„ — Lhahahatatatattattt arar Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. „.„ franz odeng Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: —————— auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. 1 fl. 12 Kr. : 0 12— „„„„„„ 7 6— 36 27„— 18½ Lara t ohehh arararururararurarararrararararararararararararrt Belchrungen eines fuͤr ſeine Kinder über Religion und Moral nach dem Beduͤrfniß unſerer Zeit, von D. Johann Gottlob Benjamin Pfeil, der Churfuͤrſtl. Maynziſchen Akademie nuͤtzlicher Wißenſchaften zu Erfurth 3eire Abtheilung. . Leipzig, 1798. S bey Chriſtian Gottlob Hilſcher. ———— De den Fr mit en des Ch den Fjel Lebe d verbun antteib lehtt, k habe d ich g des C wilche uache Cyiſcht handel di ih 6zu bedarf ſch za im un khe Vorrede. De zweyte Abtheilung dieſer Schrift, die ich hier den Freunden der Religion vorlege, beſchaͤftiget ſich mit eiigen der wichtigſten Gegenſtände der Moral des Chriſtenthums, welche ein junges Herz und je⸗ den Liebhaber der Rechtſchaffenheit und Tugend zur Liebe dieſer Tugend und zu der damit unzertrennlich verbundenen Ausübung der Pflcht ermuntern und antreiben koͤnnen. Es iſt, wie der Augenſchein lehrt, keine ſyſtematiſche Anleitung der Moral. Ich habe bloß einige Materien gewaͤhlt, von welchen ich glaube, daß ſie als der Grund der Moralitat des Chriſten angenommen werden muͤſſen, und auf welche beſonders der junge Chriſt aufmerkſam zu machen iſt, wenn er zu einem auftichtigen feſten Eutſchluß, ſeiner Beſtimmung als Chriſt gemäß zu handeln, erweckt werden ſoll. Freylich ſind es auch nur wenige Bruchſtüͤcke, die ich ihm mutheile, und die Materiaben, deren er zu Auffuͤhrung des Gebaudes ſeiner Sittlichkeit bedarf, und die hier nicht beruͤhrt ſind, ſind noch ſehr zahlreich. Indeſſen daͤucht es mich, daß es, um uns zu wahren Chriſten nach dem Sinn der Lehre Jeſu zu bilden, überhaupt weniger auf den N 2 Zuſam⸗ ——. IV Zuſammenhang des Syſteins, als auf die Ueber⸗ ſicht t zeugung ankommt, was hierbey fur uns unablaͤßige Cyriſte Pflicht iſt, auf welchen Hauptgeſetzen deſe Pflicht zur pie beruht, und was wir zu ihrer getreuen Erfuͤllung Vort thun muͤſſen; und ich glaube, die wichtigſten Beleh⸗ ein ſchl rungen beruͤhrt zu haben, welche hierzu nothwendig alem 2 ſind. Es fällt uberhaupt dem Menſchen wett leich⸗ mitel ter, Syſteme zu entwerſen, als nach ihnen zu habe ich handeln. Da indeſſen noch einige der wichtigſten Buueh Gegenſtaͤnde der Moral, z. B. Keuſchheit und Ent⸗ ten, o haltſamkeit, die Aufmerkſamkeit des nach Moraltaͤt fan ich ſtrebenden Juͤnglngs erfordern, ſo werde ich ſie in handel der noch folgenden dritten Abtheilung kuͤrzlich, beruͤhren⸗ 5 aus der Ich muß noch bemerken, woher es kommt, daß m daß die meiſten dieſer Belehrungen in einer Art der weß a Form von Predigten oder Kanzelvortraͤgen aufgeſetzt fänſn ſind. Die Haupturſache iſt, daß ſie wirklich in Sacht dem haͤuslichen Zirkel meiner Geliebten vorgetragen Genß wurden, und es bedurfte, nach meinem Erachten, tunz einige Waͤrme des Ausdrucks, wenn der geſuchte ſhriin Eindruck auf ihr Herz bewirkt werden ſollte, ſo ſehr ſhenz ich auch uͤbrigens alle leere Deklamation misbillige. wnn Wollte ich dieſe Vorträge bey ihrer Bekanntma⸗ chung umſchmelzen, und ihnen die Predigtform kſi nehmen, ſo mußten ſie nach einem ganz andern Ent⸗ guſ 3 ſch wurf abgefaßt werden, worzu ich weder Zeit, noch 6 Neigung hatte. Da ich jedoch glaube, daß zur den Privaterbauung des Chriſten, der ſeinen Verſtand nicht V nicht bloß mit philoſophiſcher Zergliederung des Chriſtenthums beſchaͤftigen, ſondern auch ſein Herz zur Liebe fuͤr Gott und Lugend erwaͤrmen will, gute Vortraͤge in Form unſerer Predigten immer noch ein ſehr nuͤtzliches Huͤlfsmittel ſind, und wir, trotz abem Anſchein des Gegentheils, an dieſem Huͤlfs⸗ mittel noch keinen unnoͤthigen Ueberfluß haben, ſo habe ich ſie gelaſſen, wie ſie ſind. Ich muß die Beurtheilung des unpartheyiſchen Kenners erwar⸗ ten, ob ich hierbey irrig gehandelt habe. In wie fern ich wider die homiletiſchen Regeln dabey ge⸗ handelt habe, kommt nicht in Betrachtung. Ich habe bey jeder Belehrung einen Spruch aus der Bibel zum Grunde gelegt, und ich wuͤnſchte, daß man dieß als einen kleinen Beytrag zu dem Be⸗ weiß anſehen moͤge, wie reichhaltige Schaͤtze der feinſten moraliſchen Regeln in den ſo kornichten Sachreichen Ausdruͤcken der Bibel enthalten ſind. Gewiß, ich leſe dieß Buch niemals, ohne den Reich⸗ thum zu bewundern, den es an Lehren und Vor⸗ ſchriften enthält, welche nothig ſind, um den Men⸗ ſchen zu demjenigen zu bilden, was er ſeyn ſoll, der vernunftige freye moraliſche Menſch, der den Voll⸗ kommenheiten Gottes ſich zu naͤhern faͤhig iſt. Ich bewundere zugleich, wie genau alle dieſe Lehren und Vorſchriften der Phyſiſchen und Moraliſchen Natur des Menſchen angemeſſen ſind. Gewiß, wer in den Lehren Jeſu und ſeiner Apoſtel, und ſelbſt in den lehrreichen Schriften des Alten Teſtaments, nicht VI nicht mehr wahre Lebensweisheit als in allen Schriſten der alten, neuern und neueſten Weltwei⸗ ſen findet, der har ſie noch nicht mit der erforder⸗ lichen Aufmerkſamkeit geleſen. Ich beziehe mich ubrigens wegen der Grunde, welche mich zu Bekanntmachung dieſer Schrift ver⸗ anlaßt haben, nochmals auf dasjenige, was des⸗ wegen in dem Vorbericht zu der erſten Abtheilung geſagt worden iſt. Sollte ſie Leſer finden, welche dadurch zu einer auftichtigen Liebe zu Gott und Jeſu, zu einem redlichen Beſtreben nach Tugend und Rechtſchaffenheit ermuntert werden, ſollte ein noch umerdorbenes jugendliches Herz, wenn ihm dieſes Buch in die Haͤnde faͤllt, dadurch in der Liebe der Tugend, in der Verabſcheuung des Laſters beſtaͤrkt und befeſtiget werden, ſollten beſonders dieſe Lehren eures Vaters, die letzten, die er euch vielleicht mit⸗ theilt, fuͤr euch, meine Geliebten, ſo viel Werth haben, daß ihr ſie mie aus der Acht laßt, und ihnen gern und willig durch euer ganzes Leben folgt, wie reichlich haͤtte ſodann Gott die Abſicht geſegnet, die ich bey dem Entwurf dieſer Schrift hatte. Mochte dieſer Segen unzertrennlich mit ihr verbunden ſeyn! Kurze Die N zur An Cn Pon Wie ne lin *. Kurze Ueberſicht der Moral des Chriſtenthums. Seite 1 II. Die Nachahmung Jeſu/ das ſicherſte Mittel, ſich zur chriſtlichen Vollkommenheit zu bilden. Eine Anrede eines Vaters an ſeine Toͤchter bey ihrer Confirmation.— 91 m. Von dem unzertrennbaren Zuſammenhang aller chriſtlichen Tugenden.— 119 IV. Wie nothwendig es fuͤr den Chriſten ſey, ſtets uͤber⸗ einſtimmend zu denken und zu handeln, und was er in dieſer Abſicht thun muß.— 149 V. Was iſt chriſtliche Vollkommenheit? und wodurch wird ſie erlangt?— 177 VI. vl. Die Vortheile feiner Sitten und Empfindungen zum hohern Wachsthum in der chriſtlichen Vollkom⸗ menheit. VI. Warum der Chriſt durch Leiden und Truͤbſale geuͤbt werden muß, wenn er in der chriſtlichen Voll⸗ kommenheit wachſen und zunehmen ſoll? VIII. Wie man uͤber Gott veruͤnftig nachdenken muß? S. 209 — 269 . Nor N du ſlſt gonze finne gleich In bie 20) 21 . der Kurze ueberſicht Moral des Chriſtenthums. Matthäi am 22. v. 37— 40. Du ſollſt lieben Gott deinen Herrn vpn ganzem Herzen, von ganzer Seelen, und von ganzem Gemuͤthe; dieß iſt das fuͤrnehmſte und groͤßeſte Geboth. gleich: Du ſollſt deinen Naͤchſten lieben, als dich ſelbſt. In dieſen zweyen Gebothen hanget das ganze Geſetz und die Propheten. Das andere iſt dem„ — . W. r liebten, griſe i ligion wir hal demjen Religit daß un laßt u Schri menhei lichen wir da wichti Ohne die w Diſer P dieſen des C nicht dnen 1 We haben uns bemuͤht*), meine theuerſten Ge⸗ liebten, ſo viel es in unſern Kraften iſt, unſere Be⸗ griffe über verſchiedene Lehren der chriſilichen Re⸗ ligion zu ordnen und zu berichtigen, oder vielmehr, wir haben uhs richtige theoretiſche Kenntniſſe von demjenigen, was eigentliche Lehren der chriſtlichen Religion ſind, zu verſchaffen geſucht. Vorausgeſetzt, daß uns unſere Abſicht nicht ganz mislungen iſt, ſo laßt uns hierbey nicht ſtehen bleiben; nur wenige Schritte auf dem Wegé, der zur chriſtlichen Vollkom⸗ menheit fuͤhrt, und den wir, nach dem ausdruͤck⸗ lichen Befehl unſers Herrn, wandein ſollen, haben wir dadurch zuruͤckgelegt. Der groͤßte, ſchwerſte und wichtigſte Theil dieſes Weges liegt noch vor uns. Ohne ihn fortzuſeßzen und zu vollenden, helfen uns die wenigen Schritte, die wir gethan haben, nichts. Dieſer Weg, den wir noch wandeln muͤſſen, iſt der Weg der getreuen Erfuͤllung der Pflicht, die aus dieſen Kenntniſſen herfließt. Alle unſere Kenntniſſe des Chriſtenthums helfen uns nichts, wenn wir ſie nicht mit der Ausuͤbung desjenigen verbinden, was der erkannte Wille Gottes von uns zu thun fordert, N 2 und *) S. Belehrungen uͤber Religion und Moral. Erſie Abtheilung. — ———,— —— 4 und Jeſus und ſeine Apoſtel uns hiervon bekannt ge⸗ macht haben. Dieß leitet uns alſo auf den wichtigſten prak⸗ tiſchen Theil des Chriſtenthums, auf die Moral deſ⸗ ſelben. Dieſe Moral des Chriſtenthums iſt es, mit welcher wir uns vorzuglich beſchaͤftigen muͤſſen. Ihre Lehren muͤſſen wir nicht blos in unſern Verſtand, ſon⸗ dern in unſer Herz praͤgen. Dieſe Moral umfaßt alle Vorſchriften und Huͤlfsmittel, welche uns das Chriſtenthum in den Lehren Jeſu und ſeiner Apoſtel mittheilt, um zu der Vollkommenheit in jeder chriſt⸗ lichen Tugend zu gelangen, die wir zu Erreichung unſerer Beſtimmung, der immer mehr und mehr ſich naͤhernden Aehnlichkeit mit Gott, uns eigen machen ſollen. Sie theilt uns alſo die Geſetze mit, welche dieſe Tugenden gebiethen; ſie belehrt uns uͤber die Pflichten, welche aus dieſen Geſetzen herfließen; ſie lehrt uns die Mittel kennen, die wir anwenden muͤſſen, um dieſe Pflichten getreu zu erfuͤllen. Die Vorſchriften, die ſie uns mittheilt, be⸗ ziehen ſich alle auf unſere moraliſche Natur. Sie belehren uns, wie wir als freye vernuͤnftige Ge⸗ ſchoͤpfe, die zur Unſterblichkeit geſchaffen ſind, han⸗ deln muͤſſen, und ſie verbindet mit dieſen allgemeinen Vorſchriften noch die beſondern, welche aus den Ver⸗ hältniſſen entſtehen, von welchen uns die von Gott uns mitgetheilte Offenbahrung unmittelbar unter⸗ richtet. Aus dieſen Vorſchriften entwickeln ſich die Pflichten von ſelbſt, die wir zu erfuͤllen haben; auch ſie ſie ſind müß, u Range mittel, derlich Natr i paſſend, Pſlichte kennen l liſchen! D des Chr theils a unſern W alſo die WVirkun die Anl ſtandes Grunbſ ſelungs den Gr knenl nit unſ Fehlr! Hehen lingi des Ve geniß n ge⸗ prak. l deſ⸗ „ mit Ihre ſon⸗ nfaßt das poſiel chriſt⸗ chung mehr eigen mit, ber eßen enden he⸗ Sie Ge⸗ han⸗ einen Ver⸗ Gott unter⸗ ch die ſie 5 ſie ſind den Anlagen unſerer moraliſchen Natur ge⸗ mäß, und ſie ſind es eigentlich, welche uns zu dem Range freyer moraliſcher Weſen erheben. Die Huͤlfs⸗ mittel, die uns zu Erfullung unſerer Pflichten befoͤr⸗ derlich ſind, ſtehen gleichfalls mit unſerer moraliſchen Natur in dem genaueſten Verhältniß, ſind ihr an⸗ paſſend, und auf ſie gegruͤndet. Dieſe Vorſchriften, Pſlichten und Huͤlfsmittel muͤſſen wir alſo genau kennen lernen, wenn wir uns zu chriſtlichen mora⸗ liſchen Menſchen bilden wollen. Die Vorſchriften und Huͤlfsmittel dieſer Moral des Chriſtenthums wieken theils auf unſern Verſtand, theils auf unſer Vorſtellungsvermoͤgen, theils auf unſern Willen oder unſer Begehrungsvermoͤgen; wenn alſo dieſe Vorſchriften und Huͤlfsmittel ihre gehoͤrige Wirkung thun ſollen, ſo muͤſſen wir vor allen Dingen die Anlagen, die Kräfte, die Fehler unſers Ver⸗ ſtandes kennen lernen. Wir muͤſſen die Regeln und Grundſätze einſehen lernen, nach welchen unſer Vor⸗ ſtellungsvermoͤgen handelt. Auch hier muͤſſen wir den Grad der Faͤhigkeit und der Fehler deſſelben kennen lernen. Wir muͤſſen endlich uns vorzuͤglich mit unſerm Willen oder unſerm Begehrungsvermoͤgen beſchaͤftigen. Auch hier werden wir Anlage, Triebe, Fehler bemerken, und genau unterſcheiden muͤſſen. Haben wir uns nun mit allen dieſen Kenntniſſen hin⸗ laͤnglich beſchaͤftiget, dann muͤſſen wir die Hand an das Werk ſelbſt legen. Wir muͤſſen den Vorſchriften gemaͤß handeln, welche uns die Moral des Chriſten⸗ thums 6 thums mittheilt. Dieß iſt die Hauptſache. Wie wir dieß am ſicherſten thun koͤnnen, daruͤber werde ich euch in dem Folgenden noch einige Rachſchläge mit⸗ th ilen. Erwartet nicht, daß ich euch ein vollſtändiges Syſtem der chriſtlichen Moral vorlegen werde. Dieß iſt nicht meine Abſicht. Theils haben wir vortreff⸗ liche Schriften genug, in welchen dieß weit beſſer und gruͤndlicher geſchehen iſt, als ich es thun koͤnnte, und ich mache euch nur auf das vortreffliche Rein⸗ hardeiſche Syſtem der chriſtlichen Moral aufmerkſam, wenn eure Geiſtesfähigkeiten euch verſtatten, ſol⸗ ches zu benutzen. Theils iſt dieſe Schrift, nach der Faͤhigkeit des Alters, des Geſchlechts, des Grads der Kenntniſſe, dem ſie gewidmet iſt, mehr beſtimmt, auf euer Herz zu wirken, und es zur Liebe zu jeder chriſtlichen Tugend zu ermuntern, als euren Ver⸗ ſtand mit dem ſyſtematiſchen Zuſammenhang des chriſtlichen Sittengeſetzes zu beſchäſtigen; wiewohl ihr nie vergeſſen muͤßt, daß, wenn die Vorſchriften der chriſtlichen Moral mit gutem Erfolg auf euer Herz wirken ſollen, ſolches vorzuͤglich durch Mit⸗ huͤlfe eures Verſtandes geſchehen muß. Ihr müßt alſo auch, ſo viel es euch eure Geiſtesfähigkeiten er⸗ lauben, die Vorſchriften der chriſtlichen Moral in ihrem richtigſten, vollſtändigſten Zuſammenhang ken⸗ nen zu lernen, und eure Pflichten daraus herzuleiten, euch bemühen. Hier werde ich euch indeſſen nur einige vorzuͤgliche Bemerkungen uͤber die Moral des Chriſten⸗ Chriſte in enge wuͤnſchi Chriſe beſtehe tungen: Wos Ne Wes Iſt ein V bo Ve du Won tunger das( Vern Zwec denn e nach nunft. wunſt der E der 7 hung wirkl Lie wir rde ich ge mit⸗ ndiges ortreff⸗ beſſer konnte, Rein⸗ erkſam, ſoh— ach der Grads timmt, u jeder n Ver⸗ ing des wiewohl chriſten uf euer h Nit⸗ r můßt eiten er⸗ oral in ang ke⸗ zuleiun⸗ ſſen nulr urul des hriſten⸗ 7 Chriſtenthums, die mit der Abſicht dieſer Schrift in engerer Verbindung ſtehen, mittheilen; und ich wuͤnſche, daß ſie einen Einfluß in euer praktiſches Chriſtenthum haben moͤgen. Dieſe Bemerkungen beſtehen in folgenden Fragen und ihren Beantwor⸗ tungen: Was iſt das Grundgeſetz der ganzen chriſtlichen Moral? Was iſt der Endzweck dieſer Moral? Iſt ein Unterſchied zwiſchen der Motal der bloßen Vernunft und der Moral des Chriſtenthums vorhanden, und worinne beſteht derſelbe? Wie und auf was fuͤr Art muß der Menſch ſich durch die Moral des Chriſtenthums bilden? Wozu muß er ſich durch dieſelbe bilden? Laßt uns dieſen Fragen und ihren Beantwor⸗ tungen einige Aufmerkſamkeit ſchenken. Was iſt das Grundgeſetz der chriſtlichen Moral? Ein mit Vernunft begabtes Geſchoͤpf kann keinen andern Zweck ſeiner Handlungen haben, als Moralität; denn ohne Moralität handelt es nie frey, ſondern nach Inſtinkt, und ohne Freyheit giebt es keine Ver⸗ nunſt. Ward alſo der Menſch von Gott mit Ver⸗ nunft erſchaffen, ſo mußte bey dem goͤttlichen Plan der Erziehung des Menſchengeſchlechts Entwickelung der Moralität deſſelben die Grundlage dieſer Erzie⸗ hung ſeyn. Und ſie iſt es auch vom Anfange an wirklich geweſen, und wird es auch bleiben, bis zur Vollen⸗ —,—— ———— 8 Vollendung dieſer Erziehung. Schon in dem erſten Nachdr Kinderſtande der Natur unterwarf Gott die Sinn⸗ ſtus; u lichkeit des Menſchen dem Moralgeſetz. Durch Be⸗ kommn folgung dieſes Geſetzes ſollte der Menſch immer mehr bohrne und mehr die Herrſchaft uͤber ſeine Sinnlichkeit be⸗ lehrte, haupten und ſich der Erreichung ſeiner Beſtimmung licen naͤhern; durch Vernachläßigung deſſelben mußte er volkom dieſe Herrſchaft verlieren, ſich von der Erreichung men iſt ſeiner Beſtimmung entfernen, und dadurch elend Belehr und ungluͤcklich werden. Nach dem Zeugniß einer um dit glaubwuͤrdigen Geſchichte wich der Menſch von dieſem ſammle Sittengeſetz, das ihn ſein Schoͤpfer gab, ab, und jen S ward elend. Dieß i Indeſſen, ſo groß der Verfall der Sittlichkeit 3 D der menſchlichen Natur war, und warlich! die Ge⸗ Hezn ſchichte giebt uns ein trauriges Bild davon! ſo ließ Kiſt ſich doch der Funke der Moralität, zu welcher den dinen Menſchen das edelſte Geſchenk, das ihm ſein Schö⸗ den pfer verlieh, ſeine Vernunft, aufforberte, nie ganz Prryl erſticken. Faſt in jedem Zeitalter des Menſchenge⸗ Gun ſchlechts hat es gute, weiſe Menſchen gegeben, welche hurh ihr Geſchiecht aufforderten, ſeiner moraliſchen Be⸗ iekun ſtimmung gemãß zu handeln. Nur war ihre Stimme bald lauter, bald ſchwächer, ihre Aufforderung oft t mit mehr Irrthum, als Wahrheit, vermiſcht. ſ Kein Lehrer des Menſchengeſchlechts hat jedoch 3 dieſe Aufforderung zur Moralität, als den einzigen ſiſhe Weg zu Erreichung ſeiner Beſtirmung, an daſſelbe gun mit mehr Eifer, mit mehr Wahrheit, en Nach⸗ erſten Sinn⸗ ch Be⸗ meht eit be⸗ mung ßte er chung elend einer dieſem „und chkeit e Ge⸗ o ließ r den e ganz henge⸗ welche Be⸗ timme ng oſt jedoch n zigen aſſibe neht Nach⸗ 9 Rachdruck und Deutlichkeit gethan, als Jeſus Chri⸗ ſtus; und wer hätte dieß auch in einem hoͤhern voll⸗ kommnen Grad thun koͤnnen, als Er, der einge⸗ bohrne Sohn des lebendigen Gottes! Alles, was er lehrte, bezog ſich auf die hoͤchſte Stufe der menſch⸗ lichen Moralität, der Aehnlichkeit mit Gott. Seyd vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkom⸗ men iſt! Dieß war das Hauptthema aller ſeiner Belehrungen. Alles, was der Menſch thun muß, um dieſe hoͤchſte Stufe ſeiner Moralität zu erlangen, ſammlete er unter ein einziges Grundgeſetz ſeiner gan⸗ zen Sittenlehre: Liebe Gott und deinen Naͤchſten! Dieß iſt das hoͤchſte und vornehmſte Geboth, lehrte er, Du ſolſſt lieben Gott deinen Herrn von ganzem Herzen, von ganzer Seele, und aus allen deinen Kraͤften. Das andere iſt dem gleich: Du ſollſt deinen Nächſten lieben, wie dich ſelbſt. In dieſen beyden Geſetzen hanget das ganze Geſetz und die Propheten; das iſt: Dieſe beyden Geſetze, die im Grunde nur eins ſind, ſaſſen alles in ſich, was Gott durch Vernunft und Offenbahrung als ſeinen Willen bekannt gemacht hat. Zwar belehrt uns Chriſtus ſelbſt, daß er dieß einzige und hoͤchſte Sittengeſetz nicht erſt jetzund bey ſeiner Erſcheinung in der Welt aufgeſtellt hat; Er ſagt ſelbſt, daß dieß Geſetz die Grundlage der Mo⸗ ſaiſchen Religion ſey, und in dieſe Moſaiſche Reli⸗ gion war es aus der Patriarchaliſchen Religion uͤber⸗ getragen worden. Schon zu Abraham ſagte Gott: Wandle 10 Wandle vor mir und ſey fromm, und in dem Ver⸗ borh, welches er Adam vorſchrieb, war dieß Geſetz der einzige Bewegungsgrund, welcher Adam zum Ge⸗ horſam gegen das ihm ertheilte Verboth antreiben mußte. Dieß hoͤchſte Sittengeſetz iſt auch ſo feſt in die menſchliche Natur gleichſam eingewebt, daß alle Weiſen der alten, neuern, und neueſten Zeit, wenn ſie die erſten Principien, auf welche die Moralität des Menſchen ſich ſtutzen muß, haben entwickeln wol⸗ len, ſich dieſem hoͤchſten Sittengeſetz mehr oder we⸗ niger genaͤhert haben. Das Geſetz der Vollkommen⸗ heit, der Selbſtbeherrſchung, des Vergnügens, ſelbſt der Stoiſchen, egoiſtiſchen reinen Tugend, des allge⸗ meinen Wohlwollens, der moraliſchen Beurtheilung der Handlungen anderer Menſchen, und die Anwen⸗ dung dieſer Beurtheilung auf unſere eigenen*), bis auf das ſittliche Geſetz: handle nach ſolchen Mayimen, von welchen du willſt, daß auch Andere darnach han⸗ deln moͤgen, muͤſſen endlich dunkler oder deutlicher auf das hoͤchſte Sittengeſetz, das Jeſus Chriſtus ſo klar zum Grunde ſeiner Moral, die er uns lehrte, gelegt hat, zuruͤckkommen, wenn ſie den Zweck, den ſie zur Abſicht haben ſollen, Befoͤrderung der Mora⸗ lität des Menſchengeſchlechts, und die dadurch zu be⸗ wirkende ſittliche Vollkommenheit, erreichen oder ihm wenigſtens ſich nähern wollen. Was S. The Theory of moral fentiments by Adam Smith. 2 Vol. L als er ſchärft ſo übe Vrrſt uelmiß ſtchen, hen, überze ſühig hierzu welche ſeinen wenn auslo liebt, höch dere und? Erh zu be wir? nicht ſern ſer den mit nPVer⸗ Geſet um Ge⸗ treiben feſt in aß alle wenn ralitãt nwol⸗ er we⸗ mmen⸗ ſelbſt alige⸗ ilung nwen⸗ , bis rimen, hhan⸗ ulicher ſtus ſo lehrte⸗ k, den Nora⸗ be⸗ oder Was Adam P Was hat alſo Jeſus Chriſtus vorzuͤglich gethan, cls er uns dieß hoͤchſte Sittengeſetz von neuem ein⸗ ſcharfte? Er hat es uns erſtlich ſo einfach, ſo klar, ſo uberzeugend vorgetragen, daß jeder unverdorbene Verſtand des Menſchen, ſey ſeine Fähigkeit ſo mit⸗ telmäßig, als ſie nur immer will, dieß Geſetz ver⸗ ſtehen, ſeine Wichtigkeit und Vortrefflichkeit einſe⸗ hen, und von der Nothwendigkeit deſſelben ſich feſt uberzeugen kann. Wo iſt ein Menſch, welcher un⸗ fähig waͤre, Gott zu lieben, wenn er nicht ſelbſt ſich hierzu unfahig gemacht hat? Wo iſt ein Menſch, welcher die Motive zu dieſer Liebe nicht unzählbar in ſeinen Verſtand und in ſein Herz eingedruͤckt fuhlt, wenn er nicht ſelbſt dieſe Eindrucke vorſetzlich in ſich ausloͤſcht? Und wie koͤnnte der Menſch, der Gott liebt, ſeinen Rächſten nicht lieben? Jeſus Chriſtus hat aber auch zweytens dieß höchſte Sittengeſet auf eine ganz neue, eindringen⸗ dere Art uns vorgetragen, als die Patriarchaliſche und Moſaiſche Religion dieß Sittengeſes vor tellen. Er hat uns weit ſtärkere Motive, dieß Sittengeſetz zu befolgen, an das Herz gelegt. Dieſen Gott, den wir nach ſeiner Vorſchrift lieben ſollen, ſtellt er uns nicht bloß als unſern Herrn, unſern Schoͤpfer, un⸗ ſern Wohlthaͤter vor; er erhebt uns zum Rang ſei⸗ ner geliebten Kinder; er lehrt uns, dieſer Gott, den wir lieben ſollen, iſt unſer Vater; wir ſollen ihn lieben, wie Kinder ihren Vater lieben, ohne Furcht, mit kindlichem Vertrauen. Welche neue, gluͤckſelige Ver⸗ —,——— * 12 Verhältniſſe, die aus dieſer neuen Darſtellung des boͤchſten Sittengeſetzes zwiſchen Gott und uns ent⸗ ſtehen! Er thut noch mehr; er belehrt uns uͤber ein ganz neues Motiv, welches uns zur Befolgung dieſes Geſetzes antreiben muß, welches kein Weiſer vor ihm ſo klar, ſo vollſtändig vorgetragen hat. Er nimmt die Gruͤnde, die uns zur getreuen Erfüllung dieſes Sittengeſetzes antreiben muͤſſen, nicht bloß aus un⸗ ſerer jetzigen Natur, aus unſerm jetzigen Zuſtand, aus unſern jetzigen Verhãltniſſen mit Gott her. Nein! Er fuͤhrt uns weit uber unſern jetzigen Raupenſtand in die Gefilde der Ewigkeit hinein. Er zeigt uns Perſpektive einer Seligkeit ohne Ende, die uns Gott verheißen hat, wenn wir unermüdet ſtreben, dieſem hoͤchſten Sittengeſetz ſtets gemaͤß zu handeln. Welche unwiderſtehliche Macht, mit welcher er unſere Herzen zur getreuen Befolgung dieſes hoͤchſten Sittengeſetzes hinreißt! Gott, Gott der Unausſprechliche, der Allgůtige und Allmaͤchtige, iſt mein Vater; ich kann, wenn ich will, ſein geliebtes Kind ſeyn! Gott ver⸗ lieh mir die Kraft, ewig an Vollkommenheit zu wach⸗ ſen, mich ihm immer mehr zu naͤhern, ohne jemals, auch dann nicht, wenn die irdiſche Huͤtte meines Geiſtes nicht mehr iſt, einen Stillſtand meiner mora⸗ liſchen Kraft, meiner ganzen Exriſtenz furchten zu dur⸗ fen! Welcher Weiſe hat jemals wie Jeſus Chriſtus gelehrt? Allein dieß alles iſt noch nicht genug. Jeſus Chriſtus hat auch drittens uns dieß hoͤchſte Sitten⸗ geſetz geſet der gezeigt. Geſetzes bekannt liebe nen Mit Weiſer Commen allen ſei ſſt liebe liebe des Dieß a ausdrich aus wele und ſein das dir und was das thu Ihan terricht der nic lihen, 6 ieſes Uns an k6 ufa uns inne U Mor l nt⸗ ein ſes 13 geſetz der Liebe zu Gott von einer ganz neuen Seite gezeigt. Er hat uns zuerſt den wahren Inhalt dieſes Geſetzes, und worauf es dabey vorzuglich ankommt, bekannt gemacht. Er hat uns gezeigt, daß wahre Liebe zu Gott ſich in wahrer aufrichtiger Liebe zu ſei⸗ nen Mitmenſchen aufloͤßt. Dieß hat vor ihm kein Weiſer gelehrt. Sein ganzer Lehrvortrag iſt ein Commentar über dieß hoͤchſte Sittengeſetz. Faſt in allen ſeinen Parabeln, Belehrungen, Gleichniſſen, iſt Liebe des Nächſten der herrſchende Ton. Dieſe tiebe des Nächſten ſchaͤtzt er der Liebe zu Gott gleich. Dieß andere Geboth iſt dem erſten gleich, ſagt er ausdruͤcklich. Er ſezt zwey einfache Hauptregeln feſt, aus welchen der Menſch beurtheilen kann, ob er Gott und ſeinen Nächſten liebt. Was du willſt, lehrt er, das dir die Leute thun ſollen, das thue ihnen auch, und was du nicht willſt, das dir die teute thun ſollen, das thue ihnen auch nicht. Sein Lieblingsjuͤnger, Johannes, von ſeinem großen Lehrer unmittelbar un⸗ terrichtet, ſagt uns ausdruͤcklich: Wer ſeinen Bru⸗ der nicht liebet, den er ſiehet, wie kann er Gott lieben, den er nicht ſiehet? Endlich hat Jeſus Chriſtus die Verbreitung dieſes Sittengeſetzes noch dadurch befoͤrdert, daß er uns an ſeinem eigenen Beyſpiel gezeigt hat, wie wir es anfangen muͤſſen, wenn es uns Ernſt iſt, dieſem uns gegebenen Sittengeſetz gemäß zu handeln. Hier⸗ inne unterſcheidet er ſich von allen andern Lehrern des Moralgeſetzes. Wie wenig ſtimmen oft ihre eigenen Hand⸗ . Handlungen mit ihren Vorſchriften uberein! Unſer großer Lehrer lehrte nichts, was er nicht ſelbſt that. Alle ſittlichen Geſetze, die ſich aus ſeinem Hauptgeſetz entwickeln, befolgte er mit der groͤßten Trene, und er allein war es, welcher fragen konnte: Welcher unter euch kann mich einer Suͤnde zeihen? In die⸗ ſem ſeinem Beyſpiel finden wir die kuͤrzeſte und rich⸗ tigſte Anweiſung, wie auch wir handeln muͤſſen, wenn wir dem uns vorgeſchriebenen Sittengeſetz gemäß le⸗ ben wollen. Er hat uns ein Vorbild gelaſſen, daß wir nachfolgen ſollen ſeinen Fußſtapfen. Ich kann auch, meine Lieben, nie oft genug erinnern, daß ihr dieß Beyſpiel eures Herrn doch ſtets vor Au⸗ gen haben moͤchtet. Der menſchliche Geiſt iſt ſo ge⸗ artet, daß ſeine moraliſche und unmoraliſche Bildung hauptſächlich durch Beyſpiele bewirkt wird. Wir fuͤhlen eher, als wir urtheilen, und Beyſpiele, die auf unſer Gefühl wirken, muͤſſen uns alſo nothwendig ſärker an ſich ziehen, als Lehrſätze, die bloß unſern Verſtand uberzeugen ſollen. Laßt uns alſo nie die Frage vergeſſen, was chat unſer Herr in dieſem oder jenem Fall? und laßt uns ſtets der Beantwortung dieſer Frage gemaß handeln. Mir deucht, wir haben uns hinlänglich über⸗ zeugt, wie groß das Verdienſt Jeſu um die Bekannt⸗ machung des hoͤchſten Sittengeſetzes ſey. Laßt uns nunmehr dieß Geſetz der Liebe noch etwas genauer be⸗ trachten. Wir muͤſſen uns vor allen Dingen einen richtigen Begriff von dem Inhalt dieſes Geſeßes! machen, machen, Sitteng denen 3 von den die aus P nüſſen griff ver ſten lieb dieſes h o Jing Gott ju nen. der Vol uns. du dich Eigenſt deinen wilſſt Veſ und du und we dir iſt lichen, hit u in l lieben kenne 15 machen, uns ſodann uͤberzeugen, daß es das hoͤchſte Sittengeſetz ſey, und es endlich nach ſeinen verſchie⸗ denen Zweigen genau kennen lernen, damit wir untz von dem Umfange der Pflichten unterrichten können, die aus dieſem Geſetz herfließen. Wollen wir nicht bloß mit Worten ſpielen, ſo muͤſſen wir vor allen Dingen uns einen richtigen Be⸗ griff verſchaffen, was heißt: Gott und ſeinen Mach⸗ ſten lieben? und worinne beſtehet alſo der Inhalt dieſes hoͤchſten Sittengeſetzes? Iſt es dir ein Ernſt, o Juͤngling, deine junge Seele zu der Liebe gegen Gott zu bilden, ſo lerne das Weſen dieſer Liebe ken⸗ nen. Der Grund aller unſerer Liebe iſt Kenntniß der Vollkommenheiten eines Dinges mit Bezug auf uns. Aechte Liebe zu Gott hat nicht Statt, wenn du dich nicht beſtrabſt, richtige Einſichten von den Eigenſchaften und Vollkommenheiten Gottes und von deinen Verhältniſſen gegen ihn zu erlangen. Wie willſt du ſagen, du liebſt Gott, den du nicht kennſt? Wie ſoll das Feuer dieſer Liebe dein Herz erwärmen, und du haſt dich nie bemuͤht, nachzuforſchen, wie und worinne er ſich dir offenbahrt hat? und was er dir iſt? Lerne alſo zufoͤrderſt ihn, den Unbegreif⸗ lichen, ſo eifrig aus ſeinen Werken der Macht, Weis⸗ heit und Gnade kennen, als es deinen ſchwachen Kraͤften moͤglich iſt; lerne die Verhältniſſe kennen, in welchen du mit ihm ſtehſt; dann wirſt du ihn auch lieben lernen. Denn es iſt nicht möglich, ihn zu kennen, zu wiſſen, was er dir iſt, nach der Lehre 16 Lehre Jeſu und ſeiner Apoſtel, ohne ihn zu lieben. Dieſe richtigen Einſichten von Gott werden in dir richtige Empfindungen der Bewunderung, der Dankbarkeit, des Vertrauens erwecken, und dieſe Empfindungen werden deine Liebe zu Gott nähren und ſtärken. Füͤhlſt du Bewunderung, Dankbarkeit, Ver⸗ trauen zu Gott, ſo muß Gehorſam gegen ſeine Ge⸗ bothe die Wirkung dieſer Empfindungen ſeyn, und Haß gegen die Suͤnde, Liebe zum Guten iſt unzer⸗ trennliche Folge dieſes Gehorſams. Alles dieß wird auf dein ſittliches Verhalten den großten Einfluß haben; du wirſt dich beſtreben, dieß Verhalten mit den Geſetzen Gottes ubereinſtimmend zu machen. Dieſe Uebereinſtimmung wird Ruhe und Ordnung unter allen deinen Affekten und Nei⸗ gungen erhalten, es wird ſie reinigen und veredeln, und dein Wille wird alsdann mit dieſen Affekten und Neigungen in der ſchonſten und vollkommenſten Har⸗ monie ſtehen; Wirkſamkeit, Thätigkeit und Wohl⸗ chaͤtigkeit wird alle deine Handlungen bezeichnen. Alles, was du wuͤnſcheſt, alles, was du thuſt, wirſt du mit beſtaͤndiger unermuͤdeter Hinſicht auf Gott und ſeinen Willen thun; und Aehnlichkeit mit Gott, Aehnlichkeit mit Jeſu, dem Bilde, dem Abdruck ſeines Vaters, wird das Ziel deines eifrigen Beſtre⸗ bens ſeyn! Siehe! dieß iſt das Bild des Menſchen, der hen Gott! du dich! liebſt. lib gen die rdert v nenſchlich ſe, wie zur Unſt mußt dit ſie dir g dern der Rang be pfung G gigkeit ve dir ſteher dungen gegen ſie ſind 2 gen der Gefüligk lles wit ihnen ni Pforde diſe En de vich Vilen Kriſte Mnſh en tt, 17 den Gott liebt! Dieß muß auch dein Bild ſeyn, wenn du dich mit Wahrheit ruͤhmen willſt, daß du Gott liebſt. Liebe gegen Gott iſt die Quelle deiner Liebe ge⸗ gen die Menſchen, deine Bruͤder. Dieſe Liebe er⸗ fordert von dir richtige Schätzung des Werths der menſchlichen Natur. Du mußt nie vergeſſen, daß ie, wie du, mit Vernunft und Freyheit begabte, zur Unſterblichkeit erſchaffene Geſchoͤpfe ſind, Du mußt dich ſtets erinnern, wer du guch ſeyſt, daß ſie dir gleich ſind, daß nicht äußere Vorzuͤge, ſon⸗ dern der innere Werth ihrer moraliſchen Natur den Rang beſtimmt, der ihnen in dem Reiche der Schoͤ⸗ pfung Gottes zukommt. Du mußt nie die Abhaän⸗ gigkeit vergeſſen, in welcher du mit ihnen, und ſie mit dir ſtehen. Aus allen dieſen Begriffen und Empfin⸗ dungen muß ein wahres unermuͤdetes Wohlwollen gegen ſie, ein unermuͤbetes Beſtreben, an ihrem Zu⸗ ſtand Theil zu nehmen, dein Herz den Empfindun⸗ gen der Mitfreude, des Mitleidens, der liebreichen Gefälligkeiten gegen ſie zu oͤfnen, erwachſen. Dieß alles wird dich mit einem aufrichtigen Eifer beſeelen, ihnen nuͤtzlich zu ſeyn, und deine Kräfte gern der Befoͤrderung ihres Wohlſtandes aufzuopfern. Alle dieſe Empfindungen der wahren Menſchenliebe wer⸗ den dich antreiben, mit beſtäͤndiger Hinſicht auf den Willen Gottes nach dem Beyſpiel Jeſu alle deine Kräfte zu Befoͤrderung des allgemeinen Wohls der Menſchheit treulich anzuwenden. Dieſer Trieb, das B allge⸗ 18 allgemeine Beſte zu befoͤrdern, muß herrſchende Denkungsart bey dir ſeyn. Erfuͤllſt du alle dieſe Pflichten der Liebe getreu, ſo haſt du an dieſer Er⸗ fuͤllung, das einzig richtige und ſichere Kennzeichen, daß wahre Menſchenliebe dich beſeelt. Sehet, meine Geliebten, ſo muͤßt auch ihr han⸗ deln, wenn ihr euch einer wahren Gottes- und Men⸗ ſchenliebe ruͤhmen wollt. Nur alsdann, wenn ihr die euch hier angegebenen Lehren richtig gefaßt, und euerm Verſtande und eurem Hetzen eingepraͤgt habt, koͤnnt ihr behaupten, daß ihr einen richtigen Begriff habt, was Gottes⸗ und Menſchenliebe ſey. Nunmehr wollen wir uns auch zu uͤberzeugen ſuchen, daß dieſe uns von Jeſu gebothene Liebe zu Gott und ſeinen Menſchen, auch wirklich das hoͤchſte Geſetz der von ihm vorgetragenen Sittenlehre ſey. Ich habe euch bereits geſagt, daß Jeſus ſelbſt dieß Geſetz als das hoͤchſte anerkannt habe, und ſein Zeugniß allein kann uns ſchon genuͤgen. Auch der ganze Inhalt ſeiner Lehre, allev vasjenige, was er uns von den Veranſtaltungen Gottes zur Beſeligung des menſchlichen Geſchlechts bekannt gemacht hat, enthaͤlt Belehrungen, die uns zu der feurigſten Liebe zu Gott, zu der aufrichtigſten Liebe des Naͤchſten an⸗ treiben muͤſſen. Alles, was er zu Befoͤrderung der Religion, die er lehrte, veranſtaltete und befahl, batte die Abſicht, die Bekenner dieſer Religion zu dieſer Gottes⸗ und Menſchenliebe zu ermuntern. Eben Cben die ſie lehre ſchen kei nennen ſte und iebe kei Wrrt, d hat, iſ als liebe Di ſeinen ſchen R welchen Verhält Triebe, ſo lange kein einz moraliſc hat, w keit geſ geſehten higkeite eingric Nahun ſhes 6 ſihhn Van nur de Luf nde ieſe NRn, n⸗ en⸗ ihr und abt, gif 15 Eben dieß war der Inhalt der Lehren ſeiner Apoſtel; ſie lehren, daß ohne Liebe zu Gott und ſeinen Men⸗ ſchen keine wahre Gottesverehrung moͤglich ſey; ſie nennen das Geboth von dieſer Liebe das vollkommen⸗ ſte und wichtigſte. Sie behaupten, daß ohne dieſe Liebe keine wahre Tugend moͤglich ſeyo. Mit einem Wort, die ganze Religion, die uns Jeſus gelehret hat, iſt die Religion der liebe, ſie athmet nichts als Liebe. Dieß hoͤchſte Sittengeſetz der Liebe zu Gort und ſeinen Menſchen, iſt aber auch der ganzen morali⸗ ſchen Natur des Menſchen, den Verhältniſſen, in welchen er ſteht, den Pflichten, welche aus dieſen Verhältniſſen herfließen, das angemeſſenſte. Alle Triebe, die unſer Schoͤpfer in uns gelegt hat, ſind, ſo lange ſie unverdorben ſind, wohlwollende Triebe, kein einziger iſt an und fur ſich ſelbſt zerſtoͤrend. Alle moraliſchen Krafte, die der Schoͤpfer in uns gelegt bat, wirken ſtärker, wenn ſie durch Liebe in Thätig⸗ keit geſetzt werden, als wenn die der Liebe entgegen⸗ geſetzten Triebfedern auf ſie wirken. Alle unſere Faͤ⸗ bigkeiten ſind zu Empfindungen der kiebe vorzuͤglich eingerichtet. Ja, biebe iſt die ſtärkſte, angenehmſte Nahrung unſers Geiſtes. Ein vernuͤnftiges morali⸗ ſches Geſchoͤpf, das keiner Empfindungen der tiebe fähig wäre, welch ein elendes unſeliges Geſchoͤpf! Wenn ich mir ein ſolches Geſchoͤpf als moͤglich denke, nur dann bin ich vermoͤgend, mir das Ideal des Teufels vorzuſtellen. B In * 4 1 — ——— In allen Verhaͤltniſſen, in welche uns Gott, unſer Schoͤpfer und Herr, auf der jezigen Stuſe un⸗ ſers Daſeyns geſetzet hat, iſt dieſe Liebe uns ganz unentbehrlich, wenn wir dieſen Verhältniſſen gemäß handeln wollen. Koͤnnte ich dieſen Gott als meinen Schoͤpfer, meinen Erhalter, meinen Wohlthaͤter, meinen Vater, der mich als ſein Kind zum Erben einer ſeligen Unſterblichkeit erhoͤhen will, erkennen und verehren, ohne Liebe zu ihm? Koͤnnte ich wiſſen und empfinden, was ich Jeſu Chriſto, meinem Hei⸗ land und Herrn, zu verdanken habe, ohne Liebe zu ihm? Koͤnnte ich meinen Nachſten haſſen, und doch zugleich wiſſen, daß er in eben den ſeligen Verhält⸗ niſſen mit Gott und Jeſu ſteht, in welchen ich ſtehe? Und wo iſt eine Pflicht, welche die ganze chriſtliche Moral von mir fordert, zu welcher dieſe Liebe zu Gott und dem Nächſten nicht der ſicherſte Bewe⸗ gungsgrund wäre? An dem merken wir, ſagt Jo⸗ hannes, daß wir Gott kennen,(und wer kennt ihn, ohne ihn zu lieben?) ſo wir ſeine Gebothe halten. Liebe zu Gott iſt alſo der Probierſtein jeder chriſtli⸗ chen Tugend. Nun dieſe Liebe iſt es, die uns die Ausubung der Gebothe, die uns Gort gab, nicht ſchwer, ſondern leicht macht. Aber freylich, wenn uns dieß hoͤchſte Sn ſet der Liebe zu Gott und dem Nächſten das wirklich ſeyn und heißen ſoll, was wir davon in dem Vor⸗ hergehenden behauptet haben, ſo muͤſſen wir vor allen Dingen wiſſen, worinnen der weſentliche Inhalt die⸗ ſes Geſetzes beſtehe? Wenn We und ſeine ollen Din den Ver Ich habe niß boh iglich m ſihes ken der Geho Lugend zeugung dieſes G eurem G Au Pollkom ſgt hab derung, Gott. gegen d Ueberein Vilen t En pfind hichie derunge unchliß handen fordert keit iſt tt, anz näß nen ter, ben nen 21 Wenn auch dieß Geſetz zur Liebe gegen Gott und ſeinen Menſchen auffordert, ſo verlangt es vor allen Dingen von euch richtige Begriffe von Gott und den Verhältniſſen, in welchen ihr mit ihm ſteht. Ich habe euch ſchon geſagt, daß ohne richtige Kennt⸗ niß von ihm keine Liebe zu ihm moͤglich iſt. Vor— zuglich muͤßt ihr Gott als den Geſetzgeber dieſes Ge⸗ ſetzes kennen. Ihr müßt euch uberzeugt fuͤhlen, daß der Gehorſam gegen dieſes Geſetz der Grund eurer Lugend und eurer Gluͤckſeligkeit iſt. Dieſe Ueber⸗ zeugung muß euch nothwendig zum Gehorſam gegen dieſes Geſeß ſelbſt antreiben; dieſer Gehorſam giebt eurem Geiſt neue Nahrung Gott zu lieben. Aus der richtigen Kenntniß Gottes und ſeiner Vollkommenheiten entſtehen, wie ich auch ſchon ge⸗ ſagt habe, die reinſten Empfindungen der Bewun⸗ derung, des Vertrauens, der Dankbarkeit gegen Gott. Dieſe Empfindungen erzeugen in euch Haß gegen die Sunde, Liebe zum Guten, zur Ordnung, Uebereinſtimmung eures ganzen Verhaltens mit dem Willen des hoͤchſten Sittengeſetzes. Zu allen dieſen Empfindungen und ihren Folgen fordert euch dieß boͤchſte Sictengeſetz auf, und folgt ihr den Auffor⸗ derungen deſſelben, ſo muß euch dieß nothwendig in unabläßige Wirkſamkeit und Thätigkeit ſetzen, ſo zu handeln, wie es das hoͤchſte Sittengeſet von euch fordert. Die Folge dieſer Wirkſamkeit und Thätig⸗ keit iſt unausbleiblich ein aus dem Wohlgefallen der gottlichen Vollkommenheiten entſtehendes unermuͤ⸗ detes 22 detes Beſtreben, dieſem Gott, den ihr ſo innig, ſo aufrichtig liebt, ähnlich zu werden, und der weſent⸗ liche Inhalt dieſes hoͤchſten Sittengeſoetzes beſteht alſo vorzuͤglich in dem Anbefohlniß eures Beſtrebens nach dieſer Aehnlichkeit mit Gott. Ohne Liebe gegen den Noͤchſten wurdet ihr euch nach dieſer Aehnlichkeit vergeblich beſtreben. Das euch anbefohlne Beſtreben nach der Aehnlichkeit mit Gott ſchließt alſo das Anbefohlniß der Liebe gegen Gott mit in ſich. Dieſe tiebe des Nächſten, die uns dieß höchſte Sittengeſetz gebeuth, iſt, wie ich euch ſchon geſagt babe, mit der Liebe zu Gort einerley. Sie grundet ſich zugleich mit auf richtige Einſicht in den hohen Werch der moraliſchen Ratur des Menſchen und auf Schatzung dieſes Werths, auf richtige Kenntniß und Beurtheilung der Abſichten, aus welchen Gott ein mit Vernunft und Freyheit begabtes moraliſches Ge⸗ ſchoͤpf in dem Menſchen entſtehen ließ, und der ver⸗ ſchiedenen Verbindungen und Verhaͤltniſſen, in wel⸗ che Gott den Menſchen durch die Einrichtung der Welt geſetzt hat. Dieſe richtige Kenntniß der phyſiſchen und moraliſchen Beſchaffenheiten leiten unausbleib⸗ lich zu einem aufrichtigen, dienſtfertigen Wohlwol⸗ len gegen das ganze Menſchengeſchlecht, und dieß Wohlwollen gegen das ganze Menſchengeſchlecht iſt alſo gleichfalls Anbefohlniß des hoͤchſten Sittenge⸗ ſetzes, und dieß Anbefohlniß ſetzt die Befolgung der Hauptmaxime unſerer Handlungen feſt: Handle ge⸗ gen gen deine gen dich Se ten, wel unb die ſ der 1 O 0 wichtigſ ſtz der t machen, höchſen tet ihr e dem Vo die von ſind! 1 rerin in ihr ſteh Folgen J Richſe welchen kal von die ihr Si wi dien mn 6 bar, andern as nit en ſe agt det uf nd er elt hen ol⸗ 23 gen deinen Nächſten ſo, wie du willſt, daß er ge⸗ gen dich handeln moͤge. Sehet! dieß iſt der ganze Inbegriff der Pflich⸗ ten, welche das hoͤchſte Sittengeſeß von uns fordert, und die Erfullung dieſer Pflichten erhoͤht uns allein zu der Wuͤrde wahrer Chriſten. O, meine Theuerſten, moͤchtet ihr doch es eure wichtigſte Angelegenheit ſeyn laſſen, euch zu dem Be⸗ ſitz der Liebe zu Gott und ſeinen Menſchen fähig zu machen, und dem hierzu euch von Gott gegebenen hoͤchſten Sittengeſetz ſtets gemãß zu handeln! Moͤch⸗ tet ihr euch alle die Eigenſchaſten verſchaffen, die in dem Vorhergehenden angegeben worden ſind, und die von dem Weſentlichen dieſer Liebe unzertrennlich ſind! Dann wuͤrde auch dieſe Liebe die ſicherſte Fuͤh⸗ rerin in allen euren Verhältniſſen ſeyn, in welchen ihr ſteht, und ihr wuͤrdet auch ſodann ihre ſeligen Folgen genießen. Ja, beſeelt euch dieſe Liebe zu Gott und dem Kächſten, ſo wird ſie euch in jedem Verhaͤltniß, in welchem ihr ſteht, belehren, was die chriſtliche Mo⸗ ral von euch fordert. Sie wird euch zu jeder Tugend, die ihr auszuuben habt, die ſicherſte Anleitung geben. Sie wird euch uͤber jede Pflicht belehren, die aus dieſen Tugenden entſpringt, ihr moͤget dieſe Pflicht nun Gott und eurem Herrn Jeſu Chriſto unmittel⸗ bar, oder eurem Nächſten, euch ſelbſt, oder jedem andern Verhaltniß, in welchem ihr mit den Dingen⸗ die 24 die außer euch ſind, ſteht, ſchuldig ſeyn. Ihr moͤget euch Gott als Schoͤpfer, Geſetzgeber, Richter, Wohl⸗ thäter, Vater denken; ihr moͤget Chriſtum, als Herrn und Heyland in einem Bezug, verehren, wie ihr wollt; ihr moͤget als Menſch, als Buͤrger, als Gatte, als Vater, als Freund, als Regent oder Unterthan handeln; ihr moͤget euch ſelbſt fragen, was bin ich mir in Anſehung meines Geiſtes, meines Koͤrpers, ſchuldig; ſo bleibt eure Hauptmapime jederzeit dieſe: Handle in jedem Falle ſo, wie es der Liebe zu Gott und dem Naͤchſten gemaäß iſt. Noch mehr. Dieſe Liebe wird euch das Gefuͤhl der Pflicht zu eurem ſuͤßeſten Gefuͤhl machen. Sie iſt das ſicherſte Mittel der Veredlung eures Geiſtes, denn ſie erweckt und ſtärkt euch zu jeder Wirkung, welche eure Pflicht von euch fordert; ſie erleichtert euch die Anwendung eurer moraliſchen Kraft, Gutes zu wirken; ſie erweckt und leitet in euch das Gefuͤhl eurer Wuͤrde, als freyer, vernuͤnftiger, moraliſcher Menſch, als Chriſt, als Erbe einer ſeligen Unſterb⸗ lichkeit. Sie veredelt alſo eure ganze moraliſche Na⸗ tur, und bringt euch eurem hoͤchſten Ziele, der Aehn⸗ lichkeit mit Gott, immer naͤher. Ja, ſie iſt es, dieſe Liebe zu Gott und dem Raͤchſten, die euch endlich zur reinen Tugend, und durch dieſe Tugend zur hoͤchſten Gluckſeligkeit, fuͤhrt. Aber, huͤtet euch hier fuͤr einen Jerthum. Hofft nicht dieſe reine Tugend in eurem jetzigen Seyn zu errei⸗ teichen. Es ſchm wenn er willen li ſeligket uuch die gen, ſe Aber ach ſilze S et achte euch die Er kan Er kan kennen; iſt; da bloß Ge ober au Ugend Tugen komme Ugen wenn i nh nigt, hriſt fur j 25 get erreichen. Sie iſt nicht das Loos eurer Sterblichkeit. hl⸗ Es ſchmeichelt allerdings dem Stolz des Menſchen, trn wenn er ſich einbildet, die Tugend um ihrer ſelbſt ihr willen lieben zu koͤnnen, ſie ohne Ruͤckſicht auf Gluͤck⸗ tte, ſeligkeit ausuben zu koͤnnen. Allerdings verpient han auch dieſe reine Tugend, daß wir ihrer Stimme fol⸗ ich gen, ſie mag uns fuͤhren, wie? und wohin ſie will? Aber ach! was helfen uns Träume? Wer iſt der ſe: ſtolze Sterbliche, der ſich zu ruhmen erkuͤhnt, daß btt er aͤchter Puriſt in der Tugend ſey? Rein! laßt euch dieſen Traum unſers Zeitalters nicht bethoͤren. Er kann leicht zu einem gefaͤhrlichen Abweg fuͤhren. ihl Er kann euch verleiten, eure eigne Schwäche zu ver⸗ kennen; fuͤr Tugend zu halten, was im Grunde Laſter e iſt; das als Berdienſt von Gott zu fordern, was ng⸗ bloß Geſchenk ſeiner Liebe und Guͤte iſt. Verkennt 8 aber auch nicht den edlen wahren Zweck der reinen tes Tugend. Hofft, daß ihr der Erreichung der reinen ihl Tugend auf der hoͤhern Stufe eures Daſeyns naͤher her kommen werdet. Gott allein iſt der Quell der reinen 1 rb⸗ Tugend; aus dieſem Quell muͤßt ihr ſchoͤpfen koͤnnen,* ia wenn ihr einer reinen Tugend fähig ſeyn wollt. 3 hn⸗ Aber dieß ſey euch heilige Pflicht, daß euch dieß hohe Ideal der Tugend ſtets vor Augen ſchwebt, daß — — — * ihr eure eigne Tugend, nach dieſem Ideal, immer un mehr und mehr von allen Flecken und Mängeln rei⸗ hrt niget, daß ihr aus allen Kraͤften ſtrebt, es in jeder 3 ft chriſtlichen Tugend ſo hoch zu bringen, als es euch zu nur immer moͤglich iſt, daß jede Tugend euch immer ei⸗ mehr 26 mehr und mehr das ſußeſte, das angenehmſte Gefuhl wird, daß ihr dieſe Freuden der Tugend in einem ſo hohen Grade empfindet, als der ſterbliche Menſch ſie zu empfinden vermoͤgend iſt. Freylich erinnere ich euch hierdurch an die Be⸗ lohnung der Tugend, an achte wahre Gluͤckſeligkeit eines vernuͤnftigen Geiſtes, und ich mache mich aller⸗ dings des Evdamonismus, den die erhabenen Weiſen unſerer Zeit ſo ſehr herabwuͤrdigen, verdaͤchtig. Al⸗ lein, meine Geliebten, Gluͤckſeligkeit iſt von Tugend unzertrennlich; die Philoſophie unſers Zeitalters mag ſagen, was ſie will. Wer tugendhaft iſt, iſt gluͤck⸗ ſelig; und wer gluͤckſelig ſeyn will, muß tugendhaft ſeyn. Wir ſchwachen Sterblichen duͤrſten nach Gluͤck⸗ ſeligkeit, ſie mag wahr oder eingebildet ſeyn. Gluͤck⸗ ſeligkeit iſt der Antrieb zu allen unſern Handlungen; ſie iſt es auch dann, wenn wir blos in ihr das Schat⸗ tenbild unſerer Phantaſie umarmen. Gott ſelbſt er⸗ muntert uns zur Tugend, durch die Hoffnung der Gluͤckſeligkeit, die er uns um ihrentwillen verheißt. Selig ſind, die da hungert und duͤrſtet nach der Ge⸗ rechtigkeit, ſagt ſein Geſandter, denn ſie ſollen ſatt werden. Er ſelbſt verheißt ſeinen Jungern und uns, daß uns unſere Tugend im Himmel wohl belohnt werden ſoll. Sey alſo dieſe Gluͤckſeligkeit Zweck oder Folge der Tugend, ſey Tugend Mittel zur Gluͤck⸗ ſeligkeit oder Gluͤckſeligkeit ſelbſt: genug ſie ſind beyde auf das genaueſte mit einander vereiniget, und es laßt ſich keine ohne die andere denken. Elender Ele gend ſche ( 61 Feuers Fhg! oft ju der Luge laßt uns höhere unvollko wird. D von der E ni de ſt be un V c. 27 Elender Lohnknecht, wird der Puriſt in der Tu⸗ gend ſchelten, du biſt unwuͤrdig, das Goͤttliche ihres Feuers zu empfinden!*) Goͤnnt ihm ſeinen hohen Flug! Er wird zeitig genus fuhlen, wie tief er ſehr oft zur Erde nieder ſinkt. Laßt uns nur demuͤthig Golt danken, daß er uns Fähigkeit gab, die Gluͤck⸗ ſeligkeiten zu empfinden, mit welchen er den Freund der Tugend ſchon hier in dieſem Leben belohnt, und laßt uns ſeinen Verheißungen trauen, daß noch weit hoͤhere Gluͤckſeligkeit der unverdiente Lohn unſerer ſo unvollkommnen Tugend in jenem beſſern Leben ſeyn wird. Da in unſern Tagen ſo viel von reiner Tugend, von der Schändlichkeit des Evdämonismus geredet und *) Die Lehre von der reinen Tugend iſt bekanntermaßen nicht nen. Außer der Phantaſieenreichen Schilderung der Stoa war ſie auch das Feldgeſchrey der Quieti⸗ ſten, wie die Schriften Fenelons und der Guion beweiſen. Dieſe Quietiſten ſprechen vollig in dem Tone unſers Zeitalters, wie Ditton in ſeinem Buche: Wahrheit der chriſtlichen Religion aus der Auferſtehung Jeſu, S. 110, hemerkt. Auch er ſagt von ihnen? „Sie moͤgen immet ſagen, unſere Lehre(von der Be⸗ lohnung der Tugend) ſey niedertraͤchtig; man diene noch denſelben Gott, wie ein Tageldhner ꝛc. Es iſt ihre Gewohnheit, alles dasjenige veraͤchtlich zu halten und mit ſpoͤttiſchen Namen zu belegen, was mit ihren Begriffen nicht uͤbereinkommt.“ Warlich, man ſollte glauben, Ditton ſpreche von unſerm Jahrzehend. 28 und geſchrieben wird, ſo war es Pflicht von mir, euch zu eroͤffnen, was ich uͤber dieſen ganzen Streit denke. Er wird von ſelbſt aufhoͤren, da es auf der ganzen Erde nie einen ächten Puriſten, ſondern lauter Evdämoniſten in der Tugend giebt. Laßt uns zu dem Geſetz der Liebe zuruͤckkehren, und einige einzelne Pflichten bemerken, die aus demſelben herfließen. Dieß Geſetz der Liebe muß euch, wie ich euch bereits geſagt habe, in jedem Verhaltniß gebiethen, in welchem ihr euch denken koͤnnt. Ihr mogt euch in dem Verhaltniß als Menſch, als Chriſt gegen Gott betrachten, ihr moͤgt in der menſchlichen und buͤrgerlichen Geſellſchaft eine Stelle begieiten, welche ihr wollt, ihr moͤgt unterſuchen, was euer unſterb⸗ licher Geiſt von euch fordert, was ihr zu Erhaltung eures Koͤrpers, der hinfaͤlligen Wohnung dieſes Gei⸗ ſtes, thun muͤßt, ihr moͤgt uͤber die Verbindungen nachdenken, welche zwiſchen euch und ſowohl der be⸗ lebten, als lebloſen Natur ſind, ſo ertheilt euch dieß hoͤchſte Geſetz Vorſchriften, welche ihr zu befolgen habt, wenn ihr ihm gemäß handeln wollt; und dieſe Vorſchriften belehren euch uͤber die Pflichten, die aus dieſem Geſetz, nach den verſchiedenen Verhalt⸗ niſſen, uͤber welche es ſich erſtreckt, entſtehen. Nur einige vorzägliche Pflichten, die aus dieſen Verhält⸗ niſſen entſpringen, kann ich euch hier angeben. Wenn ihr als vernuͤnftige Menſchen, als zur Unſterblichkeit erſchaffene Chriſten uberdenkt, was ihr Gott, eurem Schoͤpfer, eurem Herrn, eurem Er⸗ halter, halter, Jeſu euc dig ſeyd derung, ſans, lichen S de Gef Spſben in euch und de des geſc z fihl Stunde hung ſ tigkeit Birge fordert lichen jede T als M als Ki Beken uch n Wenn dieſe zen 1 nen nir, treit der uter dem elne uch en, uch gen und che b⸗ ng ei⸗ zur hr r 29 halter, eurem Wohlthäter, eurem durch die Lehre Jeſu euch bekannt gemachten Vater im Himmel ſchul⸗ dig ſeyd, muß nicht alsdenn die Pflicht der Bewun⸗ derung, der Verehrung, der Anbetung, des Gehor⸗ ſams, der Ehrfurcht, des Vertrauens, des chriſt⸗ lichen Sinnes, der Geduld in Leiden, der Demuth, des Gefuͤhls der chriſtlichen Vollkommenheit, des Strebens nach der Aehnlichkeit mit Gott und Jeſu, in euch lebendig werden? Koͤnnt ihr euch als Mitglieder der menſchlichen und der buͤrgerlichen Geſellſchaft, der Verbindungen des geſelligen und haͤuslichen Lebens denken, ohne es zu fühlen, daß euer Nebenmenſch, ſchon in dem rohen Standeper Natur, Gerechtigkeit, Wohlwollen, Schaͤ⸗ tzung ſehtes Werthes, Verträglichkeit, Wahrhaf⸗ tigkeit von euch fordern kann? daß der Stand des Buͤrgers, in welchem ihr ſteht, jede Pflicht von euch fordert, ohne deren Ausuͤbung der Zweck der buͤrger⸗ lichen Geſellſchaft nicht erreicht werden kann? Und jede Verbindung des geſelligen Lebens, in welche ihr als Mann, als Weib, als Gatte, als Hausvater, als Kind, als Herr, als Knecht, als Freund, als Bekenner der chriſtlichen Religion tretet, wird ſie euch nicht Pflichten auflegen, die ihr ausuͤben muͤßt, wenn ihr den Nutzen genießen wollt, den ihr durch dieſe Verbindung zu erhalten ſucht? Alle dieſe Pflichten werdet ihr nie in ihrem gan⸗ zen Umfange kennen, noch ſie gehoͤrig ausuben ler⸗ nen, wenn ihr die Pflichten vernachläßiget, die ihr euerm 30 euerm unſterblichen Geiſt ſchuldig ſeyd. Jede Pflicht alſo, die die Vermehrung und Berichtigung eurer Kenntniſſe, die Richtigkeit und Reinheit eurer Em⸗ pfindungen, die Verbeſſerung und Veredlung eurer Triebe und Neigungen zum Gegenſtande hat, befoͤr⸗ dert die Vollkommenheit eures Geiſtes, und muß euch alſo heilig und unverletzlich ſeyn. Euer Geiſt kann ſeiner Beſtimmung nicht ge⸗ maͤß handeln, wenn er durch den Koͤrper gehindert wird. Dieſer Koͤrper fordert alſo auch mannigfaltige Pflichten von euch. Sein Wachsthum, ſeine Ge⸗ ſundheit, ſeine Stärke, befoͤrdert zugleich das Wachs⸗ thum, die Geſundheit, die Staͤrke eures Geiſtes. Die Maäßigkeit, die Keuſchheit, die Schaamhaftig⸗ keit, der vorſichtige Genuß der ſinnlichen Vergnuͤ⸗ gungen, die Uebung der Kräfte eures Koͤrpers, die Bildung dieſes Koͤrpers zu Anſtand und Artigkeit, die Reinlichkeit, die Sorge fuͤr ſeine Geſundheit, die Pflicht, ihn weder zu verzärteln, noch durch uͤber⸗ ſpannten Gebrauch ſeiner Kräfte zu Grunde zu richten, ſind Pflichten, ohne deren getreue Befolgung dieſer Koͤrper nicht beſtehen kann. Allein auch mit der ganzen uͤbrigen Natur, ſo⸗ wohl der lebendigen, als der lebloſen, ſteht ihr in gewiſſen Verhältniſſen, und aus dieſen Verhältniſſen fließen Pflichten fur euch her, Pflichten gegen die Tbiere, Pflichten in Anſehung einer jeden Gabe, die euch die freygebige Natur ſo reichlich darbiethet. Ihr kennt die eigentliche Beſtimmung der Thiere nicht. Ior Ihr kön bloß um gebrauc brauche ohne N hen, i9 heit gor keinen! ihr ſoll den Ge ſollt al aus ſch liches die nil der leb Noch Verſch Pflcht dieſen vſich niß echJ mußt, Ninen al el Ph nen . ſicht urer Em⸗ eurer efor⸗ muß 31 Ihr koͤnnt nicht ſo ſtolz ſeyn, zu glauben, daß ſie bloß um euertwillen da ſind. Ihr ſollt ſie indeſſen gebrauchen und nuͤtzen. Aber ihr ſollt ſie nicht miß⸗ brauchen, ihr ſollt ſie nicht quälen, ihr ſollt ſie nie ohne Noth des ſo ſußen Genuſſes des Lebens berau⸗ ben, ihr ſollt ihnen das unſchätzbare Gluck der Frey⸗ beit goͤnnen, wenn die Beraubung dieſer Freyheit keinen wahren Nutzen fuͤr euch hat. Noch mehrz ihr ſollt für ihre Erhaltung, ihre Vermehrung, fuͤr den Genuß ihrer kleinen thieriſchen Freuden ſorgen, ſollt alſo keinem Vogel ſeine Eyer und ſeine Jungen aus ſchandlichem Muthwillen rauben, ſollt durch reich⸗ liches Futter fuͤr die Dienſte dankbar ſeyn, die euch die nutzlichen Hausthiere leiſten. Selbſt die Gabe der lebloſen Natur ſollt ihr nicht verſchwenden, ohne Noth vernichten, ſondern Geiſt der Erhaltung, der Verſchoͤnerung, der Veredlung, iſt auch fuͤr euch Pflicht, die ihr dieſer lebloſen Natur ſchuldig ſeyd. So oft ihr euch nun fragt: wie? handle ich in dieſem oder jenem Verhältniß, dieſer oder jener Pflicht, welche dieß Verhältniß von mir fordert, ge⸗ mäß? ſo antwortet euch das hoͤchſte Sittengeſet, das euch Jeſus gegeben hat: Handle ſo, wie du handeln mußt, wenn du beweiſen willſt, daß du Gott und deinen Naͤchſten liebſt, und ſo muß Liebe zu Gott alle eure Handlungen leiten, wenn ihr nach wahrer Vollkommenheit oder Gottaͤhnlichkeit ſtreben wollt. Wir haben das hoͤchſte Sittengeſeß kennen ler⸗ nen, aus welchem alle Pflichten herfließen, die wir getreu 32 getreu erfullen muͤſſen, wenn wir dem Willen Gottes, unſers hoͤchſten Geſetzgebers, gemäß und die Vorſchriften getreu erfuͤllen wollen, die uns unſer großer Lehrer, Jeſus Chriſtus, mitgetheilt hat. Laßt uns nunmehr den Endzweck der ganzen Moral des Chriſtenthums genauer kennen lernen. Was der Endzweck und die Abſicht unſers Herrn, welchen er durch die Mittheilung dieſer Vorſchriften erreichen wollte? Dieſe Abſicht hängt genau mit dem Endzweck zuſammen, um welches willen W ſelbſt uns ſchuf. Wir ſollten, nach dieſem Endzweck unſerer Erſchaf⸗ fung, durch Gottähnlichkeit als vernuͤnftige moraliſche Menſchen des Genuſſes der reinſten Tugend fäbig, und durch dieſen Genuß ſelig, wie er⸗ ſeyn. Vernunft, die, ſo lange ſie ſich ſelbſt überlaſſen bleibt, den richtigen Weg zur Vollkommenheit leicht verfehlt, und, von Sinnlichkeit und Leidenſchaften t leicht auf Abwege geraͤth, zu leiten, daß ſie tigen Weg zu dieſer Vollkommenheit, zu dieſe Gott⸗ aͤhnlichkeit und dadurch zu erlangenden Gluͤckſeligkeit nicht verfehlt, war die Abſicht unſers Pettn b Moral, die er uns mittheilte, und ſein erhabner End⸗ zweck dabey war alſo Veredlung unſerer ganzen menſchlichen Natur und dadurch bewirkte Annäherung zur Aehnlichkeit mit Gott. Durch Befolgung der Vorſchriften dieſer Moral ſollen wir zum Genuß des mannigfaltigen Guten, das uns Gott in dieſer Welt mittheilt, fähig gemacht werden. Durch unermi⸗ dete, ſtandhafte Ausuͤbung der Vorſchriften dieſer nwir Wuͤrde empor heben, die ollen wir uns zu der Wu Moral, ſoll in der kü der Win in die g Aehnlich menheit mer meh liebten, nünſtige ju empft ſiſte Se deren S legt hat men, r kann di werden, unſer H ſten, mi den, u deln? jenigen wahre niglich unſeret Sinnli ſchreibt lichen( ſhiſte dirſi ethabe lomm tes, und inſer lßt des 33 in der kuͤnftigen beſſern Welt uns verheißen iſt, zu der Wuͤrde der geliebten Kinder Gottes, die mit ihm in die genaueſten Verbindungen treten, die ſich der Aehnlichkeit ſeiner Vollkommenheiten, der Vollkom⸗ menheiten des Unendlichen und Unbegreiflichen, im⸗ mer mehr nähern ſollen. O, meine theuerſten Ge⸗ liebten, könnten wir unſere Wuͤrde als freye ver⸗ nuͤnftige Menſchen, als moraliſche Geſchoͤpfe Gottes zu empfinden fahig ſeyn, ohne nicht zugleich die heiſ⸗ ſeſte Sehnſucht zu empfinden, daß dieſe Moralität, deren Saamen Gott in unſern unſterblichen Geiſt ge⸗ legt hat, ſich immer mehr und mehr entwickeln, kei⸗ men, reichliche Fruͤchte hervorbringen moͤge? Und kann dieß alles auf eine zuverläßigere Art gewirkt werden, als wenn wir das hoͤchſte ſittliche Geſetz, das unſer Herr uns gab, Liebe Gott und deinen Näch⸗ ſten, mit unausloͤſchlichen Zuͤgen in unſer Herz ſchrei⸗ ben, und ſtets eingedenk ſeyn, ihm gemaß zu han⸗ deln? Wie wäre ohne getreue Befolgung alles des⸗ jenigen, was uns die chriſtliche Moral vorſchreibt, wahre Veredlung unſerer ganzen menſchlichen Natur moͤglich? Und was wären wir ohne dieſe Veredlung unſerer Natur? Elende verworfene Sklaven unſerer Sinnlichkeit. Alles alſo, was uns dieſe Moral vor⸗ ſchreibt, iſt dringendes Beduͤrfniß unſers unſterb⸗ lichen Geiſtes, und die getreue Befolgung der Vor⸗ ſchriſten dieſer Moral iſt ein eben ſo dringendes Be⸗ durfniß dieſes Geiſtes, denn ſie bringt ihm ja ſeiner erhabenen Beſtimmung, ſich durch wachſende Voll⸗ kommenheit der Aehnlichkeit mit Gott zu beſtreben, immer 34 immer naͤher. Allein kann dieß nicht ſchon die Mo⸗ ral der Vernunft? Muß ſie es nicht eigentlich ſeyn, die uns hierbey fuͤhrt? Hat die Moral des Chriſten⸗ thums, die uns Jeſus Chriſtus lehrte, hierinne Vor⸗ zuͤge? Und worinne beſtehen dieſe Vorzuͤge? Oder iſt die Moral der Vernunft und die Moral des Chri⸗ ſtenthums nicht vielmehr ganz einerley? Dieß alles verdient noch eine beſondere Unterſuchung. Dieſe Moral der Vernunft iſt allerdings Stim⸗ me der Gottheit. Auch ſie iſt die ehrwuͤrdige Fuͤh⸗ rerin des Menſchen zur Tugend und Rechtſchaffenheit. Von der erſten Entſtehung des Menſchengeſchlechts war ſie ſeine treue Lehrerin, welche ihn uͤber Recht und Unrecht, uͤber Gutes und Boͤſes, uͤber Ruͤtz⸗ liches und Schädliches ſorgfaͤltig unterrichtete. Die Moral des Chriſtenthums iſt im Weſentlichen von der Moral der Vernunft nicht unterſchieden. Die Moral der Vernunft iſt der Grund der Moral des Chriſtenthums, und mußte es ſeyn, wenn die letztere fur den Menſchen nicht ganz unbrauchbar ſeyn ſollte. Huͤtet euch alſo ja, Moral des Chriſtenthums, der Moral der Vernunft entgegen zu ſetzen, und die letz⸗ tere zu verwerfen. Sie haben beyde einerley Urhe⸗ ber, und ſind beyde ehrwuͤrdig. Allein bey aller Uebereinſtimmung haben ſie auch ihre Verſchieden⸗ heiten, und bey allem großen Werth der Vernunft hat die chriſtliche Moral doch viel Eignes, viel Vor⸗ zugliches vor der Moral der bloßen Vernunft, ohne Ruͤckſicht auf die Lehre Jeſu. Dieß bin ich euch aller⸗ allerdin die Gr vor de Moib Morul der Ve Geſich auf die ſeligke nie au Nich thum mit n ſchiy liebe mach das des Geſ taliſ der det ſeyn war l. ihn ein hin Bor⸗ ohne uch ſler⸗ 35 allerdings zu beweiſen ſchuldig. Ich lege euch kurz die Gruͤnde meiner Behauptung vor. Die Moral des Chriſtenthums hat viel Eigenes vor der Moral der bloßen Vernunft. Sie hat eigne Motive zur Tugend und Rechtſchaffenheit, welche die Moral der bloßen Vernunft nicht hat. Die Moral der Vernunft mag den Grund ihrer Geſetze auf das Gefühl der Pflicht, auf den Willen des Geſetzgebers, auf die Wuͤrde der Tugend, auf den Trieb nach Gluͤck⸗ ſeligkeit, bauen, ſie baut das Syſtem ihrer Geſetze nie auf den ſo feſten Grund der Liebe zu Gott und den Nächſten. Dieß thut allein die Moral des Chriſten⸗ thums, und ſie zeigt dadurch die goͤttliche Weisheit, mit welcher Gott den Menſchen zum moraliſchen Ge⸗ ſchoͤpf bildete, in ihrem herrlichſten Glanz, da ſie die Liebe zur Triebfeder aller moraliſchen Handlungen macht. So tief iſt kein Weiſer vor Jeſu Chriſto in das Weſen der Moral eingedrungen. Dieſe Moral des Chriſtenthums ſetzt ferner einen Endzweck ihrer Geſetze feſt, den kein Weiſer der Vorwelt ſeinen mo⸗ raliſchen Geſetzen gegeben hat, Vervollkommnung der menſchlichen Natur durch das Beſtreben nach der Aehnlichkeit mit Gott. Ihr ſollt vollkommen ſeyn, wie euer Vater im Himmel vollkommen iſt, war die Vorſchrift des erhabenen Lehrers dieſer Mo⸗ ral. Welcher Weiſe des Alterthums ertheilte vor ihm ſeinen Schuͤlern dieß Geborh? Wenn nach ihm einige Weltweiſe etwas ähnliches in ihre Syſteme hineingetragen haben, ſo war dieß Entlehnung aus C2 der 36 der chriſtlichen Moral. Dieſe Moral des Chriſten⸗ thums ertheilt uns uͤberdieß annoch Geſetze uͤber Ver⸗ hältniſſe, welche der Moral der Vernunft vor Chriſto ganz unbekannt waren. Sie belehrt uns durch ihre Geſetze, was wir Gort fur dieienigen Wohlthaten ſchuldig ſind, die Jeſus Chriſtus durch ſeine Erſchei⸗ nung in der Welt uns verſchafft und zuerſt bekannt gemacht hat. So ſind wir denn Gottes Kinder und Miterben Chriſti, belehren Jeſus und ſeine Apo⸗ ſtel, die Bekenner ihrer Lehre, und aus dieſen neuen Verhältniſſen muͤſſen nothwendig Geſetze fur den Chri⸗ ſten entſtehen, von welchen die Moral der bloßen Ver⸗ nunft nichts weiß. Endlich erſtrecken ſich die Geſetze der Moral des Chriſtenthuims uͤber die Graͤnzen dieſes Lebens hinaus, bis in das Gebiete der Ewigkeit, und mich daͤucht, auch dieß iſt eine ihrer Eigenheiten vor der Moral der bloßen Vernunft. Wenn auch die Vernunft die Unſterblichkeit des Geiſtes mehr ahndet als beweißt, ſo iſt ihre Moral doch unfähig, den vor Grab und Verweſung zitternden Menſchen ſicher und ruhig hinuͤber in die mit Rebel umhuͤllten Gefilde der Ewigkeit zu leiten. Die Lehre Jeſu allein hat dieſe Nebel vor unſern noch ſterblichen Augen zer⸗ theilt; wir wiſſen gewiß, wo und was wir nach un⸗ ſerm Tode ſeyn werden. Die Geſetze der Moral des Chriſtenthums muͤſſen daher natuͤrlich auch darauf abzielen, auf dieſen kuͤnftigen Zuſtand unſers Seyns uns vorzubereiten. Und das thun ſie auch wirklich, wenn ſie uns belehren, wie wir dem Tode ruhig und heiter entgegen gehen ſollen. Kein Weiſer der det P keit u die ch bold wus d des To thums heiligſt zulang Nora welche Aber lehtern einfach balt teten bleibt. dem edel ſtund, nißh ſuli ein, Er! prigt ihn, 37 der Vorwelt vor Chriſto hat dieſe Ruhe und Heiter⸗ keit auf das Vektrauen zu den Verheißungen Gottes, des Wahrhaften und Treuen, gegruͤndet, worauf ſie die chriſtliche Moral gruͤndet. Bald war es Stolz, bald Muth, bald Verachtung, bald Nothwendigkeit, was dieſe Weiſen als Waffen wider die Schrecken des Todes uns anbieten. Die Moral des Chriſten⸗ thums allein macht dieß Vertrauen zu einer unſerer heiligſten Pflichten. Mich däucht, dieß wenige ſey zulänglich, die Behauptung zu beſtaͤtigen, daß die Moral des Chriſtenthums wirklich viel Eigenes hat, welches der Moral der bloßen Vernunft mangelt. Aber ſie hat auch gewiß viel Vorzuͤgliches vor der letztern. Dieſe Moral des Chriſtenthums iſt erſtlich weit einfacher, als die Moral der bloßen Vernunft. Sie baut keine kuͤnſtlichen Syſteme von zuſammengeket⸗ teten Schlußfolgen, durch welche ſie den Verſtand zu uͤberzeugen ſucht, und bey welchen das Herz kalt bleibt. Sie erwaͤrmt zuerſt das Herz, erweckt in dem Menſchen zuerſt das Gefuhl fur alles, was ſchoͤn, edel und gut iſt, und fordert ſodann von dem Ver⸗ ſtand, dieß Gefuͤhl zu leiten, daß es dem Zweck ge⸗ mäß handelt, welcher erreicht werden ſoll. Ihr we⸗ ſentlicher Inhalt ſchränkt ſich auf wenige Hauptſätze ein, welche der Grund aller ihrer Vorſchriften ſind, Er laͤßt ſich leicht uͤberſehen, leicht behalken, und praͤgt ſich ſo tief in die Seele des Menſchen, daß er ihm, ſo oft er handelt, vor Augen ſchwebt, wenn der 1 — —*— ———————— * — 38 der Handelnde dieß nicht ſelbſt vernachläßiget. Ihr Geiſt iſt mit dem tiefſinnigſten Syſtem des Weiſen vereinbar, und webt und wirkt auch in dem rohen Zoͤgling der Natur. Dieſe Moral iſt daher zweytens eine Moral fuͤr alle Menſchen. Sie iſt allen Menſchen faßlich, ſie iſt fur alle Menſchen brauchbar. Sie bedarf keiner großen Gelehrſamkeit, keiner ausgebreiteten Wiſſen⸗ ſchaften, um ſie zu verſtehen und anzuwenden. Sie iſt alſo nicht das Eigenthum des Weiſen oder des Ge⸗ lehrten von Profeſſion. Der gemeinſte Menſchen⸗ verſtand kann ſie faſſen und anwenden, ſobald er nur fähig iſt zu begreifen, was das heißt: Gott und ſei⸗ nen Rächſten lieben. Die Ausuͤbung und Befolgung ihrer Vorſchriften kann und muß daher auch unaus⸗ bleiblich allgemein werden, ſobald der moraliſche Menſch gehoͤrig unterrichtet iſt, wie er ſich zu dieſer Liebe bilden muß, und ſobald er ſich wirklich dazu bildet. Dieſe Moral des Chriſtenthums zeigt drittens weit hoͤhere Kenntniſſe der Tiefen des menſchlichen Herzens als die Moral der bloßen Vernunft. Das kalte ſpekulative Geſchwaͤtz der lehtern macht oft nur ſehr wenig Eindruck auf das menſchliche Herz. Der erhabenſte, geprieſenſte Moralphiloſoph iſt ſehr oft der nachlaßigſte Befolger ſeiner Vorſchriften. Die Bewunderer ſeines ſo ſchoͤn und kuͤnſtlich ausgeſpon⸗ nenen Syſtems ſind oft die nachlaͤßigſten Proſelyten, die er macht. Dieß lehrt die traurige Erfahrung unſerer unſerer Stimw Portre den di mag d rihren was de dasjeni die ihr es denr reinen was n mache ſich au berecht Stufe der ni er ſich oder Tha hand ſch d Ern ſinli Mn ſ konn ſiel nert beſi ſen hen e für ſie ner en⸗ Sie en⸗ mr ſei⸗ ung U⸗ ſche eſer au ehs hen Das nur Der Die pon⸗ ten, rung ſeret 39 unſerer Tage. Niemals predigte man mit lauterer Stimme Moral, niemals ruͤhmte man ſtärker ihre Vortrefflichkeit, als in unſerer Zeit, und doch wer⸗ den die Menſchen immer unmoraliſcher. Woher mag dieß wohl kommen? Sollte dieß nicht daher ruhren, weil man dabey zu viel auf dasjenige baut, was der Menſch eigentlich ſeyn ſollte, und nicht auf dasjenige Ruͤckſicht nimmt, was er wirklich iſt? Ihr, die ihr uns ſo viel von remer Tugend vorſprecht, iſt es denn ſchon entſchieden gewiß, daß der Menſch einer reinen Tugend fähig iſt? Und wenn dieß nicht iſt, was wird ſodann euer Syſtem aus dem Menſchen machen? Entweder einen ſtolzen Thoren, welcher ſich auf dem Thron der hoͤchſten Tugend zu ſitzen fuͤr berechtiget haͤlt, wenn er kaum auf der unterſten Stufe dieſes Throns ſteht; oder einen Feigherzigen, der nie nach dem Siegeskranz der Tugend ſtrebt, weil er ſich uͤberzeugt fühlt, daß er ihn nie erſtreiten wird; oder einen bloßen Hoͤrer eures Worts, aber keinen Thater, der ſchoͤn von der Tugend ſprechen, aber nie handeln wird. Unſer erhabener Lehrer Jeſus naͤherte ſich dem Herzen des Menſchen auf eine andere Art. Er nahm den Menſchen, wie er war, moraliſch und ſinnlich zugleich. Zwar verlangte er Vollkommenheit von ſeinen Schuͤlern, wie ihr Vater im Himmel voll⸗ kommen iſt; zwar ſtellte er in ſeinem eignen Bey⸗ ſpiel das hoͤchſte Ideal der Tugend dar; aber erin⸗ nerte ſie zugleich an ihre Schwaͤche; er belehrte ſie, daß ſie wenigſtens dieſem Ideal naͤher zu kommen ſich beſtreben müßten, wenn ſie es auch gleich nie errei⸗ chen — —-———— „ 6 40 chen wuͤrden. Er verſprach, die Muͤhſeligen und Beladenen, das iſt, die bey allem Eifer fuͤr das Gute noch immer ſchwachen ſinnlichen Menſchen, zu erquicken, zu erſetzen, was ihnen noch mangelt, wenn ſie nur zu ihm kommen, ſeinem Moralgeſetz folgen wollten. Er zeigte ihnen zugleich den leichteſten Weg zu einem gluͤcklichen Erfolg ihres Beſtrebens. Er ermahnte ſie, nur das hoͤchſte Sittengeſetz der Liebe zu Gott und dem Naͤchſten zu beobachten, ſich dadurch des Wohlgefallens Gottes, ihres himmliſchen Va⸗ ters, wuͤrdig zn machen, ihn hierbey um den Bey⸗ ſtand ſeines Geiſtes zu bitten, und ſeinen Verheißun⸗ gen zu trauen, daß ihre mangelhafte Tugend auf einer andern Stufe ihres Daſeyns zu ganz reiner Tu⸗ gend erhoͤht werden ſolle. Iſt dieß wirklich der Geiſt ſeiner Lehre, ſo er⸗ giebt ſich daraus, daß ſeine Moral der menſchlichen Ratur weit gemäßer und anpaſſender iſt, als die Moral anderer Weiſen, welche ihr Moralſyſtem auf einen andern Grund gebaut, andere Motiven der Tu⸗ gend angegeben haben, als er; und dieß wäre denn auch ein neuer Vorzug, welchen man der Moral des Chriſtenthums zugeſtehen muͤßte. Ohne Zweifel liegt auch hierinne der Grund, aus welchem das Chriſten⸗ thum in den erſten Zeiten ſeiner Entſtehung ſich mit ſo außerordentlicher Geſchwindigkeit verbreitete. Bey allen ſtrengen Geſetzen, welche ſeine Moral fuͤr die damals ſo gewaltſam herrſchende Sinnlichkeit ent⸗ hielt, fuͤhlte doch der Menſch ein Beduͤrfniß ſeines Geiſtes, —— — Geiſtes nicht b ihn belt den der der V waren Uuntal chen. gend m arme lieber Beche Voll iſt dein Kind ales f du ihr chuſt, nicht ken, und dieſen Erve der G So, ſere des( ſen und das „ wenn olgen We Er iebe urch Beh⸗ ßun⸗ auf L⸗ e⸗ chen die nauf Tu⸗ enn des liegt ſten⸗ mit Bey die ent⸗ ines ſtes, 41 Geiſtes, welches durch den Genuß der Sinnlichkeit nicht befriediget ward. Er fuͤhlte, daß ein Geiſt ihn belebte, welcher hoͤherer Freuden, als der Freu⸗ den der Sinnlichkeit, fahig war. Die hohen Lehren der Weiſen helfen dieſem Bedurfniß nicht ab. Sie waren für ſeinen umkoͤrperten Geiſt die Speiſen des Tantalus. Er haſchte nach ihnen, vhne ſie zu errei⸗ chen. Er hoͤrte, der Weiſe iſt ein Koͤnig, die Tu⸗ gend macht reich, ſie iſt die hoͤchſte Wolluſt, und der arme Weiſe war Sklave ſeiner Leidenſchaften, war lieber reich als arm, trank eben ſo gierig aus dem Becher der ſinnlichen Wolluſt, als der veraͤchtlichſte Wolluſtling. Die Moral Jeſu war einfacher. Gott iſt dein Vater, lehrte ſie; liebe ihn, wie ein gutes Kind ſeinen guten Vater liebt. Schaue um dich, alles fordert dich auf dieſen Gott zu lieben, und daß du ihn liebſt, mußt du dadurch beweiſen, daß du thuſt, was er dir gebiethet. Seine Gebothe ſind nicht ſchwer; denn er will dich ſelbſt zum Guten ſtar⸗ ken, und du ſollſt uber deine Sinnlichkeit hertſchen und dadurch gluͤcklich ſeyn. Jeder Menſch fand in dieſen Lehren Nahrung ſeines unſterblichen Geiſtes. Er verſuchte ihnen zu gehorchen, und fand die Ruhe der Seele, die er zuvor nirgends gefunden hatte. So, däucht mich, beſtätiget die Geſchichte, als un⸗ ſere beſte Lehrmeiſterin, es ſelbſt, daß die Moral des Chriſtenthums der menſchlichen Natur angemeſ⸗ ſener iſt, als die Moral der bloßen Vernnnft. Dieſe — ———— 42 Dieſe Moral des Chriſtenthums iſt aber auch von viel weiterm Umfange als die Moral der bloßen Vernunft. Sie gebiethet Pflichten, von welchen die Vernunftmoral nichts weiß. Sie giebt uns Motive zu Pflichten, von welchen die Vernunftmoral nichts weiß. Sie leitet uns richtiger in den Colliſionsfällen unſerer Pflichten. Rur einige Hauptſtriche dieſes Vorzugs kann ich euch zeichnen. Die biebe der Feinde iſt jederzeit als ein vorzugliches Geſetz der chriſtlichen Moral angegeben worden, welches die Vernunftmoral nicht gebiethet. So ſehr man ſich auch bemuͤht hat, in den neuern Zeiten das Geboth dieſer Feindesliebe aus den Schriften der Vernunft⸗ weiſen zu erkunſteln, ſo wird man doch leicht gewahr, daß dieſe Lehre aus den Schriften des Neuen Teſta⸗ ments in jene Schriften hinuͤber getragen iſt, und wäre dieſe allgemeine Feindesliebe auch ja das Ge⸗ both eines einzelnen Weltweiſen geweſen, ſo war ſie doch nie ein allgemeines Sittengeſetz der Vorwelt vor Chriſto. Selbſt die allgemeine Menſchenliebe hat durch die Lehre Jeſu einen weit groͤßern Umfang, eine deutlichere, genauere, faßlichere Erklärung und Be⸗ ſtimmung erhalten. Die Gebothe der Barmherzig⸗ keit, des Mitleidens, der Wohlthätigkeit, der Sanft⸗ muth, der Demuth, der Beſcheidenheit, der Thä⸗ tigkeit, der Wirkſamkeit, der Verſoͤhnlichkeit, wie eindringender werden ſie durch die Lehre Jeſu empfoh⸗ len, als durch die Lehre der Weltweiſen! Wie ſehr wird die Wuͤrde des Menſchen durch das Geboth der Voll⸗ ouL mit der2 woral. Menſchen trt, iſts höhungi tes, bis unmittel der mor Pernun der Tug ten rein lichſten ſielten ſihlt, geneſ tiven a niſſn, wirklic wi je einn ren d ſihli ſpiel zu we auch oßen ndie otive ichts llen eſes der der die ſch both nft⸗ ahr, ſta⸗ und ſie wor hat eine Be⸗ jig⸗ nt⸗ h⸗ wie ſ⸗ ſehr det oll⸗ 43 Vollkommenheit und Gottähnlichkeit in der Lehre Jeſu veredelt! ⸗ Wie ſchoͤn, wie erhaben bildet ſie den Menſchen nicht bloß fuͤr dieſe Welt, ſondern fuͤr die Ewigkeit! Auch ihre vorzuͤglichſten Motive zur Tugend und Rechtſchaffenheit ſind ſtärker und uͤbereinſtimmender mit der Menſchheit als die Motive der Vernunft⸗ moral. Ihr Hauptmotiv, durch welches ſie den Menſchen zur Tugend und Rechtſchaffenheit aufmun⸗ tert, iſt Verheißung einer ſeligen Unſterblichkeit, Er⸗ hoͤhung des Menſchen bis zu dem geliebten Kinde Got⸗ tes, bis zur Aehnlichkeit des Menſchen mit Gott; iſt unmittelbarer göttlicher Beyſtand zur Vermehrung der moraliſchen Kraft des Menſchen. Wenn die Vernunftmoral chorichte Apathie, unmoͤglichen Beſitz der Tugend ohne Ruckſicht auf ihre Folgen, geträãum⸗ ten reinen Genuß der hoͤchſten wuſt, als die vorzug⸗ lichſten Motiven zu Befolgung des von ihr aufge⸗ ſtellten Sittengeſetzes anpreißt, und der Menſch es fuhlt, wie wenig dieſe Motive ſeiner Menſchheit an⸗ gemeſſen ſind, ſo ſchoͤpft die Moral Jeſu dieſe Mo⸗ tiven aus ſeinem eignen Herzen, aus den Verhält⸗ niſſen, in welchen er bey ſeiner jetzigen Exiſtenz ſchon wirklich ſteht, und erzieht ihn eben ſo zur Tugend, wie jeder irdiſche gute Vater ſein geliebtes Kind zu einem guten Kinde bilden muß, durch Eindruͤcke, de⸗ ren der Verſtand des Kindes fähig iſt, durch kurze faßliche Lehrſatze, durch Ermunterung⸗ dem Bey⸗ ſpiel des Vaters nachzuahmen, und dadurch gluͤcklich zu werden, wie ſein Vater iſt. End⸗ —— — ——— 1 44 Endlich leitet die Moral Jeſu in Colliſionsfällen unſere Pflichten weit ſicherer, als die Moral der Ver⸗ nunft, und ſie modifizirt dadurch bisweilen Pflichten, die wir ohne ſie irrig anwenden wuͤrden. Ihr großer Entſcheidungsgrund iſt in jedem Colliſionsfalle die Frage: Was fordert die Liebe zu Gort und ſeinen Menſchen von dir in dieſem Fall? Laßt uns die An⸗ wendung dieſer Entſcheidung z. B. auf die Pflicht des Patriotismus anwenden. Man hat der chriſt⸗ lichen Moral oft den Vorwurf gemacht, daß ſie nichts von der Vaterlandsliebe gybiethe. Das Beyſpiel Jeſu allein wäre hinlänglich, dieſen Vorwurf zu wi⸗ derlegen. Wer hat ſein Volk zärtlicher geliebt, wer hat eyfriger fur ſein Beſtes geſorgt, als Jeſus? Nur dann erſt, als er von dieſem Volk verworfen ward, widmete er ſeine Thaͤtigkeit fremden Voͤlkern. In⸗ deſſen liegt in dem Vorwurf, den man der chriſtlichen Moral macht, doch etwas Wahres. Es iſt gewiß, daß ſie Liebe des Vaterlands nicht ſo dringend em⸗ pfieblt, als die Moral der Vernunftweiſen. Allein, dieß liegt in dem Weſentlichen der chriſtlichen Moral, und in der Natur der Sache ſelbſt. Die chriſtliche Moral kennt keinen Unterſchied der Voͤlker, keinen Haß der Nationen, keine geſitteten Voͤlker und Bar⸗ baren, wie die alte und neue Vernunftmoral. Das ganze Menſchengeſchlecht iſt ihr eine einzige große Familie Gottes; die Scheidewaͤnde, welche die Voͤl⸗ ker von einander trennen, ſollen nach und nach nie⸗ dergeriſſen werden, und die Menſchen ſollen ſich nach ihrem Geboth alle als Bruͤder lieben. Sie kann alſo iſſo unnogl tung gebietl Moral Je keinen höh durch ſeine nie gauben erhaben ſe ule undere jeder edle 2 dohin arbe us allen S chriſtlicher nicht ihn, Ugend of ihrer Abſi Vuch hat kit chobe rgung d veueſte G Es welchen d het, und tt dem ud ſe Pullm hoh Je benen B nunfinn füllen chten, roßer e die einen An⸗ füicht riſt⸗ ichts ſiel wi⸗ wer Nur ard, In chen viß, em⸗ ein, rol⸗ iche nen ar⸗ as oße öl⸗ nie⸗ uch mnn 1ſo 45 alſo unmoͤglich Voͤlker⸗ und Sektenhaß und Verach⸗ tung gebiethen. Noch mehr; wer von dem Geiſt der Moral Jeſu wirklich belebt iſt, kann ſeinem Volk keinen hoͤhern Grad ſeiner Liebe gewähren, als es durch ſeine Tugenden verdient. Er wird alſo freylich nie glauben, daß dieß Volk uͤber alle andere Volker erhaben ſey, wenn ſich dieß Volk durch Laſter unter alle andere Voͤlker erniedriget. Aber unermuͤdet wird jeder edle Buͤrger, und dieß iſt jeder wahre Chriſt, dahin arbeiten, zu aͤchter Veredlung ſeines Volks aus allen Kraͤften beyzutragen. Nur dieß iſt wahrer chriſtlicher Patriotismus. Freylich kann die Politik nicht ihn, ſondern den Unächten, welcher Schein der Tugend oft fuͤr wahre Tugend nimmt, zu Erreichung ihrer Abſichten brauchen. Allein dieſe patriotiſche Wuth hat noch nie ein Volk zur wahren Gluͤckſelig⸗ keit erhoben. Oft, ja faſt immer, hat ſie den Un⸗ tergang dieſes Volks befoͤrdert. Dieß wird die neueſte Geſchichte beſtätigen. Es iſt endlich noch ein Vorzug zu bemerken, welchen die chriſtliche Moral vor der Vernunftmoral hat, und dieß iſt ihr vorzuglichſter. Sie erleich⸗ tert dem Menſchen die Befolgung ihrer Vorſchriften, und ſie erleichtert ihm alſo den Weg zur chriſtlichen Vollkommenheit, die ſie von ihm fordert, durch das hohe Ideal der Tugend, das ſie ihm in dem erha⸗ benen Beyſpiel Jeſu Chriſti darſtellt. Keine Ver⸗ nunſtmoral gewaͤhrt dieſen Vortheil. Der beſte, der 46 der ſicherſte Unterricht des Menſchen geſchieht durch Beyſpiele, dieß iſt eine durch Erfahrung und Ve nunft hinlaͤnglich beſtaͤtigte Wahrheit. Jedes Bey⸗ ſpiel wirkt auf unſere Sinnlichkeit, lehrt uns ſinn⸗ lich und geſchwinder, was uns Lehrſätze der Ver⸗ nunft nur ſchwaͤcher und langſam ſagen. O Menſch, dem Tugend und Rechtſchaffenheit heißer Wunſch ſeiner Seele iſt, welchen beſſern Fuͤhrer zur Tugend und Rechtſchaffenheit kannſt du dir wählen, als die⸗ ſen vollkommenſten Weiſen, der je gelebt hat! Be⸗ ihn nach jener Vorſtellung von ſeinem We⸗ ſen, Charakter und Eigenſchaften, von welcher du dich aus der Geſchichte ſeines Lebens feſt uͤberzeugt zu ſeyn glaubſt, und urtheile, wer hat jemals ge⸗ lebt, der ihm gleich oder ähnlich war? Wer war je⸗ mals, wie er, das vollkommenſte Muſter? Unter⸗ ſuche ſeinen moraliſchen Charakter und ſieh, ob du den kleinſten Flecken ſeiner Tugend ausfindig machen kannſt? Und das unermuͤdete Studium ſeines Cha⸗ rakters ſollte nicht auch dir den Weg zeigen, wel⸗ chen du wandeln mußt, wenn auch du nach chriſtli⸗ cher Vollkommenheit ſtrebſt? Ich will mich jezt nicht dabey aufhalten, euch die Zuͤge des erhabenen Charakters Jeſu Chriſti vor⸗ zuzeichnen. So fleißig man ſie auch geſammelt und dargeſtellt hat, ſo enthält ſeine Geſchichte doch noch ſo viele annoch unbemerkte Zuge der vollkommenſten Tugenden unſers Herrn, daß der ſorgfältige Beobach⸗ ter, ter, ſo Prrehr bey ſie ſchichte Charat in ſein Vir ſe handelt ſchaftet iſt hie handel ihm 6 . N unterb len G er die ſen N gruͤn hoch rzeugt ls ge⸗ ar je⸗ Unter⸗ ob du achen Cha⸗ wel⸗ eiſti⸗ „auch i bor⸗ t und h moch ſenſten obach⸗ tel, 47 ter, ſo oft er ſie lieſt, zu neuer Bewunderung und Verehrung hingeriſſen wird.*) Ich will bloß hier⸗ bey ſtehen bleiben, daß wir uns aus ſeiner Ge⸗ ſchlchte belehren wollen, welches die Grundzuge dieſes Charakters waren, wie? und auf was fuͤr Art ſie ſich in ſeiner edlen Seele entwickelten, und wodurch er alſo dieß hohe IJdeal der Tugend hervorgebracht hat? Wir ſehen hier bloß darauf, wie er als Menſch ge⸗ handelt hat, ohne uns weiter auf die hoͤhern Eigen⸗ ſchaften ſeines Weſens einzulaſſen. Denn nur dieß iſt hier lehrreich fuͤr uns, wie er als Menſch ge⸗ bandelt hat, damit auch wir dadurch als Menſchen ihm aͤhnlich handeln lernen. Der Grund aller ſeiner Tugenden war die un⸗ unterbrochene Ruckſicht auf ſeine Pflicht, dem Wil⸗ len Gottes gemäß zu hahdeln. Unermuͤdet befolgte er die Pflicht, welche aus dem ſittlichen Geſetz, deſ⸗ ſen Nothwendigkeit ſich auf ſeine moraliſche Natur grundete, entſprang, und welches ſein Vater, als boͤchſter Geſetzgeber, ihm vorgeſchrieben hatte. Dieß iſt *) Ich mache euch hier auf ein Buch aufmerkſam, wel⸗ ches ich, in Ruͤckſicht auf den Charakter Jeſu Chriſti, mit vielem Nutzen geleſen habe. Es iſt: Geiſt Jeſu, wie ſich derſelbe auf Erden geaͤußert hat. Leipz. bey Fleiſcher 1797. Wenn ihr auch mit den dogmatiſchen Begriffen des Verfaſſers nicht ganz uͤbereinſtimmen ſolltet, ſo werden doch ſeine praktiſchen Bemerkungen euch ſchaͤtzbar ſeyn. 43 iſt meine Speiſe, ſagte er, daß ich thue den Wil⸗ len des, der mich geſandt hat. Dieſe getreue Be⸗ folgung der Pflicht war die Quelle aller ſeiner Hand⸗ lungen. Jede Tugend, die er ausuͤbte, floß aus dieſer Quelle her, und keine Tugend, welche das ſittliche Geſetz vorſchrieb, konnte von ihm vernach⸗ läßiget werden, oder unausgeuͤbt bleiben, ſo lange er ſeiner Pflicht getreu war. Dieſe Ausuͤbung der Pflicht, war ihm das angenehmſte Geſchaft, ſie war ſeine Speiſe. Das Gefuͤhl der Pflicht ſchutzte ihn wider jede Verſuchung zur Suͤnde. Du ſollſt Gott den Herrn nicht verſuchen, nicht von deiner Pflicht abweichen, antwortete er dem Verſucher. Durch die Ausubung der Pflicht von ſeiner zarteſten Kindbeit an, ſtärkte er ſeine moraliſche Kraft, machte ſich im⸗ mer faͤhiger, dieſer Pflicht gemaß zu handeln, und ſtieg alſo von einer Stufe der Vollkommenheit zur andern. Er nahm zu, ſagt ſein Geſchichtſchreiber, ſo wie am Alter, ſo auch an Weisheit und Gnade vor Gott und bey den Menſchen. Er ward alſo im⸗ mer vollkommner. O meine theuerſten Geliebten, lernt fruͤh, lernt, wie er von eurer erſten Jugend an, euch nach dem Beyſpiel eures Herrn bilden! kernt von ihm, wie heilig euch eure Pflicht ſeyn muß! Lernt von ihm, wie gluckſelig der Menſch, ſelbſt in den bitterſten Leiden, iſt, welcher ſich bewußt iſt, ſtets ſeiner Pflicht gemaß gehandelt zu haben. Hoͤrt, mit welcher Ruhe der Seels euer Hert kurz vor ſeinem letzten Leiden vor von ſeine ſgt: J gben he mochtet mit M habe da haſt. den Ber ſcen bil nicht w unſerer laßt un muß ſi Iſu,; der er hochſe merkſa Unterſ Veltn liebens kennen ch! ſ dos M ſohn find gehild die S Bil⸗ Be⸗ and⸗ das ach⸗ ange der war ihn hott licht die heit und zur ber, lade im⸗ rnt, dem wie hm, ſten ſicht uhe den vor 49 von ſeinem ſo ſchmerzvollen Ausgang aus dieſer Welt ſagt: Ich habe das Werk vollendet, das du mir ge⸗ geben haſt, das ich thun ſoll. O moͤchte auch ich, moͤchtet auch ihr, wenn wir von dieſer Welt ſcheiden, mit Muth und Zuverſicht ſagen koͤnnen: Vater, ich babe das Werk vollendet, das du mir aufgetragen haſt! Jedoch, die Unterſuchung, wie wir uns/ nach dem Beyſpiel Jeſu, zu ächten edlen moraliſchen Men⸗ ſchen bilden muͤſſen, iſt zu wichtig, als daß wir ſie nicht weiter fortſetzen, und uns genauer uͤber dieſe unſere moraliſche Bildung zu belehren ſuchen ſollten. Laßt uns alſo der Beantwortung der Frage: Wie muß ſich der Menſch durch die Moral der Lehre Jeſu, zu dem guten moraliſchen Menſchen bilden, der er nach dem Willen ſeines Schoͤpfers und hoͤchſten Geſetzgebers ſeyn ſoll? noch einige Auf⸗ merkſamkeit widmen. Es iſt eine der vorzuglichſten Unterſuchungen, die wir noch anzuſtellen haben. Es iſt ſchon der Gedanke eines heydniſchen Weltweiſen geweſen: Wäre jeder Menſch fähig, die Liebenswuͤrdigkeit der Tugend einzuſehen und zu er⸗ kennen, ſo wuͤrde Niemand laſterhaft ſeyn. Aber ach! ſo herrlich die Tugend glaͤnzt, ſo wenig faßt das Auge unſers Geiſtes von ihrem bellen Strahl, ſo lange dieſer Geiſt, ſich ſelbſt uͤberlaſſen, zu Em⸗ pfindung des Werths der Tugend nicht geleitet und gebildet wird. Er gleicht dem Blinden, welchem die Sonne leuchtet, die er nicht ſieht. Betrachtet D den 1 ——— ——————— 50 den neugebohrnen Menſchen von der Wiege des Kin⸗ des an. Seine Sinne wirken bereits auf ihn, wenn ſein Geiſt noch ſchlaft; ſie locken ihn zum La⸗ ſter, ehe er noch die ſanfte, leiſe Stimme der Tu⸗ gend zu hoͤren fähig iſt. Lernt hieraus, welch ein dringendes, wichtiges Geſchaͤft es fuͤr uns iſt, die⸗ ſen Geiſt von ſeinem erſten Keime an, empfaͤnglich fuͤr die Tugend zu bilden. Wie wollten wir ohne dieſe Bildung das erſte Beduͤrfniß unſerer mit Ver⸗ nunft und Freyheit begabten Natur, Sittlichkeit, empfinden und befriedigen koͤnnen? Wir werden hierbey zweyerley in Erwägung zu ziehen haben. Erſtlich: Worinne dieß Geſchäfte unſerer moraliſchen Bildung eigentlich beſteht. Zweytens: Was fuͤr Huͤlfsmittel wir hierbey nuͤtzen koͤnnen und muͤſſen. Wir erkennen, wir empfinden, wir begehren und wollen. Dieß ſind die drey Hauptquellen un⸗ ſerer Wirkſamkeit. Die Erkenntniß beſchaͤftiget un⸗ ſern Verſtand, die Empfindung unſere Vorſtel⸗ lungskraft, das Begehrungsvermoͤgen unſere Trie⸗ be und Neigungen, und dieß alles leitet unſern Wil⸗ len und lehrt uns handeln. Es wird alſo auf die Beſchaffenheit unſers Verſtandes, unſeres Begeh⸗ rungsvermoͤgens und unſers Willens ankommen, wie wir handeln. Sind dieſe drey Kräfte, oder nur zwey oder eine derſelben fehlerhaft, ſo koͤnnen auch unſere Handlungen nie moraliſch gut ſeyn; denn die Fehler unſers Verſtandes, unſerer Empfindungen, unſeres Begehrungsvermogens und unſers Willens muͤſſen niſſni haben. ſo muß gen ken Bildun Verſa Pörſtl nögem ler ken meines zwiſchet menſchl ih ſe auf da Lene kemnen. Nutur, ſenheit auf de wenn ſce 2 ſiche deſſens matali deſſne Nihe tung Voh hebt kmm Kin⸗ ihn, a⸗ U⸗ ein die⸗ glich ohne Ver⸗ heit, erden aben. iſchen für ſen. hren un⸗ Un⸗ rſtel⸗ Trie⸗ Vil⸗ f die egeh⸗ „wie nur auch n die ngen illens iſſen 51 müſſen nothwendig Einfluß auf unſere Handlungen baben. Soll alſo dieſer Einfluß nicht Statt finden, ſo muß ich jene Fehler nothwendig vor allen Din⸗ gen kennen. Das erſte Geſetz unſerer moraliſchen Bildung wird alſo ſeyn: Lerne die Fehler deines PVerſtandes, deiner Empfindungen, oder deines Vorſtellungsvermoͤgens, deines Begehrungsver⸗ moͤgens oder deines Willens kennen. Dieſe Feh⸗ ler kennen zu lernen, muß ich die Beſchaffenheit meines Geiſtes, meines Koͤrpers, der Verbindung zwiſchen beyden, die Geſetze, nach welchen meine menſchliche Ratur wirkt, kennen lernen, in ſo weit ich ſie zu kennen vermoͤgend bin. Dieß leitet mich auf das zweyte Geſetz meiner ſittlichen Bildung: Lerne dich ſelbſt, lerne deine menſchliche Natur kennen. Weder die Kenntniß meiner menſchlichen Natur, noch die Kenntniß der fehlerhaften Beſchaf⸗ fenheit der Grundkräfte dieſer Natur, bringt mich auf dem Wege der moraliſchen Bildung viel weiter, wenn ich nicht dieſe Fehler, welche meine morali⸗ ſche Bildung hindern, aus dem Wege zu reimen ſuche. Hieraus entſteht das dritte Hauptgeſetz, deſſen Befolgung mir nothwendig iſt, wenn ich zum moraliſchen Menſchen reifen will: Verhuͤte oder ver⸗ beſſere wenigſtens die Fehler deines Verſtandes, deiner Empfindungen, deines Willens. Verhuͤ⸗ tung oder Verbeſſerung der Fehler iſt noch nicht Wachsthum in der Vollkommenheit ſelbſt. Sie hebt nur die Hinderniſſe auf dem Wege zur Voll⸗ kommenheit. Will ich alſo nach Veredlung meiner D2 Men⸗ 52 Menſchennatur, und alſo nach wahrer moraliſcher Bildung derſelben ſtreben, ſo muß ich mich bemuͤhen, meinem Verſtande den hoͤchſten Grad des Erkennt⸗ niſſes zu geben, meine Empfindungen nur auf das Edle und Gute zu richten, deſſen er fähig iſt, mein Begehrungsvermoͤgen nur darauf zu richten, was dem Beduͤrfniß der Sittlichkeit, welches in meiner Menſchennatur liegt, gemäß iſt, meinen Willen dem hoͤchſten Geſetz der Sittlichkeit zu unterwerfen. Dieß verbindet mich, das vierte Geſetz meiner ſitt⸗ lichen Bildung nicht zu vernachläßigen. Wende zu deiner moraliſchen Bildung alles an, was dei⸗ nen Verſtand richtig urtheilen lehrt, was deine Empfindungen fuͤr das Gute und Wahre erweckt, was dein Begehrungsvermoͤgen auf das Wahre und Gute lenkt, und alſo demen Willen dem Sit⸗ tengeſetz gemaͤß handeln lehrt. Alle moraliſche Bil⸗ dung deiner Natur, o Menſch, o Juͤngling, iſt ein zuſammenhaͤngendes Ganze. Sie leidet keine Unter⸗ brechung, ſie erfordert Harmonie des Ganzen mit den Theilen. Jeder Stillſtand auf dem Wege der moraliſchen Bildung, jeder Ruckſchritt auf dieſem Wege, jede Vernachläßigung eines Huͤlfsmittels zu deiner moraliſchen Bildung, hindert das Geſchäft die⸗ ſer Bildung, und vernichtet ſie oft ganz. Dieß muͤſſe dir das fünfte Hauptgeſetz deiner moraliſchen Bildung einprägen: Handle uͤbereinſtimmend und dir ſelbſt gleich. Sey gam, was du ſeyn wilſſt. Sey nie bald Thor, bald Weiſer, bald laſterhaft, bald tugendhaft, ſey nie ein halber Verehrer der Tu⸗ gend, gend, ei tergeſcho ſind die Menſche Thier ſe Thiers, dern tra tungen. p Di der Mo Kenner oder jen ſen der ſchen iſt Gott ab granzen muß ſte Haupt lichket Beſtel reichſt uuf jed kannſt Prlhor keit na nem L Stuſe keit m iſcher ihen, ennt⸗ f das mein was einer dem rfen. ſitt⸗ Jende dei⸗ deine weckt, ahre Sit⸗ Bil⸗ ſt ein lnter⸗ nmit e der ieſem ls zu t die⸗ Dieß ſſchen und wilſt. thuft rIu⸗ gend⸗ 53 gend, ein halber Sklave des Kaſters. Dieſe Zwit⸗ tergeſchöpfe der Moralität, ſo haufig ſie auch ſind, ſind die verächtlichſten und zugleich die elendeſten Menſchen. Sie wollen zugleich Menſch und zugleich Thier ſeyn, und ſind alſo weder der Freuden des Thiers, noch der Freuden der Menſchen fähig, ſon⸗ dern tragen nur die Beſchwerden von beyden Gat⸗ tungen. Die Natur des Menſchen iſt der Ausbildung der Moralität bis in das Unendliche fähig. Kein Kenner der menſchlichen Natur kann ſagen, dieß oder jenes iſt der hoͤchſte Grad der Sittlichkeit, deſ⸗ ſen der Menſch fähig iſt. Der Geiſt dieſes Men⸗ ſchen iſt ein Funke der Gottheit und alles, was von Gott abſtammt, wirkt bis in das Unendliche und gränzenlos, wie die Ewigkeit, kann er nie ſtille ſtehen, muß ſtets wirken und ſteigen, oder ſinken und fallen. Dieß erinnert uns an das ſechſte und vorzüglichſte Hauptgeſetz unſerer moraliſchen Bildung: Laß Aehn⸗ lichkeit mit Gott das Ziel alles deines moraliſchen Beſtrebens ſeyn. Freylich, ſchwacher Menſch, er⸗ reichſt du dieß Ziel nie. Aber nähyr ſollſt du ihm auf jeder Stufe deiner Exyiſtenz kommen, ſollſt und kannſt auf jeder Stufe dieſer Exiſtenz die relative Vollkommenheit erreichen, die dich dieſer Aehnlich⸗ keit näher bringt. Handle alſo ſtets ſo, wie es dei⸗ nem unſterblichen Geiſte geziemt, der zur hoͤchſten Stufe der moraliſchen Vollkommenheit der Aehnlich⸗ keit mit Gott berufen iſt. Sehet, 54 Sehet, meine Geliebten, dieß ſind einige we⸗ nige Hauptgrundgeſetze, welche ihr befolgen muͤßt, wenn ihr das Geſchäfte eurer moraliſchen Bildung mit PVortheil treiben wollt. In der ſorgfältigen Beobachtung dieſer Geſetze beſtehet das Geſchaͤfte eurer mörclche 2 Bildung ſelbſt. Ihr werdet hier⸗ aus einſehen lernen, daß das Hauptwerk dieſer mo⸗ raliſchen Bildung darauf ankommt, daß ihr, ſo lange ihr hier lebt, euerm großen Urbild Jeſu Chriſto aͤhnlichen, und dadurch der Aehulichkeit mit Gott ſelbſt, naher zu kommmeñ ſucht. Es giebt freylich noch mehr Geſetze und Regeln, die euch hierbey lei⸗ ten. Indeſſen werden ſie ſich doch faſt alle unter die vorzuͤglichſten, die ich euch angegeben habe, bringen laſſen. Die Entwickelung dieſer Geſetze, und was fuͤr einzelne Pflichten in Anſehung der Tugend oder des Laſters aus ſelbigen entſpringen, kann ich euch nicht hier angeben, da es der Raum dieſer Blätter und die Abſicht, aus welcher ſie geſchrieben wurden, nicht verſtattet. Ich verweiſe euch auf die guten moraliſchen Schriften, welche wir haben, und welche ihr, wenn euch eure moraliſche Bildung ein Etnſt iſt, kennen zu lernen und zu benutzen, euch bemuͤhen werdet. Ich wende mich nunmehr noch zu der An⸗ gabe einiger Huͤlfsmittel, deren Anwendung euch zu dem Geſchäfte der moraliſchen Bildung eurer menſch⸗ lichen Natut nothwendig und nutzlich ſeyn wird. Die Hauptſache, worauf es bey der Anwen⸗ dung dieſer Huͤlfsmittel ankommt, iſt dieſe, daß ihr durch duch ſi moͤgend ſetzen meh. theilen Gute ſ dis V wirkt, iſt Hül die vor 2 ren, ſi niß eu um ſey gen, d ſen, w det, b nunſt Vern Mora Sinn bedir Inſti dirſn Nic ſhe eure ſim des we⸗ ißt, ung igen ſte ier⸗ mo⸗ iſto ott Nich lei⸗ die ngen was oder uter den, uten elche iſt, hen An⸗ hju ſch⸗ wen⸗ ihr ch 55 durch ſie alle eure Handlungen ſo einzurichten ver⸗ moͤgend ſeyd, daß ſie mit den vorangegebenen Ge⸗ ſetzen eurer moraliſchen Bildung genau uͤbereinſtim⸗ men. Alles alſo, was euren Verſtand richtig ur⸗ theilen lehrt, was euer Gefühl für das Edle und Gute ſtärkt, was euer Begehrungsvermoͤgen nur auf das Wahre und Gute lenkt, was auf euren Willen wirkt, dem hoͤchſten Sittengeſetz gemäß zu handeln, iſt Hulfsmittel zu eurer moraliſchen Bildung, und die vorzuglichſten wuͤrden folgende ſeyn: Wollt ihr euern Verſtand richtig urtheilen leh⸗ ren, ſo ſtrebt vor allen Dingen nach richtiger Kennt⸗ niß eurer Beſtimmung. Wer ſeyd ihr, und war⸗ um ſeyd ihr? Dieß ſind die zwey wichtigſten Fra⸗ gen, die ihr euch richtig muͤßt zu beantworten wiſ⸗ ſen, wenn ihr von allem, was ihr erkennt, empfin⸗ det, begehrt, richtig urtheilen wollt. Habt ihr Ver⸗ nunft, ſo muͤßt ihr frey ſeyn, ſonſt hilft euch eure Vernunft nichts. Seyd ihr frey, ſo muͤßt ihr der Moralität fähig ſeyn, ſonſt ſeyd ihr Sklaven eurer Sinnlichkeit. Seyd ihr der Moralität faͤhig, ſo beduͤrft ihr Geſetze, denn ſonſt iſt eure Moralitaͤt Inſtinkt. Das Geſetz erinnert euch an das Be⸗ durfniß des Geſetzgebers, und es unterwirft euch der Pflicht. Seyd ihr vernuͤnftige freye moraliſche Men⸗ ſchen, ſo muͤßt ihr eine Beſtimmung haben, die eurer moraliſchen Natur gemäß iſt, und dieſe Be⸗ ſtimmung kann keine andere ſeyn, als die Erreichung des hoͤchſten Grades der moraliſchen Guͤte, deren ihr fahig 56 fahig ſeyd. Dieſe hoͤchſte moraliſche Guͤte eurer Gut, Natur beſteht in dem hoͤchſten Grad der Aehnlichkeit Scheir mit Gott, denn nur er iſt der Inbegriff aller mora⸗ und m liſchen Guͤte. Annäherung der Aehnlichkeit mit Gott derte iſt alſo eure wahre Beſtimmung. Und daß dieß ſon welcher euch euer Schoͤpfer und Herr berufen hat, hundl ſey, dieß ſagt euch die Stimme eurer Vernunft, wenn ſie euch auf den Trieb der Vollkommenheit auf⸗ merkſam macht, deſſen Saame in euch liegt. Dieß ep o dem W auch wirklich eure große, erhabene Beſtimmung, zu s b ſagt euch die Stimme der älteſten Offenbarung, wenn ſimm ſie euch lehrt, daß der Menſch nach dem Bilde Got⸗ mal e tes geſchaffen ward. Dieß ſagt euch die Stimms Stim der Lehre Jeſu, wenn ſie euch zuruft: Seyd voll⸗ ibere kommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen iih di iſt. Habt alſo dieſe hohe Beſtimmang ſtets vor Au⸗ det i en, und laßt ſie eure Fuͤhrerin durch die labyrin⸗ Krüf thiſchen Pfade eures Lebens ſeyn. Vergeßt nie, Beſt wer ihr ſeyd, und warum ihr ſeyd? wenn ihr von ehre allem, was in und außer euch iſt, richtig urtheilen ſe wollt. dieſ Dieſe Erkenntniß eurer Beſtimmung fuͤhrt euch der auf die Erkenntniß des wirklich Wahren und Guten; ſtürt und ſie lehrt euch von ſelbigem das ſcheinbare Wahre ſche und Gute, den Irrthum und das Boͤſe unterſcheiden, ſun und ſie befeſtiget dadurch die Richtigkeit eures Ur⸗ wol theils. Soll ich als moraliſcher Menſch immer mehr und mehr zur Aehnlichkeit mit Gott reifen, ſo giebt en es fuͤr mich kein wahres Gut, als was mich zu Er⸗ V reichung dieſes Endzwecks fähig macht. Alles andere 6e Gut, urer keit Hott 57 Gut, was dieſen Endzweck nicht befoͤrdert, iſt nur Scheingut fuͤr mich, wenn es auch meinen Sinnen und meinen Neigungen nach ſo angenehm iſt. Hin⸗ dert es mich ſogar an Erreichung dieſes Endzwecks, ſo verfuͤhrt es mich zum Jerthum und zum Boͤſen. Es bleibt alſo ein ſicherer Pruͤfſtein aller meiner Handlungen, daß ich mich ſorgfaltig frage, bringt dieß oder jenes, was ich jezt thun will, mich auf dem Wege weiter, der mich zu Erreichung meiner Beſtimmung fuͤhrt, oder hindert es mich dieſer Be⸗ ſtimmung naͤher zu kommen? An dem erſtern Merk⸗ mal erkenne ich das Gute, an dem andern das Boͤſe. Stimmt dieß oder jenes mit meiner Beſtimmung uͤberein oder nicht? An dem erſtern Merkmal erkenne ich die Wahrheit, am letztern den Irrthum. Wer⸗ det ihr alſo, meine theuerſten Geliebten, alle eure Kraͤfte anwenden, euch richtige Begriffe von eurer Beſtimmung zu verſchaffen, wer ihr auf der Stufe eurer jezigen Exiſtenz ſeyd, und warum ihr auf die⸗ ſer Stufe ſteht? Werdet ihr alles mit Ruͤckſicht auf dieſe Beſtimmung betrachten, und euch dadurch in der richtigen Kenntniß des Wahren und des Guten ſtärken, und euch dagegen fur Irrthum und Suͤnde ſichern, ſo werdet ihr zu der Ausbildung eures Ver⸗ ſtandes zwey ſehr nuͤtzliche Huͤlfsmittel in eurer Ge⸗ walt haben. Der Gebrauch dieſer beyden Huͤlfsmittel macht euch mit einem dritten bekannt: Schaͤtzung eurer Wärde, als moraliſche Menſchen. O moͤchte der Gedanke ſtets lebhaft in euch ſeyn: Ich, mit Ver⸗ nunft 6 3 — — —— 58 nunft und Freyheit begabtes Geſchoͤpf meines Schoͤ⸗ pfers, kann durch richtigen Gebrauch meiner Ver⸗ nunft und Freyheit meinem Schoͤpfer an moraliſcher Guͤte ähnlich werden, kann mich dadurch ſeiner Gluͤckſeligkeit naͤhern! Wäre es moglich, daß ihr die Erhabenheit dieſes Gedankens lebhaft empfinden und euch doch zugleich bis zur Thorheit und Suͤnde erniedrigen koͤnntet! Ja, Menſch, lerne deine Wür⸗ de kennen und ſchätzen, wenn Tugend und Sittlich⸗ keit einigen Werth fur dich hat! Du kannſt deinem Schoͤpfer an moraliſcher Güte immer näher kommen, kannſt dein ganzes Weſen immer mehr und mehr ver⸗ edlen, kannſt, als unſterblicher Geiſt, Ewigkeiten hindurch zu hoͤheren Vollkommenheiten reifen, und du wollteſt lieber dein Spannenlanges Erdenleben im Genuß thieriſcher Luſt verſchwelgen, als dich im ſel⸗ bigen zum Genuß der Guͤter der Ewigkeit fähig ma⸗ chen? Wollteſt dich lieber zum Thiere erniedrigen, als zum Engel empor heben? Dieß kann nur der Thor thun, der ſeine Vernunft verlaͤugnet. Habt alſo, meine Kinder, ſtets eure große Wuͤrde als ver⸗ nuͤnftige, freye, moraliſche Menſchen vor Augen. Vergeßt nie, daß ihr nach Gottes Bilde geſchaffen ſeyd, daß euer unſterblicher Geiſt ein Hauch der rei⸗ nen Gottheit iſt, und dieſer große Gedanke wird euch wider jede Verſuchung zur Suͤnde ſtärken. Euer Verſtand, durch dieſen Gedanken geleitet, wird Freu⸗ den der Tugend und Freuden des Laſters richtig gegen einander abwaͤgen, und nie die erſtern den letztern aufopfern. Freylich 2 don d eit d n Wur iſt da eures igi theile nißt PVert Freu keine welq 6 ſ ehe laß er⸗ cher iner ihr en h 59 Freylich muͤßt ibr euch auch richtige Kenntniß von dem Werth der Tugend und der Schaͤndlich⸗ keit des Laſters zu verſchaffen ſuchen, wenn ihr eure Wurde als Menſch gehoͤrig ſchaͤtzen wollt; und dieß iſt das vierte Huͤlfsmittel zu der moraliſchen Bildung eures Verſtandes. Um den Werth der Tugend rich⸗ tig zu kennen und zu ſchatzen, muͤßt ihr mit den Vor⸗ theilen bekannt ſeyn, die euch dieſe Tugend verſchafft, muͤßt die Nachtheile einſehen, die fuͤr euch aus der Vertraulichkeit mit dem Laſter entſtehen. Wer die Freuden der Tugend zu empfinden nicht faͤhig iſt, wer keinen Geſchmack an dieſen Freuden findet, fuͤr den hat ſie keinen Werth⸗ Wer die Dornen nicht kennt, welche die Unvorſichtigen ſtechen, die auf der Roſen⸗ bahn des Laſters froͤhlich einher wandeln, der wird, ehe er es vermuthet, eine Beute des empfindlichſten Schmerzes. Beſtrebt euch alſo, von euren fruͤheſten Jehren an, die Tugend nicht bloß dem Namen nach zu kennen; lernt ſie ausuͤben, und gewoͤhnt euch fruh an jede Tugend, welche euerm Alter gemaß iſt. Fangt mit der Mäß igung der Begierden des Kindes an, laßt Reinheit der Seele den Schmuck eurer Jugend ſeyn, bringt im maͤnnlichen Alter den Saamen jeder Tugend zur Reife, und laßt ihm Frucht tragen, ſo werdet ihr auch in jedem Alter, bis zum letzten Hauch des Lebensſatten Greiſes, die Vergnuͤgungen der gend zu empfinden fähig ſeyn, welche den Wuͤnſchen des Alters, in welchem ihr ſteht, am ſchazbarſten ſind. Und wer die Freuden und die Vergnügungen der Tugend kennt, der ſehnt ſch ————— — 60 ſich nie nach den Freuden und den Vergnuͤgungen des Laſters. Wendet endlich noch das fuͤnfte Huͤlfsmittel an, euerm Verſtand zu eurer moraliſchen Bildung die ge⸗ hoͤrige Richtung zu geben: Lernt den Grad eurer moraliſchen Kraft und eurer moraliſchen Schwaͤche richtig kennen und beurtheilen. Daß ſo viele Men⸗ ſchen auf dem Wege ihrer moraliſchen Bildung nicht weit fortſchreiten, und ſich oft ganz von dieſem Wege verirren, ruͤhrt vorzuͤglich von dem Fehler ihres Ver⸗ ſtandes her, daß ſie ihrer Kraft, moraliſch gut zu ſeyn, bald zu viel, bald zu wenig zutrauen. Der erſte Fehler verleitet ſie zum Stolz und zu der Einbildung, daß ſie ſich fur beſſer halten, als ſie wirklich ſind. Der zweyte macht ſie träge zum Guten, und verleitet ſie, zu glauben, daß ſie für die Tagend alles gethan ha⸗ ben, wenn ſie nichts fur ſie thaten; oder er verleitet ſie, einen fremden Beyſtand unthätig zu erwarten. Huͤtet euch fuͤr dieſen Feblern. Eure Tugend muß euer eignes Werk ſeyn, und ihr muͤßt an eure mora⸗ liſche Veredlung ſelbſt Hand anlegen. Allein bildet euch ja nicht ein, ſchon tugendhaft zu ſeyn, wenn ihr groß und edel von der Tugend denkt und ſchreibt, oder von ihr mit Waͤrme und Rachdruck ſprecht, wenn ihr auch nur Andern vordeklamirt, wie man es anfangen muß, um moraliſch gut zu ſeyn. Ach! ihr ſeyd von der wahren moraliſchen Guͤte noch weit entfernt, ſo lange ihr nur ſprecht, und nicht handelt. Bildet euch ja nicht ein, bey aller Anſtrengung eurer moraliſchen . Kraft, Kraft, dem B eurer! das el thaten zu kom ur we niherk reiche unſehlt auch n graben PVorte Kräfte einem hier u terſuch dienſt ihr ſi derſel ehern eure( cuer 2 Pnm wenn iſt. kein 61 Kraft, das Ziel der Veredlung zu erreichen, und dem Bilde der Aehnlichkeit mit Gott, das ihr nach eurer moraliſchen Beſtimmung erreichen ſollt, und das euch euer großer Lehrer Jeſus in ſeinem eignen thatenvollen Leben ſo herrlich vorgezeichnet hat, gleich zu kommen. Nein! hier koͤnnt ihr euch dieſem Bilde nur wenig Schritte nähern. Dort erſt ſollt ihr ihm näher kommen. Traͤumt euch alſo keine Phantaſie⸗ reiche Weiſe jemals zu werden, welche ihre eignen unfehlbaren Geſetzgeber ſind. Erniedriget euch aber auch nie zu trägen Knechten, welche das Pfund ver⸗ graben, mit welchem ſie wuchern ſollen. Mit einem Worte: Veredelt eure Natur, ſo weit es in euern Kräften iſt; was euch noch mangelt, erwartet von einem andern Zeitpunkt eures Daſeyns, und genießt hier und dort die Folgen eurer Tugend, ohne zu un⸗ terſuchen, ob ſie einzig und allein euer eignes Ver⸗ dienſt oder Geſchenk eures guͤtigen Vaters ſind, ob ihr ſie als Fruͤchte eurer Tugend oder als Belohnung derſelben genießt. Ihr moͤgt noch ſo ſehr bemuͤht geweſen ſeyn, euern Verſtand fuͤr Irrthum zu bewahren, ſo wirken eure Gefuͤhle doch fruͤher und ſtärker auf euch, als euer Verſtand. Auch dieſe Gefuͤhle und Empfindun⸗ gen muͤßt ihr zu veredlen, ſie nur auf dasjenige, was wahrhaft ſchoͤn, edel und gut iſt, zu lenken ſuchen, wenn es euch mit eurer moraliſchen Bildung ein Ernſt iſt. Wer nicht Herr uͤber ſeine Phantaſie iſt, wer kein aͤchtes reines Gefuͤhl fur alles, was ſchoͤn, edel und S. . 1 1 62 und gut iſt, erlangt hat, wer ſich von jedem ſinn⸗ lichen Eindruck hinreißen laͤßt, ohne auf die Folgen zu ſehen, die er hinter ſich läßt, der wird es in ſeiner moraliſchen Veredlung nicht weit bringen. Merkt euch alſo einige Regeln, die ich euch mittheilen will, wenn ihr eurem Vorſtellungsvermoͤgen und euren Em⸗ pfindungen den Grad der Reinheit geben wollt, den ſie haben muͤſſen, wenn ſie euch nuͤtzlich und nicht ſchaͤdlich werden ſollen. Lernt den Charakter des ächten Schoͤnen, Edlen, Guten, genau kennen. Es geht mit dem moraliſchen Geſchmack wie mit dem phyſiſchen. Er iſt verſchieden, und dieſe Verſchie⸗ denheit beſtimmt nicht ſeine Guͤte oder ſeine Verwerf⸗ lichkeit. Indeſſen liegt doch bey aller dieſer Verſchie⸗ denheit etwas Allgemeines zum Grund, welches das ächte Schoͤne, Edle und Gute charakteriſirt. Dieß iſt: Richtiges Verhaͤltniß und genaue Ueberein⸗ ſtimmung der Theile mit dem Ganzen. Nichts iſt moraliſch ſchoͤn, edel und gut, was euch nicht in jedem Verhaͤltniß, in welches ihr euch mit ihm ſtellen koͤnnt, zu Erreichung des Zwecks, den eure mora⸗ liſche Beſtimmung euch vorſchreibt, fähiger macht. Nichts iſt moraliſch ſchoͤn, edel und gut, was nicht Uebereinſtimmung eurer Handlungen mit dem ganzen Sittengeſet bewirkt. Erwerbet euch alſo vor allen Dingen richtige Begriffe von allem, was moraliſch ſchoͤn, edel und gut iſt, was euch die Tugend in ihrem Glanz und in ihrer Schoͤnheit zeigt. Erweckt, dieß zu empfinden, euer Gefuhl, naͤhrt es, ſtaͤrkt es durch Beobachtung, Liebe, Bewunderung alles desjenigen, an an welc Ganzer merkt. moniſe chung der rei Gehein 4 wöhnt Scho langer heiten chenſ die ſe len un heiten für di heiter ſchr erinn welch liſche ſon, edle) ur, ubli Riſ Und bewi 53 an welchem ihr dieſe Harmonie der Theile mit dem Ganzen in der phyſiſchen und moraliſchen Natur be⸗ merkt. Vergleicht das Disharmoniſche mit dem Har⸗ moniſchen. Stellt z. B. oft die Tugend in Verglei⸗ chung mit dem Laſter, nehmt Theil an dem Gefuͤhl der reinen Freuden der einen, und dringt bis in das Geheimniß der innern Martern des andern. Verbindet mit der erſten Regel die zweyte: Ge⸗ woͤhnt euch fruͤh an ein feſtes Gefuͤhl des Edlen, Schoͤnen und Guten. Um fruͤhzeitig hierzu zu ge⸗ laugen, ſo fangt mit der Natur an. Lernt die Schoͤn⸗ heiten, mit welchen ſie prangt, die Schätze, mit wel⸗ chen ſie euch erfreut, die erhabenen kunſtvollen Werke, die ſie euch darſtellt, von eurer erſten Jugend an fuͤh⸗ len und ſchatzen. Wer kein Gefuͤhl fuͤr die Schoͤn⸗ heiten der Natur hat, hat gewiß auch wenig Gefuͤhl fuͤr die Schoͤnheit der Tugend. Wer die Schoͤn⸗ heiten der Ratur ſorgfältig ſtudirt, wird die Tugend ſehr bald auch ſchon und liebenswuͤrdig finden. Ich erinnere mich an keinen großen Kenner der Natur, welchen die Geſchichte als einen verworfenen, unmora⸗ liſchen Menſchen darſtellte. Linne, Niwentyt, Buͤf⸗ fon, Newton, Bonnet, Haller, waren alle gute edle Menſchen. Wie koͤnnte ich den Tempel der Na⸗ tur, in welchem ich wohne, in ſeiner ganzen Pracht erblicken, ohne meine Augen zu dem großen Bau⸗ meiſter empor zu heben, auf deſſen Wink er entſtand? Und kann ich dieſen Baumeiſter kennen, verehren, bewundern, ohne Gefuͤhl für die Tugend? Bildet alſo 64 alſo eure jungen Herzen zum Gefüͤhl fuͤr die Schoͤn- heiten der Natur, und gewohnt ſie dadurch fruhzeitig zum Gefuhl fur die Schoͤnheiten der Tugend, ſo habt ihr gewiß einen großen Schritt zu eurer moraliſchen Veredlung gethan. Dieſe Gewoͤhnung wird euch leicht machen, was euch im Anfange ſchwer deuchten koͤnnte. Habt ihr Gefuͤhl fuͤr das Schoͤne, Edle und Gute uͤberhaupt, und alſo auch fuͤr das Schoͤne der Tugend insbeſondere, ſo kann euch der Werch der Tugend nicht unbekannt bleiben, und frübzeitige Kenntniß und Schaͤtzung des Werths der Tugend wird fur euch ein neues Huͤlfsmittel werden, euch die moraliſche Bildung eurer Empfindungen zu erleich⸗ tern. Studiert die Tugend in den Beyſpielen, die euch die Geſchichte oder eure eigne Erfahrung darſtelle, und bemerkt, wie einfach, wie rein, wie uneigen⸗ nuͤtzig, wie nutzlich ſie handelt. Bawerk die Ruhe⸗ die Heiterkeit der Seele, die reinen Freuden, mit welchen ſie die heitern Tage des kebens verſchönert, und den ungetruͤbten Sonnenſchein, mit welchem ſie die finſtern Tage deſſelben aufhellt. Erkennt in ihrer mächtigen Hand den Schild, mit welchem ſie den Unglucklichen beſchirmt, daß er nie ganz zu Bo⸗ den ſinkt, und bemerkt, wie weiſe und vorſichtig ſie den Gluͤcklichen auf dem gefaͤhrlichen blumenreichen Pfade des Lebens fuͤhrt. Strebt⸗ des ſelisſten Ge⸗ fuhls des Mannes, der ſo wenig als moglich von dem Wege der Pflicht abweicht, theilhaft zu Seyd i rung u Zůge d auszuſ auch b Bevun jeden 3 men, Nachei Bildu 2 fihrten den Ab Schoa ſſt, zu der M euch ſc * gen, ihr w noch die S helge in euch Spot Nerrei Anbli ſihle in gr. chent 65 Seyd ihr ſo gluͤcklich, den Saamen der Bewunde⸗ rung und der Verehrung fuͤr dieſe edlen erhabenen Zuͤge des tugendhaften Mannes in eurer jungen Seele auszuſtreuen und ihn ſorgfältig zu pflegen, ſo wird er auch bey euch Fruͤchte tragen. Hingeriſſen von der Bewunderung der edlen tugendhaften Menſchen eines jeden Zeitalters, wredet ihr wuͤnſchen, ſie nachzuah⸗ men, ihnen ahnlich zu werden, und ein ruͤhmlicher Nacheiferungstrieb wird euch zu eurer moraliſchen Bildung ermuntern und ſtärken. Wahre Tugend hat einen unzertrennlichen Ge⸗ faͤhrten, der ſie begleitet, die wachſame Schaam und den Abſcheu vor allem, was unſittlich iſt. Macht dieſe Schaam, dieſen Abſcheu vor allem, was unſittlich iſt, zu einem vierten Huͤlfsmittel der Befoͤrderung der Moralität eurer Empfindungen. So lange ihr euch ſcheut, eure Augen gegen euch ſelbſt aufzuſchla⸗ gen, wenn eure innere Ueberzeugung euch ſagt, daß ihr wider das Sittengeſetz handelt, ſo lange koͤnnt ihr noch hoffen, eure Moralität zu erhalten, wenn ihr die Stimme dieſer treuen Warnerin hoͤrt und ihr Folge leiſtet. Sie wird den Abſcheu vor jedem Laſter in euch erhalten. Laßt euch ja keinen Hohn, keinen Spott, keine Verfuͤhrung dieſen koſtbaren Schmuck ei⸗ ner reinen Seele rauben. Wenn eure Wange bey dem Anblick des laſters nicht mehr erroͤthet, wenn ihr ge⸗ fuͤhllos das Unſittliche hoͤrt oder ſeht, dann ſeyd ihr in großer Gefahr, eure moraliſche Bildung zu ſchwaͤ⸗ chen oder ganz zu hindern. Jeder Anblick des Laſters E empoͤre — 66 empoͤre alſo euer Gefuͤhl, und errege eure Schaam, dann wird das Laſter euch nicht leicht uͤberwinden. Verbindet mit dieſer Schaam den Umgang mit edlen und guten Menſchen, und huͤtet euch ja vor den engen Verbindungen mit Laſterhaften. Nichts ſtärkt eure Empfindungen fuͤr das Gute ſo ſehr, als der Umgang mit edlen Menſchen; nichts ſchwaͤcht ſie ſo ſehr, als der Umgang mit boͤſen Menſchen, be⸗ ſonders in den Jahren, in welchen ihr ſteht. Eure weichen Seelen nehmen, gleich dem Wachs, jede Formen an, und Umgang iſt das leichteſte Mittel, jede Form ihnen einzudruͤcken. Seyd alſo ja ſorg⸗ fältig in dem Umgang, welchen ihr wählt. Groͤß⸗ tentheils haͤngt das ganze Gluͤck eures kuͤnftigen Le⸗ bens von dem Umgang eurer Jugend ab. Ach! wie mancher viel verſprechender Juͤngling wuͤrde zum ed⸗ len nuͤtzlichen Mann gereift ſeyn, und er verdarb. Der giftige Hauch ſeines ſchändlichen Jugendfreundes tödtete in ihm den Keim des Guten, und pflanzte auf dem abgeſtorbenen Stamme ſeiner Tugend das Reiß des Laſters. Heilig ſey euch daher der Zuruf des alten Sittenlehrers: Juͤngling, wenn dich die boͤſen Buben locken, ſo folge ihnen nicht. Moͤchte er mit unausloͤſchlicher Schrift in eure Herzen gegraben ſeyn! Moͤchtet ihr jeden falſchen Freund fliehen, der eurer Tugend Schlingen legt! Moͤchten junge edle Freunde die Gefährten eurer Jugend ſeyn! Wollt ihr eure Empfindungen ſo leiten, daß ſie zu Verbeſſerung eurer Morglitat mitwirken, ſo er⸗ haltet haltet di bindet Schwei ſondern die ſein vor Sch Enyfn Fortſcht nachthei eure En Bericht dadurch des Au ſtand, mucht. merkt di iſt. J ler: 2 langwi einem mit vj Kunſt! E eure E ſenfir ben, von R ptigt Ausdr 67 haltet die Herrſchaft uͤber eure Phantaſie, und ver⸗ bindet eure Empfindungen mit dem Verſtand. Schweift alſo nicht im Gebiethe der Ideale herum, ſondern macht euch von jedem Dinge die Vorſtellung, die ſeiner Natur angemeſſen iſt. Dieß bewahrt euch vor Schwärmerey und Truͤbſinn; zwey Fehler eures Empfindungsvermoͤgens, von welchen der eine eurem Fortſchritte in der Tugend und Rechtſchaffenheit ſo nachtheilig iſt, als der andere. Unterwerft daher eure Empfindungen dem Urtheil eures Verſtandes. Berichtiget ſie durch ſeine Fuͤhrung, und bewahrt ſie dadurch fuͤr Abwegen. Die Empfindung iſt das Werk des Augenblicks, und irrt leicht, wenn der Gegen⸗ ſtand, der ſie ruͤhrt, einen falſchen Eindruck auf ſie macht. Der Verſtand handelt kaltbluͤtiger, und be⸗ merkt die Abwege, welchen die Empfindung ausgeſetzt iſt. Nur huͤtet euch vor. dem entgegengeſetzten Feh⸗ ler: Vernuͤnftelt eure richtige Empfindung durch langwierige Beurtheilung nicht zum Unding. Mit einem Wort: Empfindet mit Verſtand, und urtheilt mit richtigem Gefuͤhle. Allerdings eine ſchwere Kunſt! Euer Schoͤpfer hat ſelbſt dafuͤr geſorgt, daß eure Empfindungen, die ſo leicht der Quell alles Boͤ⸗ ſen fur euch werden koͤnnen, einen treuen Fuͤhrer ha⸗ ben, der ſie richtig leitet. Dieſer iſt das Gefuh⸗ von Recht und Unrecht, das er eurer Seele einge⸗ praͤgt hat. Wir wollen immer dieß Gefuͤhl mit dem Ausdruck: Gewiſſen, bezeichnen, wenn auch der E5 theore⸗ 68 theoretiſche Weltweiſe viel uͤber dieſen Ausbruck ver⸗ nuͤnfteln ſollte. Hoͤrt die Stimme dieſes Gewiſſens aufmerkſam. Sie ſagt euch am richtigſten, was ihr thun oder nicht thun ſollt. Allein freylich mußt ihr dieſe Stimme eures Gewiſſens rein zu erhalten ſu⸗ chen, und dieſe Reinheit gruͤndet ſich auf die Feinheit und Richtigkeit eures Empfindungsvermoͤgens, auf das richtige Urtheil eures Verſtandes. Die Fehler des einen und des andern ſchwächen dieſe Stimme, und unterdruͤcken ſie ganz. Das Gewiſſen wirkt ſchwach auf euch, ſchweigt ganz, verirrt ſich auf Ab⸗ wegen, wenn ihr dieſe Fehler nicht vermeidet. Je richtiger euer Verſtand iſt, je reiner eure Empfin⸗ dungen ſind, deſto ſtaͤrker iſt ſeine Stimme. Dieß Gewiſſen iſt ein Saame in eueen Herzen, der gewiß darinnen ausgeſtreuet ward. Aber er keimt nicht, er traͤgt keine Frucht, ohne eure Pflege und Wartung, und eure eigne Traͤgheit kann ihn ganz ausrotten. Pflegt alſo dieſen Saamen, und folgt gern der Stimme eures Gewiſſens, wenn es euch belehret oder warnet. Indeſſen die Hauptſache eurer moraliſchen Aus⸗ bildung kommt auf euren Willen an. Was hilft euch der richtig urtheilende Verſtand, die Feinheit, die Richtigkeit eurer Empfindungen, wenn ihr weder nach dem einen, noch nach den andern handelt, wenn euer Wille ſich nie entſchließt, auch dasjenige zu thun, was ihr als recht und gut erkannt und empfunden habt? Auf die moraliſche Ausbildung eures Begeh⸗ rungs⸗ rungve falt mi gende . nen feſt ſenheit kann fa dieſe F bey jed in wele menhei dem S behren Ygen dige Fi Sie er ſe nih Nihe Sie veit iſ.( dem E keine zu wer tes ge undbe ſowe taliſc ie 69 rungsvermoͤgens muß daher eure vorzuglichſte Sorg⸗ falt mit gerichtet ſeyn. Hierzu ſind auch nachfol⸗ gende Huͤlfsmittel nuͤtzlich. Gewoͤhnt euch von eurer fruͤhen Jugend, an ei⸗ nen feſten ſtandhaften Charakter, der mit Entſchloſ⸗ ſenheit und Beharrlichkeit handelt. Der Menſch kann faſt alles, was er feſt und beharrlich will; und dieſe Feſtigkeit, dieſe Beharrlichkeit, iſt ihm auch bey jeder Kunſt, bey jeder Wiſſenſchaft nothwendig, in welcher er es zu einem gewiſſen Grade der Vollkom⸗ menheit bringen will. Wie ſolltet ihr ſolche, bey dem Streben nach Tugend und Rechtſchaffenheit, ent⸗ behren koͤnnen? Daß die meiſten Menſchen zwiſchen Tugend und Laſter ſchwanken, das iſt die nothwen⸗ dige Folge ihrer Weichlichkeit und Unentſchloſſenheit. Sie erkennen, ſie empfinden den Werth der Tugend, ſie naͤhern ſich ihr einige Schritte, aber die geringſte Muͤhe, das geringſte Hinderniß ſchreckt ſie zuruͤck. Sie ſtellen ſich das Werk ihrer ſittlichen Veredlung weit ſchwerer und unangenehmer vor, als es wirklich iſt. Sie ſind diejenigen, welche Jeſus ſo ſchoͤn unter dem Saamen ſchildert, welcher vertrocknet, weil er keine Wurzeln hat. Wuͤnſcht ihr alſo wirklich, das zu werden, was ihr ſeyn ſollt, nach dem Bilde Got⸗ tes geſchaffne Menſchen, ſo ſtrebt feſt, entſchloſſen und beharrend, es zu werden, und ihr werdet es ſeyn, ſo weit ihr es nach der jetzigen Einrichtung eurer mo⸗ raliſchen Natur ſeyn koͤnnt. — Verbin⸗ 70 Verbindet mit dieſer Beharrlichkeit den Ge⸗ danken der Pfücht. Seyd ihr der Veredlung durch Sittlichkeit fähige Menſchen, ſo muß nothwendig der Gedanke der Pflicht eurem Geiſte ſters gegenwärtig ſeyn. Wie koͤnntet ihr ohne aufhabende Pflicht, ohne Befolgung dieſer Pflicht, jemals ſittlich han⸗ deln? Auf jeder Stufe eures Daſeyns und Alters, ſobald der erſte Keim der Vernunft ſich zu entwickeln anfängt, ſeyd ihr Pflichten zu erfullen ſchuldig, Pflich⸗ ten des Kindes, des Juͤnglings, des Mannes, des Greiſes. In jedem Verhaltniß, in welchem ihr ſteht, liegen euch Pflichten ob. Laßt euch alſo den Gedanken der Pflicht ſtets heilig ſeyn, und gewoͤhnt euch fruͤh an ſelbigen. Lernt fruͤh die ſuͤße Empfin⸗ dung ſchaͤtzen, welche euch auch bey der groͤßten Muͤh⸗ ſeligkeit erquickt, wenn ihr euch uͤberzeugt fühlt, daß ihr eurer Pflicht ein Genuͤge geleiſtet habt. Moͤchtet ihr in keinem Alter, und beſonders nicht in dem Alter des zum Grabe wankenden Greiſes, von dem Vor⸗ wurf eures Gewiſſens gemartert werden: Du haſt deine Pflicht vernachläßiget, haſt dein Leben dahin gleiten laſſen, ohne zu thun, was du zu thun ſchuldig geweſen biſt. Laßt keinen Tag euch entſtiehen, ohne euch, ehe ihr einſchlummert, die wichtige Frage vor⸗ zulegen: War ich heute meiner Pflicht getren, oder habe ich ſie vernachlaßiget? Soll euch der Gedanke der Pflicht ſtets heilig ſeyn, ſo gewoͤhnt euch, fruͤh auf die Stimme eures Gewiſſens zu hoͤren, auf welche ich euch bereits auf⸗ merkſam merkſo gen. Vern eures unbeſt Nullc zu jede dem G iſt ſein ter, be und J und o leicht eutes und v denken und miß Unn ech biehe Nes wehr w hurf man ſitze mal 71 merkſam gemacht habe, und unterlaßt nie, ihr zu fol⸗ gen. Dieß Gewiſſen mag nun dunkles Urtheil eurer Vernunft, oder unmittelbar in euch gelegter Trieb eures Schoͤpfers ſeyn, genug es iſt da, und iſt der unbeſtechlichſte Richter in eurer Bruſt. Es iſt der OQuell aller Religion unter den Menſchen. Es ſprichk zu jedem Menſchen, der nicht ganz Thier iſt, nach dem Grad der Geiſteskultur, die ihm eigen iſt. Nur iſt ſeine Stimme, wie ich euch geſagt habe, bald lau⸗ ter, bald ſchwaͤcher; nur kann ſie durch Unachtſamkeit und Nachläßigkeit leicht ganz unterdruͤckt werden, und ohne Leitung einer richtig denkenden Vernunft leicht auf Irrwege gerathen. Folget alſo der Stimme eures Gewiſſens mit Aufmerkſamkeit und Vorſicht, und verbindet ſie ſtets mit dem Urtheil eurer richtig denkenden Vernunft. Iſt es euch Ernſt, euren Willen zu veredlen, und wollt ihr durch ihn eurer moraliſchen Natur ge⸗ maß handeln, ſo erhaltet euch in eurer Freyheit und Unabhaͤngigkeit von allem, was außer euch iſt. Lernt euch ſelbſt und den Dingen, die außer euch ſind, ge⸗ biethen. Werdet nie Sklaven eines Menſchen, ei⸗ nes Vorurtheils, einer Leidenſchaft. Dieß iſt die wahre Freyheit, nach welcher ihr ſtreben muͤßt, und zu welcher euch der Apoſtel ermahnt, wenn er euch zuruft: Ihr ſeyd zur Freyheit gebohren, werdet Nie⸗ mands Knechte. Formt alſo eure moraliſchen Grund⸗ ſaͤtze, nach welchen ihr handeln zu muͤſſen glaubt, nie⸗ mals nach dem Willen anderer Menſchen, um ihnen zu 72 zu gefallen, ihnen zu ſchmeicheln, durch ihren Ben⸗ ſtand eure Abſichten zu erreichen. Bleibt euren ei⸗ genen moraliſchen Grundſätzen treu, wenn ihr ſie als gut und richtig erkannt habt, und wenn ihr die ein⸗ zigen wäret, die darnach handeln. Geſetzt auch, daß ihr bey dieſer Unabhaͤngigkeit von allem, was außer euch iſt, manchen glaͤnzenden Ausſichten des irdiſchen Glucks entſagen muͤßt, ſo bringt dieß Opfer gern und willig eurer moraliſchen Freyheit. Seyd ferner kei⸗ nes Menſchen, wuͤrde er auch noch ſo ſehr bewundert und geprieſen, Nachahmer oder Nachaffer, ſondern handelt aus eigner Ueberzeugung. Lernt fruͤhzeitig Spott und Verachtung tragen. Bey dem Streben nach wahrer Moralität entgeht ihr ſelten weder dem einen, noch der andern. Lernt die falſchen Vorur⸗ theile eures Zeitalters kennen, und tragt nie ihre Feſſeln. Vermeidet ſie aber nur mit Weisheit und Vorſicht. Gebiethet euern Leidenſchaften, und laßt euch ſo wenig, als moͤglich, von ihnen uͤberwältigen. Nur in dieſem Fall iſt es richtig, daß ihr eure eignen Geſetgeber ſeyd. Gehorcht jedem Sittengeſetz, das euch Tugend und Rechtſchaffenheit gebiethet. Rur auf dieſem Wege wandelt ihr der wahren Freyheit entgegen. Wollt ihr endlich euern Willen immer mehr und mehr von Fehlern reinigen und der reinen Vollkom⸗ menheit naher bringen, ſo verſtaͤrkt und erhohet in euch den moraliſchen Sinn, das Gefuͤhl fuͤr Sitt⸗ lichkeit. Erweckt, pflegt, nährt in euch jede Rei⸗ gung, gung, j Vendet zu an, zun G ſtändi Blickt Menſch keit na heit ſtr jener b beſtim ken kannu Nillo Gott 9 alsdan alsdan unſter erfüͤll ganz Boſ⸗ ( Hülß zr N Geſi dieſ lch hin 3 ſchen v 73 gung, jeden Trieb, der auf Sittlichkeit gerichtet iſt. Wendet jeden Affekt, den euch der Schoͤpfer gab, da⸗ zu an, wozu er euch verliehen ward: euern Hang zum Guten, euern Abſcheu vor dem Boͤſen, in be⸗ ſtandiger Thätigkeit und Wirkſamkeit zu erhalten. Blickt oft auf die Hoͤhe, die ihr als moraliſch gute Menſchen erſteigen koͤnnt, wenn ihr mit Beharrlich⸗ keit nach immer reinerer Tugend und Rechtſchaffen⸗ heit ſtrebt. Werft ſelbſt euern Blick in die Regionen jener beſſern Welt, fur die ihr, nach der Lehre Jeſu, beſtimmt ſeyd. Denkt euch oft den großen Gedan⸗ kten: Wenn ich unendlich an Vollkommenheit wachſen kann und ſoll, was werde ich nach Tauſend, nach Millionen Jahren ſeyn? Wie vielmehr werde ich Gott genauer kennen? wie viel feuriger werde ich ihn alsdann lieben? wie viel reiner wird meine Tugend alsdann ſeyn? Iſt dieſer erhabene Gedanke euerm unſterblichen Geiſt in ſeiner Kraft oft gegenwärtig, erfullt er eure ganze Seele, ſo daͤucht es mir, es ſey ganz unmoͤglich, daß ſich euer Wille jemals auf das Boͤſe lenken koͤnne. Ich glaube, euch mit einigen der vorzuglichſten Huͤlfsmittel bekannt gemacht zu haben, welche, euch zur Moralitaͤt zu bilden, und eurem Verſtand, eurem Gefuͤhl, eurem Willen die Richtung zu geben, die zu dieſer eurer moraliſchen Bildung erforderlich iſt, nuͤtz⸗ lich ſeyn koͤnnen. Ich fuge noch einige Rathſchlaͤge hinzu, wie ihr euch immer mehr zu guten edlen Men⸗ ſchen bilden koͤnnt, die theils aus der Natur der Sache, 74 Sache, theils aus der Moral des Chriſtenthums un⸗ mittelbar genommen ſind. Huͤtet euch vor allen Dingen vor den Fehlern eures Zeitalters, damit ihr nicht durch ſie an dem Werke eurer moraliſchen Veredlung ganz oder doch groͤßtentheils verhindert werdet. So viel Ruhmens man auch von der immer hoͤher ſteigenden Moralität unſers Zeitalters macht, ſo moͤchte ich doch faſt lieber behal daß es ſich einer groͤßern Immoralitaͤt als die Vorzeit nähert: ſo ſchwer auch eine ſolche Be⸗ hauptung mit Gewißheit feſtzuſetzen iſt. Freylich ſind unſere Sitten feiner, freylich uͤbertuͤnchen wir unſte Laſter mit einem gewiſſen Firniß der Tugend, freylich tragt unſere kirchliche, politiſche, litterariſche Ver⸗ faſſung den Stempel einer hoͤhern Geiſteskultur, als die Zeit unſerer Vorwelt. Aber ſind wir denn auch wirklich die, die wir zu ſeyn träumen? beſſere mo⸗ raliſche Menſchen, als die, die vor uns lebten? Be⸗ ſißen wir wahre Kultur der Sitten und der Kunſt? Ach! indem wir ſchoͤner denken, ſchoͤner ſchwatzen, Litteratur und Kunſt mit ſchoͤnern Flittern ausputzen, als unſere Vorfahren, manches beſſer, manches we⸗ niger wiſſen, als ſie, vernachläßigen wir uͤber die Kultur des Geiſtes, die Kultur ächter Tugend; wollen bloß ſcheinen und nicht ſeyn; petilliren mit unſern Tugenden, wie nachgemachter Wein ohne Kraft; fin⸗ den Treue und Glauben, Biederſinn, Keuſchheit unſerer Vorfahren, laͤcherlich; lehren unſere Jugend glänzen und nicht handeln; morden mit aller moͤg⸗ licher liher unſers baren geben prahle der De ſhähen oder ſe trg, Rächſt ntner die ge jedem ihr ſte mit de wenige Verhi mittel terdir Und das wora luße werd ſetzt Gla h⸗ en 75 licher Feinheit der Sitten die Ehre und das Wohl unſers Naͤchſten eben ſo blutduͤrſtig, als die Bar⸗ baren der Vorwelt das Leben ihrer Nebenmenſchen; geben jedem unſerer Laſter den Namen einer Tugend; prahlen mit unſter Menſchenliebe, und Egoismus iſt der Despot, der uns mit eiſernem Scepter beherrſcht; ſchätzen den Werth des Menſchen nach ſeinem Range oder ſeinem Gelde; plundern mit Feinheit und Be⸗ trug, gleich Räuberhorden, das Eigenthum unſers Naͤchſten; duͤrſten nach ſinnlichen Vergnuͤgungen, und entnerven uns durch ihren Genuß. Dieß ſind nicht die gewoͤhnlichen Klagen eines alten Mannes. Auf jedem Fleck des kultivirten Erdtheils, auf welchem ihr ſteht, koͤnnt ihr die Beweiſe dieſer Behauptung mit der Hand ergreifen. Laßt mich indeſſen nur einige wenige Fehler dieſes Zeitalters bemerken, die auf die Verhinderung eurer moraliſchen Bildung einen un⸗ mittelbaren Einfluß haben, und die ihr alſo ſchlech⸗ terdings vermeiden muͤßt, wenn ihr der Moral des Chriſtenthums gemäß handeln wollt. Deklamirt weniger uͤber Tugend und Laſter, und handelt mehr fuͤr die erſtere, und mehr gegen das andere. Es war eine Zeit, da unſere Moraliſten alle moraliſche Verbeſſerung von dem Glauben ausgehen ließen. Du mußt glauben, hieß es, wenn du gut werden willſt. Wir fallen jetzt in den entgegenge⸗ ſetzten Ton. Wir trennen lieber Moral ganz vom Glauben, und lehren: Du kannſt gut ſeyn⸗ dein Glaube mag 76 mag ſeyn, welcher er will. In beyden Lehrmethoden mag Wahrheit unb Irrthum mit einander vermengt ſeyn. Beyde zu ſondern, iſt hier nicht meine Ab⸗ ſicht, und wenn ich dem Chriſtenthum eine eigene Moral zuſchreibe, ſo verſteht es ſich von ſelbſt, daß ich ſie auf die Lehren des Chriſtenthums gruͤnde. Nur macht der reinſte Glaube an dieſe Lehren allein, das heißt: die bloße Ueberzeugung von ihrer Wahrheit, keinen Menſchen moraliſch gut, wie ich auch ſchon oft erinnert habe. Nur bey dem Tone unſers Zeitalters, welcher uͤber Moral und Moralität des Menſchen ſo häufig angeſtimmt wird, will ich ſtehen bleiben. Man ſagt uns in vielen geiſtreichen Schriften viel Schoͤnes, Wahres und Gutes uͤber Moral und Tugend. Es iſt auch gewiß ein Vorzug unſerer Zeit, daß man ſich beſtrebt, den Menſchen auf dasjenige aufmerkſam zu machen, was allerdings ſein wichtigſtes Tagewerk iſt, Vervollkommnung ſeiner Moralität. Der Lehrer der bloßen Vernunftreligion und der Lehrer des Chriſten⸗ thums vereinigen ſich mit einander, ihren Lehrling auf dieſe große Pflicht aufmerkſam zu machen, und laßt uns hoffen, daß durch ihre Bemuͤhungen Ver⸗ nunſtreligion und Chriſtenthum einander ſich immer mehr und mehr naͤhern werden, ſo viel Eignes auch ſowohl die eine, als das andere, bey dieſer Annähe⸗ rung charakteriſiren wird. Allein vergeßt nie, daß es leichter iſt, ein theoretiſcher, als ein praktiſcher Moraliſt zu ſeyn. Bemuͤht euch nicht ſowohl eure moraliſchen Grundſätze nach einem kuͤnſtlichen Syſtem zu ordnen und darzuſtellen, als vielmehr nach den ein⸗ fachen ſichen u Jeſi un liſch g daß je kannte auf ein Motive tugend, 4 eutet niedri angen daß ic eures ſinlich der S tet, e konne mir! Chri Chriſ jeige ſid. unſer doh nniſſ ſten ihre wen en gt b⸗ „ 7 fachen ungekuͤnſtelten Grundſaͤtzen, die euch die Leh e Jeſu und ſeiner Apoſtel mittheilt, aufrichtig, mora⸗ liſch gut zu handeln. Erinnert euch endlich ſtets, daß jede eurer Tugenden, die ſich nicht auf den er⸗ kannten Willen Gottes und der Liebe zu ihm gruͤndet, auf einem unſichern Grunde ruht, und daß ohne dieſe Motive, euere Tugend nie ächt, ſondern bloß Schein⸗ tugend, oft Laſter, iſt.. Denkt zweytens von eurer Tugend und von eurer Faͤhigkeit zu derſelben weder zu ſtolz, noch zu niedrig. Bildet euch nie ein, reine Tugend zu er⸗ langen und zu beſitzen. Ich habe euch bereits geſagt, daß ich nicht glaube, daß reine Tugend auf der Stufe eures jetzigen Daſeyns moglich iſt. Eure ſchwache — ſinnliche Natur erliegt zu oft unter dem Kampfe mit der Sinnlichkeit, als daß ihr euch ſchmeicheln koͤnn⸗ tet, euch zu einer Tugend ohne Flecken erheben zu koͤnnen. Wenn ich mich in den Begriffen, die ich mir von einer der wichtigſten weſentlichen Lehren des Chriſtenthums mache, nicht geirrt habe, ſo belehrt uns Chriſtus und ſeine Apoſtel ſelbſt, daß wir in unſerm jetzigen Zuſtande keiner ganz reinen Tugend fähig ſind. Sie ſagen uns ausdruͤcklich, daß wir bey allem unſern Streben nach Tugend und Rechtſchaffenheit doch nie das ſeyn werden, was wir ſeyn ſollen, ſeyn“ muͤſſen, wenn wit an den Verheißungen des Chri⸗ ſtenthums Theil nehmen wollen. Wir bleiben, nach ihrem Zeugniß, unnuͤtze Knechte, auch dann noch, wenn wir gethan haben, was wir zu thun ſchuldig ſind. 78 ſind. Wir ſind alſo keiner reinen Tugend fähig, wie es Gott iſt. Allein dieſe Lehre Jeſu und ſeiner Apo⸗ ſtel giebt uns auch, die troͤſtliche Verſicherung, daß demohnerachtet dieſe mangelhafte Tugend uns an der Erreichung des hohen Ziels unſerer Beſtimmung, der Aehnlichkeit mit Gott, nicht hindern ſoll, daß Gott u m Chriſti willen aus freyer Gnade uns ſchenken will, was uns mangelt, wenn wir den Bedingungen gemäß handeln, unter welchen er uns dieſe Gnade anbiethet. Wenn die auf ſich ſelbſt ſtolze Vernunft dieß Ver⸗ dienſt, das Chriſtus um uns hat, nicht anerkennen will, ſo goͤnne ich ihr den wahren oder eingebildeten Glanz ihrer eignen Tugend, bekenne, daß ich ihn nicht erreichen kann, und nehme dankbar, nach den klaren Zeugniſſen Jeſu und ſeiner Apoſtel, als Geſchenk mei⸗ nes guͤtigen Gottes die Seligkeit an, die nicht Ver⸗ dienſt meiner eignen Tugend iſt. Indeſſen habe ich euch bereiks ermahnt, daß ihr das Ideal der reinſten Tugend, ſo wie Jeſus Chri⸗ ſtus es uns dargeſtellt hat, ſtets vor Augen haben ſollt. Jeder Liebhaber einer Kunſt muß das hoͤchſte Ideal derſelben ſtudieren, wenn er auch gleich keine Hoffnung hat, es zu erreichen, ſonſt lernt er nie ken⸗ nen, was ihm noch mangelt, und wie er dieſe Man⸗ gel verbeſſern muß. Es iſt unabänderliche Pflicht für euch, dieſem Ideale ſo nahe zu kommen, als es euren Kräften nur immer moͤglich iſt. Das uner⸗ muͤdete Studium dieſes Ideals wird euch am leich⸗ teſten uberfuͤhren, wie viel euch noch mangelt. Eure Tu⸗ Ugend ihren G wenn il warne, muth, Knecht weder d zes, od Lrüghe noch ſo uͤberwi Meiſch wollen. muß ve ihr eur ſie ann tes ſet zu ſth Geſeh ſproch ben na ihr Rur und ge ſchn benn verlie wahr 79 Tugend, die euch ſo herrlich zu glaͤnzen ſchien, wird ihren Glanz verlieren, und mit Schatten bedeckt ſeyn, wenn ihr ſie mit dieſem Ideal in Vergleichung ſtellt. Wenn ich euch vor dem Stolz auf eure Tugend warne, ſo warne ich euch auch ver der falſchen De⸗ muth, welche in dem Menſchen nichts als den elenden Knecht der Suͤnde erkennt. Dieſe Demuth iſt ent⸗ weder die Maske des heuchleriſchen geiſtlichen Stol⸗ zes, oder das Vertheidigungsſchild der moraliſchen Traͤgheit. Sey der Verfall eurer moraliſchen Natur noch ſo groß, euer Hang zur Sinnlichkeit noch ſo uͤberwiegend, ihr koͤnnt immer noch edle kraftvolle Meuſchen ſeyn, die gut handeln koͤnnen, wenn ſie nur wollen. Der erſte feſte Entſchluß gut zu handeln, muß von euch herkommen; ihn auszufuͤhren, muͤßt ihr eure eigne moraliſche Kraft in euch erwecken, und ſie anwenden. Keine unmittelbare Einwirkung Got⸗ tes ſetzt ſie in Bewegung, aber ſie zu unterſtuͤtzen, ſie zu ſtaͤrken, nicht durch Wunder, ſondern nach weiſen Geſetzen ſeiner Weltregierung, hat euch Gott ver⸗ ſprochen. Thut alſo aus eignen Kräften, im Stre⸗ ben nach Tugend und Rechtſchaffenheit, ſo viel, als ihr nur koͤnnt, und uͤberlaßt das uͤbrige Gott. Schätzt und gebraucht die von ihm verliehenen Kräfte, und ſeyd nie durch Trägheit und Vernachläß igung derſel⸗ ben undankbar gegen den guͤtigen Geber, der ſie euch verlieh. Macht euch aber auch von demjenigen, was wahre, aͤchte Tugend iſt, keinen falſchen Begriff. Sucht 80 Sucht dieſe nicht in einem falſchen ſogenannten He⸗ rvismus eurer Handlungen. Ich will mich deutlicher erklären: Glaubt nicht, daß ihr ſchon tugendhaft ge⸗ nug ſeyd, wenn ihr gewiſſe Handlungen ausuͤbt, die euch viel Selbſtverläugnung, oder viel Anſtrengung koſten, die einen oft falſchen Schimmer eines großen Verdienſtes um die Menſchheit um euch verbreiten, wenn dieſe Handlungen von der Menge angeſtaunt und geprießen werden. Mit einem Worte: Prunkt und prahlt nicht mit eurer Tugend. Die wahre Tu⸗ gend handelt ſtill, liebt die Verborgenheit, ſchämt ſich des Lobes, welches ſie nicht verdient, hoͤrt bloß auf das Zeugniß des eignen Herzens, und verachtet den Weyhrauch der Menge. Ihre edelſten Hand⸗ tungen ſind gemeiniglich diejenigen, welche nicht er⸗ kannt, nicht geprießen werden. Der wahre Werth der Tugend hängt von den Bewegungsgrunden zu ihren Handlungen ab. Huͤtet euch ferner vor falſchem Patriotismus, vor Fanatismus, vor mißverſtandner Freyheit und Gleichheit, dem Feldgeſchrey dieſer Zeit, und er⸗ haltet eure Tugend von dieſen Thorheiten rein und unbefleckt. Nicht die Schatten der Griechen und Roͤmer, welche unſere Zeit mit ſo vielem Wortge⸗ praͤnge aus ihrem Elyſium oder Tartarus hervorruft, und ſie zur Nachahmung darſtellt, ſind die Muſter, nach welchen ihr euch zu bilden habt. Ihr habt ein edleres, erhabeneres Muſter, nach welchem ihr euch bilden muͤßt. Der wahre Patriotismus beſteht in dem dem un unter ei ihr nur angewi zußerli eern K ſtus in D zwey g der Lu ten Nichtd Cerimo tung un Gehalt dern, u vil, Glick ( heit Un ſicht, biſm Stinn Seue die wo Frehe dieſe iſ au tet id⸗ 6, nd r⸗ nd e⸗ ft, er, ein uch 81 dem unermuͤdeten Beſtreben, wahre Gluckſeligkeit unter euern Mitbuͤrgern zu verbreiten, und dieß koͤnnt ihr nur, wenn ihr in dem von der Vorſehung euch angewieſenen Wirkungskreis, ſey er auch noch ſo klein, zu Erhoͤhung der Moralitaͤt und der Verbeſſerung des außerlichen Wohlſtandes ſo viel beytragt, als in euern Kraͤften iſt. So ein Patriot war Jeſus Chri⸗ ſtus in Judäa. Der politiſche und religioͤſe Fanatismus ſind zwey gleich ſchreckliche Ungeheuer unter der Maske der Tugend. Kaͤmpft wider ſie aus allen euern Kräf⸗ ten. Sie koͤnnen nur zerſtoͤren, nichts verbeſſern. Nicht die aͤußerliche Form der Regierung, nicht das Cerimoniel der Gottesverehrung, macht eine Regie⸗ rung und eine Religion gut und ſchaͤtzbar. Der innre Gehalt beſtimmt den Werth der einen und der an⸗ dern, und unter jeder Form, ſie mag heißen, wie ſie will, kann buͤrgerliche und chriſtliche Tugend und Gluͤckſeligkeit gedeyhen. Geſellt euch nie zu den Schreyern von Gleich⸗ heit und Freyheit. Ein Theil dieſer Schreyer weiß nicht, was er ſchreyt. Der andere Theil ſchreyt aus boͤſem Vorſatz, um zu betäuben, damit man die Stimme der Waheheit nicht hoͤrt. Der Adel der Seele iſt jedem Menſchen moͤglich, und nur er macht die wahre Gleichheit der Menſchen aus. Wahre Freyheit beſteht in der Herrſchaft uber ſich ſelbſt, und dieſe Herrſchaft iſt Charakter des Chriſten; folglich iſt auch er allein recht frey. Gleichheit und Freyheie F in 82 in Anſehung der äußern Verhältniſſe, in welchen wir ſtehen, iſt entweder Traum des Thoren, oder aus⸗ geſtreutes Gift des eigennuͤtzigen Zerſtoͤhrers. Ich glaube, wenn es euer ernſter Wunſch iſt, moraliſch gute Menſchen zu ſeyn, und als ſolche zu handeln, daß es euch nicht gereuen wird, auf das⸗ jenige zu hoͤren, wozu die Stimme eures Freundes euch bisher ermahnt hat. Ich halte es indeſſen fuͤr Pflicht, euch noch an das kräftigſte Huͤlfsmittel zu Befoͤrderung wahrer Tugend und Moralitat zu erin⸗ nern, welches uns, ſo viel mir daͤucht, die bloße Vernunft nicht bekannt macht, und welches wir der chriſtlichen Religion allein zu verdanken haben. Dieß iſt das Gebeth um den Beyſtand des Geiſtes Got⸗ tes zum Wachsthum im Guten und die von Jeſu uns geſchehene Verheißung dieſes Beyſtandes. Wenn ich meine bloße Vernunft frage: Iſt es Pflicht fuͤr mich, Gott zu bitten, daß er mich im Guten unmittelbar ſtärke, und kann mir dieß Gebeth etwas helfen? ſo daͤucht mich, ich finde keinen Grund zu dieſer Pflicht in den bioßen Belehrungen der Ver⸗ nunft, und ſie kann mir alſo auch keine Gewährung meines Gebeths verſprechen. Gott kennt ja alle meine Beduͤrfniſſe, die Geſetze ſeiner weiſen Welt⸗ regierung erſtrecken ſich ja auch uͤber mich, nach ihnen ſoll ich wirken; warum ſollte es ſeiner unmittelbaren Darzwiſchenkunft beduͤrfen? Und doch! wie troſtlos macht mich dieſer Gedanke! So wäre denn die ſuͤße Empfindung, wenn ich mich, gleich dem bittenden Kinde, Kinde daß e ein le die f daß e telbar Guten lizioſe nicht werde der) erheb um de Gott tung Gott ſhaf kein Tho dud an d und inm ohnt ₰ ond gi nic wir Us⸗ iſt, zu s⸗ des für zu rin⸗ oße der ieß zot⸗ eſu es im bech und ung alle elt⸗ nen ren ſlos ſiße den nde, Kinde, Gott meinem Vater naͤhere und ihn bitte, daß er mich doch ſtärke, ihm wohlgefällig zu handeln, ein leeres Spiel meiner Einbildung? So wäre denn die freudige Hoffnung, daß mein Vater mich hoͤrt, daß er mir ſelbſt, ſey es doch mittelbar oder unmit⸗ telbar, durch ſeinen Geiſt beyſtehen und mich zum Guten ſtaͤrken wird, ein kindiſcher Traum meines re⸗ ligiöſen Aberglaubens? Währlich, meine Kinder⸗ ich ware elend, wenn ich nicht bethen ſollte, wenn ich nicht hoffen koͤnnte, daß ich mit Erhoͤrung bethen werde. Eine meiner ſuͤßeſten Freuden, die Freude der Andacht, mich zu Gott, als meinem Vater, zu erheben, wurde mir entriſſen. Geſegnet ſey mir auch um deswillen die Lehre Jeſu, daß ſie das Gebeth zu Gott als Pflicht von mir fordert, daß ſie mir Erhoͤ⸗ rung dieſes Gebeths und Mitwirkung des Geiſtes Gottes bey meinem Streben nach Tugend und Recht⸗ ſchaffenheit verſpricht. Ja! meine Kinder, laßt euch keine Weisheit der Welt irren, wenn ſie euch zuruftt Thor! was betheſt du? Was du ſeyn willſt, mußt du durch dich ſelbſt ſeyn. Erinnert euch oft und gern an die ausdruͤcklichen deutlichen Ermahnungen Jeſu und ſeiner Apoſtel: So ihr den Vater bitten werdet in meinem Namen, ſo wird er es euch geben; Bethet ohn Unterlaß. Traut den Verheißungen eures Herrn: Ich will den Vater bitten, und er ſoll euch einen andern Troſter geben, daß er bey euch bleibe ewi⸗ glich, den Geiſt der Wahrheit, welchen die Welt nicht kann empfahen, denn ſie ſiehet ihn nicht und F2 kennet 84 kennet ihn nicht*). Freylich kann ich euch nicht ſa⸗ gen, wie ich ſchon oft erinnert habe, was dieſer Geiſt Gottes in euch wirkt, wie er in euch wirkt; ich kann euch das Charakteriſtiſche des Wirkens dieſes Geiſtes Gottes nicht angeben; ich kann die Gränzlinie nicht zeichnen, we eure eigne moraliſche Kraft zu wirken aufhoͤrt, und der goͤttliche Geiſt zu wirken anfängt, ich kenne ihn ſelbſt weiter nicht, als was mir die hei⸗ lige Schrift von ihm ſagt; ich muß euch ſogar wie⸗ derholt warnen, leere myſtiſche Traume und Gefuhle nicht mit ſeinen Wirkungen zu verwechſeln; und doch glaube ich dem Zeugniß der heiligen Schrift, daß er in mir wirkt. Glaubt der Philoſoph, das, was ich als Wirkung dieſes Geiſtes zu empfinden mir ein⸗ ilde, aus pſychologiſchen Gruͤnden erklaͤren zu muͤſ⸗ ſen, ſo laſſe ich ihm gern ſeinen Einſichten folgen, freue mich, wenn die Folgen unſerer Empfindungen, trotz der von uns geglaubten Verſchiedenheit der Quelle, von einerley Werth ſind, und begnuͤge mich, euch zur Befoͤrderung eurer Moralitaͤt auf ein Huͤlfs⸗ mittel aufmerkſam gemacht zu haben, welches ich fuͤr wahr halte und auf das Zeugniß der Lehre Jeſu gruͤnde. Ehe ich noch dieſe meine Ermahnungen an euch ſchließe, erachte ich es fuͤr noͤthig, Zwey Behauptun⸗ gen zu beruͤhren, die in unſerm Zeitalter von vie⸗ len *) Joh. 1 4., v. 16. 17. len ihr und di lich u wirz Vorſt dem gend Lugen des S Beho derun nitze Athei nome micht des C Grun tig w nen. den dem nih haupt der habe Ve thu alle ie⸗ en 55 len ihrer Vertheidiger als wahr angenommen werden, und die ich beyde für wahre Moralität gleich bebenk⸗ lich und gefaͤhrlich erachte. Die erſte iſt dieſe: daß wir zur Ausuͤbung wahrer und reiner Tugend der Vorſtellung von Gott nicht beduͤrfen, oder mit an⸗ dern Worten, daß auch der Atheiſt der reinſten Tu⸗ gend faͤhig ſey, weil die einzige wahre Quelle aller Tugend allein Achtung der Pflicht und das Geboth des Sittengeſetzes ſey. Laßt es auch ſeyn, daß dieſe Behauptung eine bloße leere hingeworfene Ausfor⸗ derung der ſpeculirenden Philoſophie zu einer un⸗ nutzen litterariſchen Fehde iſt, da der theoretiſche Atheiſt aus Grundſätzen faſt ein undenkbares Phaͤ⸗ nomen unſerer jetzigen Geiſtescultur zu ſeyn ſcheinen moͤchte, ſo iſt ſie doch wenigſtens nach der Moral des Chriſtenthums gonz falſch und ſie untergrabt den Grund derſelben ganz, Auch moͤchte die bloße rich⸗ tig urtheilende Vernunft ſie nie als wahr anerken⸗ nen. Setzt hinzu, daß ſie den moraliſch handeln⸗ den Menſchen wirklich zu groben Irrthumern auf dem Wege ſeiner Moralität verleiten kann, ſo daͤucht mich, es war Pflicht fur mich, euch vor dieſer Be⸗ pauptung zu warnen. Ich wiederhole nicht, was ich euch bereits von der Unmoͤglichkeit, reine Tugend zu erlangen, geſagt babe. Nur darauf mache ich euch aufmerkſam: Wenn der Grund der ganzen Moral des Chriſten⸗ thums, Liebe zu Gott und ſeinen Menſchen iſt, wenn alle Tugenden des Chriſten aus dieſer Quelle her⸗ fließen 86 fließen muͤſſen, und dieß iſt die ausdruͤckliche Be⸗ haupkung Chriſti und ſeiner Apoſtel, ſo iſt kein Atheiſt, wenn es einen giebt, einer wahren Tugend fähig. Selbſt das Geboth des Sicttengeſetzes und Achtung der Pflicht kann nicht die Quelle ſeiner Tu⸗ gend ſeyn. Dieſe Achtung der Pflicht, dieß Geboth des Sittengeſetzes iſt leeres Geſchwätz, leerer Traum, ohne Vorausſetzung des Geſetzgebevs. Dieſer Ge⸗ ſetzgeber kann ich nie ſelbſt ſeyn; denn war ich es denn ſelbſt, der dieſen Begriff von Recht und Un⸗ recht, den Grund alles Sittengeſetzes und aller Pflicht meiner moraliſchen Natur gleichſäm einimpfte? Dieſe irrige Behauptung hat zugleich die trau⸗ rige Folge, daß ſie den Menſchen zu dem thoͤrichten Stolz verleitet, daß nur Er ſelbſt ſein Geſetzgeber ſey, daß reine Tugend ſein eignes Werk ſeyn koͤnne, daß er ſie zu erveichen faͤhig ſey, und Einbildung, Ei⸗ genduͤnkel, Verachtung Anderer, Verkennung eigner Maͤngel und eine Menge anderer Laſter ſind Folgen dieſes Traums. Selbſt die ſpekulirende Vernunft vereiniget ſich hier mit der Neligion des Chriſtenthums. Sie er⸗ kennt die Nothwendigkeit eines Geſetzgebers zur Guͤl⸗ tigkeit des Sittengeſetzes, und ſie findet ihn in Gott; ſie nimmt auch dann die Exiſtenz dieſes Gottes, als dringendes Beduͤrfniß unſers Geiſtes an, wenn ſie glaubt, daß ſein Daſeyn ſich nicht durch Schlußfol⸗ gen ekweiſen laſſe. Die D Daß d nicht r der er nen n ſeyn, Reli werde. den äu verehrt ſeyn. entgeg deutun alsdan iſt, bl lichen es wi thum menſ oft d nes( Ale und geht Nore ſuhi chun eſ ligi ume m, au⸗ ber ne, ner gen 87 Die zweyte Behauptung unſers Zeitalters iſt: Daß die Verbindung der Moral mit der Religion nicht nothwendig ſey, daß dieſe Verbindung ſogar der erſtern nachtheilig ſey, und man alſo beyde tren⸗ nen muͤſſe. Hier moͤchte zufoͤrderſt zu bemerken ſeyn, daß bey dieſer Behauptung mit dem Worte Religion ſehr oft ein falſcher Begriff verbunden werde. Denkt man ſich bey dem Worte Religion den äußerlichen Cultus der angenommenen Gottes⸗ verehrung, ſo kann die Behauptung ſehr oft ſehr wahr ſeyn. Allein, wenn Religion und Moral einander entgegengeſetzt werden ſollen, ſo kann hier dieſe Be⸗ deutung nicht Statt haben, ſondern Religion mußte alsdann, wenn von der chriſtlichen Religion die Rede iſt, bloß von den eigenthuͤmlichen Lehren der chriſt⸗ lichen Religion verſtanden werden. Auch hier kommt es wieder darauf an, was man unter dieſen eigen⸗ thümlichen Lehren verſteht und darzu rechnet. Mit menſchlichen Zuſaͤtzen vermengt, koͤnnen ſie freylich oft der Moral mehr ſchaden als nuͤtzen. Aber rei⸗ nes Chriſtenthum und Moral iſt ja im Grunde eins. Alle Moral gruͤndet ſich ja auf reines Chriſtenthum und die ganze Abſicht dieſes reinen Chriſtenthums geht ja dahin, die Fähigkeiten des Menſchen zur Moralität immer mehr und mehr zu entwickeln, ihn zu hoͤherer Moralität zu erheben. Das Chriſten⸗ thum zeigt ihm ja den einzigen richtigen Weg⸗ wie er ſich zu wahrer Moralität erheben ſoll? Und Re⸗ ligion, in dieſem Sinn genommen, ſollte nicht un⸗ umganglich mit der Moral verbunden werden muͤſ⸗ ſen? 88 ſen? Sie ſollte dieſer leßtern nachtheilig ſeyn? Dieſe beyden ſo innig vereinten Freundinnen ſollten, ohne alle Vernichtung wahrer Moralität, von einander ge⸗ trennt werden koͤnnen? Man reinige Vernunftreligion noch ſo ſehr, man ſchmucke ſie noch ſo reichlich mit den entwende⸗ ten Federn der Moral des Chriſtenthums aus. Das einzige ſicherſte Motiv wahrer Moralität, ächte Liebe zu Gott und ſeinen Menſchen wird ihr mangeln. Denn nur die eignen Lehren des Chriſtenthums legen und befeſtigen dieſen Grund. Wenn der Egoismus, das wahre Prineip der jezigen gangbaren Vernunft⸗ religion, ſich unter der Maske reiner Tugend, der Pflicht, des Geboths, des Sittengeſetzes, ſelbſt der angeblichen Liebe zu Gott verbirgt, ſo haͤlt die Maske doch nur ſo lange feſt, als ſie uns Opfer unſerer Ei⸗ telkeit und unſerer Sinnlichkeit verſchaft; Leiden und Tod reißen ſie ab. Ich habe nicht noͤthig, euch noch weitlaͤuftig zu erklären, worzu ihr euch alſo durch die angege⸗ benen Hulfsmittel bilden muͤßt, wenn ihr der Mo⸗ ral des Chriſtenthums gemaß handeln wollt. Dieß erhellt ſchon aus dem Vorhergehenden. Iſt das Hauptgrundgeſetz der Moral des Chriſtenthums biebe zu Gott und ſeinen Menſchen, iſt der Endzweck die⸗ ſer Moral, euch eurer Beſtimmung, als moraliſche Geſchoͤpfe, der hoͤchſten moraliſcheu Vollkommenheit und der dadunch erlangten Aehnlichkeit mit Gort im⸗ mer naher zu bringen, und ſind die euch hierzu an⸗ gegebenen Hulfsmittel, dieß zu bewirken wirklich ver⸗ vemogi ſe ſorgf anwent tomme habner morall euch al mehr n die um len zu ſchaffe in we ſolt. in jen laßt e Hier dort, volle in 3 um p und komm ſillen Go verei mach von ihr 89 vermoͤgend, ſo ergiebt ſich daraus von ſelbſt, daß⸗ je ſorgfältiger und unermuͤdeter ihr dieſe Huͤlfsmittel anwendet, ihr euch deſto mehr eurer moraliſchen Voll⸗ kommenheit, der Aehnlichkeit mit Gott nähert. Er⸗ habner heiliger Beruf! Ihr ſollt täglich wachſen an moraliſcher Vollkommenheit, und täglich ſollt ihr euch alſo Gott, dem Urheber aller Vollkommenheit, mehr nähern. Moͤchtet ihr doch dieſen Beruf ſtets vor Augen haben! Mochte doch keine Luſt der Erde die ununterbrochene Erinnerung an ihn in euern See⸗ len zu erſticken vermoͤgend ſeyn! Nur eins rufe ich euch noch zu: Denkt, daß ihr fuͤr die Ewigkeit ge⸗ ſchaffen ſeyd, denkt, daß ihr Buͤrger des Himmels, in welchen nichts Unreines eingeht, dereinſt ſeyn ſollt. Blickt alſo diesſeits des Grabes oft und gern in jenes beſſere Leben, welches euch erwartet, und laßt euch dieß wider jeden Reiz der Suͤnde ſtaͤrken. Hier iſt nur der Anfang eurer moraliſchen Veredlung, dort, jenſeit des Grabes ſollt ihr ſie fortſetzen und vollenden. Erwägt oft, was euer unſterblicher Geiſt in Jahrtauſenden ſeyn wird und ſeyn kann, wie um vieles näher er alsdann Gott, ſeinem Schoͤpfer, und Jeſu Chriſto, ſeinem Herrn, ſeyn wird, wie voll⸗ kommen er alsdann das hoͤchſte Geſetz der Liebe er⸗ füllen wird. Verſetzt euch oft und lebhaft mit euern Gedanken in jene erfreuliche Periode der Wieder⸗ vereinigung eures Geiſtes mit eurem Koͤrper, und macht euch ſodann, ſo viel moͤglich, eine Vorſtellung von demjenigen, was ihr alsdann ſeyn werdet, wenn ihr auf dieſer Erde, oder in einem andern euch an⸗ gewie⸗ 90 gewieſenen Raum, eurer moraliſchen Beſtimmung gemaͤß handelt, gluͤckſelig im Genuß aller reinen und wahren Freuden, die euer erhoͤhter Geiſt und euer veredelter Koͤrper euch mitzutheilen fähig ſind. Koͤnnen euch dieſe großen erhabenen Gedanken nicht vor dem Reiz des Laſters ſchuͤtzen, ſo ſeyd ihr elende Geſchoͤpfe, die keiner moraliſchen Veredlung fähig und wuͤrdig ſind. Und nun, meine Geliebten, trenne ich mich in dieſer Schrift von euch, und uͤberlaſſe euch eurer eignen Fuͤhrung. Bald werde ich mich ganz von euch trennen, beruhiget bey dem letzten Hauch des Lebens, daß ich euch an den richtigen Weg erinnert habe, der zu Tugend und Rechtſchaffenheit, und durch Tugend und Rechtſchaffenheit zu wahrer Gluck⸗ ſeligkeit fuͤhret. Ob ihr ihn gern und willig wan⸗ deln wollt, das iſt eure eigne Sache. Freudig werde ich euch dereinſt in dem Hauſe meines Vaters wie⸗ der ſehen, wenn ihr meinen Ermahnungen folgt, und dann wollen wir ewig die zärtlichen Verbindun⸗ gen erneuern, die Gott hier zwiſchen uns geknuͤpfet hat, und kein Tod wird ſie mehr trennen. Waͤrt ihr ſo ungluͤckſelig, daß ſinnliche Luſt den Keim des Guten, den ich in euch zu pflanzen bemuͤht war, ganz erſtickte und ausrottete, dann ſind wir auf ewig getrennt, und ihr ſeyd nicht mehr meine Kinder, die ich hier ſo zärtlich liebte. Ach! laßt mich hoffen, daß froͤhliches Wiederſehen, ewige zärtliche Verei⸗ sigung, mein und euer gluckſeliges Loos ſeyn wird. . N Chr I. len ind 6 Sie icht Nachahmung Je ſu⸗ bi das ſicherſte Mittel in ſich rer zur chriſtlichen Vollkommenheit von des zu bilden. ert nd c Eine Anrede un⸗„* de eines Vaters an ſeine Toͤchter ie⸗ bey ihrer Confirmation. t, un⸗ ſet irt. des 1. Petr. 2., v. 21, u. 22. Chriſtus hat uns ein Vorbild gelaſſen, daß ihr nachfolgen uf ſollt ſeinen Fußſtapfen, welcher keine Suͤnde gethan der, hat, iſt auch kein Benug in ſeinem Munde er funden ſen, worden. rei⸗ d. 3 wos ihr ſimmu was ih Pater hofft u löſer u Chriſte habtd tigen, uns J und it getre Gite eurem jettv gen e Flegt ſchn; ihra Meine geliebten Kinder! hr habt gegenwaͤrtig euer Bekenntniß abgelegt, was ihr von Gott, von Jeſu Chriſto, von eurer Be⸗ ſtimmung als vernuͤnftige moraliſche Menſchen glaubt, was ihr von dieſem Gott, eurem Schoͤpfer, eurem Vater, in dieſem irdiſchen und jenem kuͤnftigen Leben hofft und erwartet, was ihr Jeſu Chriſto, eurem Er⸗ loͤſer und Herrn, zu verdanken habt, was ihr als Chriſten fuͤr Pflichten zu erfullen ſchuldig ſeyd. Ihr habt vor Gort, dem Allwiſſenden und Allgegenwär⸗ tigen, feyerlich bezeugt, daß ihr die Religion, die uns Jeſus und ſeine Apoſtel gelehrt haben, im Leben und im Tode freymuͤchig bekennen, ihre Vorſchriften getreu befolgen, und euch wuͤrdig machen wollt, die Guͤter und Vortheile zu genießen, die ſie euch nach eurem Tode verſpricht. Dieſe Handlung, die ihr jetzt vollzogen habt, iſt eine der wichtigſten Handlun⸗ gen eures Lebens. Das Geluͤbde, das ihr jetzt ab⸗ gelegt habt, muß euch ſtets heilig und unverbruͤchlich ſeyn; ihr muͤßt euch oft an daſſelbe erinnern, wenn ihr als ſchwachſinnliche Menſchen nicht oft in der Aus⸗ uͤbung der Pflichten, die aus dieſem von euch abge⸗ legten Gelubde fur euch entſpringen, traͤge und nach⸗ laͤßig werden wollt. Nur durch die getreue Ausuͤbung dieſer 94 dieſer Pflichten bleibt ihr dem Geluͤbde treu, das ihr jetzt abgelegt habt. Vergoͤnnt es mir, eurem zeitlichen Vater, der keinen groͤßern, keinen heißern Wunſch ſeiner Seele kennt, als wahre irdiſche und ewige Gluͤckſeligkeit ſeiner Kinder, vergoͤnnt es mir, daß ich euch bey dieſer ſo wichtigen Gelegenheit einige Worte der Er⸗ mahnung und der Bitte an das Herz lege, und euch den kuͤrzeſten Weg anzeige, den ihr zu verfolgen habt, wenn ihr euch immer mehr und mehr zu der aͤchten chriſtlichen Vollkommenheit bilden, und da⸗ durch dem Bekenntniß, welches ihr jetzt abgelegt habt, getreu bleiben wollt. Ich kann euch das zuverlaͤßigſte Mittel, deſſen ihr euch hierzu bedienen mußt, nicht genauer und deutlicher angeben, als ſolches in den Worten des Apoſtels Petrus in ſeiner erſten Epiſtel, im zweyten Kapitel im 27. und 22. Vers enthalten iſt. Chri⸗ ſtus, ſagt er, hat um ein Vorbild gelaſſen, daß ihr ſollt nachfolgen ſeinen Fußtapfen, welcher keine Suͤnde gethan hat, iſt auch kein Betrug in ſeinem Munde erfunden worden. Lernt aus dieſen lehrreichen Worten, daß die getreue Nachahmung des Beyſpiels Jeſu das ſicher⸗ ſte Huͤlfsmittel ſey, durch welches ihr euch zur chriſtlichen Vollkommenheit zu bilden vermoͤgend ſeyd. Dann, wenn ihr dieß Mittel ſorgfältig an⸗ wendet, werdet ihr auch nie Gefahr laufen, von dem Bekennt⸗ Beken habt. meine Bem wiſſen Ihrn zu der Aus d einſch Beyſ mitte zu er erklär Ohn det wert wen ahm nen an det ken Ge das der eele gkeit bey 95 Bekenntniß abzuweichen, das ihr jetzt abgelege habt. Ihr muͤßt, wenn ihr euch von der Wahrheit meiner Behauptung feſt uͤberzeugen wollt, auf drey Bemerkungen genau Acht haben: Ihr muͤßt erſtlich wiſſen: Was heißt, das Beyſpiel Jeſu nachahmen. Ihr müßt zweytens verſtehen lernen, wie ihr euch zu der Nachahmung des Beyſpiels Jeſu bilden můßt. Aus dieſem allen werdet ihr drittens leicht von ſelbſt einſehen koͤnnen, wie eine getreue Nachahmung des Beyſpiels Jeſu auch fuͤr euch das ſicherſte Huͤlfs⸗ mittel iſt, euch zu wahrer chriſtlicher Vollkommenheit zu erhoͤhen. Laß uns dieſe drey Sätze noch etwas genauer erklaͤren. Was heißt, das Beyſpiel Jeſu nachahmen? Ohne richtigen Begriff von dieſer Nachahmung wuͤr⸗ det ihr in mancherley Irrthuͤmer verfallen. Wir werden uns aber dieſen richtigen Begriff verſchaffen, wenn wir erſtlich bemerken, worinne dieſe Nach⸗ ahmung Jeſu nicht beſteht, und dann einſehen ler⸗ nen, worinne ſie eigentlich beſteht. Nachahmung des Beyſpiels Jeſu ſchrankt ſich nicht ein auf ein bloßes Bekenntniß des Glaubens an Jeſum nach gewiſſen feſtgeſetzten Lehrſätzen. Bil⸗ det euch ja nicht ein, daß ihr wahre, aufrichtige Be⸗ kennerinnen der Lehre Jeſu ſeyd, wenn ihr eurem Gedaͤchtniß gewiſſe Lehrformeln von dieſer oder jener euch 96 euch vorgetragenen Wahrheit der Religion Jeſu ein⸗ geprägt habt, wenn ihr ſolche mit dem Munde nach⸗ bethet, ohne ſelbſt jemals daruber nachgedacht zu ha⸗ ben, was ihr wahrer Sinn ſey, ob ſie in den deut⸗ lichen Ausſpruͤchen der heiligen Schrift gegruͤndet ſind, was ſie fuͤr einen Einfluß auf euer Leben und auf euren Wandel haben muͤſſe. Freylich mußt ihr eine deutliche, richtige, zuverläßige Kenntniß haben, worinne denn die eigentlichen Lehren der Religion Jeſu beſtehen, und wodurch ſich dieſe Religion von allen andern Religionen unterſcheidet; dieß iſt auch die Abſicht des Unterrichts geweſen, der euch bisher ertheilt worden iſt. Allein, waͤre auch euer Glaube der reinſte von allen Irrthuͤmern, ſo macht euch dieß noch nicht zu wahren Bekennerinnen der Lehre Jeſu. Bey der groͤßten Renigkeit des Glaubens koͤnnt ihr die verdorbenſten, verworfenſten Menſchen ſeyn. Nachahmung des Beyſpiels Jeſu beſteht noch weniger in den aͤußerlichen Ceremonien eurer Gottes⸗ verehrung. Dieſer Ceremoniendienſt iſt ſehr oft die verabſcheuungswuͤrdige Huͤlle des Heuchlers, des Maulchriſten, und ſehr oft des laſterhafteſten Men⸗ ſchen. Ich halte euch in eurer Religion zu wohl un⸗ terrichtet, als daß ich mich weiter dabey aufhalten, und euch vor dieſem falſchen elenden Beweiß eurer Anhänglichkeit an die Lehre Jeſu und eurer chriſtlichen Vollkommenheit warnen ſollte. Nachahmung des Beyſpiels Jeſu beſteht aber auch nicht in der Aus⸗ uͤbung einer einzelnen Tugend, in der Entſagung ein⸗ zelner Nner vieler, daß m ubung nem entſcht ge V der V heit, ſter ſic Der 2 iſt ja laſſen Chriſt der N ſu, ſtrebe herzie bleib gend unje Kert brauc jeht 6 vyllee ſohi Vg ren ſorg am 97 zelner Laſter. Huͤthet euch ja vor dem Irrthum ſo vieler, faſt moͤchte ich ſagen, der meiſten Menſchen, daß man den Mange! einer Tugend, durch die Aus⸗ ubung mancher andern Tugend, die Neigung zu ei⸗ nem Laſter, durch die Vermeidung mehrerer Laſter entſchulbigen koͤnne. Ach! dieß iſt leider der trauri⸗ ge Wahn, mit welchem der Geitzige ſeinem Geitz, der Wolluſtling der Wolluſt, der Träge ſeiner Traͤg⸗ heit, und jeder Sklave der Laſter ſeinem Lieblingsla⸗ ſter ſich ungeſtraft widmen zu koͤnnen, ſich einbilbet. Der Menſch kann ja nicht vollkommen ſeyn. Gott iſt ja barmherzig und wird Gnade vor Recht ergehen laſſen! Dieß iſt der elende Troſt fuͤr ſo manchen Chriſten; allein es ſind falſche Träͤume. Wenn auch der Menſch nie ſo vollkommen ſeyn wird, als er ſeyn ſoll, ſo muß er ſich doch aus allen ſeinen Kräften be⸗ ſtreben, vollkommen zu werden. Wenn Gott barm⸗ herzig iſt, ſo iſt er auch heilig; Wer Suͤnde thut, bleibt nicht vor ihm. Nein! Es giebt nur eine Tu⸗ gend, nur ein kaſter. Alle Tugenden machen eine unzertrennliche Kette aus. Wer ein Glied dieſer Kette abloͤßt, zerreißt ſie ganz, macht ſie ganz un⸗ brauchbar. Wollt ihr alſo dem Geluͤbde, das ihr jetzt abgelegt habt, wirklich treu bleiben, und immer vollkommner, Gott wohlgefälliger zu werden ſuchen, ſo hutet euch vor jeder Suͤnde, ſo ſtrebt nach jeder Tugend. Bekämpft vor allen Dingen die Laſter, de⸗ ren Reitz auch am meiſten gefällt. Uebt euch am ſorgfaͤltigſten in der Tugend, deren Ausuͤbung euch am ſchwerſten wird, ſo wird euch die Vermeidung G der 98 der uͤbrigen Laſter, und die Ausuͤbung der uͤbrigen Tu⸗ genden deſto leichter werden⸗ Laßt uns nunmehro genauer erwägen: Was denn das eigentlich heißt, das Beyſpiel Jeſu nach⸗ ahmen? Das ſagt euch der Apoſtel Paulus am kuͤr⸗ zeſten und deutlichſten in einem ſeiner Briefe, in den Worten: Ein Jeglicher ſey geſinnt, wie Jeſus Chriſtus geſinnt war; Wer Chriſtus Sinn nicht hat, der iſt nicht ſein. Und der Apoſtel Petrus be⸗ ſtatiget dieß, wenn er in den Worten, auf welche ich dieſe Ermahnung gegruͤndet habe, das Vorbild Jeſu, das er uns gelaſſen hat, darinne ſetzt, daß er keine Suͤnde gethan hat, und kein Betrug in ſei⸗ nem Munde erfunden worden iſt. Wollt ihr alſo, meine lieben Kinder, Jeſu nachahmen, und nur durch dieſe ſorgfältige Nachah⸗ mung koͤnnt ihr diejenigen ſeyn, die ihr euch jetzt durch euer ganzes Leben zu ſeyn verbindlich gemacht habt, ſo mußt ihr ſtets geſinnt ſeyn, wie Jeſus Chri⸗ ſtus geſinnt war, das heißt, bey allen Handlungen, bey allen Schickſalen eures Lebens muͤßt ihr ſo den— ken, ſo handeln, wie Jeſus Chriſtus gedacht, wie er gehandelt haben wurde, wenn er an eurer Stelle, ſich in dieſer oder jener Lage eures Lebens befunden baͤtte. Dieß iſt der Grund eures ganzen Chriſten⸗ thums. Schwebt euch die Frage: Was wuͤrde Chri⸗ ſtus an meiner Stelle in dieſem oder jenem Falle ge⸗ than haben? ſtets lebhaft vor Augen, und wißt ihr euch dieſe Frage, durch die Hůlfsmittel, die ich auch noch noch in beantn wortu gerat kein ußt eigen len, Perr ſcheit ſter, ſog Vol aufe den ſorz Jeſu hah⸗ jetzt acht gen, den⸗ wie elle, den ſten⸗ ihr auch noch 99 noch im Folgenden kuͤrzlich angeben werde, richtig zu beantworten, ſo koͤnnt ihr, wenn ihr dieſer Beant⸗ wortung folgt, unmoͤglich in Irrthum und Suͤnde gerathen, denn er hat keine Suͤnde gethan, iſt auch kein Betrug in ſeinem Munde erfunden worden. Laßt uns indeſſen dieſen Sinn Jeſu, den wir uns eigen machen muͤſſen, wenn wir ihm nachahmen wol⸗ len, etwas genauer entwickeln. Der Apoſtel ſagt: Er hat keine Suͤnde gethan. Vermeidung aller Laſter ohne Ausnahme, der gering⸗ ſcheinenden ſo ſehr, als der groͤbern ſchaͤndlichern La⸗ ſter, wird alſo zuerſt von denjenigen erfordert, die ſo geſinnt ſeyn wollen, wie Chriſtus geſinnt war. Wollt ihr alſo den Sinn Jeſu haben, ſo muͤßt ihr auf eure geheimſten Reigungen Acht haben, ihr muͤßt den erſten kleinſten Keim eines jeden Laſters mit dem ſorgſaltigſten Ernſt aus eurem Herzen ausrotten. Ach! meine Kinder, laßt die Bitte eures durch die Erfahrung weiſer gewordnen Vaters ſtatt finden: Huͤtet euch vor dem erſten Schritt zu jedem kaſter. NRur dieſer wird euch ſchwer. Haltet ferner keine Suͤnde fuͤr unbedeutender als die andere. Glaubt nicht, daß Neid, Traͤgheit, Eigenſinn, Zorn, nicht ſo tadelnswurdig ſey, als Unkeuſchheit, Wol⸗ luſt, Betrug, Geitz. Jede Suͤnde, auch die klein⸗ ſte, entzieht euch das Wohlgefallen Gottes, ſchwaͤcht den Sinn Chriſti in euch. Und wie wollt ihr ohne dieſes Wohlgefallen Gottes heiter und ruhig ſeyn? Wie wollt ihr Chriſto nachahmen, wenn der Sinn G 2 Chriſti 100 Chriſti nur ſchwach in euch wirkt? Wacht alſo ſorg⸗ fältig uber euer Herz, daß ſich keine Suͤnde in euch einſchleicht. Lernt vorzuglich die boͤſen Neigungen kennen, bekämpfen, beſiegen, die euch die liebſten ſind, und die reine Unſchuld der Seele, der edelſte ſchoͤnſte Schmuck eines chriſtlichen Frauenzimmers, die euch noch jetzt ſchmuͤckt, ſey auch noch dann euer unverletztes Kleinod, wenn euch Gott dereinſt aus dieſer irdiſchen Welt in einen beſſern Theil ſeines unermeßlichen Reichs rufen wird. Wollt ihr ſo geſinnt ſeyn, wie Jeſus geſinnt war, und euch durch dieſen Sinn zu ſeiner Nachah⸗ mung bilden, ſo muͤßt ihr zweytens, euch der Tugen⸗ den ſorgfältig befleißigen, von welchen er euch ein ſo herrliches Vorbild gelaſſen hat. Dieß Vorbild Jeſu in Anſehung aller Tugenden, deren Inbegriff den edelſten Charakter, das hoͤchſte Ideal der Voll⸗ kommenheit, das ſich der menſchliche Verſtand den⸗ ken kann, in Jeſu Chriſto uns darſtellt, iſt unerſchoͤpf⸗ lich. Es paßt auf alle Zeiten, auf alle Claſſen von Menſchen, auf alle Vorfaͤlle des Lebens, und es iſt kein Menſch, von welchem Alter, von welchem Stand, von welchen Fahigkeiten er ſeyn mag, von welchen Schickſalen er durch dieß irdiſche Leben be⸗ gleitet wird, der nicht in dem Charakter Jeſu das Vorbild derjenigen Tugenden findet, nach welchen er ſtreben muß, wenn er in der Lage, in welche ihn Gott geſetzt hat, die Beſtimmung erfullen will, zu welcher ihn Gott berufen hat. Ich will euch jetzt, da dieſe bieſe? nigen mach tige! allen dieſer zeigt iſt er der C tein ſ rung ſie7 konn Sin herei ſeine ſcher ſond gen nac zu. auf von Kr als ſie ſe al lo org⸗ euch gen ſten elſte ers, euer aus ines innt ſoh⸗ en⸗ ein bild gif zoll⸗ den⸗ von iſt em von be⸗ das ner ihn zu da ieſe 101 dieſe Materie ſo reichhaltig iſt, nur auf einige derje⸗ nigen Tugenden in dem Charakter Jeſu aufmerkſam machen, die auf euer Geſchlecht, auf die gegenwaͤr⸗ tige Lage eures Lebens, auf die Schickſale, die ihr mit allen Menſchen gemein habt, paſſen. Sanftmuth, dieſer vorzuͤgliche Reiz eures Geſchlechts, wie reizend zeigt ſich dieſe Tugend in Jeſu! Gegen Jedermann iſt er ſo guͤtig, freundlich, leutſelig. Reinigkeit der Sitten. Wie tadelfrey war ſeine Unſchuld, wie rein ſein Herz! Wie ſehr konnte er aus eigner Erfah⸗ rung ſagen: Selig ſind die reines Herzens ſind, denn ſie werden Gott ſchauen! Mit welcher Zuverſicht konnte er fragen: welcher unter euch kann mich einer Sunde zeihen! Gefaͤlligkeit, Dienſtfertigkeit. Wie bereitwillig iſt er, Jedermann behuͤlflich zu ſeyn, der ſeine Huͤlfe verlangt! Sagt er nicht ſelbſt: Des Men⸗ ſchen Sohn iſt nicht kommen, daß er ſich dienen laſſe, ſondern daß er diene! Eifer zum Lernen in ſeinen ju⸗ gendlichen Jahren. Wie duͤrſtete ſeine junge Seele nach nützlichen Kenntniſſen, da er unter den Lehrern zu Jeruſalem ſaß! Liebe zu Gott. Wie dringt er auf das Geboth: Du ſollſt lieben Gott deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und aus allen Kraͤften, und wie getren ubte er dieß Gebot ſelbſt aus! Liebe zu den Menſchen. kiebe deinen Näch⸗ ſten als dich ſelbſt; Was du willſt, das dir die Leute thun ſollen, das thue ihnen auch. Und war nicht ſein ganzes Leben ein ununterbrochenes Opfer der alles umfaſſenden Menſchenliebe? Unermuͤdete, raſt⸗ loſe Thätigkeit Gutes zu wirken. Verabſcheuung aller 102 aller Trägheit. Ich muß wirken, ſagt er, weil es Tag iſt; es kommt die Nacht, da Niemand wirken kann. Wer die Hand an'den Pflug legt, und wie⸗ der zuruͤck zieht, der iſt nicht geſchickt zum Reiche Gottes. Der faule Knecht, der das ihm anvertraute Pfand vergräbt, iſt ihm ein boͤſer Knecht, der Strafe verdient. Wie feurig, wie ungeheuchelt iſt ſeine Andacht zu Gott! Die Verehrung ſeines Vaters iſt ihm ſein liebſtes Geſchäft! Wie anhaltend iſt ſein Gebeth! Wie weiſe genuͤßt er die Freuden dieſes Le⸗ bens! Wie geduldig erträgt er die Leiden deſſelben! Wie feſt iſt ſein Vertrauen zu Gott, wie aufrichtig und willig ſeine Unterwerfung unter den Willen ſei⸗ nes Vaters! Wie heiter und ungeſtoͤrt ſein Muth im Tode. Ahmet ſie nach dieſe großen Tugenden, von welchen er euch ein ſo herrliches Vorbild gelaſſen hat, und ihr koͤnnt alsdann feſt verſichert ſeyn, daß je ſorgfältiger ihr euch der Ausuͤbung aller dieſer Tu⸗ genden befleißiget, deſto getreuer werdet ihr auch dem Geluͤbde bleiben, welches ihr jetzt abgeleget habt, und in einem deſto hoͤhern Grade werdet ihr nicht bloß Chriſten nach dem Bekenntniß eures Mundes ſeyn, ſondern Chriſten, die nach wahrer chriſtlicher Vollkom⸗ menheit ſtreben. Wollt ihr das Beyſpiel Chriſti aufrichtig und mit Ernſt nachahmen, ſo iſt es nicht genug, daß ihr alle Kaſter ſorgfältig vermeidet, daß ihr euch der Tugenden wirklich befleißiget, von wel⸗ chen euch Chriſtus ein ſo erhabenes Vorbild gelaſſen hat. Rein! ihr muͤßt mehr thun. Ihr muͤßt drittens täglich in der chriſtlichen Vollkömmenheit zu wach⸗ wachſen der chr ſchen 9 ohne 5 dß ih gefalle Wunſc diſem Verſuch chmun beruhi komme gionsb Digh munge werder haben tet eu iſt e gend kung li; ſchen Uhn Her des Re ſ der hab vil ie⸗ che ute ufe ine ein le⸗ en! tig ſei⸗ h en, ſen uß u⸗ em und loß n, m⸗ iſti cht doß el⸗ ſſin ißt zu ch⸗ 103 wachſen ſuchen. Die meiſten Menſchen, welche in der chriſtlichen Religion unterrich et werden, wuͤn⸗ ſchen gewiß aufrichtig Chriſten zu ſeyn; denn wer hat ohne Fortſchritt im Laſter, ein ſo verdorbenes Herz, daß ihm das Edle, das Erhabene dieſer Religion nicht gefallen ſollte? Ohne Zweifel iſt dieß auch euer Wunſch. Allein ſehr viele Menſchen laſſen es bey dieſem Wunſch bewenden. Sie machen nur ſchwache Verſuche, ſich in den Tugenden zu uͤben, deren Rach⸗ ahmung ihnen das Beyſpiel Chriſti darbietet. Sie beruhigen ſich wohl noch gar bey ihrer elenden unvoll⸗ kommenen Tugend, mit dem falſchverſtandenen Reli⸗ gionsbegriff, daß das Verdienſt Chriſti bey aller Traͤgheit ihres Geiſtes die Tugenden erſetze, die ihnen mangeln, und daß ſie um Chriſti willen ewig ſelig werden ſollen, wenn ſie auch noch ſo wenig gethan haben, ſich dieſer Seligkeit fahig zu machen. Huͤ⸗ tet euch vor dieſem hoͤchſt ſchädlichen Irrthum. Er iſt euer gefährlichſter Feind. Vernichtung der Tu⸗ gend, ewiger Tod der Seele iſt ſeine ſchreckliche Wir⸗ kung. Freylich werdet ihr nur um Chriſti willen ſe⸗ lig; denn ewige Seligkeit iſt nur das freywillige Ge⸗ ſchenk der Barmherzigkeit Gottes, nie der verdiente Lohn eurer eignen Tugend. Aber nicht die, die Herr! Herr! ſagen, ſondern die den Willen thun des Vaters im Himmel, ſind berechtiget, in ſein Reich einzugehen. Jeder Tag eures kuͤnftigen Lebens ſey alſo darzu beſtimmt, daß ihr auf der Laufbahn der Tugend, auf welcher ihr zu wandeln angefangen habt, immer weiter und weiter fortſchreitet. Das Ziel 104 Ziel der Vollkommevheit, zu welcher wir Chriſten berufen ſind, geht bis in das Unendliche. Es er⸗ ſtreckt ſich weit uber das Grab in die Ewigkeit hin⸗ aus. Erreichen koͤnnen wir es in dieſem irdiſchen Leben nie, aber immer näher und näher koͤnnen wir ihm miti jedem Jahre unſers Lebens kommen. Wer auf dem Wege zu dieſem Ziel ſtillſteht, kommt ihm nicht allein nicht näher, ſondern er geht ruͤckwaͤrts. Dieß bringt die Natur der Kräfte mit, die Gott in uns gelegt hat. Nur durch Uebung werden ſie ge⸗ ſtärkt und vermehrt. Unterläßt man ſie zu üͤben, ſo werden ſie ſchwächer. Je mehr man ſie ubt, deſto mehr vermehren ſie ſich. Beſtrebt euch alſo ja, aufrichtig, jedes Jahr eures kuͤnftigen Lebens beſſere, edlere, Gott wohigefälligere Menſchen zu werden, als ihr in dem vorhergehenden Jahre eures Lebens geweſen ſeyd. Gebt ſorgfaͤltig auf eure Handlungen Acht, ob dieß wirklich der Fall bey euch iſt, oder ob ihr euch ſelbſt geſtehen muͤßt, daß eure Tugend in dem binzugekommenen Jahre nicht gewachſen iſt, ſondern wohl gar abgenommen hat. Verbeſſert, wenn ihr euch dieß traurige Geſtändniß thun můßt, eure Feh⸗ ler mit der ſtrengſten Sorgfalt. Seyd ihr bey die⸗ ſer Pruͤfung ſaumſelig und nachlaͤßig, ſo ſeyd ihr in Gefahr, nach und nach euer edelſtes Kleinod, die Wuͤr⸗ de des Chriſten, das Wohlgefallen Gottes, ganz zu verliehren. Moͤchte euch doch der barmherzige Gott vor dieſer großen Gefahr behuͤten! Dieß geſchieht aber nie durch Wunder, ihr muͤßt hierzu ſelbſt die Hand bieten, und von dieſer Stunde an, da ihr gleichſam voh von neu ter die worden wandel zu wan P ech no mung d E Chriſti ſtel, o heilige Mine hen T merkſe eineo Stell nunm Und t Kriſt ſeue. nicht, mhr zu es 1 Wen wird 105 von neuem, ſo wie es bey eurer Taufe geſchab, un⸗ ter die Bekenner der Religion Jeſu aufgenommen worden ſeyd, euch mit allem Eifer beſtreben, ſo zu wandeln, wie es Chriſten gebuͤhret, und wie ich euch zu wandeln in dem Vorhergehenden anermahnet habe. Wie ihr dieß anfangen muͤßt, dazu will ich euch noch eine kleine Anleitung geben, damit ihr zweytens verſtehen lernt, wie ihr euch zur Nachah⸗ mung des Beyſpiels Jeſu bilden muͤßt. Studieret erſtlich fleißig den Charakter Jeſu Chriſti, in den Schriften der Evangeliſten und Apo⸗ ſtel, oder mit einem Wort; Forſchet fleißig in der heiligen Schrift, denn ſie iſts, die von ihm zeuget. Meine lieben, meine theuerſten Kinder, laßt die Bibel euern groͤßten Schatz ſeyn. Laßt doch ja kei⸗ nen Tag eures Lebens vergehen, da ihr nicht mit Auf⸗ merkſamkeit, mit Nachdenken, ſelbſt mit Gebeth eine oder die andere euch wichtige, belehrende, troͤſtende Stelle in derſelben leſe. Ich leſe ſie mit Verſtand nunmehr ſeit meinen Juͤnglingsjahren tagtäglich, und räglich finde ich in ihr neuen Unterricht, neue Kraft zum Guten, neue Beruhigung im kLeiden, neue Hoffnung einer ſeligen Zukunft. Glaubt doch nicht, daß die Bibel ein Buch iſt, das ihr nun⸗ mehr nach geendigtem Religionsunterricht nicht mehr zu leſen braucht. Nunmehr muͤßt ihr erſt anfangen, es mit Verſtand zu leſen. Glaubt auch nicht, daß menſchliche Weisheit und Gelehrſamkeit erfordert wird, ſie mit Verſtand zu leſen. Freylich iſt vie⸗ les 106 les darinne fuͤr euch unbrauchbar, unverſtändlich, dunkel. Allein, was ihr daraus zu wiſſen braucht, um euch zu wahren Chriſten zu bilden, euch zu euern Chriſtenpflichten zu ermuntern und darinnen zu ſtär⸗ ken, euch von der ewigen Seligkeit, die euch Jeſus Chriſtus erworben hat, feſt zu uͤberzeugen, das iſt alles ſo klar, ſo deutlich, ſo zuverläßig darinnen enthalten, daß ſich der einfältigſte, bloͤdſinnigſte Menſch davon eben ſo feſt uͤberzeugen kann, als der ſcharfſinnigſte Chriſt, das Weib ſowohl wie der Mann; und ſo lange eure Religionskenntniſſe nicht auf eigne Ueberzeugung aus der heiligen Schrift ſich gruͤnden, ſo lange ſeyd ihr bloße Maulchriſten, die bloß nachbethen, ohne ſelbſt zu denken. Daß ſo we⸗ nig wahre Chriſtenreligion unter uns iſt, ruͤhrt bloß von der Vernachlaͤßigung der Bibel her, und die Quelle dieſer Vernachläßigung iſt bloß der verkehrte Unterricht, mit welchem wir in der Jugend ange⸗ fuͤhrt werden, ſie zu leſen und zu verſtehen. Die Jugend lernt weder ihren Werth, noch die Art ſie zu gebrauchen, kennen. Thoͤrichter Stolz auf Vernunft macht ſie dem Menſchen im reifern Alter ſehr oft ver⸗ aͤchtlich. Huͤtet euch vor dieſem gefaͤhrlichen Irr⸗ thum! Werdet ihr die heilige Schrift oft, gern, mit Verſtand leſen, ſo werdet ihr euch dadurch das zweyte Huͤlfsmittel, das euch nothwendig iſt, wenn ihr euch zur Nachahmung Jeſu bilden wollt, leicht eigen machen. Dieß zweyte Huͤlfsmittel iſt wahre Liebe zu Gott und Jeſu. Ach! meine Kinder, moͤchte ich eure eure ju ſo ſelie und J ſchen ihr ei ben, les be keine ſeſte G Welt der, nicht Kenn Natu Gna ſo de die pfe dor was was der ſur h ſi he * jm he, e n 107 eure jungen gefuͤhlvollen Herzen, zu dieſer ſo edlen, ſo ſeligen Liebe anfeuern koͤnnen! O, liebe zu Gott und Jeſu, moͤchten dieſe Kinder, moͤchten alle Men⸗ ſchen dich zu empfinden faͤhig ſeyn! Möchten ſie durch ihr eignes Gefuͤhl belehrt werden, daß Gott zu lie⸗ ben, Jeſum zu lieben, ſich des Wohlgefallens Got⸗ tes bewußt zu ſeyn, und ohne dieſes Bewußtſeyn iſt keine wahre Liebe zu Gott und Jeſu möglich, das ſüſ⸗ ſeſte Gefuͤhl ſey, das der irdiſche Menſch auf dieſer Welt zu erlangen vermoͤgend iſt! Aber, meine Kin⸗ der, bieſe vorgegebene Llebe zu Gott und Jeſu, muß nicht bloß das ſuͤße Geſchwätz eures Mundes ſeynz ihre Flamme muß wirklich in euren Herzen lodern. Kenntniß Gottes aus ſeinen großen Werken der Natur, Kenntniß Gottes aus den Werken ſeiner Gnade, von welcher euch die göttliche Offenbarung ſo deutlich uͤberzeugt, Bewunderung und Dank fuͤr die großen Wohlthaten, die euch Gott, euer Schoͤ⸗ pfer und Vater tagtäglich erweiſt, Verehrung der erhabenſten Tugenden, welche euch das Bild Jeſu vor Augen ſtellt, unermuͤdete Betrachtung uͤber das, was Jeſus fuͤr euch gethan und gelitten hat, und was ihr ihm dafuͤr ſchuldig ſeyd, dieß alles muß der Grund dieſer Liebe ſeyn. Und wäre denn wohl nur ein einziger Tag eures Lebens moͤglich, an wel⸗ chem ihr nicht mehr als eine Veranlaſſung erhieltet, dieſe Liebe in euch zu gruͤnden, zu vermehren, zu be⸗ ſeſtigen? Vernachläͤßiget ja keine einzige Gelegen⸗ heit, welche die Liebe zu Gott und Jeſu in euren jungen Seelen immer feſter macht. Dieſe tiebe zu Gott 158 Gott und Jeſu iſt euer ſicherſter Schutz wider den BSeele Angriff eines jden Laſters. So lange euch auf allen dereinſt euren Wegen der edle Gedanke begleitet: wie ſollt len. ich ein ſo großes Uebel thun, und wider Gott ſuͤn⸗ Warth digen? ſo lange ſeyd ihr vor jeder Sünde ſicher. dr ird welce Wollt ihr indeſſen euer Herz immer mehr und Nochde mehr zu dieſer Liebe zu Gott und Jeſu ermuntern, ten, di ſo verbindet damit das dritte Huͤlfsmittel, welches ſind, euern Geiſt zu einer getreuen Nachahmung des Bey⸗ vemeh ſpiels Jeſu bilden kann: Denket ernſtlich, oft und mit W gern uͤber alles dasſenige nach, was euch die Reli⸗ thun, gion Jeſu werth und ſchaͤtbar macht. Denket zu⸗ treue foͤrderſt mit Verſtand uber die Beſtimmung nach, zu welcher welcher euch Gott in dieſer Welt berufen hat. Ihr mer m ſollt euch hier durch Tugend und Rechtſchaffenheit urem als vernuͤnftige moraliſche Menſchen zur Aehnlichkeit jeder e mit Gott bilden und euch dadurch zur Fähigkeit des hneh Genuſſes jener ewigen unausſprechlichen Seligkeit vorbereiten, die euch Jeſus Chriſtus durch alles das⸗ jenige, was er fuͤr euch that und litt, erworben hat. Gott Denket anhaltend und ernſtlich uͤber die Mittel nach, fir die ihr anwenden muͤßt, wenn ihr dieſer Beſtim⸗ he ſt mung gemäß handeln wollt. Ihr muͤßt das thun, ſtuuc was die lehre Jeſu fordert. Ihr muͤßt ſeine Gebo⸗ iſt the halten, wenn ihr behaupten wollt, daß ihr ihn ein liebt; ihr muͤßt alſo die Pflichten kennen, die dieſe uch Gebothe von euch fordernz allein, ihr mußt dieſe ſtel. Pflichten nicht bloß kennen, ihr muͤßt ſie auch ge⸗ lug reu ausuͤben. Denket icbbaft und mit heiterer Ve Seele Nen len llt e Seele uͤber die großen Verheißungen nach, die euch 109 dereinſt, nach der Lehre Jeſu, zu Theil werden ſol⸗ len. Ewige, ſelige Unſterblichkeit! Vergleicht den Werth dieſer unſchätzbaren Guͤter mit dem Werth der irdiſchen Guͤter, und entſcheidet mit Vernunft, welche ihr wählen wollt. Verbindet mit dieſem Nachdenken das fleißige Leſen guter erbaulicher Schrif⸗ ten, die der Fähigkeit eures Verſtandes angemeſſen ſind, euer Nachdenken ſchärfen, eure Kenntniſſe vermehren und berichtigen. Werdet ihr alles dieß mit Weisheit, mit Vorſicht, mit anhaltendem Eifer thun, ſo wird es euch deſto leichter werden, ge⸗ treue Bekennerinnen der Religion zu bleiben, zu welcher ihr euch verpflichtet habt. Ihr werdet im⸗ mer mehr und mehr Eifer und Kraft fuͤhlen, Jeſu, eurem großen Vorbilde, nachzuahmen, und dadurch in jeder chriſtlichen Vollkommenheit zu wachſen und zu⸗ zunehmen. Aber, meine Kinder, bey aller eurer Liebe zu Gott und Jeſu, bey allem eurem aufrichtigen Eifer fuͤr Tugend und Rechtſchaffenheit, bleibt ihr ſchwa⸗ che ſinnliche Menſchen! Ach leider! werdet ihr oft ſtraucheln und fallen! Vergeßt alſo nie, daß euer irdiſches Leben ein unaufhoͤrlicher Kampf wider die Suͤnde ſey! Ja, meine Kinder, ich verſchweige es euch nicht. Der Weg der Tugend iſt rauh, er iſt ſteil. Er wird euch viel Muhe, viel Selbſtver⸗ leugnung koſten. Oft werden euch die Freuden der Welt ſußer, als die Freuden des Himmels däuchten Oft 110 Hft wird euch das Land dies ſeits des Grabes ein reizendes Gefilde, das Land jenſeits des Grabes, ein oͤdes, trauriges Land zu ſeyn ſcheinen, und doch liegt fuͤr den Chriſten die Wuͤſte und Einoͤde dies⸗ ſeits, das gelobte Land jenſeits des Grabes. Wie ungluͤcklich wäret ihr alſo, meine Kinder, wenn ihr euch bloß auf eure eigne Tugend ſtützen muͤßtet, um ſo geſinnt zu ſeyn, wie Jeſus geſinnt war. Aber nein, lernt ein viertes Huͤlfsmittel kennen, welches euch Gott ſelbſt verheißen hat, wenn ihr den Fuß⸗ tapfen eures Vorbildes Jeſu getreu folgen wollt. Dieß Huͤlfsmittel iſt der unmittelbare Beyſtand des Geiſtes Gottes. Euer Erloͤſer ſelbſt hat euch in den letzten Augenblicken ſeines irdiſchen Lebens verheißen, daß er euch einen Troͤſter ſenden will, der euch in alle Wahrheit leiten ſoll. Durch ihn ſollt ihr den kind⸗ lichen Geiſt in eure Herzen empfangen, durch welchen ihr rufen koͤnnt, Abba lieber Vater! Seine Ver⸗ heißungen ſind wahr und untruͤglich. Nur macht euch keine irrigen Vorſtellungen von ihnen. Dieſer Geiſt Gottes wirkt, wie ich euch ſchon oft geſagt habe, gewiß in euch, wenn ihr ſeine Wirkung nicht durch euer eignes Betragen hindert. Er wirkt in euch ge⸗ wiß, wenn ihr auch gleich die Wirkung ſeiner Kraft von den Wirkungen eurer eigenen Krafte nicht unter⸗ ſcheiden koͤnnt. Lernt aber auch einſehen und ver⸗ ſtehn, was denn ihr von eurer Seite thun muͤßt, wenn ihr des Beyſtandes dieſes Geiſtes Gottes theilhaftig werden wollt. Ihr muͤßt erſtlich Gott um dieſen Bey⸗ ſtand aufrichtig bitten; er will ſeinen Geiſt geben denen, denen, kung n ihr mi entſchl ſen En eignen fromm ſehren tet im ſündige ſrung weiſen gensre veme wande his zu Schet ihr he ſicher Jſ wenn Gehr vn6 ts, Iiſ einet Nac beda in 3, 8⸗ ie ihr n et es l. lle n er⸗ cht ſer be, e aſt er⸗ er enn ſtig ben en⸗ 111 denen, die ihn darum bitten. Ihr muͤßt ſeine Wir⸗ kung nicht in ſtumpfer Trägheit erwarten. Nein! ihr muͤßt ſelbſt handeln; ihr muͤßt euch aufrichtig entſchließen, fromm und gut zu ſeyn. Ihr muͤßt die⸗ ſen Entſchluß zur That machen, ihr muͤßt mit euern eignen Kraͤften, den Anfang machen, ſtets gut und fromm zu handeln, ihr muͤßt aber auch getreu fort⸗ fahren ſo zu handeln. Ihr muͤßt, ſo oft ihr ermat⸗ tet im Kampf wider die Suͤnde, ſo oft ihr ſelbſt ſuͤndiget, nicht durch leere Reue, nein, durch Beſ⸗ ſerung eures Lebens, euren Haß wider die Suͤnde be⸗ weiſen; dann wird eure angewandten Kräfte der ſe⸗ gensreiche Beyſtand des Geiſtes Gottes ſegnen und vermehren. Ihr werdet ſodann immer wuͤrdiger wandeln dem Beruf, zu welchem ihr berufen ſeyd, bis zu dem großen Tag der Erſcheinung Jeſu Chriſti. Sehet hier das ganze Geſchäft eurer Heiligung, wie ihr handeln muͤßt, um des Beyſtandes Gottes ver⸗ ſichert zu ſeyn. Dieß vierte Hülfsmittel, euch zur Nachahmung Jeſu zu bilden, werdet ihr deſto gewiſſer erlangen, wenn ihr damit das fuͤnfte verbindet: Den oͤftern Gebrauch der von Gott und Jeſu euch angebote⸗ nen Gnadenmittel: Gebeth, Unterricht ſeines Wor⸗ tes, Stiftungsmahl des Gedaͤchtniſſes des Todes Jeſu. Ein vernuͤnftiges, aufrichtiges Gebeth iſt eines der kraͤftigſten Mittel, euch in dem Eifer der Nachahmung des Beyſpiels Jeſu zu ſtarken. Zwar bedarf Gott eures Gebeths nicht, aber ihr beduͤrft ſeiner. 112 ſeiner. Das Gebeth bringt euch in die nähere Ver⸗ bindung mit Gott, als Kinder mit ihrem guͤtigen Vater. Es verſchaft euch die ſuͤßeſten Freuden; Freuden der Andacht. Es erweckt in euch das ſo ſelige Gefuͤhl der Wuͤrde der Kinder Gottes. Es ſtaͤrket eure Liebe zu Gott und Jeſu. Aber lernt recht bethen, lernt vorzuglich aus dem Herzen bethen. Dieß werdet ihr alsdann thun koͤnnen, wenn ihr euch zu Gott ſo naht, wie ſich wohlgezogene Kinder ihren Eltern nahen, und ſie voll Liebe, voll Zuver⸗ ſicht, voll Ergebung in den Willen ihrer Eltern, um das bitten, was ihnen gut und nuͤtzlich iſt. Vernachlaͤßiget ferner nie den Unterricht des gottlichen Wortes. Dieß ſey eure tägliche, eure liebſte Beſchaͤftigung. Nutzet dieſen Unterricht, wie ich euch ſchon erinnert habe, durch vernuͤnftiges Le⸗ ſen der heiligen Schrift, durch aufmerkſame, zweck⸗ maͤßige Abwartung der oͤffentlichen Gottesverehrun⸗ gen, durch Leſung erbaulicher, guter, eurem Ge⸗ ſchlecht und euern Verſtandesfaͤhigkeiten angemeſſe⸗ ner Religionsſchriften. Genießt oft, freudig, und mit. richtiger Einſicht, die ehrwuͤrdige Stiftung des Ge⸗ daͤchtniſſes des Todes Jeſu, das heilige Abendmahl. Lernt den großen Zweck dieſer Handlung verſtehen und gebrauchen. Der Hauptzweck dieſer Handlung iſt Staͤrkung in allen euren Pflichten, beſonders in der Liebe zu Gott und Jeſu, feyerliches wiederholtes Bekenntniß, daß ihr Verehrerinnen und Freundin⸗ nen dieſes Jeſu ſeyd, Erneuerung des Geluͤbdes, das das ihr daß ih euch ge eurer einigm Schwe ley V nit eu Handli es auc wurdi wenn zwecke G nen w nacha war; ernſt meit chriſ ju be mun benen Got den ſord Go mit er⸗ gen en; ſo ent en. ihr der um 113 das ihr heute abgelegt habt, Beweiß eurer Hofnung, daß ihr nur um desjenigen willen, was Jeſus fuͤr euch gethan und gelitten hat, Gnade und Vergebung eurer Suͤnden von Gott erwartet, die genaueſte Ver⸗ einigung mit allen euren chriſtlichen Bruͤdern und Schweſtern, als Erloͤſete Jeſu Chriſti, die zu einer⸗ ley Wuͤrde, zu einerley Hofnung der Kinder Gottes mit euch berechtiget ſind. Alles andere bey dieſer Handlung iſt Nebenwerk, und in welchem Sinn ihr es auch nehmt, ſo hindert es euch nicht an dem wuͤrdigen Genuß dieſer Stiftung eures Erloͤſers, wenn ihr mit dieſem Genuß die Erreichung des Haupt⸗ zwecks verbindet. Sehet, meine Kinder, ich habe euch nach mei⸗ nen wenigen Kraͤften gezeigt, was das heißt: Jeſu nachahmen. Es heißt: geſinnt ſeyn, wie er geſinnt war; ſich nach ſeinen Tugenden bilden; jede Tugend ernſtlich auszuuͤben, jedes Laſter ſorgfaͤltig zu ver⸗ meiden ſich bemuͤhen; in der Vollkommenheit jeder chriſtlichen Tugend täglich wachſen. Ich habe euch zu belehren geſucht, wie ihr euch zu dieſer Nachah⸗ mung bilden muͤßt, durch Kenntniß des edlen, erha⸗ benen Charakters Jeſu Chriſti, durch fleißiges, ver⸗ nuͤnftiges Leſen der heiligen Schrift, durch Liebe zu Gott und Jeſu, durch anhaltendes vernuͤnftiges Nach⸗ denken uͤber alles, was die Religion Jeſu von euch fordert, durch Bitte um den Beyſtand des Geiſtes Gottes, durch fleißigen Gebrauch der von Gott euch mitgetheilten Gnadenmittel, der Kraft des Gebets, des H Un⸗ 114 Unterrichts des goͤttlichen Worts, des wuͤrdigen zweck⸗ maͤßigen Gebrauchs des heiligen Abendmahls. Brau⸗ che ich euch wohl nunmehr noch weitlaͤuftig zu bewei⸗ ſen, wie ihr durch wahre aufrichtige Nachahmung des Beyſpiels Jeſu den ſicherſten, zuverlaͤß igſten Weg waͤhlt, zu ſeyn, was ihr ſeyn ſollt: Chriſten, die ſich immer mehr und mehr durch chriſtliche Vollkom⸗ menheit zur Aehnlichkeit mit Gott bilden. Euer Er⸗ loͤſer ſagt ja ſelbſt: ein guter Baum nur kann gute Fruchte bringen. Er belehrt euch ja ſelbſt: Ihr ſeyd meine rechten Juͤnger, wenn ihr thut, was ich euch gebiethe. Ja, meine Kinder, nur dann, wenn ihr ſo geſinnt ſeyd, wie Jeſus Chriſtus geſinnt war, wenn ihr dem Vorbilde getreu folgt, das er euch gelaſſen hat, dann iſt es ganz unmoͤglich, daß ihr jemals das Geluͤbde vergeſſen koͤnnt, das ihr jetzt abgeleget habt. Euer großes Vorbild, Jeſus Chriſtus, ſchwebt euch ſodann ſtets vor Augen, und bey jeder Suͤnde, die euch lockt, wird euch der große Gedanke ſtaͤrken: Wenn ich ihr folgte, wuͤrde ich den Sinn Chriſti nicht haben, und hätte ich den Sinn Chriſti nicht, dann waͤre ich nicht ſein, nicht mehr ein Kind Gottes, meines himmliſchen Vaters. Rur bey dieſen Geſin⸗ nungen werdet ihr euch wirklich die erhabenen Vor⸗ zuge des wahren Chriſten zueignen koͤnnen. Mochten doch dieſe Vorzuͤge ſtets euer edelſter Schmuck ſeyn! Nur mit wenigem kann ich euch noch ermuntern, ſie zu beſitzen. Lernt ſie kennen und ſchätzen! Nur des⸗ wegen ſind ſo wenig Menſchen wahre Chriſten, weil ſie die großen Guͤter, die erhabenen Frruden des Chri⸗ Chriſt der M des al Gott kannſt Staul Gort und w Gott, des kei der B laſſen ſeyn? Voler Velch ſtts h ſten, Endli ſelige des dieſe dieſes ſilbſt als de Min Stau beyi ſeine komn „Gl eck⸗ qu⸗ ei⸗ ung beg die om⸗ Er⸗ ute ſeyd euch ihr enn ſen das abt. uch die en: riſti icht, teb, ſin⸗ or⸗ hten yn! ern, des⸗ weil des hri⸗ 115 Chriſtenthums nicht zu empfinden faͤhig ſind. Wie? der Menſch, der elende, ſchwache Menſch, ein Kind des allmaͤchtigen, allweiſen, allguͤtigen Gottes, dieſer Gott ſein Vater? Welche gröpere, erhabenere Wuͤrde kannſt du dir denken, Menſch, du Bewohner des Staubes, dieſer Erde? Der Chriſt, zufrieden mit Gott bey jedem Schickſale ſeines Lebens, dankbar und weiſe im Genuß des Gluͤcks, voll Vertrauen zu Gott, voll Gehorſam gegen ihn in den truͤben Tagen des Leidens; wie konnte ſich dieſer Chriſt der Sorge, der Bekuͤmmerniß, der Verzweiflung jemals uber⸗ laſſen? Wie koͤnnte er jemals elend oder ungluͤcklich ſeyn? Der Chriſt unter der leitenden Hand ſeines Vaters, ſtets ruhig, ſiets heiter, ſtets froͤhlich! Welcher Menſch wuͤnſchet denn nicht ſtets ruhige, ſtets heitere, ſtets frohe Tage? Seyd wahre Chrie ſten, meine Kinder, wenn auch ihr ſie genießen wollt! Endlich der Chriſt, voll der gewiſſen Hoffnung einer ſeligen Unſterblichkeit? Was kann denn den Geiſt des Menſchen uͤber jedes elende, vergängliche Gluͤck dieſer Erde, uͤber jedes noch ſo empfinbliche Leiden dieſes irdiſchen Lebens mehr erheben, was kann ihn ſelbſt wider die Schrecken des Todes mehr ſtärken, als der erquickende Gedanke: Ich bin unſterblich! Mein Geiſt geht, bey der Aufloͤſung ſeines Koͤrpers in Staub und Moder, zu Gott ſeinem Vater, genießt bey ihm ewige, ſelige Unſterblichkeit, und ſelbſt mit ſeinem Koͤrper ſoll er dereinſt weit feſter, weit voll⸗ kommner vereiniget werden. O Wuͤrde, o Freude, o Gluͤck des Chriſten! Was kann denn der Wuͤnſche H2 eines 116 eines vernuͤnftigen Geiſtes mehr werth ſeyn, wenn es dieſe Wuͤrde, dieſe Freude, dieß Gluͤck nicht iſt? Moͤchte doch auch in euren jungen Seelen der Wunſch ſtets lebhaft ſeyn, dieſer Wuͤrde, dieſer Freude, die⸗ ſes Gluͤcks theilhaftig zu werden, ſie ſtets zu beſitzen, nie zu verlieren! Warlich, es verlohnt ſich der Muͤhe, ein Chriſt zu ſeyn. Wenn es gleich Muhe koſtet, es zu ſeyn, ſo iſt auch der Gewinn deſto groͤßer. Ich bitte euch alſo, ja ich beſchwoͤre euch vor den Augen des allwiſſenden, allhier gegenwärtigen Gottes, be⸗ ſtrebet euch aus allen Kräften, die Religion Jeſu, zu der ihr euch jetzt verpflichtet habt, nicht bloß mit dem Munde zu bekennen, ſondern ihre Vorſchriften durch euer ganzes Leben hindurch getreu zu befolgen. Ja, dieſe goͤttliche Religion ſey eure Führerin auf jedem Pfad eures Wandels auf Erden, dieſet Pfad ſey rauh und muͤhſam, oder mit Blumen der Freude und des Gluͤcks geſchmuͤckt. Ach! dieſer letztere Weg iſt der gefaͤhrlichſte fuͤr euch, und dieſe treue Führe⸗ rin, die Religion, iſt euch ſodann noch weit, weit nothwendiger. Auch ich will die wenigen Schritte, die ich noch bis zum Grabe habe, euer warnender Freund, euer treuer Rathgeber ſeyn. Und dann, wenn ich es nicht mehr ſeyn kann, dann ſoll wenig⸗ ſtens der letzte Wunſch meines brechenden Herzens, wenn auch mein ſchwacher Mund ihn nicht mehr aus⸗ ſprechen kann, füͤr alle meine Kinder dieſer ſeyn: Heiliger Vater, erhalte ſie alle, die du mir gegeben haſt, in deinem Namen und bewahre ſie vor dem Uebel! Dann ſterbe ich ruhig, wenn ich die Erfuͤllung die⸗ dieſes laß ic ſchen Gott richti mit eu that, mahls gemei du all Geho entſch in w oPe wir chen bel ben und lß deln Uns vol hoſ wi wi Uht 117 dieſes ineines letzten Wunſches hoffen darf, dann ver⸗ laß ich euch reich, bey aller meiner Armuth an irdi⸗ ſchen Guͤtern. Laßt uns denn, meine Kinder, gemeinſchaftlich Gott nahen, und ihm unverbruͤchliche Treue, auf⸗ richtigen Gehorſam ſchworen. Auch ich wiederhole mit euch feyerlich mein eignes Geluͤbde, das ich Gott chat, als ich zum wuͤrdigen Genuß des Gedächtniß⸗ mahls des Todes Jeſu vorbereitet ward. Laßt uns gemeinſchaftlich beten; Siehe! hier ſind wir, o Gott, ich und die Kinder, die⸗du mir gegeben haſt. Hier vor dir, der du alles weipr, geloben wir dir feſte Treue, willigen Gehorſam. Hier vor dir, dem Allgegenwaͤrtigen, entſchließen wir uns, in den Fußtapfen zu wandeln, in welchen Jeſus gewandelt hat. Verleihe du uns, o Vater, den Beyſtand deines guten Geiſtes, daß wir auch ſtets getreu erfullen, was wir jetzt verſpro⸗ chen haben. Laß den Geiſt und Sinn Chriſti uns beleben. Laß uns empfinden, dieß ſey das ewige ke⸗ ben, daß wir dich, der du allein wahrer Gott biſt, und den du geſandt haſt, Jeſum Chriſtum, erkennen. Laß uns aber auch dieſer Erkenntniß ſtets gemaͤß han⸗ deln, und ſtärke uns hierzu durch deinen Geiſt, der uns in alle Wahrheit leiten ſoll. Ja, guͤtiger Gott, vollende das gute Werk, das du in uns angefangen haſt, und heilige uns in deiner Wahrheit. Aber ach! wir fuhlen es, was fuͤr ſchwache, ſinnliche Menſchen wir ſind! Verlaß uns nicht, Barmbherziger, wenn uns die Suͤnde lockt. Gieb uns Kraft, ihr zu wi⸗ der⸗ 118 derſtehen. Und ach! wenn wir ſtraucheln, wenn wir ganz fallen, dann erbarme dich unſer; dann wecke uns durch die warnende Stimme unſers Gewiſſens, ſelbſt durch Leiden und Truͤbſale, aus dem Schlum⸗ mer der Suͤnde. Wirke in uns Reue auftrichtige Reue uͤber unſere Suͤnden; entzuͤnde in uns neuen vermehrten Eifer im Guten, und dann nimm uns Schwache, die du um deines Sohnes Jeſu willen begnadiget haſt, wieder unter die Zahl deiner Kinder auf, und gedenke unſrer Suͤnden um ſeinetwillen nicht. Wirſt du, mein Schoͤpfer und Herr, mich bald von dieſen Kindern und ihren Geſchwiſtern abrufen, und mir in deinem unermeßlichen Reiche einen andern Wirkungskreis anweiſen, dann, Allguͤtiger, ſey du uller meiner Kinder Vater; ich bitte fur ſie nicht um Reichthum, nicht um Ehre, aber das bitte ich fuͤr ſie: Gieb ihnen allen ein frommes, dir geheiligtes Herz. Wenn wir dereinſt in jenen beſſern Woh⸗ nungen der Ruhe und des Friedens, vereint vor dem Throne deiner Herrlichkeit erſcheinen werden, dann laß mich das ſuͤßeſte Gluͤck, das ich mir wuͤnſchen kann, empfinden, das Gluͤck, vor dir freudig ruͤh⸗ men zu koͤnnen: Ich habe deren keinen verlohren, die du mir gegeben haſt! Ach, meine Kinder! Ich beſchwoͤre euch vor dem Angeſicht Gottes; wendet allen euern Fleiß, euren Eifer an, daß dieß Gluͤck, meine Hofnung in die⸗ ſem irbiſchen Leben, mein Troſt im Tode, meine Freude in jener beſſern Welt ſeyn moͤge! * II. unze So wir ecke ns, um⸗ tige Uen uns len der ald fen, ern du um fuͤr ſes oh⸗ dem ann hen üh⸗ die dem ren die⸗ eine III. Von dem unzertrennbaren Zuſammenhang aller chriſtlichen Tugenden. Ep. Jacobi C. 2. v. 10. So Jemand das ganze Geſetz halt, und ſuͤndiget un ei⸗ nem, der iſt es ganz ſchuldig. De Ausſpruch des Apoſtels, uͤber welchen wir jetzt nachdenken wollen, ſcheint allerdings ſehr hart zu ſeyn. So Jemand das ganze Geſetz haͤlt, und ſundiget an einem, der iſt es ganz ſchuldig. Wie? der ſchwache ſinnliche Menſch, der ſo leicht der Raub ſeiner Sinnlichkeit wird, hat er wohl Kraft genug, jedem Verſuch zur Suͤnde zu widerſtehen? Wird denn Gott, der Allguͤtige, der Barmherzige, der uͤbri⸗ gen Tugenden, die dieſer ſchwache Menſch ſo gern, ſo willig ausuͤbt, nicht gedenken, weil er nicht Kraft genug hat, einem einzigen Laſter zu widerſtehen? Gern moͤchten wir uns freylich durch eine unſrer Sinnlichkeit ſchmeichelnde Antwort auf dieſe Frage beruhigen. Allein, ſo gern wir uns auch mit der Nachſicht eines guͤtigen Gottes taͤuſchen moͤchten, ſo iſt doch die Behauptung des Dichters wahr: Es iſt nicht mehr als eine Tugend, und nur ein Laſter neben ihr, und der Ausſpruch des Apoſtels in unſerm Teyt verdient es allerdings, daß wir ihn feſt in unſer Herz pragen, und uns von der Wahrheit deſſelben auf das ſtärkſte zu uͤberzeugen ſuchen. Es iſt dieß um deſto mehr noͤthig, da der Chriſt, dem es ein Ernſt iſt, nach chriſtlicher Tugend und Rechtſchaffenheit zu ſtre⸗ ben, nicht leicht in eine gefaͤhrlichere Lage, welche ihn ganz an der Erreichung ſeiner Abſicht hindert, ge⸗ rathen 122 rathen kann, als wenn er den Zuſammenhang aller chriſtlichen Tugenden trennt, die eine fuͤr weniger wichtig als die andere hält, das eine Laſter fur ver⸗ zeihiicher anſieht, als das andere. Es iſt nicht ge⸗ nug, daß er ſodann die Vergnuͤgungen der Tugend nie ganz und ungeſtoͤrt genießt, daß er ſich nie einer wahren reinen Liebe zu Gott ruͤhmen kann, daß er nie das Ziel der chriſtlichen Vollkommenheit erreicht, das er erreichen ſoll und erreichen kann. Nein! ſeine Abneigung von einer Tugend, deren Ausübung ihm ſchwer wird, ſein Hang zu einem Laſter, deſſen Reiz ihn feſſelt, macht ihn ſelbſt gegen die andern Tugen⸗ den, die ihm werth ſind, kalrſinniger, ſchwaͤcht ſeine moraliſche Kraft, ſich ihnen zu widmen, macht ſie ihm nach und nach zu einem beſchwerlichen Joch, na⸗ hert ihn jedem Laſter, das er bisher verabſcheute. Laßt uns dieß alles genauer uberdenken, meine lieben, und daraus erkennen, wie wahr der Apoſtel ſpricht, wenn er behauptet: So Jemand das ganze Geſetz hält, und ſundiget an einem, der iſts ganz ſchuldig. Dieſe Erkenntniß wird uns antreiben, uns aller und jeder chriſtlichen Tugenden ohne Ausnahme zu befleißigen, alle Laſter, ohne Vorbehalt, zu ver⸗ abſcheuen. Unſer Hauptſatz wird ſeyn: Der Chriſt muß ſich aller und jeder chriſtlichen Tugenden, deren Ausuͤbung die Lehre Jeſu von ihm fordert, ohne Ausnahme befleißigen, wenn er ein wahrer Chriſt ſeyn will. ————— — hauyt ſeh,k unſer můß Moch uns a eine deren wit d wirz jiger zend edle die ten? ſtr chel ibe luſ der un kri alle iger ver⸗ ge⸗ gend iner ß er icht, eine ihm Reiz gen⸗ eine ſie n⸗ ine ſtel me un ns me r⸗ m in 123 Wir muͤſſen hierbey dreyerley beobachten: Erſtlich muͤſſen wir erweiſen, daß dieſe Be⸗ hauptung wahr ſey. Zweytens můſſen wir darthun, daß es moͤglich ſey, dieſe Behauptung zu befolgen. Drittens werden wir lernen muͤſſen, wie wir unſer chriſtliches Verhalten dieſer Behauptung ge⸗ maͤß einzurichten haben. Iſt es alſo wahr, was der Apoſtel behauptet? Machen wir uns der Uebertretung der Pflichten, die uns als Chriſten obliegen, ſchuldig, wenn wir nur eine Art der cheiſtlichen Tugenden vernachlaͤßigen, deren Ausuͤbung in unſerer Gewalt war? Koͤnnen wir die Wuͤrde des Chriſten nicht behaupten, wenn wir zu ſchwach waren, der Verſuchung zu einem ein⸗ zigen Laſter zu widerſtehen, deſſen Genuß uns ſo rei⸗ zend zu ſeyn ſcheint? Wie? Ich habe ein zu allen edlen Handlungen der Gottes⸗ und Menſchenliebe fahiges Herz? Muß ich denn demohnerachtet auch die ſtrengſte Keuſchheit und Enthaltſamkeit beobach⸗ ten? Ich verabſcheue alle Laſter; ſollte es denn ſo ſtrafbar ſeyn, wenn ich mich der meinem Witz ſo ſchmei⸗ chelhaſten Spoͤtterey uber die Fehler meines Nächſten uͤberlaſſe? Wenn ich ihm, mich und Andere zu be⸗ luſtigen, Fehler andichte, ihn verleumde? Ach! lei⸗ der! mein Freund, verurtheilt dich der Apoſtel in unſerm Tert. So du alle Gebothe hältſt, und uͤber⸗ trittſt das eine, der Keuſchheit, der Nachſicht, der Liebe 124 Liebe gegen deinen Nächſten, ſo haſt du das ganze Ge⸗ ſes uͤbertreten. Folge mir mit deinen Gedanken, und laß uns prufen, ob der Apoſtel die Wahrheit be⸗ hauptet? Frage dich ſelbſt, der du ein Chriſt ſeyn, ein Chriſt heißen willſt, was fordert dein großer Lehrer von dir? Sast er dir nicht: Seyd vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen iſt? Und dieſe Vollkommenheit, nach welcher du ſtreben ſollſt, worinne kann ſie denn ſonſt beſtehen, als in der im⸗ mer wachſenden Aehnlichkeit mit dieſem deinem groſ⸗ ſen Lehrer, dem verſinnlichten Bilde der Gottheit? Und wo war denn etwan eine Tugend, welche er nicht ausuͤbte? Wenn uͤbertieß er ſich je einer ſinnlichen Luſt, die ihm verwerflich daͤuchte, wenn ſie auch noch ſo unbedeutend zu ſeyn ſchien? Wie willſt du in deſſen Fußſtapfen wandeln, der dir ein Vorbild ge⸗ laſſen hat, dem du nachfolgen ſollſt, wenn du dich nicht nach ſeinem Beyſpiel bildeſt? Iſt er nicht der Heiligſte und Gerechteſte, wie ſein Vater? Und iſt nicht Verabſcheuung jedes Laſters der Inbegriff der Heiligkeit Gottes? Koͤnnteſt du, ohne Empfindung dieſes Abſcheues, dich ruhmen, nach der Aehnlichkeit mit ihm zu ſtreben? Und die Verabſcheuung alles desjenigen, was Süͤnde iſt, ſchließt ſie nicht auch zugleich den Eifer fur alles dasjenige, was edel und gut iſt, in ſich? Beſteht alſo die wahre Wuͤrde des Chriſten, der hohere oder niedere Grad dieſer Wurde, in der groͤßern oder geringern Aehnlichkeit mit Goct, mit nit Je ſelbſt der L Tuge ſorde ſeligk ten wi hem e als n hern komn deine ſorgf deine nach ähn alle iſt dat Ve me ver ein Ue ſh vl eGe⸗ und it be⸗ „ein ehrer men, Und ſollſt, ichen noch u in dich t der o iſt der ung 125 mit Jeſu Chriſto, in jeder Tugend, ſo ſiehſt du leicht ſelbſt ein, wie nothwendig es iſt, daß du das Geboth der Lehre Jeſu, welches dich zur Ausubung einer jeden Tugend, zur Verabſcheuung eines jeden Laſters auf⸗ fordert, getreu und unverbruͤchlich beobachten mußt. Noch mehr: Er, der Alleinſelige, welcher Giuͤck⸗ ſeligkeit uber alle ſeine vernuͤnftigen Geſchoͤpfe verbrei⸗ ten will, kann ihnen dieſe Gluͤckſeligkeit in einem hoͤ⸗ hern oder geringern Grad nie zu Theil werden laſſen, als nach dem Maaße, nach welchem ſie ſich einem hoͤ⸗ hern oder geringern Grad der Aehnlichkeit ſeiner Voll⸗ kommenheiten nähern. Je reiner alſo, o Menſch, deine Seele von jeder unordentlichen Begierde iſt, je ſorgfaͤltiger du dich beſtrebſt, den ganzen Umfang aller deiner Pflichten zu erſüllen, deſto mehr bildeſt du dich nach deinem großen Vorbilde, Jeſu Chriſto, deſto ahnlicher wirſt du dadurch ihm und Gott, dem Urbild aller Vollkommenheit, und deſto hoͤher, deſto reiner iſt alſo auch der Genuß der Gluͤckſeligkeit, welcher dir dadurch zu Theil wird. Jede Luſt zur Suͤnde, jede Vernachläͤßigung deiner Pflicht, vermindert die Sum⸗ me der Gluͤckſeligkeit, die du als Chriſt zu genießen vermoͤgend biſt, und ſie macht dich daher, da du an einem Geſetz der chriſtlichen Sittenlehre ſundigeſt, der Uebertretung des ganzen chriſtlichen Sittengeſetzes ſchuldig. Ferner: Jedes Geſetz Gottes, auf welches ſich chriſtliche Tugend und Rechtſchaffenheit gruͤndet, iſt von gleichem Anſehen, denn ſie zielen alle darauf ab, dich 126 dich darzu zu erziehen, wozu du durch ſie erzogen wer⸗ den ſollſt, zur immer wachſender Aehnlichkeit der Vollkommenheit Gottes und Jeſu Chriſti. Jede, auch die unbedeutend ſcheinende Uebertretung des einen oder des andern dieſer Geſetze, enefernt dich von dem Zweck, nach welchem du ſtreben ſollſt. Alle dieſe Geſetze muͤſſen alſo gleich wichtig fuͤr dich ſeyn, und jede Uebertretung derſelben iſt Ungehorſam gegen deinen Geſetzgeber und Herrn. Erwäge annoch uͤberdieß, daß die chriſtlichen Tugenden in der genaueſten Verbindung ſtehen. Wer die eine vernachläßiget, erſchwert ſich auch die Aus⸗ uͤbung der uͤbrigen, denn er ſchwächt dadurch ſein mo⸗ raliſches Gefuhl fuͤr alles, was ſchoͤn, edel und gut iſt. Laßt uns das mit einigen Beyſpielen erläutern⸗ Du uͤberläßt dich dem Rauſche der Vergnuͤgungen mehr, als es deine Pflicht erlaubt. Du entſchuldigeſt dich, es ſey dir vergoͤnnt, Freude zu genießen, aber du vergißt dabey, mit wie viel weiſer Maßigung dieß geſchehen muß. Erforſche doch dein eignes Herz; hiſt du denn in dem Taumel der Luſt ſo ſehr Herr uͤber dich ſelbſt, daß du das Vergnügen, das du jetzt ge⸗ nießeſt, jeden Augenblick gern und willig aufopferſt, ſobald die Ausuͤbung dieſer oder jener Pflicht es von dir fordert? Wird dir nicht alsdann die Ausuͤbung dieſer Pflicht weit ſchwerer werden, als wenn du dich nie unter die Herrſchaft der ſinnlichen Luſt erniedri⸗ geſt? Oder: Dein Herz gluͤht wirklich von der edel⸗ ſten Menſchenliebe, aber der Schmeichler bewunderte deinen der der bt 3h Au nac in Un 6G be ſe wer⸗ der Jede, des dich Ale ſeyn, egen chen Wer Aus⸗ mo⸗ gut ern. gen igeſt aber dieß r ber ge⸗ rſt, von ung dich dri⸗ del⸗ erte nen 127 deinen Witz. Dieſe Bewunderung verleitete dich, die Fehler deines Nächſten aufzuſuchen, ſie dem Spott und dem Lachen Preis zu geben. Wirſt du dich dann noch mit dem edlen Eifer anſtrengen, fuͤr das Beſte deines Nächſten zu wirken, wenn du dich ſtets mit der Aufſuchung ſeiner Fehler und Schwächen beſchäf⸗ tigeſt? Ja! meine Lieben, gebt auf euer eignes Herz ſorgfaltig Acht, und die Erfahrung wird euch lehren, daß Abweichung von einer Tugend, Hang zu einem Kſter, Abweichung von jeder Tugend Keim zu jedem Laſter iſt. Nur geſchwinder oder langſamer verlaßt ihr die eine, naͤhert ihr euch dem andern. Kein Menſch ward auf einmal der vèrworfenſte Boͤſewicht; aber der erſte Schritt auf der Bahn der Laſter näherte ihn der hoͤchſten Stufe der Verworfenheit und der Bosheit. Erinnert euch endlich, daß Liebe zu Gott und der daraus entſtehende Gehorſam gegen ſeine Gebothe der Bewegungsgrund ſeyn muß, der euch zur Aus⸗ ubung einer jeden Tugend antreiben muß. Und wie? Ihr wolltet mit Vorſatz eine einzige Tugend, deren Ausubung die Gebothe Gottes von euch fordern, ver⸗ nachläßigen? Ihr welltet mit Vorſatz euch einem einzigen Laſter uͤberlaſſen, welches ſie euch verbiethen? Und ihr wolltet euch demohnerachtet ruhmen, daß ihr Gott liebt? O ſchwache Menſchen, die ihr euch ſelbſt betruͤgt! Wer ſagt, ich kenne ihn, und es iſt un⸗ moglich ihn zu kennen, ohne ihn zu lieben, und haͤlt ſeine Gebothe nicht, der iſt ein Luͤgner, und die Wahr⸗ 128 Wahrheit iſt nicht in ihm. Nur an dem merken wir, daß wir ihn kennen, ſo wir ſeine Gebothe hal⸗ ten. Wollt ihr zeigen, daß ihr Gott wirklich liebt, ſo muͤßt ihr alle ſeine Gebothe halten, ohne Aus⸗ nahme; und ſeine Gebothe ſind nicht ſchwer. Loͤßt ihr, durch Vernachläßigung einer Tugend, durch Hang zu einem Laſter, ein einziges Glied von der Kette, welche euch durch Liebe zu Gott mit ihm ver⸗ einiget, und durch dieſe Vereinigung mit ihm eure eigne und Gluͤckſeligkeit befeſtiget, ſo zerbrecht ihr dieſe Kette ganz. Eure tiebe zu Gott wird erſt lau, dann kalt, dann kaͤlter und ihr werdet Gefahr laufen, dieß ſelige Gefuͤhl ganz zu verlieren. Ich denke, meine Geliebten, ich habe euch Gruͤnde genug an das Herz gelegt, welche euch uͤber⸗ zeugen koͤnnen, in welch einem unzertrennbaren Zu⸗ ſammenhange alle chriſtliche Tugenden unter einander ſtehen, und daß die Vernachläßigung einer einzigen Tugend, der Hang zu einem einzigen Laſter, unſern Eifer fuͤr jede Tugend, unſern Abſcheu fuͤr jedes La⸗ ſter, nach und nach ſchwaͤcht, und endlich ganz ver⸗ nichtet. Wir werden uns alſo uberzeugt fuhlen, wie wahr der Apoſtel ſpricht, wenn er ſagt: So Je⸗ nand das ganze Geſetz haͤlt, und ſuͤndiget an einem, der iſt es ganz ſchuldig. Iſt aber dieſer Ausſpruch wahr, ſo folgt von ſich ſelbſt daraus: Der Chriſt muß ſich aller und jeder Tugenden, deren Ausuͤbung die Lehre Jeſu von ihm fordert, ohne Ausnahme befleißigen, wenn er ein wahrer Chriſt ſeyn will. 11 Allein, iſt, unm Wit erfüͤ geni einz an Men ollzu ford nich und gen, ihre daß ech che. lun dar ſen iſt, ſien u me 90 erken hal⸗ liebt, Aus⸗ üßt durch nder ver⸗ eure brecht derſt verdet lieren. euch uͤber⸗ Zu⸗ onder nzigen unſern es L⸗ Je⸗ inem, ſpruc Cyriſ ubung zahne Mein, 129 Allein, was hilft es uns, daß dieß alles wahr iſt, wenn es uns ſchwachen ſinnlichen Menſchen ganz unmoͤglich iſt, dieſer Wahrheit gemäß zu handeln? Wie? wir ſollen alle Gebothe Gottes ohne Ausnahme erfuͤllen, wenn wir die Frucht dieſes unſers Gehorſams genießen wollen, wir, denen es oft ſo ſchwer wird, ein einziges dieſer Gebothe zu erfüllen? Sind wir nicht an Verſtand und Kraft zum Guten allzueingeſchraͤnkte Menſchen? Iſt nicht unſer Hang zum Sinnlichen allzuſtark? die Gefahr, und der Reitz zu ſuͤndigen, zu haͤufig und zu groß? Sollte Gott mehr von uns fordern, als wir zu leiſten vermoͤgend ſind? Iſt er nicht gutig und nachſichtsvoll bey allen unſern Fehlern und Schwachheiten? Ihr habt Recht zu dieſen Fra⸗ gen, wenn die Behauptung des Apoſtels bey aller ihrer Wahrheit zu hart, und es nicht moͤglich iſt, daß ihr ſolcher gemaß handeln koͤnnt. Allein, täuſcht euch nicht ſelbſt durch eine falſche Vorſtellung der Sa⸗ che. Alle Gebothe Gottes ſind Gebothe der Liebe, wie koͤnnte er etwas von euch fordern, deſſen Erfuͤl⸗ lung euch unmoͤglich wäre? Es kommt alſo bloß darauf an, daß ihr euch richtige Begriffe zu verſchaf⸗ fen ſucht, wie und auf was fuͤr Art es euch moͤglich iſt, der Forderung des Apoſtels ein Genuͤge zu lei⸗ ſten? Und die Beantwortung dieſer Frage ſoll jetzt unſer Nachdenken beſchäftigen. Vor allen Dingen geſtehe ich euch aufrichtig, meine Freunde, es iſt dem ſinnlichen Menſchen nicht ganz leicht, ein ächter, wahrer Chriſt zu ſeyn, und, 3 nach 130 nach dem Ausdruck des Apoſtels, das ganze Geſetz zu halten. Ja, der Pfad der chriſtlichen Tugend und Rechtſchaffenheit iſt muͤhſam und rauh; er iſt mit vielen Dornen verwachſen. Es gehoͤrt viel Selbſt⸗ verläugnung, viel Standhaftigkeit darzu, ihn zu wandeln. Allein je weiter ihr auf ihm fortwandelt, deſto anmuthiger, ebner, blumenreicher wird er. Nur alsdann werdet ihr die Verſicherung eures großen Vorgängers auf dieſem Pfad:„Mein Joch iſt ſanft, und meine Laſt iſt leicht,“ als wahr anerkennen, wenn ihr dieß Joch, dieſe Laſt eine Zeitlang getragen habt. Und iſt denn dieß der Natur der Sache nicht voll⸗ kommen gemaͤß? Iſt es denn wohl moͤglich, jemals einen hohen Grad der Vollkommenheit in einer menſch⸗ lichen Kunſt oder Wiſſenſchaft, ohne Muͤhe, ohne Anſtrengung, öhne Entbehrung und Erduldung zu er⸗ langen? Wird nicht immer ein hoͤherer Grad dieſer Muͤhe, dieſer Anſtrengung, dieſer Entbehrung, die⸗ ſer Erduldung erfordert, je ſchaͤtzbarer, je erhabener dieſe Kunſt, dieſe Wiſſenſchaft iſt? Koͤnnte es denn wohl bey dem Streben nach chriſtlicher Vollkommen⸗ heit anders ſeyn? Mein! nur der Mann von feſtem, entſchloſfenem, ſtandhaftem Geiſt dringt bey ſeinen Entwuͤrfen zum Ziel. Der Träge, der Unentſchloſ⸗ ſene, der Wankelmuͤthige, der weichliche Sklave ſei⸗ ner Neigungen kann nie dahin gelangen. Laßt uns alſo, bey allen Schwierigkeiten, mit welchen die Anforderung des Apoſtels an uns verbun⸗ den iſt, nur die Mittel kennen lernen, durch welche dieſe dieſe auch wüſſ Chri ſen: dadu übet ichn lig und Ha Bec ceſ bräu nur ſern Beſez dund mit hn zu ndelt, ꝙ Rur roßen ſanft, wenn hab bl. voll⸗ emals enſch⸗ ohne zu er⸗ dieſer die⸗ abener s denn nmen⸗ eſtem, ſeinen ſchloſ⸗ ve ſe⸗ 131 dieſe Schwierigkeiten zu uͤberwaltigen ſind, ſo werden auch wir den Weg kennen lernen, den wir wandeln muͤſſen, wenn wir, nach der Pflicht, die uns als Chriſten obliegt, dieſer Anforderung ein Genüge lei⸗ ſten wollen. Richtige Kenntniß von demjenigen, was Gott von uns fordert, und warum er es fordert, iſt das erſte Mittel, der erſte Grund, uns zu uͤberzeugen, daß es moͤglich iſt, an keinem Geſetze Gottes zu ſuͤn⸗ digen. Je ſeichter und unzuverläßiger die Kenntniß iſt, die ich von den Pflichten habe, welche Gott von mir fordert, deſto oͤfterer muß ich nothwendig in Gefahr gerathen, dieſen Pflichten entgegen zu handeln, und dadurh das eine ober das andere Geſetz Gottes zu uͤbetereten. Wie will ich denn Pflichten ausuͤben, die ich nicht kenne? Wie will ich eie gern und wil⸗ lig halten, deren Inhalt und Abſicht mir nur dunkel und unrichtig bekannt ſind? Wenn ich z. B. den Hauptgegenſtand meiner Chriſtenpflichten in die leere Beobachtung aͤußerlicher gottesdienſtlicher Gebraͤu⸗ che ſetze, wird mir denn nicht alles uͤbrige, was die Religion Jeſu Chriſti lehrt, und was mit dieſen Ge⸗ braͤuchen nicht in ausdruͤcklicher Verbindung ſteht, nur Rebenwerk zu ſeyn ſcheinen? Wenn ich mich ferner von dem herrſchenden Ton der Sitten und des Zeitalters hinreißen laſſe, Unkeuſchheit für verzeih⸗ liche menſchliche Schwachheit, Stolz und Verachtung des Naͤchſten fuͤr Wuͤrdigung ſeiner ſelbſt und des Standes, in welchem man lebt, achtes Chriſtenthum J 2 fuͤr 132 fuͤr Aberglauben zu halten, ſo werde ich freylich es weder moͤglich noch noͤthig finden, das ganze Geſetz Gottes zu halten; denn ich werde vieles nicht fuͤr Pflicht halten, was mir doch nothwendige Pflicht iſt, wenn ich ein wahrer Chriſt ſeyn will. Wenn ich ferner nie mit Vernunft daruͤber nach⸗ denke, warum denn Gott mich, meine Neigungen, meine Handlungen gewiſſen Geſetzen unterwarf? wel⸗ che Abſichten dadurch erreicht werden ſollen? Wenn ich mich nie uͤberzeuge, daß ohne die genaueſte Er⸗ fullung dieſer Gebothe dieſe Abſichten nie erreicht wer⸗ den koͤnnen, ſo bleiben mir freylich alle Gebothe Got⸗ tes ein läſtiges Joch. Ich werde ſie nie weiter er⸗ fullen, als nur, in ſo fern es noͤthig iſt, um die ein⸗ gebildete oder wahre Strafe der Uebertretung zu ver⸗ meiden. Jedes mir beſchwerliche Geſetz werde ich vernachlaͤßigen, ſobald ich mir nur ſchmeichle, auf dieſe oder jene Art Verzeihung von Gott wegen dieſer Vernachlaͤßigung zu erhalten. Und dieß iſt leider der traurige Fall bey ſehr vielen Menſchen, die ſich Chri⸗ ſten nennen. Sie kennen den Umfang ihrer Pflich⸗ ten, die Abſicht, warum Gott ſie von ihnen fordert, nicht. Wenn ſie dieſe Pflichten zum Theil erfullen, ſo erfullen ſie ſolche aus Furcht der Strafe. Wird ihr Hang zur Sinnlichkeit groͤßer, als ihre Furcht vor der Strafe, ſo folgen ſie, ſo wie dieß der Fall bey jedem Verbrechen iſt, dem erſtern, und beru⸗ higen ſich wegen der letztern mit der Nachſicht eines guͤtigen Richters. Und wie koͤnnten dieſe Menſchen, bey by ſ Ibſi von ſet icht edlet Geſe Din pflic vere thůt die eure wiſ ſov Sit tur Je oh D He und eu Si di w ne 133 bey ſo mangekhafter Kenntniß ihrer Pflichten und der Abſicht der gottlichen Geſetze, welche dieſe Pflichten von ihnen fordern, es moͤglich ſinden, das ganze Ge⸗ ſetz Gottes zu halten? Rein! meine Geliebten, iſt euch die Wuͤrde des ächten Chriſten wirklich ſchätzbar, moͤchtet ihr aus edler Ehrbegierde nach dieſer Wuͤrde gern an keinem Geſetz Gottes ſuͤndigen, ſo erwerbt euch vor allen Dingen eine genaue Kenntniß aller eurer Chriſten⸗ pflichten, ſo wie die von der Lehre Jeſu noch mehr veredelte Vernunft ſie euch mittheilt. Lernt die wohl⸗ thaͤtige Abſicht kennen, aus welcher der Gott der liebe die Ausubung dieſer Pflichten von euch forderte, und eure moraliſche Natur zu Erreichung dieſer Abſicht ge⸗ wiſſen Geſetzen unterworfen hat. Alle eure Pflichten, ſo viel ihrer ſind, fließen aus dem erſten und hoͤchſten Sittengeſetz her, welches der große Urheber der Na⸗ rur in euer Herz gepraͤgt, und ſein eingebohrner Sohn, Jeſus Chriſtus, euerm Verſtande ſo klar, ſo deutlich, ohne Spitzfindigkeit und Dunkelheit entwickelt hat: Du ſollſt lieben Gott deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, und aus allen Kraͤften, und deinen Naͤchſten als dich ſelbſt. Es iſt keine eurer Pflichten denkbar, die nicht aus dieſem erſten Sittengeſetz hergeleitet werden muͤßte. Denkt uͤber dieſes erhabene Geſetz unermudet nach, forſcht den Pflichten nach, die fur euch daraus entſpringen, ſo werdet ihr alle dieſe Pflichten richtig und genau ken⸗ nen lernen. Fragt Fragt euch ſodann ſelbſt: Warum gab mir Gott dieß große, dieß erhabene Geſetz? Warum ſoll ich Gott und meinen Nächſten lieben? Koͤunk ihr euch wohl eine andere Antwort darauf ercheilen, als: Liebe zu Gott, Liebe zu meinem Re chſtet Erfuͤllung der Pflichten, die aus dieſer doppelten Liebe entſprin⸗ gen, muͤſſen nothwendig alle meine noraliſchen S veredeln und vollkommner machen. Durch die eſe Ver⸗ edlung, durch dieſe Vekvollko nmnung meiner ganzen moraliſchen Ratur muß ich mich nothwendig der Aehn⸗ lichkeit mit dem großen Vovbild aller chriſtlichen Tu⸗ genden, Jeſu Chriſto, und durch ihn der Aehnlichkeit mit Gott nöhern⸗ und Annäherung zur Aehnlichkeit mit Gott, mit Jeſu Chriſto, n uß der Inbegriff aller Seligkeit eines vernu gk gen Geiſtes ſeyn. Und wie? ein Menſch, ein Chriſt, der dieß alles fühlt und empfin⸗ det, den dieſe Empfindung zu richtiger Kenntniß aller ſeiner Pflichten leitet, der aus dieſer Kenntniß den Be⸗ wegungogrund, aus welchem er ßie ausuͤbt, hernimmt, dem ſollte eine einzige chriſtliche Tugend zu ſchwer, der Reit eines einzigen Laſters zu mächtig ſeyn? Er ſollte nicht gern und willig jedes Geboth Goctes er fuͤl⸗ len? Sollte Tugenden trennen, die i mit einander verbunden ſind? Nein! bey aller ihm noch anklebenden Schwachheit wird er es nicht fuͤr unmoͤglich halten, dem' ganzen Geſetz Gottes, ſo viel es nur immer in ſeinen Kräften iſt, zu gehorſamen; wenigſtens wird er mit allem Eifer ic ſtreben, dieß Geſetz zu halten, und ſchon dieß unermudete Be⸗ ſtreben iſt hinlaͤnglich, ihm der Errei ſeiner Ab⸗ ſicht ſcht NRitt gunt ſtrel den unſe zweck ande gene gehe chen liehe qus. ganz ford an alle ben den 135 ſicht immer naͤher zu bringen. Dieß iſt das zweyte Mittel, deſſen wir uns bedienen muͤſſen: Anſtren⸗ gung unſerer eignen moraliſchen Kraft. Dieſe An⸗ ſtrengung erleichtert uns jede Muhe, die wir anwen⸗ den muͤſſen, um die Anforderung des Apoſtels zu be⸗ folgen. Unſer weiſer und guͤtiger Schoͤpfer hat in unſere phyſiſche und moraliſche Natur eine Menge Kräfte gelegt, welche zu der Erreichung des End⸗ zwecks erforderlich ſind, zu welchem die eine oder die andere Ratur beſtimmt iſt. Allein ohne unſere ei⸗ gene Mitwirkung entwickeln ſich dieſe Kräfte nie. Sie gehen oft ganz verlohren, wenn wir ſie nicht gebrau⸗ chen und üͤben. Jeder weiſe Gebrauch der uns ver⸗ liehenen Vernunft ſetzt Uebung dieſer Vernunft vor⸗ aus. Der Wille, gut und edel zu handeln, bleibt ganz unfruchtbar in uns, wenn er nicht zur That wird. Wir konnen alſo nicht eher behaupten, daß die An⸗ forderung, die der Apoſtel Jacobus in unſerm Text an uns thut, uns ganz unmoͤglich ſey, als bis wir alle unſere moraliſche Kraft vergeblich angewandt ha⸗ ben, dieſer Anforderung ein Genuͤge zu leiſten. Wer⸗ den wir dieß nun treu und ſorgfältig thun, ſo werden wir uns bald uͤberzeugen, daß wir nicht vergeblich gearbeitet haben. Streben wir nur eifrig nach jeder Tugend, ſo wird dieſer Eifer, dieß Streben gewiß nicht unbelohnt bleiben, ſo werden wir dadurch wider jede Verſuchung zur Suͤnde geſtaͤrkt und ſiegretch wer⸗ den. Allein zu dieſer eignen Anſtrengung unſerer mo⸗ raliſchen Kraft, zu dieſem fruchtbaren Eifer und Stre⸗ ben nach Tugend und Rechtſchaffenheit wird mehr er⸗ fordert, 136 fordert, als bloßer Entſchluß zum Guten, ſchwacher Verſuch auf der Laufbahn der Tugend. Der Chriſt, der den Kranz des Sieges hier erkämpfen will, muß ſich folgende Eigenſchaften nothwendig zu erwerben ſuchen. Aufmerkſamkeit auf alles, was ihm zu Er⸗ reichung ſeines großen Endzwecks nuͤtzlich oder hin⸗ derlich ſeyn kann. Eine einzige Vernachlaͤßigung, eine unbewachte Schwäche ſeines Herzens, der kleinſte Reis zur ſinnlichen Luſt, bringt ihn oft weit in ſeinem edlen Lauf nach chriſtlicher Vollkommenheit zuruͤck. Dieß muß ihn Vermeidung alles desjenigen lehren, was ſeinen Eifer zum Guten ſchwaͤchen kann. Dieſe Luſt, die ich jetzt genieße, iſt unſchuldig, allein ſie reitzt mich zu ſehr; der Beſitz dieſes irdiſchen Gutes ſteht auch mir als Chriſten frey, allein er feſſelt mich zu ſehr; dieſer Wunſch iſt mir als Chriſten erlaubt, allein ſeine Erfullung erſchwert mir die Ausuͤbung hoͤ⸗ here Pflichten. In allen dieſen Fällen iſt Aufopfe⸗ rung und Entbehrung unabläßige Pflicht des Chri⸗ ſten, wenn ihn der edlere Wunſch nach Vollkommen⸗ heit reitzt. Nur dadurch erlangt er die ihm zu An⸗ ſtrengung ſeiner moraliſchen Kraft ſo noͤthige Stand⸗ haftikeit. Der Weichling in der Tugend, welcher jede Muͤhe ſcheut, welcher bey dem erſten fruchtloſen Verſuch zuruͤck weicht, bringt es in dem Streben nach Tugend und Rechtſchaffenheit nicht weit. Gleich dem tragen Knecht vergräbt er ſein Pfund, und hält fur unmoͤglich, was er nur ſchwach oder nie verſucht hat. Nur der ſtandhafte, zum Guten ſeſt entſchloſſene Chriſt verbindet mit dieſer Standhaftigkeit unermuͤdete Tha⸗ tigkeit. tigkeit üben. ſteht lernt dem Sch ſo ſi durch Sta liſche Irr Kra trag Nal trö ſta alſ ſic der ſen he Ge ſt wacher Chriſt, „Ruß werben zu Er⸗ r hin⸗ igung, einſte ſeinem zurick. lehren, Dieſe ein ſie Gutes tmich laubt, ng ho⸗ uſopfe⸗ mmen⸗ zu An⸗ tand⸗ elcher rloſen nnach h dem ilt für Chriſt Thi⸗ 137 tigkeit. Er wird nie mude, ſich in jeder Tugend zu uͤben. Wenn er jetzt ſtrauchelt, jetzt ganz fällt, ſo ſteht er mit vermehrter Kraft von ſeinem Falle auf, lernt dadurch Weisheit und Vorſicht, und naͤhert ſich dem Ziele ſeiner Laufbahn mit ſichererm und feſterm Schritt. Sehet, meine jungen Freunde, ſo ſtark, ſo ſiegreich uͤber alle Hinderniſſe der Tugend und Rechtſchaffenheit kann der Menſch werden, wenn er durch Aufmerkſamkeit, durch Enthaltſamkeit, durch Standhaftigkeit, durch Thätigkeit, ſeine eigne mora⸗ liſche Kraft ubt, und ſich nicht durch den gefaͤhrlichen Irrthum taͤuſchen läͤßt, daß er nichts aus eigner Kraft zur Vetedlung ſeiner moraliſchen Natur bey⸗ tragen koͤnne. Indeſſen alle unſere Kräfte der moraliſchen Natur ſowohl als der phyſiſchen, bleiben in einer trägen Ruhe, ohne Anregung eines aͤußern Gegen⸗ ſtandes, der ſie aus dieſer Ruhe erweckt. Soll ich alſo die Kraft meiner eignen moraliſchen Natur an⸗ ſtrengen, ſo muß ein Gegenſtand vorhanden ſeyn, der ſie weckt, der ſie reitzt, der ſie an ſich zieht. Die⸗ ſen Gegenſtand legte Gott, unſer Schoͤpfer, in unſer Herz, da er uns mit dem Geſchenk der Vernunft Gefuͤhl fur Tugend und Rechtſchaffenheit, morali⸗ ſchen Sinn mittheilte, und in der Ausbildung dieſes Gefuhls zeigte er uns ein drittes Huͤlfsmittel, wel⸗ ches uns die Ausuͤbung auch der ſchwerſten Tugenden. erleichtert, und es uns alſo moͤglich macht, das ganze Geſetz zu erfullen. Ein Menſch, der von dem Werth der 138 der chriſtlichen Tugend und Rechtſcha fenheit ein rich⸗ warmes Gefuͤhl hat, dem Wuͤrde des Chriſten, 3 Wuͤrde ein geliebtes Kind Goctes, des Allmächtigen und Allgütigen, zu ſeyn, mehr als alle Ehren der Welt gilt, ein Chriſt, welcher es fihr, wie ſelig ein Menſch iſt, der in der getreuén Ausuͤbung ſeiner Pflchten ſeine groͤßte, ſeine einzige Gluͤckſeligkeit fucht und findet, ein ſolcher Menſch laͤßt ſich nie durch Hinderniſſe zuruͤckf S die er uͤberwinden muß, wenn er dieſe Wuͤrde wirklich erringen will. Laßt es alſo auch ſeyn, daß es ihm ſchwer wird, dieſe oder jene igung g ſeines Herzens zu unterdruͤcken, auch in dem 6 werſten Kampf wird ihn der edle Gedanke ſtärken: Diß Opfer deiner ſinnlichen Luſt bringſt du Gott, deſſen geliebtes Kind du ſeyn n ſollſt ſt, und dem Wunſch, das geliebte Kind eines ſolch en Vaters zu ſeyn, ſollteſt du nicht gern und willig alles aufopfern? Dieſe deren Ausuͤbung dir ſchwer wird, iſt ür ein gefuͤhlvolles Herz reich an den ſußeſten Freu⸗ den, iſt die ebelſte Zierde eines vernünftig gen Geiſt es, und du ſollteſt nicht ſtreben, ſie zu beſitzen? 7 Ja ge⸗ wiß, wer Gefuͤhl hat fuͤr alles, was edel S i iſt, wer es weiß und empfindet, daß ohne Tugend und Rechtſchaffenheit kein wahrer Adel der Seele moͤg⸗ lich iſt, wer ſich uberzeugt fuhlt, daß nur ein reines, von Suͤnden unentweihtes Herz den ſuͤßen Frieden des Geiſtes, die nie geſtoͤhrte Heiterkeit der Seele, welche kein fluͤchtiges unſicheres Gluͤck der Erde uns geben kann, uns gewiß mittheilt, der wird auch ge⸗ wiß alle Muͤhe, alle Kraft anwenden, dieſen Frie⸗ den, tinem Poſte ten ſo etwas es ell Gute ſtand uns ohne von ohn duc Geiſ unbe uns Wey lun R 139 den, dieſe Heiterkeit zu erlangen, und warmes Ge⸗ fühl fuͤr Tugend und Rechtſchäſſenheit, edle Ehrbe⸗ gierde nach der Wurde des Chriſten, wird es ihm leicht mächen, alle Gebothe Gott ſo viel als es ihm nur immer moͤglich iſt, zu erfuͤllen. ohne Ausnahme, Doch unſer guͤtiger Heiland hat uns noch mit einem weit ſicherern Mittel bekannt gemacht⸗ welches uns Schwache ſtärkt, wenn es uns ſchwer wird, die zebothe Gottes getreu zu erfuͤllen. Er hat uns einen Troſter verheißen, welcher uns in aller Wah ten ſoll. Er hat uns verſichert: So ihr den Vater etwas bitten werdet in meinem Namen, ſo wird er es euch geben. Beyſtand des Geiſtes Gottes zum Guten, wenn wir Gott aufrichtig um dieſen Bey⸗ ſtand bitten, iſt das vierte und gewiß das ſiherſte Huͤlfsmittel, durch welches uns moͤglich wird, was uns faſt unmoͤglich daͤuchte, den Gebothen Gottes ohne Ausnahme zu gehorchen, keine chriſtliche Lugend von der andern zu trennen, ſondern uns ihrer aller ohne Trennung zu befleißigen. Aber laßt uns ja nicht durch falſche Begriffe uns hier ſelbſt betruͤgen. Der Geiſt Gottes wirkt in uns nicht durch eine dunkle, uns unbegreifliche Kraft. Dieſer Geiſt Gottes wirkt in uns nie anders, als durch uns ſeibſt, die An⸗ wendung unſerer eigenen moraliſchen Kräfte. Er wirkt nicht durch ploͤtzliche Umkehrung und lm wand⸗ lung unſerer bisherigen Neigungen und Begierden. Rein! er veredelt uns gleichſam nach und 6 Er weckt in uns nur die Kraft, gut und rechtſchaffen zu han⸗ 140 handeln. Er ſtärkt nur dieſe Kraft, wenn wir ſie getreu anwenden. Er wirkt in uns, ohne daß wir ſeine Wirkungen von unſern eigenen Wirkungen zu unterſcheiden wiſſen, oder zu unterſcheiden beduͤrfen. Nur durch das ausdruͤckliche Zeugniß Jeſu Chriſti ſind wir gewiß verſichert, daß er in uns wirke, und dieß iſt genug, unſern Muth zum Kampf wider die Suͤnde zu ſtärken und zu befeſtigen. Macht euch alſo ja eine richtige Vorſtellung, was ihr bittet, wenn ihr Gott um den Beyſtand ſeines Geiſtes anfleht, wie ihr um dieſen Beyſtand bitten muͤßt, und was ihr von euerm Gebeth zu erwarten habt. Dieſer Bey⸗ ſtand des Geiſtes Gottes, um den ihr bittet, erweckt und leitet euch nur zum Gebrauch eurer eignen Kraͤfte, moraliſch gut zu handeln. Ihr muͤßt jederzeit mit dem eignen feſten Entſchluß, ſo viel als euch nur im⸗ mer moͤglich iſt, gut zu handeln, um ihn bitten. Ihr muͤßt nicht in einem traͤgen Schlummet erwarten, daß er euch aus verdorbenen boͤſen Menſchen auf einmal in gute, Gott wohlgefällige Menſchen umwandeln werde. Aber das koͤnnt ihr von euerm Gebeth um den Beyſtand Gottes euch gewiß verſprechen, daß dieſer Geiſt in euch leben und herrſchen wird, daß ihr in eurer Liebe zur Tugend und Rechtſchaffenheit durch ihn wachſen und zunehmen werdet, daß er eure Rei⸗ gung zu jeder ſinnlichen Luſt, zu jedem kaſter in euch ſchwaͤchen und kraftlos machen wird. Wie nun? meine Geliebten, ſollten wir bey ſo maͤchtigen Huͤlfsmitteln uns noch beklagen wollen, daß es es unm ne zu hang Hülſs wenn miglic ten ein unſere welche wir wir n len? ſchaf de der ſchaf veche ſeine verle Und gonz ten, bach niei iu ſira nie A0 wer wir ſie aß wir gen zu durfen. Chriſi e, und der die t euch wenn N, wie us ihr rBey⸗ erweckt wräfte, it mit ur im⸗ Ihr n, deß einmal andeln th um daß aß ihr durch Nei⸗ neuch bey ſo n, doß es 141 es unmoͤglich ſey, alle Gebothe Gottes ohne Ausnah⸗ me zu halten, daß es unmoͤglich ſey, ſich aller chriſt⸗ lichen Tugenden in einem unzertrennbaren Zuſammen⸗ hang zu befleißigen? Könnten wir es wohl bey dieſen Huͤlfsmitteln noch wagen, behaupten zu wollen: Daß, wenn auch der Ausſpruch des Apoſtels in unſerm Text wahr ſey, es doch uns ſchwachen Menſchen ganz un⸗ moͤglich ſey, ihm gemäß zu handeln? Wie? wir hät⸗ ten eine richtige Kenntniß von dem ganzen Umfang unſerer Chriſtenpflichten, und von den Gruͤnden, aus welchen ſie Gott von uns fordert; wir fuͤhlten es, daß wir Kräfte hätten, gut und edel zu handeln, wenn wir nur dieſe Krafte anſtrengen und gebrauchen wol⸗ len? Schätzung des Werths der Tugend und Recht⸗ ſchaffenheit, richtig⸗ Begriffe von der erhabenen Wuͤr⸗ de des Chriſten, ermunterten uns, nach dieſer Recht⸗ ſchaffenheit, nach dieſer Wuͤrde zu ſtreben; Gott ſelbſt verheißt uns durch ſeinen Sohn Jeſum den Beyſtand ſeines guten Geiſtes im Kampf wider die Suͤnde, und verleiht ihn uns wirklich, wenn wir ihn darum bitten. Und wir koͤnnten behaupten, es ſey unmoͤglich, das ganze Geſetz Gottes zu halten? Nein! meine Theu⸗ ren, bey ſo kräftigen Huͤlfsmitteln kann uns kein Ge⸗ both Gottes zu ſchwer, die Ausuͤbung jeder Tugend nie über unſere Kraͤfte ſeyn; und ſo ſchwer dieſe Aus⸗ uͤbung uns auch ſeyn mag, ſo oft wir auch dabey ſtraucheln und fallen werden, ſo muß uns dieß doch nie abſchrecken, es darinne immer weiter zu bringen. Ach! wären wir des Namens der Chriſten wohl werth, wenn wir zaghaft und muthlos es nicht wagen woll⸗ — 142 wollten, der Ermahnung des Apoſtels gern zu gehor⸗ chen? Nein! laßt auch uns laufen im Kalnpf wider die Suͤnde, und nicht muͤde werden, und laßt uns Verhalten der Behauptung des Apoſteis gemäß einrichten muͤſſen. Chriſt, wuͤnſcheſt du aufrichtig, ſtets ſo zu han⸗ u an keinem Geboth Gottes ſuͤndigeſt, ſo uͤberzeuge dich vor allen Dingen, daß es zu deiner Glͤckſeligkeit unumgänglich nothwendig ſey, kein Geboth Gottes fuͤr unbedeutend, keine chriſtliche Tugend fur entbehrlich zu halten. Er, dein Schoͤ⸗ pfer und Herr, gab dir alle dieſe Geſetze, um dich zu der wahren und einzigen Beſtimmung eines vernuͤnf⸗ tigen Geiſtes zu erheben, zur Gluͤckſeligkeit, ihn zu kennen, ihn zu verehren, ihn zu lieben, durch Aehn⸗ lichkeit mit ihm immer enger und genauer mit ihm vereiniget zu werden. Willſt du dieſe deine Beſtim⸗ mung wirklich erreichen, ſo mußt du nothwendig allen ſeinen Geſetzen gehorchen, die er dir zu Erreichung dieſer Beſtimmung vorgeſchrieben hat. Laß dich alſo Ehrfurcht und Dankbarkeit gegen dieſen deinen erha⸗ benen Geſetzgeber und Wohlthaͤter zu dem treueſten Gehorſam antreiben. Er will nichts von dir, als was dich gluͤcklich machen kann, und wie koͤnnteſt du auf einige Art dieſem ſeinem ſo väterlichen Willen ent⸗ gegen handeln? biebe gegen dich iſt der Grund aller ſeiner Geſetze. Wie koͤnnteſt du alſo nur ein einziges derſelben zu uͤbertreten geneigt ſeyn? Du würdeſt dir les fäͤll ein die de gehor⸗ ſwider pt uns beihes „kein dich ju nünf⸗ ihn zu Aehl⸗ it ihm eſtim⸗ g allen ichung 143 dir ja ſelbſt ſchaden, denn jede Uebertretung dieſer Geſetze vermindert die Summe der Gluckſeligkeit, die du zu genießen vermoͤgend biſt. Erinnere dich ferner, daß ohne die ſorgfältigſt te e Rachahmung des Bey⸗ ſpiels Jeſu es dir nicht dhüch⸗ iſt, der Aehnlichkeit mit Gott dich zu naͤhern, und daß dieſe Annaͤherung zur Aehnlichkeit mit Gott der Quell aller deiner Gluͤckſeligkeit iſt. Wo war eine Tugend, welche dieß dein großes Muſter d der chriſtlichen Vollkommen⸗ heit vernachlaͤßigte? Mit Recht ſagte er von ſicht Dieß iſt meine Speiſe, daß ich thue den Willen des, der mich geſandt hat. Bilde dich nach ihm; und je ſorgfältiger du dieß thuſt, deſto groͤßer wird auch dein Sſer ſeyn, dich jeder chriſtlichen Tugend zu be⸗ fleißigen, und jedes Geboth Gottes gern und willig zu beobachten. Je oͤfterer du ſeinem Beyſpiel zu fol⸗ gen dich ubſt, deſto leichter wird dir dieſe Uebung wer⸗ den, und deſto gewiſſer und zuverläßiger wirſt du in „ ihr deine Gluͤckſeligke eit ſuchen und finden. Willſt du dir die Beobachtung der Gebothe Got⸗ tes leicht machen, ſo wende drittens die Mittel ſorg⸗ faͤltig an, die ich angegeben habe. Strebe nach einer genauen Kenntniß aller deiner Pflichten. Lerne dieſe Pflichten nach ihrem ganzen Umfang kennen. Begnuͤge dich nicht nur, die Erfuͤllung eines Theils derſelben fuͤr nothwendig zu halten. Rein! halte keine fuͤr unbedeutender, als die andere. Sey auch in Erfuͤllung der kleinſten, dererjenigen, die nicht in das Auge der Menſchen fallen, die dich aber dein eignes 144 eignes Herz lehrt, ſorgfältig. Denke daher oft und gerne daruͤber nach, in welchen Verhaͤltniſſen du mit Gott, mit den Menſchen, mit welchen di lebſt, mit den Dingen, die um dich ſind, ſtehſt? Warum du hier lebſt? Was nach dem Tode aus dir wird? Wo⸗ zu du hier in dieſem Leben beſtimmt biſt? Und ob noch eine andere Beſtimmung nach deinem Tode auf dich wartet? Lerne die richtige Beantwortung aller dieſer Fragen aus dem dir von Gott verliehenen Un⸗ terricht der Vernunft und der Offenbahrung. Alles dieß Nachdenken wird dir eine genauere Kenntniß aller deiner Pflichten verſchaſſen, wird dich uͤberzeugen, wie unumgaͤnglich nothwendig die Beobachtung aller goͤttlichen Befehle ſey, wenn du deine Beſtimmung, als vernuͤnftiger Menſch, als Chriſt, in dieſer und jener Welt erreichen willſt. Aber bleibe bey dieſer bloßen Kenntniß nicht ſte⸗ hen. Dann biſt du bloß Hoͤrer des Worts. Nein! ſey Thäter! Verbinde mit dieſer Kenntniß Anſtren⸗ gung deiner eignen moraliſchen Kraft, die erkannten Pflichten getreu zu erfuͤllen, und ſuche in dieſer Er⸗ fullung dein reinſtes Vergnuͤgen. Bemuͤhe dich ſtets, ſo zu handeln, wie es der Wille Gottes von dir for⸗ dert. Sey aufmerkſam auf alles, was deinen Eifer fuͤr das Gute ſtärken kann. Laß keine Gelegenheit ungenutzt vorbeygehen, welche dir Veranlaſſung giebt, gut und edel zu handeln. Arbeite mit raſtloſer Thaͤ⸗ tigkeit an der Aufklarung deines Verſtandes, an der Veredlung deines Herzens. Sey ſtandhaft in deinen guten guten du ni wiede zu be und chriſt der g gend in dei der Gäte Sche ſi hit Freut hande der g Nur ſchaf wen dein Her Gott huge es di ſtele ſede Ge oft und du mit ſt, mit rum du Wo⸗ Und ob ode auf g aller en Un⸗ Alles iß aller zeugen, ng aller mung, er und icht ſte⸗ Rein! ſnſtten⸗ unnten ſer G⸗ ſtets, ir for⸗ Eifer gerheit itn n dhi⸗ an der deinen guten Gebothe zu deiner füͤßeſten Pflicht machen, ſo bilde 145 guten Entſchließungen. Werde nicht muthlos, wenn du nicht immer uͤber dein eignes Herz ſiegſt. Nur wiederhohlter Kampf macht dir es moͤglich, es ganz zu bezwingen. Lerne ferner den großen Werth der Tugend und Rechtſchaffenheit fuͤhlen, wenn du dich zu einem chriſtlichen Verhalten in Anſehung der Beobachtung der goͤttlichen Gebothe bilden willſt. Hat dieſe Tu⸗ gend und Rechſſchaffenheit nur einen geringen Werth in deinen Augen, gilt dir die Ehre und der Beyfall der Welt mehr, als der Beyfall Gotteg, ſind die Guͤter dieſer Erde dir wünſchenswertho⸗ als der Schatz einer reinen, von Suͤnden unbefleckten Seele, fuͤhlſt du mehr Vergnuͤgen im Genuß der ſinnlichen Freuden, als in dem Bewußtſeyn, gut und edel zu handeln, o ſo erwarte nie, daß dir die Beobachtung der gottlichen Gebothe jemals leicht werden ſollte. Nur dann, wenn der Reitz der Tugend und Recht⸗ ſchaffenheit deine ganze Seele erfuͤllt, nur dann, wenn du, von ihrem edlen Feuer entflammt, aus allen deinen Kraͤften dich beſtrebſt, Jeſu Chriſto, deinem Herrn, ähnlich zu werden, wenn das Wohlgefallen Gottes dein hochſter Wunſch, die Vergnuͤgungen der Tugend deine ſuͤßeſten Freuden ſind; nur dann kann es dir nicht ſchwer fallen, der Aufforderung des Apo⸗ ſtels Gehoͤr zu geben, und alle Kraͤfte anzuwenden, jedem Gebothe Gottes zu gehorchen. Willſt du dieſen Gehorſam gegen die gottlichen K dein 146 dein Herz immer mehr und mehr zu der aufrichtig⸗ ſten Liebe zu Gott und Jeſu. Bey dieſer Liebe, wenn ſie aufrichtig iſt, wenn ſie ſich auf die innigſte Ver⸗ ehrung und Hochſchätzung Gottes und Jeſu gruͤndet, kann dir keine Nibe zu groß, keine Beſchwerde zu hart duͤnken, die du nicht gern uͤbernehmen, gern er⸗ dulden ſollteſt, um dieſe Liebe zu beweiſen. Die kiebe duldet alles, die Liebe wird muͤde. Ja, mein Freund, liebſt du Gott nicht bloß mit Worten, liebſt du ihn in der That, liebſt du ihn von ganzem Herzen, ſo kann kein Opfer, das dieſe Liebe von dir fordert, dir zu ſchwr, ja unmoͤglich däuchten. Uebernimmſt du nicht gern Beſchwerden fuͤr einen Freund, den du liebſt, den du bochſchäßeſt t? Wird dir nicht jede Muͤhe leicht, um den Wan iſch d der Geliebten deines Herzens zu befriedigen? Und du wollteſt ſagen, du liebteſt Gott, und ihm gleichwohl das Opfer verſa⸗ gen, das er ganz von dir ſordert; wollteſt dieß Herz in die Liebe zu ihm und in die Liebe zu der Welt thei⸗ len? Rein, wer da ſaget, er liebe Gott, und hält ſeine Gebothe nicht, der hat ihn nie geliebt. Er⸗ wecke, nähre, befeſtige alſo dieſe Liebe zu Gott in dir durch alles, was dir die erhabenen Vollkommen⸗ heiten Gottes, deines Schoͤpfers, deines Herrn, deines Vaters, in ihrem herrlichſten Glanze zeigt. Laß dieſe Liebe zu Gott die machtige Triebfeder aller deiner Handlungen ſeyn. Suche und genieße in den ſo ſeligen Empſindungen dieſer Liebe deine ſuͤßeſten Vergnuͤgen, und genieße in ihr den Himmel auf Er⸗ den, dann wirſt du gewiß nie klagen, daß es ſchwer, ja ja um Ghes, m K giß a um d wird muhe herg ohne Kuf haſt weite richtig⸗ wenn rundet, rde zu „mein „liebſt Nerzen, fordert, nimmſt den du ht jede deines en, du verſa⸗ her lt thei⸗ nd hält Er⸗ ott in mmen⸗ Herrn, zeigt er ollet 147 ja unmoͤglich ſey, dem ganzen Geſetz Gottes ohne Ausnahme zu gehorchen. Aber, o Menſch von Erde, du biſt ein ſchwa⸗ ches, ſinnliches Geſchoͤpf, ſo lange du noch hier lebſt. Bey den beſten Entſchließungen werden deine Kraͤfte im Kampf wider die Suͤnde doch oft ermatten. Ver⸗ giß alſo nie das wichtigſte Huͤlfsmittel: Bitte Gott um den Beyſtand ſeines Geiſtes zum Guten. Er wird in dir das Wollen und Vollbringen wirken. Be⸗ nutze aber dieſen Beyſtand des Geiſtes Gottes unter der Anwendung desjenigen, was bereits in dem Vor⸗ hergehenden davon geſagt worden iſt. Er wirkt nie ohne dich. Aber er wirkt mehr, als du aus eigner Kraft zu wirken vermagſt. Seiner Wirkungen theil⸗ haft zu werden, darzu wird von deiner Seite nichts weiter erfordert, als: Aufrichtiger, feſter Vorſatz, ſtets gut zu denken und zu handeln; Ausfuͤhrung die⸗ ſes Vorſatzes, ſo viel deine eigenen ſchwachen Kraͤfte dir ſolches geſtatten; demuͤthige Empfindung desjeni⸗ gen, was dir bey aller Anwendung deiner Kraͤfte noch mangelt; Bitte zu Gott, nach der Verheißung ſei⸗ nes Sohnes: Alles, was ihr den Vater bitten wer⸗ det in meinem Namen, das wird er euch geben. Wirſt du dieß alles getreu beobachten, dann wirſt du nicht nach dem Fleiſch wandeln, ſondern nach dem Geiſt. Dann wivd die Erfuͤllung eines jeden der goͤttlichen Gebothe dir leicht und angenehm ſeyn. Bey allen deinen Mäͤngeln und Schwachheiten traue endlich den Verheißungen die Gott dir durch ſeinen Sohn Jeſum mitgetheilt hat, daß nichts Verdammliches an 148 an denen ſeyn ſoll, die in Chriſto Jeſu ſind, die nicht nach dem Fleiſche, ſondern nach dem Geiſte wan⸗ deln. Ja, er, dein guͤtiger Vater, will auch dein unvollkommnes Streben nach Tugend und Rechtſchaf⸗ ſenheit um Jeſu willen nicht verachten. Bey allen dieſen Mängeln und Schwachheiten ſollſt du doch faͤ⸗ hig ſeyn, ein Erbe der ewigen Guͤter dieſes deines Vaters zu werden, wenn du nur aus allen Kraͤften dich beſtrebt haſt, dich zum Genuß dieſer Guͤter fahig zu machen⸗ O meine Geliebten, wollten wir wohl jemals zaghaft werden, wenn uns der Apoſtel zuruft: So Jemand das ganze Geſetz haͤlt, und ſuͤndiget an einem, der iſt es ganz ſchuldig? Nein! jedes Geſetz Gottes ſoll uns heilig und unverbruͤchlich ſeyn. Iſt etwan eine Tugend, der wollen wir nachſtreben. Keine Tugend wollen wir von der andern trennen, ſondern ſie alle getreulich auszuuben uns bemuͤhen. Dann wird auch der Friede Gottes in unſeren Seelen herrſchen. Dann werden wir ſchon hier in dieſem irdiſchen Leibe, durch Gehorſam gegen ſeine Geſetze, es empfinden, welche Seligkeit es iſt, ihm, dem Erhabenſten, dem Vollkommenſten, zu gehorchen, ihm, mit dem wir dereinſt auf das genaueſte verei⸗ niget werden, und in ihm unausſprechlich ſelig ſeyn ſollen. Gott ſchenke dieſe Seligkeit euch, mir und allen, die ſeine Gebothe lieben! Pe nd, die ſte wan⸗ uch dein eh allen doch fü⸗ 6 delnes Kräſten tGüter ljemals ſt: So diget an s Geſth n. Iſ ſtreben. trennen, emihen. Seelen ndieſem , dem horchen, e verei⸗ lig ſeyn n allen, V. IV. Wie nothwendig es fuͤr den Chriſten ſey, ſtets uͤbereinſtimmend zu denken und zu handeln, und was er in dieſer Abſicht thun muß. Epiſtel Jacobi C. 1., v. 22. Wer aber durchſchauet in das vollkommene Geſetz der Frey⸗ heit, und darinne beharret, und iſt nicht ein vergeßlicher Horer, ſondern Thaͤter, derſelbe wird ſelig ſeyn durch ſeine That. * * Got, du Allguͤtiger, auch uns haſt du Gefuͤhl fuͤr alles, was edel und gut iſt, verliehen, haſt unſern Geiſt des Wunſches nach Tugend und Rechtſchaffen⸗ heit fähig gemacht. Wir fühlen es, wie ſchoͤn es ſey⸗ ſtets gut und edel zu bandeln! Wir ſehnen uns oft, dieſes ſeligen Gefuͤhls theilhaft zu werden! Wir be⸗ ſtreben uns bisweilen mit aufrichtigem Eifer, Tugend und Rechtſchaffenheit mit allen unſern Handlungen zu verbinden. Aber ach! wir ſind ſchwache, wankel⸗ muͤthige Menſchen, vernachlaͤßigen oft unſere beſten Entſchließungen, weichen oft von der Bahn der Froͤmmigkeit und Rechtſchaffenheit, auf welcher wir einige Schritte vorwärts gethan haben, zuruͤck, und wanken unaufhoͤrlich von Wahrheit und Tugend zu Irrthum und Suͤnde. Lehre uns doch, du Unwan⸗ delbarer und Unveranderlicher, Feſtigkeit im Guten. Verleihe uns Kraft, dir ähnlich zu werden, gleich dir ubereinſtimmend zu handeln, und was wir einmal als gut erkannt haben, auch unverbrüchlich zu ſchäz⸗ zen und auszuuben. Ein wankelmüthiger veränderlicher Charakter, der nie nach feſten Entſchließungen handelt, heute waͤhlt, was er geſtern verwarf, ſich von jedem leich⸗ n Anfall bald zu dieſem, bald zu jenem Entſchluß lenken 152 lenken laͤßt, iſt das ſicherſte Kennzeichen eines ſchwa⸗ chen, eingeſchränkten Geiſtes; ſo wie ein feſter, ſtand⸗ bafter Charakter, der ſich nicht leicht von der Aus⸗ fuͤhrung des Plans, den er mit Nachdenken und Weis⸗ heit entwarf, abhalten läßt, ein ſehr zuverläßiges Merkntal wahrer Groͤße der Seele iſt. Allein, dieſe Wankelmuth, dieſer Unbeſtand der Entſchließungen, iſt auch zugleich eine der reichſten Quellen des menſch⸗ lichen Elends, und ſie iſt es in keiner menſchlichen Angelegenheit mehr, als in Abſicht auf die Religion und Moral. Ein Menſch, der Gefuͤhl fuͤr Religion und Tugend hat, und der ſich demohnerachtet von jeder ſinnlichen kuſt hinreißen laͤßt, dieſem Gefühl entgegen zu handeln, iſt das beklagenswuͤrdigſte Ge⸗ ſchöpf. Die wahren Freuden der Tugend und die ein⸗ gebildeten Freuden des kaſters ſind auf gleiche Art fur ihn verloren. Unaufhoͤrlich quaͤlt ihn entweder die ſchwache Sehnſucht nach den erſtern, oder der bren⸗ nende, nie zu loͤſchende Durſt nach den letztern. So wankt er, getheilt zwiſchen Tugend und Laſter, bis zum Grabe, traͤumt oft durch die letzten wenigen Au⸗ genblicke ſeines Lebens, die er einer zu ſpaten Reue widmet, die Thorheiten ſeines vorigen Lebens vertil⸗ gen zu koͤnnen, und tritt unbereitet in einen Zuſtand ein, wo Abwechſelung des Guten und Boͤſen nicht mehr ſtatt hat, ſondern in welchem Tugend und Laſter ganz von einander getrennt und abgeſondert ſind. So traurig dieß Schickfal eines Menſchen iſt, der ſein Herz zwiſchen Gott und der Welt theilt, ſo zahl⸗ ——— —— ſchwa⸗ „ſtand⸗ läßiges n, dieſe ungen, menſch⸗ chlichen Keligion Religion tet von Gefihl ſte Ge⸗ die ein⸗ Art für det die er bren⸗ n. So er, bis en A⸗ nReue vertil⸗ uſtand n nicht d Luſter d. eilt, ſo 153 zahlreich iſt gleichwohl leider! unter den Chriſten die Claſſe der Menſchen, die dieß thun. Es gehoͤrt ein ſehr hoher Grad von Laſterhaftigkeit dazu, wenn das Gefuhl eines Menſchen fur Tugend und Rechtſchaf⸗ fenheit ganz abgeſtumpft und ertoͤdtet ſeyn ſoll. Nein! die meiſten Menſchen, die ſich nach Chriſti Namen nennen, haben gewiß noch Sinn und Empfindung fuͤr Religion und Tugend. Sie ſchätzen den Werth derſelben. Sie wuͤnſchen ſelbſt, tugendhaft zu ſeyn, ſie machen oft bald ſchwache, bald ſtaͤrkere Verſuche, es zu werden, ſie beſtreben ſich Tage, Wochen, Mo⸗ nate lang, den Vorſchriften der Religion getreu zu ſeyn. Aber ihre Tugend faßt nicht Wurzel. Sie erſtickt unter den Dornen dieſes Lebens, unter den ſinnlichen Lüſten und Begierden, und ſie genießen nie, oder nur in einem geringen Grade, die Frucht ihrer Bemuͤhungen. Sie ſind alſo bey ihrer ſchwa⸗ chen Tugend eben ſo elend, als bey dem Genuß der Sinnlichkeit, dem ſie ſich uͤberlaſſen. Bey der Aus⸗ uͤbung der erſtern druckt ſie der Zwang, dem ſie ſich unterwerfen, und bey dem Genuß der letztern quält ſie der Vorwurf ihres eignen Gewiſſens, und Heiter⸗ keit, Ruhe der Seele, dieſe ſo ſuͤße Belohnung der wahren Tugend, wird ihnen nie zu Theil. Der Chriſt alſo, welcher die hohen reinen Freu⸗ den, welche ihm die getreue Bekennung und Ausuͤbung der Gebothe der Lehre Jeſu ſchon in dieſem irdiſchen Leben darbiethet, ungeſtoͤhrt und ſicher genießen will, der, mit einem Worte, ein wahrer Chriſt ſeyn will, muß — — — — 154 3 muß die Erinnerung des Apoſtels, welche uns zu die⸗ ſer Betrachtung die Veranlaſſung giebt, ſtets vor Au⸗ gen haben. Wer den Sinn der Lehre Jeſu, ſagt ihm der Apoſtel, nach dem ganzen Umfang dieſer Lehre faßt, wer ſich dadurch'berzeugt fühlt. daß die Be⸗ folgung dieſer kehre gewiß zur wahren Freyheit fuhrt, und wer daher den Entſchluß faßt„ſtandhaft und aus⸗ harrend nach den Vorſchriften zu handeln, wer alſo nicht bloß ein vergeßlicher Hörer dieſer Lehre iſt, jondern auch unermudet alles ausubt, was ſie fordert, nur der wird, durch dieſe ſeine Art zu denken und zu handeln, ein gluckſeliger Menſch. Dieſe Worte des Apoſtels belehren uns alſo: Wie nothwendig es fur den wahren Chtiſten ſey, ſteis uberemſtunmend zu denken und zu handeln, und was er in dieſer Abſicht thun muß. Sie zeigen uns alſo erſtlich die Nothwendigkeit dieſer Pfücht. Der Chriſt iſt ohne ihre Ausuͤbung nicht ſelig in ſeiner That, das heißt: ohne getreue Beobachtung dieſer Pflicht wied er nie der reinen Freuden theilhaft, wel⸗ che die Religion Jeſu ihren Verehrern verſpricht. Dieſe Worte belehren uns aber auch zweytens: Wie wir es anfangen muͤſſen, uns in der ſtandhaften Pflicht zu ſtaͤrken und zu befeſtigen. Wir mäſſen durchſchauen in das vollkommne Geſeß der Freyheit, muͤſſen darinne beharren, nicht v vergeß⸗ liche Hörer, ſondern Thäter ſeyn, das heißt: wir muͤſſen durch Angewoͤhnung nach Mnndſt zu han⸗ deln, durch richtige Kenntniß alles deſſen, was zur 4 alſo: nſey, ndein, zeigen ſicht. ſeiner dieſer ,wel⸗ aſten tigen⸗ Geſeh ergeß⸗ wir u han⸗ gs zur Rel⸗ 155 Religion gehoͤrt, durch gruͤndliches Rachdenken uͤber alle dieſe Dinge, durch alle andere Hulfittel, wel⸗ che uns die Religion Jeſu darbiethet, uns nicht bloß. zu vergeßlichen Hoͤrern der Lehren dieſer Religion, ſondern zu ſtandhaften Befolgern ihrer Vorſchriften bilden. Alles dieß wollen wir, zu unſerer eignen Be⸗ lehrung, und damit auch wir oft ſchwache, wankel⸗ muthige Menſchen Feſtigkeit und Beſtandigkeic im Guten daraus lernen, und uns dadurch zum Genuß der ſeligſten Freuden des Chriſten fahig machen moͤ⸗ gen, noch weiter erwaͤgen. Aber wir wollen uns auch ſelbſt gewoͤhnen, uͤbereinſtimmend zu denken und zu handeln, damit wir uns nicht, wie ein ſchwaches, wankendes Rohr, von jedem Hauch ſinnlicher kuſt hin und her bewegen laſſen. Iſt es dir alſo ein Ernſt, mein chriſtlicher Freund, ein Chriſt, nicht bloß nach dem Bekenntniß deines Mundes, ſondern ganz aus der Fuͤlle deines Herzens zu ſeyn, ſo lerne vor allen Dingen, wie nothwendig es ſey, daß du ſtets uͤbereinſtimmend als Chriſt denkſt, als Chriſt handelſt, das heißt: daß ſich aus deiner ganzen Denkungsart, aus deiner ganzen Art zu handeln, der feſte, ununterbrochene Entſchluß offenbaret, in allen Vorfallenheiten deines Lebens ſo zu denken, ſo zu handeln, wie es den Vor⸗ ſchriften der Lehre Jeſu gemaß iſt. Gluͤhe alſo nicht jett von dem Feuer der chriſtlichen Andacht, und ſey bald darauf kalt und nachläßig in Anſehung der Pflichten, die das Chriſtenthum von dir fordert. Uebe 156 Uebe dieſe Pflichten nicht heute aus, und vernach⸗ laßige ſie Megen, ſondern handle in Anſehung ihrer ſtets uͤbereinſtimmend und dir ſelbſt gleich. Dieß mußt du nothwendig thun, wenn du ein wahrer Chriſt ſeyn willſt. Denn ohne dieſe ſo nothwendige Tugend deines Verſtandes und deines Herzens mangelt dir der ganze Grund deines Chriſtenthums, biſt du nur Scheinchriſt, kaunſt du es in keiner chriſtuchen Tu⸗ gend zu einer gewiſſen Vollkommenheit bringen, entziehſt du dir ſelbſt die reinſten beſten Freuden der Religion, kommſt du nie an das Ziel demer Be⸗ ſtimmung auf Eiden, und wiſt alſo auch mie, oder doch nur in einem geringen Grade, der geſegneten Folgen dieſer Beſtimmung theithaft werden. Vier Gruͤnde, welche dich allerdings von der Rothwendig⸗ keit dieſer chriſtlichen Tugend uͤberzeugen, und dich, ſie dir eigen zu machen, antreiben muͤſſen. Sie ſind es alſo auch werth, daß wir ihre Wichtigkeit noch weiter aus einander ſetzen. Biſt du, o Menſch, ein ſchwankendes Rohr, das ſich von jedem leichten Hauch der Luͤſte hin und her bewegen laͤßt, folgſt du bald der Stimme der Ver⸗ nunft und der Religion, bald der noch lautern Stim⸗ me der Sinnlichkeit und deiner Begierden, ſo ent⸗ ſcheide ſelbſt, worauf gruͤndet ſich denn deine ver⸗ meynte Tugend und Rechtſchaffenheit? Auf feſte Ueberzeugung von ihrem Werth? oder auf Laune und Zufall? Kannſt du dich wohl einer richtigen Kennt⸗ niß ihres wahren Werths rähmen? Uebſt du dieſe oder ernach⸗ g ihrer Dieß tChriſt Lugend elt du nur n Lu⸗ ingen, en det er De⸗ e oder oneten Vier endig⸗ d dich, ie ſind t noch Johr n und Ver⸗ Stim⸗ o ent⸗ e ve⸗ f feſt ne un Kennt⸗ u ieſe odet 157 oder jene Tugend wohl deswegen aus, weil ohne ſie Liebe zu Gott und Jeſu nicht möglich iſt, oder die Lage deiner die Beſchaffenheit des ſtandes deines Korpers, Erziehung, Lebensart, Vu⸗ theil, Gewohnheit, dir die Ausubung dieſer Tugend nuͤtzlich und leicht macht?, Strebſt du wohl, bey deiner Wankelmuth, nach chriſtlicher Tugend in ihrem ganzen Umfange, nach allen ihren Theilen in richti⸗ gem Zuſammenhange? Oder begnuͤgſt du dich nur bloß mit Ausubung einer oder der andern einzelnen Tugend? Mußt du dir bey der Unterſuchung dieſer Fragen ſelbſt geſtehen, daß es deiner Tugend und Rechtſchaffenheit annoch an einem ſichern Grunde man⸗ gelt, daß nicht der innerliche Werth dieſer Tugend, nicht die liebe zu Gott und Jeſu, nicht die Ueberzeu⸗ gung, daß ohne Tugend keine Gluͤckſeligkeit eines mit Vernunft begabten Geiſtes moͤglich iſt, ſondern eine andere, aus irdiſchen Verhältniſſen herfließende Ur⸗ ſache der Antrieb deiner Tugend iſt, ſo iſt ſie von we⸗ nigem Werth, und du kannſt dir nur wenigen oder gar keinen Nutzen dadurch verſchaffen. Du wirſt, mit dem Apoſtel zu reden, ſodann nie durchſchauen in das vollkomunne Geſetz der Freyheit, wirſt den Werth der Religion Jeſu nie ganz kennen und empfinden, wirſt ein vergeßlicher Hoͤrer bleiben, und alſo auch durch die Befolgung der Religion Jeſu nie vollkom⸗ men gluͤcklich ſeyn. Unter der Laſt der Leiden wird es dir an hinlänglichem Troſt, unter der noch ſchwerern Laſt des irdiſchen Gluͤcks an einem vorſichtigen Fuͤhrer und. in Verſuchungen zur Suͤnde an Schutz — * —— £ .— — ——— 158 Schus und Huͤlfe, in jedem Schickfale deines lebens an Zufriedenheit, Maßigung, und Vertrauen auf Gort mangeln. Nur dann, wenn du den Zuſam⸗ menhang, den Werth aller chriſtlichen Tugenden ge⸗ nau kennſt, dieſe Tugenden zur einzigen Richtſchnur deines Denkens und ailer deiner Handlungen machſt, nur dann kennſt du ſie nach ihrer ganzen Vortrefflich⸗ keit, wirſt ſie auf Liebe zu Gott und Jeſu gruͤnden, — und wirſt das ganze ehrwuͤrdige Gebäude deiner Tu⸗ genden dadurch ſo ſtark befeſtigen, daß es keiner Er⸗ ſchuͤtterung, auch bey dem heftigſten Sturm menſch⸗ li i icher Leidenſchaften, fähig iſt t. Du ſollſt ferner, o Chriſt, vollkommen ſeyn, wie dein Vater im Himmel vollkommen iſt, das heißt, du ſollſt alle deine Kraͤfte anwenden, in jeder chriſtli⸗ chen Tugend, deren Ausuͤbung dir Pflicht iſt, es immer weiter zu bringen. Du ſollſt alſo nie auf — dem Wege der chriſtlichen Vollkommenheit ſtehen blei⸗ ben, nie aus Trägheit oder Stolz glauben, daß du das Ziel dieſer Vollkommenheit erreicht haſt, ſondern ſollſt dich jeden Tag deines Lebens beſtreben, immer beſſer, und Gott wohlgefälliger zu werden. Und du Wankelmuthiger, der du heute von dem Reitze einer Tugend, und Morgen von dem Reitze des ihr entge⸗ genſtehenden Laſters bezaubert biſt, der du ſo ge⸗ ſchwind unter dem Kampfe wieder die Suͤnde ermu⸗ deſt, heute für ſchwer und unmöglich haͤltſt, was dir geſtern leicht deuchte, wie willſt du denn in der Tugend wachſen und zunehmen, die dir heute gefallt, Morgen miß⸗ Rl mi zu lic s lebens auen quf Zuſam⸗ pNo„ Rdeh ge⸗ chtſchnur n ſehn, heßl, chriſtli⸗ iſt, es nie auf en blei⸗ daß du ſondern immer ind du einer ſo ge⸗ ermi⸗ 0 rgen mi⸗ 159 miß faͤllt? Geſeßt, daß auch dein Eifer fuͤr Tugend und Rechtſchaffenheit nicht ganz erkaltet, wirſt du denn bey deiner Wankelmuth, beh deiner Unentſchlof⸗ ſenheit, nicht immer der ſchwache und unvermoͤgende Menſch bleiben, der das Werk ſeiner Beſſerung im⸗ mer von neuem anfangen muß, der es darinne nie zu einem gewiſſen Grade des hoͤhern Wachsthums in Gaten bringen wird? Und was kannſt du, träͤger Knecht, der du nicht mit dem Pfund wucherſt, das dir dein Herr anvertrauet hat, denn fuͤr eine Beloh— nung von ihm erwarten? Stilleſtand im Guten iſt Ruͤckgang, und Kräfte, weiche nicht geuͤbt werden, ſie ſeyn moraliſch oder phyſiſch, erſchlaffen und ver⸗ mindern ſich. — * Iſt dir alſo, mein Freund, der Beſitz des Wohlgefallens Gottes, das ſelige Gefuͤhl der Liebe zu ihm, die Werthſchätzung und der Beſitz der chriſt⸗ lichen Tugend und Rechtſchaffenheit ein wahrer Ernſt;z mit einem Worte, iſt es dir Ernſt ein Chriſt zu ſeyn, ſo ſtrebe vor allen Dingen nach der Feſtigkeit der Seele, uͤbereinſtimmend zu denken und zu handeln, in jedem Augenblicke deines Lebens, in jeder Lage deiner Schickſale, im Genuß deiner Freuden, wie im Genuß deiner Leiden, ſtets und unveraͤnderlich derjenige zu ſeyn, der du zu ſeyn wuͤnſcheſt. Denke ſtets als Chriſt, handle ſtets als Chriſt. Verleugne oder entehre nie den großen ehrwuͤrdigen Charakter, welcher dem wahren Bekenner der Religion Jeſu ei⸗ gen iſt. Handle alſo ſtets, und in allen Fällen, der chriſt⸗ 160 chriſtlichen Tugend und Rechtſchaffenheit gemäß, und ſunge ſey nicht bald ein warmer, bald ein lauer Freund und Verehrer dieſer Tugend und Rechtſchaffenheit. Nun dann wirſt du auch die reinen ſuͤßen Freu⸗ den dieſer Tugend und Rechtſchaffenheit heiter und ungeſtoͤhrt genießen. Den Genuß dieſer Freuden ver⸗ liehrſt du ganz, wenn du ſchwachmuͤthig genug biſt, zwiſchen Tugend und Laſter, bald zu der einen, bald zu dem andern zu wanken. Dieß war der dritte Grund, welcher es dem Chriſten nothwendig macht, uͤbereinſtimmend zu denken und zu handeln. Man ſagt es uns ſo oft vor, wie unausſprechlich groß die Freuden ſind, die auch ſchon in dieſem irdiſchen Leben dem Chriſten, durch die Religion Jeſu zu Theil werden, und dennoch wird man an ſo wenig Chriſten Merkmale des ungeſtoͤhrten Genuſſes dieſer Freuden gewahr. Dieſe Ruhe, dieſe Heiterkeit der Seele, dieſer freudenreiche Genuß des Lebens, welchen die chriſtliche Religion ihren Bekennern mittheilen ſoll, ſpricht nur ſelten aus den Geſichtszuͤgen und Aeuſ⸗ ſerungen dieſer Bekenner. Heftrer herrſchen in ihnen trauriger Ernſt, Ungeduld, Unzufriedenheit, Furcht, ſelbſt Murren und Zwang. Was mag doch die Ur⸗ ſache dieſes Widerſpruchs ſeyn, zwiſchen dem wahren Geiſt des Chriſtenthums, der uns ganz zur Freude, Ruhe und Zufriedenheit ſtimmen ſoll, und den Wir⸗ kungen, die er bey ſo vielen Menſchen hervorbringt? Ach unſere Wankelmuth, unſere wenige Feſtigkeit im Guten, unſer Leichtſinn, der unſre beſſern Entſchlieſ⸗ ſun⸗ ſt es chen ſchal hant hant dem berle luſt, vürd Uge und wert Han uns ſen Vi ſtim moe des Un uf de und du] diſ üb le ſi näß, und eund und t. en Fre⸗ iter und den ver⸗ nug biſt, n, bald er drite g macht, Man groß die en leben u Theil Chriſten Freuden r Stele, chen die len ſoll, d Aeſ nihnen Futcht, die Ur⸗ wahren Freude⸗ nVir⸗ bringt? keit in ſchiß ſun⸗ 161 ſungen, ſo leicht dem Reitz ſinnlicher Luſt aufopfert, iſt es, der uns die herrlichſten Fruͤchte des chriſtli⸗ chen Sinns, wahrer chriſtlicher Tugend und Recht⸗ ſchaffenheit raubt. Wuͤrden wir ſtets ſo denken, ſo handeln, wie es ſich fuͤr Chriſten zu denken und zu handeln geziemt, wuͤrden wir uns gewoͤhnen, von dem feſten Entſchluß, den wir einmal aus weiſer Ue⸗ berlegung gefaßt haben, nie, bey jedem Ar ngriff det Luſt, der Trägheit, des Leichtſinns, abzuweichen, ſo wuͤrden wir auch die reinen ungeſtoͤhrten Freuden der Tugend zu genießen fähig ſeyn. Chriſtliche Tugend und Rechtſchaffenheit wurde uns tägliches Beduͤrfniß werden, wuͤrde ſich mit unſerm ganzen Denken und Handeln feſt vereinigen; Genuß der Laſter wuͤrde uns ſo verabſcheuungswuͤrdig ſeyn, als dem Nuͤchter⸗ nen und Mäßigen Trunkenheit und Voͤllerey iſt. Wäre es denn bey dieſer ſtets gleichfoͤrmigen uͤberein⸗ ſtimmenden Art chriſtlich zu denken und zu handeln wohl moͤglich, daß uns ein aͤußerlicher Zufall, ein Reitz des Laſters, der Fallſtrick des Gluͤcks, der Druck des Ungluͤcks, der Schmerz des Koͤrpers, dieſen innern hohen Frieden der Seele rauben koͤnnte, welcher ſich auf eine feſte uns gleichſam naturlich gewordne Wuͤr⸗ de des chriſtlichen Sinnes, der chriſtlichen Tugend und Rechtſchaffenheit grunder? Ja! o Menſch, willſt du deines Lebens froh genießen, willſt du, deinem ir⸗ diſchen Schickſal, es ſey welches es wolle, dich ruhig überlaſſen, willſt du mehr heitre als truͤbe Tage zaͤh⸗ len, ſo beſtrebe dich ſtets gleichformig und uͤberein⸗ ſtimmend zu denken und zu handeln; denke ſtets, 1 hand⸗ 162 handle ſtets, wie du als Chriſt denken, wie du als Chriſt handeln ſollſt, und dein froher Muth wird dir ein taͤgliches Wohlleben ſeyn.(Spruͤchw. 15. 150) Es iſt noch der vierte wichtigſte Grund uͤbrig, welcher uns von der Rothwendigkeit, als Chriſten ſtets uͤbereinſtimmend zu denken und zu handeln, uber⸗ zeugen muß. Ohne dieſe Eigenſchaft unſerer Seele koͤnnen wir unſerer Beſtimmung weder in dieſem ir⸗ diſchen Leben, noch in jenem Leben jenſeit des Gra⸗ bes, naͤher kommen und das Ziel derſelben erreichen. Die Beſtimmung eines jeden vernuͤnftigen Geiſtes iſt reiner Genuß der Gluͤckſeligkeit, die wir durch Er⸗ fuͤllung unſerer Pflicht erlangen. Sie iſt älſo auch unſere Beſtimmung. Gluͤckſeligkeit eines vernunf⸗ tigen Geiſtes kann in nichts anderm beſtehen, als in einer immer hoͤhern Veredlung aller ſeiner Neigungen und Begierden, ſeiner ganzen moraliſchen Natur, und der dadurch immer mehr zunehmenden Aehnlich⸗ keit mit Gott, dem Quell aller Vollkommenheit. Alſo auch, du Buͤrger dieſer Erde, du Menſch, ſollſt hier den Anfang machen, in deinem irdiſchen Leben, nach dieſer Gluͤckſeligkeit nach dem Maaß deiner Kraͤfte zu trachten; und dort in jenem beſſern Leben ſollſt du dich ihr mehr nähern, ſollſt mit dieſem Gott, dem du ahnlich zu werden ſtrebſt, in eine naͤhere, genauere Verbindung kommen, ſollſt von Jahrtauſenden zu Jahrtauſenden an Aehnlichkeit ſeiner Vollkommen⸗ heiten wachſen, ſie zwar nie erreichen, aber deinem Urbild vie du als uth wird nd ührig, Chriſten eln, uͤber⸗ ter Seelt dieſem i⸗ des Gra⸗ erteichen⸗ Geiſtes iſt durch Er⸗ lſo auch vernünf⸗ en, als in Neigungen en Natur, Achnlich⸗ heit. Aſo ſoll hir ben, nch Krifte zu ſolſt d ott, dem „genauet⸗ uſenden j tommen⸗ ber deinen Urbild 16 3 Urbild ſtets ähnlicher werden. Und du Thor wollteſt dich rühmen, daß du hier dieſer deiner Beſtimmung gemaͤß lebſt, wenn du ſchwach genug biſt, bald gut, bald böſe zu handeln? Du wollteſt hoffen, mit dem duͤrftigen, armſeligen Schaß dieſer oder jener einzel⸗ nen Tugend, die du hier während deiner Erdenwall⸗ fahrt duͤrftig genug geſammelt haſt, in jenem voll⸗ kommnern Leben zu wuchern, und ſodann mit ſtarken Schritten auf der Bahn der Vollkommenheit, die dir angewieſen iſt, fortzuſchreiten Mein! was du bier geſaet haſt, erndteſt du dort⸗ Hat der Keim der Tugend dieſſeits des Grabes nur ſchwache Wurzel in deinem Herzen gefaßt, ſo wird er dir jenſeits des Grabes wenige Fruͤchte tragen. Je mehr du hier, als Chriſt, deine ganze Natur, dein ganzes Weſen veredelſt, und dieß kannſt du nur in demjenigen Grade thun, in welchem du Beharrlichkeit und Feſtigkeit im Guten zeigſt, deſto leichter wird es dir dort, dieſer deiner großen Beſtimmung, der Aehnlichkeit mit Gott, und der daraus entſpringenden Gluͤckſeligkeit deines vernuͤnftigen Geiſtes dich zu naͤhern. Habe alſo dieß dein erhabenes, unerreichbares Urbild ſchon in dieſem irdiſchen Leben ſtets vor Augen. Er, der Unwandelbare, der Unveränderliche, iſt ſtets ſich ſelbſt gleich, unveränderlich gut, unveränderlich voll⸗ kommen. Ahme ihn nach, ſo viel es deine ſchwachen Kraſte dir erlauben, und beſtrebe dich ſtets gut zu ſeyn und zu handeln. Ruht unſere Tugend, ohne Feſtigkeit im Den⸗ ken und im Handeln, auf einem unſichern Grund, 1 2 bleibt 164 bleibt ſie alsdenn ſehr mangelhaft und unvollkommen, verliehren wir durch Wankelmuth und Unbeſtändig⸗ keit den Genuß ihrer reinſten Freuden, koͤnnen wir ohne Feſtigkeit im Guten unſerer Beſtimmung weder in dieſer, noch in jener Welt gemäß handeln, ſo muͤſſen wir uns uͤberzeugt fühlen, wie nothwendig es ſey, uͤbereinſtimmend zu denken und zu handeln, wenn wir wahre Chriſten ſeyn wollen. Es muß uns alſo allerdings daran gelegen ſeyn, die Mittel kennen zu lernen, durch welche wir dieſe Eigenſchaft unſerer Seele erlangen⸗ Strebſt du nach Feſtigkeit im Guten, o Menſch, ſo gewoͤhne dich vor allen Dingen, ſtets nach richti⸗ gen, als wahr erkannten Grundſaͤtzen zu handeln. Das Chriſtenthum der meiſten Menſchen iſt Gedacht⸗ nißwerk. Sie haben ſich nie gewoͤhnt, daruͤber nach⸗ zudenken, warum es denn gut ſey, daß ſie ſich der Tugend und Rechtſchaffenheit widmen, ſondern ſie machen einige ſchwache Verſuche, ſo zu handeln, weil man ihnen von Jugend auf vorgeſagt hat, daß dieß gut ſey. Sie kennen den wahren Werth der Tugend und Rechtſchaffenheit nicht, kennen alſo auch die Be⸗ wegungsgruͤnde nicht, welche ſie antreiben ſollten, tu⸗ gendhaft und rechtſchaffen zu ſeyn. Sie verfahren alſo bey ihrer Froͤmmigkeit eben ſo nach Laune und Veranlaſſung der äußern Dinge, wie ſie groͤßtentheils bey den andern Vorfällen ihres Lebens zu thun pfle⸗ gen. Was iſt alſo natuͤrlicher, als daß ihnen bey ihrer Tugend Uebereinſtimmung mangelt, daß ihnen Morgen Re — Un Ukommen, beſtändig⸗ onnen wir ung weder ndeln, ſo wendig es deln wenn ß uns alſo kennen zu iſt unſerer 0 Menſch ach icht⸗ handelm Gedächt⸗ zber nch⸗ e ſch ondern ſie deln, weil daß dieß er Tugend h die Be⸗ oiten, ku⸗ verfahten une unb ientheis chun yfl ihnen be duß ihn Morhel 165 Morgen das Zwang wird, was ihnen heute ange⸗ nehme Pflicht war, daß ſie jetzt fuͤr die Freuden der Tugend gluͤhen, fur welche ſie bald darauf todt und fuͤhllos ſind. Ueberzeuge dich alſo vor allen Dingen von dem Werth und der Nothwendigkeit der Tugend und Rechtſchaffenheit. Mache ſodann dieſe Tugend und Rechtſchaffenheit zum Grunde aller deiner Hand⸗ lungen. Weiche nie, bey allen Hinderniſſen, die deinen Eifer zum Guten ſchwächen wollen, von dem Plane ab, den du dir zu Erreichung der Abſicht, ſtets gut und edel zu handeln, mit Verſtand und Vorſicht entworfen haſt. Laß dich dieſe Grundſaͤtze ſtets lei⸗ ten, und beobachte ſie getreu, wenn du als Chriſt uͤbereinſtimmend denken und handeln willſt. Verbinde mit dieſer Angewoͤhnung, nach Grund⸗ ſatzen zu handeln, das zweyte Mittel: Denke gruͤnd⸗ lich und anhaltend nach, was wahres Chriſtenthum iſt, was dich dieß Chriſtenthum von deinen Pflich⸗ ten, von deiner Beſtimmung lehrt. Ohne getreue Befolgung dieſer Regel lernſt du nie den Geiſt des wahren Chriſtenthums kennen, geraͤthſt oft in Ge⸗ fahr, Menſchentand fuͤr Chriſtenthum zu ergreifen, und wirſt alſo, wenn du deinen Irrthum erkennſt, oder Irrthum mit Irrthum vertauſcheſt, oft verwer⸗ fen, was du zuvor wählteſt, wirſt den Umfang dei⸗ ner Pflichten nie genau üͤberſehen, oft die wichtigere vernachläßigen, wenn du die minder wichtige oder fal⸗ ſche ausubſt, wirſt dieſe Pflichten oft ganz verkennen. Haſt du ferner nie mit Ernſt daruͤber nachgedacht, warum 166 warum du hier lebſt, und was nach dem Tode, nach den Lehren Jeſu und ſeiner Apoſtel, aus dir werden ſoll, wie willſt du denn dieſer deiner Beſtimmung ge⸗ mäß handeln? Du kennſt ſie ja nicht. Und was ſollte dich denn ſodann antreiben, ſo zu handeln, daß du das Ziel dieſer Beſtimmung erreichſt? Rur dann, wenn du durch oͤfteres Nachdenken den Begriff feſt⸗ geſetzt haſt, was darzu gehort, ein wahrer Chriſt zu ſeyn, worinne die Pflichten beſtehen, deren Erfüllung dir obliegt, was denn eigentlich die von Gott dir an⸗ gewieſene Beſtimmung deines irdiſchen Lebens iſt, was du, nach den Verheifungen Jeſu, in jenem beſ⸗ ſern Leben zu hoffen haſt, nur dann wirſt du dich auch eifrig beſtreben, alle deine Handlungen ſo einzurich⸗ ten, daß ſie ſodann das ſchoͤne uͤbereinſtimmende Ganze ausmachen, welches dem Chriſten ſo nothwen⸗ dig und anſtändig iſt. Dieß Nachdenken uber alles, was wahres Chri⸗ ſtenthum iſt, was dieß Chriſtenthum von dir fordert, was es dich von deiner Beſtimmung lehrt, wird dich zu einer richtigen Werchſchätzung aller Dinge, die dich umgeben, leiten, und du wirſt darinne ein neues Huͤlfsmittel finden, Feſtigkeit im Guten zu erlangen. Willſt du alſo bey dem Streben nach Tugend und Rechtſchaffenheit ſtets uͤbereinſtimmend denken und handeln, ſo lerne drittens den Werth der Dinge richtig ſchaͤtzen. Laß dich nie von dem außern Schein blenden. Laß dich nie von dem erſten ſinnlichen Ein⸗ bruck, den ein Ding auf dich macht, hinreißen. Pruͤfe pri den das ode W ode wa ver wal ein tede, nach dir werden mmung ge⸗ Und was ndeln, daß Nur dann, egriff feſt⸗ Chriſt zu Erfüllung ott dir an⸗ ebens iſ, jenem beſ⸗ bich auch einjurich⸗ timmende nothwen⸗ ir fordert, vird dich nge, die ein neues erlangen⸗ gend und nken und et Ding E chen bin hineiße Prift 167 Pruͤfe die Vortheile, die Nachtheile, den Gewinn, den Verluſt, die Folgen, die Dauer dieſer Folgen, das Angenehme, das Beſchwerliche, den dauerhaften oder fluͤchtigen Genuß, das Verhaͤltniß zu deiner Wuͤrde als Menſch, als Chriſt, welche mit dieſer oder jener Handlung, die du vornimmſt, mit jedem wahren Gut oder Scheingut, nach welchem du ſtrebſt, verbunden ſind. Beſtimme durch dieſe Pruͤfung den wahren Werth eines jeden Dinges, das dich umgiebt, einer jeden Luſt, die dich lockt, alles desjenigen, was dir Gluck oder Ungluck, wunſchenswerth oder haſſens⸗ werth ſcheint. Laß dich nie den Schein taͤuſchen, und vertauſche ihn nie gegen Wahrheit. Ziehe alſo das Geiſtige dem Sinnlichen, das Beſtändige dem Un⸗ beſtäͤndigen, das Ewige dem Vergänglichen, Genuß geiſtiger Freuden dem Genuß der Sinne, Beduͤrfniß der Seele dem Beduͤrfniß des Koͤrpers vor. Es iſt unmoͤglich, daß ein vernuͤnftiger Menſch, der das Gute als gut, und das Boͤſe als boͤſe erkennt, das Letztere dem erſtern vorziehen kann, ſo lange er von dem Taumel der Sinne nicht getaͤuſcht wird, und das Boͤſe fur gut, und das Gute fur boſe hält. Verbinde mit dieſer richtigen Schatzung des Werths der Dinge das vierte Huͤlfsmittel, um zu einer feſten Uebereinſtimmung, ſtets als Chriſt zu denken und zu handeln, zu gelangen: Wachſamkeit über dich ſelbſt, Aufmerkſamkeit auch auf deine ge⸗ ringſten Fehler. Daß der Ruckfall von der Tugend zum Laſter ſo haͤuſig, ſo leicht iſt, ruhrt vorzuglich von . 11 168 von der Vernachläßigung dieſer Pflicht her. Wir laſſen uns in einer unbewachten Minute zu dieſer oder jener Luſt, die uns Kleinigkeit, die uns gleichguͤltig däucht, hinreißen. Wir finden Geſchmack an ihrem Genuß, wiederholen ihn, eilen von ihr zum Genuß einer noch ſtrafbarern Luſt, und unſer Gefuͤhl fuͤr Tu⸗ gend und Recheſchaffenheit erſtirbt, verloͤſcht endlich ganz. Wir fallen ganz in die Laſter und Thorheiten zuruͤck, die wir zu vermeiden ſo ernſtlich entſchloſſen waren. Willſt du alſo, o Chriſt, uͤbereinſtimmend denken und handeln, ſo wache ſtets uͤber dein Herz. Vermeide auch den leichteſten Eindruck einer uner⸗ laubten Begierde auf daſſelbe. Verachte keinen Feind, det deiner Tugend und Rechtſchaffenheit droht, und wenn er dir noch ſo gering und unbedeutend ſcheint. Laß dich in keinen Kampf mit ihm ein, ſo lange du ihn fliehen kannſt. Den erſten Verſuchen zum kaſter iſt leicht zu wiberſtehen. Je oͤfterer ſie iederholt werden, deſto gefäͤhrlicher werden ſie; und mancher Chriſt, der ſich noch fuͤr ſehr feſt und unbe⸗ zwinglich in ſeinen guten Entſchlie zungen hielt, war aus Mangel der Wachſamkeit ſchon uberwunden, da er noch Sieger zu ſeyn glaubte. Aber, bey aller Wachſamkeit uͤber uns ſelbſt, bleiben wir ſchwache, ſinnliche Menſchen. Wir ha⸗ ben bey unſerm Streben nach Tugend und Rechtſchaf⸗ fenheit eine Stuͤtze noͤthig, an welche wir uns halten, ein Muſter, nach welchem wir uns bilden. Dieſ⸗ Stuͤtze, dieſes Muſter, finden wir in dem ſo nach⸗ abmungs⸗ . Wir ieſer oder eichgültig an ihrem m Gemß l für Ju⸗ t endlich horheiten tſchloſſen ſtimmend ein Herz. er uner⸗ e keinen it broht, edeutend nein, ſo gerſuchen fterer ſe ſie; und nd unbe⸗ elt, war den, da 6 ſolbſt Wir ha⸗ chtſchaß halten Dieſ ſo nach⸗ mungs⸗ 169 ahmungswurdigen Charakter Jeſu Chriſti, unſers Herrn, und die Nachahmung dieſes erhabenen Mu⸗ ſters biethet uns zugleich das füͤnfte Hülfsmittel dar, uns zu einer feſten chriſtlichen Uebereinſtimmung im Denken und Handeln zu bilden. Studiere unermuͤ⸗ det, o Chriſt, dieſes große Muſter aller chriſtlichen Vollkommenheit. Bemerke vorzuglich, wie ſich ſelbſt gleich dein Herr in allen ſeinen Handlungen war. Er hatte nur Ein Ziel, auf welches alles, was er dachte, was er that, gerichtet war; dieß war: Zu thun den Willen ſeines Vaters. Alle ſeine Lehren, alle ſeine Handlungen, ſein ganzes Leben, ſein Leiden, ſein Tod, ſtimmten mit einander uͤberein, hiengen auf das genaueſte mit einander zuſammen, um dieß Ziel zu erreichen. Nie wich er von dem Wege ab, den er ſich zu Erreichung dieſes Ziels vorgezeichnet hatte. Sich ſelbſt gleich in heitern und truͤben Tagen, blieb er dem Entſchluß, den Willen ſeines Vaters zu er⸗ füllen, unverbruͤchlich getreu, ließ ſich weder ange⸗ nehme, noch ſchmerzhafte Ereigniſſe hindern, dieſem Entſchluß gemaß zu handeln. Und ſo blieb ſeine große Seele eben ſo unerſchuttert uner der Laſt der teiden, als unuͤberwindlich fur die Lockungen gefaͤhr⸗ licher Freuden. Laß dieß große Beyſpiel dir ſtets vor Augen ſchweben! Ahme ihm nach, du, ſein Ver⸗ ehrer und Freund; handle ſo ſtandhaft in dem Stre⸗ ben nach Tugend und Rechtſchaffenheit, wie er ge⸗ handelt hat, und auch du wirſt die Palme des Sie⸗ ges erringen, die er errungen hat, wirſt unveränderlich im Guten, unbezwingbar fur kaſter und Suͤnde ſeyn: 170 Willſt du endlich ſtets uͤbereinſtimmend als Chriſt denken, als Chriſt handeln, o ſo bediene dich des ſechſten kraͤftigſten Mittels, an welches alles, was du ſieheſt, was du empfindeſt, in dem Reiche der Natur, wie in dem Reiche der Gnade, dich er⸗ innert: Lebe Gott, liebe ſeinen Sohn Jeſum, von ganzem Herzen, aus allen deinen Kräften. O Menſch, du gluͤckſeliges, vernuͤnftiges Geſchoͤpf, freue dich dei⸗ nes Daſeyns, deines Weſens! Du biſt fähig, Gott zu lieben, Gott, den Allervollkommenſten, zu lieben. Du biſt faͤhig, Jeſum zu lieben, dieß ſinnliche Mu⸗ ſter aller Vollkommenheit. Waärſt du es zu empfin⸗ den fahig, wie ſelig der iſt, der Gott liebt, der Je⸗ ſum liebt, wie waͤre es moͤglich, daß dieſe Liebe nicht deine ganze Seele erfullen ſollte. Liebe, du unſchätz⸗ bares Geſchenk der Gottheit, zu welchem ſie den Trieb auf ſo mannigfaltige Art in unſer Herz gelegt hat, moͤchte dich doch jedes menſchliche Herz recht zu em⸗ pfinden fähig und wuͤrdig ſeyn! Moͤchten doch un⸗ reine Lippen nie deinen heiligen Namen entweihen! Moͤchte jeder Menſch empfinden, daß Liebe nur da moͤglich iſt, wo Vollkommenheit iſt, daß, je voll⸗ kommner der Gegenſtand unſter Liebe iſt, er deſto liebenswuͤrdiger ſey; daß alſo Gott, daß Jeſus, das Ebenbild ſeines Weſens, unſere Liebe in dem hoͤchſten Grad, deſſen wir fahig ſind, von uns fordere. Ein Menſch, deſſen ganzes Herz von der reinſten innigſten tiebe zu Gott und Jeſu durchdrungen iſt, der in dem ſeligſten Gefuhl dieſer Liebe ſeine Gluͤckſeligkeit findet, der die Freuden, die ſie ihm ſchenkt, uber alles ſchaͤtzt, ſollte ſlt nen end als ene dich alles, Reiche dich e⸗ m, von Menſch, ich dei⸗ „Gott lieben. he M⸗ empfn⸗ der Je⸗ e nicht nſchat⸗ Lrieb gt hat, zu em⸗ och un⸗ weihen! nur da e voll⸗ r deſto s, das chſten Ein nigſten in dem inde⸗ ſchib⸗ ſollte 17½ ſollte wohl ein ſolcher Menſch jemals dieſe Liebe der Suͤnde aufopfern? Soollte ſie ihn nicht ſtets war⸗ nen, nichts zu denken, nichts zu thun, was dieſen ſußen Frieden ſeiner Seele ſtoͤren kann? Sollte nicht alſo ſeine ganze Denkungsart, ſeine ganze Handlungs⸗ art ſo uͤbereinſtimmend ſeyn, daß ſie ſtets auf das Gute gerichtet waͤre? Wird dieſe Liebe ihn nicht am kräftigſten im Guten feſt und unveraͤnderlich machen? Ja, meine thruerſten Geliebten, ſtrebt nach dieſer Liebe zu Gott und Jeſu, wenn es euch mit dem Stre⸗ ben nach Tugend und Rechtſchaffenheit ein Ernſt iſt. Dieſe Liebe muß der Grund eures ganzen Chriſten⸗ thums ſeyn. Sie muß euch ſtets die wichtige Frage vorhalten: Wie ſollt' ich ein ſo großes Uebel thun, und wider Gott ſuͤndigen? Aber freylich muͤßt ihr wiſſen, wie ihr dieſe Liebe zu Gott und Jeſu in eu⸗ ren Herzen gruͤnden und befeſtigen ſollt, wenn ihr euch nach den Fruͤchten ihres Genuſſes ſehnt. Nicht eine kurz lodernde Flamme der Andacht, nicht ge⸗ traͤumte heilige Empfindung, nicht bloßer Wunſch, nicht Mundglaube, nicht ſtolze Einbildung auf euren chriſtlichen Werth macht euch dieſer Liebe ſähig. Es iſt nur ein Weg, auf welchem ihr ſie erlangen konnt. Dieſen Weg bezeichnet euch der Apoſtel Jo⸗ hannes, wenn er euch lehrt:(1. Joh. 4. v. 16.) Wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu . i 172 zu uns hat. Gott iſt die Liebe, und wer in der Liebe bleibet, der bleibet in Gott, und Gott in ihm. Lernt alſo aus den Werken der Natur und aus den Werken der Gnade gruͤndlich erkennen, in welch einem hohen Grade Gott die Liebe iſt. Und was iſt in dem Reiche der Natur und in dem Reiche der Gnade, was euch nicht in jedem Augenblicke zuruft: Gott iſt die Liebe! Hoͤrt dieſe Stimme gern und aufmerkſam, und auch ihr werdet ſodann in der Liebe bleiben, wer⸗ det Gott lieben, und ſein Geiſt wird auch ſodann Fe⸗ ſtigkeit im Guten in euch wirken koͤnnen. Werdet ihr alſo, meine Geliebten, der hier angegebenen Mittel euch fleißig bedienen, werdet ihr euch gewoͤhnen, ſtets nach wahren richtigen Grund⸗ ſagen zu handeln, oft und gruͤndlich daruͤber nachden⸗ ken, was wahres Chriſtenthum iſt, was es von euch fordert, was es euch von eurer ganzen Beſtimmung lehrt, werdet ihr jedes Ding nach ſeinem wahren Werth ſchätzen, werdet ihr ſtets wachſam uͤber euch ſelbſt ſeyn, werdet ihr euch beſtreben, den feſten uͤber⸗ einſtimmenden Charakter Jeſu nachzuahmen, werdet ihr endlich Gott und Jeſum von ganzer Seele und aus allen euern Kräften lieben, ſo koͤnnt ihr euch ge⸗ wiß darauf verlaſſen, daß Feſtigkeit im Guten euch nie mangeln wird, daß ihr ſtets ſo denken, ſtets ſo han⸗ han of ſen ſte unt er te es eit es ei Liebe ihm. us den einem in dem , was iſt die rkſam, „wer⸗ nn Fe⸗ hier Nt ihr rund⸗ chden⸗ neuch nmung bahren euch über⸗ werdet le und uch ge⸗ neuch ets ſo han⸗ 173 handeln werdet, wie es ſich fuͤr Chriſten geziemt. Ihr werdet ſodann auch die großen Vorctheile genieſ⸗ ſen, die aus dieſer Feſtigkeit im Guten entſpringen. Solt ich euch noch das Bild des gluͤckſeligen Chriſten entwerfen, der, ſeinen gefaßten Entſchluͤſſen ſtets getreu, dieſen Entſchluͤſſen ſtets gemäß denke und handelt, der ſtets Thäter der Religion iſt, die er bekennt? Was wuͤrde dieß Bild euch nuͤtzen, wenn ihr bloß in den kurzen Minuten einer fluͤchtigen Andacht es bewundern, und euch nie beſtreben woll⸗ tet, es nachzuahmen, an euch ſelbſt zu zeigen, daß es kein bloßes Ideal ſey? Ich theile euch indeſſen einige ſchwache Zuge dieſes Bildes mit. Ach! moͤchte es mir gelingen, auch in euern Seelen das edle Feuer einer ſtandhaften Nachahmung dieſes Bildes zu ent⸗ zuͤnden! Moͤchtet auch ihr ſie dereinſt empfinden, moͤchte auch ich ſie empfinden, dieſe Heiterkeit, dieſe Ruhe der Seele des feſten entſchloſſenen Chriſten, die kein Sturm der Leiden erſchuͤttern, kein Rauſch des Gluͤcks in Taumel fluͤchtiger truͤglicher Freuden ver⸗ wandeln kann. Das Wohlgefallen Gottes iſt ſein hoͤchſtes Ziel. Dieß zu erreichen, zu beſitzen, zu er⸗ halten, darauf ſind alle ſeine Handlungen gerichtet. Welche Schickſale ihm auch ſein Vater im Himmel im laufe dieſes irdiſchen Lebens anweißt, die ange⸗ nehmen — 0 — — —r 174 nehmen wie die druͤckenden, er empfaͤngt ſie allr aus ſeiner Hand mit Unterwerfung unter ſeinen Willen, dankt ihm fuͤr den boͤſen Tag ſo gern und willig, als fur den guten; denn er weiß, er hat ſie beyde fur ihn geſchaffen. Keine ſinnliche Luſt feſſelt ihn, kein ir⸗ diſcher Wunſch iſt das einzige Ziel ſeiner Neigungen, kein Gut iſt ihm unentbehrlich. Er wuͤnſcht nichts zu beſitzen, was ihm Gott nicht mittheilen will. So iſt er in allen ſeinen Wuͤnſchen, in allen ſeinen Hand⸗ lungen ſich ſelbſt gleich. Er iſt ruhig im Gluͤck, ru⸗ hig im Ungluͤck. Seine Stirne iſt ſtets heiter; denn Unzufriedenheit ſtoͤrt nie den Frieden ſeiner Seele. Nur dann ſtoͤrt ſie ihn, wenn er ſich Fehler und Schwächen vorzuwerfen hat. Gelingen ſeine guten Unternehmungen, ſo freut er ſich ihrer, und dankt dem Gott, der ſie gelingen ließ. Mißlingen ſie, ſieht er ſeine liebſten Wuͤnſche vereitelt, er beruhiget ſich durch die Ueberzeugung, daß keine gute That ohne Frucht bleibt, und daß, wenn ſie auch hier in dieſer Welt vergeblich geſaäet ward, ſie dort, in jener beſſern Welt, keimen und Fruͤchte tragen wird. Druͤcken ihn Leiden, Leiden des Koͤrpers oder der Seele: er bleibt Menſch, er fuͤhlt ſie. Aber nie murrt er wider Gott, der ſie ihm auflegte. Er weiß, daß alle Leiden dieſer Zeit nicht werth ſind der Herrlichkeit, ſo an ihm ſoll offenbaret werden. Verleiht ihm Gott Kräfte und Gr r aus Dilen, ig, als kein ir⸗ ungen, nichts So Hand⸗ , ru⸗ ; denn Seele. rund guten dankt en ſie, uhiget t ohne dieſer eſſern ruͤcken e er wider leiden ſo an triſte und 175 und Geſundheit, ſo ſind ſie ganz guten und edlen Tha⸗ ten gewidmet. Kein Tag geht ihm ungenutzt dahin; denn er wirkt, ſo lange es noch Tag iſt, da er wirken kann. Keine Unordnung der Welt erſchuͤttert ſeinen Muth; denn er weiß, Gott, der Allmachtige, iſt Beherrſcher und Regierer dieſer Welt. Keine Suͤnde hat Reitz fuͤr ihn; denn er kennt ihr Gift, das unter dieſer betruͤglichen Reitz verborgen liegt. So fließt ſein Leben, gleich dem Silberbach, durch die blumigte Wieſe ſeiner irdiſchen Wallfahrt dahin, ſo findet ihn der Tod. Und auch dieſer furchtbare Zerſtoͤrer aller irdiſchen Freuden ſchreckt ſeinen ſtandhaften Muth nicht. Er weiß, was er iſt; Uebergang zum beſſern Leben. So lebt, ſo ſtirbt der Chriſt, der ſich ge⸗ woͤhnt hat, feſt und uͤbereinſtimmend nach den Grund⸗ ſätzen der Religion, die er bekennt, zu denken und zu handeln. Und wir wollten nicht wuͤnſchen, nicht ſtreben, ihm aͤhnlich zu werden? Rein! auch wir wollen uns entſchließen, wollen es vor dem Allwiſ⸗ ſenden feyerlich geloben: feſt und unveränderlich im Guten zu ſeyn, ſo uͤbereinſtimmend zu denken und zu handeln, wie der Chriſt denken und handeln muß, wenn er ein wahrer Chriſt ſeyn will. Staͤrke du uns ſelbſt, Allguͤtiger, in dieſem Vorſatz. Gieb uns Kraft, unveraͤnderliche Kraft zum Guten. Die Bahn 176 Bahn des lebens, die du uns fuhrſt, ſey rauh oder leicht und angenehm, ſo muͤſſe ſie uns doch ſtets zu dem großen erhabenen Ziele fuͤhren, deinen Willen zu thun⸗ uh odet ſtets zu Villen V. Was iſt chriſtliche Vollkommenheit? und wie wird ſie erlangt? Matthaus 5. v. 18. Darum ſollt ihr vollkommen ſeyn, gleich wie euer Vater im Himmel vollkommen iſt. * 6 —— — —n 1 1 * 5 Gon, zu welcher erhabenen Wuͤrde haſt du den Menſchen, den aus Erde geſchaffenen, aber mit ei⸗ nem unſterblichen Geiſt begabten Menſchen beſtimmt! Zu der hoͤchſten Erreichung ſeiner Wuͤnſche, deren ein freyer vernuͤnftiger, nach Gluͤckſeligkeit ſtrebender Geiſt fäͤhig iſt, haſt du ihn berufen. Dieſer Menſch von Erde ſoll ewig an Erkenntniß, an Weisheit, an Macht, an Tugend, an Vollkommenheit wachſen! Welches große, welches herrliche Ziel, das du ihm vorgezeichnet haſt! Dein Sohn Jeſus Chriſtus hat uns durch ſeine vortrefliche Lehre, durch ſein erhabe⸗ nes Beyſpiel, durch alles was er gethan und gelit⸗ ten hat, den Weg gezeigt, welchen wir wandeln muͤſ⸗ ſen, wenn wir dieß glänzende Ziel erreichen wollen. Seyt vollkommen, wie euer Vater im Himmel voll⸗ kommen iſt, ruft er uns zu. Aber, o Gott, ſo er⸗ munternd dieſer Zuruf iſt, ſo erſchuͤtternd iſt er auch fur uns. Wir ſollen den Weg zur Vollkommenheit wandeln? Wir ſollen vollkommen ſeyn, wie unſer Vater im Himmel vollkommen iſt? Und wir ſind ſchwache, ſinnliche, ſundhafte Geſchoͤpfe? Menſchen, die auf der Bahn der Tugend oft wanken, oft ſtrau⸗ cheln, und oft ganz fallen. M 2 Be⸗ „ 180 Belehre uns durch deinen Geiſt, wie wir es anfangen muͤſſen, wenn wir vollkommen ſeyn wollen, wie du unſer im Himmel vollkommen biſt. Wenn das Chriſtenthum ſeinen Freunden und Verehrern auf der einen Seite die erfreulichſten Aus⸗ ſichten zeigt, ihnen die hohe Wuͤrde, zu der ſie be⸗ rufen ſind, die herrliche Belohnung ihrer Treue, die ihrer in einem andern Leben wartet, die reinen Freu⸗ den des gegenwaärtigen, und die unausſprechlichen Freuden des kuͤnftigen Lebens unter den lebhafteſten Bildern vorſtellt, ſo verbirgt es ihnen auf der andern Seite nicht, daß der Weg, der uns hier in dirſem Leben zur wahren Ruhe und Zufriedenheit, und nach dem Tode zu einer ſeligen Unſterblichkeit und zur Ver⸗ einigung mit Gott und ſeinem Sohn Jeſu Chriſto fuͤhrt, rauh und muͤhſam iſt. Ja, es iſt ſchwer, ein Chriſt, in dem ganzen Umfange des Wortes zu ſeyn, ſo ſehr es auch der Muͤhe werth iſt, nach dem Ruhm zu ſtreben, der mit der Wuͤrde des Chriſten unzertrennlich verbunden iſt. Dieſe Beſchwerden, welche den Chriſten in dem Lauf nach dem Ziele, das ihm vorgeſchrieben iſt, gewiß erwarten, ſind man⸗ nigfaltig, und von ſehr verſchiedener Art. Es iſt nicht die Abſicht des gegenwärtigen Vortrags, ſie alle 1 zu unterſuchen und anzufuͤhren. Wir wollen jetzt nur bey derjenigen Gattung von Schwierigkeiten, welche der Chriſt zu bekaͤmpfen hat, ſtehen bleiben, an welche uns die Worte, welche uns zu dieſer Be⸗ trachtung veranlaſſen, erinnern: Seyd vollkommen, wie ſi wir es wollen, den und ten Aus⸗ ſie be⸗ ue, die n Freu⸗ echlichen hafteſten r andern n dirſem d nach ur Ver⸗ Chriſto ſchwe, ortes zu uch dem Chriſten hwerden, ele, das nd man⸗ Es iſt ſie ale llen jeht bleiben, iſer Be we 181 wie euer Vater im Himmel vollkommen iſt, ruft uns Jeſus Chriſtus, unſer Lehrer und Herr ſelbſt zu. Wie? Ich, der Menſch aus Staube, ich, dieß ſchwache ſinnliche Geſchoͤpf, ſoll vollkommen ſeyn, wie Gott im Himmel vollkommen iſt, wenn ich wirk⸗ lich das ſeyn will, was ich ſeyn ſoll, und ſeyn muß, um den ehrwuͤrdigen Namen des Chriſten mit Recht fuͤhren zu koͤnnen? Kann unſer Lehrer und Her⸗ et⸗ was von uns fordern, das unſere Kräfte zu uͤberſtei⸗ gen ſcheint? Und muß dieſe ſeine Anforderung unſern Muth nicht ganz niederſchlagen? Nein! meine theu⸗ ren Geliebten, laßt uns nicht aus Traͤgheit oder Un⸗ wiſſenheit, mit Zweifeln uns aͤngſtigen, die nicht un⸗ aufloͤßbar ſind. Wenn Jeſus Chriſtus von uns ver⸗ langt, daß wir vollkommen ſeyn ſollen, wie unſer Vater im Himmel vollkommen iſt, ſo verlangt er ge⸗ wiß nichts von uns, was unſern Kraͤften nicht ange⸗ meſſen wäre. Er weiß, was fur ſchwache Geſchoͤ⸗ pfe wir ſind, und er iſt kein eigenſinniger Despot, der von ſeinen Sklaven mehr fordert als er leiſten kann. Laßt auch den Weg zur chriſtlichen Vollkom⸗ menheit noch ſo ſteil ſeyn! Wir muͤſſen die Hoͤhe die⸗ ſes Weges, auf eine oder die andere Art erſteigen koͤnnen, ſonſt haͤtte Chriſtus ihn zu wandeln, uns nicht angewieſen. Laßt uns alſo freudig und getroſt nach der chriſtlichen Vollkommenheit ſtreben. So mühſam auch unſer Kampf darnach ſeyn mag, denn dieß iſt er allerdings, um deſto ehrenvoller wird er fuͤr uns ſeyn. Wir Wir wollen alſo gegenwärtig daruͤber nachden⸗ ken: Was der Chriſt thun muß, wenn er vollkom⸗ men ſeyn will, wie ſein Vater im Himmel vollkom⸗ men iſt. Wenn Vernunft und Wahrheit unſer Nachden⸗ ken leiten ſollen, ſo muͤſſen wir erſtlich uns einen richtigen Begriff davon zu machen ſuchen: Was das heißt, vollkommen ſeyn, wie Gott im Hinmel vollkommen iſt? Um dieß deſto richtiger einzuſehen, muͤſſen wir hierbey genau unterſcheiden, was dieſe chriſtliche Vollkommenheit nicht iſt? Und was ſie nach dem Muſter, das wir nachahmen ſollen, in ſich begreift. Aus dieſer Unterſuchung werden wir zweytens die Mittel leicht kennen lernen, welche der Chriſt anwenden muß, wenn er vollkommen ſeyn will, wie ſein Vater im Himmel vollkommen iſt. Wollen wir uns einen richtigen Begriff von der chriſtlichen Vollkommenheit machen, ſo muͤſſen wir fuͤnferley falſche Vorſtellungen von ihr, die uns irre fuͤhren koͤnnen, zu vermeiden ſuchen. Chriſtliche Vollkommenheit beſtehet erſtlich nicht in gänzlicher Ertoͤdtung menſchlicher Begierden und Leidenſchaf⸗ ten, welche unſer Schoͤpfer ſelbſt aus ſo weiſen Urſa⸗ chen uns eingepflanzt hat. Nur truͤber Moͤnchsſinn, melancholiſche Ehrſucht, kranke Einbildungskraft, kann ſich hier chriſtliche Vollkommenheit träumen, wo keine iſt, wo oft Thorheit, noch oͤfterer Laſter zum Grunde liegt. Nicht Unterdruͤckung und Ausrot⸗ tung der ſinnlichen Triebe, die unſerer gegenwaͤrti⸗ gen —— nachden⸗ volkom⸗ volllom⸗ achden⸗ ns einen as das Hihmel zuſehen, as dieſe was ſie Men, in den wir che der en ſeyn iſ. von der iſſen wir uns irre hrſliche ärzlcher eſcha⸗ in Urſa⸗ chöſinn, gskrſt raumel⸗ ſter jun Ausro⸗ mini⸗ ge 183 gen Beſtimmung gemäß ſind, macht uns reiner, hei⸗ liger und beſſer, als andere Menſchen, bringt uns der Vollkommenheit höherer Geiſter naͤher, und macht uns zu einem vertraulichen Umgang mit ihnen faͤhi⸗ ger. Es iſt Thorheit, dieß zu glauben, und oft iſt es laſterhafte Abſicht, womit man Menſchen von ein⸗ geſchraͤnktem Verſtand, dieß zu glauben, zu verleiten ſucht. Nicht die Art der Nahrung, die wir genieſ⸗ ſen, die Kleidung, die wir tragen, die außerliche Geberdung unſers Koͤrpers, der Ton unſerer Stim⸗ me, iſt das ſichere àußere Kennzeichen der innern chriſt⸗ lichen Vollkommenheit. Sondert alſo, wenn ihr euch richtige Begriffe von der chriſtlichen Vollkom⸗ menheit machen wollt, alſe dieſe irrigen, in unſern Zeiten ſo gewoͤhnlichen Begriffe von ihr ab, und ſeyd weder Thoren noch Boͤſewichte unter der falſchen an⸗ genommenen Larve der chriſtlichen Vollkommenheit. Chriſtliche Vollkommenheit beſteht zweytens nicht in der vollſtaͤndigſten Kenntniß eines fehler⸗ freyen, feſtgeſetzten Syſtems chriſtlicher Glaubens⸗ lehren. Richt der iſt der vollkommne Chriſt, der viel glaubt, und von dem, was er glaubt, es ſey wahr oder falſch, uͤberzeugende und mangelhafte, rich⸗ tige und ſeichte Gruͤnde anzufuͤhren weiß. Alſo nicht der Umfang unſerer bloßen Religionskenntniſſe, nicht die Art und Weiſe des Syſtems, nach welchem wir ſolche auswendig gelernt haben, nicht Gelehrſamkeit, nicht Spitzfindigkeit, nicht Rechtgläubigkeit, tragt viel oder wenig zur chriſtlichen Vollkommenheit bey. Gott 184 Gott ſieht nie die Perſon an, ſondern in allerley Volk, wer ihn furchtet und Recht thut, der iſt ihm angenehm. Jeder gute Menſch iſt alſo eines gewiſ⸗ ſen Grades der Vollkommenheit, nach welchem der Chriſt ſtreben ſoll, fähig, und nie wird Gott Rechen⸗ ſchaft von ihm fordern, was er in Anſehung dieſer Vollkommenheit geglaubt, ſondern was er zu ihrer Erreichung gethan hat. Chriſtliche Vollkommenheit beſteht aber auch drittens nicht in einer ſußen Schwärmerey ſogenann⸗ ter reinen Gefühle der Liebe Gottes, und der Liebe zu ihm. Ohne Anwendung eines aufgeklärten geſunden Verſtandes läßt ſich keine menſchliche, geſchweige chriſtliche Volſkommenheit denken. Glaubet alſo nicht, daß ihr in der chriſtlichen Vollkommenheit weiter fortgeruͤckt ſeyd, als eure andern chriſtlichen Bruͤder, wenn euer Herz von einem ſchimmerreichen Feuer der Liebe zu Gott in gewiſſen Augenblicken gluht, wenn ihr von dieſem oder jenem religioſen Ge⸗ genſtand, mit welchem ſich eure Betrachtung beſchaͤf⸗ tiget, ſelbſt bis zu Thränen, zu ſuͤßen Wonnereichen Thraͤnen geruͤhrt ſeyd. Dieß Feuer der Andacht ver⸗ loſcht, gleich leichten Duͤnſten, die ſich in der uft entzuͤnden, wenn euer Verſtand nicht von dem uͤber⸗ zeugt iſt, was euer Herz fuͤhlt. Chriſtliche Vollkom⸗ menbeit außert ſich nicht durch Gefuhle, ſondern durch Handlung und Thaͤtigkeit. Wenn ihr me vie to allerley r iſt ihm es gewiſ⸗ ſchem der tRechen⸗ ng dieſer ju ihrer ber auch ogenann⸗ t hiebe zu geſunden ſchweige het alſo nmerhlit riſtlichen ſerreichen enblicken öſen Ge⸗ beſchif nereichen acht ver⸗ der Uiſt em über Polkom⸗ ern durj Wenn 185 Wenn euch indeſſen Chriſtus auffordert, daß ihr vollkommen ſeyn ſollt, wie euer Vater im Him⸗ mel vollkommen iſt, ſo laßt euch dieß nicht zu dem vierten Irrthum verleiten, daß ihr den Begriff der chriſtlichen Vollkommenheit in die Gleichheit oder Aehnlichkeit der Vollkommenheit mit Gott ſetzt. Die⸗ ſer Irrthum wuͤrde euch in eurem kauf nach dem Ziele der Vollkommenheit, das euch vorgezeichnet iſt, auf⸗ haltenz ihr wuͤrdet muthlos, und dadurch matt und träge im Streben nach Tugend und Rechtſchaffenheit werden. Kein Menſch kann vollkommen ſeyn, wie Gott vollkommen iſt. Vollkommenheit in Gott iſt, ihrem Weſen und ihren Eigenſchaften nach, von jeder Gattung der Vollkommenheit der Kreatur verſchieden. Wenn Chriſtus Vollkommenheit, wie ſein Vater voll⸗ kommen iſt, verlangt, ſo koͤnnen dieſe Worte keinen andern Sinn haben, als denjenigen, der eurer menſch⸗ lichen Natur gemaͤß iſt, und ich werde im Folgenden zu erklaͤren bemuͤht ſeyn, in welchem Sinn dieſe Worte zu nehmen ſind. Allein huͤtet euch, daß euch die Ueberzeugung, daß ihr nicht vollkommen ſeyn koͤnnt, wie Gott im Himmel vollkommen iſt, nicht zu dem fuͤnften Irr⸗ thum verleite, welcher ſich chriſtliche Vollkommenheit ſchon alsdann traͤumt, wenn der träge oder auf ſeine Tugend eingebildete Chriſt ſich kaum der unterſten Stufe dieſer Vollkommenheit genahert hat. Laßt euch nicht das zu unſern Zeiten ſo gewoͤhnliche Ge⸗ ſchwaͤtz bethoͤren, daß Gott die Schwachheit unſerer Natur 186 Natur kennt, daß er mit unſerer ſo mangelhaften Tu⸗ gend zufrieden iſt, daß er uns mehr nach unſerm Wil⸗ len, als nach unſern Thaten beurtheilen wird. Nein! chriſtliche Vollkommenheit iſt von einem großen Um⸗ fange. Sie ſchließt alle Trägheit des Geiſtes aus. Sie erfordert die aͤußerſte Anſtrengung unſerer mora⸗ liſchen Kräfte. Sie kennt keinen Stilleſtand im Gu⸗ ten. Wer auf dem Weg zur chriſtlichen Vollkom⸗ menheit nicht vorwärts geht, weicht zuruͤck, und nie wird er zum Ziel dringen, und die Krone empfangen, die keinem chriſtlichen Kämpfer beſchieden iſt, er kämpfe denn recht. Laßt uns nunmehr genauer beſtimmen, was chriſtliche Vollkommenheit, nach welcher wir ſtreben ſollen, und die wir auch unſerer Natur nach erreichen koͤnnen, eigentlich ſeyo. Wir muͤſſen hierbey zwey Anmerkungen vorausſchicken. Erſtlich: Ein Ding iſt vollkommen, wenn es der Abſicht ſeiner Beſtim⸗ mung in allen einzelnen Theilen, ſo wie im Ganzen genommen, voͤllig gemaͤß iſt. Ferner: Zwey Dinge koͤnnen jedes in ſeiner Art vollkommen ſeyn, ſo ver⸗ ſchieden auch ihre Vollkommenheit unter ſich ſelbſt iſt. Ein geſchickter Baumeiſter zeichnet den vollſtändigſten Riß zu der Huͤtte des Landmannes weit anders, als zu dem Pallaſt des Koͤnigs, und jeder Riß iſt in ſei⸗ ner Art vollkommen. Vollkommenheit des Chriſten in dieſer Welt beſteht alſo in der Fähigkeit, die Ab⸗ ſicht ſeiner Beſtimmung, zu welcher ihn Gott in dieſe Welt geſetzt hat, zu erfullen, und in der treueſten und ten Tu⸗ m Vil⸗ Nin! en Um⸗ tes aus. r mora⸗ im Gu⸗ ollkom⸗ und nie fangen, iſt, er „was ſtreben reichen zweh Ding Beſtim⸗ Ganjen Dinge ſo ver⸗ lbſt iſ. digſten 6, als in ſei hriſen die Ab⸗ in dieſe eueſin und 187 and ſorgfältigſten Anwendung dieſer Fähigkeit. Al⸗ lein, Vollkommenheit des Chriſten läßt ſich nicht nach einerley Regeln beurtheilen. Sie beſtimmt ſich bey dem einen Menſchen ganz anders, als bey dem andern. Die chriſtliche Vollkommenheit des aufge⸗ klärten, tief denkenden Geiſtes muß nach andern Grundſätzen beurtheilt werden, als die Vollkommen⸗ peit des frommen, mit Vorurtheil und Unwiſſenheit kämpfenden Landmanns. Die chriſtliche Hausfrau führt ein leichterer, oft näherer Weg zur chriſtlichen Vollkommenheit, die ihr zu erreichen obliegt, als derjenige, der ihren mit allen Hulfsmitteln irdiſcher Gelehrſamkeit verſehenen Gatten der chriſtlichen Voll⸗ kommenheit naher bringt. Allein die Vollkommen⸗ heit des einen, wie des andern, iſt von gleichem Werth. Der eine erhält eben die Belohuung, wel⸗ cher der andere wurdig iſt. Laßt uns dieß deutlicher und genauer aus einander ſetzen. Chriſt, der du vollkommen zu ſeyn wuͤnſcheſt, wie dein Vater im Himmel vollkommen iſt, willſt du dieſe Vollkommenheit erlangen, ſo erfulle die große Abſicht, zu deren Erreichung dich Gott, dein Schoͤ⸗ pfer und Herr, beſtimmt hat. Dieſe Abſicht, zu welcher du beſtimmt biſt, iſt und kann keine andere ſeyn, als: du ſollſt hier in deinem Erdenleben ſo wandeln, ſo leben, daß du dereinſt nach deinem Tode Gott näher kommen, ihn näher kennen, ihn mehr lieben lernen kannſt. Du mußt dich alſo, ſo lange du hier auf Erden lebſt, fahig machen, aus allen deinen 1 1 5 188 deinen Kräften fähig machen, daß du jene, dir nach deinem Tode verheißene Gluͤckſeligkeit erhalten und genießen kannſt. Dieſe Fähigkeit erlangſt du auf keinem ander Wege, als daß du dich beſtrebſt, ſchon hier in deinem irdiſchen Leben, ſo viel es dir nur im⸗ mer moͤglich iſt, dem ähnlich zu werden, in deſſen Gemeinſchaft und Vereinigung du dereinſt deine ewi⸗ ge Gluͤckſeligkeit finden ſollſt. Vollkommen ſeyn, wie dein Vater im Himmel vollkommen iſt, heißt alſo im eigentlichen Sinn, den Chriſtus mit dieſen Worten verbindet: Du mußt alle Vollkommenheiten zu er⸗ langen dich beſtreben, die, deiner Natur und deinem Weſen nach, dir zu erlangen moͤglich ſind, ſo wie Gott alle Vollkommenheiten ſeines Weſens beſitzt. Du biſt ein vernuͤnftiger, mit Freyheit begabter Geiſt, aber freylich eingeſchränkt und ſinnlich. Auch Gott iſt vernuͤnftig und frey, aber in dem erhabenſten, alle Begriffe erſchaffener Weſen uͤberſteigenden Aus⸗ druck dieſer Worte. Indeſſen du ſtammſt von ihm, du biſt goͤttlichen Geſchlechts, du biſt durch Chriſtum ein Kind Gottes und Erbe des ewigen Lebens. Deine Vollkommenheiten, nach welchen du ſtreben ſollſt, muͤſſen alſo eine entfernte Aehnlichkeit mit den Poll⸗ kommenheiten Gottes haben, ſo ſehr auch beyde ihrer Natur und ihrem Weſen nach von einander unter⸗ ſchieden ſind. Denke alſo uber die Vollkommenheiten Gottes nach, ſo viel es dir die Schwachheit deiner menſchlichen Natur erlaubt. Du wirſt dadurch die chriſtlichen Vollkommenheiten kennen lernen, nach welchen du ſtreben mußt, wenn du vollkommen ſeyn ſehn men ley all rol Ve unte ſes, ſeir ſei ihr geſ ten Eb dir nach ten und d af ſt, ſchon nur im⸗ in deſſen ine ewi⸗ hn, wie alſo im Worten nzu et⸗ deinem ſo wie beſiht. Geiſt, h Gott benſten, en As⸗ on ihm, hriſtum Deine e ihrer unter⸗ nheiten deiner rch die „nch ommen ſeyn 199 ſeyn willſt, wie dein Vater im Himmel vollkom⸗ men iſt. Die Vollkommenheiten Gottes ſind von zweyer⸗ ley Gattung. Sie beziehen ſich entweder auf ſeinen alles umfaſſenden Verſtand oder auf die hoͤchſte mo⸗ raliſche Guͤte ſeines Willens. Sein unendlicher Verſtand kennt alles, weiß alles, erforſcht alles. Er unterſcheidet Wahrheit und Jerthum, Gutes und Boͤ⸗ ſes, auf das genaueſte, er ergruͤndet allein die Tiefen ſeines Weſens, die Verhaltniſſe zwiſchen ihm und ſeinem Sohn, und beſtimmt die Verhaltniſſe zwiſchen ihm und ſeinen Geſchöpfen. Allein welcher endliche, geſchaffne Geiſt iſt vermoͤgend, alle Vollkommenhei⸗ ten dieſes Verſtandes zu erkennen und zu erzaͤhlen? Eben ſo wenig kann er dieß, als er den ganzen Um⸗ ſang der hoͤchſten moraliſchen Guͤte des goͤttlichen Willens zu erforſchen fähig iſt. Selbſt der erhabenſte Geiſt, der ſeinem Thron am nachſten ſteht, kann dieß nicht; denn ihn, den Unbegreiflichen, faßt der ganze Himmel nicht. Nur aus ſeinen großen Tha⸗ ten, die er uns Bewohnern des Staubes offenbahrt, erleuchten uns einige ſchwache Strahlen der unend⸗ lichen Vollkommenheiten ſeiner Heiligkeit, ſeiner Lie⸗ be, ſeiner Erbarmung, ſeiner zahlloſen Tugenden. (Wir haben kein anderes Wort, eine Sache zu be⸗ zeichnen, von welcher wir nur dunkle Vorſtellungen haben.) Indeſſen kann uns dieß ſchwache Licht der gottlichen Vollkommenheit, das uns umſtrahlt, den Weg hinlaͤnglich erhellen, den wir wandeln muͤſſen, wenn 190 wenn auch wir das Ziel der chriſtlichen Vollkommen⸗ beit erreichen wollen. Schmachteſt du alſo, o Chriſt, nach Vollkommenheit, wie dein Vater im Himmel vollkommen iſt, ſo bemuͤhe dich erſtlich, demem Ver⸗ ſtand ſo viel Vollkommenheif deiner Kenntniſſe und deiner Urtheile von den Verhältniſſen, in welchen du hier ſtehſt, zu verſchaffen, dieſen Kenntniſſen und Ur⸗ theilen ſo viele Richtigkeit, Ordnung und Deutlich⸗ keit zu geben, als es dir nach der Lage, in welcher du dich beſindeſt, nach dem Maaß der Kraͤfte, das dir dein Schoͤpfer gegeben hat, nach den Hulfsmit⸗ teln, die in deiner Gewalt ſind, nur immer moͤglich iſt. Lerne Wahrheit vom Jrrthum, Gutes vom Boͤ⸗ ſen unterſcheiden. Erwirb dir richtige, auf Ver⸗ nunft und Oſſenbahrung gegruͤndete Erkenntniſſe von Gott und Jeſu Chriſto, von den Verhaltniſſen, in welchen du als Menſch, als Chriſt, mit Gott, mit Jeſu Chriſto ſtehſt, was Gott dir und dem ganzen Menſchengeſchlecht iſt, und aus welchen Abſichten er ſeinen eingebohrnen Sohn, Jeſum Chriſtum, in die Welt geſandt hat. Lerne die verſchiedenen Verhält⸗ niſſe, in welchen du mit andern Menſchen ſtehſt, ge⸗ nau kennen. Lerne die mannigfaltigen Pflichten ge⸗ nau kennen, welche aus allen dieſen verſchiedenen Verhaͤltniſſen herfließen. Wirſt du dieſen Weg mit Sorgfalt, mit unermudetem Eifer, und mit ſo viel Treue, als dir moͤglich iſt, wandeln, ſo wirſt du, du magſt der tiefdenkendſte Geiſt oder der einfältigſte Chriſt ſeyn, deinem Verſtand denjenigen Grad der chriſtlichen Vollkommenheit geben, der dir nöchig iſt, wenn vol Go nen im not dei du ic ner unt kor che m W gi a ve G un ———— kommen⸗ oChriſt, Himmel em Vel⸗ niſſe und elchen du und Ur⸗ Deuclich⸗ welcher ſte, das ülfsmit⸗ moglich om Bo⸗ uf Ver⸗ tiſſe von ſſen, in oit, mit ganjen ſichten er in die hſt, ge⸗ hten ge⸗ hiedenen t ſo viel virſt du rad der thig i wenn 191 wenn du der Vermahnung Chriſti folgen willſt: Seyd vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen iſt. Allein du mußt hierbey nicht ſtehen bleiben. Der vollkommenſte, durchdringendſte Verſtand, die vollſtändigſte Kenntniß, die der ſterbliche Menſch von Gott, ſeinem Weſen und ſeinen Eigenſchaften, und ſei⸗ nen Verhältniſſen mit dem Menſchengeſchlecht nur immer zu erlangen vermoͤgend iſt, erhebt dich allein noch nicht zu der chriſtlichen Vollkommenheit, die deine Pflicht von dir fordert. Du mußt in Verbin⸗ dung mit dieſem aufgeklärten Verſtande, mit dieſer richtigen Kenntniß goͤttlicher Wahrheiten, auch dei⸗ ner moraliſchen Natur, nach dem Beyſpiel Gottes und Jeſu Chriſti, denjenigen hohen Grad der Voll⸗ kommenheit zu geben bemuͤht ſeyn, der deinen ſchwa⸗ chen Kräften zu erringen nur immer moͤglich iſt. Du mußt alſo auch alles dasjenige ausuͤben, was du als wahr und gut erkannt haſt. Du mußt alle deine Nei⸗ gungen und Begierden immer mehr und mehr von allem Boͤſen zu reinigen, dein Herz täglich mehr zu veredeln, deinen Handlungen immer mehr moraliſche Guͤte zu geben ſuchen. Mit einem Worte: Der Geiſt und Sinn Chriſti muß dich beleben. Nur auf dieſem Wege wirſt du der chriſtlichen Vollkommenheit immer näher kommen, wirſt durch Guͤte und Rechtſchaffen⸗ heit des Herzens den Grad der chriſtlichen Vollkom⸗ menheit wirklich erreichen, welchen du nach dem Grad deiner moraliſchen Kraͤfte zu erreichen vermoͤgend biſt. Willſt —— + — R Ne — — — —— 192 Willſt du aber, o Chriſt, den ganzen Umfang der Vollkommenheit, zu welchem du deine moraliſche Natur zu erhoͤhen bemuht ſeyn mußt, genau kennen lernen, willſt du dieſer Kenntniß gemäß handeln, ſo vergiß nie folgende Regeln ſtets zur Richtſchnur dei⸗ nes Verhaltens zu machen. Erſtlich: Chriſtliche Vollkommenheit begreift nicht einzelne Tugenden, ſondern alle und jede Tu⸗ genden, mit welchen die Lehre Jeſu Chriſti uns be⸗ kannt gemacht hat, in ſich. Die Tugenden, nach welchen der Chriſt ſtreben ſoll, ſind durch unzertrenn⸗ bare Banden mit einander verbunden. Der Man⸗ gel einer einzigen Tugend ſchwächt die Vollkommen⸗ heit, zu welcher der Chriſt berufen iſt. Wer eine Tugend vernachlaͤßiget, erreicht nie den Grad der chriſtlichen Vollkommenheit, den er uͤberhaupt zu er⸗ reichen vermoͤgend iſt. Der Chriſt alſo, der voll⸗ kommen ſeyn will, wie ſein Vater im Himmel voll⸗ kommen iſt, muß ſich nicht bloß einzelner Tugenden, ſondern aller ohne Ausnahme, die ihm in der Lage, in welche ihn Gott geſetzt hat, moͤglich ſind, aus allen Kraͤften befleißigen. Zweytens: Das Streben nach chriſtlicher Vollkommenheit iſt ein fortdauerndes Geſchaͤft, das nie unterbrochen werden darf. Es er⸗ fordert jeden Tag des Lebens neuen Eifer, neue Kraft, neue Thaͤtigkeit. Du mußt alſo, o Chriſt, wenn du vollkommen ſeyn willſt, wie dein Vater im Him⸗ mel vollkommen iſt, jeden Tag deines Lebens an der Veredlung deiner moraliſchen Natur arbeiten, mußt in in je ſiche kom une keit nich lier Sie Sie eign mit alſo und Min jene nich imn Di kon ſel Ge Unfung notuliſche u kennen ndeln, ſo hnur dei⸗ begreift jede Tu⸗ uns be⸗ en, nach zertrenn⸗ er Man⸗ kommen⸗ er eine Hrad der t zu et⸗ der vol⸗ mel vol⸗ ugenden, ber lage, nd, aus Streben auerndes Es er⸗ ne Krift, ſt, wenn in hin⸗ ts an der N mij in 193 in jeder chriſtlichen Tugend vollkommner zu werden ſuchen. Schmeichle dich alſo nie, daß du dieſe Voll⸗ kommenheit jemals ſchon erreicht heſt. Sie iſt eines unendlichen Zuwachſes fähig. Laß alſo deine Thätig⸗ keit, nach ihr zu ſtreben, nie ermatten, wenn du nicht Gefahr laufen willſt, geſchwind wieder zu ver⸗ lieren, was du bereits erlangt haſt. Drittens: Chriſt⸗ liche Vollkommenheit gruͤnbet ſich auf reine Tugend⸗ Sie veriangt Liebe zur Tugend um ihret ſelbſt willen. Sie ſieht bey der Ausuͤbung der Tugend nicht auf den eignen größern oder geringern Vortheil, welcher mit dieſer Ausubung verburden iſt. Sie reiniget ſich alſo, ſo viel es ihr moglich iſt, von aller Selbſtſucht, und opfert das allgemeine Beſte nie dem beſondern Nutzen auf. Sie erduldet willig Schmerz/ Verluſt, Muͤhe, wenn die Erfuͤllung der Pflicht zu dieſer oder jener Tugend dieß alles von ihr fordert⸗ Sie wird nicht dadurch verhindert, daß Genuß des Gluͤcks nicht immer mit der Ausübung der Tugend verbunden iſt. Dieſer Mangel des Glücks iſt kein Wunſch des voll⸗ kommnern Chriſten, aber er Lenießt mit Recht Gluͤck⸗ ſeligkeit, das heißt: alles, was einen vernuͤnftigen Geiſt in den angenehmſten ſittlichſten Zuſtand ver⸗ ſetzen kann, als unausbleibtiche Folge der Tugend. Viertens: Der Inbegriff chriſtlicher Vollkommen⸗ heit, deren der Menſch faͤhig iſt⸗ läßt ſich aus dem Inbegriff aller der Tugenden, deren ſich Jeſus Chri⸗ ſtus waͤhrend ſeines irdiſchen Wandels auf Erden ge⸗ widmet hat, am richtigſten, am deutlichſten erken⸗ nen. Es laͤßt ſich nicht leicht eine Tugend denken⸗ N in * 194 in welcher er uns nicht zum hoͤchſten Muſter dienen koͤnnte. Sein ganzer Charakter ſtellt vorzuglich den großen Grundſatz auf, aus welchem alles Streben nach chriſtlicher Vollkommenheit ausgehen muß, den Grundſatz, dem Willen Gottes gemaͤß zu handeln; denn das war ſeine Speiſe, daß er den Willen des⸗ jenigen that, der ihn geſandt hatte. Endlich Fuͤnf⸗ tens: Vergiß nicht, daß die Laufbahn nach Vollkom⸗ menheit ſich noch jenſeits des Grabes erſtreckt. Hier kannſt du nie vollkommen werden, wie dein Vater im Himmel vollkommen iſt. Aber mit jedem Jahre, mit jedem Tage deines Lebens kannſt du dich dieſer Vollkommenheit naͤhern. Nur dann, wenn du dieß thuſt, kannſt du hoffen, auch jenſeit des Grabes im⸗ mer vollkommner und Gott ähnlicher zu werden. Laß es dich alſe nicht muthlos machen, wenn du das Ideal der Vollkommenheit, das du dir vorgezeichnet haſt, nicht ganz erreichſt. Was dir noch mangelt, gewährt dir die Ewigkeit; aber ſie kann es dir nie gewaͤhren, wenn du nicht mit allen moͤglichen Anlagen deines Geiſtes, welche dich zum Genuß dieſer hoͤchſten Voll⸗ kommenheiten faͤhig machen, in dieſe Ewigkeit hin⸗ ubertrittſt. Dieſe Anlagen dir zu erwerben, auszu⸗ bilden, zu vermehren, dieß muß in dieſem Erdenleben dein unabläſſiges Geſchaͤfte ſeyn, wenn du vollkom⸗ men ſeyn willſt, wie dein Vater im Himmel voll⸗ kommen iſt. Sebet, meine Geliebten, dieß iſt die chriſtliche Vollkommenheit, nach welcher wir hier in dieſem leben be unf ſ den wil bef me au ſer dienen uglich den s Streben muß, den handeln; illen des⸗ lich Fünf⸗ Vollkom⸗ kt. Hier Vater in em Johre, dich dieſer nn du dieß rabes im⸗ den Kaß das Jdeal chnet haſt, t, gewihtt gewühren, gen deines ſten Vol⸗ igkeit hin⸗ n, ousju Erdenleben u vollkom nmel vol echiſlt in dieſn johen 195 Leben ſtreben ſollen, und die wir auch zu erreichen vermoͤgend ſind, Jeder nach dem Grad der Fähigkeit, die ihm Gott verliehen hat. Dieß ſind die Regeln, an welche wir uns erinnern muͤſſen, wenn wir nach dieſer Vollkommenheit ſtreben. Werden wir alſo unſerm Verſtand den Grad der Vollkommenheit ge⸗ ben, den er zu erreichen vermoͤgend iſt, werden wir unſer Herz ſo ſehr veredeln, als es uns moͤglich iſt, ſo haben wir den Grad der Vollkommenheit erreicht, den wir in unſerm irdiſchen Leben erreichen ſollen, und wir werden nach der Lage, in welcher wir uns jetzt befinden, vollkommen ſeyn, wie unſer Vater im Him⸗ mel vollkommen iſt. Laßt uns nunmehr die Mittel aufſuchen, die wir hierzu anwenden muͤſſen. Willſt du alſo vollkommen ſeyn, wie dein Vater im Himmel vollkommen iſt, ſo veredle vor allen Dingen deinen Verſtand. Bereichere erſtlich die⸗ ſen Verſtand mit allen den Kenntniſſen, die du zu erlangen vermoͤgend biſt, und die dich der Erreichung des Ziels, das du dir vorgeſetzt haſt, näher bringen. Verſchaffe dir richtige Begriffe von Gott und von den Verhältniſſen, in welchen du mit ihm ſtehſt. Klaͤre deinen Verſtand durch Vernunft und Offenbahrung uͤber dasjenige auf, was der weſentliche Inhalt der Lehre Jeſu iſt, was dieſe Lehre fordert, was ſie dir verheißt. Gieb dieſem Verſtand, ſo viel es dir moͤg⸗ lich iſt, Klarheit und Deutlichkeit im Denken, Rich⸗ tigkeit im Urtheilen. Gewoͤhne dich ſelbſt zu denken, zu pruͤfen, nach Gruͤnden zu wählen. Lerne durch N2 dieß 196 dieß alles den Umfang aller deiner Pflichten, die wahre Beſchaffenheit derſelben, die Gruͤnde, aus welchen ſie herfiießen, genau kennen. Ueberzeuge dich von der Sittlichkeit deiner Natur, und daß du nie ein vernuͤnftiger freyer Menſch ſeyn kannſt, wenn du nicht Moralität mit der Freyheit deiner Handlungen verbindeſt. Gewohne dich zur Feſtigkeit der Ent⸗ ſchließung, deinen geſunden richtigen Einſichten ſtets gemaͤß zu handeln. Mit einem Worte: Suche dei⸗ nen Verſtand in einem ſo hohen Grade auszubilden, als es dir in der Lage deiner Fähigkeit, deines Be⸗ rufs, deiner häuslichen und buͤrgerlichen Verbindun⸗ gen, in welche dich Gott geſetzt hat, nur immer moͤg⸗ lich iſt. Glaube nicht, daß man, um den Verſtand zu veredeln, ihn zu bilden, weitlaͤuftige menſchliche Gelehrſaseit, einen durchdringenden Geiſt, oder irdiſche Cluͤcksguͤter bedarf. Freylich wird der Ge⸗ lehrte, der ſcharfſinnige Weiſe, der Mann von Kul⸗ tur und verfeinerten Sitten, mehr Huͤlfsmittel vor ſich haben, ſeinen Verſtand zu veredeln, als der Un⸗ gelehrte, das Weib, der an Geiſteskraͤften nicht ſo reichlich verſehene Menſch. Allein das wahre Roth⸗ wendige, das zur Veredlung des Verſtandes unent⸗ bebrlich iſt, hat Gott Keinem verſagt. Hierzu wird blos erfordert Thaͤtigkeit, Entwickelung der Kraft, die in uns liegt, Durſt nach Wahrheit, Wißbe⸗ gierde, Beſcheidenheit im Pruͤfen und Urtheilen, Be⸗ nutzung der Umſtände, die vor uns liegen. Jeder Menſch, der nicht ganz bloͤdſinnig iſt, kann dieſe ihm von ſeiner eignen Ratur dargebothenen Huͤlfsmittel zur T ſch Si Unſ tra bild Ku ſi ſelb wa ſetz ter de die wahr⸗ 1s welchen dich von u nie ein wenn dy andlungen der Ent⸗ hren ſtets uche dei⸗ zzubilden, eines Be⸗ erbindun⸗ met mg⸗ Verſtund enſchliche iſt, oder der Ge⸗ von Kul⸗ nittel vor s der Un⸗ nnicht ſo re Noth⸗ es unenk⸗ erju wird t Krnft⸗ Vißbe⸗ len, Be⸗ Jeder dieſe ihn ſit jur 197 zur Veredlung ſeines Verſtandes benutzen, wenn er nur will. Daß der groͤßte Theil der Menſchen dieſe Veredlung vernachlaͤſſiget, ruͤhrt nicht vom Mangel der Kraft her. Nein! Unſere eigene Trägheit, die Trägheit derjenigen, deren Pflicht es iſt, die Men⸗ ſchen burch Unterricht zu bilden, unſer Hang zur Sinnlichkeit, welcher uns nie verſtattet, in das Innre unſerer moraliſchen Ratur zu blicken, dieß ſind die traurigen Urſachen der Roheit des zum Guten unge⸗ bildeten Verſtandes, der in den hoͤhern und niedern Volksklaſſen bey allem falſchen Schimmer unſerer Kultur ſo allgemein iſt. Wahre Aufklärung des Ver⸗ ſtundes und die dadurch bewerkſtelligte Veredlung deſ⸗ ſelben begreift alſo Kenntniß alles desjenigen in ſich, was wahr, was gut, und zu Erreichung der vorge⸗ ſetzten Abſicht nutzlich und nothwendig iſt. Sie un⸗ terſcheidet ſich von der Afteraufklaͤrung des Verſtan⸗ des dadurch, daß ſie nie Schein und Jerthum fuͤr Wahrheit, Traum und leere Spekulation fuͤr Wirk⸗ lichkeit nimmt. Sie handelt mehr, als ſie ſpricht. Sie haſcht nie nach dem Schimmernden ſtatt des Ruͤtzlichen. Sie wählt und entſcheidet nie ubereilt, ſondern mit Bedacht. Sie iſt nie ſtolz, ſondern nimmt ſtets demuͤthig und beſcheiden gern Belehrung an, und glaubt nie, daß ſie allein weiſe ſey. Dieß iſt der wahre aufgeklaͤrte, veredelte Verſtand, wel⸗ cher dem Chriſten unencbehrlich iſt, wenn er ſchon bier, wie ſein Vater im Himmel, vollkommen ſeyn will. Allein 19 3 Allein dieſer veredelte Verſtand iſt noch lange nicht hinreichend, Euch, meine Lieben, der chriſtli⸗ chen Vollkommenheit naͤher zu bringen. Ihr muͤßt mit ihm die Veredlung eures Herzens verbinden, wenn ihr wirklich vollkommen ſeyn wollt, wie euer Vater im Himmel vollkommen iſt. Dieß iſt die Hauptſache. Dieß Herz muͤßt ihr durch Tugend und Rechtſchaffenheit veredeln. Ihr mußt allen Fleiß anwenden, alle eure Neigungen immer mehr und mehr auf dasjenige zu richten, was gut iſt. Laßt uns die Huͤlfsmittel genau erkennen, die uns hierzu nutz⸗ lich ſeyn werden. Willſt du, o Menſch, dein Herz durch Tugend und Rechtſchaffenheit veredeln, ſo mußt du zuerſt den Werth der Tugend und Rechtſchaffenheit kennen und ſchätzen. Wenn dich der Werth der Tu⸗ gend nicht reitzt, wie willſt du es denn anfangen, dein Herz zu dieſer oder jener Tugend zu bilden? Wird ſie dir denn nicht vielmehr ein hartes, unerträgliches Joch dauchten? Erwirb dir alſo vor allen Dingen Gefuhl fuͤr die Tugend. Lerne es einſehen, daß die Vernunft und die Freyheit, die dir Gott gab, dir aus keiner andern Abſicht verliehen ſeyn kann, als nach dem dir ſo tief eingeprägten Geſetz der Pflicht und der Sittlichkeit zu handeln. Haſt du deinen Verſtand auf die Art veredelt, wie es dir in dem Vorhergehenden angegeben worden iſt, ſo wird dieſe Einſicht dir leicht werden. Du wirſt dich uͤberzeugt fuͤhlen, daß ohne Tugend und Rechtſchaffenheit der freye moraliſche Menſch keiner Gluͤckſeligkeit fähig iſt. Du wirſt die Schoͤnheit der Tugend zu beurtheilen und Un au be m z abl och lange er chriſtli⸗ Ihr müft verbinden, wie euer eß iſt die ugend und len Fleiß meht und kßt uns ierzu nůt⸗ dein Herz ſo mußt choffenheit h der Tu⸗ ngen, dein rtrigliches en Dingen , daß die gab dir kann, als u pſit du deinen ir in dem wird diſſ überzelht ſenheit d t ſihi ſ. beurtheiln nd 199 und zu empfinden fähig ſeyn, und dein durch einen aufgeklaͤrten Verſtand richtig geleiteter Geſchmack an allem, was ſchoͤn, edel und gut iſt, wird das Stre⸗ ben nach jeder Tugend dir erleichtern und angenehm machen. Bleibe aber hierbey nicht ſtehen: Erinnere dich zugleich, daß Gehorſam gegen das Sittengeſetz un⸗ abläßige Pflicht des freyen moraliſchen Menſchen iſt. Dieß Sittengeſetz, das dein Schoͤpfer mit nicht zu verloͤſchenden Zuͤgen in dein eignes Herz geſchrieben hat, ermuntert dich unaufhoͤrlich zu Erfuͤllung der Pflicht. Es belehrr dich, daß ohne Erfullung dieſer Pflicht keine Gluckſeligkeit fur dich moͤglich iſt. Und Gluckſeligkeit, ſey ſie Lohn oder unausbleibliche Folge der Erfullung der Pflicht, iſt Beduͤrfniß eines jeden freyen vernuͤnftigen Geiſtes. Hat dein veredelter Ver⸗ ſtand dich uber die Nothwendigkeit der Erfuͤllung die⸗ ſer Pflicht richtig belehrt, ſo wird dein Herz ſich auch willig und gern jeder Pflicht, die zur Tugend und Rechtſchaffenheit verbindet, unterwerfen. Du wirſt das Streben nach Tugend und Recht⸗ ſchaffenheit fur deine erſte und heiligſte Pflicht halten. Wirſt jede Abweichung von dieſem Geſetz, jede Ver⸗ nachläßigung der Pflicht, als unvertraͤglich mit deiner Wuͤrde, als vernuͤnftiger Menſch anſehen. So wirſt du dein Herz immer mehr und mehr zu je⸗ der Tugend bilden, wirſt es von Tag zu Tag immer mehr und mehr veredeln. Wirſt dich atſo auch im⸗ mer 206 mer mehr und mehr der chriſtlichen Vollkommenheit nähern, die dein Herr von dir fodert. Willſt du dir dieſen Gehorſam gegen die Geſetze der Pflicht leicht machen, ſo habe ſtets deine Würde, als Menſch, als Chriſt vor Augen. Erinnere dich an die große Beſtimmung, zu welcher dein Schoͤpfer und Herr dich geſchaffen hat. Durch den weiſen Ge⸗ brauch der Vernunft und Freyheit, ſollſt du deine 1 beh moraliſche Natur immer mehr und mehr, bis zur Aehnlichkeit mit ihm erhoͤhen. Habe Ehrfurcht vor den großen Anlagen der Weisheit, der Guͤte, der Gerechtigkeit, der Reinheit der Seele, die Er, dein Schoͤpfer, in dich gelegt hat, und die gleichſam der Hauch ſeines eigenen Weſens ſind, den er dir micge⸗ theilt hat. Laß dich ſtets den großen Gedanken beſee⸗ len: Ich ſterblicher, hinfälliger Menſch trage den Saa⸗ men des Bildes Gottes in mir, kann an ſeiner erha⸗ benen Vollkommenheit, nach dem Maaß meiner ſchwachen Kräfte, Theil nehmen; Achte deine Wuͤr⸗ de ais Chriſt. Erinnere dich, daß du ein Erloͤſeter Jeſu Chriſti biſt. Sey ſtets eingedenk, daß dein Heiland und Herr dich in das ſo freudenreiche ehren⸗ volle Verhäleniß mit Gott, in das Verhältniß eines Kindes mit feinem Vater geſetzt hat. Wäre es moͤg⸗ lich, daß, wennalle dieſe Vorſtellungen dir oft vor Au⸗ gen ſchweben, das Streben nach chrißtlicher Vollkom⸗ menheit dir vergeblich und unmöglich dauchten könnte? Vergiß ſerner nie, daß, je vollkommner du als Chriſt ſeyn willſt, deſto reiner deine Tugend von allen ge — nmenheit * py 6 die Geſeßze eWide, innere dich Schöpſer veiſen Ge⸗ du deine „bis zur furcht vor Güte, der e Er, dein ichſam der dir mitge⸗ ken beſee⸗ den Saa⸗ iner echa⸗ ß meiner ine Vir⸗ Erlöſetel daß dein tniß eines es mog⸗ t vor A⸗ Vollkom⸗ nkönnte! nnner di gend von gllel 201 allen Flecken und Maͤngeln feyn muß. Reinige alſo dein Herz ſorgfältig von aller Untugend. Strebe, ſo viel es dir ſchwachen ſinnlichen Menſchen, waͤhrend deiner irdiſchen Laufbahn moglich iſt, nach Tugend und Rechtſchaffenheit, um ihres eigenen Werths wil⸗ len. Entferne allen Eigenut und alle Selbſtſucht von deinen Tugenden. Sey durch ihre Ausuͤbung mehr Andern, als dir nutzlich. Erfulle deine Pflicht getreu, weil es der Wille Gottes iſt, daß du ſie er⸗ fullen ſollſt. Scheue nie Kummer, Schmerz, Ver⸗ druß, wenn die Pflicht, die du der Tugend ſchuldig biſt, dieſe Aufopferung von dir fordert. Freylich wird reine Tugend, ſo lange du noch hier am Grabe walleſt, nie ganz dein Theil ſeyn; aber nach ihr ſtre⸗ ben mußt du wenigſtens, wenn du einen gewiſſen Grad der chriſtlichen Vollkommenheit erlangen willſt. Ich will euch noch den ſicherſten, gewiſſeſten Weg zeigen, den ihr wählen muͤßt, wenn es euch ein Ernſt iſt nach chriſtlicher Vollkommenheit zu ſtreben. Bil⸗ det euch nach dem Charakter Jeſu Chriſti. Er hat euch ein Vorbild gelaſſen, daß ihr nachſolgen ſollt ſeinen Fußtapfen. Er, das Ebenbild ſeines Vaters, kann es euch gleichſam ſinnlich machen, was das heißt, vollkommen ſeyn, wie Gott vollkommen iſt, und aus der Art und Weiſe, wie er gehandelt hat, 202 hat, koͤnnt ihr am ſicherſten lernen, wie auch ihr handeln mußt, wenn ihr an chriſtlicher Vollkommen⸗ beit wachſen und zunehmen wollt. Es giebt faſt keine einzige Tugend, von welcher er euch nicht ein Beyſpiel gegeben hätte. Studiert fleißig ſeinen er⸗ babenen goͤttlichen Charakter, und ſammlet die merk⸗ wuͤrdigen Zuge, die euch ſeine Geſchichtſchreiber da⸗ von mittheilen. Bemerkt vorzuͤglich den Hauptbe⸗ wegungsgrund aller ſeiner Handlungen. Dieſer war, der unermuͤdete Eifer, den Willen Gottes zu thun. Das iſt meine Speiſe, ſagte er ſelbſt, daß ich thue den Willen des, der mich geſandt hat. Es mochte eine angenehme oder beſchwerliche Pflicht ſeyn, er erfuͤllte ſie gern, weil ſie Gott von ihm forderte. Vater, rief er in ſeinen empfindlichſten Leiden, nicht mein, ſondern dein Wille geſchehe. Handelt alſo, wie er gehandelt hat. Macht den Willen Gottes zur Triebfeder aller eurer Neigungen, zum Bewe⸗ gungsgrund aller eurer Handlungen. Laßt auch dieß die Nahrung eures unſterblichen Geiſtes ſeyn, daß ihr thut den Willen des, der da will, daß ihr in jeder chriſtlichen Tugend wachſen und zunehmen, und da⸗ durch euch an Vollkommenheit ihm nähern ſollt. Indeſſen bey allem euern Ernſt, mit welchem ihr nach dieſer Vollkommenheit trachtet, bleibt ihr ſchwache ſinnliche Menſchen. So lange ihr auf die⸗ ſer e auch ihr lkommen⸗ giebt faſt nicht ein ſeinen er⸗ die merk⸗ reiber da⸗ Hauptbe⸗ ieſer war, zu thun. ß ich thue Fs mochte ſeyn, er forderte. en, nicht delt alſo, zottes zur Bewe⸗ uch dieß yn, daß in jeder und da⸗ lt. welchem leibt iht af die ſet 203 ſer Erde wallet, werdet ihr das hohe Muſter chriſtli⸗ cher Vollkommenheit, das euch Jeſus Chriſtus ge⸗ laſſen hat, nie erreichen. Dieß muß euern Muth nicht niederſchlagen. Vergeßt alſo nie, daß chriſtliche Vollkommenheit in dieſem irdiſchen Leben nur gepflanzt wird, in jenem ewigen Leben aber erſt reift und Fruchte trägt. Fuͤhlt ihr alſo das traurige Loos eurer Sinnlichkeit, ſtrauchelt und fallt ihr oft auf dem Weg, der zur chriſtlichen Vollkommenheit fuhrt, ſo laßt euch dieß nicht abſchrecken, euern Weg zu verfolgen, und glaubt nicht, daß es uͤber eure Krafte iſt, nach chriſtlicher Vollkommenbeit zu ſtre⸗ ben. Steht muthvoll, und mit dem feſten Entſchluß von euerm Fall auf, kuͤnftig weiſer und vorſichtiger zu wandeln. Wer eine Sache ernſtlich will, wer ſich kein Hinderniß abhalten laͤßt, ſie zu verlangen, der kommt gewiß endlich zum Ziel. Aus jedem Fehler, den ihr begeht, aus jeder Abweichung von Tugend und Rechtſchaffenheit muͤßt ihr neue Kraft ſchoͤpfen, beſſer zu werden. Es geht dem chriſtlichen Streiter, wie jedem Krieger. Eine weislich benutzte Niederlage macht ihn vorſichtig, und lehrt ihn die Fehler vermei⸗ den, durch welche er ſiel. Nur der Muthloſe, der ſeine Fehler nicht zu verbeſſern ſucht, bleibt das beſtändige Opfer ſeiner Feigheit und Trägheit. Wenn alſo auch eure chriſtliche Vollkommenheit noch von manchen Flek⸗ 204 Flecken in dieſem Erdenleben verdunkelt wird, ſo er⸗ maltet nur nie, ſie von dieſem Flecken zu reinigen. Je groͤßern Fleiß ihr hier in dieſem Leben auf dieſe Reinigung verwendet, mit deſto herrlicherm Glanz wird eure Vollkommenheit in jenem beſſern Leben ſtrahlen. Endlich wenn dich, ſchwacher Menſch von Erde, das Gefuhl deiner Schwachheit ergreift, wenn du mit dem Apoſtel ſeufzen mußt: Wollen habe ich wohl, aber das Vollbringen mangelt mir, dann nahe dich deinem gutigen Vater, bitte um Kraft zum Guten, bitte, verz zeihe mir auch die verborgenen Fehler. Er ercheilt dir die erſtere, und verzeiht dir die letztern. Ja, Chriſt, ein aufrichtiges Gebet, ein Gebet, an welchem das Herz warmen Antheil nimmt, erhoͤrt dein Vater im Himmel gewiß, und es iſt eins der kraͤftigſten Huͤlfsmittel, dich in dem Wachsthume an chriſtlicher Vollkommenheit zu ſtärken und zu erhalten. Ueberlaß es dem ſpitzſindigen Weiſen, zu unterſu⸗ chen, ob Gott deines Gebetes bedarf? Ob er dir nicht ohne Gebet geben wird, was dir nothwendig iſt? halte dich an die einfache Verheißung deines Herrn: So ihr den Vater etwas bitten werdet, ſo wird er es euch geben. Welcher Vater ſieht es nicht gern, wenn ihm ſein gutes Kind um dasjenige bit⸗ tet, was er ihm auch ohne dieſe Bitte gegeben haͤtte? Sollten unſerm Pater im Himmel dieſe väterlichen Geſin⸗ ird, ſo el⸗ u reinigen, nauf dieſe erm Glanz ſern Uhen Nenſch von eift, wenn nhabe ich dann nohe iraſt zum en Fehlet. ie lehtern. ebet, an t, erhoͤrt i eins der sthume an ethalten. u unterſt⸗ Ob er dir ng deines erdet, ſo tes nicht n hite! iterlichet Geſin⸗ 205 Gefinnungen nicht auch eigen ſeyn? Gewiß, des Frommen Gebet vermag viel, wenn es ernſtlich iſt. Derjenige Chriſt, der dieſe Kraft des Gebets noch nicht an ſich geſpuͤrt hat, muß noch nicht reich an Erfahrungen ſeines geiſtlichen Zuſtandes ſeyn. Be⸗ tet alſo nach der Ermahnung des Apoſtels ohne Unter⸗ laß, das heißt, unermuͤdet, ſo oft ihr des Beyſtandes des Geiſtes Gottes beduͤrft, und ihr werdet gewiß mit jedem aufrichtigen Gebet neue Kraft zum Guten empfinden. Wie nun? meine Lieben, wollten wir wohl noch behaupten, daß unſer Herr eine Unmoͤglichkeit von uns verlange, wenn er uns zuruft: Ihr ſollt vollkom⸗ men ſeyn, wie euer Vater im Himmel vollkommen iſt? Sollten die Huͤlfsmittel, die wir in unſerer Gewalt haben, nach dieſer Vollkommenheit zu ſtre⸗ ben, zu ſchwach ſeyn, ſie in demjenigen Grad, der uns nach der Anlage unſrer Fähigkeiten moͤglich iſt, zu erlangen? Wird denn nicht bloß unſere Trägheit daran Schuld ſeyn, wenn wir unſern Verſtand und unſer Herz, nach dem Maaß der moraliſchen Kraͤfte, die uns Gott verlieh, nicht veredeln? Wenn wir die Huͤlfsmittel, die wir zu dieſer Veredlung in un⸗ ſrer Gewalt hatten, nicht anwenden wollen? Geſetzt, daß es auch mühſam iſt, nach chriſtlicher Vollkom⸗ menheit 206 menheit zu ſireben, iſt denn der Erfolg unſers Stre⸗ bens dieſer Muͤhe nicht werth? Wir ſollen dadurch der Aehnlichkeit mit Gott immer naͤher kommen, ſol⸗ len dadurch immer fähiger werden, mit ihm, dem Urquell aller Vollkommenheit, in die genaueſte Ver⸗ einigung kommen. Ach! meine Geliebten, muͤßten wir uns nicht ſelbſt verachten, wenn wir dadurch nicht gereitzt wuͤrden, nach Vollkommenheit zu ſtreben? Wollten wir wohl mit einem unwiſſenden, un⸗ belehrten Verſtande, mit einem zum Guten verdroſ⸗ ſenen und traͤgen Herzen den Spruch des Richters er⸗ warten, der unſer ewiges Schickſal dereinſt entſchei⸗ den ſoll? Wollen wir wohl bey aller Saumſeligkeit, mit welcher wir die Ausbildung unſers Verſtandes, die Veredlung unſers Herzens vernachlaͤßiget haben, uns ſchmeicheln, den erfreulichen Zuruf dereinſt von ihm zu hoͤren: Gehe ein, du getreuer Knecht, zu dei⸗ nes Herrn Freude! Wollen wir wohl von ihm die ruͤhmliche Verſicherung erwarten: Du biſt uͤber wenig getreu geweſen, ich will dich uͤber viel ſetzen, wir, die wir ſehr treulos das Pfund vergraben haben, das er uns verliehen hat? Werden wir nicht vielmehr den ſchrecklichen Ausſpruch fuͤrchten muͤſſen: Weichet von mir, ich habe euch noch nie erkannt! Nein! laßt uns mit allem Ernſt, mit allem Eifer, aus allen un⸗ ſern nſers Stre⸗ len dadurch mmen, ſol⸗ ihm, dem aueſte Ver⸗ n, mißten durch nicht ſtreben? enden, un⸗ en verdroſ⸗ lichters er⸗ ſ entſchei⸗ mſeligkeit, zerſtandes, get haben, reinſt von ht ju bei⸗ nihm die ibet wenig en, wir, ben, dos mehr den eichet von ein! loft allen U⸗ ſern 207 ſern Kraͤften ringen, jeden Tag unſers Lebens der chriſtlichen Vollkommenheit, zu welcher wir berufen ſind, näher zu kommen. Wenn wir im Lauf nach der Krone dieſer Vollkommenheit matt werden, wenn uns der Kampf wider die Suͤnde ſchwer wird, dann laßt uns zu ihm, der uns Kraft zum Guten verheißen hat, um Beyſtand ſeines Geiſtes beten, und er wird uns ſtärken, und jeden Widerſtand uͤberwinden helfen. laßt uns endlich ſtets der großen Belohnungen, die unſerer jenſeits des Grabes warten, wenn wir bier in dieſem Leben alle unſere Kraͤfte dem Dienſte der chriſtlichen Tugend und Vollkommenheit gewidmet haben, eingedenk ſeyn. Wir ſollen Gott und Jeſum Chriſtum immer naͤher kennen lernen, wir ſollen die unzaͤhlbaren Werke ſeiner Macht, ſeiner Liebe, ſei⸗ ner Guͤte, ſeiner Barmherzigkeit, ſeiner Weisheit in ihrem ganzen Umfange, nach allen ihren Theilen und Verbindungen kennen lernen. Wir ſollen Ewig⸗ keiten hindurch an Vollkommenheit wachſen. Wir ſollen von Jahrhundert zu Jahrhundert, von Jahr⸗ tauſend zu Jahrtauſend Gott und Jeſu Chriſto ähn⸗ licher werden, und vollkommen ſeyn, wie unſer Vater im Himmel vollkommrn iſt. Gott! guͤtiger Gott! wenn dieſe großen Belohnungen, die du uns fuͤr die geringen Muͤhſeligkeiten unſers irdiſchen Lebens, fuͤr die —— — 208 die armſeligen Aufopferungen finnlicher Lüſte, die wir der chriſtlichen Vollkommenheit bringen, verheißen haſt, uns nicht antreiben und ermuntern koͤnnen, nach chriſtlicher Vollkommenheit zu ſtreben, was ſoll uns denn ſonſt darzu ermuntern und antreiben? Was fur elende, veraͤchtliche Menſchen muͤßten wir ſeyn, wenn wir aller dieſer Belohnungen nicht achten, und ſinn⸗ liche kuſt hoher als chriſtliche Vollkommenheit ſchätzen wollten? Barmherziger Gott! erbatme dich unſer! offne die Augen unſers Verſtandes, und erfulle unſere Herzen mit deinem Geiſt, daß wir jeden Tag unſers Lebens dem Zuruf unſers Herrn folgſam ſeyn moͤgen: Seyd vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkom⸗ men iſt!— ſte, die wir „verheißen onnen, nach as ſoll uns * Vos fit ſeyn wenn „und ſinn⸗ it ſchüten nſer! öffn⸗ ſere Herjen ſers lebens en: Seyd el vollkom⸗ V VI. Die Vortheile ener Sitten und Empfinbungen zum böhern Wachsthum in der chriſtlichen Vollkommenheit. Epheſer C. 4., v. 29— 32. Laſſet kein faul Geſchwätz aus eurem Munde gehen, ſondern was nutzlich zur Beſſerung iſt, da es noth thut, daß es holdſelig ſen zu horen. Und betruͤbet nicht den heiligen Geiſt Gottes, damit ihr verſiegelt ſeyd auf den Tag der Erloſung. Alle Bitterkeit und Grimm, und Zorn und Geſchrey, und Laͤſterung, ſey fern von euch, ſamt alles Bosheit. Send aber unter einander freundlich, herzlich, und vergebet einer dem andern, gleich wie Gott euch ver⸗ geben hat in Chriſto. Di chriſtliche Religion, die ſo oft getadelt wird, weil man ſie nicht kennt, und ſie bloß nach irriger Vorſtellung beurtheilt, hat ſich unter andern auch ſchon oft moͤſſen den ungegruͤndeten Vorwurf machen laſſen, ſie ſchicke ſich nicht fuͤr den Mann, der ſich durch Ausbildung des Verſtandes und Herzens feinere Sitten und Empfindungen eigen gemacht hat. Sie ſey mehr eine Sache des ſogenannten gemeinen Man⸗ nes. Fuͤr den Mann von Welt, den Geburt, Stand, Kultur des Geiſtes uͤber die niedrigen Klaſſen der Menſchen erheben, ſey ſie nicht brauchbar, weil ihre Vorſchriften oft mit den eingefuͤhrten guten Sitten, feinen Empfindungen, der einmal angenemmenen Le⸗ bensart der gebildeten Stände unter den Menſchen, nicht uͤbereinſtimmten. Warlich, wer die chriſtliche Religion ſo beurtheilt, hat ſie nie gekannt, und iſt nie in ihren Geiſt eingedrungen, weiß nichts von ihr, als die duͤrftige armſelige Huͤlle, unter welcher ſie ſich ſein durch verkehrten Unterricht oder durch eigne Un⸗ wiſſenheit irre gefuͤhrter Geiſt ganz falſch vorſtellt. Rein! dieſe Religion, die uns Jeſus Chriſtus gelehret bat, laͤßt ihren Verehrern nicht etwa bloß die Frey⸗ heit, ſich feiner Sitten, feiner Empfindungen zu be⸗ ſtreben, ſie fordert mehr, ſie verlangt ſie ſogar von ihnen als Pflicht⸗ H* Frey⸗ Freylich ſetzt ſie dieſe feinen Sitten, dieſe feinen Empfindungen, nicht in jenen leeren Ton, in nichts be⸗ deutende Worte, welche Stolz und Thorheit der Men⸗ ſchen als ein charakteriſtiſches Zeichen der ſogenannten feinen und großen Welt uns anpreißen wollen, und welcher Ton doch im Grunde ſehr oft das charakte⸗ riſtiſche Zeichen der niedrigſten verworfenſten Seele iſt. Es muß alſo vor allen Dingen der Begriff rich⸗ tig ſeſt geſetzt ſeyn, was denn eigentlich feine Sitten, feine Empfindungen ſind, ehe beurtheilt werden kann, ob die chriſtliche Religion ſie nicht allein zuläßt, ſon⸗ dern ſie auch wirklich als Pflicht fordert. Ich werde dieſen Begriff im Folgenden genau zu beſtimmen ſu⸗ chen, und mich hier bloß zur Erklärung dieſes Be⸗ griffes auf dasjenige beziehen, was der Apoſtel in den Worten, welchen dieſe Betrachtung gewidmet iſt, als den Grund aller feinen Sitten und Empfindungen angiebt: Laſſet kein faul Geſchwätz aus eurem Munde gehen, ſagt er, ſondern was nützlich zur Beſſerung iſt, da es noth thut, daß es holdſelig ſey zu horen. Vermeidet alle ungeſittete und nichtsbe⸗ deutende Reden, befleißiget euch vielmehr ſolcher Re⸗ den, die nutzlich ſind, die zur nothigen Beſſerung des Näͤchſten gereichen, die den Zuhoͤrern angenehm ſind. Betrübe nicht den heiligen Geiſt Gottes, da⸗ mit ihr verſiegelt ſeyd auf den Tag der Erloſung. Machet euch durch keine, eurer Wuͤrde als Chriſten unanſtändige, Handlung der kuͤnftigen Gluͤckſeligkeit verluſtig, die euch verheißen iſt. Alle Bitterkeit und Grimm, und Zorn und Geſchrey, und Laͤſterung, ſey alle b ben, aber gebe in 6 thůt gegen des liche ige 9en ſreb ſeine den goſ alle W kön Vo eſe feinen nichts be⸗ der Men⸗ genannten llen, und charakte⸗ ten Seele grif ric⸗ e Sitten, den kann, läßt, ſon⸗ Ich werde mmer ſu⸗ ieſes Be⸗ ſtel in den idmet ſſt, pfndungen us nem nüthch ldſilt ſ d nichtsbe⸗ ſolcher Re⸗ Beſſerung angenehm ettes, do⸗ Erlöſung ls Chriſtn licſeiki erket und lůſtn ſo 215 ſey fern von euch, ſamt aller Bosheit. Vermeidet alle bittere Reden, allen Zorn, allen Haß, alles To⸗ ben, alles Läſtern, uͤberhaupt alle Bosheit. Send aber unter einander freundlich, herzlich, und ver⸗ gebet einander, gleich wie Gott euch vergeben hat in Chriſto. Seyd im Gegentheil mitleidig, gut⸗ thatig gegen einander, ſo wie ſich Gott hoͤchſt gutig gegen euch durch Chriſtum bezeigt. Faſſen wir aus dieſen Worten den Hauptſinn des Apoſtels zuſammen, ſo gruͤndet er das Weſent⸗ liche feiner Sitten und Empfindungen auf ein aufrich⸗ tiges, freymüthiges, liebevolles, gefaͤlliges Bezei⸗ gen gegen Jedermann, durch welches man ſich be⸗ ſtrebt, auf alles aufmerkſam zu ſeyn, wodurch man ſeinen Nebenmenſchen nuͤtzlich und angenehm wer⸗ den kann. Er läßt uns aber auch zugleich die eignen großen Vortheile bemerken, die wir durch ein ſolches Bezeigen erlangen werden. Wir werden dadurch alles dasjenige ſorgfältig vermeiden, was unſter Wuͤrde als Chriſten unanſtaͤndig, und der uns als Chriſten verheißnen Gluckſeligkeit nachtheilig ſeyn könnte. Wir werden uns ferner dadurch nach dem Vorbilde Chriſti bilden, und uns der Aehnlichkeit mit Gott nähern. Laßt uns alſo, nach Anleitung der Worte des Apoſtels, dieſe großen Vortheile feiner Sitten und Empfindungen zum hoͤhern Wachsthume in der chriſtlichen Vollkommenheit genauer erwägen. Wir ſ W————— — 214 Wir muſſen hierbey zweyerley beobachten. Erſt⸗ lich müſſen wir unterſuchen: Was denn eigentlich feine Sitten und Empfindungen ſind? und worauf ſie ſich gründen? Dann muͤſſen wir die großen Vortheile kennen lernen, die uns feine Sit⸗ ten und Empfindungen zum hoͤhern Wachsthum in der chriſtlichen Volkommenheit verſchaffen. Wollen wir was denn eigentlich wahre feine Sitten und Empfindungen ſind, ſo müſſen wir zuvor bemerken, daß ſie das nicht ſind, was man ſehr oft fälſchlich darunter verſteht. Feine Sitten und Empfindungen beſtehen alſo Erſtlich: Nicht in einem falſchen Hof- und Geſellſchaftston, den man uns gemeiniglich als den Ton der ſogenannten gebil⸗ deten großen Welt anpreißt. Unſere Thorheiten und Laſter haben die Sitten faſt aller chriſtlichen kulti⸗ virten Voͤlker mit einem gewiſſen Firniß uberzogen, unter welchem ſehr oft die häßlichſten, der Wuͤrde des Chriſten unanſtändigſten Zuge der Seele verbor⸗ gen liegen. Dieſen Firniß, gquf welchen der Mann von Welt ohne Urſache ſo ſtolz iſt, halt man für un— entbehrlich, wenn man als Mann von Ehre, von Anſehen, von G efühl, in die hoͤhern und gebildeten Zirkel der Geſelſchaft zugelaſſen und bewundert ſeyn will. Aber dieſe ſtets lqͤchelnde, ſtets gefällige Miene des Weltmannes, dieſe ſußen Worte der ſogenannten feinen kebe 33 nelche einen ſo warmen Antheil an dem Glück und Ungluck unſres Nächſten ankundigen, dieſe gekunſtelten Ewntinigen fur alles, was Schoͤn und und leer ten en. Erſt⸗ eigentlch d ynd wir die ine Sit⸗ thum in h wahre iſſen wit vas mah e Sitten Nicht in en man n gebil⸗ iten und en kulti⸗ berzogen⸗ WVürde verbor⸗ Mann für Un⸗ re, von bildeten ert ſehn „Miene nannten theil an undigen/ Schin und 215 und Gut iſt, welche nie in Thaten uͤbergehen, dieſes leere nichtsbedeutende Gepräge von Worten und Sit⸗ ten, was ſind ſie denn gemeiniglich anders, als eine Huͤlle der Verſtellung, des Leichtſinns, der Selbſt⸗ ſucht, der Argliſt, des Stolzes, der Schadenfreude, des Kaltſiuns und der Gefühlloſigkeit füͤr alles, was uns nichts angeht? Den Mann von Verſtande taͤuſcht dieſe Maske nie. Er erkennt das Herz, welches ſie verbirgt, und der Chriſt ſchrankt wahre feine Sitten und Empfindungen nie auf dieſen angenommenen Ge⸗ ſellſchaftston der Konvenienz ein. Feine Sitten und Empfindungen des Chriſten ſchränken ſich aber auch zweytens nicht auf eine froͤm⸗ melnde, von nichts als Liebe zu Gott und Jeſu, von Nächſtenliebe, von Geringſchätzigkeit ſeiner ſelbſt toͤ⸗ nende Sprache ein, welche der Mund hervorbringt, ohne daß das Herz etwas dabey fuͤhlt, und durch welche der Heuchler Gott ſehr oft eben ſo leicht zu täuſchen glaubt, als er ſeine Nebenmenſchen und ſich ſelbſt dadurch zu hintergehen gewohnt iſt. Dieſe Heucheley, ein Laſter, weit ſchaͤndlicher als die offen⸗ bahre Bosheit, hat dem wahren Chriſtenthume viel Schaden zugefuͤgt. Sie hat oft den Einfältigen hin⸗ tergangen, und ihn das Laſter als Tugend verehren laſſen. Sie hat die wahre Wuͤrde des Chriſten in den Augen des Einſichtsvollen, aber übereilt Urthei⸗ lenden, herabgeſetzt, und ihn irre gefuͤhrt, die rein⸗ ſten, edelſten Empfindungen des Chriſten mit ihr zu verwechſeln. Sie hat endlich den Heuchler ſehr oft zu 216 zu der Thorheit verfuhrt, ſich fr wirklich tugendhaft zu halten, weil er ſich dafur ausgiebt. Endlich geben ſich feine Sitten und Empfindun⸗ gen des Chriſten drittens nicht durch ein uͤberſpanntes Gefuͤhl der reinen Liebe zu Gott und Jeſu, und der Gefuhlloſigkeit für alles, was Irdiſch und Sinnlich iſt, zu erkennen. Dieß iſt wenigſtens thörichte Schwärmerey, wenn es nicht heimlich verſtecktes Laſter iſt. Dieß uͤberſpannte Gefuͤhl iſt die Quelle der Myſtik und des truͤben Moͤnchsſinns, und die Frucht der Unwiſſenheit und Faulheit hat das menſchliche Geſchlecht mit einer unzaͤhligen Menge Uehel uͤber⸗ ſchwemmt, und ihr Saame keimt noch reichlich in unſern, der Aufklärung ſich ſo ſehr ruͤhmenden Zeiten. Ceremoniendienſt, Formularchriſtenthum, Sekten⸗ baß, Verfolgungsgeiſt, Fanatismus, Menſchenhaß, geiſtlicher Stolz, Scheinheiligkeit, ſind die Pflan⸗ zen, die dieſer Saame hervorbringt. Dieß alles beſtimmt nicht die feinen Sitten und Empfindungen, welche der Wuͤrde des Chriſten an⸗ ſtändig und für ihn unablaͤßige Pflicht ſind. Nein! Lernt ſie beſſer kennen. Dieſe Sitten und Empfin⸗ duagen beſtehen erſtüch: In einer muthvollen Auf⸗ richtigkeit, verbunden mit Klugheit und Vorſicht. Der Chriſt iſt der redlichſte, freymuͤthigſte, auf⸗ richtigſte Mann. Er heuchelt nie Gefuhle und Ge⸗ finnungen, die er nicht hat. Er ſcheut ſich nie, die⸗ jenigen ſenige und Geſ gen Sit tigt nich ſtaͤn und hat gen wie dun gendhuft pfindun⸗ ſpanntes und der Sinnlich hörichte rſiecktes uelle der ie Frucht nſchliche el über⸗ chlich in Zeiten. Sekten⸗ ihenhoß, Pfan⸗ tten und ſten ⸗ Nein! Zmyfin⸗ a duß⸗ rſicht ſte, uf⸗ und Ge⸗ ie di⸗ jerigen 217 jenigen an den Tag zu legen, die er wirklich beſitzt, und die er für Pflicht hält. Allein dieß freymuͤthige Geſtändniß aller ſeiner Empfindungen und Geſinnun⸗ gen legt er ab ohne Stolz, ohne Beleidigung guter Sitten. Er verbindet damit Klugheit und Vorſich⸗ tigkeit. Er verbirgt ſie nicht, aber er prahlt auch nicht damit. Er verbirgt ſie, wenn er durch ihr Ge⸗ ſtandniß fur das allgemeine Beſte mehr Nachtheil und Schaden als Vortheil wirken wuͤrde. Stets hat er die weiſe Lehre ſeines großen Lehrers vor Au⸗ gen: Seyd klug wie die Schlangen, und ohne Falſch wie die Tauben. Der Cheiſt, der ſich feiner Sitten und Empfin⸗ dungen befleißigt, handelt zwebtens ſtets mit Be⸗ wußtſeyn ſeier Würde als Menſch, als Chriſt. Er weiß, er iſt ein freyes vernuͤnftiges Geſchoͤpf Got⸗ tes. Alles, was ihn ſeiner Freyheit beraubt, ihn zum Sklaven der Suͤnde macht, vermeibet er mit äußerſter Vorſicht. Er unterwirft ſeine Vernunft nie dem Joche der Sinnlichkeit. Als freyer Menſch iſt er nie der kriechende, ſchmeichleriſche, dienſtbare Knecht der Leidenſchaften ſeines Nebemnenſchen. Ais vernuͤnftiger Menſch iſt er nie der Sklave herrſchender Vorurtheile. Er kennt aber auch ſeine Wurde ais Chriſt, und handelt ihr ſtets gemäß. Er weiß, daß er von Gott zu einer ſeligen Unſterblichkeit beſtimmt iſt. Die Erreichung dieſes großen Ziels iſt ſein heiſ⸗ ſeſter Wunſch. Auf die Erreichung dieſes Ziels ſind alle ſeine Handlungen gerichtet; und da Gottes⸗ und Men⸗ 218 Menſchenliebe die ſicherſten Fuͤhrerinnen zu dieſem Ziele ſind, ſo tragen auch alle ſeine Handlungen das Gepraͤge dieſer beyden Tugenden. Er fuhrt aber auch dieſe Tugenden nicht bloß im Munde, er uͤbt ſie auch wirklich aus. Aus dieſen Tugenden entſpringt das dritte Kenn⸗ zeichen feiner Sitten und Empfindungen des Chriſten, das unermuͤdete Beſtreben, Jedem ſeiner Neben⸗ menſchen, ſo viel in ſeinen Kraͤften iſt, nützlich zu ſeyn. Dieß Beſtreben äußert ſich nicht bloß in Wor⸗ ten, es beſteht mehr in Handlungen. Wenn euch der Mann von Welt mit dem ſcheinbarſten Eifer ver⸗ ſichert, wie viel Theil er an der Befoͤrderung eurer Gluͤckſeligkeit nimmt, ohne daß er die geringſte Muͤhe anwendet, zu thun, was er verſpricht, ſo befoͤrdert der Chriſt dieſe eure Gluͤckſeligkeit, ſo viel in ſeinen Kräften iſt, wirklich, ohne euch ſolches zu verſpre⸗ chen. Er wirkt oft Gutes im Stillen, wenn es Nie⸗ mand weiß. Er freut ſich uͤber das Gluͤck ſeines Naͤchſten, wie über ſein eignes, und die Thrane des Mitleids, die er euch ſchenkt, wenn ihr ungluͤcklich ſeyd, weint ſein Herz, und nie heuchelt ſie bloß ſein Geſicht. Jeden Tag hält er für verloren, welchen er nicht mit einer von ihm ausgeubten menſchenfreund⸗ lichen Handlung bezeichnen kann. Er freut ſich gern mit den Froͤhlichen, und trauert eben ſo willig mit den Trauernden. Dieß Beſtreben, unermuͤdet fur das allgemeine Beſte, fuͤr das Beſte ſeines Nebenmenſchen zu ar⸗ beiten, dei zen —— —-—+— u dieſem ngen das aber auch t ſe auch te Kenn⸗ Chriſten, Neben⸗ tlch zu in Wor⸗ enn euch ifer ver⸗ ng eurer e Mühe efordert n ſeinen verſpre⸗ es Nie⸗ c ſeines růne des gliclih loß ſein chen er fteund⸗ ich gern mit den geneine 6 n gr 219 beiten, verbindet er viertens mit Gefaͤlligkeit, Freund⸗ lichkeit, Leutſeligkeit gegen Jedermann ohne Zwang, ohne Stolz, ohne Heucheley. Getreu beobachtet er die Vorſchrift des Apoſtels: Seyd unter einander freundlich und herzlich. Er befleiß igt ſich der Kunſt, die Herzen zu gewinnen, nicht um ju betruͤgen und zu hintergehen, ſondern um dem Guten, das er ſagt, mehr Eindruck zu verſchaffen. Er freut ſich, wenn er von guten und edeln Menſchen geliebt wird, und er weiß, ein gefaͤlliges, liebreiches, und einnehmen⸗ des Betragen iſt das ſiherſte Band des geſelligen Umgangs und der geſelligen Freuden. Dieß gefällige einnehmende Bezeigen, welches ſo mäͤchtig die Her⸗ zen gewinnt, und welches beſonders dem weiblichen Geſchlechte mehr Reißz als alle Schoͤnheit des Koͤr⸗ pers verleiht, iſt ihm ein wichtiges Geſchäft; allein er verbindet damit Aufrichtigkeit und wahre Theil⸗ nehmung an dem Gluck und dem Ungluͤck ſeines Näch⸗ ſten. Er ſtrebt alſo, ſich ſolches eigen zu machen, und Freundſchaft und Liebe ſeiner Nebenmenſchen dar⸗ auf zu gruͤnden. Der Chriſt, der ſich eines ſolchen liebreichen, einnehmenden Charakters befleißigt, muß nothwen⸗ dig fünftens alles vermeiden, was dieſem Charakter entgegen ſteht. Alle rohe und niedrige Sitten, alle grobe, ſinnliche, entehrende Empfindungen muͤſſen alſo nothwendig aus ſeinem Charakter gaͤnzlich ver⸗ bannt ſeyn. Freylich ſind die Klaſſen der menſch— lichen Geſellſchaft, in Anſehung ihrer Sicten und 220 Empfindungen, durch Erziehung, Kultur und Um⸗ gang ganz verſchieden. Freylich iſt der Chriſt in der niedrigſten Klaſſe eines Volks nicht ſo gebildet als diejenigen, welche die Vortheile der Erziehung, der Kultur, des Umgangs in den hoͤhern Volksklaſſen genoſſen haben. Aber in den Hauptſachen muͤſſen ſie doch ubereinſtimmen. Der Chriſt auf dem Throne, der Chriſt, der unter ihm gebeut, der Chriſt, den Rang und Geburt adelt, muß eben der edle, aufrich⸗ tige, freymuͤthige, mit wahrer Wuͤrde des Menſchen und des Chriſten handelnde, fuͤr das Beſte ſeiner Rebenmenſchen unermüdete, leutſelige, gefällige, freundliche Mann ſeyn, als der Bauer, der ihm ge⸗ horcht; die jedem Stande eignen Sitten moͤgen uͤbri⸗ gens noch ſo verſchieden ſeyn, als ſie wollen. Der niedrigſte Mann, er ſey ſo gering und arm, als er wolle, kann ſo edel und freymuthig, mit ſo viel wahrer Menſchen wurde und Chriſtenwurde, mit ſo viel Eifer für Menſchenwohl, eben ſo gefällig und freundlich in ſeiner Art handeln, als ſein Fuͤrſt. Der Aus⸗ druck ihrer Gedanken und Handlungen iſt nur ver⸗ ſchieden, nicht das Weſentliche dieſer Gedanken und Handlungen. Sehet, dieß iſt der Charakter des Chriſten, der feiner Sttten und Empfindungen fähig iſt, er ſey vor⸗ nehm oder gering, reich oder arm. Lernt noch mit wenigem, worauf ſich dieſer Charakter grundet, und wodurch ihr euch, ihn zu beſitzen, bilden muͤßt. Wollt ihr euch zu dieſem edeln Charakter bilden, ſo erwerbet euch euc alle und Um⸗ iſt in der ildet als ung, der lksklaſſen nüͤſſen ſie Throne, riſt, den auftich⸗ Renſchen ſte ſeiſer gefülige⸗ tihm ge⸗ gen bri⸗ n. Der 1, als er elwahrer viel Eiftr ſrundich Der Aus⸗ nut vek⸗ nken und ſten, der det, und „Pelt amwerbet eu 221 euch vor allen Dingen ein feines richtiges Gefuͤhl von allem, was wahr, edel und gut iſt. Dieß Gefuͤht iſt allerdings eine Eigenſchaft unſers Geiſtes, die der eine Menſch in einem hohern, ein anderer in einem geringern Grade beſitzt. Stand, Erziehung, Gluͤck und Ungluͤck, geſellſchaftliche Verbindung, Gewohn⸗ beit, ſtärken und vermindern es. Aber die Anlage dazu iſt in jedem Menſchen vorhanden; denn es iſt ein ſehr weiſes Geſchenk unſers gutigen Schoͤpfers. Ohne Ausbildung aber entwickelt es ſich nie. Dieſe Ausbildung gruͤndet ſich auf richtiges Urtheil im Ver⸗ ſtande, auf Kenntniß desjenigen, was dazu erfordert wird, wenn etwas auch gewiß wahr, ſchoͤn, edel ſeyn ſoll; auf oͤftere Vergleichung aller dieſer Gegen⸗ ſtände mit dem Gegentheil, und demjenigen, was nur ſcheinbar wahr, edel und gut iſt; auf Gewoͤh⸗ nung, demjenigen ſtets gemaß zu handeln, was unſer richtig denkender Verſtand uͤber dieſe Gegenſtaͤnde entſchieden hat. Wollt ihr euch alſo zu feinen Sitten und Empfindungen des Chriſten bilden, ſo mußt ihr euch vor allen Dingen dieſes Gefühl für alles, was Wahr, Schoͤn und Gut iſt, zu verſchaffen ſuchen. Iſt etwa eine Tugend, iſt etwa ein Lob, dem jager nach. Verbindet damit ein zweytes Hulſemittel: Be⸗ ſtrebet euch, unter Anleitung eurer Vernunft, den ganzen Umfang aller eurer Pflichten gegen Gott und Menſchen, ihren Zuſammenhang und ihre Ver⸗ bindung unter einander immer mehr kennen zu ler⸗ 222 lernen. Die Unterſuchung dieſer Pflichten ſcharft euer Gefuͤhl fuͤr das Wahre, fuͤr das Eble, fur das Gute, und je ſchärfer ihr dieß aues fuͤhlt, deſto leich⸗ ter wird es euch, alle eure Empfindungen zu verfei⸗ nern, und eure Sitten zu veredeln. Die Pſlichten gegen Gott umfaſſen alles, was zu getreuer Beobach⸗ tung der Geſetze gehoͤrt, die er euch durch Vernunft und Ofſenbahrung bekannt gemacht hat. Die Pflich⸗ ten gegen euren Nächſten beziehen ſich auf alles, was Theilnehmung und Befoͤrderung ſeiner Gluckſeligkeit in ſich ſchließt. Je oͤfter ihr daruͤber nachdenkt, was zu dieſen Pflichten gehoͤrt, was ſie von euch for⸗ dern, wie ihr ſie am getreueſten und am leichteſten ausuͤben koͤnnt, deſto vertrauter wird euch dieß mit allen den geſelligen Tugenden machen, ohne welche ihr auf die Gluͤckſeligkeit eures Naͤchſten nicht wirken koͤnnt, und deſto feſter werdet ihr euch uͤberzeugen, daß ihr dieſe Tugenden ohne einen hohen Grad feiner Sitten und Empfindungen nie mit gutem Erfolg aus⸗ üben koͤnnt. Ihr werdet euch alſo zu allen den feinen Sitten und Empfindungen gewoͤhnen, welche der Apoſtel ſo deutlich beſchreibt, und ſo andringend uns anpreißt. Reibt euch wirklich der edle liebevolle Charakter des Chriſten, der ſich feiner Sitten und Empfindun⸗ gen befleißigt, ſo ſtudirt drittens den großen erha⸗ benen Charakter Jeſu Chriſti. In ihm findet ihr den Mann von den feinſten Sitten, von den edelſten Empfindungen. Er iſt der Mann von dem lieb⸗ reich⸗ eich itſt in d der heil leh ung nehn und war chei wel der Cha heit übe ſein vol rei ſuc reu den den ſol un tig ne es nſchaͤrft ſto leich⸗ verfei⸗ Pfichten Beobach⸗ Vernunſt Pfich⸗ s, was ſeligkeit chdenkt, euch for⸗ ichteſten jeß mit welche wirken tjelgen, d ſeiner olg aus⸗ n feinen che der end uns grakter findun⸗ neche⸗ det ihr elſten n lieb⸗ elch⸗ 32 ½ reichſten, gefoͤlligſten Tone, den der Mann von Welt oft ſo falſch affektirt und nachkuͤnſtelt. Betrachtet ihn in den ſo verſchiedenen Situationen ſeines Lebens, in der Geſellſchaft ſeiner Freunde und Geliebten, als heilenden Arzt der Kranken an Leib und Seele, als Lehrer der Unwiſſenden, als Verſorger der Armen, umgeben von ſeinen Feinden, im Umgang mit Vor⸗ nehmen und Reichen, als Beklagten vor Richtern und Fürſten. Was fuͤr ein ebler, leutſeliger, mit warmer Seele an allen Schickſalen der Menſchen theilnehmender Mann iſt er nicht! Und doch zugleich, welcher hohe, freymuͤthige, offene, den Mächtigen der Erde nie ſchmeichelnder, vor ihnen nie kriechender Charakter, der ſtets Wahrheit ſpricht, nach Wahr⸗ heit handelt, ohne die Sitten ſeines Zeitalters zu uͤbertreten, und aus den Augen zu ſetzen, offenbahrt ſich in allen ſeinen Handlungen! Wie liebevoll ſind ſeine Geſpraͤche mit ſeinen Juͤngern! Wie nachſichts⸗ voll erträgt er ihre Fehler und Thorheiten! Wie lieb⸗ reich verweißt er ſie ihnen! Mit wie viel Schonung ſucht er ſie zu beſſern! Wie freundlich nimmt er den reuigen Suͤnder auf! Wie herablaſſend iſt er gegen den Geringern! wie huͤlfreich gegen den Rothleiden⸗ den! wie voll Anſtand und Wuͤrde an der Tafel des ſtolzen und vornehmen Phariſaers! Wie freymuͤthig und nachdrucksvoll ſchildert er die Laſter der Mäch⸗ tigen ſeines Volks! Wie furchtlos antwortet er ſei⸗ nem Richter! Bildet euch nach ſeinem Beyſpiel, habt es ſtets vor Augen, gewoͤhnt euch bey allen Vorfällen des lebens ſo zu handeln, wie er gehandelt hat; und die F —— 5 — —— 224 die Feinheit eurer Sitten, die Feinheit eurer Em⸗ pfindungen wird das wirklich ſeyn, was ſie ſéyn ſol⸗ len, wahre Wuͤrde des Chriſten, die ihn uͤber alles erhebt, was die Sprache der Welt Groß und Erha⸗ ben nennt, verbunden mit dem wärmſten Beſtreben, Menſchen zu lieben, um von ihnen wieder geliebt zu werden. Dieſe Gewohnheit wird euch feine Sitten und Empfindungen gleichſam zu einem unentbehrii⸗ chen Beduͤrfniß machen. Es wird euch unmoͤglich ſeyn, im Umgang mit Menſchen, dieſen Sitten und Empfindungen entgegen zu handeln, und ihr werdet dadurch gleich weit entfernt bleiben von dem leeren ge⸗ kunſtelten Ton der großen Welt, und von der Roheit der Sitten und Empfindungen des bloßen Naturmen⸗ ſchen, welchen die chriſtliche Religion nicht perfeinert hat. Wenn wir den Begriff richtig angegeben haben, worinne denn eigentlich feine Sitten und Empfindun⸗ gen des Chriſten beſtehen, und wodurch man ſich bil⸗ det, ſie zu erlangen, ſo wird uns dieß leicht auf die großen Vortheile fuͤhren, die wir uns dadurch ver⸗ ſchaffen, und es wird uns alsdann von ſelbſt in die Angen fallen, daß es Pflicht fur uns ſey, ſie uns zu erwerben. Ein Menſch von dem edeln, einnehmen⸗ den, freymuthigen Charakter, wie wir ihn in dem Vorhergehenden geſchildert haben, ein Menſch, ein Chriſt, liebreich in ſeinen Sitten, ſo cheilnehmend in allen ſeinen Empfindungen ſuͤr alles, was ſchoͤn und gut iſt, koͤnnte dieſer Menſch wichtigere Gegen⸗ ſtände ſünde as ſchen vor tiget jenſ groß Em den lßt ſetzen Chri Got den ner klei deſi wer zu ich ſein Pol ben wy ſein ſiß urer Em⸗ ſihn ſol⸗ uͤber alle Beſtreben, geliebt ju ine Sitten embehrli⸗ unmöglich itten und ihr werdet leeren ge⸗ der Roheit daturmen⸗ verfeinert ben haben, mpfndun⸗ an ſch bil⸗ cht uuf di durch ver⸗ lbſt in bie ſe uns zu nnehmen⸗ n in dem enſch/ ein inehnend was ſchön re Gege⸗ tünde 225 ſtände ſeines Beſtrebens, ſeiner Neigungen haben, als Liebe zu Gott, Liebe zu allen ſeinen Nebenmen⸗ ſchen, Trieb zu jeder chriſtlichen Tugend, Abſcheu vor jedem Laſter, frohen Genuß dieſes gegenwaͤr⸗ tigen Lebens, frohe Ausſichten auf Gluͤckſeligkeit jenſeit des Grabes? Sehet, dieß ſind auch die großen Vortheile, welche Feinheit der Sitten und Empfindungen dem mit Wuͤrde und Anſtand handeln⸗ den Chtiſten allerdings zu verſchaffen vermoͤgend iſt. Laßt uns dieß noch etwas deutlicher aus einander ſetzen. Feinheit der Sitten und Empfindungen des Chriſten ſtärken und veredeln erſtlich ſeine Liebe zu Gott. Je hoͤher der Grad der Empfindungen iſt, den ich für alles habe, was ſchoͤn und gut iſt, je fei⸗ ner das Gefuhl iſt, mit welchem ich alles, auch in den kleinſten Theilen wahrnehme, was zum Ganzen des Vollkommnen, des Schoͤnen, des Guten gehoͤret, deſto ſtaͤrker wird davon der Eindruck auf mein Herz werden, deſto mehr werde ich hingeriſſen werden, es zu bewundern, zu ſchaͤtzen und zu lieben. Und koͤnnt' ich denn dieß feine Gefuͤhl wirklich beſitzen, und unter ſeiner Leitung mich bis zu Gott, dem Urquell aller Vollkommenheit, alles Schoͤnen, alles Guten erhe⸗ ben, ohne von einem höhern Grade der Liebe und Be⸗ wunderung gegen ihn durchdrungen zu werden? Wie? ich empſfinde ſeine Macht, ſeine Weisheit, ſeine Guͤte mit der groͤßten Lebhaftigkeit, mit dem ſußen Schauer der Allgegenwart Gottes, in allen P ſeinen 226 ſeinen Werken in ſeinem ganzen Weltall, das ſich in einer ſternenhellen Nacht vor meinen Augen ent⸗ huͤllet, in dem kaum ſichtbaren Inſekt, deſſen Theile ich nur durch das von der Kunſt bewaffnete Auge zu erkennen vermoͤgend bin. Ich empfinde mich ſelbſt mit dem feinſten lebhaften Gefuͤhl, von ſeiner Macht, Weisheit und Guͤte umgeben. Ich empfinde es mit der gefuhlvollſten Seele, was das heißt: Auch dich ſchwachen fehlervollen Menſchen will Gott um Chriſti willen ewig gluͤckſelig machen; auch du niedriges hinfaͤlliges Geſchoͤpf ſollſt durch ſeine Gnade und Barmherzigkeit ein Erbe ſeliger Unſterblichkeit wer⸗ den, ſollſt dich ihm Ewigkeiten hindurch, an Vollkom⸗ menheit nähern, ſollſt ihm ähnlich werden. Und ich, der ich dieß alles ſo ſtark fuͤhle, als der Menſch, ein endliches Geſchoͤpf, es zu empfinden vermoͤgend iſt, ich ſollte dieſen Gott, deſſen erhabene Eigen⸗ ſchaften meine Seele entzuͤcken und hinreißen, nicht deſto inbruͤnſtiger lieben? ſollte durch dieſe Liebe mein ganzes Herz nicht deſto mehr veredeln, und es ſeiner Liebe wuͤrdiger machen? Wenn ich mich ferner nach meinem erhabenen Urbilde, Jeſu Chriſto, bilde, wenn ich meine Sit⸗ ten, meine Empfindungen in jedem meiner Verhaͤlt⸗ niſſe den ſeinigen aͤhnlich zu machen ſuche, iſt denn nicht alsdann der große Mittelpunkt, worauf dieſe Bildung abzielt, Liebe zu Gott? denn dieſe Liebe war ja der einzige große Bewegungsgrund alles desjeni⸗ gen, was Jeſus that, was er litt. Wenn ich alſo Jeſum Jeſu zuah auch We und den ſttel deſt Em mog Nu ben auch jene wen pfn zw ter ne ſert bot ſhe zu ſin me wa das ſich ugen ent⸗ ſen Lheile e Auge zu nich ſelbſt er Macht, de es mit Auch dich m Chriſti niedriges nade und hkeit wer⸗ Vollkom⸗ n. Und ermogend ne Eigen⸗ en, nicht tiebe mein d es ſeiner erhobenen ine Sit⸗ Vechält⸗ iſt denn rauf dieſe liebe war dezjen⸗ n ich lſo Iſim 227 Jeſum an Sitten, Neigung und Empfindung nach⸗ zuahmen ſuche, muß nicht ſodann dieſe Liebe zu Gott auch der Grund aller meiner Handlungen werden? Werde ich nicht durch dieß alles dieſe Liebe veredeln und verſtärken? Ja, meine Lieben, laſſet uns nach dem hoͤchſten Grade feiner Sitten und Empfindungen ſtreben, wir werden dadurch unſre Herzen zu einer deſto feurigern Liebe zu Gott bilden, und liebe zu Gott, Empſindung der liebe zu Gott iſt der Inbegriff aller moͤglichen Gluͤckſeligkeit eines vernunftigen Geiſtes. Nur dann, wenn wir ihn, dieſen Allerſeligſten, lie⸗ ben, und ſeine Gebothe halten, nur dann genießen auch wir ſchon in der irdiſchen Huͤlle dieſes Koͤrpers jenen Vorſchmack der Seligkeit, welche wir dort, wenn wir ihn ſchauen werden, wie er iſt, ganz em⸗ pfinden ſollen. Feine Sitten und Empfindungen ſind aber auch ʒweytens das zuverlaͤßigſte Mittel, uns zu einer wah⸗ ren aufrichtigen Menſchenliebe zu bilden. Wer ſei⸗ nen Bruder nicht liebt, wie kann der Gott lieben? Wollen wir alſo Gott lieben, ſo muͤſſen wir auch un⸗ ſern Bruder lieben. Dieß iſt eins der wichtigſten Ge⸗ bothe des Chriſtenthums. Was uns zu dieſer Men⸗ ſchenliebe faͤhig macht, was uns dieſe Liebe gleichſam zum Bedurfniß macht, iſt alſo unſers anhaltenden Beſtrebens werth. Je milder aber unſre Sitten ſind, je feiner unſre Empfindungen ſind, deſto waͤr⸗ mer nehmen wir auch an allem demjenigen Antheil, was unſern Nebenmenſchen angeht. Laßt es auch P2 ſehn, 228 ſeyn, daß bisweilen unter rauhen Sitten, unter ei⸗ nem äußern muͤrriſchen Anſtand, in der Bruſt des rohen, mit feinen Empfindungen unbekannten Men⸗ ſchen, ein gefuͤhlvolles, fuͤr Menſchenwohl bekuͤm⸗ mertes Herz ſchlaͤgt, dieß iſt eine ſeltene Ausnahme von der Regel, und die Erfahrung ſowohl, als der natuͤrliche Gang der menſchlichen Denkungsart beſtä⸗ tiget es, je mehr Sitten und Empfindungen eines einzelnen Menſchen, eines ganzen Volks, diejenigen Charakterzůge der Aufrichtigkeit, Freymuͤthigkeit, der Gefälligkeit, des liebreichen, einnehmenden, mit Wuͤrde verbundenen Anſtandes enthalten, in welche wir in dem Vorhergehenden die ächte Feinheit der Sitten und Empfindungen geſetzt haben, deſto mehr wird unermuͤdetes Wohlwollen fuͤr das allgemeine und beſondre Beſte die vorzuglichſte Triebfeder aller Handlungen dieſes Menſchen, dieſes Volks ſeyn. Dieß liegt in der Natur der Sache. Dieſe feinen Sitten und Empfindungen erleichtern dem Menſchen⸗ freund die Ausuͤbung der Pflichten, auch der be⸗ ſchwerlichſten, welche wahre Menſchenliebe fordert. Sie belohnen durch den Genuß des reinen Vergnuͤ⸗ gens, das aus der Ausuͤbung der Pflichten der Men⸗ ſchenliebe fur den, der ſeinen Bruder wirklich liebt, entſpringt. Ja, je ſorgfältiger ich mich gewoͤhnt habe, meine Seele zu feinen Sitten und Empfin⸗ dungen zu bilden, deſto ſtärkern Eindruck muß noth⸗ wendig Menſchenwohl und Menſchenweh auf mich machen; deſto mehr muß mich das erſtere erfreuen, und das letztere ſchmerzen; deſto ſtärker werde ich mich — ———— „— C—— unter ei⸗ Bruſ des ten Men⸗ l bekum⸗ lusnahme „als der art beſtů⸗ gen eines iejenigen gkeit, der den, mit in welhe inheit der ſto mehr lgemeine eder aller lts ſeyn. iſe feinen Renſchen⸗ der be⸗ e fordert Pergni⸗ der Me⸗ ſch iebt, gwöhnt Enyfin⸗ uß wih⸗ auf n erfreuen⸗ werde mi 229 mich gedrungen fuͤhlen, das eine zu vermehren, das andre zu vermindern. Jede Pflicht, zu welcher ich einen ſtarken hinreißenden Antrieb in mir fichle, wird mir leichter als die Pflicht, zu welcher dieſer Antrieb mir fehlt, oder nur ſchwach iſt. Koͤnnt' ich wohl bey einem gefuͤhlvollen Herzen meinen Bruder leiden ſehen, koͤnnte ich die Mittel, ihm zu helfen, in mei⸗ ner Gewalt haben, und es ſollte mich viel Ueberwin⸗ dung koſten, mich dieſer Mittel zu bedienen? Ich habe mich gewoͤhnt, mich gegen meinen Nächſten lieb⸗ reich, aufrichtig, gefällig zu betragen, und es ſollte mir ſchwer werden, Spott, Zorn, Eigennutz, und andere der wahren Menſchenliebe entgegenſtehende Fehler und Mängel gegen ihn zu unterdruͤcken? Wenn ich mich ferner gewoͤhnt habe, alle Pflich⸗ ten der Menſchenliebe gern auszuuͤben, und mich uber jedes Gute, das ich zum allgemeinen und beſondern Menſchenwohl, ſey es auch noch ſo klein, beytragen kann, zu erfreuen; wenn meine ganze Seele das ſanfte Vergnuͤgen ergreift, durch Ausuͤbung dieſer oder jener Pflicht der Menſchenliebe haſt du deinen Mitmenſchen erfreut, und biſt Gott ſelbſt dadurch wohlgefällig geworden, wem verdanke ich denn dieſes ſuße Vergnuͤgen, das mir die Pflichten der Menſchen⸗ liebe ſo ſehr erleichtern muß, als jener Feinheit der Sitten, jener Feinheit der Empfindungen, welche mich antrieb, an allem, was meinen Nebenmenſchen an⸗ geht, ſo warmen Antheil zu nehmen? Sehet, meine Keben ſo bilden wir uns durch Empfindung fur alles, was 230 was ſchoͤn, edel und gut iſt, durch den Anſtand der Sitten, der mit dieſer Empfindung unzertrennlich ver⸗ bunden iſt, nicht nur zu einer ſtäͤrkern, vollkommnern Liebe zu Gott, ſondern auch zu dem ſtärkſten Mittel, dieſe Liebe zu erhalten, zu vermehren, zu befeſtigen, zu der ſo nothwendigen Menſchenliebe unſerer Brü⸗ der, ohne welche wir nie behaupten koͤnnen, daß wir Gott lieben. Laßt uns noch einen dritten wichtigen Vor⸗ theil kennen lernen, welchen der Chriſt von dem Be⸗ ſis feiner Sitten und Empfindungen zu erwarten hat. Sie wirken in uns Trieb zu jeder chriſtlichen Tu⸗ gend, Abſcheu gegen jedes Laſter. Jede chriſtliche Tugend wurzelt am feſteſten in einer ſanften, weich⸗ geſchaffnen Seele, welche der feinſten Empfindung fähig iſt, wie jedes Laſter am ſtärkſten in einem har⸗ den geſühlloſen Herzen keimt, und Fruchte trägt, Selbſt der chriſtliche Muth, die Entſchloſſenheit zu leiden, wirkt ſtärker in dem Mann von den feinſten Empfindungen der Seele, wenn ihn nur ſein Ver⸗ ſtand uͤberzeugt, daß es jetzt Pflicht für ihn iſt, zu leiden, eben, weil die Feinheit ſeiner Empfindung ihn von der Wicheigkeit ſeiner Pflicht ſtaͤrker uͤberzeugt, als den Mann von trotzigem Geiſt und hartem Her⸗ zen, der ſo leicht das Opfer ſeiner Ungeduld wird. Selbſt der Wolluͤſtling iſt ſtets nur der Sklave der groben Sinnlichkeit. Er iſt weichlich, aber er iſt nie ſanfter, reiner Empfindungen fähig. Er fuͤhlt ur das Grobe der Sinnlichkeit, aber das ſeelenvolle Gefuͤhl Gef erdi ſen ne ſon He mu ke laf au ten nſiund der ennlich ver⸗ ltommnern ſen Mittel, befeſtigen, ſerer Bri⸗ 1, daß wir igen Vor⸗ ndem Be⸗ varten hat. lichen u⸗ hriſliche n, weich⸗ myfindung einem har⸗ chte trigt⸗ ſſerheit zu en feinſten ſein Ver ihn iſ, zu mpfindun iberjeugt⸗ tem Her⸗ uld wird⸗ Sklave der aber e iſ Er fihl ſelnule Geſühl 231 Gefuhl des Edlen und Schoͤnen kennt er nicht. Er erdichtet dieſe Gefuͤhle, wenn er ſie vorgiebt. Alles, was er empfindet, bleibt in ſeinem Koͤrper verſchloſ⸗ ſen, dringt nie bis zu ſeiner Seele. Die alte und neueſte Geſchichte belehrt uns, daß die wolluͤſtigſten Menſchen und Voͤlker, auch gemeiniglich die grau⸗ ſamſten und blutdurſtigſten geweſen ſind. Der Hauptcharakter der chriſtlichen Tugenden iſt Sanft⸗ muth des Geiſtes, welche uns Jeſus und ſeine Apo⸗ ſtel ſo oft anpreißen, und von welcher Er, unſer Lehrer und Herr, uns ein ſo herrliches Beyſpiel ge⸗ laſſen hat, und Sanftmuth des Geiſtes grundet ſich auf Feinheit der Sitten und Empfindungen. Je fahiger ihr euch alſo macht, dieſe Feinheit der Sit⸗ ten und Empfindungen zu beſitzen, deſto faͤhiger macht ihr euch zu dem Beſitze jeder chriſtlichen Tugend, de⸗ ſto unfähiger macht ihr euch, an jedem ihr entgegenge⸗ ſetzten Laſter Geſchmack zu finden, und euch ſolchem zu uͤberlaſſen. Feinheit der Sitten und Empfindungen gewaͤhrt uns aber auch noch einen vierten Vortheil zu unſerm Wachsthum in der chriſtlichen Vollkommenheit. Sie verſichert uns ſchon hier in dieſer Welt des Ge⸗ nuſſes eines frohen und gluͤcklichen Lebens, und ſie entfernt dadurch viele Hinderniſſe, die uns in dem Streben nach chriſtlicher PVollkommenheit aufhal⸗ ten würden. Ein frohlicher heitrer Muth des Chri⸗ ſten iſt ihm ein tägliches Wohlleben. Voll Freude und Dankbarkeit gegen ſeinen gutigen Vater im Him⸗ mel, F 2—*— —— — 2 232 mel, fuͤhlt er ſich durch dieſen Muth geſtaͤrkt, auf dem Wege der Tugend und Rechtſchaffenheit, den er betreten hat, getroſt fortzuwandeln. Er genießt, zufrieden mit dem, was ihm Gott gab, die heitern Tage ſeines irdiſchen Lebens, und zagt nicht angſtlich, wenn auch ihm ohne ſein Verſchulden einiger Kum⸗ mer des Lebens zu Theil wird. Und um wie vieles vermindert er dieſen Kummer, durch den gefälligen, liebreichen, einnehmenden Charakter, den er ſich ei⸗ gen gemacht hat. Er gewoͤhnt ſich dadurch zur Ge⸗ duld. Durch dieſe Geduld erwirbt er ſich das Mit⸗ leid, die Liebe ſeiner Nebenmenſchen und ihre Theil⸗ nehmung an ſeinem Schickſale, und jede edle Seele weiß das Gluͤck zu ſchätzen, von guten, edeln Men⸗ ſchen geliebt zu werden. Er entfernt durch dieſen Charakter eine Menge Verdruͤßlichkeiten, durch wel⸗ che ihm rohe, niedrige Sitten, ein erſtorbenes Ge⸗ fuͤhl gegen alles, was ſchoͤn und gut iſt, das Leben verbittert, und gleichgultig gemacht haben wuͤrden. Jedes Gute, das ihm wiederfährt, empfindet er lebhaft, und in einem hoͤhern Grad. Jedes Unangenehme ertragt er, zur Geduld, zur Sanftmuth, zu einem edeln Anſtande gewoͤhnt, leichter und williger. Sei⸗ ne Art zu denken und zu handeln, verſchafft ihm rei⸗ chere Huͤlfsmittel, ſeine Freuden zu verdoppeln, ſei⸗ ne keiden zu vermindern. Und dieß alles ſollte nicht zu dem hoͤhern Genuß eines heitern ruhigen Lebens ſchon in dieſer Welt beytragen? Und der ruhige Ge⸗ nuß eines heitern, ruhigen Lebens, ſollte uns nicht zugleich neue Kraft, neue Thätigkeit verleihen, in jeder tärkt, auf it, den er r genießt, die heitern t ängſilich, iger Kum⸗ wie vieles gefalligen⸗ er ſich ei⸗ h zur Ge⸗ das Nit⸗ ihre dheil⸗ le Stele deln Men⸗ ch dieſen durch wel⸗ rbenes Ge⸗ dos leben n wuͤrden⸗ terlebhoſt angenehne „ju einen er. Sti⸗ ihm kel⸗ ein/ ſei⸗ ſolle nicht gen iebens ruhige G⸗ uns nich ihen, jedet 233 jeder chriſtlichen Tugend feſter und vollkommner zu werden? Allein der Nutzen, den wir zum Wachsthum in der chriſtlichen Vollkommenheit durch die Feinheit unſerer Sitten und Empfindungen zu erwarten haben, erſtreckt ſich noch weit uͤber das Grab hinaus. Sie verſchafft uns die Faͤhigkeit zu einem herrlichern rei⸗ chern Genuß jener Freuden uud Seligkeiten, die uns Gott durch Jeſum in einer beſſern Welt verheißen hat, und dieß iſt endlich der fuͤnfte große Vortheil, den wir uns von ihnen zu verſprechen haben. Chriſt, du gluckliches, zu einer ſeligen Unſterblichkeit, zu ewi⸗ gem Wachsthum an Vollkommenheit, von Gott be⸗ rufenes Geſchoͤpf, erhebe die Augen deines Geiſtes, und blicke in das Land jenſeit des Grabes, blicke in die unendlichen Seligkeiten, die deiner dort warten, die dir Jeſus verheißen und erworben hat. Reitzt dich dieſer Anblick, wuͤnſcheſt du an allen dieſen Se⸗ ligkeiten ſoviel Theil zu nehmen, als es nur immer moͤglich iſt, ſo vergiß nicht: Wenn du dieſe Freuden, dieſe Seligkeiten in jener Welt reichlich genießen willſt, mußt du Anlage und Fähigkeit, ſie zu genie⸗ ßen, aus dieſer Welt mitbringen. Du mußt den Saamen, den Gott, dein Schoͤpfer, zur Empfindung und zum Genuß des Guten, des Edeln, des Schoͤ⸗ nen in dir gelegt hat, hier pflegen und warten, wenn er dort Fruͤchte tragen ſoll. Haſt du dir hier keinen Sinn, keine Empfindung für alles, was Schoͤn, was Edel, was Gut iſt, erworben, haſt du dich hier 234 hier nicht nach dem ſanften liebevollen Charakter Jeſu in deinen Sitten gebildet, wie willſt du Geſchmack an dem Umgang mit jenen ſeligen Geiſtern finden, die ſich alle nach ihrem großen Urbilde, nach Jeſu Chriſto, gebildet haben? Wie willſt du Fähigkeiten haben, dieſen Umgang zu genießen und zu benutzen? Deine Natur wird nicht veräͤndert, wenn du in jene Welt trittſt. Du erwacheſt aus dem Schlafe des Todes mit deinen Fehlern und Vollkommenheiten; nur hoͤ⸗ here Kraft, die erſtern ganz auszurotten, und die letztern ganz auszubilden, erhaͤltſt du. Mache dich alſo hier fähig, durch Feinheit deiner Sitten, durch Feinheit deiner Empfindungen an allem Geſchmack zu finden, was wahrhaft Bewunderungswuͤrdig, was Schoͤn, was Edel, was Gut iſt. Gewoͤhne dich gegen deinen Naͤchſten ſo gefällig, ſo liebreich zu handeln, wie Jeſus gegen die Menſchen handelte, mit denen er um⸗ ging. Bilde deinen Verſtand zu einer richtigen Kenntniß des hohen Werths der chriſtlichen Tugen⸗ den. Erwärme dein Herz durch vermehrte Empſfin⸗ dung der Liebe zu Gott, und der Liebe zu ſeinen Mit⸗ menſchen. Suche in dem erhabenen Charakter Jeſu jene feinen Zuͤge auf, welche ſeinen Umgang mit Men⸗ ſchen veredelten und nuͤtzlich machten, und trage ſie in deine eigne Seele uͤber; und dann, wenn du deinen Verſtand und dein Herz mit allen dieſen Anlagen und Fähigkeiten veredelt und ausgebildet haſt, dann freue dich der Ruhe des Grabes, der du dich näherſt; dann freue dich der Stimme des Todes, die dir ruft; dann freue dich der Hoffnung der Seligkeit, die deiner war⸗ wart ſten rein Th wil ger nes der und wi ker E rakter Jeſu Geſchnack finden, die eſu Chriſto, iten haben, n? Deine jene Velt des Todes ; nur ho⸗ „und die Mache bic ten, duch ſchmac ju dig was dich gegen ndeln, wie nen er um⸗ r richtigen en Tugen⸗ te Enpfin⸗ inen Mil⸗ akter Jeſi ni Mu⸗ nege ſie hu deinen lngen unb dann frele rſt; dann uſt dann die heinet wal⸗ 235 wartet. Dann wird deine nach Gluͤckſeligkeit duͤr⸗ ſtende Seele mit vollen Zuͤgen aus dem Quell der reinſten ewigen Freuden trinken, welcher dich vor dem Throne des Allguͤtigen ohne Aufhoͤren erquicken wird. Dann wirſt du fähig ſey, ein gluͤcklicher Buͤr⸗ ger jener beſſern Welt zu ſeyn, in welcher kein Unrei⸗ nes, kein Unedles, kein Boͤſes mehr ſeyn wird, ſon⸗ dern wo Wahrheit, Guͤte und Liebe allein herrſchen und regieren. Wenn uns feine Sitten und Empfindungen wirklich dieſe großen Vortheile, wie wir ſie in dem Vorhergehenden beſchrieben haben, verſchaffen, koͤnn⸗ ten wir alsdann wohl noch fragen; Ob es Pflicht des Chriſten ſey, ſich dieſe Sitten und Empfindungen eigen zu machen? Und koͤnnte man ſodann wohl noch zweifeln, daß der Chriſt, der feinſte, durch Sitten und Empfindungen wirklich gebildetſte Mann ſeyn muß, wenn er dieſen Namen mit Anſtand und Wuͤrde fuhren will? Muͤſſen wir nicht eingeſtehen, daß dieſe Feinheit der Sitten und Empfindungen, welche unſre Liebe zu Gott und Chriſto erhoͤhet, welche uns in der Liebe zu unſern Mitmenſchen ſtaͤrkt und befeſtiget, welche unſer Beſtreben nach jeder chriſtlichen Tugend wirkſamer macht, welche uns dieß⸗ und jenſeit des Grabes hoͤheren Genuß der Gluͤckſeligkeit gewaͤhrt, ein ſicheres Mittel zum hoͤhern Wachsthum in der chriſtlichen Vollkommenheit ſey? Nein! gewiß der Chriſt, der nach wahrer chriſtlicher Vollkommenheit ſtrebt, kann ohne dieſe Feinheit der Sitten und Em⸗ pfindungen zu einem hohen Grad chriſtlicher Vollkom⸗ menheit 236 menheit nicht gelangen. Es bleibt alſo unablaͤßige Pflicht fͤr ihn, darnach zu ſtreben. Der rohe Menſch, der bey aller Roheit der Sitten und Em⸗ pfindungen Achtung fuͤr Tugend und Rechtſchaffenheit äußert, kann zwar Lob und Aufmunterung verdienen, aber er entbehrt viele Huͤlfsmittel, es weite zu brin⸗ gen, wird in eine Menge Fehler und Irrthuͤmer ver⸗ fallen, welche den gebildeten Chriſten zu vermeiden leicht waren, wird ſich erſt dort erwerben muͤſſen, was er ſich ſchon hier erwerben konnte. Auch ihr, meine Lieben, beſtrebt euch alſo mit allem Eifer, in allen euren Handlungen, in eurem ganzen Verhalten, gegen eure Rebenmenſchen den edeln Anſtand zu zeigen, welcher den wahren Adel der Seele charakteriſirt, und die erhabene Würde des Chriſten bezeichnet. Redet und handelt ſtets aufrichtig, und ohne Verſtellung. Heuchelt weder Gott noch Menſchen. Aber vergeßt zugleich nie, daß ihr unter Menſchen lebt, die euch nicht alle an edelm offnem Herzen gleich ſind, und verbindet alſo Aufrich⸗ tigkeit mit Klugheit und Vorſicht. Erniedrigt euch nie bis zur Rolle des Schmeichlers; beurtheilt aber auch den Menſchen, der gegen euch handelt, und ſprecht, nie nach ſeinen Worten, ſondern nach ſeinen Hand⸗ lungen. Strebt nach dem Wohlgefallen der Men⸗ ſchen, eurer Bruͤder, aber opfert ihm nie das Wohl⸗ gefallen Gottes auf. Seyd ſtets eurer Wuͤrde als Chriſten eingedenk, und handelt dieſer Wuͤrde ſtets gemaß, nicht mit froͤmmelndem, verachtendem Stolz, aber her der zeig ſ, vor in bez del tit eu — — N—„— —————————— 237 aber auch nie mit Erniedrigung zu den Vorurtheilen der Welt. Seyd gefaͤllig gegen Jedermann, aber zeigt dieſe Gefalligkeit mehr in Thaten, als in euren Worten. Beſtrebt euch, ſo viel in euren Kraͤften iſt, eurem Rächſten nutzlich zu ſeyn, und erwartet nie von ihm Belohnung eures Beſtrebens. Verabſcheuet in allen euren Reden und Handlungen, rohe unan⸗ ſtändige Sitten, welche ein niedriges gefuͤhlloſes Herz bezeichnen, und laßt euch weder Beyſpiel, noch Ta⸗ del, noch Spott, zu einer falſchen Scham oder thoͤ⸗ richten Nachahmungsſucht antreiben. Wendet aber auch die Huͤlfsmittel an, die ich euch angegeben habe, dieſe feinen Sitten und Empfin⸗ dungen zu erlangen. Erwerbt euch ein richtiges Ge⸗ fuhl fuͤr alles, was wahrhaft Groß und Erhaben iſt, was mit Recht Schoͤn, Edel und Gut genennt wird. Bildet euren Verſtand zum richtigen Urtheilen, euer Herz zu der Liebe zur Tugend und Rechtſchaffenheit. Denkt unermudet uͤber die Pflichten nach, welche die Verhaͤltniſſe, in welchen ihr mit Gott und andern Menſchen ſtehet, von euch fordern. Denkt oft dar⸗ ber nach, auf welche Art ihr dieſe Pflichten am leich⸗ teſten und am willigſten ausuͤben koͤnnt. Laßt euch in dieſer Abſicht das Beyſpiel Jeſu Chriſti bey allen euren Handlungen leiten, und gewoͤhnt euch fruͤh, ſo 238 ſo viel als es euch moglich iſt, ſo zu handeln, wie er gehandelt hat. Gluͤckſelige Menſchen werdet ihr ſodann ſeyn, in dieſer irdiſchen und in jener beſſern Welt. Liebe, die ſeligſte Liebe zu Gott, wird eure reinen Seelen erfuͤllen. In allem, was euch umgiebt, werdet ihr ihn empfinden, den großen Vater der Natur, wer⸗ det empfinden, wie ſehr er euch liebt, wie ſehr er will, daß ihr gluͤckſelig ſeyn ſollt. Herzlicher werdet ihr die Menſchen eure Bruͤder lieben. Leichter wird euch die Ausuͤbung jeder eurer Tugenden, auch der ſchwer⸗ ſten, werden. Denn Geſchmack, Empfindung und Gewohnheit, werden es euch ganz unmöglich ma⸗ chen, dieſen Tugenden entgegen zu handeln. Sey auch euer kuͤnftiges Leben noch ſo ſehr von Stuͤrmen oder Widerwärtigkeiten beunruhigt; lernt Ruhe und ſtille Groͤße der Seele in eurem eignen Herzen finden, und ihr habt gehoͤrt, daß feine Sitten und Empfindun⸗ gen das Herz des Chriſten vorzuglich dazu bilden. Dann werdet ihr uͤber jedes Leiden dieſer Zeit, ſo wie uͤber jedes nichtige Gluͤck dieſer Erde, welches euch Gott zu eurem eignen Beſten nicht verlieh, weit erha⸗ ben ſeyn, und weder durch das eine noch das andre, wird die Heiterkeit eurer Tage geſtort oder vernichtet werden. Aber . plat wel Hi ſoll ew geſi do nie zu lic n, wie er dann ſehn, elt. kiehe, ten Seelen werdet ihr atur, wer⸗ ehr er will, werdet ihr r wird euch der ſchwer⸗ idung und glich ma⸗ Scy auch rmen ober e und ſill nden, und npfindun⸗ ju bilden. it ſo wie ſches euch weit erha⸗ s andre, vernichtet Aber 239 Aber erſt dort, dort auf jenem herrlichen Schau⸗ platz der Macht, der Gute, der Liebe Gottes, auf welchem dereinſt euer unſterblicher Geiſt, wenn er die Huͤlle eures Koͤrpers verlaßt, auftreten und handeln ſoll, dort, wo ihr Gott ewig dienen, wo ihr ihn ewig lieben ſollt, dort erſt ſollt ihr mit Gluͤckſeligkeit geſättiget werden, und je mehr ihr hier euer Herz zum Gefuͤhl fuͤr alles, was Schoͤn, Wahr und Gut iſt, gebildet habt, deſto vollkommner, in deſto hoͤherm Grad ſollt ihr dieſe Gluckſeligkeit genießen. Denn dort, in dem Hauſe eures Vaters, wo ihr als Kin⸗ der ewig bey ihm wohnen ſollt, dort iſt alles Schoͤn, dort herrſcht nichts als Wahrheit, dort empfindet man nichts als Gutes. Aber alle dieſe herrlichen Guͤter zu empfinden, zu genießen, waͤre Pein, unausſteh⸗ liche Pein fuͤr eine rohe niedrige Seele, welche ſich hier auf der Erde, aus dem Schlamme niedriger Luſte und Begierden nie empor gehoben hat. Rein! in den Himmel koͤmmt nichts Unreines. Nur die, die reines Herzens ſind, die Geſchmack und Gefühl fuͤr Tugend und Rechtſchaffenheit beſitzen, und dieß Gefuhl nie durch niedrige Laſter entweiht haben, nur die werden Gott ſchauen. Und ihn ſchauen, heißt, mit ihm durch Liebe auf das Genaueſte vereiniget und durch dieſe Liebe ewig ſelig ſeyn, wie er iſt. Gort, 240 Gott, beſelige du ſelbſt uns durch deinen guten Geiſt, daß wir uns, ſo lange wir noch hier wallen, durch Liebe zu dir und zu allem, was Schoͤn, Edel und Gut iſt, dieſe Gluͤckſeligkeit dereinſt zu beſitzen, fähig. machen moͤgen! einen guten hier wallen, Edel und⸗ itzen, fahig VII. Warum der Chriſt durch Leiden und Trub⸗ ſale geuͤbt werden muß, wenn er in der Chriſtlichen Vollkommenheit wachſen und zunehmen ſoll? Ep. an die Ebräer, C. 12. v. 6— 11. Welchen der Herr lieb hat, den zuchtiget er; er ſtaͤupet aber einen jeglichen Sohn, den er aufnimmt. So ihr die Zuͤchtigung erduldet, ſo erbeut ſich euch Gott als Kindern; denn wo iſt ein Sohn, den der Vater nicht zuͤchtiget? Seyd ihr aber dhne Zuͤchtigung, welcher alle ſie ſind theil⸗ haftig geworden, ſo ſeyd ihr Baſtarte, und nicht Kinder. Auch ſo wir haben unſere leiblichen PVaͤter zu Zuͤchtigern gehabt, und ſie geſcheuet; ſollten wir denn nicht vielmehr unterthan ſeyn dem geiſtlichen Pater, daß wir leben? Und jene zwar haben uns gezuͤchtiget wenig Tage nach ihrem Duͤnken; dieſer aber zum Rutz, auf daß wir ſeine Heiligkeit erlangen. Alle Zuͤchtigung aber, wenn ſie da iſt, duͤnket ſie uns nicht Freude, ſondern Traurigkeit zu ſeyn, aber darnach wird ſie geben eine friedſame Frucht der Gerechtigkeit denen, die dadurch geubt ſind. ——— ———* D. biſt bie kiebe, o Gott, und alles, was du uͤber uns anerdneſt, iſt Guͤte; auch Leiden und Truͤbſale, ſo ſchmerzhaft ſie uns auch ſind, ſind Beweiſe deiner värerlichen Liebe gegen uns. Dieß ſollten wir ſtets erkennen, ſollten, mit kindlicher Unterwerfung unter den Willen unſers guten Vaters, auch das traurige Schickſal aus ſeiner Hand annehmen, und es zu Er⸗ reichung der Abſicht nutzen, aus welcher du es uns mitgetheilt haſt, um in der chriſtlichen Vollkommen⸗ heit zu wachſen, und dadurch dir wohlgefälliger zu werden. Dieß wuͤrden wir auch ſters thun, wenn wir uns nur öfterer gewoͤhnten, daruͤber nachzuden⸗ ken, warum der Chriſt durch Leiden und Truͤbſale geubt werden muß, wenn er in der chriſtlichen Voll⸗ kommenheit wachſen und zunehmen ſoll. Mit dieſem Nachdenken wollen wir uns jetzund beſchäftigen, da⸗ mit, wenn du uns Leiden und Truͤbſale ſendeſt, wir nicht ſundigen und wider dich murren, ſondern viel⸗ mehr uns überzeugt fuhlen, daß alle Zuͤchtigung uns eine friedſame Frucht der Gerechtigkeit giebt, wenn wir dadurch geuͤbt werden. Der Zuſtand des wahren aufgeklaͤrten Chriſten bat allerdings zwey ſehr verſchiedene Seiten. Er iſt ein Stand der ſicherſten Freude und Zufriedenheit. Q2 Nur — 44 Nur der Chriſt allein iſt immer froh, immer heiter, nur er genießt einer ungeſtoͤrten Gluckſeligkeit. Dieß lehrt man uns ſo oft; und nach den deutlichſten Zeuz⸗ niſſen Jeſu und ſeiner Apoſtel iſt dieſe Behauptung auch allerdings wahr. Selbſt unſer eignes Herz, unſere eigne Erfahrung kann uns von der Wahrheit dieſer Behauptung uͤberzeugen, wenn wir gluͤcklich genug ſind, den innern Werth des Chriſtenthums zu kennen, und ſeine Kraft zu empfinden. Von der andern Seite iſt es aber doch auch wahr, daß groͤß⸗ tentheils dem Chriſten mehr Leiden und Kuͤmmerniſſe zu Theil werden, als einem andern Menſchen, deſſen Herz nur ſchwach oder gar nicht die Vorſchriften der Lehre Jeſu zu befolgen geneigt iſt. Der Apoſtel ſagt in unſerm Text: Weichen der Herr lieb hat, den zuchtiget er; er ſtaupet aber einen jeglichen Sohn, den er aufnimmt. Und unſer Herr ſelbſt ruft uns zu: Wer mem Juͤnger ſeyn will, der nehme ſein Kreutz auf ſich! Ja, meine Geliebten, ich verheimliche es euch nicht, der Stand des Chriſten iſt bey aller Heiterkeit und Ruhe der Seele, die er uns ſchenkt, ein muͤhſeliger, oft ſchmerzhafter Zuſtand. Er iſt zugleich ein Stand des Kampfs wider unſere liebſten Neigungen, ein Stand der Entbehrung des Gluͤcks und der Freuden, ein Stand der Erduldung von man⸗ cherley Beſchwerden, die der Freund der Welt nicht kennt, nicht empfindet, und nie iſt es moͤglich, einen hohen Grad der chriſtlichen Vollkommenheit zu erlan⸗ gen, ohne darzu durch Leiden und Truͤbſale fäͤhig ge⸗ worden zu ſeyn. Wollt ihr euch alſo entſchließen, aufrich⸗ Auf auc un nmer heiler, eit. Dieß chſten Zeuz⸗ Behauptung ignes Herz, r Wohtheit vir glücklich enthums ju Von der „daß griß⸗ tmmerniſe ſchen, deſſen ſchriſten der poſtel ſogt hat, den chen Soho⸗ ruft uns ju eſen rult verheimiche iſt bey aller uns ſchent nd. Er i ſere jibffen bes Glucks 9 von man⸗ Pelt nicht glich, inen eit ju erlan⸗ le ſihis 6. nſchliße⸗ zufti* 245 aufrichtige treue Freunde Jeſu zu ſeyn, ſo muͤßt ihr auch euch entſchließen, gleich ihm, viel zu dulden und zu leiden. Fuͤhlt ihr dieſe Leiden jetzt noch nicht, ſo erwartet euch gewiß eine Zeit, in welcher auch eure chriſtliche Tugend durch das Feuer der Truͤbſal muß geläutert werden, wenn ſie als ächt und rein erfunden werden ſoll. Laßt indeſſen dieſe trübe Ausſicht in euer kunſtiges Leben euern Muth nicht niederſchlagen. Laßt euch dadurch nicht abſchrecken, treue Bekenner und Verehrer Jeſu zu ſeyn, laßt euch noch viel weniger, wenn ihr jetzt oder kunftig leidet, dadurch zum Mur⸗ ren und zur Unzufriedenheit gegen euern ſo guͤtigen Vater im Himmel verleiten. Denn alle dieſe Leiden, welche uns, wenn ſie da ſind, allerdings nicht Freu⸗ digkeit, ſondern Traurigkeit zu ſeyn duͤnken, werden uns eine friedſame Frucht der Gerechtigkeit geben, werden nuͤtzliche Fruͤchte der Tugend bringen, wenn wir durch ſie geuͤbt werden. Das ſicherſte Mittel, dieſe Leiden mit Geduld zu ertragen, iſt dieſes, wenn ihr euch gewoͤhnt, oft daruͤber nachzudenken: Was denn wohl die Urſachen ſeyn moͤgen, welche die⸗ ſen ſo liebreichen, ſo guͤtig gegen uns geſinnten Gott bewegen koͤnnen, ſeinen Kindern, denen, die er liebt, ſehr oft mehr Leiden, mehr Truͤbſale aufzulegen, als denenjenigen, die nicht ſeine geliebten Kinder ſind? Der Apoſtel entdeckt uns in den Worten, uͤber welche wir nachdenken wollen, dieſe Urſachen ſehr deutlich und vollſtändig, wenn er uns belehrt: Dieſer unſer Vater zuchtiget uns zum Nutz, daß wir ſeine Hei⸗ ligung erlangen; das heißt: er ſendet uns Leiden und 246 und Truͤbſale mit der weiſeſten Ueberlegung, zu un⸗ ſerm wahren Nutzen, damit wir ihm in der Heilig⸗ keit, in der chriſtlichen Vollkommenheit, ähnlicher werden ngen. Dieſe Zuͤchtigung, ſagt er uns ferner, giebt eine friedſame Frucht der Gerechtigkeit denen, die dadurch geubt ſind; das heißt; Leiden und Truͤbſale verſchaffen denenjenigen, die ſie dulden, die herrlichſten und nutzlichſten Fruchte der Tugend. Unſer unter der Laſt der Leiden ſo ungeduldiges und unzufriedenes Herz ſtraͤubt ſich denn freylich, dieß alles als wahr anzunehmen und zu empfinden, und bildet ſich leicht ein, daß der blumichte Weg des irdi⸗ ſchen Glucks eben ſo leicht und ſicher zu dem hoͤchſten Gipfel der chriſtlichen Tugend und Vollkommenk heit fuͤhre, als die dornichte Bahn der Leiden, und es will alſo nicht recht faſſen und einſehen, warum der Chriſt eiden muß, wenn er ein wahrer Chriſt ſeyn und es zu einem gewiſſen Grad der Vollkommenk heit bringen will. Und gleichwohl iſt dieß ſchlechterdings norhwendig, wenn dieſe Abſicht erreicht werden ſoll. Laßt uns alſo die Urſachen dieſer Rothwend digkeit auf⸗ ſuchen. Wir werden uns dadurch die für uns ſo ſchwere und wichtige Frage beantworten: Warum der Chriſt durch Leiden und Truͤbſale geubt werden muß, wenn er in der chriſtlichen Vollkommenheit wachſen und zunehmen ſoll? Es wird zweyerley zu richtiger Beantwortung dieſer Frage erfordevt. Erſtlich muͤſſen wir den Einfluß bemerken, den Leiden und Trubſale auf unſere Tugenden haben. Aus — — — ng, ju un⸗ der Heilig⸗ t, ähnlicher ſagt er uns Herechtigkeit ißt: Leiden e ſie dulden, rTugend. ngeduldiges eylich, dieß inden, und eg des irdi⸗ en höchſen ommenheit n, und es warum der Chrit ſehn ommerhet lechterdings werden ſel. digkeit uf⸗ für uns ſo Wirlm in werden onmenhet weyerleh ju dert. erken, den den h „ 247 Aus dieſem Einfluß werden wir Zweytens einſehen lernen, daß ſie zum Wachsthum in der chriſtlichen Vollkommenheit ganz unentbehrlich ſind. Und die auſgeworfene Frage wird ſodann vollſtaͤndig beant⸗ wortet ſeyn. ßt uns alſo zuerſt unterſuchen, welchen Ein⸗ fluß die Leiden und Truͤbſale auf unſere chriſtlichen Tugenden haben. Ach, Herr! lehre uns doch ſtets mit Aufrichtig⸗ keit dem Pſalmiſten nachſprechen: Wenn mir auch geib und Seele verſchmachten, ſo biſt du doch allezeit meines Herzens Troſt und mein Theil. Dann wer⸗ den wir auch jedes Leiden, das du uns auflegſt, mit der chriſtlichen Standhaftigkeit tragen, welche die Pflicht der Unterwerfung unter deinen heiligen Willen von uns fordert.. Wollen wir dieſen Einfluß richtig beurtheilen, ſo muͤſſen wir von der Wahrheit folgender vier Sätze uberzeugt ſeyn: Durch Leiden und Trubſale lernen wir den Weith der chriſtlichen Tugenden am rich⸗ tigſten keunen und ſchaͤtzen. Durch Leiden und Trubſale gelangen wir am gewiſſeſten zu dem Beſitz vieler chriſtlichen Tugenden. Durch Leiden und Trübſale befeſtigen wir uns in dem Beſitz dieſer Tugenden. Durch Leiden und Trübſale uͤben wir uns am ſicherſten in den meiſten der chriſtlichen Tugenden. Laßt 248 Laßt uns dieſe vier Saͤtze noch genauer unter⸗ ſuchen. Menſch, der du ſtets gluͤcklich biſt, der du dich ſo gern und froh an dem Sonnenſchein deines irdi⸗ ſchen Gluͤcks wärmſt, der du nur heitere, nie oder boͤchſt ſelten trube Tage zählſt, frage dein eignes Herz; kennſt und ſchätzeſt du wohl den hohen Werth ſeder chriſtlichen Tugend? Kannſt du beurtheilen, wie ſelig der Menſch iſt, der ſeiner Pflicht jedes noch ſo reißende Gluck dieſer Erde aufopfert? Kannſt du den Werth der Religion hinlänglich ſchätzen, die dein Herz uber alles erhebt, was irdiſch iſt? Daͤucht dir wohl im Sonnenſchein des Gluͤcks die Lugend mehr werth, als alle dieſe irdiſchen Guͤter, die du beſitzeſt? Wuͤrdeſt du dieſe Guter oder die Tugend lieber aufopfern, wenn du zwiſchen dem Verluſt der einen oder der andern wählen müßteſt? Ferner: Fuͤhlſt du wohl, um⸗ geben von ſinnlicher Luſt, die geiſtigen Freuden ſo ſtark, als jene Freuden der Sinnlichkeit? Ziehſt du nicht das Vergnügen der letztern den erſtern weit vor? Däucht das Wohlgeſallen Gottes dir wirklich wuͤn⸗ ſchenswerther, als die truͤgliche ungewiſſe Ehre des Beyfalls der Menſchen, wenn dieſer Beyfall dich be⸗ rauſcht, mehr als jedes floͤchtige Gluck dieſer Erde, wenn du in dem Schoos dieſes Gluͤcks ſitzeſt? Oder wie? fuͤhlſt du in dem Rauſche der irdiſchen Freuden, die dich umgeben, den Werth jeder chriſtlichen Tu⸗ gend nur ſchwach oder gar nicht? Biſt du, kiehling des irdiſchen Gluͤcks, ſtolz auf die Wuͤrde des Chri⸗ ſten, auer unter⸗ der du dich deines irdi⸗ e, nie oder dein eignes hen Wenth beurtheilen, tjcdes noch Kannſt du en, die dein vhtdirwohl nehr werth, Virdeſt fern, wenn der undern wohl, um Freuden ſo nweit vork klich win Ehre des au dich be⸗ iſer Erde ſt! Der Freuden⸗ iichen fu „ des hli⸗ ſten, 245 ſten, oder ſchämſt du dich ihrer vor den Augen der Menſchen? Vertauſcheſt du nicht willig und gern die Freuden der Andacht gegen die Freuden der Sinne? Ja, meine Geliebten, gebt Acht auf die Gluͤck⸗ lichen dieſer Erde, wie ſie handeln; gebt Acht auf euer eignes Herz, wie ihr geſinnt ſeyd, wenn euer Weg des Lebens nur mit Roſen beſtreut iſt, und wollt ihr aufrichtig antworten, ſo werdet ihr geſtehen muͤſ⸗ ſen: Rur wenn Truͤbſal da iſt, dann, Herr, dann ſuchet man dich. Rur dann vergeſſen wir, was da⸗ binten iſt, und ſtrecken uns aus nach dem, was dro⸗ ben iſt. Die Tugenden des Gehorſams, der Geduld, des Mitleids, der Sanſtmuth, der Nachſicht, der Verzeihung, der Verſoͤhnlichkeit, ſelbſt der Liebe zu Gott und zu den Menſchen, kurz, der Keim faſt aller chriſtlichen Tugenden wurzelt nicht leichter, als auf einem Boden, der mit den Thränen des Kummers befeuchtet worden iſt. Nur dann, wenn wir leiden, nur dann fuͤhlen wir es, daß nur dieſe oder jene Tu⸗ gend, die wir bisher nicht kannten, die wir nicht ſchaͤtzten, die uns ein boſchwerliches Joch zu ſeyn daͤuchte, das einzige, das ſicherſte Huͤlfsmittel ſey, uns zu troͤſten, unſere Leiden zu mindern, uns zu be⸗ ruhigen. Nur dann, wenn wir leiden, fliehen wir zu den Tugenden, die wir vernachlaͤßigten, ſo lange uns das Gluck lächelte, und lernen ihren Werth fuͤh⸗ len, den wir zuvor nicht kannten. Und ſind denn alſo nicht dieſe Leiden, dieſe Truͤbſale ein zwar bit⸗ teres, aber heilſames Arzneymittel, welches die Ver⸗ dorben⸗ ——— — ———— 250 dorbenheit unſerer moraliſchen Natur wegräumt, un⸗ ſern moraliſchen Charakter reiniget, uns erkennen läßt, was uns gut, und was uns ſchädlich iſt, uns Geſchmack an Tugend und Rechtſchaffenheit einfloͤßt, und uns den hohen Werth dieſer Tugenb und Recht⸗ ſchaffenheit erkennen und ſchätzen lehrt? Allein, dieß ſo heilſame Arzeneymittel in der Hand unſers liebreichen Vaters lehrt uns den Werth der chriſtlichen Tugenden nicht nur kennen und ſchä⸗ tzen. Es thut noch mehr, es ſetzt uns in den wirk⸗ lichen Beſitz dieſer Tugenden. Ja, Leiden und Truͤb⸗ ſale ſind die Schule, in welcher der wahre Chriſt mit Vortheil erzogen, und zu demjenigen gebildet wird, der er ſeyn ſoll. Denkt euch einen Menſchen, dem jedes irdiſche Gluͤck zu Theil ward. Ehre, Reichthum und Ver⸗ gnuͤgen, begleiten ihn auf dem Pfade des Lebens, den er wandelt, biethen ihm täglich ihre Freuden dar, befriedigen alle ſeine Wuͤnſche. Und dieſer Menſch ſoll ſich der Selbſtverleugnung, der geduldigen Ent⸗ behrung ſeiner liebſten Wuͤnſche, der Erfuͤllung ſehr beſchwerlicher Pſüchten ruͤhmen koͤnnen? Dieſer Menſch ſoll ſich der Demuth, der Beſcheidenheit, der Schaͤtzung des Vach⸗ fremder Verdienſte, der Mäßigkeit, der Enthaltſamkeit, ungeſtoͤhrt befleiſ⸗ ſigen? Er ſoll Stolz, Härtigkeit, Geitz, Wolluſt, mit gutem Erfolg fliehen? Er ſoll, bey ſo häufigen Reitzungen zur Suͤnde, nie uͤberwunden, immer Sieger ſeyn? Ach! wollten wir wohl vorgeben, das menſch⸗ — räumt, un⸗ ns erkennen lich ſt, us eit einflößt, und Recht⸗ ittel in der den Werth n und ſchä⸗ in den wirk⸗ nund Trüb⸗ nChriſ mi bilbet wird, des irdiſhe n und Vet⸗ lebens, den uden de, ieſr Renſh bigen Ent⸗ ſilun ſcr n Dieſ ſhudenhei, ienſte der hrt befti⸗ Polliſe, 251 menſchliche Herz zu kennen, wenn wir dieß behaup⸗ ten könnten? Nein! ſeyd uns willkommen, ihr treu⸗ en Lehrerinnen in jeder chriſtlichen Tugend, ihr uns ſo empfindlichen Leiden und Truͤbſale, euch allein verdanken wir es, daß das Herz im Guten feſt wird. Wenn unſere falſchen Freunde, die truͤglichen irdiſchen Freuden, uns verlaſſen, wenn das wankelmuͤthige Gluͤck uns flieht, dann nehmt ihr uns in euerm Schoos auf, und fuͤhrt uns an eurer Hand der chriſtli⸗ chen Tugend zu, die wir nicht achteten, ſo lange wir uns deuchten glucklich zu ſeyn, und deren Beſitz uns doch ſo unentbehrlich iſt, wenn wir wahrhaft gluͤcklich ſeyn wollen. Sehet jenen Erniedrigten und Verachteten, welcher vormals der Abgott der Schmeichler war. Von dem Gipfel der Ehre ſank er herab in den Staub, war der Sklave ſeines Stolzes, ſo lange er angebetet ward, iſt der Freund des Menſchen, der getreue Beobachter ſeiner Pflicht, da ihn ſeine Schmeichler verlaſſen haben. Mangel und Armuth lehrte den arm gewordnen Reichen, daß es beſſere Schätze giebt, als die irdiſchen. Mangel der Ge⸗ ſundheit heilte ſehr oft den irregefuͤhrten Wolluͤſtling von dem ſchädlichen Gift ſeiner Vergnuͤgungen. So iſt unſer thoͤrichtes und nach den Freuden der Sinne düurſtendes Herz. Rur Kummer und Schmerz heilen es von ſeinen Thorheiten, und ohne Leiden und Truͤb⸗ ſale wuͤrben wir uns nie oder zu ſpät erinnern, daß wir fuͤr eine beſſere Welt, als dieſe irdiſche, ge⸗ ſchaffen ſind. Dieſe 252 Dieſe Leiden und Truͤbſale, welche wir ſo ſehr fuͤrchten, welche wir ſo gern ganz entbehren moͤchten, ſind eine noch weit reichere Quelle des Segens fuͤr uns. Sie befeſtigen uns in dem Beſitz der Tugen⸗ den, durch welche allein wir uns der chriſtlichen Voll⸗ kommenheit nähern koͤnnen. Der edelſte, der beſte Menſch hat ſeine ſchwache Seite, ſeine gefährlichen Stunden des Schlummers und der Erſchlaffung, in welchen er jeder Verſuchung der Sinne leicht unter⸗ liegt. Bey dem waͤrmſten Entſchluß, der Tugend treu zu ſeyn, reitzt uns doch oft die ſo lockende Stim⸗ me der ſinnlichen Luſt, und ſie reitzt uns nie mehr, als wenn unſere Tage ganz heiter, ganz unumwoͤlkt von Sorgen und Kummer, von Schmerz und Trau⸗ rigkeit ſind. Dann merken wir leichter auf ihre ver⸗ fuhreriſche Stimme, und leichter ſchleicht ſich die ſuͤndliche Begierde in unſer, der Freude und dem Vergnuͤgen geoͤffnetes, Herz. Jeder Wunſch, der uns gelingt, reißt uns hin zu neuen Wuͤnſchen. Je gluͤcklichee wir ſind, deſto ſtolzer ſehen wir auf andere Menſchen herab, deſto geſchwinder vernachläßigen wir jede Pflicht, welche uns in dem ſo frohen Genuß dieſes Gluͤcks ſtoͤren oder aufhalten würde. Aber wenn dieſer ſo lachende Himmel des Gluͤcks ſich truͤbt, wenn der Unbeſtand aller irdiſchen Guͤter uns an ihre Nichtigkeit, an ihren geringen Werth erinnert, wenn Leiden und Truͤbſale uns den Genuß dieſer Guͤter ver⸗ bittern, dann werden wir den gefaͤhrlichen Weg ge⸗ wahr, auf welchem wir wandeln, dann ſieht der auf ſich ſelbſt aufmerkſame Chriſt, wie leicht ſein edelſtes Klei⸗ Kleir verlo Han mun wan den ihn ſe, ſige Ve Sc ter Zur wa ihr de ſtä de 1 er —— i ſo ſehr mochten, egens ſit er Tugen⸗ hen Vol⸗ der beſte führlichen fung, in ht unter⸗ t Jugend de Stim⸗ nie mehr, numwilk nd Tral⸗ ihre vr⸗ ſch die und dem ſch, der hen. Je uſ andere chlößigen n Genuß „ he ich truͤbt, an ihre rt, wenn iter ver⸗ Veg ge tder uf delſes Kl 253 Kleinod, die Reinigkeit ſeiner ſchoͤnſten Tugenden, verloren gehen, befleckt werden kann, wenn er an der Hand des Gluͤcks durch die ſo gefahrvollen Kruͤm⸗ mungen ſeiner irdiſchen Laufbahn ununterbrochen wandelt. Ja, dann dankt er dem Geber der Freu⸗ den und der Leiden, daß er ihm Truͤbſale ſandte, die ihn zu ſeiner Pflicht zuruͤckrieſen. Dankbar nutzt er ſie, ſich dadurch in der Ausuͤbung ſeiner Pflichten zu ſtarken, ſich in den Tugenden, die er zu vernachlaͤſ⸗ ſigen in Gefahr war, von neuem zu befeſtigen. Der Verluſt ſeiner Guͤter, der Tod ſeiner Geliebten, der Schmerz der Krankheit, und jedes andere Uebel, un⸗ ter welchem er leidet, erinnert ihn an jenen heilſamen Zuruf des Apoſtels: Habt nicht lieb die Welt und was in der Welt iſt, denn die Welt vergehet mit ihrer Luſt. Wer aber den Willen Gottes thut, der bleibt in Ewigkeit. Mit neuem Muth, mit ge⸗ ſtarkcem Eifer geht er dann mit nicht mehr wanken⸗ dem, ſondern mit feſtem Schritt auf dem Wege der Tugend und Rechtſchaffenheit vorwärts, von welchem er abzuweichen in Gefahr war. Unermuͤdete Uebung in jeder Tugend war die vierte Wohlthat, die wir dem Einfluß der Leiden und Truͤbſale auf unſere Tugenden zu danken haben. Denkt euch, meine Geliebten, eine chriſtliche Tu⸗ gend, welche ihr wollt, und faßt den feſten Entſchluß, es in dieſer Tugend immer hoͤher und hoͤher zu brin⸗ gen. Wie wollt ihr es anfangen, euch in dieſer Tu⸗ gend immer vollkommner zu machen, wenn ihr nicht Leiden 234 Leiden und Truͤbſale hierzu nutzen wollt? Ich will mich nicht weitlaͤuftig bey jenen herrlichen Tugenden aufhalten, deren Saame nicht anders gedeiht und Fruͤchte traͤgt, als durch Erduldung der Leiden und Truͤbſale. Jene Tugenden des Gehorſams gegen Gott, der Geduld, der Sanftmuth, der Unterwer⸗ fung unter ſeinen Willen, des Vertrauens zu ihm, der Demuth, der Beſcheidenheit, der Mäßigkeit, der Zufriedenheit, des Mitleids, der wahren Vohl⸗ thätigkeit, ſind ſo genau, ſo feſt mit Leiden und Truͤbſalen verbunden, daß nicht leicht ein vernuͤnf⸗ tiger Menſch leugnen wird, nur durch Erduldung der letztern koͤnne es der Chriſt in den erſtern zu einem gewiſſen Grad der Vollkommenheit bringen. Ich will euch vielmehr auf einige Tugenden aufmerkſam machen, an deren Uebung und Vervollkommnung, Lei⸗ den und Truͤbſale den Chriſten zu hindern, oder we⸗ nigſtens ſie nicht zu befoͤrdern ſcheinen. Liebe zu Gott iſt die erſte, die reinſte Quelle aller eurer andern Tugenden. Wollt ihr euch in dieſer erſten und vornehmſten aller chriſtlichen Tugenden uͤben, wollt ihr es darinnen immer hoͤher und hoͤher bringen, ſo muͤßt ihr dulden, ſo muͤßt ihr leiden, ſonſt werdet ihr nie lernen, was das heißt: Gott von ganzem Herzen und von ganzer Seele lieben. Aber wie? fragt euer thoͤrichtes Herz, wuͤrde ich denn Gott nicht ſtärker lieben, wenn er wohlthätig mir nur heitere Tage dieſes Lebens zugetheilt hätte? Thor, der du dieß fragſt, weißt du wohl, was dieß heißt: wir men zul ſoll etn ein Ne die ſein O zen der wil au Ich will ugenden edeiht und Leiden und uns gegen Unterwer⸗ s ju ihm, Räßigkeit ten Vohl⸗ eiden und n vernünf⸗ uldung der einem en. J ufmerkſom mung, Ki⸗ „oder we⸗ nſe Quele in diſſt Jugenden unb hher ihr eiden, ele ieben⸗ de ich den hüig m it hitt⸗ vrs diß ————— heißt: Gott lieben? Das iſt die kiebe zu Gort, daß wir ſeine Gebothe halten. Und du willſt dich ruh⸗ men, ſeine Gebothe zu halten, alles zu thun, alles zu leiden, was er will, daß du thun, daß du leiden ſollſt, du, der du in dem Schooße des Gluͤcks nie etwas entbehrt haſt, was deine Sinnen luͤſtet, nio eine Pflicht ausgeuͤbt haſt, die dir ſchwer ward? Nein! dulde, wenn er dir zu dulden befiehlt. Nimm die truͤben Tage, die er dir ſendet, eben ſo willig aus ſeinen Händen, als die heitern, die er dir mittheilte. Opfre ſeinem Willen die liebſten Wuͤnſche deines Her⸗ zens auf. Verehre ihn auch unter den bitterſten Lei⸗ den als deinen liebreichen weiſeſten Vater, der nichts will, als was dir nuͤtzlich iſt, ſo ſchmerzhaft dir es auch daͤucht. Ertrage geduldig und gern jede Laſt, die er dir auflegt. Dann erſt kannſt du dich ruͤhmen, daß du Gott liebſt, und jede Zuͤchtigung, welche er uber dich verhaͤngt, wird dich in der Liebe zu Gott uben, und dir dadurch eine friedſame Frucht der Ge⸗ rechtigkeit geben.. Erinnert euch ferner an den dem Chriſten ſo an⸗ ſtandigen frohen Muth, an dieſe ungeſtorte Heiter⸗ keit der Seele, welche die Fruͤchte ſeines Friedens mit Gott ſind. Nur in der Schule der keiden und Truͤbſale erwirbt er ſich dieſe herrlichen Schätze, ſo ſeltſam auch euch dieſe Behauptung däuchten mag. Die Frohlichkeit, die uns die Welt giebt, die wir in dem Beſitz ihrer vergaͤnglichen Guͤter empfinden, iſt meiſtentheils ungeſtum, leicht geſtoͤrt und geſät⸗ tiget — — 256 tiget vom Ueberdruß, verſchwindet eben ſo leicht, als ſie entſtand. Sie berauſcht oft unſer Herz und un⸗ ſern Verſtand, aber ſie erquickt nie oder ſelten unſern nach wahrer Weisheit des Lebens duͤrſtenden Geiſt. Sie verſchafft uns nie den ſtillen, ruhigen, heitern Zuſtand der Seele, der ſich von keinem irdiſchen Gluͤck in einen kurzen Taumel der Sinne verwandeln, von keinem Kummer dieſes Lebens ſtoͤren und vernich⸗ ten laßt. Dieſer ſich ſtets gleiche, ſo wuͤnſchens⸗ werthe Zuſtand des Chriſten, und eines jeden ver⸗ nuͤnftigen Menſchen, iſt nur ein ſegensreicher Gewinn der Leiden und Truͤbſale. Dann, wenn mich Leiden und Truͤbſale von dem Unbeſtand und der Unvollkom⸗ menheit aller Guͤter dieſer Erde uͤberzeugen, dann, wenn mich die durch Leiden und Truͤbſale gemachte Erfahrung belehrt, was fuͤr ein zerbrechlicher Rohr⸗ ſtab dieſe Guͤter ſind, wenn ich mich auf dem ſo rau⸗ ben Pfade dieſes Lebens an ſie halte, und dieſen Pfad, an ſie gelehnt, gluͤcklich und freudig zu durchwandeln traͤume, dann lerne ich erſt dieſe ſchwache Hülfe ver⸗ achten, werfe ſie von mir, ſuche nach einer feſtern Stutze, an die ich mich halten kann, und finde ſie in dem feſten Vertrauen auf Gott, der alles nach ſeiner Weisheit lenkt, und auch mir, ſeinem geliebten Geſchoͤpf, kein Schickſal meines Lebens beſtimmt, das mir nicht gut und nuͤtzlich waͤre. Mit kindlichem Gehorſam unterwerfe ich mich dem Willen meines Vaters, weiß, daß er auch in der groͤßten Gefahr mein Beſchuͤtzer und Erretter ſeyn kann. Gern ent⸗ behre ich jede Freude, jedes Gut, das er mir nicht mit⸗ nith weiſe zog. ſage nach Se Tro mit ſeyn bene den ner cher pfin eſſe derr ma hei auf der du wit mil auf de ar ur G al leicht, als rz und un⸗ elten unſern nden Geiſt. n, heitern m irdiſchen erwandeln, nd vetnich⸗ wünſchens⸗ jeden ver⸗ . Gewinn mich Liden Unollkem⸗ en, dann, gemachte cher Rohr⸗ dem ſo ral⸗ ieſen Pfd⸗ chwanden Hüle ver⸗ iner feſirn d nde ſe als nch ñ gelicbten beſtimmt⸗ kindlichem en min ten Geſchr Gan enl⸗ tmir ſichi mi⸗ 257 mitcheilen will, weil ich feſt glaube, daß er ſeine weiſen Urſachen hat, aus welchen er mir ſolches ent⸗ zog. Dann erſt kann ich aufrichtig, mit frohem Muth ſagen: Wenn ich nur dich habe, ſo frag ich nichts nach Himmel und Erde, und ob mir gleich Leib 3 Seele verſchmachtet, ſo biſt du doch meines Herzens Troſt und mein Theil. Und mit dieſen Gedanken mit dieſen ſeſten Ueberzengungen ſollte ich nicht e ſeyn, mitten in den heftigſten Stuͤrmen dieſes Le⸗ bens? Der Verluſt, den ich leide, der Schmerz den ich empſinde, ſollte die Ruhe, die Heiterkeit n ner Seele ſtoͤren? War es nicht mein Vater, wel⸗ cher wollte, daß ich Verluſt, daß ich Schnet et. pfinden ſollte? Kann er mir nicht den erſten reichlich erſetzen, und den andern, ſobald er nur will, min⸗ dern, oder ganz aufheben? Ja, zu dir, meinem maͤchtigen Vater im Himmel, laß mich mit ruhigem beitern Blick in jedem Kummer meines Lebens hin⸗ auſſehen. laß mich ſtets den ſo ſeligen Troſt empfin⸗ den, daß, wenn mich jedes Gut dieſer Erde verläßt du, Allmaͤchtiger und Allguͤtiger, mich nie wirſt. Laß mich dir fur die Leiden danken, die du mir geſundt haſt. Nur ſie haben mich gelehrt, daß, außer dir, alles unbeſtändig und wandelbar iſt. Und der Chriſt, der ſo denken, und nach dieſer Denkungs⸗ art handeln wird, ſollte alſo auf dem Wege der Leiden und Truͤbſale dieſe Heiterkeit und Beruhigung der Seele, die ein ſo ſchaͤtzbares, wuͤnſchenswerthes Gut iſt, nicht am ſicherſten finden? Sollte ſich alſo dadurch in den erhabenſten, ſchwerſten Tu⸗ R genden 258 genden nicht mit dem gluͤcklichſten Erfolg uͤben? Laßt uns alſo nochmals kurz die großen Vor⸗ theile uͤberrechnen, welche wir dem Einfluß der Lei⸗ den und Truͤbſale auf unſere Tugenden verdanken, und laßt uns daraus lernen, wie unentbehrlich uns dieſe Leiden und Truͤbſale ſind, wenn wir in der chriſt⸗ lichen Vollkommenheit wachſen und zunehmen wollen. Dieſe Leiden und Truͤbſale lehren uns den Werth der chriſtlichen Tugenden vorzuͤglich kennen und ſchäz⸗ zen. Sie verſchaffen uns den Beſitz des groͤßten Theils dieſer Tugenden. Sie befeſtigen uns in dem Beſitz derſelben; ſie veranlaſſen uns, uns in dieſen Tugenden zu uͤben, und es darinne immer hoͤher zu bringen. Und koͤnnten wir alſo wohl dieſe Leiden und Truͤbſale entbehren, wenn wir durch Tugend in der chriſtlichen Vollkommenheit wachſen und zuneh⸗ men wollten? Laßt uns dieß noch etwas genauer un⸗ terſuchen. Chriſtliche Vollkommenheit begreift den hoͤchſt moͤglichen Grad der Weisheit des Verſtandes und der Guͤte des Herzens in ſich, die jeder Chriſt, nach dem Maaß der Fähigkeiten, die ihm Gott mit⸗ getheilt hat, zu erlangen vermogend iſt. Sie beſteht in demjenigen, was der Apoſtel in unſerm Text die Heiligung Gottes, das heißt, die Heiligkeit und da⸗ durch erlangte Aehnlichkeit mit Gott, nennt. Sie erfordert Veredlung des Veeſtandes und Vered⸗ lung des Herzens. Alles, was zu Veredlung des einen einen mitt übe ſtä ein ſt lch ſta guf dic dic leil zun St un iſt un w en Erfolg roßen Vor⸗ fuß der ei⸗ vetdanken, behrlich uns in der chriſ⸗ men wollen. s den Werth en und ſcz⸗ des größten uns in dem ns in dieſen mer höher z dieſe Liden üugend in und zuch genauet un⸗ begreift den Vuſures jeder C it⸗ m btt mil Sie beſeh get und⸗ nennt · 8 Pered⸗ eul einen . L. einen oder des andern beytra 6 ytraͤgt, i mittel dieſer Vollkommenheit Alles alſo, o Menſch, was dei R. die dich umgeben, ſut alles, was deinem Se it der moraliſchen Guͤte mittheile ges Hulfsmittel, wenn du dieſe iß n zu erlangen ſtrebſt. Unden t⸗ k S i ſt, klärt deinen Verſtand irehe i der Dinge“ di als keiden und Truͤbſale? Vas le uͤber Tugend und Laſter 3 ſale? Was bildete dein Her hr „der Sonnenſchein des Gluͤcks, i Sturm id i der Leiden? Wie willſt du alſo dieſe Leiden und Truͤbſale entbeh ö und ren koͤnnen, w it 56„ wenn es di ſ der chriſtlichen Vollkommenheit zu Se 3 zunehmen? Hiervon wollen wir une vollſtaͤndiger zu uͤberzeugen ſuchen 66 Du Schooskind des Gluͤck * s, das nie d i⸗ gepruͤft ward, du willſt jener Tugend urtheilen, und haſt fahrung kennen gelernt? Umringt die deinen Sinnen ſchmei⸗ „ ſoll dein Verſtand dich nie verfuͤhren, tii Herz ſich nie hinreißen laſſen? Wie will die Stim⸗ im⸗ me der Wahrheit bis e beit bis zu dir, dem alles ſchmeiche —.. willſt du ſtark genug yn, um alle die Verſuchungen zü uͤber⸗ R2 winden⸗ ———— — —— — ——— ——————— —— — b — ———— —— —— —— ———— — — 260 winden, mit welchen du umgeben biſt? Ach! be⸗ neide dieſen Gluͤcklichen nicht, du, der du unter der Laſt deines Kummers ſeufzeſt. Danke deinem Vater im Himmel, wenn er dich zuͤchtiget. Es geſchieht zum Nutzen, damit du ſeine Heiligkeit erlangen moͤ⸗ geſt. Dieſe Truͤbſale, welche er dir ſendet, ſind die weiſen Lehrerinnen, welche dich uͤberzeugen ſollen, daß kein fluͤchtiges unbeſtändiges Gluͤck dieſer Erde deiner Wuͤnſche wuͤrdig iſt, daß nur Tugend und Rechtſchaffenheit werth ſind, von deinem vernuͤnf⸗ tigen unſterblichen Geiſt geſucht zu werden. Dieſe Leiden und Truͤbſale ſind es alſo, die dich dadurch, daß ſie dich den Werth der Tugend kennen lehren, der chriſtlichen Vollkommenheit näher bringen; denn ohne den Werth dieſer Tugenden zu kennen, wirſt du nach dieſer Vollkommenheit nie ſtreben. Allein ſie erhoͤhen dieſe Vollkommenheit auch noch dadurch, daß ſie dich in den Beſitz vieler Tu⸗ genden ſetzen, die du ohne ſie gar nicht hätteſt kennen lernen. Ihr habt ſchon gehoͤrt, wie vieler Tugenden der Gluͤckliche ſich gar nicht ruͤhmen kann, da dieſe Tugenden nur durch Leiden und Truͤbſale gezeugt und ernährt werden. Wie oft erſtickt der Saame der La⸗ ſter, welchen das Gluck uber das menſchliche Herz ſo reichlich ausſtreut, auch die wenigen kuͤmmerlichen Tugenden, die ſonſt noch in dieſem Herzen Wurzel gefaßt haben wuͤrden! Wie oft fällt der Saame des Guten bey uns, wenn wir nichts als heitere Tage zählen, unter die Dornen, unter die Freuden dieſes Lebens, lebe ſt dar ein geg ger un bei unſ nic Un Er ni B m ne di ſc th 9 ch be⸗ du unter der einem Vater Es geſchieht rlangen mi⸗ et, ſind die ugen ſollen, bieſer Erde kugend und m vernnf⸗ en. Ditſe ich dadurch lehren, der en denn n, wirſt du enheit ach vieler Tu⸗ iteſt kennen r Tugendel n, da dieſ juht und me der ka⸗ che Heri ſo mmerliche zen Vur Soame des itet Iuge ihen bi kbens⸗ 267 lebens, und dieſe Dornen erſti — erſticken i . Tugenden chriſtliche Vollkommenheit e Zuſtand ſich befinden? Wenn h Truͤbſale uns den Beſitz vieler. die uns ſonſt ganz fremde 8 — wären, muͤſſen wir ſodann uͤbſale nicht als wahren Gewinn. 6 anſehen? Haben wir —— rſache, Gott fuͤr dieſe Leiden — 5 als uͤber ſie zu murren, wenn es nach Vollkommenheit ein enn nicht ein Befoͤrderungs⸗ Leiden und rübſult befeſtigen u i — Und Seſiigkei im Guten, nur einen —— erlangen zu tön. — aß eine leichte Aufwallung, die — ne außern Gegenſtand erregt uic nach Tugend und Recht⸗ — nacht; geſebt, daß wir ſogar mehr —— wirklich entſchließen, uns der 6 — zu befleißigen, und uns — ichen Vollkommenheit zu nähern in dieſem edlen Entſchluß, in ſtarken und befeſtigen, der luͤcks, der unſere Sinne betäubt, oder der rauh er rauhe Hauch der Trübſale, der unſere mo⸗ raliſche 26e raliſche Natur ſo ſehr ſtärkt? Wer war der Gluͤck⸗ liche, der ſeinen beſten Entſchließungen ſtets getreu blieb, wenn ihm ſinnliche Luſt den Becher ihrer Freu⸗ den oft darboth? Und welcher Sohn des Kummers hat nicht ſehr oft in den huͤlfreichen Armen der Leiden und Trubſale die ſchwerſten Verſuchungen zum Boͤſen uͤberſtanden? Iſt alſo ohne Feſtigkeit im Guten kein Wachsthum in chriſtlicher Vollkommenheit möglich, und ſind Leiden und Truͤbſale die ſichevſten Huͤlfsmit⸗ tel, dieſe Feſtigkeit im Guten zu befordern, ſo iſt es auch entſchieden, daß ſie zu unſerm Wachsthum in der chriſtſichen Vollkommenheit ganz unentbehrlich ſind. Wir haben endlich gehört, durch Leiden und Truͤbſale uben wir uns in jeder chriſtlichen Tugend, und Uebung in jeder Tugend iſt zum Wachsthum in der chriſtlichen Vollkommenheit unentbehrlich. Fließt denn nicht auch daraus von ſich ſelbſt, daß es dieſe Leiden, dieſe Trübſale ſind, die wir zum Wochsthum in der chriſtlichen Vollkommenheit nicht entbehten koͤnnen? Wie? wip ſollen uns z. B. in dem PVer⸗ trauen auf Gott, in der Geduld, in der Liebe des Rächſten, in der Sanfimuth, in der Beſcheiden⸗ heit, in der Demuth uͤben, und wir waren an der Hand des Glücks nie in dem Fall, in bedenklichen Umſtänden unſer Vertrauen auf Gott zu zeigen? Unſer im Gluͤck ſo ſtolzes Herz ſoll Geduld, Sanft⸗ muth, Demuth zeigen, ſich darinne uͤben koͤnnen? Wir ſchweigen in den Freuden jeder ſinnlichen Luſt, und et Glick⸗ es getren rer Frel⸗ Kunmets der keiden m Böſen uten kein möglich ülfsmit⸗ ſo iſt es sthum in nthehelch den und Jgend, sthum in . Jließt es dieſe ochsthum entbehten den Per⸗ iebe des ſcheiden⸗ n an der enklichen zigen! SGunft tömen! und 263 und Liebe des Nächſten, Bereitwilligkeit ihm zu hel⸗ fen, Aufopferung unſers eignen Vortheils zum Be⸗ ſten unſers armen Nächſten, auf welchen wir mit Verachtung herabſehen, ſoll Eingang in unſere Her⸗ zen finden? Wir muͤßten uns ſelbſt nicht kennen, wenn wir uns dieß einbilden wollten. Nein! wenn ich ſelbſt leide, dann fuhle ich auch die Leiden meines Naͤchſten, und nutze gern jede Gelegenheit, ſie zu vermindern. Wenn mich jedes irdiſche Gluͤck ver⸗ läßt, dann halte ich mich deſto feſter an ihn, den Allmaͤchtigen, deſſen Huͤlfe mir nichts rauben kann. Nur durch Leiden lerne ich Geduld, und Beſcheiden⸗ heit usd Demuth lehrt mich nur der Unbeſtand des irdiſchen Glucks, den ich oft erfahren babe. Sehet, meine Geliebten, ſo uͤben uns Leiden und Truͤbſale in jeder chriſtlichen Tugend, damit wir deſto vollkomm⸗ ner werden. Ja, betrachtet ihn nochmals, den Leidenden, welchen der Herr zuͤchtiget, weil er ihn lieb hat. Se⸗ het, wie willig er alles irdiſche Gluͤck aufopfert, wenn es ihm an der Erlangung dieſer oder jener Tugend hindern koͤnnte, weil er den Werch dieſer Tugend kennt, und ſie allein ſeines unſterblichen Geiſtes wuͤr⸗ dig hält. Vergleicht mit ihm jenen Liebling des Gluͤcks, und unterſucht, welcher von beyden reicher an chriſtlichen Tugenden iſt. Bewundert ſeinen Muth, ſeine Feſtigkeit, mit welcher er auch unter dem härteſten Druck der keiden an dem Guten hängt, und fragt euer eignes Herz⸗ ob er dieß thun wuͤrde, wenn 264 wenn er nichts als freudenreiche Tage gekannt hätte. Sehet, mit welcher Unerſchrockenheit er ſein Haupt uͤber jeden Sturm des Ungluͤcks empor hebt, wie jeder Schmerz, jeder Kummer, ihm neue Kraft zur Aus⸗ uͤbung dieſer oder jener Tugend mittheilt, und ihr wolltet dieſem Ehrwuͤrdigen den Ruhm ſtreitig ma⸗ chen, daß er ſich einem hohen Grad der chriſtlichen Vollkommenheit nähere. Wenn war euer Hei⸗ land und Herr ſelbſt bewundernswuͤrdiger, als unter der Laſt der Leiden, die er trug? Wenn har er mehr Beweiſe ſeiner hohen Ve ollkommenheit gegeben, als da er ganz troſtlos am Kreutz hieng, ganz verlaſſen, ſelbſt von Gott ſeinem Vater verlaſſen zu ſeyn klagte? Sammelte er nicht ſelbſt in dieſem Leiden neue Kraft zum Vertrauen zu Gotr, in deſſen Hände er ſeinen Geiſt ruhig niederlegte? Konnte er ſich nicht ſelbſt in dem Augenblicke des Todes ruhmen, daß er alles vollbracht habe, was er vollbringen ſollen, und die Vollkommenheit erreicht habe, die er in ſeinem irdi⸗ ſchen Leben erreichen ſollte? Werden wir nunmehr nicht eingeſtehen muͤſſen, meine Theuerſten, daß der Apoſtel in den oben ange⸗ führten Worten Recht hat, wenn er behauptet, daß alle Züchtig ung fuͤr diejenigen, die dadurch geuͤbt werden, eine friedſame, heilſame Frucht der Gerech⸗ tigkeit, des Wachs thums in der chriſtlichen Vollkom⸗ menheit verſchafft? Werden wir nicht eingeſtehen daß es wahr iſt, was er ſagt, daß uns Gott zuͤchtiget zum Nutz, auf daß wir ſeine Heiligung er⸗ —„und daß er Jeden züchtiget, den er lieb hat, daß d 5 wir ihn ſale und So 265 nt hätte. daß er uns alſo Leiden und Trubſale ſendet, damit in Haupt wir in jeder chriſtlichen Tugend vollkommner, und wie jeder ihm dadurch wohlgefälliger werden ſollen? Werden ju Aus⸗ wir alſo endlich nicht einſehen, daß Leiden und Trub⸗ und ihr ſale fur den Chriſten ſchlechterdings nothwendig ſind, itig ma⸗ und daß alſo aus dieſer Urſache der Herr jeglichen tilichen Sohn ſtäͤupt, den er aufnimmt? uer Hei⸗ Laßt uns alſo noch an unſere Pflicht uns erin⸗ s unter nern, und die Zuchtigung des Herrn nicht gering ach⸗ er mehr ten, auch nicht verzagen, wenn wir von ihm geſtraft en, al werden, das heißt: Laßt uns nicht leichtſinnig ſeyn, erlaſſen, wenn uns der Herr zum Guten erziehen will, laßt klogte? uns aber auch nicht verzagen, wenn uns Leiden treffen. e Kraſt Ihr, die ihr noch nicht oder nur wenigaus dem r ſeinen bittern Kelch der Leiden getrunken habt, ihr, die ihr hr ſibſt noch in dem Fruͤhling eures Lebens auf Roſen wan⸗ e alles delt, und irrig wöhnt, daß der ganze Weg, den ihr ind die noch zuruͤckzulegen habt, immer mit Blumen beſtreut 5 ſeyn werde, ihr, meine jungen froͤhlichen Geliebten, laßt euch dieſen gefäͤhrlichen Wahn nicht täuſchen. miſſn, Nein! auch euch erwarten Leiden! und es iſt Weis⸗ 4 ange heit und Guͤte eures bimmliſchen Vaters, daß er ſie hapnt euch ſendet. Ich euer irdiſcher Vater und Freund, geibt wurde eure Wohlfahrt ſchlecht kennen, wuͤrde euch Gerech nicht lieben, wenn ich wuͤnſchte, daß Freude und zoltom⸗ Gluͤck eure einzigen Fuͤhrerinnen durch euer irdiſches deſthen eben ſeyn moͤgen, daß der Himmel über euch ſich nie 6 6n trben moͤge. Dieß hoffe ich nicht fuͤr euch, dieß — wünſche ich euch nicht. In der Schule der Leiden und Trubſale mußt auch ihr zu eurer hoͤhern Beſtim⸗ hot ſic ha⸗ mung daß 266 mung erzogen werden. In dieſer Schule můßt ihr euch zu dem edlen vollkommnern Charakter des Chri⸗ ſten bilden, der, ſeiner großen Wuͤrde ſtets eingedenk, jedes irdiſche Gluͤck fuͤr zu klein, jede irdiſche Freude fuͤr ihn unanſtaͤndig hält, wenn dieß Gluͤck ihm jene weit hoͤhere Gluͤckſeligkeit des Wohlgefallens Gottes, jene weit beſſere Freude, Gott zu verehren und aus allen Kraͤften zu lieben, ſchwaͤchen oder ganz entzie⸗ hen ſollte. Aber Weisheit und Much erbitte ich euch von Gott; Weisheit, daß ihr leicht zu vermeidende leiden euch nicht ſelbſt zuzieht, und die nicht zu ver⸗ meidenden euch nicht ſelbſt ſchwerer macht; Weis⸗ heit, daß ihr jetzt in dieſen ſo freudenreichen Jahren eures Lebens durch eure Schuld, eure Unvorſichtigkeit, eure Thorheiten, eure heftigen Leidenſchaften, nicht ſelbſt den Grund zu den ſo zahlreichen Beſchwerden eurer ſpäten Jahre legt; Weisheit, daß ihr die Lei⸗ den, die ihr nicht vermeiden koͤnnt, zu Erlangung hoͤherer Vollkommenheiten in dieſer oder jener chriſt⸗ lichen Tugend zu benutzen lernt. Muth erbitte ich euch von Gott, daß ihr die unverſchuldeten Leiden, die euch treffen, ohne Murren, ohne Unzufriedenheit, mit Geduld und Unterwerfung unter den Willen eures Gottes ertragt; Muth, daß ihr ohne Furcht, mit edler feſter Standhaftigkeit dem Leiden, dem ihr nicht ausweichen koͤnnt, getroſt entgegen geht, nicht klein⸗ muͤthig zagt, wie Menſchen, die Gott nicht zum Vater haben; Much ſelbſt in dem letzten Kampf der Leiden, der allen euern irdiſchen Muͤhſeligkeiten eures Lebens dereinſt ein Ende machen wird. Fuͤrchtet in⸗ deſſen deſſe nich lohr wei äng euc bel unt vor M be me —— —— mißt ihe Mes Chri⸗ ingedenk, e Freude ihm jene Gottes, und aus z entjie⸗ ich euch meidende zu ver⸗ Jahten htigkeit, , nicht chwerden r die Lei⸗ rlongung ſer chriſt rbine ich neiden, edenheit len eurts t, mit hr nicht ht klein⸗ cht zum myſ det ten eurs hte i beſſen 267 doſſen dieſe Stunde der Leiden, die eurer warten, nicht, ſie iſt nur kurz und voruͤbergehend, und be⸗ lohnt euch mit unausſprechlichem Gewinn, wenn ihr weiſe genug ſeyd, ſie zu benutzen. Seht ihr nicht angſtlich entgegen, ehe ſie wirklich kommt. Freuet euch vielmehr eurer Jugend, und laßt euer Herz guter Dinge ſeyn, ehe denn die boͤſen Tage kommen. Nur vergeßt nie, daß dieſe Tage gewiß kommen werden, und erinnert euch ſtets, daß euch Gott dereinſt wird vor Gericht fordern, und ihr vor ſeinen allſehenden Augen keine einzige eurer boͤſen Handlungen zu ver⸗ bergen vermoͤgend ſeyd. Sollte dieſe Erinnerung je⸗ mals ſchwach werden in euren Seelen, oder ganz er⸗ loͤſchen, dann zuͤchtige euch Gott, euer Vater, als ſeine Kinder, die er lieb hat, und wecke euch durch Trubſale aus dem Schlummer der Thorheiten und Suͤnde. Wir aber, die wir ſchon oft die dornichte Bahn der Leiden gegangen ſind, wir, die wir vielleicht noch jetzt unter der Buͤrde dieſer Leiden ſeufzen, die uns druͤckt, guch wir wollen Gott um Weisheit und Muth bitten; um Weisheit, daß wir unſere verſchuldeten Leiden, die die Frucht unſerer eigenen Thorheiten, unſwer Leidenſchaften, unſers Starſinns, unſrer ſuͤnd⸗ lichen Begierden ſind, nicht zu den unverſchuldeten Leiden rechnen, durch welche uns Gott zuchtiget, weil er uns liebt. Um Weisheit wollen wir ihn bitten, daß wir jedes Leiden, ſo uns trifft, es ſey verſchuldet oder unverſchuldet, darzu nutzen, uns immer mehr von Suͤnden und Thorheiten zu reinigen, die uns noch 263 noch ankleben; um Weisheit, dieſe Leiden zum Wachsthum in der chriſtlichen Vollkommenheit zu nutzen; um Weisheit, daß wir unſere Leiden uns nicht ſelbſt durch Unzufriedenheit, durch Ungeduld, durch Irrthum und Thorheit noch unerträglicher ma⸗ chen; um Weisheit, daß wir uns dabey ſo verhal⸗ ten, daß wir durch unſer muͤrriſches, ungeduldiges, menſchenfeindliches Bezeigen nicht gegen die Pflichten ſuͤndigen, die wir der Liebe des Nächſten ſchuldig ſind; um Weisheit, daß wir durch dieſes Leiden uns nicht zum Zorn, zum Neid gegen Gluͤcklichere, zum Men⸗ ſchenhaß, zum Undank gegen Gott, und zu Vergeſ⸗ ſenheit des Guten, das er uns ſonſt gab, hinreißen laſſen. Aber auch um Muth und Kraft zu leiden, wollen wir ihn bitten; um Muth, unſere eignen Feh⸗ ler und Thorheiten, die ſo oft die wahren Quellen unſerer Leiden ſind, uns ſelbſt zu geſtehen, und ſie, ſo viel es uns nur moͤglich iſt, zu verbeſſern; um Muth, ſo lange willig und gelaſſen zu leiden, als Gott will, daß wir leiden ſollen; um Muth und Kraft, dem Vorbild unſers leidenden Erloͤſers ähnlich zu werden, welcher auch durch Leiden zu ſeiner Herr⸗ lichkeit eingegangen iſt. Gott! du Geber der Leiden und der Freuden, dir wollen wir danken fuͤr die einen, wie fuͤr die an⸗ dern. Auf dich wollen wir hoffen und vertrauen auch in den baͤngſten Stunden unſers Lebens. Ja, wenn uns auch leib und Seele verſchmachten, ſo ſey du doch, o Gott! unſers Herzens Troſt, und unſer Theil. VIII. den zum nheit zu iden uns ngeduld, cher ma⸗ verhal⸗ uldiges, Pflichten ig ſind; ns nicht m Men⸗ Vergeſ⸗ inreißen leiden, en Feh⸗ Yellen und ſi tn; Um en, al uth und ihnlic er Hert⸗ reuben⸗ die an⸗ en auch , wenn ſe du khel. vI ———————— ——,— —— VIII. Wie man uͤber Gott vernuͤnftig nach⸗ denken muß. Ep. an die Roͤmer C. 11. v. 33— 36. O welch eine Tiefe beyde des Reichthums und der Erkenntniß Gottes! wie gar unbegreiflich ſind ſeine Gerichte und un⸗ erforſchlich ſeine Wege! Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt? oder wer iſt ſein Rathgeber geweſen? Oder, wer hat ihm etwas zuvor gegeben, daß ihm werde wieder vergolten? Denn von ihm, und durch ihn, und in ihm, ſind alle Dinge. Ihm ſey Ehre in Ewigkeit, Amen! E⸗ iſt ein Gott! Dieß ruft uns die Natur mit lauter Stimme aus allen ihren Werken zu! Jeder Menſch, ſein Verſtand ſey auch noch ſo eingeſchraͤnkt, wenn er nicht ganz an Blödſinn gränzt, iſt dieſe Stimme zu hoͤren vermogend. Kein Volk, die Stufe der Kultur, auf welcher es ſteht, mag noch ſo niedrig ſeyn, iſt jemals vorhanden geweſen, oder noch vor⸗ handen, welches nicht gewiſſe Begriffe von hoͤhern Weſen angenommen hat, ſie moͤgen auch noch ſo irrig und entſtellt geweſen ſeyn, als man ſie nur immer ſich denken kann. Wenn der ſpitzfindige Weiſe dieſen Zuruf der Natur fuͤr unſicher und unbeſtimmt haͤlt, ſo wollen wir es ihm überlaſſen, von dem Daſeyn Gottes auf andere Art Ueberzeugung zu ſuchen oder zu verlangen. Wir wollen uns begnuͤgen, mit dem Pſalmiſten auszurufen: Die Himmel predigen die Ehre des Herrn, und die Erde verkundiget ſeiner Hande Werk, und nur der Thor kann in ſeinem Herzen ſagen: Es iſt kein Gott. So laut aber die Stimme der Ratur iſt, mit welcher ſie uns von dem Daſeyn Gottes und ſeinen Eigenſchaften unterrichtet, ſo iſt doch der Unterricht, den uns die goͤttliche Offenbahrung davon mittheilt, weit —— —— —— —— —— 68 weit deutlicher, weit vollſtändiger und weit umfaſſen⸗ der. Selbſt der Unterricht Jeſu und ſeiner Apoſtel zeigt uns das, was Gott iſt, was Er uns iſt, in einem weit hellern Lichte, als die Moſaiſche Religion dieß zu thun vermoͤgend war. Sammelt man alle die Begriffe, welche wir durch Vernunft und Offen⸗ bahrung von Gott, ſeinem Weſen und ſeinen Eigen⸗ ſchaften uns zu verſchaffen fähig ſind, und bemerken wir dabey, wie wenig wir demohnerachtet dieſen groſ⸗ ſen Gegenſtand ganz zu erforſchen vermoͤgen, ſo muͤſ— ſen wir allerdings mit dem Apoſtel Paulus ausrufen: O welch eine Tiefe des Reichthums, beyde der Weis⸗ beit und Erkenntniß Gottes! Wer iſt faͤhig, ihn ganz zu erkennen? ſeine Regierung zu begreifen? ſein Verfahren zu erforſchen? Wer ergruͤndet ſein We⸗ ſen? Wer unterſtutzt ihn mit Rachſchlägen? Wer hat um ihn Verdienſte, daß ihm Vergeltung gebuͤh⸗ re? Alles kommt von ihm her, von ihm allein. Sollte man indeſſen nicht glauben, daß es bey ſo vielen Huͤlfsmitteln dem Menſchen leicht werden muͤßte, uͤber Gott nachzudenken, und ſich dadurch richtige Begriffe, ſo weit die menſchliche Vernunft ſolche zu faſſen vermoͤgend iſt, von ihm zu verſchaf⸗ fen? Und gleichwohl wie wenig Menſchen haben eine richtige Kenntniß von demjenigen, was ſie ſich unter Gott denken! Wie unrichtig beurtheilen ſie die Verhaͤltniſſe, in welchen ſie mit ihm ſtehen, und die Pflichten, die aus dieſen Verhaltniſſen herfließen! Dieſe mangelhafte Kenntniß, dieſes falſche Urtheil, woher oht die trr tet m umfaſſen⸗ er Apoſtel s iſt, in Religion man ale nd Offen⸗ en Eigen⸗ bemerken eſen groſ⸗ ſo müß⸗ ausrufen: der Weis⸗ hig, ihn ſen! ſein ſein We⸗ ni WVer ng gebih⸗ llein. ß es be) ht werden 5 hadurch Pernunſt wſchef⸗ n haben ſie ſch ien ſe die „und die ufiißen! e echeil woher ²73 woher ruͤhren ſie ſonſt, als weil ſie ſich nie bemuͤht haben, mit Vernunft uͤber Gott, ſein Weſen und ſeine Eigenſchaften nachzudenken? Wenn der eine ſich bloß mit demjenigen begnuͤgt, was er in ſeiner Jugend auswendig gelernt hat, ſo wagt ſich derje⸗ nige, der ſich weiſer duͤnkt, in die Tiefen der Gott⸗ beit, und will erforſchen, was ihm nie erforſchlich ſeyn kann. Wenn der Erſtere oft Gott als einen har⸗ ten, rachgierigen Despoten ſchildert, ſo träumt ſich der Andere ſehr oft einen ſchwachen gutmuͤthigen Gott, der nie ſtraft, nur belohnt, den jede unvollkommne Reue befriediget. Wenn der Eine mehr gruͤbelt, was Gott iſt, als was er ihm iſt, ſo begnugt ſich der An⸗ dere mit einem leeren Glaubensbekenntniß von Gott, ohne auf die Pflichten zu achten und ſie auszuuͤben, die Gott von ihm fordert. Der Eine furchtet alles von Gott, der Andere hofft alles von ihm, und Beyde irren, und die Quelle ihres Irrthums iſt mangelhaf⸗ tes Nachdenken uͤber Gott. Mit einem Worte, die meiſten Menſchen bilden ſich Gott nach ſich ſelbſt, ge⸗ ben ihm das Weſen, die Eigenſchaften, die ihren eignen Leidenſchaften gemaͤß ſind, und die Folgen dieſes Irrthums muſſen alſo nothwendig in ihre Re⸗ ligionsbegriffe einen ſehr nachtheiligen Einfluß haben. Laßt uns verſuchen, ob wir uns fur dieſen Irr⸗ thum bewahren und uns einen richtigen Begriff ver⸗ ſchaffen können: Wie wir uͤber Gott nachdenken müſſen, wenn dieß Nachdenken vernuͤnftig und von geſegneten Folgen fur uns ſeyn ſoll. S Die *.„— ——.— SZ.— „ —— 274 Die Worte des Apoſtels geben uns hierzu die richtigſte Anleitung; ſie warnen uns, daß die Tiefen der Erkenntniß Gottes fuͤr uns unerforſchlich ſind. Welch eine Tiefe des Reichthums, beyde der Weis⸗ heit und der Erkenntniß Gottes! Sie machen uns auf dasjenige aufmerkſam, worauf wir unſer Nach⸗ denken uͤber Gott vorzuͤglich richten muͤſſen, auf ſeine Regierung, ſein Verfahren, ſeine unverdiente Guͤte gegen uns, unſere Abhaͤngigkeit von ihm. Sie be⸗ lehren uns, daß wir ihm alles verdanken. Wir wer⸗ den alſo, nach der Anleitung dieſer Worte des Apo⸗ ſtels, Viererley zu bemerken haben, wenn wir ver⸗ nuͤnftig und mit Nutzen nachdenken wollen. Wir werden uns erſtlich vor verſchiedenen fal⸗ ſchen Arten des Nachdenkens über Gott huͤten muͤſſen. Wir werden zweytens unterſuchen muͤſſen, was heißt vernuͤnftig uͤber Gott nachdenken? Hieraus werden wir drittens die Regeln leicht kennen lernen, die wir beobachten muͤſſen, wenn wir vernuͤnftig uͤber Gott nachdenken wollen. Alsdann werden uns viertens die geſegneten Folgen von ſich ſelbſt in die Augen fallen, die fär uns aus einem vernuͤnftigen Nachdenken uͤber Gott nothwendig entſtehen muͤſſen. Willſt du, o Chriſt, der du dich gern mit dei⸗ nen Gedanken zu Gott erhebſt, und welches Geſchäft kann für einen denkenden vernuͤnftigen Geiſt nuͤtzlicher und ſeliger ſeyn? Willſt du vernuͤnftig uͤber Gott nachdenken, ſo huͤte dich erſtlich fur einigen fehler⸗ haften Arten des Nachdenkens uͤber Gott. Vermeide hierbey hierb mk von du 6 mit Jah daß Sch Got leer ſey, ang dem dem allg dei Ge Ac W we ein Be di hierzu die die Liefen hlich ſind. der Weis⸗ achen uns ſer Nach⸗ uuf ſeine nte Güte Sie be⸗ WVir wer⸗ des Ayo⸗ wir vel⸗ enen ſal⸗ nmiüſſen. wos heißt us werden „die wir über Gott ſertens die en fallen, enken iber nit di⸗ Geſchiſt nütlicher ibn Gott en ſchle⸗ Vermeibe hirbe 275 hierbey zuerſt vor allen Dingen alle Traͤgheit des Geiſtes, welche ſich bey dieſem wichtigen Geſchaͤft mit den Begriffen von Gott beguuͤgt, die man dir von Jugend auf vorgeſagt hat. Glaube nicht, daß du Gort kennſt, wenn du die Eigenſchaften von Gott, mit welchen der Religionsunterricht deiner fruͤhern Jahre dich bekannt gemacht hat, herzuerzählen, und, daß ſie ihm zukommen, mit Stellen aus der heiligen Schrift zu beſtätigen weißt. Rein! das heißt nicht Gott kennen, wenn dein Gedachtniß bloß mit den leeren Toͤnen, daß er allmaͤchtig, allweiſe, allguͤtig ſey, daß er das heiligſte, das gerechteſte Weſen ſey, angefüllt iſt, wenn du nicht zugleich daruber, nach dem Maaß deines Verſtandes, nachgedacht haſt, was denn dieß eigentlich heißt, Gott iſt allmaͤchtig, er iſt allgutig, er iſt das weiſeſte, heiligſte, gerechteſte Weſen; was dieß alles fur Einfluß auf dich und deine Handlungen haben muß. Bilde dir nicht ein Gott zu kennen, wenn du nie auf die Verbindung Achtung giebſt, in welcher alle Eigenſchaften ſeines Weſens mit einander ſtehen, wenn du nicht weißt, welchen Bezug ſie auf dich haben. Bilde dir nicht ein, Gott zu kennen, wenn du mit allem Feuer der Beredtſamkeit, ſelbſt der äußerlichen Andacht, von dieſem erhabenſten Gegenſtand menſchlicher Gedan⸗ ken zu ſprechen, dich befliſſen haſt. Willſt du Gott recht kennen, ſo mußt du alle Trägheit des Geiſtes, welche ſich mit dem Stuͤckwerk von Wiſſen deines ins Gedächtniß gefaßten Religionsſyſtems begnugt, ſorg⸗ fältig vermeiden; du mußt nie zu trag ſeyn, unter S 2 der — 48 ————— — —— 276 der Leitung der Vernunft und der Offenbahrung ihn immer genauer kennen zu lernen. Du mußt nie zu träge ſeyn, deiner Kenntniß von Gott gemäß zu handeln. Vermeide aber auch zweytens den andern Feh⸗ ler: Gruͤble nie uͤber Gott. Unterfange dich nie, in die Tiefen ſeines Weſens blicken zu wollen. Du wuͤrdeſt Jrrthum ſtatt Wahrheit ergreifen. Gott wohnt in einem licht, zu welchem Niemand kommen kann. Quaͤle dich alſo nicht mit unnuͤtzen Unterſu⸗ chungen uͤber den Grund ſeines Daſeyns, uͤber ſein Weſen und ſeine Eigenſchaften, welche ſchon ſo man⸗ chen Weiſen dieſer Welt zum Thoren gemacht haben. Ob die Vernunft ſein Daſeyn durch die richtigſten Schlußfolgen erweiſen kann oder nicht? Ob die Be⸗ griffe von Zeit und Raum auf ihn anwendbar ſind oder nicht? Wie er vorhanden iſt? Wie er freye Handlungen der Menſchen voraus ſieht? Welches die hoͤchſten Grundgeſetze ſeiner phyſiſchen und mora⸗ liſchen Weltregierung ſind? Die tiefſinnigſte Unter⸗ ſuchung aller dieſer und aͤhnlicher Fragen wird dich einer richtigen Kenntniß von Gott keinen Schritt nä⸗ her bringen. Oft wird ſie dich in Irrthum, Zwei⸗ felſucht, Unglauben ſtuͤrzen. Gott iſt; deine Ver⸗ nunft mag ſein Daſeyn durch Schlußfolgen erweiſen koͤnnen oder nicht. Dieß lehren dich die deutlichern Stimmen der Natur, deines eignen Gefuͤhls, und der Offenbahrung, weit nachdruͤcklicher, als die Stimmen deiner Vernunftſchluͤſſe. Er weiß alles vorher, voche Ren er et Voll derh und Peſ Ofe Ma ner ſt, He Gre Gl ge — htung ihn ußt nie zu gemaß zu ndern Feh⸗ e dich nie, llen. Du en. Gott nd kommen n Unterſi⸗ „über ſein on ſo mun⸗ cht haben. richtigſten Ob die Be⸗ endbar ſind Lie er ſteye Velches und mora igſte Unte⸗ nwird bich Schrit nů⸗ m, Zwei⸗ deine Ver⸗ n eweiſen deullichen ſihs, u ols die viß alles vorher 277 vorher, was du als ein zur Freyheit geſchaffner Menſch thun wirſt, wenn du auch nicht begreifſt, wie er es weiß. Er mag nach den Geſetzen der hoͤchſten Vollkommenheit oder der hoͤchſten Gluͤckſeligkeit, oder der hoͤchſten Guͤte handeln, ſo handelt er allezeit gut, und ſeinen großen Endzwecken gemaß. Begnuͤge dich alſo, von ſeinem unerforſchlichen Weſen nur ſo viel zu erkennen, als Vernunft und Offenbahrung dir klar und deutlich davon lehren. Mache dir vor allen Dingen richtige Begriffe von ſei⸗ ner Heiligkeit, die alles, was Unrein und Suͤnde iſt, ihm verabſcheuungswuͤrdig macht; von ſeiner Gerechtigkeit, die nie ſtraft, als nur zu beſſern und Vollkommenheit zu befoͤrdern; von dem hoͤchſten Grade ſeiner Guͤte, die jedem ſeiner Geſchoͤpfe ſo viel Gluͤckſeligkeit mittheilt, als es zu genießen vermoͤ⸗ gend iſt; von dem unermeßlichen Umfang ſeiner Lie⸗ be, welche der unerſchoͤpfliche Quell des Freudenge⸗ nuſſes ſeiner vernuͤnftigen Geſchoͤpfe von Ewigkeit zu Ewigkeit iſt. Wäre aber auch deine Kenntniß von Gott die richtigſte, wurdeſt du auch beyde vorher angegebenen Abwege gluͤcklich vermeiden, ſo huͤte dich ſorgfältig auch vor dem dritten Abweg: Begnuͤge dich nicht, bloß zu wiſſen, wer Gott iſt, ohne zugleich nachzu⸗ forſchen, was er dir iſt, und welche Verbindlich⸗ keiten fur dich daraus herfließen. Die richtigſte Kenntniß von Gott iſt ohne dieß Nac forſchen von keinem Nutzen fuͤr dich. Wenn du 278 du, auch das Weſen und die Eigenſchafken Gottes aus der Natur und der Offenbahrung noch ſo richtig und vollſtändig, als es dir moͤglich iſt, haſt kennen ler⸗ nen, und du vernachläßigeſt dabey, daruͤber nach⸗ zudenken, was denn dieß alles fuͤr Beziehung auf dich hat? zu welchen Pflichten dieſe oder jene Eigen⸗ ſchaft Gottes dich antreibt? in welchem Verhältniß du mit ihm ſtehſt, und welches die Folgen dieſes Verhältniſſes ſind? ſo bleibt deine Kenntniß von Gott ſehr mangelhaft, und du wirſt wenig bleibenden Nutzen aus ihr ſchoͤpfen koͤnnen. Hoͤchſtens wirſt du Gott dadurch bewundern, oft fuͤrchten, aber nie lie⸗ ben lernen. Der erhabenſte Gegenſtand, der keinen Bezug auf uns hat, wirkt allenfalls Erſtaunen und Lobpreiſung, aber nie das ſelige Gefüͤhl der Freude, des Vergnuͤgens, und der liebe in uns. Willſt du noch mehr Irrthum auf dem Wege, Gott zu kennen, vermeiben, ſo bilde viertens Gott nicht nach dir. Erhoͤhe nicht deine Leidenſchaften, oft ſelbſt deine Fehler und die Schwächen deiner Natur zu Beſtandtheilen ſeines Weſens. Dieß iſt die Thorheit der Menſchen vom Urſprunge ihres Ge⸗ ſchlechts an geweſen, und ſie iſt es noch jetzt. Dieß iſt die Hauptquelle aller irrigen Gottesverehrung. Der Menſch, der ſtolze eingebildete Menſch, erhoͤht ſeine Thorheiten und Mängel nur gar zu gern zum Range der Tugenden, und er glaubt dieß nicht ſicherer thun zu koͤnnen, als wenn er das Bild, welches er ſich von Gott eutwirft, mit ſeinen eignen Fehlern und ottes aus richtig und ennen ler⸗ über nach⸗ ehung auf ene Eigen⸗ Zerhältniß gen dieſes ntniß von leibenden s wirſt du er nie lie⸗ der keinen unen und r Freude, em Wegl, ens Gott uſten, oſt ner Natur ſt die hres Ge⸗ . Dieß rehrung , echoht ern jum t ſchere velches et ehlern und — — 279 und Leidenſchaften ausſchmuͤckt. Dem Rachgierigen iſt Rache und Unverſoͤhnlichkeit nothwendige Eigen⸗ ſchaft der Gottheit. Der weiche Wolluͤſtige erblickt in dem Bilde der Gottheit nichts als Sanftmuth, Verzeihung und Gnade. Der unbeſonnene Leicht⸗ ſinnige leiht Gott ſeinen eignen Leichtſinn, und bildet ſich ein, daß er es mit ſeinen Fehlern und Thorheiten nicht ſo genau nehmen werde. Der ſtrenge Formu⸗ larchriſt beurtheilt Gott nach den Begriffen ſeiner Strenge, der Niemanden in ſeinem Himmel aufneh⸗ men wird, als denjenigen, der alles glaubt, was die Kirche glaubt. Wie verſchieden, wie abweichend, wie falſch ſind alle dieſe Vorſtellungen von Gott, und zu wie vielen ſchädlichen Folgen muͤſſen ſie die Ver⸗ anlaſſung werden. Willſt du dich vor ihnen bewah⸗ ren, mein chriſtlicher Freund, ſo entferne dich ſorg⸗ faltig vor der fuͤnften falſchen Art, uͤber Gott nach⸗ zudenken. Trenne die Eigenſchaften Gottes nie, ſon⸗ dern ſtelle ſie ſtets in die genaue Verbindung, in welcher ſie ſtehen. Huͤte dich, daß du nie ſeine Hei⸗ ligkeit und Getechtigkeit von ſeiner Liebe und Guͤte, nie ſeine Macht von ſeiner Weisheit trennſt. Er⸗ hebe keine dieſer Eigenſchaften zum Nachtheil der an⸗ dern, und erfreue dich nie der einen, wenn du Ur⸗ ſache haſt, die andere zu ſcheuen. Dieß wird dich für manchen ſchädlichen Irrthum bewahren. Wenn dir alles zuruft: Gott iſt die Liebe! ſo erinnere dich zugleich an den Zuruf jener hoͤhern Geiſter: Heilig! heilig! heilig iſt unſer Gott! Wenn dir die Offen⸗ bahrung ſagt: Gott will nicht den Tod des Suͤn⸗ ders; ——— — — ———— 280 ders; ſo vergiß nicht, daß ſie dich auch lehrt: Wer Boͤſes thut, bleibt nicht vor ihm. Wenn du die troͤſt⸗ liche Wahrheit empfindeſt: Gott weiß alles, was ihr bedurft; ſo ſey auch der Lehre eingedenk: Den Sohn, den der Vater leb hat, den zuchtiget er. Mit einem Worte: Nimm alles, was du von Gott zu erkennen vermoͤgend biſt, in dem genaueſten Zu⸗ ſammenhange. Sein Weſen iſt das vollkommenſſe Ganze, und nichts gehort zu demſelben, was auf immer, oder nur eine Zeitlang davon abzuſondern ware. laßt uns nunmehr, nachdem wir einige falſche Arten, uͤber Gott nachzudenken, haben kennen ler⸗ nen, genauer unterſuchen: Was heißt vernunftig uͤber Gott nachdenken? Vernuͤnftiges Nachdenken über Gott beſchäftiget ſich erſtlich mit der genaueſten Kenntniß ſeines We⸗ ſens und ſeiner Eigenſchaften, ſo weit der Menſch dieß alles zu faſſen vermögend iſt; aber es vergißt dabey me die engen Grenzen, in welche alle menſch⸗ liche Wiſſenſchaft eingeſchtoſſen iſt. Mit Luſt wagt ſich der nachdenkenbe Chriſt in die Tiefe des Reich⸗ thums der Erkenntniß Gortes. Mit Erſtaunen be⸗ wundert er dieſe Tiefe, aber nie erkuhnt er ſich, ein⸗ gedenk der Warnung des Apoſtels, ſie ergruͤnden zu wollen. Was fuͤr ein unermeßliches Feld der Be⸗ trachtung eroͤffnet ſich ſeinem forſchbegierigen menſch⸗ lichen Geiſt, trotzt der Eingeſchraͤnktheit, in welche er dieſteits dem Grabe noch eiageſchloſſen iſt. Alles, was was ich d and der lehr unb ſein mol ſenl ſein ver hrt: Wer die wöſt⸗ les, wos nk Den chtget er. von Golt neſten Zu⸗ kommenſſe was auf zuſondern ige fulſche ennen ler⸗ ernünftig ſchiftiget nes Wo rMenſch 6 veraht e menſc⸗ uſt wagt es Neich⸗ unen be⸗ ch, ein⸗ unden zu der Be⸗ n nenſc⸗ welche er Ales/ ns 281 was ich ſehe, was ich hoͤre, was ich empfinde, was ich denke, alles, was mich umgiebt, erinnert mich an den Gott, den Unendlichen, den Unerforſchlichen, der alles erfullt, durch den alles iſt, was iſt. Bald lehrt mich der Bau ſeiner Welt, in der ich lebe, ſeine unbegrenzte Macht, ſeine unergruͤndliche Weisheit, ſeine alles umfaſſende Liebe zur Ordnung und Har⸗ monie. Bald uͤberzeugt mich die Stimme ſeiner Of⸗ fenbahrung von den Tiefen ſeiner Barmherzigkeit, ſeiner Gnade, ſeiner alles beſeligenden Liebe. Jetzt verliere ich mich in der Bewunderung ſeiner ſo weiſen, ſo liebreichen Weltregierung, dann erkenne ich voll Dankbarfeit ſeine uͤber mich und uͤber alle ſeine Ge⸗ ſchoͤpfe waltende Vorſehung. Jetzt verehre ich in ihm den liebreichſten, zärtlichſten Vater, der mich ſchwaches fehlerhaftes Geſchoͤpf zu dem Erben ſeiner ewigen himmliſchen Güter beſtimmt hat. Wenn ich indeſſen, durch dieß vernuͤnftige Nachdenken geleitet, ſeine unbegrenzte Guͤte, ſeine unendliche Liebe und Barmherzigkeit zu bewundern mich gedrungen fuͤhle, ſo reißt mich dieß Nachdenken auch zugleich zur Be⸗ wunderung ſeiner Heiligkeit und Gerechtigkeit hin, die alles Boͤſe verabſcheut, die keine Suͤnde unge⸗ ſtraft laſſen kann. Wie unerſchoͤpflicher Stoff zum Nachdenken ſind alle dieſe Gegenſtände fuͤr den den⸗ kenden Menſchen! Wie ſehr fühlt er ſodann die Wahrheit des Ausrufs des Apoſtels: O welch eine Tiefe des Reichthums, beyde der Weisheit und der Erkenntniß Gottes! So —————— ==—— S —— — —— — ——————— — —— 282 So groß aber auch die Eingeſchraͤnktheit meiner Vernunft iſt, Gott nach allen ſeinen Vollkommenhei⸗ ten ganz in dieſem Erdenleben zu erkennen, ſo iſt doch das Wenige, was ich ſterblicher Menſch von ihm, dem Erhabenſten und Unendlichen, zu erkennen vermoͤ⸗ gend bin, ſchon hinreichend, mir eine richtige Vor⸗ ſtellung von Gott zu verſchaffen, wenn ich nur das⸗ jenige, was Vernunft und Schrift mir von Gott ſagt, mit Verſtand faſſe, deutliche Begriffe mir davon zu rwerben ſuche, und mich weder mit auswendig ge⸗ lernten Formeln und leeren Worten begnuͤge, noch mehr von Gott wiſſen will, als was meiner ſchwachen Vernunft von ihm zu wiſſen vergoͤnnt iſt. Allein vernuͤnftiges Rachdenken uͤber Gott be⸗ ſchaͤftiget ſich nicht nur mit genauer Kenntniß ſeines Weſens und ſeiner Eigenſchaften. Es beſchäftiget ſich zweytens noch weit ſorgfältiger mit richtigen Be⸗ griffen von den Verhaͤltniſſen, in welchen ich mit Gott ſtehe. Dieß Nachdenken ſucht nicht ſowohl zu erfor⸗ ſchen, was Gott iſt? als, was er mir iſt? Gott ſey noch ſo weiſe, noch ſo mächtig, noch ſo guͤtig, noch ſo heilig, noch ſo unerforſchlich, wenn alle dieſe Eigenſchaften ſeines Weſens keinen Bezug auf mich haben, wenn ſie mich nichts angehen, ſo koͤnnen ſie wohl meinen Verſtand beſchäftigen, ſie koͤnnen mich zu unfruchtbaren Unterſuchungen veranlaſſen, aber ſie haben keinen Einfluß auf mein Herz, auf die Mora⸗ lität meiner Handlungen. Sollen ſie dieſen Einfluß haben, und ohne ihn iſt alles, was ich uͤber Gott denke it meiner nmerhei⸗ o iſt doch ihm, dem nvermi⸗ ige Vor⸗ nur das⸗ ott ſag, davon ju ndig ge⸗ ge, noch chwachen Folt be⸗ iß ſeines ſchiftige gen Be⸗ mit Gott zu erfor⸗ 7 Gott ſo gürig, lle dieſ auf nih nnen ſie en mich aber ſe e Mora⸗ Einfluß ber Got bente 283 denke oder ſpreche, leeres Vernunfteln und Geſchwaͤß, ſo muß ich bey meinem Nachdenken uͤber Gott mi hauptſaͤchlich mit Unterſuchung der Frage beſchaͤft gen: In welcher Verbindung, in welchen Verhaͤit⸗ niſſen ſtehe ich mit Gott? Iſt er mein Schoͤpfer? Kann ich ohne ihn beſtehen, oder bedarf ich ſeiner? Iſt er mein Geſesgeber, und hat er mir Geſetze ge⸗ geben? Trägt die Religion, zu welcher ich mich be⸗ kenne, mir ein neues Verhältniß zwiſchen ihm und mir vor, von welchem mir die Religion der Vernunft nichts ſagt? Was habe ich von ihm zu hoffen? Was habe ich von ihm zu furchten? An alie dieſe 8* Fragen erinnern uns die Worte des Apoſtels: Von ihm, und durch ihn, und in ihm ſind alle Dinge. — „ Die Unterſuchung und richtige Beantwortung aller dieſer Fragen iſt das vorzuglichſte Ziel unſers vernuͤnftigen Nachdenkens uͤber Gott. Wir muͤſſen oft, gruͤndlich, und mit luſt daruͤber nachdenken, wenn wir uns von Gott richtige Vorſtellungen und Begriffe machen wollen. Wir muͤſſen die deutlich⸗ ſten Ausſpruͤche der Vernunft und der Offenbahrung uber dieſe Fragen ſorgfältig ſammeln, ſie unſerm Ver⸗ ſtand feſt eindrücken, ſie von allen Seiten erwägen, und auf die Folgen, die fuͤr uns daraus herfließen, genau Acht haben. Nur auf dieſe Art wird unſer Naͤchdenken uͤber Gott der Grund einer vernuͤnftigen Gottesverehrung. Ihre Unterſuchung und genaue Beantwortung gewährt uns weit mehr Nutzen, als die ſcharfſinnigſte Demonſtration von dem Daſeyn Got⸗ —— ———— =— ————— 284 Gottes, oder die tiefſinnigſte Unterſuchung ſeines Weſens und ſeiner Eigenſchaften. Nur alsdann, wenn wir uns dieſe Fragen nach den Ausſpruͤchen der Vernunft und der Schrift genau zu beantworten wiſ⸗ ſen, koͤnnen wir behaupten, daß wir vernuͤnftig uͤber Gott nachgedacht haben, und je oͤfterer wir auf dieſe Art unſer Rachdenken beſchäftigen, deſto groͤßer wird der Rutzen und das Vergnuͤgen ſeyn, das wir daraus ſchöpfen. Ich kann die richtigſte Kenntniß von Gott, ſei⸗ nem Weſen und ſeinen Eigenſchaften, von allen Ver⸗ hältniſſen, in welchen ich mit ihm ſtehe, und ven welchen mich Vernunft und Offenbahrung unterrich⸗ ten, mir erworben haben, und mein Nachdenken uber Gott iſt immer noch mangelhaft, wenn ich hier⸗ bey ſtehen bleibe. Will ich bey dieſem Nachdenken ganz nach den Vorſchriften der Vernunft handeln, ſo muß ich drittens die Pflichten, die aus allen dieſen Kenntniſſen fuͤr mich herfließen, ſorgfaͤltig kennen lernen, und es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich nie vernuͤnftig handle, wenn ich eine mir obliegende Pflicht kenne, und ſie doch nicht getreu ausuͤbe. Bin ich von ihm, bin ich durch ihn, bin ich in ihm, iſt alles, was ich bin und genieße, Geſchenk ſeiner Guͤte, ſo muſſen wichtige Pflichten fuͤr mich daraus her⸗ fließen. Ich muß mich alſo oft ſelbſt fragen: Iſt Gott der Allwiſſende, der Allgutigſte, iſt er das heiligſte, das gerechteſte Weſen, wie muß ich mich ſodann gegen gege ſcha wen laſſe gan pfe nic dig Ve etn ſol 6 ba D lic —— — g ſeines alsdann, chen der ten wiſ⸗ ftig uer auf dieſe ßer wird daraus ott, ſei⸗ len Ver⸗ und von nterrich⸗ chdenken ich hier⸗ chdenken ndeln, ſo dieſen kennen ich nie liegende e. Bin n, it 4 Güte, us her⸗ ſt Gott heliſie ſdann gegen * 255 gegen ihn verhalten? Was fordern alle dieſe Eigen⸗ ſchaften ſeines Weſens von mir? Werde ich z. B.⸗ wenn er alles weiß, das Boͤſe nicht auch dann unter⸗ laſſen müͤſſen, wenn auch meine boͤſe Handlung der ganzen Welt verborgen bliebe? Iſt Gott mein Scho⸗ pfer, mein Herr, mein Geſetzgeber, bin ich ihm nicht alsdann den unverbruͤchlichſten Gehorſam ſchul⸗ dig? Stehe ich unter ſeiner Vorſorge, iſt er mein Vater, darf ich wohl je in einer Noth verzagen, oder etwas thun, welches der Wuͤrde des Kindes eines ſolchen Vaters entgegen wäre? Hat er mir durch Chriſtum alles geſchenkt, ſollte ich nicht aus Dank⸗ barkeit alle meine Kraͤfte, mein Leben ſelbſt ſeinem Dienſte widmen? Wenn ich eine ewige unausſprech⸗ liche Seligkeit von ihm hoffen darf, muß ich nicht alsdänn auch die Bedingungen genau zu erfuͤllen ſu⸗ chen, unter welchen er ſie mir verheißen hat? Alle dieſe Pflichten, die uns als vernuͤnftigen Menſchen, als Bekennern der Religion Jeſu oblie⸗ gen, muͤſſen wir uns aus einer richtigen Kenntniß von Gott, ſeinem Weſen und ſeinen Eigenſchaften, von den Verhältniſſen, in welchen wir mit ihm ſte⸗ ben, durch ein vernuͤnftiges Nachdenken uͤber alle dieſe Gegenſtände, immer mehr und mehr zu entwik⸗ keln und uns einzuſchärfen ſuchen, und, wenn wir ſie wiſſen, auch ſodann unermuͤdet ſeyn, ſie auszuuͤben, und uns in dieſer Ausuͤbung von Tag zu Tag zu be⸗ feſtigen. Seher! 286 Sehet! meine lieben, dieß heißt vernuͤnftig uͤber Gott nachdenken, und der Stoff zu dieſem Nachdenken iſt ſo reichhaltig, daß er nie erſchoͤpft werden kann. Je oͤfterer wir uns auf dieſe Art im Nachdenken uber Gort uͤben, deſto vollſtändiger wird unſere Kenntniß von ihm werden; und je vollſtän⸗ diger unſere Kenntniß von ihm iſt, deſto feuriger werden wir ihn lieben, deſto eifriger werden wir das Gute thun, und das Boͤſe meiden, und deſto gluͤck⸗ ſeliger werden wir in dieſem und jenem Leben ſeyn. Laßt uns noch mit wenigem einige Regeln bemer⸗ ken, welche uns ein vernünftiges Nachdenken uͤber Gott ſehr erleichtern werden. Sie werden aus demjeni⸗ gen, was wir bereits geſagt haben, von ſich ſelbſt herfließen. Chriſt, willſt du uͤber Gott vernuͤnftig nachden⸗ ken, ſo nähere dich vor allen Dingen mit deinen Ge⸗ danken dieſem großen Gegenſtande mit der Ehrfurcht, die du ihm ſchuldig biſt, mit wahrer Andacht, mit dem innigſten Gefühl deiner Schwache, nicht mit ſpitzindigem Stolz deiner Vernunft. Alles, was du von ihm erkennſt, ruft dir zu: Gott iſt die liebe! Begnüge dich dieß zu wiſſen und zu empfinden, und wage dich nie mit einer kuͤhnen thörichten Neu⸗ begierde in die dir verborgenen Tiefen der Gottheit. Gruͤnde aber auch deine Kenntniß von Gott auf feſte Ueberzeugung. Erkenne Gott, wie Vernunft und Offenbahrung dir ihn ankuͤndigen, nicht wie die Lehr⸗ ſatze der Menſchen dir ihn ſchildern. Fuͤrchte ihn nie als müuftig dieſen erſchopft At im get wird vollſtän⸗ feuriger wir das o glick⸗ ſeyn. bemer⸗ er Gor 287 als einen harten Despoten, erniedrige aber ihn auch nie zu einem gutmuͤthigen ſchwachen Regenten, der die groͤbſten Uebertretungen ſeiner Geſete nicht ſo ge⸗ nau nimmt. Die Geſetze, nach welchen er handelt, ſind unveraͤnderlich. Sie gruͤnden ſich eben ſo feſt auf ſeine Heiligkeit und Gerechtigkeit, als auf ſeine Guͤte und Barmherzigkeit. Vergiß aber auch nie, wenn du uͤber Gott nach⸗ denkſt, daß deine Vernunft eingeſchraͤnkt iſt, daß ſelbſt die Stimme der Offenbahrung dir nicht mehr ſagen kann, als du zu faſſen vermoͤgend biſt. Handle alſo dieſer Regel ſtets gemäͤß, und ſuche, wenn du uͤber Gott nachdenkſt, nicht bloß deinen Scharfſinn oder deine Weerb⸗ zu befriedigen, ſondern deine Liebe zu Gott zu befeſtigen und zu ſtär⸗ ken. Lenke daher dein Nachdenken uͤber Gott hauptſächlich auf alles dasjenige, was durch die Betrachtung ſeiner erhabenen Eigenſchaften Eifluß auf dein moraliſches Gefuͤhl hat. Laß dich die Be⸗ trachtung ſeiner Allmacht zur Bewunderung und Ehr⸗ furcht, jeden Beweiß ſeiner weiſen Vorſehung zum Vertrauen auf ihn, jede Empfindung ſeiner Liebe und Guͤte zu groͤßerer Liebe, zur vermehrten Dankbarkeit gegen ihn antreiben. Erwaͤge die Weisheit ſeiner Geſetze, und lerne daraus neue Treue, neuen Ge⸗ horſam. Mache dich ferner, wenn du vernuͤnftig uͤber Gott nachdenken willſt, mit den noͤthigen Huͤlfsmit⸗ teln die dich bey dieſem Nachdenken unter⸗ ſtutzen 288 ſtutzen muͤſſen. Studiere fleißig das große Buch der Ratur. Suche Gott auf in den Werken ſeiner Macht, die dich umgeben. Der erquickende Hauch des Fruͤhlings, wie der Sturm des Winters, der Halm des Feldes, jedes Thier, vom Wurm bis zum Ele⸗ phanten, jedes Glied deines Leibes, ſagt dir, wer Gott iſt? was er iſt? Lerne ihre Stimme verſtehen. Lerne ihn noch genauer durch die Stimme ſeiner Of— fenbahrung kennen. Alles athmet in ihr Gnade, Ltiebe, Barmherzigkeit, aber auch Haß der Soͤnde, den hoͤchſten Grad der Heiligkeit und Vollkom⸗ menheit. Noch mehr: Laß dein Nachdenken uͤber Gott an⸗ haltend ſeyn, und verlange micht, daß deine Kennt⸗ niß von ihm gleich vollſtaͤndig und richtig ſeyn ſoll. Alles, im Reiche der Gnade wie im Reiche der Na⸗ tur, erlangt ſtufenweiſe einen hoͤhern Grad des Wachsthums und der Vollſtändigkeit. Je anhal⸗ tender du dich mit dem Nachdenken uͤber Gott beſchäf⸗ tigeſt, deſto genauer wirſt du ihn kennen lernen, deſto mehr wirſt du Aberglauben und Unglauben in Anſe⸗ bung ſeines Weſens und ſeiner Eigenſchaften zu ver⸗ meiden wiſſen, deſto mehr Gruͤnde der Bewunderung, der Liebe, der Dankbarkeit gegen ihn, wirſt du durch dieß Nachdenken uͤber ihn entdecken. Das, was du jetzt von ihm noch nicht zu faſſen, noch nicht mit feſter Ueberzeugung zu glauben vermoͤgend warſt, wird dir bey eifriger Uebung dieſes Nachdenkens, ſpäter hin, klar und deutlich, die helleſte Wahrheit ſeyn. Sein großes oße Buch rken ſeiner nde Hauch „der Halm zun Ele⸗ dir, wer verſtehen. ſeiner Of⸗ r Gnade, rSünde, Voltom⸗ Gott an⸗ e Kennt⸗ ſehn ſol eder Na⸗ rad des e anhul⸗ t beſchi⸗ nen, deſto in Anſe⸗ en jl ber⸗ nderuns, du durch — wab du ni ſiſer vird dir Sein große⸗ 289 großes erhabenes Bild wird dir bey anhaltender Be⸗ trachtung ſeiner Werke aus ihnen mit hoͤherm Glanze entgegen ſtrahlen, und dann ſchließe aus dieſem im⸗ mer noch ſchwachen Schimmer auf den hellen Tag, der dir alsdann leuchten wird, wenn du ihn dereinſt in einem hellern Lichte naͤher an den Stufen ſeines Thro⸗ nes ſehen wirſt. Freue dich alſo in deinem Erden⸗ leben dieſer großen Hoffnung, zu welcher du berufen biſt. Laß endlich das oͤftere Nachdenken uͤber Gott deine großte, deine ſeligſte Freude ſeyn, denke nie an ihn mit Furcht. Was kann entzuͤckender ſeyn fuͤr einen edlen, mit Vernunft und Freyheit begabten Geiſt, als Gott, den Erhabenſten, den Allervoll⸗ kommenſten, ſich als ſeinen Herrn, ſeinen Wohlthaͤ⸗ ter, ſeinen Vater zu denken! Ja, Gott, Duell alles Guten und aller Vollkommenheiten, wenn ich mich zu dir erhebe, wenn ich dich denke, wenn ich erwache und noch bey dir bin, wie ſelig, wie unaus⸗ ſprechlich ſelig bin ich alsdann! Wie leicht vergeß ich dann alle Leiden, die mich niederdruͤcken, fuͤhle und empfinde nur Dich, du mir ſtets Naher, freue mich des Gluͤcks, dich einſt näher kennen zu lernen, vergeſſe, was dahinten iſt, und ſtrecke mich nach dem Ziele, das vor mir iſt; dann duͤrſtet meine ganze Seele nach dir, und ſeufzt mit dem Pſalmiſten: Wenn werd' ich dahin kommen, daß ich dein An⸗ geſicht ſchaue? Aber Menſch! willſt du uber Gott mit Freude, daß er dein Vater, nicht mit Furcht, daß er dein T Rich⸗ 290 Richter iſt, nachdenken, ſo mußt du ſein Kind, ſein gehorſames, ſein folgſames Kind zu ſeyn dich beſtre⸗ ben, mußt allen ſeinen Gebothen ohne Ausnahme gehorchen. Werden wir dieſe wenigen angefuͤhrten Regeln, bey unſerm Nachdenken uͤber Gott getreu beobach⸗ ten, ſo wird dieß vernuͤnftige Nachdenken auch gewiß von den geſegnetſten Folgen fuͤr uns ſeyn. Nur kurz koͤnnen wir dieſe Folgen noch beruͤhren. Dreyfach vorzuͤglich ſind dieſe geſegneten Fol⸗ gen. Dieß Nachdenken, o Chriſt, ſchwaͤcht deinen Hang zum Boͤſen, und ſtaͤrkt deine Liebe zum Gu⸗ ten. Es lehrt dich richtige Begriffe von den Freu⸗ den und Leiden deines irdiſchen Lebens. Es verleiht dir Muth im Tode, und verwandelt deine Hoffnung des Glaubens in Genuß des Schauens. Dieß Nachdenken ſchwaͤcht deinen Hang zum Böſen, und ſtärkt deine Liebe zum Guten. Wie? Du hätteſt oft uͤber Gott nachgedacht, fuͤhlteſt dich uͤberzeugt, daß er der Allwiſſende, der Heiligſte, der Gerechteſte iſt, und du wollteſt dich nicht ſcheuen, vor ſeinem allſe⸗ henden Auge Boͤſes zu thun? Du wuͤßteſt ſeine Ge⸗ ſetze, bewunderteſt ihre Weisheit, wuͤßteſt, daß Gott dein Herr und dein Richter iſt, und wollteſt ſeine Geſetze vorſetzlich uͤbertreten? wollteſt dich ſchmeicheln, ſeiner richtenden Allgewalt entfliehen zu koͤnnen? Alles, was du von Gott erkennſt, uͤber⸗ zeugt dich, daß er die Liebe iſt; mit jedem Athemzug deines Lebens genießeſt du neue Wohlthaten von ihm; dein Nachdenken uͤber ihn belehrt dich durch die Stim⸗ — — ———— ind, ſein ich beſtre⸗ usnahme Regeln, beobach⸗ ch gewiß Nur kurz eten Jol⸗ ht deinen zum Gl⸗ en Freu⸗ s verleiht offnung Diß ſen, und hitteſt oſt ugt, diß chteſte iſt, em alſſe⸗ ſeine e⸗ eſt, daß volluſt ſichen z ſt, ber⸗ henil von ihm⸗ 291 Stimme ſeiner Offenbahrung, daß du in den ſelig⸗ ſten Verhältniſſen mit ihm ſtehſt, daß du zu der Hoff⸗ nung einer ewig dauernden Gluckſeligkeit von ihm be⸗ rufen biſt, und deine Dankbarkeit, deine Liebe gegen ihn ſollte nicht dadurch neue Nahrung, neue Stär⸗ kung erhalten? Nein! es iſt unmoͤglich, daß der⸗ jenige, der uber Gott oft, gern und gruͤndlich nach⸗ gedacht hat, der ſich dadurch eine richtige Kenntniß von ſeinem Weſen und von ſeinen Eigenſchaften, von den Verhältniſſen, in welchen er mit ihm ſteht, ver⸗ ſchafft hat, ein Sklave der Suͤnde ſeyn, ſich ihrem Joch unterwerfen und der ſonften Herrſchaft der Tu⸗ gend entſagen ſollte. Nur, daß ſo viele Menſchen Gott nicht kennen, daß ſie nie oder nur ſelten uͤber ihn nachdenken, daß ſie nicht wiſſen, was er ihnen iſt, daß ſie ſich nur mit dem Mundglauben von ſei⸗ nem Weſen und ſeinen Eigenſchaften begnuͤgen, nur dieß iſt die traurige Urſache von der Herrſchaft der Suͤnde. Ich kann den nicht lieben, den ich nicht kenne, und wenn er der Inbegriff aller Vollkommen⸗ heiten iſt; und wen ich nicht liebe, deſſen Gebothe ſind mir gleichguͤltig, ich befolge ſie nie aus eigner Wahl, ſondern allenfalls nur aus Zwang. Die Ausuͤbung jeder chriſtlichen Tugend aber muß frey⸗ willig ſeyn, ſonſt iſt ſie nicht Tugend. Allein, dieß alles, o Chriſt, iſt nicht der ein⸗ zige Vortheil, den dir ein vernuͤnftiges Nachdenken uͤber Gott verſchafft. Es lehrt dich auch richtige Be⸗ griffe von den Freuden und Leiden dieſes Lebens, und ſo lange deine Vorſtellungen von jenen ſowohl, Se als 292 als von bieſen/ irrig und falſch ſind, kannſt du nie zu einer dauerhaften Ruhe des Herzens gelangen. Wird ein geläutertes Nachdenken über Gott dich uberzeugt hüben, daß nur Er dein hoͤchſtes Gut, die Queile deiner Gluͤckſeligkeit iſt, ſo wirſt du dich nach keiner irdiſchen Freude ſehnen, die mit dieſem Be⸗ griff ſich nicht vereinigen läßt. Du wirſt vielmehr mit dem Pfalmiſten mir Wahrheit ausrufen koͤnnen: Ich freue mich des Herrn, und meine Seele iſt froͤhlich in meinem Gott. Belehrt dich ein vevnuͤnf⸗ tiges Nachdenken uͤber Gott von den Verhältniſſen, in welchen du mit ihm ſtehſt, von den großen Be⸗ ſtimmungen, zu welchen er dich erſchaffen hat, ſo kannſt du die Freuden der Erde nie fuͤr dein hoͤchſtes Gut halten. Nur mäßig, und in ſo weit die Ge⸗ ſundheit deiner Seele es zulaͤßt, wirſt du ſie genieſ⸗ ſen, wirſt ſie fliehen, wenn ſie dich von dem Weg⸗ ableiten, der dich zu dem großen Ziel deiner Beſtim⸗ mung führt, wirſt ſie gern entbehren, wenn dein Va⸗ ter ſie dir nicht ſchenken will, wirſt ſie reiner und voll⸗ kommner genießen, wenn er ſie dir mittheilt. Wenn dann aber auch dich die Laſt der Leiden druͤckt, wenn keiner deiner Tage ganz heiter iſt, wenn dein Herz mehr zur Klage als zum Ton der Frende geſtimmt iſt, dann, du ermatteter Wanderer der Erde, dann ſtiehe zu den dich erquickenden Gedanken an Gott. Haſt du oft vernuͤnftig und gern uͤber Gott nachge⸗ dacht, haſt du dich uͤberzeugt, daß altes, was er thut, weiſe und gut iſt, daß er dein Vater, dein liebreicher Vater iſt, daß er nie Leiden ſendet, um zu ———— ſt du nie gelangeh. ot dich Gut, die dich nach ſem Be⸗ vielmehr koͤnnen: Seele iſt vernunf⸗ ältniſſen, oßen Be⸗ hat,/ ſo die Ge⸗ ie genieſ⸗ em Ve⸗ Beſtin⸗ dein Va⸗ und voll⸗ Venn w ein Herj ſinnt e, dann an Gott noch⸗ wos 6r 293 zu quaͤlen und zu ſtrafen, ſondern daß er ſie ſtets braucht als nothwendige Heilmittel der Geſundheit deiner Seele, daß es ganz unmoͤglich iſt, nach dem ausdruͤcklichen Ausſpruch Jeſu, ohne Leiden und Trub⸗ ſal in das Reich Gottes einzugehen, und haſt du dir die Gruͤnde, warum dieß unmoͤglich iſt, feſt einge⸗ pragt, ſo wird zwar der Druck deiner Leiden nicht aufhoͤren, aber ſie werden dir weniger ſchmerzhaft ſeyn, du wirſt ſie mit Gehorſam und Unterwerfung unter den Willen deines Vaters, der ſie dir auflegte, tragen, und du wirſt dadurch der chriſtlichen Voll⸗ kommenheit näher kommen. Die ſeligſte Folge eines oͤftern vernuͤnftigen Nachdenkens uͤber Gott wirſe du endlich in der ſo furchtbaren Stunde des Todes empfinden. Dann wird es dir Muth zu ſterben verleihen, und dir die Gewißheit desjenigen empfinden laſſen, was du hier geglaubt und gehofft haſt. Ja, o Gott, du Treuer und Wahrhafter, dann, wenn mich dereinſt alles verlaßt, dann wirſt du mich nicht verlaſſen. Ich habe hier erkannt, daß du mich zu einer ſeligen Unſterblichkeit erſchaffen haſt; dein Wort hat es mir verheißen, daß mein Koͤrper aus ſeinen zerſtoͤrten Truͤmmern mzit herrlicher hervorgehen, daß er mit meinem unſtekblichen Geiſt wird wieder vereiniget werden, und vereinigt mit ihm an ewiger Vollkom⸗ menheit wachſen ſoll. Du biſt der Treue und Wahr⸗ hafte, du kannſt nicht täuſchen. Du biſt die Liebe, und jede Veränderung meines Seyns, die du uͤber mich verhaͤngſt, muß alſo auch Beweiß deiner Liebe ſeyn. 294 ſeyn. Du biſt der Allmaͤchtige, und es ſollte dir un⸗ moöglicher ſeyn, mich aus dem Grabe zu erwecken, als es dir war, mich aus dem Staube der Erde zu bilden, aus welchem ich ward? Nein! mit ſtand⸗ haftem Muth, mit freudiger Hoffnung nähere ich mich dem Grabe, ſehe in ſeiner Finſterniß Licht, weiß, daß ich zu jenem ewigen Tage wieder erwache, wo mir eine andere Sonne, als dieſe irdiſche, leuchtet, boffe, glaube alsdann nicht mehr, ſchaue dich, ſchaue Jeſum deutlicher, vollkommner, als ich dich und ihn hier erkennen kann, und bin ewig ſelig, unausſprech⸗ lich ſelig. Ja gewiß, meine Theuerſten, wollt ihr den Tod nicht ſcheuen, ſo denkt oft an Gott, denkt vernuͤnftig uber ihn nach, lernt ihn ohne Furcht, mit Freudigkeit des Glaubens und der Hoffnung denken. Moͤchte dieß alles doch unſer Herz ruͤhren, daß wir oft und gern uͤber Gott nachdenken! daß wir es mit Vernunft unter der Leitung der Stimme der Na⸗ tur und der Offenbahrung thun! Mochten wir die Pflichten getreu erfullen, von welchen dieſes Nach⸗ denken uns belehrt! Moͤchten wir ſodann auch ſeine ſeligen Folgen empfinden! Wie froh wuͤrden wir ſo⸗ dann leben, wie getroſt wuͤrden wir ſterben koͤnnen! ₰ Annoch lte dir un⸗ erwecken, er Erde zu mit flnd⸗ re ich mich ht, weiß, ache, w leuchtet, ch, ſchaue ch und ihn uusfprech⸗ wolt ihr ott, denkt rcht, mit denken. hren, dß uß wir es ne der Na⸗ en vi di eſes Ruch⸗ auch ſein den wir ſo⸗ n konnen Inch Annoch einige Druckfehler aus der erſten Ab theilung. 3 23 3 12 l. es, ſt. das. 28 Z. 14 iſt nach kennt, d 8 31 2 18 J. dann, ſt e r48 Z. 17 iſt nach und, d 2„das Wort de 6 Z. 27 l. Gortheit, ſt. 8 4 Theils der, ſt. des. 2 171 Z. 21 179 Z. 3 l. und was 6 . ſt. und Chriſtus. 3 ſt. ertheilen. S 8 doch, das Wort nicht ausgelaſſen en nach dem Wort, Bekennung, die Wor⸗ te: und Tugend, weg. Druckfehler der zweyten Abtheilung. S. 5 3. 5 u. 6 l. unſ 8 6 1. er ( S. 20 Z. 22 l. Nur, ſt. Run S. 21 Z. 1I. euch 3 5„ ſt. auch. 8 15 l euch, 22 Z. 7 fällt nach euch, d Sn 3 3 23 nach, Beſchaffenheiten, die Worte; d ausgelaſſen. . na erſelben, ſt. noch denſel 1 Z. 19 faͤllt nach dem Worte, wie, das. weg. S. 51 S. 51 S. 56 S. 57 S. 60 Ebend. 67 69 97 160 180 212 216 224 236 bend. 239 2 6 5 6 6 6 6 6 6 6 6 amraumen, ſt. reimen. 24 faͤllt das Wort und weg. 21faͤllt das Wort und weg. 19 l. vor, ſt. fuͤr. 25 l. euch und, ſt. auch nur. 12 l. vor, ſt. für. 2 l. euch, ſt. auch. 29 l. euch, ſt. auch. Z. 4 l. Nur, ſt. nun. Z. 3 iſt nach unſer, das Wort Vater ausgelaſſen. Z. 25 l. Betruͤbet, ſt. Betrübe. Z. 11 J. dieſe, ſt. die. Z. 2 l. ſoll, ſt. ſollen⸗ Z. 23 l. mit, ſt. gegen. Z. 23 l. ſpricht, ſt. ſprecht. Z. 15 l. kommt, ſt. kömmt. 0 0 0 d0 d0 20 20 0 usgeloſſen. ———————— —— — — Olour& Grey Control Chart Nellow ed Magenta