deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und eſebedingungen. 1 offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 5 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. d 6 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 5 für nchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ufz Menat W— 1F 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene vder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ Gduard Otimunn in Gieſten. Geglänzt und Erloſchen. Hiſtoriſcher Roman von Jerdinand Pflug. Zweiter Vand. Ceipzig, Ernſt Julius Günther. 1866. Druck von Heinr. Merch in Prag. Erſtes Kapitel. Die Verſammlung der Oberſten ſchien eher in ein wüſtes Trinkgelag ausarten zu wollen, als daß dabei bisher viel von einer ernſten, folgerichtigen Berathung zu bemerken geweſen wäre. Fünf oder ſechs Herren am untern Ende der langen, reich mit gewaltigen ſilbernen Humpen und mehr oder minder koſtbaren Trinkgefäßen der verſchiedenſten Art und Form beſetzten Tafel hatten ſogar zu ihrer Erluſtigung bereits zu den Würfeln ge⸗ griffen. Mehrere Andere, darunter die Oberſten Knyp⸗ hauſen und Flodruft, waren in der entgegengeſetzten Hälfte des zwar großen, doch niedrigen Gemachs um einen hohen ernſten Mann zu einem halblaut geführten Geſpräch zuſammengetreten. Der Graf von Solms lehnte nachdenklich in einer Fenſterniſche, der Oberſt Holk ſtand mit über der Bruſt gekreuzten Armen vor demſelben. „Aufrichtig geſtanden“, äußerte halblaut der letztere, „ich hoffe noch auf die Vermittlung Ihrer Schweſter.“ „Meiner Schweſter?“ rief der Graf erſtaunt. Pflug, Geglänzt und erloſchen. II. 1 2 „ „Nun ja, ein Wort von ihr hätte vielleicht noch Vieles anders geſtalten mögen.“ „Aber, Oberſt“, fuhr der Graf unwillig auf,„ſehen Sie denn nicht ein, daß meine Schweſter— nun und nimmer würde ich darein gewilligt haben.“ „Bah, als ob Sie darum hätten zu wiſſen brau⸗ chen. Ja, wie geſagt“, ſetzte er nach einigen Augenblicken eines gegenſeitigen finſtern Stillſchweigens hinzu,„ich habe viel von dieſer Vermittlung gehofft. Na, es hat aber nicht ſein ſollen, und wenn die Geſchichte hier zu⸗ ſammenbricht, für mich, den einfachen Glücksſold aten wird ſich ſchon noch ein anderer Tummelplatz finden. Der Holk mit ſeinen leichten Reitern iſt jeder Fahne willkommen. Doch Ihr vornehmen proteſtantiſchen Her⸗ ren ſeht zu, wie's kommt.“ „Sie ſehen zu ſchwarz, Oberſt“, wandte der Graf ein. „Es thut mir nur um den Chriſtian leid“, fuhr der Andere, ohne auf dieſen Einwurf zu achten, fort.„Ich kenne ihn und weiß, welch edles Metall in dieſem ſtörri⸗ ſchen Starrkopf ſteckt. Er fühlt ſich verrathen und ver⸗ kauft, er ahnt die Gefahren die im Dunklen an ihn heranſchleichen, doch ſein Stolz und ſein Selbſtgefühl bäumen ſich dagegen auf, auch vor der zwingendſten Ge⸗ fahr ohne Kampf zurückzuweichen. Noch ein zehn Jahre würden aus dem ungefügen Burſchen den Helden gezeitigt ——₰ 3 haben. Mord und Tod! daß ein ſolcher eiſerner Cha⸗ rakter ſo elenden Intriguen zum Opfer fallen ſoll.“ „Wem nicht zu rathen iſt, bleibt nicht zu helfen“, murrte der Graf.„Hat er nicht auch die letzten Vorſtel- lungen des Oberſten von Rantzau, hat er nicht Ihre und meine Vorſchläge ohne Bedenken zurückgewieſen?“ „Wo viel Licht, iſt tiefer Schatten“, zuckte der Oberſt die Achſeln.„Ohne dieſen Starrſinn, dieſe Leiden ſchaftlichkeit würde er eben nicht der ſein, der er iſt. Den Erfolg meiner Vermittlung hatte ich darauf ge⸗ gründet, daß Ihre Schweſter mir vorgearbeitet haben würde. Wenn es ihm widerſtrebt, dem ungeſtümen Drängen von uns Männern nachzugeben, möchte ein Wort der Bitte, der ſanften Vorſtellung von der noch immer hochgehaltenen Jugendgefährtin ihm vielleicht den rechten Weg gezeigt haben. Die Vorſtellungen des Rantzau— bah, Graf, Sie ſollten den Chriſtian doch beſſer kennen, um nicht zu wiſſen, daß er nicht der Mann iſt, ſich mit der Piſtole auf der Bruſt auch nur das geringſte Zugeſtändniß abzwingen zu laſſen.“ Der Graf blickte finſter vor ſich zur Erde.„Dieſe Courtiſane hielt den Unglücklichen mit zu feſten Ban⸗ den umſtrickt“, äußerte er nachdenklich,„als daß auch meine Schweſter ihn aus ſeiner Unthätigkeit und Ver⸗ ſunkenheit noch aufzurütteln vermocht hätte. Unter uns, Oberſt“, neigte er ſich mit einem vorſichtigen Blick hinter ſich zu dem Ohre deſſelben,„der Gedanke, den Sie ausgeſprochen haben, war urſprünglich auch der meinige. Im Vertrauen auf den früher auf Chriſtian oft ſo wirkſamen Einfluß derſelben habe ich die Agnes mit mir hierher geführt, doch bedenken Sie, wenn der Verſuch dazu fehlſchlagen ſollte So ſchlimm habe ich mir die Dinge hier nicht vorgeſtellt. Und doch, wenn—“ „Was heute früh vielleicht noch von Wirkung hätte ſein mögen“, ſchüttelte der Oberſt auf ſeinen fragenden Blick den Kopf,„kann jetzt unmöglich noch eine Aende⸗ rung herbeiführen.“ „Was meinen Sie denn?“ fragte verwundert der Graf.„Der Zufall begünſtigt dieſen Verblendeten mehr, als ich ſelbſt gehofft habe. Schon der vorige erſte Ver⸗ ſuch einer gegenſeitigen Verſtändigung hat gezeigt, wie ſehr die Meinungen hier noch von einander abweichen, und eine Einigung über irgend ein entſchiedenes Ver⸗ fahren bleibt bei dem Zuſtande, in welchen ſich ein gu⸗ ter Theil der Herren bald verſetzt finden wird, für heute kaum noch zu erwarten. Ein erneuter Ausbruch des Auf. ſtandes aber ſteht ebenſo wenig zu befürchten. Alle Wa⸗ chen in der Stadt wie im Lager ſind doppelt beſetzt, ſtarke Patrouillen durchziehen die Straßen, um jede Zu⸗ ſammenrottung im Entſtehen zu zerſtreuen, auch ſcheint 5 die geſtrige raſche und blutige Abfertigung einen tiefen Eindruck auf die Meuterer gemacht zu haben, denn bisher hat ſich noch nirgends die geringſte Spur einer Widerſetzlichkeit zu erkennen gegeben. Nein, Oberſt, der heutige und vielleicht auch der morgende Tag ſind ſicher noch für jede mögliche Vermittlung gewonnen.“ Ein entfernter Lärm, wilde Ausbrüche von Jubel und Geſchrei, hatte den Sprecher faſt noch unterbrochen. Auch die in der obern Hälfte des Gemachs zuſammen⸗ getretenen Herren waren aufmerkſam geworden, die dort gebildete Gruppe hatte ſich aufgelöſt und der bisher den Mittelpunkt derſelben bildende Offizier war zu den Bei⸗ den getreten. „Was mag das Geſchrei zu bedeuten haben?“ rich⸗ tete er die Frage an dieſelben.„Sollte trotz aller getroffe nen Vorkehrungen der Aufſtand doch wieder ausbrechen?“ Ein junger Offizier war eilig in das Zimmer ge⸗ treten und hatte dem ihn in Empfang nehmenden Oberſt Koyphauſen eine Meldung gemacht. „Begreifen Sie das, meine Herren?“ kehrte ſich derſelbe nach deſſen Abfertigung zu den von ihrem Platz in geſpannter Erwartung auf ihn blickenden Dreien. „Der Graf Ortleburg hat den Mannſchaften ſeines Re⸗ giments wie den Leuten der für heute ſeinem Befehl unterſtellten Regimenter von Thierſtädt und Negro eine 6 reiche Spende an Bier und Branntwein gewährt. Der Jubel, den Sie eben gehört haben, rührt von dem in vollem Gange befindlichen Gelag her. Ein Vorgang dieſer Art muß nothwendigerweiſe auf die übrigen Trup⸗ pen den ungünſtigſten Eindruck ausüben.“ „Aber“, fuhr der fremde Offizier auf,„der Graf iſt von dem Herzoge mit der ſpeciellen Leitung der Ueberwachung der Stadt wie des Lagers beauftragt. Es iſt unmöglich, daß der letztere ein ſo wahnwitziges Verfahren billigt. Derſelbe muß ſofort benachrichtigt werden.“ Die meiſten der anweſenden Herren waren auf das laute Sprechen um die Gruppe zuſammengetreten, nur ein paar übereifrige Spieler ließen an der Tafel noch zwiſchen ſich die Würfel rollen. „Unerhört! Der Herzog muß benachrichtigt wer⸗ den“ äußerten ſich die Meinungen im Kreiſe. Der Graf Solms und der Oberſt Holk hatten unter der allgemei⸗ nen Erregung nur einen vielſagenden Blick gewechſelt. „Indeß der Herr Herzog hat uns den Grafen von Ortleburg für die heutigen Anordnungen als ſeinen Alter⸗ ego bezeichnet“, warf einer der Herren ein.„Jede Mel⸗ dung an den erſtern kann nur durch die Perſon des letz— tern befördert werden.“ „So iſt es um ſo nothwendiger“, bemerkte der — 5 fremde Offizier,„einen gemeingültigen Entſchluß zu faſſen. Ihre eigene Sicherheit, meine Herren, und der Beſitz Ihrer Regimenter hängt davon ab. Die Zuſtände bei dieſer Armee ſind zu einer Verworrenheit gediehen, welche kein längeres Zögern geſtattet.“ „Der Herr Oberſt von Rantzau hat Recht“, ſtimmte ihm Knyphauſen bei.„Der Starrſinn des Herzogs und ſeine Handlungsweiſe laſſen uns länger keine Wahl, es muß gehandelt werden.“ „Der Graf von Ortleburg iſt nicht in unſerer Ver⸗ ſammlung erſchienen“, äußerte einer der Oberſten.„Je⸗ denfalls find wir nach der von ihm veranlaßten Maß⸗ regel befugt, ihn vorzufordern und ihm die volle Ver⸗ antwortlichkeit für ſeinen Schritt aufzuerlegen.“ „Der Graf“, erinnerte ein Anderer,„ſteht mit ſei⸗ nem Regiment in däniſchen Dienſten Vielleicht, daß der Herr Oberſt von Rantzau oder der Oberſt Flodruft kraft ihrer ältern Patente berechtigt find, in einem ſo drin⸗ genden Fall ſein Erſcheinen hier zu veranlaſſen.“ „Meine Herren“, verſuchte Holk die aufgeregte Strömung in eine weniger gefahrdrohende Richtung zu lenken,„für den Augenblick gibt es für uns nur einen Entſchluß, nämlich den, uns ohne Verzug zu unſern Re⸗ gimentern zu begeben, um durch unſere perſönliche Ge⸗ genwart und Einwirkung dem erneuten Ausbruch des Aufſtandes vorzubeugen. Was ferner zu thun ſei, das zu beſchließen iſt morgen noch Zeit, doch jener Gefahr zu begegnen, bleibt keine Minute zu verlieren.“ Die Meinungen erwieſen ſich getheilt. „Das Erſte und Nächſte iſt, dieſem unerträglichen Zuſtande ein Ende zu machen“ eiferte Knyphauſen. „Das vereinzelte Einſchreiten einiger der Herren bei der geſtrigen Gelegenheit hat das Uebel nur noch geſteigert, der Herzog iſt durch den mit deren Unterſtützung über die drohende Empörung davongetragenen leichten Sieg nur noch unnachgiebiger geworden. Wenn hier wirkſam eingegriffen werden ſoll, muß nach einem übereinſtimmen⸗ den Plane gehandelt werden, und dazu gehört vor al⸗ lem Andern, die Oberleitung wenigſtens proviſoriſch in eine Hand zu legen.“ „Das heißt alſo mit andern Worten“, wandte Holk ein,„um dem erneuten Ausbruch des Aufſtandes vor⸗ zubeugen, ſoll zunächſt dem Herzoge von uns der Ge⸗ horſam aufgekündigt werden. Der Teufel! Ihr Herren, es ſcheint mir das ein vertracktes Mittel.“ „Und dennoch“, bemerkte nach einem kurzen Zwie⸗ geſpräch mit dem Oberſten Flodruft der Oberſt von Rantzau,„iſt das der einzige Schritt, welcher durchgrei⸗ fend Hülfe zu ſchaffen verſpricht. Den Winſchen der Herren zu entſprechen, habe ich als Vertreter der däni⸗ —— — —,— 9 ſchen Krone nach Rückſprache mit meinem Kameraden Flodruft den Oberſten Grafen Ortleburg zur Verant⸗ wortung hierher vorgefordert. Indeß der Herzog ſelbſt führt ſein Commando nur im Namen König Chriſtian's und in Vorausſicht eines Falls, wie der jetzt eingetre⸗ tene, iſt mir von meinem Könige und Herrn die aus⸗ gedehnteſte Vollmacht für einen Wechſel in der Befehls⸗ führung gegeben worden. Darüber, daß Herzog Chri⸗ ſtian ſich ſchlechterdings weigert, den Befehlen ſeines und meines Kriegsherrn nachzukommen, kann nach dem zwi⸗ ſchen demſelben und mir heute Vormittag ſtattgefunde⸗ nen Geſpräch, welches ich der berufenen Verſammlung vorhin die Ehre gehabt habe mitzutheilen und für deſ⸗ ſen unbedingte Richtigkeit diejenigen Herren, welche ſich in meiner Begleitung befunden haben, als Bürgen ein⸗ getreten ſind, kein Zweifel mehr obwalten. Die Ge⸗ fahr der Situation aber liegt auf der Hand. Soll dieſe Armee der Sache der proteſtantiſchen Union erhalten bleiben, ſo bietet ſich nur noch der eine Ausweg, das Commando über dieſelbe einer feſten, ſichern Hand zu übertragen. Und dieſer Ausweg empfiehlt ſich um ſo mehr, als die in jeder Beziehung hierfür geeignete Per⸗ ſönlichkeit ſich in unſerer Mitte befindet. Sehen Sie hier, meine Herren, meine Vollmacht und hier die un⸗ bedingte Beſtätigung Ihrer Patente. Die däniſche Krone 10 übernimmt alle Ihre Forderungen und wird, dieſelben ſchleunigſt zu befriedigen, eine ihrer nächſten Sorgen ſein laſſen. Es bedarf nur noch Ihrer Zuſtimmung, meine Herren, um dieſe unbedingt nothwendige Maßregel un⸗ verzüglich in Vollzug zu ſetzen.“ „Das nenne ich mir doch ein ſummariſches Ver⸗ fahren!“ ſpottete Holk.„Wetter! Oberſt Rantzau, Sie verſtehen's, Ihr Ziel ſcharf ins Auge zu faſſen.“ „Der Herzog hat die Armee auf ſeinen eigenen Namen geworben“, wendete einer der Oberſten ein. „Wir ſind allein dem Herzog verpflichtet“, ſtimmten Mehrere bei. „Traue du dem Fuchs!“ zweifelte ein Dritter. „Verſprechungen find gut, aber halten iſt beſſer. Ein Wort für tauſend, Oberſt— ſollen uns unſere Soldrück⸗ ſtände baar ausgezahlt werden?“ „Ich richte an den Herrn Oberſten von Rantzau die Frage“, ließ ſich der Graf Solms mit flammenden Blicken vernehmen,„ob derſelbe bei ſeinem heutigen Ge⸗ ſpräch mit dem Herzoge dieſem den jetzt von ihm ge⸗ thanen Schritt bereits in Ausſicht geſtellt oder ihm überhaupt von ſeiner mitgetheilten Vollmacht Kenntniß gegeben hat?“ „Meine Herren, was gibt es da noch lange zu bedenken“, verſuchte Knyphauſen die Schwankenden mit — — 11 ſich fortzureißen.„Jede Spaltung unter uns muß, nach⸗ dem die Dinge einmal ſo weit gediehen ſind, den Zer⸗ fall der Armee um ſo ſicherer herbeiführen. Damit wären aber die von uns für die Aufſtellung unſerer Re⸗ gimenter aufgewendeten Summen unwiderruflich in den Wind geſchrieben. Se. däniſche Majeſtät bietet uns Sicherung für unſere Forderungen— wohlan, das iſt das Nächſte. Die von dem Herrn Oberſten von Rantzau proponirte Aenderung im Oberbefehl braucht ja zunächſt nur eine vorläufige zu ſein. Der von demſelben vorgeſchla⸗ gene und von uns anerkannte neue Führer wird dem Her⸗ zoge gegenüber unſer Sprecher ſein, das iſt zunächſt Alles, und bei dem letztern wird es ſtehen, dem ſo von uns auf ſeine Entſchließungen ausgeübten vereinten Druck nachzuge⸗ ben, oder auf die Gefahr, ſich ganz vereinzelt zu ſehen, auch dann noch ſeinem eigenen Willen zu folgen. Alle Vortheile ſprechen für den Vorſchlag des Herrn Oberſten Rantzau Die fernern Verhandlungen mit dem Herzoge werden dadurch vereinfacht und einer günſtigen Entſchei⸗ dung zugedrängt, der drohenden Gefahr eines erneuten Aufſtandes wird durch ein einheitliches Handeln vorge⸗ beugt, unſere Forderungen endlich finden ſich ſicherge⸗ ſtellt. Was können wir augenblicklich mehr verlangen? Ich meinestheils ſtehe deshalb auch keinen Augenblick an, mich für dieſen Vorſchlag zu erklären. Ich für meine Perſon bin bereit, mich demjenigen unter uns, welchen der Oberſt von Rantzau mit dieſem vorläufigen Oberbefehl betrauen will, unbedingt unterzuordnen.“ „Es iſt in der That ſo!“ ſtimmten Mehrere bei. „Wofern die Uebertragung des Oberbefehls nur eine vorläufige ſein ſoll, bleibt gegen die vorgeſchlagene Maß⸗ regel am Ende nichts einzuwenden.“ „Nun denn, verlangen Sie noch mehr?“ flüſterte Holk dem Grafen Solms zu.„Wie gut die Herren ſich in die Hände arbeiten! Wozu die Umſchweife?“ fügte er laut hinzu.„Heraus mit der Sprache, Oberſt Rantzau, die Sache iſt ja doch längſt fertig und abgeſchloſſen. Wer iſt denn der, welchen Sie den Herzog zu erſetzen beſtimmt haben? Der Oberſt Knyphauſen etwa?“ Der letztere warf, durch dieſen brüsken Angriff aus ſeiner ſich in ſeinem Geſicht ausprägenden Siegeszuver⸗ ſicht aufgeſtört dem unwillkommenen Sprecher einen böſen Seitenblick zu. „Meine Herren“, rief er,„ich weiß nicht, wen der Herr Oberſt von Rantzau zur vorläufigen Uebernahme des Oberbefehls beſtimmt haben mag, allein vor Ihnen allen erkläre ich nochmals, wer es auch ſein mag, ich werde gehorchen.“ „Herr Oberſt von Rantzau, Sie haben mir meine vorige Frage noch nicht beantwortet“, richtete Solms 15 nehmen mögen. Bedarf es noch mehr, um Ihnen zu be⸗ weiſen, wie ſehr es denſelben drängt, mit Inen ſeine Frieden zu ſchließen?“ 5 „Ja, der Graf allein iſt geeignet, alle Intereſſen in ſich zu vereinigen“, ſtimmte die große Mehrzahl der Offi⸗ ziere bei;„er muß ſich fügen.“ „Der Graf ſteht ſelber nicht im Dienſt der däni⸗ ſchen Krone“ eiferte der andere, kleinere Theil dawider. „Wo bleibt uns deshalb bei ihm die Sicherung für un⸗ ſere Forderungen? Warum will der Oberſt Rantzau nicht lieber ſelbſt das Commando übernehmen?“ Der trübe, den Himmel überſpannende Wolken⸗ ſchleier trug draußen, in der Natur, dazu bei, den Tag faſt unmerklich in den Abend übergehen zu laſſen. Ein Wetter war im Laufe des Nachmittags jenſeits der Ge⸗ birge, die Weſer weiter aufwärts, niedergegangen, ohne daß die ſchweren, noch über den Bergeshäuptern brauen⸗ den Wolkenſchichten bisher anders als mit ihren leich⸗ tern Vorläufern dieſe Wetterſcheide zu überſchreiten ver⸗ mocht hätten. Eine ſchwüle, gewitterſchwangere Atmo⸗ ſphäre laſtete über der wie in einer tödtlichen Erſtarrung liegenden Stadt. Jede Spur einer bürgerlichen Thätig- keit war jetzt aus deren Gaſſen verſchwunden, alle Läden und Fenſter zeigten ſich geſperrt und verſchloſſen, nur beuteluſtiges Geſindel, einzeln oder ſchon zu Zweien und Dreien vereint, ſtreifte, noch ſcheu und unſicher, die Häu⸗ ſerreihen entlang. Der Hufſchlag oder der gemeſſene Schritt einer Patrouille veranlaßte dieſe unheimlichen Geſtalten zwar jedesmal, ſchleunigſt ein Verſteck aufzu⸗ ſuchen oder in Ermangelung eines ſolchen ſich hinter der nächſten Mauerecke niederzuducken, die gänzliche Nicht⸗ beachtung, welche die Wachtmannſchaften ihrem Auftau⸗ chen und Verſchwinden zollten, bekundete jedoch das Nachlaſſen des während des Tags über dieſe Banden ſo ſtreng aufrechterhaltenen Banns zu auffällig, als daß deren Kühnheit nicht bald hätte wachſen ſollen. Das ununterbrochen von den Lagerſtellen der die einzelnen wichtigen Punkte der Stadt beſetzt haltenden Truppen⸗ abtheilungen ertönende Lärmen ließ nicht minder darauf ſchließen, wie ſehr ſich auch dort die Zügel des ſtrengen Dienſtbetriebs und einer regelrechten Befehlsführung ge⸗ lockert haben mußten. In dem Verſammlungsſaal der Oberſten waren von den Dienern die Lichter bereits an⸗ gezündet worden. „Meine Herren, ich erkenne das in mich geſetzte Vertrauen dankbar an“, weigerte ſich der Graf Solms entſchieden auf die von den ihn umdrängenden Herren an ihn geſtellte Forderung einzugehen,„allein ich bin außer Stande, Ihr Erbieten anzunehmen. Durch meine ganze Jugendperiode, bis vor wenigen Tagen noch, habe ich lc ſammentreten. Doch bei der drohenden Gefahr bleibt, um dieſelbe, wenn irgend möglich, noch im Keime zu erſticken oder ihr doch wenigſtens gerüſtet entgegenzutreten, unbedingt das Nächſte, den Befehl in eine Hand zu legen. Der Graf iſt die einzige hierzu geeignete Perſönlichkeit unter uns, Sie alle müſſen das anerkennen. Bei dem abſolut zwingenden Drang der Umſtände wird, ich bin überzeugt davon, auch er nicht länger widerſtreben. Graf, hören Sie? Das Geſchrei verdoppelt ſich, der Aufſtand kann mit jeder Sekunde losbrechen. In unſer aller, in Ihrem eigenen Intereſſe, im Intereſſe des Herzogs Chriſtian ſelbſt müſſen Sie, wenn auch nur vorüberge⸗ hend, den Oberbefehl übernehmen.“ „Der Graf Ortleburg!“ hatten einige Stimmen von der Thür dazwiſchengerufen. Derſelbe war in Beglei⸗ tung einiger Offiziere noch unter der letzten ſtürmiſchen Scene in den Saal getreten. Sein Geſicht war noch bleicher als gewöhnlich, die Spannung des Moments lauerte in ſeinen kleinen ſtechenden Augen, er bedurfte augenſcheinlich des ganzen Aufgebots ſeines Willens, um die ihn erfüllende Unruhe und Aufgeregtheit unter dem Anſchein der ihm eigenen eiſigen Abgeſchloſſenheit und einer hochmüthigen Ruhe zu verbergen. Der vor⸗ hin mit ſeiner Herbeirufung beauftragte Oberſt Flo⸗ druft befand ſich nicht in ſeiner Begleitung. 2* 20 „Graf, nehmen Sie an“, raunte Holk, den allge⸗ meinen Aufſtand benutzend, Solms zu.„Im Intereſſe des Herzogs ſelbſt bleibt hier kein anderer Ausweg. Schauen Sie in dies Geſicht! Und dann bedenken Sie das von dem Ortleburg ſeinen Truppen bereitete Gelag. Gott ſtraf mich! hier iſt Verrath im Spiele und der Burſche erſcheint hier nur, um auf den ſchlimmſten Fall für das, was ſich unterdeſſen da draußen zuträgt, ein Alibi in Bereitſchaft zu haben.“ „Die Herren wollen entſchuldigen, daß ich ſo ſpät erſcheine“, nahm von Ortleburg nach ſeinem Ein⸗ tritt in den Kreis der um Rantzau und die übrigen Hauptperſonen verſammelten Offiziere das Wort.„Die mir von Sr. Durchlaucht übertragene Sorge für die Sicherheit der Stadt und das Bereiten der Poſten ha- ben mein Kommen ſo lange verzögert.“ Solms hatte in Erwiderung des ihm von Holk zu— geflüſterten Verdachts dieſem nur einen verwirrten Blick zugeworfen.„Paſſen Sie auf, ob ich nicht Recht behalte“, raunte ihm derſelbe zu.„Mindeſtens geſtatten Sie mir, in dem geeigneten Moment für Sie einzutreten.“ „Und zur erhöhten Sicherheit der Stadt“, höhnte eine Stimme,„hat der Herr Graf durch das von ihm veranſtaltete Gelag lieber die Zügel der Befehlsführung über ſeine Truppen freiwillig aus den Händen gegeben.“ 21 „Die armen Schelme wollen für die ihnen zugefal⸗ lene Mühe doch auch eine Entſchädigung haben“ lächelte Ort· leburg. Einmal in den Streit eingetreten, war die ſich an⸗ fangs in ſeinem Geſicht wie in ſeiner Stimme kennzeich⸗ nende Unſicherheit raſch von der in ihm zum Durchbruch gelangten Entſchiedenheit zurückgedrängt worden. Ein allgemeines Murren und einzelne drohende Aus· rufe beantworteten dieſe Aeußerung. „Entſchuldigung, Herr Graf von Solms“ wandte ſich Rantzau an dieſen,„wenn ich in meiner Eigenſchaft als däniſcher Bevollmächtigter in dieſem ſpeciellen Fall Ihrer Beſtimmung vorgreife. Herr Oberſt Graf Ortleburg, kraft der mir von Sr. däniſchen Majeſtät übertragenen Vollmacht habe ich Sie hierher beſchieden, um ſich über eine ſo befremdliche Handhabung des Dienſtes bei den in einer ſo wichtigen und gefahrdrohenden Gelegenheit Ihrer Führung anvertrauten Truppen zu verantworten. Sie haben in Ihrer vorigen Aeußerung die Veranſtaltung dieſer Maßregel bereits auf ſich genommen. Beſitzen Sie eine ſchriftliche Autoriſation des Herzogs zu Ihrer Hand⸗ lungsweiſe?“ „Mich hierher berufen?“ entgegnete der Graf in hohem Tone.„Und noch dazu zur Verantwortung meiner Hand⸗ lungsweiſe? In der That, eine ſtolze Sprache! Die Botſchaft muß mich indeß verfehlt haben. Jedoch es be⸗ durfte derſelben auch nicht, um mich in Ihre Mitte zu führen. Nur über den Zweck meines Erſcheinens dürften unſere Anſichten von einander abweichen. Nicht ich bin es, welcher ſich zu verantworten hat, ſondern Sie, meine Herren, haben mir als dem zeitigen Alterego des Her⸗ zogs über Ihre Handlungsweiſe Rechenſchaft abzulegen.“ Ein allgemeiner Schrei der Entrüſtung war die Antwort. „Im Namen Sr. däniſchen Majeſtät—“ verſuchte Rantzau demſelben das Wort abzuſchneiden. „Die Autorität Sr. däniſchen Majeſtät ſteht in dieſem Lager der des Herzogs nach; nur deſſen Befehlen habe ich nach der mir ertheilten Inſtruction zu gehorſamen und in ſeinem Namen wie in ſeiner Vertretung ſtehe ich Ihnen gegenüber. Sie, Herr Oberſt von Rantzau, ver⸗ antworten Sie ſich zunächſt. Dieſe Verſammlung an ſich ſtand in dem Belieben der Herren und ich ſelber habe die Einladung dazu angenommen. Es konnte in der⸗ ſelben eine erneute Vorſtellung bei dem Herzog be⸗ ſchloſſen werden; allein bei meinem Eintritt ſind Worte an mein Ohr gedrungen, welche weit über dies erlaubte Maß hinausgreifen. Von Ihnen, Herr Oberſt, iſt der Graf von Solms zur Uebernahme des Oberbefehls ge⸗ drängt worden. Sie haben mit dieſer Anreizung zur Empörung den Charakter eines Bevollmächtigten der N 23 däniſchen Krone von ſich geworfen, und das Complot, das Sie anzuſtiften verſucht haben, beraubt Sie der Un⸗ verletzlichkeit Ihrer Stellung.“ „Ein Complot! Ja, ganz recht, Graf, es iſt ein Complot“, ſtimmte ihm Knyphauſen, nur ſeiner blinden Wuth über das Scheitern ſeiner eigenen Abſicht ge⸗ horchend, bei.„Nie würde ich mich dem Grafen Solms unterordnen. Was, ſoll ein Fremder über uns Oberſten des braunſchweigiſchen Corps den Befehl führen? Sind wir nicht noch Manns genug, unſere Angelegenheiten ſelbſt zu beſorgen? Tauſendmal eher bin ich für den Herzog, als daß ich mich einem ſolchen vorher abge⸗ karteten Streich fügen ſollte.“ „Verrath!“ übertönte die Stimme des ins Zimmer ſtürzenden Oberſt Flodruft den wilden, über dieſe uner⸗ wartete Erklärung ausgebrochenen Lärm.„Verrath!“ Der Hut war dem Manne verloren gegangen, der blanke Degen in ſeiner Fauſt und ſeine zerriſſene Kleidung be⸗ wieſen, wie ſehr er ins Gedränge gekommen ſein mußte. „Was gibt's? Was iſt geſchehen? Um Gott, Oberſt, wie ſehen Sie aus? Sprechen Sie doch!“ ſchwirrten zwanzig Fragen und Ausrufe durcheinander. Ein furchtbares, in der Ferne ausgebrochenes Geſchrei ließ die Herren kaum ihre eigene Stimme unterſcheiden, einzelne Schüſſe knallten dazwiſchen. Nach dem wüthen⸗ den Zorn, welcher in dem Geſicht Ortleburg's mit ſeiner faſt rathloſen Beſtürzung kämpfte, mußte der eingetretene Zwiſchenfall offenbar ſeiner Abſicht vorgegriffen haben. „Was es gibt?“ beantwortete Flodruft die an ihn gerichteten Zurufe.„Die von Ortleburg und Negro haben den Danebrog und das braunſchweigiſche Roß von den Stangen ihrer Fahnen geriſſen. Sie ſchreien:„Hoch die Liga! Hoch der Kaiſer!“ Die Schüſſe, welche Sie ge⸗ hört haben, galten den Offizieren, welche die Meuterer zu ihrer Pflicht zurückzuführen verſuchten. Kaum daß ich mich ſelber aus den Händen der Schurken noch hierher zu retten vermochte.“ „Verrath!“ „Ja, Verrath!“ rief Ortleburg, unter der Einge⸗ bung des Augenblicks zu einem äußerſten verzweifelten Entſchluß ſich aufraffend.„Doch die Verräther, meine Herren, weilen mitten unter Ihnen. Dieſe ſind's! Im Namen des Herzogs“, kehrte er ſich zu den mit ihm gekommenen Offizieren,„verhaften Sie auf der Stelle die Oberſten von Rantzau und Flodruft. Auch der Oberſt Graf Solms muß bis zur Dämpfung des angeſtifteten Aufſtandes in Verwahrung genommen werden. Für die meinem Befehl anbertrauten Regimenter verbürge ich mich.“ „Hoch die Liga! Hoch der Kaiſer! Hoch Graf Ortle⸗ N 25 burg!“ tönte unter erneutem Schießen deutlich vernehm⸗ bar der Ruf der empörten Bande dazwiſchen. „Meine Herren“, ergriff Holk den günſtigen Moment beim Schopfe,„wenn hier kein Verrath ob- waltet, hat der Oberſt Graf Ortleburg mit dem Abfall ſeiner Truppen an die Liga und den Kaiſer jetzt doch jedenfalls all ſeinen frühern Einfluß auf dieſelben ein⸗ gebüßt. Um dem Herzog Zeit zu ſchaffen, muß deshalb ein Anderer die erſten allgemeinen Maßregeln zur Nie⸗ derwerfung des Aufſtandes treffen. Sie haben die vorige Erklärung des Grafen Solms gehört, indeß bei einer ſo dringenden Lage für den Herzog einzutreten, kann und wird derſelbe ſich nicht weigern. Tod den Verräthern und Papiſten! Zu mir, wer zu dem Grafen und unſerm Herzog ſteht.“ Auch Knyphauſen war von dem allgemeinen ſtür⸗ miſchen Ausbruch mit erfaßt worden. Eine ganze Salve krachte in der Richtung des Altmarkts.„Retten Sie ſich, meine Herren“, riefen mehrere in das Zimmer ſtür⸗ zende Offiziere,„die Empörer haben ſich hierher gewendet.“ „Das Haus beſitzt noch einen hintern Ausgang“, übertönte Holk's Stimme den furchtbaren Tumult.„Dort hinaus, Ihr Herren, jeder zu ſeinem Regiment, und Tod den Verräthern und Papiſten! ſei die Loſung. Graf“, kehrte er ſich zu Solms,„erinnern Sie ſich un ſerer für den jetzt eingetretenen Fall getroffenen Verab. redung.“ Ein Offizier hatte ſich zu Ortleburg Bahn chihen „Herr Graf“, berichtete derſelbe in fliegender Eile, „Alles iſt verloren! Die beiden nach dem Hauſe der Gräfin Caraccioli entſendeten Compagnien haben ſich auf dem Marktplatz empört und auf ihre Offiziere Feuer gegeben. Der Oberſt Thierſtädt iſt von ſeinen eigenen Leuten erſchoſſen worden.“ Ortleburg ſchlug ſich mit der geballten Fauſt vor die Stirn. Der Saal hatte ſich völlig geleert, nur Holk und der zuletzt gekommene Offizier waren bei dem Ver⸗ zweifelnden zurückgeblieben. Unter den Fenſtern des Saals hin ſah man eine Abtheilung Musketiere im vollen Lauf auf das Haus zuſtürmen, Gewehrkolben wurden in dem Vorflur deſſel⸗ ben aufgeſtoßen.„Schnell herein, beſetzt die Thür!“ ver⸗ nahm man die Befehle des Anführers.„Gott Lob! wir ſind den Schelmen noch zuvorgekommen Ha, da ſind ſie ſchon! Gebt Feuer auf die Hunde!“ Schüſſe knallten, ein wüthendes Geſchrei erſchallte von dem Ausgang der Straße. „Teufel! Hauptmann Pitter“, lachte Holk unter der von ihm aufgeriſſenen Saalthür,„das nenne ich Hülfe zur rechten Zeit.— Halt, Herr Graf!“ hielt er Ortle⸗ 27 burg, welcher, von einer plötzlichen Idee erfaßt, die Thür gewinnen wollte, am Arme zurück.„Wir beide bleiben für heute unzertrennlich beiſammen. Hauptmann Pitter, vier Mann zu meiner und des Herrn Grafen Bedeckung, und Sie behaupten dieſen Eingang, bis wir die Hinter⸗ pforte gewonnen haben. Fort, Graf, hier iſt unſeres Bleibens nicht länger.“ Letzterer ſah ſich trotz ſeines wüthenden Sträubens von dem Oberſten nach dem hin⸗ tern Ausgang mit fortgeriſſen. „Donnerwetter, Graf“, hörte man Holk ſchon aus der Ferne,„mit Güte oder mit Gewalt, ich laſſe Sie nicht. Angefaßt, Leute! Weiß Gott! Sie werden mir den heutigen Freundſchaftsdienſt noch Dank wiſſen. Der erſte Schritt da hinaus würde ja über Ihre Gemein⸗ ſchaft mit den Empörern keinen Zweifel laſſen.“ zweites Kapitel. Chriſtian hatte ſich gegen die Caraccioli vorgebeugt und ſeine glühenden Blicke ſuchten in deren Augen zu leſen. Letztere ſaß halb abgewendet ihm gegenüber, ihre Hand ruhte in ſeinen beiden. Die in koſtbaren Vaſen aufge⸗ ſtellten Blumen, welche das mit verſchwenderiſchem Luxus ausgeſtattete kleine Gemach mit ihrem Duft erfüllten, und eine in dem Schooß der Gräfin ruhende weibliche Arbeit kennzeichneten daſſelbe als das innerſte, verſchwiegene Cloſet der Dame, wohin nur den Vertrauteſten der Zu⸗ tritt geſtattet ſein mochte. Durch die geöffnete Seiten⸗ thür erblickte man in dem anſtoßenden Speiſeſaal die von dem aufgehobenen Mittagsmahl noch mit den benutzten Couverts und reichem Silbergeſchirr bedeckte Tafel. Der Tag kämpfte draußen noch mit der Dunkelheit, die vor dem einen nur vorhandenen Fenſter niedergelaſſenen dunklen ſeidenen Vorhänge wehrten hier jedoch dem Tageslichte den Zutritt und die Kerzen zweier auf dem 29 Kaminſims ſtehenden ſilbernen Armleuchter ſpiegelten ſich in den die Ecken des Zimmers ausfüllenden Spiegeln von venetianiſchem Glaſe. Das röthlich flackernde Licht des trotz der Schwüle des Sommerabends in dem Ka⸗ min lodernden Feuers ſpielte mit ſeinem unſtät wechſeln⸗ den Refler über den unfern deſſelben ſitzenden beiden ju⸗ gendlichen Geſtalten und ließ die in breiten goldenen Rahmen die Wände ſchmückenden Gemälde bald wie unter der hellſten Tagesbeleuchtung hervortreten, bald wieder in eine halbe Dämmerung zurückſinken. Eben durch die letztern wurde übrigens dieſer prun⸗ kenden Häuslichkeit ein ganz eigenthümlicher Charakter aufgeprägt. Alle dieſe Gemälde gehörten den Meiſter⸗ werken der üppigen venetianiſchen Schule an. Obgleich der Gegenſtund der Darſtellung derſelben durchgän⸗ gig dem katholiſchen Cultus entnommen war, überwog bei ihnen doch das glühende Colorit der Farben und die plaſtiſche Schönheit der auf ihnen ausgeprägten Formen viel zu ſehr, um über den erſten rein ſinnlichen Eindruck noch den religiöſen Vorwurf zu irgend einer durchgrei⸗ fenden Wirkung gelangen zu laſſen. Derſelbe ſelt⸗ ſame Contraſt von Religioſität, wo nicht Bigotterie und dem raffinirteſten Lebensgenuß fand ſich freilich auch ſonſt in der Ausſchmückung des Zimmers vertreten. Dem Betpult in der einen Ecke mit dem ſelbſt bei der 30 augenblicklichen unzulänglichen Beleuchtung als ein Mei⸗ ſterwerk der Schnitzkunſt ſich darſtellenden elfenbeinernen Chriſtusbilde darüber ſtund in der anvern entgegengeſetzten Ecke ein koſtbarer Toilettentiſch mit einem aus einer Stahlplatte geformten Stellſpiegel gegenüber. Dem Weih⸗ waſſerfäßchen am Eingange, mit den Palmenzweigen da⸗ hinter, hingen eine italieniſche Laute und eine der ſchwarzen Halbmasken, wie ſie die vornehmen Damen in Italien zu ihren galanten Abenteuern zu tragen pflegten, faſt zur Seite. Fächer, Handſchuh, künſtliche und natürliche Blumen lagen bunt über die umherſtehenden Seſſel und alle Geräthe verſtreut. Sicher, daß bei aller Pracht und Verſchwendung nur eine Italienerin ſich in einem eine ſo fremdartige Zuſammenſtellung bietenden Raume hei⸗ miſch zu finden vermochte. Einem gereiften Manne wür⸗ den indeß gerade die Eigenheiten dieſes Zimmers einen tiefen Blick in den glühenden und leidenſchaftlichen Cha⸗ rakter ſeiner Eignerin, wie einen ſchwerlich fehlgreifenden Schluß auf deren Vergangenheit gewährt haben. „Sie ſchweigen, Olympia“, nahm der Herzog mit tiefſter Innigkeit das Wort.„So vermag denn nichts, gar nichts Sie von meiner glühenden Leidenſchaft zu überzeugen? Wie oft ſoll ich es Ihnen verſichern, was gelten mir die Welt, was der äußere Glanz und Schim⸗ mer! Ich verlange ja nichts als Ihre Liebe Einſt, ja N 31 einſt ſchmeichelte es meinem Ehrgeiz, den Ruhm kühner Waffenthaten an meinen Namen zu knüpfen, doch ſeit ich Sie geſehen, wie fern liegt jene Zeit hinter mir! Wo wäre die Gefahr, der ich für den einen beſeligenden Gedanken, Sie zu beſitzen, nicht trotzen würde! Alle meine frühern Wünſche, alle Zwecke meines Lebens ſind in dieſen einen Wunſch aufgegangen. Und doch— o, ich beſitze dieſe Kraft, durch welche ich mich, faſt ein Knabe noch, zu meiner jetzigen Stellung aufgeſchwungen habe, auch heute noch. Können Ruhm, Macht Sie in meine Arme führen, ein Wort von Ihnen, Olhmpia, und kein Ziel ſoll mir unerreichbar ſein. Nur ſeien Sie mein! O ſprechen Sie endlich dies kleine Wort, dies Wort, dem all meine Pulſe verlangend entgegenſchla⸗ gen, das mich zu dem Gipfel des Glücks erheben würde. Sprechen Sie: Ich liebe Dich!“ „Ach, all ihr Heiligen, ſie ſchießen ſchon wieder“, ſtürzte unter Wehklagen und Händeringen die Duenna in das Zimmer.„Die Geſchichte von geſtern geht von neuem los. Da, da ſchon wieder! Heiliger Antonio von Padua, heilige Gertrud, was beginnen? Und nicht mal einer von den Mannsleuten iſt bei uns zur Stelle! Gnädigſter Herr Herzog, ach, ſchützen Sie uns doch! Ah!“ Eine ſchon ganz nahe krachende Salve und ein die⸗ ſelbe begleitendes furchtbares Geſchrei hatte die Alte im maßloſen Schrecken die Hände vor das Geſicht ſchlagen laſſen.„Gehe nicht“, verſuchte Olympia ihren Ge⸗ liebten zurückzuhalten.„Allmächtiger! mir ahnt ein Un⸗ glück. Wenn dieſe Meuterer ihre mörderiſchen Feuer⸗ röhre auf Dich anſchlagen ſollten! O heilige Jungfrau! Chriſtian, ich bitte, ich beſchwöre Dich, gehe nicht, bleibe bei mir!“ „Ha, das ſollen die Elenden mir büßen“, knirſchte der Herzog mit den Zähnen.„Theuerſte Olympia, welche thörichte Beſorgniß! Die Seligkeit, von Dir geliebt zu werden, läßt der Gefahr heute keine Gewalt über mich. Es droht ja aber auch nicht die geringſte Gefahr. Schon mein bloßes Erſcheinen wird genügen, die Ruhe wieder⸗ herzuſtellen.“ „Du bauſt auf Ortleburg“ rief die Gräfin in be⸗ bender Angſt,„ihm haſt Du die Sicherheit der Stadt übertragen. O traue nicht auf ihn!“ Der donnernde Aufſchlag eines en carriére die Straße herabſprengenden Reitertrupps und verwirrte Rufe vor der Thür des Hauſes verſchlangen den Reſt ihrer Warnung. Raſcher Sporentritt klirrte die Stiege herauf. Ein junger Offizier erſchien in Begleitung des uns ſchon als Gegner Punker's bekannten alten Wacht⸗ meiſters unter der Thür des Zimmers. „Durchlaucht“ berichtete der erſtere,„der Aufſtand 33 iſt von neuem ausgebrochen. So weit Nachrichten ein⸗ gegangen ſind, haben ſich die Regimenter Ortleburg, Negro und Thierſtädt unter dem Feldruf: Für die Liga und den Kaiſer!“ empört. Bereits hat der Kampf ſich bis auf den Marktplatz fortgepflanzt. Als Dero Ad⸗ jutant habe ich mich unter ſo gefahrdrohenden Umſtän⸗ den mit den in der Eile zuſammengerafften Leuten der Leibwache Ew. Durchlaucht zur Verfügung ſtellen zu müſſen geglaubt.“ Der Herzog hatte bei Erwähnung des Abfalls der genannten Regimenter nur ein grimmiges„Ha!“ ausge⸗ ſtoßen. Seine Augen flammten, jede Sehne ſeines Kör⸗ pers erſchien geſpannt, ſeine Geſtalt ſelbſt höher aufge⸗ richtet, eine ſtolze Zuverſicht und der Ausdruck einer ei⸗ ſernen Entſchloſſenheit lagen in ſeinen Zügen ausgeſpro⸗ chen. Der liebeſieche Knabe von vorhin und die helden⸗ hafte Erſcheinung des kühnen, der dräuenden Gefahr mit bewußter kalter Ueberlegenheit die Stirn bietenden jungen Mannes boten kaum noch eine entfernte Aehnlichkeit mit einander. „Verrath! O ich ahnte es wohl“ jammerte Olym⸗ pia.„Gehe nicht, mein Geliebter!“ Die Duenna ließ, vor dem Betpult niedergeworfen, in maßloſer Angſt die Ku⸗ geln ihres Roſenkranzes durch die Finger gleiten. Schuß um Schuß, untermiſcht mit wüthendem Geſchrei und dem Pflug, Geglänzt und erloſchen. Il. 3 Gekrach ganzer Salven, hallte von dem Marktplatz her⸗ über. Noch unter der letzten flehentlichen Bitte der Gräfin war der Jeſuit in das Zimmer getreten. Seine unſtät blickenden Augen und die Bläſſe ſeines Geſichts verriethen zu deutlich die ängſtliche Spannung ſeines Innern, als daß die Ruhe, in welche er mit dem ganzen Aufgebot ſeines Willens ſeine Züge zu zwingen verſuchte, darüber zu täuſchen vermocht hätte. „Das Weib eines Soldaten muß der Gefahr zu trotzen wiſſen“ flüſterte Chriſtian, zum Ohre ſeiner Ge⸗ liebten geneigt.„Laß mich“, drängte er ſie ſanft von ſich zurück.„Du ſelber würdeſt mich verachten müſſen, wofern ich hier auch nur noch einen Moment zögern wollte. Wo iſt Georg? Wochtmeiſter, Ihr bleibt dem Cornet mit vier Mann zur Bewachung dieſes Hauſes—“ Der Donner einer ſchweren Karthaune ließ den Her⸗ zog den ertheilten Befehl nicht beenden. „Was war das?“ Mit raſchem Griff hatte er den Vorhang vor dem Fenſter zur Seite geriſſen und ſchaute mit ſtarrem Blick auf die Straße, welche an ihrein obern Ausgang noch einen Theil des Marktplatzes in den Ge⸗ ſichtskreis treten ließ. Ein verwirrtes Getümmel wogte dort auf und nieder. 5 „Die Rebellen haben ſich des vor dem Stadthauſe N 35 aufgefahrenen Geſchützes bemächtigt. Zu Pferde, Ihr Herren! Lebe wohl, Geliebte!“ „Gehe nicht!“ fiel ihm Olympia ganz außer ſich in den Arm. „Was thut ſie!“ murrte der Jeſuit.„Auf den Tod des Herzogs bleibt nach dem Scheitern des ganzen Plans noch meine einzige Hoffnung begründet.— Gnädige Gräfin, beſinnen Sie ſich doch“, verſuchte er ſie mit ſanf⸗ ter Gewalt zurückzuhalten und durch ſeinen Einſpruch wieder zu ſich ſelbſt zurückzuführen.„Die Gefahr iſt auf das Höchſte geſtiegen und der Herr Herzog darf in einem ſolchen Moment an der Spitze ſeiner Truppen nicht feh⸗ len. Der Graf Ortleburg iſt von den aufſtändiſchen Ober⸗ ſten gefangen geſetzt worden, ſeine Regimenter kämpfen um ſeine Befreiung. Die ganze Armee ſoll den Dänen zugeführt werden.“ In der Erregung des Moments waren die letzten Bemerkungen wohl kaum zu Chriſtian's Ohr gedrungen. Mit dem Rufe:„Pater, ich überlaſſe die Gräfin Ihrer Obhut!“ ſtürzte er aus dem Zimmer. „Bleib! Gehe nicht!“ ſtrebte die Gräfin ſich aus den ſie umſchlingenden Armen des Jeſuiten zu befreien. „Dir droht Verrath, der Tod!“ Halbohnmächtig ſank ſie zurück. Das Anſprengen der Pferde ließ ſie erneut ſich em⸗ —— porraffen. Mit beiden Händen an das Fenſterbret ge⸗ klammert, verfolgte ſie die Davonſtürmenden mit ihren Blicken. Der hinter ihr zum Fenſter getretene Jeſuit beobachtete mit geſpannteſter Aufmerkſamkeit jede Ver⸗ änderung in ihren Zügen. 3 „Ein Glück“, murmelte er,„daß hoffentlich nun doch noch der Tod dieſes Ketzers wenigſtens den Haupt⸗ theil meiner Aufgabe erfüllt. Es ſtand alſo um deren vollſtändige Löſung noch weit ſchlimmer, als ich irgend geahnt habe. Wer hätte freilich bei dieſem Weibe noch die Möglichkeit einer ernſten und wirklichen Liebe vor⸗ ausſetzen ſollen!“ „Daß Dich der Donner und Hagel erſchlage!“ brummte der noch unſchlüſſig unter der Thür verhar⸗ rende alte Reiter.„Was denkt der Herzog, mir bei einer ſolchen Gelegenheit die Sorge für all dies ver⸗ dammte Weiberpack aufzubürden! Aber hollah, das wäre!“ Von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, durcheilte er raſchen Schritts den Speiſeſaal und die übrigen Ge⸗ mächer bis zum Treppenflur.„Hoho! Der Chriſtian hat die für mich beſtimmten vier Mann nicht zurückge⸗ laſſen, ſein ohnehin gegen mich nur halb ausgeſprochener Befehl iſt von ihm alſo zurückgenommen worden. Mord und Tod! So mag dieſe italieniſche Brut ſich allein be⸗ hüten. Ohnehin wird ja auch wohl der Cornet noch um 37 die Wege ſein. Schade eigentlich um den wackern Jun⸗ gen! Zu Pferde denn! Der Jakob Veltheim aus Eſch⸗ wege iſt ſein Leben lang zu wenig ein Weiberknecht ge⸗ weſen, um in ſeinen alten Tagen ſeine Natur verleugnen zu ſollen.“ „Heilige Jungfrau! er ſtürzt, ſie haben ihn ermor⸗ det. O, ich ahnte es wohl!“ Der Herzog und ſeine Begleitung waren beim Hin⸗ ausſprengen auf den freien Platz von einem wüthenden Feuer empfangen worden. Mehrere reiterloſe Pferde flo⸗ gen in raſender Carridre unter dem Fenſter vorüber. Staub und Pulverdampf hüllten die Scene auf dem Markt zu dicht in ihren Schleier, um mehr als hin und wieder einzelne, ſchattenhaft darin auftauchende Geſtalten unterſcheiden zu können. Der dem Herzoge nachſtürmende alte Reiter lenkte die Aufmerkſamkeit des Jeſuiten auf die Sorge um ihre perſönliche Sicherheit. Er beeilte ſich, unter ſeiner per⸗ ſönlichen Aufſicht von der hierzu aufgebotenen Diener⸗ ſchaft die Hausthür und die Fenſter des Erdgeſchoſſes ſchließen zu laſſen. Die kaltblütige und umſichtige Thä⸗ tigkeit des Mannes blieb zu bewundern. Von dem Un⸗ terſtock flog er in ſein Zimmer, um für alle Fälle ſeine wichtigſten Papiere an ſich zu nehmen. Mit Unterſtützung Julia's, welche allein nothdürftig ihre Beſonnenheit ſich bewahrt hatte, wurden die werthvollſten Pretioſen der Gräfin in deren hierzu von erſterer herbeigeholten Scha⸗ tulle geborgen. Ein Gedanke war unter dieſer Beſchäftigung dem Pater aufgeſtiegen„In der That“, murmelte er,„irgend ein böſer Zufall könnte wollen, daß— beſſer iſt es jeden⸗ falls, wenn dieſe Papiere nicht bei mir gefunden wer⸗ den. Wenn ich ſie vorläufig mit in die Schatulle legte, ſo— ja, gewiß, das erſcheint mir das Beſte. Es ſteht ja bei mir, dieſelben nach beſeitigter Gefahr wieder an mich zu nehmen.“ Er hatte einen unbeobachteten Mo⸗ ment benutzt, mehrere aus der Bruſttaſche ſeines langen ſchwarzen Rocks genommene Paquete Briefe und Pa⸗ piere dem Inhalt der Caſſette beizufügen. „Das ſind meine eigenen Briefſchaften und hier die Olympia betreffenden Papiere So iſt am Ende von mir allen Möglichkeiten vorgebeugt worden.“ Er klappte den Deckel zu und ſteckte den Schlüſſel zu ſich.„Für den Fall einer Flucht mag Julia die Schatulle an ſich nehmen, ſonſt bleibt dieſelbe unter meiner Obhut.“ Ein auf dem Marktplatz ausbrechendes entſetzliches Triumphgeheul und ein heftiges Pochen an der Hausthür trafen mit dieſer Handlung noch faſt zuſammen.„Halloh, aufgemacht!“ rief eine einzelne Stimme. „Es iſt der Cornet!“ Julia hatte, um ſich zu über⸗ X 39 zeugen, das Fenſter aufgeriſſen, doch im gleichen Moment knallten von der Straße zwei, drei Feuerröhre zugleich. „Zurück vom Fenſter!“ Die Warnung und das Zu⸗ ſpringen des Jeſuiten erfolgten zu ſpät; das Mädchen, von einer Kugel in die Stirn getroffen, drehte ſich um ſich ſelbſt und ſtürzte hintenüber. „Fort!“ drängte der Pater, ohne auf die in den letzten convulſiviſchen Zuckungen am Boden Ausgeſtreckte mehr als einen einzigen flüchtigen Blick zu werfen,„hier iſt nicht mehr zu helfen. Fort! Marietta, nehmen Sie die Schatulle an ſich. Ermannen Sie ſich, Olympia, ſtützen Sie ſich auf mich. Schnell, ſchnell! Wir ſind ver⸗ loren, wofern es uns nicht gelingt, vor dem Einbrechen des Geſindels in das Haus noch durch die Hinterthür die Wohnung des Grafen Ortleburg zu gewinnen.“ Der Schrecken hatte die beiden Frauen von dem Betpult, vor welchem ſie die letzte Viertelſtunde auf den Knieen gelegen, wieder auf die Füße getrieben, doch der jähe Tod der Zofe und ihr ſchrecklicher Anblick ſchienen der Gräfin vollends den Reſt ihrer Denkfähigkeit und den freien Gebrauch ihrer Glieder benommen zu haben. Nur mit der äußerſten Anſtrengung gelang es dem Je⸗ ſuiten, dieſelbe durch das dem Speiſeſaal gegenüber ge⸗ legene Schlafzimmer über eine Hintertreppe und einen daran ſtoßenden kleinen Hof mehr zu tragen, als mit ſich fortzuziehen. Um für das Oeffnen der Pforte freie Hand zu gewinnen, hatte der Pater hier jedoch ſeine le⸗ bendige Laſt an die den Hofraum begrenzende Mauer lehnen müſſen. Der Schlüſſel drehte ſich im Schloſſe, der Weg ins Freie war gewonnen. Unter dem Einfluß der friſchen Luft war Olhmpia mittlerweile ſo weit zu ſich gekommen, um die Gefahr ihrer Lage dunkel ahnen zu können. Von den donnernden Schlägen, womit die wüthende Rotte im Rücken der Flüchtlinge die Eingangsthür zu ſprengen verſuchte, mit wahnfinnigem Entſetzen erfüllt, zwängte ſie ſich noch im Moment des Oeffnens ſelbſt an dem Jeſuiten vorbei und flog, von ihrer Angſt gejagt, die ſich hinter der Mauer fortziehende Gaſſe hinunter. „Halt! Ach Du mein Jeſus, ich kann doch meine Erſparniſſe nicht im Stich laſſen!“ Ueber dem ihr plötz⸗ lich aufgeſtiegenen Gedanken an den ihr drohenden Ver⸗ luſt jede Gefahr vergeſſend, war Marietta wie blind und toll im gleichen Augenblick in das Haus zurückgeſtürzt Das Krachen der endlich geſprengten Thüt und das Ge⸗ brüll der in die innern Räume einbrechenden Plünderer trafen damit faſt zuſammen. Der Jeſuit ſah nur noch die Duenna von ein paar grimmigen Kerlen niederreißen. Auch die ſeine Correſpondenz mit dem liguiſtiſchen Lager vermittelnde alte Zigeunerin glaubte er einen Moment 41 in dem Gewühl zu unterſcheiden; zugleich aber ſchlug eine Kugel hart über ſeinem Haupte in die Pfoſte der Hinterpforte. Nur die ſchleunigſte Flucht vermochte ihn zu retten. Die Verfolger auf den Ferſen, ſchlug er eine Richtung ein, die der von der Gräfin genommenen ge⸗ rade entgegengeſetzt war. Drittes Kapitel. Georg war von dem Ausbruch des Aufſtandes in dem Trinkhauſe überraſcht worden, in welchem er einige Abende zuvor mit Punker Bekanntſchaft gemacht hatte und zu deſſen eifrigſten Veſuchern die Beiden ſeitdem zählten. Ein wüſter Tag lag hinter dem jungen Manne. In der Abſicht, ſich für die ſich vorbereitenden wichtigen Er⸗ eigniſſe ſeiner ſchnell wieder zu entledigen, war ihm don ſeinem neugewonnenen Freunde nach jener aufregenden Scene im Vorzimmer der Gräfin Caraccioli ſo ſcharf zugetrunken worden, daß lange vor Mittag ſchon ein ſchwerer Rauſch ſeine Sinne umnebelt hielt. Auch jetzt, nachdem ihn die Magd aus dem dem Tode ähnlichen Schlaf, in welchem er ſeit Stunden auf der Ofenbank gelegen, aufgerüttelt hatte, fehlte noch viel, daß er ſich ſeiner Umgebung und der Vorgänge draußen irgendwie deutlich bewußt geworden wäre. Er entſann ſich dunkel, erſt mit Punker allein, dann N 43 mit Andern getrunken und gewürfelt zu haben. Auch eine alte Zigeunerin und ein dem erſtern gegebenes Ver⸗ ſprechen tauchten verworren und unbeſtimmt in ſeiner Er⸗ innerung auf, doch ob die Beiden, dieſer und jene, und warum ſie ſo wüthend mit einander geſtritten hatten und worin eigentlich die von ihm gegebene Zuſage beſtand, darauf vermochte er ſich trotz aller Anſtrengung ſeines Gedächtniſſes durchaus nicht zu beſinnen. Nur die Ein⸗ drücke und Bezeichnungen von allerhand Hexen⸗ und Zau⸗ berwerk, ob nur aus der Erzählung oder einem wirkli⸗ chen Erlebniß, wußte er wieder nicht zu beſtimmen, tanz ten einen tollen Reigen in ſeinem Hirne. Dieſelben wirk⸗ ten jedoch noch ſo mächtig nach, um ſeinen Ideenkreis hiermit völlig abzuſchließen. „Der Schlüſſel Salomis, die Tafel der Lamalla“, prummte er zwiſchen den Zähnen.„Nein, nicht doch, es hieß anders— Palaba— nein, auch ſo nicht— Kabbala. Ja, ſo war's— ho! und ein Tropfen Blut nur, der Liebesſegen— feſt gegen Hieb und Stich— Moos von einem Todtenſchädel— der Finger eines Gehängten.“ „Um Gottes und aller Heiligen willen! Herr Cor⸗ net, hören Sie denn nicht?“ ſchüttelte ihn das Mädchen von neuem.„Der Aufſtand iſt wieder losgebrochen. Die ganze Stadt ſteht in Feuer.“ Flammenſchein leuchtete in der That durch die Fen⸗ — ——— 44 „ ſter, ein unregelmäßiges Gewehrfeuer, Trommelwirbel, der Ruf der Trompete und wilder Kampfesruf tobten bald näher, bald ferner. „Was gibt's? Ich halte mit! Hohoho!“ Der ver⸗ gebliche Verſuch, ſich von ſeinem Sitze zu erheben, reizte ſeine Lachluſt bis zur Ausgelaſſenheit. „Herr Cornet, ermuntern Sie ſich doch. Ach, Du allbarmherziger Jeſus!“ Eine Salve krachte faſt vor den Fenſtern des Zim⸗ mers; die Scheiben klirrten. Der Cornet ſtand mit einem Schlage ernüchtert auf ſeinen Füßen. Er ſprach kein Wort, nur die Bläſſe ſei⸗ ner Wangen bekundete ſeine Beſtürzung. Den Hut ſich auf den Kopf ſtülpend, ſtürzte er, ohne ſich nur die Zeit zu nehmen, den Degen ins Wehrgehenk zu werfen, aus dem Zimmer. Man hörte die verſchloſſene Hausthür un⸗ ter ſeinen wüthenden Anſtrengungen dröhnen. Gleich darauf erſchien er jedoch wieder in dem Gemach, die Fenſter klirrten, der Laden ward von ihm aufgeſtoßen, ein Sprung, und er befand ſich auf der Straße. Vorwärts ſtürmte er mitten durch die Kämpfenden beider Parteien. Ein Wunder ſchien den jungen Mann unter dem ihn umſauſenden Kugelregen, unter all dieſen geſchwungenen Waffen unverletzt zu erhalten. Vorüber an dem in lichten Flammen ſtehenden Stadthauſe flog X 45 er über den Markt. Schwarzer Qualm wirbelte ihm auch aus dem Hauſe der Gräfin entgegen, bereits züngelten die Flammen aus den Fenſtern des Oberſtocks. Geſindel. mit Beute beladen oder noch im Plündern begriffen, ſtürmte ihm auf der Treppe entgegen und trieb in den innern Räumen durcheinander. Er hörte weder das Ge⸗ ſchrei, noch achtete er auf den Spott des ſcheußlichen Gelichters. „Donnerwetter! Menſch, habt Ihr zwei Leben zu verlieren?“ verſuchte einer der Plünderer ihn in ſeinem eiligen Lauf aufzuhalten.„Zurück! Dieſe mordbrenneriſchen Hunde haben hier für mich und Euch nichts mehr übrig gelaſſen“ Ein dichter, den Athem benehmender Qualm füllte den Speiſeſaal, ein Glutmeer wogte dahinter in dem Cloſet Olympia's. Georg ſtieß den Mann zurück und ſtürzte durch Rauch und Flammen. Ein völlig nackt ausgezogener Leichnam lag in dieſem letzten Gemach am Boden ausgeſtreckt, er griff die Todte auf, doch nur um ſie mit dem Schreckensruf:„Julia! Herr im Himmel! Und die Gräfin?“ wieder aus ſeinen Armen gleiten zu laſſen. Mit drei Sprüngen befand er ſich unten in dem kleinen Hofe. Seine Kleider glimmten, ſein Haar war ihm verſengt, Brandwunden bedeckten ihm Geſicht und Hände, er achtete nicht darauf. Seine Blicke ſpähten die 46 hinter der Mauer ſich hinziehende Gaſſe auf. und abwärts. Da, beinahe am Ausgang derſelben, entdeckte er bei den mit dem Zuſammenbruch der Decke jetzt grell aus allen Oeffnungen des Gebäudes aufſchlagenden Flam⸗ men eine in einem dunklen Thorweg zuſammengeſunkene weibliche Geſtalt. Es war die Gräfin. Mit einem Freudenſchrei griff er die Bewußtloſe auf, indeß auf die erſten fünfzig Schritte ſchon ſah er ſich mitten in einem aus dem zu ihren Ungunſten ausgeſchlagenen Kampfe auf dem Markt⸗ platz hierher verſprengten Haufen der Aufſtändiſchen. „Mord und Tod!“ brüllte einer der Kerle,„es iſt die italieniſche Hexe, welche es unſerm Grafen und dem Herzoge angethan hat. Ich erkenne ſie. Schlagt das Weibsbild zu Boden! Haltet Sie auf! Sie iſt an allem ſchuld!“ Mit einem Fauſtſchlag ſtreckte Georg den Nächſten zu Boden, dann eilte er die Gaſſe zurück, doch die Verfolger hefteten ſich an ſeine Ferſen.„Mordio! Haltet auf!“ lärmte es hinter, neben ihm.„Es iſt das italie niſche Weibsbild, das unſern Herzog verhext hat⸗ Schlagt ſie todt!“ Er ftürzte ſich, um der ihn verfolgenden Meute zu entrinnen, in das den Markt erfüllende Getümmel. Doch Feind und Freund ſchienen ſich auf den Ruf: „Die Italienerin!“ zu ſeiner Verfolgung vereinigt zu N 47 haben. Ein hinter ihm herſtürmender Reiter brannte ihm ſeine Piſtole faſt am Ohre ab. Ein noch geordneter Trupp Reiter hielt vor einem Hauſe. Mit einer letzten Anſtren⸗ gung ſtürzte er auf denſelben zu.„Im Namen des Her⸗ zogs“, keuchte er,„rettet! helft!“ Seine Kräfte waren erſchöpft, inmitten der auf dieſen Zuruf herzuſprengen⸗ den Reiter brach er bewußtlos zuſammen. Als er erwachte, fand er ſich auf einem weichen Ruhe⸗ bett ausgeſtreckt, bekannte Stimmen ſchlugen an ſein Ohr. „Ach Du grundgütiger Herrgott!“ ſchluchzte die eine,„der arme Menſch! Und wie er ausſieht! Aber nicht wahr, gnädige Gräfin, ſein Herz ſchlägt doch noch und er wird leben bleiben? Ach, wenn er ſterben ſollte, ich könnte ja mein Lebtag nicht wieder ruhig werden. Denn am Ende habe ich mich doch nur getäuſcht und das freche Geſchöpf, die Italienerin, hat ſich gerühmt, wozu ſie kein Recht hatte. Wenn ich doch nur auf ihn gehört hätte! Wer ſeinem Herrn ſo die Treue hält, der wird ſie auch ſeinem Mädchen nicht brechen.“ „Johanna! Es iſt Johanna“, murmelte der junge Mann.„Aber wo bin ich denn hier und was iſt ge⸗ ſchehen?“ „Hier, gnädige Gräfin, iſt die Compreſſe“ ließ ſich die vorige Stimme von neuem vernehmen. „Die gute Gräfin Agnes!“ Der junge Mann ver⸗ ſuchte ſich erſtaunt und überraſcht von ſeinem Lager aufzurichten.* „Er lebt!“ jauchzte Johanna.„Er ſchlägt die Au⸗ gen auf! O, nun wird noch Alles gut werden! Liege ſtill, rühre Dich nicht!“ Sie verſuchte ſeinen Kopf wieder auf die Kiſſen niederzudrücken, wobei ſein Mund ihre Hand ſtreifte Alles um ſich her vergeſſend, beugte ſie ſich nie⸗ der zu ihm, um einen heißen Kuß auf ſeine Stirn zu drücken. Große Thränen perlten aus den Augen des Mädchens. „Bewegen Sie ſich noch nicht, Georg“, empfahl auch die Gräfin.„Die Kugel hat zum Glück nur Ihre Stirn geſtreift. Einige Stunden Ruhe werden Sie völlig wiederherſtellen.“ „Und die italieniſche Gräfin?“ Die Erinnerung war dem jungen Manne zurückgekehrt, er kämpfte mit ſeiner Schwäche, ſich vollends zu erheben. „Es iſt für Sie aufs beſte geſorgt worden.“ „Dank, gnädige Gräfin“, murmelte Georg.„O, Sie ſind ein Engel.“ „Aber ſo lege Dich doch wieder nieder“, ſtrebte Johanna ihn zurückzuhalten.„Was Deine italieniſche Gräfin betrifft, ſo ſorge Dich nicht. Die Beſinnung iſt ihr bereits zurückgekehrt. Wo willſt Du hin? Bleibe doch, bleib.“ N 49 „Bleiben Sie, Georg“, ſtimmte ihr die Gräfin bei. „Er wäre unverantwortlich, Sie in dieſem Zuſtande ſich entfernen zu laſſen.“ „Gnädige Gräfin“, beharrte der junge Mann bei ſeinem Willen,„ich fühle mich Dank Ihrer gütigen Sorgfalt wieder völlig gekräftigt. Der Kampf dauert noch an, und jetzt, wo ich die meiner Obhut Anvertraute vor jeder fernern Gefahr geſichert weiß, ruft mich die Pflicht an die Seite des Herzogs. Auch muß ich ihm über das Vorgefallene Bericht erſtatten.“ Sein hartnäckiges Begehren, ſich zu entfernen, hatte den leicht erregbaren Verdacht Johanna's wieder wach gerufen.„O gnädige Gräfin“, griff ſie, von ihrem hef⸗ tigen Naturell fortgeriſſen, deren Entſcheidung zuvor,„laſ⸗ ſen Sie ihn doch immerhin ſeinen Willen husführen. Wer weiß, welche neue liebenswürdige Ueberraſchung der Herr uns noch zu bereiten gedenkt. Zu der Herrin, welche er ſo freundlich geweſen iſt uns zuzuführen, fehlt noch die Zofe. Vielleicht, daß er den geſammten Hof⸗ halt dieſer angeblichen Gräfin bei uns zu verſammeln beabſichtigt.“ „Johanna!“ rief die Gräfin im verweiſenden Tone. „Die Du meinſt“, entgegnete Georg,„hat ein Flam⸗ mengrab in dem von der wüthenden Soldateska und wildem Raubgeſindel eingeäſcherten Hauſe der Fremden Pflug, Geglänzt und erloſchen. 11. 4 —— —— —— 50 gefunden; deren Hofhalt iſt zerſtreut, wo nicht von der wüſten Rotte bis zum letzten Diener erſchlagen. Kaum daß ich die Gräfin ſelbſt noch zu retten vermocht habe.“ „Was der Herr auch beſſer hätte unterlaſſen ſol⸗ len.“ Der bewegte Ton, in welchem der Cornet ge⸗ ſprochen, hatte Johanna's Eiferſucht vollends zur lichten Flamme aufſchlagen laſſen.„Todt— o, ich glaube das nicht. Wer einmal lügt, der—“ Ein Diener war in heftigſter Erregung ins Zim mer getreten. „Iſt ein Unglück geſchehen?“ fragte die Gräfin, durch das Unheil verkündende Geſicht des Mannes aufs höchſte erſchreckt.„Iſt mein Bruder todt oder ver⸗ wundet?“ „Unſer Herr Graf? O nein, gnädigſte Gräfin“, ſtot⸗ terte der Mann,„das heißt, ich weiß es nicht— aber“, beeilte er ſich hinzuzufügen,„Verwundete und Ver⸗ ſprengte haben an die Leute des von dem Herrn Gra⸗ fen zum Schutz unſeres Hauſes zurückgelaſſenen Reiter⸗ piquets berichtet, daß der Herr Herzog ſo eben von ei⸗ nem Mouchler erſchoſſen oder doch tödtlich verwundet worden ſei.“ „Allmächtiger!“ Die Gräfin war ihrer ſchnell her⸗ zuſpringenden Zofe bewußtlos in die Arme geſunken. „Der Herzog todt oder verwundet und ich nicht X * geſtürzt. 57 bei ihm!“ Ohne den eingetretenen Zwiſchenfall nur zu bemerken, war Georg aus dem Zimmer auf die Straße Im gleichen Moment, wo er im athemloſen Lauf in den Markt einbog, ſpaltete ein jäher Blitzſtrahl den vom Feuerſchein blutroth angeflammten dunklen Nacht⸗ himmel und ſtrömte ein wolkenbruchartiger Regen aus den allmälig über den ganzen Geſichtskreis ausgeſpann⸗ ten finſtern Wolken. Das ſchon lange in der Ferne grollende Wetter war plötzlich mit ganzer Gewalt über der Stadt losgebrochen. Viertes Kapitel. Das Schießen war beinahe ganz verſtummt; die allmälig aus den obern Quartieren der Stadt in die ſich zum Flußufer hinunter ziehenden Gaſſen und Gäßchen zurückgedrängten Aufſtändiſchen ſchienen Unterhandlun⸗ gen anknüpfen zu wollen. Aus allen Richtungen wirbelten die Trommeln und wurden zu Eingang des noch von denſelben beſetzt gehaltenen Stadttheils die weißen Tücher geſchwungen. Andererſeits waren die dem Herzoge treu gebliebenen Regimenter bis unmittelbar an die von jenen noch behauptete letzte Stellung herangerückt, und die von denſelben zurückeroberten Geſchütze ſtanden bereits auf die Ausgänge der nächſten Straßen gerichtet. Die fernere Be⸗ nutzung dieſer Stücke ſowohl wie der Feuerwaffen über⸗ haupt mußte bei alledem ſehr zweifelhaft erſcheinen. Der in Strömen niederrauſchende Regen hatte den die Bedienung der erſtern bewirkenden Conſtablern wie den Musketieren gleicherweiſe die Lunten gelöſcht. Verwirrung herrſchte hüben wie drüben. Kaum daß es unter dieſem entſetzli⸗ N 53 chen Unwetter den Führern noch gelingen wollte, die 3 demſelben ſchutzlos preisgegebenen Truppen in Reih und Glied zu erhalten. Einzelne Abtheilungen auch der Sieger hatten ſich ſogar bereits aufgelöſt und die Mannſchaften drängten ſich, zu Zweien und Dreien oder zu ganzen Trupps geſchaart, unter den aufgeſprengten Thorwegen der Häuſer oder in irgend einer vor dem Wetter mehr geſchützten Mauerecke zuſammen. Ein dichter, faſt un⸗ durchdringlicher Qualm von den durch den Regen nieder⸗ gehaltenen und ſchon halb erloſchenen Feuersbrünſten füllte dazu die Straßen und verlieh bei der durchaus unzurei- chenden Beleuchtung einiger weniger, von den Einwohnern auf das ſtürmiſche Verlangen der Kämpfenden hier und dort an die Fenſter geſtellten Lampen und Lichter dieſen ſchattenhaft und in verſchwimmenden Umriſſen bald aus dem tiefſten Dunkel hervortretenden, bald wieder in daſ⸗ ſelbe zurückſinkenden Scenen einen faſt geſpenſtiſchen Cha- rakter. Nur wenn gelegentlich aus den Brandſtätten noch eine einzelne hohe Feuergarbe aufflammte und weithin ihre Funkenſaat verſtreute, traten auf einen vereinzelten kurzen Moment die Vorgänge beſtimmter in die Erſchei⸗ nung, ohne daß dadurch jedoch dem Unſtäten und Ver⸗ worrenen der von derſelben gebotenen Bilder Eintrag gethan worden wäre; im Gegentheil, dieſe blitzähnlichen Streiflichter ſchienen mit ihrem Erlöſchen der hinter ihnen 54 aus allen Ecken und Winkeln zuſammenflutenden Finſter ⸗ niß nur noch eine erhöhte Macht zu gewähren, und der wüſte Lärm, das Schreien und Rufen, der Trommelwirbel von nah und fern ließen unter dem grellen Wechſel von blendender Tageshelle zu faſt völliger Dunkelheit dies wirre Durcheinander von Menſchen und Pferden, Dingen und Perſonen nicht anders erſcheinen, als ob die finſtern Mächte ſelbſt mit ihren dämoniſchen Schaaren ſich die unglückliche Stadt zu ihrem Tummelplatz erkoren hätten. Der Herzog hielt, umgeben von mehreren ſeiner Oberſten, darunter Holk, Ortleburg und Knyphauſen, in⸗ mitten dieſes Getümmels. Ein Tuch war um ſeine Stirn geſchlungen. Der aus einem benachbarten Fenſter fallende Lichtſchimmer geſtattete in ſeinem Antlitz den raſch wach⸗ ſenden Zorn zu unterſcheiden, womit er den Sprecher einiger mit abgezogenen Hüten und in ſtreng militäriſcher Haltung vor ihm ſtehenden Kriegsleute anhörte. „Kein Wort weiter!“ war er, ſeinem Pferde die Sporen eindrückend, daß es ſich hoch aufbäumte, dieſem in die Rede gefallen.„Nie werde ich mir von Empörern Bedingungen vorſchreiben laſſen. Sagt den Schelmen, die Euch an mich geſendet haben, das Leben ſoll ihnen bei ſofortiger Unterwerfung auf Gnade und Ungnade ge⸗ ſchenit ſein, doch mit dem erſten Schuß, der noch fällt, iſt auch dieſes verwirkt.“ 5 S * „Durchlauchtige Gnaden“, nahm ein alter bärtiger Kriegsmann das Wort an Stelle des in rathloſer Be⸗ ſtürzung dreinſchauenden Sprechers,„bedenkt, das Regi⸗ ment von Negro iſt eins Eurer älteſten und treueſten Regimenter und hat unter Dero Führung noch überall ſeine Pflicht und mehr als ſeine Pflicht erfüllt. Wir ſind irre geleitet worden, und Gott verdamme die Schur⸗ ken, welche heute aus unſern Reihen zuerſt den Feldruf für die Liga angeſtimmt haben. Weil wir unſer Ver⸗ ſchulden fühlen, verlangen wir ja aber auch nichts An⸗ deres, als was mit uns das ganze Heer verlangt. Die Botſchaft, welche uns Ew. Durchlaucht an unſere Kame⸗ raden aufgetragen haben, können wir denſelben nicht ausrichten. Unterwerfung auf Gnade und Ungnade hieße uns ſelber für ehrloſe Schelme erklären, und eher ſter⸗ ben mit den Waffen in der Hand, als einen ſolchen Schimpf über uns ergehen laſſen. Doch führen uns Ew. Durchlaucht gegen den Feind, und auf der gefährlichſten Stelle, ſei's zum Sturme, ſei's in offener Schlacht, wer⸗ den wir unſer Fehl zu ſühnen wiſſen. Durchlauchtiger Herr, gewähren Sie uns Verzeihung und Vergeſſenheit für das Geſchehene, ertheilen Sie den Befehl zum Auf⸗ bruch, und ſtatt noch tauſend Mann in dieſem nutzloſen Kampfe zu opfern, werden Sie ohne einen Tropfen Blut ſich drei tapfere Regimenter wiedergewonnen und die ganze Armee erneut zur alten Kraft und alten Treüe ver⸗ ſchmolzen haben.“ Ein beifälliges Gemurmel durchlief den um den Fürſten geſchloſſenen Kreis.„Mordieu! Kein Kanzler hätte weiſer ſprechen können“, brummte Holk laut ge⸗ nug, um von Chriſtian verſtanden zu werden. Der Herzog warf dem unberufenen Rathgeber einen ernſten Blick zu, doch ſtatt dadurch in gemeſſene Schranken zurückgewieſen zu werden, äußerte derſelbe zu Ortleburg: „Graf, Sie haben an meiner Seite Alles aufge⸗ boten, den Aufſtand niederzuwerfen, und damit jedenfalls bewieſen, wie wenig die Aufſtändiſchen auf Ihre Sym⸗ pathien zu zählen haben. Indeß Sie können doch nicht Ihr Regiment um dieſes vielleicht nur aus Mißverſtand hervorgegangenen Vergehens willen mit Stumpf und Stiel vertilgen laſſen wollen? Es iſt und bleibt Ihr Regiment und Sie ſind Ihrem Monarchen für daſſelbe verantwortlich. Sie können dem nicht ausweichen, zuerſt bei Sr. Durchlaucht für dieſe armen Teufel ein Fürwort einzulegen.“ Die ſo Ortleburg zugeſpielte Rolle bot in ihrer geſchickten Einkleidung für dieſen ſelbſt und die etwa von ihm ſpäter wegen der heutigen Vorfälle geforderte Ver⸗ antwortung einen zu augenſcheinlichen Vortheil, als daß er hätte zögern ſollen, ſie aufzugreifen. N 57 „Ew. Durchlaucht“ richtete er das Wort an den Herzog,„ſehen mich in Verzweiflung, daß bei den meinem Befehl untergegebenen Truppen, bei meinem eigenen Regiment ſogar ein ſo ſchmachvolles Beiſpiel ſtattha⸗ ben konnte. Die angeordnete Unterſuchung über dieſe unglücklichen Vorgänge wird jedoch zweifelsohne ergeben, daß nur irgend einem unheilvollen Ungefähr, einem mir ſelber noch nicht erklärlichen Mißverſtändniß die Schuld derſelben beigemeſſen werden kann. Die Anſtifter der Empörung mag die ſchwerſte Strafe treffen, doch die Menge bleibt ſicher nur als verführt zu erachten. Für dieſe erlaube ich mir die Gnade Ew. Durchlaucht an⸗ zurufen.“. Das dumpfe Murren und die finſtern Blicke der Abgeſandten ließen ihn noch im letzten Augenblick bemerken, do; er bei ſeiner Vermittlung ſeine eigenen Intereſſen viel zu effrig verfolgt hatte, um auch nach der andern Seire zu befriedigen.„Auch denken dieſe Leute jedenfalls nicht daran“, fügte er deshalb hinzu„Ew. Durchlaucht Bedinzungen vorſchreiben zu wollen. Das, was ſie er⸗ bitten, läuft im Weſentlichen doch nur auf ein Vergeben und Vergeſſen des Geſchehenen hinaus.“ Der Graf hatte ſich wiederum in dem angewendeten Beſchwichigungsmittel vergriffen.„Nein, nein“, ſchallte es aus den um die Gruppe der Führer zuſammenge⸗ Vi 58 ſtrömten Soldatenkreiſe.„Die Zuſicherung des Auf⸗ bruchs vor allem Andern!“ Die eigenen Kriegsleute hatten ſich zu Wortführern für die Aufſtändiſchen aufgeworfen, ein Beweis, wie ſehr dieſe mit der von jenen geſtellten Forderung den gemeinſamen Nerv der Stimmung des ganzen Heeres getroffen haben mußten. Der ſtolze Blick des Herzogs begegnete ebenſo vielen verlangend und drohend auf ihn gerichteten Blicken.„Ver⸗ geſſen des Geſchehenen“ warf er, langſam ſein Pferd umlenkend, leicht hin,„nun denn, Graf, es mag drum ſein. Den Aufbruch dagegen“, ſetzte er, zu der Menge gewendet, mit gehobener Stimme hinzu,„beſtimme ich allein. Vielleicht, daß ich dazu den Moment jetzt einge. treten meine, doch nur meiner Entſcheidung wird und muß dies vorbehalten bleiben.“ „Nun verlangt Ihr noch mehr?“ donnerte Helk auf die in ein erneutes Murren ausgebrochenen Soldeten ein.„Mord und Tod! Habt Ihr die halbe Zuſage Sr. Durchlaucht denn nicht gehört und verſtanden? Der Aufbruch iſt bei ihm beſchloſſen, ſonſt würde er e nicht gegeben haben. Hoch Herzog Chriſtian!“ „Zum Aufbruch! Das Heer bricht auf! Hoch unſer— Herzog!“ pflanzte der Jubelruf ſich bis zu den entfern⸗ teſten Schaaren fort. Die Trommeln ſchlugen den Fah— nenmarſch.„Friede, Friede! Alles vergeben und ver⸗ eee ———˖— 59 geſſen!“ Bereits hatten beide Theile ſich gemiſcht, ein allgemeiner Freudentaumel ſchien alle dieſe Hunderte und Tauſende ergriffen zu haben, die erneute Aufnahme des Kampfs war durch die mit einem Schlage bewirkte Ver⸗ änderung unmöglich. „Herr Oberſt, was unterſtehen Sie ſich!“ war der Herzog gegen Holk in flammender Entrüſtung aufgefah⸗ ren.„Bei Gott, das iſt zu arg. Durch dieſen Streich haben Sie alle Ihre geſtern und heute geleiſteten Dienſte verwirkt. Ein Kriegsgericht ſoll Ihnen das Urtheil ſprechen.“ „Nun denn“, entgegnete Holk, dem wider ihn ge⸗ richteten Zornausbruch eine eiſerne Ruhe entgegenſetzend. „was iſt es denn, das mir von Ew. Durchlaucht zur Laſt gelegt wird? Doch hochſtens nur, daß ich Dero eigenem Entſchluß zu früh das Wort geliehen habe. Oder habe ich darin etwa nicht das Richtige getrof⸗ fen, daß Ew. Durchlaucht den Aufbruch ſchon bei ſich beſchloſſen hatten? Meine Handlung mag voreilig ge weſen ſein, indeß durch dieſelbe iſt Ew. Durchlaucht jedenfalls erſt die volle Freiheit des Handelns gewahrt worden. Der Aufſtund iſt erloſchen und das Heer wieder in Dero Hand zurückgegeben.“ „Durchlaucht, hier bringe ich den Kerl“, ließ ſich noch unter den letzten Worten des Oberſten die Stimme 60 des alten Wachtmeiſters neben Chriſtian vernehmen, „deſſen mörderiſche Kugel es vorhin auf dem Marktplatze auf Dero Leben abgeſehen hatte. Wir drei, der Aegidius aus Sangerode, der Peter Schramm aus Rützebüttel und ich, hatten uns das Wort darauf gegeben, ihn zu fangen, und wenn wir nicht gleich an ihn gelangen konnten, ſo haben wir den Schelm doch nicht aus dem Auge gelaſſen. Ich kenne den Halunken ſchon von lange her, er gehörte einſt zu dem Höllengezücht von der Andreasſchanze und hat vor einigen Abenden noch erſt auf offenem Markt für den Wallenſtein zu werben geſucht.“ Punker war mit auf dem Rücken zuſammengebun⸗ denen Händen von einem der berittenen Begleiter des Al⸗ ten in den auf die befremdliche Seene ſchnell wieder um den Herzog zuſammengeſtrömten Kreis hineingeſtoßen worden. „Es iſt der Schurke, welcher nach unſerm Herzog geſchoſſen hat!“ ſchallte es aus der Menge.„Schlagt ihn todt, den Schandbuben!“ Hundert Fäuſte ſtreckten ſich aus, ſofort an dem ſo ſchwer Beſchuldigten Juſtiz zu üben. Kaum daß die drei Reiter, indem ſie ſich mit ihren Pferden vor den Gefangenen warfen, dem Andrang der Herzuſtürzenden noch zu wehren vermochten. Das Geſicht Punker's war unter der ihn umdräuen⸗ den Gefahr völlig aſchfarben geworden, in tödtlicher Angſt liefen ſeine Blicke in die Runde. Ortleburg, nicht 61 minder bleich als jener, hatte in der erſten Beſtürzung ſein Pferd herumzureißen verſucht, doch das ihn wie alle Uebrigen umwogende Gedränge war zu dicht, als daß er ſeine Abſicht noch auszuführen vermocht hätte. Die Augen der Beiden waren ſich begegnet, ohne daß einem von ihnen doch aus dem ausgetauſchten Blick ein Ret⸗ tungsblitz geleuchtet hätte. „Der Schuft hatte ſich“, berichtete der alte Wacht⸗ meiſter,„als er uns auf ſeinen Ferſen bemerkte, in das Stadthaus geflüchtet, doch ich ſchnell vom Pferde, ihm nach, und—“ „Menſch“ fiel ihm der Herzog ganz außer ſich ins Wort,„und die Gräfin? Was iſt mit ihr geſchehen? Wa⸗ rum biſt Du meinem Befehl nicht nachgekommen?“ „Welche Gräfin?“ Der Alte vermochte ſich in ſei— ner erſten Beſtürzung gar nicht zu erinnern.„Ah ſo, die Italienerin“, ſtotterte er endlich.„Ja, aber der Herr Herzog hatten die für mich beſtimmten vier Mann mit ſich genommen und da glaubte ich, daß—“ „Ha!“ donnerte Chriſtian ihn an,„wenn ihr ein Unglück begegnet ſein ſollte. Ortleburg, haben Sie ge⸗ hört? Dieſer Elende, welchem ich den Schutz der Gräfin übertragen hatte, hat die Aermſte bei dieſer ſchrecklichen Gelegenheit ſich ſelbſt überlaſſen. Um Gotteswillen, haben Sie Nachrichten von ihr? Wiſſen Sie etwas Näheres?“ „Ich, Durchlaucht, ich weiß“, griff Punker der Ant⸗ wort des Grafen vor. Der Brand und die Plünderung des Hauſes der Gräfin war ihm unter den Haufen der Aufſtändiſchen zu Ohren gedrungen, er meinte ſogar Georg bei deſſen Flucht über den Marktplatz mit der Gräfin in den Armen erkannt zu haben. Die Rettung leuchtete ihm in der Ferne, vielleicht ſogar, daß er ſei⸗ nem grimmigſten Widerſacher, dem alten Reiter, jetzt Schlag um Schlag vergelten konnte. Mit dem Boden, welchen er ſo plötzlich wieder unter ſeinen Füßen fühlte, hatte er ſogleich ſeine ganze Zuverſicht und Stärke zu⸗ rückgewonnen. „Es war zum Schutz der Gräfin“, berichtete er, „daß mich der Herr Graf von Ortleburg gleich beim Beginn des Aufſtandes nach deren Behauſung ſendete. So ſehr ich mich beeilte, fand ich das Haus doch ſchon von einer plündernden Rotte erbrochen. Mit dem von Sr. Durchlaucht der gnädigen Gräfin beigegebenen Cor⸗ net brach ich mir Bahn durch das Geſindel. Wir beide, der Junker und ich, deckten ſie mit unſern Leibern, es gelang uns das Freie zu gewinnen. Um ſchneller fliehen zu können, hatte der Junker die gnädige Gräfin in ſeine Arme gefaßt, ich wehrte hinter ihm die in ihrer Blut⸗ gier nicht von uns ablaſſenden Strolche. Bereits hatten wir den Markt gewonnen, da ſprengten plötzlich zehn, 63 zwölf Reiter auf uns ein, der Wachtmeiſter dort an ihrer Spitze. Wir beide ſind Todfeinde noch vom niederlän⸗ diſchen Kriege her. Mich erkennend, ſchrie er mit einem Mordgebrüll:„Haltet den! Der iſt's, welcher auf un⸗ ſern Herzog geſchoſſen hat.“ Andere ſtürmten hinter dem Junker her. Was mit dem geſchehen, weiß ich nicht, und meine ich denſelben mit ſeiner koſtbaren Laſt unter einem auf ihn abgefeuerten Piſtolenſchuß zuſammenbrechen ge⸗ ſehen zu haben. Mir blieb bei dem wüthenden Angriff des Wachtmeiſters und zweier anderer Reiter keine an⸗ dere Wahl, als mich in das nahe Stadthaus zu flüch⸗ ten; doch auch dahin drangen die Verfolger mir nach, um mich niederzuwerfen, zu binden und hierher zu ſchlep⸗ pen. Vielleicht iſt durch dieſen Wahnſinn die arme Gräfin verloren gegangen.“ „Der Mann iſt in der That von mir gleich beim Beginn des Aufſtandes mit dem Schutze oder erforder⸗ lichen Falls mit der Rettung der Gräfin beauftragt wor⸗ den“, beſtätigte, in Punker's Abſicht eingehend, der Graf Ortleburg die Ausſage deſſelben.„Auch iſt die wider denſelben erhobene Beſchuldigung ſicher aus der Luft gegriffen, ich bürge für ihn.“ „Aber habe ich denn keine Augen mehr im Kopfe?“ raffte ſich der alte Reitersmann aus ſeinem verwirrten Erſtaunen auf.„Jedes Wort iſt ja erſtunken und erlo⸗ 64 gen, womit der Halunke da ſeinen Hals aus der Schlinge ziehen will. Habe ich ihn denn nicht hinter der Thür des Stadthauſes hervor auf Ew. Durchlaucht anſchlagen und den Schuß ſelber aufblitzen ſehen? Sprecht Ihr beide doch, rede ich die Wahrheit, oder bin ich verrückt, behext oder verzaubert? Iſt der Kerl etwa von uns auf offenem Marktplatz gejagt worden?“ „Schweig! Kein Wort weiter! Bindet den Mann los! Doch den Profoß hierher, um dieſe drei Schelme in Verhaft zu nehmen!“ „Ich berufe mich für die Wahrheit meiner Ausſage auf das Zeugniß des Cornets, wofern er anders der Verfolgung der Kameraden dieſer drei mit dem Leben entronnen ſein ſollte“, verſuchte Punker den von ihm an⸗ getretenen Beweis noch zu verſtärken.„Mein Herr Graf hat für mich bereits Zeugniß abgelegt, doch auch die gnä⸗ dige Gräfin und der Herr Pater im Hauſe derſelben ken⸗ nen mich und werden für mich bürgen. Dieſer Mann hat ſchon lange an mich gewollt und mein Verderben geſchworen. Es iſt darum auch nur, daß er mich verfolgt und mit Hülfe ſeiner Helfershelfer ergriffen und beſchul⸗ digt hat. Als ob ich, wo mein Unſtern mich ihm hat be⸗ gegnen laſſen, überhaupt nur noch ein Feuerrohr in Hän⸗ den gehalten hätte. Doch da iſt der Junker!“ In der That hatte ſich Georg Bahn in den Kreis gebrochen. N N 65 „Junker, ſagt ſelbſt, ob Ihr mich nicht kennt, ob wir beide nicht zuſammen geweſen ſind. Ha! Ew. Durch. laucht, überzeugen Sie ſich ſelbſt. Der Schuß, welcher die Stirn und Wange des Junkers geſtreift hat, iſt er denn nicht ein redender Beweis für die Wahrheit meiner Mittheilung? Sprecht doch, Junker. Gott Lob! Ihr lebt noch und die gnädige Gräfin iſt von Euch alſo doch ge⸗ rettet worden. Ha! Die Wahrheit wird nun an den Tag kommen.“ „Georg“, überflutete der Herzog den von ſeinem raſchen Lauf noch halb athemloſen Cornet mit ſeinen Fragen,„iſt es wahr, was dieſer Mann berichtet? Iſt das Haus der Gräfin von einer mörderiſchen Bande erbrochen worden? Lebt ſie? Befindet ſie ſich unverletzt? Woher rührt der Streifſchuß auf Deiner Stirn? Biſt Du wirklich bei ihrer Rettung verfolgt und verwundet wor⸗ den? Sprich doch, Menſch, wo iſt die Gräfin?“ „Ja“, keuchte der Gefragte, mühſam nach Athem ringend,„es iſt Alles ſo. Das Haus iſt geplündert und niedergebrannt, doch die Gräfin lebt, ſie iſt unverletzt.“ „Junker, beſinnt Euch doch“, wandte ſich der alte Reiter ganz außer ſich an den Cornet.„Ihr behauptet, daß ich Euch gejagt und, was weiß ich, am Ende gar noch verwundet habe, daß der Schuft da in Eurer Begleitung geweſen ſei?“ Pflug, Geglänzt und erloſchen. II. 5 66 „Wirſt Du ſchweigen!“ donnerte der Herzog ihn an. Der ſtürmiſch ausbrechende Jubel über die Rettung der Geliebten kämpfte bei ihm mit ſeiner Entrüſtung über das nach der erſten in ihm aufwallenden Empfindung in der Perſon der Gräfin ihm ſelber zugefügte Attentat. „Bindet den Mann los!“ herrſchte er ſeiner Um⸗ gebung zu.„Da nimm!“ Er warf Punker ſeine aus der Taſche geriſſene Börſe zu.„Was aber Dich betrifft“, flammte ſein Zorn gegen den alten Reitersmann auf. „ſo will ich um Deiner frühern guten Dienſte willen Dein heutiges Verſchulden nicht näher unterſuchen, doch komme mir nicht wieder unter die Augen. Die Stelle als Wacht⸗ meiſter in meinem Leibregiment haſt Du verwirkt. Fort mit Euch!“ Es war ein furchtbarer Fluch, den der Alte in ſeiner maßloſen Beſtürzung ausſtieß. „Aber, Durchlaucht“ verſuchte Georg in ſeiner Be⸗ troffenheit über den vorigen Anruf deſſelben wider dieſe Entſcheidung Einſpruch zu erheben,„ich habe den Wacht⸗ meiſter doch nicht beſchuldigt, ich h den Mannj ja gr nicht geſehen. Um was handelt— „Was, Junker“, unterbrach ihn Punker in der Sorge, jede nähere Erklärung zu verhindern,„könnt Ihr etwa leugnen, mit mir zuſammen geweſen zu ſein?“ Ueber dem Geſchrei:„Platz für den Grafen von N 67 Solms!“ das plötzlich von den hintern Gliedern des ungeheuren, um den Herzog zuſammengeſtrömten Kreiſes erſcholl, war dem letztern dieſe Zwiſchenſcene völlig ver⸗ loren gegangen. „Melde Ew. Durchlaucht“, berichtete, ſein Pferd vor Chriſtian parirend, der Graf,„daß auf allen Punkten der Stadt der Aufſtand als erloſchen betrachtet werden kann. Die empörten Regimenter ſind freiwillig zu ihrer Pflicht zurückgekehrt. Auch die Feuersbrünſte bieten kaum noch eine Beſorgniß. Wollen Ew. Durchlaucht für den Reſt der Nacht Ihre Befehle ertheilen?“ „Wohlan, ja.“ Der kalte, feindſelige Blick des Herzogs ſtreifte nur flüchtig den ehemaligen Jugend⸗ freund und es klang wie ein kaum verhüllter Hohn in ſeinen Worten„Doch, Graf, Sie müſſen von den Anſtrengungen, die Sie ſich auferlegt, erſchöpft ſein. Und in der That, Sie haben Recht, es droht nicht mehr die geringſte Gefahr.“ Er kehrte ſich zu den ihn umgebenden Offizieren.„Hrtleburg, Sie mögen deshalb für die kommende Nacht das Amt als Brandmeiſter übernehmen, und Knyphauſen, Ihnen ſei das Entlaſſen der Truppen in ihre Quartiere wie die Ausſtellung der Wachen und die Aufrechthaltung der Ordnung in der Stadt übertragen.“ Die Augen des Grafen flammten über die ihm wi- 5* 68 derfahrene offene Zurückſetzung. Um den in ihm kochen⸗ den Zorn zu bemeiſtern, ſtrich er ſich mit der Hand den Bart. „Wo befindet ſich die Gräfin?“ richtete der Herzog, ohne jenem nur noch einen Blick zuzuwenden, die erneute Frage an Georg.„Führe mich zu ihr, ich will ſie ſehen, ſprechen.“ „Bei der Gräfin Agnes von Solms.“ „Was ſagſt Du?“ Die Ueberraſchung ſchien Chri⸗ ſtian die Sprache benommen zu haben, ſeine Frage klang faſt tonlos. „Wie, bei meiner Schweſter?“ Das Pferd des Grafen bäumte hoch auf unter dem unwillkürlichen Druck ſeiner Schenkel. „Ich weiß ſelber nicht, wie es gekommen iſt“, be richtete zögernd und ungewiß Georg.„Der Zufall muß die Hand dabei im Spiele gehabt haben. Ich erinnere mich nur noch, auf meiner Flucht mit der italieniſchen Gräfin zuletzt dicht vor einem die Straße abſperrenden Reitertrupp zuſammengebrochen zu ſein. Vielleicht, daß das ganz nahe dem Hauſe der guten Gräfin Agnes ge⸗ ſchehen iſt und daß dieſe— Die Italienerin befindet ſich noch in deren Obhut, da der Kampf jedoch noch an. 7 dauerte, bin ich hierher geeilt, um— Chriſtian athmete tiei. Die Beleuchtung war zu N 69 ſchwach und unbeſtimmt, um die tiefe Röthe der Beſchä⸗ mung, welche ſein Geſicht überflammte, wahrnehmen zu können. „Könnt Ihr“ kehrte er ſich, mit raſchem, mannhaf⸗ tem Entſchluß Solms ſeine Hand entgegenſtreckend, zu dieſem,„Du und Deine Schweſter, mir verzeihen? Rein⸗ hard“, fügte er mit dem Tone der innigſten Empfindung hinzu,„ſage ihr— doch nein, ſage ihr nichts. Ich ſel⸗ ber will es vor ihr ausſprechen, daß— und doch, nein, ich kann und darf ſo nicht vor ſie treten, aber—“ Ein glücklicher Gedanke blitzte in ſeinen Augen auf. „In der That“, murmelte er,„jetzt, wo ich Olym⸗ pia's verſichert bin, iſt die Moöglichkeit des Handelns mir zurückgegeben und es bedarf keines längern Zögerns mehr. Ja, ſo ſoll es ſein“ fügte er laut hinzu.„Im verdoppelten Streben für die Sache, der wir beide un⸗ ſer Schwert geweiht haben, der ja auch Agnes mit gan⸗ zem Herzen und innigſter Ueberzeugung angehört, will ich mein Verſchulden gegen ſie ſühnen. Erſt der erfoch⸗ tene Sieg ſoll mir ein Anrecht gewähren, ſie wiederzu⸗ ſehen und ihr von Angeſicht zu Angeſicht meinen Dank für ihr edelmüthiges Handein auszuſprechen. Schon mor⸗ gen brechen wir auf. Reinhard, Dir als meinem Gene⸗ rallieutenant ſeien alle Anordnungen hierzu übertragen. Herr Oberſt von Rantzau“ kehrte er ſich zu dieſem in 70 Begleitung des Grafen Solms erſchienenen Offizier,„Sie reiſen gleich morgen früh nach Wolfenbüttel, um Ihren Monarchen von dem Antritt meiner Operationen gegen den Tilly zu benachrichtigen. Alle Vorfälle der letzten Tage ſeien für immer vergeben und vergeſſen. Die Herren mögen mir vertrauen, wie ich ihnen unbedingt vertraue DOberſt Holk, für heute Nacht müſſen Sie mir in Ihrem Quartier ein Nachtlager gewähren.“ „Hoch Chriſtian! Hoch unſer Herzog!“ donnerte der Ruf dieſem nach. „Höllenpeſtilenz!“ brummte der allein unbeweglich noch auf der vorigen Stelle verharrende alte Reiter zwiſchen den Zähnen.„Allen iſt Verzeihung geworden, nur mir nicht. Aber ſchon gut! O, ich werde darum dieſem Heere nicht gleich den Rücken kehren. Vielleicht, daß der Oberſt Holk bei ſeinem Regiment noch eine Stelle für mich beſitzt. Und was dieſen nichtswürdigen Schelm betrifft, ſo ſoll es jetzt erſt recht zwiſchen ihm und mir gelten! Er oder ich! Peſt und rother Hahn! Nicht eher will ich ruhen, bis ich den Schuft am Galgen* zwiſchen Himmel und Erde ſchweben ſehe.“ Fünftes Kapitel. Der verwachſene Zigeunerbube ſpähte, den Arm um eine mächtige Tanne geſchlungen und halb hinter dem gewaltigen Stamme des Baums verborgen, von dem Abhang eines ſteilen Felſens in ein enges, waldbewachſe⸗ nes Thal hinunter. Die Nachmittagsſonne laſtete mit erdrückender Schwüle über der ganzen Natur. Es war ſo ſtill hier oben unter den hundertjährigen Tannen und Vuchen, daß man das Summen der Inſekten in den zweigen derſelben und das Murmeln des Bachs auf dem Grunde der gerade unter dieſer Stelle ſchluchtähnlich verengten Thalſohle unterſcheiden konnte. Eine Zigeunerbande ſchien in dieſer wilden Wald⸗ einſamkeit ihr Lager aufgeſchlagen zu haben. Wenigſtens ſtunden den Bach eine Strecke weiter aufwärts unter einer hervorragenden Felſenplatte zwei oder drei Hütten aus Tannenreiſern aufgeſchlagen und ein halbes Dutzend Kinder, alle faſt nackt und in ihrer braunen Hautfarbe ihre Abſtammung verrathend, lagen um ein qualmendes 72 Feuer faul in der Sonne ausgeſtreckt. Eine in Luinpen gehüllte Alte mit all den charakteriſtiſchen Zeichen ihres Stammes nickte, ebenfalls vom Schlafe bewältigt, in dem Kreiſe derſelben. Die vom Brand geſchwärzten Ruinen einer Mühle erhoben ſich in der entgegengeſetzten Richtung jenſeits der Verengerung des Thals und beinahe ſchon am Aus⸗ gang deſſelben. Ein Theil des noch in ſeinen Trümmern ſtattlichen Baus erſchien erhalten genug, um auch jetzt noch einen nothdürftigen Schutz wider Wind und Wet⸗ ter gewähren zu können. Nach dem Fehlen jeder Spur einer Wiedereinrichtung des Gebäudes und nach dem hochaufgeſchoſſenen Gebüſch zu urtheilen, welches die um das Haus ehedem zu Gartenland ausgerodeten Stellen überwuchert hatte, mochte daſſelbe ſchon ſeit langer Zeit von ſeinen frühern Bewohnern gänzlich aufgegeben wor⸗ den ſein, wofern dieſe nicht bei der Zerſtörung ihres Ei⸗ genthums zugleich mit den Tod gefunden hatten. Der Späher war nach noch einem kurzen prüfenden Blick auf das Zigeunerlager mit katzenähnlicher Ge⸗ wandtheit den ſteilen Abhang hinuntergeglitten; ſein Fuß ſchien den Boden kaum zu berühren, es krachte kein dür⸗ rer Zweig unter ſeinen Schritten. Er hatte dabei die Richtung nach der Mühle eingeſchlagen. In dem Grade, als er ſich derſelben näherte ſteigerte ſich ſeine Vorſicht. A. 4 f41 30 N. 73 Die Büſche, unter welchen er, zur Erde niedergeworfen. fortſtreifte, bewegten ſich kaum zu ſeinem Haupte. Die Schnelligkeit, mit welcher er ſeinen Weg verfolgte, und das Zuverſichtliche ſeiner Bewegungen ließen übrigens dieſe ſchleichende Annäherung mehr als das Produkt ei⸗ nes aus inſtinktmäßiger Gewöhnung ein für allemal be⸗ obachteten Verfahrens, denn als durch die augenblickliche Lage geboten erſcheinen. Auch zögerte er, der Ruine ge⸗ genüber angekommen, keinen Augenblick, den ihn von derſelben noch trennenden Bach auf den Ueberreſten des alten Mühlenwehrs zu überſchreiten und durch eine Mauerlücke in das Innere des Gemäuers hineinzuſchlüpfen. Es war ein großer wüſter Raum, in den er zu⸗ nächſt eingedrungen, doch wendete er ſich über ein paar verfallene Stufen ſofort zu einem zweiten daranſtoßen⸗ den kleinern Gemach, das ſich bis auf die mangelnden Thüren und Fenſter und der an mehr als einer Stelle ſchadhaften Decke noch ziemlich erhalten zeigte. Ein zwei⸗ tes, dem ähnliches Gemach ſchloß ſich an dieſes an, und aus demſelben führte rechts eine dunkle Heffnung über eine aus allen Fugen gewichene Steintreppe in den Keller, während eine zweite Thür geradeaus die Verbindung mit dem durch das Feuer bis auf geringe Spuren ganz zerſtörten ehemaligen Mühlenraum ver⸗ mittelt haben mochte. 74 Der Burſche war ohne Bedenken in den Kellerraum hinabgeſtiegen. Der letztere erwies ſich weit weniger dun⸗ kel, als es oben an deſſen Eingang im Gegenſatze zu dem blendenden Tageslichte den Anſchein gehabt hatte. Die dem Bache zugekehrte Wand war allerdings aus feſtem Stein ausgeführt, die gegenüberliegende mußte dagegen mindeſtens theilweiſe aus Fachwerk beſtanden haben und war mit den verkohlten Balfen theilweiſe zuſammengeſtürzt. Die Trümmer ſelbſt verſperrten zwar den Aus⸗ gang nach dorthin vollkommen, ohne jedoch zugleich den durch eine Menge einzelner Spalten und Fugen brechen den Lichtſtrahlen den Zugang zu wehren. Ein breiter, von der dem Eingange entgegengeſetzten Wand über alle die dazwiſchen aufgethürmten Trümmerhaufen gaukeln der Lichtglanz ließ endlich nach dieſer Richtung auf eine größere Heffnung ſchließen. Die Decke zu dem in ſeinem Haupttheil ganz vom Feuer eingeäſcherten großen Mit⸗ telraum befand ſich außerdem in einem ſo verfallenen Zuſtande, um ſich ſchlimmſten Falls über das an einzel⸗ nen Stellen bis unmittelbar zu derſelben aufragende Schuttgeröll auch nach dorthin leicht einen Ausweg bah. nen zu können. Mit dem erſten prüfenden Blick auf ſeine Umgebung wandelte ſich jedoch die bisher in dem Geſicht des kleinen 75 Unholds ausgeſprochene grimme Schadenfreude und voll- kommene Zuverſicht allmälig in einen quälenden Zwei- fel. Seine Bewegungen entbehrten der bis dahin bewie ſenen Sicherheit. wiederholt wechſelte er den Standpunkt, um von einem der ſich um ihn aufthürmenden Schutt⸗ haufen herab jeden Fußbreit Raum des weiten Ge⸗ wölbes einer genauen Prüfung zu unterwerfen. Zu⸗ weilen meinte er auch das Richtige gefunden zu haben, noch vor dem Anlangen an der ins Auge gefaßten Stelle bemächtigte ſich aber jedesmal ſeiner die vorige Unſchlüſſigkeit und er ſtand ſtill, um nach einem Moment der abermaligen Orientirung wieder einen andern Beur⸗ theilungspunkt einzunehmen. „Endlich gefunden!“ murmelte er nach einem erneu⸗ ten derartigen Wechſel. Je länger und ſorgfältiger er die einzelnen Punkte verglich, um ſo mehr hellten ſeine Züge ſich auf.„Nein“ fügte er, den Blick bald auf die Ritzen und Spalten der Decke, bald auf die Rückwand des Raums richtend, hinzu,„diesmal kann ich mich nicht irren. Die Stelle hier entſpricht genau der oben, von welcher ich ſie geſtern Nacht beobachtet habe. Ge⸗ wiß“, redete er ſich mehr und mehr in eine Ueberzeugung hinein,„das iſt der Pfeiler, der noch bis über die Ober⸗ ſläche emporragt kund hinter deſſen Trümmern ich mich verborgen hatte Die ſchmale Heffnung dort muß die 76 Spalte ſein, durch welche ich blickte. Ja, in der That, deren nach innen gekehrte ſchräge Richtung läßt mir dar⸗ über keinen Zweifel. Ho! und eins, zwei, drei, der dritte Trümmerhaufen von dem Eingange war es, wo ſie den Schatz wieder verſcharrt hat. Es trifft Alles zu das abgebrochene Stück Stein in der Wand darüber, die Ge⸗ ſtalt der Hügel, das verkohlte Balkenſtück in dem einen nächſten Trümmerhaufen.⸗Gefunden denn, endlich ge⸗ funden! Ho!“ murmelte er, mit den Händen an der bezeichneten Stelle die Erde auswerfend,„ich will von der Plünderung in Hameln meinen Antheil haben. Durch ſie iſt mir die Theilnahme an dem herrlichen Stückchen dort entgangen, auf ihr Anſtiften hat der Stamm mich ausgeſtoßen. Sie ſoll mir das entgelten. Schlag um Schlag! Noch härter als das vorige Mal will ich ſie treffen. Was ſie ſagen wird, wenn ſie ihren ſo ſorgfältig gehüteten Schatz geraubt findet“, unterbrach er mit einem heiſern Lachen auf einen Moment ſeine eifrige Arbeit,„und ob ſie wohl auf mich muthmaßen wird? Um des Käſtchens willen hält ſie ſich ſeit Hameln ſchon von den Uebrigen abgeſondert und hat hier wieder allein ihre Lagerſtätte aufgeſchlagen. O, ich ahnte gleich, daß dem etwas Beſonderes zu Grunde liegen mußte. Seit länger als vierzehn Tagen bin ich ihr deshalb auch auf Schritt und Tritt nachgeſchlichen und geſtern end- 77 lich— Daß nicht ſchon einer der Uebrigen auf denſelben Gedanken gefallen iſt!“ lenkten ſeine Gedanken in eine andere Richtung.„Freilich“, beantwortete er ſich die ſelbſt aufgeworfene Frage,„ſie beſitzt eine ſo unbedingte Gewalt über alle, daß keiner dieſer Tröpfe ſie anzuſchul⸗ digen oder gar auch nur den Finger nach ihrem Gut auszuſtrecken wagen würde. Und doch hat ſie dem Stamme dieſe koſtbare Beute unterſchlagen. Nun, um ſo beſſer für mich, ſo werde ich jetzt allein den Vortheil davon ernten. Ich lache über ihre Zauberkünſte und bin jetzt frei, frei wie der Vogel in der Luft. Hoho! ſie ſelber hat die Feſſel gelöſt, welche mich bisher ver⸗ hinderte, ihr offen entgegenzutreten. Ich muß das Käſt⸗ chen beſitzen und wenn ich es aus dem Schooß der Erde wühlen ſollte. Wie die Edelſteine des aus dem⸗ ſelben genommenen Geſchmeides funkelten!“ Er grub mit verdoppeltem Eifer. Der Schweiß ſtand in großen Perlen auf ſeiner Stirn. So ſicher er ſeiner Sache ſein zu können gemeint hatte, ſo wenig entſprach jedoch der Erfolg ſeiner Erwartung. In heller Verzweiflung war der unglückliche Schatz⸗ gräber aufgeſprungen⸗ Wieder und immer wieder prüfte und verglich er die geſtern an der Wand und ſonſtwo genommenen Merkmale, doch im Gegenſatz von vorhin wollten die einzelnen Zeichen durchaus nicht mehr ſtim 78 men. Immer, wenn er ſich mühſam zurecht gefunden zu haben wähnte, verwirrte irgend ein ihm einfallender Um⸗ ſtand am Ende doch wieder ſeine Folgerungen. Plötzlich ſchlug er ſich mit der Hand vor die Stirn. Er eilte den vorhin gekommenen Weg zurück bis zu dem großen, gerade über dem Kellerraum gelegenen wüſten Gelaß. Den noch um einige Fuß über die Oberfläche aufragenden Pfeiler, hinter welchem verborgen er in ver⸗ floſſener Nacht die alte Zigeunerin da unten bei ihrem geheimen Treiben belauert hatte, erkannte er zwar auf den erſten Blick, ein Irrthum wäre bei dieſem allein an der genau gemerkten Stelle noch aufragenden Mauerſtück auch ganz unmöglich geweſen; indeß er gelangte darum in ſeinem Forſchen um keinen Schritt weiter. Zehn Spalten klafften in dem Boden rings um denſelben, und obgleich er durch alle blickte, wollten ſich die genau ein geprägten Wahrzeichen doch bei keiner vereinigt finden laſſen. Der mißgeſtaltete Burſche, wie er mit grimmver⸗ zerrten Zügen ſich in ſeiner maßloſen Wuth das Haar raufte, mochte an einen der böſen Zwerge der Sage erinnern. Ruhelos trieb es ihn von dem Eingang des Gebäudes wieder zurück in den Keller und abermals an die Oberfläche. Ein Blätterlager in dem vordern Zim⸗ mer feſſelte ſeine Aufmerkſamkeit und er durchwühlte 79 daſſelbe, ohne jedoch außer einem Sack mit Todtenge⸗ beinen und einigen Weidenruthen mit darauf eingeſchnit⸗ tenen wunderlichen Charakteren eine weitere Ausbeute zu finden. „Es iſt der Zauberapparat der Alten“, murrte er, „und die Ruthen mögen wohl Wünſchelruthen ſein. Ja, wer das Wort dazu wüßte!“ Er eilte nichtsdeſtoweniger mit einer derſelben in den Keller, doch ſo ſorgſam er die Spitze auch über die Erde gleiten ließ, ſo wollte ſich deren Spürkraft doch nirgends bewähren. Wiüthend zerknickte er das unnütze Werkzeug in ſeinen Händen und warf die Stücke weit hinter ſich. Der breit und voll ſich von der der Treppe entge⸗ gengeſetzten Wand bis weit in den Kellerraum fortpflan⸗ zende Lichtſtrahl war ihm in die Augen gefallen. Die Sonne neigte ſich zum Niedergange und der im Gegen⸗ ſatze zu all den übrigen, nur noch einen ſchwachen Schim⸗ mer gewährenden OHeffnungen aus dieſer dem unterge⸗ henden Tagesgeſtirn zugewendeten Seite hereinflutende Lichtglanz trieb ihn ganz unwillkürlich an, der Urſache nachzuforſchen. Das Waſſer hatte ſich nach dieſer Richtung mit dem Feuer verbündet, die noch ſtehenden Grundmauern des Hauſes zu zerſtören. Hart neben dem maſſiven Eck⸗ 80⁰ pfeiler des letztern und etwa in der vollen Bodenhöhe deſſelben war von dem bei irgend einem Wolkenbruch aus ſeinen Ufern getretenen Bache eine ganze Wand in den Keller hineingeſtürzt worden. Der Mauerbruch ſelbſt und das von dem aufgeregten Gewäſſer mitgeführte Erdreich verſperrten die ſo entſtandene Oeffnung zwar theilweiſe wieder, und die dahinter aufgethürmten Schutt⸗ und Schlammhügel verbargen dieſelbe nach innen bei⸗ nahe vollkommen, immerhin erwies ſich aber die noch gebliebene Lucke als ausreichend, um einem Menſchen in etwas gebückter Stellung den ungehinderten Austritt ins Freie zu geſtalten. Auf den erſten Blick durch dieſe Breſche ſah man keine zwei, drei Schritt zur Seite den unter den ſchräg darauf fallenden Strahlen der Abendſonne in ſeinem Steinbette wie flüſſiges Gold dahinrauſchenden Bach auf⸗ blitzen. Dem Burſchen kam bei dieſem Anblick eine Idee.„Potz Zinken! Potz Zähholz!“ murmelte er, ſich mit der flachen Hand vor die Stirn ſchlagend,„daß ich auch nicht früher daran gedacht habe. Doch es iſt am Ende noch nicht zu ſpät dazu, die Alte wird ſicher vor dem ſpäten Abend nicht zurückkehren. Und wenn, um ſo ſchlimmer für ſie!“ Eine Bewegung nach dem ihm im Gürtel ſteckenden Meſſer ergänzte den nicht ausgeſpro chenen Gedanken. 81 „Aber womit ſoll ich das Waſſer ſchöpfen?“ über⸗ legte er.„Wenn ich nur einen Hut beſäße! Ha!“ Er hatte ſich die zerlumpte Jacke von den Schultern geriſſen und tauchte dieſelbe wiederholt in die klare Flut. Im nächſten Moment befand er ſich wieder auf der ſchon lange vergeblich erforſchten Stelle. Ueber den Boden ausgeſtreckt, ſpähte er Zoll für Zoll, wo von dem gelockerten Erdreich das aus ſeiner Jacke gepreßte Waſſer am eheſten aufgeſogen würde. Das in dieſe entfernte Ecke fallende Tageslicht reichte gerade noch aus, ihm dieſe Beobachtung zu ermöglichen. In dem Maße als daſſelbe abnahm, mußte der Taſtfinn das Geſicht bei ihm vertreten. Rach einer Viertelſtunde eifrigen Forſchens glaubte er ſich endlich vergewiſſert zu haben. Das raſche Ver⸗ ſchwinden des Waſſers an der einen Stelle war zu auf⸗ fällig, um nicht zu einem Verſuch des Nachgrabens auf— zufordern. In der That ſtieß er kaum einen Fuß unter der Oberfläche auf einen harten Gegenſtand. Mit verdop⸗ peltem Eifer wühlte er weiter. Die Abenddämmerung war mittlerweile hereingebrochen, hier unten herrſchte längſt völlige Dunkelheit.. „Verflucht!“ knirſchte er zwiſchen den Zähnen,„es war nur ein Stein, der feſt zwiſchen all dem Schutt eingebettet liegt. Indeß, was iſt das hier? Ha! das ſind die blanken Beſchläge von dem Käſtchen. Gewiß, ja, da Pflug, Geglänzt und erloſchen. II. 6 8² fühle ich auch das polirte Holz deſſelben. Gefunden! Doch noch gefunden! Peſt! Wie feſt die Steine zuſam⸗ menhalten und wie ſchlau die alte Hexe ſich ihren Raub zu bergen bemüht hat! Aber es iſt ja das noch durch Mörtel zuſammengehaltenes Mauerwerk, auf das ich ge⸗ ſtoßen bin. Wenn ich von der Oberfläche an den koſt. baren Fund zu gelangen verſuchte!— Hollah, in dieſer ver⸗ maledeiten Finſterniß habe ich mich in der Stelle um einige Zoll geirrt— ſo wird es gelingen. Endlich— ich fühle den Deckel bereits unter meinen Fingern—“ „Mordieu!“ fluchte eine grobe Stimme in dem obern Raume.„Wanda, was iſt das wieder für ein trauriger Palaſt, wo Du Deinen Hofhalt aufgeſchlagen haſt! Und daß Dich— kein Haar fehlte, daß ich gleich beim Eintritt den Hals brach.“ Dem feſten Sporentritt des Mannes hatte ein gan⸗ zes Stück der den Fußboden der großen Halle bekleiden⸗ den Steinflieſen nachgegeben und war mit donnerähn⸗ lichem Gepolter in den Keller geſtürzt. Von dem faſt über ſeinem Haupte erfolgenden Krachen verwirrt, war der dort bei ſeinem geheimen Werke überraſchte Zigeu⸗ nerbube im erſten Schrecken auf ſeine Füße und einen Schritt zur Seite geſprungen. „Warum beſtandeſt Du auf Deinem Willen“, murrte eine weibliche Stimme.„Ich habe es Dir geſagt X 83 und es blieb Dir noch Zeit, Deinen Weg zurückzu⸗ finden.“ „Daß ich ſo dumm geweſen wäre!“ lachte der Andere„Ich würde mich in dieſer Wildniß ſelbſt bei hellem lichtem Tage nie zu dem von Dir für unſere Zuſammenkunft beſtimmten Orte zurechtgefunden haben, wenn ich den Putzjakala, oder wie der Burſche heißt, nicht in der letzten Schenke am Fuß der Berge aufge⸗ ſtöbert hätte, geſchweige gar, daß ich bei ſtockfinſterer Nacht daſſelbe halsbrechende Stückchen unternehmen möchte. Auch ſtecken die Wälder voll Gefindel, und die Herren machen zwiſchen Freund und Feind wenig Unterſchied. He, Du Kerl!“ rief er ins Freie zurückgewendet, „binde mein Pferd hier an den jungen Baumſtamm und ſchaffe Holz herbei, ein tüchtiges Feuer anzuzünden.“ Die alte Zigeunerin erhob gegen dieſe letzte Ab⸗ ſicht Einſpruch. „Bah“, entſchied ſich der Reiter,„wenn Du nicht willſt, mir auch recht. Es war mir eigentlich nur darum zu thun, Dein Eulenneſt einmal bei Licht zu betrachten. Eine Nacht iſt ja bald vorüber, und in der Ahnung einer ſpärlichen Bewirthung habe ich mich klüglich gleich für einen ſolchen Fall vorgeſehen. Hier in meiner Sat⸗ teltaſche iſt genug für uns beide, und auch für den brau⸗ nen Geſellen, meinen Begleiter, wird wohl noch etwas 6* 84 übrig bleiben. So breite die Decken nur hierher in die Ecke, und dann, mein Burſche, halte vorläufig gute Wacht, daß wir nicht geſtört werden.— Peſtedieu! Wanda“ äußerte der Mann, von dem eingenommenen Platze mit einem verwunderten Blick die Umgebung muſternd,„wie die Umſtände ſeit der Zeit, daß ich Dich kenne, ſich für Dich geändert haben. Wenn ich ſo ein vierzig Jahre zurück⸗ denke, wo dort in Valenciennes bei dem Montigny eine ganze Stadt Deinem Augenwink gehorchte! Oder auch nur fünfundzwanzig Jahre. Da in der Andreasſchanze, wo unſer Eletto, der ſchwarze Schomburg, Dich zu ſei— ner Herzenskönigin erkoren hatte—“ „Schweig, Elender!“ fiel die Alte, von ihrem auf den zu dem Obergemach führenden Stufen eingenomme⸗ nen Sitze emporſchnellend, ihm im wildeſten Affect in die Rede.„Ein Wort noch, und mein Meſſer verſchwindet bis zum Heft in Deiner Bruſt. Ha! Du, gerade Du beſitzeſt wohl ein Recht, die Erinnerung an jene Zeit des Glanzes und der Macht in meinem Gedächtniß wachzu⸗ rufen! Warſt Du es etwa nicht, welcher jene Schanze an den Hranier verrathen hat? Wenn meine Rache Dich, den Hauptverräther, unter all den Uebrigen allein ver⸗ ſchont hat, ſo war es—“ „Weil ich ſchlau genug geweſen bin, die mir von Dir geſtellten Fallen noch ſtets gegen Dich ſelbſt zu 85 wenden. Gleichmüthig hatte der bei ihrem unvorherge⸗ ſehenen Emporfahren ebenfalls aufgeſprungene Mann wieder den vorigen Platz eingenommen. „Steck Dein Meſſer in die Scheide“ fügte er mit einem halben Seitenblick auf die wüthende Megäre hinzu. „Peſt und rother Hahn! Ich ſollte meinen, daß wir beide um jener alten albernen Geſchichte willen uns doch oft genug im Leben die Wege gekreuzt hätten, als daß wir nach ſo vielen Jahren das alte Spiel nochmals beginnen ſollten. Gib Dich zufrieden, Wanda. Beim Satan, unſerm gemeinſamen Schutzpatron, ich hatte mit jener mir nur ſo zufällig auf die Lippen getretenen Aeußerung nicht im entfernteſten die Abſicht, Dich zu verletzen. Wie hätte ich auch ahnen können, daß Du noch daran denken würdeſt. Laß doch die Todten ruhen. Du haſt wegen jenes Vorfalls mich, ich habe Dich getroffen, indeß ſeit Jahren ſchon haben wir gelegentlich uns in die Hände gearbeitet und uns gut dabei geſtanden. Auch wenn ich damals bei dem ſchwarzen Schomburg und der Andreas⸗ ſchanze nicht meine Hände im Spiel gehabt hätte, würde ja die Geſchichte doch ſicher einmal zu Ende gegangen ſein, und Du weißt, wie wir beide, er und ich, zuletzt mit einander ſtanden. Er oder ich, es blieb mir keine Wahl. Vollends aber jetzt, wo ich Dir ein ſo prächti- ges Geſchäft angeboten habe, wäre es pure Narrheit, 86 wenn wir uns entzweien wollten. Du biſt mir übrigens noch den Beſcheid auf meine vorigen Anerbietungen ſchul⸗ dig geblieben. Sag, ſind wir einig um fünfzig Gulden?“ Die Alte lachte höhniſch.„Du warſt ja damals in Hameln Deiner Sache ſo gewiß“, grollte ſie,„warum ſuchſt Du mich denn nun auf?“ „Ich war ein Narr, Dir den geforderten Antheil vorzuenthalten“, verſuchte jener ſie zu verſöhnen.„Ich beſaß indeß noch eine Freikugel im Rohr und— ein doppelter Narr war ich, denn wenn ich mich an jenem Vormittage vor dem Aufſtande mit Dir verſtändigt hätte, ſo würde mich dieſer Fehlſchlag wohl kaum ge⸗ troffen haben.“ „Du Thor! Wenn dieſer Braunſchweiger ſo leicht niederzuwerfen wäre, würde er ſich dann noch unter den Lebenden befinden?“ Die Augen der Alten funkelten bei dieſer mit eiſi⸗ gem Spott hingeworfenen Frage ordentlich die Dunkelheit. „Ich weiß, ich weiß⸗ brummte der Lnbere mit vollen Backen;„er hat da in Stadtlohn ein furcht⸗ bares Gericht über Deine Sippe ergehen laſſen und Du ſtellſt ihm ſchon ſeit lange nach. Ha, der Aquavit hier in meiner Flaſche iſt vom beſten. Da nimm, trink. das ſpült die Grillen hinunter.“ X 87 „Der Braunſchweiger“, flüſterte der Zigeunerbube. Von dem Geſpräch zwiſchen den Beiden unwillkür⸗ lich angezogen, hatte er mit völlig unhörbarer Bewe⸗ gung einen der Schutthaufen erklommen und belauerte von bort jedes Wort und jede Bewegung derſelben. Der durch den offenen Dachſtuhl fallende ſchwache Ster⸗ nenſchimmer gewährte gerade Licht genug, um die Ge⸗ ſtalten jener wenigſtens in den ungefähren Umriſſen un⸗ terſcheiden zu können. Die Alte ſaß, die nach einem tiefen Zug aus der⸗ ſelben gleich an ſich behaltene Flaſche zwiſchen den Knieen, zuſammengekauert wieder auf der vorigen Stelle. Der Mann, der es ſich auf den untergebreiteten Decken be⸗ quem gemacht, ſchien augenblicklich nur mit ſeiner Abend⸗ mahlzeit beſchäftigt. Ein vor dem Eingang der Halle an einen Baumſtamm angebundenes Pferd ließ ſich dort die im Umkreiſe ſeines Standorts aufgeſproßten Gräſer ſchmecken. „Auf den Braunſchweiger alſo haben's die Beiden abgeſehen“ verfolgte der Burſch den ihm gewordenen Fingerzeig.„Ho! und ich täuſche mich nicht, es iſt das derſelbe alte Schelm, den ſie damals in der dunklen Gaſſe in Hameln ſo ſorgſam vor meinem Meſſer ge⸗ ſchützt hat. Aber wie iſt mir denn? Es war ja bei jener Gelegenheit zwiſchen den Zweien, ihm und dem 88 vornehmen Herrn, ebenfalls von einem bedungenen Morde die Rede. Doch ſtill!“ „Nicht, es iſt ein Göttertrank? verfolgte der Reiter bei der Zigeunerin ſeinen Vortheil.„Na, Wanda, ſo ſind wir alſo um fünfzig Gulden einig. Wie meinſt Du indeß, daß wir unſere Aufgabe erfüllen können?“ „Um fünfzig Gulden?“ entgegnete die Alte, den Kopf verächtlich aufwerfend.„Punker, ich ſage es Dir zum letzten Mal, ich will nicht, daß Du Dich unterſtehſt, mich ſo geringſchätzig zu behandeln, oder meinſt Du etwa, ich wüßte nicht, wie viel Goldſtücke Du Dir bei Deinem Grafen für das verheißene Stückchen ausbedungen haſt? „Peſt!“ rief der Andere ärgerlich.„Was brauchſt Du meinen Namen in alle Winde auszurufen? Im Uebrigen aber biſt Du diesmal ſchlecht unterrichtet. Von Goldſtücken iſt bei dem Grafen ſchon gar keine Rede. Er iſt ein Filz, ein Knicker. Sagen wir ſechzig Gulden. Willſt Du Wanda? Nun, dann achtzig, doch nun keinen Heller mehr.“ „Schweig!“ fuhr ihn die Alte an„Wenn's nicht dem Chriſtian gälte, ſo würde ich an Dich kein Wort mehr verlieren Um den zu treffen, würde ich einem An⸗ dern freilich meine Dienſte umſonſt antragen. Wer weiß, wozu ich mich um deswillen ſelbſt Dir gegenüber verſtan den hätte, allein Du ſollſt Dich keines Vortheils über 89 mich rühmen. Dummkopf Du, haſt Du denn vergeſſen, daß ich Augen- und Ohrenzeuge Deiner Unterhandlung mit dem Ortleburg geweſen bin und daß ich das Blutgeld kenne, um das er Dich gedungen hat? Der arme Graf, er würde leichter und ſchneller ſein Ziel erreicht haben, wofern er ſich meines ihm auf dem Markt von Hameln ge⸗ gebenen Verſprechens erinnert hätte. Hahaha! Ich beſäße ſogar das Mittel, ihm ſeine Geliebte auch ohne Mord augenblicklich und unweigerlich in die Arme zu führen. Der Zufall hat mir bei dem Brande des Hauſes dieſer angeblichen Gräfin ein Käſtchen mit ihren geheimen Pa⸗ pieren in die Hände geliefert. Ich halte ſie an dem Faden ihrer Vergangenheit, wie ich Dich halte. O, dieſe Bande ſind die ſtärkſten, Du weißt es wohl. Nun denn, wie an jenem ſelben Abend meiner Begegnung mit dem Ortleburg ſchon ein Blick von mir Dich gezwungen hat, meine Vertheidigung auf Dich zu nehmen, genau ebenſo würde ich mit einer Berufung auf das, was hinter ihr liegt, dieſes Weib zu jeder Handlung beſtimmen können.“ „Peſtedieu!“ ſtarrte Punker ſie an,„was ſagſt Du! Wo ſind dieſe Papiere? Warum ſtatt des unſichern Spiels mit Büchſe oder Dolch nicht Gebrauch davon machen?“ Warum?“ flammte die Alte auf.„Weil ich mich rächen will, rächen an dieſem Knaben, an ſeinem ganzen 90 verfluchten Geſchlecht! Alle die Meinen ſind durch ihn und dieſe blutigen Braunſchweiger, ſeine Vettern und Vorfahren, geopfert worden, alle! Einſam unter Frem⸗ den ſtehe ich da, ein entlaubter Stamm. Von zehn Kin⸗ dern, von ſo vielen Enkeln und Urenkeln iſt nur dieſer mißgeſtaltete Zwerg mir geblieben. Fluch ihm! Der elende Wechſelbalg hat die Hand wider die eigene Stamm⸗ mutter zu erheben gewagt. Daß ſein Gebein verdorre! Daß die Raben ihre Fänge in ſein zuckendes Fleiſch ſchlagen mögen! Ich habe das unechte Reis aus meinem Herzen geriſſen. Ja, rächen will ich mich, rächen! Und Ihr beide, Du und Dein Graf, ſie, dieſe Italienerin, Ihr alle ſollt mir als Werkzeuge dienen.“ Ein Stein war unter einer unwiltürlichen Bewe⸗ gung des Zigeunerbuben zu Boden gerollt.„Was war das?“ unterbrach ſich die Alte. „Bah! was wird es geweſen ſein“, äußerte gleich⸗ müthig ihr Gefährte;„ein Stein, der ſich aus i Lage gelöſt hat. Wenn— aber bleib doch, bleib—“ Die Alte war, von einem plötzlichen S er. faßt, mit einem Satz die verfallene Stige ſittuig ſprungen. 8 „Verroeh!“ tönte ihr Ruf aus dem Nebengemach Das durchwühlte Blätterlager ließ ſie ſofort Alles er⸗ rathen.„Halt ihn auf! Schieß ihn nieder!“ ſchrie ſie. 91 ſelber mit dem aus dem Gürtel geriſſenen Meſſer dem Eingang zum Keller zufliegend, dem verdutzt von ſeinem bisher eingenommenen Platze aufgeſprungenen Punker zu. Ein weit durch das Thal ſchrillender Pfiff und ein Todesſchrei faſt unmittelbar unter ſeinen Füßen verwirrten dieſen vollends. Einem erſten Impuls folgend, war er der Alten nachgeſtürzt, doch der Gedanke an ſein Pferd ließ ihn wieder ins Freie zurückeilen Er kam noch zu⸗ recht, das mit einem dunklen Knäuel auf ſeinem Rücken in raſender Carrière dahinſtürmende Roß in Nacht und Dunkelheit verſchwinden zu ſehen. Es währte faſt eine Minute, bebor ſich der Geprellte von ſeinem erſten ſtarren Staunen zu einem wüthend hervorgeſtoßenen Fluche zu ermannen vermochte. Wo iſt mein Feuerrohr?“ ſchrie er.„Mord und Tod! War denn das ein Blendwerk der Hölle? Aber der Satan wird doch einem der Seinen nicht einen ſol⸗ chen tollen Poſſen ſpielen! Peſtedien! Daß ich Eſel mei⸗ nem Braunen auch nicht zuvor wenigſtens Sattel und Zaum abgenommen habe. Mein Mantelſack und meine Büchſe ſind nun mit dem Thier zugleich verloren.“ „Er iſt fort! Du haſt ihn entſchlüpfen laſſen! rief die Zigeunerin, von der entgegengeſetzten Seite der Rui nen auftauchend ihm zu.„Wir ſind verrathen. Er hat Alles gehört, es droht die höchſte Gefahr.“ 83 9² „Wer denn?“ tobte Punker. Eine Flut von Fiü. chen und Verwünſchungen ſprudelte aus ſeinem Munde. „Mein Pferd! Was ſind das für infame Streiche! Wirſt Du endlich ſprechen?“ „Wer ſonſt“ flammte die Alte mit einem wahn⸗ ſinnigen Zornausbruch auf,„als dieſer Bankert, dieſes bucklige Scheuſal, der Laffal. Er hat uns belauſcht, ſage ich Dir. Spornſtreichs auf Deinem eigenen Pferde wird er, was wir hier verabredet haben, dem Herzog verrathen. Hat doch dieſer Molch mir ſchon früher da⸗ nit gedroht! Der Putzjakala, der ihn unten im Keller ausgeſpürt hatte, liegt dort, von ſeinem Meſſer ins Herz getroffen, todt über einem Trümmerhaufen ausgeſtreckt. Fort!“ kehrte ſie ſich zu einigen, auf das vorhin ver⸗ nommene Signal von ihrer Lagerſtelle herbeigeeilten Zi. geunern.„Ihm nach! Fangt ihn mir lebendig. Mein Fluch, mein tauſendfacher Fluch mag ſich an ſeine Ferſen heften. Ha! Zoll für Zoll will ich mit glühendem Eiſen das Fleiſch von ſeinen Knochen ſtreifen. Was ſtehſt Du noch hier?“ eiferte ſie Punker an.„Wir müſſen ihn elen ſage ich Dir, oder es iſt Ale verloren.“ „Bah“, grollte der betrogene Schelm,„der bucklige Satan hält des Grafen beſtes Jagdpferd zwiſchen den Schenkeln, und überdies hat er den Junkern wie den N 93 Bauern zu oft ſchon die Pferde von der Weide geſtohlen, um ſelbſt nur hoffen zu dürfen, daß er ſich den Hals brechen oder daß der Gaul ihn abwerfen werde. Laufe ihm nach, wer mag, ich nicht. Was fürchteſt Du nur von dem Ben⸗ gel?“ unterbrach er das erneute Gezeter der Alten.„Mor⸗ dieu! Ich wünſchte mir nichts Beſſeres, als daß der nichts⸗ nutzige Halunke ſich in unſer Lager verirrte. Mein Graf ſteht mit dem Herzoge aufs beſte, und ich bin zur Zeit deſſen Leibdiener, was will das Zeugniß eines elenden Zigeunerbuben dawider beſagen? Zunächſt ſtände doch nur feſt, daß er mir mein Pferd geſtohlen hat, und der Strick dafür würde einfach allem Uebrigen vorangehen. Was haben wir beide denn auch ſchon mit einander ver⸗ abredet, das er verrathen könnte? Mindeſtens will ich aber meinen Verluſt nicht umſonſt tragen, und darum laß uns jetzt vor allem Andern mit Ernſt unſern Fall berathen. Peſtedieu! Ich ſage Dir, ſo ſchnell der Burſche reiten mag, er wird ſchließlich dem Galgen nicht ent reiten.“ Sechstes Kapitel. Olympia war in ſtürmiſcher Wallung von dem bis her eingenommenen Sitze aufgeſprungen und mit einem ſtolzen, verweiſenden Blick auf den vor ihr ſtehenden Jeſuiten an das Fenſter getreten. Der Regen beſpülte die kleinen, in Blei gefaßten Scheiben deſſelben, und die feuchte, neblige Atmoſphäre ließ die den waldigen Thalkeſſel, auf welchen ſie blickte, einſchließenden Berge nur in ungefähren, unbeſtimmten Umriſſen unterſcheiden. Fernhin über dem höher und immer höher gipfelnden Gebirgsrücken lag es wie ein wallender Schleier gebrei⸗ tet. So reizend das pittoreske Landſchaftsbild mit ſei⸗ nem reichen Wechſel von Wald und gefälligen, kühn an⸗ ſtrebenden Vergformen bei lichtem Sonnenglanze ſich darſtellen mochte, ſo farblos und öde erſchien daſſelbe dem ſich darüber ſpannenden einförmig grauen Him⸗ Die gefiederten Sänger hielten ſich in ihren Ne⸗ verborgen, ſelbſt die Hühner unten auf dem Burg⸗ hofe hockten verdroſſen und mit geſträubtem Gefieder 95 in irgend einer trockenen Ecke, und die Sperlinge zwit⸗ ſcherten unter dem hervorſpringenden Wetterdach des alten Giebelhauſes oder in den dicht belaubten Kronen der zwei oder drei innerhalb der verfallenen Umfaſſungs⸗ mauern ſtehenden alten Linden. Außer dem monotonen Fall des beharrlich niederſtrömenden Regens und dem Rauſchen der gelegentlich von einem Windhauch beweg⸗ ten Zweige unterbrach kcum ein Laut das tödtliche Schweigen, das die ganze Natur gefangen hielt. Fröſtelnd hatte das ſchöne Weib ſich das ihr bei der ungeſtümen Bewegung von vorhin halb von den Schultern geglittene Tuch wieder um den Körper ge⸗ ſchlungen. Trotz des in dem rieſigen Kamin lodernden Feuers herrſchte in der That in dem weitläufigen Ge⸗ mach eine empfindliche Kühle. Der Contraſt dieſes Zimmers mit ſeinen nackten grauen Wänden und der dürftigen Ausſtattung von Ur⸗ väterhausrath zu dem reichen, künſtleriſchen Schmuck und dem faſt orientaliſchen Luxus der von der Gräfin in Hameln bewohnten Räume konnte überhaupt kaum ſchärfer ausgeprägt gedacht werden. Der ſchadhafte Fuß⸗ boden, die rauchgeſchwärzte, niedrige Balkendecke, Alles bekundete in demſelben die Spuren des Alters und des Verfalls, und die ſchwachen Verſuche zu einer wohnli⸗ chern Einrichtung hatten nicht nur nichts darin gebeſ⸗ 96 ſert, ſondern eher das gerade Gegentheil bewirkt. Der über den zerbröckelten Eſtrich gebreitete Teppich er⸗ wies ſich viel zu klein, um die zahlreichen Riſſe und Sprünge in demſelben zu verdecken. Die den Stühlen mit kugelförmig gewundenen Beinen und ſteiler Rück⸗ lehne als Polſter aufgelegten Kiſſen hoben die Plump⸗ heit dieſer unförmlichen Möbel nur noch mehr hervor. Nicht minder ſchien der Tiſch mit ſeiner zolldicken Platte ordentlich ſelber verwundert, ſtatt der Laſt gefüllter Hum pen den in einem verbogenen Zinnkruge vereinſamt auf ihm prangenden beſcheidenen Blumenſtrauß tragen zu ſollen. Der in dem Zimmer herrſchende dumpfe Geruch deutete überdies darauf hin, daß daſſelbe lange nicht bewohnt geweſen. Nur die Gitter vor den Fenſtern fehl⸗ ten, um dieſes ſo weit auch hinter den beſcheidenſten Anſprüchen zurückſtehende Gemach eher für ein in der Eile erträglich hergerichtetes Gefängniß als für den ge⸗ eigneten Aufenthalt einer vornehmen Dame zu halten. „Noch einmal wiederhole ich Ihnen“, äußerte der Jeſuit mit während des Sprechens raſch immer höher aufflammendem Unwillen,„ich bin der lächerlichen Rolle, in welche Sie mich verſetzt haben, müde. Von Tag zu Tag haben Sie mich mit Ihren Ausflüchten hingehal⸗ ten, doch meine Geduld iſt jetzt zu Ende. Wenn Sie ſich Ihres unbedingten Einfluſſes auf den Herzog rüh⸗ N 97 men, nun, ſo liefern Sie mir den Beweis dafür Das Min⸗ deſte, was ich von Ihrer Unterſtützung erwarten durfte, war, von den Plänen dieſes Ketzers, von jedem in ihm keimenden Gedanken ſtets genau unterrichtet zu werden. Auch dieſe geringſte Pflicht jedoch haben Sie über Ihrem Liebeswahnſinn völlig vernachläſſigt. Was iſt in den drei Wochen ſeit unſerm Aufbruch von Hameln nicht Alles geſchehen, ohne daß ich aus Mangel an Nachrichten auch nur das Geringſte zu deſſen Verhinderung hätte thun können. Göttingen und Minden ſind entſetzt, das ligui⸗ ſtiſche Corps des Generals Orth iſt bei Diemelsbach von dem Braunſchweiger überfallen und faſt aufgerieben worden. Den großen von Bamberg im Anzuge zu dem liguiſtiſchen Heere begriffenen Transport hat der Holk bei Mergentheim aufgehoben und davongeführt. Die heſſi⸗ ſchen Völker ſtehen im Begriff ſich mit dem Herzoge zu vereinigen, und der Oberfeldherr Tilly ſelbſt ſieht ſich durch den unerwarteten Marſch ſeines Gegners auf Kaſſel von jeder Gemeinſchaft mit dem noch jenſeits des Ge⸗ birges ſtehenden Corps des Herzogs Georg von Lüne⸗ burg abgeſchnitten. Wenn es dem Chriſtian gelingt, auch hierbei wieder den Unſern den Vorſprung abzugewinnen, bleibt für dieſe kaum eine Ausſicht, ſich jenſeits des Mains behaupten zu können Es würde ſogar noch als ein unerwartetes Glück erſcheinen müſſen, wenn der Georg Pflug, Geglänzt und erloſchen. II. 98 von Lüneburg ſich nur noch hinter den Rhein zu retten vermöchte.“ Die von dem Pater erwartete Entgegnung blieb aus, die Gräfin verharrte dabei, ihm den Rücken zu kehren. „Sie dürfen nicht einmal Ihre Unkenntniß dieſer Vorfälle vorſchützen“ nahm der durch ihr Schweigen noch mehr gereizte Pater das Wort wieder auf.„Sie ſind durch mich von jeder eingegangenen Nachricht ſofort un⸗ terrichtet und zum Handeln angeſpornt worden. Auch wiſſen Sie ſehr wohl, wieviel für den Orden hier auf dem Spiele ſteht, oder iſt es nöthig, Ihnen, der gewieg⸗ ten politiſchen Unterhändlerin, die Lage der Dinge noch⸗ mals in das Gedächtniß zurückzurufen? Zum erſten Mal im Verlauf des ganzen Kriegs iſt durch die Werbung des Wallenſtein Heſterreich mit einer eigenen Armee im Felde aufgetreten, das Intereſſe des Ordens erheiſcht jedoch, das Haus Habsburg niemals ein wirkliches Ueber⸗ gewicht in den deutſchen Angelegenheiten gewinnen zu laſſen. Nur ein von der Unterſtützung Baierns und der katholiſchen Liga abhängiges Heſterreich wird ſich willig unſerm Einfluß fügen, und umgekehrt vermögen wir wieder nur durch das Gewicht des kaiſerlichen Namens jene Staaten in Schach und unbedingter Abhängigkeit zu erhalten. Alles kam darauf an, durch überraſchende N 2 Erfolge dem Wallenſtein vorzugreifen, doch leider befand ſich das liguiſtiſche Heer durch die zahlreichen Entſendun⸗ gen zur Erdrückung des in Oberöſterreich ausgebrochenen Aufſtandes weniger als je zuvor in der Lage, dieſe Er⸗ folge zu erzielen. Wenn Sie bewirkt hätten, wozu Sie ſich gegen mich verpflichtet haben, wenn Sie wirklich im Stande geweſen wären, dieſen Chriſtian der bisher ver⸗ fochtenen Sache, vielleicht ſogar ſeinem Glauben abwen⸗ dig zu machen, kein Preis würde dem Orden zu hoch geweſen ſein. Er, nicht der Dänenkönig, iſt der Grund⸗ pfeiler dieſes ganzen proteſtantiſchen Bündniſſes, mit ſeinem Gewinn oder mit ſeinem Sturz brach daſſelbe ohne jede Möglichkeit einer Erneuerung zuſammen, und mit der Beendigung des Kriegs ſelbſt wäre zugleich dem Wallenſtein der Boden für jede fernere Wirkſamkeit ent⸗ zogen worden. Die Lage war ſo klar, Sie konnten die⸗ ſelbe unmöglich verkennen. Doch ſtatt deſſen, was iſt geſchehen? Von einer Laune, von einer närriſchen Leiden⸗ ſchaft aufgeſtachelt, haben Sie, die ſonſt ſo ſchlau be⸗ rechnende Intriguantin, ſich dieſem Knaben hingegeben. Nicht Sie haben ſich ihn, er hat Sie ſich völlig willen und widerſtandslos unterworfen. Es iſt unerhört, es iſt lächerlich für Sie, für mich. Während hier der Tilly gegenüber den rapiden Fortſchritten dieſes Braun⸗ ſchweigers kaum noch das Feld zu behaupten vermag, 7* 100 während dort der Wallenſtein nach ſeinem Siege über den Mansfeld an der deſſauer Brücke den ganzen deut⸗ ſchen Norden überflutet und den Dänenkönig bis über die Grenzen ſeiner Staaten zurückgetrieben hat, find wir, fern von dem Schauplatz der Begebenheiten, im Gefolge der herzoglichen Armee aus einem verborgenen Schlupf⸗ winkel in den andern gezogen. Seit drei Tagen harren wir nun ſchon in dieſem elenden Unkenneſte mitten im Gebirge des Ausfalls der neueſten Unternehmung des Herzogs gegen Kaſſel. Blicken Sie doch nur um ſich, Hlympia. Empört ſich denn nicht Ihr Stolz über die unerhörte Vernachläſſigung Ihres Galans, Ihnen zuzu muthen, ſeine gnädige Beſtimmung über Sie an einem ſolchen abſcheulichen Orte abzuwarten? Hat Ihre wahn⸗ ſinnige Leidenſchaft Sie denn ſo ganz verblendet, daß Sie die darin für Sie liegende Geringſchätzung nicht mehr zu empfinden vermögen?“ „Der Herr Pater haben ganz Recht“, nahm die bis dahin in der Ferne geſtandene Duenna das Wort. „Aber es geht das nicht mit rechten Dingen zu, es iſt dabei ſicher Hexerei im Spiele. Alles, was der Herr Pater geſagt haben, habe ich meinem Lieblinge ja längſt ebenfalls vorgeſtellt. Solch ein elender Ketzer, der ſich nur auf den Knieen einer ſo vollkommenen Dame nahen dürfte, ſich das herauszunehmen! Eine Dame, welche N 101 die vornehmſten Cavaliere Europas zu ihren Füßen ge⸗ ſehen hat, hier einzuſperren! Heilige Clara! Heiliger An⸗ tonio! es iſt unerhört. Richt eine Stunde bliebe ich länger.“ „Wohlan, ſo geh!“ kehrte ſich die Gräfin mit einer ſtolzen Geberde zu der Alten.„Und auch Sie, Herr Pater, geben Sie mich doch auf. Ja, eine Wandlung iſt über mich gekommen; das Spiel, zu welchem ich mich ſo lange habe mißbrauchen laſſen müſſen, es widert mich an. Was kümmert mich ferner noch Ihre Politik? Dieſe gleißende Maske, ich werfe ſie von mir. Ich will wieder mir ſelbſt angehören, will frei ſein!“ „Und meinen Sie wirklich“, fuhr der Pater wider dieſe Entſcheidung auf,„daß es nur bei Ihnen ſteht, über ſich zu beſtimmen? Vergeſſen Sie denn, welche Vande Sie an den Orden knüpfen? Glauben Sie im Ernſt, daß es genügt, mir die Thür zu weiſen, um Ihr mit mir getriebenes frevelhaftes Spiel krönen zu können? Ha! täuſchen Sie ſich nicht. Sie find mir willenlos anheim gegeben. Die Beſtimmung über Ihr Thun und Laſſen liegt in meiner Hand allein, und gern oder un⸗ gern, Sie werden gehorchen.“ „Mein Kind, mein ſüßes Goldkind, beſinne Dich doch!“ heulte die Alte.„Mich willſt Du verſtoßen, mich⸗ Deine treue Marietta! Aber ich ſagte es wohl, es iſt 102 hier Zauberei im Spiele. Dieſer ſchändliche Ketzer hat es ihr angethan. Mein Goldkind, mein Turteltäub⸗ chen ſtößt mich von ſich, um mit einem Ketzer in die ewige Verdammniß zu fahren. O!“ „Nimmermehr!“ trotzte Olympia dem Jeſuiten. „Auf jede Gefahr hin zerreiße ich dieſe elenden Bande, ſie feſſeln mich nicht mehr. Zu lange habe ich dieſen entwürdigenden Bann getragen, als daß ich mich dem⸗ ſelben auch nur noch einen Augenblick unterwerfen ſollte. Ha! bin ich nicht Weib? Habe ich bei Schließung die⸗ ſes mir nur durch die Umſtände aufgezwungenen Parts etwa darauf verzichtet, die Stimme meines Herzens zu hören? Und dieſes hat geſprochen. Ich liebe den Her⸗ zog und werde geliebt! O welche Seligkeit enthält die— ſes Wort nach der langen, mir aufgebürdeten Schmach! Ihm gehöre ich an, ganz habe ich mich ihm erge⸗ ben. Sein ſtarker Arm, ſein Adlerauge werden mich ſchützen. Eure Macht reicht nicht bis hierher. Ich ſage mich los von Euch, für immer!“ „Wirklich!“ Ein unendlicher Hohn lag' in dem Antlitz des Jeſuiten ausgeſprochen.„Sie ſagen ſich los. Nun denn, verſuchen Sie es doch! Der Orden Jeſu wäre nimmer ſo hoch geſtiegen, wofern er ſeine Werk⸗ zeuge nicht feſter als durch ihren eigenen freien Wen an ſich zu ketten gewußt hätte.“ 103 Hlympia ſtarrte ihn an. Die Sicherheit in dem Benehmen des Andern imponirte ihr. Der unverhüllte Spott in ſeiner Entgegnung und der gleiche, tief auf dem Grunde ſeiner feſt auf ſie gerichteten ſchwarzen Augen lauernde Ausdruck wirkten auf ſie wie der Blick der Klapperſchlange auf den von demſelben gebannten Vogel. Sie ahnte den Schlag, der ſie treffen würde, doch unter der unbeſtimmten Angſt. welche ihr Herz zuſammenſchnürte, fühlte ſie ſich gleich unfähig, demſel⸗ ben zuvorzukommen oder ihm auszuweichen. Die Ueber⸗ legenheit des von ihr ſo ſtolz und zuverſichtlich heraus⸗ geforderten Gegners war ihr mit dem Eintritt in den Kampf plötzlich zum Bewußtſein gekommen, und um⸗ ſonſt bot ſie ihre Willenskraft auf, der mehr und mehr ſich ihrer bemächtigenden Unſicherheit uud Schwäche Herr zu werden. „Sie fühlen ſich ſicher in dem Schutze des Herzogs“, nahm der Pater nach einer langen ſtummen Pauſe in demſelben ſpöttiſchen Tone das Wort wieder auf,„und gewiß Sie dürfen darauf bauen, die Gräfin Caracciolé wird dieſer Phantaſt ſchützen, ſoweit ſein Vermögen reicht, ich zweifle nicht. Doch darf die des gräflichen Flitters entkleidete Courtiſane, darf das Weib, das mit ſeinem ſchlimmen Rufe ganz Italien erfüllte, noch denſelben An⸗ ſpruch an ihn erheben? Ha, wie Sie blaß geworden ſind, 104 wie Sie zittern!“ fuhr er triumphirend fort.„Ihre Ver⸗ gangenheit iſt es, welche Sie nicht hinter ſich werfen können, und durch dieſe ſind Sie dem Orden für immer verbunden. Wollen Sie es darauf ankommen laſſen, dieſe Vergangenheit vor Ihrem Geliebten enthüllt zu ſehen? Wo iſt der Becher der Schmach, den Sie nicht bis zu den Hefen geleert hätten? Denken Sie an Ihren Vater, welchen die Schande Ihrer Aufführung in ein frühes Grab geſtürzt hat, an Ihre Familie, deren Namen Sie durch Ihre Buhlſchaften entehrt haben. Wo iſt die Frau, die ſich mit Ihnen vergleichen könnte? Wieviel Blut iſt im Duell und Meuchelmord um Sie vergoſſen worden! Zu einer glücklichen, unabhängigen Lebensſtellung geboren, ſind Sie von Stufe zu Stufe bis zum Abgrund des Verbrechens hinabgetaumelt. Nur der Dazwiſchenkunft des Ordens verdanken Sie Ihre Rettung aus den Hän⸗ den der Gerechtigkeit. Noch aber klebt der Verdacht, Ihren zweiten Gatten durch Gift hingemordet zu haben, Ihnen an. Was ſage ich der Verdacht; Ihr eigenes Geſtändniß zeugt wider Sie.“ „Es iſt nicht wahr!“ keuchte Olhmpia, dem furchtbaren Ankläger im wahnfinnigen Schrecken ihre Hände entgegenbreitend.„Die Angſt vor der Fol⸗ ter hat mir jenes entſetzliche Geſtändniß entriſſen. Aber bei allen Heiligen! bei der gebenedeiten Jung⸗ 105 frau! ich bin unſchuldig an dieſem ſchwärzeſten Ver⸗ brechen.“ „Oder ſoll ich zu dem zweiten Abſchnitt Ihrer Laufbahn, zu Ihrer Thätigkeit als Emiſſärin des Ordens übergehen?“ fuhr ihr unerbittlicher Peiniger, ohne auf ihre Einſprache zu achten, fort.„Fühlen Sie nicht ſelbſt, daß die Courtiſane und Giftmiſcherin vielleicht noch eher vor den Augen des Herzogs Gnade finden dürfte, als die politiſche Unterhändlerin? Meinen Sie etwa, daß der Orden alle dieſe furchtbaren Beweiſe wider Sie nicht ſorgfältig geſammelt hätte, oder daß es ihm je an Mitteln oder Wegen fehlen würde, dieſelben dem Her⸗ zog in die Hände zu ſpielen?“ „Gnade! Gnade!“ krümmte ſie ſich zu ſeinen Fü. ßen.„Gnade! Erbarmen!“ heulte die Alte, die ſich gleichfalls auf die Kniee geworfen.„O all ihr Heiligen, ſteht mir bei! Gnädigſter Herr Pater, verzeihen Sie uns doch. Mein Goldkind wird ja gehorchen. Irgend eine Zauberei, ein Höllenſtückchen hat ſie geblendet. Be⸗ denken Sie doch, wie gute Dienſte mein Liebling ſchon dem Orden geleiſtet hat. Und es iſt ja auch hier noch nicht zu ſpät dazu. Sie hält dieſen elenden Ketzer in zu feſten Banden, als daß er ihr zu widerſtehen vermöchte. Sie wird ihn zum Abfall von ſeiner Sache, zum Ueber⸗ tritt zu der heiligen Mutterkirche zu beſtimmen wiſſen.“ 106 „Es iſt zu ſpät!“ verſuchte er ſich der Zudringlichen zu erwehren. „Es iſt nicht zu ſpät dazu“, verharrte die Alte bei ihrer Behauptung.„Habe ich es denn hinter der Thür nicht mit meinen eigenen Ohren gehört, wie er meinem Goldkinde ſeine Hand angeboten hat? Sie vermag über ihn ja Alles. Er wird ihren Bitten nicht zu widerſtehen vermögen.“ Ein Blitz zuckte bei dieſer unerwarteten Kunde in den Augen des Paters.„Um ſo ſchlimmer“, grollte er; „nie iſt eine günſtige Gelegenheit ſchlechter ausgenutzt worden. Jetzt bedarf es anderer, raſcher wirkender Mit. tel, den Siegeslauf dieſes Ketzers zu hemmen. Mit der Sicherheit des Beſitzes iſt die Leidenſchaft des Herzogs erkaltet. Derſelbe hat in Eöttingen die Gräfin von Solms wiedergeſehen, die alten Verbindungen zwiſchen ihm und dieſer beginnen ſich wieder zu knüpfen.“ „Das iſt nicht wahr! Das iſt unmöglich!“ fuhr Hlympia aus ihrer Verſunkenheit empor.„Nein, nein, das kann nicht ſein!“ „Ich habe es ja geſagt“, zeterte die Alte,„warum hat ſie ſich ihm auch hingegeben! O dieſer Ketzer! Aber mein Kind, was iſt Dir? Um aller Heiligen willen, ſie wird ohnmächtig!“ Unter der Wucht des unerwarteten neuen Schlages 107 drohte Olympia in der That zuſammenzubrechen, und ohne die Unterſtützung der ſchnell hinzuſpringenden Duenna würde ſie zu Boden geſtürzt ſein. „Nur die Gefangennehmung des Herzogs vermag jetzt noch eine Aenderung herbeizuführen“, verfolgte der Jeſuit ſeinen Vortheil.„Bei ſeinem erſten Beſuche hier oder in dem nächſten uns angewieſenen Verſteck muß derſelbe in das liguiſtiſche Lager entführt werden. Olym⸗ pia, hören Sie, Sie müſſen mich von ſeinem Kommen und dem Wege, den er einſchlägt, benachrichtigen. Unter dieſer einen Bedingung will ich Ihnen verzeihen.“ „Nie! nie!“ hauchten ihre Lippen.„Der Hinterhalt, den Sie ihm legen wollen, zielt auf ſeinen Tod. Ver⸗ langen Sie Alles von mir, nur das nicht. Ich kann ihn nicht in den Tod ſenden!“ „Hall ihr Heiligen! Beſter Herr Pater“, verſuchte die Alte im höchſten Schrecken den Eindruck der neuen Weigerung Olhmpia's abzuſchwächen,„rechnen Sie ihr doch dieſen thörichten Starrſinn nicht an. Sie iſt ver⸗ hert, ich behaupte es, doch ſie wird ſich beſinnen, ich werde Sie zu überreden wiſſen. Lebendig oder todt, das iſt ja Alles eins bei ſolch einem Ketzer. O, ich könnte ihn mit meinen eigenen Händen erwürgen! Verlaſſen ſich der Herr Pater doch nur ganz auf mich!“ „Thörin!“ rief der Pater, Olhmpia's Arm ergrei⸗ 108 fend und ſeine Stimme zu einem halben Flüſtern dämpfend, während ſeine flammenden Blicke ſich bis auf den Grund ihrer Seele ſenken zu wollen ſchienen,„wenn Ihre Lei⸗ denſchaft Sie denn ſo ganz beherrſcht, nun, ſo bietet Ihnen die Entführung des Herzogs vielmehr die vollſte Befriedigung derſelben. Sie mögen ihm in ſeine Ge⸗ fangenſchaft folgen, dem Orden kann und wird dies gleichgültig ſein. Ja, noch mehr, in dem unmittelbaren, dauernden Verkehr mit ihm wird Ihnen vielleicht die erneute Gelegenheit erwachſen, Ihre Verſäumniß wieder einzubringen. Möglich, daß es Ihnen in der Einſamkeit irgend einer abgelegenen Feſte gelingt, doch noch ſeine Bekehrung und ſeinen Uebertritt zu unſerer Sache zu erwirken. Ja, es wird, es muß Ihnen gelingen. Ihre gänzliche Freigebung ſeitens des Ordens, die Aushändi⸗ gung der wider Sie zeugenden Schriften iſt der Preis, welchen ich Ihnen dafür biete.“ „Ich werde frei ſein!“ murmelte ſie, mit einem zweifelnden Blick ihm ins Geſicht ſtarrend.„Und Sie ſchwören mir, daß es nicht auf ſein Leben abgeſehen iſt, daß Chriſtian dieſen meinen Verrath nie erfahren wird?“ „Bei dem heiligen Blut und Leiden aller chriſtlichen Märthrer, bei der gebenedeiten Gnadenmutter, bei mei⸗ ner ewigen Seligkeit ſchwöre ich es Ihnen.“ „Holla, ſeht doch“, vernahm man vom Hofe eine 109 Stimme,„da ſprengt ein Reiter den Weg zur Burg hinan. Wer mag das ſein?“ „Gott ſtraf mich!“ antwortete ein Anderer,„es iſt der Cornet, ich erkenne ihn. Der kommt von der Armee. Wenn er uns den Befehl zum Aufbruch brächte! Schnell, Ihr da, kommt heraus und helft mir die Zug⸗ brücke niederlaſſen.“ Die unwillkommene Unterbrechung traf den Zeſtiten zu unvorbereitet, als daß er ſich vollkommen zu beherr⸗ ſchen vermocht hätte. Unwillig ſtampfte ſein Fuß den Boden, ein Blitz tödtlichen Aergers leuchtete in ſeinen Augen. Umgekehrt hatte dieſelbe micreii Olympia ihre ſo ganz eingebüßte Beſinnung theilweiſe zurückgege⸗ ben. Sie vermochte ſich von ihrer Empfindung noch nicht Rechenſchaft zu geben, ihre Gedanken wirrten noch durcheinander, aber ſie war in dem Spiel der Täuſchun⸗ gen ſelber viel zu erfahren, als daß ſie aus jenen un⸗ willkürlichen Zeichen nicht gleichſam inſtinktmäßig die Falſchheit und den geheimen Vorbehalt des ihr von dem Pater eben geſchworenen Eides hätte errathen ſollen. „Faſſen Sie ſich“, flüſterte dieſer ihr unter den vom Hofe erſchallenden Ausrufungen und Begrüßungen zu, „es iſt der Cornet.“ „Kaſſel iſt genommen, der Hompeſch geſchlagen und 110 gefangen!“ jubelten unten die um den angelangten Eil— boten zuſammengeſtrömten Soldaten der zum Schutz ſeiner Geliebten auf dem einſamen Bergſchloſſe zurückgelaſſenen Beſatung.„Hoch Herzog Chriſtian! Hoch unſer Herzog!“ „Sie hören es“, knirſchte der Jeſuit mit den Zäh⸗ nen.„So oder ſo, durch irgend ein Mittel muß den Fortſchritten dieſes ewig verdammten Ketzers ein Ziel geſetzt werden.“ Unter lautem Jubel ſn es die Treppe herauf, die Thür ward ſtürmiſch aufgeriſſen.„Hoch der Herzog! Victoria!“ donnerte der Ruf. Auf dem Gange vor dem Zimmer drängte es ſich Kopf an Kopf. Von zwei oder drei mit dem Cornet eingetretenen Kriegsleuten wurden auf deſſen Wink ein Dutzend und mehr eroberte Fahnen und Standarten zu den Füßen Olhmpia's ausgebreitet. Das ihr von dem Sendboten überreichte Begleit⸗ ſchreiben zitterte heftig in ihrer Hand, die Buchſtaben flirrten vor ihren Augen, doch mit der Entzifferung der erſten Zeilen ſchon durchzuckte ſie ein freudiger Schreck. Die Ausführung der von dem Pater verfolgten Abſicht mußte nach der ihr gewordenen Mittheilung vorläufig unmöglich erſcheinen; wenn auch nichts Anderes, hatte ſie durch die ihr zugegangene Botſchaft mindeſtens Zeit gewonnen. Sie hätte in dem Jubel ihres Herzens laut aufjauchzen mögen; indeß ſie fühlte die Blicke des Je⸗ 111 ſuiten auf ſich gerichtet und kein Zug in ihrem Antlitz verrieth den ſtürmiſchen Aufruhr ihres Innern. „Der liguiſtiſche General Graf Hompeſch iſt bei Friedingen von dem Grafen Solms erreicht und mit drei Regimentern zur Ergebung gezwungen worden“, richtete ſie während des Leſens mit vollſter Selbſtbeherr⸗ ſchung das Wort an ihre Umgebung.„Kaſſel hat den ſiegreichen Schaaren des Herzogs ſeine Thore geöffnet, die heſſiſchen Völker find zu der Armee deſſelben geſto⸗ ßen. Marietta und Sie, Herr Pater, wollen Sie Alles zu unſerm ſchleunigen Aufbruch vorbereiten. Unſeres Bleibens iſt hier nicht länger. Der Herr Cornet, unſer alter Beſchützer, hat von Sr. Durchlaucht den Befehl erhalten, uns ebenfalls nach Kaſſel zu führen. Der Herr Herzog hält unſern Aufenthalt in dieſem Schloſſe ferner nicht für geſichert und wünſcht, daß wir, wenn möglich, unmittelbar mit dem Eintreffen ſeines Boten unter deſ⸗ ſen Geleit die Reiſe nach unſerm neuen Beſtimmungs⸗ orte antreten.“ „Triumphiren Sie nicht zu früh“, hatte ihr unter dem über dieſe Mittheilung ausgebrochenen Jubel der Jeſuit zugeflüſtert.„Sie kennen meinen Willen, und dort wie hier bleiben Sie meiner Beſtimmung anheim gegeben.“ „Ihr Ungeſtüm und der zornige Ausdruck Ihres 112 Geſichts werden Sie noch verrathen!“ begnügte Sie ſich mit einem halben Achſelzucken zu erwidern.„Nehmen Sie ſich in Acht, der Cornet ſieht auf uns.“ Der wüthende Aerger über dieſe unerwartete Zu⸗ rechtweiſung drohte den dadurch auf ſeiner verwundbar⸗ ſten Stelle, in dem Stolze auf ſeine geiſtige Ueberlegen⸗ beit getroffenen Pater zu erſticken und verzerrte das Lä. cheln, zu welchem er ſein Geſicht zu zwingen verſuchte, zu einer ſcheußlichen Grimaſſe. Im gleichen Moment faſt hellten ſich jedoch ſeine Züge wieder auf.„Verlaſſen Sie ſich ganz auf mich“, war ihm von der Duenna zugeraunt worden.„Schlimm⸗ ſten Falls werde ich wohl noch zu handeln wiſſen.“ Der zwiſchen den Beiden ausgetauſchte Blick er⸗ gänzte dieſe Verſicherung. Mit der durch die beiden gleich wirkſamen Hebel ihres Eigennutzes und ihrer Bi⸗ gotterie zu Allem zu beſtimmenden Alten als Vundes⸗ genoſſin durfte ſich der Jeſuit eines endlichen Erfolgs wohl für verſichert halten. Siebentes Kapitel. Eine Reiterſchaar hatte unter dem Blätterdach eines ſchönen Buchenwaldes ihr Lager aufgeſchlagen. Die Pferde ſtanden mit umgehängtem Freßbeutel an den zwi- ſchen den Baumſtämmen gezogenen Fourragirleinen an⸗ gebunden, die Reiter lagen vor und hinter denſelben auf dem Boden ausgeſtreckt. Einige ſaßen auch um zwei oder drei inmitten all der Schläfergruppen angezündete Feuer und ſchürten gelegentlich mit einem abgebrochenen Baumaſt oder dem Ladeſtock ihrer Karabiner die Kohlen um die in die Glut geſetzten Keſſel zuſammen. Der Zahl nach mochte der Haufen wohl auf einige Hundert Mann ge⸗ ſchätzt werden. Die Standarten in Blau und Gold und mit dem weißen braunſchweigiſchen Pferd in der ſchlaff an der Stange niederhängenden Standartenflagge waren auf einer kleinen Lichtung hart über dem Lager aufge⸗ pflanzt. Der Poſten mit aufgenommenem Gewehr ſchritt nachläſſig vor den Feldzeichen auf und nieder und warf von Zeit zu Zeit auch einen gleichgültigen Blick auf eine Geglänzt und erloſchen. M. 8 114 wenige Schritt weiterhin am Boden liegende und mit Stricken zu einer Art unförmlichem Bündel zuſammenge. ſchnürte kleine Geſtalt; das Gras und Geſtrüpp waren jedoch gerade auf dieſer Stelle zu dicht, um mehr von derſelben als die ungefähren Umriſſe oder eigentlich auch dieſe kaum, ſondern höchſtens nur eine zufällige Bewe⸗ gung unterſcheiden zu können. Eeein lichtbraunes Pferd von guter Raſſe ſtand un⸗ fern an einen Baumſtamm gebunden, Sattel und Zaun waren demſelben abgenommen und mit einem wohlge⸗ rundeten Mantelſack und einer ſchweren Kugelbüchſe zur Seite niedergelegt worden. Draußen über der braunen Verghalde, auf welche man unter den lichten Stämmen hervorblickte, laſtete die Sonne mit ihrem blendendſten Glanze. Die Luft flirrte ordentlich unter der ſie erfüllenden Glut. Deſto wohliger ruhte es ſich hier unter dem kühlen Schatten der dichtbelaubten Bäume auf dem ſchwellenden Moos⸗ boden. Dem auf den Kollern und Küraſſen der Reiter laſtenden Staube wie der ſich bei Mann und Roß äußern⸗ den Ermüdung nach zu urtheilen, mochten dieſelben trotz der noch frühen Morgenſtunde wohl ſchon ein tüchtiges Stück Weg zurückgelegt haben. Selbſt die Schläfer ruh⸗ ten übrigens mit der Eiſenhaube auf dem Kopfe und die Waffen in ihrem Handbereich, die Pferde ſtanden, 115 nur mit abgeſtreiftem Zaun, vollſtändig geſattelt. Von dem Saum des Gehölzes vermochte man eine mit ſorg⸗ fältigſter Benutzung jedes Deckungsgegenſtandes rings um das improviſirte kleine Lager vorgeſchobene Poſtenkette zu unterſcheiden. Die Ausſicht von dort erwies ſich nach allen Richtungen gleich beſchränkt. Das mit fußhohem Haidekraut bewachſene Bergplateau ſtieg allmälig in Oſt und Weſt zu ſcharfkantig ausgezackten Höhenzügen empor, nur nach Süden fiel daſſelbe in ein wild zer⸗ klüftetes Thal ab, welchem jedoch in der Ferne eine neue Berglehne vorlag. Nach rückwärts zog ſich der Wald zu einem noch höhern Gebirgsrücken hinan. Ein auf dem braunen Untergrund kaum zu unterſcheidender Saumpfad führte hart an der Lagerſtelle vorüber. Soweit das Auge reichte, war in der öden, unwirthbaren Gebirgslandſchaft nirgends eine Spur von Anbau oder das Dach einer menſchlichen Wohnung zu bemerken. Die Hände nachläſſig auf den Rücken gelegt, war der alte Wachtmeiſter Jakob Veltheim aus Eſchwege an das vereinzelt ſtehende Pferd herangetreten. Auf ihn allein ſchienen die heiße Sonnenglut und der vorausge⸗ gangene Marſch nicht die geringſte Wirkung ausgeübt zu haben. Die braunen Augen blickten unter dem mit einem friſchen Eichenſtrauß geſchmückten Eiſenhut noch ſo hell und friſch als ob der Mann ſich eben erſt von ſei⸗ S 116 nem Lager erhoben hätte, und doch hatte es der Alte von allen allein verſchmäht, ſeit er den Fuß aus dem Sattel geſetzt, auch nur für einen Augenblick der Ruhe zu pflegen oder zu ſeiner Erleichterung an ſeiner ſchwe⸗ ren Waffenrüſtung auch nur ein Heftel zu löſen. Wie er feſten und langſamen Schritts bald von dem Wal⸗ des ſaum die Ferne erforſchte, bald wieder den ſcharfen ſpähenden Blick über die Schläfer und die in langer Reihe angebundenen Pferde gleiten ließ, wie er prüfend und überlegend jetzt daſtund, den Helm auf dem Haupte, den Küraß über dem kurzen gelben Lederkoller, die bis zum halben Schenkel aufreichenden Reiterſtiefel mit den pfundſchweren Räderſporen an den Beinen, mußte er Zoll für Zoll als der echte Repräſentant jener berühm⸗ ten deutſchen Reiter erkannt werden, welche den Kern aller damaligen Heere bildeten und deren Name und Bezeichnung als der Inbegriff aller kriegeriſchen Voll⸗ kommenheit unverändert in die Sprache beinahe aller europäiſchen Völker übergegangen war. Der Alte ſchüttelte unter der Beobachtung des Pfer⸗ des wiederholt nachdenklich den Kopf, zum zehnten Male vielleicht ſchon war er auf derſelben Stelle ſtehen ge⸗ blieben. Auch zu der Büchſe und dem Mantelſack kehr⸗ ten ſeine Blicke immer erneut zurück, augenſcheinlich in deß, ohne daß es ihm gelungen wäre, über das Bei⸗ 117 ſammenſein dieſer Gegenſtände ſeiner ſo beharrlichen Aufmerkſamkeit die gewünſchte Erklärung zu finden. Der Oberſt Holk hatte ſich einige Schritte von die⸗ ſer Stelle entfernt auf ſeinem unter einer breitäſtigen Buche genommenen Lager in eine ſitzende Stellung auf⸗ gerichtet. „Es geht Euch wie mir, Wachtmeiſter“, äußerte er.„Seit einer Stunde liege ich hier und ſinne, wie dieſe kleine diebiſche Canaille wohl zu dem Pferde ge⸗ kommen ſein mag. Es iſt Ortleburg's Brauner, ich habe das Thier auf den erſten Blick erkannt, indeß der Graf muß ſich jetzt, wenn uns das Glück nur irgend günſtig geweſen iſt, ſechs oder acht Meilen von dieſer Gegend entfernt in Kaſſel befinden. Was meint Ihr, die Un⸗ ſern werden doch nicht geſtern oder vorgeſtern auf dem Wege dahin eine Schlappe erlitten haben? Teufel! un⸗ ſere Lage könnte dadurch eine ſehr gefährdete werden.“ „Eine Schlappe?“ überlegte der Reiter.„Nein, ich glaube nicht. Wenn der Graf wirklich in einem offenen Ge⸗ fecht aus dem Sattel geſchoſſen worden wäre, ſo würden die feindlichen Reiter das Pferd wohl aufgegriffen und nicht einem ſolchen elenden Knirps von Zigeunerbuben überlaſſen haben. Uebrigens aber haben der Herr Oberſt ganz Recht, es iſt das der Braune des Herrn Grafen; indeß ſoweit ich mich erinnere, ritt derſelbe dies Thier immer nur— 118 Wetter! ich glaube, ich hab's. Ja, in der That, das würde Alles erklären.“ Der Oberſt war vom Boden aufgeſprungen.„Was meint Ihr?“ richtete er die geſpannte Frage an den Alten. „Ja, ſehen Sie, Herr Oberſt, der Sattel iſt nicht ſo, wie ihn der Graf benutzen würde. Auch einen Man⸗ telſack wird ein ſo vornehmer Herr nicht auf die Kruppe ſeines eigenen Pferdes nehmen, dafür hat er ja ſeine Diener. Am wenigſten wüßte ich mich aber mit dem plumpen, ſchweren Feuerrohr da zurecht zu finden. Es iſt das keine Reiter ſelbſt kaum eine Jägerwaffe.“ „Ha! Ja, in der That“, ſtimmte der Oberſt bei. „Und was weiter?“ „Nun denn, Herr Oberſt“, fuhr der alte Wacht⸗ meiſter in ſeiner Muthmaßung fort,„wie ich mir habe erzählen laſſen, iſt der Kerl, der Punker, nach der Af⸗ faire in Hameln von dem Grafen in Dienſt genommen worden. War freilich auch keine rechte Art von dem letztern, einen Strolch, der auf unſern Herrn Herzog ge⸗ ſchoſſen hatte, ſeiner Dienerſchaft beizufügen. Denn, Gott ſtraf mich! der Herr Oberſt können ſich darauf verlaſ⸗ ſen, daß ich mich darin nicht geirrt habe. Und es hatte ebenſo wenig Art für einen rechten Soldaten, ſich zum Bedienten von wem es ſei herabzuwürdigen; indeß der * 119 Halunke, der Punker, iſt ja ſein Lebtag mehr Schelm als Kriegsmann geweſen. Nun denn, Herr Oberſt, wer weiß, was die Beiden wieder für ein Stückchen mit ein⸗ ander angeſtiftet haben. Der Punker hat das Pferd ge⸗ ritten, die Büchſe und der Mantelſack gehören ihm und hier im Gebirge iſt er in einen Hinterhalt der Zigeuner⸗ brut gefallen.“ „Das wäre!“ brummte der Oberſt mit einem ſchar⸗ fen Seitenblick auf den Alten.„Hm!“ überlegte er, „es trifft ſchon Alles zu, und ein Bote des Ortleburg auf dem directen Wege zu den Tilly'ſchen Quartieren— welch neue Teufelei mag da wieder ausgebrütet werden?“ „Daß der Schelm ſo ohne mein Zuthun zur Hölle fahren mußte“, murrte mit einem ſchweren Fluch der Wochtmeiſter. „Hm!“ äußerte Holk,„ich weiß nicht, der Sattel zeigt keine Blutſpuren, das Pferd iſt von dem Bengel wohl nur geſtohlen worden. Na, wir haben die Canaille ja zur Stelle und ein glimmender Schwefelfaden, dem Patron zwiſchen die Finger gebunden, wird ihn vor der Execution ſchon noch ſprechen laſſen.“ Der alte Reiter war auf eine zuſtimmende Geberde ſeines Vorgeſetzten davongegangen, den Mantelſack einer genauen Durchſuchung zu unterwerfen. Derſelbe enthielt unter den darin aufbewahrten Sachen jedoch durchaus nichts, was über ſeinen frühern Beſitzer und den Zweck der Reiſe deſſelben irgend ein ausreichendes Licht ver⸗ breitet hätte. „Ich wußte es wohl, daß wir nichts finden würden“ begleitete der Oberſt dieſe fruchtloſe Bemühung,„und auch das Sattelfutter wird keinen Aufſchluß enthalten. Der alte Schelm iſt viel zu ſchlau, als daß er die Bot⸗ ſchaft, welche er etwa zu beſtellen hat, nicht an ſeinem eigenen Leibe verborgen haben ſollte. Wenn unſer vereitelter Ueberfall von heute Nacht nicht die ganze liguiſtiſche Armee aufgelärmt und auf unſere Fährte gelenkt hätte“, fuhr er nachdenklich fort,„ſo lohnte es ſich ſicher der Mühe, ein paar Patrouillen nach dem Punker auszuſen⸗ den. Der Kerl iſt keinesfalls todt und ſein Fang möchte vielleicht unſer diesmaliges Mißglücken mehr als ausglei⸗ chen. Bah!“ entſchied er ſich nach einer längern Ueber⸗ legung,„der Burſche iſt, bevor ihn der Zufall heute mit Tagesanbruch in unſere Hände ſpielte, wahrſcheinlich die ganze Nacht umhergeirrt. Wer weiß, wo er das Pferd geſtohlen haben mag. Auch wird der Pun⸗ ker auf ſeinem Wege in das feindliche Hauptquartier ſicher die große Straße nicht eingehalten haben, und es wäre eine rein hoffnungsloſe Jagd, dem Schelm in die⸗ ſen zerklüfteten Gebirgsthälern nachzuſpüren. Es bleibt uns darum ſchon nichts Anderes übrig, als die Sache 3 121 auf ſich beruhen zu laſſen, und auch das Verhör des Bengels würde uns darin keinen Schritt weiter führen. Deshalb meine ich, wir machen kurzen Proceß mit dem Schlingel. Daß das Pferd ihm nicht von ſelber in die Hände gelaufen iſt, ſteht feſt, und ein genügend ſtarker Aſt, ihn zu hängen, wird ſich an einem dieſer Bäume finden. Wozu demnach das kleine Scheuſal noch weiter mitführen? In fünf Minuten kann die Sache abgethan ſein. He! Ihr da, rüſtet zum Aufbruch und ſchickt mir den Profoß zur Stelle.“ „Wenn der Herr Oberſt ſelber dem Aufgreifen des Punker eine ſo große Wichtigkeit beilegen“, verſuchte der Wachtmeiſter gegen dieſe ſummariſche Entſcheidung Einſprache zu erheben,„ſo käme es doch immer auf einen Verſuch an, ihn zu finden. Auch dürfen wir uns hier wohl außer dem Bereich der feindlichen Verfolgung betrachten. Ich übernehme es, jeden Buſch im Gebirge nach ihm auszuſpüren; indeß der Zigeunerbube muß je⸗ denfalls erſt vernommen werden.“ „Nichts da, mein Alter“, verharrte Holk bei ſeinem Beſchluß.„Gebt Euch zufrieden. So viel gilt mir der Schuft keinesfalls, um an ſein Aufſuchen den beſten Wachtmeiſter meines Regiments und noch ein paar Mann ſetzen zu ſollen. Und was den Burſchen betrifft, ſo nehmt ihm meinethalben erſt die Beichte ab, aber macht's kurz. 122 Ihn noch ferner mitzuführen, wäre, wie feſt ſie ihn auch eingeſchnürt haben, eine bedenkliche Sache. Gefangen und gehangen, iſt mein Lebtag bei dieſer Zigeunerbrut das geeignetſte Verfahren geweſen und ein Exempel muß ſtatuirt werden. Ha, da ſchleppen ſie ihn ja zur Stelle. Wetter! Wachtmeiſter, ſieht der Bengel mit ſeinem Höcker hinten und vorn nicht aus wie eine Schildkröte? Und ſo was will Pferde ſtehlen! Na warte, Halunke, Du ſollſt auf Deine Beförderung nicht zu warten brau⸗ chen. Profoß, raſch werft mir einen Strick da über den Aſt. Wachtmeiſter, haltet uns und Euch mit dem Scheu⸗ ſal doch nicht auf.“ Der Zigeunerbube bot in der That unter den Fäu⸗ ſten der ihn mit Jubel und roher Gewalt herzuſchlep⸗ penden Reiter einen entſetzlichen Anblick. Die ihm um die Beine geſchlungenen Stricke waren ſo weit nachgelaſ⸗ ſen worden, daß er nothdürftig einen Fuß vor den an⸗ dern zu ſetzen vermochte, das Unfreiwillige und Schlep⸗ pende in ſeiner Bewegung wie die ihm auf dem Rücken zuſammengeſchnürten Hände erhöhten jedoch noch das Unförmliche ſeiner Erſcheinung. Ein gewaltiger Knebel war ihm dazu in den Mund gezwängt worden und die ſchielenden Augen drohten unter der ihm dadurch ver⸗ urſachten Pein aus ihren Höhlen zu treten. Der Schweiß rann in großen Tropfen von ſeiner Stirn. Die Todes⸗ 123 angſt hatte ſeine Wangen mit einer erdfahlen Bläſſe überzogen, ſeine Blicke ſchweiften unſtät und hülfeflehend in die Runde, ein faſt irrſinniger Ausdruck lag in ſei⸗ nem ſo zu einer wahrhaft ſcheußlichen Fratze verzerrten Antlitz ausgeſprochen. In dem Lager war es auf den Zuruf des Oberſten lebendig geworden; die Einen rüſteten ihre Pferde, die Andern drängten ſich um die Feuer, um ihren Antheil an dem bereiteten Frühmahl in Empfang zu nehmen, der große Haufen indeß harrte, durch die bevorſtehende Execution angezogen, im weiten Kreiſe um Holk und die zu ihrem Commandeur getretenen Offiziere geſchaart, der Ausführung derſelben. „Nehmt dem Burſchen den Knebel aus dem Munde“, richtete der Wachtmeiſter die Aufforderung an die den Buben herbeizerrenden und vor ſich her ſtoßenden Reiter. Auf deren Murren und da Niemand ſeinem Befehl Folge leiſtete, griff er mit einem halblaut gemurmelten Fluch ſelber zu.„Geſtehe, Du Bengel“, herrſchte er den Gefangenen an,„wie Du zu dem Pferde da ge⸗ kommen biſt.“ „Mord und Tod!“ rief Holk unwillig,„wir hätten gerade Zeit, uns mit der ſpitzbübiſchen Canaille hier noch lange aufzuhalten. Stellt das Fragen ein, Wacht⸗ meiſter. Profoß, thut Eure Pflicht!“ 124 „Halt!“ kreiſchte der Zigeunerbube, einmal von dem ſeine Zunge bis dahin feſſelnden Knebel befreit, in Tö⸗ nen der höchſten Angſt,„ich habe ein wichtiges Geſtänd⸗ niß abzulegen. Herr Oberſt, Herr General, Sie tragen die braunſchweigiſche Feldbinde. Es gilt das Leben Ihres Herzogs. Man will ihn ermorden, ich habe die Mörder belauſcht.“ „Was ſchwatzt der Bengel da?“ ſchnaubte Holk ihn an„Wer will den Herzog ermorden?“ „Die Wanda. Nein, nicht doch, der Fremde. Pun⸗ ker oder wie der Mann heißt. Nein“, ſteigerte der Bur⸗ ſche in dem Verlangen, durch einen klangreichen Namen ſich das gewünſchte Gehör zu ſichern, tin Ausſage, „der Graf von Ortleburg!“ „Der Graf Ortleburg?“ „Ja“, bekräftigte jener ſeine Ausſage,„ſo war der Name. In Hameln ſchon ſind wir, die Wanda und ich, Zeuge geweſen, wie er den Punker zum Morde des Her⸗ zogs gedungen hat, und jetzt iſt wiederum ein neuer An⸗ ſchlag im Werke. Auch über die italieniſche Gräfin ver⸗ mag ich Aufſchluß zu geben, ich weiß Alles, ich habe von dem Geſpräch der Beiden kein Wort verloren, und wenn der Herr General mir das Leben ſchenken wollen, ſo ſollen Dieſelben Alles erfahren.“ „Dummes Zeug! Wie der Schelm ſich von dem 125 Strick loszulügen ſucht!“ kehrte ſich Holk zu ſeinen Offi⸗ zieren.„Es iſt kein wahres Wort an ſeinen verrückten Beſchuldigungen; indeß die Todesfurcht des albernen Jungen beluſtigt mich und ich will ſeine Beichte hören. Der Dienſt darf darunter freilich nicht leiden. Rittmei⸗ ſter von Tegernhoff, commandiren Sie deshalb zum Auf⸗ ſiten. Wachtmeiſter, nehmt Ihr den Halunken beim Schopfe. Ihr Andern alle zu Pferde! Binnen fünf Minuten bricht das Regiment auf. Profoß, Ihr bleibt noch zur Stelle. So, hierher mit dem Schlingel! Nun ſprich, doch faſſe Dich kurz.“ Der Burſche hatte Sorge getragen, in ſeinem Ve⸗ richt über ſeinen Vorgang in Hameln, wo er Zeuge des Geſprächs zwiſchen dem Grafen Ortleburg und Punker geweſen, wie in dem über das letzte Begebniß in der zerſtörten Mühle der alten Zigeunerin und dem bon derſelben beſeſſenen Käſtchen eine beſonders hervorragende Wichtigkeit beizulegen. Inſtinktmäßig fühlte er heraus, daß er ſich verloren geben durfte, wofern es ihm nicht gelang, ſich eine über den gegenwärtigen Moment hinaus greifende Bedeutung zu ſichern, und ſeine Ausſage ließ deshalb einerſeits die Alte als die Vertraute der beiden Andern erſcheinen wie zugleich muthmaßen, daß ſich außer den Papieren der Gräfin wahrſcheinlich auch die Beweisſtücke gegen den Grafen Ortleburg in jenem au⸗ 126 genblicklich in deren Beſitz befindlichen Behältniß finden würden, während er ſich andererſeits zugleich erbot, den Aufenthaltsort derſelben auszuſpüren und ſie in des Oberſten Hände zu liefern. „Nun gut“, entſchied ſich dieſer nach einem kurzen Nachdenken,„das Leben ſoll Dir geſchenkt ſein, und fünf— zig blanke Gulden ſind Dein, wofern Du mir die Alte aus ſpürſt. Auch was ſich außer den Papieren in dem Käſt⸗ chen findet, ſoll Dir gehören. Jetzt muß ich Dich dem Profoß wieder überantworten, doch auf unſerm weitern Marſche wird Dir die Gelegenheit zu entkommen gebo⸗. ten werden. Ich bin der Oberſt Holk, merke Dir den Namen. Durch dieſen Mann“— er deutete auf den Wachtmeiſter—„magſt Du mir Bericht zugehen laſ⸗ ſen.— Profoß, nehmt den Burſchen an Euch“, rief er dieſem zu,„und bewahrt ihn gut. Na, Ihr Herren“, lachte er, zu den mit geſpannteſter Erwartung auf ihn blickenden Offizieren gewendet,„ich wußte es ja im vor⸗ aus, nichts als Lügen, verdammte Lügen und das ver. rückteſte Zeug. Es bleibt da nur ein Auswweg. Bnmit⸗ telbar bei unſerer Ankunft im Lager mag der Bengel dem Grafen Ortleburg überliefert werden, dem und un⸗ ſerm Herzog ſoll die Beſtimmung über ihn vorbehalten bleiben.“ Ein in der goſtentette gefallener Schuß lenkte die 127 allgemeine Aufmerkſamkeit in eine andere Richtung. Ein Kroatentrupp hatte durch die im Süden abfallende Schlucht die Höhe erklommen, und die Plänkler beider Theile ſcharmuzirten mit einander. Die Feinde erwie⸗ ſen ſich jedoch viel zu ſchwach, um gegen das ſofort ge⸗ ordnete und gerichtete Regiment irgend etwas Ernſtes unternehmen zu können, und hüteten ſich wohl, dem ſo⸗ fort angetretenen weitern Marſch deſſelben anders als in gemeſſener Ferne zu folgen Das eine Zeit lang noch andauernde Geknatter gewährte dem Oberſten Gelegenheit, mit dem die Nachhut führenden Wachtmeiſter unter dem Anſchein eines Befehls einige Worte zu wechſeln. „Alſo es bleibt bei meiner Beſtimmung“, ſchloß der erſtere das Geſpräch;„in dem heutigen Nachtauar⸗ tier ſorgt Ihr dafür, den Burſchen entwiſchen zu laſſen. Mordio! auf ſolchen Halunken angewieſen zu ſein, und doch bleibt uns keine Wahl. So ſehr vielleicht ein ſchnel⸗ les Handeln geboten ſein mag, ſo fehlt uns doch noch jeder Beweis und ein einziger falſcher Schritt kann Al— les verderben. Ihr, Wachtmeiſter, habt ja in Hameln ſchon die Erfahrung davon gemacht. Darum Vorſicht! Gott gebe, daß es uns gelingen möge, die Alte mit dem Käſtchen bald in die Hände zu bekommen“ achtes Kapitel. Die Muſterung war beendet. Der Herzog hatte ſich mit freundlichem Gruße von den um ihn verſammelten Oberſten verabſchiedet. Es fehlte trotz des von ihm reichlich geſpendeten Lobes nichtsdeſtoweniger viel, daß auch nur einer der zurückgebliebenen Herren ſich von dem Ausfall der heu⸗ tigen Beſichtigung befriedigt gefühlt hätte. Die Geſich⸗ ter beinahe aller ſchauten verdroſſen und mißmuthig, und mancher grimmige Fluch grollte zwiſchen den bärtigen Lippen, als der Herzog mit ſeinem Gefolge quer übers Feld die Höhe von Bettenhauſen hinanſprengte und dort mit tiefer Verneigung und den Federhut in der Hand eine Dame begrüßte, welche in ihrer von zwei Maulthie⸗ ren getragenen Sänfte gegen den Schluß des kriegeri⸗ ſchen Schauſpiels auf jener weithin die Gegend beherr⸗ ſchenden Kuppe ſichtbar geworden war. Mit wortkarger Begrüßung löſte der Kreis ſich auf. Einige ſtürmten, ihrem Pferde ungeſtüm die Sporen gebend, den nach ih⸗ 129 ren Quartieren abgeſchwenkten Regimentern nach, andere folgten zu zweien und dreien in einem allmälig lebhaf- ter werdenden Geſpräch den voraufgezogenen Truppen. Zuletzt befanden ſich außer einigen geringern Offizieren nur noch die Oberſten Graf Ortleburg und Knyphauſen auf der vorigen Stelle. Die Herren hielten nicht bei einander und nur der Zufall oder die an ihre Begleiter noch ertheilten Befehle und Aufträge ſchienen ſie länger hier zurückgehalten zu haben. Ihre ſich insgeheim belauernden Blicke ließen freilich auf das Gegentheil ſchließen; offenbar war die Annäherung zwiſchen den Beiden aber noch zu neu und fremd, als daß nicht jeder von ihnen in der Begegnung mit dem Andern und dem Austauſch ihrer Anſichten die äußerſte Vorſicht für geboten erachtet hätte. „Herr Graf“, richtete Knyphauſen die gleichgül⸗ tige Bemerkung an Ortleburg,„Sie haben ſich ebenſo wie ich verſpätet. Wir ſind in der That die Letzten ge⸗ blieben.“ „Ja, fürwahr“, lautete die im gleichen Tone gege⸗ bene Erwiderung.„Es lag mir noch ob, für die mor⸗ gende Jagd die nöthigen Vorbereitungen zu treffen.“ Das kurze höhniſche Lachen, womit von dem Gra⸗ fen die letzte Bemerkung begleitet wurde, ſchlug die Brücke des Verſtändniſſes zwiſchen den Beiden. Pflug, Geglänzt und erloſchen. II. 9 130 „Es iſt das noch die Jagd, welche ſchon für Ha⸗ meln angeſetzt war?“ fragte Knyphauſen. Der Andere bejahte. „Nun, es lenkt eben Alles wieder in die alten Gleiſe“ äußerte der erſtere.„Ich will dem Herzoge nur wünſchen, daß ihm und ſeiner Dame nicht wieder in glei⸗ cher Weiſe wie damals dies ſo lange aufgeſchobene Ver⸗ gnügen vereitelt wird.“ Der Graf lachte noch höhniſcher als zuvor.„Bah! es hat damit wohl keine Noth“, entgegnete er;„alle Un⸗ zufriedenheit im Heere kann ja mit den letzten von dem Herzoge davongetragenen Vortheilen als getilgt betrach⸗ tet werden.“. „Meinen Sie das im Ernſt, Graf?“ Der ſpöttiſche Ausdruck in dem Geſicht des letztern und ſein Achſelzucken durften dem Frager als Antwort dienen.„Werden Sie morgen mit von der Partie ſein, Oberſt?“ warf er leicht hin. „Bah! ſeit Hameln kommt ſo etwas nicht mehr a mich, oder, Graf, ſollten Sie wirklich noch nicht bemerkt haben, daß ich mich ſeitdem in höherem Maße noch als zuvor bei dem Herzoge in Ungnade befinde?“ Ortleburg begnügte ſich, ſtatt jeder andern Erwide⸗ rung einen halb zuſtimmenden, halb verwunderten Blick auf den Oberſten zu richten. Nach der Wendung, welche 131 das Geſpräch genommen hatte, befand ſich derſelbe aller⸗ dings in dem Vortheil, die Eröffnung des Andern ab⸗ zuwarten. „Seit Stadtlohn bin ich freilich in dieſer Armee nie mehr recht an meinem Platze geweſen“, forderte in der That Knyphauſen nach einem Moment des vergeblichen Harrens auf ein Entgegenkommen beinahe offen das Vertrauen ſeines Begleiters heraus.„Der Herr Graf werden ja von jener abſcheulichen Geſchichte gehört ha⸗ ben. Der Herzog ſchrieb den Verluſt der Schlacht damals auf meine Rechnung und ich mußte ſein eigenes Verſchul⸗ den entgelten. Ganz ebenſo jetzt. Auch diesmal wird mir von dem Herzog Chriſtian ein Hauptantheil an dem Aufſtande von Hameln zugeſchrieben. Es iſt eben hier wie dort der Einfluß guter Freunde, unter welchem ich zu leiden habe. Hal ich wünſchte“, unterbrach er ſich mit einem bittern Lachen,„daß der Solms von dem Vorgange da vorhin auf der Höhe von Bettenhau⸗ ſen Zeuge geweſen wäre. Der Aerger des biedern Gra⸗ fen über die von dem Herzoge der Rivalin ſeiner Schwe⸗ ſter erwieſene Auszeichnung würde mir eine vollgül⸗ tige Revanche geweſen ſein. Die Beiden, der Her⸗ zog und die Gräfin, ſcheinen doch ſchließlich völlig einig geworden zu ſein“, fügte er mit einem lau⸗ ernden Seitenblick auf Ortleburg hinzu.„Wohin 9* 5 132 das freilich führen ſoll, iſt mir unbegreiflich. Eine Gräfin kann ſich doch kaum mit der Stellung als Geliebte des Herzogs begnügen, und eine Verbindung mit der bigotten Katholikin würde andererſeits, den Stan⸗ desunterſchied dabei ganz aus den Augen geſetzt, die ge⸗ genwärtige Stellung des letztern aufs äußerſte gefährden. Die Leidenſchaft ſcheint den Herzog allerdings völlig ver⸗ blendet zu haben. Iſt je wohl ein Vorgang wie der heutige ſchon erhört worden? Sich von der Dame ſeines Herzens auf den Muſterungsplatz geleiten zu laſſen, und vollends die Flüchtigkeit, mit welcher der Herzog die Beſichtigung der Regimenter übereilte, um nur ſchneller mit ſeiner Innigſt⸗ geliebten vereinigt zu ſein. Hal dieſe Vernachläſſigung wer⸗ den ihm ſeine Offiziere und die Truppen ſobald nicht ver⸗ geſſen. Graf, haben Sie die Geſichter der Herren bei dem Scheiden des Herzogs beobachtet? Ich ſage Ihnen, das Ende von dem Allem wird nicht gut. Seit vor⸗ geſtern Abend, mit dem Eintreffen der Italienerin in Kaſſel, fängt die Geſchichte genau wieder da an, wo ſie in Hameln abgebrochen hatte, nur daß das Glück dem Chriſtian ſchwerlich noch einmal ſo wie dort lächeln möchte. Mit dem Vorgange von heute iſt er des Ver⸗ trauens der Armee für immer verluſtig gegangen.“ Ortleburg ſchien unter der Bemerkung des Andern ſein Pferd kaum noch zügeln zu können.„Bah!“ ſtieß 133 er mit einer vor innerer Aufregung faſt klangloſen Stimme hervor,„was will die Unzufriedenheit der Herren beſa⸗ gen? Und beſitzt der Herzog nicht ſchlimmſten Falls noch ſeine Getreuen, den Grafen von Solms und den Ober⸗ ſten Holk, um, wie dort in Hameln, ſo auch hier wieder jeden Ausbruch im Keime zu erſticken?“ „Hm!“ verſetzte der Oberſt,„die Beiden befinden ſich wohl noch auf lange von hier entfernt. Der Solms hält Göttingen noch beſetzt, und der Herzog wird ſich vor⸗ läufig ſicher nicht beeilen, denſelben von dort herbeizu⸗ rufen. Der Holk hingegen iſt ſeit Hameln unausgeſetzt mit ſeinem Regiment nach hier⸗ und dorthin auf der Streife geweſen. Haha! ich begreife ſehr wohl, warum die Beiden von dem Herzoge entfernt gehalten werden. Eben mit ihrem ſelbſtſtändigen Eingreifen in Hameln haben ſie es bei dem ſtolzen und eigenſüchtigen Charakter deſſelben für immer verdorben, und außerdem iſt es auch noch ſein Verhältniß zu der italieniſchen Gräfin, wegen deſſen ihm die Gegenwart des einen wie des andern läſtig erſcheinen muß. Bei dem Solms erklärt ſich das von ſelbſt; wie ſehr der Holk indeß mit dieſem und ſei⸗ ner Schweſter liirt iſt und wie wenig er ſeine Zunge zu zügeln weiß, iſt ja bekannt. Man munkelt nun da aber Allerlei. Die Gräfin ſoll dem Heere auf dem letz⸗ ten Zuge Schritt für Schritt gefolgt ſein und der Her⸗ 134 zog Tag für Tag oder, was weiß ich, Nacht für Nacht zwiſchen ihrem Aufenthaltsort und unſerm Lager unter⸗ wegs geweſen ſein.“ Das Pferd des Grafen drohte unter dem wüthenden Sporenſtoß deſſelben ſich zu überſchlagen. Seine Augen ſprühten Blitze, jeder Tropfen Blut war aus ſeinen Wan⸗ gen gewichen und die blutige Zahnſpur zeigte ſich auf ſeiner Unterlippe. „Was iſt dem Gaul? Was iſt Ihnen, Graf?“ kam Knyphauſen ſcheinbar im höchſten Erſtaunen dem Aus⸗ bruch des letztern zuvor.„Ha!“ ſchien er ſich jetzt erſt zu erinnern,„ich vergaß. Verzeiht, Graf, daß ich un⸗ vorſichtig ein für Euch jedenfalls heikliges Thema auf⸗ gegriffen habe. Indeß bei Gott! ich beabſichtigte da⸗ mit nicht Euch zu verletzen.“ Der leiſe Anklang von Hohn in dem heuchleriſchen Bedauern des Andern wirkte bei dem Grafen vollends wie Schießpulver auf die Flammen geſchüttet.„Spre. chen Sie gerade heraus, Herr Oberſt“, fuhr er denſelben an.„Was berechtigt Sie, irgend eine Beziehung zwiſchen mir und der Gräfin Caraccioli vorauszuſetzen? Ihre Entſchul digung beleidigt mich, und wenn ich kein Recht beſitze, Sie wegen der wider die genannte Dame ausgeſprochenen ſchmählichen Beſchuldigung zur Rechenſchaft zu ziehen, für dieſe perſönliche Verletzung ſollen Sie mir Rede ſtehen.“ 135 „Graf, was kann ein Mann, der durch ein ſchlimmes Ungefähr im Herzen eines Andern eine wunde Stelle berührt hat, mehr thun als ſich entſchuldigen?“ ſetzte Knyphauſen dem flammenden Unwillen ſeines Begleiters eine eiſige Ruhe entgegen.„Sie thun mir wahrlich Un⸗ recht, wenn Sie wegen deſſen, was ich geſprochen habe, bei mir auch nur die entfernteſte Abſicht, Sie zu beleidi⸗ gen, vorausſetzen. Ganz im Gegentheil, ich meine, daß es zwiſchen uns wohl Berührungspunkte genug gäbe, welche uns einander nähern ſollten, und weil ich dieſe Annäherung aufrichtig wünſche, weil ich Sie in unſerm beiderſeitigen Intereſſe für geboten erachte, kann es mir doch unmöglich in den Sinn kommen, Sie von vornherein ver⸗ letzen zu wollen. In Betreff der Gräfin“ ſetzte er mit einem lauernden Seitenblick hinzu,„ſo wiederholte ich nur ein Gerücht, das in Jedermanns Munde iſt; doch ich ſelber kenne die Dame nicht, und Ihr Urtheil über die ſelbe muß deshalb jedenfalls zutreffender ſein als das mei⸗ nige. Auch brauche ich gegen Sie doch nicht hervorzuheben, wie wenig ſolch müßiges Lagergeſchwätz auf Glaubwür⸗ digkeit einen Anſpruch zu erheben vermag. Uebrigens, Graf, was wollen Sie leugnen, daß Sie ſelber in den Feſſeln der ſchönen Fremden ſchmachten? Und wenn Sie es wollten, Ihre gegen mich eben herausgekehrte Heftigkeit würde Sie verrathen. Iſt ſie nicht auch ſchön 136 genug, um noch weit ältern Männern, als Sie ſind, die Sinne zu berücken? Es wäre eher zu verwundern, wenn dies bei den häufigen Beſuchen, welche Sie in Ha⸗ meln im Hauſe derſelben abgeſtattet haben, anders ſein ſollte. Was hingegen mich und mit mir gewiß noch viele Andere Wunder genommen hat, iſt, daß Sie das unwürdige Benehmen des Herzogs, Ihres Rivalen, ge⸗ gen Sie wie gegen die Gräfin ſo leicht ertragen haben. Er hat ſeine Gewalt über die letztere ſchmählich miß⸗ braucht, Wind und Sonne ſind von ihm bei Ihrer bei⸗ derſeitigen Bewerbung nicht gleich getheilt worden. Iſt es eine Art, iſt es ritterlich, die Dame gleich einer Ge⸗ fangenen hinter dem Heere herzuführen und ſo ihren Ruf der ſchwärzeſten Verdächtigung auszuſetzen? Iſt es erhört, Ihnen, der mit ihm jedenfalls vollkommen gleiche Rechte beſitzt, jeden Weg der Annäherung zu der Dame abzuſchneiden? Ha! ich geſtehe, Graf, ich begreife bei einer ſo himmelſchreienden Verletzung Ihre Ruhe nicht. Fließt denn Milch ſtatt Blut in Ihren Adern?“ „Und wer ſagt Ihnen, daß ich auf meine Rache an dem Stolzen verzichtet habe?“ knirſchte Ortleburg zwiſchen den Zähnen. Knyphauſen harrte umſonſt auf eine nähere Eröff⸗ nung. Gerade ſeine unverhüllte Aufreizung ſchien jenem mit dem erſten unwillkürlichen Ausbruch ſeine ganze 137 Beſonnenheit zurückgegeben zu haben. Es lag in deſſen auf ihn gerichtetem Blick neben einer jeden Umſtand vor⸗ ſichtig abwägenden Zurückhaltung ſogar ein Schatten von Mißtrauen ausgeſprochen. „Wofern Ihre Worte mehr als eine eitle Dro⸗ hung enthalten“, äußerte der Oberſt,„ſo bieten ſie vielleicht den Weg, auf welchem wir uns begegnen möchten.“ „Wenn wir auch in dem Gefühl des Haſſes wider unſern gemeinſamen Feind übereinſtimmen“, verſetzte der Graf,„ſo folgt daraus noch nicht, daß unſere Wege zuſammentreffen. Sprechen Sie zuerſt, Oberſt, was ſind Sie zu thun entſchloſſen? „Meine Stellung iſt je länger je mehr in dieſem Heere unhaltbar geworden“, kam dieſer nach einem län⸗ gern Nachdenken der an ihn gerichteten Aufforderung nach,„doch mit meinem Scheiden will und muß ich die⸗ ſen Chriſtian treffen, tief und unverwindlich, wie er mich getroffen hat. Die Macht will ich aus ſeinen Hän⸗ den reißen. Mein Anſchlag dazu in Hameln iſt mir zwar mißglückt, bei der Stimmung, welche die heutige Heerſchau bei den Führern wie bei den Truppen hinter⸗ laſſen haben muß und die ſein unkluges Benehmen ſicher noch ſteigern wird, bietet indeß ein neuer Verſuch, das Commando den unfähigen Händen des Herzogs zu 138 entwinden, unbedingt die gegründetſten Ausſichten. Die Lage hat ſich ſeitdem freilich weſentlich zum Schlimmern gewendet. Ein Anſchluß an Dänemark erſcheint nach dem Zurückweichen des Dänenkönigs bis hinter die Eider kaum noch rathſam, und dem Mansfeld dieſe Armee zuzuführen, unterliegt bei deſſen Verſprengung weitab nach der Mark und Schleſien nicht minder den ernſte⸗ ſten Bedenken. Ich habe auch ſchon an den Schweden gedacht, allein immer würden für einen Abſchluß mit demſelben weitläufige Verhandlungen erforderlich ſein. Schlimmſten Falls bliebe für den erſten Moment ja aber der Ausweg, die Truppen in holländiſche Dienſte zu geben und währenddeß mit dem Schweden oder allenfalls auch mit dem Woallenſtein zu unterhan⸗ deln.“ Ein überlegenes Lächeln ſpielte um die Mundwin⸗ kel des Grafen. Die Beiden hatten beim Anblick von Kaſſel, das ſich am Fuße der von ihnen erreichten An⸗ höhe ausbreitete, unwillkürlich den Gang ihrer Pferde ermäßigt. „Wenn mit dem Wallenſtein, warum dann nicht lieber gleich unmittelbar mit dem Kaiſer und der Liga?“ Der Oberſt ſtarrte betroffen dem Grafen auf dieſe von demſelben leicht hingeworfene Frage ins Geſicht, er meinte offenbar nicht recht gehört zu haben. 139 „Der Kaiſer und die Liga!“ murmelte er nach einem minutenlangen Schweigen.„So hat alſo dem in Hameln von den damals Ihrem Befehl untergebenen Regimentern ausgeſtoßenen Feldruf mehr als das Anſtif⸗ ten irgend einiger untergeordneten Emiſſäre zu Grunde gelegen?“ Der Graf ſchien dieſe letzte Bemerkung ganz über⸗ hört zu haben.„Ich meine nur“, lächelte er,„daß die Liga und die am bairiſchen wie am kaiſerlichen Hofe allmächtigen Jeſuiten wohl gerade jetzt um des Wallen⸗ ſtein willen für die Ueberführung dieſer Armee in das liguiſtiſche Lager einen ganz andern Preis als der letz⸗ tere zahlen möchten. Ich glaube, keine Forderung dürfte zu hoch ſein, welche die Herren dem Manne oder den Männern nicht bewilligen würden, denen ſie dieſen Vor⸗ theil zu danken hätten. Indeß, Herr Oberſt, dort liegt Kaſſel, und wenn Sie unmittelbar nach Ihrem Quartier in Landershauſen zurückzukehren beabſichtigen, ſo ſchei⸗ den ſich hier alſo unſere Wege. Oder wollen Sie mir vielleicht für heute Mittag die Ehre erweiſen, mein Gaſt zu ſein?“ Die ſchwache Betonung der Worte:„ſo ſcheiden ſich hier alſo unſere Wege“, war zu auffällig, als daß dem Oberſten der darin enthaltene Doppelſinn hätte entge⸗ hen können. Sein Zögern währte indeß keine Se⸗ 140 kunde.„Ich nehme Ihre freundliche Einladung an, Graf“, entſchied er ſich.„Der Kaiſer und die Liga! Ich begreife zwar die Möglichkeit noch nicht, doch der Gedanke verdient wohl ausführlicher beſprochen zu werden.“ Neuntes Kapitel. Der Graf Ortleburg hatte beim Eintreten in ſein Zimmer Hut und Handſchuh auf den Tiſch geworfen und ſchritt im finſtern Nachdenken in demſelben auf und nie⸗ der. Der Abend dämmerte draußen. Nach ſeinem grü⸗ nen, reich mit Silber geſtickten Wams und dem Hirſch⸗ fänger an ſeiner Seite zu ſchließen, mußte die ſo lange verſchobene große Jagd wohl heute ſtattgefunden haben. „Iſt der Punker zur Stelle?“ richtete er, ſeinen Gang einen Augenblick unterbrechend, die Frage an den unter der Thür ſtehen gebliebenen Diener.„Wo ſteckt der Schelm wieder?“ grollte er auf deſſen verneinende Antwort.„Ich will ihn ſprechen. Er ſoll ſofort her⸗ beigeſchafft werden.“ Sich in einen der um den Tiſch geſtellten Lehn⸗ ſeſſel niederlaſſend, ſtarrte der Graf in Gedanken verlo⸗ ren vor ſich zur Erde.„Dieſe Höllenqual muß einmal ein Ende nehmen“, murmelte er.„NRicht einen Blick, nicht ein Wort hat ſie für mich gehabt. Er und immer 142 nur er! Ich ertrage das nicht länger. Aber“, richtete er nach einem langen, düſtern Brüten das Haupt empor, „keins der mir in Ausſicht geſtellten Mittel entſpricht meiner Ungeduld. Der geſtern mit Knhphauſen verabre⸗ dete Plan hat ohnedies durch das heute erfolgte Ein⸗ rücken des Holk viel von ſeiner Ausſicht auf Erfolg ver⸗ loren. Und auch der Solms hat ſich, wie mir von dem Herzog vorhin ſelber mitgetheilt worden iſt, nach Zurück⸗ laſſung einer Beſatzung in Göttingen ummittelbar gegen die Weſer gewendet und kann ſchon morgen oder über⸗ morgen in Minden eintreffen. Solange dieſe Beiden dem Chriſtian zur Seite ſtehen, bleibt keine Hoffnung, die Armee zum Abfall von demſelben zu beſtimmen. Auch ſcheint er ſelbſt keineswegs geſonnen, hier lange zu verweilen, ſondern feſt entſchloſſen, die ſchon errun⸗ genen Vortheile durch einen raſchen Schlag gegen den Georg von Lüneburg zu vervollſtändigen und ſich dann mit ganzer Macht auf den Tilly zu werfen. Die Lage iſt eben ſeit Hameln eine ganz andere geworden. Die Sicherheit des Beſitzes hat die Tollkühnheit dieſes Kna⸗ ben nur noch geſteigert und läßt ihm zum Handeln voll⸗ kommen freie Hand. Nur ſein Tod kann für mich eine Aenderung herbeiführen. Doch nein, der Pater würde dann nur die Gräfin mit ſich in das liguiſtiſche Lager führen, und damit wäre mir jede Ausſicht auf 143 den Beſitz dieſes herrlichen Weibes vollends abgeſchnit⸗ ten. Wenn ich mich ihrer mit Gewalt bemächtigte?“ Ein kurzes Nachdenken mußte ihn wohl von der Unausführbarkeit auch dieſer letzten ihm aufgeſtiegenen Idee überzeugt haben.„Unmöglich!“ murmelte er.„Der Jeſuit würde Mittel und Wege finden, meinen Plan zu vereiteln und ſelbſt im Falle des Gelingens dieſer Schritt der Gräfin nur meine Antheilnahme an dem Morde ihres Geliebten verrathen, denn— ich kann mir das nicht länger verhehlen— er iſt ihr Geliebter.“ Er war in der ihn erfüllenden Unruhe von ſeinem Sitze aufgeſprungen, ſchon nach ein paar raſchen Gän⸗ gen durch das Zimmer blieb er jedoch vor dem einen Fenſter ſtehen und verſank von neuem in tiefes Nach⸗ ſinnen. „Wenn ich nur wüßte, wie ich mit dem Jeſuiten daran wäre“, warf er ſich in Gedanken die Frage auf. „Die Kälte, mit welcher er meine geſtrige Mittheilung über das mit Knyphauſen getroffene Abkommen aufge⸗ nommen hat, wie überhaupt die ſeit dem erſten Tage ſeiner Ankunft hier gegen mich beobachtete Zurückhaltung laſſen darüber keinen Zweifel, daß er jetzt einen eigenen, von unſerer frühern Verabredung abweichenden Plan verfolgt; indeß worauf kann dieſer Plan gerichtet ſein?— Der Punker kommt noch immer nicht“ kehrte er ſich * 144 mit dem Ausdruck heftiger Ungeduld zur Thür.„Wo ſteckt der Kerl wieder?— Es bleibt mir keine Wahl, ich muß auf ſeinen Vorſchlag eingehen und ich bin ent⸗ ſchloſſen dazu. In der That, wenn das von ihm ange⸗ gebene Mittel ſich bewähren ſollte, ſo würde daſſelbe allen meinen Zwecken am beſten entſprechen. Niemand könnte bei dem allmäligen Hinſiechen des Herzogs auf mich als den Urheber ſeines Leidens muthmaßen. Es würde ſich ſo freilich erſt in Tagen und vielleicht Wo⸗ chen vollziehen, was ich am liebſten im Augenblick be. wirken möchte, doch der Anblick, den Verhaßten Zoll für Zoll ſterben zu ſehen, wird mich dafür entſchädigen, und zugleich gewinne ich ſo Zeit, das verlorene Terrain bei der Gräfin wiederzugewinnen und den Abfall des Heeres vorzubereiten. Ja, ich will die Alte ſehen. Am Ende, warum ſoll ich das Mittel nicht anwenden? Ich habe früher ſchon davon gehört und brauche überdies ja kei⸗ nen der andern Fäden aus den Händen zu geben.“ Punker war währenddeſſen ins Zimmer getreten. Das ſtark geröthete Geſicht und die ſchwimmenden Au⸗ gen des alten Schelms bekundeten, wie ſehr er dem Becher zugeſprochen haben mußte. „Wo ſteckteſt Du wieder?“ herrſchte der Graf ihn an. „Hihi! Der Herr Graf dürften ſich mit der Art, 145 wie ich meine freie Zeit heute angewendet habe, wohl zufrieden erklären. Während der Herr Graf in Beglei⸗ tung der ſchönen Gräfin und Sr. durchlauchtigen Gnaden den Hirſch oder den Eber gejagt haben, bin ich einer andern Fährte nachgegangen und mein Wild iſt von mir ſicher nicht minder kunſtgerecht geſtellt und abgefan⸗ gen worden. Hoho! ich darf mich in meiner Art wohl auch als ſo'n Stück Oberjägermeiſter betrachten. Durch den dem Haushalt der Gräfin beigegebenen Cornet iſt es mir gelungen, mit dem Leibdiener des Herzogs be⸗ kannt zu werden. Wir ſtehen auf dem vertrauteſten Fuße und ſind die beſten Freunde mit einander, und alle die zu dem beabſichtigten Zauberwerke nothwendigen Requi⸗ ſiten befinden ſich nunmehr in meinen Händen. Sehen der Herr Graf hier eine Locke von ſeinem Haar. Ein tüchtig Stück Geld hat mich das freilich gekoſtet, doch der Herr Graf werden mich ſchon zu entſchädigen wiſſen.“ Empört über die unverſchämte Vertraulichkeit in dem Benehmen des Alten hatte der Graf dieſem den Rücken gewendet.„Und auf einem ſolchen Halunken iſt augenblicklich meine ganze Hoffnung begründet!“ murrte er zwiſchen den Zähnen. Der mit dieſem Ehrentitel Bedachte mochte die ihm geltende Aeußerung vielleicht gehört haben, möglicher Pflug, Geglänzt und erloſchen. II. 10 . 146 indeß, daß er auch nur die zuvor ſchon angedeutete Nothwendigkeit einer neuen Spende dem Grafen noch⸗ mals in Erinnerung rufen wollte.„Ja, Herr Graf, das hilft nun ſchon Alles nichts“, warf er mit einem aber⸗ maligen frechen Lachen ein;„gut Ding will Zwang lei⸗ den und ein günſtiger Erfolg kann nie zu theuer bezahlt werden.“ „Kerl, was unterſteht Er ſich!“ fuhr der Graf auf. „Wer? Ich? Peſtedieu! das iſt nicht übel. Da denke ich nun Wunder, wie der Herr Graf mich loben und welche Belohnung mir derſelbe ſpenden werden und ſoll mich nun mit„Kerl“ und„Er“ tractiren laſſen. Frei⸗ lich, es iſt nun ſchon mit den großen Herren mein Leb⸗ tag nicht anders geweſen und ich hätte das am Ende gleich wiſſen können. Indeß wenn der Herr Graf meiner Dienſte ferner entrathen können, mir ſoll's ſchon recht ſein. Die Geſchichte, in welche ich mich da für denſelben ein⸗ gelaſſen habe, hat mir ohnedies ſchon lange ſchwer auf dem Herzen gelegen. Einmal habe ich deswegen ſchon bei einem Haar meinen Hals in der Schlinge gelaſſen, und jetzt bei der Zauberaffaire kann ſchließlich für mich vielleicht noch weit Schlimmeres herauskommen.“ Die von dem Grafen ihm zugeworfene Börſe beſ⸗ ſerte anſcheinend ſeine einmal erweckte üble Laune nur um ein Geringes.„Ein Wort für tauſend“, murrte er. 147 „Was geſchehen ſoll, muß bald geſchehen, und Alles iſt jetzt vorbereitet. Haben der Herr Graf ſich nunmehr zur Anwendung des von der Alten vorgeſchlagenen Zau⸗ bers entſchloſſen?“ „Und was verbürgt mir die Wirkung des Mit⸗ tels?“ „Es gibt kein zuverläſſigeres. Dem Conterfei das Herz durchſtechen hat bei ſonſt richtiger Anwen⸗ dung des Zaubers noch jedesmal ſeine Wirkung aus⸗ geübt. Karl IK. von Frankreich, Don Juan d'Auſtria, Alexander von Parma ſind alle auf dem gleichen Wege in die Ewigkeit befördert worden. In kundiger Hand bedarf es zu dem Gelingen des Werks nur einer Haar⸗ locke des erkorenen Opfers, ich aber beſitze mehr. Dies Tuch trägt noch die Blutſpuren der in Hameln von mei⸗ ner Kugel dem Herzog beigebrachten Streifwunde, Blut von ſeinem Blut, und die Wanda iſt ihrer Zauberſprüche ſicher. Kein Gott vermag ihn zu retten.“ „Du kennſt das Weib? Wer iſt ſie?“ „Seit vierzig Jahren und wohl noch darüber. Der Herr Graf kennen ſie übrigens auch. Es iſt dieſelbe alte Zigeunerin, welche der Herr Graf vor drei oder vier Wochen in Hameln auf dem Markte vor der Waſſer⸗ probe gerettet haben.“ „Die—“ Der Graf verfolgte angenſcheinlich in 10 148 ſeinen Gedanken eine dunkle Erinnerung; Punker bereute ſchon vielleicht zu viel geſagt zu haben. „Ich möchte das Weib zuvor ſehen und ſprechen. Bring ſie hierher!“ „Da kennen der Herr Graf die Alte ſchlecht, wenn Sie das für möglich halten. Wer die Wanda ſpre⸗ chen will, muß ſie aufſuchen. Auch wäre es nach jenem damaligen Begebniß wohl von ihr zu viel verlangt, daß ſie ſich nochmals in des Löwen Rachen wagen ſollte. Sie iſt zu Vielen unter dem Kriegsvolk bekannt und ihr Ruf als Hexe und Zauberin ſteht zu feſt, als daß ſie dabei nicht das Schlimmſte befürchten müßte.“ „Nun gut, ſo will ich ſie in ihrem Schlupfwinkel aufſuchen Wo hauſt das Weib?“ „Fragen der Herr Graf den Wind, die Wolken, woher ſie kommen, wohin ſie gehen, und Sie werden eher noch eine Antwort erwarten dürfen, als daß Ihnen ir⸗ gend wer den Aufenthaltsort der Wanda mit Beſtimmt⸗ heit bezeichnen könnte. Es iſt nicht leicht und oft nicht ohne Gefahr, ſie auszuſpüren. Der Herr Graf wiſſen es ja, daß mich das letzte Aufſuchen der Alten mein Pferd und nahezu das Leben gekoſtet hat, und doch bin ich dabei noch in ihrer Auffindung vom Glücke beſonders begünſtigt geweſen. Ich beſitze nur ihr Verſprechen, daß ſie Freitag Nacht um die Mitternachtsſtunde auf dem 149 Galgenberge bei Niedervolkmar zur Vollführung des Zau⸗ bers unſer harren will. Alle Himmelszeichen treffen für dieſe Stunde zuſammen, das Gelingen des Werks außer Zweifel zu ſetzen.“ „Was bedarf es für mich dem Poſſenſpiele beizu⸗ wohnen? Geh Du allein.“ „Dem Poſſenſpiel! Nun, zweifeln der Herr Graf an der Wirkung des Zaubers und wiſſen Sie ein beſſeres Mittel, wozu dann erſt in ein ſo gefährlich Spiel ein⸗ treten? Mordieu! es gelüſtet mich gerade nicht, wegen Zau⸗ berei der Juſtiz des Herzogs in die Hände zu fallen. Das furchtbare Beiſpiel, das derſelbe bei Stadtlohn auf den bloßen Verdacht dieſes Verſchuldens hin an mehr als dreißig Mann ſeines Heeres zugleich hat vollziehen laſ⸗ ſen, beſitzt für mich zu wenig Verlockendes, um etwa den gleichen Weg wandeln zu wollen. Auch iſt bei der Vornahme des Zaubers die perſönliche Gegenwart des⸗ jenigen, der ſeinen Feind zu treffen wünſcht, die erſte und vornehmſte Bedingung für das Gelingen deſſelben.“ „Wohlan“, entſchied ſich der Graf,„ſo ſei es denn.“ „Iſt der Herr Graf von der Jagd ſchon zurück⸗ gekehrt?“ vernahm man von der Vorflur eine Stimme. „Nun denn, ſo meldet uns demſelben. Oberſt Holk und Rittmeiſter Tegernhoff.“ „ 50 „Der Holk! Was iſt mit dem?“ Der Sporentritt der Herren klirrte ſchon auf der Treppe. „Schnell dort hinaus mit Dir“, wies Ortleburg Punker durch eine Seitenthür„Die Beiden dürfen Dich hier nicht finden. Hm! was mag dieſer ſeltſame Beſuch für eine Bedeutung beſitzen?“ Punker war in beſter Laune über die Hintertreppe in den Hof des Hauſes hinuntergeſtiegen. Vor den Stall⸗ gebäuden bemerkte er einige Soldaten und Knechte um ein von einem Reiter am Zügel gehaltenes Pferd ver⸗ ſammelt, im Verfolg ſeiner Gedanken achtete er jedoch weder auf dieſen Vorgang, noch auf die verwunderten Ausrufungen und das ausgelaſſene Lachen der Leute. Umgekehrt war deren Aufmerkſamkeit durch den Gegen⸗ ſtand ihrer Neugierde oder Verwunderung augenblicklich viel zu ausſchließlich in Anſpruch genommen, als daß einer von ihnen auf ihn hätte achten ſollen, und über⸗ dies herrſchte auch zwiſchen den den Hofraum einſchlie⸗ ßenden hohen Gebäuden bereits ein zu unbeſtimmtes Dämmerlicht, um anders als ganz in der Nähe die Perſon und Geſichtszüge Jemandes unterſcheiden zu können. Vor dem Thorwege des Hauſes zögerte Punker einen Moment unſchlüſſig, wohin er ſich wenden ſollte. „Alſo am Freitag“, murmelte er,„und wir haben heute 151 erſt Montag. Ich hätte da freilich noch lange Zeit; in⸗ deß je feſter ich das Netz um den Burſchen zuſammen⸗ ziehe, um ſo zuverſichtlicher darf ich hoffen, ihn für den gegebenen Moment blind meiner Anleitung folgen zu ſehen und mit der gleichen Gelegenheit die beiden mir vorgeſetzten Zwecke zugleich zu erfüllen. Dieſe paar Tage über muß ich mich ſchon bezähmen, meine kabbaliſtiſche Berechnung hat ſich ohnehin in letzter Zeit nicht recht bewähren wollen. Es muß bei derſelben doch noch irgend ein Fehler mit untergelaufen ſein. Gehen wir, ſün heute Abend den Cornet aufzuſuchen.“ Zwei Männer waren hinter dem ſich Eutſe ſeden aus dem tiefen Thorweg eines gegenüber gelegenen Hau⸗ ſes getreten. „Nun, ſiehſt Du“, äußerte der eine,„ich habe mich vorhin nicht geirrt, es war wirklich dieſer Halunke. Mord und Tod! wie es mir bei ſeinem Anblick in den Fäuſten gezuckt hat, dem Schurken den Schädel einzu⸗ ſchlagen. Sei ohne Sorgen“, kam er der Einrede ſeines Be⸗ gleiters zuvor,„der Jakob Veltheim hält viel zu viel auf ſich, um bei einem ſolchen Schelm dem Meiſter Hämmerling vorzugreifen. Aber Peter Schramm, Du erinnerſt Dich noch der Nacht in Hameln, wo wir drei, Du, ich und der Aegidius, den Kerl da aufgegriffen hatten und ich ſchließlich auf ſein Anſtiften den Ehren⸗ 152 dienſt in der herzoglichen Leibwache habe quittiren müſ⸗ ſen. Nun denn, jetzt iſt's an mir, dafür meine Re⸗ vanche zu nehmen, und diesmal, ſage ich Dir, ſoll er ſich nicht wieder vom Galgen loszulügen vermögen. Der Zufall hat auf dem letzten Zuge unſerm Oberſten, dem Holk, und mir einen Blick in ſeine Karten freige⸗ geben. Die Beiden, der Graf Ortleburg und er, ſinnen auf ein neues Stückchen mit einander. Der Oberſt ſtattet, wie Du geſehen haſt, da drinnen eben einen Be⸗ ſuch ab, um dem erſtern auf den Zahn zu fühlen. Es bedarf für uns, um das Gewebe der Zwei zu entwir ren, nur noch den leitenden Faden in die Hände zu be⸗ kommen, und dazu ſollſt Du mir helfen. Hefte Dich an die Ferſen des Kerls, folge ihm, wohin er geht, achte auf jedes ſeiner Worte. Er wird in jener Nacht zu wenig auf Dein Geſicht gemerkt haben, um groß auf Dich zu achten. Gib meinethalben noch einigen zuver⸗ läſſigen Kameraden einen Wink, Dich zu unterſtützen. Willſt Du? Keinen Schritt darf der Halunke ferner mehr thun, ohne von uns beobachtet zu werden.“ „Wie ich dieſes zweite Vorhaben wohl am beſten angreifen werde“, überlegte Punker im Dahinſchreiten. „Es wird mir nicht leicht werden, den Cornet zur Theil— nahme an dem vorbereiteten Stückchen zu beſtimmen. Ich hielt ihn durch die Italienerin ſo feſt. Verdammt! 153 daß die bei der dummen Geſchichte in Hameln auch gleich ins Gras hat beißen müſſen. Seitdem iſt es wie ein Beſinnen über ihn gekommen, und dann iſt er auch zu lange von mir entfernt geweſen. Ha! Zwar hat er ſich, ſoweit ich ihn ausgeforſcht habe, mit ſeiner alten Geliebten wohl noch nicht völlig ausgeſöhnt, indeß das befindet ſich jedenfalls auf dem beſten Wege und keines⸗ falls beſitzt er zur Zeit noch eine andere Geliebte. Mein früheres Mittel, ihn zu ködern, kann ich deshalb ganz unmöglich anwenden. Wenn ich ſeinen Ehrgeiz anſta⸗ chelte? Nein, dem ſteht ſeine nahe Beziehung zum Her⸗ zoge entgegen. Auch meinen vorſichtigen Andeutungen, ihn feſt gegen Kugel und Stahl zu machen, hat er nur ein halbes Ohr geliehen. Und doch iſt mein eigener Paect beinahe abgelaufen. Oder wenn ich ſtatt ſeiner den Leibdiener des Herzogs wählte? Für das Tuch und die Haare, welche der mir von ſeinem Herrn verſchafft hat, habe ich ihm ein Mittel verſprochen, ſich für immer deſſen Gunſt zu verſichern. Es möchte mir am Ende leicht wer⸗ den, den albernen Gimpel noch weiter zu führen. Doch nein, der Erfolg wäre zu ungewiß. Es ſtünde überdies dahin, ob der Menſch ſich für die Freitagsnacht von ſeinem Dienſt frei zu machen vermöchte, und meine Stellung hier fängt nachgerade an, hoch gefährdet zu werden. Mordieu! wenn irgend einem von meinem heutigen Ge⸗ 154 ſchäft mit dieſem Schwachkopf auch nur eine Ahnung aufſtiege, oder wenn der Burſche ſelbſt durch eine unbe⸗ dachte Aeußerung den Verdacht auf ſich und mich lenkte. Der Ortleburg würde ſich zwar ſchlimmſten Falls ſchon zu ſalviren wiſſen⸗ aber ich! Auch die Geſchichte mit dem Diebſtahl meines Pferdes und dem Zigeunerbuben ſteckt mir noch in den Gliedern. Im Grunde befand ſich frei⸗ lich in meinem Mantelſack durchaus nichts, was mich verrathen könnte, und der Bengel— bah! Das Beſte bleibt freilich immer, wenn ich mich nach noch einer tüch⸗ tigen Schröpfung des Grafen am Freitag unmittelbar vom Platze weg da hinauf nach Holſtein zu dem Wallen⸗ ſtein ſalvire. Ich hab's. Wetter! daß ich daran auch noch nicht früher gedacht habe. Mit den Karten und Wür⸗ feln iſt manch beſſerer Mann als dieſer Cornet ſchon für den Teufel eingefangen worden. Wenn mir mein Schlüſſel Salomonis nur heute nicht ſeine Wirkung weigert! Zum Spieltiſch will ich ihn führen. Mit mei⸗ ner Tafel in der Taſche ſoll er gewinnen. Mehr Gold, als er je mit Augen geſehen hat, ſoll ſich vor ſeinen trunkenen Blicken anhäufen, doch nur, um mit dem Mo⸗ ment, wo ich ihn ſich ſelbſt überlaſſe, unter ſeinen Fin⸗ gern wie Waſſer in der hohlen Hand zu zerrinnen. Noch bleiben mir ja vier Tage, um ſeine Legehrlichkeit bis zum lichten Wahnſinn aufzuſtacheln. Auch alle andern 155 Hebel will ich anwenden, mich ſeiner vollends zu ver⸗ ſichern. Mit dem einen Verlangen werden auch die frühern Wünſche wieder in ihm erwachen. Hoho! der Satan müßte ſich ſelbſt verleugnen, wofern ich ſo mein Spiel mit dem Burſchen nicht gewinnen ſollte.“ * Zehntes Kapitel. Der Jeſuit lauſchte hinter dem das kleine halb⸗ dunkle Nebengemach von dem Cloſet der Gräfin Ca⸗ raccioli trennenden Thürvorhang der aus letzterem ver⸗ nehmbaren Stimme; die in geſpannteſter Erwartung hinter ihm ſtehende Duenna mochte ihn hier eingeführt haben. „Du meinſt alſo“, richtete er in einem kaum hör⸗ baren Geflüſter die Frage an dieſelbe,„daß ſie heute endlich ihr mir verpfändetes Verſprechen löſen wird?“ „Ja“, wisperte die Alte ebenſo leiſe,„ſie iſt feſt entſchloſſen dazu. Ich habe ja auch nicht aufgehört, ſie an⸗ zuſtacheln und zu bearbeiten. Und der Herr Pater kön⸗ nen ſich wohl darauf verlaſſen, es wird ihr glücken. Der Herzog iſt verliebter in ſie denn je; ſie vermag den Tropf zu Allem zu beſtimmen.“ Eine Geberde des Pa- ters hatte ihr Schweigen geboten. Die Beiden lauſch⸗ ten, das Ohr an den Vorhang gepreßt, mit angehalte⸗ nem Athem. ae „Olhmpia, ſage mir doch, was iſt Dir heute?“ vernahm man die Stimme des Herzogs.„Habe ich Dich verletzt? Ich glaubte Dir durch mein Geſchenk eine Freude zu machen und Du haſt meine Steine noch kei⸗ nes Blickes gewürdigt. Es iſt freilich nur ein armſeliges Geſchenk; indeß dieſes Halsgeſchmeide ſchien mir dem ähnlich, welches Du trugſt, als ich Dich zuerſt geſehen habe. Die Erinnerung an jenen für mich ſo unendlich glücklichen Tag, hoffte ich, ſollte der ſonſt werthloſen Gabe auch in Deinen Augen einen Werth verleihen. O habe nur Geduld mit Deinem Chriſtian! Seit mir die Gewißheit Deiner Liebe aufgegangen iſt, ſcheint kein Flug meinem Geiſte zu hoch, kein Ziel meinem Willen unerreichbar. Die Reichthümer von ganz Deutſchland ſollen ſich mei⸗ nem Schwerte erſchließen! Den Schmuck einer Kaiſerin will ich Dir zu Füßen legen! Du antworteſt mir nicht! Du blickſt noch düſterer als zuvor!“ erneute er nach einer minutenlangen Pauſe ſeine Vorſtellungen. „Sprich doch, Geliebte, was iſt Dir? Kann denn nichts Dich Deine ſchöne Heimat vergeſſen machen? Sieh, lacht denn der Himmel nicht auch blau und ſonnig über die⸗ ſem Lande? Dich bedrücken dieſe dumpfen Mauern. Laß uns hinaus ſprengen in den grünen Wald! In dem dufti⸗ gen Schatten deſſelben, im Dahinſtürmen über Thal und Auen wird der Bann, welcher auf Deinem Geiſte laſtet, 158 ſich löſen. Wie? Thränen in Deinen Augen? Sprich! Sprich doch zu mir! Was iſt es, das Dich bedrückt?“ „Nun, meinen der Herr Pater nicht auch, daß ſie ihr Spiel gewinnen wird?“ flüſterte hinter dem Vor⸗ hang die Duenna, zu deſſen Ohr geneigt.„O, ich wußte es wohl, ſie kann, was ſie will; der Orden beſitzt keine zweite wie ſie. Iſt ſie doch aus meiner Schule hervor⸗ gegangen.“ „Still!“ „Ach, Chriſtian!“ „Himmel! Olympia, Geliebte, entreiße mich doch dieſer peinigenden Ungewißheit! Du weinſt! Du biſt ganz außer Dir! Hat denn etwa ein unbedachtes Wort von mir, hat eine meiner Handlungen Dich verletzt? Oder ſollte irgend wer es gewagt haben, Dich, meine angebetete Herrin, zu beleidigen?“ „Und vermagſt Du wirklich nicht zu ahnen, was wie der Geiſt einer kalten Todtenhand mein Herz zu⸗ ſammenpreßt? Dieſe Pein, dieſes unendliche Weh, das meine Seele durchzittert, das mich im Traume ängſtet?“ Thränen erſtickten ihre Stimme. „Sieh, gleich einem finſtern dräuenden Schatten richtet der eine mich marternde Gedanke ſich in Schlaf und Wachen wider mich auf und wehrt der Wonne, von Dir geliebt zu werden, und ſtürzt mich vom Gipfel des 159 Glücks in den finſterſten Abgrund der Verzweiflung, die⸗ ſer eine ſchreckliche Gedanke!“ „Welcher Gedanke?“ „O, Du willſt mich nur nicht verſtehen! Du liebſt mich nicht, wie ich Dich liebe. Alles, meinen Namen, meinen Ruf, meine Stellung habe ich Dir geopfert, doch Du— o!“ „Olympia, ich ſchwöre Dir—“ „Schwöre nicht! Zu oft habe ich Dir den inner⸗ ſten Schrein meiner Seele erſchloſſen, als daß dieſer furchtbare Kampf, welcher mein ganzes inneres Sein er⸗ füllt, Dir verborgen geblieben ſein könnte. Indeß über den Aufſchrei meines Herzens biſt Du ſtets mit einem leichten Scherz hinweggeglitten, meine halben Andeutun⸗ gen, meine flehenden Blicke ſind von Dir unbeachtet ge- blieben. Wie vermochte meine ſchüchterne Liebe auch zu den ehrgeizigen Phantomen hinaufzureichen, welche Deine Seele ſo ganz gefangen halten! Was konnte ich Dir mehr ſein als ein Spielwerk Deiner müßigen Stunden? O ich Unglückliche! Was habe ich gethan! Wohin hat mein armes Herz mich verirren laſſen!“ Der Herzog ſtand düſter und unſchlüſſig vor der anſcheinend völlig von dem Sturm ihrer Gefühle Bewältigten.„Schon wieder dieſe religiöſen Skrupel“, äußerte er nach einer langen beiderſeitigen Pauſe. 160 „Siehſt Du, wie Du mich verſtehſt!“ Eine wilde Leidenſchaftlichkeit lag, als ſie die bei dem vorigen ſtür⸗ miſchen Ausbruch ihrer Verzweiflung vor das Geſicht geſchlagenen Hände ſinken ließ, in ihren Augen und in ihrem Antlitz ausgeſprochen.„Und ſchon wieder dieſer Spott! Aber mag mein Herz brechen, ich ertrage das nicht länger.“ „Olympia, höre mich, bei Gott!—“ „Triumphire denn, ſtolzer Mann“, fiel ſie ihm in flammender Erregung ins Wort,„wirf zu den andern Deinem Ehrgeiz gebrachten Opfern auch mich! Steige nur hoch und immer höher bis hinauf zu dem Gipfel des Ruhms, welchen Du Dir zu erklimmen vorgeſetzt haſt. Zertrümmere den Bau der heiligen allein ſeligma⸗ chenden Kirche! Stürze die Herrliche in den Staub, aber wiſſe, jeder Schlag, welchen Du gegen ſie führſt, trifft mit mir Millionen gläubiger Chriſtenherzen. Ein greller Blitz hat meine Seele erleuchtet, und entſetzt ſtarre ich in den bodenloſen Abgrund, der uns trennt. O heilige Gnadenmutter, verzeihe Deinem armen verirrten Kinde! Zu dir will ich mich flüchten! Ein ganzes der Reue und dem Gebet geweihtes Leben wird meinen Fehl kaum zu ſühnen vermögen. In irgend einem Kloſter, fern in den apuliſchen Bergen, will ich meine Schande verbergen.“ „Olympia, mein ſüßes Leben, beruhige Dich doch 161 nur! Warum peinigſt Du Dich ſo ſelbſt? Wirf dieſen finſtern Wahn hinter Dich. Herrſcht denn nicht ein Gott über uns alle? Olympia, Du kannſt Dich nicht von mir wenden wollen. Nur das thue mir nicht an! Ich kann Dich nicht laſſen.“ „Ein Wahn! So iſt Dir der Ketzerglaube, zu deſſen vornehmſtem Vorkämpfer Du Dich aufgeworfen haſt, ſelber nur ein Wahn? Unſeliger!“ „Wer ſpricht davon?“ Der Blitz, welcher bei der von ihr hingeworfenen Beſchuldigung in Chriſtian's Augen aufleuchtete, hätte ſie warnen ſollen, doch im Verfolg ihrer Abſicht hatte ſie auf dieſes Zeichen wohl kaum geachtet. „Und für dieſen Glauben, welcher Dein eigenes Herz ſo wenig mit einer beſeligenden Flamme zu erfüllen vermochte, willſt Du Dein ewiges und Dein zeitliches Heil von Dir weiſen! Blicke doch in Dich, Chriſtian! Die Auflehnung des in thörichter Vermeſſenheit ſeinen beſchränkten Maßſtab an das Höchſte und Heiligſte le⸗ genden menſchlichen Verſtandes, welche Ihr Proteſtanten Euren Glauben nennt, mag in ihrer erbärmlichen Nich⸗ tigkeit ein Wahn ſein, doch—“ „Nicht weiter, Olhmpia; ich bitte, ich beſchwöre Dich, halte ein. Wie ich Deine, ſo achte Du meine Ueberzeugung.“ Pflug, Geglänzt und erloſchen. I. 11 E 6 162 „Du ſtrebſt ein hohes Ziel zu erreichen“, verſuchte ſie, ſtatt auf den warnenden Zuruf ihres Geliebten zu achten, auch die Saite des Ehrgeizes in demſelben anzuſchlagen. „Nun denn, ſo ſtrebe nach dem höchſten Ziel. Was ſo viele gewaltige Männer vor Dir vergeblich zu bewirken er⸗ ſtrebt haben, es bietet ſich Dir faſt von ſelbſt. Nur Dein ſtar⸗ ker Arm hält nach der Niederlage des Mansfeld und des Dänenkönigs das ohnmächtige Bündniß dieſer Pro⸗ teſtanten noch aufrecht, entziehe ihnen dieſe Stütze, und mit dem Zuſammenbruch der letzten Hoffnung bricht der Wahnglaube der Ketzerei ſelbſt zuſammen. Chriſtian. bedenke, gibt es ein höheres, ein erhabeneres Ziel, als die ſo lange in zwei feindſelige Lager geſchiedene Chri⸗ ſtenheit wieder in dem Schooß der heiligen, durch die Erinnerungen von Jahrhunderten und Jahrtauſenden ge⸗ weihten Mutterkirche zu vereinen? Und dieſe köſtliche Aufgabe, Du kannſt ſie erfüllen, es ſteht nur in Deinem Willen, dieſes herrlichſte Ruhmesreis um Deine Stirn zu flechten.“ „Schweig!“ Ein furchtbarer Seclenkampf lag in dem Antliß des jungen Mannes ausgeſprochen. Die geballte Linke feſt auf das pochende Herz gepreßt, ſtarrte er, zu ſeiner ganzen Höhe aufgerichtet, finſtern Blicks auf die Verſucherin. Wiederholt ſtrich er ſich mit der Rechten die Stirn, als ob er das Gehörte noch immer 163 nicht ganz ſich zu deuten vermöchte. Seine Lippen be wegten ſich, ohne doch einen Laut hervorzubringen, ſeine Augen glühten. Ein Blick in dieſe von flammendem Unwil— len funkelnden Augen würde Olympia die ganze Gefahr, welche ſie mit ihrem ungeſtümen Bekehrungsverſuch lief, enthüllt haben; indeß weit entfernt, überhaupt eine Ge⸗ fahr zu ahnen, wähnte ſie vielmehr die ſtürmiſche Erre⸗ gung ihres Geliebten und deſſen Verſtummen als eine günſtige Wirkung des von ihr angewendeten Verfahrens und eine letzte Unſchlüſſigkeit deſſelben deuten zu kön⸗ nen. Sie hätte laut aufjauchzen mögen vor Glück, ſich ſo nahe am Ziel zu ſehen. Nur noch ein bis zu dieſem entſcheidenden Moment aufgeſparter Schlag, und ſie meinte vollends triumphiren zu können.„Sieh mich zu Deinen Füßen, Chriſtian“, verfolgte ſie ihren anſcheinen⸗ den Vortheil,„o höre auf meine Bitte, einzig Geliebter, gewähre mir die unendliche Seligkeit, wie Du Dein Herz mir zugewendet haſt, ſo Deine Seele dem einzig wahren Glauben wiederzugewinnen. Wirf den Irrwahn von Dir, an welchen nur der Zufall der Geburt Dich geknüpft hat, kehre in den Schooß der heiligen Mutter⸗ kirche zurück, ſei ihr erſter Kämpfer, wie Du der dieſes Afterglaubens bisher geweſen biſt. Gib der Welt, gib mir den Frieden wieder. Sprich ein Wort, ein einziges, kleines Wort. Stelle welche Bedingungen Du willſt—“ 164 „Nie werde ich an meinen Glaubensbrüdern, nie an meiner Ueberzeugung zum Verräther werden“, fiel ihr der Herzog mit faſt klangloſer Stimme ins Wort.„Es war ein ſchöner Traum, doch welch furchtbares Erwa⸗ chen! Olympia, ja, Du hatteſt einſt wohl Recht, eine unausfüllbare Kluft liegt zwiſchen uns. Und ich Narr konnte wähnen— o! Luft! Ich muß zunächſt mich ſelbſt wiederfinden. Lebe wohl!“ Olympia kniete noch auf derſelben Stelle, und un⸗ fähig, ſich zu erheben, unfähig, nur einen Gedanken zu faſſen, ſtarrte ſie dem Davonſtürmenden nach und lauſchte auf den Hufſchlag ſeines von ihm zur wildeſten Carriére angeſpornten Pferdes. Erſt mit dem Verhallen des letzten fernen Tons kam es wie ein ungefähres Beſin⸗ nen über ſie. Der große Wurf war ihr mißlungen! Sie hatte vergeblich zu ſeinen Füßen gelegen. Er hatte ſie nicht aufgehoben, ja kaum einen Blick auf ſie geworfen Es flutete ihr heiß zu Sinnen. Galt ſein Lebewohl auf Nimmerwiederſehen? Mußte ſie ihr Spiel ſchon mit dem erſten verfehlten Streich für immer verloren ge⸗ ben? Sie wußte es nicht. Aber wenn— ha! dann war dies Spiel zugleich um ihr Herz, ihr Leben geſpielt worden. Wie der Ertrinkende nach einem Strohhalm, hatte ſie nach der ihr von der Duenna und dem Jeſui⸗ ten vorgeſpiegelten Hoffnung gegriffen, dadurch, daß ſie — ———— 165 ihren Geliebten in das katholiſche Lager hinüberführe, ſich denſelben zu erhalten und zugleich mit der Ausſicht auf dieſes Vorhaben den nach einer Entſcheidung drän⸗ genden Pater hinzuhalten. Wie dieſen Fehlſchlag vor demſelben entſchuldigen? Wie eine neue Ausflucht er⸗ ſinnen? Denn, ſeltſames Geheimniß des menſchlichen Her⸗ zens, in dem gleichen Momente, wo die Gefahr vor ſie hintrat, den Geliebten ſich für immer von ihr wen⸗ den zu ſehen, empfand ſie zum erſten Male klar und beſtimmt, mit welcher dämoniſchen Gewalt dieſe Liebe ihr ganzes Sein beherrſchte. Nur eins ſtand in der Nacht ihrer Verzweiflung klar vor ihrer Seele, ſie konnte von dieſem Manne nicht laſſen. Trotz ihrer Niederlage, ihrer Demüthigung zürnte ſie nicht ihm, nur wider die Ge⸗ walt der Umſtände, nur gegen die Beiden, welche ſie gezwungen hatten, den ihr plötzlich ſelber als von vorn⸗ herein völlig ausſichtslos erſcheinenden Verſuch zu ſeiner Bekehrung zu wagen, bäumte ihr Zorn ſich auf. War es ihr ſo lange unterdrückter Eigenwille, der bei dem Ge⸗ danken an den ihr drohenden Verluſt ihr Blut in Wallung ſetzte, war es die rächende Hand der Vergeltung, welche dieſes Weib erfaßt hielt, die herzloſe Intriguantin, welche im Verfolg ihrer teufliſchen Zwecke ſo lange und ſo oft die heiligſten Empfindungen der Menſchenbruſt mit Füßen getreten hatte, ſah ſich von ihrer bis zur Raſerei ent⸗ 166 flammten Leidenſchaft willenlos und unwiderſtehlich zu dem Abgrund des Verderbens fortgeriſſen. Sie richtete ſich ſchwankend empor. Ruhe, ihre wirren Gedanken zu ordnen, war das Bedürfniß, wel⸗ ches ſich bei ihr vor allem Andern geltend machte doch gerade die Erfüllung dieſes dringenden Verlangens ſollte ihr verſagt werden. Mit dem erſten Augenaufſchlag fand ſie ſich dem mittlerweile mit faſt unhörbaren Schritten eingetretenen Jeſuiten gegenüber. „Sie hier? Sie haben gelauſcht?“ Das Erſcheinen auch der Duenna unter dem von derſelben halb zurück geſchlagenen Vorhange ſagte ihr Alles.„Verloren!“ murmelten ihre Lippen.„Alles verloren!“ Wie eine Träumende hatte ſie ſich zu dem nächſten Seſſel gewen⸗ det und außer Stande, ſich länger aufrecht zu erhalten, ſchwer in denſelben niederſinken laſſen. Die Duenna war ihr beigeſprungen, und ſie ließ es geſchehen, daß dieſelbe ſich um ſie beſchäftigte, doch vernahm ſie augenſcheinlich von deren Schmeichelreden und Fragen nicht das Geringſte, ihre Augen waren ſtarr und gläſern auf den Pater gerichtet, der nicht ein Glied zu ihrem Beiſtande gerührt hatte und, die Arme über der Bruſt gekreuzt, ſie kalt und überlegen mit ſeinen Blicken beherrſchte. „Ich habe Alles gehört“, hob er an, und es klang — —— 167 ein höhniſcher Spott aus ſeinen Worten,„und Sie ſel⸗ ber empfinden ganz richtig, daß jeder fernere Verſuch nach dieſer Richtung vollkommen erfolglos ſein würde. Auch jeder erneute Verſuch, mich noch länger hinzuhal⸗ ten, würde dies ſein. Solange für den Erfolg Ihres Vorhabens die geringſte Ausſicht blieb, hatte ich Ihrem Beſtehen auf deſſen Ausführung nachgegeben. Beinahe acht Tage ſind darüber verloren gegangen. Doch Sie erinnern ſich der zwiſchen uns getroffenen Uebereinkunft? Jetzt muß gehandelt werden. Die Lähmung des erſten Schrecks war während⸗ deſſen bei Olympia bereits der Empörung über die un⸗ bedingte Herrſchaft gewichen, welche dieſer Mann über ſie beanſpruchte. Zu einem planvollen Handeln fühlte ſie ſich freilich noch zu verwirrt, allein eben der Ton des Paters und ſeine Siegeszuverſicht hatten den glühenden Haß, welcher ſie gegen denſelben erfüllte, und den Groll über die ihm von ihr ja ebenfalls zugeſchriebene letzte Niederlage plötzlich zur lichten Flamme angeſchürt. Die eine dunkle Empfindung, nicht nachzugeben, drängte bei ihr jede Ueberlegung, jede Rickſicht zurück. Auch ohne irgend eine Woffe gegen den überlegenen Gegner zu be⸗ ſitzen ſtand ſie, nur von ihrem Trotze berathen, bereit, den Kampf mit ihm auf jede Gefahr hin aufzu⸗ nehmen. 168 Das finſtere Schweigen, in welchem ſie verharrte, mochte umgekehrt dem Jeſuiten als bedingungsloſe Un⸗ terwerfung erſcheinen.„Sie werden mir fortan von je⸗ dem Vorhaben und jedem Schritt des Herzogs Mitthei⸗ lung machen“, fügte er im Tone des Befehls hinzu,„und eine Veranſtaltung zu treffen wiſſen, welche ſeine Auf⸗ hebung ermöglicht, lebendig oder todt. Dem Sieges⸗ lauf dieſes Ketzers muß ſo oder ſo ein Ende gemacht werden.“ „Nie werde ich das!“ fuhr ſie in einer alle Schran⸗ ken niederwerfenden Entrüſtung wider dieſe Entſcheidung auf.„Thun Sie, was Sie wollen, ich werde nie zu einer ſolchen Schändlichkeit die Hand bieten.“ „Sie werden“, verharrte der Jeſuit in ſeinem Ver⸗ langen,„oder—“ „O wähnen Sie nicht, mich noch einmal durch Ihre Drohungen zu einer meinem Willen widerſtrebenden Hand⸗ lung beſtimmen zu können. Hüten Sie ſich vielmehr, mich nicht zu einem Aeußerſten zu treiben. Sie würden durch einen Verrath meiner Vergangenheit doch immer nur mich treffen; allein indem Sie das thun, wäre Ihnen zugleich auch die Erreichung des Ziels, worauf es Ihnen doch vor allem ankommt, für immer unmöglich gemacht. Oder meinen Sie etwa, daß mich Chriſtian, mein Chri⸗ ſtian, ungehört verdammen würde? Einmal aber durch S 169 mich gewarnt, einmal von dem um ihn geſponnenen Ge⸗ webe in Kenntniß geſetzt, würde es ihm ein Leichtes ſein, daſſelbe zu zerreißen und über alle Ihre Intriguen zu triumphiren. Auch ſeinen Sieg, ſein Leben mit meinem Untergange zu erkaufen, wäre noch ein Gewinn für mich. Verſuchen Sie es doch, mit einer Verzweifelten zu rin⸗ gen! Ich fürchte Sie nicht mehr, weil ich auf das Schlimmſte gefaßt und zu Allem entſchloſſen bin. Ha! Ihr Erblei⸗ chen beweiſt mir, wie genau ich den wunden Fleck in Ihrer Berechnung getroffen habe. Nun denn, ſo führen Sie Ihre Drohung doch aus, aber beeilen Sie ſich ja, daß ich Ihnen nicht zuvorkomme; die Verlockung, einen Schurken, wie Sie ſind, in der ſelbſt geſponnenen Schlinge hängen zu ſehen, könnte mich vielleicht allein ſchon be⸗ ſtimmen, Verrath mit Verrath zu erwidern.“ „Olympia, beſinnen Sie ſich doch“, verſuchte der Pater die Raſende zu beſänftigen.„Beruht denn mein Verlangen nicht auf der zwiſchen uns vor Antritt Ihres letzten eben geſcheiterten Verſuchs geſchloſſenen Ueber⸗ einkunft? Was berechtigt Sie alſo zu den wahnſinnigen, gegen mich ausgeſtoßenen Drohungen? Und was verlan⸗ gen Sie denn auch weiter? Habe ich es Ihnen nicht mit dem feierlichſten Eide geſchworen, daß das Leben Ihres Geliebten bei ſeiner Aufhebung geſchont werden ſoll? Beſitzen Sie etwa nicht mein Verſprechen, von demſelben 170 nicht getrennt zu werden? Gerade in ſeiner Gefangenhal⸗ tung liegt wie für die katholiſche Ligg und den Orden die vorläufige Bewältigung dieſes furchtbaren Gegners, für Sie die Fortdauer des innigſten Zuſammenlebens mit ihm und damit wahrſcheinlich zugleich das endliche Gelingen der von Ihnen übernommenen Aufgabe ge⸗ währleiſtet.“ Sie lachte bitter.„Ein Eid zwiſchen uns beiden! Herr Pater, verſuchen wir doch nicht, uns gegenſeitig zu täuſchen. Wir zwei, ich ſo gut als Sie, wiſſen, daß es ſich bei dem den Herzog zu legenden Hinterhalt nicht um ſeine Gefangennahme, ſondern um ſeinen Tod handelt. Und weil ich dies weiß, werde ich niemals darauf ein⸗ gehen. Zu jener Uebereinkunft habe ich mich nur beſtim⸗ men laſſen, um Zeit zu gewinnen, um das Schrecklichſte hinauszuſchieben.“ „Ha! Sie geſtehen ein, daß Sie mit vollſter Ueber⸗ zeugung mich getäuſcht haben!“ flammte auch der Pater auf.„Nun gut denn, ſagen Sie ſich los von dem Orden, auch ich ſage mich los von Ihnen. Von Ihnen ſchmachvoll im Stich gelaſſen, bin ich außer Stande, hier noch irgend einen Erfolg zu erzielen. Noch in dieſer Stunde reiſe ich nach München und Wien, um dem Ge⸗ neralfiscal und Pater Lamormain meinen Bericht abzu⸗ zuſtatten.“ —— 7 171 Hlympia hatte die Klingel vom Tiſch aufge⸗ griffen und ſtand hoch aufgerichtet ihm gegenüber. „Beharren Sie auf Ihrem Entſchluß, und noch in dieſer Sekunde laſſe ich Sie von dem meinem Haushalt beige⸗ gebenen Cornet in Verhaft nehmen.“ Der Pater war bei dieſer unvermutheten Drohung unwillkürlich einen Schritt zurückgewichen. Es lag ein ſo feſter Entſchluß in dem Ton ihrer Stimme und in den feſt und drohend auf ihn gerichteten Blicken ihrer vor innerer Aufregung funkelnden Augen ausgeſprochen, daß er an dem Ernſt ihrer unmöglich zweifeln durfte. Große Schweißtropfen perlten auf ſeiner Stirn. So ſehr er ſich Mühe gab, ſeine Ueberraſchung und Ver⸗ wirrung zu verbergen, ſo wenig vermochte er doch der ihm ſo nahe drohenden Gefahr gegenüber ſeine liche Selbſtbeherrſchung zu behaupten. „Meinen Sie etwa“, höhnte ſie,„daß ich mit der Zuſtimmung zu Ihrer Abreiſe die einzige Sicherheit für meine eigene Stellung aus den Händen geben würde? Oder glauben Sie wirklich, ich ſei ſo albern, nicht zu wiſſen, daß ich mit dem Moment, wo Sie den Hals aus der Schlinge gezogen haben, von Ihnen Alles zu fürchten hätte?“ „Aber worauf zielen Sie denn ab?“ entgegnete der 172 Pater mit noch unſicherer, aber allmälig feſter werdenden Stimme.„So ſprechen Sie ſich doch endlich aus! Ent⸗ halten Ihre Drohungen die Erklärung, daß Sie fortan offen den Abſichten des Ordens entgegenwirken und daß Sie mich deshalb hier als Ihren Gefangenen zurückhal⸗ ten wollen, oder wohin geht ſonſt Ihr Verlangen? Das wahre Sachverhältniß iſt am Ende doch nur, daß Sie augenblicklich mich wie ich Sie in Schach halte, doch Sie ſind viel zu ſchlau, um nicht zu begreifen, daß Sie, ohne ſich ſelber preiszugeben, dies gefährliche Spiel unmöglich auf die Dauer fortzuſetzen im Stande ſein werden.“ „Wenn Sie die zwiſchen uns obwaltende Sachlage ſo genau erkennen, warum richten Sie ſich nicht danach? Ich kenne meine Abhängigkeit von dem Orden und von Ihnen zu gut, um darauf nicht Rückſicht zu nehmen, aber ich will nicht gedrängt ſein. Noch halte ich mein Vorhaben auf den Herzog nicht für geſcheitert, er wird zu mir zurückkehren. Wie können Sie beanſpruchen, daß eine ſo feſt gewurzelte Ueberzeugung von dem erſten ohnedies durch Ihre Schuld übereilten Verſuch geſtürzt werden ſoll? Gewähren Sie mir nur noch acht Tage und ich ſtehe Ihnen dafür, ich werde mein Ziel erreichen. Allein merken Sie ſich, nie werde ich in Ihren Plan einer Entführung Chriſtian's willigen, ich kenne Sie zu — 173 gut, als daß mir die für dieſen darin liegende Gefahr nicht offenbar ſein ſollte. Ihre Drohung abzureiſen endlich fürchte ich nicht. Sie ſind nicht der Mann, ſo leicht eine ſo lange und beharrlich verfolgte Abſicht auf⸗⸗ zugeben, und wenn doch, ſo werde ich Ihr Vorhaben zu vereiteln und meine Maßregeln zu treffen wiſſen.“ Mit einer an die Duenna gerichteten herriſchen Geberde, ihr zu folgen, verließ ſie das Zimmer. „Dieſes Weib!“ murmelte der Jeſuit, ihr mit einem wüthenden Blicke nachſchauend.„Und wenn ſie wüßte, daß mir bei jenem unglückſeligen Aufſtunde in Hameln mit der geraubten Caſſette alle die ſie betreffenden Be⸗ weiſe mit meinen eigenen Papieren zugleich verloren ge⸗ gangen ſind! Ich wahnſinniger Narr, dieſe wichtigen Schriften damals nicht in meiner Taſche zu behalten! Gefangen! Durch meine eigene Schuld gefangen! Sie hat ſchon ganz Recht, ich kann ohne irgend ein erlangtes Reſultat nicht von hier fort; ſchon die Lächerlichkeit die⸗ ſes Ausgangs wird und muß mich daran verhindern. Und doch, bedarf es für mich denn noch eines Bewei⸗ ſes, daß ſie auch nur mit ihrem neuen Vorgeben mich hinzuhalten und unter dieſem Deckmantel ihre wahnſin⸗ nige Liebſchaft mit dieſem neunmal vermaledeiten Ketzer weiter zu ſpinnen beabſichtigt? Ein Wunder bleibt es nur“, wandten ſich ſeine Gedanken einer andern Richtung 174 zu,„daß von dem Inhalte der Caſſette noch nichts ver⸗ lautet iſt wenn aber das— Und unter einer ſolchen ewigen Gefahr zu handeln— Doch wie eine raſche Entſcheidung herbeiführen? Der Ortleburg? Ich habe im Vertrauen auf die Vorſpiegelungen dieſes Weibes ſeiner geſtrigen Eröff⸗ nung nur ein halbes Ohr geliehen. Er ſprach mir von einem Verſtändniß mit dem Oberſten Knyphauſen. Hm! es iſt das eine Ausſicht, welche ich in meiner ſo ſehr bedräng⸗ ten Lage unmöglich abwarten kann, und ſeit ſeinem ge⸗ ſcheiterten Verſuche in Hameln iſt von dieſem traurigen Verſchwörer die Kraft eines mannhaften Entſchluſſes ge⸗ wichen. Wenn die Marietta— allein der vorhin derſelben von ihrer Herrin ertheilte Wink beweiſt zur Genüge, daß letztere auch dieſe bereits beargwöhnt. Es bleibt mir“, ent⸗ ſchied er ſich nach einem langen, finſtern Nachdenken,„keine Wahl, als zu verſuchen, die ſchleichende Tücke in dem Cha⸗ rakter des Ortleburg nochmals zu einer raſchen, kühnen That aufzuſtacheln. Vielleicht auch, daß mit dem Tode des Chri⸗ ſtian ſich ſein Abkommen mit Knyphauſen für den Ge⸗ winn der Armee von Vortheil ausweiſt. Der Punker iſt's, durch den ich auf erſtern zu wirken ſuchen muß; der Schelm hat ja damals ſchon den Schuß auf den Herzog abgefeuert und iſt für Geld zu Allem zu beſtim⸗ men. Hm! Wenn ich mich an den zugleich auch wegen des Verbleibs und der Wiederherbeiſchaffung der Caſ⸗ —————— — 175 ſette wendete? Er wäre vielleicht der Mann, mir auch aus dieſer Verlegenheit zu helfen. Sonderbar, daß ich daran nicht ſchon früher gedacht habe! So oder ſo, noch meine ich das Spiel in den Händen zu halten!“ Ende des zweiten Bandes. ——— Verlag von Ernſt Julins Günther in Leipzig. Ravenshoe Oder: Der falſche Erbe. Roman von Henry Kingsleh. Aus dem Engliſchen — Marie Scott. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Wgr. Lady Audlens Geheimniß. 3 Roman 1 6 M. E. Braddon. Aus dem Engliſchen. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. MM ſum 9 8 10 1 6 17 18 19