Leihbibliothetk deutſcher, engliſcher und franzsſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gieſen. Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungen. 1 offenseln der Bipliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:* für pchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher; auf 1 Monat: 1 Wi— f. 1 N 6 „3„ 5 Auswärtige Wonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt Has zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Vücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch vafür zu ſtehen haben. * tiſtterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wir 5 5 ee Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird Der ehrliche Lropf. Geſchichte Georg Dercy's und ſeiner Familie. ℳ Von L. B. Picard. Deutſch von Friedrich Gleich. Zweiter Band. Leipzig, in der Dyk'ſchen Buchhandkung. 1825. Der ehrliche Tropf. —————— 1I. A — 2 . H N * 3 — — * —— ———————— — † 2+ Einleitende Intriguentzu einer Wahl. Die Wahlverſammlungen wurden zu einer Er⸗ neuerung der Deputirtenkammer zuſammenbe⸗ rufen. Welches Bild gewährte das Land in dieſem Augenblick? Richt allein die Wöhler und die Wahlfähigen berührte dieſes Ereigniß; die große Maſſe des Volkes ſelbſt, auch jene Claſſe von Arbeitern, deren Leben unter nutzichen und můhſamen Beſchůftigungen hinfließt, fuhlten ſich von der Angelegenheit ergrifen; alch ihnen war es nicht gleichgůltig, weiche Menſchen das Loos traf, das Wohl einer großen Ration zu bewachen. Mögen unſere ruͤckwärts gekehrten ſchonen Geiſter ſagen, was ſie wollen, das neue Frankreich hat mehr aufgeklarte Menſchen und A 2 —— weniger Pobel, als das alte; und der Pobel, welcher uns noch bleibt, duͤrfen wir ihn immer blos in den Huͤtten ſuchen? Viele jener Arbei⸗ ter, jener Handwerker, die ein alberner Stolz noch immer verachtet, die aber die Ereigniſſe von dreißig« Jahren Revolution, Anarchie, Des⸗ potismus und verfaſſungsmaßige Regierung auf⸗ klaͤrte, haben ſich wohl darein ergeben, als thaͤtige Mitglieder den oͤffentlichen Angelegen⸗ heiten fremd zu bleiben, aber nicht darin, die⸗ jenigen, welche an der Spitze ſtehen⸗ zu beobach⸗ ten und ſie zu controlliren. Dem Geſetz ge⸗ horchend, das ſie nicht unter die Zahl der Wähler ruft, wiſen ſie doch recht gut, daß in ihnen die Kraft und der Nero der Nation liegt, daß ſie ein ehrenwerther Theil derer ſind, fur welche eigentlich nur gewaͤhlt werden ſollte, und ſie ſprechen ſich auch in ihren, nicht feind⸗ lich geſinnten, aber offenen und ungeſchminkten Geſprächen unumwunden genug hieruber aus. In den andern Ständen ſch man unter denen, welche nicht hundert kleine Chaler directe Auflagen bezahlen, theils Neid gegen die Pri⸗ vilegirten, theils Unbekͤmmertheit um die oͤffent⸗ N 5 liche Sache. Sie fanden das Geſetz ungerecht, welches aus einer Bevölkerung von dreißig Millionen Menſchen nur an hundert tauſend das Recht zugeſteht, zu waͤhlen. Ebenfalls ſah man einige Gleichgůͤltigkeit bei manchen Wah⸗ lern ſelbſt, von denen Mehrere, verdrüßlich ge⸗ macht durch ein mißverſtandenes perſonliches Intereſſe, Andere durch die Fehler der Ver⸗ waltung, die Abgebung ihrer Stimmen fur gleich⸗ guͤltig hielten. Die Mehrzahl der Nation, Waͤhler und Richtwahler, Adliche und Buͤrger⸗ liche, Patentirte und Eigenthuͤmer, kleine und große Grundbeſitzer, war jedoch aͤußerſt ge⸗ ſpannt; jeder eifebſuͤchtig darauf, ſein Recht auszuuͤben, vder das Andern zukommende Recht nach ſeinen Wuͤnſchen ausgeuͤbt zu ſehen, be⸗ muͤhte ſich, ſeine Sache triumphiren zu laſſen. Man wog die Verdienſte, die Talente, den Cha⸗ raeter der Männer ab, die auf die Wahlliſte kamen; man untobſuchte die Sicherheit welche ſie uͤber ihre Meinungen und deren Beſtaͤndig⸗ keit gegeben hatten. Aber am thatigſten waren die Intrigans, die Ehrgeitzigen von allen Par⸗ cheien, die Charlatans von allen Farben; ſie 6 zeigten eine unverwuͤſtliche Unermuͤdlichkeit; Dag und Nacht liefen ſie umher, verſprachen, droh⸗ ten, ſchmeichelten, haten und ſchimpften auf die Gegnerz ſo ſuchten ſie ſich Anhaͤnger zu verſchaffen. Sie ſtifteten Cabalen an, ſezten ihre Verwandten und Bekannten, ihre Weiber und ihre Maitreſſen, ihre Gläubiger und ihre Die⸗ ner in Bewegung. Die Einen cabalirten fur ſich, indem ſie ſelbſt gewäͤhlt ſeyn wollten; die Andern fur ihre Freunde, oder fuͤr die Freunde von ihren Freunden, oder fuͤr ihre Beſchutzer, oder fuͤr die Creaturen von ihren Beſchuͤtzern. Die großen Wahl⸗ Cabalen oder vielmehr die große Wahlkunſt war damals noch nicht zu dem Grade der Vollkommenheit gediehen, auf welchem ſie heutzutage vielleicht ſteht. Men⸗ ſchen ohne Sitten wagten noch nicht ganz offen die Sitten zu hoͤhnen; die hohen und niedern Angeſtellten trugen noch einige Scheu in ſich, ihren Untergebenen durch Circulare geradezu zu befehlen, wie ſie ſich bei der Wahl zu beneh⸗ men hätten; unter der Hand ließ man jedoch ſchon die Alternative der Gunſt und Ungunſt blicken; man konnte es nicht wagen, alle Jour⸗ nale zů kaufen, aber einige hatten ſich ſubſt verkauft und verdienten ihr Geid, indem ſie mit niedriger Schmeichelei im Stüube krochen; man wagte es pamals noch nicht, die Stimini rechtmaͤßiger Wähler zu üngehen und neue Scheinwähler zu machen, aber man hatte die Vorſi cht, denen, deren Stimmen man ucht ſicher war, einige Etleichterungen hoffen zu läſſen, und denen⸗ auf die man iechnen konnte, zu verſtehen zu geben, daß man die Wittel habe, ihnen dieſes und jenes aufjubůiden, falls ſie nicht in einein„guten Sinüe“ ſtinimten. Gewiß wagte man damals noch nicht, den Veh⸗ lern zuzumuthen, ihre Stimmti vfen abzuge⸗ ben; furchtſamen Gemüthern Fütütienbtern die ohne ihr Amt nicht eriſiten konnten, gab man jedoch unter der Hand zu verſtehen, daß ſie ſich verdůͤchtig machei wüiden, wenn ſie ihre Zettel derbergen wuͤrden⸗ Zohloſe Agen⸗ ten durchogen eifrig das Land, um die Ge⸗ muͤther zu bearbeiten; feile Federn mußtelt ſchreiben und ihre, fur und gegen die Wahl⸗ Candidaten gerichteten Pamphlets und Bro⸗ ſchuͤren wurden verſchwenderiſch ausgetheilt.— 8 en pcer Schrifeler. 5 Um ſeinem neuen Berufe Ehre zu macheg, zute er ſich einen großen Plan ausgeſonnen, deſen Gelingen ſeinem Intereſſe auf zweifache Art nutzen ſollte; auf einer Seite arbeitete er daran, indem er auf's uͤbertriebenſte ſeinen wachſenden Einfluß bei dem Miniſter ſchilderte, ſi ch ench mehr in die Gunſt von Herrn und Madame Duͤbrocard zu ſetzen; auf der andern hoffte er dadurch, daß er Alphonſinens Vater fuͤr die miniſterielle Parthei zu gewinnen ſuchte, ſch ein Recht auf die Dankbgilei des Her⸗ zogs zu erwerben. Bei ſeinem Auftreten hatte er eich gegen Důbrvcard als ein heißer Liberaler gezeigt; nach und nach, ſehr vorſichtig und ſehr lang⸗ ſam, benutzte er ſein Uebergewicht uͤber den Mann, um den ehrlichen General⸗ Finanzein⸗ nehmer bemerklich zu machen, daß es ſich doch im Grunde fuͤx einen Mann, der eine Stelle von der Regierung bekleidete, nicht fuglich paſſe, ſich in Oppoſition mit dem Miniſterium zu zeigen. Geſchickt wußte er dem heißen Pa⸗ 1 —— triotismus des Herrn Duͤbrocard abzukuͤhlen und bald, ganz geleitet von ihm, war Jener kein Liberaler mehr. 3 Es laͤßt ſich denken, daß Dauvert nicht ſoͤumte, dieſe wichtige Neuigkeit dem Miniſter mitzutheilen und dieſer fuͤhlte denn auch ganz den Werth des Dienſtes, welchen ihn Dauvert erwieſen hatte. Ein General⸗ Finanzeinnehmer fuͤr die Sache des Miniſteriums gewonnen! das iſt vielleicht noch wichtiger bei einer Wahl, als die Gewinnung eines Praͤfecten. Der Her⸗ zog faßte jetzt immer mehr Vertrauen in die Talente ſeines Agenten, und von Tage zu Tage uberzeugte er ſich mehr, daß Dauvert kein Mit⸗ tel ſcheue, um ihm, und dadurch ſich, zu dienen. Herr Duͤbrocard war ſeinerſeits nicht weniger entzuͤckt, einen Freund zu beſitzen wie Dauvert; Dank dieſem Freunde, der von Sr. Excellenz geſchmeichelte, eingeladene, gekitzelte und ge⸗ ſtreichelte General⸗ Finanzeinnehmer, war jetzt ganz miniſteriell; ſeine Frau dagegen eine uſtra. In ondern conſtitutionellen Regierungen kennt man nur zwei Partheien; in den ver⸗ einigten Staaten von Amerika iſt ſogar nur „ eine, oder vielmehr gar keine; man iſt da wohl zuweilen in der Wahl der Perſonen getheilt, aber nie uͤber die Grundſaͤtze. In England kennt man nur Wighs und Torys; ſeit der Aufſtellung der Charte hat man aber in Frank⸗ reich immer drei geſehen, die man ſich ge⸗ woͤhnt hat mit den Ramen der ultra, der Miniſteriellen und der Liberalen zu bezeichnen, und die dann in der Kammer durch die auf der rechten und auf der linken Seite und die in der Mitte oder dem Bauche Sitzenden, dar⸗ geſtellt werden. In dem Bejirk, in welchem Georg ſtimmen ſollte, war ein gewiſſer Vicomte von* der Candidat der Ultras; der Doctor St. Firmin hatte ſich zum Candidaten der Li⸗ beralen aufgeworfen; der Praͤſident des Colle⸗ giums, war der der Miniſteriellen. m Herr St. Firmin ſchwamm in einem Meere von Hoffnung; als er aber von einer Reiſe zuruͤckkam, die er durch den Bezirk gemacht hatte, um ſich Stimmen zu gewinnen und nun vernahm, daß Herr Duͤbrorard, der Mann, auf deſſen Huͤlfe er ſo ſehr gerechnet hatte, ihm ausſfiel und ſich noch dazu gegen ihn rich⸗ — 11 tete, da wurde er doch einen Augenblick ſehr beſtuͤrzt.„Großer Gott!“ ſprach er zu ſeiner Frau,„muß man nicht vor der Menſchheit errothen, wenn man eine ſolche Wankelmuͤthig⸗ keit, ſolche ſchmachvolle Schwaͤche ſieht, die ihre Quelle allein in dem groͤbſten Egoismus hat? aber beim Himmel! ich verliere den Muth deswegen noch nicht. Georg hatte, ſeitdem er reich geworden und eine Anſtellung bekommen, mehreren ſeiner Landsleute vielfach gedient, und ohne Claude Lallemand zu rechnen, beſaß er eine Menge guter Freunde. Der Doetor ging jezt zu ihm. Nach vielen Schmeicheleien und Eingangs⸗ complimenten begann er zu ſeinem Neveu: „Du weißt, mein guter Georg, daß eine große Anzahl ehrliche Leute aus unſerer Gegend und beinahe alle meine ehemaligen Kranke, immer⸗ waͤhrend in mich dringen, mich bei der bevor⸗ ſtehenden Deputirtenwahl auf die Liſte der Can⸗ didaten ſetzen zu laſſen. Gewiß liebt Niemand mehr wie ich, ein ſtilles und zuruͤckgezogenes Le⸗ ben; nie habe ich auf eine andere Art mich auszuzeichnen geſucht, als in meiner Wiſſe⸗ —— ſchaft; aber trotz meinem Widerſtande habe ich den Wuͤnſchen dieſer braven Buͤrger nach⸗ geben muͤſſen; ich liebe mein Vaterland zu ſehr, um mich den Obliegenheiten zu entziehen, zu welchen man mich beruft, und ich halte es fuͤr meine Pflicht, dein allgemeinen Beſten meine Ruhe zum Opfer zu bringen.“ Nach dieſem Eingange gab er noch eine Menge Phraſen von ſich, die aus einer Rede genommen zu ſeyn ſchienen, welche die Roth⸗ wendigkeit beweiſen ſollte, nur Männer von feſtem und unabhaͤngigem Character zu Depu⸗ tirten zu wählen; dann fuhr er fort:„Kannſt Du Dir nun wohl denken, was mir begegnet? Dieſer Duͤbrocard, dieſer Menſch, der mich am mehrſten quaͤlte und der mir, unter uns geſagt, ſeine und ſeiner Freunde Stimmen ber⸗ ſprach, dieſer verläßt mich jett und ſtellt ſich unter die miniſteriellen Fahnen.. Welch ein etbaͤrmlicher Menſch! Der Dauvert hat ihn herumgebracht, der abſcheuliche Intrigant!. 1.. Doch das ſoll uns wenig ſchaden. Duͤbrocatd ſollte mir helfen, indem er fuͤr mich ſprach, ich werde mir jetzt ſelbſt helfen, indem ich ge⸗ —— 2— 13 gen ihn ſpreche; ja ich will ſeine Schande, ſeine Treuloſigkeit bekannt machen. Meine Frau reiſet morgen ab, um alles gehoͤrig aus⸗ zubreiten und durch ihre Verbindungen unſere patriotiſchen Manoeuvres zu unterſtutzen; ich bleibe indeſſen hier, um die Waͤhler um mich zu ſammeln, welche Paris nicht eher als bis im Augenblick der Wahl verlaſſen koͤnnen Auf Dich, mein lieber Reveu, rechne ich beſonders; nicht wahr, mein guter Georg wird mir nicht abtruͤnnig? Ich bin üͤberzeugt, daß Du alles, was in Deinen Kraͤften ſteht, zu meinen Gun⸗ ſten bei denen thun wirſt, uͤber welche Dein richtiger Verſtand, Dein offener Character und die Dienſte, die Du ihnen erwieſen haſt, Dir einen ſo wohlverdienten Einfluß geben.“— „Mein lieber Onkel,“ erwiederte Georg,„Sie kennen meine Freimuͤthigkeit; erzurnen Sie ſich daher nicht, wenn ich Ihnen ehrlich geſtehe, daß es mir unmoͤglich iſt, die Schritte zu thun, welche Sie wuͤnſchen, und daß ſelbſt...— „Ah, Du ſcherzeſt,„fiel der Doetor ein;„das heißt... Rein!.. Du ſcherzeſt nicht, aber Du haſt einen ſo regen Zartſinn, der an ſich 14 — gewiß hoͤchſt lobenswerth iſt.... Doch erlaube mir zu bemerken... daß er zuweilen auch ein bischen allzuweit geht. Ich errathe Dich, Du willſt auch den Schein einer Intrigue vermei⸗ den; ſey ruhig hieruͤber. Denke vor allem daran, daß es ſich hier um das Intereſſe Dei⸗ nes Vaterlandes handelt und daß nebenbei das Intereſſe Deines Onkels, des Bruders von Deinem Vater, Deines alten Vormundes und Freundes, mit auf dem Spiele ſteht. Bedenke, daß es Dir wenig Ehre bringen und mir gro⸗ ßen Schmerz machen wuͤrde, wenn Dich alle Welt uͤber Dein Benehmen gegen mich in ſo fern tadelte, daß Du mir nur Deine Stimme giebſt, waͤhrend es Dir doch ſo leicht iſt, mir eine Menge Anderer zu gewinnen.“—„Ver⸗ zeihen Sie, Sie ließen mich vorher nicht aus⸗ reden; ich wollte ſagen, daß es mir ſelbſt nicht moͤglich iſt, Ihnen meine Stimme zu geben.“ —„Was beliebt?“ fragte der Doetor ganz außer Faſſung; dann zwang er ſich zum Lachen, und ſprach:„Ach, nun ſehe ich, nun merke ich; ich bin ein Liberaler und Du hängſt dem Mi⸗ niſterium an; wir ſtehen uns alſo einander ge⸗ —— 15 genuͤber; doch nein! nein!“ ſezte er mit einem geruͤhrten Tone hinzu und druͤckte dabei Georgs Hand:„Nein! ſo theure Verwandte wie wir, können keine ernſtlichen Gegner ſeyn. Du willſt nur als ein kluger Mann Dich nicht gegen Dei⸗ nen Miniſter compromittiren? Ich billige das, aber hoͤre mich an.. wir ſind hier unter uns...“ — Er ſah ſich bei dieſen Worten um, ob auch Niemand ihn hoͤren konne und flſterte dann dem Reffen mit leiſer Stimme zu:„Du kannſt mir ohne alle Gefahr fuͤr Dich ſelbſt die Stimmen der dem Miniſterium Anhaͤngen⸗ den verſchaffen und ich bitte Dich, Deinem Her⸗ zoge bemerklich zu machen, daß, da die Libera⸗ len nothwendig den Sieg davon tragen werden, es nicht ohne Wichtigkeit fur ihn iſt, daß ich ernannt werde, denn ich bin ein ehrlicher Mann; das iſt der erſte Punet; der zweite iſt, ich in kein Hitzkopf, kein Partheimenſch, kein Repu⸗ blikaner.. Pfui doch! ich war niemals ein Bonapartiſt. Dam. aber unter uns, mein lieber Reveu, habe ich denn einen unbeugſamen Character? Laß ich nicht gern mit mir handeln? Du kannſt ganz leiſe einfließen laſſen, daß gele⸗ — gentlich.... und wenn der Miniſter nicht zu weit gehen will... ja, daß es dann nicht unmoͤglich iſt... Du verſtehſt mich.. eine Verſtaͤndigung kann ſtatt finden. Run, nicht wahr, Deine Bedenklichkeiten, Deine ne ſ nd hoben?“ Aus Achtung fur den Bruder ſeines ini unterdruͤckte Georg hier eine Aufwallung von Verachtung.„Entſchuldigen Sie aufs neue meine Freimuͤthigkeit,“ ſprach er dann,„aber was Sie mir jezt ſagen, dient nur dazu, mich in mei⸗ nem Entſchluſſe zu beſtärken. Ich mochte gern in unſern Kammern Menſchen ſehen, die ihre eigenen, feſten Meinungen haben und nicht die von dieſer oder jener Parthei; noch weniger wuͤnſche ich Menſchen da zu ſehen, die bereit ſind, ihre Anſichten nach ihrem perſoͤnlichen theile zu wechſeln.“ Der Doctor legte ſich jetzt keinen Zwang mehr auf, den Unwillen zuruckzuhalten, den ihm Georgs unzweideutige Worte einfloͤßten; ein lebhafter Zorn trat an die Stelle der ſuͤßlichen und ſchmei⸗ chelnden Redensarten, mit denen er bisher um ſich geworfen hatte. Er nannte Georg einen ———. 17 herzloſen, undankbaren, ſchlechten Verwändten) und heimgekehrt zu ſeiner Frau, ſprach ert „Er iſt nicht allein ein Dummkopf, ſondern auch ein ſchlechter Menſch.“ 0 Der Herzog ließ jezt Georg rufen. Seit⸗ dem Dauvert im Bůreai des Miniſteriumms an⸗ geſtellt war, und vorzuglich ſeit der Grlaſſung des Befehls zur Zuſammenberufung der Wahl⸗ eollegen, war der Herzog kalter und weniger mittheilend gegen Georg geworden. Jezt, da dieſer eintrat, begann er ſogleich ohne Einlei⸗ tung mit einem ſtolzen Tone, daler vermuth⸗ lich glaubte, den jungen Mann auf dieſe Art am ſicherſten einſchuͤchtern zu konnen:„Sit haben einen Verwandten, einen Onkel, wie ich glaube/ der ſich ſchmeichelt durch die Oppoſi⸗ tion in die Kammer der Deputirten zu kom⸗ men. Es iſt hier nicht der Ort, Ihnen aus⸗ einanderzuſetzen, wie ſehr eine ſolche Wahl jezt unpaſſend iſt; ich hoffe jedoch, daß Sie Ihre Pflicht zu gut kennen werden, um ihr nicht ihre Familienreigungen aufzuopfern“ 3 11 66 Brleidigt durch dieſe ſtolze und befehlende Anrede, erwiederte Georg ruhig, aber feſt, daß IH. B 18 ſeine Stimme als Wahlherr frei ſey/ und daß keine Macht auf Erden ihn zwingen werde, nicht hierin zu thun, was ihm gut duͤnke. Der Herzog ſchien hieruͤber ſehr aufgebracht zu ſeyn und gewiß würde die Unterredung eine ͤble Wendung fuͤr Georg genommen haben, wenn nicht in dieſem Augenblicke einige Perſo⸗ nen gekommen waren, uiter denen ſich meh⸗ rere Agenten zur Wahlbetreibung und unter andern auch Herr Dauvert, befanden, der ſo eben erſt von einer Reiſe zuruͤckkam und in Begriff ſtand⸗ eine neue anzutreten. Sich das Anſehn einer großen Geſchäftig⸗ keit gebend, bezeigte Dauvert Georg viele Freund⸗ ſchaft.„Hm,“ ſprach der Herzog zu dem Er⸗ ſtern, nachdem der Leztere ſich entfernt hatte, mit einem ironiſchen Tone:„Bekomplimentiren Sie ihn nur, ich ſehe immer mehr und mehr ein, daß Herr Georg Derch ein Tropf iſt, aus dem niemals etwas werden wird.⸗ Die weitere Unterhaltung des Miniſters mit Dauvert iſt nie zu unſern Ohren gekommen, aber noch denſelben Vormittag ließ der Staatsmann Georg von neuem rufen.„Ah! ſind Sie da,“ ſprach er 19 laͤchelnd, als Jener eintrat;„Sie ſind ein Ei⸗ genſinn, ein Kind, und werden doch niemals weder in der Welt, noch im Geſchaͤft ſich zu be⸗ nehmen wiſſen. Als ich vorher mit Ihnen von Ihrem Onkel ſprach, da haben Sie mit auf eine Art geantwortet, die ich ein Recht gehabt haͤtte, ſehr unpaſſend zu finden; indeß habe ich ſeit ein Paar Augenblicken gehoͤrt, daß Iho lie⸗ ber Onkel nicht auf Ihre Stimme rechnen darf. Ich werde mich jezt wohl huͤten, Sie um dieſelbe fuͤr unſern Candidaten zu erſuchen, denn ſicher wuͤrden Sie mir dann einige jener ſchoͤnen philo⸗ ſophiſchen Maximen anzuhoͤven geben, die ich wie Sie, in meiner Jugend las und bewunderte und die ich jezt noch alle Morgen in den libera⸗ len Blaͤttern unſerer Iurnaliſten wiederfinde⸗ welche vhne Zweiſel Frankreich mit eben ſo viel Glanz als Geſchicklichkeit: regieren wuͤrden, wenn man ſo klug wäre, ihnen die Zugel in die Haͤnde zu geben. Aber ich bin zu ſehr Ihr Freund, um Ihnen nicht noch einmal bemerklich zu machen, daß Sie ſich, wenn Ihnen anders daran liegt, ſich mein Wohlwollen zu ethalten, ſo benehmen muͤſſen, wie es das Beſte des Staats und Ihr B2 20 eignes erheiſcht. Sie verſtehen mich?“—„Ja, Ihro Excellenz,“ erwiederte Georg;„ich kenne meine Pflicht und werde ihr genuͤgen.“ Der Herzog ſchien nur ſehr mittelmaͤßig von dieſer Antwort erbaut zu ſeyn. Harville war unterdeſſen von ſeiner Reiſe zuruͤckgekommen; als Georg in ſeine Wohnung trat, fand er den Freund daſelbſt.„Endlich biſt Du da, mein lieber Georg,“ rief Har⸗ ville;„komm! komm! ich habe eine ſehr ernſt⸗ hafte Angelegenheit mit Dir zu beſprechen.“ —„Du?“ entgegnete n lächelnd,„eine ernſchafte Angelegenheit?“—„Ja, zum Teufel⸗ lache doch nicht! Hoͤr“ an; Du biſt Waͤhler und ich habe den Auftrag uͤbernommen, Dir einen Candidaten vorzuſchlagen⸗“ F Du erwiederte Georg, von neuem lachend;„ſeit wenn bekuͤmmerſt Du Dich denn um die oͤffent⸗ lichen Angelegenheiten? Du haſt mir ja, wenn ich Dir Deine Gleichgaͤltigkeit vorwarf, wohl zwanzig Mal geſagt, daß es Zeit genug fuͤr Dich ſeyn wurde, daran zu denken, wenn Du einmal in die Pairskammer ruͤckſt.“—„Das iſt wahr, und gebe Gott, daß es recht ſpat „ 2 geſchieht, well dies erſt mit dem Lode melnes guten Vaters eintreten kann. Aber das hin⸗ deit ſicht, daß ich Deine Stimme dennoch heute verſprochen habe.“—„Verſprochen? meine Stimmme! und an wen?“— An ein allerliebſtes Weibchen, d. h. eigentlich an den Vicomte von*, den ſie mir empfahl“— „An den Vieomte? wie! Du, ein ehemaliger Offizier aus Rapbleons Heer, Du verwendeſt Dich fuͤr die Ultras?“—„Warum nicht? Es giebt ſo viele Andere, die lange vor mir umge⸗ fattelt haben, und dann was willſt Du? meine ganze Familie ſteht auf dieſer Seite. Aller⸗ dings finde ich dis Herren Uitras ein wenig abgeſchmackt, ein wenig dumm aber ſieh, der Vicomte iſt eine Art Verwandter von mir; er hat eine von meinen Couſinen geheirathet, ein herrliches Frauchen, und die hat mich denn jeit um Deine Stimme fuͤr ihren Mann ge⸗ beten. Weiß Gott! er wird in ſeinem Leben kein großer Redner, kein großer Publiciſt, kein Staatsmann werden, aber er iſt eine recht ehrliche Seele und am Ende noch viel vernuͤnf⸗ tiger wie viele Andere. Ich habe es daher in Deinem Namen zugeſagt.“ Georg bat jezt ſeinen Freund in einem ern⸗ ſten Tone, nicht länger in dieſer Hinſicht in ihn zu dringen.„Wenn ich,“ fuhr er fort,„den Sinn unſerer Charte recht verſtehe, ſo iſt der Adel, ſowohl der neue wie der alte, in der Pairskammer repraͤſentirt; wuͤrde er nun nicht zweimal repraͤſentirt ſeyn, wenn unſere Depu⸗ tirtenkammer nur aus Grafen, Marquis, Vi⸗ comts und Baronen beſtuͤnde? Man ſcheint heut⸗ zutage zu fuͤrchten, daß die Democratie neue Revolutionen hervorbringt; ich fuͤrchte, daß man ſie von einer andern Seite her zu erwarten hat. Ich bin weit entfernt, eine Volksregie⸗ rung zu wuͤnſchen, allein ich glaube, daß nach dem Geiſte und den Worten unſeres Grundge⸗ ſetzes das Volk durch die Deputirtenkammer repraͤſentirt werden ſoll, und ich werde daher kein Organ der Ariſtocratie wählen.“ Georg ſchloß damit, ſeinem Freunde aus⸗ einanderzuſetzen, was er ſeinem Onkel und dem Herzoge geſagt hatte, daß er nehmlich bei einer ſo wichtigen Angelegenheit nur ſein Gewiſſen X 23 und ſeine beſte Ueberzeugung zu Rathe ziehen koͤnne. Harville hoͤrte ihm ſehr aufmerkſam zu; dann reichte er ihm nach einigen Minuten Schweigen ſeine Hand hin und ſprach:„Du haſt Recht, mein bravey Freund ich billige Deine Anſichtenz ſprechen wir nicht mehr von dem Vicomte; hoffentlich wirſt Du Anderen, die vielleicht hartnäckiger um Deinei Stimme in Dich dyingen werden, wie ich, eben ſo maͤnnlich⸗ widerſtehen. Vielleicht begegnet Dir dabei man⸗ ches Unangenehme, aber am Ende wird es we⸗ niger nachtheilig fuͤr Dich als fuͤr ſie ſeyn⸗ Du wirſt immer im Grunde Deines Herzens das rühmliche Zeugniß ſinden, Deiner Pflicht gemaͤß gehandelt zu habenz ihnen wird die Schmach bleiben, Dich haben ablenken zu wollen“ nsiteß Kapitel. — Candidat. Se n wer war 6en der Landipat dem Georg ſeine Stimme zu geben gedachte? In der Nahe 24 von ſeiner kleinen Stadt lebte ein gewiſſer Herr Morumbert zurůckgezogen auf ſeinem Gute und, wie es ſchien, ganz dem Landbau ſich widmend. Während den drei oder vier Jahren, welche Georg in ſeiner Heimath zubrachte, hatte er mehrmals Gelegenheit gehabt, mit ihm zu ſpre⸗ chen, und er bemerkte daß er ein eben ſo ehrli⸗ cher als verdienſtboller Mann war. Aber auch Morambert ſchäzte Georg. Während fäſt die ganze Stadt ſich uber die Gutmuͤthigkeit des Lezteren, die man Albernheit nannte, luſtig machte, hatte Morambert die Achtung, welche ihm der junge Mann bezeigte, mit einem glei⸗ chen Gefuͤhle erwiedert. Unter der Hand hatte ſich Georg nach den nähern Lebensumſtanden ſeines Bekannten erkundigt. Es iſt ein alter Ausſpruch: daß nichts einfacher zu ſeyn pflegt, als das Leben eines guten Menſchen, und wirk⸗ lich war dies auch hier der Fall; da war kein Lärm, keine verſchlungenen Ereigniſſe, keine Charlatanerie und folglich auch kein Scandal und kein großer Ruf. Aber mitten unter den Unruhen und den politiſchen Kaͤmpfen, und wenn ein Volk wechſelsweiſe dem Despotismus der X Menge und dem eines Einzelnen hingegeben iſt: mitten unter ſolchen Umſtuͤrzungen wird ein ſolches einfaches Leben ſchon dadurch be⸗ merkenswerth, weil es ein ſeltenes iſt. Ich will nicht die Beleidigung gegen die Ration begehen und ſagen, daß die ehrlichen Leute nur die Minderzahl bilden, aber, was man zu allen Zeiten ſelten findet, das iſt die Feſtigkeit im Guten, jene Feſtigkeit und Standhaftigkeit in den Grundſätzen und Anſichten, jene Unwan⸗ delbarkeit des Characters und der Handlungen, des Benehmens und der Lehre, welche man nur an Einzelnen bewundern kann. Morambert war noch jung als die Rebo⸗ lution begann; mit Feuer umfaßte er ihre edeln Grundſaͤtze; als ſie von ihrem erſten Wege ab⸗ wich, konnte er nur uͤber die Verbrechen ſeuf⸗ zen; er wollte das Gute durch Reformen und nicht durch Umſtuͤrzungen herbeifuͤhren. Mit Freuden nahm er die Ehre an, ſein Departe⸗ ment bei der erſten geſetzgebenden Verſamm⸗ lung zu repraͤſentiren; ihm leuchtete da die Hoffnung, mit dem Koͤnig und mit ſeinen Col⸗ legen gemeinſchaftlich die Geſetze aufrecht zu er⸗ 26 halten, welche der Monarch und die Nation beſchworen hatten; als aber die Revolution jenen finſtern und ſchrecklichen Character an⸗ nahm, der ſie ſeitdem entſtellte, da verzwei⸗ felte er daran, ſeinem Vaterlande noch in den Verſammlungen der Repräſentanten nuͤtzen zu konnen; aber Europa bedrohte unſere Gremen und der treue Sohn der Heimath eilte zu den Fahnen, um die Freiheit und die ibbisa keit zu vertheidigen ni n Die Wuth der Blutmenſchen aus Schrek⸗ kenszeit drang bis in unſere Lager; ein ſo offe⸗ ner Mann, wie Morambert, konnte der Verleum⸗ dung nicht entgehen; er wurde eingekerkert und nur die unerwarteten Ereigniſſe des 9ten Ther⸗ midors*) retteten ihm Freiheit und Leben. Europa, von unſern Grenzen zuruͤckgetrieben, bedrohte uns aber von neuem; er fuhr fort, un⸗ ter den Fahnen der Freiheit zu ſtreiten. Seine Tapferkeit, ſein Muth und ſein Talent hoben ihn bis zum Brigadegeneral empor; indem er *) Tag, an welchem Robespierre und die Schreckens⸗ regierung geſtuͤrzt wurde(der aſte July 1794). jezt aufs neue ſeine Blicke auf die innere Ver⸗ waltung richtete, mußte er abermals uͤber die Zwietracht, welche zur Zeit des Directoriums herrſchte, ſeufzen, aber er verlor den Muth deswegen nicht; er ſchrieb dieſe Unordnung theils dem revolutionairen Schwindel von einer Seite, theils dem Widerſtande von der andern zu, den man, verblendet von Leidenſchaft und Privatin⸗ tereſſe, der Einfuͤhrung einer beſſern Ordnung der Dinge entgegenſezte, und er ſchmeichelte ſich mit der Hoffnung, daß Vernunft, Nothwendig⸗ keit, Zeit und Aufklarung endlich ihren heilſa⸗ men Einfluß auf alle Gemuͤther ausuben wuͤrden. Jezt kam der 18ten Bruͤmaire; auch dieſer Tag verwiſchte noch nicht die Hoffnung aus Mo⸗ ramberts Herzen; er ſah ihn mit Schrecken, aber er hielt ihn fuͤr noͤthig. Nie wird ein Staats⸗ ſtreich, nie eine Volks⸗ oder Militairinſurrection den Beifall eines wahrhaft vernuͤnftigen Man⸗ nes haben, aber ſind ſie mitten unter politiſchen Umſtuͤrzungen immer zu vermeiden? Zwingt der Sturm der Ereigniſſe nicht oft auch die Beſſeren zu Extremen, die in Zeiten der Ruhe von ihnen verabſcheut worden waͤren? Glaubend, daß Bo⸗ nparte von den Gefäͤhlen eines währen Ruh⸗ ines beſeelt ſey; hoffend, daß die erſten Siege dieſes großen Feldherrn ihn auf immer an die Nation knuͤpfen wurden, durch die er geſiegt hatte, und die er zum Siege fuhrte, ſah Moram⸗ bert noch einige Zeit lang einen Buͤrger in dem erſten Conſul; als es ihm aber zulezt klar ward, daß die Conſularregierung nach nichts ſtrebte, als eine ungeheure Macht zum Hohn der Rechte Aller, in die Hand eines Einzigen zu legen, da nahm er ſeinen Abſchied; er hatte das Vaterland vertheidigen wollen, aber er wollte nicht der —— ſeyn. ums war es, daß er ſich auf das Gut bei der kleinen Stadt zuruͤckzog, wo Georg ihn kennen lernte und, nur darauf bedacht, nützich zu werden, unternahm er hier mehrere zweckmä⸗ ßige landwirthſchaftliche Verbeſſerungen, die von ſeinen Rachbarn, und beſonders von Georgs Paͤchter, Claude Lallemand, aufs beſte zu ihrem Vortheile benuzt wurden. Durch dieſen Mann ward auch Georg dem Morambert vor⸗ geſtellt worden. N — 29 Verheirathet, ein glͤcklicher Gatte und Va⸗ ter, lebte Morambert hier mehrere Jahre in Ruhe, durch nichts geſtort als durch die Ver⸗ ſuche, welche man von Seiten des neuen Kaiſer⸗ hofes machte, um ihn fuͤr die Sache deſſelben zu gewinnen. Man erinnerte ſich ſeiner fruͤhern Dienſte und der Talente, welche er ſowohl auf der Tribune, als auf dem Schlachtfelde entwik⸗ kelt hatte, und Napoleon ſuchte ihn jezt in ſeine Naͤhe zu ziehen. Morambert hatte den Orden der Ehrenlegion angenommen; den Adelsbrief, welchen man ihm zuſchickte, ſandte er dagegen. zuruͤck. Man gab ihm zu verſtehen, daß das Geſetzgebende Corps bereit ſey, ihn in ſeine Mitte aufzunehmen; er dankte fuͤr die Ehre; denn er fuhlte es tief, daß die ſchlechteſte von allen will⸗ kuͤhrlichen Regierungen die iſt, welche ſich mit einem conſtitutionellen Scheine umgiebt, mit fei⸗ len, elenden, verkauften Senatoren und Depu⸗ tirten, die kriechend im Staube ihrer Nichts⸗ wuͤrdigkeit, immer bereit ſind, die Handlungen der Despotie mit dem Stempel einer ſcheinba⸗ ren Geſetzlichkeit zu adeln. Wie ſehr ſeufzte der hochherzige Mann uͤber die ehrgeizigen, rie⸗ 30 ſenhaften Kriege, in welchen die Bluthe des Landes hingeopfert wurde, und dennoch, wie hob ſch ſein Herz bei den Berichten von den Thä⸗ ten unſerer Frieger! wie ſehnlich wuͤnſchté er, daß dieſer der Nation angeborne Muth, dirſet Sinn fur Größe, zu beſſeren und edleren Zwecken benutt werden mochte! G u i Als Georg aus Amerika zurückkehrte, erkun⸗ digte er ſich auf's angelegentlichſte nach Herrn Morambert, und alles, was er von ihm ver⸗ nahm̃/ erhoͤhte nur noch ſeine Achtung. In dem Augenblicke, als Frankreich mit dem erſten Ein⸗ fall der Fremden bedroht wurde, hatte man dem chemaligen General das Commando der Rationalgarde des Bezirks angetragen, und e nahm es an. Seine Feſtigkeit und ſein ver⸗ nuͤnftiges Benehmen, konnten die Gegend nicht von allen Uebeln des Krieges befreien, aber er wendete doch viele ab. Bei der Reſtauration mangelte es bekanntlich hicht an Leuten, die ſich um jeden Preis um Anſtellungen und Auszeich⸗ nüngen bewarben, unb oft, ihr Ziel zu errei⸗ chen, zu den nichtswurdigſten Mitteln ihre Zu⸗ flucht nahmen. Man ſchwaͤrzte Morambert als 31 einen Bonapartiſten an, ihn, der ſich geweigert hatte, unter Bonaparte zu dienen; man ver⸗ ſchrie ihn als einen Jacobiner und vergaß, daß ihn die Terroriſten zum Blutgeruͤſte hatten ſchleppen wollen; ſo verlaͤſtert und verleumdet, ward er ſeiner Stelle beraubt. Aber auch jezt verlor er den Muth nicht; ſehend, daß das Vaterland auf einem Punkte ſtand, wo es ent⸗ weder in einen Abgrund von Schmach, Ernie⸗ drigung und alter Mißbraͤuche zuruͤckſinken, oder zu einem neuen, glücklicheren Leben erwa⸗ chen mußte, ergriff er die Feder, und mehrere der ſchaͤtzbarſten Werke, ſowohl in Hinſicht der Kraft ihres Styles, als der Reinheit ihrer Grundſätze, wurden von ihm, zum Lroſt der Beſſeren, der Oeffentlichkeit ubergeben. Als man Herrn Morambert den Schmeiche⸗ leien Bonapartes widerſtehen ſah, da war man nicht ubel abgeneigt, ihn fur eben einen ſolchen Träumer und Thoren zu halten, wie Georg; da man aber in der Folge ſeine Feſtigkeit und ſein immer ehrenwerthes Benehmen bemerkte, da kam ihm die oͤffentliche Achtung wieder; allein es ging ihm dennoch, wie es immer den Beſſeren . geht, die es nicht verſtchen, Lärm von ſich zu machen: man vergaß ihn. Georg war der Einzige, dem der Gedanke kam, Morambett ſey der Wuͤrdigſte zur Wahl in die Deputir⸗ tenkammer, und einmal hieruͤber mit ſich im Klaren, verlor er keinen Augenblick, ſich noch vor der Eroͤffnung des in kleine Stadt zu begeben. Er ging jezt, um ſeinen dei Süe Duͤbrocard zu machen; hier fand er die Damen allein; Herr Duͤbrocard war bereits abgereiſt; Dauvert durchzog abermals im Auftrage des Miniſters, das Land. Gewiß koſtete es dem galanten Manne viel, ſich jezt ſo haufig von ſeiner theuren Mademoiſelle Al⸗ phonſine zu trennen; aber es geſchah ja nur⸗ um ſie ſich zu verdienen; um ſich ihrer Hand werth zu machen, rannte er dem Gluͤcke nach. Die Damen empfingen Georg diesmal noch köhler wie ſonſt; man kannte die verſchiedenen Verſuche, welche bei ihm gemacht worden waren⸗ um ſeine Stimme zu erhalten. Madame Daͤ⸗ brocard war ſehr aufgebracht daruͤber, daß er ſie ſo beſtimmt dem Vicomte verweigert hattez 33 die empfindſame Alphonſine, obſchon ſie ganz⸗ lich durch Dauvert fuͤr die neuen Ideen ihres Vaters gewonnen war, fand es doch ſehr un⸗ recht, daß er nicht als ein guter Verwandter fuͤr ſeinen Onkel St. Firmin votiren wollte, der ihm ein ſo treuer Vormund geweſen war, und Beide uͤberhaͤuften ihn nun mit ſpitzen und ſcharfen Bemerkungen, die der ehrliche und ſchuͤchterne Georg nur wenig, und ſtotternd zu erwiedern verſtand. Endlich, da die Sache doch zu arg wurde, glaubte er, Mutter und Tochter mit aller Artigkeit bemerklich machen zu muͤſſen, daß er dafuͤr hielte, die Damen könnten recht fuͤglich die Sorge, ſich mit politiſchen Angele⸗ genheiten zu befaſſen, den Maͤnnern allein uͤber⸗ laſſen, da ſie ſchwerlich dergleichen Dinge ſo gut verſtehen duͤrften, wie die Kunſt, zugefallen. Es laͤßt ſich denken, daß dieſe Bemerkung die Laune der Damen nicht verſuͤßte; die Epi⸗ gramme und die Spoͤttereien wurden nun nur noch ſchaͤrfer. Victorine befand ſich— es war hr ſchmerzlich, Georg ſo behandelt. zu ſehen, und ſie nahm das Wort.„Sie ſind ſehr II. C ₰ ſteeng gegen uns,“ ſprach ſie lächelnd zu ihm; „indeß, wenn Sie auch nicht wollen, daß wir uns mit den Staatsintereſſen beſchaͤftigen ſollen, ſo werden ſie uns ja doch wenigſtens erlau⸗ ben, unſer Urtheil uͤber das Benehmen der Männer dabei auszuſprechen; was mich betrift, ſo erkläre ich, meine Achtung wird immer nur dem gehoͤren, der bei großen oͤffentlichen An⸗ gelegenheiten weder auf Freundſchaft noch Feind⸗ ſchaft, ſondern nur auf die Stimme ſeines Ge⸗ wiſſens hoͤrt, und nichts zu Ruthe ſeht⸗ as das oͤffentliche Wohl.“ „ Stolz auf den Beifall Biorinens/ reiſte S n ab. t—— Heittes Käßi ee eine Sitt 1 Koun in Wahlorte, ging Georg zu Hevrn Morambert hin. Mit wel⸗ chem Eifer machte er ihm ſeine Vorſchläge Er war Wbaut⸗ daß der Name eines. enwahl. — 35 Candidaten allein alle Stimmen vereinigen muͤſſe. „Sie wuͤrden ein Unrecht gegen den Koͤnig und das Vaterland begehen,“ rief er aus,„wenn Sie ſich den Wuͤnſchen ihrer Mitbuͤrger entzie⸗ hen wollten“—„Mein junger Freund“6 ent⸗ gegnete der General,„ich bin weit davon ent⸗ fernt, ſo feſt wie Sie, an das Gelingen zu glauben; ſo lange ich jedoch noch einen Schatten von Freiheit in den Verhandlungen unſeres ge⸗ ſetzgebenden Koͤrpers ſehe, ſo lange werde ich mich auch dem Willen meiner Mitbuͤrger nicht entziehen, wenn ihre Stimme mich aufruft, fuͤr 2 zu—— ndn cnt nutin 9 Des— in um Gent ufteem„ er ging nun zu Elaude Lallemand und zu einigen anderen Freunden; dann noch zu einer Menge Anderer, die er gutmuͤthig fuͤr ſeine und deß Generals Freunde hielt. Man nahm ihn hoͤflich auf, man machte ihm die ſchoͤnſten Verſprechungen, die ſchoͤnſten Hoffnun⸗ gen; Keiner ſagte wenigſtens, Nein.Triumpfl“ rief er aus, die Sache der Vernunft, des Rechts und der Tugend wird fiegen!“ 4 C 2 ge näher die Zeit zur Erbffuung der Wahl⸗ collegien heranruͤckte, jemehr kamen die Koͤpfe in Gährung; ſchon waren alle Gaſchoͤfe der Stubt mit Froinden überfüllt; faſt jeder Ein⸗ wohner hatte außerdem einen Bekannten aus den umliegenden Dörfern, oder Flecken im Quar⸗ tier. Es gewährte einen eignen Anblick an den Wirthstafeln oder in den Geſellſchaftszim⸗ mern der Privatperſonen, die Menſchen von den verſchiedenſten Anſichten vereinigt zu ſehen, zu ſehen, wie hler ein Jeder ſeine Intriguen und Cabalen in Gegenwart anderer, gerade entgegen⸗ geſetzter Intriguen und Cabalen ſpann. Da et⸗ blickte man auf einer Seite den Unterpraͤfecten, den Präſidenten des Wahleollegiums und Herrn Duͤbrocard, der erſt kuͤrzlich ein Miniſterieller geworden wak, ferner die ausgeſendeten Agen⸗ ten, und alle Angeſtellten in Bewegung, denn jeder Subaltern beſtrebte ſich, Jeinen Eifer in Gegenwart ſeiner Vorgeſezten zu zeigen; auf der andern Seite ſah man Herrn St Firmin und alle Liberale, alle Unabhäͤngige der Ge⸗ gend, Buͤrger, Kaufleute, Paͤchter, kleine Guths⸗ beſitzer und dergleichen, in eben ſolcher Bewe⸗ gung, ſtolz auf die Ausuͤbung ihnen geſetzmäßig. zukommender Rechte, ſich vornehmen, gegen den Willen der Macht zu ſtimmen; die Einen aus Eitelkeit, die Andern aus Geiſt des Wi⸗ derſpruches, noch Andere aus Bonapartismus, Viele aus wirklicher Vaterlandsliebe. Auf der dritten Seite ſah man endlich den Herrn Vi⸗ comte von** und alle Edelleute, alle Kraut⸗ junker, alle alten Peruͤcken, alle alten Emi⸗ grirten, die ſich im Grund ihrer Herzen ſchwer aͤrgerten, mit dem Poͤbel gemeinſchaftlich ein politiſches Recht theilen zu muͤſſen, oͤffentlich aber vor allen Wahlherren ſich tief verbeugten⸗ und eine Herablaſſung, eine Demuth heuchelten, welche die Herzen ruͤhren und die Stimmen gewinnen ſollte. n15501 67 5 Wie viele Gaſtmahle, wie viele Abendgeſellſchaften, wie viele Bälle, Concerte, Serenaten unter den Fenſtern der Candidaten und Boxereien gab es jezt! Und wie waren die Damen erſt beſchaͤftigt! In Paris befaſſen ſich viele Schoͤnen auch gern mit der Politik, die mehreſten aber haben indeß doch noch mehr mit ihrem Hausweſen, ihren Liebſchaften, ihren 38 Tanz und Putzangelegenheiten zu thun; allein in der Provinz kann nichts Großes oder Klei⸗ nes ſich begeben, ohne daß alle Weiber in Be⸗ wegung gerathen. Und nun vollends eine De⸗ putirtenwahl! Wie viel Stoff giebt dies zu Ge⸗ ſpraͤchen, zu vertraulichen Mittheilungen und zugleich, wie viel Durchſteckereien, wie viel Schmeicheleien, wie viel Gelegenheiten ſich thaͤ⸗ tig und einflußreich zu zeigen“ finden ſich da! Mehr als eine wurde ſchon Ultra oder Liberale weil der Eheherr eine entgegengeſezte Anſicht hatte, und, wenn man den boͤſen Zungen glau⸗ ben darf, ſo ſoll ſelbſt Eine, die bis dahin von einer unbeugſamen Tugend belebt war, einen Augenblick ſchwach geweſen ſeyn um einen hartnäͤckigen liberalen Wähler zu loyaleren Ge⸗ Mit welcher Wuͤrde machte aber jezt vor allen Madame St. Firmin die Honneurs in ihrem Hauſe, oder vielmehr in dem erſten Gaſthofe, in welchem ſich Herr St. Firmin einquartirt hatte und hier offne Tafel hielt. Die Geiſtlichkeit war dabei ebenfalls nicht müſ⸗ ſig, auch ſie war in zwei Sheile getheilt; die 39 Pfarrer neigten ſich auf die Seite des Mini⸗ ſteriums, die Vicare auf die der Ultras. Eine Bande reiſender Comoͤdianten hatte ſich einge⸗ funden; Thaliens mißrathene Soͤhne hofften hier, bei dieſem Zuſammenfluß von Menſchen ſo ſchoͤne Einnahmen zu machen, wie zur Car⸗ nevals⸗ oder Marktzeit. Herr St. Firmin rechnete nicht mehr auf ſeinen Vetter Georg; leider mußte er auch noch auf die Stimme eines andern Reſfen, des Herrn Duͤpre, verzichten. Seitdem der ehema⸗ lige Advocat reich geworden war, war er auch, wie wir wiſſen, ein Geitzhals geworden, und kluͤglich berechnend, daß eine Reiſe zum Wahl⸗ ort ihm nur Geld koſten konne, glaubte er, daß die Ernennung ſeines Onkels in keinem Fall durch ſein Außenbleiben gefaͤhrdet werden wuͤrde, und daß wenigſtens der Staat nichts darunter verloͤre, wenn auch der Doctor nicht gewaͤhlt wuͤrde. Er blieb daher ruhig in Paris. La Moriniére hatte ſich ſeinen Wuͤnſchen entſprechender gezeigt; verſchwenderiſcher ge⸗ worden als je, hatte ſich dieſer Menſch ſeit der Erbſchaft in einen ſolchen Strudel geſtuͤrzt, 40 daß es ihm ſchon jezt nicht ſelten an Geld fehlte und der Doctor zuweilen aus der Noth helfen mußte; zur Dankbarkeit verſprach er ſeine Stimme dafuͤr. Um aber des lieben Neffen ganz gewiß zu ſeyn, nahm ihn der Doctor in ſeinem Wagen mit. Waͤhrend der erſten Tage hatte La Moriniére ſeinen Onkel auf's thatigſte bei ihren gemeinſchaftlichen Be⸗ kannten unterſtuͤzt; er war gerennt und gelau⸗ fen; aber den Tag vor der Eroͤffnung des Wahleollegiums ließ ihn der Herr Unterpraͤfect plotzlich zu ſich rufen und zeigte ihm einen Brief vom Kriegsminiſter, in welchem die Rede davon war, daß man nicht abgeneigt ſey, den Sohn zum Capitain zu ernennen, wenn ſich der Vater dagegen wieder gefͤllig zeigen wolle, und— la Moriniére war natürlich ein zu guter Vater, um nicht den Onkel fuͤr den Sohn aufzuopfern. Dies war aber nicht der einzige Kummer, den der Doctor empfand. Ein alter Dorfbader, ein ehemaliger Freund und Schuͤtzling von ihm, der ſonſt wie St. Firmin noch in der Gegend practicirte, unter deſſen Augen zur Ader ließ, ſchroͤpfte, amputirte, die Menſchen purgirte X 41 — u. ſ. w. ſchrieb ihm, daß er in Verzweiflung ſey, ſeine Stimme dem theuren und hochacht⸗ baren Herrn Patron nicht geben zu koͤnnenz er fuhle ſich in dieſem Augenblicke ſo krank, die Wege waͤren ſo ſchlecht, es drohe ſo ſehr mit Regen, daß ſeine alte Haushaͤlterin ihm durch⸗ aus nicht erlauben wolle die Reiſe zu machen. „Wieder ein Undankbarer!“ rief der Doctor; „wieder ein Egoiſt! wieder eine Stimme ver⸗ loren! aber wenigſtens wird ſich dieſe nicht gegen mich wenden und ich habe jedenfalls dreißig, funfzig, mehr, als ich brauche, um die abſolute Ueberzahl zu bekommen.“ Die Verſammlung eroͤffnete ſich; der pri⸗ ſident hielt eine Rede, welche er im Voraus hatte drucken und unter die Waͤhler vertheilen laſſen; gerade heraus Gutes von ſich und Boͤ⸗ ſes von den andern Candidaten zu ſagen, hatte er zwar nicht gewagt, aber geſchickt waren einige Winke, einige Andeutungen eingeſtreut, die jenen nachtheilig, ihm vortheilhaft waren und deren Zweck beſonders darauf hinaus lief zu zeigen, wie nothwendig es ſey, daß man ſich von allen Extremen entferne und dem Cen⸗ 42 trum, dem nicht ohne Bedeutung ſogenanhten Bauche in der Kammer, naähere. Er nannte ſein Buͤreau proviſoriſch, da aber alle Par⸗ theien, mit Ausnahme der miniſteriellen, ge⸗ gen ihn waren, ſo wurde dies Buͤreau ver⸗ worfen und die Halfte der Wahlzeugen aus den Ultras, die andere Halfte aus den Liberalen gewaͤhlt, und da Herr Morambert einer all⸗ gemeinen Achtung genoß, ſo ernannte man ihn zum Secretair. Georg war hieruͤber ſehr ver⸗ gnuͤgt; ihm und ſeinen Freunden ſchien dies eine ungemein gͤckliche Vorbedeutung zu ſeyn⸗ Dieſe erſte Verhandlung hatte bis ſpaͤt Abends gedauert; waͤhrend dem gauzen Abend verdop⸗ pelte ſich nun die Thätigkeit in den Geſellſchaf⸗ ten, in den Gaſthoͤfen, auf den SM und in dem Theater. nnnn 1t Am andern Tage waven ale— ſch⸗ dem Platze; lange vor der Eroͤffnung des Collegiums ſpazitte man hin und her, ging um den Saal herum, ſuchte ſich auf, vekmied ſich, begrußte ſich, warf ſich Blicke voll Freund⸗ ſchaft oder Haß zu, ſtellte ſich hie und da in Gruppen, ſtritt, perorirte, niſchelte.. endlich 43 ſchlug die große Stunde! die Sitzung begaun, die Wahl der Deputirten ging vor ſich. Viele Wohler zeigten gefliſſentlich auf eine geſchickte Art ihre Zettel; Andere ſuchten ſie eben ſo forgfaͤltig zu verbergen; Georg, ohne Furcht und auch ohne den Wunſch, ſich geltend zu machen) zeigte den ſeinigen nicht, verbarg ihn aber auch nicht; wer neugierig war, konnte ihn leſen. Die Verſammlung beſtand aus dreihun⸗ dert fuͤnf und funfzig Stimmenden; die entſchei⸗ dende Mehrheit war daher hundert acht und ſiebzig. Herr St. Firmin erhielt hundert funf und fuhfzig Stimmen, der Praͤſident des Col⸗ legiuins hundert und zwei, der Vicomte von* neun und achtzig, Georgs Candidat— achtez ein Zettel war Rull. Georg empfand einen großen Schmerz— Hoffnung ſo getauſcht zu ſehen. Als ihm der Gedanke kam, die Wahl auf Herrn Moram⸗ bert zu leiten, da war es ihm um nichts dabei zu thun, als einen wuͤrdigen Vertreter der Volksrechte in die Kammer zu bringen und er hatte ſich geſchmeichelt, daß alle Rechtſchaffene, alle wahren Vaterlandsfreunde ihre Stimmen 44 mit der ſeinigen vereinen wuͤrden; bald war es ihm jedoch eingefallen, daß die Vaterlands⸗ ſiebe vielleicht nicht bei Allen klar genug ſeyn moͤchte, um ſie zu Gunſten ſeines Candidaten zu ſtimmen, doch hatte er ſich wieder damit getroͤſtet, daß die Gefuͤhle der Freundſchaft, der Dankbarkeit, zu denen ſo viele Wähler ge⸗ gen Morambert verpflichtet waren, es ihnen zum Geſetz machen wuͤrden, wie er zu ſtimmen;ʒ aber wie ſehr hatte er ſich getaͤuſcht! Von wel⸗ chem Gewicht kann die Dankbarkeit in einer Angelegenheit ſeyn, wo die Leidenſchaft und das eigene Intereſſe in's Spiel kommen? Konnten die Ultras, trotz der Achtung, welche ſie Herrn Morambert zollten, ihn wählen? ihn, der Mit⸗ glied der alten geſetzgebenden Verſammlung und General in den Armeen der Republik ge⸗ weſen war? Konnte er denn Bonapartiſten ge⸗ fallen? er, der ſich dem Dienſte und den Schmeicheleien ihres Helden entzogen hatte? onnten ihn die Autoritäten lieben? er hatte ja in ſeinen Schriften verſchiedentlich die Hand⸗ uungen des Miniſteriums bitter gerͤgt! 4. Da keine uͤberwiegende Mehrheit vorhanden war, ſo mußte man zu einer neuen Wahl ſchreiten. Georg war durch den erſten Verſuch nicht abgeſchreckt worden; er verdoppelte ſeine Anſtrengungen, was war die Folge? Herr St. Firmin erhielt diesmal hundert acht und ſechzig Stimmen; der Praͤſident des Collegiums hun⸗ dert und vierzig; der Vicomte acht und drei⸗ ßig; Herr Morambert— neune. Abermals mußte eine neue Verſammlung auf den folgenden Tag zuſammenberufen wer⸗ den, um hier durch Ballotage zwiſchen den Praͤſidenten des— und Hrn. St.„. min zu entſcheiden. Der Sieg des Docors ſhien gewiß, 5 ſehl— un ihm ja nur noch zehn Stimmen; ſeinem Geg⸗ ner dagegen acht und dreißig! Die Anhaͤnger der miniſteriellen Parthei waren beſtuͤrzt und niedergeſchlagen, ſie gaben ſchon alle Hoffnung auf; aber ſiehe da! plotzlich rollt gegen Abend eine Extrapoſt laͤrmend uͤber das holprichte Pflaſter gerade auf das Haus des Herrn Un⸗ terpräferten zu, und Herr Ferdinand Dauvert ſpringt heraus. Der thatige Agent kam eben 46 — won einer andern Wehlverſammlung her, wo er durch ſeine Raͤnke die Mehrzahl gleichſam im Sturm zu Gunſten des Miniſteriums ge⸗ wonnen hatte; jezt ſuchte er auch hier ſeiner Porthei ein neues Leben einzuhauchen; hier⸗ wo es ihm doppelt darum zu thun war, ſeinin Cifer und ſein Talent unter den Augen des Vaters der ſchönen Aphonſine glänzen zu laſſen. Faum iſt er aus- dem Wagen⸗ kaum hat er eſnige Minuten mit dem⸗ Unterproͤfecten unter vier Aügen geſprochen; ſo eilt er auch ſchon zu dem Praſidenten des Collegiums, won er eind große Geſolſchaft findet, deren geſankenen Muth er zu heben ſich bemuͤht; er kehrt hier⸗ uüf zum Unterpräfeeten zuruck, dann⸗ rennt er zum Moire, dann zu ollen Angeſtellten in der ganzen Stadt. Aber er will kein Mittel ver⸗ ſäumon, er geht auch zu Georg und hofft die neun Stimmen, welche Georg und ſeine Freunde Hrn. Morambert nun uicht mehr geben könnem fut ſeine Patthei zu gewinnen; aber hier iſt ihm der Doctor bekeits zuvorgekommen) det eben ſo gut wie er die Rothwendigkeit fuͤhlte⸗ ſich ſeinem Reffen wieder zü nähern. Mein 47 Freund, mein lieber Georg,“ ſprach der Doctor, „Du ſiehſt, Dein Candibat iſt gängtich goſchei⸗ tert; wirſt Du Dich nun noch länger weigern, dieſe Stimmen Deinem Onkel zuzuwenden?“ —„Mein Freund, mein Kamerad,“ ſprach Dauvert,„Du kannſt ſichts mehr für Deinn philoſophiſchen General thun; nach Deinem eig⸗ nen Eingeſtaͤndniſſe wuͤrde Dein Onkel nur ein ſchlechter Deputirter ſeyn; friſch! faſſe Muth⸗ faſſe Vertrauen zum Miniſterium, deſſen Ab⸗ ſichten vortrefflich ſind⸗“—„Denke an Deine Familie,“ hatte der Doctor hinzugeſetzt.== Vergiß nicht, was Du dem Herzoge biſt,“ rief Daubert noch im Abgehen. Gedbrg entmuthigt, verzagend am Beſſeren, hatte ei⸗ nem Onkel nichts— er— Daubott michts ninutch 2nn dtiſe n n Der nebin Tag nn mit Er⸗ ſtaunen ſah man noch eine Menge alter, bis⸗ her ausgebliebener, zum Theil kranker Wähler zur Verſtärkung der miniſteriellen Paothei an⸗ kommen, ſo daß jezt die ganze Verſammlunz aus dreihundert zwei und ſiebzig Stimmenden beſtand. Herr Dauvert hatte dieſe Rekruten 48 — noch angeworben; auf ſeinen Betrieb waren in der Nacht Gensd'armen nach allen umlie⸗ genden Dorfern ausgeſendet worden; man hatte Wagen requirirt, und alle dieſe Ausgaben aus der geheimen Caſſe der Unterpraͤfectur beſtritten. Aber wer iſt jener in Pelze eingewickelte Greis, der jezt aus Herrn Dauverts Caleſche nebſt noch drei Anderen herausſteigt und den dieſer thaͤtige Mann zum Dienſte des Vaterlandes herbeige⸗ ſchafft hat? Es iſt der alte, von Doctor St, Firmin ſo lange beſchuͤzte Dorfbader. Geſtern noch wav er krank, geſtern noch hatte das mit Regen drohende Wetter ihn abgehalten, ſeinem vieljährigen Freunde und Protector zu Huͤlfe zu kommen; aber heute hat man ihm im Namen der Autoritäten geſchmeichelt und gedroht; man hatte ſeine alte Haushaͤlterin erſchreckt und ge⸗ angſtigt; gewiß iſt er heute nicht weniger krank wie geſtern; das Wetter iſt nicht mehr drohend) der Regen gießt in Stroͤmen herab, aber das alles haͤlt ihn nicht ab, er kommt, um gegen den Freund zu Gunſten des miniſteriellen Candidaten 3 zu ſtimmen. önn 30 btn 49 Herr St. Firmin erhaͤlt hundert vier und achtzig Stimmen; der Praͤſident des Collegiums hundert ſieben und achtzig und dieſer wird da⸗ her als Deputirter anerkannt. Georg hatte geglaubt, bei dieſer Loosbeſtimmung ſich aller Cheilnahme enthalten zu muͤſſen. „Nur um drei Stimmen gefehlt!“ rief der Doctor aus;„und was fuͤr Stimmen? Die des undankbaren Dorf⸗Charlatans, der mir ſein ganzes Wohl verdankt! Die des treuloſen la Moriniére, den ich nur darum mit hergebracht zu haben ſcheine, um gegen mich zu handeln! und die endlich jenes Tropfes von Georg, der fur einen eben ſolchen philoſophiſchen Tropf wie er iſt, ſeine Stimme verſchleudert und nachher wie es noch Zeit iſt zu helfen, ſich ſchweigend zuruͤckzieht! O gegen ihn bin ich am meiſten er⸗ zuͤrnt; denn der alte Chirurgus.. man hat ihn abgeholt, man hat ſeine alte dummkoͤpfige Haushälterin eingeſchuͤchtert... Schwach wie er iſt, konnte er nicht die Unabhaͤngigkeit behaup⸗ ten, die ich mir ſchmeichle zu beſitzen. Und la Moriniére.. man hat ihm ein Capitainspatent Sohn verſprochen; aus Liebe zu die⸗ D ſem Chunichtsgut hat er mich verrathen; das iſt ſchlecht, ſehr ſchlecht! indeß läßt es ſich doch immer noch entſchuldigen; aber dieſer Georg, dieſer Thor, der ein rechtſchaffener Mann ſeyn will, der immer mit Großmuth, mit Freund⸗ ſchaft fur ſeine Familie ausſteht!... Dieſer⸗ nein! es iſt nicht zu entſchuldigen.“—„Ich moͤchte weinen vor Verdruß,“ entgegnete Ma⸗ dame St. Firmin.„Ja, Sie haben Recht, mein Gemahl; er iſt nicht allein ein Rarr, er iſt ein ſchlechter Menſch.“—„Faſſen wir Muth Madame,“ fuhr der Doetor fort; zeigen wir uns ſtandhaft; nicht meinetwillen ſchmerzt es mich, nein! blos der allgemeinen Sache wegen. Warum ſollte es mich auch ſchmerzen? Bin ich etwa deswegen weniger reich, weniger geehrt? Was wollen Sie? Koͤnnen wir ehrlichen Leute gegen die Cabalen der Richtswuͤrdigen, gegen die Intriguen der Charlatans, gegen die Kunſtgriffe der Miniſter etwas ausrichten?“ Unter den Waͤhlern, welche theils fuͤr den ſogenannten liberalen Candidaten, theils fuͤr den miniſteriellen geſtimmt hatten, befanden ſich viele, die im Laufe unſerer bůrgerlichen Unruhen 51 haͤufig die Farbe wechſelten. Sie kannten ſich unter einander, Einer wußte dies vom Andern, Einer ſpottete den Andern daruͤber aus und nannte ihn eine Wetterfahne, aber demohn⸗ geachtet vereinigten ſie ſich jezt Alle, um Georg auszulachen und dies zwar gerade darum, weil er keine Wetterfahne war; ja das verkaufte Journal des Departements ging ſo weit, ihn als einen gefaͤhrlichen Nenſchen und Intrigant zu bezeichnen. Herr Dauvert war, ſo wie er ſeines Er⸗ folges ſich verſichert hatte, in der Hoffnung, noch zeitig genug anzukommen, um auch bei der Wahl im Seine⸗ und Marne„Departe⸗ ment noch einwirken zu koͤnnen, abgereiſet; ihm folgten alle, die aus Paris herbeigekom⸗ men waren, um der Wahl beizuwohnen. Herr und Madame St. Firmin ſtiegen allein, mitten in der Nacht, in den Wagen, und fuhren ab, ohne ihren Freunden ein Lebewohl zu ſagenz alle Triumphe blieben fur den gluͤcklichen Prä⸗ ſidenten des Collegiums. Am hellen Tage fuhr er, begleitet von einer großen Cavalcade, der Hauptſtadt zu. Herr Duͤbrocard gab dem Eh⸗ 52 —— renmanne la Moriniére einen Platz in ſeinem Wagen. Georg war ſchon längſt fort! es trieb ihn, Victorinen wieder zu ſehen. Viertes Kapitel. Folgen von Georgs Benehmen bei der Wahl. Georg war moͤglichſt geeilt, um wieder nach Paris zu kommen, aber dennoch war ihm Dau⸗ vert, dem ein Courier vorausging, und der als Agent des Miniſteriums uͤberall auf Koſten an⸗ derer Reiſender ſchnell weiter befoͤrdert wurde, zuvorgekommen. Er hielt ſich nur wenige Au⸗ genblicke in Corbeil auf, um hier einige trage Wähler noch heranzuſchaffen. Dann eilte er weiter und kam zwei oder drei Stunden frü⸗ her als Georg, in Paris an. Mit dem Schlage acht Uhr war er vor dem Landhauſe des Hrn. Duͤbrocard, um Mutter und Tochter ſeine Ehr⸗ erbietung zu bezeigen und ihnen den Triumph 53³ ihrer Parthei zu verkuͤndigen; von da flog er in die Oper, wo er gewiß war, den Herzog zu finden. Das Ballet war noch nicht voruͤber, die Excellenz noch nicht eingeſchlummert, er konnte daher auch hier noch in aller Eile Be⸗ richt von der guten Erfuͤllung ſeiner Sendung abſtatten und die Lobſpruͤche des Miniſters in Empfang nehmen. Georg kam erſt um elf Uhr in der Nacht in Paris an und mußte da⸗ her den folgenden Tag abwarten, um ſich den Perſonen, zu welchen er gehen wollte, vorzu⸗ ſtellen. Mit Verdruß hoͤrte er, daß ſein Freund Harville die Hauptſtadt verlaſſen hatte, um ſich in den Baͤdern von Aachen zu vergnuͤgen; ſo früh wie moͤglich, begab er ſich zum Her⸗ zog und bat, vorgelaſſen zu werden; der Thuͤr⸗ ſteher brachte ihm aber die Rachricht, Se. Ex⸗ cellenz koͤnnten ihn jezt nicht ſprechen. Georg ging nun in ſein Baͤreau, um hier ſchnell einige in Ruckſtand gekommene Arbeiten zu beſeitigen, dann begab er ſich auf das Landhaus des Herrn Duͤbrocard. 54 Die Damen erwarteten den Hausherrn an dieſem Tage zuruͤck und nahmen Georg heut noch kuͤhler und trockener, wie gewohnlich, auf. Bei den beiden Beſuchen, welche Herr Dau⸗ vert am Abend vorher noch abgeſtattet, hatte dieſer treue Freund nicht ermangelt, zugleich mit der pomphaften Anruͤhmung ſeiner Dienſte, einige Worte uͤber die lächerliche Cabale ein⸗ zuſtreuen, die Georg zu Gunſten ſeines Candi⸗ daten angeſponnen haben ſollte, und ſich uͤber die Hartnaͤckigkeit luſtig zu machen, mit welcher derſelbe einen Ideologen, einen Träumer, einen Thoren wie er ſelbſt, den kein Menſch kannte, und der es mit keiner Parthei hielt, in die Kammer hatte bringen wollen, und ſowohl der Herzog als Madame und Demoiſelle Duͤbro⸗ card hatten ſich hieruͤber geaͤrgert und Georg von neuem einen Tropf genannt, waͤhrend Dau⸗ vert fuͤr einen herrlichen Menſchen, einen Freund des Koͤnigs, einen Freund des Vaterlands, einen Freund der Ordnung erklaͤrt wurde, der durch ſeinen Geiſt, ſeinen Eifer und ſeine guten Ge⸗ ſinnungen der hoͤchſten Auszeichnung, der beſten Anſtellung wuͤrdig ſey. 55 Ueberſehen wir jedoch, um nicht ungerecht zu ſeyn, die Stellung des Herzogs nicht. Dau⸗ verts Dienſte waren ihm angenehm, dennoch aber konnte er den Menſchen nicht achten; als Miniſter ſah er die Thaͤtigkeit ſeines Agenten gern, als Menſch verachtete er den kriechenden und zu allem bereitwilligen Knecht; als Mini⸗ ſter war er unzufrieden mit Georg, als Menſch konnte er ſich nicht enthalten, ihm ſeinen Bei⸗ fall zu zollen.„Er iſt ein ehrlicher Mann,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„aber leider auch ein Ideolog, der in der Theorie und in der Praxis ſeiner Moral zu weit geht. Es iſt traurig ge⸗ nug, daß die Welt, wie ſie einmal iſt, mit ihren Verhaͤltniſſen, mit ihren Sitten und Ge⸗ wohnheiten, immer in Widerſtreit mit den An⸗ ſichten ſolcher ehrlichen Leute ſteht.“ Wie ſehr wuͤrde es Georg getroͤſtet haben, wenn er die⸗ ſen ſtillen Beifall des Herzogs haͤtte ahnen koͤnnen! Fuͤr das Mißfallen der Madame und Mademviſelle Duͤbrocard lohnte ihn aber die unverholene Achtung und Anerkennung Bicto⸗ rinens. 56 Noch an demſelben Tage beſuchte er alle ſeine Verwandten, Herrn und Madame St. Firmin, die eben erſt aus dem Wagen ſtiegen⸗ ſeinen Vetter la Moriniére, der ganz aufge⸗ bläht war, einen Capitain zum Sohn zu haben, und ſeinen Vetter Duͤpre, der ſich Gluͤck wnſchte, in Paris geblieben zu ſeyn. Der Doctor und deſſen Frau uͤberhaͤuften ihn mit Vorwuͤrfen, ja, ſie gaben ihm zulezt ſogar zu verſtehen, daß ſie es gern ſehen wuͤrden, wenn er ſie nicht ferner mit ſeinem Beſuche belaͤſtige; la Mori⸗ niere und Duͤpre ſpotteten ihn auf's grauſamſte uͤber die gaͤnzliche Niederlage, welche ſein ehr⸗ licher Candidat erlitten hatte, aus, und zu glei⸗ cher Zeit machte Duͤpre ſein Compliment an la Moriniere daruͤber, daß er ſo klug geweſen war, ſeinen Vortheil dem Vortheile des Doe⸗ tors vorzuziehen. Stolz empfing la Moriniére die Gluͤckwuͤnſche des ehemaligen Advocaten und ſtolz ſich in die Bruſt werfend, ſah er, gleich als habe er eine ſchoͤne Handlung gethan, mit Verachtung auf Georg herab. Seltſam! Dau⸗ vert, der ſich bei dieſer wie bei allen andern Angelegenheiten, nicht beſonders nachahmungs⸗ — werth bewieſen, empfing von allen Seiten Lohn und Lobſpruͤche; Georg, der Ehrenmann, aͤrnd⸗ tete dagegen nichts als Spott und Feindſchaft. Zwei Tage vergingen und Georg konnte den Herzog nicht zu ſprechen bekommen. Herr Duͤbrocard war zuruͤckgekehrt, zweimal hatte ſich Georg bei der Familie melden laſſen und zweimal hatte er die Antwort empfangen: es ſey Niemand zu Hauſe; wie groß war jezt ſeine Ueberraſchung, als am dritten Morgen, bei ſei⸗ nem Aufwachen, ſein treuer Diener Joſeph ihm meldete, Herr Ferdinand Dauvert wuͤnſche ihm ſeine Aufwartung zu machen. Sein Erſtaunen ſtieg, als er ſich jezt von dieſem nämlichen Dauvert mit noch mehr Feuer, mit noch mehr Zärtlichkeit umarmt ſah, als ge⸗ woͤhnlich. Der ungeübteſte Beobachter konnte indeß in den Blicken dieſes Menſchen ſehen, daß deſſen Seele von einer Menge der verſchie⸗ denartigſten Empfindungen bewegt wurde, die er trotz aller Anſtrengung, doch nicht ganz zu beherrſchen und zu verſchleiern vermochte. Unter dem erzwungenen Anſehn des Mitleids und der NRiedergeſchlagenheit blickte eine geheime Scha⸗ 58 — denfreude hervor und trotz der Gewalt, die er ſich anthat, ſah man doch an ſeinem ganzen Benehmen, an ſeiner ganzen Haltung⸗ daß er ſelbſt fuͤhlte, welche ſchlechte, verächtliche Rolle er hier ſpiele. Seine Pfiffigkeit und geſellſchaft⸗ liche Gewandtheit vermochten nicht die Verle⸗ genheit, die innere Zerfallenheit zu verdecken, in welcher er ſich jezt befand. nz Gegen ſeine Gewohnheit ſuchte er lange nach einem Eingange, endlich begann er, indem er Georg von neuem umarmte, und ihm die Thraͤ⸗ nen in die Augen traten— denn es giebt Leute, die weinen koͤnnen, wenn ſie wollen:„Mein lieber, mein ungluͤcklicher Freund Er hielt hier von neuem inne, gleich als vermochte er nicht weiter zu reden, dann fuhr er, da Georg ihn feſt, ohne etwas zu erwiedern, anſah, fort: „Wie ſehr beklage ich Dich! ach! wie ſchmerzt es mich.... doch ich glaubte, es Dir ſelbſt ſagen zu muͤſſen.. ja, ich hielt es fuͤr meine Pflicht.... o! das iſt eine traurige Pflicht fur mich, aber, mag die Welt auch ſagen, was ſie will, mag die Bosheit ſich gegen mich wenden und mir es zurechnen, ich glaubte, daß es Dir aus dem 59 Munde eines Freundes weniger ſchmerzlich zu vernehmen ſeyn wuͤrde, aus dem Munde eines Freundes, deſſen Geſinnungen Dir ſo wohl be⸗ kannt ſind... ach! und deſſen Herzen es ein Beduͤrfniß iſt, ſich uͤber ſein zeitheriges Be⸗ nehmen gegen Dich auszuſprechen.... nicht, daß ich mir etwa Vorwuͤrfe zu machen haͤtte, o nein! mein Gewiſſen ſpricht mich frei, und dann, Du weißt, ich handelte nie gegen die Grundſaͤtze der Ehre, aber dennoch.... Du kennſt die Welt, Du weißt, wie ſie ſo gern verleumdet... Hauptſaͤchlich war es mir mit darum zu thun, Dir zugleich die Ausſicht zu einigem Troſt in der Ferne zu eroͤffnen.. zu einigem Schadenerſatz.. ja, zu einiger Ver⸗ gutigung.“—„Faſſe Dich kurz,“ erwiederte Georg, ungeduldig uͤber Dauverts endloſe Phra⸗ ſen;„faſſe Dich kurz, von was iſt die Rede?“ Dauvert begann nun von neuem nach Worten zu haſchen und ſeine Rede mit zahlreichen Pa⸗ rentheſen zu unterbrechen.„Ach!“ fuhr er fort, „warum hat Dich Dein edler, offner, harm⸗ loſer Character zu ſo einer Art von Starrſinn verleitet.. zu einer unbedachten Sicherheit?.. . 60 oder vielmehr, warum haſt Du, da wir doch ſonſt ſo genau in den Grundſaͤtzen der Moral mit einander ubereinſtimmen, nicht meinem Bei⸗ ſpiele in Betreff Deines politiſchen Benehmens gefolgt?.. oder, ich will eigentlich ſagen, warum haſt Du nicht wenigſtens Dir den Schein da⸗ von gegeben, ſo wie ich? Doch es iſt hier nicht der Ort, Dir auch nur den geringſten Vorwurf zu machen; nein! fern ſey es von mir, dem Freunde, wenn er ungluͤcklich iſt, noch etwas daruber zu ſagen! Ach! wenn er ein Opfer.. —„Und von was bin ich denn ein Opfer?“ fiel Georg noch ungeduldiger, als vorher, ein. —„Mein theurer Freund, ich wuͤrde Dich hintergehen, wenn ich Dir verheimlichen wollte, daß der Miniſter uber Dein Benehmen bei der Deputirtenwahl ſehr erzuͤrnt iſt; aber, beruhige Dich, trotz ſeinem Zorne achtet er Dich ſehr, ja er ſchaͤtzt Dich ungemein, und ich bin feſt uͤberzeugt, daß, wenn es von ihm allein abge⸗ hangen hatte, ſo wuͤrde er gewiß nicht... aber, die Haͤnde ſind ihm gebunden.. Du kennſt das nicht ſo, Du weißt nicht.... ein maͤchtiger Wille zwingt ihn...“—„Mir meine bishe⸗ 61 rige Anſtellung zu nehmen, nicht wahr?“ ſprach Georg laͤchelnd. Dauvert zog nun eine an Georg uͤberſchriebene Depeſche aus der Taſche, und fuhr dann eben ſo geſucht fort:„Sieh da den Brief, den ich Dir mit ſo großem Wider⸗ ſtreben ubergebe, der aber, Du kannſt es mir glauben, in den allerverbindlichſten Ausdruͤcken abgefaßt iſt. Ihro Excellenz wollten nicht, daß ein gewoͤhnlicher Canzeleibothe Dir ihn uͤber⸗ braͤchte, und da habe ich mich denn freiwillig dazu angetragen. Du wirſt fuͤhlen, wie ſchwer mir dieſer Weg wurde, aber ich beachtete dies nicht; ich dachte nur daran, daß es mir viel⸗ leicht gelingen wuͤrde, einigen Balſam auf Deine Wunden durch meine Beileidsbezeigungen zu gießen. Zugleich wurde es mir hierdurch nicht ſchwer, es bei unſerm vortrefflichen Herrn Mi⸗ niſter noch dahin zu bringen, daß er zu dem officiellen Schreiben noch ein eigenhaͤndiges, wahrhaft ſchmeichelhaftes Handbillet hinzufuͤgte, in welchem er Dir ſeinen Schmerz uͤber Dei⸗ nen Verluſt bezeigt. Du wirſt das n mit in bem e— 62 — Georg hatte das Siegel gebffnet und ſchnell ſowohl die officielle Depeſche, als das Hand⸗ billet durchlaufen.„O,“ ſprach er, noch immer lachelnd,„die Wunde iſt nicht tief; aber weißt Du es vielleicht, wer meine Stelle erhaͤlt?“ — Dauvert ſchlug einen Moment die Augen nieder und biß ſich in die Lippen; dann ſchopfte er friſchen Athem und erwiederte:„Sieh, lie⸗ ber Freund, das iſt es eben, was mich bei dieſer ſchrecklichen Angelegenheit in Betreff Deiner be⸗ ruhigt und mit Hoffnung erfuͤllt.. unmoͤglich kann der Herzog lange in ſeinem Irrthume ver⸗ harren und, verlaß Dich auf mich, ich bleibe da, um fuͤr Dich zu wachen, und nicht allein ihn, ſondern auch die erhabene Perſon, welche in Betreff Deiner einen ſo unheilvollen Einfluß auf ihn ausgeuͤbt hat, über Dich aufzuklären... Ja, mein beſter, mein wuͤrdigſter Freund, man hat mich gezwungen... o! Du kannſt es mir glauben, man hat mich gewiſſermaaßen mit Ge⸗ walt dazu getrieben, Dich bei ihm zu erſetzen. Du kannſt denken, daß ich durchaus nicht wollte; ich wies das Anerbieten zuruͤck, mit einer Be⸗ ſtimmtheit.... mit einem Stolze. der Herzog 63 — war erſtaunt daruͤber; ſo hatte ich noch nie ge⸗ ſprochen, aber er beſtand darauf. Siehſt Du, lieber Derch, ich uͤberlegte mir nun die Sache genau, und alle die traurigen Folgen uͤberden⸗ kend, welche aus einer fernern Weigerung von meiner Seite fuͤr Dich daraus entſpringen koͤnn⸗ ten, beſchloß ich, allen Laͤſterungen, allen Vor⸗ wuͤrfen, die man mir vielleicht dieſerhalb macht, zu trotzen. Ich weiß ja, daß mein Georg, mein Freund, mein Herz kennt; ich weiß, daß Du keinen Augenblick anſtehen wirſt, mir Gerechtig⸗ wiederfahren zu laſſen. Mag die Welt ſagen, was ſie will, mein Bewußtſeyn troͤſtet mich; ich handelte ja nur ſo, um den Sturm zu beſchwo⸗ ren, der uͤber Deinem Haupte grollt; um Dich fur die Folge ſicher zu ſtellen, uͤberwand ich mei⸗ nen Widerwillen, und...—„Und nahmſt meine Stelle an?“—„Blos, um ſie Dir zu erhalten.“ „Das iſt ſehr großmuͤthig,“ entgegnete Georg;„doch bemuͤhe Dich meinetwegen nicht; behalte ſie in Gottes Namen. Der Herr Herzog iſt mir nur zuvorgekommen. Ich fing bereits an daran zu verzweifeln, in einem Poſten nutzlich 64⁴ werden zu konnen, den ich lediglich auf Antrieb meiner Verwandten nachgeſucht hatte, und ich dachte längſt daran, ihn aufzugeben, um endlich den Plan auszufuͤhren, den ich ſeit lange hege und den mir meine Vermoͤgensumſtände erlau⸗ ben in's Werk zu ſetzen/ nämlich mich von den Geſchäͤften zuruckzuziehen und unabhaͤngig zu leben.“—„In der That!“ rief Dauvert und gab ſich das Anſehn des Erſtaunens, obſchon er im Grunde ſeines Herzens nicht erſtaunte, da er hier nur Georgs ihm langſt bekannten Cha⸗ racter beſtatigt fand.„Dieſe Feſtigkeit,“ fuhr er fort, ja, ich möchte ſagen, dieſe Ruhe, mit welcher Du den Verluſt Deiner Anſtellung er⸗ trägſt, giebt mir den Muth, Dir ſogleich noch eine andere, ach! noch viel uͤblere Rachricht mitzutheilen, die Du indeß, wie ich hoffe, viel⸗ teicht mit derſelben philoſophiſchen Gltichmüthig⸗ keit aufnehmen wirſt.“—„Was iſt es denn? ſprich!“ antwortete Georg—„Der Herr Duͤ⸗ brocard, Du kennſt ihn.. er iſt ohne Zweifel ein ſehr ehrlicher Mann... aber ſehr veran⸗ derlich in ſeinen Anſichten und, wie alle Leute von ſchwachem Kopfe, leicht zu beleidigen. Seit⸗ 65 dem ich bei dem Herzoge bin und zu ſehen ge⸗ glaubt habe, daß das Miniſterium keine uͤbeln Abſichten hegt, habe ich andere Anſichten ge⸗ wonnen, wie Du; aber ſieh, ich bin deswegen, weil Du anders denkſt, nicht boͤſe auf Dich geworden... mit Duͤbrocard iſt es dagegen ein anderer Fall. Die Ereigniſſe bei der De⸗ putirtenwahl haben ihn, ſchwach wie er iſt, ſehr geaͤrgert. Er hat ſich gegen mich daruͤber weitlaͤuftig ausgeſprochen; ich that alles Moͤg⸗ liche, um ihn zu beſaͤnftigen, aber leider, leider! iſt es mir nicht gelungen.“—„O, beunruhige Dich nicht,“ entgegnete Georg;„ich finde es ganz natuͤrlich, daß Herr Duͤbrocard, den ich uͤbrigens recht ſehr ſchaͤtze, im Eifer fuͤr ſeine neuen Anſichten, einiges Aergerniß an mir ge⸗ nommen hat und ich verzeihe ihm dies von ganzem Herzen.“—„Ach! das iſt noch nicht alles,“ fuhr Dauvert fort;„der gute Mann hatte Deine Beſuche mit Vergnuͤgen angenom⸗ men, weil er in Dir eine paſſende Parthie fuͤr ſeine Tochter ſah.. ich, Du kennſt den Zu⸗ fall, welcher mich das erſtemal in das Haus brachte. Es war ein Ungluck damals fur mich, I E 66 jezt vielleicht fuͤr Dich und mich. Seitdem fand ſich... oder ich glaubte es wenigſtens doch zu bemerken, daß die junge und liebenswuͤrdige Alphonſine keinen großen Eindruck auf Dich ge⸗ macht hat... darfſt Du Dich wundern, daß dies derſelbe Fall im Betreff Deiner bei ihr war? Zu dem war es auch ganz natuͤrlich, da Du Dir gar keine Muͤhe gabſt, ihr zu gefallen, Dich gar nicht mit ihr befaßteſt, und auch ge⸗ gen ihre Verwandten das Schweigen nicht brachſt. Von da an glaubte ich, der ſich ſonſt gewiß nicht ſo unzart wuͤrde benommen haben, einem Freunde in den Weg zu treten... und weil ich uͤberzeugt war, daß Du gar nicht an eine Verbindung mit ihr dachteſt.... was ſoll ich Dir noch ſagen? ich folgte meinem Herzen.... glaube mir, nicht das Vermoͤgen des Mädchens zieht mich an, aber ich vermuthe, es herrſcht eine Sympathie unter uns, eine Uebereinſtim⸗ mung.—„Das glaube ich ſelbſt,“ er⸗ wiederte Georg—„Mein theurer Freund, ich wagte es nun, der jungen Dame und ihren Eltern meine rechtlichen Abſichten und meine große Leidenſchaft zu entdecken, und ich giaube . mir ſchmeicheln zu duͤrfen, daß meine Wuͤnſche nicht unguͤnſtig aufgenommen wurden; aber um alles in der Welt moͤchte ich nicht, daß mein Gluͤck meinem Freunde den geringſten Seufzer koſtete.“—„Es koſtet mir nicht einen einzigen.“—„Wirklich? nun dann, ganz ehrlich, Du wirſt nicht boͤſe, wenn ich ſie hei⸗ rathe?“—„Nicht im geringſten!“—„Du unvergleichlicher Freund! ach, wie ſchmerzt es mich, Dir nichts, als uͤble Rachrichten bringen zu koͤnnen, waͤhrend Du Dich ſo großmuͤthig, ſo edel benimmſt.“—„Du ſiehſt, daß mich dieſe Nachrichten nicht ſehr erſchuͤttern.“— „Ja, aber ich bin noch nicht zu Ende.“— „Was iſt denn noch?“—„O, ich denke, dies wird Dich noch weniger betruͤben; die Bitte, welche ich Dir im Ramen der Familie Duͤbro⸗ card vorzutragen habe, iſt nur eine Kleinigkeit; es koͤmmt hier, wie beim Herzoge, nur darauf an, den Sturm voruͤbergehen zu laſſen.... in einigen Tagen, in ein Paar Wochen iſt es vor⸗ bei... ja, ſo hoffe ich; auf jeden Fall wenig⸗ ſtens, wenn meine Verbindung mit der Demoi⸗ ſelle erſt officiell angezeigt ſeyn wird.“—„Nun E2 zur Sache, was iſt es denn?“—„Wie ich Dir ſchon ſagte, Herr Duͤbrocard iſt ſehr er⸗ zurnt gegen Dich, ſeine Frau... Du weißt wie die Weiber ſind... ſie iſt boſe, daß Du ihre Tochter verſchmäͤhteſt und das Maͤdchen ſelbſt... Dir kann ich es wohl geſtehen, iſt auch etwas aufgebracht uͤber Deine Gleichgultigkeit. Du wirſt das natuͤrlich ſinden. Uebrigens, jeder⸗ mann kennt den Beweggrund, warum Deine Familie ſich und Dich mit Duͤbrocards in Ver⸗ bindung ſezte, und ſo halten denn dieſe dafuͤr, daß es, um allen Mißdeutungen zu entgehen, gut ſey.. auch fuͤr Dich ſelbſt, mein lieber Georg, glaube ich das... genug, man wuͤnſcht, daß Du einige Zeit Deine Beſuche in dem Hauſe einſtelleſt, und da haben ſie mir denn den Auf⸗ trag gegeben, Dich mit aller moͤglichen Artigkeit und Schonung darum zu bitten. Was mich be⸗ trifft, ſo hoffe ich, das Opfer wird Dir nicht ſchwer werden, da Du gar keine Anſpruͤche mehe an das Maͤdchen machſt.“ Mit vieler Ruhe hatte Georg die Nachricht von dem Verluſte ſeiner Stelle und von dem Verluſte Alphonſinens vernommen; ohne Schmerz 69 ſah er, daß derſelbe Dauvert, dem er ſo oft ge⸗ dient hatte, ihm Amt und Braut raubte; es koſtete ihm nicht einmal Muͤhe, ſich uͤber Un⸗ falle zu troͤſten, die vielen Andern gewiß als ſehr ſchwer erſchienen ſeyn wuͤrden; aber die lezte Nachricht, das Verbot, nicht mehr in Duͤbrocards Haus zu kommen, vermochte er nicht mit demſelben kalten Blute zu ertragen. Verlor er nicht hierdurch die Ausſicht, Victo⸗ rinen wiederzuſehen? Dieſer Gedanke ſchmerzte ihn tief. Fuͤhlend jedoch, wie unſchicklich es fuͤr ihn ſeyn wuͤrde, hierbei die Verwendung eines Menſchen in Anſpruch zu nehmen, ge⸗ gen den er eine tiefe Verachtung empfand, und daß er eben dieſem unmoͤglich den einzigen Beweggrund enthuͤllen konnte, der es ihm noch wuͤnſchenswerth machte, in dem Hauſe des Ge⸗ neral⸗Finanzeinnehmers noch aus⸗ und eingehen zu konnen, unterdruckte er ſchnell die augenblickliche Aufwallung und einen ruhigen Ton annehmend, erwiederte er abermals mit Laͤcheln:„Iſt das Alles?“—„Ja, Alles.“—„Schoͤn,“ ent⸗ gegnete er darauf. Dauvert verdoppelte jezt ſeine Phraſen und ſeine heißen Verſicherungen von Freundſchaft und Schmerz, die er fuͤr und um ihn empfaͤnde; er ſtellte ſich niedergeſchlagner uͤber Georgs Un⸗ gluͤck, als erfreut uͤber die Erfolge, die ihm laͤchelten und verließ ihn endlich, indem er ſein Verſprechen, ihm beim Herzoge, bei der Fa⸗ milie Duͤbrocard und bei aller Welt dienen zu wollen, erneuerte. Trotz aller ſeiner Gewandt⸗ heit konnte er ſich aber dennoch nicht enthalten, ſchon jezt gegen den Mann, der bisher ein ſo guter Beſchutzer und Helfer fuͤr ihn geweſen war, den Ton eines Protectors anzunehmen. Fuͤnftes Lapitet Georgs erſtes Rendezvous. Whrend daß Georgs Verwandte und zahl⸗ 3 reiche Bekannte ihn beklagten, unter einander ziſchelten,, die Koͤpfe zuſammenſteckten und ſich ohne Noth beunruhigten; waͤhrend daß es hieß: 8 „Wiſſen Sie ſchon, er hat ſeine Stelle verlo⸗ ren.“—„O, und mit der Heyrath iſt es auch vorbei!“—„Noch mehr, Herr Duͤbro⸗ card hat ihm das Haus verboten.“—„Nicht moͤglich! Ach der arme Mann!“—„Aber iſt er nicht ſelbſt ſchuld?“—„Freilich, frei⸗ lich!“—„Er iſt ſo linkiſch.“—„So albern!“ —„Warum will er immer anders ſeyn wie andere Menſchen,“ u. ſ. w.; waͤhrend allem dieſen hatte Georg nur einen Kummer, den, Victorinen nicht wiederſehen zu koͤnnen. Jezt war es, daß er klar in ſeiner Seele die Groͤße des Gefuͤhles las, welches er fur dieſes Maͤdchen empfand, und ſein Schmerz, ſich jezt von ihr getrennt zu ſehen, vermehrte ſich bei der Erinnerung an die vielen Gelegenheiten, die er hatte voruͤberſchluͤpfen laſſen, ohne ihr ſein Inneres zu entdecken. Was ſollte er jezt nun wohl thun? welche Mittel anwenden, um ihr ſeine Geſinnungen kund zu geben? „Soll ich an Herrn Duͤbrocard ſchreiben?“ ſprach er zu ſich ſelbſt.„O nein! Erzuͤrnt, wie er jezt ſchon gegen mich iſt, wird er mir die Hand ſeiner Nichte verſagen, wird das 72 Mädchen vielleicht entfernen.. oder, was noch ſchrecklicher wäre, koͤnnte ihn ſeine Habſucht nicht vielleicht dahin bringen, ſie zu zwingen, mir gegen ihren Willen ihr Leben zu widmen?... Nein! nur ihr allein will ich mein Gluͤck ver⸗ danken; nicht an ihre Verwandten, an ſie ſelbſt will ich mich wenden. Aber wie? Ich wage es nicht einen Brief abzuſenden; wie leicht koͤnnte dieſer in unrechte Haͤnde fallen, und wer weiß, ob ſie nicht ſelbſt mir uͤber dieſe Kuͤhnheit zuͤrnte. O, daß mein Freund, mein Harville, mein einziger Freund, mir jezt fehlen muß. Jezt, gerade jezt!... Ihm allein moͤchte, konnte ich mein Herz erſchließen.“ Nachdem er ſich mehrere Tage ſo mit Un⸗ gewißheit und Zweifel gequaͤlt hatte, wollte er wenigſtens von ferne einmal den Ort wieder ſehen, wo die Geliebte athmete; fuͤrchtend jedoch, entdeckt zu werden, begab er ſich nur auf weiten Umwegen nach der Gegend hin und betrachtete von einer dicht mit Baͤumen be⸗ deckten Hoͤhe herab, das Haus und den Park des Herrn Duͤbrocard. Reugierig ſpaͤhte er hier nach allen Orten, wo er ſie einſt geſehen oder —— geſprochen hatte; mit ſchmerzlichem Vergnuͤgen ſuchte er die Stellen auf, wo er mit ihr zu⸗ gleich ſpazieren gegangen war, und ſein Herz klopfte bei dieſen Erinnerungen hoch auf.„Ach!“ rief er aus„vielleicht bin ich ſo gluͤcklich, ſie hier von ferne auf einen Augenblick zu ſehen; vielleicht... Vergebene Hoffnung! Der Abend uͤberfiel ihn und er ſah ſie nicht. Es war dunkel, er faßte ſich ein Herz, ſich dem Dorſe mehr zu naͤhern; ein Umſtand, den er nicht kannte, kam ihm zu Huͤlfe. Frau Deschamps, die alte Gouvernante Viectorinens, pflegte ſich alle Abende zu einer Bekanntin im Dorfe zu begeben, um mit dieſer ein Paar Stunden zu verplaudern. In dem Augenblick, in welchem ſie zu Hauſe ging, nahm Georg ſie wahr und lief nun auf ſie zu. Erſchrocken haͤtte die gute Alte beinahe laut aufgeſchrien; aber ihn erken⸗ nend, freute ſie ſich herzlich, ihn wieder zu ſehen. Georg begann ſogleich von Victorinen zu ſpre⸗ chen; er erkundigte ſich nach ihr, er ſagte der guten Alten, wie ſehr er das Maͤdchen liebe, welche Wuͤnſche er hege und welche Schmerzen es ihm mache, ſie nicht wiederſehen zu konnen, 74 da Herr Duͤbrocard ihm das Haus verboten haͤtte. 1 5 4 Beunruhigt durch dieſe ungewohnliche Hef⸗ tigkeit, wollte ihn die Alte verlaſſen; aber er hielt ſie zuruͤck und beſchwor ihr die Reinheit ſeiner Abſichten; er ſchwor ihr zu, daß, ſowie Vieto⸗ rine ihm die Erlaubniß dazu ertheilte, er ſogleich um ihre Hand anhalten wuͤrde und bat dann zulezt die Alte, ihm ein Mittel zu verſchaffen, Vietorinen nur einen Augenblick wieder zu ſehen. Roch immer ſehr unruhig, weigerte ſich Frau Deschamps, ihre Hand hierzu zu bieten, indem ſie ihm bemerklich machte, daß er in einer ſo wichtigen Angelegenheit ſich allein an die Verwandten des Maͤdchens zu wenden habe. Georg wollte noch etwas erwiedern, aber ohne ihn weiter anzuhoren, entfernte ſich die Frau, und da er ſie von neuem aufhalten wollte, ſo machte ſie ihm bemerklich, daß er durch ſein Be⸗ nehmen Victorinen leicht Verdruß zuziehen koͤnne; dies reichte hin, ihn ſogleich zu entfernen. Den folgenden Tag wiederholte er ſeinen Spaziergang nach der Anhoͤhe; auch diesmal blieb er his zum Abend da und ging dann wieder in das Dorf. Mit Sehnſucht erwartete er hier die Alte. ſie kam. Diesmal ſtuͤrzte er nicht ſo uͤberraſchend auf ſie los; langſam und ſchuͤchtern nahte er ſich ihr; der Ton ſeiner Stimme war zitternd und flehend.„Wie!“ ſagte ſie;„ſind Sie ſchon wieder da?“ Doch hoͤrte man ihr es wohl an, daß ſie weder er⸗ ſchrocken noch boͤſe war.„Ach!“ fuhr ſie nach einer kleinen Pauſe fort,„Sie haben mir eine ſehr unruhige Nacht gemacht; ich habe kein Auge ſchließen koͤnnen. Wie viel beſſer waͤre es geweſen, wenn Sie, ſtatt ſich mit den Ver⸗ wandten zu erzuͤrnen, ſich offen gegen dieſe er⸗ klärt hätten!“— Georg ſezte nun der guten Alten alles das auseinander, was ſie den Abend vorher nicht hatte hoͤren wollen, daß es ihm nehmlich zuerſt um die Einwilligung Victori⸗ nens zu thun ſey.„Ja, ja,“ erwiederte ſie, „ich kann mir das alles denken; Sie ſind ein braver, junger Mann und Sie werden meine gute Victorine gewiß nicht unglucklich machen. O, es waͤre entſetzlich, wenn Sie ſie hinterge⸗ hen koͤnnten! Sie allein vermoͤgen ſie aus ihrer traurigen Lage zu ziehen; denn das arme Kind iſt ſehr zu beklagen.... Ich habe es Ihnen bisher verbergen wollen, aber warum ſoll ich noch laͤnger ſchweigen? Ihr Onkel, ihre Tante, und vorzuglich ihre naſeweiſe Couſine, martern ſie entſetzlich. Wenn ſie nicht ſo gut, nicht ſo ſanft, nicht ſo geduldig wäre, ſo weiß ich nicht, wie ſie es aushalten wuͤrde.“—„Nun dann⸗ liebe Frau, ſo helfen Sie mir; machen Sie, daß ich Victorinen nur einen Augenblick ſprechen kann.“—„Wer? ich? nimmermehr!... und dann, wie ſollte ich das wohl anfangen? Sage ich es ihr, ſo wird ſie ſich beſtimmt weigern; und wenn ſie es einmal abgeſchlagen hat... ſie iſt ſo entſchloſſen, ſo...—„Sie machen mich ungluͤcklich!.. wenn es ſich nur von mir handelte.... aber Sie ſagen mir ſelbſt, daß ſie elend iſt und doch verwerfen Sie das einzige Mittel, wodurch ihr geholfen werden kann.“—„Mein Himmel! nein! ich verwerfe es nicht. Rein! es iſt nicht moͤglich, daß Sie uns hintergehen koͤnnen; horen Sie an... ich habe die ganze Nacht daruͤber nachgeſonnen.... vorſchlagen kann ich es ihr nicht.... nein! ich ſage ihr nichts davon; aber morgen.... nein 77 uͤbermorgen.... ja, auf den Donnerſtag.. die Familie iſt dann den ganzen Tag in Paris; Victorine wird nicht mitfahren. Gegen Mittag werde ich mit ihr im Park ſpazieren gehen; die kleine Pforte rechts iſt faſt immer offen; ſollte ſie es nicht ſeyn...“—„So ſpringe ich uͤber die Mauer!“—„Was! Sie wollen uͤber die Mauer ſpringen?.. vielleicht den Hals brechen?... Rein; nein! ich bringe den Schluͤſſel mit.“—„O, Sie herrliche Frau!“ fiel Georg mit Entzuͤcken ein;„ja, ich werde kommen, ich werde mich Victorinen zu Fuͤßen werfen, ich werde ſie bitten, ſie beſchwoͤren.. ſie wird mich anhoͤren und ich werde gluͤcklich ſeyn!“— Hingeriſſen von ſeiner Freude, um⸗ armte er die Alte und nachdem ſie ſich von ihm noch hatte verſprechen laſſen, daß er nicht eher als zur beſtimmten Zeit wiederkehren wolle, trennten ſie ſich. Die Ausſicht, Victorinen wieder zu ſehen, reichte hin, um Georg zu begluͤcken. Die Liebe bewahrt ihre ſuͤßeſten Empfindungen jenen ſel⸗ tenen Seelen auf, die frei von Ehrgeiz, Eigen⸗ nutz und niederen Leidenſchaften, nur edlen Ge⸗ fihlen zugänglich ſind. In zwei Tagen ſollte er Victorinen ſprechen!... O, wie zitterte er, daß ein ſtrenger Blick aus ihren Augen ſein Gluͤck vernichten koͤnnte!„Doch nein!“ rief er dann wieder,„ſie wird, ſie kann nicht un⸗ empfindlich ſeyn; ſie wird die Liebe, die Treue, das ganze Daſeyn, welches ich ihr widme, an⸗ nehmen.“ Er verſank nun in die ſuͤßeſten, ſchoͤnſten Träume ſeines Lebens. Wie langſam verfloſſen ihm die Augenblicke! wie langſam rannen ihm die Stunden dahin bis zu jener gluͤcklichen, wo er ſie wiederſehen ſollte! Am Mittwoch, den Tag vorher, verdop⸗ pelte ſich ſeine Beklemmung; kaum hatte er noch eine bleibende Stätte; endlich verſank er auf's neue in ſeine Träume.... da brachte man ihm einen Brief. er ſieht nach dem Poſtzei⸗ chen.... es iſt von Aachen die Ueberſchrift von der Hand ſeines Freundes Harville... ruft er aus,„mein Freund wird wie⸗ derkehren! Seine Gegenwart mangelte mir noch zu meinem Glucke.“— Jit hat er den geoͤffnet und lieſt: 5* ——— 79 „Ich brauche tauſend Louisd'ors, lieber Georg, verſchaffe ſie mir geſchwind und ſende ſie mir ſo ſchnell wie moͤglich durch einen vertrauten Bo⸗ ten. Der alte Wucherer, der Intendant meines Vaters, hat immer nur dann Geld, wenn ich keines brauche. Gern würde ich Dich nicht beunruhigen, aber ich muß es, um Dir zu zei⸗ gen, wie nothwendig ich es brauche. Ich habe auf den Sonnabend ein Duell, in welchem ich oder mein Gegner umkommen muß, denn wir ſind uͤbereingekommen, daß nur einer von uns lebend vom Platze geht. Vielleicht ſchreibe ich Dir nach der Geſchichte ausfuͤhrlicher daruͤber. Falle ich, ſo wirſt Du durch meinen Diener eine Verſchreibung von mir erhalten, die Dir die Wiedererſetzung der geliehenen Summe ver⸗ buͤrgt und zugleich einen lezten Brief von Deinem Freunde. O, mein Georg, wenn viele Men⸗ ſchen Dir glichen, ſo wäre auch ich vielleicht beſſer wie ich bin; doch genug! vergiß mich nicht. Auf Wiederſehen; Dein Freund Harville.“ „Harville! mein Harville!“ rief Georg,„in welch' einen Abgrund haſt Du Dich wieder ge⸗ ſtuͤrzt! Ich muß hin, ich muß Dich retten.... den Augenblick muß ich fort. In funfzig, in vierzig Stunden kann ich bei ihm ſeyn... aber gerechter Gott! morgen, morgen ſoll ich Victo⸗ rinen ſehen.... morgen ſoll ich mein Gluͤck von ihr erflehen.... mein Gluͤck, während Harbille vielleicht untergeht?... Nimmermehr! retten wir den Freund!“ Georg hatte einige Verbindungen im Buͤreau des Herzogs unterhalten; dies machte es ihm leicht, ſogleich einen Paß fur das Ausland zu bekommen. Er lief nun zu ſeinem Vetter Duͤ⸗ pre, dem Verwalter ſeines Vermoͤgens.„Mein lieber Vetter,“ ſprach er,„ich brauche Geld, viel Geld.“—„Geld?.. viel Geld?“ erwie⸗ derte Däpre erſchrocken und ſchloß geſchwind ſein Bureau zu;„Du denkſt wohl, ich habe die Schätze der Bank in meinem Hauſe.“—„Das nicht, aber Du haſt mein Vermoͤgen und ich muß den Augenblick tauſend Louisd'ors haben; ja vier und zwanzig tauſend Franken.“—„Vier und zwanzig tauſend Franken!“ rief der Geiz⸗ halz, mit Entſetzen die Haͤnde zuſammenſchla⸗ gend,„ach! ach!... das iſt das erſte Mal, daß Du mir ſo Lieber Georg, ich —— 8¹ —— beſchwore Dich, gehe in Dich, was willſt Du mit dem vielen Gelde machen?.. Du warſt ſonſt immer ſo vernuͤnftig, ſo ordentlich, Deine Auffuͤhrung wich ſo ganz von der des unbe⸗ ſonnenen la Moriniére ab... Vier und zwan⸗ zig tauſend Franken! ich beſchwore Dich noch einmal, zu was brauchſt Du ſie?“—„Zu was Das iſt meine Sache.“—„Du wilſt. es mir nicht ſagen, aber ich merke es ſchon; ich kenne Dichz gewiß willſt Du das Geld an irgend einen lockeren Patron, einen Spieler, einen Intrigant leihen, der Dich nachher darum betrugt.“—„Betruͤgt? unmoͤglich! das iſt nicht wahr.“—„Siehſt Du wohl, Du geſtehſt es —„Er iſt die edelſte Seele von der Welt.“ —„Mag ſeyn, aber wenn die edle Seele nun. ſtirbt.“—„Sterben!“ rief Georg erſchuͤt⸗ tert und immer nur an Harville denkend. „Duͤpre, mein lieber Vetter, gieb mir geſchwind, auf der Stelle das Geld. Ich muß es haben.“ —„Du mußt?.. Du mußt?. und wenn ich es nun nicht habe?“—„Wie! Du haſt es nicht?“—„Rein! ich habe olles gut an⸗ 82 gelegt, auf ſichere Hypothek, in ſchere Speeu⸗ lationen...—„Du haſt“ kein Geld?““— „Richt einen Groſchen.„—„s iſt gut,“ erwiederte Georg,„ich werde ſchon wiſſen wel⸗ ches zu bekommen.“ Er rannte fott.„Welch ein Tollkopf!“ rief der Ex⸗Advocat;„o, es iſt nur ein Gluͤck fuͤr ihn, daß ich ſein Vermoͤgen verwalte! Ohne mich waͤre er ſi. 5— längſt am Bettelſtabe.“ 4 doieſ Ailt i Georg eüte nach dem 2hentib de Variete, wo er gewiß war, den ehrlichen! Juden zu ſiu⸗ den, der ihm die hundert Louisd'ors fuͤr Dau⸗ vert geliehen hatte und in der That, nicht lange, ſo war auch das Geld, verſteht ſich⸗ nachdem er vocher dem Iſtaeliten alle mog⸗ üchen Sicherheiten und einen ungeheuren Ge⸗ winn bewilligt hatte, in ſeinen Händen. Zu Hauſe gekommen, beſtellte er aber nun ſogleich Poſtpferde und ſchrieb ein Zettelchen an Frau Deschamps⸗ worin er ihr meldete, daß eine hoͤchſt dringende Angelegenheit ihn auf einige Tage von Paris entferne und daß er in Ver⸗ zweiflung ſey, die, welche er liebe, nicht zu koͤnnen. Hierauf fuhr er al. 83 Ohne Zweifel wird es nicht an Leuten feh⸗ len, die da meinen werden, Georg habe doch ſehr unklug gehandelt, ſein Intereſſe dem des Freundes nachzuſtellen; Andere werden vielleicht behaupten, ſeine Liebe koͤnne unmoͤglich groß geweſen ſeyn. Wir erwiedern hierauf, gewiß war ſeine Liebe groß; aber eben ſo ſehr hielt er es auch fuͤr ſeine Pflicht, den Freund aus der ihn bedrohenden Gefahr zu retten, denn feſt ſtand die Ueberzeugung in ihm: der Menſch muͤſſe ſeiner Pflicht———. ſelbſt ſen Vbe⸗ i Stee Kapitet — Harville Es war elf uhr des Vormittags, als Georg in Aachen vor dem Gaſthofe abſtieg, in wel⸗ chem Harville wohnte. Durchbebt von den ſchrecklichſten Befuͤrchtungen, ließ er ſich ſogleich das Zimmer ſeines Freundes zeigen. Er fand F2 1 84 ihn ganz ruhig ſeine Toilette machen und dem Unſchein nach uͤber nichts bekämmert, als über die Ungeſchicklichkeit und die Langſamkeit ſeines Kammerdieners. Gleich vielen jungen Mili⸗ tairs aus Bonapartes Zeiten, liebte es Har⸗ ville, viele————— in ver⸗ wenden. Als Georg eintrat, er uͤber⸗ raſcht auf.„Du biſt es!“ rief er und ſchloß ihn an ſeine Bruſt.„Du! doch ja, ich konnte es mir denken; ich habe Dich faſt mit Gewiß⸗ heit erwartet. O, wie lieb iſt es mir nun, daß ich mir keinen andern Secundanten ſuchte; ich war ſicher, daß Du noch zeitig genug kom⸗ men wuͤrdeſt, um mir beizuſtehen; gewiß, ich hatte daſſelbe gethan.“— Gerührt druͤckte ihm Georg die Hand, und legte die Rollen mit Gold auf den Liſch.„Da ſind die tauſend Louisd'ors,“ ſprach er.„Mein braver Freund“ erwiederte Harville,„daran erkenne ich Dich abermals, aber behalte Dein Geld jezt. Ich weiß nicht, ob ich noch lange leben werde, aber wie es ſcheint, will die Vorſehung meine Tage bis zum lezten Auganblick begluͤcken. Als ich Dir 85 ſchrieb, hatte ich verloren; ſeitdem habe ich wieder gewonnen. Es war vielleicht ein Spitz⸗ bube, der mir mein Geld abgewann; von einem ehrlichen, durch das Gluͤck verfolgten Manne, habe ich es wiedergewonnen.... Eine ſchoͤne Gerechtigkeit im Spiele!“ ſezte er mit einem bittren Laͤcheln hinzu;„ſie gleicht an⸗ dern hier auf Erden.“ Georg war neugierig, alle umſtnde des unglucklichen Abenteuers zu erfahren und er drang daher jezt in Harville, ihm Alles zu er⸗ zahlen.„Du weißt,“ ſprach dieſer,„daß ich hieher gereiſt bin, ohne deswegen kränker zu ſeyn, wie die mehreſten Andern, welche in die Baͤder reiſen und deren Zweck dabei einzig, wie der meine, der iſt, ſich zu unterhalten. Gleich den erſten Tag wurde ich bei einer Dame ein⸗ gefuͤhrt.. Ol das iſt ein herrliches Weib, voll Geiſt, voll Anmuth, voll Witz und voll Gefuͤhl!... Sie iſt uͤbrigens eine Dame von Stande, eine ruſſiſche Graͤfin, Frau von Stey⸗ kew, die ganz koͤſtliche Abendgeſellſchaften giebt, und in die ich mich denn plotzlich gewaltig ver⸗ liebte. ach! und wie habe ich mich ver⸗ 86 liebt?.. Nein! ſo bin ich noch nicht ergriffen geweſen!... Du ſolſſt ſie ſehen,* Abend noch nehme ich Dich mit.“ nn an⸗ Es war Georg ſchmerzlich, ſeinen—— ſo leichtſinnig plaudern zu hoͤren, waͤhrend er in eine ſo ernſthafte Angelegenheit verwickelt war; er bat ihn daher, ihm uͤber ſein Duell Auskunft zu geben.„Ja ſo, mein Duell,“ entgegnete Harville,„das haͤtte ich bald ver⸗ geſſen. Nun hoͤrer dieſe liebenswuͤrdige Graͤfin Steykew haͤlt hier, in Folge der vielen Un⸗ gluͤcksfälle, welche ſie erlitten hat— denn ſie iſt mit ihrem Gemahl, Gott habe ihn ſelig, ſehr unglucklich geweſen— eine Art von Cir⸗ kel, von muſikaliſchen Clubb, von Caſino, wie dies ſo in Italien und an den Badeorten ge⸗ woͤhnlich iſt. Ich habe ihr den Hof gemacht und, Dir kann ich es wohl ſagen, ſie hat meine Huldigungen ſehr guͤtig aufgenommen. Glaube aber deswegen nicht etwa, daß ſie eine Frau ohne Tugend und ohne Zartſinn iſt; unter den Haufen von Anbetern, welcher ſie umgiebt, liebt ſie nur mich allein; ich allein bin der Erhoͤrte! O! ſie hat meinetwegen ſehr glaͤn⸗ — ——— zende Heirathsanträge ausgeſchlagen, die ihr ein Landsmann, ein Petersburger, der Cheva⸗ lier Birkoff, gemacht hat, den ſie zufällig hier in Aachen fand und der es allen Spielern und allen Waſſertrinkern hier auf ſein Ehrenwort verſicherte, daß ſich alles genau ſo verhaͤlt, wie die Graͤfin es erzählte, ſowohl in Betreff ihrer hohen Abkunft als der Leiden, die ihr ihr ver⸗ ſtorbener Gemahl machte... Es wurde mir nicht ſchwer zu ſehen, daß Birkoff, der immer bei ihr im Hauſe iſt, und da die Bank im Faro, im trénte un, in Ereps, in Macao und allen andern Spielen haͤlt, zuweilen aber auch poin⸗ tirt; es wurde mir nicht ſchwer, wie ich Dir ſage, zu ſehen, daß er ſeiner liebenswuͤrdigen Landsmaͤnnin ebenfalls den Hof macht; aber ich brauche mich deswegen nicht zu beunruhi⸗ gen. Sie iſt artig gegen ihn, aber weiter nichts; mich, mich liebt ſie allein!“—„Run? nun? alſo mit dieſem ruſſiſchen Chevalier wirſt Du Dich ſchlagen?“—„O bewahre! Wir ſind im Gegentheil die beſten Freunde von der Welt; er hat mir mein Geld abgewonnen. Du kannſt aber leicht denken, daß die ſchone 88 Gräfin viele Verehrer hat; da kam vor ohn⸗ gefaͤhr acht Tagen ein Riederlander, ein Bruͤſ⸗ ſeler, der ehedem in unſerer Armee diente und jezt hier in der Rachbarſchaft auf einem Guthe lebt, hieher. Er wohnte in demſelben Gaſthofe, wo wir jezt ſind, und da er all ſein Geld an den Chevalier verlor und die Graͤfin ihn nicht erhoͤren wollte, ſo wurde er uͤbellaunig. Sein Name iſt Wanholl...—„Wanholl!“ rief 5 Georg;„der Sohn des Kaufmanns gleiches Namens? den kenne ich; ich machte ſeine Be⸗ kanntſchaft in Paris, im Buͤreau des Herzogs, wo er einige Forderungen in Betreff von Vor⸗ ſchuſſen zu machen hatte, die ſein Vater fruͤ⸗ her unſerer Regierung leiſtete. Er iſt ein jun⸗ ger, ſanfter, liebenswurdiger Mann, den ich ganz ſo phlegmatiſch fand, wie man die Flam⸗ länder gewöhnlich beſchreibt.“—„O dieſe Phlegmatiker haben den Leufel, wenn ſie ein⸗ mal aufgebracht ſind!“—„Ich kann nicht uͤber ihn klagen; zudem hat man mir geſagt, daß er ſehr gluͤcklich verheirathet iſt und eine junge, ſchoͤne Frau hat, die er innig liebt und die ihm erſt vor Kurzem einen Sohn geboren —— ——5 89 haben ſol.“—„Oo er glückich in ſeinem Hauſe lebt, ob nicht? weiß ich nicht; aber ſo viel weiß ich, daß er mir mein Gluͤck mit meiner theuren Graͤfin hat ſtoͤren wollen. An mſner Pable d' Hòte gegen Ende des Mahls — wir waren nur noch unſerer Fuͤnfe zuſam⸗ men, die ich mit Champagner tractirte, den man hier ganz vortrefflich bekommt— erlaubte ſich dieſer phlegmatiſche Wanholl einige ſehr beleidigende Spoͤttereien uber die Graͤfin. Das brachte mich auf; ich gebot ihm Stillſchweigen; er fuhr fort, und nun.. o wie macht doch der Zorn ſo roh und blind! ich weiß nicht, wie ich mich ſoweit vergeſſen konnte.. ich ſprang auf, ſtieß ihn, ſchlug ihn. man riß uns auseinander....„Nach einer ſolchen Be⸗ leidigung,“ ſprach Wanholl, noch ganz blaß vor Zorn, zu mir,„kann unſer Streit ſich nur mit dem Tode des Einen oder Andern enden.“— „Da mußte ich ihm naturlich Recht geben und ſo hat er denn, weil er noch einige Familienan⸗ gelegenheiten abzumachen hatte, die Sache auf morgen fruͤh Sechs Uhr angeſezt. Wir baten hierauf die Anweſenden, nichts von der Geſchichte 90 verlauten zu laſſen; ſie verſprachen es, ob ſie ihr Wort gehalten haben, weiß ich nicht, doch ſcheint es, daß der Graͤfin bis jezt noch nichts davon zu Ohren gekommen iſt. Wanholl iſt abgereiſet und wird heute Abend zuruͤckkehren. Morgen früh werden wir an dem beſtimmten Orte wei Piſtolen finden, wovon nur eine geladen iſt, und„ wir werden zugleich zwei Schritte entfernt, auf einander ſchießen.“—„Welch ein abſcheuli⸗ ches Uebereinkommen!“—„Was willſt Du? Er ſchlug es ſo vor, da mußte ich es natuͤrlich annehmen. Aber das ſoll uns heute nicht beun⸗ ruhigen; morgen gehoͤre ich ihm, heute Dir. Wir wollen vergnuͤgt zuſammen ſpeiſen und auf den Abend nehme ich Dich mit zu meiner Graoͤfin.“ Wäͤhrend dem Niagtnahi war— ausgelaſſen luſtig; Georg dagegen traurig und beſorgt wegen ſeinen Freund. Harville fragte nach NReuigkeiten aus Paris und wartete nicht die Antwort auf ſeine Frage ab, ohne immer ſchon wieder eine neue aufzuwerfen. Als er vernahm, daß Georg ſeine Stelle verloren, und daß Dauvert ſie bekommen hatte, da erinnerte 91 er ſich dieſes Menſchen, den er durch Georg hatte kennen lernen und gerieth in einen hefti⸗ gen Zorn ſowohl gegen den Miniſter, als gegen den kriechenden Schmeichler.„Geduld!“ rief er aus;„wartet nur! ſo wie ich nach Paris komme.. wenn ich uͤberhaupt noch jemals wieder dahinkomme, dann will ich dem alten Herzoge den Kopf zurechtſetzen und ihm uͤber den Intriganten, der Dir Deine Stelle hat, die Augen oͤffnen.“ Mit bebender Stimme bat Georg ſeinen Freund, jezt nur an ſeine eigenen Angelegen⸗ heiten zu denken.„Das iſt ſchon geſchehen, mein lieber Georg,“ erwiederte Harville froh⸗ lich, indem er auf ein Paͤckchen Papiere in ſei⸗ nem Schreibtiſche wies.„Da liegt mein Te⸗ ſtament; wenn ich nicht mehr bin, dann oͤffne es. Aber jezt.. es iſt Zeit, komm! gehen wir zur Graͤfin.“ x Georg empfand einen geheimen Widerwillen, ſich dieſer Frau vorſtellen zu laſſen; das Bild, welches ihm Harville von ihr entworfen hatte, brachte ihm keine ſonderliche Idee von ihr beiz zudem, konnte er dieſe Fran wohl mit kaltem 92 Blute ſehen? ſie, die Veranlaſſung zu der un⸗ gluͤcklichen Verwickelung, i in welche ſein Freund gerathen war? Indeß, ſich uͤberlegend, daß es nothwendig ſey, ſie kennen zu lernen, wenn er Harville von ſeiner Leidenſchaft fuͤr ſie heilen wollte, entſchloß er ſich, ihm zu folgen⸗ Zu allen Zeiten gab es zu Spa, zu Pyr⸗ mont, zu Bath, zu Aix in Savoyen, zu Aachen und an andern durch ihre Quellen und Baͤder beruͤhmten Orten, immer mehr Spieler als Kranke, und ſeitdem Aachen ein Theil der preu⸗ ßiſchen Monarchie wurde, ſoll ſich die Zahl der Spieler daſelbſt nicht vermindert haben, obſchon die Spielhauſer nicht wie in Frankreich, von der Regierung verpachtet, und ſo gewiſſermaßen privilegirt werden. Mehrere Perſonen haben bereits die Frage aufgeworfen: ob es den oͤffent⸗ lichen Sitten nachtheiliger iſt, wenn man einem jeden die Freiheit läßt, eine Spiel- oder Raub⸗ bank vielmehr, zu errichten, oder ob man das Recht Andere zu verleiten und zu pluͤndern ge⸗ gen eine Abgabe, einen wahren Suͤndenlohn, an eine Geſellſchaft uͤbertraͤgt, die darauf aus⸗ geht, die Leidenſchaften und Thorheiten der 93 Menſchen zu benutzen. Gewiß iſt das Leztere fuͤr den Fiscus das Eintraͤglichſte, ob aber auch das Ehrenvollſte? iſt eine andere Frage, an die ſich die Betrachtung ſehr natuͤrlich ſchließt, daß es doch ſeltſam iſt, daß man in Zeiten, wo ſo Vieles verboten wird, wo man Alles ſo aͤngſt⸗ lich bewacht, das nicht verbietet, was Moral und Vernunft gleich ſtark verwerfen. Es gab damals in Aachen eine Redoute; hier fand ein Jeder ohne Unterſchied, Zutritt; man tanzte daſelbſt, man ſpielte, plauderte und trieb ſich herum, kurz, es war dies das Ren⸗ dezvous fuͤr Alle. Anders war es in dem Hauſe der Graͤfin; hier ging es aͤußerſt elegant zu, nur die vornehmſte Geſellſchaft verſammelte ſich da; auch konnte man nur durch einen Bekann⸗ ten des Hauſes eingefuͤhrt werden, aber, ſo wie man einmal eingefuͤhrt war, konnte man auch wieder Andere einfuͤhren. Es war hier gleichſam der Sammelplatz der vornehmen Welt, der reichen Banquiers, die ſich in dieſer alten Hauptſtadt Karls des Großen zuſammengefun⸗ den hatten. Alle Abende ward in mehreren großen, ſchon decorirten Zimmern geſpielt, außer⸗ dem war noch ein— in jeder Concert oder Ball. 356 Riemals noch war Georg in eine ſo große und glänzende Geſellſchaft gekommen. Bei dem Anblicke dieſer Menge vornehmer und reich ge⸗ ſchmuͤckter Herren, deren mehrere mit Orden von allen Laͤndern behangen waren; bei dem Anblicke der glänzend geſchmuͤckten und ſchim⸗ mernd erleuchteten Sale; bei dem Anblicke des ſchon begonnenen Spiels, dieſer Haufen von Gold, die auf den Tiſchen lagen, dieſer Spieler, die theils um die gruͤnen Liſche herum ſtanden, theils in den Sälen auf und nieder gingen? der ſchoͤnen jungen Weiber, die ſo reitzend ge⸗ puzt— ſo anmuthig ſich hin und her beweg⸗ ten,— denn es war heut Balltag und die Verſammlung darum nur um ſo groͤßer— bei Anhoͤrung dieſer Muſik, kurz, bei Betrach⸗ tung alles dieſes Glanzes und Schimmers, glaubte er, ſich wirklich an einem Orte wahrer Freude zu ſehen und uberließ ſich einige Au⸗ genblicke dem verfuͤhrenden Reize, den eine ſolche Vereinigung von Genuͤſſen hat; aber, indem er einen Blick auf Harville warf, der, ihn an der Hand haltend, mit ihm durch das Gedraͤnge ſich durchzuarbeiten ſtrebte, um zu der Dame vom Hauſe zu gelangen, ſchwand ſeine Illuſion, und was ihm noch vor wenig Minuten reizend und praͤchtig erſchien, das war ihm jezt ſchon gleichgultig, ja ſogar widerlich. Harville war endlich mit ihm bis zu der ſchoͤnen Graͤfin gekommen und ſtellte dieſer nun ſeinen Freund mit triumphirenden Blicken vor. Er ruͤhmte deſſen Reichthum, deſſen Verdienſte, die Achtung, welche er in der Hauptſtadt ge⸗ noß, die Innigkeit, in welcher er mit dem Herzoge von** lebte, u. ſ. w. Dies war mehr als genug, um Georg eine gute Auf⸗ nahme zu ſichern; der Chevalier Birkoff legte ſogleich ſeine Karte hin und kam, gleich⸗ ſam als Hausherr, den von dem Herrn Grafen von Harville vorgeſtellten Freund des Herrn Herzogs von** zu begruͤßen. Georg, den es ſehr uͤberraſchte, daß ihn ſein Freund als einen innigen Bekannten des Herzogs vorſtellte und zugleich ſeines Vermoͤgens erwaͤhnte, auf dieſe Art ſomit ſeinen guten Empfang auf ein Paar 96 Dinge ſtutzend, die fuͤr ihn keinen Werth hatten⸗ kam in Verlegenheit und konnte kaum eine Qntwort ſtammeln. Indeß betrachtete er ſich doch die Frau Graͤfin ſehr genau und fand denn, daß ſie in der That hoͤchſt liebenswuͤrdig war. Jet wendete er aber auch ſeine Blicke wieder auf die Spieler und, vollig zuruͤckgekom⸗ men von ſeiner erſten Entzuckung, fuͤhlte er fuͤr dieſe Geſellſchaft von Habſuchtigen zugleich eben ſo viel Widerwillen als Aerger darüber, 18 er an einem i konnte. Aen ſchug ju— neu— vor, Theil am Spiele zu nehmen; Georg dankte und nun drang man auch nicht langer in ihn⸗ Bemerkend, daß man ſich länger nicht um ihn bekuͤmmerte„durchging er, einſam in dieſem Gewuͤhle ſich fuhlend, ſchweigend die Gemächer⸗ waͤhrend Harville, weniger klug wie ſein bedach⸗ ter Freund, ſein Geld im Spiele wagte und ne⸗ benbei der ſchoͤnen Graͤfin den Hof machte. Bald, ermädet von dem Gewirre um ſich her, ſezte ſich Georg in eine Ecke des erſten Saales; nicht weit von ihm ſchlummerte in einem Arm⸗ ——————— 97 ſtuhle ein ziemlich bejahrter Mann, Klei⸗ dung einen alten Militair anzeigte. RNach einem Viertelſtuͤndchen— Schlaͤfer auf und jezt Georg neben ſich ſehend, betrachtete er ihn eine Weile aufmerkſam; dann aber redete er ihn in einem gelaͤufigen Franzo⸗ ſiſch, dem man indeß den engliſchen Accent etwas anhoͤrte, auf folgende gutmuͤthige, aber etwas auffallende Art an:„Mein lieber Freund, was wollen Sie denn eigentlich hier?“— Dieſe ſelt⸗ ſame Frage uͤberraſchte Georg; er betrachtete nun den Mann ebenfalls genauer und entgegnete dann:„Wie es mir ſcheint, ſind Sie hier eben ſo wenig an Ihrer Stelle, als ich.“—„Bitte um Vergebung, da iſt ein großer Unterſchied; Sie ſind jung und ich bin alt.“—„Glauben Sie denn, daß ein Spielhaus ein ſchicklicherer Aufenthalt fur einen alten Mann als fur einen jungen iſt?“—„Doch, wenn es nehmlich ein ſolcher Alter iſt, wie ich bin. Gott verdamm' mich! ich habe mir das Recht, hier zu ſeyn, theuer genug erkauft. Wenn man einmal ſp alt geworden iſt wie ich, und hat nichts als Streiche gemacht, dann iſt auch nichts G 08 * mehr zu verlieren. Durch das Spiel bin ich arm geworden; jezt muß es mich ernaͤhren. Ich bringe mein Leben damit hin, alle Laͤnder, wo man ſpielt, zu durchreiſen, und man ſpielt uͤber⸗ all, beſonders wo es Baͤder, und folglich Muͤſ⸗ ſiggänger giebt. Da ich Erfahrung habe, theuer genug erkaufte, ſo gewinne ich alle Abende eine Guinee, oder einen Louisd'or, und mehr brauche ich nicht den Tag. Den andern Abend komme ich wieder, ſo wie die Banque eroͤffnet iſt; ich vorge dann beim Bangquier den Satz, und ge⸗ winne meinen Louisd'or; ſchlagt es mir einmal fehl, nun ſo eſſe ich den Abend auf Credit und den andern Mittag bei einem Bekannten. Frei⸗ lich iſt dies ein trauriges und elendes Leben, und deswegen warne ich auch aus Menſchen⸗ liebe einen Jeden, den ich zum erſtenmal hier ſehe, beſonders wenn es ein junger Mann von ehrlichem Anſehn iſt, wie Sie. Ich frage ihn dann ſtets, ob er etwa auch ſo enden will wie ich; leider horen aber die Wenigſten auf mich, ſo wie Sie vermuthlich auch nicht auf mich hoͤren werden, denn ich habe allerdings nicht die beſte Art, die Sache vorzutragen“— 5 — 5. 99 „Int Gegentheile,“ erwiederte Georg,„Sie haben es gut vorgetragen und ich danke Ihnen fuͤr Ihren Rath; doch beunruhigen Sie ſich meinetwegen nicht; ich bin nicht hierhergekom⸗ men, um zu ſpielen.“—„Das iſt moͤglich; wenn Sie aber mit dem jungen, galanten Fran⸗ zoſen dort, mit welchem ich Sie vorher herein⸗ treten ſah, oft umgehen, dann duͤrfte ſich die⸗ ſer Vorſatz wohl aͤndern. Obſchon ich alt ge⸗ nug geworden bin, um mich nicht mehr ſo keicht uͤber etwas zu wundern, ſo verhehle ich doch nicht, daß es mir unbegreiflich iſt, wie ein junger, geiſtreicher, das Leben und die Welt kennender Mann, wie Harville, ſich in den Schlingen eines Weibes kann fangen laſſen⸗ wie dieſe ruſſiſche Graͤfin hier iſt.“ Man kann leicht denken, daß dieſe Worte Geveg ganze Aufmerkſamkeit erregten.„Sie kennen Sie?“ rief er lebhaft aus.—„Es ſind noch keine drei Wochen her, daß ich ſie zum erſtenmale ſah; kaum habe ich drei Worte mit ihr geſprochen; aber dennoch kenne ich ſie... ich kenne ſie ganz genau. Dieſe Art Weiber gleichen ſich immer auf ein Haar; ſie haben 62 100 eiden Familienzug, der nicht tuſcht. Die Dame behauptet, von hoher Geburt zu ſeyn; God dam! man darf ſie nur ſcharf anblicken, um in der Frau Gräfin die Commoͤdiantin oder die Gri⸗ ſette zu ſehen. Sie will eine Ruſſin ſeyn, und ich ſetze den Kopf darauf, daß ſie aus der Pro⸗ vence oder aus Languedoc iſt. Und dann der Chevalier Birkoff, der die Banque halt und den ſie zufällig hier in Aachen getroffen haben will; was gilt es, daß der ſchon ſeit langer Zeit ihr Agent und Compagnon, und daß das ganze Zuſammentreffen nichts als eine verabre⸗ dete Karte iſt. Dieſe Leute ſpielen keine neue Comoͤdie; in Rußland nennen ſie ſich Franzoſen, in Holland Ruſſen, in Italien Engländer; kurz, ſie ſind immer nicht aus dem Lande, in wel⸗ chem man ſie findet. Der arme Harvile! den werden ſie noch weit bringen⸗ wenn es morgen mit ihm nicht etwa zu Ende geht.“—„Wie! Sie wiſſen. 2.—„Ei, zum Teufel! wie werde ich nicht wiſſen, was die ganze Stadt weiß.“—„Sprechen Sie leiſe; trotz der uͤbeln Meinung, welche Sie von der Graͤfin hegen, bitte ich Sie doch, Mitleid mit ihr zu haben 101 damit ihr nichts von dem ſchrecklichen Duell zu Ohren koͤmmt.“—„Sie weiß es ja ſchon.“ —„Sie weiß es?“—„Freilich Harville hat ſich allerdings alle Nhe gegeben⸗ es ihr zu verheimlichen; er fuͤrchtet eine Frau zu beun⸗ ruhigen, von der er ſich geliebt glaubt; aber ich ſtehe Ihnen dafür ſie weiß Alles ganz ge⸗ nau. Ich glaube gern, daß ihr die Sache un⸗ angenehm iſt; aber, was will ſie machen, ſie muß ihr Haus einem Jeden öͤffnen und ihr Metier treiben. Sehn Sie da, mit welcher Behaglichkeit ſi ſie ſich mit ihm unterhaͤlt, wie ſorglos ſie iſt; o! dieſe Art Weiber hat einen ſtarken Geiſt.“— Georg ſtand wie auf Koh⸗ len.„Was Sie betrifft,“ fuhr der Sprecher fort,„wenn Sie vernunftig ſind, ſo wagen Sie auch nicht die kleinſte Kleinigkeit im Spiele; Sie moͤgen verlieren oder gewinnen, immer werden Sie verlieren; wer einmal angefangen hat, hoͤrt nicht wieder auf. Es giebt nichts in der Welt, was ſo berauſcht⸗ wie dieſe ungluͤck⸗ liche Leidenſchaft.“— Der alte Mann ſtand bei dieſen Worten auf und ging, um an einem 102 der gruͤnen Liſche den Reſt 66. ſchuft zu wagen. Die bettratlichen Mithelungen des Spie⸗ lers hatten das Entſeten und den Widerwilen in Georgs Seele vermehrt.„Weſch eine Maſſe von Richtswürdigkeit! 1 rief er aus; und dieſer Menſch, dieſer alte Eyniket, der mir die Moral pre⸗ digt, indem er ſeine eigene Schande aufdeckt, der mich vom Laſter abhalten will und ſelbſt noch davon ſeti es iſt, um davon zulaufen. — Beſtürzt und vetwiert ßeh Seotg ſcnel dieſen Ort. In dem Augenblicke, als er in ien Gaſt⸗ 6 kam, fuhr ein Wagen vor und Georg ver⸗ nahm, daß Wanholl darin gekommen war. Der Name des Gegners von ſeinem Freunde verdoppelte die Angſt ſeines Herzens. Alles was er uͤber das abſcheuliche Haus, welches er ſo eben verlaſſen, gehoͤrt hatte, verbunden mit dem Gedanken an das ſo nahe bevorſtehende Duell, erfuͤllte ihn mit Schrecken; wohin er blickte, ſoh er nichts wie Ungluͤck und Ver⸗ brechen. Langſam ſtieg er in Harvilles Zimmer 103 hinauf und iberließ ſich„ den Wr Betrachtungen. Harville hatte nicht verfehte, das Fprtgehen ſeines Freundes zu bemerken, und ſuchte ihn nun bald auf.„Was haſt Du?“ fragte er; „warum biſt Du ſo ſchnell gegangen? warum runzelſt Du die Stirne ſo? Sag' an, hatte ich unrecht, Dir meine ſchoͤne Graͤfin zu ruͤh⸗ men?“—„Es iſt umſonſt!“ entgegnete Georg mit einem Seufzer;„vergebens zermartere ich meine Einbildungskraft; ich ſehe kein Mittel⸗ um dem Ungluͤcke zuvorzukonmen.“—„Bei unſerer Freundſchaft beſchwoͤre ich Dich, kein Wort davon.“—„Ja, ich weiß es, unſere elenden Vorurtheile, der barbariſche Ehrenpunct, unſere abgeſchmackten, verdorbenen Sitten.. die grenzenloſe Beleidigung, alles! alles! ver⸗ pietet es! O, was ſind wir noch roh, waͤhrend wir uns fuͤr hocheiviliſirt halten!... Ach, mein guter Harville, das iſt es eben, was mich am mehreſten ſchmerzt, daß Du, Du mein ſonſt ſo edler Freund, daß Du Dich ſo haſt vergeſſen koͤnnen. Erſt haſt Du Wanholl auf eine rohe Art beleidigt, und nun wirſt Du ihm vielleicht 104 noch das Leben rauben... und ſeine Frau und ſeine Kinder!..“—„Ich bitte Dich um's Himmels willen Georg, ſchone mich; entferne dieſe Ideen, ſie könnten mich wahnſinnig machen.. Ich hoffe, daß er mich todten wird,“ ſezte Har⸗ ville nach einem kurzen Beſinnen, mit ſeinem ge⸗ wöhnlichen Leichtſiune, hinzu.— Was ſprichſt Du? Dich! Was ſoll dann aus mir werden?“ Es trat jezt eine augenblickliche Pauſe zwi⸗ ſchen den beiden Freunden ein; dann ſtand Georg plotzlich auf, näherte ſich dem Andern und ſprach in einem feierlichen Tone:„Harville! mein ein⸗ ziger, mein beſter Freund, höre mich an. Du wirſt Deinen Fehler nicht noch durch ein Verbre⸗ chen kroͤnen wollen; nein! Du kannſt, Du wirſt den nicht noch ermorden wollen, den Du ſo tief beleidigteſt. Schwoͤre mir, daß Du in dem Au⸗ genblicke, wo man euch die Piſtolen geben wird, in dem Augenblicke, wo Einer von Euch Beiden nothwendig fallen muß, ſchwoͤre mir, daß Du dann ſeitwaͤrts wegſchießen willſt. Wenn Dich das Gluͤck beguͤnſtigt, wenn Du die geladene Piſtole echältſt, ſo bin ich der glucklichſte der Menſchen; Dü wirſt dann leben bleiben und 40 nicht mit einem Mord beladen ſeyn. Iſt Dir das Gluͤck nicht guͤnſtig... dann bin ich elend auf immer.— Georg bedeckte ſich hier das Geſicht mit beiden Haͤnden, dann fuhr er fort:„Ich werde aber dann doch wenigſtens die Beruhigung haben, daß mein Freund kein Moͤrder hat ſeyn wollen und daß Du den Ge⸗ ſetzen der Ehre treu bis in den Tod geblieben biſt.“—„Ich ſchwore es Dir!“ rief Harville geruhrt und ſank an die Bruſt ſeines Freundes. „Nenne mich einen Elenden, wenn ich mein Wort nicht halte!“— Die Freunde umarmten ſich jezt ich⸗ ein⸗ ni dann ging„ in das fuͤr iur bereitete Sbh. Der Arme! er konnte kein Auge ſchlßen; — Sorgen belaſteten ſein Herz; zu der Furcht vor der bevorſtehenden Kataſtrophe, kam die Erinnerung an Victorinen.„Wie war ſch,“ rief er aus,„noch vor drei Lagen ſo glücklich? welche Zukunft eroͤffnete ſich mir, und wie bin ich jezt! Längſt iſt die Stunde voruͤber, in wel⸗ cher die Zuſammenkunft ſeyn ſollte, von der ich mein Gluͤck erwartete, und welch ein Tag ſteht 106 — mir jejt bevor! jezt! wo ich nicht weiß, ob ich morgen noch einen Freund haben werde oder 3 5 2„— l— 5 Siebentes Kapitel. Grbabtes Venehnen des Lroßfes 1. Der Sog brach an; es ſchlug vier Uhr; entſcheidende Stunde war um Sechſe. Georg ſtand auf; ſein Kopf brannte ihm, wie ein Felſen lag es ihm auf der Bruſt; er mußte in's Freie. Indem er hinab in den Garten Freundes; die Thure des Schlafgemaches ſtand halb auf; Harville ſchlummerte ruhig. ezt ging Georg hinab; beim Umwenden in einer Allee fand er einen Mann, der eben auch ſchon ſo einſam wie er, hier ſpazieren ging; es war Wanholl. Beide erkannten einander. Wan⸗ holl fragte Georg, was ihn hierher nach Aachen fuͤhre?„Sie werden dies leicht errathen,“ er⸗ die 107 wiederte dieſer,„wenn ich Ihnen ſage, daß ich der vertraute Freund vom Grafen Harville bin.“—„Sie, Herr Derch! ſein Freund?“ —„Ich will Ihnen nicht zumuthen, ſein Lob aus meinem Munde zu hoͤren, aber alle, die ihn kennen, lieben und ſchaͤtzen ihn.“—„Ver⸗ zeihen Sie; ich druͤckte nur mein Erſtaunen uͤber das ſeltſame Geſchick aus, das mir jezt in einem werthen Bekannten, den genauen Freund meines Gegners ſinden laͤßt. Schon Andere wie Sie, ruͤhmten mir Ihres Freundes Geſinuungen und ſeinen Muth; Ihre Freund⸗ ſchaft zu ihm kann nur die gute Meinung ver⸗ mehren, welche ich von ihm hege.“ Wanholl ſagte dieſes mit dem ganzen Phlegma, das Georg ſchon fruͤher an ihm be⸗ merkt hatte.„Warum,“ rief dieſer jezt, „mußte mein Freund ſich ſo gegen Sie ver⸗ geſſen!.. Seine Erziehung, ſeine guten Sitten machen mir ein ſolches Benehmen vollig unbe⸗ greiflich.“—„Ich ſelbſt habe ihn zum Theil ſo weit gebracht,“ entgegnete Wanholl.„Wir hatten Champagner getrunken, viel getrun⸗ ken.—„Und jezt wollen Sie. ach! 106 welches auch der Erfolg dieſes ungluͤcklichen Kampfes ſehn mag, fuͤr mich wird er immer ein ſchrecklicher ſeyn. Es iſt ein entſetzlicher Gedanke fuͤr mich, daß ich meinen Freund ent⸗ weder nie wieder oder nur als den Moͤrder eines Mannes ſehen werde, der ſo gerechte Anſpruche auf meine Achtung hat.“—„Sollte ich unterliegen, ſo rechnen Sie Herrn Harville ſein Unrecht gegen mich nicht ſo hoch an. Ich ſage Ihnen dies mit der Ruhe eines Men⸗ ſchen, der vielleicht in ein Paar Stunden nicht mehr athmet, der ſich der Hoffnung des Lebens entſchlagen hat. Die Beleidigung, welche ich erduldete, kann nur durch Blut verſohnt werden. Entweder ich muß umkommen oder ich muß meinen Gegner tödten; aber ich bin nicht unge⸗ recht; ich, ich habe den Hauptfehler begangen · Harville iſt jung und frei; für ihn iſt es keine Schmach in dem Hauſe aus⸗ und eingegangen zu ſeyn, in welchem wir uns trafen. Aber ich, der Gatte, der Vater! durfte ich da erſcheinen? Sein Fehler entſprang aus der Lebhaftigkeit ſeines Characters; aber ich verrieth heilige Pflichten!... O, wie gern handelte ich groß⸗ 109 muͤthig!“—„Und was hindert Sie daran?“ —„Was? die Ehre!. Es iſt unmoͤglich!“ —„Seltſam; Sie werfen ſich Ihr Unrecht vor; ein edles Gefuhl belebt Sie, und den⸗ noch!.. Aber es bleibt ein Mittel, Sie konnen ohne die Gefahr, welche Sie bedroht, die Ge⸗ fahr von Ihrem Gegner abwenden.“—„Wie das?“—„Schießen Sie in die Luft.“— „Was ſchlagen Sie mir vor?“—„Eine Art, ſich zu benehmen, die Ihnen nur im erſten Au⸗ genblicke fremd erſcheinen kann. Ueberlegen Sie es ſich ſelbſt.“—„Rein! nein!“ entgegnete Watholl nach kurzem Nachdenken;„wenn ich die Großmuth ſo weit treiben wollte, dann wuͤr⸗ den Sie ſicher in Ihrem Gewiſſen Mittel und Wege auffinden, meinen Gegner dahin zu brin⸗ gen, auch meines Lebens zu ſchonen. Ein ſolches Uebereinkommen iſt aber bei einer— wie dieſe, unannehmbar.“ Georg erwiederte nichts darauf und Beide gingen jezt einige Minuten ſchweigend neben ein⸗ ander her. Auf einmal blieb Wanholl von neuem ſtehen und ſprach mit etwas mehr Leb⸗ haftigkeit wie gewoͤhnlich:„Geben Sie mir Ihr 110 Chrenwort, dem Grafen Harville nichts, auch nicht das Geringſte zu ſagen, was ihn dahin bringen koͤnnte, meiner zu ſchonen, wenn ich Ihnen das verſpreche, was Sie mir vorſchlu⸗ gen?“ Georg blieb einige Augenblicke, ohne etwas zu erwiedern, nachdenkend ſtehen, dann antwortete er:„Ja, ich gebe Ihnen mein Eh⸗ renwort, daß ich nichts an Harville ſagen werde, was ihn dahin bringen koͤnnte. Sie verſtehen mich, ich werde ihm nichts ſagen,“ ſezte er betonend hinzu.—„Wohlan! Sie haben dann nichts mehr fuͤr Ihren Freund zu ———— ht effl ent e ſich pier e i wir moͤchten ſagen, etwas Jeſuitiſche Subtilität; es war das erſte Mal in ſeinem Leben, daß er dies von der dringendſten Roth, von der hoͤchſten Gefahr und Angſt um ſeinen Freund getrieben, that und ſo glaubte er die Doppel⸗ ſinnigkeit vor dem Richterſtuhle des inneren Rechtes wohl einmal entſchuldigen zu koͤnnen. Wanholl entfernte ſich jezt, um ſeinen Secun⸗ 3. danten zu holen. O, mit welchem erleichterten Herzen ſuchte nun Georg ſeinen Harville auf! Bald war man an dem beſtimmten Orte. Georg erkannte in Wanholls Secundanten den alten Spieler, welcher ihm den Tag vorher bei der Graͤfin Steykew ſo gute Lehren ertheilt hatte, die der Rathgeber aber leider ſelbſt nicht befolgte, und erfuhr jezt deſſen Ramen und Verhältniſſe. Es war ein alter irlaͤndiſcher, auf halben Sold geſezter Offizier, den man nur ge⸗ woͤhnlich den Capitain Gregor nannte. Das alte Original gruͤßte die drei jungen Leute mit großer Ernſthaftigkeit, dann ſprach er:„Meine lieben Freunde, ich ſehe hier mit Kummer zwei wackere Gentlemans, von denen Einer hoͤchſt wahrſcheinlich durch die Hand des Andern fallen wird. Das thut mir ſehr leid, aber in jedem Falle habe ich die gewoͤhnlichen Vorſichtsmaß⸗ regeln genommen. Keine hundert Schritte von hier iſt dort hinter jener Mauer ein geſchickter Chirurgus, der bei dergleichen Vorfaͤllen ſehr brauchbar und gewandt iſt; ich kenne ihn, er diente fruͤher in meinem Regimente und ich fand ihn hier im Gefolge des Lords Farguer, deſſen Arzt er jezt iſt. So wie ich ein Zeichen gebe, wird er da ſeyn. Uebrigens habe ich Ih⸗ nen noch einen Rath zu geben: machen Sie Ihre Sache ſo geſchwind als moͤglich ab⸗ Spazieren Sie einſtweilen friedlich mit einander unter dieſen Baͤumen; Herr Derch und ich wer⸗ den unterdeſſen hinter jener kleinen Hecke da, eine von dieſen beiden Piſtolen, die Sie hier ſehen/ laden. Vebrigens verlaſſen Sie ſich auf mich, daß Alles nach den ſtrengſten n des Rechts geſchehen wird“ 6n6i Georg und der Irlaͤnder ſch nun hinter die Hecke und waͤhrend der Leitere die eine Piſtole lud, ſprach er zu Georg:„Sehen Sie, Freundchen, das iſt das ſieben und drei⸗ ßigte Duell, dem ich in meinem Leben, theils als Zeuge/ theils als Kůmpfer, beiwohnteʒ aber ſolche, wie das heutige, machte ich nur drei mit; einmal für mich ſelbſt und zweimal als Begleiter Anderer.“ Georg hatte anfangs im Stillen uͤber die Ernſthaftigkeit gelaͤchelt, mit welcher der alte Secundant die Vorbereitungen zu einem Duell traf, das nun keinen unglück⸗ üchen Ausgang mehr haben konnte; bei dieſen lezten Worten des Irlaͤnders bebte er aber vor der Gleichguͤltigkeit zuſammen, mit welcher der Mann ſeine moͤrderiſchen Thaten zunerzahlen vermochte und uͤberhaupt eine Handlung anſah, die ſo ungluͤckliche Folgen haben konnte. Beide begaben ſich hierauf zu den Kaͤmpfern zuruͤck. „Handeln wir ſchnell und ordentlich,“ ſprach Gregor nun.„Hier ſind Wuͤrfel; wer den hoͤchſten Satz wirft, waͤhlt ſich eine von den beiden Piſtolen Herr Wanholl, Sie ſind der Beleidigte, wuͤrfeln Sie zuerſt.“ Wanholl warf eine Sechs und eine Viere; Harpille zwei Zweienz der Erſtere ergriff nun die ihm am naͤchſten lie⸗ gende Piſtole und Beide ſtellten ſich hierauf zwei Schritte von einander gegenuͤber und auf ein, von dem Capitain gegebenes Zeichen, ſchoſſen Beide zugleich in die Luft. Harville hatte die ge⸗ ladene Piſtole bekommen; pfeifend flog ſeine Ku⸗ gel uͤber Wanholls Haupte. Uebervaſcht blickte der Leztere Georg an, aber Harville trat zu ihm und machte ihm ſo offene und edle Ent⸗ ſchuldigungen, indem er ihm zugleich anbot, noch einmal zu beginnen, daß Wanholl, obſchon 1 immer zoͤgernd, ſeine Ruͤhrung nicht ver⸗ . H 1 bergen konnte.„Meine Herren,“ ſprach jeit det Irländer,„ich halte dafuͤr, daß die Sacht nicht weiter getrieben werden darf; ich bin zu⸗ frieden, und wenn ich es bin, God dam dann kann es die ganze Welt ſehn. Beim hei⸗ ligen Pattik! ich— ſie—— Wenb und großmüthige Leute.“ tilt Wanholl reichte nun ſeine— an ville und Beide umarmten ſich innig.„Jezt,“ fuhr der Capitain fort,„möſſen wib nur noch ulle diejenigen, welche Zeugen des Streites waren, verſammeln, um ihnen die Verſicherung zu geben⸗ daß der Ehre Genüge geſchehen iſt. Es iſt hierbei keine Zeit zu verlieren und ich werde die Sache beſorgen; vor allen Dingen will ich aber meinen Wundarzt zu Hauſe ſchicken, den wir mun, Gott Lob! nicht brauchen.“ Auf dem Ruͤckwege nach der Stadt erſuchte Wanholl, der jezt wieder etwas heiterer gewor⸗ den war, die Herren, ein oder ein Paar Tage auf ſeinem, einige Stunden von Aachen entle⸗ genen Landhauſe, wo er mit ſeiner Fumilie ge⸗ woͤhnlich lebte, zuzubringen. Harville und der Capitain dies mit Vergnuͤgen an, ₰ℳ1 BGeorg zog es indeß nach Paris zuröck; da je⸗ doch noch nicht glle Gefahr für ſeinen Freund voruͤber war, ſo nahm auch er die Einladung an. Er hoffte durch ein längeres Perweilen Zeit und Gelegenheit zu finden, Harville von ſeiner unglaͤcklichen Leidenſchaft fuͤr die ſoge⸗ nannte ruſſiſche Graͤfin zu heilen, obſchon er bis jezt noch nicht recht wußter wie und durch welche Mittel ihm dies gelingen würde Wöhrend man nun die Pferde ſatteln ließ und ſich zu der Reiſe nach Wanholls Guthe vorbereitete, hatte Capitain Gregor die Gäſte von der Wirthötafel zuſammenberufen und ihnen das Nothige uͤber den Ausgang des Streites mitgetheilt; Harville aber, der ſich einen Augenf blick mit Georg allein befand, ſtattete dieſem ſeinen Dank ab.„Welch einen Dienſt,“ rief er aus,„haſt Du mir erwieſen! Ohne Dich waͤre Wanholl jezt todt und ich ein Moͤrder. Ur⸗ theile, wie unglucklich ich ſeyn wuͤrde!“ Er⸗ ſchreckt durch den Gedanken, daß eine zu genaue Erorterung wielleicht neues Unheil herbeifuͤhren konnte, bat Georg ſeinen Freund, nichts mehn von der Sache zu reden/ auch wunſchte er⸗ daß die beiden Streiter ſich allein das Verdienſt ihrer Großmuth anrechnen mochten. Wie immer, ſuchte auch dies mal der beſcheidene, anſpruchloſe Georg, das Gute, was er gethan hatte, mit eben ſoviel Sorgfalt zu verhullen/ wie Heuchler —— um ihre oh laſſen. itise in Man begab ſich nun endſte. „Herr Harville,“ ſprach Wanholl unterweges zu Georgs Freund,„moͤchte dieſer Tag uns Beiden ein nätzlicher werden. Was mich be⸗ trifft, ſo ändere ich von heute an mein Lebenz ich will Ihnen gerade nicht vorſchlagen, daſſelbe zu thun, nur den Rath erlauben Sie mirs ſeyn Sie in Betreff der Frau, die Sie ſo we⸗ nig kennen, auf der Huth““„Schweigen wir davon,“ rief Harville lebhaft ausz„ich bitte Sie, ſchweigen wir davon! Rie werde ich zuge⸗ ben, daß man von dieſer herrlichen Frau Uebles ſpricht.“ Der Irläͤnder, dies hoͤrend/begnůgte ſich ſpottiſch vor ſich hin zu lächein; Georg aber ſah mit Schmerz, wie ſchwer es halten wuͤrde, ſeinen Freund aus dieſen Banden zu befreien⸗ zugleich fuͤhlte er aber auch doppelt die Noth⸗ „——————— wendigkeit/ alles Mogliche dieſerhalb zu thun⸗ Weil Sie es ſo wuͤnſchen, werwiederte Wan⸗ holl/„ſo ſchweige ichz allein, ehe ich Sie meiner Frau vorſtelle halte ich es für meine Pflicht⸗ Ihnen zu bekennen, welches große Unrecht ich gegen die Meinigen begangen habe. Arme Ama⸗ lie! ich habe frepelnd mit Deinem Glücke ge⸗ ſpielt. Gs ſind jezt vier Jahre, daß ich mich aus Liebe mit meiner Gattin verbandz dennoch, es wird Ihnen ſchwer werden es mir zu glauben; dennoch habe ich, trotz meines bis⸗ herigen ausſchweifenden Lebens, nicht einen Au⸗ geublick aufgehort, meine Frau zu lieben. Eine thorigte, unkluge Anſicht war nahe daran, mich auf immer ungläcklich zu machen; ich wollte alle Genuͤſſe vereinigen.«. ich wollte in mei⸗ nem Hauſe ein glcklicher und guter Gatte und Vater, außerhalb demſelben, ein ungebundener Mann ſeyn:.. Ich war untreu und ſuchte meine Vergehen, um die Ruhe meiner guten Gattin zu erhalten, auf's ſorgfältigſte zu ver⸗ heimlichen. Wir wohnten in Bruͤſſel. Fuͤrch⸗ tend, daß meine Seitenwege doch vielleicht hier meiner Frau zu Ohren kommen koͤnnten, bere⸗ dete ich ſie, mit mir auf das dand zu ziehen⸗ Sie that es gern; ich emwarf ihr ja kin ſo teienbes Gemaͤlbe bon dem Landleben! zudem⸗ ſe liebt mich und was wird einer guten Gat⸗ lin ſchwer fuͤr ihren Mann zu thun!.. Kaum tchten wir aber an unſerem neuen Wohnorte, ſo wandts ich; urn meinen kreutoſen Plan aus⸗ zufuhben, wichtige Geſchaͤfte, einen bedeutenden Rechtshandel vor, hierdurch mir die Gelegen⸗ heit verſchaffend, mich ofters wegbegeben zu können. So auf meinem Landhäuſe wohnend⸗ und oft näch der Stadt reiſend, glaubte ich nun an dem Ziele zu ſehn, wohin ich wollte. Ach, ich betrog inich ſehr! Statt Genuß zu ſin⸗ den, fand ich nut Uaruhe; mochte ich in der Stadt, mochte ich auf dem Lande ſeyn, öͤberall war ich in Anzſt„uͤberall marterte mich eine innere Qudl. Ich machte mir ſelbſt die bitter⸗ ſten Vorwurfe, ich verachtete mich ſelbſt und mein ſonſt tihiger Charaeter verſchlimmerte ſich dadurch ſichtlich von Tage zu Tage. Ich wurde uͤbellaunig, grilig unzuftieden mit Andern wie mit mir ſelbſt.... Nein! nur der rechtſchaffene, der vffene Nenſch kann gluͤcklich ſeyn!.. Aber jezt bin ich⸗ mit mir im n es iſt entſchie⸗ den. ich gehe den rechten, den. heſſeren, den mich allein beglůͤckenden Weg; ich kehre zu den Meinigen zurück und werde, was ich bisher nur S ein Sier⸗ ein treuer Gatte und Vater“ ats man ngekommen war, ſiclte Vuht die t ſeiner Gattin vor; daut ſprach ei, die Leztere umatmend:„Weine Amate, 4 habe Di eine ſehe gute Nacheicht zu bringen meine Wigegerheten in der Stadt ſind ate tenet ich berlaſe Dich nicht neht Bei vieſen Worten ſchien die jung, 6 — neu aufzuleben; ein Zug von Melanchvlie verſchwand aus ihrem Geſichte und die Heiter⸗ keit, welche jezt aus ihren Blicken ſtrahlte, machte ſi ſie nur noch reizender. Sie empfing die Gaͤſte ihres Mannes mit der größten Ar⸗ tigseit; ach! was wuͤrde ſie geſagt haben, wenn ſie haͤtte ahnen konnen, daß Einer von dieſen Fremden noch vor wenig Stunden in Begrif ſtand, der Moͤrder ihres Gatten, der Moͤrder des Vaters von ihren Findern werden! und warum es zu werden!. Auf Harbils machte das Bild dieſes kuhi⸗ 4en, glůcklichen Hausweſens einen tiefen Ein⸗ vruck; noch eininal wünſche er ſich Gluͤck, dem Rathe ſeines Freundes Gehb r gegeben zu haben; dankbar brücke et 3½ die Sur dafuͤt. Georg z.— 1 pat nun„Hurlt pei Seie iez hend, mit ihm nach. Paris zuüchehren! abe vergebens; ale ſeine Bemuͤhungen waren um⸗ ſenſ. Lachend hörte ihn der Feichtſnmoe on, dem warnenden Freunde das Fugnß ge⸗ bend: er ſey ein vortrefflicher Woraßretiger, etklate er zugleich, däß er durchaus jezt nicht in der Stimmung ware, ſolchen Lehren nachzule⸗ ben; dann aber wanbte er ſich wieder zu der Geſellſchaft und begann der jungen und ſchönen Madam Wanholl den Hof zu machen. Der Irlander, welcher einige Worte von der Unterhaltung wiſchen Georg und Harbille gehort hatte, naͤherte ſich jezt dem Erſteten und ſprach „Mein lieber Freund, Ihr Landsmann iſt ein Eigenſinn und es iſt ſehr zu befürchten, daß der ſaubere Chevalier Birkoff und die vortreffliche Frau Graſin ihn noch ein huͤbſches Weilchen am 12¹ Seile hetütnführen werden; das kann aber ſhlicht genug für ihn ausfallet. Veimn heligen Patrik! Bie Behörden in der Suten Stät Aachen wuͤrden nicht übel thun, wenn ſie die beidei Hurrſchaften zn Thore hinusbringen tichen 60d dam! ich vertöte dadurch alle Lage eitie Guinee, indeß wuͤtde ich ſie j wohl wo andets finden. Weit dieſes Weib und ihr Licbhaber, oder ihr Mann, denn eines voh beiden iſt er ſich Ruſſet ſenten, ſo ſolte m ihnen einen Laufpaß nach Stberien ſchrebe. 4 Wihrerd dem Eſſen war Madame Watholt hcht liebenswuͤrdig; jene ſanfte Sifuetehet, die dus Gluͤck giebt⸗ inſttahlte ſie; ihr Mann ſchien nicht weniger vegtückt zu ſehn, und miſt der Aufierkſamkeit eines Liebhubers hing e er ai den Blicken ſeiner jungen Frdu; Harville uber entfaltete die ganze Anmuth ſelſes feinen Unter⸗ haltungstones; Georz war dägegen immer nut mit den Gedanken an ſeinen Freund beſchäftigt. ſtil und einſhlbig. Beim Rachtiſche wurde der Irlander in Folge des ihm trefflich ſchmeckenbeit Weines, ſehr juſtig und aufgeraunt, und meht wie einmal fuͤrchteten die Andern, daß ſeine Scherze der Hausfrau ein ungewüͤnſchtes Liche, theils u üͤber das bisherige Venchmen ihres Man⸗ ves. cheils uͤber den Vorgang von heute Mop⸗ gen, geben würde; glůckticherweiſe kam mani in⸗ deß mit ein Paar Toaſis durch, die er den „reuen Chemännern“ und den„Brapen“ brachte. z Faum war man vom Tiſche aufgeſtanden, ſo nfernte ſch Grorg⸗ ohne einem Menſchen etwas zu ſagen und ehne Abſchied zu nehmen.„Aber wo iſt er denn hingekommen? 6 rief Haryile der ſeine Abweſenheit zuerſt bemerkte. Durch die Bedienten erfuhr man, daß er nach S aicgefehrt war und. ſchon am folgenden? gen um neun uhr wieder nach Paris i wplle. ie eutſchuldgte jezt, ſo. gut wie moglich, ſe zinen iu bei et und Sbat Bernigens, ing; bei—. vewet lenz ich muß meinem Freunde nach, den ich ſo nich reiſen laſen kann.—„und. ich hegleit Sie, erwitderte Warholl.„Schon i in Paris war ich Herrn Dercy zu Dank verpflichtet; jeit bin ich es noch bei weitem mehr 3t b. ——— — —— 3ſen t 3 n 165 . tes gepite nahbini⸗ eine Abenteurin uid ein Fibrſttie⸗ 1 0 Gu ü nur dut h Haus ſchnell verlaſſen, um ſich mit den Mitteln zu beſchäftigen, ſeinen Freund aus den Fallſtricken der Gräfin Steykew und des Chevalier Birkoff zu retten. Sich dieſerhalb an die Behoͤrden zu wenden, wie der Irlaͤnder es zu wuͤnſchen ſchien⸗ hielt er nicht für rathſam, auch geſiel ihm dies Mittel nicht; indeß war es doch immer eine lezte Zuflucht... beſſer hielt er einen andern Weg. Er hatte nämlich zuweilen gehoͤrt, daß man Geld geopfert, um ſich von irgend einem Abenteurer los zu machen; daß man ſolche Men⸗ ſchen gleichſam abgekauft hatte, und er dachte jezt, dies konne ihn vielleicht ſchneller zum Ziele fuhren, als der Weg einer gerichtlichen Ver⸗ folgung gegen Perſonen, deren Verbindungen er doch nicht genau kannte, und in einem Lande, wo er nicht wußte, ob die Behoͤrden ſehr geneigt ſeyn wuͤrden, in ſeine Anſichten einzugehen. Wie ſehr wuͤnſchte er ſich daher Gläck, daß il das Geld nicht bedurfte nch o für ihn niebracht hatte, indem er hierdurch die Moglichkeit vor ſich ſah, vielleicht den Freund— eine Hand voll Gold retten zu koͤnnen. mnunn niln 1 0 1 hlin. ck zu verlieren, ginger dem Hauſe der Graͤfin zu; uinterwegs kamen ihm jedoch wieder andere Gedanken.„Warum,“ ſprach er zu ſich ſelbſt„follte ich wohl Gold an dieſe Merſchen wegſchmeißen? Wäre das nicht eins Albernheit? und bleibt mir dieſer Weg nicht immer noch wenn alle andere Ver⸗ ſuchen wir orſt ein anderes Mittel.“ 8 1Wie ſehr waren heute ſeine ennſnunzes von denen verſchieden, welche ihn geſtevn er⸗ fuͤllten/ als er das Spielhaus betrat! Geſtern war er als ein ſchuͤchterner Fremdling, geaͤng⸗ ſtigt durch die bevorſtehende Eataſtrovhe und ohne Kenntniß des Characters der Perſonen, welche Harville jezt umgarnt hielten, gekommen; heute kam et dagegen mit dem aufrichtenden Be⸗ wußtſtyi, welches eine gute That verleiht; er 1²⁵ kam mit der Ueberzeugung, daß er mit Schelmen zu thun habe und, wie immer der Rechtſchaffene das uUebergewicht uͤber den Schelm hat, mag dieſer auch noch ſo gewandt ſeyn, ſo fuhlte auch er heute ſeine Ueberlegenheit uͤber dieſe Men⸗ ſchen. Rie war er beim Auftreten in eine Ge⸗ ſellſchaft ſo unbefangen geweſen, nie fuͤhlte er ſich weniger beklommen und verlegen; er war 6 daruͤber S e es ſch ibr0 mehr— ſauſchaſt bei der Graͤfin vor als geſtern, pb⸗ ſchon kein Balltag war; eine dichte Menſchen⸗ maſſe draͤngte ſiche in den Soͤlen hin und her. In dem Augenblicke, als Georg eintrat, ſtand alles, was nicht gerade am Spieltiſche boſchäf⸗ tigt war, hier und da in Gruppen vertheiltz man ſprach und fluſterte; uͤberall war das Duell von dieſem Morgen der Gegenſtand der Unterhaltung. Jeder erzahlte, was er davon wußte, und wie gewohnlich, ſeite Jeder auch noch etwas von eigner Erfindung hinzuz im Ganzen ſtimmmten jedoch Alle darin uͤberein⸗ das Benehmen der beiden Kaͤmpfer als brav⸗ vas der Secundanten als verſtändig und recht⸗ lich anzuerkennen. zist a dr Alle Blicke richteten ſich jezt auf Georgs obſchon er erſt den Tag vorher hier angekom⸗ men und kaum eine halbe Stunde im Hauſe der Grafin geblieben war, ſo erkannte man ihn doch ſogleich wieder; zudem wußte man, daß er einer der Zeugen geweſen war.— Capitain Gregor hatte dies, zugleich mit ſeinem Lobe, allen Menſchen erzählt— war dies nicht hin⸗ reichend, um ihn in den Augen aller dieſer Leute ſchnell zu einer ſehr wichtigen, ſehr peachtenswerthen Perſon zu machen? Man ſchloß einen Kreis um ihn und es ſchien faſt, als erwarte man, er werde das Wort nehmen und alle Umſtände des Vorfalles mittheilen, ja Einige erlaubten es ſich ſogar, ihn danach zu fragen. Georg hielt ſich nicht fuͤr verpflichtet⸗ dieſe Reugierde zu befriedigen; er antwortete pöfüch, aber kurz, und ſeine Augen ſuchten nur die Frau Gräfin und den Herrn Chevalier in dieſein Gedrnge auf. Umringt von einer An⸗ beterſchaar, ſaß die Erſtete am entgegengeſezten Gide des Saales, det Herr Chevaliet ſtaud da⸗ gegenin einem Rebencabinette, an einem Spiel⸗ tiſche, zwar nicht ſelbſt Banque haltend, aber doch pointirend, und durch hohe Parees ſeine Rachbarn rechts und links zum Spiele ermun⸗ ternd. Georg überlegte nun noch einmal in der Schnelle ſeinen Plan und, ſich moglichſt den Blicken der Frau Gräfin entziehend, gins er in das Cabinet, wo ſich der Chevolier be⸗ fand, und ſtellte ſich, nachdem er die Fofel — hatte, hinter dieſen. cMn i Auf ein Wort, wenn ich bitten datf/⸗ vn er, den angeblichen Ruſſen leiſe auf die Schulter klopfend;„eine wichtige Angelegenheit zwingt mich, Sie zu erſuchen, mir einige Au⸗ genbliche Gehdr zu geben.“ Georg ſagte dieſe Wortt zwar ſehr hoflich, aber doch in einem ſo feſten Tone, daß Bikoff ſich nicht weigern konnte, ſeinen Wunſch zu erfullen; Beide ent⸗ fernten ſich nun.„Sie ſind ja wohl,“ führ Georg jezt fort,„mit der Dame, in deren Hauſe wir uns befinden, näher bekannt?“— „Ich bin ſo gluͤcklich,“ erwiederte der Andere! Schön; es handelt ſich hier darum„ ihr einen Dienſt zu ebweiſen“—„Wie das?“ 12⁸ ieleicht habe ich Unrecht, michin die Sgache zu miſchen; indeß, es iſt ja wohl Pficht ſich den Damen gefälig“ zu erzeigenz nicht wahr?“—„So denke ich auch“ Pot⸗ trefflich! Horen Sie mich denn: Die Famile des Grafen Harvile iſt mächtig und angeſehn in Fronkreichz auch wird es Ihnen bekannt ſeym daß ſein Vater in dieſem Augenblicke unſer Gefandter an einem der erſten nordiſchen Hofe iſt.“—„So hat man mir⸗ geſagt“ „Mon weiß⸗ daß mein⸗ Freund eine Leidenſchaft für dieſe Dame hegt; man weiß, daß eine ſehr beunruhigende Chrenſache die Folge davon geweſen iſt, und man hat nun naͤhere Nach⸗ eichten ſich zu verſchaffen geſucht“— Wer Chevalier, welcher, je weiter Georg ſprach⸗ immer aufmerkſamer wurde, ward hier ſichlich unruhig; Georg fuhr. ihm feſt anſehend, fortt „Die Dame nennt ſich eine Ruſſin und Witwe des Grefen Steykewz.. min Herr man wei daß ſie keine Ruſſin iſt, daß ihr Name und ihr Litel falſch ſind⸗“—„Wie! Sie wa⸗ gen.—„Seyen Sie ruhig, ich wage —————————— 129 in jedem Lande die Behorden das Recht haben, ſehr kurz mit Fremden zu verfahren, welche die Gaſtfreundſchaft misbrauchen. Sie werden da⸗ her fuͤhlen, daß eine große Gefahr Ihre Freun⸗ din, die Frau Graͤfin, bedroht.“—„Mein Herr!“ rief hier der Chevalier etwas aufbrau⸗ ſend aus,„wollen Sie mich beleidigen?“— „Keineswegs; ich ſpreche ja gar nicht von Ih⸗ nen; wie kann es Sie beleidigen, wenn ich Sie bitte, einer Dame, fuͤr welche Sie ſich intereſſi⸗ ren, einen Dienſt zu erweiſen.“—„In der That,“ entgegnete Birkoff mit milderem Tone, „Sie üͤberraſchen mich ſehr... es wird mir ſchwer daran zu glauben... ich bin ſo feſt uber⸗ zeugt..“—„Ach, dieſe Frauen ſind ſehr gewandt,“ fiel Georg laͤchelnd ein;„ſchon man⸗ cher kluge Mann wurde von ihnen hintergangen. Seyn Sie großmuͤthig, benachrichtigen Sie die Frau Graͤfin in der Stille, daß es nur ein Nittel fur ſie giebt, einem unangenehmen Aufſehen in der Stadt auszuweichen; dies Mittel iſt, daß ſie Aachen ungeſaͤumt verläßt.“—„Fuͤrwahr, ich weiß nicht, ob ich dieſen ſeltſamen Auftrag ber⸗ nehmen ſoll... Frau von Steylzw wird ſich, II. J wie ich zweifle, rechtfertigen können.. ſie wird..„Erregen wir kein Aufſehen. Fahren Se ruhig in Ihrem Spiele fort und wenn ſich die Geſolſſchaft verloren hat, dann er⸗ zählen Sie ihr unſere jezige unterhaltung, und rathen Sie ihr, noch dieſe Racht zu reiſen. Aus bloßer Freundſchaft kam ich hierher, nach Aachen; doch will ich Ihnen nicht verhehlen, daß der Herzog von**, dem der Marquis Harville bei ſeiner Abreiſe an ſeinen Geſandſchaftspoſten ſei⸗ nen Sohn empfahl, in Begriff ſteht, entſchei⸗ dende Schritte zu thun, ja vielleicht bereits welche gethan hat.“ Georg entfernte ſich mit dieſen Worten, und ließ den cheraler blaß und beſtuͤrzt zuruͤck, um ſich in dem vorderſten Saale der Frau Gra⸗ fin nun ſelbſt zu naͤhern. So wie die Dame ihn erblickte, erhob ſie ſich und begann mit allen Zeichen der lebhafteſten Unruhe, ſich nach ſeinem Freunde Harville zu erkundigen.„Iſt es denn wahr,“ rief ſie aus,„daß er dieſen Morgen ein Duell mit Herrn Wanholl hatte, und daß Sie deswegen nur nach Aachen kamen, um ihn zu ſecundiren? D, ums Him⸗ mels Si beruhigen Si mich, meine Angſt iſt ſchrecklich.“— Georg ermangelte nicht, ihr zu ſugen, ſie koͤnne vollkommen ruhig ſeyn; „Aber,“ ſezte er leiſer hinzu,„leider muß ich Ihnen zugleich auch einige uble Vachtichen, in Betreff eines andern Freundes, ſagen, an dem Sie, wie ich weiß, einigen Theil nehmen.“— „Und wer iſt das?“ fragte die Grafin, ſich niederlaſſend und zugleich Georg bittend, neben ihr Platz zu nehmen.„Es iſt der Herr, wel⸗ cher ſich hier fuͤr einen Chevalier de Birkoff ausgiebt.“—„Wie, ausgiebt? wie meinen Sie das?. Er heißt ſo... was haben Sie ſich da füͤr ein Maͤhrchen aufheften laſſen?“— „Ich fuͤrchte ſehr, daß ich nicht der Getaͤuſchte hierbei bin.“—„Sie glauben, ich hätte mich von ihm taͤuſchen laſſen?..—„O, dieſe Leutchen ſind ſehr geſchickt; es fehlt nicht an Beiſpielen in Paris, in London und in andern großen Orten, daß es ihnen gelungen iſt, Da⸗ men, die ſowohl durch ihre Erziehung, als durch ihren Geiſt und ihren Stand ausgezeichnet waren, zu hintergehen. Die Frauen ſind ſo gut, ſo vertrauensvoll.. 1³² Beſtuͤrmt von der Groͤfin, die im Ganzen nhe Neugierde als Furcht zeigte, begann Georg von den bedeutenden Verluſten zu ſprechen, welche ſein Freund im Spiele gegen den Che⸗ valier gehabt hatte, von der Unruhe, welche die Familie Harville dieſerhalb empfand, und von den Rachforſchungen, welche man ange⸗ ſtellt habe und woraus ſich denn ergeben haͤtte, daß der angebliche Herr Chevalier nur ein Glüͤcksritter ſey.„Das ſind Verleumdungen⸗ und nichts wie Verleumdungen!“ rief die Graͤ⸗ ſin.—„Moglich,“ entgegnete Georg;„indeß kann doch der Herr Chevalier ſehr leicht das Opfer davon werden. Meinem Dafuͤrhalten nach wuͤrde er immer am beſten thun, wenn er, um dem Sturme auszuweichen, in aller Stile Aachen ſo ſchnell wie moglich verließ.“—„O, er hat nichts zu fuͤrchten.“—„Wie Sie meinen; ich an Ihrer Stelle, wuͤrde jedoch mit dieſem Menſchen brechen; ja ich wuͤrde ihn ſelbſt er⸗ ſuchen, zu reiſen, und zwar recht ſchnell abzu⸗ reiſen. Wer weiß, ob der vor einer Stunde aus Paris gekommene Courier nicht bereits 133 Depeſchen nitbrachte, die ihn ſehr nhe an⸗ gehen.“ Nach dieſen, mit einem Tone, der ließ, daß er mehr wußte, als er ſagen wollte, ausgeſprochenen Worten, anderte Georg ſchnell die Unterhaltung; die Dame aber, nun ihrer Seits unruhig geworden, ſuchte auf alle moͤg⸗ liche Art noch mehr von ihm zu erfahren; Georg ließ ſich indeß auf nichts weiter ein und entfernte ſich nach kurzem Verweilen. Den folgenden Morgen lag er noch, ermů⸗ det von den Anſtrengungen mehrerer Tage, im Bette, als Harville und Wanholl in ſein Zim⸗ mer traten.„Gott ſey Dank!“ rief der Er⸗ ſtere,„da biſt Du ja noch. Weiß der Him⸗ mel, Du biſt ein ſeltſames Original; warum haſt Du uns denn geſtern ſo ſchnell verlaſſen? Doch ich will die wenigen Augenblicke, die wir noch mit einander zubringen konnen, nicht mit Dir zanken. Geſchwind! geſchwind! aufgetra⸗ gen zum Fruͤhſtuͤck; Capitain Gregor wird auch gleich hier ſeyn. Da wollen wir noch in der Schnelle einigen Flaſchen den Hals brechen, denn ich ſage es Ihnen gleich vorher, meine „* 1³⁴ Herren, lange habe ich nicht Zeit, es verlangt mich, meine liebenswürdige Graͤfin wieder zu⸗ ſchem“ Genrg tein jet ſeinem zeute nſchaft iureden, in nach Paris zu folgen; auch wagte wieder, einige Worte gegen die Gräfin vorzubeingen.„Wahrhaftig“ rief Har⸗ ville,„ich bin doch ein wahres Muſter von Swi⸗ und Ir von Hartncigktit Warum wollt hr mit Gewalt mein Gluͤck ſthren? Sie iſt doch ein göttliches Weibchen!“ Zugleich aß und trank er mit großem Appetit und fuhr itmer ſe. des Lob ſe Schoͤnen zu ver⸗ ihn zinize Vugenblice hutge, 3 dem Zuſatze, daß er gleich wieder da ſeyn wuͤrde, und daß er dann ganz der Freundſcaft ange⸗ horen wolle. „Wo wollen Sie denn ſo ſchnen hin?“ fragte der Capitain Gregor, der in dieſem Au⸗ genblicke herein trat.—„Nur eine kleinen Beſuch machen.—„Gewiß bei der ſchoͤnen Gräfin, nicht wahr?“—„Sie haben es erathen“ 6 da beiben Sie ganz ruhig —— hier; die iſt uͤber alle Berge.“—„Was?“ —„Auf mein Wort. Die ganze Stadt iſt voll S. und dies hat mich auch einige Augen⸗ blicke verſptigt.“ Der Jlländer ſeite ſich nun und ſchenkte ſich raſch nach einander ein Paar Gläſer ein. Ja, wie ich ſage, die Schoͤne, zuſammt hrem Cabalier, ſind in peſt Racht fort.“—„Ihrem Cavalier?. 6„Ja, ja; dem Herrn, der ſich fuͤr einen Cheyalier de Birkof ausgab. Der Gaſtwirth, den die ſo⸗ genannte Frau Graͤfin in aller Eile zu bezahlen vergaß⸗ hat Larm geſchlagen. Se auf dies Signal ind die Krämer und die Schuldleute von allen Seiten herbeigerannt; die Kammzrjungfer weint und ſchreit; die Bedienten fluchen; im Hauſe tärmen und pochen die Gläubiger; die pflaſter⸗ treter auf der Gaſſe lachen und ſpotteln; o! es iſt ein Teufelslarm, der duch die ganze gute Stadt Aachen ſchallt.“ Harville ſtand beſtuͤrzt und ſunn da und ſah bald den Einen, bald den Andern an. „Weiß man nicht,“ fragte Wanholl,„welche Beweggruͤnde die Dame zu dieſer übereilten Fuucht brachten“—„Wenn man dem Ge⸗ — 16 ruͤchte Glauben beimeſſen darf,“ erwiederte der Capitain,„ſo ſoll geſtern Abend ein Bekannter die Herrſchaften gewarnt haben, auf ihrer Huth zu ſeyn, indem der hieſige Magiſtrat, auf Re⸗ quiſition von Paris aus, ſie habe aufheben laſſen wollen. Es iſt nichts an der Sache; indeß hat ihnen doch das Gewiſſen geklopft und ſie ſind davon gelaufen.“— Georg wurde bei dieſen Worten ungemein verlegen; er fuͤrch⸗ tete als der Veranlaſſer des ganzen Ereigniſſes entdeckt zu werden.„Jezt,“ fuhr der Irlaͤnder fort und ſchenkte ſich immer fleißig dazu ein, „jejt ſind nun die Spieler und die Waſſertrinker zuſammengekommen und theilen ſich einander ihre Erfahrungen mit; o da kann man koͤſtliche Dinge hoͤren!“ Er begann hierauf eine Menge, nicht ſonderlich erbaulicher Anecdoten uͤber die beiden Herrſchaften mitzutheilen.„Sagte ich es Ihnen nicht vorher, Herr Derch,“ ſprach er, „daß ſie eben ſo wenig eine Gräfin, wie er ein Chevalier iſt? Es hat ſich jet Alles ent⸗ deckt; ſie heißt Catharina Motart, und war fruͤher Schauſpielerin zu Colmar, nachher hielt ſie aber ein Spielhaus in Haäg; ſein Rame 167 iſt Jerome Duͤchemin. Seines Zeichens iſt er eigentlich ein Marqueur aus Marſeille; ſpäter machte er den Fechtmeiſter in Turin, dann den dſterreichiſchen Spion in Mailand, und weiß Gott, was noch Alles. Mag dem ſeyn, wie ihm will; danken wir Gott, daß ſie fort ſind; ich komme freilich um meine Guinee alle Tage und muß nun, wie die Andern, auf die Re⸗ doute gehn und da ſpielen und ſchlafen.“ Harville, der noch immer tief in Gedanken dageſtanden hatte, ſchien ſich jezt plötzlich zu ermuntern.„Champagner her!“ rief er lachend; „ich war ganz verteufelt verliebt, aber nach laufe ich ihr nicht. Jezt, mein lieber Georg, halt mich nichts mehr ab, Dir nach Paris zu folgen.“ Dank dem Champagner, das Fruͤhſtuͤck endete ſehr fröhlich. Roch denſelben Tag fuhten die Freunde mit einander nach der Hauptſtadt ab; Capitain Gregor kam aber ein wenig taumelnd auf die Redoute, Wanholl kehrte dagegen zu ſeiner Frau zuruͤck, die ihn mit Entzücken em⸗ pfing und die artige und geiſtreiche ünterhaltung Harvilles nicht genug loben konnte.„Aber,“ ſezte ſie hinzu,„dieſer Herr Georg Derch iſt . 13⁸ ſehr einſolbig, ſehr er ſcheint mir ein rechtſchaffener Mann, jedoch ein bischen gei⸗ ſtesarm zu ſeyn“ Widerwaärtigkeiten. n Wehrend der erſten Stunden der Reiſe drückte Harvlle noch lebhafter wie vorher, ſeinen Dank für das aus, was ſein Freund fuͤr ihn gethan hatte, und dennoch kannte er die Groͤße des Opfers nicht ganz, welches eben dieſer Freind ihm brachte, indem er Paris verließ; eben ſo wenig ahnete er, wie viele Mühe ſich Georg gegeben hatte, um den Pſeudo⸗ Chevalier und die angebliche Graͤfin zu vertreiben. Georg da⸗ gegen dachte jezt nur noch an Victorine; den Freund in Sicherheit wiſſend, nahm er deſſen Dantbezeigungen zwar wohlwollend auf, glaubte aber auch nun ſich wieder mit ſich ſelbſt beſchaͤf⸗ igen zu können. Mehrmals ſtand er übrigens 139 —* auf dem Puncte, ſein Geheimniß Harville zu entdecken, immer hielt ihn jedoch die Furcht, indiscret gegen Victorinen zu handeln, zuruͤck. Aber wie ſehnte er ſich, bald nach Paris zu kommen! Die Rollen ſchienen i in dieſem Augen⸗ blicke wiſchen den Freunden gewechſelt zu ſeyn; Harvile war weniger unruhig„weniger heftig in ſeinem Benehmen, weniger eilfertig, als ſonſt. Immer darauf ausgehend, ſich zu vergnuͤgen, wollte er in allen Gaſthoͤfen anhalten, alle Städte, alle Vergnuͤgungsorte, alle huͤbſche Weiber ſehen; Georg dagegen, der ſich ſonſt ſo gern und willig in die Wunſche Anderer fugte, war jezt heftig, ungeduldig und klagte bald über die Langſamkeit der Pferde, bald über die Nachlaßigkeit und Einkehrluſt der Po⸗ ſtilione; unabweisbar beſtand er darauf, daß Tag und Racht gereiſt wurde. In ihrem gewoͤhnlichen Umgange war Georg immer der nachgebende Theil geweſen; jezt mußte Harville dieſe Rolle uͤbernehmen, und gut wie immer, that er dies gern und half dem unge⸗ duldigen Georg die Poſtilone ausſchelten es war Nacht; ſon war man ber Pe⸗ tonne hinaus; Georg, durch die Raſchheit, mit welcher der Poſtillion fuhr, etwas beruhigt und immer dabei an Victorinen denkend, glaubte einen gänſtigen Augenblick gefunden zu haben, um ſeinem Freunde einige vernuͤnftige Vorſtel⸗ lungen zu machen.„Mein lieber Harbille,“ ſprach er,„werden denn die Gefahren„denen Du ſo eben erſt glücklich entgangen biſt, Dich nicht endlich einmal etwas vorſichtiger machen? Sich ſelbſt, welch einem Abgrunde Deine Flat⸗ terhafti geit, Deine Vetgnůgungsſucht und Dein Leichtſnn, über den ich oft genug ſeufze und den Du Dir leider uit unter zur Shre anrech⸗ ueſ, Dich entgegen zogen. Du biſt ſonſt ſo gut, ſo rechtlich, ſo mitleidig und großmüthig. Du haſt alle Anlagen, um ein tugendhafter Menſch zu werden, und dennoch!... Verſprich mir, daß Du in Zukunft verſtändiger und ordent⸗ ſicher werden wiliſt.— Harville unterbrach ſeinen Freund nicht, denn er war bei den erſten Worten deſſelben eingeſchlafen.„Es freut mich,“ fuhr Georg fort,„an Deinem Stilſchweigen zu ſehen, daß Du mir beiſtinmnſt. Ich bin 11 weit entfernt, mich Dir zum Muſter vorſtellen zu wollen, denn ich fuͤhle es nur zu gut, wie viele Fehler ich noch habe; allein, ich bin doch wenigſtens im Stande, meine Leidenſchaften zugeln zu koͤnnen.“ Man war während dem auf einen rauhen und ſteinigen Weg gekommen, wo die Fahrt nicht mehr ſo ſchnell, wie vorher, ging. Georg unterbrach ſich hier ſelbſt, um dem Poſtillion mit Heftigkeit zuzurufen, raſcher zu fahren;„Ich werde den Wagen zerbrechen, wenn ich das thue,“ erwiederte dieſer.—„Ausflͤchte!“ entgegnete Georg noch ärgerlicher;„fahr' zu; Du bekoͤmmſt doppelt Trinkgeld.“ Der Poſtillon ließ ſich dies geſagt ſeyn und fuhr, daß die Raͤder ſaußten. Dieſer kleine Dialog hatte Harville erweckt, der nun ſehr genau auf das hoͤrte, was Georg, ſich nach und nach wieder beruhigend, noch glaubte hinzufuͤgen zu muͤſſen. „Ja,“ fuhr er fort,„ich denke wenigſtens immer erſt nach, ehe ich handle, und ſuche mich in die Umſtände zu fuͤgen; kurz, ich verſtehe es, mich zu gedulden und mich zu beherrſchen.“ —„Dann gratulire ich Dir,“ erwiederte Har⸗ 1 vn lüchelnd.—„Vergiß das nie, tieber iein⸗ wer zu viel verlangt, verliert; wer zu e ſoht will, kömmt zu Schaden.“ och ſprach Georg ſo, als ein Rad knackend zerbrach, und der Wagen heftig umſtürzte; zum Glůck jedoch ohne daß Jemand beſchaͤdigt wurde. „Ungeſchickter! Dummkopf!“ rief Georg ganz außer ſich, dem Poſtillon zu; was ihn jedoch noch argerlicher machte, war, daß Hatville laut auflachte.„O, lache nur, lache nur!“ ſprach er mit halb erſtickter Stimme.„Verwuͤnſcht wär' Deine Ruhe! Du haſt nichts zu verſau⸗ men; Dich treibt nichts.“—„Mein großer Philoſoph,“ erwiederte Harville, noch immer lachend, ich freue mich lediglich uͤber Deine Fertigkeit in der Selbſtuberwindung. O, welch ein Muſter von Ruhe und Gleichmuth biſt Du! Doch, ſey nicht boͤſe; wuͤnſchen wir uns Gluͤck, daß es ſo gut abging; was liegt weiter daran; der Schade iſt bald gehoben und hoͤchſtens giebt es ein Paar Stunden Aufenthalt.“—„Wie! ein Paar Stunden??“ rief Georg, ſo gut wie er vermochte, aus dem zerbrochenen Wagen hervorkriechend;„Nein! zum Teufel! ſo lange — — 143 warte ich nicht.“ Bei dieſen Worten ſpannte er das Sattelpferd des Poſtillons aus, ſchwang ſich auf und ſprach:„Harville, wir ſehen uns in Paris wieder,“ und jagte im Galopp davon. „Georg! Georg!“ tief Harville ihm nach, vergiß nicht, mir bei erſter Gelegenheit Deine vortreffliche Predigt zu vollenden.“ Georg war ſchon zu weit entfernt, um dies noch zu horen, Harville aber fuhr zu ſich ſelbſt fort:„O, o, mein Freund muß etwas ſehr Wichtiges vor⸗ haben, das ihn ſo ganz aus ſeinem Character beingt. Run, ohne gerade ſo zu eilen wie er, will ich doch keine Zeit verlieren, ihm nachzu⸗ kommen; wer weiß, ob ſich nicht eine Gelegen⸗ heit ſindet, wo ich ihm ſeine ſci ver⸗ gelten kann.“ Auf der naͤchſten Station angekommen, ſandte Georg Leute zuruͤck, um den zerbrochenen Wa⸗ gen fortſchaffen zu helfen; er ſelbſt nahm aber Cou⸗ rierpferde, verſchwendete Trinkgeld uͤber Trink⸗ geld, und jagte unaufhaltſam der Hauptſtadt zu. Um ſechs Uhr Morgens kam er nach Bour⸗ get! ſtatt von hier aus die gerade Straße nach Paris zu verfolgen, machte er einen Umweg und noch war es nicht act Uhr, ſo befand er ſich in der Rähe des Landhauſes von Herrn Duͤbrocard. Hier ſtieg er ab, und gab dem Poſtillon die Pferde zu halten; aber was fuhrte ihn hierher? was will er hier?. er wußte es ſelbſt nicht; doch was thut das? iſt er nicht in ihrer Raͤhe?...„Ach! wenn Vietorine,“ rief er,„doch, ihrer Gewohnheit gemaͤß, mit ihrer alten Begleiterin ausgaͤnge, um irgend einen Punct der Gegend zu zeichnen!“— Durfte er dies wohl erwarten? Rein! Es war ein Herbſttag, zwar ſchön, aber kuͤhl, und das welkende Laub fiel bereits von den Bäumen. Er umkreißte jezt die Mauern des Parks; nicht lange, ſo ſtand er an der kleinen Pforte, durch welche er an dem von der Frau Dechamps beſtimmten Tage, hatte kommen ſollen, und wo ihn das Ereigniß mit ſeinem Freunde abgehal⸗ ten hatte. Durch die gute Alte wußte er, daß dieſe Thure ſtets offen war; ſie war es auch heute, aber dennoch wagte er nicht, in den Garten zu gehen; vorſichtig blieb er an der chuͤre und ſah nur mit Sehnſucht die Gaͤnge hinab. ein Gluͤck! nicht weit von hr 145 ſaß die Alte unter einem Väume und ſtrickte. Raſch eilt er nun auf ſie zu; erſchreckt durch ſein plötzliches Erſcheinen ſpringt dieſe aber auf und ſtoͤßt einen lauten Schrei aus, den man jedoch zum Gluck im ohufernen Schloſſe nicht hoͤrt.„Wie?“ ruft ſie voll Zorn aus,„Sie ſind es? Sie? und Sie wagen es noch, nach Ihrein Abſcheulichen Benehmen, hierher zu kom⸗ men? Geh'n Sie, mein Herr/ geh'n Sie, oder ich rufe Leute““—„Um's Himmels willen, meine beſte Frau Dechamps, hoͤren Sie mich..— „Nein! nein! ich will nichts höven. Es iſt ab⸗ ſcheulich! Erſt um eine Untervedung ſo flehend⸗ lich zu bitten und dann nicht zu kommen! O, mein Himmel! wie gut war es, daß ich Victo⸗ rinen nichts von der ganzen Sache ſagte!“— „Aber ſo höten Sie doch..“—„Nein, ich hoͤre nichts. Geh'n Sie, mein Herr, gehn Sie ehe man uns hier uͤberraſcht.“ Georg fuhr fort, ſo langs zu bitten, und in die Alte zu dringen, bis ſie ihm verſprach, ihn auf den Abend an demſelben Orte zu fin⸗ den, wo er ſie bereits ein Paavmal getroffen hatte; unetweichbar beſtand ſie aber auch zu⸗ II. K 146 gleich darauf, daß er ſich auf's ſchnellſte ent⸗ fernen muͤſſe. Er gehorchte. Die Unterredung, welche ihm Frau Dechamps auf den Abend zugeſtanden, hatte alle ſeine Hoff⸗ nungen wieder erweckt; je näher er Paris kam, je leichter athmete er auch; er konnte ſich das Zeugniß geben, daß er die Pflichten der Freund⸗ ſchaft erfullt hatte; jeit ſchmeichelte er ſich, daß ihm das Gluck in ſeinem Unternehmen auch laͤcheln wuͤrde. Wie wenig fuhlte er in dieſer Hoffnung die Ermüdung von der Reiſe Er war ja ſo glucklich.— Ohne mit verhaͤngtem Zuͤgel zu jagen, hatte Haile doc ſeine Reiſe ſchnell beendet, und kaum war es Mittag, ſo kam auch er in Pa⸗ ris an und eilte ſogleich zu ſeinem Freunde, der ſich eben, nach ein Paar Stunden kurzer Ruhe, wieder erhob. Trotz ſeiner Ueberzeugung⸗ daß ſehr wichtige Gruͤnde ſeinen ſonſt immer ſo ruhigen Freund zu einer ſo großen Haſt und Eile muͤßten bewegt haben, fragte Harville ihn dennoch, nur unter Scherzen und Witzeleien⸗ nach der Veranlaſſung dazu, und Georg, der jezt wirklich in Begrif ſtand ſic ſeinem Freunde zu entdecken, wurde nun eben hierdurch wieder zuruͤckhaltend und verſchloſſen. Dennoch, nicht unempfindlich gegen die oſtenen und chrlichen Freundſchaftsbezeigungen Harvilles, verhehlte er ihm nicht, daß in der That eine wichtige An⸗ gelegenheit ihn jest ſehr beſchäͤftige, bat ihn aber auch zugleich, dieſerhalb nicht weiter in ihn zu dringen, indem er ihm dabei die Ver⸗ ſicherung gab, daß er auf jeden Fall ſich an ihn zu aliererſt wenden wurde, wenn er den Beiſtand eines Freundes dabei bedurfe. Harville bildete ſich nun ein, daß Georg ſich nur durch den Verluſt ſeiner Stelle ſo be⸗ unruhigt fuͤhle, und dieſer Gedanke war hin⸗ reichend, um ihn ſogleich zu dem Entſchluſſe zu bringen, alles Mogliche zu thun, um ſeinen Freund wieder in die Gunſt des Herzogs zu ſetzen, und jet⸗ elenden Daeitust⸗ ſ⸗ 6r ſtrir auch ſoglich ang Welfs dem er Georg noch einmal ſeine unwandelbare Freundſchaft zugeſchworen hatte, entfernte er ſich und begann eine Menge Beſuche zu machen. In de Aufwallung ſeiner Dankbarkeit vühmte K2 er einem jeden, der ihn nur anhoören wollte, die Bravheit, die Großmuth und die Aufopfe⸗ rung ſeines Freundes; dabei ſcheute er ſich ncht, ſich ſelbſt anzuklagen; er erzählte ſein Duell, ſeine Geſchichte mit der Pſeudo⸗Gtafin, Georgs treffliches Benehmen, und eh' noch der Abend kam, kannten eine Menge— di Vbe⸗ teuer unſerer Freunde in Aachen. Mit ungeduld ſah Georg deim Ende des — entgegen⸗ und lange vor der beſtimmten Stunde war er, auf Frau Dechamps harrend, an dem bewußten Orte. Sie kam endlich aus dem Hauſe, in welchem ſie alle Abende ein Stuͤndchen zu verplaudern pflegte, und ſchnell eilte er auf ſie zu; aber ach! wie erſchrack er, als er ſie jezt noch viel unwilliger, viel aufge⸗ brachter, als am Morgen, fand.„Sie irren ſich,“ begann ſie,„wenn Sie glauben, daß ich komme, um mit Ihnen zu ſprechen; wir wiſſen Alles, wir haben Alles vernommen“—„Mein Himmel! was wiſſen Sie denn?“ Daß Sie ein ausſchweifender Menſch, ein Spieler, ein Raufbold ſind! daß Sie mit einem andern, eben ſo leichtſinnigen Menſchen, wie Sie, der 149 ſich Marbjllee. Darville.. Charville.. oder Gott weiß wie? nennt, im Lande herumziehen, daß Sie jeder eine Maitreſſe i in Preußen., ₰ 83 weiß ich haben, daß Sie..„Mein G hat ſolche Verleumdungen ausſprengen konnen? 6 —„Wer...7 ein von Allem genau irriche teter Mann,“—„Sein Name?“—„Ich werde mich wohl i. ihn zu nennen. Ei ja, einem ſolchen Raufbolde, wie Sie. einem ſolchen Schläͤger. da gäb' es ein neues Duell. O, wir wiſſen Alles; wir wiſſen, daß Sie ſich geſchoſſen haben.“—„Ich“— a, Sie. auf Piſtolen haben Sie ſich geſchoſſen, und Sie haben Ihren Gegner getoͤdtet, oder wenigſtens doch den armen Hollaͤnder vielleicht auf lebens⸗ lang unglückich gemacht.“—„Welch ein Ge⸗ webe von unwahrheiten!„d Victorine kann dies auch glauben?“—„Ja, ſie glaubt es, Sie hat es ſelbſt mit angehoͤrt, als man es erzahlte.“—„Sie war gegenwaͤrtig? o, da haßt ſie mich wohl?“—„Vietorine iſt ſo gut. Iſt er verwundet! rief ſie, und als man ihr erwiederte, nein, da ſah ich, wie das gute Bind von neuem athmete.“ E 6üe⸗ n nmt an— S6 —. mir agetehn, Jien ſagen zu konnen, daß Sie mich nun nicht mehr hintergehen werden; morgen verlaſſen wir Ale das Land; hen 6 2 in zu Duͤbrocard, der ſehr recht datan u„ daß er Ihnen ſeine S. A 3. ent⸗ decken.“ Mit dieſen Worten entfernte ℳ 6 und vürhi blieb noch eine lange Weile beſtürit⸗ ſumm, halb vernichtet ſtchen; enblich kehrte e wie in Verzweiflung, nach der Stadt zuruͤck. Wir haben bereits geſagt, daß Harville ſich beeilt hatte, das gute Benehmen ſeines Freundes uberall auszubreiten; ſeine, durch den Eifer der Freunsſchaft etwas bettriebenen Be⸗ richte, wurden von Andern, welche die Sache weiter etzählten, noch mehr uͤbertrieben, und als endlich auch Dauvert die Sache vernahm, da war ſhon nicht viel Wahres mehr in der 4⁵¹ Erzaͤhlung; Sehen nen er es nun uber Tiſche der Familie Duͤbrocard wieder mit⸗ theilte, webte, wahrſcheinlich um ſeine Zuhörer zu unterhalten, noch einige neue umſtände hinein, und alle waren ſo beſchaffen, du Gerg in einem hoͤchſt unguͤnſtigen Lichte erſchien. Man hat geſehen, wie dieſe ſchoͤn ausgeſchmůckte Er⸗ zahlung auf Frau Dechamps wirkte. Georg war in Verzweiflung; er wollte an die alte Frau ſchreiben, um ſich zu rechtferti⸗ gen; aber was ſollte er ſagen? Empfand er nicht in dieſem Augenblicke die ganze Verlegen⸗ heit eines Menſchen, der ſeine Unſchuld zwar dadurch zeigen kann, wenn er die reine Wahr⸗ heit ſelbſt ſagt, aber der es auch zugleich fuͤr ſeine Pflicht haͤlt, zu ſchweigen. Gewiß wuͤrden viele Andere nicht geſchwiegen, ſondern ſich viel⸗ mehr eine Ehre daraus gemacht haben, alles ganz genau zu erzählen; aber Georg!... konnte der wohl die Verirrungen ſeines Freundes ent⸗ decken? Hätte das nicht ausgeſehen, als wolle er ſich auf Hoſten deſſelben erheben?— — Reue Fortſchritte von Daubert. Wihrend daß Georg von der Frau Des⸗ champs einen ſo uͤblen Empfang erhielt, ſuchte Harville dem Herzoge beizukommen, und be⸗ gab ſich dieſerhalb in die Oper. Dreiſt und zuverſichtlich begann er ſogleich in einem Zwi⸗ ſchiſchenacte ſich auf's bitterſte gegen den Mi⸗ niſter uͤber das Unrecht zu beklagen, welches ſeinem Freunde wiederfahren war; er verthei⸗ digte ihn wie einen Bruder, zugleich aber be⸗ ſchuldigte er Dauvert aller moͤglichen Untugen⸗ den und nannte ihn einen elenden Kriecher, einen Raͤnkeſchmidt, einen Chaplatan, einen nichtswuͤrdigen, unfaͤhigen Menſchen. Der alte Herzog hoͤrte den Hitzkopf ruhig und ohne ihn zu unterbrechen, an; endlich, als jener geendet, begann er;„Wohlan, was beweiſt nun dies Alles? Ihr Freund Georg iſt ein braver Mann, aber er iſt auch zugleich ein Rarr; Dauvert iſt ein ſchlechtes Subject; allein er iſt brauchbar. Ihr Herr Derch beſizt keinen Ehegeitz, er iſt zufrieden mit ſeinem Looſe, was kann man da fur ihn thun? Ich halte Dauvert füͤr einen hochſt zweideutigen Character; ich weiß, 5 ſein Wiſſen durchaus nur oberflächlich iſt; er iſt von dem Verlangen, ſein Glück zu beſeelt; er iſt dienſtwillig, gefaͤllig, unterwuͤrfig; ſolche Leute brauchen wir, das heißt, mein Nachfolger braucht ſolche Leute.“—„Wie, Ihr Nachfolger?“—„Nun jaz wiſſen Sie denn nicht, daß ich nicht mehr Miniſter bin?“ —„Unmoͤglich!“— Georg war nur wenige Tage von Pris abweſend geweſen, in dieſen wenigen Tagen hatte ſich jedoch, wie dies heutzutage ſo häufig geſchieht, eine jener politiſchen Veränderungen zugetragen, an die uns die Erfahrung billig laͤngſt hatte gewoͤhnen ſollen. Das Miniſterium war erneuert worden und der Herzog bildete keinen Theil des neuen. Ganz Paris„ ganz Frankreich war voll von der großen Neuigkeit, nur Harville wußte es nicht. Die Nachricht davon war erſt in Aachen nach ſeiner Abreiſe angelangt, und ſeitdem hatte er an nichts ge⸗ 1⁵⁴ icht, als die Poſtilone anjutteiben, und die Pferde raſch wechſeln zu laſſen, bei ſeinen Be⸗ ſuchen am heutigen Tage hatte er aber, immer nur damit beſchaͤftigt, ſeinen Freund Georg zu ruͤhmen, 3„zwar viel zu Andern geſprochen, dieſe aber, wenn ſie ihm etwas ſagten, nicht ange⸗ hoͤrt. Er war daher uͤber dieſe unerwartete 8 ſehr erſtaunt und der Ex⸗ Miniſter ar es nicht minder, zu vernehmen, daß Har⸗ ville nicht wußte, was— die Wet wußte. Der Herzog ſien uͤbrigens ſehr cihit i uͤber ſeine Abſetung zu ſeyn; er, der ein ganhes, lunges Leben dem Ehrgeitz geopfert hatte, ſchien jezt ſo ermuͤdet, ſo abgeſpannt, ſo unbekůͤm⸗ mert um die Angelegenheiten der Erde, daß Harville im erſten Augenblicke nicht wußte, ob er es wagen duͤrfe, ihm ſein Beileid uͤber das Ereigniß zu bezeigen, um ſo mehr, da das Ganze durchaus nicht wie eine Ungnade aus⸗ ſah. Außer der gewoͤhnlichen Penſion und dem Litel eines Staatsminiſters, war der Entlaſſene noch mit andern Titeln, Orden und Geſchenken uberhaͤuft worden; man hatte ihn uͤberdem 155 eie der erſten Hofchargen verliehen, und aus einigen, von ihm im Geſpräch mit Harville hingeworfenen Worten, konnte man abnehmen, daß er noch einen ſehr bedeutenden Einfluß in den oͤffentlichen Angelegenheiten bewahrte. Durch ſein ganzes Leben hatte ſich ubrigens der Her⸗ zog beſtrebt, ein kalter und furchtbarer Spotter zu ſeyn; ſeitdem er nicht mehr Miniſter war, ſchien es, als habe ſich, entweder aus natuͤr⸗ tchem Hange, oder, um ſich den Schein der Gleichgältigkeit zu geben, dieſe Spottſucht bei ihm verdoppelt. „Und der erbaͤrmliche Menſch, der Dau⸗ vert,“ rief Harville,„hat ſeine Stelle behal⸗ ten?“—„Hm,“ erwiederte der Herzog, „ſolche Menſchen ſetzen unſere jetzigen Regie⸗ rungen nicht ab. Ich habe ihn ſelbſt dem neuen Miniſter empfohlen; auch verdient er es, denn er hat ſich bei der lezten Wahl viele Mähe gegeben.“ Hiermit aber, ſchnell das Ge⸗ ſpräch abbrechend, begann der alte Herr, Georgs Freund mit deſſen Abenteuern in Aachen, die er im Laufe dieſes Tages vernommen hatte, auf⸗ zuzichen.„Sie ſchen,“ ſezte er hinzu„ich bin 156 mit den Tagesvorfaͤllen in Aachen beſſer bekannt, wie Sie mit den Ereigniſſen in Paris.“ Harville erwiederte nur wenig hierauf und entfernte ſich dann, um im Foyér herumzulaufen. Hier be⸗ gann er auf's neue jedem aufſcoßenden Be⸗ kannten das Lob ſeines Freundes Georg zu verkunden und ſich in Klagen uͤber die Unge⸗ rechtigkeit, welche man demſelben durch Ent⸗ ziehung ſeines Platzes erwieſen, zu erſchöpfen zu ſeinem Aerger horte man ihn aber nur gleich⸗ göltig an und begann, ſtatt auf ſein Thema einzugehen, entweder von den eigenen, oder von oͤffentlichen Angelegenheiten, oder von den kleinen Abenteuern dieſer oder jener Taͤnzerin zu ſprechen. Harville ließ ſich jedoch hierdurch nicht abſchrecken und beſchloß, den folgenden Tag von neuem ſich in Bewegung zu ſetzen⸗ um ſeinem Freunde zu helfen und Dauvert zu ſtuͤrzen. Zwar kannte er den Rachfolger des Herzogs keineswegs, doch war er ſicher, Sr in deſſen Naͤhe zu finden. In dieſer Periode entwickelte Dauvert ſ gens ſeine ganze Feinheit, ſeine ganze Gewandt⸗ heit und Geſchmeidigkeit Außer den Gunſthe⸗ 17 eigungen, den Gratificationen in⸗ den Liteln, welche er bei der Abdankung ſeines bisherigen Goͤnners empfing; außer der Beibehaltung von Georgs Poſten, wußte et ſich auch noch das Vertrauen des neuen Miniſters in noch weit kurzerer Zeit zu erwerben, als wie er ſich das des Herzogs erworben hatte, deſſen Schutzling, Agent und Guͤnſtli ing, er n blieb. Aber wie tn er auch ſeine et ein⸗ aijien Die Morgen brachte er damit hin, die Arbeiten ſeiner Stelle abzumachen; dann eilte er zu dem Herzoge, ſeinem erſten Beſchuͤtzer, um ihm ſich auf jede Art dienſtlich zu erzeigen und ihn an den Geſellſchafts⸗ und Audienztagen zu unterſtützen, denn der alte Herr hatte, ob⸗ ſchon er nicht mehr Miniſter war, die Schwäche, wir moͤchten ſagen, die Thorheit, noch immer Audienz zu geben. Dauvert, glucklich, ſich der Liebling von zwei Excellenzen nennen zu koͤnnen, behielt demohngeachtet noch Zeit uͤbrig, um ſich gegen Herrn und Madame Duͤbrocard als ein aufmerkſamer Freund, gegen deren Tochter als ein leidenſchaftlicher Liebhaber zu bezeigen. Wie 158 konnten aber ſein Kopf und ſeine Zeit ſo vielen Dingen auf einmal genugen? Faſt ſcheint es, als beguͤnſtige ſelbſt die Zeit die Ehrgeitzigen, indem ſie ſich fur ſie länger ausſpinnt.— Schon lief die Nachricht von ſeiner bevor⸗ ſtehenden nahen Verbindung mit der ſchoͤnen und gefuhlvollen Alphonſine im Publicum um, und das Gerůcht hiervon erbitterte Harville noch mehr gegen ihn.„Nein!“ rief dieſer in vollem Zorne aus,„was zu viel iſt, iſt zu viel! Meinem Freunde ſeine Anſtellung und ſein Maͤd⸗ chen zu gleicher Zeit zu rauben! Sa dulde ich dies!“ Mag das Loos eines ſeſ ſtehen, immer iſt es gefaͤhrlich, einen thaͤtigen, unermuͤdlichen Feind zu haben. In wenigen Tagen hatte Harville mit ſo gutem Erfolge Dauvert uͤberall als einen ſo ſchlechten, nichts⸗ nutzigen Menſchen, als einen ſolchen tuckiſchen Verraͤther geſchildert, daß dieſer daruͤber in die lebhafteſte Unruhe gerieth. Zwar war bis jezt weder dem neuem Miniſter, noch Herrn Duͤbrocard etwas davon zu Ohren gekommen⸗ aber ſchon bemerkte Dauvert, daß mehras einflußreiche Perſonen ſich auf einmal ſehr kuͤhl gegen ihn benahmen, daß hier und da ſchon Mancher ſeine Abneigung deutlich gegen ihn blicken ließ; daß Andere ihn zu vermeiden ſuch⸗ ten, Einige ſeine ehrerbietigen Begruͤßungen kaum mehr erwiederten, und daß der alte Her⸗ zog ihn bei jeder Gelegenheit auf's grauſamſte verhoͤhnte und verſpottete. Was ſollte er nun in dieſer Lage machen? Fehlen aber wohl einem Menſchen, der ſich kein Gewiſſen daraus macht die Gutmuͤthigkeit zu taͤuſchen, emals die vih 6 S ging Sck n Der arme Georg, enſ nur mit ſeiner Liebe und ſeinem Kummer, Vietorinen nicht mehr ſehen zu koͤnnen, beſchaͤftigt, brachte ſeine Stun⸗ den damit hin, das Haus des Herrn Duͤbro⸗ card zu umſchweifen. In ſeiner Verzweiflung hatte er endlich den großen Entſchluß gefaßt, einen langen Rechtfertigungsbrief an Frau De⸗ champs zu ſchreiben; eben wollte er ſich damit auf den Weg machen, um ihn auf irgend eine Art, wo moͤglich ſelbſt, in die Haͤnde der Alten zu bringen, als Dauvert bei ihm eintrat. 1460 5 Dieſer begann ſogleich in einem ſehr nieder⸗ geſchlagenen Tone ſich uͤber die Geruchte zu be⸗ klagen, welche in Betreff ſeiner im Umlaufe waren.„Du weißt,“ fuhr er fort,„daß ich Deine Stelle nur in der Abſicht annahm, um ſie Dir zu erhalten, und wenn ich ſie bis jezt vehielt, ſo geſchah es lediglich, weil Du wenig Werth auf ihre Wiedererlangung zu legen ſchienſt. Derſelbe Fall iſt es mit dem Verhäͤltniſſe zu Alphonſinen; auch hier ließ ich meinem Gefuͤhle nur freien Lauf, nachdem ich geſehen hatte, daß Du keine Anſpruͤche auf das liebenswuͤrdige Maͤdchen machſt. Wie geht es nun zu, daß Benehmens, verbreitet haben? Ich klage Dich nicht anz bewahre! viel zu gut kenne ich Deine rechtſchaffenen Geſinnungen, um nicht zu wiſſen, daß Du ganz unſchuldig hieran biſt; aber ich wende mich an Deine Freundſchaft, an Deinen Edelmuth. Sage ſelbſt, ob es nicht Deine eigene Ehre fordert, etwas fuͤr mich in dieſer Angelegenheit zu thun? Es iſt mir zu klein⸗ auf ſolche Verleumdungen zu antworten; aber fuͤr Dich waͤre es paſſend; Jedermann ſaͤhe 161 dann, daß Du die Sache nicht billigſt. Es iſt mir dieſerhalb eine Idee gekommen; am beſten koͤnnte man den Verleumdern dadurch den Mund ſtopfen, wenn Du Dich mit mir an oͤffentlichen Orten, im Theater, auf Spaziergängen u. ſ. w. zeigteſt; man wuͤrde dann ſehen, daß nichts ² unſere Freundſchaft zu erſchuͤttern vermag.“ Georg hatte bisher nur mit gleichguͤltigen und nichts ſagenden Worten geantwortet; plotz⸗ lich ging ihm aber ein Hoffnungsſtrahl auf; er glaubte ein Mittel gefunden zu haben; ſich Vietorinen wieder naͤhern zu koͤnnen,„Ich bin Dir nicht boͤſe und war niemals boͤſe auf Dich,“ ſprach er zu Dauvert.„Du ſchlaͤgſt mir vor⸗ oͤfters mit Dir auszugehen; gut, ich nehme es an. Aber Du weißt, daß ich ſehr einſam lebe; erzeige mir auch einen Gefallen; die Abbre⸗ chung des Umgangs mit dem Hauſe des Herrn Duͤbrveard iſt mir unangenehm; man trifft da doch haͤufig eine recht unterhaltende Geſellſchaft. Wenn Du es dahin bringſt, daß ich wieder in dieſen Zirkel gezogen werde, ſo will ich mit Dir heuumlaufen cſo viel Du willſt.“ Laͤchelnd ſezte er noch hinzu:„und da weder Mademoiſelle II. L ann⸗ noch ich, ſich fuͤr einander geſtimmt fuͤhlen, ſo haſt Du auch nicht noͤthig, dieſer⸗ halb in Angſt zu ſeyn.“ Dauvert hatte ſich⸗ waͤhrend Georg ſprach, die Sache ſchnell uͤber⸗ legt, und einſehend, daß hier keine Gefahr fur ihn war, verſprach er, ſein Moͤglichſtes zu thun/ um Georgs Wunſch zu erfuͤllen.„Sollte es mir wirklich gluͤcken!“ rief Georg, als er allein war, aus.„Mag Dauvert meine Stelle behalten, mag er das reiche Maͤdchen, das man mir beſtimmt hatte, nehmen! Ich werde Viecto⸗ rinen wiederſehen. Habe ich nun noch unrecht, wenn ich ſage, daß diejenigen, welche mir ſcha⸗ den wollen, mir die beſten Dienſte W Geveg hutt⸗ vieher die genihligen velche ſich Harville gab, um Dauvert zu ſtürzen, nicht gebilligt, jezt fuͤrchtete er, daß dieſe Bemä⸗ hungen ſeinen Plan hintertreihen moͤchten. Er ging daher zu ſeinem Freunde und erſuchte ihn⸗ ſeine Angriffe gegen Dauvert einzuſtellen; nur ungern ergab ſich Harville den Bitten Georgs; da dieſer aber nicht nachließ und ihn immer von neuem beſchwor, dem Menſchen die Früchte N — ſeiner Cabalen in Ruhe genießen zu laſſen, ſo blieb ihm nichts ubrig, als ſich zu fügen. Der Wunſch, den uͤbeln Wirkungen zu be⸗ gegnen, welche Harvilles Anklagen fuͤr ihn hatten, war nicht der einzige Beweggrund, welcher Dau⸗ vert veranlaßte, ſich Georg wieder zu naͤhern⸗ Schon den folgenden Tag kam er wieder zu ihm, lediglich um ihm, wie er ſagte, zu melden, daß er bereits begonnen habe, zu ſeinen Gun⸗ ſten bei Herrn Duͤbrocard zu ſprechen, daß er noch dieſen Abend von neuem wirken werde⸗ und daß er hoffe, in kurzer Zeit eine Verſoͤh⸗ nung zwiſchen ſeinem Freunde und ſeinem zu⸗ kuͤnftigen Schwiegervater zu Stande zu bringen. Dann, nachdem er Georg viel geſtreichelt und geſchmeichelt hatte, bat er ihn in einem ſuͤßlichen Tone, um einen neuen Dienſt. Der neue Mi⸗ niſter wuͤnſchte einen genauen Ueberblick uͤber mehrere, in ſein Departement einſchlagende Ge⸗ genſtaͤnde zu haben, und hatte dieſe Arbeit Dauvert ubertragen; allein dieſer konnte zwar recht gut Cabalen ſchmieden, aber nicht ſon⸗ derlich auskommen, wo es Kenntniſſe zu zei⸗ 2 gen galt; dazu hatte er auch nicht viele — Luſt und Zeit, ſich mit dergleichen Dingen zu befaſſen, und er kam daher auf den Gedanken, Georg dieſe nicht leichte Sache auf den Hals zu ſchieben. Gutmuͤthig, zeigte ſich dieſer auch ſogleich bereit dazu, und mit derſelben Sorg⸗ falt, wie er einſt ſchon auf der Schule Dau⸗ verts Cpercitia gemacht hatte, machte er auch die von dieſem begehrte Ausarbeitung.„Wie⸗ der eine weggeworfene Guͤte,“ ſprach Harville, als er dies ſah;„Du haſt die Muͤhe und er den Lohn, und ſtatt, daß der Miniſter von der Unfähigkeit ſeines Secretairs uͤberzeugt wird⸗ traͤgſt Du ſelbſt dazu bei, das elende Subject zu erheben. Weiß der Himmel, Du biſt doch mitunter ein rechter Thor.“—„Das bin ich nicht,“ entgegnete Georg, ſeinem Freunde die Hand freundlich druͤckend.“ Die Arbeit kann⸗ wenn ſie gut ausgefuͤhrt wird, Nutzen ſchaffen; was liegt nun daran, ob Dauvert fuͤr ihren urheber gilt oder ich? Sie wird gemacht, und ich bin reichlich belohnt, wenn ſie etwas Gutes bewirkt.“ Immer ſeine Syrgeittge und yabſichtgen Pläne verfolgend, war Dauvert diesmal doch 165 ſo ehrlich, ſein an Georg gegebenes Wort zu halten; nicht lange, ſo empfing der Leztere eine Einladungskarte von Herrn Duͤbrocard, um der Unterzeichnung des Ehecontractes zwiſchen De⸗ moiſelle Alphonſine und Wtbe Dau⸗ vert beizuwohnen. Zugleich hatten Herr. Vodame Dibr⸗ gt aus Hoͤflichkeit es fuͤr ihre Pflicht gehalten, auch den Doctor St. Firmin zu dieſem großen Familienacte einzuladen; aber ſowohl der Doctor, wie ſeine Frau, hatten die Einladung nicht an⸗ genommen, und hoͤrend jezt, daß Georg nicht eben ſo handelte, viefen ſie aus: v der Tropf! nicht einmal Ehrgefuͤhl hat er! Pfui, es iſt abſcheulich! geht dahin, um einen Contract, als Freund mit zu unterzeichnen, den er fur ſich hätte unterzichnen können. Bleibt der Menſch nicht immer und immer ein Wan Thor?““ 166 El ftes Kapitel. himn t Eins e*——— und eine Erklätun 9 Mi welchen tkichet Gefihlen viln Georg die Karte von Herrn Dubrocard echalten! wie beklommen war er aber, als die erſehnte Stunde nchte; wo er ſi ch wieder in dieſes Haus bege⸗ 6 ben ſolte! Welch ein Empfang ſtand ihin hier bevor? Man hatte ihn ſo vielfach verleumdet, ſo vielfach angeſchwärzt; mußte er nicht furchten, hier nur kalthofüchen, kuteiheiten S zu begegnen? Als er ankam, fand er den Hof mit Equi⸗ pagen bedeckt; denn ein großes Fanlienmahl ſollte der feierlichen Handlung vdrangthen. Die erſte Perſon⸗ welcher Georg im Hauſt begeg⸗ nete, war die alte Frau Deschamps; dies ver⸗ mehrte ſeine Beſturzung. kaum wagte er es, ſie anzuſehen. Wie angenehm wurde er aber uberraſcht, als ſich ihm die Alte mit großer Freundlichkeit näherte und auf eine ungeheuchelte Art ihr Vergnuͤgen bezeigte, ihn hier wieder⸗ zuſchen. Er trat jezt in den Geſellſchaftsſaal; 167 — ſrahlend vor Freude kam ihm Dauvert entge⸗ gen und ſtellte ihn der Frau bom Hauſe und deren Lochter vor. Beide Damen, beſonders die leztere, waren auf's glaͤuzendſte geſchmuͤckt; Beide empfingen Georg mit großer Zuvorkom⸗ menheit. Auch Herr Duͤbrocard naͤherte ſich und druͤckte ihm die Hand, wie einem alten⸗ vertrauten Freunde. Georg ſah ſich jezt nach Victorinen um; ſie ſaß in einer Fenſtervertie⸗ fung, umringt von einer Menge junger Herren und Damen; ihr Blick begegnete dem ſeinenz verlegen verneigte er ſich und auch ſi im aufs freundlichſte. n 1 In ſeinem Entzuͤcken eoceg wem er dieſe ſo guͤtige Aufnahme zuſchreiben ſollte; er verdankte ſie Dauverts guten Dienſten⸗ der es ſich ſchlau berechnet hatte, daß es ihm Nutzen gewähren konnte, wenn Georg gut auf⸗ genommen würde. Bei dem erſten Worte, welches er hatte fallen laſſen, um die Familie dahin zu bringen, Georg wieder einzuladen, war Herr Duͤbrocard aufgefahren.„Wie?“ rief er aus,„in ſolches ſchlechtes Subject, einen Spieler ſoll ich in mein Haus nehmen?“ 168 —„Habe ich Ihnen denm nicht bereits erzählt, daß ſich Alles aufgeklaͤrt hat?“entgegnete Dau⸗ vert, und begann nun eine Schilderung von dem Ereigniſſe in Aachen zu machen, die ganz zu Georgs Vortheil war. Ohne jezt beſſer von der Sache untervichtet zu ſeyn, wie fruͤher, gab er ſich doch eben ſo viele Maͤhe, unſern Helden zu ruͤhmen, als er ſich damals gege⸗ ben hatte, ihn herabzuſetzen, und Victorine, die bei dieſer Unterhaltung gegenwaͤrtig war, eilte nun, die alte Frau Deschamps uͤber die Sache aufzuklären. In dem Augenblicke, als Georg die eb ergriff, um den Contract zu unterzeichnen, be⸗ wegten die lebhafteſten Gefuͤhle ſeine Bruſt. „Ach,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„wenn wird der Tag kommen, an welchem ich mein Gluͤck ſo werde unterzeichnen können!“ Seine Blicke ſuchten dabei Victorinen. Ernmthigt durch den guten Empfang, welcher ihm geworden war, fühlte er heute eine Art von Kuͤhnheit in ſich. Die Geliebte ſaß noch in dem Kreiſe ihrer Be⸗ kanttinnen; mehrere junge Herren naͤherten ſich jejt der Gruppe; Georg hatte den Muth auch 469 —— heranzutreten. Die Mädchen plauderten von dem Vergnuͤgen/ welches ſie ſich bei der Hoch⸗ zeit ihrer Freundin Mphonſine verſprachen, und von dem Putze, den jede an dieſem großen Tage zu zeigen gedachte. Einer der jungen Herren trat jezt vor, und bat eine aus dem Kreiſe um den erſten Contretanz bei dem Ver⸗ mahlungöfeſte; ein Anderer ſtand im Begriff, mit einem aͤhnlichen Geſuche ſich Victorinen zu naͤhevn. Georg fuͤhlte die Gefahr und, be⸗ herzt gemacht durch ſie, kam er dem Reben⸗ buhler zuvor, Welch Entzucken! Viectorine ſagte ihm die Bitte zu. Er ſchwamm gleichſam in einem Meere von Wonne; hatte er nun nicht die Hoffnung, mit ihr tanzen, mit ihr ſprechen, vielleicht ihr ſogar die Hand druͤcken zu koͤnnen? Feſt nahm er ſich vor, an dieſem ſchoͤnen, gluck⸗ lichen Tage ihr ſeine Liebe zu erklären⸗ Aber dieſer ſo ſehnlich erwartete Tag ward plotzlich durch ein unerwartetes Ereigniß eine ziemliche Zeit hinausgeſchoben. Dauverts erſter Beſchuͤtzer, der alte Herzog, hatte einen Schlag⸗ anfall, der fuͤr ſein Leben bangen ließ. Seiner Sache im Duͤbrocardſchen Hauſe gewiß, benuzte N Dauvert dies Ereigniß, um vor aller Welt ein Zeuhniß ſeiner innigen Ergebenhrit an den Her⸗ zog zu geben. Geräuſchvöll verkuͤndete er ůber; all, daß es ihm unmoglich ſey, in einer Periode ſich ſeines Gluckes zu freun, wo ſein erhabner Goͤnner leide, und Madame Duͤbrocard erman⸗ gelte nicht, einem jeden, der in ihr Haus kam, mit betruͤhtem Tone zu ſagen?„Ach, wie übel geht es doch dem armen Dauvert! aber ſeine Anhaͤnglichkeit fur den Herzog iſt ſo groß, er iſt ſo innig mit dieſer erhabenen Perſon ver⸗ bunden, daß wir durchaus die Hochzeit nicht cher feiern konnen, als bis Ihro Excellenz gůnz lich wieder hergeſtellt iſto e en tn 3 Mehe wie Dauvert litt Georg vielleicht durch dieſe Verzoͤgerung; nur ſelten wagte er es, Herrn Duͤbrocards Haus zu beſuchen, und wenn er kam, ſo fand ſich noch ſeltner eine Gelegenheit, mit Victorinen einige Augenblicke allein zu ſprechen. Endlich fuͤhlte ſich der Her⸗ zog wieder hergeſtellt, und der Tag der Ver⸗ maͤhlung ward angeſeſt. Die Hochzeit war prachtig und glaͤnzend; ſogar der Herzog erſchien einen Augenblick dabei. 1 O, wie bruͤſtete ſi ſich der gute Hert Dibocard, wie Madame mit der Ehre, einen ſolchen Gaſt bei ſich zu ſehen! wie fühlten ſich die andern Gaſte geſchmeichelt!— Nicht ohne Růͤhrung konnte Georg einen Mann wiederſehen dein er Verbindlichkeiten ſchuldig war und den er ſehr durch ſeine Krankheit veraͤndert fand. Mit Ehrerbietung nahte er ſich ihm und freundlich unterhielt ſich der Herzog einige Augenbliche mit ihm. Auch nachher warf der chemalige Miniſter von Zeit zu Zeit ſeine Blicke auf Georg, und ein aufmerkſamer Beobachter konnte un⸗ ſchwer darin leſen, daß der alte Staatsmann ſeinen einſtigen Sc— Fueſe — S. Jeſt begann der Ball. vri wie bebte Sebtgʒ du bei dem erſten Tone der Inſtrumente! Alle Tänzer eilten ihren Damen zu; ſchuͤchtern und beklommen näherte auch er ſich Vietorinen, de⸗ ren Hand nun in der ruhte und minder zitterte, wie die ſeine. Das Maͤdchen war keine kzechiu Tän⸗ zerin, aber dennoch zog ihre naturliche Anmuth alle Blicke auf ſich; Georg war außer ſich vor 172 Freude. Zerſtreut, oder vielmehr einzig nur mit ihr beſchaͤftigt, vergaß er alle Augenblicke die Couren und brachte den Tanz in Unordnung; gluͤcklicherweiſe half ihm aber ſeine Mittänzerin wieder ein. Sein Vorſatz war, dann, wenn er ſie an ihren Platz wieder zuruͤckgefuͤhrt haben wuͤrde, ihr ſeine Liebe zu entdecken; aber der Lanz endete, er fuͤhrte die——— —. hin und— ſchwieg. Mehrmals tanzte er noch, faſt immer nur mit ihr; immer nahm er es ſich von neuem feſt vor, nun ganz gewiß zu ſprechen, und immer verſagte ihm die Zunge wieder den Dienſt; immer blieb e er von neuem muthlos, verwirrt und ſchwei⸗ gend bei ihr ſtehn, oder ſtotterte hoͤchſtens einige unbedeutende Worte her. Aber die Stunden verrannen; ſollte er eine ſo ganſtige Gelegenheit gänzlich ungenuzt voruͤbergehen laſſen? Unmoͤg⸗ lich! und dennoch wuchs ſeine Beklemmung mit jedem Augenblicke. In einem Rebengemache, wohin ſich Victorine mit einigen Bekanntinnen zuruͤckgezogen hatte, um friſche Luft zu ſchoͤpfen, hingen, nebſt verſchiedenen Kupferſtichen, auch einige Zeichnungen von des Maͤdchens Hand, 173 Gegenden um Herrn Dibrocards Landhaus vor⸗ ſtellend; Georg war gleichfalls in das Zimmer getreten, und betrachtete dieſe Bilder mit großer — Sie dieſe— ihm naͤhernd;„Sie wiſeen mich ſonſt zu ſcharf.“—„Ich erblicke dieſt Gegenden mit Entzuͤcken, 4 entgegnete Georg.—„Und warum das?“—„Als man mir das Haus vetboten hatte. und ich Sie nicht mehr ſehen durfte, da war es dort, dort auf jenem, mit Linden beſchat⸗ teten, Huͤgel, daß ich oft ſtand, um wenigſtens von fern die Mauern zu ſehen, welche Sie um⸗ ſchloſen.“ Victorine ſchlug errothend die Augen nieder.„O Mademoiſelle“ fuhr er fort,„daß nichts uns mehr trennte! Erlauben Sie mir, Herrn Duͤbrocard zu bitten, Ihnen mein ganzes Leben weihen zu koͤnnen.“—„Herr Dercy,“ rief das Maͤdchen bebend,„Sie uͤberraſchen mich... Sie uͤberraſchen mich ſehr.... Ich bitte Sie, laſſen Sie uns abbrechen.“ Die Muſik begann in dieſem Augenblicke von neuem; Victorine bat Georg, ſie zu entſchuldi⸗ gen, daß ſie ſich entferne und ging mn in den 174 Saal, wo ſie ſich zu ihrer Tante ſezte. Georg folgte ihr nach und ergriff den erſten guͤnſtigen Augenblick, um ſie zu fragen: ob er ſie belei⸗ digt habe.„Nein, Herr Derch,“ entgegnete ſie;„beleidigt haben Sie mich nicht, aber wenn Sie mit Herrn Duͤbrocard uͤber die Sache ſprechen, ſo werden Sie mich betruͤben.“ Georg wagte jezt nichts mehr votzubrin⸗ gen; beſtuͤrzt, niedergeſchlagen, außer ſich, ver⸗ ließ er den Ball.„Ich Ungluͤcklicher!“ rief er aus,„ſie verwirft meine Liebe. Sie achtet mich, das ſehe ich wohl, aber ach! gleicht dieſe kalte Achtung nicht der Gleichgultigkeit? v, und wer weiß, ob ihr Herz nicht ſchon fur einen Andern geſprochen hat! Jeit Georg, jezt biſt Du der unglůcklichſte der Menſchen!“ . Zwölftes Kapitel. 6 Ein Teſtament Gewöhnlich ſchmuͤcken eſte, Vergnuͤgungen, Beſuche und Geſellſchaften die erſten Wochen . eines jungen Ehepaares aus den wohlhabenden Ständen; gewoͤhnlich ſind dieſe Flitterwochen nur von Luſt und Glanz umrauſcht. Nicht alſo war es indeß bei Herrn und Madame Dau⸗ vert; ſtatt in einem Strudel von Vergnügun⸗ gen zu leben, brachten Beide ihre Zeit in dem Zimmer und an dem Krankenbette des alten Herzogs zu. Dieſer reiche, und, obgleich nicht mehr Miniſter, doch noch immer maͤchtige Mann/ war jezt fortwaͤhrend kraͤnklich und leidend. Seit dem kuͤrzlich erlittenen Anfalle von Schlag, ging er nicht mehr in die Oper. Witwer und kinder⸗ los, hatte er nur weitlauftige Seitenverwandte, die nicht im beſten Vernehmen mit ihm ſtanden. War dies nicht fuͤr Dauvert, ſeinen Schuͤtzling, ſeine Creatur, ſeinen Guͤnſtling, Aufforderung genug, ſich aufmerkſam und ergeben zu bezeigen? Bekleidet mit mehreren eintraͤglichen Aemtern, mußte Dauvert allerdings haufig den alten Her⸗ zog verlaſſen, um ſeinen Dienſtgeſchaͤften nach⸗ zukommem aber die ſchoͤne Alphonſine, die junge Madame Dauvert, erſezte dann ihren Mann und brachte ſtatt ſeiner ihre Stunden neben dem Armſtuhle des Kranken zu. Sie ſuchte den Leidenden zu erheitern; wenn ernniederge⸗ ſchlagen war; klagte er, ſo klagte ſie mit ihmz ging er im Zimmer oder im Garten auf und ab⸗ ſo war es ihr Aem, der ihn unterſtute. Immen uͤberſpannt, immer den Kopf voll Romanideen⸗ gefiel ſie ſich darin,/ ihm einekindliche Achtung und Liebe bezeigen zu konnen; ſie nannte ſich ſelbſt ſeine Antigone und germ und dankbavnahm der alte Staatsmann die Dienſte der huͤbſchen junchen. Fra ah.(1Mnt dn u niht nSeit der Hochzeit ihrer Verwandlin, zeigte ſich Victorine ungemein zuuͤckhaltend gegen Georg; mit einer faſt ängſtlichen Sorgfalt ver⸗ mied ſie es, mit ihm allein zurſeyn und wenn ſie ſich ihm nahen mußte,Hann geſchah es nicht mehr mit jener offenen, kindlichen Unbefangen⸗ heit, die ſie ſonſt zu zeigen gewohnt war. An die Stelle dieſer harmloſen Heiterkeit war ein hoͤflicher Ernſt getreten;z ſie zeigte ihm Achtung und Guͤte, aber nicht mehr jenes Zutrauen, das ihn einſt ſo entzuͤckte. Trotz ſeiner Beſcheiden⸗ heit konnte Georg ſich dennoch nicht verbergen⸗ daß ſeine Bewerbung Vortheile genug anbot, um nicht ſo ganz verworfen zu werden, wenig⸗ 177 ſtens nicht ohne hinreichende Gruͤnde; welche andere Gruͤnde, dachte er aber, koͤnnen hier einwirken und ſtark genug ſeyn, als die, daß ihr Herz nicht mehr frei iſt, daß ſchon ein An⸗ derer ſich ihre Liebe zu erwerben gewußt hat: dieſer Gedanke machte ihn hochſt ungluͤcklich. Seine aufgeregte Einbildungskraft muſterte jezt alle junge Maͤnner, die in Herrn Dübrocards Hauſe aus⸗ und eingingen, oder ſonſt mit Victo⸗ rinen bekannt ſeyn konnten; aber keiner unter ihnen wollte ſich finden, der ihm dazu geeignet ſchien, ihm ihr Herz ſtreitig zu machen. Die Einen ſchienen ihm zu leichtſinnig, zu vergnuͤ⸗ gungsſuchtig dazu zu ſeyn, die Andern zu leer und zu geckenhaft; hier war wohl Einer, den man einen rechten guten jungen Menſchen nen⸗ nen konnte, aber er war unwiſſend, geiſtlos und fade; dort war ein Anderer, dem man Ver⸗ ſtand, Talente und Kenntniſſe nicht abzuſprechen vermochte, aber Ehrgeiz und Habſucht waren die Grundzuge ſeines Characters und die Locker⸗ heit ſeiner Sitten zerſtorte die Achtung wieder, welche man ihm ſo gern gezollt haͤtte. Nein, unmöglich konnte Vietorinens reines Gemuͤth⸗ 2 ihr edler Sinn, an Weſen dieſer Art Gefallen ſinden!— Unerwartet kam Harville eines Mor⸗ gens zu Georg, um mit einer Angelegenheit ganz anderer Art ſeine Träumereien zu unter⸗ brechen. Der Herzog war geſtorben. Harville, noch immer ſeinen Unwillen gegen Dauvert hegend, erzählte Georg jezt mit vieler Lebhaf⸗ tigkeit, welche Muͤhe Dauvert und deſſen Frau in der lezten Zeit ſich gegeben, welche Sorgfalt ſie angewendet haͤtten, um jedem Fremden den Zutritt zu dem Kranken zu verwehren. Dieſer Miniſter, dieſer tiefblickende, ſchlaue Staats⸗ mann, dieſer ſonſt ſo ſtolze und herriſche Ge⸗ bieter, war in der lezten Zeit ſeines Lebens faſt wie ein Gefangener gehalten worden. Bei dem lezten Beſuche, welchen Harville ihm machte, fand er ihn gleichſam von Dauvert unterjocht. Benachrichtigt von der Krankheit ihres reichen Verwandten, waren mehrere Mitglieder von des Herzogs Familie nach Paris geeilt, aber Dauvert und ſeine Frau hatten ſich wie die unerbittlichſten Kerkerwaͤchter benommen; nie⸗ mand war vorgelaſſen worden, niemand durfte mit dem alten Herrn ſprechen. Einige hatten dem Herzoge geſchrieben, da aber keine Ant⸗ wort erfolgte, ſo zweifelte man mit Recht nicht daran, daß die Briefe unterſchlagen wurden; allgemein war man jezt davon uͤberzeugt, daß ein Teſtament vorhanden war. Dem Geruͤchte nach hatte der Herzog wenige Tage vor ſeinem Tode einen Notarius rufen laſſen; ſchon ſpieen die lieben Verwandten Feuer und Flammen gegen Dauvert.„Unter uns,“ ſprach Harville, „wenn man dem, was mir der alte Herzog fruͤher ſelbſt erzahlte, Glauben beimeſſen darf, ſo taugen dieſe lieben Verwandten nicht viel; ſie ſollen habſuͤchtig und von keinem ſonderlichen Character ſeyn; dazu ſind ſie alle reich, vielleicht zu reich.. ich beklage ſie daher nicht, wenn ſie leer ausgehen; aber außerordentlich wuͤrde es mich aͤrgern, wenn der noch nichtsnuͤtzigere elende Dauvert, ſich das große haͤtte.“ Georg hoͤrte dies Alles ruhig mit an, be⸗ zeigte ſein Beileid uͤber den Tod eines Mannes, mit dem er einſt in Verbindung ſtand, und bat ſ Freund, keinen Haß mehr gegen M 2 Dauvert zu hegen, indem er— gegen dieſen Menſchen keinen empfinde. 1„„ Nach ein Paar Tagen ward der Herzog auf's prachtvollſte beerdigt; wieder einige Tage darauf empfing Georg von dem Notarius des verſtorbenen Miniſters einen Brief, in welchem dieſer ihm meldete, daß der Hingeſchiedene in einer hinterlaſſenen Inſtruction den Wunſch geäußert habe, alle ſeine im Augenblicke ſeines Todes in der Hauptſtadt ſich befindenden Ver⸗ wandten moͤchten der Vorleſung ſeines Teſta⸗ mentes mit einigen andern Perſonen, unter denen ſich auch der Rame des Herrn Georg Dercy befaͤnde, beiwohnen. In Folge dieſer Verordnung erſuchte nun der Rechtsgelehrte unſern Freund, die Guͤte zu haben und ſich am naͤchſten Tage zu der und der Stunde in ſeiner Wohnung einzufinden, wo die Vorleſung des lezten Willens ſtattfinden ſollte. Dieſe Einladung uͤberraſchte unſern Freund ſehr; bald glaubte er aber, der Verſtorbene habe ihm vielleicht ein kleines Andenken ver⸗ macht, um ſo das Unrecht, welches er ihm im Leben erwieſen, gewiſſermaßen zu verguͤtigen; 18¹ und von dieſer gemuthmaßten Aufmerkſamkeit ergriffen, vergaß er einige Augenblicke faſt ſeinen Gram; bald verſank er jedoch vsn in ßin gewoͤhnlichen Traͤumereien.„ Als Georg am folgenden 2. 6 dem Ao⸗ — kam, fand er daſelbſt bereits eine zahl⸗ reiche Verſammlung. Außer Herrn Dauvert, einen alten Haushofmeiſter des Herzogs und einer eben ſo alten Haushälterin, ſaßen und ſtanden die ſammtlichen Collateralerben umher. Raben gleich, waren ſie aus allen Himmelsge⸗ genden herbeigeſtroͤnt; da ſah man Vettern und Couſinen von jeder Art; Tanten und Ne⸗ veus von allen Graden; junge und alte Perſo⸗ nen, Staͤdter und Landleute; zwei Damen von einem ſehr reſpectablen Alter waren fur ihre eigne Rechnung da; Maͤnner fuͤr ihre Frauen, Bevollmaͤchtigte fuͤr Abweſende. Unter allen dieſen Herrſchaften ragte aber beſonders ein gewiſſer Vicomte Darbolin hervor, der ein Better des Verſtorbenen in einem ſehr weit⸗ luftigen Grade und dabei, wie Jeder verſicherte, ein ungeheurer Proceßliebhaber und überhaupt ein Mann war, der nicht leicht ein Mittel ver⸗ 182 ſchmähte, um zu ſeinem Ziele zu kommen. Wäh⸗ rend der Revolution war der Ehrenmann nicht ausgewandert; er hatte nicht in der Vendee gefochten, eben ſo wenig hatte er ſich aber auch in die Reihen jener Braven von Adel ge⸗ ſtellt, die dem Vaterlande und der Vernunft das Opfer ihrer alten Vorrechte glaubten brin⸗ gen zu muͤſſen. Dagegen hatte er ſich zu jenen geſellt, die aus Furcht oder aus Berechnung ſich an die Spitze der wildeſten Revolutionsmen⸗ ſchen ſtellten und die, fuͤhlend, daß ſie zu dop⸗ pelten Proben ihrer Anhaͤnglichkeit an die Sache der Gleichheit verpflichtet waͤren, den Fanatis⸗ mus der Freiheit und Gleichheit weiter noch trie⸗ ben, als die uͤberſpannteſten Jacobiner. Rach der Reſtauration hatte dies Benehmen einer fruͤheren Zeit den edlen Herrn Vicomte Darbo⸗ lin jedoch nicht abgehalten, mit großem Eifer die monarchiſchen Farben aufzuſtecken und ſich als einen halb wahnſinnigen Verfolger ehema⸗ liger Patrioten zu zeigen, und da er reich und maͤchtig in ſeiner Heimath war, ſo wagte es Riemand weder gegen ihn aufzutreten, noch ihm ſein Venehmen im Jahre 1793. vorzuhalten. Alle die ſe Leutchen hatten dieſelbe Einladung⸗ wie Georg, erhalten; der Herzog“ durch ſein ganzes Leben ein boͤſer Spötter, ſchien noch nach ſeinem Tode Verwandte durch die Vorleſung ſeines Teſtamentes necken zu wollen, die er hoͤchſt wahrſcheinlich enterbte. Es laͤßt ſich uͤbrigens denken, daß die Anweſenden ungemein geſpannt und neugierig waren; Alle ſuchten aber dieſe Reugier und Spannung unter dem Scheine einer erheuchelten Traurigkeit zu verbergen. Herr Dauvert machte bei dieſer merkwurdigen Zu⸗ ſammenkunft mehr die Honneurs, als der Rotarius ſelbſt. Zuvorkommend und artig ge⸗ gen die Maͤnner, galant gegen die Damen, pot er Stuͤhle an, unterhielt ſich bald mit dieſen, bald mit jenen, ſprach mit verdreh⸗ ten Augen von den ſeligen Verſtorbenen und! erſchoͤpfte ſich in einem Lobſtrome von deſſen edlen Geſinnungen, deſſen großem Genie, deſſen ſeltenen Talenten und ungeheuren Dienſten, die er dem Konige und dem Staate geleiſtet haben ſollte. Georgs Eintritt ſchien ihn jedoch unge⸗ mein zu uͤberraſchen; nach einigen leiſen, mit dem Rotar gewechſelten Worten, faßte er ſich 184 indeß wieder und ging auf ihn zu.„Es freut mich ſehr, Dich hier zu ſehen,“ ſprach er zu ihm mit einem ſuͤßlichen Tone;„vielleicht hat unſer edler, verſtorbener Herr endlich noch das beherzigt, was ich ihm ſo oft von Dir ſagte; vielleicht wollte er ſein Unrecht gegen Dich da⸗ durch noch wieder gut machen, daß er Dich, wie ich vermuthe, in ſein Deſtament mit ſezte. Ach! hieran—. ich ſine⸗—. Seele!“ t Leider zeigten ſich die teben— nicht ſonderlich erbaut durch die Zuvorkommen⸗ heiten des Herrn Dauvert; ſie ſchienen ihnen im Gegentheil ſehr laͤſtig zu ſeyn.„Wahrhaf⸗ tig“ murmelte der Eine,„es ſteht ihm gut an, hoͤflich gegen Menſchen zu ſeyn, die er beſtiehlt.“—„Als wir unſeren ſeligen Ver⸗ wandten beſuchen wollten, da zeigte er ſich nicht ſo zuvorkommend,“ ſprach ein Anderer. Mit gerunzelter Stirne ging der Herr Vicomte Dar⸗ bolin unterdeſſen im Zimmer auf und nieder und warf von Zeit zu Zeit veraͤchtliche und drohende Blicke auf den gemuthmaßten Erb⸗ ſchleicher; aber obſchon Dauvert ſomit von Allen ſehr übel angeſehen wurde, ſo ſahen ſie ſich darum unter einander nicht gůnſtiger an. Jeder maß den Andern mit den Augen; jeder ſchien in dem Andern nur einen unwillkomme⸗ nen Nebenbuhler zu erblicken und mitten durch die wechſelſeitigen Begruͤßungen, die Erneue⸗ rungen oder neuen Anknüpfungen von Bekannt⸗ ſchaften, ſchimmerten unverholen die widerwaͤr⸗ tigen Gefuͤhle, welche ſie gegenſeitig fuͤr einan⸗ der hegten, hindurch. Viele dieſer theuren Perſo⸗ nen hatten ſich in langen Jahren nicht geſehen; Mehrere erblickten ſich hier zum erſten Male. Die Alten waren erſtaunt, ſo viele junge Vet⸗ tern zu haben; die Jungen konnten nicht be⸗ greifen, daß noch ſo viele a— ihnen lebten. Man nahm endlich— ſch ganz hinten in einen Winkel, Dauvert dagegen dicht bei dem Notar, welcher Leztere ſich nun vorbereitete, um das eigenhaͤndig geſchriebene und nach den Geſetzen bereits beim Tribunale erſter Inſtanz eroͤffnete Teſtament, vorzutragen. Eine große Stille herrſchte in der ganzen Ver⸗ ſammlung; eine allgemeine Spannung befie 186 Ale; auf jedem Geſichte ſchwebten Hoffnung und— 5 S Dauvert 8 —— Artikel einne nden — mehr, theils minder bedeutende Legate fuͤr die Dienerſchaft des Hauſes.„Das iſt ſchoͤn!“—„Das iſt ſehr ſchoͤn!“—„Das iſt ſehr gerecht!“ ſprachen die Verwandten unter einander. Run folgten einige Anordnun⸗ gen zu guten Werken.„Der herrliche Mann!“ rief Dauvert; einige der Herren Vettern be⸗ gannen dagegen den Seligen zu wohlthaͤtig zu finden. Der Herzog theilte in ſeinem lezten Willen ſein ganzes großes Mobiliar zwiſchen den alten Haushofmeiſter und die alte Haus⸗ haͤlterin; mit neidiſchen Blicken betrachteten jezt die beiden anweſenden bejahrten Damen die Gluͤcklichen. Die Bibliothek fiel einem alten Rathe von dem Büreau des Miniſters zu ʒ die Gemalde einem Andern.„Alle Teufel!“ rief hier einer aus der Verſammlung,„das iſt ſtark!“—„Da bleibt ja nichts uͤbrig,“ meinte ein Anderer.—„Iſt es noch nicht bald zu Ende?“ fragte ein Dritter.—„Es 187 kommen nur noch drei Artikel,“ antwortete der Rotarius.—„Geſchwind, hoͤren wir was dieſe enthalten,“ ſprach Herr Darbolin. Der Rotar nahm das Papier wieder und las:„In Betracht der Sorgfalt, welche Ma⸗ dame Dauvert mir waͤhrend meiner lezten Krank⸗ heit erzeigte, bitte ich dieſelbe, als ein Anden⸗ ken von mir, einen Ring von dreitauſend Franken Werth, anzunehmen.“ Bei dieſen Worten hielt Herr Dauvert, der woͤhrend der Vorleſung der erſten Artikel bald blaß, bald roth geworden war, es fuͤr ſchicklich, geſchwind das Tuch vor die Augen zu nehmen. Der Rotarius fuhr fort: „Ich vermache ferner jedem meiner Verwandten oder Verwandtinnen, moͤgen ſie mir ſo nahe oder ſo fern ſtehen wie ſie wollen...— „Nun?.—„Was?—„Was ver⸗ macht er uns?“— Der Rotar las:„Einen Ring von tauſend Franken an Werth...— Ein allgemeines Murmeln des Unwillens wurde jezt laut; hier und da hoͤrte man den Austuf: „Der alte Geizhals!“—„Ich mag ſeinen Ring nicht!“— Er kann ſein Vermächtniß behalten!“—„Einen Ring!“—„Rut tuu⸗ 188 ſend Franken werth!“—„WVie erbaͤrmlich!“ — Vie abgeſchmackt!“— Die Eine der au⸗ weſenden Damen faͤcherte ſich, daß es rauſchtez die Andere mußte Salz einathmen. 3 i „Mein Herr,“ begann der Vicomte Dar⸗ vyhn mit ernſter Miene zu dem Notar:„es iſt noch ein Artikel, laſſen Sie uns den hoͤren.“ —„Hier iſt er,“ erwiederte der Rechtsgelehrte und las:„Zu meinen Univerſalerben ernenne ich.—„Da kommt es!“—„O ich wußte das vorher!“—„Ich werde um den alten Thoren nicht trauern.“—„Ich lege die Trauer wieder ab, ſo wie ich zu Hauſe komme.“ — Der Rotar wiederholte:„Zu meinem Uni⸗ verſalerben ernenne ich mit dem Bedinge, daß ſich derſelbe gewiſſenhaft der Abtragung aller vorher angefuͤhrten Legate unterzieht.— „Nun, wen denn?“—„Ja, wen?“—„Wen anders, als den Herrn da.“—„Den?“— „Herrn Dauvert?“—„Rein,“ entgegnete der Rotar.„Herrn Georg Dercy.“—„Georg!“ rief Dauvert und ſank gleichſam in ſich zuſam⸗ men.„Georg Dercy!“ ſchrien die Andern.— „Und wer iſt denn der Herr Georg Derch?“ 189 Der Notar wies mit der Hand auf ihn.„Ja, meine Herren,“ ſprach Georg, indem er auf⸗ ſtand und mitten unter die Verſammlung trat; „ich bin es.“ Alle, ausgenommen Dauvert, erhoben ſich von ihren Stuͤhlen und ſtießen dieſe mit Lärm zuruͤck. Nachdem ſich aber der erſte Tumult gelegt und wieder einige Stille eingetreten war, ſprach der Notar zu Georg:„Sie nehmen ohne Zweifel das Vermaͤchtniß an?“—„Einen Augenblick Geduld,“ erwiederte Georg. Er ſann nun einige Minuten nach, dann ſprach er: „Ich ſage jezt weder Ja noch Rein, denn ich muß mir die Sache erſt uͤberlegen.“—„Ueber⸗ legen?“—„Iſt der Menſch ein Narr?“— „Laßt doch; man ſieht ja, es iſt eine abge⸗ machte Karte.“—„Ja wohl; es iſt blos, um ſich den Schein der Uneigennuͤtzgkeit zu geben“—„Nichts mit dem Leſtament, ich ſtoße es um!“ rief der Vicomte und mnn — die Andern folgten, „Empfange meinen Gluͤckwunſch,“— S ſtotternd und mit erſtickter Stimme zu Georg, waͤhrend große Schweißtropfen auf 190 ſeiner Stirne ſtanden und er ſelbſt, blaß wie der Tod, war. Dann entfernte auch er ſich und Georg blieb mit dem Notarius allein. 41 Breizehntes Kapitel elotedene Meinungen iver. Georg. Wehrend daß das Glück, indem es Georg von neuem eine große Erbſchaft zuwarf, ſich darin zu gefallen ſchien, einen Menſchen mit ſeinen Gaben zu uͤberhaͤufen, der ſich bisher nicht ſonderlich um die Gunſt deſſelben bewor⸗ ben hatte, zeigte ſich die launenhafte Goͤttin hart und unerbittlich gegen zwei ihrer heißeſten Verehrer, den Herrn Doctor St. Firmin und den Vetter la Moriniére. Von Tage zu Tage ſchmolz das von dem Onkel⸗Jeſuiten ererbte Vermoͤgen unter ihren Haͤnden zuſammen. Herr St. Firmin beſtrebte ſich noch immer den Mann von Wichtigkeit zu machen; ſelbſt ein Charlatan, 191¹ —— wurde er aber der Spielball anderer Charla⸗ tuns, die ihn von einer glaͤnzenden, weitſchich⸗ tigen und koſtſpieligen Unternehmung zur andern verleiteten. Die Weiber, die luſtigen Geſell⸗ ſchaften, das Spiel am gruͤnen Tiſche und das Spiel an der Boͤrſe, hatten la Moriniére noch ſchneller heruntergebracht wie ſeinen Onkel, den Doctor, und treulich hatte hierzu der Herr Sohn geholfen, fuͤr den alle Augenblicke Schul⸗ den bezahlt oder luſtige Streiche, die der junge Herr theils in der Hauptſtadt, theils in ſeiner Garniſon zahlreich ausuͤbte, mit Geld ausge⸗ glichen werden mußten. Duͤpre anlangend, ſo war dieſer reich geblieben, wenn man einen Geizhals, der ſich nicht mehr ſatt u en wh „. nennen kann. Das Geruͤcht, daß Georg ntrſalehe des Herzogs geworden, kam bald auch zu den Oh⸗ ren ſeiner theuren Verwandten und eilig liefen nun la Moriniére und Důpre zu ihm hin, um ihm ihre Gluͤckwuͤnſche abzuſtatten; da ſie ihn aber nicht zu Hauſe fanden, ſo begaben ſie ſich zu dem Doctor, wo ſie ebenfalls blos Madame St. Firmin trafen, indem deren Gemahl ſich 102 gleichfalls ſchon auf den Weg gemacht hatte, den Guͤnſtling Fortuna's zu beſuchen. Alle konn⸗ ten ſich noch gar nicht von der Wahrheit der erſtaunenswuͤrdigen Reuigkeit uͤberzeugen, der zurückkehrende Doctor beſtätigte ihnen aber alles.„Aber wie hat er es nur angefangen, um den alten Herzog, mit dem er gar keine Verbindung mehr zu haben ſchien, hierzu zu vermoͤgen?“ ſprach Madame St. Firmin.— „Halten Sie ihm noch fuͤr einen Tropf und Einfaltspinſel?“ entgegnete la Moriniére;„o der iſt fein, der iſt abgerieben!“—„Ein Gluckspilz iſt er,“ ſiel der Doctor, einen Au⸗ genblick von geheimen Reide hingeriſſen, ein; „ein Geck, dem Alles gelingt, wahrend miv, mir, der ich immer offen, immer großartig handle...“— Der Doctor hielt hier, ſich ſchnell eines Beſſern beſinnend, innez ihm war die Idee gekommen, daß er vielleicht von die⸗ ſem großen Gluͤcksfalle ſeines Neffen Rutzen ziehen koͤnne und er fuhr daher in einem ganz andern Tone fort:„Genug, ich kann mit voller Wahrheit ſagen, die Rachricht freut mich ſehr; mein theurer Neveu Georg war immer 48 ſo brav und gut, daß er ein ſolches Gluͤck wohl verdient.“—„Gam recht, mein Ge⸗ mahl.“ erwiederte Madame St. Firmin;„brav und gut fuͤr ſeine Familie; er glich hierin nicht gewiſſen andern Perſonen, die ich nicht nennen will Die Dame warf hierhei einen ziemlich bedeutenden Blick auf Düpre, und la Mori⸗ riniére, dieſen Blick bemerkend, ſezte mit noch bezeichnenderen Lon hinzu?:„Daß iſt war, Georg iſt kein ſchmuiger Geihals, der die Seinigen konnte untergehen ſehen, ohne ihnen zu helfen.“ Duͤpre ſchien ſich wenig aus dirſen deutli⸗ chen Winken zu machenz in einen Lehnſtuhl hingeworfen, hatte er bisher noch faſt gar kei⸗ nen Theil an der Unterhaltung genommenz; jezt richtete er ſich aber aus ſeinem Nachſinnen em⸗ por und ſprach:„Meine Herrſchaften, Sie nennen Georg bald ein Glaͤckskind, bald einen verſchmizten Patron; dann erſchopfen Sie ſich in ſeinem Lobe, in Betreff ſeiner Familienan⸗ haͤnglichkeit; Alle aber ſcheinen Sie einen wich⸗ tigen Punet bei der ganzen Sache zu uͤberſehen. Ich zittere, daß er jezt nicht weniger ein Tropf ſeyn wird, wie ſonſt und daß er die Albernheit 194 — begeht, der Erbſchaft zu entſagen.“—„Ah, ah!“ rief la Moriniére,„ſo etwas weiſet man nicht ab.“—„Wir nicht,“ antwortete Duͤpre, „aber er; er iſt im Stande die Seitenver⸗ wandten des hochachtbaren Verſtorbnen zu be⸗ dauern und den albernen Glauben zu hegen: es ſtreite gegen das Gewiſſen, die Erbſchaft anzunehmen.“—„Ach mein Himmel!“ rief Madame St. Firmin,„Sie haben recht; faſt fuͤrchte ich auch, daß er es nicht annehmen wird; vielleichl hat er ſchon entſagt.“ Der Doctor, an alle die Widerwaͤrtigkeiten denkend, welche ihm der Zartſinn ſeines Reffen bereits verurſacht hatte, theilte nur. gern 6 ſ 3 Jn dieſem Augenblicke trat giig ſubſt in's Zimmer; zu Hauſe gekommen, hatte er ge⸗ hort, daß ſein Onkel bei ihm geweſen war, und er kam nun, die Urſache dieſes Beſuches zu vernehmen. Alle umringten ihn ſogleich und wuͤnſchten ihm Gluͤck.„Glaubſt Du wohl,“ ſprach der Doctor,„daß es Menſchen giebt, welche behaupten wollen, Du wuͤrdeſt die Erb⸗ ſchaft nicht annehmen?“—„Dieſe Leute irre ſich,“ entgegnete Georg;„ſich verlangte eine Friſt, um mir die Sache zu uͤberlegen; jezt habe ich uͤberlegt und ich nehme es an.“ Alle Geſichter wurden bei dieſer Nachricht heiter; vorzuglich bezeigte der ehemalige Advo⸗ cat ſeine Freude.„Ja,“ ſprach er,„ich will es Dir nur geſtehen, das Gerede der Menſchen hatte mich etwas beunruhigt, doch jezt bin ich zufrieden. Mein lieber Vetter, es ſoll mein Beſtreben ſeyn, dafuͤr zu ſorgen, daß Dir dieſe neue Gabe des Gluͤcks durchaus keine Unbequemlichkeit und Muͤhe, ſondern nur Ver⸗ gnuͤgen macht. Ich hoffe, Du wirſt mir die Verwaltung dieſes Vermoͤgens eben ſo, wie Deines fruͤhern, uͤbertragen, und ich werde ſorgen, es Dir gleichfalls auf's beſte und ſicherſte unterzubringen“—„Herzlichen Dank!“ er⸗ wiederte Georg;„ich bedarf aber fuͤr dieſes neue Vermoͤgen keinen Geſchaͤftstraͤger; ja, ich bin ſogar geſonnen, mein fruͤheres fuͤr die Folge ſelbſt zu verwalten.—„Wie es Dir beliebt,“ antwortete Dupre beleidigt. Die Gluͤck⸗ wuͤnſche des Onkels, der Tante und des Bet⸗ ters la Moriniére, verdoppelten ſich jezt; es N 2 ſchien, als wenn Duͤpres Verdruß ihre Freude erhoͤhte.„Der Undankbare,“ murmelte der Exadvocat vor ſich hin;„man kann doch mit einem ſolchen Tropf niemals vernuͤnftig aus⸗ kommen.“ Bald entfernte er ſich; auch Georg hielt ſich nicht lange mehr auf; er nahm Ab⸗ ſchied von ſeinem Onkel und ſeiner Tante, indem er ſie bat, ſeine Entfernung mit den vielen Geſchaͤften zu entſchuldigen, welche ihm die Erbſchaftsangelegenheit verurſachte.„NRun,“ ſprach la Moriniére, als er fort war,„nun, was habe ich geſagt? habe ich noch unrecht, wenn ich behaupte, daß er ſich. gebildet hat? Sehn Sie wohl! o, der iſt pfiffig!“—„Weiß Gott! er iſt nicht ſo dumm, wie wir ihn hiel⸗ ten,“ entgegnete der Doctor;„und dann, er hat auch ein Herz. Aber,“ ſezto er von neuem/ in einen Anfall von Reid verfallend, hinzu, „durch welche Kniffe muß es ihm nur gelungen ſeyn, den alten Herzog dahin zu bringen?“ Noch denſelben Tag beſüchten der Doetor und la Moriniére Georg zum zweitenmale; beide in gleicher Abſicht, beide wollten Geld von ihm borgen. Oft hatte ihnen Georg ſchon —— 197 — gedient, ſehr oft; diesmal aber ſchlug er es ihnen rund ab.„Da ſieht man,“ ſprach St. Fiumin,„wie der Reichthum das Herz ver⸗ haͤrtet.“—„Der abſcheuliche Geitzhals!“ rief la Moriniére;„er wird noch ſchmutziger wie Däpre.“ 3 ſ0 Die Verwandten des Herzogs ergoſſen ſich unterdeſſen in Klagen und Drohungen gegen Georg, und das Publikum, oder vielmehr jene unbeholfene, vielkoͤpfige Maſſe von Pflaſtertre⸗ tern, die man gemeiniglich mit dem Namen Publikum zu beehren pflegt; horchte und zi⸗ ſchelte, ſchwatzte und plauderte, und theilte ſich, wie gewoͤhnlich, in verſchiedene Anſichten uͤber die ſo ganz unerwartete Verfügung des Ver⸗ ſtorbenen. Eine gewiſſe Claſſe von Menſchen, die immer bereit iſt, Reichen oder reich Wer⸗ denden ihre Huldigungen darzubringen, verfehl⸗ ten nicht, ein großes Ruhmens von den edlen und glaͤnzenden Eigenſchaften des Herrn Georg Derch zu machen, die man ſeltſamerweiſe erſt. in dem jungen Manne entdeckte, als ihn das Gluͤck zum erſtenmal mit ſeinen Gaben uber⸗ ſchuͤttete, und die man nun, da es ihm zum jwei⸗ 198 tenmale lachte, nur noch ſtrahlender fand. Eine andere, noch zahlreichere Claſſe fand dagegen, von Neid gepeinigt, das Leſtament höchſt un⸗ gerecht. Dieſe Menſchen ſehen jeden Glücksfalh der einem Andern begegnet, gleichſam als einen Raub an ſich ſelbſt an, und Hunderte, denen es nicht im Traume eingefallen wäre, einer ſolchen Erbſchaft, zu Gunſten naher oder fer⸗ ner Verwandten, zu entſagen, hingen jezt das Schild eines gewaltigen Rigorismus aus, und wurden gewiſſermaaßen zu moraliſchen Janſe⸗ niſten, indem ſie gar nicht aufhoͤren konnten, ber Georgs Erbſchleicherei zu ſchreien und die armen,* verkuͤrzten Collateralerben zu bejammern. Vorzůglich in den Geſellſchaften der Madame Důbrocard befliß man ſich einer ſolchen Strenge; jeder Spott, jedes Epigramm auf den recht⸗ ſchaffenen, unintereſſirten Georg, war gleichſam ein Balſam fuͤr die Wunde der Familie, ein Troſt, den man ihrer getäuſchten Hoffnung brachte. Herr Dauvert aber ſpielte dabei den Gleichgultigen und ſtellte ſich, um Georgen beſſer anklagen zu koͤnnen, als vertheidige er ihn. Sprach man mit ihm uͤber die Sache, ſo ant⸗ 199 — wortete er;„Jeder iſt Herr ſeines Benehmens und ſeines Willens; der Erblaſſer konnte ſeine Anordnung treffen, wie er wollte; meinem Freunde Derch war es anheimgeſtellt, es anzu⸗ nehmen, oder abzulehnen. Allerdings wuͤrde eine erhabnere Seele, ein Mann von klareren Einſichten das Leztere gethan haben; Georg handelte indeß anders; darf man ihm ein Ver⸗ brechen daraus machen?“—— Alle Welt ergoß ſich nun in einen Lobſtrom uͤber die edlen und großartigen Geſinnungen des Herrn Dauvert, und dies war natuͤrlich eine neue Troſtquelle fuͤr die Familie Dubro⸗ card. Am mehreſten litt Victorine in dieſer Zeit; ſie hatte ſich daran gewoͤhnen konnen, Georg als einen geiſtloſen und unbeholfnen Menſchen ſchildern zu hoͤren; daran vermochte ſie ſich jedoch nicht zu gewöhnen, ihn als einen hab⸗ ſuͤchtigen und unzarten darſtellen zu ſehen, und es waren ihr die Vorwuͤrfe, mit welchen man ihn uͤberhaͤufte, um ſo ſchmerzlicher, da ſie es ſich nicht verbergen konnte, daß der Schein allerdings gegen ihn zeugte. Sie wußte wohl, daßt wie Dauvert ſagte, Georg geradezu kein unrecht beging, indem er die Erbſchaft annahm; aber großmuͤthig, edel war es nicht, und fuͤr großmuͤthig und edel hatte ſie Georg immer bisher gehalten.„Ach!“ rief ſie aus,„ſo ver⸗ mag auch der Rechtlichſte, der kneigennutzigſte nicht, den Lockungen des Goldes zu widerſtehen!“ Der Fruͤhling war gekommen und mit ihm Harville, immer danach ſtrebend, ſich zu unter⸗ halten und zu zerſtreuen, nach dem Gute ab⸗ gereiſt, welches ſein Vater in der Naͤhe von Havre beſaß; doch hatte er vorher ſeinen Freund noch einmal beſucht.„Es iſt füͤr mich,“ ſprach er,„ein doppeltes Gluͤck dieſe Anord⸗ nung des alten Herzogs; Du biſt der Erbe, und Dauvert nicht; weiß der Himmel! ich mochte dem Alten noch einmal mein v ber machen.“ Herr und Madame——. Landhaus wieder bezogen; als Georg das erſte⸗ mal ſie hier beſuchte, fand er eine große Ge⸗ ſellſchaft. Man nahm ihn gut auf, aber nicht lange, ſo miſchten ſich unter die ihm gezollten Gluckwuͤnſche, eine Menge ſpitze Bemerkungen, auf welche Georg jedoch mit großer Ruhe ant⸗ 201 wortete; was ihn dagegen aber tief ſchmerzte, das war das Benehmen Victorinens gegen ihn⸗ Sie zeigte nicht allein Zuruͤckhaltung und Kaͤlte, ſondern man ſah es ihr auch deutlich an, daß ſie unzufrieden mit ihm war. Die Geſellſchaft begab ſich in den Garten; diesmal beguͤnſtigte das Gluͤck Georg. In Gedanken verloren, hatte ſich Victorine von den Andern etwas ent⸗ fernt; ohne daß es bemerklich wurde, ſuchte Georg ſie auf und fand ſie in einer einſamen Allee. So wie er ſich mit ihr allein ſah, begann er:„Mademoiſelle, wenn ich von der Reinheit meiner Handlungen uͤberzeugt bin, dann pflege ich mich ſehr wenig um die Meinung der Men⸗ ſchen zu bekuͤmmern; allein Ihre Achtung mochte ich nicht verſcherzen; ſie iſt mir theurer, als Alles. Ich will Ihnen ein Geheimniß entdek⸗ ken... doch hoffe ich, daß die Wichtigkeit deſ⸗ ſelben Sie uͤberzeugen wird, daß es in Ihrer Bruſt begraben bleiben muß. Leſen Sie dieſen Brief des verſtorbenen Herzogs, den ich an dem⸗ ſelben Tage empfing, an welchem das Leſta⸗ ment verleſen wurde, und der ſich unter einem Haufen anderer, mir uͤbergebener, Papiere vor⸗ 202 fand.“ Zitternd und ohne es zu wagen, Georg anzublicken, nahm Victorine das Schreiben und las: „Mein Herr Derch, ich mußte Sie ver⸗ ſtoßen, weil ich Ihren felſenfeſten Rechtsſinn nicht zu beugen vermochte. Sie haben mir widerſtanden, als Sie arm waren und auch ſpaͤter, nachdem Sie reich wurden, ſind Sie den Verfuͤhrungen des Ehrgeitzes unzugaͤnglich geblieben. Auf dem Puncte, meinen lezten Willen aufzuſetzen, ſind Sie es, Sie allein, dem ich mich anbertrauen kann. Ich habe keine nahen Verwandten und gegen meine ent⸗ ferntern liegen mir keine Pflichten mehr zu er⸗ füͤllen ob; ſie ſind alle reich, die mehreſten wurden es durch meine Güte. Aber ich habe einen Sohn, von deſſen Daſeyn meine Familie nichts weiß. Durch eine Verkettung ſonderba⸗ rer Umſtaͤnde iſt ſelbſt ſeine Abſtammung von mir ſo wenig beweisbar, daß unſere Geſetze ihm kein Recht an meine Hinterlaſſenſchaft ge⸗ ben, ja, daß ich nicht einmal fuglich Verfuͤ⸗ gungen zu ſeinen Gunſten machen kann. Seine Mutter, es ſind jezt zwanzig Jahre her, ein 203 Opfer meiner Verfuͤhrung, iſt arm) ohne An⸗ ſehn, ohne Freunde; ſie wuͤrde nothwendig, beraubt aller Unterſtuͤtzung und dazu ſchuͤchtern und muthlos von Character, in einem Rechts⸗ ſtreite mit meiner Familie unterliegen. Ich bedarf daher eines entſchloſſenen, uneigennuͤtzi⸗ gen und feſten Mannes, eines Mannes, wie Sie. Dieſerhalb habe ich Sie zu meinem Uni⸗ verſalerben ernannt, uͤberzeugt, mein Vermoͤgen in keine beſſeren Haͤnde legen zu koͤnnen. Paris, den.. April 18... Der Herzog von*. Gleich die erſten Zeilen dieſes Briefes hatten Vietorinen uͤberraſcht; als ſie ihn geendet, ſtuͤrz⸗ ten ihr die Thraͤnen aus den Augen.„O, Herr Dercyh!“ rief ſie,„jezt ſehe ich alles, jezt iſt mir alles klar.. o, wie ſehr habe ich Ihnen unrecht gethan!. wie konnte ich nur einen Augenblick glauben, daß Beweggruͤnde der Hab⸗ ſucht Sie beſtimmen koͤnnten!... Ja, der Her⸗ zog hat eine gluͤckliche Wahl getroffen; Sie werden gewiß ſein Vertrauen rechtfertigen.“— „Zum Theil iſt mir dies bereits gelungen“ erwiederte Georg.„Die dieſem Briefe beige⸗ fuͤgten Papiere haben mich uͤberzeugt, daß die Befuͤrchtungen des Herzogs nur zu gegruͤndet ſind, und ich habe deswegen auch nicht gezau⸗ dert. Obſchon ich in meiner Jugend einige Monate bei einem Advocaten arbeitete, ſo bin ich doch nicht ſo genau mit unſern Civilgeſetzen bekannt, um zu wiſſen, ob die Familie des Herzogs nicht vielleicht Einwendungen gegen die Vollſtreckung ſeines lezten, nur mir mitgetheilten, geheimen Willens erheben koͤnnte, im Fall ſie Kunde davon erhielt; ich habe deswegen mich auch an keinen Rechtsgelehrten gewendet, aus Furcht, hierdurch auf Hinderniſſe zu ſtoßen, die mich von meinem erſten Entſchluſſe abhalten koͤnntem Durch emſige Nachforſchungen iſt es mir übrigens gelungen, den Aufenthalt von dem Sohne des Herzogs zu erfahren; er lebte zeither als Angeſtellter in einer Fabrik zu St. Quentin, iſt aber jezt, auf meine Einladung, nach Paris gekommen. Geſtern ſprach ich ihn zum erſtenmale. Er iſt ein junger, artiger und wohlunterrichteter Mann, von den beſten Grund⸗ ſätzen, deſſen Bekanntſchaft mir ſehr angenehm war, und der mit inniger Liebe an ſeiner Mutter hängt. Dieſe Frau hat eine Schweſter, welche viele Kinder hat, und in großer Duͤrf⸗ tigkeit lebt; dem jungen Franz Leclerch— ſo iſt der Name des jungen Mannes— ſcheint die Hoffnung, in⸗ Zukunft ſeine armen Ver⸗ wandten unterſtützen zu können, ſehr zu erfreuen. Wir haben geſtern bereits mit einander unſere Anordnungen dieſerhalb getroffen. Das ganze Vermogen des Herzogs fand ſich in ſeinem Por⸗ tefeuille in Staatspapieren vor, denn er hatte noch kurz vor ſeinem Tode ſein leztes Gut ver⸗ kauft. Sobald das Geld mir nun wurd von den Gerichten uͤbergeben ſeyn, werde ich fuͤr den jungen Leclereq, ohnweit Beſangon, wo er eine Manufactur anlegen will, ein Grundſtuͤck kaufen, denn es iſt, um kein Aufſehen zu erre⸗ gen, nothwendig, daß er ſich aus der Gegend, in welcher er bisher lebte, und wo man ihn aum kannte, entfernt, und wie ich hoffe, wird er von dem Vermoͤgen, deſſen Beſitzer ich zum Schein nur kurze Zeit bin/ einen brauch machen.“ Geruͤhrt, hingeriſſen, hatte Victerine„mit Thraͤnen in den Augen, Georg, ohne ihn zu unterbrechen, angehoͤrt; als er geendet, ſprach 206 ſie:„Ja, hieran erkenne ich Sie wieder; Sie, der Sie mir immer als ein Muſter von Groß⸗ muth und Zartſinn erſchienen. O, Herr Dercy! dies ſind die Lugenden, welche Ihnen von je⸗ an meine Achtung, meine innigſte Zuneigung erwarben.“—„Ihre Zuneigung?“ rief Georg; „o! wiederholen Sie dies Wort noch einmal, dies Wort, welches mein ganzes Gluͤck macht!“ er war vor der Geliebten niedergeſunken und druͤckte ihre Hand an ſeine Lippen. Er⸗ ſchrocken hieruͤber, noch mehr aber uͤber das ihr entſchlupfte Geſtäͤndniß, bat ſie ihn, aufzu⸗ ſtehen.„Es war mein Wille,“ fuhr ſie dann fort,„die Gefuͤhle, welche Sie mir eingefloßt haben, auf immer in meinem Herzen zu ver⸗ bergen. Ich bin offen, Herr Derch; da ich ein Geheimniß nicht bewahren konnte, das viel⸗ leicht beſſer fur uns Beide, nie uber meine Lippen gekommen wäre, ſo will ich es nun auch nicht mehr zuruͤcknehmen. Ja, ich ſchaͤtze Sie ſeit lange, ſehr... auf's innigſte.. doch, warum weiter hiervon ſprechen, da wir nicht fur einander beſtimmt ſind.“—„Was ſagen Sie?“—„Sie ſind ſehr reich, und ich ſehr arm.“—„Welch eine Grille befaͤllt Sie da! Wie koͤnnen Sie glauben, daß ſo etwas auf mich Einfluß haben kann?“—„Laſſen Sie mich ausreden, ich bitte. Betrachten Sie Ihre Lage und die meinige. Sie gewaͤhren mir tau⸗ ſend Vortheile; was kann ich Ihnen dagegen zum Tauſch bieten, ich, die arme Waiſe, die niemand in der Welt zum Freunde und Be⸗ ſchuͤtzer hat, als ihren alten Onkel, einen Greis, deſſen Schwaͤche und Entfernung von der Welt ihm nicht einmal erlaubte, mich bei ſich zu behalten, und die hier in dieſem Hauſe„wie eine Fremde behandelt wird. Ihr Vermoͤgen, Ihre Verdienſte berufen Sie dazu, eine glaͤn⸗ zende und ehrenvolle Rolle in der Welt zu ſpie⸗ len; vermogen Sie dies aber wohl, wenn Sie ſch mit mir verbinden? Sie muͤſſen eine große Parthie machen, und ich..., ich werde dann gluͤcklich ſeyn... Ja gluͤcklich,“ ſezte ſie e mit einem Seufzer hinzu,„gluͤcklich wird es mich machen, den Mann, welchen ich allen andern vorgezogen haben wuͤrde, mit der oͤffentlichen Achtung, der wohlverdienten Dankbarkeit ſeiner Mitburger belohnt zu ſehen.. Wenden Sie 5 20⁰⁸ mir nicht ein) daß ich uͤbertriebenen Bedenk⸗ lichkeiten Raum gebe; es wird die Zeit kom⸗ men, wo Sie die Richtigkeit meiner Anſicht ein⸗ ſehen werden, und glauben Sie mit, daß ich nur nach ſehr reiflicher Ueberlegung einen ſol⸗ chen Entſchluß faſſen konnte. Daher, wenn h⸗ nen meine Ruhe lieb iſt, bitte ich Sie auch, ſprichet Sie mir nicht mehr von Ihrer Liebe.“ —Wie! was! ich ſoll nicht mehr von meiner Liebe teden? Nimmermehr! ſo viel Offenheit, ſo viel Großmuth verſtaͤrken nur noch mein Ge⸗ fW, das S Wh Sh— Annnh i 6t ſhwo 8 virinen z. daß er nie iefn wuͤrde, ſie zu lbenz er kiagte ſie der Grauſomkeit, der Hirte an, er bat ſe, bieſtt traurigen Entſchluß zu ändern aber die S. ſelſchaft näherte ſich jeit, man mußte di i hatuns abbrechen. 6 S Zucückkehrend in die Subt, vnd— von den verſchiedehſten Gefuͤhlen beſtuͤrmtz Vi⸗ etorinens Geſtandniß hob ihn in den Himmelz ihre Bedenklichteiten, ihr Entſchluß ſtuͤrzten ihn in Verzweiflung. aber die Hoffnung, ihren 200 —— Widerſtand zu uͤberwinden, verließ ihn darum Georg entwirft einen Plan. Noch einige Male fand und ergriff Georg die Gelegenheit, ſeine Bitten Victorinen anf's neue vorzutragen; umſonſt! das Maͤdchen blieb bei ihrer Weigerung. Die Geſchaͤfte, welche ihm die Beſorgung der Angelegenheiten von dem Sohne des Herzogs machten, trugen nur wenig zur Zerſtreuung ſeines Kummers bei.„Wo finde ich ein Mittel,“ rief er,„den hartnacki⸗ gen Widerſtand des Maͤdchens zu beſiegen? Wie? ich habe doch verſchiedentlich Auswege zu erſinnen gewußt, wenn es galt, das Wohl eines Freundes zu befoͤrdern; ach! ſelbſt manch⸗ mol das von Perſonen, die ich kaum kannte und jezt, jezt ſollte ich keines erſinnen koͤnnen, da es auf mein eignes Gluͤck ankoͤmmt? Doch was ſage ich? iſt denn hier blos von meinem II. O 2¹⁰ Glucke die Rede? Zeigt mir nicht Vietorinens unfreiwilliges Geſtaͤndniß, daß ſie meine Liebe theilt, daß ſie ungluͤcklich ſeyn wird, wenn wir getrennt bleiben?... Ach! ſie wird es weniger ſeyn wie ich, aber glucklich, glůͤcklich wird ſie gewiß nie! Rein, nicht allein meinetwegen, ſon⸗ dern auch ich einen Weg er⸗ denken.“— Diſe Idee begeiſterte ihn; Vietorinens Glaͤck wollte es ja, daß er ihren Widerſtand uber⸗ wand! Er erinnerte ſich jezt auf einmal der Unterredung, welche er fruͤher mit der alten Frau Dechamps uͤber des Maͤdchens Familie gehabt hatte, und plotzlich kam ihm nun ein Gedanke, deſſen Ausfuͤhrung ihm leicht, deren Erfolg aber unfehlbar ſchien Einige Augen⸗ blicke Rachſinnen reichten hin, ſeinen Plan zur Reife zu bringen. Rachdem er Alles erwogen, Alles berechnet hatte, beſorgte er einige, dieſer⸗ halb noͤthige Gaͤnge und reiſete dann ganz in der Stille nach jenem Dorfe, in Bezirk von⸗ Caux, ab, wo Herr Belmont, der Großonkel und Vormund von Victorinen, lebte. 211 Beinahe in demſelben Augenblicke, als er in den Wagen ſteigen wollte, empfing er von Seiten des Vicomte Darbolin und der andern Anverwandten des verſtorbenen Herzogs, eine ſchriftliche Aufforderung, entweder der ihm zu⸗ gefallenen Erbſchaft zu entſagen oder gewaͤrtig zu ſeyn, daß man gerichtlich die Unguͤltigkeit des Teſtamentes darthun wuͤrde. Georg beach⸗ tete dies aber wenig; viel zu ſehr jezt mit ſeinen eignen Angelegenheiten beſchäftigt, viel zu ſehr das Ganze fur nichts als einen nur allzudeutlichen Ausdruck der uͤbelberathenen Em⸗ pfindlichkeit der Betheiligten nehmend, glaubte er der Sache keine ſonderliche Aufmerkſamkeit ſchenken zu duͤrfen und begnuͤgte ſich, die Pa⸗ piere einem Advocaten von ſeiner Bekanntſchaft zur Durchſicht zu uͤbergeben, und da dieſer ebenfalls die Drohung des Herrn Vicomte und der Andern nur laͤcherlich fand, ſo dachte er nicht weiter an— und trat— Reiſe r an. t Bereits am folgenden Sag gegen Abend, kam er auf dem Pfarrhofe des Herrn Bel⸗ mont an, wo man ihn in ein kleines, ziemlich O 2 212 duͤrftig meublirtes Zimmer fuͤhrte. Ein vom Schlage gelaͤhmter Greis, deſſen Schwaͤche und Hinfalligkeit ungemein groß war, ſaß hier in einem altmodiſchen Großvaterſtuhle. Kaum ſchien noch ein Hauch des Lebens die Bruſt des Alten zu heben; ſein Blick war aber ſanft und klar. Georg nannte ſeinen Namen und entſchuldigte zugleich mit einem ehrerbietigen Tone die Frei⸗ heit, welche er ſich nahm, ſich als ein Fremder hier vorzuſtellen. Muͤhſam richtete ſich der Greis etwas auf, und einen wohlwollenden Blick auf Georg werfend, ſprach er?„Sie ſind mir kein Unbekannter, Herr Dercy; ich weiß, daß Sie zuweilen das Haus meiner Richte, der Madame Duͤbrocard, beſuchen. Iſt es nicht ſo?“ Georg bejahte dies und der alte Mann fuhr fort:„Meine Enkel⸗Nichte, meine liebe Vietorine Lorſay wohnt in dieſem Hauſe; ſie hat mir in mehreren ihrer Briefe von Ih⸗ nen geſchrieben und immer ſpricht ſie mit großer Achtung von Ihnen; dies reicht hin, Ihnen auch die meinige zu ſichern, denn, obſchon meine Nichte noch ſehr jung iſt, ſo kann ich doch auf ihr urtheil bauen, da ihre Ueberlegung ihren 2. Jahren weit vorausgeeilt iſt.“ Wie ſchlug Georgs Herz bei dieſen Worten!„Sie hat von mir in ihren Briefen be rief er ſich S* — Glucklicher 10n on int an Dieſer Anfang ſwien ihm von der— Vorbedeutung zu ſeyn.„Ihre Richte,“ erwie⸗ derte er Herrn Belmont,„iſt ſo gut, ſo nach⸗ ſichtig!“ Dann, Muth faſſend, ergoß er ſich in das Lob ſeiner geliebten Vietorine und ſchloß mit dem Ausrufe: Ach, mein Herv! wie konnten Sie ſich von dieſem Engel trennen?“—„Sie erinnern mich da an eine der ſchmetzlichſten Pe⸗ rioden meines Lebens,“ erwiederte der Greis und verſank dann in Nachdenken; nach einigen Minuten Stillſchweigen begann Herr Belmont hierauf nach Reuigkeiten von jedem aus der Fa⸗ milie zu fragen. Georg befriedigte dies Ver⸗ langen ſo gut er konnte, kam aber immer wieder auf Viectorinens Lob zuruͤck.„Ja,“ ſprach der Greis,„ſie war ſchon voll Liebenswuͤrdigkeit, geiſtreich und verſtaͤndig, als ſie noch ein halbes Kind ſich von ihrem armen Onkel trennen mußte. O ich erinnere mich dieſer Stunde wohl, dieſer ſchmerzlichen Stunde, die ihr und mir ſo viele 214 Thraͤnen koſtete! Was ſoll ich es Ihnen ver⸗ bergen, Herr Derch? Ihre Phyſicgnomie, Ihr Ton, das Zeugniß meiner theuern Vietorine, beſtimmen mich ohne Ruͤckhalt mit Ihnen zu ſprechen. Erfahren Sie denn, daß der großte Kummer, den ich einpfinde, der einzige, deſſen Ertragung mir ſehr ſchwer wird, der iſt, daß ic fürchten muß meine Richte iſt in dem Hauſe der Madame Dubrocard nicht ſo geſtellt, wie es ihr Alter und ihr Ungluͤck verdient. Zwar beklagt ſie ſich in keinem ihrer Briefe; aber indem ſie ihre Dankbarkeit gegen ihre Tante und deren Gatten ausſpricht, ſehe ich doch deutlich, daß ihren Worten jene, ihr ſonſt ſo eigne Harmloſigkeit, die ſicherſte Buͤrgſchaft des Glücks und der Ruhe, fehlt“—„Ihre Ver⸗ muthung iſt nur zu gegruͤndet,“ entgegnete Georg.„Ja, auch ich will Ihnen nichts ver⸗ hehlen; Ihre Richte, ein Muſter von Sanft⸗ muth und Guͤte, findet bei ihren Verwandten in Paris nicht die Zärtlichkeit, welche ſie ſo ſehr verdient, und bft habe ich uber das Be⸗ nehmen dieſer Menſchen gegen ſie geſeufzt. Ge⸗ wiß wuͤrde ich angeſtanden haben, Ihre Ruhe » durch eine ſolche Rachricht zu truͤben, wenn es eine Unmoͤglichkeit wäre, die Lage der Ma⸗ demoiſelle Lorſay zu aͤndern, aber dieſe traurige Lage kann, fo ſchmeichle ich mir wenigſtens, ſehr bald in eine beſſere verwandelt werden und dies iſt“ ſezte er mit niedergeſchlagenen Augen zd⸗ gernd hinzu,„dies iſt der Ksn nicher vb zu ihnen fuͤhrte.“ Die Theilnahme des Aen war——— —— erregt.„Vollenden Sie,“ ſprach er, „es drängt mich, mehr zu erfahren““ Unge⸗ ſchminkt und kunſtlos theilte jezt Georg dem Alten ſeine Liebe zu Victorinen, deren Geſtaͤnd⸗ niß und die Beweggruͤnde, welche dieſelbe ab⸗ hielten, ihm ihre Hand zu geben, mit. Der gute Pfarrer faß einige Augenblicke ſchweigend und nachdenkend da, dann ſprach er:„Sie weigert ſich? da muß ich ſie beklagen, denn ich kenne meine Richte; ihr Character gleicht vollkommen dem ihrer Mutter. Hat ſie ſich einmal von der Nothwendigkeit uberzeugt, Ihre Hand ausſchlagen zu muͤſſen, dann hoffen Sie nicht mehr ihren Entſchluß andern zu konnen; es Mibt dann nichts uͤbrig, als zu entſagen.“ —„Rein, mein Herr,“ antwortete Georg; „es giebt noch ein Mittel und dieſes ruht in Ihren Haͤnden. Ich habe mir einen Plan aus⸗ gedacht, um die Bedenklichkeiten Ihrer Richte zu uͤberwinden, oder vielmehr, ehrlich geſtanden, ſie zu umgehen; allein, nur wenn Sie mir Ihren Beiſtand nicht verſagen, kann es ge⸗ lingen.“—„Sprechen Sie offen, ich fuhle, daß mein Ende ſich nahtz es wuͤrde mir zu einem großen Troſte gereichen, wenn ich die Beruhigung mit in's Grab nehmen koͤnnte, das theure Kind wohl verſorgt und gluͤcklich zu wiſſen.“—„Wohlan,“ entgegnete Georg,„ſo vernehmen Sie, was ich mir ausdachte. Die ganze Weigerung der Mademoiſelle Lorſay gruͤn⸗ det ſich auf den Unterſchied, welcher in Betreff der Glucksguͤter zwiſchen uns obwaltet. Darf man der Erzahlung der Frau Dechamps, jener alten, treuen Fuͤhrerin von Victorinens Jugend, glauben, ſo hat der Vater von Ihrer Richte einige Zeit vor ſeinem Tode, d. h. vor ohnge⸗ faͤhr ſechzehn Jahren, ſein ganzes kleines Ver⸗ moͤgen von zwanzigtauſend Franken einem Rhe⸗ der zu Lorient, einem gewiſſen Herrn Kervon 2¹7 anvertraut. Seit jener Zeit iſt aber von dieſem, wahrſcheinlich laͤngſt irgendwo untergegangenen Manne nichts wieder zu hoͤren geweſen. Neh⸗ men wir an, er lebe noch, er ſey zuruckgekehrt und bringe jezt Vietorinen das Capital und die aufgelaufenen Zinſen und Verdienſte deſſel⸗ ben. Ich frage Sie ſelbſt, koͤnnen zwanzig⸗ tauſend Franken, welche durch ganze ſechszehn Jahre auf ein Schiff geliechen ſind, das See⸗ handel treibt, welcher bekanntlich oft einen bedeutenden Gewinn abwirft: konnen dieſe un⸗ ter gluͤcklichen Umſtaͤnden nicht in dieſer Zeit ſich bis zu einer Summe von zweihunderttau⸗ ſend Franken vermehrt haben? Der ehrliche Rheder hat, nehmen wir ferner an, in Havre an das Land ſteigend, geeilt, ſich an Sie, den Großonkel und Vormund der Tochter ſeines Freundes, zu wenden und hat Ihnen die ge⸗ nannte Summe theils in Golde, theils in guten Wechſeln iſt aber hierauf ſchnell zu einer neuen, langen Seeunternehmung wieder abgereiſet.... Theurer und ehrwuͤrdiger Mann, koͤnnen wir dieſe hier von mir entworfene Vorausſetzung nicht verwirklichen? Denken Sie, 2 daß ſich die Sache wirklich ſo zugetragen hat, oder vielmehr, machen wir es Ihrer Richte glaublich. Ich uͤbergebe Ihnen die Summe, Sie geben ſie dann an Victorinen. Ihr Vermo⸗ gen iſt dann nicht außerordentlich, aber es wird immer groß genug ſeyn, um Mademoiſelle Lor⸗ ſoy zu beſtimmen, meinen Wuͤnſchen keinen fer⸗ neren Widerſtand entgegen zu ſetzen. Das Ge⸗ heimniß bleibt tief in unſeren Herzen verſchloſſen und mein und Ihrer theuren Richte Gluck, Ihr en iſt dann auf immer gegruͤndet.“ Der Greis war tief bewegt.„Sie verdie⸗ Z“ ſprach er,„gluͤcklich zu ſeyn; gern legte ich das Geſchick meiner theuren Victorine in Ihre Hand, aber Herr Derch, was Sie mir e n iſt eine Luͤge“ Georg war uͤberraſcht; er ſaß einen Augen⸗ vic verſtummend da, dann erholte er ſich etwas wieder und begann dem Pfarrer Vorſtellungen zu machen; er malte ihm dabei den Schmerz und die Verzweiflung, in welche ihn eine fernere Weigerung ſtuͤrzen wuͤrde und bat ihn, um Vic⸗ torinens Gluͤck, nicht ferner ſeinem Wunſch zu⸗ wider zu ſehn.„Um den Preis der ganzen Welt nicht/ ſelbſt wenn ich dadurch das Leben meiner Nichte retten koͤnnte,“ entgegnete Belment, „vermag ich die Wahrheit zu verrathen.— Georg drang von neuem in ihn; der Greis erhob den Blick gen Himwel, legte die Hand die vor ihm auf einem Tiſchchen aufgeſchla⸗ liegende Bibel, und ſprach mit erhobener Stimme:„Es ſteht Du— — ugen ti 6 ßer ſich, hörte kaum mehr die Lroſtgründe, welche hm der fromme Peieſter gab; überzeugt, den feſten Willen des Alten nicht ändern zu koͤnnen, eilte er fort, ſo ſch ſch der Andere auch bemühte ihn aufihalten Der Schmetz erſtickte ihn faſt. In ſeinem Fummer kehrte er nicht geradezu nach Paris zück, ſondern begab ſich in die Gegend von Havre, wo ohnfern der Kuͤſte von Ingouvile das Landguth lag, nach welchem ſich Harville begeben hatte, um hir hie chöne Jhteshet zuzubringen. Die traurigſten Betrachtungen folgten ihm auf dieſer kleinen Reiſe.„Bin ich nicht ein Kind des Ungluͤcks,“ rief er,„gegen das ſich ſelbſt die Tugend zu verſchworen ſcheint Auf dem Guthe angekommen, fand er ſei⸗ nen Freund in einer ſehr zahlreichen und ſehr luſtigen Geſellſchaft bei Tiſche; eine Menge junge Leute aus der Rachbarſchaft, Guthsbeſitz Kaufleute, Militairs, und die ganze Schauſſ lettruppe aus Havre die dieſen Tag keine Vorſtellung hatte,.—— ſunbtere an einem ſe und eiſheſt bo Anſtnd die Ungtwite der Etikette eidu⸗ afe einen gichlin Schloſt, trant b Vein des aiten Herrn, tractirte die ganze umiegende Gegend ind Cwurtoiſir die hbſchen Cauchot⸗ ſerimnen, mochten ſie auch weß Standes ſeyn ſie wollten. Welch ein unterſchied war wiſche der beſcheidenen, ſillen Pfarrwohning, welche Georg ſo eben erſt verlaſſen hatte, und dem glänzenden, geräuſchvollen Schloſe, in ds er jezt trat!— Kaum hoͤrte Harville den Namen ſeines Fre undes, ſo ſprang er, entzuͤckt und uberraſcht, — von der Lafel auf, umarmte ihn und rief ſeinen fröhlichen Mitgäſten zu:„Meine Herren und Damen, ich ſtelle Ihnen hier meinen beſten Freund, meinen lieben Georg Derch vor; er iſt zwar ein Philoſoph, aber dabei ein ſo guter und braver Menſch, daß ich es ihm gern ver⸗ zeihe, vernünftiger zu ſeyn, wie wir und ihn eben ſo lieb habe, als waͤre er genau ſo leicht⸗ ſinnig und luſtig wie wir. Geſchwind ein Cou⸗ vert! Du fehlteſt uns noch, mein guter Georg, aber ich hoffe, daß Du acht bis vierzehn Tage, ja einen Monat wenigſtens, bei uns bleibſt; o! Du ſollſt Deine Freude daran haben, wie frohlich es hier zugeht!“ Georg erwiederte wenig hierauf und nahm ſtill Platz; immer fortfah⸗ rend zu plaudern, zu lachen und zu ſcherzen, beobachtete aber Harville ſorgſam ſeinen Freund und mitten unter dem Klingen der Glaͤſer, unter dem Laͤrme und dem Gelaͤchter der lie⸗ benswuͤrdigen Geſellſchaft, ſah er mit Erſtau⸗ nen, daß Georg blaß, niedergeſchlagen und trau⸗ rig war, und nur dann und wann mit einem erzwungenen Lächeln in die Luſtigken der andern Gaͤſte einſtimmte. in i c Sowie die Tafel aufgehoben, ließ Harville die Andern ſpazieren gehen oder ſich zu den Spieltiſchen ſetzen; und nun Georgs Arm er⸗ greifend, ging er mit ihm in den Garten hinab. „Um des Himmels willen, mein Freund,“ ſprach er hier,„was iſt Dir begegnet? Dein Ausſehen erſchreckt mich.“— Georg, immer ſehr niedergeſchlagen, entſchuldigte ſich jezt, ſein Geheimniß dem Freunde ſo lange verborgen zu haben, und zum Erſtenmale ſchluͤpfte dabei das Wort Liebe uber ſeine Lippen.„Ja wahrhaf⸗ tig!“ rief Harville,„das haͤtte ich laͤngſt an Deinem melancholiſchen Aeußern ſehen ſollen, aber ſey kein Kind, beruhige Dich. Du weißt, daß mich dieſe Krankheit wohl ſchon zwanzig Mal befallen hat; aber eben ſo oft bin ich auch wieder auf das Vollſtändigſte davon ge⸗ heilt worden. Und ſieh', jezt in dieſem Augen⸗ 4 blicke gleich... denn ich bin eigentlich inmer verliebt, doch, Gott ſey Dank! meine Leiden⸗ ſſchaft hat keinen uͤblen Einfluß weder auf meine Laune, noch auf meine Geſundheit. Die huͤbſche Bruͤnette, neben welcher Du bei Tiſche ſaßeſt — es iſt die erſte Saͤngerin vom Theater in 223 —— Havre— auf's Wort, ich bin ganz raſend geſchoſſen in ſie. Aber ſag' an, martert Dich die Strenge oder die Untreue Deiner Schoͤnen; wie ihm auch ſey, vevlaß Dich auf mich, werde Mittel finden⸗ Dich zu troͤſten.“ Georg war auf's ſchmerzlichſte durch dieſe Worte und vorzuglich durch den Ton, in welchem ſie geſprochen wurden/ verwundet.„Mein Freund ſelbſt verſteht mich nicht!“ rief er;„ſogar mein Harville verkennt mein Herz; o wen habe ich denn noch in der Welt, um ihm meinen Kummet mitzutheilen!“ Tief ergriffen reichte Harville ſeine Hand dem Freunde hin.„Georg!“ rief er,„vergieb mir, daß ich Dich betruͤbte; es war nicht meine Abſicht. Verdammt waͤre mein Leichtſinn, der mich immer wider Willen hin⸗ reißt; wie konnte ich nur vergeſſen, daß daſſelbe Gefuͤhl, welches bei einem Menſchen wie ich, nur eine vberflaͤchliche Wirkung hervorbringt, bei Dir eine ganz andere machen muß! Du blſt ge⸗ wohnt nachzugruͤbeln, ich ſchluͤpfe leicht uͤber die Dinge hin; was mich unterhaͤlt, beſchaͤftigt Dich, was bei mir nur Scherz iſt, iſt bei Dir ein Ernſt. Theile mir Deinen Kummer mit, 224 gewiß/ ich bin Deines Vertrauens wuͤrdig, wenn auch nicht durch den Ernſt meines Characters, doch durch meine innige, unwandelbare Anhäng⸗ lichkeit an Dich; auch bin ich Dir nicht boͤſe, daß Du mir Dein Geheimniß ſo lange vorent⸗ halten haſt und ſelbſt in dieſem Augenblicke wuͤnſche ich es nur darum zu erfahren, um die Mittel auffinden zu koͤnnen, wie Dir am— — helfen iſt.“ u 4 Georg fuͤhlte ſich ſehr„iite isi 4 — Freund ſo reden hoͤrte; er vertraute ihm nün alles an; und Harville hoͤrte mit einem immer ſteigenden. Intereſſe zu; zulezt aber wuͤnſchte er ſeinem Freunde Gluͤck, das Herz eines ſo liebenswuͤrdigen Madchens, wie Vieto⸗ rine Lorſah, geruͤhrt zu haben. Harville gehoͤrte nicht zu jener Claſſe vorurtheilsvoller Menſchen⸗ die den Glauben hegen, man muͤſſe nur bei der Wahl ſeiner Gattin auf Reichthum oder Ge⸗ burt ſehen, und er beklagte daher ſeinen Freund doppelt, daß deſſen Geliebte aus einem zwar uͤber⸗ triebenen, aber darum nicht minder achtungs⸗ werthen Zartgefuͤhle, ſein und ihr Gluͤck verzö⸗ gerte. Als aber Georg ſeine Erzahlung mit 225 dem Berichte ſchloß, daß der alte Pfarrer ſich geweigert habe, eine Unwahrheit zu ſagen und hierdurch das Gluͤck der Liebenden zu begruͤn⸗ den, da ereiferte er ſich ſehr gegen Herrn Bel⸗ mont, und nannte deſſen Gewiſſenhaftigkeit uber⸗ trieben, kindiſch und laͤcherlich; ja, er ging ſo weit, deſſen Benehmen fuͤr einen Fanatismus von Tugend zu erklaͤren. „Huͤthe Dich, den ehrwuͤrdigen Greis an⸗ zuklagen,“ entgegnete ihm Georg;„das Ungluͤck ſoll mich nicht ungerecht machen. Ich ſah ſelbſt, welches Opfer ihm die Erfuͤllung ſeiner Pflicht koſtete; ſeine Strenge ſtuͤrzt mich in Verzweif⸗ lung, aber dennoch fuͤhle ich es, daß ich ihm Achtung ſchuldig bin.“—„Thorheit! nichts wie Thorheit und Vorurtheile!“ rief Harville; „ich uͤberlege auch, weiß der Himmel! obſchon man mir es ſelten zutraut, und manchmal uͤber⸗ lege ich mir eine Sache ſehr gut. Iſt es nicht eine unſerer erſten, unſerer heiligſten Pflichten, unſere Nebenmenſchen glucklich zu machen? Dein alter Prieſter hat dieſe Pflicht, obſchon er ſonſt ein ganz rechtſchaffener Mann ſeyn mag, ganz hintenangeſetzt, die Wahrheit nicht II. 225 zu verletzen. Aber ich ſage doch: es lebe die Luge! wenn ſie einem ehrlichen Menſchen helfen kann und, verſteht ſich, dabei keinem Andern etwas ſchadet... Doch halt! halt!“ fuhr er fort, und druͤckte dabei des Freundes Hand, indem er ſich zugleich vor die Stirne ſchlug; „warte einen Augenblick, ich habe da einen koſtlichen Einfall.“—„Sag' an!“ rief Georg, vol Hoffnung auflebend;„ich bitte Dich, ſprich, was iſt es?—„Hoͤr' zu! doch nein! nein!... das geht nicht.. indeß.. haſt Du das Geld, welches Du Victorinen geben wollteſt, bei Dir?“ —„Ja! ehe ich Paris verließ, habe ich die ganze Summe in Wechſeln aufgenommen; Vier⸗ zigtauſend Franken aber davon bereits in Bank⸗ billets umgeſezt, die ſich hier in dieſer Brief⸗ taſche befinden, und die ich an den alten Herrn Belmont geben wollte.“—„Vortrefflich! an der Hauptſache fehlt es alſo nicht; das Geld iſt da und Mittel, es ihr in die Haͤnde zu bringen, giebt es tauſend. Vertraue mir Deine Brieftaſche an und laß mich meine Ideen nur erſt ordnen, ehe ich ſie Dir naͤher entwickele. Morgen ſetze ich Dir Alles auseinander, aber 2 297 heute Abend wollen wir an etwas Anderes denken; komm! meine Gaͤſte werden ungedul⸗ dig uͤber unſere lauge Abweſenheit ſeyn; komm! komm! wir wollen ſehen, was unſere Commd⸗ dianten machen.“ Die Freunde kehrten nun in den Saal zu⸗ ruͤck, wo die ganze Geſellſchaft verſammelt war; man ſpielte, a I Ecarté, a la Bouillett, und Billard; man unterhielt ſich, man plau⸗ derte und machte Muſik; trotz der Hoffnung aber, welche ihm ſein Freund gegeben hatte, konnte Georg keinen Theil an der allgemeinen Freude nehmen, und zog ſich bei guter Zeit auf ſein Zimmer zuruͤck. Als er am folgenden Morgen erwachte, ver⸗ nahm er, daß Harville in der Racht abgereiſt war, und zugleich uͤbergab man ihm nachſte⸗ hendes Billet: „Mein Freund! mein Plan iſt vortrefflich; er führt Dich zum Gluͤck, dafur ſtehe ich; aber ich wollte ihn gern ausfuͤhren, ehe ich Dir ihn mittheile. Du biſt ein ſo ehrliches Blut, wie ſchon Deine Mutter ſagte, daß Du mir auf jeden Fall tauſenderlei Einwuͤrfe würdeſt P 2 2²8 gemacht haben. Ich reiſe; einige Stunden nach mir, mache Dich auch auf den Weg; Dein Geld habe ich mitgenommen; Du wirſt bei Deiner Ankunft in Paris hoͤren, welch einen guten Gebrauch ich davon gemacht habe. Dein Freund, Harville.“ Erſtaunt, nicht vermoͤgend was ſein Freund unternehmen wurde, ſchwebend zwi⸗ ſchen Furcht und Hoffnung, machte Georg ſich nun ſogleich auf den Weg nach der Hauptſtadt. ———————— Funfzehntes Kaßpten darvittes Keckheit und Georgs Albernheit —— Triumpf! Triumpf!“ ſchrie Harville, ſo wie er Georg erblickte, den er ſchon ſeit einigen Stunden mit Ungeduld erwartet hatte;„ſie iſt Dein,“ fuhr er fort,„Du darfſt nur hingehn, und Dich zeigen, denn ſie haͤlt ſich fuͤr reich.“ —„Iſt es darf ich Dir glauben? 229 — Sprich! was haſt Du gemacht?“—„Was ich gemacht habe? Wunderthaten! Kaum war ich dieſen Morgen angekommen, ſo ſchickte ich einen meiner Leute mit einem Briefe zu Herrn Duͤbrocard, in welchem ich ihn ſogleich um eine Unterredung unter vier Augen, einer wich⸗ tigen Familienangelegenheit wegen, bat, die beſonders ſeine Richte, Victorine Lorſay, be⸗ treffe. Nicht lange, ſo war ich auch in dem Hauſe. Ach, mein Freund! welch ein hubſches Maͤdchen haſt Du Dir ausgeſucht! Doch, ich verlor keine Zeit und ging gleich auf die Haupt⸗ ſache los. Ich erzaͤhlte, daß ich dieſem Augen⸗ blick aus der Normandie anlange, und das war keine Luge, wie Du weißt; dann berichtete ich, wie ich dem ehrwuͤrdigen Pfarrer, Herrn Belmont, einen Beſuch abgeſtattet, und daß ich den alten Mann in einer ſehr großen Freude uͤber ein Ereigniß gefunden, von dem er ſo eben erſt die Nachricht bekommen gehabt hoͤtte; daß nemlich den Tag vorher ein alter Bekannter von dem verſtorbenen Herrn Lorſay, der Schiffs⸗ rheder Kervon aus Lorient, zu ihm gekommen, und ihm die unerwartete Rachricht gebracht 230 habe, daß die demſelben einſt vor ſechzehn Jahren von Herrn Lorſay geliehenen zwanzig⸗. tauſend Franken, reichliche Fruͤchte in dieſer Zeit gebracht haͤtten.... mit einem Worte, ich erzaͤhlte ihnen nun die ganze Geſchichte, die Du Dir ausgedacht haſt und die, beim Him⸗ mel! nicht ſchlecht erfunden iſt. Der gute Pfarrer, benachrichtigt von meiner nahen Ab⸗ reiſe nach Paris, ſezte ich zulezt hinzu, hat mich hierauf erſucht, Ihnen ſaͤmmtlich die Kunde von dieſem unverhofften Gluͤcksfalle mit⸗ zutheilen, und mich zugleich gebeten, ſeiner Richte, Der Demoiſelle Victorine Lorſay, dieſe vierzigtauſend Franken hier zu uͤberbringen, mit der Verſicherung, daß er das Uebrige bald nachſenden werde. Bei dieſen Worten habe ich dann das Geld hervorgezogen, und daß nun Riemand mehr an der Wahrheit der ganzen Geſchichte zweifelte, kannſt Du Dir leicht den⸗ ken; wer wird auch an der Wahrheit eines Menſchen zweifeln, der einen vierzigtauſend Franken bringt? Ol ich haͤtte Dir gewuͤnſcht, in dieſem Augenblicke die Geſichter der lieben Familie zu ſehen! beſonders intereſſant war das der Madame Duͤbrocard; Verdruß und Neid miſchten ſich auf eine wunderbare Art mit einer affectirten Theilnahme... aber Deine Vi⸗ ctorine! die Freude, welche ihr die Rachricht machte, erhoͤhte noch die Anmuth ihrer Zuͤge. Sie ſchlug die Augen nieder, erroͤthete, wollte gleichgultig ſcheinen; doch ſah man deutüch, daß die Gunſt des Gluͤckes einigen Eindruck auf ihr Herz machte. Dann haͤtteſt Du mich ſehen ſollen; o! ich war ſo geſezt, ſo ernſt⸗ haft. ich will Dir nur geſtehen, ich fand, daß ich diplomatiſche Talente, trotz meinem Va⸗ ter, habe. Dabei entwarf ich ein hoͤchſt ruͤh⸗ rendes Gemaͤlde von dem guten Pfarrer Bel⸗ mont; ich beſchrieb, wie er, von Alter und Schwaͤche gebeugt, in ſeinem Großvaterſtuhle ſaß, wie ihn aber das Gluͤck ſener Richte gleichſam verjuͤngt habe. Dann fuͤhrte ich ihn ſelbſt redend ein und um der Sache mehr Wahrſcheinlichkeit zu geben, untermiſchte ich die⸗ ſen Discours geſchickt mit einigen gut gewaͤhlten Stellen aus dem alten und dem neuen Teſta⸗ mente, gerade ſo, als haͤtte ich es aus ſeinem Munde gehoͤrt; zum Schluß aber fuͤgte ich 232 noch einige moraliſche Betrachtungen von mei⸗ ner eigenen Fabrik hinzu, die mir große Lob⸗ ſpruche einbrachten. Bei alle dem ſchnitten die Duͤbrocards Geſichter!... ach! es war zum Todtlachen.... Endlich ſchloß ich den ganzen Auftritt damit, daß ich der Demoiſelle Lorſay mit einer tiefen Verbeugung die Brieftaſche uͤberreichte, die ſie mir denn auch aus der Hand nahm und ſogleich ihrem Onkel gab. Wahr⸗ haftig, lieber Freund, das Madchen iſt ganz allerliebſt, und wenn Du nicht mein guter, ehr⸗ licher Georg waͤrſt, und es mir viele Freude machte, Dein Vertrauter zu ſeyn, ſo wuͤrde ich auf jeden Fall Dein Nebenbuhler werden. Ehe ich ging, zählte ich dem Herrn Duͤbrocard das Geld noch vor; er zählte nach und hier iſt ſein Empfangsſchein.“ wht 35 Waͤhrend Harville ſprach, hatte Georg ſtumm und beſturzt dageſtanden.„Wie?“ rief er jezt, „Du haſt es gewagt, ſie zu hintergehen und Dich dabei des Namens ihres ehrwurdigen On⸗ kels zu bedienen?“—„Ach! da mache ich mir kein Gewiſſen daraus! und dann, was habe ich denn Anderes gethan, als was Du ſelbſt thun wollteſt, und dem alten, zu aͤngſtlichen Manne vorſchlugſt?“—„Das iſt freilich wahr; aber ich that es in der Hoffnung, daß er es billigen und mir darin beiſtehen wuͤrde, und er hat im Gegentheile mich getadelt und mir ſeine Beihuͤlfe gerade zu abgeſchlagen.“—„In Got⸗ tes Namen,“ erwiederte Harville,„mag er das thun; die Sache iſt einmal eingeleitet, nun koͤn⸗ nen wir nicht mehr zuruͤck. Dir bleibt es über⸗ laſſen, Alles zu Ende zu bringen; folge mir uͤbrigens und verliere nicht einen Augenblick Deiner Schoͤnen und ihrer Familie Deinen Gluͤck⸗ wunſch abzuſtatten.“— Georg ſann noch einige Minuten nach, dann ſprach er:„In der That, weil Deine Liſt gelungen iſt, ſo muß ich nun wohl. aber unrecht bleibt es doch.. w6 2 gehe hin. 4 nuf dem Wege freute er ſich bald, daß es nun ſo weit war, wie er es gewuͤnſcht hatte, bald machte er ſich aber auch wieder Vorwuͤrfe; wechſelsweiſe lobte und tadelte er Harvilles Be⸗ nehmen.... Endlich langte er bei dem Land⸗ hauſe der Familie Duͤbrocard an.“ Seine Beklemmung mehrte ſich, als er hier“ eine große Geſellſchaft vorfand; ſie wurde noch groͤßer, als er den Grund dieſer zahlreichen Verſammlung erfuhr. Die Reuigkeit von dem Glucke, welches Victorinen begegnet war, hatte ſich mit Blitzesſchnelle verbreitet und alle Welt lief nun, nach Weltgebrauch, herbei, der Gluck⸗ lichen zu huldigen. Sonſt, wenn Geſellſchaft im Hauſe war, mußte die arme Waiſe in einem Winkel des Saales ihren Plätz nehmen; heute ſaß ſie zwiſchen ihrer Tante und ihrer Couſine oben an, um die Gluͤckwuͤnſche der Gaͤſte beſſer empfangen zu koͤnnen, Mehr wie jemals ſpielte Madame Duͤbrocard dabei die Gefühlvolle.„O wie gluͤcklich bin ich!“ rief ſie bei jedem Worte, das man an Bictorinen richtete und ſtreichelte dabei das ſo oft von ihr gekraͤnkte Maͤdchen. —„Ich bin entzückt!“ rief Dauvert und druͤckte mit einem freudigen Geſichte Georgs Hagd, gleich als daͤchte er nicht mehr an das — des Herzogs;„das Gluͤck lächelt allen Perſonen, die mir werth ſind.“ Georg uͤberwand ſeine Verlegenheit und machte, ſo gut 235 wie es ging, Victorinen ebenfalls ſein Com⸗ pliment. Indem man immer fortfuhr, dem Modchen die groͤßten Zuvorkommenheiten zu beweiſen, ſezte man ſich zum Spiel und Victorine, laͤngſt ermuͤdet durch alle die Schmeicheleien, welche man ihr heute ſo reichlich zollte, bat ihre Tante, einen Augenblick in den Garten gehen zu duͤr⸗ fen, um friſche Luft zu ſchoͤpfen, und um ſich erholen zu koͤnnen. Georg, immer die Geliebte mit den Blicken verfolgend, ließ einige Minuten voruͤberſtreichen, dann ſchlich auch er ſich un⸗ bemerkt aus der Geſellſchaft fort, und nicht lange, ſo war er in derſelben Allee bei ihr, wo er ihr wenige Tage vorher das Geheimniß mit dem Teſtamente des Herzogs entdeckt hatte. „Mademoiſelle,“ ſprach er hier mit zitternder Stimme,„giebt es nun noch Hinderniſſe, die ſich der Erfuͤllung meiner Wuͤnſche entgegen⸗ ſtellen?“— Die Zͤge und die Blicke Pto⸗ rinens druͤckten zu deutlich ihre innere Zu rie⸗ denheit aus, als daß ſie dieſelbe noch haͤtte leugnen koͤnnen; die alte Frau Dechamps hatte ſich auf eine Bank niedergelaſſenim Weiter⸗ „ gehen ſprach das Maͤdchen:„Auf derſelben Stelle, Herr Derey, machten Sie mich mit einer Handlung bekannt, die Sie auf immer in mei⸗ nen Augen ehren wird, obſchon ſie Ihnen den Tadel der Welt zuzog; hier lernte ich Ihren edlen Character und die Rechtlichkeit und Groß⸗ muth Ihrer Geſinnungen noch mehr ſchaͤtzen, und jezt, da mir das Gluͤck ein Vermoͤgen geſchenkr⸗ hat, welches dem Ihrigen zwar bei weitem nicht gleichkommt, das aber doch hin⸗ veichend iſt, um alle meine Wuͤnſche zu erfül⸗ len.. jezt gebe ich Ihnen gern die Erlaubniß, Herrn Duͤbrocard um meine Hand zu bitten.“ Eine ſo offne und liebevolle Erklaͤrung haͤtte Georg auf den Gipfel ſeines Gluͤcks heben ſollen; aber, beſchaͤmt von den Lobſpruͤchen, welche das Maͤdchen ſeiner Rechtlichkeit machte, ſchlug er verwirrt und betroffen die Augen nie⸗ der. In ſeinem Abſcheu vor jeder Unwahrheit, erröthete er vor ſich ſelbſt und vor dem Ge⸗ danken, ſein Gluͤck nur einer Luͤge verdanken zu ſollen, und nicht vermoͤgend, dies Gefuhl ertragen zu koͤnnen, war er, der„ehrliche Tropf,“ ſo einfaͤltig, wird die Welt ſagen, ſo gewiſſenhaft, ſagen wir, Victorinen den ganzen Verlauf der Sache zu erzäͤhlen, und ihr auch zugleich nicht zu verhehlen, daß ihr ehrwuͤrdiger Onkel ſeine Einwilligung durchaus nicht dazu gegeben habe.„O mein Gott!“ rief Vieto⸗ rine,„ſo bin ich denn getauſcht!... Das Ver⸗ moͤgen iſt nicht mein? es iſt Ihre und Sie haben es mir wollen durch eine Luͤge zuwenden! Sie konnten das? Sie? trotz dem, daß mein Onkel Sie davon abzuhalten ſuchte?.. Welche Schande! welche Schmach fuͤr mich, wenn Alles ſich entdecken wird!... wo ſoll ich mich hin verbergen und welchen Entſchluß faſſen! Ach, wem kann ich mich noch vertrauen? O, mein theurer, mein ehrwuͤrdiger Onkel! du allein vermagſt mich in dieſem Irrgewinde zu fuͤhren, du allein.. doch ach! du biſt mir fern, und ſogar dein Name wird gemißbraucht, um mich zu hintergehn... ach! und wer weiß, wie bald ich deinen Verluſt auf immer bedauern muß!“ WVergebens ſuchte Georg das Maͤdchen zu beruhigen, und ihre Verzethung zu erlangen. „Es iſt umſonſt!“ rief ſie;„laſſen Sie mich... 238 füehen Sie mich... ich verwerfe Ihr Geſchenk und Ihre Hand.“ Frau Dechamps hatte ſich den Beiden ge⸗ naͤhert; geſtuͤzt auf den Arm der Fuͤhrerin ihrer Jugend, verließ Victorine den Garten, und verſchloß ſich in ihr Gemach. Außer ſich, mehr todt wie lebendig, kehrte Georg nach Paris zuruͤck; hier ſuchte er den Freund auf, fand ihn aber nirgends. Zuruͤck⸗ gekehrt in ſeine Wohnung, rief er verzweif⸗ lungsvoll aus:„Es iſt das erſte Mal in mei⸗ nem Leben, daß ich zu meinem eignen Vortheile eine Unwahrheit verſuchte; ſchnell bereute ich die That, ſchnell ſuchte ich durch ein offnes Be⸗ kenntniß ſie wieder gut zu machen, und dennoch! wie grauſam werde ich dafur beſtraft!“ Er gab jezt ſeinem treuen Diener Joſeph den Auftrag, ſich am folgenden Morgen nach dem Landhauſe des Herrn Duͤbrocard zu bege⸗ ben, um hier wo moͤglich die alte Frau De⸗ champs zu ſprechen, und ſie um Rachricht von Victorinen und zugleich um eine Zuſammenkunft zu bitten. Dies beſorgt, brachte er eine ſchreck⸗ liche Raͤcht zu. Der Mittag des naͤchſten Tages war beinahe heran, und Joſeph noch immer nicht zuruͤck; verzehrt von Ungeduld und Sorge wollte Georg jezt ſelbſt nach dem Landhauſe hin; wie wurde ihm aber, als der Diener endlich kam und ihm die Nachricht brachte: die beiden Frauenzimmer wären in der Racht in aller Stille abgereiſet. „Abgereiſet?“ ſchrie Georg.—„Ja mein Herr, und in der groͤßten Stille; kein Menſch im Hauſe hat eher etwas davon gewußt, als bis ſie fort waren. Man ſagt, daß die junge Dame vorher noch einen Brief an Herrn Duͤbrocard geſchrieben haben ſoll; gewiß iſt, daß Herr Duͤ⸗ brocard, mit einem Papiere in der Hand, ſehr unruhig in das Zimmer ſeiner Frau getreten iſt; Beide ſind hierauf eine lange Zeit mit einander allein geweſen, hierauf aber iſt ein reitender Bote nach Paris geſendet worden, um den An⸗ wald des Herrn Duͤbrocard zu holen, und nach⸗ dem dieſer Mann gekommen, ſo hat man ſich abermals mit ihm ein Paar Stunden einge⸗ ſchloſſen, hernach iſt aber der Rechtsgelehrte in aller Eile wieder nach Paris zuruͤckgereiſet. Ge⸗ wiß iſt ferner, daß Demoiſelle Vietorine nicht . mehr bei Herrn Duͤbrocard iſt und daß NRie⸗ mand den Weg weiß, den ſie eingeſchlagen hat.“ —„Ich weiß ihn... ja ich weiß ihn gewiß. Geſchwind, geſchwind, mein lieber Joſeph, Pferde und eine Chaiſe, wir muͤſſen dieſe Stunde noch reiſen.... Ja,“ fuhr er fort, indem man die Anſtalten zur Abreiſe traf,„ſie iſt nach dem Dorfe St. Romain zu ihrem ehrwuͤrdigen On⸗ kel; da finde ich ſie gewiß. Zu ihm hat ſie ſich geflüchtet, zu ihm, dem einzigen Beſchutzer, den ſie auf Erden hat. Auch ich will dahinz der ehrwurdige Greis wird mich hoͤren, meine Reue wird ihn ruͤhren, er wird mir helfen die Ge⸗ liebte zu verſoͤhnen. O meine theure Victorine! mein Unrecht gegen Dich iſt ſehr groß; aber darfſt du deswegen unerbittlich ſeyn? Haͤtte ich ſie weniger geliebt, ſo wurde ich mich mehr be⸗ dacht haben; wäre ich weniger ehrlich geweſen, ſo haͤtte ich die Luge nicht ſelbſt entdeckt! Iſt ſie nicht durch ihre hartnaͤckige Weigerung ſelbſt an der ganzen Verwickelung ſchuld? O ware ich arm, dann wuͤrde ich gluͤcklich ſeyn, dann wuͤrde Victorine ſich nicht länger ſtrauben, die Meinige zu werden! 2 GFeben wollte Georg in den Wagen ſteigen, da kam ſein Freund Harville ganz außer Athem gelaufen.„O zum Teufel!“ rief er,„ver⸗ wuͤnſcht waͤre die ganze Geſchichte! Verfolgt mich da den ganzen Tag ein Satan von Men⸗ ſchen, der mich bis auf's Blut martert, Geld zu nehmen, mich, dem es ſonſt zuweilen ſo viele Muͤhe macht, welches zu bekommen. Es iſt der Rechtsfreund des Herrn Duͤbrocard. Er brachte mir die vierzigtauſend Franken mit einem ſehr lakoniſchen Billet von Seiten des Herrn General-Finanzeinnehmers zuruͤck, in welchem man mir meldet, daß Alles entdeckt ſey. Ich habe das Geld nicht nehmen wollen, ich bin boͤſe geworden, endlich, da ich den Plagegeiſt nicht los werden konnte, habe ich ihn in mei⸗ nem Zimmer ſitzen laſſen und bin nun hier, um Dich zu fragen, wie Alles zuſammenhaͤngt. Sollte denn unſer ſchoͤner Plan verrathen wor⸗ den ſeyn?“—„Ach mein Freund, mein lieber Harville, ich klage Dich nicht an, aber Du haſt mir vielen Schmerz verurſacht. Sie weiß Alles, ich hab' ihr Alles geſagt und Alles iſt nun verloren! Sie iſt fort, ich eile ihr nach.... bei II. O ihrem alten Vormunde, bei ihrem Onkel hoffe ich ſie zu finden.... Lebe wohl! Gebe daß ſie ſich erbitten laͤßt.“ Georg ſprang mit dieſen Worten in den Wagen, der nun ſchnell dahinrollte; beſtuͤrzt blieb Harville ſtehen.„Verwuͤnſcht!“ rief er nach einer Pauſe, in welcher er dem dahin⸗ rollenden Freunde nachgeſehen hatte, aus... „Verwuͤnſcht! ich hatte Alles ſo ſchoͤn eingeleitet und nun entdeckt er es ihr ſelbſt!... Ach! mein armer Freund, Du biſt viel zu gut, viel zu ehrlich, um je in dieſer Welt gluͤcklich werden zu koͤnnen!“ Auf dem Wege nach St. Romain 5 Georg von der heftigſten Unruhe gequaͤlt; un⸗ aufhoͤrlich marterte er ſich mit dem Gedanken, ob er ſich auch nicht darin geirrt habe, daß Vietorine ihre Zuflucht nach dieſer Gegend ge⸗ nommenz in der That, er hatte ſich nicht geirrt; das Maͤdchen war wirklich zu ihrem Großonke gereiſet. Achtzehn Stunden Vorſprung vor Georg habend, war ſie gegen Mittag in dem Dorfe angekommen, aber ach! ſie kam nur, um Zeuge des Schmerzes zu ſeyn, welchen alle Einwohner 2⁴6 an dem Grabe ihres ehrwuͤrdigen Predigers empfanden. Vor zwei Tagen war der Greis hinuͤbergegangen, und ſo hatte Vietorine nicht einmal den Troſt, den lezten Seufzer ihres theuren Verwandten vernehmen zu koͤnnen. Die ungluckliche verſank in eine furchtbare Rieder⸗ geſchlagenheit; plotzlich aber, allen ihren Muth zuſammenraffend, fragte ſie ihre Begleiterin: ob ſie entſchloſſen ſey, ihr zu folgen? worauf ihr denn dieſe verſicherte, daß nichts in der Welt ſie von ihr trennen ſolle.. Als Georg in dem Dorfe ankam, war Viectorine bereits wieder abgereiſet, wohin? das wußte ihm Rie⸗ mand zu ſagen. Dieſe Nachricht war ein geien fuͤr Georg.„Wo iſt ſie hin? rief er.„Wo ſoll ich ſie wiederfinden!“ Er ſandte den treuen Joſeph auf den Weg nach Havre, ein anderer Diener mußte den nach Dieppe einſchlagen, und er ſelbſt, was wird er thun? Umſonſt forſchte er noch einmal bei allen Leuten im Dorfe, um⸗ ſonſt! Keiner vermag ihm NRachricht zu ge⸗ ben. Mit welcher Ungeduld ſah er der Ruͤck⸗ kehr ſeiner Boten entgegen! Zwei Tage waren Q2. 244 ſchon vergangen und noch immer kam keine Kunde von der theuren Entflohenen.... Soll er jezt nach Paris zuruͤckkehren, oder ſoll er weiter reiſen? Aber wohin 2... Eine tiefe Schwermuth befiel ihn und der Vorſatz keimte in ſeiner Seele empor, ſich gaͤnzlich von der Welt zuruckzuziehen, wenn es ihm nicht gelingen ſollte, ſeine Victorine wiederzufinden. Am dritten Tage empfing er endlich einen Brief von ſeinem Freunde Harville, durch wel⸗ chen er bewogen ward, St. Romain zu ver⸗ laſſen, ehe noch dieſe ungeduldig erwarteten Nachrichten von ſeinen Boten einliefen. Pflicht und Ehre riefen ihn nach der Hauptſtadt zuruͤck. Sechzehntes Kapitel. Gefahren. Wehrend der zwei Reiſen, welche Georg in die Rörmändie unternommen hatte, während er mit nichts beſchäͤftigt war, als mit dem Ge⸗ danken an Victorine, hatte ſich ein hoͤchſt un⸗ glůckliches Complott gegen ihn gebildet. Wir wiſſen, wie Dauvert ſeit dem Augen⸗ blicke, in welchem er ſeinen ehemaligen Schul⸗ kameraden wiederfand, nicht nachließ, denſelben an ſich zu ziehen und unter dem Scheine der Freundſchaft zu beſtricken. That dies dieſer Menſch in der Abſicht dem Andern zu ſchaden? Nein; er wollte nur dadurch ſich ſelbſt nutzen; Georg erſchien ihm lediglich als ein Werkzeug zu ſeinem Glucke; aber ſeitdem ihn ein leztes, großes und eifrig verfolgtes Ziel durch Georg, der nie darnach getrachtet hatte, entruͤckt wor⸗ den war, ſeitdem der Herzog von** den Lez⸗ teren ſtatt ihn zum Erben eingeſezt hatte, da war es nicht mehr das Verlangen allein, ſich zu bereichern und empor zu ſchwingen, was Dauvert antrieb, gegen Georg zu handeln, ſondern es geſellte ſich nun auch das häßliche, niedrige Gefuͤhl der Rache dazu, jenes elende Gefuͤhl, das ſchon ſo vieles Unheil ſtiftete, ſo vieles Boͤſe hervorbrachte und vom Erbfeinde alles Guten ſelbſt eingehaucht zu ſeyn ſcheint. Fruͤher hatte er Georg nie eigentlich ſchaden 246 wollen oder hoͤchſtens nur dann, wenn ihm ein Rutzen daraus entſprang; jezt wollte er es, ge⸗ trieben von ſeinem ungerechten Haß, ſelbſt wenn kein Vortheil ihm daraus erwachſen konnte. Sowie die lezten Anordnungen des Herzogs bekannt geworden waren, hatten auch die Ver⸗ wandten des Verſtorbenen ein lebhaftes Ver, langen gefuͤhlt, das Leſtament des Erblaſſers wo moglich umzuſtoßen; aber wie ſollte man es anfangen, um dahin zu gelangen? Man erkun⸗ digte ſich verſchiedentlich bei Rechtsgelehrten, keiner vermochte aber auch nur die geringſte Hoffnung zu einem gluͤcklichen Erfolge zu geben, keiner, ausgenommen Einer von jener Claſſe von Rabuliſten, die, verworfen von der oͤffent⸗ lichen Meinung, removirt von der Praxis vor den Gerichtshoͤfen, giftigen Unheilſtiftern gleich, umherſtreifen, eine Peſt der Geſellſchaft, immer nur bemuͤht, der Schlechtigkeit zu dienen, immer bereit zu jeder Nichtswuͤrdigkeit ihre Hand zu bieten, die vor nichts mehr erſchrecken und ehr⸗ und gewiſſenlos ihre Geſetzkenntniß nur dazu anwenden, um Recht und Geſetz zu ver⸗ drehen. * * 247 Dieſe Menſchen, wir wiederholen es, eine wahre Peſt der Geſellſchaft, ſind dann, wie ſich immer die gleichen Elemente finden, die Zuflucht eben ſo Schlechter, und mag ein Rechts⸗ handel noch ſo verwickelt, mag eine Klage noch ſo ungerecht ſeyn, ſie nehmen alles an; natuͤr⸗ lich! ſie haben ja das traurige Vorrecht, aus jedem Worte Gift ſaugen, jede Rede verdrehen zu koͤnnenz ſie verſtehen die Kunſt, in endloſe Chikanen zu verwickeln, die Kunſt oft, waͤhrend Richter und Geſetz ſie und ihre Klage verwerfen, beiden zum Hohn, im Ramen des mißbrauchten Geſetzes, dem Unrecht den Sieg erfechten zu koͤnnen. Den Verwandten des Herzogs war an Dau⸗ vert eine maͤchtige Huͤlfe zugekommen. Er, der durch alle moͤgliche Liſt, durch alle mogliche Raͤnke fruͤher geſucht hatte, zum Schaden dieſer Verwandten Erbe zu werden, ſchloß ſich ihnen ohne Ausſicht einen Gewinn davon zu haben, jezt an, um ihnen wo moglich zu helfen, den durch das Teſtament ernannten Erben zu be⸗ rauben. Aber er handelte hierbei nur heimlich und unter der Hand, denn offentlich hatte er 248 weder den Muth noch die kecke Schamloſigkeit gegen einen Mann aufzutreten, dem er ſo viel zu danken hatte. Zwiſchen ihm und jenem Vi⸗ comte Darbolin, der einſt ein wuͤthender Jaco⸗ biner, jezt ein wuͤthender Ultra, zu allen Zeiten aber ein hoͤchſt proeeßſuchtiger Menſch geweſen, fanden nun haͤufige geheime Zuſammenkuͤnfte ſtatt und ihr Rathgeber und Beiſtand bei dieſen Zuſammenkuͤnften war ein alter, wegen Ver⸗ untreuung anvertrauter Gelder von der Praxis zuruͤckgewieſener Advocat, ein Rabuliſt, der ſchon lange ſeiner Kniffe wegen ein Gegenſtand der Verachtung und des Abſcheues aller ehrli⸗ chen Menſchen war, ein Menſch, deſſen Lebens⸗ luft die Chikane zu ſeyn ſchien und der, dieſen Hang zu befriedigen, und nebenbei Geld zu verdienen, vor nichts Scheu trußg. Um zu ſeinem Ziele zu gelangen, ſah Dau⸗ vert ſich allerdings gezwungen, dem Vicomte und dem alten Rabuliſten zu geſtehen, welche kleine Intriguen er ſich waͤhrend der lezten Krankheit des Herzogs erlaubt hatte.„Aber,“ ſezte er hinzu,„der Gedanke, die rechtmäͤßigen Erben zu berauben, war dabei weit von mir 249 — entfernt. Ich glaubte nur einige Anſprüche an ein ehrenvolles Legat machen zu koͤnnen, und in dieſer Abſicht allein fuhren ich und meine Frau fort, dem Seligen alle jene kleinen Auf⸗ merkſamkeiten und Huͤlfsleiſtungen zu erweiſen, die uns von der Welt nachher ſo uͤbel ausge⸗ legt worden ſind.“ „O, uͤber den Schelm!“ rief Darbolin, mit einem haͤmiſchen, freundlich ſeynſollenden Lacheln, aus;„alſo auch Sie, auch Sie wollten uns pluͤndern? Doch laſſen wir das, es iſt vor⸗ bei, und weil jezt weder Sie, noch wir Andern etwas bekommen haben, ſo laſſen Sie uns zu⸗ ſammentreten und Freunde ſeyn, um dem, der uns Alle beraubte, die Beute abzujagen.“ Unter den Geſtandniſſen, welche Dauvert ge⸗ glaubt hatte, ſeinen ſchoͤnen Verbuͤndeten machen zu muͤſſen, hatte er auch erzaͤhlt, daß der Her⸗ zog eines Tages, als er bereits ſehr krank war, ein Wort davon habe fallen laſſen, wie er noch eine große Schuld zu verguͤten, eine heilige Pflicht zu erfullen habe; hierauf haͤtte er aber ſogleich abgebrochen. Dauvert indeß, als ein feiner und gewandter Mann, hatte nicht gaͤnz⸗ 250 lich zu dieſer Aeußerung geſchwiegen, ſondern ſie aufnehmend erwiedert:„Ihre Excellenz muͤß⸗ ten ſuchen, einen rechtſchaffenen und zuverlaͤßi⸗ gen Mann aufzufinden, dem Sie ſich in dieſer Angelegenheit anvertrauen koͤnnten,“ und der Herzog habe nun zwar hierauf nichts entgegnet, ſey jedoch in ein ernſtes und tiefes Nachdenken verſunken.„Seit dem Tode des alten Herrn,“ fuhr Dauvert fort,„und ſeitdem ich weiß, daß Georg der Erbe deſſelben iſt, kam mir dieſe Unterredung mehrmals wieder in den Sinn, und beſonders faͤllt mir jezt das bei der Sache auf, daß der Herzog noch denſelben Abend den Notarius zu ſich kommen ließ und ſich mehrere Stunden mit ihm einſchloß.“ „Halt!“ rief hier der alte Rabuliſt auf einmal aus;„halt! das iſt ein guter Wink; erzaͤhlen Sie mir die Sache noch einmal.“— Dauvert wiederholte das Vorherige.„Ich weiß genug,“ ſprach der Andere;„nun bin ich im Flaren. Hier liegt ein Fidei⸗Commiß zum Grunde. Wiſſen Sie, was ein Fidei⸗Commiß iſt? Das Geſetzbuch erklaͤrt es auf die allerunzweideutigſte Art. Hier, hier“— er langte bei dieſen Worten 251 den Coder herunter, blaͤtterte ſchnell darin um⸗ her und las dann:„Art. 896. Alle gehei⸗ men Vorbehalte ſind verboten; eben ſo alle Dispoſitionen, durch welchen Donatarien, eingeſezten Erben oder Legatarien, aufgegeben wird, einen Theiloder das Ganze des ihnen Ge⸗ ſchenkten oder Vermachten, im Ge⸗ heim an einen oder mehrere Andere zu geben, und ſollen ſolche Schein⸗ Donatarien, Erben oder Legatarien, gaͤnzlich das Recht und die Anſpruͤche verlieren, welche ihnen die Schen⸗ kungs⸗Urkunde oder das Teſtament verleihen“ „Da haben wir es!“ rief Dauvert.— „Die Sache ſcheint mir unzweifelhaft,“ fuhr der Advocat fort;„der Herzog ſagte zu Ihnen, er habe eine heilige Pflicht zu erfullen; Sie erwiederten ihm darauf, er muͤſſe ſich einem Freunde, einem rechtſchaffenen und ſicheren Manne anvertrauen; der Herzog iſt darauf in Rach⸗ denken verſunken; noch denſelben Abend hat er aber ſein Teſtament gemacht.... iſt es da nicht 252 wahrſcheinlich, nicht gewiß, vaß er, Ihrem Rathe zufolge, den Herrn Georg Dercy nur darum zu ſeinem Univerſalerben einſezte, weil er„ob⸗ ſchon nicht mehr in Verbindung mit ihm, ihn doch mehr fuͤr ſeinen Freund und ſicherer und ehrlicher hielt, als Sie?. Dies iſt jedoch nicht geſagt,“ ſezte er ſchnell hinzu,„um Sie zu beleidigen, mein lieber Herr Dauvert; ich ſeze jezt nur den Fall, wie der Herzog ge⸗ ſprochen haben koͤnnte, wenn wir die Sache als ſo geſchehen betrachten.“—„Alle Teufel!“ rief Dauvert hier aus,„ſo waͤre ich es denn ſelbſt geweſen, ich, der ſonſt meinen Freund Georg ſo gut zu nehmen wußte, welcher ihn diesmal in dieſer wichtigen Angelegenheit zu ſeinem eigenen Schaden gedient haͤtte!“— „Kein Zweifel,“ entgegnete der Advocat,„Sie meinten ſich bei dem Vorſchlage und lenkten die Gedanken des Herzogs auf ihn.“ Darbolin hatte dieſer Unterredung ſchwei⸗ gend zugehoͤrt und mit haͤmiſcher Schadenfreude ſich an Dauverts Aerger geweidet.„Ja, ja,“ fuhr der Leztere fort,„ich erinnere mich; indem der verſtorbene Herzog mir meiner Geſchmei⸗ Grunde, nicht geradezu vermachen konnte? Eine digkeit und Fuͤgſamkeit wegen ſein Wohlwollen zuwendete, verhoͤhnte er mich doch oft auf's grauſamſte dabei und mehr wie einmal hoͤrte ich ihn die unbeugſame Rechtſchaffenheit, den Zartſinn und die Gewiſſenhaftigkeit jenes Georg Derch ruͤhmen, den dieſe Tugenden ſeine An⸗ ſtellung koſteten.“—„Sehen Sie wohl,“ er⸗ wiederte hier der Rabuliſt;„o ich blicke das Alles durch! Mit dem Fuße ſchon im Grabe, nicht mehr Staats⸗, nicht mehr Weltmann, glaubte der Herzog in dem Manne, den er als Miniſter von ſich wies, das zu finden, was er in dem, der ihm ſchmeichelte, nicht zu finden hoffen durfte.... ich ſage dies alles, wohl zu merken, nicht in der Abſicht, um Sie zu be⸗ leidigen.... Die Sache aber ſo angenommen) iſt es da,“ fuhr er mit erhobener Stimme fort,„nicht mehr als wahrſcheinlich, nicht un⸗ beſtreitbar gewiß, daß das Vermoͤgen dem Herrn Georg Derch nur darum im Teſtamente zugeſpro⸗ chen wurde, damit er es an einen Andern, ſey dieſer wer es auch will, uͤbergebe, dem es der Herzog, der Himmel mag wiſſen, aus welchem 254 ſolche Anordnung iſt aber, wie jeder Rechtskun⸗ dige dies weiß, nach unſeren Geſetzen nichts anderes, als ein wirkliches Fidei⸗Commiß, und dieſe ſind ſowohl durch das alte roͤmiſche Recht, als durch das alte Recht von Paris und durch unſer neues Geſetzbuch gleichmäͤßig verboten, wie ich Ihnen dies vorher durch den Artikel 896. klaͤrlich dargelegt habe.“—„Und folg⸗ lich,“ rief voll Freude der Herr Vicomte Dar⸗ bolin,„iſt es mit dem Teſtamente nichts und wir haben Grund und Recht es umzuſtoßen.“ —„Wahr geſprochen,“ erwiederte der alte Rechtsverdreher;„aber zu weſſen Gunſten iſt dieſes Fidei⸗Commiß gemacht? das muͤſſen wir erſt wiſſen, das muͤſſen wir erſt beweiſen kon⸗ nen, denn auf was wollen wir unſere Klage ſonſt gruͤnden, wenn wir nicht einen Beweis, einen Schein von einem Beweiſe, oder auch wenigſtens nur eine Muthmaßung haben, die wir vorſchieben koͤnnen? Meine Herren, ich ſage es Ihnen, wir muͤſſen hier ſehr vorſichtig zu Werke gehen, denn wir bekommen mit Ge⸗ richtshofen zu thun, die ſtreng auf das Recht halten und uns ſehr uͤbel wuͤrden ablaufen laſſen, wenn wir uns nicht durchwinden konnten.“ Die drei Ehrenmaͤnner faßten nun den Be⸗ ſchluß, nach Kraͤften jedes Mittel aufzubieten, um ſich einiges Licht uͤber die Sache zu ver⸗ ſchaffen, und theils einzeln jeder Handlung, die der verſtorbene Herzog im Laufe ſeines Lebens begangen, nachzuſpuͤren, um hierdurch wo moͤg⸗ lich zu erforſchen, wen es etwa geben koͤnne, gegen den er eine beſondere Verbindlichkeit oder Pflicht habe, theils aber auch jeden Schritt und Tritt von Georg zu bewachen, um ſo auf die Spur zu kommen, wer etwa das Vermoͤgen aus ſeiner Hand empfinge. Alle dieſe ſauberen Vemuͤhungen blieben indeß fruchtlos; ſo allge⸗ mein bekannt die oͤffentlichen Verhaͤltniſſe des Herzogs auch waren, ſo geheim waren es da⸗ gegen ſeine particularen, und gegen ſeine ſon⸗ ſtige Gewohnheit beobachtete Georg in ſeinem Verkehre mit dem Sohne des Herzogs eine ſolche Vorſicht, daß es den Laurern rein un⸗ moͤglich wurde, etwas herauszuſpioniren. So außer Stande, auch nur den Schein zu einer Klage gegen die geheime Aufſtellung eines 2⁵⁵6 Fidei⸗Commiſſes von Seiten des Erblaſſers auf⸗ zufinden, entſchloſſen ſich der Vicomte und die anderen Glieder der Familie endlich, auf den Rath ihres trefflichen Rechtsfreundes, einſtweilen blos eine Proteſtation gegen die Vollſtreckung des Teſtaments, unter dem Vorwande einzu⸗ geben: der darin ernannte Univerſalerbe habe ſich unerlaubter Mittel bedient, um den Willen des Verſtorbenen zu ſeinen Gunſten zu lenken; zugleich behielten ſie ſich aber dabei alle Wege offen, um jeden etwa im Laufe der Zeit zu ihrem Vortheile ſich zeigenden Umſtand benutzen zu konnnen. Mit dem Aufwande alle ſeines Scharf⸗ ſinnes und ſeiner Liſt, ſuchte der alte Adookat zu beweiſen, daß Georg den Herzog zu der fuͤr deſſen Familie ſo nachtheiligen Verfuͤgung be⸗ redet habe, und obſchon der Erſtere den Lezte⸗ ren ſeit ſeiner Entlaſſung aus dem Buͤreau des Miniſters nur ein einziges Mal, und dies auch nur auf einige Augenblicke, bei der Vermaͤhlung von Herrn Dauvert mit der Demoiſelle Alphon⸗ ſine wiedergeſehen und hier kaum ein Paar Worte mit demſelben gewechſelt hatte, ſo zwei⸗ felte der raͤnkevolle Rabuliſt, dem Grundſatze jenes ihm aͤhnlichen Richters treu, welcher einſt, ſtolz auf ſeine Kunſt, aus Honig Gift ſaugen zu koͤnnen, ausrief:„Man gebe mir zwei Zeilen von der Hand des ehrlichſten Man⸗ nes und ich will ihn damit an den Galgen bringen!“ ſo zweifelte, ſagen wir, der Rabuliſt doch nicht daran, Mittel aufzufinden, die ſein Vorgeben beſtaͤtigen, wenigſtens wahrſcheinlich machen koͤnnten.„Wir tragen auf eine Un⸗ terſuchung an,“ ſprach er zu ſeinen Clienten; „wir fuͤhren Zeugen auf, die es beſchwoͤren, daß ſich der Herzog ſehr angelegentlich mit Herrn Derecy unterhielt, daß er ihn wiederſah, ein⸗ mal. mehrmal.. oft!. das giebt Laͤrm... der Legatarius wird eingeſchuͤchtert.;. die offent⸗ liche Stimme erhebt ſich gegen ihn und zu⸗ lezt koͤmmt er ſelbſt, ein Enthuſiaſt fuͤr einen rechtlichen Namen, wie er iſt, und bietet uns, um nur Alles zu beſeitigen, einen Vergleich an. Haben wir ihn aber erſt dahin, dann gute Nacht Leſtament, dann wollen wir 6 vollends muͤrbe machen.“ Dieſes ſchone Vorhaben lachte Vicomte ungemein zu; bei Dauvert wachte dagegen einen II. R 258 Augenblick das Gewiſſen auf, da er ſah, daß man die Sache ſo weit treiben wolle; aber er hatte ſich einmal eingelaſſen und konnte nun nicht fuglich mehr zuruck; bald trieben ihn auch ſein daß und 6 von neuem an Auf die Art iee Lenanb des Herzogs, den Vicomte an der Spitze, ihren gemeinſchaftlichen Angriff gegen Georg. Seit der Aufforderung, welche dieſer in dem Au⸗ genblicke erhalten hatte, als er im Begriff ſtand, zum erſtenmale nach St. Romain zu reiſen, waren ihm noch eine Menge andere, aͤhnliche Papiere zugeſendet worden; ganz beſchäftigt mit ſeinen eigenen Angelegenheiten aber, vertrauend auf ſeine Unſchuld, verlachte er die Heftigkeit der Drohungen ſeiner Gegnet und uͤberließ die Sache, ohne ſich weiter darum zu bekuͤmmern, ganz der Fuͤhrung ſeines zwar rechtſchaffenen, aber mit vielfachen andern Arbeiten uͤberhäuf⸗ ten, und ſich daher auch wenig darum bekuͤm⸗ mernden Advocaten. Unter der Hand hatten die ſauberen Verwandten ihm einen Vergleich anbieten laſſen, den er aber ablehnte; zugleich fuhren ſie jedoch immer in ihren Wnnfen ge⸗ gen ihn fort. Bei der Entſcheidung eines Rechtsſteites, in welchem es ſich darum handelt, ein Teſta⸗ ment, unter dem Vorwande der Erſchl eichung, umzuſtoßen, kömmt es viel auf den guten oder uͤbeln Ruf an, in weſchem der der Erbſchlei⸗ cherei Beſchuldigte bei dem Publicum ſteht. Georgs ganzes Leben war der Art, daß jede ſeiner Handlungen ihm die Achtung ſeiner Mit⸗ buͤrger erwerben mußte, wenn ſie waͤren be⸗ kannt geweſen; aber er gehorte zu jener klei⸗ nen Zahl von Menſchen, die, zufrieden mit der Beiſtimmung ihres Gewiſſens, ſich wenig um den Beifall Anderer bekuͤmmern und nichts welches ſie thun. Zwar hatte er, außer dem Vicomte Darbolin, deſſen Verwandten, und dem ſaubern Herrn Dauvert, keinen eigentlichen Feind in ganz Paris; aber, giebt es nicht uͤber⸗ all Menſchen, die, ſelbſt ſchlecht, gern das Schlechte bei Andern annehmen und wenigſtens immer bereit dazu ſind, wenn auch nicht zu dem unglůck ihrer Rebenmenſchen zu helfen, R 2 . doch daruber zu lachen? Durch ſein Benehmen bei der lezten Deputirtenwahl hatte Georg uͤber⸗ dem bei allen Partheien verſtoßen, und ſo dauerte es denn auch nicht lange, daß ſich die uͤbelſten Geruͤchte in Betreff ſeiner, zu verbreiten anfin⸗ gen. Darf man ſich uͤber dies Benehmen der Menſchen wundern? Er war reich und eine neue Erbſchaft machte ihn noch reicher; das erweckte natuͤrlich den Neid; er war ein recht⸗ ſchaffner, tugendhafter Menſch, mußten ihn da nicht alle Schlechte haſſen, alle Weltmen⸗ ſchen fuͤr einen Thoren ausſchreien? er war einfach und anſpruchlos in ſeinem Venehmen, iſt dies nicht Grund genug, um von dem Eite⸗ len und Charlatans fuͤr einen Tropf gehalten zu werden? Wer weiß es nicht, daß die Maſſe die Tugenden haßt, welche ſie nicht hat? wev weiß es nicht, daß dieſe Maſſe, dieſer geiſtige Poͤbel, oft in Salons und Marmovſalen woh⸗ nend, immer tonangebend oben ſchwimmt? 45 Der treffliche Herr Dauvert glaubte jezt, nachdem er einmal das lezte Schamgefuhl glůͤck⸗ lich uͤberwunden hatte, die fuͤr Georg ſo ungun⸗ ſtige Stimmung zum Vortheil der Verwandten — 264 des Herzogs, ſeiner neuen Bundesgenoſſen, noch mehr erhöhen zu muͤſſen, und als das beſte Nittel hierzu erſchien ihm, ſehr richtig berech⸗ net, das, deſſen Familie mit in das Geſchrei einſtimmen zu machen. Gewiß, wenn unſere Verwandten, unſere natuͤrlichen Freunde, ſtatt uns zu vertheidigen, uns anklagen, wie ſollte da das vielkoͤpfige Ungeheuer, Publicum, nicht begierig einſtimmen, und gern Beſchuldigungen Glauben beimeſſen, die aus einer ſcheinbar ſo unverdaͤchtigen Quelle kommen? Ganz in Ge⸗ heim ging der ehrliche Herr Dauvert zu einem der Vettern von Georg, zu dem Eradvokaten und jetzigen Geſchaftsmann, Herrn Wüpre. Dieſer werthe Verwandte war, ſeitdem Georg geäußert hatte, daß er ihm ſeine Volimachten entziehen wollte, hoͤchſt aufgebracht gegen den⸗ ſelben. Zum Vorwand, ſeines Beſuchs ſchuͤzte Dauvert ſeine große, innige Freundſchaft fuͤr Georg vor.„Die Geſchichte mit dem Teſta⸗ mente,“ ſprach er,„kann unſerm guten Georg um ſo mehr Schaden bringen, da ſeit einiger Zeit ſeine Auffuhrung, ſeine geheimen Verſchwen⸗ dungen, ſeine aller Welt bekannten Schulden, 262 ihn in einen ſehr uͤbeln Ruf geſetzt haben. Ich habe,“ fuhr er mit ſchlauer Berechnung fort,„uber dieſen Gegenſtand weder mit Ihrem andern Herrn Vetter, noch mit Ihrem Herrn Onkel ſprechen wollen; denn, genau genommen, ſind beide nicht ſelbſt Verſchwender? Ihnen da⸗ gegen, einem uͤberlegten, ſparſamen und ver⸗ nuͤnftigen Manne, S ich mich vertrauen u koͤnnen.“ Duͤpre nahm dieſes empiinient von Dauvert ſehr gut auf.„Sollte,“ fuhr der Leztere fort,„es nicht mehr moͤglich ſeyn, den Ruf und das Vermoͤgen unſers guten Georg zu retten? ſollte es kein Mittel geben, ihn vor dem Untergange zu bewahren?“—„O, der Ruf!“ erwiederte Duͤpre,„darum will ich mich weiter nicht kraͤnken, der iſt einmal fort; aber das Vermogen, das ſchöne Vermoͤgen! das wird allerdings in große Gefahr kommen„wenn er, wie er gedroht hat, die Verwaltung deſſelben ſelbſt uͤbernimmt.“—„Hm,“ erwiederte Dau⸗ vert,„iſt es denn ſo ganz unmöglich, daß Sie noch ferner die Adminiſtration deſſelben behal⸗ ten? Ich will nicht gerade ſagen, daß man ihn 263 als einen Verſchwender erklaͤrte. 3 Dieſe Worte fielen wie ein Blitzſtrahl in Herrn Duͤpre's Seele.„Ja,“ rief er,„ſo iſt's! Und warum ſollte man das nicht?“ ſezte er mit Augen, die vor Habſucht funkelten, hinzu.„O, es ſind wohl ſchon ganz andere Leute, als er, unter Vormundſchaft geſezt worden.“ Richt minder vertraut mit den Geſetzen und ihrer Verdrehung, wie der Rabuliſt des Herrn Vicomte Darbolin, langte Duͤpre ſchnell den Co⸗ der aus ſeinem Buͤcherſchranke hervor, ſchlug auf und las: Ein Muͤndiger, welcher in einem fortwaͤhrenden Zuſtande vonGeiſtesſchwaͤche, Stumpfſinn oder Wahnſinn iſt, ſoll Vormund⸗ ſchaft geſezt werden..„Wahnſinn?... Nein! wahnſinnig war er nie, aber ſtumpf⸗ ſinnig, geiſtes ſchwach... ja, das iſt er von Ju⸗ gend auf geweſen.“ Sehend, daß Duͤpre ein ihm nur zufaͤllig entſchluͤpftes Wort ſo ernſt auf⸗ faßte, fuͤhlte Dauvert doch noch einmal die „Mahnungen des Gewiſſens; bald war aber auch dieſe Scheu, wie die erſte, uͤberwunden. Aus falſcher Scham, aus jener elenden Scham, 264 welche die Menſchen ſp oft abhlit, einen ein⸗ mal gethanen Schritt zuruͤckzunehmen, ſelbſt wenn ſie klar ſehen, daß dieſer Schritt ein böſer war, verbunden mit den neu erwachenden Ge⸗ fuͤhlen des Haſſes und des Reides, machte er Duͤpre keine Vorſtellungen, als dieſer fortfuhr: „Wahrhaftig, mein Herr Onkel, der Doctor und mein Vetter, der Spieler und Boͤrſenläufer, verdienten es nicht minder unter Vormundſchaft geſezt zu werden, als Georg; indeß, fangen wir immer bei dieſem an, um ſo mehr, da die An⸗ dern nichts, oder wenigſtens ſo viel wie nichts mehr haben! Was ſollte man ſich auch noch um dieſe bekuͤmmern? Aber Georg... es iſt zu ſei⸗ nem eignen Beſten, zu unſerm... ja es iſt durchaus nothwendig. Freilich weiß ich nicht, ob wir mit der Sache durchkommen werden.. indeß, man kann es ja verſuchen, und was die beiden Andern anlangt, ſo ſtehe ich dafur, daß ſie gern ihre Hand dazu bieten werden.“ In der That, die beiden Andern konnten es Georg bis dieſe Stunde noch nicht vergeben, daß er ihnen kein Geld hatte leihen wollen, und au⸗ ßerdem hegte auch noch der Doctor einen Groll dem erſten, beſten Madchen, dem er nachlauft, 255 gegen ihn don der Geſchichte mit der Depu⸗ tirtenwahl her; Beide bezeigten ſich demnach durchaus nicht abgeneigt, in Duͤpre's Idee einzugehen„als dieſer ihnen den ſchoͤnen Plan mittheilte. Ein Umſtand trug noch dazu bei, ſie ſaͤmmtlich in dieſem Vorſatze zu beſtaͤrken. An demſelben Tage, an welchem das Dreiblatt die Sache beſprach, vernahmen ſie, daß Georg Victorinen hatte glaublich machen wollen, ſie beſitze Vermoͤgen, und zugleich erinnerte ſich Duͤpre, daß Georg vor einiger Zeit tauſend Louisd'or von ihm verlangt hatte und daß er wahrſcheinlich dieſe, anderswo aufgenommene Summe, dazu verwendet habe, um die Spiel⸗ ſchulden ſeines Freundes Harville in Aachen zu bezahlen.“„Auf jeden Fall,“ ſprach der ehemalige Anwald,„kann man darauf antra⸗ gen, daß Georg unter gerichtliche Vormund⸗ ſchaft geſezt wird; denn, iſt es nicht klar, daß derjenige ein Verſchwender iſt, welcher einem andern Verſchwender tauſend und mehr Louis⸗ d'ors leiht, und welcher, ſelbſt nur ein Vermd⸗ gen von ungefaͤhr einer Million Franken habend, 26 ein Fünftel und vielleicht ein Viertel davon ſchenken will?“ So ſah ſich denn— von zwei— zugleich von ein Paar raͤnkevollen Rabuliſten angegriffen, von denen der Eine, wegen ſeiner Richtsnutzigkeit langſt von der Praxis zuruͤck⸗ gewieſen, der Einblaͤſer und Rathgeber der Collateralerben des Herzogs, ihn als einen Hab⸗ ſuͤchtigen und Erbſchleicher darſtellte, waͤhrend der Andere, ſein Vetter und Blutsverwandter, um nur noch ferner mit ſeinem Vermoͤgen ins geheim Wucher treiben zu können, ihn, Uebereinſtimmung mit ſeinen andern Verwand⸗ ten, als einen Unſinnigen und Verſchwender anklagte. Seltſam! der Eine verlangte eine Unterſuchung, um ihn als eine Art Rauber an fremdem Gute verurtheilen zu laſſen; der Andere arbeitete ein Geſuch aus, um ihn als einen Menſchen, der das Seinige nicht zu ge⸗ brauchen wiſſe, unter Vormundſchaft zu brin⸗ gen. Vielleicht erinnert ſich hierbei mancher unſerer Leſer der Anecdote von dem Manne, der zu gleicher Zeit bei zwei verſchiedenen Tri⸗ bunalen belangt wurde, einmal, indem ihn eine —.———— 267 Schone unter dem Vorgeben verklagte, ſie ſey von ihm in andern Umſtänden, dann, indem ſeine Frau auf Scheidung wegen ſeiner Impo⸗ tenz antrug, und der, obſchon er ſich dadurch recht gut zu vertheidigen hoffte, daß er bei jedem Gerichtshofe das Gegentheil darzuthun ſich erbot, demohngeachtet beide Prozeſſe verlor. Leider konnte Georg in dem Gegenſatze der beiden, ihn bedrohenden Anklagen, nicht ſo gute Vertheidigungsmittel herausſinden, als der Mann der Anecdote. Seine Verwandten widerſtritten gar nicht, daß er habſuͤchtig ſey, und die Ver⸗ wandten des Herzogs leugneten nicht ab, daß er ein Verſchwender waͤre; beide Partheien ver⸗ einten ſich darin, zu behaupten, er ſey habſuͤch⸗ tig, um vergeuden zu koͤnnen, beide ſchrieen ihn als einen Raͤnkemacher und zugleich als einen albernen Tropf aus; beide glaubten gern, daß er ein Spieler und geheimer Verſchwender waͤre. Das Geſchrei der Verwandten des Herzogs, verbunden mit den Klagen ſeiner Familie, er⸗ regte aber ſchnell die Aufmerkſamkeit der mußi⸗ gen Menge, die ſich nun mit einer Maſſe der ſchmachvollſten Geruͤchte uͤber ihn trug. Ale 268 Pflaſtertreter, alle Kaffeeſchweſtern der Haupt⸗ ſtadt, und Gott weiß es! daß es an dergleichen Menſchen in Paris nicht fehlt, fielen uͤber ihn her; auf allen Kaffeehaͤuſern, in allen Thee⸗ zirkeln wurde er verlaͤſtert und verſchwaͤrzt, und ſchon begannen jene erbaͤrmlichen Tageblaͤtter, die nur vom Scandal zu leben ſcheinen, und um Leſer zu gewinnen, gern ihre Spalten mit muͤßigen Klatſchereien anfullen, bald mehr, bald minder offene Angriffe gegen ihn zu machen. Victorinens Flucht und Georgs ſchnelle und geheimnißvolle Abreiſe gaben der Bosheit neue Waffen in die Haͤnde; tauſend Geruͤchte, im⸗ mer eins ehrenruhriger als das andere, liefen im Publicum um, und daß Victorinens Ruf hierbei nicht mehr geſchont wurde, als der ſeine, läßt ſich denken. Manche behaupteten, das Maͤdchen ſey mit ihm geflohen; Andere wollten wiſſen, er habe ſie gewaltſam entfuͤhrt. Herr Duͤbrocard, deſſen Frau und deſſen Tochter, die jetzige Madame Dauvert, die es Georg noch immer nicht vergeben konnte, daß er einſt ihre Hand verſchmaͤht hatte, ſtreuten in allen Ge⸗ ſellſchaften aus: Victorine ſey eine Ungerathene 269 und eine Undankbare, um deren Schickſal ſie ſich ferner nicht mehr bekuͤmmern wuͤrden und von der ſie nichts mehr hoͤren wollten; dann ſpra⸗ chen ſie aber auch wieder davon, wie ſie ge⸗ ſonnen ſeyen, Georg als einen Verfuͤhrer zu belangen; kurz, bedroht von der einen Seite mit einem Antrage als Verſchwender unter Vor⸗ mundſchaft geſezt zu werden; von der andern mit einem Prozeſſe, in Folge deſſen er als Erb⸗ ſchleicher erſcheinen ſollte, fehlte es nur noch, daß Herr Duͤbrocard einen aͤhnlichen ſaubern Rechtsgelehrten fand, wie der des Herrn Vi⸗ comte und deſſen Genoſſen war, um ihn auch noch als Maͤdchenraͤuber und vüp vor den Gerichten zu belangen⸗ Ein einziger Freund war dem armen Ver⸗ folgten in dieſer Zeit geblieben, und das war Harville. Beunruhigt, erſchreckt von den Ge⸗ ruchten, welche uͤberall ſich verbreiteten, ſchrieb er ſeinem Freunde und bat ihn, ſogleich und un⸗ geſaͤumt nach Paris zuruͤckzukehren. n Siebzehntes Kapitel. 6 Ein Paar Denkſchriften. Harvines Brief machte das Maaß des Kum⸗ mers, den Georg ſchon uͤber den gaͤnzlichen Mangel an Rachrichten von BVictorinen empfand, voll. Angekommen in der Hauptſtadty fuhr er, ſtattt in ſeiner Wohnung abzuſteigen, ſogleich bei ſeinem Freunde vot, den er, erfullt von Zorn und Schmerz, uͤber der Leſung eines Pamphlets antraf, welches die Verwandten des Petzogs den Tag vorher in Umlauf geſezt hatten. Das ziemlich bogenreiche Product war nichts als ein langes, von dem giftigſten Haſſe dietir⸗ tes, Libell, in welchem die abſcheulichſten und ehrenruͤhrigſten Vermuthungen und Verleum⸗ dungen gegen Georg aufgeſtellt, und derſelbe als ein heuchleriſcher, habſuͤchtiger und gemei⸗ ner Erbſchleicher geſchildert worden war, als ein Menſch, welcher nur darauf ausginge, recht⸗ mäßige Erben um das Ihrige zu bringen. Rach dieſem Libell erforderte es die Sicherheit aller Familien, ein ſolches gefaͤhrliches Subject wie ihn, zur ſtrengſten Rechenſchaft zu zichen, und um die oͤffentliche Meinung zu gewinnen, waren in dem ſauberen Machwerke keine Redekuͤnſte geſpart. Die ruͤhrendſten Declamationen, die toͤnendſten Phraſen, alle jene rhetoriſchen Wen⸗ dungen, welche ſo oft von Kanzeln und Red⸗ nerſtuͤhlen herab, gebraucht werden, um das Ohr zu beſtechen, welche ſo oft in Journalen und Romanen vorkommen, und die man jeder⸗ zeit anwenden ſieht, wo eine ſchlechte Sache vertheidigt werden ſoll, weil ſie, mehrentheils ſinnlos und nichtsſagend, doch durch ihren Klang ſich vollkommen dazu eignen, die gern horchende Maſſe zu uͤbertauben: alles dieſes war ange⸗ wendet worden, um das Publicum zu Gunſten der intereſſanten und ungluͤcklichen enterbten Ver⸗ wandten des Herzogs zu ſtimmen. Die Zeit, in welcher dieſer Ausfluß des Haſſes und der Verleumdungsſucht erſchien, fiel ubrigens in dem Beginn der Periode, wo die aus Deutſchland nach Frankreich verpflanzte Romantik anfing die Koͤpfe ſchwindelnd zu machen, und Alles klug vberechnend, ſogar den Einfluß der Mode, hatte 1 2 der wurdige Verfaſſer in romantiſchen Redens⸗ arten auf der einen Seite unſern Georg als einen ſchandlichen Verleiter und Raͤuber, auf der andern aber die armen, guten Verwandten des verſtorbenen Herzogs, vorzuͤglich den Herrn Vicomte Darbolin, als Heilige, als Maͤrtyrer, als ungluͤckliche Opfer einer Wn Cabale — 13 Dieſes Memoir war nun— allen ufte⸗ in allen Leſecabinetten vertheilt worden; an allen Thoren, in den Corridors der Schau⸗ ſpielhäͤuſer, wurde es durch Herumtraͤger ver⸗ breitet, allen Bekannten Georgs, allen irgend bedeutenden Familien wurde es in's Haus ge⸗ ſendet, und dies war nur gleichſam erſt das Vorſpiel; es war nur als ein erſter Angriff angekuͤndigt, ein zweiter, ein dritter ſelbſt, ihs⸗ licher Art, ſollten noch folgen. 3 Bei Georgs Anblick durchſtuͤrmten eine Venge Gefuͤhle Harvilles Herz; heftig ſprang er auf und ſchloß ihn in ſeine Arme, gleich als fuͤhle er ſich nun erleichtert, indem er den Freund bei ſich hatte, aber in demſelben Augenblicke durch⸗ zuckten ihn auch wieder Schmerz und Furcht, ſo viele, ſo bittere Feindſchaft gegen ſeinen Freund auftreten zu ſehen. Er ſprach mit ihm von der abſcheulichen, gegen ihn geſchleuderten Schrift, aber fuͤrchtend, Georg zu ſehr zu betruben, bat er ihn auch zugleich, dies Gewebe der Bos⸗ heit und Luͤge nicht zu leſen.„Muß ich es nicht kennen, um es widerlegen zu können?“ erwiederte Georg, der, wie ihm dies oft geſchah, ruhiger wurde, da er ſeinen Freund unruhiger noch, als er ſelbſt war,—— Schnell durchlief er die Schrift, dann ſagte er noch gefaßter: „In dieſer Maſſe von hohlen Declamationen und haͤmiſchen Beleidigungen ſehe ich nichts als eben ſo leere Beſchuldigungen und Lügen, die zu beweiſen eine unmoͤglichkeit ſind.“—„Den⸗ noch wird man daran glauben,“ erwiederte Harville.„Du haſt keinen Begrif davon, wie ſehr man im Publicum gegen Dich geſtimmt iſt. Ach! und was mich dabei am mehreſten ſchmerzt, iſt, daß man mich, wenn ich Dich vertheidigen will, gar nicht mehr zum Worte kommen laͤßt. Spreche ich von Dir, ereifere ich mich, um zu beweiſen, daß mein Freund ein Chrenmann iſt, dann ſieht man mich mit⸗ II. S 24 leidig an ünd erwiedert mir mit einem ſpotti⸗ ſchen Lächeln?„Schoͤn, ſchon, wir kennen Ihr gutes Hetz, mein lieber Harville; aber Sie ſind ein viel zu harmloſer Beobachter, um nicht ſchon oft von der glänzenden Außenſeite einer erheuchelten Tugend geblendet worden; zu ſeyn; Sie werden uns daher entſchuldigen, wenn wit nicht alles das fuͤr wahr halten, was Sie dafur erkennen“ Ach, mein Sreund! nie in mei⸗ nem Leben bin ich bitterer für manchen Leicht⸗ ſinn, fuͤr manche unbeſonnenheit beſtraft wor⸗ den als jeit, als hierdurch. Welch eine Lehre wird mit gegiben! Wäre ich, wie Dü mich ſo oft ermah huteß, weniger leichtſinnig, weniger un⸗ bedachtſam in meinen Handlungen und Reden geweſen, ſo wuͤrde man jejt mein Zeugniß nicht verwerfen und ich wuͤrde Dir, mein armer, verfolgter Freund, nun nätzen koͤnnen“ BGeorg, den die Verkennung det Welt bis⸗ her nicht hatte beugen können, fuͤhlte ſich durch den Schmerj ſeines Freundes und die Vot⸗ wuͤrfe, welche ſich derſelbe machte, tief ergriffen; auf's innigſte dankte er ihm fuͤr ſeine Theil⸗ nahme, fuͤr den Eifer, mit wechem er ihm . ——— zu helfen ſuchte; dann aber, auch auf ſeine Angelegenheiten wieder zuruͤckkommend, ſprach er:„Was kuͤmmert mich die Meinung der Menſchen? Das Zeugniß meines Gewiſſens, Deine Achtung und Vietorinens Liebe, das iſt alles, was ich brauche, um gläcklich zu ſeyn... aber ach! auch dies iſt mir zum Theil geraubt.... Sie ſlieht mich..—„und wenn nun Vie⸗ torine ſelbſt den Angriffen der ſchäͤndlichen Ver⸗ leumdungen nicht entgeht?“ erwiederte Har⸗ ville und theilte ſeinem Frsunde die Geruchte mit, zu welchem Georgs Abweſenheit und die Flucht des jungen Maͤdchens Veranlaſſung ge⸗ geben hatten. Bei dieſer Nachricht fühlte ſich Georg auf's tiefſte erſchüttert:, Wie?“ rief er von Schmerz ergriffen aus,„auch ſie, die ſo rein und tugendhaft iſt?... auch ſie, welche eine ſo allgemeine Achtung und Liebe verdient... auch ſie iſt nicht einmal in Sicherheit vor den Verleumdungen der Bosheit! Dieſes elende Ge⸗ zucht erroͤthet nicht, die Unſchuld mit ſeinem Gifte zu beſpruͤtzen! Iſt es denn noch nicht genug, daß ich ihren Verluſt beweinen muß! O arme, ungluͤckliche Victorine! in welch' einen S2 Abgrund ſtuͤrzen uns Deine zu weit getriebenen Bedenklichkeiten!“—„Georg,“ fiel Harville hier ein und ſchloß ihn auf's neue an ſeine Bruſt,„wenn auch nicht um Deinetwillen, doch um Deiner Vietorine willen, um Deines Freundes willen beſchwore ich Dich, verſäume nichts, um Dich zu rechtfertigen; vertheidige Dich, beweiſe der Welt, daß ein Gewebe von Lügen Dich umgiebt; zeige der Welt die Recht⸗ ſchaffenheit, den Edelmuth, welche Dich beleben, welche Dich ehren und die mich ſtolz darauf machen, Dein Freund zu ſeyn.“—„Ja ich will mich vertheidigen,“ rief Georg plotzlich, aus ſeiner Niedergeſchlagenheit ſich erhebend. „Weil ich mich bisher wenig um alles das kuͤmmerte, worin andere Menſchen ihre Ehre ſetzen, haben ſie ſich eingebildet, ſie koͤnnten mich, ſie koͤnnten diejenige, welche ich liebe, ungeſtraft angreifen; aber ſie haben ſich geirrt. Um Vietorinen zu vertheidigen, muß ich, ich fuhle es, mich ſelbſt vertheidigen; ich werde meine Stimme auch erheben; ich will das Ge⸗ ſchrei der nichtswurdigen Verleumder nieder⸗ ſchlagen; ich werde antworten, ſiegreich werde ich auf das Pasquill meiner Gegner antworten.“ Beruhigt etwas durch den Entſchluß ſeines Freundes, ſchlug Harville vor, ſogleich einen Rechtsgelehrten daruͤber zu Rathe zu ziehen, was man zu thun habe. Georg willigte ein und ohne ſein Reiſekleid vorher abzulegen, ging er auf der Stelle mit Harville zu ſeinem Ad⸗ vocaten. Dieſer Mann war eben ſo durch ſeine Kennt⸗ niſſe als ſeinen Character ausgezeichnet. Er empfing Georg hoͤflich, aber mit einer Zuruͤck⸗ haltung, die merkwuͤrdig gegen die Waͤrme ab⸗ ſtach, welche Harville ſogleich zeigte, indem er von den Beſchuldigungen ſprach, die man ſich gegen ſeinen Freund auszubreiten, erlaubt hatte und von der Rothwendigkeit, ſchnell darauf zu antworten, um die Rechtſchaffenheit, die Un⸗ intereſſirtheit und Bravheit ſeines Freundes zu beweiſen. Bei dem Worte: Unintereſſirtheit, vermochte der Advocat nicht ein leiſes Lächeln zu unterdruͤcken, das Harville zwar nicht, aber Georg deſto ſchmerzlicher bemerkte.„Meine Ob⸗ liegenheit,“ ſprach der Rechtsgelehrte hierauf, 2 „beſteht darin, zu zeigen, daß das Leſtament des Herzogs gultig iſt. Dies wird mir nicht ſchwer werden; es reichen vier oder fuͤnf Seiten dazu hin und die ſollen morgen fertig und ge⸗ druckt ſeyn. Das Uebrige anlangend, ſo iſt es Herrn Dercy's Sache, die Beweiſe beizubringen, daß die uͤber ihn verbreiteten Geruͤchte lgenhaft ſind.“—„Dieſe Beweiſe,“ erwiederte Harville lebhaft,„wird er Ihnen geben; ja das wird er, dafuͤr ſtehe ich. Geben Sie immer einſtweilen morgen Ihre Schrift heraus, und da unſere Widerſacher es gewagt haben, uns mit einem zweiten Memoir zu bedrohen, ſo koͤnnen wir auch ankuͤndigen, daß dieſe Schrift nur der Vor⸗ lͤufer einer andern ſeyn wird, welche die Un⸗ ſchuld meines Freundes in das hellſte Licht ſetzen und ſeine nichtswuͤrdigen Widerſacher mit Schmach und Schande bedecken ſoll.“ 3 Die Freunde entfernten ſich jezt und Har⸗ ville, immer nur damit beſchaͤftigt, Georg zu helfen, ging, um in zwanzig Häuſern wo möglich dem unglücklichen Eindrucke zuvorzu⸗ kommen, den die gegen denſelben geſchleuderte Denkſchrift hervorbringen mußte, zugleich aber 279 zu verkunden, daß eine Widerlegung nicht aus⸗ bleiben wuͤrde und dabei uͤberall mit Kraft und Warme den Freund zu vertreten und noͤthigen⸗ falls ſich fuͤr ihn zu ſchlagen, wenn deſſen Ver⸗ leumdern nicht anders der Mund geſtopft wer⸗ den koͤnnte. Georg, allein geblieben, ſchritt da⸗ gegen, in Gedanken verloren, dem Garten der Cuilerien zu.. Es war ein ſchoner rühhngetg; eine— Menſchenmaſſe wogte in den Alleen unterhalb der Teraſſe von der Straße Rivoli auf und nie⸗ der. Langſam vor ſich hinſchreitend, dachte Georg an die kuhle Aufnahme, welche ihm ſein Advocat erwieſen und an das Laäͤcheln, das deſſen Mund umflog, als Harville von ſeiner Unintereſſirtheit ſprach, und mit Schmerz glaubte er daraus zu ſehen, daß der Mann zwar von der Guͤte und Guͤltigkeit des Teſtamentes àberzeugt ſey, den⸗ noch aber ihn als einen Habſuchtigen betrachte, deſſen Sache gerichtlich gut, deſſen Character aber moraliſch ſchlecht ware. Mehr wie einmal hatte Georg bisher die Anſicht aufgeſtellt, daß es ihm ſehr gleichgultig ſey, was die Menſchen von ihm daͤchten, wenn nur ſein Gewiſen ihn 230. freiſpraͤche; jezt, in dieſem Augenblicke„fuͤhlte er jedoch, wie ſchmerzhaft es iſt, wenn man ſich ſelbſt von den Beſſeren verkannt ſieht. Viele Bekannte begegneten ihm in den Al⸗ leen des Gartens; eine Menge Damen, die er hier und dort in Geſellſchaft gefunden, ſaßen auf den Banken und Stuͤhlen unter den Bäu⸗ men umher. Obſchon in duͤſteres Rachdenken verſunken, ſah er dieſe Menſchen doch und be⸗ merkte auch, daß man ihn ſah; er ſchickte ſich an ſie zu gruͤßen und Einige anzureden; welch ein neuer Schmerz ward ihm hier! Die Einen wichen ihm, ſo wie ſie ihn erblickten, aus; Andere wandten den Kopf weg. Dieſe Zeichen einer Verwerfung und Eutfernung wuͤrden ihm zu jeder andern Zeit wenig Kummer gemacht haben; aber jezt, jezt, nachdem ſchon ſo mancher Schmerz ſeine Bruſt getroffen, jezt ergriff es ihn ſehr; dennoch war es mehr Zorn, als das Gefuͤhl der Kraͤnkung, welches ihn belebte. „Menſchen!“ rief er aus,„Menſchen, die ihr ſo leichtſinnig in eurem Urtheile, die ihr ſo un⸗ gerecht ſeyd, die ihr zum Cheil ſo wenig die Achtung verdient, auf welche ihr doch Anſpruch macht, ihr wagt es uber Andere den Stab zu brechen 2 Gluͤcklich der, welcher nicht mehr in eurer Rahe zu leben braucht! O! koͤnnte ich mit Viectorinen in einen Winkel der Erde flie⸗ hen, wo ich nie wieder etwas von euch hoͤrte!“ Er eilte jezt aus dem Gedraͤnge heraus; an⸗ gekommen auf der Teraſſe, ſah er, noch ziem⸗ lich weit entfernt vom Gitter des Pont Royal, 3 Herrn und Madame Dauvert aus einer ſchoͤ⸗ nen, glaͤnzenden Equipage herausſteigen; Al⸗ phonſine war auf's prachtvollſte geſchmuͤckt; Beide erkannten Georg, Beide wußten noch nichts von ſeiner Ruͤckkehr und ſchienen daher ſehr uͤberraſcht zu ſeyn, ihn hier im Garten der Tuilerien zu finden. Georg wußte, daß Dauvert und deſſen Frau es ſich am mehreſten hatten angelegen ſeyn laſſen, die ſchmaͤhligen Geruͤchte uͤber Vietorinen zu verbreiten, und„ in einer erſten Aufwallung des empoͤrten Ge⸗ fuͤhls, ſtand er im Begriff, auf ſie zuzugehen und ihnen ihr abſcheuliches Benehmen gegen die Unſchuldige vorzuhalten. Bald beſann er ſich jedoch anders und, einen Augenblick un⸗ ſchluͤßig, wie er ſich gegen ſie benehmen ſollte, ſtand er noch da, als das Ehepaar ſtolz an ihm voruͤberrauſchte und Beide ſich das Anſehn gaben, als ſaͤhen ſie ihn gar nicht.— Der elende Menſch, jener Dauvert, welcher ſich fruͤ⸗ her ſo grenzenloſe Muͤhe gab, die Gunſt und den Schutz Georgs zu gewinnen, ſchien jezt ſelbſt die Naͤhe deſſelben zu meiden! Ratürlichz er hat die harmloſe Gutmuͤthigkeit benuzt; er hat die Citrone ausgedruͤckt und wirft ſie nun ͤber Seite; doch nein! damit begnügt er ſich nicht, er tritt ſie auch noch mit Fuͤßen.— Iſt er nicht der Mitſchuldige, der Verbuͤndete des Vicomte Darbolin und der andern Verwandten des Herzogs? iſt er nicht der Erſte, welcher die Verleumdungen gegen ſeinen Wohlthaͤter in Umlauf ſezte? hat er nicht zuerſt die Idee bei Georgs Verwandten angeregt, den Braven unter Vormundſchaft ſetzen zu laſſen?... Mem ſchen dieſer Art iſt nichts heilig und ſie ſchaͤ⸗ men ſich nicht, durch Hohn auch noch ihrer Schlechtigkeit die Krone aufzuſetzen.— Furchtbar ergriffen von dem Gefuͤhle, wel⸗ ches ihm der Anblick und das Benehmen dieſes 283 Elenden erregte, verließ Georg, mit dem bitter⸗ ſten Menſchenhaſſe im Herzen, den Garten. err Dauvert fuͤhlte unterdeſſen die Noth⸗ wendigkeit, ſeine theuren Freunde, Darbolin und Duͤpre, von der unerwarteten Ruͤckkehr Georgs ſogleich zu benachrichtigen; er ließ ſeine Frau in der Geſellſchaft einiger Bekanntinnen und rannte nun zuerſt zu dem Vicomte; dieſer aber begab ſich ſogleich zu ſeinem alten Rabu⸗ liſten, um ſich neuen Rath und neue Verhal⸗ tungsregeln zu holen. Dauvert ging hierauf zu Duͤpre, den er eben im Rachſinnen vertieft fand, wie und auf welche Art er wohl das Geſuch um eine Unmuͤndigkeitserklarung Georgs einleiten konne. In dem Augenblicke, als Dau⸗ vert Georg in den LTuilerien traf, war dieſer, erſchuͤttert von einer Menge truͤber Gedanken, in einer großen Bewegung geweſen; er war raſch dahergeſchritten, war dann plotzlich wieder ſtehen geblieben, hatte mit ſich ſelbſt geſprochen, mit den Haͤnden geſticulirt, kurz er hatte das Anſehn eines Menſchen gehabt, der außer ſich iſt.„Ey, ey!“ rief Duͤpre, dem Dauvert dies erzaͤhlte: Ey, ey! ſo haben wir uns doch nicht geirrt! Ja, es iſt kein Zweifel— er den Verſtand verloren.“ Zuruͤckgekehrt in ſeine Wohnung, hatte u in ſeinem Vorſatze beharrend, ſeinem Better die Verwaltung ſeines Vermögens abzunehmen, dieſerhalb ein Billet an Duͤpre geſchrieben, in welchem er ihn aufforderte, ſich darauf vor⸗ zubereiten, ihm Rechnung abzulegen. Dieſes Billet kam bei dem theuern Herrn Vetter an, waͤhrend Dauvert ſich noch dort befand. Be⸗ wegter und erſchutterter wie je, hatte Georg, indem er an Duͤpre ſchrieb, Perioden angefan⸗ gen und nicht vollendet; hier und da fehlte ein Wort, hier und da war ein unpaſſender oder uͤbelgewaͤhlter Ausdruck; das Ganze trug einen ihm ſonſt gar nicht eigenen Stempel der 3er⸗ ſtreuung und des Unwillens. „Rechnung verlangt er von mir! Rechnung?⸗ rief Duͤpre, vielleicht noch verlegener daruͤber, ſie ablegen zu ſollen, als daruͤber, wie er es anzufangen habe, um den, der ſie verlangte, fuͤr unſinnig zu erkläͤren.„O! es iſt gewiß, er iſt ubergeſchnappt. Er hat das Anſehn eines Wahnſinnigen, wenn er im Tuileriengarten ſpazieren geht; er ſchreibt mir ein Billet, in welchem kein Menſchenverſtand iſt.... nichts iſt beſtimmter, als daß er es verdient, unter Vor⸗ mundſchaft geſezt zu werden. Jedermann muß ſehen, daß er ein Narr, ein Raſender, ein, ſinniger iſt.“ um nichts gegen ſeinen alten greund und Wohlthäter zu verſäumen, eilte Herr Dauvert in die Tuilerien zuruͤck, um ſeine Frau abzu⸗ holen und mit ihr nach dem Landhauſe ſeines Schwiegervaters zu fahren, wo er denn, wah⸗ rend man uͤber Liſche ſaß, Herrn Duͤbrocard in einem ſuͤßlichen Tone auf's angelegentlichſte rieth, doch ja eine gerichtliche Klage gegen Georg einzureichen, damit er angehalten werde zu ſagen, was er mit ihrer theuren— Victorine Lor⸗ ſay, gemacht habe. v Schienen ſich ſo viele— ſo viele Wi⸗ derwaͤrtigkeiten nicht zu vereinigen, um Georg zu Boden zu drucken? Ach! nur eines druͤckte ihn wirklich nieder und dies war Vietorinens Verluſt.— In tiefen Schweigen, in einem finſtern Grame brachte er den Tag hin. Ge⸗ gen Abend meldete man ihm die Ruͤckkehr des 286 Boten, den er auf den Weg nach Dieppe ge⸗ ſendet hatte; ſchnell ſprang er auf und eilte dem Manne entgegen. Der Bote hatte ſeinen Auf⸗ trag mit Eifer und Gewandtheit ausgerichtet; aber er war nicht ſo gluͤcklich geweſen; einige Nachricht einziehen zu konnen. Jezt ſchwand der lezte Hoffnungsſtrahl aus Georgs Herzen; zerdruͤckt von Gram, ſank er faſt bewuſtlos nie⸗ der.„und auch Joſeph! mein treuer Joſeph!“ rief er,„kehrt nicht zuruͤck! O es iſt vorbei! es iſt Alles verloren.... Victorine iſt verloren... fuͤr immer!“ u nt chut Am folgenden Tage erſchien die Schrift von ſeinem Advocaten; ſie war buͤndig und klar, aber ſie enthielt weder Anſpielungen auf die Gegner, noch tonende Phraſen; es war eine kurze, logiſche, aber kalte und trockne Darlé⸗ gung des Thatbeſtandes. Die Guͤltigkeit des Teſtaments war auf das unumſtoßlichſte bewie⸗ ſen; aber nicht alle gegen Georg ausgeſtreuten Verleumdungen wurden dadurch widerlegt, die Leidenſchaften nicht zu ſeinen Gunſten in An⸗ ſpruch genommen.„Ja,“ ſagte man,„es iſt klar; die Verwandten des Herzogs werbel ver⸗ 3 * . lieren uſd der Legatarius gewinnen; aber dies beweiſet noch weiter nichts, als daß Herr Georg Derch klug genug geweſen iſt, ſeine Machina⸗ tionen ſo geſchickt zu verſtecken, daß man ihm gerichtlich nichts anhaben kann; deswegen er⸗ ſcheint er aber nicht minder als ein habſuchti⸗ ger Heuchler, der unter der Maske einer an⸗ ſpruchloſen Biederkeit die ganze Welt bisher zu tauſchen vermochte. Mag er gewinnen oder verlieren, dies erwirbt ihm noch kein Recht auf die allgemeine Achtung; deswegen iſt er nicht weniger ein veraͤchtlicher Menſch.“ Mitten unter dieſen Verleumdungen, mitten unter dem KFummer und dem Schmerze„den ihm dies Alles verurſachtz dachte Georg, der nicht den kleinſten Vortheil von der Erbſchaft des Herzogs hatte, keinen Augenblick daran, den Grund zu enthullen, welcher ihn bewogen hatte, ein Vermoͤgen ſcheinbar anzunehmen, das ihn in ſo viele Verwickelungen ſtuͤrzte. Aber, waͤhrend noch das Publicum ſo ſprach und urtheilte, erſchien den zweiten Tag ein an⸗ deves Memoir, das zwar nicht viel laͤnger war wie jenes, welches Georgs Advocat herausge⸗ 288 geben hatte, das aber auf einmal der ganzen Sache eine andere Wendung, ein anderes An⸗ ſehn gab. Eine neue Perſon trat hier uner⸗ wartet, unaufgefordert, zu Gunſten des ſo all⸗ gemein Verlaͤſterten auf, und dieſe neue Perſon war niemand anders, als der junge Franz Le⸗ clerq, der Sohn des Herzogs von**, derjenige, fuͤr welchen Georg allein das Legat des Erb⸗ loſers angenommen hatte. — Achtzehntes Kapitel. Georg zieht ſich von der Velt. ſutüt. Der junge w n bieſtr— des— zogs, war nach einer Reiſe, welche er in die Franche⸗Comté gemacht hatte, um das Grund⸗ ſtuͤck zu beſehen, das er in Uebereinſtimmung mit Georg, kaufen wollte, gleichfalls ſeit ein Paar Tagen erſt nach Paris zuruͤckgekehrt. So wie er ankam, war er in Georgs Wohnung 289 geeilt, hatte aber hier deſſen Abweſenheit erfah⸗ ren; zuvuͤckkehrend in ſeinen Gaſthof, fand er jedoch daſelbſt die beleidigende Schrift, welche man gegen Georg verbreitet hatte. Kaum warf er hier einen Blick hinein, ſo rief er voll Unwillen und Empoͤrung aus:„O mein Gott! wie ſchaͤndlich! wie abſcheulich! Man klagt ihn der Habſucht an; man beſchuldigt ihn, durch elende Mittel das Teſtament des Herzogs er⸗ ſchlichen zu haben! und dennoch willigte er nur in die Anordnung meines Vaters, um das Ver⸗ moͤgen mir zukommen zu laſſen! Nein! das dulde ich nicht! Nimmermehr ſoll man ihm eine edle Handlung als ein Verbrechen anrech⸗ nen; ich werde auf dieſe Nichtswuͤrdigkeiten ge⸗ buͤhrend antworten.“ 3ilk Leckerch war ein junger Mann, von edlen Geſinnungenz lebhaft, heftig, ungeduldig, ſchnell entſchloſſen und eben ſo ſchnell auch zur Aus⸗ fuͤhrung bereit. Seine mittelloſe Mutter hatte nur einen Handwerker aus ihm machen koͤn⸗ nen; aber, wie die mehreſten unſerer heutigen Handwerker nicht mehr die von ehemals ſind, ſo war es auch mit ihm der Fall. Seine II. T 290 Mutter, einen Augenblick durch Umſtande und Verfuͤhrung hingeriſſen, aber in der That eines beſſern Looſes wuͤrdig, als ihr ward, gab ihrem Sohne eine beſſere Erziehung, als ſein Stand ſie erheiſchte, und der junge Menſch benuzte dies ſo gut, daß er, als er ſeine Lehrjahre vollendet hatte, in vielen Dingen weiter und geſchickter war, als mancher Junker es iſt, wenn er aus den Haͤnden ſeines Hofmeiſters hervorgeht, um in eine diplomatiſche oder mili⸗ tairiſche Laufbahn, nach lieber alter Gewohn⸗ heit, eingeſchoben zu werden. 5 iltt Ohne jemand zu Rathe zu ʒchen ja, auch nur jemandem ein Wort davon zu ſagen, ſezte ſich der junge Menſch, ſeinem Entſchluſſe: treu, nun ſogleich hin, um mit der groͤßten Schnelle das gegen Georg geſchleuderte Pas⸗ quill zu widerlegen. Die Nacht brachte er damit hin, den Plan zu dieſer Antwort zu uberdenken; am folgenden Morgen aber nahm er die Feder und fuͤhrte ſein Vorhaben aus; dann ſuchte und fand er einen Drucker, der es uber ſch nahm, die Paar Bogen auf dieſelbe Art aus⸗ breiten zu laſſen, wie die S von den Ver⸗ 294 wandten des Herzogs ausgebreitet worden war. Leelereq vertheidigte Georg in einem einfachen, naiven, darum aber nicht weniger wamen Tonel Ohne dem Andenken ſeines Vaters im gering⸗ ſten zu nahe zu tteten, erzaͤhlte er, wie der Herzog das Unrecht habe wieder gutmachen wollen, welches er gegen ſeine Mutter begangen hatte, und dankte dabei ſeinem verſtorbenen Vater, daß er, um dieſes deſto beſſer zu koͤn⸗ nen, einen der rechtſchaffenſten und bravſten Maͤnner auf der Welt, den Herrn Georg Dercy, zu ſeinen Legatarius ausgeſucht habe. Hierauf ſezte er auseinander, wie der Herzog durch eine Folge von Verknupfungen und Umſtänden, ihn nicht fuͤglich habe ſelbſt zum Erben einſetzen koͤnnen und wie ihn dies bewogen habe, einem Manne von ihm bekannter, unerſchutterlicher Rechtlichkeit den Auftrag zu geben, das Ver⸗ moͤgen ſeinem Sohne zukommen zu laſſen. Er erzahlte ferner alles, was Georg bisher fuͤr ihn gethan hatte, wie er ins geheim geſucht hatte, ſich Nachrichten uͤber ihn und ſeine Mutter zzu verſchaffen, wie er dann erſt, nachdem ihm dieſe geworden, das Vermächtniß angenommen, 292 wie er hierauf ihm Lehren ertheilt habe, auf welche Art und Weiſe er das Vermoͤgen am beſten und nutzlichſten anwenden koͤnne, wie er ihn und ſeine Mutter, ehe er noch ſelbſt einen Pfennig von dem Gelde ausgezahlt erhalten, auf's großmüthigſte unterſtäzt, und dadurch ihn ſelbſt in dieſem Augenblicke, ohne es zu ahnen, in den Stand geſezt haͤtte, ihn vertheidigen zu koͤnnen, indem er nur hierdurch vermogend ge⸗ weſen ſey, die gegenwaͤrtige Schrift drucken und vertheilen zu laſſen, die, wie er hoffe, dazu dienen ſolle, ſeinen edlen Freund und Wohl⸗ thaͤter vor den Augen des Publicums gegen ein Luͤgengewebe zu ſchuͤtzen, das nur die Bosheit und die Schlechtigkeit ſelbſt, erſonnen haben koͤnnten; dann ſchloß er damit, daß er mit eben ſo viel Kraft als Unwillen jene elenden und albernen Beſchuldigungen zuruͤckwies, welche man gegen Georg ausgeſtreut hatte.„unter dieſen Beſchuldigungen,“ ſagte er,„ſind meh⸗ rere, die ich nicht zu widerlegen vermag, weil ich die Thatſachen gar nicht kenne; aber den⸗ noch ſtehe ich mit meiner Ehre und mit meinem Leben dafuͤr, daß ſie falſch und verleumderiſch 293 ſind. Es iſt unmoͤglich, daß ein Menſch, der ſo edel und uneigennuͤtzig gegen mich, den ihm ganz Fremden, handelte, gegen Andere als ein Schlechter gehandelt haben ſollte. Moͤgen auch noch ſo viele, von Haß und Reid getriebene Verleumder, auftreten und Herrn Dercy ein boͤſes Wollen unterſchieben, ich habe Urſache, ihn als einen großmuͤthigen und edlen Mann loben, als einen Tugendhaften, der ſeine einmal erfaßten edelmuͤthigen Abſichten edelmuͤ⸗ thig ausfuͤhrte; moͤgen Andere mit muͤhſamer Kunſt ein Geſpinnſt von Luͤgen und Verdrehun⸗ gen zuſammenweben, wodurch ſie im Grunde nur beweiſen, was ſie ſelbſt zu thun faͤhig ſind: ich kann dagegen nur wirkliche gute Thaten von ihm ruͤhmen. Ja, um mir, ſeinem Sohne, und meiner Mutter ſein Vermoͤgen zu erhalten, uͤbergab es der Herzog dem braven Herrn Georg Derch; das Vermaͤchtniß war nur ein an treue Haͤnde uͤbergebenes Depoſitum, und treu hat Herr Dercy ſeine Verpflichtung erfuͤllt. Und dieſen Mann, der ſo uneigennuͤtzig als edel⸗ muͤthig iſt, wagt man jezt als einen Habſuͤch⸗ tigen darzuſtellen! als einen elenden Erbſchleicher, „ 294 der nur danach trachtet, ſich zu bereichern! Ihn zu vertheidigen, iſt meine heilige Pflicht; ſie wird mir leicht, da ich hierzu nur der Wehr⸗ heit die Ehre ju geben brauche, da ich nichts hierzu bedarf, als nur mich gethan hat“ dm nntut Man weiß, mit welchem efer man ſich in Paris mit jeder Tagesneuigkeit, mit jeder Anee⸗ — füͤr dote u d. g. beſchaftigt. Die Sitzungen der Kammern waren zu der Zeit geſchloſſen; es gab gerade keinen großen Criminalproceß, welcher die Aufmerkſamkeit auf ſich zog; kein neues Trauerſpiel, keine neue Oper, kein Grauen erre⸗ gendes Melodrama machten Furore; die Strei⸗ tigkeit zwiſchen Georg und den Collateralerben des Herzogs kam daher den Muͤßiggaͤngern un⸗ gemein gelegen; da gab es doch nun etwas, woruͤber man ſchwatzen konnte! Die Denkſchrift gegen Georg war mit Begierde geleſen worden; die des jungen Leclerch wurde eben ſo begierig verſchlungen. Wenn auch faſt ſtets die ſenti⸗ mentalen Phraſen, die tönenden Redensarten und die verſteckten Injurien, einen großen Ein⸗ druck fuͤr den Augenblick machen, ſo geſchieht 295 es doch auch zuweilen, daß eine ungekuͤnſtelte Sprache, daß die ſchlichten Toͤne der Wahrheit, jener Ton der Ueberzeugung, der ſich nicht nach⸗ machen läßt, einen eben ſolchen Erfolg erhalten. Es ſcheint oft, daß das Publicum gerade darum, weil es der Verleumdung ſo willig ſein Ohr leiht, manchmal inſtinetmaͤßig das Beduͤrfniß fuhlt, gerecht zu ſeyn, und zwar ſchnell gerecht, und dies war denn auch diesmal der Fall, als die Denkſchrift des jungen Leclercq bekannt wurde. Es herrſchte ein ſolcher offner, ehr⸗ licher Freimuth darin, alles war ſo beſtimmt, ſo klar auseinander geſetzt, daß kein Zweifel mehr obwalten konnte und daß ein einziger Vormittag hinreichte, um Georg alle She wieder zu gewinnen. Der erſte, welcher zu dem ann um ihm ſeinen Gluͤckwunſch abzuſtatten, war der, welcher nie an ihm gezweifelt hatte, welcher ſich ſeinetwegen erzuͤrnt hatte, welcher bereit war, ſich für ihn zu ſchlagen, welcher faſt in Verzweiflung gerieth, daß er ihn nicht wirkſa⸗ mer hatte vertheidigen koͤnnen: es war ſein Freund Harville. Mit einer Freude, mit einem 296 — Entzuͤcken, die an Taumel grenzten, umarmte er ihn.„So biſt Du denn gerechtfertigt, mein Georg,“ rief er,„und Deine Feinde ſind be⸗ ſchämt! Aber warum haſt Du mir Dein Ge⸗ heimniß nicht entdeckt? Ich brauchte es nicht zu wiſſen, um von Deiner Großmuth, von Dei⸗ ner Bravheit uͤberzeugt zu ſeynz aber ich hätte es aller Welt erzahlt und alle Welt wuͤrde Dir dann Gerechtigkeit haben wiederfahren laſſen. O, der brave, junge Mann! der Sohn des Her⸗ zogs, von deſſen Daſeyn kein Menſch etwas wußte, wie lieb habe ich ihn ſchon jezt!“ BGeorg hatte Leclercq's Schrift geleſen und eine große Freude daruͤber gehabt; nicht min⸗ der angenehm war ihm die Theilnahme ſeines Freundes. Dennoch, ſein Geheimniß entdeckt ſehend, konnte er ſich einer geheimen Befuͤrch⸗ tung von irgend etwas Boſem nicht enthalten. Noch war Harville nicht lange bei ihm, ſo kam noch eine zweite Perſon, deren Erſcheinen ihm nicht minder angenehm war: dies war ſein Rechtsfreund. Kaum hatte der wackere Mann die Schrift des jungen Leclerch zu Geſicht be⸗ kommen, ſo hielt er es auch füͤr ſeine Pfücht, —— —3 zu Georg hinzueilen. Je kuhler und zuruͤck⸗ haltender, ja, um es gerade herauszuſagen, je mißtrauiſcher und verwerfender er ſich wor ein Paar Tagen gegen denſelben benommen hatte, jemehr glaubte er heute ihm ſeine offne, unge⸗ heuchelte Achtung, ſeine wahre Hochſchaͤtzung zeigen zu muͤſſen. Ein Feind der Luͤge und der Verſtellung, ſagte er ſeinem Clienten ehrlich und unumwunden noch, in welchem Verdachte er ihn ſelbſt gehabt habe und wie er jezt da⸗ gegen uͤber ihn denke, als mitten unter dieſen Eroͤrterungen noch ein Dritter, der junge Franz Leclerecq, der Sohn des Herzogs von**, in's Zimmer trat. Sein Fruͤhſtuͤck in einem Faffeehauſe ein⸗ nehmend, hatte Leclercg aus dem Geſpraͤche der dort anweſenden Gaͤſte, zugleich mit dem Erfolge ſeiner Denkſchrift auch die Wiederkehr Georgs erfahren, und war nun hergeeilt, ſeinen Wohlthaͤter zu begruͤßen. Mit Thraͤnen in den Augen warf er ſich in Georgs Arme, und dieſer rief, mit einem Blick gen Himmel:„So giebt es doch nicht lauter Undankbare auf Erden!“ 2 Man kann ſich leicht denken, mit welcher Zuvorkommenheit Harville den jungen Mann aufnahm; mit welcher Waͤrme er ihm dafuͤr dankte, die Ehre ſeines Freundes gerettet zu haben; auch der Rechtsgelehrte bezeigte Le⸗ clercq ſeine Zufriedenheit.„Sie haben brav gehandelt,“ ſprach er,„aber,“ ſezte er zoͤgernd hinzu,„leider auch unklug. Ihre Erklaͤrung rettet Herrn Dercy von einem entehrenden Ver⸗ dacht, aber ſie raubt Ihnen auch zugleich Ihr Vermoͤgen, ihm das Gluck, Sie bereichern zu koͤnnen.“—„Wie?“—„Ich will Herrn Dercy nicht danach fragen, ob er von dem verſtorbenen Herzog irgend einen Auftrag, im Betreff der Anwendung der Erbſchaft, erhalten hat, weil ich fuͤrchte, ihn dadurch in die Noth⸗ wendigkeit zu verſetzen, entweder die Wahrheit zu verſchleiern, oder mir, zu Ihrem Schaden, mit einer zu großen Offenheit zu antworten.... doch, wozu iſt es auch noch nothig, daß ich frage und er es mir ſagt! Ihre ſelbſt verfaßte, gedruckte und allgemein verbreitete Erklärung, beweiſt ſie nicht hinreichend, daß der Verſtor⸗ bene Herrn Derch ſein Vermoͤgen nur darum — 299 vermachte, um es Ihnen zu uͤbergeben? Ein ſolcher Vorbehalt iſt aber durch die Geſetze verboten. Leider gehoͤrt es zu den Unvollkom⸗ menheiten der menſchlichen Geſetzgebung, daß unſere Verordnungen immer nur auf allgemeine Faͤlle gegeben werden koͤnnen und daß man nicht, ſo zu ſagen, fuͤr jeden beſondern Fall ein beſonderes Geſetz haben kann, und daher koͤmmt es denn, daß das, was zwiſchen Ihnen, dem Teſtator und Herrn Dercy als recht und billig erſcheint, vor dem Geſetze ein Unrecht wird, das ſehr weiſe dergleichen Transmiſſionen verbietet, indem dadurch in tauſend andern Fällen einem wirklichen Unrechte zuvorgekom⸗ men wird.“ Er eitirte hierauf den Paragraph des Geſetzbuches, in welchem alle dergleichen Subſtitutionen, ſo wie alle Fideicommiſſe un⸗ tevſagt werden und wodurch das an Geotg gemachte Vermaͤchtniß als vollig null und nich⸗ tig erſchien. Dann fuhr er fort:„Geſtern, Hevr Derey, ſprach Sie das Geſetz frei, wah⸗ rend die oͤffentliche Meinung Sie verwarf; heute muß die oͤffentliche Meinung Sie freiſprechen, aber das Geſetz Sie verwerfen.“ *. Vaters, der ſich gezwungen ſah, erſt einen 300 Rach dieſer Erklärung des Advokaten trat eine augenblickliche Stille unter den vier anwe⸗ ſenden Perſonen ein, die zuerſt wieder durch den jungen Leclercq unterbrochen wurde.„Ich furch⸗ tete dies wohl,“ ſprach er;„die Vorſicht meines Dritten zu ſuchen, um mir ſein Vermoͤgen hinterlaſſen zu koͤnnen, ließ die Ahnung in mir entſtehn, daß ich dieſes Vermoͤgen wie⸗ der verlieren koͤnne, wenn ich ſein Geheimniß entdeckte. Aber dieſe Furcht, dieſe Ahnung hiel⸗ ten mich keinen Augenblick von meinem Ent⸗ 1 ſchluſſe ab. Kam es nicht darauf an, die Ehre eines rechtlichen Mannes zu retten? eines Man⸗ nes, der ſo brab gegen mich gehandelt hatte? Wohlan! ich bin arm geboren und werde arm bleiben. nur meiner Mutter wegen bedaure ich den Verluſt des Reichthums.“— Wie er⸗ grifen dieſe Worte Georg, der ſelbſt ſeine. Mutter ſo ſehr liebte!„Rein!“ rief er aus, „nein! Sie ſollen nichts in Betreff Ihrer Mutter zu bedauern haben; ach! ich habe ja keine mehr, ich habe ja niemand mehr, den ich be⸗ reichern koͤnnte...“— Victorine war ihm ein⸗ 301 gefallen und Thraͤnen traten bei dieſen Worten in ſeine Augen.„Abſcheuliches, ungerechtes Geſetz!“ rief Harville mit ſeinem gewohnlichen Feuer aus;„Sie irren ſich auf jeden Fall,“ ſezte er dann, zu dem Advokaten gewendet, hinzu.„O, wenn Sie vor dem Gerichte alles das ſagen werden, was dieſer junge Mann hier in ſeiner Schrift ſagt, wie koͤnnte dann noch ein Richter ſo grauſam ſeyn, ihn fuͤr ſeine Ehrlichkeit zu beſtrafen!“—„Die Rich⸗ ter,“ erwiederte der Advokat,„werden ſeufzen, aber dennoch ihr Urtheil ſprechen muͤſſen; ſie koͤnnen nicht anders, als das Leſtament fuͤr ungultig erklaͤren. Doch, verlaſſen Sie ſich in dieſer wichtigen Sache nicht allein auf michz kommen Sie mit mir, Sie werden in meinem Hauſe noch ein Paar andere brave Rechtsge⸗ lehrte finden, mit denen ich wegen einer andern Angelegenheit eine Zuſammenkunft in dieſer Stunde verabredet hatte; fragen Sie auch dieſe um Rath; mir ſelbſt liegt daran, deren Mei⸗ nung zu hoͤren; herzlich ſoll es mich freuen, wenn ſie Ihnen eine beſſere Hoffnung geben 302 koͤnnen.“ Alle begaben ſich jezt in Haus des Rechtsgelehrten. 622 6 Auf dem Wege dahin blieb Surelle bei ſin Behauptung, der Rechtsgelehrte muͤſſe ſich geirrt haben; der junge Leclercg war doch ein wenig beſtͤrzt dauuͤber, das kaum erhaltene Vermoͤgen wieder verlieren zu ſollen; vorzuglich that es ihm um ſeiner Mutter willen leid; deu⸗ noch aber reute ihn ſeine Handlung nicht und er empfand neben jener Beklemmung auch jene Zu⸗ friedenheit, welche immer eine gute That in uns hervorruft, und jenen Stolz, der das Herz erhebt, wenn das Gewiſſen ſagt: Du haſt recht gethan. Zwiſchen Beiden ging Georg, in Nuh ken verloren, einher. Die Berathung dauerte übrigens nicht npe beide Rechtsgelehrte fanden den Paragraph des Geſetzes ſo entſcheidend, die Erklaͤrung des jun⸗ gen Leclercq ſo beſtimmt, daß es ihnen unmöglich ſchien, das Teſtament aufrecht zu erhalten. Trotz dieſem einſtimmigen Ausſpruche, beſtand Har⸗ ville dennoch darauf, daß man die Sache zur Klage kommen laſſen ſollte.„Rein!“ rief der Sohn des Herzogs;„moͤgen Sie das Vermo⸗ 303 gen meines Vaters hinnehmen! ich bin jung, ich kann arbeiten und habe Muth; ſo lange ich lebe, ſoll meine Mutter nicht darben, und mich wird der Gedanke troſten, das gegen mei⸗ nen Wohlthaͤter zuſammengeſponnene Lugenge⸗ webe vernichtet zu haben.—„Meine Herren,“ ſprach Georg, aus ſeinem Rachſinnen erwachend, i den eienn„ich danke Wne ſ —— e„Mich hat— Verſtorbene zu ſeinen Erben eingeſezt, mir kommt es daher auch zu„daruͤber zu entſcheiden, ob ich dem Legate entſagen, oder mir durch einen Rechtsſtreit den fernern Beſitz ſichern will Kommt, meine Freunde, laßt uns ein wenig ſpatzieren gehen; ich will mir die Sache uber⸗ ien 4 Wn ging. Le n war innerlich mir ſ und ſann daruͤber nach, wie er ſeiner Mutter in Zukunft helfen wolle; Harville ſchalt auf die Ungerechtigkeit der Geſetze, auf die Schlechtigkeit der Menſchen und auf die Bedaͤchtigkeit ſeines Seundes und der drei echtogeleheten; ſo kam 304 man in den Garten der Tuilerien. Das Wetter war ſo ſchoͤn wie an jenem Tage, an welchem Georg unter ſo ſchmerzlichen Gefuͤhlen die Alleen durchſtrichen hatte; auch fanden ſich eben ſo viele Menſchen wieder hier, wie damals. Aber welch ein Unterſchied herrſchte in ihrem Benehmen! An jenem Tage ſchienen Alle ihn zu fliehen, heute dräͤngte man ſich um ihn, und dieſelben Perſo⸗ nen, welche damals, wenn er ſich ihnen nahte, den Kopf wegwendeten, oder einen andern Wez einſchlugen, ſuchten ihn jezt auf, wuͤnſchten ihm Gluͤck, druͤckten ihm die Hand, oder umarmten ihn; dieſelben Damen, welche damals ſeinen Gruß kaum etwiederten, lächelten ihm heute freundlich zu, kurz, man empfing ihn mit einer Art von Enthuſiasmus, wie einen Helden, wie einen Sieger. Beſcheiden wollte ſich Georg den Blicken der Menge entziehen; aber Harville, auf⸗ geheitert auf einmal durch die Bewunderung, welche ſein Freund erregte, ließ ihn nicht fort und zog ihn in das dichteſte Gedränge hinein⸗ Hier ſtellte er ihn allen ſeinen Bekannten vor und ruͤhmte mit lauter Stimme deſſen Edel⸗ muth.„Nun,“ rief er mit triumphirenden —— 305 Blicken,„bin ich noch ein leichtſinniger und leichtglaͤubiger Menſch? Werden Sie mir noch nicht glauben, wenn ich ſage: mein Freund iſt der braoſte und rechtſchaffenſte Mann unter der Sonne? Wer hatte nun recht, Sie oder ich?“ — Niemand beachtete unterdeſſen„da Aller Blicke nur auf Harville und Georg hafteten, den jungen Leclercg, der beſcheiden etwas hinter ſeinen Freunden ſtehen geblieben war.„Sehn Sie,“ fuhr Harpille fort, und zog den jungen Mann in den glaͤnzenden Kreis der umringen⸗ den Herren und Damen:„ſehn Sie hier den Sohn des Herzogs, den Verfaſſer jener Denk⸗ ſchrift, durch welche die Rechtlichkeit meines Freundes und die Nichtswuͤrdigkeit ſeiner Feinde an den Tag gekommen iſt!“ Alle Blicke wen⸗ deten ſich nun nach den errothenden jungen Mann hin, der jezt eben ſo mit Complimenten und Gluͤckwuͤnſchungen überhaͤuft wurde, wie Georg; Beide hatten viele Muͤhe, ſich und Harville endlich aus dem umringenden Haufen los zu machen. Unter den Baͤumen auf e Platz, wo mehrere Weiber den Voruͤbergehenden Stühle u und die neuſten Zeitungen anzubieten pflegen, ſaß ein etwas bejahrter Mann und ſtudirte ſehr emſig das gewohnliche Futter der Ultras, den Prapeau-Blans; einige der neuen Bewunde⸗ rer von Georg erkannten in dem eifrigen Leſer den Herrn Vicomte Darbolin. Schnell lief jetzt das Geziſchel don Mund zu Mund:„Das iſt er; das iſt der Verleumder; da iſt der Feind des rechtſchaffenen Mannes,“ und eben ſo ſchnell waren auch alle Blicke mit Verachtung, Spott und unwillen auf ihn geheftet. Man grupirte ſich üm ihn, man ſtrich dicht an ihm voruber, man murmelte von Schlechtigkeit und Richts⸗ wuͤrdigkeit, zuletzt fing man an laut zu pfeifen. Beſturzt, uͤberall nur den Blicken des Hohnes und des Spottes begegnend, auf allen Wegen von den uͤbel toͤnenden Pfeifen verfolgt, muß der Hert Bicomte ſich eiligſt zuruͤckziehen und Harville, durch den Larm herbeigelockt, genießt nun einen Augenblick das ſuͤße Vergnuͤgen, die oͤffentlicht Niederlage des ränkeſuͤchtigen Geg⸗ ners ſeines Freundes zu ſehen, nichts weiter dabei bedauernd, als daß Herr Dauvert dieſen Tag nicht auch in dem Luilerien⸗Garten iſt. 307 Georg hatte das Herz zu ſehr auf der rechten Stelle, um gegen ſo allgemeine Beweiſe von Achtung und Theilnahme unempfindlich zu blei⸗ ben.„Aber“, ſprach er zu ſich ſelbſt:„ſind dies nicht dieſelben Menſchen, welche mich vor weni⸗ gen Tagen auf die grundloſen und unbewieſe⸗ nen Klagen niedriger Verleumder verwarfen, und mich wie einen Ehrloſen und Nichtswuͤr⸗ digen behandelten?“ An die Thuͤre ſeines Hau⸗ ſes kommend, bat er Harville und den jungen Leclereq, ihn allein zu laſſen; in ſeinem Zimmet angelangt, ging er aber hier wohl eine Stunde, in ernſtem, tiefem Nachdenken verloren, auf und nieder, dann ſetzte er ſich hin und ſchrieb faſt ununterbrochen bis gegen Abend; um ſieben Uhr begab er ſich aufs neue zu ſeinem Advokaten. Zu derſelben Stunde hatte ſein wurdiger Vetter Duͤpre die Herren St. Firmin und la Moriniére zu ſich kommen laſſen, um ihnen den Entwurf zu der Eingabe vorzuleſen, in Folge welcher er beabſichtigte, ihren gemeinſchaftlichen Verwandten Georg Dercy, der von Jugend auf von der ganzen Familie mit ſo großem Rech⸗ te,„ein Tropf“ genannt worden ſey, und U2 der nun, wie er zu beweiſen ſuchte, vollig ver⸗ ſtandes ſchwach, ja ſogar vollig wahnſinnig, und zuweilen wuͤthend geworden, unter Vormund⸗ ſchaft zu bringen. Eben hatte der Ehrenmann ſein mͤhſam ausgearbeitetes Product verwandt⸗ ſchaftlicher Liebe auseinander gefaltet, und be⸗ gann zu leſenz da trat Madame St. Firmin, wiſſend, daß ihr Mann hierher gegangen war, in das Zimmer, um eiligſt und ſchleunigſt alles das zu erzählen, was ſie im Laufe des Tages uͤber Georg vernommen hatte. Die Schrift des jungen Leelerch war ſowohl dem Docter, wie dem Herrn Duͤpre zugeſendet worden; der Erſtere aber, ſich den ganzen Tag in ſeinen ſogenannten wichtigen Angelegenheiten umher⸗ treibend, hatte ſie nicht geſehn; der Andere da⸗ gegen, einzig nur mit der Ausarbeitung ſeiner Eingabe beſchaͤftigt, hatte ſich nicht einmal die Zeit genommen, das Couvert derſelben zu loͤſen. Madame St. Firmin aber hatte die Schrift durchlaufen, und gefuhlvoll, wie ſie ſich dies immer beſtrebte zu ſeyn, war ſie alsbald in ei⸗ nen Taumel von Bewunderung, ob der Tu⸗ gend ihres Reffen, gerathen. Augenblicklich 20 rannte ſie zu einigen Bekanntinnen hin und hier ihre Rachricht mittheilend und dagegen die Rachricht von dem Enthuſiasmus vernehmend, mit welchem man Georg am Morgen im Tui⸗ lerien-Garten aufgenommen hatte, ſtieg ihre Bewunderung noch hoͤher. Richts theilt ſich aber ſchneller mit, als der Enthuſiasmus; ſie, die noch vor wenigen Stunden daruber geſeufzt hatte, einen ſo ungerathenen Reffen zu haben, pries ſich jetzt gluͤcklich, die Tante eines ſo braven, allgemein geachteten, allgemein bewun⸗ derten Mannes zu ſeyn, und eben ſo eilig wie ſie Georg vorher verworfen, ſuchte ſie nun ihre Bewunderung ihrem Manne und den beiden Vettern mitzutheilen.„Was reden Sie von unter Vormundſchaft ſetzen!“ rief ſie aus;„ihn, ein Muſter der Guͤte, der Rechtſchaffenheit und Großmuth! Ach! man ſollte dies lieber mit denjenigen thun, die es ſich einfallen laſſen, Complotte gegen ihn anzuſpinnen.“ Hierauf aber erzählte ſie in großer Schnelle, und nicht ohne Uebertreibung, alles, was ſie ſo eben erſt von Georg erfahren hatte. Der Herr Onkel und die Herren Lettern 3¹⁰ —— ſaßen bei dieſen Rachtichten etwas verbluͤfft da, doch konnte ſich der Exadvokat, weniger getroffen von Georgs edlem Benehmen, als die Andern, nicht enthalten, im Stillen zu denken, daß Georg vielleicht niemals es mehr verdient habe, unter Vormundſchaft geſetzt zu werden, als eben jetzt, wo er, ohne dazu gezwungen zu ſeyn, die Thorheit beging, ein ſo ſchoͤnes Vermoͤgen an einen Sohn des Erblaſſers abzutreten. Die Beſtuͤrzung der theuren Verwandten vermehrte ſich aber noch, als Madame St. Fivmin fort⸗ fuhr die Theilnahme und den Beifall zu erzäh⸗ len, welche Georg und der junge Leclereq in dem Garten der Tuilerien erhalten hatten.„Der Teufel! der Teufel!“ rief Důͤpre;„wie darf man da noch hoffen gegen einen Menſchen durchzu⸗ kommen, fuͤr welchen ſich ganz Paris auszu⸗ pprechen ſcheint?“ Als aber nun Madame St. Firmin auch berichtete, wie der oͤffentliche Un⸗ wille gegen den Vicomte Darbolin ausgebrochen ſey, und wie man dieſen Menſchen gezwungen habe, ſich auf eine ſchmaͤhliche Art aus dem Garten zuruckzuziehen, blos weil derſelbe ein Gegner von Georg war„da fiel Herrn Duͤpre 311 vollends der Muth, und ganz beſturzt rief er, ſeine Eingabe zuſammenfaltend und ſie aͤngſtlich in die Taſche ſteckend, aus:„Mein Gott! ich wurde es nicht mehr wagen, aus dem Hauſe zu gehen, wenn man mich wie den armen Vi⸗ comte behandelt haͤtte, und wer weiß, ob man mir nicht noch uͤbler mitſpielen mochte“ Gam bebend noch nahm er nun die Schrift des jun⸗ gen Leclereq zur Hand, und ſchlug ſeinen Ver⸗ wandten vor, ihnen dieſe vorzuleſen, ein Er⸗ bieten, welches die Andern in ihrer Verlegen⸗ heit gern annahmen. Waͤhrend der Leſung echoben la Moriniére und der Doctor die Augen fleißig gen Himmel, und ſuchten ſich ein geruͤhrtes Anſehen zu geben; auch Duͤpre gab ſich Muͤhe, ſein Herz zu er⸗ weichen; ſeine Stimme wankte und er preßte ſogar eine Thraͤne aus den Augen; dennoch vermochte er, an die Stelle kommend, wo der 5 junge Leclercq das ganze Verhaͤltniß mit dem Leſtamente erklaͤrte, den Ausruf nicht zu unter⸗ drucken:„a iſt nech ein aͤrgerer Dummkopf, als unſer Vetter; der Menſch ruinirt ſich ja ſelbſt aber es iſt wahr, es iſt ſchoͤn, es 312 iſt echaben, es iſt groß!“— Er ſeufzte hier⸗ bei tief auf und las dann weiter. Eben war man bis zur letzten Seite der Schrift gelangt, als Georg ins Zimmer trat. Ein Schrecken fuhr bei ſeinem Anblick ihre Glieder; ſie Alle waren ja ſo ſchuldig gegen ihn! ſie Alle hatten ihn ſo lange als klein be⸗ trachtet, und wie klein ſtanden ſie jetzt neben ihm! Das iſt aber eben die Macht der Tugend, daß ſie diejenigen mit einem unwillkuͤhrlichen Schauer erfuͤllt, deren Seelen zu verderbt ſind, um ſich zu ihr zu erheben; das iſt die Macht der Tugend, daß ihre Feinde gezwungen ſind, ſie zu bewundern. Es war bei Georgs Eitit eine augen⸗ blickliche Stille uͤber Alle gekommen; Alle hat⸗ ten ſich erhoben; Georg ſtand, gleichfalls ſchwei⸗ gend, in ihrer Mitte und ſah ſie mit einer Miſchung von Mitleid und Zorn an; endlich begann der Doctor, indem er ſich nach Kräͤften zuſammennahm, mit einem freundlich ſeyn ſol⸗ lenden Geſicht:„Du ſiehſt, mein lieber Reffe, wir beſchaͤftigten uns eben mit Dir, wir laſen eben die Schrift des jungen Mannes, gegen welchen Du Dich ſo edel benommen haſt.“— „Wirklich?“ entgegnete Georg mit einem ihm ſonſt gar nicht eignen, bittern Laͤchelnz„wirk⸗ lich? die laſen Sie? und nicht das Geſuch meines lieben Vetters Duͤpre, mich als einen Wahnſinnigen unter Vormundſchaft zu brin⸗ gen?“— Hier ſanken alle Augen voll Scham zu Boden und Duͤpre zerknitterte unwillkuͤhrlich das Papier in ſeiner Taſche.„Mein lieber Re⸗ veu,“ ſprach Madame St. Firmin mit Lebhaftig⸗ keit,„uͤberzeugen Sie ſich, daß mein Mann und ich dieſer Sache fremd ſind„. was mich betrifft, ſo bin ich hingeriſſen von Be⸗ wunderung Ihrer braven Handlungsweiſe.“— „Gute Tante,“ erwiederte Georg ſanft,„ich will glauben, daß Ihre Complimente aufrich⸗ tig ſind, aber ich bitte Sie, ſparen Sie die⸗ ſelben; man hat mich ſeit einigen Stunden mit ſo vielen, fuͤr nichts als dafuͤr, daß ich meine Pfücht erfullte, uͤberhaͤuft, daß ſie mir wahr⸗ haft zur Laſt geworden ſind.“ Hierauf aber, ſich zu ſeinem Onkel und ſeinen Vettern wen⸗ dend, fuhr er fort:„Aber ſagen Sie mir doch, weswegen wollten Sie denn eigentlich mich un⸗ 3¹4 ter Vormundſchaft ſetzen laſſen? Horen Sie mich an, Sie brave und liebevolle Verwandte: ich denke Ihnen zu zeigen, daß Sie in der Zukunft kein Intereſſe mehr haben koͤnnen, ſo etwas gegen mich zu verſuchen.“— Er ſprach das Folgende mit einem duͤſtern, ſtrengen Tone: „Die Welt und die Menſchen ſind mir verhaßt geworden; wohin ich mich wendete, fand ich nur Falſchheit, Habſucht und Aufgeblaſenheit. Wie haben Sie, Sie, meine naͤchſten Verwand⸗ ten, mich von meiner Kindheit an behandelt? Rach meinem Vater und meiner Mutter habe ich Sie, als die mir am noͤchſten Stehenden, am mehreſten geliebt, und wie haben Sie mich dafuͤr belohnt, Sie, die meine beſten Freunde haͤtten ſeyn ſollen 2 Weil ich anſpruchslos und zutrauungsvoll war, belegten Sie mich in Ihren Geſprächen unter einander mit einem, Ihre Berachtung ausdruͤckenden Spitznamen: ich hieß nur„der ehrliche Tropf.“ Ich war unintereſſirt, und Sie fürchteten, ich wuͤrde Ihnen und der ganzen Familie Schande ma⸗ chen! Und dann, dieſer Dauvert, mein alter Schulkamerad, dem ich von dem erſten Augen⸗ 315 blicke unſerer Bekanntſchaft an ſo viele Dienſte erwies und der meine Guͤte und meine Freund⸗ ſchaft ſo oft in Anſpruch nahm, wie hat er mir dies Alles gedankt, welche ſchändliche Luͤgen hat er uͤber mich ausgebreitet, welche Cabalen gegen mich angeſponnen! Doch ich will mich nicht weiter uͤber Sie und ihn, ſo wenig wie uͤber Andere, beklagen. Ihre Lehren, Ihre Lebeus⸗ anſichten ſind die der mehveſten Menſchen. Ich hatte eine Stelle, in welcher ich nuͤzte, man nahm ſie mir, weil mein Gewiſſen ſtaͤrker war, als mein Ehrgeitz, und gab ſie einem elenden Schmeichler. Mein ganzes Leben beweiſt, daß nie ein Gedanke von Habſucht in meine Seele kam, und dennoch konnte die Welt glauben, ich ſey im Stande, durch niedrige und ſchlechte Mit⸗ tel mein Vermoͤgen zu vermehren, und es mußte erſt ein junger, edelmuͤthiger Mann... denn, Gott ſey Dank, damit man nicht an der Menſch⸗ heit verzweifeln muß, giebt es noch einige wenige Beſſere... und es mußte erſt, ſage ich, ein junger, edelmuͤthiger Mann auftreten, und das Geheimniß ſeines Vaters entdecken, um den unverdienten Widerwillen und die Verachtung 316 der Menge gegen mich in ein eben ſo unver⸗ dientes Beifallrufen zu verwandeln„das mor⸗ gen vielleicht auf die Einfluͤſterungen neuer Ver⸗ leumder ſich in neue Schmachbezeigungen ver⸗ dreht. Welchen Vortheil gewaͤhren uns denn die Reichthuͤmer? welchen Rutzen hat uns denn die große Erbſchaft gebracht, die uns unſer Onkel in Marſeille hinterlaſſen hat? Sie, Herr Doctor St. Firmin, ſagen Sie mir, welchen Nutzen Sie davon gehabt haben 2..., Ich will es Ihnen ſagen: Sie ſind ſeitdem von einer Menge ehrgeitziger Ideen beſtuͤrmt worden, Sie haben eine Menge weitſchichtiger Plaͤne geſchmie⸗ det, und ſind damit geſcheitert. Sie, la Mori⸗ niere, Sie und Ihr Sohn, haben ſich in die unſinnigſten Vevſchwendungen geſtuͤrzt, und in Ihrer Seele, mein Vetter Duͤpre, iſt ſeitdem ein unerſaͤttlicher Geiz erwacht, der Ihnen Tag und Racht keine Ruhe mehr laßt; ich aber.. o„ waͤr' ich aem geblieben! dann wuͤrde ich wahrſcheinlich in dieſem Augenblicke minder un— gluͤcklich ſeyn, als ich es jezt bin, dann wuͤrde ich jezt im Beſitze eines Glucks ſeyn, das nun vermuthlich fuͤr mich auf immer verloren iſt!“ ———— 317 — Er ſchwieg hier einige Augenblicke und das truͤbe Auge erhebend, murmelte er leiſe:„O meine Victorine! wo biſt du?“— RNach einer kleinen Pauſe ſah er ſeine Verwandten von neuem feſt an, und fuhr dann fort:„Dieſev Reichthum, mein Vetter Düpre, muß Ihnen doch ſehr am Herzen liegen, da Sie an nichts Anderes mehr zu denken vermoͤgen, als ihn zu vermehren, und hierzu kein Mittel ſcheuen; er muß auch Ihnen, mein Onkel, und Ihnen, mein Vetter la Moriniére, mehr gelten, als alles Andere, obſchon Sie ihn ſo unbedacht ver⸗ geudeten.. Wohlant mir.. mir iſt dieſer große Reichthum eine Buͤrde. eine werthloſe Buͤrde, von der ich mich losmachen will. Alle meine Anördnungen ſind getroffen; morgen ſchon werden ſie ausgefuͤhrt. Ich komme ſo eben von meinem Advokaten und will es Ihnen vorher ſagen, was Sie doch morgen erfahren wuͤrden. Das von meinem Vater ererbte Guͤthchen habe ich meinem ehrlichen Pachter, Claude Lallemand, unter der Bedingung verſchrieben, daß er noch zehn Jahre lang den mir bisher gegebenen Pacht an das Hospital bezahlt, in welches Ihre Men⸗ 318 ſchenliebe und Ihre Dankbarkeit einſt die alte Margarethe wollten bringen laſſen. Sie, Herr Docter, werden die noͤthigen Summen erhalten, um die Hypotheken abmachen zu koͤnnen, welche Sie leider auf Ihre ſchoͤnen Grundſtuͤcke auf⸗ nahmen; Ihre und Ihres Sohnes Schulden, la Moriniére, bezahle ich; aber huͤthen Sie ſich, neue zu machen, denn ich duͤrfte in Zu⸗ kunft weder den Willen, noch die Krafte haben, ſie abermals zu bezahlen. Sie konnen ſich bei⸗ derſeits dieſerhalb bei meinem Anwald melden, dem ich meine Vollmacht ertheilt habez und Sie endlich, Düpre, werden demſelben mein Vermoͤgen uͤbergeben; doch iſt es mein aus⸗ druͤcklicher Wille, daß man keine ſtrenge Rech⸗ nung von Ihnen üͤber den bisher damit ge⸗ machten Gebrauch fordern ſoll.. Die Unbe⸗ dachtſamkeit des jungen Lecercq erlaubt mir nicht, ihm das Vermoͤgen ſeines Baters zu erhalten; das Geſetz ſpricht zu beſtimmt hierin, und morgen ſchon wird mein Anwald den Ver⸗ wandten des Herzogs meine Entſagung eroff⸗ nen. Aber der junge Mann handelte nur un⸗ bedacht, um meine Ehre zu retten, und ich betrachte mich daher als ſeinen Schuldner. Alles, was er verliert, vermag ich nicht ihm zu erſetzen, aber doch wenigſtens einen großen Theil; er be⸗ koͤmmt den dritten Theil von dem Vermoͤgen, welches mir unſer Großonkel hinterlaſſen hat. Er wird es nicht annehmen wollen, aber ich werde mit ihm von ſeiner Mutter reden und dann wird er ſich nicht laͤnger weigern; dann kann er auch noch immer das Geſchaͤft gruͤnden, welches er ſich vorgenomm hat. Von der gan⸗ zen Million, die auf meinen Antheil kam, be⸗ halte ich nur zweihunderttauſend Franken zuruͤck, die ich vor kurzem in einer Hoffnung erhob, welche mich ſehr gluͤcklich machte, ach! die aber ſeitdem gaͤnzlich geſchwunden iſt. Von dem, was dann noch uͤbrig bleibt, wenn erſt der junge Leclercq erhalten hat, was ich ihm beſtimme, und Ihre Schulden bezahlt ſind, habe ich einige Legate an verſchiedene Hospitaͤler hier in der Stadt und an andere nuͤtzliche und wohlthaͤtige Anſtalten gemacht. Mich ſelbſt anlangend, ſo verlaſſe ich Paris; ich werde nicht in unſeter gemeinſchaftlichen Heimath wohnen, aus Furcht, dort wieder mit Perſonen zuſammnenzukommen, deren Blicken ich mich gern fuͤr immer entzogen ſehe; mein Entſchluß iſt, in einer völligen Ab⸗ geſchiedenheit von der Welt und den mich bis⸗ her umgebenden Menſchen zu leben. Ohne Zweifel wird es Ihnen auch ſehr gleichguͤltig ſeyn, ob, und wo ich ferner athmez ich habe ja jezt nur noch den fuͤnften Theil des einſti⸗ gen großen Vermoͤgens, auf das Sie mit ſo vieler Begierde blickten. Harville allein kennt das Geheimniß meines kuͤnftigen Aufenthaltes, und wird es Ihnen nicht entdecken. Leben Sie wohlt Er giſig. nhdn„0 Die Berwandten trenten ſich in— Beſrzunß„Hm,“ meinte Duͤpre, nachdem er allein im Zimmer zuruͤckgeblieben war,„der Menſch iſt und bleibt doch bis an ſein S* ein Narr.“ 09 Waͤhrend Georg ſeine(e mit ſei⸗ nem Advokaten gemacht, und ſie hierauf ſeinen Verwandten mitgetheilt hatte, war Harville von einer Geſellſchaft zur andern, von einem Schauſpielhauſe in das andere geeilt, theils, um uͤberall ſeinem Freunden eine Lobrede zu halten, theils um alle diejenigen, welche demſelben hat⸗ 321 ten ſchaden wollen, mit ſeinem Spott und ſei⸗ nem Hohn zu verfolgen. Vorzuͤglich Einen ſuchte er auf, und dieſer Eine war Herr Dau⸗ vert. Nach vieler Muͤhe fand er ihn endlich im großen Foyer der Oper. Hier ging der Ehrenmann allein auf und ab ſpazieren; kaum erblickte ihn Harville, ſo ergriff dieſer den Arm eines Bekannten, und ging laut ſprechend hin⸗ ter ihm her.—„Ein Intriguant, ein Gluͤcks⸗ ritter, ein elender Patron,„ſprach er,„hatte den Sterbenden belagert, um ſich zum Erben einzuſchleichen, und wenn man ihn hernach fragte: was er gethan haben wuͤrde, wenn ihm das Vermaͤchtniß zugefallen waͤre? dann ſagte er: er wuͤrde keinen Augenblick angeſtanden haben, die Beſtimmung des Teſtators zu erfuͤllen. ha! ha! hal ich glaube es wohl, der Schuft haͤtte ſich an den Buchſtaben gehalten: das Ganze in die Taſche geſteckt.“— Beſtuͤrzt ging Dauvert fort und ſetzte ſich in einen Winkel auf eine ent⸗ fernte Bank; wie ſein boͤſer Genius folgte ihm Harville mit ſeinem Bekannten auf dem Fuße, ſezte ſich dicht neben ihn, und fuhr, ohne ihn anzuſehen, mit lauter Stimme fort:„Was 322 ———— wollen Sie der Herzog glaubte einen ehrlichen Mann einem ſchmeichleriſchen Schurken vorzie⸗ hen zu muͤſſen; hatte er da nicht recht?“ Dau⸗ vert lief in's Parterre hinab; Harville folgte und ſprach noch lauter; der Erſtere rannte, von Angſt getrieben, aus einer Loge in die andere; aber immer war ihm Harville auf dem Fuße und verfolgte ihn—— bis an ſeine Hausthuͤre. Anfaͤnglich war es Georgs Bile,— am folgenden Abend abzureiſen, doch aͤnderte er die⸗ ſen Vorſatz und fuhr noch in derſelben Racht fort. Einige Perſonen behaupteten, daß ein ihm unerwartet gekommener Brief ſeine Abreiſe be— ſchleunigt habe; Andere waren der Meinung: lediglich ſein Ueberdruß an der Welt und den Menſchen haͤtten ihn beſtimmt, gleich nach Be⸗ endigung ſeiner Angelegenheiten ſich zu entfer⸗ nen. Aber, wohin war er denn gegangen? dies vermochte Riemand zu ſagen. 32³ Neunzehntes Käpitel. Geſchichte von acht Jahren. In der erſten Zeit gaben ſich die Verwandten von Georg viele Muͤhe, zu erfahren, was aus ihrem Vetter geworden ſey; da dies jedoch lediglich aus Reugierde geſchah, und kein wirk⸗ liches Intereſſe ſie trieb, ſo beruhigten ſie ſich am Ende ſchnell genug, und fragten bald nicht mehr nach dem armen Georg; ja, ſie vergaßen ihn in kurzer Zeit ſo gaͤnzlich, daß ſie gar nicht einmal mehr an ihn dachten, oder ſeiner hoͤchſtens nur wie eines Geſtorbenen erwaͤhnten. Warum ſollten ſie dies auch nicht? fuͤr ſie war er in der That todt. Die Familie Duͤbrocard und Herr Dauvert bekuͤmmerten ſich nicht viel mehr um ihre Nichte, Victorine Lorſay, als der Onkel und die Vet⸗ tern von Georg ſich um dieſen bekuͤmmerten. Alle dieſe trefflichen Menſchen hatten viel zu viel mit ihren eignen Angelegenheiten zu thun; ſie waren viel zu ſehr mit Plaͤnen des Ehrgei⸗ tzes und der Habſucht beſchaͤftigt, als daß ſie noch an etwas Anderes haͤtten denken koͤnnen. Nie wurde der Name Vietorine in der Familie Dübrocard anders, als mit dem Beiſatze,„die alberne Raͤrrin,“ dder,„die tugendhafte Ro⸗ manheldin,“ genannt, und eben ſo hießen trotz den Verpflichtungen, welche la Moriniére und der Doctor gegen ihren Vetter Georg hatten, auch dieſe ihn, wie einſt in ihren Geſprachen, nur den„einfaͤltigen,“ hoͤchſtens„den ehrlichen Tropf;“ Duͤpre fuͤgte dieſem Epithet aber noch zuweilen das eines„Undankbaren“ hinzu. Es giebt eine Menge Menſchen, die dadurch unglucklich ſind, dadurch ſich gequolt fuͤhlen, weil ihnen nichts gelingt, weil ſie in ihren Hoff⸗ nungen und Plaͤnen ſich getaͤuſcht ſehen; aber wenn niedere oder uͤbertriebene Leidenſchaften den Habſuͤchtigen und den Ehrgeitzigen verzeh⸗ ren, und ihn zu ungeregelten Wünſchen hinrei⸗ ßen, ſind dann dieſe Menſchen, ſelbſt wenn ihnen ihre Plaͤne gelingen, gluchlicher, wie jene? ſind ſie zufriedener, wie jene, denen der Evfolg nicht läͤchelt? Rein! ſie ſind eben ſo ungluͤcklich, vielleicht manchmal noch unglucklicher, wie dieſe. 325 — Ihr Reichen, ihr Maͤchtigen, ihr Miniſter ihr Großen der Erde, und auch ihr Kleinen, ihr Untergeordneten, die ihr ſo oft vom Ehrgeitze ver⸗ zehrt werdet, die ihr, um euer ſcheinbar glanzen⸗ des Ziel zu erreichen, Ehre Moral und Recht mit Fuͤßen tretet, glaubt ihr denn, daß, weil ihr ohne Gefuͤhl fuͤr Recht und Wahrheit ſeyd, weil ihr euch ſelbſt beluͤgt, und eure innere Er⸗ baͤrmlichkeit mit buntem Lappenwerke behaͤngt⸗ glaubt ihr, daß ſich durch euren theatraliſchen Schimmer heutzutage noch die Welt beluͤgen laßt, und euren muͤhſam verdeckten Jammer für Gluͤck haͤlt? Ihr irrt! In den Augen der Beſſeren ſeyd ihr darum nicht minder die elende⸗ ſten, die traurigſten Menſchen von der Welt; ihr ſeyd darum, weil ihr euch ſelbſt mit Stolz und Eitelkeit auspufft, nicht minder eine Beute der kleinlichſten Furcht, der Angſt, die ihr um⸗ ſonſt unter hochtoͤnenden Worten zu verſtecken ſucht; ihr liegt deswegen nicht minder auf der euch ſelbſt erbauten Marterhank der langen Weile und des Kummers, und zu dem trauri⸗ gen Geſchicke des Siſyphus geſellen ſich, aller eurer Anſtrengungen ungeachtet, mitten unter 326 dem Beifallrufe und den Lobſpruchen eurer er⸗ kauften Schmeichler, jener hungrigen Poeten und feilen Publieiſten, die ihre Federn zu nichts als Selbſtzeugniſſen eigener Erbaͤrmlichkeit brau⸗ chen koͤnnen, die Gewiſſensbiſſe, welche ihr nicht abzukaufen vermoͤgt, die Ueberzeugung der ver⸗ dienten Verachtung, mit welcher euch die Welt bedeckt, und das nicht zu erſtickende Gefuhl des Grauens, daß eine Stunde koͤmmt, in wel⸗ cher aller eitler Glanz und Schimmer, zugleich mit dem Gelobhudel der Knechte ſchwindet; daß eine Stunde koͤmmt, in welcher Recht und Wahrheit, von euch verworfen, ſiegend ſich er⸗ heben.— Wie dies aber im Großen geſchieht, ſo geſchieht es auch im Kleinen. Georgs Ver⸗ wandte und jene habſuͤchtigen Erben des Her⸗ zogs erfuhren dies ſämmtlich. Mit brennender Begierde waren ſie dem, was ſie Gluͤck nan⸗ ren, nachgerennt; das Gluͤck erhoͤrte ſie, und ſie fanden ihre Strafe. Die oͤffentliche Meinung hatte ſich ſehr laut gegen den Vicomte Darbolin und die Andern von des Herzogs Familie ausgeſprochen; einen Angenblick erſchreckte ſie dies, aber kaum horten 32 ſie, daß Georg der Erbſchaft entſagt hatte, ſo waren ſie ſchnell getroͤſtet.„Mag man uns aus⸗ pfeifen, mag man Spottlieder auf uns dichten, was thut das! wir haben das Geld und lachen daruͤber.“ So ſprachen ſie— und ſo ſprechen noch Andere in anderen Verhaͤltniſſen— und zugleich berechneten ſie im Voraus, wie viel ein jeder von der Beute erwiſchen werde. Dieſe braven Leute, dieſe trefflichen Verwandten, ver⸗ wuͤnſchten aber darum nicht weniger im Herzen den Erblaſſer, denn er hatte ſie ja doch eigent⸗ lich enterben wollen; demohngeachtet beſchloſſen ſie jedoch, demſelben ein prachtvolles Todtenamt halten zu laſſen. Die Sitte gebietet es einmal ſo, wie haͤtten ſie ſich der entziehen koͤnnen!... Hatten nicht Georgs Verwandte eben ſo ge⸗ handelt, als der Onkel⸗Jeſuit in Marſeille geſtor⸗ ben war?.. Nach der großen Todtenmeſſe folgte ein eben ſo großes und glaͤnzendes Gaſtmahl, bei welchem der tugendhafte und loyale Herr Vicomte Darbolin den Vorſit fuͤhrte, und bei dem die innigſte Freundſchaft, die erbaulichſte Einigkeit herrſchte. Man war geruͤhrt, man weinte, man umarmte ſich, man wuͤnſchte ſich 328 einander Gluͤck; Einer ſprach Gutes von dem Andern, und Alle nur wenig Boͤſes von dem Verſtorbenen; aber der naͤchſte Tag kam, und ſchon verwuͤſteten zwanzig Advokatenfedern Pa⸗ pier, um zwanzig Prozeſſe anzufangen. Jeder der Erben wollte ſeinen Antheil auf Koſten der Miterben vergroͤßert wiſſen; man ſtellte An⸗ ſpruͤche auf, man klagte, man zerriß und be⸗ ſchimpfte ſich vor Gericht und in Geſellſchaften, und jede Klage, jedes Zuſammentreffen ver⸗ mehrte nur den gegenſeitigen Haß. Vorzug⸗ lich ein Prozeß verurſachte ein großes Skandal im Publicum; die lieben Erben ſtritten ſich darum, wer die Koſten des Seelenamtes und des Gaſt⸗ mahls, ſo wie die eines prachtvollen, bereits beſtellten Monumentes fuͤr den Verſtorbenen, bezahlen ſollte. Die einzige Frucht aller dieſer endloſen Zaͤnkereien, die einzige Frucht dieſer gro⸗ ßen Erbſchaft war aber am Ende fuͤr Jeden von ihnen nichts, als eine Menge von verlorner Zeit und Geſundheit, und nachdem ein Jeder ſeinen Antheil bekommen, die Gerichtsgebuͤhren bezahlt, die Advokaten und die Geſchwornen befriedigt hatte, fand es ſich, daß, wenn er die Verſaumniß ſeiner Geſchaͤfte und die Koſten der Hin⸗ und Herreiſen berechnete, ihm nichts uͤbrig blieb, ja daß mancher noch hatte zulegen muͤſſen; den Verluſt an Zeit und Geſundheit gar nicht gerechnet. Viele Si Prozeſſe dauern uͤbrigens noch. Herr St. Firmin, deſſen—— — Georgs Guͤte wieder auf einen beſſern Fuß geſezt worden waren, haͤtte nun mit dem, was er noch beſaß, ruhig und zufrieden leben koͤnnen; aber die Lehre, welche er bei der lezten Deputirtenwahl empſing, hatte ihn nicht gebeſſert. Da er in den Reihen der Liberalen eine Riederlage erlitt, ſo glaubte er die Scharte auf dem Felde der Wiſſenſchaften ausglaͤtten zu muͤſſen, hoffend, durch den Glanz eines gelehrten Namens ſich endlich die Pforten der Deputirtenkammer zu oͤffnen. Er ließ auf ſeine Koſten medieiniſche Werke drucken und, da heutzutage die Politik durch Alles durchſchimmert, ſo ermangelte er nicht, ſich nebenbei in mancher Anmerkung und Randgloſſe als hoͤchſt miniſteriell zu zeigen, denn der kluge Mann glaubte, die Zeit gebiete dieſe Farbe gufzuſtecken. Zu was halfen ihm aber die Mähen und die Summen, welche er auf dieſe Art verwendete? Seine Buͤcher brachten ihm einige erkaufte und erſchmeichelte Lobſpruͤche in Journalen ein, deren ſuͤßliche Tendenz auf Allesſtreichelei hinauslaͤuft, und eine zahlloſe Menge Spoͤttereien und Zuruckweiſungen von Andern. Richt abgeſchreckt hierdurch, ließ ſich Herr St. Firmin als Mitglied in die neuerrich⸗ tete koͤnigliche Geſellſchaft der medieiniſchen Wiſ⸗ ſenſchaften aufnehmen und bei allen Beziehun⸗ gen, welche zwiſchen dieſem gelehrten Vereine und der Regierung ſtattfanden, ſprach ſie der Herr Doctor als ein unterwuͤrfiger Verehrer der Macht aus. Richt zufrieden jedoch, hier einen Sitz gewonnen zu haben, ſtachelte ihn nun auch noch ſein Ehrgeitz, Mitglied der Akademie zu werden, und ſo oft ein Platz in der Claſſe der Chemie, der Mineralogie, der Botanik, der Anatomie, der Mediein, der Chirurgie oder ſelbſt der landwirthſchaftlichen Oekonomie, ſich erle⸗ digte, hatte er die Dreiſtigkeit ſich zu melden. Aber bei der Wahl unſerer Akademiker finden nicht leicht die Umtriebe ſtatt, wie bei der Wahl unſerer Deputirten; der gute Mann brachte es 2 cht einmal dahin, daß er in Vorſchlag kam. Lange Zeit war er nicht gluͤcklicher in ſeinen Anſtrengungen, um Deputirter zu werden; lange gedachte man es ihm, daß er ſich einſt in die Reihen der Liberalen geſtellt hatte. Aus Ver⸗ zweiflung wurde er endlich ein Homdopath und ein Froͤmmler; daß Beides heutzutage Mittel ſind, um vorwaͤrts zu kommen, wer weiß dies nicht? Ein frommer Arzt! ach das iſt ein ſo ſchones, ruhrendes Beiſpiel! und dazu nun noch ein frommer Arzt, der mit Billiontheilen Wun⸗ derkuren macht!... welches empfindſame Ge⸗ muͤth vermoͤchte ba noch zu widerſtehen?.... Alle Sonntage ging Herr St. Firmin, ſeine Frau am Arme, ein großes Gebetbuch in der Hand, mit niedergeſchlagenen Blicken zur Kieche und hier wurde denn mit einer Emſigkeit ge⸗ betet, mit einem ſo heiligen Eifer die Au⸗ gen verdreht, daß alle devote Seelen ſich auf's maͤchtigſte davon erbaut fuͤhlten. Die Frucht eines ſo heiligen Beginnens blieb aber auch nicht aus; der Doctor bekam Kranke aus der vornehmen Welt, Damen, alte Ludwigsritter, Praͤlaten und hohe Geiſtliche.. indeß, ſo ſehr 5 3 ſeine Froͤmmigkeit auch erbaute, ſo traute man ihm demohngeachtet im Punkte der Politik noch nicht recht; zu ſehr glaubte man vor dem heilloſen Jacobinismus auf ſeiner Huth ſeyn zu muͤſſen. Jezt erinnerte ſich aber der Ehren⸗ mann, daß er einſt von dem Kaiſer aller Reu⸗ ßen zum Ritter des St. Wladimirordens dritter Claſſe, ernannt worden war, und Dank dieſer ſeltenen Auszeichnung! er fand hierdurch Mittel, ſich der ruſſiſchen Geſandtſchaft zu nahen, durch deren Verwendung er denn endlich, endlich! gluck⸗ lich in die Deputirtenkammer kam.— Es war Zeit; ſein Vermoͤgen war abermals ſo zuſam⸗ mengeſchmolzen, daß er kaum noch waͤhlbar war. So ſtand er denn am laͤngſt erſehnten Ziele ſeiner Wuͤnſche, und welch ein Zuwachs von Gluͤck! gerade in der Periode, in welcher er gewaͤhlt wurde, war es, daß man die Charte wieder einmal drehend und wendend, die ſie⸗ benjaͤhrige Dauer der Kammern feſtſezte. Herr St. Firmin war ſomit Deputirter auf ſieben Jahre. Der Gluͤckliche!— Welch ein ſchoͤner, ruhmvoller Beruf ſt der eines Deputirten, der, belebt von Vaterlands⸗ liebe, von Liebe zur Menſchheit, frei und mu⸗ thig der Willkuͤhr, mag ſie auch in welcher Geſtalt ſie will, auftreten, ſich entgegenſtellt! der unzuganglich der Schmeichelei, der Furcht und der Verfuͤhrung, nur nach Pflicht und Ge⸗ wiſſen ſtimmt und das freie Haupt nie unter die eaudiniſche Gabel miniſteriellen oder anderen Einfluſſes beugt. Mag dann auch die bauch⸗ vedneriſche Menge, das Gebrauſe der Stim⸗ men aus dem Centrüm, ſeine Stimme uͤber⸗ toͤnen, mag auch ſein Schickſal ſeyn, welches es will, immer wird ihm ſein Gewiſſen ſagen: Du haſt recht gehandelt; immer wird ihn der Zuruf des Volks belohnen, und keine Verleum⸗ dung kein bezahlter Journaliſt, keine verkaufte Feder werden ihm die Achtung rauben, die ihm ſelbſt ſeine Pages im — Aber welch eine erbaͤrmliche, verichtiche Rolle ſpielt ein Deputirter, der ſich zum Sela⸗ ven einer Parthei macht; der, einem abgerich⸗ teten Staare gleich, nur plaudert, wie man es ihm vorſagt; der wie ein Knecht ſtatt wie ein freier Mann, nur denkt und plappert, was ſeine Gebieter ihm befehlen! Seine Parthei triumphirt im Augenblicke; ſie ſchwimmt, getragen von der wechſelnden Welle der Zeit, einen Moment oben, aber iſt er darum weniger veraͤchtlich, weniger ein Gegenſtand des Hohnes?.... Ein ſolcher Deputirter wurde Herr St. Firmin.— DOhne Talent, ohne Gewiſſen, gehorſam den Befehlen, welche man ihm gab, trotz ſeiner Kriecherei vor dem Adel, verſpottet von ſeinen adlichen Collegen wegen ſeiner buͤrgerlichen Ab⸗ kunft, verachtet von ſeinen Standesgenoſſen und verachtet von denen, vor welchen er ſich beugte, aufgeſucht dann wieder wegen ſeiner Stimme und ſeines Geſchreis:„Zum Schluß! zur Stim⸗ mung! zur Ordnung!“ ſitzend im Bauche,*) eingeladen und verleitet von allen Miniſtern, mußte er die Schmach erleben, daß achtbare Maͤnner gegen ihn auftraten und oͤffentlich die Art und Weiſe ſeiner Erwaͤhlung angriffen. Zwar blieb dieſe Erwaͤhlung guͤltig, denn was wird heutzutage nicht alles als guͤltig er⸗ Das ſpottweiſe ſogenannte Centrum in der— 3 klaͤrt! aber ihm blieb auch zugleich die Schande und die Furcht. Doch dauerte zum Gluck dieſe Schande und dieſe Furcht nicht lange. Herr St. Firmin, der ſich gluͤcklich geprieſen hatte, auf ſieben Jahre Deputirter zu ſeyn, erlebte nicht einmal den Ausgang der erſten Sitzung; er ſtarb in Folge einer Indigeſtion, die er ſich bei einem glaͤnzenden Mahle zugezogen hatte, welches einer ſtuͤrmiſchen Sitzung voranging, in der er ſeine Lunge nicht als Redner, ſondern als Schreier, auf's furchtbarſte anſtrengte, und ſo gewiſſermaßen auf dem Schlachtfelde, als ein Opfer ſeiner Riedrigkeit, als ein leibeigner Knecht, im Dienſte ſeiner Herren fiel⸗ La Moriniére hatte mehr aus Schwaͤche und Verblendung, als aus Zaͤrtlichkeit, alles fuͤr ſeinen ungerathenen Sohn hingegeben; ſechs Monate nach Georgs Abreiſe fiel dieſer Sohn in einem Duell, und um ſich von ſeinem tiefen Schmerze zu erholen, gkaubte der gute Vater, ſich in einen noch groͤßeren Strudel von Zer⸗ ſtreuungen, wie bisher, ſtuͤrzen zu muͤſſen, deren Folge natuͤrlich bald eine noch groͤßere Schul⸗ denlaſt war, als die, welche ihm Georg abge⸗ — 336 nommen hatte. Seine Glubiget wieſen ihm nun eine freie Wohnung in St. Pelagie an, wo er, um ſich zu betaͤuben, zur Flaſche ſeine Zuflucht nahm und hierdurch denn bald immer tiefer und tiefer ſank. Losgekommen endlich wieder und der Mittel beraubt, neue Schulden machen zu koͤnnen, faßte er den Plan, eine alte Frau, die er fuͤr reich hielt und der er ein⸗ redete, daß er ebenfalls noch reich ſey, zu hei⸗ rathen. Aber ach! welche Verzweiflung, welchet Zorn ergriff Beide, als ſie ſahen, daß Eines den Andern angefuͤhrt hatte! Die Ehe glich einer Hölle auf Erden. Müde endlich, ſich fer⸗ ner plagen zu laſſen, ſuchte und erhielt er eine Stelle beim Kriegscommiſfariat der Armee in Spanien; das half ihm etwas auf, aber als der Feldzug beendet war und der Plan mit der Rentereduction in Gang kam, da wagte er mehr in den Staatspapieren, als er bei den Lieferungen gewonnen hatte. Sicher auf die Annahme des Rentegeſetzes rechnend, kaufte er auf gut Gluck auf beſtimmte Friſten, und als nun das ganze ſchoͤne Project fehlſchlug, da mußte er alles, ſein Leztes, ſogar ſein Mobiliar, S& hergeben, um die ungeheure Differenz auszu⸗ gleichen. um ſich wieder zu helfen, begann er nun den Unterhaͤndler zu einer Anleihe fuͤr das reſtaurirte Spanien zu machen; aber leider wollte keine Seele borgen, ſo ſehr auch das Diario von Madrid, die Etoile in Paris, der Staats⸗ mann in Offenbach und andere Blätter dieſer Art, das Gluͤck jenſeits der Pyrenaͤen heraus⸗ ſtrichen. Was ſeitdem aus ihm geworden iſt, vermoͤgen wir nicht zu ſagen; Einige behaup⸗ ten, daß er, entnervt von Ausſchweifungen, geal⸗ tert vor der Zeit, ſein elendes Leben in einem Hospitale beſchloſſen hat; Andere ſagen: er habe bereits ſeit ein Paar Jahren von neuem eine freie Wohnung wieder bezogen und wie man wiſſen will, ſoll ſein werther Vetter Duͤpre, der in einem Augenblicke von Gefuͤhl ihm einſt eine kleine Summe vorſchoß, ihn dort unter Schloß und Riegel halten. Dieſer Duͤpre, dieſer Geſchaͤftsmann, ieſe ehemalige Advokat und jetzige Wucherer, hat einen Haufen Geld nach dem andern zuſam⸗ mengeſcharrt. Nach und nach ſich von allen Un⸗ ternehmungen zuruͤckziehend, die nur irgend ge⸗ 338 fährlich waren, beſchränkte er ſich darauf auf Unterpfand, und zwar auf großes Unterpfand, zu leihen. Wenn ein Kaufmann oder ein Fa⸗ bricant ſich in einer augenblicklichen Verlegen⸗ heit befindet, dann kann er ſich immer an Hrn. Duͤpre wenden; aber er muß ein ſchoͤnes, gefuͤlltes Magazin einzuſetzen haben und tuͤch⸗ tige Zinſen und noch tuͤchtigere Unterhandlungs⸗ gebuhren zahlen, ſonſt wird nichts gereicht. So iſt es denn gekommen, daß Herr Duͤpre jezt faſt bei allen Banquerotten, bei allen Accorden in der Hauptſtadt als Hauptglaubiger figurirt, obſchon er immer in's Geheim fuͤr den etwa zum Schein erleidenden Verluſt reichlich gedeckt iſt. Wie ein Cerberus neben ſeinem theuren Geldkaſten wachend, lebt er, eingeſchloſſen in ein elendes Stübchen, ſpaͤrlich nur bedeckt mit duͤrftiger Kleidung, einem Bettler gleich, Hun⸗ ger und Froſt leidend, und dabei Niemand um ſich habend, als eine alte Aufwaͤrterin, wegen deren Treue er in ewiger Angſt ſchwebt. Seine Hauptlehre iſt:„daß man ſtets nur darauf denken muß, die Einnahmen zu vergroͤßern und die Ausgaben zu beſchraͤnken,“ und dieſem Grundſatze treu, trinkt er denn Waſſer und heizt nicht ein. Gleich einem Rachtwaͤchter, horcht er des Rachts auf jeden Stundenſchlag, auf jedes Gerauſch, denn jeder Ton kann ja einen Räuber ſeines hoͤchſten Gutes herbeifuͤh⸗ ren! Gehaßt, oder vielmehr verachtet von Alen, naht ſich ihm Niemand, außer wer von ihm borgen will und außer einigen Spaßvogeln, die ſich den Scherz machen, ihn durch die Behaup⸗ tung, er ſey reich, auf's heftigſte zu aͤrgern. Zu der Zeit, als man anfing von dem Geſetze zu reden, in Folge welchem den Emigrirten eine Entſchaͤdigung zugeſprochen werden ſoll, entſtand eine allgemeine Bewegung unter den Advokaten und Geſchaͤftsleuten in Paris, denn alle dieſe Herren glaubten hier eine ſchoͤne Aus⸗ ſicht auf reichliche Beute vor ſich zu ſehen, und man will behaupten, daß damals die Verfer⸗ tiger der Cartons um Papiere hineinzulegen, und der Beutel zu Prozeßacten, nicht allen Be⸗ ſtellungen genuͤgen konnten. Auch für Herrn Düpre war die Annahme dieſes Geſetzes ein Sporn, ſich wieder mehr in's oͤffentliche Leben zu werfen; er fuͤhlte ſich auf einmal wieder jung und kraͤftig, als er die ſchoͤne Bahn uͤber⸗ blickte, welche hier einen in allen Windungen 9 2 der Chicane geuͤbten Manne, wie ihm, ſich off⸗ nete. Wie viele verwickelte Faͤlle mußten hier vorkommen! wie viele Klagen fuͤr und gegen den Fiscus, wie viele Streitigkeiten zwiſchen den Praͤtendenten und ihren Glaͤubigern, zwi⸗ ſchen den Glaͤubigern ihrer Vaͤter und den Gläu⸗ bigern ihrer Kinder ließen ſich erwarten!... Und nach der Schadloshaltung der Emigrirten kam vielleicht die der Geiſtichkeit in Vorſchlag.. und vielleicht wird man auch in der Folge noch an die Entſchaͤdigung jener Capitaliſten denken muͤſſen, die man einſt durch die Herabſetzung der Staatsſchuld auf zwei Drittheile zum Ban⸗ querott brachte; denn iſt ein ſo herbeigefuͤhrter Banquerott etwas anders als eine Confisca⸗ tion?... und ferner vielleicht an jene armen Kaufleute, die man durch das Maximum rui⸗ nirte, an jene Eigenthuͤmer, deren Haͤuſer man niederriß u. ſ. w.*) Alle dieſe Unfaͤlle, alle *) Zu den ſchönen Maasregeln, welche man in Frank⸗ reich einſt ergriff, um den Staatsbanquerott zu ver⸗ meiden, gehörte die Herabſetzung der Staatsſchuld auf zwei Drittheile, wodurch natürlich die Staats⸗ glaͤubiger um ein Drittheil ihres Vermoͤgens ge⸗ bracht wurden.— Das Maximum war eine Maas⸗ regel, welche waͤhrend der Revolution beliebt wurde, um dem hohen Preiſe der Waaren(beſonders der Lebensmittel) gegen die ſtets im ſchlechten Aſſignaten, zu begegnen.. d. Ueb. 341 * dieſe Beraubungen waren vergeſſen worden; aber Dank dem neuen Geſetze, das die Wunden der Revolution heilen ſoll! man hat dieſe Wun⸗ den von neuem aufgeriſſen, man hat das An⸗ denken an eine truͤbe, vergangene Zeit von neuem aufgefriſcht, und wer mag es denen verdenken, die ein Opfer dieſer Gewaltthatig⸗ keiten wurden, daß ſie den Glauben hegen, ſie ſeyen eben ſo gute, eben ſo treue Franzoſen, als jene Herren, von dem Frankreiche jenſeits des Rheins,**) jene Herren aus Coblenz und Trier, die noch vor wenig Jahren erſt in der Kammerherrenlivree des„Uſurpators“ ſich bruͤ⸗ ſteten? Wer mag es ihnen verdenken, daß ſie vielleicht bald eben ſo laut ſchreien, wie dieſe geruhmten Opfer einer ungloͤcklichen Treue? ſo laut, daß man dann vielleicht ihr Geſchrei nicht wird berhören duͤrfen⸗ gi. **) La france— Rhin. Weil die königlichen Prinzen, der Adel und der hohe Glerus auswander⸗ ten, ſo glaubten dieſe Herren, ſie haͤtten Frankreich mit uͤber den Rhein genommen, und wo ſie wären, waͤre das Vaterland, Dieſer holde Wahn ſchwand jedoch nach den Feldzugen von 1793 und 1794, ſo ziems lich, und die Mehreſten waren in der Folge recht froh, daß ihnen„der Uſurpator“ erlaubte zurükzu⸗ ehren und Biſchoffſtuͤhle, Kammerherrenplaͤtze u. d. g. fur ſie errichtete. A. d. Ueb. „O wie viele Taxationen, wie viele Spor⸗ teln, wie viele Gebuͤhren!“ rief Duͤpre,„muß dies alles einem geſcheiten Manne einbringen! Da kann man ſeinen Koffer verdoppeln, ver⸗ dreifachen, vervierfachen.“— Leider waren die lieben Mitbruͤder des Exadvokaten dem gu⸗ ten Manne aber ſchon zuvorgekommen. Waͤh⸗ rend er noch ſaß und nachſann, hatten ſie be⸗ reits ganze Ballen Circulare in die Welt geſandt, waren ſie bereits, irrenden Rittern gleich, von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, durch das Land gezogen, um allen denen, welche einen Anſpruch auf die bewilligte Entſchdigung glaub⸗ ten machen zu koͤnnen, ihre Dienſte anzubieten; und als nun der geizige Duͤpre, der jeden Pfennig Ausgabe ſcheute„der ſich nicht einmal entſchließen konnte, die Koſten daran zu wagen, Karten umherzuſchicken, der„ſtatt den Clienten Geld anzubieten, Geld forderte: als dieſer end⸗ lich hintennach kam, da hatte er den Schmerz, den Gram, ſehen zu muͤſſen, daß alles! alles ſchon weg war; daß ihm auch nicht der kleinſte Theil von dieſer reichen Beute zufiel.— Ferdinand Dauvert, der Sohn eines ver⸗ armten Edelmannes, war durch Roͤnke und Liſt 343 ſo weit gekommen, eine reiche Parthie zu machen. Ohne etwas gelernt zu haben⸗ ohne beſondere Fähigkeiten, war es ihm durch eben dieſe Mit⸗ tel gelungen, mehrere einträgliche und bedeu⸗ tende Stellen zu erhalten, und er, der lange genug im Staube vor den Miniſtern und den Großen herumkroch, ſah nun ſeinerſeits wieder Andere um ſich herumkriechen. Allerdings hatte der Augenblick, in welchem Georgs Sache ſiegte, ihm vielen Aerger und große Beſtuͤrzung 5 verurſacht; aber hatte er nicht doch im Grunde ſeinen Haß und ſeinen Reid befriedigt? Das Vermoͤgen des Herzogs, nach welchem er ſo emſig rang, war ihm zwar entſchluͤpft; aber auch Georg hatte nichts erhalten; es hatte die⸗ ſem zu nichts gedient, als ihm zahlloſen Ver⸗ druß und einen bitteren Kummer zu machen, den noͤmlich, die gute Handlung, welche ihm aufgetragen war, nicht ganz erfuͤllen zu kon⸗ nen; Dauvert dagegen, der ſeine Rolle bei den Verwandten von Georg und den Erben des Herzogs ſo geſchickt im Geheim zu ſpielen wußte, genoß doch wenigſtens den Triumph, den Geg⸗ ner gewiſſermaßen uͤberwunden zu haben.— Da übrigens niemand ſeine Theilnahme an der ganzen ſchmachvollen Sache genau kannte, ſo litt auch eben hierdurch ſein Credit in der oͤffent⸗ lichen Meinung keine dauernde Störungz im Gegentheil lachte ihm alles noch ferner zu. Bald ſollte ſich ſein Vermoͤgen noch vermehren; Herr Duͤbrocard, ſein Schwiegervater, ſtarb; es fand ſich kein Teſtament vor und Madame Dubrocard ſah ſich ſomit der Gnade ihrer Toch⸗ ter und ihres Schwiegerſohnes hingegeben. Dieſer Schwiegerſohn, von Tage zu Tage mehr dem Grundſatze anhängend: daß man nur das eigne Wohl im Auge haben muß, glaubte jetzt keine Ruckſicht mehr auf die Mutter ſeiner Frau nehmen zu duͤrfen. Er erlaubte ihr nicht, wie ſie es wuͤnſchte, ihren Wittwenſitz in jenem Landhauſe aufzuſchlagen, wo er ſich einſt, um das Vermoͤgen und die Hand der Tochter ſei⸗ nem Freund Georg zu rauben, durch eine Luͤge einſchlich, und die Arme, fur ihren Stolz und ihre Eitelkeit hart beſtrafte Madame Duͤbro⸗ card ſah ſich demnach gezwungen, ſich in eine kleine, duͤrftige Wohnung in eine abgelegene Vorſtadt zuruͤckzuziehen, wo ſie das ihr von der Gnade ihrer Kinder ausgeſetzte geringe Jahrgehalt verzehrte und keine andere Geſell⸗ ſchaft mehr hatte, als die der Madame St. Firmin, der Witwe des Doctors, welche durch die ihr von ihrem Reſfen Duͤpre gemachten Chicanen, zu einem eben ſolchen duͤrftigen Looſe verurtheilt war. Hier beweinten noch oft die beiden Witwen den Tod ihrer Maͤnner, den Verluſt ihres Vermoͤgens und das„. aller ihrer Hoffnungen. Kaum war die Zeit der Trauer als Dauvert, beſtens unterſtutzt von ſeiner Frau, ſeinen Aufwand verdoppelte. Madame zeigte ſich in allen Geſollſchaften, in allen Theatern; Herr Dauvert gab große Gaſtmahle und Baͤlle, ſpielte hohes Spiel, hielt ſich Maitreſſen und genoß den ehren⸗ vollen Ruf, ein kuͤhner Pointeur am Farotiſch und ein galanter Liebhaber bei gewiſſen Damen zu ſeyn. Mitten unter dieſem Strom von Vergnuͤgungen, mitten unter dieſem Pomp, begegnete ihm jedoch eine Unannehmlichkeit. Er zog ein ſehr bedeutendes Gehalt, er beſaß mehrere fette Sinecuren und hatte das große Vermoͤgen ſeiner Frau; aber, konnte dies alles wohl die Verſchwendung von ihm und ſeiner Frau decken? Er begann deswe⸗ gen ſeinen Credit zu mißbrauchen, ſeinen Einfluß zu verkaufen. So ſchlau und geheim er die Sache aber auch betrieb ſo konnte dies dennoch auf die Länge nicht ganz verſchwiegen bleiben; bald erhob ſich die leiſe Stimme der Rechtſchaffenen gegen ihn. Doch, wer weiß es nicht, daß die Stimme der Rechtſchaffenen bei ſolchen Gele⸗ genheiten haͤufig nur zu ſchnell unterdruckt wird . aber ein Schurke, der nach einem der vot⸗ zuglichſten Plätze, welche Dauvert inne hatte, angelte, trat endlich gegen ihn auf und ent⸗ hullte, als Kenner deſſen, Unterſchleife. Unter der Zahl der Unfaͤlle, welche die Ehrgeizigen bedrohen, iſt einer, dem ſie faſt nie entgehen; dies iſt der Sturz, welcher auf ihre Erfolge folgt. Wenige Miniſter ſterben in ihrer Stelle; wenige Speichellecker altern in der Gunſt. Die kleine Verſchwoͤrung gegen Dauvert wurde in aller Stille fortgeſponnen; er ahnte nichts da⸗ von, denn man fuhr fort ihm freundliche Miene zu machen; aber plotzlich, unerwartet ſah er eines Morgens im Moniteur ſeine Ungnade. Es giebt Leute welche glauben, ein Aufſe⸗ hen durch das andere verdecken zu koͤnnen. Herr Dauvert verſuchte dies auch. um den Spoͤttern zu begegnen, den Thoren Sand in die Augen zu ſtreuen, um ſeinen verlornen Cre⸗ 347 dit wieder zu gewinnen, um die Miniſter zu zwingen, ihn aufs neue anzuſtellen, hielt er dafuͤr, ſey es das beſte Mittel, ſeinen Aufwand zu verdoppeln und, bisher ſchon ausſchweifend in ſeinem Luxus, ward er es nun noch viel mehr. Seine Frau, noch jung und huͤbſch, unterſtuͤzte ihn hierbei mit allen Kraͤften; nie war ſie putz⸗ puͤchtiger, nie coquetter. Die Coquetterie war uͤbrigens nicht unvertraͤglich mit der ihr gewoͤhn⸗ lichen Empfindſamkeit. Sie beſtrebte ſich, die Aufmerkſamkeit romantiſch gefuͤhlvoller Gemuͤ⸗ ther auf ſich zu ziehen; ach! und wie haͤtte die ſelbſt romantiſche Alphonſine dem Seufzen ſolcher zarten Seelen lange widerſtehen koͤnnen? Sie hatte eine kleine Liebesgeſchichte, die geheim blieb; eine zweite erregte einiges Gemunkel, eine dritte großes Aufſehen. Der Herr Gemahl wurde uͤbellaunig und glaubte ſeine Ehre in Ge⸗ fahr. Iſt es nicht ſeltſam, daß Menſchen, die in allen andern Angelegenheiten ſehr wenig zar⸗ tes Ehrgefuͤhl beweiſen, in dem Puncte der ehe⸗ lichen Treue ſehr viel damit ausſtehen, waͤh⸗ rend daß wieder Andere, denen daſſelbe geſchieht, daruͤber lachen, oder gar Gewinn davon ziehen? Indeß, allerdings iſt es wahr, daß wenn das 3⁴8 Ungluck einmal losbricht, man dann auch leicht durch die kleinſte Widerwaͤrtigkeit gereizt werden kann. Rachdem Dauvert mehrere heftige Sce⸗ nen mit ſeiner Frau gehabt hatte, duellirte er ſich mit ein Paar von ihren Liebhabern, wurde hierdurch naturlich noch gereizter und mißhan⸗ delte zulezt die ſchoͤne Alphonſine. Außer ſich, verließ die Dame das Haus und zog ſich zu einer Freundin zuruͤck. Jezt war Herr Dauvert durch einen Prozeß auf Trennung— denn man ſcheidet ja im neuen Frankreich nicht mehr— bedroht und, was noch ſchlimmer war, zugleich auch damit, Rechenſchaft von der Verwaltung des Vermoͤgens ſeiner Frau geben zu muͤſſen. Kaum hoͤrten dies Leztere ſeine Glaͤubiger, ſo begannen ſie ihm auf den Leib zu ruͤcken, und um das Maaß des Ungluͤcks voll zu machen, faßte man im Miniſterium zugleich den Gedan⸗ ken, ihn noch wegen einiger, kurzlich erſt an den Tag gekommener unterſchleife, zur Rede zu ſtellen. So geaͤngſtigt von allen Seiten, faßte er einen heroiſchen Entſchluß; ſchnell raffte er die eignen und ſeiner Frauen Kleinodien zuſam⸗ men, verwandelte ſie in Geld, verkaufte unter der Hand ſein Mobiliare, nahm, ſo viel es ſein 340 geſunkener Credit erlaubte, bei einigen Wuche⸗ rern auf, und reißte mit der auf dieſe Art zuſam⸗ mengebrachten, ziemlich anſehnlichen Summe in aller Stille ab. Er nahm ſeinen Weg nach der Schweiz, hoffend, hier im fremden Lande das, was er ſeinen Glaͤubigern und ſeiner Frau raubte, ruhig verzehren zu koͤnnen. Ie1 Allein, ohne Bedienten, faͤhrt er Tag und Nacht; ſchon iſt er der Grenze nahe, ſchon ath⸗ met er neu auf; nie hat er in einer groͤßern Angſt geſchwebt.... Jenſeits Frankreichs Gren⸗ zen will er Ruhe finden, denn, ſo wenig er ſich auch bisher darum bekuͤmmert hatte, ſo wachte doch bereits das Gewiſſen in ihm auf und jen⸗ ſeits, jenſeits der Grenze dachte er dies Alles zu betäuben!... Der Abend des dritten Tages war gekommen; ein ſchweres Gewitter uͤber⸗ raſchte den Reiſenden; der Regen ſchoß in Strö⸗ men herab, ununterbrochen rollte der Donner, flammten die Blitze um ihn her; die Wege im Gebirge waren rauh und gefaͤhrlich, ploͤtzlich rief, das Ganze auf den Gipfel zu bringen, der Poſtillon: er habe ſich verirrt, verirrt in einer Gegend und in einer Nacht, wo jeder Schritt Gefahr bringen konnte. Ein Geraͤuſch erſchreckte 350 jezt die Pferde, ſie ſprangen ſeitwarts, der Wa⸗ gen ſturzte um, und mit zerbrochenem Schenkel blieb Dauvert liegen. Sein Geſchrei, das Ge⸗ ſchrei des Poſtillons lockte endlich Menſchen her⸗ bei; ſind dies fuͤhlende Weſen, die, dem Un⸗ gluͤcklichen in dieſer Wildniß beizuſtehen, kom⸗ men? Rein! es ſind Rauber, welche herbeieilen, den Räuber zu pluͤndern.— Dem Poſtillon gelingt es, zu fliehen; Dauvert aber, hůlflos am Boden liegend, hat noch Lebenskraͤfte genug, um zu ſehen, wie man ihm gewaltſam ſein Porte⸗ feuille, die Frucht aller ſeiner Ränke, raubt; er behält die Beſinnung noch lange genug, um zu fuhlen, wie man ihn, nachdem man ihm Alles, ſogar einen Theil ſeiner Kleidung, genommen, tiefer in das Gebuͤſch hineinſchleppt und ihn hier mitleidslos ſeiner Verzweiflung uͤberläͤßt. Jezt war denn endlich die Stunde gekommen, wo der Ungluͤckliche in ſchnellen Bildern ſein ver⸗ gangenes Leben an ſich voruͤbergleiten laſſend, die Hand des Ewigen erkannte und, zum erſten⸗ male in ſeinem Leben den Blick nach oben wen⸗ dend, wo die Vergeltung wohnt, ſinkt er, zer⸗ druͤckt von einem entſetzlichen Gefuhle, in— wußtloſigkeit hin.. Gegen Anbruch des Morgens kam ein Rei⸗ ter, gefolgt von einem Diener, durch den Wald, und erblickte im Gebuͤſch einen leblos da liegen⸗ den Menſchen. Schnell ſprang der Fremde vom Pferde und unterſuchte den Zuſtand des Ungluͤck⸗ lichen, waͤhrend er ſeinen Diener nach dem naͤch⸗ ſten Dorfe ſendet, um Huͤlfe herbeizuholen. Halb nackend hatten die Raͤuber Dauvert liegen laſſen. Der Fremde zog ſeinen Rock und Mantel aus, um ihn damit zu bedecken; er laͤuft zu einem unfernen Bach, holt Waſſer in ſeinem Hute herbei, und ſucht den Verwundeten wieder ins Leben zu bringen. Vergebens! endlich kommen Leute aus dem Dorfe, man legt Daubert auf eine Trage und bringt ihn in die nur einige hun⸗ dert Schritt von der Landſtraße entlegene Woh⸗ nung des Fremden, der, langſam neben der Trage herſchreitend, das Haupt des Ungluͤckli⸗ chen unterſtützt, und mit emſiger Sorge nach ſeinem matten, verloͤſchenden Puls forſcht. Wer iſt aber dieſer huͤlfreiche Samariter? dieſer theil⸗ nehmende, dieſer großmuͤthige Fremde? Es iſt Georg, es iſt der verachtete Tropf!— Acht Jahre waren es her, daß Georg, be⸗ fallen von einem finſtern Menſchenhaß, Paris verlaſſen hatte. In dem Augenblicke ſeiner Ab⸗ reiſe hatte ſich das Geruͤcht verbreitet, ein ihm ſchnell zugekommener Brief habe dieſe noch mehr beſchleunigt; dies Geruͤcht war gegruͤndet, der Brief war von Georgs treuem Diener Joſeph, dem es endlich gegluͤckt war, ſeinem Herrn von London aus Rachricht geben zu koͤnnen. Joſeph meldete, daß er an demſelben Tage, an welchem er in Havre angekommen, ſogleich alle Gaſthoͤfe der Stadt durchzogen habe, um Rachrichten uber Demoiſelle Victorine Lorſay und deren alte Be⸗ gleiterin einzuziehen; daß er, da dies vergebens geweſen, ſich nun in den Hafen begeben, wo eben ein Packetbot nach Southampton die An⸗ ker gelichtet hatte. Unter den Perſonen, welche ſich hier einſchifften, hatte er eine engliſche Fami⸗ lie bemerkt, die aus einem Manne von ziemlich vorgeruͤcktem Alter, einer Frau und zwei Toͤch⸗ tern von zwoͤlf bis furgzehn Jahren, beſtand. Wie ſehr war er aber uͤberraſcht, als er in dem Gefolge dieſer Familie Mademoiſelle Victorine und die alte Frau Dechamps erkannte. Ohne einen Augenblick Zeit zu verlieren und ohne ſich den Frauenzimmern zu erkennen zu geben, war er ſogleich zuruck geeilt, hatte ſeine Sachen aus 333 dem Gaſthofe geholt und war ſodann mit in das Packetboot geſtiegen. Waͤhrend der ganzen Ueber⸗ fahrt ſorgte er dafuͤr, ſich auch ferner den Blik⸗ ken der beiden Frauenzimmer zu entziehen; deſto emſiger ſuchte er aber Bekanntſchaft mit einem der Diener der Familie anzuknuͤpfen, in deren Gefolge er Victorinen geſehen hatte, und ſo hoͤrte er denn, daß das Haupt derſelben der Baronett Tayling war, welcher jezt im Begriff ſtand, mit den Seinigen in ſein Vaterland zuruͤckzukehren, nachdem er ſich mehrere Monate in Frankreich aufgehalten hatte. Er hoͤrte ferner, daß Madame Tayling ſehr gewuͤnſcht habe, eine Geſellſchaf⸗ terin fuͤr ihre Loͤchter zu finden, daß ihr dies lange nicht habe glucken wollen⸗/ daß aber endlich, am Tage vor ihrer Abfahrt aus Havre, eine junge Dame in demſelben Gaſthofe, wo ſie ge⸗ wohnt haͤtten, angekommen waͤre, und daß dieſe Demoiſelle Dubourg, nach einer kurzen Unter⸗ haltung mit Madame uͤber Tafel am Wirths⸗ tiſche, wo man ſich getroffen, ſich entſchloſſen habe, mit ihrer alten Begleiterin, der Frau De⸗ champs, der Familie nach England zu folgen. Joſeph wußte nun genug. Angekommen nach 354½ einer jemich ſtürmiſchen Fuhrt in Southampton, war die Familie Tahling ſogleich nach London abgereiſt und auch Joſeph zögerte nicht, ihr da⸗ hin zu folgen. Geſchickt hatte er ſich die Addreſſe des Baronett in dieſer großen Hauptſtadt zu ver⸗ ſchaffen gewußt, und einen Tag ſpäter wie Tay⸗ ling in London eintreffend, hatte er ſich unfern von deſſen Wohnung, einquartiert und ſchrieb von hier aus alles dieſes ſeinem Herrn. Man kann denken, mit welchem Entzuͤcken Georg dieſe Rachrichten vernahm. Jezt war ſeine Schwermuth auf einmal verſchwunden und nur der frohe Gedanke?„ſie iſt wiedergefunden!“ belebte ihn. Keinen Augenblick verlor et; ſchnell ſchrieb er ein Paar Zeilen an Harville, ſchnell ein Paar andere an ſeinen Geſchaͤftstraͤger; dann reiſte er ab. Ehe er Joſephs Brief em⸗ pfing, hatte er ſich vorgenommen, in der Gegend des Jurägebirges zu leben; Vietorine ſtammte daher; hier, wo ſie zuerſt geathmet, wollte er ſeine Tage beſchließen; jezt flog er Calais zu. Kaum ſah er ſich außer den Mauern von Paris, ſo athmete er neu auf; er entfernte ſich mit jedem Schritte mehr von jenen Menſchen, die ihn verfolat und gekraͤnkt hatten, mit jedem 355 * Schritte naͤherte er ſich Viectorinen; mußte ihm dies nicht mit einer lange nicht gefuͤhlten Freude erfuͤllen? Sein Menſchenhaß ſchwand; nicht lange, ſo glaubte er von neuem an die Guͤte und Reinheit der menſchlichen Naturz nicht lange, ſo gab er ſich von neuem den ſuͤßeſten Hoffnun⸗ gen hin.. Aber, wenn Victorine unerbittlich blieb; wenn ſie feſt bei ihrem erſten Vorſatze be⸗ harrte?„Dann,“ rief er,„dann ziehe ich doch in jene Gegenden hin, wo ſie geboren ward, und lebe in der Raͤhe meines Freundes Leclercg... Doch nein! nein! ſie wird, ſie kann nicht wider⸗ ſtehen; ſie wird mein Daſeyn nicht fuͤr immer traurig und freudenlos machen wollen!“ Angekommen in London⸗ ſuchte er ſeinen ge auf und hingeriſſen von Dankbarkeit, ſtuͤrzte er ſich in die Arme dieſes treuen Dieners, Aus den Fenſtern von deſſen kleinem Zimmer ſah er jezt das Haus, in welchem Victorine lebte; bald, o Entzuͤcken! ſah er ſie ſelbſt, begleitet von Frau Dechamps.... Joſeph hatte viele Muͤhe ihn zuruckzuhalten, daß er ihr nicht ſog gleich auf der Straße nacheilte. In Folge ſeiner einſtigen Anſtellung af dem 356 Vuͤrcau des Herzogs, kannte Georg einen der erſten Seeretaire der franzoͤſiſchen Geſandtſchaft in London. An dieſen beſchloß er ſich zu wenden, um Zutritt in dem Hauſe des Baronett Tayling zu erhalten. Dies gelang ihm; ſein Bekannter fuͤhrte ihn ein, und nun entdeckte Georg dem Herrn und der Frau ſowohl ſeine Liebe zu Victo⸗ rinen, als deren eigentlichen Ramen, und die Verhaͤltniſſe, welche ſie von ihm und ihrer Fa⸗ milie getrennt hatten. Herr und Madame Lay⸗ ling waren gute und brave Menſchen; mit Ver⸗ gnuͤgen vernahmen ſie, daß der ihnen täglich theurer werdenden Victorine ein gutes Loos ſich eroffnete, mit Schmerz aber auch, daß ſie ſie verlieren ſollten. Gern uͤbernahm uͤbrigens Ma⸗ dame Tayling das Geſchaͤft, Georgs Fuͤrſpreche⸗ rin bei der Geliebten zu werden. Anfanglich ſchien Vietorine faſt erſchreckt und boſe daruͤber zu ſeyn, Geotg ſo nahe zu wiſſen.„Wie?“ rief ſie aus,„bis hierher verfolgt er mich! Sogar hier ſucht er meine Ruhe noch zu ſtbren!“— Lange vermochte jedoch das Mädchen nicht ihte Gefuͤhle zu unterdruͤcken; den Bitten der Ma⸗ dame Layling nachgebend, willigte ſie endlich ein, mit Georg zuſammenzukommen. Schnell 357 erzaͤhlte er ihr nun, was ihm in den wenigen Tagen, die er noch nach ihrer Abreiſe in Paris zugebracht hatte, begegnet war, dann rief er aus:„O Victorine! ich wollte Sie bereichern und Sie weigerten ſich; jezt habe ich Ihrentwe⸗ gen meinem Vermoͤgen entſagt und nur das be⸗ halten, was ich Ihnen anbot. Sie wollten nicht, daß ich Sie mir naͤherte, jezt bin ich arm ge⸗ worden, um Ihnen näher zu ſtehen.“ Vermochte Victorine es wohl, nun noch bei ihrem Vorſatze zu bleiben? Hingeriſſen von Be⸗ wunderung reichte ſie Georg ihre Hand und ſprach mit bebender Stimme:„Ich bin die Ih⸗ rige“— Einige Tage darauf wurden die Liebenden in der Capelle des franzoſiſchen S ten in London vereinigt. S Das neue Ehepaar ließ ſich nun in Victori⸗ nens Heimath nieder, wo Georg ein Guͤtchen kaufte und ſich, ſeinem jetzigen Vermoͤgen gemaß, einfach, aber bequem einrichtete. Bald ſollte ſich ſein Gluͤck noch vermehren; ſeine Gattin gebar ihm einen Sohn, ein Paar Jahre darauf eine Tochter. Voll Liebe für ſeine Frau, voll Zaͤrt⸗ lichkeit fur ſeine Kinder, genoß der Redliche auch die Suͤßigkeiten der Freundſchaft. Oſt ſah er 258 Franz Leclereg, deſſen Manufactur nicht weit von ſeinem Wohnorte entfernt war, und alle Jahre Harville, der dann immer auf einige Wochen zu ſeinem Freunde kam. Der Charaeter des Lez⸗ tern hatte ſich im Lauf der Zeiten ſehr geaͤndert. Durch den Tod ſeines Vaters, des Marquis von Harville, in die Pairs⸗Kammer gerufen, war er hier eine der feſteſten Stuͤtzen des Rech⸗ tes und der Freiheit geworden, und ſeine Hand einem edlen Maͤdchen reichend, hatte er jenen Zerſtreuungen, jenem Leichtſinne fuͤr immer ent⸗ ſagt, uͤber die ihm Georg einſt ſo oft ernſte Vor⸗ ſtellungen machte; ſeine junge und liebenswuͤr⸗ dige Frau ſah aber die Tage, welche ſie mit ih⸗ rem Gemahl unter Georgs beſcheidenem Dache zubringen konnte, immer als die—— ihres Lebens an. So lebte denn Georg, zufrieden wie ſein Vater, geachtet und geehrt von der ganzen Um⸗ gegend, wie jener Herr Morambert, fuͤr welchen er einſt mit ſo wenigem Erfolge ſich bei der De⸗ putirtenwahl verwendet hatte, ein glucklicher, freier Mann, auf ſeinem Gute, und ſuchte durch ſeinen Rath und durch ſein Beiſpiel, ſo weit es ſeine Kraͤfte erkaubten, nuͤtzlich zu wirken. Wie 359 ein Mann kaͤmpfte er gegen das Beſtreben ſo Vieler in der Zeit, alte, verroſtete Mißbraͤuche wieder einzufuhren, und durch ſeinen Einfluß ſah man aus der Gegend— Armuth und Elend fiiehen. Georg war nicht reich genug, um allein die Errichtung von Unterrichts⸗ und Wohlthaͤtigkeits⸗ anſtalten zu uͤbernehmen; aber ein rechtlicher Wille, gepaart mit Muth und Einſicht, vermag viel. Unter ſeiner Leitung wurden Subſcriptio⸗ gegruͤndet, eine Schule des wechſelſeitigen errichts angelegt, und nie machte ihn je eine chrenbezeigung ſtolzer, als die, daß man ihn zum Vorſteher der Geſellſchaft ernannte, welche ſich zur Einfuͤhrung der Schutzblatternimpfung bildete. Man baute keine Hospitaler, aber Madame Derch brachte Kranken und Armen Huͤlfe und Troſt an das Leidensbette; ihre Lehren, ihr Beiſpiel bildeten die Lochter der Nachbarn zu liebenden Frauen, zu braven Muͤt⸗ tern, und Georg, dies ſehend, erinnerte ſich mit Ruͤhrung an ſeine gute, innig geliebte Mutter, die auch einſt in ihrem Kreiſe ſo handelte und deren Zuͤge er verjungt in ſeiner eigenen Tochter nen zur Unterſtuͤtzung Armer eroffnet, eine Spar⸗ 30 wieder glaubte aufleben zu ſehen. Sein treuer Joſeph hat ihn nicht verlaſſenʒ auch die gute Frau Dechamps lebt noch, geehrt und geliebt von allen, im Kreiſe dieſer glücklichen Familie. Durch die allgemeine Wahl aller Einwoh⸗ ner war Georg zum Maire des Orts ernannt worden. Ein neuer Praäfect, den man nicht mit Unrecht fur ein geheimes Mitglied der Con⸗ gregotion der Jeſuiten hielt, ſuchte im Geiſte des ſchoͤnen Ordens den braven, freiheitlie⸗ benden, aufgeklaͤrten Mann zu kraͤnkens als die Deputirtenwahl nahte, ſuchte er ihn bei den hoͤheren Behoͤrden zu verleumden, weil Georg ſich nicht zu den elenden Raͤnken her— geben wollte, die man ſo gern bei dieſen Ereig⸗ niſſen anwendet: aber weder der jeſuitiſche Herr Praͤfect noch ſeine Bundesgenoſſen vermochten etwas gegen ihn auszurichten. Die Liebe der Bewohner der Gegend zu Georg war zu groß, ols daß man es haͤtte wagen duͤrfen oͤffentlich etwas gegen ihn zu unternehmen; ihre Anhaͤng⸗ lichkeit zu feſt, als daß heimliche Einfluͤſterun⸗ gen ihm haͤtten ſchaden konnen. Geſtehen muͤſ⸗ ſen wir uͤbrigens, daß Georg die Grundzuge ſeines einfachen, ehrlichen, ſo oft von der Welt verſpotteten Charaeters immer beibehielt und daß er auch jezt noch bei vielen Gelegenheiten zeigte, wie wenig er im Ganzen doch immen den Weltlauf kannte, wie wenig er ſich in die ge⸗ ruͤhmten chriſtlichen und friedlichen Anſichten der Zeit zu ſinden wußte. Als z. B. die bekannten Ereigniſſe in Spanien, Regpel und Portugall ausbrachen, da war er gleich vielen andern Lenten einfaͤltig genug, an die Heiligkeit gewiſſer Eide zu glauben und zu meinen; ein Wort ſey ein Wort, moͤge es ſprechen, wer es wolle; ihn, wie viele Andere, belehrten indeß Congreſſe und Schlachten, daß es zweierlei Sittenlehren in der Welt giebt, die eine fuͤr das Volk, die andere fur Andere, und— wie Viele, ſeufzte er daruͤber. Rach den Siegen Frankreichs i in Spanien⸗ war er ferner ſo einfältig zu alguben, man werde das mit der Schaͤrfe des Schwerdts politiſch be⸗ kehrte Land nach den Grundſaͤtzen der Maͤßi⸗ gung regieren, welche in der ehrenwerthen Er⸗ klärung von Andujar ausgeſprochen worden ſind; aber mit Schmerz ſah er, daß es dieſer Erklärung wie mancher andern ging. Er war einfältig genug zu hoffen, daß die mit ihrem Chtiſtenthume prunkende Zeit, den chriſtlichen Bruͤdern in Griechenland die helfende Hand gegen die Tuͤrken reichen wuͤrde; aber er irrte ſich von neuem und ſuchte umſonſt ſeine Begriffe von Recht und Legitimitaͤt mit denen der c chriſt⸗ lichen Zeit über dieſe Dinge in Einklang zu brin⸗ gen. Einen Augenblick ſchmeichelte er ſich eben⸗ falls, Frankreich werde, wenn auch aus keinen beſſeren, doch wenigſtens aus Gruͤnden des Ei⸗ gennutzes, die Unterhandlungen mit Hayti zu einem gewuͤnſchten Ende bringen und Englands Peiſpiele in Betreff Säͤd⸗Amgricas folgenz aber — er irrte ſich auch hier und ſah mit Erſtaunen ein, daß nichts, nichts in der Welt ſtark ge⸗ nug iſt, um eingewurzelte Vorurtheile auszurotten. Trotz dieſer truͤben Evfahrungen verzagte er jedoch an dem Fortſchritt des Beſſeren in der Welt nicht, denn, ſo dunkel auch die Zeit manch⸗ mal war, ſo ſah er dennoch klar und deutlich, daß alle Anſtrengungen um die Fortſchritte der Menſchheit aufzuhalten, vergebens ſind, und daß man Vernunft und Aufklaͤrung nicht mehr, weder durch jeſuitiſche Raͤnke, noch durch Ge⸗ waltſtreiche zu unterdruͤcken vermag. Dieſe Hoffnung auf ein Beſſerwerden, trotz aller An⸗ ſtrengungen der Despotie und der Finſterlinge, dieſe Hoffnung auf ein allgemeines Gluͤck, ließ ihm ſein perſoͤnliches Gluͤck nur um ſo mehr genießen; verfolgt einſt von den Menſchen, war er in einen Anfall von Menſchenfeindſchaft ver⸗ 363 fallen; umringt von ſeiner Familie und einer Nachbarſchaft, die ihm ihr ſittliches Wohlbefinden verdankte, uͤberließ er ſich den ſchoͤnſten, beſe⸗ ligendſten Traumen der Menſchenliebe. In dem Augenblicke als er den ungluͤcklichen Dauvert wiederfand und wieder erkannte, kehrte er von einem Beſuche bei ſeinem Freunde Le⸗ clercq zuruͤck; der Diener, welcher ihn begleitete, und die Huͤlfe aus dem nahen Dorfe herbeiholte⸗ war ſein treuer Joſeph. Anfaͤnglich erkannte Dauvert, wieder zu ſich gekommen, in dem Zu⸗ ſtande von Schwaͤche, in welchem er ſich befand, ſeinen alten Kameraden nicht, und, befallen von wilden Phantaſieen, mit Dod und Lebes ringend, gemartert von Gewiſſensbiſſen, glaubte er ſich noch immer in den Haͤnden der Raͤuber und klagte ſich laut ſelbſt aller der Vergehen an, die er im Laufe ſeines Lebens begangen hatte. Sorgſam pflegten Georg und Vietorine den Ungluͤcklichen; als aber deſſen Beſinnung endlich wiederkehrte, da zogen ſie ſich, zart⸗ fuͤhlend wie immer, von ſeinem Lager zuruͤck, um dem Ungluͤcklichen nicht durch ihren Anblick neue Schmerzen zu bereiten, und wachten nur un⸗ geſehen von ihm, uber ſein Wohl und ſeine Pflege. So ſah Georg Dauvert nicht eher wieder, als bis dieſer gänzlich hergeſtellt war; dann aber nahte er ſich ihm nur, um ihm die Huͤlfe an⸗ welche deſſen Lage erforderte. Ver⸗ ſnmnd blickte Dauvert bei dem Eintritt ſei⸗ ues Wohlthaters zu Boden; er entdeckte die Gruͤnde, warum er die Hauptſtadt verlaſſen, nicht; aber, hatte er ſie nicht bereits in ſeinen Fieberphantaſieen verkathen? Es war eine ſchwe⸗ re Strafe fuͤr den Verdorbenen, das Gluͤck, die Ruhe, die Liebe zu ſehen, welche in dem Hauſe herrſchte, gegen deſſen Bewohner er ſich einſt ſo ſchmachvoll benahm; es war eine ſchwe⸗ re Strafe, ſich endlich wider Willen eingeſtehen zu muͤſſen, daß das Gluͤck allein die Frucht der Tugenden iſt, der Rechtſchaffenheit, die er einſt verachtete. Im erſten Augenblick wollte die Unterſtuͤtzung, welche ihm Georg anbot, mit Stolz von ſich weiſen, aber ſein Elend war ſo groß, Georgs Anerbietungen ſo freundſchaft⸗ — mit zerknirſchtem Herzen nahm er es an. Die Bosheit kann nicht ſo tief im Herzen wutzeln daß ſie nicht vor der Guͤte eines Wohlthaͤters weichen muß, gegen welchen ſie als Feind auftrat. Dauvert beugte ſich vor Georg; er legte ein offnes Bekenntniß ſeines Unrechtes ab und flehte um deſſen Vergebung, und es ſchien den Ungluͤcklichen zu troͤſten, daß Georg und Vietorine ihm verzeihend ihre Hand reichten. Heilig verſprach er es ſich und ihnen, ſein Leben zu beſſern, dann reiſte er, dem Tod und dem Elend von Georg entriſſen, ab... Hat er ſein Verſprechen erfullt? Die Vorſe⸗ hung ließ ihm keine Zeit dazu; nach America ſich einſchiffend, fand er den Tod in den Wellen dee Oceans.— Georgs und Victorinens Gluͤck mehrte aber jeder kommende Tag. So war denn alſo der verachtete„n hrliche Tropf“ der Klügſte: ſo war der fuͤr einfaltig Ausgeſchriene der Weiſeſte; ſo hatte dieſer Einfache und Linkiſche ſich als der Feinſte und Geſchickteſte gezeigt; ſo war dieſer Verſpottete und Verfolgte glucklich geworden, waͤhrend ſeine Veraͤchter und Verfolger ihr Daſeyn in Schmach, in Elend und Mißmuth hinbtachten, und das Ereigniß, welches ſeinen undankbar⸗ ſten und erbittertſten Gegner in ſein Haus fuͤhrte, verſchaffte ihm den fuͤßeſten Genuß, den ein Menſch hienieden haben kann, den: einem Feinde wohlthun und einem verdorbenen Herzen die Tugend werth machen zu können. Wer ſind denn aber die eigentlichen Eröpfe? Das ſind die Böſen, die Betruͤger, die Hab⸗ ſuchtigen, die Egoiſten; jene Charlatans, die, um Aufſehn zu erregen, ſich heiſer ſchreien; jene Raͤnkeſchmiede, die kriechen und ſchmeicheln und dafuͤr mit Fuͤßen getreten werden; jene Rei⸗ diſchen, die Andern zu ſchaden ſuchen und ſich ſelbſt ſchaden; jene Eitlen und Stolzen, die ſich im Sumpfe ihrer geiſtigen Kleinheit aufblaſen wie die Froͤſche, und platzen. ——— Snhalt. nehmen bei der Wahl. Kapitel. Gebrgs erſtes Rendez⸗ Sechtes Kapitel. Harville. iebentes Kapitei. Gewandtes Beneh⸗ R män s Sropfese Achtes Kapitel. Eine Abenteuerin und ein Induſtrieritter. Neuntes Kapitel. Widerwaͤrtigkeiten. Zehntes Kapitel. Neue Fortſchritte von Daubert. Elftes Kapitel. Eine Heirath und eine Erklaͤrung. Zwölftes Kapitel. Ein Leſtament.. Dreizehntes Kapitel⸗ Verſchiedene Mei⸗ nungen über Georg.. — Vierzehntes Kapitel. Georg eitvirft einen Plan. 3 Funfzehntes Kapitel. Harvilles Keck⸗ heit und Georgs Albernheit.. Sechzehntes Kapitel. Gefahten. 3 Siebzehntes Kapitel. Ein Paar Denk⸗ ſchriſten Achtzehntes Kapitel. Georg iieht ſich von der Welt zuruͤck. Neunzehntes Kapitel. Geſchichte von acht Jahren.„ „ * Seite Erſtes Kapitel. Einleitende Intriguen zu ene Wah Zweites Kapitel. Georgs Candidat. Drittes Kapitel. Eine Beputirtenwahl.. Viertes Kapitel. Folgen von Georgs Be⸗ 25 3⁴ 2 10 „ 125 1356 152 166 174 190 228 24 ½ 270 2 25 ——— 16 17 18