noch arbeiten lernen? Ich hatte mich zu einem praktiſchen Arzt ausgebildet und jetzt war ich Ober⸗Chirurg bei einer im Felde ſtehenden Armee; mein Freund Deſodry, der erſt der Kirche, dann dem Staate dienen wollte, war jetzt froh, als Advokat in einer kleinen entlege⸗ nen Stadt leben zu können.— Herr Chavet— ſo hieß der Mann, an wel⸗ chen Lecoq ihn in Pont⸗ l'Eveque empfohlen hatte— nahm Deſodry, oder Valentin, wie er nun hieß, mit Zuvorkommenheit auf, und be⸗ ſtrebte ſich, ihm den Aufenthalt in dem kleinen Orte ſo angenehm wie möglich zu machen. Mein Freund hatte eine Fabel erſonnen, um die Ur⸗ ſache ſeines Kommens und Verweilens zu be⸗ ſchoͤnigen. Er ſagte, er habe ſeine Gattin und einen Theil ſeines Vermogens in Paris verloren; jetzt wolle er hier als Advokat ſeinen Erwerb ſuchen. Herr Chavet praͤſentirte daher den Buͤr⸗ ger Valentin bei allen ſeinen Bekannten, d. h. bei der ganzen Stadt, und bei jeder neuen Vorſtellung mußte Valentin ſeine angebliche — — 5— Geſchichte wiederholen, denn man war in Pont⸗ Eveque, wie in allen kleinen Orten, ſehr neu⸗ gierig. Natuͤrlich erzählte man ſich aber die Geſchichte unter einander wieder; jeder ſetzte eben ſo natuͤrlich etwas hinzu, was ſie fuͤr den Hörer nur noch intereſſanter machte; jedoch zweifelte man keinesweges an der Wahrheit derſelben, und ſelbſt der Herr Commandant der National⸗Garde von Pont⸗l'Eveque verſicherte den dritten Abend auf dem Kaffeehauſe, nachdem er die Begeben⸗ heiten des Ankoͤmmlings zum vielleicht hun⸗ dertſtenmale gehoͤrt hatte, es ſey alles vollkom⸗ men richtig, und er habe den Buͤrger Valentin im Jahr 1790 ſelbſt in Paris bei dem Bun⸗ desfeſte auf dem Marsfelde als einen der erſten Rechtsgelehrten der Hauptſtadt nennen hören. Um dieſen fuͤr ihn ſo gluͤcklichen Glauben zu beſtärken, uͤbernahm Deſodry wirklich einige Prozeſſe, die er ſo gut oder ſchlecht, wie's ging, zu fuͤhren ſuchte, denn freilich war es mit ſei⸗ ner praktiſchen Rechtskenntniß nicht weit her. Indeß, damals ging alles bunt durcheinander, man hatte keine Zeit, vor den Tribunalen ſich in gelehrte Spitzfindigkeiten zu vertiefen, und ſo kam er denn ziemlich glucklich, und ſogar mit einigem Ruhme— denn die Prozeſſe wurden zufaͤlligerweiſe fuͤr ſeine Clienten gewonnen— davon. Das Gegentheil würde übrigens Deſodry auch nicht ſehr bekuͤmmert haben; ſeine Abſicht war nicht, als Anwald zu glaͤnzen, er wollte ruhig leben, und die Rimeſſen, welche ihm Herr Lecog von ſeinem Vermögen machte, reichten vollkommen hin, um in einer kleinen Stadt, wie Pont⸗l'Eveque, anſtaͤndig zu exiſtiren. Die Hauptſache fuͤr ihn war, daß niemand daſelbſt erfuhr, daß er Deſodry hieß, und daß er von einem Verhaftsbefehle verfolgt wurde. Hierzu gehoͤrte aber Vorſicht, denn ju jener Zeit gab es kein Dorf in Frankreich, wohin die Re⸗ volution nicht gedrungen war. Bis jetzt hatte man ſich jedoch in Pont⸗l'Eveque noch nicht auf den Gipfel des revolutionairen Ultraismus geſchwungen. Es beſtand allerdings ein Klubb und einige Mitglieder deſſelben waren hinrei⸗ chend uͤberſpannt; allein ſie bildeten noch die Minorität und wurden, wenn ſie mit albernen —, — 7— und uͤbertriebenen Vorſchlagen vortuͤckten, von der vernuͤnftigeren Mehrzahl verlacht und zuruͤckgewieſen. So hatten die Einwohner von Pont⸗l' Eveque noch einen Theil ihrer alten Sitten und Lebensweiſe beibehalten, die freilich zum öftern kleinſtaͤdtiſch und löcherlich, aber doch immer noch beſſer, wie das tolle und zer⸗ fahrene Weſen, welches jetzt anderwaͤrts herrſchte, waren. Die jungen Leute ahmten ſo gut, wie es ihnen moͤglich war, die Geckenhaftigkeit der Stutzer in der Hauptſtadt nach, die Alten kanne⸗ gießerten bei'm Glaſe und ſpielten ihre Parthie, die Weiber theilten ihre Zeit zwiſchen Haus⸗ weſen, Coquetterie und Stadtklatſchereien. Da⸗ bei beſtrebte man ſich, literariſche Bildung blicken zu laſſen; man las, was nur ber Markt brachte, man huldigte den Kuͤnſten und mißhandelte auf einem Liebhabertheater privatim die Muſen faſt noch ärger, wie eine herumwandernde Truppe ſie oͤffentlich von Zeit zu Zeit mißhandelte. Unter den ſchoͤnen Geiſtern des Ortes ſtand der Sohn des Herrn Chavet oben an. Dichter und Kuͤnſtler in der Einbildung— denn er machte Verſe und ſpielte den Hrosmann auf der Pri⸗ vatbühne— bejammerte er ſehr die ſchönen poeti⸗ ſchen Zeiten unter der alten Regierung, wo man noch Sonette an Glyeere ſchmieden und Da⸗ moͤt in einem ſchäferlichen Heldengedichte um Chlos konnte weinen laſſen. Vernünftige Men⸗ ſchen lachten ihn wegen dieſer Befangenheit und dieſem Jammer um Spielereien aus, die vor dem Ernſt der Zeit hatte weichen muͤſſen; und Deſodry that dies auch, aber freilich gereichte es ihm nicht zum Nutzen, denn Herr Louis Chavet war der Liebling ſeines Papa's, und dieſer in dieſem Augenblick des Pſeudo⸗Valentin Schuͤtzer. So machte er ſich die zum Feinde, die den Re⸗ volutionairs in Pont⸗l'Eveque noch etwas die Wage hielten, und nicht lange, ſo hetzte er ſich auch dieſe auf den Hals, die ohnedem mit jedem Tage mächtiger wurden. Bei Gelegenheit eines Prozeſſes, den er fur die Waiſe eines ehemali⸗ gen Edelmanns gegen einen Verwandten des Knaben, einen fuͤhlloſen, filzigen Geizhals buͤr⸗ gerlichen Standes, füͤhrte, welcher das Kind pluͤn⸗ dern wollte, griff er unbedachtſam den Anwald der Gegenparthei an, und dieſer Anwald wa Praͤſident des Clubbs der Patrioten in Pont⸗ l'Eveque. Deſodry hatte in ſeiner Vertheidi⸗ gungsrede fuͤr ſeinen kleinen Clienten geäußert, das Recht muͤſſe recht bleiben zu allen Zeiten, und ein Er⸗Edelmann habe ſo gut Anſprüche daran, wie ein Anderer. Das war ohne Zwei⸗ fel ſehr brav geſprochen; auch hatten die Richter die Wahrheit des Satzes eingeſehen und nicht allein den Prozeß zu Gunſten des Kindes ent⸗ ſchieden, ſondern auch den wackeren Vertheidiger deſſelben belobt, und dem Herrn Prokurator Fa⸗ din— den Anwald des alten Filzes— wegen einiger ſich erlaubten und von Deſodry aufge⸗ deckten Rabuliſtenſtreiche, einen Verweis gegebenz aber am Morgen war dies geſchehen und am Abend ſchon beſtieg rachegluͤhend der Citoyen Fadin die Tribune im Clubb, und machte den aufhorchenden Rothmuͤtzen bemerklich, daß nur ein heimlicher Ariſtokrat zu Gunſten eines Edel⸗ mannes plaͤdoyiren koͤnne, und die umſtehenden Maulaufſperrer fanden dies Raiſonnement ſo ſcharfſinnig als patriotiſch.„Und wer iſt denn“ — 10— — ſetzte der Ehrenmann am Schluß ſeiner Rede hinzu— der Herr Valentin, der ſo in unſere Mitte hereingeſchneit iſt, man weiß nicht wie? Wo kommt er her? was will er? O, Buͤrger von Pont⸗l⸗Eveque, ich ſage Euch, hinter dieſem Valentin ſteckt eine ganze Legion Föderaliſten und Ariſtokraten, und als guter Patriot muß ich ihn fuͤr verdaͤchtig erklaͤren.“ „Ja, ſo iſt es; er iſt verdaͤchtig!“ ſchrieen die Andern. Eine Stunde darauf ſprach man bereits auf dem Kaffeehauſe von der Sache. Herr Louis Chavet, obſchon der entſchiedenſte Gegner der Clubbiſten, konnte doch nicht umhin, ihnen diesmal beizuſtimmen, denn der verdachtige Valentin hatte ja ſeine Epigramme matt, und ſeine Verſe lahm gefunden, und wie die Roth⸗ muͤtzen vorher dem Herrn Fadin, ſo ſtimmten ihm jetzt die Beſucher des Kaffeehauſes bei, denn er führte hier das Wort, wie jener im Elubb. Herr Chavet der Vater, ein ruhiger und vernuͤnftiger Mann, ärgerte ſich uͤber ſeines Sohnes Ausſpruch nicht wenig, und warnte ſo⸗ —- — gleich meinen Freund, auf ſeiner Huth zu ſeyn; die Sache war aber geſchehen, der Fremde Allen in Pont⸗l'Eveque ein Gegenſtand des Argwohns und bald haͤtten die Gemäßigten, wenn ſie auch wollten, ihn nicht mehr ſchuͤtzen koͤnnen, denn unerwartet verbreitete ſich das Geruͤcht, es ſeyen Commiſſarien aus Paris angekommen, um den Geiſt des Volks zu unterſuchen. Jetzt trium⸗ phirten die Ueberſpannten und die Andern zit⸗ terten. Man machte keine Verſe, man ſpielte keine Comodie mehr, deſto thaͤtiger waren aber die Verlaͤumder, die Maulredner, die Bearbeiter der oͤffentlichen Meinung. Vor allen zeichnete ſich der wuͤrdige Fadin aus. In aller Eile fertigte er eine lange Liſte von Verdächtigen an, und daß alle diejenigen, welche ihm jemals et⸗ was in den Weg gelegt hatten, darauf, und un⸗ ter dieſen der Name Valentin oben ſtand, laͤßt ſich denken. Ehrenleute ſeiner Art benutzen ſolche Gelegenheiten, ſich zu zeigen, ſich wichtig zu machen, ſich zu raͤchen, gern; wie hätte er ſie ſollen voruͤbergehen laſſen! Die Namen derer, welche Fadin— in die⸗ 12 ſem Augenblick die gefuͤrchtetſte Perſon im Ort— aufgezeichnet hatte, wurden bald bekannt; eben ſo, daß ſie ſchon den folgenden Tag wuͤrden ein⸗ gezogen werden. Jetzt lachte Deſodry nicht mehr uͤber den Zorn des elenden Rabuliſten; proſcri⸗ birt unter ſeinem wahren Namen Deſodry, an⸗ geklagt unter dem angenommenen Valentin, ſah er das Mißliche ſeiner Lage vin, und ſeine Furcht wurde bald ſo groß, daß ſie ihn zu einem Schritt bewog, der ihn vollends der Verfolgung Preiß gab. Ohne einem Menſchen ein Wort zu ſagen, ſteckte er alles, was er in dem Au⸗ genblick an Geld beſaß, zu ſich, und entfloh noch in der Nacht von Pont⸗l'Eveque, ohne zu wiſ⸗ ſen, wohin er ſeine Schritte richten ſollte. Bis zu Anbruch des Tages ging er auf dem zufällig eingeſchlagenen Wege fort; Ermuͤdung noͤthigte ihn, bei einem großen Pachthofe Halt zu machen. Noch ſtand er unſchluſſig, ob er es wagen ſollte, in's Haus zu treten, da, als eine Magd erſchien, die nach einem freundlichen Gruße ihn fragte, wohin und zu wem er wolle. 4 — — 15— Er erwiederte, daß Ermuͤdung und Hunger ihn zwaͤngen, ein bischen auszuruhen, zugleich ſetzte er aber, getrieben von Stolz und um nicht fuͤr einen Bettler gehalten zu werden, hinzu, daß er im Stande ſey, alles reichlich zu bezahlen. Bis jetzt war das Maͤdchen freundlich und mitleidig geweſen, bei dieſen Worten wurde ſie ernſt und argwohniſch. Sie zog ſich etwas zuruͤck und er⸗ kundigte ſich ſehr angelegentlich, ob er einen Paß habe. Deſodry erblaßte und antwortete nicht.„Sie duͤrfen mir meine Frage“, ſagte das gutmuͤthige Geſchoͤpf, ſeinen Schreck ſehend, „nicht uͤbel deuten. Ich verrathe niemand, aber die Befehle ſind ſo ſtreng„doch hoffe ich, die Hausfrau wird es nicht ſo genau nehmen⸗ Kommen Sie nur mit.“ Deſodry druͤckte er⸗ freut dem Mädchen ein Goldſtuͤck in die Handz ſie fuhr wie vor einer Schlange davor zuruͤck. Ol o!“ rief ſie aus:„das iſt gefaͤhrlich. Allein was wage ich denn? Ich kann ja nicht leſen„ und man muß helfen. Darum kommen Sie nur.“ Sie verbarg jetzt das Goldſtuͤck ſorgfältig in ihrem Buſen und fuhrte — 4— meinen Freund in eine der Unterſtuben des Hau⸗ ſes, wo ſie ihm ein Fruͤhſtuͤck auftrug. Deſodry verſchlang unter der heftigſten Un⸗ ruhe ſchnell einige Biſſen. Zu jeder andern Zeit wuͤrde darin, daß ein Reiſender in einen ent⸗ legenen Pachthof einſprach und ſich fur ſein Geld etwas zu eſſen reichen ließ, nichts Auffallendes gefunden worden ſeyn; aber jetzt!— Konnte die Magd ihn nicht verrathen? Ach, damals mußte man in jedem Menſchen einen Verräther fuͤrchten. Er beantwortete daher die Fragen des Maͤdchens nur mit der großten Vorſicht und ſuchte ſie dagegen uͤber ihre Herrſchaft auszu⸗ forſchen. Geſchwatzig erzählte ſie ihm, daß die Pächterin eine Wittwe mit Namen Moreau ſey, und daß ihr Sohn, Johann, im Begriff ſtehe, ſich zu verheirathen. Uebrigens ſchlafe die Haus⸗ frau noch, der Sohn aber ſey bereits auf dem Felde. In dieſem Augenblick rief eine weibliche Stimme, welche Deſodry ſehr unangenehm vor⸗ kam:„Katharine! Katharine!“ „Ach!“ ſprach das Maͤdchen,„das iſt die Frau. Warten Sie hier nur, ich komme bald — wieder. Sagen muß ich es ihr“, ſetzte ſie hinzu, „daß ich Sie hier aufgenommen habe, aber ich hoffe, daß ſie nichts dawider haben wird.“ Deſodry blieb nun allein mit ſeinen Gedan⸗ ken, die immer duͤſterer wurden. Jetzt fing es ihn an zu reuen, daß er dem Maͤdchen hatte Geld gegeben, daß er uberhaupt nur geſagt hatte, er könne bezahlen, was man ihm reiche. Hätte er ſich als ein Armer, als ein Bittender genaht, ſo wurde man ihn aus Mitleid aufgenommen und ohne weitere Fragen erquickt haben, ſo aber. mußte man nun nicht in ihm einen Proſcribirten, einen Emigrirenden vermu⸗ then? Den Armen traf zu jener Zeit das Miß⸗ trauen der Menſchen weit weniger, wie den Reichen. Die Magd kam bald, gefolgt von der Buͤr⸗ gerin Moreau, zuruͤck. Die letztere war eine Frau von vierzig bis funfzig Jahren, die noch leidlich genug ausſah, aber, wie es meinem Freunde beduͤnken wollte, etwas Hartes und Falſches im Blick hatte. Ihre erſte Frage war nach ſeinem Paſſe. Was ſollte er ſagen? Zwar — 16— hatte er den Paß bei ſich, den ich ihm in Mon⸗ tereau verſchaffte, allein der darin ſtehende Name Valentin ſtand auf der Liſte der Verdächtigen im nächſten Orte; er half ſeinen Verfolgern ſelbſt auf die Spur, wenn er ihn zeigte. Den⸗ noch mußte geantwortet werden. Er entſchloß ſich demnach aus Noth zu einer Luͤge.„Aller⸗ dings habe ich den“, erwiederte er,„allein ich ließ ihn in Liſieur, von woher ich komme, denn da ich eine kleine Seitentour jetzt machen wollte, und ſodann dorthin zuruͤckkehre, ſo wollte ich mich nicht mit den Papieren ſchleppen. Mein Name iſt uͤbrigens Robert.“ Die Frau erwiederte nichts, und um ſie noch mehr von der Wahrheit ſeines Vorgebens zu uͤberzeugen, erzahlte er ihr nun, daß er ſich auf ſeinem Wege von der Nacht uͤberfallen verirrt habe, und nur erſt gegen Morgen die rechte Straße wieder gefunden hätte. Die Frau ſchůttelte mehrmals unglaͤubig den Kopf, endlich ſagte ſie:„Zu Fuß, von Liſieux nach Pont⸗„Eveque, dabei hat der Herr S in der Taſche ſetzte ſie mit — 17— milderem Tone hinzu—„was kuͤmmert's mich. Mein Sohn iſt zwar ein eifriger Patriot, allein doch auch ein Menſch. Er wird mir ja daruͤber wohl keine Vorwuͤrfe machen.... Bleiben Sie nur hier, Sie koͤnnen ſich bis Mittag aus⸗ ruhen, dann aber muͤſſen Sie fort, das ſage ich Ihnen gleich.“ Deſodry dankte und dns Maͤdchen wies ihm nun ein Zimmerchen mit einem Bette an, deſſen Fenſter nach dem Hof hinausging, und das von dem, in welchem er ſich bisher befunden hatte, nur durch eine Glasthuͤre getrennt war. Deſodry warf ſich, ohne ſich auszukleiden, ſogleich auf das Lager und entſchlief. Als er wieder aufwachte, befiel ihn ſeine Angſt von neuem. Seine Uhr zeigte auf halb Eins. Er ſprang in die Hoͤhe und wollte in das vorige Zimmer gehen; da hoͤrte er darinnen ſprechen, und vorſichtig ſchob er nun erſt den Vorhang vor dem Fenſter der Thuͤre ein wenig zuruͤck, um zu ſehen, wer es war. Die Wittwe Moreau ſaß mit einem jungen Manne— wahr⸗ ſcheinlich ihrem Sohne Johann— am Tiſch⸗ III. 2 Es war ein huͤbſcher junger Menſch, da ihn die Mutter meinem Freunde aber als einen eif⸗ rigen Patrioten geſchildert hatte, ſo fand ihn dieſer jetzt wild und duͤſter ausſehend. Beide ſprachen ſehr angelegentlich mit einander.„Wahr⸗ haftig!“ rief der junge Mann, vergnuͤgt die Häͤnde reibend, aus,„das iſt eine erwuͤnſchte Neuigkeit. Da muͤſſen wir eilen, Mutter, und ſogleich nach dem Maire und ſeinem Schreiber ſenden, daß ſie ſich bereit halten; ich hole un⸗ terdeſſen den alten Brigadier und komme bald mit den Andern nach.“ Mit dieſen Worten umarmte er ſeine Mut⸗ ter und ging raſch fort. Du biſt verloren! dachte Deſodry. Aber welche Wildheit! welcher Blutdurſt! Freut ſich nicht der Menſch, mich Ungluͤcklichen nun ganz ungluͤcklich machen zu konnen, als wenn ihm daraus das größte Glůͤck entſpröße. Aber es ſoll dem Wuthe⸗ rich nicht gelingen. Eher wage ich alles, eh' ich in ſeine abſcheulichen Hände falle!— Ohne ſich lange zu bedenken, öffnete er das Fenſter; mit einem Sprunge war er im Hofe, zum offenen Thorweg hinaus, auf's Feld, und ohne ſich umzuſehen, eilte er einem nahen Ge⸗ bůſch zu, in welchem er auf einem ſich hindurch ziehenden Wege, ſo ſchnell, wie er nur ver⸗ mochte, weiter ſchritt. Hatte er aber Unrecht, ſo eilig zu fliehen? Ach, man ſah in jenen⸗Tagen ſo Viele, die es ſich zum angelegentlichſten Geſchäft machten, ihre Nebenmenſchen in's Verderben zu bringen, daß Mißtrauen und Furcht wohl verzeihlich wa⸗ ren. Doch fehlte es neben dieſer furchtbaren Schattenſeite der Zeit auch nicht an tauſend⸗ faltigen Beiſpielen der edelſten Aufopferung fuͤr Andere, des ruͤhrendſten, thaͤtigſten Mitleids fuͤr Ungluͤckliche und Verfolgte. Wie viele jener Edelleute, die einſt das Volk druͤckten und ver⸗ achteten, wie viele jener Prieſter, die in ihrem religioͤſen Fanatismus diejenigen verfluchten, welche den Ewigen nicht gerade mit denſelben Ceremonien, wie ſie es verlangten, anbeteten: wurden von Landleuten, von Weibern, von Kin⸗ dern gerettet und der Wuth ihrer Verfolger ent⸗ zogen; wie oft ſah man Menſchen aus den 2* geringſten Staͤnden den großten Gefahren trotzen, um einem ungluͤcklichen Emigrirenden durchzu⸗ helfen, den Ketten und Tod bedrohten, und den ſeine einſtigen Gefährten und Freunde nun in der Noth verließen! Wahrlich, der Genius der Menſchheit hatte zum Troſt der Menſchheit da⸗ mals eben ſo viele Thaten des erhabenſten Edel⸗ muthes aufzuzeichnen, als Verbrechen, vor welchen das Gefuhl zuruͤckbebte.— Nachdem Deſodry wohl eine Stunde gegan⸗ gen war, kam er an einen Flecken, woſelbſt er in das erſte, ziemlich leidlich ausſehende Wirthö⸗ haus, eintrat. Kaum hatte er ſich in der Wirths⸗ ſtube niedergelaſſen, ſo fuhr ein Einſpaͤnner vor und Johann Moreau nebſt einem alten Bri⸗ gadier von der Gensd'armerie ſtieg aus. Ich Ungluͤcklicher! dachte mein Freund, da ſind meine grauſamen Verfolger. Zum Gluͤck hat mich der Verräther Moreau nicht geſehen; vielleicht ent⸗ ſchluͤpfe ich ihnen dadurch. Zu ſeinem Erſtaunen beachteten ihn die An⸗ gekommenen gar nicht, und bald erfuhr er aus ihren Geſprächen mit dem Wirth, daß ſie an — 1— nichts weniger, wie an Verfolgung dachten, und er ſich daher umſonſt geaͤngſtigt hatte. Das Geſpraͤch des jungen Pächters mit ſeiner Mut⸗ ter hatte ſich blos auf ſeine Verheirathung be⸗ zogen, der bisher noch einige Hinderniſſe in dem Wege ſtanden, die nun gehoben waren; daher ſeine Freude uͤber die gute Neuigkeit, daher ſeine Eile, den Maire und deſſen Schreiber zu be⸗ nachrichtigen; daher ſein Vorſatz, ſogleich den alten Brigadier zu holen, der den Brautfuͤhrer machen ſollte. Als Johann Moreau dies dem Wirthe erzahlte und dieſen nebſt ſeiner Frau einlud, auf ſeiner Hochzeit zu tanzen, da ath⸗ mete Deſodry von neuem auf und ſetzte ſeinen Wanderſtab mit neuem Muthe fort. Den zweiten Tag befiel ihn ein noch grö⸗ ßerer Schreck. Er ſaß in dein Gaſthauſe einer kleinen Stadt an der Wirthstafel, als ein Frem⸗ der eintrat, der nach einigen Worten mit der Wirthin ſeine Blicke auf ihn warf, und nun die Frau bei Seite zog und fragte, wer der Wert da am Ende des Tiſches ſey?„Es iſt der Citoyen Robert aus Liſieur“, antwortete dieſe, „ein Kaufmann.“„Hm“, entgegnete der An⸗ dere,„ich haͤtte darauf ſchwören wollen, daß es der Advokat Valentin aus Pont⸗l'Eveque ſey.“ „Ja“, begann ein Dritter, der dem Geſpraͤche zugehört hatte,„es giebt ſeltſame Aehnlichkeiten. Der Mann gleicht auf ein Haar dem Journa⸗ liſten Deſodry aus Paris, den ich mehrmals auf dem Kaffeehauſe im Palais⸗Egalite ſah.“— Mein Freund, dem keine Sylbe entgangen war, glaubte in Ohnmacht ſinken zu muͤſſen. Er ſtand unter einem Vorwande vom Eiſche auf, und ging in den Hof. Hier fand er einen Fuhrmann, den er durch einige Goldſtuͤcke dahin bewog, ihm ſeinen alten Huth und ſein blaues Ueberhemde zu geben; ſo verkleidet, eilte er zur Stadt hinaus, jenſeits welcher er in einem Gra⸗ ben verſteckt ſo lange wartete, bis der Fuhr⸗ mann mit ſeinem Wagen kam, neben welchem er dann als begleitender Knecht einige Fw ein⸗ herwandelte. So, bald ſich an andere Reiſende ſchließend, bald als Bettler ſich durchſchleichend, bald nur des Nachts auf einſamen Feldwegen gehend und am Tage im Gebuͤſch oder im Korn ſich ver⸗ bergend, immer in Gefahr, verrathen zu werden, immer in Angſt, der Gensd'armerie in die Haͤnde zu fallen, durchzog er die Normandie, die Pikardie, Artois; endlich kam er auf weiten Umwegen nach Flandern. Hier verſchaffte er ſich fur ſchweres Geld eine Uniform und eine Marſchroute unter ſeinem angenommenen Na⸗ men Robert, und kam ſo als gemeiner Soldat zu der in jenen Gegenden ſtehenden Armee. Zweites Kapitel. Deſodry ien Belien Wtyrend mein armer Freund auf dieſe Art Ungemach, Noth und Angſt jeder Art erduldete, war ich ſo gluͤcklich geweſen, mir mehrere brave — 24— Freunde in meiner neuen Laufbahn zu erwerbem Haͤtte die Sorge um die Meinigen, um Deſodry mich nicht gedruͤckt, ſo würde ich jetzt gluͤcklicher und ruhiger geweſen ſeyn, wie ſeit lange, denn mit Zufriedenheit ſah ich hier Ehre, Ordnung und ächte Freiheitsliebe ſtatt der Verwirrung, der Verbrechen und den Tollheiten um mich, die mich in der Heimath umgaben. 4 Aber welches zugleich ſchmerzliche und ge⸗ fährtiche und wieder wohlthatige Amt iſt das eines Feldarztes! Ohne in den Reihen der Krieger zu ſtehen, theilt er ihre Gefahren, und ſehr oft muß er ſein Leben Preiß ſtellen, um einem Sterbenden noch einige Huͤlfe zu bringen. Dennoch war mir mein Beruf werth; welch einen reinen Genuß mußte es mir gewähren, wenn ich einen braven Landsmann erhalten, wenn ich einem armen, verwundeten Gefangenen ſeine Leiden erleichtern konnte! Der Feldarzt erſcheint dann als rettender Engel, und welches fuhlende Herz wird ſich nicht gluͤcklich preiſen, wenn es ſeinen Nebenmenſchen ſo in der Noth dienen kann, wie er es vermag, Bei einem jener Ruͤckzuͤge, die unſere Ar⸗ meen ſtets eben ſo ehrten, wie ihre Siege, ward das Hauptquartier der Diviſion, bei welcher ich mich befand, nach Maſtricht verlegt. Ich hatte mein Quartier bei beaven Buͤrgersleuten bekommen, die zugleich eine Table d'Hotẽ hiel⸗ ten, an der ich mit mehreren Offizieren des Corps ſpeiſte. Eines Morgens ſtand ich eben im Begriff, mich zu meinen Kranken zu begeben, als mein Diener mir einen Soldateu meldete, der ein Billet in's Hospital verlangte. Ich ſah jetzt eine blaſſe, faſt nur noch in Lumpen ge⸗ huͤllte Figur eintreten; Himmel, es war mein Freund, der Bruder meiner Frau, mein Deſo⸗ dry!— Schmerz und Freude beengten gleich ſtark mein Herz. Ich ſchloß ihn in meine Arme, ich druͤckte ihn an meine Bruſt. Jetzt erfuhr ich die Leiden, die Gefahren, die ihn be⸗ droht hatten. Er war krank und erſchoͤpft von Anſtrengungen; ſein Geld alle, ſeine Kraͤfte da⸗ hin. Seit Monaten hatte er keine Nachricht weder von Onkel Lecog, noch von ſonſt jemand erhalten können. Der unglüͤckliche hatte die — 26— letzte Stufe des Elends erreicht. Ich benach⸗ richtigte ihn nun, daß ſeine Kinder, ſeine Schwe⸗ ſter, ſein Onkel ſich wohl befänden, daß er noch Freunde und Huͤlfsmittel hätte, daß aber ſein Name auf der furchtbaren Emigrantenliſte ſtand und Ruͤckkehr daher fuͤr ihn jetzt unmoöglich ſey⸗ Je mehr ich mir meinen Freund betrachtete, je mehr ſah ich aber mit Schrecken die Verän⸗ derung, welche wenige Monate der Angſt, der größten Entbehrungen und Leiden bewirkt hat⸗ ten. Er war alt geworden, und ſeine Zuͤge und ſeine Reden verriethen den tiefſten Menſchen⸗ haß. Als er mich um meine Lage befragte und ich ihm mit Feuer das Wohlthäcige derſel⸗ ben pries, ſah er mich mit bitterem Laͤcheln an und erwiederte:„Armer Getaͤuſchter, Du ſprichſt von dem Nutzen, den Du Andern leiſteſt, und dienſt doch nur Dir ſelber.— Die Men⸗ ſchen ſind allzumal nichts als Egoiſten, und die Beſten ſind noch diejenigen, welche blos fur ſich ſorgen und ihren Bruͤdern— Boͤ⸗ ſes thun.“ Ich hatte mich ſun iWeſehe⸗ 6, bis zur Ueberſpannung getriebenen, Philanthro⸗ pismus aufgehalten, da ich nur zu deutlich ſah, daß Eitelkeit die Triebfeder dazu bei ihm war; wie mußte ich mich jetzt uͤber das Syſtem der Selbſtſucht kränken, welches er nun entwickelte! Ach, ich ſah mit Schmerz, daß er, der ſo lange ein blindes Vertrauen in alle Menſchen ſetzte, nun auf einmal in die finſterſte Miſanthropie gefallen und dadurch zu dem herzloſeſten Egois⸗ mus hingezogen war. An die Stelle der unbe⸗ dachten Liebe hatte ſich nun ein eben ſo ver⸗ werfliches Mißtrauen in ſeiner Bruſt feſtgeſetzt; er haßte jetzt Alles und ſchien mir fuͤr Alles Sken⸗* n„Mir blieb indeß jetzt keine Zeit, den Un⸗ altien auf andere Gedanken zu leiten. Er ſchwebte am Rande des Abgrundes, ihn da weg zu retten, war die erſte Pflicht. Furchtbare, blutige Geſetze beſtanden gegen alle Emigrirten; ihnen zu entgehen, blieb den Armen, deren Namen auf der Ungluͤcksliſte ſtanden, kein an⸗ deres Mittel als wirklich auszuwandern. Uner⸗ bittlicher Tod unter dem Mordbeil der Guillo⸗ — 23— tine war das gewiſſe Loos eines jeden, deſſen man habhaft wurde. Ich ſchlug daher meinem Freunde vor, nach Deutſchland zu fliehen und dort ſo lange zu weilen, bis der Sturm ausge⸗ tobt hatte. Er ſah mich an und ſchwieg, und ich glaubte daher, er billige meinen Vorſchlag. Aber wie ihn ausfuͤhren? wie ihm in der Schnelle die Mittel verſchaffen, um in einem fremden Lande leben zu können? Wenn man ihn auf ſeiner Flucht über die Linien unſerer Armee hin⸗ aus entdeckte, ſo wurde er entweder als Aus⸗ reißer oder als Emigrant betrachtet; in beiden Fällen war aber unvermeidlicher Tod ſein Loos.— ieſ Bruderlich theilte ich alles mit ihm, was ich im Augenblick beſaß, verſchloß ihn in mein Zimmer; ſo daß ſelbſt die Leute im Hauſe ſeine Anweſenheit nicht erfuhren, und ging nun zu einem Kaufmann in der Stadt, der ſich mir bisher freundſchaftlich bezeigt hatte. Hier nahm ich eine mäßige Summe in Wechſeln auf Mun⸗ chen auf, die ich Deſodry brachte. Einen Au⸗ genblick ſchien er von meinem und ſolbſt des Kaufmanns Benehmen geruͤhrt zu ſeyn, bald aber fiel er wieder in den alten Ton, und war ungerecht genug, den Dienſt, welchen uns der ehrliche Handelsmann durch Vorſtreckung des Geldes geleiſtet hatte, wie alles, aus der Quelle des Eigennutzes abzuleiten. Statt mich hieruͤber mit ihm in vergebliche Streitigkeiten einzulaſſen, ging ich von neuem weg, um wo moͤglich einen ſichern Weg zu ſeiner Flucht zu entdecken. Die Angelegenheit machte mir viel Sorge. So gewogen mir auch die commandirenden Of⸗ fiziere waren, ſo durfte ich es doch nicht wagen, mich ihnen zu entdecken. Es hieß dies, ſie auf⸗ fordern, gegen ihre Pflicht, gegen die Geſetze handeln. Allerdings waren die vom Convent gegen die Emigrirten geſchleuderten Geſetze grau⸗ ſam, unmenſchlich, aber— ſie beſtanden ein⸗ mal, und welcher dem Staate Verpflichtete hat das Recht, ſie zu brechen?— Indem ich noch ſo ſinnend auf der Straße gehe, begegnete mir ein Capitain von der Cavallerie, mit welchem ich an einem Liſch ſpeiſte, und den ich mir fruher durch einige kleine Dienſte verpflichtet hatte. ———— — 36— Ich kannte den Mann genau; er war eben ſo menſchlich als brav, eben ſo gefuͤhlvoll als edel. Eine innere Stimme rief mir zu: dem vertraue dich! und ich beſchloß es zu wagen. Dennoch ging ich mit großer Vorſicht zu Werke; ſie war unnuͤtz, ich hatte mich in dem Manne nicht ge⸗ irrt. Kaum hoͤrte er, was mich beängſtigte, ſo erbot er ſich auch ſchon, meinem ungluͤcklichen Freunde zu helfen⸗ Der Capitain war beordert, noch denſelben Abend mit einem Piket von ungefaͤhr vierzig Mann eine Recognoscirung nach der Seite hin zu unternehmen, wo der Feind ſtand.„ Das iſt eine gute Gelegenheit“, ſagte er,„Ihren Freund uͤber unſere Linien hinauszubringen.“ Ich fragte ihn jetzt, ob er es mir erlauben konne, dabei zu ſeyn.„Allerdings“, entgegnete er,„ſollen ſie dabei ſeyn. Sie und der Andere duͤrfen nur die Uniform von meinen Huſaren anlegen, und dann zu Pferde am deutſchen Thore warten, bis ich mit dem Detaſchement komme. Ich werde hinter dem Zuge bleiben und Sie ſchließen ſich dann an mich an. Mit — 31— Huͤlfe der Nacht, denke ich, ſollen die Huſaren, wenn Sie nur vorſichtig ſind, Sie fuͤr Came⸗ raden halten, und wenn wir an die Vorpoſten gelangt ſind, machen wir es eben ſo wie am Thore. So kommen wir mit Anbruch des Tages uͤber die Linien, und eh' es ganz hell iſt, kann Ihr Freund ſchon weit von den aͤußerſten Vedetten ſeyn.“„ Geruͤhrt fiel ich dem Capitain um den Hals und kehrte nun zu Deſodry zuruͤck, den ich nach⸗ denkend im Zimmer auf- und abgehend fand. Mit einem mißtrauiſchen Blick fragte er mich, wer der Offizier geweſen ſey, mit welchem ich die Straße entlang gegangen wäre. Ich ſagte ihm, daß er ſein Retter werden wolle, und daß ſeine Flucht noch dieſen Abend ſtatt finden ſolle, denn ſo lange er noch 4 muͤſſe ich fuͤr ihn zittern. „Du zitterſt?“ entgegnete er noch miß⸗ trauiſcher;„doch, es iſt gut. Mache nur die Sache, ich will flichen.“ Er aß hierauf einige Biſſen, und als ich nun von neuem wegging, um die nöthigen Uniformen für ihn und mich zu beſorgen, und ihm nochmals empfahl, ſich ruhig zu verhalten und ſich von keinem Men⸗ ſchen am Fenſter ſehen zu laſſen, erwiederte er mir mit bitterm Lächeln:„Sey ruhig, ich will dich nicht in Gefahr ſtuͤrzen.“. Die Vorbereitungen nahmen mir den ganzen Nachmittag weg; es dunkelte bereits, als ich wieder in's Zimmer trat.„Geſchwind nimm dieſen Mantel, dieſe Waffen und eleide Dich an“, rief ich ihm zu. Schweigend that er, was ich ihm hieß. Unbemerkt ſchluͤpften wir aus dem Hauſe; mein Burſche hielt mit den Pferden an einer Ecke; wir ſchwangen uns auf und ritten dem Thore zu, welches mir der Ca⸗ pitain bezeichnet hatte; hier hielten wir, beſchuͤtzt vom abendlichen Dunkel, eine ewig lange Vier⸗ telſtunde in einem ausſpringenden Winkel des Walles. Meine Angſt war fuͤrchterlich, daß uns vielleicht, ehe noch das Detaſchement kam, eine jener zahlreichen Patrouillen entdecken moͤchte, die eine Feſtung in Kriegszeiten ſo unabläſſig durchziehen. Deſodry ſprach waͤhrend dem kein Wort. Endlich ließ ſich von fern Pferdegetrap⸗ — 33— pel hören; ich lebte neu auf. Das Detaſche⸗ ment kam; der Offizier blieb zuruͤck, während die Andern ſich durch das nur halbgeoffnete Thor draͤngten; wir ſchloſſen uns an ihn an und er ließ uns nun vorausreiten. Ins Freie gelangt, ſetzte ſich der Trupp in ſchar⸗ fen Trabb; wir eilten nachzukommen, uns jedoch dabei ſtets etwas zuruͤckhaltend. Der Rittmeiſter hatte uns einem alten Marechal de Logis uͤbergeben, auf deſſen Treue er rechnen konnte; er ſelbſt kam manchmal zu uns, um ſich nach uns umzuſehen, dann jagte er er ſo⸗ gleich wieder vor an die Spitze des Zuges. Bei der Vorpoſtenkette ließ er uns auf dieſelbe Art mit der groͤßten Vorſicht vorbeiſchluͤpfen; dann nahte er ſich mir, drückte mir die Hand und zeigte mir den Weg, den Deſodry zu nehmen hatte. Seine Huſaren zerſtreuten ſich nun in dem vor uns liegenden Geholze. Deſodry und ich ſchlugen den Weg nach Aachen ein. uh Als der Tag anbrach, hielt ich mein Pferd an, wies meinem Freunde noch einmal die Rich⸗ III. 8 —— tung, welche er zu nehmen hatte, und ſagte ihm Lebewohl. Er ſchwieg noch immer, kaum daß er ein froſtiges Adieu uͤber die Lippen brachte. Der Arme! er hatte in kurzer Zeit ſo viel Un⸗ gluͤck erlebt, ſo viele Elende, ſo viele Undank⸗ bare, ſo viele Verraͤther kennen lernen, daß ſein Herz fuͤr alles abgeſtorben war, daß er ſelbſt ſeine beſten Freunde verkannte„. Deſodry hegte Mißtrauen gegen mich, wie gegen alle an⸗ dere Menſchen. Nicht daß er etwa geglaubt hätte, ich könne ihn verrathen, aber er waͤhnte, daß ich mich ſeiner nur gern entladen wolle, um nicht ſelbſt in Gefahr zu kommen.— O, nie hat mich ein Verdacht mehr geſchmerzt, wie dieſer!— Ich blieb traurig, niedergeſchlagen, mich ſo verkannt zu ſehen, auf der Stelle halten, wo er von mir geſchieden war. Er ritt nur langſam und ſah ſich mehreremale um. Ploͤtzlich warf er ſein Pferd herum und kam im Galopp wie⸗ der auf mich zu.„Mein Freund!“ rief er aus, mir die Arme entgegenſtreckend,„mein Bruder, vergieb mir! vergieb einem Ungluͤcklichen, der an der beſſern Menſchheit verzweifelnb, auch dich verkennen konnte. Vergieb mir und ſorge fuͤr die Meinen.“— Wie erleichterten mich dieſe Worte! Ich ſank dem Bruder, dem Freund, mit Thränen an die Bruſt. Noch einmal druckte ich ihn an mich, noch einmal ſchwor ich ihm zu, ſeinen Kindern ein Vater zu ſeyn; dann trennten wir uns, er in Eile den Weg nach Aachen verfol⸗ gend, ich in meine Garniſon zuruͤckkehrend. Drittes Kapitel. Neue Bekanntſchaften und neue — Träumereien. Nachden Deſodry mit dem Ueberſchreiten der äußerſten Vorpoſten allen Gefahren entgangen 3* war, die zu jener Zeit die ungluͤcklichen Auswan⸗ derer bedrohten, haͤtte er neu aufathmen koͤnnen, wenn er nicht zu bewegt, zu tief erſchuͤttert noch von all' den Ereigniſſen geweſen wäre, die ihn ſeit kurzem getroffen hatten. Hoͤchſt widerſtrei⸗ tende Gefuͤhle durchwogten in dieſem Augenblick ſeine Bruſt. Trauer um ſo manchen geſcheiter⸗ ten Entwurf, Verachtung der Menſchen, die ſein Vertrauen ſo ſchaͤndlich hintergangen hatten, und auf der andern Seite wieder Dankbarkeit gegen einige wenige, wahre Freunde, gegen ſeine Verwandten, die mit Daranſetzung eigener Si⸗ cherheit ſein Leben retteten: dies alles erregte in ihm ein ſeltſames Gemiſch von Empfindun⸗ gen, und riß ihn bald zum finſterſten Menſchen⸗ haß hin, bald zog es ihn wieder den edleren Gefuhlen der Liebe und Hingebung zu. End⸗ lich, nachdem er lange ſtumm und inſichgekehrt ſeines Weges gezogen war, rief er aus:„Nein, jene Elenden ſollen mich nicht an dem Beſſeren im Leben irre machen! Ich bin verrathen und betrogen worden; denen ich ein Retter war, die haben mich verfolgt und verlaſſen, aber, die —— Freundſchaft iſt boch kein leerer Name. Es giebt noch gute Menſchen, es giebt noch Herzen, die auch fuͤr mich ſchlagen!“ Mein Freund ſchlug ſeinen Sitz vorlaͤufig in Muͤnchen auf, wo damals viele Emigranten lebten. Natuͤrlich ſchloß er ſich hier an die Landsleute an, aber, wie wenig Troſt, wie vielen Stoff zu Schmerz fand er auch hier? Die Mehrzahl beſtand aus jenen eingefleiſchten Pri⸗ vilegienmenſchen, die noch immer darauf beharr⸗ ten, mit Feuer und Schwert ſich mit ihren an⸗ gemaßten Vorrechten dem Volk, welches ſie aus⸗ geſtoßen hatte, wieder aufzudringen, und nur hie und da traf Deſodry auf einen Beſonnenen, der gerecht genug war, nur darum den Gang, welchen die Ereigniſſe der Zeit nahmen, zu be⸗ dauern, weil die Sache der Menſchheit durch ſchlechte Haͤnde entſtellt ward. Wie oft horte er hier ſein Vaterland, ſein noch immer gelieb⸗ tes Vaterland, verwunſchen! wie oft mußte er hier die heldenmuͤthigen Anſtrengungen ſeines Volkes von denen verkleinern, verlaͤſtern, ver⸗ unglimpfen ſehen, die in ihrem groben Egois⸗ mus nur ſich und ſich kannten! Mit Abſcheu wandte er ſich von dieſen entarteten Söhnen der Heimath ab, die ihn, wenn ſie nur gekonnt haͤtten, eben ſo wuͤthend im Auslande verfolgt haben wuͤrden, wie ihn die raſenden Demokra⸗ ten in Paris verfolgten, und ſich eng an die Wenigen ſchließend, die uͤber den Verirrungen Einzelner nicht die Ehre des Ganzen vergaßen, und zum Theil aus denſelben Gruͤnden, wie er, hatten fliehen muͤſſen, feierte er mit ihnen im Stillen die Siege ſeiner Nation, während er zugleich die Mißbraͤuche beklagte, welche man von der ſo muͤhſam errungenen Freiheit machte. Zu den groͤßten Uebeln, welche einen Verbann⸗ ten druͤcken, gehoͤrt die Langeweile. Herausgeriſſen aus allen ſeinen Verhältniſſen, aus allen ſeinen Verbindungen, unter Fremdlinge geſchleudert, deren Sitten, Gebraͤuche und Sprache ihm oft zum Theil ganz unbekannt ſind, hat ein ſolcher Ungluͤcklicher faſt nichts, woran er ſich aufrich⸗ ten, womit er ſich zerſtreuen kann, und zu dem Kummer um ſein vernichtetes Glück geſellt ſich dann noch oft das niederdruͤckende Gefuͤhl, mit — 39— Mißtrauen beobachtet, mit Kälte, manchmal ſogar mit Widerwillen, betrachtet zu werden. In ſeinem Kreiſe, ſeinem Vaterlande, hat jeder Menſch, ſelbſt der, der eigentlich nichts thun will, manche unwillkuhrliche Beſchaͤftigung. Er hat Freunde, er hat Verwandte, an die ihn ein gleiches In⸗ tereſſe knuͤpft; ohne es zu wollen, beruͤhren ihn die öffentlichen Ereigniſſe ſeiner Stadt, ſeines Landes wie anders iſt es dagegen in der Fremde! Hier iſt niemand, der ſich fuͤr ihn intereſſirt, niemand, der Theil an ihm nimmt. Was da vorgeht, beruhrt ihn nicht, alles glei⸗ tet kalt an ihm voruͤber, und mit aͤngſtlicher Stundenberechnung die Ankunft der Neuigkeiten aus der Heimath erwartend, iſt er gebeugt von ſeinem Schickſale allein, ein Todter gleichſam unter Lebenden, ein Vereinzelter unter Tau⸗ ſenden.— Daß ein ſolcher Zuſtand meinem Freunde, deſſen lebhafter Charakter ſtete Reibung, ſtete Beſchaͤftigung mit irgend etwas verlangte, dop⸗ pelt ſchmerzlich ſeyn mußte, läßt ſich denken. Auch war er nicht lange im Stande, ihn zu ertragen, und bald bot ein eigenthuͤmlicher Zug der Nation, unter welcher er lebte, ihm Stoff zu neuen, ihm ſo angemeſſenen Traͤumereien. Deutſchland iſt das Land der Philoſophen, der Reflexion, der Speculation. Waͤhrend der Britte und der Franzoſe handelt, vertieft ſich der Deutſche gern in Meditationen uͤber die ab⸗ ſtrakteſten Dinge, und es hat unter diefem Volke noch zu keiner Zeit an Maͤnnern gefehlt, die unermuͤdlich in Aufſtellung neuer Moralprinzipe und Philoſopheme waren. Das Wahre zu er⸗ forſchen auf tauſendfäͤltigen Wegen, ſcheint Be⸗ ruf dieſer ehrwuͤrdigen und geiſtreichen Nation zu ſeyn, die ſelbſt in ihren ſo vielfach verſchie⸗ denen und immer wunderbar, wenn auch nicht immer lobenswerth, zuſammengeſetzten ſtaatlichen Einrichtungen, ein Bild dieſer vielfachen Be⸗ ſtrebung nach einem, freilich noch nicht erreich⸗ ten, Ziele giebt, und ein ſolches Streben mußte natuͤrlich Deſodry, ſobald er nur erſt damit be⸗ kannt ward, ungemein anziehen. Er hatte ja auch nach dem Wahren geſtrebt und rang noch darnach, und daß er, indem er ſich Gott naͤhern ————— — 41— wollte, ein Fanatiker, und inbem er ſich dem Wohl der Menſchheit zu widmen gedachte, ein ſtolzer Enthuſiaſt geworden war: dieſe Fehlgriffe mußten ihn eben um ſo mehr anfeuern, nun endlich, da ſich ihm hierzu die Gelegenheit ſo guͤnſtig zu bieten ſchien, den richtigen Weg ken⸗ nen zu lernen. Kants von ſeinen Schulern ſo oft und ſchmaͤhlich mißverſtandene Lehre vom Abſoluten regte damals die Geiſter in Deutſchland an. In allen Geſellſchaften ſtritt man uͤber den ka⸗ thegoriſchen Imperativ, man fand auf den Gaſ⸗ ſen kaum mehr Steine als Kantianer. Wie haͤtte mein Freund, mein enthuſiaſtiſcher Freund nicht ſollen der allgemeinen philoſophiſchen An⸗ ſteckung unterliegen? Einem deutſchen Buch⸗ händler, einem Ehrenmanne, den die philoſophi⸗ ſchen Schriften reich machten, und der daher, nicht mehr wie billig, ſelbſt ein warmer Ver⸗ ohrer der Lehre vom Abſoluten war, war es vorbehalten, Deſodry in die Propylaͤen der neuen Weltweisheit einzufuͤhren, und mein Freund ſturzte ſich mit ſo größerem Eifer auf die neu ſich ihm oͤffnende Bahn, da er eben gerade nichts anderes vorzunehmen wußte. Herr Rothberg— ſo hieß der Vuchhänd⸗ ler— war aus einer kleinen norddeutſchen Reſidenz, ſeinem Wohnorte, in Geſchaͤften nach Muͤnchen gekommen, und hier mit Deſodry an einer Table dHote zuſammentreffend, entſpann ſich zwiſchen beiden ſehr bald eine innige Freund⸗ ſchaft. Rothberg war ein unterrichteter, artiger und erfahrener Mann, der das Franzoͤſiſche ſehr geläufig und uͤber alles mit meiſt ſehr geſun⸗ dem Urtheil zu ſprechen wußte. Durch ihn ward mein Freund zuerſt auf die kantiſche Lehre in der Philoſophie aufmerkſam gemacht, und alles, was er ihm von des großen Weltweiſen Schluͤſ⸗ ſen, Beweiſen und Aufſtellungen ſagte, erregte die Wißbegierde Deſodry's auf's Aeußerſte. Die Werke des Philoſophen, die Deſodry natuͤrlich ſogleich anſchaffte, waren aber nicht leicht zu verſtehen, vorzuͤglich nicht fuͤr einem Anfäͤnger in der ohnedem dem Auslaͤnder ſo ſchweren deutſchen Sprache; alle Augenblicke blieb der wißbegierige Schuͤler ſtecken, und wenn er ———————————— — mit der groͤßten Muͤhe einen Satz glaubte ſich zu eigen gemacht zu haben, dann fand es ſich oft, daß er, ſtatt in's Klare, erſt recht in's Dunkle gerathen war. 52 „Das geht ſo nicht“, ſprach Herr Rothberg, dem er ſein Leiden in dieſer Hinſicht klagte. „Kant iſt zu tief, um ohne Vorbereitung, ohne gehoͤrige Anleitung verſtanden zu werden. Tau⸗ ſende, die der Sprache durch und durch maͤchtig ſind, und ihn ohne Anleitung ſogleich erfaſſen wollen, zermartern ſich ſeit Jahren umſonſt; wie ſollten Sie, ein Anfänger in unſerer Sprache, dies vermoͤgen? Wollen Sie den Weiſen gruͤnd⸗ lich kennen lernen, ſo bleibt nur Eins; folgen Sie mir nach meinem Wohnorte. Wenige Stunden davon iſt eine Univerſitaͤt; da will ich Sie mit einem Manne, dem erleuchtetſten Schuͤ⸗ ler des großen Denkers, bekannt machen. Die⸗ ſer allein vermag Sie in die Tiefen der neuen Lehre einzufuͤhren; es wird ihm eine Freude ſeyn, dem großen Meiſter einen wahren Bewun⸗ derer mehr zu verſchaffen.“ Dieſer Vorſchlag kam meinem Freunde er⸗ ——— wuͤnſcht. Es konnte ihm gleichguͤltig ſeyn, an welchem Orte der Welt es war, zu leben; nichts band ihn an Muͤnchen, wo, wenn ſein Freund Rothberg die Stadt wieder verlaſſen hatte, ſich faſt kein Menſch um ihn bekuͤmmerte; in*** durfte er dagegen hoffen, nach Roth⸗ bergs Schilderung, ein neues Athen, einen dem Wiſſen, der Kunſt, dem Frieden geheiligten Auf⸗ enthalt zu finden; er durfte hoffen, hier die lau⸗ tere Milch an dem Quell der Wahrheit zu ſchoͤpfen; was hätte ihn daher abhalten ſollen, der Einladung zu folgen? In aller Schnelle wurde ſein Koffer gepackt; Briefe an ſeine Fa⸗ milie belehrten dieſe von der Veraͤnderung ſei⸗ nes Aufenthaltes, und als Rothberg ſeine Ge⸗ ſchäͤfte in Muͤnchen beendet hatte, fuhren beide dem gluͤcklichen Aſyle der Wiſſenſchaft und Kunſt zu. . — 5— Viertes Kapitel. Die beiden Philoſophen und die Dame. p Deſodr und ſein neuer Freund kamen wohl⸗ behalten in*** an, und bereits den nächſten Tag machten ſich beide auf den Weg nach dem unfernen Muſenſitze, wo Doctor Tillmann, der angebliche groͤßte Schuͤler des großen Koͤnigs⸗ berger Denkers, ſie mit eben ſo viel Würde, als Zuvorkommenheit empfing. Der Philoſoph lobte Herrn Rothberg fuͤr die Herbeifuͤhrung eines neuen Proſelyten zur Lehre des Abſoluten, er lobte Deſodry fuͤr ſeinen Eifer, das Land der Galanterie verlaſſen zu haben, um im Lande gruͤndlichen Wiſſens aus dem Born der Weis⸗ heit zu ſchoͤpfen, und die beiden Ankömmlinge ſprachen dagegen von der Verehrung, die ſie gegen den großen Meiſter und ſeinen gleichgroßen Zögling hegten. So raͤucherte man ſich gegen⸗ ſeitig und war natuͤrlich dafuͤr auch gegenſeitig ſehr zufrieden mit einander. Doctor Tillmann übernahm mit Vergnuͤgen fur den wißbegierigen Fremdling ſowohl geiſtig! als leiblich zu ſorgen. Dank ſeiner Vermitt⸗ lung und Dank Deſodry's Louisd'oren— die freilich nicht geſpart wurden— verſchaffte er ihm in ſeiner Naͤhe eine recht artige Garten⸗ wohnung, deren einſame romantiſche Lage zu Meditationen aufzufordern ſchien und meinem Freunde ſehr zuſagte, und nun einen regelmä⸗ ßigen Curſus mit ihm beginnend, demonſtrirte er ihm das Weſen der Lehre von dem Abſolu⸗ ten, dem kathegoriſchen Imperativ und der Kri⸗ tik der reinen Vernunft in einer ſo barbariſchen Sprache vor, und citirte dabei ſo viele alte und neue Weltweiſe, daß meinem Freunde bald der Kopf gewaltig ſchwindelte, und er oft am Abend, wenn die gelehrten Unterredungen beendet waren, ———— * —— nicht mehr wußte, ob er ſelbſt noch eine— Vernunft habe oder nicht. Demungeachtet ſtieg kein Zweifel an F Vortrefflichkeit der Lehre in ihm auf, die ihm ward. Freilich tappte er in Folge der Erklaͤ⸗ rungsart ſeines Fuͤhrers wie ein Blinder in der neuen Wiſſenſchaft umher, freilich drehte ſich alles Gehörte und Geleſene wie ein wildes Chaos ungeordnet in ſeinem Gehirne um: aber was that das? der gelehrte, beruͤhmte Tillmann hatte es ſo geſagt, es waren die Lehrſaͤtze des noch berühmteren Meiſters der Wiſſenſchaft; da galt kein Zweifel, keine Einwendung; wenn nur erſt alles hinein war, dann kam auf jeden Fall das Licht von ſelbſt. Und war uͤberdem nicht das, was er von der Sache begriff, wirklich er⸗ haben und tief? wie viel mehr mußte es das ſeyn, was er noch nicht begriff! Darum, nur immer fleißig fort ſtudirt. Dies that denn auch mein Freund. Doctor Tillmann hatte keinen emſigeren Zuhoͤrer wie ihn, in ganz** gab es keinen Menſchen, der ſo fuͤr Kant und deſſen Syſtem, der ſo fuͤr . — 48— LTillmann und deſſen Vorleſungen eingenommen war, wie Deſodry. Eeines Morgens ſpatzierte er, vertieft in phi⸗ loſophiſche Speculationen, in der ſchönen Ge⸗ gend umher. Ein alterthuͤmliches, am Abhange eines Huͤgels liegendes Gebaͤude, rief ihm das Andenken an ſeine väterliche Wohnung in Me⸗ lun zuruͤck. Der arme Verbannte gedachte der“ Heimath, ſeiner Verwandten, ſeiner Kinderz ſein muͤhſam angeeigneter philoſophiſcher Gleich⸗ muth wich den natuͤrlichen Empfindungen eines Vaters, eines Freundes, eines Bruders. Thraͤ⸗ nen traten in ſeine Augen da fielen ihm die Greuel ein, welche das bluͤhende Vaterland zetriſſen, er ſah im Geiſte die blutbedeckten Ge⸗ füde, wo man ſich mordete für Wahrheit, Recht und Geſetz, wie jeder Theil behauptete, und ſich gluͤcklich fuͤhlend, fern von dieſen Scenen des Elends im Schoße der Wiſſenſchaft leben zu konnen, rief er aus:„Ja, Rothberg hatte Rechtz hier iſt das Aſyl der Freiheit, des Frie⸗ dens, der Ruhe, der bruͤderlichen Eintracht! Wie liebend vereint leben hier die Menſchen, die ———— ————————————————— — nach einem Ziele, Erforſchung der Wahrheit, Mittheilung ihres Lichts an Andere, ſtreben! Lehrer und Schuͤler umſchlingt hier ein Band, ein Band der Liebe, des Vertrauens! Da iſt kein Neid, kein Duͤnkel, der ſich uͤber Andere erheben will, keine Kabale, kein Haß; ſie haben Alle nur ein Streben, nur einen Wunſch. o wie läͤutert, wie begluͤckt doch die Wiſſenſchaft den Menſchen, wenn ſie ſo erkannt wird, wie hier!“ Er gedachte nun ſeines Aufenthaltes im Seminar.„Welcher Unterſchied zwiſchen da und hier!“ fuhr er fort.„ Während ich hier nur Vertrauen und Hingebung ſehe, herrſchten dort alle gehaͤſſige Leidenſchaften, und doch be⸗ hauptete man auch dort nach dem Wahren zu ſtreben, das aber freilich nicht das Wahre war.“ In dieſem Augenblick begegnete ihm ein an⸗ derer Profeſſor der Univerſität, Herr Wahlen, ein Mann, deſſen Bekanntſchaft er bisher faſt noch gar nicht gemacht hatte, mit dem er aber nun ſogleich anknuͤpfte, indem er, wie jetzt ge⸗ wohnlich, ſein Lieblingsthema, die Philoſophie des Königsberger Weiſen auf's Tapet brachte. III. 4 Ruhig ließ Herr Wahlen meinen Freund ſich ausſprechen, und nur dann und wann umzog ein leiſes ſarkaſtiſches, faſt mitleidiges Laͤcheln ſeinen Mund, wenn dieſer in ſeinem Eifer in die uͤbertriebenſten Bewunderungen der Lehre ſelbſt, ſo wie der Vortraͤge des Doctor Tillmann aus⸗ brach. Nicht ohne geheimen Unwillen hatte Deſodry dies Lächeln bemerkt, wie ward ihm“ aber erſt, als Herr Wahlen nun ſeinerſeits auch das Schweigen brach, und mit eben ſo viel Ver⸗ achtung, als beißenden Witz, ſich gegen Till⸗ mann und— man denke! ſelbſt gegen die Lehr⸗ ſätze des großen Kant ausſprach. „Wie,„rief endlich Deſodry, indignirt uͤber dieſe Anſichten, aus:„Sie verwerfen Kant und ſein Syſtem? Was ſtellen Sie denn an deſ⸗ ſen Stelle Beſſeres auf?“ „Der große, der unuͤbertreffliche Leibnitz“, er⸗ wiederte der Profeſſor,„iſt mein Fuͤhrer. Nur Stumpfſinn oder Verblendung kann dieſen He⸗ ros der Wiſſenſchaft verkennen, gegen deſſen einzig wahre Lehre alles Andere in ſein inkt.“ —,.—— ————— „ — 51— „Worauf gruͤndet ſich denn denn dieſe inig wahre Lehre?“ fragte Deſodry. „Sie lehrt, daß man die Tugend, um ſic zu vervollkommnen, uͤben ſoll.“ Dies leuchtete meinem Freunde ein; er fragte weiter und Wahlen begann nun, ihm die Lehr⸗ ſaͤtze der Leibnitziſchen Philoſophie naͤher ausein⸗ ander zu ſetzen. Je länger er ſprach, je mehr Geſchmack fand Deſodry an der Sache, und bald rief er, enthuſiasmirt wie immer, aus: „Sie haben Recht, Herr Profeſſor; ich ſehe hier klarer, wie bei den Aufſtellungen uͤber bas unbegreifliche Abſolute... jedoch, man kann ja auch wohl beide Syſteme mit einander ver⸗ binden?. Seit vierzig Jahren ſuche ich die Wahrheit, vielleicht geht mir ein neuer Strahl davon in Ihren Vorleſungen auf, die ich, wenn Sie erlauben, hinfuͤhro beſuchen werde.“ Wahlen lehnte dies natürlich nicht ab; er war erfreut, einem im Geheim gehaßten Colle⸗ gen einen ſo einträglichen und eifrigen Schuͤler, wenigſtens zum Theil, entziehen zu können, und in ſeiner Zufriedenheit hierüber, entdeckte er mei⸗ 4* nem Freunde, daß er nun bald hoffe, mit einem neuen, von ihm ſelbſt nach Leibnitz Prinzipen ausgearbeiteten Syſteme, die ganze Kantiſche Schule, die ſich jetzt ſo ungebuͤhrlich breit mache und alle Katheder mit ihrem in die Luft zu ſprengen. Deſodry ließ dies vorlaͤufig dahin geſtellt ſeyn. Er beſchloß, erwärmt, wie er fuͤr Leib⸗ nitzens Lehren war, die Vorleſungen ſeines neuen Bekannten eben ſo fleißig zu beſuchen, wie die ſeines bisherigen Lieblings; was ihm jedoch bald an ſeinen beiden Lehrern mißfiel, war der Neid, der kleinliche Haß, die klaͤgliche Eiferſucht, die einer gegen den andern hegte, und einer ſich ſo wenig ſchaͤmte hervorleuchten zu laſſen, wie der Andere. Deſodry ſah jetzt, waͤhrend Tillmann uͤber Wahlen und dieſer uͤber jenen in mancher bitteren Bemerkung loszog, waͤhrend einer des andern Irrthuͤmer mit heimlicher Schadenfreude, zum Beſten der Wahrheit, wie es hieß, im Grunde aber nur, um der niederen Leidenſchaft zu dienen, aufſtach: daß es mit der geglaubten bruͤ⸗ derlichen Einigkeit, mit dem gemeinſchaftlichen, ———— — ———— —— liebevollen Ringen zu einem erhabenen Ziele, nichts war, und daß dieſe Weiſen vor der Welt, dieſe Prieſter der Wiſſenſchaften, der Tugend, der Wahrheit, in dieſen den Kuͤnſten des Friedens, den Muſen geheiligten, ruhigen Hallen, von eben ſo niederen Intereſſen ſich leiten, von eben ſo unreinen Leidenſchaften ſich hinreißen ließen, wie die Menſchen auf dem großen, ſtuͤrmiſchen, beweg⸗ ten Theater der Welt. Er ſah, waͤhrend Wahlen ſeinen Collegen Tillmann fur einen unbeſonnenen Neuerer, und dieſer jenen fuͤr einen verſteiften Pe⸗ danten erklärte, daß es hier auf dieſer Univer⸗ ſität im Ganzen eben ſo war, wie in ſeinem Seminar, daß die Herren dort und die Herren hier ſehr unrecht daran thaten, ſich gelegentlich uͤber die Wuth der Comodianten aufzuhaiten, Aufſehen zu erregen und den Applaus der Maſſe zu erringen, oder uͤber die Klatſchereien der Weiber bei'm Thee: und bald kam es da⸗ hin, daß es ihn nicht gewundert haben wuͤrbe, wenn ſich die beiden Antagoniſten, die ſich jetzt ſchon in ihren Schriften gegenſeitig als Igno⸗ ranten ausſchrieen, ſich auch wechſelsweiſe als Böſewichter angeklagt haͤtten.— Man hatte denken ſollen, ein Gelehrten ſo wenig wuͤrdiges, den Lehren, welche ſie vortrugen, ſo durchaus nicht entſprechendes Benehmen, haͤtte Deſodry muͤſſen zuruͤckſchrecken; aber nein! Er bedauerte die Animoſitaͤt, welche ſich die beiden Maͤnner gegenſeitig zu Schulden kommen ließen, und be⸗ ſuchte, enthuſiasmirt fur beide Syſteme— und allemal fuͤr das, welches ihm zuletzt war vor⸗ getragen worden, am meiſten— mit ſtandhaf⸗ tem Eifer ihre Hoͤrſaͤle, immer hoffend, endlich mit ſich ſelbſt uͤber ſich ſelbſt in's vollkommenſte Klare zu kommen. Bald ſollte ſich zu dieſem Streben noch ein anderes geſellen, das von ihm nicht mit min⸗ derem Feuer ergriffen wurde. Deutſchland iſt nicht allein das Land der Philoſophie, ſondern auch der Romantik. Deutſchlands ſchoͤne Lite⸗ ratur iſt die wahre und äaͤchte ſchoͤne, denn ſie iſt die romantiſchſte, und wer dies nicht glau⸗ ben will, der leſe nur die weitlaͤuftigen Abhand⸗ lungen, welche einige Herren, die von der Ro⸗ mantik gleichſam ein Gewerbe machen, daruͤber haben drucken laſſen; da wird man ſehen, daß nur der Deutſche, weil er Tiefe und Hoͤhe zu⸗ gleich hat, Gemuͤth haben kann, und da das Gemuͤth, naͤchſt der glaubensvollen Gottſeligkeit, nach eben dieſen Herren, der erſte und Haupt⸗ beſtandtheil der Romantik iſt, ſo leuchtet es ein, daß dieſe Poeſie der Poeſie nur da zu Hauſe ſeyn kann. Und dem iſt denn auch ſo, und war es be⸗ ſonders damals, als mein Freund dort lebte. Die Romane voll Empfindung und Drang, die Wertheriaden u. ſ. f., die Schauſpiele voll Sturm und Gefuͤhl, Kabale und Liebe, die Raͤuber u. dgl. hatten ihre Wirkung auf alle Staͤnde im Volke nicht verfehlt. Es gab Stu⸗ denten und Kaufmannsdiener genug, die mit Werther und Siegwarth ſeufzten, mit Ferdinand von Walter in großartigen Gefuͤhlen und furcht⸗ barer Eiferſucht uͤberfloſſen, mit Karl Moor lockerten und tobten, und daß es nicht an Lot⸗ ten und Marianen, an Luiſen und Amalien fehlte, laͤßt ſich denken. Gab es doch Knaben, die, hingeriſſen von der Influenza der Zeit, die Schule und bas Elternhaus verließen, um in irgend einem Walde den edlen Verbrecher Karl und ſeine luſtigen Geſellen zu copiren, wie haͤtte da nicht jede Schuſtertochter und jedes Barbier⸗ kind glauben ſollen, auch einmal noch eine Ro⸗ manheldin abgeben zu können? und, wie haͤtte unter einer ſolchen und auf dieſe Art elektri⸗ ſirten Menge mein Freund frei von der allgemei⸗ nen Anſteckung bleiben knnen? Alles las jene Buͤcher, alles ſprach davon, ſogar auf den phi⸗ loſophiſchen Rednerſtuͤhlen gedachte man derſel⸗ ben, die Herren Profeſſoren waren zum Theil nicht minder ſentimental, ſprachen zum Theil nicht in minder poetiſch ſchweren Worten, wie die Verfaſſer jener Werke. es war nicht zu vermeiden, auch Deſodry mußte romantiſch ſchwaͤrmen. Ein Buch in der Hand, den Kopf voll phi⸗ loſophiſch⸗poetiſcher Traumereien, ſpatzierte er einſtmals„in ſuͤßer Hingebung an die Natur“, im Felde umher und bewunderte,„vertieft im Schauen, ahnend das Unendliche im Endlichen“, das Gruͤn der Wieſen und das Blau des Him⸗ ——— mels, und ſein Herz ward dabei„ſo weit und groß, ſo voll und uͤberſtroͤmend“, daß er alles haͤtte„in ſich aufnehmen“, ſich gleichſam wie⸗ der„in alles hineinſtuzen“ moͤgen: da ge⸗ wahrte er plötzlich an dem begruͤnten Abhang eines Huͤgels„eine hohe, herrliche Geſtalt, ein Weib voll Zartheit und Milde.“ Sie ruhte, „ſanft hingegoſſen, im ſuͤßen Vergeſſen ihrer ſelbſt“, maleriſch das Haupt auf den ſchönen runden Arm geſtuͤtzt, im Schatten„wehender Linden und Buchen“; ein einfacher Strohhut, nur geſchmuckt mit einem eben ſo einfachen Bande, lag neben ihr, ein weißes Gewand um⸗ floß die ſchoͤnen Glieder,„ſeidene Locken um⸗ wallten die edle Stirne, den blendenden Nacken.“ Ihr„tiefernſter und doch ſo milder“ Blick wreilte auf einem aufgeſchlagenen Buche, wäh⸗ rend die eine Hand ein beſcheidenes Veilchen an den ſchlagenden Buſen druckte. Als mein Freund näher kam, erkannte er in der ſchoͤnen Einſamen eine junge Dame, die erſt ſeit Kurzem in dieſe Gegend gekommen, und die er bereits einigemale in der Buchhandlung ſei⸗ — nes Freundes Rothberg getroffen hatte, wohin er ſich oͤfters begab, theils um Nachrichten aus der Heimath zu hoͤren, theils um ſich unter den neuen Schaͤtzen der Literatur umzuſehen. Hier hatte er denn auch gehoͤrt, daß die Schoͤne ſich Eliſe Muͤller nannte, daß ſie die Wittwe eines proteſtantiſchen Geiſtlichen war, der ihr bei ſei⸗ nem Hinſcheiden nichts hinterließ, als ein dickes Packet donnernder Predigten gegen den Rationa⸗ lismus der Zeit, und daß Herr Rothberg ſich ent⸗ ſchloſſen hatte, in Betracht des„wiedererwachenden kirchlichen Sinnes“ ſeiner Landsleute, dieſe Homi⸗ lien zum Troſt der Supernaturaliſten und My⸗ ſtiker auf grauem Papiere drucken zu laſſen. WMein Freund hatte, damals blos noch nach der Erkennung des Abſoluten ringend, die in⸗ ttreſſante Wittwe wenig beachtet, aber jetzt, jetzt! nachdem ſich ihm der„Bronnen der Romantik“ geoͤffnet, nachdem er die Werke der Schule des Tages geleſen hatte, war es ein Anderes. Er fand ſie jetzt hinreißend, er„ahnte eine gleichgeſtimmte Seele“ in ihr zu entdecken, und näherte ſich daher mit klopfendem Herzen, indem er ſie ehrfurchtsvoll gruͤßte. Leider bemerkte ihn aber die, ſonder Zweifel gerade in ſuͤße, poetiſche Träume Verſunkene nicht. Das war nun aller⸗ dings ſehr fatal; ſollte er die ſchoͤne Gelegen⸗ heit voruͤbergehen laſſen, ſich der magiſch auf ihn einwirkenden Schoͤnen vorzuſtellen? Un⸗ moͤglich! die Situation war zu romantiſch... man mußte noch einen Verſuch machen. Deſo⸗ dry kehrte um und verbeugte ſich noch Einmal und wieder Einmal, und jetzt erſt ſchien die rei⸗ zende Eliſe aus ihrem tiefen Nachdenken, wie aus einem Traume zu erwachen. Sie erhob ſich mit Anmuth und ein milder, gleichſam um Verzeihung flehender Blick, ihn nicht eher be⸗ merkt zu haben, fiel auf den Begluͤckten. Das Geſpräch kam nun bald in Gang; welches Buch hatte denn aber der liebenswuͤrdigen Frau ſo ganz die Außenwelt vergeſſen laſſen? Es waren Werthers Leiden! Nichts konnte Deſodry will⸗ kommener ſeyn, als dies; nun hatte er Gelegen⸗ heit, den ganzen Schatz der in ſich geſogenen Empfindſamkeit auszukramen. Und worin hatte er geleſen? In Kants Kritik der reinen Ver⸗ nunft. Was konnte der Dame angenehmer ſeyn, wie dies, die ſich nun uͤber ihre Vorliebe zu philoſophiſchen Unterſuchungen auszuſprechen vermochte.— Daneben plauderte man uͤber die Schoͤnheiten der Natur, uͤber Gemuͤth und Gefuͤhl, uͤber Ideal und Kunſt und weiß es Gott, uͤber was noch alles..... genug, es dämmerte bereits, eh' man an den Ruͤckweg dachte, und Deſodry, ſich Glück wuͤnſchend, ein „reich begabtes Gemuͤth voll Tiefe und Hoͤhe“ gefunden zu haben, brachte endlich, als es ſchon ziemlich dunkel war, die reizende Eliſe Muͤller bis an die Pforte ihres Hauſes, wo, indem er von ihr ſchied, der Mond eben durch zerriſſene Wolkenſchleier einen„ſanften, melancholiſchen, ahnungsvollen“ Blick auf das ſentimentale Paar warf. Fuͤnftes Kapitel. ——— „ — tieſem unghbu an war es mit meines Freundes Fleiß in Erforſchung des Abſoluten und in Begreifung des Leibnitziſchen Syſtems vorbei. Zwar beſuchte er die Hötfäle ſeiner Fuͤhrer zum Born der Weisheit noch, aber ſtatt der ab⸗ ſtracten Lehrſatze der ernſten Philoſophie, ſchwebte ihm das Bild der ſchoͤnen, gemuͤthvollen Madame Muͤller vor, und faſt kein Tag verging mehr, wo er nicht mit der reizenden Wittwe bald am „murmelnden Bach“, bald im„ſchauerdurchweh⸗ ten Thale“, bald„auf ſonnigen Hohen“, bald bin der Buchen verſchwiegenen Schatten“, luſt⸗ wandelte, und„Gefuͤhl um Gefuͤhl austau⸗ ſchend“, ſich mit ihr in die ſuͤßen Nebel der Romantik und die myſtiſchen Irrgewinde der neueſten Philoſophie verlor. Eines Tages— der Himmel war mit Wolken umzogen, und ein„ahnungsreiches Dämmerlicht“ lag auf der Flur— war dies beſonders der Fall. Deſodry fand, daß die Natur heute mit ſeinem„bewegten Innern“ wunderbar uberein⸗ ſtimmte, und Eliſen ward„ſo wohl und weh, ſo ſchwer und leicht in dem tiefernſten, bedeu⸗ tungsvollen“ Wehen des Windes. Er ent⸗ wickelte das Ahnen und Sehnen ſeines vollen Herzens nach dem unbekannten Etwas, nach der Schweſterſeele, und ſie ſeufzte und ſprach unter milden Thraͤnen von dem Gluͤck der Ueber⸗ einſtimmung hoher Gemuͤther, von Trennen und Wiederfinden in und außer Zeit und Raum. Mußten ſich da nicht endlich die„ſeit Aeonen ſich ſchon ſuchenden Pſychen“ finden? Dank der Romantik, die zarten Herzen der beiden empfind⸗ ſamen Perſonen floßen bei'm„Gebrauſe des majeſtaͤtiſchen Sturmes, der die Kronen der Bäume ſchüttelte und die Gipfel der Felſen kuͤßte“, in Eins zuſammen, und„Liebe, heilige, reine Seelenliebe erglomm auf dem Altar ihres Buſens.“ 8 Natuͤrlich durfte ein ſolches uihene Er⸗ eigniß der Welt nicht verſchwiegen bleiben. In einem empfindſamen Roman, in einem Ro⸗ man in Briefen von Oskar und Lina, ſollte das zarte Verhaͤltniß zur Erquickung gleichge⸗ ſtimmter Gemuͤther geſchildert werden, und Freund Rothberg ließ es ſich gefallen, da der in einen Oekar poetiſch umgewandelte Gabriel Deſodry die Druckkoſten uͤbernahm, das Werk zu ver⸗ legen. Nun wurde emſig losgeſchrieben; Oskar begann:„O Weiber, die ihr das Licht des Tages und der Thau der Nächte ſeyd!“ und Lina entgegnete:„Ach, Liebe! warum mußteſt du dein Roſenlager mit Gypreſſen kraͤnzen? u. ſ. f.“ Dies alles fuͤllte jedoch noch nicht alle Zeit aus. Madame Muͤller bezeigte eben ſo viel Luſt, in die Tiefen der Moralphiloſophie zu dringen, wie ihr Oskar in die der Romantik; da aber mein Freund ſelbſt noch auf etwas ſchwachem Grunde in der ſublimen Wiſſenſchaft ſtand, ſo ward der gelehrte Forſcher Tillmann — 64— zum Dritten in dem ſchoͤnen Bunde aufgenom⸗ men, und es läßt ſich denken, daß der galante, vom Hauch der Aeſthetik und Gefuͤhlvollheit nicht weniger wie Deſodry angewehte Profeſſor ſich nicht lange nöthigen ließ, dem großen Kant eine ſo reizende Schuͤlerin zuzufuͤhren. Wie glucklich war jetzt mein Freund, wie gluͤcklich die ſchöne Eliſe, wie gluͤcklich der Philoſoph! Es glorifizirte ſich einer uber den andern, und die Welt, die proſaiſche, entſchwand ihnen ganz uͤber dem transcendentalen Schauen und Weben ihrer platoniſchen Herzensverbruͤderung. Deſodry gab um dieſe Zeit anſehnliche— men aus. Was Oekonomie iſt, hatte er nie gekannt, wie haͤtte er jetzt, wo die Welt voll nie⸗ derer Leidenſchaften und Maͤngel ſo tief unter ſeinen begeiſterten Blicken lag, an den gelben Staub der Erde denken können? Dazu nannte man ihn den reichen, den großmuͤthigen Emigré; das klang auch nicht unangenehm. Er bezahlte die Philoſophen, die ihn das Wahre wollten kennen lehren, auf's Beſte; er ließ die Briefe von Oskar und Ling auf das theuerſte Papier — 65— mit der großten typographiſchen Eleganz brucken, er verbeſſerte Rothbergs buchhaͤndleriſche Knickerei, und zahlte der gefuͤhlvollen Eliſe Muͤller in deſ⸗ ſen Namen ein anſehnliches Honorar fuͤr die antirationaliſtiſchen Controverspredigten ihres da⸗ hin geſchiedenen Gatten; endlich begann er nach⸗ zurechnen, ob er wohl noch reich genug ſey, um an der Seite der hochbegabten Wittwe ein ganz der Kunſt, der Philoſophie, der Natur und der Romantik gewidmetes Leben fuͤhren zu können, und findend, daß dies wohl noch gehe, rief er aus:„Ja, es ſey ſo! Ich bin frei, nichts ſoll mich abhalten. Sie iſt tugendhaft, voll Gemuͤth, reizend;z ſie wird meinen Kindern eine liebende Mutter ſeyn. Eine ſchoͤne Seele, wie ſie, kann die Unſchuld nur liebend umfaſſen; o, ich werde gluͤcklich, ſehr gluͤcklich ſeyn!“ Eein kleines Ereigniß machte leider einen un⸗ angenehmen Querſtrich in dieſe Berechnung. LTillmann, der gelehrte Tillmann, der ſtrenge Moraliſt, fand ſich unwiderſtehlich zu der anmu⸗ thigen Schuͤlerin des Abſoluten hingezogen, und die empfindſame Eliſe glaubte in ihrem zart⸗ 5 beſaiteten Herzen Raum fuͤr mehr wie Einen zu haben. Deſodry war außer ſich, als er dieſe, Entdeckung machte.„Welcher Verrath!“ rief er aus,„welche Abſcheulichkeit! Dieſer Menſch, den ich fuͤr ſo ſtreng rechtlich hielt, und dieſe Frau, die mir ſo tugendhaft erſchien„. Es iſt ſchaͤndlich! O, fuͤhrt die Liebe zum Schoͤnen, zum Wahren, nur dahin?“ Er ſah die Treuloſe von dieſem Augenblic nicht wieder, und war nicht uͤbel geneigt, dem Doctor ein Cartell zuzuſchicken. Bald beſann er ſich jedoch eines Beſſernz Verachtung ſollte den Verräther ſtrafen, ihn die Wiſſenſchaft von ſeinem Kummer heilen. Von edem Abſoluten wollte er jedoch durchaus nichts mehr wiſſen; zu Leibnitz Verehrer wandte er ſich hin, bei ihm, bei dem braven, guten Wahlen ſuchte er Ver⸗ geſſen ſeines Grames, und Wahlen ermangelte nicht, ihn mit offenen Armen aufzunehmen. Nicht lange, ſo kam der brave, gute Wah⸗ len eines Abends ſpaͤt noch zu ihm. Sein Ge⸗ ſicht zeigte Unruhe, ſein ganzes Weſen Verſtört⸗ heit. Deſodry beeiferte ſich, ihn nach der Urſache X — 67— ſeiner Bewegung zu fragen.„Ich bin verlo⸗ ren“, ſprach Wahlen, z„wenn ich bis morgen nicht Zweihundert Dukaten zahle, die ich einem Manne ſchuldig bin, der mich auf's Aeußerſte druͤckt.“ Mein Freund ließ ihn nicht weiter reden; er fuͤhlte ſich gluͤcklich, im Stande zu ſeyn, helfen zu können, und wollte dem Andern noch mehr aufdringen, was dieſer jedoch nicht annahm, ſondern ſich unter vielen Dankſagungen empfahl. Den andern Morgen lief das Gerücht in der Stadt umher, ein Docent ſey uͤber Nacht mit einer Dame plotzlich verſchwunden. Und wer war der Mann und wer die Dame? der gute, brave Wahlen, der nur immer nach dem Höchſten in der Tugend ſtrebte, und die ſchoͤne Eliſe Muͤller, die ſo angenehm zu ſchwaͤrmen, ſo platoniſch zu lieben verſtand, und die viel⸗ leicht eben darum ſo geſchickt drei Philoſophen zugleich am Narrenſeile herumzufuͤhren wußte. Zum Ueberfluß hörte mein Freund jett noch, daß die Dame eine laͤngſt bekannte roman⸗ tiſche Abenteurerin war, daß ſie ſchon laͤngſt 5* * — mit Wahlen in Verbindung ſtand, daß dieſer Wiederherſteller des alten Syſtems der Philo⸗ ſophie jetzt darum ſich entfernt habe, weil er hier durchaus kein Gluͤck mit ſeinen Vorträgen mehr machte, und daß ſie ihm gefolgt ſey, weil ihr die Hoffnung verſchwunden war, von dem reichen Emigranten noch mehr zu ziehen. Deſodry war wie vor den Kopf geſchlagen. Er verwunſchte ſich, ſeine Leichtglaͤubigkeit, die Romantik, die Philoſophie, Kant, Leibnitz, alle Welt.„Seyn Sie nicht ungerecht“, ſprach ein alter ehrwuͤrdiger Lehrer der Akademie zu ihm, in deſſen Gegenwart er uͤber die genannten Män⸗ ner und ihr Syſtem loszog.„Seyn Sie nicht ungerecht gegen dieſe tugendhaften Weiſen und ihre tiefſinnigen Aufſtellungen. Das waren wahre Philoſophen und ihr Leben entſprach ihrer Lehre. Die falſchen Freunde, uͤber welche ſie ſich zu beklagen haben, haben kaum den Buch⸗ ſtaben, viel weniger den Geiſt der Lehren, welche ſie verkuͤnden wollten, erfaßt. Dergleichen Men⸗ ſchen werfen mit erhabenen Redensarten um —— — 60— ſich, während in ihren Herzen die elendeſten Lei⸗ denſchaften toben; es ſind die Phariſaer unſerer Zeit, die ſich täglich durch die eigenen Hand⸗ lungen Lugen ſtrafen.“ Ich muß hinzufügen, daß nach Verlauf eini⸗ ger Zeit Wahlen, nachdem er an einem andern Orte Gelegenheit gefunden hatte, einen anſehn⸗ licheren Kreis von Zuhörern um ſich zu fam⸗ meln, meinem Freunde das Geld wieder zu⸗ ſandte, welches er von ihm geliehen hatte, um die ſchoͤne, romantiſche Eliſe entfuͤhren zu können. Sechstes Lapitel. Rückehr in's Vaterlanb. F rankreich begann endlich wieder aufzuathmenz die Periode der Schreckensregierung war vor⸗ uber, indeß beſtanden die Geſetze gegen die Emi⸗ granten noch immer in aller Strenge. Nur mit Muhe und in oft langen Zwiſchenraͤumen konnte ich Deſodry Nachrichten zukommen laſſen. Von ſeiner einſtigen Gattin hatten weder ich, noch er in geraumer Zeit etwas vernommen; in den erſten beiden Jahren nach ihrer Tren⸗ nung beſtand noch eine Verbindung zwiſchen ihr und ihren Kindern. Dieſe ſchrieben und ſie antwortete; bald blieben aber ihre Briefe aus, und wir Alle wußten nicht, wohin ſie ſich neuer⸗ dings gewendet hatte. — Große Veranderungen waren zugleich in un⸗ ſerer Familie vorgegangen; wir hatten ſchmerz⸗ liche Verluſte erlitten. Onkel Lecoq war nicht mehr, ſeine Gattin war ihm bald gefolgt. Ich ſelbſt, zweimal auf dem Schlachtfelde in Aus⸗ uͤbung meiner Function verwundet, hatte meinen Abſchied genommen und war nach Montereau zuruͤckgekehrt, um daſelbſt wieder als Arzt zu leben; da ſich indeß die Koſten meines Haus⸗ haltes durch das Heranwachſen der Kinder ver⸗ mehrten, und ich jetzt auch faſt allein fuͤr die meines Freundes zu ſorgen hatte, ſo blieb ich nicht lange dort, ſondern nahm einen Ruf als Profeſſor der Botanik und Naturlehre an der neuerrichteten Normalſchule fuͤr das Departe⸗ ment der Seine und Marne an, wo ich dann meinen Wohnſitz in Meluͤn aufſchlug. Unſere Kinder, d. h. die meines Freundes und meine, waren vielverſprechend und kräftig emporgebluͤht, und mit Entzuͤcken glaubte meine brave, immer gute Gattin, die angenehme Hoff⸗ nung hegen zu duͤrfen, dermaleinſt ihre Tochter und Deſodry's Sohn ſich fuͤr immer vereinigen zu ſehen. Die Zuneigung der beiden zu einan⸗ der gewährte ihr die größte Freude, und mit leuchtenden Blicken ſagte ſie mir oft:„Gewiß, Aubin, Alfred und unſere Julie werden ein Paar; ich will meine Hand darauf in's Feuer legen „Thu' das nicht“, erwiederte ich laͤchelnd, „das ändert ſich oft ſchnell, und Alfred ſcheint mir nicht der Beſtandigſte in ſeinen Neigungen u ſeyn.“ Sie blieb aber demohngeachtet bei ihrer Verſicherung, und meine ehrwuͤrdige Mut⸗ ter und die alte Margarethe ſtimmten nach Frauenart ihr bei, und meinten, ſicher wuͤrde es mit unſerm Paul und Deſodry's Evelina eben ſo werden; das ſey ſchon jetzt klaͤrlich zu ſehen. — Ich ließ die Frauen ſich in ihren Hoff⸗ nungen wiegen, ſuchte die Kinder, alle auf gleichen Fuß, d. h. alle wie meine eigenen be⸗ handelnd, nach meinen beſten Kräften zum Guten zu fuͤhren, und verwandte mich nun mit allen mir zu Gebote ſtehenden Mitteln, um in der Hauptſtadt die Ausſtreichung meines Freun⸗ des von der Emigrantenliſte zu erhalten. Ver⸗ X 5 — 3— möge des milderen Syſtems der jetzigen Regie⸗ rung gelang dies jetzt ſchon zuweilen; doch ko⸗ ſtete es immer noch ſehr viele Muͤhe, und ich bat daher, daß man meinem Freunde, wenn man ſeinen Namen auch noch nicht gleich von der ungluͤcklichen Liſte wegloſchen wollte, wenigſtens erlauben moͤchte, ſo zuruͤckzukehren und vorläufig unter beſonderer polizeilicher Aufſicht im Vater⸗ lande zu leben. Dies ward zugeſtanden; ein Brief von mir benachrichtigte Deſodry davon. Zu meinem Erſtaunen bekam ich hierauf keine Antwort von ihm; ich glaubte ihn nun krank und war eben im Begriff, ſelbſt nach Deutſch⸗ land zu reiſen und ihn aufzuſuchen, als ich eines Morgens fruͤh durch ſeine unerwartete An⸗ kunft uͤberraſcht wurde. Er hatte ſich, ſtatt zu antworten, lieber gleich ſelbſt auf den Weg ge⸗ macht, war aber durch mancherlei Zufälligkeiten in ſeiuer Reiſe aufgehalten worden, daher die Zoͤgerung. Wir Alle fanden ihn wohl, munter, liebevoll; gegen ſeine Kinder bewies er ſich als der zäͤrtlichſte Vater, gegen mich als der dank⸗ barſte Freund. Meine Pauline war außer ſich — 74— vor Entzuͤcken, den theuren Bruder wieder zu ſehen; es war ein wahrer Freudentaumel in unſerm Hauſe, ihn wieder zu haben. Mitten in ſeiner Heiterkeit, während er mit geruͤhrten Blicken ſeine Kinder an ſich druͤckte und beſon⸗ ders die kleine Evelina liebkoſte, flog aber ein duſterer Schatten uͤber ſein Geſicht. Die Zuͤge des Maͤdchens riefen ihm die ſeiner Gattin zu⸗ ruͤck.„Haſt Du gar keine Nachrichten?“ fragte er mich ſeufzend.„Keine“, entgegnete ich. „Ungluͤckliche Herminie!“ ſprach er und wandte ſich, ſeinen Schmerz, die Thraͤne, die in ſeine Augen trat, zu verbergen, ab. Denſelben Abend hatte ich noch eine Unter⸗ redung mit ihm uͤber das, was er nun vorzu⸗ nehmen gedachte. Die Verfolgungen, welche er erlitten, ſeine Flucht, der Aufenthalt im Aus⸗ lande, hatten ſein Vermogen ſehr vermindert; ſein Blick wurde truͤbe, als er jetzt das, was ihm geblieben war, genauer uͤberrechnete und dabei an ſeine Kinder dachte. Ich war ſo gluͤck⸗ lich, ihn etwas beruhigen zu koͤnnen. Noch war die Verlaſſenſchaft von Onkel Lecog daz; Deſo⸗ — 75— dry's Feinde hatten ſich ſeines Antheils daran be⸗ maͤchtigen wollen; es was mir gelungen, die Theilung zu verſchieben, dadurch hatte ich ihm ſeine Haͤlfte gerettet, und er ſah nun der Zu⸗ kunft weniger aͤngſtlich entgegen. Bald kehrte ſeine gewohnte Zuverſicht zuruͤck.„Es wird ſich machen, Freund“ ſagte er,„wir ſind noch nicht alt, aber wir ſind auch nicht mehr jung. Die Zeit der Thorheiten iſt voruͤber, nur die reife Ueberlegung ſoll mich hinfuͤhro leiten.“ Er ſetzte mir nun ſeinen zukuͤnftigen Lebensplan aus einander.„Ich gehe nach Paris und werde mich da um irgend eine Anſtellung bewerben. Die Emolumente davon und die Zinſen des Capitals, welches ich noch beſitze, werden mir und meinen Kindern eine anſtändige Subſiſtenz gewaͤhren; dann wollen wir ruhig und gluͤcklich leben.“ Ich billigte dieſen Plan, ich wuͤnſchte ihm Gluͤck, daß er nun in Erfullung der Pflich⸗ ten eines Amtes, ſeinen Mitbuͤrgern dienen und ſo ſein altes Project, der Welt zu nuͤtzen, in Ausuͤbung bringen wollte. Er ſah mich von der Seite an.„Biſt Du noch nicht“, rief er — 5— aus,„von der Thorheit dieſer lächerlichen phi⸗ lantropiſchen Ideen geheilt? Daß ich ein Narr waͤr' und mich um das Wohl Anderer zermar⸗ terte! Der wahre Weiſe denkt nur an ſich.“ Meine Frau und ich ſahen uns betroffen an; wir trauten unſern Ohren nicht; leider hat⸗ ten wir nur zu gut gehoͤrt. Siebentes Kapitel. Neues Syſtem der Moral. Da andern Morgen ſetzte uns we mit eben ſo viel Zuverſicht als Anmaßung ſein neues Syſtem der Moral auseinander.„Wer dem Wohle Anderer leben wil“, ſagte er, iſt ein Narr, ein Thor, der die Welt, wie ſie einmal iſt, nicht kennt. Erfahrung hat mich belehrt, 1 —%— ſie hat mir gezeigt, daß der vernuͤnftige Mann nur auf ſich denken muß. Glaube deswegen nicht, Aubin“, ſetzte er, meinen Unwillen bemer⸗ kend, hinzu,„daß ich ein grober Egoiſt ſeyn will. Ich behaupte nur, daß man ſich nicht ruͤckſichtslos und ſeiner ſelbſt vergeſſend dem Wohle Anderer widmen darf; wer dies thut, wird der Narr der Leute. Indem ich mir vor⸗ nehme, fuͤr mich zu ſorgen, ſage ich ja nicht, daß ich nicht auch fuͤr Andere etwas thun wills aber erſt komme ich, ſo will es die Pflicht gegen ſich ſelbſt. Ich diene jetzt keinem mehr, um dem abſtrakten Begriff von Tugend zu genügen, ſondern weil es mir ſelbſt wohlthut, weil es mir Vergnuͤgen macht, dem Ungluͤck zu helfen, weil ich mir dadurch ein Recht erwerbe, wieder geholfen zu werden. Die Tugend iſt nichts, wie ein Contrakt, ein Uebereinkommenz ich bin gut gegen Andere, weil ich wuͤnſche, daß Andere es auch gegen mich ſeyn ſollen; ich liebe, weil ich wieder geliebt ſeyn wills ich ſchätze Dich, meine Freunde, weil ihr mich wieder ſchätzen ſollt. Siehſt Du, das ſind die wahren Triebfedern — 78— unſerer Handlungen, und wer da ſagt, er liebe ſeine Freunde, ſeine Gattin, ſeine Kinder um ihrentwillen, der lügt, der iſt ein Betruͤger oder ein Betrogener. Man thut Alles nur um ſein ſelbſt willen. Der Boͤſe iſt boͤſe, feige, grau⸗ ſam, ſchlecht, geitzig u. ſ. f., weil er ſich da⸗ durch in mißverſtandener Selbſtliebe Vortheil zu ſtiften glaubt; und eben ſo iſt es mit dem Guten; auch dieſer iſt nur ſanft, mitleidig, wohlthätig, liebevoll, fromm, weil eine richtiger geordnete Selbſtliebe ihn dazu antreibt.“ Mein Freund war waͤhrend dieſer Rede ganz in Feuer gerathen, und da ich es, aͤrgerlich uͤber dieſe neue Verirrung, nicht der Muͤhe werth hielt, ihn zu widerlegen, und meine gute Pau⸗ line vor Schmerz verſtummte, den lang erſehn⸗ ten Bruder ſo ſprechen zu hoͤren: ſo glaubte er uns beſiegt zu haben, und wußte ſich nicht wenig mit dieſem Triumphe ſeiner Philoſophie, die die Frucht ſeiner Gruͤbeleien in Deutſchland und die Folge der Taͤuſchungen war, welche er da⸗ ſelbſt von zwei Verkuͤndern dieſem groben Sy⸗ ſteme von Eigenſucht entgegengeſetzter philoſo⸗ phiſchen Lehrgebäude, und einer verſchlagenen Abenteurerin, erfuhr.— Zum Ungluͤck ent⸗ ſprach die Stimmung der Allgemeinheit nur: zu gut den We die mein jett zur Schau legte. Die Nation war, dem edlen Auf⸗ ſchwunge, welchen ſie genommen, nach den furchtbaren Leiden, die uͤber ſie hereingebrochen waren, nach den raſenden Partheikaͤmpfen, die ihr Inneres zerriſſen, nach den Greuelſcenen, die ihre Ehre befleckt hatten, mude geworden; ſie war in eine Art moraliſche Abſpannung geſun⸗ ken, die ihr alles gleichgůltig machte, die nur den einen Wunſch, den Wunſch nach Ruhe um jeden Preiß, uͤbrig ließ, und in Zeiten, wie die durchlebten, wo jeder jeden Augenblick alles zu fürchten hatte, war nichts natürlicher, als daß die Eigenſucht, der Egoismus, das berrſchende Syſtem der Menge wurde. Umwaͤlzungen ohne Zahl in der großen Umwaͤlzung hatten die Men⸗ ſchen gegen die erhabenen Ideen der Freiheit abgeſtumpft; der Geiſt, welcher ſich von vorn herein in dieſem großen Drama ſo glaͤnzend b — 80— gezeigt hatte, war erloſchen, man bachte nicht mehr an Erringung von Freiheit, nur Sichen heit des Lebens, der irdiſchen Guͤter, war das, wonach alles ſeufzte. Wahrlich, es gab nie eine Periode, die der Verbreitung der Lehre des Egoismus guͤnſtiger war, und er trat auch nie ſchroffer in Einem, der gleichſam der Repraͤſen⸗ tant der Geſellſchaft war, vereint hervor, wie jetzt. Meinem Freunde war däran gelegen, ſan Ausſtreichung von der Emigrantenliſte zu er⸗ halten. Er beſtand daher darauf, ſchon den zweiten Tag nach der Hauptſtadt abzureiſen. Ich begleitete ihn, um durch meine Verwendung bei einigen Bekannten von Einfluß ſein Geſuch zu unterſtüten. So kamen wir nach Paris, wo er, während ich für ihn ſollicitirte, einige ſener alten Freunde aufſuchte. Die Sache ging uͤbrigens nicht ſo leicht, wie ich dachte; das Wetter war unter de Directo⸗ rial⸗Regierung ſehr veraͤnderlich. Man war heute, oft in Folge ſelbſtgefuͤhlter Schwäche, —— mild und nachſichtig, und morgen wieder ſtreng und hart. Zahlloſe, immer neuentdeckte Ver⸗ ſchworungen forderten die Regierung zu energiſchen Maßregeln auf, ihre Ohnmacht rieth zu einem anderen Benehmen. In der That, man wechſelte die Syſteme der Verwaltung damals in Paris ſo ſchnell, wie mein Freund die der Philoſophie, und wer unter den gegenwaͤrtigen Umſtaͤnden etwas erreichen wollte, mußte entweder ſo viel Gluͤck haben, den immer unerwartet kommenden und eben ſo wieder ſchnell voruͤbereilenden guͤn⸗ ſtigen Moment zu erhaſchen, oder— dem Ge⸗ brauch der Beſtechung ſich hingeben, der jetzt mit einer ſeltenen Vollkommenheit ſich ausgebildet hatte. Das Erſtere gluͤckte uns nicht. Man war gerade in dem Augenblick, wo wir in Paris ankamen, einmal wieder ſehr ſtreng gegen alles, was Emigrant hieß, und zu dem Letzteren fuͤhlte ich mich, meines Freundes gutes Recht ehrend, nicht geneigt. Anfänglich war Deſodry über dieſe uͤbelen Ausſichten ſehr niedergeſchlagen, und meine Troͤſtungen zur Geduld wollten nichts fruchten; noch denſelben Abend ſchwamm er ur. 6 — 32— aber wieder oben auf und lachte mich aus, daß ich ſeinetwegen noch zagte. Sein erſter Gang war zu ſeinem Herzens⸗ freunde Duͤclair geweſen. Er rechnete viel auf ihn und war darum nicht wenig beſtuͤrzt, hören zu muͤſſen, der theure Mann ſey verſchwunden. Duͤclair, ſo berichtete man ihn, hatte mehrere bedeutende Poſten bei der Armee bekleidet; dann war er mit der Expedition nach Egypten geſe⸗ gelt, und von da aus zwar wieder nach Europa zuruckgekehrt, doch hatte man ſeit ſeiner Lan⸗ dung in einem kleinen italieniſchen Hafen, nichts weiter von ihm gehort. Zum Gluͤck fand De⸗ ſodry einen andern Bekannten, den Büͤrger Thibaut, der ſeinen ſinkenden Muth aufzurichten wußte. Der Mann war fruͤher Unterredacteur bei dem Journale geweſen, welches er und Du⸗ clair herausgaben; dann war er Magazinver⸗ walter geworben, dann Angeſtellter bei dem Wohl⸗ fahrtsausſchuß, und jetzt auf allen Banquiers⸗ Comptoiren und in den Bureaup's aller Mini⸗ ſterien ſich herumtreibend, machte er den Geld⸗ Mäkler an der Börſe und den Zeitungspoſau⸗ ner fuͤr alle Maßregeln der Behoͤrden. Dieſem Vielgewandten hatte Deſodry ſein Leid geklagt und um Rath gebeten.„Seyn Sie ruhig“, erwiederte Thibaut mit wichtiger Miene,„ich werde ihnen helfen“, und auf der Stelle fuͤhrte er ihn zu einer Dame, die, um ihre Zeit gemeinnutzig zu verwenden, des Vor⸗ mittags ſich mit Betreibung von Geſchäͤften ab⸗ gab, und des Abends in ihrem— Spiel⸗ geſellſchaft hielt. Als die Aſſignaten aufkamen, hatte dieſes vortreffliche Frauenzimmer ſich mit dem Kauf und Verkauf derſelben im Kleinen befaßt, und dadurch ein huͤbſches Suͤmmchen erworben; ſpä⸗ ter ſchaffte ſie ſich ein Cabriolet an und fuhr bei den Reichen umher, um ſie mit Seidenzeu⸗ gen, Putzſachen, verbotenen Waaren u. ſ. f. zu verſorgen; dies hatte wieder gut rentirt, und ſo vom Kleinen zum Großen übergehend, war ſie dahin gelangt, ein bedeutendes Vermogen und durch dieſes wieder bedeutende Conneflonen zu erwerben. In dieſem Augenblick 6* uͤbrigens ihre Hauptbeſchaͤftigung darin, den Emi⸗ granten zu helfen. Wer von der unſeligen Ver⸗ bannungsliſte wegwollte, durfte ſich nur— ver⸗ ſteht ſich, mit gehörigen Louisd'oren in der Hand— an ſie wenden, und die Sache ward, Dank ihren Verbindungen, faſt allemal auf's ſchnellſte abgemacht. Madame Saint⸗Alme empfing meinen Freund mit der groͤßten Zuvorkommenheit; ſie zerdruckte, ſein Geſchick anhoͤrend, eine Thräne in ihrem Auge, während ſie zugleich Befehl gab, die gruͤnen Tiſche zum Abend in Ordnung zu bringen, und ihn mit der grazioͤſeſten Miene von der Welt anblickend, verſprach ſie ihm auf Ehren⸗ wort, daß ſein Name in zwei Tagen von der fatalen Liſte weg ſeyn ſolle.— Wer war glucklicher, wie Deſodry! Madame St. Alme erſchien ihm wie eine wohlthaͤtige Fee, und er beſtuͤrmte nun Freund Thibaut, ihm zu ſagen, wie er ſich ſeiner Schuld gegen die göttliche Frau entledigen könne.„Buͤrger De⸗ ſodry“, erwiederte der Unterhaͤndler, dazu bedarf es nicht viel. Einen Cachemir⸗Schal zu hundert Louisd'ors etwa, und ein Paar huͤbſche Stein⸗ ringe oder Ohrgehaͤnge, reichen hin, und wenn Sie dann mir noch eine Kleinigkeit— im baaren Gelde, ich liebe das am mehrſten— wollen zufließen laſſen, ſo iſt es abgemacht.“ Deſodry erzählte mir entzuͤckt den ſauberen Handel, und ſchalt mich einen Grillenfaͤnger, als ich der Sache keinen Geſchmack abgewinnen konnte; ſein Triumph war aber noch großer, als meine Prophezeihung, man wuͤrde ihn prellen, nicht eintraf. Der treffliche Buͤrger Thibaut und die eben ſo treffliche Madame St. Alme hielten Wort; er wurde von der Proſeriptions⸗ Liſte ausgeſtrichen, und ſich eben ſo ſtolz mit dieſem Erfolge blaͤhend, als danke er ihn nur der Gerechtigkeit ſeiner Sache, fand er in dem Gange der ganzen Angelegenheit nur eine ſchla⸗ gende Beſtätigung der Guͤte ſeines neu adop⸗ tirten Moral⸗Spyſtems. Eben dieſem Syſteme zufolge beſchloß er nun auch, ſo vergnuͤgt, wie moglich zu leben, und ſich ſo wenig verbindlich gegen Andere, wie — 86— moͤglich zu machen. Ber erſte Schritt, den er dieſerhalb that, beſtand darin, daß er ſeine Kin⸗ der nicht ferner in meinem Hauſe laſſen wollte. Umſonſt waren unſere Vorſtellungen, unſere Bitten, er blieb bei ſeinem Vorſatze; es ſchien ihm druͤckend zu ſeyn, ſeiner Schweſter und mir ſich ferner auf dieſe Art verpflichtet zu fuͤhlen, und dann, wie konnte die große Erziehung, die ſeine Kinder genießen ſollten, in einem Provin⸗ zial⸗Städtchen vollendet werden? Sie mußten fort, ſie mußten die Welt kennen lernen, ſo jung ſie auch noch waren, da half alles nichts. Vier⸗ zehn Tage brachte er damit zu, ſie an alle Ver⸗ gnuͤgungsorte der Hauptſtadt umherzufuͤhren— was denn nicht verfehlte, einen ſehr heilſamen Eindruck auf die jungen Gemüther zu machen— dann brachte er die Söhne in das zum Pryta⸗ neum umgewandelte ehemalige Collegium Lud⸗ wigs XIV., und ſeine Tochter in die eleganteſte Penſion, die ſich auffinden ließ. —————— chtes Kapitel. Neue Lebensordnung. Men Freund war nicht mehr reich genug, um noch auf dem Fuße, wie einſt, leben zu koͤn⸗ nen, doch beſaß er noch hinlaͤngliches Vermoͤ⸗ gen, um ſehr anſtaͤndig zu ſubſiſtiren, wenn er gehörig eintheilen wollte, dies war aber nie ſeine Staͤrke. Er gab viel mehr aus, als er einnahm, und da er, trotz allem Sollici⸗ tiren, immer noch keine Anſtellung erhalten konnte, wie er ſie wuͤnſchte, d. h. eine bedeu⸗ tende mit bedeutenden Einkuͤnften, ſo ließ ſich vorausſehen, daß ſich ſeine Finanzumſtände von Jahr zu Jahr verſchlechtern mußten. Es war ihm jetzt in den Sinn gekommen, Dinérs zu geben; das waren nun zwar keine große, allein doch ſehr feine, ſehr elegante und folglich auch ſehr theuere, doppelt theuere fuͤr ihn, da er als Gargon lebte. Er geſtand das zu, aber mit ſchlauem Lächeln ſetzte er mir aus⸗ einander, daß die Sache ſehr fein berechnet ſey. „Wenn der und der und der freundſchaftlich bei mir ſpeiſt“, ſagte er,„ſo kann er mir, wenn ich nachher ſeine Verwendung verlange, dieſe, nicht abſchlagen, alſo“. Ich zuckte die Achſeln, wuͤnſchte Gluͤck zum Gelingen des Plans und bedauerte im Stillen meinen Freund, der ſein Vermoͤgen verſplitterte, um einigen da⸗ mals hochſtehenden Gourmands die Gaumen zu kitzeln. Während er ſich ſo mit Hoffnungen wiegte, die ihm natürlich von der ſchonſten Art gemacht wurden, gedachte er jedoch auch nebenbei ſeiner Börſe einige Zuſchuſſe zu verſchaffen. Zu jener Zeit ſpekulirte man bereits faſt eben ſo in den Fonds, wie jetzt; Deſodry hatte einige Verbin⸗ dungen, die ihm durch gelegentliche Winke hierbei Nutzen ſchaffen konnten; warum ſollte er nicht treiben, was ſchon ſo manchen bereichert hatte? S 6)— Er fand ſich alſo an der Boͤrſe ein, und ſpielte das Lotto der Staatseffecten. Manchmal ge⸗ wann er, manchmal verlor er; die Bilanz war aber ſelten zu ſeinem Vortheil, denn trotz ſeines Syſtems von Egoismus war und blieb er viel zu liberal, viel zn großmuͤthig, um in dieſem Handel viel zu verdienen, oder ſich die Dienſte bezahlen zu laſſen— ſo wie er ſie hatte bezah⸗ len muͤſſen— die er hier und da Gelegenheit fand, Andern zu erweiſen. Zu dieſem Treiben geſellte ſich noch ein an⸗ deres, nicht beſſer rentirendes. In den muͤ⸗ ßigen Stunden, die er jetzt hatte, fiel es ihm ein, die Autorenfeder wieder zu ergreifen. Dies⸗ mal wollte er aber nicht als Publiciſt belehren, oder als Erzähler unterhalten, ſondern als Dra⸗ matiker hinreißen. Einige alte, kurz nach ſeinem Austritt aus dem Seminarium gemachte Ent⸗ würfe von Dramen voll Blut und Graus, voll Wunder und Couliſſen⸗Effecte, fielen ihm in die Haͤnde. Dieſe Skizzen arbeitete er nun aus; Bekanntſchaft mit einigen Acteuren und Theater⸗Recenſenten war bald gemacht. Deſo⸗ * dey's Wein war vortrefflich, ſeine Fruͤhſtuͤcke ausgeſucht; wie hätten dieſe Herren nicht auch ſeine dramatiſchen Arbeiten köſtlich finden ſol⸗ len? Man las ſie vor, man declamirte ſie, man trank dabei Champagner und Vollney in großen Zuͤgen, und der gluͤckliche Poet ſah ſeine Trauerſpiele ſchon auf allen Repertoirs, er zog ſchon in Gedanken eine anſehnliche, jahrliche Rente von den Auffuͤhrungen derſelben, er ſah ſich ſchon als Mitglied des Inſtituts, als ge⸗ krönter Dichter, als Nebenmann von Corneille und Racine. Leeider wurde aus all dieſen ſchoͤnen Hoff⸗ nungen nichts. Zwar brachte er mit un⸗ ſäglicher Muͤhe und vielem Geldaufwande ein oder ein Paar dieſer Sachen zur Auffuͤhrung auf einem Nebentheater, aber die Direction ver⸗ gaß das Honorar abzutragen, das Publikum verlangte keine Wiederholungen, und Geld, Zeit und Muͤhe waren ſomit abermals verſchwendet. Fetzt, ſcheiternd mit all' ſeinen Erwartun⸗ gen, bekam er einen Anfall von Mißmuth, der ihm alles gleichgultig machte. Er glaubte ſich 2 von der Welt verkannt, von dem Schickſale mit Ungerechtigkeit behandelt, und ſeine gekrankte Eigenliebe ließ ihn nun den Entſchluß faſſen, nichts mehr von einem ſo ſtumpfſinnigen Ge⸗ ſchlecht, von einem ſo ch— Ge⸗ ſchick zu begehren. Um dieſe Zeit naͤherte ſich die Direttariat⸗ Regierung ihrem Ende. Frankreichs Lage war ſehr ſchwierig; zerriſſen im Innern von erbitter⸗ ten Partheien, bedroht auf allen ſeinen Gränzen von zahlloſen Feinden, waren die glaͤnzenden Eroberungen, welche unſere Waffen bisher ge⸗ macht hatten, faſt ſaͤmmtlich wieder verloren ge⸗ gangen, und die Ohnmacht der Regierung ging ſo weit, daß ſie von Allen, mochten ſie eine Farbe tragen, welche ſie wollten, öffentlich ver⸗ hoͤhnt und geneckt wurde. Mein Freund, um doch etwas zu thun, ſchloß ſich den zahlloſen Quälgeiſtern an, die die Behorden jeden Morgen bei dem Erſcheinen der Tagesblätter mit mehr und minder bitteren Sarkasmen peinigten. Er, der ſonſt ein revo⸗ lutionaires Blatt herausgab, focht nun in einem —— antirepublikaniſchen gegen das Directorium, und ſich durch den Anblick des allgemeinen Treibens immer mehr in ſeinem Syſtem des Egoismus befeſtigend, und zugleich aͤußerlich den Verächter alles Reichthums machend, ermangelte er nicht, ſich dabei das Anſehen großer Wohlhabenheit zu geben, waͤhrend er es ſchon längſt nicht mehr war. Eben ſo wollte er in aller Augen ſehr, beſchaͤftigt erſcheinen, und doch marterte ihn, aus Mangel an Beſchaͤftigung, die furchtbarſte lange Weile, ja, ſeine Eitelkeit ging in dirſer Art ſo weit, daß er ſich ſogar gegen mich hier⸗ uͤber verſtellte, gegen mich mit vetachtlicher Weg⸗ werfung von einer Anſtellung ſprach, während er ſehnſuchtig darnach ſeufzte; mir Offerten von Anleihen machte, waͤhrend es ihm oft ſelbſt ſehr ſchmerzlich fehlte, und er heimlich an meine Gattin ſchrieb, und ſie um Darleihung einer bedeutenden Summe bat, die die Schweſterliebe natuͤrlich nicht verweigerte, und die ich ſelbſt ihn einpackte. WMehr noch, wie dieſe traurige Zerfahrenheit des Vaters, ſchmerzte mich aber die ſeiner Kin⸗ der. Dank dem Syſteme, welches er hinſichtlich ihrer Erziehung befolgte, waren Alfred und Guſtav ein Paar eitele, aufbeblaſene Buͤrſch⸗ chens geworden, die auf meine Kinder, ſo wie auf unſere buͤrgerliche Lebensweiſe mit Verach⸗ tung herabſahen, und Evelina verſprach, ſo jung ſie auch noch war, einſt im Punkte der Coquet⸗ terie ſich ihrer Mutter wuͤrdig zu zeigen⸗ Die täglich höher ſteigende Verlegenheit ſei⸗ ner Finanzen noöthigte endlich Deſodry, auf Einſchraͤnkungen zu denken. Die eleganten Di⸗ nérs mußten aufhören, oft war mein armer Freund gezwungen, um den unwillkommenen Beſuchen ungeſtuͤmer Gläubiger auszuweichen, vor Tage ſchon auszugehen dies alles ließ ihn aber in ſeinem Tone gegen uns nicht das Geringſte aͤndern. Während er unter der Hand eine Anleihe nach der andern bei der Schwe⸗ ſter machte, prahlte er gegen ſie ſelbſt von den gro⸗ ßen Geſchäften, die er betrieb— wodurch er denn eben ſeine Fonds alle verſteckt haben wollte— und gab ſich gegen mich das Anſehen eines Mäcens. — Neuntes Kapitel. * X Der Vorabend und die Folgen eines“ großen Tages. — Ein⸗ Morgens ſchlenderte Deſodry, ſeiner jetzigen Gewohnheit nach, vermöge welcher er, da ihn niemand ſonderlich mehr beſuchte, die frequenteſten Kaffeehaͤuſer und Reſtaurationen durchwandelte— uͤber den Quai Voltaire den Tuillerien zu, da ſah er einen General in großer Uniform die Straße duͤ Bac im Galopp daher und in den Schloßhof ſprengen. Die Eile des Offiziers, ſein entſchloſſenes Eindringen in den Hof der Tuillerien fiel meinem Freunde, ſo wie allen andern Voruͤbergehenden auf; da in⸗ deß nirgends etwas von einem Auflauf zu be⸗ merken war, ſo bekuͤmmerte man ſich nicht wei⸗ man fluͤſterte, aber Keiner ſprach ſich doch re 5 3 kleinen Straße duͤ Dauphin begegneten ih — 953— ter darum, und ging ruhig ſeines Weges. In die Tuillerien kommend, erſtaunte Deſobry je⸗ doch, hier eine Escadron Cavallerie auf der dem Schloſſe gegenuber liegenden Terraſſe auf⸗ geſtellt zu ſehen. Zwanzig oder dreißig Neugie⸗ rige waren umher gruppirt und ſchienen in den Geſichtern der Soldaten leſen zu wollen, was denn eigentlich im Werke ſeyo.— Deſodey nahte ſich einer alten Frau, fragend, was hier vorgäͤnge.„Buͤrger“, erwiederte dieſe,„ſo eben hat ſich der Buͤrger Bonaparte zum Dictator im Rath der Alten anerkennen laſſen.“ Mein Freund glaubte, die Alte faſele; er fragte einige Andere; theils bekam er dieſelbe Antwort, theils keine. Der Zuſchauerhaufe hatte ſich unterdeſ⸗ ſen ſehr vermehrt; man ſah ſich erſtaunt an, aus. Endlich ging Deſodry weiter. In d ſchon zahlreiche Volkshaufen.„Es iſt richtig!“ rief er aus,„entweder es geht ein Staatsſtreich vor, oder eine Verſchwoͤrung. Wir werden einen merkwuͤrdigen Tag mehr in unſerer Geſchichte — 96— haben.“ Er war jetzt an die Ecke der Straße St. Honoré gekommen; hier flog ein Mieths⸗ Cabriolet auf ihn zu. Der Mann, welcher darin ſaß, trieb das Pferd unaufhoͤrlich an. Deſodry warf einen Blick auf den Eilenden. Himmel, es war Duͤclair!„Mein theurer Freund!“ ſchrie Deſodry; der Andere hoͤrte nicht; immer ſtaͤrker jagend, war er bald um die Ecke, nach dem Schloſſe herum, und Deſodry betrof⸗ fen ſtehen bleibend, ſagte nun zu ſich:„Wie! Duͤclair iſt in Paris? und jetzt ſo eilig? das hat etwas zu bedeuten. Sicher hat er die Häͤnde mit im Spiele„da muß ich doch gleich nach.“ Er kehrte nun ſchnell um, und wieder angelangt bei den Tuillerien, iſt die erſte Figur, die er erblickt, ſein Freund. Erhitzt, kaum mehr Athem ſchopfen könnend, will Duͤclair, jetzt zu Fuß, abermals an ihm voruͤbereilen. Deſodry haͤlt ihn feſt und bezeugt ihm ſeine Freude, ihn wieder zu ſehen.„Ein andermal! ein andermal!“ ruft jener;„aber ſagen Sie mir doch, wie ſteht's in Paris?“ „Das wollte ich eben von Ihnen wiſſen“, entgegnete mein Freund. „Jett nicht, Beſter, jetzt nicht; ich bin preſ⸗ ſirt. Wollen Sie etwas thun, ſo laufen Sie in den Garten, miſchen Sie ſich unter die Volks⸗ haufen und rufen Sie:„Es lebe der große General! Es lebe General Bonaparte!“ Mit dieſen Worten riß ſich Duͤclair los, und mein Freund blieb, nicht wiſſend, was er denken ſollte, ſtehen. Die Volkshaufen waren jetzt zu ungeheuern Maſſen angewachſen; von allen Seiten ſtröm⸗ ten die Menſchen herbei; man fragte, man lief hin und her, die Bewegung war unbe⸗ ſchreiblich. Endlich hieß es, der General werde ſich nach dem Rath der Fuͤnfhundert verfuͤgen, und ſogleich ſtuͤrzte alles dem Pallaſt Bour⸗ bon zu. Mein Freund folgte dem Strome; an⸗ gelangt auf dem Platze, ſah er Duͤclair von neuem, der ſich unter den Gruppen umherdrängte, mit ſeiner tönenden Stimme perorirte und Ei⸗ nigen, die ſich beklagten, daß man ihnen den II. S Eintritt in den Pallaſt verweigerte, Einlaßkarten dazu in die Haͤnde ſchob. Deſodry begehrte jetzt auch eine. Duͤclair ſah ihn an.„Ah, Sie ſind's“, ſprach er,„ja, hier iſt eine, liebſter Freund; Sie ſind ein Mann, auf den man rechnen kann, gehen Sie in den Saal, applaudiren Sie den General aus allen Kräften, applaudiren Sie alles, was zu ſeinen Gunſten geſagt wird. Beobachten Sie aber auch zugleich, was vor⸗ geht, und geben Sie mir nachher genaue Nachricht davon. Hier meine Addreſſe. Ich bin entzuckt, Sie in dieſem großen Moment gefunden zu haben.“ „Aber um was handelt es ſich denn?“ fragte Deſodry von neuem. „Um was anders, als um den end⸗ lichen Triumph der liberalen Ideen.“ Hiermit entſchwand Duͤclair wieder. Der Triumph der liberalen Ideen! Dies noch nie gehorte Wort, das heute vielleicht zum erſten⸗ male in Frankreich ausgeſprochen wurde, ergriff meinen Freund gewaltig. Er eilte in den Saal, er draͤngte ſich bis vor an die Tribune. Kaum eingetreten, erblickte er auch ſchon Duͤ⸗ N —— clair, der links in einer Ecke ſehr eifrig mit einigen Deputirten ſprach; in der naͤchſten Minute war er wieder auf der andern Seite, ben Augenblick dgrauf wieder an einem andern Ort „„ kurz, Deſodry ſah, daß ſein Freund heute, on dem beruͤhmten Vorabend des beruͤhmten 18ten Brümaire noch eben ſo trefflich die Kunſt verſtand, ſich gleichſam zu vervielfaltigen, wie am Bundes⸗ feſte aller Franzoſen im Jahr 1790, und daß der Mann, welcher von heut an die Herr⸗ ſchaft uͤber Frankreich ergriff, keine ſchlechte Wahl getroffen hatte, als er den einſtigen Abvokaten in die Zahl ſeiner Agenten bei dieſem w Srnſe aufnahm. Am Abend verfehlte mein Freund ne ſ bei Düctit einzuſtelen, aber, ſo ſpät es auch ſchon war, Duͤclair war noch nicht in ſeiner Wohnung. Endlich, um Ein Uhr in der Nacht, kam er, triefend von Schweiß und zum Sterben muͤde. Was hatte er heut' nicht alles beſorgt, was gethan, was ausgeſtanden! aber— die Ange⸗ legenheit ging gut, alles machte ſich nach Wunſch wer wird da einige ſaure Stunden 7 — 100— in Anſchlag bringen?„ Das Volk nahm jetzt ſchon keinen ſonderlichen Theil mehr an den Revolutionen; ſeinetwegen konnte man ſicher ſeyn; uͤberdem war es ja enthuſiasmirt fur den Helden, die Truppen nicht minder kein Zweifel, daß der morgende Tag mit dem glän⸗ zendſten Erfolge gekroͤnt wurde. Duͤclair war entzuckt Deſodry wiedergefun⸗ den zu haben; er verſicherte dem Letzteren, daß ihr Begegnen, gerade heute, von den glůcktichſten Folgen fur ihn ſeyn ſollte. Waͤhrend er einige Biſſen hinterſchlang— der Unermuͤdliche hatte den ganzen Tag nichts genoſſen— erzählte er meinem Freunde ſeine Schickſale, ſeit ihrer Tren⸗ nung. Sie waren bunt genug; er hatte viel ausgeſtanden, viel erduldet, viel verloren, abet auch wieder viel gewonnen, und reicher in das Vaterland zuruckkehrend, wie er es verlaſſen, hatte er jetzt die gegruͤndetſten Hoffnungen zu einer glänzenden Carriere.— Wie ſollte er dies auch nicht? Brſaß er nicht das Ver⸗ trauen des großen Mannes, deſſem Intereſſe er dermalen diente? hatte dieſer ihn nicht den Tag X X ————— —— vorher noch einer Privatunterredung gewuͤrdigt? Dies alles trug er jetzt mit wichtiger, geheimnißvoller Miene dem horchenden Deſodry vor, und ermangelte nicht, einige Winke fallen zu laſſen, wie ſehr er ſich beeifern werde, ſeinen Freunden, beſonders ſo alten, guten, wie De⸗ ſodry, zu dienen. Zum Schluß eroffnete er ihm auch noch, daß er ſeit einiger Zeit ſich mit einem liebenswuͤrdigen Weibchen, die er anbete, ver⸗ bunden habe, daß Madame Duͤclair, die ihm nach Italien gefolgt ſey, in Lyon zuruͤckgeblieben waͤre, weil er Tag und Nacht habe reiſen muͤſ⸗ ſen, um zur gehörigen Stunde in Paris zu ſeyn, daß ſie aber bald hier eintreffen wuͤrde, und daß er ſich dann gluͤcklich füͤhlen wuͤrde, ſie ſeinem theuren Freunde vorzuſtellen. Erſt gegen Morgen trennte man ſich, nach⸗ dem Deſodry noch verſprochen hatte, ſich bei gu⸗ ter Zeit in St. Cloud einzufinden. Fruͤher war mein Freund ein enthuſiaſtiſcher Verehrer des Siegers von Italien geweſen; ſpaͤter ward er— wie dies Leuten, die ſich einbilden, viel Einſicht zu beſitzen, oft geht— — ein Frondeur gegen den Ruhm des Helden ge⸗ worden; jetzt entbrannte ſeine Vorliebe fur Bo⸗ naparte aber auf's neue. Er war einer der Erſten, die am folgenden Tage nach St. Clond eilten, er zeigte ſich dort eben ſo eifrig, eben ſo thätig, wie Duͤclair, und als nun die abermalige Revolution, welche Frankreich erfuhr, voruͤber und der Plan des Mannes der Zeit gelungen“ war, da ruͤhmte ſich Deſodry, vergeſſend, daß er nur dem Zufalle eine Rolle in dieſem Drama verdankte, gegen mich, gegen Alle, ſeines wohl⸗ berechneten Antheils an dem Ganzen, ſeines Einfluſſes bei dem General, dem er am Abend des großen Tages durch Duͤclair war vorgeſtellt worden, und der ihm die Ehre erzeigt hatte ihn im Voruͤbergehen nach ſeinem Namen zu fragen. Einige Tage nach dem 18ten Bruͤmaire war ich nach Paris gekommen; Deſodry zwang mich, mir Duͤelair und ſeine jetzige Bedeu⸗ tenheit ruͤhmend, zu ihm mit hinzugehen. Herr Duͤclair gab eben ſeinen Freunden ein elegantes Dejeuner. Mit welchem Eifer mach⸗ * — ten jetz ſehr Vornehme dem Manne den Hof! mit welcher Protectionsmiene wußte er, der noch vor wenigen Jahren als Advokat nach Geſchaͤf⸗ ten haſchte und als Journaliſt nach Verbin⸗ dungen, ſeine Gäſte zu empfangen!— Nach dem Fruͤhſtuͤck wurden wir der Dame des Hauſes, die den Abend vorher erſt ange⸗ kommen war, vorgeſtellt. Und wer war die Schöne? Meine und Deſodry's Ueberraſchung war in der That nicht gering, als wir in der Madame Duclair die einſtige kleine ſchnippiſche Griſette, Suſette Pinſon, erkannten.— Demoi⸗ ſelle war ſo klug geweſen, nach mancher kleinen Intrigue, nach mancher Zerwuͤrfniß mit Herrn Duͤclair, ihn zuletzt noch dahin zu bringen, daß er ſie heirathete, und nun, eine reiche Frau, eine Dame von Stande gleichſam geworden, wußte ſie, mit der ihrem Geſchlechte eigenen Gewandtheit, ſich ſo ungezwungen zu benehmen, mit ſo viel vornehmer Anmaßung uͤber Thea⸗ ter, Muſik, Schauſpieler und Saͤnger auszu⸗ ſprechen, daß, wer ſie nicht kannte, darauf hätte ſchwoören ſollen, ſie ſey in den Salons geboren und gezogen. „ Zehntes Hoffnungen, Erfolge und Krän⸗ kungen. Wi Alle, welche an den Ereigniſſen des 18ten Brumaire einigen Antheil genommen hatten, hoffte auch mein Freund auf eine Be⸗ lohnung, auf irgend eine bedeutende Anſtellung; aber, waͤhrend faſt Alle mehr und minder in ihren Erwartungen befriedigt wurden, bekam er nichts. Anders war es mit Düclair; man ver⸗ traute ihm wichtige Sendungen an, man theilte ihm bedeutende Aemter zu. einen Mann, wie er, der in alle Sättel paßte, mußte man X Kapitel. — 105— warm halten; er konnte noch vielfach nuͤtzen Deſodry dagegen da brauchte man ſich nicht zu uͤbereilen, der konnte ſchon noch warten. Dennoch war die Bekanntſchaft mit Duͤclair nicht ohne Nutzen fuͤr ihn. Dieſer Allgewandte, ſich um alles Bekuͤmmernde, wußte das Steigen und Fallen der Staatspapiere auf's trefflichſte zu benutzen; er ſpeculirte viel in den Fonds, und, Dank ſeinen Verbindungen, ſtets mit gu⸗ tem Erfolge. So gewann er ungeheure Sum⸗ men, und Deſodry, der jetzt ſeinen Courtier machte, und nebenbei auch fuͤr ſich manches Geſchaͤftchen ſchloß, verdiente nicht minder. Dies war ein großes Gluͤck fuͤr ihn, der dem Auf⸗ wande durchaus nicht entſagen konnte. Bald vermochte er wieder ſeinen alten Luxus zu zei⸗ gen, und ſtatt neue Schulden zu machen, be⸗ zahlte er dabei noch ſeine alten. Für Duͤclair war dies leichte Verdienen bedeutender Summen nicht minder ein Gluͤck. Er war in ſeinen Geldausgaben ein wahres Sieb, und Madame, eine elegante Modedame vom erſten Ton jetzt — 106— geworden, ſtand ihm in der Verſchwendung treu⸗ lich bei. Außer dieſem Einkommenszweige wußte Duͤclair ſich aber auch noch einen andern Canal zu eroͤffnen, und, wie man behauptete, ſo folgte auch hierin ſeine Frau Gemahlin ſei⸗ nem Beiſpiele. Ob man ihr Unrecht that, weiß ich nicht; ſo viel indeß, daß man allgemein da⸗ von ſprach, Herr und Madame Duͤclair wuͤß⸗ ten den Einfluß, den ſie bei einigen dermaligen Machthabern hatten, ſehr geſchickt ſich gelegent⸗ lich von Andern mit Gold aufwiegen zu laſſen. So zufrieden Deſodry auch wegen der Ver⸗ beſſerung ſeiner oͤkonomiſchen Lage war, ſo un⸗ zuftieden war er doch auch wieder, daß man von Seiten der Regierung ihn ſo gar nicht be⸗ achtete. So oft ein ehemaliger Patriot eine Anſtellung erhielt, ſo oft— was jetzt ſchon haͤufig geſchah— ein Emigrant ein Amt be⸗ kam, ereiferte er ſich uͤber die Undankbarkeit der Menſchen, und ſein Freund Duͤclair, der unterdeß von Stufe zu Stufe ſtieg, hatte manch⸗ mal nicht wenig Muͤhe, ihn zu beruhigen. Waͤhrend er auf dieſe Art uͤber die Regierung * — 107— murrte, verfehlte er jedoch nicht, bei jeder Ge⸗ legenheit ſich als ihren waͤrmſten Bewunderer zu zeigen, und er, der Patriot, der einſtige ſtrenge Republikaner, war dabei ſchwach genug, ſich uͤber die Wiederauferſtehung des ſeit dem Ausbruche der Revolution verſchwundenen äußern Lurus der Reichen, ihren Aufwand mit Equipa⸗ gen, galonirten Bedienten, den koſtſpieligen Feſten, der Oper u. ſ. f. zu freuen.„Ich ſehe das Gluͤck wiederkehren“, rief er aus;„Frank⸗ reich hat ſein goldnes Zeitalter erreicht, o! und hur ich nür ich! „Auch fuͤr Sie iſt jetzt der Moment da“, fiel Duͤclair ein.„Kommen Sie morgen fruͤh zu mir; ich habe ihnen eine wichtige Neuigkeit, einen bedeutenden Auftrag mitzutheilen.“ Deſodry verging faſt vor Erwartung, bis der erſehnte Morgen kam. Seine Einbildung ſpie⸗ gelte ihm die glaͤnzendſten Ausſichten vor, er baute über Nacht ein Luftſchloß uͤber das andere. 8 Endlich tagte es, enblich konnte er zu ſei⸗ nem Goͤnner gehen;z endlich— denn er kam „ — 108— viel fruͤher, eh' Herr Duͤclair ſich erhoben hatte— war er mit ihm allein in ſeinem Ca⸗ binette.„Mein theuerſter Deſodry“, begann der Freund,„der Auftrag iſt delicat, wichtig, nicht leicht; Sie muͤſſen mit der großten Vor⸗ ſicht zu Werke gehen, und beſonders muß Alles das tiefſte Geheimniß bleiben.“ „Sprechen Sie nur!“ rief Deſodry, Ungeduld nicht mehr Meiſter, und Herr Duͤclair nun eine noch geheimnißvollere Miene machend, eroffnete ihm nun, daß das Tribunat, das eigen⸗ ſinnige Tribunat, dem erſten 8 vielen Kummer mache. Dieſer Koͤrper hatte wirklich mitunter noch die Dreiſtigkeit, eine eigens Meinung haben zu wollen, und dieſen Widerſpruch gegen den Wil⸗ len des Einen, dieſen letzten Schrei hinſterbender Freiheit, furchtete man beſonders in dieſem Au⸗ genblick, wo der Caͤſar des Neunzehnten Jahr⸗ hunderts in ſchlauer Berechnung und doch wie⸗ der Verrechnung ſeines Vortheils im Begriffe ſtand, ein Concordat mit Roms abzuſchließen. * S — 109— Es gab im Tribunat Maͤnner, die ſich die⸗ ſem Beginnen abhold zeigten, ſie zu gewinnen, war die Aufgabe, welche man jetzt Deſodry uͤbertrug. Zu meines Freundes Ehre muß ich es ſagen, daß ein ſolcher Auftrag ihm nicht ſchmeichelte; er ſtand auf dem Punkte, fühlend das Unwuͤrdige des Ganzen, ihn von der Hand zu weiſen, aber Duͤclair, der tiefblickende Staats⸗ mann, der gewandte Sophiſt, wußte ihm die Sache bald in einem andern Lichte zu zeigen. Er ſtellte ihm vor, daß hier einet der Faͤlle ſey, wo der Zweck das Mittel heilige, daß es ſich um die dauernde Wiederbegruͤndung des Heilig⸗ ſten handele, daß es die Pflicht gebiete, dem großen Manne des Zeitalters die Wunden ſchlie⸗ ßen zu helfen, die die Revolution den Völkern geſchlagen habe, daß nur dadurch der endliche vollkommene Sieg der liberalen Ideen moͤglich ſey, daß man weiß ja, was bei ſol⸗ chen Gelegenheiten immer Loͤbliches in der Per⸗ ſpective fuͤr die großen Kinder aufgeſtellt wird, während der ſchlaue Ehrgeitz, die niedrigſte Hab⸗ ſucht, der grobſte Egoismus ihr Spiel treiben, — 110— und man der Thoren lacht, die ſich ſo leicht und immer wieder täuſchen laſſen kurz, mein Freund glaubte endlich ſelbſt der guten Sache einen Dienſt zu erweiſen, indem er ſich zum Agenten einer alles untergrabenden Despo⸗ tie hergab, und nun die nöthigen Inſtructionen empfangend, begann er ſeinerſeits Andere ſo zu bearbeiten, wie er eben bearbeitet worden war. Die Sache ging vortrefflich; die Wenigen, welche es noch gewagt hatten, bisher anders uͤber dieſen Punct zu denken, wie der erſte Con⸗ ſul, wurden entweder durch ſchöne Redensarten geblendet, oder durch materiellere Mittel, Ver⸗ leihungen von Prafecturen u dgl. gewonnen, oder— uͤberſtimmt; das Concordat ward geſchloſ⸗ ſen, die Curie triumphirte, die, ſo die Ange⸗ legenheit gefördert hatten, wurden belohnt, und Deſodry— bekam abermals nichts. Er war in Verzweiflung, er war wuthend, er hätte ſich ſelbſt pruͤgeln mogen, ſo der Thor Anderer geweſen zu ſeyn, aber was half dies alles? Freund Duͤclair— der nicht leer aus⸗ gegangen war— tröſtete, ſo gut er konnte, er⸗ N — 111— mahnte zur Geduld, zur Ruhe, und war manch⸗ mal ſogar ſo grauſam, den Verdruͤßlichen noch obendarein zu perfiffliren.„ Laßt's gut ſeyn, Freundchen“, ſprach er eines Tages zu ihm, „wer kann wiſſen, was noch geſchieht? Jetzt ſind die Kraͤfte noch gebunden. bald viel⸗ leicht. ein Kaiſer hat mehr Mittel, zu belohnen, wie ein erſter Conſul.“ Der Republikaner Deſodry zitterte bei dieſen Worten vor Freude, vor Hoffnung. Er theilte mir ſogleich bei der erſten Zuſammenkunft Duͤ⸗ clairs Wink mit.„Mein lieber Aubin“, ſetzte er hinzu,„wer hatte uns vor wenigen Mona⸗ ten geſagt, daß wir. noch eine Stmn einen Wihen habent!“ n en Die Liſten zur unterzeichnung für des„in Conſuls Erhebung auf den Kaiſerthron waren nämlich um dieſe Zeit im ganzen Reiche viffns worden. 1— Elftes Kapitel. 4 Neue Hoffnungen, neuer vruß neue Erfolge. Des die Subſeription auf das Gluck eines Kaiſerreiches nach Wunſch von Statten ging, verſteht ſich; der Buͤrger General und Conſul Bonaparte wurde zum Kaiſer Napoleon, und ein zahlreicher, gläͤnzender Hofſtaat umgab den neuen Autokraten. Duͤclair bekam eine anſehn⸗ liche Stelle darin, mehrere Bekannte meines Freundes wurden gleichfalls angeſtellt und er — ging abermals leer aus. Es war zum Verzweifeln! bas Ungluͤck aber damit noch nicht vorbei. Ein neuer Adel erſtand — der neue Thron mußte ja Thronſtuͤtzen ha⸗ — 14„. ben— Duͤclair wurde Baron und Deſodry — nicht einmal Chevalier.— Man denke ſich jetzt die einſtige Jungfer Suſette Pinſon als Frau Baroneſſe!„. Mein Freund hätte aus der Haut fahren mö⸗ gen, und— wollte er nicht alle Hoffnungen verſcherzen, ſo mußte er noch dazu ſeinen Aer⸗ ger verbeißen, mußte ſich freuen, mußte gratuliren „ die Worte blieben ihm manchmal beinahe in der Kehle ſitzen.— Und Duͤelair, der Baron Duͤclair, wie wußte ſich der jetzt in die Bruſt zu werfen! Bald hoͤflich aus Berechnung, bald wieder ſtolz im Gefuͤht ſeiner Wuͤrde, ſpielte er heute in ſeinem Salon den Philoſophen, der den Tand der Erde verlacht, und morgen den Feudalherrn, nach deſſen Anſicht die Welt nur beſtehen kann, wenn es Privilegirte giebt„ bei alle dem zeigte er ſich jedoch ſtets als der Freund des buͤrgerlichen Herrn Deſodry, der von ihm fortwaͤhrend als ſeines Gleichen, als Freund aufgenommen wurde„ die Frau Baro⸗ nin glaubte aber ihrem Stande jett ein anderes Benehmen ſchuldig zu ſeyn. Sie war hoch⸗ T 8 11 fahrend, anmaßend, übermüthig Herr Deſodry ſchlechtweg, wurde von ihr nicht ſelten als ein Protegé betrachtet, deſſen erſte Pflicht es iſt, den Ergebenen zu machen. und machte den mein Freund wirklich?. Er aͤrgerte ſich uͤber die Aufgeblaſenheit der einſtigen Griſette, er verſpottete gegen genauere Bekannte die Lacherlichkeit der Baroneſſe von geſtern; aber, Duͤclair war ja ſein Freund, ſein Intimus ſeit Jahren, ſollte er ſich deswegen von ihm entfernen, weil deſſen Gattin eine Thoö⸗ rin war? Man muß der Freundſchaft ein Opfer btingen können.— Zudem waren Deſodry's umſtände noch keineswegs wieder ſo, daß er ein eigenes Haus zu machen vermochte; bei Duͤclair aber, wo jetzt alle Morgen eine Art Audienz war, konnte er ſo bequem mit vielen einflußrei⸗ chen Perſonen zuſammentreffen, er konnte ſich hiet, als rechte Hand des Herrn vom Hauſe, wichtig machen, ſich ein Anſehen geben... fuͤr ſolche Vortheile lohnt es ſchon der Muͤhe, zuweilen die Launen einer kleinen huͤbſchen Frau zu ertragen, ſie zu bewundern, wenn ſie auf dem Piano klimperte, ihre Toilette zu preiſen, des Herrn n Keller und zu lo⸗ bon ic. w.3fo 10 S8 Dies war au es; Deſodey, der es wirklich redlich meinte und nicht blos ein Tafelfreund war, ſuchte auch ſeine Freundſchaft noch auf andere Weife zu zeigen. Trotz dem, daß Herr Duͤclair ſeine Gemahlin zum Raſend⸗ werden liebte, und natuͤrlich von ihr eben ſo wieder geliebt wurde, zankte ſich das Pärchen doch alle Augenblicke; natuvlich, der Herr Baron war manchmal ein bischen barſch, und die Frau Ba⸗ roneſſe etwas ſchnippiſch. Da war ein Ver⸗ mittler eine ſehr nuͤtzliche Perſ on, und die Treue, mit welcher mein Freund dieſes Amt verwaltete, rührte den gemuthvollen Duclair, dem, nebenbei bemorkt, die Thränen ſo oft er nur wollte zu Gebote ſtanden, bis zum Weinen.„Mein De⸗ ſodry!“ rief er einſt, als dieſer wieder ein haus⸗ liches Sturmwetter beſchworen hatte,„wie kann ich Euch das je vergelten, was Ihr an mir thut? Ach; wenn wird die Zeit kommen, daß ich Euch nach Wurden erkannt ſehe! Aber“— fuhr 8* — 116— er, ſich die Augen trocknend, fort,„wißt Ihr auch wohl, was Euch bei dem Kaiſer ſchadet?“ „Nun? was?“ fragte Deſodry geſpannt.„Eure Auffuͤhrung, Freundchen, Eure Auffuͤhrung.“ „Meine Auffuͤhrung? was thu' ich denn Un⸗ rechtes?“„Ach, Ihr glaubt nicht, wie ſtreng man jetzt bei Hofe iſt.“— Der Ehrenmann hatte Recht; man wat auf einmal an dem na⸗ gelneuen Hofe ſo ſittlich, ſo pruͤde geworden, man piquirte ſich einer ſolchen Moralität. Unter vielen Umſchweifen ruͤckte Duͤclair mit dem Geſtaͤndniſſe heraus, der Kaiſer habe einen Widerwillen gegen Alle, welche ſich haͤtten ſchei⸗ den laſſen.— WMein Freund erſtaunte; er wuͤrde noch mehr erſtaunt ſeyn, wenn er damals ſchon hätte ahnen können, daß ſehr bald eine ſehr beruͤhmt gewordene Scheidung vorfallen wuͤrde, und Duͤclair, der ihm jetzt ſo viel von der Nothwendigkeit vorſchwabte, auf eine ſtrenge Moralitaͤt zu halten, vergaß, daß er dem Her⸗ zensfreunde wenige Tage vorher ganz im Gehei⸗ men geſtanden hatte, daß ihm die Bekanntſchaft mit Demoiſelle Victorine, der allerlieſten Tän⸗ — 1171— zerin, bereits manches anſehnliche— d'ore koſte. 16 Die Zeit, wo der weichmuthige Baron ſui nen Freund nach Wuͤrden belohnt ſehen ſollte, kam endlich heran. Bei Gelegenheit eines gro⸗ ßen Feſtes, welches die gute Stadt Paris ihrem Kaiſer auf dem Stadthauſe gab, und wozu, wie natuͤrlich, ſich Alles drängte, was ſich nur drängen konnte, war Deſodry nicht allein ſo gluͤcklich, dem großen Manne von neuem vor⸗ geſtellt, ſondern ſogar von ihm angeredet zu werden. Der Monarch hatte den Entzuͤckten gefragt: Votre nom? de quelle pays Stes vous? und Deſodry, der muthvolle Deſodry, hatte ohne zu ſtottern geantwortet:„aus Meluͤn, Sire.“ Jetzt war meines Freundes Gluͤck ge⸗ macht; er hatte ohne zu zoͤgern geantwortet; das liebte Napoleon; der Herrſcher hatte ihn mit einem freundlichen Blick betrachtet, und dem. neben ihm ſtehenden Marſchall des Pallaſtes einige Worte zugefluͤſtert; wer konnte noch an der Carriere zweifeln, die dem ſo vom Sonnen⸗ ſtrahl der Gunſt Beſchienenen bevorſtand? Alle — 118—— Bekannte gratulirten noch— Gluͤcklichen. 5 Ein Paar Tage darauf ſturzte Dicii au⸗ ßer Athem zu ihm in's Zimmer.„Mein Freund, mein theurer Freund!“ rief er aus, der ſchoͤnſte Augenblick meines Lebens iſt daz hier, hier, nehmen Sie. Endlich iſt man ge⸗ rocht!“ Deſodry zitterte und konnte kaum das Schreiben evfaſſen, welches ihm der Andere hin⸗ reichte. Er ſah ſich ſchon im Geiſt zu den er⸗ ſten Aemtern und Wuͤrden berufen, er wähnte ſich ſchon Senator, Graf„. Sſeine Freude ließ jedoch die Fluͤgel gewaltig ſinken, als er das Papier durchlaufen hatte. Napoleon hatte ſo eben den neuen Hoſſtaat ſeines Bruders Ludwig eingerichtet; er hatte ſich dabei meines Freundes erinnert, und ſo ward denn Deſodry jetzt zum Präfecten des Pallaſtes des Königs von Holland ernannt. „Des Koͤnigs von Holland?“ wiederholte Deſodry gedehnt, als er ſeine Ernennung geleſen hatte:„von Holland? hm, hm.“ „Ja, des Koͤnigs von Holland entgegnete Duͤ⸗ — 11¹9 clair betonend. Das iſt ja wie eine Verban⸗ nung!“ fuhr Deſodry fort.„Verbannung! Ich begreife nicht, wie Sie dies ſagen koͤnnen. Wie kann man das Verbannung nennen, an einem Hofe zu leben, der ganz aus Franzoſen beſteht?“„Ja, aber in Holland“. „Aber, mein Freund, wollen ſie dem Kaiſer vor⸗ ſchreiben, was er thun ſoll?“„Und Pallaſt⸗ Präfect, das iſt nicht viel mehr, wie Haushof⸗ meiſter.“„Welche Kinberei! doch, wenn Sie nicht wollen, ich waſche meine Hände in Unſchuld. Wagen Sie's, Ihre Ernennung zuruͤckzuweiſen, ich habe nichts dagegen. Wenn es Ihnen der Kaiſer vergiebt.„ wohlan! ich, ich will es zu verſchmerzen ſuchen, daß ich mir ſo viel Muͤhe um einen Undankbaren gab.“ Wos ſollte Deſodry noch machen? Es blieb nichts Anderes übrig, als die ihm ſo wenig ſchmeichelhafte Anſtellung anzunehmen, ſeinen Verdruß zu unterdruͤcken und ſich noch mit freundlichem Geſichte zu bedanken. „ 6 3wölftes Kapitel. Unverhofftes Wiederfinden. Noch war Deſobry nie bei Hofe geweſen, noch war er nie bei einer förmlichen Cour einem Fuͤrſten vorgeſtellt worden;z jetzt mußte dies geſchehen. Eh' er noch ſeinem neuen Gebieter, dem Koͤnig von Holland präſentirt ward, mußte er vor dem großen Kaiſer erſcheinen; er ſollte das Glück haben in den Reihen der Courfähigen zu ſtehen.„. Dieſer Gedanke richtete meinen Freund von neuen guf. Er uͤberlegte ſich zugleich, daß der Peinz, deſſen Pallaſte er vorſtehen ſollte, ein wohlwollen⸗ der und einſichtsvoller Mann war;„Es kann nicht fehlen, rief er aus; er wird dich kennen ler⸗ nen, er wird einſehen, daß du faͤhig biſt, einen bedeutenderen Poſten zu bekleiden.„. Jo, — 121— ja! Duclair hat Recht; ich habe Urſache zufrieden zu ſein, ich bin auch zufrieden, ſehr zufrieden, bei Gott!“ Duclair, bienſtfertig wie immer, uͤbernahm mit Vergnuͤgen das Amt den neuen Pallaſt⸗Prä⸗ fecten, der, weil ſeine Uniform noch nicht fertig war, diesmal noch in bloßer ſchwarzer Civilklei⸗ dung ging, auf den glatten Boden des Hofes einzufuͤhren, und ſo begaben ſich denn Beide an dem beſtimmten Tage nach St. Cloud. Bekannt, wie Duclair war, und gewohnt mit Zuverſicht aufzutreten, gelangte man bald durch die Reihen der Thuͤrſteher, Huiſſiers und Schweizer hindurch bis zur Gallerie, wo ſich eine zahlreiche und glanzende Verſammlung befand, die hier den Kaiſer erwartete. Hier ſah man Unifor⸗ men von allen Farben; Hofleute, Kammerherren, Stallmeiſter, alle in reich geſtickten Kleidungen, ſtanden zu Dutzenden umher. Militaͤrs von allen Waffen, Marſchälle, Generale, Obriſten, draͤng⸗ ten ſich durch einander; Magiſtratsperſonen in ſchwarzen, mit Schwarz geſtickten Roͤcken, alte Nequetenmeiſter, junge Senatoren, Stuatsräthe. — Mitglieder des geſetgebenden Corps, Departements Präfecten, ein Paar Cardinäle, mehrere Biſchofe, Geſandte, Munizipalbeamte von Paris, geheime und nicht geheime Räthe, ja ſogar ein Rhein⸗ bunds⸗Koͤnig mit ſeinem Hofſtaate waren hier, der, während der Souverain ſich in die Appartements verfugte, ziemlich unbemerkt in einer Ecke ſtehen blieb. So viel Glanz ermangelte nicht meinem Freund zu imponiren. Mit muͤhſam unter einem Anſtrich von Behaglichkeit und ſelbſt Stolz, verborgener Schuͤchternheit, folgte er ſeinem Fuͤhrer durch die bunten Reihen und ſuchte dabei das Ganze mög⸗ lichſt zu beobachten. Welche Bewegung herrſchte hier! welch Ge⸗ ftüſter! Man ſuchte ſich auf, man begtuͤßte ſich, man ſprach einige Worte. Und dabei war alles ſo geſchaͤftig; die Leute ſchienen keinen Augenblick Leit uͤbrig zu haben.— Bald bemerkte Deſodry daß ſich die, welche ungefaͤhr dieſelbe Uniform trugen, immer zuſammen gruppirt hielten. Du⸗ clair nahte ſich jetzt einem ſolchen Haufen; ſchůͤch⸗ tern trat auch Deſodry hinzu. Es waren Militairs, —— meiſt Diviſions⸗ und Brigade⸗Generale. Duclair, der alle Welt kannte, gruͤßte; Deſodry machte es nach. Einer aus dem Kreiſe fluͤſterte jetzt dem Erſteren zu:„Wer iſt der Herr, den Sie bei ſich haben?“„Das iſt Herr Deſodry.“„Deſodrys Deſodry? wer iſt der Herr Deſodry?“ fragte ein Anderer,„bei welchem Corps hat er geſtanden?“ „Bei keinem; er iſt nicht Militair.“„Ah ſo— er hat nicht gedient!“— Alle Blicke der Herren waren jetzt auf ihn gerichtetz ſie ſahen den Herrn Deſodry der nicht gedient hatte, und jetzt in gro⸗ ßer Verlegenheit daſtand, ein bischen hoͤhniſch an, und Duclair wandte ſich nun, um der peinlichen Lage ſeines Schuͤtzlings ein Ende zu— einer andern Gruppe zu. Hier waren lauter Herren in brodirten Klei⸗ dern, Kammerherren, Stallmeiſter, Pallaſt⸗Prä⸗ fecten 1c. „Wer iſt der Herr da?“ fragte man auch hier, und als Duclair abermals antwortete:„Herr Deſodry,“ da hieß es,„Deſodry? Deſodry? alſo nicht von Adel.“„Vielleicht ehedem ange⸗ ſtellt?“ fiel ein Zweiter ein.„Nicht ſo eigentlich“ — 12— erwiederte Duclair;„er hatte aber den Titel eines Sekretairs des Koͤnigs.“„Hm deſto ſchlimmer.“ Er war auch emigrirt.“„Wahrhaftig? Ich erinnere mich doch nicht, ihn weder in Bruͤſſel, noch in Coblenz geſehen zu haben.“„Ich auch nicht“, bemerkte ein Dritter;„und bel der Armee des Prinzen Conde ſah ich ihn gleichfalls nicht.“ „Er hielt ſich in Nord⸗Deutſchland auf.“„Ah⸗ nun merke ich; alſo ein ausgewanderter Patriot.“ Die ſammtlichen Herren wandten nun dem Frem⸗ den, der weder unter Conde' bramarbaſirt, noch in Bruſſel und Coblenz die verdorbenen Sitten der guten alten Zeit zur Schau gelegt hatte, verächt⸗ lich den Ruͤcken und alle fanden, der Herr Deſodry der nicht von Adel war, habe ein—— gemeines Aeußere. Bei einer dritten Gruppe ging es nicht beſſer. Auch hier ſtanden Kammerherrn und andere Pa⸗ laſt⸗Offizianten beiſammen, jedoch waren es keine Menſchen von der Emigration, keine Altadligen, ſondern die Soͤhne reicher Banquiers und Capita⸗ liſten, deren Familien man dadurch, daß man die Sprößlinge mit Kammerherrenſchluͤſſeln behing, an das Intereſſe der neuen Dynaſtie zu feſſeln ſuchte. Dieſe Leutchen hatten keine Stammbaäume von deren verwitterten Zweigen ſie geringſchätzend 3 auf den Buͤrger herabſehen konnten; aber ſie hat⸗ ten dafuͤr Geldſaͤcke, große Geldſaͤcke und als ſie nun hoͤrten, daß der Herr Deſodry ſeine Renten nicht wie ſie nach Hundertaufenden zu zaͤhlen vermochte, und nur dann und wann unter der Hand ein Geſchäftchen in Papieren an der Bank machte: da ſahen ſie ihn ſehr mitleidig an, und weiter keine— von Fen armen Ein viertes Sůuſheß—. ſein uw⸗ deneres Aeußere, eine beſſere Aufnahme zu ver⸗ ſprechen. Die Uniformen waren hier minder glanzvoll, die Stickereien minder reich. Es waren i Herren vom Inſtitut, Gelehrte, Männer die ſich in aller Beſcheidenheit ein mindeſtens„europäi⸗ ſches“ Verdienſt zuſchrieben. Duͤclair ſchmei⸗ chelte ſich, ſein Freund Deſodry wuͤrde hier beſſer aufgenommen werden, denn— er hatte ja auch einiges drucken laſſen, Romane, Dramen, Pam⸗ phlets.. Die Herren vom Fach horten mit — 16— verzogenen Mundwinkeln, daß der Herzutretende nur ſolche Opuscula ausgearbeitet habe, und ſich einbildend, daß eine einzige philologiſche Unter⸗ ſuchung, und wenn ſie auch nur am Ende auf eine leere Sylbenſtecherei hinausläuft, Tauſend⸗ mat mehr Werth hat, wie alle Romane und Pamphlets der Welt, blickten ſie mit einer tiefe⸗ ren Verachtung auf Deſodry herab, wie alle Vor⸗ hergehende. Naturlich; denn wer weiß nicht daß der Stolz eingebildeter⸗Pedanten; der aller unge⸗ maſſenſin iſt. w o1 ane inl abntun dun Noch war eine fuͤnfte Gruppe da, der ſich jetzt die Frbunde näherten. Sit beſtand aus Stnato⸗ ren, Präfecten, Stäntsräthen u. d. gl. Dit lait näherte ſich, Deſodry hruͤßte.„Wer iſt der Herr Deſodry,“ fragte Einer, ich habe ihn in der Revolution nicht nennen choͤren. Er war nicht bei der geſetzgebenden Verſammlung, nicht bei der conſtituirenden, nicht beim Convent?„Nein.“ „So war er alſo blos ein Patriote“„Lediglichz ſpäter emigrirte er.“, So, ſo, alſo ein Patriot und Davonlaufer zugleich“ Dieſe Herren, wäh⸗ rend der Revolution einſt Volksrepräſentanten, i. Mäͤnner von Kopf und von Talenten, ſahen De⸗ ſodry zwar nicht mit der Verachtung an, wie jene, ſich jetzt voll Hunger um den Thron des neuen Charlemagne drängenden Helden von Coblenz und Bruͤſſel, oder jene kriechenden Pedanten, die den Mann des Tages unter die Sterne verſetztenz aber ſie beachteten ihn auch nicht weiter und fuhren in ihrem Geſpräche uͤber das Wohl des Landes fort das jetzt, ſeit dem Napoleon ſie zu Baronen und Grafen erhoben hatte, ihrer Ueberzeugung nach⸗ nur unter der Alleinherrſchaft des„Einen und Großen“ gedeihen konnte. Daß ſie vor wenigen Jahren noch, ſehr energiſche Reden gegen allen Monarchismus gehalten hatten, ſchien ihrem Ge⸗ dächtniß rein entfallen zu ſeyn. Noch ſtand mein Freund etwas gekraͤnkt von der übeln Aufnahme, die er hier allenthalben fand, zugleich aber auch im Stillen den Geiſt des Einen bewundernd, der ſo verſchiedenartige Ele⸗ mente, wie ſich hier vereint fanden, kraftvoll zu⸗ ſammen zu halten vermochte, da, als ploͤtzlich die nach den innern Appartements fuͤhrenden Flůgel⸗ thuͤten mit Geraͤuſch aufgeriſſen wurden und vin — 128— Huiſſier mit lauter Stimme:„Der Kaiſer!“ rief. Angenblicklich herrſchte die tiefſte Stille, die ſtolze Haltung der Hofleute, verwandelte ſich in eine ſehr demuͤthige, und Alles rangirte ſich zu beiden Seiten in zwei Reihen, um die itſtit durch zu laſſen. Der Kaiſer ging ſhuel mit ziemlich finſtern Blicken durch dieſe Reihen unterthäniger, geſtick⸗ ter Menſchen hin. Ungefaͤhr um die Mitte der Gallerie uͤberreichte ihm einer der Gelehrten ein Buch. Napoleon nahm es, ſah den Titel an, verzog den Mund und ſprach:„Ah, wieder eine neue metaphyſiſche Träumerei! Ich liebe die Ideologen nicht.“ Der Gelehrte war, ſo lange der— das Buch in der Hand hielt, von allen andern mit den neibiſchſten Blicken angeſehen worden, kaum hatte der Herrſcher aber geſprochen, ſo verwan⸗ delte ſich der Neid in Hohn, der beſonders aus den bebrillten Augen der werthen Herrn Collegen des armen Ideologen hervorleuchtete. Jetzt ſtand Napoleon endlich vor Deſabty. „Sie heißen Doſodry?“ fragte er barſch⸗ Er⸗ ſchreckt von dem rauhen Tone, vermochte mein Freund nur eine ſtumme Verbeugung zu machen. „Mein Bruder, fuhr der Kaiſer fortz hat Sie zu ſeinem Palaſt⸗Praͤfetten ernannt. Es iſt mir lieb, Sie hier zu ſehen⸗ 4 Es iſt mir lieb, Sie hier zu ſehen! di Worte, mit der Milde ausgeſprochen, die der große Mann, wenn er wollte, ſeiner Stimme geben konnte, machten einen ungeheuern Einbruck. Wie ſahen jetzt die Umſtehenden den, den ſie vor⸗ her kaum eines Blickes gewuͤrdigt hatten, ſo freundlich an! Es war dem Kaiſer lieb, ihn zu ſehen, mußte es da nicht den Schranzen ein Ent⸗ zůcken ſeyn? Seltſam, jetzt erinnerte ſich auf einmal ein jeder, von dem Manne ſchon früher viel Ruͤhmliches gehort zu haben. Die Herren von Coblenz und Bruͤſſel, fanden ſein Aeußeres nun nicht mehr gemein; die Herren von der Fedet rie⸗ fen ſich einige Stellen aus ſeinen Romanen und Pamphlets in's Gedächtniß, die viel Geiſt ver⸗ riethen„ Deſodry war wie durch einen Zau⸗ verſchlag ein ganz anderer Menſch geworden.— Nachdem der Kaiſer voruͤber war, fuͤhrte Duͤ⸗ 9 — 130— clair den nun mit viel mehr Leichtigkeit Auftre⸗ tenden zur Kaiſerin, dann zu dem König von Holland, dann zu deſſen Gemahlin. Ein zahlreiches Gefolge von Damen umgab die Let⸗ tere. Eine von dieſen erhob ſich, als mein Freund ver neuen Herſcherin präſentirt wurde. Es war eine nicht ganz junge, aber noch immer ſchoͤne Frau. Deſodry warf einen Blick auf ſie; er glaubte ein Traum umnebele ſeine Sinne; die Dame war— ſeine einſtige Frau. Einen Augenblick ſahen ſich beide auf's—— betroffen an, dann verneigte ſie ſich ſehr grazios gegen ihn, und eben war er im Begriff, auf Duͤclairs Antreiben, der mit nicht minderem Er⸗ ſtaunen ſeine einſtige Clientin wieder erkannte, ſie anzureden, als ſich ein wohlbeleibter Herr ihr naͤherte, ihr den Arm bot und ſie fort fuͤhrte. Duͤclair und Deſodry erkundigten ſich nun nach der Abgegangenen; man ſagte ihnen, ſie ſey erſt den Tag vorher aus dem Haag hier angekom⸗ men und nenne ſich Vanersken.„Vanersken!“ rief Deſodry, wie iſt das moͤglich?“„Weil ihr Gemahl ſo heißt.“„Iht Gemahll“„So iſt — 131— es. Sie iſt von Geburt eine Franzoͤſin, hat aber bereits vor achtzehn Monaten den Herrn Vaners⸗ ken geheirathet, der jetzt Kammerherr bei dem König von Holland iſt, während ſie die Stelle einer Dame d'Atour bei der Königin bekleidet. „O, das iſt koͤſtlich!“ rief Důrlairz ße alſo den dritten Mann.“ Deſodry ſagte nichts. Er ſchuͤttelte nur den Kopf und bereute es jetzt recht ernſtlich den Poſten als Präfect des Pallaſtes angenommen zu haben, in welchem ſeine einſtige Gattin als Hofdame, ihr neuer Mann, als Kammerherr fungirte. 9* Dreizehntes Kapitel. Madame Vanersken. D Abend war Schauſpiel bei Hofe und die beiden einſtigen Gatten, ſahen ſich hier wieder. Deſodry war wie auf der Folter; was haͤtte er nicht darum gegeben, mit Herminien ſprechen zu duͤrfen? aber ſollte er es wagen? Wenn ihr Mann erfuhr wer er war, konnte da nicht Eiferſucht bei ihm erwachen? und uͤberdem, wußte er denn ob Herminie ſelbſt eine Annaͤherung wunſchte? Duͤclair, der geſchaͤftige Duͤclair, erbot ſich ſogleich das Terrain in dieſer Hinſicht zu recognos⸗ ziren, und die Gardine war kaum geſunken, ſo eilte er auch ſchon in die Loge und bat mit der Sicherheit und Gewandheit eines Hofmanns den ſchweigſamen und in das vorgeſtellte Stuck ſehr vertieften Herrn Vanersken, um die Erlaubniß, ſeiner liebenswuͤrdigen Gemahlin, die er von einſt her kenne, ſich vorſtellen zu duͤrfen. Frau Vanersken bezeugte ſich ſehr erfreut, den Herrn Baron Duclair wieder zu ſehen und mit moͤglichſter Grazie verſicherte ſie ihm, daß ſie entzuͤckt ſeyn wuͤrde, wenn der Herr Baron ſie nächſtens mit einem Beſuche beehren wolle, da ſie uͤber einige, ihrem Herzen ſehr werthe Gegen⸗ ſtaͤnde mancherlei mit ihm zu ſprechen habe. Herr Vanersken ſtand dabei und verneigte ſich, ohne eine Sylbe zu ſprechen, ſehr artig, Duͤclair ſuchte aber, nach kurzer Unterhaltung mit der Dame, ſeinen Freund wieder auf, um ihm zu erzhlen, daß Herminie Houdard, nachherige Mad. Derblay, dann Mad. Deſodry und nun Frau Vanersken, nicht mehr Coquett und nicht mehr Debot ſey, dafuͤr aber deſto mehr die Spröde ſpiele und ohngefähr in eben ſo ſentimentalen Phraſen ſpreche, wie die Schoͤne, welche Deſodry in Deutſchland die Romantik kennen lehrte. Den folgenden Tag erfuhr der ſich puͤnktlich einſtellende Duͤckair, unter vielen empfindſamen — 134— Ausrufungen über den ſchnellen Flug der Zeit, die WVeraͤnderlichkeit aller menſchlichen Dinge ꝛc., daß die einſtige Mad. Deſodry, entſetzt von dem Anblicke der Anarchie, welche Frankreich in der Schrockenszeit zerriſſen, geſlohen, und daß ſie nach vielen Schickſalen— in ein Aſyl gefunden hätte. Hier hatte die Dame, deren gefuͤhlvolles Herz nicht ohne Beſchaftigung für Menſchenwohl ſeyn konnte, eine elegante Koſtſchule fur Töchter aus den angeſehenſten Häuſern errichtet. Die Anſtalt war anfänglich ſehr bluͤhend geweſen, bald hatten aber Neid und Kabale der ſchoͤnen Frau vielen Kummer verurſacht, der eben den hoͤchſten Gipfel erteicht hatte, als ein Zufall ſie mit dem guten Herrn Vanersken bekannt machte, deſſen bisher wohlverwahrtes Herz nun plötzlich in hellen Flam⸗ men fur die reizende Dulderin aufloderte, die ihrer Seits denn auch nicht ſo grauſam war, den Armen lange zu martern. Mad. Vanersken folgte hier⸗ auf ihrem Gatten nach dem Haag, wo ſie ſo lange lebte, bis ihr Gemahl dem Hofſtaate des neuen Königs, ſie dem der Königin, zugeſellt wurde. — 135— Dieſe Schickſalseroffnung, die nicht ohne Er⸗ innerung an die ſchoͤnen entflohenen Tage der Fugend, geſchehen konnte, hatte die Dame weich geſtimmt. Sie vergaß auf einige Augenblicke die jetzt angenommene Maske der Pruͤderei und auf Defodry zu ſprechen kommend, rief ſie aus:„Ach, ich geſteh' es, mein Stolz fuhlte ſich geſchmeichelt, als ich ſo gluͤcklich war, einen Platz unter den Damen der Königin zu erhalten; aber jetzt— ich darf es auch nicht verbergen— jetzt, ſeit⸗ dem ich weiß, daß Herr Deſodry mit uns an einem Hofe leben wird, bin ich wahrhaft beſtuͤrzt. Ich will nicht verbergen, daß ich mir einiges Unrecht gegen ihn habe zu Schulden kommen laſſen. aber die Quelle davon, war meine Liebe zu ihm. Ja; ich liebte ihn! unter den drei Maͤnnern, die mir das Geſchick gab, war er mir der theuerſte, ach! und doch kraͤnkte ich gerade ihn am mehrſten. Herr Vanersken achte ich nur, und ihm bin ich vielleicht die beſte Gattin. Ich bin es.. aber werde ich es bleiben können, wenn Deſodry mir ſo nahe iſt?“ „Warum nicht?“ entgegete Diei in. „Manſieht ſich wie alte Bekannte, die durch ein ver⸗ druͤßliches Ereigniß getrennt wurden und nun ſich freuen einander wieberzuſehen, öhne dabei doch den Wunſch zu hegen, daß— wieder anzuknupfen?. „Nein! o nein!“ rief genu Vantni auf einmal wieder in ihren Lieblingston fallend; „Nein, das geht nicht. Ich muß ſeinen Anblick fliehen und ich beſchwoͤre Sie, ihn zu bitten, auch mich ſo viel wie moͤglich zu vermeiden, wenn er noch einen Junken Achtung gegen mich hegt. Ach!“— hier wurde ſie wieder ſehr empfind⸗ ſam—„wenn er mir nur den Anblick meiner Kinder, meiner theuren Kinder vergoͤnnt! O mein lieber Baron, ich flehe Sie an, bringen Sie ſie mirz mein Mutterherz muß ſich an ihrer Breuſt ausweinen, wenn es nicht brechen ſoll.“— Hier mußte die Schoͤne aufhoren, denn Thraͤnen erſtick⸗ ten ihre Worte und Duͤelair, der zartfuhlende Duͤclair, verſprach weinend im Namen ſeines Freundes die Erfüllung dieſes. auf den n nicſer Lo. „O! Sie hätten ſie ſehen ſollen“, uuf er —— meinem Freunde zu, als dieſe zweite Zuſammen⸗ kunft ſtatt gefunden hatte:„Sie haͤtten ſehen ſollen, wie ſich das liebende Mutterherz offen⸗ barte, und mit welcher Anmuth die liebenswur⸗ digen Kinder der Zärtlichkeit der Mutter ent⸗ gegenkamen! Ach, und als ſie ſie nun lange genug betrachtet hatte, da begann ſie mit dem ihr eigenen, ſeltenen Geiſte zu unterſuchen, zu was ſich die jungen Leutchen wohl am mehrſten durch ihre Neigungen und natuͤrlichen Anlagen hingezogen fuͤhlten. In Alfreds Lebhaftigkeit und Feuer erkannte ſie ſogleich den werdenden Krieger, den einſtigen Schuͤtzer des Vaterlandesz Guſtavs Bedachtſamkeit und Ueberlegung ließ ihr aber in ihm einen Staatsmann von den ſelkeüſten Eigenſchaften ahnen; und Evelina, o die himmliſche Evelina!. da war ſie ganz außer ſich, und als ſie nun vollends unter dem liebenswuͤrdigen Aeußern ſo viel Seele, ſo viel Herz fand„Ach, meine Tochter!“ rief ſie aus,„wie ſehr gleichſt du mir! o moͤchte Dich der Himmel gluͤcklicher wie Mutter!“ 6nfh t Deſodry wurde durch dieſen Bericht nicht weniger enthuſiasmirt, wie Duͤclair es bereits war. Beide uͤberboten ſich gleichſam in Lobes⸗ erhebungen uͤber die herrliche Frau, die gefuͤhl⸗ volle Mutter, und mein Freund konnte ſich nicht enthalten, auszurufen:„Ach, warum mußte ſie den Herrn Vanersken heirathen?“. Bald fielen ihm jedoch wieder die Ehſtandsſcenen ein, die er mit dieſem Muſter von Empfindſam⸗ keit und muͤtterlicher Liebe erlebt hatte, und er ſetzte leiſe hinzu:„Am Ende iſt es doch wohl beſſer, daß ſie nicht meine Gattin geblieben iſt. Vanersken ſcheint mir ruhiger zu ſeyn, wie ich.“ uebrigens war es mit der Wahrheit der ruͤh⸗ renden Erzählung, die Duͤclair von dem Wieder⸗ ſehen der Mutter und der Kinder gemacht hatte, nicht ſo ganz richtig: der gute Baron hatte bei dieſer Sache ſein Dichtertalent etwas in Bewe⸗ gung geſetzt. Mad. Vanersken hatte ſich aller⸗ dings uͤber den Anblick ihrer Kinder gefreut, und welche Mutter wuͤrde das nicht! aber ſehr bald hatte ſie doch Manches an ihnen bemerkt, was ihr nicht zuſagte; demohngeachtet hatte ſie indeß gehandelt, wie die Menſchen gewohnlich zu handeln pflegen, d. h. ſie hatte ſich das Anſehen der Zufriedenheit gegeben, wo ſie im Stillen unzufrieden war. Um nicht ſagen zu muͤſſen, Alfred benehme ſich zuweilen mehr als dreiſt, ſagte ſie, er ſey freimuͤthig. Eben ſo war es mit Guſtav; ſie nannte deſſen geziertes Weſen Bedachtſamkeit, und Evelinens angenommene Kaͤlte, Beſcheidenheit, ſo wie deren, fuͤr ihre Jahre alberne Frage: warum die Mutter einen andern Namen fuͤhre, wie der Vater? kuͤſſens⸗ werthe Naivität. Mad. Vanersken beſuchte ihre ainder von jetzt an mehreremale in der Penſion, wo ſie ſich befanden, und die Kinder ſie wieder. Bald wurden dieſe Beſuche jedoch ſehr kurz, und nicht unge, ſo horten ſie gänzlich auf. Das Mut⸗ terherz, welches vorher hatte brechen wollen, ſchien jetzt auf einmal weit dauerhafter zu ſeyn. Trugen vielleicht die kleinen Verdruͤßlichkeiten dazu bei, die ſich unter den ehemaligen Gatten erhoben? Ich weiß es nicht, ſo viel jedoch, daß mein Freund es jetzt noch weniger ernſtlich, wie — 140— kurz vorher bedauerte) nicht mehr der Gemahl ver ſchönen Herminie zu ſeyn. Sie hatte ſich einmal in den Kopf geſetzt, ihr einſtiges Ver⸗ haͤltniß mit einander mache ihr jetziges am Hofe hoͤchſt unangenehm, und Duͤclair mußte des⸗ wegen Deſodry ihren Wunſch eröffnen, daß er abdanken moͤchte. Die Stelle eines Pallaſt⸗ Praͤfecten zu Haag, lag meinem Freunde aller⸗ dings nicht am Herzen, allein abdanken hieß ſich für immer aller Ausſichten berauben, und dazu hatte er jetzt weniger Luſt, wie je. Er ließ daher ſeiner einſtigen Gattin melden, ſie und ihr Gemahl konnten das ja auch thun, und Mad. Vanersken fand ſich durch dieſe Antwort ſo indignirt, daß ſie fogleich beſchloß, mit allen Kraͤften daran zu arbeiten, den Unverſchämten, der ihr eine ſolche Propoſition zur Ruͤckantwort machen konnte, in Ungnade zu bringen. gum Gluͤck war der ehrliche Hollaͤnder, den ſie jetzt Mann nannte, und der ihr nun zum Werkzeuge dienen ſollte, vernuͤnftiger.„Warum“, ſagte er ganz ruhig,„ſollen wir und Herr Deſodry denn nicht in einer Sphäre leben können? Ich bin jetzt Ihr Gemahl, er iſt es nicht mehr; ich bin Kammerherr an dem Hofe, wo er Pallaſt⸗ Praͤfect iſt; da ſeh' ich nichts, was uns ſtorte.“— Deſodry begann um dieſe Zeit ſeinem Dienſte bei Koͤnig Ludwig vorzuſtehen, ſo lange dieſer Fuͤrſt in Paris war. Natuͤrlich ſah er jetzt Mad. Vanersken zuweilen; zum Geſpräch kam es aber nie zwiſchen beiden. Man begnuͤgte ſich, ſich einander ſehr artig zu begrußen, und ging ſo ſchnell wie moͤglich an einander vor⸗ uͤber. Das Sei ſeiner einſtigen Gattin, die ſich wieder einen andern Mann gewaͤhlt hatte, erweckte jedoch in ihm den Gedanken zur Nach⸗ folge. Er uͤberlegte, daß er noch jung genug ſey, um ſich wieder verheirathen zu koͤnnen, und bald ſtand dieſer Entſchluß ziemlich feſt bei ihm. Koͤnig Ludwig verließ jetzt Frankreichs Haupt⸗ ſtadt und Herr und Frau Vanersken folgten ihm nach Holland. Deſodry blieb unter einem Vorwande zuruck, und wußte auch in der Folge Verlängerung ſeines Urlaubs zu erhalten; ſo oft jedoch der Monarch wieder nach Paris kam, — 142— war mein Freund ſtets um ihn, und bald ſloß ſein Mund in Lobſpruͤchen uͤber den Geiſt, uber die Liebenswuͤrdigkeit, uͤber die Milde und Guͤte dieſes Furſten uͤber, fuͤr den er, wie er ſagte, einzig nur noch leben, dem er alle ſeine Kraͤfte widmen, von dem er ſich nie wieder trennen, dem er— ſogar nach Holland folgen wolle. Wirklich machte er auch bereits Anſtalten zu ſeiner Abreiſe nach dem Haag... da erſcholl auf einmal die Kunde, Konig Ludwig habe abgedankt, und weg, wie weggeblaſen, war die ungeheure Anhänglichkeit Deſodry's fuͤr ihn, der nun in Paris blieb und von neuem ſollici⸗ tiren mußte, um eine andere Anſtellung zu er⸗ halten. Diesmal gluͤckte es ihm uͤbrigens beſſer damit, wie das erſtemal; er wurde dem Hof⸗ ſtaate einer Prinzeſſin einverleibt, die Frankreich nicht verließ, und bekam zugleich eine Anſtellung im Finanzfache, die wenig Beſchwerde und ſehr bedeutende Einkunfte gewährte; außerdem aber noch auf die Wahlliſte irgend eines Departe⸗ ments geſetzt, gelang es ihm zugleich, durch einige geſchickte Manoeuvres bei einigen Senatoren zum — 5— Mitgliede des geſetzgebenden Corps ernannt zu werden, und da er hiermit, gleich allen andern damaligen Herren dieſes Koͤrpers, keine andete Verpflichtung auf ſich hatte, als Ja zu ſagen, wenn der Kaiſer ſprach, ſo befand er ſich nun ganz vortrefflich, und machte wieder ein eben ſo glaͤnzendes Haus, wie einſt. Vierzehntes Kapitel. Aubins Familtir. Triumph und Ver⸗ druß der Demoiſelle — das Gluͤck meinen Freund ſo ſtigte, warf es auch auf mein beſcheidenes Dach einen wohlwollenden Blick. Mein Sohn hatte bereits ſeit ein Paar Jahren das Alter erreicht, wo er vermoge der Conſeriptionsgeſetze dem — 44— Staate ſeine Dienſte wethen mußte. Da er Medizin und Chirurgie ſtudirt hatte, ſo wurde er, wie ich einſt, dem Medizinalweſen der Armee einverleibt, und hier— unſere Atmeen ſtanden ja ſtets im Felde— war es, wo er die Be⸗ Lanntſchaft eines jungen Mannes machte, der bald uns näher angehoͤren ſollte⸗ u Den Dienſt in einem Feldhospitale vnrſehend ward er zum Beiſtand zu einem ſchwer verwun⸗ deten jungen Offizier von der Infanterie gerufen, der, wie er bald erfuhr, der Sohn eines wohl⸗ habenden Fabrikbeſitzers in der Gegend von Me⸗ lün war, Der Geſchicklichkeit meines Sohnes gelang es, den jungen Desmares zu retten, und Dankbarkeit und Uebereinſtimmung der Geſin⸗ nungen knuͤpften bald zwiſ chen beiden ein inni⸗ ges Freundſchaftsband. Nach geendetem Feld⸗ zuge, dem ein kurzer Friede folgte— denn da⸗ mals war noch nicht die Zeit des ewigen Frie⸗ dens gekommen— ſuchte Desmares um ſeinen Abſchied nach und auch mein Sohn kam mit gleicher Bitte ein Beiden wurde gewillfahret, und ſo hatten wir denn das Gluck, unſern Paul —— wieder zu ſehen, der ſeinen Freund mitgebracht hatte, welcher durch ſein beſcheidenes, offenes Be⸗ tragen auch uns alle ſogleich fur ſich gewann, und beſonders das Wohlwollen meiner Tochter ſich ſehr ſchnell zu erwerben wußte. Anfaͤnglich bemerkte ich die keimende Nei⸗ gung der jungen Leute zu einander nicht, meiner Gattin entging es aber deſto weniger. Natuͤrlich! ſie war ja Frau und Mutter.— Schon den er⸗ ſten Abend wollte ſie gewiß ſeyn, daß Desmares unſere Julie mit großem Wohlgefallen betrachtete, und da Paul nicht aufhoͤten konnte, Ruͤhmliches von ſeinem Freunde zu erzaͤhlen, und wir alle auch die Umſtände ſeiner Familie kannten, ſo läßt es ſich denken, daß meine gute Frau, raſch und leicht von einer Idee belebt, wie ihr Bruder, nun nicht ermangelte, dem jungen Fremden alle die freund⸗ liche Aufmerkſamkeit zu erweiſen, die Muͤtter ſo gern denen erzeigen, welche ihnen als paſſend fuͤr ihre Toͤchter erſcheinen. Dieſe kleine Manege muͤttetlicher Coquetterie, wo ſich das Mutterherz ſo wohl befindet, wenn es die guten Eigenſchaften der Tochter hervorheben kann, entging mir nicht III. 10 lange, und da ich ſah, daß Desmgres ein wackerer junger Mann war, an deſſen Seite ſich eine Gat⸗ tin gewiß nicht uͤbel befand, ſo hatte ich nichts da⸗ gegen, und betrachtete nun, die Sache ruhig ihren Gang gehen laſſend, mit Vergnugen das Treiben der jungen Leutchen durch einander, die ſich ſehr bald, zum unausſprechlichen Vergnügen meiner Pauline, zu verſtändigen wußten, ſo daß, eh' noch ein Paar Monate verſtrichen, meine Julie be⸗ reits die werlobte S des S. Bru⸗ ders war. S5ajſ — dem w meinem gue⸗ Vater ſich eine erfreuliche Zukunft öffnete— denn gluͤcklich durfte ich hoffen meine Julie zu ſehen— ward eine große Feierlichkoit in der Erziehungsanſtalt vorbereitet, in welcher ſich die Tochter meines Freundes befand. Es ſollten nämlich öffentlich Preiſe an die beſten Schuͤlerin⸗ nen vertheilt werden, deren Eltern und Vormuͤn⸗ der förmlich dazu eingeladen wurden. Deſodry ermangelte nicht, ſich ſeine h mußten ihn begleiten. Das Haus war zu nee s. u 1 zenbſte geſchmückt; überal hingen Guirlan⸗ den, uͤberall ſtanden Gefäße mit Blumen um⸗ her; im Speiſeſaale, dem Ort, wo bie Präfung vor ſich gehen ſollte, war eine Art von Theaterchen errichtet, Sitze fur die Zuſchauer gemacht, Tep⸗ piche ausgebreitet, kurz es fehlte nicht an Anſtal⸗ ten zum Empfang einer anſehnlichen Geſollſchaft. Dieſe fand ſich denn auch ein. Herren und Da⸗ men aus den erſten Ständen, alles Verwandte ver Zoglinge des Inſtituts, füllten in dem ausge⸗ ſuchteſten Putz den Saal; zahlreiche Kronkeuchter brannten, und die Vorſteherin, ihr zur Seite ihr Gatte, in der ſubordinirten Rolle eines Major⸗ domus, hinter ſich ein Haufchen Unterlehrer und 3 Lehrerinnen, die ſämmtlich, wenigſtens die Letz⸗ teren, faſt eben ſo elegant waren, wie die Zu⸗ ſchauerinnen, eroffnete das Ganze mit einer pathe⸗ tiſchen Rede, in welcher viel von Glück und Gnade, von Streben und Wollen, von Segen und Gedeihen, von Gönnern und erhabenen Be⸗ ſchuͤtzern, und weiß der Himmel, von was noch weiter, geſprochen wurde. Hierauf hob ſich der Vorhang, und die Zögtinge des Inſtituts füͤhrten 3 10* nun— denn Comoͤdie muß man ja der Jugend bei Zeiten ſpielen lehren, das bildet den Anſtand — ein, von ein Paar Vaudeville⸗Dichtern eigens zu dieſer Feier verfertigtes Gelegenheitsſtuͤckchen auf, in welches, damit auch die Fertigkeit in Mu⸗ ſik und Tanz ſich zeigen konnte, einige Opern⸗ Arien und einige Ballet⸗Gruppirungen einge⸗ ſchaltet waren. Die jungen Darſtellerinnen wa⸗ ren dabei wie die Opernprinzeſſinnen aufgeputzt, ſie ſangen mit eben ſo viel Schnirkeleien, wie dieſe, tanzten wie die beſten Figurantinnen, kurz, man konnte ſich einbilden, im Theater zu ſeyn⸗ Nach der Endigung des Stuͤcks, das natuͤr⸗ lich ſehr beklatſcht wurde, ſprach ein Profeſſor, der davon lebte, der ſchoͤnen Welt äſthetiſche Vorleſungen nach dem Vorbilde einiger Herren in Deutſchland zu halten, abermals eine Rede, deren Tendenz dahin ging, den verehrten Anwe⸗ ſenden die Vortheile einer brillanten und libera⸗ ten— jetzt wuͤrde es heißen einer loyalen und frommen— Erziehung einleuchtend zu machen, und nachdem man dieſen im Stillen begähnten Sermon am Schluß gleichfalls applaudirt, der —— iſthetiſche Profeſſor aber die Vaudeville⸗Dichter wegen ihrer ſublimen Dichtung complimentirt und dieſe ihn dafuͤr wieder gebuͤhrend geräuchert hatten: da verkündete ein Paukenwirbel und eine Trompe⸗ ten⸗Fanfare den Beginn der Preißvertheilung und ſomit der Educations⸗Comödie zweiten Aet. Alle Schuͤlerinnen des Inſtituts bildeten nun einen Halbkreis, in deſſen Mitte die Frau Vor⸗ ſteherin auf einer Art von Tribune ſtand, links nrben ſich ihr Majordomus, Mann genannt, eine mit roſenfarbenen Bändern umwundene Rolle Papier haltend, bekeit, den zuerkannten Preis ab⸗ zuleſen; rechts der ſchon erwähnte Profeſſot, der die Zuvorkommenheit haben wollte, die Blumen⸗ kronen an die Wuͤrdigerkannten zu vertheilen. Man denke ſich jetzt die Bewegung unter den Schulerinnen, die Bewegung unter den Eltern und Verwandten derſelben! Wer wird eine Krone bekommen? welche Gluͤckliche wird lobend genannt werden? Die Loyalität der Vorſteherin wußte geſchickt alle Hoffnungen, alle Wuͤnſche zu befrie⸗ digen; da war keine, die nicht in dieſem oder je⸗ nem trefflich war, beine, deren Name nicht mit — rühmlichen Erwähnungen ausgeſprochen wurde, keine, welcher der galante Profeſſor nicht für beſon⸗ dere Auszeichnung hier oder darin einen Keanz uͤberreichen konnte.— Das Entzuͤcken war all⸗ gemein, der ſchon wach gewordene Neid ver⸗ ſtummte und da alle etwas bekamen, ſo fiel es den Andern nicht ſo ſehr ſchwer, wie es wohl ſonſt der Fall geweſen ſeyn wurde, auf's Herz⸗ daß Demoiſelle Evelina Deſodry, deren Vater jetzt ſo gut bei Hofe ſtand, die mehrſten Krn⸗ das mehrſte Lob in Allem erhielt. Mur für Eine ſchien dieſer allgemeine, njd ich ſprudelnde Lobquell nicht fließen zu wollen, und doch war zuletzt dieſe Eine die Einzige, die meines Freundes an dieſem Tage beſonders ge⸗ eitzelter Eitelkeit ſpäter eine kleine Wunde bei⸗ brachte. Mademoiſelle Annette Benard war die Tochter eines braven, aber unbemittelten Mili⸗ tairs, die von der, ſich gern auch im Wohlthätig⸗ keits⸗Lichte zeigenden Vorſteherin, um den drit⸗ ten Theil des gewoͤhnlichen Koſtgeldes in die An⸗ ſtalt aufgenommen worden war. Während alle an dem heutigen Tage in dem hoͤchſten Schmucke — 151— erſchienen, hatte Annette nur ein ſehr einfaches weißeß Kleidchen an, waͤhrend allen die Preiſe und Lobreden fuͤr Sprachen, Tanz⸗ Muſik, Decla⸗ mation ꝛc. gleichſam zuſtrömten, ward ihrer gar nicht gedacht, und doch blieb ſie immer freundlich und heiter und ſah mit vergnuͤgten Blicken die Freude und den Triuimph der Gefährtinnen als aber endlich die Rede auf die Verdienſte der Häuslichkeit kam, und von denen geſprochen wurde die am beſten näheten und ihr Stuͤbchen in Ordnung hielten, da erinnerte man ſich auch ihrer, und der beſcheidene Kranz fuͤr ſtilles, weib⸗ iches Verdienſt, nach dem keine eben ſehr rang, ward ihr zuerkannt. Unter den Zuſchauern befand ſich aber ein junger Offizier von hohem Range in der Armee, ein Liebling des Kaiſers wegen ſeiner ausgezeichneten Verdienſte. Man wußte, daß er gekommen war, üm ſich unter den ſchönen Zog⸗ lingen des beruͤhmten Inſtituts im Geheimen eine kunftige Lebensgefährtin auszuſuchen, man wußte, daß ihm die glaͤnzendſte Carriere noch bevorſtand, daß vielleicht ein Marſchallsſtab ihn zieren wuͤrde war es da ein Wunder, daß die Blicke — 152— der jungen Damen auf ihm weilten, daß die lie⸗ ben Verwandten ſich den angenehmſten Hoffnun⸗ gen hingaben? Auf welche konnte aber ſeine Wahl wohl anders fallen, als auf die reizende, hochbelobte, vielfach gekroͤnte Evelina? So dachte wenigſtens Deſodry, ſo dachte die Vorſteherin, ſo die mehrſten; der junge Mann dachte aber anders. Zum Erſtaunen Aller, die dem Feſte beiwohnten, tanzte er bei dem, das Ganze ſchließenden Balle, faſt nur mit Annetten; ihr einfacher Putz hielt ihn nicht ab, nur ſie zu ſehen, und kaum waren einige Wochen verſtrichen, ſo führte er die heim, der man keinen andern Kranz, als den des ſtillen, hauslichen Fleißes hatte zuerkennen— wollen. 1 n ptet Oxt v „ err unt eis Fin 5 ſeiner Ruͤckkehr aus duuſund hatte m Fround, noch immer das wohlwollenſte Serz von der Welt im Buſen tragend, ſich laut zum Sy⸗ ſtem des Egoismus bekannt; jetzt führte er eine andere Sprache, aber leider waren auch ſeine Ge⸗ ſinnungen anders geworden. Jetzt predigte er nicht mehr den Egoismus, aber unter dem Vor⸗ wande, fuͤr ſeine Kinder ſorgen zu muͤſſen, uͤbte er ihn, und ſo hatte das Gläck, bas ihn jetzt mit ſeinen Gaben uͤberhaͤufte, ihn nicht allein zum wirklichen Egoiſten, ſondern auch zum Heuchler gemacht, der nicht ermangelte, von Uneigennützig⸗ keit, von Patriotismus, von Aufopferung fuͤr all⸗ gemeines Wohl, bei jeder Gelegenheit zu reden. — 16— Reich wieder geworden, ſehr reich, miethete er ein großes Hotel, gab glaͤnzende Dinérs, aus⸗ geſuchte Soupéts, und empfing die größten Geſell⸗ ſchaften. Bisher hatte er nur Duͤclair beſuchen können; jeßt ſah er den Hoten Baron und die Frau Baronin ſehr haͤufig bei ſich, und er und Duͤclair, dieſe beiden einſtigen Freunde der Gleich⸗ heit, ermangelten nicht, iwihrzn Salons bei jeder Gelegenheit die Anſicht zu entwickeln, daß Lot⸗ ieute doch eine andere Art von Weſen ſeyen als der übrige Troß von Menſchen. Suſette Pin⸗ ſon, jetzt Baroneſſe Duͤclair, fand beſonders die ſcharfe Begränzung der Stände zur Aufrechthal⸗ tung der algemeinen Wohlfahrt nothweldig. Matuͤrlich ſah man auch jetzt nur bei meinem Freunde Perſonen dieſer beſſern Extraction. Hof⸗ leute, Beſternte, Bebäͤnderte, trieben ſich durch⸗ einander in ſeinen Zimmern umher, mnd wie ſchienen ſie, ſich alle unter einander zu lieben! es war ordentlich ruͤhrend anzuſehen, und noch ruͤh⸗ render, wenn man horte, wie ſie ſo alle äͤchte Phi⸗ loſophen waren, denen der geſammte Tand der bunten Aeußerlichbeit rein nichts galt. Da war Keiner, der nicht gern Stern und Litel abgelegt haͤtte, um in ſtiller Abgeſchiedenheit als Weiſer zu leben, aber freilich, der Staat, das Wohl des großen Ganzen forderte das Opfer, daß ſie ferner noch die läſtige Buͤrde der Auszeichnung trugen⸗ und wenn ſo heilige Verpflichtungen rufen, muß uatürlich der der— ver⸗ Son wie dieſe aue, 8 ſprach„ 3 jetzt, und ſeine Kinder folgten ſei⸗ nem Beiſpiele nur zu treulich. Alfred, ſein äl⸗ teſter Sohn, war aus der Militairſchule als Lieutenant in ein Cavallerie⸗Regiment gekom⸗ men, und jetzt ſchon einem Diviſions⸗Generale in der Eigenſchaft eines Adjudanten zugeſelltz Guſtav, ſein zweiter, arbeitete als Secretair im Staatsrathe; Evelina ſtand, ſeitdem ſie die Pen⸗ ſion verlaſſen hatte, dem Hauſe ihres Vaters vor; da es jedoch nicht ganz paſſend war, daß ſie die Honneurs allein machte und keine Tante oder ſon⸗ ſtige Verwandte da war, ſo nahm Deſodry eine junge, noch ſehr huͤbſche Wittwe in's Haus, die, wie ſie erzahlte, mancherlei Schickſale erlitten hatte, und nun ſich mit vieler Gewandtheit in dem neuen Verhaͤltniſſe zu benehmen wußte. Afted wohnte, ſo wie ſein Bruder, mit im Hauſe; er ſollte erſt im näͤchſten Fruhjahre ſeinem im Felde ſtehenden General nachreiſen, und ſo hatte denn mein Freund die Freude, die Seinen einmal wieder alle um ſich zu ſehen. Wie glůͤck⸗ lich fuhlte er ſich jetzt! welche heitere Hoffnun⸗ gen umgaukelten ihn! Umgeben von ſeinen Kin⸗ dern, umgeben von einem Haufen vornehmer Menſchen, täglich in Geſellſchaft mit angeſehenen Perſonen, mit reizenden und geiſtreichen Frauen konnte man wohl ein ſchoͤneres Loos haben? Vorzuͤglich begluͤckte ihn die Liebe ſei⸗ net Kinder, ihre Zärtlichkeit, der Reſpect, welchen ſie gegen ihn hegten, die. u einander hatten!— Leider war dies alles aber mehr Schein als Wahrheit, mehr Flitter als innerer Gehalt. Al⸗ fred und Guſtav haßten ſich zwar nicht, aber bruͤderliche Zuneigung zu einander, kannten ſie eben ſo wenig, und ihre Schweſter?.. ſie wohnten mit ihr in einem Hauſe, ſahen ſie in . Geſellſchaft, nannten ſie Schweſter. 5rin damit war es aber auch abgemacht. Wie haͤtte es aber auch anders ſeyn koͤnnen? Alfred trieb ſich mit einem Haufen junger Libertins umher, ſpielte, trank, ritt, fuhr, hielt ſich Hunde, Pferde und gelegentlich auch Maitreſſen; war am Tage auf den Billards⸗ und Kaffeehaͤuſern, Abends in den Theatern, half hier eine Actrice beklatſchen und dort eine auspfeifen; wo ſollte noch die Zeit her⸗ kommen, ſich um andere Dinge zu bekuͤmmern? Die natuͤrliche Folge eines ſolchen Lebens waren Schulden und Duelle; die letzteren focht Alfred, dem es nicht an Muth fehlte, aus, die erſteren mußte der Vater bezahlen, der nun doch zuweilen bedenklich den Kopf ſchuͤttelte. Guſtav hatte zwar keine Schlaͤgereien und machte in dieſer Art ſeinem Vater keine Sorge, aber Schulden mußten auch bezahlt werden und ſein hochfahrendes ſuper⸗ kluges Weſen aͤrgerte meinen Freund nicht ſelten recht ſehr. Immer mit dem Wort vorne vor, uͤber alles abſprechend, ſich einbildend ein ſchoͤner Geiſt, ein Kenner der Kuͤnſte zu ſeyn, hatte er alle Augenblicke Verdruß, und da er ſich zugleich natürlich unendlich viel weiſer dünkte wie ſein Vater, ſo geſchah es oft, daß beide in ſehr hefti⸗ gen Wortwechſel geriethen, wo denn die Anmaßung, welche der eitele junge Geck blicken ließ, den letzte⸗ ren nicht wenig ſchmerzte. Dazu kam, daß er ſich in eine Intrigue mit einer angeblichen vorneh⸗ men Dame, die aber nichts weiter wie eine ver⸗ ſchmitzte Buhlerin war, einließ. Dies boſtete dem Vater, der gern alles Aufſehen vermeiden wollte, faſt noch größere Summen, wie Alfreds Pferde und Maitreſſen und zum Dant᷑ fuͤr alle dieſe Opfer, zum Dank fuͤr alle dieſe Sorgen, mußte der arme Deſodry, der von ſich ſelbſt eine ſolche Meinung hatte, der ſich ſelbſt allen andern Menſchen⸗ ſo weit uͤberlegen glaubte, ſich noch von ſeinen Soh⸗ nen als ein Menſch von beſchraͤnkten Anſichten betrachten laſſen.— Doch Evelina, die Tochter, vergutete ihm dies vielleicht alles? Ob ſie in ihrem Inſtitute ſich die Eigenſchaften erworben hatte um einſt eine gute Hausftau, eine gute Mutter zu werden, weiß ich nicht; das verſtand ſie aber vortrefflich, wie man in Geſellſchaft glänzt, wie man viel verbraucht, wie man die Dienſtleute — 3— quãlt. Schön wie ihre Mutter es einſt war, war ſie auch eben ſo coquett und bei aller Gefuͤhlvoll⸗ heit, die ſich in wohlgeſetzten Phraſen ganz vor⸗ trefflich ausſprach, konnte ſie zuweilen ſich ſehr bitter uber Madam Raulin— ihre Geſellſchafte⸗ rin— und uͤber ihren Vater ausſprechen. ut nt Als das Fruhjahr kam, ging Alfred zur Armee, Deſodry miethete ſich aber ein elegantes Land⸗ haus, wo denn die Geſellſchaften, die ihn den Winter uͤber beehrt hatten, nicht ermangelten, ſich gleichfalls einzufinden. Wegen der Zukunft ſeiner Söhne war er vollkommen ruhig; da konnte es nicht fehlen, die mußten ihren Weg machen, der Eine bald General, der andere bald Miniſter ſeyn; nur die Tochter war noch zu verſorgen und die Sache nicht ganz ſo leicht wie es den Anſchein hatte. Evelina war romantiſch und ſentimental⸗ dies hielt ſie jedoch nicht ab, auch ſtolz und eitel zu ſeyn, und wenn der Vater von dieſem oder jenem jungen Manne ſprach, der ſeinem Dafür⸗ halten nach, ſich wohl zu ſeinem Schwiegerſohne eigene, ſo fand es ſich immer, daß die Tochter etwas an ihm auszuſetzen hatte. Bald war er nicht gebildet genug, bald wieder nicht hinreichend vornehm, bald fehlte ihm Sinn fuͤr das Zarte, bald Vermögenz kurz, ſo eitel und aufgeblaſen auch der Vater jetzt ſelbſt war, ſo mußte er doch zuletzt geſtehen, ſein Töchterchen ſyanne die Saiten gar zu hoch. Dies machte ihm aber Kummer und er beſchloß— uns zum Mittel zu brauchen Eve⸗ linen auf beſſere Gedanken zu bringen. Der Hof befand ſich in Fontainebleau und die Geſellſchaften der Salons in Paris wurden dadurch minder glaͤnzend. Deſodry ſelbſt riefen oft ſein Amt, oft freier Wille nach dem kaiſerlichen Luſt⸗ ſchloſſe und da Melun nicht allzuweit ſeitwärts der Straße dahin lag, ſo erinnerte er ſich, daß wir uns ſeit der Verheirathung meiner Tochter nicht geſehen hatten. Er theilte Evelinen den Plan mit, uns zu beſuchen, ſie ſollte dann einige Tage, waͤhrend welchen er der Cour in Fontainebleau beiwohnen wollte, bei uns bleiben und auf dem Ruckwege wollte er ſie dann wieder mit nach Paris nehmen. Dies Arrangement gefiel der jungen Dames es kam ihr auf einmal in das Gedächt⸗ niß, daß mein Paul ſonſt gleichſam ihren Ver⸗ ehrer gemacht hätte, und unterwegens mit dem Vater ſich über ihn und uns unterhaltend, be⸗ dauerte ſie, daß ich weiter nichts als Profeſſor und Dockor in der Provinz, mein Sohn nur einfa⸗ cher Bataillons⸗Arzt war. Deſodry laͤchelte; er verwies mit ein Paar milden Worten der Tochter den Stolz, mit welchen ſie auf ſo werthe Ver⸗ wandte blicke und ließ dann einige Winke fallen, daß es nicht unmoglich ſey, dieſe Fehler an uns zu verbeſſern.„Aubin,“ fuhr er fort,„iſt ein trefflicher Mann; den ich ſehr ſchaͤtze und vielen Dank ſchuldig bin; meine Schweſter iſt das beſte Weibchen unter der Sonne, und Paul, Paul iſt ein eptellenter junger Menſch, der wohl..... allein du. ſo eigenſinnig; dir iſt—— genüg.“ 0 nin Eveline erröthete und ſun was von doch gar zu geringen Ausſichten, von Bedauern, daß Vetter Paul ſo wenig Ehtgeiz habe u. ſ. w. De⸗ ſodry aber fuhr fort:„Ich weiß, ich weiß; allein man muß ihm nur die Bahn öffnen und dann„ es wäre doch recht huͤbſch“. Eoeline erwiederte nichts mehrz ſie war in Il. 11 „ tiefes Nachdenken verſunken, aus welchem ſie erſt wieder erwachte, als der— vor— hielt. Die Freude, mit t die nin Ankömlinge empfangen wurden, war groß, ſie war um ſo größer, da es ſich traf daß gerade auch die uͤbrigen Glieder meiner Familie zu einem Beſuch zu uns gekommen waren. Den vorher⸗ gehenden Tag war meine Tochter und ihr Mann eingetroffen, mein Sohn, der die Beſorgung eines Militär⸗Krankenhauſes in der Nahe uͤber⸗ nommen hatte, erſt denſelben Morgen. So waren wir denn beinah alle beiſammen und ver⸗ lebten einige recht frohe Tage. Deſodry konnte jedoch nur kurze Zeit bei uns bleiben; ſein Amt rief———— W⸗ er zuruͤck. 5 Auf dem Vege mi ſih die Sache mit uns noch einmal.„ Waͤr es nicht Zeit,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„nun auch an meine uͤbrige Familie zu denken? Ja, ich will es, denn es iſt edel, es iſt großmuͤthig, wenn ich das Gluͤck meines Schwagers, meiner Schweſter, — 168— ihres Sohnes, ihrer Tochter, ihres Schwieger⸗ ſohnes mache!„„ Und wer weiß, was alsdann Paul hat etwas gelernt, er kann einen bedeutenden Platz bekommen.. Ja, es iſt beſchloſſen, ich will der Wohlthäter meiner Familie werden, ich will Aubin zeigen, daß ich kein Egoiſt bin; durch Wohlthaten will ich ſeine Anſicht von mir widerlegen.“ Er begann nun, angelangt in Fontainebleau, ſogleich alle ihm zu Gebote ſtehende Mittel in Be⸗ wegung zu ſetzen„und da er jetzt ein Mann war, der gelegentlich Andern am Hofe dienen konnte, ſo fehlte es nicht daß auch ſeine Wuͤnſche beruͤck⸗ ſichtigt wurden. Er erhielt was er bat, Auszeich⸗ nungen und Stellen für mich, für meinen Sohn, für meinen Tochtermann, und, ſtolz unſer Gluͤck ohne unſer Wiſſen gemacht zu haben, uͤberzeugt wir wurden unſer Loos und ſeine Fuͤrſorge preiſen, eilte er nach Melun zuruͤck, um da den Dank der durch ihn Erhobenen zu aͤrndten. „ene e D. erſten Tag welchen Evelint ſich bei uns befand, war ſie munter, offen, gut und freund⸗ lich; aber ſchon am nächſten Morgen änderte ſich ihre Laune. Sie wurde grilig, eigenſi nnig, pre⸗ tiss und kein Menſch ſchien ihr mehr etwas zu Danke machen zu können, ſo ſehr wir uns auch alle beſtrebten, uns zuvorkommend gegen ſie zu beweiſen. Was war aber die Urſache hiervon? Mein Sohn zeigte ſich nicht ſo gegen ſie, wie ſie es wünſchtr. Er war artig, galant, zutraulich als Verwandter, aber auch weiter nichts und felbſt wenn ſie der mit ihm gemeinſchaftlich verlebten Kinderjahre gedachte, blieb er in dieſer Zuruck. haltung, die ich ihm, den Sinn der eitlen Schö⸗ —— nen immer mehr etkennend, nicht verdenken konnte. Endlich kam Deſodry wieder anz wir ſaßen gerade beim Fruͤhſtuͤck als er vorfuhr und nun mit einem gewaltig wichtig thuendem Weſen ins Zimmer trat. Seine Stirn glaͤnzte dabei vor Vergnuͤgen, alle ſeine Zuͤge verriethen Heiterkeit; er betrachtete uns einen nach dem andern mit ſtol⸗ zen, triumphirenden Blicken. Meine gute Pau⸗ line, die ſich ſonſt zuweilen über den geſuchten Ernſt in ſeinem Benehmen beklagt hatte, war entzuͤckt ihn ſo freudig zu ſehen und fragte ihn nach dem Grunde dazu.„Wie ſollte ich nicht froͤhlich ſeyn,“ entgegnete er,„nicht auf den Gipfel der Freude, da ich ſolche Nachrichten mit⸗ bringe!“„Iſt dir etwas Gutes begegnet?“ fuhr meine Gattin fort.„Ja! mir, Euch, allen! Um Eurentwillen, meine lieben Freunde, freue ich mich; Euch betreffen meine Nachrichten.“ Wir drangen in ihn, deutlicher zu ſprechen.„Ge⸗ duld,“ rief er jetzt ſich in die Bruſt werfend, „Geduld! Ihr ſollt alles wiſſen. Vorher muß ich aber mit Dir, mein lieber Aubin, ein Paar Worte allein reden.“ Aufs aͤußerſte geſpannt, 3 — 166— was da herauskommen würde, ſun ich— in ein anderes Zimmer. „Mein Aubin, mein Bruder!“ rief er hier mich umarmend und ſein Ton wurde noch geheim⸗ nißvoller, noch gerührter gleichſam;„Du ſollſt jetzt ſehen, ob das Syſtem der Eigenliebe, welches ich mir zur Richtſchnur meiner Handlungen ge⸗ nommen habe und das Du immer ſo ſehr tadelſt, ob dies Syſtem, ſage ich, nur das eines groben Egoismus iſt. Du ſolſſt jett ſehen, ob es richtig geleitet, nicht faͤhig iſt, uns zu den edelſten und großmuͤthigſten Handlungen zu bringen. Ver⸗ nimm denn was ich fuͤr Dich, fuͤr die Deinen, die ihr mir alle ſo nahe ſeyd, während der Paar Tage, die ich in Fontainebleau war, gethan habe. Es hat mir viel Muͤhe gemacht, viele— aber es war eine ſuͤße Beſchwerde. Der Gedanke an Euch, an Euer Gluͤck, an die Ehre, an den Glanz meiner Familie, ließ mich alles uͤberwin⸗ den. O, ich mußte viele Umwege machen, aber ich habe ſie gemacht; ich mußte viere Hinderniſſe überwinden; ich habe ſie uͤberwunden, ich habe — 161— über alle Mitconcurrenten geſiegt, vollſtaͤndig, gaͤnzlich, und das blos fuͤr Euch!“ z„Nun, was iſt es denn?“ fragte ich ein wenig ungeduldig werdend.„Hoͤre und erſtaune. Du warſt Lehrer an der Normalſchule, du warſt Profeſſor an der Centralſchule des Seine und Marne Departements; jetzt, da man die Univer⸗ ſität organiſirt, habe ich es dahin gebracht, daß man Dich zum Geheimen⸗Rath ernannt hat.“ „Wie?“„Ruhig! Zugleich biſt Du zum Leibarzt von Madame der Mutter des Kaiſers“ „Ich!“„Ruhig; hoͤr' weiter. Das Deyarte⸗ ment der Seine und Marne hat jetzt eine Stelle im geſetzgebenden Corps zu beſetzen, und ich habe die Hoffnung, die Gewißheit vielmehr, daß Du ſie auszufuͤllen erwäͤhlt werden wirſt. Ja Du, Du wirſt mein College in Zukunft ſeyn. Noch mehr; es iſt jetzt gleichfalls in der erſten Claſſe des Inſtituts, in den Section der Naturwiſſen⸗ ſchaft ein Platz offen und auch den bekömſt Du, wenn Du Dich auf die Wahlliſte ſchreiben läßt.“ „Aber mein lieber Deſodry?“ „Ruhig, ich bin noch nicht fertig. Dein Schwie⸗ gerſohn, ein ſo achtbarer als verdienter Fabrikant, iſt durch meine Vermittelung zum Mitglied des Departemental⸗Raths ſeines Bezirks ernaunt worden. Noch mehr, der Kaiſer ſelbſt, hat ihn zum Kammerherrn bei der Prinzeſſin Stephanie creirt und endlich habe ich fuͤr deinen Sohn, meinen theuern Neveu„ die ſichere Ausſicht, daß er die erſten frei werdende Stelle eines Oberſteuer⸗ einnehmers erhaͤlt.— So ſeyd Ihr denn alle zuſammen auf den beſten Weg gebracht und wenn Ihr mir nun folgen und huͤbſch aufmerkſam ſeyn wollt, auf alles was paſſirt, auf alles dabei Acht habt, was frei wird und ſelbſt nicht frei wird, ſo leidet es keinen Zweifel daß Du und dein Tochter⸗ mann und dein Sohn, da nicht ſtehen bleiben werden, wo Ihr jetzt ſteht. Ihr werdet, Ihr muͤßt von jetzt an ſteigen, ſteigen, ſo hoch ſteigen wie mein trefflicher Freund, der Baron Duͤclair, und ich habe die Satisfaction es geweſen zu ſeyn, der Euch den Weg bahnte.“ WMein Erſtaunen war ſo groß, daß ich ein Paar Augenblicke nichts zu entgegnen vermochte. Deſodry glaubte die Freude mache mich verſtum⸗ menz wie betroffen war er aber, als ich heftig ausrief: Biſt Du wahnſinnig geworden, daß Du dies alles ohne mich vorher zu fragen unter⸗ nimmſt? Ich verwerfe deine Ehrenplätze, ich will zu nichts ernannt werden, ich verlange nichts von alle dem, was Du mir bieteſt. Es ſind Stellen darunter die ich nicht auszufuͤllen vermag und andere, die ich nicht ausfuͤllen will.“ Jetzt war die Reihe zu verſtummen an Deſodry; er ſah mich erſchrocken mit großen Augen anz endlich ſtotterte er:„Unmöglich! dies kann dein Ernſt nicht ſeyn. Weißt Du daß der Kaiſer Dich ſelbſt dazu ernannt hat, daß er Deine Aufnahme in's geſetzgebende Corps billigte?“„Meinetwegen,“ erwiederte ich.„Du wirſt doch das nicht ver⸗ werfen, was Dir der Kaiſer bietet?“„Warum nicht? wenn er es mir unaufgefordert aufdringt.“ „Das heißt aber das Gluͤck zur Thuͤr hinausja⸗ gen.“„Ich will nicht auf dieſe Art glucklich ſeyn.“„Wie? Du, der Patriot, der Menſchen⸗ freund, wollte ſich weigern, ſeinen Mitmenſchen, dem Staate zu dienen?“„Ich diene beiden in der mir angemeſſenen Sphaͤre am beſten.“„Aber — 170— ſo bedenke doch, wie ſchrecklich Du mich rompro⸗ mittirſt.“„Wer S5 es 95 die Sache anzu⸗ fangen?“ Je weiter wir— je neht fühue ſc Deſodry gekraͤnkt und geängſtigt. Dies dauerte mich, und meine anfaͤngliche Heftigkeit bereuend, ſprach ich nun, obgleich dabei immer ſtandhaft die Annahme alles Angebotenen ausſchlagend, ruhi⸗ ger; je milder mein Ton indeß wurde, je heftiger wurde nun aber er, und da er gar nicht enden konnte, ſo ſagte ich zuletzt lächelnd:„Aber ge⸗ ſteh' doch ſelbſt, daß es eine unerhorte Tyrannei iſt, mich gegen meinen Willen zu etwas machen zu wollen, was ich nicht zu ſeyn wuͤnſche. Du biſt wahrlich eben ſolch ein Deſpot, wie dein Herr.“„Schweig, Unglucklicher!“ rief er hier aus,„es fehlt noch, daß Du uns alle durch Ma⸗ jeſtaͤtsläſterungen in's Verderben ſtuͤrzeſt. O, wie werde ich fuͤr meine Gute, fuͤr meine Aufopferun⸗ gen belohnt! Das iſt der Dank, wenn man ein Thor iſt uud Andern dients“ PHier konnte ich mich doch einer kleinen Aufwallung nicht enthal⸗ ten.„Freund“, ſprach ich,„täuſche Dich und — 171— mich nicht. Mir mußt Du nicht ſagen, daß Du hier nur fuͤr uns gehandelt haſt. Nicht meinet⸗, nicht der Meinigen wegen haſt Du intriguirt, nein! blos Deiner ſelbſt willen. Ja, Du haſt Dir uͤberlegt, daß es Dir vortheilhaft ſeyn wuͤrde, wenn Deine Familie hier und da in bedeutenden Poſten angeſtellt waͤre; Du haſt gerechnet, daß ſie Dich dann, je mehr ſie ſich befeſtigt und mächtiger wird, gegen Deine Feinde, die Du, wie jeder Ehr⸗ geitzige haſt, vertheidigen helfen kann und haſt Dich ſo ſelbſt noch feſter, noch hoͤher ſtellen wol⸗ len. Indem Du ſcheinbar den Wohlthaͤter der Deinen zu machen ſuchteſt, haſt Du uns zugleich zu Deinen Sclaven machen wollen, die fuͤr die ſchonen Stellen, welche Du ihnen verſchaffteſt, Deinem Willen gehorchen, Deinen Launen fröhnen ſollten. Da haͤtteſt Du dann den Patron geſpielt, den die Zahl ſeiner ergebenen Clienten maͤchtig machen muß. Sieh, dies, dies iſt es, was Du Wohlwollen, Liebe fuͤr uns, Aufopfe⸗ rung fur die Deinen nennſt, was ich aber nur als Eitelkeit oder Egoismus anerkennen kann.“ Dieſe offene, runde Erklaͤrung trieb den Zorn — 172— meines Schwagers auf den höchſten Gipfel. „Undankbarer!“ ſchrie er mir außer ſich zu,„ich verach Ploͤtzlich hielt er inne, und die Lippen zuſammenbeißend, fuhr er nach kurzer Pauſe fort:„Wenigſtens ſollteſt Du Dich be⸗ gnuͤgen, nur Dich ſelbſt und nicht auch die Dei⸗ nigen durch Deine Unklugheit um alle Ausſichten zu bringen. Mag Deine ſaubere Philoſophie ausſchlagen, was das Gluͤck Dir bietet; aber Dein Schwiegerſohn, Dein Sohn“„. „Mögen die“, fiel ich ein,„wählen, was ſie wol⸗ len. Genehmigen ſie die ungeſuchten Anerbie⸗ tungen, ſo ſoll es mir recht ſeyn.“ Ich ging nun, meinen Sohn und Des⸗ mares zu rufen. Beide erſchienen ſogleich und ich trug ihnen die Sache vor; um indeſſen auch den Schein zu vermeiden, als wuͤnſchte ich, daß ſie meinem Beiſpiele unbedingt folgten, bat ich ſie, ſelbſt ſich die Sache wohl zu uberlegen, und fing an, waͤhrend ſie ſich mit Deſodry beſpra⸗ chen, mich mit etwas Anderem zu beſchaͤftigen. Desmares erklaͤrte, daß er die Stelle im Depar⸗ temental⸗Rath ſeines Bezirks annehme, weil er — 13— hoffe, hier nutzlich werden zu können; den Kammer⸗ herrnſchluſſel verbat er ſich aber, da ihm ſeine Unabhängigkeit zu licb ſey, und ihn auch ſein Geſchaͤft abhalte, den Hofmann zu machen, welche Rolle ihm doch nur ſchlecht gelingen duͤrfte. Mein Sohn lachte dagegen gerade heraus) als er vernahm, daß er bei der Steuer angeſtellt werden ſolte, und als ich ihm nun dieſen Ausbruch von Luſtigkeit verwies und bemerklich machte, daß ſein Onkel geglaubt habe, fuͤr ſein Beſtes zu wirken, da tief dieſer mit Heftigkeit:„O, ſchön! ſchön! ſchilt ihn nur zum Schein, waͤhrend Du ihn im Herzen lobſt. Aber das ſind die Folgen Deiner hetrlichen Lehren, der philantropiſchen, ideologi⸗ ſchen Weisheit, mit welcher Du Dich bruͤſteſt und wodurch unſere Jugend verdorben wird und der Staat neuerdings an den Rand des Abgrunds geſchleudert werden wuͤrde, hätte es der Vorſehung nicht gefallen, Frankreichs Wohl in die Hand eines ſo erhabenen Genies, wie unſer Kaiſer, zu legen. Doch, was erzuͤrne ich mich noch. Ich bin ein Thor geweſen, mich fuͤr Undankbare auf⸗ zuopfern, und ſehe neuerdings ein, wie der Weiſe — Recht hat, wenn er nur fur ſich ſelbſt ſorgt. Mag man Su unter die unuftiebenen⸗ ſibten 4 mit ne Ideen erföhrt⸗ mit ihr Euch ſelbſt compromittiren; ich kuͤmmere mich um nichts mehr, ich waſche meine Haͤnde in Un⸗ ſchuld; mir kann man bei Hofe keinen Vorwurf wegen Eurer Thorheit machen.“ Damit ſtuͤrmte er aus dem Zimmer und langſam S wir Vine Frau und meine Tochter waren— der Zeit faſt vergangen vor Neugier; Eveline hatte ſich an's Pianoforte geſetzt und ſchien noch verſtimmter, wie bisher. Als Deſodry jetzt mit Zorn gerotheten Wangen hereintrat, fuhren alle auf; am mehrſten erſchrak meine gute Pauline. Beſorgt ſah ſie bald mich, bald ihn an, und als er jetzt den Wagen beſtellte und ſeiner Tochter be⸗ fahlh ſich zur Abreiſe zu ruſten, da traten ihr die Thränen in die Augen, und mit wehwüthiger Stimme fragte ſie ihn, was er denn habe? Er antwortete nicht. Ich verſuchte ein Geſpräͤch mit ihm anzuknuͤpfenz er ſah mich von der Seite an. „Zwiſchen uns, mein Herr,“ entgegnete er hoch⸗ fahrend,„iſt keine Bheihuns,— Sie mich.“ ön n 5 Jetzt fuhr der Wagen vor, und. zu mMn Frau ſich wendend, ſprach er nur:„Leb' wohl, Pauline gegen Dich habe ich nichts; aber Dein Mann, Dein Sohn, Dein Schwieger⸗ ſohn. Eveline zog ihn fort. Unter der Thuͤre des Hauſes verſuchte mein Sohn noch ein⸗ mal, ihn zu beſaͤnftigen.„Schweig!“ rief er aus,„Du biſt ein Unbeſonnener, Du weißt nicht, welch ein Gluͤck du von Dir ſtoͤßt. Ja, meine zu gute Tochter“.. Eveline erblaßte; ſie fuͤrchtete, er moͤchte im Zorn eine Indiscretion begehen und ſchob ihn nur geſchwind in den Wagen⸗ der auf ihren Wink ſogleich fort⸗ rollte. Unterweges ſchuͤtteten Vater und Tochter gegenſeitig ihre Herzen uͤber uns aus. Sie er⸗ zählte ihm, daß mein Sohn eine gemeine Nei⸗ gung zu einer Verwandtin ſeines Schwagers habe, daß meine Julie die Vertraute ſey, und daß er im Begriff ſtehe, um die widerliche Perſon anzuhal⸗ ten.„Sie konnen leicht denken“, fuhr ſie fort, „daß es mir nicht in den Sinn gekommen ſt, auf Vetter Paul zu denken. Indeß, wenn er vernuͤnftig geweſen waͤre und Ihre Guͤte benutzt hatte. So aber, Gott ſoll mich behuͤ⸗ ten, daß ich neidiſch auf die Glücktiche wäre, die ſein philoſophiſches Herz zu feſſeln wußte.“ Dieſe Eröffnung befeuerte noch den Unwillen De⸗ ſodry's gegen mich und meinen Sohn. Er ſchalt in einem fort auf uns und beide erſchoͤpften ſich Meinen Paul anlangend, ſo ſchien dieſer wirklich nur Evelina's Abreiſe erwartet zu haben, um uns ſeine Neigung zu der Verwandtin won Desmares, einem braven, lieben Mädchen, zu geſtehen, mit welcher er ſich auch kurze Zeit bat⸗ auf zu unſerer aller Freude verband. Siebzehntes Kapitel. Evelina's Verheirathung. De Befuͤrchtungen Deſodry's in Betreff un⸗ ſerer trafen nicht ein; obſchon wir ſo kuͤhn gewe⸗ ſen waren, die uns angetragenen ſchoͤnen Stellen auszuſchlagen, verfolgte man uns doch nicht, wie er prophezeihte, und Dank dem Einfluſſe ſeines Freundes Duͤclair und ſeiner eigenen Gewandt⸗ heit, hatte auch fur ihn die Sache keine nachthei⸗ ligen Folgen. Demohngeachtet vergab er mir. aber meine Weigerung nicht, ſondern behielt fort⸗ während einen Groll gegen mich. Eveline anlangend, tröſtete ſich dieſe dagegen wegen dem Fehlſchlag mit meinem Sohne ſehr bald. Der herankommende Winter brachte eine Menge Baͤlle, Conzerte und andere Zerſtreuungen mit; III. 12 — 178— wie hätte ſie uns da nicht vergeſſen ſollen? Jung, huͤbſch, die Tochter eines angeſehenen und wieder ſehr reichen Mannes, konnte es ihr an Verehrern, die nach ihrer Hand ſeufzten, nicht fehlen, und mehr verlangte ſie ja nicht. Unter denen, die ſich beſonders durch Aufmerk⸗ ſamkeit um ſie auszeichneten, befand ſich ein junger Mann, Diboval mit Namen, der ein vertrauter Freund von ihrem Bruder Guſtav war, und nicht allein hoffen durfte, einſt ſehr reich zu werden, ſondern auch eine anſehnliche Stelle zu erhalten. Geiſt beſaß er freilich nicht viel, aber deſto mehr Gemüch, denn wer heut zu Tage wei⸗ ter nichts hat, bet vies— und obſchon man ihn mnehin bischen fade nennen konnte, ſo war er doch huͤbſch, wußte ſich zu präſentiren und tanzte zum Entzuͤcken. Natuͤrlich machte er ſchon dieſer Eigenſchaft wegen den ſteten Begleiter von Demoiſelle Deſodry, und da ſie mit ihm den mehrſten Beifall auf den Bällen erhielt— denn auch Eveline war ja eine vortreffliche Taͤnzerin— ſo konnte es nicht fehlen, die Herzen mußten ſich finden. Nach einer Gavotte, in welcher ſich beide „ — 479— ſelbſt ubertroffen hatten, ſchmolzen die Seelen in einander, und von dieſem Augenblick an wechſelte das liebende Pärchen fleißig Briefe. Eine Zeit lang blieb dieſe zarte Neigung aler Welt ein Geheimniß; endlich uͤberraſchte Ma⸗ dame Diboval ihren Sohn bei einer empfindſa⸗ men Epiſtel und ſogleich benachrichtigte ſie Herrn Deſodry davon. Was ſollte der thun? Der junge Mann hatte erklaͤrt, er wuͤrde ewig un⸗ gluͤcklich ſeyn, wenn er die himmliſche Eveline nicht bekäm', und ſie rief mit Pathos aus, daß ſie lieber die gränzenloſeſten Martern ertragen, als ihm entſagen wolle. Dies rührte meinen ge⸗ fuͤhlvollen Freund.„Nein!“ tief er mit eben ſo viel Pathos aus,„ich bin kein Barbar der ſein Kind opfert. Meine Tochter ſoll frei ihr Her⸗ zen folgen und zög' es ſie in eine Huͤtte.“ Dabei erwog er jedoch ſehr emſig die Verhaͤltniſſe der Familie Diboval, erkundigte ſich genau, wie ſie mit dem Hofe ſtand, und da dies alles ſo war, wie er wuͤnſchte, und einige Schwierigkeiten, die ſich wegen des Ehecontractes zwiſchen beiden Thei⸗ len erhoben hatten, zuletzt gluͤcklich ausgeglichen wurden, ſo beſtimmte man den Tag der Unter⸗ zeichnung, und Deſodry eilte nun, die Sache ſei⸗ nem Freunde Duͤclair mitzutheilen. „Wie!“ rief dieſer, hoͤrend, wie weit die Verhandlungen ſchon gediehen waren, aus: „Wie! Sie wollen Ihre liebenswuͤrdige Eveline, die auf die glaͤnzendſte Parthie Anſpruch machen kann, einem Menſchen geben, der noch nichts iſt?“„Oh, pfui doch!“ fiel die Frau Baronin ein,„wie konnen ſie einen ſolchen Engel einem Roturier opfern?“— Deſodry ſtotterte verbluͤfft etwas von Evelinens Liebe, Dibovals Vermo⸗ gen ꝛc. her; alles dies ſchien aber weder dem Herrn Baron, noch ſeiner Gemahlin, ſehr beach⸗ tenswerth.„Laſſen Sie ſich doch nicht ſo von ih⸗ ren Kindern beherrſchen“, ſprach Duͤclair.„Junge Leute folgen blos ihren thörichten Neigungen;z an den Eltern iſt es, ſie zu leiten.“ Am mehrſten ward mein Freund jedoch durch die Spoͤttereien der gnädigen Frau uber ſeinen kleinlichen und bür⸗ gerlichen Geſchmack aus der Faſſung gebracht. Suſette Pinſon war die erklaͤtte Finin aller WMißheirathen geworden. — 181— Sehr beſtuͤrzt kehrte Deſodry in ſeine Woh⸗ nung zuruͤck; er wagte das, was der Herr Baron und deſſen Gattin geaͤußert hatten, den Seinigen nicht wieder zu ſagen, und um nur ihren Fragen zu entgehen, erklaͤrte er, in der hoͤchſten Verlegen⸗ heit, Gönner ſey entzuͤckt 656 die Verbin⸗ — Noch benſelben Abend— Duclair eiligſt te ihm vor.„Umarmen Sie mich, mein Freund!“ rief er aus,„ich bin ein Bote des Gluͤcks; o, ich habe fuͤr Sie gewirkt! So eben komme ich von Hofe; Ihre Eveline, das herrliche Mädchen, iſt verſorgt. General C**r wirbt um ihre Hand. Seine Wunden noͤthigen ihn, den Militairdienſt zu verlaſſen, und jetzt wird er in die diplomatiſche Carriere treten. Es iſt die Rede davon, ihn als Geſandten an einen deutſchen Hof zu ſenden. Der Kaiſer liebt ihn, er liebt ihn, ſag' ich, ſo, ſo, daß er ſich ſelbſt mit der Sorge befaßte, ihm eine Parthie auszuſuchen, und da„o, mein glucklicher Freund! hat Se. Majeſtaͤt die Augen auf ihre Tochter geworfen Ich mußte ſo eben unſuijwtn Kaiſer einen wichtigen Rapport abſtatten; ich war in ſeinem Cabinett, allein, Freund! eine halbe Stunde mit ihm allein⸗ Da ſagte er es mir ſelbſt; hoͤren Sie wohl, mir ſelbſt.— Er ſagte, ich ſollte es Ihnen melden, Sie wuͤrden ihm eine Freude machen, wenn na Ihre Tochter dem General gaͤben.“ Deſodry war außer ſich.„Wie?“ rief er, „das fagte der Kaiſer! O, großer Gott, mein Souverain wird eine Freude haben, wenn ich Ja, ich gehorche, ich gehorche! Ach, baß i ſo glucklich werden muß, Sr.— einen Gefallen erweiſen zu können!“ In ſeinem Entzuͤcken vergaß mein Freund, nach dem Alter, nach dem Charakter und nach den Vermögensumſtänden des Generals zu erkundigen. Wozu bedurfte es dies aber auch? Der Kaiſer wuͤnſchte die Verbindung, dies reichte hin. Man kam uͤberein, den General gleich den folgenden Tag der Erkornen zu präſentiren.„Aber“, be⸗ merkte Deſodry, hier doch wieder ein bischen angſtlich werdend,„was wird mein Sohn Guſtav ſagen, daß ſein Freund Diboval auf Evelinens Hand verzichten ſoll, und was Gveline, die ihn — ſo graͤnzenlos liebt?— Von dieſer ſchweren Sorge ward ſein Herz indeß bald befreit. Guſtav war, wie Herr Duͤclair vorausſah, ſo vernuͤnftig, die„hoͤchſten Ruͤckſichten“, welche hier obwalte⸗ ten, gehorſamſt zu beherzigen, ja, er uͤbernahm ſelbſt, gemeinſchaftlich mit der Frau Baroneſſe Duͤclair, den ſchwierigen Auftrag, ſeiner Schweſter die Sache zu hinterbringen. Hier fuͤrchtete man indeß doch einen harten Kampf und ruͤſtete ſich deswegen gehoͤrig mit Argumenten; allein auch dies war ziemlich unnoͤthig.„Ein General! ein Geſandter!“ rief Eveline freudig erſchrocken; plotzlich beſann ſie ſich aber auf ihre Liebe zu Di⸗ boval und begann nun ſehr pathetiſch zu reden, ſehr ruͤhrend zu klagen und dabei gewaltig zu wei⸗ nen. Madame Duͤclair ließ ſich jedoch hierdurch nicht irre machen; ihren Bemerkungen, vor allem ihrem beißenden Spotte uͤber die buͤrgerlichen Verhaͤltniſſe Dibovals, gelang es ſehr bald, die Troſtloſe zu troͤſten, und da Guſtav und zuletzt der Vater ſelbſt das Gluͤck, den Monarchen ſich zu verbinden, ihr in das gehoͤrige Licht ſetzten, ſo wich die ewige Liebe der klugen Ueberlegung, und — 164— Mademoiſelle Deſohr erklrte ſi ſich bereit, Gene ralin und Geſandtin zu werden. Wer war jetzt glůckticher, als mein greund! Vit Thränen in den Augen pries er den Herois⸗ mus ſeiner Tochter, und wie beſtimmt, machte der neue Bräutigam der neuen Braut am folgen⸗ den Tage ſeine Aufwartung. General C*** war weder jung, noch liebens⸗ wuͤrdig, aber er war General und Geſandter und mit Orden geſchmuͤckt; er hatte Schulden und hoffte ſie mit dem Vermoͤgen ſeiner Frau zu be⸗ zahlen; aber der Kaiſer hatte gewuͤnſcht, daß man ihn zum Gatten waͤhlte; mußte er da nicht ge⸗ fallen? Vater und Tochter und Sohn fanden ihn zum Entzuͤcken; es gab keinen angenehmern, kei⸗ nen vortrefflichern, keinen hinreißendern— wie ihn.— Während man noch ſo mit ihm ſich guriſ⸗ zirte und er auf gute Manier die Summe zu er⸗ fahren ſuchte, welche Eveline ihm zubringen würde, trat ein Bedienter ein und fluͤſterte meinem Freunde einige Worte zu. Deſodry erblaßte und flüſterte ſeinem Sohne etwas zu; dieſer ward — 185— nicht minder beſtuͤrzt und ſagte leiſe einige Worte zu Duͤclair. Endlich ging Deſodry hinaus; nicht lange, ſo wurde Guſtav gerufen, und aber⸗ mals nicht lange, der Herr Baron Duclair ge⸗ beten, doch guͤtigſt auf einen Augenblick in Herrn Deſodry's Cabinett zu kommen. Was hatte das aber zu bedeuten? Der alte Herr Diboval war mit ſeinem Sohne gekommen, um der jungen Dame ihre Aufwartung zu machen, und nun rief mein Freund in großer Verlegenheit ſeinen Sohn zu Huͤlfe und dieſer Duͤclair. Die Situation war hoͤchſt unangenehm, al⸗ lein, geſprochen mußte einmal werden, und ſo nahm denn der Herr Baron das Wort und ſetzte die Herren au fait. Herr Diboval der Vater verneigte ſich, als er von dem Wunſch der Ma⸗ jeſtät hoͤrte, und ſah ein, daß ſich hier nichts mehr thun ließ, und Herr Diboval der Sohn geſtand unter Seufzen daſſelbe zu. Aber ſehen, ſehen wollte er doch noch gern ein Mal die Theure, die ſo herrlich tanzte, doch auch dies wußte ihm Duͤ⸗ clair auszureden.„Was kann es helfen“, ſprach er,„daß Sie ſich gegenſeitig noch die Herzen —— S ſchwer machen, und zu dem es geht gar nicht, denn der Herr General befindet ſich ſo eben mit meiner Gemahlin bei ihr.“„Ah, wenn Se. Excellenz“„entgegnete Herr Diboval der Aeltere.„Ja dann“, fiel der Sohn ein,„aller⸗ dings; ich beſcheide mich.“ Die Herren zogen nun wieder ab, und ſtatt ihrer unterſchrieb die Excellenz an demſelben Tage, welchen man zur Ausfertigung des Kon⸗ traktes mit Diboval beſtimmt hatte, das ganz zu Gunſten des vornehmen Schwiegerſohnes lautende Inſtrument. Drei Tage hindurch zitterte jedoch die Fa⸗ milie Diboval fuͤr ihren Sproͤßling; am vierten war aber ein großer Ball, auf welchem ſich zum Gluͤck eine junge Dame befand, die bei⸗ nahe eben ſo gut tanzte, wie Demoiſelle De⸗ ſodry. Dies troͤſtete den verzweifelnden Lieb⸗ haber gewaltig, und als zwei Monate verſtri⸗ chen waren, fuͤhrte er, beruhigt durch und durch, die ſchoͤne Taͤnzerin heim. ˙ Faſt um dieſelbe Zeit fand auch die Verbin⸗ dung des Generals mit Eveline ſtatt. Deſodry, —— noch immer bitterböſe auf uns, meldete uns dies Ereigniß blos durch Karten, und ein Brief, den meine gute Frau voll herzlicher Wuͤnſche an ihn ſchrieb, ſo wie meine fruͤhere freund⸗ ſchaftliche Meldung von der Verheirathung mei⸗ nes Sohnes, blieben unbeantwortet. Einige Tage nach der Vermaͤhlung ſeiner Tochter ward mein Schwager zum Ritter der Ehrenlegion, zum maitre de requstes und Ba⸗ ron des Reichs ernannt; ſeinen Freund Duͤclair holte er jedoch dennoch nicht ein; während man ihm das Band des Ordens verlieh, bekam jener das Großkreuz, waͤhrend er Baron wurde, wurde jener Graf. Achtzehntes Kapitel. Wen genoſſen damals einer ſ6 nhm Frie⸗ denspauſen der kaiſerlichen Regierung und Alfred, der unterdeſſen ſeinen erſten Feldzug gemacht und Capitain geworden war, konnte der Hochzeit ſeiner Schweſter beiwohnen. Bald ſollte Deſodry jedoch des Gluͤckes, die Seinigen um ſich zu ſehen, be⸗ raubt werden. Ein neuer Krieg brach aus, Al⸗ fred ging, voll glaͤnzender Hoffnungen, die ſein Vater mit ihm theilte, zur Armee; Evelinas Ge⸗ mahl trat, die Gattin mit ſich nehmend, die vor Freude außer ſich war eine Exellenz geheirathet zu haben, ſeinen Geſandtſchaftspoſten an und Guſtav wurde bald darauf als Cabinetts⸗Courier mit — 189— wichtigen Depeſchen in das Hauptquar⸗ tier geſendet. Die Einſamkeit, welche meinen Freund jetzt in ſeinem Hauſe, trotz dem Glanz und der Pracht umgab, ward ihm bald ſehr druͤckend, doppelt, da ſich zu dieſem Gefuͤhle noch mancher Kummer geſellte, den ihm ſeine Kinder machten. Alfred hatte waͤhrend ſeines Aufenthaltes in Paris, bunt gewirthſchaftet und anſehnliche Schulden gemacht. Kaum hatte der Vater die Glaͤubiger befeiedigt und den Schreiern den Mund mit Geld geſtopft, ſo ruckte eine neue Schaar äͤhnlicher Menſchen an, denn Guſtav, der geſetzte, weiſe Guſtav, hatte genau daſſelbe im geheim geuͤbt, was ſein Bruder unverholen trieb, und nun begann auch noch der vor⸗ nehme Herr Schwiegerſohn, durch einen ſehr arti⸗ gen und ſehr geſchliffenen, aber dabei auch ſehr dringenden Rechts⸗Bevollmaͤchtigten, die ablau⸗ fenden Termine des Heirathsgutes ſeiner Gemah⸗ lin nebſt Zinſen bis auf den letzten— ein⸗ fordern zu laſſen. Dies und das ihm täͤglich unangenehmer wer⸗ dende Gefuͤhl der Einſamkeit, bewog endlich — * — 190— Deſodry, ernſtlich daran zu denken, ſich wieder zu vermaͤhlen, natuͤrlich aber mit einer reichen und zugleich vornehmen Perſon. Nach langem Hin⸗ und herſinnen fiel endlich ſeine Wahl auf die Wittwe eines waͤhrend der Emigration geſtorbenen Adligen, des Grafen Corbin, deren Schwager, den Chevalier und ehemaligen Ludwigsritter Cor⸗ bin, er jetzt zu ſeinen intimen Freunden rechnete. Entſproſſen aus einer alten Familie gehoͤrte der Chevalier zu der kleinen Zahl derer, die nicht in die allgemeine Bewunderung und noch allge⸗ meinere Kriecherei gegen den großen Mann ein⸗ ſtimmten, welcher damals Frankreich beherrſchte; im Gegentheil ſprach er oft ziemlich frei uͤber Na⸗ 6 poleon, der ſeiner Angabe nach— und wie viele beteten ihm dies nach, als der Lowe gefallen war!— nichts weiter wie ein ehrſuͤchtiger Jako⸗* biner ſeyn ſollte. Dieſe Fronderie verhinderte jedoch nicht daß der Chevalier in allen vornehmen Geſellſchaften— beſonders der Neu⸗Adligen, die es ſich zur Ehre ſchaͤtzten, die Alt⸗Adligen in ihren Salons zu tractiren— ſehr geſucht wurde, und warum ſollte er dies nicht? Der cidevant Ludwigsritter wußte viel und angenehm zu plau⸗ dern, ſeine Manieren dienten den Neuen zum Prototyp, und dabei war er ſo familiär, ſo ſich anſchließend„es konnte nicht fehlen, die Barone und Grafen von geſtern mußten ſich ge⸗ ſchmeichelt fuͤhlen. Noch Eins kam dazu ihn intereſſant zu machen. Herr von Corbin ſpielte den Atheiſten und weil damals die Frömmigkeit in den Salons noch nicht wieder Mode war, ſo gefiel das. Dieſem Trefflichen entdeckte— jetzt ſeine Abſicht auf die Hand von deſſen Schwägerin. Corbin hoͤrte ihn an und lachte.„Mein Lieber,“ ſprach er endlich,„vergeſſen Sie nicht, daß meine Schwägerin eine Graͤfin vom alten Schlage iſt. Ich zweifle daß ſie Luſt haben wird, Baronin neuer Fagon zu werden. Doch, ſehen Sie ſelbſt zu; ich menge mich in ſolche Geſchichten nicht.“ So unangenehm dies meinem Freunde war, ſo gab er darum doch ſeinen Plan nicht auf und bald fuhrte ihm das Geſchick einen andern Ver⸗ mittler zu. um die erkorene Schoͤne zu ſehen, ging er in eine die ſie gewoͤhnlich zu beſu⸗ — 192— chen pflegte und hier ſeine Blicke nachläßig— denn ein Vornehmer darf nie, ſelbſt beim Gottes⸗ dienſt nicht, ergriffen erſcheinen— nach dem WMeſſe leſenden Geiſtlichen wendend, erkannte er plötzlich in dieſem den Abbe Danriot, den eifern⸗ den Zeloten, den heißen Anhaͤnger der alten Re⸗ gierung, der ſich jedoch jetzt vor der neuen kaiſer⸗ lichen Majeſtät nicht weniger beugte wie alle Andere und uͤber den Charlemagne des Neunzehn⸗ ten Jahrhunderts ſeinen ſeit neun Jahrhunderten erwaͤhlten Koͤnig rein vergeſſen zu haben ſchien.*) *) Hier der Beweiß, daß dieſer Ausdruck kein bloßer Scherz iſt: Der Abbe du Voiſin, ſagte in ſeiner„Defense de Pordre social.“ „Qu'on place sur le throne de France celui ue la 10i appelle, lui seul n'a pas besoin d'lection pour regner, il est slu depuis neuf cent ans.“ Als der Herr Abbe ſpäter nach Frankreich zuruͤckkehren durfte, vergaß er aber ſeinen vor 900 Jahren erwaͤhlten Koͤnig und nahm aus den Haͤnden„des Gottge⸗ ſandten,“ d. h. Napoleons, das Bis⸗ thum von Nantes an. Spaͤter jedoch, wie der Gottgeſandte wieder vom Throne ſank, da erin⸗ nerte ſich auch der Abbe' duͤ Voiſin, der —— Danriot, der einſtige Beichtvater meines Freundes, war jetzt der der Frau von Corbin, und die Bekannt⸗ ſchaft mit ihm wieder anknuͤpfend und durch ihn bei der Schoͤnen anfragen laſſend, erfuhr er, daß die Graͤfin vom alten Schlage zwar nicht abgeneigt ſey, einen Baron vom neuen mit ihrer Hand zu begluͤcken, daß aber ihr Gewiſſen ihr nicht erlaube, einem geſchiedenen Manne ſich zu vermählen. „Dacht' ich es nicht!“ rief der Chevalier de Corbin aus, als ihm mein Freund den Korb mit⸗ theilte, den er empfangen hatte,„doch,“ fuhr er fort,„laſſen wir das. Schlagen Sie ſich meine fromme Schwägerin aus dem Sinn; es giebt mehr Frauenzimmer in der Welt. Wir bleiben deswegen Freunde nach wie vor.“ ihm gleiche Abbe Boisgelin(Kardinal geworden durch den Kaiſer) u. A. ihrer alten Treue an die alte Dynaſtie wieder, warfen den„Catechismus des Cyrus“ bei Seite und wandelten den„Gottgeſandten“ und„nouveau Charlemagne“ in einen „Despote du Jour“ und Tyrannen um. (S. Lady Morgans Reiſe durch Italien. 3. Band. deutſch bei Brockhaus in Leipzig.) nr. 13 Deſodry konnte indeß die Sache nicht ſo auf die leichte Seite nehmen. Der Abſchlag der Frau von Corbin aͤrgerte ihn gewaltig und ſeine Laune wurde immer ubeler. Bald kamen neue urſa⸗ chen hinzu ſie ihm nch mehr zu verderben. Sein Sekretair, das Laſtthier, welches bisher alle ſeine Geſchaͤfte hatte verrichten müſſen und gut verrich⸗ tet hatte, wurde es muͤde ſich ferner Tag fuͤr Tag hudeln zu laſſen und kündigte ihm den Dienſt auf; ſein Sohn Alfred wieß neun Gläubiger auf ihn an, Guſtav ſchrieb Poſttäglich um Geld und wurde unfein, wenn er nicht ſogleich welches bekam; der Schwiegerſohn verlangte gleichfalls welches und beklagte ſich ſehr bitter uͤber die Co⸗ quetterie ſeiner Frau unb zum Ueberfluß verlachte ihn jetzt auch noch Duͤclair, dem er ſein Leid ver⸗ kuͤndete, und gab, ſelbſt durch einige unangenehme Ereigniſſe verſtimmt, blos um ihn zu ärgern, allen denen Recht, auf die er ſo viele unſu⸗ in haben glaubte, zu türnen Am verdrüßlichſten war ihm der bgang ſeines Sekretairs. Der Mann hatte alles ſo gut beſorgt, ſo gut in Ordnung gehalten; nun lag alles und kein Anderer vermochte ſogleich die Stelle zu erſetzen. Nie an eine wirkliche, puͤnktliche Thä⸗ tigkeit gewöhnt, mußte er nun ſelbſt i in dem Chaos ſeiner Papiere herumwühlen, mußte ſelbſt ordnen, ſelbſt arbeiten.... je mehr er aber, zt⸗ gerlich und mißlaunig, auf ſeinem Büreau herumfuhr, je groͤßer ward die Unordnung und ſich jetzt ungluͤcklicher fuͤhlend, wie in der Zeit da ihn der Terrorismus zum Fliehen zwang, ver⸗ wuͤnſchte er ſich, ſein Amt, ſeine Titel, ſeine Freunde, den Kaiſer, die ganze Welt. So von allen Seiten ſich unangenehm berährt fuͤhlend und lange Weile bei allem was er vor⸗ nahm empfindend, fiel es ihm ein, auch unſerer einmal wieber zu gedenken. Anfänglich hatte er nicht uͤbel Luſt mir und meinem Abſchlage alles das Widerliche zuzuſchreiben, was ihn jetzt ärgerte: bald überlegte er ſich jedoch, ich könne am Ende doch nicht ſo Unrecht gehabt haben und nun die letzten, noch unbeantworteten Briefe von mit und meiner Gattin neuerdings durchleſend, etweichte ſich ſein Herz in Erinnerungen und er rief aus:„Ach, es iſt doch wahr; meine beſten, 1 — 196— treueſten Freunde, ſind Aubin und meine Schwe⸗ ſter. Bei ihnen war mir immer wohl, bei ihnen fand ich ſtets Troſt. Ja, ich wil hinz ich wil mein Unrecht geſtehen und mich wieder mit ihnen ausſöhnen;“ und ſogleich beſtellte er Poſt und fuhr noch denſelben Tag nach Melun. 6 Reunzehntes Kapitel. eiſe nach Nelün. Rückehr Jo befand mich gerade mit meiner Gattin und meiner Mutter in meinem Garten, als Deſodry ankam und zögernd unter der Thüre ſtehen blieb. Mit einem Ausruf der Freude eilten wir ihm ent⸗ gegen; die Verſohnung war, ohne ein Wort zu ſprechen, geſchloſſen. Mein Freund war jetzt einmal wieder ganz der alte, gute, offene, zugäng⸗ — 197— liche Menſch; wir alle waren entzuͤckt üͤber ihn, wir alle beſtrebten uns ihn die Unannehmlichkeiten vergeſſen zu machen, die er im Laufe der Zeit daher erfahren hatte. Er ſchloß ſich dagegen mit der herzlichſten Liebe an uns, und das Gluͤck unſerer ſtillen Haͤuslichkeit preiſend, verſicherte er uns, daß er nur die Ruͤckkehr des Kaiſers aus dem Felde erwarten wolle, um dann allem Glanz, allem Ehrgeize auf immer zu entſagen und zu leben wie wir. Ja, er ging noch weiter. Auch ſeine Söhne ſollten daſſelbe thun, ſogar ſeinen Schwie⸗ gerſohn nahm er ſich vor, zu bekehren. Wie gewöhnlich, enthuſiasmirte er ſich auch jetzt. Selbſt wir lebten ihm noch in viel zu vielen Verbindungen, ſelbſt wir ſtrebten noch zu hoch hinaus: es ſollte alles bei ihm noch viel einfacher, noch viel an⸗ ſpruchloſer ſeyn.— Dieſe Exaltation fuͤr ein ſtilles burgerliches Seyn, verflog indeß eben ſo ſchnell wie ſie gekommen war. Zu ſehr daran gewöhnt, in einem ewigen Strudel zu leben, fand er bald die Stunden in Meluͤn ſehr lang und dieſeibe lange Weile, die ihn aus Paris gejagt hatte, trieb ihn ietzt wieder dorthin zuruck. Während er noch bei uns war, bekam ich eine ſehr uͤbele Nachricht von meinem Schwiegerſohne. So guͤnſtig im Ganzen die kaiſerliche Regierung den Fabriken Frankreichs war, ſo nachtheilig wirkten doch oft auch die alle Augenblicke ausbre⸗ chenden Kriege auf die Verhältniſſe der Fabrikan⸗ ten und Kaufleute, und bei Desmares war dies eben jetzt der Fall. Er ſchrieb mir, daß er durch den abermaligen Feldzug unſeres kriegeriſchen PHerſchers, bedeutende Verluſte im Auslande erlit⸗ ten habe und daß er bald noch größere wuͤrde erlei⸗ den muͤſſen, wenn es ihm nicht gelaͤnge, ſchnell eine ziemlich betraͤchtliche Summe aufzutreiben, um damit einige nothwendig gewordene Arrange⸗ ments zu decken. Wir alle wurden durch dieſe Kunde ſehr beſtürzt und ich beſchloß ſogleich den andern Morgen zu meinen Kindern zu reiſen und zu ſehen, wie weit ich helfen koͤnnte; Deſodry war aber außer ſich, daß er gerade in dieſem Moment ſich ſo ganz ohne Mittel befand, mir hierin beizuſtehen, denn in der That, ſo wohlhabend er auch war, ſeinen Söhnen und ſeinem Tochtermanne war es gelun⸗ gen, ihn in manche, ihn ſelbſt ſchwer druͤckende Verlegenheit zu ſtuͤrzen.„Allein!“ rief er,“ was ich nicht mit Geld vermag, will ich durch meine Verbin dungen bewirken. Die Regierung hat ſchon oftmals brave Fabrikanten unterſtuͤzt um ihre, dem Beſten des Landes frommenden Unternehmun⸗ gen nicht in's Stocken gerathen zu laſſen, und wer verdiente eine ſolche Gunſt mehr, als unſer trefflicher Desmares? Ich eile nach Paris, ich ſollicitire, man kann, man darf es mir nicht abſchlagen; ich will all' meinen Credit anwenden, ich will mit Duͤclair reden, er muß mir beiſtehen, und wollte er nicht, ſo habe ich andere Freunde. O mein Himmel, der Tochtermann meiner Schweſter in Noth! Nein! das ertrag' ich nicht; ihm muß geholfen werden. Leb' wohl Aubin, leb' wohl Pauline, Ihr ſollt ſehen, daß ich ein Freund bin, auf den man bauen kannz ach wie ſuͤß wird es mir ſeyn, Euren Kindern das vergel⸗ ten zu koͤnnen, was ihr mir gethan habt. Noch ein Mal, lebt' wohl und ſeyd ruhig; in drei Tagen iſt die Sache abgemacht.“ Ich fuhr zu meinem Schwiegerſohne und De⸗ — 200— * ſodry, der ſeitdem er Baron! vwochnn, die Ge⸗ wohnheit angenommen hatte, unterwegens auf ſeinen Reiſen ſo oft wie möglich anhalten zu laſſen und nach irgend et vas ſich zu erkundigen, damit der Jocquey Gelegenheit erhielt, fragen zu konnen: „Was befehlen der Herr Baron,“— nach Paris. Bei Desmares eingetroffen, half ich ſo viel als ich vermochte, in Meluͤn aber wieder angelangt, fand ich keine Nachricht von Deſodry und drei Vi vergingen und immer kam keine. Voll von Eifer uns zu dienen, war ſein erſter Gang zu Duͤclair geweſen, den er diesmal bei vorzuglich guter Laune traf. Eh' er jedoch noch mit ſeinem Anliegen wegen uns vorruͤckte, hatte er, wie dies ſo haͤufig geſchieht, die Eingangs⸗ frage hingeworfen:„Was giebt's Neues?“ „Hm,“ erwiederte der Herr Graf,„was wird's geben? nichts! eine kleine Verſchwoͤrung.“ „Eine Verſchwörung? Mein Himmel! wot wie?“„Ach Sie wiſſen noch nicht? Freilich, Sie waren abweſend die Sache iſt nicht bedeutend, man ſpricht gar nicht mehr davon. Einige ultramontane Prieſter hatten ein Geſchicht⸗ chen mit Nom angezettelt.... lächerlich! doch a propos, Ihr Abbe Danriot ſteckt auch mit darunter.“„Danriot? unmoͤglich! er ſchien dem Kaiſer ſo ergeben.“„Heuchelei, nichts wie Heuchelei; Pfaff bleibt Pfaff. Herr Danriot ſitzt ſeit geſtern in Vincennes. Was aber das Merkwuͤrdigſte iſt, daß iſt daß unter dieſer curiali⸗ ſtiſchen Clique auch ein berühmter Atheiſt ſich befindet. Da ſieht man wie die entgegengeſetzte⸗ ſten Parteien ſich zu finden wiſſen, wenn es mur unſern großen Kaiſer gilt.“„Wer iſt dem das?“ „Herr von Corbin.“„Corbin?!“„So iſts. Jetzt wohnt er im Tempel.“ Mein Freund hoͤrte von allem, was Duͤclair noch zum Theil ſehr Wahres uͤber die unaufhorlich fortgehenden geheimen Umtriebe der alten Ariſto⸗ kraten und der Rom ergebenen Prieſter redete, nicht ein Wort mehr. Wie ein Eentner fiel es ihm aufs Herz, daß er ſo eben im Vorbeifahren eine Karte in Corbins Wohnung abgegeben hatte und daß ihm dies, wenn man es erfuͤhre, leicht böſes Spiel bei Hofe machen könnte. Er empfahl ſich daher ſehr ſchnell, eilte zuruͤck und brachte den — 2— Portier des Hauſes, der bereits den Befehl erhal⸗ ten hatte, alle fuͤr Herrn von Corbin abgegebene Karten, an ſich zu behalten, mit vieler Muͤhe und reichlichen Geſchenken dahin, ihm die Seinige wieder zuruͤckzugeben. Den folgenden Morgen fuhr er wieder zu Di. clair, und nun fand er endlich Zeit, mit ihm we⸗ gen uns zu ſprechen. Der Herr Graf war ſehr geruhrt über die Unfälle, die meinem vortrefflichen Schwiegerſohn wiederfahren waren; er ſprach von Achtung, von Liebe, von weiß Gott noch was allem, gegen uns. Dies machte meinem Freunde Muth, ihn nun zu bitten, ſich wegen eines Vor⸗ ſchuſſes bei der Regierung zu verwenden. Duͤ⸗ clairs Geſicht wurde noch einmal ſo lang.„Mein lieber Freund“, ſprach er,„ich finde es ungemein brav von Ihnen, daß Sie ſich für Herrn Aubins Schwiegerſohn ſo intereſſiren, aber— iſt es wohl klug, ſich ſeiner Freunde wegen zu compromittiren, beſonders wenn man, wie Sie und ich, Kinder hat? Haben Sie denn ſchon vergeſſen, daß Ihr Schwager damals mit einer faſt republikaniſchen Storrigkeit alle die Wohlthaten von der Hand — 36— wies, die ihm unſer gnädigſter Souverain erzei⸗ gen wollte? haben Sie vergeſſen, daß ſein Sohn, ſein Schwiegerſohn, damals eben ſo handelten? Glauben Sie mir, der Kaiſer vergißt ſo etwas nicht, er hat ein unerbittliches Gedaͤchtniß. Ei, ei, da muͤßte man ein großer Thor ſeyn, ſich da⸗ mit zu befaſſen; ich rathe Ihnen daher als Freund, laſſen Sie die Sache gehen; die Leut⸗ chen werden ſich am Ende ſchon zu helfen wiſſen.“ Deſodry wandte noch Einiges ein, da aber Herr Duͤclair fortfuhr, ihn zu warnen, ſo ward er zuletzt ſelbſt uͤberzeugt, daß Pflicht und Klugheit es erheiſchten, ſich weiter nicht um uns zu bekuͤm⸗ mern, und um uns nicht eine abſchlaͤgige Antwort zu ſenden, ſchrieb er lieber gar nicht. In Folge der kleinen Verſchwörung konnte es nicht fehlen, daß mehrere bedeutende Poſten er⸗ ledigt wurden, Mehrere in Ungnade fielen. „Glauben Sie wohl“, ſprach Duͤclair zu mei⸗ nem Freunde,„daß man mich ſeit ein Paar Ta⸗ gen von allen Seiten draͤngt, mich um dies und jenes zu bewerben? Aber nein! ich will mich — 204— nicht mit der Beute von Andern bereichern, ich mag nicht hoher ſteigen, ich bin mit meinem Looſe zufrieden; oder, was meinen Sie, ſoll ich doch den Wuͤnſchen der Gräfin(damit meinte er Su⸗ ſettchen Pinſon) und meiner Goͤnner nachgeben?“ Deſodry hatte einen Augenblick nicht uͤbel Luſt, die Enthaltſamkeit ſeines Freundes zu ſeinem Vortheile zu benutzen, bald aber an Herrn Duͤ⸗ clairs gerunzelter Stirne ſehend, wie weit es dieſem mit ſeiner Beſcheidenheit Ernſt war, aͤnderte er ſchnell den Ton und beſchwor nun den genuͤgſamen Mann, ſeine ausgezeichneten Gaben dem Staate nicht in den wichtigſten Aemtern zu entziehen, und ſich, zum Beſten der ganzen Nation, aufzuopfern. Je weiter er ſprach, je heiterer wurde Duͤclair wieder.„Nun, wenn Sie es durchaus ſo haben wollen“, rief er aus,„wohlan! ich ergebe mich. Aber das muͤſſen Sie mir verſprechen, ich mag reuiſſiren, wie ich will, Sie muͤſſen mir zur Seite bleiben. Ja, Sie müſſen mein rechter Arm ſeyn, mein Gehuͤlfe; wo fänd' ich einen ſicherern Freund. Doch jetzt iſt es vor allen Dingen noͤ⸗ chig, einige Schritte zu thun. Sie kennen den Senator D*** und Frau von***; Beide haben viel Einfluß bei dem Prinzen von**. Es wär' mir lieb, wenn Sie mit denen einmal ſpraͤchen.“ Deſodry, ſich jetzt ſchon als den rechten Arm eines Miniſters anſehend, ermangelte nicht, die⸗ ſen Winken zu folgen. Mich und meinen armen Schwiegerſohn rein vergeſſend, fuhr und lief er jetzt fuͤr Duͤclair, der Miniſter werden und ihn zum rechten Arm machen wollte, umher, wie hätte er, mit ſo Wichtigem beſchaͤftigt und aber⸗ mals von einem Ehrgeiz-Schwindel ergriffen, noch an uns und unſere kleinen Angelegenheiten denken können?— Abbe Danriot ſaß und blieb unterdeſſen in Vincennes; fuͤr den fanatiſchen Prieſter ver⸗ wandte ſich niemand beſonders; der Chevalier Corbin kam dagegen, Dank ſeinem Anhange unter dem alten Adel— beſonders den Frauen— an Napoleons Hofe, bald wieder los, und ſein fruͤheres Paraſiten⸗Leben in den Salons von neuem beginnend, war er jetzt lediglich ſo vorſichtig, etwas weniger den Frondeur gegen die Regie⸗ — 206— ung zu machen; mich nöthigte aber die immer höher ſtöigende Verlegenheit meines braven Toch⸗ tirmannes— dem ich allein nicht im Stande war zu helfen— nach Paris zu reif en, um Deſodry, auf den wir noch immer gutmüthig vertrakend rechneten, anzutreiben, oder, wenn dieſer ſelbſt nichts auszurichten vermöchte, mich ſuſt für Desmates bri der ei zu vn⸗ 7 1* wenden. 8 3 1 5* — 3 ½ — N 4 . 2 ₰ . * 2* SR *.— 1513 b1 att 3 3 4 n 16 „ 6 2 1 1 14 1„3 e„ 34— 7 dnn —. 3 . 350 13 3 4 5 6 5 8 4 1.½ 4 4 j 3 Sit Sſpanzihrs Kapitel. Die Sie3 n3 i Be Deſudty ankommend, fand ich das ganze Haus in Bewegung. Der Herr Graf Duͤclair hatte ſeinen Wunſch erreicht. Ein Detret, datirt aus dem kaiſerlichen Feldlager, hatte ihm ſeine Erhebung zum General⸗ Director in einem wich⸗ tigen Verwaltungszweige äberbracht, und mein Freund ſtand eben im Begriff, dies gluͤckliche Er⸗ eigniß durch eine große Féte, zu der an Zweihun⸗ hundert Perſonen eingeladen waren, zu feiern. Mit vieler Muhe gelangte ich durch die Schaaren von Bedienten bis zu Deſodry's Cu- binett. Mein Anblick machte ihn nicht wenig verlegen, doch faßte er ſich bald, und da ich, ganz f mit der Lage, in welcher ſich mein — 208— atmer Schwiegerſohn befand, ſogleich auf den eigentlichen Gegenſtand meinee Beſuches kam, ſo begann er nun mit einer Menge Umſchweife allerlei Entſchuldigungen wegen ſeines bisherigen Schweigens herzuſtottern, und zuletzt mir abermals viel Tröſtliches vorzuerzählen, was er naͤmlich noch alles zu thun gedenke und hoffe, wenn nur erſt dies und f beſtitigt, dies 2 ienes nbees gewörden ſey. Ich ſah zu gut, dies Rcen men lief, um nicht ungeduldig zu werden. Schärfer jetzt in ihn dringend, mir offen zu ſagen, ob und was wir zu hoffen hätten, ſah er ſich endlich ge⸗ zwungen, mir zu geſtehen, ſeine Verhältniſſe er⸗ laubten es ihm nicht, ſich gerade zu für Menſchen zu verwenden, die, wie wir, die frühere kaiſerliche Gnade ſo ſchnoͤde abgewieſen hätten. Ich geſtehe, daß dies Bekenntniß einer erbärmlichen Ruͤck⸗ ſichtsnehmung, dieſer klägliche Schranzen⸗Egois⸗ mus, mich empörte. Sehend, wie der Mann, welcher vermöge ſeiner Verbindungen ſo leicht hel⸗ fen konnte, aus feiger Aengſtlichkeit ſich zuruͤck⸗ zog, nachdem er erſt unaufgefordert goldene Verge 208— 1 verſprochen hatte, und auf's ſchmerzlichſte betrübt von der Gefahr, in welcher mein braver Schwie⸗ gerſohn ſchwebte: gerieth ich in den allerhoͤchſten Sorn, und ließ Deſodry jetzt das ganze Gewicht der Verachtung fuͤhlen, die ich gegen ein Beneh⸗ men, wie das ſeine, hegte. Anfaͤnglich ſchwieg er, fuhlend die Gerechtigkeit meiner Vorwuͤrfe, bald — wie dies gemeiniglich zu geſchehen pflegt— erregte aber auch meine Heftigkeit die ſeinige, und ſtatt ſich gegen meine Beſchuldigungen zu vertheidigen, überhäufte er mich nun damit, nannte mich einen ſich in die Maske der An⸗ ſpruchloſigkeit huͤllenden, ſtolzen Egoiſten, einen Eitelen, der ſich die Lächerlichkeit in den Kopf geſetzt habe, ihn hofmeiſtern zu wollen 16. Moch waren wir in dieſem traurigen Wort⸗ kampf begriffen, du ſturzte ein Bekannter De⸗ ſodry's athemlos in's Zimmer und rief, ein Armee⸗Buͤlletin hinhaltend:„Große Neuig⸗ keit; ein Sieg! ein glänzender Sieg iſt erfochten worden!“— In der That, Napoteon hatte wieder eine jener Schlachten geſchlagen, die Frankreich mit Stolz, Europa mit Erſtaunen III. 14 „ und Schrecken erfullten„.. Während der Ueberbringer der Nachricht uns noch einige Details von dem Vorgange mittheilte, und mein Freund noch ſeine Bewunderung uͤber den Hel⸗ den ausſprach: ſtuͤrzte ſchon ein Zweiter herein, der uns zurief:„Der Kaiſer iſt in St. Cloud; er iſt dieſe Nacht daſelbſt angelangt.“ So war es; wie oft ſchon war dem ſchnellen Siege ein ſchneller Waffenſtillſtand gefolgt, und der Herrſcher in ſeine Hauptſtadt zuruͤckgeeilt, um die unterbrochenen Regierungsgeſchaͤfte ſogleich wieder mit— a— xy*— enſheen ln uuf Deſubty j jett⸗ „ich muß nach St. Cloud“; und nach der Uhr ſehend, ſezte er hinzu?„Ja, ich kann noch wieder zuruͤck ſeyn, eh' meine Gäſte kommen. O, wie hetrlich trifft es ſich, daß ich gerade heute die Féte gebe! wie wird dieſe Nachricht ſie verherrlichen! Aber welch ein Mann iſt der Kaiſer! Er iſt kein Menſch, er iſt ein Gott; fo reißt er uns zur Bewunderung hin. Ach, und mein Sohn hat den Sieg mit erfochten! 2 — 4— Ich bin es— er wird. ſteigen,“. In dieſem ein— einen Brief. Mein Freund nahm das Schrei⸗ ben.„Von der Armee“, ſprach er, den Poſt⸗ ſtempel betrachtend,„von meinem Sohn! doch nein! es iſt nicht ſeine Hand.“— Et tiß das Couvert ab und las.„eine Todten⸗ blaͤſſe uͤberzog ſein Geſicht; er fing an zu wan⸗ ken„„ich ſprang hinzu mit einem herzzerreißenden Schrei ſank er in meine Atme.— Sein Sohn war nicht mehr am Leben.—— Nein, nie habe ich den furchtbaren Schmerz eines gebrochenen Vaterherzens mehr geſehen, wie in dieſem Moment. Der Ungluͤckliche ſtieß nur noch, ſich das Haar zerraufend, ein wildes Geſchrei aus.„Mein Sohn! mein Afred! mein Sohn!“ rief er in einem fort und warf ſich wie wahnſinnig nieder; dann ſprang er wie⸗ der auf und ſchrie:„Fluch dem Tyrannen, der unſere Kinder opfert! Fluch dem Wuͤtherich, der mir meinen Sohn zur Schlachtbank fuͤhrte. Fluch ihm, der ſeinen Thron auf Leichenhügel 14* —— grünbet; Fluch ihm, der ganze Generationen in's Grab ſtuͤrzt. O, mein— mein— nein Sohn Alle meine r waren i dem — vergebens; er fuhr fort, den Mann zu verfluchen, deſſen Genie er vor weni⸗ gen Minuten noch erhoben, den er vor wenigen Minuten noch fuͤr einen Gott erklaͤrt hatte Plöblich rauſchten die Flügelthüren des Cabinetts, in welchem wir uns befanden, auf, und Důctai trat im großen Hofeoſtum herein.— Er kam von St. Cloud und hatte dort das unglück vernommen, welches Deſodry betroffen hatte. Bei ſeinem Erblicken faßte ſich mein Freund etwas mehr, doch weinte er noch ſehr heftig, und Duͤclair ſprach ihm nun einige Troſt⸗ worte zu, die er aber mit Kopfſchuͤttein anhörte. Endlich begann jener ihm zu erzählen, daß ihm der Kaiſer ſelbſt die traurige Rachricht mitge⸗ theilt habe.„Se. Majeſtät“, fuhr er fort, „waren ſehr geruͤhrt und ſagten Der Sohn iſt den Tod eines Braven geſtorben, was kann ich fuͤr den Vater thun?“ Deſodry's — Auge hing unverwandt bei dieſen Worten an Duͤclair. Als dieſer erzählte, der Kaiſer ſey geruͤhrt geweſen, er wuͤnſche, etwas fuͤr den Vater des heldenmuͤthig geſtorbenen Sohnes zu thun: da hörten ſeine Thraͤnen auf zu fließen, ſeine Seufzer verſtummten, der Hofmann ſiegte uͤber den Vater.— Ich warf einen ernſten, bedauernden Blick auf ihn; beſchaͤmt ſchlug er die Augen nieder, und als ich nun ging, da folgte er mir und bat mich, doch ja gegen keinen Menſchen etwas von den beleidigenden Worten zu ſagen, die er im erſten Anfall von Schmerz unbeſonnen gegen den„ großen Herrſcher ausgeſtoßen habe.—— Der Ungluͤckliche jammerte mich zu ſehr, als daß ich ihm jetzt wegen dieſes neuen Beweiſes von Schwäche haͤtte Vorwuͤrfe machen können; ich druͤckte ihm ſchweigend die Hand und ent⸗ fernte mich. „ 860 on 55 i nÿ d n —„ unte. seuen — 5 5 f mr ih mni 2. vem bebſichtigten Feſtin konnte nun na⸗ türlich nichts werden; die ganze Dienetſchaft nu te deswegen umnhertemnen und abſagenz da Wi ſchon ziemlich ſpät war. ſo konnte nan nicht mieht verhindern, daß mhrere Wa⸗ mit umzit Damen und Hert⸗ der Thüre des Hau⸗ ſis, wo jeht der Sch ohnte und wo ſie ſich hatten erluſtigen wollen, bie traurige Nach⸗ richt vernahmen und mit Bebauern wieber von vannen zogen— um ſich wo möglich an einem andern Orte noch in dem einmal angelegten Glanze zu zeigen.— Nur eine Perſon, die aber freilich nicht eingeladen wotden wat, ließ 7 — ſich nicht abweiſen. Dies war die ehrliche Margarethe, die alte, treue Waͤrterin Deſodry's und ſeiner Schweſter, und auch die Wärterin ſeines nun hingeſchiedenen Alfted. Sie hatte Vater und Sohn auf ihren Armen in's Leben getragen, ſie wollte auch jetzt, da ſie die Todes⸗ kunde vernommen, den Schmerz des Ungluͤck⸗ lichen theilen.— Ihr Anblick machte die Thraͤnen meines Freundes von neuem fließen; ſein zerriſſenes Herz fand im Geſpräch mit iht den erſten wahren Troſt wieder. Als ich in der Nacht den Heimweg nich Meluͤn antrat, war ganz Paris erleuchtet. Das Schauſpiel war groß, herrlich, glänzend, aber ach! ich vermochte den Gedanken nicht zu un⸗ terdruͤcken: wie viel Blut mußte abermals flie⸗ ßen, um dieſe kunpe n brennen zu machen? und in einer ſehr vfec Sinmung der Seele ließ ich die Hauptſtadt hinter mir liegen. 5 Ob vielleicht Deſodry's Leute glaubten, die Fenſter des Hotels ihres Gebieters auch erleuch⸗ ten zu muͤſſen? Ich weiß es nicht; unerhoͤrt wär' es indeß nicht geweſen; man hat Beiſpiele dieſer Art von Sni. ſunn ⸗ ß.— ſür— — wirken; er machte es ſich jetzt gleich⸗ ſam zum Ehrenpunkt, die günſtige Stimmung, in welcher der Kaiſer fuͤr Deſodry war, zu deſ⸗ ſen Vortheil zu henutzen, und da dieſer noch immer vertieft in ſeinen Gram, ſich um wenig bekümmerte, ſo ermangelte er nicht, ihn anzu⸗ treiben, einigen Großen, einigen Prinzen, einigen Prinzeſſinnen, ſeine Aufwartung zu machen, die, wie er verſicherte, alle den allerinnigſten Antheil an ſeinem Geſchich genommen, und ſicher ihm ſelbſt ihr Beileid bezeugt haben würden, wenn dies der Rang und die Etiquette erlaubt hätten. 65 Solchen wiederholten Aufforderungen ver⸗ mochte mein Freund nicht zu widerſtehen. Er folgte Duclairs Rath„ drängte ſich von einer Antichambre zur andern, ward uͤberall auf das ſchmeichelhafteſte aufgenommen, und genoß end⸗ lich ſogar das Gluck, bei einem Lever des Herr⸗ ſchers erſcheinen zu duͤrfen, wo ihn die Gnade ſo überſtrömte, daß aus höchſt eigenem kaiſer⸗ — lichen Munde einige ſchmeichelhafte Worte fuͤr ihn ſielen.— Jetzt war er der Mann des Hofes, der Mann en votzue; die Herren mit den breiten Bandern und den geſtickten Uni⸗ formen, die ihn einſt in der Gallerie von St. Cloud ſo von oben nach unten beſehen hatten, verneigten ſich tief vor ihm; waͤhrend aber ihre Geſichter voll Freundlichkeit glänzten, zerriß der Neid die kleinen Seelen, und wer weiß, ob nicht mancher Elende mit decbrirter Bruſt gern das huldvolle Lächeln des Monarchen um den Preiß erkauft haͤtte, den es meinem Freunde koſtete, meinem Freunde, dem der Gedanke an ſeinen Alfted noch manche auftichtige Thraͤne entlockte, der aber jetzt ſchon— leider muß ich es ſagen— hingeriſſen von Eitelkeit, zugleich auch ſein Ungluͤck zu ſeinem Nutzen zur Schau zu tragen gelernt hatte Das Geruͤcht von der großen Gunſt, in wel⸗ cher Deſodry jetzt bei dem Kaiſer ſtand, blieb naturlich der Gräfin Corbin nicht verborgen, und ſie, deren altadliger Stolz und neumodiſche Frömmigkeit erſt Anſtoß an ihm, dem Geſchie⸗ denen und Neuen genommen hatte, bereute es nun, ihn ausgeſchlagen zu haben. um dieſen Fehler wieder gut zu machen, ließ ſie gegen ihre Freundin, die Frau Graͤfin von Duͤclair; einige guͤnſtige Worte uͤber Deſodry fallen, und dieſe, entzuͤckt, einen Stoff gefunden zu haben, an welchem ſie ihre Kunſt zu intri⸗ guiren zeigen konnte, eilte nun, meines Freun⸗ des Neigung zu der Dame wieder anzufachen. „Ich war es“, ſprach ſie,„die Ihre Evelina vermaͤhlte; ach, wenn es mir gelaͤnge, auch fur den Vater ſo gluͤcklich zu ſeyn, wie fuͤr die Tochter!“ Deſodry machte nicht den Fühllo⸗ ſen; nach einigen Zuſammenkuͤnften zwiſchen ihm und Frau von Corbin, nach einigen gegenſeitigen artigen Worten, ward die Ehe von beiden Sei⸗ ten beſchloſſen. v FJetzt ſollte eine Hofféte zu St. Cloud ſtatt finden. Ueberredet von Duͤclair, wiſſend, daß auch Frau von Corbin ſich dort befinden wuͤrde, glaubte mein Freund ſich gleich⸗ faus hinbegeben zu können, ohne den Anſtand zu verletzen. — Das Feſt war prachtvoll und glänzend. Man hatte ein großes Zelt im Park ertichtet und unter dieſem Zelte ein kleines Theater, auf dem von den erſten Sängern der Oper und den erſten Taͤnzern des Ballets eine Vorſtellung gegeben wurde. Ge⸗ gen die Mitte des Stücks begann es ein bischen zu rognen; der Kaiſer und ſeine vornehmſte Um⸗ grbung ſaßen im Trocknen, aber die Schaaren der Hofdamen, der Kammerherrn, der Stallmeiſter, waren nicht ſo gluͤcklich. Bald ſiel der Regen ſtarker; allein der Kaiſer ruͤhrte ſich nicht vom Platz, wie hätte dies ein anderer wagen können? die Etiguette erlaubte den Herrn jä nicht einmal ſich zu bedecken. Auch das Theater war nicht beſchuͤtzt genug und wurde bald durchweicht. Da ſah man denn ein Schauſpiel, welches zugleich Mitleiden und Lachen einflößte. Zitternd vor Kätte, ſangen die armen Sänger ihre Rouladen ab und durch und durch durchweicht huͤpften die als Nymphen und Schaͤferinnen leicht gekleideten Taͤnzerinnen umher; und die andern, außerſce⸗ niſchen Comoͤdianten, jene Hofleute, jene großen Herren vom alten Hofe, die demuͤthig kriechend 220— ſich um die kleinſten Stellen an dem neuen geriſ⸗ ſen hatten, mit welchem heldenmuͤthigen Stoi⸗ cismus ſtanden die jetzt in weiß ſeidenen Strům⸗ pfen und Schuhen, den Puth unter dem Arm da und ließen den Regen auf ihre gold, und ſilberge⸗ ſtickten Röcke herab fallen!— Deſodry befand ſich unter denen die am naſſeſten wurdenz ich weiß nicht, war er es oder ein Anderer, der, da ihn jemand bedauerte, mit zufriedenem Lächeln bebend erwiederte:„O der Regen iſt nicht kalt.“ Endlich war die Porſtellung zu Ende; man erhob ſich, um ſich nach dem Schloſſe zu begeben, wo nun ein Ball ſtatt fand. Hier ſprach man von dem Stuͤcke; der Kaiſer fand es erbärmlich und natürlich pflichtete alles dieſer Anſicht bei. Deſodry war, ſo naß wie er war, genöthigt, durch einen großen Theil des Parks bis beinahe zur Bruͤcke zu gehen, um bis zu ſeinem Wagen zu kommen; zitternd vor Froſt ſtieg er ein, noch ſchuͤttelte es ihn als er in ſeiner Wohnung an⸗ langte; aber was that das der Kaiſer hatte ihn bemerkt, er hatte nach ihm hingeſehen und gnädig mit dem Kopfe genickt!— — 221—— WMeine gute Frau bekrauerte das Unglück ihres Bruders ſeinen älteſten Sohn verloren zu tief und ſchrieb ihm einen herzlichen Brief, ich aber, geaͤngſtigt durch die Lage in welcher ſi ſich mein Schwiegerſohn befand, ſuchte nun ſelbſt um Huͤlfe fuͤr ihn, bei den Behörden nach. Dies machte mir viel Muͤhe, raubte mir viel Zeit; ich mußte Certificate von dem Prafecten ſeines De⸗ partements beibringen, mußte hierhin und dorthin reiſen und als ich enblich mit allem ſo weit war, da kam es noch auf den Miniſter an, der den Vortrag hatte, uud ſomit die Sache beſchleunigen oder auf⸗ halten konnte. Trotz meines letzten unangenehmen Zuſammentreffens mit Deſodey, hoffte ich doch, er wuͤrde uns ſein Vorwort bei dieſem Manne nicht verſagen, oder mich wenigſtens durch ſeinen Freund Duͤclair bei ihm empfehlen laſſen; ich daher abermals nach Zwei und zwanzigſtes K apitel. —— 7 o„n des s. inin nsn — war bereits end, als in der Haupt⸗ ſtadt ankam. Da ich gleich den foigenden Morgen dem Miniſter meine Aufwartung zu machen ge⸗ dachte, ſo begab ich mich noch zu Deſodry. In ſein Haus tretend, finde ich alles auf, alles wie vetodet. Verwundert ſchreite ich durch einige Gemaͤcher; endlich treffe ich ſeine Leute in ſeinem Vorzimmer Karten ſpielend. Sie waren ſo ver⸗ tieft, daß ſie mich gar nicht bemerkten. Weiter⸗ gehend komme ich zuletzt bis an ſein Schlafkabi⸗ nett. Ein einziges Licht brannte hier dunkel; ein altes Weib ſchlummerte auf einem Stuhle im Winkel im Bette lag mein Freund, ſchon faſt mit dem Tode ringend. — 22— Jenes glänzende Feſt in St. Cloud war von den traurigſten Folgen fuͤr ihn geweſen; die heftige Erkältung hatte ihm ein hitziges Fieber zugezogen, ſeit zehn Tagen lag er jetzt ſchon einſam und ver⸗ laſſen hier; ſeit drei Tagen bereits ohne Rettung. Was ſeine Schmerzen vermehrte, war daß er bei aller Körperſchwäche ſein volles Bewußtſeyn behalten hatte; ach, es diente nur dazu, ihm ſeine Verlaſſenheit noch fuͤhlbarer zu machen, ihm zu zeigen, wie die Lohndiener um ihn her nur auf ſeinen Tod warteten, um ſich zu bereichern.— Niemand der ihn liebte, ſtand jetzt an ſeinem Lagerz ſein älteſter Sohn war todt, ſeine andern beiden Kinder mehrere hundert Stunden von ihm entfernt; in Paris hatte er keine Verwandten mehr. Erſt am Morgen des Tages, an welchem ich kam, hatte man daran gedacht, uns Nach⸗ richt von ſeinem Zuſtande zu geben. Duclair war einigemale bei ihm geweſenz jetzt kam er nicht mehr, ſondern ließ ſich nur, der Etiquette gemaͤß, taͤglich nach ſeinem Befinden erkundigen. Eben ſo machten es alle ſeine andern vornehmen Freunde, eben ſo Frau von Corbin. Alle ließen durch ihre — 224— Bediente, ihre Namen auf der langen Liſte beim Portier eintragen. alle Morgen wurde ein langes Bülletin von ſeinem Geſundheitszuſtande ausgegeben„aber die Wartung, die Pflege, die Liebe fehlte. Wie anders war es damals, als ſeine Gattin an ſeinem Bette wachte! Sie trieb Gepraͤnge mit der Sorge, die ſie um ihn hatte, aber ſie hatte doch Sorge um ihn; jetzt ſpielten ſeine Leute Karten und die Krankenwärterin ſchlief Indeſſen beſuchten ihn inh Einige, aber Troſt hatte er davon? Der Chevalier Corbin ſuchte ihm den nahenden Tod dadurch minder ſchrecklich zu machen, daß er ihm die troſtloſen Anſichten des Atheismus entwickelte und dem Sterbenden vorredete, mit dem Tode ſey alles aus, und ein herbeigekommener Prieſter, marterte ihn wieder mit langen, die Schrecken der Hölle in's Gedäͤchtniß rufenden Gebeten; und als mein Freund weder von Corbins jenſeitigem Nichts noch von des Peieſters ewigen Martern wiſſen wollte, und das eine ſo unvernuͤnftig wie das andere fand, da gingen beide, um nicht 225— wieder zu kommen, der Eine ihn einen abergläu⸗ biſchen Thoren, der Andere ihn einen ruchloſen, ſchon hier der Verdammniß verfallenen Ketzer nennend. Mit Sorgfalt unterſuchte ich ſogleich den Zu⸗ ſtand des Kranken, ach! ich ſah nur zu bald, daß keine Rettung mehr moͤglich war; ihm die Schmerzen, welche er empfand, ein wenig zu erleichtern, das war alles was ich vermochte. Um aber etwas aus der nächſten Apotheke holen laſſen zu koͤnnen, mußte ich erſt ſeine Leute mit Scheltworten von ihrem Spiel aufjagen, um ihm beſſere Abwartung zu verſchaffen, die Wärterin bedrohen. Deſodry reichte mir ſeine brennende Hand hin, ſein matter Blick druͤckte mir dabei die Zufriedenheit aus, die er empfand, ſeinen Freund, ſeinen beſten, ſeinen einzigen Freund um ſich zu ſehen. Bald begann er mir mit ſchwacher Stimme den Zuſtand ſeines Innern zu offenba⸗ ren; wie erſchrack ich, als ich erſt die Qualen ſah, die ihn hier marterten. In ſeiner traurigen Verlaſſenheit hatte er einen Blick auf ſein Leben hinter ſich geworfen, er fand es zerfahren, unnͤtz, IHI. 15 ſchablich ſelbſt, dem eigenen wie dem Wohle Ande⸗ rer. Alle die verſchiedenen philoſophi⸗ ſchen Syſteme, denen er angehangen hatte, ſchwebten an ihm voruͤber; er warf ſich vor, ſie misverſtanden, ſie entſtellt zu haben; er ſah jetzt, daß er ſtets nur das Laͤcherliche, den Mißbrauch, nie das Wahre davon erfaßt hatte und Zweifel und Angſt erfullten ſeine Seele. Corbins athei⸗ ſtiſche Freigeiſterei, des Prieſters fanatiſcher Zelotismus, hatten ihn vollends unfähig gemacht. Bebend vor der Vernichtung und bebend vor den mit Hoͤllenfarben gemaltem Jenſeits, wußte er nicht, was er glauben, was er verwerfen ſollte, und die Ewigkeit war ihm ſo ſchrecklich wie das Nichts. Durch Zuruͤckfuͤhrung auf die Tage unſerer Jugend, durch Erinnerungen an manchen bedeu⸗ tenden Lebensvorfall, bei dem ſich die Hand einer gutigen Vorſicht ſo ſichtlich gezeigt hatte, ſuchte ich ſeinen Geiſt aufzurichten, zu erheben, zu trſten. Ich rief ihm die Lehren des ehrwuͤrdigen Thierry, des frommen Abbe' l'Omont in's Ge⸗ dächtniß zuruͤck, und genoß das Gluͤck den Muth — 227— meines ungluͤcklichen Freundes neu zu beleben. Ein Strahl von Hoffnung fiel wieder in ſeine Seele;„O mein Aubin!“ rief er aus und druckte mir die Hand,„ich verſtand nicht zu leben, Dank Dir, ich weiß nun zu ſterben. Aber ach, daß ich fern von meinen Kindern ſterben muß, denen ich ein ſo uͤbeles Beiſpiel gab!.. Mein Alfred ging mir voran... mein Sohn Gu⸗ ſtav iſt beinah zwei hundert Stunden fern von mir, in einem eben ſolchen Strudel ſchon befan⸗ gen, wie ich es war und meine Tochter, meine arme Eveline, an einen Menſchen ohne Herz, ohne Zartſinn gekettet.... und ihre Mutter! die ich ſo ſehr liebte, auch die iſt ſem auch die ich jetzt ganz allein doch nein! ich habe ja Dich, mei⸗ nen Bruder, meinen einzigen, meinen letzten Freund.—— Gegen zwei Uhr in der Nacht fuhr ein Wagen vor; meine Gattin, ſeine Schweſter, kam. Thraä⸗ nen ſtuͤrzten aus ſeinen Augen als ſie eintrat. „O!“ rief er aus,„ich glaubte einſam ſterben zu müſſen, nun tritt doch noch die Liebe an mein 15* Bett!“ Er faltete die Haͤnde und ſein Auge blickte dankbar zu Gott empor; dann fuhr er fort: „Pauline, du treue Schweſter, wache uͤber das Wohl der Meinen. Ach haͤtt' ich Eurem Beiſpiele gefolgt! O mein Gott vergieb mir, und laß auch die Meinen mir vergeben.“— Er ſank jetzt ermattet zuruͤck; bald ergriff ihn das Fieber wiederz ſeine Sinne umne⸗ belten ſich, er konnte nur noch unzuſammenhän⸗ gende Worte hervorbringen. Als der Tag endlich anbrach, ſchlug er die Augen noch ein Mal aufz ſein Blick weilte einige Sekunden auf uns; muͤh⸗ ſam ſich erhebend, ſtammelte er:„o meine Freunde!“ dann fiel er wieder zuruͤck, ſein Geiſt war entflohen, ſeine Hand hielt die meine noch krampfhaft umfaßt.—— Noch denſelben Vormittag kam der Bevoll⸗ mäͤchtigte ſeines Schwiegerſohnes, gefolgt von einigen Gerichtsperſonen um alles zu verſiegeln. Er hatte den Tag vorher einen Brief von dem General erhalten und vollſtreckte nun deſſen Wil⸗ len. Das Schreiben enthielt die Worte:„Gleich nach Empfang dieſes, begeben Sie ſich in die — 229— Wohnung meines Schwiegervaters, des Herrn Baron Deſodry ꝛc. Befindet er ſich beſſer, ſo bezeugen Sie ihm meine Freude und Achtung; geht es ſchlimmer mit ihm, ſo ſorgen Sie, daß ihm aller mögliche Beiſtand werde; ſtirbt er, ſo laſſen Sie ſogleich alles verſiegeln.“ Faſt zugleich mit dieſen Herren kam der Haushofmeiſter des Grafen Duͤclair, um nach dem Befehl ſeines Gebieters alle Anſtalten zu einer glaͤnzenden, dem Range des Verſtorbenen angemeſſenen Beerdigung zu treffen. Beim Anblick dieſer Fremden fuhr meine Pauline zuſammen; weinend nahte ſie ſich noch ein Mal der Leiche des geliebten Bruders, wei⸗ nend ſank ſie noch ein Mal vor ſeinem Lager betend auf die Knie, dann ſtand ſie ſchnell auf, zog den Schleier uͤber ihr Geſicht und winkte mir zu gehen; in unſerm Abſteigequartier aber ange⸗ kommen, ſetzten wir uns ſtill nieder, und ließen unſern Thraͤnen um den Verlornen freien Lauf. Drei und zwanzigſtes Kapitel. — 6—— Ve traurige und ſchmerzhafte Pflicht iſt es, einem Freunde, einem Gefaͤhrten der Jugend, die letzte Ehre zu erweiſen!— Ich befand mich in der Kirche an der Seite des Grafen Duͤclair, der mit inniger Trauer des Hingeſ chiedenen gegen mich gedachte und ſeine guten Eigenſchaf⸗ ten ruͤhmte, zugleich aber auch einem Nachbar zufluͤſterte:„Ja, Deſodry war recht gut, aber doch mitunter ſchwach und beſchraͤnkt.“ Man glaube jedoch nicht, daß Duͤclair ein Heuchler oder zweizuͤngiger Menſch war; o nein! er liebte Deſodry wirklich und bewies ſich auch nach deſſen Tode als der Freund ſeiner Ange⸗ hörigen. Durch ihn, der erſt ſelbſt meinem Schwaher abgerathen hatte, ſich fuͤr meinen Schwiegerſohn zu verwenden, erhielten wir die gewuͤnſchte Unterſtuͤtzung von der Regierung, und ſeinen Bemuhungen hatte ich es ſomit zu verdanken, daß ich endlich uͤber Desmares Ge⸗ ſchick wieder ruhig ſeyn konnte. Auf die Nachricht von Deſodry's Hintritt eilten ſein Sohn, ſeine Tochter und deren Ge⸗ mahl ſogleich nach Paris, und hier hatte ich denn den neuen Schmerz zu ſehen, wie ſich die Hab⸗ ſucht an dem Grabe meines Freundes ſtritt, wie Schwager und Schwager, wie Bruder und Schweſter um das Mein und Dein ſich ver⸗ uneinigten, wie nur wenig daran fehlte, daß ein Prozeß zwiſchen den Kindern eines Vaters ent⸗ ſtand, und wie alle dreie ſich nicht ſchämten, das Andenken des gebliebenen Alfred dadurch zu beflecken, daß ſie einige, von Deſodry noch nicht fuͤr ihn bezahlte, wenig bedeutende Schulden, nicht berichtigten. In allen andern Punkten einander widerſprechend, waren ſie nur in dieſem einen einig; die Begierde nach des Vaters Gold machte ſie taub gegen die Stimme der Ehre, unzugänglich fuͤr das Gefuͤhl der Billigkeit. Bald nach dieſen kam auch Frau Vaners⸗ ken nach der Hauptſtadt. Sie hatte die Nach⸗ richt von dem Tode ihres Sohnes und des Mannes, der einſt ihr Gatte geweſen war, bei⸗ nah zu gleicher Zeit empfangen. Sprach man jetzt mit ihr von Alfred, ſo ſiegte die Natur und ihre Thraͤnen zeigten die Wahrheit ihrer Empfindung; erwaͤhnte man dagegen Deſodry, ſo nahm ſie ein geziertes Weſen an, ſeufzte und verlor ſich in hohle Phraſen. Ihrem jetzigen Gemahle ging uͤbrigens mit meines Freundes Hinſcheiden die Sonne des Gluͤcks auf. Alles, was die kaiſerliche Gunſt dieſem zugedacht hatte, bekam er; Vanersken wurde Großkreuz der Eh⸗ renlegion, Graf und Staatsrath. Einſt trafen ſich die Gräfin Corbin und Deſodry's einſtige Gattin in Geſellſchaft bei der Frau von Duͤclair. Beide kannten die Ver⸗ haͤltniſſe, in welchen ſie gegenſeitig zu dem Ver⸗ ſtorbenen geſtanden hatten, beide betrachteten ſich mit den Augen des Widerwillens, beide ſpra⸗ —————— — 26— chen keine Sylbe mit einander; als ſie aber auseinander ſchieden, bemerkte die Frau Gräfin von Corbin, daß die Frau Graͤfin Vanersken eine unertraͤgliche, eitele Thörin, und dieſe, daß jene eine eingebildete, abgeſchmackte Perſon ſey. Mich anlangend, ſo darf ich ſagen, der Hoͤchſte hat mir alles das wahre Gluͤck ge⸗ ſchenkt, was der Menſch auf Erden genießen kann. Meine Kinder, ihr gutes Auskommen habend, leben in Frieden und Einigkeit mit ein⸗ ander, meine gute Pauline theilt und erhoͤht durch treue Liebe, wie in den Tagen der Ju⸗ gend, mein Wohlbeſinden, und noch immer iſt es mir vergoͤnnt, den Lebensabend meiner ehr⸗ wuͤrdigen Mutter durch kindliche Sorge fuͤr ſie, ſchmuͤcken zu duͤrfen. Dieſe, im Kreiſe der Meinen herrſchende Einigkeit, wohnt aber leider nicht in dem von meines Freundes nachgelaſſener Familie. Zwar genießt jetzt Frau Vanersken die lang enlbehrte Freude, ihre Kinder haͤufig um ſich zu ſehen; zwar lebt ſie mit ihrem jetzigen Gatten, kraft ſeiner Gutmuͤthigkeit und ſeines unverwuͤſtlichen Phlegmas, fortwährend im beſten Einverſtänd⸗ niſſe, aber nie ruhen koͤnnend, miſcht ſie ſich unaufhoͤrlich in die endloſen Streitigkeiten der Ihrigen, und bald Partei fuͤr ihren Sohn Guſtav gegen ihren Schwiegerſohn, bald fur die⸗ ſen gegen ihre Tochter nehmend und umgekehrt, leben dieſe Menſchen ſämmtlich in einer ewigen Reibung, die ihnen nie die Zufriedenheit wird ſchmecken laſſen, der wir uns erfreuen. Ende des letzten Theiles⸗ ſſſiſſſſſ 3 14 15 16 17 18 1 9 10 11 12 1