——— W auf 1 Monat: Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von S Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Vei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. beträgt; 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: ————— 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 6 Auswärtige Ahonnenten haben für Hin⸗ und Zurückf endung 6 Bücher: —— 2 Mr.— Pf. der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. 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Georg's erſte Liebe. S. 81. Siebentes Kapitel. Georg auf dem Bäͤ⸗ reau der Unterpraͤfeetur.„68. 111. Achtes Kapitel. Georg's Familie waͤhrend ſeiner Abweſenheit.„68. 132. Neuntes Kapitel. Georg's Ruͤckkehr. S. 155. Sehntes Kapitel. Georg verwendet ſich fur ſeine Verwandten. 68. 176. Eiftes Kapitel. Georg verwendet ſich fuͤr ſür ſich ſelhſt. Swoͤlftes Kapitel. Georg in ſeiner An⸗ ſe Dreizehntes Kapitel. Große und glůck⸗ liche Cteigniſſt. Vierzehntes Kapitel. Verſchiedene ————— ——— S 1V Funfzehntes Kapitel. Geſchichte eines alten Bekannten. 68 267. Sechzehntes Kapitel. Georg und ſein Freunde Daubert. S. 302. Siebzehntes Kapitel. Georg wird der Familie Duͤbroeard vorgeſtellt. S. 318. Achtzehntes Kapitel. Vietorine.. S. 542. Neunzehntes Kapitel. Dauverts Fort⸗ ſchritte.„„„* S. 356. — = — — B Der ehrich e —,———— ———— 2 Erſtes Kapitel. Georgs Jugendjahre. 42 Jahre 1802. befand ſich auf der Central⸗ ſchule zu Orleans ein junger Menſch von ſieb⸗ zehn Jahren, Georg Dercy mit Ramen, ein ehrliches, gutes Gemuͤth, den aber alle ſeine Kameraden, mehrere ſeiner Lehrer, und ſelbſt die Aufwaͤrter, immer nur„den Tropf“ nannten. Er war der einzige Sohn eines wak⸗ kern Landmannes, welcher anfunglich Pachter geweſen und durch Fleiß und Sparſamkeit es zu⸗ letzt dahin gebracht hatte, ein kleines Eigenthum zu beſitzen. Als Georg auf die Centralſchule kam, hatte er es in ſeiner Harmloſigkeit erzäͤhlt, daß ihm der Name„Tropf“ von ſeiner fruͤheſten Jugend 12 an von allen ſeinen Verwandten, ſeinem Onkel, ſeinen Tanten, ſeinen Vettern u. ſ. w. ſey bei⸗ gelegt worden, und daß nur Vater und Mutter hierin eine Ausnahme gemacht haͤtten.„Hi,“ hatte der Vater gemeint,„moͤgen ſie ihn ſo nennen. Beſſer er heißt ein Tropf, als ein Schelm.“ Anders hatte ſich die Mutter aus⸗ geſprochen.„Wie! mein Sohn, mein Georg, ein Tropf? Das iſt nicht wahr! Er iſt eine gute Seele und dies in Fahrer Beiname.“ Wie haͤtten nach einem Geſtändniß Georgs Kameraden ihm nicht den fatalen Spitz⸗ namen laſſen ſollen, und verdiente er ihn nicht? Kaum hatte er ſein kleines Taſchengeld bekom⸗ men, ſo war es auch ſchon fuͤr Almoſen und Geſchenke fort, und wenn es ſich davon han⸗ delte, zu einem gemeinſchaftlichen Vergnuͤgen etwas zuſammenzuſchießen, dann hatte der arme Georg immer keinen Pfennig mehr. Gewiß ſchon zwanzig Mal war er ſo albern geweſen, ſich fuͤt Fehler beſtrafen zu laſſen, die Andere begingen, blos weil er es nicht uber das Herz zu bringen vermochte, den Schuldigen anzuge⸗ —— —— c ben. Mußte man ihn nicht als einen Tropf verlachen?* Wie viele Streiche hatte ihm ſchon ein ge⸗ wiſſer Dauvert geſpielt, und dennoch war er darum nicht weniger deſſen beſter Freund. Die⸗ ſer Dauvert war der Sohn eines Edelmannes aus der Touraine, der fruͤher auswanderte, dann zuruͤckkehrte und die Sorge fuͤr die Er⸗ ziehung ſeines Sohnes einer alten Haushaͤlterin uͤberließ. Nach dem Tode des alten Dauvert nahmen ſich einige Verwandte der vernachlaͤſſig⸗ ten Erziehung ſeines Sohnes mehr an, und ſchickten den jungen Menſchen auf die Central⸗ ſchule. Trotz ſeiner Einfalt fehlte es Georg nicht an Faͤhigkeiten; er war fleißig und ein guter Schuͤler; trotz dem, daß Daubert ſich ein⸗ bildete, fein und geiſtreich zu ſeyn, war er da⸗ gegen ein ſchlechter Schuͤler; da er jedoch die Harmloſigkeit und Herzensgute Georgs trefflich zu benutzen verſtand, ſich durch ihn ſeine Arbei⸗ ten machen ließ, ihm ſeine dummen Streiche geſchickt aufbuͤrdete, ihn vorſchob, wo Gefahr war und ſich dagegen vordraͤngte, wo Lohn harrte: ſo glaubte man gern, daß der Erſtere 6 gar keinen, und dieſer dagegen recht vielen Werth habe. Indeß bemerkte man doch, daß Georg, der gern Alles that, was ſein Freund Dauvert von ihm verlangte, wenn blos Gefahr oder Schaden fuͤr ihn ſelbſt daraus entſpringen konnten, ſich doch ſtandhaft weigerte, ſeine Hand zu einem Unternehmen zu bieten, wenn daſſelbe einem Andern Rachtheil zu bringen drohte, oder uberhaupt ein unedles war. Von allen Lehrern theilte nur ein alter Profeſſor die allgemeine Meinung uͤber Georg nicht, und waͤhrend alle andere Dauvert dem einfachen Georg vorzo⸗ gen, bezeigte dieſer dem Letzteren ſeine Gewogen⸗ heit und machte dagegen ſehr wenig Weſen von dem Erſteren. Das Jahr 1802. war, wie alle ſeit dem Anfang der Revolution verfloſſenen, fruchtbar an großen Begebenheiten, und wie in der Welt, wurden dieſelben auch auf den Schulen, und be⸗ ſonders in den erſten Claſſen, gehorig beſprochen. MWilitäriſche Thaten ergreifen immer die Ju⸗ gend; auch die jungen Leute auf der Central— ſchule zu Orleans ſprachen mit Enthuſiasmus von den Schlachten, welche der Erſte Conſul — und ſeine Generale lieferten. Georg bewun⸗ derte ſie nicht weniger,„aber“ ſagte er,„es leuchtet mir ein, daß es ſchon war, zu fechten, als unſere Grenzen und unſere Unabhaͤngigkeit bedroht wurden; doch jetzt..... wir ſchlagen uns, um andere Laͤnder zu erobern, und das iſt ungerecht. Sicher werden wir, trotz unſerer Siege, noch die Gefoppten ſeyn.“ Dauvert zuckte die Achſel und meinte, Georg verſtuͤnde nichts von Pvolitik und habe keinen Sinn fuͤr den Nationalruhm. Georg erlaubte ſich einige Male das Benehmen des erſten Conſuls zu tadeln, indem er darin einen Mißbrauch der anvertrauten Gewalt gegen die Freiheit ſah; Dauvert bewunderte dagegen das Genie des großen Mannes, der ſich in den Prieſter, in ſeinem neuen Adel, unter den Jacobinern und unter den Emigranten, Stutzen ſeiner neuen Macht zu verſchaffen wußte. Gegen das Ende des letzten Jahres ihres Aufenthalts zu Orleans wurden Georg und Dauvert von der Conſcription getroffen. Nach dem Geſetz lag den jungen Franzoſen die Ver⸗ pflichtung, die Waffen zu tragen, nur von dem 1 swanzigſten Jahre an, ob; allein, jemehr Siege wir erfochten, jemehr Soldaten brauchten wir auch. Bis hieher war Dauvert von einem gewaltigen martialiſchen Eifer ergriffen geweſen; er brannte ordentlich vor Kampfbegier; jetzt aber auf einmal paſſirte ihm ein großes Un⸗ gluͤck; ſein Geſicht wurde ſchwach und immer ſchwaͤcher und bald ſo ſchwach, daß er nicht anders mehr wie durch eine Brille ſehen konnte. Der ehrliche Georg beklagte ſeinen Freund ganz aufrichtig uͤber einen Unfall, der ſeinem Heldenberufe ſo ſchmaͤhlig in den Weg trat, denn es ſtand zu befuͤrchten, daß Dauvert wegen ſeines kurzen Geſichts fuͤr unfähig zum Dienſt erklaͤrt werden wuͤrde. Einige Andere meinten zwar dagegen, Dauvert ſpiele zugleich den militäriſchen Eiſenfreſſer und den Kurzſich⸗ tigen; aber Georg hielt dies fuͤr boͤslichen Spott und ereiferte ſich ſehr gegen die Ver⸗ äumder ſeines Freundes. In der That er⸗ hielt Dauvert auch bald wegen ſeiner ſchwa⸗ chen Augen den Abſchied, und da Georgs Va⸗ ter ſtarb, ſo widerfuhr dieſem, als einzigem Sohne, ein Gleiches, In dem Augenblick, als die beiden Freunde die Centralſchule verließen, ſchworen ſie ſich eine ewige, unwandelbare Freundſchaft zu. Dauvert reiſete in die Touraine und verſprach Georg, fleißig zu ſchreiben; dieſer gab, zu ſei⸗ ner Mutter zuruͤckkehrend, daſſelbe Verſprechen und kam ihm auch nach. Er ſchrieb mehr⸗ mal an den Freund, da er jedoch nie eine Antwort erhielt, ſo ließ er es am Ende auch ſeyn. Bei dem Tode von Georgs Vater war die Mutter ihm zur Vormuͤnderin ernannt worden und ſein Onkel, vaͤterlicher Seite, hatte das Ge⸗ ſchaͤft uͤbernommen, das kleine Erbtheil des Verwaiſten zu verwalten. Frau Derch, die ihrem Manne in ſeinen laͤndlichen Beſchaͤfti⸗ gungen einſt treulich beigeſtanden, fuͤrchtete, jetzt allein ihnen nicht gewachſen zu ſeyn, und ſuchte ſich dieſerhalb einen Pächter, dem ſie das Ganze uͤbergab. Georgs Familie beſtand da⸗ mals aus ſeiner Mutter, ſeinem Onkel, und zwei Vettern, Soͤhne von ein Paar verſtorbe⸗ nen Schweſtern ſeines Vaters. Sein Onkel, Hr. Wilhelm Derch de Saint⸗Firmin, war ein ſehr geſuchter Atzt in dem Hauptortchen einer Unterpraͤfectur im Departement du Loiret, von dem wir den Namen blos darum hier nicht angegeben, um nicht der Perſonalitäten beſchul⸗ digt zu werden, denn man iſt dort ſeit undenk⸗ lichen Zeiten ein bischen empfindlich und liebt es wohl zuweilen, Andere ein wenig vorzuneh⸗ men, wird aber leicht boͤſe, wenn es einem ſelbſt geſchieht. Einer der Vettern, Hr. Tho⸗ mas Duͤpre, war Anwald bei dem erſten Ge⸗ richtshofe eben jenes Ortes und unverheirathet; der andere, Hr. Auguſt de la Moriniére, be⸗ kleidete dagegen eine Stelle auf dem Buͤreau der Unterpraefectur und ſeine Frau war die geſuch⸗ teſte Putz- und Modehaͤndlerin der Stadt. Beide Vettern waren uͤbrigens alter wie Georg, und de la Moriniére hatte bereits einen Sohn von zehn Jahren, den man nun an die Stelle Georgs auf die Centralſchule nach Orleans ſchickte. Die Frage war jetzt: was man mit Georg machen ſolle? Obſchon ſeine Lehrer ihm das Zeugniß des Fleißes gegeben hatten, ſo wollte doch der Onkel, wie die Vettern, finden, daß ——— —— — ihm der Geiſt auf der Schule eben nicht beſon⸗ ders gekommen ſey. Nach langem Ueberlegen gab endlich der Doctor St. Firmin ſeiner Schwaͤ⸗ gerin den Rath, den jungen Mann nach Pa⸗ ris zu ſchicken, um ihn dort Medicin ſtudieren zu laſſen, und da Madame St. Firmin, die. ſich, trotz ſeiner Einfalt, fuͤr Georg ein wenig intereſſirte, dieſem Rathe beipflichtete, der On⸗ kel auch außerdem noch die Hoffnung machte, daß er nicht abgeneigt ſey, an Georg einſt, wenn dieſer ſeine Studien vollendet, einen Theil ſeiner Praxis abzutreten, dieſer aber, wie gewoͤhnlich, ſich bereitwillig zeigte, das zu thun, wað man von ihm begehrte, obſchon er, ehrlich geſtanden, keinen beſondern Beruf zum Medici⸗ ner in ſich verſpuͤrte: ſo nahm die Mutter den Vorſchlag mit großem Danke an, und nicht lange, ſo machte ſich„der Tropf,“ wohl verſehen mit Empfehlungsbriefen an die erſten Aerzte, nach der Hauptſtadt auf den Weg. „Nun Georg,“ ſprachen ſein Onkel und ſeine Vettern bein Abſchiede zu ihm:„friſch auf! mache Deinen Weg und ſchleife Dich ab.“ —„Mein Sohn,“ ſagte die Mutter,„behalte Gott vor Augen und ſey immer ehrlich, damit ich Dich ſtets meine„gute Seele“ nennen kann.“ Zweites Capitel. Georg als Student in Paris. Georg wurde von den mehreſten der Herren, an welche ihn ſein Onkel empfohlen hatte, be⸗ ſonders von den Profeſſoren, ſehr wohl em⸗ pfangen. Allerdings gab es auch einige, die viel zu ſehr beſchaͤftigt waren, als daß ſie ſich ſehr um ihn haͤtten bekuͤmmern koͤnnen, ja ein Paar nahmen ihn nur mit ſtolzer Wegwerfung auf; indeß, der junge Mann kuͤmmerte ſich darum wenig, er beläſtigte die Herren nicht mehr, und ſchloß ſich dagegen an Andere an, die ihm mit groͤßerer Zuvorkommenheit entge⸗ gen kamen. Unter dieſen befand ſich auch ein Doctor Picot, aus Brives⸗la Gaillarde ge⸗ buͤrtig, ein junger ſehr lebhafter, ſehr eleganter Mann, der noch unverheirathet war, ſich ein — 48 ſchones Cabriolet und eine Jokeh mit einer Art Livree hielt, ſich in den großen Geſellſchaf⸗ ten der damaligen Zeit umhertrieb und beſon⸗ ders bei den jungen Frauen der alten Staats⸗ raͤthe, Palaſtpräfecten, Stabösofficiere und rei⸗ chen Banquiers, ſehr im Anſehn ſtand. Er hatte dieſe glänzenden Bekanntſchaften einem ſeiner alten Profeſſoren zu danken, deſſen Famu⸗ lus er einſt war, und jetzt in Georg einen jun⸗ gen Mann ſehend, gegen welchen er ſeiner Ei⸗ telkeit ohne allen Ruͤckhalt den Zuͤgel fchießen laſſen konnte und der, wie er hoffte, in einer fortwaͤhrenden Bewunderung gegen ihn begriffen ſeyn ſollte, beſchloß er, ihn hinwiederun als ſeinen Nachtreter anzunehmen, und ſo fuͤr die Ausbildung des Neveus ſeines Mitbruders, des Doctor St. Firmin, zu ſorgen. Waͤhrend da⸗ her der junge Derch mit dem groͤßten Fleiße dem Studio der Anatomie, der Chemie, der Pathologie, der Therapeutik und aller der an⸗ dern Wiſſenſchaften oblag, die da noͤthig ſind, einen guten Arzt zu bilden, leider aber oft nur dazu beitragen, einen ſchlechten zu machen, be⸗ fliß ſich Picot ihm Unterricht in dem zu geben, was, nach ſeiner Meinung, der Arzt bedurfte, um ſein Gluͤck zu machen.„Das erſte Mittel,“ ſagte er ihm,„iſt, ſich als Schuͤler, Bewun⸗ derer und Lobredner an irgend einen be⸗ ruͤhmten Arzt anzuſchließen, der aus Dankbav⸗ keit Ihnen dann wieder mit ſeinem Rath bei⸗ ſteht und Ihnen die Thuͤren der großen Haͤu⸗ ſer oͤffnet. Ach! nicht alle haben das Gluͤck, unter ſo guͤnſtigen Umſtaͤnden außutreten, wie ich; nicht alle verſtehen es ſo zu benutzen.“ Hier deutete Hr. Picot, ohne es jedoch mit geraden Worten zu ſagen, die Art an, wie es 6 † ———— eihee ihm gegluckt ſey, durch die junge Frau ſeines alten Profeſſors ſich die Gunſt des letztern zu erwerben und, kann man es glauben! der ehr⸗ liche Tropf Georg war ſo einfaͤltig, ein ſolches Mittel zum Fortkommen nicht eben beſonders ruͤhmlich zu finden und es ſich im Stillen feſt vorzunehmen, dieſen Weg nicht zu gehen. Pi⸗ cot ließ ſich jedoch dadurch nicht ſtoren und fuhr fort:„Wenn Sie dann erſt Doctor ſind, dann muͤſſen Sie ja nicht unterlaſſen, ſich das Anſehn zu geben, als haͤtten Sie ſehr viele Patienten, wenn Sie auch nicht einen einzigen 1 15 haben. Unſere groͤßten Aerzte haben ſich tau⸗ ſend kleiner Liſten in dieſer Hinſicht bedient, und obſchon das Publikum dies alles ganz ge⸗ nau kennt, ſo laͤßt es ſich doch immer von neuem anfuͤhren. Dann muͤſſen Sie auf jeden Fall einen Wagen haben; das iſt unumgaͤng⸗ lich. Sonſt verrichtete es ein Einſpänner, jetzt aber muß es ein Cabriolet ſeyn. Ferner muͤſſen Sie eine ſchoͤne Wohnung im erſten Stock nehmen, elegante Meubles und eine Bibliothek anſchaffen. Sie haben kein Geld dazu? Was thut das? Machen Sie Schulden. Das Geld wird ſchon kommen. Schaffen Sie ſich einen Bedienten an, der wie ein Toͤlpel ausſieht, aber fein wie ein Fuchs iſt, und ſorgen Sie, daß er, wenn Sie irgendwo ſpeiſen, niemals unterlaͤßt, ganz außer Athem gerannt zu kom⸗ men, um Sie zu benachrichtigen, daß dieſe oder jene Baronin, dieſe oder jene Graͤfin, oder noch beſſer, Prinzeſſin nach Sie verlangt und eilen Sie dann ſchnell vom Liſche weg, ohne das Deſert abzuwarten. Sie koͤnnen ja Ihren Caffee dann ganz ruhig im erſten beſten Caffee⸗ hauſe trinken. Ihr Bedienter muß Sie aber 16 —— auch in den Haͤuſern ſuchen, wo Sie nicht ſpeiſen; auch iſt es gut, wenn er manchmal, gleich als verfehle er in der Eile die Thuͤre, die Nachbarn des Nachts herauspocht, um nach dem Arzt, Sr. Excellenz des Herrn Geſandten, oder des Hrn. General en chef zu fragen.“ Trotz ſeiner Leichtglaͤubigkeit zweifelte Ge⸗ org hier doch, daß es moͤglich ſeh, ſolche klein⸗ liche Kunſtgriffe anzuwenden.„Mein Himmel!“ erwiederte Picot,„was wollen Sie? Das iſt alle Tage geſchehen, geſchieht noch und wird auch noch ferner geuͤbt werden.“ Noch erſtaunter war Georg, als Picot hier⸗ auf im weitern Verlauf des Geſpraͤchs in eine Menge Details uͤber die Art eintrat, wie ein gewandter Arzt die Krankheiten der Reichen zu verlaͤngern, und die der Armen zu verkuͤrzen weiß; wie er ſeine Beſuche bei bedeutenden Per⸗ ſonen und bei eleganten Damen, die am Schnupfen oder Nervenuͤbeln leiden, vervielfaͤl⸗ tigen muß, und dagegen ſich nicht zu uͤbereilen braucht, wenn einem ehrlichen Buͤrger ober kleinen Krämer ein tuchtiges Fieber oder eine gute Pleureſie zuſammenſchuͤttelt. Auch gab er —— . ihm den Rath, ſich baldigſt als Schriftſteller auszuzeichnen, eine Sache, die nicht ſchwer ſey, ſeitdem man die Kunſt erfunden habe, die alten Werke zu pluͤndern und eintraͤglich, wenn man es nur verſtunde die Buchhaͤndler zu imponiren. „Hierbei,“ fuͤgte er hinzu,„iſt es aber beſon⸗ ders noͤthig, der Mode zu folgen. Wenn eine neue Entdeckung, ein neues Syſtem auftaucht, dann muͤſſen Sie ſchnell uͤberlegen, was das Vortheilhafteſte fuͤr Sie iſt, und ob Sie ſich als einen heißen Anhaͤnger oder einen unver⸗ ſoͤhnlichen Gegner deſſelben erklären ſollen. Ha⸗ ben Sie aber einmal gewahlt, dal.n blei⸗ ben Sie auch feſt bei ihrem Satze, und wenn Ihnen die Vernunft tauſendmal ſagt, daß er falſch iſt. Ueberhaupt, machen Sie Laͤrm, ſchaffen Sie ſich Freunde, Lobre dner, vor allen aber Feinde an; beklagen Sie ſich dann uͤber dieſe, ſchreien Sie uͤber Sie und regen Sie ſie an, daß ſie auch uͤber Sie ſchreien.“ Wir wuͤrden kein Ende finden, wenn wir alle die ſchoͤnen Rathſchlaͤge hier anfuͤhren woll⸗ ten, welche der neue Freund unſeres Georg B ſich beeilte ihm zu geben. Die ganze Unter⸗ haltung ſiel uͤbrigens gegen das Ende eines Mahles vor, welches Georg dem Hrn Dortor Picot gab, der zwar nie ermangelte, ſeinen Kranken ſtets eine ſehr ſtrenge Diaͤt aufzulegen, ſelbſt aber von dieſem heilſamen Geſundheits⸗ mittel wenig Gebrauch machte. Der Wein hatte dem Ehrenmanne die Zunge geloͤſt; er hoffte, den Unerfahrnen zu blenden, verfehlte aber ſeinen Zweck ganz. Anſtatt ihn zur Be⸗ wunderung hinzureißen, floßte er ihm nur Wi⸗ derwillen und ſelbſt ein wenig Verachtung ein, und voll von dieſem Gefuhle ſprach der ehrliche Georg zu ſich ſelbſt;„Nein! das wird nicht mein Weg. Dank dem Himmel! alle Aerzte gleichen gewiß nicht dieſem.“ In der That, Georg fand unter den Pro⸗ feſſoren und unter ſeinen zukuͤnftigen Mitbruͤ⸗ dern„mehrere Muſterbilder von Rechtſchaffen⸗ heit, Wahrheitsliebe und Fleiß; viele Brave, deren eifrigſtes Streben es war, dem Lei⸗ denden, weß Standes er auch ſeyn mochte, zu helfen und ſich in ihrer Wiſſenſchaft zu vervoll⸗ fommnen; aber, man darf es nicht verhehlen, 19 er fand auch eine große Menge, die, wenn auch nicht ſo offenherzig, doch eben ſo ge⸗ ſonnen waren wie Picot, und leider! ſah er, daß, einige Ausnahmen abgerechnet, gerade dieſe nur Gluͤck zu machen pflegten. Die vertraulichen Eroffnungen ſeines Freun⸗ des Picot und die große Anzahl jener, welche deſſen Beiſpiele folgten, ſchreckten Georg von der Medicin ab. Reich zu werden, war nicht ſein Begehren, aber mit Recht furchtete er, daß er kaum dahin gelangen duͤrfte, ſich ein an— ſtaͤndiges Auskommen zu verſchaffen, wenn er ſich nicht entſchließen wollte, zu Huͤlfsmitteln ſeine Zuflucht zu nehmen, die ſein rechtlicher Sinn verwarf. Er ſchrieb daher an ſeine gute Mutter und an ſeinen Onkel, daß er keinen rechten Geſchmack an der Arzneiwiſſenſchaft finden koͤnne und deswegen entſchloſſen Ly, ſich dem Rechtsſtudium zu widmen, wo er ja dann einſt ſeinem Vetter, den Anwald, in deſſen Stelle nachfolgen koͤnnte; und da die Verwand⸗ ten nichts gegen dieſen Entſchluß hatten, ſo ſattelte er um, und trat als vierter Gerichts⸗ ſchreiber bei einem Advokaten an dem hohen 3 B 2 Tribunale des Seine⸗Departements, in Thaͤ⸗ tigkeit. Sein neuer Principal hatte ſich ſeine Stelle fur ſchweres Geld erkauft; indeß, da er bald darauf eine reiche Heirath ſchloß, ſo deckte die Mitgift der Frau ungefaͤhr die Haͤlfte des Ko⸗ ſtenaufwandes. Wie oft ſchlagt aber die Rech⸗ nung auf die Vortheile einer reichen Parthie fehl, nach welcher unſere jungen Leute ſo ſehr haſchen! Wie oft bringen die Frauen, welche durch ihr Vermoͤgen den Mann ſcheinbar be⸗ reichern, ihm zugleich einen ungezuͤgelten Hang zur Verſchwendung mit, zu der ſie ein Recht zu haben glauben, weil ſie Vermoͤgen beſitzen! Die Frau des Anwalds, zu welchem Ge⸗ org jetzt ging, uͤbte dieſes Recht in dem groͤßt⸗ moglichſten Umfange aus. Welch ein Luxus in ihrem Putz! welche theure Schawls! welcher Schmuck! und wie oft mußte dies Alles ge⸗ andert wetden! Ihr Mann, tuͤchtig durchdtun⸗ gen von den beiden herrſchenden Krankheiten der Zeit, Eitelkeit und Habſucht, mißbilligte den Aufwand der Frau Gemahlin nicht nur nicht, ſondern trieb es, wo moͤglich, auf ſeiner — S Seite noch aͤrger. Man hatte in der Stadt eine prachtvolle Wohnung; Madame einen reich⸗ geſchmuͤckten Salon, ein elegantes Schlafzim⸗ mer, ein koͤſtliches Boudoir. Zu dem Stu⸗ dierzimmer des Herrn trat man durch ein Vor⸗ gemach und einen großen Speiſeſaal; von da wieder in ein anderes ſchoͤnes Zimmer, dann in eine Bibliothek, wo Acajou und Alabaſter entgegenglaͤnzten: hier ſah man Kupſerſtiche avant la lettre, und ſelbſt einige Originalge⸗ maͤlde. Vor den Thoren hatte man ein aller⸗ liebſtes Landhaus. Im Winter gab man Baͤlle in der Stadt; im Sommer Feſtins auf dem Lande, und haufenweiſe ſtroͤmten, hier wie da, die Schmarotzer hinzu. Man ſezte eine Ehre darin, den Aufwand der Standesgenoſſen zu uͤberbieten, denn Madam wollte durchaus alle andere Advocaten- und Notarien⸗Frauen ihrer Bekanntſchaft ausſtechen. Die Weiber der Ma⸗ giſtratsperſonen ſah man nicht: die gehörten zu dem niedern Buͤrgerſtande. Aber, wie konnte aller dieſer Aufwand beſtritten werden? O, da⸗ fur gibt es Rath! Man muß es nur verſtehen, die Prozeße zu mehren und gehorig auszuſpin⸗ nen; man muß ſchnell dahinterher ſeyn, wenn eine Erbſchaſtsmaſſe zu theilen, ein Concurs zu ordnen iſt; vor Allem, wenn es eine Admi⸗ niſtration giebt. Wie bemuͤhte ſich da unſeres jungen Freundes Principal! wie lief er, wie rennte er! wie wußte er Alles zu verwickeln und zu verwirren! Georg begriff von Anfang wenig von der ganzen Sache, was er jedoch begriff, reichte hin, ihm eine tiefe Verachtung einzufloͤßen. In der erſten Zeit ward er mit ſeinen Ca⸗ meraden zu den Bällen und muſikaliſchen un⸗ terhaltungen eingeladen, welche Madame gab; man tanzte da, man machte Muſik, man ſprach uͤber Literatur, ſchoͤne Kuͤnſte und Thea⸗ ter. Herr und Madame zeigten ſich als Phi⸗ lantropen, als enthuſiaſtiſche Bewunderer edler Handlungen und der ehrliche Georg faßte ganz treuherzig die allerbeſte Meinung von ihnen. Als er aber in Folge ſeiner Beſchaͤftigungen auf dem Buͤreau des Menſchenfteundes, nach und nach die Mittel einſah, durch welche man die Koſten dieſer glänzenden Zuſammenkuͤnfte deckte, da bekam ſeine gute Meinung einen ge⸗ . 23 waltigen Stoß; indeß, gutmuͤthig wie immer, dachte er:„Trotz der vielen Spoͤttereien, die Du von Jugend auf uͤber die Rechtlichkeit der Anwalde hoͤrteſt, gibt es doch gewiß noch viele brave Maͤnner unter ihnen, die meinem Schelme von Principal nicht gleichen.“ Bald machte er mit mehrern jungen Leuten, Schreibern aus andern Expeditionen, Bekannt⸗ ſchaft. Wie ſehr erſtaunte er, als er vernahm, daß es in vielen, ſehr vielen derſelben eben ſo zuging, wie in der ſeinigen; daß man dort, wo mitunter von nichts wenigerem, wie von Luxus, die Rede war, die Clienten darum doch nicht minder ſchor und rupfte; daß hier ein alter Rechtsverfechter unter der ſchlau vor⸗ gehaltenen Aegide der Geſetzlichkeit den Wu⸗ cherer, dort ein anderer den Raͤuber am Gute der Unmuͤndigen machte; kurz, daß ſein Patron weder der Einzige in ſeiner Art, noch der Schlimmſte war. Gewiß, es gibt in Paris Rechtögelehrte die Gott vor Augen haben, wenn ſie liquidiren, Advocaten, die keine an⸗ dern Proceſſe als ehrliche, annehmen, Gerichts⸗ perſonen mit reinem Gewiſſen, aber, ſeltſames ungluck! Georg ſtieß auf keine ſolche und er⸗ muͤdet von dem, was er ſah, glaubte er nicht fuͤr dieſen Stand zu paſſen, und entſchloß ſich, noch einmal umzuſatteln. Der Beruf eines Kaufmanns laͤchelte ihn an; er trat als Commis in eine Modehand⸗ lung. Es war ein elegantes Gewoͤlbe, nach dem neueſten Geſchmack decorirt; ein ſechs Fuß hohes, von einem geſchickten Kuͤnſtler gemal⸗ tes Aushaͤngeſchild, zog die Blicke der Vor⸗ uͤbergehenden an; hinter geſchliffenen Spiegel⸗ glaͤſern ſah man die ſchoͤnſten Baͤnder, Gazen, Spitzen und Caſchemirs in einer anſcheinenden Unordnung mit nachlaͤßiger Grazie liegen; lange Stuͤcke der feinſten Stoffe hingen in Guirlanden umher, und ſechs junge Leute waren mit ihm zu⸗ gleich beſchaͤftigt, die Waaren auseinander und wieder zuſammenzulegen, die Kaͤufer zu bedie⸗ nen, und die Befehle der Madame zu vollfuͤh⸗ ren. Dies war eine kleine, hochfahrende, her⸗ riſche Perſon, die ſehr barſch mit ihren Die⸗ nern und ſehr kriechend und zuvorkommend mit den Damen umging, welche in Equipage vor⸗ fuhren, um ihre Einkaͤufe zu machen. Der 25 Herr Gemahl zeigte ſich nur ſelten im Maga⸗ zin, und wenn er etwa nach dem Fruͤhſtuͤck einmal zum Vorſchein kam, ſo geſchah es nur, um im Verein mit ſeiner lieben Halfte die jungen Leute auszuſchelten. Gewohnlich ver⸗ ſchwand er aber immer bald wieder; er ging dann auf die Boͤrſe oder zu irgend einem ſei⸗ ner Bekannten, um uͤber Reuigkeiten zu plau⸗ dern, oder Geſchaͤfte zu machen. Abends be⸗ gab er ſich in's Schauſpiel, in Geſellſchaft oder auf ein Caffeehaus, das ihn zu ſeinen ſtehenden Gaͤſten zählte. Voll Hochmuth, ſchien er es ganz vergeſſen zu haben, daß er einſt auch Diener war und Knicker in ſeinem Ge⸗ ſchaͤfte, war er ein Verſchwender außer dem⸗ ſelben und verlor, waͤhrend er im Hauſe den Pfennig umwendete, im Spiele oft die bedeu⸗ tendſten Summen. Die Diener mußten ſehr fruͤh des Morgens heraus, um den Laden zu oͤffnen und zu ſchmuͤcken; Abends hatten ſie, nachdem er geſchloſſen war, noch lange zu thun, die Waaren wieder in Ordnung zu bringen und die Rechnung mit Madame abzuſchließen. Ihr Tiſch war dabei ſchlecht; man verſchlang 26 das biöchen Eſſen nur, und das Zimmerchen, welches man Georg einräumte, war noch klei⸗ ner und dem Himmel noch naͤher, als das, welches ihm ſein Advocat fruͤher gab. Dies keinesweges angenehme Leben wuͤrde den jun⸗ gen Mann indeß nicht zuruͤckgeſchreckt haben, aber die kleinlichen Kniffe und Liſten, welche er anwenden ſah, und die man ihm auch, als zum Metier gehorig, anzuwenden befahl; die Art, wie Madame Duͤpuis unter den groͤßten Complimenten unaufmerkſame Kaͤufer ſowohl in Betreff der Quantitaͤt als der Qualitaͤt der Waaren, zu bevortheilen verſtand: dies war es, was ihn zuruͤckſtieß, und wenn er ſich manchmal in dieſem Betreff eine Bemer⸗ kung erlaubte, dann mußte er noch die Aeuße⸗ rung hoͤren:„Aber mein Himmel! was wollen Sie? das machen ja Alle ſo. Muͤſſen wir denn nicht oft, wenn die Zahlungstermine ſich nahen, gezwungen unter dem Werth verkau⸗ fen? und muß man dieſem Verluſte nicht wie⸗ der nachzukommen ſuchen? Seyn Sie kein ehr⸗ licher Tropf und laſſen Sie ſich nicht aus⸗ lachen. . In der That, ſeine Kameraden machten ſich auch nicht wenig über ihn und ſeine Be⸗ denklichkeiten luſtig, und wie einſt zu Hauſe und auf der Schule, ward ihm auch hier der alte Spitzname beigelegt. Demohngeachtet ſtan⸗ den Herr und Madame Duͤpuis nicht an, ſich fuͤr die ehrlichſten Menſchen unter der Sonne zu erklaͤren; ſie beſchmuggelten ihre Kundleute wo ſie wußten und konnten, aber ihre Wechſel bezahlten ſie auf den Punkt. Liegt nicht oft hierin die ganze geruͤhmte Solidität vieler Kaufleute? Herr Duͤpuis verleumdete ſeine Collegen, indem er ſagte, daß alle ihm glichen; allein, zum Ungluͤck traf Georg wieder nicht auf einen jener ehrenwerthen Handelsleute die, ſo recht⸗ ſchaffen als brav, ſich mit einem rechtmaͤßigen Gewinn begnuͤgen, ihre Kunden nicht uͤbervor⸗ theilen, keine falſchen Banquerotte, keine Schwin⸗ delgeſchafte machen, und an denen, gelobt ſey Gott! dermalen, wie man uns verſichert, nir⸗ gends ein Mangel ſeyn ſoll. Georg ſah leider nur, indem er ſeine Augen auf die andern Zweige des Handels warf, Groſſohaͤndler, die ſich durch Monopole und Wucher bereicherten; Buchhaͤndler, die durch ſchlaue Nachdruͤcke, Ge⸗ ſammtsausgaben genannt, ungeheure Summen zuſammenſchlugen; Weinhändler, die durch Gift⸗ miſcherei reich wurden; Apotheker, die ſich alten Wurzelkram mit Gold aufwiegen ließen ſ w. und oft dabei recht fleißig Beichte und Abendmahl beſuchten. 1 ein Geſchäftsfreund von Georgs dermali⸗ gem Principale machte plotzlich einen unge⸗ heuren Banquerott. Augenblicklich folgten eine Menge mehr oder minder bedeutendere. Es ſchien, als reiche immer eine Fallite der an⸗ dern die Hand. Wer weiß nicht, wie oft der⸗ gleichen Gelegenheiten begierig benutzt werden, um ſich aus einer Verlegenheit zu ziehen, oder auch, um ein huͤbſches Suͤmmchen zu verdie⸗ nen? Man verliert bei ſeinen Schuldnern; iſt es nicht billig, daß man ſeine Glaͤubiger da⸗ gegen wieder verlieren läßt? Es iſt dies nichts, als eine Nebenanwendung des jus talionis, eines uralten Rechtes, wie jeder weiß. Ge⸗ ſtern ſchrie man uͤber die Spitzbuͤberei des Andern; heute macht man ſie nach und laͤßt 29 Andere ſchreien. Selbſt geſchlagen, ſchlaͤgt man wieder; es iſt ein Scharmuͤtzel, in wel⸗ chem der die Beute davon traͤgt, der am klugſten iſt. Die uͤber Nacht geleerten Maga⸗ zine, die bei einem gefaͤlligen Freund, dem man gelegentlich wieder dient, im Geheim un⸗ tergebrachten Waaren; die klug veranſtaltete Trennung des Vermoͤgens von Mann und Frau; Activa, die man durch Wechſel ohne Guͤltigkeit vergroͤßert; Paſſiva, welche man durch untergeſchobene Glaͤubiger noch bedeu⸗ tender macht; verfaͤlſchte Buͤcher, kurz, alle jene Riedertraͤchtigkeiten, von denen man ſo oft hoͤrt und die Georg hier rechts und links anwenden ſah, empoͤrten„den ehrlichen Tropf“ aufs Aeußerſte, und fuͤhlend, daß zu ſolchen Dingen, er eben ſo wenig tauge wie zur Ver⸗ wirrung der Prozeſſe und zur Hinhaltung der Kranken, ſagte er Herrn und Madame Duͤ⸗ puis, die gar nicht begreifen konnten, was ihn eigentlich ſo aufbrachte, ein ſchnelles Lebewohl, miethete ſich ein Zimmerchen und rlef aus: „Großer Gott! ſollte es denn wahr ſeyn, 30 daß die ehrlichen Leute überal nur 6 nahmen bilden?“ Georg war jetzt muͤndig; er brauchte zn nerhin in Betreff ſeiner Angelegenheiten nie⸗ mand weiter wie ſich ſelbſt um Rath zu fra⸗ gen, und begann nun zu uͤberlegen, welchen Stand er wohl eigentlich ergreifen ſolle. Da er vorlaͤufig nichts zu thun hatte, ſo beſuchte er fleißig ein Caffeehaus. Eines Abends, indem er ſeine Parthie Domino ſpielte, hoͤrte er wie ein Militair ſich ſeiner Thaten ruͤhmte und dafuͤr von allen Goſten bewundert wurde. Die Liebe zu einem edlen Ruhm wachte jejt plotzlich in ſeiner Seele auf.„Wer weiß,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„ob ich nicht geboren bin, Gene⸗ ral zu werden!“ Der Offier erzählte von der Beute, die ihm bei einer Pluͤnderung geworden war; mit Entzuͤcken ſprach er von der Aus⸗ ſicht, die man hatte, daß bald ein neuer Krieg ausbrechen wuͤrde; mit noch groͤßerem Entzuk⸗ ken von der Hoffnung, daß er blutig werden, und viele ſeiner Kameraden wegraffen duͤrfte. Er ſprach von dem guten Wein und den hub⸗ ſchen Maͤdchen, die er in den eroberten Län⸗ dern zu finden ſich ſchmeichelte, und Georg fuhlte, je weiter der Held redete, jemehr ſeinen martialiſchen Eifer erkalten.„Nein!“ rief er ſich zu,„wie es jetzt ſteht, iſt der Stand eines Soldaten nicht fuͤr mich. Ein blindes Werk⸗ zeug der Willkuͤhr, das ſeine Ehre und ſein Gluck darin ſucht, Andere zu toͤdten oder ſelbſt getoͤdtet zu werden, mag ich nicht ſeyn. Ja, wenn es fuͤr das Wohl des Vaterlandes waͤre! fur die Freiheit! fuͤr das Recht!.... Rein, Rein! ich tauge nicht zum Verfechter der oft ſo uͤbel verſtandenen Intereſſen der Herren der Erde.“ Indeß, etwas mußte ergriffen werden. Sollte er ſich den Kuͤnſten weihen? Er hatte Muſik und Zeichnen mit Erfolg geuͤbt; allein, um es als Gewerbe zu treiben, dazu war es frei⸗ lich ſchon ein bischen zu ſpaͤt, die Hoffnung, ſich darin auszuzeichnen kaum mehr vorhan⸗ den, und dann, welch' ein trauriges Seyn, das Leben eines mittelmaͤßigen Kuͤnſtlers! Indem er ſeinen verſchiedenen Studien nach⸗ hing, hatte er ein kleines Schauſpiel mit Geſaͤngen gedichtet. Man will behaupten, das Stuͤck ſey gar nicht ubel geweſen und„der Tropf“ habe Geiſt und Witz hineinzulegen gewußt; aber wo hätte er wohl ſollen den Nuth her⸗ nehmen es den Directionen die Un⸗ verſchämtheit, es in oͤffentlichen Blaͤttern ſelbſt zu loben? Es blieb ruhig in ſeinem Pulte liegen. Sehend endlich, daß der Muͤßiggang weder ſeinem Beutel noch ſeinen Sitten nuͤtzlich war, faßte er zuletzt den Gedanken, zu ſeiner Mut⸗ ter zuruckzukehren und zu leben wie ſein Va⸗ ter lebte. Wohlgemuth verließ er Paris, um in der Heimath ſein kleines Eigenthum ſelbſt anzubauen. Drittes Kapitel. Georg und ſeine Familie. Es war Abend als Georg in dem Städt⸗ chen ankam, in welchem ſein Onkel und ſeine Vettern wohnten; ſeine Mutter lebte einige Stunden davon entfernt auf ihrem Guͤthchen. Voll Sehnſucht ſie wieder zu ſehen, nahm er ſich indem er von der Poſt ſtieg, vor, gleich mit Tagesanbruch ein Pferd zu nehmen und hinauszureiten; einſtweilen aber ſuchte er ſeinen Onkel den Doctor, auf. Herr St. Firmin war eben erſt mit ſeiner kleinen Stute von einer Excurſion in der Um⸗ gegend zuruͤckgekommen. Er hatte den Mittag auf dem Schloſſe eines Landedelmannes zuge⸗ bracht der ſeinen Hausarzt mit einem tuͤchti⸗ tigen Dinér erquickte. Georg umarmte On⸗ kel und Tante mit offener Herzlichkeit; beide erwiederten dies ſcheinbar, da der Doctor aber noch mehrere Patienten in der Stadt beſuchen mußte, ſo entzog er ſich bald den Bewill⸗ kommnungen des Reffen, nahm Hut und Stock und verſprach die Herren Vettern von der uner⸗ warteten Ankunft des lieben Verwandten zu be⸗ nachrichtigen. Nicht lange, ſo war auch die ganze werthe Familie beiſammen. Die verſchiedenen S Standesveraͤnderungen Ge⸗ orgs hatten ſeine Angehoͤrigen wenig erbaut; zu den Cpitheten:„der Tropf, der Einfaltspin⸗ . C ſel, der Tölpel u, ſ. w. hatte man noch das eines leichtſinnigen und unbeſonnenen Patrons, der zu nichts in der Welt tauge, hinzugefuͤgt. „Aus dem wird im Leben nichts,“ hieß es im⸗ mer ſo oft von ihm die Rede war, und jezt, da Georg die Offenherzigkeit hatte, ganz unum⸗ wyunden die Beweggruͤnde zu erzählen, warum er nach und nach die Beſchäftigungen wieder aufgegeben habe, die er erſt ergriffen; jetzt wurde es noch ſchlimmer; denn alle glaubten ſich perſonlich dadurch beleidigt.„Zielſt Du etwa auf mich, indem Du die Advocaten fuͤr Schelme erklarſt?“ fragte ſein Vetter, der Anwald.— „Bildeſt Du Dir ein, daß alle Aerzte Charla⸗ tans ſind!“ rief der Doctor aus.—„Ich weiß nicht, wie ſich die Kaufleute in Paris be⸗ nehmen,“ ſprach La Moriniére, Haber ich kann beſchwoͤren, daß meine Frau die gewiſſenhafteſte Modehaͤndlerin unter der Sonne iſt.“ Georg merkte welchen Fehler er begangen hatte und ſuchte ihn zu verbeſſern.„Ol! es giebt in allen Staͤnden brabe Leute und Sie alle gehoͤren Man begann nun die Handlungen ſelbſt zu ſtößig geweſen waren. Der Doctor ſtellte den Satz auf, daß ein Bischen Charlatanerie fuͤr den Arzt nothwendig ſey;„Pah!“ rief der Anwald mit einem Läͤcheln aus, das fein ſeyn ſollte; „warum ſollte ich denn meine Clienten ſchonen? was kann man mir vorwerfen, wenn ich nichts Ungeſetzliches thue? Warum fuͤhren die Men⸗ ſchen Proceſſe? warum machen ſie Schulden? Es thut mir oft leid, wenn ich hoch liqui⸗ diren, wenn ich ſtreng ſeyn muß; aber es iſt mein Gewerbe, ich lebe davon.“ Die Frau Couſine Modehaͤndlerin, meinte; man koͤnne es keinem rechtſchaffenen Menſchen verdenken, wenn er die Umſtaͤnde benutze, und wer ich beim Han⸗ del uͤbertölpeln laſſe, duͤrfe es ſich nur ſeibſt zu⸗ rechnen.„So iſt's,„ ſprach der Doctor.„Zu den nothwendigen Kenntniſſen ſeines Faches muß man einige Geſchicklichkeit, einige Feinheit hinzu⸗ fuͤgen. Kloͤppeln gehoͤrt zum Handwerk.“ Ein wenig erſtaunt uͤber die Geſtandniſſe ſeiner werthen Angehorigen, entgegnete Georg:„Nun meinetwegen; was mich betrifft, ſo beſitze ich die 6ſwictchteiten und Feinheiten nicht, die Sie Shmtich fur nothwendig erachten, und habe 62 mich deswegen zuruͤckgezogen.“ Hr. St. Firmin glaubte jetzt in ſeiner Eigenſchaft als Onkel und einſtiger gleichſam Vormund, dem Reffen einige väterliche Vorſtellungen machen zu müſſen, die er dann zuletzt ſeufzend mit folgender Frage ſchloß:„Wohlan! ſoge nun, was wirſt Du be⸗ ginnen?“ Georg ſezte ſeinen Plan auseinander, wie er nehmlich geſonnen ſey, ſein vaterliches eeebe nach Ablauf des Contractes mit ſeinem Pächter Claude Lallemand, ſelbſt zu bewirth⸗ ſchaften. Alle zuckten die Achſeln.„Ein junger Mann der Hoffnung zu Alem hatte!“—„Der ſeiner Familie nutzlich werden koͤnnte!“—„Der eine gute Erziehung genoſſen hat!“—„Auf einem Dorf leben!“— Ein Bauer werden!“— „Mag ſeyn,“ ſprach der Onkel;„Du willſt es, und zum Gluck iſt die Gelegenheit gůnſtig. Du kaunſt Deinen Plan ſogleich ausfuͤhren. Vetter Duͤpré, ſagtet Ihr mir nicht, Ihr haͤttet Claude Lallemands Erndte mit Beſchlag belegen laſſen?“ —„Wie!“ rief Georg, hier gegen ſeine Ge⸗ wohnheit heftig aus;„Ihr habt meinem Paͤch⸗ ter ſeine Erndte mit Beſchlag belegt? Warum das? Mit welchem Recht?“—„O, weil er im Ruͤckſtand iſt,“ erwiederte der Doctor;„und mit welchem Recht?. Erinnerſt Du Dich nicht, daß Du mir ſeit Deiner Muͤndigkeit Deine Procura gegeben haſt? Ich habe die Sache nun dem Vetter Duͤpré uͤbertragen.“—„Der arme Lallemand!“ ſprach Georg, in deſſem In⸗ nern dem Zorne ſchnell das Mitleid folgte.„Er iſt im Ruͤckſtand? gewiß hat ihn ein Ungluͤck betroffen.—„Das ſagen Alle.. Das Jahr iſt freilich nur ſchlecht geweſen.... Er hat man⸗ cherlei muͤſſen bauen laſſen, weil ich es zu Dei⸗ nem Vortheil verweigerte. Er konnte nicht anders als zu geringen Preiſen verkaufen.. Was weiß ich, was er Alles vorbringt.“— „Leere Entſchuldigungen, die bei mir nichts fruchten!“ fiel Duͤpré ein.—„Uebrigens,“ fuhr der Doctor fort,„darfſt Du Dich beklagen? Ich denke, daß durch dieſe Geſchichte ſich der Contract am leichteſten umſchmeißen laͤßt. Man trifft ein Abkommen.. ℳ„Beſſer man klagt gleich,“ fiel der Advocat ein und warf ſich in die Bruſt. Georg war waͤhrend dieſer Unterhaltung ſtill in Gedanken vor ſich hin geblieben; jetzt rief er aus:„Laſſen wir das! Ich werde morgen 38 ſelbſt mit einem ehrlichen Paͤchter ſprechen.„ ich will mir's uberlegen... ich will meine Mut⸗ ter zu Rathe ziehn.“—„Ach, Deine Mutter, was weiß die von Geſchaͤften!“—„Die ver⸗ ſteht ſoviel wie Du davon.“—„Noch weniger wie Du.“—„Er iſt ihr wurdiger Sproͤßling,“ fluͤſterte der Advocat dem Doetor mit hoͤhniſcher Miene zu. Die Unterhaltung war fur den uͤbrigen Theil des Abends etwas kuͤhl, denn obſchon Georg nicht aufhorte ſehr herzlich gegen ſeine Ver⸗ wandten und ſelbſt, trotz ſeinem Aerger uͤber das Verfahren des Anwalds, auch gegen dieſen zu ſeyn, ſo hatten ſie doch alle etwas gegen ihn und ſprachen uur mit ihm, um ihn ziem⸗ lich ohne Ruͤckhalt zu verſpotten. Die Frau Doetorin machte allein hiervon eine Ausnahme. Sie war eine elegante Dame die gern mit ihrem Geiſt, ihrem Gefuͤhl und ihrer Sanft⸗ muth ausſtand. Die Frau eines Arztes in der Provinz gehort dort zu den hoͤheren Claſſen. Madame St. Firmin hoͤrte nicht auf auseinan⸗ der zu ſetzen, daß ſie auf dieſen Vorzug nicht ſtoz ſey und ſich ihrer Familie durchaus nicht 39 — ſchaͤme; indeß wollte doch dieſe Familie oͤfters bemerken, daß ſie ſich nicht ſelten das Anſehen einer Protectrice gebe, und zuweilen die Andern ſehr von oben nach unten betrachte. Aus dem Wohlwollen, welches ſie jetzt„dem ehrlichen Tropf“ bezeigte, leuchtete allerdings auch eine ſolche Beſchutzermine und das unwohlthuende Mitleid hervor, das man ſo gern gegen einen jungen Mann ohne Geiſt zeigt. Die Andern murmelten ſich waͤhrend dem im Stillen zu: es ſcheine, als ſey der junge Narr nur zuruͤck⸗ gekehrt, um ſeinen Verwandten Unangenehmes zu ſagen und dumme Streiche zu machen. Ach! welch ein anderer als dieſer trockene, zuruͤckſtoßende Empfang, den ſein Onkel und ſeine Vettern ihm erwieſen, erwartete Georg am andern Tage bei der Mutter! Die gute Frau konnte ſich nicht ſatt an dem geliebten Sohne ſehen. Wie fand ſie ihn ſo groß, ſo wohl⸗ gebildet, ſo hubſch! Wie rief er ihr die Züge des verſtorbenen Gatten in's Gedaͤchtniß zuruͤck! Mit Zaͤrtlichkeit erkundigte ſich Georg nach dem Beſinden, nach der Lage und nach dem Leben der Mutter; er verſprach, ſie nie wieder zu verlaſſen; er wollte nur fuͤr ſie und bei ihr leben. Beide weinten, beide hielten ſich eng umſchlungen; zwanzig und zwanzig Mal wurden dieſelben Fragen wiederholt und Keines wartete die Antwort des Andern ab, um nur immer von neuem zu fragen. Die Freude der Mutter ward noch größer als ſie bald ſah, daß der Sohn brav und gut geblieben war. Wir wiſſen nicht, wer von beiden zuerſt von dem ehrlichen Claude Lallemand zu ſprechen begann, aber nichts glich dem Entzuͤcken der guten Frau als ſie vernahm, daß auch ihr Sohn uͤber das harte Verfahren gegen denſelben erzuͤrnt war. Sie hatte ſchon auf dem Punet geſtanden ihm die⸗ ſerhalb zu ſchreiben, nun aber beſchloſſen beide keinen Augenblick zu verlieren⸗ um die 6, in Ordnung zu bringen. Sie fanden Claude— 5 deſen Famlie in Thraͤnen.„Weinet nicht!“ rief Frau Derch.„Da iſt mein Sohn, der wird Alles ab⸗ machen,“ und ſie nahm nun das juͤngſte Kind des ehrlichen Landmanns auf den Schooß, ſtrei⸗ chelte es und fuhr fort:„Sey ſtille, lieber Carl, dein Vater wird nun nicht mehr trau⸗ rig ſeyn.“ Der Paͤchter ſezte nun Georg aus⸗ einander, daß der Beſchlag um ſo mehr zur Unzeit gelegt worden ſey, da er jetzt eben eine gute Gelegenheit gefunden habe, vortheilhaft zu verkaufen; daß, wenn ihm dieſe entginge, er ruinirt waͤre, daß er im Gegentheil aber vollkommen im Stonde ſey, alle ſeine Oblie⸗ genheiten zu erfuͤllen, wenn man ihm nur freie Hand ließe.„Gut, gut,“ erwiederte Ge⸗ org;„ich ſehe daß, wenn ich die Maaßregeln meines Vetters zuruͤcknehme, ich eben ſo vor⸗ theilhaft fuͤr mich, wie für Euch, handle. Die Sache iſt abgemacht. Ihr koͤnnt verkaufen und bezahlt mich dann.“ 1 per np7 Georg war, wie wir wiſſen, in der Abſicht in die Heimath zuückgekehrt, ſein Güthchen ſelbſt zu bewirthſchaften und, obſchon der Con⸗ tract mit ſeinem Pächter noch auf zwei Jahre lautete, ſo wollte er doch den ehrlichen Mann auch nicht einmal gegen eine Schadloshaltung dahin zu bereden ſuchen, den Pacht eher aufzu⸗ geben, wenn er dies nicht vielleicht ſelbſt wuͤnſchte; allein es kam noch ganz anders wie er dachte. Indem er mit Lallemand ſprach, hoͤrte er, wie 42 dieſer den Wunſch hegte, den Contract im Ge⸗ gentheile noch auf ohngefaͤhr zehn Jahre zu ver⸗ lͤngern, als bis wohin er ſeine juͤngſte Tochter, die jetzt erſt ſieben Jahre zaͤhlte, verheirathen zu koͤnnen glaubte. Seine Frau hatte nehm⸗ lich gemeint, ſo lange Zeit wuͤrde ſie wohl noch beduͤrfen, um fuͤr jede ihrer drei Toͤchter eine kleine Ausſteuer zuſammenzubringen und auch fuͤr ſich ſelbſt noch einige Sparpfennige zuruͤckzulegen. Was ſollte Georg jetzt thun? Er kannte die guten Leute ſo lange Jahre; er erinnerte ſich, wie Lallemand einſt ſeinem Va⸗ ter als Großknecht treulich gedient hatte, und ſtatt von Aufhebung des Contractes zu ſprechen, war er nun der Erſte, der von einer Ver⸗ langerung anfing. Man kann ſich denken, mit welchem Entzuͤcken die Leute den Vorſchlag annahmen, wie herzlich ſie den Segen des Himmels auf den guten Georg herabflehten. Die Kinder weinten nun nicht mehr; ſie huͤpf⸗ ten und ſprangen umher, und Georgs alte Mutter hůpfte mit ihnen. „Wohlan! 1 ſprach Georg zu ſich ſelbſt, ic werde nun nicht Landmann ſeyn, aber ich X werde zufrieden leben und will mich mit den Buͤchern und den Kuͤnſten beſchaͤftigen, nicht ſo⸗ wohl, um mir eine Ausſicht damit zu eroͤffnen, als um meinen Geiſt auszubilden. Ich bin ja noch jung und kann wohl noch warten. Lalle⸗ mand hat fuͤr Kinder zu ſorgen, ich nicht; auch kann ich mich ja nebenbei unter ſeiner Anleitung practiſch fuͤr die Oekonomie ausbil⸗ den und, wer weiß, ob ſich nicht der Ertrag des Guͤthchens, wenn ich meine Theorie zu ſei⸗ ner Praxis hinzufuge, noch erhöhen laͤßt? Doch, das wird ſich finden. Jetzt werde ich bei mei⸗ ner Mutter leben; ich kann ihr Alter pflegen. O, daß ſie mir Gott noch lange erhalte! Wie glucklich wird dann mein Loos ſeyn!“ Am andern Tage fuhr Georg mit ſeinem Paͤchter in die Stadt und Beide begaben ſich zu einem Rotar. Waͤhrend dieſer den neuen Pachtcontract aufſetzte, ging der junge Mann zu ſeinem Onkel, der gluͤcklicherweiſe fuͤr ſich und ſeine Kranken, einen Ruhetag hatte und dem er nun eroffnete, daß er ihm fuͤr ſeine bisherigen Muͤhen, ſein kleines Vermoͤgen zu verwalten, herzlich danke, fur die Folge aber nlcht mehr glaube, ihm damit beſchwerlich fal⸗ len zu duͤrfen, indem er fernerhin ſelbſt ſeine Angelegenheiten ordnen wolle.„Dacht' ich's doch!“ etwiederte St. Firmin;„ich konnte es etwakten. Du nimmſt deine Vollmacht zuruͤck. Meeinetwegen! Ich will wuͤnſchen, daß es Dich nicht reut.“—„Mein Onkel, ich werde es immer fuͤr meine Pflicht halten, mir Ihre Rathſchläge zu erbitten.“—„Ja, um ſie nicht zu befolgen.“—„Ich werde ſie uͤberlegen, und ſie nie ohne gehoͤrige Prufung verwerfen.“ Von dem Doctor begab er ſich zu ſeinem Vetter, den Anwald, um ihn zu erſuchen, den verhangenen Arreſt aufzuheben.„Dacht' ich's doch!“ rief auch Duͤpré.„Gewiß haſt Du deinen Pachter noch um Verzeihung gebeten und alle Schuld auf mich gewälzt. Aber ich waſche meine Hände in Unſchuld; handle wie Du willſt, die Folgen treffen Dich.“— Georg antwortete dem Erzuͤrnten mit Sanftmuth und wollte ſich eben wieder entfernen, als der andere liebe. in's Zimmer trat. Eine alte Dienerin die lange Jahre bei ben Eltern von Georgs Vater, und nachher bei dieſem ſelbſt in Dienſten geſtanden, war jetzt ſo ſchwaͤch⸗ lich und hinfaͤllig geworden, daß ſie nicht fuͤg⸗ lich mehr ſich ſelbſt zu ernaͤhren vermochte. So lange die Perſon noch brauchbar war, hatten die uͤbrigen Mitglieder der Familie ſich das An⸗ ſehn einer großen Zuneigung zu ihr gegeben.“ Man ſprach mit Ruͤhrung von den Dienſten die ſie ſchon den Großeltern erwieſen hatte; man nannte ſie nicht anders, wie die alte, gute Mar⸗ garethe und wohl hundert Male wiederholte man, daß es eine heilige Pflicht ſey, die brave Perſon in der Folge zu unterſtutzen; jetzt aber, da der Zeitpunet da war, wo ſie einer ſolchen Unterſtuͤtzung bedurfte, jetzt zogen alle die Fluͤ⸗ gel ein. Georg hatte nicht ermangelt, ſowie er ankam, ſich nach der guten Alten zu erkundigen und man hatte ihm erwiedert, daß man ſich eben damit beſchaͤftige, ihr ein ſorgenfreies Loos fuͤr ihre letzten Tage zu bereiten. Wie freudig erbot er ſich ſeinen reichlichen Antheil dazu zu geben! Aber worin beſtand benn das ſchone Loos, wel⸗ ches man der treuen Dienerin verſchaffen wollte? Der Vetter de la Moriniere meldete eben dem Vetter Duͤpre, daß es ihm nach vielen Muͤhen gelungen ſey, die alte Margarethe in's Hospital zu bringen.„In's Spital!“ rief Georg.— „Ja,“ antwortete Duͤpre, indem er ſich ver⸗ gnuͤgt die Haͤnde rieb;„iſt das nicht praͤchtig? Iſt das nicht ein Gluͤck fuͤr ſie und fur uns? Sie wird ruhig leben und ſterben, ohne daß es uns einen Pfennig koſtet.“—„Und vielleicht erben wir noch etwas von ihr,“ fiel Georg ironiſch ein. Dieſe Reuigkeit, die ſeine Herrn Vettern mit Freude erfuͤllte, erregte ſeinen Zorn; doch bezwang er ſich und ging. Seine Schritte lenkten ſich zur Wohnung der alten Margarethe hin. Die Arme ſaß in ihrem Kaͤmmerchen und weinte bitterlich uͤber das Loos, welches ihr bevorſtand. Sie wußte, daß ſie ſich darin ergeben mußte, aber es fiel ihr doch ſehr ſchwer. Um ſo groͤßer war ihre Frende, als ſie jetzt einen Enkel ihrer alten Herrſchaft, den, den ſie immer nur den guten kleinen Georg genannt hatte, ſich ihr nahen ſah und von ihm vernahm, daß er und ſeine Mutter wuͤnſchten, ſie moͤchte den Reſt ihres Lebens bei ihnen auf ihren Guͤthchen zubringen. Die alte Dienerin hoͤrte nicht auf zu wei⸗ nen, aber jetzt waren es Freudenthraͤnen die ihren Augen entfloſſen und waͤhrend ſie eiligſt ihre Paar Sachen zuſammenpackte, ging Ge⸗ org wieder zu dem Notar. Hier war der Contract einſtweilen aufgeſetzt worden und da der Rechtsmann noch andere Clienten abzufertigen hatte, ſo uͤbertrug er ſei⸗ nem Schreiber die Vorleſung deſſelben. Als man an den Paragraph kam, in welchem die Pachtſumme beſtimmt war, erſtaunte Georg nicht wenig, dieſelbe bedeutend geringer als die bisher erhaltene zu finden.„Mein lieber Lallemand,“ ſagte er,„ich bin weit entfernt, Euch üͤberſetzen zu wollen, aber bedenkt, ob es wohl billig iſt, daß Ihr mich verkuͤrzt?“— „O!“ erwiederte der biedere Landmann,„da ſey Gott vor, aber ihr Herr Onkel und ihr Herr Vetter, der Advocat, verlangten es ſo beim letz⸗ ten Contractabſchluß. Sie ließen nehmlich nur dieſe Summe in den Contract ſetzen, um Ihnen dadurch die Abgaben an den Staat zu erleich⸗ tern und durch ein Rebendocument mußte ich mich zur Rachzahlung des Fehlenden verpflich⸗ ten.“—„Ah ſo!“ meinte Georg,„man um⸗ geht das Geſetz und betruͤgt den Staat.“— „Hm,“ fiel der Schreiber hier ein,„nicht ſo eigentlich, indeß, bedenken Sie doch Herr Dercy, daß das Ganze blos zu ihrem Vortheile ge⸗ macht iſt, daß alle ehrliche Leute das thun und daß die Abgaben ohnedem ſchon ungeheuer ſind und leicht noch hoͤher ſteigen koͤnnen.“— „Das Eine iſt moͤglich, das Andere wahr,“ er⸗ wiederte Georg;„aber ich bin kein Luͤgner und wenn ich mich auch vielleicht nach reiflicher Er⸗ waͤgung jemals entſchließen koͤnnte, zum Beſten eines Andern einmal die Wahrheit zu umge⸗ hen, ſo werde ich es doch nie zu meinem Vor⸗ theil. Darum bitte ich Sie, ſetzen Sie in den Contract die volle Summe, und ſollte der Staat die Auflagen noch vermehren, ſo werde ich mit Gottes Hulfe den Verluſt leichter tragen, als die Regierung das Unrecht.“ Mit offenem Munde hoͤrte der Schreiber dieſe Worte an, hob dann die Augen in die Hoͤhe, zuckte die Achſeln und ging, das Docu⸗ ment umzuaͤndern. Wir haben nie mit Ge⸗ wißheit erfahren koͤnnen, ob der Menſch durch dieſe Pantomime ſagen wollte:„Das iſt ein 49 ſehr ehrlicher Mann,“ oder:„das iſt doch ein rechter Tropf.“ Nit ſeinem Paͤchter und der alten Marga⸗ rethe fuhr Georg nun auf ſein Dorf hinaus. Er hatte ſich nicht betrogen, als er der Alten im Ramen ſeiner Mutter verſicherte, ſie wuͤrde ihr willkommen ſeyn; freudig nahm dieſe die alte Dienerin auf, und mit einer Sorgſamkeit ohne Gleichen, mit einer Zaͤrtlichkeit die keine Grenzen kannte, ließ er es ſich nun angelegen ſeyn, der guten Mutter ihr Leben angenehm zu machen. Seine Ausgaben in dieſer Hinſicht grenzten faſt an Verſchwendung; er ſchaffte ihr ſchoͤne Kleider an, er ſorgte daß ſie ſtets ihre Lieblingsſpeiſen hatte und nie kehrte er aus der Stadt zuruͤck, ohne ihr irgend ein neues Pfand ſeines Andenkens und ſeiner Vorſorge mitzu⸗ bringen. Die gute Mutter wagte es kaum noch einen Wanſch zu aͤußern, ſo ſehr war ſie uͤberzeugt, daß er jeden ſelbſt mit dem groͤß⸗ ten Opfer, erfuͤllen wuͤrde. Als ſeine Verwandten in der Stadt ſein Benehmen bei dem Notarius erfuhren, riefen ſie aus:„Welch ein unmenſchlicher Dummkopf!“ I. D 50 Der Advocat ereiferte ſich am mehrſten.„Sie ſehen nicht,“ ſprach er,„was aus dieſer hoch⸗ muͤthigen Scheinrechtlichkeit fuͤr Schluſſe gezo⸗ gen werden konnen. Alſo er iſt allein ein recht⸗ ſchaffener Mann, er, und wir andern ſind Schelme, wir, die wir nicht ſo dumm ſind, wie er. O der Tropf!“— Als man ver⸗ nahm, daß er die alte Margarethe mitgenom⸗ men hatte, rief der Vetter de la Moriniére: „Der Narr! der eitle, aufgeblaſene Menſch! Haben wir nicht gethan, was unſere Pflicht iſt? Haben wir nicht der alten Perſon eine Verſorgung verſchafft? Aber Herr Georg will beſſer ſeyn wie wir. Der Tropf! Nun, wenn er ſoviel Geld hat, ſo mag er es wegſchmei⸗ ßen; ich habe Frau und Kinder, ich kann nicht ſo unbeſonnen in den Tag hineinwirthſchaften.“ —„Ich auch nicht,“ ſprach der Doctor.— „Ich eben ſo wenig,“ ſetzte der Advocät hinzu. Als man endlich hoͤrte wie er fuͤr ſeine alte Mutter ſorgte, da gerieth die Frau Doetorin in einen Anfall ſentimentaler Bewunderung. „O der gute, der vortreffliche Sohn!“ rief ſie. „Ja, ja,“ entgegnete der Doctor;„aber was iſt da mehr? Iſt es nicht die Pflicht eines Sohnes, ſeine Mutter zu verſorgen? Doch, daß er dabei ein Rarr iſt und ſich ruinirt, das muß ich tadeln, denn es iſt nur Eitelkeit und weiter nichts, was ihn dazu treibt.“—„Sie werden ſehen,“ fiel der Advocat hier ein,„daß uns mit der Zeit die Frau Mutter und der Herr Sohn noch werden auf den Hals fallen.“ —„Und die alte Magd dazu, der ich doch ein ſo gutes Unterkommen verſchaffen wollte,“ meinte la Moriniére.—„Ach, was iſt man ungluͤcklich,“ ſetzte die Putzhaͤndlerin hinzu: „ſolche Verwandte zu haben! das iſt ein wah⸗ res Schickſal!“ Der Winter nahte jetzt und Georg glaubte, daß es ſeiner Mutter angenehm ſeyn duͤrfte, die unfreundliche Jahreszeit in der Stadt zu⸗ zubringen; er miethete deswegen eine kleine Wohnung daſelbſt und richtete ſie recht hubſch fuͤr ſeine Mutter, die alte Margarethe und ſich ein.„Welche neue Tollheit!“ riefen die Verwandten.„Iſt der Menſch denn ganz ra⸗ ſend geworden? Ein Haus in der Stadt, ein D 2— —— Haus auf dem Lande! Der Rarr! er will den großen Herrn ſpielen!“ Ein Paar Tage vorher ehe Georg mit ſei⸗ ner Mutter das Land verließ, ward die Ge⸗ gend von einem großen Unfalle heimgeſucht. Heftige Regenguͤſſe verurſachten eine Ueber⸗ ſchwemmung; das ganze Land ſtand unter Waſ⸗ ſer, mehrere Schleuſen waren von der Stro⸗ 8 mung durchbrochen. Die Fluth hatte bereits einige Haͤuſer des Dorfes erreicht; man zitterte beſonders fuͤr die Bewohner einer Muͤhle, die einige hundert Schritt von demſelben entfernt lag. Der Muͤller und ſeine Leute waren ab⸗ weſend, die Frau mit ein Paar kleinen Kin⸗ dern allein. Der Weg zu der Muͤhle lief auf einem ziemlich ſchmalen Damme hin auf deſ⸗ ſen einer Seite der tobende Kanal, auf der andern eine ſehr tief liegende Wieſe lag. Schon den Abend vorher war die Wieſe unter Waſſer geweſen; mit Entſetzen ſah man am Morgen den Damm ſelbſt bereits einige Haͤnde hoch uͤberfluthet und die ungluckliche Mutter mit ihren Kindern am Fenſter, die Arme vergebens nach Hulfe ausſtreckend. Georg hatte die ganze Nacht mit den Lanbleuten gearbeitet, um dem Waſſer wo moͤglich Schranken zu ſetzen und ihm einen freien Abzug zu verſchaffen. Wie groß war ſein Schmerz, als er die Gefahr der Mutter und ihrer Kinder ſah! Mit jedem Augenblick ſtieg die Fluth und nirgends war ine Huͤlfe zu entdecken, denn der einzige vor⸗ ndene Kahn war von dem Waſſer weggeriſſen den. Plotzlich erſchien ein Reiſender zu de im Dorfe, der ſich, verdrußlich in ſei⸗ nen Wege unterbrochen worden zu ſeyn, nach einer andern Straße erkundigte⸗ Wie ein Blitz fuhr jetzt ein Gedanke durch Georgs Kopf; er nahte ſich dem Reiter.„Mein Herr,“ ſprach er,„ſteigen Sie ab.“—„Warum das?“ —„Steigen Sie ab, den Augenblick!“ Der Ton mit welchem er dies rief, war ſo befeh⸗ lend, daß der Reiter gleichſam unwillkuͤhrlich gehorchte, und ohne ſich weiter zu beſinnen, ſchwang ſich nun Georg in den Sattel und jagte den uͤberflutheten Damm entlang.„Mein Sohn! Mein Sohn!“ ſchrie die Mutter, ängſt⸗ lich die Hände ringend, ihm nach, aber ſchon war er bei der Muͤhle, wo die Frau ihm ihre 5 ½ Kinder aus dem Fenſter hinab zureichte und er nun eben ſo ſchnell mit denſelben zuruͤckkehrte um ſie in die Arme ſeiner Mutter zu legen, die aͤngſtlich, zitternd, es nicht wagte, ihn von dem zweiten, gefaͤhrlicher gewordenen Ritt ab⸗ zuhalten, denn jetzt ging das Waſſer dem Pferde ſchon bis an den Bauch und kaum ge⸗ lang es dem braven jungen Manne noch, die Muͤllerin zu retten. Ein lauter Jubel des ver⸗ ſammelten Volks empfing ihn als er abſtieg und das Roß dem Reiter wiedergab.„Iſt der Menſch ein Narr?“ hatte dieſer gerufen, als er dahin jagte.„Er wird mein Pferd und ſich dazu erſaͤufen.“ Jetzt ſprach er:„Weiß Gott! Sie ſind ein braver junger Mann; ich hatte rechte Angſt um Sie. Auf einer Seite der Kanal, auf der andern die zehn Fuß hoch uͤber⸗ ſchwemmte Wieſe, und der Weg ſo ſchmal!“ —„Aber ich kenne ihn ganz genau,“ entgeg⸗ nete Georg,„und einige Pfaͤhle, die noch ſichtbar waren, zeigten mir die Richtung. Uebri⸗ gens, ich kann ja auch ſchwimmen; mein Ver⸗ dienſt iſt nicht groß, aber mein Schmerz wuͤrde N X 55 es geweſen ſeyn, wenn ich die arme Mutter und ihre Kinder nicht hätte retten koͤnnen.“ Viertes Kapitel. Georg in ſeiner kleinen Stadt. Georg und ſeine Mutter wohnten jetzt in der Stadt. Das Geruͤcht ſeiner ſchoͤnen Handlung war ihm vorausgeeilt und ſeine Beſcheidenheit mußte nun manchmal uͤber die Complimente errdthen, welche man ihm machte. Die lieben Verwandten waren nicht die letzten welche ſich gluͤckwuͤnſchend um ihn draͤngten. Seine Un⸗ erſchrockenheit und Geiſtesgegenwart hatten ſie mit ihm ausgeſöhnt und ſie gewiſermaßen dazu gezwungen, einzugeſtehen, daß„der Tropf“ doch wohl nicht ſo ganz verlaſſen ſeh. Dennoch außerte ſich der Einfluß dieſer Anerkennung ſehr verſchieden bei ihnen. Die Modehaͤndlerin, der Doctor und der Advocat fuͤhlten ſo etwas wie Neid daruber in ſich; die Frau des Doe⸗ 3 56 tors und der Angeſtellte auf dem Buͤreau der Praͤfectur, dagegen Stolz. Den Erſteren wur⸗ den die Lobſpruͤche bald ſehr laͤſtig die man ihm von allen Seiten ertheilte und ſie ihm ebenfalls geben mußten; es ärgerte ſie innerlich nicht wenig, daß das Publicum„den Tropf“ uͤber alle andere in der Familie erhob. Ma⸗ dame St. Firmin und der Vetter la Moriniére bruͤſteten ſich dagegen mit einem ſo gefeierten Verwandten. Wie haͤtte auch eine ſo empfind⸗ ſame Dame wie die Frau Doctorin„gleichguͤl⸗ tig bei einer ſolchen Handlung des Edelmuths bleiben durfen? Den Vetter la Moriniére kitzelte dagegen der Gedanke, daß ſeine Vorgeſetzten alle, der Herr Unterpraͤfect, der Herr Buͤrger⸗ meiſter und wie ſie weiter hießen, ſeinen Ver⸗ wandten beſucht, ihn gelobt und ausgezeichnet hatten, und ſein Eigennutz, nicht kleiner wie ſeine Eitelkeit, haute ſich ſchon auf die That ſeines Verwandten die ſchönſten Schlöſſer in die Luft. Die Sache konnte dem Kaiſer berichtet werden; es konnte eine Belohnung, ein buntes Band aus Paris kommen, und überſtrahlte N 4 dann nicht der Glanz dieſer hoͤchſten Anerken⸗ nung auch ihn mit? Aus dieſer Verſchiedenheit der Anſichten un⸗ ter den Verwandten entſtanden nun haͤufige Zänkereien.„Ja,“ ſagte der Advocat,„es iſt wahr, er hat einigen Muth gezeigt; aber was iſt das weiter? das iſt die Eingebung des Au⸗ genblicks; Verſtand hat er doch nicht.“ Herr Duͤpre zupfte ſich dabei am Jabot und beſah ſich wohlgefaͤllig im Spiegel.„Es iſt ſehr ſchoͤn,“ meinte der Doctor mit wichtiger Miene,“ aber iſt denn Georg der Einzige welcher Muth hat? O gewiß! es gehoͤrt mehr dazu, wenn ein Arzt bei Epidemien, bei Seuchen und Typhus an die Krankenbetten treten ſoll.“—„Er iſt ein Held,“ ſiel Madame St. Firmin ihren Mann mit einem unwilligen Blick unterbrechend hier ein,„und es ſchmerzt mich ſehr, daß Sie, mein Herr, der Sie ſonſt eine ſo ſchoͤne Secele haben, einem liebenswuͤrdigen und intereſſanten jungen Manne nicht mehr Gerechtigkeit wie⸗ derfahren laſſen koͤnnen, der noch dazu Ihr Neveu iſt. Was mich betrifft, ich mache mir ein Vergnugen, eine Ehre, eine Pflicht daraus, 58 ihn allen Damen meiner Bekanntſchaft vorzu⸗ ſtellen, und die Anerkennung welche er ſindet, entzuͤckt mich.“ 4 Sonſt theilten ſich die Einwohner der Pro⸗ vinzial⸗Städte gewohnlich in drei Claſſen die ſich ſtreng von einander abgeſondert hielten. In der erſten waren die Edelleute mit ihren Frauen und Söchtern; die zweite beſtand aus den Familien der Angeſtellten, der Herren von der Regierung und dem Rath, der Befehls⸗ haber der Marechauſſee und aller Andern, die ein beſonderes Anſehn in der Stadt genoſſen. Die Kaufleute, einige ſogenannte Fuͤnſtler, einige wohlhabende Buͤrger, mit einem Worte alle die, welche ihre Subſiſtenz ihrem Fleiß und ihrer Induſtrie verdankten, machten die dritte. Die regulirte und weltliche Geiſtlichkeit theilte ſich unter dieſe drei Claſſen. Die Prieſter, Prio⸗ ren und Guardiane der Monchskloͤſter waren gewoͤhnlich die Beichtväter der Damen vom Stande; die Vicare und die Moͤnche der rei⸗ chen Orden, wie z. B. der Theatiner, der Ge⸗ novevianer und der Benedictiner, beſorgten die Gewiſſen der Schoͤnen vom zweiten Range, und die Buͤrgerfrauen mußten ſich entweder mit den gewoͤhnlichen Predigern des Kirchſprengels oder mit ſchmutzigen Capuzinern, Carmelitern und dergleichen behelfen. Die Aerzte mit ihren Frauen waren aber uͤberall, ſelbſt in den Ron⸗ nenkloͤſtern, aufgenommen. Was alle dieſe Kreiſe ganz beſonders characteriſirte, war eine unver⸗ wuͤſtliche Laͤſterungsſucht. Man haͤttte glauben ſollen, daß die Revolution, die alles veraͤnderte, alles durcheinander warf, dieſen Hang verwi⸗ ſchen wuͤrde; aber nein! waͤhrend das ganze Gebäude der geſellſchaftlichen Einrichtung zu⸗ ſammenſtuͤrzte und aus den Truͤmmern deſſel⸗ ben tauſend neue Geſtaltungen ſich hoben, blieb ſie von allen Stuͤrmen unberuͤhrt, ſtehen. Der von ſeiner Auswanderung zuruͤckge⸗ kehrte Adel hatte zwar, wenn er in der Stadt lebte, nicht mehr wie ſonſt, das hohe Pflaſter, aber er vermiſchte ſich dennoch nicht mit den andern Staͤnden, ja er vermiſchte ſich nicht ein⸗ mal mehr mit ſich ſelbſt, denn die Ereigniſſe der Zeit hatten eine Trennung in ihn hineinge⸗ worfen. Es gab Viele aus ſeiner Mitte, die der neuen Regierung anhingen und kriechend genug nach der Ehre des Kammerherrnſchluͤſſel rangen, und dagegen wieder Andere, die ſich die Dpfer der„heiligen Treue“ nannten und die gute alte Zeit fort und fort beſeufzten. Je⸗ des kleine Neſt hatte damals ſeine Vorſtadt St. Germain, wo man ſich eben ſo heftig und leidenſchaftlich gegen den Kaiſer Napoleon aus⸗ ſprach, eben ſo veraͤchtlich uͤber ihn ſich aͤußerte, wie in den Salons der Herzoͤge und Vicom⸗ teſſen in der Straße de Varennes und de l Uni⸗ verſité.— RNach dieſen kam jetzt die Claſſe der hohen Angeſtellten, der Unterpraͤfecten, die jetzt mit mehr Anmaßung auftraten wie einſt die Subdelegirten, die Richter und die Officire der Gendarmerie, und auf dieſe wieder die Claſſe der Angeſtellten deren Aemter weniger Anſehen, aber oft mehr Einkuͤnfte abwarfen; die Einnehmer der directen und indirecten Ab⸗ gaben, die Controlleure, die Regiſtratoren u. ſ. w., alles Menſchen die aus Paris kamen, in dem Orte fremd waren und wenig von den Ein⸗ wohnern geliebt und aufgeſucht, meiſt nur un⸗ ter ſich lebten. Unter den eigentlichen Einwoh⸗ nern ſtanden aber die Herren vom Rathe, die X 61 anſehnlichen Kaufleute und die großen Fabri⸗ kanten, welche jetzt ihre Manufacturgebaͤude in ehemalige Kloſter und Schloͤſſer verlegt hatten, oben an; auf ſie folgten, wie einſt, die Buͤrger die noch wie ſonſt in zwei Claſſen, in mittlere und geringere, ſich theilten. Obgleich jetzt viele Hauptſtaͤdter ſich zu den einbringlichen Stellen in den Provinzen draͤngten, ſo war doch darum der Trieb der Provinzbewohner nach Paris, um ſich dort Bildung und Gluͤck zu gewinnen, nicht erſtorben. Vorzůglich betrachteten die Frauen noch immer die Hauptſtadt als den ſeligen Mit⸗ telpunet alles feinen Geſchmacks, alles Vergnu⸗ gens und alles wahren Gluͤckes.— Wie einſt gab es noch jetzt in den kleinen Städten bei jeder Feſtlichkeit, bei jedem Balle, bei jedem Begraͤbniſſe, Rangſtreitigkeiten, die zu einer un⸗ verſiegbaren Quelle zahlloſer Zaͤnkereien wurden. Unter dem Despotismus der Kaiſerregierung konnte von einer laut ſich äußernden Verſchie⸗ denheit in den politiſchen Anſichten nicht die Rede mehr ſeyn; es gab da nur eine, gebo⸗ tene Anſicht, den Enthuſiasmus fuͤr den gro⸗ ßen Mann; indeß bemerkte man doch einen 62 ſehr deutlich ſich ausſprechenden Haß gegen Alle, die ſeit 1789. als Philoſophen, Patrioten und Republicaner ſich bemerklich gemacht hatten. Mochten ſie waͤhrend der Zeit unſerer buͤrger⸗ lichen Unruhen ſo gemaͤßigt oder ſo exaltirt ge⸗ weſen ſeyn wie ſie wollten, man begriff ſie immer im Allgemeinen unter dem Namen Ler⸗ roriſten oder Jacobiner. Mehrere waren hier⸗ durch genoͤthigt geweſen ihre Heimath zu ver⸗ laſſen, dagegen lebten dann wieder andere, aus andern Orten auf dieſe Art Vertriebene, an dieſem. Es gab Leſecabinette, in denen man zwar nicht viel las, aber deſto mehr rauchte, ſpielte und ſtritt; es gab ein Liebhabertheater, bei dem ſich die lieben Mitglieder arger um die Rollen zankten wie die Buͤhnenmenſchen von Profeſſion; Prieſter aber gab es nicht viele, und die wenigen welche ſich fanden waren ſehr demuthig, ſehr gehorſam, ſehr dankbar gegen den erhabnen Stifter des Concordats, und man will behaupten, daß es der Oberpfarrer oder vielleicht auch deſen Vicar geweſen iſt, der 3 einſt, als man ihm im Verdacht ultramontaner Geſinnungen hatte, ganz naiv antwortete: N „Ueber was beklagt man ſich? Ich predige alle Sonntage eine Viertelſtunde uͤber den lie⸗ ben Gott und ſein Evangelium, und volle drei⸗ viertel Stunden uber Se. Majeſtat den Kaiſer und die Conſeription.“ In dieſe verſchiedenen Kreiſe der Geſellſchaft war es nun, daß Madame St. Firmin Georg und ſeine Mutter mit triumphirenden Blicken umherfuͤhrte, denn Georg wollte nun einmal zu ihrem Aerger, nicht ohne ſeine Mutter in Geſellſchaft gehen. Einige Tage waren hierdurch beide ein Ge⸗ genſtand der Bewunderung und Aufmerkſam⸗ keit; die Maͤnner draͤckten ihm die Hand, die Weiber geriethen in Extaſe. Man fand ihn eben ſo anmuthig als beſcheiden und ſogar ſeine Schuͤchternheit, die ſo vortrefflich gegen ſeinen erſt bewieſenen Muth abſtach, entzuckte. Sein Vetter der Advocat verging beinahe vor Reid. Bald fand man indeß einen, Gott weiß welchen? neuen Gegenſtand der Bewun⸗ derung und Georg wurde vergeſſen. Dabei blieb es aber nicht ſtehen. Er ſprach niemal etwas Boͤſes von irgend Jemand; das war 64 ſchlimm; noch ſchlimmer, daß er ſogar die Un⸗ ſchicklichkeit beging, zuweilen die Parthie eines abweſenden Verlaͤſterten zu nehmen. Wenn man ſich eben recht zurecht ſeſte um das lette Gaſtmahl bei der Madame*“*, oder den auf⸗ fallenden Putz der Demoiſelle*2, zu eritiſiren; wenn man eben anfing auf die geſchickteſte Weiſe von der Welt, die geheime Intrigue aus⸗ einander zu ſetzen, welche der und der mit die⸗ ſer oder jener hatte, dann, o Himmel! dann unterwand ſich oft der„ehrliche Tropf“ be⸗ merklich zu machen, es ſey nicht wohlgethan Andere zu richten, wenn man vielleicht ſelbſt noch nicht ganz vollkommen ſey, und gewiß,— dies wird jeder fuͤhlen— mit einem ſolchen Menſchen konnte man nicht fuͤr die Lange um⸗ gehen,„Der alberne Menſch! Er will nicht daß man ſpoͤttelt.“—„Er iſt ein einfaͤltiger Tropf, der nicht weiß was zu einer guten Un⸗ terhaltung gehoͤrt.“—„Er will ſich auszeich⸗ nen. O ja! er zeichnet ſich aus, aber wie?“ —„Er hatte einen muthvollen Augenblick, aber das iſt nichts als der Muth des Thoren, der die Gefahr nicht kennt,“ ſo hieß es und X 65 Madame St. Firmin und der Better la Mo⸗ riniére, waren nicht die lezten, welche die Al⸗ bernheit ihres Coufins infahen. Bald gab Georg der ſchoͤnen Welt in* gber noch mehr Gelegenheit das Vetwerfungsurtheil uͤber ihn zu ſprechen. Ganz leiſe zog er ſich aus den ſogenannten erſten Circeln zuruck, weil die Her⸗ ren von Adel mit Verachtung von den Buͤr⸗ gerlichen ſprachen, und eben ſo entfernte er ſich auch aus den Kreiſen der Buͤrgerlichen, weil dieſe ſich uͤber die Edelleute luſtig machten. Endlich, o Entſetzen! beging er gar den Frevel ſich mit einigen rechtlichen Leuten zu verbinden, die man fuͤr alte Patrioten ausgeſchrien hatte. „O, mein Himmel!“ hieß eß nune er gar ein Jacobiner ſehn 2) 4 Georg war nur in Geſelſſchaft gegangen, um ſeiner Mutter einen Gekallen zu erzeigen die ſich ſehr dadurch geſchmeichelt fuͤhlte, ihren Sohn in den hoͤheren Kreiſen aufgenommen zu ſehen; da er aber bald bemerkte, daß ſie es auch nicht mißbilligte wenn er ſein Leben an⸗ ders einrichtete, ſo blieb er jetzt die Abende bei ihr zu Hauſe und vertrieb ſich und ihr die Zeir . E 66 damit, ihr irgend ein neues, anſprechendes Werk vorzuleſen. Richt lange fand ſich indeß noch ein neuer Zeitvertreib fuͤr die Bewohner des Staͤdtchens: eine reiſende Schauſpielergeſellſchaft ſchiug ihren ambulanten Tempel auf, und Ge⸗ org verſaumte jetzt nicht ſeiner Mutter und der alten Margarethe ſo oft wie moͤglich das Ver⸗ gnuͤgen zu machen, ſie in das Theater zu fuͤh⸗ ren. Mit Erſtaunen ſahen die Fremden welche im Orte uͤbernachteten und die Vorſtellungen beſuchten, im erſten Rang⸗Logen einen jungen, galanten Mann zwiſchen ein Paar alten Frauen ſitzen und ihnen ſo angelegentlich den Hof ma⸗ chen, ſie ſo angelegentlich bedienen, als waͤren es die juͤngſten, ſchoͤnſten Damen. Zur Zeit des Carnevals glaubte er, immer blos um ſeiner Mutter eine Freude zu ver⸗ ſchaffen, die Familie glaͤnzend bewirthen zu muͤſſen; er lud deswegen den Doctor und deſſen Frau, Hr. und Madame la Moriniére, den Vetter Duͤpre und ſogar den Sohn der Ma⸗ dame la Moriniére, der zu den Ferien zum Beſuch zu Hauſe gekommen war, zu einem Dinér ein. An dieſem Tage huͤteten ſich die lieben Verwandten wohl ſich uͤber ihn luſtig zu machen; im Gegentheil uͤberhäͤnften ſie ihn mit Freundſchaftsbezeigungen und der Doctor und der Advocat ermangelten nicht, zum großen Ver⸗ gnuͤgen der alten Frau Dercy, ſich ein Haarbeu⸗ telchen zu trinken. Am Aſchermittwoch fuͤhrte er ſeine Mutter und die alte Margarethe auf den Maskenball im Theater; die ganze Stadt war hier vereinigt und fur dieſen Tag ſchienen die verſchiedenen Stände einmal ihr Abſonde⸗ rungsſyſtem vergeſſen zu haben. Georg tanzte nur in der Nähe, wo ſeine Mutter ſaß; wie bewunderte die gute, entzuͤckte Frau die An⸗ muth und die Heiterkeit ihres Sohnes! Bald entfernte er ſich aber auf einen Augenblick und kam ſogleich als Wahrſager verkleidet wieder, um, waͤhrend die andern jungen Leute in ihren Masken bald dieſen bald jenen neckten, und beſonders hinter den jungen Frauenzimmern herſezten, unter dieſer Verhuͤllung ſeiner Mutter die angenehmſten und erfreulichſten Dinge ſo geſchickt zu ſagen, daß die gute Frau ein gan⸗ zes Weilchen im Irrthum uͤber die Perſon des Sprechers blieb. 658 Dieſe Art zu leben war ſonder Zweifel ſehr angenehm fuͤr ihn und die Seinigen; aber der Aufenthalt in der Stadt hatte ihm doch vielen Aufwand verurſacht, und er begann eben nach⸗ zurechnen, ob ſich die Fortſetzung dieſes Seyns wohl mit ſeinen oͤkonomiſchen Umſtänden ver⸗ truͤge, als ſich ihm eine cht g mi Friftes Siht Mademoiſelle Degodet. J dem Orte lebte ein ſehr reſpectables Frauen⸗ zimmer das ſich den Vierzigen ohngefäͤhr nä⸗ herte oder, wie einige Spoͤtter behaupten woll⸗ ten, dieſes Stufenjahr bereits uͤberſchritten hatte. Sie hieß Demviſelle Alexandrine Degodet und war die Tochter eines Edelmannes der zu An⸗ fang der Revolution plötzlich verſchwand und den man dieſerhalb auf die Liſte der Auswan⸗ derer ſezte und ſeine Guͤter einzog. Mademoi⸗ — ſelle Alexandrine war fuͤr das Kloſterleben be⸗ ſtimmt geweſen; in dem Augenblick als ihr Va⸗ ter floh, hatte ſie das Kleid der Novize angezo⸗ gen, bald darauf aber das Kloſter wieder ver⸗ laſſen muͤſſen. Von jetzt an ſuchte ſie ſich durch einige fruͤher erworbene Kenntniſſe fortzuhelfen und ohne gerade beſondere Geſchicklichkeit in der Muſik zu beſitzen, gelang es ihr doch ſich durch Unterricht im Geſang und auf dem Fortepiano ihren Lebensunterhalt zu erwerben. Mit ihrem Austritt aus dem Kloſter war ihr aber auch zugleich eine große Luſt ſich zu verheirathen gekommen; bis jetzt hatte es ihr jedoch noch nicht gelingen wollen die Erfullung dieſes Wunſches zu erreichen. Sie war nie ſchoͤn, aber ſie war einſt jung, und es hatten ſich mehrere Parthien gezeigt, von de⸗ nen einige ganz vortrefflich waren; der alte Orga⸗ niſt an der Hauptkirche z. B. der zugleich Di⸗ rector des Liebhaberconzertes und des Orche⸗ ſters im Theater war; ein alter Tanzmeiſter, der ſich hochtonend„Profeſſor der Tanzkunſt,“ nannte und einſt in Paris im Ballet ſigurirt hatte u. ſ. w. u. ſ. w. Aber, ſtolz auf ihre Ju⸗ gend und nebenbei auch auf ihren Adel, ver⸗ 70 — warf Demoiſelle Alexandrine ſolche Vorſchlaͤge ſo lange bis die Jahre kamen und mit ihnen die Freier verſchwanden. Jetzt wurde ſie, wider Willen gleichſam zur Philoſophin geworden, weniger eigen in der Wahl eines Mannes, ſelbſt eines Buͤrgerlichen, geweſen ſeyn; aber leider waren die Buͤrgerlichen ſo ungalant fur die mangelnde Jugend den Adel nicht in Tauſch nehmen zu wollen, und in ihrer Verzweiflung hieruber hatte ſie endlich ihr Ohr den Wuͤn⸗ ſchen eines alten! Canzelliſten zugeneigt der Wittwer, einaͤugig, haͤßlich und obendrein ein arger Trunkenbold war.„Wie iſt es moͤglich,“ fragt hier vielleicht der Leſer,„aß ſie dies konnte?“ Wir erwiedern darauf, daß wir be⸗ reits erwaͤhnten worin ihr Wunſch beſtand und dann, ſie hatte Talente, Geiſt, Beleſenheit — wenigſtens ſagte ſie dies ſelbſt— aber, ſie war vertrocknet, mager, gelb und ohne Vermoͤ⸗ gen. Der Canzelliſt, obſchon ſehr geſchmeichelt das Herz einer Cidevant geruͤhrt zu haben, zo⸗ gerte indeß immer noch mit dem entſcheidenden Schritt, bis er eines Tages, indemer die Fa⸗ milienpapiere ſeiner Schoͤnen einmal wieder mit der Aemſigkeit eines Antiquars durchblatterte, einige Briefe fand, aus denen ihm hervorzuge⸗ hen ſchien, daß der alte Herr Degodet ſich zwar den Stuͤrmen der Revolution durch Flucht zu entziehen geſucht habe, wirklich aber doch nie uͤber die Grenze gegangen und folglich auch nie emigrirt ſeyo. Nun ging dem beſtaubten Acktenmenſchen ein Licht auf, ein Licht, das ſich gleichſam zu einem Liebesfeuer in ſeinem ver⸗ trockneten Herzen geſtaltete; denn, war es ge⸗ wiß daß Degodet nie die Grenze uͤberſchritt, ſo war er mit Unrecht auf die Emigramenliſte ge⸗ ſezt, ſeine Guͤter mit unrecht dem Sequeſter unterworfen worden und der Staat mußte, ſobald dies Alles bewieſen werden konute, nach dem Geſetze, alles bei Heller und Pfennig herausgeben. Eiligſt und ſchleunigſt that er jetzt die deshalb noͤthigen Schritte. Er ſuchte ſich den Todten⸗ ſchein von Degodet zu verſchaffen und dieſen in Haͤnden, begann er eine Menge Bittſchriften an die Behoͤrden des Bezirks, an die Oberpraͤ⸗ feetur, an das Miniſterium des Innern und an Se. Majeſtaͤt den Kaiſer und Koͤnig ſelbſt, im Ramen ſeiner Braut auszuarbeiten; ja, er that 6 72 noch mehr, er wandte ſich perſoͤnlich an den Un⸗ ter⸗Prafecten, an den Prafecten, an das hohe Tribunal in Orleans und zuletzt machte er ſogar eine Reiſe hach Paris! Demviſelle Alexandrine fuhr unterdeſſen fort auf die Verbindung zu drin⸗ gen, aber der vorſichtige Canzelliſt wollte ſich durchaus in nichts eher einlaſſen als bis er ſeiner Sache gewiß war und haͤufte Ausfluchte auf Ausflaͤchte. Endlich, Dank ſeiner Muͤhe, ſeinem Rennen, ſeinem Schreiben und ſelbſt den ziem⸗ lich anſehnlichen Vorſchoͤſſen die er machte, end⸗ lich war alles im Reinen und Demviſelle Alexan⸗ drine kein armes Maͤdchen mehr, ſondern eine reiche Erbin. Durch die wichtige Verwendung einer Couſine des alten Canzelliſten, die Kam⸗ merfrau bei der Gemahlin des Miniſters der innern Angelegenheiten war, wurde das gute Recht der Tochter des alten Herrn Degodet in Paris anerkannt und ſie als einzige Erbin in die bis dahin ſequeſtrirten Gäter der Familie einge⸗ ſetzt. Sie hatte im Lauf der Zeiten ein Paar Bruͤder und eine Schweſter verloren um derent⸗ willen man ſie einſt dem Schleier widmen wollte: jetzt war ſie nun die einzige Beſitzerin des gan⸗ V —3 5— zen Vermoͤgens und bekam ſogar die Einkuͤnfte nachgezahlt, welche der Staat einſtweilen von der Nachlaſſenſchaft ihres Vaters gezogen hatte. O, wie verjuͤngte und verſchoͤnte dieſe Nachricht auf einmal die Dame in den Augen aller Männer! wie eifrig begann nun der Canzlei⸗ menſch die ſo lange verſchobene Verbindung zu betreiben! aber, welch ein Donnerſchlag! welch ein Schrecken! die Freier kehren zu der reichge⸗ wordenen Alexandrine zuruck, alle jungen Leute umdraͤngen ſie, und der Canzelliſt erſcheint ihr jetzt nur noch als ein alter widerlicher Trunken⸗ bold. Fruͤher hatte ſie in ihm einen Erloͤſer vom jungfräulichen Joche, einen Retter von der Schmach der alten Jungfrauſchaft geſehen; jetzt ſah ſie in ihm nur noch ihren Geſchaͤftsfreund, ihren Bevollmaͤchtigten, den Unterhaͤndler, den ſie zwar allerdings für ſeine gehabten Bemuͤ⸗ hungen und Auslagen bezahlen, aber nicht mit ihrer Hand beglücken wollte.„Ach! warum bin ich doch ein ſolcher Eſel geweſen und habe nicht zugelangt, weil es Zeit war!“ rief der Getaͤuſchte voll innerem Grimme aus und haͤtte ſich gern ſelbſt ein bischen durchgepruͤgelt; doch was war zu thun? der Fehler war geſchehen und dem un⸗ glůcklichen Liebhaber blieb nichts uͤbrig, als ſich als Philoſoph zu troͤſten und zu ſeiner erſten Ge⸗ liebten, der Flaſche, zuruͤckzukehren. Die reichgewordene Schoͤne war von nun an ein Gegenſtand des Reides fuͤr alle andere Da⸗ men der Stadt, die zwar nicht unterließen ihr in's Geſicht die allergroͤßten Complimente uͤber den gluͤcklichen Wechſel ihrer Lage zu machen, hinter dem Ruͤcken aber dafuͤr um ſo unerbittli⸗ cher uͤber ſie herſielen, jemehr ſie Urſache hatten uͤber die Treuloſigkeit der Maͤnner zu ſeufzen, die jetzt auf einmal wie beſeſſen ſich unter die Fahne der neuen Goͤttin draͤngten. Durch eine ſeltſame Laune fuͤhlte dieſe ſich aber gerade zu dem Manne hingezogen der ſich nicht darunter⸗ ſtellte, zu Georg nehmlich. Zu allen Zeiten haben die Damen den Muth geliebt und von dem Augenblick an, wo unſer Held einen ſo glaͤn⸗ zenden Beweis davon gab, hatte ſich auch Ma⸗ demoiſelle Degodet als eine ſeiner entſchiedendſten. Bewundyerin erklaͤrt und hierin ſelbſt nicht nach⸗ gelaſſen, als die Andern von ihrem Entzucken zu⸗ ruͤckkamen. Mit Vegeiſterung ſprach ſie noch N immer von ſeiner ſchoͤnen That und ſo oft ſie ihn im Theater, auf Spaziergaͤngen oder in der Kirche an der Seite ſeiner Mutter erblickte, ver⸗ ſaͤumte ſie nie die kindliche Liebe des intereſſanten, friſchen jungen Mannes zu preiſen. Allerdings tauchten einige Male, wenn ſich vielleicht irgend ein adlicher Krippenreiter der reichen Erbin huldigend nahte, ihre Adelsvorurtheile in ihr auf, aber was kampft die Liebe nicht nieder! Georg behielt die Oberhand. Sie gab jetzt Geſellſchaften, mu⸗ ſikaliſche Soirees und Theedanſants, und ſtets wurden Georg und ſeine Mutter dazu gebeten. Hier, bald ernſt und pruͤde wie eine Matrone, bald leicht, naiv und ſcherzhaft wie ein junges Maͤdchen, ſuchte ſie den Erkornen durch ihren Geiſt und ihre Anmuth zu blenden, durch ihre Unſchuld und ihre Empfindſamkeit zu feſſeln. Da wurden Pfaͤnderſpiele geſpielt und dem guten Georg recht oft eine angenehme Loͤſung aufge⸗ geben; aber ach! nur zu bald ſah ſie, daß der wunderliche junge Menſch gegen alle dieſe Suͤſ⸗ ſigkeiten unempfindlich blieb, daß ſein Herz von Stahl und Eiſen, den zärtlichſten Blicken trozte. Zum Gluͤck blieb ihr noch der Glaube, daß mur 76 Schůͤchternheit die Quelle ſeines Venehmens ſcyh und in dieſer ſeligen Ueberzeugung entſchloß ſie ſich einen großen Schritt zu wagen und ſich zu Madame St. Firmin zu begeben. f Mademoiſelle Alexandrine huͤtete ſich wohl gerade heraus zu entdecken von welcher Leiden⸗ ſchaft ſie ergriffen war; das waͤre ja ge⸗ gen Tugend, Sitte, Zucht und Gebrauch gewe⸗ ſen; aber ſich zierend, errothend, die Augen niederſchlagend, gab ſie zu verſtehen, daß ſie ſich vielleicht entſchließen koͤnne den heißen Wuͤnſchen des Hrn Georg Dercy nachzugeben, der ſo brav aber auch ſo ſchuchtern ſey und deshalb wohl einige Aufmunterung verdiene. Dies war genug um Madame St. Firmin uͤber den Herzenszu⸗ ſtand der theuren Demviſelle in's Klare zu ſetzen, die nun auf eine geſchickte Art bald dahin gebracht wurde ſich deutlicher auszuſprechen. Wie gluͤcklich fuͤhlte ſich die Frau Doctorin in dieſem Augenblick! Sie ſollte eine Heirath zu Stande bringen! iſt das nicht ſtets ein Entzücken 4 fuͤr jedes weibliche Herz? und welche Heirath! O wie guͤnſtig wurde das Vertrauen der wer⸗ then Freundin aufgenommen! mit wie vielen Gegenverſicherungen die ihrer herzlichen Zunei⸗ gung erwiedert! wie angelegentlich die Verwen⸗ dung in dieſer Sache verſprochen! In der That, Madame St. Firmin inert auch nicht ihren Worten ſogleich zu genügen; faſt in derſelben Stunde noch ging ſie zu Georg, den ſie zwar nicht zu Hauſe, dafuͤr aber doch ſeine Mutter traf. Mit einer geheimnißvollen Miene erzaͤhlte ſie dieſer was ſie ſo eben ver⸗ nommen und mit den glaͤnzendſten Farben malte ſie ihr ſowohl die Liebe, als die Vorzůge, d. h. die klingenden, der Demoiſelle Degodet aus. Die gute Frau Dercy war ganz verbluͤfft uͤber das ungeheure Gluͤck welches dem geliebten Sohne bevorſtand; unter den größten Dankbar⸗ keitsbezeigungen verſprach ſie der eifrigen Bot⸗ ſchafterin die Sache ſogleich ihrem Georg vorzu⸗ tragen und Madame St. Firmin begab ſich nun eben ſo vergnuͤgt wie ſie gekommen, wieder fort, um auf dem Zuhauſewege ihrer Couſine der Madame la Moriniéte, das große Geheimniß unter dem Siegel der ſtrengſten Verſchwiegen⸗ genheit anzuvertrauen. Sehr gern verſprach dies die Couſine, aber noch waren keine zehn Minuten voruͤber, da erzählte ſie, natuͤrlich auch. wieder unter dem Siegel der Verſchwiegenheit, die herrliche Neuigkeit ihrem Manne und dieſer hatte nun nichts Eiligeres zu thun, als den Vet⸗ ter Anwald davon in Kenntniß zu ſetzen. Noch demſelben Abend vertraute Madame St. Firmin die Sache aber auch dem Doctor und ſo waren denn, Dank der Verſchwiegenheit Aller, die ſämmtlichen Glieder der Familie von allem be⸗ nachrichtigt, worauf denn ſchon am folgenden Morgen eine anſcheinend zufaͤllige Zuſammen⸗ kunft derſelben bei der Madame la Moriniére ſtatt fand, blos, wie Alle ſagten, in der edlen Abſicht um ſich uber das gute Glůͤck zu freuen, f das einem der Ihrigen begegnete. Leider war dieſe Freude aber nicht ungetruͤbt von Reid. „Ich moͤchte nur wiſſen was der Tropf an ſich hat um einem ſo reichen Maͤdchen zu gefallen“ ſprach der Eine.„Hm,“ meinte ein Anderer, „der Himmel iſt immer der Vormund gewiſſer Leute.“—„Gen 6,“ fiel der Adoocat ein und rieb ſich das Haar zurecht;„gewiß, ich goͤnne ihm ſein Gluͤck, indeß muß man doch geſtehen daß es in der Stadt nicht an geſezten, ver⸗ -— —— — 79 ſtandigen Maͤnnern fehlt, die wohl auch einer Beruͤckſichtigung werth geweſen wären.“— „Ach laſſen wir das,“ erwiederte der Doctor; „wir werden eine ſchoͤne Hochzeit haben und das freut mich. Jetzt muß ich zu meine Kran⸗ ken“—„Und ich auf's Buͤreau,“ ſetzte ſeuf⸗ zend la Moriniére hinzu.„Es iſt doch ſehr traurig ſehen zu muͤſſen wie, waͤhrend man ſich abarbeitet, das Gluͤck Menſchen ohne Verdienſt emporhebt... Doch es iſt ja ein altes Sprich⸗ wort: Fortuna iſt den Dummen hold.“ Wie anders wuͤrden die guten Leute geſpro⸗ chen haben wenn ſie gewußt haͤtten wie we⸗ nig Georg ſelbſt von dem Vorſchlage entzuckt war. Ohne ſich eine Minute zu bedenken er⸗ klaͤrte er ſogleich, daß aus der Sache nichts werden koͤnne und nun alle ſeine Beredſamkeit aufbietend, ſezte er der erſtaunten Mutter auch ſeine Gruͤnde dieſerhalb auseinander. Seine Meinung war, nur Uebereinſtimmung des Al⸗ ters und der Geſinnunger⸗ koͤnnte ein gluͤckli⸗ ches Band geben und ganz ehrlich geſtehend, daß er furchte die Dame nicht gluͤcklich machen zu koͤnnen, ſchloß er damit, ſeine Mutter zu 8 80 bitten, von einer ſolchen Verbindung nicht fer⸗ ner zu ſprechen. Es läßt ſich denken daß die gute Frau dieſen Gruͤnden nicht widerſtand; ſie wünderte ſich jetzt ſelbſt daruber wie ſie nur einen Augenblick an das Gegentheil hatte glauben konnen und ſogleich ſich zur Madam St. Firmin begebend, erſuchte ſie dieſe, ja kei⸗ nen Schritt weiter zu thun, indem ſie zugleich erktötte, daß ihe Sohn, ihr lieber Georg, viel zu kiebenswürdig ſey, viel zu ſchoͤne Eigenſchaf⸗ ten habe, um nicht eine beſſere Parthie wie Demviſelle Degodet zu finden, d. h. eine min⸗ deſtens eben ſo reiche, die aber siel ſchoner wäre und nicht im Nothfall die S des — vorſtellen könne. 6 Man ſtelle ſich das Erſtaunen, den untilen der ganzen Verwandtſchaft bei Anhorung dieſer Rachticht vor.„Ah, ich wußte es wohl,“ rief der Doctor und ſtieß mit dem Stock auf die Erde,„der Tropf iſt viel zu albern; doch glaubte ich wirklich nicht daß er ſein Gluͤck ſo mit Fuͤßen von ſich ſtoßen wuͤrde“—„Der Menſch bildet ſich wohl ein es wird eine Herzo⸗ gin kommen und ſich ſeine Hand erbitten,“ 31¹ meinte Madame la Moriniére und verzog den Mund. Georg befliß ſich in ſeinem Benehmen der groͤßten Artigkeit gegen Demoiſelle Degodet; ſo oft er ihr begegnete, ſo oft er mit ihr zu⸗ ſammenkam uͤbethaͤufte er ſie mit Artigkeiten; aber die ſtolze Alexaͤndrine war durch ſeinen Abſchlag viel zu ſehr beleidigt als daß ſie ihm hätte verzeihen konnen. Sie ließ ihn bei jeder Gelegenheit ihre Verachtung empfinden und leb⸗ haft wie ſie war, vermochte ſie nicht immer ihren Verdruß in Geſellſchaften ſo zu unter⸗ druͤcken, daß nicht jedermann ihn ſchen konnte. Erſt dann als ſich ihre Wahl unter den zahl⸗ reichen Bewerbern auf einen Dankbarern feſt⸗ geſtellt hatte, verwandelte ſich dieſes Anſehen des Verdrußes in das des Triumphes. Sechſtes Kapitel. Georgs erſte Liebe. Wer war denn der gluͤckliche Sterbliche, dem Demoiſelle Degodet den Vorzug gab? Seit . 5 einigen Tagen ſchon hatte Georg ſeinen Vetter, den Anwald, mehrmals mit der Dame ſpazieren gehen ſehen und beide hatten nicht ermangelt ihn mit einem ſehr ironiſchen Laͤcheln zu gruͤ⸗ ßen; jetzt trat der Vetter Z Dupre eines Mor⸗ gens in das Zimmer und ſprach:„Nun mein guter, armer Georg, Du willſt alſo durchaus nicht Demoiſelle Degodet heirathen? Meinet⸗ wegen! mir kann es recht ſeyn; da nehme ich ſie. Ich wuͤrde mir allerdings ein Gewiſſen daraus gemacht haben, ſie Dir wegzufiſchen, indeß, da Du zuruͤcktrittſt.... warum ſollten wir andern ehrlichen Leute nicht die Thorheiten benutzen, die ihr guten Leute begeht? Alſo, ich komme nur um Dir zu melden, daß ich mich naͤchſtens mit der Dame vermählen werde und daß wir bereits morgen zum erſten Male auf⸗ geboten werden. Ich glaubte,“ ſetzte der vor⸗ treffliche Verwandte hinzu,„keinen Augenblick verlieren zu duͤrfen, um Dir und meiner guten Tante Dercy, mein Gluͤck zu melden, indem ich uͤberzeugt bin, daß Ihr es mir nicht mißgon⸗ nen werdet.“—„O gewiß nicht!“ rief Georg mit treuherzigem Tone, und druͤckte dem X ————— Vetter dabei die Hand.„Du findeſt die Dame zu alt,“ fuhr Duͤpre fort,„ich finde ſie jung; natuͤrlich, ich bin ja auch älter wie Du, und dann, was haͤtteſt Du denn mit dem Vermoͤ⸗ gen anfangen wollen, waährend ich— dafuͤr ſtehe ich Dir— es beſſer zu benutzen wiſſen werde. Du wirſt zugeben, daß ich hier nicht an meinem Platze bin; auch hat das, was Du mir einmal uͤber den Advocatenſtand ſagteſt, mein Nachdenken erregt. Es iſt in der That fuͤr ein edles Herz eine traurige Sache, ſo gleichſam darauf angewieſen zu ſeyn von der Zankſucht der Menſchen zu leben, und wer weiß, ob ich nicht noch beſtimmt bin einſt in Paris in einem hohen Amte nůtzlich zu werden. Sage aber vorlaͤufig Riemandem etwas dabon, es koͤnnte mir hier ſchaden. Jetzt gehe ich ſogleich zu unſerm Onkel, den Doctor, und dann auf das Buͤreau zu la Moriniére; ſie werden beide ſo entzuckt ſeyn wie Du. D/ s herrſcht ja ſo viele Einigkeit, ſo viel Liebe unter uns, und dann, ich gebe Euch eine ſo liebens⸗ wuͤrdige Verwandte! Du kennſt die Schoͤnhei⸗ ten ihrer Seele nicht wie ich ſie kenne; wir F52 84 machen uns eine gegenſeitige Verſchreibung im Ehecontract; ach! ſie hat mit einer Liebens⸗ wuͤrdigkeit, mit einer Hingebung eingewilligt, von der Du keinen Begriff haſt, Du, mein armer Georg; aber ich, Peſt! ich vergeſſe nichts. Adieu Vetter, adieu meine gute Tante 1 O, was ſeyd Ihr fuͤr herrliche Freunde! Bei Gott! ich bin ganz gerͤhrt wenn ich Eure Theilnahme ſche. Frau Dercy war anfaͤnglich doch nicht ſo ruhig bei der Sache wie ihr Sohn.“ Wie ſtolz er jetzt iſt der Vetter Duͤpre! Ach, wenn Du gewollt haͤtteſt...“ Georgs Zureden beru⸗ higte die gute Mutter bald wieder; die andern Glieder der Familie beruhigten ſich aber nicht ſo ſchnell. In dieſer Familie, wo ſo viele Ei⸗ nigkeit, ſo viele Liebe herrſchen ſollte, konnte keinem Einzelnen irgend ein Gluͤcksfall wieder⸗ fahren, ohne daß die Andern, Georg allein ausgenommen, ſogleich von Reid ergriffen wur⸗ den; dies hinderte ſie ſämmtlich jedoch nicht dem glucklichen Braͤutigam die S Glůck⸗ wuͤnſche abzuſtatten. Die Hochzeit war praͤchtig; das Mahl und der Ball fanden im Locale der Freymaurerloge ſtatt. Georg zeigte ſich an dieſem Tage ſo ehrfurchtsvoll, ſo zuvorkommend gegen die neue Couſine, daß dieſer einige Male, trotz ihres ge⸗ gen ihn angenommenen ſtolzen und wegwerfen⸗ den Weſens, ein Seufzer die Bruſt hob, wenn ſie den Undankbaren im Stillen mit ihrem jetigen Erkornen verglich. Doch dauerte dies Gefuͤhl nicht lange und die ewig zitternde Be⸗ wegung ihres jungfraͤulichen Drangenbouquets bewies hinreichend wie freudeklopfend und ſelig ſich ihr Herz an dieſem großen Tage fuͤhlte. Unter den zahlreichen Gaͤſten befand ſich eine junge Perſon von achtzehn bis neunzehn Jahren, Mademoiſelle Eliſe, die Tochter des Hrn Berthoud, eines Untereinnehmers der in⸗ directen Steuern. Hr Berthoud war erſt ſeit einigen Monaten in der Stadt; fruͤher in Or⸗ leans angeſtellt, hatte man ihn ſeiner haͤufigen Anfaͤlle vom Podagra wegen auf dieſen ruhi⸗ geren Poſten verſetzt und ſo hieher gekommen, bewohnte er nun ein Paar Zimmer in dem Hauſe der Demoiſelle Degodet, die dieſerhalb Vater und Tochter zu ihrer Hochzeit glaubte einladen zu muͤſſen. Eliſe hatte keine Mutter mehr und da man bald wahrnahm, daß ihr Vater mitunter gern ein bischen ſpielte und trank und uͤberhaupt zuweilen den Schwaͤtzer machte, ſo unterließ man nicht auszubreiten: er ſey in ſeiner Jugend ein ſehr luſtiger Ge⸗ ſellſchafter geweſen, habe die Frauen, die Flaſche und die Karten immer gewaltig geliebt und verdanke ſein Podagra und ſeine jetzige, ziem⸗ lich beſchraͤnkte Lage, allein ſeiheren r ſchweifungen. Es laͤßt ſich uͤbrigens denken daß die Ver⸗ laumdungsſucht, die den Vater ſchon ſo wenig ſchonte, noch weniger die Tochter frei ließ. Eliſe war huͤbſch genug um den andern jungen Maäͤdchen der Stadt einige Sorge zu machen, und vermuthlich geſchah es auch in Folge dieſer Sorge, daß man ſie fur albern und einfältig ausſchrie. Anfaͤnglich war man indeß anderer Meinung geweſen und hatte ſie fur boshaft, ſpitzindig und ein wenig zu erfahren fuͤr ihr Alter, ausgegeben, denn allerdings entſchlupf⸗ ten ihr wohl zuweilen einige Worte, die fuͤr ein junges Maͤdchen zu ſcharf und zu leicht ſchienen; indeß ſagte ſie doch alles ſo treuher⸗ zig, mit ſo viel Unſchuld, ihr Laͤcheln erſchien ſo harmlos ſelbſt wenn ſie ſpoͤttelte, daß man auf den Glauben kam, ſie wiſſe ſelbſt nicht immer was ſie eigentlich ſage. . Bei dem Mahle fand ſie ſich zufallig an Georgs Seite und mit dem erſten Blick den ſie auf ihren Nachbar heftete, konnte dieſer, deſſen Herz ſich ſo wohlgewaffnet gegen De⸗ miſelle Degodet gezeigt hatte, ſich nicht ent⸗ halten eine Vergleichung zwiſchen ihr und der Braut anzuſtellen.„Ach!“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„wenn dieſe ſo geweſen waͤre wie meine Nachbarin, dann wuͤrde ich vielleicht nicht ſo ſchnell ein Rein ausgeſprochen haben.“ Eli⸗ ſens Unterhaltung vergroͤßerte die vortheilhafte Meinung, welche ihr gewinnendes Aeußere un⸗ ſerm Georg beigebracht hatte. Sie ſprach mit der innigſten kindlichen Liebe von ihrem Vater und, was Georg am mehreſten gefiel, war, daß ſie von Riemandem Uebles redete und ſeiner Mutter die freundlichſte Aufmerk⸗ ſamkeit erwies. Rach der LTafel ſetzte ſie ſich „ zu der alten Frau hin, bezeigte ihr die größte Zuvorkommenheit und ruͤhmte den Sohn mit dem ſie im Laufe des Abends mehrmals tanzte und der von Minute zu Minute entzuckter uͤber die Schoͤne wurde. Einem ſo huͤbſchen Mäd⸗ chen wie Eliſen konnten die Verehrer nicht fehlen, doch glaubte Georg zu bemerken, daß ſie ihn allen andern vorzog, und naturlich machte ihn dies nicht wenig glücklich. Hr. Berthoud zog ſich ſeiner Gicht wegen, bei Zeiten zuruͤck, da man aber die Tochter noch da zu behalten wuͤnſchte, ſo bat er Georgs Mutter ſie unter ihre Aufſicht zu nehmen. Als nun der Ball geendigt war da konnte, welch ein Gluͤck! Ge⸗ org der Schoͤnen ſeinen linken Arm geben, während er die Mutter am rechten fuͤhrte, und ſo kurz der Weg, ſo groß ſeine Schuͤch⸗ ternheit auch war, ſo benuzte er doch dieſe Zeit das Maͤdchen ſtammelnd um die Erlaub⸗ niß zu bitten„ihrem Vater ſeine Aufwartung machen zu duͤrfen. Dieſe Erlaubniß ward ihm denn auch mit Vergnügen gewährt und zu⸗ gleich mit der liebenswuͤrdigſten Freimuthigkeit dagegen der Wunſch ausgeſprochen, die alte 89 Frau Dercy zuweilen des Abends beſuchen zu duͤrfen wenn Vater Berthoud vielleicht gerade mit den andern Accisofficianten abzurechnen habe. Es bedarf wohl keiner Erwaͤhnung wie ſehr dieſes Geſuch Georg erfreute; das Ent⸗ zucken ließ ihn die Nacht nicht ſchlafen; Eliſe war das Bild aller ſeiner Traͤume. Schon am folgenden Tage ging er zu Hrn. Berthoud und wie es ihm ſchien, ward dieſer ſchnelle Beſuch nicht uͤbel aufgenommen. Eliſe kam ihm in ihrem Hauskleide noch ſchoͤner wie im geſtrigen Putze vor, Hr. Berthoud ſchien heute noch angenehmer und jovialer zu zu ſeyn als geſtern. Georg glaubte in ihm einen ſehr heitern, verſtaͤndigen und in ſeinem Amte ſehr eifrigen Mann zu finden, der von einer ſo geſunden Lebensphiloſophie durchdrun⸗ gen war, daß ihn ſelbſt ſeine vielfachen kor⸗ perlichen Leiden nicht zu verſtimmen vermochten. Entzuͤckt uͤber den liebenswuͤrdigen Vater, udd noch entzuͤckter uͤber die noch liebenswuͤrdi⸗ gere Tochter, empfahl ſich Georg nach einem froh verplauderten Stuͤndchen. 60 Der gute Sohn hatte nie ein Geheimniß vor ſeiner Mutter; er zogerte daher auch jetzt nicht ihr den Eindruck zu entdecken, den Eliſe auf ihn gemacht hatte und Frau Derch, ge⸗ wohnt immer zu denken wie ihr Sohn⸗ billigte dieſe Liebe ſehr.„Eliſe hat kein Vermoͤgen wie Demoiſelle Degodet,“ meinte ſie,„aber was hindert das? Sie iſt jung, liebenswuͤrdig und ſchoͤn; der Vater iſt ein braver Mann und hat eine hubſche Stelle; ſo iſt ſie gerade die Frau, wie Du ſie brauchſt.“—„Ach⸗ wenn ſie mich nur nicht ihrer unwuͤrdig findet!“ ſeufzte Georg.—„Unwuͤrdig?“ wiederholte die Mutter;„ſey doch gerechter gegen Dich ſelbſt, mein Sohn. Sie iſt ſehr liebenswuͤrdig, aber Du biſt ihrer vollkommen werth.“ Einige Tage wurden die Beſuche auf dieſe Art fortgeſetzt. Georg ging des Vormittags auf ein Viertel⸗ oder ein halbes Stuͤndchen zu Hrn. Berthoud und deſſen Tochter, zog ſich aber dann, aus Furcht laͤſtig zu werden, im⸗ mer wieder zuruck; Eliſe brachte faſt alle Abende bei Frau Derch zu und immer hoher ſtieg die Bewunderung, welche Georg ihrem Geiſte und 91 ihrer Liebenswurdigkeit zollte. Dennoch wagte er es aber immer noch nicht ſich zu erklären, obſchon er deutlich ſah, daß das Maͤdchen ihn errathen hatte und nicht unempfindlich gegen ſeine Bewerbung blieb. Oft hatte er es ſich feſt vorgenommen, des Abends wenn er ſie zu Hauſe brachte und die Magd mit der Laterne vorauswandelte, ſich ein Herz zu faſſen und zu ſprechen, aber ſtets war es bei dem guten Vorſatze geblieben und er nach einer ſehr hoͤf⸗ lichen Verbeugung an der Hausthuͤre des alten Berthoud, ohne etwas zu ſagen, geſchieden, um voll Verdruß uͤber ſeine verwuͤnſchte Zag⸗ haftigkeit, zuruͤckzukehren. Endlich, nicht laͤnger vermoͤgend dieſen Zuſtand zu ertragen und doch ſich nicht entſchließen koͤnnend das Wagſtuͤck zu unternehmen, bat er ſeine Mutter ihm zum Dollmetſcher ſeiner Gefuͤhle zu dienen, was denn die brave Frau mit dem beſten Erfolge noch denſelben Abend that. O, wie gluͤcklich war Georg jetzt! Die Schoͤne hatte geaͤußert, daß er ihr nicht gleichguͤltig ſey und auf Frau Dercys Anhalten, die Erlaubniß gegeben mit ihrem Vater zu ſprechen. Der Gluͤckliche ver⸗ N 92 lor keinen Augenblick; ſchon am folgenden Tage hatte er die ungeheure Fuͤhnheit, Hrn. Berthoud um die Hand ſeiner Tochter zu bitten⸗ Der joviale Acciseinnehmer nahm dies Ge⸗ ſuch ſehr gunſtig auf, erklarte aber zugleich mit ſeiner gewoͤhnlichen guten Laune 4 daß er der Tochter nicht einen Pfennig mitgeben koͤnne. „Wer ſpricht von Geld?“ rief Georg frohlich aus;„iſt Eliſe nicht ein Schatz?“—„Ach, in dieſem Falle,“ erwiederte der Alte,„da zaſſen Sie uns weiter reden.“ Georg entwik⸗ kelte ohne Ruͤckhalt ſeine Lage; in dieſem Au⸗ genblick reichten ſeine kleinen Einkuͤnfte ziemlich knapp zu; allein in der Folge hoffte er daß ſie ſich vermehren wuͤrden wenn er einmal ſein Guͤthchen erſt ſelbſt bewirthſchaftete; bis dahin war es ſeine Abſicht, ſich wo moͤglich irgend eine kleine Anſtellung zu verſchaffen, deren Er⸗ trag verbunden mit ſeinen bisherigen Einkünf⸗ ten, dann, wie er meinte, wohl hinreichen wuͤrde, ihn ohne Prunk, doch anſtändig mit ſeiner Familie zu ernähren.„Vortrefflich! vor⸗ trefflich!“ rief Vater Berthoud;„liebt Euch und heirathet Euch in Gottes Ramen, meine 93 — ginder.“— Man kam nun uͤberein, ſogleich die nothigen Schritte zu thun und dann alsbald den frohen Tag zu beſtimmen. Georg ſchwamm in einem Meere von Entzuͤcken; er ſollte das Maͤdchen das er liebte, für immer ſein nennen! einen braven und liebenswuͤrdigen alten Mann zum Schwiegervater bekommen! bedurfte er noch mehr zu ſeinem Gluͤcke? „Aber hat denn der Menſch ganz den Kopf verloren?“ riefen die Verwandten, als ſie dieſe unerwartete Rachricht empfingen.„Wie kann man nur ſo dumm ſeyn und ſich in ein Mäd⸗ chen verlieben, die nicht einen Pfennig hat?“ —„Und die eine liſtige Coquette iſt,“ ſetzte die Modehaͤndlerin hinzu.„O wenn ich ſpre⸗ chen wollte,“ fuhr ſie fort,„ich konnte man⸗ cherlei erzahlen was man mir von ihrem Be⸗ tragen in Orleans geſagt hat, aber.— O! erzählen Sie doch, ich bitte Sie,“ fiel Ma⸗ dame St. Firmin ſchnell ein.„Nun,“ fuhr die Coufine la Moriniére fort,„zuerſt ſcheint es, daß der Vater von je an ein armer Teufel und ein Taugenichts geweſen iſt.“—„Kein Zweifel daruͤber,“ ſprach der Advokat;„er . war ein Libertin, ein Spieler, ein Trinker, der ſeine arme Frau in's Grab kerkerte; ich weiß das aus guter Quelle.“—„Laſſen wir ihn,“ unterbrach Madame St. Firmin ungeduldig, „und ſprechen wir lieber von der Tochter.“— „Was die betrifft, ſo kann ich zwar nichts be⸗ ſchwoͤren, indeß, man hat mir verſichert, daß ſie in Orleans eine Liebesgeſchichte hatte. —„Eine Liebesgeſchichte!“—„Ja, mit einem Officier der Garniſon. Die Sache hat viel Aufſehn gemacht und ſoll eigentlich die Veran⸗ laſſung geweſen ſehn, daß der Alte, um oͤffent⸗ lichen Skandal zu vermeiden, die Gicht vorſchuͤzte und um eine Verſetzung bat. Manche behaup⸗ ten ſogar das Loͤchterchen habe ſich dieſerhalb perſoͤnlich, Sie verſtehen mich, perſoͤn⸗ lich bei dem Oberdirector des Departements verwenden muͤſſen.“—„Alle Wetter! O ich verſtehe,“ rief der Doctor;„doch fahren Sie fort, liebe Couſine.“—„Was ſoll ich noch ſagen? Wiſſen wir es denn nicht alle, daß ſie ſelbſt hier in unſerer Stadt mit dem Hrn. Friedrich, den jungen huͤbſchen Factor aus der Fabrik dort im alten Kapuzinerkloſter, eine Be⸗ 95 kannſchaft anknuͤpfte. Der junge Menſch iſt ſeit ein Paar Tagen fort und wie es heißt, ſoll die Sache ſehr weit hinein boͤſe geweſen ſeyn.“—„Ach! ach! alſo auch mit den? Das war ein lockerer Zeiſig.“—„Wie iſt mir denn, Vetter Duͤpre, war es nicht auf Eurer Hochzeit, daß ſich der Gimpel in dem Netze der Sirene fing?“—„Ja, eine rechte Sirene iſt ſie. Wie wußte ſie gegen Georg die Unſchuldige zu ſpielen, waͤhrend ſie immer mit Friedrich nebenbei kokettirte.“—„Der Tropf fuͤhrte ſie nachher zu Hauſe und wie ich ſpaäter hoͤrte, iſt Friedrich noch hintennach geſchlichen und hat nachher, als unſer vortreff⸗ licher Vetter fort war, wohl noch eine Viertel⸗ ſtunde im Dunkeln, bedenken Sie, im Dun⸗ keln mit der lieben Mamſell an der Haus⸗ thuͤre ſich unterhalten. Sie waren ſo vertieft mit einander, daß ſie nicht einmal die Stock⸗ laterne der alten Madame Armincourt wahr⸗ nahmen.“—„Nun, das finde ich gerade nicht auffallend, denn die iſt ſo blind und ſo ſchlecht erleuchtet, daß man ſie wohl uͤberſehen kann.“—„Ja die Alte iſt ein Muſter von „ 96 Geiz.“—„Laſſen wir die widerliche Perſon; wie gings denn weiter mit den Beiden?“— „Nun ſie ſahen ſich ſeitdem noch mehrmals und Hr. Friedrich iſt von der zuͤchtigen Schoͤ⸗ nen nicht eher verabſchiedet worden, als bis unſer Gimpel ſich ganz gefangen hatte.“— „Ei! ei!“ meinte jetzt der Doctor,„wenn die Sache ſo ſteht, dann ſind wir es ja wohl der Ehre der Familie ſchuldig meinen lieben Vet⸗ ter vor dem dummen Streiche zu warnen, den er wieder einmal begehen will. Was ſagen die Herrſchaften dazu?“—„Dies iſt auch mein Rath,“ entgegnete Madame St. Firmin. „Meiner nicht,“ fiel la Moriniére ein; „man laſſe den Thoren machen was er will; begeht er einen dummen Streich, was kuͤm⸗ merts uns? Ich waſche meine Hände in Un⸗ ſchuld und lache daruͤber.“—„Thut was Ihr wollt,“ ſprach der Advocat;„ich menge mich in nichts. Als Wirth vom Hauſe werde ich je⸗ doch Hrn. Berthoud die Miethe aufſagen, denn wenn ich dieſe Menſchen ferner dulden wollte, ſo konnte man leicht auf den Gedanken kommen, daß ich dieſe läͤcherliche Liebe billige.“ ———— — 97 Man kann leicht denken, daß Georgs Ver⸗ wandten nicht die einzigen waven, die ſich auf dieſe Art ausſprachen. Noch denſelben Abend machte Madame St. Firmin ſehr viele Beſuche und uͤberall hoͤrte ſie, daß man ſich auf Koſten ihres Reveus ſehr luſtig machte, uͤberall be⸗ ſtaͤtigte man ihr das, was ſie am Morgen uͤber Eliſe gehoͤrt hatte. Sie ſäumte daher nicht noch denſelben Abend eine lange Conferenz mit ihrem Gemahle zu halten, in Folge welcher derſelbe am andern Morgen ehe er noch ſeine Kranken beſuchte, ſich zu Georg begab. Dieſer wollte eben zu dem Vater der ſchoͤ⸗ nen Eliſa gehen und der unerwartete Beſuch ſchien ihm fuͤr den Augenblick keinesweges an⸗ genehm zu ſeyn; wie verdruͤßlich wurde er aber erſt als der Doctor, in ſeiner Eigenſchaft als Onkel und ehemaliger Vormund, ihm die ſtaͤrkſten Vorſtellungen uͤber das Thoͤrichte der Heirath machte, die er im Begriff ſtand zu ſchließen und ihm nebenbei alles das mittheilte, was er und ſeine Gattin bon der tugendhaften Eliſe und deren reſpectablen Vater gehoͤrt hat⸗ 6 Sehr ernſthaft bat Hr. St. Fiemin ſchluß⸗ 98 lich dann ſeinen Neveu, ſich nicht mit ſolchen Menſchen einzulaſſen und verfehlte dabei zugleich nicht ihn auch noch darauf aufmerkſam zu ma⸗ chen, daß der Erſte Beſte ihm alles das beſtä⸗ tigen koͤnne, was er ſo eben uͤber das Maͤd⸗ chen geaͤußert habe. Es laͤßt ſich erachten, daß jedes Wort des Doectors ein Meſſerſtich fuͤr den armen Georg war. Wie haͤtte er das, was ihm ſein Onkel ſo ernſthaft verſicherte, nicht glauben ſollen? Ohne ſeiner Mutter ein Wort zu ſagen ent⸗ ſchloß er ſich auf der Stelle zu Eliſe zu gehen und ihr ihre Falſchheit, ihre Heuchelei und ihre Treuloſigkeit vorzuhalten. Stuͤrmiſch trat er in das Haus und ver⸗ langte allein mit Eliſe zu ſprechen, und nun ohne Ruͤckhalt ſein Herz ausſchuͤttend, erhizte er ſich mit jedem Worte immer mehr und er— klärte zuletzt, daß es mit ihnen aus ſey, rein aus, und daß er nie wieder etwas von einer Falſchen, wie ſie, wiſſen wolle. Jetzt will er fort, aber jetzt haͤlt ihn das bis daher ver⸗ ſtummte Madchen zuruͤck; weinend ſturzt ſie ihm zu Fuͤßen, ſie reißt ſich die Haare aus⸗ 99 — ſie ringt die Huͤnde, ſie ſchwoͤrt ihm daß ſie unſchuldig, daß ihr Vater der rechtſchaffenſte Mann unter der Sonne iſt. Noch hat nie ein Mann ihr Herz geruͤhrt, ſtets war ihr Be⸗ nehmen rein und tadellos; nur einen Fehler hat ſie ſich vorzuwerfen, einen, den kindliche Liebe verſchuldete, ach! und fuͤr den ſie jetzt ſo furchterlich buͤßen ſoll! Sie geſteht ein, daß ſie dem Oberdirector in Orleans mehrmals ihre Aufwartung gemacht hat, aber nur das Wohl ihres Vaters hat ſie zu dieſem Schritte bewegen koͤnnen, und daß ſie ohne Schuld da⸗ bei iſt, bedarf dies noch einer Verſicherung? „Beging ich denn,“ rief ſie aus,„ein Ver⸗ brechen, indem ich wie eine gute Tochter han⸗ delte? That ich nicht was die Pflicht gebot? Nur die abſcheulichſte Verlaͤumdung vermag hieraus Gift zu ſaugen; nur die verworfenſte Richtswuͤrdigkeit zugleich mit meiner Unſchuld, die Ehre eines rechtſchaffenen Mannes zu be⸗ ſchmitzen. Und was den Officier von der Gar⸗ niſon anbetrifft und den Factor aus der Fabrik, ſo ſind dies Lugen und nichts wie Luͤgen. Brin⸗ gen Sie mir die Richtswuͤrdigen, welche mich 100 ſo ſchaͤndlich verlaͤumden; ſtellen Sie ſie mir unter die Augen und Sie werden dann ſehen wie ſie verſtummen. O mein Himmel!“ fuhr ſie ſchluchzend fort,„wie iſt es nur möglich, daß Sie ſolche Dinge glauben konnten! Sie, der ſie mich zu lieben behaupten, ach! der Sie mich nie geliebt haben! Doch genug, gehen Sie mein Herr; von einem gerechten Unwillen durchdrungen will ich Ihr Bild aus meinem Herzen reißen; die Ungluckliche wird wiſſen ihr Schickſal mit Wuͤrde zu ertragen.... Doch was rede ich?... Werde ich es vermoͤgen?.... Grauſamer, gehoͤrt Dir nicht mein Leben und meine Liebe?“ Die Dame war bei dieſen Worten wie er⸗ ſchopft zuruͤckgeſunken und Georg ſtand in der peinlichſten Verlegenheit da. Zweifel und Liebe kampften wechſelnd in ſeiner Bruſt, er wußte lange nicht, was er thun ſollte; aber ihre Thraͤnen machten ſie ſo ſchon, ihre Blicke waren ſo flehend; er vermochte nicht langer zu wider⸗ ſtehen.„Eliſe!“ rief er,„Nein! es iſt nicht moͤglich, daß Sie mich hintergehen koͤnnen... Es waͤre abſcheulich! fuͤrchterlich! Rein! ich will es nicht glauben: Moͤgen die Menſchen reden was ſie wollen, ich will nichts glauben, nichts wiſſen, nichts hoͤren wie meine Reigung... Blind will ich mich Ihnen vertrauen. Es iſt unmoͤglich, daß die Luͤge ſich ſo verſtecken kann.“ Bedarf es noch der Erwaͤhnung, daß die Schoͤne von neuem ihre Unſchuld verſicherte, daß ſie nicht ſparſam mit den Betheuerungen ihrer Zaͤrtlichkeit und ihrer Treue fur die Zukunft war? Verliebter wie je verließ Georg das Haus. Jetzt eroͤffnete er auch der Mutter, was vorgegangen war und die gute Frau Derch ermangelte nicht, ſich eben ſo nachſichtsvoll wie ihr Sohn, eben ſo glaͤubig wie dieſer zu zeigen. Georg fuhr demnach mit ſeinen Beſuchen bei Va⸗ ter Berthoud fort und obſchon er wußte, daß ſeine Verwandten ſehr ungehalten daruͤber wa⸗ ren, obſchon er wußte, daß die ganze Stadt ihre Bemerkungen machte, ſo kuͤmmerte er ſich doch nicht darum und ſezte allen, mitunter ziem⸗ lich derben Witzeleien, eine unerſchuͤtterliche Ruhe entgegen. Eliſe hatte ihre ganze Herrſchaft wieder uͤber ihn gewonnen; er war jetzt gleich⸗ ſam ihr Sclave. Hrn. Berthoud, ein Herr Boudet de St. Albe, der fruͤher mit dem erſteren zuſammen beim Verpflegungsweſen der Armee angeſtellt war, nach dem Ort und hielt ſich daſelbſt mehrere Tage auf. Er wohnte zwar nicht bei Ber⸗ thoud, hatte aber mit demſelben viele und lange Zuſammenkuͤnfte, was denn natuͤrlich den guten Kraͤhwinklern vielen Stoff zu Vermu⸗ thungen und Schluͤſſen gab. Georg beachtete den Fremden nicht ſehr; wenn er ihn bei Ber⸗ thoud fand, erwies er ihm die gewoͤhnliche Ar⸗ tigkeit, ließ ſich jedoch nie in ein beſonderes Geſpraͤch mit ihm ein. Ein Paar Mal indeß bemerkte er doch, daß ſich der Mann ziemlich anſtoßige Spottereien uber die Thoren erlaubte, die ſo dumm waͤren, arm und ehrlich bleiben zu wollen, und daß Hr. Berthoud dieſe Ein⸗ fälle ſeines alten Kameraden ſehr luſtig fand. Dies uͤberraſchte und betrubte Georg, doch wagte er es nicht ſein Mißfallen daruͤber der Geliebten zu erkennen zu geben, und dann glaubte er auch die Sache mehr dem Fremden wie ſeinem zukuͤnftigen Schwiegervater anrech⸗ Nicht lange ſo kam ein alter Freund des 103 nen zu muͤſſen, gutmuͤthig meinend, der letztere billige nur aus Hoͤflichkeit Grundſätze, die ihm gewiß fremd waͤren. Ganz anders dachten unterdeſſen die beiden alten Knaben; verleitet durch ihr perſoͤnliches Intereſſe glaubten ſie, er billige ihre Anſichten weil er ſchwieg, und aus eigner Erfahrung wiſſend, daß die ſchoͤnen Worte von Rechtſchaffenheit, Tugend und Groß⸗ muth bei vielen Menſchen nichts als ein Aus⸗ haͤngeſchild ſind, und daß der Eigennutz die Gottheit iſt, welche die Welt regiert, hielten ſie es jetzt immer weniger fuͤr nothig, ſich zu verſtellen. Auf der andern Seite glaubte ſich aber Eliſe ſo gewiß im Beſitz ihrer Herrſchaft, daß auch ſie nun anfing ſich weniger Zwang anzu⸗ thun, und einſt dem Vater geradezu geſtand: ſie ſey uͤberzeugt, daß Georg ihr nichts abzu⸗ ſchlagen vermoͤge und daß er ſich fuͤr ſie von einem Felſen ſtuͤrzen wuͤrde. Bedurfte es noch* mehr, um die beiden Ehrenmaͤnner zu uͤberre⸗ den, die Zeit ſey da die Maske fallen zu laſſen? Eines Morgens hatten ſich Boudet und Berthoud mit einander eingeſchloſſen und Georg befand ſich bei der Geliebten. Rie war ſie 104 zuvorkommender, nie zaͤrtlicher, nie guͤtiger ge⸗ weſen wie heut; nie war der junge Mann ent⸗ zuckter und beſeligter. Wohl zwanzig Mal hatte er bereits Abſchied von ihr genommen und im⸗ mer kehrte er zuruͤck, um ihr von neuem zu ſagen, wie ſehr er ſie liebe; jetzt wollte er aber endlich gehen.„Ach!“ rief ſie, ſeine Hand er⸗ faſſend,„noch ein Wort; bald haͤtte ich es ver⸗ geſſen. Mein Vater hat mich gebeten Sie um eine Gefaͤlligkeit zu erſuchen. Es iſt eine Klei⸗ nigkeit..... In meinen Augen wenigſtens. Was fragen wir auch nach etwas mehr oder weni⸗ ger Geld im Leben; indeß, da Ihre lieben Ver⸗ wandten ſich daruͤber beklagen, daß ich Ihnen keine Ausſteuer mitbringe, ſo koͤnnen Sie jetzt dieſem Uebelſtande abhelfen. Es haͤngt nur von Ihnen ab mir eine ziemlich anſehnliche Mitgift zu ſichern.“ Sie langte mit dieſen Worten ein Papier aus ihrem Naͤhtiſche her⸗ vor und unter den liebevollſten und heiterſten Geſpraͤchen erklarte ſie ihm nun wovon es ſich eigentlich handle. Der alte Freund ihres Vaters, Hr. Bou⸗ de St. Albe, hatte ſich naͤmlich durch ſeine 105 Verbindungen die Ausſicht verſchafft, von der Regierung ſehr betraͤchtliche Schadloshaltungen zu bekommen, wenn er im Stande war durch Documente zu erweiſen, daß eines ſeiner ehe⸗ maligen Magazine bei der Armee, durch den Feind verbrannt worden ſey. Mehrere derglei⸗ chen Beweiſe hatten die wuͤrdigen Freunde bereits auf Wegen, die man ſich denken kann, herbeigeſchafft; jetzt handelte es ſich nur noch darum, das Ganze durch die Unterſchrift einiger Augenzeugen, gleichviel, mochten es Militairs oder nicht ſeyn, zu bekräftigen. Eliſe legte hiermit ihrem Freunde ein Protokoll vor, in welchem die angebliche Feuersbrunſt ſehr um⸗ ſtaͤndlich auseinandergeſetzt war und das bereits die Unterſchrift von einigen ihm unbekannten Perſonen, hatte. Rur noch Zweie durften ihre Namen hinſetzen und ohne Zweifel war dann die Sache gemacht. Dieſe Zweie zu erhalten hatte Hr. Boudet jetzt die Reiſe hieher zu ſei⸗ nem Freunde Berthoud unternommen, der ſie ihm, wie er hoffte, verſchaffen ſollte; allein dieſer war noch zu unbekannt im Orte, als daß er es haͤtte wagen koͤnnen, ſich in einer ſo 106 bedenklichen Angelegenheit an Jemand zu wenden. Bald ſiel ihm jedoch ein, daß er in Orleans einen Freund hatte der gewiß, wie er meinte, klug ge⸗ nug ſeyn wuͤrde gegen eine billige Vergůtigung zu beſcheinigen, was er nie geſehen; aber der An⸗ dere? wo den hernehmen!? Eliſe wußte Rath; konnte ſie es ahnen, daß ihr Sclave ſeine Einwilligung verweigern wuͤrde? Dies war die Kleinigkeit, die leichte Gefaͤlligkeit, welche ſie jetzt von ihm begehrte. Er ſollte ja nichts weiter thun als ſagen, er habe das Magazin brennen ſehen. „Uebrigens,“ fuͤgte ſie noch dieſer Ausein⸗ anderſetzung hinzu,„iſt nichts gewiſſer als daß es wirklich gebrannt hat. Ich weiß dies von meinem Vater und Du darfſt daher nicht befurch⸗ ten eine Unwahrheit zu beſtätigen. Freilich warſt Du nicht dabei, indeß was thut das? Ich hoffe, Du wirſt keinen Zweifel darin ſetzen, denn ich verſichere es Dir ja und überdem ſichſt Du auch bereits die Unterſchriften der Andern, welche es bezeugen.“ Sie verdoppelte bei dieſen Worten ihre zärtlichen Blicke, ihre liebevolle Zuvorkom⸗ menheit und anterließ zugleich auch nicht ihm bemerklich zu machen, daß er durchaus nicht fuͤrchten duͤrfe, ſich dieſerhalb auf irgend eine Art in Verlegenheit zu ſetzen. Er war ja meh⸗ rere Jahre aus ſeiner Heimath entfernt geweſen und es konnte ſehr fuͤglich angenommen werden, daß er ſich zu der Zeit, als das ungluck geſche⸗ hen ſeyn ſollte, in jener Gegend aufhielt.„. Dann geſchah ihrem Vater und ihr ſelbſt ein Dienſt damit..... es trug ſoviel zu ihrer Zu⸗ friedenheit bei wenn ſie ihrem geliebten Georg ein kleines Vermoͤgen zur Erleichterung ſeiner Sorgen zubringen konnte. kurz, die ganze Auseinanderſetzung endete damit, ihn nochmals unter den zaͤrtlichſten Liebesverſicherungen zu bitten, ihr die Kleinigkeit nicht abzuſchlagen. Mit einem Gefuͤhle, das ſich nicht beſchreiben laͤßt, hatte Georg das Ganze angehoͤrt. Je weiter ſie ſprach, je tiefer, je groͤßer war der Schmerz welcher ſeine Bruſt erfuͤllte; er wich end⸗ lich einer Empfindung der innigſten Verachtung, die er umſonſt in ſeinem Geſichte zu verbergen ſuchte. ungewiß indeß noch, und noch immer ſich nicht von der Wahrheit deſſen, was er ge⸗ hoͤrt hatte, uͤberzeugen koͤnnend, erwiederte er: 108 „Ohne Zweifel irre ich mich, oder vielmehr, ich will die Hoffnung, daß Sie das, was Sie mir eben ſagten, ſelbſt nicht verſtanden haben, nicht fahren laſſen.“—„Wie?“ rief die Schoͤne mit einem leichten Anfluge von Verdruß aus: „Sie glauben, ich wuͤßte nicht was ich ſagte? und warum wollten Sie denn anſtehen uns den kleinen Gefallen zu erzeigen? uns, die wir Sie ſo lieb haben und ſo gern bereit ſind alles fuͤr Sie zu thun?. Lieber Georg, bedenke doch nur, daß Du mir und meinem Vater dadurch nuͤtzlich wirſt und keinem Menſchen, außer viel⸗ leicht der Regierung, einen Schaden zufuͤgſt: die ehrlichſten Leute erlauben ſich wohl zuwei⸗ len ſolche kleine Liſten und mein Vater ſagt immer, es thue nichts und ſey nur eine gerechte Wiedervergeltung, denn die Regierung ſchroͤpfe uns ja genug. Darum, mein theurer Freund, wenn Du mich wirklich liebſt, wenn es wirklich wahr iſt was Du mir ſo oft verſicherteſt, daß ich einige Herrſchaft uͤber Dich habe, ſo..... Sie hatte ſeine Hand erfaßt und ſah ihn mit bittenden Blicken an. Lebhaft riß ſich Georg los und mit einem Tone, der genugſam die Be⸗ 109 wegung ſeines Innern verrieth, rief er:„Nie habe ich bisher den Einfluͤſterungen Glauben bei⸗ meſſen wollen, welche man mir in Betreff Ihrer machte; ich liebte Sie und wollte nichts hoͤren. Selbſt indem ich annahm, daß manches, was man mir ſagte, wahr ſeyn koͤnne, war es mein Vorſatz, nicht daran zu denken und es zu verge⸗ ben; jetzt aber, jetzt! da Sie mir zumuthen, eine Luͤge zu begehen; jetzt, da Sie mir eine Nichtswuͤrdigkeit vorſchlagen koͤnnen, jetzt Ma⸗ demoiſelle erliſcht meine Liebe auf ewig. Leben Sie wohl.“ Er ging. Eliſe blieb beſtuͤrzt und ſprachlos ſtehen, doch gab ſie die Hoffnung noch nicht auf, ihren Scla⸗ ven von neuem erobern zu können. Zwar wagte ſie es nicht zu ſeiner Mutter zu gehen, denn wiſ⸗ ſend, daß er dieſer nichts verſchwieg, fuͤrchtete ſie, er mochte ſie von Allem unterrichtet haben; allein ſie ſchrieb an ihn und an die Mutter und obſchon wir nie mit Gewißheit haben erfahren koͤnnen, was in dieſen Brieſen ſtand, ſo konnen wir doch verſichern, daß ſie auch nur die geringſte Wirkung hervorbrachten, denn mit Schmerz mußte ſie ſehen, wie ſie dieſelben zu lieben e Sabt⸗ n 1¹0 alle unentſiegelt unter Couvert zuruͤckbekam. Georg theilte uͤbrigens das Ereigniß nur ſeiner Mutter mit, indem er ihr das tiefſte Stillſchwei⸗ gen daruͤber anempfahl; die Herren Boudet und Berthoud anlangend, ſo wurden dieſelben aber durch ſein Benehmen nicht wenig aufgebracht. Die Ehrenmaͤnner fanden naͤmlich, daß er ein rechter arger Tropf ſey und daß eine Einfalt wie die ſeinige dazu gehoͤre, um ſich uͤber Vor⸗ ſchlaͤge zu erzuͤrnen, die ihnen durchaus nicht an⸗ ſtöig erſchien, und ſich dadurch die Ausſtattung eines Maͤdchens zu verſcherzen, das er Voudet reiſete bald darauf unverrichte⸗ ter Sache nach Paris; der treffliche Vater Ber⸗ thoud wurde aber nach wenigen Monaten auf's neue verſetzt und verließ mit deint Tochter die ———— — —————————— Siebentes Kapitel. Georg auf dem Buͤreau der unter— praͤfectur. Bei dem Eintritt des Fruͤhlings kehrte Georg mit ſeiner Mutter und der alten Margarethe auf ſein Dorf zuruͤck. Dieſer mehrmalige Orts⸗ wechſel, verbunden mit den Ausgaben, welche ihm der Aufenthalt in der Stadt und die Sorge ſeiner Mutter das Leben ſo angenehm wie moͤg⸗ lich zu machen, verurſachten, hatte ihn in manche, ſeine Kraͤfte uͤberſteigende, Ausgaben verwickelt und er begann daher jetzt ernſthaft darauf zu denken, ſich irgend eine kleine Anſtellung zu er⸗ ringen, um dadurch ſeine geringen Einkuͤnfte zu verbeſſern. In dieſer Abſicht kam er eines Mor⸗ gens in die Stadt. Seine erſte Idee war, ſich durch ſeinen Vetter la Moriniére empfehlen zu laſſen; bald uberlegte er es ſich jedoch anders und glaubte beſſer zu thun, wenn er ſich gerade⸗ zu an den Unterpraͤfeeten wendete, dem er, wie er wußte, nicht unvortheilhaft bekannt war. Hatte ihn nicht dieſer Herr ſowohl muͤndlich als ſchriftlich, die ehrenvollſten Complimente ge⸗ macht, als er das Jahr vorher ſo glucklich war durch ſeinen Muth eine Familie zu retten? Dieſer Unterpraͤfect war in der That eine gute Seele und wenn man ihn ſelbſt hoͤrte, ein wahres Genie im Verwaltungsfache obendrein; leider hielt er es jedoch jetzt nicht mehr fuͤr no⸗ thig, Proben davon abzulegen und ſo wurden denn die Geſchaͤfte ſeines Amtes von ſeinen Schreibern, und vorzuͤglich von ſeiner Frau Gemahlin, geleitet. Seit den zehn Jahren die er verheirathet war, hatte der gute Mann keinen andern Willen mehr gehabt als den ſeiner Frau, die noch ziemlich jung, ziemlich friſch und ziemlich kokett war, und jetzt die Geſchaͤfte und ihre Haushaltung mit gleicher Gewandtheit fuͤhrte. Wirklich hatte auch der Herr Praͤfect nichts weiter zu thun, als ſeine Unterſchrift zu geben, eine Sache, die er alle WMorgen mit großer Genauigkeit an allem vollzog, was ihm ſeine Gebieterin oder ſein erſter Com⸗ mis vorlegten. Den Ueberreſt des Tages wandte er dann zu ſeinem Vergnuͤgen an, indem er ſeine Stunden theils bei Tiſche, theils bei den Karten oder auf dem Billard zubrachte, mitunter ſich aber auch, wie einige boͤſe Zungen behaupten woll⸗ ten, mit den huͤbſchen Buͤrger- und Bauermaͤd⸗ chens unterhielt, die ihm Bittſchriften von ihren Vaͤtern zu uͤberbringen hatten. Uebrigens ſprach ihm die ganze Stadt ein wahrhaft großes Ta⸗ lent in einer Sache zu, naͤmlich im Billardſpiel, und man will ſogar behaupten, daß er naͤchſt der Verwendung ſeiner thaͤtigen Gattin, ſeine Ernennung zum Unterpraͤfecten der Feinheit zu verdanken gehabt habe, mit welcher er einſt einen Miniſter in dieſem edlen Spiele eine Par⸗ thie habe gewinnen laſſen, waͤhrend er demſel— ben recht fuͤglich vielleicht ein Dutzend 8. nts haͤtte vorgeben koͤnnen. In dem Augenblick als ſich Georg dieſem Herrn jezt vorſtellte, ſpielte derſelbe eben wieder einmal mit einem ſeiner Leute der, nicht min⸗ der fein wie ſein Herr gegen den Miniſter, gern die Parthie an ihn verlor, was denn na⸗ tuͤrlich den Unterpraͤfect in eine ſehr gute Laune verſezte, der uͤbrigens viele Achtung fuͤr Georg hegte, obſchon er ihn, wie alle Welt, fuͤr etwas einfältig hielt. Er ließ demnach den Ankom⸗ H menden ſogleich hereintreten und als Georg hierauf ſeinen Wunſch zu erkennen gegeben hatte, ſprach er, immer dabei ſeine Parthie fortſetzend: „Schoͤn, ſehr ſchoͤn, mein lieber Herr Dercy; es wird mich unendlich freuen Sie unter uns zu ſehen. D, Gewiß, wir muͤſſen Sie anſtel⸗ len.“ Dann, ganz entzuͤckt ſo eben eine Ca⸗ rambolage gemacht zu haben, fuhr er fort: „Haben Sie meine Frau ſchon geſprochen?“ —„Rein,“ entgegnete Georg.—„Ah, Sie muͤſſen zu ihr; ich habe ihr ein fuͤr allemal dieſe kleinen Details uͤbergeben; verlieren Sie daher keine Zeit, denn wenn ich mich recht beſinne, ſo iſt es mir, als hätte ich davon ge⸗ hort, daß wir gerade eine Stelle auf haben... Sprechen Sie mit meiner Frau; hier mein Wort, ich werde mich fur Sie bei ihr verwenden.“ Georg that wie ihm geheißen ward und wurde von Madame noch zuvorkommender em⸗ pfangen als von dem Herrn. Unſer Georg war in der That ein ſehr huͤbſcher junger Mann, eben ſo friſch und kraͤftig als buͤhend. Die Frau des Unterpräfecten hatte von ſeiner Leidenſchaft fur Eliſe gehoͤrt.. ein junger, tief⸗ ————————— fuͤhlender Mann! iſt dies nicht immer ein Ge⸗ genſtand des Intereſſes fuͤr empfindſame Seelen? — Madame ſtand nicht an, dem einſtigen Liebha⸗ ber der ſchoͤnen Eliſe ihre Protection zuzuſichern; ja, ſie that noch mehr; ſie ſetzte mit einem ſehr wohlwollenden Blicke hinzu,„daß es ihr ein wahres Vergnuͤgen machen wuͤrde einen ſo braben, liebenswuͤrdigen und muthigen jungen Mann wie ihn, unter den Angeſtellten auf dem Buͤreau ihres Gemahles zu ſehen.“ Zwei Tage darauf hatte Georg ſeinen Beſtallungsbrief in der Hand. Trotz ſeinem Geſchmack fuͤr das Landleben mußte er nun ſein Dorf wieder mit der Stadt vertauſchen; dies betruͤbte ihn jedoch nicht, denn er ſah ſich nun in den Stand geſetzt ſeiner gu⸗ ten Mutter noch mehr Bequemlichkeiten ver⸗ ſchaffen zu koͤnnen da er, außer den Einkuͤnften von ſeinem Guͤthchen, einen Gehalt von zwolf⸗ hundert Franken bezog. Uebrigens arbeitete er jezt mit ſeinem Vetter la Moriniére zuſammen und beider Geſchaͤfte beſtanden hauptſaͤchlich darin, die Liſten und Ausſchreibungen in Betreff H 2 1¹⁵ der Conſeription zu machen, und die Paͤſſe fuͤr die Reiſenden auszuſtellen und zu unterſuchen. Gewiß, dieſe Arbeiten waren nicht beſchwer⸗ lich; ach! aber wie ſchmerzlich wurde Georgs Herz ergriffen als jene immer wiederkehrende Periode kam, in welcher mehr wie drei Vier⸗ theile der jungen Mannſchaft unter die Waffen gerufen wurden, und nun weinende Muͤtter ſich nahten, um ihre Sohne wo moͤglich dem ſchreck⸗ lichen Geſetze zu entziehen; als er jenen Haufen junger Leute ſah, von denen ſo viele durchaus keine Reigung zum Kriege hatten, von denen mancher gezwungen wurde einen kaum erſt er⸗ waͤhlten Stand wieder zu verlaſſen; von denen Andere, trotz ihrer ſchwoͤchlichen Leibesbeſchaffen⸗ heit, dennoch genothigt wurden in's Feld zu zie⸗ hen! Fur die Angeſtellten auf der Unterpraͤfectur mangelte es hierbei nicht an ziemlich gefahrloſen Nitteln, bald dieſen bald jenen vom Geſetze zu befreien und Georg glaubte zu bemerken, daß ſein Vetter la Moriniére dieſe Mittel haͤufig ge⸗ nug anwendete. Anfaͤnglich ſchrieb er dies Ver⸗ fahren dem guten Herzen ſeines Vetters zu, bald ſiel es ihm jedoch etwas auf, daß alle die Con⸗ —— 117 ſeribirten, welchen la Moriniére durchhalf, die Sohne wohlhabender Eltern waren. Was ihn betraf, ſo ließ er ſich, trotz dem Schmerze dem es ihm machte, einen Sohn ſeiner Familie nicht erhalten zu koͤnnen, durch keine Liſt, durch keine Zuvorkommenheit irre leiten, und wenn man ihm mit Feinheit ein Geſchenk oder gar Geld an⸗ bot, ſo wies er dies ſtets, zwar hoflich und ohne Haͤrte, jedoch immer mit Feſtigkeit zuruͤck. Al⸗ lerdings haͤtte er gern Manchem gedient und beſonders waͤre es ihm lieb geweſen, wenn er den Soͤhnen armer Muͤtter oder Vaͤter ihre Frei⸗ heit haͤtte erhalten koͤnnen; allein uͤberlegend, daß er dem Einen nicht helfen konnte ohne einem Andern zu ſchaden, da immer auf jeden Fall die beſtimmte Anzahl geſchafft werden mußte, ſo erfuͤllte er, wiewohl mit innerem Widerwillen, ſeine Obliegenheit und beſtrebte ſich immer nur unpartheiiſch in Ausuͤbung der⸗ ſelben zu ſeyn. Dieſe Gewiſſenhaftigkeit Georgs war jezt ein beſtaͤndiger Gegenſtand des Aergers und der Spoͤtteteien ſeines Vetters la Moriniére und deſſen Frau, die, wenn ſie die ſchoͤnen Fiſche, das fette Geflugel, das praͤchtige Wildpret und 118 den herrlichen Wein verzehrten, welche ihnen ihre Nachgiebigkeit in die Wuͤnſche wohlhabender Eltern einbrachten, nicht zu begreifen vermochten, wie man ſo dumm ſeyn und Vortheile von der Hand weiſen koͤnne, die ſo klar in die Augen ſpraͤngen; ſein Onkel, der Doetor, der in ſeiner Eigenſchaft als Arzt ſich zuweilen dazu hergab, den Soͤhnen ſeiner Kunden ein Kränk⸗ lichkeitsatteſt auszuſtellen, ermangelte aber nicht ihn als einen Hartherzigen und Sihlnſen zu verdammen. In Betreff der paſe war Georg indeß nicht immer ſo unbeugſam. Hefters geſchah es, daß er Kaufleuten, deren Reiſe-Papiere viel⸗ leicht nicht ganz ſo in der Ordnung waren wie es der Befehl heiſchte, deren Intereſſe jedoch durch eine Verzoͤgerung auf dem Wege leiden konnte; oder jungen Leuten, welche nicht ſtets die von der Regierung verlangten Sicherheiten zu ſtellen vermochten, doch aber gern ihre ent⸗ fernten Eltern oder Geliebten einmal zu ſehen wuͤnſchten, Paſſe ertheilte.„Wie!“ ic man vielleicht hier fragen,„der uneigennützige und 3 gewiſſenhafte Georg erlaubte ſich dergleichen F —.—————————————— 1¹⁰ Dinge?“ Ja, er that es. Nie vermochte er fuͤr ſich und zu ſeinem Vortheil eine Unwahr⸗ heit zu ſagen oder etwas gegen die ſtrengſten Regeln des Rechts zu thun, aber wenn es das Wohl Anderer betraf, wenn die Sache keinem Anderem ſchadete und uͤberhaupt im Grunde vor dem Richterſtuhle eines hoͤheren Rechts als des gewohnlichen, kein Unrecht war, dann freilich, dann glaubte er ſich wohl zuweilen etwas erlauben zu duͤrfen, was ſtrenge Rechts⸗ moraliſten vielleicht nicht immer fuͤr gut, min⸗ deſtens fur klug, erklart haben wuͤrden⸗ Es ging ihm hierbei wie es oft Jenen zu gehen pflegt, die ſich im Innern ihres reinen Herzens ein eignes Tribunal errichten vor welchem dann nicht ſelten eine Sache gewonnen wird, die vor den Richterſtuͤhlen wie ſie auf Erden ſind, verloren geht; und uͤbrigens konnte er ſich, trotz aller Anſtrengung, nicht zu der Ueberzeugung empor⸗ ſchwingen, daß das Wohl des Ganzen ſonder⸗ lich dadurch gefordert wird, daß man die Men⸗ ſchen zwingt nicht ohne einen geſchriebenen Steckbrief von einem Orte zum andern zu gehen.„ 120 Einige Tage nach der Entdeckung einer, Gott mag wiſſen welcher? kleinen Verſchwoͤrung in Paris, von der die Reuigkeit ſich durch die toͤnende Stimime der Zeitungen in den Depar⸗ tements verbreitet hatte, erſchien, nicht auf dem Buͤreau, ſondern in der Wohnung Georgs, ein Mann, der mit vieler Hoͤflichkeit und einer ſichtbaren Schuͤchternheit zu ihm ſagte:„Mein Herr, ich habe in dem Gaſthauſe, in welchem ich abgeſtiegen bin, Ihre Gefalligkeit ſehr ruͤh⸗ men horen. Ich bin in dieſem Augenblicke in einiger Verlegenheit; konnten Sie mir wohl dieſen Paß hier viſiren?“— Georg warf einen Blick auf das Papier und ſah, daß es nicht ganz in der Ordnung war; er bemerkte dies dem Fremden und dieſer wurde nun un⸗ ruhig, erblaßte und begann zu zittern. Georg trug in ſeinem Geſichte den Stempel der Ehr⸗ lichkeit und Guͤte; ermuthigt hierdurch und durch das L elches er von ihm im Gaſt⸗ hofe gehoͤrt hatte, glaubte der Rei ſich ihm entdecken zu koͤnnen und beging nun, die allerdings große Unvorſichtigkeit, auf das ſo oft taͤuſchende Zeichen einer guten Phyſignomie, 4 ſein Geheimniß einem Menſchen zu enthuͤllen, den er zum erſtenmale ſah. Der Mann war ein Schriftſteller, den man ſeiner politiſchen Mei⸗ nung wegen in Paris eingekerkert hatte, und der jetzt dem Gefaͤngniße entwiſcht war. Er gab von allem dieſen Georg die unzweideutig⸗ ſten Beweiſe, Beweiſe, die er keinem andern wuͤrde gewagt haben vorzuzeigen, und entdeckte ihm dann zugleich, daß neue Verhaftsbefehle gegen ihn ausgefertigt worden waͤren, daß er aber auf dem weiten Wege, welchen er noch zuruckzulegen hatte ehe er ſich fur gerettet halten konnte, nicht fuͤrchte angehalten zu werden, wenn es ihm gelaͤnge ein Viſa auf ſeinen Paß zu erhalten. Georg fuͤhlte ſich bei der Erzah⸗ lung der Schickſale dieſes Mannes geruͤhrt; er glaubte, daß ein Menſch, den man willkuͤhr⸗ lich und ohne Richterſpruch feſtgeſezt hatte, ſchwerlich ſchuldig ſeyn koͤnne, weil man ſonſt nicht noͤthig gehabt haben darfte, ihn ſeinem ordentlichen Richter zu entziehen, und da ihm dieſe willkuͤhrliche Verhaftung die Abſcheulichkeit der lettres de cachet in's Gedaͤchtniß rief, von denen er in ſeiner Jugend ſo viel gehort 122 hatte, ſo faßte er danach ſeinen Entſchluß. Er führte den Fremden in das Ziinmer ſeiner Mutter, bat ihn einige Augenblicke zu warten, und ging.. Bald darauf kehrte er aber zuruͤck und gab dem Fremden das Papier unter⸗ ſchrieben wieder. Bei den erſten Worten, welche der Fremde ſprach, bemerkte Georg, daß der⸗ ſelbe ein kleines Paͤckchen in ſeiner Hand hin und her bewegte; es war eine Rolle mit Gold. Voll Zutrauen durch das ehrliche Anſehn Georgs, hatte der Fremde ſich ihm entdeckt ehe er ihm noch die Hoffnung auf eine klingende Vergu⸗ tigung machte und ſelbſt, ehe er noch wußte, ob er ſie ihm auch anbieten durfte; jetzt, ge⸗ ruͤhrt, entzuckt das erhalten zu haben, was er wuͤnſchte, wagte er es ſeinen Retter zu bitten, das Gold als ein Zeichen ſeiner Dankbarkeit anzunehmen.„Behalten Sie es,“ ſprach Georg läͤchelnd;„wenn ich es naͤhme, wuͤrde ich fuͤrch⸗ ten eine unrechte Handlung begangen zu haben.“ Unterdeſſen zeigte ſich die Frau Gemahlin des Hrn. Unterpraͤfecten immer guͤtiger, immer zuvorkommender gegen Georg; ſie bat ihn zu ihren Abendgeſellſchaften und wenn man eine ————————— 123 Landparthie vorhatte, dann mußte der gehor⸗ ſame Gemahl den jungen Mann dazu einladen. Da ſie ſich ſtets um die Geſchaͤfte bekuͤmmerte, ſo ließ ſie unſern Georg zuweilen auf ihr Zim⸗ mer kommen, um dies oder das mit ihm zu beſprechen und nicht lange, ſo begannen die andern Angeſtellten uͤber den Vorzug zu ſpot⸗ teln, den ihm die Dame ſo ſichtbar erwiess „Ol“ ſprachen ſie,„es iſt klar; Ihr ſeyd in hoher Gunſt.“—„Gewiß,“ entgegnete ein junger Mann, der ein arger Haſenfuß war und ſich dabei wohlgefaͤllig im Spiegel be⸗ gaffte:„gewiß, es iſt ſo; jeder kommt an die Reihe.“ Georg ſchien aber die ſchlechten Witze⸗ leien ſeiner lieben Collegen nicht zu verſtehen und ſeine Unbefangenheit vermehrte nur noch ihr Gelächter.„Das iſt doch ein rechter Tropf,“ ſagten ſie zu einander. Georg war immer ſehr hoͤflich, ſehr ehrfurchtsvoll gegen die Gemahlin ſeines Vorgeſetzten; indeß glaubte er endlich doch zu bemerken, daß eben dieſe Ehrfurcht der Dame unangenehm war und nun wurden ihm auch die Scherze ſeiner Collegen klar. Der junge Mann wurde ſich vor ſich ſelbſt geſchämt 124 —— haben wenn er dazu haͤtte beitragen koͤnnen die ehrliche Seele von Unterpraͤfecten zu hinterge⸗ hen; er wuͤrde geglaubt haben gegen alle Ge⸗ ſetze der Ehre und Dankbarkeit zu ſuͤndigen, wenn er ſeine Augen auf die Frau ſeines Vor⸗ geſetzten haͤtte werfen koͤnnen, und er verdop⸗ pelte nun ſeine Ehrfurcht gegen ſie, wodurch ſich denn natuͤrlich auch ihr Verdruß gegen ihn verdoppelte. Bald artete dieſer Verdruß aber in eine kalte Verachtung und zuletzt ſogar in einen wirklichen Haß aus.„Weiß Gott,“ ſprach einige Zeit darauf einer ſeiner Collegen zu ihm:„Sie ſind ein guter Camerad, lieber Derch. Haͤtten Sie anders gehandelt, ſo wuͤrde ich jetzt ſchwerlich die Gratificativn erhalten haben.“ Plotzlich erſcholl durch das Städtchen die große Rachricht, daß der Kaiſer durchreiſen wuͤrde. Er wollte zwar nicht daſelbſt uber⸗ nachten, nicht einmal ausſteigen, aber dennoch mußte der Hr. Unterpraͤfect an der Spitze aller andern Autoritaten, am Thore er Se. Majeſtät zu bewillkommen. Der hatte kaum eine Viertelſtunde Zeit —.—————— 125 bereiten und waͤhrend er ſchon den Wagen entgegenging, ſammelte er noch einige Phraſen zuſammen, um daraus wo moͤglich eine Art von Rede zu bilden. Jezt glaubte er damit im Reinen zu ſeyn, aber ach! Napoleons An⸗ blick warf ihn aus aller Faſſung und nachdem er muͤhſam das Wort„Sire“ einige Male hervorgeſtottert hatte, blieb er, die Hand erho⸗ ben, mit offenen Munde ſtehen. Der Kaiſer lachte ihm in's Geſicht und warf nun ſchnell nach einander einige Fragen hin:„Wie viel Conſcribirte hat Ihre Unterpraͤfectur zur Armee geſendet?“—„Sire. Sire. es ſind...“ Der Unterpraͤfect blieb wieder ſtecken.—„Wie weit ſind die Arbeiten an dem neuen Canal?“ —„Sire. ich glaube.“—„Giebt es viele reiche Erbinnen in Ihrem Arrondiſſe⸗ ment?“—„Sire, ich.. ich...“— Der arme Unterpräfect hatte ſeine Frau nicht an der Seite und fuhr fort ſich auf das Jammerlichſte zu verwickeln. Die kaiſerliche Stirn verfinſterte ſich, halb todt vor Entſetzen ſah der ungluͤck⸗ liche Mann ſchon einem ſchweren Wetter ent⸗ 126 gegen, als zum Gluͤck die Pferde vorgeſpannt waren und Se. Majeſtät in Gallopp dahinfuhr. Alle Angeſtellte welche dem Hrn. Unterprä⸗ fecten gefolgt, waren Zeuge der Verwirrung ihres Herrn und Meiſters und des Mißver⸗ gnuͤgens von Ihro Majeſtaͤt geweſen; da der Unterpraͤfeet jedoch eine gute, ehrliche Seele war, ſo bedauerten ihn die mehreſten und nur Einige freuten ſich im Stillen uͤber ſeinen Un⸗ fall. Er ſelbſt kehrte aber noch uͤbellauniger wie der Kaiſer ihn verließ, in ſeine Wohnung zuruck, und ſeit vielen Jahren zum erſten Male, begann er ſich mit ſeiner Frau zu zanken. Er erklaͤrte, daß er geſonnen ſey Erſparungen ein⸗ zufuͤhren, Reformen zu machen und daß er von nichts als von lauter untreuen und unfa⸗ higen Menſchen umgeben ſey, die vielleicht nicht einmal der Beſtechung unzugaͤnglich waͤren. Madame wollte anfangs das Erkuͤhnen ihres Mannes, barſch gegen ſie aufzutreten, zuruͤck⸗ weiſen; bald beſann ſie ſich jedoch eines Beſ⸗ ſern und die Idee deſſelben billigend, wo moͤg⸗ lich durch einige Erſparungen im Ausgabe⸗Etat, den Zorn des Herrſchers abzuleiten, beſchloſſen 127 nun beide ſogleich an's Werk zu gehen, denn gewiß, ſo hofften ſie, wuͤrde der Miniſter den Kaiſer von der gluͤcklichen Reform benachrichti⸗ gen und dieſer dann vielleicht dem guten Haus⸗ halter den Mangel der Beredtſamkeit vergeben. Man durchlief nun ſchnell die Liſte aller Ange⸗ ſtellten; der Eine ließ ſich kaum von Zeit zu Zeit auf dem Buͤreau ſehen und ſeine Arbeiten waren niemals gemacht, aber es war ein junger huͤbſcher Menſch, dem Madam wohlwollte; ein anderer erlaubte ſich zuweilen kleine Unterſchleife, aber der Mann ſpielte vortrefflich Billard und ließ den Hrn. Praͤfecten immer gewinnen; Hr. la Moriniére beſaß nicht viele Faͤhigkeiten, aber ſeine Frau verkaufte der Frau Prafectin ihren Putz wohlfeil und auf Credit; Georg war ge⸗ wiſſenhaft in ſeinen Pflichten, geſchickt und un⸗ intereſſirt, aber wußte man es nicht, hatte er er ſich deſſen nicht ſelbſt geruͤhmt, daß er es zuweilen mit der Viſirung der Paͤſſe nicht ge⸗ nau nahm? Billig fiel daher die Wahl auf ihn; er bekam den Abſchied. Doch, um ihn nicht zu ſehr zu kraͤnken, hatte man die Guͤte ſich hinter dem Vorwand nothwendiger Erſpar⸗ 128 niſſe zu verſtecken und dann war er ja auch der Juͤngſte auf dem Buͤreau, da brachte es ſchon das Recht mit ſich, daß ihn die Reihe traf. Ach! wenn man gewußt haͤtte, daß er noch vor nicht lange einen armen Staatsge⸗ fangenen durchhalf, wie wuͤrde man ihn dann noch zu guter lezt begruͤßt haben! Als Georg die Erfahrung machen mußte, daß die ſchoͤne Eliſe ihn betrog, da fuͤhlte er ſich furchtbar ergriffen und ſuchte Troſt fuͤr ſeinen Schmerz am Herzen der Mutter; auch jetzt, als man ihm ſo ungerechterweiſe ſeine Stelle entzog, fand er ihn da, obſchon er dies⸗ mal ihn weit weniger bedurfte wie fruͤher. um ihrentwillen hat er ſich einen Dienſt geſucht, um ihrentwillen that es ihm leid, ihn zu ver⸗ lieren. Er fuͤrchtete nun der guten Mutter nicht mehr ſo viele Bequemlichkeiten verſchaffen zu koͤnnen wie bisher; aber ſie zeigte ſich ſo er⸗ geben in jede nothwendige Einſchrankung, ſie war ſo froh, ihn nun immer wieder um ſich zu haben, mit ihm ausgehen zu konnen ſo oft ſie es wuͤnſchte, des Abends mit ihm wieder ungeſtoͤrt ihre Parthie Piquet ſpielen zu können⸗ 129 ihn wieder vorleſen zu hoͤren: daß Georg kei⸗ nen Augenblick länger den Verluſt einer Ein⸗ nahme bedauerte, die er nur ſeiner Mutter wegen geſucht hatte. Bald darauf erlebte er einen ſchmerjlicheren unfall als alle ihm bisher begegneten. Die alte Margarethe ſtarb; er und ſeine Mutter beweinten dieſe treue Dienerin aufrichtig; ach! ihr Tod war nur das Vorſpiel zu einem viel groͤßeren Ungluͤcke... Zwei Monate darauf verlor er ſeine Mutter. Sie verſchied in ſeinen Armen, ihr letzter Hauch war ein Gebet zum Himmel fur den guten Sohn, ihr letzter Blick ein Segen fuͤr ihn.— Sie flehte, Gott moͤge ihm Staͤrke verleihn ihren Verluſt zu ertragen; aber dieſer Wunſch ward nicht erhoͤrt. Georg verſank in einen furchtbaren Schmerz. Sein Onkel und ſeine Vettern hatten nicht ermangelt den Tod ihrer Verwandtin herkoͤmm⸗ lich zu beweinen; bald wollte es ihnen jedoch beduͤnken, daß der Sohn in ſeinem tiefen Grame viel zu weit ginge und einen unmaͤnnlichen ſchwa⸗ chen Character zeige.„Gewiß,“ ſprachen ſie, „es iſt Pflicht, daß der Sohn ſeine Mutter 5 10 beweint, es iſt naturlich, daß er ſie betrauert; aber muß ſich ein vernuͤnftiger Menſch von ſei⸗ nem Schmerz ſo hinreißen laſſen? muß er ſich wie ein Kind gebehrden? Man muß ein Mann ſeyn; es iſt ein unvermeidlicher Schlag des Schickſals gegen den man ſich mit Muth und Feſtigkeit waffnen muß.“— O wie wenig kennen dieſe trocknen Herzen die Empfindungen einer fuͤhlenden Bruſt! Gerade weil es ein un⸗ vermeidliches Ungluͤck iſt, gerade darum druͤckt der Verluſt eines geliebten Weſens das Herz ſo furchtbar zuſammen; gerade darum iſt der Schmerz ſo groß, ſo viel laͤnger, als bei jedem andern Unfalle. Was macht ſich der Weiſe, der Philoſoph, der rechtſchaffene Mann aus dem Verluſte jener tauſchenden Gluͤcksguter, die ihre Quelle nicht in den Gefuͤhlen des Her⸗ zens haben, und uͤber die man ſich immer in den Armen liebender Weſen troͤſten kann? Ge⸗ gen den Verluſt dieſer aber iſt es, daß alle unſere Seelenkraͤfte vergebens ringen, daß das Herz ſo lange, ach! oft fuͤr das ganze Leben, ſeine Ruhe verliert.— Wie lange Zeit braucht nicht ein guter Sohn, um ſich, nicht an den ———— 131 Gedanken, ſeine Mutter verloren zu haben, ſon⸗ dern nur an den, ſie nie wiederzuſehen, zu ge⸗ woͤhnen!— Mit ſeiner Mutter trotzte Georg jedem Geſchick; mit ihr waren ihm alle Muͤ⸗ hen des Lebens, die oft ſo ſchwer auf den Men⸗ ſchen ruhen, nichts. Jetzt auf einmal ſah er ſich ſeiner einzigen Stuͤtze beraubt, ſeiner beſten, ſeiner einzigen Freundin!— Unter welchem truͤben Schleier zeigte ſich ihm nun die ſonſt ſo froͤhliche Zukunft.— Nichts feſſelte ihn mehr an die Gegend, welche er bewohnte; er hegte zwar noch immer Zuneigung fuͤr ſeine Verwandten, aber ſie lieb⸗ ten ihn nicht, ſie verachteten ihn. Er beſchloß zu reiſen. Mit ſeinem ehrlichen Paͤchter Claude Lallemand ſeine Einrichtungen treffend, nahm er eine ziemliche Summe auf und kaufte dafuͤr Waaren ein. Verſehen mit einem anſehnlichen Paket, faßte er den Plan, ſich nach den vekei⸗ nigten Staaten von Nordamerica einzuſchiffen. Er ging jetzt um Abſchied von ſeinen Ver⸗ wandten zu nehmen.„Du armer Schlucker,“ ſagten ſie,„Du willſt Handel treiben? Taugſt Du denn auch dazu? Du wirſt Dich rrini J2 132 Du wirſt Alles verlieren“—„Ich muß rei⸗ ſen,“ erwiederte er ihnen,„ich muß fort von hier. Indem ich Waaren mitnehme, iſt es nicht meine Abſicht dadurch reich zu werden, ſondern nur der Unzureichenheit meiner Mittel zu Hulfe zu kommen, die mir ſonſt nicht erlau⸗ ben einen ſo weiten Weg zu machen. Und wer weiß, ob ich doch nicht reich zuruͤckkomme.“— „Das wollen wir Dir wuͤnſchen.“—„Mag der Himmel Dich—„Gluckliche Reiſe!“— Den 31ſten derbeb 1812. führte Georg ſeinen Plan aus, und ſchiffte ſi 5 u nach Boſton ein⸗ Achtes Kapitel. Georgs Familie während ſeiner Abweſenheit. Drei Jahre waren ſeit Georgs Abreiſe ver⸗ floſſen, drei große, inhaltsſchwere Jahre. Wie ——— viele Veränderungen hatten ſich in dieſer Zeit zugetragen! welche Ereigniſſe Frankreich betrof⸗ fen!— Auch in Georgs Familie hatte ſich vieles geaͤndert. Die gewoͤhnlichen Ereigniſſe des Le⸗ bens, unſere Leidenſchaften, unſer Leichtſinn, unſere Unbeſtaͤndigkeit, ſind fortgehende Urſa⸗ chen der Veraͤnderungen in den Plänen und in der Lage jedes einzelnen Menſchen; wenn aber hierzu ſich noch große buͤrgerliche Umſtur⸗ zungen, furchtbare Kriege und dergleichen ge⸗ ſellen, dann erſcheinen wir noch vielmehr als die Spielbaͤlle des Geſchicks.— Giebt es wohl in Frankreich eine Familie, auf welche die Er⸗ eigniſſe von 1814 und 1815 keinen Einfluß ausgeuͤbt haben?— Der Onkel und die Vet⸗ tern von Georg wohnten nicht mehr in ihrer kleinen Stadt; alle Dreie hatte nach und nach Paris, dieſer gemeinſchaftliche Mittelpunct der Hoffnungen und der Wuͤnſche, angezogen. Die empfindſame Alexandrine Degodet war nicht lange ſo gluͤcklich geweſen in dem erſehn⸗ ten Eheſtande zu leben. Eilf Monate nach ihrer Verbindung ſtarb ſie in den Wochen und man will behaupten, daß in dieſer kurzen Zeit 134 ihre Ehe nicht immer die glucklichſte geweſen ſeyn ſoll. Dies hatte jedoch Hrn. Duͤpre nicht verhindert, ihren Tod ganz gewaltig zu bewei⸗ nen; bald darauf glaubte er aber, um ſich von ſeinem Schmerze zu zerſtreuen, das Vermoͤgen, welches ſie ihm hinterlaſſen hatte, wie ein Mann, der die Kunſt zu leben verſteht, genie⸗ ßen zu muͤſſen. Er verkaufte demnach ſeine Stelle und begab ſich nach Pavis, wo er ſich eine huͤbſche Wohnung in der Raͤhe des Palais Royal nahm, und nun hier ein unabhaͤngiges und muͤſſiges Leben fuͤhrte. Bald machte er jedoch die Erfahrung, daß das Vermoͤgen von ſeiner Frau zwar in der Provinz recht anſehn⸗ lich, in Paris aber nur ſehr mittelmaͤßig warz natuͤrlich, es giebt in der Hauptſtadt ſo viele Gelegenheiten fuͤr einen Menſchen, der nichts zu thun hat, Geld zu verzetteln, daß es kein Wunder iſt, wenn da ſonſt anſehnliche Ein⸗ kuͤnfte in Richts zerrinnen. Der kluge Duͤpre dachte daher darauf ſeine Revenuͤen durch einige Rebeneinnahmen zu verſtaͤrken und erwaͤhlte deshalb den Stand eines Geſchaͤftsmannes. Was iſt das, der Stand eines Geſchaͤftsman⸗ nes? Das iſt ein Stand von neuer Erfindung, der aus mehreren alten, mehr oder minder beruchtigten zuſammengeſetzt iſt, 3. B. aus dem eines Einnehmers der Renten, den man gewoͤhn⸗ lich ſonſt im gemeinem Leben griphe— sous (Greifzu) nannte; den eines Intendanten in großen Haͤuſern, ein Litel der, wie ſatyriſche Luſtſpieldichter behaupten, nicht immer mit dem Worte:„ehrlicher Mann“ ſynonym ſeyn ſoll; dem endlich eines Wucherers und Geldmäklers, kurz, es iſt der Stand, den heutzutage manche Advocaten gern ergreifen, wenn ſie vielleicht nicht Proeeſſe genug zu fuͤhren haben oder ihnen ſonſt die Praxis auf andere Art beſchraͤnkt wird. Hr. Duͤpre hatte jezt keine Schreiber mehr, aber dafuͤr hielt er ſich Commis; dieſe Commis arbeiteten nicht in einer Expedition, ſondern in einem Baͤreau, hinter welchem das Cabinet des Herrn lag. In dieſem Cabinet ſah man einen großen Wandſchrank, einen ebenſo großen Schreibtiſch und ein langes Real, in deſſen Faͤchern Pappkaſten mit rothen Maro⸗ quin uͤberzogen ſtanden, auf welchen man mit großen, goldenen Buchſtaben las: Strei⸗ 136 tigkeiten, Verwaltungsgegenſtände, Correſpondenz, Rechnungen, Klage⸗ ſachen u. ſ. w. Zahlreiche Clienten ſtanden im Vorzimmer; indeſen, trotz dem ſchoͤnen Ho⸗ norare welches Hr. Dupre von ihnen zog, und trotz dem daß er ihre Gelder ſehr geſchickt fuͤr ſich zu beüuzen wußte, war et dennoch nicht zufrieden. Gegen Andere nante er ſich reich, wenn er aber allein in ſeinem Cabinette ſaß und mit finſterer Stirn nachrechnete, dem er ſich beinahe fuͤr arm. Rach der erſten Sintiton gec Hr. la Moriniére ſeine Stelle auf der Unterpräfectut. Der neue unterpräfect behielt keinen einzigen der Angeſtellten bei; der Mann wollte lauter »R eine haben. Dieſer unfall hatte den Wi⸗ derwillen, welchen Hr. la Moriniére in den erſten Tagen nach Rapoleons Abdankung gegen den Kaiſer zu Tage legte, etwas gedämpft; er ließ ſich nun einige Unvorſichtigkeiten zu Schul⸗ den kommen und ſiehe da! gleich hieß er ein Bonapartiſt. Seine Frau jammerte laut uber den Verfall des Handels; es traten ein Paar kleine Verlußte ein und Madame machte ban⸗ querott. Man ging nach Paris. Madame eroffnete in der Straße Vivienne ein reiches und glänzendes Mobenmagaßien; der— wurde— Un⸗ techöler 4 Was iſt das fuͤr ein Stand, der Stand eines ge⸗ heimen unterhůndlers? Das iſt eben auch wieder ein Ständ von neuer Erfindung, der aber nicht aus mehreten alten Ständen, wie der eines Geſchaͤfts⸗ mannes, beſteht, wenn man nicht etwa das Ge⸗ werbe eines Spielers und Agioteurs an der Börſe fur alte Profeſſionen gelten laſſen will. Ohne Fond, ohne Vollmacht ſpielt man da mit dem Vermoͤgen Anderer fuͤr Andere, und fuͤr ſich, mit nichts. Den Sohn des Hrn. la Moriniéve anlangend, der zwar nicht viel gelernt hatte, ob ſchon ihn ſeine Eltern ſehr geiſtreich fanden, ſo ließ es ſich dieſer einfallen, mit noch einigen andern jungen Leuten ſeines Gelichters, Vaude⸗ villes und Melodramen fuͤr eine kleine Buͤhne zu machen. Hier hatte er auch den Auftrag bei den Fruhſtuͤcken zu präſidiren, nach welchen man gemeinſchaftlich das Gerippe der neuen Stucke entwarf, bei den Proben gegenwörkig 3u ſehn, bei den Journaliſten herumzulaufen 138 und Kabalen anzuſpinnen u. ſ. w., waͤhrend die andern lieben Gefaͤhrten dann einſtweilen den Dialog und die Geſaͤnge fabrizirten. Unter dem Kaiſerreich hatte er ſich der Conſeription zu entziehen gewußt; der loyale junge Mann wollte nicht fuͤr einen Despoten fechten Rach der Reſtauration und als der ewige Weltfriede geſchloſſen war, ergriff ihn dagegen auf einmal ein großer militairiſcher Eifer und durch Ver⸗ mittelung ſeiner Frau Mutter, die der Mai⸗ treſſe eines Generals anſehnlichen Credit ge⸗ waͤhrte, erhielt er nun eine Lieutenantsſtelle in einem leichten Infanterieregimente. Wie gluͤck⸗ lich fuhlte er ſich, daß er jezt, ehe er zu ſeiner Garniſon abging, in dem kleinen Theater, auf welchem man ſeine Stucke ſpielte, mit dem wer⸗ denden Schnurrbart, dem ſchwarzen Halstuch, den militairiſchen Pantalons, den Sporen und einer Reitpeitſche in der Hand, herumſtolzieren konnte! Vater und Sohn machten uͤbrigens zugleich den huͤbſchen Putzmachermadchens im Magazine der Frau Mutter den Hof, und Ma⸗ dame la Moriniére zeigte ſich hierbei zwar ſehr nachſichtig gegen die Streiche des lieben Sohnes, 139 aber dagegen ſehr ſtreng gegen die ihres Ge⸗ mahls, bis endlich einmal, bei Gelegenheit eines heftigen Zankes mit dem Lezteren, in Folge welchem ihr erſtes Ladenmaͤdchen geohrfeigt und weggejagt wurde, ein ſolcher Zorn ſich ihrer bemaͤchtigte, daß ſie in ein Entzuͤndungsfieber verfiel, an welchem ſie bald darauf verſchied. Gluͤcklicher Weiſe ließ ſich der betruͤbte Wittwer durch dieſen Unfall in ſeinen Geſchaͤften nicht ſtoͤren; er ſpielte an der Boͤrſe und am gruͤnen Liſche; er gewann und verlor; das Reſultat war aber immer zu ſeinem Vortheile; dennoch blieb ihm immer wenig uͤbrig, denn er brauchte ſo viel und ſein Sohn noch mehr.— Schon zweimal hatte der zaͤrtliche Vater alle ſeine Kraͤfte anſtrengen muͤſſen, um nur die Schul⸗ den des Sous⸗Lieutenants bezahlen zu können. Der Doctor Derch de St. Firmin war ſei⸗ nem Neveus nach Paris vorausgeeilt. Schon ſo lange hatte ihm ſeine Frau vorgeredet, daß ein Mann von ſeinem Geiſte nicht dazu beſtimmt ſey in der Provinz zu vegetiren; mußte er da nicht endlich Anſtalt machen? Er hatte ſeine Kranken ſeinem ehemaligen Famulus abgetre⸗ . ten und kam nun den Hulfsbeduͤrftigen in der Hauptſtadt die Dienſte ſeiner Kunſt anzubieten⸗ Aber, trotz ſeinem Ruf, trotz ſeinen Kenntniſſen, wollte es im Anfange gar nicht gehen; mochte er ſich noch ſo demuthig, noch ſo eifrig gegen die Reichen und Großen, noch ſo menſchlich und mitleidig gegen die Armen erweiſen; ſeine zahlloſen Collegen ſchnappten ihm unter den groͤßten Freundſchafts⸗ und Achtungsverſiche⸗ rungen alle muͤhſam aufgetriebene Kunden weg. Endlich hatte die Frau Gemahlin einen guten Cinfall! ſie ſchlug ihrem Manne nämlich vor⸗ eine Geſundheitsanſtalt fuͤr reiche Fremde zu errichten. Dieſer Plan leuchtete dem Doetor ein. Man wäͤhlte an dem Eingange einer nicht zu entlegenen Vorſtadt einen Ort, wo geſunde Luft und ein huͤbſcher Garten war; man rech⸗ nete auf die reichen Provinzbewohner, auf fremde Reiſende, vorzuglich auf die nervenſchwachen Da⸗ ien aus Deutſchland, Italien und Holland⸗ denen etwa das Ungluͤck begegnete in Paris krank zu werden; ja man rechnete auch ſogar guf Damen gus der Provinz, die ſich vielleicht gezwungen ſehen eine geheime Reiſe nach der Hauptſtadt zu unternehmen. Madam St. Fir⸗ min machte ſich eine Ehre daraus einem ſo gut eingerichteten Hauſe vorzuſtehen; welche Aufmerkſamkeit durfte ſie von den Fremden erwarten! mit wie viel Bequemlichkeit konnte ſie, ohne einen Schritt aus dem Hauſe zu ge⸗ hen, die Annehmlichkeiten der Geſellſchaft genie⸗ ßen!— Leider zeigte ſich der Augenblick der ſcho⸗ nen Unternehmung nicht guͤnſtig; ſchon war die Hauptſtadt bedroht; die friedlichen Fremden zo⸗ gen ab und die Bewaffneten nahten, und den Damen blieb dabei keine Zeit uͤbrig an ihre Nervenzufaͤlle zu denken. In dieſer Epoche war es, daß der Doctor St. Firmin einen großen, weitläͤuftigen Plan in ſeinem Kopfe herumrollte. Nicht mehr die undankbare Wiſ⸗ ſenſchaft der Medicin ſollte ihm zu Ruhm und Reichthum verhelfen; mitten unter den Ereig⸗ niſſen, welche Frankreich bewegten und auf ein⸗ mal den Sinn fuͤr oͤffentliche Angelegenheiten und den Partheigeiſt von neuem belebten, glaubte er ſich berufen eine Rolle in der politiſchen Welt zu ſpielen. Rach der erſten Beſetzung der Hauptſtadt durch 142 die Fremden, kam der Zufall ſeinen Abſichten ziem⸗ lich gunſtig entgegen. Einige Verwundete wur⸗ den in ſein Haus gebracht; es waren Franzoſen und Fremde. Der großmuͤthige St. Firmin wid⸗ mete allen gleiche Sorgfalt; doch wollten ſeine bos⸗ haften Reffen behaupten, er habe ſich beſonders mit der Pflege gebruſtet, die er einem ruſſiſchen Officiere von hoherem Range erwieſen hatte. Iſt etwas Wahres an der Sache? wir wiſſen es nicht; was wir erfahren haben iſt jedoch daß Hr. St. Firmin, immer eifrig bemuͤht alle Mittel zu ergreifen, die ſich ihm zur Auszeich⸗ nung darboten, und gewaltig von dem Wun⸗ ſche gequolt, ſich den Großen der Erde zu na⸗ hen, endlich das Gluͤck hatte, dem ruſſiſchen Kaiſer durch denſelben Officier vorgeſtellt zu werden, der fruͤher bei ihm im Hauſe wohnte. Hier ward denn ſeiner Humanitat, ſeiner Kennt⸗ niſſe und nebenbei auch der großen, wahrhaft rhrenden Menſchenfreundlichkeit der Madam St. Firmin ſo lange gedacht, bis der Selbſt⸗ herrſcher aller Reußen nicht umhin konnte, dem Doctor Derch de St. Firmin huldreichſt den St. Wladimirorden dritter Claſſe zu verleihen. — ———— 143 — O! wie hob ſich jezt das beſcheidene Herz des Doetors in ſtolzer Selbſtgefaͤlligkeit! Welche Freude empfand Madam St. Firmin! welchen Reid die lieben Vettern, Duͤpre und la Mori⸗ niére! Bis dieſen Augenblick war die politiſche Meinung des Doctors noch nicht recht beſtimmt geweſen; nicht etwa, daß er eine Wetterfahne war; o nein! er unterſuchte nur als ein kluger Mann, auf welcher Seite der mehrſte Vortheil lag; jezt aber, jezt wirkte das rothe und ſchwarze Band, welches man ihm im Knopfloche zu tra⸗ gen erlaubte, entſcheidend; mit magiſcher Ge⸗ walt zog es ihn zum reinſten Royalismus hin. Allerdings bekam dieſer außerordentliche Roya⸗ lismus in den Hundert Tagen einen derben Stoß, aber er ſtrahlte nach der zweiten Re⸗ ſtauration dafuͤr nur um ſo glaͤnzender. So waren die drei Verwandten von Georg mit einem ſchon gemachten Gluͤck nach Paris gekommen; der Doctor, in Folge von zwanzig Jahre Praxis in der Provinz; Duͤpre durch den Tod ſeiner Frau; la Moriniére durch den Banquerott der Seinigen und alle Dreie fan⸗ den, daß Paris ein wahrer Abgrund ſey. Sie verdienten alle Dreie viel Geb, aber ſie hofften immer noch mehr zu verdienen und rin ut weilen uber die böſen Zeiten an n 26unn Gegen das Ende des Juny 1815— Hr. St Firmin wieder einige fremde Kranke in ſeinem Hauſe. Unter dieſen befand ſich ein engliſcher Officier, der das Jahr vorher im ſuͤdlichen Frankreich gereiſet war. Bei Hoͤrung des Namens des Doctors fragte er ihn, ob er nicht etwa ein Verwandter von einem Hrn. Dercy, einem alten Banquier ſey, der in Mar⸗ ſeille wohne und fuͤr den Beſitzer von mehreren Millionen gelte. Hr. Dercy de St. Firmin ſtuzte, beſann ſich hin und her und erinnerte ſich dann auf einmal, daß ein Bruder von ſei⸗ nem Vater und ein Großonkel von Georg und den Herren Duͤpre und la Moriniére, der einſt Roviz in einem Jeſuitercollegium geweſen, in ſeinem ſiebenzehnten Jahre und um das Jahr 1762., als der Orden des heil. Ignaz aufge⸗ hoben wurde, Frankreich verlaſſen habe und daß man ſeitdem nichts mehr von ihm gehoͤrt hatte. Die ganze Familie hielt uͤbrigens den Mann langſt fuͤr todt.“„Ei, mein Himmel!“ ——— — — 14⁴⁵ ſprach St. Firmin zu ſich ſelbſt, ſollte der reiche Banquier in Marſeille der kleinen No⸗ vize von der Geſellſchaft Jeſu ſeyn, der vor nunmehr drei und funfzig Jahren voll eines heiligen apoſtoliſchen Eifers nach Indien ging, um die Heiden zu bekehren und vielleicht da⸗ ſelbſt, anſtatt dem Himmel Seelen zu gewin⸗ nen, ſich ſelbſt ein großes Vermoͤgen auf Er⸗ den zuſammengeſcharrt hat?“ YRoch mehr wurde der Doctor in ſeinein Vorſatze ſich nach dem alten Knaben zu erkundigen beſtaͤrkt, als er vernahm, daß der Marſeillaner ein Hage⸗ ſtoz war.„O, wenn er es waͤre!“ rief er aus;„ein Vermoͤgen von mehreren Millionen! Wenn ich richtig rechne, ſo muß er in dieſem Augenblick ſiebenzig Jahre alt ſeyn; nun da werden wir nicht lange warten duͤrfen.“ Je weiter er mit dem Englaͤnder ſprach; jemehr uͤberzeugte er ſich, daß der Banquier in Mar⸗ ſeille ſein Onkel, der Jeſuit, ſeyn mußte.„Die⸗ ſer Hr. Dercy,“ ſprach der Gentlemann,„iſt ein ſeltſames, muͤrriſches Original; kein Menſch darf zu ihm als wer mit ihm Geſchaͤfte hat; er hat lange Zeit einen bedeutenden Handel J. K 146 uͤber See getrieben, vor drei Jahren aber erſt ein Banquierhaus in Marſeille gegruͤndet. Wenn er ſich guter Laune fuͤhlt, was jedoch ſehr ſelten der Fall iſt, dann machte er kein Hehl daraus, daß er einſt dazu beſtimmt war, in einen Moͤnchsorden zu treten, daß er aber in Folge eines jugendlichen Abenteuers, wel⸗ ches einen ziemlichen Skandal gab, auf einmal ſeinen fruͤheren frommen Beruf nicht mehr in ſich ſpuͤrte. Dies hindert ihn jedoch nicht aran, noch jetzt ſehr gottesfuͤrchtig oder we⸗ nigſtens ſehr devot zu ſeyn, und unter uns ge⸗ ſagt, ich glaube, der Jeſuit ſteckt noch immer ziemlich tief in ihm. Ich wurde ihm von einem engliſchen Handelshauſe empfohlen und hoͤrte dieſe Details aus ſeinem eignem Munde.— „Er iſts! Kein Zweifel mehr!“ rief St. Fir⸗ min.„Und ein Hageſtolz iſt er? o! wie herr⸗ lich!. doch—“ dies ſetzte er leiſer hinzu: „wir ſind unſerer Viere die ihn beerben wol⸗ en hm,“ fuhr er in dem Selbſtge⸗ ſpraͤche fort,„wer weiß, ob nicht der arme Tropf, der Georg, Schiffbruch leidet.... Ach! wenn ich den alten Jeſuiten dahin bringen 147 koͤnnte zu Gunſten meiner zu teſtiren!„ Uebrigens, bin ich nicht ſein naͤchſter Verwand⸗ ter? ſind die Andern nicht um einen Grad weiter entfernt?.. vielleicht ſtimmt ihn dies zu meinen Gunſten. vielleicht!.. es waͤre vortrefflich. Gewiß, ich werde mich immer großmuͤthig gegen meine Verwandten bewei⸗ ſen, vorzuͤglich gegen den armen Georg— wenn er zuruͤckkehrt; aber, waͤre es nicht ein Schickſal, wenn ein ſo ſchoͤnes Vermoͤgen zum groͤßten Theil in die Haͤnde von Menſchen fal⸗ len ſollte, die keinen Gebrauch davon zu ma⸗ chen wiſſen? denn die beiden Andern, die ſich immer uͤber Georg aufhalten, ſind nicht kluͤ⸗ ger wie er, und nicht einmal ſo gut von Herzen.“ 1 Der Doctor glaubte ſeinen Neveus nichts von der großen Reuigkeit ſagen zu duͤrfen, ja, er entſchloß ſich ſogar, ſelbſt ſeiner Frau nichts davon zu ſagen, aber er ſuchte und fand bald einen Correſpondenten in Marſeille, der ihm die weiteren noͤthigen Aufſchluſſe verſchaffte. Es war dies ein Arzt, deſſen Rame ihm durch eine langweilige Diſſertation bekannt gewor⸗ K 2 den, und dem er nun unter dem Vorwande ſchrieb, ihm ſein Compliment uͤber das vor⸗ treffliche Opus zu machen, welches der Sohn des Aesculap an der Muͤndung der Rhone, vom Stapel hatte laufen laſſen. In der Nach⸗ ſchrift zu dieſem erſten Briefe ward der Herr Confrater gebeten, doch wo moͤglich einige Nachweiſungen uͤber einen alten reichen Ban⸗ quier, Ramens Derch, der in Marſeille wie ein Kauz leben ſollte, zu verſchaffen, und da der geſchmeichelte Confrater nicht ermangelte den weihrauchſtreuenden Mitbruder in Paris die gewuͤnſchte Auskunft zu geben, ſo ſah ſich der Doctor Dercy de St. Firmin bald uber den Onkel Jeſuiten in voͤlliger Gewißheit. Jezt war es ſeine Sorge an den theuren Verwand⸗ ten einen ruͤhrenden, pathetiſchen Brief abzu⸗ ſenden, in welchem er ſich unter vielem Wort⸗ ſchwall Gluͤck wuͤnſchte, endlich einen ſo innig⸗ geliebten Onkel wieder gefunden zu haben und ihn benachrichtigte, daß er und ſeine Gattin ſich ungeſaͤumt auf den Weg machen wuͤrden, um den beſten und liebevollſten Verwandten ihre tiefe Ehrfurcht und ihre zaͤrtliche Anhaͤng⸗ — 149 uchkeit mundlich zu verſichern. Mit umgehen⸗ hender Poſt empfing der Doctor folgende Ant⸗ wort: to n „Mein lieber Vetter! Ich habe nicht die geringſte Luſt lachende Erben um mich zu ſehen Sie brauchen ſich daher durchaus nicht die Muͤhe zu machen nach Marſeille zu kommen; gewiß, es wurde Ihnen nicht die Reiſekoſten tragen. Vergeſſen Sie nicht und ſagen Sie es auch den andern lieben Verwandlen, daß ich jeden enterben werde, der mir unverlangt in's Haus ruͤckt. Uebrigens bin ich Ihr wohl⸗ gewogener Onkel Dominique Dercy.“ „N. S. Ich liebe die Briefe nicht mehr als die Beſuche.“ Der Doctor war von nun an nicht mehr verſucht, weder ferner zu ſchreiben noch ſich ſelbſt auf den Weg zu machenz aber deſto em⸗ ſiger ſetzte er ſeinen Briefwechſel mit dem Arzte in Marſeille fort, der ihm denn von Zeit zu Zeit Rachrichten von dem theuern Onkel gab. Im Allgemeinen beſtanden dieſelben mehren⸗ theils in den wenigen Worten:„Die Ge⸗ ſundheit des alten Hrn. Dercy iſt noch immer 450 recht ſehr gut,“ was denn den Doetor St. Fir⸗ min bewog, ſein Stillſchweigen gegen ſeine bei⸗ den Vettern und ſeine Frau auch ferner noch zu beobachten. Am 17ten Septbr. 1815 hatte der Doctor des Vormittags wieder einen Brief deſſelben Inhalts von ſeinem Marſeiller Corre⸗ ſpondenten erhalten und ihn, wie gewoͤhnlich, bei Seite gelegt; den Abend, als er zu Hauſe kam, empfing er einen zweiten Brief mit dem Poſtzeichen aus ſeiner kleinen Stadt, und da er von hier aus nichts Geheimes erwartete, ſo ging er damit in das Wohnzimmer, wo die Vettern Duͤpre und la Moriniére eine Partie Ecartee mit einander ſpielten, waͤhrend Madam St. Fir⸗ min am Stickrahmen ſaß. Die Penſionäre des Hauſes hatten ſich bereits zuruͤckgezogen. „Große, große Neuigkeit!“ rief der Doetor, den Brief durchlaufend auf einmal aus.„Der Tropf iſt zuruͤck!“—„Georg!“ erwiederten die andern Dreie, gleichtoͤnend.—„Er ſelbſt. Er iſt zu Bordeaux ans Land geſtiegen und ſchreibt mir jezt von ſeinem Guͤthchen aus, wo ihm Claude Lallemand meine Adreſſe gegeben hat; morgen wird er in Paris ſeyn.“—„Nun, hat . — er ſein Gluͤck gemacht?“—„Begreife den Menſchen wer da kann,“ fuhr der Doctor fort;“ er ſchreibt mir da eine ganze lange Seite herunter von dem Gluͤck, welches er ſich verſpricht uns wieder zu ſehen; keiner von Euch allen iſt vergeſſen, keiner! da ſtehen z. B. gleich ein Paar ſehr ruͤhrende Phraſen uͤber Euer Un⸗ gluck Vetter Duͤpre, und uͤber Eure Unfälle Vet⸗ ter la Moriniére.“—„Wie! was fuͤr Un⸗ ungluͤck?“ erwiederte Duͤpre.—„Welche Un⸗ fälle?“ fragte la Moriniére.—„Nun, doch wohl der Banquerott und der Tod der Madam la Moriniére und das Hinſcheiden der Madam Duͤpre.“—„Ah, freilich! Sie haben recht. —„Ja ſo. Meine arme Frau“—„Theure Alexandrine!“— Der Doctor fuhr fort:— „Er umarmte in Gedanken Euern Sohn den Lieutenant; zwei andere Seiten wendete et wei⸗ ter dazu an mir die Angſt und den Kummer zu ſchildern; die er uͤber die Ereigniſſe welche Frankreich betroffen haben, im Auslande em⸗ pfunden hat, und mich dann mit den Hoffnun⸗ gen zu unterhalten, die er auf eine beſſere Zu⸗ kunft ſezt; dann malt er umſtändlich das Ent⸗ — zuͤcken, welches er empfand, als er nach ſo lan⸗ ger Abweſenheit den Boden der Heimath wieder betrat; hierauf kommen neue Klagelieder uͤber den Tod ſeiner Mutter. Das iſt alles ganz vor⸗ trefflich; lauter ſchoͤne Geſinnungen! O, ich liebe meine Familie und mein Vaterland auch, das weiß ein jeder; aber nicht eine Sylbe ſchreibt mir der Menſch davon, wie es mit ihm ſelbſt ſteht, ob er ſein Gluͤck gemacht hat, ob nicht? Er meldet blos, daß er ſich vollkom⸗ men wohlbefinde, aber im ganzen Briefe iſt nicht ein Wort davon, ob er reich iſt oder arm.“—„Die Sache iſt klar,“ ſprach la Moriniére;„wenn man ſich nicht ruͤhmt reich zu ſeyn, dann iſt man arm.“—„Was will er denn in Paris machen?“ fragte Duͤpre. „Unſere Verwandtſchaft mit ihm hat uns be⸗ reits eine Menge Unannehmlichkeiten zugezo⸗ gen. Drei Viertheile ſeines kleinen Erbes ſind vergeudet und wie lange wirds dauern, ſo faͤllt er uns zur Laſt; es thut mir leid, aber ich kann durchaus nichts fuͤr ihn thun.“—„Ich auch nicht,“ fiel la Morinibre ein;„mein ſchlechtes Subject von Sohn koſtet mir Geld genug.“— Wenn Ihr mir folgen wollt,“ fuhr Duͤpre fort, ſo empfangen wir ihn ganz kuͤhl; mag er ſehen wie er fort koͤmmt.“— „O meine lieben Reffen,“ begann jezt St. Firmin,„iſt es möglich, daß Ihr ei Verwandten) einen theuren Verwandten, der nach ſo langer Abweſenheit zuruckkehrt, uͤbel aufnehmen wollt? Warum wollen wir uns nicht leber mit der Hoffnung ſchmeicheln, daß irgend ein glůͤcklicher Zufall ſeinem Mangel an Geiſt nachgeholfen hat, daß vielleicht guͤnſtige umſtände...“—„Ach! meine liebt Tante,“ nahm hier der ehemalige Anwald wieder das Wort, es giebt keinen Zlucklichen Zufall, es kann keine guͤnſtigen Umſtände fuͤr jene Idio⸗ ten geben, die ſich die Rarrheit in den Kopf geſezt haben anders ſeyn zu wollen, wie an⸗ dere Menſchen, oder die ſich vielmehr weder zu benehmen noch zu ſchicken wiſſen.“—„Al⸗ lerdings fuͤrchte ich dies ſelbſt,“ antwortete Madam St. Firmin,„indeß muß ich doch ge⸗ ſtehen, daß es meinem zartfuͤhlenden Herien weh thut, einen Verwandten.... er iſt doch einmal mein Reveu, der Neveu meines Man⸗ 154 nes.. Euer Vetter. bedenkt ſelbſt/ ob wir ihm wohl die Thuͤre verſchließen koͤnnen?“ —„Freilich, freilich!“ meinten die Herren Vettern,„es iſt eine fatale Geſchichte.“— I Doctor hatte ſehr aufmerkſam die Unter⸗ redung zwiſchen ſeiner Frau und ſeinen NRe⸗ veus mit angehoͤrt; jezt erhob er ſich und ſprach:„Nehmen wir ihn gut auf; alſo will es die Pflicht. Iſt er reich geworden, ſo haben wir gethan, was ſchicklich iſt; iſt er arm. leider muß ich dann fuͤrchten, daß meine Kraͤfte mir nicht erlauben werden, ihm ſo wie ich es wuͤnſche, beizuſtehen.„ Uebrigens verbindet uns ja ein freundlicher Empfang noch zu nichts.“— Dieſe Worte machten einen ßen Eindruck auf die Andern; man kain betein Georg am folgenden Tage freund⸗ lich zu empfangen. * — L Neuntes Kapitel. * * 6 eorg 3 3 S Der Schmerz in welchen Georg durch den Tod ſeiner Mutter geſturzt war, hatte ſich durch die Zeit und die Zerſtreuungen der Reiſe in eine ſanfte Schwermuth aufgelbßt und dieſe wirklich eyl ganz ſo wie er es ſeinem On⸗ kel ſchrieb, bei ſeiner Ruͤckkehr das Glück zu ſchmecken, welches man ſtets empfindet, wenn man nach mehrjahriger Abweſenheit den Bo⸗ den des Vaterlandes wieder betritt, die Tone der Heimath wieder hoͤrt und mit ihnen die ruhigere ihm denn auch Erinnerungen der Jugend wieder erwachen⸗ Aber, wie ſehr hatte ſein biedres Herz gelitten als er die Folgen eines verderblichen Krieges und zweier, in dem Zeitraum von funfzehn Mo⸗ naten auf einander folgender, feindlicher Ueber⸗ ſchwemmungen ſah! Bald faßte er jedoch wie⸗ der Muth.„Das Vaterland,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„iſt unterdruͤckt, aber es iſt nicht 6. 156 vernichtet; unter dem Schutze einer welſhn Re⸗ gierung kann es ſich bald wieder erheben.“ Sein Pöchtetnper ehriche Claude Lalz mand, empfing ihn mit offenen Armen; dieſer brave Landmann hatte zwei Lochter verheira⸗ thet, ſeine Frau und ein Paar Erndten ver⸗ loren; ſeine Wohnung war von einer zuͤgello⸗ ſen fremden Soldatesca gepluͤndert worden; jezt baute er auf— der Vorſehung; er hoffte ſich wieder erholen, ſeine dritte Toch⸗ ter verheirathen und an ſein chne eine Stutze finden zu können. 1c Georg verweilte einige Stunden in der kleinen Stadt. Wie fand er hier alles ſo anders! Er erkannte faſt Niemand mehr⸗ Alle Behoͤrden waren veraͤndert; Menſchen, die er als Juͤnglinge verlaſſen, waren jezt Maͤn⸗ ner und ſeßhaft; junge Maͤdchen waren Frauen und Muͤtter geworden; mancher Alte und man⸗ cher Junge waren geſchieden. Eine Viertel⸗ ſtunde blieb er vor dem Hauſe ſtehen, in wel⸗ chem er einſt mit ſeiner Mutter wohnte wuͤnſchte ſo ſehnlich die Zmmer wieder zu ſehn, in welchen er mit ihr nſammentebte und 157 „ wagte es doch nicht hinein zu gehen; man gab ihm endlich die Erlaubniß dazu. Mit Thrä⸗ nen in den Augen betrat er die Schwellez hier ſaß ſie ſonſt, die gute Mutter, und naͤhte, dort die alte Matgarethe; auf jener Stelle hatte er ſo oft mit ihr geplaudert; auf dieſer ihren letzten Segen empfangen, ihren letzten Seufzer gehoͤrt!. Ergriffen von neuem Schmerz Lehüdle er ſc das Geſicht w ver⸗ ließ ſchluchzend das du 65 3 Eutſchoſſen, ihn zi eiehren enen Duͤpre und la Moriniére ihn gern ſogleich beim Abſteigen von der Diligence empfangen, aber es gab bereits drei oder vier dergleichen Fuhrwerke die aus jener Stadt kamen und Georg hatte in ſeinem Briefe nicht bemerkt, mit welchem er anlangen wuͤrde. Man war daher uͤbereingekommen, ſich bei dem Doctor zu verſammeln und ihn hier zu erwarten: aber der Tag ruͤckte vor und Georg kam noch immer nicht. Schon begann man einigen Un⸗ muth uͤber ſein Außenbleiben zu empfinden. „Wie kann man nur ſchreiben, daß man kom⸗ S men wird, wenn es nicht gewiß iſt.“ ſprach der Eine.—„Sie werden ſehen, daß er durch irgend einen einfaͤltigen Streich die Diligence aufge⸗ halten hat,“ meinte der Andere.— Endlich rief la Moriniére, der ſich an das Fenſter geſtellt hatte und von weitem einen jungen Mann mit einem Traͤger hinter ſich erblickte, der ein anſehnliches Felleiſen auf der Schul⸗ ter hatte:„Da iſt er!“ und ſogleich ſpran⸗ gen Alle auf und wenige Augenblicke und un⸗ ſer Held befand ſich in ihrer Mitte. Geruͤhrt warf ſich Georg in die Arme ſeinet Verwandten, und ſchloß ſie einen nach dem andern ans Herz; er weinte vor Vergnuͤgen, er druͤckte ihnen die Haͤnde und umarmte ſie immer von neuem. Sie erwiederten dieſe Freudenbezei⸗ gungen beſtens, jeder nach ſeiner Art; der ehe⸗ malige Advocat mit einer derben Vertraulich⸗ keit, die wie Freimuth ausſehen ſollte; la Mo⸗ riniére mit einer ſuͤßlichen Zaͤrtlichkeit; der Doctor mit einer pedantiſchen Empfindſamkeit. Madame St. Firmin betrachtete einſtweilen den Ankoͤmmling und fand ihn ſehr zu ſeinem Vor⸗ 159 theile veraͤndert. Mitten unter dieſem Austauſch von Zaͤrtlichkeit blickte aber eine ſehr lebhafte Reugierde auf den Geſichtern der lieben Ver⸗ wandten hervor. Man begab ſich jezt in das Geſellſchaftszim⸗ mer und nun begannen die Fragen ſich zu draͤn⸗ gen.„Ja gewiß,“ ſprach Georg,„ich habe Euch viel zu erzählen. Meine Reiſe iſt ſehr intereſſant geweſen, ſehr unterrichtend, ich habe Freude und Schmerz, Unfaͤlle und Erfolge ge⸗ nug erlebt.“—„Schoͤn, ſchoͤn!“ rief Duͤ⸗ pre;„Erfolge! das iſt's, was ich liebe.“— Bei dem Worte Erfolge hatten ſich die Freund⸗ ſchaftsbezeigungen verdoppelt und die Geſichter waren ſtrahlender gewotden.„Welch einen ſchoͤnen Anblick,“ fuhr Georg fort,„gewaͤh⸗ ren die Vereinigten Staaten! Da iſt nach meiner Ueberzeugung die Civiliſation am wei⸗ teſten zu ihrem großen Ziele vorgeruͤckt, da iſt es, wo ſie noch immer mit Rieſenſchrit ten weiter ſchreitet. Hier kennt man die Laſter und Feſſeln nicht welche die Herr⸗ ſchaft der Feudalinſtitutionen, des Fanatismus und der religiſen und politiſchen Unduldſamkeit, 160 in unſerm alternden Europa begruͤndet haben.“ —„O gewiß! gewiß!“ ſprach der Doctor mit wichtiger Miene;„„die vereinigten Staaten! das iſt das ſchone Ideal der beinahe verwirklich⸗ ten Philoſophie. Aber nachher davon; was haſt Du in dieſem hocheiviliſirten Lande gemacht?“ —„Ich war nicht immer da; ich begab mich tiefer in das Innele des Landes und beſuchte die Indianiſchen Volkerſtamme, die Wilden“— „Wie! Sie waren bei den Wilden?“ fragte Madame St. Firmin;„Ach! was ſind Sie glücklich! Ich moͤchte wohl auch einmal unter den Wilden ſeyn“—„Da,“ fuhr Georg fort,„zeigt ſich nach meiner Anſicht der Menſch dem Stande der Natur am nächſten. Man kann ſich da zugleich freuen und betruͤben ein Menſch zu ſeyn. Mit Schmerz ſieht man wie dieſe rohen Kinder der Ratur von einem unge⸗ zugelten Hange zu heftigen Leidenſchaften hinge⸗ riſſen werden; mit Freude, daß ſie alle den ſchoͤ⸗ nen Empfindungen des Wohlwollens, der Groß⸗ muth und der Dankbarkeit zugaͤnglich ſind.“— „Ja,“ fiel der Doctor ein, ſo leſen wir es in den Berichten aller Reiſenden; wenn man den 461 Herren Glauben ſchenken darf, ſo ſind die Wilden bald Goͤtter bald Teufel; aber kom⸗ men wir zur Sache.“—„Ja, kommen wir zur Sache,“ ſprach la Moriniére;„in dieſem ſo hoch policirten Lande kann der Europaer, wenn er mit einem huͤbſchen Waarenvorrath hinkoͤmmt, oft ein ſehr gutes Geſchaͤft machen. —„So iſts,“ meinte Duͤpre;„ſag an, was bringſt Du mit.“—„Was ich mitbringe? o ſehr ſchoͤne Sachen; das heißt,“ ſetzte Georg lͤchelnd hinzu,„Kleinigkeiten, die jedoch, wie ich hoffe, Euch Allen gefallen ſollen, denn ich bin mit einiger Sorgfalt in meiner Wahl ver⸗ fahren. So bringe ich z. B. meiner lieben Tante, zwei ſchoͤne Papageien mit, die eng⸗ iiſch und franzoſiſch plappern; fuͤr den Vekter la Moriniére habe ich die Waffen von einem Wilden beſtimmt, die er ſeinem Sohne, dem Lieutenant, ſchenken kann; mein theurer Onkel ſoll fuͤr ſein Naturalienkabinet eine ausgebalgte Meerkatze und eine getrocknete Fiſchotter be⸗ kommen; was Dich aber mein lieber Duͤpre anlangt, ſo iſt mir die Wahl eines fuͤr Dich Gegenſtandes ſehr ſchwer geworden; 162 endlich bin ich aber doch ſo gluͤcklich geweſen ein kleines, ſehr ſeltenes Buch zu finden, wel⸗ ches ich mir ein Vergnuͤgen gemacht habe zu uͤberſetzen und Dir nun uͤbergeben will. Es iſt eine in Boſton herausgekommene moraliſche Abhand⸗ lung uͤber die Pflichten eines Attorney, was im Engliſchen ein Procurator oder Advocat bedeu⸗ tet.“—„Daß Dich der Teufel mit Deinen ſchoͤnen Geſchenken hole,“ rief Duͤpre;„ich bin nicht mehr Advocat, ich brauche Dein Buch nicht.“—„Ruhig, ruhig,“ ſprach der Doe⸗ tor;„man laſſe Georg nur weiter reden.“— „Ja, laßt ihn weiter reden,“ fiel Madame St. Firmin ein;„was mich betrifft, ſo erklare ich, daß ich die beiden Papageys mit vielem Dank in Empfang nehmen werde.“—„Aber noch einmal, kommen wir zum Weſentlichen. Wie ſteht's mit Deinen Waaren?“—„Ja, mit Deinen Waaren!“ riefen Alle aus und ruͤckten mit ihren Stuͤhlen naͤher heran.„Was haſt Du damit gemacht?“—„Haben ſie Dir gute Fruͤchte gebracht?“—„Haſt Du ſie gegen Geld oder andere Waaren umgeſetzt?“ —„Mit einem Wort, was iſt damit gewor⸗ 163 den?“—„Was damit geworden iſt?. Nun, eben nicht viel.“—„Wie?“—„Nach Verlauf von ſechs Monaten waren ſie verlo⸗ ren.“—„Verloren!“—„Ja, verloren. Gleich auf der Ueberfahrt gab mir der Su⸗ percargo des Schiffes zu verſtehen, daß ich ſie, wenn ich wollte, als Contrebande einbringen koͤnnte; das wollte ich aber nicht. Kaum an das Land geſtiegen, hatte ich das Ungluͤck mich mit einem Spitzbuben zu aſſociren, denn es giebt dergleichen uͤberall, ſelbſt in den beſtcivili⸗ ſirteſten Laͤndern; der Schelm betrog mich um die Haͤlfte meines Guthabens. Man rieth mir ihn zu verklagen; ich glaubte jedoch meine Zeit in einem fuͤr mich ſo neuen und merk⸗ wuͤrdigen Lande wohl beſſer anwenden zu koͤn⸗ nen und ließ es ſeyn. Ein anderer Schelm.. ein noch viel ſchlimmerer Schelm, verſprach mir einen guten Verdienſt, wenn ich das, was ich noch an Waaren beſaß, gegen einen An⸗ theil an einer Ladung von Regerſelaven ver⸗ tauſchen wollte, die man eben nach einer eng⸗ liſchen Colonie abzuſenden im Begriff ſtand. Großer Gott! ich, ich ſollte mich mit einem ſo . 164 ſchandlichen Handel befaſſen!... Endlich fand ich einen braven Mann..... O, das war ein ſehr rechtſchaffener Mann! Ich ging eine Ver⸗ bindung mit ihm ein; leider waren uns die Umſtaͤnde nicht guͤnſtig; der redliche Mann kam zuruͤck, und gerieth in Noth. Er hatte eine zahlreiche Familie; ich war allein und brauchte nicht viel. Mit vieler Muͤhe gelang es mir ihn mit dem Verluſte alle meines Habes, aus der Verlegenheit zu reißen. Gewiß, es hat mir viele Freude verurſacht ihn wieder glucklich, gluͤcklich durch mich zu ſehen.“— „O! o! und Du dachteſt nicht daran, daß Du nun ſelbſt ohne Mittel wareſt.“—„JIch war es nicht ſo ganz, wie Sie glauben; es blieb mir noch genug, um eine Reiſe zu den Quellen des großen Fluſſes machen zu koͤnnen und ich fand hier viele Befriedigung meiner Wißbegierde. Indem ich von dem Laufe des Stromes abwich, kam ich zu den indianiſchen Volkerſchaften. Bei meiner Ruͤckkehr nach Bo⸗ ſton lernte ich endlich einſehen, daß ein Menſch mit einigen Kenntniſſen immer, wenn er mur will, durch's Leben kommen kann, Ich gab 165 — daſelbſt Unterricht in den alten Sprachen, in der Geometrie und im Zeichnen, und verdiente genug damit, um zu leben und zuletzt auch meine Ruͤckreiſe bezahlen zu koͤnnen. So bin ich denn wieder hier.“—„Alſo koͤmmſt Du ohne einen Groſchen in der Taſche wieder? —„Ohne einen Groſchen; und wenn der ehr⸗ liche Claude Lallemand, mir nicht einen kleinen Vorſchuß gemacht hätte, ſo weiß ich in der That nicht, wie ich haͤtte nach Paris kommen wollen.“ Bei dieſen letzten Worten entfernten ſich plotzlich die Stuͤhle der lieben Angehoͤrigen und alle Stirnen wurden kraus.„Das wußte ich vorher,“ flͤſterte la Moriniére der Madame St. Firmin ins Ohr;„glauben Sie nun noch, daß er ſich zu ſeinem Vortheil geaͤndert hat?“ —„Er iſt doch noch immer der alte,“ rief Duͤpre und murmelte ſo etwas von„einfaͤl⸗ tigen Tropf,“ laut genug zwiſchen den Zähnen her, um von Georg und den Andern verſtanden zu werden, die ſich diesmal nicht ſehr beeilten ihm Stiliſchweigen anzuempfehlen; Georg aber unterdruckte eine Aufwallung von 166 Zorn, und ſagte dann mit ſeiner gewoͤhnlichen Sanftmuth zu dem ehemaligen Advocaten: „Mein lieber Vetter Duͤpre, laßt uns die erſte Zuſammenkunft, welche ich nach ſo langer Ab⸗ weſenheit mit meinen Verwandten habe, nicht truͤben.“—„Es iſt mir unbegreiflich,“ nahm la Moriniére wieder das Wort,„wie ein Menſch ſo leichtſinnig und unvorſichtig handeln kann.“— Jezt begann auch Madam St. Firmin in dem ermahnenden Tone einer Tante ihm vorzuſtellen, daß man allerdings bei ſeiner Abreiſe der Unerfahrenheit ſeiner Jugend noch manches zu gute gerechnet habe; allein, daß ein Menſch, der bereits neun und zwanzig Jahre hinter ſich haͤtte, billig doch nicht mehr wie ein einfaͤltiger Schulknabe handeln muͤſſe; hierauf fragte ſie ihn aber mit vieler Hoflich⸗ keit, ob er auch daran gedacht habe, ſich bei ſeiner Ankunft in der Hauptſtadt nach einer Wohnung umzuſehen. Georg erwiederte, daß er dies nicht gethan haͤtte.„Das iſt ſchlimm,“ meinte die Dame,„denn ich weiß wirklich nicht, ob ich Sie werde in unſer Haus auf⸗ nehmen koͤnnen. Wir haben jezt ſo viele Pen⸗ ſionare. Es wird gebaut..“—„Laſſen Sie ſich dies nicht beunruhigen,“ erwiederte Georg;„Dank dem Himmel, die Stadt iſt groß genug; es wird ſich ſchon ein Stuͤbchen fur mich finden.“— Alle dieſe Unhoͤflichkeiten waren aber noch nichts gegen den herben Ser⸗ mon, welchen jezt der Hr. Dercy de St. Firmin in ſeiner Eigenſchaft als Onkel und ehemaliger Mitvormund, mit vielem Stolze dem armen Reiſenden hielt, und der ſich damit ſchloß:„daß er es ſehr bedauern muͤſſe, daß ſeine Lage ihm nicht erlaube auch nur das Geringſte fuͤr ihn zu thun, und daß Georg daher in Richts auf ihn rechnen duͤrfe.“—„In Nichts!“ wiederhol⸗ ten die beiden Vettern,„in Nichts rechne auf uns.“—„Meine theuren Verwandten,“ er⸗ wiederte Georg mit ſanftem Tone,„es wuͤrde mich ſehr betruͤben, wenn ich Ihnen zur Laſt fallen ſollte; aber beruhigen Sie ſich; ich brauche ja ſo wenig, ach! ich habe keine Mut⸗ ter mehr! Was mir noch von meinem kleinen Erbe geblieben, iſt hinreichend um mich ſo gluͤcklich zu machen, wie ich es ſeyn kann.“ 168 Dieſe Sprache der Sanftmuth und Guͤte entwaffnete den Zorn der lieben Verwandten nicht. Noch dauerten die Vorwuͤrfe, die Er⸗ mahnungen, die bittern Spoͤttereien fort, als die Zofe der Frau Doctorin einen Jockey in glänzender Uniform hereinfuͤhrte, der mit Hen. Georg Derch zu ſprechen verlangte.„Sieh da!“ rief Georg,„biſt Du es, Jacques?“— „Ja Herr Dercy,“ erwiederte der Jockey,„ich komme von dem Herrn Grafen Harville, der ſich erkundigen laßt, ob Sie geſund und wohl angekommen ſind, und zu wiſſen wuͤnſcht, ob er morgen zu Ihnen kommen ſoll, oder ob Sie ihn lieber im Hotel des Ser Marquis beſuchen wollen.“— Bei dem Anblick des Jockey in 8 bei der Anhorung der Worte:„Graf und Marquis,“ wa⸗ ren die Vorwuͤrfe und Zornerguͤſſe auf den Lippen der theuren Verwandten plotzlich in's Stocken ge⸗ kommen.„Jacques,“ ſprach Georg ohne auf die Veraͤnderung Acht zu geben, welche ſich ſo ſchnell in den Seelen oder wenigſtens auf den BGeſichtern der Andern zugetragen hatte;„Jac⸗ ques, ſage an Harville, daß ich morgen bei ihm fraͤhſtuͤcken will; auch wuͤrde ich in Ver⸗ legenheit ſeyn, wenn ich ihm meine Addreſſe geben ſollte, denn ich weiß noch nicht wo ich wohnen werde.“— Der Jockey entfernte ſich. „Wie! der Herr Graf von Harville!“ ſchrien nun auf einmal alle Anweſende;„ſollte dies ein Verwandter von dem Hrn. Marquis von Harville ſeyn, der jezt in ſo hohem Eredit ſteht und bei Sr. Majeſtät alles in allem gilt?“—„Es iſt ſein Sohn.“—„Sein Sohn!“—„O! o!“—„Du kennſt ihn?“ —„Wir haben die Uebekfahrt zuſammen ge⸗ macht und ſind bis Orleans mit einander gereiſet. Hier nahm ich dann einen Platz in einem oͤffentlichen Wagen, um mich zu dem ehr⸗ lichen Claude Lallemand zu begeben, waͤhrend Harville ſeinen Weg nach Paris fortſetzte, wo ich, wie ich ihm damals ſagte, heute auch ein⸗ treffen wollte.“—„Du biſt mit dem Sohne des Marquis Harville gereiſt?“—„Ja; er iſt mein Freund!“—„Dein Freund!“— „Mein intimer.“— Den Augenblick näher⸗ ten ſich die Stuͤhle wieder und alle Geſichten klärten ſich auf.„Aber erzaͤhle uns doch, wie 170 iſt denn das gekommen, daß Du der intime Freund des jungen Hrn. Grafen von Havville geworden biſt?“—„Ja, erzaͤhlen Sie das, mein lieber Georg,“ ſetzte Madame St. Fir⸗ min in einem ſchmeichelnden Tone hinzu.— „Unter dem Kaiſerreich,“ erwiederte Georg, „glaubte die Familie meines Freundes nicht mehr auf die Wiederherſtellung der alten Mo⸗ narchie rechnen zu duͤrfen und drang daher in ihn Dienſte zu nehmen. Man trug ihm eine Kammerherrnſtelle an, er zog es aber vor in's Militaͤr zu treten. Voll Schmerz im J. 1814 die Fremden, denen er ſo oft muthvoll gegen⸗ uͤber geſtanden hatte, auf Frankreichs Boden zu ſehen, bat er ſeinen ſchon damals in gro⸗ ßem Anſehn ſtehenden Vater um die Erlaub⸗ niß eine Reiſe machen zu duͤrfen, und nach⸗ dem er Italien, Deutſchland und England durcheilt war, ſiel es ihm ein, auch die ver⸗ einigten Staaten zu beſuchen. In Boſton wohnte er in demſelben Gaſthofe, in welchem ich abgeſtiegen war; ein Austauſch von freund⸗ licher Zuvorkommenheit fand hier bald zwi⸗ ſchen uns ſtatt, obſchon dem Anſchein nach ſein Vermoͤgen und ſeine Neigungen eine Schei⸗ dewand zwiſchen uns zogen. Ich bin nicht reich und die Vergnuͤgungen der Welt, die fuͤr ihn einen großen Reiz haben, feſſeln mich nicht; indeß, in fremden Laͤndern ſchließt ſich der Landsmann ſo leicht an den Landsmann, man freut ſich ſo herzlich einen Menſchen aus der Heimath zu ſehen, daß man ſich da bald und inniger wie zu Hauſe lieben lernt.... Es brach jezt eine jener in America nur zu häufi⸗ gen anſteckenden Krankheiten aus, die fuͤr den Fremden immer doppelt gefaͤhrlich ſd —„Halt!“ ſprach der Doctor,„ich weiß was Du fuͤr eine meinſt, ſicher war es der Typhus endemicus, gewoͤhnlich das gelbe Fieber genannt.“—„Harville wurde von der Krankheit befallen. Die Furcht vor Anſtek⸗ kung machte, daß man dem Kranken nicht alle die Sorgfalt erwies, deren er ſo ſehr bedurfte; ich widmete ihm meine ganze Aufmerkſam⸗ keit; Tag und Nacht kam ich nicht von ſeinem Lager weg. Es gelang mir, ihn zu retten, aber kaum war die Gefahr fuͤr ihn voruͤber, ſo bedrohte ſie mich. Jezt wurde mein guter Harville mein Pfleger und Retter; auch er wich nicht von meinem Lager; auch er verließ mich keinen Augenblick. Gewiß, das was er mir that, war weit verdienſtlicher von ihm, als es das war, was ich ihm erwieſen hatte; als ich ihn pflegte, befand ich mich wohl und ge⸗ ſund, als er mir aber ſeine Pflege widmete, war er ſchwach und kaum ſelbſt auf dem Wege der Beſſerung. Ich genaß indeß endlich auch wieder. Sie koͤnnen denken, welche innige und feſte Freundſchaft durch ein ſolches gegen⸗ ſeitiges Benehmen zwiſchen uns entſtand; wir ſchworen es uns einander zu, uns nie zu ver⸗ laſſen, uns immer zu lieben und, ich wage es zu behaupten, nichts in der Welt wird dieſes Band unter uns erſchuͤttern. Wenn auch die Verſchiedenheit der Gluͤcksguͤter, unſere buͤr⸗ gerliche Lage und unſere ganze Art zu leben, uns nicht erlauben ſollte uns oft zu ſehen, ſo wiſſen wir doch beide, daß jeder auf den an⸗ dern in allen Lagen rechnen kann, und wenn auch keine Sympathie zwiſchen unſern gewoͤhn⸗ lichen Neigungen ſtatt findet, ſo herrſcht ſie doch zwiſchen unſern Herzen. Ich werde Ales 17 fur Harville thun, Harville Alles fuͤr mich.“ —„O wie iſt das ſo ruͤhrend!“ rief Madam St. Firmin.—„Sehr ruͤhrend!“ ſprach Duͤ⸗ pre.—„Es giebt nichts Ruͤhrenderes!“ ſetzte la Moriniére hinzu.—„Warum erzaͤhlteſt Du uns denn das nicht gleich, daß Du eine ſo glaͤnzende Verbindung haſt?“ fuhr Duͤpre fort.„Eine ſolche intereſſante Bekanntſchaft wiegt ein Vermoͤgen auf. Sie iſt mehr werth als das beſte Waarenpacket.“—„Mein Vet⸗ ter Georg,“ ſprach der Dortor,„es freut mich ſehr, zu ſehen, daß Du Deine Freundſchaft auf gegenſeitige Tugenden baueſt. Ja mein theurer Reffe, mit Zufriedenheit bemerke ich, daß Du die Lehren befolgeſt, welche ich Dir gege⸗ ben habe.“—„Aber mein lieber Georg,“ fuͤgte Madame St. Firmin hinzu,„es iſt mir recht unangenehm, daß Sie dem Herren Gra⸗ fen nicht die Addreſſe unſeres Hauſes gegeben haben, denn Sie bleiben bei uns; ich muß durchaus Mittel auffinden, Sie bei uns zu logieren; Sie duͤrfen nicht in einen Gaſthof oder ſonſt wohin gehen. Wiſſen Sie was; fuͤr dieſe Nacht laß ich Ihnen ein Bette in nmeinem Salon aufſchlagen und da morgen der dicke Lord, den mein Mann vom Spleen ge⸗ heilt hat, den Weg in ſein neblichtes Vater⸗ land wieder einſchlägt, ſo ſteht Ihnen dann ſein Zimmer zu Dienſten. Ach! es wuͤrde mich unendlich freuen Ihren theuren Freund, den Sohn des Herrn Marquis von Harville bei uns zu ſehen.“—„Großen Dank, liebe Tante, fuͤr Ihre jezige Bereitwilligkeit,“ antwortete Georg laͤchelnd,„ich nehme es an.“ Welche Schmeicheleien, welche zuvorkom⸗ menden Worte verſchwendete man jezt an Georg.„Der liebe Vetter!“—„Der gute Georg!“—„Wie vergnuͤgt bin ich ihn wie⸗ der zu ſehen!“—„Ach⸗ das iſt heute ein ſchoͤner Tag fuͤr uns!“—„Meine Freunde!“ rief Duͤpre,„der morgende muß dem heutigen gleichen. Es macht mir ſo viel Freude unſern guten Vetter wieder zu ſehen, ich moͤchte ſo gern ſeine Zuruͤckkunft feiern... Wißt Ihr was, erweiſt mir das Vergnuͤgen und ſpeiſet morgen bei mir, ganz unter uns, ganz im Fa⸗ milienkreiſe, ohne alle Géne.“—„Sehr gern,“ erwiederten die Andern.—„Ach! 15 man mag ſich noch ſo ſehr in der Welt zu zer⸗ ſtreuen ſuchen, immer iſt es doch am beſten un⸗ ter den Seinigen, im Kreiſe lieber Verwandten. Du guter Georg!“ Georg gruͤbelte nicht ſehr uͤber die Be⸗ weggruͤnde, welche ihm ſo plotzlich das Wohl⸗ wollen ſeiner Familie wieder erworben hatten, ſondern freute ſich im Gegentheil herzlich uͤber die Zuvorkommenheiten, welche man ihm er⸗ wieß. Dankbar nahm er Duͤpres Einladung an, dankbar die ihm von ſeiner Tante ange⸗ botene Wohnung. Der Abend wurde ſehr ver⸗ gnuͤgt verbracht; man lachte, plauderte und ſcherzte; vor allem aber kramte man ganz be⸗ ſonders einen großen Schatz von Empfindung aus; endlich ſchied man unter den zärtüchſten Lebewohls.„Rechnet auf mich,“ ſprach Georg zu ſeinen Vettern.—„Und Du, mein lieber Georg,“ etwiederten dieſe,„rechne ganz auf uns.“, 6. Zehntes Kapitel. Beorg verwendet ſich fuͤr ſeine Verwandten. Man kann ſich die kleinen Aufmerkſamkeiten kaum alle denken, welche Madame St. Firmin fuͤr den theuern Neffen hatte; die ganze Die⸗ nerſchaft des Hauſes wurde in Bewegung ge⸗ ſetzt, der gefaͤhrlichſte Kranke haͤtte nicht abgewartet werden koͤnnen. Georg war den folgenden Morgen kaum aufgeſtanden, ſo beſuchte ihn auch ſchon der Vetter la Moriniére, um ſich zu erkundigen, wie er die Nacht geruht habe; dann aber ſchnell auf das Wahre uͤbergehend, erzaͤhlte er ihm, daß er dieſen Morgen beim Erwachen, in⸗ dem er ſich ſo recht innig das Vergnuͤgen uͤber⸗ legt habe welches es ihm mache, ſeinen lieben Vetter wieder zu ſehen, einen koͤſtlichen Einfall in Betreff ſeines Sohnes, des Souslieutenants, bekommen habe.—„Du wirſt wiſſen,“ fuhr er fort,„daß er ein ganz herrlicher Burſche iſt. Run ſieh, da hat er mir ohmlaͤngſt geſchrieben, daß eine Oberlieutenantsſtelle in ſeinem Regi⸗ mente frei werden wird, und da iſt mir einge⸗ fallen daß, wenn Du uns helfen wollteſt, die Sache ſich leicht machen wuͤrde. Du duͤrfteſt nur ein Wort an Deinen Freund, den jungen Grafen von Harville ſagen; der Herr Graf ſpraͤche dann mit ſeinem Vater, dem Herrn Marquis; der Herr Marquis ließe ein Woͤrt⸗ chen von der Sache bei Ihro Exeellenz, dem Herrn Kriegsminiſter fallen, und eh' man die Hand umwendet, haͤtte mein Sohn, was er wuͤnſcht. Willſt Du das wohl thun, lieber Georg?“— Ohne ſich zu beſinnen, verſprach Georg ſeine Verwendung.„Aber es iſt keine Zeit zu verlieren,“ ſetzte la Moriniére hinzu. „Schoͤn, ſchoͤn; noch dieſen Morgen.“—„O wie biſt Du doch ſo gut!“ La Moriniére war noch nicht fort als Duͤ⸗ pre eintrat; auch ihn hatte es getrieben den lieben Vetter einen freundlichen guten Morgen zu bieten, kaum aber waren die erſten Bewill⸗ kommungscomplimente voruͤber, ſo zog ihn Duͤ⸗ pre auch ſchon bei Seite und ſprach:„Richt M * 178 — wahr mein lieber Vetter, es hat Dich, der Du ſo zartſinnig biſt und ſo ſehr auf die Ehre der Familie haͤltſt, geſchmerzt, mich hier den Stand eines Geſchaͤftsmannes bekleiden zu ſehen? Aber was ſollte ich machen? Die Um⸗ ſtaͤnde.. Die Verhaͤltniſſe.. Doch ich hoffe, es ſoll ſich aͤndern. Ja, es muß ſich aͤndern. Meine Abſicht iſt, meinen Mitbuͤr⸗ gern bei einem Tribunale zu nuͤtzen; aber eh⸗ renvoll.„ Dieſe Racht, ich konnte nicht ſchlafen. an Dich, iel mir ein, daß einer der Vorſtände von dem Tribunale erſter Inſtanz ſchon ſehr alt iſt. Ein ſolcher Poſten wuͤrde mir aber ungemein zuſagen; ich wuͤrde dann mein Geſchaͤftsbuͤreau verkaufen und mit dem, was ich dafuͤr bekaͤme und dem Gehalte, welches ich ziehen wuͤrde, konnte ich dann recht bequem leben. Begreifſt Du das?“—„Ja, ich begreife.“—„Wohlan! Du kannſt mir dienen; verſchaffe mir die Protection Deines Freundes, des Grafen Harville“—„Aber,“ erwiederte Georg laͤchelnd,„was kann Dir denn Harville dabei nutzen? was weiß der von dergleichen Anſtellungen?“—„Sein Va⸗ 179 4 ter, der alte Marquis von Harville, kann zu Allem verhelfen; ſein Wort gilt in allen Ver⸗ waltungszweigen; er darf nur eine Sylbe zu dem Generalprocurator ſagen, und noch eine bei dem Juſtizminiſter fallen laſſen und ich bin, was ich wuͤnſche. Verſprichſt Du mir, mit Deinem Freunde zu reden?“—„Von gan⸗ zem Herzen.“—„Gute Seele!“ rief Duͤpre mit Thraͤnen in den Augen, indem er Georgs Hand druckte. 30 133 Der Doctor trat ein; er wolle ſch nach Georgs Befinden erkundigen und ſchien ein wenig unangenehm uͤberraſcht zu ſeyn, beide Vettern bereits hier zu finden. Man begab ſich jezt in das Zimmer der Madame St. Fir⸗ min. Georg, immer offenherzig, erneuerte hier in Gegenwart ſeines Onkels und ſeiner Tante, das Verſprechen, welches er den Vettern ſo eben gegeben hatte.„Wie, meine Herren!“ rief der Doctor, mit einem finſtern Blick la Mo⸗ riniére und Duͤpre meſſend;„Sie haben ſich ſchon ſo fruͤh auf den Weg gemacht, um den Credit unſers guten Georg zu benutzen? In der That, Sie ſind ſehr eilfertig; aber ich bitte, M 2 180 daſſen Sie ihm doch nur Zeit, ſich erſt ein we⸗ nig zu erholen. Gewiß, ich habe auch an alle die Vortheile gedacht, welche aus einer ſo ehren⸗ wollen Bekanntſchaft entſpringen koͤnnen; allein nicht meinetwegen, nicht fuͤr mich habe ich da⸗ ran gedacht, ſondern ſeinetwegen; bemerken Sie das, meine Herren. Unſer guter Georg muß ſuchen, durch die Vermittelung ſeines Freun⸗ des eine huͤbſche, eintraͤgliche, bequeme Anſtel⸗ lung in dem hoͤheren Verwaltungsfache zu er⸗ halten.“—„So meine ich auch,“ ſezte Ma⸗ dame St. Firmin hinzu;„und wenn dann erſt unſer theurer Vetter feſt ſtehen wird, dann wird es ihm auch keine große Muͤhe machen, meinem Manne die Gewogenheit ſeines Mini⸗ ſters zu verſchaffen“—„Frau, Frau,“ er⸗ wiederte der Doetor;„mache es doch nicht ſo wie die, welche ich ſo eben tadle; nein! ich bitte fuͤr mich um nichts; es iſt nicht meine Art, hinter den Kranken herzulaufen; aber ich kenne das vortreffliche Herz von unſerm Georg. Zuerſt muß er verſorgt ſeyn, das Uebrige fin⸗ det ſich dann von ſelbſt.. Sie koͤnnen ſich Alle beruhigen, er wird ſeine Verwandten nicht 181 vergeſſen.“—„O nein!“ erwiederte Georgz „es wird mich ſehr gluͤcklich machen, wenn ich Ihnen Allen dienen kann, und weil mein On⸗ kel es ſo wuͤnſcht, ſo will ich, nachdem ich erſt fuͤr Sie werde geſprochen haben, dann auch fuͤr mich ſprechen. Ich kann uͤberdem jezt nicht mehr daran denken, mein Guͤthchen hoͤher zu benutzen; der brave Claude Lallemand muß ſich von zwei Plunderungen, die er innerhalb funfzehn Monaten erlitten hat, erholen, und ich will nicht laͤnger muͤßig gehen. Darum werde ich ſogleich mit Harville veden. War⸗ ten Sie nicht auf mich, liebe Tante; um fuͤnf uhr komme ich zu Duͤpre und ich hoffe dann⸗ Ihnen Allen gute Rachrichten bringen zu koͤnnen.“ Hr. Duͤpre ließ es ſich ſehr angelegen ſeyn⸗ Georg gut zu bewirthen. Da ſich nur ihrer Fuͤnfe bei Tafel ſinden ſollten, ſo wurde der Tiſch im Cabinette des Geſchaͤftsmannes ge⸗ deckt; Silberzeug und Waͤſche waren aͤußerſt elegant; vor jedem Couverte ſtanden drei fein geſchliffene Kriſtallglaͤſer; die verſchiedenen Sor⸗ ten Weine hatte man auf einer Conſole auf⸗ geſtellt; in einem Gefaͤße mit Eis befanden ſich 182 die Champagner⸗Flaſchen. Das Dinér war von einem geſchickten Reſtaurateur beſorgt; im Sa⸗ lon ſah man beim Durchgehen ein ſehr ſchones Deſert im voraus angeordnet. Hr. Duͤpre hatte ſeine Commis fuͤr den ganzen Abend entlaſſen. Schlag fuͤnf Uhr war die ganze Familie vereinigt, ausgenommen Georg; jeder behaup⸗ tete nur darum ſo puͤnktlich eingetroffen zu ſeyn, um den lieben Vetter, uber deſſen Zo⸗ gern dies mal keiner klagte, deſto eher wieder⸗ zuſehen.„Sicher,“ hieß es,„iſt er durch wich⸗ tige Geſchaͤfte abgehalten worden.“—„Viel⸗ leicht wirkt er in dieſem Augenblicke fuͤr uns.“ Man ergoß ſich in ſeinem Lobe.„Was ſchadet es, daß er auf ſeiner Reiſe im Handel kein Gluͤck machte, er wird deſtomehr in der Lauf⸗ bahn als Staatsbeamter machen.“—„Ich habe es immer geſagt, der Tropf iſt nicht ſo albern, wie Ihr Andern dachtet.“—„Wir wollen ſehen,“ meinte der Doctor;„wenn er mir folgt, kann er ſeinen Weg machen.“— „Und uns ſehr nuͤtzlich werden,“ ſezte Madame St. Firmin hinzu.—„Still, meine Liebe... Wenn man Sie hoͤrt, ſollte man glauben, ich beduͤrfte der Protection unſers Georg.“—„Das ſage ich nicht, aber er iſt doch ein herrticher, junger Mann.— Ja, ein herrlicher; doch wo muß er nur bleiben?“—„Die Zeit verrinnt.“ —„Und das Eſſen wird uns kalt.“—„Un⸗ moglich konnen wir uns doch ohne ihn zu Ziſche ſetzen.“—„Pfui! ich fuͤr meinen Theil erkläre, daß mir ohne ihn nicht ein Biſſen ſchmecken wird.“—„Wenn ihm nur kein Unfall be⸗ gegnet iſt.“—„Sie erſchrecken mich!“— „Nicht doch, man muß das Beſte hoſſen.— „Freilich, aber dennoch....“ Jeder begann nun ſeine Unruhe ſo gut wie moͤglich zu bezeigen; endlich trat Georg herein, und die Bekuͤmmerniß machte der Freude Platz. „Aufgetragen!“ rief Duͤpre dem Burſchen aus der Reſtauration zu. „Vergebung, meine lieben Verwandten, daß ich ſo lange auf mich warten ließ,“ ſprach Georg, und trocknete ſich den Schweiß von der Stirne;„ich bin viel umhergelaufen.... Run, es geſchah fuͤr Sie. Es lag mir ſo ſehr am Herzen, Ihre Vorwuͤrfe nicht mehr zu verdie⸗ nen.“—„Vorwuͤrfe?“ entgegnete la Mo⸗ 184 riniére;„wir? wo denkſt Du hin? nimmermehr!“ —„Nur raſch zu Liſche!“ ſchrie Duͤpre;„da ſpricht es ſich am beſten, und nachher bleiben wir den ganzen Abend vergnuͤgt bei einander.“ Das Mahl erſchien und man nahm Platz.„Ich glaube mir ſchmeicheln zu durfen, mich als guter Verwandter und rechtſchaffener Mann benommen zu haben,“ begann Georg. „O! daran zweifeln wir nicht. Aber ſag' an, bekoͤmmt mein Sohn die Lieutenantsſtelle?“— „Erhalte ich den Poſten beim Tribunale?“— „Ihr werdet ſehen.“—„Mein Himmel! meine Herren, was ſind Sie ungeduldig,“ fiel der Doe⸗ tor mit einem ironiſchen Tone ein.—„Hat ſich unſer Freund Georg nicht ſelbſt ungeduldig ge⸗ zeigt, uns zu dienen?“ erwiederte Duͤpre. Ein Glas Madera nach der Suppe, mein lieber Vet⸗ ter. Nun ſprich, wir hoͤren.“— Georg fuhr fort:„Es war Zeit den Credit des Marquis Harville in Anſpruch zu nehmen, denn er iſt ſo eben mit einer ſehr wichtigen Geſandtſchaft nach dem Rorden beauftragt worden, und reiſt noch in dieſer Nacht ab.“—„Der Leufel!“— „Das iſt ein fataler Queerſtrich!“—„Ge⸗ 185 duld; ſein Sohn bleibt in Paris.“—„Ei, das iſt nicht daſſelbe.—„Doch; mein Freund Harville iſt der zuvorkommenſte Menſch, die beſte Seele. Er wollte mich ſogleich ſeinem Vater vorſtellen; das war mir unangenehm; ich liebe dergleichen nicht; indeß, ich dachte an Euch, liebe Vettern, und da ließ ich es mir endlich gefallen. Man hatte mir geſagt, der Marquis Harville ſey zuruͤckſtoßend, eingebildet auf ſeinen Adel und voller alten Vorurtheile; ich fand das nicht in ihm, ſondern ihn im Ge⸗ gentheile ſehr zuvorkommend. Mit Herzlichkeit dankte er mir fuͤr die Sorge, die ich fuͤr ſeinen Sohn getragen hatte; er ſagte mir, daß er ſich ſehr freue uns ſo innige Freunde zu ſehen und daß er im voraus alles billige, was ſein Sohn waͤhrend ſeiner Abweſenheit etwa fuͤr mich thun wuͤrde; auch daß ſich derſelbe dreiſt ſeines Namens bedienen duͤrfe, wenn er mir dadurch nuͤtzlich werden koͤnne.“—„Vortreff⸗ lich!“—„Da iſt Dir ja geholfen!“—„Uns Allen!“—„Jean! gieb Champagner!“ ſchrie Duͤpre;„fahr fort, lieber Vetter.“—„Run glaubte ich den Augenblick fuͤr Euch benutzen 1 186 — zu muͤſſen und trug dem Vater meines Freun⸗ des den Wunſch des Vetter la Moriniére in Betreff ſeines Sohnes, und den des Vetter Duͤpre in Betreff ſeiner ſelbſt vor. Der Mar⸗ quis lächelte und mit einem freundlichen Blick ſagte er zu mir:„Sie ſind ein guter Ver⸗ wandter.“ Er ließ hierauf einen Secretair kommen, und dietirte ihm ein Paar Briefe, den einen an den Chef des Kriegs⸗Buͤreaus, den andern an einen, beim Juſtiz⸗Miniſterium ſehr einflußreichen Mann. Mein Freund Har⸗ ville erbot ſich hierauf mich zu den beiden Her⸗ ren hinzubegleiten, um auch noch muͤndlich die Empfehlung ſeines Vaters zu unterſtutzen, und ſo machten wir uns denn ſogleich auf den Weg.“ —„Das nenne ich Thaͤtigkeit! Das heißt Auf⸗ opferung!“—„Jean! ſchenke doch dem Vet⸗ ter von dem Bordeaux ein. Run, wie ging's im Juſtizminiſterium?“—„Wir begaben uns zuerſt auf das Kriegs⸗Buͤreau.“—„So.“ —„Wurdet Ihr da gut empfangen?“ fragte la Moriniére.—„Man ſagte uns, daß in der That bald eine Lieutenantsſtelle in dem Regimente Deines Sohnes aufgehen wuͤrde.“ 187 —„Ich wußte es wohl; mein Sohn war gut unterrichtet.“—„Aber man ſagte uns auch zugleich mit vieler Höflichkeit, daß es eigentlich ein Unrecht ſeyn wuͤrde, wenn man ihn dazu ernennen wolle.“—„Run, das hat doch wohl den jungen Hrn. Grafen Harville nicht abge⸗ halten, auf dem Wunſche ſeines Vaters zu be⸗ ſtehen?—„O nein! Harville hegt ſo viel Freundſchaft zu mir, er wollte mir ſo gern die⸗ nen, und dann, er iſt ſo dreiſt: er wollte ſelbſt zum Miniſter gehn, um mit dieſem zu ſprechen, und der Mann auf dem Buͤreau meinte, das wuͤrde ſicher helfen; allein ich widerſezte mich.“ —„Wie! Du widerſezteſt Dich?“—„Ja. Ich konnte es mir nicht denken, daß Du das Avancement Deines Sohnes einer Ungerechtig⸗ keit verdanken wollteſt.“—„Alle Teufel! da bin ich Dir ſehr verbunden; das wußte ich allein, daß meinem Sohne die Stelle noch nicht in der Reihenfolge zukam; aber was kuͤmmert mich das? Hole der Guckguck Deine Serupel; ich habe keine. Wen wird man nun dahin ſtellen? Vielleicht einen Offizier von halbem Solde.. einem gefährlichen Menſchen, einen 188 —— Revolutionair.“—„Ah, pfui! Vetter la Mo⸗ riniére,“ fiel der Doetor ein;„ich billige Georgs Zartſinn ſehr, er macht ihm Ehre.“ Aerger⸗ lich ſchwieg la Moriniére und warf ſich in ſei⸗ ner uͤbeln Laune mit großer Begierde uͤber eine Schüſſel Auſtern her.„Ja, viel Ehre,“ ſezte Duͤpre hinzu;„doch fahre fort; ich bin neugierig Dich und Deinen Freund Harville in der Kanzelei des Juſtiz⸗Miniſteriums zu ſehen.“ —„O da wurden wir noch beſſer empfangen. Rachdem man den Brief des Marquis geleſen, wartete man gar nicht, bis ich mein Geſuch anbrachte; wiſſend, daß ich zu Gunſten eines alten Rechtsgelehrten eingekommen war, bot man mir ſogleich etwas viel Beſſeres an als ich erbat, und ich zoͤgerte nicht, es anzunehmen.“ —„Wahrhaftig! Was iſt es denn?—„Eine Richterſtelle am Tribunale erſter Inſtanz in u⸗ ſerer kleinen Stadt. Ich glaubte es wuͤrde Dir ſehr lieb ſeyn, dort mit einem ſolchen achtungs⸗ werthen Litel aufzutreten. Verlaß Dich darauf, ſobald Du nach herkoͤmmlicher Weiſe wirſt ein⸗ gekommen ſeyn und man die gebräuchlichen For⸗ naltůten wird bevbachtet huben, ſo haſt Du die 16 Stelle.“—„Allerliebſt! Da haſt Du ein ſchoͤ⸗ nes Stůͤck Arbeit gemacht;“ rief Duͤpre eben ſo überraſcht als zornig aus.„Bildeſt Du Dir denn ein, daß ich ſo einfaͤltig ſeyn, und mein Geſchaͤfts⸗Buͤreau hier fuͤr eine elende Richter⸗ ſtelle in der Provinz hingeben werde? Ich mag Deine Stelle nicht. Ja, eine Anſtellung in Paris, das laſſe ich mir gefallen, aber dort.... Daß ich ein Thor waͤre!“—„Vergieb, lieber Duͤ⸗ pre,“ erwiederte Georg ganz beſturzt,„ich meinte es recht gut zu machen, und es thut mir jezt um ſo mehr leid da, waͤhrend wir noch auf dem Buͤreau waren, ein junger Mann erſchien, welcher genau um dieſelbe Stelle an⸗ hielt, die Du zu haben wuͤnſchteſt, und dem man auch, in Betracht ſeiner bishergeleiſteten guten Dienſte, viel Hoffnung, ja gewiſſermaaßen ſchon die Gewißheit gab.“—„und Du wi⸗ derſezteſt Dich nicht?“—„Wie haͤtte ich das gekonnt! auch war ich ja ſo zufrieden, Dir die verſchafft u haben.⸗— daß Dich. Von jezt an beeilte ſich Duͤpre nicht mehr ſeinem lieben Gaſte einſchenken zu laſſen.„Sage 190 mir nur,“ begann la Moriniére nach langér Pauſe,„ob Du Dich uͤber uns haſt luſtig ma⸗ chen wollen, oder ob es wieder Deine reine Einfalt iſt?“—„Mein guter Vetter,“ ent⸗ gegnete Georg,„ich weiß es ſehr wohl, daß man ſich zuweilen uͤber mich luſtig macht, aber ich thue das nie gegen Andere; und wenn es eine Einfalt iſt, anzunehmen, daß Ihr Beide die Geſinnungen theilt, aus denen ich mir eine Ehre mache, ſie zu beſitzen, ſo geſtehe ich gern, daß ich in Euren Augen ſchuldig bin.. Rach⸗ dem wir unſere Wege beendigt hatten, kehrten Harville und ich zu dem Marquis zuruͤck, um ihm Rechenſchaft von allem abzulegen und ich hatte hier das Vergnuͤgen zu ſehen, daß er mein Benehmen in allen Stuͤcken billigte.“— „Das thue ich auch, mein lieber Reffe,“ ſprach der Doctor;„ich billige es, zugleich hoffe ich aber auch, daß Du bei dieſem zweiten Beſuche endlich auch fuͤr Dich wirſt geſprochen haben.“ —„O! gewiß,“ fiel Duͤpre mit ſpottiſchem Lacheln ein,„gewiß wird er, nachdem er erſt fur Andere ſo gut geſorgt hat, mun auch fuͤr ſich ſelbſt gewirkt haben. Richt wahr, Du haſt jeit 191 ſchon den ſchoͤnen Platz, um den Dir unſer On⸗ kel anzuhalten rieth?“—„Sprich, haſt Du darum angehalten? hat man ihn Dir zugeſagt 2. —„Ich ſchmeichle mir,“ fiel der Doetor wieder ein,„daß Georg die Rathſchlaͤge, welche ich ihm ertheilte, nicht außer Acht gelaſſen haben wird, und ich bin neugierig, zu erfahren, wie weit es mit ihm iſt.“—„Ja, ſag' an, wie ſteht es mit Dir?“—„Wie ſoll es ſtehn? wie ſonſt.“ —„Wie?“—„Man kann ja nicht Alles in einem Tage beenden; ich hatte mich ſo viel mit den Angelegenheiten Anderer beſchaͤftigt, daß mir keine Zeit blieb, an meine eignen zu denken“— „Bortrefflich!“ rief Duͤpre und mitleidig zuckte la Moriniére die Achſeln, indem er ein Glas Wein dazu hinterſtuͤrzte.—„Aber der Mar⸗ quis reiſt ja dieſe Racht ab,“ ſprach der Doctor.—„Das wohl, allein er trug auch ſeinem Sohne auf fuͤr mich thaͤtig zu ſeyn und ſich ſeines Namens zu meinem Beſten zu bedienen. Ueberdem, es war ſchon ſpaͤt; ich empfahl mich daher und eilte zu meinen Freun⸗ den zu kommen. Morgen, uͤbermorgen, in eini⸗ gen Tagen, will ich mit Harville ſprechen; dann 192 wird ſich ſchon eine Gelegenheit finden.“—„Ich wuͤnſche viel Gluͤck,“ erwiederte der Doctor nun ebenfalls mit ironiſchem Tone;„wenn man ſo unbekuͤmmert iſt wie Du, da kommt man nicht weit.“—„Und kann nichts für ſeine Familie thun,“ ſezte Madame St. Firmin hinzu. Da Hr. Duͤpre ſeine Gaͤſte jezt nicht mehr ſehr nbthigte, ſo dauerte es nicht lange und das Deſſert war voruͤber; man ſtand auf und ging nun in das andere Zimmer. Kaum nahm ſich la Moriniére hier noch die Zeit eine Taſſe Caffee zu trinken, dann empfahl er ſich, oder druckte ſich vielmehr; dem Doctor ſiel aber auf einmal ein, daß er noch einen ſchwe⸗ ren Kranken zu beſuchen hatte und Madam St. Firmin, daß eine Freundin ſie erwarte, ſo daß bald von fuͤnf Perſonen, die ſich vorgenommen hatten den Abend mit einander vergnuͤgt zuzu⸗ bringen, nur noch Georg mit ſeinem Vetter Duͤ⸗ pre allein zuruͤckeblieben. Mit gerunzelter Stirne ging der geſchüfts⸗ mann die Haͤnde auf dem Ruͤcken, ſchweigend im Zimmer auf und nieder; endlich trat er zu Georg hin, der beſtuͤrzt am Kamine ſtand, und ſprach: 193 „Mein lieber Vetter, da die Andern ſich ent⸗ fernt haben und ich⸗Dank Euern guten Dienſten⸗ mein bisheriges Geſchaft fortſeten muß, ſo wer⸗ det Ihr es mir nicht uͤbel nehmen, wenn ich mich mit meinen Angelegenheiten beſchaͤftige. Ich habe noch einige Briefe zu ſchreiben. mit einigen perſonen zu ſprechen.„ 4 Geug bat ſeinen wig Wirth i nicht hlin zu laſſen und ging. 3 Er eutſchloß ſch, ſinen⸗ Abend im S— zuzubringen Auf dem Wege dahin uͤherdachte er ſic das Benehmen ſeiner Verwandten gegen ihn ſeit ſeiner Rückkehr und ſah darin einen ſolchen ſchnellen Wechſel, daß er ſich eines Lä⸗ chelns nicht enthalten konnte und unwillkuͤhrlich ausrief:„Sie ſind doch noch immer die Alten!“ WMan gab das Schauſpiel:„die beiden Tochtermaͤnner.“ In der Scene, wo die Schwiegerſohne ſich bald mit Heuchelei, bald mit Ruͤckſichtsloſigkeit gegen den allzugutmuͤthi⸗ gen Schwiegervater benehmen, der den Undank⸗ baren voreilig ſein Vermoͤgen preisgab, ſah Georg, wie das ganze Publicum voll Unwillen war; er ſah, wie man bei der Stelle, wo der 194 arme Alte uͤber ſeinẽ undankbarẽñ Kinder ſeufte, weinte, und ſprach zu ſich:„Ach im Lheater! da klatſchen die Menſchen den edleren Grfüͤh⸗ len Beifall zu und erzurnen ſich gegen die Hab⸗ ſucht und die Liebloſigkeit; aber ſind ſie e darum lieblos und habſuchtig i in ihrem Hauſe? 24 — In demſelben Augenblick warf er ſeine Au⸗ gen in die Höhe und erblickte neben einer elegan⸗ ten Dame, ſeinen Vetter la Moriniere, der hier, wůhrend er noch vor keiner Stunde böſe wurde, daß man nicht zu Gunſten ſtines Sohnes ein Unrecht begehen wollte, aus Leibeskräften alle die ſchönen und moraliſchen Stellen beklatſchte die in dem Stuͤck vorkamen, niches man eben vorſtellte. 8 Elftes Georg verwendet ſic tür ſich ſerbſt Der wit Harville war uohiltſtt: bel trotz der Abweſenheit ſeines Vaters konnte der Sohn unſerm Georg ein vortrefflicher Beſchutzer 195 ſeyn. Sproͤßling einer der erſten Familien des alten Adels, ſchon Beſitzer eines großen Ver⸗ moͤgens von Seiten ſeiner Mutter, einziger Sohn eines Mannes von außerordentlichem Ein⸗ fluße, der ſo eben erſt zu einem bedeutenden Geſandtſchaftspoſten ernannt worden war, und uͤberdem ſelbſt einſt beſtimmt Pair von Frank⸗ reich zu werden, war Harville zu dieſem allen noch ein junger Mann von Geiſt, Edelmuth und rechtlichem Gefuͤhle, der durch viele ſeiner Ei⸗ genſchaften das Anſehn verdiente, welches man ihm jezt aus Ruͤckſicht gegen ſeinen Vater er⸗ wies; allein, beguͤnſtigt vom Gluͤck, angebetet von ſeinen Verwandten, geſchmeichelt von Ju⸗ gend auf im allen ſeinen Begierden, geſucht von den Damen, umringt von Schmarotzern und Maulrednern, war er, was man ein verzogenes Find nennt, leicht ſinnig, eitel und von einem raſenden Hange zu Vergnuͤgungen beſeſſen. Seit den Paar Tagen, die er wieder in Paris war, hatte er ſein ganzes fruͤheres Leben wieder be⸗ gonnen, ſeine alten Bekannten wieder aufge⸗ ſucht und eine Menge neue und galante Se dungen angeknuͤpft. N 2 196 Eines Morgens kam Georg zu ihm hin; Harville empfing ihn mit gewohnter Freundlich⸗ keit; bald glaubte er aber zu bemerken, daß Georg nicht aufgeraͤumt war.„Was haſt Du?“ fragte er ihn;„mich duͤnkt Du biſt verdrußlich.“ —„Ich bin es in der That. Mein Onkel quaͤlt mich.“—„Warum?“—„Er will, daß ich um eine Stelle bei Jemand anhalten ſoll.“— „Bei wem?“—„Bei Dir.“—„Und des⸗ wegen biſt Du verdruͤßlich? o! das iſt zum La⸗ chenz doch nein! im Gegentheil, es betruͤbt mich. Du haſt einen Wunſch und theilſt ihn mir nicht mit. Geſchwind, geſchwind ſag' an.“ —„Wohlan! Mein Onkel macht mir Vorwuͤrfe, daß ich die fuͤr mich ſo ehrenvolle Bereitwillig⸗ keit Deines Vaters nicht benuzt habe, und glaubt, daß ich durch Deine Verwendung jezt leicht eine Stelle erhalten konnte.“—„Wahrhaftig! da hat er Recht. Ich habe nicht uͤbel Luſt Dir eben auch Vorwuͤrfe daruͤber zu machen.. Doch nein! nein!. ich bin Schuld, ich! daß ich nicht eher daran dachte.... aber noch iſt nichts verloren.... verſtaͤndigen wir uns und machen wir ſchnell die noͤthigen Schritte..“ . 197 „Das iſt es eben, was ich fuͤrchte; gewiß wirſt Du mich bei den Miniſtern umherfuͤhren, um zu ſollieitiren; wie werde ich mich da aus⸗ nehmen? Wenn es ſich fuͤr Andere handelt, dann habe ich zuweilen noch einigen Muth, aber fuͤr mich durchaus nicht.“—„Ach, ich kenne Dich! Du haſt nur einen Fehler: das iſt eine ſo ungemeſſene Beſcheidenheit, daß ſie ordent⸗ lich laͤcherlich wird. Aber ſey ruhig; ich werde Dich nicht als Bittender vorſteilen, ſondern als meinen Freund. Ich werde fuͤr Dich wirken und ſprechen.... Halt!“ fuhr er, ſich vor die Stirne ſchlagend, fort,„da fallt mir eine herr⸗ liche Idee ein; jezt weiß ich an wen wir uns wenden muͤſſen. Ich bringe Dich zu dem Her⸗ zog von*s; der iſt dermalen einer unſerer er⸗ ſten Staatsmaͤnner und beſizt einen ungeheuren Einfluß im Conſeil. Er hat eine Menge Stellen zu vergeben und ertheilt ſie gern an junge Maͤn⸗ ner, deren Kenntniße und Rechtlichkeit ihm be⸗ kannt werden. Fuͤr mich hegt er viele Freund⸗ ſchaft, denn wir ſchwaͤrmen manchmal zuſam⸗ men ein bischen und es macht ihm Vergnuͤgen mir dann und wann die luſtigen Streiche ſeiner 198 Jugend zu erzählen und dafuͤr die meinigen anzuhoͤren; uͤbrigens iſt er einer der geiſtreich⸗ ſten Männer unſerer Zeit. Trotz ſeinem Alter eben ſo unermuͤdlich im Vergnuͤgen, wie in der Arbeit; jezt Witwer und kinderlos, war er in ſeiner Jugend von dem Durſt nach hohen Stellen geplagt, und er vernachläßigt heute noch nichts, um ſich darinnen zu erhalten. Man will ihm nachſagen, daß er während der Emi⸗ gration, unter dem Kaiſerreich, auf ſeinen ver⸗ ſchiedenen Geſandtſchaftspoſten, und ſelbſt in dieſem Augenblicke noch, in ſeinem Miniſterium die Feinheit, Geſchmeidigkeit und Liſt, die ſei⸗ nem Gewiſſen eine ziemliche Ausdehnung ver⸗ ſchafft haben, zuweilen ein wenig ſehr weit treibt; indeß, darf man ihn daruͤber tadeln, da das Wohl des Ganzen dadurch befoͤrdert wird? Außerdem iſt er ein herrlicher Menſch in ſeinem Innern; edel, zartfuͤhlend in ſeinen Particularverhaͤltniſſen und großmuͤthig bis zur Verſchwendung gegen ſeine Freunde. Aufmerkſam hatte der ehrliche Georg dem Sprecher zugehort, zulezt konnte er ſich aber doch nicht der Bemerkung enthalten: daß ſein 00 Freund, indem er das Lob des Staatsmannes auszuſprechen glaubte, dem Tadel vielen Raum gegeben hatte.„Ach mein Gott!“ erwiederte Harville,„was wuͤrdeſt Du erſt zu denen ſagen, die nicht dieſe Miſchung von gut und boͤſe dar⸗ bieten und bei denen Alles ſchlecht iſt? Laß es gut ſeyn; ich gehe zu meinem alten Herzog. Aber Apropos, eine wichtige Angelegenheit! Um meine gluͤcktiche Ruͤckkehr in dieſe gute Stadt zu feiern, gebe ich morgen einigen guten Freun⸗ den bei Beauvilliers ein Fruhſtuͤck. Du biſt eingeladen, verſaum' es nicht“ Gegen Abend ſchrieb Harville ſeinem getunt daß er den Herzog nicht getroffen haͤtte, daß er aber einen Zettel in deſſen Hotel zuruckge⸗ laſſen, durch welchen er demſelben benachrich⸗ tigt habe, daß er ihm morgen Abend in ſeiner Loge in der Oper, ſeinen Freund Derch vor⸗ ſtellen wuͤrde. In einer Nachſchrift bemerkte Harville noch, daß ſich Georg, wenn er von ihrem Fruͤhſtuck wegginge, gleich nach der Oper begeben koͤnne. Georg war ein wenig uͤber⸗ raſcht daruber, daß ſein Freund davon ſprach⸗ vom Fruhſtuͤck in die Oper zu gehen, und daß — 200 er gerade dieſen Ort aeviht hatte, um ihn einem Miniſter vorzuſtellen. 551 Da er am Abend vor einem ſo hohen Staats⸗ mann erſcheinen ſollte, ſo fand ſich Georg in großer Toilette bei ſeinem Freunde Harbille ein; er hatte ein ſchwarzes Kleid und eben ſolche Weſte und Beinkleider von Seide an, einen Cla⸗ que unter dem Arm, goldne Schnallen an den Schuhen und an den Gürteln, und einen gro⸗ ßen, ſchoͤn geknifften Jabot. Rach ſeiner Er⸗ wartung glaubte er nur wenige Gäſte vorzu⸗ finden, zu ſeinem Erſtaunen fuhrte man ihn aber in einen großen Saal, wo er wohl zwan⸗ zig bis dreißig junge Leute und fuͤnf oder ſechs ſehr elegante, und ſehr muntere junge Damen fand. Der bereits etwas altmodiſche Anzug Geoegs, und die foͤrmliche Höflichkeit, mit wel⸗ cher er die Damen begrußte, ſchienen der Mehr⸗ zahl der muntern Gäſte ziemlich auffallend und ſelbſt ziemlich lächerlich zu ſeyn. Kaum hatte das Fruhſtuͤck begonnen, ſo machten ſich einige der jungen Leute bereit, ihn zu necken„ und einer derſelben ſagte zu einer der Damen:„Ge⸗ wiß iſt dies ein ehrlicher Kleinſtädter, den man — — hänſeln kann.“ Zum Gluͤck hoͤrte Harville dieſe Worte, und mit einer Gewandtheit, die Georg nicht einmal ahnen ließ, daß man nur die Ab⸗ ſicht haben koͤnne ihn zu ſchrauben, gab er dem Freunde ſo viel Beweiſe von Achtung und Auf⸗ merkſamkeit, ſprach ſo innig und vertraulich mit ihm, daß die Andern ſchnell den Ton an⸗ derten und von nun an keine Gelegenheit vor⸗ beiließen, dem Freunde des jungen Herrn Gra⸗ fen von Harville, ſo warme Verſicherungen ihrer Zuneigung zu geben, daß ſie gegen das Ende des Fruͤhſtuͤcks gleichſam zu einem Glut⸗ ſtrom von zaͤrtlicher Freundſchaft wurden. Dies Fruhſtuͤck war prachtig, viel praͤchtiger als Hrn. Duͤpre's Mittagsmahl, und dazu war man ſehr luſtig. Die eine der anweſenden Da⸗ men war prima Donna bei der italieniſchen Oper; voll guten Willens, ließ ſie ſich nicht lange bitten, die Herren zu bezaubern; ſie ſang und Alle waren entzuͤckt uͤber die herrliche Stimme und die bewundernswuͤrdige Methode der reizenden Signora. Georg, immer daran denkend, daß ihn ſein Freund demHerzog vorſtellen wollte wuͤnſchte ſehn⸗ 22 lich, daß das kleine Feſt zu Ende ginge, das nahe daran war in eine Orgie auszuarten; aber eine Stunde nach der andern verfloß und Nie⸗ mand ſchien dies zu bemerken; endlich zog er ſeine Uhr hervor und fluͤſterte ſeinem Freunde zu:„Es iſt bald ſieben Uhr.“—„O! da haben wir noch Zeit!“ erwiederte Harville und ließ von neuem die Champagnerpfropfen flie⸗ gen.„Sieben Uhr!“ riefen ein Paar von den Damen beſtuͤrzt aus;„o Himmel! wir werden Strafe geben muͤſſen.“ Eilfertig nahmen ſie ihre Shawls und ihre Huͤte aus den Haͤnden von ein Paar galanten jungen Herren, die gleich⸗ falls aufgeſprungen waren um die Damen bis an den Wagen der Einen zu begleiten. Angetrieben von Georg, ſtand endlich Har⸗ ville auch auf und die Andern bittend, ſich nicht ſtoren zu laſſen, ſagte er ihnen, daß ihn ein ſehr wichtiges und dringendes Geſchaͤft zwange ſich auf einige Minuten mit ſeinem Freunde Dercy in die Oper zu begeben, daß er aber bald zuruͤckkehren wuͤrde und die Hoffnung hege, ſie wurden ihm einen ſo ſchoͤnen Tag wuͤr⸗ dig beſchließen helfen und nachher noch eine — 203 Bowle Punſch mit ihm trinken. Georg wurde ein wenig unruhig, als er ſah daß Har⸗ ville Muͤhe hatte das Gleichgewicht zu behaup⸗ ten, und er erlaubte ſich ihm einige Bemer⸗ kungen daruͤber ganz leiſe zuzufluͤſtern. Lachend antwortete dieſer ganz laut darauf:„Das hat nichts zu ſagen; in der friſchen Luft verfliegt ſo etwas ſchnell,“ und nun die Arie vor ſich hinbrummend, welche die Signora zulezt ge⸗ ſungen hatte, ging, oder ſchwankte er vielmehr zur Thuͤr hinaus. Georg folgte ihm ſtill und beſorgt. Man kam in das Theater; immer vor ſich hin ſingend, ließ ſich Harville die Loge des Her⸗ zogs aufſchließen; er ſchwieg aber ſogleich, als er bemerkte, daß der Miniſter allein da ſaß, oder eigentlich halb ausgeſtreckt da ruhte und, den Kopf auf die Bruſt hinabgeneigt, einge⸗ ſchlafen zu ſeyn ſchien. Beide Ankoͤmmlinge huͤteten ſich wohl die Ruhe der Excellenz zu ſtören und ſezten ſich ſtill auf ein Paar im Hintergrund ſtehende Stuͤhle. Man war bis zum dritten Act der Oper gekommen; das Ge⸗ ſchrei der Saͤnger und Sängerinnen, der Laärm der Choͤre und des Orcheſters weckten den Staatsmann nicht auf; aber in dieſem lezten Aet war ein Ballet, und kaum hatte das Or⸗ cheſter den erſten Tact dazu angefangen, ſo erwachte der Schlafer ſogleich und eben ſo ſchnell nahte ſich nun auch Harville und ſprach auf Georg zeigend:„Mein lieber Herzog, hier iſt der Freund, den ich Ihnen verſprochen habe vorzuſtellen.“—„Schoͤn, ſchon,“ erwiederte der Angeredete, ohne ſich umzublicken;„laſſen Sie mich jezt ein wenig ſehen.“ Ihr Epcellenz zogen bei dieſen Worten eine reiche Lorgnette hervor und begannen die Taͤnzerinnen ſehr aufmerkſam zu muſtern, un⸗ ter denen Georg jene beiden Damen wieder erkannte, welche in der Furcht Strafe geben zu muͤſſen, das Fruͤhſtuͤck ſo eilig verlaſſen hatten. Ihm ſchien uͤbrigens aus den Paar Worten die der Herzog geſprochen, hevvorzu⸗ gehen, daß derſelbe nicht froͤhlich und harmlos wie ſein Freund Harville war, ſondern nur noch eine muͤhſam geſuchte Freude zu genießen vermochte. 205 Kaum war die Oper zu Ende, kaum der Vorhang bis zu dem Beginn des großen Bal⸗ lets, welches die Vorſtellung ſchließen ſollte, herunter, als die Logenthuͤre ſich oͤffnete, und eine ganze Reihe junger Herren von Adel, alter Hofleute, Angeſtellter, Fremder und Legations⸗ raͤthe und Secretaire aus den verſchiedenſten Laͤndern hereintraten, um Ihre Excellenz ihre Hochachtung zu bezeigen. Bis auf den Corri⸗ dor hinaus ſtand die demuͤthige Schaar und begierig warteten die an der Schwelle auf den Augenblick, wo auch ſie ſich wurden hinein⸗ draͤngen koͤnnen.„Mein Himmel!“ ſprach Georg bei dieſem Anblick zu ſich,„geben denn unſere Miniſter jezt ihre Audienz in der Oper?“ Die Vornehmſten und die Dreiſteſten unter dieſem Haufen erlaubten es ſich Bemerkungen und Epigramme uͤber das Perſonale auf der Buͤhne zu machen; ſie critiſirten die Tänzerin⸗ nen und ſelbſt die Damen in den Logen. Der Herzog ſah noch immer ſtill vor ſich hin, gruͤßte keinen, ſah keinen an, ruͤhrte ſich nicht und antwortete hoͤchſtens mit einem einſilbigen Ja oder Rein. Georg hatte ſich in einen Winkel 1 Bühne Ot jeit ſchlummerte der Staatsmann 2 der Loge gedruͤckt, wo er ebenfalls ohne zu ſprechen und ſich zu bewegen, in einer um ſo groͤßeren Verlegenheit daſtand, da ihn jezt ſein Freund Harville verlaſſen hatte, um in — umherzuſtreifen. Endlich begann das große Vallet und im aenbi verſchwanden alle die Beſucher, um ihre Plätze wieder einzunehmen; George befand ſich nun mit dem Herzog allein.„Wohlan!“ ſprach der Leztere, wo iſt denn der Schelm von Harville?“—„Ich,“ ſtotterte Georg,„ich ah da iſt er!“— Seht zum Gluck war Har⸗ ville zuruͤckgekehrt und wollte nun ſogleich ſeinen Freund vorſtellen.„Im Zwiſchenaet,“ ſprach der Herzog und verwandte kein Auge von der nicht mehr; mit dem lebhafteſten Vergnuͤgen betrachtete er die anmüthigen Bewegungen, die lockenden Gruppirungen der reizenden, leichtbe⸗ kleideten Mädchen, aber dennoch, trot dieſem Eifer, wollte es Georg doch beduͤnken, als em⸗ pfinde der alte Herr mehr jene monotone, ge⸗ haltloſe Freude, welche die Ueberſättigung im Vergnuͤgen zu gewähren pflegt, als jene leb⸗ hafte, das Innere anvegende, die eine Beglei⸗ terin der Jugend iſt, und in ſpäteren Jahren nur denen noch zu Theil zu werdens pflegt, welche den Kelch des—— raſchen Zügen leerten. 6tt e Der erſte Act des galeis ging zu 4 und Harbille konnte nun ein wenig muͤhſam und nach Worten ſuchend ſagen:„Mein lieber Herzog/ hier iſt mein Freund Georgz er verdient alle Aufmerkſamkeit... ich lernte ihn in den Vereinigten Staaten kennen.... Sie muͤſſen ihn anzuſtellen ſuchen.. gewiß, Sie werden es mir danken. ſtellen Sie ihn auf die Probe, wie ich Ihnen dies auch geſtern bereits in meinem Billet ſagte. Uebertragen Sie ihm eine Arbeit.... Sie werden zufrieden damit ſeyn.... uͤbrigens intereſſirt ſich mein Vater ſehr fuͤr meinen Freund,. ſpreche hier in deſſen Namen.“ Der Herzog warf bei dieſen Reden e einen ſcharfen, forſchenden Blick auf Georg; Harville fuhr etwas zuſammenhaͤngender fort:„Ehrlich geſtanden, mein Freund und ich gleichen uns 208 durchaus nicht; ich bin ein Taugenichts, ein luſtiger Patron, wie Sie es auch waren mein lieber Herzog und noch ſind; mein Georg iſt da⸗ gegen arbeitſam/ wohlunteprichtet, voll edler und immer rechtlicher Anſichten, und voll eines ſo unverwuͤſtlichen Muths ſie auszuführen, wie Siej mein lieber Herjog ihn hatten unde noch haben. kurz, ich habe Ihre Fehler und er Ihre Tugenden“—„Schon,“ erwiederte der Her⸗ zog, indem er ſeine Lorgnette wieder aufnahm und die Damen in den Logen muſterte;„er ſoll morgen in mein Cabinet kommen; ich werde Befehl geben ihn vorzulaſſen.“— Georg ver⸗ neigte ſich w, und er ent⸗ — ſich nun. d nnd ci „Sag' an,“ ᷣu—— uie verließen,„biſt Du mit meiner Rede zu⸗ frieden? Morgen will ich noch eifriger ſprechen, noch waͤrmer; ich gehe da auch wieder mit, denn ich kenne Dich, Du wuͤrdeſt es allein nicht wagen Dich vorzuſtellen. Aber jezt laß uns nicht weiter daran denken; komm, wir wollen nun unſern Punſch trinken und das Frhſtůͤck vergnügt beenden“ Gern waͤre Georg mit der Fortſetzung die⸗ ſes Fruͤhſtuͤcks um Mitternacht verſchont gewe⸗ ſen, aber Harville hoͤrte nicht auf in ihn zu dringen und wurde zulezt gar boͤſe, als er ſich noch laͤnger weigerte; es blieb ihm daher nichts uͤbrig als der Einladung Folge zu leiſten. In der Oper war ihm der Herzog ſehr ernſt erſchienen; aber es war der Ernſt eines ſtolzen und langweiligen Menſchen, der fuͤr den Denkenden nichts Imponirendes hat. Am fol⸗ genden Morgen in ſeinem Cabinet war der Staatsmann dagegen ganz anders; auch hier war er ernſt, aber es war ein wuͤrdevoller Ernſt, voll Adel und Anſtand. Als Georg ein⸗ trat, durchlief Ihro Excellenz die Arbeit eines in ihrem Miniſterium angeſtellten Rathes; mit einem hoͤflichen aber ein wenig ſtolzem Tone, begehrte der Herzog naͤhere Aufſchluſſe von dem Manne; der Rath gab ſie mit vielem Reſpect und entfernte ſich dann, indem er ſeine Arbeit zuruͤckließ. Jeſt naherte ſich der Miniſter un⸗ ſerm Freunde und ſah ihn mit einem noch viel ſchaͤrferen und beobachtenden Blicke als in der Oper an, und nachdem Harville ſich mit mehr O — 210 Zuſammenhang und mehr Leichtigkeit wie den Abend vorher ausgeſprochen und ſeinen Freund von neuem empfohlen hatte, fragte der Herzog, ſich zu Georg wendend:„Sie haben gereiſt?“ —„Ja, gnaͤdigſter Herr.“—„Sie waren in den vereinigten Staaten?“—„JIch hatte hier das Gluͤck meinen—— Har⸗ ville kennen zu lernen.“ Der Herzog legte nun dem jungen Manne eine Menge Fragen uͤber das vor, was er dort im Betreff der Regierungsverfaſſung, der Sitten und des Volkslebens beobachtet hatte. Georg antwortete und je weiter er ſprach, je⸗ mehr erholte er ſich von ſeiner Verwirrung, je beſſer und je klarer enwickelte er ſeine Ideen. Der Miniſter ſchien yn mit gnigen zuzuhdren. Nach einer kurzen Pauſe, waͤhrend welcher er immer fortfuhr Georg ſehr feſt im Auge zu halten, begann er endlich von einer Arbeit zu ſprechen, die er dem Freunde des jungen Harville anvertrauen wollte und zugleich einige Papiere herbeinehmend und ſie ſchnell uͤberblickend erklaͤrte er ſich daruͤber, was er 24¹ eigentlich wunſche, dann noch, ſehend daß Georg ihn verſtanden hatte, hinzuſetzend:„Bringen Sie mir dies bis ubermorgen.“ Dieſe Worte waren kaum aus dem Munde, ſo wandte er ſich aber auch ſogleich an Harville und fing nun mit dieſem an uͤber die geſtrige Vorſtel⸗ lung, uͤber mehrere junge Damen, die er in den Logen bemerkt, und uͤber einige alte zu plaudern, die er in ihrer Jugend gekannt hatte und von denen Harville lachend behauptete, ſie waͤren nie jung geweſen. Ein Secretair trat ein, und brachte dem Miniſter ſein Portefeuille; der Herzog nahm es und legte, immer ſeine Unterhaltung mit Harville fortſetzend, die Pa⸗ piere darin zurecht. Dann ſtieg er in den Wa⸗ gen und begab ſich nach dem Schloße. Georg war ſo gluͤcklich die ihm uͤbertragene Arbeit zur Zufriedenheit des Staatsmannes zu beendigen— und nicht lange, ſo war er im geheimen Cabinet des Miniſters angeſtellt. 2¹² Zwoͤlftes Kapitel. Georg in ſeiner Anſtellung. Eine ſolche Anſtellung in dem Cabinet eines Miniſters verleiht einiges Anſehn, dennoch giebt es Mehrere die hiermit nicht zufrieden, dieſes Anſehn noch durch den toͤnenden Titel„Gehei⸗ mer⸗Secretair“ zu erhohen ſuchen. Indeß be⸗ ſchraͤnkt ſich doch oft das Geſchaͤft dieſer Her⸗ ren Geheimen⸗Secretaire auf die Wichtigkeit, die Audienzbriefe und die Einladungen zu dem großen und kleinen Dinérs von Ihro Epcellenz zu ſchreiben. Richt alſo war es mit 6 da ſeine erſte Arbeit dem Herzoge gefallen hatte, ſo trug ihm derſelbe nun mehrere und wichtigere auf, und auch hiermit hatte Georg das Gluͤck ſich Beifall zu erwerben. Die Liebe zu ſeiner Pflicht und ſein Verlangen ſich des ihm erwie⸗ ſenen Vertrauens werth zu zeigen, gaben ihm einen großen Eifer und erwarben ihm mit jedem Tage mehr die Gewogenheit und ſelbſt die Freundſchaft des Herzogs, der indeß, trotz 213 dieſer wohlwollenden Geſinnungen fur den jun⸗ gen Mann, immer in ſeinem Benehmen gegen ihn jenen wuͤrdevollen Ernſt und ſelbſt zuweilen jenen Stolz blicken ließ, den er gegen alle ſeine andern Angeſtellten zeigte. Georg hatte jezt die vollkommenſte Gele⸗ genheit dieſe andern Angeſtellten mit dem gan⸗ zen Umhang des Miniſteriums kennen zu ler⸗ nen, und er ſah hier im Großen alles das wieder, was er fruͤher im Kleinen auf der Un⸗ terpraͤfectur in ſeiner kleinen Stadt geſehen hatte. Faſt alle ſeine Collegen von dem Ober⸗ kanzleirath an bis zu dem geringſten Copiſten gewaͤhrten ihm das ſchoͤne Beiſpiel der Aufge⸗ blaſenheit und der Wichtigthuerei, oft auch das noch erfpeulichere der Habſucht und jener Kriecherei, die in den erbärmlichſten Windungen ihr Ziet zu erreichen ſucht. Der Eine wollte ſein Gluͤck machen, der Andere haſchte nach einer eintraglichen und bequemen Stelle, ein Dritter trachtete nach einem Stuͤckchen bunten Band und Alle waren dabei von einer heißen Liebe fuͤr die gegenwaͤrtige Regierung, von einer 214* unrmeßlichen Ergebenheit und Ehrfurcht vor Sr. Excellenz, dem Hrn. Miniſter, erfuͤllt. WMit Laͤcheln erinnerte ſich Georg daran, daß, als er nach America reiſete, er ſeine da⸗ maligen Cameraden voll Anbetung fuͤr den Kaiſer und voll Bewunderung fuͤr den Hrn. unterpraͤfecten zuruͤckgelaſſen hatte; daß aber, wie man ihm erzählte, im J. 1814 die Anbe⸗ tung fuͤr Rapoleon bei mehreren ſich in Haß, ihre Bewunderung fuͤr den Hrn. Unterpraͤfecten in Verachtung, in Verhoͤhnung, ja zum Theil in Verfolgung gegen ihren— chef verwandelte. Wie waren aber wohl jezt die gunnn der Verwandten unſeres Georg, als ſie ſeine Anſtellung erfuhren? Rach ihrer löblichen Ge⸗ wohnheit fuͤhlten ſich la Moriniére und Duͤpre auch diesmal, wie immer, wenn Einem aus der Familie etwas Gutes begegnete, von Reid ergriffen.„Der Teufel!“ rief la Moriniére, „hat denn der Tropf wirklich Verdienſt?“— „Der hat ſich gebildet,“ erwiederte Duͤpre; „ſich ſelbſt weiß er recht gut zu helfen und nur dann, wenn er Andern nutzen ſoll, benimmt 215 er ſich noch linkiſch.“— Der Doctor und deſſen Frau ſprachen nicht ſo. Hr. St. Firmin betrachtete dieſen erſten Schritt, welchen Georg auf der Bahn des Gluͤcks machte, als ſein Werk und war entzuckt und ſtolz daruͤber. Ra⸗ tuͤrlich;— es war ja in Folge ſeiner weiſen Rathſchlaͤge, ſeiner guten Lehren, daß Georg ſich endlich entſchloſſen hatte, ſeinen Freund Harville zu bitten, ſich fur ihn bei einem Gro⸗ ßen zu verwenden, und der Doctor ſchmeichelte ſich jezt um ſo mehr, daß die Gunſt, welche der Reffe dermalen genoß, für ihn um ſo nutz⸗ licher werden wuͤrde, da er nicht zweifelte, daß dieſer ſich von ihm ganz nach ſeinem Willen wurde leiten laſſen, eine Sache, an die er um ſo feſter glaubte, da er es ſich ſchon ſeit lange in den Kopf geſezt hatte, daß es einem Manne von ſeinem Geiſte nicht ſchwer werden wuͤrde, einen ſo einfachen und gutmuͤthigen Menſchen, wie Georg, zu leiten wie er eben wollte. Madam St. Firmin theilte alle Erwar⸗ tungen ihres Mannes; ja ſie trieb ſie noch viel weiter. Waͤre es ihrem Willen nach gegangen, ſo haͤtte Georg bereits ſeinen Onkel und vielleicht * auch ſeine Tante, dem Herr Miniſter vorſtellen muͤſſen. In ihren ſanguiniſchen Hoffnungen ſah ſie ihren Mann ſchon als Hausarzt bei Sr. Excellenz, als Arzt des Stadtviertels, ja als Leibarzt des Konigs Der Doetor maͤßigte indeß etwas dieſe vorſchnellen Entwuͤrfe ſeiner Gattin; er machte ihr begreiflich, daß man ſehr vorſich⸗ tig, ſehr klug verfahren muͤſſe und nie eher wa⸗ gen duͤrfe einen Schritt zu thun, als bis man ſich des Bodens unter ſich ganz verſichert habe. Nach ihm war es jezt Hauptſache Georg gut zu bewachen, ihn gut zu belehren, damit er keinen Schritt unternaͤhme, der ihm nicht durch einen klugen und verſtaͤndigen Mann, wie der Doctor ſich zu ſeyn ſchmeichelte, vorgeſchrieben ſey. Georg wohnte nicht mehr bei ſeinem Onkel; er hatte ſich ein Paar huͤbſche Zimmer ohnweit dem Hotel ſeines Miniſters gemiethet; demohn⸗ geachtet beſuchte er aber ſeine Tante haͤufig und faſt alle Morgen kam der Doctor, ehe er ſeinen Umgang bei ſeinen Kranken begann, zu ihm, um ihm gute Lehren und Rathſchlaͤge zu erthei⸗ len, wobei es denn niemals an vaͤterlichen War⸗ nungen und Ermahnungen fehlte. Zum Gluͤck „ 247 wurde die Befolgung des Hauptrathes, den St. Firmin jeden Tag ertheilte, dem ehrlichen Georg nicht ſchwer.„Zeige gegen Ihro Ercel⸗ lenz nur ſtets Anhaͤnglichkeit und Ergebenheit,“ ſprach der Onkel und der Reffe dies zu und von ganzem Herzen. Die Journale waren bereits eine Nect geworden und in den Koͤpfen der Miniſter die Idee entſtanden, daß es ihnen wohl nuͤtzlich ſeyn koͤnne, ſich des Einfluſſes dieſer Blätter zu bedienen. So ſah man denn außer den ofſiciellen Artikeln noch andere von ihnen ein⸗ ſchieben, deren heb an nen uͤbertragen ward. Eines Tages gab pe Herzog an Genrg mehrere Papiere mit dem Auftrage, ihm einen Auszug von ein Paar Seiten daraus zu ma⸗ chen, der dann unter der Hand irgendwo ein⸗ geruckt werden ſollte. Georg erſchrack ſo wie der Miniſter mit dieſem Vorſchlage hervorruͤckte, denn was man ihm auftrug, war ſowohl in der Sache ſelbſt, als in der Art, wie es aus⸗ gefuͤhrt werden ſollte, ſeinen politiſchen Anſich⸗ ten und ſeinen moraliſchen Grundſatzen vollig 218 —— entgegen; er verſtand nicht die heutzutage ſo ſehr geubte Kunſt, gegen ſeine Ueberzeugung und gegen ſein Gewiſſen zu ſchreiben. Ohne Zweifel wurden viele Andere ſich keinen Augen⸗ blick geweigert haben, ihre Feder herzugeben, einige Wenige, Gewiſſenhaftere, haͤtten vielleicht den Miniſter gebeten, ſie mit einer ſolchen Ar⸗ beit zu verſchonen; Georg ging weiter. Er er⸗ laubte ſich, dem Herzog ſeine Anſichten unum⸗ wunden zu enthuͤllen, ja er wagte es ihn zu bitten, weder ihn ſelbſt, noch Andere jemals wieder mit Aufträgen ſolcher Art in Verſuchung zu fuͤhren. Erſtaunt warf der Miniſter einen ſtrengen Blick auf den kuͤhnen Sprecher, dann nahm er ihm ſchnell die Papiere wieder aus der Hand und ſprach:„Es ſcheint„Sie ver⸗ ſtehen mich nicht.“ Gefaßter fuhr er nach einigen Augenblicken lächelnd fort:„Ihr jungen Leute, die ihr euch ſo gern fuͤr Philoſophen haltet, ſeyd immer ſo ſchnell bereit, uͤber die geringſte Kleinigkeit Zeter zu ſchreien..., Laſ⸗ ſen wir es; Sie wuͤrden die Arbeit doch nur ſchlecht machen und es fehlt mir nicht an Leu⸗ ten, die ſie gern uͤbernehmen werden.“—„Das 219 furchte ich auch,“ erwiederte Georg mit einem Seufzer. Der Herzog wollte von neuem doch beſaͤnftigte er ſich wieder und uͤbertrug nun Georg andere Arbeiten, die dieſer, da ſie ſich ſehr wohl mit ſeinen Anſichten und Grundſatzen vertrugen, bereitwillig uͤbernahm und mit Fleiß und Eifer vollfuͤhrte. Der Miniſter hatte als ein kluger Staats⸗ mann den Grundſatz, ſich jedes Menſchen von Verdienſt, mochten deſſen Anſichten auch ſeyn welche ſie wollten, gern zu bedienen.„Ich ſehe,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„daß ich den Herrn Georg Derch nicht zu Allem brauchen kann, aber ich ſehe auch, daß er da vortrefflich iſt, wo ich eines ehrlichen, wohlunterrichteten und W Mannes bedarf.“ Nach ſeiner Gewohnheit erzaͤhlte Georg. Morgen ſeinem Onkel ganz treuherzig und ehr⸗ lich alles, was zwiſchen ihm und dem Miniſter vorgefallen war, und mehrentheils war der Doc⸗ tor uͤber die Gelehrigkeit ſeines Neffen und die treue Befolgung ſeiner Rathſchlaͤge entzuͤckt. „Vortreflich!“ ſprach er zu ſich,„der Tropf 2⁰0* bekömmt Geiſt; es kann noch etwas aus ihm werden.“ Wie ſehr erſchrack er aber, als er jeit vernahm, daß Georg die Kühnheit gehabt hatte, eine ihm von Ihro Excellenz uͤbertragene Arbeit abzulehnen!„Welch ein ungeheurer Feh⸗ ler!“ rief er aus;„willſt Du wieder in Deine alten Thorheiten zuruͤckfallen? Was denkſt Du! ſchickt es ſich wohl zu gruͤbeln und die Worte zu wägen, wenn ein Miniſter befiehlt? Koͤmmt es Dir, ſeinem Seeretaire, zu, eine andere Mei⸗ nung zu hegen? Biſt Du nicht ſein Untergebener, ſein Diener? Biſt Du ihm nicht einen blinden, leidenden Gehorſam ſchuldig, wie der Offizier ſeinem Generale, wie der Soldat ſeinem Offi⸗ ziere?“— Georg hielt es nicht fur zeitgemäß, ſeinem Onkel auseinanderzuſetzen, wie ſehr er von ihm in ſeinen Meinungen abwich und be⸗ gnuͤgte ſich nur, ihm die Verſicherung zu geben, daß der Herzog nicht boſe geworden ſey. Trotz dieſer Verſicherung jitterte aber der Doctor doch mehrere Tage, daß Georg ſeine Stelle verlieren, und er ſelbſt dadurch um ſeine ſo ſchoͤn ſe bauten Hoffnungen kommen koͤnne. Wochten ſeine Verwandten auch ſagen vns 22⁴ ſie wollten, Georg hatte ſich durchaus nicht nach ihren Wuͤnſchen gebildet; wie ſonſt, war er noch immer ſo einfaͤltig, ſich ganz ſo zu geben wie er war; wie ſonſt, war er noch immer eben ſo gewiſſenhaft, eben ſo ehrlich, eben ſo uninte⸗ reſſirt in der Ausuͤbung ſeiner Pflichten, kurz⸗ wie er einſt in ſeiner Anſtellung auf der Unter⸗ praͤfectur war, ſo war er auch jezt noch als ge⸗ heimer Secretaire eines maͤchtigen Miniſters.— Dennoch trat ein Augenblick ein, in wel⸗ chem er eine kurze Zeit zu ſchwanken und 5 uͤberlegen begann. Sein Freund Harville bat ihn, ihm einen Dienſt zu erweiſen, eine Gefaͤl⸗ ligkeit, an welcher ihm, wie er ſagte, viel lag. Es handelte ſich darum, einen Angeſtellten in den Departements weiter zu befoͤrdern und ihm eine Gratification zu verſchaffen, obſchon dieſer Mann weder Anſpruͤche zu dem einen noch zu dem andern hatte, und ihm keines von beiden bewilligt werden konnte ohne einem mehr Ver⸗ dienten dadurch zu verkuͤrzen. Harville ſprach von ſeinem Schuͤtzlinge mit großem Eifer; der Menſch war ein Vetter von einer der Taͤnze⸗ rinnen, die bei jenem Dejeuné geglanzt hatten. 222 So ſchonend wie möglich ſtellte Georg ſeinem Freunde vor, daß ſeine Pflicht es ihm nicht erlaube, ſich fuͤr dieſen Menſchen zu verwen⸗ den.„Ich bin bereit Alles fuͤr Dich zu thun,“ ſagte er,„Alles! nur keine Ungerechtig⸗ keit.“—„Was Teufel plauderſt Du mir da von Pflchten vor, wenn die Rede davon iſt, einem Freunde einen Gefallen zu thun,“ rief Harville. Georg blieb bei ſeinem Satze und Harville wurde nun boͤſe.„Meinetwegen!“ ſprach er;„laß es ſeyn; ich werde ſelbſt mit dem Miniſter reden, und ich hoffe wenigſtens, daß Du mich dabei unterſtutzen wirſt.“— „Das werde ich nicht,“ entgegnete Georg, „denn es laͤuft gegen meine Pflicht.“—„Ver⸗ wuͤnſcht waͤrſt Du und Deine Pflicht!“ rief Harville nun noch aͤrgerlicher aus;„ſo ſetze Dich mir mindeſtens nur nicht entgegen.“— „Muß ich denn nicht dem Miniſter die Wahr⸗ heit ſagen, wenn er mich befragt?“ Harville war jezt außer ſich vor Zorn; er kannte ſich kaum mehr und vergaß ſich ſo weit, ſeinem Freunde die haͤrteſten Dinge zu ſagen und ihn mit dem Schwure zu verlaſſen, 2 daß er ihn nie wieder ſehen wolle. Georg ſtand beſturzt und traurig da; er fand, daß Harville ungerecht, ſehr ungerecht war.„Aber,“ rief er aus,„ſoll ich mich mit meinem beſten, mit meinem innigſten Freunde verigen mich auf immer von ihm trennen?. 4 Diesmal hielt die Strenge ſeiner Grund⸗ ſätze nicht gegen dieſen Gedanken aus; er nahm ſchnell ſeinen Huth und lief dem Freunde nach, um ihm zu ſagen, daß er bereit ſey, alles zu thun was er wuͤnſche. Er kam nicht weit; auch Harville war umgekehrt; auch er hatte nachgedacht und nun ſich ſeine Hitze, ſein Un⸗ recht vorwerfend, fand er, daß Georg vollkom⸗ men Recht hatte. Jezt wollte auch er keine Zeit verlieren den Freund ſich wieder zu ver⸗ ſoͤhnen und ihm zu ſagen, daß er von ſeiner ungerechten Forderung abſtaͤnde. Ehe die Freunde ſich aber noch verſtändi⸗ gen konnten, lagen ſie ſchon einander in den Armen; von neuem ſchworen ſie ſich eine ewige, unwandelbare Freundſchaft zu, und Beide woll⸗ ten nun einander in Großmuth uͤbertreffen. Georg beſtand darauf, fuͤr Harvilles Schuͤtzling 2 zu ſprechen; dieſer wollte es durchaus nicht zu⸗ geben, daß ihm der Freund ein Opfer mit ſeinen rechtlichen Grundſätzen bräͤchte. Zwiſchen zwei jungen Leuten von ſo edlem Herzen, konnte der Ausſchlag hier nicht lange zweifelhaft blei⸗ ben; das Rechte ſiegte, der Vetter der huͤbſchen Taͤnzerin mußte das Avancement und die Gra⸗ tification einem Verdientern uͤberlaſſen, und Har⸗ villes Achtung fuͤr Georg ſchien ſich zu verdoppeln. Als der kluge und politiſche Doctor vernahm, daß Georg abermals aus Gewiſſenhaftigkeit ſich geweigert hatte, ſeinem Freunde, dem Grafen Harville, einen Dienſt zu erweiſen, da ſchau⸗ derte er zuſammen und beruhigte ſich nicht eher, bis ihm der Reffe verſicherte, daß er im Eifer der Freundſchaft ſich einen Augenblick vergeſſen, und Harville verſprochen habe, zu thun was er wuͤnſche.„Ha!“ rief der Doctor,„ſo iſt es recht! das laſſe ich mir gefallen! Folge nur immer meinen Lehren. Man darf einem Freunde, vorzuglich wenn es ein ſo maͤchtiger Freund iſt, wie Harville, einem Freunde, der uns wieder nutzen kann, niemals etwas abſchlagen, ſey es auch was es ſey.“ Kaum hoͤrte er aber, wie 25 ſich hierauf zwiſchen ſeinem Reffen und Har⸗ ville ein Streit des Edelmuthes entſponnen hatte, ſo fuhr er fort Georg dafur zu loben, daß er die Gebote der Pflicht denen der Freund⸗ ſchaftzum Opfer hatte bringen wollen.„Selt⸗ ſam!“ ſprach Georg, dies Alles mit anhorend, zu ſich ſelbſt:„wenn ich recht handle, dann tadelt mich mein Onkel, und wenn ich in Ver⸗ ſuchung gerathe vicht zu dann lobt er mich.“ Auch Madame St. genii* di ſo große Plaͤne auf das Anſehen baute, in welchem Georg bei dem Miniſter ſtand, ſchwankte in Betreff ſeiner zwiſchen Furcht und Hoffnung hin und her. In ihrer Eigenliebe trug ſie ſich zwav mit der feſten Ueberzeugung, daß es ihr durch⸗ aus nicht ſchwer fallen koͤnne, einen ſo harm⸗ loſen Menſchen wie Georg zu leiten wie ſie eben wollte, aber demohngeachtet war ſie, ſei⸗ ner ruckſichtsloſen Treuherzigkeit und ſeiner un⸗ klugen Freimuͤthigkeit ſich erinnernd, in der be⸗ ſtndigen Angſt, er moͤchte durch ſein der Welt ſo oft als thorigt erſcheinendes S ſich und ihren Plaͤnen ſchaden⸗ . P 226 Bald traten jedoch Ereigniſſe ein, die der ganzen Familie eine Menge neuer Ausſichten eroffneten und die Thotigkeit Aler in Anſpruch nahm. — Dreizehntes Kapitel. Große und gluͤckliche Ereigniſſe. Der Arzt in Marſeille, mit welchem der Doc⸗ tor St. Firmin in Briefwechſel getreten war und der ſeitdem ſeinem Collegen in Paris ſehr regelmaͤßig Rachrichten von deſſen Onkel, den ehemaligen Jeſuiten und jezigen Banquier gab, meldete, daß dieſer intereſſante Verwandte von einer ſchweren Krankheit befallen worden ſey und daß die Herren Aerzte bei einer dieſerhalb gehaltenen Conferenz die unmaßgebliche Mei⸗ nung geaͤußert haͤtten, daß ſie zwar nicht ge⸗ rade an dem Leben des alten Hrn. Dercy ver⸗ zweifelten, daß indeß bei einem Alter von eini⸗ gen ſiebenzig Jahren die Sache doch ſehr be⸗ denklich wäͤre, und er ſomit als treuer Corre⸗ 227 — ſpondent nicht häbe verfehlen wollen ſeinen wuͤr⸗ digen Confrater in Paris ſchuldigſt auf einen doch moͤglichen harten Schlag votzubereiten. Ja, als haͤtte es ſich der Arzt an der Rhone vorgenommen ſeinen Mitbruder zu quaͤlen und deſſen Erwartungen aufs hoͤchſte zu ſpannen, ſo war dieſem Briefe noch eine Rachſchrift des Inhaltes beigefuͤgt: daß, wie alle Welt be⸗ haupte, das Vermoͤgen des alten Herrn Derch ſich auf ſieben Millionen Franken belaufe. Hr. St. Firmin ſtand auf dem Punct den Kopf zu verlieren; der gute Mann war nicht we⸗ niger habſuchtig als ehrgeizig; beide Leidenſchaf⸗ ten hielten ſich ſo ziemlich die Waage bei ihm, und wenn auch mitunter der Ehrgeiz den Geld⸗ geiz uͤberwog, ſo hegte er doch ſtets die Mei⸗ nung, daß Geld, viel Geld das beſte Mittel zu hohen Auszeichnungen ſey. Wie wir wiſſen, hatte er bisher uͤber die ganze Sache gegen ſeine Frau geſchwiegen; jezt glaubte er es end⸗ lich an der Zeit ſprechen zu koͤnnen. „Sieben Millionen!“ rief Madam St. Fir⸗ min, die Haͤnde zuſammenſchlagend;„welch ein Vermoͤgen! welch eine Summe!“ und unwill⸗ P2 228 kaͤhrlich drangte ſich ihr nun derſelbe Gedanke auf, der ſchon ihrem Manne gekommen war, als er die erſte Rachricht von der Ruckkehr des Onkels⸗Jeſuiten nach Frankreich erhielt. „Ach!“ fuhr ſie fort,„wenn das ſchone, herr⸗ liche Vermoͤgen uns allein zufiele! wie wuͤrde ich mich freuen! ich, der es ſo ſehr ſchmerzt ſehen zu muͤſſen, wie Sie mein Gemahl ſich als Arzt quzlen und ich die Honneurs in einem Hospitale fuͤr reiche Gecken und eingebildete Thoͤrinnen machen muß.... Sieben Millio⸗ nen„ iſt es denn durchaus noͤthig, daß Ihre. Reffen etwas von der Sache erfahren?“— „Laſſen Sie mich Madame,“ entgegnete der Doctor;„wer weiß, ob meine Reffen und ich jemals einen Pfennig von allen dieſen Schaͤtzen bekomme? wer weiß, ob der alte Jeſuit nicht ein Teſtament macht, ob er nicht heimlich ver⸗ heirathet iſt, ob er nicht eine alte Haushalterin oder eine junge Freundin„einen maulredneri⸗ ſchen Schmarozer oder einen Baſtard hat, die uns das ſchoͤne Geld vor dem Munde weg⸗ ſchnappen, uns! den rechtmaͤßigen Erben des hochverehrten Herrn Onkels!... Sie ſehen, 229 * daß er weder Briefe von uns noch Beſuche hat annehmen wollen, von uns! den legitimen⸗ rechtlichen Verwandten.... Wer weiß, ob er nicht, wenn er gleich die Jeſuitenkutte ausge⸗ zogen und dafuͤr den Kaufmannsſtand ergriffen hat, deswegen dennoch mit der Congregation in Verbindung blieb, die ſich jezt wieder aus ihrer Aſche erhebt, und ob er nicht in dieſem Augenblick bereits dem ſchleichenden Gezuͤchte, oder den ehrwuͤrdigen Vatern des Glaubens, oder wie ſie ſich ſonſt jezt nennen moͤgen, Alles vermachte 2.... Doch, hier iſt kein Beſinnen; ſenden wir geſchwind nach Extrapoſt; ich muß reiſen, auf der Stelle reiſen!“!—„Ja mein Theuerſter; reiſen Sie; der alte Mann iſt krank; er iſt unſer Verwandter, Sie ſind Arzt; ſind wir ihm nicht ſchon in dieſer Beziehung die groͤßte Aufmerkſamkeit ſchuldig?“—„Gewiß, gewiß,“ entgegnete der Doctor;„die Aerzte in der Provinz verſtehen ſelten viel; ſie ſind mitunter ſo unwiſſend.. ſelbſt mein Corre⸗ ſpondent..... ich mache mir keine große Idee von ihm, obgleich ich ſeine Diſſertation aus gu⸗ ten Gruͤnden lobte.... Wenn ich mir aber 230 die Drohung des Alten wieder uberlege, den zu enterben, der vor ihm erſcheint.— „Sie haben Recht; alte Perſonen ſind oft ſehr grillenhaft. O mein Himmel! ich ſchaudre bei dem Gedanken.. es iſt um den Kopf zu ver⸗ lieren. Doch, koͤnnten Sie ſich nicht in einem Gaſthofe oder ſonſt wo, vielleicht ſelbſt bei ihrem Correſpondenten, von dem Sie als Arzt zwar keine große Idee hegen, der mir aber doch eine ganz ehrliche Seele zu ſeyn ſcheint, ver⸗ borgen halten und von da aus Alles beobachten ohne doch dabei unſern ehrwuͤrdigen Onkel un⸗ ter die Augen zu treten?“—„Dies iſt aller⸗ dings meine Abſicht wenn ich noch reiſe; allein wenn nun trotz meiner Vorſicht der reſpectable Greis die Sache doch entdeckte, wie wäre es dann?“—„Sollte es da nicht vielleicht gut ſeyn, daß Sie ſtatt ſelbſt zu reiſen, einen Ihrer Reffen ſchickten? iſt dann Gefahr, nun ſo trifft ſie Sie wenigſtens nicht.“—„Ja, die Idee iſt ſo uͤbel nicht.... indeß, nein! nein! da iſt wieder eine andere Bedenklichkeit. La Moriniére und Duͤpre ſind Schelme, denen man nicht trauen darf; ſie ſind habſuͤchtig und voller Raͤnke; wer ſteht uns dafür; daß ſie dort zu ihrem Vor⸗ theil allein wirken?... Run koͤnnte freilich Georg...“—„O was den betrift, ſo ſtehe ich fuͤr ihn; er iſt zu ehrlich, zu treuheriig⸗ zu einfältig um daran zu denken ſeine Ver⸗ wandten zu hintergehen.“—„Ja, er iſt ein braver junger Mann; aber wer ſteht uns wie⸗ der dafuͤr, daß mein Original von Onkel eine alzugroße Vorliebe fuͤr dieſes Driginal von Neffen faßt und ihn auf Koſten von uns Andern bedenkt? Ach welche teufliſche Verlegen⸗ heit! welche Verwickelung! Was ſoll ich hierbei machen?... Ich bekomme ſicher noch ein Fieber.“ Indem der Doctor ſich ganz ernſthaft den Puls fuͤhlte, murmelte er vor ſich hin:„Sie⸗ ben Millionen!“—„Sieben Millionen!“ wie⸗ derholte Madam St. Firmin.—„Das macht dreihundert und funfzigtauſend Franken jaͤhrlich, wenn man das Geld nur zu fuͤnf Procent be⸗ nuzt,“ fuhr der Doctor fort. Er ſann jezt einige Augenblicke nach;„Nein!“ ſprach er dann,„ich kann nicht umhin, ich muß es mei⸗ nen Reffen ſagen. Meine Rechtſchaffenheit... meine Zärtlichkeit fur die Meinigen.... mein Rechtsſinn.. und dann, man muß näßig ſeyn. Was n meinen Sie Madam St. Firmin, wuͤrden Sie, wenn Sie auch nicht dreihundert und funfzigtauſend Franken Rente haben, auch mit dem vierten Theile zufrieden und noch reich genug ſeyn?. Niemand kann mir den vierten Theil abſprechen und dann, wenn es vielleicht gilt ein Teſtament umzuſtoßen, brauchen wir da nicht die Huͤlfe des einſtigen Advocaten Duͤpre?“ —„Ja Sie haben Recht mein Beſter. Es iſt unſre Pflicht die Vettern von der Sache zu un⸗ terrichten. Der Intrigant, der Duͤpre, iſt ein Mann wie wir ihn brauchen und gewiß wuͤrde er uns tauſend Chikanen machen, wenn er ſich durch uns verkurzt glaubte.“—„Aber wir haben keine Zeit zu verlieren.“—„Nicht eine Minute.“ Der Doctor ſezte ſich nun ſogleich hin und ſchrieb an Düpre ein Billet; ein anderes wurde an la Moriniére nach dem Durchgange bei den Panoramas, der unter dem Namen Coulisse de la bourse ſo wohl bekannt iſt, geſendet, ein Drittes ging nach dem Cabinet des Mini⸗ ſters fuͤr Georg ab. Alle Drei machten die Sache ſehr dringend; der Doetor ſchrieb, eine hoͤchſt wichtige Angelegenheit erfordere die ſchnelle Zuſammenkunft der ganzen Familie; von allen Seiten rannten die Vettern herbei. Als der Doctor ihnen das Daſeyn und die Ruͤckkehr ihres Großonkels, des Jeſuiten, ver⸗ kuͤndet und hierauf die Briefe ſeines Marſeiller Correſpondenten mitgetheilt hatte, da ergriff ein freudiger Taumel, eine Art von holder Wahn⸗ ſinn, die Herren Duͤpre und la Moriniére. Sie wußten nicht mehr was ſie ſprachen, ſie huͤpften im Zimmer umher, ſie jauchzten vor Freude; mitten in dieſem Freudenerguſſe wurden ſie aber wieder uͤbellaunig und machten dem Doctor Vorwuͤrfe, daß er ſie ſo ſpaͤt erſt von der Sache unterrichtet habe. Man begann nun, oder wollte vielmehr eine gemeinſchaftliche Ueberlegung beginnen; aber Alle ſprachen auf einmal, Alle durcheinander, keiner ließ den Andern zum Worte kommen und jeder hatte eine andere Meinung. Georg allein ſaß ſtill und ruhig da.„Nun,“ rief la Mo⸗ riniere,„haſt Du uns denn nichts zu ſagen? Ich bewundere Deine Ruhe, Deine Fuͤhlloſig⸗ keit wenn es ſich von ſo großen Angelegenhei⸗ ten handelt; und doch ſollte ich meinen, die Sache ginge Dir ſo nahe an wie uns.“— „Ich geſtehe,“ erwiederte Georg,„daß ich nicht ohne Theilnahme das Daſehn eines alten Großonkels und deſſen Krankheit, die ihn uns, nachdem wir ihn kaum gefunden haben, wie⸗ der zu entreißen droht, vernommen habe. Was ſein Vermoͤgen betrifft, ſo gehoͤrt es ihm, mag er damit machen was er will.“—„Was willſt Du damit ſagen? Ich glaube Du willſt uns Moral lehren.“—„Ja wahrhaftig, das ſieht beinahe ſo aus.“—„Meine lieben Angehori⸗ gen,“ begann der ehemalige Advocat,„ich, ich muß reiſen; durch meine Kenntniſſe bin ich allein im Stande unſern trefflichen Großonkel, den alten Jeſuiten, gute Rathſchlaͤge zu geben.“ —„Warum nicht gar!“ ſchrie la Moriniére, „Du wuͤrdeſt unſern licben Verwandten nur aͤrgern und uͤble Laune machen. Nein! ich, ich muß hin; ich werde ihn troͤſten, ich werde ihn unterhalten dieſen braven, lieben Greis. Ja, ich reiſe mit meinen Sohn, der geſtern recht zum Gluͤck aus ſeiner Garniſon hier an⸗ gekommen iſt, und wenn ſich vielleicht ein Erb⸗ ſchleicher oder ſonſt dergleichen Gezucht einfin⸗ den ſollte, ſo ſoll der Lieutenant, der ſchon drei oder vier Duelle beim Regiment hatte, den Herren die Wege weiſen.“—„Welche Albern⸗ heiten!“ ſprach der Doctor.„Der eine will unſerm ehrwuͤrdigen Onkel ſeine letzten Stunden verbittern und ihn mit teſtamentariſchen Anord⸗ nungen quaͤlen; der Andere will gar Skandal in ſeinem Hauſe machen. Wahrhaftig, jedes Eurer Worte vermehrt nur meine Unentſchloſ⸗ ſenheit.“—„und doch muß ein Entſchluß ge⸗ faßt werden,“ entgegnete Madam St. Firmin. —„Ja, es muß einer gefaßt werden, aber welcher?“ Nach langem Stuite, nach langem Zan⸗ ken und nachdem es bereits ſpät Abends gewor⸗ den war, kam man endlich uͤberein die Sache am folgenden Morgen weiter zu uͤberlegen. „Guter Rath kommt uͤber Nacht,“ ſprach der Doctor.—„In jedem Falle,“ ſetzten die An⸗ dern hinzu,„iſt die Nachricht doch eine ſehr ſchoͤne.“—„O eine vortreffliche!“ rief Duͤ⸗ pre, die Haͤnde reibend aus, waͤhrend er nie ſo unruhig, ſo bewegt, ſo innerlich wt g weſen war wie heute. La Moriniére ging ſogleich in ein Caffee⸗ haus, wo er gewiß war ſeinen Sohn zu fin⸗ den. Beide, Vater und Sohn, liefen nun im Abenddunkel mit großen Schritten auf dem Bouleward umher, ſchrien, geſticulirten und blieben ſtehen zur Verwunderung aller Men⸗ ſchen und Beide vergaßen, der Eine ſeine Be⸗ ſtellungen bei Tortoni und in dem Varieté⸗Thea⸗ ter, der Andere ſeine Spielparthie auf dem Caffeehauſe. Der einſtige Advocat quaͤlte aber ſeine Schreiber dieſen Abend noch mehr wie ſonſt und der zu einigen Krankenbetten geru⸗ fene Arzt machte in ſeinen Recepten ein Paar Quidproquos die, wie man verſichert, nicht ungluͤcklich ausgefallen ſeyn ſollen. Madam St. Firmin ſaß unterdeſſen in ihrem Boudoir und baute ein ſchoͤnes Luftſchloß uͤber das an⸗ dere und uͤberlegte ſehr ernſthaft die Farbe der Livree, welche ſie ihrem zukuͤnftigen Kutſcher und Bedienten geben wollte, während Georg ſtill und fleißig einen Theil der Nacht an ſeinem 237 Arbeitstiſche zubrachte, um das was er den verſaͤumt hatte. un Hipr lunge vor rdet beſinnten Stunde un bei ihrem Hnkel dem Dottor, dieſer aber bereits usgegangen. Madame St. Fi irmin benachrich⸗ tigte die Nefſen, daß ihr Mann auf die Poſt gegangen ſey, um ſogleich die etwa aus Mar⸗ ſeille eingegangenen Briefe in Empfang zu neh⸗ men. Duͤpre ſchien heute noch nachdenklicher, noch intriganter wie geſtern zu ſeyn; la Mori⸗ nire war dagegen hoͤchſt aufgeblaſen. Der Er⸗ ſtere erzaͤhlte, er habe die Nacht nicht ſchlafen können und da ſey ihm ein Einfall gekommen, der gewiß Allen zuſagen wurde.—„Halt!“* ſprach la Moriniére, er iſt gewiß nicht ſo gut wie der, den ich hatte und den ich auch be⸗ teits angefangen habe in's Werk zu ſetzen.“— „Ol o! das wird etwas Sauberes ſeyn,“ent⸗ gegnete Duͤpre hoͤhniſch;„laß doch hoͤren?“— „Nein, ſprich Du erſt; was haſt Du Dir aus⸗ geklugelt?“— Keiner wollte jetzt zuerſt hervor⸗ rͤcken und Beide erklaͤtten endlich, daß ſie ſich 238 nur in Gegenwart der ganſen Familie chen wuͤrden. 147 56 Dieſe Zänkereien und Strecen begannen ton neuem als Georg endlich kain, und dauer⸗ ten ſo lange fort, bis der Doctor einttat iit der Familie mit einem ernſten, traurig ſeyn ſollenden Geſichte verkundete, daß ſein Oult⸗ der Jeſut, todt ſey. „odt! 1 riefen Alle auf 3„oel“ —„Da haben wir's,“ ſchrie Duͤpre ganz . ſich;„wenn Ihr Eure Zeit nicht mit Deliberiren verloren haͤttet! wenn man uns zur rechten Zeit Rachricht gegeben haͤtte.. aber der Herr Onkel will immer die ganze Famſle leiten.. O! warum bin ich geſtern nicht gereiſt!“—„Ueberlege doch nur,“ ent⸗ gegnete Georg,„daß wenn Du geſtern gereiſt waͤreſt, Du Dich mit dem Briefe, welcher uns heute die Nachricht brachte, gekreuzt haben wuͤrdeſt.“—„Das iſt wahr; ich weiß nicht mehr, was ich ſage; es dreht ſich mir alles im Kopfe herum.“—„Und mein Sohn!“ fiel la Moriniére hier ein,„mein Sohn, der 239 ſich einen Platz auf der Diligence beſtellte.. wenn ſie nur noch nicht fort iſt!“—„Wie?“ entgegnete Duͤpre,„Du wollteſt Deinen Sohn ohne unſer Wiſſen nach Marſeille ſenden? Das war albern, ſehr albern.“—„Ja, ſehr albern,“ ſezte der Doctor hinzu,„es waͤre auf Eure Ko⸗ ſten geſchehen.“—„Was! iſt ein Teſtament da?“—„Sind wir enterbt?“—„Ach dieſe alten Pfaffen!“—„Dieſe Jeſuiten!“—„Ab⸗ ſcheuliche Egoiſten ſind es!“—„Noch ſchmeichle ich mir,“ erwiederte St. Firmin,„daß unſer hingeſchiedener Verwandter keinen ſolchen Cha⸗ racter hatte. Mein Correſpondent begnuͤgt ſich damit mir anzuzeigen, daß ſogleich bei dem Tode des alten Mannes alle noͤthige gericht⸗ liche Maaßregeln genommen worden ſind, und daß man Alles unter Siegel gelegt hat; es iſt daher nicht noͤthig, daß wir einen uͤbereilten Entſchluß faſſen, denn ohne die Einwilligung Aller kann nichts vorgenommen werden.“— „So iſt es recht;“ meinte Duͤpre,„und ich rathe Dir la Moriniére, Deinen Sohn zuruͤck⸗ kommen zu laſſen.“ La Moriniére rannte auf das Poſtbuͤreau; es war Zeit; ſchon ſaß der v½ 240 Herr Sohn im Wagen.— Der Ueberreſt des Tages verging unter vielfachem Gezaͤnke. Duͤpre, la Moriniére und deſſen Sohn, er⸗ mangelten nicht ſich alle Morgen gleich nach der Ankunft der Poſt aus Marſeille bei ihrem Oukel, dem Doctor, einzufinden. Drei Tage nach Empfang der großen Nachricht waren ſie wieder beiſammen, als abermals ein Brief an⸗ kam, den Hr. St. Firmin ſogleich offnete⸗ Sein Correſpondent aus Marſeille meldete ihm, er wuͤrde ungeſaumt ein ſehr ausfuͤhrliches Schreiben vom Hrn. Duͤbreton, Rotarius und einzigem Freunde des Verſtorbenen, erhalten; einſtweilén koͤnne er ihm jedoch verſichern, daß nach der beſtimmten Verſicherung dieſes Rechts⸗ gelehrten kein Teſtament vorhanden waͤre, und daß ſomit das Vermoͤgen des verſtorbenen Hrn. Banquier Dercy ſeinen 6 oder deren Er⸗ ben zufiel. 1 6 Waͤhrend der Leſung dieſes Briefes ſißi die Zuhoͤrer, mit Ausnahme von Georg, mit halboffenem Munde, ſtieren Augen und langen Haͤlſen da, und wagten kaum zu athmen; als ſie den lezten Punet vernahmen, daß nehmlich 241 das ſchone Geld ihnen zufiele, da entfuhr ihnen Allen auf einmal ein tiefer Seufzer, gleich als entlade ſich die Bruſt eines Jeden einer großen Laſt. Der Doctor blieb, das Papier in den zitternden Händen haltend, ſtart und unbeweg⸗ lich ſizen, und ſah nur immer auf die Zeilen, nichts horend mehr was um ihn vorging. Der ehemalige Advocat ſprang dagegen auf und huͤpfte mit den Zroteskeſten Spruͤngen im Zim⸗ mer umhet, indem er zugleich einen Walzer pfiff und mit den Fingern ſchnippte.„Eins, Zwei!“ ſchrie der Bieutenant und marſchir⸗ te auf und ab, daß die Fenſter noch aͤrger wie ſeine Sporen klrrten, wahrend ſein Vater den Mund weit oͤffnete und ein ſchallendes, gebruͤllähnliches Lachen ausſtieß. Georg be⸗ muͤhte ſich unterdeſſen ſeine mit vielem An⸗ ſtand in Ohnmacht geſunkene Tante, die vor Freude uͤber die Erbſchaft, und vor Schmerz über den Hintritt des theuren Vetwandten, ihre Rervenzufaͤlle bekommen wollte, wieder zu ſich zu bringen. Mäde endlich zu tanzen und zu ſingen, warf ſich Dupre ganz erſchoͤpft in einen Arm⸗ I. Q 242 ſtuhl und rief ganz außer Athem:„Sie⸗ ben Millionen! Schade, daß es nicht achte ſind! da gaͤb' es eine runde Summe und wir bekaͤ⸗ men Jeder zweie“—„Wie biſt Du doch ſo habſuͤchtig,“ entgegnete la Moriniére;„ich fur meinen Theil erklare, dat ich zufrieden, ſehr zufrieden bin“—„O! wie will ich nun das Leben genießen,“ rief der Lieutenant;„es hat mir bisher ſo viele Muͤhe gemacht, etwas ge⸗ borgt zu erhalten. Run kann ich Schulden machen ſo viel ich will.“—„Du ſchlechtes Subject!“ ſprach der Vater und lachte daß ihm der Bauch wackelte. Hr. St. Firmin aus ſeiner Erſtarrung ſich aufraffend, begann nun eine ſentimentale und pomphafte Rede zu halten, in welcher er ſeinen Neveus zu beweiſen ſuchte, daß dies Uebermaaß von Freude durchaus nicht ſchicklich ſey und ging, nachdem er dies gehoͤrig entwickelt, zu einem eben ſo weitlaͤuftigem Lobe des Verſtor⸗ benen uͤber, der, wie er gehort haben wollte, von ſeiner zarteſten Jugend an, ein vortreffli⸗ ches Herz, einen ausgezeichneten Geiſt und vor⸗ zuͤglich eine ganz ungemeine Froͤmmigkeit ent⸗ — 243 wickelt haben ſollte.„Wie vielen Dank ſind wir ſeinem Andenken ſchuldig! Keiner von uns hat ihn gekannt, nie hat er Einen von uns geſehen, ſelbſt mich nicht, und doch iſt er un⸗ ſer Wohlthaͤter geworden!“— Alsbald be⸗ gann nun ein allgemeiner Erguß von ſchoͤnen Geſinnungen.„Dieſer theure Onkel!“ hieß es. „Ach! welch ein unvergleichlicher Verwandter war er!“—„Welch ein tugendhafter Mann war unſer Onkel, der Jeſuit!“— Das Schreiben des Notarius beſtatigte die große Neuigkeit und gab alle die Details⸗ welche man nur wuͤnſchen durfte. Die Erb⸗ ſchaftsangelegenheit konnte weder lang noch ver⸗ wickelt ſeyn; der alte Derch hatte einige Mo⸗ nate vor ſeinem Tode ſein Geſchaͤft aufgege⸗ ben und liquidirt. Der Brief endigte mit den Worten:„Ich kann Ihnen die Verſicherung geben, daß das Vermogen ſich auf etwas mehr als vier Millionen belaͤuft.“ „Vier Millionen!“—„Viere ſtatt Sie⸗ ben?“—„Rur Vier Millionen!“ Sie ſchie⸗ nen Alle ſo beſtuͤrzt, als wenn ſich ein Teſta⸗ ment zu ihrem Nachtheil vorgefunden haͤtte. Q 2 Georg hůte bisher Möhe gehabt ſich von der Wahrheit der ganzen Geſchichte zu überzeugen; jezt konnte er nicht mehr daran zweifeln; er wär erſtaunt und nicht unempfindlich gegen ein ſo unetwartetes Gluck., So bin ich denn reich,“ ſprach er.„ Ich hatte es nicht erwartet und nicht gewänſcht; wer weiß ob mir die Ver⸗ waltung eines ſo großen Verniögens icht Kum⸗ mer macht.“—„Ich biete Dir meine Dienſte an,“ rief Duͤpre;„ich wil Dein Agent ſeyn. Du würdeſt Dich doch nur betrügen laſſen, ich werde dagegen fur das Deinige wie fuͤr das Meinige ſorgen.* 1„Schön,“ entgegnete Georg ganz ehrlich;„da witſt Du mir einen Gefallen damit erweiſen.“—„La Moriniére,“ fuhr Duͤpre fort,„Du ſollteſt Geörgs Bei⸗ ſpiele folgen; wenn Du Dein bischen Geld nicht meiner Vorſorge uͤbergiebſt, dann werden der Vörſencours, die Damen und das Spiel manche Breſche hineinmachen.“—„Nein! nein!“ entgegnete la Rotiniére;„ich brauche keinen Intendanten.“—„O! ich kann mei⸗ nem Vater ſein Geld ſchon ſelbſt unter die Leute bringen helfen,“ meinte der Lieutenant. 26 Duͤpre warf ſich jezt in die Bruſt und er⸗ klärte, daß er. ſich nach Marſelle auf den Weg machen wurde; zugleich erbot er ſich die Auftraͤge ſeiner Verwandten zu ubernehmen. Der Doctor und la Moriniére erwiederten hierauf, daß ſie geſonnen waͤren ſelbſt die Reiſe dahin zu machen, und Madame Sr. Firmin ſezte hinzu, ſis habe es ſich ſchön ſeit ſo lange gewuͤnſcht den Suͤden Frankreichs zu ſehen, daß ſie jezt die Gelegenheit um ſo mhr glaube be⸗ nutzen zu müſen, da ſie ſch anngh ven ihrem lieben Nanne trennen fönn 1„Weicht angenchme Reiſe wird das wer⸗ den!“ rief der Doctor;„eine ganze ſo herz⸗ ic vreinte, ſamis ſch iebene Santet⸗ —=„und die eine unermeßliche Erbſchaft zu heben geht,“ fügte la Moriniére hiu⸗ wie 6 das ſo wirndt⸗ n638 3 Duch ſene Inſelung in, uutige⸗ halten, gab Georg Vollmacht an Sipre; die Andern beeilten ſich ihre Vorpertitngen zu treffen und traten ihren Weg an. She ſie ober abreiſten, hielten ſie es fuͤr hre Ficht 246 ein großes Seelenamt fuͤr die Ruhe des ver⸗ ſtorbenen Onkels und Jluten ju Saint⸗Roch iu H3 Vierzehntes Kapitel. BSeene—— 1 B133 G war bei einein Winſer angtſtelt; er beſaß ein Vermögen von mehr wie einer Mil⸗ lion Franken; wie wuͤrden Andere da geglänzt haben! Er that es nicht. Gewiß fuͤhlte er dar⸗ um nicht minder alle Amehmlichkeiten ſeiner jetigen Lage, aber zugleich uberzeugte er ſich von Tage zu Tage mehr, daß das wahre Gluͤck allein ſeine Quelle in unſerm Herzen hat. Der Gedanke, daß er jezt reich war, ließ ihn den Tod ſeiner Mutter noch mehr be⸗ dauern; o! wie gluͤcklich wurde es ihn gemacht haben, wenn ſie an dieſem großen Vermoͤ⸗ gen hätte Theil nehmen koͤnnen! Das Anſehn, in welchem er bei dem Herzog ſtand, wog in ſeinen Augen den Werth der Freundſchaft nicht 247 auf, welche er fuͤr Harville, dieſer fuͤr ihn empfand; von allen Guͤtern, die ihm das Glůck verlieh, war dieſe Freundſchaft ihm das Hoſt⸗ barſte, ohſchon auch wohl in manchen einſamen Stunden die Ahnung von andern Gefuͤhlen, von einem andern Gluͤcke noch, in ihm auf⸗ ſtieg, das in der Folge ſein Leben einſt noch ſchmůcken konnte.„Wie gluͤcklich,“ dachte er, „wirſt Du dann ſeyn, wenn Du Sr Vater biſt!“ Hatville ungleich mehr erfreut noch wie ſein Freund ſelbſt, uͤber den Gluͤcksſtern, der dem⸗ ſelben geleuchtet hatte, gab dem Herzog zuerſt davon Rachticht. Ihro Extellenz hatte die Her⸗ ablaſſung Georg daruͤber ihre Theilnahme zu bezeigen⸗ und dann es ſich uͤberlegend, daß der Po⸗ ſten eines Privatſecretairs fuͤr den Beſi itzer eines ſo großen Vermögens nicht fuglich mehr paſſe, ſprachen ſie mit einem weniger ſtolzen, und freund⸗ ſchaftlichern Tone wie gewoͤhnlich— denn der Reichthum des Menſchen, mit welchem man ſpricht, hat immer einigen Einfluß ſelbſt auf geiſtreiche Maͤnner, ſelbſt auf Miniſter:— „Mein Herr Derch, reich wie Sie jezt werden, 248 haͤngt es nur von Ihnen ab, ſich eine glanzende Laufbahn zu eroͤffnen und gern biete ich Ihnen dazu meine Hand. Wollen Sie ganz der Unſrige werden, ſich offen und ehrlich an uns anſchlie⸗ ßen, ganz unſere Anſichten annehmen, dann will ich Sie zum Requettenmeiſter ernennen laſſen. Mit Ihren Kenntniſſen muͤſſen Sie ſich bald im Rathe auszeichnen und Sie koͤnnen dann im Kurzen Legationsſecretair, Praͤfect, icer wch mehr ſeyn.“ 9 Beſcheiden erwiederte Georg, daß er i Seſchmack fuͤr das, was man eine brillante Car⸗ riere nenne, in ſich verſpre, daß er jedoch auch nicht deswegen, weil er reich ſey, ein muͤſſiges Leben fuhren wolle und ſomit zwar Ihro Excel⸗ lenz fuͤr die Gewogenheit danke ihm weiter hel⸗ fen zu wollen, dennoch aber nichts Anderes be⸗ gehre, als ferner in einer kleinen, aber nutzli⸗ chen Stelle wirken zu koͤnnen.„Die, welche ich jezt bekleide,“ fuhr er fort,„ſagt mir zu. Ich glaube in ihr nuͤtzen zu koͤnnen und wuͤnſche mir keine angenehmere. Rur um das Eine,“ ſeite er laͤchelnd hinzu,„will ich Ew. Excellenz bitten, das nehmlich, mir nicht mehr eine Arbeit zu uͤbertragen, die ſich nicht mit meinen Grund⸗ ſaͤtzen verträgt. In einem ſo großen Verwal⸗ tungszweige wie der Ihrige, wird ſich ja wohl immer etwas finden was ſich fuͤr einen Mann eignet, der ſich nicht gern mit den politiſchen Zankereien befaßt.“ Der Herzog war erſtaunt und zugleich faſt ein wenig beleidigt, ſeine ſo vortheilhaften und ehrenvollen Anerbierungen von einem jungen Manne verworfen zu ſehen; dieſer Staatsmann, der ſo ſtolz war und ſich einbildete ſo gluͤcklich in der Rolle zu ſeyn, die er auf der großen Weltbuͤhne ſpielte, fand ſich nicht ſelten in der Gegenwart eines jungen Menſchen ge⸗ druͤckt, der alles das, wonach er einſt gehaſcht hatte und noch haſchte, verachtete. Er em⸗ pfand zu gleicher Zeit eine Art von Mitleiden mit den beſcheidenen und wie es ihm ſchien, be⸗ ſchränkten Anſichten Georgs, die den jungen Mann dahin brachten, eine guͤnſtige Gelegenheit ſich hoher zu ſchwingen, voruͤbergehen zu laſſen, und eine Art von unwillkührlicher Achtung für den Character deſſelben Mannes, der Stand⸗ haftigkeit genug beſaß, ſeine Ueberzeugung nicht ſeinem Ehrgeize aufzuopfernz endlich aber auch 250 eine Art von Verbruß daruͤber gegen ſich ſelbſt, daß er in der Tiefe ſeiner eigenen Seele nicht ähnliche Geſinnungen feſtzuhalten vermochte. Zu zut wat ihm Georgs Feſtigkeit, oder wie er es nannte, Hartnaͤckigkeit bekannt, um ihm neue Vorſtellungen zu machen und ſeinen Verdruß verbergend, ſprach er daher ſpottelnd zu ihm: „Sie ſind ein rechter doch— W weiter davon.“ n So blieb alſo der inbna Gerg Derch vnite was der kleine S— geweſen war. 12 Die Miterben von Georg verweitten zwei Monate in der Provinz und in dieſen zwei Mo⸗ — Tag, an welchem ſo aufs uheftſ gezankt haͤtten. Die ghel lung des Rachlaſſes von dem alten Banquier war endlich beendigt und boͤſe Zungen wollen behaupten, daß dieſe Theilung ſchwerlich ſo ſchnell ſich gemacht haben wrde, wenn nicht Georgs Bevollmächtigter einige kleine Conceſſi⸗ nen auf den Antheil ſeines Committenten bewil⸗ ligt hätte; nach der Theilung horten aber darum die Streitigkeiten nicht auf; die Freunbſchaft kam nicht mit dem Gelde zuruͤck. In Einem Wagen war die Fumilie nach Marſeile gereiſt; einzeln kehrte Jeder fuͤr ſich nach Paris zurůck. Dieſer große Gluckswechſel hatte uͤbrigens eine merkwuͤrdige Veranderung bei den beiden Vettern Duͤpre und la Moriniére hervorge⸗ bracht; bis hieher waren Beide ſehr habſüch⸗ tig; allerdings waren ſie es noch immer nicht weniger, aber Duͤpre, der aus Berech⸗ nung galant, großthuend und ſelbſt mitunter verſchwenderiſch geweſen, wurde nun ſchmuzig und geizig. La Moriniére, bisher zuweilen ſehr dkonomiſch, wurde dagegen auf einmal ein Ver⸗ ſchwender, ja es ſchien, als wolle er hierin gleichſam mit ſeinem Sohne, dem Lieutenant, wetteifern. Duͤpre behielt ſein Geſchͤftsbůreau bei; la Moriniére warf ſich in die großen Böͤr⸗ ſenſpeculationen. Den Doctor St. Firmin an⸗ langend, ſo wurde dieſer, ſeit ihm das Glück gelächeit, traͤumeriſch und argwohniſch; ſein Verpflegungsinſtiut hatte er einem juͤngeren Mitbruder uͤberlaſſen, ſeine ärztliche Praris ſezte er aber fort, ja es ſchen faſt, als ſuche er jezt noch emſi iger die Zahl ſeiner Kunden⸗ ſelbſt in den niederen Staͤnden, zu vermehren wie ſonſt. Der gute Mann ſtrebte nach dem Ruf eines mitledigen/menſchenfreundichen Man⸗ nes und wenn ſeine Frau, der er erlaubt hatte, ſich Equipage zuzulegen und überhaupt einen großen Aufwand zu machen, in ihn drang, doch ſeinen Stand als Arit aufzugeben, da er es jezt nicht mehr noͤthig hobe ſich ſo zu quh⸗ len, Wet er nicht z Wes ihre von. znhel worden ſeyn ſol⸗ te, war unſer Freund doch dermalen. Beſitzer von mehr als funfſigtauſend Franken Einbünfte und obſchon er anfangs, wie wir geſehen, ziem⸗ ich leichtſinig das Verſprechen gegeben hatt, ſeinem Vetter Důͤpre die Verwaltung ſeiner Angelegenheiten zu überlaſſ ſen, ſo oͤgerte er dennoch jezt einige Augenblicke es zu grfüllen, und entſchloß ſich nur endlich dazu, theis um Duͤpre nicht zu kränken, theils um ſich, ſelbſt die Langeweile eines ſo wenig reizenden Geſchif, 2⁵3. tes zu ⸗ Nur eine iemlich teeinde Sumie baaren Geldes, die nach der Theilung ihm ausgezahlt worden wat, behielt er in Hän⸗ den; ſie belief ſich auf nahe an achtzigtauſend Franken, von denen er einen chei dazu an⸗ wendete, ſein väterliches Erbgut von der dar⸗ auf laſtenden Hypothek zu befreien und es durch Ankauf einiger Aecker und Wieſen zu vergrs⸗ ßern. Er machte dieſerhalb eine Reiſe in die Heimath und hier nicht zuftieden ſeinem bishe⸗ tigen Pächter, Claude Lallemand, auch das neue Gtundeigenthum zu einem ſehr billigen Preiſe zu uͤberlaſſen, gab er demnſelben uͤberdem noch einen ziemlich anſehnlichen Vorſchuß, um ihn dadurch in den Stand zu ſetzen, einiges noch wůͤſtliegendes Land urbar zu machen. „Der Tropf!“ riefen ſeine Verwandten aus, als ſie dies vernahmen;„ſtatt ſein Ver⸗ moͤgen fur ſich zu benutzen, wendete er es nur dazu an, ſeinen Pächter zu bereichern.“ Georg kam nach Paris zuruͤck, und ſuchte nun eine Gelegenheit, das, was ihm von jenen achtzigtauſend Franken noch uͤbrig war, gut un⸗ nbtigen⸗ Duͤpre dralg in ihn, dieſe Summe zu den andern Eapitalen hinzuzufuͤgen und die Zinſen auf Zinſen zu haͤufen; ein Architect ſchlug ihm vor, ſich ein huͤbſches Haus in einem neuen OQuartiere der Stadt zu bauen; ſein Freund Harville rieth ihm es zu machen wie er es mache, zu ſpielen und ſich Maitreſſen zu halten; ein Paar Operndamen machten ihMm die reizendſten Anerbietungen: aber Georg ließ ſich weder hierdurch, noch durch die ſchönen Rathſchlage der Andern verleiten. Eeines Tages brachte ihm ſein Peer Veinire einen Speculanten, einen Mann mit weitſchichtigen Plänen in's Haus geſchleppt, der ihm mit vielem Wortſchwall einen hundertfa⸗ chen Gewinn von ſeinem Gelde zu verſchaffen ver⸗ ſprach. La Moriniére hatte ſelbſt eine anſehn⸗ liche Summe zu der Unternehmung des Spe⸗ culanten vorgeſchoſſen; das war eine praͤchtige Speculation, ſie war ſicher wie Gold und ein⸗ traͤglich wie keine andere. Man ſezte ihm dies Alles ſehr weitlaͤuftig, ſehr uͤberzeugend aus⸗ einander und wirklich ſchien auch Georg uͤber⸗ zeugt zu ſeyn, aber dennoch weigerte er ſich ſein Geld zu dieſer ſo ſchonen und ſicheren Un⸗ 255 ternehmung herzugeben/ und warum? weil die ihm verſprochenen hohen Zinſen ſeinen Zartſinn beleidigten und weil ihm bei der ganzen Sache ein Syſtem des Monopols vorzuwalten ſchien, zu deſſen Aufrechtſtellung er ſeine Hand nicht bieten wollte. Denſelben Tag aber noch, an welchem er ſich geweigert hatte, auf ſo herr⸗ liche Vorſchlaͤge einzugehen, kam ein Lands⸗ mann zu ihm, um mit ihm zu Gunſten eines anderen Landsmannes, der einen kleinen Han⸗ del trieb, und der in Folge der obwaltenden umſtaͤnde in einige Verlegenheiten gerathen war, zu ſprechen, und ohne ſich lange zu beſinnen, lieh Georg dem Manne ſein Geld, obſchon ihm derſelbe keine andere Sicherheit als ſeinen Fleiß und ſeine Rechtſchaffenheit geben konnte. Wie zuckten jezt ſeine Verwandten bie Ach⸗ ſeln, als ſie dieſen neuen, abermaligen albernen Streich vernahmen! Vorzuͤglich war la Mori⸗ niére aufgebracht. Einige Monate vergingen; die Unternehmung, in welche man Georg mit hatte verwickeln wollen, ſchlug, trotz ihrer Sicher⸗ heiten, trotz ihrer vortrefflichen Berechnungen, gänzlich fehl; der Speculant, der Mann mi den großen Plänen, ſeiſirte ſich in der Stille und— die Capitals waren verloren, waͤhrend der kleine Kaufmann puͤnktlich, dem Ueberein⸗ kommen gemäß, alle Monate eine Abſchlags⸗ zahlung machte. Schon hatte Georg einen Theil ſeines Darlehens auf dieſe Art wieder echalten und war vollig ruhig uͤber den an⸗ dern; la Moriniére verlot dagegen Alles, was er dem Speeulanten vorgeſchoſſen hatte. St. Firmin entdeckte endlich ſeiner Frau ſeinen großen Plan. Eines Abends drang ſie noch mehr wie gewohmich in ihn, ſeine ärzt⸗ ſiche Praris aufzugeben, ſi hochſtens nur noch bei hohen und echabenen Kranken auszuůben. „Ueberkaſſen Sie,“ ſprach ſie;„das geringe Vols Ihren nach Geld und Kranken haſchen⸗ den Collegen; wir haben es ja nicht mehr nöthig. Ach! mein Schatz, wenn ich es mir uͤberlege, ſo ſchmerzt es mich tief, Georg in der adminiſtrativen Laufbahn zu ſehen und Sie, den verdienteren, nicht. Sonſt wuͤnſchten Sie es immer ſo ſehr, ſich den Großen und Mäch⸗ tigen nähern zu konnen: wie geht es zu, daß Sie, ſeitdem wir reich wurden, nicht allein ſich S 257 zu den Buͤrgern geſellen, ſondern Ihrem laͤſti⸗ gen Berufe emſiger wie fruͤher obliegen?“ „Madame,“ entgegnete der Doctor mit wichtiger Miene,„wie geht es zu, daß Sie, Sie! die kluge Frau, meinen tief angelegten Plan noch nicht durchſchaut haben? Ich ſoll mich den Großen und den Miniſtern naͤhern? O, daß ich ein Thor waͤre! Schon damals, als ich noch gezwungen war von unſrer kleinen Stadt aus die Edelhoͤfe der Umgegend zů beſuchen, ſchon damals hegte ich gegen die Ariſtokratie einen gro⸗ ßen Widerwillen, einen Widerwillen, der um ſo tiefer war, da ich mich gezwungen ſah, ihn zu verbergen. Und ſagen Sie ſelbſt, zu was haben mir alle meine Buͤcklinge, meine Ergebenheit, meine Artigkeiten bei den Vornehmen von ehe⸗ mals, bei dem Adel vom neuen Gepräge und bei dem Reſtaurirten geholfen? Mit welchen ſtolzen Blicken ſahen dieſe unverſchämten alten und neuen Ariſtokraten auf mich, den Gelehr⸗ ten, herab! Gottlob! der Augenblick, um dieſen Menſchen den Hof zu machen, iſt vorbei. Sie haben Recht, ich fuhle es, daß ich zu hoheren Dingen geboren bin; aber glauben Sie denn, I. R 2⁵8 daß ich mich jezt noch vor dieſen ſogenannten Vornehmen verbeugen werde? Rein Madame! ich will meinem Vaterlande nuͤtzen und mich zugleich raͤchen. Erfahren Sie denn den großen Plan, mit welchem ich mich feit langs trage: ich liebe die Freiheit, die Unabhaͤngigkeit, den Ruhm meines Landes; ich bin jezt uber vierzig Jahr und habe mir ein Grundſtuͤck in unſerer Vaterſtadt. von da aus will ich mein politiſches Leben gruͤnden. Die Zeit der Wahlen ruͤckt heran; ich proclamire meine Meinung, die, merken Sie auf, im hoͤchſten Grade liberal iſt; ſo werfe ich mich in die Arme der Oppoſitions⸗ partei und laſſe mich zum Deputirten waͤhlen.“ —„Zum Deputirten! o mein Gemahl, ich beuge mich vor Ihnen; ja, das iſt eine Lauf⸗ bahn, die Ihrer wurdig iſt! O, nun wird mir Alles klar, Alles hell! Jezt begreife ich Ihe Benehmen... Fahren Sie ſo fort, es kann nicht fehlen. Recht, ſuchen Sie die Reichen, und gewinnen Sie ſich die Armen; haben Sie Kranke, um Stimmen zu haben. Ich werde Ihnen beiſtehn; auch ich will das Meinige thun, auch ich will uns Freunde zu erwerben 25⁵9 ſuchen“—„Wie freut es mich, zu ſehen, daß Sie die edlen Geſinnungen theilen, welche mich beleben. Aber hoͤren Sie weiter: wiſſen Sie wohl), daß ich am mehreſten auf Georg bei der Sache rechne?“—„Wie, auf Georg?“ —„Auf ihn. rſtens iſt er Wähler und, ob⸗ ſchon einem Miiſter anhängend, ſo zweifle ich doch nicht, daß er mir ſo gut wie unſere an⸗ dern beiden Vettern ſeine Stimme geben wird. Sie kennen den ehrlichen Tropf; er bekennt ſich zu Grundſatzen der Ehre und Pflicht, uͤber die wir oft als über Thorheiten und Uebertrei⸗ bungen gelacht haben, die ihn aber dennoch un⸗ fähig machen, ehrgeitzigen Abſichten zum Scha⸗ den ſeinev Famille Raum zu geben. Uebrigens ſoll er mik noch auf andere Weiſe nuͤtzen; ich werde ihn verheitathen.“—„Verheirathen!“ —„Ja, mit der Tochter eines reichen Libe⸗ ralen, der ein großes Grundeigenthum und einen noch groͤßern Einfluß in unſerm Bezirke beſitzt, ſo daß mir, wie Sie leicht ſehen wer⸗ den, Geodgs Verheirathung mit deſſen Tochter nicht allein die Stimme des Schwiegervaters, ſondern auch die aller ſeiner Freunde verſchafft; 260 — meine Wahl iſt getroffen.“—„Und wer iſt denn das Maͤdchen?“—„Es iſt Mademoi⸗ ſelle Duͤbrocard.“—„Wie! das naſeweiſe Ding, deren Mutter noch viel impertinenter iſt und die alle Beide bisher ſo hochmuͤthig auf uns herabſahen?“—„Ja, Madame, es iſt die Tochter des Herrn Dubrvcard, des Ge⸗ neral⸗ Finanz⸗Einnehmers, der das ganze Jahr nicht auf ſeine Stelle koͤmmt, ſondern ſie durch einen Gehuͤlfen verwalten läßt, dafuͤr aber in Paris ein großes Haus macht, im Winter in einem praͤchtigen Hotel lebt, im Sommer auf ſeiner Villa, zwei Stunden von der Stadt, Feſte wie ein Fuͤrſt giebt, und ſowohl wegen ſeines Vermoͤgens, als wegen der Grundſaͤtze die er aushaͤngt, einen großen Credit in unſern Departements beſitzt; denn obſchon er angeſtellt iſt, ſo iſt er doch ein entſchiedener Liberaler. In den hohen Finanzpoſten und wenn man reich iſt, da kann man ſich ohne Gefahr in der Rolle eines Unabhaͤngigen zeigen.“—„Ich ergebe mich; Sie haben Recht: auch kann es wohl ſeyn, daß ich mich im Betreff der jungen Dame irrte. ſie iſt zwar ein bischen anma⸗ 261 ßend, aber doch ſehr huͤbſch, und einer einzigen Tochter, einer reichen Erbin muß man ſchon etwas zu gute halten... Die Partie iſt fuͤr unſern Neveu ſehr vortheilhaft.“ 3 Am Morgen nach dieſer Beſprechung ſandte der Doetor zu Georg, und ließ ihn bitten, mit ihm zu fruͤhſtuͤcken; zugleich ſchickte die Tante ein Zettelchen mit, in welchem ſie ihn benach⸗ richtigte, daß ſie eine ſehr wichtige Angelegen⸗ heit mit ihm zu uͤberlegen habe. Georg ver⸗ fehlte nicht ſich einzuſtellen. „Nun, mein lieber Neveu,“ begann Ma⸗ dame St. Firmin, die mit ihrem Manne uͤber⸗ eingekommen war, gleich nach dem Fruͤhſtüͤcke auf die Hauptſache uͤberzugehen.„Nun, mein lieber Neveu, haben Sie denn jezt, da Sie reich ſind, noch nicht daran gedacht, ſich zu verheirathen?“—„Ich?“ entgegnete Georg uͤberraſcht durch dieſe Frage.— o ſiel der Doctor lächelnd ein,„wie verlegen ihn dies einzige Wort macht.“—„Ich weiß wo⸗ her das koͤmmt,“ fuhr Madame St. Firmin fort;„unſer lieber Neveu denkt an ſein altes Abenteuer mit der armen Mademoiſelle Al⸗ 262 randrine Degodet, die ſeitdem doch noch un⸗ ſere Couſine geworden iſt; und an jene Made⸗ moiſelle Eliſe, in die er ſich ſo voreilig ver⸗ liebte.“ Der Onkel und ehemalige Senb jezt eine wichtige Miene an und wuͤnſchte Georg mit vielem Wortſchwall Gluͤck, zwei ſo unpaſſenden und lächerlichen Verbindungen ent⸗ gangen zu ſeyn.„Jezt,“ ſprach er fortfah⸗ rend,„handelt es ſich nicht mehr darum, ſich in einer ſolchen Angelegenheit durch Geld oder eine fluͤchtige Leidenſchaft leiten zu laſſen. Du biſt reich und vernuͤnftig; Du mußt Dir ein Mdchen ſuchen, die in Hinſicht ihres Vermdoͤ⸗ gens, ihres Standes, ihrer Familienverbindung, ihres Alters und auch ihrer Liebenswuͤrdigkeiten und ihrer Tugenden zu Dir paßt.“ Georg hoͤrte dieſen wohlmeinenden Rath ſchweigend, mit großer Aufmerkſamkeit an, und St. Fir⸗ min ſchloß nun ſeinen Sermon mit der Frage: ob er wohl geneigt ſey, eine Gattin aus ſeinen vaͤterlichen Haͤnden zu empfangen?„Du weißt,“ ſezte er hinzu,„daß ich immer Dein beſter Freund war, daß ich Dich ſtets wie meinen 263 eignen Sohn betrachtete und immer nur— Dein Gluͤck dachte.“ Georg ſann einige Augenblicke— erwiederte er:„Es wuͤrde ohnſtreitig mein Gluͤck erhoͤhen, eine brave Lebensgefaͤhrtin zu finden, auch habe ich ſelbſt ſchon oft daran gedacht, mich zu verheirathen; aber, ſoll ich es ehrlich geſtehen?“ fuhr er lächelnd fort, „es ſchwebt mir ein Ideal vor, das ich wahr⸗ ſcheinlich in der Wirklichkeit, wie ſie iſt, nicht finden werde. Rein! mitten in meiner tho⸗ rigten Leidenſchaft fur die treuloſe Eliſe glaubte ich es nicht gefunden zu haben; aber ſie trug doch wenigſtens einige Züge davon an ſich.. Zu meinem Gluck riß ſie mir ſelbſt die Binde von den Augen; o! ich wurde grauſam ge⸗ tauſcht!“ Georg vermochte hier nicht einen Seufzer zu unterdruͤcken.„ Jett,“ ſezte er hinzu,„uber⸗ zeugt, niemals mein Ideal ſich verwirklichen zu ſehen, verlange ich von meiner zukuͤnftigen Frau nur das ganz Gewoͤhnliche, und bin da⸗ her auch nicht abgeneigt die Gattin, welche Sie mir ausſuchen werden, anzunehmen.“ 8 2 Der Doetor war entzuckt uͤber dieſen Ent⸗ ſchluß und begann nun ſogleich von der einzi⸗ gen Tochter des Herrn General⸗Finanz⸗Ein⸗ nehmers Duͤbroeard zu ſprechen, waͤhrend Ma⸗ dame St. Firmin ſich bemuͤhte, die Tugenden und die Reitze der reichen Erbin in ein gehoͤ⸗ riges Licht zu ſezen.„Was ganz beſonders vortrefflich iſt,“ fugte ſie hinzu,„iſt, das ſie, wie Sie, ein wenig ſchwaͤrmeriſch iſt. Sie hat bereits eine Menge der glaͤnzendſten Partien ausgeſchlagen, denn, nicht nach Reichthum, nicht blos nach Geiſt, Anmuth, Weltton und hohen Rang geht ihr Verlangen; ſie wuͤnſcht ein Herz, eine edle, fuͤhlende Seele, und ich zweifle daher nicht, daß ſie Ihnen vor Allen den Vorzug geben wird.“ Ohne ſich zu etwas feſt zu verpflichten, dankte Georg ſeinem Onkel und ſeiner Tante, und zeigte ihnen nochmals ſeine Geneigtheit, ſich ihren Wuͤnſchen zu fuͤgen. Von Herrn St. Firmin begab er ſich zu ſeinem Freund Harville, um mit dieſem uͤber den ihm gemachten Vorſchlag zu ſprechen. Da⸗ mit dies aber um ſo ungeſtorter geſchehen koͤnne, lud er ihn zu einem Spaziergange ein und 265 ſchlug ihm vor, hernach mit ihm töte ätöte bei einem Reſtaurateur zu ſpeiſen. Leider konnte Harville dies Anerbieten nicht annehmen; er ſtand eben im Begriff, nach einem Gute ſeines Vaters, in der Raͤhe von Havre, zu reiſen, und mußte vorher noch eine Menge Beſuche machen. Dies hinderte Georg jedoch nicht, ihm in der Eile einige Fragen uͤber Mademoiſelle Duͤbrocard und deren Fami⸗ lie vorzulegen. Harville kannte die junge Dame; er hatte ſie auf Baͤllen und im Schauſpiele geſehen, auch wußte er, daß der Vater ſehr reich und zugleich ſehr ſtolz auf ſein Vermoͤgen war; daß die Mutter, nach Gewohnheit der Damen ihrer Art, ſich gern das Anſehn eines hohen Standes gab und daß die Tochter ſehr ſchoͤn war.— So ſchien auf den erſten An⸗ blick unſerm Georg die vorgeſchlagene Partie wenigſtens nicht zuruͤckſchreckend zu ſeyn. Nachdem er Abſchied von ſeinem Freunde genommen hatte, ging er traͤumend vor ſich hin durch die Straßen und je weiter er ging, je lebhafter wurde das Verlangen in ihm, De⸗ moiſelle Duͤbrocard kennen zu lernen. Einen 266 Augenblick begab er ſich in das Cabinet ſeines Miniſters, hier aber keine dringenden Geſchaͤfte findend, entfernte er ſich hald wieder und ſezte ſeinen einſamen Spaziergang fort. Gegen fuͤnf Uhr trat er endlich bei einem Reſtaurateur, in der Nähe der Tuilerien, ein, und indem er ſich hier an einem kleinen Tiſche niederließ, ge⸗ wahrte er ohnfern von ſich einen einfach gekleideten Fremden von huͤbſchen Aeußeren, der mit großem Apetite aß. Die Zuͤge dieſes Mannes ſchienen ihm nicht unbekannt zu ſeyn; er betrachtete ihn aufmerkſam und nicht lange, ſo erkannte er in ihm einen alten Bekannten, jenen Hrn. Ferdinand Dauvert, den Sohn des Edelmannes aus der Touraine, mit welchem er zugleich auf der Centralſchule in Orleans ge⸗ weſen war und der ihm ſo manchen Streich geſpielt hatte. 267 unfzehntes Kapitel. Geſchichte eines alten Bekannten. Wir glauben hier die Geſchichte Georgs auf einige Augenblicke unterbrechen zu muͤſſen, um unſern Leſern das berichten zu koͤnnen, was ſich mit Hrn. Ferdinand Dauvert, ſeitdem er die Schule zu Orleans verließ, zugetragen hatte. Es giebt Menſchen denen die Erfahrung fräh kömmt, keider führt dieſe frühe Erfah⸗ rung ſie aber nicht immer zum Guten. Waͤh⸗ rend daß Georg, obſchon ſeine Verwand⸗ ten fortwährend in ihn drangen, immer nur ſein Intereſſe im Auge zu haben und ihm hundert und hundert Mal wiederholten, daß alle Menſchen ſo handelten und daß der Welt⸗ lauf einmal nicht anders ſey, ſich befleißigte, nichts zu thun, ja ſelbſt nichts zu denken, als was ſich mit den Grundſätzen der ſtrengſten Mo⸗ ral vertrug, hatte Dauvert die Wahrheit dieſer von Georg verworfenen Lebensregeln anerkannt, und ſein Leben nach den Ausſpruͤchen:„daß Ge⸗ wandtheit beſſer iſt als Wiſſen; wo das Inte⸗ 268 reſſe gebietet, muß die Moral ſchweigen; all⸗ zugroße Gewiſſenhaftigkeit iſt eine Thorheit; beſſer klug als tugendhaft; virtus laudatur et alget“ u. ſ. w. eingerichtet. Ermuthigt durch die guten Erfolge, welche er bei ſeinen jugendlichen Streichen und bei ſeinen Schularbeiten dadurch hatte, daß er es verſtand, von der Harmloſigkeit ſeiner Came⸗ raden, vorzuͤglich Georgs, Rutzen zu ziehen, glaubte er, daß es auch nicht unvortheithaft fuͤr ihn ſeyn wuͤrde, wenn er auch in ſpaͤteren Jah⸗ ren eben ſo handelte wie damals. Als ein gro⸗ ßer Liebhaber von der Jagd und ein nicht min⸗ der großer Egoiſt, war er ſehr geneigt dazu, ſeine Nebenmenſchen als Spuͤrhunde gleichſam zu betrachten, gut genug, um ihm die Beute aufzujagen und vor den Schuß zu bringen. Sonſt, obſchon noch ſehr jung, verglich er ſich, wenn irgend einmal heimlich ein loſer oder haͤmi⸗ ſcher Streich von ihm ausgeuͤbt worden war und Nachforſchungen dieſerhalb ſtattfanden, gern mit einem alten Hirſch, der verfolgt von den Jaͤgern, ſo klug iſt, ein junges, unerfahrnes Thier mit aufzujagen und dann ſchnell dieſes 269 — den Rachſtellungen preisgebend, eine andere Faͤhrte einſchlaͤgt, und ſo dadurch meiſt den Feinden entgeht, und indem er nun, in dieſen Grundſätzen ſich ſtärkend, aͤlter geworden und immer mehr und mehr eingeſehen hatte, mit welcher Habſucht und Begierde die Menſchen hienieden nach Reichthum und ſogenannten Eh⸗ venſtellen, nach Auszeichnungen und Vergnuͤgen ohne Maaß und Ziel haſchen, ſprach er zu ſich:„Warum ſollte ich denn nicht auch mei⸗ nen Theil zu erwiſchen ſuchen? warum nicht dieſelben Mittel anwenden wie ſie?“ In⸗ dem er aber auch zugleich jene Maſſe von Choren ſah, die trotz ihrer Beſchranktheit da⸗ rum nicht weniger eitel und habſuͤchtig ſind, fuhr er fort:„Warum ſollte ich wohl die Rolle jener dummen KHatze uͤbernehmen, die ihre Pfoten dazu hergab, dem liſtigen Affen die Kaſtanien aus dem Feuer zu langen? Iſt es nicht tauſendmal geſcheidter lieber der liſtige Affe zu ſeyn, der in Ruhe die Beute ſchmaußt, als jenes alberne Thier, das nichts bebonh⸗ and ſich die Krallen verbrennt? ℳ 20. Wer zweifelt noch daran, daß ein junger Mann mit ſolchen Grundſaͤtzen es heutzutage ziemlich weit in der Welt zu bringen vermag! Grundſatze dieſer Art machen, wenn ſie von Thronen herab angewendet werden, Despoten, Unterdruͤcker, Eroberer, kurz, wie Boſſuet ſagt, Weltverwuͤſter; im gemeinen Leben gebraucht, machen ſie aber Bettuͤger und Spitzbuben, Raͤuber und Banditen. das Grundprincip bleibt immer daſſelbe. Unſer Freund Dauvert ging indeß nicht ſo weit, er wurde weder Raͤuber noch Eroberér; oft verdiente er aber wohl ſeiner Thaten wegen unter jens Gaſſe von Menſchen gezahlt zu werden, die man ſeit lange ſchon mit Namen—— —— 6h Aus dem eoleguð ninen, hatte er ſch in die kleine Stadt im der Touraine begeben, in welcher ſein Vater näch ſeiner Rückkehr von der Emigration ein kleines Eigenthum wieder⸗ erlangt und ſich niedergelaſſen hatte; hier ge⸗ noß er ein kleines jährliches Einkommen von un gefaͤhr dreitauſend Franken/ von dieſet Summe mußte er aber noch faſt die Haͤlfte als eine Art W von Witwengeld an eine alte Haushaͤlterin ſeines Vaters zahlen, und leider war die Verſchreibunz dieſerhalb ſo feſtgeſtelt, daß es dem guten Sohne unmoglich war, den leſten Willen feines Vaters umzuſtoßen. Obſchon noch jung, ent⸗ wickelte er uͤbrigens hier ſehr bald alle die Rei⸗ gungen, die ſeinen Vater einſt arm gemacht hatten; er liebte die Weiber und das Vergnů⸗ gen mit einer Art von Wuth; er ging auf die Jagd, ritt ſpazieren ſpielte und trieb ſich auf den Eaffeehauſern umher. Wie konnte er dies Alles aber mit ſeinen geringen Einkuͤnften beſtrel⸗ ten? Er machte Schulden. Wie konnte er diefe aber bezahlen und ſo dahin gelangen wieder neue zu machen? Er war ſo klug ſich an(ine alte, reiche und freigebige Coquette zu machen, deren großmuͤthige Geſchönke ihn nun in den Stand ſezten, ſich wieder großmuthig gegen juͤn⸗ gere Schoͤnheiten zu bezeigen, die gutmuͤthig ge⸗ nug waren, ſeinen heißen krbesverſcherungen Stauben beizumeſſen. 4 Als Sohn eines alten Edelmannes, det ſt zer auf ſeinen verroſteten Adel war, wie es die unter dem Kaiſerreich neugemachten Laront 272 und Grafen auf den ihren waren, wohlgebaut, gewandt und geſchliffen in ſeinem Benehmen und dreiſt dazu, gab Dauvert bald den Ton un⸗ ter den Stutzern und Libertins der Stadt an, und mit dreiſter Stirne ſich fuͤv ihren Meiſter erklaͤrend, ward er auch dafuͤr von ihnen erkannt und von Allen gleichſam als ein Vorbild angeſehen. Eeinſt von einer Vergnuͤgensparthie in der Umgegend allein zuruͤckkehrend, verlor ſein Pferd unweit einem einſamen Dorfe ein Ei⸗ ſen; er ritt in das Dorf und waͤhrend hier der Schmidt den Verluſt wieder erſetzte, ſah er an dem Fenſter eines benachbarten, ziemlich gut gebauten Hauſes, ein junges Frauenzimmer, de⸗ ren Schoͤnheit ihm gewaltig auffiel. Durch einige Fragen erfuhr er, daß die Dame die Gat⸗ tin eines alten, ungemein eiferſuͤchtigen Edel⸗ mannes, eines Herrn de la Renaudie war, der zur Betreibung eines Rechtshandels eine Reiſe nach Dijon hatte unternehmen muͤſſen und, um ſicher zu gehen, in dieſer Zeit ſeine ſchone Halfte hierher gebracht und ſie der Aufſicht ſeiner Schwe⸗ ſter, einer chemaligen Canoniſſin, uͤbergeben hate. Dieſe Demoiſelle de la Renaudie, eine 27³ alte Jungfer von mehr als vierzig Johren⸗ erfuͤllte denn auch das Aufſeheramt mit einer gewiſſenhaften Strenge, indem ſie die unerbitt⸗ lichſte Duenna fuͤr die junge und ſehr lebens⸗ luſtige Schwaͤgerin war. Der Schmidt, welcher Dauvert waͤhrend ſeiner Arbeit, alle dieſe Nach⸗ richten gab, fuͤgte noch mit einem boshaften Laͤcheln hinzu, daß die alte Jungfer ſich haupt⸗ ſäͤchlich darum ſo ſtreng bewies, weil ſie aus eigner Erfahrung wiſſe, wie ſchwach das Herz der Weiber zu ſeyn pflege, und ſezte dann noch hinzu;„Wer weiß, ob die ehrwuͤrdige Perſon überhaupt nicht anders ſeyn wuͤrde, wenn ſie nicht nach und nach daran verzwei⸗ feln muͤßte, ſelbſt noch zůrtliche ein⸗ hauchen zu koͤnnen.. Dauvert war nicht der r dem eine ſolche Gelegenheit ſein Talent zu zeigen, und ſolche Winke nutzlos gegeben wurden. Schon den folgenden Tag ritt er wieder aps und nicht lange, ſo war er nahe an dem. Dorfe von ge⸗ ſtern. Auch diesmal hatte ſein Pferd ein Eiſen verloren, naturlich nicht zufaͤllig, ſondern, wie ſich denken läßt, von ihm ſelbſt veranſtaltet, I. S 274 um einen ſchicklichen Bewerb zu haben, und während nun der Schmidt abetmals den Scha⸗ den wieder gut machen mußte, zog er neue Erkundigungen uͤber die junge Schoͤne ein, die dieſen Tag zwar nicht am Fenſter erſchien, da⸗ fuͤr aber mit ihrem Argus einen Spaziergang nach einem benachbarten Gehoͤlze machte, wo⸗ hin die beiden Damen, wie der Schmidt ſagte, alle Tage zu derſelben Stunde ihre Schritte zu lenken pflegten.„Ach!“ dachte Dauvert, indem er nach der Stadt zuruͤckkehrte,„wenn ich nur erſt ſo glucklich bin einen Rarren zu finden, der der Alten den Hof macht, dann wird es auch nicht ſchwer ſeyn ſch der Jungen zu nahen.“ Unter den liebenswuͤrdigen xſſtertretern, deren Meiſter ſich Dauvert nannte, befand ſich ein gewiſer Buonaventura Godinot, der einzige Sohn eines wohlhabenden Kraͤmers, deſſen Ge⸗ ſchaͤft darin beſtand, das Geld, welches der geizige Vater mühſam pfennigweiſe zuſammen⸗ geſcharrt hatte, ſp ſchnell wie moglich unter die Leute zu bringen. Der junge Heir war ein wenig dumm und ziemlich abgeſchmackt, nach 275 — Art ſolcher Menſchen, dabei aber hinreichend eitel und beſonders auf das Gluͤck eingebildet, welches er bei einigen Damen gemacht zu haben glaubte. An dieſen wendete ſich jezt Dauvert und erzählte ihm ſein Begegniß auf dem Dorfe. Er verbarg ihm dabei nicht, daß er von einer tiefen Leidenſchaft zu Madam de la Renaudie ergriffen ſey, zugleich machte er ihm aber eine ſo glaͤnzende Beſchreibung von der Schwaͤgerin ſeiner Schoͤnen, daß Godinot nicht ermangelte Feuer zu fangen.„Sie iſt noch ziemlich jung, ſehr friſch und war einſt Canoniſſin,“ ſprach Dauvert. Dies reichte hin, den eitlen Gecken vollends zu beſtimmen. Welch eine Ehre, dachte er, die Eroberung einer Dame won ſo hohem Stande zu machen! und ehe noch Dauvert mit dem Vorſchlage hervorruͤckte, ihn am naͤchſten Tage zu begleiten, erbot ſich 8 Andeten ſchon freiwillig dazu. Man eichtte es ſo ein, 5 man n der Stunde in dem Dorfe ankam, in welcher die Damen ihren Spaziergang machten. Bei dem erſten Anblick fuhlte ſich auch Godinot von den Reizen der juͤngeren Dame angezogen, da je⸗ S2 276 doch Dauvert ſehr ernſthaft erklaͤrte, daß er ſich die Eroberung derſelben allein vorbehalte, ſo hatte der ergebene Begleiter vielzuviel Re⸗ ſpect vor den Willen ſeines Meiſters, um nicht ſogleich ſeine Blicke von dieſer weg und auf die einſtige Canoniſſin zu richten, die er denn auch bald noch hinreichend huͤbſch genug fand, um ihn zu feſſeln. Angetrieben von Dauvert, kehrte Godinot nun oft in das Dorf zurück, und nicht lange, ſo fand er hier mittelſt einiger wohlangebrach⸗ ten Schmeicheleien und einiger Geſchenke, Ge⸗ legenheit ſich die Gewogenheit der Dienerin der Damen de la Renaudie zu erwerben. An⸗ fangs hatte dieſes Maͤdchen in dem Glauben, der junge Herr trachte nur nach ihrer jungen Herdſchaft, ſich ziemlich zuruͤckſtoßend bewieſen, als ſie aber nicht ohne Erſtaunen vernahm, daß die Wuͤnſche des Liebhabers nach der ehr⸗ wuͤrdigen Schwaͤgerin hingingen, da weigerte ſie ſich nicht laͤnger die Dollmetſcherin ſeiner zartlichen Gefuͤhle zu werden. Dauvert bet ſich ubrigens in ſeinen Schlußen nicht; ſobe die gefuhlvolle Canoniſſin vernahm, daß ſi Gegenſtand der Rachſtellungen eines jungen Mannes war, hatte ſie ſoviel zu thun, um ſich gegen den Andrang der Verfuͤhrung zu ſichern, daß ihr jezt keine Zeit mehr blieb, die Schritte ihrer jungen Hausgenoſſin zu bewachen. Na⸗ turlich begleitete von jezt an Dauvert ſeinen Freund ſtets nach dem kleinen Gehoͤlze hin, wo die zaͤrtlichen Zuſammenkuͤnfte ſtattfanden⸗ und waͤhrend nun hier Godinot der bejahrten Schoͤnen ſeine Liebesſchmerzen klagte, klagte Dauvert die ſeinigen der jungen Dame. Konnte aber wohl die lebensluſtige Gattin eines alten, tyranniſchen, eiferſuͤchtigen und dazu abweſen⸗ den Mannes ſolchen Bitten aus dem Munde eines jungen, galanten und iebensuigtigen Mannes lange widerſtehen? Endlich erhielt der gluͤckliche Godinot von der allzuſchwachen Canoniſſin die Erlaubniß in das Haus ſelbſt kommen zu duͤrfen und, wie man ſich denken kann, verließ auch hier der ades ſeinen Oreſtes nicht. Um dem boſen zu entgehen, geſchah dies des Abends; m Schleier der Nacht und auf heim⸗ aden ſuchten die beiden irrenden Ritter 278 ihre Damen auf. Ehe man aber noch zu die⸗ ſen verliebten Abenteuern auszog, ermangelte der Geck Godinot nicht, den andern werthen Bekannten zu erzaͤhlen, daß er und ſein Freund Dauvert ſich nach einem einſamen Schloſſe be⸗ geben, wo ſie nur unter dem Schutze der Fin⸗ ſterniß durch ein geheimes Pförtchen eingelaſſen werden koͤnnten, und woſelbſt zwei ungemein ſchoͤne, gefuͤhlvolle Damen vom hoͤchſten Stande ihrer warteten, denen ſie ſo gluͤcklich geweſen waͤren, eine heiße Leidenſchaft einzufloͤßen. Be⸗ vor ſie aber zu den Damen durch das ver⸗ ſtohlne Pfoͤrtchen kommen koͤnnten, ſezte er hinzu, muͤßten ſie mit ihren Pferden durch einen Fluß ſchwimmen, einen Argus von Gärt⸗ ner irre fuͤhren und einen großen, boͤſen Hund beſaͤnftigen. Eines Tages, erzählte er dann wieder, habe ſie der Gaͤrtner fuͤr Raͤuber ge⸗ halten und verfolgt; Dauvert ſey ſo gluͤcklich geweſen, ſich durch eilige Flucht dem Unholde zu entziehen, er ſelbſt aber nur deſſen ung heurem Pruͤgel dadurch entgangen, d dem unhoͤflichen Patrone Geld gegeben Ein andermal hatte der Hund ganz ſchamt gebellt und ihm den Rockſchooß abge⸗ riſſen, zum Gluͤck hatte ihn jedoch noch die Kammerjungfer von dem Unthiere zur rechten Zeit befreit; wieder ein andermal war er beim Durchreiten des Fluſſes in's Waſſer geſtuͤrzt und wenig hatte gefehlt, ſo waͤre er ertrunken; aber auch hier war er noch gerettet worden und nun zitternd und triefend in die Arme der Geliebten geſunken; wie hatte ihn aber die lie⸗ benswurdige, die reizende Canoniſſin fuͤr alle dieſe unfalle zu belohnen gewußt!— Der gute Godinot bemerkte, indem er mit aller moͤglichen Discretion die Indiscretion be⸗ ging dies zu erzaͤhlen, nicht„daß er den Ge⸗ fahrten vielen Stoff gab, auf ſeine Koſten zu lachen. Durch Dauvert von dem ganzen Aben⸗ teuer ſehr wohl unterrichtet, wußten ſie ſehr gut, daß ihm ſein geruͤhmtes Liebesgluͤck bei einer mehr als vierzigjährigen Dame blahte, waͤhrend ſein kluͤgerer Gefaͤhrte, dem niemals ein ſolcher Unfall begegnete und der ſo ge⸗ ſchickt ſeine Eitelkeit zu benutzen verſtand, iner Thorheit in den Armen einer zwanzig⸗ igen Schoͤnen lachte. ₰ Endlich glaubte Dauert ſich zu einer glän⸗ nderen Laufbahn berufen, als den Glucksjä⸗ in der Provinz zu machen und entſchloß ſich nach Paris zu gehen. Er hatte daſelbſt mehrere Bekannte, alte Freunde ſeines Vaters, die theils Kammerherren„theils Pallaſt⸗Praͤ⸗ fecten, theils Stallmeiſter u. dergl. beim Kaiſer oder bei den Prinzen und Prinzeſſinnen der Familie waren und durch deren Verwendung er denn auch bald genug einen Platz im Buͤ⸗ reau des oͤffentlichen Unterrichts erhielt. Jezt machte er ſeinen Chefs ſehr angelegentlich den Hof und wirklich gelang es ihm ſich die Ge⸗ wogenheit des eben ſo beredten als gelehrten Staatsrathes zu erwerben, welcher damals an der Spitze des Ganzen ſtand. Bei einem wiſſen⸗ ſchaftlichen Verwaltungszweige angeſtellt, hielt Dauvert es nunmehr fuͤr ſeine Pflicht, auch ſein Licht leuchten zu laſſen; er ſchrieb mehrere Werke und, obſchon weder beſonders gebildet, noch unterrichtet, begann er doch an kritiſchen und gelehrten Blättern mitzuarbeiten. Di wunderung fur die Oſſianiſchen Dichtungen damals Mode und die Rebel der Romantik . * 281 gännen das Entzucken zartfuͤhlender Seelen zu werden. Dauvert ermangelte nicht ſich den ſchwuͤlſtigen Styl dieſer dunklen, fuͤr literatiſche Charlatans ſo guͤnſtigen Schreibart anzueignen; bald faſelte er ſo vortrefflich in's Blaue hinein, wie mehrere der beruͤhmteſten Schriftſteller jener Zeit, ja ſein romantiſcher Ueberſchwang ging ſo weit, daß er nicht allein in ſeinen Liebes- ſon⸗ dern ſelbſt in ſeinen Geſchaͤftsbriefen von nun an die geſuchte, umſchreibende, poetiſche, ſenti⸗ mentale, ideale und morgenlaͤndiſche Phraſeo⸗ logie der Herren von der neuen Schule anwendete und eben ſo confus und eben ſo ſprachwidrig con⸗ ſtruirte wie die deutſchen Mittelalterthuͤmler der neuſten Zeit. Richt lange war er uͤbrigens in ſeinem Po— ſten, als man von Seiten der Regierung den Plan faßte, das Gebiet der Verwaltung des oͤffentlichen Unterrichts zu vergroͤßern und die kai⸗ ſerliche Univerſität zu errichten. Hr. Ferdinand Dauvert glaubte hierin eine gute Gelegenheit zu ſehen, ſich weiter fortzuhelfen; eifriger wie je machte er von jezt an ſeinem Generaldirector den Hof, eifriger wie je ſuchte er Mittel und 282 Wege ſich mehreren Perſonen vorſtellen zu laſſen, die durch die oͤffentliche Stimme als die zukuͤnftigen Vorſteher der Univerſität bezeichnet wurden; wirklich gelang es ihm auch ſich Zu⸗ tritt bei mehreren zu verſchaffen; kaum war aber der neue Großmeiſter der neuen Univer⸗ ſität ernannt, ſo ſandte er auch ſchon eine ro⸗ mantiſche Epiſtel an ihn, die mit den Worten begann:„Freue dich, Jeruſalem! ein wuͤrdiger Prieſter verwaltet das Heiligthum in deinen Hallen!“ Da er jedoch keinen ſeiner Beſchutzer gern verlieren wollte, ſo ſandte er zugleich an den fruheren Generaldirector des oͤffentlſchen Un⸗ terrichts einen zweiten, ebenfalls romantiſchpoe⸗ tiſchen Erguß, der, ziemlich gleichtonend ſich anfing:„Weine, Jeruſalem! weine! ein wuͤr⸗ diger Prieſter ſchied aus dem Heiligthum dei⸗ ner Hallen!“ Nach dem Syſtem des damaligen Herr⸗ ſchers, der es ſo geſchickt verſtand, alle Par⸗ theien um ſich zu verſammeln, ſie alle mit ein⸗ ander in Beruͤhrung zu ſetzen, alle Meinungen zu verſchmelzen, um dann deſto leichter uͤber Alle herrſchen zu koͤnnen, gab es in dem neuen * 283 —— Rath der Univerſitat Freunde der Republick und Freunde der Monarchie, Proteſtanten und Katholiken, Froͤmmler und Skeptiker, und Dau⸗ vert, ſtets beſtrebt vor denen zu kriechen, die ihm nuͤtzen konnten, ermangelte nicht an alle dieſe Herren, die alle uͤber ziemlich eintraͤgliche Stellen zu verfugen hatten, zu ſchreiben. Um ſich aber jeden Einzelnen zu gewinnen, ſchrieb er an Jeden in der Sprache die, ſeiner An⸗ ſicht nach, demſelben am genehmſten war. Die⸗ ſer bereits hundertmal abgenuzte Kunſtgriff er⸗ hielt denn auch, trotz dem, daß ihn heutzutage Jedermann kennt, ſeinen gewoͤhnlichen Erfolg; natuͤrlich! die Schmeichelei iſt ein ſo ſuͤßer Trank, daß man nur zu gern geneigt iſt den zu beſchuͤtzen, der ihn bringt. Dauvert ſtand demnach bald auf dem Punect ſein Ziel zu er⸗ reichen; Alle waren ſehr guͤnſtig fuͤr ihn ge⸗ ſtimmt, denn Alle glaubten in ihm ein dienſt⸗ bares Geſchoͤpf ihrer Anſichten zu finden; aber ach! auch dem Gewandteſten begegnet es manch⸗ mal, daß er einen Mißgriff begeht und leider pollte dies dem klugen Dauvert diesmal geſche⸗ hen. Er hatte ſich nehmlich in der dermaligen 284 S politiſchen Anſicht eines ehemaligen heißen Re⸗ publicaners geirrt, eine Sache, die um ſo leich⸗ ter begegnen konnte, da bekanntlich manche dieſer Herren ſchneller wie die Wetterfahnen umſprangen. In der Vorausſetzung, daß dieſer Mann noch wie zu den Zeiten der Republik dachte, ſchrieb er ihm ganz in dem Tone und Style jener Zeit, und erſchrocken daruͤber, daß man ihn noch fuͤr einen Patrioten halten konnte, waͤhrend er doch ein ergebener Kaiſeranbeter geworden war, ſprach der Gelehrte bei der erſten Sitzung zu ſeinen Collegen:„Denken Sie ſich die Unverſchaͤmtheit, meine Herren; da ſchreibt mir ein Angeſtellter auf unſerm Buͤreau auf eine Art, die da zeigt, daß der Menſch mir Geſinnungen zutraut, welche der Treue, die wir unſerm erhabnen Kaiſer ſchuldig ſind, geradezu widerſprechen. Hoͤren Sie ſelbſt.“ Der treue Kaiſerdiener zog mit dieſen Worten den empfangenen Brief aus der Taſche und las: „Ich weiß, daß ich mich an einen hochherzigen Mann wende, der immer und zu allen Zeiten ein gluͤhender Freund der Freiheit war. Auch ich bin es! Auch ich bin Patriot wie Sie.. 7 285 —— — O! o!“ rief ein College des gemuthmaß⸗ ten Patrioten aus, der fuͤr einen eifrigen An⸗ hanger monarchiſcher Ideen bekannt war und einen Blick auf die Unterſchrift des Briefes geworfen hatte:„O! von dem Patron habe ich auch ein Schreiben empfangen, aber es be⸗ ginnt in einem andern Tone.“ Er zog nun ebenfalls einen Brief hervor und las:„Jezt, da Frankreich, Dank dem Genie des großen Mannes, welcher es regiert, von neuem eine maͤchtige Monarchie geworden iſt, jezt wuͤnſche ich mir doppelt Gluck die Geſinnungen meines Vaters, eines braven und loyalen Edelmannes, ererbt zu haben..—„Was der tauſend ſprach ein Dritter, ein Proteſtant, der eben⸗ falls den Namen des Schreibers geleſen hattes „der Herr Dauvert aͤußert ſich ſo? Ich habe auch einen Brief von ihm erhaltenz da leſen Sie ſelbſt.“ Man las:„Endlich beginnt das Reich der religioſen Duldſamkeit und die Stimme eines treuen Bekenners der Augsburgiſchen Con⸗ feſſion darf ſich nun nach ſo langem, abſcheu⸗ lichen Druck vernehmbar machen..—„Ei! ei!“ ſiel hier ein Vierter, ein Geiſtlicher, ein, * 2 „dieſer Herr Dauvert ſcheint mir ein großer Schelm zu ſeyn. Er ſchrieb mir ebenfalls und ſein Brief begann:„Wie habe ich geſeufzt uͤber die verdammliche Ruchloſigkeit, welche die Diener unſeres heiligen Glaubens ſo lange ver⸗ folgte! ach, ſie iſt durch das neue Concordat nur halb beſeitigt, wenn nicht bald der erha⸗ bene, alleinſeligmachende Glaube unſerer Vaͤter wieder ganz herrſchend wird!.—„Ha! ha! ha! das iſt ja vortrefflich,“ ſprach ein Fuͤnfter, ein des Unglaubens beſchuldigter Phi⸗ loſoph;„der Mann verſteht in allen Tonarten zu ſpielen; gegen mich aͤußerte er ſich mit den Worten;„Der wahre Weiſe iſt nur der; wel⸗ cher, wie Sie, mit einer philoſophiſchen Indif⸗ ferenz auf alle den Dogmenkram herabblickt, mit man die Welt zu ſtigte. 4 Man machte ſchj jezt. Spaß, de fünf verſchiedenen Briefe weiter mit einander zu ver⸗ gleichen; ſie wichen nur in der Eingangsformel von einander ab, das Uebrige war nichts wie eine Art von Civculare, in weſchem Hr. Da⸗ vert um eine beſſere Stelle, wie ſeine jezige, * 287 bettelte und ſich dabei auf die uebertnfinnun ſeiner Geſinnungen mit denen der achtbaren Perſon, an welche er eben ſchrieb, berief. Daß ſich uͤbrigens nach dieſer Vergleichung der gute Wille der Herren fur ihn ſehr minderte, läßt ſich denken; allein er mehrte ſich auch wieder, denn treu dem Grundſatze: daß ein geſchickter Schuͤtze mehr wie eine Sehne am Bogen haben muͤſſe, um ſich im Rothfall helfen zu koͤnnen, wußte Herr Dauvert ſo gewandt ſich herauszu⸗ reden und jedem Einzelnen ſo einleuchtend vorzu⸗ plaudern, daß er es nur mit ihm feſt und innig hielt, daß, mit Ausnahme des ehemaligen Re⸗ publicaners, der ihm den Misgrif nicht verzei⸗ hen konnte, bald ein Jeder von neuem ͤberzeugt wurde, er ſey wirklich ein Anhaͤnger ſeiner Mei⸗ nüng und ihm ſomit auch wieder ſeinen Schußz angedeihen ließ. Dauvert erhielt Gratificationen und Befoͤrderungen, da ihm indeß dies Alles noch nicht genugte und er zulezt ſelbſt zu bemer⸗ ken glaubte, daß ihm bei einer Anſtellung das Gluͤck nicht hold genug ſey, ſein Vergnügungs⸗ durſt, ſein Hang zu Zerſtreuungen und Abwech⸗ ſeungen ihn aber fort und fort peinigten, ſo 5 288 entſchloß er ſich kurz und legte ſeine Stelle nie⸗ der, um als Reiſender fuͤr ein vhihenß die Welt zu durchziehen. Jeit brachte er ſein Leben auf be Lupſti ßen, i in den Gaſthoͤfen⸗ auf Meſſen und Märkten zu, und ſehr gut die Geſchaͤfte ſeines Hauſes beſorgend, beſorgie er zugleich nicht minder gut, ja noch viel beſſer, ſeine eigenen. Zwar hate er nach einer Reiſe immer nichts erubrigt, ſon⸗ dern meiſt noch Schulden dazu; aber wech ein vergnuͤgtes Leben, führte er dagegen Inmer ein Berehrer der Damen, immer ein Frinnd eines guten iſches und des Spites, fand er an jedem Orte wo er hinkam, Gelegenheit, die— ſen Hang zu befriedi gen, denn uͤberall gab 6 gute Kameraden„ überall gute und nizig Schoͤnen. Wie viele Luſtparthien, wie viele ga⸗ lante Abenteuer wie viele zärtliche Verbindun⸗ gen wurden da im Voruͤberfluge eben ſo ſchnel genoſſen, angeſponnen und geknüͤpft als ſie wie⸗ der abgebrochen wurden!— Bei einer dieſer Reiſen ſ er einſtt in einer Stadt eine Schauſpielerin von ſehr mitelnsi⸗ gem Lalent, aber ausgizeichnetet Schinheit 2 und wie gewoͤhnlich, wurde er von einer hefti⸗ gen Leidenſchaft ergriffen. Am Abend, als er mit einigen Bekannten zuſammen war, ſprach er von nichts als von der ſchonen Virginie und das Feuer, die Glut, mit welcher er ſprach, erweckte bald die Spoͤttereien der An⸗ dern.„O!“ riefen ſie,„Du biſt ja ſehr warm; aber hoffe nicht zu viel; Du wirſt ſchwerlich beruͤckſichtigt werden.“—„Warum das? iſt ſie eine Lucretia?“—„Nichts weni⸗ ger; auch iſt ſie uͤberdem ſo einfaltig als huͤbſch, aber trotz ihrer Einfalt iſt ſie hochſt intereſſirt. Man muß wenigſtens ein Geſandter, ein Lord, ein ruſſiſcher Graf oder ein Bangquier ſeyn, wenn man Zutritt erlangen wil.“—„Hm, hm,“ entgegnete Dauvert lächelnd,„einfaltig und intereſſirt! warum ſollte man da den Müth verlieren? Wenn Ihr mir beiſtehen wollt, ſo wette ich, daß es mir doch gelingt.“ Der Punſch hatte die jungen Leute warm gemacht. „Wir verſprechen es Dir,“ riefen ſie einſtim⸗ mig!„entwirf Deinen Plan.“ Am folgenden Tage hatte Daubert einen Wagen; indem er damit durch die Straßen I. T 290 führ, zeiate ſich zweimal vor dem Balkon des Schauſpielhauſes, auf welchem die Herren und Damen vom Theater in den Zwiſchenacten der Proben friſche Luft zu ſchoͤpfen pflegten; am Abend nahm er ſeinen Platz vorn in den erſten Rang⸗Logen; er war prachtvoll gekleidet und ſeine Finger mit Brillanten bedeckt. Es war im Spaͤtherbſt; er trug eine Art von Mantel mit theurem Pelzwerk ausgeſchlagen, eine goldne Uhr hing an einer dicken, vielfach umſchlunge⸗ nen, goldenen Kette um ſeinen Hals, eine äͤhn⸗ liche Kette hielt eine eben ſo prachtvolle Lorg⸗ nette. Wo hatte er aber alle dieſen Staat, dieſen Glanz her? Man weiß, daß die Reiſe⸗ diener immer mit Proben verſehen ſind, die ſie den Kaufleuten in den Staͤdten, wohin ſie kom⸗ men, vorzeigen muͤſſen. Herr Dauvert hatte von einem Bekannten, der fuͤr eine Juwelen⸗ handlung reiſete, die Ringe, die Buſennadel, die goldene Doſe und was dergleichen mehr, geliehen; von einem Uhrenhaͤndler die Uhr; von einem Pelzhaͤndler den Pelz; von einem Opticus die Lorgnette u. ſ. w. und er wußte ſich in dieſem geborgten Staat ſo trefflich zu 291 benehmen, ſo ſehr zu bruͤſten, daß man ihn recht fuͤglich fuͤr einen aufgeblaſenen Gentle⸗ mann oder fuͤr einen reiſenden ruſſiſchen Gro⸗ ßen halten konnte. Mademoiſelle Virginie ermangelte nicht den intereſſanten jungen Herrn wiederzuerkennen, den ſie bereits am Morgen unter dem Balkon hatte voruͤberfahren ſehen, und als ſie nun nach Beendigung des erſten Stuͤcks wieder hin⸗ ter die Couliſſen kam, da verfehlten ein Paar ſich hier herumtreibende Bekannte von Dauvert nicht, ihr auf die Frage:„wer denn der Fremde ſey, der gar nicht aufgehoͤrt habe, ſie zu lorg⸗ niren,“ zu erwiedern:„es ſey ein italieniſcher Fürſt; ein ſehr reicher, ſihr großmuͤthiger Ver⸗ ehrer der ſchoͤnen Kuͤnſte und ihrer Diener, der den Tag vorher erſt hier angekommen und in demſelben Hotel wohne, wo ſie abge⸗ ſtiegen wären.“ Waährend dem zweiten Stuͤck kam der an⸗ gebliche Prinz mit einigen ſeiner jungen Ge⸗ fahrten ſelbſt auf das Theater und machte hier, ſo geſchickt wie der beſte Comodiant, den neapolitaniſchen oder bergamaskiſchen Dialect . 22 nach. Alle Theaterdamen erſchoͤpften ſich jezt in Zuvorkommenheiten; alle unternahmen gleich⸗ ſam einen Sturm auf das Herz des liebens⸗ wuͤrdigen Fremdlings; aber bald ſah man, daß nur Demoiſelle Virginie der Gegenſtand ſeiner Wuͤnſche war, und die Schoͤne unterließ denn auch nicht die ganze Schule jener abgenuzten Coquetterie durchzumachen, die Damen ihrer Art ſo eigen iſt. Sie ſprach mit Andern und blickte verſtohlen nach ihm; ſie ließ ſich von Andern den Hof machen und ſeufzte verſchaͤmt, wenn er ſich an ſie wandte. Der italieniſche Fuͤrſt, den die Theaterprin⸗ zeſſinnen und Soubretten als eine koſtliche Beute umlagerten, wollte den folgenden Tag eine Spa⸗ zierfarth in die Umgegend veranſtalten, und die jungen Leute, welche mit ihm in demſelben Hotel wohnten, erboten ſich nun ſogleich ihn zu Pferde zu begleiten. In ſeinem Jargon druͤckte er den Damen das Vergnügen aus, welches es ihm machen wuͤrde, wenn ſie ihm Geſellſchaft leiſten wollten und mit der galan⸗ teſten Art von der Welt ſchlug er vor, Made⸗ moiſelle Virginie und eine ihrer Gefaͤhrtinnen 293 in ſeinem Wagen abzuholen. Es laͤßt ſich den⸗ ken, daß dies nicht abgelehnt wurde. Einer der jungen Leute blieb hierauf, nach⸗ dem ſich der angebliche Prinz wieder entfernt hatte, zuruͤck und ſprach halb ernſt, halb ſcher⸗ zend zu der Schoͤnen:„Nehmen Sie ſich in Acht; ich kenne den Fuͤrſten von Genf her; er iſt aͤußerſt großmuͤthig, ſelbſt verſchwenderiſch, aber er haßt intereſſirte Menſchen. Er iſt im Stande Alles fuͤr die zu thun, die ihm An⸗ haͤnglichkeit beweiſen, aber ſo wie er nur eine Spur von Habſucht bemerkt, ſo iſt es auch gleich vorbei mit ihm und nichts fuͤhrt ihn dann zuruͤck.“ Virginie hoͤrte aufmerkſam zu und dankte dem jungen Manne ſehr freund⸗ ſchaftlich fuͤr ſeinen guten Rath. Die Parthie am andern Tage war glaͤn⸗ zend; waͤhrend dem Spaziergang, den man machte, fand ein ſehr lebhafter Austauſch von zaͤrtlichen Blicken und Redensarten zwiſchen der italieniſchen Durchlaucht und der Theaterdame ſtatt; hierauf kehrte man nach der Stadt zu⸗ ruͤck, um ein elegantes Fruͤhſtuͤck einzunehmen. Waͤhrend demſelben traten mehrere Perſonen 294 herein, die dem Fremden theils prachtvolle Shawls, theils koſtbare Spitzen zum Kauf an⸗ boten oder ihm den Proſpectus von einem gro⸗ ßen Kupfer⸗ oder anderem gelehrten Werke zur Unterzeichnung vorlegten, und der Prinz kaufte und unterſchrieb ohne weiter zu handeln oder zu unterſuchen. Dies waren abermals alles Proben, die ihm von ſeinen gefälligen Freun⸗ 2— Maskerade— wurden. Als der Prinz auf die giichneken Li⸗ teratur unterzeichnete, da erhoͤhte ſich Virgi⸗ niens Meinung von ſeinem großen Reichthum und ſeiner Liebe fuͤr die Kunſt; als er aber hierauf die prachtigen Caſchemirs und Indere Putzſachen kaufte, da draͤngte ſich unwillkuͤhr⸗ lich ein Seufzer aus ihrer Bruſt; gewarnt in⸗ deß durch einen bedeutenden Wink von dem geſtrigen Rathgeber, unterdruͤckte ſie die Be⸗ gierde nach alle dieſen herrlichen Dingen und ſchien nur Augen und Ohren fuͤr die Zaͤrtlich⸗ keiten des furſtlichen Liebhabers zu haben, hof⸗ fend, auf dieſe Art am ſchnellſten zu dem Be⸗ ſitz jener Sachen zu gelangen, von denen die — 295 — angebliche Durchlaucht ſo viel kaufte, als walts ſie ein Magazin davon anlegen. 182 Nach dem Fruͤhſtuͤck brachte Dauvert die Schoͤne nach Hauſe; jezt wurde er noch drin⸗ gender und zaͤrtlicher; Virginie war einfaltig, und gefuͤhlvoll dazu. man ſchwor ſich eine ewige Liebe; eine unwandelbare Treue.. noch denſelben Abend fand, nach Beendigung des Schauſpiels, eine neue Zuſammenkunft ſtatt.. aber der Pſeudoprinz hatte ſeine Wette gewon⸗ nen; ſchnell beendete er jezt ſeine Geſchaͤfte in der Stadt, gab den Freunden den geliehenen Staat gewiſſenhaft zuruͤck und beſtieg die Di⸗ ligence, um ſeinen Weg als Reiſediener nach einem anderen Departement fortzuſetzen. Bei der erſten Reſtauration glaubte Dauvert den Augenblick gekommen, um ſeinen Adel und die Emigration ſeines Vaters geltend zu machen, und er kehrte dieſerhalb nach Paris zuruͤck. Freilich fuͤrchtete er hier ſeine fruͤheren Beſchuͤ⸗ tzer, die Kammerherren und Stallmeiſter des Uſurpators, nicht mehr zu finden; wie irrte er ſich! Er fand ſie Alle in den Reihen der Opfer „ungluͤcklicher Treue“ wieder; die Herren hatten * 296 ſich, wie man die Hand umdreht, aus ſervilen Kaiſeranbetern in treue Royaliſten, in unter⸗ thaͤnige Diener des legitimen Konigs verwandelt. Von den Raͤthen der alten Univerſitaͤt, denen er vor ein Paar Jahren in einem ſo verſchieden⸗ artigen Style ſchrieb, war der Proteſtant geſtor⸗ ben, der Monarchiſt hatte ſich in die Oppoſition geworfen, der ehemalige Patriot war ein Ultra geworden, der alte Prieſter ſtimmte fuͤr die Je⸗ ſuiten und rannte den Miſſionairen nach, und der ideologiſche Philoſoph kroch in. wbre mern der Großen herum. Man bot ihm eine Stelle in den euee — Mousquetairen an; dies kitzelte ſeine Ei⸗ telkeit ſehr, aber dennoch ſiegte die Berechnung bei ihm; er zog es vor, einen weniger glänzen⸗ den, aber einträglichern Poſten anzunehmen, den man einem unglucklichen Familienvater ab⸗ nahm, weil der Mann das entſetzliche Verbre⸗ chen beging, eine Parallele zwiſchen Buonaparte und einigen Andern zu ziehen. Jezt kam der zwanzigſte März, und Herrn Dauverts Royalismus ſtrich auf einmal die See⸗ gel; wundert man ſich vielleicht? er that hierin — nur, was tauſend und tauſend Andere thaten. Ein waͤhrend der hundert Tage machtiger Mann, ſandte ihn mit geheimen Auftraͤgen nach Deutſchland. Der Zweck dieſer Miſſion war, den Rheinbund wieder erſtehen zu laſſenz; Dauvert widmete ſich dieſem Geſchaͤft mit gro⸗ ßem Eifer, aber ſiehe! da kam plotzlich die Rachricht von der zweiten Reſtauration... Ein kluger Mann verliert indeß den Kopf nicht; Dauvert that jezt mit demſelben Eifer gerade das Entgegengeſezte von alle dem/ was er hatte thün ſollen. Als ein Agent der kaiſevlichen Macht war er von Paris abgereiſt; und nun handelte er wie ein Agent der Koͤniglichen. Der kluge Dauvert hatte ſich nicht vetbech⸗ net; der maͤchtige Mann, welcher ihn waͤhrend den hundert Tagen abgeſendet hatte, war auch noch maͤchtig nach der zweiten Wiederherſtel⸗ lung und lobte in ſeinen Briefen ſehr die Ge⸗ wandtheit ſeines Agenten, der ſich ſo gut in die Umſtände zu fuͤgen wußte. Stolz auf das Lob dieſes Mannes, der ſein Chef geblisben war, voll der ſchoͤnſten Hoffnungen und feſt auf eine glaͤnzende Belohnung ſeiner guten und 298 loyalen Auffuͤhrung rechnend, kam er nach Pa⸗ ris zuruͤck.... Ach! wie erſchrack er„als er hier die Ungnade des maͤchtigen Mannes, des Beſchuͤtzers, der ihm ſo viele Komplimente ge⸗ macht hatte, erfuhr!— Das war ein harter Schlag, ein. — durch die Rechnung! Vorbei war es nun mit allen ſchoͤnen Hoffnungen!.... In ſei⸗ nem Aerger glaubte er zu ſehen, daß die Ge⸗ legenheit guͤnſtig ſey, um ſich zum politiſchen Schriftſteller aufzuwerfen;„ Pamphlets erdingte ſich fur und gegen alle Partheien; an einen Buchhaͤndler; unter dem Schleier der Anonimitat ſchickte er eine liberale, ſelbſt auf⸗ ruͤhreriſche Broſchuͤre in die Welt, und zugleich ſchrieb er auch eine Widerlegung derſelben. Trau⸗ rige Huͤlfsmittel! ſie brachten ihn ſeinen Unter⸗ halt, aber weiter auch nichts. Pltzlich ſiel es ihm ein, daß er einſt in ſeiner leinen Stadt eine alte, reiche und großmuͤthige Coquette gefunden hatte, und den Schluß ma⸗ chend, daß es an ſolcher Art Damen in Paris auch nicht fehlen duͤrfte, begann er ſich umzuſe⸗ hen. Richt lange, ſo war er der Hausfreund — einer ſehr wohlhabenden Frau; leider war die Dame aber auch eben ſo hochfahrend und gebie⸗ teriſch als wohlhabend und freigebig; der Haus⸗ freund mußte nicht allein Madame unterhalten, ſondern auch mit dem Herrn Gemahl des Abends Piquet ſpielen und die Kinder ſpazieren fuͤhren; er mußte jedem Wink gehorchen und ſelbſt der Zofe dienſtlich ſeyn. Wenn der Jahrestag des ehelichen Hoͤrnertraͤgers kam, dann befahl man ihm ein Gedicht zu machen; kam der von Ma⸗ dame, ſo verſtand es ſich von ſelbſt, daß er den Pegaſus aus freiem Antriebe beſtieg. Und wo⸗ mit belohnte man alle dieſe ehrenvollen Dienſte? Täglich lag ein Couvert fur ihn bereit, und von Zeit zu Zeit erfolgten nebenbei noch ſehr anſehn⸗ liche Geſchenke. Dauvert fand indeß, daß dies Alles ziemlich ſchwer verdient werden mußte; allein er gab die ſchoͤne Stelle doch nicht eher auf, bis er einen ähnlichen Zutritt in einem an⸗ dern Hauſe gefunden hatte. O, hier war es ganz anders! Hier war er der Herr. Der Pin⸗ ſel von Mann war entzuͤckt uͤber die Verdienſte ſeines Freundes Dauvert, und wenn dieſer ein⸗ mal boͤſe war, ſo weinte das gute Geſchoͤpf wie 300 ein Kind. Alle Domeſtiken mußten ihm ge⸗ horchen, ſelbſt der Schooßhund ſtand unter ſeinem Befehle. Er ſchalt die Einen aus, jagte ſie weg nach Gefallen und prugelte den An⸗ dern. Er ordnete die Feſte im Hauſe an, er waͤhlte die Gaͤſte, von ihm hing Alles ab; und Madame!. wie zrtlich, wie zuvorkommend war die! wie ſorgte ſie fuͤr ſein Wohlbeſinden, fuͤr ſeine Bequemnlichkeit! Herr Dauvert wurde hier noch arger wie ein Beichtvater in einem Non⸗ nenkloſter geſtreichelt.— An ſeinem Namenss tage wurden glänzende Feſte gegeben, reiche Geſchenke ſtroͤmten ihm zuz der Hahnrei be⸗ ſang ihn, ſtatt daß er ſonſt hatte ſingen muſ⸗ ſen. aber, o weh! plotztich trat ein neuer Schauſpieler von einem huͤbſchen Außern auf einem der Boulewards⸗Theater auf; Madame war von dem Kuͤnſtler entzuͤckt; nicht lange, ſo befahl der neue Liebling, daß man dem alten Lieblinge die Thuͤre weiſen ſollte. Das war unſerm Freund Dauvert ſehr verdrußlich; einige Augenblicke uͤberlegte er, ob er den unverſchaͤmten Buͤhnenmenſchen nicht vor die Klinge fordern ſollte; bald uͤberlegte er ſich die Sache jedoch beſſer; der Komoͤdiant war kein uͤbler Fechter.. wer wird ſich um Alles gleich ſchlagen! Herr Dauvert fuhrte jezt ohn⸗ gefahr dieſelbe Sprache, wie der Fuchs in der Fabel.„Nein!“ rief er aus,„ich will mich nicht mehr daruͤber ärgern, die Sache iſt es nicht werth. Ueberhaupt, muß ich nicht uͤber mein bisheriges Leben errothen? Ich, ein Edel⸗ mann, ein Mann von Stande, von altem Her⸗ kommen, ich mache den Verehrer von abgeleb⸗ ten Coquetten!.... Pfui Dauvert, pfui! wo haſt du hingedacht? Die Ehre, die Ehre geht uͤber Alles!“ Dies Abenteuer war ihm ſo eben erſt be⸗ gegnet; ſo eben hatte er ſeinen Laufpaß von der Dame erhalten; noch voll der edlen und moraliſchen Entſchluͤſſe, war er zu dem Reſtau⸗ rateur in der Rachbarſchaft der Tuilerien ge⸗ gangen, um ſich bei einem guten Mittagsmahle und einer Flaſche Wein in den löblichen Vor⸗ ſaͤtzen zu ſtaͤrken, als er am naͤchſten Tiſchchen ſeinen alten Schulkammeraden, Georg Dercy, erblickte, den er ſeit Orleans geſe⸗ hen hatte. 302 Sechzehntes Kapitel. Georg und ſein Freund Dauvert. — Seit den Zeiten des großen Königs Salomon hat man immer behauptet, daß in den Spruch⸗ woͤrtern die Weisheit der Ration ſich offenbare. Wir wollen dies nicht beſtreiten, aber ſind denn dieſe Spruͤchwoͤrter, die Fruͤchte der Erfahrung und der Beobachtung, von denen viele ohne Zweifel recht gute Lehren enthalten, ſind ſie, fragen wir, auch immer genau betrachtet, mo⸗ raliſch gut? oder vielmehr, gleicht die Moral der mehreſten nicht der der Fabel oder der Komoͤdie, die, indem ſie uns die Laſter und Lächerlich⸗ keiten der Menſchen malt, uns nicht ſagt:„ſo mußt du handeln,“ ſondern,„dies mußt du vermeiden.“ Und bieten die Spruͤchwoͤrter nicht haͤufig den Doppelſinn dar, daß ſie zugleich fur den Guten und Rechtſchaffenen heilſam ſind, indem ſie ihn darauf aufmerkſam machen, was er vermeiden ſoll, den Unbedachten und min⸗ der Guten dagegen aber in ſeinem verderblichen Hange ſtarken, oder ihn in ſeinen Augen ent⸗ 303 — ſchuldigen? Rur eines hier als Beiſpiel: Die Gelegenheit macht Diebe. Dieſes Spruͤchwort, das ſich ſo oft im Leben erfullt und das rechtlichen Gemuͤthern den weiſen Rath giebt:„Fliehe die Gelegenheit; widerſtehe ihr und gieb ſie auch Andern nicht,“ giebt dies nicht zugleich Schelmen oder denen, die es werden wollen, auch die, zwar ſehr nutzliche, aber wenig moraliſche Weiſung:„Suche die Gelegenheit; ergreife ſie; laß ſie nicht voruͤber⸗ ſchluͤpfen?“— Fehlt es etwa an Belegen hierzu? Man laſſe ſeinen Seecretair aufſtehen; den erſten Tag wird der bisher vielleicht treue Diener es kaum bemerken; den zweiten be⸗ merkt er es aber; den dritten koͤmmt ihm die Verſuchung; den vierten wird er ſie zu be⸗ kaͤmpfen ſuchen; den fuͤnften unterliegt er ihr; anfangs nimmt er wenig, dann mehr und mehr, zuletzt verſchwindet er mit dem Ganzen. Wer nicht will, daß man ſeinen Wein trinken ſoll, der gehe huͤbſch ſelbſt in den Keller und laſſe den Schluͤſſel nicht ſtecken.„Ich ſoll bei mei⸗ ner Caſſe ſterben!“ ruft ein Caſſirer.—„Eher untergehen, als das angreifen, was mir an⸗ vettraut wurde!“ ſpricht ein Anderer; aber ein dringendes Beduͤrfniß kömmt, ein Wunſch, eine Leidenſchaft ſteigt auf... das ſchoͤne Gold liegt ſo lockend da, die Hoffnung, es binnen kurzem wieder erſetzen zu koͤnnen, winkt. Die Verſuchung iſt ſo groß und der Menſch ſo ſchwach.— Und iſt es denn in den großen Verhaͤltniſſen anders wie in den kleinen? Rach großen Unruhen wird ein Volk durch Anarchie zerriſſen; welche ſchoͤne Gelegenheit iſt dies fuͤr einen ſtarken Mann nach der Krone zu greifen! — Junge Schöne, huͤthe dich; du biſt lebhaft, fröhlich, flatterhaft; du liebſt den Tanz und tanzeſt mit Leidenſchaft, und während du dieſer Leidenſchaft froͤhnſt, vergißt du daß du Leiden⸗ ſchaften und Begierden erregſt, die ſpaͤter dein Ungluͤck machen. Auch Herrn Dauverts Hoffnungen huten ſich gewaltig empor, als er ſeinen alten, guten Kameraden Georg, den er ſchon auf dem Colle⸗ gium ſo oft benuzt hatte, wieder erblickte. Er ſprang auf und rief:„Biſt Du es, mein Freund! mein theurer, lieber, herrlicher Georg! mein bra⸗ ver Derch! O, wie freut es mich Dich wieder 305 zu ſehen!“— Georg hatte ſich zu gleicher Zeit erhoben; Dauvert ſchloß ihn in ſeine Arme, druͤckte ihn an's Herz und weinte faſt fuͤr Freuden. Unſer Held war anfangs ein wenig ͤberraſcht durch dieſes Uebermaaß von Ent⸗ zuͤcken und Zärtlichkeit, durch dieſen Empfang, der etwas Theatraliſches an ſich hatte und die Aufmerkſamkeit der andern Gaͤſte erregte; aber gutmuͤthig wie immer, uͤberredete er ſich bald, daß Ales Wahrheit und wirkliches Gefuͤhl ſey, und ſchloß nun eben ſo innig, wiewohl minder geraͤuſchvoll, den alten Bekannten an ſein Herz. Dauvert ließ ſogleich ſein Couvert neben das von Georg legen und BVeide begannen nun von den vergangenen Tagen ſo emſig, ſo an⸗ gelegentlich zu plaudern, daß ihnen bald alles entſchwand, was um ſie her war, und keiner in ſeinen vertraulichen Mittheilungen mehr an die zahlreich umherſitzenden Gaͤſte dachte. Unſerm Georg war es unangenehm gewe⸗ ſen, daß ſein Freund Harville gerade heute ihm nicht Geſellſchaft leiſten konnte, es freute ihn daher doppelt, einen Bekannten gefunden zu haben. Nach den erſten Erguͤſſen begann 1 1 306 er zuerſt, den Freund lächelnd an die Streiche zu erinnern, die dieſer ihm eüiſt auf der Schule geſpielt hatte. Dauvert wurds ein wenig be⸗ ſtuͤrzt; er glaubte einen Votwurf hierin zu hoͤ⸗ ren; Georg aber beruhigte ihn bald wieder, indem er ihm erklärte, daß er nichts gegen ihn habe.„Ich erinnere mich,“ ſezte er hinzu,„daß ich Dir manchen Dienſt erwies; nun, wenn ſich die Gelegenheit findet, bin ich gern bereit, Dir auch ferner zu dienen.“— „Du redliche Seele!“ rief Dalwert voll Freude; „es iſt wahr, ich muß es bekennen, ich war damals ein Eulenſpiegel, ein Schelm, der man⸗ chen loſen Steich beging; unſer alter Profeſſor nannte mich oft eine wilde Range und meinte, ich verſtuͤnde es recht gut, mich ſeinen Ermah⸗ nungen und ſeinen Penſums zu entziehen; aber ich habe mich ſeitdem ſehr geaͤndert. Kaum trat ich in die Welt, ſo lernte ich einſehen, daß Sanftmuth, Offenheit und ein gutes Herz beſſer ſind, als Feinheit, Gewundtheit und ſelbſt als Geiſt. Allerdings habe ich einem lobens⸗ werthen Chrgeize nicht entſagt, auch bin ich kein Sh anſtaͤndiger und vernünftiger Ver⸗ 307 gnuͤgungen; aber wiſſend, daß jeder auf Ko⸗ ſten der Moral erkaufte Genuß nur ein Gift iſt, daß er mehr ein Ungluͤck wie ein Gluͤck iſt, fliche ich dergleichen Zerſtreuungen. Ich ziehe es vor, lieber ein Opfer als ein Opferer zu ſeyn, und wie ich einſt als Juͤngling leider nur zu oft die Menſchen taͤuſchte, ach! ſo taͤuſcht mich jezt haͤufig die Welt.“ Die Unterhaltung wurde immer lebhafter; mit einem großen Wortſchwall begann Dauvert ſeine Abenteuer dem Freunde zu erzählen; allerdings war er hierin nicht ganz genau; es kam ihm dabei auf eine Wendung ſo oder ſo nicht an, aber er wußte Allem wenigſtens den Schein der Wahrheit zu geben. Wie ein ge⸗ ſchickter Maler half er nach im Gemaͤlde ſeines Lebens; wo hier eine Stelle etwas ſchmutzig war, da legte er neue, glaͤnzende Farben auf, dem zu leich Skizzirten, an Leichtſinn Gren⸗ zenden, gab er den Anſtrich der Ciefe und des kaͤhnen Muthes, das Riedrige und Gemeine zog er in die Hoͤhe. Er war im Staatsdienſt ein Subaltern geweſen; jezt ſprach er von den ho⸗ hen Poſten, die er bekleidet hatte.„Du ſiehſt,“ U 2 rief er,„es hing in Folge meiner alten Geburt nur von mir ab, Kammerherr bei Napoleon zu werden; aber pfui! wie haͤtte ich konnen eine Stelle in dem Hauſe eines Emporkoͤmmlings be⸗ kleiden.“ Er war Reiſediener fuͤr ein mittelmaͤ⸗ ßiges Haus geweſen, das mit Mode⸗ und Quin⸗ caillerie⸗Waaren handelte, und er ſprach:„Ich gab meine Anſtellung auf, um mich mit einem bedeutenden Handelshauſe zu aſſociren; Du weißt, der Adel iſt heutzutage ſo vernuͤnftig ge⸗ worden, daß er ſich nicht mehr ſchaͤmt, ſich mit dem Handel zu befaſſen. Ich machte in unſerm gemeinſchaftlichen Geſchaͤfte mehrere Reiſen durch Frankreich und in's Ausland; ſie gewaͤhr⸗ ten mir Nutzen, Vergnuͤgen und Unterricht. Indeß, da meine Geburt das bischen Vermoͤgen, welches mir mein Vater hinterlaſſen hat, und einige Hoffnungen auf die Erſparung einer Leib⸗ rente, die ich jetzt noch auszahlen enuß und gern noch laͤnger bezahlen will, denn ich wuͤnſche Niemandem den Tod: da, ſage ich, dieſes alles mir erlaubt unabhaͤngig zu leben, ſo habe ich neuerdings mit meinen Aſſocie's liquidirt. Viel⸗ leicht nehme ich in der Folge irgend wieder et⸗ 309 was vor, aber es muß mir zuſagen. Ich liebe und betreibe die Kuͤnſte; ich beſchaͤftige mich viel mit litetariſchen und ſelbſt mit politiſchen und adminiſtrativen Gegenſtänden: ich gebe zuweilen etwas heraus und ohne mich zu ruͤhmen, ich kann ſagen, mit ziemlichem Erfolge.. Sih Du, lieber Freund, ſo fließt mir das debem in einem ſanften Gemiſch von Arbeit und Muße hin, bis mich vielleicht uber kurz oder lang Hymens Bande einmal ein anderes Leben fuͤhren laſſen.“ Der ehrliche Georg glaubte ganz gutmuͤthig jedes Wort; wie hätte er ſich auch denken koͤn⸗ nen, daß ihn ſein Freund gleich beim erſten Wiederſehn taͤuſchen wollte! Freilich hatte Dauvert ihn ſchon oft hintergangen, aber Men⸗ ſchen wie Georg legen trotz aller Erfahrungen die Gewohnheit nicht ab: zu glauben. Georgs Wiederfinden war Dauvert ſogleich als ein Gluͤcksfall erſchienen; nicht daß er ſich gerade ſchmeichelte in dem wenig bemittelten Sohne eines ehrlichen Landmannes eine große Stuͤtze zur Verwirklichung ſeiner habſuͤchtigen und ehrgeizigen Plaͤne zu finden; allein wenn Georg ſeinen Character nicht ganz geaͤndert 310 hatte, ſo war er doch immer eine gute Seele, die ſich gern dienſthar erzeigte und die man bei dieſer und jener Gelegenheit vorſchieben konnte. Nachdem Dauvert ſomit ſeinen angeblichen Lebenslauf erzaͤhlt, fragte er nun;„Und wie ſteht es denn mit Dir, mein Freund? Du biſt nicht reich?“—„Ich war es nicht,“ entgeg⸗ nete Georg,„allein ſeit Kurzem ſtarb mir ein Großonkel, von deſſen Daſehn die Familie bei⸗ nahe erſt in ſeiner Todesſtunde Nachricht em⸗ pfing, und der mir auf meinen Theil allein et⸗ wað uͤber eine Million hinterlaſſen hat.“ Das Glas ſank Dauvert beinahe aus der Hand. „Ol o!“ rirf et,„eine Million! iſt es mög⸗ lich! Da lebſt Du nun wohl wie ich, froͤhlich und guter Dinge, ohne Arbeit?“—„Nein, ich bin im Cabinet des Herzogs von* ange⸗ ſtellt, der mir viele Guͤte erzeigt.“—„Ach! ach!“ rief Dauvert mit verdoppeltem Erſtau⸗ nen,„und Du biſt nicht verheirathet?“— „Nein; dieſen Morgen jedoch ſchlug man mir die Hand einer reichen jungen Dame vor.“ Dauverts Erſtaunen ſtieg mit jedem Worte; ſeine Freundſchaft wurde zum Enthuſiasmus. 5 31¹ um ein ſolch gluͤckliches Wiederfinden wuͤrdig zu feiern, befahl er⸗ daß man Champagner bringen ſollte und Georg, der bei Harvilles Dejeuner der Einzige geblieben war, welcher in den Schranken der Mäßigkeit ſich hielt, zeigte jetzt im téte- àtéte mit einem Freun⸗ de, bei einem—„weniger Zuruͤck⸗ haltung. Bald wurde er weit geſpraͤchiger als gewöhnlich; Dauvert richtete eine Menge Fragen an ihn, um den Grad der Vertraulich⸗ keit zu erforſchen, die zwiſchen Georg und deſſen Miniſter exiſtirte und Georg antwortete mit großer Offenheit.„Gluͤcklicher Menſch!“ rief Dauvert,„Du biſt reich und, wenn Du willſt, der Liebling eines Miniſters. O, wie freue ich mich uͤber die herrlichen Nachrichten, die Du mir giebſt! Es gewährt meinem Her⸗ zen einen ſo reinen Genuß das Glaͤck eines Freundes zu erfahren. Sieh, mir kommen die Thraͤnen in die— Marqueur! noch eine Flaſche Champagner.“ Georg ließ ſein Glas von neuem fuͤllen; auch die Fragen begannen von neuem; nicht lange, ſo wußte Dauvert, daß die junge Dame, 22 welche man ſeinem Freunde vorgeſchlagen hatte, die Tochter des Herrn Generalfinanz⸗ Einneh⸗ mers Důbrocard war. Dauvert ließ ſich Alles, ſoweit Georg es ſelbſt wußte, auf's genaueſte aus einanderſetzen.„Du kennſt ſie noch nicht?“ —„Nein.“—„Sahſt ſie niemals?“— „Nein.“—„Und dieſen Morgen erſt hat man ſie Dir vorgeſchlagen?“—„Ja.“—„In eini⸗ gen Tagen willſt Du Dich ihr vorſtellen?“— „So iſt es.“—„und der Vater iſt ſehr reich?“—„Sehr reich.“—„Er iſt ein Li⸗ beraler?“—„Ja.“—„Hm, das iſt ſeltſam; doch, es kann wohl ſeynz es giebt zuweilen ſolche reiche Eitle, die, um von ſich ſprechen zu machen, den Liberalismus aushangen.... und die Mutter liebt es, ſich das Anſehn einer Dame vom Stande zu geben?“—„Ja.“— „Ha, da erkenne ich die reiche Buͤrgersfrau.... und die Tochter iſt intereſſant, gefuͤhlvoll, ſchwaͤr⸗ meriſch? Sie wuͤnſcht vor allen einen jungen, liebenswuͤrdigen, zartlichen und leidenſchaftlichen Mann?“—„So hat man mir geſagt.“ Man ſieht, daß dieſe Fragen nur genaue Erkundigungen uͤber alles das waren, was 313 Georg in iut ehrlichen Ofenheit unaufge⸗ fordert mitgetheilt hatte. Das gemeinſchaftliche Mittagsmahl hatte ſich in die Laͤnge gezogen; in dem Augenblick, als man ſich trennen wollte, ſprach Dauvert ohne allen weitern Eingang und mit der Drei⸗ ſtigkeit, die nur die Gewohnheit giebt, zu Georg? „Hoͤre, lieber Freund, Du kannſt mir einen Ge⸗ fallen erweiſen; leihe mir hundert Louisd'ors. Ein verwuͤnſchter Buchhandler, dem ich mein leztes Werk verkaufte, verſpra dieſen Morgen zu zahlen und hielt nicht Wort. Ich koͤnnte ihn verklagen, aber der Mann iſt ſonſt ehrlich und ich will ihn nicht druͤcken.“ Georg war in Verzweiflung. Von den achtzigtauſend Fran⸗ ken, die er baar aus der Erbſchaftsmaſſe erhal⸗ ten hatte, waren ihm keine Tauſend zur Dis⸗ poſition fuͤr den Augenblick geblieben und ſein Vetter Duͤpre hatte ihm erſt am Abend vor⸗ her erklaͤrt, daß es ihm binnen hier und einem Monat ſehr unangenehm ſeyn wuͤrde, wenn er Zahlungen machen muͤſſe. So genoͤthigt, ſeinem alten Bekannten zu ſagen, daß er nicht im Stande ſey ihm den Dienſt zu erzeigen, fuͤrchtete 314 er, Daubert moͤchte dieſe Antwort eugins und entſchuldigte ſich dieſerhalb beſtens; nutzloſe Furcht! er wurde bald beruhigt.„Richt wahr?“ ſprach Dauvert,„es thut Dir leid und Du willſt mir gern helfen?“—„Von ganzem Her⸗ zen“—„Nun, dann komm mit mir. Mit einem Vermoͤgen wie das Deine ſoll es uns nicht ſchwer werden, hundert und zweihundert Louisd'or zu finden“—„Wo aber?“—„Im Theater.“—„Wie?“—„Im Theater de Variétès.“—„Da?“—„Ich bin ſicher, dort einen Geſchaͤftsmann zu finden, einen Ban⸗ quier, einen Juden von Character und Religion; er iſt alle Abende dort, denn ihn ziehen die huͤb⸗ ſchen Maͤdchen und die Poſſen an. Er iſt mein Ahgent und ich mache viele Geſchaͤfte mit ihm. Dieſen Abend im Foyer ſoll er unſeres machen.“ Georg ließ ſich bereden. Sie fanden den Iſraeliten im Zwiſchenact ſehr eifrig im Foyer mit ein Paar Damen plaudern. Dauvert bat die Schoͤnen um Verzeihung, daß er ihnen ihren liebenswurdigen Banquier auf einige Au⸗ genblicke entfuͤhre und nach wenigen Worten unter vier Augen, entſchloß ſich der Iſraelit, 315 ſobald er die noͤthigen Rachforſchungen uͤber Hrn. Georg Derch wuͤrde gemacht haben, auf deſſen Unterſchrift die hundert Louisd'ors an Dauvert vorzuſchießen. Hierauf aber kehrte er ſchnell zu ſeinen beiden Damen zuruͤck.„Du ſiehſt,“ ſprach Dauvert zu Georg,„wir erwei⸗ ſen uns gegenſeitig einen Dienſt; es iſt mir ſehr lieb, daß ich Dich bat, mir das Geld zu leihen, weil ich Dir dadurch gleich eine Gele⸗ genheit verſchaffte zu lernen, wie man ſein Ver⸗ moͤgen benutzen muß. Wiſſe, daß ein Menſch, der eine Million geerbt hat, recht fuͤglich viere borgen kann. Deine Verlegenheit vorher war laͤcherlich; Du biſt noch immer recht unerfah⸗ ren.“—„Seltſam!“ dachte Georg bei ſich ſelbſt;„alle Welt ſchilt mich doch aus; ſelbſt Dauvert, indem ich ihm einen Dienſt erzeige.“ Eeine Menge der angenehmſten Ideen um⸗ ſchwebten ihn indeß. Roch ſpaͤt am Abend begab er ſich wieder zu ſeinem Onkel und er⸗ klärte hier der Madam St. Firmin, daß ihm der Plan mit der Verheirathung recht viele Freude mache und daß er nichts ſehnlicher wunſche, als je eher je lieber den Eltern der jungen Dame vorgeſtellt zu werden. Die Familie Duͤbrocard wohnte waͤhrend dem Sommer beſtaͤndig auf dem Lande; ein glucklicher Zufall wollte jedoch, daß gerade in dieſem Augenblick Madame Duͤbrocard ein Paar Tage nach der Stadt gekommen war und Ma⸗ dame St. Firmin ſaumte daher nicht ihr einen Beſuch zu machen. Leider herrſchte aber zwi⸗ ſchen den beiden Damen keine große Freund⸗ ſchaft. Indem die Frau des Generalfinonz⸗ Einnehmers die Frau des Doctors zwar mit vieler Hoͤflichkeit empfing, ermangelte ſie jedoch nicht jenen Ton von Ueberlegenheit anzunehmen, den alte Reiche und auch alte Adlige ſo gern gegen neue Reiche oder neue Emporkömmlinge zu zeigen pflegen; als jedoch das von Madame St. Firmin begonnene Geſpräch auf eine feine und geſchickte Art bemerklich machte, daß die⸗ ſem Beſuche der Plan zu einer Heirath zwi⸗ ſchen der Tochter der Madam Duͤbrocard und einem ſehr reichen, jungen Mannn, der bei einem Miniſter in großer Gunſt ſtand, zum Grunde lag, da wurde der Ton der Dame viel milder, viel zuvorkommender, ihr Benehmen viel wohl⸗ wollender. Den andern Tag machte ſie der Madame St. Firmin ihren Gegenbeſuch, und die heute noch freundſchaftlichere Unterhaltung endete mit einer Einladung zum nächſten Mon⸗ tag auf das Landhaus des Hrn. General⸗ Fi⸗ nanzeinnehmers, mit dem Zuſatze:„daß Hr. Duͤbrocard ungemein erfreut ſeyn wuͤrde, Herrn und Madam St. Firmin bei ſich zu ſehen und zugleich die Bekanntſchaft des jungen detn Georg Dercy zu machen.“ Waͤhrend dieſer Zeit war Freund Dauvert gekommen, um die Unterſchrift von Georg und die hundert Louisd'ors von dem Juden in Em⸗ pfang zu nehmen; zugleich hatte er ſich aber auch unter der Hand nach der Familie Duͤ⸗ brocard erkundigt und gehoͤrt, daß ſich Alles ſo verhielt, wie Georg es ihm fruͤher ſagte. Der Vater, hieß es, iſt reich, ſtolz und macht den Liberalen; die Mutter wurde uͤber das Anſehn, welches ſie ſich zu geben ſuchte, von den adligen Damen verſpottet; alle romantiſche Gemuͤther erſchoͤpften ſich aber in Lobſpruͤchen 3¹8 uͤber die Empfindſamkeit und das zarte Ge⸗ h der ii Siebzehntes Kapitel. ſeßi wird der Familie Duͤbrocard vorgeſtellt. Bi ihrer Ruͤckkehr auf das Land ließ Ma⸗ dam Duͤbrocard es ſich angelegen ſeyn, ihrem Gemahle die Art von Unterhandlung mitzuthei⸗ len, welche Madame St. Firmin angeknuͤpft hatte, und mit Freuden erzaͤhlte ſie ihm, daß ſie bei ihren Beſuchen, welche ſie noch vor ihrer Abfahrt von Paris gemacht, uͤberall ge⸗ hoͤrt habe, Herr Georg Dercy ſey ein junger gutmuͤthiger, reicher und braver Mann, den man leicht ganz nach ſeiner Hand wuͤrde ziehen können. Dieſes Gemaͤlde eines zukuͤnftigen Schwiegerſohnes mißfiel Herrn Duͤbrocard kei⸗ nesweges; er glaubte darin die Zuͤge eines jener heutzutage ſo ſeltenen Tochtermanner zu erkennen, die ihre Schwiegervaͤter nicht um — 3¹⁰ die Mitgift peinigen und ihre Frauen glcklſch machen. Madame Duͤbrocard ſah ſich bereits in ihrer Eigenſchaft als Schwiegermuttet, von dem Herzog von*s beſchͤzt und nahm ſich im Stillen vor, einen tuͤchtigen Gebrauch von dieſem hohen Credit zu machen. Dem libeta⸗ len Herrn General-Finanzeinnehmer wollte zwar anfangs dieſe Verbindung ſeines zukunf⸗ tigen Schwiegerſohnes mit einem Miniſter nicht beſonders zuſagen, indeß beruhigte er ſich doch bald daruͤber. Trotz ſeinem heißen Lberalis⸗ mus meinte er, man koͤnne recht fuͤglich ſeine Tochter mit dem Guͤnſtling eines Miniſters berheirathen und dennoch unabhaͤngig bleiben; übrigens hatte man auch an Madame Dubro⸗ card zu verſtehen gegeben, daß Georg, trotz der Gunſt, in welcher er bei dem Herzog ſtand, ſelbſt ein Liberaler ſey, und ſ denn dies kein Hinderniß.— Auf eine feine Art gab die Mutter nun der Tochter zu verſtehen, daß naͤchſter Tage einige ſehr intereſſante Perſonen kommen wär⸗ den und daß man eine ſehr wichtige Angele⸗ genheit abzuhandeln gedenke. Endlich ruͤckte Z. die gute Frau noch weiter heraus; ſie aͤußerte die Hoffnung, daß ihre theure Alphonſine, be⸗ lehrt durch die Erfahrung, daß ihr bereits mehrere recht vortheilhafte Verbindungen in Folge ihres Eigenſinnes entgangen waͤren, jezt ſich nicht langer weigern wuͤrde, die Wuͤnſche ihrer Eltern zu erfuͤllen. Mademoiſelle Alphonſine, die bicher ſhon mehrere ewige Herzensverbindungen gehabt hatte und die im Grunde ihrer Seele nicht boͤſe dar⸗ uͤber war, endlich eine Entwickelung ihrer ver⸗ ſchiedenen kleinen Romane nahen zu ſehen, zeigte demungeachtet nicht weniger Gleichgul⸗ tigkeit und Kaͤlte wie ſonſt. Ratuͤrlich; dies iſt einmal ſo hergebracht bei jungen Damen von ſogenannter guter Erziehung, wenn man mit ihnen von einem Manne ſpricht. Aller⸗ dings haͤtten ſie es gern geſehen, daß der un⸗ bekannte neue Verehrer ſtatt altherkoͤmmlich ſich an die Eltern zu wenden, ſich lieber gera⸗ dezu an ſie ſelbſt gewendet und eher die Gunſt der Tochter als die der Mutter nachgeſucht haͤtte, denn jedenfalls waͤre dies poetiſcher und ſentimentaler geweſen, allein da es einmal nicht 32¹ — ſo war, ſo nahm ſie ſich vor, ſich diesmal dieſe neue Partie, die ihr unter mehreren Be⸗ ziehungen vortheilhaft zu ſeyn ſchien, nicht von der Hand zu weiſen, um ſo weniger, da ihre El⸗ tern, obſchon ſie Beide Herrn Georg Dercy noch nie geſehen hatten, dennoch in dem Lobe ſeiner Vorzuͤge wetteiferten. Waͤhrend der Paar Tage bis zu der bent⸗ ten Zuſammenkunft war nun eine große Gaͤh⸗ rung in allen Koͤpfen der Familie. Herr Duͤbro⸗ card berechnete ſehr genau das Vermoͤgen des jungen Mannes, den er ſchon als ſeinen Eidam anſah, und empfahl zugleich ſeiner Frau, ja nichts zu vernachlaͤßigen, was den Fremden einen großen Begriff von dem Wohlſtande des Hauſes geben konnte. Madame uͤbte ſich dagegen im Voraus darauf ein, durch ein liebenswuͤrdiges Benehmen den Doctor, deſſen Frau und den Herrn Neven zu feſſeln, und Demoiſelle Alphon⸗ ſine beſchaͤftigte ſich unter der Maske der Gleich⸗ gultigkeit, ſehr angelegentlich mit ihrer Toilette. Sie hatte dieſerhalb mehrere wichtige Conferen⸗ zen mit Mamſel Liſette, der Kammerjungfer & „ 322 ihrer Mutter, einer in dieſen Dingen wohlge⸗ wiegten und erfahrnen Perſon. Endlich kam der ſo vielfach erſehnte Mon⸗ tag heran. Man hatte das Fruͤhſtuͤck been⸗ digt und ſprach von den Perſonen, die man zu Mittag erwartete; Mademoiſelle Alphonſine ſchloß ihr jungfraͤuliches Herz den theuren El⸗ tern auf und zeigte mit vieler Decenz, daß ſie nicht abgeneigt ſey, ihre Wuͤnſche zu erfullen.... da erſcholl plotzlich aus einem kleinen, ohnweit dem Gartenſalon, in welchem man ſich befand, liegendem Gehoͤlze ein Geſchrei. Die Damen ſprangen auf, man eilte an die Thuͤre; ein Paar Bediente ſtuͤrzen voran, Herr Duͤbrocard, ſo ſchnell wie es ſeine Corpulenz erlaubte, nach; ſchuͤchtern folgen Mutter und Tochter in eini— ger Entfernung. Noch ſind ſie nicht bis an das Gehoͤlz, da koͤmmt ihnen ein ſehr reich und ſehr geſchmackvoll gekleideter junger Mann, geſtuͤzt auf den Arm des Herrn Duͤbrocard, entgegen; ein Jokey in glänzender Uniform folgt auf dem Fuße. Der Fremde hinkte und ſchien große Schmerzen auszuſtehen; in der Ferne ſah man ein Pferd laufen, hinter welchem die Bedienten des Herrn Duͤbrocard herſetzen. Man erfuhr jezt, daß der Unbekannte, gefolgt von ſeinem Diener, einen Spazierritt in die Um⸗ gegend gemacht hatte, und daß er, obſchon nach der Verſicherung ſeines Jokey, ein treff⸗ licher Reiter, doch das Ungluͤck gehabt habe, mit ſeinem aͤußerſt ſcheuen Pferde 5 in der Naͤhe zu ſtuͤrzen. Waͤhrend der Fremde nach den gefuͤhrt wurde, betrachtete ihn Demoiſelle Al⸗ phonſine ſehr aufmerkſam und konnte ſich nicht enthalten im Stillen die Bemerkung zu machen, daß er ein recht intereſſantes Anſehn habe; vorzuglich wohl geſiel es ihr aber, daß er mitten unter den Schmerzen die er empfand, einige Blicke auf ſie richtete, die ſeinen Dank fuͤr ihre Theilnahme auszuſprechen ſchienen. Herr Duͤbrocard ließ, im Hauſe angelangt, den Ver⸗ wundeten Platz auf einem Sopha nehmen und ſandte ſogleich nach dem Wundarzt des Dorfes. Mutter und Tochter waren durch dies Ereig⸗ niß ſehr erſchuͤttert; aber die Zeit ruͤckte heran, Toilette zu machen und man mußte ſich entfer⸗ nen. Waͤhrend Mademoiſell Aphonſine dies 32⁴½ Geſchäft mir großer Sorgfalt betrieb, dachte ſie doch dabei immer fleißig an den kjungen Mann, deſſen Unfall ſie ſehr beunruhigte. Zwei⸗ mal ſchickte ſie Mamſell Liſette ab, um Rach⸗ richt einzuziehen, wie es ihm ginge, und beide Male ſchalt ſie das Maͤdchen aus, die heute ganz unertraͤglich langſam und, wie ſie behaup⸗ tete, in allen Dingen linkiſch und ungeſchickt ſeyn ſollte. In einem Augenblick, wo ſie ſich, vor dem Spiegel ſtehend, ganz ihren Gedanken uberließ, ertappte ſie ſich ſelbſt auf dem Wunſche, daß der junge Mann, welcher ihr beſtimmt war, einige Aehnlichkeit mit dem haben moͤge, den das Geſchick ſo unverhofft durch einen Unfall in das Haus gebracht hatte, aber als ein wohlgezogenes Maͤdchen ſuchte ſie ſchnell und erroͤthend dieſen Gedanken zuruͤckzuweiſen. Trotz der genaueſten Unterſuchung konnte der Dorfasculap weder eine Verwundung noch eine Quetſchung bei dem Fremden finden; aus Vor⸗ ſicht verordnete er jedoch eine Aderlaß; aber der Fremde weigerte ſich und bat nur, ihm zu er⸗ lauben, eine oder ein Paar Stunden ſich ruhen zu durfen, dann hoffe er nach Paris zuruͤckkehren 325 zu koͤnnen.„Um Gott nicht!“ rief Herr Duͤ⸗ brocard;„Sie muͤſſen wenigſtens bis gegen Abend verweilen; eher laſſe ich Sie nicht fort.“ Der Fremde ließ ſich erbitten; geſtuͤzt auf dem Arm ſeines guͤtigen Wirthes, hinkte er jezt dem Saale zu, in welchem ſich die Damen befanden, um dieſen ſeinen Dank fuͤr ihre zarte Theilnahme an ſeinem Unfalle abzuſtatten. Hier im Salon, zwiſchen Mutter und Toch⸗ ter ſitzend, bezeigte er ihnen ſeine Erkenntlich⸗ keit, und ſchon fand man, daß er ein Mann von gutem Ton und von einem äußerſt ßeinen Benehmen ſey; ſeine eben ſo zarten als ge⸗ wandten Schmeicheleien gewannen ihm die Her⸗ zen; Alphonſine glaubte eine tiefe Gemuͤthligkeit in ihm zu entdecken. Jezt wurde aber die An⸗ kunft der Gaͤſte gemeldet. Herr Duͤbrocard ging ihnen entgegen; ſie traten ein; Georg verneigte ſich ſehr tief vor den Damen, als er ſich wieder emporrichtete, ſiel ſein Blick auf den Fremden: welche Ueberraſchung!... es war ſein Kammerad Ferdinand Dauvert.— So groß ſein Erſtaunen auch war, dieſen WMenſchen hier zu finden, ſo hatte ihn dies 326 doch nicht abgehalten zu bemerken, daß De⸗ moiſelle Dubrocard ein ſehr ſchoͤnes Madchen, und ihre Toilette ſehr ausgeſucht war. Der erſte Eindruck, den er auf ſie machte, war dagegen nicht ſo guͤnſtig fuͤr ihn. Georgs Be⸗ nehmen war einfach, unter Fremden zuwei⸗ ten ein wenig linkiſch. Die Wichtigkeit des Be⸗ ſuches, welchen er abſtattete, gab ihm heute be⸗ ſonders ein verlegenes Anſehn; er glich in ſeinem neuen Anzuge ſo ziemlich einem Kleinſtaͤdter Brei Erblickung von Georg hatte Dauvert einen Ausruf der Freude gemacht, und Georg be⸗ antwortete dieſen Willkommen mit dem Aus⸗ druck einer ehrlichen Offenheit. Seltſam! man rechnete Dauvert das Verdienſt dieſer Freund⸗ ſchaftsbezeigung zu und, noch einmal ſeltſam! es hatte jezt ganz das Anſehn, als wenn Dau⸗ vert Georg hier vorſtelle, ſo wie denn auch uͤberhaupt die ganze Familie Duͤbrocard ſich mehr um den Erſtern als um den be⸗ kuͤmmerte. Jeder beeiferte ſich nun zu huchn Jeder wollte ſich dem Andern durch ſeinen Geiſt uns ſeine Geſinnungen empfehlen, aber nur Dauvert ſchien allein die Gabe zu gohe das Wort fuͤhren zu koͤnnen; bei allen Andern ſtockte es, und die Unterhaltung ſchmachtete. Dies gab Georg Gelegenheit, die Anweſenden mit Muße zu betrachten; Herr Duͤbrocard ſchien ihm ein wenig aufgeblaſen, aber dabei doch oſfen zu ſeyn; in Madame ſah er eine zwar ſehr artige, aber auch ſehr ſtolze Frau; Mademoiſelle Al⸗ phonſine erſchien ihm neuerdings ſehr hubſch. Jezt richteten ſich ſeine Augen wieder auf Dau⸗ vert, und es ſiel ihm nun der Unterſchied zwi⸗ ſchen deſſen heutiger ſehr eleganter Kleidung, und deſſen leztlichem etwas verblichenen Anzuge, an dem Tage, wo er ihm bei dem Reſtaura⸗ teur traf, und wo jener von ihm das Geld ablieh, auf. Von dem Wunſche beſeelt, ſeinen Wohlſtand und ſeinen Geſchmack bewundern zu laſſen, ſchlug Herr Duͤbrocard einen Spaziergang vor dem Eſſen in den Park vor; mit Vergnuͤgen nahmen Herr und Madame St. Firmin dies Anerbieten an. Man entſchuldigte ſich jezt ge⸗ gen den jungen verwundeten Fremden, daß man ihn auf eine kurze Zeit allein laſſen muͤſſe; aber 328 Dauvert erklaͤrte, daß er keine Schmerzen mehr empfaͤnde und daß er ſich das Vergnuͤgen, die Damen zu begleiten, nicht wuͤrde rauben laſſen. Man ging nun in den Garten. Hr. Duͤbro⸗ card, Hr. St. Firmin und Georg voraus; Dauvert, dem ſein Fuß auf einmal wieder nicht erlaubte, ſchnell zu gehen, blieb mit den Da⸗ men etwas zuruͤck, und befliß ſich immer mehr und mehr, Galanterien an Mutter und Tochter zu ſpenden. Er ſprach vom Theater wie ein Mann von Geſchmack, uͤber einige neue Romane, wie ein Mann von Gefuͤhl; Mutter und LTochter bewunderten ſeine Kennt⸗ niſſe, ſeinen Geiſt und ſein tiefes Gemuͤth. Madame St. Firmin wandelte, dies Geſpraͤch mit anhoͤrend, etwas uͤbellaunig nebenher. Herr Duͤbrocard hatte den Doctor und Georg bis an das Ende ſeines Parks, auf einen freien, gruͤnen Platz gefuͤhrt, und hier, auf ein Stuͤckchen in ſeine Beſitzungen einge⸗ ſchloſſenes Land zeigend, ſprach er laͤchelnd: „Das Fleckchen dort gehoͤrt mir noch nicht, ſondern einem Bauer, den ich dieſerhalb mehr⸗ mals bereits die beſten Anerbietungen machte, 329 der aber ſo eigenſinnig iſt, es nicht verkaufen zu wollen; indeß hoffe ich doch, es bald zu er⸗ halten. Ich denke den Hartkopf durch einen Proceß dahin zu bringen, daß er es mir noch gern uͤberlaͤßt.“—„Vortrefflich!“ entgegnete Herr St. Firmin, ſich zum Zeichen des Bei⸗ falls die Haͤnde reibend;„Sie thun recht da⸗ ran, man muß ſich arrondiren.“—„Warum wollen Sie dem armen Landmann ſein Fleckchen Erde nicht laſſen,“ fiel Georg mit bewegter Stimme ein;„Ihr Park iſt ja groß und ſchoͤn genug, und ſicher wird es den Mann ſchmer⸗ zen, wenn er ſein Erbe losſchlagen muß.“ Herr Duͤbrocard ſah Georg mit einem Blick des Erſtaunens an; man konnte leicht bemerken, daß er deſſen Aeußerung ſehr unzeitgemaͤß fand, und Georg meinte dagegen in ſeinem Herzen, Herr Duͤbrocard ſey doch ſehr hart und hab⸗ puͤchtig. Die Damen hatten ſich unterdeſſen genaͤhert und die Unterhaltung vernommen.„Ge⸗ hoͤrt dies Feld dort auch Ihnen?“ fragte Dau⸗ vert den Finanzmann und zeigte mit der Hand nach einem andern Stuͤcke Land, das ſich vom Saum des Wieſenflecks bis an die ſeitwaͤrts 330 hinlaufende Landſtraße zog.„Leider nein!“ ent⸗ gegnete Duͤbrocard mit einem Seufzer.„Das iſt ſchade,“ fuhr der Erſtere fort;„es gehoͤrt zur Vervollſtuͤndigung des Ganzen, man koͤnnte daraus eine herrliche Avenuͤ zu Ihrem Park bilden; warum ſuchen Sie nicht es zu bekom⸗ men? Aber freilich duͤrfen die Leute es nicht wiſſen, daß Sie es zu haben wuͤnſchen, ſonſt muͤßten Sie es gewiß ungeheuer theuer bezahlen; doch das ließe ſich machen, wenn ein Freund es fuͤr Sie in ſeinem Namen kaufte.“ Herr Duͤbrocard begnuͤgte ſich, hierauf durch ein bei⸗ faͤlliges Laͤcheln zu antworten, aber ſehr deut⸗ lich konnte man wahrnehmen, daß er in ſeinem Innern fand, Dauvert habe wie ein kluger Mann geſprochen. Ob ſich der Doetor meht uͤber die Ungeſchicklichkeit ſeines Reffen, oder uͤber die Schlauigkeit Dauverts aͤrgerte, bleibt unbeſtimmt. Herr Duͤbrocard ſchlug jezt vor, auf einen kleinen Huͤgel zu ſteigen, wo er einen Kiosque hatte bauen laſſen, und wo man bis zur LTa⸗ felzeit weilen wollte. Die Geſellſchaft, welche ſich nach und nach hier ſammelte, bewunderte die ſchoͤne Ausſicht von dieſem Punkt; der Tag war ſchoͤn, der Himmel wolkenlos und die Hitze hatte bereits ſehr nachgelaſſen; eine Menge der ſchonſten und ſeltenſten Gewächſe und Blumen verbreiteten einen angenehmen Duft und er⸗ goͤtzten das Auge durch das liebliche Spiel ihrer Farbenz.... Alle fuͤhlten ſich glͤcklich einen ſo herrlichen Tag auf dem Lande verleben zu koͤn⸗ nen.— Plotzlich kam von fern ein junges, ſechzehn- bis ſiebzehnjähriges Maͤdchen, von zierlichem Wuchs und angenehmer Bildung, ſehr eilig daher gelaufen. Sie trug ein einfaches, baumwollenes Kleid, eine Tracht, die heutzu⸗ tage ſo wohlfeil iſt und doch ſo huͤbſch ausſicht; ein Strohhuth mit einem beſcheidenen Bande, deckte das Haupt; dies und ein leichter Shawl war ihr ganzer Putz; unter dem Aem hatte ſie eine Mappe mit Zeichnungen. Außer Athem vom ſchnellen Lauf kam ſie an, und die Leb⸗ haftigkeit ihrer Farben hob jezt noch mehr die Weiße ihres Teints. Georg ſtand wie verſtei⸗ nert bei ihrem Anblick.„Vergebung! liebe Tante,“ ſprach das Mädchen zu Madame Du⸗ brocard;„Vergebung, daß ich ſo lange bleibe; ich 22 hatte mich dermaßen in meine Arbeit vertieft, daß ich die Stunde daruber verhoͤrte.“—„Guten Tag, Victorine,“ erwiederte Madame Duͤbro⸗ card in einem ſehr gleichguͤltigen Tone;„es iſt gut, daß Du koͤmmſt, denn wir wollen eben zu Tafel gehen.“ Das Maͤdchen nahm jezt ihren Huth ab, und Georg konnte ſie nun noch genauer, wie vorher, betrachten; er fand, daß ſie, wenn auch nicht ſchoͤner, doch viel lie⸗ benswuͤrdiger wie Mademoiſelle Alphonſine war. Man trat nunmehr den Ruͤckweg an; das Maͤdchen ging der Geſellſchaft etwas voraus und Madame Duͤbrocard erzaͤhlte jezt den An⸗ dern mit vieler Ausfuͤhrlichkeit, daß Victorine die Tochter von einer ihrer Schweſtern und etne arme Waiſe ſey, die ſie dermalen aus chriſtlicher Milde erzogen; dann ſezte ſie noch hinzu, daß Victorine oͤfters des Morgens, unter Aufſicht einer alten Gouvernante, ausginge, um im Freien irgend eine huͤbſche Gegend zu zeich⸗ nen. Dauvert ergoß ſich in große Lobſpruͤche uͤber das milde Herz der Madame Duͤbrocard; Georg ſagte nichts, dachte aber bei ſich im Stillen, indem er dem Maͤdchen mit einem 333 Blick voll großem Intereſſe nachſah, daß die Dame ein wenig viel Aufhebens von ihrer Wohlthaͤtigkeit mache. Eh' man in den Speiſe⸗ ſaal trat, konnte er ſich nicht enthalten, das Maͤdchen zu bitten, ihm doch ihre Zeichnungen zu zeigen und ehrlich wie immer, verhehlte er ihr, mitten unter dem Lobe, welches er ihrem Lalente zollte, auch nicht ſeinen Tadel uͤber das, worin er glaubte, daß ſie gefehlt hatte. ueber Tiſche ſprach Herr Duͤbrocard viel von den Reizen des Landlebens und ſeine Frau und ſeine Tochter ſtimmten gelaͤufig mit ein. Zufrieden, ein Thema angeſtimmt zu ſehen, uͤber welches er auch mit ſprechen konnte, pflich⸗ tete Georg, der bisher, kraft ſeiner ubergroßen Schuͤchternheit, nur dann und wann ein Wort gewagt hatte, dieſen Anſichten bei, vergaß aber zu bedenken, daß ſolche Verehrerinnen des Land⸗ lebens, wie Madame und Mademoiſelle Duͤ⸗ brocard, nur ein Landleben darunter verſtehen, welches dem Leben in der Stadt auf ein Haar gleicht. Er ſprach ſich, wie ein heißer Enthu⸗ ſiaſt, fuͤr das Leben auf dem Lande, das heißt, fuͤr ein echtes, wahres Landleben aus.„Du 33 mein Gott!“ dachte Madame Duͤbrocard bei ſich,„der Menſch will wohl gar aus meiner Tochter eine Baͤuerin machen.“ Jezt nahm aber der elegante Dauvert, deſſen Blicke Al⸗ phonſinen nicht ſehr verließen, ſeiner Seits das Wort und entwarf ein reizendes Gemaͤlde von der koͤſtlichen Exiſtenz, welche eine junge, reiche Dame fuͤhren kann, wenn ſie den Winter unter den Vergnuͤgungen der Hauptſtadt zugebracht, im Fruͤhling und im Herbſt ſich auf das Land begiebt, in den heißen Monaten aber, nicht ſo⸗ wohl ihrer Kraͤnklichkeit, als ihrer Unterhaltung wegen, in die Zaͤder nach Montd'or, Barreges oder Air in Savoyen geht, um hier im Kreiſe der gläͤnzendſten Geſellſchaft ſich zu vergnüͤgen. — Herr, Madame und Mademoiſelle Duͤbro⸗ card fanden, daß Herr Dauvert wie ein Mann von Geiſt, von Welt und guten Sitten ſprach, waͤhrend ſich Herr und Madame St. Firmin im Stillen uͤber die Albernheit ihres Reffen ſchwer aͤrgerten, der ſich indeß aus dem weni⸗ gen Beifall, welchen er fand, nicht viel zu ma⸗ chen ſchien, und ſich, ziemlich unbekuͤmmert um die Andern, mit Victorinen uͤber ihre Zeichnun⸗ gen unterhielt. Das Geſpraͤch kam nun auf Politik; dies war das Feld, auf welchem Herr Důbrocard glaͤnzte und wohin er ſeine Gaͤſte ſtets zu fuͤh⸗ ren wußte, um ſich zeigen zu koͤnnen. Mit vielem Wortſchwall kuͤndigte er ſich als eine der feſteſten Saͤulen der liberalen Partei an; Herr St. Firmin ging noch weiter wie er, und Dauvert uͤbertraf im Liberalismus alle Beide. „Ja!“ rief er aus,„trotz meiner Geburt, trotz meinem alten Adel, verkenne ich die Fort⸗ ſchritte des Lichtes unſers Jahrhunderts nicht, und ich ſtehe keinen Augenblick an zu erklären, daß ich ein abgeſagter Feind aller alten Vor⸗ urtheile bin.“ Der Schlaue wußte ſein Spiel hier ſehr gut zu ſpielen; indem er ſich als Edel⸗ mann ankuͤndigte, gefiel er der Mutter, indem er ſich fuͤr einen Feind alter Vorurtheile er⸗ klärte, gefiel er dem Vater; er ſchlug gleichſam hier zwei Fliegen mit einer Klappe. Georg hatte bisher geſchwiegen.„Nun, was ſagſt denn Du?“ begann Dauvert;„Du ſprichſt ja gar nicht, oder willſt Du uns vielleicht nur aus Hoͤflichkeit nicht widerſprechen? Freilich, Du kannſt uns nicht beiſtimmen, da Du in dem ge⸗ heimen Buͤreau eines Miniſters arbeiteſt.⸗ Georg erwiederte, daß ſeine Stelle keinen Einfluß lauf ſeine Meinungen habe.„Wie! da biſt Du einer der Unſern?“—„Das gerade nicht, ſo wie auch keiner von der andern Seite. Ich bin ge⸗ wohnt im Betreff der Politik, ſo wie in allen andern Dingen, meiner eignen Ueberzeugung zu folgen, und da iſt es denn ſchon oͤfters geſche⸗ hen, daß ich die eine wie die andere Partei habe tadeln muͤſſen. Wollte Gott, es gabe überall nur eine, die fuͤr das oͤffentliche Wohl.“— „Hm,“ erwiederte Herr Duͤbrocard,„die Par⸗ tei des offentlichen Wohls, iſt das nicht die unſere?“ Der gute Mann dachte bei ſich, das iſt auch einer von den Philoſophen, die Alles beſſer wiſſen wollen und Dauvert fand, daß ſein alter Kamerad noch eben ein ſolcher Einfalts⸗ pinſel war, wie einſt auf dem Collegium. Man begab ſich jezt in das Geſellſchaftszim⸗ mer zuruͤck, wo Madame Duͤbrocard, der die Politik weniger am Herzen lag wie ihrem Ge⸗ mahl, Sorge trug, die Talente ihres Tochterchens 337 glänzen zu läſſen. Alphonſine mußte ſich an den Fluͤgel ſetzen; jezt gab es fuͤr Dauvert keine Politik mehr; er bat, er flehte, er be⸗ ſchwor die junge Schoͤne, ihm einen ſo hohen Genuß zu gewaͤhren; er ſelbſt oͤffnete den Fluͤ⸗ gel, er ſuchte die Roten hervor, kurz, er zeigte einen ſo geraͤuſchvollen Eifer, daß man noth— wendig die Bitten der andern Perſonen ganz uͤberhoͤren mußte. Die Schoͤne praͤludirte, und nun gerieth er in Extaſe; ſie ſang, o! mein Himmel, welche Stimme! welch ein Ausdruck! welch eine gottliche Methode! Wie haͤtte Georg, der beſcheidene, ſchuͤchterne Georg, noch ein Wort in dieſem Strome von Complimenten finden koͤn⸗ nen? Auch war er, wir muͤſſen es ehrlich ge⸗ ſtehen, waͤhrend dieſem Geſange und ſelbſt waͤh⸗ rend einem Duett, das Dauvert mit Alphon⸗ ſinen vortrug, blos, wie dieſer ſagte, um die liebenswuͤrdige Saͤngerin noch mehr aufzumun⸗ tern, mit ganz andern Dingen beſchaͤftigt; voll Mitleid und Theilnahme hingen ſeine Blicke an der armen Victorine, gegen welche die Tante immer in einem ſtrengen, verweiſenden Tone ſprach, gegen welche ihre Couſine ſelbſt nur 338 unfreundlich ſich zeigte und die doch gegen dieſe Beide immer ſanft und zuvorkommend war. Es wuͤrde nur ein Mittel gegeben haben, ihn aufmerkſam auf die Muſik zu machen, und das waͤre das geweſen, wenn Vietorine ſich an das Inſtrument geſetzt haͤtte; aber niemand forderte ſie dazu auf, und Georg, der es ſo gern gethan hätte, hatte nicht den Muth dazu. Die Stunde der Abreiſe nahete; Dauvert gab ſeinem Jokey den Befehl, die Pferde zu ſatteln; bald darauf meinte er jedoch, er be⸗ merke, daß er ſich zuviel zugetraut habe, indem er die Damen in den Park begleitet haͤtte; er ſtand jezt auf, um einige Schritte zu verſuchen, aber ach! ſein Fuß ſchmerzte ihn noch mehr wie am Morgen. Madame und Mademoiſelle Důbrocard fühlten die lebhafteſte Umuhe, der Hausherr bot ihm freundſchaftlich an, doch die Nacht noch hier zu bleiben. Der Doctor fuͤhlte jezt ſeinen Puls und fand, daß auch nicht eine Spur von Fieber da war; um ihn nur fort⸗ zuſchaffen, bot er ihm einen Platz in ſeinem Wagen an, mit der Bemerkung, der Jokey koͤnne ja die Pferde allein zu Hauſe bringen. 39 Der muthvolle Dauvert machte einen neuen Verſuch aufzutreten, aber ſogleich fiel er wie⸗ der mit einem Schmerzensruf auf den Stuhl zuruͤck. Nun haͤtte es Madame Duͤbrocard um keinen Preis zugegeben, daß er noch abreiſete; Dauvert mußte ſich ihren und ihres Gemahls Bitten ergeben; er blieb und Georg fuhr mit ſeinen Verwandten ab. Auf dem Wege war Georg ſtill und nach⸗ denkend; Herr und Madame St. Firmin da⸗ gegen ſehr uͤbellaunig. Die Zuſammenkunft hatte durchaus nicht ihren Wuͤnſchen entſprochen; Georg war ſo linkiſch geweſen, ſein Benehmen ſo we⸗ nig gewinnend, und dann der Fremde, der Herr Dauvert! ſchien es nicht, als ſey er eigends nur vom Pferde gefallen, um ihnen hinderlich zu ſeyn? Seine Gegenwart und die Theilnahme, welche ihm die Familie Duͤbrocard erwies, hatten „ſie auf gleiche Weiſe gehemmt; ſie wären ſo gern mit dem Vater, mit der Mutter und mit der Tochter allein geweſen, nun fand ſich hierzu kein Augenblick. Dennoch huͤteten ſie ſich wohl ihrem Reffen Vorwuͤrfe zu machen; ſie fuͤrch⸗ teten, ihm den Muth vollends zu rauben oder ihn 92 340 — auch auf Dinge aufmerkſam zu machen, die ihm bis jezt noch nicht aufgefallen waren. Man be⸗ ſchraͤnkte ſich daher darauf, der Demoiſelle Duͤbro⸗ eard eine Lobrede zu halten und ſich in allgemeinen Ausdrucken zu der freundlichen Aufnahme, welche man empfangen hatte, Gluͤck zu wuͤnſchen.„Ge⸗ ſtehen Sie, lieber Vetter,“ ſprach Madame St. Firmin,„daß Mademoiſelle Duͤbrocard ein ſehr ſchoͤnes Maͤdchen iſt.“—„Sehr ſchoͤn,“ ent⸗ gegnete Georg und ſchwieg.„Wenn man die Pracht ſieht, welche in dem Hauſe herrſcht,“ begann Hr. St. Firmin,„ſo kann man nicht mehr daran zweifeln, daß Hr. Duͤbrocard ſehr reich ſeyn muß.“—„Ja, ſehr reich,“ ent⸗ gegnete Georg und ſchwieg abermals. Dieſe laconiſchen Antworten und die Stille, welche darauf erfolgte, vermehrten natuͤrlich nur noch die uͤble Laune des Doctors und ſeiner Frau. Woͤhrend der Zeit hatte der im Schloſſe zuruͤckgebliebene Dauvert, deſſen Schmerzen ſich nach der Abfahrt der Andern wieder etwas mil⸗ derten, angefangen, das Lob ſeines Freundes Georg zu verkuͤnden, aber trotz ſeiner Anſtren⸗ gung brachte es keine ſonderliche Wirkung her⸗ 341 vor. Er ruͤhmte das Anſehn, in welchem Georg bei dem Miniſter ſtand, und der Liberale Dü⸗ brocard runzelte die Stirne; er ruͤhmte die kindliche Liebe, welche Georg ſeinen Eltern, ehrlichen Landleuten, gezollt hatte, und die ſtolze Madam Duͤbrocard laͤchelte veraͤchtlich; er ruͤhmte die Einfachheit der Sitten, das ehrliche, gerade, buͤrgerliche Benehmen ſeines Freundes, und die romantiſche Alphonſine ruͤmpfte das Raͤschen uͤber den furchtbaren Proſaiker. Dauvert ging nun auf ſich uͤber, beobachtete aber dabei viele Vorſicht; er blaͤhte ſich nicht mit ſeinem Adel; er machte keinen Anſpruch auf den ſo viel ver⸗ ſchrienen Titel eines Philoſophen, aber er be⸗ zeichnete ſich als ein dem Intereſſe der Menſch⸗ heit ergebenen Mann und gab zu verſtehen, daß er das Ungluͤck habe, ein zu fuͤhlendes Herz zu beſitzen. Konnte es fehlen, daß man ihn fuͤr einen Menſchen von großer Beſcheidenheit und großen Eigenſchaften hielt?— 342 Achtzehntes Kapitel. Vietorine. Herr und Madame St. Firmin hatten mit vielem Kummer bemerkt, daß Georg eben kei⸗ nen beſondern Vorſchritt in der Gunſt der Fa⸗ milie, mit welcher man ſich ſo gern verbinden wollte, gemacht hatte; mit noch groͤßerem Kum⸗ mer bemerkten ſie, daß auch Mademoiſelle Duͤ⸗ brocard keinen ſonderlichen Eindruck auf ihn hervorgebracht. Den folgenden Morgen beſpra⸗ chen ſie ſich gemeinſchaftlich daruͤber, was man wohl zu thun habe, um alles beſſer als wie geſtern, in Gang zu bringen; mitten in dieſer Berathung wurden ſie aber ſehr angenehm durch Georgs Ankunft uͤberraſcht, der die Frage an ſie richtete: wenn ſie es wohl fuͤr gut faͤnden, daß er einen neuen Beſuch auf dem Landhauſe mache? Jezt faßten Herr und Madame St. Firmin neuen Muth. Wirklich fuhr Georg oft, theils allein, theils mit ſeiner Tante nach dem Landhauſe des Hrn. Duͤbrocard hin, und haͤufig fand er ſeinen Ka⸗ meraden Dauvert da, der ſeit ſeinem Sturz mit dem Pferde, noch oͤfter dahin kam und immer ſehr wohl von der Familie aufgenom⸗ men wurde, waͤhrend man Georg, trotz der Hoͤflichkeit, die man ihm erwies, immer mehr fur einen linkiſchen, einfaͤltigen und beſchraͤnkten Menſchen hielt. Wer haͤtte es dieſem ehrlichen Tropf auch wohl angeſehen, daß er ein Mil⸗ lionaͤr war? Er ruͤhmte ſich ſeines Vermoͤgens nicht, er trat nicht dreiſt auf, er widerſprach Niemand; wenn er kam, ſo kam er in einem beſcheidenen Miethwagen mit einem Bedienten ohne Livree; nie ſprach er von ſeinen Ausga⸗ ben, nie von ſeinen Einkuͤnften. In der That taͤuſchten ſich auch alle die zahlreichen Beſucher des Duͤbrocardiſchen Hauſes in ihm. Weit ent⸗ fernt, ihm den Hof zu machen, erwies man ihm kaum die gewöhnlichen Hoͤflichkeiten, ja, man beachtete ihn kaum; man hielt ihn hochſtens fuͤr einen Commis aus einem Wech⸗ ſelhauſe, oder fuͤr einen Schreiber bei einem Notarius. Dieſelben Perſonen betrogen ſich in einem andern Sinne in Betreff Dauverts. Das An⸗ 34 ſehn, welches er ſich gab, ſein feſtes Auftreten, ſein entſcheidender, manchmal ſchneidender, Ton verfuͤhrte ſie, ihn fuͤr eine wichtige Perſon zu halten.— Rie bat ein Freund Georg verge— bens um einen Dienſt, nie ging ein Huͤlfloſer ungetroͤſtet von ihm; er ſelbſt ſuchte die Un⸗ gluͤcklichen auf, es war ſein ſchönſter Genuß, ihnen eine frohe Stunde bereiten zu koͤnnen; aber weit entfernt, mit dem, was er that, aus⸗ zuſtehen, verhuͤllte er es vielmehr in dem Schleier des Geheimniſſes. Herr Dauvert ſchlug dagegen mit großem Geraͤuſch Sammlungen fuͤr Arme und Unterzeichnungen zur Unterſtuͤtzung ungluͤck⸗ licher Familien vor; bei jeder Gelegenheit be⸗ dauerte er, nicht reich genug zu ſeyn, um ſei⸗ nem Herzen immer Genuͤge thun zu können. „Wie ungerecht iſt das Schickſal!“ hieß es nun; „keiner von dieſen Beiden iſt an ſeinem Platz. Wie wenig weiß der Herr Georg Dercy ſein großes Vermoͤgen wuͤrdig zu benutzen! welch einen edleren Gebrauch wuͤrde Hr. Dauvert davon machen!“ 6 Noch kuͤhler und zuruckhaltender gegen Georg, als ihre Eltern, war Mademviſelle Alphonſine; 345 waͤrmer und zuvorkommender noch wie jene, war ſie aber dafuͤr gegen Dauvert. Ratuͤrlich! Sie, die es liebte, immer zu glaͤnzen, immer bewun⸗ dert zu werden, ſie, die immer uͤber ihre Ta⸗ lente, ihren Geiſt, und ihre Schoͤnheit geprieſen ſeyn wollte, empfing von Georg zwar oft einen beſcheidenen, aber nie einen enthuſiaſtiſchen Lob⸗ ſpruch, waͤhrend Daubvert W muͤde werden konnte, ſie zu erheben.— Rur einer Perſon im Hauſe ſchien Geſellſchaft Freude zu machen: das war Victo⸗ rine, jene arme Waiſe, deren Wohlthaͤterin ſich Madame Duͤbrocard zu ſeyn ruͤhmte. Mit innigem Vergnuͤgen wies ſie ihm ihre Zeich⸗ nungen vor, beſcheiden bat ſie ihn um ſeinen Rath, und Georg? von Natur ſchuͤchtern, war er es noch mehr in der Raͤhe dieſes Maͤdchens. Selten wagte er es, ſie anzureden, noch ſelte⸗ ner, ſie anzublicken. Eines Tages erlaubte er es ſich jedoch, ihr in Gegenwart ihrer Tante etwas uͤber eine ihrer Arbeiten zu ſagen; das brachte aber dem armen Maͤdchen eine Menge Verweiſe von Madam Duͤbrocard ein. Erſchro⸗ cken brach Georg nun ſogleich das Geſpraͤch ab 346 und feſt nahm er ſich vor, nie wieder etwas dergleichen in Gegenwart von Mutter oder Toch⸗ ter hoͤren zu laſſen. Wie gern haͤtte er einige naͤhere Rachrich⸗ ten uͤber das Schickſal und die Verhaltniſſe Victorinens gehabt! wie gern die Ereigniſſe ge⸗ kannt, durch welche ſie in dieſes Haus gekom⸗ men war! Mehr wie einmal ſtand er in Be⸗ griff Hrn. Duͤbrocard darnach zu fragen, aber er wagte es nicht; die Furcht, zudringlich zu er⸗ ſcheinen, hielt ihn immer ab. Eines Tages kam er indeß auf das Schloß und fand Nie⸗ mand von der Familie zu Hauſe. Man war in die Rachbarſchaft zu einem großen, laͤndlichen Feſte gefahren, zu welchem ſich die ſchoͤne Welt der ganzen Umgegend in großem Putze einge⸗ funden hatte. Billig haͤtte dies Georg ſehr verdruͤßlich ſeyn ſollen, aber der Sonderling fuhlte ſich ſtatt dem ordentlich erleichtert, Nie⸗ mand zu finden; er ſtieg aus, um ſich, bevor er zuruͤckkehrte, einige Augenblicke auszuruhen. Die alte Gouvernante, welche Victorinen immer auf ihren Morgenſpaziergaͤngen begleitete, brachte ihm einige Erfriſchungen. Die gute Frau hatte Victorinen erzogen und fruher auch deren Mut⸗ ter und Madame Duͤbrocard; ſeit lange ſchon hatte ſie die Aufmerkſamkeit bemerkt, welche Herr Dercy ihrer jungen Schuͤlerin zollte und war ihm deswegen ſehr gewogen geworden. Georg. glaubte jezt eine gute Gelegenheit gefunden zu haben, um das zu erfahren, was er wuͤnſchte; er ließ ſich in ein Geſpraͤch mit der Alten ein und da er dabei immer mehr und mehr ein großes Intereſſe an Viectorinen entwickelte, ſo wurde es ihm nicht ſchwer, die ohnedem red⸗ ſelige Frau geſpraͤchig zu machen. „Ach, mein Herr!“ rief ſie,„das arme Kind hat ſchon viel Ungluͤck erduldet, eben ſo wie ihre Eltern. Ihr Vater, Herr Lorſay, ein junger Officier, und ihre Mutter, Mademoiſelle Clara Belmont, eine meiner alten Schuͤlerinnen, hatten ſich aus Liebe mit einander verbunden. Die beiden Familien haben die Arme ſehr ge⸗ quaͤlt. Voll Zutrauen lieh Herr Lorſay ſein gan⸗ zes kleines Vermoͤgen, zwanzigtauſend Franken, dem Herrn Kervon, einem ſeiner Bekannten, einem Schiffsrheder zu Lorient, der eine große Reiſe unternehmen wolle; ſeitdem hat man nie 26 wieder etwas weder von Hrn. Kervon noch von dem Gelde gehoͤrt. Das machte jedoch Victo⸗ rinens Vater und Mutter nicht ungluͤcklich; ſie liebten ſich und das war ihnen genug. Ich wohnte bei ihnen, denn trotz der Achtung, die ich fuͤr Madame Duͤbrocard habe, ſo war ich doch immer lieber bei Madame Lorſay, meiner guten, lieben Clara. Die arme Victorine wurde fruh Waiſe; ſie war erſt drei Jahre, als ihre Mutter ſtarb; ihr Vater war ſchon fruͤher in einer jener Schlachten hinuͤbergegangen, in de⸗ nen wir damals immer ſiegreich waren. Das arme Kind kann ſich ſeiner Eltern nicht mehr erinnern, aber ich erzaͤhle ihr oft davon..... Sie waren ſo gut!. Sehen Sie, lieber Hr. Derey; ich hoffte, unſer Ungluͤck wuͤrde ſich wenden, wenigſtens ſoweit dies ein ſolches Un⸗ gluͤck vermag. Wir kamen zu dem Vormund von Victorine.... ihrem Großonkel„dem Hrn. Belmont.... den braven Pfarrer zu St. Ro⸗ main, im Lande Caux. Er war der Einzige in der ganzen Familie, der Madame Lorſay keinen Kummer gemacht hatte. Der gute, recht⸗ ſchaffene Mann!.. er muß jezt ſehr alt ſeyn, 349 denn er lebt noch; ich bin gewiß, daß er we⸗ nigſtens, ja ſicher wenigſtens achtzig Jahre zaͤhlt. Auch er hat viel in ſeinem Leben aus⸗ geſtanden.... Er gehoͤrt nicht zu jenen Prie⸗ ſtern, die immer Hel in's Feuer gießen. Waͤh⸗ rend der Zeit der Revolution mußte er ſich bei einem Bekannten aus ſeinem Kirchſpiele verbergen, der zwar ein heißer Patriot war, aber demohngeachtet ſeinem Prediger die Frei⸗ ſtatt nicht verſagte; von hieraus wachte der rechtſchaffene Mann uͤber ſeine Heerde und em⸗ pfahl Allen Friede und Einigkeit. Endlich wurde er wieder in ſeine Stelle eingeſezt und als wir zu ihm kamen, da kann ich wohl ſagen, daß er von Allen, mochten ſie fuͤr oder gegen die Revolution ſeyn, geliebt wurde. Ach wenn Sie wuͤßten, mit welcher Guͤte er uns aufnahm... Ich kann nicht ohne Thraͤnen daran denken..., Noch ſehe ich den ehrwuͤrdigen Greis, wie er die kleine Victorine in ſeine Arme ſchloß. „Gott ſegnet mein Alter!“ rief er aus und druͤckte das Kind an ſich;„er ſendet mir die Tochter meiner Richte...“ Wir lebten einige Jahre ſehr gluͤcklich in ſeinem Hauſe, aber ach! da ruͤhrte ihn plotztich der Schlag und er konnte nun das Zimmer nicht mehr verlaſſen. Ich zit⸗ terte vor ſeinem Tode... uns war ein anderes Uungluͤck beſchieden!... Ungefaͤhr zwei Monate nach dieſem Unfalle ſagte er eines Abends zu uns:„Ergeben wir uns in den Willen der Vorſehung, ihre Wege ſind dunkel... ich hoffte meine Richte erziehen zu koͤnnen, aber ich fuͤhle es, dieſe Freude ſoll mir nicht werden; ich muß ſie den Haͤnden Anderer anvertrauen.“ — Was ſagen Sie! rief ich aus, wir werden uns nie von Ihnen trennen. Vietorine, die damals elf Jahre zaͤhlte, rannte nach ſeinem Lager hin und umſchlang ihn mit Thraͤnen, als wenn ſie jezt ſchon von ihm ſcheiden ſollte. Der Greis war tief ergriffen; wir Alle ſchwie⸗ gen einige Augenblicke.... Dann fuhr er fort: „Weine nicht, mein Kind; wir wollen jezt nicht weiter davon ſprechen; ich will Dich nicht be⸗ truͤben....“ Als wir uns endlich zuruͤckzogen und ihm eine gute Racht wuͤnſchten, da ſagte er mir leiſe, ich ſollte den andern Morgen fruͤh allein zu ihm kommen. Ich kam.. Sowie ich ihn erblickte, weinte ich auf's neue, denn ich ahnte wohl, daß er wieder von Trennung ſprechen wuͤrde.... Er empfahl mir, nicht durch meine Thraͤnen Vietorinens Kummer zu erheben; dann ſtellte er mir vor, daß ſeine Schwaͤche ihm nicht erlaube, ferner fuͤr die Er⸗ ziehung des Kindes zu ſorgen und daß er da⸗ her durch ſeinen Vicar, einen jungen braven Geiſtlichen, der ihm ſeit laͤngerer Zeit ſchon in ſeinen Amtsverrichtungen beiſtand, einen Brief an Madame Duͤbrocard habe ſchreiben laſſen und daß er geſtern die Antwort empfangen habe, die Tante willige ein, die kleine Waiſe zu ſich zu nehmen.«.. Er ſezte mir nun die Vortheile auseinander, welche Vietorinen in dieſem Hauſe und in der Raͤhe einer Couſine von faſt gleichem Alter, finden wurde; aber ich hoͤrte von Allem faſt nichts, denn es erſtickte mich beinahe.. Die arme Vietorine ſchrie laut auf, als ſie ihren Großonkel zum lezten Mal umarmte. O, der ehrwuͤrdige, der gute Mann! wie einſam blieb er zuruͤck!.. Dennoch zeigte er eine Ergebung, die uns zum Muſter diente. Wir kamen nun in dies Haus....“ Hier ſeufzte Frau Deschamps tief auf und ſchwieg einen Augenblick; dann fuhr ſie fortr „Wir beſinden uns wohl hier. Madame Duͤbrocard zeigt ſich wie eine nahe Verwandte „. Die gute Alte hielt hier mit einem neuen Seufzer inne....„Ja, ja, wir befinden uns ſehr wohl hier, aber Victorine und ich koͤnnen doch das Haus des 6 Großonkels nicht vergeſſen.“ Ohne zu ncibiechen hatte gieig mit der groͤßten Aufmerkſamkeit dieſe Erzählung angehoͤrt. Als Madame Deschamps aufhoͤrte zu ſprechen, da ergriff er ihre Hand„druckte ſie ſchweigend und ſagte dann:„Ich danke Ihnen fuͤr die Zuneigung, die Sie Mademoi⸗ ſelle Lorſay erweiſen.“ Dann verſank er in Nachdenken und fuhr bald darauf nach Paris zuruͤck. Zwei Tage nachher kam er von neuem in das Schloß; der Zufall wollte, daß er Victo⸗ rinen einige Augenblicke allein fand. Voll Freude eilte das Maͤdchen, ſowie er in den Salon trat, auf ihn zu, um ihm zu ſagen, daß ihre Ver⸗ wandten ſogleich erſcheinen wuͤrden; hierauf aber begann ſie ihm zu erzaͤhlen, wie ſehr ſie ſich bei —— 353 ländlichen Zeſte, zu welchem ihre Tante ſie mit genommen hatte, vergnuͤgt habe. Das Gemiſch von Damen und Baͤuerinnen, von Bauern und Herren, die Menge Zelte, unter welchen die Kaufleute ihre Waaren ausgelegt hatten, die Muſik, die Schaukel, das Ringſtechen, vor allem der Tanz unter den gruͤnen Baͤumen, hatten ein eben ſo angenehmes als mannigfaches Bild gewaͤhrt. Ihre Couſine hatte nur ein ein⸗ ziges Mal und dies mit Herrn Daubert getanzt, der natuͤrlich nicht gefehlt hatte; ſie aber hatte dagegen geglaubt, die Aufforderung einiger jun⸗ gen Landleute nicht ablehnen zu duͤrfen. Georg betrachtete das Maͤdchen aufmerkſa⸗ mer als er auf ihre Worte hoͤrte, und ſtatt in ihre Frohlichkeit einzuſtimmen, ſagte er mit ge⸗ ruͤhrtem Tone zu ihr:„Mademoiſell, Ihre Gou⸗ vernante hat mir das Ungluck erzahlt, welches Sie ſchon traf; o wie ſehr nehme ich Theil da⸗ ran!“ Victorine wurde bei dieſen Worten ernſt; erſtaunt, erweicht ſah ſie ihn an; der Rame ihrer Mutter, der ihres guten Großonkels, kamen ihr unwillkuͤhrlich auf die Lippen, eine Thraͤne trat ihr in das Auge. Georg fuͤhlte ſich nun L. 3 noch ergriffener; er warf ſich ſeine Unbedacht⸗ ſamkeit vor das Maͤdchen hieran erinnert zu haben und um ſie zu zerſtreuen, fragte er ſie nun nach dem Feſte, nach ihren Fortſchritten im Zeichnen, in der Muſik u. ſ. w.; aber ſelbſt immer wieder im Rachdenken verſinkend, ſtockte die Unterhaltung alle Augenblicke und er und Victorine wurden mit jeder Minute verlegener. Dieſen Morgen noch hatte er einem Rathe im Cabinet des Miniſters kuͤhn die Spitze geboten und mit einer Beredſamkeit geſprochen, die den Herzog erſtaunte; wie ging es zu, daß ihm jezt, einem jungen Maͤdchen gegenuͤber, die Worte fehlten? Ein wenig geſammelter zeigte ihm Vietorine eine Landſchaft, die ſie eben beendigt hatte, und Georg, ſich mit ihr allein ſehend, erlaubte es ſich, dies und jenes daran auszuſetzen; aber nun traten Madame Dubrocard und ihre Loch⸗ ter herein, und um dem Maͤdchen nicht aber⸗ mals Vorwuͤrfe zuzuziehen, aͤnderte er ſchnell den Ton und lobte, was ihm als lobenswerth in der Zeichnung erſchien, ſo daß die beiden Damen durchaus keine Gelegenheit ſinden konn⸗ ten, Victorinen etwas Unangenehmes zu ſagen⸗ Indem er nach der Stadt zuruͤckkehrte, fragte er ſich ſelbſt uͤber die Gefuhle, welche ihm Victorine eingefloͤßt hatte. War es Liebe? oder war es nur das Gefuhl eines ſehr na⸗ turlichen Mitleids mit dem Ungluͤck einer jun⸗ gen und liebenswuͤrdigen Waiſe? Er gedachte der heftigen Empfindungen, die ihn beim An⸗ blick jener gefallſuͤchtigen Eliſe ergriffen hat⸗ ten; welch ein Unterſchied war zwiſchen ſeinen damaligen Gefuͤhlen und ſeinen jezigen! Eliſe hatte ihn hingeriſſen; Victorine zog ihn an. Geblendet durch die Reize der Einen, wuͤnſchte er gluͤcklich bei ihr zu ſeyn; ergriffen von der Anmuth der Andern, fuͤhlte er ſich erweicht von ihrem Kummer und wuͤnſchte nur ſie gluͤck⸗ lich zu machen.— WMehr wie jemals mit ihrem Vilde beſchaftigt, aber beſorgt, die Ruhe ihres Herzens zu ſtoden, beſchloß er, ſo lange, bis er deutlicher in ihrem Innern wuͤrde leſen koͤnnen, ſo vorſichtig, ſo zuruͤckhaltend in ſei⸗ nem Benehmen gegen ſie zu ſeyn, daß weder ſie ſelbſt, noch ihre Verwandten auf den Ge⸗ 356 danken kommen konnten, ſie ſey es allein, die ihn noch in dieſes Haus zog. Neunzehntes Kapitel. Dauverts Fortſchritte. Man wunderte ſich, daß Georg, der ſeine Beſuche ſo oft wiederholte, immer noch nicht den Mund uͤber den Plan oͤffnen wollte, den Madame Duͤbrocard und Madame St. Firmin ſo kluͤglich eingeleitet hatten, und die natuͤr⸗ liche Folge dieſes Schweigens von ſeiner Seite war, daß man ihn immer—— aufnahm. Der gewandte ſe dagegen reißende Fortſchritte in der Gunſt der Familie, Seine lebhafte Unterhaltung heiterte Madame auf; Herrn Duͤbrocard ſagten ſeine politiſchen⸗ und Lebensanſichten zu; ſeine Anmuth und ſeine Schmeicheleien troͤſteten Alphonſinen uͤber die Linkheit und das Stummſeyn Georgs. Schon hatte er bei einigen Unterredungen unter vier Augen, bei einſamen Spaziergängen und der⸗ gleichen, zu denen er die Gelegenheit geſchickt herbeizufuͤhren wußte, durch Blicke, Seufzer, halbe und dunkle Worte verrathen, daß er von einer tiefen Leidenſchaft erfaßt ſey, und die be⸗ ſcheidene Alphonſine, ahnend, daß ſie der Gegen⸗ ſtand davon war, hatte mit niedergeſchlagenen Augen und erroͤthenden Wge ſich ihres Gluͤk⸗ kes gefreut.„ Ermuthigt durch dieſes geichſ zilſchwei⸗ — Eingeſtäͤndniß, hatte Dauvert hierauf leiſe und hoͤchſt vorſichtig bei den Eltern hin⸗ gehorcht, und auch hier hatte man ihn nicht zuruͤckgewieſen. Georg war nicht der Einzige in ſeiner Familie, der bei Duͤhrocards verſto⸗ ßen hatte; vom erſten Augenblicke an hatten Herr und Madame St. Firmin ſehr unzeitge⸗ maͤß zu verſtehen gegeben, daß fuͤr einen rei⸗ chen Freier, wie Georg, auch eine reiche Mit⸗ gift noͤthig ſey. Dauvert dagegen wiederholte bei jeder Gelegenheit, daß ein Mädchen von ſo außerordentlichen Reizen, wie Mademoiſelle Alphonſine, ſchon an ſich ein unſchätzbarer Schatz ſey, und daß man ſich glucklich preiſen konne, ihre Hand auch ohne Weiteres zu empfangen. 358 Ein andermal halte er wieder von ſeinem ge⸗ ringen Vermögen geſprochen, zugleich aber auch die Vorzuge ſeiner Geburt erwähnt; dann war er auch hicht ohne Hoffnung; er hatte einen Onkel, der Wittwer und kinderlos war; ſeine Einkuͤnfte herdoppelten ſich mit dem Tode einer ulten, chrwürdigen Dame, welcher er eine Leib⸗ rente zu zahlen hatte, u. ſef. Madame Duͤbrocard fuͤhlte ſich von dem Gedanken geſchmeichelt, einen Edelmann zum Schwiegerſohn zu haben; auch Herrn Duͤbro⸗ card war dieſe Ehre, trotz ſeines Civismus, nicht ganz gleichgültig. Allerdings hielten ſo⸗ wohl er wie ſeine Frau, viel auf das Geld, aber Georg fuhr fort zu ſchweigen, und ſo gab man denn Dauvert zu verſtehen, daß, wenn es ihm gelänge, eine anſehnliche Anſtel⸗ lung zu erhalten, die Hand der reichen Erbin ihm nicht verſagt werden ſollte. Jezt hatte Dauvert nichts Eiligeres zu thun, als ſeinen Freund Georg aufzuſuchen. Er ſagte ihm, daß er ſich ſchäme, länger ein muͤßiges und unthaͤtiges Leben zu fuͤhren, daß er ſich vorgenommen habe, ſeinem Vater⸗ lande nůtzlich zu werden; dabei berief er ſich auf die Broſchuͤren und politiſchen Pamphlets⸗ die er fruͤher herausgegeben hatte und die, wie er behauptete, zum Theil einen europäi⸗ ſchen Ruf erlangt haben ſollten, und nachdem er auf dieſe Art dem ehrlichen Georg gehoͤrig Sand in die Augen geſtreut hatte, bat er ihn⸗ ihn ſeinem Miniſter vorzuſtellen. Georg wuͤrde ſich einen Vorwurf daraus gemacht haben, dem Wunſche ſeines alten Ka⸗ meraden nicht zu genägen; er brachte ihn zu dem Staatsmanne. Sie wurden hier ſehr wohl empfangen; die unwillkuͤhrliche und faſt ge⸗ zwungene Achtung welche der Miniſter Georg zollte, hatte ſich in der lezten Zeit noch ver⸗ mehrt. Der alte Herzog legte Dauvert meh⸗ rere Fragen vor, und dieſer antwortete mit Leichtigkeit, Gewandtheit und feiner Schmei⸗ chelei, ohne ſich doch dabei das Anſehen zu geben, als wolle er ſchmeicheln. Als ein guter Menſchenkenner ſah der Miniſter ſehr bald⸗ daß Dauvert eine ganz andere Art von Ver⸗ dienſten beſaß, wie Georg, die aber deswegen nicht minder im Staatsdienſte, wie er ein⸗ 86⁰ mal iſt, brauchbar ſind, vielleicht manchmal noch brauchbarer. Es war jezt gerade die Rede von einer neuen Deputirtenwahl durch das ganze Reich; ein Agent wie— konnte da ſehr nuͤtziche— angeſtellt. 01 Allerdings war dies nur ein ſr ſubalter⸗ ner Poſten, aber er ſchmeichelte ſich, nicht lange darinne ſtehen zu bleiben. Aus dieſem Geſichtspunkt ließ ev auch die. Sache der Fa⸗ milie Dubrocard ſehen, wo dieſer erſte Schritt ihm ſchon in dem Herzen der— Alphon⸗ 8 bedeutend weiter half. nnnantn Wie boͤſe wurde aber der nr als er veinchin daß Daubert dem Miniſter, und noch dazu durch ſeinen Reffen, vorgeſtellt wor⸗ den war!„Biſt Dü denn ganz blind, ganz unklug geworden!“ rief er aus.„Siehſt Du denn gät nicht mehr, was um Dich her vor⸗ geht?“—„Nun was geht denn vor?“— „Wie! Du ſiehſt nicht, daß dieſer Dauvert ein Avantuͤtier iſt, der Dir das Mädchen abſpen⸗ ſtig zu machen ſucht, welches ich und meine Frau fuͤr Dich auswaͤhlten?“—„Sie glau⸗ ben!“—„O, ich merkte das gleich an dem Tage, wo wir das erſtemal bei Duͤbrocards ſpeiſten. Wer weiß, ob der Unfall, der Sturz mit dem Pferde, die vorgebliche Verletzung, nichts weiter als ein klug angelegtes Spiel war, um ſich auf eine intereſſante Art den Au⸗ gen der romanhaften Mademvoiſelle vorzuſtel⸗ len!“—„Wahrhaftig!“—„Wer weiß, ob er ſich nicht das Geld erſt von einem leicht⸗ glaͤubigen Freunde geborgt hat, um ſich Pferde und einen Bedienten anſchaffen zu können.“— „Sie glauben, er hat ſich das Geld erſt von einem leichtglaͤubigen Freunde geborgt?“ wie⸗ derholte Georg.—„Ich moͤchte darauf wetten! Und dann, nachdem ich den Weg ſo ſchoͤn geeb⸗ net hatte, dann haſt Du Dich nicht allein lin⸗ kiſch mit dem Vater, ſondern auch ungalant gegen die Mutter und abgeſchmackt gegen die Tochter benommen; zum Ueberfluß aber ſtellſt Du nun noch dieſen Menſchen, dieſen Abenteu⸗ rer, dieſen Rebenbuhler, dem Miniſter vor. O! es iſt, um aus der Haut zu fahren!“ Hingeriſſen von ſeinem Aerger, ſchalt nun der eifrige Liberale St. Firmin ſeinen Reffen 362 darüber aus, daß er nicht genug den Hofmann gegen den Miniſter ſpiele.„Muß man nicht blos fuͤr ſich und die Seinigen,“ fuhr er fort, „die Gunſt einer ſo erhabenen Perſon in An⸗ ſpruch nehmen? Denkſt Du denn gar nicht da⸗ ran, daß der pfiffige Intrigant, der Dauvert, Dich ſehr bald wird in Schatten geſtellt haben? daß Du, indem Du ihm forthilfſt, Dich und uns zuruckbringſt?“—„Ja, ja,“ erwiederte Georg laͤchelnd,„ich ſehe und ich verſtehe. Doch,“ ſezte er mit einem Tone von Spott, der ihm ſonſt gar nicht eigen war, hinzu:„doch erlauben Sie mir, mein lieber Onkel, zu ent⸗ gegnen, daß ich ſchon oft bemerkt habe, daß die, welche mir zu ſchaden ſuchten, mir nuͤtzten.“ —„Was beliebt? Was meinſt Du damit?“ —„Daß, wenn Dauverts Bewerbungen bei Mademoiſelle Duͤbrocard Eingang finden, ich hoffentlich nicht mehr damit gequaͤlt werde, die Dame zu heirathen.“—„Wie! und das wuͤrde Dich nicht ungluͤcklich machen?“— „O, mein Gott, nein!“—„Und warum nicht?“ —„Weil ich ſie nicht liebe, meine Frau aber lieb haben will.“ 3 Das Erſtaunen des Doctors war jezt ſo groß, daß er kein Wort mehr hervorbringen konnte; mit ſeiner Frau unter vier Augen machte er aber ſeinem Aerger Luft. Wie ſprach er ſich hier uͤber den albernen Tropf von Reffen aus! wie laut beklagte ſich Madame St. Firmin!„Eine ſo herrliche Partie!“ rief ſie,—„Und jezt, in dem Augenblicke, da die Wahlen nahen!“ ſprach er.—„Mir thut er das, mir! die ich mich ſo darauf freute, mit dieſer veichen Fami⸗ lie in Verbindung zu kommen!“—„Mir, der ich hoffte, daß die Verbindung noch vor der Zu⸗ ſammenberufung der Wöhler vor ſich gehen wuͤrde!“—„Aber wenn er Mademoiſelle Duͤ⸗ brocard nicht liebt, warum faͤhrt er denn immer noch ſo haufig hin?“—„Wer kann die Auf⸗ fuͤhrung eines ſolchen Originals, wie er iſt, be⸗ greifen!“—„Sie werden ſehen, daß er uns, ehe wir daran denken, mit der Liebſchaft zu einem Maͤdchen ohne Geld, wie die Mademoiſelle Eliſe Berthoud war, uͤberraſcht.“—„Das traue ich ihm wohl zu.“—„Es waͤre abſcheulich!“— „Schaͤndlich waͤre es.“—„Ach der Menſch wird ſeiner Familie noch viele Schmach machen!“ Neffen mit Mademoiſelle Alphonſinen verheira⸗ then wollen, um bei der naͤchſten Deputirtenwahl alle Stimmen, uͤber welche Herr Duͤbroeard ver⸗ fuͤgen konnte, fuͤr ſich zu gewinnen; ſeine Hoff⸗ nungen waren zum Theil ſehr getruͤbt, aber deswegen verlor er den Muth noch nicht. Er kam mit ſeiner Frau uͤberein, die Zeit ruhig ab⸗ zuwarten, unterdeſſen aber ſich ſehr zuvorkom⸗ mend gegen den Herrn General⸗Finanz-Einneh⸗ mer zu bezeigen, wenigſtens ſo lange, bis die Wahl voruͤber ſeyn wuͤrde; dann konnte man es ja immer noch halten, wie man wollte. Mit dieſer Vorſicht glaubte der Doctor immer noch auf die Stimme und auf den Einfluß des Hrn. Duͤbrocard rechnen zu koͤnnen; aber ach! die politiſchen Anſichten dieſes großen Liberalen hatten ſich, ohne daß der Doctor es ahnete, geaͤndert!“ S Ende des erſten Bandes. Herr St. Firmin hatte nur deswegen ſeinen „ 6 ſ 12 6 7 8 9 10 11 13 14 15 16