—————— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih- und Cgeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet. wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für Soeniich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: TF N N 3 5 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Gcuu in einen von mir geborgten Ueberrock, den Huth tief in die Augen gedruͤckt, eilte De⸗ ſodry dicht an den Seiten der Häuſer weg, im⸗ mer fuͤrchtend, ein Bekannter moͤchte ihm be⸗ gegnen, immer ſich aͤngſtigend, man wuͤrde in den Gaſſen mit Fingern auf ihn zeigen. Wer ihn anſah, von dem glaubte er ſich verhoͤhnt, und wenn ein Paar Menſchen zuſammen ſpra⸗ chen, ſo waͤhnte er der Gegenſtand ihrer Rede zu ſeyn. Endlich an der Kloſterpforte ſtehend, glaubte er ſich geborgen, aber, neuer Schreck! ihm fiel ein, was wohl die Pfoͤrtnerin ſagen wurde, wenn ſie ihn im weltlichen Anzuge ſaͤh', und faſt wär' er, durchgraut von dieſem Ge⸗ danken, wieder davon gegangen. Aber die Thur 1— N that ſich auf, die Pförtnerin bezeigte kein Er⸗ ſtaunen uͤber ſeine veraͤnderte Kleidung, und raſch ſchluͤpfte er in's Haus.. Mad. Derblay hatte ihre Geſchaͤfte auf's eiligſte abgemacht, um nur recht puͤnktlich wieder da zu ſeyn, wenn ihr Verehrer kaͤm“, und jetzt empfing ſie ihn mit den Zeichen der innigſten Theilnahme. Ihre Liebe zu ihm war ſeit den Vorgaͤngen dieſes Morgens noch bedeutend ge⸗ ſtiegen; ein ſolches Opfer, wie er hier heute gebracht hatte, mußte ihr auf's angenehmſte ſchmeicheln. Sie war ſtolz darauf, die Veran⸗ laſſerin zu dieſem Schritte geweſen zu ſeyn, ſtolz darauf, einen jungen Enthuſiaſten ſo gänz⸗ lich ſich gewonnen, einen ſo vollſtaͤndigen Sieg uͤber ſeine Lieblings⸗Neigung errungen zu haben. Was konnte ſie mit einem ſolchen Mann zur Seite nicht noch alles ausrichten! Ihr Herz und ihr Kopf waren gleich befriedigt durch ihn. Man weiß, wie ſehr ſie nach Aufſehen ſtrebte; das kleine Memoire, von welchem ſie Deſodry ein Exemplar mitgetheilt, hatte ihr von ver⸗ ſchiedenen Seiten her große Lobſpruche verſchafft; —,. —— jetzt nahm ſie ſich vor, als Schriftſtellerin zu glaͤnzen. Entwuͤrfe zu Romanen, zu morali⸗ ſchen Erzählungen und Erziehungsſchriften durch⸗ kreuzten ſich in ihrem Kopfe. Hatte ſie erſt ihre Freiheit erlangt, dann wollte ſie ein großes Haus machen, Philoſophen, Dichter, Gelehrte, ſchoͤne Geiſter jedes Geſchlechtes und jeder Art ſollten den Kreis um ſie bilden, und wie konnte Deſodry ihr bei alle dieſem mit ſeiner Regſam⸗ keit, ſeinem Feuer, behuͤlflich ſeyn! Wie wuͤrde er ihr, ſo hoffte ſie, in ihren philoſophiſchen, philantropiſchen und äſthetiſchen Beſtrebungen beiſtehen! Er war jung, reich, huͤbſch, voll Geiſt und Leben, er mußte gefallen.— In den erſten Augenblicken ihrer Unterhal⸗ tung war Deſodry jetzt noch niedergeſchlagen und ſchuͤchtern. Das Gefuͤhl ſeiner unüberleg⸗ ten raſchen Handlung, ſelbſt noch ein Anklang ſeiner alten Frömmelei, erfuͤllten ihn noch mit Reue und Schaam; der Tadel, welchen der Doctor Thierry und ſelbſt der ſanfte l'Omont uͤber die Art und Weiſe ausgeſprochen hatten, wie er die erſt ſich vorgeſteckte Bahn verließ, hatten ihn niedergeſchlagen, und der Gluͤckwunſch der Mad. Derblay, den ſie ihm aus dem Wa⸗ gen zurief, ſchien ihm faſt gottlos. Als aber jett die Schöne mit der ihr eigenen Anmuth ihn noch einmal uͤber das Geſchehene lobte, als ſie, ihm ſchmeichelnd, in dem was Unuͤberlegtheit war, edle Entſchloſſenheit, in der kindiſchen Furcht heroiſchen Muth zu finden vorgab: da ſchwoll ihm auf einmal das Herz, der letzte Funke ſeiner alten kopfhaͤngeriſchen Frömmelei verſchwand, und mit Vergnuͤgen uͤberredete ſich ſeine gekitzelte Eitelkeit, er habe eine ſchoͤne That begangen. So froh er aber hierdurch auch wurde, und ſo ſehr Mad. Derblay auch im belebten Ge⸗ ſpraͤch die geheimen Gefühle ihres Herzens gegen ihn verrieth, ſo war er doch noch zu ſehr Neu⸗ ling in der Welt und im Umgange mit dem zweiten Geſchlechte, um den Vortheil, den ihm dieſe Entdeckungen gewaͤhrten, zu benutzen. Jeder Andere wuͤrde jetzt an ſeiner Stelle von ſeiner Liebe, ſeinen Empfindungen fur die Schöne ge⸗ ſprochen haben; er wagte es nicht. Mit gluͤ⸗ ———— henden Blicken, die ſein Herz genugſam ver⸗ riethen, betrachtete er Herminien, aber zu ſagen wagte er nichts, ſo viel Veranlaſſung ihm auch die reitzende Frau gab. Dieſe ſtille Gluth machte aber der Schoͤnen eben ſo viel Freude, als es ſie auch in Verlegenheit ſetzte. Ein ſchuͤchterner Liebhaber iſt zwar ſehr intereſſant, allein doch auch zuweilen ſehr unbequem, vor⸗ zuͤglich wenn man wuͤnſcht, daß er ſprechen ſoll, und Mad. Derblay wunſchte dies ſehr.— Da muͤſſen oft weite Umwege gemacht werden, um der Schicklichkeit nichts zu vergeben, und Mad. Derblay mußte ſich jetzt ſchon zu ſolchen Um⸗ wegen S da der Blode immer blode hlieb. „Mein theurer Freund“, iga i e nlich, „die Liebe zu Ihrer Schweſter hat meine in⸗ nige Theilnahme fuͤr Sie zuerſt geweckt. Dieſe Theilnahme— ich geſtehe es— iſt ſeitdem immer gewachſen. Wie ſollte ſie es auch nicht, da ich Ihre guten Eigenſchaften, Ihre Offen⸗ heit, Ihren Charakter mit jedem Tage mehr ſchaͤtzen mußte!(Noch nie in ſeinem Leben — hatte mein Freund ſich ſo ſuß geſchmeichelt gefuͤhlt, wie durch dieſe Worte.) Erlau⸗ ben Sie denn, der Freundin Ihrer Schwe⸗ ſter— Ihrer Freundin, wenn ich mich ſo nennen darf, ſich auch ferner um Ihr Geſchick bekuͤmmern zu durfen. Sie ſind nicht gemacht, eine kleine Rolle in der Welt zu ſpielen; Sis ſind zu Beſ⸗ ſerem berufen.— Was werden Sie nun, frei. von Ihren bisherigen Banden, unternehmen?“ „Ach!“ ſeufzte Deſodry ſtammelnd und er⸗ roͤthend,„mein Gluͤck iſt, Ihnen ſo viel In⸗ tereſſe eingeflößt zu haben.“ „Wohlan, da Sie mir erlauben, Theil an Ihnen zu nehmen“ „Ich glaube es will mir ſcheinen„ ich denke⸗ wenn ich mich den Rechten widmete“— „Ja, ja, thun Sie das! Das iſt eine Ih⸗ ren Talenten, Ihrem Berufe würdige Laufbahn. O, wie beklage ich, daß Sie dieſen Weg nicht eher einſchlugen! Ihnen, Ihnen haͤtte ich meine Sache anvertraut; Si⸗ haͤtten mich ge⸗ gen die Anmaßungen eines verhaßten Mannes vertheidigen ſollen. Ich hege keinen Zweifel — 9— in meines jetzigen Anwaldes Geſchichlichseit und Eifer, aber wie angenehm wuͤrde es mir geweſen ſeyn, einen Freund wie Sie, den Bru⸗ der meiner theuren Pauline, zum Vertheidiger zu haben!“ „O Madame!“ rief Deſodry hier aus,„welche Ehre, welches Gluck waͤr' es mir geweſen! Mit welcher Beredtſamkeit haͤtte ich Ihre Sache fuͤhren wollen!“ „Allein“, fuhr jetzt Mad. Derblay fort, da ſie ſah, daß Deſodry von neuem ſchwieg—„eh' Sie ſich in dem neuen Stande auszeichnen können, vergeht noch ziemliche Zeit. Wollen Sie mir vertrauen? Sie haben Geiſt, Sie haben eine gute Erziehung gehabt; waͤhrend Sie die Geſetze ſtudiren, verſaͤumen Sie nicht die ſchoͤnen Wiſſenſchaften. Trachten Sie ſich einen Namen zu machen; kampfen Sie gegen die Vorurtheile an, dienen Sie Ihrer Zeit und Ih⸗ rem Jahrhundert. Sie ſind reich; Sie können Gelehrte unterſtuͤtzen, neue, nutzliche Unterneh⸗ mungen befoͤrdern helſen, die Hand zu neuen Entbeckungen reichen. Nicht Gewinnſucht leite —— Sie hierbei, ſondern der edle Ehrgeitz einer ed⸗ len Seele. Ehren Sie ſich und Ihr Vater⸗ land iieiet Dieſe Worte reichten hin, Deſodry zu ent⸗ zuͤnden.„Ja“, rief er,„ich fühle mich von dem Vorſatze belebt, der Menſchheit zu dienen! Ich will meine Schuld gegen mein Vaterland abtragen, und Ihnen, Ihnen, edle Freundin, verdanke ich Alles, was ich bin und ſeyn werde! Sie weckten den ſchlummernden Funken meiner Seele, Sie befreiten mich aus den Banden, in welche mich Heuchelei geſchmiedet hatte. Ihnen danke ich, daß ich die Feſſeln abſtreifte, die mich fuͤr's ganze Leben ungluͤcklich und verächtlich wuͤrden gemacht haben! O, wie kann ich Ihnen dies je verdanken! wie kann ich je.. Nehmen Sie mein Leben, mein Herz, meine Seele, es gehört Ihnen, Ihnen! die ich verehre, die ich anbete, die ich liebe“——— Dies Wort war ihm kaum entſchläpft, als er erſchrocken plotzlich inne hielt und mit nieder⸗ geſchlagenen Augen ſtehen blieb, als habe er die größte Schuld begangen, wahrend Mad. Der⸗ —,———— jii blay mit freudeleuchtenden Blicken ſich Muͤhe gab, den Eindruck etwas zu verbergei den ſein Geſtaͤndniß auf ſie gemacht hatte. Nach kurzer Pauſe ſagte ſie endlich mit bebender Stimme: „Guter Deſodry, beſinnen Sie ſich; betruͤben Sie nicht ein Herz, das.. Sie wiſſen zu gut, daß Liebe zwiſchen uns“„doch“ — ſetzte ſie ſtockend und mit feuchten Augen hinzu—„Freundſchaft, die innigſte, wärmſte Freundſchaft darf ich Ihnen ohne Gefahr wei⸗ hen, und ich vertraue mein Herz und meine Tu⸗ gend Ihrem Zartgefuͤhle an. Seyn Sie mein Bruder; ich will Ihre zweite Schweſter ſeynz ich will Sie lieben, wie Pauline Sie liebt, aber ſchonen Sie mein Herz.“ Deſodry wollte n Worte ſunnin Mad. Derblay fuhr fort:„Verlaſſen Sie mich ietzt, mein theuerſter Freund; ich muß mich ſam⸗ meln, unſere Unterhaltung hat mich ſo erſchut⸗ tert; ich bedarf Faſſung.“ Sie zog ſich nach dieſen Worten zuruͤck und Deſodry entfernte ſich. Seine Seele ſchwamm jetzt wahrhaft in einem Strom von Wonne; ein ſtolzer Taumel hatte ihn erfaßt.„Wie weit bin ich in einem einzigen Tage geſchritten! ſagte er ſich ſelbſt. Ich habe unwuͤrdige Feſſeln abgeſtreift, und mein Herz der Geliebten entdeckt! Ihr, die ich an⸗ bete, die mir eine Schweſter ſeyn will! O, wenn ſie frei wäre, ſo theilte ſie vielleicht jetzt ſchon meine Gefuͤhle.“ In's Kloſter war er furchtſam und nieber⸗ geſchlagen geſchlichen; jetzt warf er ſeine Blicke frei und kuͤhn umher. Vorher ſcheute er jeden Begegnenden, jetzt hätte er es gern geſehen, wenn Alle ihn gekannt, Alle ihn angeredet hät⸗ ten. Auf dem Hinwege glaubte er, Jeder wuͤrde ihn als einen Menſchen, der ein Aergerniß ge⸗ geben, der ohne Ueberlegung gehandelt hatte, verſpotten, jetzt konnten ihn, ſeiner Ueberzeugung nach, die Menſchen nur als einen Helden, nur als den beneidenswerthen Freund der ſchoͤnſten und geiſtreichſten Frau der Erde bewundern. Uns entging natuͤrlich die Veraͤnderung nicht, welche mit ihm vorgegangen war. Er ſchied von uns als ein Gebeugter und kam wie⸗ der wie ein Starker, wenigſtens wie ein ſich Setäheii e — 18— ſtark Duͤnkender. Statt mit uns zu uberlegen, was fuͤr ihn zu beginnen ſey, erklaͤrte er, un⸗ ſere Rathſchlaͤge nicht fordernd und beachtend, ſeinen Willen.„Ich ſtudire die Rechte“, ſagte er,„und werde ein Sachwalter unterdruͤckter Unſchuld. Einſtweilen werde ich mich aber auch auf die Philoſophie und ſchoͤnen Wiſſen⸗ ſchaften legen“, und nun erzaͤhlte er uns eine Menge theils erhabener, theils laͤcherlicher Plaäͤne her, die ſich in ſeinem Kopfe kreuzten. Dann eroͤffnete er uns, daß er ftei und unabhaͤngig leben wolle, was er jetzt um ſo eher konnte, da ihm ſeine Mutter ſeit der Verheirathung ihrer Tochter ſein Erbtheil uͤbergeben hatte. Er dankte ſeinem Onkel Lecog fuͤr die ihm erwie⸗ ſene Gaſtfreundſchaft, und ſagte uns, er wurde morgen ſchon ſich eine beſondere Wohnung neh⸗ men; bei alle dem war aber immer ſein brennendes Verlangen, der Menſchheit zu nuͤtzen und große Dinge zu verrichten, das dritte Wort. Herr und Mad. Lecoq ſahen ihren Neffen bei dieſen Eroͤffnungen groß an; ſie waren er⸗ ſtaunt und beſturzt zugleich uͤber den ſchneiden⸗ — 14— den, kurzen Ton, den er angenommen hatte; ſie konnten es ſich nicht reimen, wie er ſo ſchnell von einem Extrem auf das andere hatte fallen können. Ich gedachte der Mad. Derblay, und er machte kein Geheimniß daraus, daß er bei ihr geweſen war. Ein Strom von Lobeserhebun⸗ gen ergoß ſich aus ſeinem Munde über ſie; mit gluͤhenden Farben ſchilderte er uns ihren Geiſt, ihre Anmuth, ihre Schoͤnheit und ihr Ungluͤck. Er ſprach den ganzen Abend nur von ihr. „Ol o! fluͤſterte mir Onkel Lecoq zu, mir kommt die Bekanntſchaft des Thoren mit die⸗ ſer Frau gar nicht mehr laͤcherlich vor. Ich fuͤrchte, ich fuͤrchte, ſie verlockt ihn uns.“ Als ich mit meiner Frau allein war, eroͤff⸗ nete ich ihr, wie ich gleichfalls nichts Gutes von der zu innigen Freundſchaft meines Schwa⸗ gers mit Mad. Derblay erwartete; ſie aber ent⸗ gegnete mir:„Wie kannſt du ſo boͤſe von meinem Bruder denken! Soll er jetzt, da er nicht mehr Abbe iſt, keine Grundſätze mehr ha⸗ ben? Nein, nein, mein Bruder wird nie mit einer verheiratheten Frau“„ Ich lachte, Pauline fuhr uͤber meine Zwei⸗ fel ganz boͤſe fort:„Und wenn auch mein Bruder ſich vergeſſen könnte, ſo bin ich doch ruhig, denn Mad. Derblay wird nicht..„ Glaube mir, ſie iſt eine Frau— o wenn Du ſie kennteſt! Ich will meine Hand in's Feuer legen(der Leſer ſieht, meine Gattin hatte ſich die Terminologie ihrer Tante angewöhnt), wenn ſie je aufhoͤrt tugendhaft zu ſeyn.“ Ich ſchwieg und betrachtete meine Frau mit zufriedenem Lächeln. Mich freute dies Ver⸗ trauen, welches ſie in Andere ſetzte, denn es war mir ein ſicherer Buͤrge fuͤr die Reinheit ihrer eigenen Seele. Zweites Kapitel. „ Deſodry's neue Lebensweiſe. Grie am andern Tage miethete ſich Deſobry eine Wohnung in der Nähe des Kloſters, in welchem Mad. Derblay lebte. Es war ein ſchlechtes und unangenehmes Logis, entfernt von allen Gelegenheiten zum Lernen und zum Ver⸗ gnuͤgen, aber es war in ihrer Naͤhe, die Fen⸗ ſter gingen nach ihren Fenſtern, dies reichte hin. Eben ſo ſchnell hatte er eine Veraͤnderung mit ſeiner Toilette vorgenommen. Ein Schnei⸗ der hatte ihn in wenig Stunden nach dem neueſten Geſchmack coſtuͤmirt, ein Friſeur verbarg geſchickt ſeine Tonſur, und eben ſo zufrieden und vergnuͤgt, wie vormals, da er ſich zum Erſten⸗ N male in der Kleidung eines Abbe ſah, erblickte er ſich jetzt vor dem Spiegel ſtehend, in der eines Stutzers. Mad. Derblay, der er nicht unterließ, ſich ſogleich zu präſentiren, war entzuͤckt uͤber die Veraͤnderung. Sie fand ihn gewandt, liebens⸗ wurdig, und er gerieth auf's neue in Extaſe. Obſchon ſie es ihm geſtern verboten hatte, von Liebe zu reden, ſo ſprach er doch heute wieder davon, und ſie dagegen mit zärtlichen Blicken, von ewiger Seelenfreundſchaft⸗ Nicht lange, ſo trat auch Herr Duͤrlair in's Sprachzimmer. Als er den in einen Elegant verwandelten Abbe erblickte, laͤchelte er ſchlau, und Mad. Derblay beeilte ſich, ihn von der Standesveraͤnderung und den Abſichten des jun⸗ gen Mannes zu unterrichten, dabei ſeine Freund⸗ ſchaft und ſeinen Rath fuͤr ihren Muͤndel in Anſpruch nehmend.„Denn“, ſetzte ſie hinzu, „ich nenne ihn ſo, weil er mir erlaubt hat, mich fuͤr ſein Wohl zu intereſſiren, obſchon er älter iſt, wie ich.“ Herr Duͤclair laͤchelte hier von neuem fühlte 2 S e et ſich aber dabei nicht wenig geſchmeichelt, daß man ſeinen Rath begehrte, und verſprach den angehenden Mitbruder in den Pandecten auf's Beſte zu unterſtuͤtzen.— Entzuckt hieruͤber, verhehlte nun Deſodry dem neuen Freunde ſeine Plaͤne nicht länger. Er redete ihm von ſeinen Vorſätzen, der Geſellſchaft zu nutzen, von ſeinen vorhabenden großen Unternehmungen, zuletzt ſo⸗ gar von ſeiner Liebe vor, und hatte ſich hier gerade an den rechten Mann gewendet. Eitel, eingebildet, voll hochtrabender Pläne und Redens⸗ arten— wie viele Rechtsgelehrte Frankreichs zu jener Zeit— erfaßte Herr Duͤclair dies Alles mit Feuereifer, und verſprach wiederholt meinem Freunde, ſein Fuͤhrer auf der Bahn zu den Wiſſenſchaften, zum Ruhme und zum Vergnu⸗ gen— welches, nebenbei bemerkt, der Juriſt nicht wenig liebte— zu ſeyn. Bunt durch einander redete er nun dem jungen Manne von weitſchichtigen Unternehmungen und galanten Soupees, vom roͤmiſchen Recht und von Schau⸗ ſpielen, von Philoſophen und hubſchen Frauen vor, und mit wirbelndem Kopfe trennte ſich endlich ——— — 19— Deſodry von ihm, nachdem ſie noch vorher ein Rendezvous mit einander auf den Abend in der Oper verabredet hatten. Wie gluͤcklich war jetzt mein Schwager! der erklaͤrte Schuͤtzling einer geiſtreichen und liebens⸗ wuͤrdigen Frau, der Freund des, nach ſeiner Meinung, erſten Rechtsgelehrten der Welt, der angehende Heros auf jeder Bahn des Ruhms; wie mußte ihn dies alles berauſchen!— Tau⸗ melnd vor Freude rannte er zu allen ſeinen Bekannten umher; ſogar zu Demoiſelle Vero⸗ nika und in's Seminar ging er, um ſich im neuen Glanze ſeines Seyns zu zeigen, und der ſanfte Vorwurf des ehrwurdigen l'Omont, jetzt ſchon durch ſein Wiedererſcheinen in dieſem Hauſe das geſtern gegebene Aergerniß gewiſſermaßen zu erneuern, beunruhigte ihn ſo wenig, wie die zorngluͤhenden Blicke des eifrigen Danriot und die Seufzer ſeiner frommen Tante. Mitleidig ſah er ſeine vormaligen Collegen, die Semina⸗ riſten an, l'Omont nannte er bei ſeiner Ruͤck⸗ kehr einen guten, aber ſchwachen Mann, Danriot einen eingefleiſchten Pfaffen, ſeine Tante eine 2* läͤcherliche Betſchweſter, und den Doctor Thierry, den er bei uns vorfand, und der ſeine Sarkas⸗ men uͤber die Genannten tadelte, einen an Vor⸗ urtheilen feſtklebenden Alten. Auch hielt er ſich nicht lange bei uns auf, ſondern ſturmte wieder fort, um mit ſeinem neuen Freunde die Thea⸗ ter und alle jene Orte des Vergnuͤgens zu be⸗ ſuchen, an denen Paris ſtets ſo reich war, und als ich ihm nach einiger Zeit Vorſtellungen uͤber den Strudel machte, in den er ſich ſtuͤrzte, da verfehlte er nicht, auch mich als einen Befan⸗ genen zu perfiffliren, und ſogar, da ich ſeine Epigramme auf die Bigotterie ſeiner Tante Veronika tadelte, mich gleichfalls einen fröm⸗ melnden Kopfhänger zu nennen, mich, den er noch vor wenigen Wochen fuͤr einen Atheiſten erklaͤrte! Wie alle Thoren, die unter ſo vielfacher Geſtalt auf Erden wandeln, hielt er ſich natur⸗ lich fuͤr ſehr weiſe, und ganz ernſtlich glaubte er, waͤhrend er auch jetzt, wie fruͤher, jedes Maas uͤberſchritt, die groͤßte Maͤßigung an den Tag zu legen. Fortwaͤhrend ruͤhmte er ſich ſeiner Pläne — 21— fuͤr das Beſte der Menſchheit, und ſeit ſeinem Austritt aus dem Seminar hatte er noch nicht einen Schritt gethan, um nur etwas anzufangen. Zwar hatte er ſich in die Rechtsfacultaͤt ein⸗ ſchreiben laſſen, und auch einige Collegia beſucht, aber im Hoͤrſaal entwarf er Skizzen zu komi⸗ ſchen Opern, mit denen er als ſchoner Geiſt de⸗ buͤtiren wollte, und im Theater unterſuchte er mit juriſtiſcher Spitzfindigkeit die gegenſeitigen Rechtsverhaͤltniſſe der auftretenden Perſonen. Eines that er jedoch mit ganzer Seele; dies war, dem Anwald ſeiner Schoͤnen in deſſen Bemuͤhungen fuͤr dieſelbe beizuſtehen. Unermuͤd⸗ lich rannte er umher, ihr Beſchuͤtzer und Freunde zu erwerben; er uͤberlief die Richter, ſprach in allen Geſellſchaften, wo er nur Zutritt fand, von ihrem ungluck, ihren Leiden, ihren Tugen⸗ den, zog unablaͤſſig, ohne ihn zu kennen, auf ihren Tyrannen von Gemahl los, und wer ihn hoͤrte, mußte glauben, daß Herr Derblay das aͤrgſte Ungeheuer unter der Sonne, Madame aber die bedaurungswuͤrdigſte Ungluͤckliche auf Erden ſey. Meine Frau war mit den Nonnen des Klo⸗ ſters, in welchem ſie gelebt hatte, in freund⸗ ſchaftlicher Verbindung geblieben, und beſuchte ſie zuweilen. Angenehm wäre es mir zwar ge⸗ weſen, wenn ſie Mad. Derblay nicht weiter geſehen haͤtte, denn ich konnte mich einiges Miß⸗ trauens gegen dieſe Frau nicht enthalten, indeß ging dies nicht, und ich war nicht ſo abge⸗ ſchmackt, meiner Gattin deswegen den Umgang mit ihren andern Freundinnen verbittern zu wollen. Auch glaubte ich wirklich Mad. Derblay in Be⸗ treff ihres Mannes beklagen zu muͤſſen, und hielt dieſen fur ſchuldig; bald ſollte ich jedoch hieruber aufgeklaͤrt werden. Drittes Kapitel. Eine Eheſtands⸗ und Scheidungs⸗ Geſchichte. Di Zeit, wo der Prozeß der ſchoͤnen Frau entſchieden werden ſollte, nahte heran, als ich als Arzt in die Familie eines Rechtsgelehrten gerufen wurde, der zufaͤllig der Sachwalt des Herrn Derblay war, und bei dem ich letztern eines Tages fand und kennen lernte. Der Mann ſchien mir gar nicht dem Bilde zu ent⸗ ſprechen, welches man mir von ihm gemacht hatte; ich ſchloß mich näher an ihn und Herrn Herbert— ſeinen Advokaten— an, und da ſah ich denn, daß das verſchrieene Ungeheuer, der Tyrann ohne Gleichen, ein ganz ſanfter und friedfertiger Mann war. S6 Ich hatte mir einen brutalen, erziehungs⸗ loſen Menſchen gedacht, und ich fand einen ſich gut ausbrückenden, höflichen und bedachten, Mit einiger Bitterkeit ſagte er zwar, er habe in ſeinem Leben nur einen dummen Streich ge⸗ macht, den namlich, ſich zu verheirathen, aber ſelbſt dies milderte er ſogleich durch einen gumuͤ⸗ thigen Scherz, und ſo konnte ich denn durchaus nichts an ihm finden, was ihn der Vorwuͤrfe wuͤrbig zu machen ſchien, mit denen ſeine Gat⸗ tin, ihr Anwald und Deſodry ihn belegten. Dazu war ſein Aeußeres angenehm und er noch gar nicht veraltet. Ich geſtehe, daß mich dies alles befremdete, um ſo mehr, da er im Ge⸗ ſpraͤche ſelbſt die Vorzuͤge ſeiner Gattin aner⸗ kannte; ich kam jedoch bald von meinem Er⸗ ſtaunen, allein auf eine andere Art, wie ich erwar⸗ tet hatte, zuruͤck, als ich den ganzen Verlauf der Sache zwiſchen den Eheleuten erfuhr. Mit Weisheit fordern die Geſetze wichtige Gruͤnde zu einer Trennung; Mad. Derblay wußte das, aber, getrieben von ihrem Hange zu glaͤnzen und unabhaͤngig ſich ihren Launen uͤber⸗ — laſſen zu können, und unterſtützt von dem Rathe verſchmitzter Freunde, gelangte ſie bald dahin, welche zu finden, die wichtig genug ſchienen, auf die von ihr gewuͤnſchte Scheidung klagen zu können. Leicht war es ihr, ihrem Manne Gelegenheit zur Eiferfucht zu geben; daraus entſtanden einige leichte Vorwürfe von feiner, und bittere Klagen von ihrer Seite. Stolz berief ſie ſich auf ihre Tugend, und höhniſch erklaͤrte ſie, ihr Benehmen nicht aͤndern zu wollen. Sie hielt Wort und neue Zwiſtigkeiten erfolgten, die zwar immer von dem nachgebenden Manne mit großer Scho⸗ nung gefuͤhrt, von ihr aber demohngeachtet ſtets auf's ſchwerſte aufgenommen wurden. In allen Geſellſchaften ward Herr Derblay nun als ein eiferſuͤchtiger Tuͤrke geſchildert, der ſeine lie⸗ benswuͤrdige Gattin unbeſchreiblich elend mache, und es lßt ſich denken, daß alle Verehrer von Madame— und wie viele hat eine ſo hůͤbſche Frau!— darin einſtimmten, Zum ueberfluß ſtand ihr auch noch eine Mutter als Auxiliar⸗ macht zur Seite, die in ihrer Jugend Coquette, — 26— und nun in ihrem Alter eine furchtbare Schwaͤz⸗ zerin war, und die, nach dem eigenen Geſtaͤndniß der Tochter, ihren ſeligen Gatten bei Zeiten in's Grab geärgert hatte. Gedrängt zwiſchen zwei Feuer, hatte ſomit der arme Derblay ſtets den Kuͤrzeren gezogen; ſeiner Gutmuͤthigkeit und Friedensliebe fiel es je⸗ doch nicht ſchwer, nachzugeben, nnd ſelbſt, um nur Ruhe im Hauſe zu haben, ſich fur ſchuldig zu bekennen. Ermudet aber mit jedem Tage mehr von den Capricen ſeiner Frau, klagt er einſt⸗ mals ſein häusliches Leiden einem Freunde, und dieſer iſt indiscret genug, die vertraulichen Mit⸗ theilungen des Kreuztraͤgers weiter zu verbreiten. Es kömmt zu Mad. Derbläy's Ohren, und ſie und ihre Rathgeber triumphiren; jetzt iſt ſchon ein Scheingrund gewonnen; Verlaͤumdung, Be⸗ leidigung hinter dem Ruͤcken; ach, wenn man doch nun nur noch eine That hätte! Ganz von Natur und ohne beſonderen Vor⸗ ſatz hatte Mad. Derblay zahlreiche Launen; man denke, wie viel ſie jetzt hatte, da ſie welche ha⸗ ben wollte. Die entſchloſſenſte Philoſophie, die N Reſignation des entſchiedenſten Heiligen waͤre von ihr verwuͤſtet worden. Getrillt auf's Aeu⸗ ßerſte, vergaß ſich Derblay ein paarmal zu Dro⸗ hungen; Madam verzog den Mund und lachte den ehrlichen Tropf aus. Ein Anderer haͤtte durch⸗ gegriffen; Derblay war ruhig genug, auch dies zu verſchmerzen.„Wie ſollt' ich mich uͤber ein Weib erzuͤrnen!“ ſprach er, ſich ſelbſt Vorwuͤrfe machend, zu ſich, und ging in's Freie, um durch einen Spaziergang die aufgeregte Galle zu be⸗ ſaͤnftigen. Et kam zuruͤck, war gut und freund⸗ lich wie vorher, die unbarmherzige Coquette trieb es aber darum nur deſto ärger. Endlich riß ihm aber doch Einmal die Geduld. Eines Ta⸗ ges, von ſeiner boͤſen Hälfte im Beiſeyn der Kammerjungfer und der trefflichen Schwidger⸗ mutter auf's furchtbarſte gepeinigt, erbittert dar⸗ uͤber, jene hohnlaͤchelnde Zeugen ſeiner zu gro⸗ ßen Nachſicht zu haben, erhob er die Hand gegen die eigenſinnige Quaälerin, und nun war man an dem Ziele, nach welchem man ſo lange ge⸗ ſtrebt hatte. Zwar ließ Herr Derblay ſogleich die Hand wieder ſinken, zwar war er ſogar ſo —— — — ſchwach, dem böſen Geiſte ſeines Hauſes noch gute Worte zu geben, aber umſonſt!— So wie er nun den Arm hob, war die Schwieger⸗ mama mit gellendem Geſchrei vor ihre Tochter getreten, um ſie zu beſchuͤtzen. Madame ſchrie, die Zofe ſchrie, die Hausleute eilten auf den Lärm herbeiz man fragte, man ſchnatterte durch einander; die Frau Mutter rief Gott und alle Welt zum Zeugen gegen ſolche unmenſchliche Barbarei, und Madame erklaͤrte mit tragiſchem Pathos: ſie könne keine Stunde mehr mit einem Manne unter demſelben Dache wohnen, deſſen unerhoͤrter Jähzorn ihn leicht zu ihrem Mörder machen koͤnne. Und wie geſagt, ſo geſchehen; es wurde eiligſt eingepackt und ehe zwei Stunden verfloſſen waren, war der ganze Schwarm aus dem Hauſe. Noch denſelben Abend entwarf aber Mad. Derblay ihre Klage, denn jetzt konnte man ja von erduldeten Miß⸗ handlungen ſprechen.— Die Schoͤne hatte ſich zu ihrer Mutter zuruͤckgezogen; da dieſe aber nun weit unerträglicher, wie der verhaßte Ehe⸗ tyrann gebieten wollte, ſo uͤberwarf ſich das Paar — und Madame begab ſich, den S zu beob⸗ achten, in's Kloſter. Die Sache ging unterdeß ihren Gangz Zeu⸗ gen wurden verhoͤrt und wieder verhoͤrt, und ob⸗ ſchon ſie und auch Herr Derblay ſelbſt das Factum wegen Aufhebung der Hand beſtätigten, ſo hatte es doch den gegruͤndeten Anſchein, als wenn Mad. Derblay verlieren wuͤrde, da jetzt die Ausſagen ihrer erzuͤrnten Mutter— der es nicht unwillkommen war, ihrem Tochterchen, uach dem Zwieſpalt mit ihr, einen kleinen Streich ſpielen zu koͤnnen— nichts weniger als guͤnſtig fuͤr ſie waren. „Verlaſſen Sie ſich darauf“, ſagte Herr Hebert zu ſeinem Clienten,„wir gewinnen un⸗ ſere Sache.“„Vortrefflich! vortrefflich!“ ent⸗ gegnete Herr Derblay; das Geſicht, welches er aber dabei machte, ſchien mir gar nicht von gro⸗ ßer Zufriedenheit zu zeigen. „Und wenn ich gewinne“, fuhr er fort,„was wird dann? muß ich dann meine Frau wie⸗ dernehmen?“ „Sie wünſchen es ja wohl?“ „O gewiß, gewiß. Das iſt ſchön; mun, ich werde recht gluͤcklich ſeyn.“ Dies ſagte der Mann mit einem tiefen Seufzer und ging, un⸗ ter der Thuͤr wendete er ſich aber wieder um und ſprach: „Ach, ſagen Sie mir doch, beſter Freund, geſetzt, ich verloͤr ſtatt zu gewinnen, was geſchäh' dann?“ „Dann wuͤrden Sie getrennt.“ „Das heißt, meine Frau käm' nicht wieder zu mir, nicht wahr? Und was dann weiter noch?“ „Sie muͤßten ihr alsdann ihr eingebrachtes Vermogen zuruͤckzahlen und verlieren alle lichen Rechte.“ „Der Teufel! das Heirathsgut? das iſt hart! Allein—— meine Frau zuruͤckneh⸗ men—— Ich lebe jetzt ſo ruhig, wie ein Gott, mein Haus iſt ein Paradies geworden, ſeit ſie fort iſt; ſoll ich's mir noch einmal zur Hölle machen laſſen?— Wiſſen Sie was, ich liebe das Aufſehen nicht, mir ſind die Schlep⸗ pereien vor Gericht verhaßt; ich habe einmal einen dummen Streich gemacht, daß ich hei⸗ rathete, ich will nicht den zweiten machen und meine Frau zum zweitenmale nehmen. Gleichen Sie die Sache aus. Ich will das Eingebrachte herausgeben, ich will auf alle ehelichen Rechte, wie Sie es nennen, verzichten; ſie ſoll Recht haben. Wir haben keine Kinder. Mag ſie nach ihrem Gefallen leben, ich will es auch. Ich geſtehe alles zu, hören Sie, nur keine Kiag⸗ geſchichten mehr.“ „Wenn Sie dies wollen und entſchloſſen ſind“—— „Ja, ich bin entſchloſſen, ſehr entſchloſſen.“ „Dann, Herr Derblay, macht ſich die Sache leicht. Zum Spruch muß ſie zwar kommen, indeß män kann da alles freundſchaftlich vor⸗ her ſchon ausgleichen, und da Madame in Ge⸗ fahr ſteht, ihren Prozeß zu verlieren, ſo zweifle ich nicht, wird ihr eine ſolche Uebereinkunft dop⸗ pelt willkommen ſeyn.“ Bisher hatte ich ſchweigend zugehort, jetzt glaubte ich mich in das Geſpräch miſchen zu duͤrfen. Ich erzahlte, daß ich nicht allein die — Ehre haͤtte, mit Mad. Derblay ſelbſt bekannt zu ſeyn, ſondern auch der Freund eines jungen Mannes ſey, der Einfluß bei ihr habe, und daß ich ſomit hier hoffe vermittelnd dienen zu koͤnnen. Mein Erbieten ward von Herrn Der⸗ blay, der bei Erwaͤhnung des einflußreichen jungen Freundes ſeiner Frau die Stirne doch ein wenig runzelte, bald aber wieder durch die Ausſicht, ohne Streit und Hader von ſeiner Haͤlfte zu kommen, aufgeheitert wurde, mit Ver⸗ gnuͤgen angenommen⸗ Ich trug demnach ſogleich bei meiner Rach⸗ hauſekunft Deſodry die Sache vor, und hatte das Vergnuͤgen, ihn, in Folge eines Ueberreſtes von Scheu vor allem, was Aufſehen machte, willig darauf eingehen zu ſehen. Er verſprach mit ſeiner Freundin und mit Herrn Duͤclair daruͤber zu reden, und mir auf's ſchnellſte eine, wie er hoffte, guͤnſtige Antwort zu bringen. Wie war ich daher erſtaunt, als er am andern Tage kurz erklaͤrte, Mad. Derblay verwuͤrfe einen ſol⸗ chen Antrag mit verdienter Verachtung, indem es unter ihrer Wuͤrde ſey, mit einem Tyrannen, wie Herr Derblay, auch nur im Mindeſten ſich zu einigen.„Weder die vortreffliche Frau“, fuhr er fort,„noch ihr Anwald, noch ich, ſind einfäͤltig und niederträchtig genug, uns durch der⸗ gleichen erheuchelte Großmuth blenden oder ver⸗ fuͤhren zu laſſen. Ein ſolcher Wuͤtherich, wie dieſer Derblay, der alle gottliche und menſchliche Geſetze mit Fuͤßen tritt, und das vollkommenſte Weib elend machen konnte, muß unerbittlich beſtraft werden. Die Welt muß an ihm ein Exempel erleben, und Madame Derblay iſt es ihrem Geſchlecht, wie ihrer Ehre ſchuldig, den Böſewicht, der aus allen guten Geſellſchaften verwieſen werden muß, ohne Schonung der Strafe der Geſetze und der oͤffentlichen Verach⸗ tung Preiß zu geben.“. Bei dieſen im hoͤchſten Pathos deklamirten Worten blieb er, und meine ruhigen und ver⸗ nuͤnftigen Vorſtellungen dienten nur dazu, den Thoren noch mehr zu erhitzen. Er ſprach von Reden, die er halten, von Schriften, die er drucken laſſen wollte, er faſelte von den aͤrgſten Strafen, die Derblay treffen mußten, und ſchloß I. „ 3 damit, zu verſichern„daß wenn Mad. Derblay, vielleicht durch Raͤnke beeintraͤchtigt, vor dem Cha⸗ telet*) verlieren ſollte, ſie an's Parlament appel⸗ liren wuͤrde, und daß es wenig freundſchaftlich von mir ſey, mich zum Werkzeuge der Feinde dieſer tugendhaften Frau zu machen. Man ſieht, mein Freund blieb ſich auch bei dieſer Gelegenheit gleich. Er erhitzte ſich ohne Noth; die Idee, fuͤr die Ehre der Frauen, dieſer intereſſanten und ſchoͤnen Haͤlfte des menſchlichen Geſchlechtes zu fechten, riß ihn hin; er war dabei ſeinem neuen Syſteme, fuͤr das Wohl der Geſellſchaft zu wirken, trau, aber ſchon verwech⸗ ſelte er in ſeinem Eifer Recht und Unrecht, ſchon folgte er mehr dem Impulſe, den ihm ein liſtiger Charlatan und eine verſchmitzte Coquetts zu ertheilen wußten, als den Mahnungen der Vernunft. Meine W blieben ſomit ungehoͤrt. *) Le Cour Chatelet. Dies iſt ein Gerichts⸗ hof in Paris, vor welchem in Sipilſachen in erſter entſchieden wird. d. ueb. — Untetdeß ruͤckte der Tag, an welchem die Verhandlung vor Gericht beginnen ſollte, heran. Herr Duͤclair hatte ſich auf's beſte vorbereitet fuͤr ſeine Clientin zu ſprechen und deswegen eine Rede ausgearbeitet und memorirt, die er vor den Schranken zu halten gedachte, und in welcher Herr Derblay mit den allerdunkelſten, deſſen Gattin dagegen mit den lichteſten Farben geſchilbert war. Duͤclair war ohne Zweifel ein Mann von Geiſt und Kenntniſſen, dies geſtan⸗ den ihm ſelbſt ſeine Gegner zu; aber wer weiß nicht, bis zu welchem Grade von Lächerlichkeit die Sucht zu glänzen und Effect zu machen auch die geiſtreichſten Menſchen oft verfuͤhrt. In ſeiner Vertheidigungsrede fur eine Pariſer Buͤrgerin, die von ihrem Manne getrennt zu werden wuͤnſchte, waren, um rechte Wirkung her⸗ vorzubringen, die entfernteſten Dinge hineinge⸗ webt. Er ſprach von den Verhaͤltniſſen der lace⸗ dämoniſchen Buͤrgerinnen und den Damen des alten Roms; er betrauerte das ungluͤckliche Ge⸗ ſchick der reitzenden Eircaſſierinnen, die ein begehr⸗ licher Muſelmann in ſeinen Harem ſperrt und 3* — durch ſchwarze Eunuchen bewachen laͤßt, und dem gedruͤckten Loſe der Schoͤnen am Kauka⸗ ſus, und man kann ſich daher leicht denken, daß ihm ein Vergleichsvorſchlag, der ihn der Fruͤchte, die eine ſolche Rede ihm bringen mußte, zu berauben drohte, auf's Aeußerſte unwillkom⸗ men war. n Zwei Tage vor dem beſtimmten Termin las er ſeine Arbeit ſeiner Clientin und Deſodry im Sprachzimmer mit moglichſtem Pathos vor⸗ Er hatte alle Geberden dazu theatraliſch einſtu⸗ dirt; bald ſprach er ſanft, langſam, demuͤthig, ſchmeichelnd, gleichſam das Mitleid der Hoͤrer fuͤr das unterdruͤckte Opfer männlicher Tyrannei in Anſpruch nehmend; dann erhob er ſich wie⸗ der, ſein Blick ward drohend, ſeine Stimme noch einmal ſo durchdringend wie ſonſt; wie ein Strom brauſten ihm die Worte von den Lip⸗ pen, er wollte ſchrecken, erſchüttern, und— weich ein Triumph fuͤr ihn! er erreichte ſeinen Zweck. Das kleine Auditorium im Sprachzim⸗ mer war hingeriſſen von Zorn, Abſ cheu und Mit⸗ leiden, und die auf den Lärm herbeigeeilte Pfort⸗ — nerin konnte vor Schluchzen kaum mehr ſpre⸗ chen. Meinem Freunde, dem indeß trotz aller Muͤhe, die er ſich gab, doch zuweilen noch ein kleiner Anfall von Aengſtlichkeit kam, ſchienen jedoch einige Stellen zu ſtark aufgetragen, und er bemerkte dies an Mad. Derblay; dieſe dagegen, die nach nichts ſo ſehr, als nach dem, was Auf⸗ ſehen macht, ſtrebte, war anderer Meinung, und ſogleich äͤnderte auch Deſodry die ſeinige; ja, er ging noch weiter; was ihm erſt zu grell vorge⸗ kommen war, erſchien ihm nun zu ſchwach tin⸗ girt, und er gab nun dem Rechtsmanne noch Winke, dies und jenes bei dem Vortrage vor den Schranken noch mehr herauszuheben. Sehr ſchmerzlich war es uͤbrigens Mad. Derblay, der Situng nicht ſelbſt beiwohnen zu können; ein Ueberreſt von weiblicher Schuchternheit und Schicklichkeitsgefuͤhl hielt ſie davon ab; Deſodry dagegen fand ſich natuͤrlich ein, um ſeiner Ge⸗ bieterin ihren Triumph uic hinterbringen zu können. Herr Derblay war unterdeß in z ſ gen Verlegenheit. Bald nahm er ſich, gereitzt durch die Hartnaͤckigkeit ſeiner Gattin, die bei'm offenbarſten Unrecht ſich nicht vergleichen wollte, ernſtlich vor, es ihr zu Hauſe zu bringen, wenn ſie erſt wieder bei ihm ſeyn wuͤrde; bald äng⸗ ſtigte ihn aber auch wieder der Gedanke, ſie um ſich zu wiſſen, denn nut zu gut fuhlte er, daß, wenn es an ein gegenſeitiges Quälen gehen ſollte, ſie die geſchicktere ſeyo. Er wußte jetzt in Wahrheit nicht, was er beginnen ſollte, und ſchon war der Tag der Entſcheidung da.— Die Partheien wurden aufgerufen. Duͤclair, bis dahin mit tiefdenkender Miene ſchweigend daſtehend und ſein viereckiges Baret unter dem Arm haltend, richtete ſich empor, raͤusperte ſich und erwartete nun, daß der Präſident gravitä⸗ tiſch ſagen würde:„Bedeckt Euch, Meiſter Duͤclair.“ Aber ſiehe, da erhob ſich Herr He⸗ bert, der Anwald des Herrn Derblay, oder, wie ihn die Pandecten nennen, der Dominus Ktis, und erklaͤrte, daß ſein Client keinen der in der Anklage enthaltenen Punkte leugne, jetzt aber auch keinen Rechtsgelehrten zu ſeiner Vertheidigung ernannt habe, nib ſomit ſich dem Urtheil*5 Tribunals ohne Einrede unterwerfe. Dieſe Worte waren ein Donnerſchlag fuͤr Duͤclair. Hin war der Triumph ſeiner Rede, hin alle ſchoͤnen Hoffnungen auf Effect. Ein Paar Minuten blieb er wie verſteinert ſtehen, dann ſtotterte er etwas von ſeinem Recht, plai⸗ doyiren zu koͤnnen, bald raubte ihm aber der Aerger die Sprache, er verwickelte ſich, man läͤchelte und der Advokat des Konigs nahm das Wort und erklaͤrte, daß nach der Eroffnung des Anwaldes des Mannes die Klage der Frau an⸗ zunehmen ſey. Sofort erhoben ſich nun die Richter, um zu deliberiren, und bald verkuͤndete der Praͤſident, daß in Folge des Vortrages des Abvokaten des Koͤnigs und auf die Bitte der Klägerin und in Erwaͤgung des Eingeſtaͤndniſſes des Beklagten ꝛc. ꝛe. Mad. Derblay von ihrem Gatten getrennt ſey. Herr Derblay hatte der Sttung, verſteckt unter dem Haufen der Zuhörer, beigewohnt. Als dieſer Ausſpruch ertonte, rieb er ſich ver⸗ gnügt die Haͤnde, und ſein Sachwalter hat mir — ſpaͤter vertraut, daß er nie einen gluͤcklich Ge⸗ winnenden ſo zufrieden und heiter geſehen habe, wie ihn, der den Prozeß verlor. Faſt eben ſo verdrußlich uber dieſen leichten Sieg, wie Duͤclair, war auch Mad. Derblay⸗ „Wie!“ rief ſie aus, als ihr Deſodry faſt athemlos die Nachricht brachte—„man hat nicht debattirt?“ Es ſchien ihr, als habe ihr Gatte durch ſeine Reſignation einen Sieg uͤber ſie erfochten, und dies ſchmerzte die ehrgeitzige Frau ſehr. Nicht lange, ſo trat auch Duͤclair herein. Er war finſter, beſtuͤrzt, blaß.„Mir das Wort zu nehmen!“ rief er aus,„mir! das iſt eine Schmach, die ich nicht uͤberlebe.“ Er klagte die Richter, den Praͤſidenten, Herrn Der⸗ blay, deſſen Anwald, das Publikum in ſeinem Unwillen an. Was kuͤmmerte es ihm, das ſeine Clientin ihren Prozeß gewonnen hatte, daß ſie alles erlangt hatte, was ſie forderte, daß er ein anſehnliches Honorar erhielt! Er hatte ſeine Hration nicht halten duͤrfen, das andere war ihm gleichguͤltig.— „Troͤſten Sie ſich“, ſprach endlich Deſodry von Enthuſiasmus.„Sie, meine edle und ſchoͤne Freundinn, ſind frei; Sie koͤnnen thun und laſſen, was Ihnen beliebt; Sie ſind aus den Banden eines gefuͤhlloſen Ungeheuers be⸗ freit, Herrin Ihres Vermögens, welche Rolle können Sie jetzt ſpielen! Und Sie, mein lieber Duͤclair, beruhigen Sie ſich auch. Wie viele Gelegenheiten werden Ihnen noch werden, um Ihr großes Talent zu entwickeln! Kuͤmmern wir uns nicht mehr um jene beſeitigte Ange⸗ legenheit; ſtehen Sie mir vielmehr jetzt bei, der Menſchheit zu nuͤtzen. Zeigen Sie mir Un⸗ gluͤckliche, Gedruͤckte, damit ich helfen kann; weiſen Sie mir Männer von Talent und Genie nach, die eines Protectors beduͤrfen; ich will es ſeyn. So wollen wir uns dafür raͤchen, je die Gelegenheit verloren zu haben, ein Aufſehen zu erregen; die Welt ſoll von uns reden, wenn man auch vor dem Chatelet uns nicht zu Worte kommen ließ!“ Herr Derblay huͤtete ſich wohl, gegen den Ausſpruch der erſten Inſtanz zu appelliren; er zahlte ſeiner Gattin ihre Mitgift zuruͤck, und ————— dieſe war mun unabhängig. Faſt zur ſelben Zeit ſtarb Demoiſelle Veronika. Ihre Hinter⸗ laſſenſchaft vermehrte das Vermögen meines Freundes. Mad. Derblay nahm eine elegante und große Wohnung in der Chauſſee d'Antin nach dem Boulevard zu, und da es ſich gerade fügte, daß in demſelben Hauſe noch einige Zim⸗ mer leer ſtanden, ſo eilte Deſodry, ſie zu miethen, ohne zu bedenken, daß er hierdurch dem Rufe ſeiner Schoͤnen eben nicht nuͤtzte, die indeß ſich um das Gerede einiger Vorurtheilsvollen gleich⸗ falls nicht ſonderlich zu bekuͤmmern ſchien und hoͤchlich damit zufrieden war, daß mein Freund ſeine großen Projecte zum Heil der Welt ſo un⸗ mittelbar in ihrer Naͤhe und unter ihren Augen u betreiben gedachte. — 4 Viertes Kapitel. Philoſophiſche und phitantropiſche Träumereien. Em Geiſt der Aufregung und Spannung zeigte ſich damals unter allen Standen der Haupt⸗ ſtadt. Die in den Schriften der Denker des achtzehnten Jahrhunderts ſo kuͤhn und kraͤftig ausgeſprochenen Wahrheiten hatten alle Gemuther ergriffen, und es waren damals eine Maſſe von Ideen uͤber Freiheit in Kirche und Staat, und uͤber oͤffentliches Wohl verbreitet worden, die nun, aufgefaßt von einer lebhaften Nation, mit ungeheurer Kraft in allen Köpfen gährten. Die Franzoſen, ſo lange ſich darauf beſchränkend, brav im Felde und galant in Geſellſchaft zu —— ſeyn, fingen an, ſich mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß ſie wohl zu etwas Beſſerem be⸗ rufen ſeyen, als fort und fort unter der Laſt kirchlicher und buͤrgerlicher Vorurtheile, die ſie niederdruckten, zu ſeufzen, und indem ſie einen Blick auf die Geſchichte ihres Landes warfen, fanden ſie Stoff genug zum Nachdenken. Sie ſahen, wie in den Kriegen der Ligue der Clerus und der Adel den Boden der Heimath mit Blut gedüngt hatten, ohne auf das Elend des Volks Ruͤckſicht zu nehmen: ſie ſahen, wie ſpäter in den Streitigkeiten der Fronde die Vornehmen ſich zu den elendeſten und lächerlichſten Raͤnken und Kleinigkeiten herabließen, und abermals kein Menſch an das gemarterte Volk dachte; ſie fingen an, neben dem Glanz auch das Elend der Regierung des geprieſenen großen Ludwig zu betrachten, und die Aergerniſſe und Ausſchwei⸗ fungen der Regentſchaft, ſo wie die Schwaͤche und Erbaͤrmlichkeit der Verwaltung in allen Zweigen unter Ludwig XV.— die ſelbſt ſo weit ging, daß der bis dahin unter allem Jammer noch behauptete Nationalruhm der Tapferkeit * vä im Felde und mit ihm die äußere Ehre(die innere war es ſchon laͤngſt) ſich verlor— dienten nicht dazu, die bitteren Gefuͤhle, die ſolche Betrachtungen erregen mußten, zu beſaͤnf⸗ tigen. Sie wurden im Gegentheil durch die Zeit, in welcher man lebte und ihre Verhält⸗ niſſe noch mehr geſteigert. Das kurze Miniſterium der Herren Malesherbes und Tuͤrgot, die Kaba⸗ len, durch welche dieſe, vom Volk geliebten Mi⸗ niſter geſtuͤrzt wurden, und der Kampf in Nord⸗ amerika erhitzten die Geiſter noch mehr: von buͤrgerlicher Freiheit und burgerlicher Gleichheit floß jeder Mund uͤber, und, was das Seltſamſte bei der Sache war, das war dies, daß gerade die⸗ ienigen, deren Exiſtenz auf Privilegien und Vorur⸗ theile ganz eigen ſich gruͤndeten, den erſten Rang unter denen einnahmen, die gegen Privilegien und Vorurtheile zu Felde zogen. Da war kein Edelmann, der auf einige Pildung Anſpruch mach⸗ te, welcher nicht mit Berachtung von den Adels⸗ vorurtheilen geſprochen haͤtte, aber man konnte darauf wetten, daß dieſer Munddemokrat ſich augenblicklich als der ärgſte Ultraariſtokrat wuͤrde u wüprde gezeigt haben, wenn man ihm itgend — S Feudalrechte hätte verkuͤmmern wol⸗ Die Erfahrung hat dies ſpäter genugſam — Eben ſo war es mit den Clerikern⸗ Was gab es fuͤr eine Menge Abbes, die gegen die Beneſizen der Geiſtlichen deklamirten! und, damit die Sache ganz in der Ordnung war, ſo zogen die Edelleute gegen die Mißbraͤuche des Cletus, und die Prieſter gegen die Anmaßungen dis Adels los, während Männer des dritten Standes uͤber beider Treiben ſchrieen, und mit allen Kräften darnach rangen, ihren Söhnen dis fetten Pfründen der Kirche, ſich abet das —— zu verſchaffen. 02 6 34 unterdeß dies aber in den⸗ dirſchletenen Claſ⸗ b. der Geſellſchaft vorging, ſturzte ſich der Hof, gleich als wolle man das bange Gefuͤhl des Augenblicks uͤbertäuben, die ſchreckbare Noth der Finanzen vergeſſen machen, in einen Stru⸗ del von koſtbaren Zerſtreuungen, von kleinlichen Intriguen und, das Bischen im Volk noch ubrig gebliebene Ehrfurcht vollends vernichtends Vergnuͤgungen; dies alles aber ward, am Hofe wie im Volke, mit einem ſchimmernden Firniß von Liebe fuͤr Kunſt und Wiſſenſchaft uͤberdeckt. Man ſprach mit Enthuſiasmus von den Mitteln, um das Feld menſchlicher Gelehrſamkeit zu er⸗ weitern, von Projecten zu weitſchichtigen Ent⸗ deckungeng, von Plaͤnen zu den koſtbarſten Unternehmungen, und die Sucht zu reden und zu ſtreiten, die ſich wenige Jahre vorher bei den kleinlichſten Dingen ſchon bemerklich machte, fand jetzt, wo alles in ſo heftiger Gährung und Bewegung war, wo es ſich um ſo wichtige Dinge bereits handelte, ihre Rechnung auf's Beſte. Noch war es nicht lange her, daß ſich ganz Paris wegen ein Paar Componiſten in zwei Theile theilte. Man hatte damals Gluckiſten und Piceiniſten, und zankte und ſtritt ſich um den Vorzug des Einen oder Andern dieſer Mu⸗ ſiker mit derſelben Erbitterung auf Kaffeehau⸗ ſern und in Privatzirkeln, im Theater und auf oͤffentlichen Plaͤtzen, mit dem Degen und mit der Feder, in Duellen und Epigrammen, in klei⸗ nen, boshaften Broſchuͤren und langen und lang⸗ weiligen Gedichten: wie man ſich fruͤher wegen Molina und deſſen Gegner, und ſpäter über die Rechte des Volks und die Rechte der Pri⸗ vilegirten ſtritt. Jetzt hatte der zum erſtenmal ſich bekannt machende Magnetismus mit ſeinen unglaublichen Wundern ſchon heiße Anhaͤnger und eben ſo heiße Gegner gefunden; die Gebruͤder Mont⸗ golfier machten ihre erſten aeroſtatiſchen Verſuche, Caglioſtro begann ſeine trugeriſche Bahn. Es laͤßt ſich denken, daß dies alles mit Feuereifer ergriffen wurde. Ein anderer charakteriſtiſcher Zug der Zeit war das Schaulegen einer unge⸗ meinen Gefuͤhlvollheit. Ich weiß nicht, ob man damals wirklich ſo mitleidig und wohlthaͤtig war, aber man that doch wenigſtens ſo. Kein Tag verging, an welchem die oͤffentlichen Blaͤtter nicht mit zahlreichen Subſcriptionen fuͤr alle moͤgliche Arten von Ungluͤcklichen gefuͤllt waren. Die Frauen mit ihren Huͤlfsmitteln von Co⸗ quetterie, Inconſequenz und Erregbarkeit, ſpielten eine große Rolle in dieſem bunten und wilden Treiben. Es war ſo recht ein Element fuͤr ſie, und mit Entzucken trieben ſie ihre Männer, ihre — 49— Freunde und ihre Verehrer mitten in den Stru⸗ del hinein, um dann durch deren Huͤlfe glänzen, herrſchen, protegiren und intriguiren zu können. So war es damals in Paris, und man muß geſtehen, es finden ſich noch immer Zuͤge dieſes Bildes auch im Jetzt. Vieles iſt noch hierin, wie einſt, und vor allem iſt dies noch mit dem Hange zum Vergnuͤgen der Fall; daß aber ein ſolches Chaos von Gut und Boͤſe, ein ſolches Gemenge philoſophiſcher und ehrenwer⸗ ther Beſtrebungen und Charlatanerien, ein ſol⸗ ches Haſchen nach neuem Nuͤtzlichen und neuen Thorheiten— wodurch zugleich der Weiſe und der Narr protegirt wird— ein ſolches Treiben und Wogen nach allen Seiten und Endpunkten hin, einem Menſchen wie Deſodry ganz beſonders willkommen ſeyn mußte, wohl keiner Er⸗ waͤhnung weiter. Er hatte ſich jetzt, ohne ſeiner Liebe zu Mad. Derblay und ſeinem hervorbrechenden Hange zu Zerſtreuungen zu entſagen, in einen wahren Trichter von Geſchaͤften und Verbin⸗ dungen geſtuͤrzt. Immer auf den Beinen, im⸗ H. 4 mer preſſirt, oft ſpät in der Nacht ſich erſt nie⸗ derlegend und vor Tage wieder aufſtehend, be⸗ ſeelte ihn der heißeſte Eifer fuͤr das allgemeine Wohl. Da war kein Wohlthätigkeitsverein, an dem er nicht Theil nahm; er hörte jeden Un⸗ glucklichen, der ſich an ihn wendetez ſprach, ſchrieb, lief fuͤr ihn, gab Almoſen mit vollen Haͤnden, verfocht die Angelegenheiten Anderer, lieh ſein Geld an jeden guten Freund von zwei Tagen, und ſtudirte nebenbei alle mögliche Wiſſenſchaf⸗ ten, und zwar, wie er behauptete, aus dem Grunde. Chemie, Phyſik, Mechanik und ſelbſt Aſtronomie wurden von ihm kultivirt. In allen ökonomiſchen und naturforſchenden Geſelſſchaften war er, Kraft ſeiner Verbindungen und ſeines Geldes,„Mitglied geworden. Wo man uͤber Ackerbau, Handel und Fabrikweſen ſprach, war er dabei, gab Rath und Anweiſung, erhitzte ſich uͤber die zahlloſen Mißbräuche und Vorurtheile, die ihm natürlich ͤberall aufſtießen, und glaubte zuletzt ganz ernſtlich, daß nur er und er allein, vorurtheilsfrei und uneingenommen genug ſey, um als Reformator in Staat, Wiſſenſchaft und — geſelligem Leben erfolgreich auftreten zu können. Seine Rechtsſtubien hatte er uͤbrigens ſeit kur⸗ zem aufgegeben. Dieſe Bahn zog ihn nicht mehr an, war ihm nicht mehr umfaſſend genug. Er war ein Mann der Menſchheit, ihn konnte nur das allgemein Menſchliche noch intereſſiren; auch wollte er frei bleiben, um ganz dem Wiſſen in allen Beziehungen leben zu koͤnnen. Zu ſeinem Entzucken ward er jetzt von einem Wohl⸗ thaͤtigkeitsvereine zum Secretair erwaͤhlt, und nun ſollte der Verein nicht mehr das Stadt⸗ viertel, ſondern ganz Paris, ganz Frankreich, ganz Europa, umfaſſen. Faſt zur ſelben Zeit ließ er ſi ich in den Freimaurer⸗Orden aufneh⸗ men; eine neue, fruchtbare Quellé zu Ueber⸗ ſpannungen fuͤr ihn. Als Charles und Robert ihre beruͤhmte Luftreiſe machten, wat er einer jener jungen Enthuſiaſten, die den Ballon in Triumph nach dem Baſſin der Tuillerien tru⸗ gen, von wo er emporſtieg, und er war troſtlos, daß er ſich noch nicht genug ausgezeichnet hatte, um die Erlaubniß zu erhalten, die Fahrt mit zu machen. Dem Plane fuͤr die komiſche Oper 4* zu arbeiten, hatte er entſagt; dafuͤr aber die Idee gefaßt, als Publiciſt die Welt zu belehren. Ano⸗ nym ließ er eine kleine Schrift gegen den Hof vrucken, erzaͤhlte aber Jedermann, daß er der Ver⸗ faſſer ſey; dieſes Pamphlet ſollte indeß nur der Vorlaͤufer zu großen und wichtigen Werken ſeyn. Seine Einbildungskraft zauberte ihm die glaͤn⸗ zendſten Luftſchloͤſſer vor; es konnte nicht feh⸗ len, ſeine Verdienſte, ſeine Kenntniſſe, ſein Ver⸗ moͤgen, alles berechtigte ihn, Anſpruch auf eine der hoͤchſten Stellen in der Verwaltung zu machen. Dank ſeinem Geiſte, das in Schulden verſun⸗ kene, durch und durch zerruͤttete Frankreich ward von ihm, wie man eine Hand umkehrt, gerettet; Europa ſtaunte dann ſeine tiefen Einſichten, ſeine erhabenen Entwuͤrfe an, und Europa wurde durch ihn gluͤcklich, wie es Frankreich gewor⸗ den war. Alle dieſe Plaͤne, alle dieſe Ausſichten, alle dieſe Beſtrebungen, begeiſterten Mad. Derblay. Sie war hingeriſſen, daß ihr Schuͤtzling ſo ih⸗ ren Erwartungen entſprach, und liebte ihn jetzt bis zur Raſerei. In ihrem Hausweſen hatte —— ſie ihre frühere Einrichtung wieder eingeführt, d. h. den möglichſt großen Fuß, die moͤglichſte Menge Geſellſchaft und Vergnuͤgungen. Aber nicht wenig war der Kreis ihrer alten Verehrer und Freunde darüber erſtaunt, daß ſie durchaus nicht mehr die Coquette machte. Sie wuͤnſchte jetzt wahrhaft nur Einem zu gefallen, und dieſer Eine war mein Freund. Fuͤr ihn ſchmuͤckte ſie ſich, fuͤr ihn ließ ſie alle Anmuth ihres Geiſtes und ihres Körpers glänzen; ſie hatte nur Augen, nur Sinn fuͤr ihn. Bald erſchien ſie im reich⸗ ſten Schmuck und in aller Grazie und Liebens⸗ wuͤrdigkeit einer Weltdame, bald in dem ein⸗ fachen Coſtuͤm und mit dem brſcheidenen Aeu⸗ ßeren einer Hausfrau, und immer, ſo oder ſo, war es nur Deſodry, dem ſie zu gefallen, den ſie zu feſſeln ſuchte. Mit einer Leidenſchaft, die der ihren gleichkam und ſeinem heftigen Cha⸗ racter entſprach, hing er aber auch dafuͤr an ihr, und unzertrennlich, unbekuͤmmert um die Satkasmen der Welt, ſah man ſie heute zu⸗ ſammen in glaͤnzender Geſellſchaft, und morgen in einer kleinen Loge im Theater, dann wieder — 54— in den Vorleſungen eines Gelehrten oder in den einſamen Gaͤngen des koniglichen Gartens, wo freundliche Erinnerungen an ihre erſte Bekannt⸗ ſchaft ſie umſchwebten.— So lange Mad. Derblay im Floſter war und ihren Freund erſt noch den Banden des heuchleriſchen Falcol ent⸗ ziehen mußte, hatte ſie ſich ſtets ernſthaft, ge⸗ ſetzt, ſanft und leidend gezeigt; jetzt wieder in der großen Welt ſich bewegend, war ſie bald empfindſam, bald witzig, bald fröhlich, bald me⸗ lancholiſch, bald ſanft und gutmuͤthig und bald neckend und ſatyriſch, aber immer ſtrebte ſie da⸗ bei nur des Freundes Herz zu feſſeln, und taͤg⸗ lich neue, treffliche Eigenſchaften an ihm ent⸗ entdeckend, bemuͤhte ſie ſich, ihm hinwiederum ſich immer neu und angenehm zu zeigen.— In allem, was er unternahm, ſtand ſie ihm treu⸗ lich zur Seite: ſie befoͤrdorte ſeine Wohlthätig⸗ keitsſpenden, theilte ſeine Studien, ſeine Vergnuͤ⸗ gen, ſeine Arbeiten. Er hatte eine Broſchure geſchrieben, ſie ſchrieb einen Roman, einen Ro⸗ man, in welchem auf jeder Seite Stroͤme von Thränen empfindſamer Herzen rauſchten, und —————————— „ — 65— worin man vor lauter Seele, Gefuͤhl und Lei⸗ denſchaft— das Gemuͤth war damals noch nicht Mode— nicht zu Athem kommen konnte. Das Werkchen war auf dem feinſten Papier ge⸗ druckt, mit Vignetten geziert und elegant broſchirt. Mehrere Exemplare ließ die Verfaſſerin auf's prachtvollſte binden; ihre damit beſchenkten Freunde und Freundinnen taumelten vor Ent⸗ zuͤcken, Deſodry aber zerfloß in Zähren, als er die ruͤhrenden Situationen des Helden und der Heldin las, und rannte ſich bald die Beine weg, um das Produkt en vogue zu bringen. Was wurden fuͤr Intriguen angeſpon⸗ nen! fuͤr Kabalen gemacht! Lobenswuͤrdige In⸗ triguen, großmuͤthige Kabalen, denn es handelte ſich ja darum, einem Meiſterwerke von Gefuͤhl und Empfindſamkeit Eingng zu verſchaffen.— Er ruͤhmte den Roman, ſie ruͤhmte die Bro⸗ ſchuͤre, und Herr Duͤclair— rühmte beides. Wie hätte ſich Deſodry nicht ſollen fuͤr einen ausgezeichneten Geiſt halten! Herr Duͤclair, der große Redner, der neue Demoſthenes, der Gelehrte, wie es keinen mehr gab, war ja ſein * — 56— Lobredner. Er war ſein Begleiter bei allen Vergnuͤgungen, ſein Rathgeber, ſeine rechte Hand, ſein Schmeichler, ſein Auspoſauner und zugleich der faſt fanatiſche Verehrer der Ver⸗ dienſte von Mad. Derblay. Emſig beſtrebt, dem Zutrauen ſeines Freundes zu entſprechen, der ihn gebeten hatte, ihn bekannt zu machen, ſchleppte der Advokat den jungen Mann bei allen ſeinen Be⸗ kannten, bei allen Charlatans in Paris umher, und Gott weiß es, wie wenig es zu allen Zei⸗ ten an dieſer Art Menſchen in der Hauptſtadt gefehlt hat!— Herr Duͤclair war es, der den Colporteur von Deſodry's Broſchure machte, zugleich trug er aber auch den Roman von Madame bei allen Buchhändlern der Boulevards und des Palais⸗Royal umher. Er lief zu den Herausgebern der Fournale und der Zeitungen, und trieb ſie an, das Meiſterwerk anzuzeigenz er machte ſelbſt Kritiken und Lobgedichtchen dar⸗ auf, und ließ ſie fuͤr ſein baares Geld in⸗ ſeriren, kurz, er machte, wie ein alter cauſtiſcher Advokat ſagte, der ſich zu jener Zeit immer in den Kaffees des Palais⸗Royal herumtrieb und ſei⸗ 3 P —.—— ner Sarkasmen wegen beruͤhmt war: den Vor⸗ reiter ſeiner Freunde. Einige Tage nach dem Erſcheinen der Bro⸗ ſchure hörte ich, daß Deſodry um eine kleine Stelle bei Hofe feilſchte.„Wie!“ ſagte ich zu ihm,„du ſchreibſt gegen den Hof und wilſſt doch eine Stelle haben? Du denkeſt, wie du mir ſagſt, nur daran, die Menſchheit zu be⸗ gluͤcken, und handelſt jetzt um einen unnuͤtzen Poſten?“ „Mein lieber Aubin“— erwiederte er mir mit herabſehendem Lächeln, denn Deſodry hielt mich damals tief unter ſich in Einſicht—„du verſtehſt das nicht, du kannſt ſo etwas nicht durchblicken. Die Welt theilt ſich in zwei Hälf⸗ ten; in Weiſe und Thoren, in Philoſophen und Vorurtheils⸗Menſchen. Ich will auf beide wir⸗ ken, denn nur dadurch gelangt man zum Ziele. Für die Letztern ſchaffe ich mir einen Titel an, dadurch imponire ich ſie; fuͤr die Andern ſchreibe ich meine freimuͤthigen Werke. Was ſchadet es, wenn ich auch eine unnuͤtze Charge dem Namen nach bekleide, wenn ich nur der Menſchheit nuͤtze! Und glaubſt du etwa, ich muͤßte darum uͤber den Hof ſchweigen, weil ich ihm einen Rang abkaufe? Iſt die Sache denn etwas An⸗ deres als ein Handel? Lege ich mir etwa da⸗ durch eine Verbindlichkeit auf? Ich gebe mein Geld, damit iſt's alle. Keine Schonung, kein feiges Ruͤckſichtsnehmen kommt mir deswegen in den Sinn. Nein, mich beſeelt blos die Liebe fuͤr das Wohl des großen Ganzen; ich fuͤhle den Muth in mir, die allgemeinen Rechte gegen ihre Unterdruͤcker zu vertheidigen, und die Ty⸗ rannen moͤgen ſich nicht einbilden, als wären ſie ſchon am Ziele! Ich habe den Kopf voll Plaͤne, wie ich ihre Anmaßungen zuruͤckweiſen will; man ſoll an mich denken!“ So raiſonnirte mein philoſophiſcher ge der ſich ſchon im Geiſte als Reformator der Welt erblickte, waͤhrend er eine Summe Geld wegſchmiß, um ſich einen Hoftitel zu erkaufen.— Wer ſich gegen die Mißbraͤuche erhebt, hat natuͤrlich Alle gegen ſich, denen eben dieſe Miß⸗ braͤuche ein behagliches Lager ſind, und wer ſich in Dinge miſcht und über ſolche urtheilt, die — 59— er nicht verſteht, wird natuͤrlich ausgelacht. Bei⸗ des widerfuhr meinem Freunde ſehr bald. Nicht lange, ſo regnete es Epigramme und Satyren in allen öffentlichen Blättern gegen ihn. Er lächelte daruͤber.„Jetzt weiß ich“, rief er aus, „daß ich Verdienſte habe, denn ich habe Feinde.“ Daß er nicht ſchwieg, lag in ſeinem Charakter; er beantwortete jeden Angriff, war jeden Augen⸗ blick fertig, um Spott mit Spott abzuwehren, ſchrieb immer neue Broſchuͤren und bald war eine hinreichend ſcandalöſe Polemik zwiſchen ihm und denen, die er ſeine Feinde nannte, im Gange. Doch blieb es nicht allein hierbei⸗ Eines Abends uͤberwarf er ſich in einem Faffee⸗ hauſe wegen des Romans der Mad. Derhlay mit einem jungen Offizier, der das auspoſaunte Probukt abgeſchmackt fand. Man forderte ſich und mein Freund war ſo gluͤcklich, den Krieger zu verwunden. Herr Duͤclair machte bei dieſer ſchönen Angelegenheit den Sekundanten. Als meine Frau, ich weiß nicht, wie? von dem Duelle hoͤrte, ſank ſie vor Schreck beinah in Ohnmacht, und konnte ſich auch lange nachher — 60— noch nicht uͤber die Gefahr, in welcher der ge⸗ liebte Bruder geſchwebt hatte, beruhigen. Auch Mad. Derblay ſank in Geſellſchaft mit ungemei⸗ ner Grazie dahin, aber mitten in ihrer Schwaͤche triumphirte ſie uͤber das Gluͤck, daß man. ihrentwegen geſchlagen hatte.— Ich hatte während dem allen beſcheſden meinem Berufe gelebt; meine Pauline gebar mir einen Sohn und da ich ſo gluͤcklich geweſen war, in einigen ſehr vornehmen Häuſern als Arzt ein Paar unbedeutende Uebel zu heilen, ſo kam ich gleichſam in Ruf und wurde gewiſſer⸗ maßen ein Mode⸗Arzt. Daß es mir zuweilen gelang, meine Kranken, trotz dem, daß ich ſie nun auch nach der gerade herrſchenden Mode behandeln mußte, zu heilen, war kein geringeres Gluͤck. Uebrigens hatte ich mich mit gutem Vorbedacht wenig um das Verhaͤltniß meines Freundes mit Mad. Derblay bekuͤmmert; ich that gefliſſentlich, als ſäh' ich manches nicht, denn ich wollte nicht der Vertraute ſeyn. De⸗ ſodry leugnete jetzt ſeine Gefuͤhle gegen die Schoͤne nicht mehr, und ich kann ſagen, er war — 61— indiscretet, wie ich neugierig; ja, es entging mir nicht, daß er zuweilen ordentlich boͤſe darüber war, daß ich ſein Vertrauen ſo wenig in An⸗ ſpruch nahm. Steitdem Mad. Derblay das Kloſter verlaſſen, hatte ſie meine Gattin einigemale beſucht, und dieſe die Artigkeit erwiedert; dabei war es aber auch geblieben, denn wir ſehnten uns nicht nach einem genaueren Verhaͤltniß. Dies billigte On⸗ kel Lecoq ſehr. Der gute Mann war nach und nach von ſeiner Bewunderung fuͤr Mad. Der⸗ blay ſehr zuruͤckgekommen. Um ſo mehr wun⸗ derte es mich daher, eines Tages bei meiner Nachhauſekunft die Schoͤne vorzufinden, und zu ſehen, wie ſie meine Frau mit Zuvorkom⸗ menheiten uͤberhäufte. Auch mich uͤberſchuttete Mad. Derblay mit Complimenten. Sie pries unſere Einrichtung, unſer haͤusliches Gluͤck, un⸗ ſern kleinen Paul, der ein Engel ſeyn und uns allen beiden wie aus den Augen geſchnitten ſeyn ſollte, und bedauerte, daß das grauſame Schick⸗ ſal ihr ein ähnliches Gluͤck, wie wir genoſſen, verſagt habe. Uns aber ſetzte dies Benehmen — 62— in Verlegenheit, die dadurch noch vermehrt wurde, daß wir Deſodry, der gleichfalls mitgekommen war, nicht gern durch Käaͤlte erzuͤrnen wollten. Bei'm Scheiden erfolgte noch eine dringende Ein⸗ ladung und das Verſprechen, bald wieder zu kommen. Wir ſchwiegen zu alle dem, ſo viel ſich's thun ließ, und Onkel Lecoq, der uͤber„ Beſuch auch herbeikam, ſchnitt ein finſteres Geſicht. Den andern Tag ging ich zu Deſodry; ich ſchlug ihm einen Spaziergang auf den Boule⸗ vard vor, und eroffnete ihm während demſel⸗ ben mit moͤglichſter Schonung, wie meiner Frau der Umgang mit einer Dame, wie Mad. Der⸗ blay, nicht zuſage. Zum Grund fuͤhrte ich an, daß ſie auf zu großem Fuße lebte, daß Pau⸗ line nicht gern in Geſellſchaft ging, daß unſere Vermoͤgensumſtaͤnde uns nicht erlaubten..... Er ließ mich nicht ausreden. Heftig fuhr er auf mich ein, nannte mich einen Pedanten, einen Kopfhanger, ſeine Schweſter eine Närrin, eine Prude, einen langweiligen Gaͤhnaffen, und als ich hieruber doch ein wenig aufgebracht ihm erklärte, daß ich es ſehr in der Srdnung faͤnd, daß eine ehrbare Frau nicht die Intime der Mai⸗ treſſe ihres Bruders zu ſeyn wuͤnſche, da fuhr er vollends oben hinaus und beſchuldigte mich — mich, dem er kurz vorher noch nicht undeut⸗ lich Vorwuͤrfe daruͤber gemacht hatte, daß ich ſo wenig auf ſeine vertraulichen Mittheilungen in Betreff ſeines innigen Verhaltniſſes mit Mad. Derblay hörte— die reinſte Tugend zu ver⸗ läſtern, hinzuſetzend: daß wenn wir mit ihr kei⸗ nen Umgang haben wollten, ich auch nicht mehr nöthig hatte, ihn zu beſuchen. Noch den⸗ ſelben Abend erhielt ich aber von ihm zum Ueberfluß einen bitterböſen Brief, in welchem er mir meldete, daß Mad. Derblay ſich auf's tiefſte durch meinen unwuͤrdigen Verdacht gekraͤnkt fuhle, und daß ſie, wie er, fuͤr immer mit uns braͤchen.. Obſchon er mir ſomit die Thüre wies, ſo wuͤrde ich ihn doch gern bei mir empfangen ha⸗ ben; allein er kam nicht, und ſo konnte ich denn auch nicht mehr zu ihm gehen. Meine Frau dagegen glaubte doch ihren Bruder nicht ſo ganz aufgeben zu durfen; ſie ging zuwellen mit Mad. Lecoq zu ihm, ward artig von ihm empfangen, aber ſein Zorn gegen mich dadurch nicht abge⸗ kuhlt. So oft man meiner erwaͤhnte, gerieth er in Eifer, und wenn wir uns auf der Straße begegneten, wandte er ſich weg, oder lief, als wenn ihm der Kopf brenne. Mad. Derblay raͤchte ſich auf eine andere Art an uns. In allen Geſellſchaften waren wir, ich, meine Frau, Onkel Lecoq und deſſen Gattin, das Stichblatt ihres Witzes und ihrer geiſtreichen Sarkasmen, und Deſodry, weit entfernt, jetzt meine Parthie zu nehmen, wie ich die ſeinige nahm, da er noch im Seminar war und von Villeneuve ver⸗ hoͤhnt wurde— feuerte die Schoͤne vielmehr noch an, ihre boshaften Scherze uͤber uns aus⸗ zugießen. Herr Lecog war wuͤthend hieruͤber. Sich uͤber ihn luſtig zu machen! das war ſchon ſehr böſe; aber vollends uͤber ſeine gute, brave Frau; uͤber ſeine Frau, die keinem Menſchen etwas zu Leide that! Das konnte er nicht vergeben.— —————————————————— Fünftes Kapitel. Abermalige Verſöhnung. Fin mich war Deſodry's Benehmen ein großer Kummer; oft warf ich mir, wenn ich ſein Ver⸗ fahren gegen uns bedachte, die Schwäche vor, ihn noch immer zu lieben, und um meinen Schmerz um den verlorenen Freund zu erhöhen, traf auch jetzt noch ein anderer Unfall mein Herz. Die alte treue Dienerin, welche damals, als ich mit meiner Mutter auf der Waſſerpoſt von Mon⸗ tereau nach Paris reiſte, die kleine Pauline auf dem Arm, den Knaben Deſodry uns zufuͤhrte; ſchrieb jetzt, daß die Mutter meiner Gattin plötzlich erkrankt ſey. Welch ein Schlag war dies fuͤr meine Frau, fuͤr mich! Wir machten uns ſogleich nach Meluͤn auf den Weg n I. 5 ——— Mad. Deſodry, die in ihrer Jugend ein bis⸗ chen eitel und leichtſinnig, in ſpäterer Zeit etwas frömmelnd geweſen, war demohngeachtet doch immer eine gute Mutter, eine liebenswurdige und wohlwollende Frau geblieben, auch ward ſie von ihren Kindern und allen, die ſie kannten, auf's innigſte geliebt. Man kann ſich daher denken, wie ſehr uns alle der Schlag traf, als wir ſie nun ploͤtzlich verlieren ſollten. Ich fuͤhlte, an ihr Lager hintretend und die Hoffnungsloſigkeit ihres Zuſtandes ſehend, recht deutlich, wie ſchwach unſere Kunſt bei'm beſten Willen, wie peinlich die Lage eines Arztes iſt, an deſſen Blicken und Ausſpruch eine trauernde Familie hängt, und der doch keine Hoffnung geben kann.— Kaum hatte ich den Zuſtand der Kranken unterſucht, da zog mich meine Gattin bei Seite und wollte wiſſen, wie es werden wuͤrde. Was konnte ich ſagen? was thun?— Ich ſchloß mein weinendes Weib, ſelbſt auf's tiefſte bewegt, an's Herz, und ver⸗ wies ſie auf den ewigen Helfer in allen Schmerzen. N Mutter!“ — Nachdem ich mich mit meinem Collegen in Melun verſtändigt hatte, hielten wir eine Ader⸗ laß fuͤr die Kranke am beſten. Ich unterzog mich ſelbſt dieſem Geſchaͤfte. Es war Abend geworden; ich ſtand am Lager der Kranken und hielt ihren Arm, meine Frau leuch⸗ tete mir. Da offnete die alte ehrliche Mar⸗ garethe, jene erwähnte treue Dienerin, leiſe die Thuͤr und fuͤhrte Jemand ſtill in's Zimmer. Es war Deſodry; er war gleichfalls auf die erſte Nachricht von der Gefahr, in welcher ſeine Mut⸗ ter ſchwebte, herbeigeeilt. Leiſe trat er zum Bett heran und Thraͤnen ſtuͤrzten aus ſeinen Augen, als er die bewußtlos daliegende Mutter erblickte. Als ich mein Geſchaͤft vollendet hatte, zog er mich abſeits; ohne ein Wort zu ſagen, ſchlang er ſeine Arme um mich, und druͤckte mich mit der ganzen alten, herzlichen Liebe an ſeine Bruſt.„Mein Freund, mein Bruder“, fluͤſterte er mir dann zu,„vergieb mir mein Un⸗ recht gegen dich; vergieb mir und ſetze deinen Wohlthaten die Krone auf, und rette meine — 68— Ja, mein Deſodry hatte ein edles, gutes Herz. Seine erſten Empfindungen waren ſtets lobenswerth; ach, warum mußte ſein heißer Kopf ihn ſo oft zu Verirrungen hinreißen, die er nachher immer bitter bereute!— 6109 Gegen Morgen kam noch ein— der Kranken an; es war Herr Lecoq, ihr Bruder. Deſodry und ſein Onkel ſprachen nicht von ihren Zwiſtigkeiten mit einander; alles war vergeſſen und nur ber Schmerz um die Leidende be⸗ lebte ſie.— 0 Unſere Sorgen, unſere Mihenn waren iher umſonſt! Madame Deſodry erholte ſich nur für wenige Stunden; ſie hatte den Troſt, ihre trauernden Angehoͤrigen noch um ſich zu ſehen; darauf verſchied ſie.— Noch mitten in ſeinem Schmerz hatte S raſch und ſchnell handelnd, wie immer, unaufgefordert das Verſprechen gegeben, ſeine Verbindung mit Mad. Derblay aufzuheben. Er hatte in dieſen Augenblicken des Zuſammenlebens gefuͤhlt, wie unrecht es geweſen war, ſich ihrent⸗ wegen mit uns allen zu erzuͤrnen, und ſein Herz N —— — trieb ihn jetzt un, den Fehler wieder gut zu machen. Dabei verhehlte er uns nicht, wie ſehr er ſie geliebt habe, wie ſehr er ſie noch liebe, aber demohngeachtet wollte er doch mit ihr bre⸗ chen. Wir huͤteten uns wohl, ihm dies Ver⸗ ſprechen abzufordern, aber ich darf nicht es freute uns. Um die Erbſchaftsangelegenheiten in Ord⸗ nung zu bringen, mußten wir noch einige Tage in Meluͤn bleiben; ich benutzte dieſe Zeit, um mit meiner Frau einen Abſtecher nach Montereau zu machen. Deſodry und Lecog ſollten einſtwei⸗ len alles beſorgen; das war nicht ſchwer, denn zwiſchen einem Bruder und einer Schweſter, wie Deſodry und Pauline, konnte das Mein und Dein keinen Zwieſpalt erregen. Dann— ſo war die Abrede— wollten wir in die Hauptſtadt zuruckkehren. Wie erſtaunten wir aber, als wir bei un⸗ ſerer Wiederankunft in Meluͤn Deſodry nicht mehr fanden! Er war in der Nacht vorher ploͤtzlich abgereiſt. Gegen Mitternacht war ein Herr aus Paris angekommen, der ihn eiligſt zu ſprechen verlangt hatte: nach einer Unterredung von einigen Augenblicken hatte er ſich mit in den Wagen geſetzt und war fortgefahren. Nach der Beſchreibung, die uns Margaretha von dem Fremden machte, konnte es niemand anders wie Herr Duͤclair geweſen ſeyn. Oft geſchieht es, daß im Leben des Einzel⸗ nen eine Todesbotſchaft von einem Freunde oder Bekannten, oder Verwandten, die andere gleich⸗ ſam jagt, und ſo die Trauer verlaͤngert wird; dies war denn auch hier mit Deſodry der Fall geweſen, nur daß die neue Todesnachricht keinen Freund, ſondern vielmehr einen Gegner von ihm betraf. Herr Derblay war ploͤtzlich verſchieden und Duͤclair hatte ſich verpflichtet gefuhlt, dieſe Nachricht ſogleich zu hinterbringen; auch hatte ſich Deſodry keinen Augenblick beſonnen, dem geſchaͤftigen Freunde ſogleich nach Paris zu fol⸗ gen, da er horte, daß Mad. Derblay uͤber die⸗ ſen unerwarteten Hintritt ſehr niedergeſchla⸗ gen ſey. Wir zoögerten nun gleichfalls nicht, abzu⸗ reiſen, und ich dachte nicht ohne Schmerz ietzt N —————— —————————————— bpee darüber nach, wie nun das Verſprechen Deſo⸗ dry's in Betreff der Mad. Derblay wohl nicht zur Ausfuͤhrung kommen duͤrfte, ja daß im Gegentheil jetzt leicht eine noch innigere Ver⸗ einigung zwiſchen beiden ſich machen koͤnne, da die Dame durch den Tod des von ihr getrenn⸗ ten Gatten völlig frei geworden war; als ich aber meine Befurchtungen dieſerhalb Herrn Lecoq mittheilte, da rief dieſer erſchreckt aus: „Das wolle der Himmel verhuͤten! Lieber will ich dieſe Frau noch als ſeine Geliebte, denn als ſeine Gattin ſehen.“ —— * Sechstes Kapitel. exnentee Kan angekommen in Paris, begab ich. ſogleich zu Deſodry. Er empfing mich, mit ſicht⸗ barer Verlegenheit, die er umſonſt zu verſtecken ſich bemuͤhte. Noch voll von dem Schmerz uber ſeine Mutter, war er darum nicht weniger uͤber die Trauer betruͤbt, die Mad. Derblay jetzt wegen des Verluſtes ihres Mannes an den Tag zu legen fuͤr gut fand.„Sie beweint ihn“, ſagte er mir geruͤhrt,„mit wahrem Schmerz. O, ſie hat eine ſchoͤne, erhabene Seele!“ Ich geſtehe, daß mir der tiefe Schmerz der Dame nach allem, was zwiſchen ihr und ihrem Gatten vorgegangen war, nicht ſo recht einleuch⸗ X — 73— ten wollte; indeß Deſobry ſagte es und ſo mußte ich es glauben, und noch obendarein wollte ich ihn nicht erzurnen, der— eine — Viſite abſtatten. Madame Derblay hatte eben ihre Trauer erhalten; als ich eintrat, ſtand ſie vor einem großen Spiegel und verſuchte, wie ihr das Schwarz kleidete. Daß ſie ſich huͤbſch und in⸗ tereſſant auch in dieſem Anzuge fand, bezeugte ihr Blick. Kaum ſah ſie uns aber, ſo druͤckte ſie geſchwind das Tuch vor die Augen, und mit dem Tone des tiefſten Schmerzes ſprach ſie zu mir:„Ach Herr Aubin, das Ungluͤck ereilt uns alle! Ihre Gattin und deren Bruder ha⸗ ben ihre Mutter verloren, und ich verliere jetzt meinen Gemahl.— Ach er hat mir zwar großes Unrecht im Leben zugefuͤgt, aber, hab' ich denn nicht auch mitunter Schuld gehabt? O gewiß war' die Zeit noch gekommen, wo er mir verziehen haben wuͤrde, wie ich ihm laͤngſt vergab, und nun, ach nun entreißt ihn mir der unerbittliche Tod auf immer und mit ihm alle meine Hoffnungen!“ ueberzeugt, daß Mad. Derblay eine zu gute Meinung von meinem Verſtande hatte, um im Ernſte zu glauben, ich könne einfältig genug ſeyn, mich durch dieſe Maske täuſchen zu laſ⸗ ſen, ſchwieg ich und ſah nur mit Schmerz, wie mein erregbarer, ſtets befangener Freund, dies alles fuͤr baare Muͤnze nahm, und mit feuchten Augen die himmliſche, gefuͤhlvolle Seele bewun⸗ derte. Als ich ging, begleitete er mich und fragte mich ganz ernſtlich, ob ich nicht fänd', daß ſie ſich ſehr veraͤndert haͤtte? Was ſollte ich hierzu ſagen? Mein Reden wuͤrde doch nichts geholfen haben z ich zuckte die Achſeln und bedauerte die Schwaͤche eines Menſchen, der mir ſo theuer war. Von ſeinem Verſprechen, ſich von Mad. Derblay zuruͤckzuziehen, war nicht mehr die Rede. Mein einziger Troſt war jetzt noch, baß ſie keine Verbindung eingehen würde, die ihr noth⸗ wendig Feſſeln anlegte. Sie hat, ſo raiſonnirte ich, geheirathet, um der Herrſchaft der Mutter zu entgehen; ſie hat ſich von ihrem Manne trennen laſſen, um ſich dem Joche des Eheſtan⸗ N — des zu entziehen; ſie wird keine Thörin ſeyn, jetzt, wo ſie ganz frei iſt, ſich auf's neue Bande anzulegen, die einer Frau, wie ſie, nur läſtig ſeyn können.— Aber, wer begreift die Capricen und Launen der Weiber! Ich vergaß, daß ſie jetzt liebte.— Als Deſodry das Erſtenmal mit Schuͤchternheit ein Wort von ſeinem Wunſche, ſie zu heirathen, fallen ließ, da wollte ſie von nichts hoͤren; alle Hoffnung ſchnitt ſie ihm aber weislich nicht ab. Bald waren Deſodry's Bewerbungen um die Hand der ſchoͤnen und reichen Wittwe kein Geheimniß mehr. Was haͤtten wir konnen da⸗ gegen thun? was ihm antworten, wenn er uns geſagt haͤtte:„ihr habt mir meinen vertrauten Umgang mit ihr vorgeworfen, nun gut, ich nehme ſie jetzt zur Frau; entferne ich dadurch nicht das euch gegebene Aergerniß?“ Da es jetzt eine Heirath galt, ſo hatte er auch bald naturgemaͤß meine Frau und ſeine Tante auf ſeiner Seite. Die Weiber lieben einmal das Eheſtiften, wer weiß das nicht!— Gut, ehrlich und offen, wie immer, glaubte 7 Paulins alle Menſchen waͤren wie ſie, und ſie wie Mad. Lecoq hielten jetzt die Wittwe nicht allein für eine gute Parthie fur Deſodry, ſon⸗ dern meinten auch, es ſey nothwendig, daß ſich die Leutchen naͤhmen, damit nicht etwa noch einmal ein großeres als das bisherige Aergerniß entſtuͤnde. Eben ſo dachte dermalen auch Herr Lecog. Als ein aͤchter Pariſer Buͤrger hatte er nachgerechnet, welch ſchoͤnes Vermoͤgen von beiden Seiten durch dieſe Verbindung zuſammen käm', und er, der noch vor wenig Wochen Mad. Derblay lieber als die Maitreſſe ſeines Neffen, denn als deſſen Frau ſehen wollte, ſchlug nun vergnugt ein Schnippchen, ſo oft ihm die Sache einfiel⸗ Trotz ihrer Liebe zu Deſodry hatte Mad. Derblay indeß doch einen harten Kampf mit ihren Grundſätzen zu beſtehen. Sie zitterte, ſich neuerdings abhaͤngig zu machen, und nur der Gedanke, daß ein Mann, wie mein Freund, immer leicht zu leiten ſeyn wuͤrde, konnte ſie an die Idee gewoͤhnen, ihre Hand wieder zu ver⸗ ſchenken. Die Betrachtung, welche Rolle ſie als ſeine Gattin— denn Deſodry war, wie wir wiſſen, reich— wuͤrde ſpielen konnen, um wie viel mehr ſich der Aufwand ihres Hauſes wuͤrde vermehren koͤnnen, wenn erſt ſein Vermogen mit dem ihrigen zuſammenkäm'; die Furcht, De⸗ ſodry koönne ihr ſo in ihrem jetzigen Verhaͤlt⸗ niſſe doch einmal entwiſchen; dies alles trug nicht wenig dazu bei, ihre Liebe zur Unabhaͤn⸗ gigkeit zu beſchwichtigen, und ſo kam es denn, daß ſie ſeine Bitten nicht mehr ſo ganz ver⸗ warf und, wenn er auf dieſen Gegenſtand ge⸗ rieth, ſich minder ſcheu anſtellte.„ Noch mußte ein anderer, uns Allen etwas ſeltſam erſcheinender, Umſtand eintreten, der mei⸗ nes Freundes Entſchluß in dieſer Hinſicht— wenn er ja hätte lau werden können— beflu⸗ gelte. Mad. Derblay, die, wie wir wiſſen, ſich mit ihrer Mutter veruneinigt hatte, war plotzlich wieder mit ihr gut Freund geworden. Bisher hatte dieſe zaͤrtliche Mama, ſo lange der Mann ihrer Tochter lebte, durchaus kein Aergerniß an dem Umgange derſelben mit Deſodry genom⸗ menz jetzt auf einmal ſah ſie die Sache mit andern Augen an. Sie machte ihrer Tochter in Gegenwart ihres Lieblings ziemlich bittere Vorwuͤrfe; und Herminie, ſonſt nicht gewohnt, vergleichen ſtillſchweigend hinzunehmen, antwor⸗ tete nur mit Thraͤnen darauf; ja ſie beſchwor, um ihrer Ruhe willen, zuletzt ſogar den Freund, nicht mehr ſo haͤufig bei ihr zu ſeyn und eine entlegenere Wohnung zu nehmen, damit ſie nicht ferner den Bemerkungen ihrer ſtrengen Mutter und der noch ſtrengeren Welt Preiß gegeben waͤre.— Konnte Deſodty da noch zauderne Mußte er da nicht eilen, die Gewiſſenſcrupel der Mutter und der Tochter, die merkwuͤrdig genug, ſo lange geſchwiegen hatten, als der ehr⸗ tiche Derblay lebte, und nun mit ſeinem Tode erſt Stimme bekommen zu haben ſchienen— mußte er da nicht, ſage ich, eilen, mit neuen Bitten und— das,— u Se 6 Noch hatte Mad. Deriny einen Monat d die Trauer zu tragen, da verdoppelten ſich ſeine Be⸗ muhungen. er war ſo ſtürmiſch, die Dame von ſo viel Gluth geruͤhrt.. Mit triumphi⸗ —— — 79— renden Blicken kam er zu mir, mir zu verkuͤn⸗ ben, daß die ſpröde Schoͤne bereit ſey, ihm ihre Hand zu geben.„So ſoll denn auf eine dop⸗ pelte Trauer ſogleich eine Hochzeit folgen?“ fragte ich. Er hoͤrte mich nicht; was fragt ein gluͤhender Liebhaber nach den Anſtand! was ein Philoſoph nach den Vorurtheilen der Welt!— Die vollkommen getröſtete Wittwe ward Madame Deſodry. Jetzt Beſitzer eines großen Vermoͤgens und der Gemahl einer ſchoͤnen, jungen und geiſtreichen, den Glanz und das Aufſehen liehenden Frau, ſtellte Deſodry ſeinen Philantropismus noch mehr wie vorher zur Schau. Mehr wie jemals in ſeinen uͤberſpannten Ideen ſich bewegend, dachte er jetzt an nichts als an die Regeneration des Menſchengeſchlechts, und wer wuͤrde ihn für ſolche edle und erhabene Ideen nicht loben, wenn nur immer die Vernunft ſeine Schritte geleitet hätte, wenn nur nicht die Eitelkeit und ſeine andern Leidenſchaften ſeine ſchoͤnen Vorſätze im⸗ mer wieder verkehrt, und uͤberhaupt ſein Wir⸗ ken mehr in der durchdachten That, als im blinden Zufahren und im nihen⸗ Wort ſtanden hätten!— Siebentes Kapitel. ———— Er und un grau ſwennan jetzt in einem Meere von Entzuͤcken; der ehrliche Lecoq fühlte ſich aber ordentlich von ihrer Liebe und Einig⸗ keit erbaut. Auch nicht die kleinſte Wolke deß Zwieſpaltes truͤbte ihr Gluͤck; man ſah* als Bürttichkeit. cun chcen hni Berechnend, daß ihr bederſeitiges nun ver⸗ Vermoͤgen ihnen recht wohl erlaubte, ein großes Haus zu machen, mietheten Deſodry und ſeine Gattin ein großes Hotel. Equi⸗ page wurde angeſchafft und die glänzendſten —————— —— Dinérs gegeben, die denn nicht ermangelten, eine enge ſchoͤne Geiſter und ſonſtige Beau Monde her eizuzihen Jeder Paraſit war an ihrem Tiſche willkommen, wenn er nur den Geiſt des Herrn, die Liebenswuͤrdigkeit der Frau und die Geſchicklichkeit des Kochs recht zu loben ver⸗ ſtand, und daß dieſe Menſchenclaſſe dies ver⸗ ſteht, iſt bekannt. Es war ordentlich ergreifend, wenn man Deſodry jetzt, umgeben von ſeinen Bewun⸗ derern, die erhabenſten Lehren der Moral und Philoſophie gleichſam ſpielend uͤber Tiſche abhan⸗ deln hörte; auch beſtrebten ſich ſeine Freunde, ihm den Uebergang von der Theorie zur Praxin moglichſt zu erleichtern. Allgemeine Begluͤckung, Unintereſſirtheit, Aufopferung, dies waren bie Lieblingsthemata, die er abhandelte; und Alle, die ihn umgaben, forderten jetzt Dienſte von ihm. Der Eine wollte Geld, der Andere Verwendung; Deſodry ſchlug nichts ab, und der thätige Duͤ⸗ clair konnte kaum ſo viel Charlatans und Be⸗ duͤrftige herbeiſchaffen, als jener in ſeinem Eifer ſich zu verwenden und zu helfen bedurfte. n. 6 — 82— Ehe er ſich verheirathete, war Deſodry ſchon ein gewaltiger Philantrop geweſen; allein da er noch kein Haus machte, niemand bei ſich ſehen konnte und immer nur zu Andern gehen mußte, ſo kam er mit ſeinen Beſtrebungen, dem Beſten der Menſchheit zu dienen, nur wenig in Be⸗ tracht. Jetzt war dies anders. Verheira⸗ thet, Hausherr, im Stande zu tractiren und zwar herrlich zu tractiren, empfing er nun mehr Beſuche, als er abſtattete; er hatte nun nicht mehr noͤthig, umher zu rennen, um den Leuten erſt ſeine Dienſte anzubieten; man kam haufenweiſe zu ihm, um ihn zu bitten. Die Gelehrten, deren Vorleſungen er der Mode wegen beſuchte, thaten ſich guͤtlich an ſeiner Tafel, und ihm ſelbſt mangelte es dermalen nicht an Schuͤlern, die, während ſie ſich es wohlſchmecken ließen, mit ſtaunender Bewunderung ſeine Drakelſpruͤche vernahmen. Wie er einſt ein warmer und dienſt⸗ fertiger Freund geweſen war, ſo war er jetzt ein großmuͤthiger Goͤnner, und man zoͤgerte, dies ſehend, nicht, ihn zum Vice⸗Präſidenten in dem Wohlthätigkeitsvereine, in welchem er fruͤher ———————— R Setretair geweſen, und zum Meiſter vom Stuhl in einer Freimaurer-Loge zu machen; Dinge, auf deren Wichtigkeit er ſich nicht wenig ein⸗ bildete. Zum Unglůͤck bekam jetzt aber, gerade einen Monat nach der Hochzeit, die neue Mad. De⸗ ſodry einen heftigen Ruͤckfall von Coquetterie, vermöge welchem ſie beſonders den Gelehrten und Philoſophen, die ihre Tafel frequentirten, die Köpfe zu verdrehen ſuchte, was denn meinem Freunde nicht wenig Sorge machte. Bald ge⸗ lang es ihr iedoch, ihn vollſtändig zu beruhigen. Indem ſie ihm auf's neue ihre ewige Liebe zu⸗ ſchwor, verſicherte ſie ihm, daß es ihr ein un⸗ widerſtehliches Vergnuͤgen mache, auf dieſe Art die Albernheit der gelehrten Pedanten zu beſtra⸗ fen, die es wagten, ihre Blicke verlangend nach ihr zu erheben, und ſie wußte dies Vorgeben mit ſo viel Anmuth, Laune und Witz zu ſchmuͤcken, und die Anmaßungen und Einbildun⸗ gen dieſer Herren ſo geiſtreich zu perfiffliren, daß Deſodry ſelbſt der Sache ſeinen Beifull nicht verſagen konnte, und von nun an ſeiner Gat⸗ 6* tin treulich darin beiſtand, die verliebten Gecken zu myſtificiren; ein Ausdruck, welcher zu jener Zeit eben anfing, Mode zu werden. Als mir Deſodry unter vielem Lachen den Spaß erzählte, den er ſo mit ſeiner Gattin auf Koſten jener Leutchen trieb, da konnte ich indeß doch nicht umhin, ihn zu fragen, ob es ſich fuͤr einen Philantropen, wie er, wohl ſchicke, uͤbri⸗ gens doch achtbare Maͤnner, wegen einer ver⸗ zeihlichen Schwäche, ſo zu necken? Dies machte ihn doch aufmerkſam, um ſo mehr, da ihm die Sache im Ganzen nicht ſo recht zuſagen wollte. Er bat ſeine Frau, das loſe Spiel zu laſſen, und ſie, die ihn noch immer wirklich tieh er⸗ fuͤllte auch ſeinen Wunſch; dagegen warf ſie ſich aber nun, da ſie immer etwas haben mußte, was ſie unterhielt, auf literariſche Intriguen, und half einige neue Theaterſtuͤcke ſturzen und andere halten; auch war ſie bald ſo gluͤcklich, ſich einigen Einfluß bei der Beſetzung von ein Paar Stellen in der Akademie zu verſchaffen, und zuletzt gelang es ihr ſogar, das Gedicht eines protegirten Poeten kronen zu laſſen. — 5— Deſobry fuhr unterdeſſen fort, zu ſchreiben. Bisher hatte er nur duͤnnleibige Broſchuren in die Welt geſchickt; jetzt arbeitete er an einem bogenreichen Werke, in welchem er, um rechtes Aufſehen damit zu machen, den Hof, den Abel und die Geiſtlichkeit zugleich angriff. Voll Stolz rief er aus:„Wer weiß, ob meine Stimme nicht für immer alle alten Vorurtheile niederwirft!“ und, gleichſam ſelbſt erſtaunt uͤber ſeine Kuͤhnheit, ſetzte er hinzu:„Vielleicht, vielleicht bin ich ſo glüͤcklich, verfolgt zu werden!“ „Ach mein Geliebter!“ erwiederte ſeine Gattin, „welche Ehre, welches Gluͤck, wenn du in die Baſtille geſett wuͤrdeſt!“„In die Baſtile!“ entgegnete er doch ein wenig erſchrocken.„Ja“, fuhr ſie fort,„in die Baſtille! O es giebt nichts Intereſſanteres, als eine junge Frau, deren Mann ein Lettre de cachet dorthin brachte! Glaube mir, meine Klagen, meine Thränen, meine Liebe, mein Muth ſollten bald die Pforten deines Ker⸗ kers wieder oͤffnen!“„Wohlan!“ ſprach mein Freund,„ich bin entſchloſſen; dein Heldenmuth hat mich beſtimmt; man werfe mich in den 3 Kerker; noch in Ketten— die— vor mir zittern!“ Dieſe ſchoͤnen fue wutden aber zum Leidweſen des Paares nicht erfuͤllt.. Die Miß⸗ braͤuche beſtanden fort, trotz Deſodry's Stimme, nnd ſtatt den Schreier in die zu ſetzen, ignorirte man ihn. Mloͤtzlich kam ihm ietzt eine andere Idee. Er wollte ſich durch Errichtung eines Kranken⸗ hauſes in einem nahe bei Paris liegenden klei⸗ nen Flecken, wo ſeine Gattin ein Grundſtuck beſaß, unſterblich machen. Wie fuͤhlte ſich Mad. Deſodry durch dieſen ſo menſchenfreund⸗ lichen Plan entzuͤckt! Wurde ſie dadurch nicht Gründerin einer wohlthätigen Anſtalt? ward ihr Name nicht dadurch gefeiert? und vor allem, gab es nicht da etwas zu orbnen und zu re⸗ gieren? aber dafuͤr die geſchmackvollſten Landhaͤuſer erbaut hatte, und Düclair, Duͤclair, der Alles verſtand, ſich in Alles miſchte, übernahm die Aufſicht über die Man rief nun ſogleich einen beruͤhmten Ar⸗ chitecten herbei, der zwar noch nie ein Hoſpital, eßi ————— ccihh Leitung des Ganzen. Von jetzt an lag Deſodry fortwaͤhrend auf der Landſtraße, um Alles zu ordnen. Er trieb die Arbeiter, er trieb den Bau⸗ meiſter, er trieb Duͤclair; er ſah, er hoͤrte, er ſprach von nichts mehr, als von ſeinem Kran⸗ kenhauſe, und ſein entzücktes Ohr vernahm be⸗ reits die Dankſagungen der Ungluͤcklichen und die Segnungen der Nachwelt. Nebenbei beſchloß er aber auch, die Miß⸗ braͤuche im Staate, welche er nicht abzuſchaffen vermochte, fuͤr ſich ſelbſt ein wenig zu benutzen. Er ließ ſich fur eine anſehnliche runde Summe adeln, und ſeine Gattin, die ſich gerade in ge⸗ ſegneten Leibesumſtaͤnden befand, war nicht we⸗ nig uber die Ausſicht erfreut, der Welt nun einen jungen Edelmann ſchenken zu koͤnnen. Meine Frau kam ungefaͤhr um dieſelbe Zeit mit einem Maͤdchen nieder, die wir, zum An⸗ denken an die gute Mad. Lecoq, ihre Pathe, Julie nannten; Deſodry's Sohn ward dagegen Alfred getauft.— Jetzt war wieder eine gute Gelegenheit fuͤr Mad. Deſodry da, ſich zu zeigen. Sie nährte den Knaben ſelbſt, denn — 36 Jean Jacques wollte es ja in ſeinem„Emil“ ſo haben! und waͤhrend ſie ihn an der Bruſt hatte, repetirte ſie mit allem moͤglichen Pathos all' die ſchoͤnen Reden, die ſeit dem Erſcheinen dieſes Buches des Genfer Philoſophen ſo oft wiederholt worden ſind.— WMeine Frau ſtillte ihr Kind auch, aber freilich ohne Wieder⸗ holung jener Tiraden, nur aus reinem Mutter⸗ gefuͤhl, das ſie auch jetzt noch mehr, wie ſonſt, an's Haus feſſelte, waͤhrend die weitlaͤuftige Le⸗ bensart ihrer Schwägerin durch die uͤbernom⸗ mene Pflicht um nichts beſchraͤnkt wurde. Nach wie vor war da alle Abend große Geſellſchaft im Hauſe, und wenn Madame dann umgeben von ſchoͤnen Geiſtern die Huldigungen einnahm, die ihren Reitzen und ihren Talenten gebracht wurden, dann trat eine elegante Waͤrterin in den Saal, und brachte den kleinen Alfred der Mutter, die verſchaͤmt, ſtolz und entzuͤckt zu⸗ gleich, das Kind an ihre Bruſt legte und nun auch das Lob ihrer Gefuͤhlvollheit und Muͤtter⸗ lichkeit einſchluͤrfte. Wie gruppirte ſich dann alles um die ſchoͤne junge Frau! wie reitzend war ſie dann! wie engelgleich das Kind! wel⸗ ches ruͤhrende und erhabene Bild gewaͤhrte ſie! Mit Gefuͤhl und Wichtigkeit zugleich entwickelte dabei der Vater ſeine Plaͤne in Be⸗ treff der Erziehung des Knaben. Das mußte, das ſollte einmal ein Genie werden, vor welchem die Welt in Erſtaunen gerieth. Wie haͤtten die Anweſenden auch an dem einſtigen Geiſte des Kindes zweifeln können? Hatte es nicht eine Mutter, die vollkommen in jeder Hinſicht war? einen Vater, der ohne Ruhmredigkeit... Deſodry brach hier mit einem ſelbſtgefalligen Lächeln ab, dann ſetzte er hinzu:„Ja, ich hoffe, der Knabe wird einſt das Gluͤck der Menſch⸗ heit befoͤrdern helfen, der Stolz ſeines Vater⸗ landes ſeyn.“— Deſodry's Haus war gleichſam ein wahres Bureau fuͤr gegenſeitige Zuvorkommenheiten ge⸗ worden, aber, in Folge ſeiner literariſchen, wiſſen⸗ ſchaftlichen und philoſophiſchen Streitigkeiten, die er alle Augenblicke hatte, mußte man doch durchaus ganz ſeiner, ſeiner Gattin und ſeiner Umgebung Meinung ſeyn, um ſich wohl darinnen zu befinden. Damals war Mesmer eben mit ſeinen magne⸗ tiſchen Traͤumereien Mode geworden, und De⸗ ſodry und ſeine Frau ermangelten nicht, die Sache mit gewohnter Heftigkeit aufzufaſſen. Eines Morgens beſuchte mich Doctor Thierry, und gleich ſein Geſicht verkuͤndete mir, daß er ſehr ubeler Laune war. Man hatte den Abend vorher einen armen Mann, einen Vater von drei Kindern, in das Krankenhaus gebracht, dem er vorſtand. Der Ungluͤckliche war durch Gram auf's Krankenlager geworfen worden. Er hieß Lamarre und bekleidete kange einen kleinen Po⸗ ſten, der ihn und die Seinigen naͤhrte; uͤbri⸗ gens war er noch ein fleißiger und treuer Ar⸗ beiter, aber leider! von einem ungluͤcklichen Hange zur Perſiflage beſeelt, der ihn verleitete, die Mesmerſchen Charlatanerien bitter zu be⸗ ſpoͤtteln, waͤhrend doch ſein Vorgeſetzter einer der heißeſten Anhanger des Baquetts war. Hierdurch verlor er ſeine Stelle, die augenblick⸗ lich einem Andern uͤbertragen wurde, der zwar weder fleißig, noch geſchickt, dafuͤr aber ein Mu⸗ ſter von Glaubensheld im Punkte der Magne⸗ — 9— tismuswunder war, und den ein reicher und vor⸗ nehmer Herr, der gleichfalls zur Fahne Mesmers geſchworen, empfohlen hatte.„Und wiſſen Sie wohl“, fuhr Thierry fort,„wer der reiche Pro⸗ tector des Taugenichts iſt, der jetzt einem braven Familienvater ſein Brod raubt? Es iſt ihr Freund Deſodry.— Sie werden geſtehen, daß wenn ſeine angeblichen Dienſte fur die Menſch⸗ heit keine andern Reſultate gewähren, als Tho⸗ ren an die Stellen von vernuͤnftigen Menſchen zu bringen, es beſſer ſeyn wuͤrde, er waͤre in ſeinem Seminarium geblieben.“ Ergriffen von der Wahrheit dieſer Bemer⸗ kung, bat ich meinen alten Lehrer, ſogleich mit mir zu Deſodry zu gehen, der eben von ſeinem großen Baue, welcher nun tͤchtig vorruͤckte, hoͤchſt erfreut zuruͤckkehrte. Anfänglich gab er nicht viel auf unſere Vorſtellungen wegen Lamarre, ſondern glorificirte ſich vielmehr noch, dazu bei⸗ getragen zu haben, einen jungen Mann, der ſich von dem Erhabenen begeiſtert und durchdrungen fuͤhlte, und der, wie Duclair ihm eingeredet hatte, der redliche Verſorger einer alten und ſchwachen Mutter ſeyn ſollte, behuͤlflich geweſen zu ſeyn; als ihm aber Thierry bewies, daß die Sache ſich keineswegs ſo verhielt, ſondern daß ſein Schuͤtzling im Gegentheil ein lockerer Paſſa⸗ gier war, der ſich nur zum Verdruß und gegen den Willen ſeiner Verwandten in Paris herum⸗ trieb: da ward er anderes Sinnes, und als nun der alte Doctor ihm vollends zu Gemuͤthe fuͤhrte, daß auch im Fall, daß dieſer ein wackerer Mann ſey, man doch darum nicht einem andern wackeren Manne das Brod rauben muͤſſe, ſelbſt wenn dieſer letztere auch vielleicht in ſeinen Spoͤttereien uͤber eine Sache, die nicht zum Amte gehöre, zu weit gegangen waͤre, da verſtummte er ganz, und Thierry, einmal warm geworden, fuhr fort: „Sehen Sie da, Herr Deſodry, die ſchönen Fruͤchte ihres humaniſtiſchen Eifers! Um eines jungen Menſchen willen, der Ihren Ideen hul⸗ digt, wird ein Familienvater ungluͤcklich gemacht, und um den Zweifel an das, was Ihnen als Erhaben und Bedeutend erſcheint, zu ſtrafen, raubt man Unmuͤndigen ihr Auskommen. Wenn das Gute, was man auf einer Seite thut, auf ber andern Böſes wirkt, ſo hört es auf gut zu ſeyn, und der Dienſteifer zum Wohle für Andere wird ein Fehler, ſo bald man partheiiſch dabei iſt, und die Rechte eines Dritten kraͤnkt. Man muß nie nur fuͤr ſeine Anhaͤnger wirken, wenn man ein wahrer Menſchenfreund ſeyn will; wer dies thut, verunſtaltet die Tugend der Menſchen⸗ liebe zur Partheiſucht, und oft geſchieht es, daß man dann, wie Sie jetzt gethan haben, einem Braven ſchadet, um einem Schmeichler oder In⸗ triguanten zu nutzen. Wehe aber dem, der ſich dazu hergiebt, ehrliche Leute zu unterdruͤcken, die nicht ſeine Anſichten hegen, um Menſchen zu heben, die kein anderes Verdienſt haben, als das, aus Ueberzeugung oder Berechnung, ſeine Meinung zu theilen.“ Je laͤnger der Doctor ſprach, je tiefer fuhlte ſich Deſodry von dem Unrecht, welches er bei dieſer Sache begangen hatte, ergriffen.„O!“ rief er ſchmerzlich aus,„ich wollte das Gute und habe Böſes gethan! Ach, hätte ich den jungen Mann nicht vorgeſchlagen, ſo waͤre La⸗ marre noch in ſeinem Poſten! Doch Geduld, . —— 69 bringe Alles wieder in— der Fehler ſoll verbeſſert werden.“— Wirklich that er das auch. Sein Schuͤtz⸗ ling wurde von ihm anderswo untergebracht und Lamarre erhielt ſeine Stelle wieder, doch mußte Letzterer— denn anders wollte der eifrige Magnetismus⸗Bewunderer, ſein Vor⸗ geſetzter, durchaus nicht einwilligen— vorher heilig verſprechen, nie wieder eine Spoͤtterei weder uͤber Mesmer, noch deſſen Anhänger verlauten zu laſſen⸗ Bald nach dieſem Vorfule lept De⸗ ſodry aber einen ungemeinen Verdruß, der ſei⸗ nem Ehrgeitze hoͤchſt kraͤnkend war. Er fand naͤmlich, daß er die Sache mit dem Bau ſeines Krankenhauſes nicht durchfuͤhren konnte. Ent⸗ weder hatte er ſich gleich vom Anfange herein verrechnet, oder ſein beruͤhmter Architect hatte es zu ſchoͤn machen wollen; genug, das Gebaͤude war kaum bis zum erſten Stockwerk gediehen, und ſchon fuͤhlte mein Freund, daß er, ohne ſich zu ruiniren, es nicht weiter fortzuſetzen ver⸗ mochte. Welche Schmach war es aber, welchem — 6— S Gelaͤchter gab er ſich Preiß, wenn nun das ganze Unternehmen liegen blieb? Voller Ver⸗ zweiflung kam er zu mir. Ich ſprach nun mit dem Doctor und mit Onkel Lecoq uͤber die Sache, und wir dreie kamen uͤberein, eine Sub⸗ ſcription zu eroffnen, um das lobenswerthe Un⸗ ternehmen zu Ende bringen zu helfen. Die Sache gluckte; was Deſodry unbedacht ſich al⸗ lein auf die Schultern geladen hatte, wurde nun von Mehreren ausgefuͤhrt, und nur die von ihm im Plan entworfenen Statuen und Colonaden blieben weg, um dafuͤr deſto mehr und deſto hellere und luftigere Zimmer zu bekommen. unter der Maſſe von Menſchen, die der un⸗ ermuͤdliche Duͤclair täglich meinem Freunde in's Haus ſchleppte, befanden ſich beſonders eine Menge Fremder. Alle Saͤnger und Virtuoſen, die über die Alpen herkamen, um die Pariſer zu brandſchatzen und ſich Geld und Beifall in Frankreich zu holen, alle Doctoren und Philo⸗ ſophen, die uͤber den Rhein ſetzten, um uns ihre neuen Syſteme und Traͤumereien zuzufuͤhren, waren an ſeiner Tafel zu ſehen, und fanden — 96— ſtets die willkommenſte Aufnahme. Beſonders aber beſtrebte man ſich, die liebenswuͤrdigen Figuren an ſich zu ziehen, die unter dem Namen der Lords und Gentlemans uͤber den Canal daher geſchwommen kommen. Damals herrſchte uberhaupt in Frankreich eine wahre Sucht nach allem, was engliſch war. Man hatte engliſche Gaͤrten, engliſche Pferde, engliſche Jockeys, eng⸗ iiſche Wagen und engliſche Clubbs. Englands Moden, Englands Sitten, mochten beide auch ſo lächerlich ſeyn, wie ſie wollten, wurden mit wahrer Wuth nachgeahmt, und ein Kaufmann, der ſeine Waaren los werben wollte, mußte ſie fur engliſch ausgeben, gerade ſo, als wie ein Muſicus oder eine Saͤngerin, um Gluͤck zu ma⸗ chen, ſtets ſagen mußten, ſie kaͤmen aus Ita⸗ lien. Dieſer Abgeſchmacktheit, die man mit Recht Anglomanie nennt, verfehlten nun Deſo⸗ dey und ſeine Frau nicht, beſtens zu huldigen⸗ Der dreieckigſte Englaͤnder ſtand in ihren Augen weit uͤber den beſten ihrer Landsleute, und es konnte ſomit nicht fehlen, daß bald bei ihnen der Wunſch emporkeimte, das, was ſie bisher nur einzeln bewundert hatten, nun in Maſſe in der Heimath alles Vortrefflichen ſelbſt, anzu⸗ ſtaunen. Deſodty ſagte deswegen mit wichti⸗ ger und ernſter Miene, er muͤſſe, um ſeine For⸗ ſchungen uͤber Verwaltung und Staatsweſen ganz auf's Reine zu bringen, den wunderbaren Mechanismus der engliſchen Verfaſſung an Ort und Stelle mit philoſophiſchen Blicken unter⸗ ſuchen; Madame aber ſuchte der vorhabenden Reiſe noch gleichſam ein dramatiſches Intereſſe zu verleihen. Die ſo ſehr gewuͤnſchten Verfol⸗ gungen gegen ihren Gemahl hatten leider nicht ſtatt gefunden; dies hielt ſie jedoch nicht ab, erſt Andere, nachher ihren Mann und zuletzt vielleicht ſich ſelbſt, zu uͤberreden, daß Deſodry von der Regierung bedroht werde, und nicht lange, ſo kam mein Freund zu mir, um mir mit geheimnißvoller Miene und unter dem Siegel der Verſchwiegenheit zu entdecken, daß die gro⸗ ßen Wahrheiten, welche er in ſeinen Scrfun publicirt habe, ihn jetzt in Gefahr brächten, ein⸗ gekerkert zu werden.„Ich weiß das“, fuhr er fort,„ganz gewiß. Meine Frau hat dieſerhalb I.. von einigen wohlunterrichteten Freunden beſorg⸗ liche Winke erhalten, und mir bleibt ſomit nichts uͤbrig, als dem Sturm auf einige Zeit auszu⸗ weichen.“ 3 Geſagt, gethan. Madame Deſodry ent⸗ woͤhnte in aller Schnelle den kleinen Alfred, und eh' ich's mir verſah, waren die beiden Gat⸗ ten, immer exaltirt und immer in großer Ueber⸗ einſtimmung mit einander lebend, aus Paris verſchwunden und nach England uͤbergeſchifft. Achtes Kapitel. Reiſe nach England. Men Freund blieb jedoch nicht ſo lange in dem bewunderten Lande, wie er es ſich anfangs vorgenommen hatte, und als er wiederkehrte, N bemerkte ich eine bedeutende Veränderung an ihm. Er ſchien mir argwoͤhniſch gegen ſeine Frau geworden zu ſeyn, die er zwar noch immer liebte, aber doch jetzt mit Mißtrauen und manch⸗ mal ſogar mit geheimen Zorn betrachtete. Ma⸗ dame Deſodry ſchmollte dagegen mit ihm jetzt recht ordentlich. Bald erfuhr ich nun auch die Urſache des Mißvergnuͤgens unter den Eheleu⸗ ten und die Veranlaſſung zu ihrer ſo— gen Ruͤckkehr. Reichlich mit Empfehlungsbriefen an meh⸗ rere Kaufleute in der City und an ein Parla⸗ mentsmitglied verſehen, war man nach London gekommen; und Dank dieſer papiernen Fuͤr⸗ ſprecher war man auch mit aller der Artigkeit aufgenommen worden, die die Englaͤnder, einen Fremden, und beſonders einen Franzoſen, em⸗ pfangend, nur aufzubringen im Stande ſind. Mad. Deſodry hatte ſich zu Ranelagh gezeigt, war in der Oper, im Park und auf dem Wege nach Windſor hin geweſen. Auch war ſie nicht unbemerkt geblieben. Nicht lange, ſo ſprach man von der ſchoͤnen Franzöſin, und Deſodry 7 k — 100— konnte ſomit in London nicht veniger ſtoltz, wie in Paris, auf die Huldigungen ſeyn, welche man ſeiner Frau erwies. Je ſchoͤner und liebenswuͤr⸗ diger man aber ſeine Frau fand, je mehr ward er fuͤr die öffentlichen und Privat⸗ ten der Englaͤnder unter den Perſonen, denen das Ehepaar empfohlen worden war, befand ſich auch ein Herr Darfy, ein Mann von etwas zweideutigem Charakter und Weſen, der aber, beguͤnſtigt durch einigen Geiſt, in allen Geſellſchaften von ſoge⸗ nanntem guten Ton, Zutritt hatte. Gewoͤhn⸗ lich lebte er den Winter uͤber in der Haupt⸗ ſtadt, beſuchte die Theater, die öffentlichen Orte, die Boͤrſe ꝛc., zur Badezeit fand man ihn aber in Bath, und den Reſt des Sommers und Herbſtes wendete er dazu an, von Schloß zu Schloß zu ziehen und hier auf fremde Koſten ſich gutlich zu thun. Da er den Anweſenden ſchmeichelte und die Abweſenden verlaͤſterte, ſo ward er uͤberall gern geſehen. Nennen ließ er ſich uͤbrigens Major Darfy, obſchon niemand wußte, weder zu welcher Zeit, noch in welcher Armee er jemals gedient hatte.— Dieſer Eh⸗ renmann, von deſſen Art und Weſen man in allen Ländern Exemplare findet, ſchloß ſich nun ſehr ſchnell an Deſodry und deſſen Gattin an. Er verſchaffte ihnen eine Wohnung bei einem gewiſſen Herrn Dikſon, einem ehemaligen Kauf⸗ manne, der als Hggeſtolz mit ſeiner Schweſter, Miß Arabella, einer etwas vorgeruͤckten, aber noch immer gern die Junge ſpielenden Schoͤnen lebte, und ein ächter engliſcher Neuigkeitskrä⸗ mer und politiſcher Kannegießer war. Einen paſſendern Wirth, wie dieſen, konnte man fuͤr Deſodry nicht finden. Darfy hatte den Cha⸗ racter und die Schwächen meines Freundes und ſeiner Gattin auf den erſten Blick weg, und es ſchieu ihm Spaß zu machen, beider Stecken⸗ pferd zu ſtreicheln. Zwar haͤtte ein aufmerk⸗ ſamer Beobachter leicht auf die Vermuthung kommen koͤnnen, daß er mit ſeinem cauſtiſchen Humor die Beiden eigentlich mehr perfifflirte, als ſchmeichelte; allein das war einmal ſeine Art ſo, und es ging allen ſeinen Bekannten, den — 102— ehrlichen Dikſon und die reitzende Miß Arabella nicht ausgenommen, nicht beſſer. Bufällig traf es ſich nun, daß kurz vorher, ehe Deſodry nach London kam, eine vornehme Perſon daſelbſt angelangt war, die, um ſich allem läſtigen Ceremoniell zu entziehen, unter dem gewöhnlichen durchſichtigen Inconigto reiſte, das jeder zu durch⸗ blicken vermag. Der Graf von“**— ſo nannte ſich der hohe Reiſende, war der alteſte Sohn eines der groͤßten nordiſchen Fuͤrſten, und mithin einſt beſtimmt, uͤber weite Landſtriche zu gebieten; Grund genug, um dieſe Reiſe für alle Diplo⸗ maten, Publiciſten, Speculanten und Zeitungs⸗ leſer zum Gegenſtand des Kopfzerbrechens zu machen. Europa's politiſches Syſtem ſollte den großten Veränderungen entgegengehen, hier Krieg, dort Friede werden. Herr Dikſon und Miß Arabella, mein Freund und ſeine Gattin, ermangelten nicht, gleich allen Andern, ſich uͤber die Loͤſung des Raͤthſels dieſer geheimnißvollen Reiſe abzuqualen, und der Schalk Darfy ſpornte ſie bald durch geheime Nachrich⸗ ten, bald durch Widerſpruch noch mehr in die⸗ —— 106— ſem Beginnen anz und als nun eines Tages das Geſpräch wieder auf den Prinzen kam, und Alle ſich in Muthmaßungen uͤber den Zweck ſei⸗ nes Aufenthaltes in London erſchoͤpften, da ſagte er plötzlich:„ Sey dem wie ihm wolle; um erfolgreich fuͤr das Wohl der Allgemeinheit wirken zu koͤnnen, ſollte man ſuchen, ſich der Herrſchaft uͤber ſo einen Vornehmen zu bemaͤch⸗ tigen. Geſchick und Zufall haben einmal das Loos der Völker in die Hände der Fuͤrſten ge⸗ legt, und uͤberall, außer in unſerm Altengland (dies ſprach er mit der ganzen Aufgeblaſenheit John Bulls), können ſie alles, was ſie wollen. Wollen ſie das Gute, ſo geſchieht's; wollen ſie das Böſe, ſo iſt es da, und wenn ſich ihr Wille nur noch blos bis an die Graͤnzen ihrer Gebiete erſtreckte! So aber reicht er weit daruͤber hin⸗ aus, auch in andere Laͤnder. Da giebt es denn, wie die Sache einmal ſteht, nur ein Mittel, das allgemeine Gute zu befoͤrdern; man muß es einem maͤchtigen Fuͤrſten wollen machen. Iſt dies aber ſchwer? Keineswegs! Zwar die Phi⸗ loſophen und die Strupuloͤſen in der Wahl der — 104— Mittel werden es nicht erreichen; allein, wer weniger an ſolchen Kleinlichkeiten haͤngt, wem der Zweck die Hauptſache iſt, der kann es leicht, ſobald er nur will. Ja, ich behaupte es, der Wille der Herrſcher und alſo das Wohl und Weh der Menſchheit, liegt in der Hand jedes geſchickten, weiſen, einſichtsvollen und wohlmmei⸗ nenden Schmeichlers, der es ſich vornimmt, das Gute zu befördern, und niemand könnte leich⸗ ter, erfolgreicher und beſſer dies— als— eine ſchoͤne Frau.“ „Wohl moglich“, h e.— Deſodry. „Nicht allein Rini n auch wnrh ſetzte, den Finger an die Naſe—— Dikſon ernſthaft hinzu. „Wahr und ne meinte u n. bella. „Wahr Sn gewiß und ſittlich nune rief Deſodry ſogleich in Feuer aus. „Zeigt ſich uns jetzt“— fuhr Darfy fort— „nicht gleich eine Gelegenheit, unſere Anſicht zu beſtätigen⸗ Dieſer junge Prinz, deſſen Wille einſt ſo einflußteich auf das Geſchich eines gro⸗ ßen Theils unſeres Erdballs ſeyn wird, hat er nicht bereits Veeiſe genug von der Biegſamkeit ſeines Characters, und folglich von der Leichtig⸗ keit, ihn leiten zu konnen, gegeben? Etzogen von einem ſtrengen Lehrer, war er ſelbſt ſtreng in ſeinen Sitten; jetzt frei geworden, ſtuͤrzt er ſich gleichſam in den Strudel des Vergnugens. Doch, mitten in dieſem Taumel von Zer⸗ ſtreuungen iſt ſein Herz noch frei; in dieſe gluͤ⸗ hende Bruſt fiel noch nie der Strahl einer waͤhren Liebe. O, wie erfolgreich muͤßte es feyn, wenn man ihn durch die Liebe der Große gewinnen könnte! Welche ſchoͤne, welche er⸗ habene, welche wahrhaft philantropiſche Rolle könnte hier eine Frau ſpielen, der die Natur die nöthigen Eigenſchaften hierzu nicht verſagt hat; eine Frau, die reich an Reitzen des Geiſtes und des Koͤrpers, groß genug daͤchte, um ſich uͤber das kleinliche Vorurtheil der Welt zu erheben; eine Frau, die dem jungen Fürſten eine dauernde Leidenſchaft einzuflößen wuͤßte, und ſo ſeine Lei⸗ terin, ſeine Gebieterin, durch ihn die Gebieterin, die Befoͤrderin des Wohls von Millionen wuͤrde! Eine ſolche könnte alles das mit leichter Muhe vollbringen, was bisher nur in den Träumen der Philoſophen beſtand, und wie wuͤrde die die Nachzeit, ſie verehren!“ u1 Je weiter der Major ſprach, je ward myines Freundes, je freudeleuchtender da⸗ gegen ſeiner Gattin Geſicht; entzuͤckt rief ſie, als Darfy endlich ſchwieg, aus:„Das iſt wahr! das iſt gewiß! o, das iſt bewunberungswerth!“ „Gewiß, gewiß“, wiederholte der City⸗Be⸗ wohner und ſeine Schweſter, und der Spötter Darfy fuhr fort:„Nun wohlan, Miß Ara⸗ bella, ſaͤumen Sie nicht. Erweiſen Sie der Menſchheit den großen Dienſt, gewinnrn Sie den jungen Heros der Tugend, der Philoſophie.“ „Wie! ich?“ fragte erroͤthend die wunder⸗ S geſchmeichelte Jungfer. „Meine Schweſter!“ rief Dikſon, in ein ſchallendes Gelächter ausbrechend⸗ macht euch luſtig, Major.“ „Wie das, Maͤſter Dikſon“, entgegnete die⸗ ſer. Ihr werdet doch nicht etwa ſo am Vor⸗ —— urtheile kleben, daß Ihr etwas dagegen haͤttet? Fuͤhlt Ihr denn nicht, wie ſchoͤn es iſt, die Tu⸗ gend ſelbſt der Tugend zu opfern?“ „Gott verdamm' mich! ich fuͤhl's, Darfy; aber meine Schweſter! Geht, Ihr ſeyd ein Spðtter· n emn bttict „Mein Bruder hat Recht, begann jetzt Miß Arabella minaudirend; wie koͤnnte ich.. mein Geiſt meine o nein! nein! da gehoͤren andere Vorzuͤge dazu. Ich wuͤßte wohl jemand“ Pier warf ſie einen Seiten⸗ blick, der nicht ganz frei von Neid war, auf Mad. Deſodry, und dirſe erwiederte beſcheiden, die Augen niederſchlagend:„Genug des Scher⸗ zes, Major, brechen wir ab. Sie wollten uns ja noch nach dem Park begleiten.“ Dies ge⸗ ſagt, begann ſie aber vor einem großen Spiegel die Macht und den Glanz ihrer Augen zu pruͤfen, und mein Freund wollte bemerken, daß ſeine Gattin in dieſem Moment an ihn gerade am wenigſten dachte. Der Zufall wollte, daß man, kaum im Park angelangt, dem hohen Reiſenden begegnete, und die Muͤhe, welche ſich Mad. Deſodry gab, die Blicke deſſelben auf ſich zu ziehen, verſtimmten ihren Gatten noch mehr. Was ihn aber vol⸗ lends uͤbellaunig machte, das war die Wahrneh⸗ mung, daß dem Prinzen dies Beſtreben nicht entging, und daß derſelbe nun ſeinerſeits die huͤbſche Frau nicht mehr aus den Augen ließ. „Nein“, ſagte er zu ſich ſelbſt, mißvergnuͤgt neben ſeiner Frau, die bald ſchneller, bald lang⸗ ſamer ging, in den Gaͤngen hin⸗ und herziehend —„nein, daraus kann nichts werden! und ſie“— ſetzte er gleichſam ſich ſelbſt troͤſtend hinzu—„ſie wuͤrd' es auch nicht thun; ſie iſt zu tugendhaft, ſie liebt mich zu ſehr. Aber ein Prinz! ein ſouverainer Fuͤrſt! das allgemeine Wohl der Menſchheit!... Verflucht waͤr' der Major mit ſeinen Ideen. Der Teufel hat ihm den Gedanken eingeblaſen, die Tugend der Weiber als ein Vorurtheil zu betrachten!“ Den folgenden Tag war eine große Feier⸗ lichkeit zu Ranelagy. Natürlich mußte man hin, naturlich war auch der Prinz da. Deſodry war den ganzen Tag verſtimmt und uͤbellaunig; — 409— England und die Englaͤnder erſchienen ihm auf einmal nicht mehr ſo intereſſant, wie ſonſt; er fand ihre Vergnuͤgungen roh, ihren Geſchmack ſchlecht, und ihre Staatseinrichtungen nicht beſ⸗ ſer, wie anderwaͤrts. Gern haͤtte er die Par⸗ thie zu dem heutigen Feſte hintertrieben, aber alle Vorwände, die er erſann, wurden nicht an⸗ genommen, und um ihn vollends zu martern, zog nun auch noch Darfy mit ſeinem cauſti⸗ ſchen Witz gegen ihn zu Felde. Genug, es war kein Retten, man ging und es blieb meinem Freunde nichts anders uͤbrig, als den ganzen Abend ſeine Frau nicht vom Arme loszulaſſen; eine Vorſicht, die jedoch weder die Schone, noch den fremden Fuͤrſtenſohn verhinderten, ſich gegen⸗ ſeitig recht oft zu begegnen und mit Blicken zu unterhalten. Darfh ſchien es uͤbrigens jetzt darauf anzu⸗ legen, den armen Mann mit Vorſchlägen zu Vergnuͤgungsparthien vollends todt zu machen. Kaum war die Marter in Ranelagh vorbei, ſo brachte der Major den Beſuch eines Wettrennens in Anſpruch, das in kurzer Zeit in der Gegend — 110— von London gehalten werden ſollte. Der Prinz, hieß es, wuͤrde gegenwärtig ſeyn, und Mad. Deſodry konnte nun kaum den Tag des Feſtes erwarten. Alle Vorbereitungen zu einer glän⸗ zenden Toilette wurden getroffen, wie erſchrak ſie aber, als am Morgen des beſtimmten Tages und als ſie eben damit beſchäͤftigt war, den heu⸗ tigen Staat anzuprobieren, ihr Mann ins Zim⸗ mer trat und mit einem ſo trocknen Tone, wie ſie noch nie von ihm gehört hatte, ihr erklaͤrte: ſie brauche fuͤr diesmal blos ihr Reiſekleid an⸗ zulegen. Deſodry zeigte bei Gelegenheit, ihe i— e inß daß ſogleich züch Frankreich zuruͤckgereiſt u Dieſes Machtgebot uͤberraſchte aber Madame Deſodry um ſo mehr, da mein Freund bisher nie einen eigenen Willen hatte blicken laſſen. Sie bat, ſie weinte, ſie ſchmollte, um⸗ ſonſt! er blieb feſt und ſie mußte nachgeben; den ganzen Weg aber bekam er kein einziges freundliches Geſicht, und als man ſich in Dover einſchiffte, ſeufzte die erzuͤrnte Schoͤne:„Ach waͤr' ich unverheirathet geblieben!“ Gewiß war ihre Abſicht nicht ſo ſchlimm geweſen, als ſein aufgeregter Argwohn es ihm vorſpie⸗ gelte; indeß er liebte ſeine Frau ſo ſehrz er wußte ſo gut aus eigener Erfahrung, bis zu welchen Extremen einen die Liebe zu dem allgemeinen Beſten treiben konnte... Genug, dieſes beginnende Abentheuer, dieſe verwuͤnſchten philantropiſchen Ideen, die der Major Darfy ſeiner Frau in den Kopf ſetzte, verleideten ihm auf einmal alles, was an England erinnerte, und weil er zufaͤllig in diefem Lande einige Ehe⸗ manns⸗Sorgen empfand, ſo fiel er auch ſogleich von einem Aeußerſten auf das andere, und ver⸗ abſcheute nun eben ſo Englands Sitten und Gebraͤuche, wie er ſie vorher vergöttert hatte. „Dieſe Inſulaner“, rief er aus,„ſind nichts als grobe Egoiſten. Gleich den alten Römern wollen ſie frei ſeyn, aber auch ſie nur allein; denn, wie dieſe, betrachten ſie alle andere Voͤlker als Barbaren und Sclaven. Indem ſie viel — 112— fur ihr Land und wenig fur die Menſchheit thun, ſchaͤtzen und lieben ſie nur ſich; ſie verachten die Schwachen und haſſen die, die zu ſtark ſind, um ſie ungeſtraft verachten zu können. Und ſind ſie denn wirklich von einem wahren Patriotis mus beſeelt? Ihre Vaterlandsliebe iſt ſelten etwas anderes, als klägliche National⸗ Eitelkeit. Gott⸗ lob, daß ich wieder aus ihrem Lande fort bin!“ Ploͤtzlich beſann er ſich aber und ſeine Beaͤngſti⸗ gungen kehrten wieder. Ach!“ rief er aus, „iſt denn aber Paris ein 5 Ort fuͤr einen armen Ehemann, als London?“ Wer ſteht mir dafuͤr, daß ich nicht auch da irgend einen Gro⸗ ßen, einen Prinzen oder ſo etwas finde, den irgend ein Bekannter fur fähig hält, unter der Leitung einer ſchoͤnen Frau ein Philoſoph und Menſchen⸗ freund zu werden? Bei'm Himmel! das groͤßte Ungluͤck iſt, als Mann einer reitzenden Frau in einer Welt leben zu muͤſſen, in welcher es Große mit empfaͤnglichen Herzen giebt!“— 6 5 „* ————— — Neuntes Kapitel. Ruͤckkehr in's Vaterland⸗ In dem Augenblick, in welchem Deſodry wie⸗ der in der Heimath anlangte, zeigten ſich da⸗ ſelbſt die erſten Vorboten der politiſchen Stuͤrme, die bald darauf das ſchoͤne Land verwuͤſten ſoll⸗ ten. Das Parlament hatte eben die Einregiſtri⸗ rung des Stempel⸗ und Grundſteuer⸗Edictes verweigert; die erſte Verſammlung der Notabeln fand ſtatt. Daß ein Mann von Deſodry's Cha⸗ racter dieſen Streitigkeiten des Hofes und des Parlaments nicht gleichgultig zuſehen konnte, war natuͤrlich; ſeinen Anſichten gemaͤß, wurde er einer der heftigſten Vertheidiger der Parla⸗ mentsbeſchlüſſe, und, ſelbſt wenn er hätte ruhig . 8 — 114— bleiben wollen, wuͤrde ihn nicht ſein Freund Duͤ⸗ clair aufgeregt haben, der ſich unterdeſſen, ohne daß er dadurch glaubte, ſeiner Wuͤrde als Rechts⸗ gelehrter zu ſchaden, unter den Haufen der jungen Gerichtsſchreiber gemiſcht hatte, die, ich weiß nicht mehr welchen angeblichen Triumph des Parlaments mit ziemlicher Ausſchweifung feierten, und alle Vorbergehenden auf dem Pont⸗ neuf zwangen, den Huth vor der Statuͤe W. a Als Defabty jetzt ſo plotzlich Englandt ver⸗ ließ, dachte er nicht mehr an die Verfolgungen, von welchen er ſich fruͤher bedroht glaubte, und meinte ſcharfſinnig, daß dermalen die Re⸗ gierung wohl andere Dinge zu thun habe, als einen Philoſophen in die Baſtille zu ſitzen. Mit ſeiner Frau, die er uͤbrigens immer noch ſehr innig liebte, lebte er jetzt indeß nicht mehr in dem gluͤcklichen Verhaͤltniſſe, wie ſonſt. Ein geheimes Mißtrauen wurzelte fortwährend gegen ſie in ſeiner Bruſt; er glaubte ſich nicht mehr ſo geliebt von ihr, wie einſt, und es gab — 115— daher jetzt oͤfters Streitigkeiten zwiſchen ihm und ihr. Bald trat jedoch ein Unfall fur ihn ein, der ihn wenigſtens in dieſer Hinſicht wieder be⸗ ruhigte. Er wurde naͤmlich in Folge einer Zwi⸗ ſtigkeit mit ſeiner Gattin— bei deren Gelegen⸗ heit von beiden Seiten ziemlich harte Worte ſielen— dann durch die ewige Spannung, in welcher er ſich jetzt fortwaͤhrend wegen der oͤf⸗ fentlichen Angelegelegenheiten ſowohl, wie ſeiner eigenen— die etwas wankend zu werden be⸗ gannen— gefährlich krank, und von dieſem Augenblicke an hoͤrten auch alle Klagen und Neckereien zwiſchen ihm und ſeiner Gattin auf. Die Gelegenheit, ihre Gefuͤhlvollheit und Zärt⸗ lichkeit zu zeigen, war zu ſchön, als daß Mad. Deſodry nicht mit Vergnugen hatte die Rolle einer beſorgten und gebeugten Gattin uͤberneh⸗ men ſollen.— Wie ſehr meine Pauline durch die Krankheit ihres Bruders erſchreckt wurde, darf ich wohl nicht erſt ſagen; ſo lange er in wirklicher Gefahr ſchwebte, wich ſie faſt nicht von ſeinem Bette; als die Criſis aber voruͤber war, da beruhigte ſie ſich doch wieder, Mad. 8** — 116— Deſodry dagegen fuhr in ihrer zu Lage Beſorgniß fort. Von dem Augenblicke an, daß S un⸗ wohl wurde, zeigte das vor dem Hauſe reichlich ausgebreitete Stroh den Voruͤbergehenden, daß hier ein reicher Kranker wohnte, den man mit Eifer pflegte, und den kein Wagengeräuſch in ſeiner Ruhe ſtoren ſollte, und ſo groß auch, wie Madame mir verſicherte, ihr Zutrauen in meine Geſchicklichkeit als Arzt war, ſo konnte ſie doch nicht umhin, noch mehrere meiner Collegen zu Rathe zu ziehen. So fanden denn drei oder vier Conferenzen der beruͤhmteſten Aerzte wegen dem Uebelbefinden meines Freundes ſtatt; dabei mußten beſtändig zwei Krankenwärter ſich ab⸗ löͤſen, und Mad. Deſodry wachte noch obendar⸗ ein ſelbſt mit; ja, ſie kam gar nicht mehr von ſeinem Lager weg. Wollte er trinken, ſo hielt ſie ihm die Taſſe, und ihr Auge hing dabei voll verſchoͤnernder Thraͤnen bald an ihm, bald war es flehend zum Himmel gerichtet. Die Furcht macht aberglaͤubiſch; ſie, die ſonſt uber den Glau⸗ ben des Volks ſo gern ſpottelte, ließ zu Sain⸗ Genevitve Gebete für ihren Gatten halten, und verſprach, im Fall ſeiner Geneſung, den Nonnen eines nahgelegenen Kloſters ein Geſchenk fuͤr ihr Marienbild. In das Zimmer des Kranken durften uͤbrigens nur die vertrauteſten Freunde, aber freilich war deren Zahl Legion. Da ſaß denn die ſchoͤne Weinende maleriſch hingegoſſen an dem Bette des Patienten, und ihr Schmerz ſchien ſo groß, daß ſie fuͤr nichts außer ihm Augen zu haben ſchien. Nur manchmal be⸗ gruͤßte ein leiſer Seufzer, oder ein wehmuͤthiger Blick die endlos Eintretenden, die hinwiederum mit leiſer Stimme einige empfindſame Be⸗ dauerungs⸗Phraſen hermurmelten, und ſich dann wieder, eben ſo, wie ſie gekommen waren, auf den Zehen entfernten, um Andern Platz zu ma⸗ chen. War aber einer dieſer Condolenten ſo ungluͤcklich, daß unter ſeinem Tritt eine Diele knarrte oder ſonſt das leiſeſte Geräuſch ent⸗ ſtand, dann fuͤhlte ſich die beſorgte Gattin in die Seele des Geliebten auf's tiefſte erſchuͤttert. Piermit noch nicht zufrieden, trabte Duͤclair waͤhrend dem in ganz Paris umher, um in ⸗ — 118— allen Geſellſchaften von nichts, als von den Lei⸗ den und der ruͤhrenden Beſorgniß der liebevol⸗ len Gattin zu reden.„Das iſt ein Engel!“ rief er aus,„eine Heldin, ein Muſter von einer Frau!“ Und um ſein eigenes Mitgefuͤhl kund zu thun, ſetzte er dann hinzu:„Ach, und mein Deſodry! mein Freund! wenn wir ihn verloren! O mein Gott! ſeine Gattin wuͤrde ſterben, und ich— ich! was ſollte aus mir werden?“— Dann lief er wieder fort und auf die Spatzier⸗ gaͤnge, auf die Kaffeehauſer, in's Theater, und wen er erwiſchte, dem wiederholte er dieſelben Schmerzens⸗ und Bewunderungs⸗ Ausrufe. Mein Freund war durch dieſe Beweiſe von der Liebe ſeiner itih auf's innigſte geruͤhrt; er ſchenkte ihr ſein ganzes Vertrauen, ſein gan⸗ zes Herz wieder, und fuhlte ſich gluͤcklicher, wie je, in dem Beſitz einer ſolchen Frau. Endlich beſſerte er ſich wieder, und Mad. Deſodry begann nun von neuem außzuleben. Jetzt gingen aber die Theilnahmbeweiſe von allen Seiten erſt recht los; es war gleichſam ein Wettſtreit in der Zäͤrtlichkeit. Deſodry war reich, und hatte daher Schmeichler genug; er diente gern und konnte fernerhin noch manchmal dienen; wie ſtrebten da die Menſchen, dem theuren Manne ihre Theilnahme zu zeigen! Es war ordentlich ein Conzert von Gluͤckwuͤnſchen, von Freudenbezeugungen, von Dankſagungen gegen den Himmel, daß der Vortreffliche und Seltene dem Tode entgangen war, und von Be⸗ wunderungen der heldenmuͤthigen, aufopfernden Liebe der gefuͤhlvollen, liebenden Gattin, die keine Nachtwachen und keine Anſtrengungen ge⸗ ſcheut hatte; ja, auch wir Aerzte bekamen un⸗ ſern Antheil an dieſen Lobpreiſungen dafuͤr, daß wir mit unſerer großen Kunſt das werthe Opfer dem Rande des Grabes entriſſen hatten. Am mehrſten unter Allen zeichnete ſich aber immer Duͤclair aus. Er hatte geweint vor Schmerz, ſo lange Deſodry in Gefahr warz jetzt weinte, ja tanzte er beinah vor Entzuͤcken. Wem er begegnete, dem druckte er vergnuͤgt die Hand, und ſich ganz mit Deſodry identificirend, rief er aus:„Gelobt ſey Gott, wir ſind gerettet!“ eſodry's Streben war längſt dahin ge⸗ gangen, ſich Freunde in allen Ständen der Ge⸗ ſellſchaft zu erwerben; unter den Vielen, die ihn jetzt umgaben, machten ſich, außer Duͤclair, noch drei Perſonen bemerklich, die gleichſam nur in und fuͤr ihn zu leben ſchienen. Der erſte der⸗ ſelben war ein gewiſſer Herr Duͤmartel, ein junger Rath bei irgend einem Collegio, ein ſchö⸗ ner Geiſt, ein Bewunderer der Damen, kurz, ein Mann von ſogenannter Welt, der die Um⸗ ſtaͤnde zu benutzen verſtand und ſeinen Patrio⸗ tismus durch leere Declamationen gegen den Hof darlegte. Als er hierfuͤr einige Monate von Paris war verwieſen worden, mußte ihm Deſodry Geld leihen, um in ſeinem Epile eben ſo luſtig leben zu koͤnnen, wie in der Haupt⸗ ſtadt, und mein Freund that dies gern, obſchon er recht gut wußte, daß die Summe verloren war, denn— wie konnte er, der Philantrop, einen verfolgten Freiheitsfreund in Noth laſſen? Daß der Verfolgte ſich Eril und Verlegenheit durch vielfache Unbeſonnenheiten zugezogen hatte, kam nicht in Betracht. Der Zweite war ein Herr Remy, den Deſodry bereits hatte kennen — 121— lernen, als er noch im Seminarium war. Der Mann verkaufte damals auf dem Quai de Gebres Band und Zwirn pfennigweiſe, und jetzt, Dank Deſodry's Vorſorge, Swaals und andere Putzſachen in einem eleganten Gewoͤlbe in der neuen Gallerie des Palais⸗Royal. Der Dritte endlich hieß Nikolaus Froment, und war ſeines Zeichens ein Gerichts⸗Copiſt. Bei dem fruͤher ſchon erwaͤhnten Auflauf der jungen Schreiber und Rechtsgelehrten auf dem Pont⸗ neuf war dieſer Ehrenmann, der uͤbrigens bereits ein ziemlich alter Knabe war, ſo ungluͤcklich ge⸗ weſen, einer Patrouille in die Haͤnde zu fallen, nnd nur Deſodry's Verwendung und Duͤclairs Thaͤtigkeit retteten den ungezogenen Schreier und groben Frondeur von der Schmach, eine Wohnung im Bicétre zu bekommen, die man ihm von Seiten der Polizei gar zu gern ange⸗ wieſen hätte, da man doch gern die Autorität ſtrafend zu zeigen wuͤnſchte, und ſich an die An⸗ dern nicht recht traute. Was nun den Herrn Rath Duͤmartel an⸗ langte, ſo brachte der ſeine Huldigungen mit — 122— einem gewiſſen Stolz und Gefuͤhl ſeiner Wuͤrde dar, was ihn jedoch beides nicht verhinderte, ſich fuͤr den treueſten und anhaͤnglichſten von den Freunden meines Freundes auszugeben.„Nie“, ſprach er,„ werd' ich die Verbindlichkeiten ver⸗ geſſen, die ich Herrn Deſodry ſchuldig bin, ſelbſt wenn er auch zuweilen nicht ganz ſich ſo gegen mich zeigt, wie ich wohl erwarten duͤrfte.“ Der jetzige Modehaͤndler, Herr Remy, hatte, ſeitdem er durch Deſodry's Huͤlfe aus einem kleinen Marktträmer in einen Kaufmann ver⸗ wandelt woiden war, ein junges und huͤbſches Midchen 4 geheirathet, die jetzt als Madame Rem den Laden ihres Gemahls von den jun⸗ gen Pflaſtertretern ſehr geſucht machte, und alle Morgen und alle Abend— ſo verſicherte wenig⸗ ſtens ſich tief verneigend der Kaufmann— den Mamen des großen Gönners und Wohlthäters, Deſodry, in ihr Gebet einſchloß; Froment aber war von dem Augenblicke an, wo ihn Deſodry von Bicétre rettete, gleichſam Hausgenoſſe mei⸗ nes Freundes geworden. Zwar war er, wenn er getrunken hatte— was er gern that— ein „ — unerträglicher Schwätzer und Streitkopf dazu, nuͤchtern zeigte er ſich dafuͤr aber deſto gehor⸗ 5 ſamer und nachgebender, und da er die Romane, welche Madame, und die philoſophiſchen Pam⸗ phlets, welche Herr Drſobry noch immer ſchrie⸗ ben, fleißig copirte und imimer den andern Tag mit Thraͤnen in den Augen um Vergebung flehte, wenn er in ſeiner Wein⸗ und Likör⸗ Exaltation vielleicht Läͤrm im Hauſe gemacht hatte, ſo vergab man der„gutmeinenden Seele“ gern wieder, und bedauerte nur, daß ein ſo wackerer Geſelle, wie Froment, neben dem beſten Herzen von der Welt, doch zuweilen einen ſo ſtörriſchen Kopf habe. Die Huldigungen, welche meinem Freunde ſomit von allen Seiten gebracht wurden, ver⸗ fehlten nicht, ihn ungemein zu begluͤcken.„Ol“ rief er oft in ſeinem Entzuͤcken aus,„welches Gluͤck, welches ſuͤße Gefuhl iſt es, ſich dankbare Herzen zu verbinden! Wie muß ich jetzt dem Himmel dafuͤr danken, daß er mir die Krankheit zugeſchickt hat; denn waͤre ich ohne die wohl ſo glücklich geweſen, alle die kennen zu lernen, die ſo innigen Theil an mir nehmen? Und meine Frau! meine engelgleiche Frau! Mein Leben reicht nicht hin, ſo viel Liebe zu erwie⸗ dern.“— Dieſe engelgleiche Frau begnuͤgte ſich uͤbrigens nicht damit, ihre Freude uͤber die Geneſung ihres Gatten auf gewoͤhnliche Art auszudruͤcken, ſondern es mußte auch noch ein großes Feſtin dieſerhalb veranſtaltet werden. Und wer arrangirte es? bedarf dies noch einer Frage? Freund Duclair! Man fuͤhrte ein eigens zu dieſer Feier, von einem Vaudeville⸗ Yoeten in aller Eil gemachtes, Gelegenheits⸗ ſtuͤk auf, elegante Bauern und zierliche Land⸗ maͤdchen— verſteht ſich, alles feingebildete Hauptſtaädter— ſtreuten Blumen und ſangen Couplets, und Duͤclair, Duͤclair, der alles ver⸗ ſtand, in alles paßte, ſtellte den Schulzen der zierlichen Gemeinde vor und dankte allen Göt⸗ tern Roms und Griechenlands fur die Wieder⸗ herſtellung ſeines Freundes; Herr Remy und Frau repraͤſentirten aber ein junges laͤndliches Paar, welches das Gluͤck ſeiner Vereinigung dem erha⸗ benen Wohlthäter dankte, waͤhrend Froment, der — 125— bieberherzige Froment mit dem redlichen Ge⸗ muͤthe und dem etwas ſtorriſchen Kopfe, ſich bei der Vorſtellung als Souffleur die Lunge beinah wund ſchrie, und der Herr Rath Duͤmar⸗ tel ſich die Haͤnde faſt durchklatſchte.„Was mich am mehrſten dabei freut“, ſprach Deſodry noch am andern Tage geruͤhrt,„iſt, daß alles dies ſo von Herzen kam, und aus reiner Liebe geſchah.“ Aus Anhaͤnglichkeit geſchah es uͤbrigens ge⸗ wiß, wenn auch gerade nicht aus Anhaͤnglichkeit an die Perſon ſelbſt. Kaum war das Feſt vor⸗ uͤber, ſo erſchien die niedliche Madame Remy und klagte mit weinenden Augen die große Ver⸗ legenheit ihres Mannes um tauſend Franken. Nur der große Goͤnner Deſodry konnte vor der Verzweiflung ſchutzen, und er that es, indem er faſt ſeinen ganzen Vorrath an baarem Gelde hingab. Gleich nach der huͤbſchen jnngen Frau trat aber Nikolaus Froment in's Zimmer und ſchwor bei allen Teufeln, er muͤſſe noch heute in's Waſſer ſpringen, wenn ihm ſein edler Pa⸗ tron nicht Fünf und Zwanzig Louisd'or vorſchoͤß, *— 126— die er auf Wechſel ſchuldig ſey. Deſodry war in Verzweiflung, dieſe Summe nicht im Hauſe zu haben, und die treue Seele Froment gerieth daruber in einen Anfall von Inſolenz, der ſich nicht eher wieder gab, bis der edelmuͤthige Goͤn⸗ ner zu mir kam und die geforderte Summe ſich auf einige Zeit vorſchießen ließ. Aber war dem ehrlichen Herrn Remy wirk⸗ lich, wie ſeine Gattin behauptete, eine Speku⸗ lation mißgluͤckt, zu welcher Deſodry gerathen hatte? und verfolgte in der That ein harther⸗ ziger Glaͤubiger den trefflichen Froment aus Rache, weil dieſer kuͤrzlich ſeines Goͤnners Par⸗ thie etwas heftig gegen den politiſch anders geſinnten Geldmann genommen hattek ich weiß es nicht; der Herr Rath Duͤmartel, der gleich⸗ falls kam und zwar kein Geld, doch aber ein Vorwort bei einem Großen begehrte, behauptete jedoch das Gegentheil und ſprach viel von eigen⸗ nuͤtzigen Clienten, die nur darum den Hof ma⸗ chen, um Gewinn zu haben. Dabei vergaß er natuͤrlich nicht, ſeine Freundſchaft und Ergebenheit — 127— anrühmen, und immer an die gewuͤnſchte Ver⸗ wendung zu erinnern. Der Friede, welcher indeß ſeit meines. des Krankheit zwiſchen ihm und ſeiner Gattin obgewaltet hatte, erlitt im Laufe der Zeit aber⸗ mals merkliche Erſchuͤtterungen; bald befeſtigte ihn jedoch ein gluckliches Ereigniß auf's neue. Mad. Deſodry war zum zweitenmale guter Hoff⸗ nung und genaß abermals eines Sohnes, den man Guſtav nannte. Die Freude meines Freun⸗ des daruͤber war groß, ſie wuͤrde aber ohne Zwei⸗ fel dauernder geweſen ſeyn, wenn Madame nach ihrem zweiten Wochenbette nicht noch viel eigen⸗ ſinniger geworden wär', als ſie es ſchon fruher war. Von jetzt an behaupteten die beiden Ehe⸗ leute zwar, ſich einander nicht weniger zu lie⸗ ben, wie einſt, das Maulen und Widerſprechen von einer, und das Unzufriedenſeyn von der an⸗ dern Seite, hoͤrte aber gar nicht mehr auf. Jetzt trat nun auch die Zeit ein, wo die, ſchon lange an Frankreichs politiſchem Horizont aufgethuͤrmten Wetterwolken, ſich zu entladen begannen. Das Jahr 1789, dieſes an furcht⸗ — 15 baren Folgen ſo uͤberreiche Jahr begann, und es fand meinen Freund, der edelmuͤthig alle Depen⸗ ſen ſeines weitlaͤuftigen Hausweſens ſtets nur aus eigenen Mitteln beſtritt, und das Habe ſei⸗ ner Frau gleich fremdem achtete, in ſeinen Ver⸗ moͤgensumſtaͤnden faſt eben ſo zerruͤttet, wie es Frankreichs Hof S Verwaltung zerruttet Fub Zehntes Kapiter. Das Jah hr 165 4 E⸗ iſt wahr, einige zufuͤllige mme, einige ehrgeitzige Umtriebe und einige geheime Buͤn⸗ deleien haben allerdings dazu beigetragen, den Ausbruch der Revolution zu beſchleunigen; aber mußten nicht wichtige und große umſtände vor⸗ — 129— hergehen und zuſammentreffen, um die Sache auf den Punkt zu bringen, auf welchem ſie da⸗ mals ſtand? Sah der tiefer Blickende nicht laͤngſt vorher, was kommen mußte? Waren nicht große Veraͤnderungen ſelbſt durch diejeni⸗ gen gewaltſam nothwendig gemacht worden, die vor dieſen Veraͤnderungen am mehrſten zu beben hatten? Ehrgeitzige, die im Verborgenen die Flamme anblieſen, Partheiſuͤchtige und Unruhige, regten die Maſſe an, aber, was wuͤrde aus die⸗ ſen Menſchen allen geworden ſeyn, wenn das Volk nicht ſelbſt das Beduͤrfniß einer Reform der burgerlichen und Staatsverhältniſſe em⸗ pfunden, und ſich gleichſam mit einem Stoß, ganz und völlig in die Revolution gewor⸗ fen haͤtte? Alle jene, welche im Geheim ſpan⸗ nen und ſchürten⸗ fanden keinen Augenblick in der vidbewegten Zeit, der ihren elenden Pri⸗ vatintereſſen dauernd guͤnſtig geweſen wär', denn Alles hatte nur einen Gedanken, einen Willen, den einer geſetzmaͤßigen Freiheit und der Gleich⸗ heit aller Staatsbuͤrger vor dem Recht, ſo wie in Tragung der Laſten und Pflichten. Die Zeit I. 9 16— war gekommen, daß dies werden ſollte, und wer ſich dem widerſetzte, den ſtrafte die Zeit durch Vernichtung. Aber deſer Aufſchwung zu den erhabenſten Ideen der burgerlichen Welt, dieſer Aufſchwung, den keine Gewalt niederzudruͤcken vermochte, wie ward er durch die Leidenſchaften und Schlechtigkeiten der Menſchen bald entſtellt und irre geleitet! Was edel und groß in ſeinem Beginn war, wurde hierdurch in Staub gezogen, mit Blut beſudelt und nicht ſelten zum Ver⸗ brechen geſtempelt. Da ging die Aera der Schurken und Betrüger, der Marktſchreier und Charlatans jeder Art an, und der Genius der Menſchheit verhuͤllte ſchmerzerfullt ſein Ange⸗ ſicht. Es ſchien, als wenn ein allgemei⸗ ner Wahnſinn Alle befallen hätte, Gute wie Boͤſe, und als wenn alles Nachdenken und alles Gefuͤhl fur Recht und Geſeenibigktit gewichen ſey. Einer trieb immer den Andern vorwaͤrts; Weiſe und Rechtliche ließen ſich von Thoren und Böͤſewichtern leiten, und die Enthuſiaſten fuͤr Recht und Wahrheit wurden theils durch den Impuls, den ſie ſich in ihrer Aufgeregtheit ſelbſt gaben, theils durch die Machinationen der Unruhſtifter von einer, und dem unſinnigen Wider⸗ ſtande der Nachzugler in der geiſtigen und geſel⸗ ligen Entwickelung von der andern Seite, zu Fa⸗ natikern, denen nichts mehr heilig blieb. Der ſchwachen Hand der Regierung entſchluͤpften aber die Zuͤgel vollends, und gleich einem reißenden Strome durchbrach das lange ungebuͤhrlich ein⸗ geengte Volk die Dämme, welche Sitte und Geſetz, wenn auch nicht immer Recht und Ver⸗ nunft, ſeit Jahrhunderten geheiligt hatten. Oben⸗ auf auf den wilden Wogen ſchwammen aber, wie das immer zu gehen pflegt, neben einigen wahren und achten Patrioten und einigen tu⸗ gendhaften Maͤnnern mit Republikaner⸗Seelen, jubilirend und wohlbehaglich die Schaaren der Schreier, der Thoren, der Leichtſinnigen und der Böͤſewichter, die Alle in dieſem Strudel ihr Gluͤck zu machen oder ihre Grillen zn verwirk⸗ lichen ſuchten. Mich anlangend, ſo ergriff ich gleichfalls die Grundſätze der Revolution mit Entzuͤcken und Eifer. Die Zuſammenberufung der Stäͤnde 9. — des Reichs, die doppelte Repräſentation des drit⸗ ten Standes, erfuͤllten mein Herz mit Frende⸗ Ich fuͤhlte, zu welchen großen Reſultaten dies alles fuͤhren mußte, und der Beſchluß, durch welchen mir, dem Buͤrgerlichen, der verachtliche Name eines Rotuͤrier genommen, und ich gleich den Andern zum freien Staatsbuͤrger erhoben ward— dieſer Beſchluß, der Millionen ihr angeborenes heiliges Recht wieder gab, und die alte Kette einer despotiſchen Kaſtenſcheidung der Staͤnde brach— hob meine Bruſt mit Stolz. Es war mir, als wenn ich von nun an erſt ein Vaterland hätte, als wenn ich von nun an erſt ein rechter Sohn deſſelben geworden ſey. „H!“ rief ich aus,„enblich, endlich biſt du ein Buͤrger deines Landes in der vollen Bedeu⸗ tung des Wortes! endlich entwuͤrdigt dich dein Vaterland nicht ſelbſt mehr!“— WMein Lehrer und Freund Thierry war da⸗ mals bereits ſehr alt; Schwaͤche verhinderte ihn ſchon ſeit Monaten, ſein Zimmer zu verlaſſen; ich beſuchte ihn und war ſo glucklich, den wuͤrdigen Mann ganz meine Anſichten theilen zu ſehen. — Noch hatte kein Verbrechen die Sache der Menſchheit entweiht, noch konnte der Redliche ſie lieben ⸗ Aber wie bald änderte ſich das! Mit Schmerz ſah mein dahin welkender alter Freund noch den Beginn der Blutſcenen und, trauernd um das Vaterland, trauernd um die Entwuͤrdi⸗ gung der edlen Ideen der Zeit, ſchied er aus dem Leben. Als die Revolution ausbrach, war jeder ge⸗ zwungen, eine Parthei zu ergreifen. Einige Egoiſten, die, wie immer, auch diesmal nur ſich im Auge hatten, glaubten es ihrer Bequem⸗ lichkeit genehm, die Sache zu ignoriren; die Strafe folgte ihnen aber dafuͤr auf dem Fuße. Gehaßt und verachtet von Allen, riß ſie der Strudel der aufgeregten Zeit in den Abgrund, und ihr Andenken wurde von den entgegengeſetz⸗ teſten Partheien mit Schmach belegt. Auf welche Seite ſich Deſodry ſchlug, iſt leicht zu erachten. War er nicht ſeit ſeinem Austritt aus dem Se⸗ minar ein entſchiedener Anhänger der philoſophi⸗ ſchen Ideen, ein heißer Vertheidiger der Men⸗ ſchenrechte? Sein Enthuſiasmus fuͤr die Sache, —— welche durchgefochten werden ſollte, hatte lange ſchon vor der Zuſammenberufung der Notabeln begonnen, ſo wie dieſe ſtatt fand, ſo wie die er⸗ ſten Unruhen ausbrachen, wurde er, der ſich kurze Zeit vorher eine unbedeutende Hofcharge mit ſchwerem Gelde gekauft hatte, ein gluͤhen⸗ der Gegner des Hofes. Jetzt wandte er alles an, um Deputirter zu werden, und ob er ſchon. hierin ſcheiterte, ſo ſtieg doch ſein Eifer mit jedem Tage. Während ich nur Patriot war, wurde er Demokrat. Seine Liebe fuͤr ſeine Frau, ſo wie deren Zuneigung zu ihm, dauerten noch immer fort, demohngeachtet zankten ſich die beiden Leutchen aber jetzt den ganzen Tag, und waͤhrend Ma⸗ dame immer eigenſinniger und launenhafter wurde, ward er immer argwoͤhniſcher und eifer⸗ ſuͤchtiger. Blos um ihn zu aͤrgern, erklärte ſie ſich fuͤr eine leidenſchaftliche Ariſtokratin. ⸗ Sein Demokratismus kam indeß nicht auf einmal. Als der König am 17. Julius 1789 vom Stadthauſe aus ſich dem Volke zeigte, und dieſes ihn als den Wiederherſteller der Freiheit begruͤßte, da kam Deſodry voll Entzuͤcken zu mir gerannt, und rief, Sechzig Stunden nach der Erſtuͤrmung der Baſtille, triumphirend aus: „Welch Gluͤck! die Revolution iſt geendet!“ 3 Elftes Kapitel. Deſodry und ſeine neuen Freunde. Nict iſt ſo wahr, als daß jede Tugend, jedes erhabene Gefuͤhl, ſeine Fanatiker hat. So lange Deſodry ſich im Seminar befand, hatte er die erhabene Tugend der Religioſität bis zur Froͤmmelei uͤbertrieben; jetzt uͤbertrieb er die eines Vaterlandsfreundes. Doch, zu ſeiner Ehre ſey's geſagt, ließ er ſich nie zu wilden und verbrecheriſchen Handlungen, deren in dieſer Zeit ſo viele begangen wurden, hinreißen; — 166— all ſein Unrecht, welches er that, beſchraͤnkte ſich auf einige Reden und Schriften, die die Schran⸗ ken einer vernuͤnftigen Maͤßigung uͤberſchritten. Dennoch war ſeine angebliche Liebe zur Menſch⸗ heit und deren Sache im Grunde nichts weiter als Anhänglichkeit an eine Parthei, und gleich den wuͤthendſten Demagogen und Royaliſten jener Tage, haßte er die, die nicht gerade ſo dachten wie er. So ward er aus Liebe zur Freiheit, gleich vielen Andern, ein Deſpot in ſeinem Kreiſe, und er, deſſen drittes Wort ſtets Gleichheit der Staatsbuͤrger vor dem Geſetz war, aͤrgerte ſich nicht wenig, wenn das Geſetz ſich auch gegen Andersden⸗ kende gerecht erwies. Ja, er, der philoſophiſche Patriot, ſah alle diejenigen veraͤchtlich an und proklamirte ſie als Schwachkopfe, die es wag⸗ ten, eine andere, wenn auch ſelbſt beifaͤllige Mei⸗ nung uͤber Dinge zu haben, die er nun einmal mit Wuth gleichſam erfaßt hatte. Geboren als Rotuͤrier uud fuͤr ſein Geld vor wenigen Monaten geadelt, hatte er die Eitelkeit, ſeine erkauften Titel mit großem Gepraͤnge, gleich einem erhabenen, dem Vaterlande gebrachten — 137— Opfer, abzulegen, und wie ihn einſt ein Heuch⸗ ler zum Fanatiker in Glaubensſachen gemacht hatte, ſo machte ihn jetzt ein Thor zum eral⸗ tirten Patrioten. Dieſer Thor war aber ſein Freund Duͤclair.— Zu jener Zeit ſpielten die Advokaten in Frankreich eine große Rolle; die Hauptſtadt war gleichſam uͤberſchwemmt mit Menſchen die⸗ ſer Art. Wie Viele waren Deputirte! In allen Diſtricten, in allen Sectionen, in allen Clubbs hatten ſie das Wort. Gewoͤhnt daran, viel und lange zu ſprechen, ſich von Standes wegen als die Wächter und Bewahrer des Rechts, die Schuͤtzer der Wittwen und Waiſen zu betrach⸗ ten, ward es dieſen Leuten nicht ſchwer, ſich ſelbſt und Andere zu uͤberreden, daß ſie die eigent⸗ lichen Vertreter der Volksrechte ſeyen. Da ſie das buͤrgerliche Recht kannten, glaubten ſie auch das der Staaten zu verſtehen, und ſo kam es denn, daß ſie, auf einmal aus Buͤrgern in Staatsbuͤrger verwandelt, nun auch meinten, eben ſo geſchickt von der Tribune zum Volk ſprechen zu koͤnnen, wie ſie bisher vor den Tri⸗ 438— bunalen geſprochen hatten. Viele unter ihnen— wer wird das leugnen?— waren Maͤnner von ſeltenen Einſichten, ſeltenem Geiſt und ſeltener Rechtſchaffenheit; Viele waren ächte, ehrenwerthe Staatsbuͤrger, erhabene Patrioten, deren Vater⸗ landsliebe Rom und Sparta wuͤrde geehrt haben, und denen das ſich neu gebärende Frank⸗ reich mehrere ſeiner ſchönſten neuen Einrichtun⸗ gen dankt; aber, wie Viele gab es auch, die nichts als Zungenhelden, Schreier des Tages und Charlatans waren, die in der Revolution nur die Woge ſahen, auf welcher ſie zu Ruhm, Gluͤck und Ehre ſchwimmen konnten!— Herr Duͤclair gehörte unſtreitig zu dieſer letzteren Zahl. Seine tönende Stimme hatte ihm in dem Glubb ſeines Diſtrictes Gewicht gegeben; jetzt⸗ überlegend, daß Deſodry mit ſeinem heißen Phi⸗ lantropismus, ſeinem leuchtenden Syſteme von Buͤrgertugend und den Ueberreſten ſeines Ver⸗ moͤgens, noch immer ein Mann war, mit dem ſich in einer Bewegung, wie die gegenwaͤrtige, viel anfangen ließ, ſchloß er ſich mehr wie je⸗ mals an ihn an, nur mit dem Unterſchiede gegen ſonſt, daß jetzt nach und nach aus dem Be⸗ ſchutzer ein Beſchuͤtzter, und aus dem Clienten ein Patron wurde. Bis daher hatte Deſodry. kraft ſeines Reichthums und ſeiner Verbindun⸗ gen Duͤclair protegirt; nun, da meines Freundes Reichthum geſchmolzen, und die alten Verbin⸗ dungen unwirkſam geworden waren, warf Duͤ⸗ clair, der ſich eines anſehnlichen Anhanges und neuer, geltenderer Verbindungen erfreute, ſich zum Protector und mein Freund, fuͤhlend in dieſem die Wichtigkeit der Gunſt eines Menſchen, wie Duͤclair, ließ ſich dieſe Aenderung der Rollen gern gefallen. Gleich Deſodry hatte Duͤclair ſich auch um eine Depu⸗ tirtenſtelle beworben, und war gleich ihm ge⸗ ſcheitert; jetzt wurde er Journaliſt und Deſodry verband ſich zu dieſem Zwecke mit ihm. Mein Freund ſchoß das Geld zur Begruͤndung des Un⸗ ternehmens her, beide gingen mit Eifer an's Werk und— die Sache gluͤckte. Die Abon⸗ nenten ſtrömten herbei, Duͤclair gewann bedeu⸗ tende Summen und Deſodry konnte ſeine ver⸗ fallenen Umſtaͤnde etwas wieder in Ordnung — 140— bringen. Beide Verbundene lebten babei ubri⸗ gens ganz wie ſie es wuͤnſchten, d. h. Aufſehen machend und in einer ewigen Bewegung. In der That, dieſer Duͤclair war von einer wunderbaren Raſtloſigkeit erfüllt. Vormittags durchlief er alle Promenaden, alle Kaffeehaͤuſer, alle öffentliche Orte. Wo eine Gruppe Menſchen ſtand, da war er mitten darinnen, und erzaͤhlte, berichtigte und verkuͤndete; dann war er wieder in den Sitzungen der Repräſtta alles auf und brachte es no ſodry, mit welchem er hierauf das Blatt fuͤr den nächſten Tag ordnete. Dann ſpeiſte er bei meinem Freunde, oder mit dieſem bei irgend einem beſuchten Reſtaurateur. Dann ging's in die Schauſpielhaͤuſer, die er und Deſodry unter einander getheilt hatten, um auch hiervon Bericht geben zu können, zuletzt aber fand man ſich in den Clubbs oder andern Diſtrictsgeſellſchaf⸗ ten wieder zuſammen, um mit Patrioten und Philoſophen der naͤmlichen Art, wie ſie ſelbſt waren, das Wohl der Menſchheit und des Staates abzuhandeln, und ſpät in der Nacht — 141— ging erſt jeder ſeines Weges, ſich gratulirend, den Tag ſo nuͤtzlich angewendet und Voͤlker und Koͤnige ſo geiſtreich uͤber ihre Pflichten auf⸗ geklärt zu haben. Die Gerechtigkeit muß ich ihnen jedoch wiederfahren laſſen, daß ihr Journal, trotz mancher Fanfaronade, die es enthielt, doch nie ſich entwuͤrdigte in den Ton jener Schmach⸗ und Schandblätter einzuſtim⸗ men, die vom Beginn der Revolution an nur geſchrieben zu werden ſchienen, um Abſcheu und Ekel bei allen Beſſeren zu erregen. Stark ge⸗ nug, um zaghaften Seelen Schrecken einzuhau⸗ chen, war es uͤbrigens verfaßt. Wie hätte dies auch anders ſeyn können! Deſodry litt ſtets an Ueberſpanntheit, und ſein College Duͤclair, der zwar nie weder Enthuſiaſt, noch Gemaͤßigter war, machte doch jetzt aus Berechnung den Ueberſpannten, obſchon er zugleich auch, aber⸗ mals aus Klugheit und um ſtets den Ruͤckzug frei zu haben— nicht verfehlte, ſeinen Mitarbeiter immer da vorzuſchieben, wo vielleicht einmal Gefahr eintreten konnte. Von ſeinen vielen heißen Freunden hatte übrigens Deſodry jetzt einen verloren. Dies war der Herr Rath Duͤmartel. Dieſer ergebene, unintereſſirte Mann, deſſen Anhaͤnglichkeit und Dankbarkeit weit uͤber das Grab reichen ſollte, war auf einmal erkaltet; und warum? So tange das Parlament von dem Hofe bedroht worden war, hatte er den Champion des Volks gemacht, wie ein Raſender gegen den Hof decla⸗ mirt und Deſodry und Duͤclair immer ange⸗ ſpornt, recht ſcharf zu ſchreiben; jetzt, da die conſtituirende Verſammlung das alte, morſche Gebaͤude der Parlamentsverfaſſung untergrub, wendete er ſchnell den Mantel und geberdete ſich wie ein Ultra⸗Cleriker, dem man ſeine Be⸗ neficien, oder wie ein Ultra⸗Edelmann, dem man ſeine Feudalrechte rauben will. Dem gu⸗ ten Mann bangte vor ſeiner Rathsſtelle im Parlament. Demohngeachtet haͤtte er aber doch der Freund ſeines Herzensfreundes Deſodry blei⸗ ben koͤnnen? Keineswegs! er wurde ſein Feind und zwar ſein ſehr erbitterter. Obſchon nicht Herausgeber eines Journals, wußte er doch hie und da in andere Tagesblaͤtter ſeiner Parthei — bittere Pillen fuͤr Deſodry einzuſchwaͤrzen, und mehr wie einmal kraͤnkte er in den Actes des apotres und andern Schriften dieſer Art, den einſt, ſeiner Verſicherung nach, mehr wie das Leben Geliebten, durch die haͤmiſchſten Spoͤt⸗ tereien. Je ehrlicher Deſodry in ſeinem Enthuſias⸗ mus aber war, je mehr mußte ihn nothwendig die Undankbarkeit eines Menſchen ſchmerzen, dem er ſo viele Gefälligkeiten, ſo viele wichtige Dienſte erwieſen hatte. Er fuͤhlte ſich oft durch die boshaften Angriffe Duͤmartels auf's tiefſte ver⸗ wundet, und ſein einziger Troſt hierbei war, daß doch nicht Alle, denen er gedient hatte und— noch diente, mit ſo ſchmachvollem Undank gegen ihn verfuhren. Vorzuglich freute er ſich uͤber den ehrlichen Nikolaus Froment, den Mann mit dem ſeelenguten Herzen und dem ſtoͤrriſchen Kopfe. Dieſer Treffliche ſchwamm jetzt, Dank der Zeit, oben auf. An allen Ecken, in allen Weinhäuſern predigte er Freiheit und Gleichheit, und indem er dabei fleißig trank, ſtrömte der angeborne Fluß ſeiner Rede wie ein — 144— Cataract. Leider war es aber nur ein Cata⸗ ract von Niedrigkeit und Rohheit. Gemeine Gewohnheiten und gemeine Neigungen, verbun⸗ den mit der Liebe zum Trunk, hatten in der Seele dieſes Menſchen den letzten Funken von Schicklichkeit und Schaam ertoͤdtet und, wie er nur darum die Großen und Reichen haßte, weil er ſelbſt niedrig und arm war, ſo haßte er auch die Tugendhaften und Ehrlichen, weil beides außer ſeiner Natur lag. An Deſodry hing er jedoch noch, denn einmal war dieſer ja ein Pa⸗ triot, und das wollte Nikolaus Froment auch ſeyn, dann bedurfte er ſeiner noch in manchen, nicht ſeltenen, Verlegenheiten. Uebrigens begann der Ehrenmann jetzt ſchon eine Rolle zu ſpielen. Seine Mauldreſcherei hatte ihm Einfluß in den Berathungen der Section, worin er wohnte— denn dieſer Name kam jetzt ſchon ſtatt der fruher gebraͤuchlichen Benennung: Diſtrikt, auf— ver⸗ ſchafft; Nikolaus Froment ſprach bereits von der Tribune des Clubbs herab uͤber die wichtig⸗ ſten Angelegenheiten des Staates, und da er auf die Tyrannen, d. h. auf die Koͤnige und den — 5— Abel gleich einem Rohrſperling zu ſchimpfen ver⸗ ſtand, ſo hielt er ſich für einen Demoſthenes und die umſtehenden Kechenäer hielten ihn auch dafür. Als leidenſchaftlicher Freund der Gleichheit, lud Deſodry den Volksfreund Froment, der ſo geſchickt den Armen das Evangelium der Frei⸗ heit zu predigen wußte, waͤhrend er die Reichen beſchmarotzte, zuweilen zu Tiſche, und dieſer ver⸗ fehlte zum großen Verdruß von Madame nie, ein ſolches Anerbieten anzunehmen, denn ſtets wurde er gegen das Ende der Mahlzeit unver⸗ ſchamt, und ſelbſt gegen ſeinen Goͤnner ungezo⸗ gen, den er geradezu fuͤr einen lauen Patrioten erklaͤrte, weil er vernuͤnftig genug blieb, nicht ein ſo roher und gleichſam beſeſſener Schreier zu werden, wie er war. Dahin war es aber bereits gekommen, daß man ſelbſt diejenigen, denen Mäßigung eben nicht immer nachzuſagen war, als laue Patrioten ſtempelte, gerade ſo wie Deſodry ſelbſt in fruͤherer Zeit die fuͤr laue Chriſten erklaͤrt hatte, die nicht ſo orthodor dach⸗ ten, wie er, und ſpaͤter die fuͤr laue Philoſophen, I. 10 — 146— die nicht gleich wie er, die Sache auf die Szitze ſtellten. Auch der Modehändler de Renp hutte fuͤr gut gefunden, ein heißer Vaterlandsfreund zu werden. Durch Deſodry's großmuͤthige Unter⸗ ſtuͤtzungen hatte der Mann ſich nach und nach auf das eintraͤgliche Geſchaͤft der Agiotage legen koͤnnen, und als jetzt die Guͤter der Geiſt⸗ lichkeit verkauft wurden, wußte er, der ſonſt ziemlich ſchwer begriff, doch den Moment ſo guͤnſtig zu erfaſſen, daß er bald als bedeutendes Licht an der Boͤrſe daſtand. Ja, man behaup⸗ tet ſogar, er habe eine Zeit lang recht geſchickt mit der beruͤchtigten ſchwarzen Bande, die die Kloͤſter brandſchatzte, gemeinſchaftliche Sache zu machen gewußt; genug, er war reich, ſehr reich geworden, wie haͤtte er da nicht ſollen die Revo⸗ ution lieben, die ihm ſo guͤnſtig war! Er ſchimpfte blos auf ſie, wenn er als National⸗ Gardiſt die Wache beziehen mußte. Auch liebte er, wie er ſagte, ſeinen edelmuͤthigen Gönner und Freund Deſodry noch immer zum Raſend⸗ werden, und Madame, ſeine Gattin, ſtimmte — 14— ihm hierin vollkommen bei. Beide laſen die Weisheit, die mein Freund in ſeinem Journale ausgoß, mit Entzuͤcken, beide nannten ihn eine Stuͤtze, einen Heros der Menſchheit, denn beide wußten noch immer ſeine Dienſtfertigkeit treff⸗ lich zu benutzen. Ein Patriot anderer, beſſerer Art, war der Onkel meiner Frau, der brave Lecod. Man weiß, daß er von je an einen Anflug von Cos⸗ mopolitismus und freier Anſicht in Staats⸗ und Religionsſachen hatte; auch war er nicht der Letzte geweſen, der ſich fuͤr die neue Geſtal⸗ tung ausſprach; indeß, er meinte es ehrlich, und das Bischen Eitelkeit, welches ſich jetzt in ſeinem Beginnen zeigte, konnte dem braven Manne wohl verziehen werden. Sehr geliebt und geachtet in ſeinem Viertel, hatte man ihn zum Capitain der Chaſſeurs von der National⸗ Garde gemacht. Das war eine Freude! ein Ent⸗ zucken! noch auf ſeine alten Tage mit Epauletts zu prangen! und ſeine Frau, wie vergnuͤgt war die! Hundertmal verſicherte ſie uns allen, ihr Mann ſaähe in der ſtattlichen Uniform noch ein⸗ 10* — mal ſo jung aus, und die Koſten, die dieſe neue Wuͤrde machte, indem man ja doch die Cameraden tractiren und dem Corps ſelbſt ein Feſt geben mußte, verſchmerzten beide ſehr gern um der Ehre willen, daß nun jede Schildwacht vor dem alten Herrn das Gewehr anzog, und die Hoboiſten des Bataillons ihm an ſeinem Geburts⸗ oder am Neujahrstage ein Morgen⸗ ſtaͤndchen brachten. Uebrigens bewies ſich Herr Lecoq auch in dieſer neuen Function durchaus als ein Ehrenmann. Mit welchem wahrhaft lobenswerthen Eifer erfuͤllte er ſeine Pflicht, mit welcher Geduld ertrug er die oft vorfallenden unvermeiblichen Beſchwerden ſeines neuen Stan⸗ des, mit welcher Aufopferung trachtete er oft die Ruhe unter den empoͤrten Volksmaſſen her⸗ zuſtellen, wie manche Unordnung verhuͤtete, wie manchen vom Poͤbel bedrohten Edelmann oder Prieſter, rettete er mit eigener Gefahr! Eeinſt fand ein Auflauf in der Naͤhe der Offizin, wo Deſodry ſein Journal drucken ließ, ſtatt. Ein Vornehmer war ſo unvorſichtig ge⸗ weſen, ſich einige zweideutige Worte gegen das — 149— Volk entſchluͤpfen zu laſſen, und ein Haufe Aufgebrachter umgab ihn alsbald und wuͤrde ihm wahrſcheinlich ſehr boͤſes Spiel gemacht haben, waͤr' Onkel Lecog nicht ſchnell mit eini⸗ gen ſeiner Leute herbeigeeilt. Der Mann war niemand anders, als der Herr Rath Duͤmartel, jetzt der entſchiedenſte Gegner der Volksſache und der eben ſo entſchiedene Feind von Deſo⸗ dry. Beides hielt jedoch den wackeren Lecoq nicht ab, ihn aus den Händen des aufgebrach⸗ ten Poͤbels zu befreien, und da dieſer ſeine Beute nicht wollte fahren laſſen und in ſeiner blinden Wuth ſogar die ſchwache Nationalwache be⸗ drohte, da ſchob Lecoq den bebenden Duͤmartel, nachdem er ihn nicht länger auf der Straße gegen den Andrang zu vertheidigen vermochte, in das Haus der Druckerei und blieb ſelbſt mit ſeinen Paar Mann vor der Thuͤre den Angrif⸗ ſen des tobenden Haufens Preiß gegeben. Im Hauſe ſelbſt war indeß Herr Duͤmartel nichts weniger als völlig geborgen. Die Arbei⸗ ter in der Druckerei, alles tuͤchtige Patrioten, hatten nicht ſobald gehoͤrt, was vorging, als ſie auch ſchon den Unglucklichen umringten und nur darin noch nicht mit einander eins waren, ob ſie den Ariſtokraten dem Volke vor der Thuͤre uͤberliefern, oder lieber gleich ſelbſt todtſchlagen wollten. Zum Gluͤck befand ſich Deſodry ge⸗ rade im Hauſe, Deſodry, den Duͤmartel ſo viel⸗ fach und tief gekraͤnkt hat, Ohne ſich zu be⸗ ſinnen, ftuͤrzte mein Freund in den Hof, wo der leichenblaſſe Volksverraͤther— wie man ihn nannte— zitternd und flehend ſtand, und ſich durch den Haufen der umgebenden draͤngend, erklaͤrt er den halbtodten Rath fur einen guten und wahren Patrioten, bringt mit einigen Ge⸗ ſchenken die aͤrgſten Schreier zum Schweigen, und fuͤhrt ſo den, von dieſem Edelmuth tief er⸗ griffenen Duͤmartel, hinauf in das Zimmer des Herrn vom Hauſe. Dem Onkel Lecoq war es unterdeſſen gelungen, den Zuſammenlauf vor der Thuͤre auseinander zu bringen; nun zog man dem Herrn Rath die Jacke eines Arbeiters an, ſetzte ihm eine alte Muͤtze auf, und Arm in Arm ging nun Deſodry hierauf mit ihm bis an die Thuͤre ſeiner Wohnung, dort zu ihm ſagend: — — „Jetzt ſind Sie gerettet, nun können Sie, wenn's Ihnen beliebt, fortfahren, mich zu beleidigen.“ So raͤchte ſich mein Freund an einem Undank⸗ baren, und viel tauſendmal zeigte ſich die ehren⸗ werthe National⸗Garde ſo bei ähnlichen Gele⸗ genheiten gegen jene Ariſtokraten, die ſo oft ih⸗ ren duͤrftigen Witz auf Koſten dieſes Buͤrger⸗ militairs uͤbten, das in den heißeſten Tagen der Noth und Gefahr dem Vaterland, dem Recht und der Freiheit aufopfernd größere Dienſte lei⸗ ſtete, als alle jene Eitelen zuſammen ihr Lebe⸗ lang ihrem Paniere leiſteten. Während Deſodry jetzt in dem Gewirre ſei⸗ ner Geſchaͤfte ſich umtrieb, war ſeine Gattin nicht weniger thaͤtig. Sie hatte eine Menge Cirkel, Cotterien und Kraͤnzchen, wo man zu⸗ ſammenkam, um uͤber den boͤſen Zeitgeiſt zu ſeufzen, und allertei geheime Plane anſpann, dem losgelaſſenen Demos wieder Zaum und Gebiß anzulegen. Ihr Gatte ſchrieb ein revo⸗ uutionaires Zeitblatt, ſie lieferte Beitraͤge in mehrere contrarevolutionaire; aber, ein Ungluͤck widerfuhr der guten Frau bei ihrem Beginnen; — 162— ſie mußte mit Verdruß ſehen, daß ſie auf der Seite, zu welcher ſie ſich hingewendet hatte, ſtets nur eine untergeordnete Rolle ſpielte. Da gab es in den Geſellſchaften, die ſie beſuchte, ſo viele Marquiſinnen, ſo viele Vicomteſſen, ſo viele Frauen mit langen Titeln, daß ſie, die Buͤrger⸗ liche, nur wenig in Betracht kam. Man ließ es ihr fuͤhlen, daß man ihr eine Gnade erzeigte, wenn man ihr den Zutritt erlaubte, und ſie, die ſo gern den Ton angab, ſtand hier ſtets nur als eine, allenfalls wegen ihrer guten Geſin⸗ nungen gegen den Adel geduldete Buͤrgersfrau, die beſcheiden zu ſchweigen hat, wenn die hohen Beſchuͤtzerinnen ſprechen. Daß dies ihr viele uͤbele Laune machte, ver⸗ ſteht ſich; um ſich ſchadlos zu halten, zankte ſie mit dem Manne uͤber ſeine ausſchweifenden An⸗ ſichten und ſeinen gemeinen Umgang, und De⸗ ſodry, der jetzt nach und nach anfing, ſich dem Joche ſeiner Haͤlfte zu entziehen, warf ihr nun zum Gegenſatz ihren Umgang mit den veralteten Marquiſinnen und Vicomteſſen vor, perfifflirte ſie üͤber ihren Ariſtokratismus und fuhr oft, wenn — 163— ſie gar zu grillig und eigenſinnig war, nicht wenig auf; dann aber, um ihn zu zerſtreuen, bemächtigte ſich Duͤclair ſeiner, und ſchleppte ihn von einem Vergnuͤgungsort zum andern, ſo daß mein Freund ietzt wenig mehr in ſeinem Hauſe zu finden war. Aus Verzweiflung, daß weder der Mann mehr gehorchen, noch die altadlichen Damen ſie ſonderlich in Betracht ziehen wollten, verwan⸗ delte ſich nun Mad. Deſodry auf einmal aus einer Ariſtokratin in eine Froͤmmlerin.— Die Geiſtlichkeit wurde von dem Volke nicht weniger verfolgt, wie der Adel; das Intereſſe, welches man in den ſogenannten feinen Cirkeln an ih⸗ rem Looſe nahm, ſtieg durch die Verfolgung;z uͤberdem konnte die neue Gläubige eine beſſere Aufnahme unter den Devoten, als unter dem Adel erwarten: ſie ſtand alſo nicht an, fromm zu werden⸗ 3wölftes Kapitel. W bewundert nicht die Inconſequenz! Die⸗ ſelbe Frau, die vor wenig Jahren die weltlichſten Kunſtgriffe anwendete, um einen jungen Kopf⸗ haͤnger zu verlocken, wird jetzt ſelbſt eine Kopf⸗ hängerin! Daß dieſe Veränderung nicht dazu beitrug, den Frieden unter den Eheleuten zu be⸗ feſtigen, verſteht ſich; es konnte dies um ſo we⸗ niger ſeyn, da beide unter ihrer Parthei eine Rolle zu ſpielen hofften. Deſodry's Haus war jetzt ſehr beſucht, und das von Menſchen der entgegengeſetzteſten Art, die, wenn ſie ſich zu⸗ weilen auf den Treppen begegneten, nicht uͤbel Luſt zu haben ſchienen, ſich wechſelſeitig anzu⸗ greifen. Während zu dem Herrn Deputirte, — 155— Clubbiſten, junge, alte, reiche, arme, elegante und zerlumpte Patrioten kamen, ſtiegen heilige Frauen, die vor Schreck ob dem Anblick ſolcher Demagogen erſtarrten, alte Ludwigsritter, Moͤnche und Prieſter zu den Zimmern von Madame, und indem die Demokraten uͤber die Nähe ſol⸗ cher Verſchwörer gegen das Volk und ſolcher Contrerevolutionairs ſchimpften, beklagten ſich die Andern, daß Herr Deſodry blutduͤrſtige En⸗ rage's in ſeinem Hauſe empfing. Was war dabei zu thun? Deſodry compromittirte ſeine Gattin und ſie ihn, und bald kam es dahin, daß ſein Haus zu gleicher Zeit in den Clubbs der Demokraten und der Ariſtokraten als ver⸗ däͤchtig bezeichnet wurde. Oft gab ſich meine gute Pauline die nutz⸗ loſe Muͤhe, die Eintracht unter dem Ehepaare wieder herſtellen zu wollen, umſonſt! nach kur⸗ zem Frieden brach immer wieder der Krieg aus, und beide lebten in der vollkommenſten Uneinig⸗ keit, als Mad. Deſodry ihrem Gemahl eine Tochter gebar. So tief die Dame auch jetzt in der Frömmigkeit ſtak, ſo hatte ſie doch noch — 166— immer einige Roman⸗Ideen behalten. Die Tochter mußte deshalb Evelina heißen, weil ir⸗ gend eine neue Romanheldin ſo hieß.— Unſere Familie hatte ſich, wie man ſieht, vergroͤßert; ich hatte zwei Kinder, Deſodry drei. Uns an⸗ langend, ſo waren wir, d⸗h. meine Mutter, meine Gattin und ich, vollkommen uͤber die Art der Erziehung unſerer Kinder einverſtanden; in Deſodry's Hauſe war das anders. Der Vater begehrte da eine philoſophiſche, liberale, die Mut⸗ ter, ihren neuen Anſichten zufolge, eine fromme Erziehung. Neue Streitigkeiten entſtanden hier⸗ aus; der Unfriede wuchs mit jedem Tage. unterdeſſen nahte einer der ſchoͤnſten Tage, die Frankreich ſah; der Tag der groen ration von 1790. Von allen Seiten ſtroͤmten Fremde zu dieſer Feier in die Hauptſtadt. Mit welcher Gaſt⸗ freundſchaft, mit welcher Freude wurden die An⸗ kömmlinge aus den Provinzen in der Haupt⸗ ſtadt empfangen. Jeder fuͤhlte ſich gluͤcklich, der einen Deputirten bei ſich aufnehmen, der einen Buͤrger, welcher gekommen war, das Buͤrgerfeſt feiern zu helfen, bewirthen konnte. Man raumte ihnen die beſten Zimmer ein, man gab alles her, man ſuchte ihnen nur Vergnuͤgen zu machen. Vom Ende des Junius dieſes merkwuͤr⸗ digen Jahres an, ſah man nichts als Föderirte auf allen Straßen, auf allen Plaͤtzen, an allen öffentlichen Orten, und unter all' dieſen Men⸗ ſchen, die aus den entlegenſten Winkeln des Reichs, von Suͤden und Norden herbeigekommen waren, herrſchte nur ein Gefuͤhl, nur eine Geſinnung.— In jedem Blick zeigte ſich die Freude, Volk und Thron ſo uͤbereinſtimmend zu ſehen, jeder Mund pries des Vaterlandes Gluͤck, das von nun an durch weiſe, fuͤr Alle gleiche Geſetze regiert werden ſollte.— Paris hat ſeitdem noch oftmals Föderirte in ſeinen Mauern geſehen, Canton⸗Präſidenten, Rheinbunds⸗Koͤ⸗ nige. was ſah es nicht alles! Eine ſolche Eintracht, ein ſolches allgemeines Wohlwollen, erblickte es aber bis zur Stunde nicht wieder.— Ich hatte die Deputirten von Montereau bei mir. Wie gluͤcklich war meine gute Mutter, in ihnen die Soͤhne von Bekannten ihrer Ju⸗ — 6 gend wieder zu erkennen! Auch Deſodry hatte einige Abgeordnete in ſein Haus bekommen, und ſie mit Pomp, wie das einmal ſeine Art war, aber auch mit der ihm eigenen Zuvorkommen⸗ heit und Herzlichkeit aufgenommen, die den guten Leuten den ſchlechten Empfang, den ſie bei Ma⸗ dame hatten, bald vergeſſen ließ. Sie ſchmollte dagegen die ganze Zeit uͤber, ſchloß ſich mit ih⸗ ren Kopfhaͤngern ein und ward dafuͤr— was ihren Verdruß erhoͤhte— nicht weiter beachtet. Von dem Augenblick an, da es hieß, die Foͤderirten wuͤrden kommen, ſchien der bewegliche Duͤclair ſich zu verzehnfachen. Man ſah ihn faſt zu gleicher Zeit an allen Orten, auf der Poſt, im Buͤreau der Diligencen, an den Tho⸗ ren. Wo ein Wagen voll Fremder ankam, da war er; er fuͤhrte ſie in ihre Wohnungen, er fuͤhrte ſie auf die Promenaden, in die Schau⸗ ſpielhaͤuſer, in die Reſtaurationen, er zeigte ihnen die Sehenswuͤrdigkeiten der Stadt, und wo man ihnen ein Feſt gab, da war auch Herr Duͤclair. Einige Tage vor der beſtimmten Feier im Marsfelde kam den Pariſern der Gedanke, die 159 Arbeiter moͤchten mit den Vorbereitungen daſelbſt nicht fertig werden, und wie durch Inſpiration erhob ſich auf einmal die ganze Maſſe der Be⸗ voͤlkerung und zog hinaus, den Leuten zu helfen. Da ſah man Stutzer und Sacktraͤger, elegante Damen und Fiſchweiber, Mönche und Soldaten mit Schubkarren und Schaufeln und Spaten; National⸗Garden und Linientruppen, Kinder und Greiſe, kurz alles durch einander gemiſcht in bunten Haufen, und alles arbeitete, und alles ſang, und Einer trieb immer den Andern. Es gab keine Ariſtokraten und keine Demokraten, keine Royaliſten und keine Republikaner mehr; man ſah nur Franzoſen, nur die Kinder eines Landes, die ſich freudig einander begruͤßten und liebend umfaßten.— Ich ſah da Manchen, der jetzt auf der aͤußerſten rechten Seite ſitzt.—— Ob Freund Duͤclair viel zu der Errichtung des ungeheuern Amphitheaters beitrug, weiß ich nicht; jedoch, er fehlte keinen Tag auf dem Marsfelde, trieb alle Welt an, hinzugehen, gab den Arbeitern Rathſchlaͤge und hatte ſtets eine Hacke oder einen Spaten in der Hand. Der —— Menſch konnte in dieſer Zeit nicht eine Minute ruhen; es iſt mir wie er es —— Daß die junge Pariſer Welt un die ginr⸗ rirten nicht nach dem Marsfelde wallfahrten konnten, ohne daß eine Menge verliebter Aben⸗ teuer vorfielen, laͤßt ſich denken. Stand, Rang, Vorurtheil, alles war in dieſen Augenblicken verſchwunden, die Geiſter aufgeregt, wie hätte da nicht ſollen das Herz in ſeine Rechte treten? Eines Tages war ich auch mit Herrn Lecoq gegenwaͤrtig, da gewahrte ich, während wir beide ganz emſig ſchaufelten, mitten im dickſten Ge⸗ dränge den Herrn Advokaten Duͤclair mit einem jungen, ſehr huͤbſchen Mädchen an einen kleinen Wagen angeſpannt, und dicht dahinter meinen Freund Deſodry mit einem eben ſo niedlichen Figuͤrchen, gleichfalls an einem Handwägelchen. Beide bemerkten uns; Deſodry erröthete, kam einen Augenblick zu mir und fluͤſterte mir zu⸗ ich moͤchte ſeiner Frau nichts davon ſagen, daß ich ihn in ſo huͤbſcher Geſellſchaft gefunden habe.„O! O!“ rief Onkel Lecoq aus,„warte — 161 vn Pir ſteht es gut an, nun noch den Eiferfuchtigen bei deiner Frnu zu machen. Jetzt trat Dücluir heizu Er erzählte uns, daß die beiden Demoiſelles Schweſtern wären, daß ſis ſich mit Putzmachen beſchäftigten und daß vis juͤngſte— für die er ſich beſonders zu in⸗ tereſſiten ſchien— Suſette Pinſon heiße⸗ Darauf mußten wir zu den Schönen hin, und ich fand, daß Suſettchen Pinſon eben ſo huͤbſch als naſeweis, eben ſo coquett als linkiſch war. Von Deſodry ſah ich nichts mehr; er hatte ſich unter einen Trupp Arbeiter vetzogen und kam wi weiter zum Vorſchein. Duclair, der während det ganzen Arbeit die ſelbſt geieſen war, war es am Tage des Feſtes nicht minder. Eh' der Mort F. noch graute, war er ſchon im Marsfeide, alles nachgeſehen, ſe alles geordnet. DBen Tag uͤber war er überall. Ich ſah ihn im Zuge, ich ſah ihn am Altar des Vaterlandes und ii derſelben Minut füſt, hielt er wieder auf einer entgegengeſetzten Seite ein Paar d⸗ H. 11 moiſeles den Regenſchiem über⸗ Es waren dies Suſette Pinſon und ihre Schweſter. Vie er ſo üͤberall ſeyn, ſo alles izeg konnte? begreif. es nicht.— 8 Das Feſt ſſt. die Drſu, wie die ——— Stadte, aller Corps den Eid am Altare leiſteten, wie alles im freudigſten Taumel war, und wie Hunderttauſende an die⸗ ſem Tage ſich in einen Jubelruf vereinten; will ich hier nicht weiter beſchreiben und ausfuͤhren; Journaliſten und Berichterſtatter aller Farben haben dies bereits zur Genuͤge gethan. Es wird — ven ich ſn das Ganze einen ute, de ihn und allen Beziehungen war, und deſſen Wunderhar⸗ keit ſich ſelbſt bis auf das ſeltſam aus Re gen und Sonnenſchein gemiſchte Wetter er⸗ ſtreckte, das, gleich als habe uns der Himmel einen Win geben wolsn nicht ⸗ am iun⸗ Ewigen den Lobgeſang anſtimmte. Als jebt Al⸗ 1 — 163— les den Eid, treu dem Geſetz und dem Vater⸗ lande zu ſeyn, wiederholte, da theilten ſich die Wolken und ein heller Strahl des Sonnenlich⸗ tes beſchien die Gruppen eines tiefgeruͤhrten Volkes. r Entzuͤckt, hingeriſſen wie immer, druͤckte mich Deſodry an ſeine Bruſt.„Nun iſt alles beendet!“ rief er aus.„Die Revolution iſt voruͤber, Volk und Thron verſoͤhnt!“ Dreizehntes Kapitel. uvorhergefebents ennin — whle welche Duͤclair an dieſem Tage zeigte, zeigte er auch bei Mirabeau's Be⸗ graͤbniß und bei Voltaires Apotheoſe. Die letz⸗ tere Feierlichkeit war beſonders ſchmeichelhaft 1 2 fuͤr Deſobry's Eitelkeit; man hatte ihn nämlich zu einem der Commiſſarien ernannt, das Feſt anzuordnen. Ich befand mich unter den Zu⸗ ſchauern auf den, vom Tage dieſer Feier an nach dem großen Dichter genannten, Quai. Hier bewunderte ich meinen Freund, wie er in einem ſcharlachenen Kleide, in weißſeidenen Struͤmpfen, ein breites Band um den Arm, bald an ber Spitze, bald an der Seite des Zuges war, und mit eben dem Eifer, wie ein Adjudant in der Schlacht, hin- und hereilte, mit eben der Wich⸗ tigkeit, wie ein commandirender Feldherr, ſeine Befehle gab. Vor Voltaire's einſtiger Woh⸗ nung wurde Halt gemacht; aus allen Fenſtern flogen Blumen auf den Zug herab; Deſodry war ganz bedeckt damit und ſchien ſich unge⸗ mein glücktich zu füͤhlen. Unwillkuͤhrlich fiet mir dabei ein, daß ich ihn eben ſo ſtolz und eben ſo triumphirend, wie jetzt bei der Beh lichung eines deiſtiſchen Philoſophen, wenige Jahre vorher bei der frommen Prozeſſion nach Saint⸗Etienne⸗du⸗Mont geſehen hatte. Jedermann kennt die Partheiwuth, welche in den nächſtfolgenden Jahren Frankreich zerriß. Bald kam es durch die tolle Ueberſpanntheit von einer, und die hartnaͤckige Verſtocktheit von der andern Seite dahin, daß man nur noch mit Schauder den Tag ſah, und doch war man noch nicht auf den bald nahenden Gipfel der Shen gekommen. Der Aufenthalt in Paris wurde mir in din⸗ z Zeit zuwider; ich gedachte mich nach meinem Geburtsort zuruͤckzuziehen, indem ich daſelbſt hoffte, mehr geſichert vor den empörenden An⸗ blicken der Gegenwart und ihren Stuͤrmen, mei⸗ nem Geſchaͤft und der Erziehung meiner Kin⸗ der leben zu können. Meine Angehoͤrigen ſtimm⸗ ten mir hierin bei, und Onkel Lecog beneidete uns, daß er uns nicht folgen konnte. Der brave Mann war in dieſer Periode wie umgewandelt; alle ſeine Fröhlichkeit, alle ſeine Zuftiedenheit war fort. Bebend vor der Ge⸗ fahr, von den wuͤthenden Jakobinern als ein Moderatiſt angeklagt zu werden, ſuchte er ſich den Anſchein eines Menſchen ihrer Art zu geben, und verwuͤnſchte dabei im Herzen die Revolution. Wie viel Bürger von Paris dachten in jener Zeit eben ſo!— Deſodry anlangend, ſo konnte er nicht um⸗ hin, die wilden Ausſchweifungen der Menſchen ſeiner Parthei zu tadeln; aber immer ſuchte er ſie auch wieder zu entſchuldigen, und wenn ich ſeine Gruͤnde nicht wollte gelten laſſen, erhitzte er ſich und nannte mich und Onkel Lecog nicht ſelten, ſchlechte Patrioten. Wer umgab ihn aber jetzt beſonders? Noch immer jener Herr Remy, deſſen Patriotismus mit jedem Hundert ſeines Vermoögens wuchs; noch immer jener Nikolaus Froment, der, je mehr Poͤbelanhang er gewann, je unverſchämter und brutaler wurde; vor allen aber noch immer jener Duͤclair, welcher ſo trefflich in alle Saͤttel paßte. Ihr gemein⸗ ſchaftliches Journal fand noch immer den beſten Fortgang, uͤberdem hatte Deſodry durch Duͤclairs Huͤlfe einige gute Speculationen in Staatsfonds gemacht; ſo waren ſeine Umſtände jetzt wieder ziemlich in Ordnung. Duͤclair meinte es wirk⸗ lich gut mit ihm und hatte kein üͤbeles Herzz da er aber leider ein ausgemachter Geck und ein eingebildeter Nart wat, der ſich ſelbſt äberredete, alles zu wiſſen, ſo zog er meinen Freund in tauſenderlei Vetwickelungen und Thorheiten hin⸗ ein, und ließ ihn, gerade ſo, wie er es ſelbſt machte, uͤber alles ſchwatzen, uͤber alles und uͤber alles ſpötteln.— Madame Deſobry fuhr unterdeſſen in ihret Frömmelei, die jedoch das Seltſame hatte, daß ſie weder recht aufrichtig, noch recht erheuchelt war, fort. Täglich boſuchte ſie die Meſſe eines unbeeidigten Prieſters; ſtatt aber hier aus wah⸗ rem Gefuͤhl oder um des Scheines willen die Aufmerkſame zu machen, ſah ſie ſich uͤberall um, war zerſtreut und ſuchte auch ihre Zer⸗ ſtreuung keineswegs zu verbergen. Sie gehoͤrte zu jener, damals nicht unzahlreichen Claſſe von Menſchen, die ſich fut zu aufgeklärt hielten, um noch beten zu duͤrfen, dabei aber es doch gern ſahen, wenn Andere ſie fur religiös gelten ließen⸗ Wie man ſagt, ſoll es übrigens an ſolchen Leut⸗ chen heutiges Tages noch nicht fehlen. Gluͤcktich war die arme Frau bei dieſem Trei⸗ ven nicht. Trotz aller ihrer Anſtrengungen konnte ſie nicht dahin gelangen⸗ eine Ralle unter ihrer jetigen Umgebung zu ſpielen, und je mehr ſie dies fuͤhlte, je verſtimmter, je eigenſinniger, je mißvergnuͤgter wurde ſie. Sie gquaͤlte ihren Mann, ſie quälte ſich, ſie quälte alles was ihr nahte. Dabei nannte ſie uns alle zuſammen Jakobiner und Atheiſten, und bezähmte ſich ſo wenig, daß ſie ſelbſt vor dem jetzt ſchon furcht⸗ baren Nikolaus Froment ſolche Reden ausſtieß. Manchmal bekam ſie auch wieder Aufaͤlle von Zaͤrtlichkeit fuͤr ihren Gatten; dann wollte ſie ihn retten, ihn bekehren, und wenn dieſer jetzt uͤber ihren heiligen Eifer lachte, wie ſie einſt uͤber den ſeinigen gelacht hatte, dann gerieth ſie auf's neue in Zorn und ward uͤbellauniger wie je⸗ Seit einigen Tagen beſchäftigte man ſich mit den Discuſſionen uͤber das Geſetz, welches die gaͤnzliche Scheidung von Eheleuten zuließ. Dies gab in Deſodry's Hauſe Veranlaſſung zu hefti⸗ gen Debatten. Er und ſein Freund Duͤclair waren dafüͤr, ſie dagegen. So wie die Rede auf dieſe Angelegenheit kam, wurde die Unter⸗ haltung bitter. Duͤclair verfocht das Geſetz mit — 169— Witz und Artigkeit, Deſodry mit Enthuſiasmus; ſie ſtritt dagegen mit Bitterkeit. Boshaft fragte Duͤclair die Dame, ob ſie auch ſo denken wuͤrde, wenn ſie in dieſem Augenblicke noch gegen ihren erſten Gatten auf Trennung zu klagen habe, und roth vor Zorn erwiederte ſie:„Es iſt ab⸗ ſcheulich von Ihnen, daß Sie mich an ein fruͤ⸗ heres Unrecht erinnern, zu welchem mich boͤſe Rathgeber— dies ſagte ſie mit einem Seiten⸗ blick auf ihren einſtigen Anwald— verleiteten. Scheidung! es iſt abſcheulich! Will man nicht auch noch die Prieſter verheirathen?“ In dieſem Augenblick meldete ein eintreten⸗ der Bekannter; daß daß Geſetz, welches die Schei⸗ dung erlaubte, durchgegangen ſey; beide Ehe⸗ gatten verſanken bei dieſer Neuigkeit in tiefes Nachdenken, und Däclair, fein wie er war, veobachtete ſie mit ſpöttiſchem Lächeln. Was Mad. Deſodry in dieſem Moment dachte, weiß ich nicht, ſo viel aber, daß mein Freund uͤber ein Geſetz erſchrak, welches er in derſelben Minute verfochten hatte. Der Gedanke, daß ſeine Frau ſich aber erſt mit Abſcheu gegen die —— Scheidung aueſhohen hut, nt⸗ ihn je⸗ doch einigermaßen. Vierzehn Tage waren ſeitdem vergangen; ein neuer Verdruß entſtand zwiſchen ihm und ſeiner Frau.„ Er dachte an nichts; ſie aber reichte eine Klage auf Scheidung wegen gänz⸗ licher— der Geſi innungen ein. Vierzehntes Kapitel. Scheidung unb deren Folgen. Deodr ſtand ſtarr vor Erſtaunen, als er den Schritt ſeiner Frau erfuhrz ſeine Eitelkeit war auf's fuͤrchterlichſte verletzt, ſein Herz blutete, denn gegen— Wn er dem⸗ nien noch. — 171— Mad Deſodry hatte ihre Mutter nicht mehr; ſie zog daher zu einer Verwandten. Mein Freund bot alles auf, ſie zuruͤckzuhalten; ver⸗ gebens! Er und Duͤclair verſchwendeten ihre Beredtſamkeit, ſie blieb auf ihrem Sinn, und umſonſt ſtellte ihr Duͤclair die Inconſequenz ihres Benehmens gegen ihre Reden vor. Mad. Deſodry leugnete nicht, was ſie fruͤher gegen das Geſetz geſagt hatte; da es aber einmal be⸗ ſtunde, ſo Sꝛie nannte ihren jetzigen Mann, wie den Erſten, einen Tyrannen und Deſpoten, und obendrein noch einen Jakobiner. Wir vereinten uns mit Duͤclair und Deſo⸗ dry, um ſie auf andere Gedanken zu bringen; es war alles vergebens, und mein Freund, dem die Gefahr, ſeine Frau zu verlieren, ſeine ganze Liebe zu ihr wiedergegeben hatte, wollte verzwei⸗ feln. Da jedoch nichts half, ſo ging die Sache ihren Weg, und Duͤclair, der fruͤher der Anwald von Madame gegen Herrn Derblay geweſen war, wurde nun der Anwald Deſodry's gegen ſie. Nicht lange, ſo waren ſie geſchieden. Was ſollte nun aus den Kindern werden? Nach den Beſtimmungen des Geſetes folgten die Knaben dem Vater, die Mäbchen der Mutterz aber ſollte man die Geſchwiſter trennen? Meine Frau, der dieſer Gedanke unerträglich war, kam auf den Einfall, daß wir die Kinder zu uns nehmen wollten, und beide Eltern gingen gern, uns kennend, auf den Vorſchlag ein. So war dieſe Angelegenheit abgemacht; die der Ausein⸗ anderſetzung ihres gegenſeitigen Vermoͤgens been⸗ dete ſich eben ſo leicht, denn keines von Beiden war intereſſirt. Indem Mad. Deſodry ſich von einem im Geruche des Jakobinismus ſtehenden Manne trennte, glaubte ſie ſich dadurch ihrer Parthei ſehr angenehm zu machen; wie ſehr irrte ſie ſich aber! Die Menſchen von der alten Ord⸗ nung, die Prieſter, die Ludwigsritter, die from⸗ men Betſchweſtern ihres Cirkels machten ihr ein Verbrechen daraus, ein revolutionaires Geſetz benutzt zu haben, und behandelten ſie jetzt mit einer ſolchen Kälte, daß ſie bald darauf, ge⸗ krankt und geärgert auf's tiefſte, Paris verließ. Der politiſche Horizont war unterdeſſen im⸗ mer dunkler geworden. Ich fuhrte dem zufolge meinen Plan, mich mit den Meinen nach Mon⸗ tereau zuruͤckzuziehen, aͤus, und indem wir durch Melun reiſten, nahmen wir noch die alte treue Margärethe, die einſtige Wärterin—— und meiner Gattin, mit uns.. um den Gram zu uſinnn den ihm die Trennung von ſeiner Frau verurſachte, ſturzte Deſodey ſich jetzt tiefer wie jemals in den Stru⸗ del der öffentlichen Angelegenheiten. Sein pa⸗ triotiſcher Eifer wurde nach und nach ein wah⸗ rer Fanatismus. Konnte man ihm aber dar⸗ uͤber einen Vorwurf machen? Er beſuchte täg⸗ lich die Glubbs, und kein Fieber, das weiß je⸗ ver, iſt anſteckender, als das der aufgeregten Meinungen. Indem er hier die donnernden Reden der wilden Partheimenſchen anhorte, er⸗ hitzte ſich ſein Kopf, und bald donnerte er eben ſo von den Tribunen herab, wie die Andern. Vetwechſeln wir ihn indeß nicht mit jenen Elen⸗ den; die nur zu ſchlechten Zwecken, nur ihrer felbſt willen, auftegten. Er meinte es ſtets ehrlich, wahr und gut, und waͤhrend er gegen die Feinde der Revoltion im Ganzen loszog, war er gegen den Einzelnen, ſo oft ſich ihm die Gelegenheit dazu bot, menſchlich und gerecht. Faſt an demſelben Tage, an welchem er einſt auf's heftigſte gegen die unbeeideten Prieſter ohne Ausnahme geſprochen hatte, rettete er mit Lebensgefahr ſeinen einſtigen Obern, den ehr⸗ wuͤrdigen Abbe l'Omont aus den Haͤnden roher Unmenſchen, und eben ſo machte er es in Hin⸗ ſicht auf die Emigrirten. Eines Morgens ganz fruͤh tritt Herr Lecoq geheimnißvoll an ſein Bett und verlangt, er ſolle ihm und einem Fremden einen wichtigen Dienſt erweiſen. Der Unbekannte war ein Vornehmer, der bei dem erſten Aus⸗ bruch der Unruhen uͤber die Grenze geflohen war, und nun heimlich und verkleidtt“ unter Todesgefahr zuruͤckkehrte, um einiges zuruͤckge⸗ laſſenes Vermoͤgen, ohne welches er im Auslande im tiefſten Elende leben mußte, einzuziehen, Der Mann hatte ſich an niemand, als an Le⸗ coq zu wenden gewagt, deſſen Rechtlichkeit er von lange her kannte, und der nun ſeinen Nef⸗ fen aufforderte, dem Unglucklichen zu helfen⸗ Deſodry ſtand auch keinen Augenblick unz er lief und rannte uͤberall herum, verſchaffte dem Antit⸗ Patrioten ſein Geld, und, was zu jener Zeit ſchwerer war wie alles andere, einen ſichern Paß, waͤhrend er zu gleicher Zeit eine energiſche Rede gegen die Emigration ausarbeitete, um ſelbe, von der Tribune des Clubbs kbie zu halten.— Die Guͤte ſeines— die Rehttet ſeiner Geſinnungen und der Gang, welchen die oͤffentlichen Angelegenheiten nahmen, machten jedoch bald, daß er von ſeinem Enthuſiasmus fuͤr die letztern zuruͤckkam, oder vielmehr ihn veredelte. Leider konnte dies in der Zeit, die damals war, aber nur mit Gefahr fuͤr ihn ge⸗ ſchehen. Er gehorte einer Parthei an, und ob⸗ ſchon dieſe Parthei nichts weniger wie gemäßigt war, ſo geſchah es doch bald, daß ſie noch Hef⸗ tigern als viel zu gemäßigt erſchien. Das iſt einmal in der Welt ſo; es ſteht nichts ſtille. Deſodry blieb ſeinen Freunden treu, als die wuͤthenden Jakobiner ſchon die Oberhand hatten und alles zu verderben ſuchten, was nicht eben ſo wuͤthenb war, wis ſie. Sein Journal, wel⸗ ches bis dahin von Vielen für zu dreiſt und euͤhn gehalten wurde, galt plötzlich fur ein zu gemäßigtes, und die Anarchiſten und Jakobiner, die er eben ſo keck jetzt angriff; wie er früher die Ariſtokraten angegriffen hatte, verfehiten nicht, ihn jetzt eben ſo zu haſſen, wie jene ihn haßten, und, zum Ungluͤck, begannen jetzt die i ſchon zu herrſchen. Er ſah und ahnete jedoch die Gefahr nicht, die ihn umgab. Sein Gewiſſen war ruhig; es ſagte ihm, daß er nichts als die gute Sache berföchten hatte, und ihm und ſeiner gehen pflegt; ſie war ſchon geſtuͤrzt, indem ſie noch feſt zu ſtehen glaubte, und auf den Bei⸗ ſtand des Volkes rechnend— det Maſſe, die heute der Wind hierhin und morgen dorthin jagt— wähnte ſie ſich noch eben ſo ſtark, jetzt, da ſie angegriffen wurde, als ſie es war, dä ſie angriff. Der Erfolg zeigte ihr bald, wie ſehr ſie ſich in Hinſicht ihrer Kraft verrchnet hatte ſie wollte jett die Flammen dämpfen, bie ſie Parthei ging es, wie es immer allen Partheien zu — 177— erſt ſelbſt angefacht hatte, und ſie wurde nun, naturgemaͤß, ein Opfer ihres eigenen Werkes. Duͤclair, ſchlauer wie Deſodry, begann ſich weniger bitter in ihrem gemeinſchaftlichen Jour⸗ nale auszuſprechen; mein Freund aber, trotzend auf die vermeinte Staͤrke ſeiner Freunde und die große Zahl ſeiner Leſer, fuhr fort, noch mit gluͤhendem Enthuſiasmus zu fechten, als die Gegner ſchon voͤllig oben waren. Funfzehntes Kapitel. Unerwarteter Beſuch. Em Jahr war ohngefaͤhr verſtrichen, ſeitdem ich meinen Wohnſitz nach Montereau verlegt hatte, als ich eines Tages ganz unerwartet von einem meiner ehemaligen Univerſitätsfreunde auf⸗ I. 12 — 178— geſucht wurde, der nach einer Reiſe in der Pro⸗ vinz jetzt wieder im Begriff ſtand, ſich nach Paris zuruͤckzubegeben. Sein Name war Re⸗ nou. Im Gaſthofe hatte er gehoͤrt, daß ich hier wohnte, und kam nun, die alte Bekanntſchaft zu erneuern. Obſchon ich in vielen Jahren nichts von ihm gehört hatte, ſo erinnerte ich mich ſeiner doch noch ſehr genau. Als Stu⸗ dent hatte er ſich durch Fleiß ausgezeichnet, zu⸗ gleich aber auch durch eine Stutzerhaftigkeit in ſeinem Anzuge, uͤber die wir Andern uns da⸗ mals oft luſtig machten. Jetzt fand ich ihn darin ſehr veraͤndert. Er trug eine ſogenannte Carmagnole, eine große, mit Pelz verbrämte Muͤtze und lange, weite Pantalons. Das ſiel mir jedoch nicht ſonderlich auf, denn eines Theils befand er ſich auf der Reiſe, andern Theils war dies aber auch die Modetracht des Tages, die von Einigen aus Geſchmack, von Andern aus Vorſicht nachgemacht wurde; denn, wer fuͤr einen Patrioten gelten wolte, mußte ſo um⸗ hergehen. ziSn Meine Freude, einen Bekannten aus frü⸗ 3 — 1— herer Zeit wieder zu ſehen, war unverſtellt; ich empfing Renou mit Herzlichkeit und er antwor⸗ tete mit einer gewiſſen rauhen Cordialität, die gleichfalls damals im Umgange an der Tages⸗ ordnung war. Dabei druͤckte er mir die Hand, daß ich haͤtte ſchreien moͤgen. Seine Abſicht war, nur eine Nacht in Montereau zu bleiben; ich bot ihm an, bei mir zu logiren; er nahm dies ohne Umſtände an. Bald reute mich je⸗ doch meine Zuvorkommenheit. Kaum war eine Viertelſtunde vergangen, ſo begann er mich uͤber meine politiſche Meinung auszufragen; ich ant⸗ wortete mit der Vorſicht, die man damals, wo der Geiſt der Verfolgung und des wildeſten De⸗ magogismus alles eben ſo bedrohte, wie zu an⸗ dern Zeiten der Geiſt der Despotie, ſo nothig hatte. Während ich auf dieſe Art mich zu ſichern ſuchte, erfuhr ich dagegen das Glau⸗ bensbekenntniß meines Gaſtes. Er war ein eingefleiſchter Jakobiner, deſſen wilde Aeußerun⸗ gen mir Beſorgniß erregten. Zu gleicher Zeit hoͤrte ich auch, daß ſeine Reiſe den Zweck ge⸗ habt hatte, heimlichen Ariſtokraten und Gegen⸗ 12 ₰ 5 revolutionairs in ihren wahren und angeblichen umtrieben auf die Spur zu kommen. Wie er⸗ ſchrak ich aber erſt, als er mir entdeckte, daß er dahinter gekommen ſey, daß der ärgſte und ge⸗ fährlichſte Feind der Republik der„infame De⸗ ſodey“, der Verfaſſer eines den Moderantismus pridigenden, in den Provinzen ſehr verbreiteten Blattes, ſey.„Aber ich habe ihn“— fuhr er fort—„bereits angezeigt, und eh' zwei Tage vergehen, wird der Verräther zum Wohl der all⸗ gemeinen Sicherheit verhaftet werden. Jeden⸗ falls geſchieht dies, ſo wie ich nach Paris zu⸗ ruͤckgekehrt bin. Verlaß dich auf mich, der Boͤſewicht ſoll mir nicht entkommen.“ Jetzt wuͤnſchte ich mir Gluͤck zu dem Ge⸗ danken, Renou in mein Haus genommen zu haben, und ſuchte nur meinen Schreck uͤber ſeine Rede zu unterdruͤcken; auch beſchwor ich meine Frau, ſich zu beherrſchen und ſich nichts von der Angſt, die ſie um ihren Bruder em⸗ pfand, merken zu laſſen. Zugleich nahm ich in der Stille meine Maßregeln. Es war jetzt erſt Mittag; vor dem nachſten Morgen um * Sieben Uhr wollte mein Gaſt nicht fort, denn ſeine Abſicht war, erſt noch den Clubb, den das kleine Montereau damals ſo gut, wie jede an⸗ dere Stadt des Reichs hatte, zu beſuchen, um den Geiſt, der darin herrſchte, zu erkundſchaften. um ihn ganz ſicher zu machen, erbot ich mich, ihn auf den Abend einzufuhren. Welche Muͤhe mußte ich mir, welche noch großere meine Frau ſich geben, um die Angſt und Unruhe, die uns verzehrte, nicht merken zu laſſen! Wir ſetzten uns zu Tiſche. Renou, der, ſobald ſein Jako⸗ binismus nicht angeregt wurde, ein ganz ver⸗ nunftiger Menſch war, benahm ſich artig gegen meine Familie und ſpielte und tändelte mit den Kindern, von denen er nicht ahnete, daß drei davon dem von ihm auf den Tod verfolgten Deſodry gehörten. Er erzählte uns von ſeiner Frau, ſeinen Kindern, die er zaͤrtlich zu lieben ſchien, und mit Erſtaunen ſah ich, wie dieſer Menſch, der in ſeiner Partheiwuth unbedenklich alle Edelleute, alle Prieſter, ſelbſt Alle, die nicht gerade ſo wuͤthende Demagogen, wie er, waren, dem Beil der Guillotine wuͤrde uͤberliefert haben, — 182— Sinn und Gefuͤhl fur Familiengluͤck und häus⸗ liche Freuden hatte, und uͤberhaupt ſonſt in al⸗ len Punkten ein redlicher und achtungswerther Mann war. Er glich hierin vielen beruͤchtigten Revolutionsmannern jener Zeit, die auf der Tri⸗ bune wilde Thiere und in ihren haͤuslichen und Privatverhältniſſen Lämmer waren. Im Schoos ihrer Familie ſchienen ſie die Menſchlichkeit wie⸗ der zu finden, die ſie im öffentlichen n ab⸗ ſtreiften. Gegen das Ende der Mahlzeit trat mein Gaͤrtner, der zugleich die Stelle eines Bedienten bekleidete, in's Zimmer und brachte mir verab⸗ redetermaßen einen Brief. Er war angeblich von der Frau eines Landmannes aus einem, nach der Straße von Sens hin gelegenen Dorfe, und enthielt die Bitte, ſogleich ihrem gefaͤhrlich krank liegenden Manne zu Huͤlfe zu eilen. Ich bedauerte nun, meinen Gaſt nicht in den Clubb fuhren zu konnen.„Laß dir das nicht leid ſeyn“,— entgegnete mir Renou—„eile zu deinem Kranken und hilf ihm, wenn du kannſt, vorzuglich wenn er ein guter Patriot iſt. Ich — 183— will mich ſchon allein in den Elubb einfuͤhren“, und da ich noch einige umſtaͤnde machte, um ihn deſto ſicherer zu täuſchen, ſo trieb er mich zuletzt ſelbſt, daß ich nur fortreiſen ſollte. Es war zwei Uhr; ich ließ mein Pferd anſpannen, verſprach wo moͤglich noch in der Nacht zuruͤck⸗ zukehren, um wenigſtens noch mit ihm vor ſei⸗ ner Abreiſe fruͤhſtuͤcken zu können, und fuhr nun die Straße nach Sens hin. Vor dem Thore äͤnderte ich aber ſogleich die Richtung, ſchlug den Weg nach Meluͤn ein und jagte nun, was das Pferd nur laufen konnte. Angelangt daſelbſt, ließ ich mein Fuhrwerk ſtehen, nahm Extrapoſt und verſchwendete die Aſſignaten und ſelbſt die damals ſo ſeltenen kleinen Thaler*), um nur recht ſchnell gefahren zu werden. So war ich noch vor zehn Uhr Abends in Paris vor Deſodry's Thuͤre. Mein Freund war noch nicht zu Hauſe „ Die in Deutſchland unter dem Namen te Laubthaler“ einſt ſehr courſirenden Drei Livres⸗ Stuͤcke. — 184— Ich zitterte, er mochte zu ſpat kommen; zum Gluck geſchah dies jedoch nicht. Nach kurzem Harren trat er mit ſeinem Schatten Duͤclair ein. Sie kamen aus der Druckerei und der Letztere lachte wie ausgelaſſen uͤber eine Witzelei, die er eben ausgeheckt und in ihr morgendes Blatt hatte rücken laſſen, um einige Schreiet des Tages zu geißeln. Deſodry dagegen wuͤnſchte ſich mit wichtiger Miene Gluͤck, ein ſtandhafter Wich der Volksrechte zu ſeyn. Seine Ueberraſchung war nicht gering, als ich ihm die Urſache meines Kommens entdeckte. Es war ihm unmoͤglich, mir zu glauben. Renou hatte ſich geirrt, oder mich betrogen; wie hätte man einen Patrioten, wie er, verhaften können! Und wenn es geſchah, mußte nicht die ganze Nation ihn vertheidigen? ihn, den treueſten ihrer Redner? dann aber wollte er aus ſeinem Ge⸗ fängniſſe die Widerſacher ſtuͤrzen, und die Tu⸗ gend und das Recht triumphiren laſſen. „O, wenn Sie einmal im Gefängniß ſind“, rief Duͤclair hier aus, der auf einmal ſtill und ernſthaft geworden war,„dann iſt es mit alle — 185 dem nichts. Es iſt noch nicht ſpät; ich gehe ſogleich, um hinter das Wahre der Sache zu zommen. In zwanzig Minuten bin ich wie⸗ der hier.“ Mit dieſen Worten rannte er fort, und ich geſtehe, daß mich fein ſchnelles Davoneilen beſturzt machte. In jener Schreckenszeit konnte man vor Jedem beben; Jeder ſuchte ſich nur zu ret⸗ ten, das Mißtrauen, auch in den beſten Freund, war allgemein, und leider! verzeihlich. Ich trieb daher Deſodry, ſogleich mit mir abzureiſen und keine Minute zu verlieren; da er mir nicht folgte, gerieth ich beinah in Verzweiflung. Dies⸗ mal hatte er jedoch Recht; Duͤclair war kein Verräͤther; nach Verlauf einer halben Stunde ſturzte er athemlos ins Zimmer und rief: „Eilen Sie, Deſodry, Sie haben keinen Moment zu verlieren. Weniger ſicher wie Sie, habe ich immer unter der Hand einige Ver⸗ bindung mit denen unterhalten, die ge⸗ rade am Ruder ſitzen, und das kommt uns jetzt ſehr zu ſtatten. Unſer Journal hat den Zorn mehrerer wuͤthenden Jakobiner erregt; —— gegen mich hat man nichts; darum wurde ich nicht gewarnt, aber deſto mehr gegen Sie. Bereits dieſen Abend iſt der Verhaftsbefehl ge⸗ gen Sie unterzeichnet worden, mit Anbruch des Tages werden Sie artetirt. Reiſen Sie zur Stelle mit Herrn Aubin ab; ich werde die Nacht damit zubringen, Ihre Papiere und ihre Pretio⸗ ſen in Sicherheit zu bringen. Ich habe ihre Procura; davon mache ich ſogleich morgen Ge⸗ brauch, um ihr Vermogen den ſchon darnach ausgeſtreckten Klauen zu entreißen. Nachricht ertheile ich Ihnen, ſobald es, ohne uns beide in's Ungluͤck zu ſtuͤrzen, geſchehen kann. Fetzt reiſen ſie, fliehen Siez wer weiß, ob nicht ſchon die Spione der Polizei das Haus umringen.“ „Welche Schaͤndlichkeit!“ ſchrie Deſodry. „Mich wollen ſie arretiren, mich! den Philoſo⸗ phen, den Patrioten, den Philantropen! Mich, der ich unter der alten Regierung in Gefahr ſtand, vermoge eines Lettre de cachet in die Baſtille geſetzt zu werden? Iſt das der Lohn fur meine Aufopferungen, fuͤr meine Muͤhen?“ Wir ſchoben ihn mit Gewalt in den Wagen. — 187— Durch Gold hatte ich den Poſtillion dahin ge⸗ bracht, nicht auszuſpannen; ich zitterte, der Menſch moͤchte uns verrathen; er that es nicht und wir jagten nach Meluͤn zuruͤch. Zehn Stun⸗ den Ruhe hatten meinem Pferde die Kraͤfte wieder gegeben; in Meluͤn nahm ich meinen Einſpänner wieder; Morgens um ſechs Uhr kam ich mit Deſodry in Montereau an, wo ich hinter dem Hauſe an meinem Garten ſtill hielt. Renou ſchlief noch; meine Frau, die die ganze Nacht unter Beben durchwacht hatte, und die alte Margarethe empfingen uns, und mit Thra⸗ nen des Entzuͤckens, der Angſt, der Furcht, fuͤhrte Pauline nun den geliebten Bruder in ein Gartenhaͤuschen, deſſen Laden auf's ſorgfältigſte verſchloſſen waren, waͤhrend ich nun um die Stadt herum zu dem Thore von Sens herein⸗ fuhr und gerade vor meiner Thuͤre anlangte, als mein Gaſt ſich ermunterte. Sogleich begab ich mich zu ihm; er war freundlich und wohlauf und ſchien ſehr mit der Aufmerkſamkeit, die ihm meine Mutter und meine Gattin erzeigt hatten, zufrieden zu ſeyn.„Nun, wie ſtehps mit dei⸗ — 188— nem Kranken?“ fragte er mich,„haſt du dem armen Teufel helfen koͤnnen?“„Ich hoffe, daß er durchkommen wird“, entgegnete ich, und meine Frau, die eben eintrat, um uns zum Fruͤh⸗ ſtuͤck zu rufen, und jetzt ganz verklaͤrt vor Freude war, ihren Bruder gerettet zu wiſſen, fiel ein: O, Buͤrger Renou, Sie glauben nicht, wie gluͤcklich es meinen Mann macht, wenn er einem Unglucklichen helfen kann; und dieſer vollends! es iſt ein ſo ehrlicher Mann, ein ſo guter Pa⸗ triot!“„Deſto beſſer! deſto beſſer!“ antwor⸗ tete Renou;„komm, Aubin, laß uns auf das Wohl des armen Teufels anſtoßen.“ 8 ₰ Heut' ſchien meinem Gaſte die Eintracht, das haͤusliche Gluͤck, welches in meiner Familie herrſchte, noch mehr zuzuſagen, wie geſtern; er erſchoͤpfte ſich in Lobeserhebungen gegen uns, in Zärtlichkeiten gegen die Kinder. Der Menſch war, wie ſo viele Andere, durch ein Zuſammien⸗ treffen von Umſtaͤnden, in den Strudel der Re⸗ volution geworfen worden. Sein Kopf ſchwin⸗ delte vor ultrademagogiſchen Ideen, ſein Herz war brav und bieder. Indem wir auf die frü⸗ — —— her mit einander verlebte Zeit zu ſprechen ka⸗ men, gedachte er mit Herzlichkeit unſeres ehe⸗ maligen Lehrers, des ehrwuͤrdigen Thierry, und ſich der edlen Grundſätze und Lehren deſſelben erinnernd, wurde er zuletzt ſo weich, daß er allen Ernſtes die Grauſamkeiten bedauerte, mit wel⸗ chen man jetzt ſich genoͤthigt ſaͤhe, gegen die armen Atiſtokraten, die doch auch Menſchen ſeyen und liebende Angehoͤrige haͤtten, zu ver⸗ fahren.“„Aber freilich“, ſetzte er hinzu, das allgemeine Wohl erfordert dies Opfer, und ſo laß uns ſie denn unerbittlich verfolgen. Es iſt Pflicht; das Vaterland, die Nachwelt wird uns dafuͤr ſegnen.“ Zu jener Zeit horte man dieſe eitechen von Vielen; Andere von andern Partheien ſprechen jetzt abermals aus dieſem Tone. Das iſt ein⸗ mal ſo in der Welt und wird noch lange ſo bleiben. Und, ſprach er denn etwa anders, als der Mann, den er jetzt verfolgte und der nur einige Schritte von ihm. verborgen war? Wie oft hatte Deſodry auch geſagt:„mich dauert dieſer und jener, aber das allgemeine Wohl fordert — 190— ſeinen Untergang, und ſo muß er denn fallen.“ Renon fuhr fort, mir ſein Mitleid fuͤr die Opfer der Revolution zu bezeugen; er ſagte mir, er könne keinem Bittenden widerſtehen, und furchte ſich daher ordentlich, einen Emigranten zu fin⸗ den. Ich ſtand auf dem Punkt, ihm mein Ge⸗ heimniß zu entdecken und ſeine Menſchlichkeit fur meinen Freund anzuflehen; wie dankte ich aber dem Himmel, daß ich dieſem erſten Gefuhle nicht gefolgt hatte, als er plötzlich die Stirne runzelte und ausrief:„Aber, wenn auch ein braver Patriot Mitleid fuͤr einen Cidevant, fuͤr einen Prieſter, empfinden kann, der in Vorur⸗ theilen erzogen, ſeine Privilegien und ſeine fal⸗ ſchen Dogmen fuͤr heilig hält, ſo darf dies doch durchaus nicht gegen jene Elenden ſtatt finden, die unter der Maske des Patriotismus das Vaterland an den Rand des Abgrunds brach⸗ ten. Fluch dem, der einen ſolchen ſchont, einen ſolchen, der, wie der Verräther Deſodry, die Herzen des Volks verfuͤhrt. Uebrigens, Freund Aubin— fuhr er fort— muß ich geſtehen, daß ich mit eurem Clubb hier ſehr unzufrieden — 191— bin. Ich habe da eine Neigung zum Födera⸗ lismus entbeckt, der du durchaus entgegen arbeiten mußt. Ich habe mich auch geſtern Abend daruͤber ſchon ausgeſprochen und den Lauen ein heilſa⸗ mes Schrecken eingejagt, indem ich einige brave Bruͤder, die ich doch auch fand, ermunterte, den Burſchen auf den Dienſt zu paſſen.“ War es nicht traurig, einen Menſchen, der Bildung und Gefuͤhl hatte, ſo ſprechen zu hoͤ⸗ ren, wie damals der roheſte Poͤbel in Paris in ſeiner tollen Wuth und Verblendung ſprach? War es nicht traurig, daß ein Menſch, wie er, nun auch in unſerer Stadt, wo bisher die Stimme der Vernuͤnftigen noch immer etwas gegolten hatte, die Zuͤgelloſen noch zu den Aus⸗ ſchweifungen aufforderte, die man ſchon laͤngſt anderwaͤrts beging? Was ich und einige An⸗ dere durch unſern Einfluß im Clubb noch immer verhindert hatten, indem wir uns den wahnſin⸗ nigen Beſchluſſen einiger Ueberſpannten männ⸗ lich entgegenſetzten, das hatte er jetzt in wenig Stunden, die Maſſe anregend, durchgeſ⸗tzt. Ich ſah mit Schrecken nun auch in Montereau einem — 192— Treiben entgegen, vor dem ich aus Paris ge⸗ flohen war, und dankte Gott, als mein Gaſt endlich ſich in den Wagen ſetzte und mit der Verſicherung von mir ſchied, daß er nicht er⸗ mangeln wuͤrde, uns in freundſchaftlichem An⸗ denken zu behalten.„Leb' wohl, Buͤrger Au⸗ bin“, rief er mir noch aus dem Wagen mit ſogenannter republikaniſcher Derbheit zu,„ich danke dir fuͤr den angenehmen Aufenthalt in deinem Hauſe. Verlaß dich darauf, daß ich dich und alle Braven in eurem Clubb im Con⸗ vente ruͤhmen werde. Jetzt will ich nur noch in Meluͤn die Volksverſammlung beſuchen, und dann hoffe ich in Paris dem infamen Deſodry ſein Recht erweiſen zu können.“ Hierauf ſich an meine Frau wendend, ſagte er:„Buͤrgerin, Gott befohlen!“ und fuhr unter tauſendfaͤltigen Verwuͤnſchungen aller Moderirten ſeines Weges. Ich eilte nun ſogleich zu Deſodry in das Gartenhaus; meine Pauline und die Kinder folgten. Unſere Freude, ihn gerettet zu ſehen⸗ unſere Liebe, ließen den Niedergeſchlagenen einige — — 193— Augenblicke ſeinen Kummer vergeſſen. Er war gluͤcklich mit uns, zum erſtenmale vielleicht wie⸗ der ſeit langer Zeit. Sechzehntes Kapitel. Der Freund. Nit lange, ſo erhielten wir Nachrichten von Duͤclair. Er meldete uns, daß den Morgen nach unſerer Abreiſe, gleich bei Anbruch des Ta⸗ ges die Gerichtsperſonen gekommen waͤren, um Deſodry feſtzunehmen, und daß, da man ihn nicht fand, man ſeine Sachen ſämmtlich unter Siegel gelegt habe. Zum Gluͤck hätte er indeß ſeine Zeit in der Nacht ſo gut genutzt, daß er alles von Werth habe retten und in ſichere Ver⸗ wahrung zu ſeiner Freundin Suſſette Pinſon, I. 13 — 194— jener huͤbſchen Griſette, mit welcher er ſich einſt im Marsfelde zuſammen geſpannt hatte, bringen können. Von da koͤnne man es nun zu jeder Stunde abholen laſſen. Ferner zeigte er uns noch an, daß er gleichfalls ſo gluͤcklich geweſen ſey, Deſodry's außenſtehende Capitale mittelſt der in Händen habenden Vollmacht von ihm, einzuziehen, und daß mein Freund nun auch uͤber dieſe nach Belieben verfuͤgen könne. So brav und freundſchaftlich, wie ſich Duͤ⸗ clair in den Angelegenheiten Deſodry's benahm, ſo klug benahm er ſich in den eigenen. Er ſchloß ſehr richtig, daß die Fortſetzung des Jour⸗ nals in dieſem Augenblicke ihm nur gefährlich ſeyn koͤnne, und ließ keine Nummer mehr er⸗ ſcheinen, und bald ſah er ein, wie recht er hieran gehandelt hatte; denn kaum war Renou in Pa⸗ ris angekommen, kaum Deſodry's Flucht be⸗ kannt, ſo bemaͤchtigte ſich der Erſtere, unter Autoriſation ſeiner Goͤnner im Convente des Blattes, und ſetzte es, natuͤrlich in einer ganz anderen Tendenz, fort. Uebrigens fuͤrchtete Duͤclair, wie er uns ſchrieb, wenig fur ſeine v N — 195— eigene Perſon, da er ſeine Maßregeln ſo getrof⸗ fen habe, daß ihm immer noch eine Zuflucht vüiebe, auch hoffe er ſein bischen, durch das ſchmäͤhlich ihnen entriſſene Journal erworbene, Vermogen in dieſer ſtuͤrmiſchen Zeit ſo nutzen zu konnen, daß er nicht allein ſelbſt nach und nach in's Trockene käm', ſondern auch ſeinem Freunde Deſodry noch ferner thätig dienen konne. Ich geſtehe, daß mich dieſe Rechtlichkeit und Dankbarkeit Duͤclairs ungemein erfreute; ſie machten in meinen Augen billig viele ſonſtige Schwächen des Mannes gut und trugen beſon⸗ ders mit dazu bei, meinen im Ganzen doch ſehr niedergeſchlagenen und unruhigen Freund etwas wieder aufzurichten. Wirklich hatte Deſodry auch nur zu viele Urſache, das Leben und die Menſchen in dieſem Augenblicke zu verwuͤnſchen. Verfolgt als Feind des Volks, waͤhrend er im Herzen der wäͤrmſte von deſſen Freunden war, war er zwar fuͤr den Moment in Sicherheit, aber auch nur fuͤr den Moment. Und welches Leben mußte er jetzt fuͤhren! Nur im — 15* — 196— abendlichen Dunkel durfte er es wagen, in mei⸗ nem Gärtchen ein Bischen Luft zu genießen, kein Licht durfte in dem Haͤuschen, welches er bewohnte, ſchimmern, und wenn er manchmal auf Augenblicke zu uns heruberkam, wie ängſt⸗ lich mußte er ſich da verſtecken, ſobald ein Menſch an die Thuͤre klopfte.— Aber, er hatte doch ein Aſyl, ein Aſyl bei liebenden Verwandten.— Ach', wie viel Tauſende irrten zu jener Zeit in Waͤldern und auf unwegſamen Pfaden umher, in jedem Begegnenden den Verraͤther fuͤrchtend, dem ſchrecklichſten Mangel Preiß gegeben!— Daß jedoch ſein Aufenthalt bei uns nur momentan ſeyn konnte, fuͤhlten wir Alle, denn täglich wuchs die Gefahr, welche uns um⸗ gab, täglich das Schrecken. Renou hatte Wort gehalten und die ſogenannten braven Patrioten in unſerm Clubb, d. h. die Enragees, die kei⸗ nen Zuͤgel und keine Gränze kannten, in Paris geruͤhmt, während er auf die Lauen als auf Verdaͤchtige und Gefaͤhrliche, loszog. Dadurch hatte ſich bald der Geiſt, welcher in Montereau herrſchte, auf's unwortheilhafteſte ve und — . 3 1* — da ich und einige Freunde uns dem gewaltſam hereinbrechenden Unſinn zu widerſetzen ſuchten, ſo verfehlte man nicht, uns als Feinde der Re⸗ publik, als heimliche Royaliſten, als Agenten von Pitt und Koburg, auszuſchreien. Damals fuhlte ich die Wahrheit des Sprichwortes: auch der Geringſte kann dir nuͤtzen. Ich waͤre ver⸗ toren geweſen, hätte mich nicht die Liebe einiger Menſchen aus den unterſten Staͤnden, denen ich in andern Zeiten einige kleine Dienſte erwies, gerettet. Das Volk in Montereau konnte ſich nicht uͤberzeugen, daß ich, der oft ſo uneigen⸗ nuͤtzig in Krankheiten ihm beiſprang, ein Spion der Fremden ſeyn ſolltez dies war mein Schutz; was wäre aber trotz dem aus mir geworden, wenn man erfahren hätte, das ich einen von den Behorden in Paris Verfehmten in meinem Hauſe verbarg! Deſodry fuhlte die Gefahr, in welche ſein Hierſeyn uns ſetzte, und wollte flichen. Wir hatten Muͤhe, ihn zuruckzu⸗ halten. Einige Monate waren ſo unter Angſt und Sorgen verfloſſen, da fuhr eines Tages eine Ex⸗ — 13— . trapoſt vor meine Thuͤre und ein Herr in der Uniform eines Offiziers vom Generalſtabe ſtieg aus. Ich erſchrak; Deſodry fluͤchtete in ſein Verſteck; meine arme Pauline bebte an allen Gliedern. Unſere Furcht löſte ſich aber bald in Freude und Erſtaunen auf, als ich in dem An⸗ kommenden den einſtigen Herrn Advokaten Duͤ⸗ clair erkannte. Ich rief ſogleich meinen Freund wieder herbei, und Duͤclair erzählte uns nun, daß ihm in der Zeit daher das Meſſer tuͤchtig an der Kehle geſeſſen habe.„Aber“, ſetzte er lachend hinzu:„mit einiger Gewandtheit, einer kleinen Portion Unverſchaͤmtheit, etwas Geld und der reblichen Beihulfe von Suſette Pinſon, bin ich gluͤcklich allen Gefahren entgangen und jetzt dem Stabe eines Generals zugetheilt, der unſere Armeen an den Alpen commandirt. Da⸗ hin muß ich jetzt, denn wo iſt dermalen noch Sicherheit, als in den Reihen der Armee, den feindlichen Kanonen gegenuͤber! Eh' ich aber Frankreich verlaſſe, mußte ich meinen Freund Deſodry ſehen und ihm Rechnung ablegen. 2 Die ehrliche Seele uͤbergab jetzt meinem — Schwager deſſen von ihm gerettetes Vermoͤgen, und zwar, was den Werth des Freundſchafts⸗ dienſtes erhoͤhte, nicht allein vermehrt durch einige kluge und gluͤckliche Speculationen, ſondern auch in baarem Golde. Wie Duclair dies uͤbrigens in einer Periode hatte ſchaffen koͤnnen, wo alle edlen Metalle verſchwunden zu ſeyn ſchienen, iſt mir noch unbegreiflich⸗ Seine Zeit erlaubte ihm nur einige Stunden“ bei uns zu bleiben. Bei Tiſche ſchien es mir, als ſuche er ſich ſelbſt uber die Greul, welche damals das Vaterland befleckten, mit Gewalt zu betäuben. Er erzählte uns mit einer ſichtbar erzwungenen Luſtigkeit allerlei Anekdoten aus der Hauptſtabt und Neuigkeiten von ſeinen und Deſodry's Bekannten.„Der kleine Krämer Remy“— fuhr er, ſich an Deſodry wendend, fort—„den Ihre Unterſtuͤtzung ſo hͤbſch auf die Beine half, daß er im Palais⸗„Royal. Tauſend! ich wollte ſagen im Palais⸗ eu, einen Laden eröffnen konnte, iſt jett ein gemach⸗ ter Mann. Er hat ſo viele National⸗Guter gekauft und wieder verkauft, daß er nur noch — 200— nach Hunderttauſenden rechnet, und nun, da er vollends einige Lieferungen fuͤr die Armee un⸗ ternommen hat, ſteuert er auf den Millionair los. Dazu iſt er bei'm Wohlfahrtsausſchuß hoch angeſehen.“ „Wahrhaftig?“ entgegnete Deſodry,„nun das freut mich, und Froment, der arme Fro⸗ ment, wie geht's dem? Er war mir immer ſo ergeben.„ „Wie wird's ihm gehen? der ſchwimmt oben⸗ auf. Unter dem Namen Sokrates iſt er Mit⸗ glied des Revolutionsausſchuſſes ſeiner Section, und ſeitdem er vom Convente die Verwal⸗ tung der Guͤter der Emigrirten erhalten hat, verdient er ſein gutes Tagelohn. Ja, wie oft haben wir uns uͤber dieſen tölpelhaften und rohen Thoren luſtig gemacht, und jetzt ſind er und ſeines Gleichen unſere Herren. Es iſt eine wunderliche Zeit und unſere Republik noch wun⸗ derlicher. Unſere Patrioten ſcheinen das Wort Republikaner in einem ganz andern Sinne zu nehmen, wie die Alten. Bei denen hieß ein Republikaner ein Mann, der bereit iſt alles fuͤr — 201— das Vaterland zu opfern; bei uns bedeutet es einen, der am beſten verſteht, alles fuͤr ſich an ſich zu reißen.“ In dieſem Augenblicke ſtuͤrzte die alte Mar⸗ garethe, die immer, wenn Deſodry im Hauſe war, Schildwacht ſtehen mußte, mit der Nach⸗ richt in's Zimmer, daß mehrere Mitglieder der Volksverſammlung ſich naheten. Duͤclair brach ſogleich ſein Geſpraͤch ab, und Deſodry floh in ſeinen Verſteck. Die Herren von der Comitee traten ein. Sie hatten gehoͤrt, daß ein Offizier hoͤheren Ranges bei mir eingekehrt war, und kamen nun, ſeinen Paß zu unterſuchen. Indem ſie dies Verlangen auf eine ziemlich kurze Weiſe kund thaten, ſah ich ſehr wohl, daß ſie gern mir und meinem Gaſte etwas angehabt haͤtten; Duclairs gewandtes Benehmen brachte ſie aber bald auf andere Gedankon. Kaum hatten ſie das Wort Paß aus dem Munde, ſo ſtand er auf und ſchrie mit einer Stentorſtimme;„Es lebe die Republik!“ und waͤhrend er nun einen großen, mit einer Menge Siegel und Stempel — 6— und Unterſchriften wohl verſehenen Bogen hin⸗ reichte, fuhr er fort:„Wie gluͤcklich iſt mein Vaterland, ſolche Buͤrger zu haben, die mit Kraft und Uneigennuͤtzigkeit, gleich den alten Romern, das Wohl deſſelben bewachen!“ In dieſem Tone redete er fort, waͤhrend meine Frau, was ſie jedesmal that, wenn aͤhnlicher Beſuch uns heimſuchte, fleißig einſchenkte, und nach einer halben Stunde entfernten ſich die Herren Volks⸗ wohlwachter, ſehr zufrieden mit dem laͤrmenden Patriotismus des Offiziers und der Guͤte mei⸗ nes Weines. Jetzt kam Deſodry wieder zum Vorſchein und Duͤclair ſprach nun wieder wie ein ver⸗ nuͤnftiger Menſch.„Man muß mit dem Strome ſchwimmen“, meinte er, als ich uͤber ſeine vori⸗ gen Erklamationen gegen die Elubbiſten lachte, wenn man nicht untergehen will. Jetzt iſt dies uͤbertriebene Weſen an der Tagesordnung, was kann der Einzelne dagegen thun? Das Beſte iſt, man entzieht ſich dem Unſinn, ſo bald man kann, darum gehe ich zur Armee, wo noch allein Vernunft und Recht herrſchen. Ich — 203— ſuchte das Gluck als Advokat, als Journaliſt, nun will ich es einmal auf dem Felde der Ge⸗ fahr ſuchen. Ich werde meinem neuen Stande, ſo hoffe ich, keine Schande machen; aber, unter uns, ſo bald wie's geht, verlaſſe ich doch den Militairdienſt wieder, der mir im Ganzen nicht zuſagt. So Gott will, werde ich meinen Gene⸗ ral ja wohl auch lenken koͤnnnen, wie ich ſchon Viele lenkte; dann ſuche ich als Kriegs⸗Com⸗ miſſair oder Intendant, oder Lieferant, wie unſer Freund Remy, angeſtellt zu werden; mehr ver⸗ lange ich nicht, das iſt die Carriere, die fuͤr mich paßt, da denke ich mich auszuzeichnen. Aber jetzt muß ich fort. Lebt wohl, lieben Freunde, lebt woht, und laßt den Muth nicht ſinken. Die Zeiten ſind hart, ſie ſind abſcheu⸗ lich; aber Geduld! die Sache kann nicht lange ſo bleiben, es muß bald anders werden.“ Daã⸗ mit fuhr er ab. „Ja!“ rief Deſodry aus,„es muß anders werden; es kann nicht ſo bleiben.“ „Ach!“ entgegnete ich,„ſo ſagteſt du ſchon oft; dies iſt der ewige Troſt aller Mißvergnuͤg⸗ — ten, und ändert ſich darum die Zeit? Die Unter⸗ druͤckung dauert fort, wenn nicht von dieſer, doch von anderer Seite.“ Außer Duclair wußte nur noch ein Menſch, daß Deſodry bei mir verſteckt lebte; dies war der ehrliche Onkel Lecog. Duͤclair hatte uns einen Brief von ihm mitgebracht; wir ſahen daraus, daß er weit entfernt war, alles, was vorging, ſo auf die leichte Achſel zu nehmen, wie es der ehemalige Advokat that. Er beſchwor Deſodry, ſich verborgen zu halten und keinen Schritt zu wagen, der ihn unerrettbar ins Verderben ſtuͤrzen wuͤrde. Um ſo mehr er⸗ ſtaunte ich, daß noch an demſelben Abend De⸗ ſodry uns erklaͤrte, der Onkel ſey ein Poltron und er wuͤrde morgen des Tages nach Paris reiſen. Die bedeutenden Summen, welche ihm Duͤclair uͤbergeben, und das, was er ihm er⸗ zählt hatte, hatten ſeinen Muth auf einmal an⸗ geregt. Er zweifelte nicht, daß ſeine andern Bekannten eben ſo edel und brav gegen ihn hanbeln wuͤrden, wie Duͤclair, wenn er ihnen nur Gelegenheit dazu böte, und beſonders rech⸗ — 205— nete er auf Remy und Froment, die ihm ſo vielfach verpflichtet waren. Weil dieſe Menſchen jetzt in Anſehen bei den Behorden ſtanden, ſo hoffte er, wuͤrden ſie ihm nuͤtzen können, daß der ungluckliche Ver⸗ haftbefehl gegen ihn zuruͤckgenommen und er, gleich Duͤclair, bei der Armee oder ſonſt wo angeſtellt wuͤrde.„Sie werden mich nicht ver⸗ laſſen“, ſagte er,„nein! ſie verlaſſen mich nicht, ich bin vollkommen ruhig daruͤber.“ In⸗ dem er dieſe Worte ſprach, fuͤhrte er ſein Glas zum Munde; aber das Zittern ſeiner Hand zeigte mir nur zu deutlich, wie weit es mit ſeiner innern Ruhe her war. Nach einigen Minuten Stillſchweigen fuhr er fort:„und wenn auch! Mag die Gefahr, die mir in Paris droht, noch ſo groß ſeyn, ich gehe doch hin. Duͤclair hat Recht; es iſt unmoglich, daß dieſer Zuſtand lange dauert, und wenigſtens ſtelle ich euch durch mein Hierſeyn nicht länger blos. Remy und Froment verlaſſen mich nicht.“ Da wir ſahen, daß ſein Entſchluß feſtſtand, ſo blieb uns nichts uͤbrig, als einzuwilligen; das erklaͤrte ich aber ſogleich, daß ich ihn beglei⸗ ten wuͤrde, und obſchon er auch dies nicht wollte, ſo mußte er doch meinen und meiner Frauen Bitten nachgeben, die alles von der Unbeſonnen⸗ heit ihres Bruders furchtete, wenn er das Wag⸗ ſtuͤch allein unternahm. Trotz den Verunglimpfungen, bie ich im Elubb zu Montereau von den„braven Patrio⸗ ten“ meines Freundes Renou erfahren mufßte, fehlte es mir doch noch nicht an Mitteln, mir fuͤr Deſodry einen Paß verſchaffen zu konnen, vermoͤge welchem er unter dem angenommenen Namen Valentin innerhalb ganz Frankreich um⸗ herreiſen konnte. Wir fuhren demnach zuſam⸗ men ab, und meine Pauline empfahl bei un⸗ ſerer Abfahrt ihrem Bruder die S fuͤr und mir die fuͤr ihn. Bis Villeneuve St. George behielten wir den Wagen; hier aber denſelben zurücklaſſend, huͤllten wir uns in das Coſtuͤm des Tages, d. h. in Pantalons und Aermelweſten, und ſetz⸗ ten, einen Stock in die Hand nehmend, unſern Weg zu Fuße fort. In Paris angekommen — 207— und gluͤcklich durch die Bartiere gelangt, blieben wir bis zum Abend in einem geringen Gaſt⸗ hauſe; dann verfuͤgten wir uns zu Onkel Lecoq. Siebenzehntes Kapitel. Die Freunde. Auf dieſem Gange fiel mir unwillkuhrlich die Zeit ein, wie ich das erſtemal nach Paris kom⸗ mend mit Deſodry dieſen Weg ging. Ach, wie anders, wie viel lachender war damals alles! Jetzt begegneten wir nur ſchweigenden, ernſt vor ſich hin blickenden Menſchen, die ſich kaum ein⸗ ander anzuſehen wagten. Mitunter traf mein Blick auf ein Geſicht, deſſen Wildheit mir Grauen einjagte. Die Jahreszeit trug dazu bei, den duſteren Eindruck des Ganzen zu vermehren. Es war im Spaͤtherbſt, ein dicker Nebel truͤbte die Atmoſphaͤre; obſchon es noch nicht ſpaͤt war, ſo fand man doch bereits die mehrſten Kauf⸗ laden geſchloſſen; einzelne Patrouillen durch⸗ zogen die Straßen; ſie waren ſchlecht bekleidet, zum Theil ohne Uniformen, blos in ſchmutzigen Weſten, Piken ſtatt Gewehren im Arm. Sonſt war alles ſtille wie im Grabe, kein Wagen⸗ geraſſel, keine Muſik ließ ſich hören, nur aus einigen Wirths⸗ und Kaffeehaͤuſern tönten uns aus rauhen Kehlen die Freiheitslieder zu, deren einige unſere Armeen zum Siege fuͤhrten, an⸗ dere dagegen das ſchreckliche Signal zum Morde waren. Wir kamen an mehreren öffentlichen Gebaͤuden voruͤber, die man jetzt in Gefängniſſe umgeſchaffen hatte; die alten Kloöſter, die alten Collegien hatten dazu nicht hingereicht, man mußte mehrere Pallaͤſte in Kerker umwandeln. Endlich gelangten wir vor Lecoqs Hausthuͤre. Deſodry, der ſich vor aller Welt verborgen hal⸗ ten mußte, blieb in einem Winkel ſtehen, waͤhrend ich hineinging. Wie erſchrak der ehrliche Buͤr⸗ ger, wie ſeine Frau, als ich ihnen ſagte, daß ———— — 209— ihr Reffe hier ſey! Die braven Leute zitterten nicht fur ſich, ſondern blos fur ihn, und nach⸗ dem ſie ihn ſelbſt mit aller moglichen Vorſicht in's Haus geſchafft hatten, beſchworen ſie ihn, ja nirgends anders als bei ihnen ein Aſyl zu ſuchen. „Wie unvorſichtig iſt es aber von dir“ ſagte Lecoq zu Deſodry,„jetzt nach Paris zu kom⸗ men! Was iſt denn deine Abſicht?“ Deſodry theilte ſeine Pläne mit.„Möchte dich dein Vertrauen nicht täuſchen“, fuhr der Onkel fort.„Und wozu mußteſt du denn, um die Verwendung deiner angeblichen Freunde zu erlangen, ſelbſt kommen? Denkſt du denn, daß ich dich der Gefahr blosſtellen werde, ſo geradezu ſelbſt zu ihnen zu gehen? Nein, nein, Herr Neffe, daraus wird nichts. Himmel, wenn dich jemand erkennte, wenn du angegeben wuͤrdeſt! Ich werde mit Herrn Aubin zu den einflußrei⸗ chen Freunden gehen, ja, ich will den Wider⸗ willen, den ich gegen dergleichen W em⸗ pfinde, uͤberwinden.“„ „Sey nur vorſichtig“, fiel die 2unt ein n. 14 — 20— „und zähme deine Zunge; denn ich kenne dich ſchon, wenn du in Eifer geräthſt.“ „So viel wie moglich, werd' ich es ſeyn“, entgegnete Lecog.„Das lernt man ſchon in die⸗ ſen Zeiten. Zum Glück bin ich weder ſehr reich, noch vornehm genug, um ſonderlich Ver⸗ folgung fürchten zu duͤrfen. Und man müßte ja ein eingefleiſchter Teufel ſeyn, wenn man mir ein Verbrechen daraus machen wollte, daß ich fuͤr meinen Neffen ſpreche.“ Was mir Herr Lecog von dem Stande der Dinge erzäͤhlte, was ich ſelbſt ſah, vollendete mir alle Hoffnung fur meinen Freund zu rau⸗ ben. Was war aus den fröhlichen, muntern Pariſern geworden! Aller Umgang unter Fa⸗ milien, unter Freunden hatte aufgehoͤrt; kein Menſch traute mehr dem Andern; Eltern heg⸗ ten Argwohn gegen ihre Kinder, Herrſchaften gegen ihre Dienſtleute, Nachbaren gegen Nach⸗ baren. Ein Wort, eine Geberde, das Still⸗ ſchweigen ſelbſt konnte einen verderben; keinen Abend legte man ſich ohne die Furcht nieder, in der Nacht aus dem Bette geholt zu werden, und das nannte man Freiheit! und ſo unter dem Schwert des Damokles ging man noch in die Oper, in die Vaudevilles! Dahin hatte die wilde Leidenſchaft einiget Partheimenſchen, dahin hatte der ſtorrige Eigen⸗ ſinn Anderer ein gutes Volk gebracht; bis zu dieſer Tiefe hatten ſich die edlen Ideen von Recht und Geſetzmaͤßigkeit verirrt, bis zu dieſem Abgrund von Elend war man durch Umtriebe aller Art geſunken.— Der Pöbel pluͤnderte die Reichen, der Geiſt der Rache wuͤthete, jahrhun⸗ 3 dertjaͤhrigen Druck vergeltend gegen die Vorneh⸗ men, die Einmiſchung der Fremden empoͤrte den Nationalſtolz, und was noch gut war, ver⸗ darb vollends Englands grauſame Politik, das ſein Gold verſchwendete, um den beneideten Nach⸗ bar nur vollends innerlich und äußerlich zu ent⸗ zweien und zu verderben. Doch genug von dieſem Bilde des allgemei⸗ nen Elends; ich kehre zur Geſchichte zuruͤck. Onkel Lecoq und ich kamen anfangs uͤber⸗ ein, zuſammen zu Sokrates Froment zu gehen, von dem wir eine guͤnſtige Verwendung wegen 14* — 212— der Aufhebung des gegen Deſodry erlaſſenen Verhaftsbefehles hofften, indem wir auf des Mannes oft geruͤhmte Dankbarkeit gegen ſeinen Wohlthäter doch etwas rechneten; ſpäter uͤber⸗ legte ich mir aber, daß es wohl beſſer ſey, wenn ich erſt allein mit dem neugeſchaffenen re⸗ volutionairen Sokrates ſpräche, und Lecoq blieb demnach, mich blos bis an die Thuͤre begleitend, unten am Hauſe ſtehen, während ich mich in das Zimmer des Volksredners vom neuen Schlage begab. Ich fand Froment ausgeſtreckt auf einem ſchmutzigen und zerriſſenen Canapee liegen, um ihn her herrſchte, gleich wie bei vielen ſogenann⸗ ten damaligen Brutuſſen, trotz ihres heimlichen Reichthums, Durftigkeit und Schmutz im Ameub⸗ lement. Er ſelbſt hatte eben gefruhſtuͤckt und war berauſcht. Sein Benehmen war jetzt noch viel roher und zurückſtoßender, wie einſt. Gegen ihn erſchien mein ultrarepublikaniſcher Freund Renou wie ein Muſter von Zierlichkeit und Feinheit; ſein Anblick, ich geſtehe es, jagte mit ein Grauen ein. Ich glaubte Satan zu ſehen, — 21¹3— wie er uͤber das Elend der Menſchen lacht, als Froment mich jetzt mit verzerrten Mienen an⸗ grinſte und mit rauher Stimme fragte:„Was giebt's? was willſt du?“ Ich gab mich nun zu erkennen, denn der alte Suͤnder erinnerte ſi ich meiner nicht mehr.„Ach! du biſt's, Aubin“, fuhr er fort,„das Doctorchen, das immer den Philoſophen machte. Ich kenne euch Volk ſchon; immer furchtſam, immer zaghaft, ſeyd ihr zu nichts Großem zu brauchen, und haltet nur Andere mit eurer albernen Moral zuruͤck. Was willſt du jetzt von mir? Ein Certificat deines Patriotismus? Wende dich an die Co⸗ mittee; aber auf mich rechne nicht. Alles, was ich thun kann, iſt, daß ich nicht ſagen will, daß ich dich von ſonſt her als einen Lauen kenne.“ Ich ſagte ihm nun, daß ich nicht meinet⸗ wegen käme, ſondern ihn bitten wolle, ſich füͤr Deſodry zu verwenden⸗ Der Name Deſodry war kaum ſ meine Lippen, ſo gerieth der Wuͤtherich in einen un⸗ baͤndigen Zorn.„Was iſt das!“ rief er mit ſchaͤumendem Munde aus;„Deſodry! fur die⸗ ſen Nichtswürdigen wagſt du zu bitten? fur die⸗ ſen Agenten von Pitt und Koburg? Mich, mich, Sokrates Froment, mich, den Vice⸗Präſidenten einer Revolutions⸗Comittee, fur Deſodry? Hat er mich nicht, wie ich noch arm und er reich war, oft genug gedemuͤthigt und verachtet? Und ſein Weib, ſein impertinentes Weib, habe ich der nicht ſogar muͤſſen als Souffleur in einer albernen Poſſe dienen?„. Es iſt wahr, er hat mir manchmal Geld gegeben, aber, mußt' ich es nicht verdienen? mußt' ich nicht ſein fa⸗ des Gewaͤſche uͤber Staatskunſt und ihre er⸗ baͤrmlichen Romane abſchreiben? Und wie ſtolz benahmen ſie ſich damals gegen mich?„. Was ſcher' ich mich jetzt um alles das, was er vielleicht mit leichter Muͤhe fuͤr mich that. O, heilige Republik!“— fuhr er fort und zog die ſchmutzige rothe Muͤtze ab:„dir habe ich mich geweiht, dir diene ich, dir würde ich Weib und Kind opfern, wenn ich ſie hätte. Sag' deinem Deſodry, er ſoll ſich gut verbergen, denn wenn ich ihn entdecke, iſt er verloren.“ Durchbebt von Abſcheu und Schrecken, wollte 4 — 216— ich mich entfernen.„Halt! halt!“ rief mit das Ungeheuer nach;„da du von Deſodry mir ſprichſt, ſo mußt du wiſſen, wo er iſt. Im MNamen der einen und untheilbaren Republik, wo iſt er verſteckt?“ „Glaubſt du mich faͤhig, meinen— zu — erwiederte ich empoͤrt. Der Him⸗ mel mag wiſſen, wie dieſe Unterredung geendet haben wuͤrde, wären nicht in dieſem Augenblick zwei ſchmutzige Kerle in's Zimmer geſtuͤrmt, die den neuen Sokrates ſogleich uͤber Seite zogen und ſehr angelegentlich heimlich mit ihm ſpra⸗ chen. Ob es Collegen von ihm in der Revo⸗ lutions⸗Comittee, oder Mitvorſteher bei der Se⸗ queſtration der Guͤter der Emigranten waren, weiß ich nicht; ich wartete ihr Geſpraͤch nicht ab, ſondern benutzte den guͤnſtigen Moment, mich ſtill hinwegzuſchleichen. Auf der Straße winkte ich und wir beide entfernten uns nun auf's ſchnellſte. Jetzt hatte ſich die Gefahr fur Deſodry, fuͤr uns, ver⸗ mehrt, ſtatt ſich zu vermindern. Daß fuͤr ihn jetzt weder bei mir, noch bei ſeinem Onkel mehr — 246 Sicherheit war, leuchtete ein; doch gingen wir noch zu Remy. Brutal und raͤuberiſch wie Turcaret, dies war zu jener Zeit der Charakter der Lieferanten und der Parvenues. Ungeheure Summen in Aſſignaten wurden von ihnen an Maitreſſen ver⸗ ſchwendet; mit einer faſt tollen Wuth uͤberließen ſie ſich den Vergnuͤgungen der Tafel und allen Arten von Ausſchweifungen. Ihr Streben ſchien nur dahin gerichtet zu ſeyn, zu rauben und den Augenblick zu genießen. Zwar hatten ſie Freunde, Stuͤtzen und Theilnehmer ihres wilden Lebens genug unter den Machthabern des Moments; aber die Zeit war ſo, daß man auf nichts fuͤr den andern Tag ſicher rechnen konnte. Wer heute am Ruder ſaß, konnte mor⸗ gen zur Guillotine wandern: wer heute fur den heißeſten Patrioten galt, wurde vielleicht den naͤchſten Tag ſchon als ein Verräther und Roya⸗ liſt verfolgt.— Neben dieſer Genußſucht be⸗ fliſſen ſich aber die Reichgewordenen auch noch im Aeußern und im Betragen des ärgſten Sanculottismus. Dies war nothwendig, um — 217— dem Pobel nicht aufzufallen, der jeden mit Tod bedrohte, welcher ſich nicht zeigte, wie er. Ci⸗ toyen Remy, zu dem wir nun eintraten, hatte dies alles trefflich weg. Von Deſodry's Miß⸗ geſchick hatte er uͤbrigens noch nichts vernommen; es gab damals ſo vieles Mißgeſchick, daß man ſehr wohl das eines Einzelnen, ſelbſt eines Be⸗ kannten, im allgemeinen Elende uͤberſehen konnte. Im Ganzen empfing uns jedoch Remy beſ⸗ ſer, wie Sokrates Froment mich. Kaum hörte er des Freundes Namen, ſo klagte er ſeine Nachläͤſſigkeit an, den edlen Mann in mehreren Monaten nicht beſucht zu haben; aber er hatte eine Reiſe in die Provinzen machen muͤſſen, ſeine Geſchaͤfte waren ſo uͤberhaͤuft, ein guter Buͤrger mußte ſeine ganze Zeit ſo gänzlich der Republik widmen kurz, die Entſchuldigungen fehl⸗ ten dem dankbaren Herrn Remy nicht.„Aber was macht mein Deſodry?“ fuhr er fort,„wie geht's ihm? zuͤrnt er mir auch nicht?“ Wir er⸗ zahlten jetzt das ungluͤckliche Geſchick des ver⸗ ehrten Freundes; mit jedem Worte wurde Re⸗ my's Geſicht laͤnger, und als er vollends von — 21— dem Verhaftsbefehl hörte, da rief er aus:„Mein Himmel! was kann ich da thun!“„Sich fur ihn verwenden, daß der Befehl zuruͤckgenommen wird“, ſiel Herr Lecoq ungeduldig ein.„Ei, ei“, entgegnete der Andere,„darein miſche ich mich nicht. Teufel, das konnte mir ſchlecht bekommen! Und ihn etwa ſo lange verbergen? bei mir? in Paris? o bewahre, das geht nicht. Ich ſehe ja alle Tage die Herren vom S fahrtsausſchuſſe bei mir.“ „Nun, vielleicht konnen Sie es in der Pro⸗ vinz, in einem der von Ihnen erkauften Schlöſſer?“ „Wo denken Sie hin! Ich, Schlöſſer? ich habe keines mehr, ſie ſind alle niedergeriſſen, das Land vertheilt, der Pflug geht uͤber die Staͤtte. Ich habe gehandelt, wie ein braver Buͤrger han⸗ deln muß. Und auf wen kann man ſich jetzt noch verlaſſen? Mein Gärtner iſt— der Volksverſammlung.“ Wir baten ihn nun, ſeinem Freunde unter deſſen angenommenen Namen Valentin wenig⸗ ſtens eine kleine Stelle, möchte ſie auch noch ſo — 219— ärmlich ſeyn, bei dem Proviantweſen der Armee zu verſchaffen. Ein ſolcher Platz reichte hin, dem Verfolgten Sicherheit zu gewähren. „Daß ich des Teufels waͤr!“ rief Remy aus,„auf keinen Fall vermag ich dies. Wenn man ihn entdeckte, wenn man erfuͤhr', daß der Name Valentin nur ein angenommener iſt, da würde ich in einem ſchoͤnen Lichte erſcheinen. Uebrigens habe ich auch jetzt keine Stelle of⸗ fen; ſehen Sie ſelbſt dort das Paket Bittſchrif⸗ ten von lauter guten, eifrigen Patrioten, unter⸗ ſtutzt von maͤchtigen Fuͤrſprechern; die muͤſſen vor allen Dingen beruͤckſichtigt werden. Welcher Satan hieß auch Herrn Deſodry ſich in Dinge miſchen, die ihm nichts angehen? Warum machte er es nicht wie ich, und diente der Re⸗ publik als aͤchter Patriot, als ächter Republika⸗ ner, wie ich mir ſchmeichle einer zu ſeyn? Man muß in Zeiten, wie die jetzigen, vorſichtig ſeyn; wer hieß ihm mit ſeinem Moderantismus jetzt aufſtehen? Es iſt wahr, er hat mir gedient ſonſt ehemals es iſt ſchon lange her.„ober ſoll ich mich deswegen jetzt compromittiren?“ Seine Frau war waͤhrend bem Geſpräch in 6 Zimmer getreten; ich ſuchte ſie fuͤr den Mann zu intereſſiren, den ſie einſt als ihren Retter, ihren groͤßten Wohlthaͤter pries. Mit trocknem Ton erwiederte ſie mir, daß ſie nicht hoffe, daß ich verlangen wuͤrde, ihr Mann ſolle ſich eines Fremden wegen in's Ungluͤck ſtuͤrzen.„O, ſey ruhig“, fiel Herr Remy ein;“ ich weiß, was ich zu thun habe, ich bin nicht auf den Kopf gefallen.“„Ja“, ſprach ich im Gehen, em⸗ pört uber dieſe Menſchen:„Ja Madame, Sie koͤnnen ruhig ſeyn; wir werden Sie und Ihren Herrn Gemahl nicht mehr beläͤſtigen.“ Wie betroffen war Deſodry, als wir ihm den Erfolg unſeres Ausganges berichteten! Von zwei Freunden, auf deren Hülfe er ſo ſicher ge⸗ rechnet hatte, war der Eine ein Feiger, der ſich furchtſam zuruͤckzog, und der Andere ein Boͤſe⸗ wicht, der ihn zu verfolgen und ſeine Familie in's Ungluͤck zu ſtuͤrzen drohte. Aber hier war keine Zeit zu verlieren; er muhte fort von Pa⸗ — 221— ris, denn jeder Augenblick Verweilens konnte ihm den Tod bringen. Die einzige Hoffnung, die er noch hatte, beruhte auf ſeinem Paß von Mon⸗ tereau. Onkel Lecvq gab ihm einen Empfeh⸗ lungsbrief an einen Bekannten in Pont⸗'Eve⸗ que, einer kleinen Stadt im Departement Cal⸗ vados, und ſo fuhr er noch denſelben Abend mit der Diligence von Can dahin ab, waͤhrend ich meinen Ruͤckweg in die allein antrat. Achtzehntes Kapitel. uabinutheres D⸗ Reiſe meines Snibes war weder ange⸗ nehm, noch glucklich. Wie hätte ſie auch das erſtere in Zeiten ſeyn konnen, wo Mißtrauen — 222— wie eine Peſt ſich uͤber das Ganze gelagert hatte, wie das zweite, während die wildeſten Leidenſchaften von allen Seiten tobten? Die Diligence war ſtark beſetzt; zwei Frauen, ein Kind, ein Militair, der zur Armee an den Kuͤſten gehen ſollte, und noch drei Perſonen, deren Namen, noch Stand mein Freund nicht erfuhr. Von der ſonſt unter Menſchen, die eine Reiſe zuſammen machen, ſo gewöhnlichen Offenheit unter einander, vermöge welcher man bald bekannt wird und ſich wechſelsweiſe Zuvor⸗ kommenheiten erzeigt, war jetzt keine Spur vor⸗ handen. Man ſcheute ſich, den Mund aufzu⸗ thun, man furchtete ſich, zu höflich zu ſeyn, denn beides konnte ja Verdacht ertegen. So fuhr man mit einander Tage lang, ohne ein Wort zu ſprechen, ſelbſt ohne einander anzuſehen, und wenn man ſich trennte, furchtete man noch im⸗ mer, zu viel geſprochen zu haben, und ſah den Scheidenden noch lange mit Mißtrauen nach. Die beiden Frauen waren ſehr einfach gekleidet, und gegen die Gewohnheit ihres Geſchlechtes, ſchweigſam, wie die Männer; ſelbſt das Kind — 228— ſchien von ſeiner Mutter den Befehl echalten zu haben, nicht zu reden. Nur Einer von den Dreien, die Deſodry unbekannt blieben, ſprach und zwar viel, denn auch der Militair ließ, nachdem er mit einigen Fluchen ſein Mißfallen daruber hatte zu erkennen gegeben, daß man ihn von der Rheinarmee weg und zu der beordert hatte, die gegen die Rebellen in der Vendee focht, nichts weiter von ſich hören. Derjenige hingegen, welcher ſich fortwaͤhrend laut machte, zeigte ſich als einen heißen Patrioten. Er ſang die republikaniſchen Lieder, munterte die Andern zum Sprechen auf und wurde böſe, wenn er nur einſylbige Antworten erhielt. Zuletzt, da nichts half, fing er an Haͤndel zu ſuchen, dabei verſichernd, er liebe nichts mehr wie dies; der Militair ſtopfte ihm endlich den Mund, indem er ihm befahl zu ſchweigen, wenn er es nicht mit ſeinem Saͤbel wolle zu thun haben. Dazu hatte aber der Plauderer keine Luſt, und ſo herrſchte denn von nun an die vollkommenſte Stille.„ Drei Tage war man bereits auf dieſe Art mit einander gereiſt, als man gegen Einbruch der Nacht in ein tiefes und langes Defilee kam. Die mehrſten auf dem Wagen ſchliefen; Deſodry ſann, ſtill in eine Ecke gelehnt, dem Gange ſei⸗ nes Schickſals nach. Zum Erſtenmale ver⸗ wuͤnſchte er nicht allein die Unthaten der raſen⸗ den Jakobiner, ſondern die ganze Revolution. „Ach“, ſagte er zu ſich,„dieſe Großen, deren Macht und Privilegien wan niederſtürzte, miß⸗ brauchten ſie ihre Gewalt wohl jemals ſo ſehr, wie die ſie mißbrauchen, die jetzt im Namen der Freiheit unterdruͤcken? Sie waren Muſter von Menſchlichkeit gegen dieſe Ungeheuer.“ In dieſem Augenblick erhob ſich ein wilder Lärm hinter dem Wagen.„Nieder mit den Blauen! Nieder mit den Jakobinern!“ ſchrieen viele rauhe Kehlen.„Es ſind Chouans! es ſind Chouans!“ rief der Conducteur,„fahr zu Poſtillion.“ Ein Schuß warf den Unglücklichen vom Pferde. Der Militair wollte aus dem Wagen ſpringen und ſich den Raͤubern widerſetzen: die Weiber hielten ihn ſchreiend zuruͤck und beſchworen ihn, die Wäthenden nicht durch Widerſtand noch mehr — 225— zu reitzen. Schnell iſt das Fuhrwerk von einer furchtbar ausſehenden Bande umgeben, während Andere auf der Hoͤhe, die Gewehre im An⸗ ſchlage, ſtehen. Jetzt tritt der Anfuͤhrer, ein weißes Tuch um den Huth gewunden, das Geſicht mit einer ſchwarzen Gaze⸗Maske bedeckt, heran und befiehlt den Reiſenden auszuſteigen, indem er zugleich verſichert, es ſolle ihnen kein Leid geſchehen, man wolle blos die Depeſchen und die Gelder der Regierung. Einige vermummte Kerle fuͤhrten nun die Ausgeſtiegenen ſeitwaͤrts zu einem Graben, in welchen ſie ſich, die Geſich⸗ ter auf die Erde gelegt, niederſtrecken mußten: aber, trotz dem Worte des Anfuhrers, pluͤnderte man ſie ſo gut wie den Poſtwagen. Der Mi⸗ litär, empört uͤber dieſe Niederträchtigkeit, ſpringt auf und zieht den Säbel; ein wildes Handge⸗ menge entſteht, bald iſt er uͤberwaltigt. Man bindet ihn an einen Baum, um ihn zu erſchie⸗ ßen; die Weiber, das Kind flehten fuͤr ihn, um⸗ ſonſt! ſie wurden mit Mißhandlungen weggeſtv⸗ ßen aber pltzlich fällt ſeitwaͤrts ein Schuß und noch Einer und noch Einer„. 1I. 15 —— die Chouans fliehen unter den ſchrecklichſten Verwuͤnſchungen gegen die Republik und die Republikaner. Einer der Poſtillione hatte ſich ſugeig u wie der Laͤrm losging, gerettet; in der nur ein Paar Schußweiten entfetnten Stadt lag Garniſonz ein Detachement eilte ſogleich der Diligence zu Huͤlfe; das Nahen— vſche die Raͤuber. Man kann ſich die Unordnung, die Beſtür⸗ zung denken, in welcher die Reiſenden auf der Station ankamen. Hier folgte jedoch der oben erlebten ſchrecktichen Scene, eine erfreuliche, eine ruͤhrende. Dieſelben Menſchen, welche nun ſchon drei Tage voll des aͤngſtlichſten gegenſeitigen Mißtrauens, ſtumm und theilnahmlos mit ein⸗ ander gefahren waren, troſteten, ermunterten, un⸗ terſtutzten ſich jetzt gegenſeitig. Die Chouans hatten in der Eile, mit welcher ſie zu Werke gehen mußten, nicht allen alles nehmen koͤnnen; nur Einen hatte das Loos getroffen, alles zu verlieren; es war dies der, welcher fruͤher allein das große Wort fuͤhrte. Man beſchloß —— von dem, was man noch gerettet hatte, eine Maſſe zu machen, einen Theil davon der Wittwe und den Kindern des ungluͤcklichen Poſtillions zu geben, das Uebrige aber gleichmaͤßig unter ſich zu theilen. Deſodry vermochte am reichlich⸗ ſten beizuſteuern; er hatte nichts als ein Porte⸗ feuille mit Aſſignaten verloren; ſein Paß, der Brief an den Freund ſeines Onkels in Pont⸗ vEveque und ſein, in einem Guͤrtel eingenahtes Gold, war ihm geblieben. Der Wirth im Gaſt⸗ hauſe wollte fuͤr die Gepluͤnderten eine Collecte in der Stadt machen; man dankte fuͤr das Er⸗ bieten und bat ihn, ſich dagegen fuͤr die Hinter⸗ bliebenen des Erſchoſſenen zu verwenden.— Noch horte man in der Stabt, daß die Bande, von welcher man uͤberfallen worden, von einem Ueberläufer aus der Vendee vefehligt wurde, deſſen Anſichten dahin gingen, daß die Chefs des Aufſtandes in jener ungluͤcklichen Provinz viel zu milde mit den Blauen(wie in der Sprache der Vendeiſten und Chouans die Re⸗ publikaner hießen) verfuͤhren, und der deswegen die unerhorteſten Grauſamkeiten gegen alle die⸗ 15* — 228— jenigen auszuuͤben pflegte, die einer andern poli⸗ tiſchen Meinung waren, wie er. Man konnte demnach noch von Gluͤck iugen⸗ ſo durchgekom⸗ men zu ſeyn. Den folgenden Tag fand— ein neuer Paſſagier auf dem Wagen ein. Der Mann war bereits bejahrt, aber noch von ruͤſtigem An⸗ ſehen. Eine große, ſchwarze Peruͤcke und eine tief in die Augen gezogene Muͤtze machten ſein Geſicht unkenntlich; dabei war er in einen wei⸗ ten Ueberrock, von der Art, wie man ſie zu jener Zeit Houppelandes nannte, gehuͤllt, und eine dicke, ſchwarze Binde verdeckte ſein Kinn ſo ſehr, daß man in der That faſt nichts von ihm, als ſeine großen, flammenden Augen und ſeine weit hervorſtehende Adlernaſe ſah. Gleich von Anfang bemerkte Deſodry, daß ihn der Fremde, welcher ihm gegenuͤber ſaß, fortwaͤhrend im Auge hielt. Nach einem Weilchen und nachdem man uͤber das geſtrige Abenteuer geſprochen hatte, ſchien der Mann etwas minder beſorgt zu werden, wie er anfangs in Betreff Deſodry's war. Er hatte aus deſſen Geſprächen geſehen, — 229— daß er nicht zu den wüthenden Partheimenſchen gehoͤrte, die jeden Andersdenkenden verfolgen, und begann nun ſich etwas dreiſter zu zeigen und die ihn verhuͤllende Muͤtze und Binde ein wenig zuruckzuſchieben. Wie groß war jetzt mei⸗ nes Freundes Erſtaunen, als er in dem Reiſe⸗ gefahrten ſeinen einſtigen Beichtvater, den ſtren⸗ gen, eifernden Abbe Danriot erkannte, der in dieſem Augenblick einen bittenden Blick, gleich als wolle er ſagenz verrathe mich nicht, auf ihn warf. Deſodry ſah ihn freundlich an, und um ihn ganz zu beruhigen, ne er ihm verſtohlen die Hand. Auf der erſten Stution fanden beide einige Minuten die Gelegenheit, unbemerkt mit einan⸗ der zu ſprechen. Der Abbe erzaͤhlte Deſodry, daß er mitten in den Sturmen der Revolution ſeinem Glauben und ſeinen Anſichten treu ge⸗ blieben ſey. Er hatte tauſend Gefahren uͤber⸗ ſtanden, war von einem Verſteck in den andern geflohen, und zeigte ſich jetzt noch weit intole⸗ ranter, wie einſt im Seminarium.„Ich bin im Begriff“, ſagte er,„mich in die Vendee —— 230— zu begeben, um dort vereint mit andern from⸗ men und wahren Dienern der Kirche die Glaͤu⸗ bigen zum Kampf gegen die Gottloſen, die Ketzer, die Revolutionairs aufzurufen. Mögen mich auch die Abtruͤnnigen morden, ich ſterbe fuͤr meine Kirche, füͤr meinen Glauben; Fluch denen, die von ihrem Gott, von ihrem Koͤnig abfielen; dreifacher Fluch aber den ſchändlichen Prieſtern, die eure hoͤlliſche Conſtitution beſchworen.“ Die Wuth, mit welcher der Fanatiker ſich ausſprach, machte meinen Freund beben.„Gu⸗ ter Gott!“ rief er aus,„iſt das nicht ein Ra⸗ ſender, wie die, die jetzt Frankreich mit Blut bedecken?“— Er erzaͤhlte mir ſpaͤter, daß die Erſcheinung dieſes Menſchen gerade in dieſer Epoche ſeines Lebens vollends dazu beigetragen habe, ſeine bisherigen Ideen zu verwirren. Hier ſah er einen Prieſter, der im Namen des Got⸗ tes der Liebe und des Erbarmens, Mord und Emporung zu predigen ging; auf der andern Seite erblickte er Menſchen, die, um der Ver⸗ nunft, dem Recht und der Freiheit den Sieg zu verſchaffen, aͤrger wie Tiger wuͤtheten. Ein Theil würgte unter dem Schiboleth des Volks⸗ wohls gerichtlich Tauſende hin, ein anderer Theil trieh im Namen der Legitimität Straßenraub und Buſchklepperei. Welche Schrecken erblickte man auf allen Seiten! Die Rache fuͤr jahr⸗ hundertjaͤhrigen Druck war fuͤrchterlich; die Re⸗ actionen noch unmenſchlicher. Die Kinder eines Landes zerfleiſchten ſich wie wilde Thiere, und ihr blinder Haß, ihre blutduͤrſtige Wuth diente nur dazu, einigen kalten und gewandten Köpfen die Bruͤcke zu Ehren und Großen zu hauen. Ueber die Leichen von Tauſenden hoben ſich Einige emporz auf dem Meer vergoſſenen Blu⸗ tes und Thraͤnen ſchwamm das Glucksſchiff Eini⸗ ger.„ Für die Maſſe hatte ſich das weite Feld aller Verbrechen, aller Greuel gebffnet. Dies waren die Betrachtungen, die meines Freundes Seele erfuͤllten, als er unter dem Na⸗ men Valentin in Pont⸗l'Eveque ankam, 232 veni Neunzehntes Kapitel. Meine abraiſe zur Prmee S dem unbeſonnenen Schritt von Deſodry, vermöge welchem er gezwungen wurde zu fliehen, war ich ſelbſt der großten Gefahr ausgeſetzt. Renou's Anweſenheit in Montereau, der von dieſem Augenblick an daſelbſt üͤberhand nehmende 6 Einfluß einiger ſchlechten Subjecte, mein Beſuch bei Froment, der mich im Namen der Republik aufgefordert hatte, ihm Deſodry's Aufenthalt zu entdecken, dies, ſo wie die Drohungen dieſes Menſchen und der Argwohn, welcher mich jetzt ſo ſichtlich umlagerte, zeigten mir, daß ich eilen mußte, auf meine Rettung zu denken, wenn ich nicht bald die Zahl der Opfer der revolutionairen Wuth vermehren wollte. Ich theilte daher mei⸗ ner Frau bei meiner Heimkehr meinen Entſchluß mit, Montereau zu verlaſſen. Bis hierher hatte ich in dem Character meiner Pauline nur ſanfte Hingebung, nur Liebe fuͤr ihren Mann, ihre Kinder und ihren Bruder gefunden; jetzt ſah ich, daß ſie auch Muth und Seelenſtaͤrke hatte⸗ „Ja“, ſagte ſie,„du mußt fort. Ich will gern den Schmerz der Trennung tragen, wenn ich dich nur gerettet weiß. Komme dann, was da wolle, ich werde mich zu finden wiſſen. Ich könnte ſagen, ich will mit, aber dadurch wäre wenig gebeſſert. Ich kenne dich und vertraue deiner Einſicht; vertraue du auch mir. Wenn uns das Ungluck erreichen ſollte, ſo wirſt du dem Tode mit Muth entgegen zu gehen wiſſenz ich werde den Muth haben, fuͤr unſere Kinder, fuͤr deine alte Mutter zu leben. Aber Gott! — hier ſank ſie weinend in meine Arme— wird mir dieſen Schmerz nicht tragen laſſen; er wird meinen Mann, meinen Bruder erhalten.“ Ich ſuchte ſie zu troſten, ſo gut ich ver⸗ mochte; ach mein Herz rang ſelbſt nach Troſt!— „Wo willſt du dich abet hinwenden?“ fragte mich endlich Pauline.„Wo denkſt du eine Zu⸗ flucht zu finden?“ Ich theilte ihr jetzt den Plan mit, den ich mir auf dem Wege ausgeſonnen hatte. Mitten in der Unordnung und der Anarchie, welche Frankteich in allen Theilen zerriſſen, gab es noch einen Zweig der Verwaltung, der auf's kraftvollſte und vortrefflichſte geleitet wurde; dies waren die Heere, der Krieg. Derſelbe ſchreckliche Convent, der alles im Innern zer⸗ trat, vor dem alles bebte, was Franzoſe war, wußte ſich bei dem Auslande eben ſo furchtbar zu machen. Waͤhrend die gränzenloſeſte Unord⸗ nung im Lande herrſchte und nichts geordnet, immer nur eingeriſſen wurde, fochten vierzehn energiſch geleitete Armeen ſiegreich auf den Graͤn⸗ zen gegen Europa's verbundene Fuͤrſten, und Frankreichs Feinde zitterten nicht minder vor den Waffen der Republik, wie die Franzoſen ſelbſt vor den Blutbeſchluͤſſen des Wohlfahrtsaus⸗ ſchuſſes. Bei unſern Armeen war Ordnung, Ehre und Patriotismus, und wenn auch Ein⸗ zelne im Verwaltungsweſen ſich Unterſchleife zu — 235— Schulden kommen ließen— die übrigens da⸗ mals im Ganzen doch weniger Statt fanden, wie unter den ſpaͤteren Gouvernements— ſo kann man doch ſagen, auf den Graͤnzen, in den Reihen unſerer Krieger, wohnte das Recht und die Rechtlichkeit. Hier war damals Frank⸗ reichs moraliſche Kraft, hier ſah man nichts von Betrug, von Heuchelei, von falſchem Patriotis⸗ mus; die Ehre, die Begeiſterung fuͤr die edlen Ideen der Zeit hoben die Bruſt des Kriegers; der Soldat kannte nur ein Gefuͤhl, Liebe fuͤr Freiheit und Vaterland, und Haß gegen die, die da kamen, den Boden der Heimath zu unter⸗ druͤcken. Dem Talent war die Bahn zu Ruhm und Auszeichnung eröffnet, mochte es auch in der niedrigſten Huͤtte geboren worden ſeyn; der Geringſte durfte hoffen, die hoͤchſte militairiſche Ehrenſtufe zu erklimmen; nichts ſtand ihm im Wege von alten Vorurtheilen, keine Schranke engte mehr das aufſtrebende Genie ein.— Einige geſchickte, aber unglückliche Anführer wa⸗ ren der Blutgier des Convents zum Opfer gefal⸗ len, aber andere, nicht minder geſchickte, traten — an ihre Stelle und trotzten zugleich der Wuth der Partheien im Innern uud den Waffen des Aus⸗ landes. So flog Frankreich von Sieg zu Sieg, die Ehre, das Recht, die Freiheit in den Reihen ſeiner Krieger erhaltend, die es durchtobt von wuͤthenden Factionsmenſchen im Innern verlor. Bei unſeren Heeren war jeder willkommen, der nuͤtzliche Dienſte leiſten konnte. Ich hatte zugleich mit dem Studium der Medizin das der Chirurgie getrieben, und dieſe Wiſſenſchaft ſeitdem nicht ohne Gluͤck verſchiedentlich angewendet. Jetzt ſchrieb ich an einen Bekannten in Paris, der in Folge der Ereigniſſe dermalen mit an der Spitze der Verwaltung des Medizinalweſens fuͤr die Ar⸗ meen ſtand. Seine Antwort blieb nicht lange aus; Chirurgen waren damals, wo die ganze Jugend zu den Waffen eilte und alle Studien unterbrochen waren, ſelten; mein Anerbieten daher ſehr will⸗ kommen. Man ernannte mich zum Ober⸗Feld⸗ Wundarzt bei einer Diviſion der Rheinatmee und ich eilte dahin abzugehen. In der That, es war die höchſte Zeit, daß ich mich entfernte. Noch den⸗ ſelben Abend, als ich meine Beſtallung erhielt, — 237— ward auf Veranſtaltung der Clubbiſten eine Haus⸗ ſuchung bei mir unternommen. Wie froh war ich, daß ich den armen Deſodry nicht mehr in meinen Mauern beherbergte! Dieſer Vorfall trieb mich zu doppelter Eile an; ich empfahl meine Gattin, meine Kinder, meine Mutter, die Kinder meines Freundes, der Vorſorge einiger vertrauten Be⸗ kannten, umarmte noch einmal meine Lieben und reiſte nach Straßburg ab. Eh' ich jedoch den Rhein uberſchritt, hatte ich noch die Freude, durch einen Brief von Herrn Lecoq zu erfahren, daß Deſodty in Pont⸗l'Eveque angekommen war. Ende des zweiten Theiles. Theil I. S. 103 8. 12 v. o. ſinb zwiſchen ben Worten: 3 Abweſenheit und durch, die beiben Woͤrter: „änderte ſich“ ausgeblieben, woburch der Sinn bes Satzes verloren geht. Man bittet daher, ſie im Buche, des richtigen Verſtändniſſes wegen, nach⸗ zutragen. * . ſſiſ ſſſ 18 16 1 7 18 10 11 12 13 14