von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaffe Lit. A. Nr. 256. Seih und Keſebedingungen. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Ahr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben en i n e tſprchende Sumine hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 für ipehentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 W— Pf 1W 5 Pß 2 M If. 3 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. 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Des als Dichter durch viele gelungene Theaterſtuͤcke auch unter uns bekannten Pi⸗ card*) neueſtes Werk: PExalté, erregte bei ſeinem, vor wenigen Monaten ſtatt findenden Erſcheinen ſo viele Aufmerkſam⸗ keit in Frankreich, daß eine Uebertragung *) Die mehrſten und vorzuͤglichſten der Pi⸗ card'ſchen Dramen verpflanzte unſer geiſt⸗ reicher Landsmann, Theodor Hell, auf deutſchen Boden. — v1— deſſelben in unſere Sprache ſchon deswegen kein verfehltes Unternehmen zu ſeyn ſchien. Es wird dies aber noch mehr durch den Inhalt und die Lemen des Buches ſelbſt gerechtfertigt. Wer weiß nicht, daß un⸗ ſere Zeit reich an überſpannten Koͤpfen in jeder Art iſt. Sie mangeln dieſſeits des Rheins ſo wenig, wie jenſeits; wer weiß ferner nicht, daß Heuchelei unter der Maske der Gottſeligkeit, oder„Chriſtlichkeit“ vielmehr, wie man es jetzt gern nennt, ſeit Fahren wieder recht arg ihr Weſen auf vielfache Art treibt? Seit Molieres hat aber keiner die Tartuffes ſo treffend in ihrem Weſen und Wirken geſchildert, wie Picard in dieſem ſeinen Werke. Die 3 . ——— — VIF— Froͤmmler aus glaͤubiger Ueberzeugung, wie die aus Eigennutz, ſind hier nach dem Leben gemalt; und wer irgendſge⸗ wohnt iſt, um ſich zu blicken, wird Ori⸗ ginale zu den hier gegebenen Bildern ge⸗ nug finden. Rechnet man hierzu die viel⸗ fachen zeitgeſchichtlichen Beziehungen, die treffenden Schilderungen der Schwärmer und Ueberſpannten in politiſcher Hinſicht und die geiſtvolle Einkleidung des Gan⸗ zen, ſo wird man dem Uebertrager die bei ſeiner Arbeit gehegte Hoffnung verzei⸗ hen, dem deutſchen Publicum eben durch die Uebertragung einen Dienſt erwieſen zu haben. Ob es ihm uͤbrigens gelungen iſt, den Geiſt des Originals ohne durch⸗ — vm— aus ſtrenge Bindung an das Wort, wie⸗ derzugeben, moͤgen Andere entſcheiden; geſtrebt hat er wenigſtens darnach, und ſein Wunſch iſt erreicht, wenn der Leſer mit demſelben Vergnügen und Intereſſe die nachfolgenden Blätter lieſt, wie der Unterzeichnete ſie ſchrieb. Friedrich Gleich. —, —— Ich war Einteitung. — —— ——————— — — ſehr bekannt mit Herrn Pierre Aubin, einem Arzte und dem eigentlichen Verfaſſer gegen⸗ „ Dieſe Stelle enthält eine ſcherzhafte Entſchul⸗ digung des Verfaſfers gegen ſeine Landsleute, ſich des von ihm gleichſam neugeſchaffenen Wor⸗ tes„Exalts“ hedient zu haben. Da eine ſolche Entſchuldigung bei uns natuͤrlich unnothig und das Wort, mit welchem dieſer Ausdruck hier uͤbertragen wurde, kein neugebildetes iſt, ſo habe ich auch geglaubt, dieſe Zeilen weglaſ⸗ ſen zu duͤrfen. d. Ueb⸗ wärtiger Blätter, die von ihm nicht zum Druck beſtimmt waren. Ueberzeugt von der Wahrheit, daß der Menſch fortwährend an ſeiner geiſtigen Erziehung arbeiten muͤſſe, hatte er das Ganze zu ſeiner und ſeiner Soͤhne Bil⸗ dung zu Papier gebracht, und zuweilen theilte er auch wohl Freunden Einzelnes davon in ver⸗ traulichen Vorleſungen mit. Dieſe Bekannten, — unter denen ich mich befand— beredeten ihn endlich, das Manuſtript der Orffentlichkeit zu äbergeben; eh' mein Freund ſich jedoch dazu entſchloß, aͤnderte er aus mancherlei achtungs⸗ werthen Rückſichten alle darin vorkommenden Namen, ſo daß derjenige, welcher nun ſi h noch in dieſem Buche als erwähnt annehmen wollte, dadurch nur ſich ſelbſt nennen wuͤrde. Eines Tages ſagte ich zu Aubin;„Um ſo umſtaͤndlich alle Handlungen und ſelbſt die Gedanken des Mannes, den Sie hier Deſo⸗ dry nennen, berichten zu können, müſſen Sie mit ihm in einem ſehr vertrauten Verhaͤltniß geſtanden haben. 4 „—— „So iſt es“ erwiederte er mir.„Ich bin gleichſam ſein Schatten durch's ganze Leben geweſen, ja ich kann ſagen, mir blieb nichts von dem verborgen, was ſeine Bruſt bewegte⸗ Ich las in ſeiner Seele oft beſſer, wie er ſelbſt. Da die Zeit, in welcher die Geſchichte faͤllt, beinahe durchaus diejenige iſt, in der wir lebten, ſo kann es natürlich nicht fehlen, daß manche Anmaßung, manches Vorurtheil ſich unangenehm beruͤhrt fuͤhlen wird. Doch wird man, wie ich hoffe, finden, daß Aubin mit Un⸗ partheilichkeit und Maͤßigung urtheilt. Ohnlaͤngſt ließ ein anderer meiner Freunde, Herr Droz,— mit welchem ich vor nicht lange die Memoires de Jacque Fauvel gemein⸗ ſchaftlich herausgab— ein eben ſo nuͤtzliches als intereſſantes Buch, betitelt:„De la Phi- losophie morale, ou des differens Systemes sur la science de la vie“ erſcheinen. Obſchon ich nun recht gut weiß, daß zwiſchen dieſem Werke und dem vorliegenden keine Parallele zu ziehen iſt, ſo kann es doch leicht ſeyn, daß manche Leſer, denen vielleicht des Arztes Aubin Exiſtenz problematiſch bleibt, den Glauben hegen, ich haͤtte hier nur einen Roman ge⸗ ſchrieben, und um dies zu beweiſen, die Be⸗ hauptung aufſtellen, als hätte ich mehrere An⸗ ſichten aus Herrn Droz Werk entnommen. Fuͤr dieſe Zweifler ſey denn hier geſagt: daß ihr Verdacht vielleicht nicht ganz ohne Grund iſt. Gabriel Desodrp unter der alten Regierung⸗ Erſter Theil. E rße 6 apitel. Erſtes uſamment der Freunde Jo darf wohl fagen, mein Leben iſt ſo ruhig und friedlich verfloſſen, als nur irgend ein Leben in der Zeit, die wir ſeit 1789 hatten, verfließen konnte; aber ich hatte einen Freund, Gabriel Deſodry, mit dem war es ein ganz anderer Von Jugend auf gewohnt, jeden meiner Schritte zu bedenken, mir von allem Rechenſchaft zu geben, beobachtete ich Alles, was um mich her vorging, und ſuchte beſonders die Hebel zu ergruͤnden, welche uns zu dieſer oder jener Hand⸗ lung bewegen; mein Freund that das Letztere auch, aber freilich auf eine andere Art. Er hatte ſich ſo gut wie ich, vorgenommen gut und tu⸗ * gendhaft zu ſeyn, und er erfaßte deswegen die da⸗ hin zweckenden Lehren auf's innigſte; wer weiß aber nicht, daß jede Lehre, ſelbſt die beſte, der Uebertreibung faͤhig iſt, und daß oft unſere gehei⸗ men Neigungen und Schwächen uns unmerklich zu dieſer Uebertreibung in ihrer Ausuͤbung hin⸗ fuͤhren! Mich ſelbſt anlangend, ſo glaube ich mich immer ſo ziemlich im rechten Gleiſe erhalten zn haben, auch habe ich nie meine einmal ergrif⸗ fenen Grundſätze geändert; mein Freund aber iſt oft vermoͤge ſeines Charakters, der ihn alles mit Heftigkeit ergreifen ließ, zu Lächerlichkeiten, ja ſelbſt Mißbrauchen in den Syſtemen hingeriſ⸗ ſen worden, die er, wie ſie ſich ihm eben im Lauf der Zeiten darboten, annahm. Dies hat uns nun natuͤrlich haͤufig entzweit, die Freundſchaft fuͤhrte uns aber ſtets wieder zuſammen, und wenn auch ſein Benehmen mich mitunter zwang, ihn weniger als ſonſt zu achten, ſo nothigte mich ſein Herz doch, ihn ſtets zu lieben, denn er war, bei alle dem, gut und brav. Seine, wie meine Geſchichte werden nun die nachfolgenden Blaͤtter enthalten, denn da ich faſt „ ſtets um ihn war, und in der innigſten Verbin⸗ dung mit ihm lebte, ſo iſt mir nichts, was ihn betraf, entgangen, und ich hege den Glauben, daß die Erzaͤhlung ſeiner Fehlſchritte und Irr⸗ thuͤmer, ſo wie die Darlegung der Principien, welche mich leiteten— wobei ich jedoch bitte, mich von der Eitelkeit frei zu ſprechen, als hielt ich mich fuͤr ein Muſter— von einigem Nutzen ſeyn kann.. I†ch ſelbſt wurde 1758 geboren. Mein Va⸗ ter, Michael Aubin) war ein in Montereau, wo er wohnte, und der ganzen umgegend geachteter Arzt. Da er indeß mehr den Armen wie ſich diente, ſo waren ſeine Umſtaͤnde nicht glänzend, und blos um ſie zu erleichtern, betrieb meine Mutter einen kleinen Handel mit Leinewand und Spezerei⸗Waaren, der indeß auch nur wenig abwarf, da ſie die Kunſt vorzuſchlagen und zu jüdeln, weder ühte, noch uͤben wollte. Ich war der einzige Sohn, und meine fromme Mutter, die ich das Gluͤck abe, noch in meinem Alter, wo ich dies ſchreibe! zu beſitzen, ließ es ſich angelegen ſeyn, mich in der Furcht des Herrn zu erziehen. Nie durch mein ganzes Leben habe ich mich niedergelegt oder bin aufgeſtanden, ohne mein Herz zu Gott zu erheben, und am Schluß des Tages das, was ich gethan hatte, vor meinem Gewiſſen zu prfen, und ich kann meinen Leſern verſichern, 8 ich mich S ſrts wohl den habe. 40½ In meinem zehnten Jahte verlor ich meinen wuͤrdigen Vater, und kam nun in das Collegium, von Ludwig dem Großen, in welchem meine Mutter ſo gluͤcklich geweſen war, einen Platz fuͤr mich zu erhalten. Da ſie niemand in Paris kannte und doch gern ſehen wollte, wie und wo ich blieb, ſo entſchloß ſie ſich, mich ſelbſt hinzu⸗ bringen, und ſo ſchifften wir uns denn in der Nacht vom 29. Septerber 1768 auf der poſt nach der Hauptſtadt ein. Wie ſehr mich dieſe Freude der— Reiſe bemerken. War mir doch alles ſo neu, und fremd und ſchoͤn! Auf dem Vordertheile des Schiffes ſtehend, betrachtete ich mir bei anbrechendem Tage die voruͤbereilenden, lachenden Ufer der meines Lebens begeiſterte, darf ich wohl kaum ————————————— —.——— B — Seine, und mein Herz ſchlug dabei hoch auf vor Entzuͤcken. So waren wir bei der Bruͤcke von Meluͤn vorbeigekommen, als ich einen kleinen Kahn anſichtig wurde, in welchem ein Dienſt⸗ maädchen ſaß, das ein vier- bis fuͤnfjaͤhriges Mäadchen auf dem Arme hielt, waͤhrend ein Knabe von meinem Alter, in Trauer wie ich gekleidet, neben ihr ſtand. Der Kahn ſteuerte auf uns zu, und als er an uns heran war, ſagte das Frauen⸗ zimmer zu dem Fuͤhrer unſeres Schiffes, daß ihre Herrſchaft, Madame Deſodry— eine reiche Ei⸗ genthuͤmerin zu Melun— wuͤnſche, er möge ih⸗ ren Sohn, der in's Collegium nach Paris kaͤme, mitnehmen. Zugleich uͤbergab ſie einen Brief an den Onkel des Knaben, Herrn Lecoq, Tuch⸗ haͤndler in der Straße St. Paul, als wohin der junge Deſodry gebracht werden ſollte, So fuͤhrte mich mein Geſchick im Moment meines Austritts aus dem väterlichen Hauſe mit dem Freunde meines ganzen nachherigen Lebens zuſammen, und die Innigkeit, welche er beim Abſchied von ſeiner kleinen Schweſter Pauline zeigte, und die Liebe, mit welcher das Kind ſich — 3— wieder an ihn ſchmiegte, erwarben ihm gleich im erſten Augenblick mein Herz. So ſehr ich ſelbſt auch noch Kind war, wußte ich doch dieſe Aeu⸗ ßerungen des Gefuͤhls zu ſchätzen, und ich pries im Stillen das Loos des neuen Reiſegefaͤhrten, dem das Glůck gegeben hatte, was es mir verwei⸗ gerte, und wornach ich mich ſo oft ſchon ſehnte, ein Geſchwiſter. Die wohlwollenden Geſinnungen, welche ich, gegen Gabriel empfand, ſchienen aber auch ſo⸗ gleich bei ihm fuͤr mich zu erwachen; Bloͤdigkeit hielt uns jedoch ein Weilchen ab, uns einander zu nähern, bis endlich die jugendliche Offenheit dies Hinderniß uͤberwand, und wir bald Einer des Andern kleine Geſchichte wußten.— Wie ich, betrauerte Deſodry den Verluſt ſeines Vaters, wie ich ging er in das Collegium von Lud⸗ wig XIV. Dieſe Uebereinſtimmung, verbunden mit der des Alters, brachte uns ſchnell einander nahe, und mit Vergnuͤgen ſah meine, unſerm kindiſchen Geplauder zuhorende Mutter, daß ich einen Cameraden gefunden hatte. wichen nun die ganze Reiſe nicht ———— von einander, und als endlich das Fahrzeug am St. Paulsthore anlangte, ſchlug meine Mutter dem Conducteur vor, daß ſie den jungen Deſodry ſelbſt zu ſeinem Onkel bringen wollte, was denn jener auch gern zugab, und was mich mit großer Freude erfuͤllte. Es war gerade an einem Sonntag, als dies geſchah. Ueberall ſah man geputzte Männer und Frauen, die theils dem Vergnuͤgen nach⸗ gingen, theils den geoͤffneten Kirchen zuſtroͤmten. Ich ſah dies alles, neu, wie mir die Umgebung war, mit ſtaunender Bewunderung an, als plötz⸗ lich Deſodry ſich von der Seite meiner Mutter entfernte und mit dem lauten Ausruf:„Mein Onkel!“ einem kleinen dicken Mann zueilte, der behaglich auf einem Lehnſtuhl hinter einer halb gesffneten Ladenthure ſaß. Auf den Ruf des Herrn Lecoq kam jetzt auch ſeine Gattin herbei: Meine Mutter uͤbergab den Brief, und wir wurden mit den größten Freudenbezeugungen empfangen, ja ich hatte ſogar das Gluͤck, dem Onkel und der Tante meines neuen Freundes ſo zu gefallen, daß beide mir faſt dieſelben Liebkoſungen erwieſen, —————— — mit denen ſie in der Freude ihrer Herzen den Neffen uͤberhäuften. Beſonders erſchopfte ſich Madam Lecog in meinem Lobe, und aus dem Umſtande, daß ich mit ihrem Verwandten daſſelbe Collegium beſuchen ſollte, prophezeihte ſie eine innige und dauernde Freundſchaft zwiſchen uns, meinend:„ſie wolle ihre Hand in's Feuer legen, wenn dem nicht ſo ſey.“— Dies war nämlich eine Lieblingsverſicherung der guten Frau, die ſie bei jeder Gelegenheit vorbrachte, und die leicht auf die Vermuthung haͤtte fuͤhren koͤnnen, als achte ſie ihre Hand ſehr wenig. Nach Tiſche— denn wir mußten durchaus bei den guten Leuten ſpeiſen— entfernte ſich meine Mutter, um eine Wohnnng fuͤr uns zu ſuchen, und ich will dieſe Zeit benutzen, dem Leſer theils zu ſagen, daß Onkel Lecoq und deſſen Frau keine Kinder hatten, den jungen Deſodry und deſſen Schweſter aber gleich eigenen Sprößlingen anſahen und ihnen einſt ihr anſehnliches Ver⸗ mögen beſtimmten, und dann, daß noch eine Tante von Gabriel im Hauſe war, die ſich erſt — während der Mahlzeit eingefunden hatte, indem ſie fruͤher in der Meſſe geweſen. Demoiſelle Veronika Lecoq, eine Schweſter des Tuchhaͤndlers, war lang und mager, ſehr ernſt von Miene und Haltung und ſo eigentlich ein voͤlliger Gegenſatz von der wohlbeleibten, lach⸗ luſtigen und muntern Frau des Hauſes, die gern und viel plauderte, waͤhrend Veronika nur ſelten etwas hoͤren ließ, und wenn ſie ſprach, dies ſtets in einem abgemeſſenen, ſtrengen Tone that. Noch muß ich einer Perſon gedenken, die gegen das Ende der Mahlzeit ſich einfand. Es war dies der Abbe Falcol, ein Mann von ohn⸗ gefaͤhr dreißig Jahren, von blaſſem, wenig ver⸗ ſprechendem Anſehen, welches jedoch nicht ver⸗ hinderte, daß Demoiſelle Veronika ihn auf's zu⸗ vorkommenſte entgegen nahm. Sie raumte ihm nicht allein ſogleich einen Platz neben ſich ein, ſondern befliß ſich auch, ihm die beſten Biſſen von dem aufgetragenen Deſert vorzulegen, die dann der Abbe auch von ſeinem Beichtkinde— denn dies war Veronika— dankbar hinnahm und ſie dafüͤr nach aufgebobenem Mahle zur Veſper zu einem beruͤhmten Kanzelredner nach St. Louis fuͤhrte, waͤhrend wir Andern, wie Herr Lecoq ganz gleichguͤltig verſicherte, uns mit Anhoͤrung eines Sermons in St. Paul begnuͤgen wollten, was denn von dem frommen Paare mit leichtem Achſelzucken aufgenommen wurde. Gegen Abend ſchlug Herr Lecog, der ein aͤch⸗ ter Pariſer Buͤrger damaliger Zeit und als ſol⸗ cher ein großer Verehrer Voltaires, ein halber, Philoſoph, und, obſchon keineswegs ein Unglaͤu⸗ biger, doch ein Feind aller Fröͤmmelei und neben⸗ bei etwas auf ſein Geld und ſeine Wuͤrde als Viertelsmeiſter eingenommen war, eine Parthie ins Theater vor; meine Mutter lehnte das Er⸗ bieten zu großer Ermüdung wegen aber ab, und als ſie zwei Tage darauf nach Montereau zuruͤck⸗ kehrte, da empfahl ſie mir zum Abſchiede nichts ſo angelegentlich, als die ſtete Beherzigung der herrlichen Worte des Evangeliums:„Liebe Gott mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit allen Kraͤften; deinen Nächſten aber wie dich ſelbſt; denn dieſes Gebot ſchließt alle anderen in ſich.“ — 13— 8weites Kapitel. Deſodry's Angehoͤrige. De Freundſchaft, welche ſich zwiſchen mir und Deſodry entſponnen hatte, wuchs durch unſern gemeinſchaftlichen Aufenthalt im Collegium. So oft er ſeine Verwandten beſuchte, begleitete ich ihn, und die guten Leute gewannen mich nach und nach ſo tieb, wie ihn ſelbſt; ja ſelbſt Demoi⸗ ſelle Veronika ſchien das gleiche Gefuͤhl wie gegen ihn, zu mir zu hegen; wenigſtens ver⸗ mahnte und ſchalt ſie mich ſo oft aus, wie ihn. Nachdem wir ſo beide ein Jahr in Paris ge⸗ weſen waren, entſchloß ſich Herr Lecoq einmal, einen Beſoch in Meluͤn bei ſeiner Schweſter ab⸗ zuſtatten, die er in langer Zeit nicht geſehen hatte. Sein Neffe und ich ſollten ihn begleiten, —— — 14— und ich zugleich meine Mutter in Montereau ſehen. Bei der Ruͤckkehr ſollte ich, ſo war der Plan, ein Paar Tage in Melun verweilen. Dies geſchah. Nach einem kurzen Aufent⸗ halte im elterlichen Hauſe, wo die ſorgſame Mut⸗ terliebe nach allem, was mir in der Zeit der Tren⸗ nung begegnet war, geforſcht und mit Freuden bemerkt hatte, daß der Sohn unverdorben geblie⸗ ben, machte ich mich wieder auf den Weg, und ward von meinem Freunde und ſeiner kleinen Schweſter eingeholt, die ſich mit kindlicher Offen⸗ heit, wie an einen Bruder, an mich ſchloß. Als wir in's Haus traten, benachrichtigte man uns, ja ſtille zu ſeyn, denn Mad. Deſodry, die den Tag vorher eine furchtbare Migräne gehabt hatte, ruhe ein wenig. Wir gingen alſo mit dem Onkel einſtweilen in den Garten, und ich gewann Zeit, mir das Gebaͤude, in welchem die Mutter meines Freundes wohnte, von außen in Augen⸗ ſchein zu nehmen. Es lag in einer Vorſtadt, war groß und in einem Sttyle erbaut, der an die Schloſſer der alten Feudal-Barone der Vorzeit erinnerte. Wie mir Lecog erzaͤhlte, ſo liebte eben — 15— dieſes Ausſehens wegen ſeine Schweſter dies Ge⸗ baͤude ganz beſonders, und ſah es gern, wenn man das alte Gemaͤuer ein Schloß nannte. Gegen Mittag erſchien endlich Mad. Deſo⸗ dry. Sie war noch jung und ſehr huͤbſch, doch dabei auch ſehr blaß, was ſie jedoch durch etwas aufgelegtes Roth zu verbeſſern ſuchte. Im Ganzen glich ſie uͤbrigens mehr der ernſten Vero⸗ nika, als ihrem jovialen Bruder, doch war nicht zu verkennen, daß ſie ſanfter und ſchmachtender, wie dieſe, und keineswegs der Welt ſo entſagend war, wie Veronika dies ſchien. Sie ſuchte zu gefallen und gefiel; ſchade nur, daß große Lau⸗ nenhaftigkeit ihr Erbtheil war. Die kleinſte Unannehmlichkeit regte ſie an, aber gleich darauf war ſie wieder guͤtig und zuvorkommend, und ihre Kinder ſchalt und liebkoſete ſie in einem Athem, ein Betragen, wobei die kleine Pauline, wenn der Unwille ihren Bruder traf, am meiſten zu leiden ſchien, und das zuletzt ſelbſt den ſonſt immer heiteren, Lecoq ſo unangenehm wurde, daß er nicht umhin konnte, etwas von kraͤnklichem Eigenſinn vor ſich hin zu murmeln. —— 16— Nach dem Eſſen begab ſich Mad. Deſodry in ihr Zimmer, um ihre Toilette zu machen, denn jeden Abend brachte ſie in Geſellſchaft zu, und wie ich ſpäter hoͤrte, lebte ſie nur darum in Me⸗ lun, weil ſie daſelbſt die erſte Rolle ſpielen konnte, was natuͤrlich in Paris nicht der Fall geweſen ſeyn wuͤrde. Ihr Bruder ſollte ſie be⸗ gleiten, ſchlug es aber, zu ihrem großen Mißver⸗ gnuͤgen, mit der Bemerkung ab, daß er ſich be⸗ reits genug in den guten Cirkeln von Meluͤn ge⸗ langweilt habe, und daß er den letzten Abend ſei⸗ ner Anweſenheit vergnuͤgt, d. h. mit uns Kindern zubringen wollte, was denn auch geſchah, indem wir ſaͤmmtlich, waͤhrend Madame aus war, einen ſolchen Laͤrm im Hauſe verfuͤhrten, daß die Nach⸗ baren glauben mochten, das wuͤthende Heer ſey eingezogen. Den andern Tag reiſten wir nach Paris zu⸗ ruͤck und weinend, wie von ihrem Bruder, nahm die kleine Pauline von mir Abſchied. — 17— Drittes Kapitel. Frömmelei und Eitelkeit. Da Zeit, wo wir, Deſodry und ich, das erſte⸗ mal das Abendmahl genießen ſollten, nahte heran. Ich glaudte jetzt um nichts frömmer ſeyn zu dur⸗ fen, wie ſonſt; Gabriel ſchien aber dagegen an⸗ ders zu denken. So wenig er ſich auch bisher als eifriger Schuͤler im Religionsunterricht gezeigt hatte, ſo warm ward er doch auf Einmal fuͤr die Sache und die Lehren, welche uns unſer Leh⸗ rer vortrug, wurden dem Anſchein nach von ihm aufs tiefſte beherzigt. Ja, ſein Eifer ging ſo weit, daß alle die uns aufgelegten Faſten, Gebete u. dgl. ihm noch nicht zu genuͤgen ſchienen, und ich kann ſagen, es machte mir ordentlich Kum⸗ mer, daß ich durchaus mich nicht zu einer gleichen 2 — 18— Begeiſterung zu erheben vermochte. Waͤhrend er in einer beſtaͤndigen Spannung war, blieb ich ruhig; wendete nach wie vor mit kindlichem Vertrauen mein Herz zu, und f mich wohl dabei. 2 56 Herr und Madame Lecoq waren uͤbrigens nicht wenig ob der Veraͤnderung erſtaunt, die ſo mit Einemmale mit Deſodry vorgegangen war, doch war der Onkel klug genug, ſich nichts weiter uͤber das plötzlich umgewandelte Benehmen ſeines ſonſt mehr leicht⸗ als tiefſinnigen Neffen merken zu laſſen, und ich ſah nur, wie er einigemal ſtill vor ſich hin laͤchelte, wenn Deſodry jetzt des Sonnabends keine Fleiſchſpeiſen mehr genießen wollte. Mad. Lecoq dagegen, obſchon ſelbſt ge⸗ rade nicht dem Treiben der Welt abgeſtorben, fuhlte ſich durch die fromme Haltung, die der Juͤngling ſo gleichſam uber Nacht gewonnen hatte, maͤchtig erbaut, und verſicherte mir wohl zehnmal, daß ſie ihre Hand in's Feuer legen wolle, wenn ihr Neffe nicht dermaleinſt ein gro⸗ ßes Kirchenlicht wuͤrdez eine Aeußerung die ihr Gemahl nur mit einem:„Bah! das wird ſich ————— — 19— geben, ich habe auch in meiner Jugend ſolche Schwindel gehabt“, beantwortete. Am mehr⸗ ſten fuͤhlte ſich aber natürlich Demoiſelle Vero⸗ nika durch die Sache angeſprochen. Wahrend Mad. Lecoq meinen jungen Freund beſchwor, ſei⸗ ner Geſundheit nicht durch zu vieles Faſten und Beten zu ſchaden, ermunterte dieſe ihn vielmehr, in ſeinem gottgefälligen Beginnen ruͤſtig fortzu⸗ ſchreiten, und mir entging nicht, daß ſie eigentlich erſt von dieſem Augenblicke an Gabriel in ihr Herz ſchloß. Ich kam dagegen ſehr bei ihr in Schatten. Zwar hatte ſie mich nie beſonders ausgezeichnet, aber jetzt, da mein Benehmen ſo ſehr gegen das ihres Neffen abſtach, und ich uͤber⸗ haupt ihren pietiſtiſchen Ermahnungen ſo wenig Aufmerkſamkeit ſchenkte, ſchien ſie ſelbſt eine Art Widerwillen gegen mich zu empfinden, der bald ſo weit ging, daß ſie es nicht mehr barg, wie ſie Gefahr fuͤr Gabriel in meinem Umgang fuͤchte; eine Anſicht, in welche der Abbe Falcol nicht ermangelte einzuſtimmen. 3 Dieſer Mann, deſſen kopfhaͤngeriſches und augenverdreheriſches Weſen mir vom Anfang an 2* — nicht zugeſagt hatte, war Lehrer in einem Se⸗ minarium in der Vorſtadt St. Jakob geworden, und da ihm Demoiſelle Veronika ihren Neffen in einer ihrer frommen Zuſammenkuͤnfte mit Freude blitzenden Augen als ein zur wahren Heerde des Herrn zuruͤckkehrendes Lamm vorge⸗ ſtellt hatte, ſo ergoß er ſich nun in einen ſolchen Strom ſuͤßlicher und myſtiſcher Redensarten, daß mir, ich geſtehe es, Hören und Sehen verging, und ich auf dem Heimwege nicht umhin konnte, ihn gegen meinen ganz entzuͤckten Freund einen Heuchler zu nennen. Hieruͤber gerieth aber Gabriel in einen ſolchen Zorn, daß er ſich gern mit mir wuͤrde geſchlagen haben, waͤre dies nicht eine gar zu arge Compromittirung ſeines neuan⸗ genommenen pietiſtiſchen Benehmens geweſen. Zu den Hauptvorbereitungen der jungen Leute, welche zum Erſtenmale das Abendmahl ge⸗ nießen wollten, gehoͤrte, dem Gebrauche nach, die Ablegung einer Generalbeichte, und dies geſchah denn ſchriftlich. Mit Erſtaunen ſah ich das bo⸗ genlange Suͤndenregiſter, welches mein Freund dieſerhalb von ſich ausarbeitete, und unwillkuͤhrlich — 21— draͤngte ſich mir der Gedanke auf, wie hierbei weit mehr die geiſtliche Eitelkeit, als die Reue im Spiel war. Der große Tag der ttibtſen Feier kam endlich, und ein neuer, nicht erfreulicher Blick ward mir an ihm in das jetzt ſo veränderte In⸗ nere meines Gefährten. Deſodry's Familie war viel reicher, wie die meinige; nie aber hatte er ſich bisher deswegen uͤber mich erhoben; heute geſchah dies aber. Obſchon ich ſehr rein⸗ lich und nett angezogen war, ſo ſtach doch mein einfacher Anzug ſehr gegen ſeinen eleganten und glänzenden ab, und ſo ſcheinheitig Gabriel auch, wie aufgelöſt in Demuth, die Augen niederſchlug, ſo entging mir doch nicht, daß er mich in meinem duͤrftigen Gewande mit dem Stolze des Ueber⸗ muthes ſeitwaͤrts betrachtete. War dies aber nicht eben ſo gut Eitelkeit, wie das mit dem lan⸗ gen Sündenregiſter? Da er eine huͤbſche und pnt Stnm hatte, ſo war ihm der Auftrag geworden, die kleine Rede in unſerer aller Namen, die unfere Wuͤnſche und unſere Bitten in Betreff der Auf⸗ nahme in die Gemeinde durch den Gennß des Abendmahts enthielt, zu ſprechen, und er ent⸗ ledigte ſich auch dieſes Auftrages ſo gut, daß die ganze Verſammlung damit zufrieden war. Die Blicke, welche ſich dieſerhalb auf ihn richteten, das leiſe Gemurmel des Beifalls, welches ſich hoͤren ließ, ſchmeichelten ihm nicht wenig. Trium⸗ phirend ſah er auf uns Andere, und es gehoͤrte wenig Menſchenkenntniß dazu, um auch hier den Durchblitz ſeiner gekitzelten Eitelkeit zu bemerken. Ob er dieſe Wallungen des Erdgeiſtes, wenn ich ſo ſagen darf, zuletzt ſelbſt fuhlte, oder ob es ebenfalls nur eine Frucht ſeiner angenommenen Demuͤthelei war, daß er noch vot der Weihe mit ſeinem Beichtvater ſich noch Einmal entfernte, um dieſem die ſtraͤflichen Regungen der Eitelkeit in ſeinem Herzen zu klagen, weiß ich nicht und will ich hier ununterſucht laſſen; das weiß ich aber gewiß, daß die heilige Handlung ſelbſt ihn auf's Tiefſte ergriffen hatte, und daß ſeine Ruͤh⸗ rung und Erhebung dabei wahr und aufrichtig war. Dies gewann ihm denn auch mein Herz wieder, das ſich in der letzten Zeit, in Folge der ——— uͤber ihn gemachten Bemerkungen, etwas von ihm entfernt hatte, und ich ſtand nicht an, ſtets ſeine Parthei zu nehmen, wenn ſeine und meine Cameraden ihn als einen Heuchler oder Schwaͤr⸗ mer verſpotteten, eine Sache, die um ſo öfter vorfiel, da die Uebertreibungen, die er ſich nicht ſelten zu Schulden kommen ließ, Staf hierzu genug boten. Nicht Alle im Collegium dachten ſo ascetiſch, wie er; nicht Alle ſo duldſam, wie ich. Wie er ſich gern mit ſeiner Frömmigkeit und Glaͤubigkeit bruͤſtete, ſo bruͤſteten ſich manche Andere gern mit einer zur Schau geſtellten Unglaͤubigkeit, und die kleine Welt, in welcher wir lebten, hatte ſo gut ihre ſchwaärmenden Myſtiker und Alles wegſpoͤttelnden Philoſophen, wie die große. Unter den letztern, d. h. unter denen, die gleichſam eine Ehre darin ſetzten, als verneinende Geiſter zu erſcheinen, war ein gewiſſer Villeneuve, ein guter, ſonſt wackerer Juͤngling von trefflichen Anlagen, der aber einmal die ungluckliche Idee gefaßt hatte, den Libertin ſpielen zu wollen. Kein großeres Vergnugen gab es fuͤr ihn, als — 24— durch Spöttereien meinen Freund zu aͤrgern oder in Verlegenheit zu ſetzen, und daß dies ſtets ein Labſal fuͤr die Andern war, läͤßt ſich denken, um ſo mehr, da der Witz, mit welchem er dies that, immer glaͤnzend war und ſelbſt mich, bei allem Verdruß, den es mir machte, meinen Freund zum Stichblatt werden zu ſehen, nicht ſelten mit zum Lachen hinriß. Im Ganzen er⸗ trtüig nun Deſodry dieſe Marter mit einer Stand⸗ haftigkeit, die mich zur Bewunderung wuͤrde fort⸗ geriſſen haben, wär' es mir nicht deutlich gewor⸗ den, daß er ſich derſelben gleichfam glorificirte. Er betrachtete ſich in dem Licht eines Märtyrers, und wuͤrde gewiß es gern geſehen haben, wenn ſeine Peiniger ihr Spiel zuweilen noch weiter trieben, als es geſchah, wenn nicht ſein von Grund aus gutes Herz ihm wieder den Wunſch eingeflößt hätte, ſie möchten ſich bekehren, um der ewigen Verdammniß, die er fuͤr ſie furchtete, zu entgehen. Daß dieſe gute Geſinnung wirklich bei ihm vorwaltete, davon gab er mir ſelbſt Be⸗ weiſe; denn unabläſſig bemuͤht, mich zu ſeinen Anſichten zu bewegen, war die Trauer uber mein — 5 Nichteingehen in ſeine Ideen wahr und ernſt, und dadurch der Entſchluß in mir feſt, ihn fuͤrderhin auch nicht mehr zu belaͤcheln. Das Einzige, was ich mir nun noch erlaubte, war, ihn darauf auf⸗ merkſam zu machen, wie es die wahre Chriſten⸗ pflicht heiſche, duldſam gegen die Meinungen An⸗ derer zu ſeyn, und keinem ſeinen Glauben aufzu⸗ reden; hier fehlte aber wenig, daß ich nicht ihn ſammt ſeinen Gegnern, gegen mich brachte. Er ſo wenig, wie Villeneuve, geſtand mir dies zu, und ich ſah hier zum Erſtenmale, wie unduldſam ſtets die Menſchen aller Partheien zu ſeyn pflegen, ſobald es ſich von ruhiger Duldung handelt. Die Verwandten meines Freundes waren uͤbrigens jetzt gar nicht mehr mit der Froͤmmig⸗ keit, die er ſo beharrlich zur Schau legte, zufrie⸗ den.„Bei mir, meinte Herr Lecoq, hat der Schwindel⸗Anfall nicht ſo lange gedauert“, und als Deſodry nun endlich erklarte, daß er ſich dem geiſtlichen Stande zu widmen gedenke, da wollte der ehrliche Tuchhaͤndler ganz und gar aus der Haut fahren. Alles, was er je an Declamatio⸗ nen gegen die Cleriker und ihr Streben gehoͤrt oder geleſen hatte, brachte er vor, umſonſt! Gabriel blieb bei ſeinem Vorſatze, und ärgerlich rief er nun aus:„Ich will verdammt ſeyn, wenn die Veronika und ihr Thor von Beichtvater dir dieſe Marotten nicht in den Kopf geſetzt haben. ¹ Dieſer Ausſpruch reichte hin, den Füngling zu erzurnen; Herr Lecog aber, gutmuͤthig wie immer, lenkte ſchnell ein, und mit leiſer Jronie bemerkend, wie es ihm zur Ehre und zum Ver⸗ gnuͤgen gereichen wuͤrde, einen Heiligen in ſeiner Familie zu ſehen, ſchob er die Entſcheidung des vorhabenden Schrittes auf den Ausſpruch von Deſodry's Mutter, die denn doch wohl nothwen⸗ dig ihre Einwilligung dazu geben muͤſſe. Hier hatte mein Freund aber leichtes Spiel. Ma⸗ dame Deſodry nahte ſich nach und) nach jenem Alter, in welchem Lebedamen ſich nicht ſelten von den Lockungen der Welt zuruͤckzuziehen pflegen, um nun, ſtatt wie bisher mit der Erde, mit dem Himmel ein Bischen zu coquettiren. Der Ent⸗ ſchluß ihres Sohnes war daher der guten Dame gar nicht ſo unannehmlich, wie Onkel Lecog dies prophezeiht hatte, und während er ſich uͤber die Froͤmmelei ſeiner Schweſtern aͤrgerte und ſich mit nichts mehr zu troͤſten wußte, als mit der eitlen Hoffnung, daß die Zeit noch manches aͤndern könne, triumphirten der Abbe Falcol und die nicht minder fromme Mademoiſelle Veronika, die nun beide möglichſt die Ausfuͤhrung von Deſodry's Vorhaben beſchleunigten. Wirklich erſchien Ga⸗ briel auch bald in der Soutane vor ſeinem er⸗ ſtaunten Onkel, und abermals hatte ich hier Ge⸗ legenheit, die Eitelkeit meines Freundes durch⸗ ſchlagen zu ſehen, der ſich in feinem neuen Co⸗ ſtüm, mit den Beffchen am Halſe, der Tonſur auf dem Haupte und dem rund geſchnittenen und zierlich friſirten und gepuderten Haarkranz umher, nicht wenig zu gefallen ſchien, und Einmal uͤber das andere ſich hoͤchſt vohlgefalig im— betrachtete. In der Familie des vhn hatten ſich unterdeſſen manche Veraͤnderungen zugetragen. Herr Lecog hatte ſeinen Handel niedergelegt und ſich eine hubſche Gartenwohnung in der Straße Tournelles, nach dem Boulevard zu, gemiethet; Demoiſelle Veronika war aber in die Vorſtadt St. Jakob gezogen, um ſo ihrem theuren Seel⸗ ſorger naͤher zu ſeyn. Deſodry ſelbſt anlangend, ſo beſuchte er ſeinen Onkel jetzt nur noch hoöchſt ſelten, deſto öfterer aber Veronika, und als ich ihm vorſtellte, wie der Erſtere ſich hieruͤber ge⸗ kraͤnkt fuͤhle, antwortete er mir: er könne un⸗ moͤglich oft zu einem Manne gehen, deſſen pro⸗ fane Aeußerungen ſein Gemuͤth beleidigten und ſeinen Ohren ein Greuel wären.„Ach!“ fuhr er fort,„wie anders iſt es dagegen bei meiner Tante. Da finde ich ſtets den frommen Abbe Falcol, und nur erbauliche Geſprache erquicken da mein Herz; waͤhrend wir in Demuth die wohl zubereiteten Gaben des Himmels verzehren, erbauen ſich die Seelen durch Austauſch frommer Empfindungen.“ Daß Dame Veronika uͤbri⸗ gens Tag fuͤr Tag einen anſehnlichen Klatſchklubb von veralteten Jungfern und von der Welt ver⸗ laſſenen Frauen in ihrem Hauſe unterhielt, bei welchem der heilige Falcol den Vorſitz fuͤhrte, und in welchem die Kinder der Welt nicht ſchlecht mit⸗ genommen wurden: davon ſagte mir mein Freund —,— — 29— jedoch nichts, denn viel zu eingenommen war er fur das betſchweſterliche Weſen ſeiner Tante, um dies Treiben aus ſeinem rechten Geſichtspunkte auffaſſen zu können.— Als endlich die Zeit herankam, wo wir das Collegium verließen, und Onkel Lecoq noch einmal ſeine ganze Beredtſam⸗ keit verſchwendet hatte, um den Neffen, möglich, noch der Welt wieder zu gewinnen, nahm ich, mich dem Studio der Medizin widmend, eine kleine Wohnung in der Straße des Noyers in Beſitz, Deſodry zog aber in das Seminarium des Abbe Falcol, deſſen Lehren ſein ſo ſehr gefeſſelt hatten. Viertes Kapitel. Der rſerhifs— 7 Un den kh⸗ der mediziniſchen ʒueultit zeichnete ſich damals der Doctor Thierry aus, ein Mann, deſſen gelehrter Ruf durch ganz Europa bekannt war. Schon beſahrt, arbeitete er noch mit dem Feuer eines Juͤnglings und der Kraft des Mannes, und ſeine Wiſſenſchaft ſchaͤtzend, kannte er auch recht gut deren ſo oft von Dich⸗ tern und Witzlingen beſpottete, Schwächen. Bei dieſem Mann machte ich meinen Curſus. Er hatte meinen Vater gekannt, ihn geſchätzt und geliebt; ſein Andenken erpreßte ihm noch eine Thraͤne; ich ward von dieſem Augenblick an von ihm als Sohn behandelt, und ſeinen Lehren ver⸗ danke ich das, was ich weiß und bin. —„— 2—— ——————— — 31— Thierry war nicht blos Mann ſeines Faches, er war auch Philoſoph, und ſeine Unterhal⸗ tungen ſo lehrreich als angenehm. Ein kleiner auserleſener Cirkel von Freunden und Schuͤlern, — unter denen ich das Gluck hatte mit zu ſeyn — verſammelte ſich ſonntaͤglich bei ihm im Som⸗ mer auf ſeinem Landhauſe zu Fontenay⸗aup⸗Ro⸗ ſes, im Winter in der Stadt, und hier war es, wo er im Geſpraͤch, in der freundlichen, zwang⸗ loſen Unterhaltung, die ganze und ſei⸗ ner Anſichten entwickelte. 6 Wie ich ihn das erſtemal hier in ſeiner laͤnd⸗ lichen Einſamkeit ſah, war ich nicht wenig uber⸗ raſcht, ihn ſo verändert zu finden. In Paris erſchien Thierry nie anders, als in einer großen, weißgepudetten Alongenperuͤcke, einem ſchwarzen Sammtrocke, gewaltigen Spitzenmanſchetten und in den Vorleſungen außerdem noch mit einem Hermelinmäntelchen. Ging er auf der Straße, ſo hatte er ein großes ſpaniſches Rohr mit einem ſchonen porzellanenen Habichtsſchnabel ſtatt Knopf geziert, in der Hand. In Fontenay⸗aux⸗Roſes war er dagegen ein ganz Anderer. Ohne Perucke, * beſchattete blos ſein ehrwuͤrdiges weißes Haar den Scheitel, und ein grauer Ueberrock vertrat die Stelle des feierlichen Sammtkleides. Die Ver⸗ wunderung, welche dieſe Coſtuͤmveränderung mir erregte, entging ihm nicht.„Lieber Aubin“, ſagt er mir,„es giebt Gebraͤuche, denen man ſich nicht ſtets entziehen kann, ſo unbequem und ſelbſt lͤcherlich ſie einem ſelbſt erſcheinen moͤgen. Wo es aber geht, mache ich mich auch gern von ihrer Feſſel los. Hier unter meinen Roſen darf ich natuͤrlicher ſeyn, wie in Paris. 14t Wirklich lebte er auch hier nur der— beſonders der Blumenwelt, und ſein Roſenflor uͤbertraf an Schoͤnheit alles, was 8 bis kn geſehen hatte. In dieſem Hain von Roſen-— ſ. znne man faſt ſeinen Garten nennen— unterhielt er ſich oft mit ſeinen Schuͤlern, und hier war es auch, wo er eines Tages Folgendes zu uns ſagte: „Glaubt mir, meine Kinder— ſo nannte der ehrwuͤrdige Greis uns gern— die ſchoͤnſte Gabe, welche der Menſch bei ſeiner Geburt empfaͤngt, iſt die moraliſche Freiheit ſeines Weſens. Es iſt — thoͤricht, wenn wir uns beklagen wollten, daß wir zugleich die Leidenſchaften, die uns ſo oft ver⸗ locken, mit erhalten, denn, wo bliebe denn die Verdienſtlichkeit der Tugend, wenn ihre Aus⸗ uͤbung uns keinen Kampf koſtete? Die Leiden⸗ denſchaften zu bekampfen, das iſt der Vorwurf, welchen die höhere Weisheit uns gab; um dies aber zu koͤnnen, muͤſſen wir die Hebel kennen lernen, welche uns zu unſern Handlungen hin⸗ treiben. Ernſte Blicke in das eigene Innere, ernſte Vergleichung unſeres Thuns mit dem von Andern, fuhren hier am beſten zum Ziele. Sehen wir das eben geborene Kind, ſo erblicken wir, wie es einzig belebt von dem Trieb der Selbſterhal⸗ tung, begierig den naͤhrenden, muͤtterlichen Buſen ſucht. Erſt nach und nach entwickeln ſich andere Gefuͤhle in ſeiner Bruſt. Dankbarkeit gegen die Mutter, welche es naͤhrt, Neigung zu den Ge⸗ ſchwiſtern oder andern Kindern ſeines Alters, Mitgefuͤhl fuͤr das Leiden Anderer, keimennach und nach empor. Es lacht und weint mit ſeiner Umgebung und zeigt ſo ſeine Theilnahme an An⸗ dern. Wenn endlich ſein Geiſt ſich mehr ent⸗ 3 wickelt, dann wecken die Betrachtungen der Schoͤnheiten und Wunder der Natur, den reli⸗ gisſen Sinn; es ahndet den Schöpfer in der Blume und verehrt das ewige Weſen, ohne deſſen Natur noch genauer zu kennen. So leiten Liebe zu ſich ſelbſt, oder Trieb der Selbſterhaltung, Liebe zu ſeines Gleichen, oder Mitgfeuͤhl, und Liebe zu Gott, oder religiöſer Sinn, ſeine erſten Schritte, und wohl dem Menſchen, den dieſe Empfindungen durchs ganze Leben erwaͤrmen! der in der reinen, ſtillen Herzensverehrung des Ewigen, in der Arbeit fuͤr das Wohl Anderer, ſein Gluͤck und ſeine Ruhe findet.— Nur in der Vereinigung dieſer Tugenden bluͤht aber das wahre Gluͤck, nur durch ſie zuſammen, erreichen wir das wahre Ziel. Die Liebe zu ſich ſelbſt, der Trieb der Selbſterhaltung, der Trieb nach Er⸗ ringung eigenen Wohlbefindens, iſt naturgemaͤß und gut, wenn er mit den andern Bedingungen vereint iſt; allein ſtehend, iſt er die Quelle von Laſtern. Dann haben wir das Bild des engher⸗ zigen Egoiſten, der ſich ſelbſtſuͤchtig als den Mit⸗ telpunkt betrachtet, alles nur auf ſich bezieht, —— „ und ſo eben ſo ſchädlich, als verabſcheuungswuͤr⸗ dig wird. Nicht anders, wiewohl in anderer Art, iſt es mit dem, in deſſen Seele der religisſe Sinn ſo ausartet, daß er zum Schwaͤrmer oder Fanati⸗ ker wird. Ein ſolcher kann aus mißverſtandener Liebe zu Gott, aus verkehrtem Eifer fuͤr das Hoöchſte, ein blutgieri Ungeheuer werden, und 9 die Geſchichte weiſt mehr wie Einen nach, in deſe ſen Seele die erhabenſte der Tugenden zum Laſter wurde.— Einem Blinden gleich wird aber der Menſch wenigſtens ſtets hin⸗ und hertappen, der nicht dahin gelangt iſt, daß er uͤber ſich und ſeine Handlungsweiſe im Klaren iſt. Was hilft es, daß wir dieſes oder jenes vortreffliche Moralprin⸗ zip uns zur Richtſchnur erwäͤhlen, wenn wir nicht wiſſen, warum? und wenn wir nicht den Muth haben, die Gebote der Tugenden mit Auf⸗ opferung zu erfuͤllen! Alle Lehren verſchwinden gegen die Eine in Nichts,„Liebe Gott uͤber Alles, deinen Naͤchſten aber wie dich ſelbſt.“ Dies waren die Lehren, die uns der ehrwür⸗ dige Mann oft gab, und ich fuͤhlte mich gluͤcklich, 3* — 36— daß es die waren, welche ich ſchon ſo oft in mei⸗ ner Kindheit empfangen hatte. Sie prägten ſich tief in mein Inneres, und nie habe ich ſie aus den Augen verloren. ———— „ — Fuͤnftes Kapitel. Das Seminarium. Doetor Thierry war aber nicht der Einzige, an welchen ich mich, ſeit meinem Austritt aus dem Collegium geſchloſſen hatte. Er war mir Vater und Lehrer; Freunde fand ich unter einigen mir an Jahren naͤher Stehenden. In dem Hauſe, in welchem ich jetzt wohnte, lebten noch mehrere junge Leute, die theils wie ich, der Medizin ſich widmeten, theils andern Wiſſenſchaften. Es waren meiſt geiſtreiche, fröh⸗ liche Koͤpfe, mit denen es ſich recht angenehm umgehen ließ. Wenn wir den Tag über unſere Collegia beſucht oder unſere ſonſtigen Geſchäfte betrieben hatten, gingen wir haͤufig Abends in die Theater, und unſere kleinen, faſt immer ge⸗ —————————————— meinſchaftlich gehaltenen Mahlzeiten, wurden durch manches intereſſante und erheiternde Ge⸗ ſpräͤch belebt. Mein Seyn war ſomit in dieſer Zeit ſehr angenehm, und ich hatte damals wirk⸗ lich keinen andern Wunſch, als daß mein Jugend⸗ freund Deſodry eben ſo glůͤcklich ſeyn moͤchte, wie ich. Das war aber leider nicht der Fall, obſchon er es nicht Wort haben wollte. Der Aufenthalt in Falcols hatte ihn noch kopfhängeriſcher gemacht, und wenn ich die Menſchen ſah, mit denen er jetzt am mehrſten umging, ſo wurde mir nur noch banger fuͤr ihn. Da war Einer von abgtzehrten, melancholiſchen Anſehen, der, wie er vorgab, ſein Leben da⸗ mit hinbrachte, die Sündenwurzeln aus ſeinem Herzen zu reißen, und doch nur zu oft den Ver⸗ ſuchungen der Welt unterlag. Der arme Menſch faſtete und betete, daß es einen dauerte, aber alles Hungern und alles Beten gab ihm weder Seelenruhe, noch Heiterkeit, und er ging umher, verſtimmend und verſtimmt, ein lebendiges Bild des Jammers. Ein Zweiter dagegen war vom geiſtlichen Stolz elihe⸗ wie ein Welſcher — 39— Hahn. Der Menſch biett ſich in allem Ernſt fur eine Säule der Kirche, ſah auf alle andere Men⸗ ſchen, als fuͤndige Erdenwuͤrmer, veraͤchtlich herab, und donnerte, ſo oft ſich ihm die Gelegen⸗ heit dazu bot, in abgeſchmackten Controverſen gegen Alles, was nicht ſo dachte, wie er. Uebri⸗ gens war er, wo es galt, kriechend und ſchlei⸗ chend wie ein Jeſuit, und wieder zelotiſch wie ein Janſeniſt. Ein Dritter, der Abbe Ledoux, galt als das Muſterbild des Seminariums, und war der Gegenſtand der Bewunderung von De⸗ ſodry. Alle Sonnabende genoß er das Abend⸗ mahl, kein anderes Wort als Bibelſpruͤche und Sentenzen der Kirchenväter ging aus ſeinem Munde; dabei war er ſanft und demuͤthig über die Maaßen, ſchritt ſtets mit geſenktem Blick einher und hatte immer einen Seufzer uͤber die Argheit der Welt im Vorrath, die er nach Kräf⸗ ten zu bekehren ſuchte. Auf mich hatte es der fromme Abbe beſon⸗ ders gemuͤnzt. So oft er meiner habhaft werden konute, ſtellte er mir mit ſußlichen Worten die Ruchloſigkeit meines weltlichen Lebenswandels —— 46— vor, aber ich muß geſtehen, daß, ſo erbaulich ſeine Redensarten von Entſagung auch klangen, ich ihm doch keinen rechten Glauben, als ſtimme ſein Leben mit ſeinen Worten uͤberein, ſchenken konnte. Immer erſchien er mir als ein Heuchler, als ein Menſch, der mehr den Schein, wie die Suͤnde ſelbſt fuͤrchtet.— Daß ich mich nicht trog, wird die Folge zeigen. Dies waren nun die Menſchen, mit denen Deſodry, der mich herzlich bedauerte, daß ich ſo! tief vom Erdenleben umfangen ſey, um weder ſeine, noch ſeiner Freunde Stimme zu hoͤren, am mehrſten verkehrte, und die das, was ich und an⸗ dere Menſchen fuͤr ein anſtaͤndiges und erlaubtes Vergnuͤgen hielten, verabſcheuungswuͤrdigen Suͤn⸗ dentaumel nannten. Ein Gluͤck war es noch, daß der Vorſteher des Seminariums, der Abbe 'Omont, ein vernuͤnftiger, toleranter Mann war, der dann doch, ſo viel er nur vermochte, dem myſtiſchen und bigotten Treiben der Andern Einhalt that, freilich aber um ſo vorſichtiger dabei zu Werke gehen mußte, da der zweite Vorſteher, der Abbe Danriot, einer der ärgſten Zeloten war, ——.— — 41— und ſo gewiß der ehrliche l'Omont gar bald ver⸗ ketzert wurde worden ſeyn, hätte er es gewagt, dem heiligen Cirket zu ſehr in den Weg zu treten. Die Welt weiß ja, wie die enragirten Glaubens⸗ helden zu allen Zeiten es gern machen.— Dan⸗ riots Aeußeres entſprach uͤbrigens ganz ſeinem Character. Man kann ſich kein treffenderes Bild eines wild fanatiſchen, kraftvollen Moͤnches, der zu Allem fahig iſt, machen, als dieſer Mann gab. Sein großes, blitzendes Auge ſpruhte Flammen, wenn er in Eifer gerieth, ſein blaſſes, abgema⸗ gertes Angeſicht zeugte von der Strenge, mit wel⸗ cher er den Bußuͤbungen oblag, die er unerbittlich auch von Andern forderte, und was Mitleid und Duldung waren, das kannte ſeine Seele nicht. Sein Gott war ein ſtrenger, zorniger Herrſcher, der die Fehlenden zu ewigen Qualen verdammte, waͤhrend der ſanftere[Omont nur Verzeihung und Milde predigte, und die Thraͤne des Gefuͤhls, die dieſem in's Auge trat, wenn er von einem Reuigen horte, kannte der harte Danriot nicht. Oft, wenn ich mir ihn betrachtete und ſeine Donnerworte horte, mit welchen er den Sundern — 42— die Strafen der Ewigkeit ſchonungslos verkuͤndete, fielen mir Torquemada und jene fanatiſchen Prie⸗ ſter ein, die einſt die Heere der Chriſten in Aſien und in der neuen Welt zu Wort⸗ und Treubruch gegen die Unglaͤubigen aufgefordert, und ihnen das Morden der Heiden als eine Gott wohlgefäl⸗ lige Handlung dargeſtellt hatten, und ich fuͤhlte mich uͤberzeugt, daß der Abbe Danriot an der Spitze der Kreuzheere oder unter Pizarro's Fah⸗ nen, auf Spaniens Inquiſitorenſtuhl oder unter Gregors Tiare, eben ſo gewuͤrgt, verfolgt, ver⸗ flucht und gemartert haben wuͤrde, wie jene. So verſchieden nun aber auch, wie gezeigt, die beiden Vorſteher des Seminars i in ihrer Denk⸗ weiſe von einander waren, ſo hatte doch immer noch, Dank der Klugheit, mit welcher l'Omont jeden Anlaß zu Zwiſtigkeiten zu vermeiden wußte, und der Rechtſchaffenheit ſeiner Geſinnungen in jeder Art, die Danriot anerkennen mußte— ein Band der Eintracht ſie vereint: anders wurde es jedoch von der Zeit an, wo Falcol als in die Anſtalt mit trat. So duldſam und nachſehend'Omont in — allen Dingen war, ſo ſtreng nahm er es doch mit der Wahrhaftigkeit eines Menſchen. Er verzieh alles, nur nicht Heuchelei, und daß Falcol ein Heuchler durch und durch war, erkannte ſein ge⸗ uͤbter Blick gar bald. Daß er ihm ſeine Ver⸗ achtung fuhlen ließ und ihm deutlich zeigte, wie er die Maske ſeiner Augenverdreherei durchblicke, verſteht ſichz ſein offener Charakter konnte ſo etwas nicht verbergen. Abbe Falcol täuſchte ſich auch nicht uͤber die Geſinnungen ſeines Obern gegen ihn; aber je mehr er nun ſelbſt den edlen 'Omont haßte, je tiefer verneigte er ſich vor ihm und je enger ſchloß er ſich in der Stille an Dan⸗ riot an, zwiſchen den und dem erſten Vorſteher Zwietracht zu ſäen, und dadurch den letztern zu kraͤnken, vielleicht gar einſt zu ſtuͤrzen, nun ſein emſigſtes Beſtreben wurde. Dies war die Stellung, in welcher ſich die Obern des Seminars befanden, als Deſodry in daſſelbe trat; wir werden ſehen, welchen Einfluß ein ſolcher Conflict auf ihn hatte. Eines Tages befand ich mich mit ihm und einigen ſeiner Gefahrten im Hofe des Gebäͤudes, wo wir im Geſpraͤch auf und ab kgingen, als eine höchſt brillante Equipage vorfuhr, und ein Elegant von der erſten Sorte im Abbe's Kleide heraushuͤpfte. Alles war an dem Maͤnnchen auf's Zierlichſte und Feinſte, er duftete vom Scheitel bis zur Sohle von Wohlgeruchen. Meine Geſellſchafter erkannten ihn uͤbrigens ſo⸗ gleich als einen ehemaligen Cammeraden, der erſt vor einem Jahre die Anſtalt verlaſſen hatte, und nun ſchon, Kraft der Verbindungen ſeiner angeſehenen Familie und Kraft ſeines eigenen, bedeutenden Vermoͤgens, eine reiche Pfrunde be⸗ ſaß. Von altem Adel, der Verwandte des Großalmoſeniers des Königs, konnte es, wie jeder ſieht, dem Abbe de Prevanne nicht fehlen, ſein Gluͤck in der geiſtlichen Laufbahn zu machen, und daß er ſich ſchminkte und von Eſſenzen duf⸗ tete, gereichte ihm wenigſtens bei den Schoͤnen der Salons zu jener Zeit nicht zum Nachtheil. Daß er hier vorfuhr, geſchah, um ſeinen einſtigen MWitſchülern ſeine Herrlichkeit zu praͤſentiren, und ſich an ihrem Erſtaunen zu weiden. Seine Geſpräche waren uͤbrigens nichts weniger wie — —— — 45— geiſtlich; die Angelegenheiten der Boudoirs und Theater⸗Foyers ſchienen ſeine ganze Seele zu fuͤlen, und die Leichtigkeit ſeines Benehmens zeigte genugſam, daß er kein Fremdling in der Modewelt war. Wohlgefaͤllig drehte ſich die kleine Figur hin und her, zupfte bald an ſeiner Krauſe, bald an ſeinen Manſchetten, und mit einem mitleidigen Achſelzucken fragte er die ſtau⸗ nend ihn Umſtehenden:„Ah, wie gehts euch, muͤßt ihr euch noch immer kaſteyen? giebt man euch noch brav Litaneyen auf?“ und ohne eine Antwort zu erwarten, trallerte nun der Stutzer iu der Soutane ein Opern⸗Ariettchen und fuhr dann fort:„Iht muͤßt Geduld haben; die Reihe wird auch an Euch kommen das Leben zu genießen. Zwar iſt keiner von Euch be⸗ ſtimmt, wie ich, Biſchof zu werden, indeß man lebt als Canonicus oder Abbe auch gut genug, und ihr koͤnnt immer auf mich rechnen. Ich will euch arme Teufel ſchon pouſſiren. Wenn ich erſt einer Diöceſe vorſtehe, dann ſoll Einer oder der Andere von euch mein Vikar werden. Doch fur heute Adieu. Man erwartet mich bei der reitzenden Markiſe de Montclair, wo ich ein Spruͤchwort ſoll auffuͤhren helfen. Ach, das wird köſtlich ſeyn! Adieu, Adieu lieben Freunde.“ Mit dieſen Worten huͤpfte der Geck fort, und indem ſeine Equipage mit ihm dahin rollte, raſ⸗ ſelte ein alter Fiaker, in welchem ein Geiſtlicher ſaß, der auf Befehl des Biſchofs drei Monate zur Poͤnitenz in das Seminar geſendet wurde, vor das Thor des Gebäudes. — 47— Sechstes Kapitel. 1 Geſchichte eines jungen Prieſters. We mußte der Mann wohl verbrochen haben? Das Geflüſter der Seminariſten unter einander muchte mich neugierig; der Eine ſagte dies, der Andre jenes, endlich hoͤrte ich, er ſey im Ehe⸗ bruch mit einer Frau erwiſcht worden, und der Lärm, welchen der Mann gemacht, habe ein gro⸗ ßes Scandal erregt. Hier die Geſchichte des Beſtraften. Karl Duͤbourg war der Sohn eines Thur⸗ ſtehers im Collegium la Fleche. Nach Beendi⸗ gung ſeiner Schulſtudien kam der Juͤngling als Schreiber zu einem Advokaten nach Paris, der in der Straße Blanc⸗Manteaux wohnte. Hier lernte er ein Maͤdchen kennen, Juſtine mit Na⸗ men, die Tochter der Beſitzerin eines Faffeehau⸗ ſes, in welches damals die ſchönen Geiſter von Paris zuweilen gingen, um ſich ihre Verſe einan⸗ der vorzuleſen, und die Spießbürger des Viertels, um Domino oder eine Parthie Dame zu ſpielen. Bald fuͤllte Liebe zu dem jungen und reitzenden Geſchoͤpf ſeine Bruſt, und auch Juſtine empfand gleiche Neigung fur ihn. er war arm ohne Ausſicht, und Mad. Fleuriais, die Mutter 3 der Schoͤnen, nicht geſonnen, ihre Tochter einem armen Schlucker von Schreiber zu geben. Redlich, wie Dubourg war, reifte der Entſch in ihm, der Geliebten zu entſagen, moͤchte es ihm auch koſten, was es wolle. Er ging in ſeine Vaterſtadt zuruͤck: hier erwartete ihn aber ein unverhofftes Gluͤck. Ein weitlaͤuftiger Ver⸗ wandter ſtarb, und ein nicht unanſehnliches Ver⸗ moͤgen fiel ihm unerwartet zu. Auf den Fluͤ⸗ geln der Liebe eilte er nach wenigen Monaten in die Hauptſtadt zuruͤck, denn nun konnte er ja ſeinem Mäbchen ein Loos bieten! Aber, wer ſchil⸗ dert ſein Entſeben, Juſtine war unter der Zeit die Gattin eines Andern geworden!—= Zwang und Zureden der Verwandten hatten ſie zu die⸗ ſem Schritte beſtimmt, der ihr um ſo eher zu verzeihen war, da nie zwiſchen den beiden jungen Leuten eine Erklärung vorgefallen, und Duͤbourg, in der edlen Abſicht, die Schmerzen der entſagen⸗ den Liebe allein zu tragen, ihr ſelbſt vor ſeiner Abreiſe nicht einmal ein Lebewohl geſagt hatte und ſie ſich ſo vergeſſen glauben mußte. Noch einmal faßte der junge Mann in den Schmerzen dieſes Augenblicks einen Entſchluß, der ſeinem Muth und ſeiner Rechtlichkeit gleiche Ehre brachte. Er verſchloß den Gram ſeiner Bruſt, ſchwieg wie bisher, und um ſich ſelbſt alle Hoffnung abzuſchneiden, die ihm die Sinne manchmal truͤgeriſch vorſpiegelten, widmete er ſich dem geiſtlichen Stande. Jahre vergingen in der fleißigen Ausubung ſeiner neuen Pflichten, ſeine Liebe aber blieb tief verborgen im wunden Herzen, nur dem Auge deſſen ſichtbar, der Alles ſieht. Da trug es ſich zu, daß eines Tages, als er Beichte ſaß und als ſchon das abendliche Dunkel hereinbrach, eine 4 — verſchleierte Unbekannte demuͤthig ſich dem Stuhle nahte und mit bebender Stimme dem Prieſter ihr Inneres enthuͤllte.„Ich bin verheirathet, ſeufzte die Zerknirſchte, aber umſonſt kaͤmpfte ich ſchon ſeit Jahren den Kampf der Pflicht mit mei⸗ nem Herzen. Mein Mann iſt gut und ich muß ihn achten, aber lieben kann ich ihn nicht. Eine Neigung, die ich noch als Maͤbchen für einen jun⸗ gen Menſchen faßte, ſteht ewig zwiſchen ihm und mir; ach! umſonſt hab' ich gerungen, das Bild des Geliebten verlaͤßt mich nie.“ Man denke ſich in dieſem S die Empfindungen, welche die Bruſt des unglück⸗ lichen Duͤbourg beſtuͤrmten. Der erſte Ton der Stimme hat ihm ſeine Juſtine verrathen; er hoͤrt zum Erſtenmale von den geliebten Lippen, wie ſehr er geliebt wird, und faſt vernichtet von dem Kampfe der furchtbaren Pflicht, vermag er nicht zu antworten. Umſonſt ruft er in dieſem ſchrecklichen Mo⸗ ment alle Gruͤnde der Vernunft auf, umſonſt fleht er um Stärke den Himmel an? der Schmerz iſt zu groß, er kann keine Sylbe hervor⸗ ——————— bringen, und als nun die Beichtenbe noch eil⸗ mal die Stimme erhebt und mit ſanftem Tone ſpricht:„mein ehrwuͤrdiger Vater, rathen ſie mir“, da entſchlͤpft ihm der Ausruf:„Ju⸗ ſtine!“ und erbleichend erkennt nun auch die Un⸗ gluͤckliche, wem das Schickſal ſie zugefuͤhrt hat. Bewußtlos war ſie taumelnd auf die Stufe der Kapelle niedergeſunken; in Duͤbourg's Arm, der langſam, bebend, ſelbſt wankend empor⸗ „ſchlug ſie die Augen wieder auf. Jarl! ſie uͤberwältigt vom Gefuͤhl. Verloren! verloren! ſeufzte er, dann aber ſich mit ihr vor dem Altare niederwerfend, ſtieg ihr vereintes Ge⸗ bet zu dem Throne der Liebe um Faſſung, um Staͤrke zur Ertragung der langen Leidensbahn des Lebens empor; dann trennten ſie ſich, des feſten Vorſatzes voll, einander nie wieder zu ſehen, und mit allen Kräften die ungluͤckliche Leidenſchaft ihrer Bruſt zu bekaͤmpfen. Das Gebet vor dem Altare des Ewigen, der tugendhafte Entſchluß, moͤge auch das Herz brechen, der Pflicht treu zu bleiben, hatte einen Tropfen Ruhe in die Bruſt der Ungluͤcklichen 4* — gegoſſen, die Bosheit der Menſchen überſchut⸗ tete ſie aber mit neuen Schmerzen. Ein altes Weib, eine Kirchenſtuͤrmerin des Viertels in welchem Juſtine wohnte, die täglich zahlloſe Roſenkraͤnze ableierte, und keinem Hungernden einen Sous reichte, eine Beichtſtuhlheilige, wie es deren Viele giebt, die den Himmel mit Ge⸗ beten ſtuͤrmte und alle Nachbaren mit Ent⸗ zuͤcken zuſammenhetzte; kurz, eine jener ſchein⸗ heiligen Peſtbeulen der Geſellſchaft, hatte, be⸗ ſchuͤtzt vom Dunkel des Abends, in einer Ecke der menſchenleeren Kirche den Vorgang zwiſchen den beiden angeſehen, und der naͤchſte Morgen graute kaum, ſo wußte ſchon die halbe Straße das gräßliche Scandat, und daß die Sache dem Manne ſelbſt nicht verſchwiegen blieb, dafuͤr ward natuͤrlich gleichfalls geſorgt. Heftig und zur Eiferſucht geneigt, wie Herr Durand— ſo nannte ſich Juſtinens Gatte— war, mißhandelte er ſeine Frau auf's Aeußerſte, und zum Biſchof gehend, klagte er laut gegen den pflichtvergeſſenen Prieſter; dieſer aber ver⸗ urtheilte den armen Duͤbourg zu dreimonatlicher Einſperrung im Seminar, und gewiß wuͤrde auch Juſtinens Loos noch härter geworden ſeyn, hätte ſich der edle l'Omont nicht vermittelnd der Sache angenommen. Er ging ſelbſt zu dem erzuͤrnten Gatten, erzählte dieſem den gan⸗ zen Vorgang, ſo wie Duͤbourg ihm das Ganze mitgetheilt hatte, und bewirkte ſo eine Ausſoͤh⸗ nung zwiſchen den Eheleuten, indem er den Mann von der Schuldloſigkeit und den Leiden ſeiner Frau uͤberzeugte; dem ungluͤcklichen Duͤ⸗ bourg aber verſchaffte er bald darauf eine Pre⸗ digerſtelle in einer entfernten Provinz, wo der⸗ ſelbe in redlicher Ausuͤbung ſeiner Pflichten endlich die muͤhſam erkaͤmpfte Ruhe wieder fand, die jener furchtbare Augenblick ihm ge⸗ vaubt hatte.. Siebentes Kapitel. eyfinteiſce Intriguen. swiſt der Freunde. In Seminar hatten unterdeß die vom Abbe Falcol angeſponnenen Cabalen reichlich gewu⸗ chert. Die ganze Anſtalt war läͤngſt, Dank ſei⸗ ner Betriebſamkeit, in zwei einander feindlich gegenuͤberſtehende Partheien getheilt worden, und geſchickt wußte der Schleicher zwiſchen bei⸗ den ſich durchzuwinden und die Flamme der Zwietracht immer ſtaͤrker anzublaſen; Deſodry aber war in ſeiner Unbefangenheit und ſeiner Verblendung fuͤr Falcol gunz keſſen Creatur ge⸗ worden. Umſonſt blieben meine Wii hungen daß dieſer Menſch ein elender Heuchler war, umſonſt — — redeten der ehrliche Lecoq, und jetzt ſelbſt auch meines Freundes Mutter— der es nach und nach doch wieder leid geworden war, ihren Sohn in dem prieſterlichen Stande zu ſehen— ihm zu, ſich der Feſſeln zu entladen, welche Falcol ſeinem Geiſte ſo offenbar anlegte; Deſodry's Hang zum Ueberſpannten, die Zuredungen der kopfhangeriſchen Veronika, vor allem die ſal⸗ bungsreichen Geſpraͤche des Abbe's ſelbſt, ver⸗ eitelten ſtets wieder, was wir etwa bei ihm ausrichteten, und bald kam es dahin, daß ich meinen Freund gar nicht mehr anders als in der Geſellſchaft dieſes Menſchen ſah, der ihn jetzt, wohl merkend, wie ſehr ich ſeinen Plaͤnen ent⸗ gegen war, ordentlich vor mir huͤtete. Endlich gelang es mir doch einmal, ihn allein zu treffen, und ich beſchloß, dieſen Jugenblick zu benutzen. Auf meine Einladung entſchloß ſich Deſodry, den Abend bei mir in Geſellſchaft mei⸗ ner Haus⸗ und Tiſchgenoſſen zuzubringen, und die Heiterkeit, welche hier herrſchte, der fröhliche, ungezwungene und dabei doch anſtaͤndige Ton der Unterhaltung, verfehlten nicht, eine gute Wirkung auf ihn hervorzubringen. Beſonders lieb war es mir aber, daß dieſen Abend zufällig ein Mann mit an der Geſellſchaft Theil nahm, deſſen eigene, traurige Lebenserfahrungen meinem Freunde zum Spiegel dienen konnten. Wie er, hatte ſich dieſer in ſeiner Jugend, unbedacht durch Schwärmerei verleitet, einem Stande hin⸗ gegeben, der nachher, da der jugendliche Enthu⸗ ſiasmus verflogen war, das Ungluͤck ſeines Le⸗ bens machte, und das Bild, welches der Ungluck⸗ liche ſelbſt dieſen Abend von den Leiden und der Reue, die er empfunden hatte, entwarf, machte zu meiner Freude keinen geringen Eindruck auf Deſodry. Leider vernichtete aber bald darauf die Unbeſonnenheit eines Andern alle meine Hoff⸗ nungen, den Freund aus den Banden des heuch⸗ leriſchen Falcol zu retten. Der Leſer wird ſich noch jenes Villeneuve erinnern, der mit uns zugleich im Collegium Ludwigs XIV. war. Obſchon mir die Anſichten die⸗ ſes Menſchen, der ſich nach und nach ganz jener alles verneinenden, atheiſtiſchen Philoſophie er⸗ geben hatte, keineswegs zuſagten, ſo unterhielt ——————— ich doch mit ihm, weil er ſonſt ein ganz gutmuͤ⸗ thiger und talentvoller Juͤngling war, noch im⸗ mer einigen Umgang, und der Zufall wollte es jetzt, daß er eines Tages gerade zu mir kam, als ich eben im Begriff ſtand, Deſodry im K narium zu beſuchen. Kaum hatte er gehoͤrt, wohin ich wollte, ſo erbot er ſich auch ſchon, mich zu begleiten, und ſo ungern ich dies auch ſah, ſo konnte ich es doch nicht, ohne unhoͤflich zu ſeyn, ablehnen. Daß er nur an dieſen Ort mitging, um ſeiner Spott⸗ ſucht ein Feſt zu bereiten, ſah ich freilich einz allein, was half's! ich konnte ihn nicht los wer⸗ den, und nur wenig beruhigt von ſeinem Verſpre⸗ chen,„ſtill das Benehmen ſeines heiligen Freun⸗ des, des ehrwuͤrdigen Abbe Deſodry, zu beobach⸗ ten“, machte ich mich mit ihm auf den Weg zum Seminar.„Vielleicht“— meinte der Spötter, das alte, finſtere Haus betrachtend— „wiederfaͤhrt mir in dieſen ruſtrigen Mauern durch den Mund meines einſtigen Cameraden noch das Heil, bekehrt zu werden, und du, Au⸗ bin, haſt dadurch, daß du mich hierher fuhrſt, dann auch Theil an meiner Seelenrettung.“ Dieſe Rede, die Villeneuve unter dem Thore an mich hielt, zeigte mir, was kommen wuͤrde, und zu meinem Schrecken ſah ich nun auch noch, eintretend bei Deſodry, den Abbe Falcol bei ihm. Daß Letzterer mir bereits wieder bei meinem Freunde entgegen gearbeitet hatte, merkte ich ſogleich bei dem kuͤhlen Empfange, der mir ward, und der durch Villeneuves Mit⸗“ kommen nicht herzlicher wurde. Von Anfang ging indeß alles noch ganz leidlich.“ Freundlich erkundigte ſich Villeneuve nach den Schickſalen des lange nicht geſehenen Deſodry, nach der Ein⸗ richtung des Hauſes, den Studien die man hier trieb ꝛc., und die Unterhaltung machte ſich uͤber dieſe Gegenſtände ſo huͤbſch und vernuͤnftig von beiden Seiten, daß ich ſchon ganz ruhig ward. Aber plotzlich gab irgend ein Dämon meinem ſchwärmeriſchen Freunde die Idee ein von den Faſten und Bußmitteln, dem unbedingten Glau⸗ ben und der Ertsdtung des Fleiſches anzufan⸗ gen, und nun war es vorbei. Zwar horte Vil⸗ ————— leneuve alles, was Deſodry und Falcol in dieſer Hinſicht vorbrachten, eine lange Zeit mit einer ſo andaͤchtigen Miene an, daß ſich die beiden Redner dadurch ordentlich erbaut fuhlten; auf einmal aber bat er in demſelben ſcheinheiligen Tone, den Falcol in ſeiner Gewalt hatte, man moͤchte ihm nun auch ein wenig das Wort vergoͤnnen, und begann nun mit einer ganzen Reihe den ſceptiſchen Philoſophen aller Zeiten abgeborgten Saͤtzen, die Glaubenöhelden ſo in die Enge zu treiben, daß dieſe ſich kaum mehr zu retten wußten; zuletzt ſchloß er aber mit der läſterlichen Behauptung, es gebe keinen Gott, und nur der Wahn habe ſich ein Schreckbild von Ewigkeit und Vergeltung im Jenſeits auf⸗ gebaut. Das hieß denn freilich dem Faß den Boden ausſtoßen, und empoͤrte um ſo mehr, da waͤh⸗ rend des Geſpräches ſich noch mehrere Semina⸗. riſten zuhorend eingefunden hatten, die ſaͤmmt⸗ lich nun nicht uͤbel Luſt zu haben ſchienen, mich ſammt dem Veraͤchter des Hoͤchſten aus der Thuͤre zu werfen.— Zum Gluͤck fur uns tönte in dieſem Augenblick die Glocke, welche in den Speiſeſaal rief, und wir kamen ſo noch mit heiler Haut davon. Wie tief mich dieſer Vorful n darf ich wohl nicht erſt ſagen; Villeneuve wollte ſich dagegen uͤber den heiligen Zorn der Schwarz⸗ röcke ausſchutten vor Lachen, und hoörte ſo wenig auf die gerechten Vorwürfe, welche ich ihm machte, daß ich ihn endlich aus Verdruß ſtehen ließ, und tief bekuͤmmert, nun wahrſcheinlich bei“ Allen im Seminarium in demſelben böſen Lichte wie er zu erſcheinen, meinen Weg allein fort⸗ ſetzte. Wirklich ſah ich auch ganz deutlich, als ich den andern Tag wieder hinging, wie Alles mich mit finſtern Blicken empfing, und als ich mich nun gegen Deſodry entſchuldigen wollte, ſagte mir dieſer mit dem ſüßlichen und zugleich ſchnei⸗ denden Ton eines erzuͤrnten Frömmlers:„Er⸗ ſpare dir die Muͤhe; ich zuͤrne dir nicht, ſo wenig wie einem andern Menſchen, aber meinem eigenen Seelenheile bin ich es ſchuldig, fortan deinen Umgang zu meiden. Die Verbindung —————.— „————— der Gottloſen, in der du lebſt, macht mir dies zur Pflicht, ſo weh' es auch meinem Herzen thut, und wenn auch du ſelbſt vielleicht noch nicht ganz ſo von der Welt verdorben biſt, wie Villeneuve, ſo ſehe ich doch nun deutlich ein, daß meine noch immer im Stillen genaͤhrte Hoffnung, dich retten zu koͤnnen, vergebens war. O mein Stolz iſt in dieſer Hinſicht ſchrecklich be⸗ ſtraft worden; ich dachte euch zu bekehren, und bald wär' ich ſelbſt verfuͤhrt worden! Ich habe gegen meinen Schoͤpfer gefehlt, indem ich mein Herz zwi⸗ ſchen ihm und einem Menſchen, dich, theilte; die Strafe iſt mir dafuͤr geworden; harte Bußäbungen ſollen meinen wankenden Sinn befeſtigen, und von der Gnade Gottes hoffe ich, daß auch fuͤr dich einſt noch die Zeit kommen wird, wo er dich durch Leiden auf den rechten Weg fuͤhren wird. Bis dahin kann ich nichts. als fuͤr den Verirrten beten.“ Meine Vorſtellungen, mein Zureden blieben umſonſt. Die Seele des beleidigten Schwär⸗ mers ſchien ſich allen Erinnerungen zuſammen verlebter Jahre verſchloſſen zu haben, dennoch, — 5 und ſo ſehr mich auch dieſe frömmelnde Hart⸗ näckigkeit aͤrgerte und empoͤrte zugleich, wuͤrde ich doch vielleicht am Ende noch meinen Zweck erreicht, und den mir immer theuern Freund auf andere Gedanken gebracht haben, ware nicht der Dämon, welcher ewig zwiſchen uns trat, jener heuchleriſche Falcol, gekommen. Mit je⸗ nem widerwaͤrtigen Ton ſcheinheiliger Suͤßlich⸗ keit, der Menſchen ſeines Gelichters ſo eigen „ iſt, wandte er ſich ſogleich an Deſodry und ſagte:„Ich hoffe, mein theuerſter Freund, daß ihr Zorn ſich gegen Herrn Aubin gelegt hat. Der Gerechte vergiebt, dem Beiſpiele unſeres Erloſers folgend, auch denen, die es am uͤbel⸗ ſten mit ihm meinen: und ich will gern glau⸗ ben, daß Herr Aubin nicht ſo ruchlos iſt, wie jener Menſch, den er zu unſerer Pruͤfung mit⸗ brachte“; und da Deſodry nichts hierauf erwie⸗ derte, ſondern von neuem ſeine kalte Miene gegen mich annahm, ſo fuhr der Tartuffe fort: „Oder wie! ſollte ich mich irren, und Sie noch immer ihren gerechten Unwillen nicht be⸗ zwungen haben? Ach mein geliebteſter Freund, ——— ——— ergreifen ſie doch lieber dieſe Gelegenheit, um dieſem Herrn da fuͤhlbar zu machen, in welche Gefahren er uns durch böſe Geſellſchaft bringtz vielleicht gelingt es ihnen, ihn ſelbſt noch von der Laſterbahn, auf welcher er wandelt, durch ihr Beiſpiel abzubringen; gern will ich ihnen bei dieſem heiligen Werke mit meinen ſchwachen Kraften beiſtehen. O mein Herr Aubin, wenn wir noch die Hoffnung faſſen duͤrften, in ihnen einſt einen Chriſten, ein ächtes Mit⸗ glied unſerer allerheiligſten Kirche zu ſehen! ach, wenn wir die Freude haͤtten, dies verlorne Schaf in den Stall des Hirten zuruͤckzu⸗ foͤhren!“—— Länger vermochte ich mich nicht zu halten; Falcol hatte bei dieſer Rede, waͤhrend welcher er die Augen in einem fort verdrehte, meine Hände ergriffen und ſie mit manchem Stufzer gedruͤckt. Empoͤrt uͤber eine erlogene Freund⸗ lichkeit, von der ſein Perz nichts wußte, entriß ich ſie ihm jetzt, und ließ etwas von elenden Heuchlern fallen, worauf denn ſogleich Deſodry — 64— mit einem Blick des Abſcheus ſich von mir wendete und den Abbe bat, nicht laͤnger ſeine Guͤte an einem Menſchen zu verſchwenden, deſ⸗ ſen im Böſen befangenes Herz keinen Sinn mehr fuͤr die fromme Milde eines wahren Chriſten habe. Mit dieſen Worten entfernte ſich deſt ſeine Augen gen Himmel ſchlagend, als wolle er dieſen zum Zeugen ſeiner Standhaftigkeit im Opfer der Freundſchaft machen, Falcol aber ſagte nach kurzer Pauſe zu mir mit einem Ge⸗ miſch erheuchelten Bedauerns und ſtolzen Tri⸗ umphs:„Mein Herr Aubin, da die Stunde ſich naht, in welcher uns unſere Regel den Be⸗ ſuch Fremder unterſagt, ſo“—— Ich ließ den Elenden nicht ausreden, ſon⸗ dern entfernte mich, ohne ihn weiter eines Wor⸗ tes zu wuͤrdigen. Achtes Kapitel. Momu machte ich noch den Verſuch, den Freund mir wieder zu gewinnen; umſonſt! zu tief war Deſodry in des Abbe's Banden, zu tief war er in jene ſchwärmeriſchen myſtiſchen Ideen ver⸗ ſunken, als daß noch etwas anderes einen Eindruck hätte auf ihn machen können, und ſo war ich denn endlich, da er mich ſtets mit Kälte, ja zuletzt mit Härte behandelte, gezwungen, ihn aufzugeben. Unterdeſſen war die Zeit des Carnevals heran⸗ geruͤckt, und ich empfing von Madame Lecog eine Einladung zum Faſten⸗Montag, einmal bei ihnen wieder zu Mittag zu ſpeiſen; ich wuͤrde, meldete man mir zugleich mit, F Bekanntes 5 Ich dachte an Deſodry, den ich noch immer liebte, und ging deswegen etwas fruͤher wie ge⸗ wöhnlich hin. Bei'm Eintritt in's Haus ſah ich durch die halbgesffnete Kuͤchenthuͤre Herrn Lecoq in Hemdeärmeln, eine Schuͤrze vorgebun⸗ den, der Köchin ſeine Inſtructionen ertheilen. Der gute Mann war ein gewaltiger Gourmand und Topfgucker, und wenn er Gäſte hatte, ver⸗ fehlte er nie, durch ſeine Gegenwart und ſeinen Rath, den Fleiß und die Kunſt ſeiner Koöchin zu unterſtuͤtzen. Im Zimmer aber erblickte ich eine junge Dame, die am YPianoforte ſaß, und mir ſehr liebenswuͤrdig und bekanut erſchien, obſchon ich nicht ſogleich wußte, wer es war. Wie rief Mad. Lecog aus, Sie kennen meine kleine Nichte nicht mehr! Es war Pauline, die Schweſter meines Freundes; ihr Anblick und ihre Schoͤnheit uͤber⸗ raſchte mich ungemein. Ich hatte ſie vor weni⸗ gen Jahren noch als Kind geſehen, und jetzt war ſie ſo groß, ſo huͤbſch—— Pauline war den Tag vorher erſt in die Hauptſtadt gekommen, und ſollte— ſo war es der Wille ihrer Mutter, ietzt in ein Kloſter tre⸗ ten, um daſelbſt vollends erzogen— vielleicht dem Himmel zugezogen— zu werden. Demoiſelle Veronika hatte uͤbrigens das Geſchäft uͤbernommen, ſie auf dieſe mt ir⸗ F unubüingen. Während ich noch mit Pauline ſprach, trat jetzt auch Deſodry an der Hand ſeines Onkels in das Zimmer. Die Maske erheuchelter Gleich⸗ guͤltigkeit gegen Alles, was nicht die vorgebliche Liebe zu Gott und dem Gekreuzigten betraf, ſchwand in dem Augenblick, als er ſeine, ſtets innig geliebte Schweſter ſo unverhofft erblickte. Mit einem Freudengeſchrei eilte er auf ſie zu, und ſie innig an's Herz druckend, gab er ſich ganz den ſanften und ſchoͤnen Gefuͤhlen der geſchwiſterlichen Liebe hin. Dann wandte er ſich zu ſeiner Tante und ſeinem Onkel; und begruͤßte auch ſie mit einer Innigkeit, die ich lange nicht an ihm bemerkt hattez endlich fiel ſein Blick auf mich. Stumm und verlegen blieb er ſtehen, und eine kalte, ſteife Verbeu⸗ 5*½ ——— gung war alles, was ich erhielt. Ach, wie gern hätte ich ihn an meine Bruſt gedruͤckt! aber durfte ich das jetzt nach dem, was zwiſchen uns vorgegangen war?— Das Fremde unſeres Benehmens entging Paulinen nicht.„Wie“, rief ſie,„ſind das noch die Freunde von einſt? Bruder, wie kannſt du ſo deinen beſten Freund empfangen?“ Ein Seufzer entquoll meiner Bruſt; Deſo⸗ dry ſah mich verſtohlen an, unſere Blicke be⸗ gegneten ſich; ich ſah eine Thräne in ſeinen Augen glänzen, und plötzlich fuͤhlte ich mich von ſeinen Armen umſchlungen. Das beſſere Gefuͤhl hatte bei ihm geſiegtz wie glucklich mich dieſer Augenblick machte, kann ich nicht beſchreiben. Wir verlebten zuſammen einen ſchönen Tag, ſo ſchoͤn, wie man ſie nur im engen Kreiſe einer lieben Familie verleben kann, und ſelbſt Veronika war heute milder und zugänglicher, wie ſonſt Man ſah es ihr, man ſah es Deſo⸗ dey an, daß der, der ſtets ſtörend zwiſchen beide — und uns Andere trat, heute nicht auf ſie ein⸗ wirkte, denn wohlbedaͤchtig hatte Lecoq den Abbe nicht mit eingeladen, und Veronika und mein Freund ſchienen ihn auch, einmal herzlich und ungenirt mit uns Andern uͤber die Schnurren des alten Onkels lachend, gar nicht zu ver⸗ miſſen. Gegen Abend ſich noch Ge⸗ ſellſchaft ein. Onkel Lecoq hatte geglaubt, ſeiner Nichte eine beſondere Freude machen zu muͤſſen, und deswegen einige Familien aus der Nachbarſchaft gebeten, die nun mit ihren Toͤchtern und Soͤh⸗ nen kamen, waͤhrend ſich zugleich einige Muſi⸗ kanten einſtellten, ſo daß ein kleiner Ball ver⸗ anſtaltet werden konnte. Uns Allen, und vor⸗ zuͤglich Paulinen, war dies angenehm, nur mei⸗ nem Freunde nicht. Ich ſah, wie er bei den Anſtalten zum Tanz die Stirne runzelte, und furchtete ſchon, er möchte in mißverſtandenem heiligen Eifer dem guten Alten und ſeiner Schweſter die Freude verderben; doch ſchnell ward er wieder heiter und ſagte blos:„Ich will nichts dagegen reden, daß ihr euch nach m———— eurer Art vergnuͤgt, aber vergoͤnnt mir auch, daß ich mich entferne. Mein Stand und meine Grundſätze erlauben mir nicht, an ſolchen Zer⸗ Fne The zu 6 Pier war nichts dagegen einzuwenden, denn man muß keinem Menſchen in ſeinen Anſichten Swang anthun, und ſo ließen wir ihn denn, ſo leid es uns auch that, gewähren, worauf er ſich denn ſo eilig entfernte, als konne ſchon das bloße Anhören von Tanzmuſik aus der Ferne dem Frommen verderblich werden. Freier, wie er, dachte dagegen Veronika. Während er davon rennte, als brenne ihm der Kopf, nahm ſie ganz gemächlich in einer Ecke an einem Spieltiſch Platz, und die Töne der Quadrillen und Frangaiſen, ſo wie die Kunſt⸗ ausdruͤcke des l'Hombre, ſchienen ihr nicht ſo verabſcheuungswuͤrdig zu ſeyn, wie ihrem ultra⸗ frommen Neffen, den ich ſogleich am näch⸗ ſten Vormittag aufſuchte, um das neu ange⸗ nüpfte freundſchaftliche Verhaͤltniß mit ihm möglichſt zu befeſtigen, eh' noch Falcol wieder erennend zwiſchen uns trat. Zu meinem Er⸗ ſtaunen fand ich ihn aber nicht zu Hauſe: er war, wie mir der Thuͤrſteher ſagte, ſchon ſeit Neun Uhr ausgegangen. Neuntes Kapitel. Der Faſtendienſtag und Aſcher⸗ mittwoch. Scwerlich iſt ein Menſch in Frankreich, mag er auch ſo arm ſeyn, wie er will, der nicht während dem Carneval fröhlicher, oder doch wenigſtens minder traurig als gewoͤhnlich, zu leben ſucht, und felbſt in den Kloͤſtern und Se⸗ minarien, dieſen ſonſt der Freude ſo entfernten Orten, bemerkt man dies Beſtreben. Der zierliche Abbe Ledoux, der geliebte Col⸗ lege meines Freunbes Deſodry, war von einem Verwandten, einem jungen Rechtskandidaten, zu einem Fruͤhſtuͤck auf den Faſtendienſtag ein⸗ geladen worden, und Gabriel war auf Ledour's Bitten, mitgegangen. Er hatte dieſem Aner⸗ ————— — 73— bieten aber um ſo weniger widerſtanden, da ihm Ledoux die Verſicherung ertheilt hatte, ſein Ver⸗ wandter ſey nicht allein ſelbſt ein Mann von guten und ſanften Sitten, ſondern auch die an⸗ dern Eingeladenen, ſaͤmmtlich Menſchen von der erbaulichſten Auffuͤhrung, und ſogar mehrere junge Abbe's aus einem andern Seminarium dabei. Auch hatte der Vorſteher, Abbe l'Omont, michts gegen die Sache, und gab gern ſeine Bewilligung mit der Bemerkung,„daß die Re⸗ ligion kein unſchuldiges Vergnuͤgen verbote.“ Der Verwandte von Ledour war wohl⸗ habend; ſeine Eltern unterſtuͤtzten ihn reichlich genug, um in Paris auf einen recht guten Fuß leben zu können, und ſeine Wohnung war da⸗ her ſo anſtuͤndig als elegant. Bei ihrer Ankunft fanden unſere beiden Seminariſten etwa fuͤnf bis ſechs junge Leute, die in Erwartung des bei einem beruͤhmten Traiteur beſtellten Frühſtuͤcks, mit einander ziem⸗ llich lebhaft, ja ſelbſt etwas ausgelaſſen, plau⸗ derten. Dies wollte nun Deſodry gar nicht gefallen, doch hoffte er auf die Ankunft der verkuͤndeten anderen Abbe's; allein wie es ſchien, wollten oder konnten dieſe nicht kommen. Von den jungen Leuten, welche ſich hier befanden, ſtudirten dreie die Rechte, der Vierte war Page geweſen und eben als Lieukenant in ein Infan⸗ terie„Regiment eingetreten, der Fuͤnfte aber war Schauſpieler auf einem der Bouievards⸗ Theater. Alle kannten uͤbrigens Ledour dem Anſchein nach ſehr genau, und der Laͤrm und die freien Scherze, welche ſie ſich gegen den Abbe erlaubten, gefielen meinem Freunds gar nicht. Noch mehr ward er aber erſtaunt, als er ſah, mit welcher Leichtigkeit Ledour in den Ton dieſer Menſchen einginz und ihre Scherze erwiederte. Zwar war das, was ſie vorbrachten, nicht ſo läͤſterlich, wie Villeneuves Reden, ſon⸗ dern mehr frei als gottlos, demohngsachtet ſchien es ihm aber doch ſehr verabſcheuungswuͤrdig, und er wuͤrde gewiß ſein Mißfallen zu erkennen gegeben haben, hätte ihn nicht die Scheu, lächerlich gemacht zu werden, jene Scheu, die ſo oft junge Menſchen wie Erwachſene abhalt, der eigenen Einſicht zu folgen, zuruckgehalten. . — —— So begnuͤgte er ſich meiſt zu ſchweigen, was ihm um ſo leichter war, da et die ſaͤrmtlichen Gaͤſte weiler nicht kannte, und gab ſich wenig⸗ ſtens das Anſehen, als fühle auch er ſich wohl und bequem.. Das Fruͤhſtuͤck war unterdeſſen gekommen und man nahm Platz. Deſodry kam zwiſchen den Schauſpieler und den Offizier zu ſitzen. Jetzt wurde die Unterhaltung allgemeiner, und im Ganen fröhlich, jovial und ſelbſt ein Bis⸗ chen philofophiſch. Der Schauſpieler ſprach viel von ſeinem Stande, den Verdienſten deſſel⸗ ben um Volksbildung, und ermangelte nicht, ihn in ſtolzer Beſcheidenheit mit dem eines Geiſtlichen, der ja auch das Volk lehren ſoll, zu vergleichen. Ja, bald ging er noch weiter, und trug mit eben dem Pathos und Buffone⸗ rieen, die er, Kraft ſeiner Rollen vom Theater her gewohnt war, die Anſicht vor, daß der Stand eines Comödianten noch weit uber den eines Kanzelredners gehe, indem dieſer den Leu⸗ ten die Moral auf eine angenehme und unter⸗ — haltende Art beibringe, waͤhrend der letztere ſie nur durch ſeine Sermone einſchläfere. Während dieſes Geſpräches ſchenkte ber Lieutenant unſerm Deſodry aber fleißig ein, und da dieſer, aus bloßer Höflichkeit, ſtets Beſcheib that, ſo geſchah es bald, daß er ein Bischen benebelt wurde, und nun mit weit mehr Ge⸗ fallen als vorher die Eulenſpiegeleien anhörte, mit welchen ihn der angehende Kriegsheld in den Pauſen, die der Schauſpieler machte, von ſeinen Pagen⸗Jahren her unterhielt. Bis hierher war indeſſen alles noch ſo ziem⸗ lich ordentlich und anſtaͤndig zugegangen, als nun aber der Champagner kam, und die Pfropfen zum allgemeinen Jubel laut ſchallend an die Decke flogen, da wurde der Laͤrm allgemein und ſelbſt Deſodry fing an trotz den Andern zu ſchwatzen. Da er dies indeß, kraft angenommener Gewohn⸗ heit, mit demſelben myſtiſchen Predigerton that, in welchem er jetzt ſtets ſprach, ſo erweckte dies natuͤrlich die Lachluſt ſeiner Geſellſchafter, die ſich nun nicht wenig uͤber ihn luſtig machten; Le⸗ doux nicht ausgenommen, der ſogar die Andern noch mehr dazu äufeuerte. Man ſaß bereits lange bei'm Deſert, als endlich auch Frauenzimmer erſchienen, und zwar rechte huͤbſche. Sie waren zwar nicht, was man eigentlich ſagt, maskirt, aber doch verklei⸗ det; die Eine als Schaͤferin, die Andere als Odaliske, eine Dritte als Religiöſe. Die Oda⸗ liske war uͤbrigens ein Putzmachermaͤdchen und Geliebte des Verwandten von Ledoux, die an⸗ dern beiden ein Paar Griſetten und gute Ge⸗ ſpielinnen von ihr.— Mit welchem Entzücken ſie empfangen wurden, läßt ſich denken. Eilig wurde zuſammengeruͤckt, um ihnen Platz an der Tafel zu machen, und die Nonne kam ſo zwi⸗ ſchen meinem Freunde und dem Theaterhelden zu ſitzen. Der Chumpagner floß nun vom neuen, allein, obſchon Deſodry bereits einen ordentlichen Strich weg hatte, ſo wurde er doch einen Augen⸗ blick uber die Ankunft dieſer neuen Gäſte nicht wenig beſtuͤrzt; die Aufregung, in welcher er ſich befand, ließ ihn jedoch bald wieder alles vergeſſen, und die feurigen ſchwarzen Augen der Nachvarin, die bald demüchig niedergeſchlagen, bald ſchmachtend erhoben wurden, trugen nicht wenig dazu bei. Nicht lange, 1ſo war er denn auch in einem eifrigen Geſpraͤch mit der Nonne verwickelt, die liſtig und erfahren genng war, in den frömmelnden Ton, der ihm ſchon ſo eigen geworden, einzuſtimmen. Daß die Unter⸗ haltung dieſer Beiden die andere Geſellſchaft nicht wenig beluſtigte, verſteht ſich. Man verzeihe mir uͤbrigens, daß ich den wei⸗ tern Fortgang dieſer Scene nicht ſchildere; es wird hinreichen, wenn ich ſage, daß ſich das angeb⸗ lich„anſtaͤndige“ Dejeuner des Vetters von dem Herrn Ledour, mit einer wahren Orgie endete, und daß Deſodry endlich, berauſcht von Wein und Luſt, in einem Seitenkabinette ent⸗ ſchlief, waͤhrend die Andern lange tobten und laͤrmten. Als er t uniten es. cbutit Wie aus einem Traum erwachend, ſah er ſich um, und nun ſich nach und nach auf das, was vorgegangen war, beſinnend, erfuͤllte ihn ein tiefer Schmerz uber ſeine Verirrung. Ein Geräuſch ſchreckte ihn . endlich aufz er ging in den Saal, wo man den Tag uͤber ſich aufgehalten hatte, und die Unord⸗ nung, die Zerſtoͤrung, welche er hier erblickte, vermehrten ſeinen Kummer. Ueberall ſah er nur die Spuren von Ausgelaſſenheit; zerbrochene Flaſchen, vergoſſenen Wein, beſchmutzte Tep⸗ piche u. dgl.; von den Gaͤſten war keine Spur mehr da; nur ein Aufwätter lag ſchnarchend in einem Seſſel, und von dieſem horte er, daß die ſaubere Geſellſchaft ſchon laͤngſt aufgebro⸗ chen und ſich auf die Maskerade ins Opern⸗ haus begeben habe, woſelbſt man ihn gleichfalls erwarte. Ob der Abbe Ledour auch dahin mit⸗ gegangen? konnte ihm der Burſche nicht be⸗ richten. Zitternd fragte Deſodry nun, welche Zeit es ſey? und mit Entſetzen hörte er, daß es bereits halb Neun Uhr geſchlagen habe. um Neun Uhr wurde aber das Thor des Semina⸗ riums geſchlöſſen, und er hatte mehr als eine Viertelſtunde zu gehen, um zu Hauſe zu ge⸗ langen. Ohne weiter etwas zu erwiedern, rannte er nun, was er nur konnte, dem Seminar zu, und war gluͤcklich genug, noch in demſelben — 80— Augenblick anzukommen, als der Thuͤrhuͤter eben den letzten Riegel vor das Thor ſchob. Auf ſeine Bitten ließ ihn der Mann noch herein.„Bei'm heiligen Andreas!“ ſagte der Wächter,„das war Zeit daß Sie kamen; eine Minute ſpater und es war vorbei.“ Deſodry druͤckte ihm ein Drei⸗ Livres⸗Stuͤck in die Hand und gebot ihm zu ſchweigen, zugleich fragend, ob der Abbe Ledoux bereits zu Hauſe waͤre.„O mein Chriſtus⸗ chen“— war die Antwort— wer könnte wohl außer Ihnen ſich noch herumtreiben?“ Be⸗ ſchaͤmt ſchwieg Gabriel, und ſuchte, da bereits alles im Hauſe zur Ruhe gegangen war, im Finſtern ſein Zimmer. S Jetzt erſt begann er uͤber das, was er gethan hatte, ernſthaft nachzudenken. Die Angſt, der Schreck, welchen er vorher empfand, als er hoͤrte, wie ſpaͤt es bereits ſey, hatten ihn faſt der Beſin⸗ nung beraubt; nun äber fiel das ganze Gewicht der begangenen Schuld auf ſeine Seele. Zwar rettete ihn das Mittleid des Thuͤrſtehers vor der Schmach, ſeinen Fehltritt den Obera verrathen zu ſehen, — aber, war er darum weniger begangen? Den Tag vorher hatte er ſich geweigert, einem an⸗ ſtaͤndigen Familienballe beizuwohnen, und in den nächſten Vier und Zwanzig Stunden war er bei einer Orgie geweſen! Thraͤnen traten bei dieſen Betrachtungen in ſeine Augen, und die bitterſte Reue zerriß ſein Herz. Die ver⸗ kleidete Nonne, die ihm erſt ſo reizend erſchien, ſtellte ſich ihm nun unter dem haͤßlichſten Bilde dar, und als er am nächſten Morgen in den Betſaal trat, und die Ruhe auf den Ge⸗ ſichtern ſeiner Collegen ſah, da trafen ihn die Schlage ſeines Gewiſſens doppelt. Was ihn aber am mehrſten ergriff, war, daß auch Ledour gleich allen Andern ausſah, und keine Spur von dem, was vorgegangen, an ihm bemerklich war. Sein Unwille gegen ihn wurde dadurch noch mehr geſchärft, und er nahm es ſich ernſtlich vor, ihn ſogleich nach dem Gebet daruber zur Rede zu ſtellen; wie ward er aber uͤberraſcht, als dieſer ſich im Gegentheil an ihn wandte, und im ſtrengen Ton des iſe Fhe zu ihm ſagte: 6 —————————— — 32— , O Deſodry, wie haben Sie ſich geſtern ver⸗ irrt! Welche Macht haben die Leidenſchaften noch uͤber Sie! und wie muß ich Gott danken, daß er mir Kraft genug verlieh, im entſcheidenden Au⸗ genblick den Lockungen zu entfliehen, denen Sie ſo ſchmaͤhlich unterlagen.— Beten Sis m bereuen Sie Ihre Fehltritte.“ Dieſet Verweis von dem, den er als— Mitſchuldigen angeſehen hatte, brachte ſeinen Schmerz auf den Gipfel⸗. Weit entfernt zu ahnden, daß Ledoux im Geheim nicht minder geſuͤndigt hatte, wie er, mußte er nun den Muth und die Standhaftigkeit dieſes Menſchen bewun⸗ dern, und er i erſchien: 8 nur 5 werächtlicher Aonb n chiolg Während dem ganzen g—— er da, wie vernichtet, und als er nun, dem Ge⸗ brauche des Tages gemäß, die Aſche aus der Hand des Prieſters empfieng, da ſagte er tief zerknirſcht zu ſich ſelbſt:„Ja, ich bin jetzt ſchon nichts Beſſeres, als veruͤchtlicher Staub!“ Es drängte ihn jetzt; ſich der Laſt ſeiner Suͤnde zu entladen; der Regel des Hauſes ge⸗ mäß gingen die-Seminariſten gewöhnlich aber nur des Sonnabends zur Beichte; wie hätte er jedoch noch ſo lange warten koͤnnen? Konnte ihn nicht der Tod in dieſen drei Tagen abrufen? — Der Abbe Falcol war ſein Beichtiger; zu dieſem entſchloß er ſich zu gehen und ihm Alles — mochte der Schritt auch ſo ſchwer ſeyn wie er wollte— zu bekennen.. Zagend nahte er der Thuͤr; aufe er an.— — Zehntes Kapitel. Die Beichtiger und die Buͤßenden. ₰. dem Moment, in welchem Deſodry an⸗ klopfte, beendete Falcol einen Brief an die Vor⸗ ſteherin eines Nonnenkloſters in der Vorſtadt St. Margeau. Der Abbe war Beichtvater in dieſem Kloſter, und zeigte jett der Superiorin an, daß eine Penſionaire bei ihr eintreffen wurde. Dies war Pauline. Dame Veronika hatte nämlich nicht unter⸗ laſſen, den von ihrer Schweſter empfangenen Auftrag hinſichtlich Paulinens zu beſorgen, und waͤhrend Deſodry mit Ledoux bei jenem Fruhſtuͤck war, das ihm ſo viele Reue verurſachte, hielt die fromme Tante mit ihrem Seelſorger Rath wegen Unterbringung der Nichte. — MNoch war Falcol bei Demoiſelle Veronika, als Pauline eintrat, die eilen zu muſſen glaubte, ihrer Tante einen Beſuch abzuſtatten. Der Anblick des ſchönen, jugendlichen Mäd⸗ chens traf den frommen Mann gewaltig, und er uͤberhäufte Paulinen mit ſo vielen Lobes⸗ erhebungen und ſelbſt Schmeicheleien, doß die gute Tante faſt eiferſüchtig wurde und nicht umhin konnte, lächelnd ihre Bemerkung uͤber des Abbes Galanterie zu machen. Die Gelegenheit, ſich uͤbrigens wichtig und dienſtlich zu zeigen, war Herrn Falcol hoͤchſt angenehm. Sein uͤberall verkanntes Prediger⸗ talent hatte endlich bei den frommen Seelen zu St. Margeau Anerkennung gefunden, denen zugleich ſeine ſuͤßlichen und devoten Unterhal⸗ tungen mächtig zuſagten, und er beſchloß nun ſogleich Pauline dorthin zu bringen. Als Deſodry jetzt bei ihm eintrat, ward er durch das verſtörte und niedergeſchlagene Aus⸗ ſehen des jungen Mannes uͤberraſcht, und ſehend, daß er etwas auf dem Herzen hatte, ermahnte — 86— er ihn mit ſuͤßlichem und Lon, ſich ihm zu entdecken.„ Deſodry ließ ſich dies nicht zweimal ſagen. Mit einem reichlichen Thraͤnenſtrome entledigte er ſich ſeiner Buͤrde, und der fromme Abbe er⸗ mangelte nicht, ob dem Abgrund der Verirrung, der ſich ſeinen Blicken hier aufthat, gewaltig zu ſeufzen und die Augen zu verdrehen. Nachdem aber Deſodry ſein Bekenntniß abgelegt und alle umſtände ſeines Falles wiederholt in's ſtärkſte Licht hatte ſetzen muͤſſen, begann er: „Mein theurer Sohn, Sie haben einen großen, großen Fehltritt begangen! Ach, ich fühle darüber ſo vielen Kummer, als wäre ich ſelbſt der Suͤnder, und weh' mir, wenn mich meine Theilnahme fur Sie in dieſer ernſten Angelegenheit beſticht! Ja, ich fuͤrchte, daß meine Nachſicht zu groß ſeyn wird. Nach dem Fehler, den Sie begangen haben, nach der Leichtigkeit, mit welcher Sie fielen, ach! nach der Gewalt, welche die Leidenſchaften uber Sie ausuͤben, beduͤrfen Sie einen andern, ſtrengeren Fuhrer, wie ich bin; einen Führer, der nicht durch Neigung fuͤr Sie zur ſträflichen Milde geneigt iſt, und allein die Gebote Gottes in Betreff Ihrer Pönitenz, vor Augen hat. Gern will ich fortfahren, Ihnen meinen ſchwachen Rach zu ertheilen, gern will ich der ſtete Freund Ihres Herzens bleiben, aber Ihr Beichtvater kann ich nicht mehr ſeyn.—“ Deſobry wagte kein Wort zu S nach kurzer Pauſe fuhr Falcol fort: „Wir haben das Gluͤck, im Hauſe hier einen frommen Prieſter zu beſitzen, den ich einen Apoſtel nennen mochte, ſo heilig iſt fein Leben, ſo ſalbungsreich ſind ſeine Worte. Das iſt der Mann, dem Sie ſich anvertrauen muͤſſen.“ Wen meinen Sie, fragte ſeufzend Deſodry? „Wen anders, als den Abbe Danriot.“ Bei dieſem Worte ſunert dſ zu⸗ Danriot hatte ihm ſtets nur Furcht eingefloͤßt, und ihm ſollte er ſich jetzt vertrauen? Aber er hatte eine große Suͤnde begangen, ihm gebuͤhrte eine ſtrenge Strafe. Danriot war der ſtrengſte, an ihn mußte er ſich wenden.— Bebend verſprach er ſeinem W zu folgen. Dem Abbe Falcol ſrnen ſeine annſpci⸗ nenen Intriguen nicht raſch genug vorwaͤrts. Zwar hielt ſich Danriot uͤber die Milde von 'Omont auf, aber er ehrte in ihm fortwaͤhrend den Vorſteher. Was that nun Falcol? Er ſchanzte Danriot einen jungen Mann als Beicht⸗ eind zu, den er ganz leitete, und hiermit noch nicht zufrieden, machte er ſich ſelbſt zum Beicht⸗ ſohn des ſtrengen Abbes, obſchon er ſonſt einen Beichtiger außerhalb dem Seminar hatte.„Sie ſehen“, ſprach er dieſerhalb zu Deſodry,„daß ich Ihnen nichts rathe, als was ich ſelbſt ge⸗ than habe.“ Wer aber den großen Einfluß der Beichtvaͤter kennt, wird ermeſſen, was durch die⸗ ſen Schritt uͤber Deſodry gewonnen war. Haben ſich doch ſelbſt Könige nicht dem Joche dieſer Seelenherrſcher entziehen koͤnnen, das oft ſo einflußreich auf die Häupter der Völker war, daß es ſchwer iſt zu entſcheiden, ob ſie oder die Guͤnſtlinge, oder die Geliebtinnen mehr ſchaft ausuͤbten. Hier war jedoch der Fall umgekehrt. Hier follte nicht der Beichtiger, ſondern der Beicht⸗ ſohn herrſchen. Dies Band ſollte dem ver⸗ ſchmitzten Falcol zur Leine werden, an welcher er den heftigen, harten, fanatiſchen Danriot lei⸗ ten wollte, und in Wahrheit, es gelang ihm. Mit einer Schlauheit, die Bewunderung ver⸗ dient, benutzte er die Selbſtanklagen im Beicht⸗ ſtuhle, um zugleich Andere anzuklagen, und in⸗ dem er ſo dem zweiten Vorſteher ſeine Ideen gleichſam unterſchob, brachte er ihn bald dahin, ihn zu ſeinem Werkzeug zu machen. Die Folgen dieſer Liſt blieben auch nicht lange aus. Danriot war der entſchiedene Geg⸗ ner von l'Omont, und Dank den heftigen Deklamationen des Erſteren bei ſeinen Unter⸗ redungen, und den ſchleichenden Inſinnationen Falcols, ward dies auch bald der Fall mit allen Seminariſten. Schon hieß der ehrwuͤrdige 'Omont allenthalben ein halber Chriſt, ein nachlaͤſſiger Arbeiter im Weinberge, und ſeine Milde gegen den ungluͤcklichen Karl Duͤbourg ward theils als ſtraͤfliche Nachſicht getadelt, theils als Schwaͤche verhoͤhnt und verſpottet. Ja, man ſtand ſogar nicht an, ihm den verhaß⸗ ten Namen„Philoſoph“ beizulegen, und wer weiß, ob nicht bald der eines„Ketzers“ nach⸗ folgte.— Wahrend Falcol aber meinen Freund zum Beichtkind eines entſchiedenen Fanatikers machte, behielt er ſich kluͤglich die Stelle eines Beicht⸗ vaters bei deſſen Schweſter vor, und ſchnitt dem Anſchein nach, dadurch zugleich uns Andern alle Hoffnung ab, den Freund aus den Haͤnden der Fanatiker endlich doch noch zu retten; denn wie konnte nun noch Pauline, ſelbſt von ihm um⸗ garnt, uns beiſtehen?— Elftes Kapitel⸗ Pauline und der Lobe Fatcor. So vielen Kummer uns auch bisher der Weg machte, den Deſodry einſchlug, ſo hatten wir doch noch immer den Troſt, daß er gut, ſanft und gefuͤhlvoll geblieben, und die Anhänglichkeit an ſeine Familie und ſeine Freunde bewahrt hatte. Von dem Augenblick aber an, wo er auf Falcols Rath in Danriot's Haͤnde filel, wurde dies alles anders, und der myſtiſche Schwarmer verwandelte ſich zu unſerm Schrecken in einen wuͤthenden und unduldſamen Fanatiker. Gewaltſam druͤckte Danriot ſeinen Geiſt mit dem Gewicht der begaugenen Suͤnden nieder, und erlaubte ihm geraume Zeit nicht den Genuß der Sakramente, und als er nun endlich in die⸗ — ſer Art wieder zu Gnaden angenommen war, da ſah ich in ihm das Bild eines devoten und unduldſamen Schwaͤrmers.„Heil denen“, rief er aus,„die die Reue zerknirſcht, und Wehe! Wehe, den verhaͤrteten Suͤndern!“ Mit dem Eifer eines Zeloten ergoß er ſich uͤber die Suͤn⸗ den der Zeit und den Unglauben des Jahrhun⸗ derts, und der pfäffiſche Stolz, gerechter zu ſeyn wie die Andern, leuchtete dabei aus ſeinen Au⸗ gen. Daß die Gottloſen ewig verdammt wer⸗ den wuͤrden, erfuͤllte ihn mit Freude. Paris nannte er jetzt nicht mehr anders als das neue Babel, und wohlgefaͤllig prophezeihte er ihm die ganze Zornſchale des Ewigen. Zu ſeinem On⸗ kel kam er in dieſer Periode gar nicht mehr, ſeine Schweſter beſuchte er aber dagegen zuwei⸗ len in Falcols Geſellſchaft. Selbſt die kind⸗ lichen Gefuͤhle ſchienen ſich aus ſeiner Bruſt zu verwiſchen. Mit Kaͤlte nahm er die Briefe von ſeiner Mutter auf, und ruͤhmte ſich, daß einzig und allein Liebe zu Gott ſein Herz fuͤlle, und alles Andere ihm dagegen gleichguͤltig ſey. In ſeinem ſchwaͤrmeriſchen Eifer haͤtte er gern die — — 93— ganze Welt bekehrt, durch ſeine Undulbſamkeit ſtieß er aber alle, die— wie er dachten, von ſich. Wie anders ſchhen⸗ dagegen ſeine Schwe⸗ ſter! Gut, ſanft, theilnehmend und frohlich, war ſie der Troſt und die Freude ihrer Ver⸗ wandten, und ihre Heiterkeit machte dem alten Lecoq manche frohe Stunde. Mit jugendlichem Scherz erlaubte ſie ſich zuweilen, die kleinen Lächerlichkeiten, die die Frauen ihres Kloſters an ſich hatten, zu perfiffliren, denn allerdings konnte ihrem unumnebelten Geiſte die Frömmler⸗ Maske, die ſie ſo haͤufig tragen ſah, nicht zuſagen, und die Superiorin, wie ihre Tante Veronika und Falcol, entgingen in dieſer Art, zur großen Gemuͤthsergötzung ihres Onkels, nicht den Aus⸗ bruͤchen ihrer zwar ſatyriſchen, doch aber dabei im⸗ mer noch gutmuͤthigen Laune, und nur ihr Bruder, den ſie innig liebte, war, trotz der vielen Blößen, die er gab, ſtets bei ihr dafuͤr geſchuͤtzt. Mich anlangend, ſo muß ich geſtehen, daß mir das liebenswuͤrdige Mädchen mit jedem Tage theurer wurde. Gern wählte ich die Zeit, wo ich wußte, daß ſie bei ihren Verwandten war, um dieſe zu beſuchen, und oft blieb ich, wenn mich mein Weg bei ihrem Kloſter vorbeifuͤhrte — was nebenbei bemerkt, haͤufig geſchah, da ich ein botaniſches Collegium im Garten des Koönigs beſuchte— horchend ſtehen, um unter dem Geſang der Nonnen in der Veſper und in den Meſſen, ihre Stimme herauszuſuchen. Ach, wie gluͤcklich war ich, wenn ich glaubte ſie ver⸗ nommen zu haben!— Plötzlich gab es aber einmal im Kloſter ein gewaltiges Aufſehen. Pauline erklaͤrte naͤmlich, nachdem ſie einige Zeit zu unſer aller Erſtaunen ernſthafter und nachdenkender wie gewohnlich geweſen war, höchſt beſtimmt, daß ſie den Abbe Falcol nicht mehr zu ihrem Beichtvater nehmen konne, und als man nun mit Bitten, Vorſtel⸗ lungen und ſogar Drohungen in ſie drang, und durchaus wiſſen wollte, warum ſie einen Mann⸗ den das ganze Kloſter achtete, verwuͤrfe, da ſagte ſie mit einer Feſtigkeit, die man nicht von ihr erwartet hatte; ihr Entſchluß ſtehe feſt, und — 256—* nur Gott allein habe ſie daruͤber i zu geben 60 Wie unangenehm dieſes—— riorin war, laͤßt ſich denken; ſie zitterte, die Nachricht dem Abbe zu hinterbringen, und 68 dies geſchehen⸗ n Anfänglich war Falcol nicht wenig w— bald ſammelte er ſich jedoch wieder, und mit einem ſardoniſchen Lächeln die Sache fuͤr einen kindiſchen Einfall erklärend, verlangte er die Widerſpenſtige zu ſprechsen.„ Pauline verwei⸗ gerte dies, man zwang ſie aber dazu, und nun wiederholte ſie mit aller Ruhe und Anſtand ihm ihre Erklärung in's Geſicht. Gluͤhend vor Zorn, befahl hierauf Falcol, das Maͤdchen mit ihm allein zu Jaſſennun beſchwor aber Pauline die Nonnen mit Thraͤnen in den Augen) nicht von ihr zu gehen. Unſchluͤſſig, was zu thun, ſtan⸗ den dieſe noch, als plotzlich der Abbe wie ver⸗ wandelt, eine andere Miene annahm und mit ſeinem gewöhnlichen ſüßen Ton ſagte;„Meine theure Tochter, aͤngſtigen Sie ſich nicht, Gott will nicht, daß man das Vertrauen erzwingen * 6 ſoll; Sie entziehen mir das Ihre, ich will dar⸗ uͤber nicht murren, und werde deswegen nicht weniger fuͤr ihr Wohl beten.“ Der ſchlaue Heuchler hatte ſich ſchnell die Sache uͤberlegt; ihm war eingefallen, was er hier alles auf's Spiel ſetzte, wenn er mit Ge⸗ walt auf ſeinem erſten Entſchluß beharrte, und ſo ergriff er denn dieſes Auskunftsmittel, welches ihn zugleich in dem mildeſten und chriſtlichſten Lichte bei den Anweſenden erſcheinen ließ, die, nun, nachdem er mit der ſcheinbaren Ruhe eines Gerechten ſich entfernt hatte, nicht erman⸗ gelten, die arme Pauline mit den bitterſten Vorwuͤrfen zu peinigen, daß ſie einen ſo heili⸗ gen Mann, wie den Abbe, hatte kraͤnken koͤn⸗ nen. Der Gedanke, den frommen Seelſorger durch die Hartnäckigkeit Paulinens zu verlieren, bemaͤchtigte ſich jetzt dergeſtalt der Seelen der bigotten Kloſterftauen, daß ſie einen wahrhaften Widerwillen gegen die Arme faßten, und gewiß ihr viel zu leiden wurden gemacht haben, hätte nicht Onkel Lecoq uͤber die Verlaſſene ge⸗ In dem Augenblicke, wo er von dem Vor⸗ gange unterrichtet worden war, ſchrieb er ſogleich an Paulinens Mutter, und ohne deren Antwort erſt abzuwarten, ging er zum großen Verdruß von Veronika, zu der Superiorin, bezahlte das Koſtgeld fuͤr ſeine Nichte und nahm ſie aus einem Hauſe weg, in welchem ihr jetzt nur Ver⸗ folgung bevorſtand; dann brachte er ſie aber ſo⸗ gleich in ein anderes Kloſter, woſelbſt er jedoch ausdrucklich feſtſetzte, daß man ſie nicht in der Wahl ihres Beichtigers hindere. Die Antwort der Mutter fiel uͤbrigens gunſtig aus. Mad. Deſodry wuͤnſchte blos, daß ihre Tochter bis zu ihrer Verheirathung in einem Kloſter bleiben ſollte, welches dies war, war ihr gleichguͤltig, und ſie genehmigte dieſerhalb alles, was ihr Bruder thun wuͤrde. Als ich den Hergang der Sache erfuhr, fuͤhlte ich mich auf's Tiefſte gegen Falcol in⸗ dignirt.„Iſt es nicht genug, rief ich ich aus, daß dieſer Tartuffe uns den Bruder entriſſen hat! will er nun auch noch die Schweſter umgar⸗ nen?“ Ohne mich indeß weiter ſonderlich um die 7 1 1 98— Beweggruͤnde zu kuͤmmern, welche Paulinen zu dieſem Widerſtande bewogen haben konnten, rich⸗ tete ich mein Augenmerk nun nur auf den Bruder, dem, wie ich hoffte, dieſer Vorgang die Augen uͤber Falcol öffnen ſollte. Leider war aber dieſe Hoffnung vergebens! Falcol wußte dem Schlage zuvorzukommen. Er ſtellte Deſo⸗ dry die Sache ſo vor, als habe ſeine Schweſter ſeine Ermahnungen und Vorſchläge falſch aus⸗ gelegt, und als ſey vielleicht durch heimliche Ein⸗, fluͤſterungen, ſeinen frommen und Gott wohlge⸗ faͤlligen Reden, ein boͤſer Sinn untergeſchoben worden, und da er wußte, daß ich im Begriff ſtand, eine Reiſe in meine Heimath zu machen, ſo nahm er Deſodry das Verſprechen ab, ſeine Schweſter nicht vor meiner Abreiſe zu ſehen, „denn, ſetzte er hinzu, Herr Aubin, mein theurer Freund, iſt ein junger, mit den verabſcheuungs⸗ wuͤrdigen Anſichten der Zeit durch und durch ge⸗ traͤnkter Philoſoph, und leider hat er nur zu vielen Einfluß anf Ihren Onkel und Ihre Mut⸗ ter, und daher auch auf Paulinen.“ Hierdurch erreichte der Schleicher wirklich, daß Deſodry ſeine — 5— Schweſter nicht über den Vorgang befragte, und gegen mich mit dem groͤßten Zorn erfullt ward. Als ich daher einen Beſuch bei ihm ab⸗ ſtattete, empfing er mich ſehr äbel, und uͤberhaͤufte mich, ohne mich anzuhören, mit den ungerechteſten Vorwurfen, die mich um ſo mehr zwangen, bald wieder zu gehen, da kurz nach meinem Eintritt ſich auch Falcot und Dan⸗ riot einfanden, gegen deren vereinte Mocht ich freilich nicht Stich halten konnte, ohne ein Aergerniß zu geben. Ich entfernte mich dem⸗ nach und beſchloß an Deſodry zu ſchreiben, und ſo den Verſuch zu machen; ihn von ſeinem Unrecht zu uberzeugen. Während ich nun noch hiermit beſchäftigt war, ſah ich aber Herrn Lecog ganz erhitzt in mein Zimmer treten. Durch die Plaudereien der Dienerin ſeiner Schweſter Veronika hatte er gehört, daß dieſe alte Dame im Begriff ſtand, ein heimliches Vermäͤchtniß zu Gunſten ihres Beichtvaters zu machen, und daß die Sache mit eben ſo viel Liſt als Klugheit von Falcol betrieben wurde, um dem Geſetze, welches den von ihren Beichtkindern anzunehmen, auszu⸗ weichen. „Das iſt zu arg!“ rief der ehrliche Buͤrger aus,„das iſt zu arg! Aber eh' ich jetzt noch zu der alten Betſchweſter gehe, will ich zu mei⸗ nem Narren von Neffen. Er ſoll ſehen, in welchen Haͤnden er ſich befindet. Mag er dann, wenn auch dies nichts hilft, mit ſeinen Heuch⸗ mag er ſelbſt in ein Kloſter gehen, ich will mich nicht mehr darum kuͤmmern; aber wiſſen ſoll er wenigſtens, wer die ſind, die ihn betrugen. Kommen ſie mit, lieber Aubin.“ Ich folgte und hegte, obſchon noch voll des heutigen ſchlechten Empfanges, doch abermals ward aber wieder zu Schanden. aufgenommen, und bald ſah ich mit Schmerz, daß mein Freund verloren war. Umſonſt war alles, was Lecoq und ich ſagten, umſonſt ſtellte der Erſtere dem Verblendeten das ganze Gewebe htigern verbietet, Legate zu ihrem Beſten lern faſten, beten und ſingen, ſo viel er will,, einige Hoffnung von dieſem Gange.— Sie Wir wurden nicht beſſer als ich vorhin allein ——— — der Liſten und Raͤnke, ber Habſucht und der Heuchelei von Falcol vor Augenz umſonſt ſelbſt die ſehr wahrſcheinlichen urſachen, weswegen Pauline den Elenden nicht mehr zu ihrem Beichtvater haben wollte; es war alles verge⸗ bens, und ich gewann die Ueberzeugung, daß nie⸗ mals die ſogenannten Weltkinder ſo erbittert und ſo heftig werden, wenn man ihnen ihre liebſten Intereſſen angreift, als die Frömmler, wenn man es wagt, ihre Goͤtzen anzutaſten. Mit wilden Blicken zerriß Deſodry den Brief, den ich ihm geſchrieben und jetzt gegeben hatte, und ohne auf uns zu hoͤren, erklaͤrte er, daß er entſchloſſen ſey, uns allen, ja ſeiner ganzen Familie zu entſagen, und daß er nie wieder etwas mit uns zu thun haben wolle.: Den eyhrlichen Lecog ſetzte dieſe tolle Erklaͤrung in Wuth. Er nannte ſeinen Neffen einen wahn⸗ ſinnigen Thoren, einen elenden Undankbaren, und eilte nun fort, ſeiner kopfhängeriſchen Schweſter, der er, nicht mit Unrecht, das ganze Unheil zu⸗ ſchrieb, das Kapitel zu leſen. Hier kam er aber nicht beſſer an, wie berm — 102— Neffen. Anfaͤnglich ſuchte zwar Veronika die Sache mit dem Teſtament zu leugnen, da ſie aber bald ſah, daß ihr Bruder ſich nicht taͤuſchen ließ, ſo erklärte ſie nicht minder heftig, daß ſie Herr uͤber ihr Vermogen ſey, und thun wuͤrde, was ihr beliebte, hinzuſetzend, ſie halte es für beſſer, ihr Geld in die Hände der Frommen, als in die der Gottloſen kommen zu ſehen. Uebrigens hatte Lecog, als er in ſeinem Eifer von in's Kloſtergehen ſeines Neffen ſprach, nicht ganz fehlgeſchoſſen. Wirklich hegte Deſodry in die⸗ ſer Zeit den Gedanken, Moͤnch zu werden, und da ihm die Ordensregel der Karthaͤuſer noch zu welt⸗ lich ſchien, ſo war er nicht abgeneigt, ſich in ein Kloſter à la Trappe zu vergraben. Plotzlich an⸗ derte er jedoch dieſen Vorſatz wieder.„Nein!“ rief er aus,„nicht die beſchauende, die ſtreitende Kirche ruft mich. Ich fuͤhle den Muth in mir, die Ketzer anzugreifen und zu vernichten. Gegen den Atheismus und die Philoſophie will ich ſtreiten.“ Mit dem tiefſten Kummer erfuhr ich dieſe Geſinnungen meines Freundes, und mein Troſt war, daß wir nicht in Tagen lebten, wo man Religionskriege ficht und anzuͤn⸗ det. Was wäare in ſolcher Zeit aus Deſodry ge⸗ worden! Sein Fanatismus wuͤrde nicht erman⸗ gelt haben, ihm das blutbefleckte Schwert der Ingquiſitoren Spaniens in die Hand zu geben. Ich reiſte jetzt ab, um meine Mutter zu beſuchen. Meine Hoffnungen, Deſodry noch einſt auf den Weg der Vernunft zuruͤckkehren zu ſehen, waren verſchwunden. Ich fuͤrchtete alles und hoffte nichts mehr.„. Aber wäh⸗ rend meiner Abweſenheit durch ein Ereigniß, das keiner erwarten konnte, Alles. Zwoͤlftes Kapitel. Ein Paar neue Perſonen. Dn Tag nach meiner Abreiſe ging Deſodry zu ſeiner Schweſter. In der Nacht vorher hatte ſeine erhitzte Phantaſie ihm einen Traum vor⸗ geſpiegelt, den er fuͤr eine wunderbare Offenba⸗ rung von Oben nahm. Der Apoſtel Paulus, der Schutzpatron ſeiner Schweſter, war ihm näm⸗ lich erſchienen und hatte ihn aufgefordert, alle ſeine Beredtſamkeit aufzubieten, um die Schwe⸗ ſter aus den Banden der ſie umſtrickenden böſen Rathſchläge zu befrelen, und zugleich hatte ihm der Heilige eroffnet, daß Pauline dermaleinſt noch eine der glänzendſten Säulen im Hauſe des Herrn werden wuͤrde.— Dies reichte natuͤrlich hin, den Schwärmer auf's Hef⸗ 7 — 105— tigſte zu entflammen, und ihm nicht allein die Hoffnung einzuflößen, ſeine Schweſter dem kaum verlaſſenen Kloſter und ihrem frommen Beich⸗ tiger wieder zuzufuͤhren, ſondern ſie auch ſelbſt bald im Schmuck des kirchlichen Schleiers zu ſehen. Er begann daher ſogleich bei ſeinem Eintritt in's Sprachzimmer das Bekehrungswerk, ward aber zu ſeinem großen Verdruß ſehr bald darin durch die Ankunft eines Fremden in einem ſchwarzen Kleide unterbrochen, deſſen geſuchter und höchſt eleganter Anzug auf den erſten Blick den honne de robo verrieth. Mit Artigkeit grüßte der Einkommende den jungen Abbe, mit noch groͤßerer deſſen ſchoͤne Schweſter, und nun nach⸗ laͤſſig bald mit der Uhrkette, bald mit ſeinem Jabot ſpielend, betrachtete er in Erwartung der⸗ jenigen, welche er zu ſprechen gekommen war, mit etwas ſpoͤttiſchem Laͤcheln das an einer Wand des Zimmers befindliche⸗ ziemlich ſlet Bild der heiligen Jungfrau. Wenige Minuten darauf trat auf der innern Seite eine junge Dame, in weltlicher Tracht, in das Gemach, deren Erſcheinen auf Deſodry mit wunderbarer Gewalt wirkte. In der That war es von dieſem Augenblick an um ſeine Faſ⸗ ſung geſchehen. Unwillkuͤhrlich lenkten ſich ſeine Blicke nach der ſchoͤnen Unbekannten hin, die ſogleich ein eifriges Geſpräch mit dem ſchwarzen Herrn begann, dabei aber doch nicht unterließ, von Zeit zu Zeit ihre ſchönen Augen auf Deſodry zu tichten, und ihn dadurch vollends außer aller Haltung brachte. Vergebens ſtrebte der arme Menſch von jetzt an, ſich dem Zauber dieſer Blicke zu entziehen, unwillkuͤhrlich zwang es ihn, nach der verfuͤhreriſchen Erſcheinung hinzuſehen, und bald konnte er ſich, den Apoſtel Paulus und ſeiner Miſſion vergeſſend, nicht mehr der Frage gegen ſeine Schweſter enthalten, wer die Dame ſey. „Es iſt Mad. Derblay“, erwiederte Pauline, „die Gattin eines reichen Mannes, mit welchem ſie jetzt in einem Scheidungsprozeß begriffen iſt, und demnach, dem Gebrauch gemaͤß, bis zu Aus⸗ trag ihrer Sache hier in dieſem Kloſter wohnt. Sie iſt— ſetzte Pauline noch hinzu— nun ungefahr acht Tage hier und machte uns allen von Anfang durch den Anſchein von Stolz, wel⸗ chen ſie hat, einen kleinen Schreck. Jetzt ſind wir aber recht gut bekannt mit ihr, denn ſie iſt zuvorkommend und artig, und beſonders zeigt ſie ſich ſehr guͤtig gegen mich.“ Der Fremde war uͤbrigens der Anwald der Dame und jetzt gekommen, ihr anzukuͤndigen, daß ſie ſich den nächſten Tag in die Wohnung des Gerichts⸗Präſidenten wuͤrde verfügen muͤſ⸗ ſen, wohin auch ihr Gemahl kaͤme, und daß man dort eine Ausgleichung zwiſchen den Strei⸗ tenden verſuchen wuͤrde. Die Unterhaltung der Mad. Derblay mit ihrem Advokaten, der ſich Duͤclair nannte, war anfangs ziemlich leiſe gefuͤhrt worden, da der Letztere aber eine etwas gellende Stimme hatte und auch Madame im Lauf der Rede waͤrmer wurde, ſo ward ſie zuletzt ſehr vernehmbar, und die Geſchwiſter hörten nun, wie die Schoͤne un⸗ willig uͤber den Vorſchlag zur Ausgleichung, aus⸗ rief:„Wie! ich ſoll mich mit ihm verſoͤhnen? mit ihm, der mich ſo ſchrecklich beleidigte! Ich — 108— ſoll ihn ſehen!... Werden Sie denn gegen⸗ waͤrtig ſeyn, mein beſter Herr Duͤclair?“ „Allerdings, Madame, werde ich das, ent⸗ gegnete der Mann der Rechte. Wie koͤnnte ich auch eine Dame, wie Sie, die ſo ſehr durch ihren Geiſt, ihre Tugenden und ihre Reitze die Theilnahme etregt, in ſolch einem bedeutenden Moment verlaſſen.“ „Sagen ſie lieber“, fiel Mad. Derblay ein, „durch mein Ungluͤck,— Doch ich will Muth faſſen; ich werde dem Richter ſagen, wie ich mißhandelt, wie ich gequält worden bin, und ich hoffe, daß man mir mein Recht nicht ver⸗ weigern wird.“ Hierauf aber ſich zu Paulinen wendend, fuhr ſie nach kurzer Pauſe fort:„Son⸗ der Zweifel, meine theure Freundin, iſt dies der Bruder, von dem Sie mir ſo viel Ruͤhmliches erzahlten. Ich kann mir es denken, er gleicht Ihnen außerordentlich.“ „Das ſagen Alle, welche uns ſehen, erwie⸗ derte Pauline.“ Deſodry aber, geſchmeichelt und befangen zu gleicher Zeit, entgegnete nichts und errothete uͤber und uͤber. — 10 „O wie er errothet“, fuhr die Fremde fort, „wie ein Maͤdchen!“ Laäͤchelnd machte Herr Duͤclair dieſelbe Bemerkung, Mad. Derblay ſetzte aber, ſich nun in einem ernſteren Ton an De⸗ ſodry wendend, hinzu:„Es gereicht mir, mein Herr Abbe, zum großen Troſt in meinen Leiden, daß ich hier theilnehmende Herzen fand. Vor allem aber fuͤhle ich mich Ihrer liebenswuͤrdigen Schweſter verpflichtet, die mir mit ſo vieler Guͤte entgegen gekommen iſt.“ Stotternd und ſeinen Hut mit aͤngſtlicher Verlegenheit in den Händen drehend, erwiederte Deſodry:„Meine Schweſter iſt ſehr gluͤcklich ſie muß es ſich zur Ehre ſchätzen.. ija die Guͤte die chriſtliche Milde...“ Hier blieb er ſtecken, und Mad. Derblay nahm nun wieder das Wort und ſprach, zu Paulinen gewendet:„Vor allem, meine Beſte, vergeſſen Sie nicht, was ich Ihnen bereits fruͤ⸗ her rieth. Bedienen Sie ſich Ihres Einfluſſes auf Ihre Verwandten, daß man ſich dem Ent⸗ ſchluſſe Ihres Herrn Bruders nicht mehr wider⸗ ſetzt. Es iſt wahrhaft ein Vergehen, ſich dem — 110— entgegen zu ſtellen, was ein Menſch fuͤr ſeinen Beruf erkennt⸗ Ach, wenn man eben ſo gegen mich gehandelt hätte, ſo wär' ich noch gluͤcklich, ſo brauchte ich jetzt nicht vor den Schranken des Gerichtes zu erſcheinen und meine Klagen dort ertönen zu laſſen. O, ich bin ſehr zu bedauern!“ Hier ließ ſie ein Paar Thraͤnen fallen, die ihrem Triumph uͤber das Herz meines Freundes die Krone aufſetzten. Er war von dieſem Au⸗ genblick an ganz aufgelöſt in Mitleid fuͤr die ſchöne Leidende, und ſeine Blicke hingen wie an⸗ gezaubert an ihr; und als nun endlich die Glocke ſchlug und man ſich trennen mußte, da ergoß er, der bisher in ſeiner Befangenheit immer nur ziemlich ſtumm der Unterredung beigewohnt hatte, ſich gegen den ihn begleitenden Rechtsgelehrten in einen Strom von Lobeserhebungen uͤber den Geiſt, die Chriſtlichkeit und Schonheir von deſſen Clientin, was denn, gleichſam zum Dank, von dieſem mit einer Tugenderhebung der Dame und einer Philippike gegen deren Gemahl erwiedert wurde, der nach der Beſchreibung ein wahres Muſter von Rohheit, Eiferſucht, Haͤßlichkeit, — 11—— Haͤrte und Unanmuth ſeyn ſollte, waͤhrend Ma⸗ dame ein Spiegel alles Geiſtes und aller Tu⸗ genden war. Dies Alles declamirte aber der Rechtsmann im Herausgehen aus dem Kloſter mit ſolcher Erhebung der Stimme ab, daß die Pfortnerin daruͤber vor Schreck ihr eben begonnenes Ave vergaß, und Deſodry in Flammen geſetzt noch bei'm Abſchied ausrief:„O mein Herr, vertheidi⸗ gen Sie doch ja dieſe Ungluͤckliche mit allen ihren Kräften, und ſeyn Sie uͤberzeugt, daß Sie eine Gott wohlgefällige Handlung begehen, wenn Sie ſie von dieſem Ungeheuer von Manne befreien.“ Was war nun aus ſeinem großen Vorhaben, die Schweſter zum Schleier zu bereden, geworden? Zuruͤckgekehrt in ſein Seminar, wollte er den Gedanken an den Befehl des ihm erſchienenen Apoſtels wieder aufnehmen, doch umſonſt. Statt dem Heiligen ſtellte ſich ihm das Bild der reitzen⸗ den Mad. Derblay dar, und mit Ungeduld erwar⸗ tete er den nächſten Tag, um Nachricht zu em⸗ pfangen, wie die Zuſammenkunft dieſer Dame mit ihrem Tyrannen von Mann ausgefallen war. — 1— Hier war indeß wenig ausgemacht worden, und Mad. Derblay ſelbſt ſprach ſich auch nicht ſehr uͤber den Erfolg aus. Ihre Angelegenheit ging den Gang Rechtens fort, und Dank der beliebten Schwerfaͤlligkeit dieſes Ganges, zog ſich die Sache gehörig in die Länge. Dies war aber ein Umſtand, der unſerm Deſodry gar nicht un⸗ angenehm war, und um ſich wegen der Freude, die er daruͤber empfand, gegen ſich ſelbſt zu entſchuldigen, überredete er ſich, es ſey ihm nur darum zu thun, daß ſeine Schweſter die Ge⸗ ſellſchaft der Dame noch laͤnger genieße und ſich durch ihren Unterricht in der Muſik vervollkommen Sein religisſer Eifer war übrigens deswegen nicht vollig abgekuͤhlt worden; doch beſuchte er ſeine Schweſter jetzt ſehr haͤufig, ſprach aber da⸗ bei nie mit ihr, wie er ſich bei'm Hingehen doch ſtets vornahm, weder von dem Abbe Falcol, noch von dem Schleier, und ſchied jedesmal, ſo oft er Mad. Derblay nicht mit im Sprachzimmer fand, ſehr mißvergnugt. Dreizehntes Kapitel. Verſuchung. Deß Mad. Derblay ihren Gatten nicht hinter⸗ gangen hatte, will ich gern glauben, ſo viel iſt aber gewiß, daß ſie eine ausgezeichnete Coquette war und zu jener nicht lobenswerthen Claſſe von Frauen⸗ zimmern gehoͤrte, die die Macht ihrer Reitze nur dazu anwenden, um Leidenſchaften zu erregen, die ſie nie geſonnen ſind zu erwiedern. Die Tochter eines Mannes, der ſeine ſogenannten philoſophi⸗ ſchen Lebensanſichten bis zur Freigeiſterei trieb, war Herminie Haudard, ſeit zwei Jahren an den reichen Herrn Derblay verheirathet wor⸗ den, den ſie, wie ſie mit Naivität verſicherte, nie geliebt hatte, und von dem nun geſchieden zu 8 * werden, ihr um ſo mehr Vergnugen machte, da ſie dadurch Aufſehen zu erregen und— Freiheit zu erhalten hoffte. Der Hang zur Coquetterie, die Sucht, alles an den Triumphwagen ihrer Reitze zu ſpannen, hatte ſich uͤbrigens dieſer Frau ſo ſehr bemaͤch⸗ tigt,“ daß ſie gegen einen jeden, der mit ihr in Beruͤhrung kam, ihr Spiel begann, und ſo zahl⸗ loſen alten und jungen Männern, Geſetzten und Gecken, in der kurzen Zeit ihrer Verheirathung und bei der Gelegenheit, welche ihr ihre ange⸗ ſehenen Verhäͤltniſſe boten, den Kopf verdrehte. Auch gegen ihren Anwald begann ſie dieſelbe Rolle zu ſpielen, doch diesmal nicht mit derem Gluͤck. Dem kalten Juriſten war es wenig um ihre Gunſt, deſto mehr aber um den Ruf eines beredten und geſchickten Sachwalters zu thun. Mad. Der⸗ blay hatte ſelbſt Damen, Vornehme des Ho⸗ fes, Prälaten, ja ſogar den Beichtvater des Ko⸗ nigs fuͤr ſich zu gewinnen gewußt. Welch ein Triumph war es nun, ihre Sache, die nebenbei bemerkt nicht ganz beſonders ſtand, ſiegreich durch⸗ — — — 115— zufuͤhren! Mit Entzucken hatte Duͤclair baher ihre Angelegenheit uͤber ſich genommen, und die Clientin, als ſie ihn vor vielen wählte, ſich nicht in ihm getäuſcht. Zwar war er mehr Schwätzer, wie Redner, aber was that das? ſeine Vorträge ſchimmerten doch, und was ihnen an gutem Sinn abging, erſetzte ein Anſtrich von Begeiſte⸗ rung und ſcheinbarer Schärfe. Dennoch, und ſo ſehr ſich auch der Advokat huͤtete, der Dame nichts anders als Rechtsfreund zu ſeyn, möchte ſein Herz doch vielleicht am Ende noch den wohlberechneten Angriffen der Circe un⸗ terlegen haben, wenn nicht Mad. Derblay ſelbſt jetzt einen andern Plan gefaßt hätte. So ſehr die Angelegenheiten ihres Prozeſſes ſie auch beſchaͤftigten, ſo konnte es doch nicht fehlen, daß ſie bald den Aufenthalt im Kloſter ſehr langweilig fand. Sie hatte bisher in allen Zerſtreuungen der großen Welt gelebt, wie konnte ihr die Monotonie dieſes Ortes zuſagen! So ſehr ſie ſich aber auch wegſehnte, ſo war ſie doch gezwungen aubzuhatren, und um die Zeit nur 3* 8* — 116— mit etwas hinzubringen, beſchloß ſie einſtweilen das Herz meines Freundes zu erobern. Von ſeiner Schweſter hatte ſie gehoͤrt, welche Rich⸗ tung ſein Geiſt genommen, und wie ſehr die Fa⸗ milie ſich daruͤber betruͤbte. Dies war ihr alles hochſt willkommen; nun gab es etwas zu in⸗ triguiren, zu betreiben, zu coquettiren, und man wird ſich nun nicht mehr uͤber die zuvorkommende Art, mit welcher ſie das Geſpraͤch mit Deſodry anknuͤpfte, wundern. Sich in ſeinem Herzen an die Stelle zu ſetzen, die jetzt ſeine ſchwaͤrme⸗ riſche Liebe fuͤr Gott einnahm, das war ihr Zweck, und ſie verfehlte ihn nicht. Mein Freund war uͤbrigens weit entfernt, die Schlingen zu ahnden, welche die Liſtige ihm legte. Wahrend er ſchon nichts anderes mehr dachte als ſie, glaubte er noch immer ſo devot, wie einſt zu ſeyn, und wenn ihn ja mitunter ein banger Gedanke dieſerhalb beſchlich, ſo tröſtete er ſich ſchnell mit der Austede, daß er in ihr nur den Schopfer in einem ſchoͤnſten Werke liebe, 4 4 — 117— An Vorwänden, um oft im Sprachzimmer zu erſcheinen, wenn Deſodry gegenwärtig war, fehlte es Mad. Derblaͤy natüͤrlich nicht, und bald fand ſie auch Gelegenheit, ihn durch Hervor⸗ hebung ihrer Talente noch mehr von ſich zu be⸗ zaubern. Im Sprachzimmer ſtand ein Inſtru⸗ ment, denn die Kloſterfrauen liebten es, den be⸗ ſuchenden Eltern und Verwandten ihrer Koſt⸗ gaͤngerinnen, die Fortſchritte zu zeigen, welche ſelbe in der Muſik machten. Unter dem Vor⸗ wande, Deſodry die Fortſchritte ſeiner Schweſter bewundern zu laſſen, noͤthigte Mad. Derblay erſt Paulinen zu ſingen und zu ſpielen, und mein Freund war entzückt daruͤber, denn wirklich hatte ſich das Mädchen ſeit ihrem Zuſammenleben mit der ſchönen Herminie, die zuweilen ſo guͤtig war, ihr einige Anweiſungen zu geben, hierin ſehr vervollkommt; wie ward er aber erſt hingeriſſen, als nun Mad. Derblay ſelbſt ſich an den Fluͤgel ſetzte und mit bezaübernder Anmuth eine Arie vortrug!— Der gute Deſodry glaubte in die⸗ ſem Augenblic die heilige Cäcilie zu ſehen, und wäre ſein Herz noch nicht erobert geweſen, es X —— wuͤrde jetzt das Eigenthum der Schoͤnen gewor⸗ den ſeyn. Den Tag vor der Himmelfahrt Mariä kam er auch wieder in's Kloſter und fand Mad. Derblay ſehr unruhig, daß ihr Anwald, dem ſie einige wichtige Papiere auszuhaͤndigen hatte, nicht gekommen war. Sogleich erbot ſich mein Freund, ſie zu beſorgen, und mit ſanfter Gute nahm die Dame den kleinen Dienſt an und be⸗ lohnte den Gluͤcklichen dafuͤr mit einigen ihrer ſuͤßeſten Blicke. Entzuckt eilte er nun zu dem Advokaten und war nicht wenig erſtaunt, dieſen Mann in einer Wohnung und Umgebung zu finden, wie er ſie nicht ſo glaͤnzend erwartet hatte. Die Eleganz der Moͤbeln, die ſchoͤne und anſehnliche Bibliothek des Juriſten, alles floßte ihm eine große Idee von deſſen trefflicher Lage und Angeſehenheit ein, und er wuͤnſchte der ge⸗ liebten Clientin im Stillen Gluͤck zu einem ſo bedeutenden Anwald, deſſen Aeußerungen uͤber ſeine behagliche Stellung ihm bisher etwas ver⸗ dächtig geweſen waren. Dennoch irrte ſich mein Freund auch hier wieder. Herr Duͤclair lebte — 119— zwar im Glanz, aber er hatte auch Schulden, und Deſodry's Schluß von der äußern Wohlha⸗ habenheit des Mannes auf ſeine Verdienſte, war wenigſtens in dieſer Art ein falſcher⸗ uebrigens erwartete mein Freund mit Unge⸗ duld den naͤchſten Morgen, um Mad. Derblay die Nachricht von der Vollfüͤhrung ſeines Auftra⸗ ges bringen zu können, und diesmal bat er bei ſeiner Ankunft im Kloſter die Pförtnerin, die Dame zugleich mit ſeiner Schweſter in's Sprach⸗ zimmer zu rufen⸗ Mad. Derblay kam aber allein, denn Pauline war noch in der Meſſe, und ſo ſah er ſich denn zum erſtenmale nicht ohne Aengſtlichkeit mit der Schönen unter vier Augen. Stotternd brachte er ſeine Worte vor, und ſeine Verlegenheit ſtieg durch die zuvorkommende Guͤte, mit welcher die Dame ihm ihren Dank abſtat⸗ tete. Wie ward ihm aber erſt, als ſie, ſcheinbar mit derſelben Zaghaftigkeit, zögernd die Worte hervorbrachte, wie ſie lange nichts ſo ſehnlich ge⸗ wuͤnſcht habe, als ſich einmal mit ihm ungeſtort unterhalten zu können!— Zitternd wie ein Eſpenlaub hörte er dieſe Rede an, und es war ein wahres Glüͤck, daß die Dame ſogleich hinzu⸗ ſetzte: ſie habe ihm etwas anzuvertrauen, was ſonder Zweifel Gott wohlgefällig ſeyn wuͤrde, denn es diene, wie ſie hoffe, zu ihrem Seelen⸗ heile. Dieſer fromme Zuſatz beruhigte ihn. „Es handelt ſich“— fuhr Mad. Derblay fort—„von nichts weniger als der Rettung meiner Seele. Mein Schickſal hat gewollt, daß ich meine erſte Erziehung in dem Hauſe von Verwandten erhielt, die zwar ſehr gut und brav, aber leider wenig religiös waren. Ich fuͤhle da⸗ her nur zu ſehr, wie Noth mir ein Fuͤhrer, ein Freund thut, der meinem ſchwachen Herzen die großen und ewigen Wahrheiten unſerer heiligen Religion erklaͤrt; ach, und ich fuͤhle dies jetzt erſt recht, ſeitdem mich mein Geſchick in dieſe ſtillen Mauern fuͤhrte. Aber, ich will es nur geſtehen, ich bedarf einen ſanften, freundlichen, milden Leiter, einen Freund, der ſelbſt mir an Jahren faſt gleich iſt, denn in einem ſtrengen Gewiſſensrath wuͤrde ich nur den Lehrer, nicht den Freund erkennen können, und nur dieſem kann ich mein ganzes Vertrauen ſchenken. Auf — 121— Sie habe ich hierbei gerechnet, kommen Sie mir in meiner Noth zu Huͤlfe, weiſen Sie mir einen ſolchen Fuͤhrer zum Heile nach.. 2ch, ich bedarf eines Mannes, der Gebulb mit meinen Schwaͤchen hat.“ Hier entſtand eine kleine pun, fuhr die Sprecherin fort: „Doch warum Sie erſt auffordern, mir einen Andern nachzuweiſen? warum bitte ich Sie, den geliebten Bruder einer theuren Freundin, nicht ſelbſt darum? Aber niemand, niemand, ſelbſt meine theure Pauline duͤrfte davon etwas erfah⸗ ren. Ach ich muͤßte vergehen, wenn ein anderes Weſen, wie Sie, die Schwaͤche meiner religioͤſen Grundſätze ahndete!“ Man kann ſich denken, welchen Eindruck dieſe Rede auf Deſodry machte. Freude, Erſtau⸗ nen, ſich von einer Dame, von dieſer gerade, die ihm ſo theuer war, zum Vertrauten in geiſtlichen Dingen erwaͤhlt zu ſehen,— Ueberraſchung, ver⸗ ſchloſſen ihm einige Augenblicke den Mund, dann brach er in abgebrochene Ausrufungen aus, ſprach von Gluͤck, Ehre, Guͤte und weiß der Himmel „ . noch was allem, und verſicherte eben im Ueber⸗ maaß ſeines Entzuͤckens, daß er hoffe, Gott werde ihm die Gnade verleihen, und ihm die Beredt⸗ ſamkeit der Apoſtel gewaͤhren, als ſeine Schwe⸗ ſter eintrat, und ſomit der Unterhaltung eine an⸗ dere Wendung gab, in deren Folge mein Freund denn wie zufällig erfuhr, daß der Arzt Mad⸗ Derblay ihrer Geſundheit wegen, den Rath er⸗ theilt habe, täglich in den Vormittagsſtunden einen Spaziergang im Garten des Koͤnigs zu machen. Für Pauline war dieſe Nachricht nicht angenehm, denn ſie verlor dadurch täglich fuͤr ein Paar Stunden die Geſellſchaft der ihr werth ge⸗ wordenen Freundin: Deſodry dagegen hoͤrte ſie mit Entzucken, und verließ, des feſten Vorſatzes voll, Gott eine ſo ſchone Seele zu retten, ver⸗ gnuͤgt das Sprachzimmer. Wirklich benutzte er auch die eiſte Erlaubniß, die ihm ward, des Vormittags das Seminar zu verlaſſen, und eilte an den bezeichneten Ort. Schon von weitem erblickte er hier Mad. Der⸗ blay, die auf den Arm ihrer Kammerjungfer ge⸗ ſtützt, langſam in den langen und einſamen Allen —— — 123— hin⸗ und herſpatzierte, wäͤhrend ihre Begleiterin die lebhaften Blicke umherſchweifen ließ, um ir⸗ gend ein menſchliches Weſen in dieſer Einſamkeit zu entdecken. Mit Freundlichkeit ward mein Freund empfangen; und bald wendete ſich das Geſpraͤch, waͤhrend die Dienſtbare einige Schritte zuruckblieb, auf die geiſtlichen Herzensbeklemmun⸗ gen der ſchonen Frau, wo denn Deſodry nicht un⸗ terließ, nach Kräften die Rolle eines Apoſtels zu ſpielen, und während er ſo zu erbauen ſuchte, ſeinerſeits wieder nicht wenig durch die Aufmerk⸗ ſamkeit ſeiner Zuhörerin und ihre devoten Be⸗ kenntniſſe, ſich erbaut fuhlte. Dieſer erſten Zuſammenkunft folgten nun bald mehrere, die zwar ſaämmtlich meinem Freunde, wie ſich denken laͤßt, viel Vergnuͤgen machten, ſeine ſanguiniſchen Hoffnungen, Mad. Derblay auf das ſchnellſte zu bekehren, aber etwas herabſtimmten; denn, mit ſo viel Demuth ſie auch ſeine orthodoren Lehren anhoͤrte, ſo verfehlte ſie doch auch hinwiederum nicht, ihm recht haufig kleine Einwendungen zu machen, die den guten Abbe manchmal nicht wenig in Ver⸗ — 124— legenheit ſetzten, aber doch bei alle dem viel zu gutmuͤthig waren, und, was die Hauptſache war, aus einem viel zu ſchönen Munde kamen, als daß er darüber haͤtte zurnen können. Genug, um es kutz zu ſagen, es war nach einiger Zeit ſehr unentſchieden, ob Mad. Derblay durch dieſe Zuſammenkuͤnfte in ihrem Glauben ſonderlich geſtarkt, gewiß aber, daß Deſodry in dem ſeini⸗ gen etwas wankend geworden war. Gegen Falcol hatte ſich uͤbrigens mein Freund nichts von ſeinem uͤbernommenen Bekehrungs⸗ geſchäft merken laſſen, und er erſchrak daher nicht wenig, als er eines Tages, indem er wie⸗ der mit der ſchoͤnen Neofite in den einſamen Gaͤngen des Gartens umherwandelte, dieſen WMann von weitem auf ſich zukommen ſah. Auch Falcol war nicht wenig uͤberraſcht, ſeinen Schuͤ⸗ ler hier und in ſolcher Geſellſchaft ezu ſehenz doch war er klug genug, ſich gleichguͤltig zu ſtel⸗ len, und die Dame, deren Schönheit ihm, neben⸗ bei bemerkt, ſehr zuzuſagen ſchien, ehrfurchtsvoll zu gruͤßen. Wer uͤbrigens der Begegnende war, hatte Mad. Derblay ſogleich aus der ungemeinen Verlegenheit ihres Begleiters errathen, doch ließ ſie ſich für den Augenblick nichts weiter mer⸗ ken, und warf nur wie im Voruͤbergehen eine Frage ſeinerhalb auf, worauf ſie denn, als De⸗ ſodry den Namen Falcol ausſprach, etwas kurz erwiederte:„Ach, der alſo, den Ihre Schwe⸗ ſter nicht mehr zum Beichtvater haben wollte.“ Die Vertheidigung dieſes Menſchen, die mein Freund hier uͤbernehmen zu muͤſſen glaubte, uͤberhoͤrte ſie gefliſſentlich. Vierzehntes Kapitel. Kampf der Coquetterie mit der Heuchelei. Leicht würde es der reitzenden und gewandten 2 Frau geworden ſeyn, Falcol fuͤr ſich zu intereſſi⸗ ren, aber eines Theils verſchmaͤhte ſie einen ſol⸗ chen Triumph, andern Theils war es ihr mehr daran gelegen, den Heuchler, den ſie durch die Schilderungen, welche Pauline von ihm machte, hatte kennen lernen, zu entlarven. Wirklich war es ihrer Liſt gelungen, ſo ziem⸗ lich hinter alle Schliche dieſes Menſchen zu kom⸗ men. Von Deſodry ſelbſt hatte ſie nach und nach geſprächsweiſe das Benehmen Falcols im Seminar erfahren und daraus geſehen, wie der Elende darauf hinarbeitete, den wuͤrdigen Abbe rOmont zu ſtürzen, und eben ſo klar waren ihr des Heuchlers Abſichten auf Deſodry und deſſen Tante Veronika geworden. Dies Gewebe von Lug und Trug zu zerſtoren, ward jetzt einer ihrer Lieblingsplane. Wie konute ſie ſich auch S jungen Freund, fuͤr den ſie von Tage zu Tage mehr empfand, beſſer verbinden, als wenn ſie ihn aus den Ban⸗ den ſo ſchimpflicher Art befreite, und was konnte zuglei nebenbei ihrem Hang zum Intriguiren und ſich geltend zu machen, beſſer zuſagen, als die Entlarvung eines Menſchen, der ſich ſo liſtig zu verſtellen nuie und der gewiß, wie ſie ſehr richtig vorausſetzte, nicht ſäumen wurde, ihr De⸗ ſodry wieder zu entfuͤhren, ſobald er, wie ſich jetzt erwarten ließ, deſſen Anhänglichkeit an Sie erfuhr.— Muthig und mit der ihr eigenen Gewandt⸗ heit ging ſie auch ſogleich ans Werk, und nicht lange, ſo war ſie, Dank der Beihuͤlfe Duͤclairs und einiger andern Merſonen, die ſie mit in's Spiel zu ziehen wußte, ſo völlig im Reinen uͤber die Abſichten Falcols und deſſen Schleifwege, daß ſie die tiefſte Verachtung gegen ihn, und zu⸗ gleich das innigſte Mittleid mit Deſodry em⸗ pfand, der ſo ſchwach und ungluͤcklich geweſen war, gewiſſermaßen— Menſchen zu werden. Es läßt ſich daher denken, in 3 Sim mung ſie ſich befinden mußte, als ſie eines Ta⸗ ges, da ſie ſich eben wieder in den Alleen des königlichen Gartens erging, Deſodry mit Falcol zugleich ſich ihr von weitem nahen ſah In einiger Entfernung blieb jedoch der Letz⸗ tere zuruͤck, und nur mein Freund kam auf die Dame zu, die ihn guͤtig wie immer empfing, und die ungemeine Verlegenheit, in welcher er ſich heute befand, eben ſo wenig wie des Abbes Nähe zu bemerken ſchien. Erſt als Deſodry ſchuͤchtern und befangen, gleichſam zur Einleitung⸗ einige ſchlecht geſetzte Enſchudigungen herſtam⸗ melte, that ſie, als gewahre ſie den Andern, und ſprach:„Seyn Sie vorſichtig, lieber Freund, ich ſehe dort jenen Abbe von neulich, der uns wahrſcheinlich beſchleichen will.“ „O nein! nein! rief Deſodry jetzt zagend, N — 129— „er beſchleicht uns nicht, er kam mit mir“, und nun erzählte er unter vielem Stottern, wie er nicht umhin gekonnt habe, ſeinem Freunde und Beichtvater das Verhaltniß zu eröffnen, in wel⸗ chem er mit ihr zu ſtehen gewuͤrdigt worden ſey. Nun ſey zwar Abbe Falcol auf's innigſte von den frommen Geſinnungen und dem Zweck des Ganzen geruͤhrt geweſen, doch habe er den Zweifel nicht unterdruͤcken koͤnnen, daß er(De⸗ ſodry) noch zu jung und unerfahren zu dem ſchweren Geſchaͤft ſey, der Seelenfreund und Fuͤhrer eines nach Gott ſtrebenden Gemuͤthes zu ſeyn, und er ſelbſt habe ſich deswegen, die Rich⸗ tigkeit dieſer Anſicht einſehend und hoffend, daß ſie ihm darum nicht zuͤrnen wuͤrde, unterwunden, ſeinen Beichtvater zu bitten, ihm hier mit ſeinem Rathe beizuſtehen.„Und ſo wage ich es denn“ — ſetzte er, indem er immer mit Mad. Der⸗ blay die Allee weiter hinab ging, alſo, daß ſie jetzt beide dicht vor Falcol ſtanden—„Sie zu bitten, meinem Freunde, den ich hiermit vorzu⸗ ſtellen die Ehre habe, zu erlauben, der Dritte bei unſern geiſtlichen Unterhaltungen zu ſeyn.“ 9 Bei dieſen Worten verbeugte ſich Falcol ſehr ehrerbietig vor der Dame, deren Reitze er zu⸗ gleich wohlgefällig mit einigen verſtohlenen Blicken muſterte, und etwas von„Verzeihung wegen ſeiner Kuͤhnheit, von ſeinem großen Eifer ihr zu dienen u. dgl.“ murmelte und nebenbei auch nicht unterließ, einige demuͤthig⸗ Seufzer auszuſtoßen. Aufmerkſam hatte bisher Mad. Darblay Deſodry's Rede angehoͤrt, und nur von Zeit zu Zeit mitleidig den jungen Mann betrachtet; als ſich aber jetzt der ihr ſo verhaßte Heuchler krie⸗ chend, luͤſtern und demuͤthig nahte, da warf ſie einen von Unwillen blitzenden Blick auf Falcol, und ſich zu meinem Freunde wendend, ſprach ſie ernſt und feierlich:„Meine Freundſchaft fuͤr Ihre Schweſter, die gute Meinung, welche ich von Ihnen hegte, beſonders aber die Aufrichtig⸗ keit Ihrer frommen Geſinnungen, haben mich bewogen, Ihnen mein Vertrauen zu ſchenken. Damit gab ich Ihnen jedoch nicht das Recht, ſich die Erlaubniß zu nehmen, dies Vertrauen ohne meinen Willen auf einen Andern zu uͤber⸗ — ¹131— tragen. Ich kenne den Hertn Abbe nicht, und habe auch kein Verlangen, ihn kennen zu lernen. Indem ſie ihm den Zweck unſerer Zuſammen⸗ kuͤnfte eroffneten, beleidigten Sie mich, und die⸗ ſer Herr beleidigt mich noch mehr durch die In⸗ discretion, mit welcher er ſich aufbrängt. Wun⸗ dern Sie ſich daher nicht, Herr Deſodry, wenn dies die letzte Begegnung iſt, die ich Ihnen er⸗ laubte. Die Freundin Ihrer liebenswuͤrdigen Schweſter werde ich aber deswegen ſtets vleiben.“ Mit dieſen Worten entfernte ſich Mad. Der⸗ blay, und die beiden Abbes blieben, nicht wenig betroffen uͤber einen ſolchen Empfang, ſtumm daſtehen.— Falcol fand zuerſt wieder Worte.„Sie ſehen, lieber Freund“, rief er aus,„wie gefaͤhr⸗ lich der Umgang mit dieſer Frau Ihnen haͤtte werden koͤnnen. Ihr Zweck war lobenswerth, das Unternehmen aber ſehr gewagt. Wer weiß, was ſie im Schilde fuͤhrte, und bis wie weit ſie Sie hätte verleiten können! Danken Sie Gott und nebenbei auch mir, der ihr die 9* — 132— Maske abzuziehen wußte, baß Sie gerettet ſind. Ja, ſie fuͤrchtet meine Wachſamkeit, meine Strenge; deswegen verwirft ſie mich. O ich kann mich nicht gluͤcklich genug preiſen, ihren Zorn auf mich geladen zu haben; dieſem Zorne verdanke ich das Heil meines Freundes!“ Mit Devotion hoörte Deſodry die Rede ſei⸗ nes Beichtigers an, aber ſein Schmerz, nun nicht mehr mit Mad. Derblay zuſammenkommen zu duͤrfen, ward dadurch nicht geringer, und Falcol, dem dies nicht entging, und der wohl einſah, ⸗ daß die ſchoͤne Frau alles aufbieten wuͤrde, ihm ſeinen Sclaven zu entziehen, beſchloß von dieſer Stunde an, ihr mit allen Kräften entgegen zu arbeiten, und ſich bei Deſodry hierzu beſonders des fanatiſchen Danriot zu bedienen. Was er dieſem ſtrengen Eiferer hinterbrachte, weiß ich zwar nicht, jedoch dies, daß Danriot ſich nach Anhorung von meines Freundes Beichte — zu deren Ablegung er von Falcol war ange⸗ trieben worden— zuͤrnend von dem angeblichen Suͤnder wandte, und dem Knieenden die heftig⸗ ſten Vorwuͤrfe uͤber ſeine weltlichen Verbindun⸗ —— —— gen, ſeinen Leichtſinn und ſeine Verwegenheit machte. Streng bedrohte er ihn mit den ſchwer⸗ ſten Strafen dieſſeits, und jenſeits mit dem un⸗ ausloͤſchlichen Zorne des Ewigen und verweigerte ihm hartnaͤckig die Abſolution. Die Wirkung dieſes Benehmens auf Deſodry war ſchrecklich. Weinend verſprach der Zerknirſchte noch denſel⸗ ben Abend an Falcol, Mad. Derblay nie wieder zu ſehen, und ſchon triumphirte der Heuchler, dem jetzt Alles ſich nach Wunſch und Willen zu geſtalten ſchien. 5 Mehr wie je von ihm unterjocht, hatte die betſchweſterliche Veronika den Vorſatz gefaßt, noch auf ihre alten Tage den Schleier zu nehmen, und die eine Haͤlfte ihres Vermoͤgens dem Klo⸗ ſter, in welches ſie zu treten gedachte, die andere aber ihrem Beichtvater zu uͤberge⸗ ben; im Seminar war dagegen der Moment herangekommen, den Falcol ſo lange vorbereitet hatte. Wie immer der Fal bei Menſchen gu⸗ ter Art iſt, ſo hatte auch l'Omont geraume Zeit nicht den geringſten Verdacht gegen Falcol ge⸗ hegt, und es ſich nicht einfallen laſſen, daß dieſer 134 es wohl ſeyn könne, der im Geheimen alle die Ka⸗ balen und Raͤnke anſponne, die ihm ſchon ſo vielen Kummer verurſachten: und als nun ihm endlich die Augen aufgingen, da war es bereits zu ſpät und die Sache zu tief hinein böſe. Die einſtige Zuneigung der Schuͤler des Hauſes, deren ſich Omont fruͤher allgemein erfreute, war, Dank der ſchändlichen Betriebſamkeit des Abbes, ge⸗ wichen, deſſen Liſt es gelungen war, Alle fuͤr ſich zu gewinnen, indem er mit kriechender Ge⸗ wandtheit jedem nach dem Munde redete, und ſo eben ſo gut mit dem Gefuͤhlsſchwaͤrmer nebelte, wie mit dem Zeloten eiferte. um ſich aber, waͤhrend er L'Omont in un⸗ tergrub, dabei zugleich vor jedem Vorwurf, als triebe ihn Eigennutz, zu ſichern, wußte er die Sache ſo geſchickt zu drehen, daß man bei den Behorden, denen die Klagen uͤber die ſträfliche Schwäche des erſten Vorſtehers treulich hinter⸗ bracht wurden, anfuͤnglich auf den Gedanken kam, Danriot mit der Wuͤrde, die dem Abbe 'Omont entzogen werden ſollte, zu bekleiden, eine Sache, die Falcol um ſo leichter geſchehen — 135—— laſſen konnte, da er die Ueberzeugung hatte, daß dieſer leicht von ihm zur Ablehnung wuͤrde zu bereden ſeyn. Geſchah dies aber, ſo mußte die Wahl auf ihn fallen, und dies trat denn nun auch alles, wie er es berechnet hatte, ein⸗ Wenige Tage noch und ſeine bereits im Geheim aus⸗ geſprochne Ernennung zum Vorſteher wurde publi⸗ cirt; wenige Tage noch, und der ehrwuͤrdige Omont, ermuͤdet durch vielfache Kraͤnkungen, legte ſeine Stelle nieder.— Schon triumphirte der Heuchler, ſchon genoß Deſodry— dem aber dabei doch die Trennung von Mad. Derblay nicht wenig Kummer machte— in der Stille den Triumph ſeines heiligen Freundes mit, da änderte ſich Alles plötzlich, wie durch einen Zau⸗ berſchlag. Funfsehntes Kapitel. Des Heuchlers Niederlage. E⸗ wird wohl keinen Menſchen geben, dem nicht wenigſtens einmal im Leben der Fall be⸗ gegnet, daß er ſich unwiderſtehlich zu etwas hingezogen fuͤhlt, was er zu fliehen ſich vor⸗ genommen, oder es doch zu meiden verſprochen hat, waͤr' es auch nur der Beſuch eines Kaffee⸗ hauſes, das Einſetzen in die Lotterie, ein Gang in ein Spielhaus oder dergleichen. Genau in dieſer Lage war jetzt Deſodry, der ſeit dem Verſprechen, Mad. Derblay nicht mehr zu ſehen, keine Ruh und Raſt fand. Unwiderſteh⸗ lich zog's ihn mehrmal zu dem Garten hin, wenn er aber ſchon bis an den Eingang gekom⸗ men war, dann kehrte er immer wieder um, und —— eben ſo machte er es mit den Wegen nach dem Kloſter. Endlich vermochte er doch nicht mehr zu widerſtehen; er lief eilig einmal durch den Garten durch, und pries ſich mit verdruͤß⸗„ lichem Geſichte gluͤcklich, die ſchöne Verfuhrerin nicht gefunden zu haben. In's Kloſter mußte er aber doch gehen; ſeine Schweſter konnte er ja nicht verlaſſen! Feſt nahm er ſich jedoch dabei vor, eilig zu entfliehen, ſobald Mad. Derblay auch erſcheinen wuͤrde. Ob er dies ausgefuͤhrt haben wuͤrde, weiß ich nicht; das Schickſal erſparte ihm die ſchwere Probe. Mad. Derblay, die zu ſchlau war, um nicht zu wiſſen, daß jetzt gerade ihr Nichterſcheinen ihn am mehrſten anziehen mußte, kam nicht in's Sprachzimmer, und noch verdruß⸗ licher, wie aus dem Garten, ging Deſodry in ſein Seminar zuruͤck. Hier war unterdeſſen eine große Botſchaft angelangt. Der Erzbiſchof hatte den Abbe Fal⸗ col zu ſprechen verlangt; kein Zweifel waltete mehr uͤber den Grund dieſes Verlangens ob. Mit freudeleuchtenden Blicken, aufgeblaͤht von ſeiner. — 138— Wichtigkeit, nahm der Abbe ſchon im Voraus die demuͤthigen Gluͤckwuͤnſche der Seminariſten zu ſeiner Erhebung in Empfang. Worte der Weihe ſtrömten aus ſeinem Munde, und als nun auch die Dienerſchaft des Hauſes ſich ehr⸗ erbietigſt nahte, um dem neuen Vorſteher gleich⸗ falls praͤnumerando ihre Ergebenheit zu bezeu⸗ gen, da wußte ſich der Tartuffe kaum mehr zu laſſen, und verſteckte nur ſchlecht den Triumph 3 ſeiner Seele unter den demuͤthigen Heiligenſchein eines, den Wink Gottes in Ergebung befolgenden, ſich ſelbſt ſo hoher Ehren unwuͤrdig haltenden, Knechtes. Mit Begierde ward ſeine Ruͤckkehr von der Eminenz erwartet, und emſig arbeitete man be⸗ reits an den Verſen und Guirlanden, den Re⸗ den und Feſtlichkeiten, mit welchen ſeine ausge⸗ 4 ſprochene Erhebung gefeiert werden ſollte. Lange ließ der Gluͤckliche auf ſich warten, endlich erſchien er, aber welche Veranderung!—* Verſtört, zitternd, erhitzt, ſtuͤrzte er in's Haus; keinen ſah er an, keinem ſtand er Rede. Ihm folgte etwas langſamer ein Mann, den — 139— man bald fur denſelben Poizei⸗Ofſizianten er⸗ kannte, welcher fruͤher den armen Karl Duͤbourg hierher geleitet hatte. Beſtuͤrzt uͤber dieſe ſonderbare und anerwar⸗ tete Wendung der Dinge, war Deſodry ſeinem theuren Seelſorger auf deſſen Zimmer nachgeeilt, wie ſehr ward er aber betroffen, als ihm dieſer den Eintritt verweigerte, und bald darauf mit jenem Polizeimenſchen zuſammen das Seminarium wie⸗ der verließ, während ein Paar Träger den Kof⸗ fer und die Sachen des Abbes fortſchafften⸗ Nach und nach begann ſich nun der Schleier des Geheimniſſes, der uͤber dieſen Vorgängen lag, zu lüften, und man erfuhr, daß Falcol nicht allein nicht zum Vorſteher des Hauſes er⸗ nannt, ſondern Kraft eines Befehls des Herrn Erzbiſchofs auf zwei Jahre in ein entferntes Seminarium in der Provinz zur Poͤnitenz ver⸗ wieſen worden war. Zugleich wurden aber l'Omont und Danriot vor den Oberhirten be⸗ ſchieden, und als ſie beide von ihm zuruͤckkehr⸗ ten, hoͤrte man mit Erſtaunen, daß niemand anders, als der von Allen fuͤr einen Heiligen — 140— gehaltene Falcol, der Anſtifter aller der geheimen Zwiſtigkeiten geweſen war, die bisher das Se⸗ minar in Unruhe geſetzt hatten, und daß dieſer Menſch ſich mehrere der abſcheulichſten Dinge hatte zu Schulden kommen laſſen. Daß der brave l'Omont jetzt Oberer des Hauſes blieb, und Danriot, bei aller Abweichung von ihm in religioſen Anſichten, gezwungen war, ihm ſeine Achtung wieder zu ſchenken, verſteht ſich eben ſo, wie man Deſodry's Erſtaunen und Unwillen uͤber alles gegen ſeinen, von ihm noch immer fuͤr ſchuldlos gehaltenen, Freund, wird denken können. Bald ſollte ihm jedoch auch ein Licht aufgehen. Er erhielt einen Brief von Mad. Derblay, worin ſie ihn bat, in's Kloſter zu kommen, da ſie ihm Wichtiges, auch in Be⸗ zug auf Falcol, mitzutheilen habe. Konnte er jetzt wohl dieſer Einladung widerſtehen!, Er ſollte ja, ſo entſchuldigte er ſich gegen ſich ſelbſt, von ſeinem Freunde hoͤren; da mußten natuͤrlich alle Bedenklichkeiten ſchwinden. Nicht wenig ward er aber uͤberraſcht, als er Herrn Lecog mit X — 144— vorfand, der faſt zugleich mit ihm in's zimmer trat. Es wuͤrde unnothig ſeyn, dem Leſer noch zu bemerken, daß Mad. Derblay es geweſen war, die Falcol ſtuͤrzte. Mit Gluͤck und Geſchick hatte ſie, nachdem ſie, wie bereits erwaͤhnt, ſich Kenntniß von allen Schlichen dieſes Menſchen verſchafft, ſich ihres Einfluſſes bei mehrern vornehmen Perſonen bedient, und ſo die Sache dem Erzbiſchof zu Oh⸗ ren bringen laſſen, der hinwiederum, kaum un⸗ terrichtet von dem Gewebe, den Elenden, welcher auf ſo mehrfache Art die Menſchen hinterging und die Schwachen zu ſeinem Vortheil verleitete, vor ſich beſchied, und ihn dann, wie wir geſehen, beſtrafte. Dies Alles, mit allen naheren unſtinben, erfuhr nun Deſodry jetzt im Beiſeyn ſeines Onkels aus dem Munde ſeiner ſchoͤnen Freun⸗ din, und zugleich erhielt er auch die unwider⸗ ſprechlichſten Beweiſe davon, wie heimtuͤckiſch dieſer Menſch gegen ihn, und wie derworfen er ſich gegen ſeine Schweſter benommen hatte. Schwer war es uͤbrigens auch jebt noch, ihn von der Schuld des ſo Hochgeachteten zu uͤberzeugen; da ihm jedoch Briefe und andere Documente vorlagen, ſo konnte er doch zuletzt nicht mehr zweifeln, und indem nun ſo die Decke von ſeinen Augen ſank, war er gezwungen, in die Dankſagungen einzuſtimmen, welche der uͤber den Ausgang dieſer Sache entzuͤckte Lecog der Mad. Derblay machte, die mit beſcheidenem Lächeln ſich nun zu der eben erſt eintretenden Pauline wendete und dieſe umarmend ausrief: „Fur dieſe that ich dies Alles! die Freundſchaft fur ſie forderte mich auf, mich fuͤr das Geſchick ihres Bruders ſo lebhaft zu intereſſiren.“ „Bei'm Himmel!“ fiel hier der Onkel mit ſeiner gewohnten Offenherzigkeit ein—„Sie ſind eine brave Frau, eine Frau von Kopf und Muth. Ach wie ſchade iſt es, daß Sie ſchon verheirathet ſind, und daß mein Neffe die Grille hat, Prieſter werden zu wollen! Wer weiß, was ſonſt“ Er brach hier ab, b er das gluͤhende Er⸗ röthen der ſchönen Frau bemerkte, und Deſodry ſchlug nach einem Blick, der wenig von ſeinem — 143— Vorſatze, den Genüſſen der Erde fuͤr immer zu entſagen, verrieth, ſchnell und befangen die Au⸗ gen nieder. So gut wie mit Deſodry gelang es jedoch nicht mit Demoiſelle Veronika, als man nun auch den Verſuch machte, ſie uͤber die wahren Abſichten ihres geliebten Seelenfreundes in's Klare zu bringen. Sie blieb beharrlich dabei, daß der edle und fromme Abbe nur ein Opfer ſchändlicher Kabale geworden ſey, beweinte ihn lange und konnte es ihrem Neffen in vieler Zeit nicht vergeben, daß auch er ſich von dieſem Muſter chriſtlicher Demuth und Religioſität gewendet habe; welche ſtandhafte Verblendung denn zuletzt ſelbſt meinen, uͤbrigens noch immer ſehr froͤmmelnd geſinnten Freund, zu dem Aus⸗ ſpruch brachte: daß ſeine Tante eine alte, thé⸗ rigte Betſchweſter ſey. —— 144 Sechzehntes Kapitel. oeforey⸗ Swun zubin kehrt zuruͤck. 8 646 In s Seminarium war der Friede zuruͤckgekehrt, aber leider nicht in das Herz meines Freundes. Liebe und Frömmelei ſtritten ſich wechſelsweiſe um die Herrſchaft in demſelben, und dieſer Kampf war fuͤr Deſodry um ſo ſchmerzlicher, da ſeine aufgeregte Phantaſie ihm eben darin eine Todſuͤnde ſehen ließ. In Betreff auf Falcol war ihm zwar die Binde von den Augen gefallen, aber nicht minder wie ſonſt beherrſchte der ſtrenge Danriot ſein Gewiſſen, und noch ſtand der Vorſatz, ſich durch die unwider⸗ ruflichſten Geluͤbde der Kirche auf ewig zu wei⸗ hen, feſt in ſeiner Seele. Gewohnt, jeden auf⸗ ſteigenden Zweifel uͤber dieſen Beruf— und wie mancher ſtieg jetzt doch unwillkuͤhrlich in ihm auf!— ſeinem Beichtvater zu veetrauen, ward er von dieſem, dem das Mitleid ſo fremd war, wie jede Regung menſchlicher Luſt, mit den haͤr⸗ teſten Vorwuͤrfen gepeinigt, mit den ſchreckbarſten Bildern geaͤngſtigt, und man kann wohl ſagen, daß mein Freund in dieſer Periode ſeines Lebens zu den ungluͤcklichſten Menſchen gehörte. Dieſe Qual, welche er litt, entging, ſo ſel⸗ ten er auch auch im Kloſter erſchien, ſo ſehr er ſich auch ihren Blicken verſteckte, doch Mad. Derblay nicht, und ſehr gut ſah ſie ein, wie Danriot ſich mit ihr in das Herz ihres Freun⸗ dos theilte. Demohngeachtet fuͤrchtete ſie aber nicht, daß es dem Eiferer gelingen wuͤrde, ihr den jungen Mann gänzlich zu entziehen. Sie hatte den Heuchler Falcol gefurchtet; den harten, aber ehrlichen Danriot ſcheute ſie nicht, und gab damit einen neuen Beweis, daß die Liſt nur vor der Liſt und nicht leicht vor der Offenheit zu zagen pflegt. Die Coquette, welche mehr Liebe heuchelte, als ſie empfand, ſcheute den Tartuͤffe, 10 — 146— der die Tugend aushing, aber nicht den herrſch⸗ ſuͤchtigen Fanatiker, der rauh und ſtreng, aber dabei gerade und ehrlich war. Sie wußte zu gut, daß Deſodry bereits zu tief in ihren Neten war, als daß ein Mann wie Danriot, ihn ihr entfuͤhren konnte. Seine Schrecken, rechnete ſie— und ſie verrechnete ſich nicht— mußten ihr zuletzt den Sclaven ſelbſt zufuͤhren. Daß ſie uͤbrigens dabei jede Gelegenheit be⸗ nutzte, den Freund an ſich zu ziehen, läßt ſich erwarten. Eines Tages fand er ſie— geſchickt hatte ſie dies zu veranſtalten gewußt— allein am Sprachgitter. Erſchrocken wollte er fliehenz ihm fiel Danriot ein; ein Blick auf die liebens⸗ wuͤrdige Frau verwiſchte das Bild des Ascetikers und er blieb. Bald vergaß er ſich, ſeine Vor⸗ ſätze, ſeine Verſprechungen ſo gaͤnzlich, daß er, im Drange ſeiner Gefuͤhle, die Schöne anflehte, 6 die Zuſammenkuͤnfte im Garten des Koͤnigs wie⸗ der zu geſtatten. Wie ward ihm aber, als Her⸗ 1 minie mit ſanftem Errothen, leiſe und bebend geſtand, ſie durfe dies nicht wagen, ſie fuhle, dies ſey zu gefoͤhrlich fuͤr ſie.— Einen glůͤcklicheren Augenblick hatte er noch nie erlebt. Liebe und Eitelkeit fuhlten ſich gleich geſchmeichelt durch dieſen Ausſpruchz er wagte nichts mehr zu ſagen, aber gefeſſelter⸗ wie je, verließ er das Kloſter⸗ Dennoch hatte er den Much, einige xnge nicht wieder hinzugehen, und obſchon hieruͤber vielleicht jede Andere wuͤrde betroffen geweſen ſeyn, ſo freute ſich Mad. Derblay doch im Ge⸗ gentheil daruͤber. Die erfahrne Frau ſah hierin nur den hellen Aufblitz ſeiner Liebe zu ihr, und ihre Eigenliebe und auch ihr Herz waren gleich froh daruͤber.— Ich ſage, auch ihr Herz, denn wirklich war das, was anfänglich nur ein Spiel ihrer Laune war, nach und nach auch bei ihr Sache des Herzens geworden. Fuͤr die Schöne ſelbſt war jetzt zum erſtenmal die Stunde gekommen, in welcher ſie empfand; aus der gefallſuͤchtigen Coquette war eine zaͤrtlich Liebende geworden, und ſie, die anfänglich nur darauf ausging, einen jungen, geiſtreichen und huͤbſchen Abbe mehr an ihren Triumphwagen zu ſpannen, ſie, die fruͤher blos aus einem Hange zur In⸗ 10* —— — ——— trigue ſich ſo ernſtlich fur ſein Schickſal inter⸗ eſſirt hatte, endete jetzt damit, mit wahrem Ge⸗ fuͤhl an dem Bewunderer ihrer Reitze zu haͤngen. Zu klug jedoch, um die Herrſchaft uͤber ih⸗ ren Kopf dem Herzen ganz zu uͤberlaſſen, huͤtete ſie ſich wohl, ſelbſt den Fluͤchtling zu ſich zu⸗ ruͤckzurufen. Pauline, die gute, argloſe Pauline, mußte in ein Paar Zeilen ſich gegen den Bru⸗ der beſchweren, daß er ſie ſo lange vergaß, und vor dieſer ſchweſterlichen Einladung ſchwanden naturlich alle Bedenklichkeiten Deſodry's da⸗ hin. Mad. Derblay zeigte ſich uͤbrigens die⸗ ſen Tag nicht im Sprachzimmer, aber in dem Augenblick, wo mein Freund wieder ging, erſchien ſie wie zufällig an einem Fenſter des Corridors, und mit ihrem Bilde tief im Herzen, betrat Deſodry ſeine einſame Zelle wieder. Dieß war die Lage der Dinge, als ich von meiner kleinen Reiſe in die Heimath wieder in Paris ankam. Mit Erſtaunen und Freude ſah ich die Veranderung, welche mit meinem Freunde vorgegangen warz er hatte jetzt, da Falcol nicht mehr zwiſchen uns ſtand, ſeine ganze, alte Herz⸗ —— lichkeit gegen mich wieder gewonnen, und dies erhöhte noch das Gluͤck meines Lebens in dieſer Zeit. Ich hatte nämlich die Reiſe beſonders in der Abſicht gemacht, um meine Familienange⸗ legenheiten in der Provinz in Ordnung zu brin⸗ gen, und meiner guten Mutter das Geheimniß meiner Liebe zu Deſodry's Schweſter zu ent⸗ decken. Ermuntert von ihr in meinem Vor⸗ haben, die Familie um Paulinens Hand zu bit⸗ ten, war ich in die Hauptſtadt zuruckgeeilt, und mit dem Zagen der erſten und wahren Liebe, ſuchte ich nun eine Gelegenheit, der Geliebten mein Hetz zu entdecken.— Dieſe Gelegenheit fand ſich bald. Herrn Lecoq's Geburtsfeſt nahte, und ſollte wie gewöhnlich durch einen kleinen Familien⸗Ball gefeiert werden. Auch Deſodry fand ſich diesmal einz zwar tanzte er nicht, denn ein ſolches Vergeſſen ſeiner ſtrengen Grundſätze wäre zu viel fur ihn geweſen; aber er blieb doch da, während wir Indern herumhuͤpften, und die Freude, das Gluͤck der Liebe, die ſo unver⸗ kennbar aus den Augen mehrerer der anweſen⸗ den jungen Leute beiderlei Geſchlechts hervorleuch⸗ — * „ teten, blicben, wie ich deutlich ſah, nicht ohne Eindruck auf ihn. Zum Erſtenmale tauchte der Gedanke in ihm auf:„Ach, alle dieſe ſind gluͤcklich, ſind froh, und ich!.. aber warum noch frei? o wenn Herminie!.. Ein Schauder uͤberlief ihn. Sie iſt Gattin, du der Kirche ſchon im Herzen geweiht.— Er ver⸗ mochte es nicht laͤnger in dem erleuchteten Saale auszuhalten; leiſe ſchlich er davon, um im Ge⸗ bet auf ſeiner Zelle Ruhe zu ſuchen. Aber die Ruhe floh ihn, und das Bild der Geliebten umſchwebte ihn in bald freundlichen, bald ſchrek⸗ kenden Traͤumen. Gegen Ende des Feſtes hatte ich mich zu Paulinen geſetzt. Stotternd und zagend begann ich von Wind und Wetter, und Gott weiß von was allem, zu ſprechenz endlich war das große Wort doch meinen Lippen entſchluͤpft, und wie ein Verbrecher zitternd erwartete ich den Aus⸗ ſpruch, der uͤber das Gluͤck meines Lebens ent⸗ ſcheiden ſollte. „Als Kind ſchon war ich Ihnen darum „ 1* — 15⁴— gut“, erwiederte mir, unter vielfachem Erroͤthen, Pauline, weil Sie meinen Bruder liebten. Sie ſind ſein Freund geblieben, und ich darf ja wohl jetzt nicht die Verſicherung meiner Jugend zuruͤck⸗ nehmen.“ Schnell floh ſie mit dieſen Worten von meiner Seite, um ihre Schaum uͤber dies Geſtandniß ihres Herzens an dem Buſen ihrer geliebten Tante, der Mad. Lecoq zu verbergen. Siebzehntes Kapitel. Steigende Ungewißheit. Aubin ver⸗ heirathet ſich. SIn Taumel meiner Freude ſprach ich noch denſelben Abend mit dem Onkel, mit deſſen Gattin, mit Demoiſelle Veronika. Keines war mir entgegen. Nicht reich, hatte ich doch mein — 152— Auskommen. Mein Freund und Lehrer Thierry hatte ſich fuͤr mich verwendet; ich durfte auf mein gutes Fortkommen als Arzt rechnen. Noch in der Nacht hatte ich gleichfalls an Paulinens Mutter geſchrieben; mit dem fruͤheſten Morgen eilte ich nun zu Deſodry, um ihm mein Herz auszuſchuͤtten. Sein Project, die Schwe⸗ ſter zu einer Kloſterheiligen zu bilden, war laͤngſt zerſtiebt; mit Thraͤnen ſchloß er mich in ſeine Arme; ſeine Freude, mit mir nun auch noch durch die Bande der Verwandtſchaft verknuͤpft zu werden, war rein und groß; während er mir aber Gluͤck wuͤnſchte, entſchluͤpfte ein tiefer Seuf⸗ zer ſeiner Bruſt, und mit gepreßter Stimme er⸗ offnete er mir, daß er hoffe, mich auch bald zu ſeinem Ehrentage einladen zu konnen. Ich verſtand, was er damit ſagen wollte. Da die Entfernung Falcols dem Anſchein nach ihn nicht von der Idee abgebracht hatte, ſich fuͤr immer der Kirche zu weihen, ſo waren wir ſämmtlich uͤbereingekommen, ihn nicht mehr durch unnutze Vorſtellungen dieſerhalb zu beſtur⸗ men, und wir Alle ſahen daher dem Augenblicke — 153— entgegen, wo er die untiedeetufichen Geluͤbde ablegen wuͤrde. Nach einigen Tagen traf die Antwort auf meinen Brief an Mad. Deſodry ein; ſie war, wie wir ſie wuͤnſchten, und ich eilte nun in Beglei⸗ tung von Onkel Lecoq zum Erſtenmale nach dem Kloſter, in welchem Pauline lebte, um der Geliebten unſer Gluͤck zu verkuͤnden. Denſelben Tag war auch Deſodry hingegangen, um die Schweſter zu ſprechen. Mit Schreck und Freude zugleich erblickte er auch Mad. Derblay im Zimmer. Er hatte ſie lange nicht geſehen, ſein Herz ſchlug ihr ungiſtüm, mit aller Gewalt der unterdruͤckten Liebe entgegen. Noch war er dort, als wir kamen. Unſer Entzuͤcken, unſere Freude erfuͤllte ihn mit Gram und Luſt zugleich. Meinem Wunſche gemaͤß, ſollte meine und Paulinens Verbindung ſehr bald ſeyn, und meine Braut ſchon in ein Paar Tagen das Kloſter verlaſſen, und bis zu unſerer Verheirathung bei ihren Verwandten wohnen. Dieſe Anordnung erfüͤllte ihn mit neuem Schmerz: er verlor dadurch großtentheils die Gelegenheit, Mad. Derblay zu — 164— ſehen, und ſeine Niedergeſ chtagenheit, der Kampf in ſeinem Innern, war heut ſo groß, daß es ſelbſt nicht den wenig geuͤbten Augen ſeines braven Onkels entging, der aber doch, als ich ihm die wahrſcheinliche Urſache der Beaͤngſtigung ſeines Reffen ſagte, ſich nicht davon uberzeugen Lonnte, daß der fromme und keuſche Gabtiel Liebe und Sehnſucht zu der Gattin eines Andern empfinden konne, und mich uͤber meinen Fehl⸗ ſchuß, wie er es nannte, tüchtig auslachte. Wenige Wochen darauf feierte ich meine Hochzeit mit Paulinen. Wir waren vergnuͤgt und gluͤcklich; nur Einer befand ſich in unſerem Familienkreiſe, deſſen Bruſt an dieſem Tage beengt war. In zehn Tagen, ſagte mein Freund ſtill ſeuf⸗ zend zu mir— feiere ich auch meinen Ehrentu. O, ich werde ja wohl auch gluͤcklich ſeyn!“— In dieſer Zeit ſollten naͤmlich nicht weniger wie Zehn junge Abbes durch die Hand eines Bi⸗ ſchofs die prieſterliche Weihe zum Sous⸗Diaconat echalten. Deſodry war unter der⸗ Zahl, und es iſt bekannt, daß einmal dieſe Weihe empfangen, kein Ruͤcktritt mehr moͤglich iſt. Achtzehntes Kapitel. h—— De Mutter meines Freundes war zu meiner Verbindung von Meluͤn nach Paris gekommenz das Feſt ihres Sohnes wuͤnſchte ſie aber nicht zu ſehen, denn der Anfall von Froͤmmelei, wel⸗ chen ſie vor ein Paar Jahren hatte, war vor⸗ uͤber, und es ſchmerzte ſie, den Erben ihres Na⸗ mens der Welt entſagen zu ſehen. Sie war deswegen gleich nach meiner Hochzeit wieder ab⸗ gereiſt. Ich hatte eine Wohnung in der Gegend von Onkel Lecoq genommen, und erwartete meine Mutter— die gleichfalls den Tag nach meiner Verbindung nach Montereau zuruͤckgekehrt war, um ihre Angelegenheiten vollends in Ordnung zu — 156— bringen— im kurzen wieder, denn es war ihr Wunſch, fortan mit uns zuſammen zu leben, und ich darf ſagen, daß dies nicht wenig meine und Paulinens Zufriedenheit erhoͤhte. Wir ſahen einer ruhigen und heiteren Zukunft entgegen, und nur das Geſchick des Bruders truͤbte noch das Gluck dieſer Zeit. Seitdem Pauline das Kloſter verlaſſen, hatte er Mad. Derblay nicht wieder geſehen; demohn⸗ geachtet fand aber die Schoͤne Gelegenheit, die Verbindung mit ihm zu unterhalten. Der Pro⸗ zeß mit ihrem Manne nahte ſich ſeinem Ende. In Erwartung dieſer entſcheidenden Kataſtrophe hatte ſie ein kleines Memoire aufgeſetzt, von dem ſie meinem Freunde eine Copie zuſandte, die er gerade den Tag vorher empfing, eh' er, wie es der Gebrauch war, ſich in ſeine Zelle verſchließen mußte, um ſelbe nicht eher wieder als bis zum Tage ſeiner Einweihung zu ver⸗ laſſen. Die kleine Schrift war ſehr gut ge⸗ ſchrieben. Mad. Derblay, geiſtreich, wie ſie war, und ſelbſt mit der Hoffnung im Geheim ſich tragend, gelegentlich noch einmal als Schrift⸗ 7 nee —— — 157— ſtellerin aufzutreten— hatte allen Fleiß auf ihre Abfaſſung verwendet, und der Eindruck, den ſie auf Deſodry hervorbrachte, war ungeheuer. Er verſchlang den Inhalt mehr, als er ihn las. Wie klopfte ſein Herz bei der Darſtellung der Lei⸗ den, die die ſchoͤne Frau als das Opfer eines barbariſchen Ehetyrannen wollte empfunden ha⸗ ben! Wie bewunderte er ihre Tugend, ihren Geiſt, ihre Standhaftigkeit, wie ihr Gefuhl, ihren Ausdruck! Sie war eine Göttin in ſeinen Au⸗ gen, ein Engel, geziert mit allen Vollkommen⸗ heiten. Der Gedanke, antworten, ihr danken zu muͤſſen, ſtand plotzlich vor ſeiner Seele. Aber wie? ſchriftlich? das war ſo kalt, und muͤndlich? ihm ſtand nur noch der heutige Tag frei. War dieſer verſtrichen, ſo durfte er ſeine Wohnung nicht mehr verlaſſen, ſo ſah er ſie vielleicht nie wieder! Alle Bedenklichkeiten ſchwanden; alle Vorſaͤtze zerrannen; er lief wie gejagt zum Kloſter hin. Nachdem er der Dame in den gluͤhendſten Ausdrüͤcken ſeinen Dank und ſein Beileid über ihr Geſchick bezeigt hatte, lenkte ſich das Ge⸗ ſpraͤch auf andere Materien. Mad. Derblay fühlte, daß einem ſolchen Feuerkopf wie ihm, wollte man ihm eine Idee, wie ſeine Frömmelei war, entreißen, eine andere untergeſchoben werden mußte. Man kam auf Falcol zu reden, und mein Freund ergoß ſich in neue Dankſagungen, daß ſie ihn aus den Stticken dieſes Heuchlers befreit hatte. Dies ergriff jetzt Herminie, um ihm mit Feinheit bemerklich zu machen, wie es die hoͤchſte und Gott wohlgefälligſte Pflicht ſey, dem Nächſten zu dienen, und daß die Erfuͤllung derſelben dem Ewigen ohne Zweifel angenehmer wäre, als eine blos ascetiſche oder uͤberſpannte Verehrung.. Noch vor wenigen Tagen wuͤrde eine ſolche Sprache meinem Freunde ein Aergerniß geweſen ſeyn, und er wuͤrde denjenigen, der ihm geſagt hätte: gute Werke begehen ſey verdienſtlicher, als mit Gefangennehmung der Vernunft blind glau⸗ ben, handeln ſey beſſer als bloßes Faſten und Beten, für einen Atheiſten und Ketzer erklärt haben; jebt hatte ſich dies aber alles bei ihm geändert. Er geſtand zu, daß Mad. Derblay — 169— Recht hatte, ja, er ging ſogar ſo weit, nichts dagegen einzuwenden, daß man in der Welt eben ſo gut ſich den Himmel verdienen koͤnne, als wie im Kloſter oder im ſchwarzen Rocke, ſelbſt dann, wenn man nicht alle von der Kirche vor⸗ geſchriebenen aͤußeren Heilsmittel beobachte. Sehend jetzt, welche Fortſchritte ihr Bekeh⸗ rungswerk machte, ſchritt Mad. Derblay, wiewohl mit großer Vorſicht, immer weiter. Sie erhob den Geiſt und die Tiefe der neueren Philoſophen, welche Frankreich damals hatte, vergaß aber da⸗ bei nicht, ihre haͤufig zur Schau gelegte Irreli⸗ gioſität als eine bedauernswuͤrdige Verirrung zu tadeln; ſie ruͤhmte die thätigen und verdienſt⸗ lichen Anſtrengungen der Denker der Zeit, die Nebel der Barbarei, welche noch uͤber Staat und Kirche lagen, zu zerſtreuen, und indem ſie nun ſo leiſe und unvermerkt den Wunſch in Deſodry's Bruſt angefacht hatte, auch der Welt durch nuͤtz⸗ liche Anwendung ſeiner Kraͤfte nuͤtzlich zu wer⸗ den, wagte ſie es zuletzt, gleichſam wie hinge⸗ worfen, ihn darauf aufmerkſam zu machen, daß — 160— er ja noch nicht füͤr immer gebunden, daß fuͤr ihn ja noch Ruͤckkehr moͤglich ſey. Dieſe Aeußerung fiel wie ein Blitzſtrahl zůn⸗ dend und erſchreckend in meines Freundes Seele. Er erblaßte, zitterte, alle ſeine fruͤheren Vorſätze, ſein ganzes bisheriges Leben, flogen in dieſem Moment wie zuͤrnende Geiſter drohend an ſeinem inneren Blick voruͤber. Die Schmach, von einem ſo beharrlich eingeſchlagenen Wege zuruͤckzutreten, ſtellte ſich ihm darz er ſtand auf dem Punkte, die Verfuͤhrerin wie einen zum Böſen leitenden Dämon zu fliehen. Da fiel aber ein Blick von ihm auf die ſchöne reitzende Geſtalt. Nein, das iſt kein Daͤmon! rief das gefangene Herz aus; das Unrecht kann nicht die Zuͤge der Anmuth und des Friedens erheucheln! Gern haͤtte die Schone dem jungen Manne den geiſtlichen Stand ganz ausgeredet; es war der geheime Wunſch ihrer Seele, ihn gänzlich frei zu ſehen, frei fuͤr ſich, denn ſie liebte ihn ja! Aber, noch war ſie es ja ſelbſt nicht, und wenn Deſodry vorlaͤufig nur den vorhaben⸗ den Schritt der Prieſterweihe aufgab, ſo war er ihr ja doch in der Kleidung des Abbes noch nicht verloren.—„Bleiben Sie Abbe“, ſprach ſie, ſeinen Kampf ſehend,„wenn Ihre Neigung Sie unwiderſtehlich zu dieſem Stande hinzieht; aber warum wollen Sie ſich ſelbſt jeden moͤg⸗ lange iſt die Kirche bei uns das nicht mehr, was ſie urſpruͤnglich war; ihre meiſten Diener widmeten ſich ihr nur, um unter ihrer Aegide nach den Guͤtern der Welt zu haſchen. dieſer Art war ihm nicht entgangen; jetzt, da er zum Erſtenmale ernſthaft die Sache in's in Deſodry's Seele. Das Streben Vieler in am mehrſten druͤckte ihn der Gedanke, man 3 verwechſeln. lich Mad. Derblay verließ, um in ſeiner ein⸗ verlaſſen durfte, uͤber alles dies nachzudenken⸗ Welche Zweifel, welche Beängſtigungen ihn hier 11 lichen Weg zur Umkehr abſchneiden? Seit Dieſe letzten Worte vollendeten den Aufruhr Auge faßte, fuͤhlte er ſich daruͤber empoͤrt, und könnte ihn mit dieſen Wölfen im Schafskleide ſamen Zelle, die er nun in acht Tagen nicht 6 war ſeine Gemuthsſtimmung, als er end⸗ — 162— quaͤlten, kann man ſich denken. Keine Ruhe, kein Schlaf kamen mehr in ſeine Augen, und be⸗ ſonders heftig war ſein Kampf in den letzten Vier und Zwanzig Stunden. Enblich kam der Ent⸗ ſchluß bei ihm zum Durchbruch. Nein, rief er, nach langem Nachſinnen am Abend vor dem entſcheidenden Tage, ploötzlich aus, ich bin kein Heuchler, kein Pfaffe wie Falcol, und will auch keiner werden! Wuͤrde ich nicht eine Luge, eine Suͤnde begehen, wenn ich Geluͤbde leiſtete, denen meine Ueberzeugung nicht mehr inwohnt? Was iſt der Spott und Hohn der Welt gegen das Un⸗ recht, den Himmel zu beluͤgen? Und ich wuͤrde tugen, wenn ich jetzt noch.. Es iſt entſchie⸗ den, ich werde nicht Prieſter!“ Ein kurzer Schlaf der Erſchoͤpfung uͤberfiel ihn bald nach dieſem ſchweren Entſchluſſe. Als er die Augen wieder aufſchlug, uͤberdachte er den gefaßten Vorſchlag noch einmal, und fühlte ſich darin beſtärkt. Aber wie ihn ausführen? Er war ſchon ſo weit gegangen, die Sache ſchon ſo tief verwickelt! Mit Beben dachte er an Dan⸗ riot, an das Aufſehen, welches ſein Schritt erre⸗ ——— — —— gen mußte; ihm ſchauderte vor dem Laͤrm, den Vorwuͤrfen. Sein Blick fiel auf die Uhr; der Minutenweiſer ſchien zu fliegen; der furchtbare Tag btach an. Dennoch ſtand ſein Entſchluß feſt, nur uͤber das Wie der Ausfuͤhrung ſchwankte er noch immer ohne Rath. Jetzt kamen ſeine Collegen, um ihn zu be⸗ gruͤßen. Er blieb ſtill und nachdenkend. Man ſchrieb dies der Größe ſeiner frommen Sammlung zu und wuͤnſchte der Kirche Gluck zu dieſem an⸗ gehenden Heiligen. Die Gluͤckwunſche, welche ihm gemacht wurden, nahm er ruhig auf, und in ſeinen Blicken, die mit ſtillem Bedauern auf den Armen ruhten, die heute, gleich ihm, der Freiheit, dem Leben, entſagen ſollten, fand man nur den Ausdruck religiöſer Ergebung und De⸗ muth.— So ließ er ſich, feſt beſtimmt, die Weihe nicht zu empfangen, nach der Sakriſtei fuhren. — —— 11 — 164— Neunzehntes Kapitel. Große Feierlichkeit. Der heutige Tag war ein großer Feſttag fuͤr das Seminarium. Zehn junge Leute ſollten auf einmal durch die Hand eines hohen Geiſtlichen zu Dienern Gottes und der Kirche geweiht wer⸗ den! es läͤßt ſich denken, daß man hierzu die feierlichſten Anſtalten getroffen hatte. Das Ge⸗ baͤude enthielt in ſeinem Innern eine große Ka⸗ pelle, in welche man gewöhnlich durch eine Thuͤr in den Hofraum einging. Heute war aber die ſonſt ſtets verſchloſſene große Pforte nach der Straße zu geoͤffnet, damit jedermann an der Ceremonie Theil nehmen konnte. Eine zahlreiche Verſammlung— zum Theil angelockt durch Froͤmmigkeit, zum Theil durch Neugier— hatte ——— —— —— — — 165— ſich bereits eingeſtellt. Die Chore des Bethau⸗ ſes waren fuͤr die Verwandten der Candidaten und einige Standesperſonen beſtimmt worden; Onkel Lecog, die beiden Tanten meines Freun⸗ des, meine Frau und ich, hatten gleichfalls un⸗ ſere Paͤtze ſchon eingenommen. Man weiß, wie ſehr die katholſſche Kirche den Pomp liebt, und kann daher erachten, was alles heute aufgeboten war, um die Feier des Tages zu erhoͤhen. Zahlloſe Kerzen flammten uberall, Blumen, goldne und ſilberne Gefaͤße, Weihrauch u. dgl. glänzten und dampften von allen Seiten, und da zwei der jungen Abbes, welche heut ſich auf ewig der Kirche verbinden wollten, aus großen Familien ſtammten, ſo war auch die Verſammlung der Anweſenden zum Theil ſehr glänzend. Man ſah Herren und Damen vom Hofe, hohe Geiſtliche und Magiſtratsperſo⸗ nen in bunter Reihe, einen Theil der koͤniglichen Kapelle, die Choriſten aus Notre⸗Dame in ihren Soutanen und ſcharlachenen Kaͤppchen, mehrere Saͤnger der großen Oper mit Degen an der Seite, der Kapellmeiſter gleichfalls in einer Sou⸗ tane, eine gewaltige Partoute in der Hand: kurz Alles im großten und feierlichſten Style. Jetzt nahte der Moment, wo der Gottesdienſt beginnen ſollte, ſchon bereitete ſich der Dirigens, ſeinen Commandoſtab erhebend vor, um den Muſikern das Zeichen zu geben; man wartete nur den Eintritt des Biſchofs ab; da nahte ſich mir und Herrn Lecog ein Sacriſtan, und bat uns, eilig in die Sakriſtei zu kommen, in⸗ dem der Herr Abbe Deſodry uns dringend zu ſprechen verlange. Wir eilten hinab, die Sakriſtet war mit Geiſtlichen angefuͤllt, die ſich in der Stille auf die vorhabende fromme Handlung vorbereiteten. Mitten unter ihnen ſaß Deſodry in nachdenken⸗ der Stellung. Bei unſerm Eintritt ſtand er raſch auf. Als er meine Hand ergriff, fuhlte ich, wie die ſeine faſt in Fieberhitze brannte. Sein Geſicht gluͤhte, er wollte reden und ver⸗ mochte es nicht. Erſchreckt hieruͤber, drangen wir in ihn, zu ſagen, was ihm fehle.. da öffnete ſich die Thuͤre und mit Pomp und Feier⸗ lichkeit, gefolgt von ſeinen geiſtlichen Dienern, — trat der Prälat herein.„Hinaus! hinaus“ fli⸗ ſterte Deſodry jetzt mit halberſtickter Stimme, und während des Trubels, welchen die Ankunft des Biſchofs machte, fuͤhrten wir ihn, ihn un⸗ wohl glaubend, in den Hof. Hier athmete der Arme wie neu belebt auf, und unſere Haͤnde ergreifend, rief er aus: „Mein Onkel! mein Freund! rettet mich; ich kann, ich kann nicht Prieſter werden!“ „Was!“ ſchrie hier Herr Lecoq entzuͤckt,„Du willſt nicht Sous⸗Diaconus werden? o welch' ein Gluͤck! Komm! komm! ſetzte er, Deſodry's Wankelmuth fürchtend, hinzu, komm und eile, kein Moment iſt zu verlieren.“ Die Ankunft des Prälaten hatte das ganze Haus in Bewegung geſetzt; der Hof ſtand voller Kutſchen, die Thuͤre nach der Straße war unbe⸗ wacht offen geblieben; niemand ſah auf uns. Froh wie ein Sieger fuͤhrte der ehrliche Buͤr⸗ ger ſeinen geretteten Neffen durch die Pforte; ich folgte ſchweigend und ſtaunend. Auf der Straße angelangt, winkte Herr Lecoq einem Fiakre, ſchob Deſodry in den Wagen, und rief hintennach einſteigend mir zu: ich moͤchte nur die Prieſter darinnen und unſere Angehorigen von allem unterrichten, er wuͤrde bald wieder hier ſeyn; damit rollte der Wagen fort. Als ich in die Sakriſtei zuruͤckkam, um mei⸗ ¹ nen mißlichen Auftrag auszurichten, fand ich hier ſchon Alles in Bewegung. Man hatte De⸗ ſodry geſucht und ihn nicht gefunden. Der Biſchof in Ponteficalibus, um ſich ſeine Ako⸗ lythen, davon Einer ſeine Mitra, der Andere das Kreuz trug, blickte unwillig uͤber die Zöge⸗ rung umher. Ihm zur Seite ſtand der ehr⸗ würdige'Omont. S An dieſen wendete ich mich; indem ich ihn auf die Seite zog, erzählte ich ich ihm den Vorgang. Mit dem hoͤchſten Erſtaunen hoörte mich der fromme Mann an. Ein Zug des Unwillens uͤberflog ſein Geſicht.„Welch ein Aergerniß! ſo zu ſcheiden!“ rief er aus, dann ſich wieder zu mir wendend, fprach er:„Warum 3 hat er ſich mir nicht vertraut? warum machte er einen ſolchen Schritt ſo öffentlich, ſo auffal⸗ lend! Ihr Herr Onkel hat ſich ebenfalls ſehr — 160— unklug benommen. Doch jetzt iſt keine Zeit davon zu ſprechen. Gehen Sie, mein Herr, ich werde die Sache Sr. Eminenz vortragen.“ Ich ging nun zu dem Platze zurück, wo meine Gattin und Deſodry⸗ s Tanten ſaßen. Unter der Verſammlung ſelbſt war ſchon etwas von dem Vorfalle bekannt gewotden. Ein dumpfes Gemurmel lief durch die Kirche und neugierige Blicke flogen nach allen Seiten hin. Mad. Lecog und meine Frau befragten mich, was der Aufſtand zu bedeuten habe.„Kommt, kommt, rief ich, unterweges will ich alles er⸗ klären.“ Sie folgten mir; Demoiſelle Vero⸗ nika aber blieb. Die ftomme Perſon hatte in der Inbrunſt ihres Gebetes nichts von alle dem bemerkt, was um ſie her vorging. Sie ſah weder die langen Hälſe der Vrrſanmung 3 unfer Weggehen. Auf dem Wege nach dhn berichtete ich den Fragerinnen das Ereigniß; wie groß war ihre Ueberraſchung— ihre Freude! So langten wir bei dem Onkel an, wo wir Deſodry fanden, — 170— der mit langen Schritten im Zimmer auf und ab ging. Die lebhafteſte Unruhe wogte in ihm. Nicht, daß es ihm etwa gereut haͤtte, den Schritt gethan zu haben, aber, was werden die Leute ſagen? was wird man denken? dies war es, was ihn änsſtigte. Onkel Lecoq war uͤber alles dies ſehr gleichgultig. Vergnuͤgt rieb er ſich die Hände, ſchnippte mit den Fingern, und rief einmal uͤber das andere aus:„O ich wußte es wohl, daß mein Neffe noch vernünftig wer⸗ den wuͤrde; ich ſagte es ja ſtets!“ „Und ich wohl nicht?“ fiel ihm ſeine Gattin in das Wort,„ich hätte wollen meine Hand darauf in's Feuer legen. 2 „Aber lange genug hat er uns watten taſſen“ ſetzte Lecog hinzu, einen Freudenſprung machend. „Meine theuerſten Freunde,“ begann jetzt Deſodry mit einigem Pathos,„ich werde euch wohl nicht erſt die Beweggruͤnde auseinander ſetzen duͤrfen, die mich zu dem heutigen Schritte bewegten. Ich glaube, ich habe durch dieſe That Euren Wuͤnſchen entſprochen; jetzt muß — —. ich Euch aber noch etwas entdecken. Ich fuͤhle den Beruf in meiner Bruſt, eine andere Rolle in der Welt zu ſpielen, als die eines Abbe. Ich will dem großen Ganzen nuͤtzlich werden; ich will fuͤr das Gluͤck der Menſchheit wirken.“ „Thue das, Herzensjunge!“ rief der Onkel entzuͤckt aus; mache alles, was du willſt, werde was du willſt; ich bin nur froh, daß du kein Prieſter wirſt.“ Jetzt kam auch Tante Veronika, und wir Alle waren nicht wenig neugierig zu erfahren, wie ſich die Sache in der Kirche beendigt hatte. Die arme, alte Veronika Lonnte vor Schrecken und Schmerz anfaͤnglich kaum ſprechen. Als ſich aber das Band ihrer Zunge endlich löſte, da rief ſie mit Heftigkeit aus:„Ach du Un⸗ glůckskind! du Treuloſer, was haſt du gethan! Welche Suͤnde, welchen Greul haſt du began⸗ gen! Du, das Muſter im Seminarium, wirſt nun der Spott der Welt, der Verwurf der From⸗ men ſeyn! O, daß ich dieſe Schmach erleben mußte! Ich war ſo ſtolz auf dich und nun weiß ich mich vor Schmach nicht zu laſſen. — 172— Ach, man hat das Anathem„die Verwerfung gegen dich geſprochen, und es wird dich und deine gottloſen Rathgeber auf's ſchnellſte treffen.“ Bei dieſen Worten erwies mir die fromme Dame die Ehre, mich mit einem Seitenblicke zu betrachten, der dem Onkel vielen Spaß machte, und der nun die erhitzte Eiferin bat, uns doch endlich den Verlauf in der Firche zu be⸗ richten. Jeſulein“, fuhr Veronika fort, „was wird geſchehen ſeyn! Die Feier war groß, heilig, erhaben, beſeligend, aber leider wa⸗ ren nur Neun junge Abbes da, und der Zehnte, der Renegat, der Ketzer, der Apoſtat, der davon gelaufen iſt, das war mein gottloſer Neffe. das gab ein großes Scandal unter den Frommen! man ziſchelte, man lachte, man wies mit Fingern auf mich, aber ich habe alles zur Ehre meines Jeſus und zu deiner Schande, du Belialskind, ertragen. Und zuletzt ſtieg der fromme Abbe Danriot auſ die Kanzel, und belegte dich, du Pfahl in meinem Fleiſche, mit dem Fluch.“ —— —— — 1— Wie! rief Deſodry hier aus, er wagte es, mich zu nennen? „Allerdings; er nannte dich und die From⸗ men wendeten ſich bei deinem Namen weg.“ Daß Danriot in ſeinem wilden Eifer ihn oͤffentlich genannt hatte, ſchlug meinen Freund ſehr nieder; auch uns machte es nicht wenig beſtuͤrzt, und wir vermochten nur mit Blicken den Gekränkten zu tröſten; Veronika dagegen ergriff die Gelegenheit, ihren Neffen der Kirche wo möglich wieder zu gewinnen.„Mein Söhnchen, mein Herzblatt, ſprach ſie, kehre um, noch kannſt du gut machen, wenn du Buße thuſt nnd beteſt. Willſt du aber nicht, ſieh, ſo enterbe ich dich, du Boͤſewicht, und nie darfſt du mich wieder Tante nennen.“„Und mich nie Onkel, wenn er wieder ein Thor wird! fiel hier Herr Lecoq erhitzt ein. Sum Glüͤck trat in dieſem Augenblick des Haders ein ehrwuͤrdiger und verſtaͤndiger Mann, mein Freund und Lehrer Thierry, ins Zimmer, der uns zuweilen die Ehre ſeines Beſuches gönnte⸗ 3 3 3 174 unterrichtet von dem Vorgefallenen ſprach er zu Deſodry:„Junger Mann, Sie haben einen großen Fehler begangen. Warum unter⸗ richteten Sie Ihre Obern, warum Ihre Ver⸗ wandten nicht von der Aenderung ihres Ent⸗ ſchluſſes? Da konnte Alles mit Ruhe und An⸗ ſtand ausgeglichen werden, während jetzt ein öf⸗ fentliches Aergerniß gegeben worden iſt. Auch Sie, Herr Lecoq, haben bei der Sache gefehltz ſtatt Ihren Neffen heimlich zu entfuͤhren, konn⸗ Sie mit dem Abbe l'Omont ſprechen, und ich bin uͤberzeugt, das dieſer allgemein als ſanft und milde bekannte Mann ſeinen raſenden Col⸗ legen wuͤrde abgehalten haben, Ihren Neffen ſo oͤffentlich zu verunglimpfen.“ Waͤhrend Thierry noch ſo ſprach, oͤffnete ſich abermals die Thuͤre, und zu unſerer Ueber⸗ raſchung ſahen wir den ehrwuͤrdigen S hereinkommen. „Mein theurer Sehn⸗ begann er ſogleich, ſich zu Deſodry wendend,„ich habe geglaubt eilen zu muſſen, um Ihnen Troſt nach dem großen Verſehen zu bringen, welches Sie ſo eben ——— ———— —— — 175— begangen haben. Glauben Sie nicht, daß ich Ihren Schritt Ihnen ols ein Verbrechen aus⸗ legen will; man kann Gott wohlgefaͤllig leben, ohne Prieſter zu ſeyn, und ich hoffe, Sie wer⸗ den es thun. Ach haͤtten Sie ſich mir entdeckt, dann wuͤrde der heftige Danriot. doch Sie vergeben ihm gewiß ſeinen Eifer, er iſt ſonſt ja gut und brav.“—. Da Herr Lecoq jetzt im weiteren Geſprich hoͤrte, daß der Abbe mit dem Arzte darin voll⸗ kommen uͤbereinſtimmte, daß nur die Art, wie Deſodry das Seminar verlaſſen, unrecht geweſen, glaubte er ſich vertheidigen zu muͤſſen, und aͤu⸗ ßerte: daß wenn er nicht ſo raſch gehandelt, ſein Neffe bei ſeinem ſchwankenden Charakter leicht wieder hätte umkehren können, und hier war nun Deſodry gezwungen, zu bekennen, daß ſein Onkel Recht habe, und daß er, haͤtte dieſer nicht ſo ſchell eingegriffen, vielleicht jetzt Sous⸗ Diaconus ſeyn wuͤrde Dies Geſtaͤndniß entlockte den beiden gelehr⸗ ten Maͤnnern ein leiſes Lächeln, indem ſie aber ſich nun wechſelſeitig bemuͤhten, meinem Freunde — 176— Lehren uͤber ſein zukuͤnftiges Benehmen zu ge⸗ ben, und dadurch ihre Anſichten gegenſeitig austauſchten, gewannen ſie fuͤr einander die in⸗ nigſte Hochachtung und Freundſchaft.„Ach“, rief der Abbe aus,„wenn alle Philoſophen ſo daͤchten, wie Sie! ℳ„und alle Theologen wie Sie!“ entgegnete Thierry;„gewiß man wuͤrde dann nicht ſo oft den Schmerz haben, einen Streit zwiſchen der Wiſſenſchaft und einem Stande zu ſehen, der das Ehrwuͤrdigſte wü wahren ſoll.“ Deſodry war einige Augenblicke aus dem Zimmer gegangen; man hatte ihn benachrich⸗ tigt, es wuͤnſche ihn jemand zu ſprechen. Er fand Mad. Derblay vor der Thuͤr in ihrem Wagen. Sie war eben im Begriff, ſich wegen ihres Prozeſſes zum Praͤſidenten zu begeben, und hatte die Gelegenheit nicht verſaͤumen wollen, dem Freunde ihren Gluͤckwunſch abzuſtatten. „Ich war“, rief ſie ihm entgegen,„gegenwär⸗ tig in der Kicche. O, Sie haben herrlich ge⸗ handelt; das wird ein Aufſehen in der Stadt geben! ganz Paris wird davon ſprechen„. 1— 17— aber jetzt muß ich eilen, kommen Sie in ein Paar Stunden zu mir, ich habe Ihnen ſo viel zu ſagen.“— Entzuͤckt verſprach Deſodry ſich einzufinden, und die Schoͤne fuhr weiter⸗ „Was hilft es“, meinte Onkel Lecog, als ſein Neffe wieder in's Zimmer trat,„daß wir die Fehler, die wir bei der Ausfuͤhrung begangen haben, noch laͤnger beſprechen. Was geſchehen iſt, iſt geſchehen; ſehen wir lieber jetzt zu, was nun zu thun iſt. Der Fant da will nicht Sub⸗ diaconus werden; das iſt vortrefflich, aber etwas werden muß er doch.“ „Das will ich auch, theuerſter Onkel ⸗“, fiel hier Deſodry ein.„Sagen Sie nur, ich bin zu allem bereit. Ich will ſtudiren, ich will ar⸗ beiten, ich will meine Pflichten gegen die Ge⸗ ſellſchaft erfuͤllen. Man öffne mir nur eine Bahn in Wiſſenſchaft, in Kunſt, im Staate, im Handel oder in der Armee, ich werde ihr Eyre zu machen ſuchen!“— Schoͤn, ſchon, entgegnete Doctor Lhier hierauf. Wenn Sie mir einiges Vertrauen ſchenken, ſo will ich heute Abend, wenn wir 12 — 174— bei einem kleinen heiteren Mahle beiſammen ſitzen, Ihnen wohl meine Meinung uͤber die Wahl, die ſie zu treffen haben, ſagen.“ „Beharren ſie in dem edlen Vorſatze, mein Sohn, Ihren Nebenmenſchen nuͤtzlich werden zu wollen— ſetzte Abbe l'Omont hinzu— dann wird man Ihnen gern das heute gegebene Aergerniß verzeihen.“ Die beiden wuͤrdigen Maͤnner gingen nun und wir blieben allein. Ueber Tiſche war De⸗ ſodry ſtill und nachdenkend; nachdem wir auf⸗ geſtanden waren, ſagte er uns, er wolle ein wenig friſche Luft ſchoͤpfen, und verſprach in ein Paar Stunden wieder da zu ſeyn. Gern haͤtte ich ihn begleitet, allein, da ich glaubte, er wuͤnſche ſeinen Gedanken ungeſtoͤrt nachzuhaͤn⸗ gen, ſo blieb ich und er eilte von uns—— um zu Mad. Derblay zu gehen.— Alle unſere Anſtrengungen, ihn dem Ueber⸗ maß einer ſchwaͤrmeriſchen Religioſität zu ent⸗ reißen, waren unnuͤtz geblieben; die Vernunft hatte kein Gehoͤr bei ihm gefunden; als aber eine neue Leidenſchaft ihre Stimme in ſeiner — — 175— Bruſt erhob, da mußte die erſte ſchweigen, und was weder dem Rath, noch den Bitten der Freunde gelang, gelang den verfuͤhreriſchen Blicken einer huͤbſchen Frau. Ende des erſten Theiles. 7 8 9 10 11 14 15 ſſſſſſſſſſſſſſſſſtſſſſn 16 17 1 *