———— r arrr rt Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. 5„ franz. od. engl.„ 2„ Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: —— auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 1— arrr S ttatoraratatattſtatatntnotottthnnctt 6 „ Belehrungen eines Vaters fuͤr ſeine Kinder, uber Religion und Moral nach dem Beduͤrfniß unſerer Zeit, von D. Johann Gottlob Benjamin Pfeil, der Churfuͤrſtl. Maynziſchen Akademie nuͤtzlicher Wiſſen⸗ ſchaften zu Erfurth, Mitglied. 1 Erſte Aötheilüng. 4 Leipzig, 1798. bey Chriſtian Gottlob Hilſcher. Da ſich, wegen unleſerlichen Manuſtrlots, verſchiedene erheb⸗ liche Druckfehler eingeſchlichen haben, welche Dunkelheit und Mißverſtand einiger Stellen veranlaſſen, ſo wird, bey vorkommendem Fall, der Leſer auf die angehaͤngten Bemer⸗ kungen derſelben Ruͤckſicht nehmen. Vorrede⸗ Din Schrift iſt aus dem Gefuͤhl der Pflicht, die mir oblag, entſtanden. Ich bin Vater einer ſehr zahlreichen, großtentheils noch uner⸗ zogenen, Familie. Ich habe fur dieſe Familie nie einen eifrigern Wunſch gehabt, als ſie ſo zu bilden, daß ſie ſtets der Wuͤrde und der Beſtimmung, die vernuͤnftige und moraliſche Menſchen erreichen ſollen, gemaͤß handeln mochte. Zu Erreichung dieſer Abſicht ſchienen mir richtige Begriffe von allem demjenigen, was die chriſtliche Religion von uns fordert,(denn die bloße Vernunftreligion halte ich, zu Befoͤr⸗ derung wahrer Moralitaͤt nicht fur hinreichend,) unumgaͤnglich nothwendig. So ſehr auch der praktiſche Theil der Religion die theoretiſche Kenntniß derſelben an Wichtigkeit uͤbertreffen moͤchte: ſo daͤuchte es mir doch, daß, ohne feſte Ueberzeugung von dem weſentlichen theoreti⸗ ſchen Theil dieſer Religion, das praktiſche Chriſtenthum ihrer Bekenner auf einem ſehr unſichern Grund ruhen muͤſſe. Die Ueberſicht der religidſen Meynungen unſers Zeitalters, welche ſich gleich ungeſtuͤmen Wellen auf dem ſtuͤrmiſchen Ocean an einan⸗ der brechen, der immer mehr anwachſende a Streit, II Streit zwiſchen ſo genannter Vernunft und Offenbarung und uͤber dasjenige, was weſent⸗ lich zum wahren Chriſtenthum gehoͤre, und was davon zu trennen ſey, die wiederhohlten Ver⸗ ſuche, welche man wagt, die Offenbarung in die Form der bloßen Vernunft umzuſchmelzen, mußten mich nothwendig beſorgt machen, wo⸗ hin dieſe Stuͤrme auch diejenigen treiben wuͤr⸗ den, die ich ſo gern fuͤr eine beſſere Welt, als die jetzige, in welcher ſie leben, gluͤcklich zu wiſſen wuͤnſchte. Da ich oft und gern, uͤber alle die Gegenſtaͤnde der Religion uͤber welche in unſern Zeiten, ſo viel geſchrieben und geſtritten wird, nachgedacht habe: ſo hielt ich es fuͤr Pflicht, die Reſultate meines Nachdenkens uͤber dieſe Gegenſtaͤnde zu ſammeln, und ſie denen, die ich liebte, vorzulegen. Dadurch glaubte ich ihnen einen Leitfaden ihrer reifern Jahre anzugeben, nach welchem ſie unter der Leitung ihres eigenen Urtheils, ihre eigenen religioͤſen Meynungen und Geſinnungen dereinſt prufen und berichtigen koͤnnen. Mir daͤuchte, als ich dieſen Aufſatz nieder⸗ ſchrieb, daß er vielleicht auch jedem andern den⸗ kenden Chriſten, beſonders der denkenden chriſt⸗ lichen Jugend, nuͤtzlich ſeyn moͤchte, und daß jeder Chriſt, welcher wuͤnſchte aus feſter Ueber⸗ zeugung, ein aufrichtiger, treuer Bekenner der Lehre Chriſti zu ſeyn, durch manchen Gedanken dieſer Schrift, zu Pruͤfung der Lieblingsmeinun⸗ gen III gen unſers Zeitalters uͤber Religion, und zu gruͤndlicherm Nachdenken uͤber ſelbige veranlaßt werden konnte. Ich entſchloß mich alſo zu ihrer Bekanntmachung, ſo ſehr ich auch fuͤhlte, daß ich mich als ein Laye und als ein Uneingeweihter in der tiefen Weisheit unſers Zeitalters, manchem Tadel ausſetzen wuͤrde. Ich bin indeſſen ſchul⸗ dig, den Standpunkt genauer anzugeben, aus welchem ich, dieſe Schrift zu beurtheilen wuͤnſche. Sie ſoll keinen Unterricht uͤber die Lehren der chriſtlichen Religion vorſtellen. Sie ſoll eben ſo wenig eine tiefe Unterſuchung uber die in un⸗ ſern Tagen ſo oft beſtrittenen und vertheidigten Meinungen und Behauptungen, ſo ſich auf Ge⸗ genſtaͤnde der Religion beziehen, enthalten. Sie ſoll keine neuen Entdeckungen in dem Reiche der Wayrheit darſtellen. Sie beſchaͤfftiget ſich aber eben ſo wenig mit der Vertheidigung des einen oder des andern kirchlichen Syſtems. Mit ei⸗ nem Wort, ſie ſchließt ſich weder an Orthodopie, noch Neologie an, freylich ein ſehr unvortheil⸗ haftes Gewand, in welchem ſie erſcheint. Sie ſoll erſtlich ein kurzer Umriß derjenigen Lehren und Wahrheiten ſeyn, von welchen ich wenigſtens nach meiner innern Ueberzeugung glaube, daß ſie jeder Chriſt, der dieſen Namen mit Recht fuhren will, wiſſen, als wahr anneh⸗ men, und nach ihnen handeln muß. Sie ſoll zweytens die Reſultate meines Nachdenkens uber die religidſen Streitigkeiten unſers Zeital⸗ 0 2 ters III ters enthalten, und dadurch die Leſer zum eige⸗ nen Nachdenken uͤber ſelbige veranlaſſen. Die Gruͤnde dieſer Reſultate konnte ich freylich nur kurz angeben, da die Materien, worauf ſie ſich beziehen, ſo reichhaltig und zahlreich ſind. In⸗ deſſen glaub ich, nicht leicht eine uͤbergangen zu haben. Die Klaſſe von Leſern, der ſie beſtimmt iſt, ſind ſelbſtdenkende Chriſten, beſonders junge Chriſten, welche uͤber die Religion zu denken und ſie zu ſchaͤtzen gelernt haben. Da ihnen die religidſen Streitigkeiten unſerer Zeit, bey der tagtaͤglichen Erwaͤhnung in Schriften, noth⸗ wendig bekannt werden muͤſſen: ſo iſt es Pflicht fur jeden denkenden Chriſten, uͤber ihren Werth oder Unwerth nachzudenken, und ſich ſo viel moͤglich, von dem einen oder dem andern zu uͤberzeugen. Allein fuͤr Gelehrte von Profeſ⸗ ſion, und fuͤr den ſpeculirenden Philoſophen iſt dieſe Schrift nicht geſchrieben. Dieſe wer⸗ den hier wenig Nahrung ihres Geiſtes finden. Ich kann alſo freylich nur auf den Beyfall der⸗ jenigen Leſer rechnen, welche ihr Chriſtenthum lieber auf Offenbarung und geſunden Menſchen⸗ verſtand, als auf gelehrte, tiefſinnig ausge⸗ ſponnene Syſteme gruͤnden. Oft werd ich mich dem Tadel der den Ton angebenden Stimme unſers Zeitalters ausſetzen, da ich von den Lieb⸗ lingsmeinungen dieſes Zeitalters ſo oft abweiche. Auch den Vorwurf, daß ich mit beyden der anjetzt im Streit liegenden Parteyen heuchle, werde —„———— c—.—————„„„„— —-—, c—.— ———„—— V werde ich fuͤrchten muͤſſen, da ich weder alles glaube, was die eine zu glauben befiehlt, noch alles laͤugne, was die andere verwirft. Es ſteht indeſſen nicht in meiner Macht, etwas fuͤr wahr anzunehmen, was ich nicht als wahr erkenne. Ich halte es nun einmal fuͤr unmoͤglich, die Offenbarung ſo zu moderniſiren, daß ihr Vor⸗ trag zugleich in die chriſtlichen Kirchen und in den neu aufgefuͤhrten Tempel der Vernunft paßt, ſo viel Muͤhe man ſich auch giebt. Entweder muß man, nach meiner Einſicht, die ſo genannte Offenbarung, als Fabel ganz verwerfen, und ſich bloß an dasjenige halten, was man in un⸗ ſern Zeiten Vernunft nennt, oder man muß glauben, daß dieſe Offenbarung Lehren enthaͤlt, von welchen unſere ſich ſelbſt uͤberlaſſene Ver⸗ nunft nichts weiß. Man allegoriſire, man ak⸗ kommodire, man exegeſire, es iſt vergeblich beyde unter einerley Geſichtspunkt zu bringen. Wenn meine Vernunft allein gilt, ſo bleibt das Ueberſinnliche in der Offenbarung unwahr, ich mag es drehen und wenden, wie ich will. Allein eben ſo wenig halte ich es fur ſuͤndlich und ſtrafbar, wenn ein oder der andere alte Gothi⸗ ſche Schmuck des ehrwuͤrdigen Tempels der Religion, die wir bekennen, abgebrochen, als unverſtaͤndig verworfen, und dieſer Tempel in dem richtigern Geſchmack des Wahren und des Edlen verziert wird. Nur der Grund muß un⸗ er⸗ VI erſchuͤttert bleiben, und was ich fuͤr Grund halte, habe ich in dieſer Schrift treulich angegeben. Sollte ich ſo glucklich ſeyn, daß ein Freund der chriſtlichen Religion und beſonders der junge Chriſt, dem dieß Buch in die Haͤnde kommt, da⸗ durch die Vortrefflichkeit und die Wuͤrde dieſer Religion, ihre einfache Erhabenheit, ihre ſo ge⸗ naue Uebereinſtimmung mit der wahren richtig urtheilenden Vernunft empfindet, und ſie zu lieben und auszuuͤben angetrieben wird: ſo freue ich mich von ganzem Herzen des Guten, das ich durch dieſe Schrift zu ſtiften wenigſtens die Ab⸗ ſicht gehabt habe, und weiß, daß auch dieſe Ab⸗ ſicht den Beyfall Gottes auch dann nicht ver⸗ fehlen wird, wenn ſie auch bloße Abſicht bleibt. Da dieſer Theil, das wenige, ſo am Schluß geſagt worden iſt, ausgenommen, ſich bloß mit den theoretiſchen Lehren der Religion beſchaͤff⸗ tiget: ſo werde ich mich bemuͤhen, in dem zwey⸗ ten Theil, noch die vornehmſten Wahrheiten dieſer Religion, welche den vorzuͤglichſten Einfluß auf das praktiſche Chriſtenthum haben, den Herzen meiner jungen Freunde, mit Ruͤckſicht auf die Meinungen unſers Zeitalters, eindring⸗ lich zu machen. O meine theuern Geliebten! moͤchte mir doch dereinſt in dem Hauſe unſers ge⸗ meinſchaftlichen Vaters, die Freude zu Theil werden, auch euch dort durch dieſe Religion, die ich euch hier empfehle, ſo gluͤcklich zu ſehen, als ich es ſelbſt ſeyn werde. ———— In⸗ ———————— — Inhalt. F. I. Veranlaſſung dieſer Schrift Seite 1 F. 2. Abriß der Denkungsart in dem jetzigen Zeitalter, uͤber chriſt⸗ liche Religionsbegriffe. Porſichtiges Verhalten dabey. S. 6 F. 31 Was ſind richtige Religionsbegriffe des Chriſten, und wie ſind ſie zu erlangen? S. 13 F. 4. Worin beſteht das Verhaͤltniß der Vernunft zur Offenba⸗ rung? Nach welchen Gruͤnden muß die Vernunft bey Lehren der Offenbarung urtheilen? S. 20 F. 5. Vernunftreligion, was lehrt ſie ohne Offenbarung? was lehrt ſie nicht? Iſt ſie zu unſerm Unterricht und zu Er⸗ reichung unſerer Beſtimmung hinreichend, oder nicht? S. 26 F. 6. Hat jeder Menſch, von welchem Stand und Geſchlecht er ſey, ein Recht uͤber Religion nachzudenken, und iſt er hierzu faͤhig? S. 39 §. 7. Was hat das weibliche Geſchlecht und der Ungelehrte fuͤr Porſichtigkeitsregeln zu beobachten, wenn ſie uͤber Ge⸗ genſtaͤnde ſo wohl der Vernunftreligion als der Offen⸗ barung nachdenken, und ſie beurtheilen wollen? S. 46 F. S. Iſt eine unmittelbare gottliche Offenbarung nothwendig? Iſt ſie moͤglich? Welches iſt das Charakteriſtiſche, wor⸗ an ſie zu erkennen iſt? In welchem Buch iſt ſie enthal⸗ ten, oder wie iſt ſie ſonſt vorhanden? S. 58 §. 9. — 3 f — — V F. O. Was iſt die Bibel fuͤr ein Buch? Richtige Vorſtellung von ihrer Entſtehung. S. 64 F. 10. Von der ſo genannten Inſpiration der Bibel. Welche Vor⸗ ſtellung man ſich davon zu machen hat? S. 71 F. 1I. Studium der Bibel; des alten Teſtaments; des neuen Teſtaments. Iſt es beſſer die Bibel ganz, oder nur im Auszug zu leſen 2 S. 76 F. 12. Kurzer Verſuch einer Anleitung, wie man die heilige Schrift leſen ſoll. Allgemeine Regeln. Regeln in Bezug auf das alte Teſtament. Begriff von Weiſſagungen. Was ſind Grundartikel der chriſtlichen Religion? Allgemeine Regeln in Vezug auf die Leſung des neuen Teſtaments. Giebt es Symbole der Chriſten? S. 84 F. 13. Worin beſtehen die eigentlichen Lehren der heiligen Schrift, durch welche die chriſtliche Religion ſich von allen andern Religionen unterſcheidet? S. 134 F. 14.. Was lehrt die Bibel von Gott, ſeinem Weſen und ſeinen Eigenſchaften? S. 138 F. 15. Lehre der Bibel von Jeſu Chriſtv. S. 147 F. 16. Lehre der Bibel von dem Verdienſt Jeſu Chriſti. Oder: Was hat Jeſus nach der Bihel fur die Menſchen r F. 17. Was lehrt die heilige Schriſt, und beſonders das neue Teſta⸗ ment, weiter noch von Jeſu Chriſito, ſeiner Menſchheit, ſeinen Wundern, ſeiner Auferſtehung und Himmelfahrt, feinem jetzigen Aufenthalte, ſeiner Wiederkunft —— Le IK Gerichte? Urtheil uͤber die Wiederbringung aller Din⸗ ge, und die Offenbarung Johannis. S. 170 §. 18. Wiederhohlung des Bekenntniſſes des Glaubens von Jeſu, nach Inhalt der Bibel. S. 186 19 Lehre der Bibel von dem heiligen Geiſt und ſeinen Wir⸗ kungen. S. 188 F. 20. Lehre der Bibel von vernuͤnftigen Geſchbpfen außer dem Menſchen. Von den Engeln. Vom Teufel. Einſluß dieſer Geiſter auf unſere Welt. Sn 193 F. 21. Lehre der Bibel vom Menſchen, von ſeiner Entſtehung, von ſeiner Beſtimmung, von ſeiner moraliſchen Beſchaf⸗ fenheit. Vom Fall Adams. Pon der Erbſuͤnde. S. 20 F. 32. Wiederherſtellung des Menſchen zur Freyheit gut zu han⸗ deln und zu ſeyn. Wie geſchieht dieſe Wiederherſtellung? oder von der ſo genannten Heilsordnung. Mittel, wel⸗ ches Gott dem Menſchen dazu anbietet. Glaube an Jeſum: Was eriſt? Was iſt Veruffung? Erleuchtung? Was muß der Menſch dabey thun? Was iſt die Heili⸗ gung, Reue, Buße, Beſſerung? Was wirkt hierbey der Geiſt Gottes? Was thut der Menſch hierbey aus eigenen Kraͤften? Giebt es Kennzeichen der Graͤnzlinie, welche beyderley Wirkungen von einander unterſcheidet? S. 211 F. 23 Verſchiedene unrichtige Vorſtellungen, welche ſich die Men⸗ ſchen von der Art und Weiſe machen, zur chriſtlichen Heiligung zu gelangen. Falſche Begriſſe vom Glau⸗ ben. Glaubenseinigkeit, in wie fern ſie moͤglich iſt. Trennung des Glaubens und der Werke. Falſche Be⸗ griffe von der Buße, Kurzer Abriß der Lehre von der Recht⸗ X Rechtfertigung. Charakteriſtik der wahren Bekehrung nach den individuellen Lagen der Perſonen. Traͤume der Myſtik. S. 221 F. 24. Von der Taufe. Worin beſteht die Abſicht derſelben? Worin beſteht ihre Wirkung? Was iſt alſo weſentlich bey dieſem Gebrauch? Wos iſt zufaͤllig? Vom Abend⸗ mahl. Worin beſteht das Weſentliche deſſelben, das allen chriſtlichen Religionsparteyen gemein ſeyn muß, und auch wirklich gemein iſt? Werth der Verſchiedenheit der Lehre der Chriſten uͤber dieſen Gebrauch. Wie hat ſich der wahre Chriſt in Anſehung der Verſchiedenheit dieſer Lehre zu verhalten? In wie weit iſt Einigkeit in dieſer Lehre zu wuͤnſchen, oder zu erwarten? S. 233 F. 25. Noch einige beſondere Lehren, welche der geoffenbarten Re⸗ ligion eigen ſind. Unſterblichkeit der Seele. Schon die altteſtamentliche Religion iſt auf dieſe Lehre gegruͤn⸗ det. Die Religion Jeſu Chriſti wiederhohlt und beſtaͤ⸗ tigt ſie nur. Zuſtand des Menſchen nach dem Tode. Begriffe vom Himmel. Begriffe von der Holle. Auf⸗ erſtehung des Koͤrpers und Wiedervereinigung des Gei⸗ ſtes mit demſelben. Ende der Welt. Juͤngſtes Gericht. Zuſtand der Guten nach der Auferſtehung. Zuſtand der Boſen nach ſelbiger. S. 242 F. 26. Das Weſentliche des Chriſtenthums iſt nicht Glauben allein, ſondern Thun verbunden mit Glauben, Grund aller chriſtlichen Glaubenspflichten. Mittel ſie auszu⸗ üben. Glckliche Folgen dieſer Ausübung. Gebet. S. 272 ——— Ver⸗ euch Sch os di auf zube Und chn mei in, Rl von hen ch! genn Lich richt dech * „. Veranlaſſung dieſer Schrift. Jo naͤhere mich dem Grabe und der Trennung von euch, meine Geliebten, und iſt Vernichtung nicht das Schickſal, das mir nach dem Tode beyorſteht, ſo war es die vorzuͤglichſte, erſte Pflicht, des Lebens, das ich auf Erden fuͤhrte, mich zu demjenigen Zuſtand vor⸗ zubereiten, der mich jenſeit des Grabes erwartet. Und wie konnt ich mich zu dieſem Zuſtand zubereiten, ohne richtige Kenntniß von Gott, von mir ſelbſt, und meiner Beſtimmung, von dem Umfang meiner Pflich⸗ ten, mit einem Wort, ohne richtige Begriffe von der Religion zu haben, deten Bekenner ich bin* Ich habe von meiner erſten Jugend an, alle dieſe wichtigen Ge⸗ genſtäͤnde nie ganz dus den Augen verlohren. Aber ach! oft war ihr Bild meiner Seele nur ſchwach ge⸗ genwaͤrtig! HOſt unterdruͤckten es Leidenſchaft und Leichtſinn. Oft ſuchte ich Waheheit auf einem un⸗ richtigen Pfade, der mich zu Abgründen des Ver⸗ derbens gefuhrt haͤtte, wenn ich nicht von der unſicht⸗ baren Hand der Vorſehung, die übes alle ihre Geſchoͤpfe waltet, waͤre geleitet worden. Von dem raſchen Schritt des Junglings an, bis zum wankenden Schritt en A des des Greiſes, habe ich dieſe Wahrheit geſucht, oſt geglaubt, ſie gefunden zu haben, mich oft getaͤuſcht, habe oft einen Irrthum gegen den andern vertauſcht. Nur erſt am Rande des Grabes, daͤucht mich, daß ich von dieſer Wahrheit mehr erkenne. Aber nur wenig iſts, was ich von ihr erkenne. Doch auch ſchon dieß Wenige, gewaͤhrt mir Ruhe dieſes Lebens, und frohe Ausſicht in das kaͤnftige Leben. Auch ihr, meine Theuern, wandelt dem Grabe 5 fruͤher oder ſpaͤter als ich, muͤßt ihr, wie ich, in daſſelbe hinabſteigen, und ihr dauert fort, nach dem Tode, ihr moͤgt gut oder boſe gehandelt, ihr mogt Wahrheit oder Irrthum, zum Fuͤhrer eures, irdiſchen Lebens gewahlt haben. Wollt ihr dieſen großen wichtigen Augenblick eurer Veraͤnderung mit ruhigen Herzen erwarten, ſo müßt ihr euch, vor allen Dingen, richti⸗ ge Begriffs von eurer Beſtimmung dieß⸗ und jenſeit des Grabes verſchafft haben. Dieſe Begriffe muſſen ſich auf eine feſte Ueberzeugung, was ihr hier zu glau⸗ ben, und unter der Leitung dieſes Glaubens hier zu thun, dort aber zu hoffen habt, gruͤnden. Die Ueberzeugung eures Glaubens muß indeſſen bloß von euch ſelbſt abhaͤngen. Sie muß auf richtige unparteyiſche Unterſuchung der Gruͤnde, die euch zu glauben beſtimmen, ſich ſtützen. Ich kann euch alſo nicht vorſchreiben, daß ihr dieß oder jenes ſchlech⸗ terdings deswegen glauben ſollt, weil ich es glaube, und hier behaupte. Aber Rechenſchaft von melnem eigenen Glauben bin ich euch zu geben ſchuldig, und verlangen kann ich von daß ihr dasjenige ge⸗ . nau nuu eign eute muß Chr chr dae ben nich b. wir imn ſch ſro Za un Si Wae al die alle * eig D de ſo 3 nau pruft und unterſucht, was ich euch als meine eigne Glaubenspflicht angebe. Allein, das Reſultat eures Glaubens, und das Reſultat des meinigen muß uns zu einerley Ziel fuͤhren, wenn wir aͤchte Chriſtusreligion bekennen. Ausuͤbung wahrer chriſtlicher Tugend und Rechtſchaffenheit muß das Ziel ſeyn, zu welchem das Reſultat unſers Glau⸗ bens uns leitet. Derjenige von uns, der dieſes Ziel nicht erreicht, deſſen Glaube iſt eitel. Auf dieſen Glauben gruͤndet ſich ſodann unſere Hoffnung des kuͤnftigen Lebens. Iſt unſer Glaube wirklich das Mittel, durch welches wir uns zu einem immer hoͤher ſteigenden Grad der Tugend und Recht⸗ ſchaffenheit bilden, ſo duͤrfen wir uns auch mit der frohen Hoffnung ſchmeicheln, daß wir, nach dem Zeugniß des Apoſtels, durch ihn zu Gott kommen, und der ſeligen Vereinigung mit ihm theilhaftig werden, Die Abſicht dieſer Schrift iſt alſo zweyfach. Sie ſoll euch, erſtlich, bey den immer ſtaͤrker an⸗ wachſenden Gaͤhrungen unſerer religioͤſen Meynungen auf dasjenige aufmerkſam machen, worauf es bey dieſen Gaͤhrungen hauptſaͤchtlich ankommt, was bey aller Verſchiedenheit der Meynungen dennoch die azptſache ſey, worauf euer chriſtlicher Glaube ſich gruͤnden muß. Eigentlich werden es freylich nur meine eigenen Meynungen ſeyn, die ich euch hierbey angebe, Dieß thut aber zur Hauptſache nichts, da das Geſetz der eigenen Pruͤfung, das einzige iſt, was ich von euch fordere, und da ſch euch jederzeit an den Grundſaß A 2 des X 4 des Apoſtels erinnere; Ein jeder wird ſeines Glau⸗ ben leben. Selbſt dann, wenn ich mich zu irren ſcheine, oder wenn euer Glaube mit dem meinigen nicht uͤber⸗ einſtimmt, muͤſſen wir wenigſtens darin einig ſeyn, daß es ohne Glauben, der durch Werke thätig iſt, un⸗ möglich ſey, Gott zu gefallen, das heißt, daß der einzige ſicherſte Weg, das Wohlgefallen Gottes zu er⸗ halten, dieſer ſey, demjenigen zu glauben und gemaß zu leben, und zu handeln, was uns Chriſtus unſer Herr gelehret und geboten hat. Die zweyte Abſicht dieſer Schrift iſt, euch vor⸗ zuglich auf gewiſſe Pflichten aufmerkſam zu machen, deren Ausuͤbung der Grund eures ganzen praktiſchen Chriſtenthums ſeyn muß, und deren Beobachtung die Lehre Jeſu Chriſti hauptſaͤchlich von euch fordert. Mit der Erreichung dieſer Abſicht wird ſich der zweyte Theil dieſer Schrift beſchaͤftigen. Die Erfullung dieſer Pflchten allein, berechtiget euch zu den Hoffnungen des kunftigen Lebens. Ohne die Erfullung dieſer Pflichten iſt Uebereinſtimmung und Zuſammenhang in dem ächt chriſtlichen Charakter nicht wohl moöglich, und ohne dieſe Uebereinſtimmung, ohne dieſen Zuſam⸗ menhang, koͤnnt ihr nie behaupten, die wahre Wuͤrde des Chriſten zu beſizen. Mit einem Worte: ch warne euch in dieſer Schriſt vor dem Jerthum. Er iſt die Quelle vieles Uebels. Ich ermuntere euch, die Stimme der Wahrheit zu hoͤren, ſie allein macht euch gluckſelig, dieß⸗ und jenſeit des Grabes. Ich lege euch dasjenige vor, was ich als Wahrheit erkaunt „ habe, habe und von hbe wos ge was ger nhr Gru als jider Reli Der wiſe und Fu unt hei ſes den nich iere ha, De alte ſchl di che hat 5 habe, was ich hier glaube, und was ich dort hoffe, und warum ich es glaube und hoffe. Ich belehre euch von dem Weg, den ich als den ſicherſten erkannt habe, um zu feſten, ſichern Entſchluͤſſen in allem, was die Religion angeht, zu gelangen. Allein ich drin⸗ ge euch nicht alles, als unumſtoͤßliche Wahrheit auf, was ich als Wahrheit erkannt habe. Euer vernuͤnfti⸗ ger Geiſt iſt frey. Er kann pruͤfen, verwerfen, an⸗ nehmen. Nur thut jedes mit Vorſicht, und aus Gruͤnden. Dieß iſt zu keiner Zeit noͤthiger geweſen, als in dem Zeitalter, in welchem ihr lebt. Faſt ein jeder eurer Zeitgenoſſen, glaubt uͤber Religion und Religionsbegriffe urtheilen, und abſprechen zu koͤnnen. Der Thor, wie der Weiſe, der Gelehrte, wie der Un⸗ wiſſende, ſelbſt das Weib, wie der Mann. Unglaube und Aberglaube, Myſtik und ſpekulatinz Philoſophie, Formularwerk und Traͤume der Phantaſie, Orthodoxie und Heterodorie, Toleranz und Intoleranz, Wahr⸗ heit und Jrrthum ſind in den Religionsbegriffen un⸗ ſers Zeitalters ſo unter einander gemiſcht, daß es fuͤr den eifrigſten Liebhaber der Wahrheit ſchwer wird, ſich nicht auf dem einen oder dem andern Jrrweg zu ver⸗ lieren. Laßit mich, ſo viel mich die Erfahrung gelehrt hat, zu eurer Warnung, die ſonderbare Miſchung der Denkungsart unſers ſo genannten aufgeklärten Zeit⸗ alters, uͤber das, was Religion heißt, etwas genauer ſchildern. Der Wanderer geräth weniger in Gefahr zu irren, wenn ihm von einem ſachkundigen Freund die Nebenwege genau bemerkt worden ſind, auf wel⸗ chen er ſich von dem richtigen Weg, den er zu gehen hat, verirren kahn.. — S 2. Denkungsart bes jetzigen Zeitalters uͤber Re⸗ ligion uͤberhaupt, und chriſtliche Religion insbeſondere. Weiſes Verhalten dabey. Ruͤckſicht auf zwey Hauptpunkte bey der ge⸗ ſuchten Ueberzeugung von der Wahrheit der chriſtlichen Religion. Seit der Entſtehung des Lehrbegriffs der chriſt⸗ lichen Religion, und alſo ſeit einem Zeitraum vom 1800 Jahren, hat es noch nie ſo viel Gaͤhrung in allem, was auf die Religion Bezug hat, gegeben, als in dem jetzigen Zeitalter. Der weiſe und vernuͤnftige Mann bat daher deſtomehr Vorſicht noͤthig, daß er ſich we⸗ der zu dem einem noch zu dem andern Irrthum hin⸗ reißen laßt, und eignes Nachdenken, eigene Pruͤ⸗ fung uͤber däsjenige, was Religion heißt, und was dafuͤr ausgegeben wird, iſt ihm niemals i geweſen, als gegenwaͤrtig. Auf der einen Seite kaͤmpft die bloße Vernunft⸗ religion mit der poſitiven Religion, verwirft alle Offen⸗ barung, oder beſtreitet wenigſtens die Moͤglichkeit einer poſitiven chriſtlichen Religion, und was mit ihr in Verbindung ſteht; der Unglaube ſtiftet Feſte der Ver⸗ nunft, und bemuͤht ſich Religion und buͤrgerliche Ver⸗ haͤltniſſe ganz von einander zu trennen, vermengt einige Gran Wahrheit mit einer unuͤberſehbaren Maſſe von Irrthuͤmern, um das Joch ganz abzuwerfen, unter welchem Religionsvorurtheile, wie er glaubt, die Freyheit des menſchlichen Geiſtes, in kirchlichen und politiſchen Feſſeln bisher gehalten haben· Dieſen Dunſt — — Dun lißt nicht ubli Rel ein wi nr 3 welc bish war She andi aſſ das he 6 lige kal du der kan ſed d di kre * Dunſt der falſchen Aufklaͤrung unſers Zeitalters, läßt ſich nun zwar der weiſe, tiefer ſehende Mann nicht leicht betaͤuben. Allein von der andern Seite, erblickt er auch unter den Vertheidigern der chriſtlichen Religion ſelbſt, den heſtigſten bitterſten Kampf. Der eine Theil will das Gebaͤude der chriſtlichen Religion, wie es bisher ſtand, ganz niederreißen, und nach ſei⸗ ner ganz neuen Idee wieder aufbauen. Der andere Theil, will ſich auch nicht den geringſten Zierath, mit welchem ſein alter ehrwuͤrdiger gothiſcher Tempel, bisher, bisweilen etwas unſchicklich geſchmuͤckt war, entreiſſen laſſen, oder ohne Metapber, der eine Theil will in der Religion alles neu umſchaffen, der andere will nichts von alten Behauptungen ſahren laſſen. Beyde Theile ſind bald einverſtanden, uͤber das, was Hauptſache im Chriſtenthum iſt, bald wei⸗ chen ſie in Beſtimmung des Weſentlichen des Chriſten⸗ thums ganz von einander ab, und aus allen dieſen Gaͤhrungen entſteht bald vernuͤnftiger bald unvernuͤnf⸗ tiger Scepticismus, bald ſteifer Dogmatismus, bald kaltes gekunſteltes Syſtem, ſo keinen Widerſpruch duldet, Verkeßerung von der einen, Verachtung von der andern Seite, und Intoleranz von beyden Seiten. Dem kaltbltigen Beobachter dieſes Streits kann nicht verborgen bleiben, daß die meiſten Trieb⸗ federn deſſelben in den menſchlichen Leibenſchaften liegen, daß man oft mehr ſtreitet, dieſe zu befriedigen, als die Wahrheit zu finden. Freylich entgehen ihm die traurigen Folgen nicht, die daraus entſtehen. Wenn Ruhmſucht, Eitelkeir, Spisfindigkeit, Halbgelehr⸗ ſam⸗ — .—.——— ———— 3 —— — 8 ſamkeit und gelehrter Eigenduͤnkel, Scepticlsmus, Irreligion auf der einen Seite; Starrſinn, Trägheit, Abſcheu vor Selbſtdenken, Unwiſſenheit, Aberglaube, Vorurtheil und nicht ſelten auch hierarchiſche und weltli⸗ chePolitik an der Form der Religion auf der andern Seite kuͤnſteln, um ſie nach eigenen Abſichten zu bilden, ſo muß ſie nothwendig ſehr verunſtaltet werden. Laßt es auch ſeyn, daß nicht alle Streiter von dieſen veraͤchtlichen Fuͤhrern geleitet werden. Es mag allerdings wahr ſeyn, daß Freymuͤthigkeit, Aufricheigkeit, Trieb zum Selbſtdenken, gereinigte und gelaͤuterte Vernunft, warmer Eifer fuͤr Wahrheit, Muth ſie zu bekennen, die edelſte Rechtſchaffenheit, eben ſo oft bey der einen Partey die Bewegungsgruͤnde zu ſo genannten Neologien ſind, als von der andern Ehrfurcht und Liebe gegen Gott, richtige oder mangelhalfte Ueberzeugung, weiſe Vor⸗ ſicht, gruͤndliche Ueberſicht des Ganzen, die andere Partey zur Vertheidigung der angegriffenen Meynung antreiben: ſo bleiben die Folgen dieſes Streits fuͤr ächte Religionskenntniß immer gleich nachtheilig. Keine Partey wird jemals die andere ganz beſiegen, obgleich bald die eine bald die andere die unterdrückte ſeyn wird. Man wird alſo nie aufhoͤren ſich zu verfolgen, ſo bald man Macht genug hat, nie aufhoͤren, ſich ent⸗ weder zu verdammen, oder zu verſpotten und zu ver⸗ achten. Toleranz, von welcher man ſo viel ſpricht, ohne ſie zu kennen, wird Same neuer Intoleranz werden. Der Neologe, wenner der Staͤrkere iſt, wird ſo gut verfolgen, als der Altgläubige. Ketzerriecherey und Ketzerhaß, Sucht, Wahrheit und Irrthum laͤcher⸗ lich ch wosi ſtke keit Nac einc wer 3) ſin chr dhe Cig gel nih der ket ſie in ſie ner gell u alle reir wer vir w iſ oht 9 lich zu machen, Hang, aus der Offenbarung alles, was der Vernunft anſtoͤßig ſcheint, weg zu vernuͤnfteln, ſtaͤrkere Anhaͤnglichkeit am Formularglauben, Anhaͤng⸗ keit an philoſophiſche Syſteme, Zweiſelſucht, und Nachbetung, werden in unaufhoͤrlichem Kampf mit einander bleiben, und Irreligion und Aberglaube werden aus dieſem Kampf neue Kraͤfte ſammeln. Der Theil, der ſich aufgeklaͤrt zu ſeyn duͤnkt, wird uͤber ſeiner Aufklaͤrung vergeſſen, wie ſchwach und einge⸗ ſchraͤnkt ſeine Vernunft iſt, und den nachbetenden Theil des ſo genannten gemeinen Mannes, werden Eigennutz und Politik nie zu einer wahren Aufklaͤrung gelangen laſſen. Dieß iſt freylich ein ſehr ſchattenreiches Ge⸗ maͤhlde der Religionsperhaͤltniſſe unſers Zeitalters und der kuͤnftigen Zeiten, aber es iſt leider! wahr. Fuͤrch⸗ tet indeſſen nicht, daß wahre Chriſtusreligion, ſo viel ſie auch bisweilen in einzelnen Theilen leiden moͤchte, im Ganzen dadurch verlieren wird. Vielmehr wird ſie dadurch gewinnen, und den Erfahrungsſaß von neuem beſtaͤtigen, daß die Weisheit Gottes nie erman⸗ gelt, aus der Maſſe des Boͤſen, Kraft und Nahrung zu hoͤherm Wachsthum des Guten zu bereiten. Durch alle dieſe Gaͤhrungen, wird aͤchte Chriſtusreligion ge⸗ reinigek, und zu groͤßerer Vollkommenheit entwickelt werden. Nie kann man zuperlaͤſſig entſcheiden, was wirklich Wahrheit iſt, als wenn dieſe Wahrheit zu⸗ vor von allen Seiten angegriffen und beſtritten worden iſt. Aus den langwierigſten und blutigſten Kriegen entſprießt der dauerhafteſte Friede. Auch chriſtliche Ein⸗ 3 2 — 5 — . 10 Eintracht uͤber dasjenige, was aͤchte Chriſtusreligion iſt, kann nur alsdann entſtehen, wenn alle Kräfte er⸗ ſchopft, alle Mittel verſucht ſind, dieſe aͤchte Chriſtus⸗ religion zu verfälſchen, zu verdrehen, nach irdiſchen Pla⸗ nen und Abſichten zu ſormen. Freylich wird dieſe herr⸗ liche Frucht vielleicht erſt in entfernten Johrhunderten reifen. Furchtbare Stuͤrme werden zuvor ihr Wachs⸗ rhum noch oft hindern, ſie oſt ganz zu vernichten drohen. Das Zeitalter, welches ihr durchleben werdet, ſcheint mehr dieſe Stürme, als das Wachsthum der Fruͤchte zu begünſtigen. Wandelt ihr indeſſen euern Weg geruhig ſort, und ertragt, wie jeder kluger Wan⸗ derer, den Sturm mit eben der Ruhe des Geiſtes, mit welcher ihr die heitern Tage zu genießen gewohnt ſeyd. Ueberzeugt euch vor allen Dingen von der gro⸗ ßen unläugbaren Wahrheit, daß die Religion, welche Jeſus Chriſtus und ſeine Apoſtel gelehrt haben, der einzige Weg zur ſichern Glckſeligkeit dieß⸗ und jenſeit des Grabes ſey. Wollt ihr dieß glauben, ſo muͤßt ihr freylich erſt uͤberzeugt ſeyn, daß dieſe Religion wahr ſey. Es wurde uͤberfläſſig ſeyn, euch die Gruͤn⸗ de, welche die Wahrheit dieſer Religion beweiſen, weit⸗ täufig anzufuͤhren. Sie ſind euch, in ſo fern ſie die hiſtoriſche Gewißheit betreffen, von Jugend an, ſo viel euer zartes Alter davon faſſen konnte, mitge⸗ theilt worden, und wir haben ſo viel vortreffliche Schriſten üͤber den Beweis dieſer Wahrheit, von welcher ich euch nur an die Schriften eines Noͤſſelt, eines Leß, eines Doͤderlein erinnern will, und noch voetrefflichere wird euch euer Zeitalter ſchenken, daß von dem dem. ſus ter n und Die Rel und um bitte welch chen můß Dh iſ, nach ſede m ten lich woll wu den kin wů lich ch ſch wi P 11 dem Kaiſer Julian an, bis auf den Verfaſſer: Chri⸗ ſtus und die Vernunft, und jeden kuͤnſtigen Strei⸗ ter wider Chriſtum, nichts dagegen geſagt worden iſt, und geſagt werden wird, was nicht widerlegbar wäte. Dieſe Schriften zur Vertheidigung der chriſtlichen Religion mußt ihr in ſpaͤtern Jahren mit Aufmerkſamkeit und Pruͤfung durchleſen, daruͤber nachdenken, und Gott um ſeinen Beyſtand zur Erkenntniß der Wahrheit bitten. Nur an zweyerley will ich euch noch erinnern, welches ihr, wenn ihr uͤber die Wahrheit der chriſtli⸗ chen Religion nachdenkt, nie aus den Augen verlieren müßt: Erſtlich vergeßt nie, daß ein Factum, eine Thatſache der ganze Grund der chriſtlichen Religion iſt, daß alſo ihre Wahrheit oder Unwahrheit ganz nach den Geſetzen und Vorſchriften der Vernunft, wie jede andere Geſchichte, gepruͤft und beurtheilt werden muß. Es iſt ubereilt, wenn man auch in neuern Zei⸗ ten den hiſtoriſchen Beweis fuͤr die Wahrheit der chriſt⸗ lichen Religion als unſicher und entbehrlich hat anſehen wollen. Verbindet ihn mit dem eben ſo ſtarken Be⸗ weis aus der Vortrefflichkeit der chriſtlichen Religion, den ihr aber freylich nur aus eigener Erfahrung fuͤhren koͤnnt, und ihr werdet wider alle Zweifel und Ein⸗ wuͤrfe gegen die Wahrheit und Goͤttlichkeit der chriſt⸗ lichen Religion hinlaͤnglich geruͤſtet ſeyn. Zweytens: Ohne richtige genaue Kenntniß der Moral der chriſt⸗ lichen Religion, ohne euch gleichſam in den Geiſt der⸗ ſelben einzuſtubiren, und ihre Lehrſaͤtze getreu zu befolgen, werdet ihr nie zu einer feſten Ueberzeugung von ihrer Wahrheit gelangen. Die Religion Jeſu Chriſti hat ſo — 7 6 3 — —.———— —— S—— — 12 ſo viel innere Ueberzengungsgruͤnde von ihrer Wahr⸗ heit, die aus ihrer Vortrefflichkeit und dem Charakte⸗ riſtiſchen, ſo ſie von allen andern Religionen unter⸗ ſcheidet, flieſſen, daß ein unbefangener unparteyiſcher Beurtheiler, der ihre Vorſchriften zugleich genau be⸗ folgt, ihre Wahrheit nicht verkennen kann. Wer den Willen meines Vaters im Himmel thut, der wird inne werden, daß meine Lehre von Gott ſey, ſagt Chriſtus ſelbſt. Freylich werden die Feinde dieſer Religion auch dieſen Beweis nicht zu⸗ geſtehen, und ihr koͤnnt auch nicht von ihnen verlangen, daß ſie ihn annehmen ſollen. Aber dieß koͤnnt ihr kuͤhnlich von ihnen fordern, daß ſie euch eine beſſere Religion, ſelbſt ihren ſo genannten reinen Deismus nicht ausgenommen, eine Religion, die vortrefflichere Lehrſätze der Moral, und beſſere Gluͤckſeligkeitsregeln enthaͤlt, als die chriſtliche, zeigen ſollen, und wenn ſie dieß nicht koͤnnen, ſo iſt es eine Thorheit von ihnen, eure beſſere Religion zu verwerſen. Nur muͤßt ihr, wie oft ſchon erinnert worden iſt, dieſe chriſtliche Religion nicht auf das Syſtem der einen oder der andern chriſtlichen Kirchen⸗ partey einſchraͤnken. Keines dieſer Syſteme, ſelbſt das⸗ jenige, von welchem ihr den Namen führt, iſt ohne Maͤn⸗ gel und Irrthum. Allein dieſe Mängel des Syſtems, nach welchem ihr euch benennt, ſind ſo unbedeutend, daß es eitler Stolz, Thorheit, ſelbſt ſchaͤdliche und ſtrafbare Neuerungsſucht ſeyn wuͤrde, wenn ihr euch zu Reformatoren dieſes Syſtems aufwerfen, oder aus Tadelſucht, es ganz verwerfen wolltet. Nein! euch kommt nichts zu, als das edle Vorrecht des Proteſtan⸗ 4 tismus/ lsmu den der E zu 9 det. wih wen born und 30 dſſe verſi Glal dieſe von w vor der ſich W zu d gele die euh ric b— 5 * 13 tismus, euch keinen Lutheriſchen Athanaſius, duich den Machtſpruch: Wer da will ſelig werden, der muß glauben ic. verdammen zu laſſen, ſondern in der Stille zu pruͤfen, und dasjenige, als Lehre Chriſti zu glauben, was ihr der heiligen Schrift gemaͤß fin⸗ det. Freylich werdet auch ihr irren, und dieß, ſo viel möglich, zu vermeiden, muͤßt ihr alſo alle Muͤhe an⸗ wenden, euch eine richtige auf Vernunft und Offen⸗ barung gegründete Kenntniß desjenigen, was Chriſtus und ſeine Apoſtel wirklich gelehrt haben, zu erwerben. Ich geſtehe es euch, dieß iſt ſchwer. Ich will euch in⸗ deſſen den Weg zeigen, den ich gewandelt bin, um zu verſuchen, in wie fern ich dieſe Kenntniß erlangen koͤnnte. Glaubt nicht, daß ich ſo ſtolz bin, zu urtheilen, daß dieſer Weg der richtigſte ſey, daß ich auf ihm mich nie von der Wahrheit verirrt habe. Ach tauſend Jerthü⸗ mer ſind vielleicht mein Theil. Wandelt indeſſen nur vorſichtig, und pruͤft ſelbſt. Laßt uns alſo den Weg, der uns der richtige zu ſeyn ſcheint, gemeinſchaftlich auf⸗ ſuchen und verfolgen. 5 Was ſind richtige Religionsbegriffe des Chri⸗ ſten, und wie ſind ſie zu erlangen? Ihr fuͤhrt den Namen Chriſten, weil ihr euch zu der Religion bekennt, die Chriſtus und ſeine Apoſiel gelehrt haben. Eure Religion gruͤndet ſich alſo auf die Lehre Jeſu und ſeiner Apoſtel. Die Frage muß euch alſo allerdings wichtig ſeyn: Was heißt: einen richtigen Begriff von der Religion haben, zu der ich mich bekenne? Und wie muß ich mit ⸗ 14 Begriff zu erwerben ſuchen? Ich babe nur als⸗ dann einen richtigen Begriff von einer Sache, wenn ich mir ſie ſo vorſtelle, wie ſie wirklich iſt. Wollt ihr alſo einen richtigen Begriff von demjenigen haben, was zu der Religion gehoͤrt, die Chriſtus gelehrt hat, ſo muß dasjenige, was ihr als Lehrſatze und Behauptun⸗ gen der Lehre Jeſu und ſeiner Apoſtel annehmt, auch wirklich von Jeſu und ſeinen Apoſteln gelehrt worden ſeyn, und ihr mußt euerm Geiſt dieſe Wabrheiten ſo deutlich und unverfaͤlſcht vorſtellen, als die Erkenntniß⸗ quellen dieſer Religion ſie euch mittheilen. Ihr wißt aus dem erſten Religionsunterricht, den ihr von eurer fruheſten Jugend an gelehrt worden ſeyd, daß alles, was ihr als Wahrbeit der Religion zu der ihr euch bekennt, zu erkennen vermoͤgend ſeyd, nur durch zwey Huͤlfsmittel zu erkennen moͤglich iſt, durch Ver⸗ nunft und Offenbarung. Vernunft, dieß edle Geſchenk der Gottheit, lehrt euch, ſie mag es nun durch Schluͤſſe und Erfahrung vermittelſt eurer Sinne zugleich, oder durch Schluͤſſe allein thun, die erſten Begriffe von Gott, ſeinem Weſen und ſeinen Eigenſchaften, ſie lehrt euch Kenntniß eurer ſelbſt, eurer phyſiſchen und moraliſchen Natur, der Pflichten, die dieſer Natur gemaß ſind, des Geſeßes, aus welchem bieſe Pflichten entſpringen, des Guten und Boͤſen zu welchem ihr vermoͤge eurer Natur faͤhig ſeyd, ſie lehrt euch die Welt in welcher ihr lebt, mit allen ihren Maͤngeln und Vollkommen⸗ heiten kennen, ſie erinnert euch endlich in jedem Zeit⸗ alter eures Lebens, daß ihr ſchwache, hinfällige, ſterb⸗ liche Geſchopfe ſeyd. Aber ach! dieſer Unterricht, 3 eu uch hn einge mehr haſt zeu ſtär ſch We fünſ ſtz PVrr zub euch und ſeig be Ge der nich ankl St und Nu Ve nich ſr 6 giſ 3 t⸗ 15 euch die bloße Vernunſt giebt, iſt ſehr mangelhaſft. Ihre Kenntniß, die ſie euch von Gott giebt, iſi ſehr eingeſchraͤnkt. Das, was ſie euch ſagt, beſtehe oft mehr in Muthmaßungen und Hypotheſen, in fehler⸗ haſten truͤglichen Schluͤſſen, als in unläugbaren uͤber⸗ zeugenden Ausſpruͤchen; ſie belehrt euch ſehr unvoll⸗ ſtändig von den Verhaͤltniſſen, in welchen ihr mit Gott ſteht. Dieſe Vernunft, die euch auf die Wege der Wahrheit fuͤhren ſoll, fuͤhrt euch oft, durch ihre ge⸗ kuͤnſtelten Syſteme, auf die Wege des Jerthums, ſie iſt zu ſchwach und zu unvermoͤgend, euch wider die Verſuchungen der Sinnlichkeit zu ſchuͤtzen, und euch zu belehren, wie ihr ſie beſiegen ſollt.“ Sie beruhiget—„ euch nicht, bey den mancherley Uebeln, die ihr duldet,— und uͤber das mancherley Boͤſe, ſo ihr empfindet. Sie, zeigt euch jenſeit des Grabes, nur dunkle, mit Wolken bedeckte Ausſichten, und laͤßt euch Unſterblichkeit des Geiſtes mehr hoffen, als uͤberzeugt glauben, und von der Wiederauflebung eures Koͤrpers ſagt ſie euch gar nichts. Glaubt nicht, daß ich dieſe Vernunft zu hart anklage. Freylich will die immer mehr herrſchende Stimme unſers Zeitalters dieſe Vernunft immer mehr und mehr auf den Thron der Unfehlbarkeit erheben. Nur ſind die Parteyen ſelbſt noch nicht einig, welcher Vernunft dieſe Ehre allein zukommt. Werft aber nicht die thoͤrichte Frage auf: Warum gab Gott die⸗ ſer Vernunſt ein ſo geringes Maaß von Kraäften? Es iſt hier noch nicht Zeit dieſe Frage zu beantworten, geſetzt, daß ihr auch einiges Recht haͤttet, ſo zu fragen. Ihr můͤßtet ſehr mangelhafte Begriſſe von der All⸗ macht, 16 macht, der Weisheit und Güte Gortes haben, die euch in jedem Werk der Natur ſo deutlich vor Angen liegen, wenn ihr euch nicht ſogleich ſelbſt antworten koͤnntet: hat meine Vernunft nur einen geringen und . nicht einen hoͤhern Grad der Vollkommenheit, ſo liegt dieß entweder in meiner Verſchuldung, oder in der * Unfähigkeit meiner Natur, dieſen hoͤhern Grad zu er⸗ 5 langen. Dankt alſo vielmehr Gott, daß er gleich von i der erſten Entſiehung des Menſchengeſchlechts an, die⸗ ſer ſchwachen Vernunft/ eine hinreichende Stuͤtze ihrer Schwachhoit gab, ſeine unmittelbare Offenbarung, — nicht als Stifterin einer neuen Religion, ſondern als 3 Verbeſſerung und Beſtaͤtigung der ehrwuͤrdigen Reli⸗ — — gion der reinen Vernunſt, als Belehrerin uͤber das Rothwendige, das die Vernunft nicht erkannte. Dieſe 3 Offenbarung hatte freylich auch ihre Grade. Sie war Anfangs bloß Daͤmmerung, dann Anbruch der Mor⸗ genroͤthe, ferner belles Licht, und nur danm erſt, als Jeſus Chriſtus erſchien, ſtrahlte ſie, wie die alles er⸗ quickende Sonne am Mittag in ibrem vollen Glanz. Dieß iſt der allgemeine Gang ber goͤttlichen Weisbeit, 3 die in allen ihren Werken von dem Unvollkommenen zum Vollkommnern fortſchreitet, die aus dem Sonnen⸗ ſtaub den Weltkoͤrper, aus den Samenkorn die Frucht, 3 aus dem Embryon den ſinnlichen Menſchen bildet und . ihn bis zum Engel erhebt. Vernunft und Offen⸗ barung alſo ſind eure einzigen Führerinnen zu rich⸗ tigen Begriffen von der Religion, zu der ihr euch be⸗ fennt. Vernunft und Offenbarung nahmen auch glle Bekenner der chriſtlichen Religion, welchen Partey⸗ namen 3 nme tiger Aber mißl eſt viß Si teag ren nicht den linb chriſt Geh Rl Po La mor Ver hör tern hun ſch ſeſ ſra Eu ch im Vi 17 namen ſie auch fuͤhren, als den ſicherſten Weg zu rich⸗ tiger Religionskenntniß an. Nur diejenigen, welche Aberglauben, Unwiſſenheit, hierarchiſcher Eigennutz mißleitet, verſchreyen den Werth dieſer Vernunft, ſo oft von Religion die Rede iſt, und lieben die Finſter⸗ niß mehr denn das licht. Und diejenigen, deren Sinnlichkeit das ſanfte Joch der Lehre Jeſu nicht tragen will, erheben dieſe Vernunft uͤber ihren wah⸗ ren Werth, damit ſie die Stimme der Offenbarung nicht hoͤren durfen, und der Stimme ihrer eigenen irren⸗ den Vernunft folgen koͤnnen. Allein, ihr wuͤrdet euch ſehr irren, wenn ihr euch einbilden wolltet, daß alle aufgeklärten Bekenner der chriſtlichen Religion, uͤber die Anwendung und den Gebrauch dieſer bohden Hülfsmittel, um ſich tichtige Religionsbegriffe zu verſchaffen, einverſtanden waͤten. Vom Anfange der chriſtlichen Religion bis auf unſere Tage, und niemals heftiger als in dieſen leßtern, hat man daruͤber geſtritten, welches die Gränzen zwiſchen Vernunft und Offenbarung ſind? Wo die erſtere auf⸗ hören muß zu urtheilen, und ſich bloß der letztern un⸗ terwerfen muß? Wie die Offenbarung durch die Ver⸗ nunft erklärt werden muß? Ob Widerſpruͤche zwi⸗ ſchen beyden vorhanden ſind oder nicht? Und wie die⸗ ſe Widerſpruͤche zu heben ſind? Ob durch Demon⸗ ſtration, durch Allegorie, durch Akkommodation, durch Exegetik? Ob moraliſche Erklärung der Glaubens⸗ lehren das Nothwendigſte iſt? Ja, man faͤngt ſogar immer mehr und mehr an, an der Moͤglichkeit und Wirklichkeit dieſer Offenbarung zu zweifeln oder ſie B wenig⸗ 18 wenigſtens nur nach dem Ausſpruch der Vernunft gelten zu laſſen. Wollt ich euch in das Chaos aller Streitigkeiten, welche unter denjenigen Bekennern der Religion, die ſich durch menſchliche Weisheit und Gelehrſamkeit fuͤr vorzuglich aufgeklaͤrt halten, entſtan⸗ den ſind, hineinfuͤhren: ſo wuͤrde ich nie fertig wer⸗ den, und weder mein noch das laͤngſte Lebensalter wuͤrde zureichen, zu erfahren und kennen zu lernen, was denn eigentlich wahre Chriſtusreligion ſey? wenn man zuvor dieß alles, wiſſen, erforſchen, beurtheilen, und entſcheiden wollte, was hierbey, wahr oder unwahr ſey.*) Glaubt alſo ja nicht, das ihr dieß alles wiſſen und durch⸗ ſtudiren mußt, was zu ganzen Alphabeten jedes Jahr uͤber alle dieſe Gegenſtaͤnde geſchrieben wird. Die Religion Jeſu Chriſti iſt zu einfach, als daßſte, um zu wiſſen, worin ihr Geiſt eigentlich beſtehe, der Entſcheidung aller dieſer Fragen beduͤrfe. Indeſſen, da nach dem Anſchein der Sache in unſern Tagen es moͤglich iſt, daß die laͤrmende Stimme der falſchen Vernunftreli⸗ gion, wenn ſich ſtarke Schreyer derſelben bedienen, die ſanfte Stimme der ächten Chriſtusreligion, wenigſtens eine Zeitlang uͤberſchreyen koͤnnte: ſo ſind auch wirklich einige Regeln zu beobachten nöthig, wenn ihr bey den gegenwaͤrtigen Gährungen der menſchlichen Meynun⸗ gen uber Gegenſtaͤnde der Religion, ſo wenig als moͤg⸗ lich *) Ben dem Streit, in wie ſern die Vernunſt entſchelden mut, was gottliche Offenbarung ſey, oder nicht ſey, moͤchte wohk erſt noch feſt zu ſetzen ſeyn, von welcher Vernunft, ob von der individuellen dieſes oder jenes Syſtems, oder derjenigen⸗ die ſich auf bloßen geſunden Menſchenverſtand grundet, hier die Rede ſey. ich i hleib die e vic un po en M⸗ ⸗ ch u, oh von en⸗ iet 6. lich irren wolltz denn daß ihr ganz von Irrthum frey bleiben werdet, wag ich nicht zu behaupten. Merkt alſo folgende Warnungen eures Freundes, die er durch die Erfahrung nuͤtzlich gefunden hat. Vergeßt nie, daß es bey dem Chriſtenthum nicht auf das Wiſſen, ſondern auf das Wollen und handeln ankommt. Unverſchuldeter Irrthum iſt keiner Verant⸗ wortung unterworfen. Kein menſchliches Religionsſyſtem iſt von Irrthuͤmern frey. Verdammt keinen Menſchen, wegen ſeiner Religionsmeynungen, denn ihr ſeyd nie faͤhig, die Gruͤnde ſeiner Ueberzeugung zu beurtheilen. Seyd in Religionsmeynungen nie Anhaͤnger eines Menſchen, ſondern denkt und pruͤft ſelbſt. Glaubt nicht, daß es vieler Gelehrſamkeit be⸗ duͤrfe, um die hellige Schrift in denjenigen Stel⸗ len zu verſtehen, in welchen ſie uns belehrt was wir glauben und thun muͤſſen, wenn wir ſelig werden wollen. Haltet euch, um den Sinn dieſer Stellen zu verſtehen, an die einfachſte und ungekuͤnſtelte⸗ ſte Auslegung, die eurem geſunden Menſchenber⸗ ſtand die richtigſte zu ſeyn ſcheint. Schraͤnkt das Syſtem eures Glaubens nur auf die ndthwendigſten Lehren ein, welche mit dem Weſentlichen des Chriſtenthums unzertrenn⸗ lich verbunden ſind. B Huͤtet 20 Huͤtet euch vor aller Hypotheſenſucht des philoſophiſchen und theologiſchen Syſtems, und flieht allen Sektennamen. Ueberlaßt es der chriſtlichen Denkfreyheit eures Mitchriſten, was er von dieſer oder jener nicht weſentlichen Lehre des Chriſtenthums glau⸗ ben will. Unter der Leitung dieſer Regeln, wird euch der ſtrenge Gebrauch eurer Vernunft bey Beurtheilung der Lehren der Religion nicht leicht irre fuhren. F. 4. Worin beſteht das Verhaͤltniß der Vernunft zur Offenbarung? Nach welchen Gruͤnden muß die Vernunft bey Lehren der Offen⸗ barung urtheilen? Wenn die Vernunft uns alles ſagt, was wir von Gott, von unſerer Natur und Beſtimmung, von un⸗ ſerm Verhalten, von unſern Hoffnungen zu wiſſen nöͤthig haben, wenn wir gluͤckſelig ſeyn, oder nach neuern Behauptungen, reine Tugend um der Pflicht willen, ausuͤben wollen: ſo beduͤrfen wir allerdings keiner von der Belehrung der bloßen Vernunft ver⸗ ſchiedenen unmittelbaren gottlichen Belehrung oder Offenbarung, und letztere wird wenigſtens nichts wei⸗ ter ſeyn, als gelaͤuterte Stimme der Vernunft. Ich habe ſchon geſagt, daß ich unmittelbare goͤttliche Offen⸗ barung, verſchieden von der bloßen Vernunft, voraus⸗ ſetze. Ich nehme alſo die Nothwendigkeit dieſer Offen⸗ barung an, und es liegt mir alſo ob, mich zu erklaͤren, wie ich mir das Verhaͤltniß der Vernunft zur Offenba⸗ rung — rung eign ſt, Sat M ge wi den Kot den, unſ wei alle Mu Wor dal cher g zu mir ner loſo ſn in tu un 21 rung denke? Pruͤfet ſelbſt, was ich euch von meiner eignen Vorſtellung der Sache ſage. Ob ſie ganz richtig iſt, kann ich nicht beurtheilen. Jeder Leſer, wird die Sache aus einem andern Geſichtspunkte betrachten. Ehe ich euch den Gang meiner Ideen uͤber dieſe Materie weiter vortrage, muß ich eine vorlaͤufige Fra⸗ ge beruͤhren, welche einen alten Streit in unſern Tagen wieder rege gemacht hat, und welche einen Einfluß auf den Gegenſtand ſelbſt hat, von welchem wir reden: Kann die Eyiſtenz Gottes aus Schluͤſſen erwieſen wer⸗ den, oder iſt ſie ein bloßes Poſtulat der Beduͤrfniſſs unſers Geiſtes? Und wenn dieſer demonſtrative Be⸗ weis der Exiſtenz Gottes nicht moͤglich iſt, hebt dieß alle Religion auß, und tritt Atheismus an ihre Stelle? Muß die erſte Frage verneint, und die andere bejaht werden, ſo iſt es noͤthig, von dem Verhaͤltniß zwiſchen Vernunft und Offenbarung zu reden. Dank ſey es dir, Vater und Herr meines lebens, daß du mir einen ſo eingeſchraͤnkten Geiſt gabſt, wel⸗ cher weder Neigung noch Faͤhigkeit hat, auf dem We⸗ ge der ſcharfſinnigſten und ſpitzfindigſten Demonſtration zu unterſuchen, ob du biſt, oder nicht biſt? Dich, du mir ſtets Naher und Allgegenwaͤrtiger, Dich predigt Sonnenſchein und Sturm, der kleinſte Halm iſt dei⸗ ner Gottheit Spiegel, wenn auch der ſpitzfindige Phi⸗ loſoph dieſen Beweis noch ſo unzulaͤnglich findet. Aber fern, fern ſey es von mir, den Mann, der dich bloß als ein Bedürfniß ſeines Geiſtes fordert, dich(denn wa⸗ rum ſollt ich das Gegentheil glauben) verehrt und liebt, um des willen fůr einen Freund und Vertheidiger des Athe⸗ 22 Atheismus zu halten, weil er glaubt, daß auf dem Wege der Demonſtration der Beweis deines Daſeyns nicht ausfindig gemacht werden koͤnne. Die Vernunft mag alſo das Daſeyn Gottes de⸗ monſtriren oder nicht demonſtriren koͤnuen, ſie uͤber⸗ zeugt ſich doch, daß er iſt. Die Gewißheit der Offen⸗ barung ſteht aifo auch weder mit der Bejahung noch mit der Verneinung dieſer Fragen in einiger Verbindung. Wenn ich ſerner der Vernunft eine Stimme bey Beurtheilung der Lehren der Offenbarung zugeſtehen will, ſo iſt noch eine Anmerkung vorher nothwendig. Kann denn jeder Chriſt, der Gelehrte, wie der Unge⸗ lehrte, das Weib, wie der Mann, ſich eines freyen Ge⸗ brauchs ſeiner Vernunft, bey Beurtheilung der chriſt⸗ lichen Religionswahrheiten anmaßen, und koͤnnen ſie dieß auf einerley Art? Es iſt wohl entſchieden, daß, wenn die Vernunſt uͤberhaupt ein Recht hat, ſich bey Beur⸗ theilung der Frage: was iſt aͤchte chriſtliche Religions⸗ wahrheit? und was iſt ſie nicht? einer Stimme an⸗ maßen, jeder nachdenkende Chriſt, der nicht ganz den Gebrauch ſeiner freyen Vernunft vernaͤchläͤſſiget hat, berechtiget iſt, bey Pruͤfung der Religionswahrheiten, ſeine eigene Vernunft zu befragen und zu Rathe zu zie⸗ hen. Denn er darf nur Faͤhigkeit genug haben, be⸗ urtheilen zu koͤnnen, ob die Wahrheit, von welcher die Rede iſt, aus den Quellen ſeiner Religionskenntniſſe horfließt. Iſt er dieß ganz zu thununfähig, ſo gehoͤrt er nicht zu der Klaſſe der nachdenkenden, ſondern der bloß nachſprechenden Chriſten, und alsdann kann er nie behaupten, daß er eine eigene feſte Ueberzeugung von * dieſer hieſer lehre Nat alſo Pro gob Gr V wirt der lle gen die igi vlo do od ken ſie be hie de ein zu 9 5 23 dieſer oder jener Religionswahrheit habe. Der Unge⸗ lehrte, alſo ſowohl als der Gelehrte, das Weib, wie der Mann, wenn ſie ſelbſt zu denken faͤhig ſind, wird alſo ein Recht haben, ſich ſeiner eigenen Vernunſt beh Pruͤfung der Wahrheiten der chriſtlichen Religion zu gebrauchen. Allein wie verſchieden ſind die Grade der Kultur dieſer Vernunft bey dem einen Theile gegen die Grade der Kultur der Vernunft des andern Theils. Wird alſo die Vernunft bey dem einen nicht weit anders wirken, als bey dem andern, und welche Verſchiedenheit der Reſultate wird daraus entſtehen? Dieß ſcheint ſo; allein, das iſt hier nicht von ſpitſindigen Unterſuchun⸗ gen, von an einanderhaͤngenden Schlußfolgen, welche die Vernunſt, uͤber das Weſentliche der chriſtlichen Re⸗ ligion anzuſtellen hat, die Rede. Nein! die Frage iſt bloß was die geſunde Vevnunft eines jeden unparteyiſchen denkenden Menſchen, ſich auf die Frage: Iſt dieß wirklich Wahrheit der geoffenbarten chriſtlichen Religion oder nicht? und was kann meine Vernunft davon er⸗ kennen, oder nicht? Was kann ſie nach den deutlich⸗ ſten Ausſpruͤchen der Vernunftreligion und der Offen⸗ barung, die ſie dabey zum Grunde zu legen hat, glau⸗ ben? nothwendig antworten muß. Es ergiebt ſich hieraus von ſelbſt, daß jeder ſelbſtdenkende Menſch, der vernuͤnftigen Religionsunterricht zu benutzen weiß, ein vollkommnes Recht habe, ſeine eigene Vernunft zu befragen, aus welchem Grunde er dieſe oder jene geoffenbarte Religionswahrheit fuͤr wahr baält. Freylich muß jeber zugleich ſich hierbey die richtigen Graͤnzen vorzeichnen, wie weit ſeine Vernunft bey die⸗ ſer 24 ſer Pruͤfung gehen kann, und welche er nicht zu uͤber⸗ ſchreiten vermoͤgend iſt. Freylich wird das Auge der Vernunft des Einen ſchaͤrfer ſehen, als die Vernunft des andern, und was jenem vielleicht heller iſt, wird dieſem noch dunkel bleiben. Allein Verſchiedenheit der Erkenntniß hebt ja das Recht, nach dem Maas eigner Kenntniß zu urtheilen, nicht auf. Wahre Vernunft wird nie die Graͤnzen verkennen, in welche ſie einge⸗ ſchloſſen iſt. Die Regeln, die ich mir vorgeſchrieben habe, um mir ein ruhiges Verhaͤltniß zwiſchen mei⸗ ner Vernunft und der gottlichen Offenbarung zu be⸗ ſtimmen, ſind folgende: Vernunftreligion beſteht nicht i i dieſem oder jenem Syſtem, welches menſchliche Gelehrſam⸗ keit ausgedacht hat, und als unumſtoßliche Wahr⸗ heit ausgiebt; kein menſchlicher Philoſoph von den ſieben Weiſen Griechenlandes an, bis zum letzten Phi⸗ loſophen, der den Huth der Philoſophie aufſteifen wird, iſt von Irrthum frey. Es bedarf keines menſchlichen Syſtems der Vernunftreligion, um die Wahrheit richtig zu erkennen, welche die menſchliche Vernunft aus der Natur, von Gott und den Dingen die außer ihm ſind, zu erkennen vermoͤgend iſt. Es bedarf nur richtigen Gebrauchs der Sinne und geſunden Men⸗ ſchenverſtandes. Die Himmel erzaͤhlen die Ehre des Herrn, und die Erde verkuͤndiget ſeiner Haͤnde Werk. Alle Kenntniſſe von Gott, und den Dingen die außer ihm ſind, die durch bloße Schlußfol⸗ gen ent un der de ſe h 25 gen feſtgeſetzt werden, ſind dem Irrthum und dem Widerſpruche unterworfen. Was uns die Stimme der Natur hinlaͤng⸗ lich ſagt, darzu bedarf es weiter keiner gottlichen Offenbarung, als nur, es uns deutlicher und ge⸗ wiſſer zu ſagen. Was gottliche Offenbarung allein iſt, muß nicht von der Vernunft allein erkannt werden koͤnnen. Denn ſonſt bedarf es keiner Offenbarung. Was uns unmittelbare goͤttliche Offenba⸗ rung lehrt, muß dem Menſchen zu Erlangung ſeiner Beſtimmung und dadurch bewirkten hoͤch⸗ ſten Gluͤckſeligkeit zu wiſſen unentbehrlich ſeyn, denn ſonſt haͤtte es Gott nicht offenbart. Wenn dieſe unmittelbar geoffenbarte Wahrheit, dem Menſchen, zu Erlangung ſeiner Beſtimmung zu wiſſen unentbehrlich iſt, ſo muß ſie klar, deutlich und jedem menſchlichen Verſtan⸗ de faßlich, in den Schriften der Offenbarung enthalten ſeyn. Iſt eine dem Menſchen durch unmittelbare Offenbarung mitgetheilte Lehre, klar, deutlich und jedem gewoͤhnlichen Menſchenverſtand nach der Stuffe der Kultur auf welcher er ſteht, faßlich, in den Schriften der Offenbarung enthalten, ſo iſt ſie wahr, und der Menſch iſt ſie fuͤr wahr zu halten ſchuldig. Keine individuelle menſchliche Vernunft, kann bloß um deswillen eine Sache fuͤr unwahr und 26 und falſch halten, weil ſie ſolche nicht begreifen kann. Wenn ich Etwas, was meine Vernunft nicht begreifen kann, als unmittelbare gottliche Offen⸗ bahrung glauben ſoll, ſo muß ich mich uͤberzeu⸗ gen koͤnnen, daß es wirklich von Gott unmit⸗ telbar offenbart worden iſt. Meine Vernunft muß endlich nie entſcheiden, wo ſie es nicht mit vollkommner Gewißheit thun kann. Sie iſt aber auch nie ſtrafbar, wenn ſie dann zweifelhaft bleibt, ſo oft ihr weder die Gruͤnde fur noch die Gruͤnde wider einen Lehr⸗ ſatz uberwiegend zu ſeyn ſcheinen. Dieß ſind diejenigen Grundſaͤtze einer freyen unpar⸗ teyiſchen Vernunft, nach welchen ich gepruͤft habe, ob ich als Chriſt, dieſe oder jene Lehre, die man als ge⸗ offenbarte chriſtliche Religionswahrheit ausgegeben hat, dafuͤr annehmen ſoll oder nicht. Ich dringe euch dieſe Grundſätze nicht als unumſtößlich wahr⸗ und richtig auf. Ich behaupte auch nicht, daß ſie keinen Zuſatz und keine Verminderung leiden. Ich lege euch nur den Grund vor, auf welchem ich mein Religionsſy⸗ ſtem erbaut habe. Es ſteht euch frey/ feſter und dauer⸗ haſter zu banen. Was ich! durch dieſe Grundſäͤße geleitet, als Religionswahrheit erkannt habe, das lege ich euch in den folgenden Anmerkungen vor. §. 3. Vernunftreligion, was lehrt ſie ohne Offenba⸗ rung? was lehrt ſie nicht? Iſt ſie zu unſerm Un⸗ ril 27 Unterricht und der Erreichung unſerer Be⸗ ſtimmung hinreichend oder nicht? Wenn ich als Menſch, der Vernunft und Sinn beſitzt, der die Kraft hat zu denken, zu urtheilen, zu empfinden, und der Foͤhigkeit hat, dieſe Kraft anzu⸗ wenden, uͤber mich ſelbſt, uͤber alles was ich ſehe und empſinde, nachdenke, ſo muͤſſen nothwendig folgende Fragen in mir entſtehen: Wer bin ich? Warum bin ich? Was haben die Dinge, die um mich ſind, fur ein Verhaͤltniß zu mir und ich zu ihnen? Was iſt ihre und meine Beſtimmung? Wie muß ich dieſer Beſtimmung ein Genuͤge leiſten? Und welches ſind die Mittel, dieſen Endzweck zu erreichen? Welche Ur⸗ ſache hat alſo mich und alles, was ich ſehe und empfin⸗ de, hervorgebracht? Was iſt fuͤr ein Verhältniß zwi⸗ ſchen mir und dieſer Urſache? Kann die bloße Ver⸗ nunſt mir alle dieſe Fragen deuclich, vollſtaͤndig und richtig beantworten, ſo deucht mich, ich beduͤrfe gar keiner Offenbarung. Aber ach! dieſe arme Vernunft hat ſich, wie uns die Geſchichte lehrt, ganze 4000 Jahr geplagt, alle dieſe Fragen zu beantworten, und aus allen ihren Beantwortungen, iſt ein ſo ungeheures Chaos von verſchiedenen Meynungen, Widerſpruͤchen, Gemiſche von Weisheit und Thorheit entſtanden, daß ſie ſtatt Licht und Wahrheit undurchdringliche Finſter⸗ niß, den groͤbſten Irrthum, den ſchaͤndlichſten Aber⸗ giauben, die ungewiſſeſte hin und her wankende Zwei⸗ felſucht uͤber alle dieſe Fragen verbreitet hat. Es erſchien endlich vor 1800 Jahren ein Mann Jeſus Chriſtus. Er aliein erieuchtete dieſe Finſterniß, löste 28 loste das Gewebe auf, in welches die menſchliche Ver⸗ nunft ſich ſelbſt verwickelt und gefangen hatte, und ſeine einfache, deutliche, jedem Menſchen faßliche Be⸗ antwortung aller dieſer Fragen, lehrte die Menſchen Wahrheiten, die ſie zuvor nie erkannt hatten. Die menſchliche Vernunft dachte uͤber dieſe Lehren, die er vorbrachte, weiter nach. Sie fand auf dieſem Wege des Nachdenkens, die gewiſſeſte und uͤberzeugendſte Be⸗ ſtatigung des groͤßten Theils derjenigen Lehren, die er vorgetragen hatte. Nur ein kleiner Theil blieb ihr dunkel und unbegreiflich. Der bloße Vernunftmenſch, der ſtolz genug iſt, zu vergeſſen, daß ſeine Vernunft eingeſchraͤnkt iſt, daß er von den verſchiedenen Klaſſen ver⸗ nuͤnftiger Weſen, keine kennt, die unter ihm ſteht, und daß er es alſo ohne Zweifel iſt, der die unterſte Stufſe dieſer Weſen einnimmt, der zugleich undankbar genug iſt, ſeiner Vernunft eine Erkenntniß zuzuſchreiben, die er der unmittelbaren Offenbarung Gottes verdankt, hat mit demjenigen, was Jeſus Chriſtus gelehrt hat, ſeine unvollkommene Naturreligion ausgeputt, und dasjeni⸗ ge, was ihm von dieſen Lehren unbegreiflich ſchien, lie⸗ ber ganz verworfen, als es auf das Zeugniß dieſes großen lehrers und feiner Apoſtel als wahr angenommen. Der Chriſt handelt vorſichtiger. Er verehrt das große Geſchenk, das ihm Gott durch den Gebrauch ſeiner Vernunft, ſo eingeſchraͤnkt ſie auch iſt, gemacht hat. Er benutzt die wichtigen Aufklärungen, die ihm die Lehre Jeſu Chriſti, uber viele troſtreiche Wahrhei⸗ ten, die die menſchliche Vernunft mehr hoffte, als üͤber⸗ zeugend einſah, mitgetheilt hat. Das, was ihm die Ver⸗ nunft, munft, gend d Alein findet wnft gen ſeine e e eſh demi ouch ſl g völli glttli wſ khr Lhr beyd des vini chri bon uch ibe iuch die 29 nunft, von allen dieſen Wahrheiten nunmehr uͤberzeu⸗ gend darthut, iſt der Grund ſeiner Vernunftreligion. Allein er bleibt hier nicht ſtehen; er geht weiter; er findet bey unparteyiſchem Forſchen, daß ihn die Ver⸗ nunftreligion nicht alles lehrt, was ihm zu ſeiner voͤlli⸗ gen Ueberzeugung und Beruhigung, zu der Erfuͤllung ſeiner Pflichten, und der Hoffnung der Gluͤckſeligkeit, die er erwartet, zu wiſſen nothwendig iſt. Dieſen Mangel erſetzt ihm die unmittelbare goͤttliche Offenbarung, und demüthig und dankbar unterwirft er ſeine Vernunft, auch dann ihren hohen Lehren, wenn er nicht alle Zwei⸗ fel gegen dieſe Lehren aufloͤſen kann, ſo bald er nur völlig gewiß iſt, daß es Lehren einer unmittelbaren goͤttlichen Offenbarung ſind. Er unterſcheidet alſo genau die Graͤnzen der Ver⸗ nunftreligion von den Graͤnzen der Offenbarung. Die Lehren der erſtern ſind die Grundlage des Gebaͤndes, die Lehren der letztern geben dieſem Gebaͤude Feſtigkeit, und beyde geben ihm Unzerſtoͤrbarkeit gegen alle Stürme des Unglaubens und des Aberglaubens. Ohne ge⸗ reinigte Vernunftreligion iſt kein aufgeklaärtes, wahres chriſtliches Religionsſyſtem moͤglich. Wollt ihr alſo, meine Lieben, richtige Begriffe von allem demjenigen, was chriſtliche Religion heißt, euch verſchaffen, ſo uͤbt euere Vernunft im Nachdenken, uͤber Gott, uͤber euch ſelbſt, uͤber die Dinge die um euch ſind, uͤber eure Beſtimmungen und Verhaͤltniſſe. Herrlich, unausſprechlich herrlich ſind die Wahrheiten, die euch dieſe reine aufgeklaͤrte Vernunftreligion lehren wird⸗ — 9 1 3 —— 30 wird. Hoͤrt mit wenigem, wie viel Erhabenes und Er⸗ freuliches ſie euch zurufft!*) Menſch, Bewohner der Erde, rufft ſie euch mit lauter Stimme zu: Siehe um dich! Erblicke, und fuͤhle in jedem Halm, der entſprießt, in jeder Blume, deren Duft dich erquickt, in dem Saͤuſeln des Fruͤh⸗ lings, wie in dem rauhen Sturm des Winters, in dem waͤrmenben Strahl der Sonne, wie in dem blendenden Blitz und dem rollenden Donner, in dem Bau des veraͤchtlichſten Wurms, wie in dem Bau deines wun⸗ dervollen Koͤrpers, mit einem Wort, in allem was du empfindeſt, hoͤrſt, ſiehſt, ſchmeckſt, fuͤhlſt, riechſt, ihn, den Erhabenen Einzigen, den Allmaͤchtigen, den Weiſen, den Guͤtigen, die erſte Urſache aller Dinge, wofern anders keine Wirkung, ohne Urſache moͤglich iſt; erkenne alſo auch ihn, deinen Schoͤpfer und Herrn, deinen Wohlthaͤter und Erhalter. Erkenne die Geſetze der Ordnung und Weisheit, welche er allem, was iſt, vorgezeichnet hat; Erkenne, daß alles, dem er das Seyn gab, auch ſeinen beſtimmten Zweck hat, daß er in jedes Ding, dem er dieß Seyn gab, auch die Mittel legte, dieſem Zweck naͤher zu kommen und ihn zu erreichen. Erkenne ſeine Unendlichkeit, aus dem unermeßlichen Raum, der dich und die Erde umgiebt, und *) Der philoſophiſche Geſchmack unſers Zeitalters wird an die⸗ ſem phoſicotheologiſchen Beweis des Daſeyns Gottes viel zu tadeln finden. Er wird ſich inbeſſen erinnern, daß dieſe Schrift bloß gebildeten Leſern behderley Geſchlechts unter den Chriſten, und nicht Philoſophen beſtimmt iſt. Auch moͤcht ich bey allen wahren und angeblichen neuen Entdek⸗ kungen unſerer Zeit in dem Reiche der Wahrheſt, dleſen Beweis des Daſeyns Gottes nie gufgeben. d ſchwi da E wen te iſt, den reic di Ra une Erd und lich ſin do 31 und aus den Sonnen unb Welten, die in dieſem Raum ſchwimmen. Denke dir, wenn du kannſt, den Punkt, da Er und alles was iſt, nicht war, und den Endpunkt, da Er und alles was iſt, nicht mehr ſeyn wird, und wenn du dieß nicht kannſt, ſo erkenne ſeine unbegraͤnz⸗ te Ewigkeit. Erforſche, ſo viel als in deinen Kraͤften iſt, alles, was dich umgiebt, und bemerke die Ordnung, den Grad der Vollkommenheit, den jedes Ding zu Er⸗ reichung ſeiner Beſtimmung hat; berechne, wie viel dir bey allen deinen Kenntniſſen in den Werken der Natur noch unerforſchlich bleibt; wage dich in den unermeßlichen Weltraum, in welchem du mit deiner Erde, als ein Tropfen im Weltmeer einherſchwimſt, und erkenne dein und ihr Nichts gegen das unermeß⸗ liche Reich der Schoͤpfung Gottes. Erkenne daraus ſeine Weisheit und Macht. Wenn dein Geiſt mit dem Auge der gereinigten Vernunft dieß alles uͤber⸗ ſchaut, denn falle nieder und bete ihn an, den großen Urheber der Natur, der dieß alles ſchuf und erhaͤlt. Fuͤhle, wie ſuß es iſt, ſich zu ihm, dem Urquell alles Seyns, empor zu ſchwingen, ihn zu denken, ihn zu be⸗ wundern. Unterſuche dann ferner deine eigene mora⸗ liſche Natur, freue dich der Kraft des Denkens, der Freyheit des Wollens, genieße das Geſchenk der Trie⸗ be, das Gute zu wollen, das Boͤſe zu verabſcheuen, den Trieb der Geſelligkeit, der Liebe, des Mitleids, des Wohlwollens, die er als nie verſiegende Quellen der Freude, des Vergnuͤgens, der Gluͤckſeligkeit in dich ge⸗ legt hat. Forſche den Pflichten nach, die aus allen dieſen Trieben deiner morgliſchen Natur herflieſſen, und 32 und empfinde, wie ſuß es ſey, ſie zu erfuͤllen. Freue dich deiner Freyheit, von welcher deine Vernunſt dich belehrt. Freue dich deiner Unſterblichkeit, zu welcher ſie dir Hoffnung macht. Lerne unter ihrer Leitung, als moraliſcher Menſch deine eigene Wuͤrde ſchaͤtzen. Er⸗ kenne durch ſie die Vortrefflichkeit des Sittengeſetzes, als dringendes Beduͤrfniß deiner moraliſchen Natur. Finde in der Ausubung dieſes Geſetzes, in der Erfuͤllung deiner Pflicht, deine einzige wahre Gluͤckſeligkeit, und naͤhere dich dadurch der Vollkommenheit des hoͤchſten Geſeßgebers dieſes Geſetzes. Alle dieſe Befriedigun⸗ gen deines freyen denkenden Geiſtes kannſt du dir ver⸗ ſprechen, wenn du deine Vernunft gehorig gebildet haſt. Sehet meine Kinder, alle dieſe Kenntniſſe, dieſen Genuß der edelſten Guͤter des Menſchen, lehrt euch die bloße Religion der Vernunft, ohne weitere Huͤlfe der Offenbarung, nachdem dieſe Offenbarung die Gewiß⸗ heit dieſer Schaͤtze der Erkenntniß und des Genuſſes nur erſt zuverlaͤſſig verſichert hatte. Sollte denn alſo dieſe Religion der bloßen Vernunft nicht ſchon hinrei⸗ chend ſenn, euch durch die Erfullung eurer Pflichten vollkommen glucklich zu machen? Wollt ihr euch dieſe Frage gruͤndlich beantworken, ſo betrachtet euch in einem dreyfachen Zuſtand, in wel⸗ chen ihr dereinſt wahrſcheinlich verſetzt werden koͤnnt, oder in den ihr vielmehr, gewiß bald oder ſpäter verſetzt werden můͤßt: Ihr werdet naͤmlich bey allem eurem Streben, das Sittengeſetz zu erfullen, dieſem Sittengeſetz entgegen handeln, und ihr werdet alſo oft ſtatt des Guten, das thun was Boſeiſt; ihr wer⸗ weid wißſ dem i gion konm che 33 werdet oft leiden; ihr werdet endlich einmal ge⸗ wiß ſterben; wenn euch in dieſem dreyfachen Verhaͤltniß, dem ihr auf keinen Fall entgehen koͤnnt, dieſe Reli⸗ gion der Vernunft, eine wahre, nicht eingebildete, voll⸗ kommne Beruhigung und Zufriedenheit giebt: ſo ſpre⸗ che ich wenigſtens euer Urtheil nicht, wenn ihr glaubt, alle Offenbarung entbehren zu koͤnnen. Mich hat in⸗ deſſen die Stimme der Vernunft hierbey nie ganz be⸗ ruhiget. Laßt uns kaltbluͤtig und unparteyiſch uͤber die Sache ſelbſt nachdenken. Du, der du ſo ſtolz deine Vernunft als die einzige Fuͤhrerin auf dem Wege zur Pflicht oder zur Gluͤck— ſeligkeit annimmſt, getrauſt du dich wohl zu behaupten, daß du der Stimme dieſer Vernunft ſtets folgſam ge⸗ weſen biſt? Hat dich nie uͤberwiegender Hang zur Sinnlichkeit zum Laſter hingezogen? Haſt du ſtets das Gute gethan, und das Boͤſe vetabſcheut? Und wo findeſt du Ruhe, wenn der innere Richter,(nenne ihn, wie du willſt) dich uͤberfuͤhrt, daß du nicht der⸗ ſenige biſt, der du nach deinem eigenen inneren Gefuhl ſeyn ſollſt und ſeyn kannſt? Spricht dich denn dieß getraͤumte Geſeb der menſchlichen Unvollkommenheit von aller Verantwortung los? Keanſt du genau, wie vollkommen du, nach den Kraͤften der Natur ſeyn kannſt, oder nicht ſeyn kannſt? Iſt denn dein Gott, den du dir ſchufſt, auch wirklich ſo gutmuͤthig, daß er mit jedem elenden Opfer, daß du ihm anbieteſt, zuftie⸗ den iſt? und woher weißt du das? Oder iſt dieß dein Traſt, doß Unſterblichkeit Traum, und Vernichtung Wahrheit iſt? Kannſt du mir das Rathſel nicht auf⸗ E loͤſen, 34 toͤſen, wie es moͤglich iſt, daß ein Menſch bald tugend⸗ hoft, bald laſterhaft ſeyn, und doch zugleich der, nur durch unentweyhte Tugend moͤglichen, Gluckſeligkeit eines vernuͤnftigen zur Unſterblichkeit erſchaffenen Gei⸗ ſtes faͤhig ſeyn kann: ſo werde ich wenigſtens fuͤr mei⸗ nen Theil deine Religion der Vernunft, nicht zu mei⸗ ner Troſterin waͤhlen, wenn mich meine Suͤnden und Thorheiten anklagen, daß ich dem großen Geſetz mei⸗ ner Beſtimmung, ſtets edel und gut zu handeln, nicht getreu geweſen bin. Leiden iſt das Loos eines jeden ſterblichen Men⸗ ſchen vom Koͤnig bis zum Sklaven. Dieſe Leiden ſind in dem phyſiſchen und moraliſchen Weſen des Menſchen und der ganzen Natur ſo innig verwebt, ſie verfolgen den armen Menſchen, von dem eſten Athemzug in der Welt, bis zum letzten, ſo unzählbar, ſo mannig⸗ faltig, daß einer der Weiſeſten unter den Menſchen ausruft: Ich ſprach zum Lachen, du biſt toll, und zur Freude, was macheſt du! Wenn denn dieſe Leiden auch mein unausbleibliches Theil ſind, was wird mich denn troͤſten? Wenn ich ſehe und fuͤhle, daß ich in einer Welt lebe, welche ſo viele Maͤngel, ſo viele Unvollkom⸗ menheiten, ſo viel phyſiſches und moraliſches Uebel, zum Schauplatz des Elendes, der Sorgen, des Kummers, des Schmerzens, oft ſelbſt der Verzweiflung machen, wer lehrt mich denn dieß alles mit rubigem gelaſſenem Blick betrachten? Thut denn dieß die Vernunftreli⸗ gion, wenn ſie mir zuruft: Die Welt, in der du lebſt, iſt die beſte; alles was iſt, iſt gut; Unvollkommen⸗ heit der Theile iſt Vollkommenheit des Ganzen? Wenn licher Geiſt men wir kein ſic St ihn pen und ſilh Ken kunſt allen dem kes, mei No ſiert g Be ſer! der de mi S En 35 Wenn mich Armuth, Verachtung, Haß, koͤrper⸗ licher Schmerz, und tauſend, tauſend Uebel, die meinen Geiſt und meinen Koͤrper quaͤlen, unaufhoͤrlich beſtuͤr⸗ men, werd ich dann heiter und zufrieden ſeyn, wenn mir dieſe Vernunſtreligion vorpredigt, Schmerz ſey kein Schmerz; der Weiſe fuͤrchte nichts, und laſſe ſich keinen Unfall niederſchlagen; die Geſetze des Schickſals ſeyn unveranderlich, und man muͤſſe ſich ihnen unterwerfen? Wenn denn endlich der Tod ſelbſt ſich mir naht, wenn er mir winkt, ihm zu folgen, alles zu verlaſſen, und die Speiſe der Wuͤrmer zu werden, welche arm⸗ ſelige Troͤſterin iſt alsdann dieſe Vernunftreligion! Kann ſie mir denn etwas Zuverlaͤſſiges von meinem kuͤnftigen Schickſale entdecken? Kann ſie denn mit allen ihren Demonſtrationen aus der Einfachheit, aus dem Weſen eines Geiſtes, aus den Eigenſchaften Got⸗ tes, aus den Kraͤften und Trieben, aus der Freyheit meines Geiſtes, aus der Pflicht zu welcher mich das Moralgeſetz verbindet, mich uͤberzeugen, daß ich un⸗ ſterblich bin, daß ich nach dem Tode fortdauere und gluͤcklich ſeyn werde? und wie ich fortdauern werde? Iſt denn alles, was ſie ſagt, nicht mehr Wunſch, als Beweis? Laͤugnet denn nicht der eine Verehrer die⸗ ſer Vernunftreligion die Unſterblichkeit der Seele, die der andere behauptet? Und wie qualvoll muͤſſen nicht die letzten Augenblicke meines Lebens ſeyn, wenn ich mit Zweifel, Ungewißheit und Furcht, mich in den Strom ſtuͤrzen muß, der mich an das Geſtade der Ewigkeit fuͤhrt? Geſetzt aber auch, daß ich mich weiſe C 2 genug 36 genug glaube, mich durch ſelbſt erdachte Syſteme menſchlicher Vernunft, uͤber alle dieſe Gegenſtaͤnde be⸗ ruhigen zu koͤnnen, und daß ich dieſen oder jenen Traum, den ich mir daruͤber traͤume, als Wirklichkeit annehme: was ſoll denn meinen, an Kraͤften des Verſtandes, an Vernunftweisheit, aͤrmern Bruder troͤſten, wenn ihn das Gefuͤhl ſeiner eigenen Suͤnden und Thorheiten er⸗ greift, die Laſt ſeiner Leiden ihn niederdruͤckt, und der Tod ſeinen Wuͤnſchen und Hoffnungen ein Ende macht? Wird denn Er ſich auch ein Beruhigungsſyſtem menſchlicher Weisheit erkuͤnſteln koͤnnen? Oder wird er wenigſtens faͤhig ſeyn, die hohe Sprache unſerer gewoͤhnlichen Vernunftlehrer verſtehen zu koͤnnen, die ſo oft ihren eigenen Eingeweyhten, in der ſublimen Phi⸗ loſophie des Lebens, nicht verſtaͤndlich genug iſt? Wird ihn denn nicht der troſtreiche Zuruf der Bibel: Chri⸗ ſtus iſt in die Welt gekommen, die Suͤnder ſelig zu machen; alle Leiden dieſer Zeit ſind nicht werth der Herrlichkeit, die an uns ſoll offenbaret werden; Wir wiſſen, ſo unſer irdiſches Haus dieſer Huͤtten zerbrochen wird, daß wir einen Bau haben von Gott erbauet, ein Haus nicht mit Haͤnden gemacht, das ewig iſt im Himmel, weit mehr beruhigen, als die erhabenſte bloße Ver⸗ nunftreligion, da Gott ſelbſt unmittelbar, ihn von der Wahrheit dieſer Troſtgruͤnde verſichert. Bemerkt alſo, meine Kinder, die ſo großen Luͤcken der Vernunftreligion; ſie zeigt euch nie einen zuver⸗ läſſigen Weg zur Tugend und Rechtſchaffenheit, und bietet euch kein hinreichendes Mittel an, die Folgen eurer lurer zche Hyp uͤbe eus P ere n ht er⸗ der ken el⸗ und ſeh rer 37 eurer Suͤnden und Thorheiten zu verhindern, und auf⸗ zuheben. Sie belehrt euch, trotz der mannigfaltigen Hypotheſen der Weltweiſen, nie mit Zuverlaäſſigkeit uͤber den Urſprung des Uebels in der Welt; ſie zeigt euch nie das richtige Verhaͤltniß dieſes Uebels zu der Vollkommenheit des Ganzen; ſie ſtaͤrkt euch nie durch erquickenden Troſt, wenn ihr ſelbſt leidet; ſie macht euch nie faͤhig, mit Ruhe und Heiterkeit dem Tod ent⸗ gegen zu blicken, denn ſie kann euch nie uͤberzeugend verſichern, daß ihr jenſeit des Grabes noch fondauern werdet. Sie iſt unzureichend, fuͤr den in Schluͤſſen menſchlicher Weisheit ungeuͤbten Chriſten, ihm Be⸗ ruhigung und Troſt, wider die Anklage ſeines eigenen Gewiſſens, wider den Schmerz ſeiner Leiden, wider die Furcht des Todes mitzutheilen. Verkennt aber auch, bey allen dieſen großen Maͤngeln, den wahren Werth dieſer Vernunftreligion nicht. Nur ſie allein fuͤhrt euch zu einer richtigen Kenntniß Gottes eures Schoͤpfers und Urhebers; ſie lehrt euch den Gott gleichſam ſinnlich kennen, durch Betrachtung ſeiner Werke, den euch die Offenbarung in einem weit hoͤhern, vollkommnern, und nur dem Auge eures Glaubens ſichtbaren Licht zeigt: ohne Kenntniß Gottes durch die Naturreligion, wuͤrde dasjenige, was euch die Offenbarung von ihm ſagt, euch ganz unverſtaͤndlich ſeyn. Eure Kenntniß von Gott, wuͤrde hoͤchſtens bloß Gedaͤchtnißwerk, nie das Werk eurer eigenen Empfin⸗ dung ſeyn. Dieſe Vernunftreligion fuͤhrt euch zur Bewunde⸗ rung, Ehrfucht, Anbetung dieſes unendlichen erhabe⸗ nen 38 nen Geiſtes, den kein menſchlicher Verſtand zu erfor⸗ ſchen vermögend iſt, aber ſie erfullt euch nicht wit dem ſanften Feuer der Liebe gegen ihn, das ihr der Offen⸗ barung allein zu verdanken habt. Sie zeigt euch die⸗ ſen Gott ſtets, zwar als gütigen, aber auch als furcht⸗ baren Herrn, nie als liebevollen Vater gegen ſeine Kinder. Dieſe Vernunftreligion muß euch zuerſt aufmerk⸗ ſam machen, nachzudenken/was? und warum ihr denn ſeyd? was ihr zu thun und zu laſſen habt? denn die Offenbarung veranlaßt dieſe Fragen nicht. Sie ſeßt ſie 0 nur in ein helleres Licht, und berichtiget die darauf abzielende Antwort. Ft Stiyme der l iſt euch ganz unet lich, zu beur⸗ theilen, welches denn unter den verſchi edenen Syſte⸗ men, die man euch als goͤttliche Offenbarung anppeiſt, das einzige wahre und richtige iſt? Ob die Bibe der Talmud, der Koran, der Schaſta, der Vedam? Dieſe Vernunftreligion hat ein unlaͤugbares Recht, ihre Stimme zu ertheilen, wenn ihr unterſucht, ob dieſe oder jene Lehre, in der von euch als angenommenen Offenbarung, auch wirklich enthalten iſt. Sie be⸗ hauptet den wahren unumſtoͤßlichen Grundſatz, daß keine Lehre, ſie mag ſich auf Alterthum, Tradition, Symbolum, Concilienſchluͤſſe, Auctoritaͤten gruͤnden, wie ſie will, Lehre der gottlichen Oſſenbarung ſeyn kann, wenn ſie der Vernunftreligion unmittelbar wi⸗ derſpricht. Aber ſie beſcheibet ſich auch, daß ihr nicht alles faßlich und deutlich ſeyn kann, was die goͤttliche Offenbarung enthält, benn ſonſt bebüͤrfte, es ja keiner Oſſenbarung⸗ Ueber⸗ Rol wen einer H gi mi 39 Ueberzeugt euch, aus demjenigen was ich hier ange⸗ führt habe, wie mangelhaft eure chriſtlichen Religions⸗ begriffe ſeyn, wie ſehr ſie Irrthum und Aberglauben verſtellen wuͤrden, wenn ihr ſie nicht auf gereinigte und gelaͤuterte Vernunftreligion gruͤnden wolltet. Aber ſind denn nun auch alle Menſchen, der Ge⸗ lehrte wie der Ungelehrte, das Weib wie der Mann, fähig, eine gereinigte richtige Vernunftreligion ſich zu verſchaffen? Und wenn ſie ſolche zu erlangen, nicht faͤhig ſind, was nuͤtzt denn fuͤr ſie die Nothwendigkeit dieſer Vernunſtreligion? Wie koͤnntet ihr denn uͤber Gegenſtaͤnde dieſer Religion ſowohl, als der geoffenbarten nachdenken, wenn ihr hierzu keine Faͤhigkeit habt? Dieß bedarf einer beſondern Unterſuchung. §. 6. Hat jeder Menſch, von welchem Stand und Ge⸗ ſchlecht er ſey, ein Recht uͤber Religion nach⸗ zudenken, und iſt er hierzu faͤhig? Wenn der aufgeklaͤrte Menſchenfreund, der zu⸗ gleich Verehrer und Bekenner der Lehre Jeſu iſt, mit forſchendem Blick uͤberſchaut, was denn der groͤßte Theil ſeiner Bruͤder und Schweſtern, die Chriſten, wie er, heißen, die, ſo verſchieden auch ihre Parteynamen leider! ſeyn moͤgen, Jeſum, ihren Erloſer und Herrn, gewiß ſo aufrichtig lieben, wie er; was dieſer große Theil ſeiner chriſtlichen Brüder und Schweſtern, eigent⸗ lich von dieſem Jeſu und ſeiner Lehre weiß, worauf ſich dieſe ſeine Wiſſenſchaft gruͤndet:; ſo zuß ſtille Wehmuch ſeine ganze Seele erfuͤllen. Dicß iſt nicht Stolz, ——,—— — ——— —— — 40 Stolz, nicht thoͤrichtes Gefuhl, daß er beſſer ſey, als ſo viele ſeiner ganz unwiſſenden Mikchriſten, nicht verdam⸗ mende Zweifelſucht an der Seligkeit dieſer Unwiſſenden. Nein! Es iſt die innigſte Betruͤbniß der Seele, daß diejenigen, deren Pflicht es war, ſeit ſo vielen Jahrhun⸗ derten, fuͤr einen gereinigten, auf Vernunft und Offen⸗ barung gegruͤndeten Religionsunterricht zu ſorgen, dieſe Pflicht, aus Eigennutz, Unwiſſenheit, Vorurtheil, Traͤg⸗ heit, und tauſend andern Urſachen ſehr oft ganz ver⸗ nachläſſigten, und leider! noch vernachlaͤſſigen. Daß die ſo einfache, jedem ſchlichtem Menſchenverſtand ſo faßliche Religion Jeſu Chriſti zu einem ſo kuͤnſtlichen Gewebe von Mehnungen, Spitzfindigkeiten, Aberglau⸗ ben, Irrthuͤmern ausgeſponnen worden iſt, daß nur der ſogenannte Gelehrte ein Monopolium mit dem Schatz der Erkenntniß dieſer Religion ſich anmaßen will; daß man das Weſentliche dieſer Religion bald in das Glauben, bald in bloße ſpitzfindige Lehrmey⸗ nungen, und nur ſelten in das Handeln geſetzt hat. Der eingebildete Proteſtant traͤume ja nicht, daß er hier glucklicher ſey, als ſein katholiſcher Mitbruder. Er traͤgt ſein Joch der Hierarchie des Nachſprechens, ſelbſt des Irrthums, ſo gut wie jener; nur auf das Mehr oder Weniger kommt es hier an. Aber, ſpricht der berufene Kirchenlehrer: Was wird denn daraus entſtehen, wenn der gemeine und un⸗ gelehrte Chriſt nicht mehr nachſprechen darf? Weun der Bauer und Handwerksmann ſelbſt denken darf? Wenn augh dns Weib, das, nach der Lehre des Apoſtels, in der GMine ſchweigen ſoll, in dieſer Gemeine pre⸗ digen higer gue Frel We lein ter ſ0 mi klei wir Ve zud em eine P ger hal die ſe m 41 digen darf? So werden denn die Quaker die einzigen guten und aufgeklaͤrten Chriſten ſeyn! Freylich, mein Freund! wenn der Handwerksmann, der Bauer, das Weib, die Dirne ſo gut, wie die Mamſell und die Fraͤu⸗ lein, in dem Unterricht, den ſie von Jugend auf erhal ten, nicht gruͤndlicher, nicht fleiſſiger, nicht zweckmä ſiger zum eigenen Nochdenken angefuͤhrt werden, als es gemeiniglich geſchieht; wenn beſonders das n e Geſchlecht, in den hoͤhern Klaſſen, ſo wie bisher boß mit dem Firniß der ſogenanten freyen Lebensart uͤber⸗ kleiſtert, und zur Pißnärrin und Coquette gebildet wird: ſo iſt es beſſer, ſie denken nicht, und ſprechen nach! Wenn aber eine edle, ihres großen Vorrechts, ſelbſt zu denken, bewußte Seele, in dem Koͤrper eines Bau⸗ ern ſo gut als in dem Koͤrper eines Gelehrten, in dem eines Frauenzimmers ſo gut als in dem Koͤrper eines Philoſophen wohnen kann, woſern ſie nur in der Ju— gend nach der Lage, in welche ſie ihr Schoͤpfer geſetzt hat, dazu angefuͤhrt wird, ſich ihres Vorrechts be⸗ dient, ſelbſt uͤber Lehrſaͤtze der Religion nachdenken, ſie nicht bloß auf das Wort anderer Menſchen anneh⸗ men, ſondern ſich ſelbſi von ihrer Wahrheit überzeu⸗ gen will: dann, mein Freund! wenn auch du an denz Scepter der Hierarchie Antheil nimmſt, und viel oder wenig geiſtlicher Gewalt dich anmaßeſt, dann ſtoͤre ſie nicht in dem freyen Genuß ihres edelſten Vorrechts. Laß ſie frey denken, laß ſie frey glauben, und verketzere, ver⸗ damme ſie nicht, wenn ſie anders denkt, anders glaubt als du, ſo lange ſie dadurch die buͤrgerliche Ruhe nicht ſtört, 42 ſtört, und das Gute eben ſo ſorgfältig liebt, und aus⸗ uͤbt, als du. Aber wie? ſpricht nicht nur der berufene Kirchen⸗ lehrer, ſondern auch der ſyſtematiſche Philoſoph, und der gelehrte Ereget: Was ſoll denn aus dem Nach⸗ denken und Selbſtpruͤfen des ſogenannten gemeinen Mannes, des Frauenzimmers, uber Religionswahr⸗ heiten, mag doch ihr Unterricht in der Jugend noch ſo ſehr auf das Selbſtdenken gerichtet geweſen ſeyn, her⸗ auskommen? Sind ſie denn, laßt ſie auch noch ſo richtig denken, im Stande eine Wahrheit a priort einzuſehen? Haben ſie denn Sprachkenntniß gemg 2 Kenntniß der Hermenevtik genug, die rechten Lesor⸗ ren in der Bibel und den Sinn der ſtreitigen Stellen derſelben zu beſtimmen? Wird denn nicht jeder Kopf, der von dieſen Menſchenklaſſen denkt, oder zu henken glaubt, ſich ein eigenes Religionsſyſtem bilden? viele Religionslehren falſch verſtehen 7 Und was fuͤr ein ſonderbares Gemiſch von Wahrheit und Irrthum wird nicht die Folge hiervon ſeyn 2 Freylich, wenn zum Nachdenken uͤber Wahrhei⸗ ten der Religion die Kenntniß eines beſtimmten philoſo⸗ phiſchen Syſtems, wo eine Schlußfolge ſich an die an⸗ dere kettet, und ſich alle dieſe Schlußfolgen auf allge⸗ meine unumſtoͤßliche Hauptſätze gruͤnden, unumgaͤng⸗ lich nothwendig iſt: ſo darf ſich weder der Handwerks⸗ mann und der Bauersmann, noch das Frauenzimmer, noch ſelbſt der Staatsmann, und der aufgeklärteſte Kopf, an das Selbſtdenken und Selbſtprufen der chriſt⸗ Uchen Religienswahrheiten wagen, ſondern es ware dieß bieß a ſophen Eing Phil ental ſue Vun plicit verſta Jrth Cu Urſp ſuſt Eun wdi N griff nöt h was vnd Be nu viel Bib g1 pſe quſt Gel — 43 dieß allenfalls ein Monopolium ber ſogenannten Philo⸗ ſophen im engern Verſtande des Wortes, ſo lange die Kirche dieß Monopolium nicht fuͤr Contrabande und Eingriff in ihre eignen Rechte erklaͤrt. Aber ach! die Philoſophie des Syſtems, hat von den Zeiten der intulſchin und platoniſchen Philoſophie an, bis a ut ſe3 Zeiten der chriſtlichen Religion die gefährl Wunden geſchlagen; ſie allein iſt es, welche die Sim⸗ plicitaͤt und dieſer ſo hellen, jedem Menſchen⸗ verſtand faßlichen, Religion zerſtoͤrt hat. Keberey, Irrthum, Aberglaube, Joch der Hierarchie, Feſſeln des Ceremoniendienſtes, verdanken dieſer Philoſophie ihren Urſprung. Dieſe Magd der Religion, wie man ſie ſonſt nannte, ſcheint in unſern Tagen keinen geringern Entwurf zu haben, als ſich zur Frau und Herrſcherin, und die chriſtliche Religion zu ihrer Magd zu machen. Wenn ferner zu eignen gruͤndlichen Religionsbe⸗ griffen viel Kengtniß der Exegeſe und Hermeneptik noͤthig iſt, um bie Bibel zu verſitehen, und uͤber das was ſie enthaͤlt, nachzudenken: ſo iſt Selbſtdenken und Nachdenken uͤber die Religion, allerdings nur Beruff des Gelehrten vom Handwerk. Wenn aber nur geſunder Menſchenverſtand, Beleſenheit in den vielen guten Schriften, die wir zur Erklaͤrung der Bibel erhalten haben, und vorurtheilfteye vernuͤnſti⸗ ge Pruͤfung der verſchiedenen Meynungen darzugehoͤr rt: ſo ſehße ich nicht ein, aus welchem Grunde nicht jeder auſgekläͤrte Chriſt hierzu faͤhig ſeyn ſollte. Nur die Hulfsmittel, dieſe Faͤhigkeit zu erlangen, muß ihm der Gelehrte vorarbeiten. Alles, wird ſberhaupt bey dieſem Ein⸗ ————— 44 Einwurf barauf ankommen: Was heißt, uber Reli⸗ gionswahrheiten nachdenken? Was heißt, ſie vernuͤnftig pruͤfen? Wenn ich etwas als wahr an⸗ nehmen und glauben ſoll, ſo glaube ich es entweder auf das Zeugniß meiner Sinne, oder auf das Zeugniß glaubwuͤrdiger unverwerfilicher Zeugen, oder auf das Zeugniß meimr eigenen geſunden Vernunft, die mir die Wahrheit des Gegentheils zu behaupten nicht geſtattet. Wenn ich alſo unterſuche, ob der Gegenſtand, mit dem ich mich jetzt beſchaͤfftige, auf das Zeugniß des einen oder des andern der angefuͤhrten Erkenntnißmitte wahr anzunehmen, oder als falſch zu verwerfen ſey? in wie fern er eine Beziehung auf mich hat? odes nicht? worin dieſe Beziehung beſteht? mich dabey zu verhalten habe? ob er, nach de kenntnißmitteln, die ich in Anſehung ſeiner in er Gewalt habe, ſo beſchaffen iſt, wie man mir ihn an⸗ giebt, oder nicht: ſo denke ich uber dieſen Gegenſtand 5 nach, und ptuͤfe ihn. Wendet nun dieß alles, auf Wahrheiten der Ver⸗ nunftreligion und der chriſtlichen Religion insbeſondere an, und ihr werdet zugleich einen Begriff haben, was das heißt, uͤber den einen oder den andern Gegenſtand dieſer Religionen nachdenken, und ſie pruͤfen. Dann wird es auch nicht ſchwer fallen, die Frage zu beant⸗ worten: Iſt jeder Menſch, er ſey welches Standes oder welches Geſchlechts er wolle, wenn er nur in ſeiner Ju⸗ gend zweckmaͤßig zum Selbſtdenken angefuͤhrt worden iſt, faͤhig, uber Religionswahrheiten ſelbſt nachzudenken nud ſie zu pruͤfen, oder nicht? Wie? 1 ſehn, Wark gen7 wohl hältn muß heurt ſehn, Schr Soll lange digel deul ſchie diſ gele kend Cho Na wei lcht ſim Und i⸗ nd 45 Wie? ſolltet ihr, meine Toͤchter, wohl unfaͤhig ſeyn, dieſen großen Urheber der Natur aus ſeinen Werken zu erkennen, wenn ihr euch nur zu einer maͤßi⸗ gen Aufmerkſamkeit dazu gewoͤhnt habt? Solltet ihr wohl nicht Einſicht genug erlangen koͤnnen, eure Ver⸗ haͤltniſſe zu dieſem Urheber der Natur, eure Beſtim⸗ mung, eure Pflichten gegen ihn zu erkennen und zu beurtheilen? Sollte euer Verſtand wirklich zu ſchwach ſeyn, den Sinn der deutlichſten Stellen der heiligen Schrift, wenn ihr ſie lest, beurcheilen zu koͤnnen? Solltet ihr nicht geſunden Menſchenverſtand genug er⸗ langen koͤnnen einzuſehen, ob dieſe oder jene nothwen⸗ dige Glaubenslehre in der heiligen Schrift wirklich und deutlich enthalten ſey? oder nicht? Freylich wird unter den Selbſtdenkern von ver⸗ ſchiedenem Geſchlecht keine genaue Uebereinſtimmung dieſer Meynungen zu erwarten ſeyn. Freylich wird der gelehrte Selbſtdenker weiter ſehen, als der Selbſtden⸗ kende Handwerker und Bauersmann. Der maͤnnliche Charakter wird einen andern Einfluß in dieß eigene Nachdenken, in dieſe eigene Pruͤfung haben, als der weibliche. Dieß hebt aber den Nutzen und die Moͤg⸗ lichkeit der Sache ſelbſt nicht auf. Genaue Ueberein⸗ ſtimmung der Glaubensmeynungen iſt nicht nothwen⸗ dig um ein Chriſt zu ſeyn, ſie iſt ſogar nicht moglich, und kein Menſch iſt fuͤr Unwiſſenheit verantwortlich, die er in der Lage, in der er ſich befand, nicht vermei⸗ den konnte, voraus geſetzt, daß er nicht ſelbſt dieſe Lage veranlaßt hat. Das 7 46 Das weibliche Geſchlecht hat alſo ſo gut, als das maͤnnliche, das Recht, uͤber die Religion, es ſey Religion der Vernunſt oder der HOffenbarung, nachzudenken, und zu pruͤfen, was in Anſehung dieſer Religionen wahr, oder nicht wahr iſt. Nur einige Regeln moͤch⸗ ten ihnen hierbey zu empfehlen ſeyn. Auch derjenige Theil des maͤnnlichen Geſchlechts, der ſich nicht aus⸗ druͤcklich den Wiſſenſchaften widmet, wird ſich dieſes Rechts anzumaßen haben. Aber auch ihm wird die Beobachtung gewiſſer Vorſichtigkeitsregeln obliegen. Was hat das weibliche Geſchlecht und der Un⸗ gelehrte fur Vorſichtigkeitsregeln zu beobach⸗ ten, wenn er uͤber Gegenſtaͤnde ſo wohl der Vernunftreligion als der geoffenbarten nach⸗ denken und ſie beurtheilen will? Ich wende mich zuerſt zu euch, edle ſanfte Seelen des weiblichen Geſchlechts, welchen Religion ſchaͤtzba⸗ rer iſt als ſinnliche Luſt. Wollt ihr Gott nach dem Maas eurer Kraͤfte kennen, ihn kieben, und den Um⸗ fang eurer Pflichten nach Anleitung eurer Vernunft und der Offenbarung kennen lernen, ſo beobachtet da⸗ bey nachfolgende Vorſichtigkeitsregeln. Sie werden euch nuͤtzlich ſeyn. a. Wollt ihr hören, was euch die laute Stimme der Natur, von Gott von ſeinen Eigenſchaften, von euch ſelbſt, eurer Beſtimmung, euren Pflichten, von den Dingen die um euch ſind, zuruft: ſo muͤßt ihr gegen dieſe Stimme nicht fühllos ſeyn, ihr muͤßt 2 ——+ — 2 — 47 mußt euch die Faͤhigkeit verſchaffen, ſie zu hoͤren, und zu verſtehn. Wandelt alſo nicht empfindungs⸗ los, wie ſo viele eure Mitſchweſtern, mitten unter den unzaͤhlbaren Wundern und Schoͤnheiten der Ra⸗ tur herum, und begafft ſie bloß, ohne ſie zu kennen, ohne ſie zu empfinden. Jede Blume, die eure Locken ſchmuͤckt, jede Frucht, die euch labt, jede Erſchei⸗ nung in der Natur, ſie ſey furchtbar oder erfreu⸗ lich, ihr ſelbſt, und alles was euch umgiebt, ſagt euch bald ſtaͤrker, balb ſchwaͤcher:„Siehe! Es iſt ein Gott! Lerne wie weiſe, wie mächtig, wie guͤtig er iſt! Wie ſehr iſt es Pflicht fuͤr dich, ihn zu verehren! ihn zu lieben! in ihm deine ganze Gluckſeligkeit zu ſuchen!“ Seyd aufmerkſam auf dieſe Stimme, ſie wird euer Herz bilden, die Lehren der Offenbarung mit einem hoͤhern Grad der Ueberzeugung zu faſſen und zu verſtehen. Wolle ihr euch dieſe Empfindung eigen machen, ſo muͤßt ihr euch gewiſſe Vorkenntniſſe von den Werken der Na⸗ tur zu verſchaffen ſuchen. Lest alſo gute Buͤcher uͤber die Naturgeſchichte. Ihr verſchafft euch da⸗ durch Vergnuͤgen und Nutzen zugleich. Ein Frau⸗ enzimmer der hoͤhern Volksklaſſen, das die Sonne, den Mond und den geſtirnten Himmel ſo gedan⸗ kenlos erblickt als ihr Mops, ihre Katze, ihr Eich⸗ hoͤrnchen, ihr Papagey; und von der Einrichtung des ganzen Weltgebaͤudẽs eben ſo wenig weiß, als dieſe Thiere, ſich mit Blumen ſchmuͤckt, mit Pflanzen und Früchten naͤhrt, ohne uͤber den Bau und ON und Schmuck der erſtern, und die Entſtehung der letztern nachgedacht, und die Mocht, Weisheit und Guͤte Gottes an ihnen bewundert zu haben, verdienet nie geliebt und geachtet zu werden. Al⸗ lein, wenn ihr euch bemuͤht, die Natur in ihren Werken genauer kennen zu lernen, ſo huͤtet euch hierbey vor zwey Fehlern, in die euer Geſchlecht leicht fallen kann, vor dem Fehler der Empfindeley, und vor dem Fehler der gelehrten Pedantin. Glaubt nicht, daß ihr von den Schoͤnheiten der Natur wirklich durchdrungen ſeyd, wenn ihr euch uͤber jedes Maybluͤmchen entzuckt, uͤber jedes zer⸗ tretene Wuͤrmchen troſtlos ſtellt. Glaubt nicht, daß ihr zu großen Philoſophinnen oder Naturfor⸗ ſcherinnen berufen ſeyd, welche ihr nach der An⸗ lage und der Beſtimmung eures Geſchlechts we⸗“ der ſeyn koͤnnt, noch ſeyn ſollt. Beyde Fehler werden auch auf eure eigentlichen Religionsbegriffe ſelbſt einen nachtheiligen Einfluß haben; der er⸗ ſtere koͤnnte euch leicht zu einer leeren Gedanken⸗ loſen Myſtik verleiten, und der letztere wohl gar den Hang, den ſtarken Geiſt zu ſpielen, in euch rege machen, und unter allen weiblichen Thorheiten iſt die Rolle des ſtarken Geiſtes die laͤcherlichſte, weit laͤcherlicher als bey dem maͤnnlichen Geſchlecht. Alle Kenntniß, die euch die bloße Vernunft von Gott, von euch, von der Welt, in welcher ihr lebt, lehrt, alle Empfindungen, die aus dieſer Kenntniß bey euch entſtehen, muͤſſen ſich darauf einſchraͤnken, Liebe zu Gott, Kenntniß eurer ſelbſt, Ord⸗ 5 . 49 Ordnung, Klarheit, und Richtigkeit der Begriffe in euch zu erwecken und zu verſtärken. Dieß iſt der ganze Umfang der Naturreligion, die ihr zu wiſſen braucht, und von ihr unterrichtet, verbin⸗ det ſo dann mit ihr die Religion der Offenbarung, und urtheilt mit aufgeklaͤrtem Geiſt, uͤber das, was ſie euch ſagt, aber erinnert euch hierbey daß ihr als Frauenzimmer urtheilt, daß ihr alſo ohne Gelehrſamkeit und Wiſſenſchaft zu urtheilen genoöthigt ſeyd, daß ihr alſo nicht entſcheiden, ſon⸗ dern bloß nach dem Grad des euch verliehenen Ver⸗ ſtandes unterſuchen koͤnnt, in wie fern ihr das, was man euch als goͤttliche Offenbarung anpreiſt, auch wirklich in dem als Offenbarung angegebe⸗ nen Buche; wenigſtens nach eurer Einſicht, findet oder hicht findet. Hierzu ſeyd ihr berechtiget, und es iſt ſogar Pflicht fuͤr euch. Allein hůtet euch daß ihr nicht berwerſt, was ihr nicht verſteht. Wos euch von den als unmittelbar angegebenen göttlichen Offenbarungslehren, nach ſorgfaͤltig an⸗ gewandter Pruͤfung durch eure geſunde Vernunft, dunkel, ganz unverſtaͤndlich, oder wenigſtens zweiſelhaft bleibt, iſt euch entweder zu wiſſen und zu verſtehen ganz entbehrlich, oder anhalten— des Nachdenken und wiederholte Pruͤfung wird es euch deutlich machen. Wie ihr uͤbrigens, das Buch, das man euch als götcliche Offenbarung angiebt, eigentlich leſen ſollt, dieſe Anleitung werde ich euch im Folgenden noch miteheilen. Forſcht übrigens D 6, nach, 50 6. nach, was andere gelehrte, fromme und unpar⸗ teyiſche Maͤnner, uͤber dieſe oder jene Wahrheit, der chriſtlichen Religion geurtheilet haben, wenn ihr zweifelhaft ſeyd, was ihr in Anſehung derſel⸗ ben glauben ſollt, und keinen beſtimmten Ent⸗ ſchluß ſelbſt zu faſſen euch getraut. Macht euch alſo mit ihren Schriften bekannt. Sind euch dieſe Schriften nicht ſchon hinlaͤnglich bekannt, ſo zieht einen gelehrten ſachkundigen Freund, hier⸗ bey zu Rathe. Jetzt will ich euch nur an Jeru⸗ ſalems, Spaldings, Zollikofers, Sturms, Leß, Hermes, Marezolls, Tellers, Reinhards Schrif⸗ ten erinnern. Aber huͤtet euch ja, auf Auctoritat zu glauben, und einen Ausſpruch als wahr oder falſch anʒunehmen, weil ihn Jerufalem, Spalding, Zollikofer und andere, behauptet oder gelaͤugnet haben. Prufet die Gruͤnde desjenigen, was ihr lest, und beurtheilt ſie mit aufgekläͤrten Verſtand, und ohne vorgefaßte parteyiſche Meynung; beyde Huͤlfmittel ſind euch nothwendig, wenn ihr richtig pruͤfen wollt. Laßt euch indeſſen das Heer der Widerſpruͤche, das ihr bey dieſer Pruͤfung ent⸗ decken werder, nicht irren. Wenn die Zunge der Wage, welche dieſe und jene Gruͤnde wiegt, in der Mitte ſteht, ſo iſt gewiß nichts daran ge⸗ legen, welche Schale ſteigt, und welche ſinkt. Wenn ihr euch denn 7. des großen Vorrechts, eure eigene Vernunft zu befragen, was ſie uͤber dieſe oder jene Lehre der geoffenbarten Religion denkt, wirklich bedient: ſe — —— ⸗ it, n ei⸗ ch n, 51 ſo Lergeßt die engen Graͤnzen nie, in welche dieſe Vernunſt eingeſchloſſen iſt, wie gering ihre Kennt⸗ niſſe ſind, und wie unwiſſend ſie oft in den mei⸗ ſten Dingen iſt, die euch jeden Tag in die Sinne fallen. Euch von dieſer großen Wahrheit zu uͤber⸗ zeugen, muß euch nothwendig leichter werden, als dem ſogenannten Gelehrten, der ſich in die Schlingen ſeines Syſtems, das er als wahr an⸗ nimmt, vetwickelt hat. Verwerft alſo eine Lehre die man euch als Wahrheit der göttlichen Offen⸗ barung angiebt, nicht gleich um deswillen, weil ſie eurer Vernunft unbegreiflich iſt, oder weil ſie euch mit eurer Vernunſt im Widerſpruche zu ſtehen ſcheint. Ihr habt ſchon gehoͤrt, daß das⸗ jenige, was unmittelbare goͤttliche Offenbarung allein iſt, der Natur der Sache nach, der bloßen Vernunft nicht begreiflich ſeyn kann; der Ver⸗ nunft aber widerſprechend iſt nur dasjenige, was das Weſentliche eines Dinges zugleich behauptet und laͤlgnet. So lange ihr aber das Wefen eines Dinges nicht vollkommen erkannt, kann euch vieles Widerſpruch wider die Vernunft zu ſeyn ſcheinen, was es wirklich nicht iſt. Macht euch endlich 8. einen richtigen Begriff von demjenigen, was das Weſentliche der chriſtlichen Religion ausmacht. Dieß Weſentliche beſteht in der Vollkommenheit ihrer Moral, und der Pflicht der Vorſchrif⸗ ten dieſer Moral mit Eifer zu folgen, in Ver⸗ bindung von vier oder fuͤnf Saͤtzen, welche Glau⸗ D bens⸗ 3 5 benslehren enthalten. Was ich zu bieſen rechne, das werde ich euch in einem der folgenden F.§. wenn von den Unterſcheidungslehren der chriſt⸗ lichen Religion die Rede ſeyn wird, aufrichtig und ohne Furcht vor Menſchen angeben. Der In⸗ begriff der ganzen chriſtlichen Moral beſteht in der Liebe zu Gott, zu Jeſu, zu ſeinen Rebenmenſchen, und ihr erſtes und hoͤchſtes Geſetz iſt, dieſer Liebe ſtets gemaͤß zu handeln. Die erſte und alles um⸗ faſſende Glaubenspflicht der Offenbarung, iſt der Glaube, daß Jeſus, nach Inhalt desjenigen, was die heilige Schrift und beſonders das neue Teſta⸗ ment, klar und deutlich von ihm ſfagt, die einzi⸗ ge Quelle unſerer ganzen Gluͤckſeligkeit iſt. Han⸗ delt dieſer Liebe gemaͤß und untetwerft euch dieſem Glauben mit einfaͤltigen Herzen, ohne zu grubeln, wie Chriſtus die Quelle eurer Gluͤckſeligkeit iſt: ſo ſeyd ihr gewiß gute Chriſten, und duͤrft ewig gluckſelig zu ſeyn hoffen, euer Glaubensbekenntniß mag den Meynungen der chriſtlichen Kirche, zu welcher ihr gerechnet werdet, gemaͤßt ſeyn, oder nicht. Nur laßt dieſe Liebe, dieſen Glauben vernuͤnftig ſeyn. Huͤtet euch in Anſehung der erſtern vor leerer Myſtik, oder einer vorgegebe⸗ nen gekunſtelten Liebe zu Gott und ſeinen Men⸗ ſchen, welche ſich nicht durch Handlungen, ſon⸗ dern durch Empfindeley und leere Toͤne ausdruͤckt. Wos die letztere anbelangt, ſo erinnert euch, daß ihr täglich an Kenntniß wachſt und wachſen muͤßt. Schluͤßt alſo euer Glaubensſyſtem niemals in die Graͤnze Al geh 2 Wiſ der eini Nich Gh . — 53 Graͤnze eines Formularbekenntniſſes ein, von wel⸗ chen ihr glaubt, daß ihr es nie uͤberſchreiten duͤrft. Setzt die Hauptſache und das Weſentliche eurer Religion in die getreueſte Ausuͤbung aller eurer Chriſtenpflichten. Handelt uͤbereinſtimmend mit allen edlen und guten Menſchen, wenn ihr auch nicht einſtimmig mit ihnen glaubt. Dieß iſt der einzige richtige Vereinigungspunkt, in welchem alle Chriſten zuſammen treffen müſſen, wenn ſie wahre Chriſten ſeyn wollen. Wer nicht als Chriſt handelt, kann ſich des großen edlen Ra⸗ mens des Chriſtens nie anmaßen, ſein Glaube mag ſo rein ſeyn, als er will. Alle dieſe Verhaltungsregeln, ſind auch fuͤr denjeni⸗ gen Theil des maͤnnlichen Geſchlechts der ſich den Wiſſenſchaften nicht widmet, ſondern andere Arten der Gewerbe waͤhlt, anwendbar. Nur will ich noch einige hinzuſuͤgen, die auf Mannsperſonen als nicht Richtgelehrte, insbeſondere ihre Beziehung haben. Glaubet 1. ja nicht, daß ihr, weil ihr euch mit der Gelehr⸗ ſamkeit, in dem gewoͤhnlichen Sinn des Worts, nicht beſchaͤfftiget, keiner eigenen Ueberzeugung eures Religionsſyſtems beduͤrft. Begnuͤgt euch alſo ja nicht mit den heilloſen Grundſatz, zu glau⸗ ben, was die Kirche glaubt, und bildet euch nie ein, daß ihr als ſo genannte Ungelehrte zum eigenen Nachdenken unfaͤhig ſeyd. Kein Menſch von geſunden Menſchenverſtand iſt hierzu unfaͤhig, wenn 54 „ wenn er nur von Jugend auf darzu angewoͤhnt wird, und ſich in dieſem eigenen Nachdenken uͤbt. Das Charakteriſtiſche, das dem maͤnnlichen Ge⸗ ſchlecht vor dem weiblichen eigen iſt, wird euch ſogar noch einen höhern Grad der Faͤhigkeit hierzu vor euren chriſtlichen Schweſtern ver⸗ ſchaffen. Freylich werden ſie oft richtiger em⸗ pfinden, als ihr, aber ihr werdet auch oft richti⸗ ger urtheilen als ſie. Setzt alſo die Pflicht des eigenen Nachdenkens bey allem, was euch Natur und Offenbarung von der Religion lehrt, niemals aus den Augen, euer Stand, eure Beſchaffti⸗ gung, die dieſer Stand von euch fordert, ſey, welchen ihr wollt. Bildet euch ferner 2. nie ein, daß ſich dieß Nachdenken, mit dem Stand, in welchem ihr ſteht, nicht vereinigen laſſe; kein Stand, keine Beſchaͤfftigung, wenn nicht Ausuͤbung des Laſters der unmiktelbare Ge⸗ genſtand deſſelben iſt, iſt unvereinbar mit dem Nachdenken uͤber Gegenſtaͤnde, welche die Reli⸗ gion betreffen. Oft giebt der Stand, der ſich mit dieſem Nachdenken am wenigſten beſchaͤfftigen zu koͤnnen ſcheint, die ofterſte Veranlaſſung darzu. Brauch ich euch erſt den Militairſtand ins Ge⸗ daͤchtniß zu rufen; es giebt doch wahrlich keinen beſſern, ordentlichern und bravern Soldaten, als denjenigen, der richtige Religionskenntniſſe hat, und nach dieſen handelt. Freylich můßt ihr hierbey 3. richtige Begriffe von demjenigen haben, was euer Stand eigentlich von euch fordert, und was das We⸗ — 1 „— 55 Weſenlliche ſey, worauf es bey demſelben ankommt. Alsdann werden euch auch die Vorurtheile, die dieſem oder jenem Stande eigen ſind, nicht ab⸗ halten, euch einem Nachdenken zu widmen, wel⸗ ches euch der Spoͤtterey, dem Tadel, ſelbſt der Verachtung des unverſtaͤndigen Theils eurer Zunft⸗ genoſſen, bisweilen ausſetzen wird. Der Mann von wahrer Ehre ſucht dieſe nicht in dem Bey⸗ fall der Thoren, und mit Klugheit, Vorſicht und Muth weiß er diejenigen in Achtung zu erhalten, welche ihm dieſe Achtung verſagen wollen, weil er ſeiner Pflicht getreu iſt. Wenn ihr euch aber z. dem eigenen Nachdenken uͤber Wohrheiten der Religion widmen wollt, ſo laßt daſſelbe nicht bloß auf gewiſſe Gegenſtände eingeſchraͤnkt ſeyn, und trennt nicht diejenigen davon, die euch bey eurem Stand und Beruff nicht zu intereſſiren ſcheinen. Ich will mich deutlicher erklären. Laßt euch nicht das Vorutheil verfuͤhren, daß der Kauf⸗ mann, der Soldat, der Kuͤnſtler, der Handwer⸗ ker, der Bauer gleichſam ſein eigenes beſonderes Religionsſyſtem, ſowohl in Anſehung des Glau⸗ bens, als der Pflichten habe. Die Religion iſt ein unzertrennbares Ganze, paßt auf alle Staͤn⸗ de, fordert von einem Stand ſo viel Glauben, ſo viel Dreue der Pflichten als von dem andern⸗ Sie geſtattet keine Ausnahmen, keine Privilegien für einen oder den andern Stand. Denkt alſo in ihrem ganzen Umfange uͤber ſie nach, wenn ihr richtige Religionsbegriffe erlangen wollt. Endlich 5. uͤber⸗ 36 5. uͤbernehmt niemals die Rolle der Reformatoren. Geſetzt ihr waͤret faͤhig, eine Menge Mißbraͤu⸗ che in der religioͤſen Geſellſchaft, zu welcher ihr euch haltet, einzuſehen: ſo ſeyd doch ihr wenig⸗ ſtens nicht berufen ſie zu verbeſſern, und ſchwer⸗ lich duͤrftet ihr auch jemals genug Faͤhigkeit hierzu erlangen. Wenn aber weiſere Maͤnner eures Zeital⸗ ters als ihr ſich bemuͤhen, an dieſer Verbeſſerung zu arbeiten, dann unterſtutzt ihre Bemuͤhungen nach allen euren Kraͤſten, und ſucht dem unaufgeklärten Theil eurer Mitbruͤder den Werth dieſer Bemu⸗ hung begreiflich zu machen. Iſt es denn wohl noͤthig, daß ich euch, meine Ge⸗ liebten/die ihr euch den Wiſſenſchaften, mit Ausſchluß der theologiſchen, im eigentlichen Verſtande widmen moͤchtet, anermahne, daß ihr eigenes Nachdenken, eigene Pruͤ⸗ fung, in Anſehung der Religion, zu der ihr euch be⸗ kennt, eine Hauptbeſchaͤfftigung eures Lebens ſeyn laßt. Euer Leben mag ſo geſchafftsvoll ſeyn, als es will, ihr werdet hierzu in jedem Fall genug Zeit uͤbrig behalten. Aber freylich, traurig, hochſttraurig wäre die Ahn⸗ dung, wenn ich von euch furchten muͤßte, daß ihr je⸗ mals den Werth dieſer ſo erfreulichen Religion Jeſu zu verkennen, und aus Hang zum Laſter oder zum Stolz ihr ſo ſanftes Joch abzuwerfen, vermogend waͤret, oder daß Tragheit und Weichlichkeit euch ſo ſehr feſſeln konnten, daß ihr euch begnuͤgtet, elende Mundchriſten zu ſeyn, und bloß auf das Wort an⸗ derer zu glauben. Nein! die Ermahnungen und der Unterricht, den ihr erhalten habt, laſſen mich hoffen, daß duß we dhig, den ih 6 Jede weld eigen Priſ De wollt ſchof Hußß Schr Hül ſies beſt euch alter voch Alt er ſ Doe part mit Per gi m ſer 1 57 daß weder die eine, noch die andere Art der Verblen⸗ dung, euch jemals auf dem Wege irre fuͤhren wird, den ihr hierbey zu gehen habt. Ich theile euch keine Regeln eures Verhaltens mit. Jeder Geiſt, deſſen Hauptgeſchaͤfft Denken iſt, und welche Wiſſenſchaft erfordert dieß nicht? hat ſeinen eigenen Flug. Freylich muß eure Selbſipruͤfung der Wahrheiten der Religion anders beſchaffen ſeyn, als die Prüfung eurer ungelehrten Bruͤder und Schweſtern, Die Kenntniſſe eurer Vernunft, wenn ihr euch wirk⸗ lich zu den ſo genannten gelehrten Stand rechnen wollt, muͤſſen ausgebreiteter ſeyn, und die Wiſſen⸗ ſchaften uͤberhaupt, biethen euch eine Menge ſolcher Huͤlfsmittel an, die euern andern Bruͤdern und Schweſtern mangeln. Wendet dieſe Kenntniſſe, dieſe Huͤlfsmittel, nach dem Grade der Kultur eures Gei⸗ ſtes an, deſſen ihr faͤhig ſeyd, und den ihr wirklich beſitzt. Die Art, wie ihr ihn anwenden wollet, bleibt euch allein uͤberlaſſen. Nur dieß ermahnt euch euer alter durch Erfahrung belehrter Vater: Haſcht nicht nach dem Neuern und Paradoxen, und verachtet das Alte nicht, weil es alt iſt. Haltet keinen Menſchen, er ſey das Orakel der Philoſophen, der Exegeten, der Dogmatiker, wie er will, fuͤr unfehlbar. Pruͤft un⸗ parteyiſch, zweifelt mit Vernunſt, und entſcheidet mit Bedacht. Scheitert nicht an den Klippen eurer Vernunft. Dieſe Klippen werden von Tag zu Tag gefaͤhrlicher, und was auch euer Religionsſyſtem ſeyn mag, ſo ſeyd Thaͤter des Worts und nicht Hö⸗ per gllein, domit ihr euch nicht ſelbſt betrugt 5 — 58 Ich habe euch, meine Kinder eine Anleilung ge⸗ geben, ſo gut ſie in meinen Kraͤften iſt, wie ihr uͤber eure Religion vernuͤnftig nachdenken und ſie pruͤfen ſollt, und wie ihr euch hierzu durch Erlangung einer richtigen Naturreligion vorzubereiten habt. Laßt uns nunmehr der Hauptſache naͤher kommen. Laßt uns, dieſe unmittelbare goͤttliche Offenbarung, von der ich euch geſagt habe, nunmehr auſſuchen. Iſt ſie uns wirklich mitgetheilt? In welchen Schriften iſt ſie ent⸗ halten? Und was lehrt ſie uns eigentlich? Dieß wol⸗ len wir nunmehr mit getroſten Muth, mit freudiger Hoffnung auf dem Beyſtand Gottes, unterſuchen. Aber erinnet euch, daß ich euch nur die Reſultate mei⸗ nos eigenen Nachdenkens uͤber dieſe Sache vorlege, und daß ich ein ſchwacher, eingeſchraͤnkter Menſch bin, der leicht irren kann. §. 8. Iſt eine unmittelbare goͤttliche Offenbarung nothwendig? Iſt ſie moͤglich? Welches iſt das Charakteriſtiſche, woran ſie zu erkennen iſt? In welchem Buch iſt ſie enthalten, oder wie iſt ſie ſonſt vorhanden? Auch in unſern Zeiten ſind dieſe, bereits alten, Fra⸗ gen nochmals aufgeworfen worden. Iſt eine unmit⸗ telbare goͤttliche Offenbarung nothwendig? Ja, iſt ſie ſogar moͤglich? Füͤrchtet nicht meine Geliebten, daß ich euch in tieſſinnige und ſpitzfindige philoſophiſche Unterſuchung an welchen unſer Zeitalter ſo reichhaltig iſt, verwickelt werde. Wir wuͤrden dadurch der Wahrheit um keinen Schritt näher kommen/ ſondern nur nur no angeno geſund nen u unſer chun Wen digk juig , jugeb ( kann heit gan nug. der voll ſchl ſche St biſ ſt un l 59 nur nach den wahren oder falſchen Schluͤſſen des von uns angenommenen Syſtems urtheilen. Nur unſer einfacher geſunder Menſchenverſtand ſoll urtheilen. Wir nen⸗ nen uns Chriſten, und ſo lange wir in dieſem Namen unſere Ehre ſuchen, bedarf es fuͤr uns keiner Unterſu⸗ chung, ob eine göttliche Offenbarung moͤglich und noth⸗ wendig ſey, weil wir ihre Moͤglichkeit und Nothwen⸗ digkeit bereits vorausſetzen, und Chriſtum nie als den⸗ jenigen annehmen koͤnnten, der uns den Willen Got⸗ tes unmittelbar bekannt gemacht hat, wenn wir dieſe Offenbarung laͤugnen wollten. Nur das folgende duͤrf⸗ te firr uns nicht ganz uͤberfluͤſſig zu bemerken ſeyn, da der Fall moͤglich iſt, daß es Pflicht fuͤr uns ſeyn koͤnn⸗ te, Gruͤnde unſets Glaubens in dieſem Stuͤck an⸗ zugeben. Die Unmoglichkeit einer goͤttlichen Offenbarung kann niemand behaupten, als derjenige der die Gott⸗ heit nach ihren Weſen, Eigenſchaften und Wirkungen ganz erkannt hat, und welcher Menſch iſt frech ge⸗ nug, ſich dieſer Kenntniß anzumaßen. Die Roth⸗ wendigkeit einer goͤttlichen Offenbarung läßt ſich von der eingeſchraͤnkten menſchlichen Vernunſft ſo kange nicht vollſtaͤndig beurtheilen, als dieſe Vernunft den Rath⸗ ſchluß der Gottheit uͤber die Beſtimmung des Men⸗ ſchen nicht vollkommen überſieht. Und auf welcher Stuffe der Kultur moͤchte die menſchliche Vernunft, vieſen Rathſchluß ganz beſtimmt und gewiß zu üͤber⸗ ſchauen vermoͤgend ſeyn? Indeſſen daͤucht es mir, und ich habe dieß auch ſchon im Vorhergehenden weit⸗ läuſtiger bemerkt, daß dhhe Offenbarung viele Be⸗ „ 90 66 duͤrfniſſe unſers vernuͤnftig denkenden Geiſtes unbefrie⸗ friediget bleiben duͤrften. Kaͤme hier noch der Um⸗ ſtand hinzu, daß eine Schriſt, oder eine Sammlung von Schriften, vorhanden iſt, von welcher man ein⸗ raumen muͤßte, daß die Behauptung ihrer Verfaſſer, der Inhalt dieſer Schriften ſey ihnen von Gott unmit⸗ telbar mitgetheilt, durch den Inhalt dieſer Schriften ſelbſt beſtätiget wurde: ſo wuͤrde ich meines Theils nicht zweifeln, daß die Nothwendigkeit einer goͤttlichen Offenbarung hinlaͤnglich erwieſen ſey. Allein die Wahrheit dieſer Behauptung worauf grundet ſie ſich? Nach meinem Urtheil, auf den Erweis, wie die Rich⸗ tigkeit einer jeden Thathandlung erwieſen werden muß. Wer behauptet, daß dieß oder jenes wahr ſey, zumal wenn es ſein eigenes Gefuͤhl oder ſeine eigene Hand⸗ lung betrifft, wider deſſen Zeugniß muß kein Ein⸗ wurf der Betrugerey, der Schwaͤrmerey, der Täu⸗ ſcherey, des Irrthums, des eigenen Vortheils oder Nachtheils ſtatt haben. Kann alſo nicht erwieſen wer⸗ den, daß Moſes, Jeſus und ſeine Apoſtel, den einen oder den andern dieſer Vorwuͤrfe verdienen, ſo iſt ihre Behauptung, wenn ſie das, was ſie lehren, als eine unmittelbare göttliche Offenbarung ankuͤndigen, wahr, und die Nothwendigkeit dieſer Offenbarung iſt erwieſen. wenn wir auch gleich noch keine deutliche Vorſtellung haben ſollten, wie dieſe Offenbarung den vorbenann⸗ ten Perſonen mitgetheilt worden iſt. Kommen hierzu noch gewiſſe Handlungen, durch welche ſie ſich ihren Zeitgenoſſen legitimiren, daß dasjenige, was ſie lehren, ihnen von Gott unmittelbar geoffenbart ſey, es mag nun „ zun die ſo entſ tungen auftich Vorſt machl Veiſ Ofen den zu Ert Er ve komm ſprich ich eu den H nomm rer L ihrer wie ich d meine Of ſche vorau milte du? wi dur uns 6 1 nun dieß durch Wunder oder Weiſſagungen geſchehen: ſo entſteht hieraus ein Grund mehr, ihren Behaup⸗ tungen Glauben beyzumeſſen. Indeſſen geſtehe ich euch aufrichtig, daß der Geiſt unſers Zeitalters wider dieſe Vorſtellungen noch viel zu erinnern haben wird. Er macht Einwendungen wider die Wunder, wider die Weiſſagungen; er behauptet, daß die Vernunft einer Offenbarung nicht beduͤrfe, da ſie allein zureichend ſey⸗ den Menſchen uͤber dasjenige zu unterrichten, was er zu Erreichung ſeiner Beſtimmung zu wiſſen nöthig hat. Er verſichert euch ſehr zuverſichtlich, daß es weiſe Ak⸗ kommodation von Chriſto ſey, wenn er von Offenbarung ſpricht. In alle dieſe Speculationen kann und mag ich euch nicht hineinfüͤhren. Ich empfehle euch bloß den Hauptgedanken zur Prüfung: Ob ihr ohne ange⸗ nommene unmittelbare goͤttliche Offenbarung, und ih⸗ rer Leitung, das zu werden euch getraut, was ihr nach ihrer Forderung ſeyn ſollt: Vollkommen zu werden, wie euer Vater im Himmel vollkommen iſt. Nie hab ich die Erreichung dieſer Beſtimmung den Kraͤften meiner eigenen Vernunft zugetraut. Nur in der Offenbarung Gottes fand ich die Mittel darzu. Ich ſetze alſo dieſe Offenbarung als nuͤtzlich und nothwendig voraus. Laßt uns nunmehr nachforſchen, wenn es eine un⸗ mittelbare goͤttliche Offenbarung giebt, wo wir ſie fin⸗ den? In deiner eigenen Vernunft,o Menſch, ruft uns, wie ich ſchon geſagt habe, der Deiſt zu. In dem durch den Talmud erklaͤrten moſaiſchen Geſeß, belehrt uns der Jude. Im Koran, ſpricht der Tuͤrke. Im Vedam, 62 Vedam, im Schaſta, im heiligen Zend, behauptet der Indoos, der Bramine und der Verehrer des Zoro⸗ aſters. Im alten und neuen Teſtament, behauptet ver Chriſt, von welcher Partey er auch iſt. Wer hat Recht? Es wurbe uns zu weit fuhren, wenn wir alle dieſe Schriften, die uns als unmittelbare goͤttliche Oſfenbarungen angeprieſen werden, mit einander ver⸗ gleichen, und unterſuchen wollten, welche von ihnen den Charakter dieſer Offenbarung am deutlichſten an ſich trage. Auch durch die ſpitzſindigſten Unterſuchungen, uͤber die Moͤglichkeit, Wirklichkeit und Nothwendigkeit der Offenbarung, welche uns die Philoſophie darbieten kann, und in unſern Zeiten uns bereits wirklich darge⸗ boten hat, moͤchten wir nicht zu einer Gewißheit ge⸗ langen, der nicht widerſprochen wird. Wir wollen uns daher bloß mit demjenigen begnuͤgen, was der Vorurtheilfreye, weder von Hyporbeſenſucht noch For⸗ mularglauben irre gefuͤhrte geſunde Menſchenverſtand, als den unterſcheidenden Charakter einer wahren goͤtt⸗ lichen Offenbarung angiebt. Mir däucht, er beſtimmt dieſen Charakter nach folgenden vier Hauptregeln; 1. Eine wahre goͤttliche Offenbarung muß nichts enthalten, was dem Grade der Ver⸗ nunft, den uns Gott mitgetheilt hat, wi⸗ derſpricht. 2. Sie muß mit demjenigen genau uberein⸗ ſtimmen, was uns eine richtige Vernunft⸗ religion lehrt. 3. Allein ——„—„— gul klei pot Mar rekt ent lich ch Zy ut du fi de 03 3z. Allein alles, was ſie den Menſchen von Gott, ſeinem Weſen und Eigenſchaften, von den Verhaͤltniſſen des Menſchen mit Gott, von der Beſtimmung des Menſchen, von den Sittengeſetzen, nach welchen er handeln ſoll, lehrt, muß weit vollſtaͤndiger und vollkomm⸗ ner ſeyn, als die Belehrungen; welche die bloße Vernunftreligion daruber ertheilt. Sie muß 4. uns Wahrheiten erkennen lehren, die wir durch die bloße Vernunftreligion nie haͤtten kennen lernen, und die uns gleichwohl der Erreichung und Erfuͤllung unſerer Beſtim⸗ mung, zu welcher wir in dieſem Erdenleben geſchaffen ſind, naͤher bringen; Man mag dieſe vier einfachen Kennzeichen einer goͤttlichen Offenbarung, in ein philoſophiſches Gewand kleiden, wie man will, außer einer oder der andern H⸗ potheſe, welche das Syſtem noch hinzu fuͤgt, wird man nichts weiter hinzu ſetzen koͤnnen, was den Cha⸗ rakter einer gottlichen Offenbarung zu beſtimmen, un⸗ entbehrlich waͤre. Die Anwendung dieſer Charaktere auf die chriſt⸗ liche Religion, und die daraus entſtehende Verglei⸗ chung derſelben mit andern Religionen, geſtattet der Zweck dieſer Schrift nicht. Es iſt auch ſolches bereits in den vortrefflichen Schriften, die uͤber die Wahrheit der chriſtlichen Religion geſchrieben worden ſind, über⸗ fluͤßig geſchehen. Nur iſt dieß noch zu bemerken: Wenn der Feind der chriſtlichen Religion, ihr das erſte Kenn⸗ zeichen 64 zeichen nicht zugeſtehen will: ſo hat er äͤchte Chriſtus⸗ religion, wie ſie in der Bibel enthalten iſt, vom Kir⸗ chenglauben eben ſo wenig richtig unterſchieden, als er richtige Begriffe vom Widerſpruch zwiſchen Ver⸗ nunft und Chriſtusreligion hat. Zweifel, ob die uͤbri⸗ gen drey Kennzeichen der chriſtlichen Religion zukom⸗ men, koͤnnen nur demjenigen einfallen, der ſie nicht kennt, ſie nicht aus ihren Quellen ſtudirt, und ihre Vorſchriften nie auf das praktiſche Leben angewandt hat. Laßt uns nunmehr das Buch, welches fuͤr den Chriſten goͤttliche Offenbarung enthaält, genauer unter⸗ ſuchen: Was iſt die Bibel fuͤr ein Buch? Richtige Vorſtellung von dieſem Buch. Die Chriſten, wenigſtens die proteſtantiſchen Chriſten, nehmen die Bibel als die einzige Erkennt⸗ nißquelle aller unmittelbaren goͤtclichen Offenbarungen. Ratuͤrlich muͤſſen wir dieß Buch genauer kennen ler⸗ nen. Die Bibel iſt, wie ihr wißt, eine Sammlung von ſehr verſchiedenen Schriften, die in einem Zeit⸗ raume von mehr als zweh tauſend Jahren entſtand. Der Inhalt dieſer Schriften, ihr Styl, ihre Verfaſ⸗ ſer ſind ſo ſehr verſchieden, daß man in ſehr grobe Irrthumer verfallen wuͤrde, wenn man ſie alle nach einerley Regel, aus einerley Geſichtspunkt beurtheilen wollte. Ihr Inhalt iſt theils hiſtoriſch, theils mora⸗ liſch, theils ſoll ſie Weiſſagungen, theils Glaubens⸗ lehren enthalten. Die Gegenſtaͤnde ihres Inhalts ver⸗ 1 turliert bere G Sitten lſtrec Erde poetiſ bold Syir welche Di1 ſi, ar tr, ſ ſchreil gen, e ſt 1 Unler ncht geſch unte wa Kor pelch ung lßte uß ihl Gin bis ſ 65 verlieren ſich theils in Zeiten, in welchen uns alle an⸗ dere Geſchichte verlaͤßt, theils betreffen ſie Sprachen, Sitten, Voͤlker die uns ganz unbekannt ſind, theils erſtrecken ſie ſich in Regionen, die nicht zu unſeret Erde gehoören. Der Scyl dieſer Schriften iſt bald poetiſch, bald in Allegorien und Parabeln eingekleidet, bald einfach und rauh. Er traͤgt unverkennbare Spuren des Grades der Kultur in dem Zeitalter, in welchem die eine oder die andere Schrift entſtand. Die Verfaſſer diefer Schriften, wie verſchieden ſind ſie, an Kenntniß, an Einſichten, an Nationalcharak⸗ ter, ſelbſt an Vorſtellungen, von demjenigen, was ſie ſchreiben und lehren! Macht euch alſo vor allen Din⸗ gen, einen richtigen Begriff, was die Bibel eigentlich iſt, und ſondert alles davon ab, was Erziehung und Unterricht euch irrig davon gelehrt haben. Die un⸗ richtige Benutzung der Bibel hat der Religion mehe geſchadet, als die Verachtung derſelben. Die Bibel iſt kein Buch, welches Gott, uns zu unterrichten, unmittelbar vom Himmel gefandt hat, wie etwan Mahomet, nach ſeinem Vorgeben, ſeinen Koran erhielt. Die Sammlung der Schriften, aus welchen ſie beſteht, entſtand, wie jede andere Samm⸗ lung von Schriften. Das Beduͤrfniß der Zeit veran⸗ laßte jede einzelne, und die goͤttliche Vorſehung ſorgte, daß alle dieſe Schriften, bis zur ſpaͤteſten Nachwelt erhaiten wurden, weil mit ihrer Erhaltung die ganze Entwickelung der Beſtimmung des Menſchengeſchlechts, bis zum letzten Zeitpunkt dieſer Beſtimmung auf die⸗ ſer Erde, unzertrennlich verbunden war; was Gott in 66 in Anſehung der Entſtehung und Erhaltung jeder ein⸗ zelnen Schrift mittelbar oder unmittelbar wirkte, das wollen wir unterſuchen, wenn wir uns uͤber ihre ſoge⸗ nannte Inſpiration belehren. Die Bibel von dem erſten Buch Moſis an, bis auf den letzten Brief der Apoſtel, oder auch lieber die Offenbarung Johannis, iſt alſo nichts mehr und nichts weniger, als das Ar⸗ chiv der Urkunden, welche die von Gott veranſtaltete Erziehung des Menſchengeſchlechts, von ſeiner erſten Entſtehung an, bis zu Vollendung des Syſtems, in welchem es jetzt lebt, betreffen. Dieſe ganze Samm⸗ lung ſoll dazu dienen, den Menſchen von dem rohe⸗ ſten Zeitalter ſeiner Kultur an, bis zur hoͤchſten Stuffe ſeiner Verfeinerung und Vervollkommnung zu belehren und zu unterrichten: was er iſt; was er ſeyn ſoll; und unter welchen Bedingungen, er das, was er ſeyn ſoll, werden kann. Der Grad des Unter⸗ richts, welchen dieſe Sammlung enthaͤlt, paßt auf das Zeitalter genau, fuͤr welches er beſtimmt war. Alle dieſe Grade des Unterrichts machen indeſſen ein zuſammenhangendes Ganzes aus, welches den Men⸗ ſchen bis zu der Stuffe der Vollkommenheit erhebt, die er als vernünftiges freyes Geſchoͤpf erlangen muß, wenn er die Geſetze der Tugend erfuͤllen, und durch dieſe Erfullung glücklich ſeyn will. Kach dieſen Grundſaͤtzen werden wir in jeder Pe⸗ riode des Unterrichts und der Belehrung, welche uns die Bibel mittheilt, leicht beurtheilen und unterſchei⸗ den koͤnnen, was von dieſem Unterrichte, fuͤr das Zeitalter, das ihn erhielt, beſtimmt war, und was da⸗ dahon Priod den M heit auf w nur d Kulh damit Purio ſchn wyn ſi ſchick die w keine ſheng wdr von eine dem geme und mir lch ken Va ſſch ſeſe du lich die 67 davon auch fuͤr uns noch anwendbar iſt. In jeder Periode wird ſich dieſer Unterricht darauf einſchraͤnken, den Menſchen zum Ziele der moraliſchen Vollkommen⸗ heit zu fuͤhren, welcher er auf der Stuffe der Kultur, auf welcher er ſtehe, faͤhig iſt. Fuͤr uns wird daraus nur das brauchbar ſeyn, was uns auf der Stuffe der Kultur nuͤtzlich iſt, auf welcher wir ſtehen, und was damit genau verbunden iſt. Das uͤbrige gehoͤrt jeder Periode beſonders zu, und wir muͤſſen darauf Ruck⸗ ſicht nehmen, wenn wir beurtheilen wollen, was da⸗ von fur eine goͤttliche Offenbarung ſchicklich oder nicht ſchicklich iſt. Geſetzt alſo, die alteſte bibliſche Urkunde, die wir haben, und die ganze Geſchichte liefert uns keine aͤltere, theilt uns von der Entſtehung des Men. ſchengeſchlechts, von der Beſchaffenheit ſeiner phyſiſchen und moraliſchen Ratur, von der Erde, die er bewohnt, von den Vorfaͤllen, die ſich darauf ereignet haben, in einer nicht ganz deutlichen Hieroglyphenſprache, die dem Geiſt des Zeitalters, worin ſie geſchrieben ward, gemaͤß iſt, und damals gewiß vollkommen deutlich und verſtaͤndlich war, gewiſſe Umſtaͤnde mit, die ich mir, nach meinen jetzigen Begriffen, nicht ganz deut⸗ lich aufklären kann: ſo bleibe ich bey dem Hauptgedan⸗ ken ſtehen, der fuͤr mich anwendbar iſt, und deſſen Wahrheit ich nicht läugnen kann, wenn ich unpartey⸗ iſch und ohne Vorurtheil urtheilen will. Geſetzt alſo, dieſe Urkunde erzaͤhlt mir; durch Ungehorſam gegen das goͤttliche Geſetz verlohr der Stammvater des menſch⸗ lichen Geſchlechts, die Herrſchaft ſeiner Vernunft uͤber die Sinnlichkeit, und das ganze von ihm abſtammen⸗ 2 de 68 de Menſchengeſchlecht nahm an dieſem Verfall ſeiner moraliſchen Natur Antheil. Warum ſollt, ich dieß mugnen, da mich meine eigene Erfahrung taͤglich uͤberzeugt, daß meine Sinnlichkeit uͤber meine Ver⸗ nunft herrſcht, und meine Vernunft nicht fuͤglich be⸗ haupten kann, dieſe mangelhafte Anlage meines Gei⸗ ſtes, ſey die wohlthätigſte fuͤr mich, nach welcher mich Gott habe erſchaffen koͤnnen. Geſetzt, dieſe alte Ur⸗ kunde erzaͤhlte mir, daß Gott von dieſem erſten Ver⸗ full des Menſchengeſchlechts an, die Veranſtaltung getroffen habe, durch unmittelbare Belehrungen, auf welche die bloße, ſich ſelbſt uberlaſſene Vernunft, auf der Stuffe der Kultur, auf welcher ſie damals ſtand, nicht gefallen wäre, dem Menſchen ſeinen Willen zu offenbaren, weil er dieſe Vernunft des Menſchen nicht mehr zureichend fand, ſeine einzige Fuͤhrerin zu ſeiner Beſtimmung zu ſeyn, daß er alſo die Leitung deſſelben unmittelbar uͤbernahm, und ſein unmittelbarer Lehrer und Fuͤhrer ward: warum wollt' ich an dieſer Erzaͤh⸗ lung zweifeln? Iſt ſie nicht der Weisheit und Liebe Gottes vollig gemäß? Stimmt ſie nicht mit den aller⸗ älteſten Denkmalen der weltlichen Geſchichte uͤberein? Es hat unter den älteſten Voͤlkern kein Volk gegeben, daß ſeine Kenntniſſe, in allem, was die Kultut des Geiſtes anbetrifft, nicht der unmittelbaren Belehrung der Goͤtter zugeſchrieben haͤtte; der Mythos der Aegy⸗ pter, der Griechen, der Roͤmer, der Indier, ſelbſt der Amerikaner gruͤndet ſich ſo gut, wie die Religionsge⸗ ſchichte der Juden, auf dieſe unmittelbare Belehrung der Gottheit. Mag er doch mit ſo vielem Fabelhaf⸗ tem n u doch d nittel den icht erfuͤl Wen zu b Golt heil und mich über welch telbar habe Kint Got Ver dam ſtär raſc Ans lich zur gle ung Ah 69 lem und Falſchem vermiſcht ſeyn, als er will. Es liegt doch die unlaͤugbare Wahrheit: Die Gottheit hat un⸗ mittelbar annoch uͤber das bloße Licht der Vernunft, den Menſchen durch eigenen ihm geoffenbarten Unter⸗ richt belehrt was er thun muß, um ſeine Pflicht zu erfullen und glcklich zu ſeyn, dabey zum Grunde. Wenn es unſerer Vernunft in unſerm Zeitalter ſchwer zu begreifen iſt, wie? und auf was fuͤr fuͤr Art? Gott dem menſchlichen Geſchlecht dieſen Unterricht mit⸗ cheilen kann, wenn ſie die perſoͤnlichen Erſcheinungen und Belehrungen Gottes anſtoßig findet, ſo daͤucht mich doch, daß uns dieß kein Recht giebt, die Sache üͤberhaupt zu verwerfen. Ohne in dein Zeitalter ſelbſt, welchem dieſe perſoͤnlichen Erſcheinungen und unmit⸗ telbaren Belehrungen zugeſchrieben werden, gelebt zu haben, ohne das damalige Verhaͤltniß, des in feiner Kindheit annoch ſtehenden Menſchengeſchlechts mit Gott, ſeinem Schoͤpfer und Herrn, und den Grad der Verſtandesfaͤhigkeit und des Religionskenntniſſes des damals lebenden Menſchengeſchlechts, genau und voll⸗ ſtandig zu kennen, urtheilen wir, wie mich däucht, zu raſch, wenn wir alles, was die Moſaiſche Geſchichte uns davon ſagt, im buchſtaͤblichen Verſtand, unmoͤg⸗ lich oder abgeſchmackt finden, und die Ehre der Bibel zu retten glauben, wenn wir dieſe erzählten Thatſachen, alle, ohne Ausnahme, als Allegorie, Poeſie, Dich⸗ tung, Volkslieder, ſelbſt als Nationalvorurtheile und Aberglauben annehmen wollen. Laßt uns alſo immer einfaͤltig glauben, daß Gott Adam, Henoch, Noah, Abraham, und andere Alt⸗ vãter 70 vaͤter des Menſchengeſchlechts durch unmittelbare Er⸗ ſcheinungen hoͤherer Geiſter, durch Traͤume, durch ſym⸗ boliſche Handlungen und auf andere Art, von dem⸗ jenigen ſelbſt unterrichtet hat, wovon ſie die Menſchen zu Erlangung ihrer Gluͤckſeligkeit, weiter belehren ſoll⸗ ten, daß er gewiſſen Perſonen, die Gabe mitgetheilt hat, kuͤnftige Dinge vorauszuſagen, und Wunder zu verrichten, um ihren außerordentlichen, dem damaligen Licht der Vernunft, nicht ſogleich deutlichen Lehren deſto mehr Eindruck zu geben, daß er das ganze Men⸗ ſchengeſchlecht, ſtuffenweiſe, durch Perſonen, die er hierzu mit eigenen Gaben, Einſichten und Kennt⸗ niſſen verſehen hat, hat belehren laſſen, worauf es eigentlich bey der Beſtimmung des Menſchen, in dem Syſtem, in welchem er auf der Erde lebt, ankomme. Dieß Eigentliche der Belehrung des Menſchenge⸗ ſchlechts, welches keine ſich ſelbſt uͤberlaſſene Vernunft jemals einſah, noch einſehen konnte, concentrirte ſich, ſeit Erſchaffung der Welt, durch alle Weltalter, bis auf unſere Tage, darauf: daß Gott, das zur Unſterblichkeit und aus der Ausuͤbung der reinſten Tugend entſtehenden ewigen Gluckſeligkeit an Geiſt und Koͤrper erſchaffene Menſchengeſchlecht, das aus eigener Schuld, durch Suͤnde, ſich zu Erreichung ſeiner Be⸗ ſtimmung unfaͤhig gemacht hat, durch einen Befreyer von Suͤnde und Elend, zu Erreichung dieſer Beſtim⸗ mung, wieder faͤhig machen will. Alle Belehrungen, die von Gott in einem Zeitraum von vier tauſend Jah⸗ ren dem menſchlichen Geſchlecht uͤber dieſe Sache theils durch Maͤnner, die unter ſeiner unmittelbaren Lei⸗ keitur und ſtl chen ten ihr Ge wel laſſi Bib fihr We die ſolb mit Ve ge rit in — 2 — 71 Leitung vor Chriſto ſtanden, theils durch Chriſtum, und die von Chriſto unmittelbar unterrichteten Apo⸗ ſtel mitgetheilt hat, machen den Inhalt dieſer goͤttli⸗ chen Offenbarungen aus, welche in der Bibel enchal⸗ ten ſind, und dieß iſt alſo die Art ihrer Entſtehung; ihr ſeht alſo hieraus leicht ſelbſt ein, aus wie vielerley Geſichtspunkten ſich dieß Buch betrachten laͤßt, und zu welchen wichtigen Bemerkungen dieß alles die Veran⸗ laſſung giebt. Zuerſt wird uns dieſe Entſtehung der Bibel, auf den Begriff der ſo genannten Inſpiration fuhren, oder deutlicher, wir werden unterſuchen muͤſſen: Was hat Gott bey Vortragung und Aufſetzung der in dieſen Schriften enthaltenen Lehren und Offenbarungen ſelbſt unmittelbar gewirkt? und was iſt dabey bloß mittelbare Wirkung Gottes, durch dasjenige, was die Verfaſſer oder Urheber dieſer Schriſten ſelbſt hierbey gethan haben. Hiervon müſſen wir uns vorzuglich eine richtige Vorſtellung zu machen ſuchen, wenn wir nicht in mancherley Irrthuͤmer verfallen wollen. 18 Von der Inſpiration der Bibel. Welche Vor⸗ ſtellung man ſich davon zu machen hat? Es hat nicht leicht von einer Lehre der chriſtlichen Religion lange Zeit eine ſeltſamere Vorſtellung unter den Chriſten geherrſcht, als von dem Begriff der gött⸗ lichen Inſpiration der heiligen Schrift. Der treueſte Bekenner der Religion Jeſu, wuͤrde es vor funfzig Jahren nicht haben wagen duͤrfen, die buchſtaͤbliche Inſpiration der heiligen Schrift laut zu laͤugnen, ohne ſich dem Vorwurfe eines Freygeiſtes und Naturaliſten aus⸗ „x— — —— 3 4 72 auszuſetzen. Man hat in unſern Zeiten, der herrſchen⸗ den Meynung laut und ohne Furcht vor den Vorwuͤr⸗ fen des Atheismus und Naturalismus widerſprochen. Man hat dieſer Meynung mehr als eine Hypotheſe entgegen geſetzt. Manche dieſer Hypotheſen mag frey⸗ lich ſo beſchaffen ſeyn, daß ſie von einer unmittelbaren goͤttlichen Inſpiration, der Bibel wenig oder nichts uͤbrig laͤßt. Indeſſen iſt die Sache von Wichtigkeit. Von der Entſcheidung, welche von dieſen beyden Fra⸗ gen: Iſt die Inſpiration der Bibel woͤrtlich und buch⸗ ſtäblich anzunehmen? oder: Iſt dieſe ganze Inſpi⸗ ration der Bibel bloß Einbildung und irrige Vorſtel⸗ lung der Sache? zu bejahen ſey, haͤngt viel ab. Die Bejahung der erſten Frage, giebt der chriſtlichen Re⸗ ligion Bloͤßen, die ſich nicht leicht verdecken laſſen, und ſie duͤrfte daher auch in unſern Zeiten wenig Ver⸗ theidiger finden. Allein die bejahende Beantwortung der andern Frage, muß nothwendig auch alle unmittelbare Offenbarung ganz aufheben, und bloße in unſern Ta⸗ gen ſo beliebte Vernunftreligion an die Stelle des Chriſtenthums ſetzen. Mir daͤucht alſo, ſo bald ich die Nothwendigkeit und Wirklichkeit einer unmittelbaren goͤttlichen Offen⸗ barung annehme, muß ich auch zugleich eine unmittel⸗ bare goͤttliche Einwirkung auf diejenigen, die mir dieſe Offenbarung mittheilten, annehmen. Allein, wie war dieß moͤglich? Wie geſchah es wirklich? Ich kann euch davon nichts mittheilen, als wie ich mir die Sache vorſtelle. Euer eigenes Urtheil muß euch 46 wohr ſahli ſpira Be alle ſon hey den telbe hal laſſ und Ne di 73 euch beſtimmen, was ihr bey dieſer Vorſtellung für währ oder irrig haltet; ein allgemeiner, allen Menſchen faßlicher, wahrdaͤuchtender Begriff von dieſer In⸗ ſpiration laͤßt ſich ſchlechterdings nicht feſtſetzen. Der Begriff der Inſpiration erfordert auch nicht, daß ſich alle Menſchen die Sache auf einerley Art vorſtellen, ſondern er erfordert nur die Ueberzeugung, daß Gott, bey Entſtehung der Schriften, welche die Bibel oder den ſogenannten Canon derſelben ausmachen, unmit⸗ telbar gewirkt hat. Ich ſtelle mir die Sache ſo vor: Erſtlich: Ent⸗ haͤlt die Bibel Belehrungen, welche die ſich ſelbſt über⸗ laſſene Vernunft nicht, oder wenigſtens ſehr langſam und nicht allgemein erkennt, und die der vernünftige Menſch gleichwohl wiſſen muß, wenn er das Ziel ſei⸗ ner Beſtimmung erreichen ſoll, und theilt alſo Gott dem menſchlichen Geſchlecht, durch ſeine unmittelbare Dazwiſchenkunft dieſe Belehrungen mit: ſo muß er, wenn er ſich anderer Menſchen hierzu bedient, den Verſtand dieſer Menſchen vor allen Irrthuͤmern ſichern, in welche ſie hierbey gerathen koͤnnten, wir moͤgen uͤbrigens die Art und Weiſe, wie ſolches geſchieht, ein⸗ ſehen koͤnnen, oder nicht. Zweytens: Belehrt er dieſe Menſchen durch in die Sinne fallende Erſcheinungen, durch Traͤume, durch ſymboliſche Handlungen, durch unmittelbare Einwirkung auf ihre Ideen, ſo muͤſſen diejenigen, die dieſe Belehrungen erhalten, ſich ſchlech⸗ terdings bewußt ſeyn, daß es eine unmittelbare goͤtt⸗ liche Einwirkung auf ſie ſey, die Gruͤnde dieſes Be⸗ wußtſeyns, moͤgen uns zu entdecken moͤglich, oder nicht mög⸗ 74 moͤglich ſeyn. Dieſen Charakter giebt auch der Apo⸗ ſtel Paulus von der ihm mitgetheilten Inſpiration wirklich an, wenn er genau unterſcheidet, was er von dem Herrn empfangen hat, was des Herrn Wille ſey, und was Er, nicht der Herr, ſagt. Drittens: Es muß alſo vor allen Dingen erweislich ſeyn, daß derjenige, der eine Inſpiration vorgiebt, weder Schwaͤrmer noch Betruͤger iſt, weder ſelbſt getaͤuſcht worden, noch taͤuſchen will. Viertens: Nur die Sache bedarf einer Inſpiration, der Ausdruck und die Einkleidung bleibt dem Inſpirirten uͤberlaſſen, und richtet ſich nach ſeinem Charakter und ſeinen Geiſtesfähigkei⸗ ten. Sein Styl, ſeine Art der Vorſtellung, iſt alſo nie unmittelbare goͤttliche Eingebung. Selbſt Lehr⸗ ſätze der Moral, welche die ſich ſelbſt uberlaſſene Ver⸗ nunft, zu entdecken und zu faſſen vermoͤgend iſt, be⸗ durfen dieſer Eingebung nicht weiter, als in ſo fern ſie mehr Deutlichkeit, Gewißheit und Vollkommenheit zu Erreichung des dadurch geſuchten Endzwecks erfordern, als es dem Erkenntnißgrad des Zeitalters, in welchem ſie vorgetragen wurden, gemaͤß iſt. Wenn alſo z. B. die ſich ſelbſt uͤberlaſſene Vernunft, Unſterblich⸗ keit der Seele ahndet, wenn ſie auf manche Hypo⸗ theſe verfällt, welche die Gewißheit dieſer Unſterblich⸗ keit beweiſen ſoll, und gleichwohl noch mit mancherley Zweifeln dabey zu käͤmpfen hat: ſo danken wir es der unmittelbaren göttlichen Offenbarung, daß wir von dieſer troſtreichen Wahrheit feſt uͤberzeugt ſind, und nur Gott ſelbſt konnte dieſelbe den Lehrern, die ſie uns vortru⸗ gen, mittheilen oder ſie davon belehren. Eben ſo belehrt uns uns t die u Inſ ſtalt Sch um mu ich in ſed ſelb ttu Die üh Un 75 uns dieſe Inſpiration von der Auferſtehung der Koͤrper, die unſere Vernunſt ohne dieſe Huͤlfe nie ahnden wuͤrde. Inſpiration der Bibel, iſt alſo unmittelbare Veran⸗ ſtaltung Gottes, daß die Verfaſſer der dazu grhoͤrigen Schriften, Wahrheiten, welche der vernuͤnftige Menſch, um ſeine Beſtimmung zu erreichen, nothwendig wiſſen muß, und welche ſeine ſich ſelbſt uͤberlaſſene Vernunft, nicht klar und deutlich erkennen und begreifen kann, rein und unverfaͤlſcht und mit dem Bewußtſeyn, daß ſie die Belehrungen uͤber dieſe Wahrheiten von Gott ſelbſt erhalten haben, dem menſchlichen Geſchlecht vor⸗ trugen. Geſetzt, der Prophet des alten Teſtaments ſagt: Dieß iſt das Schickſal uͤber Tyrus, uͤber Jeruſalem, uͤber Babylon ꝛc. und dieß Schickſal iſt noch ungewiß und zukuͤnftig, nicht bloße Muthmaßung, und er legi⸗ timirt ſich, daß er wieklich ein von Gott an das juͤdiſche Volk geſandter Prophet ſey: ſo iſt ſeine Weiſſagung ihm von Gott nnmittelbar inſpirirt, denn ſeine eigene Vernunft konnte ihn uͤber den Erfolg dieſer Schickſale nicht belehren. Wenn ferner die Apoſtel Jeſu Chriſti uns lehren: Jeſus Chriſtus iſt der eingeborne Sohn Gottes, von Gott zu Erloͤſung des menſchlichen Geſchlechts von Elend und Suͤnde, unmittelbar in die Welt geſandt, und alles, was er that und litt, iſt die Urſache dieſer Erloͤſung: ſo mußten ſie bey dem Vortrag dieſer Leh⸗ ren, bey ſich ſelbſt gewiß uberzeugt ſeyn, daß dieſe Wahrheiten, die ihre bloße Vernunft nicht einſehen konnte, 76 konnte, ihnen von Gott oder ſeinem Geſandten, Jeſu Chriſto, unmittelbar waren bekannt gemacht werden, ſonſt waren ſie Schwaͤrmer oder Betruger, wenn ſie ſolche vortrugen. Die Art und Weiſe, wie ſie dieſe Wahrheiten vortrugen, blieb uͤbrigens ihrem Charakter ganz uͤberlaſſen. Sehet, meine Lieben, dieß iſt alles, was iſt euch von der Inſpiration der heiligen Schrift anzugeben vermoͤgend bin. Laßt uns nunmehr weiter unterſuchen, wie wir denn dieß Buch, welches die unmittelbaren goͤttlichen Offenbarungen enthaͤlt, und welches wir die Bibel nennen⸗eigentlich gebrauchen und benutzen můſſen. Studium der Bibel; des alten Teſtaments; des neuen Teſtaments. Iſt es beſſer die Bibel ganz, oder nur im Auszug zu leſen? Ihr wißt bereits, daß die Bibel eine Sammlung von Schriſten von ſehr verſchiedenem Inhalt und Werth iſt. Ihr wißt, daß dieſe Schriften in einem Zeitraum von einigen tauſend Jahren, von verſchiedenen Natio⸗ nen, von vielen an Charakter, Kenntniß und Reli⸗ gionsbegriffen ſehr verſchiedenen Verfaſſern aufgeſetzt worden ſind. Jede dieſer Schriften muß alſo noth⸗ wendig außer ihrer allgemeinen Abſicht, aus welcher ſie geſchrieben ward, noch ihre beſondere individuelle Ab⸗ ſicht haben, die euch gar nichts angeht. Dieſe individuelle Abſicht dieſer oder jener Schrift der Bibel bezieht ſich bloß auf den Zeitpunkt, in welchem dieſe Schriſt entſtand. Da aber dieſe ganze Samm⸗ lung un Go not ſchl obt ſir 77 lung von Schriften, wie wir ſchon gehoͤrt haben, von Gott um deswillen veranſtaltet wurde, um gewiſſen nothwendigen Geiſtesbedurfniſſen des menſchlichen Ge⸗ ſchlechts abzuhelfen, welchen die bloße Vernunft nicht abhelſen kann: ſo bezieht ſich jede Schrift dieſer Samm⸗ lung auch auf dieſe allgemeine Abſicht. Und dieß muß alſo auch nothwendig Hauptabſicht der Bibel für alle Menſchen ſeyn, wenn ſie die noͤthige unmittel⸗ bare gottliche Belehrung enthalten ſoll. Der Einwürf, daß gleichwohl dem kleinſten Theil des Menſchenge⸗ ſchlechts dieſe Hauptabſicht bekannt ward, kann hltr in keine Betrachtung gezogen werden, da der Menſch, die Art und Weiſe, wie Goett ſeine Abſichten erreicht und ausführt/ zu beurtheilen nicht vermoͤgend iſt. Man theilt die Sammlung von Schriften, welche die Bibet enthält, in das alte und neue Teſtament; uͤber die Benennung wollen wir nicht weiter ſtreiten, ſo unbequem ſie auch zu ſeyn ſcheint. Es bedarf auch wohl keiner Erinnerung, daß diejenigen Schriften, welche zu dem alten Teſtament gehoͤren, uns und unſer Zeitalter nicht weiter angehn, als in ſo fern ſich der Inhalt des neuen Teſtaments auf dieſe Schriften be⸗ zieht, und ſie zu der Entwickelung des Plans der Welt⸗ regierung Gottes mit erforderlich ſind. Es wird daher auch nicht alles, was ſie enthalten, auch fuͤr uns brauch⸗ bar ſeyn. Unmoͤglich kan uns bey Leſung dieſer Schrif⸗ ten, alles ſo klar und deutlich ſeyn, als es vermuthlich den Zeitgenoſſen war, da ſie geſchrieben wurden. Ihr Inhalf laͤßt ſich gar nicht nach den Sitten und Meynungen beurtheilen, welche dem Zeitalter gemaͤß ſind, in wel⸗ chem 1 78 chem wir leben. Nothwendig muͤſſen wir uns alſo, wenn wir ſie leſen, jedesmal ſo viel es uns moͤglich iſt, in das Zeitalter verſetzen, in welchem ſie geſchrieben worden ſind. Auch kleine chronologiſche, hiſtoriſche Irrthümer, ſelbſt Nationalvorurtheile, und unrichtige Begriffe konnen ſich durch die Laͤnge der Zeit, durch den Charakter des Verfaſſers in dieſe Schriften ein⸗ geſchlichen haben; dieß alles benimmt ihnen ibren Werth und ihre Beziehung auf uns, ſelbſt die Göttlich⸗ keit, der in ihnen enthaltenen Offenbarungen gar nicht, da dieſe Irrthuͤmer, wenn ſie ja vorhanden ſind, keinen weſentlichen Theil der Offenbarung ausmachen. Wir muͤſſen uns daher ſorgfältig huten, daß wir nicht in Anſehung dieſer Schriften, in einen Jrrthum ver⸗ fallen, welcher in unſern Zeiten immer mehr und mehr gewöhnlich wird. Es iſt der Irrthum, das alte Teſta⸗ ment, ganz von dem Neuen zu trennen und das erſtere als faſt ganz unbrauchbar ſüͤr unſere Zeiten, und als üͤberhaupt entbehrlich fuͤr die chriſtliche Religion anzu⸗ ſehen. Dieſer Jrrthum muß immer mehr und mehr zu dem reinen Deismus fuͤhren, den man ſo gern gruͤn⸗ den will; denn er greift die Nothwendigkeit einer geoffenbarten Religion unmittelbar an. Giebt es ei⸗ nen Zeitpunkt, in welchem die Offenbarungen des alten Teſtaments entbehrlich wurden, warum ſollte es auch nicht einen Zeitpunkt dereinſt geben, da die Offenba⸗ rungen des neuen Teſtaments entbehrlich werden, geſetzt, daß ſie auch ſonſt nothwendig waren, und es wird als⸗ denn bloß auf der Weisheit unſerer Reformatoren be⸗ ruhen, dieſen Zeitpunkt der Entbehrlichkeit feſtzuſetzen. Nein! Nell ment verg ich wen ſi Vo nin auch gen erla ein wel wen ten de de ga 79 Rein! ſtudirt ihr eure Bibel ganz, das neue Teſta⸗ ment in Verbindung mit dem alten Teſtament, und vergeßt nur dabey die Vorſichtigkeitsregeln nicht, die ich euch in dem Folgenden geben werde, und die ich wenigſtens fuͤr mich nuͤtzlich gefunden habe. Freylich, wenn ihr das alte Teſtament mit Ver⸗ ſtand und Mutzen leſen wollt, muͤßt ihr euch gewiſſe Vorkenntniſſe erwerben, die dem ſo genannten gemei⸗ nen Mann zu erlangen faſt unmoͤglich ſind, und die auch euch, theils wegen eures Geſchlechts, theils we⸗ gen der Lebensart, die ihr wählen koͤnntet, ſchwer zu erlangen ſeyn moͤchten. Indeſſen jeder Menſch, der eine zweckmaͤßige Erziehung erhalten hat, er ſey von welchem Geſchlecht und von welchem Stand er wolle, wenn er nicht ganz traͤge, und ſtumpf an Geiſteskraͤf⸗ ten iſt, kann in dieſen Vorkenntniſſen der Geſchichte, der Geographie, der Naturgeſchichte, der Geſchichte der Sitten und der Religion der Volker, ſelbſt des Sprachgebrauchs der Verfaſſer dieſer Schriften nicht ganz unwiſſend ſeyn. Sey auch endlich der Grad dieſer ſeiner Wiſſen⸗ ſchaft ſo gering als er wolle, ſo muß er doch wenigſtens ſo viel begreifen und einſehen lernen koͤnnen, daß die Schriften des neuen Teſtaments ſich vorzuͤglich auf die Geſchichte, die moraliſchen und religioͤſen Grundſaͤtze des alten Teſtaments gruͤnden. Die Geſchichtserzaͤh⸗ lungen des neuen Teſtaments getrennt von den Ge⸗ ſchichtserzaͤhlungen des alten Teſtaments, ſind ganz unverſtaͤndlich, und wuͤrden dem Verdacht des Be⸗ trugs, oder der Schwaͤrmerey ſehr ausgeſetzt ſeyn. Selbſt 80 Selbſt die weſentlichſten Artikel der chriſtlichen Reli⸗ kion gruͤnden ohne Zuſammenhang mit einem Theil der Dogmatik des alten Teſtaments, mit der Lehre vom Meſſias, alsdenn eine Religion, welche ganz neu, ganz iſolirt iſt, nicht zu dem ganzen Plan des Reiches Gottes gehört, und eben ſo wohl von bloß menſchlicher Erdichtung als von unmittelbarer goͤttlicher Offenba⸗ rung herrühren kann. Die Lehre vom Meſſias iſt der Grund der Lehre Jeſu und ſeiner Apoſtel, und es war nicht Bequemung nach juͤdiſchen Vorurcheilen, wenn ſie ſich dieſer Lehre bedienten. War der Meſſias des alten Tkſtaments ein bloßer judiſcher Traum, der von Chriſto und ſeinen Apoſteln nur zu Gruͤndung einer reinen Vernunftreligion benutzet wurde: ſo gruͤndet ſich dieſe neue Religion bloß auf eine Dichtung, und bleibt hoͤchſtens ein abgeriffenes Stuͤck von der ganzen Weltregierung Gottes, welches mit dem vorhergehen⸗ den keinen Zuſammenhang hat. Haͤngt aber alles, was Vernunft und Offenbarung, vom Anfang der Welt, bis auf unſere Zeit, uns von Gott und der Kteatur lehrte, zuſammen⸗ bezieht ſich immer eins auf das andere: ſo iſt Wahrheit vorhanden, und das Fol⸗ gende beweiſt immer die Gewißheit des Vorhergehen⸗ den. Dieſer Zuſammenhang beſteht darin, daß Gott von der erſten Entſtehung des Menſchengeſchlechts an, in dem verheiſſenen Meſſias einen Retter beſtimmte, und wirklich ſandte, welcher das Menſchengeſchlecht aus dem ſittlichen Verderben zur hochſten Stuffe der Moralitaͤt, deren es faͤhig iſt, erheben ſollte. Die ganze Weltregierung Gottes, iſt Entwickelung dieſes Plans, M ſun lche 1po zu geri Wos jni lhr ihr ode len, hie ſii rel ma gh da qut zu ſ bo ſi 81 Plans bis zu ſeiner Vollendung, und den Mißver⸗ ſtand der Juden, welcher in dieſem Meſſias einen welt⸗ lichen Beherrſcher fand, ſuchten Jeſus und ſeine Apoſtel durch die richtigere Beſtimmung dieſes Meſſias zu heben. Hierauf war anfangs ihre ganze Lehre gerichtet. In dieſer Abſicht, wie naͤmlich alles dasjenige, was uns das alte Teſtament erzaͤhlt, genau mit dem⸗ jenigen zuſammen haͤngt, was uns das neue Teſtament lehrt, muͤßt ihr vorzuglich das Erſtere leſen, und was ihr zu dieſer Abſicht zu verſiehen nöthig habt, koͤnnt ihr gewiß faſſen, ihr moͤgt Weib oder Mann, gelehre oder ungelehrt ſeyn, zumal wenn ihr einige gute Schrif⸗ ten, welche zu Erklärung des alten Teſtaments nuͤtz⸗ lich ſind, zu Hülfe nehmt, und ich mache euch nur bier auf Heſſens Plan des Reiches Gottes, und ſeine Schriſten von den Patriarchen, Heerfuͤh⸗ rern, Kdͤnigen und Regenten der Juden aufmerkſam. Auch rathe ich euch Koppens drey Predigten, wie man die Bibel leſen ſoll, zu Rathe zu ziehen,*) in⸗ gleichen die Roſenmuͤllerſche Schrift gleichen Inhalts⸗ Wird es denn aber nicht beſſer ſeyn, das alte Teſtament, das ſo viele fuͤr euch entbehrliche, unverſtaͤndliche, vielleiche auch anſtoͤßige Stellen enthaͤlt, bloß auszugsweiſe zu leſen? Viele, ja faſt die meiſten Maͤnner von Ein⸗ ſicht bejahen dieß in unſern Zeiten, und die verſchiede⸗ nen Auszuͤge aus der Bibel, die wir erhalten haben, ſollen dem Beduͤrfniſſe abhelfen, das ſich auf die Bejahung dieſer Frage gruͤndet. Ich ſage euch hier⸗ F uͤber *) Siehe Koppens Prebigten, erſte Sommlung S. aa2. u ſ. ſ. 82 uber bloß meine Meynung. Ich bin kein Freund von Auszügen aus einem guten und nutzlichen Buch. Ungerechnet, wie ſchwer es iſt einen Auszug eines gu⸗ ten Buchs zu machen, der wirklich den ganzen Kern deſſelben enthaͤlt und nichts davon weglaͤßt, was man daraus zu wiſſen noͤthig hat, ſo lernt man aus einem Auszug nie den Geiſt des Buchs ſelbſt kennen. Will ich dieſen faſſen, ſo muß ich meinen Schriftſteller, den ich leſe, nach allen Seiten ſtudiren. Oſt fuͤhrt mich der Auszug ſo gar von der Hauptabſicht des Schrift⸗ ſtellers ab, und zeigt mir ſeine Schrift in einem ganz falſchen Geſichtspunkt, und mir däucht, dieß iſt vor⸗ zoglich der Fehler, der uns die Auszuͤge der Bibel, die wir erhalten haben, ſehlerhaft und unbrauchbar macht. Ich rathe euch alſo das alte Teſtament ganz zu leſen, der Auszug des neuen Teſtaments bleibt ohnedieß alle⸗ mal mehr Verſtuͤmmelung als Auszug. Aber frey⸗ lich, wie es ſich ohnedieß verſteht, nicht nach der maſchinenmaͤßigen Ordnung vom erſten Kapitel des erſten Buchs Moſis, bis zum letzten Kapitel drs Pro⸗ pheten Maleachi, nicht jeden Tag, ein feſtgeſetzzes Ka⸗ pitel, oder mehrere, nicht bloß um es zu leſen, nicht ſo oft als das neue Teſtament, nicht eine Schrift der alten Sammlung ſo ſorgfaͤltig als die andere, mit ei⸗ nem Wort, lest es mit Vernunft.„Aber es ſind doch ſo viel entbehrliche Stellen darunter 7“ Gut, ſo über⸗ ſchlagt ſie. Koͤnnt ihr denn verlangen, daß ein Ver⸗ faſſer ſein Buch bloß fur euch ſchreiben ſoll?„Vieles iſt dunkel, unwahrſcheinlich, und unverſtändlich darin?“ So ſagt zu euch ſelbſt: Das verſteh ich nicht. Was kuͤm⸗ nut nicht pen Unt gen terl Se gen mit als wer gen des ſche ein ſi de 83 mert es euch denn, ob Bileams Eſel geredet, oder nicht geredet hat? Ob Lots Weib in einem Salzklum⸗ pen verwandelt worden, oder auf eine andere Art ihren Untergang gefunden hat?“ Aber die vielen anſtoͤßi⸗ gen Stellen, von Juda und Thamar, von Lots Töch⸗ tern, von Noah und Ham, u. dgl. thun dieſe nicht mehr Schaden, als ſie Nutzen bringen?“ Gerade das Ge⸗ gentheil. Wer alle dieſe Stellen mit dem Geiſt liest, mit dem er die Bibel leſen ſoll und muß, wenn er ſie⸗ als vernuͤnftiger Menſch und als Chriſt leſen will, dem werden dieſe Erzaͤhlungen in einem ſehr hellen Licht zei⸗ gen, wie viel die Religion Jeſu Chriſti auf die Sittlichkeit/ des Menſchen gewirkt hat, wie ſehr ſie den rohen Men⸗ ſchen von den Kinderjahren ſeiner Religionsbegriffe zu! einem reifern maͤnnlichern Alter erhoͤht hat, wie ſehr ſie ſeine Sitten veredelt, und ihn ſeiner großen Beſtimmeng der Vollkommenheit naͤher gebracht hat, und Dank, Freu⸗ de Anbetung Gottes, erhoͤhte Liebe zu Jeſu, werden die ſeligen Folgen ſeyn, die die Leſung dieſer Ge⸗ ſchichtserzhlungen in ihm hervorbringen wird. Nur der verworfenſte Boͤſewicht wird, mit Voltairens Wiß und Verdorbenheit, einen Koͤnig Saul, ein hohes bied Salomons; dus Bild eines wolluͤſtigen Dabids aus der Bibel erkuͤnſteln und traveſtiren. Aber auch aus dem heilſamſten Arzeneymittel kann man Gift erzwin⸗ gen, und alſo auch Gift aus der Bibel. Wer ferner in ſeiner Jugend nicht zu einer vernuͤnftigen Leſung der Bibel angefuͤhrt worden iſt, wem ſie von einem einfältigen Schullehrer, vor der Reife des Verſtandes, als ein Buchſtabier⸗ und Leſebuch in die Hand gege⸗ F 2 ben 34 pen worden iſt, wem es ganz an den nothwendigſten Vorkenntniſſen zum Verſtande dieſer Buͤcher fehlt, die man ſich doch in unſern Zeiten leicht durch beſſern Unterricht, und durch Leſung guter, ſich hierauf be⸗ ziehender Schriften, erwerben koͤnnte, wer ſie mit al⸗ bernen Begriffen von der Inſpiration liest, wer glaubt, daß Noah, Lot, Seth, Juda, David, Salomon, feh⸗ lerfreye vollkommne Menſchen geweſen ſind, dem wird allerdings anſtoͤßig ſcheinen, was nicht anſtoͤßig iſt, vieles wird ihm ganz dunkel und unverſtändlich bleiben, vieles wird er ſchief und falſch verſtehen. Dieß iſt ja aber nicht Fehler des Buchs, ſondern desjenigen, der es liest. Damit ihr nicht in dieſen Fehler verfallt, ſo laßt uns zu einigen Regeln fortgehen, welche euch nůtz⸗ lich ſeyn konnen, wenn ihr die Bibel mit Verſtand und Vernunft leſen wollt, und welche auch das keſen dieſes ſo vortrefflichen Buches ſehr erleichtern werden. Sie werden ſich in allgemeine, in ſolche, die auf das alte Teſtament Bezug haben, und in ſolche, die das neue Teſtament insbeſondere angehen, eintheilen laſſen. F. 12. Kurzer Verſuch einer Anleitung, wie man die heilige Schrift leſen ſoll. Allgemeine Regeln. Regeln in Bezug auf das alte Teſtament. Begriff von Weiſſagungen. Allgemeine Re⸗ geln in Bezug auf die Leſung des neuen Te⸗ ments. Was ſind Grundartikel des chriſt⸗ lichen Glaubens? Giebt es Symbole der Chriſten? Es len, grö wal zw wi br vi C B unt ger ſol nic 85 Es iſt eine der vorzuglichſten Quellen, der ſeich⸗ ten, falſchen und verkehrten Vorſtellung, die ſich der groͤßte Theil der Chriſten von demjenigen macht, was wahres Chriſtenthum iſt, daß man die Jugend ſo un⸗ zweckmaͤßig unterrichtet, was die Bibel eigentlich iſt, wie man ſie vernuͤnftig leſen, und mit Nutzen Ge⸗ brauch von ihr machen ſoll. Die wenigſten Chriſten wiſſen, was die Bibel eigentlich iſt; die wenigſten Chriſten, werden zu einer vernuͤnftigen Leſung dieſes Buchs bey dem ihnen ertheilten ertheilten Religions⸗ unterricht angefuͤhrt, werden belehrt, was ſie denn ei⸗ gentlich in der Bibel ſuchen, und aus derſelben lernen ſollen, was ſie davon verſtehen muͤſſen, und was ſie nicht davon zu verſtehen brauchen. Ihr, meine Lieben, glaubt meinen Worten, ihr könnt euch niemals eigene Begriffe, was wahres Chri⸗ ſtenthum iſt, erwerben, wenn ihr dieſe Begriffe, nicht auf die Ausſpruͤche der Bibel ſelbſt zu gruͤnden wißt, denn Chriſtenthum ohne Bibel kann nie frey von Men⸗ ſchenſaßungen ſeyn. Wenn ihr aber dieß thun woklt, ſo muͤßt ihr ſie freylich mit Vernunft zu leſen und zu verſtehen ſuchen, und das, was ihr geleſen habt, zweck⸗ maͤßig anzuwenden wiſſen. Dieſe Anwendung erfordert allerdings Fleiß und Nachdenken. Aber gewiß, die Feſtigkeit, die ihr da⸗ durch in euren Religionsbegriffen erlangen werdet, wird euch die Muhe welche ihr auf dieſen Fleiß, auf dieſes Nachdenken verwendet, reichlich belohnen. Ich theile euch einige Regeln mit, die mir hierbey nuͤtzlich ge⸗ 86 geweſen ſind. Mochte ſie es auch euch ſeyn! Es verſteht ſich, daß ſie nur euch, als Ungelehrten, ihr moͤgt uͤbrigens Mann oder Weib ſeyn, gewidmet ſind. Der Gelehrte bedarf ihrer nicht. Beobachtet, als allgemeine Regeln, bey Leſung der Bibel uͤberhaupt folgende: 1. Ueberzeugt euch vor allen Dingen, daß die Bibel ein Buch ſey, welches dazu beſtimmt iſt, euch unmittelbare gottliche Belehrungen mitzutheilen. So lange ihr kein Beduͤrfniß empfindet, uͤber Dinge nachzudenken, die euch wichtig ſind, ober we⸗ nigſtens ſeyn ſollten, und uͤber welche die Bibel euch allein oder vorzuglich belehrt, ſo lange koͤnnt ihr der Leſung der Bibel keinen Geſchmack abgewinnen. Habt ihr nie, oder nur wenig, uͤber Gott, uͤber eure Verhältniſſe mit ihm, uber eure Beſtimmung in die⸗ ſem Leben, uͤber euer Schickſal nach dem Tode, uͤber das, was euch Pflicht ſeyn ſoll, nachgedacht, und wollt ihr nicht daruͤber nachdenken, was ſoll euch denn die Bibel nuͤtzen? Wie koͤnntet ihr ſie gern und mit Auf⸗ merkſamkeit und mit Nutzen leſen? Nein! die Religion muß euch vor allen Dingen wichtig und werth ſeyn, wenn ihr die Bibel mit Nutzen leſen wollt. Ihr můßt es fühlen, daß es dringendes Beduͤrfniß eures ver⸗ nuͤnftigen unſterblichen Geiſtes iſt, euch von dem Willen Gottes, in Abſicht auf euch, zu unterrichten. Ihr muͤßt wuͤnſchen, dieß Beduͤrfniß zu befriebigen, und nur dann werdet ihr dieſe Beftiedigung in der Bibel auch wirklich finden. Denkt alſo vor allen Dingen uͤber euch ech halt * euch Fra un he Un hat wa del the 32 euch ſelbſt nach, wer ihr ſeyd; wer euch euern Aufent⸗ halt auf dieſer Erde angewieſen hat, und warum er euch ihn anwies. Haltet ihr die Beantwortung dieſer Fragen fuͤr nothwendig, ſo ſucht nach, wo ihr dieſe Beantwortung klar, deutlich und vollſtaͤndig findet, und kein Buch, ſelbſt eure wankende, ſo oft irrende Vernunft nicht, wird euch dieſe Beantwortung ſo klar, ſo deutlich mittheilen, als die Bibel. Vergeßt da⸗ her nie, ſo oft ihr in dieſem Buche lest, Gott fuͤr den Unterricht zu danken, den er euch hieruͤber mitgetheilt hat. Lernt ihren großen Wercth kennen, und bedenkt, was ihr fuͤr elende, unwiſſende Menſchen ſeyn wuͤr⸗ det, wenn euch Gott dieſen Unterricht nicht mitge⸗ theilt haͤtte. 2. Lest die Sammlung von Schriften, welche die Bibel enthaͤlt, mit unbefangenem vor⸗ urtheilfreyem Geiſt, mit dem Vorſatz Wahr⸗ heit zu ſuchen, nicht Nahrung eurer Zweifel darin zu finden. Lest ſie ohne vorgefaßte Meynung, weder als ein Buch, in welchem alle Worte unmittelbar von Gott eingegeben ſind, noch als eine Sammlung von juͤdi⸗ ſchen Maͤhrchen, und aberglaͤubiſchen Religionsbe⸗ griffen. Der Fragmentiſt kann nichts als Thorheit und Unwahrheiten in der Bibel finden, denn er will nichts weiter darin finden. Bahrdt kann in dem Mann Jeſu nichts weiter als den Meiſter vom Stuhb erkennen, denn ſeine Sucht durch Witz und Neuheit zu glänzen, erlaubt ihm keine beſſere Kenntniß. Lest alſo die Bibel wie ihr jedes andere gule, nuͤtzliche Buch, lest. 88 lest. Pruͤft ihren Werth noch richtigen Grundſaͤtzen einer unparteyiſch urtheilenden Vernunft. Nehmt dabey auf alle die verſchiedenen Umſtaͤnde Ruͤckſicht, in deren Verbindung dieſe Sammlung entſtand. Wuͤr⸗ det ihr ſodann dennoch bald dieſes bald jenes in die⸗ ſen Schriften anſtoͤßig finden, ſo pruͤft dieß Anſtößige mit Aufrichtigkeit und Verſtand, mit Vorſicht. Sehr oſt wird dieſer Anſtoß euch ganz verſchwinden, und blieb euch auch hier oder da, noch ein Zweifel, den ihr aus Unkunde der Geſchichte, aus mangelhafter Kennt⸗ niß der Sitten, der Sprache, der individuellen Um⸗ ſtaͤnde, unter welchen dieſe oder jene Schrift entſtand, nicht ganz aufloͤſen koͤnnt, ſo betrifft er den Werth des Buchs gewiß nicht unmittelbar. Jemehr ihr auf die angegebene Art lest, jemehr werden eure Zweifel nach und nach verſchwinden, und Wahrheit, erquickende, troͤſtliche Wahrheit, die edel⸗ ſten erhabenſten Begriffe von Gott, die wichtigſten, ruͤhrendſten, uͤberzeugendſten Belehrungen von allem, was dem Menſchen am wichtigſten ſeyn muß, werdet ihr faſt auf jedem Blatte dieſer Sammlung finden. 3. Lest die Bibel mit Nachdenken und Ueber⸗ legung. Lest wenig auf einmal. Lest das⸗ jenige was fuͤr euch das Nothwendigſte iſt, oft, und praͤgt es eurem Gedaͤchtniß ein. Die ſeichte Kenntniß des wahren Chriſtenthums, die traͤge Ausuͤbuug der Pflichten die das Chriſtenthum von uns fordert, ruͤhrt vorzuͤglich daher, daß ſo wenig Menſchen ſelbſt die Bibel gern, fleißig und mit Ver⸗ ſtand ſund ſſt ſ wel hen ein der leſ mu nei erw De lich 89 ſtand leſen, und uͤber das Geleſene nachdenken. Dieß iſt freylich eine Folge von der zweckwidrigen Art, mit welcher die Jugend gemeiniglich zum Leſen und Verſte⸗ hen der Bibel angefuͤhrt wird. Sie lernt ſie nie als eine ſo reiche Quelle des Unterrichts, des Troſtes und der Beruhigung kennen. Sie mußte ſie zu ihrer Qual leſen, und Worte und Ausdrucke, die ſie nicht verſtand, mußte ſie auswendig lernen. Dieß mußte eher Ab⸗ neigung als Trieb, dieß Buch in ſpaͤtern Jahren zu leſen, erwecken. Und wirklich iſt dieß auch der traurige Fall. Denn wie wenig Menſchen ſtudiren die Bibel im maͤnn⸗ lichen Alter. Ach! herrliches Geſchenk Gottes, Stimme ſeiner heiligen Offenbarungen, wie oft wirſt du falſch verſtanden! wie wenig gehoͤrt! Laßt euch, meine Geliebten, die Leſung der Bibel, eine eurer lieb⸗ ſten Beſchaͤfftigungen ſeyn! Lest ſie taͤglich, beſonders in den Morgenſtunden, wenn euer Geiſt heiter und geſtaͤrkt iſt. Aber lest ſie mit Verſtand. Sie wird euch lehren und warnen in der Jugend, euch weiſer machen im maͤnnlichen Alter, euch allein troͤſten in den Tagen des Greiſes, und in den Tagen des Un⸗ gluͤcks wird kein anderer Troſt euch maͤchtiger unter⸗ ſtutzen und ſtaͤrken, als der ihrige. Praͤgt daher die lehrreichſten, nutzlichſten Stellen, welche euren Glau⸗ ben an Gott und Jeſum, eure Liebe zu dieſem Quell alles Guten befeſtigen, euch zu der Ausuͤbung eurer Pflichten am kraͤftigſten ermuntern, eure Wuͤrde als Menſchen, als Chriſten euch einſchaͤrfen, euere Hoff⸗ nungen dieß⸗ und jenſeit des Grabes naͤhren und gruͤn⸗ den, eurem Gedaͤchtniß ein, beſonders in der Jugend, wenn 96 wenn es noch friſch iſt. Glaubt es mir, als einem alten Mann, der Erfahrung hat: eine kraftvolle Stelle der heiligen Schrift, die ich in mein Gedächt⸗ niß gefaßt hatte, und an welche ich mich bey dieſem oder jenem Vorfall meines Lebens erinnerte, hat mich ſehr oft wider die Verſuchung zur Suͤnde geſchuͤtzt, in dem Streben nach Tugend und Rechtſchaffenheit ge⸗ ſtaͤrkt, in Unmuth beruhiget, bey dem empfindlichſten Leiden getroͤſtet und heiter gemacht. Moͤchtet ihr euch faͤhig machen, aͤhnliche, ſelige Wirkungen zu erfahren! 4. Lest die Bibel mit Ehrerbietung, mit Ge⸗ bet an Gott, um Kraft und Beyſtand des Geiſtes Gottes, daß ihr ſie mit Nutzen leſen moget. Dieſer Beyſtand des Geiſtes Gottes wird euch gewiß zu Theil werden, wenn ihr darum bittet. Er wird euch oft verſtaͤndlich und deutlich machen, was euch dunkel und unverſtändlich war, nicht auf myſti⸗ ſche Art, nicht durch wundervolle Inſpiration, ſondern durch natuͤrliche ſucceſſive Aufklaͤrung eures Verſtandes. Glaubt alſo nicht, daß ich euch myſtiſche getraͤum⸗ te, unmittelbare Eingebungen des Geiſtes Gottes leh⸗ ren will. Ihr wuͤrdet mich mißverſtehen. Nein! die Wahrheit die ich euch hier vortrage, und die ſich auf göttliche Offenbarung und meine eigene Erfahrung gruͤndet, iſt dieſe: Gottes Geiſt wirkt gewiß in euch, wie in allen Menſchen, wenn ihr euch nicht durch eigene Schuld zu der Empfaͤnglichkeit dieſer Wirkungen un⸗ fahig macht. Was er wirkt und wie viel er wirkt, und wie vi Kra dur ſet daf ter de eu mi les an un 9* wie viel er, mit Ausſchluß eurer eigenen moraliſchen Kraft wirkt, weiß ich nicht; ohne Zweiſel wirkt er durch ganz einfache, natuͤrliche Mittel, geſetzt, daß ihr ſie auch nicht voͤllig uberſeht. Aber das weiß ich gewiß, daß ihr nicht in traͤger Unchaͤtigkeit, einen ſogenann⸗ ten Durchbruch des Geiſtes Gottes erwarten muͤßt; daß ihr alle eure eigene Kraft eures Verſtandes und eures Willens, weiſe und gut zu handeln, anwenden muͤßt, um euch faͤhig zu machen, daß der Geiſt Got⸗ tes in euch wirken kann; daß, wenn ihr dieß aufrichtig, anhaltend und mit Vermeidung aller Wankelmuth und aller Traͤgheit thut, ihr nach der ausdruͤcklichen Verſicherung Jeſu und ſeiner Apoſtel von Tag zu Tag, an Erkenntniß des Willens Gottes, an biebe und Kraft zu jeder chriſtlichen Tugend wachſen und zuneh⸗ men werdet; daß euch die Leſung der heiligen Schrift von Wahrheiten uͤberzeugen wird, die euch zuvor theils dunkel, theils unbekannt waren. Ob dieß alles nach dem natuͤrlichen Gang eurer moraliſchen Natur zugeht, das mag der ſpeculirende Philoſoph unterſuchen. Mir gnugt die Erfahrung, daß dieß alles wirklich ſo iſt, ich danke Gott und ſeinem Geiſt, der mir dieſe Erfah⸗ rung verlieh, und ich bitte ihn, daß er ſie auch euch ſchenken wolle. 5. Verſchafft euch ſo viele Hulfsmittel das, was ihr in der Bibel lest, richtig zu verſtehen, als euch nach der Faͤhigkeit eures Verſtan⸗ des, der Kultur eures Geiſtes, der Lage eurer aͤußerlichen Umſtaͤnde, in welcher ihr euch befindet, nur immer moͤglich iſt. 52 Ihr erinnert euch bereits aus demjenigen, was in dem vorhergehenden geſagt worden iſt, daß nicht alle Schriften, welche in der Sammlung, ſo man die Bi⸗ bel nennt, enthalten ſind, fuͤr euch von gleichem Werth und Nutzen ſind. Verſchiedene dieſer Schriften, wer⸗ den euch auch, ohne die Huͤlfe gewiſſer gelehrter Kennt⸗ niſſe, nicht ganz verſtäͤndlich und von aller Schwierig⸗ keit frey ſeyn. Dieſe ſind aber auch gewiß, die am wenigſten brauchbaren für euch. Zu dieſen gehoͤren alle diejenigen, welche zu ihrer Erklaͤrung, Geſchichtskunde, Sprachenkenntniß, und andere gelehrte Kenntniſſe er⸗ fordern. Derjenige Theil der heiligen Schrift, wel⸗ cher vorzuͤglich auf die Veredlung eures Herzens ab⸗ zielt und euch belehren ſoll, euch zu einer nähern Aehn⸗ lichkeit mit Gott, zu einer hoͤhern Stuffe der Voll⸗ kommenheit eurer moraliſchen Natur zu erhoͤhen, und dadurch Gott wohlgefaͤlliger zu werden, bedarf zu ei⸗ nem richtigen Verſtaͤndniß dieſes Aufwands von menſch⸗ licher Gelehrſamkeit nicht; er erfordert nur geſunden Menſchenverſtand, welcher mit den vielen guten zweck⸗ maͤßigen Buͤchern, die unſer Zeitalter, zu einer beſſern Einſicht in die Schriften des neuen Teſtaments, und des darauf ſich gruͤndenden weſentlichen Theils der Lehre Jeſu uns mitgetheilt hat, nicht unbekannt iſt. Aber vor einem Irrthum unſerer Zeit muͤßt ihr euch hůten. Dieß iſt die Hypotheſenſucht, und die daraus entſtehende willkuͤhrliche Erklaͤrung der heiligen Schrift, die in unſern Zeiten ſo allgemein iſt. Tragt nie, we⸗ der aus eigenem Duͤnkel, noch aus Nachahmungsſucht, in die Bibel, was nie darin ſtand. Fragt euch, bey ſchwe⸗ ſw kann tcyiſt dorit ticht ſind auf unb Ne ſuſſe ſein de gri 93 ſchweren, oder euch dunkelſcheinenden Stellen: Wos kann der geſunde Menſchenverſtand, wenn er unpar⸗ teyiſch urtheilt, und nicht kuͤnſtelt, fuͤr einen Sinn darin finden? Ihr werdet bey Hauptſtellen, die euch, richtig zu verſtehen, und anzuwenden, unentbehrlich ſind, gewiß nicht auf Irrthuͤmer, wenigſtens nicht auf ſchaͤdliche Irrthuͤmer verfallen. Die Lehre Jeſu unb ſeiner Apoſtel iſt ͤuſerſt einfach. Der ſchwächſte Menſchenverſtand kann das Nothwendigſte von ihr faſſen, und der ſcharſſinnigſte Geiſt findet in ihr zugleich ſeine Befriedigung⸗ 6. Nehmt indeſſen keinen Anſtoß daran, wenn euch bey dem Leſen der Bibel immer noch viele Stellen dunkel und unverſtaͤndlich blei⸗ ben, und euch zu zweifeln veranlaſſen. Eine Sammlung von Schriften, die ſo verſchie⸗ den iſt, in Anſehung der Zeit ihrer Entſtehung, des Geiſtes ihrer Verfaſſer, der Sitten, der Religionsbe⸗ griffe, der Sprachen, muß auch fur den geubteſten Forſcher ihre Dunkelheiten behalten. Laßt euch alſo z. B. Bileams redenden Eſel nicht irren. Däucht euch die Vorſtellung, die ich mir davon mache, daß die ganze Erzaͤhlung einen Traum Bileams enchalte, den der Erzähler zu den ſogenannten nach damaligen Begrif⸗ fen göttlichen Traͤumen rechnete, und der vom 20ſten Vers des 22 Kapitels, bis zum 3 6 Vers erzaͤhlt wird, nicht deutlich genug, ſo laßt die Sache auf ſich be⸗ ruhen. Etwas muß der Erzaͤhler doch dabey gedacht haben. Aber 94 Aber, verliert denn dieß Buch durch dieſe Dun⸗ kelheiten, durch Mittheilung uns unglaublich däuch⸗ tenden Erzaͤhlungen nicht ſeine Glaubwuͤrdigkeit? Nein, weder in Anſehung ſeines hiſtoriſchen, noch morali⸗ ſchen Inhalts. Hiſtoriſche Glaubwuͤrdigkeit hängt ganz von der Treue des Erzählers ab, doß er nichts erdichtet. Sie haͤngt nicht von einzelnen Thathand⸗ lungen, in Anſehung welcher, der Erzähler ſelbſt falſch berichtet ſeyn kann, ſondern von dem ganzen Inhalt ſeiner Schrift ab. Die Glaubwuͤrdigkeit des moraliſchen Inhalts der Bibel gruͤndet ſich, in ſo weit ſie mit der Geſchichte verbunden iſt, eben ſo wenig auf einzelne Thathand⸗ lungen, die oft mit ſelbiger in gar keinem Zuſammen⸗ hang ſtehn: ſie haͤngt von der Treue desjenigen, der Lehrer dieſer Moral iſt, und von dem Werth dieſer Moral ab. Bleiben euch indeſſen noch manche Stel⸗ len der Blbel dunkel und unverſtaͤndlich, ſo geſteht lieber aufrichtig, daß ihr ſie nicht verſteht, als daß ihr zu der epidemiſchen Krankheit unſers Zeitalters, der Hypotheſenſucht, eure Zuflucht nehmt.— 7. Aengſtiget euch nicht uͤber die Goͤttlichkeit des Kanons.— Die Sammlung der Schriften, die wir zur Bi⸗ pel rechnen, entſtand, wie jede andere Sammlung von Schriften. Je ehrwuͤrdiger ihr Inhalt war, je großer war die Verehrung, welche man dem Verfaſſer dieſer oder jenen Schrift ſchuldig zu ſeyn glaubte, mit deſio groͤßerer Sorgfalt wurden dieſe Schriften ge⸗ ſamm⸗ ſim chen dier Anſe gott he hul die dir wiſſ das gel aut Ve hi de be lun ein e 6 95 ſammlet und aufbewahrt. Ob keine Schrift aͤhnli⸗ chen Inhalts verloren gegangen iſt? ob jede Schrift, die man zum Kanon rechnet, von gleichem Werth und Anſehen iſt? ob dieſer Kanon auf einer unmittelbaren göttlichen Anordnung, oder auf einer bloß menſchli⸗ chen Einrichtung beruht? Dieß alles bedarf eurer Unterſuchung nicht. Wenn ihr euch fuͤr uͤberzeugt haltet, daß die Sammlung von Schriften, die ihr die Bibel nennet, das Mittel ſey, deſſen ſich Gott be⸗ dient hat, euch Wahrheiten mitzutheilen, die euch zu wiſſen nothwendig waren, und die der Menſch durch das licht der Vernunft entweder gar nicht, oder man⸗ gelhaft und ſpaͤt, wurde erkannt haben: ſo mußt ihe auch zu eurer Beruhigung glauben, daß durch die Veranſtaltung Gottes, keine dieſer nothwendigen Wahr⸗ heiten verloren gegangen ſey. Laßt alſo den Kanon der Bibel auf goͤttlicher oder menſchlicher Auctoritaͤt beruhen; der Werth der Bibel bleibt fuͤr euch einerley, ſo bald ihr euch gewiß uͤberzeugt fuͤhlt, daß dieſe Samm⸗ lung durch eine Veranſtaltung Gottes entſtand, welche einen Unterricht in allem, was euch zu Erreichung eurer Beſtimmung zu wiſſen noͤthig iſt, zur Abſicht hatte. s. Macht euch vor allen Dingen einen richtigen Begriff, was euch die Bibel ſeyn ſoll, und was ſie alſo fur euch in ſich begreift. Es iſt bereits erinnert worden, daß die Bibel nicht eigentlich Offenbarung Gottes ſey, ſondern nur das Mittel dem menſchlichen Geſchlecht dieſe Offenbarung bekannt zu machen und aufzubewahren. Sie enthält alſo nicht ſyſtematiſchen Religionsunterricht, aber die Ge⸗ — 96 Geſchichte von der Weltregierung Gottes/ die Geſchichte, wie Gott das Menſchengeſchlecht zu ſeiner eigenclichen Beſtimmung vorbereiten und erziehen will, die Ge⸗ ſchichte, was er fuͤr Mittel waͤhlte, den ſeine Beſtim⸗ mung verkennenden Menſchen von dem Irrthum wie⸗ der zur Wahrheit zuruͤckzuführen, die Anleitung, wie der Menſch vom Irrthum wieder zur Wahrheit zu⸗ ruͤck kehren ſoll, dieß alles enthält ſie. Ihr ganzer Inhalt iſt alſo Geſchichte, ſelbſt ihr dogmatiſcher In⸗ halt iſt eigentlich Geſchichte. Sie bezieht ſich auf Ge⸗ ſchichte des Vergangenen, des Gegenwaͤrtigen, des Zukuͤnftigen, der Ewigkeit ſelbſt. Der Plan der Weltregierung Gottes, den ſie umfaßt, erſtreckt ſich weit uͤber die Dauer unſerer gegenwaͤrtigen Exiſtenz. Er haͤngt mit dem ganzen graͤnzenloſen Reiche Gottes zuſammen. Dieſe Bibel iſt noch kein ganz vollendetes Buch. Sie verſpricht und erfordert noch Zuſätze. Alles indeſſen, was ihr zu wiſſen noͤthig habt, um auf der Stuffe des Seyns, auf welcher ihr jetzt ſteht, das zu ſeyn, und zu werden, was ihr nach dem Willen Gottes ſeyn, und werden ſollt, das legt ſie euch klar und deutlich dar. Dieß alles muß euch von der einen Seite, Dank gegen Gott, fur die Offenbarung, die er euch gab, und von der andern Seite, Weisheit und Beſcheidenheit lehren, daß ihr in der Bibel nicht mehr ſucht, als ihr darin ſuchen und finden ſollt. Verlangt alſo von ihr nicht, Belehrungen von euch unbegreiflichen Dingen, Huͤlſsmittel zu Befriedigung eurer ſinnlichen Wuͤnſche, nicht Enthuͤllungen der Zukunft, nicht völlige Ent⸗ wicke⸗ wii voll ſim Mat wir An ſol der P lhr iuch die H des Du ſe ni ein qu V 0 97 wickelung der großen Weltregierung Gottes. Aber vollſtändige, deutliche Anweiſung, wie ihr eure Be⸗ ſtimmung, als freye, vernuͤnftige und unſterbliche Menſchen erreichen ſollt, feſte Ueberzeugung, daß ihr wirklich zu dieſem Ziel gelangen werdet, wenn ihr ihrer Anweiſung folgt, klare, helle Ausſicht in das Schick⸗ ſal, das euch nach dem Tode erwartet, Fortſchritt der Veranſtaltung Gottes zu Entwickelung des großen Plans ſeiner ganzen Weltregierung, das wird ſie euch lehren, wenn ihr dieſe Belehrungen in ihr ſucht. Maaßt euch alſo nie an, aus der Bibel Dinge zu entſcheiden, die euch gegenwaͤrtig zu wiſſen, nicht noͤthig ſind. Huͤllt ſie gewiſſe Wahtheiten, die euerm jetzigen Kin⸗ desverſtand noch nicht ganz faßlich ſind, in gewiſſe Dunkelheiten, ſo verehrt den Schleyer, mit welchem ſie dieſe Wahrheiten noch verdeckt, und erdreiſtet euch nicht, ihn aufzuheben. Allein glaubt ihr auch mit einem edlen Veitrauen zu ihrem Urheber, wenn ſie ausdruͤcklich euch, etwas zu glauben befiehlt, das eure Vernunft nicht deutlich einſieht. Seht, wie ftuchtbat an nuͤtlichen Lehren dieſe Regel iſt! 9. Richtet bey Leſung der Bibel eure Auf⸗ merkſamkeit votzůglich auf dasjenige, was ſie euch vollſtaͤndiger, deutlicher und mehr ſagt, als euere bloße Vernunft. Waͤre euere Vernunft zureichend, euch zur Er⸗ reichung eurer Beſtimmung zu fuhten, ſo beduͤrfte es, wie ich ſchon geſagt habe, keiner Offenbarung⸗ Nachden⸗ ken, Geſchichte und Erfahrung uͤberzeugen uns, daß der Unterricht der bloßen Vernunft, dieß nicht thun G kann. 98 fann. Bemerkt alſo genau, wie die Bibel die Luͤcken ausfuͤllt, welche die Vernunſt nicht zu erganzen weiß, außet durch Hypotheſen, und benuͤtzt ihre Belehrungen. Dieſe Lucken ſind bereits zum Theil im Vorhergehenden angezeigt worden, und ich wiederhohle zu eurer Et⸗ innerung hier nur folgendes. Alles, was die Bibel von der Natur und den Eigenſchaften Gottes, der Schoͤpfung und Erhaltung der Welt, der Entſtehung und Erziehung des Menſchengeſchlechts, von der uͤber alle Geſchopfe ſters wachenden gottlichen Vorſehung, von den verſchiedenen Veranſtaltungen Gottes, dieß Menſchengeſchlecht ſeiner urſpruͤnglichen Beſtimmung naͤher zu bringen, von ſeiner Gnade und Barmherzig⸗ keit, dieß in Jrrthum und Suͤnde verſunkenen Men⸗ ſchengeſchlecht durch die Sendung ſeines eingebornen Sohnes Jeſu Chriſti zu ſeiner erſten Wuͤrde wieder⸗ herzuſtellen, von der Gewißheit der Unſterblichkeit der Seele, von der Wiederherſtellung der Koͤrper, von dem kuͤnftigen gluckſeligen Zuſtande des Gott wohl⸗ gefaͤlligen Menſchen nach dieſem Erdenleben, uns an Unterricht mittheilt, verdient unſere Aufmerkſamkeit, und wir muͤſſen die vorzůglichſten Stellen, die ſich hier⸗ auf beziehen, nach ihrem hauptſachtlichſten Sinn, zu faſſen und zu verſtehen ſuchen, wenn uns auch gleich dabey bisweilen, einige Nebenumſtaͤnde dunkel bleiben ſollten. Wenn ihr hierbey auf Hypotheſen der Aus⸗ leger ſtoßt, ſo muß euch das nicht irren. Es ſteht euch frey, ſie zu pruͤſen, zu verwerfen, oder anzuneh⸗ men. Euch kann es genug ſeyn, bey der Hauptſache ſtehen zu bleiben, z. B. Ungehorſam gegen Gottes Ge⸗ bot, bt. iſ eder pfer von H 3 30 mi bed bey hie e ſi 99 bot, war Urſache des Verfalls des Menſchengeſchlechts, dieſer Ungehorſam, mag in dem Genuß eines Apfels, oder in etwas anderm beſtanden haben. Gott iſt Schoͤ⸗ pfer und Urheber der Welt, die moſaiſche Etzählung von dieſer Schopfung, mag nun nach Jeruſalems, Herders, Silberſchlags, oder einer andern Hypotheſe zu verſtehen ſeyn. Alle dieſe Gegenſtaͤnde koͤnnen fur mich dunkel bleiben; mein Zweck bey Leſung der Bibel bedarf ihrer Aufhellung nicht. Ich gehe zu den noͤthigen Vorſichtigkeitsregeln bey leſung des alten Teſtaments fort. Ich werde mich bier nur kurz faſſen koͤnnen, da die vorhergehenden Regeln ſich zum Theil zugleich mit auf dieſen Gegen⸗ ſtand beziehen. Merkt indeſſen annoch folgende: 1. Wenn ihr die eine oder die andere Schrift des alten Teſtaments leſen wollt, muͤßt ihr euch, ſo viel moglich in die Geſchichte, die Sitten und den Geiſt des Zeitalters zu ver⸗ ſetzen wiſſen, in welchem ſie geſchrieben ward. In ſo fern ihr dieß nach dem Grad euret Faͤhig⸗ keiten zu thun nicht vermogend ſeyd, muͤßt ihr es nie wagen, uͤber den Werth, oder Unwerth einer dieſer Schriften entſcheidend abzuſprechen. Ihr koͤnnt das moſaiſche Geſetz, ohne Zeitgenoſſen deſſelben zu ſeyn, nur unvollkommen beurtheilen. Eine allgemeine Volks⸗ ſitte, kann euch rauh und barbariſch zu ſeyn ſcheinen⸗ die es nach der damaligen Lage der Dinge nicht war— Viele alte Geſchichten, wird der Geſchichtſchreiber, nut nach ſeinen Begriffen, als gut, als wahr vorſtellen, 2 die 106„ die dieß nicht waren, und nur dann, werdet ihr die Zweifel, die euch hierbey einfallen, nicht aufloͤſen koͤn⸗ nen, wenn ihr überall woͤrtliche goͤttliche Inſpiration annehmt. Die Beobachtung dieſer Regel wird euch vor unreiſen Spoͤttereyen uͤber den Inhalt dieſer Schriften bewahren, und euch Voltairiſchen Witz und Fragmentiſtiſche Zweifel, die uͤber dieſe Schriften ſo reichlich verſchwendet wurden, in einem ganz andern lichte zeigen, als die Urheber derſelben, und ihre Ver⸗ ehrer ſie willkuͤhrlich annehmen. Ihr werdet euch aber auch auf der andern Seite nicht mit unnoͤthigen Zwei⸗ feln quaͤlen, wenn euch bey keſung dieſer oder jener Schriſt des alten Teſtaments Dunkelheiten auſſtoßen, die ihr nicht ganz aufhellen koͤnnt, und werdet manche Ge⸗ ſchichte, auf ihrem Werth oder Unwerth beruhen laſſen, da ihr ſie vollſtaͤndig zu beurtheilen, nicht vermoͤgend ſeyd. 2. Das alte Teſtament, enthaͤlt Geſchichte, ausdruckliche publicirte Geſetze, Lehrſaͤtze, oder Dogmen und Moral, Weiſſagungen. Jeder Theil dieſes Inhalts muß dem Kin⸗ desalter der Menſchheit gemaͤß ſeyn, in wel⸗ chem und fur welches er geſchrieben ward, aus dieſem Geſichtspunkt muͤßt ihr die Schriften deſſelben beurtheilen. Der hiſtoriſche Theil dieſes Buchs, faͤngt von der Geſchichte der Urwelt an. Er muß alſo naluͤr⸗ lich auch vieles enthalten, was euch fabelhaft zu ſeyn ſcheinet, vielleicht auch durch die bloß in muͤndlichen Erzaͤhlungen oder Symbolen fortgeſetzte langwierige Tradition, oder die Vorſtellungsart des Erzahlenden ſich 101 ſich wirklich der Fabel naͤhert. Nur kann auch der gelehrteſte Kopf nicht entſcheiden, was hier fabelhaft zu ſeyn ſcheint, und was nur Annaͤherung zur Dich⸗ tung iſt. Wir haben kein einziges Volk auf dem ganzen Erdboden, deſſen Urgeſchichte nicht voll von Fabeln und Erdichtungen waͤre. Dieß bringt die naturliche Beſchaffenheit der Sache mit ſich. Die Ur. geſchichte eines Volks faͤngt eher an, als ſeine Schrift⸗ kenntniß. Sie beruhet alſo auf bloßer muͤndlicher Tradition, Polksliedern, oder hoͤchſtens auf Hierg⸗ glyphen, und wie ſchwer, faſt unmoͤglich iſt es, dieſe ohne Verfälſchungen zu erhalten! Indeſſen liegt in dem fabelhaften einer jeden Ge⸗ ſchichte gewiß zugleich auch wahre Geſchichte verhuͤllt, deren Hauptbegriff, von dem Fabelhaften ſich leicht abſondern laͤßt. Wenn ihr mit dieſen Ideen noch die⸗ jenigen verbindet, die ich oben von der Inſpiration angenommen habe: ſo ergiebt ſich von ſelbſt, daß hiſto⸗ riſcher Irrthum in einzelnen Theilen auch in den Schrif⸗ ten des alten Teſtaments moͤglich iſt, aber nie kann er nach eben dieſen Begriffen ſo beſchaffen ſeyn, daß er die ganze Glaubwuͤrdigkeit des hiſtoriſchen Theils des alten Teſtaments aufheben koͤnnte. Die Geſchichte des Livius bleibt glaubwuͤrdig, wenn auch alle die wun⸗ derbaren Nakurerſcheinungen, die er ſo oft erzahlt, un⸗ wahr ſind. Die ſpeciellen Geſete des juͤdiſchen Volks, und die gamit verbundene Theocratie ſind in den ganzen Plan der Weltregierung Gottes ſo genau verwebt, daß, wenn ſie das Werk eines Betruͤgers ſind, wosu man 3 6 102 man Moſes ſo oft herabgewuͤrdigt hat, dieſer Be⸗ truger ſchlechterdings die Faͤhigkeit gehabt haben muß, das Vergangene, das Gegenwaͤrtige und das Zukuͤnf⸗ tige ſo genau mit einander zu uͤberſehen und zu verbin⸗ den, daß es ein unzertrennbares Ganzes ausmachk, und er muß alſo die ganze Allweisheit des Weltregie⸗ rers ſelbſt beſeſſen haben. Nehmt das moſaiſche Ge⸗ ſetz, aus dem Plan der Weltregierung Gottes weg, und die ganze Lehre Jeſu Chriſti, und ſeine Erſchei⸗ nung in der Welt haͤngt nicht mehr mit der juͤdiſchen Religionsverfaſſung, deren Gegenſtand ein kuͤnftiger Retter von Elend, und Weltbegluͤcker war, zuſammen. Alles, was Chriſtus von ſeiner Perſon, von den Ur⸗ ſachen ſeiner Sendung ſagt, iſt ein abgeriſſenes Stuͤck in der Weltregierung Gottes, welches nicht zum Ver⸗ gangenen paßt, und wobey die Abſicht der Veranſtal⸗ tung nicht zu erkennen iſt. Dießi ganze Geſetz muß euch alſo ehrwuͤrdig und ſein göttlicher Urſprung glaubwuͤrdig ſeyn. Die Noth⸗ wendigkeit oder Entbehrlichkeit eines oder des andern dieſer Geſetze koͤnnt ihr nicht beurtheilen, da ihr ſo entfernt von dem Zeitpunkt ihrer Entſtehung lebt. Daß ſie euch nicht verbinben, als in ſo fern ſie allgemeine moraliſche Gtundſätze enthalten, brauch'ich wohl kaum zu erinnern. Der Dogmen, oder der beſonders be⸗ kanntgemachten Religionslehren des alten Teſtamenis ſind ſehr wenig. Es iſt ein Gott. Aus dem Volke des Ju⸗ den ſoll ein allgemeiner Weltbegluͤcker, ſowohl des judiſchen Volks insbeſondere, als des menſch⸗ lichen 103 lichen Geſchlechts uͤberhaupt herbortreten. Die Beſchneidung und das Paſſah ſollen zwey hei⸗ lige Gebraͤuche ſeyn welche das Unterſcheidungs⸗ zeichen des juͤdiſchen Volks von andern Voͤlkern beſtimmen. Ein beſonderer Tag in der Woche ſoll der Verehrung Gottes insbeſondere gewid⸗ met ſeyn. Opfer ſind bey der gegenwaͤrtigen Verfaſſung des juͤdiſchen Volks nothwendig, um ſich das Wohlgefallen Gottes zu verſchaf⸗ fen. Dieß Joch des Opfer⸗ und des Ceremo⸗ niendienſtes ſoll aber dereiuſt, in einem voll⸗ kommnern Zuſtand, abgenommen werden. Der Geiſt des Menſchen dauert nach dem Tode fort. Er gehort auch nach dem Tode noch zu dem NReich des Meſſias. Dieß ſind alle dogmatiſchen Saͤtze des alten Teſtaments, welche das Religions⸗ ſyſtem der Juden feſt ſetzen. Die bloß moraliſchen Schriften des alten Teſta⸗ ments, haben keinen andern Urſprung, als die mora⸗ liſchen Schriften der Weiſen anderer Voͤlker. Sie richten ſich nach der groͤßern oder geringern Aufklaͤrung der Nation in dem Zeitpunkt, in welchem ſie entſtan⸗ den. Sie ſind deutlicher, ausgebreiteter, richtiger, als die moraliſchen Schriſten heidniſcher Weiſen, weil ſie ſich auf richtigere Begriffe von Gott, von dem Men⸗ ſchen, von ſeiner Beſtimmung, und auf eine reinere Gottesverehrung gruͤnden. Dieſe reinern Begriffe wurden den Altvätern und Propheten, die ſolche vortru⸗ gen, ohnfehlbar durch unmittelbare goͤttliche Beleh⸗ rung mitgetheilt, freylich durch ihre PVernunſt, ohne ſyſte⸗ 104 ſyſtematiſche Schlußfolge durch unmittelbare goͤttliche Belehrung dieſer Vernunft. Dieß glaube ich aus dem Grunde, weil wir bis auf Chriſtum keinen Weiſen finden, der durch Huͤlfe ſeiner eigenen Vernunft, auf dieſe reinen Begriffe gefallen waͤre. Entwickelung einer immer hoͤher ſteigenden Moralitaͤt des Menſchen, war uͤbrigens eben ſowohl Hauptzweck der Altteſta⸗ mentlichen Religion, als wie ſie auch Hauptzweck der Neuteſtamentlichen Religion iſt. Das Studium die⸗ ſer Schriften iſt uns daher ſonderlich aus dem Ge⸗ ſichtspunkt wichtig, daß wir die Verſchiedenheit des Erkenntnißgrades der Moral bey den juͤdiſchen und heidniſchen Weiſen, die Abweichung und die Ueber⸗ einſtimmung ihrer moraliſchen Begriffe mit dem un⸗ ſrigen, und den Fortſchrirt der Moral mit der groͤßern Aufklaͤrung der Religionsbegriffe bemerken. Die Weiſſagungen des alten Teſtaments erfordern von euch eine ſehr verſchiedene Betrachtung. Ob Weiſſagun⸗ gen im alten Teſtament enthalten ſind? Dieß iſt gar keine Frage, die euch beſchaͤfftigen kann. Es iſt ſehr viel Anmaaßung, wenn man nach einem Zeitraum von einigen tauſend Jahren beſtimmt behaupten will, das⸗ jenige, was man als Weiſſagung angebe, ſey poetiſcher Ausdruck nach dem Erfolg der Sache, zumal wenn die Zeitgenoſſen dieſer Weiſſagung, die Urheber der⸗ ſelben als beſonders von Gott begeiſterte Perſonen an⸗ erkannten, und die Nachkommenſchaft derſelben die Erfuͤllung dieſer Weiſſagungen, als Thatſachen an⸗ nahm. Ob Weiſſagungen in dieſem alten Teſtament enthalten ſind, die auch auf eure Religion und die Ge⸗ 105 Geſchichte und Perſon ihres Stifters Bezug haben? Dieſe Frage waͤre wichtiger fuͤr euch. Sie zu vernei⸗ nen, moͤchte euch, bey den deutlichſten Ausſpruͤchen Je⸗ ſu Chriſti und ſeiner Apoſtel, die ſich darauf aus⸗ druͤcklich, als auf Weiſſagungen beziehen, nicht wohl moglich ſeyn, ihr moͤgt auch die Lehre von den Akkom⸗ modationen ſo weit treiben als ihr wollt. Die Erful⸗ lung dieſer Weiſſagungen, war auch ein ſchlechterdings nothwendiger Beweis, daß Chriſtus derjenige war, für den er ſich ausgab. Iſt dieſer Beweis nicht mehr ſo uͤberzeugend für euch, als er fuͤr die Zeitgenoſſen Chriſti war, ſo hebt dieß ſeine Guͤltigkeit, die man ſo ſehr in Zweiſel zu ziehen anfaͤngt, nicht auf. Indeſ⸗ ſen zu beſtimmen, was denn eigentlich Weiſſagung auf Chriſtum iſt, und was es nicht iſt, dieſe Muͤhe! koͤnnt ihr euch, außer den Faͤllen, wo euch die Sache ſelbſt klar vor Angen liegt, ohne Gefahr erſparen. Die Wahrheit eurer Religionsbegriffe hängt gegenwaͤrtig nicht von den Weiſſagungen ab, die ſich auf dieſe Be⸗ griffe beziehen. Dieſe Weiſſagungen geben einen Beſtaͤtigungsgrund mehr ab, aber ſie gehoͤren nicht zu den entſcheidenden Gruͤnden. Sie waren, wie geſagt, bloß für den Zeitpunkt, in welchem Chriſtus wirklich erſchien, um die Frage zu entſcheiden, ob dieſer Zeit⸗ punkt, in welchem er erſcheinen ſollte, wirklich einge⸗ troffen ſey. Ich theile euch indeſſen noch eine Vorſtellüng von den Weiſſagungen des alten Teſtaments mit, die ich mir mache, ohne daß ich euch zumuthe, daß ihr dieſe Hypotheſe als gewiſſe Wahrheit annehmen S nde 106 finde in den meiſten Weiſſagungen des alten Teſtaments eine doppelte Perſpektive, eine nahe, die ſich auf den ſpeciellen Zuſtand des juͤdiſchen Volks und der zeit⸗ verwandten Voͤlker, mit welchen es in gewiſſen Ver⸗ haͤltniſſen ſtand, bezieht, und eine entſerntere, die ſich auf den ganzen Plan des Reiches Gottes und ſich zum Theil bis auf die Zeiten erſtreckt, die noch kuͤnftig ſind. Iſt dieſe angenommene Meynung gegründet, ſo muͤſſen in den prophetiſchen Schriften des alten Teſtaments viele Stellen enthalten ſeyn, die theils nur in dem Zeitpunkt der Erfuͤllung verſtaͤnd⸗ lich waren, es uns aber nicht mehr ſind, theils aber uns noch unerkläͤrbar bleiben, da die Zukunft ſie erſt enthuͤllen wird. Alle dieſe Weiſſagungen ſind ſodann auch fur unſere Zeiten anjetzt nicht anwendbar. Die erſtern, waren bloß den Zeiten beſtimmt, in welche ihre Erfuͤllung fiel; bewies aber dieſe Erfuͤllung die Wahr⸗ heit der Weiſſagung, ſo war ſie auch zugleich ein Be⸗ wegungsgrund, welcher uns und jede Menſchengenera⸗ tion, der ſie bekannt wird, verbindet, auch die Er⸗ fullung desjenigen zu hoffen, was ſie uns noch in einer dunkeln Zukunft zeigt. Mehr als Hoffnung aber, ſind wir ihr nicht ſchuldig. Wenn der Zeitpunkt ihrer Erfuͤllung kommt, nur alsdann wird ſie anwendbar. Indeſſen liegt in allen Weiſſagungen die Hauptidee zum Grunde: Der Plan der Weltregierung Got⸗ tes, nach welchem das Menſchengeſchlecht von Stuffe zu Stuffe zu hoherm Gluͤck, zu hoherer Vollkommenheit fortruͤckt, muß und wird, trotz aller entgegenſtehenden Hinderniſſe, gewiß aus⸗ ge⸗ gef wi aus ſe de w 107 gefuͤhrt werden, und alles muß dazu mit⸗ wirken. Dieß iſt diejenige Wohrheit, von welcher ich mich aus den prophetiſchen Schriften der Bibel zu uͤber⸗ zeugen ſuche, und nur dieß, nicht aber Befriedigung der Reubegierde, kann der Bewegungsgrund ſeyn, aus welchem ſie Gott hat niederſchreiben laſſen. 3. Setzt euch vor allen Dingen einen gewiſſen Geſichtspunkt feſt, aus welchem ihr das alte Teſtament zu betrachten habt, und be⸗ ſtimmt den Begriff genau, was es denn fuͤr euch eigentlich fuͤr Nutzen hat. Nach dieſem Begriff ſtudiert ſelbiges mit Fleiß und der erforderlichen Sachkenntniß. Es faͤllt leicht in die Augen, daß in den Schriften des alten Teſta⸗ ments viel enthalten iſt, was euch gar nicht intereſſirt⸗ Es entfernt euch alſo von euerm Zweck, wenn ihr euch, in ſo fern euer Beruff es nicht von euch fordert, mit Erklaͤrung und Vertheidigung von Stellen be⸗ ſchaͤfftiget, die euch der Erreichung dieſes Zwecks nicht naͤher bringen. Ob im alten Teſtament Alles Vor⸗ bild auf Chriſtum iſt, oder nicht iſt, kann euch ſehr gleichguͤltig ſeyn. Der Hauptzweck, aus welchem ihr das alte Teſtament zu leſen, und zu verſtehen euch be⸗ muͤhen muͤßt, iſt kein anderer, als ſeine Verbindung mit dem neuen Teſtament einſehen zu lernen, oder deutlicher: ihr muͤßt unterſuchen:„in wie fern be⸗ zieht ſich die Erſcheinung Jeſu Chriſti, ſeine Lehre, ſein Leben, ſein Tod, auf die Religionsbegriffe, die Moſes und — 10 8 und die Propheten dem juͤdiſchen Volk vorgetragen haben? und in wie fern iſt dieſe moſaiſche Religion, Grund der chriſtlichen Religion?“ Machen beyde Theile ein unzertrennbares Ganzes aus, und hängt die mo⸗ ſuiſche Religion wieder genau mit der patriarchaliſchen zuſommen: ſo haͤngt ein Glied der großen Kette der Weltregierung Gottes an dem anderm, und wenn ihr euch von allen dieſen Theilen der goͤttlichen Regierung richtige Begriffe zu machen wißt, ſo ſeyd ihr deſto weniger der Gefahr ausgeſetzt, wahre Religionsbegriffe mit falſchen zu vertauſchen. Ihr ſeht aber auch gleich, daß ihr vorzůglich diejenigen Stellen der altteſtament⸗ lichen Schriften, euch bekannt und deutlich machen muͤßt, die euch unmittelbar zu Erreichung dieſes Zwecks pinfüͤhren. Die Geſchichte und der Lehrbegriff des züdiſchen Volks wird euch alſo in dieſen Schriften nuͤtzlicher beſchaͤfftigen, als die Beurtheilung ſeiner Sitten, und ſeiner Vorurtheile, und die Unterſuchung der Dunkelheiten, und der Abweichung ſeiner Den⸗ kungsart von der unſrigen. Laßt uns nunmehr zu demjenigen Theil der Bibel fortgehen, welcher uns naͤher angeht, und weſcher fur uns die reinſte Quelle der Erkenntniß Gottes und ſeines Willens iſt, und laßt uns lernen, wie wir aus dieſer Quelle, ohne ſie zu truͤben, ſchoͤpſen muͤſſen, wenn wir unſern Durſt nach wahrer Weisheit und Glůck. ſeligkeit ſtillen wollen. Dieß wird uns auf die Beobach⸗ tung einiger Regeln leiten, die wir, außer den bereits bemerkten, noch insbeſondere bey Leſung des neuen Teſtaments beobachten muͤſſen. 1. Ihr te d Ge em kei wo zu tigt de au fa ſc L — 1009 1. Ihr muͤßt vor allen Dingen die Geſchich⸗ te des großen Stifters eurer Religion, und die Geſchichte der Stiftung dieſer Religion mit un⸗ ermuͤdetem Fleiß,/ mit angeſtrengter Aufmerkſam⸗ keit ſtudiren, und ihr muͤßt alſo die evangeliſchen Geſchichtſchreiber vorzuglich leſen. Für denjenigen, der in dem Zeitalter in welchem wir leben, ſich richtige Begriffe verſchaffen will, was er eigentlich nach dem wahren Inhalt der Lehre Jeſu zu glauben, und nicht zu glauben hat, kann es keine nothwendigere Beſchaäff⸗ tigung geben, als eine richtige zweckmaͤßige Kenntniß der Geſchichte Jeſu und ſeiner Apoſtel. Denn nür aus dieſer Geſchichte, vorausgeſetzt, daß ſie wahr iſt, kann er lernen, wer Jeſus eigentlich war, was er von ſich ſelbſt behauptete, worin bas Charakteriſtiſche ſeiner Lehre beſtand, was der ganze Zweck ſeiner Erſchemung in der Welt war. Aber freylich korimt alles darauf an, wie ihr dieſe Geſchichte lest und ſtudirt. Vor allen Dingen muͤßt ihr entweder von ihrer Glaub⸗ wuͤrdigkeit bereits berzeugt ſeyn, oder euch dieſe Ueberzeugung verſchaffen. Wie ihr euch in dem letz⸗ ten Fall zu verhalten habt, darzu kann ich euch hier keine Anleitung geben. Bey den haͤufigen Anfaͤllen, welchen die chriſtliche Religion von ihren Feinden aus⸗ geſetzt geweſen iſt, hat man die Glaubwuͤrdigkeit der Schrifſteller dieſer Geſchichte ſo ſcharf gepruͤft, von der einen Seite ſie mit ſo vieler Kunſt und Spitzſendigkeit zu vernichten geſucht, und von der andern ſie mit ſo viel Muth, Wahrheit und Gruͤndlichkeit, vertheidiget, daß dieſer ganze Streit ſo gut als geendiget zu ſeyn . ſcheint⸗ 110 ſcheint. Jedes gute Buch, das zu Vertheibigung der chriſtlichen Religion geſchrieben worden iſt, und inſon⸗ derheit die Schriften von Doderlein, Roſſelt, Leß, Reinhard, Heß, Jeruſalem und vielen andern neuern gruͤndlichen Vertheidigern der chriſtlichen Religion werden euch uͤber dieſen Gegenſtand belehren, wenn ihr hier noch Belehrungen beduͤrft, und ich wuͤrde alſo nur wiederhohlen, was ſchon oft geſagt worden iſt, wenn ich mich hierbey noch laͤnger verweilen wollte. Laſit uns alſo die Glaubwuͤrdigkeit der evangeli⸗ ſchen Geſchichtſchreiber als erwieſen annehmen. Frey⸗ lich findet die Zweiſelſucht, wenn ſte auch dieſe Glaub⸗ wuͤrdigkeit nicht ganz verwirſt, immer noch manches zu erinnern. Bald ſind ihr die erſten beyden Kapitel Matthäi verdaͤchtig, bald iſt ihr kukas ein leichtgläubi⸗ ger Mann, der ſich leicht etwas aufbinden läßt, bald ſpricht Johannes die Sprache der Gnoſtiker. Wolltet ihr euch mit Unterſuchung und Pruͤfung dieſer Zweifel einlaſſen, ſo wuͤrdet ihr viel Gelehrſamkeit und viel Zeit nöthig haben. Wollt ihr euch aber mit mir da⸗ bey beruhigen, daß es doch viel gewagt iſt, eine Sache nach achtzehn Jahrhunderten zu bezweifeln, die man im erſten Jahrhundert ihrer Entſtehung als wahr an⸗ nahm: ſo werden euch dieſe Zweifel nicht beunruhigen. Indeſſen dieſe Glaubwuͤrdigkeit iſt noch nicht die Haupt⸗ ſache, auf welche es ankommt, wenn ihr die Geſchicht⸗ ſchreiber von Jeſu mit Verſtand leſen wollt. Ihr mußit hauptſächlich den wahren Sinn desjenigen, was ſie ſagen, zu faſſen vermogend ſeyn. Hierbey kömmt es aber nicht auf Nebenumſtände, ſondern auf die Haupt⸗ huh die ſ der ſtell weg ſon ſie hol (6 1 Kre Oder lit zn nun die kl h n ſt K 6 d in 111 Hauptſache an. Es koͤnnen euch gewiſſe Umſtaͤnde, die ſie erzaͤhlen, wegen der Laͤnge der Zeit, ermangeln⸗ der Kenntniß der Sitten des Zeitalters, des Schrift⸗ ſtellers, ſeiner Geiſtesfaͤhigkeiten, ſeiner Denkungsart, wegen ermangelnder Kritik ſeines Styls, dunkel und ſonderbar zu ſeyn ſcheinen, aber die Hauptſache, die ſie bey der Erzaͤhlung dieſer Umſtände zur Abſicht haben, muß euch klar und deutlich ſeyn. So kann es euch z. B. gleichguͤltig ſeyn, ob die daͤmoniſchen Kranken, die Chriſtus heilte, vom Teufel beſeſſen waren, oder ob ſie nur an gewiſſen chroniſchen Krankheiten litten, wenn ihr hierin nicht zu einer feſten Ueberzeu⸗ gung von der Wahrheit der einen oder der andern Mey⸗ nung gelangen koͤnnt. Aber bey allen Erzählungen, die ſie von dieſem Gegenſtand anführen, liegt doch die klare, deutliche Hauptidee zum Grunde: Chriſtus heilte dieſe Kranken aus ubernatuͤrlicher goͤttlicher Kraft, nicht nach dem gewoͤhnlichen Laufe der Natur, zu Be⸗ ſtatigung ſeiner Sendung, und der Wahrheit ſeiner Lehre. Die Beobachtung dieſer Regel wird euch bey chronologiſchen Zweifeln, bey hiſtoriſchen Abweichun⸗ gen, bey manchen ſonderbaren Vorfaͤllen, uͤber welche die Gelehrten ſo oft, und ohne Nutzen und Gewißheit, in Streit gerathen, ſehr nuͤtzlich ſeyn. Wenn ihr ſerner dieſe Geſchichtſchreiber lest, ſo muůßt ihr endlich den Punkt wohl faſſen, auf wel⸗ chen ſich die ganze Geſchichte ihrer Erzaͤhlungen von Chriſto concentrirt. Dieſer Punkt iſt kein anderer, als, die Menſchen zu belehren, wer Chri⸗ ſtus war; in ſo weit ſie dieß faſſen konnen? War⸗ um ſi ½ . 112 um er in der Welt erſchien? was er in dieſer Weit gethan und gelitten hat? was ſeine Er⸗ ſcheinung in der Weit fuͤr das menſchliche Ge⸗ ſchlecht für Folgen gehabt hat? Die Beantwor⸗ tung aller dieſer Fragen, muͤßt ihr klar, deutlich und vollſtaͤndig, ſo viel es euch moͤglich iſt, nicht unter der Leitung des gewoͤhnlichen angenommenen Syſtems, ſondern nach der Anleitung eurer eigenen aufgeklärten Vernunft, aus ihren Schriften euch zu verſchaffen ſuchen. Ihr werdet zwat allerdings bemerken, daß jeder der evangeliſchen Geſchichtſchreiber ſeine eigene Vorſtellungsart hat, nach welcher er die Geſchichte Jeſu vortragt, und daß jeder von einem andern Ge⸗ ſichtspunkt bey dieſem Vortrag ausgeht. Allein in Anſehung des Hauptpunkts, den ich euch angegeben habe, ſtimmen ſie bey der Erlaͤuterung, die ſie dar⸗ uͤber geben, alle uberein, und die Verſchiedenheit ihres Vortrags, wirkt deſto ſtaͤrker zu der Ueberzeugung von der Gewißheit ihrer Erzaͤhlung. Alle die ver⸗ ſchiedenen Ideen, die euch ihre Erzählungen von Chriſto mittheilen, müßt ihr mit einander verbinden, wenn ihr euch eine richtige Vorſtellung von Chriſto und ſeiner Sendung in die Welt machen wollt. 2. Wenn ihr zuverlaͤſſig wiſſen wollt: wer war Chriſtus? warum erſchien er in der Welt? was hat er hier gelehrt und gethan? was hat dieß alles fur Folgen fuͤr das menſchliche Ge⸗ ſchlecht gehabt? ſo muͤßt ihr bey Leſung der Schriften des neuen Teſtaments darauf Achtung geben, was euch Chriſtus ſelbſt und ſeine Apoſtel⸗ und unb hune davl Chri in d wir ſein f ſche miß gena und geſe ob ſche ir wa ſic da nic lich le ſol die do ſe 113 und zwar letztere, unter ausdrucklicher Bezie⸗ hung auf unmittelbare gottliche Offenbarung, davon ſagen. Wenn ſie euch alſo ſagen ſollten, Chriſtus war der eingeborne Sohn Gottes; er kam in die Welt, die Suͤnder ſelig zu machen; er be⸗ wirkte dieß durch alles, was er that und litt, durch ſeine Lehre, durch ſein Leiden, ſeinen Tod, durch ſeine Auferſtehung; er erwarb dadurch dem ganzen Men⸗ ſchengeſchlecht zeitliche und ewige Gluͤckſeligkeit: ſo muͤßt ihr freylich die Stellen, die dieß beweiſen ſollen, genau pruͤfen, ob dieſer Sinn wirklich in ihnen klar und deutlich enthalten iſt? ob es einer kuͤnſtlichen Exe⸗ geſe bedarf, dieſen Sinn erſt hineinzutragen? oder ob ihn jeder geſunde, nicht ganz vernachlaͤſſigte Men⸗ ſchenverſtand darin finden kann. Aber huͤtet euch ja, daß ihr in alle dieſe Beweisſtellen nicht etſt das hinein lest, was ihr aus bereits angenommener Meynung, ſie mag ſich nun auf Orthodorie oder Neologie gruͤnden, darin gern finden wollt. Huͤtet euch ferner, daß ihr nicht mehr aus ihnen beweiſen wollt, als ſie wirk⸗ lich beweiſen. Sagen euch alſo z. B. dieſe Stellen deutlich, daß Jeſus, als der eingeborne Sohn Got⸗ tes, unmittelbar vog Gott ſeinem Vater geſandt war:; ſo begnugt euch mieſe Kenntniß, und wagt es nicht, die Art und Weiſe dieſer Sendung, die Natur und das Weſen dieſes Jeſus, ſein uns unerforſchliches Ver⸗ baleniß zu ſeinem Vater, entwickeln zu wollen. Glaubt ſeinen Worten und den Worten ſeiner Apoſtel mit ein⸗ faͤltigem Herzen, wenn ſie euch ſagen, daß er aus des Vaters Schoos gekommen und mit ihm Eins iſt, und H uͤber⸗ 114 uͤberlaßt es dem heiligen Athanaſius und ſeinen Ver⸗ ehrern, und dem ſpitzfindigen Socin und ſeinen Freunden, aus dieſen Stellen erklaͤren zu wollen, wie er Eins mit ſeinem Vater iſt. Huͤtet euch hierbey vor der Lieblingsmeynung unſers Zeitalters, daß ſich Chriſtus und ſeine Apoſtel bey ihrem Religionsunterricht nach gewiſſen Vorurtheilen ihrer Nation gerichtet haͤtten, um ihr dieſen Unterricht deſto annehmlicher zu machen. Lehre Jeſu und ſeiner Apoſtel, welche fuͤr alle Men⸗ ſchen erforderlich und nothwendig iſt, kann ſich nicht auf Nationalvorurtheile gruͤnden. Aber, koͤnntet ihr vielleicht klagen, es giebt doch ſo viele Stellen in die⸗ ſen Schriften, die von dem einen Theil auf dieſe, und von dem andern auf die gegentheilige Weiſe erklaͤret werden? wer hat denn nun Recht? und zu welcher Partey ſollen wir uns ſchlagen, wenn wir dieſe Stellen leſen? Merkt euch zu eurer Beruhigung, die 3te Regel: Wenn es in den neuteſtamentlichen Schrif⸗ ten, Stellen wirklich giebt, die entweder ganz dunkel und zweifelhaft bleiben, oder wenig⸗ ſtens eine verſchiedene Erklaͤrungsart zulaſſen, ſo enthalten ſie gewiß nichts, was zu eurer un⸗ entbehrlichen Belehrung uͤber has, was Grund⸗ artikel der chriſtlichen Religion iſt, und euch zu wiſſen nothig ſeyn moͤchte, oder was wenig⸗ ſtens nicht ſchon in andern Stellen klaͤrer und deutlicher geſagt worden iſt. Koͤnnt ihr jedoch in Anſehung dieſer Stellen, zu keiner gewiſſen Ent⸗ ſcheidung, welche Erklaͤrung die wahre ſey, kommen: ſo bleibt ohne Furcht und Unruhe uͤber ihren wahren Sinn bi glei ie wei ——„——— 115 Sinn unentſchloſſen, und verlangt nicht, daß ihr alles gleich auf einmal einſehen und verſtehen wollt. Wie vieles wird euch in der Folge klar und deutlich werden, wenn ihr oft daruͤber nachdenkt, was euch im Anfang vunkel und unbegreiflich war. Im Grunde moͤchten auch ſolcher Stellen ſehr wenige ſeyn, und von dieſen wenigen moͤchte der groͤßte Theil, wieder mehr durch unſere neuen Origenes, welche den Glanz ihres eye⸗ getiſchen Wißes mehr als die Wahrheit der Sache liehen, dunkel und zweydeutig gemacht worden ſeyn, ſo faßlich, verſtaͤndlich und deutlich ſie auch ihren Ver⸗ faſſern und denjenigen waren, fur welche ſie ſolche nie⸗ derſchrieben. Nicht der Inhalt dieſer Stellen, ſon⸗ dern die Hypotheſenſucht, die Sucht, auch etwas Reues zu ſagen, hat ſehr oft den Streit, wie ſie zu verſtehen ſind, rege gemacht. Was kann z. B. ein⸗ facher, lehrreicher, und jedem geſunden Menſchenver⸗ ſtand deutlicher ſeyn, als der Vortrag Jeſu: Neh⸗ met hin und eſſet, das iſt mein Leib. Nehmet hin und trinket, das iſt mein Blut. Solches thut, ſo oft ihr es thut, zu meinem Gedaͤchtniß. Gan⸗ zer achthundert Jahr las man die Stellen, die ſich auf dieſen Vortrag beziehen, ohne Zank und Streit, und hielt ſich bey allet Verſchiedenheit der Vorſtellungsart der Chriſten bruͤderlich und einträchtig an die Haupt⸗ ſache. Nur die Hypotheſenſucht war freylich aus mehr als einem Bewegungsgrunde die Urheberin des Streits, wie dieſe Stellen zu erklaͤren und zu verſtehen ſind, Und ach! welche traurige Zerruͤttungen hat ſie unter Chriſten, die alle durch einen Heiland ſelig zu werden hoffen, veranlaßt! 52 Aber 116 „Aber, wenn ich nun bey Leſung der Schriften des neuen Teſtaments hauptſächlich nur dasjenige dar⸗ aus zu erforſchen ſuchen ſoll, was mir als eigentliche unmittelbare gottliche Offenbarung daraus zu erlernen nothwendig iſt, das Entbehrliche aber, deſſen Kennt⸗ niß mir nicht ſo nothwendig iſt, wofern die Stellen, ſo ſich darauf beziehen, mir nicht vollkommen klar und deutlich ſind, ohne Gefahr und Nachtheil auf ſich be⸗ ruhen laſſen kann, wodurch ſoll ich denn dieß Nothwen⸗ dige und dieß Entbehrliche von einander unterſchei⸗ den?“ Dieß fuͤhrt uns nothwendig zu der ten Regel: Was uns Jeſus und ſeine Apoſtel in den Schriften des neuen Teſtaments als ausdruck⸗ liche Vorſchrift, die wir zu beobachten haben, angeben, wenn die Abſicht erreicht werden ſoll, wegen welcher Chriſtus in die Welt gekommen iſt; dieß iſt das Nothwendige, deſſen Kenntniß wir uns vorzuͤglich durch die Leſung der heiligen Schriften des neuen Teſtaments zu verſchaffen ſuchen muͤſſen. Alles üͤbrige, was hierauf keinen Bezug hat, gehoͤrt zu dem Entbehrlichen. Zu dieſer nothwendigen Kenntniß wuͤrde alſo gehoͤren: a. Alles, wodurch die Lehre Jeſu und ſeiner Apoſtel, unſere Begriffe von Gott, ſeinem Weſen und ſei⸗ nen Eigenſchaften berichtiget. b. Alles, was Jeſus und ſeine Apoſtel als ausdruck⸗ liche goͤttliche Lehre, die ſie der Welt bekannt ge⸗ macht haben, und die zuvor die ſich ſelbſt uͤberlaſſene Vernunſt nie erkannte, angeben. Worin dieſe eigent⸗ 177 eigentlichen Lehren und Dogmen der chriſtlichen Religion beſtehen, dieß koͤnnen wir bier noch nicht erforſchen. Hlerauf wird uns die Unter⸗ ſuchung erſt in dem Folgenden leiten. Endlich c. werden hierher zu rechnen ſeyn: Alle moraliſchen Grundſaͤße und Gebote, deren Beobachtung, Jeſus und ſeine Apoſtel ausdruͤcklich von uns verlangen, wenn wir Theil an der Gluͤckſeligkeit haben wollen, die er uns verheißen hat. Mit einem Wort, alles Nothwendige, welches wir aus den Schriften der Evangeliſten und Apoſtel zu erforſchen, und deſſen Erweis wir aus dieſen Schriften aufzuſuchen haben, concentrirt ſich auf dasjenige, was wir glauben, und was wir thun muͤſſen, wenn wir an der Gluͤckſeligkeit Theil nehmen wollen, die uns Jeſus verheiſſen hat. Allein ſind wir denn nun wohl voͤllig mit der Be⸗ richtigung unſerer Begriffe in dieſer Sache zu Stan⸗ de? Werden denn die Chriſten wohl jemals daruͤber einig werden, was man denn nun eigentlich glauben muͤſſe? Und wann werden ſie denn jemals in ihren Meynungen uͤbereinſtimmen, was man denn eigentlich thun muͤſſe, um ein wahrer Chriſt zu ſeyn? Wird denn nicht truͤber Moͤnchsſinn und der menſchenfeind⸗ liche Aſcetiker, Dinge dazu rechnen, die gar nicht da⸗ zu gehören, und wird nicht oft der philoſophirende Chriſt, auch a priori erweiſen, daß ihr bey allen gro⸗ ßen moraliſchen Maͤngeln eurer Natur immer noch die Lieblinge eures himmliſchen Vaters ſeyn werdet? Und jeder wird ſeine Behauptungen aus der Bibel erweiſen. Ach! 113 Ach! meine Kinder! haltet euch an keine menſchlichen Syſteme. Sie ſind ſchwache Rohrſtabe. Fragt mit den Juden am Aerndtefeſt Petrum, und mit dem Kerkermeiſter Paulum: Was ſollen wir thun, daß wir ſelig werden? Erſterer wird euch antwerten: Thut Buße, und laſſe ſich ein jeglicher taufen auf den Namen Jeſu Chriſti zur Vergebung der Suͤnde, ſo werdet ihr empfahen die Gabe des heiligen Geiſtes. Und Letzterer wird euch ſagen: Glaube an den Herrn Jeſum, ſo wirſt du und dein Haus ſelig. Der einfältige Kommentar dieſer Wotte kann kein anderer ſeyn als dieſer: Erkenge Je⸗ ſum als den eingehornen Sohn, den gottlichen Ge⸗ ſandten ſeines Vaters, hoffe durch ihn, durch däsjeni⸗ ge, was er gelehrt, gethan, gelicten hat, Beſreyung von Suͤnde und Elend, und ewige Gluckſeligkeit, liebe ihn, und halte ſeine Gebote ſo eifrig, als es dir mög⸗ lich iſt, ſo wird Gott deiner Suͤnden nicht gedenken, und ſein Geiſt wird in dir wirken, und dir Kraft zu je⸗ der chriſtlichen Vollkommenheit verleihen. Seyd ihr der Wahrheit diefer Worte vollkommen uͤberzeugt, ſo werdet ihr s. bey Leſung des neuen Teſtament nothwendig noch folgende Regel beobachten muͤſſen: Der eigent⸗ lichen Dogmen der Lehre Jeſu konnen nur wenige ſeyn, denn ſie koͤnnen nur das enthalten, woruͤber uns unſere eigene Vernunft entweder gar nicht, oder nicht klar und deutlich genug belehrt, und welches uns dochzu wiſſen nothwendig iſt. Dieß fuhrt uns nothwendig auf die Materie von den ſo ge⸗ nannten noh was und giſ hiet ker N Au Gl ſch zio m ic nel 119 nannten Grundartikeln der chriſtlichen Religion, was Kirchenthum und Chriſtenthum, Theologie und Volksreligion iſt. Noch immer wird daruͤber geſtritten, und nie wird der Streit enden. Erwartet hier nichts, als die Reſultate meines eigenen Nachden⸗ kens uͤber dieſen Gegenſtand. Auch ich ſchwacher Menſch, kann und werde hier irren. Nie dringe ich. auch indoſſen meinen Jrrthum als Wahrbeit auf. Was, nach meinem Urtheil, Grundartikel des Glaubens in der chriſtlichen Religion ſeyn ſoll, muß ſich nothwendig auf das Charakteriſtiſche dieſer Reli⸗ gion, wodurch ſie ſich von allen andern Religionen un⸗ terſcheidet, beziehen. Es muß dasjenige, was weſent⸗ lich zur chriſtlichen Religion gehört, ſo genau bezeich⸗ nen, daß mit der Aufhebung oder Hinwegnehnng deſſelben, das Charakteriſtiſche der chriſtlichen Reli⸗ gion ſelbſt dadurch aufgehoben, oder verandert wird⸗ Es muß ſo genau mit dem ganzen kehrbegriff der chriſt⸗ lichen Religion verwebt ſeyn, daß, wenn ich es ent⸗ weder nicht kenne, oder nicht als wahr annehme, ich nicht zu den Bekennern dieſer Religion gerechnet wer⸗ den kann. Jeder Grundartikel der chriſtlichen Reli⸗ gion muß endlich klar, deutlich und unwiderſprechlich in den den Schriften der Evangeliſten und Apoſtel enthalten ſeyn; ſo daß ihn jeder geſunde Menſchenver⸗ ſtand darin finden und faſſen kaun. Der Inhale dieſer Grundartikel iſt die weſentliche Glaubenslehre des Chriſtenthums, und die Verbindung dieſer Glau⸗ benslehre wit der Siteenlehre Jeſu und ſeiner Apoſtel, iſt der richtige Lehrbegriff der Lehre Jeſu. Disſer Glau⸗ be, 120 be, vereiniget mit der Befolgung des chriſtlichen Sit⸗ tengeſetzes, iſt das wahre Chriſtenthum. Die menſch⸗ lichen Erklaͤrungen des Glaubens und der chriſtlichen Sittenlehre machen das Kirchenthum aus. Wer ſich mit der Unterſuchung, Prufung und Beurtheilung aller dieſer Erklaͤrungen beſchaͤfftiget, beſchafftiget ſich mit der Theologie im eigentlichen Verſtande. Wer aus der heiligen Schrift gruͤndlich weiß, was er nach den Vorſchriften der Lehre Jeſu glauben und thun ſoll, weiß dasjenige, was Volksreligion iſt und ſeyn ſoll. Chriſtliche Volksreligion erfordert zu ihrer Vollſtaͤndigkeit nichts weiter, als Glauben an die Grundartikel des chriſtlichen Glaubens und getreue Befolgung der chriſtlichen Sittenlehre. Alle dieſe Grundſatze ſcheinen klar und unlaͤugbar zu ſeyn, allein ihre Anwendung iſt ſchwer. Kein Menſch wird ſie, wie der andere anwenden. Erwartet alſo nie Uebereinſtimmung der Menſchen, was Grundartikel der chriſtlichen Religion ſey, traumt euch alſo nie, Glaubenseinigkeit, als möglich. Dieß iſt aber auch nicht nothwendig. Jeder Menſch muß ſeines Glau⸗ bens leben. Dieß erfordert die Anlage ſeines Geiſtes, die ihm ſein Vater verliehen hat. Sie kann auch keinen Einfluß auf praktiſches Chriſtenthum haben, da die Vollkommenheit deſſelben, nicht von dem Grad des Verſtandes, den wir beſitzen, ſondern von dem Grad der Tugend und Rechtſchaffenheit abhaͤngt, den wir uns eigen gemacht haben. Allein Einigkeit der Chriſten im Handeln iſt moͤglich, iſt nothwendig. Rach dieſer ſollten wir vor allen Dingen ſtreben; laße uns 127 uns hoffen, daß wahre Chriſtusreligion, noch dereinſi, aber leider! nach vielen Stuͤrmen, in dieſem hellen Glanz ſich zeigen wird. Pruͤft alſo unter fleiſſigem Forſchen in der heiligen Schrift, was ihr nach dem Grad eurer Kenntniſſe und eurer Ueberzeugung, als Grundartikel der chriſtlichen Re⸗ ligion annehmen muͤßt. Was ich als ſolche annehme, werde ich euch im Folgenden noch zeigen. Wenn nun aber die Kirchenparten, deren Namen ich fuͤhre, gewiſſe Symbolen hat, von denen es ab⸗ haͤngt, welchen Chriſtennamen ich führen kann oder ſoll; und wenn dieſe Symbole mit meinen Religions⸗ begriffen nicht uͤbereinſtimmen, wie muß ich mich alsdann verhalten, wenn ich weder den Heuchler, noch den unberuͤfenen Reformator machen will? Dieſe Frage fuͤhrt uns auf den Werth der ſymboliſchen Buͤcher unſerer Kirchs; fuͤrchtet nicht, daß ich Roͤnn⸗ bergen oder ſeine Widerleger ausſchreiben, pruͤ⸗ fen, vertheidigen oder widerlegen will. Die Frage kann nicht ganz uͤbergangen werden, da ſie zu den Streitigkeiten des Tages gehoͤrt. Allein ich werde euch nichts daruͤber ſagen, als was ich von dieſem gan⸗ zen Streit denke. Euer eigenes Urtheil muß beſtim⸗ men, was euch von meinen Behauptungen wahr oder irrig zu ſehn däucht. Der große Stifter der chriſt⸗ lichen Religion hat ſeinen Bekennern und Verehrern allerdings ein gewiſſes Symbolum vorgeſchrieben, an welchem man erkennen ſoll, ob ſie zü ſeinen wahren Bekennern und Verehrern gehoͤren. Das 722 Das iſt mein Gebot) ſagt er, daß ihr euch untereinander liebet; ihr ſeyd meine Freunde, ſo ihr thut, was ich euch gebiethe. Und ſein ge⸗ liebteſter Apoſtel ſetzt hinzu; an dem merken wir, daß wir ihn kennen, ſo wir ſeine Gebote halten. Haͤtte die chriſtliche Kirche, ſich mit dieſem einzigen ſymboliſchen Bekenntniß ihrer Glieder begnuͤgt, und nie ein anderes von ihnen verlangt, ach! mit wie viel bruͤderlicher Eintracht wuͤrden wir alle, die wir uns Chriſten nennen, unſere Pilgrimsreiſe auf dieſer Erde zu dem Hauſe unſers allgemeinen Vaters vollenden. Leider! iſt dieß nicht geſchehen, und was Anfangs die Nothwendigkeit der Sache erforderte, iſt bald durch hierarchiſchen Stolz, bald durch gutgemeynte Einfalt und ungegruͤndete Furchtſamkeit zu Feſſeln geworden, welche der ſtumpfe Geiſt mit Gelaſſenheit ertragt, und der auf ſeine Vernunft ſtolze Chriſt abzuwerfen ſich be⸗ ſtrebt. Weder der eine noch der andere handelt viel⸗ leicht vollkommen richtig und zweckmaͤßig. Es koͤnnen gewiſſe politiſche Verhaͤltniſſe eintreten, welche fuͤr dieſe oder jene Religionspartey die Exiſtenz gewiſſer ſymboliſchen Glaubensbekenntniſſe ſchlechterdings noth⸗ wendig machen. Und wirklich haben die ſo genannten Symbola der chriſtlichen Kirche auch dieſer Nothwen⸗ digkeit ihren Urſprung, größtentheils wenigſtens, zu danken. Dieß war auch der Fall bey der Religions⸗ parteh, von welcher wir den Namen fuhren. Der vernuͤnftige Chriſt hat indeſſen, dieſe ſymboliſchen Glaubensbekenntniſſe und die darauf ſich beziehenden Schriften niemals als das vorgeſteckte unveränderliche Ziel Zi on Rol N uch de, ge⸗ vir, ten. igen und virl uns Erde den. s die uch lche Ziel alles Wiſſens und Glaubens in Religionsſachen angeſehen. Er hat es aber auch nie weder fuͤr Pflicht, noch fur große Weisheit, noch fuͤr Vortheil ſeines Micchriſten geachtet, dieſe Buͤcher, wenn ſie einmal vorhanden ſind, zu verſchreyen, ihre Schwaͤchen auf⸗ zudecken, und die politiſchen Verhältniſſe zu ſtoͤren, wenigſtens Zank daruͤher zu erregen, welche ſich auf dieſe Buͤcher mit beziehen. Derjenige Chriſt, der ſeinen Glauhen in Gegenſtänden der Religion auf die ſymboliſchen Buͤcher ſeiner Kirche gruͤndet, ſie mogen Tridentiniſches Concilium, unv raͤnderte Aug⸗ ſpurgiſche Konfeſſion, Synodus Pordtacena, Con- ſemo Kelvetica heißen, oder mit einem audern Na⸗ men genenſt werden, ſchoͤpft nie aus der Quelle, ſondern nur aus einem abgeleiteten, oft ſehr truͤben, Bach; und der Lutheraner inſonderheit iſt des Na⸗ mens des großen Mannes, nach welchem er ſich nennt, ſodann ganz unwuͤrdig. Derjenige Cheiſt ferner, der es fur Gewiſſensſache haͤlt, alles, was er fuͤr Irrthum ſeiner Kirche haͤlt, auch als Irr⸗ thum ſeinen Mitchriſten anzukuͤndigen, handelt wenig⸗ ſtens unweiſth wenn er nicht zuvor gewiß uͤberzeugt iſt, daß dasjenige, was er als Irrthum erkannt hot, auch wirklicher Irrthum und zwar ſchädlicher dem wahren Chriſtenthum nach theiliger Irrthum iſt, und daß ſeine Zeitgenoſſen Empfaͤnglichkeit genug haben, ſeine Belehrungen anzunehmen. „So kann mir alſo der Staat vorſchreiben, was ich glauben ſoll?“ Dieß wäre wirklich eine zugleich tyran⸗ 124 thranniſche und ohnmaͤchtige Vorſchrift: tyranniſch, denn meine Vernunft iſt keiner Herrſchaft unterwor⸗ fen; ohnmächtig, denn ſelbſt Dominicus, und alle Glaubensinquifitoren, haben mit allen angezundeten Scheiterhaufen dieß nicht moͤglich machen koͤnnen, und konnen es, der Natur der Dinge nach, nicht moglich machen. Laßt uns indeſſen zur Ehre der geruͤhmten Aufklärung unſers Zeitalters glauben, daß alle chriſt⸗ lichen Staaten uͤber dieſen Punkt nunmehr endlich ein⸗ verſtanden ſind, trotz allem Anſchein des Gegentheils. „Aber kann mir denn der Staat vorſchreiben, wenn ich als Religionslehrer, bey meiner Kirchenpar⸗ tey angeſtellt bin, daß ich nichts, der mir anvertrau⸗ ten Gemeinde lehren ſoll, als was den ſymboliſchen Buͤcher der Kirche, zu der ich gehoͤre, gemaͤß iſt?“ Das kann er nach meiner Einſicht allerdings, ſo lange es nicht durch die allgemeine, laut erſchallende Stimme der Wahrheit, welcher kein Vernuͤnftiger ſeinen Beyfall verſagt, entſchieden iſt, daß dieſe oder jene Lehre dieſer ſymboliſchen Buͤcher fuͤr das wahre Chriſtenthum nachtheilig und zerſtoͤregd iſt. Kein einzelnes Mitglied der buͤrgerlichen Geſtllſchaft, und dieß iſt jeder Religionslehrer, kann ſich anmaaßen zu beurtheilen, was dem ganzen Staat vortheilhaft oder ſchaͤdlich iſt: tritt aber der vorher angegebene Fall ein, dann hoͤrt aller politiſcher Zwang in Glaubensſachen auf, und es bleibt nur Pflicht der Regenten, dahin zu ſehen, daß Trennungen in Religionsmeynungen, nicht Tren⸗ nungen in politiſchen Verhaͤltniſſen veranlaſſen. Ob der Fall wirklich eingetreten iſt, dieß lehrt ſehr leicht und 125 und zuverlaͤſſig die ganze Lage der Sache. So ver⸗ hielt es ſich, als Luther, Zwingli und Kalvin anfien⸗ gen zu reformiren. Wenn indeſſen der Staat ſeinen angeſtellten Religionslehrern verbiethen kann, nichts bey dem oͤffentlichen Religionsunterricht zu lehren, was den ſymboliſchen Buͤchern der Kirchenpartey entgegen iſt, und wenn er ſie dazu verpflichten kann: ſo kann er dieſen Lehrern weder verbiethen, noch ſie verpflichten, daß ſie ihre eigenen Religionsmeynungen nicht, ſach⸗ verſtaͤndigen Maͤnnern in Schriften oder ſonſt bekannt machen, und andern zur Pruͤfung und Unterſuchung mittheilen ſollen. Dieß iſt wahrer hierarchiſcher Des⸗ potismus; es iſt das ſicherſte Mittel, den forſchbe⸗ gierigen menſchliſchen Geiſt, und die Wahrheit ſelbſt zu unterdrücken, dem Aberglauben, der Stupidität, und ſelbſt dem Unglauben das eiſerne Scepter wieder in die Haͤnde zu geben, mit welchem ſie das menſchliche Geſchlecht ſo lange beherrſcht haben⸗ Aber wenn nun der Bauer dieſe Schtiften liest? Theils wird er ſie nicht leſen, theils kann er ſie niche verſtehen, und laͤſe er ſie, und verſtuͤnde er ſie halb oder ganz: ſo iſt dieß Unheil weit geringer als das⸗ jenige, ſo aus gaͤnzlicher Unterdruͤckung der Druck⸗ und Preßſreyheit entſteht. Ich komme von dieſer Ausſchweifung, die mir die Lage, in welcher wir uns gegenwärtig befinden, nothwendig zu machen geſchie⸗ nen hat, wieder zu den eigentlichen Gegenſtänden mei⸗ ner Unterſuchung zuruͤck. Nach allem demjenigen, was ich euch im Vorher⸗ gehenden, uͤber die eigentlichen Dogmen der chriſtli⸗ chen 126 chen Religion, uͤber die ſo genannten Symbole der ver⸗ ſchtedenen chriſtlichen Kirchen geſagt habe, werdet ihr mich immer noch fragen koͤnnen: Welches ſind dennnun die eigentlichen Dogmen der chriſtlichen Religion, die ich aus den ſre des neuen Teſtaments kennen lernen ſoll? w ſie darin aufſuchen, und unterſcheiden? was iſt i Jeſu und ſeiner Apoſtel? was iſt Zuſatz der Kirche? was gehoͤrt zum theologiſchen Syſtem? was iſt allgemeine Volksreligion? Ich muß euch, um dieſe Fragen zu beantworten, die bte Regel bemerken: Was euch lehrt, gut handeln, iſt praktiſcher Religionsunterricht des neuen Teſtaments, und was ihr unumgaͤnglich wiſſen muͤßt, um Gruͤn⸗ de eurer moraliſchen Handlungen daraus herzu⸗ leiten, iſt unentbehrlicher theoretiſcher Unterricht deſſelben, und alſo unmittelbarer Gegenſtand eures Forſchens in der Schrift. So lehrt euch das neue Teſtament praktiſch, Liebe zu Gott und dem Menſchen, als die Hauptſumme aller Ge⸗ bote, ſie lehrt euch theoretiſch, warum dieſe Liebe der Grund aller eurer moraliſchen Handlungenſehn muß, aus den Verhaͤltniſſen, in welchen ihr mit Gott als Schoͤpfer, als Geſetzgeber, als Vater, mit Jeſu Chriſto, als eurem Erloͤſer und Erretter von Elend und Suͤnde, ſteht. Alles alſo, was euern Verſtand über eure Beſtim⸗ mung in dieſem Leben und nach dem Tode aufklären, euch immer mehr und mehr zu Vollbringung des Guten antreiben, und Muth und Kraſt darzu ein⸗ fuͤßen kann, erfordert eure vorzugliche Aufmerkſam⸗ keit, wenn ihr dieſe Schriften lest; alles, was die Liebe zu Gott, zu Jeſu, zu euren Rebenmenſchen erregt, ſtaͤrkt et ihr un ich en u2 det vas ieſe her ind zl⸗ cht Ge⸗ dol aus ſer, em im⸗ ren, des ein⸗ am⸗ ſehe . gt, arkt 127 ſtaͤrkt und befeſtiget, dieß paßt vorzuglich aus ihnen, auf euern Verſtand und auf euer Herz. Indeſſen wird ſich in dem Folgenden, wenn wir von dem eigentlichen Inhalt dieſer Schriften, durch welchen ſie ſich von andern Schriften unterſcheiden, handeln, noch genauer beſtimmen laſſen, worin die eigentlichen Lehren beſte⸗ hen, worauf ihr bey keſung des neuen Teſtaments zu merken habt. Hier bemerke ich nur folgendes: Da die Faͤhigkeiten der Menſchen verſchieden ſind, ſo muß auch natuͤrlich der Umfang der chriſtlichen Lehren, die ihr euch aus dem neuen Teſtament bekannt zu machen habt, bey dem einen erweiterter, bey dem andern ein⸗ geſchraͤnkter ſeyn. Der eine wird wenigſtens aus Ueber⸗ zeugung glauben, wo der andere nur auf das Wort anderer glaubt. Indeſſen werden beyde gleichen Nut⸗ zen aus dem Forſchen der heiligen Schrift ſchopfen, wenn jedet nach dem Maas ſeiner Kraͤfte, ſo viel An⸗ trieb zur Verbeſſerung und Vervollkommnung ſeines Geiſtes dadurch zu erlangen ſucht, als ihm moͤglich iſt, und an jenem großen Tag der Vergeltung, wird nicht nach dem Maas der Erkenntniß, ſondern nach dem Maas der Anſtrengung gut zu ſeyn und handeln, die Belohnung ertheilt werden. 7. Lest die Schriften des neuen Teſtaments abwechſelnd, bald einzelne kurze Stellen, die zu eurer Abſicht die wichtigſten ſind, mit anhalten⸗ dem Nachdenken, bald ganze Schriften kurſoriſch, um ihren Zuſammenhang zu foſſen, z. E.: die Epiſteln ganz auf einmal; die Evangelia mit Ver⸗ gleichung der Parallelſtellen. Lest bald die Lucheriſche, bald 128 bald die Seileriſche, bald die Bahrdtiſche, bald die Stolziſche, bald die Rullmanniſche, bald eine andere gute Ueberſetzung, bald ein Ueberſetzung einzelner Schriften, deren wir verſchiedene gute haben. Ver⸗ ſteht ihr die Grundſprache, ſo verſteht es ſich von ſich ſelbſt, daß ihr ſie oft ſtudiret, aber immer in Ver⸗ gleichung mit guten Ueberſetzungen. Dieß bewahrt euch vor einſeitigem Denken, ſo wie euch Abwech⸗ ſelung bey dem keſen, das Maſchinenmaͤßige und den Ueberdruß erſpart. s. Haltet euch in den wichtigſten Stellen, ſo viel moglich, an den buchſtaͤblichen Verſtand, und huͤtet euch vor unndthigen ſymboliſchen und allegoriſchen Erklaͤrungen, und beſonders vor dem Steckenpferd unſers Zeitalters, der ſo genannten Akkom⸗ modationstheorie. Freylich iſt es wahr, der Buch⸗ ſtabe töͤdtet, aber der Geiſt macht lebendig. Aber dieſen Geiſt mußt ihr nicht in den Buchſtaben hinein⸗ tragen, er muß ſchon darin enthalten ſeyn. Ihr muͤßt ferner ſreylich die Lehre von der Lehrart unterſcheiden, allein was euch auf das deutlichſte, zu wiederhohlten⸗ malen, von Chriſto und ſeinen Apoſteln ſelbſt, als von Gott ſelbſt unmittelbar erhaltene Wahrheit vorgetra⸗ gen wird, gehort nicht zur Lehrart, ſondern muß Lehre ſeyn. Geſehßt alſo, dasjenige, was von boͤſen Geiſtern im neuen Teſtament geſagt wird, gruͤndete ſich auf eine offenbare Wahrheit, die im alten und neuen Teſta⸗ ment zum Grunde liegt, auf die Wahrheit, daß der Verfall des menſchlichen Geſchlechts, von der Verfuͤh⸗ zung eings boͤſen Geiſtes zum Ungehorſam gegen Gott her⸗ wi — — die ere ner el⸗ ch er⸗ hrt e en , 129 herruͤhre: ſo wuͤrde ich wenigſtens alles, was vom Satan und boͤſen Geiſtern im neuen Teſtament geſagt wird, nicht als Bequemung Chriſti und ſeiner Apo⸗ ſtel, zu bloßen juͤdiſchen Vorurtheilen, erklaͤren; ſo ſehr ich auch uͤbrigens jedem freyſtellen wuͤrde, vom Teufel zu glauben, was er will. Wenn ferner Chriſtus und ſeine Apoſtel ſich allerdings nach dem Sprachgebrauch ihres Volks, und den Nationalbe⸗ griffen deſſelben, bey dem Vortrag ihrer Lehten richten; ſo kann es doch ohnmoͤglich bloße Akkommodation hach dieſem Sprachgebrauch, nach dieſen Begriffen ſeyn⸗ um den Juden die neue Religion annehmlich zu machen⸗ wenn aus der ganzen Opfettheorie, auf welche Chri⸗ ſtus und ſeine Apoſtel ſo oft Ruͤckſicht nehmen, von ihnen die Schlußfolge gezogen wird, daß alles, was Chriſtus gethan, gelehrt, gelitten hat, in eben der Abſicht geſchehen ſey, aus welcher blutige Opfer nach den Geſetzen der altteſtamentlichen Religion, Gott zur Reinigung des Suͤnders oder Fehlenden, darge⸗ bracht wurden. Ueberhaupt: kann ich mich frey und uneingeſchraͤnkt, der ſymboliſchen und allegoriſchen Erklaͤrungsatt, und einer willkuͤhrlichen Akkommo⸗ dationstheorie beh Erklaͤrung eines Schriftſtellers be⸗ dienen: ſo iſt kein Gedanke, keine Votſtellung un⸗ moͤglich, die man nicht dieſem Schriftſteller unterſchie⸗ ben kann, und man kann aus Horazens Regeln zur Dichtkunſt, ohne viele Muͤhe, Regeln zur Kochkunſt machen. Wenn endlich der Erfolg, der aus allen dieſen, durch Shmbole, Allegorien und Akkommo⸗ dationen vorgetragenen Lehrſaͤtzen und Erzaͤhlungen ent⸗ 130 entſteht, dieſer ſeyn wuͤrde, daß wahre Volkstaͤu⸗ ſchung im eigentlichen Verſtande dadurch verurſacht, und dadurch zu feſterer Gruͤndung und Befeſtigung gewiſſer Volksirrthuͤmer die Veranlaſſung gegeben worden waͤre: ſo iſt es doch wirklich, gelinde geſprochen, ſehr kuhn und unanſtaͤndig, den kehrer der Wahrheit und ſeine Apoſtel, zu Volksbetruͤgern zu machen. Es iſt unläugbare Wahrheit, daß man Chriſtum und ſeine Apoſtel, auf die vorangegebene Art wirklich zu Volkstaͤuſchern macht, ſo viele Muͤhe man ſich auch in den neueſten Zeiten giebt, ſolches zu verneinen. Ich verkenne gewiß die gute Abſicht nicht, die die gelehr⸗ ten Erfinder dieſe Akkommodationslehre gehabt haben, ich laͤugne nicht, daß ſie oft mit Ruben gebraucht wer⸗ den kann. Aber in den Haͤnden ihrer unvorſichtigen Nachbeter wird ſie oft ein ſchädliches Werkzeug zu Untergrabung wichtiger Religionsgrundſaͤtze. Wenn ihr nun aber ja glaubt, daß es unentſchieden ſey, wel⸗ che Meynung von dieſem in unſern Zeiten ſo häufig unterſuchten Gegenſtande wahr und nicht wahr iſt, ſo haltet euch wenigſtens an die 9. Regel: Sprecht nicht in Dingen, die euch noch nicht klar genug ſind, beſtimmt ab, und ver⸗ langt nicht, alles auf einmal begreifen zu wollen, ſondern geſteht lieber eure Unwiſſenheit oder Unentſchloſſenheit. Verwerft nicht ſogleich, was ihr nicht verſteht, und nehmt nichts als ausgemachte Wahrheit an, was ihr noch nicht hinlaͤnglich gepruͤft habt. Viele dieſer ſtreitigen Punkte haben keinen unmittelbaren Einſluß auf die chriſt u ht, ng ben en, it und zu hin chr⸗ ben, ver⸗ gen zu enn wel ußg „ſ och er⸗ zu heit ich⸗ als icht igen die riſt 131 chriſiliche Vollkommenheit; es laßt ſich zu ihrer Ver⸗ theidigung und Beſtreitung ſo manches Gegruͤndete oder boch Wahrſcheinliche ſagen, daß die Gelehrten, die daruͤber ſtreiten, öhne Dazwiſchenkunft eines unmit⸗ telbaren goͤttlichen Ausſpruchs, davon nie uͤbereinſtim⸗ mend denken und ſprechen werden. Keberzeugen euch alſo weder die Gruͤnde des einen, noch des andern, voll⸗ ſtändig, ſo geſteht ohne Furcht tieber auſrichtig: ich weiß nicht wer Recht hat; ehe ihr auf bloße Auctorität nachbetet. Scheinen euch aber die Gruͤnde der einen Partey bey Lehren oder Meynungen, in Anſehung welcher ihr nicht unentſchloſſen bleiben züů koͤnnen glaubt, uͤberwiegender: ꝛſo bekennt euch zu ihren Saͤßen ohne Furcht, wofern die chriſtliche Klugheit von euch nicht erfordert, eure Meynungen fuͤr euch zu behalten. Ge⸗ ſetzt ihr irrtet auch in eurer Erkenntniß, ſo ſeyd des⸗ wegen ruhig. Unverſchuldeter Irrthum iſt wenig⸗ ſtens kein ſchaͤdlicher Irrthum, und wie ich euch ſchon oſt erinnert habe, bey dem Eintritt in jene Welt, fordert Gottkein abzulegendes Glaubensbekenntniß von euch, aber Rechtſchaffenheit des Herzens wird er von euch fordern. Laßt euch alſo die 10. Regel die wichtigſte ſeyn; Was ihr in der heiligen Schrift lest, muß einen Einfluß auf euer Herz haben, und das Leſen der heiligen Schrift, beſonders des neuen Teſtaments, muß euch jeden Tag mehr Kraft zum Guten, mehr Eifer nach chriſtlicher Voll⸗ kommenheit verſchaffen, ſonſt iſt es eine vergeb⸗ liche unnutze Beſchaͤfftigung. 2 Dieß 132 Dieß iſt der Hauptzweck, den ihr haben muͤßt, wenn ihr das neue Teſtament lest. Und gewiß, die, heilige Schriſt iſt eine ſo unerſchoͤpfliche Quelle von Belehrung, von Befeſtigung in der Tugend und Recht⸗ ſchaffenheit, von Ueberzeugung von demjenigen, was wahr und gut iſt, von Troſt und Beruhigung, daß, wenn ihr ſie mit Verſtand, mit Einſicht, mit unpar⸗ teyiſcher Pruͤfung lest, ihr eure Erkenntniß von Gott, von Jeſu Chriſto, von euren Verhaltniſſen mit Gott und Jeſu Chriſto, von den Pflichten, die aus dieſen Verhaͤlt⸗ niſſen entſpringen, von den Vortheilen, die euch die Er⸗ füllung dieſer Pflichten gewaͤhrt, von Tag zu Tag erweitern, und eure Liebe zu allem was gut, was edel, was Gott wohlgefaͤllig iſt, ſtärken und vollkommner machen, euch wirklich zu ganz neuen Menſchen umgeſchaffen, fuhlen werdet. Und ihr wißt, dieß iſt der Mittel⸗ punkt, in welchem alles, was zum wahren Chriſten⸗ thum erfordert wird, zuſammen laͤuft. NRicht das Wiſſen, nein! das Thun mache ſelig. Wart ihr auch die vollkommenſten Erklaͤrer der heiligen Schrift, waͤrt ihr mit ihrem Inhalt noch ſo genau bekannt, waͤre euch nichts dunkel, nichts ſchwer zu verſtehen in die⸗ ſen Schriften, und ihr thätet dasjenige nicht, was ſie euch zu thun gebiethen, ſo wärt ihr ein tönendes Erz und klingende Schelle. Welcher Segen, meine Geliebten, wird euch zu Theil werden, wenn ihr meinem Rath, den ich euch im Vorhergehenden mitgetheilt habe, aufrichtig folgt, und euch oft und gern mit einem vernuͤnftigen Leſen der beiligen Schrift beſchaͤfftiget. Euer Verſtand wird an Aufklärung und Einſicht in euer wahres Gluck mit jedem der 133 jedem Tag wachſen, euer Herz wirb ſich je mehr und und mehr veredlen, Liebe zu Gott, zu ſeinen Menſchen, wird die ſtaͤrkſte Triebfeder eurer Handlungen ſeyn, und die ſchwerſten chriſtlichen Tugenden, werden euch täglich leichter werden auszuuͤben. In den Tagen der Freude werdet ihr euch aus dieſem vortrefflichen Buch erinern: Habt nicht lieb die Welt und was in der Welt iſt, denn die Welt vergehet mit ihrer Luſt. In den Tagen des Kummers wird euch der Ausſpruch eures Erloſers: Selig ſind die da Leid tragen, denn ſie ſollen getroſtet werden, ſtärken und beruhigen, und in der furchterlichen Stunde des Todes, wird euch der Zuruf dieſes eures Erloſers: Wer an mich glaubt der wird leben, ob er gleich ſtirbt, Muth und Stärke verleihen. Und ſein Ge⸗ bet: Vater ich will daß, wo ich bin, auch die ſeyn die du mir gegeben haſt, wird euch mit Freudigkeit ſterben lehren. Glaubt mir,euerm Vater und Freund. Fuͤnf und ſechzig Jahr, uͤbel und boͤſe war bisher die Zeit meiner Wallfahrt. Ach! wie mancher Kummer hätte mich zu Boden gedruckt, aber dein Wort, 0 Gott, war meines Herzens Freude. Wie oft fiel ich ſchwacher ſinnlicher Menſch, und wie oft erin⸗ nerte mich der Zuruf: Gnaͤdig und barmherzig iſt der Herr, und von großer Guͤte, aber auch: wer bdſe iſt, bleibt nicht vor ihm! zur Ruͤckkehr zur Tugend. Mein Herz, dieß weiche zur Liebe geſchaffene Herz, wie viel empfand es, bey dem zaͤrtlichen Bilde der heiligen Schrift: Wie ſich ein Vater ſeines Kindes erbarmet, ſo erbarmt ſich der Herr derer, die 134 die ihn furchten; bey der Ermunterung des Apoſtels: Gott iſt die Liebe, laßt uns ihn lieben, denn er hat uns erſt geliebt; wie ſtark fühlte es ſich alsdann gedrungen Gott zu lieben. Ja, Wort,erquickendes Wort meines Gottes und ſei⸗ ner Geſandten, dir dank' ich mrine ſeligſten Empfindun⸗ gen; leite mich noch die wenigen Schritte, die ich noch bin zum Grabe habe, und dann! wenn der zugleich furcht⸗ bare und erfreuliche Augenblick erſcheint, in welchem ich die Welt und meine Lieben verlaſſe, und zu den Lieben eile, die mich fruͤher verlieſſen, dann ſey mein Schild, wider die Schrecken des Todes, und laß mich freudig mit Paulo ſagen: Ich weiß an wen ich glaube, und bin gewiß, daß ermir meine Bey⸗ lage bewahren wird, bis an jenen Tag. baßt uns alſo, meine Kinder, dieß Buch, die Bibel, als eines der herrlichſten Geſchenke unſers guͤtigen, barm⸗ herzigen Vaters ſchaͤtzen und ihm dafuͤr danken. Oft und gern, wollen wir uns mit dieſem Buch beſchaͤff, tigen, und daraus lernen, wie wir weiſer, beſſer und gluckſeliger werden ſollen. F. 13. Worin beſtehen die eigentlichen Lehren der heili⸗ gen Schrift, durch welche die chriſtliche Religion, ſich von allen andern Religionen unterſcheidet? Ich bin bemuͤht geweſen, meine Geliebten, euch eine kurze Anleitung zu geben, wie ihr euch bey der Denkungsart unſers jetzigen Zeitalters in Religions⸗ ſachen, richtige Religionsbegriße verſchaffen ſollt, in wie W ſt f. wie fern eure geſunde Vernunft hierbey eine Stimme hat, in wie weit dieſe Vernunft hinlaͤngliche Quelle einer ſichern Religionskenntniß iſt, oder nicht iſt, in wie fern ihr ein Recht habt, euch dieſer Vernunft bierbey zu bedienen, ihr most von einem Stand, oder einem Geſchlecht ſeyn, von welchem ihr wollt. Ich hab' euch gezeigt, daß, wenn eure Vernunft nicht hinlaͤnglich iſt, euch vollſtaͤndig in Sachen der Religion zu belehren, es noch eine andere Er⸗ kenntnißquelle, eine unmittelbare goͤtliche Offenbarung geben kann, und wirklich giebt. Ich habe euch zu zeigen geſucht, wie das Buch, ſo dieſe Offenbarung enthalten ſoll, entſtanden und beſchaffen iſt, und wie ihr dieſes Buch, im Fall es dergleichen giebt, leſen und ſtudieren muͤßt. Wir fanden dieſes Buch, in der Sammlung von Schriften, welche die Bibel, oder das alte und neue Teſtament genennt werden, und wir kommen nunmehr zur Hauptſache, zur Unterſuchung? Was enthaͤlt denn dieſe Bibel fur eigentiiche Lehren, auf welche ſich die chriſtliche Religion gründet, und durch welche ſie ſich von allen an— dern Religionen unterſcheidet? Ehe wir uns in eine ſpeciele Unterſuchung dieſer einzelnen unterſcheidenden Lehren einlaſſen koͤnnen, muͤſſen wir uns zuvor eine Ueberſicht des Ganzen ent⸗ werfen, nach welcher wir uns, als einem Leitfaden, bey dieſer Unterſuchung zu richten haben. Die Lehren, ein uns die Bibel vortraͤgt, und die wir wiſſen und glauben muͤſſen, wenn wir Bekenner der Religion Jeſu und ſeiner Apoſtel ſeyn wollen, ſind von 136 von zweyerley Art. Entweder ſie beſtaͤtigen, erklaͤ⸗ ren, beſtimmen, entwickeln, erweitern, verſtaͤrken nur gewiſſe Lehrſaͤtze, welche die bloße Vernunft bereits ohne Dazwiſchenkunft einer unmittelbaren Offenba⸗ rung erkennt, es ſey nun, daß dieſe Vernunſt zum Erkenntniß dieſer Lehrſaͤtze durch eigene Einſicht, vor Entſtehung des chriſtlichen Lehrbegriffs, oder durch wei⸗ teres Nachdenken, nach Entſtehung deſſelben, veran⸗ loßt worden. Oder es ſind ſolche Lehren, welche die menſchliche Vernunſt zu erkennen, durch eigene Kraft, durch eigene Einſicht nicht vermoͤgend iſt. Wir wuͤr⸗ den uns indeſſen theils in neue Streitigkeiten verwirren, wenn wir unterſuchen wollten, wie weit die Graͤnzen der Vernunft hierbey gehen oder nicht, was ſie von dieſen Lehren ſelbſt entdeckt hat, oder nicht entdeckte, theils auch wuͤrde es eine weitlaͤufigere Auseinanderſetzung, als die gegenwaͤrtige Schrift enthalten kann, erfordern, wenn wir nach dieſer Eintheilung die Lehren der Bibel unterſuchen, und bey jeder den Unterricht der Vernunft und der Offenbarung von einander abſondern wollten. In unſern Zeiten ſucht man freylich die Herrſchaft die⸗ ſer Vernunfk immer mehr und mehr zu erweitern, und zu behaupten, daß ſich die Stimme der Offenbarung einzig und allein nach dem Urtheil dieſer Vernunft rich⸗ ten muͤſſe. Auf Pruͤfung dieſer aus Wahrheit und Irrthum zuſammengeſetzten Behauptung, bey welcher es hauptſaͤchlich darauf ankommt, was man unter Vernunft verſteht, brauchen wir uns jetzt um des willen nicht einzulaſſen, weil wir die Moͤglichkeit, die Noth⸗ wendigkeit, die Exiſtenz einer unmittelbaren goͤttlichen Offen⸗ ho jen ſen ils rn, bel nft n. ie⸗ nd ng n 137 Offenbarung und ihre Verſchiedenheit von der Ver⸗ nunftreligion als wahr angenommen haben. Wir haben alſo nur noͤthig, uͤberhaupt zu unterſuchen, was uns die Bibel mehr als die ſich ſelbſt uberlaſſene Ver⸗ nunft von Gott, von uns ſelbſt, von unſerer Beſtim⸗ mung, von den Mitteln dazu zu gelangen, von dem Er⸗ folg aller dieſer goͤttlichen Anſtalten entdeckt. Ich werde kurz dabey bemerken, in wie fern ſich hierbey Unterricht der Bibel, von dem Unterricht der Vernunft der Vernunftreligion unterſcheidet, ſolchen ergänzt, verbeſſert, und mit neuen Zuſatzen vermehrt. Dieß Mehr, was uns die Bibel von Gott, ſeinem Weſen und ſeinen Eigenſchaften, ſeinen Verhältniſſen, in welchen er mit unſerer Welt, und den Bewohnern derſelben ſteht, unmittelbar offenbart, werden wir alſo auf⸗ ſuchen muͤſſen. Alles, was ſie uns von Jeſu Chriſto, von der Abſicht ſeiner Sendung in die Welt und dem Erfolg derſelben, von einem Geiſt Gottes und ſeinen Wirkungen, von den vernuͤnftigen Geſchoͤpfen, die zwiſchen Gott und dem Menſchen, die unuͤberſehbare Kette vernuͤnftiger Weſen ausmachen, allein lehrt, wird ferner unſere Aufmerkſamkeit erfordern. Dann werden wir zu den beſondern Nachrichten und Beleh⸗ rungen, die ſie uns von der Entſtehung des Meu⸗ ſchengeſchlechts, ſeiner gegenwärtigen und zukuͤnftigen Beſtimmung, ſeiner Natur, ſeiner Fähigkeit, oder Unfaͤhigkeit, dieſe Beſtimmung zu erreichen, aus⸗ ſchläßlich und allein mittheilt, fortgehen. Auch die Mittel, die ſie angiebt, dieſe Beſtimmung zu er⸗ teichen, werden wir müſſen kennen lernen. Un⸗ ter 138 ter dieſen Mitteln, wird ſie uns auch gewiſſe aͤußer⸗ liche Handlungen angeben, welche Chriſtus ſeinen Bekennern, um ſie von Nichtchriſten zu unterſcheiden, anbefohlen hat, und ſie wird uns von dem Zweck dieſer Handlungen unterrichten. Wir werden endlich ge⸗ wiſſe Belehrungen durch ſie erhalten, welche die bloße Vernunſt theils ſehr ſchwer zu erkennen vermag, theils die ihr ganz fremd ſind, z. B. uͤber die Unſterb⸗ lichkeit der Seele, die Auferſtehung der Todten, und die Wiedervereinigung der Seele und Koͤrper, uͤber das juͤngſte Gericht, und die Veraͤnderung unſerer Erde, uͤber das Schickſal der Guten und Boͤſen, nach dem Tode und der Auferſtehung. Dieß alles, wollen wir nun einzeln nach einander durchgehen, und genauer unterſuchen. §. r4. Was ſagt uns die Bibel von Gott, ſeinem We⸗ ſen und ſeinen Eigenſchaften, mehr als die Ver⸗ nunftreligion? Gott iſt. Er iſt nach den Begriffen, die wir uns von ihm machen, wir moͤgen nun auf dieſe Begriffe durch Schluͤſſe, oder das bloße Beduͤrfniß unſers Geiſtes geleitet worden ſeyn, das vollkommenſte Weſen an Verſtand und Willen, er iſt die erſte Urfache alles deſſen, was iſt, er iſt ewig, unendlich, unerforſchlich! Dieß alles ſagt uns ſchon die Stimme der Vernunft, in jedem Zeitalter, in jedem Volk, in jedem Winkel der Erde, Iud ſchwaͤcher, bald ſtaͤrker, bald mit Fa⸗ bel und Jerthum vermiſcht, bald reiner und vollſtän⸗ diger. Im Samenkorn, wie im geſtirnten Himmel, im 139 im Wurm, wie in dem Menſchen, ruft ſie uns zu: Gott iſt, er iſt der Weiſe, der Mächtige, der Ge⸗ rechte, der Gztige! Welch ein reichhaltiges Thema! Und wo ſollt' ich anfangen, wo wuͤrd' ich enden, wenn ich euch olles dasjenige wiederhohlen wollte, was ſchon die bloße Vernunft von Gott, ſeinem Weſen und ſei⸗ nen Eigenſchaften uns verkuͤndiget. Allein wie unvoll⸗ ſtaͤndig, mangelhaft, oft mehr auf truͤgliche Schluͤſſe, als ſichre Zeugniſſe gebaut, iſt dieſer Unterricht! Und wie weit vollſtaͤndiger, erhabener, erfreulicher, beſe⸗ ligender iſt dagegen der Unterricht, den uns die heilige Schrift von Gott, ſeinem Weſen und ſeinen Eigenſchaf⸗ ten mittheilt. Laßt uns hier bloß das Eigenthuͤmliche dieſes Unterrichts, in unſer Gedaͤchtniß und in unſer Herz faſſen. Wenn ſie uns alles das, was die Ver⸗ nunftreligion uns ſchon von Gott ſagt, in weit ſtaͤrke⸗ ren Ausdruͤcken wiederhohlt, ſo ruft ſie uns noch uͤber⸗ dieß zu: Hoͤre Iſrael, der Herr unſer Gott iſt ein einiger Gott. Einheit Gottes iſt die erſte große Lehre, die uns die Bibel von Gott giebt. Freylich hat es ſich die Vernunft angemaaßt, vorzugeben, als ob auch ſie bereits dieſe Einheit Gottes erkenne. Allein dieſe arme Vernunft! warum ſah ſie denn dieſe Wahrheit nicht eher ein, als bis unmittelbare goͤttliche Offenbarung dieſe Wahrheit bekannt gemacht hatte? Warum haben denn die Weltweiſen, welche nichts von dieſer Offenbarung wußten, ſo viele ſeltſame Traͤume von Gott, was und wie er ſey, ausgeſonnen? War⸗ un ſchufen ſie ihn bald zur Weltſeele, bald unthätig und 140 und unbekuͤmmert um die Welt die er erſchaffen, unker⸗ warfen ihn dem Schickſal, vermiſchten ihn in die Ur⸗ ſtoffe der Welt, theilten ihn in den ggten und boͤſen Gott? Warum bevoͤlkerten ſie denn den Himmel und die Welt mit ſo vielen Goͤttern? Warum hat ſich denn das menſchliche Geſchlecht, ſo leicht zu dem Glauben an dieſe Goͤtter hinreiſſen laſſen? Welcher Weltweiſe hat denn vor Chriſto die Einheit Gottes, ſo deutlich, ſo beſtimmt, ſo nachdrucklich vorgetragen, als Moſes und Jeſus? Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes, iſt der andere Charakterzug, den die heilige Schrift mehr als alle andere Religionen uns von Gott mittheilt. Beyde Vollkommenheiten ſind in ihm auf das genaueſte ver⸗ einiget, er iſt heilig, weil er gerecht iſt, er iſt gerecht, weil er heilig iſt, und beyde Vollkommenheiten begrei⸗ ſen die genaueſte Kenntniß und Vergeltung des Guten und Boͤſen, des Rechts und Unrechts in ſich. Nie erblickt die Vernunftreligion die Heiligkeit Gotees in dem hellen Licht, in welchem die Bibel ſie uns zeigt. Wenn die Vernunftreligion auch nach den Zeiten Jeſu, dieſe Eigenſchaften Gottes durch Schlußfolgen feſt⸗ zuſetzen ſucht: ſo läugnet doch oft der eine Verehrer dieſer Vernunft, was der andere behauptet, ſo ſchil⸗ dert ſie uns dieſe Eigenſchaften doch nie ſo eindringend, als die Bibel. Wenn die Stimme dieſer Vernunft uns immer noch ſchmeicheln will, daß Gott Geduld mit unſern Fehlern und Schwachheiten habe, daß er nicht mehr von uns verlange, als unſre Kraͤfte leiſten koͤnnen, daß er aus bloßer Gnade unſerer Sünden nicht ſic ntet⸗ Ur⸗ höſen und denn uben weiſe tlich, ſoſes i der rals eyde ver⸗ echt, grei⸗ zuten Nie es in eigt. Jſu, ſiſ⸗ hrer ſchil⸗ end, unſt duld er iſin nden icht 141 nicht gedenken wolle: ſo beſtätiget die heilige Schriſt zwar alle dieſe troͤſtlichen Wahrheiten. Allein ſie be⸗ wahrt uns zugleich durch den richtigen, genau beſtimm⸗ ten Begriff der Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes, vor dem gefaͤhrlichen Irrthum, daß es Gott mit unſern Suͤnden und Fehlern nicht ſo genau nehmen werde. Sie belehrt uns, daß dieſe Heiligkeit Gottes nie ge⸗ ſtatte, daß ein unreines ſuͤndhaftes Geſchöpf in eine naͤhere Verbindung mit ihm kommen koͤnne. Wer ſich ihm nähern will, muß heilig ſeyn, wie er iſt. Wer Suͤnde thut, bleibt nicht vor ihm. Sie zeigt uns den hoͤchſten Abſcheu dieſes Gottes vor allem, was Suͤnde iſt, in einem weit hoͤhern Grad, als uns die Vernunſftreligion zu zeigen vermoͤgend iſt. Sie belehrt uns, daß Gerechtigkeit Gottes, unzertrennlich von ſeiner Heiligkeit ſey, daß dieſe Gerechtigkeit in den Wirkungen ſeiner Heiligkeit auf ſeine vernnftigen Ge⸗ ſchoͤpfe beſtehe. Wenn die altteſtamentlichen Schrif⸗ ten dieſe von einander unzertrennlichen Eigenſchaften, dem Kinbesalter ihres Zeitalters gemaäß, in welchem der Menſch bloß durch Gehorſam geleitet werden muß⸗ te, in einem etwas furchtbaren Glanz vorſtellen: ſo milderte Jeſus und ſeine Apoſtel dieß Furchthare durch das ſanfte licht der Barmherzigkeit und alles umfaſſen⸗ den Liebe Gottes. Sie zeigen dem vor der Heiligkeie und Gerechtigkeit Gottes zitternden Menſchen den Weg, wie er ſich dieſem furchtbaren Gott, ohnerachtet ſeiner Suͤnden und Maͤngel, dennoch ohne Furcht und mit Zuverſicht naͤhern kann. Zwar ſagt auch ſchon der Pſalmiſt: Gnaͤdig und barmherzig iſt der Herr unh von großer Guͤte. Abet die neuteſtamentliche Reli⸗ gion 142 gion verſtaͤrkt dieſen erhabenen Charakterzug des gött⸗ lichen Weſens dadurch, daß ſie uns lehrt: Gott iſt die Liebe. Alſo hat Gott die Welt geliebet, daß er ſeinen eingebornen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verlohren werden, ſondern das ewige Leben haben. Iſt es wohl moͤglich, Gott in einem vollkommnern Lichte zu zeigen, als in dem Ausdruck: Gott iſt die Liebe? Was läßt ſich nicht hier alles denken und empfinden! und welche andere Religion, als die chriſtliche, lehrt uns ſo deutlich, ſo ausbrucklich: Gott iſt die Liebe? Wenn ſchon die gereinigte aufgeklärte Vernunft Gott, als die erſte Urſache aller Dinge erkennt:? ſo zeigt uns die heilige Schrift mit weit mehr Klarheit, daß Gott der Schoͤpfer alles desjenigen iſt, was iſt, daß er ſchon war, ehe nach dem Ausdruck des Pſal⸗ miſten, die Morgenſterne ihn lobten, daß alſo er allein ewig und ohne Anfang iſt, daß er wollte, und es ge⸗ ſchab, daß er gebot, und es ſtand da, daß es alſo keine ewige ohne ihn vorhandene Moterie giebt, aus welcher er bildete. Welche andere Religion vor der Jüdiſchen und Chriſtlichen lehrte Ewigkeit Gottes ohne Ewigkeit der Materie? Wenn auch die Religion der Vernupft, mit der Offenbarung ubereinſtimmte, daß ſie alles von Gott, als der erſten Urſache aller Dinge, ableitet: ſo konnte ſie doch nie eine feſte Ueberzeugung von der ſtets wirkenden Vorſehung dieſes Gottes fuͤr ſeine Geſchoͤpfe verſchaffen. Bald ſtellt ſie uns ihren Gott als unthaͤtig dar, der ſich um das, was er ſchuf, weiter nicht bekuͤmmert, ſondern jedes Ding den Gang gehen Nn, ohl igen, ißt elche lich, 143 gehen laͤßt, den er ihm nach ſeinen ewigen unverän⸗ derlichen Geſetzen einmal fuͤr allemal angewieſen hat. Bald iſt die Weltregierung ihres Gottes dem eiſernen Scepter des Schickſals und der Rothwendig⸗ keit unterworfen. Bald bekuͤmmert ſich dieſer Gott zwar um das Ganze, aber nie um die Theile. Wie deutlicher und erfreulicher belehrt uns die Offenbarung, und beſonders die Lehre Jeſu, uber die gott⸗ liche Vorſehung! Wenn ſich ſchon der Pſalmiſi mit der Ueberzeugung troͤſtet: Der Herr iſt mein Hirte, mir wird nichts mangeln; ſo verſichert uns der einge⸗ borne Sohn Gottes ſelbſt, der aus des Vaters Schoos kam, daß ohne den Willen dieſes Vaters, kein Haar von unſerm Haupte faͤllt, daß er die Litie auf dem Felde mit Pracht kleidet, den Sperling ernaährt, und alſo auch gewiß für uns, ſeine Menſchen, ſorgt. Wie un⸗ vollſtaͤndig entwickelt ferner die Vernunftreligion, die Eigenſchaften ihres aufgeſtellten Gottes! Wie entſtellt ſie ihn bald mit den Schwachheiten, bald mit den Lei⸗ denſchaſten, bald mit den Laſterm der Menſchen! Dem einen Weltweiſen iſt ſein Gott ein ſtolzer herrſchſücheiger Tyrann, dieſem iſt er ein Wollaͤſtling, jenem ein ſchwachmuthiger Regent. In wie viele Traͤuine ver⸗ faͤllt dieſe menſchliche Weisheit, wenn ſie in das innre Weſen ihres ſelbſtgeſchaffnen Gottes eindringen, ſolches zergliedern und darſtellen will! Wie einfach und voll⸗ ſtäͤndig ſtellt hingegen ſchon die altkeſtamentliche Reli⸗ gion, das Bild dieſes Gottes dar! Sie belehrt uns zwar nicht uͤber das Weſen dieſes Gottes, denn das wuͤrden wir nicht faſſen. Aber die vorzuglichſten ſei⸗ 144 ner Eigenſchaften, die wir zu erkennen und zu bewun⸗ dern faͤhig ſind, zeigt ſie uns in dem reinſten helleſten Glanz. Dieſen Gott, den Schoͤpfer und Erhalter aller Dinge, den ſie uns bereits als den heiligſten und ge⸗ rechteſten kennen gelehrt hat, zeigt ſie uns ferner noch uͤberdieß als den Allmaͤchtigen, der ſchaffen kann, was er will, als den Allweiſen, denn groß ſind ſeine Wunder und ſeine Gedanken, ihm iſt nichts gleich, als den Allguͤtigen, denn geduldig und freundlich iſt der Herr und von großer Guͤte, als den Verſorger und Erhalter aller ſeiner Kreaturen, denn er er⸗ barmt ſich aller ſeiner Werke, als den Allwiſſenden, denn es iſt kein Wort auf meinet Zunge, daß der Herr nicht wiſſe, als den Allgegenwaͤrtigen, wo wollten wir hinfliehen vor ſeinem Geiſt, als den Wahrhaf⸗ ten, er haͤlt Bund und Treue denen, die ihn fürch⸗ ten. Alle dieſe erhabenen Zuͤge des Bildes Gottes, das uns die Schriften des alten Teſtaments entwerfen, verſtaͤrken und verherrlichen die Schriften des neuen Teſtaments noch weit mehr. Dieſer iſt nach ihnen, nicht bloß der Nationalgott der Juden, er iſt der Va⸗ ter aller Menſchen. Ein Bild, unter welchem keine andere Religion uns Gott vorſtellt, und welches ein ganz neues Verhaͤltniß zwiſchen Gott und Men⸗ ſchen uns offenbart. Alle ſeine großen erhabenen Vollkommenheiten der Macht, der Weisheit, der Guͤte, wendet er bloß dazu an, Gluͤckſeligkeit um ſich zu verbreiten, und beſonders uns armſeligen, vielleicht den niedrigſten Geſchoͤpfen in dem freyen Geiſterſtdate Gottes; eine wahre ewig dauernde Gluͤckſeligkeit zu ver⸗ ſchaffen⸗ nen der icht ate vel⸗ ſen⸗ 145 ſchaffen. Dieß war die Abſicht der Sendung ſeines eingebornen Sohnes in die Welt. Welche große, uber allen Ausdruck der Sprache erhabene Beſchreibung desjenigen, was Gott iſt, was er uns iſt! Wo iſt eine anderé Religion, ſelbſt die Religion des redlichſten Deiſten, welche uns das Bild Gottes in einem ſo ſtrahlenreichen kicht zeigt? Bleibt der Gott des letztern nicht immer noch ein Weſen, das mehr Furcht als Kiebe in uns erweckt, das wir mehr bewundern, als dem wir uns mit kindlichem Vertrauen naͤhern, das wir nicht in dem Verhaͤltniſſe eines liebeboilen Vaters zu ſeinen ſchwachen Kindern, ſondern mehr im Ver⸗ haͤltniß des Herrn zu ſeinen Knechten, des Werkmei⸗ ſters zu den Werken ſeiner Haͤnde, erblicken, das uns immer noch Zweifel übrig laͤßt, ob wir auch alles das Gute von ihm erhalten werden, was wir von ihm wuͤnſchen und hoffen? Wie troſtreich, wie herzerquickend iſt aber auch dieſe Schilderung, welche die heilige Schrift von Gott macht, fuͤr uns! Wie ſehr muß ſie uns zu jeder Tugend ermuntern und antreiben! wie ſehr uns in dem Abſcheu vor allem demjenigen, was dieſem Gott mißfallt, ſtaͤr⸗ ken! Wie viel Muth auch in dem haͤrteſten Kampf wider Thorheit und Suͤnde uns verleihen! Wie ſehr unſere Leiden vermindern, und den Anblick des Todes uns weniger ſchreckbar machen! Die heilige Schrift, und beſonders das neue Teſta⸗ ment, laͤßt uns noch einen Zug der Vollkommenheit in dem goͤttlichen Weſen erblicken, welchen andere Re⸗ K ligionen 146 tigionen nicht kennen. Dieß iſt ſeine Unbegreiflichkeit. Niemand kennet Gott, außer der, der aus des Vaters Schoos kommen iſt. Dieß iſt Warnung fuͤr unſere ſtolze Vernunft, die ſich ſo gern in die Tiefen der Gottheit wagt. Wir ſollen nicht mehr von ihm wiſſen wollen, als er uns offenbart. Er wohnt in einem Lichte, wohin niemand kommen kann. Laßt uns alſo uns mit der troſtreichen Ueberzeugung von der Kenntniß ſeines Weſens begnuͤgen, daß er unſer Vater, doß er die Liebe iſt. Dieß iſt der Hauptbegriff, den uns die heilige Schrift von Gott,ſeinem Weſen und ſeinen Eigen⸗ ſchaften mittheilt. Aber mehr haben wir auch nicht zu wiſſen nöthig, und unſere leere Neubegierde befrie⸗ diget ſie nie. Sie ſagt uns alſo nichts von dem In⸗ nern ſeines Weſens, wie ſein Verſtand denkt, ſein Wille waͤhlt, wie er iſt, wie er wirkt. Sie giebt uns kein allgemeines Grundgeſetz an, aus welchem ſich das innre uns unerforſchliche Weſen Gottes entwickelt. Sie lehrt uns nicht ſowohl was er iſt, als was er uns iſt. Sie vermeidet alſo alle Hypotheſen der Ver⸗ nunftreligion. Auf der andern Seite ſagt ſie uns zwar, daß er ſeinen eingebornen Sohn in die Welt geſandt hat, daß ſein Geiſt in uns wirkt; ſie eroͤffnet uns den Befehl Chriſti im Ramen des Vaters, des Sohnes, und des heiligen Geiſtes zu taufen: Aber ſie enideckt uns nichts von den Verhältniſſen dieſes Vaters, dieſes Sohnes, dieſes Geiſtes unter einanderz ſie ſagt uns nicht, daß der Unterſchied unter ihnen darin be⸗ ſtehe, daß der Vater den Sohn gezeuget habe, daß der Sohn vom Vater gezeugt worden, und daß der Geiſt — — keit ters olze theit llen, hte, mit eines ß er s die igen⸗ nicht eſtie In⸗ ſein uns das ickelt. 6 e Vel⸗ war, ſandt uns nes, deckt iſes ſagt be⸗ daß der heiſt 147 Geiſt vom Vater und Sohn, oder vom Vater allein ausgehe, denn ſie ſeßt voraus, daß wir nichts dabey denken wuͤrden. Sie weiß alſo, nichts von einer Drey⸗ einigkeit, oder von drey Perſonen in der Gottheit: aber ſie befiehlt uns an Gott, Vater, Sohn und Geiſt zu glauben, es zu glauben, weil ſie es uns beſiehlt, und ohne dieß Verhaͤltniß erforſchen zu wollen, es, ohnbeſchadet der Einheit Gottes zu glau⸗ ben. Wenn die Kirche hier Zuſaͤße gemacht hat, ſo bleibt es der Entſchlieſſung eines jeden Chriſten uͤber⸗ laſſen, in wie fern er die Kirchenſprache fuͤr ſich ver⸗ ſtaͤndlich oder unverſtaͤndlich findet, ſie beybehalten oder verwerſen zu muͤſſen, glaubt. Aber Pflicht iſt es fuͤr ihn, die chriſtliche Klugheit ſich auch hier leiten zu laſſen, und Beruhigung bleibt es fur ſein Herz, daß wenn auch ſein Verſtand, hier irren ſollte, ihn Gott nicht nach dieſem Irrthum, ſondern nach den Bewegungs⸗ gruͤnden ſeines Herzens, die ihn falſch leiteten, rich⸗ ten wird. Laßt uns indeſſen freudig bekennen: Wir glau⸗ ben an dich, Gott unſern Vater, allmaͤchtigen Schoͤpfer Himmels und der Erde. Wir glauben, daß du der einzige hoͤchſte Gott, unſer Erhalter und Erbarmer biſt, dich wollen wir von gay⸗ zem Herzen verehren und lieben, §. 15. Lehre der Bibel von Jeſu Chriſto. Jeſus Chriſtus, welchen uns die Schriften des alten Teſtaments unter dem Namen des noch K 5 kuͤnf⸗ 148 kuͤnftigen Meſſias ankuͤndigen, und welche Ankuͤndi⸗ gung in dieſen Schriften unlaͤugbar vorhanden iſt, ſo ſehr man ſich in unſern Zeiten bemuͤht, dieß zu laͤug⸗ nen, und welchen die Schriften des neuen Teſtaments, als den eingebornen Sohn Gottes, und den erſchiene⸗ nen Meſſias, bezeichnen, iſt der Grund der ganzen chriſtlichen Religion. Ihn kennen wir bloß aus den Belehrungen der heiligen Schrift. Unſere Vernunft weiß von ihm nichts. Gleichwohl ruht auf ihm das ganze Gebaͤude der chriſtlichen Religion. An ihn glauben, das heißt, ihn fuͤr denjenigen erkennen, der er nach ſeinem eignem Zeugniß, und den Zeugniſſen ſeiner Apoſtel ſeyn ſoll, dieſer Erkenntniß gemaͤß han⸗ deln, und mit ihr alſo die Befolgung ſeiner Lehre ver⸗ binden, iſt das einzige, was er und ſeine Apoſtel for⸗ dern, wenn wir ſeine wahren Bekenner ſeyn wollen. Allein, wer iſt er denn nach ſeinem eignen Zeugniß und Zeugniſſen ſeiner Apoſtel? Wie verſchieden iſt dieſe Frage, von den erſten Zeiten des Chriſtenthuins bis auf unſere Tage, beantwortet worden! und wie ver⸗ ſchieden wird ſie nicht auch in den Zeiten, in welchen wir leben, ſelbſt von ſeinen aufrichtigſten Verehrern und Bekennern beantwortet! Dem einen iſt er Gott von Gott, gleicher Natur und gleiches Weſens mit ſeinem Vater, ſelbſtſtaͤndig und doch eins mit ihm, dem andern iſt er der erhabenſte erſchaffene Geiſt, dem dritten iſt er der vollkommenſte tugendhafteſte Menſch, der groͤßte Lehrer der Wahrheit und Tugend, und alle dieſe ſeine verſchiedenen Verehrer behaupten ihn auf⸗ richtig zu verehren und zu lieben; und behaupten es ge⸗ inbi⸗ , ſo ug⸗ nts, ene⸗ nzen When hrern Gott mit ihm, dem nſch, dalle auſ⸗ en e R 149 gewiß großtentheils mit Grund und Wahrheit. Wenn der eine bloß durch ſein blutiges Leiden, durch ſeinen unverſchuldeten Tod, durch dieß verdienſtliche Sterben Jeſu Chriſti, ohne eigenes Verdienſt und Wuͤrdigkeit ſelig zu werden hofft: ſo verſpricht ſich der andere dieſe Seligkeit bloß wegen der treuen Befolgung ſeiner Lehre, und der Anſtrengung ſeiner eigenen moraliſchen Kraft zu Erlangung der Tugend und Rechtſchaffenheit. Und wie weit erſtreckt ſich das Feld, das ich bearbeiten muͤßte, wenn ich euch eine ausfuͤhrliche Geſchichtserzählung der unuͤberſehlichen, ſehr oft ganz unnuͤtzen Streitig⸗ keiten, die uͤber alle dieſe Gegenſtaͤnde auch gegenwaͤr⸗ tig noch, und nach einem Zeitraum von achtzehnhun⸗ dert Jahren nach Entſtehung der chriſtlichen Religion, mit ſo vieler Bitterkeit, Verketzerungsſucht von der einen, und vernuͤnftelnden Spottſucht von der andern Seite gefuͤhrt werden, vorlegen wollte! Indeſſen wuͤrden wir auch nur eine armſelige Aerndte durch dieſe Bemuͤhung erhalten. Wahrheit wuͤrden wir durch die ſcharfſinnigſte Eroͤrterung dieſer Streitigkei⸗ ten nicht viel finden. Alles, wovon wir uns dadurch uͤberzeugen koͤnnten, wuͤrde die Thorheit ſeyn, mit welcher der Menſch nach der Schale der heilſamſten Fruchte zu greifen gewohnt iſt, und den beſſern Kern unberuͤhrt liegen läßt. Was ſollen nun aber wir hierbey thun? welche Partey ſollen wir ergreifen? Was ſollen wir von Jeſu Chriſto glauben? Nichts, als was hns die deutlichſten Ausſpruche der heiligen Schrift von ihm lehren. An dieſe wollen wir uns halten, unbekuͤmmert, wie wir ſie 150 ſie durch kunſtliche Eregeſe mit den verſchiedenen Syſte⸗ men der Menſchen vereinigen wollen. Ohne Vorurtheil, ohne vorgefaßte Meynung, aufrichtig, wollen wir uns ſelbſt fragen: Wos denke ich bey dieſer oder jener Selle des neuen Teſtaments,(denn das alte Teſtament wird uns von ihm in Anſehung ſeines Weſens, auf keinen Fall deutliche Aufſchlüſſe geben,) die von Jeſu Chriſto, ſeiner Natur, ſeinen Eigenſchaften, der Abſicht ſeiner Sendung in die Welt, dem Erfolg dieſer Sendung handelt, wenn ich dieſe Stellen entweder in der Grund⸗ ſprache, oder in guten Ueberſetzungen leſe, nach dei Grad des geſunden Menſchenverſtandes, den mir Gott verliehen hat? und welchen Sinn muß ich, wenn ich vernuͤnftig und ernſtlich daruͤber nachdenke, ffuͤr den richtigſten halten? Das Reſultat unſers Nachdenkens, das wir auf dieſe Art endocken werden, wollen wir in⸗ beſſen als Wahrheit annehmen, und geſeßt, es waͤre auch Irrthum, ſo macht uns dieſer Irrthum ge⸗ wiß nicht ſtrafbar: vielleicht wird er ſich nach und nach in Wahrheit verwandeln, und blieb' er auch Jer⸗ thum, ſo lange wir leben, nun ſo erwartet uns ja dort auf der höhern Stuffe unſerer Epiſtenz, das helle un⸗ verdunkelte Licht der Wahrheit, welches uns nicht auf Irrwege gerathen läßt. Laßt uns alſo dem Buch, welches die Lehre Jeſu und ſeiner Apoſtel encholt, als unſerm treuen Fuͤhrer folgen, und unter ſeiner Leitung uns ſelbſt fra⸗ gen: was ſagt Jeſus Chriſtus von ſich ſelbſt, feinem Weſen und ſeinen Eigenſchaften? was giebt er ſelbſt, als den Endzwech ſeiner Erſcheinung in der Welt an? was fuͤgen ehre ( Uen fra⸗ nem als wo 151 fuͤgen ſeine Apoſtel zu dieſem Unterricht, den er uns von ſich ſelbſt mittheilt, noch binzu? Ich kann euch nur die Antworten auf dieſe Fragen anzeigen, die ich in den Schriften des neuen Teſtaments nach dem Grad meiner Verſtandsfaͤhigkeit gefunden habe. Ob euer Verſtand bey aͤhnlichen Nachforſchungen, auch gleiche Antworten, wie ich, darin entdecken wird, muß ich eurer eignen Pruͤfung und Erfahrung uͤberlaſſen. Kein Menſch kann ſeine Begriffe zu dem Maaßſtab der Begriffe eines andern machen, wenn er nicht eben die Ueberzeugung, die er ſelbſt fuͤhlt, in ihm hervorzu⸗ bringen vermoͤgend iſt. Wer iſt Chriſtus? was hat er fuͤr dich ge⸗ than? was iſt er alſo fur dich? und was biſt du ihm ſchuldig? Die Unterſuchung und Beankwortung dieſer Fra⸗ gen iſt ſehr oft meine Lieblingsbeſchaͤfftigung in den Stunden des Rachdenkens und der Einſamkeit geweſen. Ich habe es beſonders in unſern Zeiten, fuͤr Pflicht gehal⸗ ten, eigene feſte Ueberzeugung meines Glaubens hierin zu erlangen, und mich nicht von jedem Wind der kehre, als ein ſchwaches Schilf, hin und her wehen zu laſſen. Ich kann euch die Frucht meines Nachdenkens nicht weitlaͤufig, ſondern nur kurz hier angeben. Ihr findet das Reſultat dieſes Nachdenkens weitlaͤufiger in einigen Abhandlungen, die dieſen Gegenſtaͤnden gewidmet ſind.*) Mein ) S. in den Veytragen zum vernuͤnftigen Denken uͤber dasbeiden und den Lod Jeſu. Leipz. 1796 bey Hilſchern, die Betrach⸗ tungen über die Gottheit Jeſu und die Berſtipnn an Mein Glaube: wer Jeſus Chriſtus iſt, und was er fur mich gethan hat, iſt folgender: Ich glaube und befenne: daß Jeſus, iſt Chriſtus, der eingeborne Sohn Gotſes, kein bloßer Menſch, kein hoͤherer erſchaffner Geiſt, ſondern unerſchaffenen unb goͤtclichen Weſens. Ich bekenne, daß ich nicht weiß, wie er dieß iſt, daß ich ſelbſt den Ausdrucke: eingeborner Sohn Gottes, nicht vollſtaͤndig faſſe und begreife, daß ich aber aus den deutlichſten Zeugniſſen der heiligen Schrift, glaube, daß dieſer Ausdruck alles Menſchliche, alles Erſchaffene von der urſpruͤnglichen Natur und dem Weſen dieſes eingebornen Sohnes Gottes ausſchließt. Ich Man hat dem Verfaſſer in der Recenſion ſeiner Schrift in der N. A. D. Bibl. St. 2. S. 279. u. f. den Vorwurf ge⸗ mocht, daß er nur bemuͤht ſey, jeder Partey gefällig zu werden, keiner zu nahe zu treten, daß er aber die Kunſt nicht verſtehe, beyde Parteyen zu vereinigen. Das letztere ſich anmaaßen zu wollen, wdre Thorheit, da dieſe Kunſt nicht leicht in eines Menſchen Macht ſtehen möchte. Daß er den erſten Theil des Vorwurfs nicht verdient, ſagt ihm ſeine innre Ueberzeugung. Seine religioſen Meynungen richten ſich eben ſo wenig, als ſeine politiſchen, nach Parteyſucht. Aber, ohne Ruͤckſicht auf Partey, nahm er allenthalben, als Wahrheit an, was ihm wahr zu ſehn deuchte. Allein dieß mußte ihm auch nothwendig den Vorwurf der Inconſeguenz zuziehen, da nicht bas Syſtem dieſer oder jener individuellen Vernunſt, ſey ihr Parteyname, welcher es ſey, ſondern ge⸗ ſunder Menſchenverſtand, ohne Shſtem, ſein Fuͤhrer bey ſeiner Unterſuchung war. Der Grund, worauf ſich ſeine ganze Vorſtellung von dem Erlöſungswerk Jeſu Chriſtt gruͤndet, iſt: wiederherſtellung des Menſchengeſchlechts zu der Faͤhigkeit, durch immer mehr und mehr wachſende Aehnlichkeit mit Gott ſeine urſpruͤngliche Beſtimmung zu erreichen. ieſe Wiederherſtellung ward erreicht, durch alles, was Jeſus Chriſtus gethan und gelitten hat. und 2 ſtus, kein nb wie wnet reife, ligen liche, dem ließt. ( 0 iſt in f ge⸗ ig zu Kunf ettete Kunf vß er ſeine chten ſucht. als wh ellen n beh ſeine hrift tb zu ſendt nun or 153 Ich glaube ferner, daß dieſer eingeborne Sohn Gottes,den die altteſtamentliche Religion als den Meſſias ankuͤndi⸗ get, mit menſchlicher Natur und menſchlichem Weſen bey ſeiner Erſcheinung in der Weltſich vereiniget hat. Wie dieſe Vereinigung geſchehen iſt, und wie ſie nur moͤglich geweſen iſt, weiß ich und begreif' ich auch nicht. Warum ich dieß alles glaube? Weil ich mir, nach allem demjenigen was ſeine Geſchichtſchreiber, von der Art, wie er geboren worden,(denn ich finde keinen Bewegungsgrund in mir, die Zeugniſſe des Matthäus und Lucas von ſeiner Geburt zu verwerfen) wie er ge⸗ lebt hat, und wie er geſtorben iſt, keinen andern Be⸗ griff von ihm machen kann; weil nach ſeinem eignen Zeugniß,(und er muß ſich doch ſelbſt am beſten ge⸗ kannt haben, wenn er kein Schwärmer und Betruͤ⸗ ger iſt, und weder Athanaſtaner, noch Arianer, noch Socinianer, halten ihn fur den einen oder den andern) er ausdrucklich behauptet, er ſtehe mit Gott in der ge⸗ naueſten Vereinigung, ſey unmittelbar von Gott ge⸗ kommen; niemand kenne ihn, wer er ſey, außer Gott ſein Vater, und niemand kenne Gott, ſo wie er ihn kenne; er allein habe den Vater geſehen, dieſer ſein Vater habe ihm das Leben in ihm ſelbſt,(durch eigene Kraft) gegeben, ſo wie er, der Vater, es in ſich ſelbſt habez(er iſt alſo ewig, wie ſein Vater, und gleiches Weſens mit ihm) er ſey Gottes Sohn im eigentlich⸗ ſien Verſtande mit goͤttlicher Hoheit und Macht, werde ſiten zur Rechten der Kraft und kommen in den Wol⸗ ken des Himmels. Auf dieß Zeugniß von ſich ſelbſt, welches ſeine Feinde Gottesläſterung ſchalten, hat er den 154 den Tod gelitten. Auch nach ſeiner Auferſtehuñg ſetzt er ſich in gleichen Rang mit Gott, und befiehlt auf Gottes ſeines Vaters und ſeinen eigenen Namen zu taufen. Seine Apoſtel verehren ihn bey ſeinem Wandel duf Erden, als goͤttlich: Du biſt Chriſtus des lebendi⸗ gen Gottes Sohn! und er preiſt ſie deswegen ſelig! Sie ſetzen ihn nach der Erhoͤhung ſeiner Menſchheit im Himmel in gleichen Rang mit Gott. Sie verbin⸗ den Gott und Jeſum Chriſtum bey allen Gelegenhei⸗ ren auf das genaueſte, und ſchreiben letzterm gleiche Wirkungen mit Gott zu, 1. Petr. 3. v. 22. 2. Petr. 1.v. 1. 2. 2. Kor. 4. v. 6. 2. Kor.§. v. 19. Epheſ. 3. v. 9. Kol. 1. v. 15. 16. 17. Philipp. 2. v. 6. Sein Liebling Johannes erkennt ihn ausdruͤcklich als Gott. Ev. Joh. 1. v. 1. und Johannes mag bey dieſer Stelle noch ſo ſehr an die erſt aufkeimende Lehre der verſchiede⸗ nen Gnoſtiker gedacht haben: ſo laͤßt ſich doch aus dieſer Stelle nicht erkennen, daß er Jeſum fuͤr einen er⸗ ſchaffenen Geiſt, und noch viel weniger fuͤr einen bloßen Menſchen erkannt habe. Am genaueſten bezeichnet ihn Paulus, in ſo fern der menſchliche Verſtand ſein Weſen und ſeine Eigen⸗ ſchaften zu faſſen vermoͤgend iſt. Koloſſ. 1. v. 15„19. Ich wenigſtens kann dieſe Stelle nie leſen, ohne gleich⸗ ſom, wenn ich mich ſo ausdruͤcken darf, Chriſtum als verſinnlichten Gott, in derſelben zn finden; ge⸗ wiß unterſcheidet ihn Paulus in dieſer Stelle, von allem, was nur als Kreatur, gedacht werden kann, ſo dentlich, als es nur moͤglich iſt. Wenn adel bendi, ſeig! chheit erbin⸗ nhei⸗ leiche Petr. yheſ. Sein Fott. telle hiede⸗ dieſer ner⸗ inen ſen gen⸗ 19. eich⸗ jum 8 von p enn 153 Wenn ich nun alle dieſe Zeugniſſe zuſammen nehme, ſo kann ich nach dem Grad des geſunden Menſchenverſtandes, den mir Gott verliehen hat, nicht anders urtheilen, als daß Jeſus Chriſtus nach den deutlichſten Ausſpruͤchen der heiligen Schrift kein bloßer Menſch, kein erſchaffner Geiſt iſt, ſondern daß ihm göottliche Eigenſchaften, goͤtt— liche Vollkommenheiten, goikche Macht und Ehre, goͤttliche in dem Weſen Gottes unmittel⸗ bar gegruͤndete Individualitaͤt zukomme, und daß dieß alles unter dem Ausdruck: eingeborner Sohn Gottes, zu verſtehen ſey. Aber freylich, wie Chriſtus der eingeborne Sohn Gottes iſt, ob er Homouſies, oder Homoinſios mit ſeinem Vater iſt? ob er mit Gott Numero oder Specie Eins iſt? wie viel Naturen in Chriſto ſind? wie viel genera comnmnicatiomis idiomatum unter dieſen Naturen ſtatt haben? ob Chriſtus feinem Vater coor⸗ F f dinirt oder ſubordinirt iſt? ob er die zweyte Perſon in der Gottheit iſt? ob und wie er vom Voter gezeugt worden? Von dieſem allem ſagt mir die heilige Schrift nichts, und ich weiß es auch nicht, und verlange es auch nicht zu wiſſen, weil ich es nicht zu wiſſen brau⸗ che, da ich es ohnfehibar nicht begreifen kann, denn ſonſt haͤtte mich Gott gewiß deutlicher und genauer davon unterrichten laſſen. Was die Kirche uͤber alle dieſe Fragen lehrt, das hat uͤbrigens auf die Beſtimmung meines Glaubens, der ſich nicht auf menſchliche, fondern auf gatelſche Auetoritaͤt gruͤndet, keinen Einſtuß. Wenn ich in⸗ Sſi. veiſen 156 deſſen die Geſchichte befrage, um meine Neugierde zu befriedigen, ſo ſagt ſie mir wenigſtens, daß der ganze Streit uͤber die Gottheit Jeſu Chriſti bloß den menſch⸗ lichen Leidenſchaften ſeinen unſeligen Urſprung verdankt, daß je naͤher die alten Lehrer der Kirche an die Zeiten der Apoſtel graͤnzen, ſie auch in Anſehung dieſer Lehre bey den Worten der Bibel ſtehen geblieben ſind, ohne ſich in ſpitzfindige Eklaͤrungen, wie dieſe Worte ver⸗ ſtanden werden muͤſſen, einzulaſſen, daß aber dieſe edle Simplicitaͤt der Lehre nicht lange gedauert hat, und daß der Lehrer, je kluger er ſich duͤnkt, deſto mehr Thorheit in der Lehrbegriff gebracht hat. Wenn ihr nun, aber meine Theuern, euch, nach ſorgfaͤltiger Pruͤfung der Sache, nicht entſcheiden koͤnnt, die Begriffe meines Glaubens uͤber die Lehre von Chriſto als die eurigen anzunehmen, wenn nun entweder, das gewoͤhnliche Syſtem der Kirche, das Syſtem des Arius, oder des Socins, das Sabelliani⸗ ſche, oder jedes andere neuere Syſtein, euch uͤberein⸗ ſtimmender mit der goͤttlichen Offenbarung ſcheinen wird, als das meinige, was fordert alsdenn eure Pflicht von euch? Eurer Ueberzeugung, die ihr, un⸗ ter aufrichtigem Gebet um goͤttlichen Beyſtand, durch euer Nachdenken in euch befeſtiget habt, getreu und ohne Menſchenfurcht zu folgen, Jeſum euern Herrn, er ſey euch nun die zweyte Perſon in der Gottheit, ein bloßer Ausfluß der Gottheiten und erſchaffner Geiſt, oder bloßer verehrungswuͤrdigſter Menſch, von ganzem Herzen zu lieben, ſeiner Lehre zu folgen, in ihm den Stifter eurer Gluͤckſeligkeit zu verehren, und euern anders nach eiden ehre vun „das liuni⸗ erein⸗ einen evre „un⸗ durch und errn, ein nzem den euen derb . anders denkenden chriſilichen Bruder nie zu haſſen und zu verdammen. Auch auf verſchiedenem Wege, wird jeder auf⸗ richtige getreue Verehrer Jeſu zu dem Tempel der Wahrheit kommen, wird dort, wo alles hell iſt, wo keine Finſterniß das Auge unſers Geiſtes mehr umhuͤllt, er⸗ kennen, ob er Jrrthum fuͤr Wahrheit genommen, oder ob er den Weg der Wahrheit nicht verfehlt hat. Auch mich werdet ihr in jenen Wohnungen der Eintracht wieder finden, und mit vereinigter Inbrunſt, mit der dankbarſten Verehrung, wollen wir ihn unſern Heiland und Erretter preiſen, daß er uns ewig glůck⸗ ſelig gemacht hat. Laßt uns indeſſen bey dem Be⸗ griff, den wir uns von Jeſu Chriſto machen, vorſichtig handeln. Laßt uns dieſen Begriff unſerm chriſtlichen Mitbruder nie mit Gewalt aufdtingen, uns nicht, wenn wir anders denken als er, glauben, daß wir auch weiſer ſind als er, nie uͤber dieſen Begriff mit ihm ſtreiten, aber gleiche Liebe gegen Jeſum, muͤſſe ſein Herz, und unſer Herz beleben⸗ F. 16. Lehre der Bibel, von dem Verdienſt Jeſu Chriſti um die Menſchen. Oder: was hat Jeſus fuͤr die Menſchen nach der Bibel gethan? Wir haben uͤber die Frage nachgedacht; wer iſt Chriſtus? Nun muͤſſen wir auch noch die andere Frage unterſuchen: was iſt Chriſtus fuͤr uns, was hat er fur uns gethan? Die Beantwortung dieſer Frage wird uns das Verhaͤltniß erklären, in welchem wir mit ihm ſtehen, und die Pflichten, die fuͤr uns 158 uns aus dieſem Verhaͤltniß entſtehen, werden uns ſo⸗ dann von ſelbſt in die Augen fallen. „Chriſtus iſt der vollkommenſte Lehrer, er hat durch das helle bicht ſeiner Lehre alle Finſterniß des Irrthums und der Unwiſſenheit vertrieben, hat dich alſo durch ſeine Lehre von Irrthum und der dar⸗ aus entſtehenden Suͤnde frey gemacht, hat dich ge⸗ lehrt, weiſe und tugendhaft zu leben, er iſt alſo dein Errerter, dein Heiland, dein Seligmacher. Er iſt dir ferner das vollkommenſte Muſter der Tugend, nach deſſen Beyſpiel du dich bilden ſollſt, den du aus allen deinen Kraͤften nachahmen ſollſt. Er iſt endlich Maͤt⸗ tyrer der Wahrheit, welcher eines blutigen Todes ſtarb, um dadurch die Wahrheit ſeiner Lehre zu beſtatigen⸗ Aber es iſt Jrrthum, daß er durch ſein Leiden, durch ſeinen Tod, das menſchliche Geſchlecht von der Ge⸗ walt des Teufels erloͤſt, den Zorn Gottes geſtillt, ihm als einem ſtrengen Glaͤubiger die Schuld der Men⸗ ſchen fuͤr ſie bezahlt, Buͤrgſchaft für ſie geleiſtet, fuͤr ſie genug gethan, und daß der von Natur ganz ver⸗ dorbene Menſch bloß durch das Leiden und Sterben Jeſu Chriſti, ohne eigenes Verdienſt, ohne eigene Wuͤr⸗ digkeit ſelig werden muß.“ Dieß iſt die Stimme des einen Theils des chriſt⸗ lichen Religionslehrer, die euch Wahrheit lehren wollen⸗ „Huͤte dich, ruft euch der andere Theil dieſer Leh⸗ rer zu, daß du dieſer betruͤgeriſchen Stimme ja nicht Gehoͤr giebſt. Du biſt von Natur ein Kind des Zorns und zu allem Guten verdorben. Schon durch die „Ab⸗ ſs ſ. dop e h ge⸗ dein Lr iſt noch allen ſtarb, igen urch 159 Abſtammung von Adam iſt die Suͤnde dir angeerbt, und du muͤßteſt ewig verdammt und verlohren ſeyn, wenn Gott nicht ſeinen Sohn geſandt, und ihn fuͤr dich haͤtte leiden und ſterben laſſen. Aber um dieſes Leidens, um dieſes Todes willen, rechnet dir Gett deine Suͤnden nicht zu, denn Chriſtus hat fuͤr alle deine Suͤnden gebuͤßt, und iſt um deiner Suͤnden willen geſtraft worden. Sein blutiges Verdienſt wird dir von Gott zugerechnet, und um dieſes Verdienſtes willen, wirſt du von Gott ſo angeſehen, ſo behandelt, als wenn du nie geſuͤndiget haͤtteſt; ergreif alſo dieß blutige Verdienſt deines Heilandes, bey allen deinen Suͤnden und Thorheiten, ſie ſind dir ſodann vergeben, aber bilde dir ja nicht ein, daß du ſelbſt etwas Gu⸗ tes thun, und dadurch Gott wohlgefaͤllig werden koͤnnteſt.“ Welche Verſchiedenheit des Religionsunterrichts, den euch dieſe Lehrer mittheilen! Gleichwohl ſind es groͤßtentheils die redlichſten, froͤmmſten, Gott und Je⸗ ſum aufrichtig liebenden Menſchen, die euch dieſen einander ſich widerſprechenden Unterricht vortragen. Gleichwoht beweiſt jede Partey die Wahrheit und Ge⸗ mißheit ihrer Behauptungen aus der heiligen Schriſt. Was ſollen nun wir hierbey thun, meine Kinder? Erſtlich beten: Herr, offne uns die Augen, daß wir ſehen! Dann, den Rath Jeſu befolgen: For⸗ ſchet in der Schrift, denn ſie iſts, die von mir zeuget! Und endlich: was wir ſodann als Wahrheit erkennen, getreu, ohne Stolz, ohne Parteyſucht, ohne Heucheley, ohne Furcht ſo lange 160 lange glauben, bis wir zum Schauen gelangen. Dieß iſt die Art, wie ich bey dem Unterſuchen dieſes fur meine Ruhe ſo wichtigen Gegenſtandes verfahren bin, und meine geſunde Vernunft rief mir alsdann zu: Wahrheit erkennt der Menſch faſt nie ohne Zu⸗ ſatz von Irrthum. Verbinde beyde Syſteme, in jedem liegt Wahrheit, liegt Jerthum zum Grunde. Sondre in jedem Syſtem, unter der Anleitung der heiligen Schrift, die eine von dem andern, ſo viel es in dei⸗ nen Kraͤften iſt, und du wirſt alsdann vielleicht am wenigſten in Gefahr ſeyn zu irren. Ich lege euch mein Glaubensbekenntniß vor, das aus dieſer Unter⸗ ſuchung uͤber den Gegenſtand, den wir betrachten, ent⸗ ſtand, und ich will euch ſodann die Gruͤnde angeben, auf welche ſich daſſelbe ſtutzt, pruͤft ſelbſt, und waͤhlt nach dem Maaß eurer Einſichten und eurerUeberzeugung. Ich glaube und bekenne, daß Jeſus Chriſtus, der eingeborne Sohn Gottes, allerdings der vollkommen⸗ ſte Lehrer, das hoͤchſte Muſter der Tugend iſt, das wir nachahmen ſollen, daß er die Wahrheit ſeiner Lehre mit ſeinem Tode beſtätiget hat; ich glaube und bekenne, daß er durch ſeine Lehre Irrthum und Un⸗ wiſſenheit vertrieben, und die Menſchen gelehret hat, wie ſie nach Tugend und Rechtſchaffenheit ſtreben, und dadurch Gott wohlgefaͤllig werden ſollen. Ich glaube und bekenne, daß, wenn ich die Gluͤckſeligkeit erlangen will, die mir Jeſus verheißen hat, ich ſelbſt an mei⸗ ner Beſſerung und Vervollkommnung arbeiten, und meine eigene moraliſche Kraft zu Erreichung dieſes Endzwecks anſtrengen muß, und ich glaube, ſo uͤber⸗ wie⸗ nd be en ſei⸗ ind ſes l⸗ ie⸗ 167 wiegend auch der Hang zur Sinnlichkeit in mir iſt, daß ich auch aus eigenem Antrieb gut zu handeln mich entſchlieſſen, und meinen Entſchluß auch wirklich voll⸗ ziehen kann. Jeſus iſt mir alſo in Ruͤckſicht auf alle dieſe Saͤtze, mein Heiland, mein Erretter, mein Se⸗ ligmacher, mein Erloͤſer, der Wiederherſteller meiner Gluͤckſeligkeit. Allein er iſt es mir nach den deutlich⸗ ſten Ausſprüͤchen der Schriften des neuen Teſtaments in einem weit hoͤhern Sinn: ich glaube und bekenne daher auch nach dieſen Ausſpruͤchen, daß ich, bey aller Anſtrengung meiner eigenen moraliſchen Kraft, es nie dahin bringen kann, daß ich durch meine eigene Tu⸗ gend die große Beſtimmung erreichen konnte, zu der ich urſprunglich von Gott erſchaffen bin. Ich glaube alſo, auf das Zeugniß Jeſu und ſeiner Apoſtel, daß ich durch alles, was Jeſus auf Erden gethan und ge⸗ litten hat, zu Erreichung dieſer Beſtimmung wieder faͤhig geworden bin. Ich glaube, doß Jeſus durch alles, was er auf Erden gethan und gelitten hat, mir den von ihm verheißenen Beyſtand Gottes, und da⸗ durch mehr Kraft zum Guten verſchafft hat, als mir ohne dieſen Beyſtand meine natuͤrlichen Kraͤfte darbie⸗ then wuͤrden. Ich glaube alſo, daß ich durch alles, was Jeſus auf Erden gethan und gelitten hat, Gott, bey allen meinen Mängeln und Schwachheiten, wie⸗ der wohlgefaͤllig geworden bin, und daß alſo auch in dieſem Sinn Jeſus Chriſtust der⸗Wiederherſteller meiner ewigen Gluͤckſeligkeit iſt. Ich glaube alſo zwar nicht, daß ich wegen der ſo genannten Erbſuͤnde ein verdammliches, Gott verhaßtes Geſchoͤpf bin, daß ich 162 ich von Natur zu allem Guten verdorben bin, daß Gott als ein zorniger Richter Jeſum auch wegen meiner Suͤnden geſtraft hat, daß dieſe Strafe gleichſom als ein Loͤſegeld fuͤr mich bezahlt worden, daß es hinrei⸗ chend zu Erlangung der mir beſtimmten Gluckſeligkeit iſt, wenn ich mich dabey beruhige, daß Chriſtus fuͤr mich gelitten hat, und geſtorben iſt, ohne die Pflichten zu erful⸗ len, zu welchen mich das Leiden und der Tod Jeſu verbin⸗ den. Aber das glaube ich, theils fuͤhl ich es aus eige⸗ ner Ueberzeugung, daß ich nach meiner jetzigen mora⸗ liſchen Natur nicht ſo beſchaffen bin, daß ich ohne Um⸗ änderung oder Wiederherſtellung dieſer Natur zu ihrer urſpruͤnglichen Wuͤrde, Gott wohlgefaͤllig und der ge⸗ nauern Vereinigung mit ihm faͤhig ſeyn koͤnnte. Dieſe Umaͤnderung, dieſe Wiederherſtellung iſt, nach mei⸗ ner Einſicht, hauptſaͤchlich dasjenige, was Jeſus Chri⸗ ſtus durch alles, was er gethan und gelitten hat, be⸗ werkſtelliget hat. Wie durch alles dieſes, dieſe Wie⸗ derherſtellung bewerkſtelliget worden, weiß ich nicht. Ich glaube dieſe Wiederherſtellung bloß auf das aus⸗ druͤckliche Zeugniß der heiligen Schrift. Dieß iſt mein einfaͤltiger Glaube, und es iſt nunmehr Pflicht fuͤr mich die Gruͤnde anzugeben, auf welche er gebaut iſt. Zuvor bemerk ich nochmals, daß ich hier bey dem großen Reichthum der Sachen nur kurz ſeyn kann, und daß ihr die ausfuͤhrlichſten Bearbeitungen dieſes Ge⸗ genſtandes von mir, in andern ſchriftlichen Aufſetzen findet.*) Es *) In den Abhanölungen: Ueber den Plan des Erlöſunge⸗ werkes Jeſu Chriſti, und oͤber den verſohnungotod Zeſit Chriſti, in den vorangefuͤhrten Beytraͤgen, mar ſuͤr hei (W — ie⸗ ht. ⸗ 163 Es bebarf wohl keines weillaͤufigen Beweiſes, daß man mit Ueberzeugung glaube, wenn man Jeſum, fur den groͤßten Lehrer der Tugend und Rechtſchaffen⸗ heit, fur das erhabenſte Muſter der Nachahmung in jeder Art der Vollkommenheit, fur den ſtandhafte⸗ ſten Bekenner und Maͤrtyter der Wahrheit haͤlt. Man darf ja nur ſeine ſo lehrteiche und ruͤhrende Geſchichte leſen, und man findet in ſeinen Handlungen, in ſeinen Reden, in ſeinem ganzen Verhalten die uͤberzeugendſten Beweiſe davon. Es zweifelt auch wohl kein aufrich⸗ tiger Verehrer Jeſu, er mag über ſein Verdienſt um die Menſchen denken wie er will, daß er dieß alles ſey. Ich kann alſo die Beweiſe meines Glaubens hier fuglich uͤbergehen, und ſie bey jedem ſeiner Be⸗ kenner vorausſetzen. Aber wo ſteht in der Bibel, daß auch ſein Leiden, ſein Tod mehr war, als bloß Beſtaͤ⸗ tigung ſeiner Lehre. Ich babe in der vorher ange⸗ führten Schriſt S 301. u. f. geſagt, daß mon die Stellen des neuen Teſtaments, welche beweiſen, daß das menſchliche Geſchlecht, hauptſaͤchtlich durch das Leiden und durch den Tod Jeſu Chriſti, von den Fol⸗ gen der Suͤnde, von Elend und Tod befteyet, und da⸗ durch zu Erreichung ſeiner urſpruͤnglichen Beſtimmung wieder faͤhig gemacht worden, in viererley Klaſſen ein⸗ theilen koͤnne: in ſolche, die Chriſtum als ein Opfer für die Suͤnde vorſtellen, und von den Opfern der judi⸗ ſchen Religion hergenommen ſind, z. B. Ebr. K.9⸗ v. 12. 14028. K.1o. v. 12.14019. und mehrere Stellen dieſes Briefs; Epheſ. 5. v. 2. 1. Petr. 2. v⸗ a4. In ſolche, welche ausdruͤcklich eine erfolgte Be⸗ 12 gnadi⸗ 164 gnadigung der Menſchen von Gott, Jeſu Chriſio zu⸗ ſchreiben, z. B. Roͤm. K. 3. v. 24526. Röm. K. 5. v. 1.2. 15. Epheſ. 2. v. 8. 16. 18. 1.Joh. 2. v. 1.2. In ſolche, die Jeſu Leiden und Tod, als die vorzugliche Urſache dieſer Begnadigung angeben, z. B. Ebr. 9. v. 14. 15. 1. Petr. 1. v. 18. 19 1. Joh. 1. v. 7. Röm. §. v. 610. 1. Kor. 15. v. 3. Matth. 20. v. 28. Ebr. 2. v. 9. Epheſ. 1. v. 7. Koloſſ. 1. v. 14. 20. 22. In ſolche, welche ſagen, daß das Leiden und der Tod Jeſu, darin beſtanden, daß Chriſtus alles dasjenige erlitten habe, was der Menſch als Suͤnder haͤtte leiden ſollen, zeitlichen Tod, geiſtiges Elend, als Folge der Suͤnde, z. B. Roͤm. 8. v. 3. 4⸗ Gal. 3. v. 13. Ev. Joh. 1. v. 29. 2. Korinth. 5. v.2 1. 1.Petr. 2. v. 24. Die vollſtaͤndigſte Theorie von der Lehre der Begnadi⸗ gung des Suͤnders vor Gott, oder wenn man lieber will, der Verſoͤhnungslehre daͤucht mir Paulus in dem zten 4ten Ften Kapitel ſeines Briefs an die Roͤmer feſt zu ſetzen. Er zeigt erſtlich, daß der Menſch nie durch ſeine eigene Tugend das iſt, was er ſeyn ſoll und muß, wenn er Gott wohlgefaͤllig ſeyn will. Er behauptet, daß die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, ohne Zuthuung des Geſetzes bewirkt wird, auf die Art, wie die moſaiſche Religion ſolches angegeben, (bezeugt hat, durch das Geſetz und die Prophe⸗ ten) naͤmlich durch die Erloͤſung, die durch Jeſum Chriſtum geſchehen iſt. Dieſen Jeſum hat Gott zum Ausſoͤhnungsmittel, mittelſt des Glaubens an ihn den Getddteten,(mittelſt des Glaubens, daß er zu Erreichung dieſer Abſicht getödtet worden) oͤffent⸗ ich ſih ſtey Di ( 165 lich erklaͤrt, um durch Vergebung der Suͤnden, ſeine freye Gute an den Tag zu legen.(Kap. 3. v. 2 3.24.25. Dieſen Hauptſatz fuhrt er ſodenn in dem 4ten und ten Kapitel noch weiter aus. Verbinde ich alle dieſe Stellen mit einander, ſo kann, wenigſtens nach meiner Einſicht, der Hauptſinn, der in allen dieſen Stellen zum Grunde liegt, kein onderer ſeyn als dieſer: Chriſtus hat durch alles, was er gethan und gelitten hat/ die Folgen der Suͤnde fur das menſchliche Geſchlecht gänzlich unſchaͤdlich gemacht, und daſſelbe dadurch zu Erreichung der urſprunglichen Beſtimmung, u der es erſchaffen war, zu der Faͤhigkeit Gott immer an Vollkommenheit aͤhnlich zu werden, wiederhergeſtellt, und gs dadurch einer ewigen Gluckſeligkeit theilhaft gemacht. Dieſe Wieder⸗ berſtellung zur Glückſeligkeit danken alſo die Menſchen dem Verdienſt Jeſu. Aber ich geſtehe, wie ſchon er⸗ innert worden iſt, daß ich nicht weiß, wie er dieß alles gewirkt hat, glaube es aber, auf das ausdruͤckliche Zeugniß der heiligen Schrift. Dieß iſt, nach mei⸗ nem Urtheil, die ſchriftmäͤßige Theorie von der kehre, welche unter dem Namen der Verſoͤhnungslehre in dem chriſtlichen Religionsunterricht vorgetragen wird. „Aber, ſpricht der Gegner, alle dieſe Stellen, welche ſich auf die jüdiſche Opfertheorie beziehen, bewei⸗ ſen nichts, denn ſie ſind bloße Akkommodation Chriſti und ſeiner Apoſtel nach dem juͤdiſchen Sprachgebrauch⸗ hochſtens ſind dieſe Opfer ein bloßes Symbol, um dem zum 166 zum Chriſten gewordenen Juden, etwas Gleichartiges mit ſeinen Opfern im Chriſtenthum darzuſtellen.“ Ich bemerke hier nicht, daß dieſe Behauptungen noch ſehr unerwieſene Hypotheſen ſind, und daß man doch die ganze moſaiſche Religion als ein wahres Kinderſpiel anſehen muß, wenn Gott, oder auch meinetwegen bloß Moſes, ihnen dieſen Opferdienſt ohne Rückſicht auf einen gewiſſen Zweck anbefahl, daß auch der Opfer⸗ dienſt ſo alt als die Welt, und ſchon in der patriacha⸗ liſchen Religion gegruͤndet iſt. Von allem dieſem habe ich bereits bey anderer Gelegenheit meine Gedan⸗ ken weitlaͤufiger eroͤffnet.*) Aber dieß bemerke ich: Zugßſtanden, daß alle dieſe Stellen, worin von dem blutigen Opfer Chriſti ge⸗ handelt wird, bloße Akkommodationen, nach juͤdiſchem Sprachgebrauch oder Symbolik d koͤnnen 1 dieß aber wohl alsdann noch ſeyn, wenn man ſie in Ver⸗ bindung mit den Stellen erwaͤgt, welche ausdruͤck⸗ lich ſagen: Gott habe den ſuͤndhaften Menſchen, bloß um Chriſti willen begnadiget? wenn noch andere Stellen verſichern, daß dieſe Begnadigung nicht etwan die bloße Folge der Lehre Jeſu ſey, ſondern, daß das Leiden und der Tod Jeſu die einzige lrſache dieſer Begnadigung ſey? und wenn endlich noch andere Stellen klar und deutlich hinzuſeßen: daß das Lei⸗ den und der Tod Jeſu hauptſaͤchlich darin beſtan⸗ den, daß er dasjenige gelitten, was der Menſch als Suͤnder haͤtte leiden ſollen. Muͤſſen alsdann die Stellen der erſten Klaſſe ſich nicht nothwendig auf den *) In den oben angefuͤhrten Abbanhlungen. ner C Y cht er⸗ d⸗ nu Uf 167 den buchſtäblichen Sinn der uͤbrigen Klaſſen beziehen? „Aber auch alle dieſe Stellen ſind bloße Akkommodatio⸗ nen.“ Dann iſt freylich alles, was die Apoſtel von Chriſto lehren, Bezug auf juͤdiſche Fabeln von dem Meſſias, und Chriſtus bleibt nichts weiter als der beſte Menſch, der ſich ſehr gutmuthig, anſtatt die Menſchen von ſchaͤdlichen und thoͤrichten Vorurtheilen zu befreyen, nach dieſen Vorurtheilen bequenre. Daß dieß nicht mein Glaubensſyſtem iſt, habe ich bereits bekannt.*) Ob dieſe meine Theorie von der durch Chriſtum ge⸗ ſchehenen Verſoͤhnung des Menſchen mit Gott(war⸗ um ſollte ich den Ausdruck verwerfen, den die Bibel ſelbſt braucht²) mit der Lehre der Kirche uͤberein⸗ ſtimmt, darum bekuͤmmre ich mich nicht. Denn ich werde meines Glaubens leben. Eben ſo wenig ſrag ich: was haben Irenaͤus, Juſtin der Maͤrtyrer, und *) Wenn Chriſtus und ſeine Apoſtel ſich hierin nach den juͤdiſchen PVorurtheilen bequemten, um den Juden ihre Lehre ange⸗ nehm zu machen: ſo daͤucht es mir, daß ſie den unſicherſten Weg hierzu wählten. Die ganze Abſicht der Lehre Jeſu war ja, die Juden von dem Cerimoniendienſt zu beſreyen, und durch die beybchaltene Opfertheorie mußte ſie ſolche gerade⸗ zu in dleſem Cerimoniendienſt beſtärken. Denn der Jude brauchte alsdaun an die Stelle des geopferten Lammes nur den geopferten Jeſum zu ſetzen, ohne Ruͤckſicht auf Sitt⸗ lichkeit. Wenn aber die Hauptabſicht der Lehre Jeſu darin beſtand, die Juden zu belehren, daß der ihnen verheiſſene und nunmehr erſchienene Meſſias, durch alles was er ge⸗ than und gelitten habe, die Wiederherſtellung der Fahigkeit des Menſchengeſchlechts, zu Erreichung des Zwecks zu dem. es geſchaffen iſt, ſich durch Sittlichkeit volkommen und unauf⸗ horlich gluͤckſelis zu machen, wirklich bewirkt habe, ſo war die von Jeſu und ſeinen Apoſteln gebrsuchte Opferſprache ſeinem Lehrvortrag ſchr addaugt. 3 168 und andere Vaͤter der Kirche hiervon gelehrt; oder was lehren die neuern beruͤhmten Maͤnner uͤber die⸗ ſen Gegenſtand? Sie hatten alle keine andere Quelle der Erkenntniß uͤber dieſe Lehre als ich: die beilige Schriſt. Wenn meine Vernunſt, etwas anders darin findet als die ihrige, ſo iſt es Pflicht fuͤr mich, zu bekennen, was ich füͤr wahr halte. Aber noch eine Frage bin ich ſchuldig mir hier vorzulegen: Stimmt dasjenige, was du hier als den Hauptzweck der Erloͤ⸗ ſung Jeſu Chriſti behaupteſt, naͤmlich die durch Jeſu Leben, Lehre, Leiden und Tod bewirkte Wiederherſtel⸗ lung des menſchlichen Geſchlechts zu der urſprungli⸗ chen Beſtimmung zu der es erſchaffen war, auch mit dem Geiſt und Weſen des Chriſtenthums uͤberein, oder nicht? In dem letztern Fall, waͤre meine Behaup⸗ tung allerdings Jrrthum, und ich muͤßte die Stellen der Schrift, auf welche ich mich gruͤnde, falſch ver⸗ ſtanden haben. Geiſt und Weſen des Chriſtenthums beſteht, und kann ſonſt in nichts beſtehen, als in dem⸗ jenigen, was erforderlich iſt, dem Menſchen den hoͤch⸗ ſten Grad der Vollkommenheit mitzutheilen, deſſen er faͤhig iſt, und den er ſich eigen machen muß, wenn er ſich zu der Wuͤrde eines freyen vernuͤnftigen Geiſtes empor heben will. Denn Vervollkommnung des Men⸗ ſchengeſchlechts iſt der ganze Zweck des Chriſtenthums. Und wer iſt der Menſch, welcher ſich ruͤhmen kann: ich handl le dieſem Geiſt des Chriſtenthums gemaͤß 2 ich habe den Grad der Vollkommenheit erreicht, den er fordert? Wie will er dieſem Geiſt des Chriſtenthums bey dem jetzigen Zuſtand ſeiner moraliſchen Natur ge⸗ maͤß 169 maͤß handeln, wenn die Gnade und Barmherzigkeit Gottes ihm nicht die Mittel hierzu anbiethet, die ſeine eigene ſchwache moraliſche Kraft ihm nicht mittheilen kann? Muß mich alſo dieſer Geiſt des Chriſtenthums nicht auf die Vermuthung leiten: der ſchwache Menſch bedarf zu ſeiner Vetvollkommung, noch eines ſäckern Mittels, als ſeine eigene moraliſche Kraft? Und wenn ich nun die Stellen der Schrift uͤber die Erloſune Menſchen durch Chriſtum, auf die vorangegebene Art erklaͤre, erklaͤre ich ſie nicht ſodann dem Geiſt des Chriſtenthums vollig gemaͤß? Iſt dieß wirklich der Fall, ſo iſt auch dieſe Erklaͤrung richtig und wahr. Die Lehre der Verſoͤhnung durch Chriſtum, ſo, wie ſie in dem Vorhergehenden angegeben worden iſt, er⸗ hoͤhet alſo die eigene moraliſche Wuͤrde des Menſchen, und giebt ihm einen Glanz, den ihm ſein eigenes Ver⸗ dienſt nicht mittheilen kann, denn ſie bringt ihn der Aehnlichkeit mit Gott naͤher, ſie theilt ihm die Vollkom⸗ meuheit mit, die ihm ſeine eigenen natuͤrlichen Krafte nicht verſchaffen koͤnnen. Und dieſe Lehre ware alſo den Geiſte des Chriſtenthums vollkommen gemäß, und zeigt zugleich die Liebe und Güte Gottes, in einem ſo hellen Lichtyin welchem die Vernunft ſie nie erblickenkann. „Muß ich denn alſo ſchlechterdings glauben, daß Chriſtus mich durch Leiden und Tod von Suͤnde und Elend befreyt hat, wenn ich will ſelig werden, und iſt es denn hierzu nicht genug, wenn ich Chriſtum, den kehrer, das Beyſpiel der Tugend, den Märthrer der Wahr⸗ heit, als meinen Ertetter von Suͤnde und Elend ver⸗ ehre und liebe?“ Wenn 17⁰ Wenn der ſtrenge Kirchenlehrer dieß behaupeet, daß man dieß ſchlechterdings glauben muͤſſe, um ſelig zu werden, ſo mag er ſeine Behauptung vertheidigen und verantworten. Aengſtiget euch nicht, meine Theu⸗ ren, wenn mein Glaube, nach aller angewandten Muͤhe, nicht der eurige ſeyn, und euch dieſe Frage ein⸗ fallen ſollte. Ehrt euren Heiland und liebt ihn, folgt ſeiner Lehre mit aufeichtigem Herzen, denn ſonſt koͤnnt ihr ihn nicht lieben, und verlaßt euch auf ſeine Barm⸗ herzigkeit, daß ihr ihn gewiß dereinſt ſehen werdet, wie er iſt, daß ihr gewiß nur durch ihn ſelig ſeyn werdet, es mag nun bloß durch ſeine Lehre, oder auch durch fein verdienſtliches Leiden, durch ſeinen verdienſtlichen Tod geſchehen ſeyn. Ach! er, euer liebreicher Ertoͤſer und Herp, iſt kein ſtolzer Monarch, der unvorſätzliche Beleibigung ſeiner Ehre, unverſchuldete Unwiſſenheit ſeiner Wohlthaten mit der Strenge des Despoten raͤcht. Liebe und Gnade ſtrahlen aus ſeinem Antlit, und wenn wir vor ſeinem Thron mit reinem Herzen ſtehen wer⸗ den, ſo wird er zu dem einen wie zu dem andern ſagen: Komm herein, du getreuer Knecht! ſo verſchieden wir auch in dieſem irdiſchen Leben von ſeiner Perſon und von ſeinen Wohlthaten gedacht haben. Dort werden wir einſtimmiger denken, denn wir werden ſchauen, und nicht glauben. §. 17. Was lehrt die heilige Schrift, und beſonders das neue Teſtament, weiter noch von Jeſu Chriſto, ſeiner Menſchheit, ſeinen Wundern, ſeiner Auferſtehung und Himmelfahrt, ſeinem jetzi⸗ enn rs eſu h, n zi⸗ jeßige n Aufe nthalte, ſeiner Wiederkunft in die Welt? Urtheil uͤber die Wiederbringung aller Dinge, und die Offenbarung Johannis. Alle Bekenner der Lehre Jeſu, ſie mogen ihn nun als Gott, als den vollkonimenſten erhabenſten Geiſt, oder als bloßen Menſchen verehren, ſtimmen darih überein, daß Jeſus ein wahrer Menſch geweſen ſey, nach einigen in der genaueſten Verbindung mit der Gottheit, nach andern als Meon, der die Menſchhoit an ſich genommen, und nach der dritten Meynung als ein bloßer Menſch, der keine andern phyſiſchen und moraliſchen Kraͤfte und Beduͤrfniſſe gehabt hat⸗ als jeder andere Menſch. Auch Jeſus ſelbſt und ſein Apoſtel bezeugen) daß er menſchliche Natur und We⸗ ſen an fichgenommen. Da die Zaugniſſe der heiligen Schrift von der Menſchheit Jefu ſo deutlich ſind, ſo haben die Meynungen derjenigen welche der Behauptung von der Menſchhei t Jeſu wi⸗ derſprechen, ſich nicht erhalten, und die let bleibſel der Monophyſiten ſind zu unbetraͤchtlich, und von uns ſo entſernt, als daß wir uns weillaͤuſiger dabey auft halten ſollten. Die Geburth Jeſu iſt von den Evangeliſten Mat⸗ thaͤus und Lukas ſo umſtaͤndlich beſchrieben worden, daß, ſo lange man ihre Schriſten als wahr annimmt, es ſich nicht zweiſeln läßt, daß er auf eine ganz eigene, von dem gewoͤhnliche Laufe der Natur abweichende Art zur Welt Rboren worden iſt. Freylich hat die⸗ ſe Erzählung d der Evangeliſt en⸗ der frechſten Spoͤt⸗ terey der Ungläubigen nicht entgehem können⸗ Auch 172 Auch unter den Chriſten iſt vielen die Erzählung des tatthäus verdaͤchtig, und Lukas ein leichtgléubiger Mann, und man nimmt Exegeſe und Philoſophie zu Hulfe, dieß zu beweiſen. Allein ſelbſt der vernünftige ernſthafte Weiſe, der kein Chriſt iſt, und gleichwohl mit e Ehrfurcht und der Bewunderung, die er der Macht, ber Weisheit, der Guͤte Gettes, mit welcher ſie die Fortpflanzung des menſchlichen Geſchlechts veranſtal⸗ tete, ſchuldig iſt, dieſen großen wundervollen Gegen⸗ ſtand ſeines Nachdenkens betrachtet,(und, meine Ge⸗ liebten, moͤchtet ihr doch nie anders, daruͤber nachden⸗ ken, nie mit Leichtſinn und Scherz davon ſprechen, oder davon denken!) wird es nie unmoͤglich finden, daß der Gott, der aus der Vermiſchung einiger Feuchtigkei⸗ ten das edelſte Geſchoͤpf unſerer Erde entſtehen hieß, ſolches auch bloß ohne dieſe Miſchung, durch die bloße Kacht ſeines Willens in einem muͤtterlichen Leib bilden koͤnne. Der Chriſt wird indeſſen nicht bloß die Moͤglichkeit, ſondern auch die Wahrheit der Sache glauben; weil das Zeugniß unbeſcholtner, wahrhafter Zeugen ſolches beſtaͤtiget, und als ſolche Zeugen muß er den Matthaͤus und Lukas annehmen, wenn er ihre Erzaͤhlungen nicht ganz verwerfen will, wenigſtens muß er nicht bloß muthmaßen, ſondern beweiſen, daß die zwey erſten Kapitel des Matthäus untergeſchoben ſind, und Lukas ein einfaͤltiger leichtglaͤubiger Mann war. Ob? wie? und wann? dieſe Mepſchheit Jeſu mit ſeiner Gottheit ſich vereiniget habe? wie vielerley Na⸗ turen, wie vielerley Willen Jeſus gehabt? wie ſeine menſchliche und göttliche Natur ſich einander mitgetheilt haben? des iger e zu tige mit ht, die ſtal⸗ gen⸗ Ge⸗ den⸗ hen, daß kei⸗ eß, Lib die ſche ſer uß hre ens aß ben qr. nit No⸗ ine it n* 173 haben? ob er ſein vergoßnes Blut mit in den Himmel genommen oder ſolches zuruͤck gelaſſen? ob er ſeine Kenntniß auf menſchliche Art in Aegypten oder von Rabbinen, oder unmittelbar von Gott, oder aus eigener Macht erhalten? ob er erſt bey der Tauſe Johannis zum Liebling Gottes eingeweihet, und mit außerordent⸗ lichen Gaben verſehen worden? Die Unterſuchung aller dieſer unfruchtbaren Fragen beſchaͤfftiget uns nicht, denn ihre Beantwortung, wenn ſie auch mit Gewiß⸗ heit ertheilt werden koͤnnte, trägt nichts dazu bey, unſern Verſtand aufzuklaͤren und unſer Herz zu ver⸗ edeln. Allein auf einen andern Geſichtspunkt, aus welchem Chriſtus und ſeine Apoſtel ſeine Menſchwer⸗ dung oft darſtellen, muß ich euch aufmerkſam machen, da dieſe Darſtellung auf einen Hauptumſtand hinweiſt, welcher das ganze Exloͤſungswerk Jeſu Chriſti anbe⸗ trifft. Jeſus und ſeine Apoſtel und inſonderheit Pau⸗ lus, erwaͤhnen ſehr oft die Vergleichung Jeſu Chriſti mit dem erſten Menſchen Adam, und ſtellen die Haupt⸗ ſache der Erloͤſung ſo ver, daß, ſo wie durch den Un⸗ gehorſam Adams gegen das Gebot Gottes, das meuſch⸗ liche Geſchlecht unfaͤhig geworden war, aus eigener Kraſt der Beſtimmung gemaͤß zu handeln, zu der es erſchaffen ward, durch den Gehorſam Chriſti gegen die goͤttlichen Gebote, bis zum Tode am Kreuze, dem menſchlichen Geſchlechte die verlohrne Faͤhigkeit, das zu ſeyn, wozu es geſchaffen war, wieder zu Theil ge⸗ worden ſey. Dieß beſagt die Anſpielung, die Pau⸗ lus auf den alten und neuen Adam macht, und ſein Ausſpruch, daß, ſo, wie durch eines Suͤnde die Ver⸗ damm 174 dammuiß über alle Metiſchen gekommen iſt, alſö auch durch eines Gergchtigkeit, die Rechtfertigung des Le⸗ bens uͤber alle Menſchen gekommen ſeh.(Roͤm. v. 18.) Sollen dieſe Worte und dieſe Vergleichung ei⸗ nen vernuͤnftigen Sinn haben, ſo koͤnnen ſie nicht an⸗ ders verſtanden werden, als daß durch Adams Schuld, in dem von Gott einmal angeordneten Syſtem der Fortpflanzung des Menſchengeſchlechts, eine ſolche Zerruͤttung verurſacht worden ſey, daß ohne die da⸗ zwiſchen gekommene Menſchwerdung Jeſu Chriſti und ſeinen vollkommenſten G ehorſam gegen den? Willen ſei⸗ * Vaters, es ganz unmoͤglich fuͤr dieß menſchliche Geſchlecht geweſen waͤre, die Gluͤckſeligkeit zu erlan⸗ gen, zu der es erſchaffen war; und wir wuͤrden alſo einen Beweis mehr haben, daß Jeſus Chrſtus, nichs bloß durch Lehre und Beyſpiel, ſondern durch das, was er gethan und gelitten hat, die Urſache der Wiedethe r⸗ ſtellung unſerer Gluckſeligkeit geworden iſt. Ja, woll⸗ ten wir uns ſpitzfindigen Spekulationen uͤberlaſſen, ſo wuͤrden wir vielleicht die Urſachen angeben koͤnnen, warum Gott ohne Mittler nicht begnadigen kann, und wie uns fremdes Verdienſt zugerechnet werden könne. Denn wir wuͤrden ſodann vielleicht klaͤrer einzuſehen glauben, daß ohne die vollkommenſte Erfuͤllung der göttlichen Geſetze, keine Heiligkeit, und ohne Heiligkeit, keine Gluͤckſeligkeit moglich iſt, und daß, wenn ich auch fremdes Verdienſt mir nicht als mein eigenes zu⸗ eignen kann, ich doch wegen fremden Wie eigene Begnadigung erhalten kann— laßt ling Ne ſur ſio a ſei de be ge *75 Laßt uns alſo mit einfaͤltigem Herzen glauben: der eingeborne Sohn Gottes iſt um unſertwillen wahrer Menſch geworden, hat als Menſch das gottliche Geſeß fur uns erfullt, hat fäͤr uns gelitten, iſt fuͤr uns ge⸗ ſtorben. Die Wunder Jeſu, find von den erſten Zeiten an, da er ſie that, bis auf die Zeiten Hume's und ſeiner Nachbeter, der Gegenſtand der Vetwerfung, der Verlaͤumdung, der Zweifelſucht und des Unglau⸗ bens geweſen, und auch in unſern Zeiten, moͤchten gern viele, die ſich ſeine Verehrer nennen, ſie zu ganz natuͤrlichen Folgen und Handlungen herabwuͤrdigen⸗ Erwartet nicht don mir eine weitlaͤuftige Erklärung, was Wunder ſind, wie ſie ſich von den Handlungen des Schwaͤrmers und des Betruͤgers unterſcheidenz erwartet keinen ſcharfen Beweis, daß ſie moglich ſind, und neue Gruͤnde, daß die Wunder Jeſu in die Klaſſe der Wunder wirklich gehoͤren. Alle dieſe Gegenſtaͤnde ſind ſchon ſo weitlaͤufig erklärt, beſtritten und vertheidiger worden, daß ich nur ausſchreiben wuͤrde. Wollt ihe kurz und grundlich etwas nachleſen, ſo ſchlagt Doder⸗ lein nach*), und ich fuͤhre euch nur noch dasjenige an, was ich eurer Aufmerkſamkeit hierbey fur noͤthig erachte. Ihr muͤßt euch zuerſt einen richtigen Begriff machen, was ein Wunder iſt? Das Wort Wunder, wie es gemeiniglich verſtanden wird, iſt ein relativer Be⸗ griff; eine Sache kann einem an Verſtand und Kraft eingeſchraͤnkten Weſen ein Wunder ſeyn, welche ei⸗ nem Weſen von hoͤherm Verſtand, von groͤßter Kraft, es 2) Ooͤderleins chriſlicher Religlonsunterricht Th. 1. S. 236 1. f. 176 es nicht iſt. Auch iſt ſchon bemerkt worden,*) daß wir Wunder, nicht wohi durch Wirkungen, welche uͤber alle Kraͤfte der Natur gehen, und nur allein durch die Allmacht Gottes hervorgebracht worden, erklären koͤnnen. Ob etwas ein Wunder ſey, beurtheilen wir vielmehr bloß alsdann am richtigſten, wenn wir wiſſen, daß eine Handlung uͤber die natuͤrlichen Kraͤfte desjenigen iſt, der ſie verrichtet. Eine Handlung kann alſo fuͤr den, der ſie thut, und fuͤr den, der Zeuge dieſe Handlung iſt, ein Wunder ſeyn, ohnerachtet ſie es fuͤr einen Geiſt hoͤherer Gattung nicht iſt. Ob Wunder noͤthig ſind, daruͤber ſollte meines Erachtens gar nicht geſtritten werden. Denn iſt die Thathand⸗ lung wahr, iſt es entſchieden, daß ſie nicht aus natuͤr⸗ lichen Kraͤften desjenigen, der ſie verrichtete, entſtand, und kein Blendwerk der Sinne war: ſo hoͤrt der Streit uͤber die Moͤglichkeit von ſelbſt auf, und wer will ſich unterfangen zu laͤugnen, daß Gott die natuͤr⸗ lichen Kraͤfte, eines oder des andern ſeiner Geſchoͤpfe, zu Erreichung gewiſſer Abſichten auf ſo eine Art erhoͤ⸗ hen koͤnne? Es iſt nun ferner zu unterſuchen: hat Jeſus wirk⸗ lich Wunder, oder Handlungen, die uͤber ſeine natuͤr⸗ lichen Kraͤfte als Menſch waren, verrichtet? Ob er ſie aus eigener Kraft, als der eingeborne Sohn Gottes, oder durch Mittheilung dieſer Kraft von ſeinem Vater verrichtete, daranf kommt hier nichts an. Wenn alfo diejenigen Handlungen, die als Wunder von ihm an⸗ gegeben werden, nicht Werke des Betrugs, der Schwaͤr⸗ *) S. Doͤderlein a. a. D. S. 238. Lha übri Ne ihm L. 6 ohn der dir ſch — — —— daß che ſe, o⸗ irk⸗ r⸗ es, ter lſo 1⸗ der 177 Schwärmerey, oder der Einbildung, ſondern gewiſſe Thathandlungen, waren, ſo bleibt bloß noch die Frage uͤbrig: Reichten ſeine natuͤrlichen Kraͤfte, die er als Menſch beſaß, ſie zu verrichten, zu, oder wurden ihm dieſe Kraͤfte durch Huͤlfe einer hoͤbern Macht zu Theil, und in welcher Abſicht verrichtete er wohl die⸗ ſelben? Unheilbate Krankheiten durch ein einziges Wort hellen; Blinden das Geſicht, Tauben das Gehoͤr, ohne aͤußerliche Huͤlfsmittel geben, Todte erwecken, der Natur gebiethen, ſind wohl nicht Handlungen, zu deren Verrichtung, die natuͤrlichen Kraͤſte des Men⸗ ſchen, er ſey wer er will, zureichend waͤren. Dieß ſahen bereits die Feinde Jeſu ein, zu der Zeit, als er dieſe Wunder verrichtete, und ſie ſchrie⸗ ben ſie alſo, laͤcherlich genug, dem oberſten ber Teufel zu. Seine neuern Feinde, machen ihn bald zu einem großen Arzt, der unbekannte Arznehmittel in Aegypten gelernt, bald erniedrigen ſie ihn bis zur Rolle eines Taſchenſpielers, bald verwandeln ſie aus eigener Will⸗ käͤhr die Zeugen dieſer Wunder in Dummkoͤpfe/ die die gröbſten Betruͤgerehen anſtaunten, bald ſind ihnen die Geheilten, Phantaſten, welche durch die Staͤrke ihrer Einbildungskraft geheilt wurden. Beduͤrfen alle dieſe Schmaͤhungen der Wunder Jeſu fur den kaltblutigen unparteyiſchen Beurtheiler, wohl noch erſt einer Wi⸗ derlegung, und beſtätigen ſie nicht vielmehr die Gewiß⸗ peit, daß ſie wirklich geſchehen ſind? haͤtte wohl Ju⸗ lian die vergebliche Muͤhe angewandt, ſie fuͤr ganz natuͤrliche Dinge auszugeben, und es eine Kleinigkeit zu nennen, wenn er ein paar epileptiſche Kranke, ein M paar 178 paar Lahme geſund gemacht, wenn er ſich getraust batte zu laugnen, daß dieß alles geſchehen ſey? Die redlichen unparteyiſchen Zeugen, die dieſe Wunder ſelbſt mit anſahen, bekannten indeſſen gegen ihn: niemand kann die Zeichen oder Werke verrichten, die du thuſt; es ſey denn Gott mit ihm. Sie geſtanden alſo, daß ſie keine Wirkung ſeiner natuͤrlichen, ſondern Wirkung höherer ihm von Gott verliehener Kräfte wären. „Aber was bedurft' es denn nun dieſer Wunder, wenn Jeſu Lehre an und für ſich ſelbſt gut und vor⸗ trefflich, und der Vortrag dieſer Lehre, die einzige Ab⸗ ſicht der Sendung Jeſu in die Welt war?“ In der Antwort, welche Jeſus dem fragenden Johannes: ob er der ſey, der da kommen ſolle? ſagen ließ, berief er ſich auf ſeine Wunder, daß er wirklich der verheißene Meſ⸗ ſias ſey. Er giebt alſo ſeine Wunder mehr als Beweis an, daß er wirklich derjenige ſey, für den er ſich aus⸗ gebe, der eingeborne Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ſey, die Suͤnder ſelig zu machen, als daß er ſie als Beſtatigung ſeiner kehre angeſehen haben will. Zwar waren ſie zugleich Beſtätigung ſeiner Lehre, daß ſie von Gott ſey. Denn eben in der von ihm behaup⸗ teten Meſſiaswurde, von welcher die ſich ſelbſt uͤber⸗ laſſene Vernunft nichts wußte, beſtand das Charakte⸗ riſtiſche dieſer Lehre. Aber der Hauptſatz, den ſie er⸗ weiſen ſollten, blieb doch immer dieſer: Jeſus iſt der von Gott verheißene und geſandte Befreyer des Menſchengeſchlechts von Suͤnde und Elend; denn wie konnt' er ſonſt die Thaten thun, die er thut? Sie waren alſo gleichſam das Kreditiv, durch welches er —— —— —— uu Die t ann es daß kung der, bor⸗ Ab⸗ der nob ſch Reſ⸗ weis aus⸗ Welt deß will doß aup⸗ ber⸗ akte⸗ e et⸗ der des denn ut es e 175 er ſich als Mrſſias legitimirte. Freylich hat man in den neuern Zeiten dieſe ganze Meſſiaswuͤrde als bloße juͤdiſche Hypotheſe annehmen, und Chriſtus und ſeine Apoſtel davon ſagen, als Bequemung nach dem juͤdiſchen Lehrbegriff annehmen wollen. Da mir dieſe ganze Idee von einem kommenden und gekommenen Meſſias nicht Hypotheſe der altteſtamentlichen; und Bequemung der neuteſtamentlichen Religion, ſondern Grund, worauf ſowohl der eine als der andere Religionsbegriff erbaut iſt, zu ſeyn ſcheint, ſo habe ich von dieſer Behauptung keinen Gebrauch machen koͤnnen. Dieſe Wunder uͤbrigens laͤugnen, heißt läugnen, daß Chriſtus der⸗ jenige iſt, fuͤr den er ſich ausgab. Dieſe Wunder zu natuͤrlichen menſchlichen Handlungen herabwuͤrdigen, iſt ſo viel, als ihn ſelbſt als Betruͤger anerkennen, der ſich eine Ehre anmaaßte, die ihm nicht zukam. So wenig wir alſo noͤthig haben, nünmehr die Gottlichkeit ſeiner Lehre allein auf den aus ſeinen Wundern herge⸗ nommenen Beweis zu gruͤnden, ſo ſehr waren ſie doch fur ſein Zeitalter, der einzige ſichere Beweis, daß er derjenige ſey, fuͤr den er ſich ausgab, der dem ganzen Menſchengeſchlecht von Gott verheißene Meſſias⸗ Der erſte Religionsunterricht, mit welchem die Apoſtel bas ihnen anvertrauete kehramt anfiengen, grůͤn⸗ dete ſich auf die Auferſtehung Jeſu Chriſti von den Todten. Dieß war der Hauptinhalt der Rede des Apoſtels Petrus, än die Verſammlung, am erſten Pfingſtfeſt, und ihr ganzes Religionsſyſtem ſchraͤnkt ſich auf die wenigen Säte ein: Der gekreuzigte Jeſus iſt der verheißene Meſſias, er iſt von den Tod⸗ M2 ten 180 ten auferſtanden, wer an dieſen auferſtande⸗ nen Meſſias glaubt, ihn fur denjenigen haͤlt, fuͤr den er ſich ausgiebt, und dieſen Glauben durch ein von Laſtern unbeflecktes Leben beweiſt, der hat nach dem Tode ewige Gluͤckſeligkeit zu erwarten. Waͤre doch dieſe edle Simplicität auch noch der Charakter der Religionsſyſteme der ſo verſchie⸗ denen Kirchenparteyen! Leider, ſind alle von ihr abge⸗ wichen! Indeſſen bleibt bey allen dieſen noch ſo ver⸗ ſchiedenen Syſtemen, die Wahrheit: Jeſus Chriſtus iſt auferſtanden! der Grund alles Glaubens und aller Hoffnung, und die erſte Kirche hat nicht ohne Urſache, dieſen Ausſpruch zu der gewoͤhnlichen Begruͤſſungsfor⸗ mel gemacht. Die Freunde des Unglaubens haben auch daher auf dieſe Wahrheit ihre heftigſten Angriffe mit der aͤuſerſten Wuth gerichtet, und dieß mußten ſie nothwendig thun. Denn iſt Chriſtus nicht auf⸗ erſtanden, ſo iſt unſer Glaube eitel. Noch ſind ihre Anfälle von Celſus und Julian an, bis auf un⸗ ſere neueſten Zeiten, ganz vergeblich geweſen. In⸗ deſſen iſt es eine eurer verzuͤglichſten Pflichten, meine Kinder, damit ſeichtes Geſchwaͤtz euch nicht irre fuͤhren kann, die Wahrheit der Auferſtehungsgeſchichte Jeſu Chriſti vorzůglich zu prufen, und euch von ihr zu über⸗ zeugen. Dittons Auferſtehungsgeſchichte Jeſu und Leß Wahrheit der chriſtlichen Religion wer⸗ den nebſt einer Menge anderer guten Schriften, die von dieſem Gegenſtand handeln, ſehr lehrreich fur euch ſeyn. Ich merke hier nur ſo viel davon an: Die Auferſtehung Jeſu Chriſti iſt eine Tharſache Gaktum), ſie f⸗ d 131 ſie muß alſo, wie jede andere Thatſache, erwieſen wer⸗ den, denjenigen, die wirklich Zeugen davon waren, durch die Sinne, und uns die wir ſelbſt ſie nicht be⸗ zeugen koͤnnen, durch das unverdächtigſte beſtaͤtigte und unlaͤugbare Zeugniß glaubwuͤrdiger Augenzeugen. Bin ich uͤberzeugt, dieſe Zeugen haben nicht betrüͤgen wollen, haben auch weder ſich ſelbſt, noch andere be⸗ trugen koͤnnen; haͤngt mit dieſem Zeugniſſe die Ge⸗ ſchichte vieler Jahrhunderte ſo zuſammen, daß, wenn ich die Wahrheit dieſes Zeugniſſes vernichten wuͤrde, oder koͤnnte, ſelbſt derjenige Erfolg dieſes Zeugniſſes, den ich doch wirklich vor Augen habe, nicht moglich waͤre: ſo iſt es Thorheit, unverſchaͤmte Thorheit, dieſe Wahr⸗ heit zu laͤugnen, und ich muß mit dieſem Laͤugnen, zu⸗ gleich das Läugnen aller hiſtoriſchen Glaubwuͤrdigkeit nothwendig verbinden; und welche elende Maſſe von Kenntniſſen bleibt mir dann uͤbrig, wenn ich nichts weiter fur wahr halten darf, als was ich mit meinen wenigen Sinnen faſſen kann. Freylich wenn ich ein Syſtem hiſtoriſcher Glaubwuͤrdigkeit aus meinem eigenen Gehirn entſpinne, wie man in den neuern Zei⸗ ten den Entwurf dazu gemacht hat: ſo kann ich es leicht nach meinem eigenen Geſchmack formen, und ich werde ſodann auch Regeln der hiſtoriſchen Glaubwuͤr⸗ digkeit feſiſetzen koͤnnen, durch welche ich die Glaub⸗ wuͤrdigkeit der Auferſtehungsgeſchichte Jeſu verdaͤchtig machen kann. Werden denn aber meine Traͤume Vorſchriften fuͤr jeden geraden und geſunden Menſchen⸗ verſtand werden? So lange ihr alſo die Auferſtehungs⸗ geſchichte Jeſu Chriſti durch die ſchärſſte Pruͤfung, wel⸗ chet 182 cher man jede hiſtoriſche Wahrheit unterwerfen kann, beſtatiget findet, ſo lange glaubt an ihn, den Aufer⸗ ſtandenen, mit frohem Herzen, und genießt durch die Ueberzeugung von ſeiner Anferſtehung, den ſicherſten Troſt, die gewiſſeſte Beruhigung, daß auch ihr der⸗ einſt auferſtehen werdet; denn ſo die Todten nicht auf⸗ erſtehen, ſo iſt Chriſtus auch nicht auferſtanden. Die Geſchichtſchreiber, welche uns die Geſchichte Jeſu Chriſti erzaͤhlen, verſichern uns ferner, daß er nach ſeiner Auferſtehung ſich noch ohngefaͤhr vierzig Tage auf Erden aufgehalten habe, ſeinen Juͤngern oſt er⸗ ſchienen ſey, mit ihnen gegeſſen und getrunken habe, und daß er endlich in ihrer und vieler anderer Menſchen Gegenwart, feyerlich von ihnen Abſchied genommen, vor ihren Augen in den Himmel erhoben, und ihren Blicken durch eine Woike entzogen worden, und daß er auch nach ſeiner Menſchheit gegenwaͤrtig da ſey, wo die Herrlichkeit Gottes ſich am vollkommenſten offen⸗ bart, und daſelbſt göttliche Macht und Hoheit genießte. Die Gruͤnde, die uns bewegen, ihnen zu glauben, wenn ſie uns die Auferſtehung Jeſu Chriſti verſichern, muͤſſen uns auch uͤberzeugen, wenn ſie uns die Erhö⸗ hung Chriſti zum Himmel, und ſeine Herrſchaft uͤber alles, erzählen. Iſt aber ihre Erzaͤhlung wahr, ſo iſt ſie auch zugleich fuͤr uns ein Beweis mehr, daß Chri⸗ ſtus nicht ein bloßer Menſch war, der etwan wie Henoch und Elias, der Erde entzogen und in den Himmel aufgenommen worden. Laßt uns alſo dieß alles ein⸗ fältig glauben, und an ſtatt uns mit Zweiſeln zu quã⸗ len, die freudige Zuverſicht empfinden, daß dort, wo er, nn, mel ein⸗ nä⸗ m e, 183 er, unſer Herr und Haupt iſt, wir, ſeine Diener, der⸗ einſt gewiß auch ſeyn werden. Chriſtus hat endlich/ als er dieſe Welt verließ, ausdruͤcklich verſichert, daß er in dieſer Welt wie⸗ der erſcheinen werde, aber in einer weit herrlichern Geſtalt, und er ſelbſt beſchreibt die große Sccene ſeiner Wiedererſcheinung durch die erhabenſten furchterlich ſchoͤnen Bilder; ſeine Apoſtel erinnern oft an dieſe Ver⸗ heißung Chriſti, hofften ſogar die Erfullung derſelben, in dem Zeitpunkt, in welchem ſie lebten. Da dieſe Ver⸗ heißung zu den Weiſſagungen Chriſti gehoͤrt, jede Weiſſagung aber vor ihrer Erfullung nothwendig eine dunkle unerklaͤrbare Seite haben muß: ſo koͤnnen auch wir, ſo wenig, als diejenigen, ſo vor uns gelebt haben, den Sinn dieſer Weiſſagung vollſtändig faſſen. Allein mich daucht, es liegt die ſonnenklare unverkennbare Wahrheit in ſelbiger: So wie dieſe unſer Welt der Schauplatz der Ernie⸗ drigung Jeſu Chriſti geweſen iſt, ſo ſoll ſie auch dereinſt, vielleicht in veraͤnderter Geſtalt der Schauplatz ſeiner Herrlichkeit ſeyn. Erwartet nicht, daß ich euch das tauſendjährige Reich der Chiliaſten predigen werde. Es iſt mit dieſem tau⸗ ſendjährigen Reich wie mit vielen andern Behauptun⸗ gen gegangen. Wahrheit und Irrthum liegen darin vermiſcht unter einander. Oft vergißt man die Wahr⸗ heit uͤber der Beſtreitung des Jerthums, und oft ver⸗ kennt man die Wahrheit, aus Liebe zum Irrthum⸗ Wurde man auch noch ſo ſehr zur Unzeit hber mich ſpotten: ſo geſtehe ich aufrichtig daß ich im gering⸗ ſten 184 ſten nicht zweifele, daß dieſer verkannte und verworfene Jeſus, auch noch dereinſt auf unſerer Erde ſeine Macht und Herrlichkeit ſichtbar offenbaren wird. Eine Menge Weiſſagungen der heiligen Schrift, bis auf die Apokalypſe, von welcher ich euch mein Urtheil im Fol⸗ genden noch eroͤffnen werde, weiſen auf dieſen gluͤck⸗ lichen Zeitpunkt hin, und ſelbſt der ganze Zuſammen⸗ hang der Weltregierung Gottes ſcheint bieß zu fordern, da er keines ſeiner Werke unvollendet laͤßt, und der erniedrigende Theil der Sendung Jeſu Chriſti in die Welt, ein ganz abgeriſſenes Stuͤck dieſer Regierung ſeyn wuͤrde, wenn nicht in dieſer Welt ſeine Hoheit eben ſo ſichtbar dereinſt werden werden ſollte, als ihr ſeine Erniedrigung ehmals ſichtbar war. Freylich iſt dieß nichts als Muthmaßung, und geht den Glauben nichts an. Freylich weiß ich nicht, wann dieß alles geſcheben wird, wie es geſchehen wird, wie lange es dauern wird? Allein, daß es geſchehen wird, hoffe ich zuverſichtlich, und freue mich, daß auch ich dereinſt Zeuge dieſer großen Begebenheit ſeyn ſoll. Erwerb' ich mir dadurch den Namen des Chiliaſten, ſo ertrage ich ihn mit Geduld, und erinnere mich dabey, daß mancher Ketzername ſehr ehrenvoll iſt. Ehe ich dieſe Ausſchweifung ganz endige, ſo gebe ich euch noch zu⸗ vor von meinem Uetheil uber die Apokalypſe, welcher ich kurz zuvor gedacht habe, Rechenſchaft, und ich bin bier dieß um deſto mehr zu thun ſchuldig, dg ich wenig⸗ ſtens zu verhuten ſuchen muß, daß ihr euch von die⸗ ſem in unſern Zeiten, ſo geprieſenen und verſchrienen Buche, welches der eine fur unmittelbare Belehrung des de del S 185 des Geiſtes Gottes uͤber die Zukunft haͤlt, und der an⸗ dere bis zur Mißgeburt des dümmſten phantaſtiſchen Schwaͤrmers erniedriget keine falſchen Begriffe macht. Ich verſtehe die Offenbarung Johannis nicht, ver⸗ lange ſie auch nicht zu verſtehen, denn ſie iſt fuͤr mich Einzelnen nicht geſchrieben. Gehoͤrte ſie dem Evange⸗ liſten Johannes wirklich zu, und waͤre ſie als deſſen eigene Schrift unverfälſcht in den Kanon gekommen, ſo waͤre ſie gewiß kein Werk der Schwaͤrmerey, ſondern unmittelbare Offenbarung des Geiſtes Gottes, und ſollte ſie auch nur dem Johannes allein, nie dem ganzen Menſchengeſchlecht, beſtimmt geweſen ſeyn. Er haͤtte ſie ſodann gewiß verſtanden. Sollt ich endlich einen Verſtand in ihr finden wollen, ſo wurde ich ſagen; Sie enthält den Sieg der wahren Religion über die falſchen, uͤber Goͤtzendienſt, Aberglauben, Unglauben, und ſie beſchreibt die glüͤcklichen Folgen dieſes Siegs. Zwar, daͤucht mich, iſt dieſe Erklaͤrung bereits von mehrern angenommen worden. Dieß gilt aber gleichviel, und beſtätiget meine Warnung, daß ihr von dieſem Buch nie uͤbereilt urtheilt, nie wagt, es zu erklären, und euch damit begnuͤgt, daß ihr euch an den reizenden Bildern jenes glucklichen Zuſtandes ergoͤtt, den wir alle erwarten. Dieſes Urtheil uͤber die Apokalypſe, wird auch mich freylich dem ſtrengen Spruch des Richters unterwerfen, welcher entſcheidet, daß nur ein ganz verſchrobener Menſchenverſtand an den ungeheu⸗ ren grotesken Bildern dieſer Offenbarung Geſchmack finden koͤnne. Ueber den Geſchmack laͤßt ſich allerdings nicht ſtreiten. Ich geſtehe auch gern ein, daß dieſe Bilder 186 Bilder ben Regeln unſerer angenommenen Aeſthetik nicht gemaͤß ſind. Allein, ob dieſe Bilder der Sache, die unter ihnen verborgen ward, angemeſſen ſind, oder nicht, wag ich nicht zu entſcheiden, da dieß, ohne den wahren Inhalt des Buchs zu verſtehen, nicht beurtheilt werden kann. Am wenigſtens moͤchte ich den Ver⸗ faſſer des Buchs, fuͤr einen Phantaſten mit einem ver⸗ brannten Gehirn erklaͤren. Ein Mann, der ſo reine, edle Begriffe von Gott hat, der in den Geiſt der Reli⸗ gion Jeſu ſo tief eindringt, der die Gluͤckſeligkeit des Lebens bey Gott, mit ſo reizenden, treffenden Farben mahlt, kann doch wahrlich! weder ein ſchwaͤrmeriſcher Phantaſt noch ein Dummkopf ſeyn. Gleichwohl hat man in den neuern Zeiten dieß Urtheil uͤber den Ver⸗ faſſer der Apokalypſe gefaͤllt. §. 18. Wiederholung des Bekenntniſſes des Glaubens an Jeſum. Laßt uns nochmals unſere Gedanken ſammeln und überdenken: was lehrt uns die heilige Schrift von Jeſu Chriſto, und was glauben wir von ihm nach Anleitung derſelben? Wir glauben und bekennen, daß Chriſtus iſt der eingeborne Sohn Got⸗ tes, gleiches Weſens mit ſeinem Vater, mit welchem er in einem eigenen uns unerforſchlichen Verhaͤltniß ſteht; wir glauben, daß dieſer eingeborne Sohn Got⸗ tes, mit einem wahren Menſchen, dem Menſchen Jeſus, ſich vereiniget hat, daßi dieſer Menſch Jeſus wunder⸗ bar geboren iſt, auf Erden gelebt, gelitten hat und ge⸗ ſtorben iſt, daß er uns den Willen Gottes von unſe⸗ rer ns nb it 0n nd ot⸗ em nß ot⸗ us, Nr⸗ 4 ſ⸗ 187 rer Seligkeit, Tugend und Rechtſchaffenheit gelehrt, uns durch ſein eigenes Beyſpiel gezeigt hat, wie wir Gott wohlgefaͤllig wandeln ſollen, daß dieſer Sohn Gottes, durch alles, was er fuͤr die Menſchen gethan und gelitten hat, nach dem ausdruͤcklichen Zeugniß Jeſu und ſeiner Apoſtel, uns ſinnliche ſuͤndhafte Men⸗ ſchen zu Wiedererlangung des Wohlgefallens Gottes, unter der Bedingung, daß wir ſeinen Geboten getreu folgen, wieder faͤhig gemacht hat, und dadurch die einzige Urſache unſerer Seligkeit geworden iſt; ſo, daß wir nunmehr um ſeinetwillen, wegen desjenigen, was er gethan und gelitten hat, der ewigen Gluckſeligkeit theilhaft werden, die auch uns beſtimmt war, wenn wir nicht fundigten, und die wir durch unſere eigenen Kraͤfte in unſerm gegenwaͤrtigen Zuſtand nie erlangen wuͤrden. Wir glauben und bekennen ferner, daß Je⸗ ſus Chriſtus nach ſeinem Tode wieder lebendig aus dem Grabe auferſtanden iſt, und uns dadurch die ge⸗ wiſſe Verſicherung gegeben hat, daß auch wir, dereinſi, nach feiner Verheißung von den Todten auferſtehen ſollen; daß er ſodann noch einige Zeit ſich auf Erden ſichtbarlich aufgehalten und mie ſeinen Juͤngern gelebr hat, ſodann aber in ihrer Gegenwart der Erde ent⸗ zogsn worden, und an denjenigen Ort eingegangen iſt, wo die Herrlichkeit und Groͤße Gottes ſich am voll⸗ kommenſten offenbaret; daß er daſelbſt mit goͤttlicher Macht und Hoheit herrſchet und regieret, und dereinſt ſichtbar wieder auf Erden, in dem Glanz ſeiner Herr⸗ lichkeit erſcheinen, und jedem nach ſeinen Werken, den Guten Gluͤckſeligkeit ſchenken, und den Böſen Elend und Unſeligkeit zuerkennnen wird. Dieß 188 Dieß bekenn und glaͤube ich wenigſtens aufrichtig und ungeheuchelt von Chriſto, hoffe durch dieſen Glau⸗ ben, wenn ich ihn mit dem Gehorſam gegen ſeine Ge⸗ bote verbinde, Theil an ſeinem Reiche, und an der ſoi⸗ nen Verehrern und Bekennern beſtimmten Gluͤckſelig⸗ keit zu nehmen, und beruhige mich, wenn ich nicht alle Zweiſel aufloſen kann, die dieſen Glauben wankend zu machen ſcheinen, und hoffe, daß ich einſt ſchauen werde, was ich jetzt glaube. Iſt dieſer Glaube zur Ueberzeugnng eures Verſtandes, und zur Beruhigung eures Herzens zureichend, ſo ſey er auch euch die Quelle des Troſtes und der Freude, die er mir iſt. F 19. Lehre der Bibel von dem heiligen Geiſt und von ſeinen Wirkungen. Das Wort Geiſt kommt in der heiligen Schrift, in ſo mancherley Bedeutungen vor, und auch der all⸗ gemeine Sprachgebrauch, verbindet ſehr oft mit die⸗ ſem Worte ſo viele verſchiedene, oſt denjenigen ſelbſt, die ſich dieſes Ausdrucks bedienen, undeutliche und unverſtaͤndliche Begriffe, daß es allerdings ſehr ſchwer faͤllt, ſich eine vernuͤnftige, klare und ſchriftmaͤ⸗ ßige Vorſtellung von demjenigen zu machen, was die Bibel eigentlich unter dem Ausdruck; Geiſt Gottes, heiliger Geiſt, verſtanden haben will. Chriſtus ver⸗ ſpricht indeſſen ſeinen Juͤngern, bey ſeiner letzten Un⸗ terredung mit ihnen, ausdrucklich, einen Troſter, den er ihnen ſenden wird, vom Vater, den Geiſt der Wahrheit der vom Vater ausgeht, und der von Chriſto zeugen, der ſie in aller eiten it Vale Moſ cherl des Lr die Gl det lieb Gl tes heil in ſie mit igi Ge lic ſta he ichtig lau⸗ Ge⸗ ſei⸗ ſelg⸗ t alle nkend auen e zur gung nelle bon Niſt, all⸗ die⸗ albſ, und ſcht tmi⸗ die ttes, vel⸗ Un⸗ ſter, zeiſ der hei iten 189 leiten ſoll, auch befiehlt er zu taufen, im Ramen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geiſtes. Die Apoſtel bedienen ſich von dieſem Geiſte Gottes man⸗ cherley Ausdruͤcke. Sie ſprechen von einem Wohnen des Geiſtes Gottes in den Glaͤubigen, von einem Treiben des Geiſtes Gottes, von einem Betruͤben dieſes Geiſtes durch Sünde. Sie wunſchen den Glaͤubigen die Gemeinſchaft des heiligen Geiſtes in der Verbindung mit der Gnade Jeſu Chriſti und der Liobe Gottes,(à⸗Kor. 13. v. 13.) Sie nennen dieſe Glaͤubigen einen Tempel Gottes, weil der Geiſt Got⸗ tes in ihnen wohnet. Aber niemals ſetzen ſie dieſen heiligen Beiſt in eben die genaue Verbindung mit Gort⸗ in welche ſie Jeſum Chriſtum ſtellen. Auch muͤſſen ſie den Unterricht von ihm, wer und was er ſey? nicht mit zu den erſten Anfangsgrunden der chriſttichen Re⸗ tigion gerechnet haben; denn als Paulus(Ap⸗ Geſch⸗ 19.) einige Glaͤubige fragt: Habt ihr den heiligen Geiſt empfangen? ein Ausdruck, worunter er eigent⸗ lich bloß nur die damals ertheilten Wundergaben ver⸗ ſtand, antworten ſie: Wir haben nie gehoͤrt, ob ein heiliger Geiſt ſey? Die Apoſtel fordern auch nie von denjenigen, von welchen ſie befragt werden, was ſie zu Erlangung der Seligkeit thun ſollen, ein Bekennt⸗ niß des Glaubens an den heiligen Geiſt. Freylich entſtanden in der erſten Kirche bald Streitigkeiten uͤber das Weſen und die Eigenſchaften des heiligen Geiſtes, und der ſo unwiſſende Menſch, der ſo gern die Graͤnzen ſeiner eingeſchraͤnkten Vernunft uberſteigt⸗ wagte ſich auch hier in die Tiefen der Gottheit, und die 190 die naturliche Folge davon waren die Parteyndmen, der Rechtglaͤubigen, der Sabellianer, Macedonianer und anderer Sekten Die Kirche glaubte endlich dieſen ganzen Streit zu ſchlichten, wenn ſie feſtſetzte, daß der heilige Geiſt die drikte Perſon in der Gottheit ſey⸗ daß aber deſſen ohnerachtet nur ein Gott ſey; nun zer⸗ ruttete ſie ein neuer Streit uͤber die Frage: ob der heilige Geiſt vom Vater allein, oder vom PVater und Sohn zugleich ausgehe? und leider! iſt dieſer ganz unnuͤße Streit uͤber eine ganz unverſtändliche Frage, unter der occidentaliſchen und orientaliſchen Kirche noch nicht beygelegt. Uns intereſſirt es wenig, was die Kirche vom heiligen Geiſt auf Koncilienſchluͤſſem feſtgeſetzt hat, und was die eine Kirchenpartey von ihm behauptet und die andere läugnet. Wir fragen uns vielmehr: was ſollen wir nach den deutlichſten Zeugniſſen der helligen Schrift von ihm glauben? Ich kann euch nur die Vorſtellung angeben, die ich mir von dieſem Gegenſtand mache. Zuerſt bekenn ich euch aber aufrichtig, wenn ich von der Natur, dem Weſen und den Eigenſchaften Gottes, üͤberhaupt wenig weiß: ſo weiß ich von dem heiligen Geiſt, ſeiner Natur, ſeinem Weſen und ſeinen Eigenſchaften, ſeiner Verbindung mit einem Gott, noch weniger. Ich armer ſchwacher Menſch kenne ſelbſt den Geiſt nicht, der in mir wohnet, der mein Ich, mein Selbſt ausmacht, und ich Thor, ich wollte den Geiſt der Gottheit ergruͤnden? Alles, was ich von ihm weiß, iſt dieß: Er iſt, er wirkt in mir. Wie er iſt? wie et wirkt, das weiß ich nicht. Wenu „der und ieſen daß ſey⸗ nzer⸗ der zater ieſer iche ſchen vom und die was ligen r die ſond venu oſten dem eiheh ott, kenne mein „ich llles, t in nict. hen 191 Wenn ich indeſſen in der heiligen Schrift leſe, daß ihn Chriſtus in den Verheißungen, die er ſeinen Jungern mittheilt, als ein Weſen beſchreibt, das fur ſich be⸗ ſteht, das fuͤr ſich handelt, denn er ſoll in die Welt geſandt werden, er foll Wahrheit lehren; wenn er be⸗ fiehlt, es ſollen ſeine Bekenner auf den Namen dieſes heiligen Geiſtes, eben ſo wie auf den Namen des Va⸗ ters und Sohnes, getauft werden: ſo kann ich dieſen Geiſt Gottes, nicht als bloße Kraft, oder Eigenſchaft Gottes annehmen, ſondern ich finbe ſein fuͤr ſich be⸗ ſtehendes göttliches Weſen allerdings, ſo wie das We⸗ ſen Jeſu Chriſti, in der Einheit Gottes gegründet; wie dieß alles moͤglich iſt, ob und wie der einige Gott, ſich als Vater, Sohn und Geiſt offenbart, wage ich nicht erforſchen und entſcheiden zu wollen, ſondern begnuͤge mich ihn als den mir verheiſſenen kehrer der Wahrheit zuverehren. Wenn ferner Chriſtus und die Apoſtel mit aus⸗ druͤcklichen Worten verſichern, daß, die an Chriſtum glauben, den Geiſt aus Gott haben, und der natuͤr⸗ liche Menſch nichts vom Geiſte Gottes vernimmt;z (1. Kor. 2.v. 12 u. 15.) daß nur die Gottes Kinder ſind, die der Geiſt Gottes treibet; Roͤm. 8. v. 4.) daß es Gott iſt, der in uns wirkt, beyde das Wollen und Vollbringen:(Phil. 2. v. 13.) ſo fuͤhle ich mich hinlaͤnglich überzeugt, daß, wenn ich mich beſtreben will, ſo zu wandeln, wie es Gott wohlgefällig iſt, meine eigenen natuͤrlichen Kräfte zu Erlangung dieſes End⸗ zwecks nicht hinreichend ſind, ſondern daß ich den Beyſtand des Geiſtes Gottes hierzu nothig habe, unb daß 192 baß mir dieſer von Chriſto verheißene Beyſtand des Geiſtes Gottes wirklich zu Theil werden wird, wenn ich mich faͤhig mache, dieſen Beyſtand zu erlangen und zu benutzen. Frehlich bleibt meine Kenntniß hier immer noch unvollkommen, da ich es nicht wage, meine Begriffe nach dem einen oder dem andern als wahr angenommenen pbiloſophiſchen Syſtem in dieſer Sache zu beſtimmen. Ich getraue mir nicht, zu ſagen: hier hoͤrt das Maas meiner natürlichen Krafte, gut zu handeln, auf, und hier faͤngt der Geiſt Gottes an, in mit zu wirken. Ich weiß ſeine Wirkungen von den Anſtrengungen meiner eigenen motaliſchen Kraft durch nichts zu unterſcheiden; ich weiß nichts von der Art und Weiſe, wie er ſeine Wirkungen in mir veranſtal⸗ tet; ich kenne keine Heilsordnung, keinen ſo genann⸗ ten Durchbruch. Ich vermuthe ſogar, daß er ſeinen Einfluß in die Geſinnungen des einen Menſchen anders ₰ aͤußert, als in die Geſinnungen des andern Menſchen, 7 oder daß vielmehr in das Geſchaͤffte der Heiligung des 3 Menſchen die Beſchaffenheit ſeines Koͤrpers, ſeiner 3 Erziehung, ſeines Charakters, der Leſung der Schrif⸗ ten, aus welchen er ſeine Art zu denken gebildet hat, 4 ſehr ſtark, ſehr verſchieden wirkt, daß daher der eine 5 mit den ſchmerzhafteſten, der andere mit den ruhigſten heiterſten Empfindungen der Seele an dem Werke ſeiner Beſtrebung arbeitet. Dieß iſt alles, was mir von dem heiligen Geiſt und ſeinen Wirkungen bekannt iſt: ich verehre ihn als meinen Fuͤhrer zur Wahrheit, den mir Chriſtus ausdruͤcklich verheißen hat, bete in ihm den einigen Gott h § e nn en ier ge als ſet n, at, ne en rke 193 Gott an, denn er iſt unzertrennlich von ihm, hoffe keine qualeriſchen Eingebungen von ihm, denn er wirkt nicht mehr durch Wunder, ſondern durch bloße natuͤrliche Mittel, welche den Verſtand des Menſchen aufzuklä⸗ ren und zu unterrichten vermögend ſind, aber ich glaube gewiß, daß alle meine Neigung, meine Kraft zum Guten von ihm kommt, denn ich fuͤhle es, aber nie werd ich mein Gefuͤhl demjenigen aufdringen, der von allem dieſem nichts ju fuͤhlen glaubt. Ich glaube alſo einen heiligen gottlichen Geiſt, ich glaube, daß ich ihm Verehrung und Anbetung ſchuldig bin. Ich glaube, daß er mit Gott eben ſo eins iſt, wie Chriſtus mit ſeinem Vater eins iſt, ich glaube, daß ich ihm alle Kraft zum Guten ſchuldig bin, ich glaube dieß alles, auf das Zeugniß der heiligen Schrift, auch dasjenige, was ich nicht ganz in dieſer Lehre verſtehe. Hier, meine Geliebten, habt ihr die Rechenſchaft von meinem Glauben uͤber den heiligen Geiſt. Pruͤft ihn ſorgfaͤltig, und wenn ich euch zu irren ſcheine, ſo folgt der Stimme eures Gewiſſens und eurer eigenen Ueberzeugung, wenn ihr mehr Wahrheit darin findet. §. 20. Lehre der Bibel von vernuͤnftigen Geſchoͤpfen außer dem Menſchen. Von den Engeln. Vom Teufel. Einfluß dieſer Geiſter auf un⸗ ſere Welt. Geiſterbeſchworung. Wir kennen auf der Welt, die wir bewohnen, kein vernuͤnftiges Geſchoͤpf weiter, als den Menſchen. Iſt er es wohl allein, welchem die Gottheit unter ihren Geſchoͤpfen Vernunft und Freyheit gab? Schon der N bloßen 194 bloßen Vernunft moͤchte die Bejahung dieſer Frage unwahrſcheinlich daͤuchten. Weun wir unſere Augen in den unermeßlichen Raum, der uns umgiebt, emper heben, ſo ſehen wir in einer hellen Nacht, eine Menge Sterne, und der Scharfſinn und der Fleiß des Men⸗ ſchen, verbunden mit der Kunſt, haben erforſcht, daß dieſe Sterne Sonnen, wie die unſrigen ſind, und daß nach den hoͤchſten Geſetzen der Wahrſcheinlich⸗ keit, jede das ihr angewieſene Planetenſyſtem eben ſo erleuchte, wie unſere Sonne das ihrige. Die aufge⸗ klarte Vernunſt, wenn ſie einmal auf richtige Begriffe von Gott geleitet worden iſt, begreift leicht, und fol⸗ gert aus wahren Vorausſetzungen, daß dieſe unzaͤhl⸗ baren Beweiſe der Macht und Weisheit Gottes, auch Beweiſe ſeiner Liebe ſeyn muͤſſen, und daß ſie dieß nicht ſeyn koͤnnen, wenn dieſe unzaͤhlbaren Sonnen und Weltkoͤrper nicht freyen und vernuͤnftigen Geiſtern zum Aufenthalt angewieſen ſind. Die Vernunft alſo ſelbſt ſieht ſchon hieraus hoͤchſtwahrſcheinlich ein, wenn es ihr auch der unermeßliche Abſtand zwiſchen Gott und dem Menſchen nicht noch mehr beſtaͤtigte, daß es vernuͤnſtige Geſchoͤpfe zwiſchen Gott und dem Menſchen geben muß, und die heilige Schriſt bekraͤftiget dieſe Ver⸗ muthung, wenn ſie uns von Engeln verſchiedene Pachrichten mittheilt. Laßt uns, ehe wir zu dem Menſchen uͤbergehen, dasjenige unterſuchen, was ſie uns davon ſagt. „Aber wer ſonſt als die Lehre der Kirche hat denn die Lehre von den Engeln, ſie moͤgen gut oder boͤſe ſeyn, zu einer Lehre der heiligen Schrift gemacht? Iſt Iſt es nicht bloßer Chaldaiemus, den die Juden ſeit ihrer Ruͤckkehr von Babylon in die Theorie ihrer Reli⸗ gion eingemiſcht haben? Und mußten nicht Chriſtus und ſeine Apoſtel ſich nach dieſen von ihnen angenom⸗ menen Grundſaͤtzen bequemen, wenn ſie ſich ihren Zuhoͤrern verſtäͤndlich machen wollten?“ Wir wollen uns weder auf die Widerlegung noch auf die Vertheidigung dieſer Hypotheſe, Oenn mehr iſt ſie doch nicht) einlaſſen. Wir wollen bloß be⸗ merken, daß diejenigen, die ſie behaupten, den hiſto⸗ riſchen Beweis ihrer Behauptung, welchen ſie noth⸗ wendig fuͤhren muͤſſen, wenn ſie wahr ſeyn ſoll, noch zur Zeit ſchuldig goblieben ſind. Nur die Frage ſey ver⸗ gönnt! Wie kam denn die Lehre von guten und boͤſen Engeln in die chaldaͤiſche Religion, wenn ſie nicht aus der uralten patriarchaliſchen Religion, welche dieſe Lehre ohnfehlbar durch Offenbarung oder nuch perſoͤnliche Erſcheinungen erhielt, uͤbergetragen ward? Undwie hat ſich, faſt bey allen ſo genannten heidniſchen Voͤlkern der alten und neuen Zeit, die Lehre von den Untergottheiten, die ohne Zweifel aus der Lehre von den Engeln, wenig⸗ ſtens groͤßtentheils, entſtanden iſt, uͤber den ganzen Weltkreis verbreitet? Sey es indeſſen damit beſchaffen wie es will,(denn das Bekenntniß, daß es gute und boͤſe Engel giebt, und das Läugnen wenigſtens der boͤ⸗ ſen Engel oder der Teuſel, gehoͤrt gewiß nicht zu den⸗ jenigen Gruͤnden, weſche die Seligkeit oder Verdamm⸗ niß des Menſchen entſcheiden,) ſo finde ich meines Theils nicht das geringſte Bedenken, die Lehre von den Engeln, der heiligen Schrift vollkommen gemaͤß zu fin⸗ N2 den, 196 den, doch mit voͤlliger Freyheit, daß Glauben und Laͤugnen hier voͤllig gleichguͤltig iſt. Ja die Lehre von den guten Engeln, ſo wie ihr ſieein jedem gutem Reli⸗ gionsbuch vorgetragen ſindet, hat ſo viel Vernunft⸗ maͤßiges, ſo viel Beruhigendes, ſo viel Erfreuliches bey der Ausſicht auf die Zukunft fuͤt mich, daß ſie in meinem Glaubensſyſtem einen ſehr wichtigen Platz ein⸗ nimmt. Ach! wer mag ſie zaͤhlen koͤnnen, die Klaſſen dieſer guten vernuͤnftigen Geiſter, die um ſeinen Thron ſtehen und ihm dienen, und ihn lieben? Und welche erfreuliche Hoffnung fuͤr mich, daß ich in genauere Ver⸗ bindung mit ihnen kommen ſoll! Laßt uns alſo in⸗ deſſen, ſo lange bis wir vom Gegentheil, beſſer als bisher geſchehen, uͤberzeugt werden, das Wort Engel, Bothen, Geſandte Gottes, wenn wir es in den Schrif⸗ ten des alten und neuen Teſtaments finden, von ver⸗ nuͤnftigen Geſchoͤpfen verſtehen, denen ihre Stelle zwiſchen Gott und uns wirklich angewieſen iſt, und die keine bloße Erfindung der orientaliſchen Phantaſie ſind. „Aber„fragt ihr:“ den Teufel, Vater,wirſt du doch nicht glauben? Iſt dieſer Glaube in unſerm auſge⸗ klaͤrten Weltalter nicht Schande? Und iſt dieſer Glau⸗ be nicht Schmaͤhung der Macht, der Weisheit, der Guͤte Gottes?“ Ja, meine Kinder, auch den Teufel glaube ich, ſo ziemlich, nach den Begriffen, nach welchen die ver⸗ nuͤnftige Lehre der Kirche von ihm handelt, aber frey⸗ lich glaube ich ihn nicht mit allen den abgeſchmackten Irrthuͤmern, welche Aberglaube und Unwiſſenheit mit dieſer kehre vermengt haben. Im Grunde koͤnnte es gel, riſ⸗ ver⸗ telle die ſind. ge⸗ lau⸗ der 19* es uns freylich gleichgultig ſeyn, ob es einen Teufel und ein ihm untergeordnetes Heer boͤſer Geiſter giebt oder nicht. Von ihrer Macht haben wir nichts zu be⸗ fuchten, und nie koͤnnen wir in Verbindung mit ihnen fommen, ſo lange wir wahre Bekenner und Verehrer Jeſu Chriſti ſind. Ob es ſerner in unſerm Zeitalter Schande iſt, einen Teufel zu glauben, dieß kuͤmmert mich nicht. Ich ſuche bey meinem Glauben Waheheit, und ſinde ich ſie nach meiner Ueberzeugung, ſo bekenne ich ſie, und wenn mich ihr Bekenntniß, in dem Auge des Weiſern noch ſo weit herabſetzt. Allein dieß iſt ge⸗ wiß falſch, daß die Behauptung: Es giebt einen Teufel und boͤſe Engel, Schmaͤhung der Macht, der Weisheit, der Guͤte Gottes ſey, vielmehr iſt dieſe Behauptung, Verherrlichung und Lobpreiſung der Macht, Weisheit und Guͤte Gottes. Schon meine bloße Vernunſt ſagt mir wahrſcheinlich, daß es Deufel oder böſe Geiſter gebe. Sie ſchließt ſo: Jeder ver⸗ nuͤnftige Geiſt, er mag zu einer hoͤhern oder niedern Klaſſe gehoͤren, muß ſrey ſeyn, ſonſt kann er nicht vernuͤnftig und gluckſelig ſeyn, denn Vernunft iſt ohne Freyheit zu waͤhlen, ein Unding, und Gluͤckſeligkeit iſt ohne Genuß der Freyheit unmoͤglich. Glückſeligkeit aber iſt das letzte Ziel aller vernuͤnftigen Geſchoͤpfeder phi⸗ loſophiſche Puriſt mag dagegen deklamiren was er will. Jeder vernuͤnftige und freye Geiſt, muß gut oder boͤſe handeln koͤnnen, nach dem Uebergewicht der Gruͤnde, das ihn zu handeln antreibt. Dieß Uebergewicht der Gruͤnde wird nach dem richtigen oder falſchen Gebrauch der Freyheit, bald in der Wagſchale des Guten, bald in der Wag⸗ 195 Wagſchale des Boͤſen liegen. So langs es alſo freye ver⸗ nuͤnftige Geſchoͤpfe jeder Art giebt, wird es gute und boͤſe geben, ſo lange Gott nicht bloß die einen erhalten und die andern ſogleich vernichten will, und thut er dieß, ſo iſt er nicht guͤtiger Regent, ſondern Despot ſeiner Geſchoͤpfe. Es iſt alſo nicht Ohnmacht, wenn er boͤſe Geiſter in dem unermeßlichen Reich ſeiner Schoͤpfung duldet. Es iſt nicht Mangel an Weisheit, wenn er ihre Entſtehung nicht hinderte. Es iſt nicht Schwachheit ſeiner Guͤte, wenn er auch den boͤſen Geiſt handeln laͤßt, wie er will. Aber es iſt Verherrlichung ſeiner Macht, wenn er auch den freyen boͤſen Geiſt ſeinen Geſetzen unterworfen zu ſeyn zwingt, und ihm nach dieſen Geſetzen beſtimmt, was ſeine Thaten werth ſind; es iſt Verherrlichung ſeiner Weisheit, wenn er alles Boͤſe, mit welchem dieſe Rotte von unſeligen Geiſtern ſeinen Abſichten wi⸗ derſtrebt, zum mitwirkenden Mittel der Erreichung dieſer Abſichten macht; es iſt Verherrlichung ſeiner Guͤte, wenn er auch das unſeligſte ſeiner Geſchoͤpfe, ſo zu beherrſchen weiß, daß in dem ganzen Reich ſei⸗ ner Schoͤpfung nichts verlohren geht, was noch auf eine oder die andere Art, zur Vervollkommnung des Gonzen beytragen kann,(und auch der Teufel ſcheint hierzu anwendbar zu ſeyn) ſo daß gaͤnzliche Vernich⸗ tung des Boͤſen nicht eher eintritt, als bis es fuͤr den ganzen unermeßlichen Schoͤpfungsſtoff ganz unbrauch⸗ bar geworden iſt. Und alle dieſe großen Wirkungen der Macht, der Weisheit der Guͤte Gottes, ſollten nicht des Preiſes des erhabenſten. und des Menſchen, der ſich uͤber alle Werke des Herrn frent, wuͤrdig ſeyn? Ich 199 Ich geſtehe alſo aufrichtig, ich nehme dasjenige, was mir die heilige Schrift und beſonders Chriſtus und ſeine Apoſtel, von guten und boͤſen Geiſtern ſagen, in buchſtäblichem Sinn an, und nicht als Sprachge⸗ brauch der Indaiſirenden Lehrart Chriſti und ſeiner Apo⸗ ſtel,wenn dieſen Geiſtern auch gleich der Name Engel nur in einer verbluͤmten Bedeutung zukommen mag. Ich halte es alſo auch nach dieſem buchſtaͤblichen Sinn fuͤr wahr, daß es eben ſo wohl unendliche Klaſſen der gulen vernünſtigen Geiſter nach dem verſchiedenen Maaße ihrer Kraͤfte und Faͤhigkeiten giebt, als es einen Beelzebub, Satan und ihm unterworfene Heere boͤſer Geiſter ge⸗ ben mag. Ich verſtehe alſo unter dem Teufel, der umher geht, wie ein bruͤllender Loͤwe, freylich nicht den Rero, ſondern den boͤſen Geiſt, der die Abſicheen ſeines Schoͤpfers und Herrn gern zerſtörte, wenn er hierzu vermögend wäre. Uebrigens ſtoͤre ich denjenigen, dem dieſe veraltete Exegeſe einen ſtumpfen unaufgeklaͤrten Geiſt zu verrathen ſcheint, keinesweges in dem Genuß ſeines ſchaͤrfern Blicks in die Gefilde der Wahrheit. Ob uͤbrigens die Macht des Teuſels ſeit der Er⸗ ſcheinung Chriſti in der Welt abgenommen hat? ob der Teufel jetzt in dem Abgrund gefeſſelt liegt? ob er wieder eine Zeitlang lang los ſeyn, und groͤßern Scha⸗ den thun wird? ob es in ſeinem Reiche ſo ausſieht, wie es Swedenborg beſchreibt? alles dieß weiß ich nicht, und es iſt kein Gegenſtand meiner Unterſuchung. „Was haben denn nun aber dieſe guten und boſen Geiſter fur Einfluß auf uns und unſere Welt?“ Ich weiß 200 weiß wenig davon, denn die Bibel ertheilt mir hieruͤber wenig Unterricht. Sie lehrt mich von den guten En⸗ geln bloß ſo viel, daß ſie allerdings in Verbindung mit unſerer Welt ſtehen, daß ſie dazu beytragen, daß die Weltregierung Gottes ſeinem Willen gemaͤß geſchieht. Ob ſie auf die Geburt/ die Schickſale, den Tod des Menſchen Einfluß haben, davon ſagt ſie mir nichts, da ſie nie die Abſicht hat, bloß die menſchliche Neube⸗ gierde zu befriedigen. Auch von den boͤſen Engeln ſagt ſie mir weiter nichts, als das ſie auch in unſerer Welt das Gute zu verhindern, das Boͤſe zu befoͤrdern ſuchen, daß ſie aber Chriſtus ſeiner Macht ganz unterworfen, und ſie ſeinen Verehrern unſchaͤdlich gemacht hat; denn er iſt gekommen, die Werke des Teufels zu zerſtoͤren. Alles, was der Aberglaube und der Unglaube, die Unwiſſenheit und Menſchenweisheit, ſonſt von ihnen lehrt und behauptet, iſt mir ganz gleichgultig. Ich fuͤrchte nicht die Phantaſien und Traͤume des erſtern, und ſuche keinen Ruhm in den Machtſpruͤchen des letztern. Der Teufel mag alſo ſeyn oder nicht ſeyn, ſeine Epiſtenz und Nichtexiſtenz kuͤmmert mich nicht.„Kann der Menſch durch ein oder das andere Mittel, mit Geiſtern in Verbindung treten? ſie bannen? ſie zwingen? ihre Huͤlfe zu ge⸗ wiſſen Abſichten ihnen abnothigen? oder von ihnen er⸗ beten und erfaſten?“ Nur der Thor, er trage Gold und Stern, oder grobe Leinwand, kann ſo fragen, und den Beyſtand freyer Geiſter zu Ausfuͤhrung ſeiner Narrheiten erwarten. Huͤtet euch ja, meine Kinder, vor dieſer Seuche der Geiſterbeherrſchung, die in unſern Zei⸗ ten 0r ei⸗ 20 T ten, wie die Peſt im Finſtern ſchleicht, und ſpielt nie, weder die Rolle des Betrogenen, noch des Betruͤgers. Lehre der Bibel vom Menſchen, von ſeiner Ent— ſtehung, ſeiner Beſtimmung, ſeiner natuͤrli⸗ cher moralichen Beſchaffenheit. Vom Fall Adams. Von der Erbſuͤnde. Wir kommen nunmehr zu dem Menſchen, dem ein⸗ zigen vernuͤnftigen Bewohner unſerer Erde, den wir kennen. Wie kam er auf dieſe Erde? Mit welchen Anlagen des Koͤrpers und des Geiſtes betrat er dieſen erſten Aufenthalt, der ihm angewieſen ward? Was iſt hier ſeine Beſtimmung? Unter welchen Umſtaͤnden verläßt er wieder dieſe Erde? Und was iſt die Folge ſeines Seyns? Dieß ſind die vorzuͤglichſten Fragen, deren Unterſuchung uns nunmehr beſchäfftigen muß. Die uralte weltliche Geſchichte erzaͤhlt uns von der erſten Entſtehung des Menſchengeſchlechts nichts als Fa⸗ beln, und die bloße Vernunſt kann uns nichts davon ent⸗ decken, da ſich Geſchichte, und dieß iſt die Entſtehung des Menſchengeſchlechts, nicht durch Schluͤſſe der Vernunft und durch Hypotheſen feſtſetzen läßt. So viel fließt aber doch aus allen Fabeln des Alterthums, daß man, ſo weit die Geſchichte der Urwelt geht, dem Menſchengeſchlecht und der Erde, die es bewohnt, einen Anfang zugeſchrie⸗ ben, und nichts von Ewigkeit unſerer Erde, und einer unendlich ſortgehenden Reihe ſeiner Bewohner gewußt hat. Der Traum, den ein oder der andere Philoſoph von dieſer Ewigkeit geträumt hat, iſt nie Volksglaube geweſen oder geworden. Moſes iſt der aͤlteſte Geſchicht⸗ ſchreiber, 0 2 15 ſchreiber, der uns eine zuſammenhängend e Erzaͤhlung von der Schoͤpfung unſerer Erde und ihrer Bewohner, wirwiſſen ſelbſt nicht, aus welchen urkunden, undd dutch welche Belehrung, mitgetheilt hat, ob er ſie ſelbſt auf⸗ eſetzt, oder ob ſie aus ſeinen Ueberlieferungen von an⸗ ern aufgeſeßt worden. Es waͤre unnoͤthig euch hier dieſe moſaiſche Schoͤpfungsgeſchichte zu wiederhohlen, und damit die verſchiedenen Hypotheſen zu vergleichen, welche der Scharfſinn der Menſchen, theils dieſe moſai⸗ ſchen Nachrichten zu widerlegen, theils ſie zu beſtaͤtigen, hervorgebracht hat. Unſere Unterſuchung geht hier bloß darauf: Was ſollen wir von allen dieſen Nachrich⸗ ten glauben? und wobey muͤſſe en wir in Anſehung der⸗ ſelben ſtehen bleiben? Dieß iſt fuͤr unſere Wißbegier⸗ 6 B —, c 8 de genug, Aus welchen Quellen das erſte ſis entſtand? was darin Poeſie oder Geſchichte iſt? ob es thoͤrichte, aller hiſtoriſchen Glaubwuͤrdigkeit ent⸗ gegen laufende, Fabeln, oder nackte buchſtaͤbliche, oder in orienfaliſchen Prunk der Sprache verhuͤllte Wehr⸗ heiten enthaͤlt? daruͤber moͤgen ſich die Gelehrten, mit Vernunft und mit Unvernunft ſteiten; wir nehmen die Erzählung ſelbſt indeſſen, bis uns der Betrug klar er⸗ wieſen wird(und weder Edelmann und der Fragmen⸗ tiſt durch Schluͤſſe, noch Voltaire durch Witz iſt noch zur Zeit dieß zu thun vermoͤgend geweſen) als eine ehr⸗ wuͤrdige Urkunde der älteſten Geſchichte an, und es iſt fuͤr uns nur wichtig feſtzuſetzen, was in ihrer Er⸗ zaͤhlung uns unlaͤugbare Wahrheit zu ſeyn daͤucht. Mir wenigſtens daͤucht, dieſe unlaͤugbare Wahrheit beruht hauptſächlich auf ſolgenden Saͤtzen: Es war eine Buch Mo⸗ er ch⸗ ar eine Zeit, da unſere Erde noch nicht war: Gott wollte, daß ſie entſtehen ſollte, und ſie entſtand. Sie entſtand zach den phyſiſchen und moraliſchen Geſetzen, die er hierbey zu Grunde legte, bereichert mit Mineralien und oſlanzen und Thieren, wie er es zu Erreichung ſeines Zwecks fuͤr noͤthig fand. Er wies ſie dem Menſchen, em Mittelding zwiſchen Thier und Geiſt, zu ſeinem lufenthalt an, und unterwarf ſeiner Herrſchaft den ſreyen Gebrauch dieſer Erde mit allem, was ſie enthielt. Er ſchuf ferner nach dieſer Erzaͤhlung, erſt den Mann, und von ihm ließ er das Weib abſtammen. Er gab dieſem M tenſchen einen Koͤrper von Erde, und einen vernuͤnftigen der ihn belebte, und von * £ 2 2 Gott ſelbſt herſtamm Durch dieß ſollte das ganze Me geſchlecht fortgepflanzt wer⸗ den. Er band dieſen Menſchen an ein ſittliches denn ſonſt haͤtte er ihn keiner M doralitaͤt faͤhig gemacht, und er gab ihm gleichwohl Vernunft und Freyheit. So lange er dieß Geſet— ſollte er glucklich ſeyn, wuͤrde er es at ber uͤbertreten, ſo wuͤrde Elend und Tod die Folge ſeines Ungehorſams ſeyn. Der Menſch war ngegen dieß ihm gegebene Geſeb. Er ward dadurch unfaͤhig, noch laͤnger den gloͤcklichen Zu⸗ ſtand zu genießen, in welchen ihn ſein Schoͤpfer bey ſeiner Erſchaffung hatte. Sein Schoͤpfer und Richter verurtheilte ihn wegen ſeines Ungehorſams zu einem mo tſongeen, englü kſeligen Zuſtand, der ihm bisher unbekannt gewe ſen war, und unterwarf ihn der Herrſchaft eines zerſtörenden Todes. Er wakd aus ſeinem bisherigen gluͤckſeligen Aufenthalt verbannt. Die — —— — 22 204 Die phyſiſche Natur, die ihn umgob, verſchlimmerte ſich um ihn; ſein Koͤrper ward phyſiſchen Uebeln und der Zerſtorung unterworſen. Selbſt ſeine moraliſche Natur, war durch uͤberwiegende Sinnlichkeit verdor⸗ ben, und das phyſiſche und moraliſche Uebel, welches er ſich durch ſeinen Ungehorſam zugezogen hatte, pflanz⸗ te er auf ſeine Nachkommen fort. Nach der Erzaͤhlung der moſaiſchen Urkunde, ſoll ein Verfuͤhrer, den ſie unter dem Bilde einer Schlange vorſtellt, der Urheber diefes Verfalls des Menſchengeſchlechts geweſen ſeyn, dieſer ſoll zuerſt das Weib, und letztere den Mann zum Ungehorſam gegen das Sittengeſetz Gortes verleitet haben. Zugleich gedenkt dieſe moſaiſche Urkunde eines über den Verfuͤhrer ausgeſprochenen Urtheilsſpruchs, nach welchem die Vernichtung deſſelben, durch einen aus dem Menſchengeſchlecht entſtandenen Raͤcher er⸗ folgen ſoll. Sehet dieß iſt die einfache Erzaͤhlung Moſis, von der Entſtehung unſerer Erde, und des Geſchlechts, zu dem wir gehoͤren. Sie iſt ſo ungekuͤnſtelt, ſo ſehr durch die Urtheile einer unparteyiſchen Vernunft, und unſere eigene Erſah⸗ rung, ſelbſt durch ſo manche andere hiſtoriſche Neben⸗ umſtände beſtaͤtiget, daß ich keinen Grund ſehe, warum ich ihr nicht glauben ſollte, da mir die Geſchichte und die Vernunft nichts darbiethen, welches mehr Glau⸗ ben zu verdienen ſcheint, wenn ich uͤber die Entſtehung des Menſchen, und der Erde, die er bewohnt, nachdenke. Freylich weiß ich nicht recht gewiß, ob die Erde in ſechs Tagen oder ſechs Zeitraͤumen erſchaffen ward, was in jedem Zeitraum erſchaffen worden iſt, ob das Weib erte ind or⸗ nj⸗ ung ſie ber yu, um itet nes el l⸗ er 205 Weib aus der Ribbe Adams entſtand, ob es ein Para⸗ dies gab, und wo es lag, ob Adam und Cva, durch den Genuß eines verbothenen Apfels ungehorſam wur⸗ den, ob der Teufel unter der Geſtalt einer Schlange ſie zum Ungehorſam verfuͤhrte, ob ein Engel mit einem ſeurigen Schwerde ſie aus dein Paradies trieb, oder ob dieß durch ein Donnerwetter veranſtaltet ward 7 Alle dieſe Nebenumſtaͤnde, welche die moſaiſche Erzählung enthaͤlt, koͤnnen entweder buchſtaͤblich wahr ſeyn, denn ſie ſind doch wenigſtens weder phyſiſch noch moraliſch unmoͤglich, oder ſie koͤnnen Sprache des Dichters, oder Phantaſiereicher Ausdruck des orientaliſchen Geiſtes, oder Allegorie, oder ſelbſt Sprache der Barbarey und der Unwiſſenheit ſeyn. Dieß alles laß ich auf ſeinem wahren Werth und Unwerth beruhen, will mich, wenn ich jemals in einem andern Syſtem meiner Exiſtenz Moſes, oder einen andern meiner Stammvaͤter, der die Sache genau weiß, kennen lerne, uͤber alles dieß ge⸗ nauer belehren laſſen, und bis dahin meine Neubegier⸗ de maͤßigen. Mir gnuͤgt indeſſen zu wiſſen: Gott iſt der Schoͤpfer der Welt, die ich bewohne, der Menſch iſt ſein Geſchoͤpf. Will ich dieſe moſaiſche Erzaͤhlung ganz verwerfen, und ſie bloß in das Gebiet der Dicht⸗ kunſt verweiſen; will ich behaupten: dieß alles habe ſich nie zugetragen; wie der Menſch entſtanden, wiſſe man ſelbſt nicht, vielleicht aus einem Zuſammenfluß der Atomen, aus einer nach und nach ſich veraͤnderten Or⸗ ganiſation; er ſey immer ſo geweſen, wie er jetzt ſey, ſeine phyſiſche und moraliſche Natur habe keine Ver⸗ aͤnderung erlitten; dieſe Natur ſey zweckmaͤßig in allem 206 allem eingerichtet: ſo widerſpricht mir Crfahrung und Geſchichte, und verirre mich in ein Labyrinth von Spitzfindigkeiten. Der Menſch ſey indeſſen entſtanden, wie er will, es bleibt allemal noch die wichtigere Frage zu unterſuchen uͤbrig: Warum erſchuf ihn Gott? war er urſpruͤnglich ſo erſchaffen, daß er die Abſicht ſeiner Er rſchaf S erfuͤllen konnte? und iſt er noch jetzt ſo beſchaffen, daß er ſie erfuͤllen kann? Vielleicht wird die richtige dieſer Frage der Faden der Ariadne, der uns aus di⸗ſem Labyrinthe hilſt. Wenn ich den Menſchen betrachte, ſo wie er jetzt iſt, ſo kann ich unmoͤglich laͤugnen, daß Sinnlichkeit bey ihm Uebergewicht hat. Dieſe uͤberwiegende Sinnlichkeit ſchraͤnkt ſeine Freyheit oft ein, und verlei⸗ tet ihn oft dasjenige zu waͤhlen, was ſeine Vernunft, ſo lange ſie unparteyiſch urtheilt, nicht fuͤr gut erkenmt. Mit einem Wort, ſein Hang iſt ſtaͤrker zum Boͤſen, als ſeine Neigung zum Guten, und wuͤrde er auch mit gleich ſtarken Anlagen zu beyden geboren, ſo entwickelt ſich doch die Anlage zum Boͤſen als die Anlage zum Guten, und weder Erziehung noch Bey⸗ ſpiel, ſondern die ganze jetige Beſchaffenk eit ſeiner phyſiſchen und moraliſchen Natur iſt die Quelle dieſes Uebels. Laßt uns nun einen Schritt weiter gehen, und unterſuchen, ob er bèy dieſer Einrichtung ſeiner Natur, die Beſtimmung, die er⸗ats freyer vernuͤnftiger Geiſt erreichen ſoll, auch ſicher und gewiß erreichen kann? Die Beantwortung dieſer Frage haͤne 3 von der richti⸗ gen Beantwortung der andern Frage ab: was die Be⸗ ſtimmung des Menſchen als freyer vernuͤnftiger Ge eiſt ſey? ie rich ſch ten hel ſch urt nd on nden, . Fra 3. 8 —— Gett h jebt wird n der jeßt chkeit gende erſei⸗ unft, enwt. öſon, hmit ickelt die Veh⸗ ſiner ieſes „und otur, Feiſt nn? chti Be 7 „n* ſeh 8— 20 Der letzte Zweck des Menſchen, nach deſſen Erreichung er als ſreyer vernuͤnftiger Geiſt ſtreben kann und ſtreben ſoll, kann kein anderer ſeyn, als die hoͤchſtmögliche Annaͤherung zu moraliſcher Vollkommenheit, er mag nun dieſe Vollkommenheit aus Liebe zu reiner Tugenð, oder aus Trieb nach Glückſeligkeit ſuchen. Dieſer Annäherung zur Vollkommenheit, kann er nicht anders faͤhig werden, als wenn er ſich nach Gott dem Inbegriff aller Vollkom⸗ menheit bildet, und dieſem ſeinem Urbilb, ſo viel als iv ſei⸗ nen Kraͤften iſt, aͤhnlich zu werden ſucht. Sollte dieß wohl dem armen ſchwachen Menſchen, bey ſeinem uͤber⸗ wiegenden Haug zur Sinnlichkeit möglich ſeyn? Und wenn ihm Gott gleichwohl dieſe Beſtimmung anwies, wie konnte er ihm, vorausgeſetzt, daß die ganze jebige Ein⸗ richtung der phyſiſchen und moraliſchen Natur des Men⸗ ſchen, unmittelbar von Gott herruͤhrt, dieſe mangelhaf⸗ ten Einrichtung geben? War Gott nicht ſelbſt der Ur⸗ heber dieſes Uebels? Warum unterwarf er den Men⸗ ſchen den Folgen deſſelben? Der parteyloſe vor⸗ urtheilsfreye Denker weiß ſich, ohne Bibel, dieſe Zwei⸗ fel nicht leicht aufzulöſen. Der ſyſtematiſche Philoſoph, der durch Hypotheſen, alle kuͤcken ſeines Syſtems ſehr leicht auszubeſſern weiß, hilft ſich bald. Nein, ſagt er, der Menſch, ſo wie er von Natur iſt, iſt voͤllig gut, iſt ſeiner Beſtimmung gemaͤß eingerichtet. Der guͤtige liebevolle Gott, verlangt nie mehr von ihm, als er wirklich leiſten kann. Dieß mag ſeyn. Bringt ihn denn aber dieſe Guͤte Gottes, geſett, daß ſie ſich auch mit dem Begriff ſeiner Heiligkeit vereinigen ließe, wor⸗ an ich ſehr zweifle, ganz zum Ziel, das er erreichen ſoll? 7 . 208 ſoll? Kann ſie die Hinderniſſe heben, die ihn noch von dieſem Ziele entfernen? Mit einem Wort: Kann er bey dem uͤberwiegenden Hang ſeiner Sinnlichkeit, wirklich ſo leben, ſo handeln, daß er ſich ruͤhmen koͤnn⸗ te: ich naͤhere mich den Vollkommenheiten Gottes? Kann er bey der jetzigen Einrichtung ſeiner moraliſchen Natur reine Tugend um ihrer ſelbſtwillen ausuben? Wo lebt der Weiſe, der dieß kann? Und wie handelt der beſte und weiſeſte Menſch? Wie handeln ſeine un⸗ weiſern Bruͤder? Die Hypotheſe des Philoſophen be⸗ ruhiget mich alſo nicht. Ich finde den Menſchen von Natur nicht ſo gut eingerichtet, als er ſeyn ſollte, ſeyn muß, wenn er ſeine Beſtimmung erreichen ſoll, und hat ihn Gott urſprünglich ſo geſchaffen, ſo bemerke ich an dem Menſchen Maͤngel, die ich mit der Liebe und Weisheit Gottes nicht zu vereinigen weiß. Allein, Gott der allweiſe, der allguͤtige, ſollte dieſe Maͤngel vorſaͤtzlich in die Natur des Menſchen verwebt haben? Dieß iſt unmoͤglich. Laßt uns alſo lieber unſere Zuflucht zu ſeiner Offenbarung nehmen, und unter⸗ ſuchen, ob ſie uns einige Belehrungen uͤber unſere Zweifel mittheilt. Die moſaiſche Urkunde, die wir vor uns haben, erzaͤhlt uns: Der erſte Menſch Adam, ward nach dem Ebenbilde Gottes geſchaffen. Das heißt: er ward ſo geſchaffen, daß er ſeine Sinnlichkeit, die auf der Stuffe der Geſchoͤpfe, auf welcher er ſtand, zu ſeinem Weſen gehoͤrte, durch Vernunft jederzeit beherrſchen konnte. Er konnte alſo jederzeit gut handeln, und ſich dadurch den Vollkommenheiten Gottes und ſeiner Beſtimmung naͤhern, noch Kann hkeit, konn⸗ tes7 lſchen ben? undelt un⸗ he⸗ von „ſeyn „und ko jch und dieſe rwebt unſere nter⸗ wele aben, dem rd ſo tuffe Beſen nnte. ducch mun en, 209 nahern, allein dieß mußte er ſtets thun, wenn ſeine Vernunft die Herrſchaft uͤber die Sinnlichkeit be⸗ halten ſollte. Gott hatte ihm ausdruͤcklich angekuͤndiget, daß, wenn er von dieſem hoͤchſten Geſetz der Sittlich⸗ keit, das ihm Gott vorgeſchrieben hatte, nur einmal abweichen wuͤrde, er des Todes ſterben, das heißt, durch überwiegende Sinnlichkeit dem aͤußerſten Elend, ſelbſt bis zur Auflöſung ſeines Koͤrpers, und zum Ver⸗ luſt ſeiner ewigen Gluckſeligkeit uͤberlaſſen ſeyn wüͤrde. Ohnerachtet dieſer Drohung war er dem ihm von Gott gegebenen Geſetz ungehorſam, indem er durch Sinn⸗ lichkeit gereizt, eine Handlung begieng, die ihm Gott verboten hatte. Er erfuhr alſo auch die angedrohten traurigen Folgen ſeines Ungehorſams. Er verlohr die Herrſchaft der Vernunft uͤber die Sinnlichkeit, und ſeine moraliſche und phyſiſche Natur erlitt dadurch Zer⸗ ruttungen, welche durch die Folgen ſeines Ungehor⸗ ſams veranlaßt wurden. In dieſem Zuſtand pflanzte er ſein Geſchlecht fort. Er konnte ſeinen Nachkommen keine andere phyſiſche und moraliſche Natur mitthei⸗ len, als er ſelbſt hatte. Auch in ihnen uͤberwog daher die Herrſchaft der Sinnlichkeit die Herrſchaft der Ver⸗ nunft, und ſie konnten alſo nothwendig keiner hoͤhern Vollkommenheiten faͤhig ſeyn, als ihr Stammvater. Sie waren eben ſo unfaͤhig als er, zu dem Zwecke zu gelangen, zu dem dos menſchliche Geſchlecht urſpruͤng⸗ lich erſchaffen war, zu der naͤhern Aehnlichkeit mit Gott. Die Schriften des neuen Teſtaments beſtaͤti⸗ gen dieſe Theorie von dem natuͤrlichen Verderben des Menſchen ausdruͤcklich, wenn ſie uns an unzaͤhligen Stellen 210 Stellen verſichern, daß der Menſch von Natur zum Wenn Guten untuͤchtig und unfaͤhig ſey.(Roͤm. 3. v. 23. lins, nach Roͤm. 7. v. 18. 19. Joh. 3. v. 6. 1. Kor. 2. v. 14.) geſogt hab Die Sprache der Kirche nennt dieß Erbſuͤnde. Loßt nach Anle uns nicht ſtreiten, ob dieſe Benennung richtig iſt. dalls Warum wollten wir uͤber Worte zanken? Wenn die raum geſt Kirche ferner das Urtheil uber dieſe Erbſunde ſpricht, und Ca und die Menſchen deswegen zur Hoͤlle verbannt, ſo das Syſte iſt dieß ihre Sache, die Religion Jeſu weiß davon des menſc nichts. Allein dieß lehrt ſie uns, daß, wenn auch keine waren von poſitiven Strafen der Hoͤlle auf den bloß ſinnlichen den Zweck Menſchen warten, er doch bey ſeinen uͤberwiegenden völig er Sinnbichkeiten nie die Gluckſeligkeit eines freyen ver⸗ Golt ver nuͤnftigen reinen Geiſtes, deſſen Wahl ſtets durch die ſ diſe Fihi Vernunft geleitet wird, genießen kann, und Mangel d Manſt dieſer, Gluckſeligkeit iſt ja jederzeit Elend, Elend bald gung um im hoͤhern bald im geringern Grad; denn jedes Elend mung ni beſteht in dem Mangel deſſen, was ich als ein vernunftiger Gott erſt freyer Geiſt, wuͤnſchen muß und bedarf. Da ferner und Ba die Apoſtel Jeſu Chriſti ausdrücklich behaupten, daß dargebote der natuͤrliche Menſch nie vernimmt, was des Geiſtes verlohrn Gottes iſt; da wohl nie ein einziger Menſch in der Mittel, Welt lebt, oder gelebt bat, der ſich weiter nichts vor⸗ ſchen ſel zuwerfen hätte, als das von Adam vermittelſt des Stite Syſtems der Propagotion ihm mitgetheilte natuͤrliche eihaſt Verderben oder Unvermoͤgen ganz gut zu ſeyn; und da kein Menſch, nicht wegen dieſes Unvermoͤgens, P ſondern durch eigene Verſchuldung die Folgen der Suͤn⸗ ide de ſich zuzieht: ſo wird der Streit, ob die ſogenannte. Erbſunde die Verdammung nach ſich ziehe oder nicht, noch unnuͤtzer und uͤberfluͤßiger. Wenn 3 zum v. 23. 140) bßt tig ſſt. enn die ſpricht. nt, ſo davon h keine mlichen genden en ver⸗ ch die Rangel d bod Elend nftiger firner , daß Geiſtes in der ts vor⸗ ſt des turliche und nögens, Sun⸗ nannle nict⸗ 1 Wenn 211 Wenn wir alſo nunmehr die Begriffe unſers Glau⸗ bens, nach demjenigen, was wir im Vorhergehenden geſagt haben, ſammeln, ſo werden wir ganz einfaͤltig, nach Anleitung der Bibel glauben: Gott hat die Welt und alles was in der Welt iſt, in einem gewiſſen Zeit⸗ raum geſchaffen. Er hat auch zwey Menſchen Adam und Eva erſchaffen. Alle Menſchen ſtammen durch das Syſtem der Propagation von dieſen Stammaͤltern des menſchlichen Geſchlechts ab; dieſe Stammaͤltern waren von Gott erſchaffen, daß ſie und ihre Abkoͤmmlinge den Zweck dieſer Erſchaffung durch natuͤrliche Kräfte voͤllig erreichen konnten; durch Ungehorſam gegen Gott verlohren ſie, und mit ihnen ihre Nachkommen, dieſe Faͤhigkeit, und da durch dieſen Verluſt der Hang des Menſchen zum Boͤſen ſtaͤrker ward, als die Nei⸗ gung zum Guten: ſo wuͤrde der Menſch die Beſtim⸗ mung nie erlangt haben, zu der er urſpruͤnglich von Gott erſchaffen war, wenn nicht die Weisheit, Liebe und Barmherzigkeit Gottes ein Mittel dem Menſchen dargeboten haͤtte, dieſen Verluſt zu erſetzen, und ſeine verlohrne Wuͤrde wieder zu erhalten. Laßt uns dieß Mittel, und die Art und Weiſe, wie Gott dem Men⸗ ſchen ſolches anbietet, und was der Menſch an ſeiner Seite thun muß, wenn er der Wirkung deſſelben theilhaftig werden will, etwas genauer betrachten, F. 22. Wiederherſtellung des Menſchen zur Freyheit gut zu handeln und zu ſeyn. Wie geſchieht dieſe Wiederherſtellung, oder von der ſo ge⸗ nannten Heilsordnung. Glaube an Jeſum: D Was 312 Was er iſt? Was iſt Beruffung? Erleuch⸗ tung? Was der Menſch hierbey thun muß? Was iſt Heiligung, Reue, Buße, Beſſerung? Was wirkt hierbey der Geiſt Gottes? Was thut der Menſch hierbey aus eigenen Kraͤften? Giebt es Kennzeichen der Graͤnzlinie, welche beyderley verſchiedene Wirkungen von ein⸗ ander unterſcheidet? Kein Boͤſes, es ſey phyſiſch oder moraliſch, ſtort je⸗ mals die Abſichten und Endzwecke der goͤttlichen Weis⸗ heit, ſondern es wird jederzeit Mittel ſie zu befoͤrdern. Dieß iſt das Charakteriſtiſche der Weltregierung Gottes, die durch nichts gehemmt, durch nichts unterbrochen wird. Auch der Fall Adams, laßt uns immer dieſe alte Kir⸗ chenſprache beybehalten, ſo anſtoͤßig ſie auch der neuern Weisheit iſt, auch der Fall Adams, oder, wenn die⸗ ſer Ausdruck ja mißfaͤllt, der Sieg der Sinnlichkeit uͤber die Vernunft, ward ein neues Mittel, Weisheit, Liebe und Barmherzigkeit Gottes, in einem hoͤhern vollkommnern Glanz, den Myriaden ſeiner reinen un⸗ ſuͤndigen Verehrer und Anbeter zu offenbaren. Der Menſch, der durch eigene Schuld ungluͤckſelige Menſch, ſollte nicht ewig ungluckſelig ſeyn, er ſollte bey aller Unvollkommenheit ſeiner moraliſchen Natur, wenn er nur ſelbſt wollte, wieder derjenige werden koͤnnen, der er urſpruͤnglich ſeyn ſollte, rein, heilig und wohlgefaͤllig in den Augen des heiligſten und gerechten Gottes. Dieſe Wiederherſtellung des Menſchen zu bewirken, dieß war die vorzuglichſte Abſicht der Sendung Jeſu in die Welt. Dieß verſichert Jeſus ſelbſt, wenn er ſagt, 5 ſwyt, daß uf daß a en werd Dieſe aus z.v. 10) Jeſum C und thut, und zu th ſühig wird das Mitt ſchlechts; heiliger G Menſch m lel zu ſeine geſchiehtd lich ausäb jenigen, v zweyerley meſſen, und es fi woß hao erkant und ich an mich be ſ diß Go des Me wilu lchen 213 leuch ſagt, daß Gott ſeinen eingebornen Sohn gab, muß? auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloh⸗ rung? ren werden, ſondern das ewige Leben haben. Was Dieſe ausdruckliche Verſicherung Jeſu Chriſti(Joh. ſten? 3. v. 10.) kann nichts anders enthalten, als daß durch welche Jeſum Chriſtum der Menſch⸗wenn er dasjenige glaubt ein⸗ und thut, was Chriſtus und ſeine Apoſtel zu glauben und zu thun gelehrt haben, der Beſtimmung wieder faͤhig wird, zu welcher er urſpruͤnglich erſchaffen war: das Mittel dieſer Wiederherſtellung des Menſchenge⸗ ſürden. ſchlechts zu ſeiner urſprͤnglichen Wuͤrde reiner und Colte, beiliger Geſchoͤpfe iſt alſo Glaube an Jeſum. Der Menſch muß es in ſeiner Gewalt haben, dieſes Mit⸗ te ir⸗ tel zu ſeinem Vortheil anzuwenden. Dieſe Anwendung geſchieht dadurch, daß der Menſch dieſen Glauben wirk⸗ lich ausuͤbt. An Chriſtum glauben, begreift nach dem⸗ nn die⸗ jenigen, was Chriſtus und ſeine Apoſtel davon lehren, zweyerley in ſich: Erſtlich, demjenigen Glauben bey⸗ meſſen, was Chriſtus und ſeine Apoſtel gelehrt haben, ih und es fuͤr wahr halten. Zweytens: demjenigen ge⸗ 4 maͤß handeln, was man durch dieſe Lehre fuͤr wahr erkannt hat. Wenn alſo Chriſtus ſagt: Ich bin in die Welt gekommen, die Suͤnder ſelig zu machen; „olt und ich bin die Auferſtehung und das Leben, wer ve an mich glaubt, der wird leben, ob er auch ſtur⸗ un, der be: ſo glaubt der Chriſt ohne Zweifel und Furcht, geſili daß Gott ohnerachtet der Sunden und Vergehungen Gotis des Menſchen, ſelige Unſterblichkeit ihm um Chriſti wife willen dereinſt werde mittheilen, und alſo die ſchaͤd⸗ 3 lichen Folgen ſeiner begangenen Suͤnden von ihm ab⸗ wenn it wen⸗ ſogh 214 wenden will. Allein er glaubt dieß in Verbindung mit einer andern kehre Jeſu: Ihr ſeyd meine rech⸗ ten Juͤnger, wenn ihr thut, was ich euch gebie⸗ te, und er weiß alſo, daß er ſich die erſte Lehre Jefu nicht zueignen kann, wenn er nicht auch die zweyte annimmt, und dasjenige getreu thut, was die Lehre Jeſu von ihm fordert; nämlich: Du ſollſt lieben Gott deinen Herrn von ganzem Herzen, von ganzer Seele und aus allen Kräften, und deinen Naͤchſten als dich ſelbſt, und was du willſt, daß dir die Leute thun ſollen, das thue ihnen auch. Dieß iſt die wahre und eigentliche Beſchaffenheit des Glaubens an Je⸗ ſum, und wenn ihr ſo viel davon wißt, ſo wißt ihr genug. „Wie dieſer Glaube in euch entſteht und entſtehen kann?“ Ratuͤrlich muͤßt ihr ihn erſt hiſtoriſch wiſſen. Ich kann keinen Begriff von einer Sache haben, die ich nicht entweder durch meine Sinne oder durch Zeugniſſe oder durch Vernunftſchluſſe kenne. In dem hier an⸗ gebenen Fall hat nur die zweyte Quelle ſtatt. Die biſtoriſche Kenntniß des Glaubens an Jeſum verſchafft euch die Bibel, und der Unterricht. Durch dieſe hiſto⸗ riſche Kenntniß wird der Menſch zuerſt auf dasjenige aufmerkſam gemacht, was die Beſchaffenheit ſeiner eigenen Moralitaͤt anbelangt. Sie umfaßt die ganze Geſchichte der Lehren der Religion. Die Kirchenſprache nennt dieß die Beruffung. Ich kann eine Sache hiſtoriſch wiſſen, und ſie auch fuͤr wahr halten, ohne daß dieß einen Einſtuß auf meine Handlungen hat. Soll aber die Kenntniß der me en del au indung e rech⸗ gebie⸗ Re Jefu zwayte ie Khte ſt lieben nganzer Nichſten die Keute ie wahre an Je⸗ r genig. ntſtehen wiſſen. , die ich Zeugniſe hier an Die erſchaft eſe hiſo usjenige it ſeiner ie gane npruche und ſe Einſuß ennrnß 66 L* 215 der Sache, die ich als wahr glaube, einen Einfluß auf meine Handlungen haben, ſo muß ich daruͤber nachdenken. Ich muß das Verhältniß beurtheilen, das zwiſchen mir und dieſer Sache iſt. Ich muß pruͤfen, in wie fern es mir nuͤtzlich oder ſchaͤdlich ſeyn kann, meinem Glauben an dieſer Sache gemaͤß, oder ihm entgegen zu handeln. Ich kann auf dieß Nach⸗ denken durch mich ſelbſt, oder durch fremde Anregung außer mir geleitet werden. Im erſten Fall wirke ich durch eigene, im andern durch fremde Kraft. Wenn ich alſo hiſtoriſch weiß, Chriſtus iſt in die Welt ge⸗ kommen, die Suͤnder ſelig zu machen, und ich denke daruͤber nach, in wie fern geht dieß auch mich an, und ich finde ſodann: auch ich bin ein Suͤnder, auch ich bedarf eines Seligmachers, und es muß dieß oder jenes geſchehen, wenn ich mich dieſes Seligmachers erfreuen will: ſo wird dieß Nachdenken theils durch meine ei⸗ gene Kraft, theils durch fremden Vortrag oder Ein⸗ wirkung mich uberzeugen, daß ich mich des von Gott angebotenen Mittels bedienen muß, wenn ich von der Herrſchaft der Suͤnden frey werden will. Die Kir⸗ chenſprache nennt dieß die Erleuchtung, und ſie ſchreibt ſie mit Recht dem heiligen Geiſt zu, wenn ſie dabey vorausſeßt, daß dieſer Geiſt Gottes, nicht durch übernatuͤrliche, ſondern bloß natuͤrliche Mittel auf den Geiſt des Menſchen wirkt. Ich kann wiſſen und glauben, daß ich durch Chri⸗ ſtum allein gerecht werde. Ich kann ſehr viel daruͤber nachgedacht haben, wie ich es anfangen muß, wenn ich dieſer Seligkeit durch Chriſtum theilhaſtig werden will. 216 will. Ich kann von der Nothwendigkeit bie hierzu er⸗ forderlichen Mittel anzuwenden uͤberzeugt ſeyn. Dieß alles wird mir wenig helfen. Ich muß nothwendig anfangen, ſelbſt zu handeln. Ich muß die Mittel nunmehr auch wirklich anwenden. Ich muß den Weg der Tugend und Rechtſchaffenheit, der durch Erfüllung der Pflicht zu Erlangung der Seligkeit fuhrt, auch wandeln, wenn ich ihn durch mein Rachdenken aus⸗ findig gemacht habe; ich muß alſo dasſenige thun, was ich nach der Lehre Jeſu thun ſoll, alles, was gut, edel und recht iſt, ich muß alles dasjenige unterlaſſen, was ich nach der Lehre Jeſu unterlaſſen ſoll, alles, was boͤſe und ſuͤndlich iſt. Ich muß alſo vor allen Dingen, wiſſen, was Suͤnde iſt, und ob ich das, was ſuͤndlich iſt, thue; dieß iſt Erkenntniß der Suͤnde. Suͤnde muß ich nothwendig verabſcheuen, wenn ich gut han⸗ deln will, auch wenn ich ſie an mir finde. Dieß iſt Reu und Leid uͤber die Suͤnde. Aber huͤtet euch dieſe Reue und Leid in aͤußerlichen Geſtikulationen und Ce⸗ remonien zu ſuchen. Ihr Weſentliches iſt Verabſcheu⸗ ung der Suͤnde, alles uͤbrige iſt zufaͤllig. Buße iſt ein ſehr unbequemer Ausdruck dieſe Reue zu bezeichnen. Sie hat im richtigen Verſtand des Wortes, nur als⸗ denn ſtatt, wenn ich mich bemuͤhs, das von mir ge⸗ ſchebene Boͤſe wieder gut zu machen. Dieß iſt nicht immer moͤglich, und ich bin alſo nur in den Faͤllen zur Buße, im eigentlichen Sinn des Worts, verbunden, wenn ich dieſen Erſatz leiſten kann. Verabſcheuung der Suͤnde kann daher auchohne Buße ſtatt haben. Haupt⸗ ſaͤchlich muß ich mich vor dem Irrthum huͤten, daß ſie ſi Ich mic zu er⸗ Dieß vendig Nittel nWeg füllung , auch n aus⸗ chun, as gut, rloſſen, 8, was ingen, indlich Suͤnde t han⸗ iß iſ ch diſe nd Ce⸗ bſchel⸗ wße ſſt ichnen. ur als⸗ nir R⸗ ſnicht ſen jur unden, ung der haupt⸗ doß ſe t 217 ſie in gewiſſen aͤußerlichen Formalitäten beſtehen koͤnne. Ich kann nichts verabſcheuen, ohne den feſten Vorſatz, mich ganz von dieſer Sache zu trennen, und zu entfer⸗ nen. Dieß geſchieht, indem ich mich dem Gegentheil naͤhere. Faſſe ich bloß die Entſchlieſſung hierzu, ſo iſt dieß Vorſatz der Beſſerung. Vorſatz der Beſſerung iſt noch nicht wirkliche Beſſerung, ſondern dieſe beſteht in der wirklichen Ausfuhrung des Vorſatzes. Zu die⸗ ſer Ausfuͤhrung wird eigenclich die Anwenbung meiner eigenen moroliſchen Kraft erfordert. Dieſe wächſt, jemehr ich ſie anſtrenge. Sie kann aber auch durch fremde Kraft noch mehr verſtaäͤrkt werden. Die Kirche behauptet dieß, und nennt es Einwirkung des heiligen Geiſtes, und wenn ich nicht annehmen will, daß das⸗ jenige, was Chriſtus und ſeine Apoſtel von dem Bey⸗ ſtand des heiligen Geiſtes zu Vollbringung des Guten lehren, ein unverſtändliches Wortgetoͤne ſey: ſo muß ich eingeſtehen, daß die Kirche recht lehrt, ſo wenig auch dieſe Behauptung mit der Denkungsart unſers Zeitalters uͤbereinſtimmen mag. Lehrt mich aber an⸗ noch ein gewiſſes inneres Geſuͤhl, daß der Geiſt Got⸗ tes meine Kraft zum Guten immer mehr und mehr ſtarkt, oder, nach dem Ausdruck der Bibel: in mir. wohnt, ein Gefuhl, von deſſen Daſehn ich freylich einen Dritten nicht uͤberzeugen, und ihn alſo auch nicht wi⸗ derlegen kann, wenn er mich Schwaͤrmer nennt; ſo bin ich von der Gewißheit der kehre der Kirche vollig uͤberzeugt. Alle dieſe verſchiedenen Grade, von ber Erkennk⸗ niß der Suͤnde bis zur wirklichen Beſſerung, begreift dis 218 die Kirchenſprache unter dem Namen der Heiligung. Ihr habt alſo hier einen kurzen Abriß der ſo genann⸗ ten Heilsordnung, eine Sache die wahr iſt, ſo ver⸗ kehrt man ſie auch oftmals vorgetragen und verſtanden hat, und ſo verſchrien dieſer Ausdruck in unſern Zeiten iſt. Iſt denn nun aber jedem Chriſten dieſe ganze Lehre der Heilsordnung zu wiſſen noͤthig, wenn er ſelig wer⸗ den will? Gewiß nicht, der wenigſte Theil ſogar kann ſie faſſen, und was er davon nachſagt, ſind leere Toͤne. Seine Theorie von der Sache mag alſo ſo mangelhaft ſeyn als ſie will, wenn nur ſeine Praxis vollſtaͤndig iſt. Wenn er ſeiner Heiligung gemaͤß handelt, ſo iſt ſie vollbracht. Aber der aufgeklaͤrte Chriſt, und ich hoffe, daß ihr euch zu dieſer Klaſſe rechnen wollt, muß ſich allerdings vichtige Vorſtellungen von allen dieſen Begriffen zu machen ſuchen, um dadurch bey ſeinem wirklichen Streben nach chriſtlicher Vollkommenheit geleitet, und dadurch der Erteichung ſeiner Abſicht naͤher gebracht zu werden. Es ſind noch einige Fragen und ihre Beantwor⸗ tungen nothwendig, wenn wir dieſen Gegenſtand nach ſeinem ganzen Umfang betrachten wollen. Was iſt Kraft des Menſchen, was iſt Kraft des Geiſtes Gottes, vorausgeſetzt, daß ſie wirkt, bey dieſem Geſchaͤffte der Heiligung? Wirken dieſe Kraͤfte getheilt, oder vereint? Wirken ſie bey Nichtchriſten eben ſo wie bey den Chriſten, oder wirken ſie bey erſtern auf andete Art? Eigentlich ſcheinen dieſe Fragen mehr von der Nengierde und Spekulatiensſucht aufgeworfen zu ſeyn, als daß die Rothwendigkeit der Sache ſie erfor⸗ dert. ung. enann⸗ ſo ver⸗ ſanden eiteniſt. elehre ig wer⸗ r kann eTone. ngelhaſt ſtaͤndig „ſoiſt und ich ſ muß dieſen ſinem nerheit tniher nwot⸗ d nach zas ſſt eiſtes ieſem Kriſte heiſſen erſtern umeht vorfin eerſor dert⸗ —— 219 dert. Allein da die beſcheidene Unterſuchung dieſer Fragen, und ihre richtige Beantwortung, in ſo weit ſie der menſchlichen Vernunft moͤglich iſt, vor vielen ge⸗ wöhnlichen Irrthuͤmern bewahren kann, und dadurch einen bedeutenden Einfluß in das praktiſche Chriſten⸗ thum hat, daß ſie den Menſchen auf dasjenige auf⸗ merkſam macht, worauf es bey ſeinem Streben nach moraliſcher Vollkommenheit vorzuͤglich ankommt, ſo konnen ſie nicht ganz mit Stillſchweigen übergangen werden. Die Bekenner der chriſtlichen Religion haben ſich größtentheils in unſern Zeiten in Anſehung der erſten Fragen in zwey Parteyen getheilt. Wenn die eine bey dem Geſchaͤffte der Beſſerung alles von der eigenen moraliſchen Kraft des Menſchen erwartet: ſo verſetzt ihn die andere Partey in einen gaͤnzlichen Stand der Ohnmacht, und Unthaͤtigkeit, und ſchreibt alles Gott zu. Die Schrift lehrt uns, daß auch hier Wahrheit auf der Mittelſtraße zwiſchen beyden Parteyen zu fin⸗ den ſey. Sie lehrt uns ausdrucklich: welche der Geiſt Gottes treibet, die ſind Gottes Kinder; Gott iſts der in ench wirkt, beyde, das Wollen und das Vollbringen nach ſeinem Wohlgefallen. (Phil. 2. v. 13.) Sie ermuntert uns aber auch: Uebe dich ſelbſt in der Gottſeligkeit.(1. Tim. 4. v. 7.) Jaget nach dem Frieden gegen jedermann in der Heiligung(Ebr.1 2v. 14.) Nach dem der euch be⸗ ruffen hat, ſeyd auch ihr heilig in allem eurem Wandel.(1.Petr. 1.v. 15.) Ich glaube alſo und bekenne, mit dem alten oſt verkannten kuther, daß ich niche 220 nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jeſum Chri⸗ ſtum meinen Herrn glauben oder zu ihm kommen kann, ſondern daß der heilige Geiſt, mich bey Jeſu Chriſto erhaͤlt, daß ich aber auch ſelbſt in einem neuen Leben wandeln muß.„Aber was wirkt denn nun eigentlich dor Geiſt Gottes in mir, und was iſt Wirkung meiner eigenen Kraft?“ Brauch, ich denn dieß zu wiſſen? Braucht denn der Kranke die Beſtandtheile zu wiſſen, aus welcher die Arzney zuſammengeſetzt iſt, die ihn heilen ſoll, wenn er geſund werden will? Genug er weiß doch, daß die Arzney die Urſache iſt, daß er ge⸗ ſund wird. Und antwortet nicht Chriſtus ſelbſt dem Rikodemus, der eben ſo thoͤricht fragt, als ich: der Wind blaͤst wo er will, und du hoͤreſt ſein Sauſen wohl, aber du weißt nicht von wannen er kommt, und wohin er faͤhret: alſo iſt ein jeglichtr, der aus dem Geiſt geboren wird. Mit dieſer Antwort wollen wir uns begnügen, ohne uns zu bekuͤmmern, ob wir einen ſo genannten Durchbruch an uns und andern Chriſten wahrnehmen koͤnnen oder nicht. Die Frage: ob der Geiſt Gottes in den Nichtchriſten wirkt, und wie er wirkt? waͤre ganz thoͤricht und unnuͤtz, da der erſte Theil dieſer Frage keinen Einfluß auf uns hat, und wir in Anſehung des zwenten Theils nicht einmalwiſſen, wie dieſer Geiſt Gottes in uns wirkt, wenn nicht die verkehrten Beantwortungen dieſer Fragen, zu der ſo genannten Verdammung der tugendhaften Hei⸗ den die Veranlaſſung gegeben haͤtte. Solltet auch ihr alſo noch in unſern Tagen auf Auguſtine unſere Zei⸗ ten ſtoßen, die Millionen weit beſſerer Menſchen, als ſie — Chri⸗ kann, hriſto ben entlich meiner iſſen? wiſſen, ie ihn nug er er ge⸗ dem det auſen „und dem ir uns nen ſo riſten der wie erſte und iſſen, ht die der ſ Hei⸗ h ihr als ſe 221 ſie ſind, bloß deswegen in die Holle verweiſen, meil ſie nicht getauft wurden und keine ſymboliſchen Buͤcher kannten: ſo vergeßt nie den weiſen Ausſpruch Petri, daß Gott die Perſon nicht anſieht, ſondern, daß aus allerley Volk, wer recht thut, ihm angenehm iſt, und da alle Menſchen durch Chriſtum ſelig werden; und kein Menſch ohne Beyſtand des Geiſtes Gottes hin⸗ längliche Kraft zum Guten beſitzt, oder nach dem Aus⸗ ſpruch Chriſti, in das Reich Gottes kommen kanu, er werde denn aus dem Geiſt Gottes geboren: ſo glaubt mit mir einfaͤltig, daß auch in dem Herzen des Juden, des Mahomedaners, des Heiden, der Geiſt Gottes wirkt, ohne daß es einer Taufe und eines äußerlichen Religionsbekenntniſſes bedarf. Ich wuͤrde den Gegenſtand, den ich bisher behan⸗ delt habe, ganz verlaſſen koͤnnen, wenn nicht die vielen falſchen Begriffe, welche man unter den meiſten Be⸗ kennern der chriſtlichen Religion, uͤber die Art und Weiſe bemerkt, wie der Menſch zu der chriſtlichen Vollkommenheit, nach welcher er ſtreben ſoll, gelangen muß, zu ſo mannigfaltigen Irrthuͤmern des prakti⸗ ſchen Chriſtenthum die Veranlaſſung wären. Vor dieſen Irrthuͤmern muß ich euch warnen, und euch auch alſo noch kurzlich mit dieſen Irrthuͤmern bekannt machen. F. 23. Verſchiedene unrichtige Vorſtellungen, welche ſich die Menſchen von der Art und Weiſe machen, zur chriſtlichen Heiligung zu gelan⸗ gen. Falſcher Begriff vom Glauben. Glau⸗ bens⸗ 2 2 2 benseinigkeit, in wie fern ſie moͤglich iſt. Tren⸗ nung des Glaubens und der Werke. Falſche Begriffe von der Buße. Kurzer Abriß der Lehre von der Rechtfertigung. Charakteriſtik der wahren Bekehrung nach den individuel⸗ len Lagen der Perſonen. Traͤume der Myſtik. Alle diejenigen Irrthuͤmer, uͤber welche ich euch in dem Folgenden einige Belehrungen und Warnungen mittheilen will, ſind freylich nicht erſt von mir bemerkt worden. Ihr findet ſie ſchon faſt in jedem guten ver⸗ nuͤnftigen Religionsunterricht, mit den Gegenmitteln die ihnen vorbeugen ſollen, angeführt. Wenn ich ſie euch hier kurz wiederhohle, ſo geſchieht es aus keiner andern Urſache als deswegen, weil ohnerachtet der oͤftern Belehrungen und Warnungen, ſo die guten Re⸗ ligionsſchriften dagegen enthalten, der Hang zu dieſen Irrthuͤmern immer noch ſehr weit ausgebreitet iſt, und wirklich mehr waͤchſt als abnimmt. Alle dieſe Beleh⸗ rungen und Warnungen koͤnnen daher nicht oft genug wiederhohlt werden, und ich wuͤrde glauben, eines der wichtigſten Stuͤcke aus meinem Unterricht fuͤr euch weggelaſſen zu haben, wenn ich euch nicht auf dieſe Irrthuͤmer aufmerkſam zu machen bemuͤht geweſen waͤre; aber nur kurz werde ich ſie beruͤhren. Es iſt unbegreiflich, wie derjenige, der ſich mit dem bloßen Namen des Chriſten begnuͤgt, oft lieber die ſchwerſten Ketten, der Vorurtheile, des Aberglaubens, der Unwiſſenheit, des haͤrteſten Zwanges ertraͤgt, wie er lieber die groͤßten Beſchwerden duldet, ehe er ſich dem ſanften Joch der Geſetze, deren Beobachtung das wahre vrh ſſt u pin gen Ch Er thu alte die lich wi Tren⸗ alſche der riſik iducl⸗ Nyſti. ch euch ungen emerkt en ber⸗ mitteln keiner et der Re⸗ dieſen ſt, und Beleh⸗ genug s der ech f diſe weſen it dem r die bens, wie ſich das wahte 32 2 223 wahre Chriſtenthum von ihm fordert, unterwirſt. Es iſt unglaublich, was er ſich fuͤr Traͤume und Hirnge⸗ ſpinſte erſinnt, um in ſeinen eigenen und fremden Au⸗ gen das zu ſcheinen, was er eigentlich nicht iſt, ein Chriſt, nach dem wahren richtigen Sinn dieſes Worts. Er peiniget ſelbſt ſeine Sinnlichkeit, damit er nur dieſe Sinnlichkeit, auf diejenige Art, die ihm die liebſte iſt, befriedigen kann. Aus dieſer Quelle floß das Moͤnch⸗ thum, die Formularreligion, die ganze Ascetik der alten und neuern Zeit, der Blutdurſt der Inquiſition, die Barbarey des Mittelalters, mit allen ihren abſcheu⸗ lichen Folgen. Bey allen dieſen Gegenſtaͤnden wollen wir uns nicht aufhalten. Nur die falſchen Begriffe, die ſich der Menſch ſo verſchiedentlich von der Art und Weiſe macht, wie er am leichteſten, oder am ſicher⸗ ſten ſo werden koͤnne, daß er Gott wohlgefaͤllig ſey, und an den Verheißungen Antheil nehmen moge, welche das Chriſtenthum ſeinen wahren Bekennern verſpricht, erfordert jetzt vorzuglich unſere Aufmerkſamkeit. Der erſte falſche Begriff, den wir bemerken, iſt der Begriff vom Glauben. Freylich ein Wort, uͤber welches ſchon ſo viel geſagt und geſchrieben worden iſt, und wovon doch die wenigſten Menſchen eine richtige Vorſtellung haben, uͤber welches ſie ſo verſchieden denken, daß es der eine fur Pflicht haͤlt, alles zu glauben, was er gelehrt wird, und der andere es als ein Vorrecht eines Weiſen behauptet, nichts zu glauben. Die erſte Verſchiedenheit der menſchlichen Mey⸗ nungen in Anſehung des Glaubens aͤußert ſich darin, daß man nicht einig iſt, was das heißt, an Chriſtum glau⸗ ben. 224 ben. Wenn die eine Partey zu dieſem Glauben eine Menge dogmatiſcher Sätze rechnet, welche ſie auf Aus⸗ ſpruͤche der heiligen Schrift gruͤndet, ſo verwirft die andere Partey dieſe Saͤtze ganz oder doch groͤßtentheils, und rechnet nichts zum Glauben, als was den Aus⸗ ſpruͤchen ihrer Vernunft gemaͤß iſt, und mit dieſen Ausſpruͤchen ſucht ſie dann die Offenbarung in Ueber⸗ einſtimmung zu ſetzen. Ich habe mich bereits im Vor⸗ hergehenden erklaͤrt, worin mein Glaube beſteht, und was, nach meiner Meynung, zum wahren Glauben an Chriſtum gehoͤrt, naͤmlich Glaube an dasjenige, was er und ſeine Apoſtel ausdruͤcklich von ihm bezeugen; Glau⸗ be an die Wahrheit ſeiner Lehre und die daraus entſte⸗ hende Befolgung derſelben. Ich habe alſo hier nichts weiter hinzuzufugen. So lange indeſſen die verſchiede⸗ nen Kirchenparteyen, den Glauben an Chriſtum, auf gewiſſe Saͤtze einſchraͤnken werden, die man als wahr annehmen muß, wenn man ſelig werden will: ſo lange bleibt keine Hoffnung uͤbrig, daß die chriſtliche Reli⸗ gion unter allen ihren Bekennern ein allgemeines Band der Liebe, der Vertraͤglichkeit und der Einigkeit ſeyn, und allgemein dasjenige wirken wird, was ſie eigent⸗ lich wirken ſoll, allgemeines hoͤheres Wochsthum der chriſtlichen Vollkommenheit und dadurch befoͤrderte Gluͤckſeligkeit dieß⸗ und jenſeit des Grabes. Nur dann, wenn man anfangen wird, das Weſentliche des Glau⸗ bens an Chriſtum, in die getreue Befolgung ſeiner Lehre zu ſeßen, und ihn auf ſein eigenes und ſeiner Apoſtel Zeugniß, als die einzige Quelle aller menſchen Gluckſeligkeit anzuſehen, die Art und Weiſe aber, wie er we ch ehl en eine f Aus⸗ irft die nheils, en Aus⸗ it dieſen Ueber⸗ m Vol⸗ ht und Hlauben o was er Glau⸗ s entſie⸗ r nichts ſchiede⸗ n, auf 6 wohr ſo longe he Ril⸗ sBond it ſeyn eigent⸗ um del forderte ur dann, s Glol⸗ g ſeiner d ſeiner nnſchen er, nie it 225 er dieß iſt, ohne es entſcheidend feſtſetzen zu wollen, dem Urtheil und dem Gewiſſen eines jeden denkenden Chriſten uͤberlaſſen wird; wenn man nicht Ausſpre⸗ chung gewiſſer Formulare, ſondern Beſchaffenheit der Geſinnung, als das wahre oder falſche Glaubens⸗ bekenntniß des Chriſten annehmen wird, nur dann wird auch der Geiſt der ſo wohlthaͤtigen Religion Jeſu Chriſti uͤberall wehen, und der denkende ſowohl, als der bloß handelnde Chriſt, wird zu demjenigen Grad der Aufklaͤrung in Religionsſachen gekommen ſeyn, welchen Vernunft und Schrift von ihm fordern. Dieß iſt der große gemeinſchaftliche Plan, welchen ſich alle chriſilichen Religionsparteyen zu vereinigter Ausfuͤhrung entwerfen ſollten, und welchen ſie auch, ohnerachtet der verſchiedenen Glaubensmeynungen, gewiß ausfuh⸗ ren koͤnnten. Dieß iſt die Einigkeit des Glaubens, welche ſie ſich zu erreichen bemuͤhen ſollten, und nur auf dieſe Art iſt es moͤglich, daß eine Heerde und ein Hirte ſeyn kann. Alſo nicht Einigkeit der Lehre, ſondern Einigkeit der Geſinnungen und Handlun⸗ gen, iſt das große Ziel eines jeden Chriſten, ſein Sek⸗ tenname ſey welcher er wolle. Einigkeit der Lehre hat Chriſtus nie von ſeinen Bekennern gefordert. Sie iſt wenigſtens hier in unſerer Welt nicht moͤglich, und viel⸗ leicht iſt ſie es auch nicht in einem andern vollkommnern Syſtem. Aber Einigkeit der Geſinnungen fordert er. Ihr ſeyd meine Freunde, wenn ihr thut, was ich euch gebiete.(Joh. 15. v. 14) Das gebiete ich euch, daß ihr euch unter einander liebet.(Joh. 1. v. 17.) Wollt ihr alſo euch eines wahren Glaubens an 226 an Chriſtum ruͤhmen, ſo befleißiget euch, ſeine Gebote zu halten, und freuet euch, in jedem Menſchen, der gleiche Geſinnung hegt, einen wahren Chriſten zu fin⸗ den, er mag in der Kirchenſprache heißen, wie er will. Brandmarkt man euch mit dem Namen des Indiffe⸗ rentiſten, des Latitudinariers,ſo troͤſtet euch damit, daß euer Werth nicht von dem Urtheil der Menſchen abhaͤngt. Werdet ihr den richtigen Begriff des Glaubens an Chriſtum, den ich in dem Vorhergehenden ange⸗ geben habe euch eigen gemacht haben, ſo wird es euch nie einfallen, den Glauben von den Werken zu tren⸗ nen, und es wird euch unbegreiflich ſeyn, wie von zwey Kirchenparteyen, die eine auf die guten Werke zu viel, und die andere zu wenig Werth ſetzen koͤnnen. Der reinſte orthodore Glaube taugt nichts ohne gute Werke, und gute Werke laſſen ſich vom Glauben ſo wenig abſondern, als Waͤrme von dem Strahl der Sonne. Jedoch beyde Theile ſind ja ſchon hieruͤber groͤßtentheils einverſtanden. Moͤchten ſie es doch nur auch uͤber eine Menge anderer unnuͤtzer Streitfragen ſeyn! Moͤchte z. B. jeder Theil reine Begriffe, richtige Vorſtellung von der ſo genannten Buße haben. Wir wollen uns indeſſen nicht um fremde Jerthuͤmer be⸗ kuͤmmern, wir wollen bey unſeren eigenen ſtehen blei⸗ ben. Ich habe einiges uͤber dieſen Gegenſtand ſchon oben beruͤhrt, und einen falſchen Gebrauch dieſes Wortes bemerkt. Hier will ich nur von dem praktiſchen Ein⸗ fluß dieſes Gebrauchs noch etwas hinzufuͤgen. Die ganze gewoͤhnliche Theorie von der Buße, wie ſie in dem gewoͤhnlichen Religionsunterricht angegeben wird, ſollte ———,——— der un Ke tri Liil bin ſo! nůͤ wa der des vo eGebole en, der nzu fin⸗ et will. mit daß obhingt. Flaubens Nn ange⸗ d es euch nzu tren⸗ von zweh Berke z konnen, hne gute aben ſo trchl der hierüber doch nur eitfragen erichige en. Wir mer be⸗ hen hlei⸗ chonoben Wortes hen Ein⸗ n Di en wird lte 227 ſollte man umſchmelzen. Man ſollte die Lehre von der Buße da anfangen, wo man gemeiniglich aufhoͤrt, von der Freudigkeit eines guten Gewiſſens. So lange man noch Buße als ein beſchwerliches unaugenehmes Geſchaͤfft ſchildert, ſo lange man die Kennzeichen dieſes Geſchaffts, in Traurigkeit und Be⸗ truͤbniß ſetzt, ſo lange man gewiſſe Caſteyungen des Leibes, gewiſſe aͤngſtliche, leere Ceremonien damit ver⸗ bindet, ſo lange man ſich Buße ohne Beſſerung denkt: ſo lange iſt Buße ein leeres nichts bedeutendes Wort, ſo lange iſt das Geſchafft derſelben unnatuͤrlicher, un⸗ nützer Zwang. Wenn aber Buße Vorbereitung zu wahrer Bekehrung iſt, wenn ſie ſich auf Kenntniß von der Wuͤrde der Tugend, auf Empfindung des Schoͤnen, des Erfreulichen der Tugend, auf innere Ueberzeugung von der Schaͤndlichkeit und den uͤbeln Folgen der Laſter gruͤndet: dann iſt ſie das nur im Anfang ſchwere, im Fortgang immer leichter werdende, und am Ende er⸗ freulichſte Geſchaͤffte des Chriſten; dann aͤußert ſie ſich nicht durch Seufzen und Thraͤnen, durch Caſteyung des Leibes, durch eitle leere Gebraͤuche, ſondern durch Scham uͤber die begangenen Suͤnden, durch Abſcheu vor jedem Loſter, durch eifriges Beſtreben nach Tugend und Rechtſchaffenheit, durch freudiges Gefuͤhl der Va⸗ terliebe Gottes. Es iſt ſodenn nicht periodiſches, ſon⸗ dern tägliches liebſtes Geſchaͤfft des Chriſten, ſich ſelbſt zu pruͤfen, auch den kleinſten Fehler zu verbeſſern und zu vermeiden. Ungeſaͤumte Rukkehr zur Tugend bey jeder Abweichung, die uns von ihr trennt, iſt ſodann P2 das 228 das ſicherſte Kennzeichen, daß wir richtige Begriffe von demjenigen haben, was wir Buße nennen. Huͤtet euch alſo in Anſehung der falſchen herrſchen⸗ den Begriffe von der Buße, daß ihr ſie nie von der Beſſerung trennt, ſie nie als ein ſchweres unangeneh⸗ mes Geſchaͤfft anſeht, ſie nie in Gebraͤuche und Ce⸗ remonien, ſondern in die wahre Herzensaͤnderung ſetzt, die Selbſtprůfung als den wichtigſten Theil derſelben kei⸗ nen Tag unterlaßt, von ihr bey euren Nebenmenſchen nie nach äußerlichen Kennzeichen, nie nach eurem Ge⸗ fuͤhl urtheilt. Fangt ſie nicht von Reu und Leid uͤber die Suͤnde an: lernt erſt den Werth der Tugend ken⸗ nen und fuͤhlen, denn eher koͤnnt ihr die Abſcheulichkeit der Suͤnde nicht beurtheilen, und eine Sache, die ihr nicht richtig beurtheilen koͤnnt, kann ja auch keinen dauer⸗ haften Eindruck auf euch machen. Die wahre Urſache, warum ſo wenig Menſchen mit gutem Erfolg an ihrer Beſſerung arbeiten, iſt vorzuglich dieſe, weil man ſie von Jugend auf gelehrt hat, nach erlernten Gefuͤhlen, nicht nach eigener richtiger Empfindung dabey zu han⸗ deln. Man ſagt ihnen zu viel von der Abſcheulichkeit der Suͤnde vor, und macht ſie zu wenig mit den Freuden und Vortheilen der Tugend bekannt. Sie glauben alſo alles gethan zu haben, wenn ſie die erſte, trotz alles Widerſpruchs ihrer Sinnlichkeit verabſcheuen, und ihr Abſcheu erliegt zu oft unter ihrer Sinnlichkeit. Die Tugend kennen ſie nur von ihrer beſchwerlichen Seite, ſie näͤhern ſich alſo ihr nur mit Zwang, und nur langſam ruͤcken ſie auf dem Wege der Beſſerung fort. Alle Vortraͤge des geiſtlichen Lehrers von der Zer⸗ erkn Suͤn moge Suͤr ſchle be kein der( Freu dem Soͤ lich Beſ ollen vor d esi mit geg ſchn die dun de, der tes ſelb noc o Vo d hi grife chen⸗ a der gench⸗ d Ce⸗ ſitt, n kei⸗ ſchen n Ge⸗ uͤber dken⸗ ichkeit ie ihr auer⸗ ſache, ihrer an ſe hlen, hon⸗ chkeit euden nalſo lles und hkeik⸗ ſchen und runh 229 Zerknirſchung des Herzens, der Demuͤthigung des Suͤnders vor Gott, dem großen Verderben und Unver⸗ moͤgen des Menſchen zum Guten, der Angſt uͤber die Suͤnde, der Furcht vor dem allwiſſenden Richter, ver⸗ fehlen ihres Zwecks, koͤnnen hochſtens nur bald vor⸗ uͤbergehende Eindruͤcke machen, wenn der Zuhorer keinen Begriff, keine Kenntniß von dem Werth und der Gluckſeligkeit der Tugend, von der Heiterkeit und Freude eines guten Gewiſſens hat. Lernt er ſich aus dem Vortrage ſeines Lehrers von der Wahrheit dieſer Saͤtze uͤberzeugen, oder ſie wenigſtens fuͤr wahrſchein⸗ lich halten, und geht von dieſen Begriffen bey ſeiner Beſſerung aus: ſo wird er weit eher Geſchmack an allem, was edel und gut iſt, finden, und der Abſcheu vor der Suͤnde wird ſo tief in ſeine Seele wurzeln, daß es ihm weit leichter werden wird, an ſeiner Beſſerung mit gutem Fortgang zu arbeiten, als wenn er den ent⸗ gegengeſetzten Weg einſchlaͤgt. Ich habe dieſe Aus⸗ ſchweifung um deswillen hier fuͤr noͤthig erachtet, weil die gewöhnliche Lehrart uͤber die Buße und Bekeh⸗ rung, von Erkenntniß der Suͤnde, von Haß der Suͤn⸗ de, von Reu und Leid uͤber die Suͤnde, von der Aen⸗ derung des Herzens durch unmittelbare Wirkung Got⸗ tes, von dem Flehen und der Erhörung des Suͤnders, ſelbſt von der Rechtfertigung des Suͤnders vor Gott, noch ſo viel Irriges enthaͤlt, das leicht mißleiten und zu falſchen Vorſtellungen Anlaß geben kann. Selbſt von dem ſo gewohnlichen Ausdruck: Rechtfertigung des Suͤnders vor Gott, muß ich noch einige Worte hinzuſetzen. Es hat Kirchenlehrer gegeben, welche eine 230 eine weitlaͤufige willkuͤhrliche Theorie von dieſem Ge⸗ genſtand gegeben, und ſelbſt Grundſaͤtze der buͤrgerlichen Geſetzgebung gegen Verbrecher, die hier gar nicht an⸗ wendbar ſind, auf ſelbigen uͤbergetragen, Gott zum Rich⸗ ter, Chriſtum zum Advokaten, den Menſchen zum Be⸗ klagten, den Teufel zum Anklaͤger, die Suͤnde zum Verbrechen gegen Gott gemacht, und alles nach der gewoͤhnlichen Rechtsform bis auf den Urtheilsſpruch verabhandelt haben. Dieß muß nothwendig die ſon⸗ derbarſten, irrigſten, ſchaͤdlichſten Begriffe veranlaſſen. Wenn auch gleich in unſern Zeiten dieſe Methode ſelt⸗ ner wird, ſo hat man ſie doch noch nicht ganz verlaſſen, und diejenigen, welche dieſe Methode verlaſſen haben, haben ſie oft mit einem andern Irrthum vertauſcht. Rechtfertigung des Suͤnders vor Gott, beſteht in nichts mehr, und in nichts weniger, als in gaͤnz⸗ licher Aufhebung des Einfluſſes der Folgen der Suͤnde auf das kuͤnftige ewige Schickſal des Suͤnders nach dem Tode. Dieſe Aufhebung bewirkt, daß der Menſch wieder faͤhig iſt, die Beſtimmung zu erreichen, zu welcher er urſpruͤnglich von Gott erſchaffen war, von Stuffe zu Stuffe der Vollkommenheit fortzuſchreiten, und ſich der Aehnlichkeit mit Gott jemehr und mehr zu naͤhern. Dieſe Rechtfertigung geſchieht durch An⸗ nehmung und Befolgung der Lehre Jeſu, und dieß Mittel iſt hierzu hinreichend, wegen desjenigen, was Jeſus fuͤr das menſchliche Geſchlecht, gethan, gelehrt und gelitten hat. Sie erfordert von Seiten des Men⸗ ſchen, Vorſatz gut zu handeln, und das eifrigſte Be⸗ ſreben, dieſen Vorſatz auszufuͤhren. Von Seiten Gol⸗ Golte Beft unter zu le und man Nie deut hand dueh tene gen rich zur dal zr ter in un un vic mi we we in del z 9 ſ d Ge⸗ chen an⸗ Rich⸗ Be⸗ zum hder ruch ſon⸗ ſſen. ſolt⸗ aſſen, aben, 231 Gottes iſt ihm der Beyſtand ſeines Geiſtes, und die Befreyung von allen moralichen Folgen der Suͤnde, unter der feſtgeſetzten Bedingung der Lehrs Jeſu gemaͤß zu leben, als ein unverdientes Geſchenk ſeiner Gnade und Barmherzigkeit, verſprochen. Dieß iſt alles, was man von der Lehre der Rechtfertigung zu wiſſen braucht. Nie wird bey dieſem Geſchaͤffte der Rechtfertigung, oder deutlicher, der Bekehrung, ein Menſch wie der andere handeln. Wenn der eine nach der Lage ſeiner indivi⸗ duellen Umſtaͤnde, ſeines Temperaments, ſeines erhal⸗ tenen Unterrichts, dabey Trauern, Seufzen und Kla⸗ gen, Furcht und Schrecken aͤußert: ſo wird ſie dem richtiger denkenden Chriſten ein deſio ſtärkerer Antrieb zur Ruhe und Heiterkeit des Geiſtes ſeyn, und er wird da Urſache zur Freude finden, wo der andere Urſache zur Traurigkeit zu haben glaubt. Die ſichere Charak⸗ teriſtik der Bekehrung wird indeſſen bey jedem Chriſten, in dem Fortſchritt auf der Bahn der Rechtſchaffenheit und Tugend, in dem groͤßern Wachsthum der Gottes⸗ und Menſchenliebe beſtehen. Wenn ich indeſſen euch richtige Begriffe von der Bekehrung zu geben ſuche, ſo muß ich noch vor einem andern Irrthum dabey warnen, welcher zu unſern Zeiten wieder ſehr gewoͤhnlich zu werden anfängt. Sucht ja nicht die wahre Bekehrung in myſtiſchen Traͤumen eurer Phantaſie, oder bil⸗ det euch ja nicht ein, daß man, um ein wahrer Chriſt zu ſeyn, gewiſſe dunkle Gefuͤhle einer naͤhern Vereini⸗ gung mit Gott, oder mit hoͤhern Geiſtern zu erlangen ſuchen muͤſſe. Durch dieſe Traͤume wuͤrdet ihr entwe⸗ der Betruͤger oder Betrogene, Boͤſewichte oder Thoren wer⸗ 232 werden. Jede Vorſtellung einer Sache, die nur dun⸗ kel und verworren in eurer Seele ſchwebt, und dieß iſt das Gefuhl des Myſtikers, leitet euch eher zum Irr⸗ thum als zur Wahrheit, und euer ganzes Chriſten⸗ thum muß uͤberhaupt mehr auf Handeln, als auf Ge⸗ fuhl gegruͤndet ſeyn. Umgang oder naͤhere Vereini⸗ gung mit hoͤhern Geiſtern iſt, wie ich euch ſchon im Vorhergehenden geſagt habe, auf der Stuffe der Exi⸗ ſtenz, auf welcher ihr jetzt ſteht, nicht eure Beſtimmung. Wohre dauerhafte kiebe zu Gott und Chriſto, beſteht nicht in ausdruckleeren Worten, ſondern im Gehorſam gegen ſeine Gebote. Haltet alſo leere Aufwallung eurer Phantaſie nie fuͤr ein ſicheres Kennzeichen dieſer Liebe, und erwartet nie eine beſondre Eingebung des Geiſtes Gottes, die Gott euch nie verheißen hat. Die Mittel, deren ſich Gott zu Erreichung ſeines Zwecks bedient, ſind ſtets die natuͤrlichſten, und er weicht von dieſem Geſetz ſeines Willens nie ab. Alles alſo, was ſein Geiſt, auf euch unbekannte Art, zu eurer Bekehrung und Beſſerung beytraͤgt, beſteht nicht in uͤbernatürlichen Wirkungen, ſondern in den Wirkungen der einfachſten natuͤrlichen Mittel, der Belehrung durch Vernunſt, und hinlaͤnglich beſtaͤtigte unmittelbare Offenbarung ſeines Willens, und durch euer eigenes Nachdenken uͤber dasjenige, was euch Vernunft und Offenbarung lehrt. Freylich mußt ihr dieſe Mittel gebrauchen, wenn ihr eurer Beſtimmung gemaͤß handeln, und die Abſich⸗ ten, die Gott mit euch hat, erfullen wollt. Ihr mußt dasjenige, was Gott von euch fordert, daß ihr thun ſollt, olt, i biete dieſe nie kur Go ſtan liche eure ſtus tige heit Uns gen G ert ſin de ch dun⸗ eß iſt Irr⸗ tiſten⸗ f Ge⸗ ereini⸗ on im nung. vſteht orſom eurer liebe iſtes ittel, Rent, ieſem Geiſt, und ſchen hſien unſt, rung enken rung venn ſich⸗ nͤßt thun ſul 233 ſolle, wiſſen. Dieß lehrt euch der Unterricht uͤber eure Pflichten, den euch Vernunſt und Offenbarung dar⸗ bieten. Ihr muͤßt ferner dasjenige thun, was euch dieſer Unterricht, als Pflicht lehrt. Vergeßt endlich nie, daß ihr ſchwache ſinnliche Menſchen, bey allem eurem Vorſatz gut zu handeln, bleibt. Bittet daher Gott, oft und ernſtlich, um den euch verheißenen Bey⸗ ſtand und Kraft zum Guten, und uͤbt euch in der taͤg⸗ lichen Wachſamkeit uͤber euch, in taͤglicher Pruͤfung eurer geheimſten Fehler. Ueber dieß hat Jeſus Chri⸗ ſtus noch zwey Gebraͤuche eingeſetzt, welche ſehr kraͤf⸗ tige Mittel ſind, euch in der Tugend und Rechtſchaffen⸗ heit zu ſtaͤrken. Laßt uns dieſe beyden einfachen Gebraͤuche, die uns die Lehre Jeſu noch insbeſondere als ſolche bekannt gemacht hat, und welche zu unſerer Befeſtigung im Guten ſehr nuͤtzlich ſeyn koͤnnen, nach etwas genauer erwaͤgen, und uns richtige Begriffe von ihrem End⸗ zweck und von ihrer Wirkung zu machen ſuchen. Es ſind die zwey einfachen und ungekuͤnſtelten Gebraͤuche der Taufe und des Abendmahls, deren Beoboch⸗ tung Chriſtus ſeinen Bekennern, um ſich von den Nicht⸗ chriſten zu unterſcheiden, ausdrucklich anbeſohlen hat. Von der Taufe. Worin beſteht der Endzweck derſelben? Worin beſteht ihre Wirkung? Waos iſt alſo weſentlich bey dieſem Gebrauch? Was iſt zufaͤllig? Vom Abendmahl. Wor⸗ in beſteht das Weſentliche deſſelben, 234 chriſtlichen Religionsparteyen gemein ſeyn muß, und auch wirklich gemein iſt? Werth der Verſchiedenheit der Lehre der Chriſten uͤber dieſen Gebrauch. Wie hatſich der wahre Chriſt in Anſehung der Verſchiedenheit dieſer Lehre zu verhalten? In wie weit iſt Einigkeit in dieſer Lehre zu wuͤnſchen oder zu erwarten? Der Gebrauch der Taufe gruͤndet ſich auf den aus⸗ druͤcktichen Befehl Chriſti. Es iſt hier nicht die Abſicht, die Geſchichte der Taufe zu unterſuchen, die Ceremonien und die Einrichtungen zu pruͤfen, mit welchen die Kir⸗ che dieſen Gebrauch verbunden hat. Das meiſte iſt willkuͤhrlich, und manche eingefuͤhrte Ceremonie kann wenigſtens eine gute Abſicht gehabt haben, wenn auch bieſe gleich nicht dadurch ſollte erreicht worden ſeyn. Auch uͤber Kindertaufe und Taufe der Erwachſe⸗ nen zu ſtreiten, iſt unnuͤtze, und uͤber einige unſchaͤd⸗ liche Gebraͤuche, ſo ſich dabey eingeſchlichen haben, viel zu kritiſiren, groͤßtentheils entbehrliche Weisheit. Der vernuͤnftige Taͤufer wird ohnedieß aͤndern, was ſich mit Klugheit aͤndern laͤßt, und jeder vernuͤnſtiger Chriſt, auch Unkraut dulden, ſo lange es ſich, ohne dem Wai⸗ zen zu ſchaden, nicht ausjaͤten laͤßt. Alles, worauf ihr bey dieſem Gebrauch eure Aufmerſamkeit zu richten habt, iſt dieſes: Iſt die Taufe eine geheimnißvolle Handlung, bey welcher unbekannte unmittelbare Ein⸗ wirkungen der goͤttlichen Gnade dergeſtalt ſtatt finden, daß derjenige, der getauft wird, dadurch mehr Kraft und Empfaͤnglichkeit zum Guten erhaͤlt, als derjenige, der nicht getauft iſt? Ich muß geſtehen, daß ich dieſe Wir⸗ Wirk ment ſe he ang mel tau fen rein und die nat ſeyn erth ſſten Whre ieſer gkeit ren? aus⸗ ſicht, onien Kir⸗ ſe iſt kann auch ſeyn. hſe⸗ chäd⸗ viel Der ſch hriſt, Wai⸗ fihr chten volle Ein⸗ den, raſt ige, diſ Pir⸗ 235 Wirkung der Taufe in den Schriften des neuen Teſta⸗ ments nicht angezeigt finde. Alle Stellen, ſo von der Tau⸗ fe handeln, ſtellen ſie bloß als ein Symbol vor, dadurch angezeigt wied, daß derjenige, der getauft, oder viel⸗ mehr untergetaucht wied, ſich dadurch, deß er ſich taufen lafit, verbindlich macht, von allen Unreinigkei⸗ ten des Geiſtes und Befleckungen der Seele, ſich zu reinigen, oder ohne Metapher zu reden, aller Suͤnden und Untugenden ſich kuͤnftig zu enthalten. Dieß iſt die Abſicht der Taufe, und wer ſie erfuͤllt, der wird nätuͤrlich auch jemehr und mehr, die Kraft des Geiſtes Gottes in ſich ſpüren. Allein auf das ſaͤugende Kind, das bloß den Keim der Menſchheit in ſich traͤgt, kann die Tauſe weiter keinen moraliſchen Einfluß haben, und das chriſtliche und heidniſche Kind, ſind ſich hierin vollig gleich. Freylich kann auch das Kind eigentlich keine Verbindlichkeit bey der Taufe eingehen, und es moͤchte alſo die Kindertaufe wohl eher aus irrigen als richtigen Vorſtellungen der Sache entſtanden ſeyn. Da ſie aber einmal ſo tief in unſere Sitten verwebt iſt, daß eine Abaͤnderung hier mehr Schaden als Nuben ſiften wuͤrde, da auch Aeltern, welche das Gluͤck Chriſten zu ſeyn, zu ſchätzen wiſſen, daran gelegen ſeyn muß, ihre Kinder zu Theilnehmung an dieſem Glück gleichfam einzuweihen und zu erziehen: ſo bleibt ihre Nothwen⸗ digkeit gegruͤndet, und die Verbindlichkeit des getauf⸗ ten Kindes, die Religion Jeſu nach dem Grad ſeiner Faͤhigkeit getreu zu befolgen, entſteht wenigſtens durch den chriſtlichen Unterricht, den es erhaͤlt, mit der erſten Entwickelung ſeiner Vernunft, und nimmt zu, ſo wie dieſe 236 dieſe zunimmt. Dieß iſt alles, was ihr von der Taufe zu wiſſen noͤthig habt. An den Exorcismus denken wir gar nicht. Nur der einfaltige nachſprechende Chriſt kann ihn fuͤr nothwendig halten, und nur der unuͤber⸗ legte Chriſt, kann es fuͤr große Weisheit halten, ihn mit Gewalt verbannen zu wollen, wenn aͤußerliche Umſtaͤnde dagegen ſind. Dem weiſern Chriſten iſt es einerley, ob ſein Kind mit oder ohne Exorcismus ge⸗ tauft wird. Dieß alles gilt auch von jedem abgeſchmack⸗ tem Taufformular, an welchen es denn freylich nicht mangelt. Von einem ſo genannten Taufbund, wißt ihr denn alſo im ſtrengen Verſtand auch nichts; in⸗ deſſen iſt doch die Sache wahr, wenn ſie auch unbe⸗ quem ausgedruckt iſt. Die Taufe war das Symbol, durch welches, ihr euch verbindlich gemacht habt, der Lehre Jeſu, welche euch die ſtrengſte Enthaltung von „Suͤnde und kaſtern anbefiehlt, zu folgen; ſobald ihr dieſe Verbindlichkeit durch den chriſtlichen Unterricht, der euch ertheilt wird, kennen lernt, ſobald wird es euch Pflicht nach dieſer Verbindlichkeit zu handeln, und wenn ihr an dieſen Vorſatz taͤglich euch erinnert, ſo nennt dieß die Kirchenſprache Erneuerung, und wenn ihr dieſen Vorſatz nicht erfullt, Brechung des Tauf⸗ bundes. Moͤchte euch die Etinnerung, daß ihr ge⸗ tauft ſeyd, ſtets wichtig ſeyn! Sie zeigt euch eure Wuͤrde, die große Wuͤrde des Chriſten, und ſie iſt alſo eben dieß fuͤr euch, und weit mehr, als Kennzeichen menſchlicher Wuͤrden fur denjenigen ſind, der ſie beſitzt. Wir gehen zu der ſo liebevollen Stiftung des Abendmahls uͤber, ein Gegenſtand, der uns mit der rein⸗ rinſt ner Schi derr du ſ ſore ſob mit haſt alle nich dur den nen Err daß jed vo aufe nfen hriſt iber⸗ ihn rliche iſt es s ge⸗ mack⸗ nicht wißt zin⸗ unbe⸗ nbol, der von diht richt, euch und ſo wenn uf⸗ ge⸗ ture alſp chen ſitt. des tder rein⸗ 237 reinſten Freude erfullen ſollte, und der, leider! von ei⸗ ner gewiſſen Seite, jeden denkenden Chriſten mit Schmerz und Traurigkeit erfuͤllt. Du, unſer ſterben⸗ der wohlthätiger Erretter und Freund! wie guͤtig haſt du fuͤr uns, durch die edelſte einfachſte Handlung ge⸗ ſorgt, deren Ausuͤbung du uns als ein ſo kraftvolles, ſo bedeutungsvolles Mittel der genaueſten Vereinigung mit dir und allen unſern chriſtlichen Bruͤdern empfohlen haſt! Wir ſollen vereint das Gedachtniß der biebe, die alles fuͤr uns that und litt, die fuͤr uns ſelbſt den Tod nicht ſcheute, mit dankbaren Herzen feyern. Wir ſollen durch das Brod, das wir gemeinſchaftlich brechen, durch den gemeinſchaftlichen Kelch, den wir trinken, beken⸗ nen, daß wir dich als unſern einzigen gemeinſchaftlichen Erretter von Suͤnde und Tod verehren und anbeten, daß wir uns als Brüder lieben ſollen. Wir ſollen bey jedem froͤlichem Genuß dieſes ſo ſegenreichen Mahls, uns von neuem jedesmal verpflichten, deine Gebore, dieſe ſanften Gebote der Liebe, ſo getreu zu bekennen, als auszuuͤben. Jeder Genuß dieſes Mahls ſoll uns neuen Antrieb, neue Kraft zum Guten geben. Dieß war die ganze Abſicht deiner heilſamen Stiftung, und ſie war ſo einfach, ſo deutlich, daß ſie der Einfaͤltige ſo gut, wie der Scharfſinnige, in den Worten, mit welchen du dieſe Stiftung, den immerfortwaͤhrenden Beweis, daß du fuͤr das menſchliche Geſchlecht gelitten haſt, und geſtorben biſt, feſtſetzteſt, finden kann. Achthundert Jahr waren auch deine Verehrer uͤber dieſe Stiftung⸗ einverſtanden, und jeder folgte frey der Vorſtellungs⸗ art, die er ſich von der Sache machte. Ach, leider! ſind 238 ſind ſie es nicht mehr. Jeder haͤlt ſeinen Wahn fuͤr Wahrheit, und es giebt unbeſonnene Eiferer genug, welche die Seligkeit deines Himmels nur denjenigen uſprechen, die mit ihnen einerley Formularglauben haben. Moͤchte doch Friede und Einigkeit Chriſten, die einen Heiland mit einander verehren, wenigſtens iu dieſem Punkt wieder mit einander vereinigen. In der Hauptſache ſtimmen ſie alle uͤberein, und müſſen uͤber⸗ einſtimmen, daß Genuß des Abendmahls, Feyer des Andenkens, des Leidens und des Todes Je⸗ ſu und neue Verpflichtung zu einem chriſtlichen Leben ſey, denn die Worte der Stiftung ſelbſt leiden keine andere Auslegung. Warum blieben ſie doch nicht dabey ſtehen? Warum hielt es der eine fuͤr nothwendig, und ſich fur ſo allmaͤchtig, Waſſer und Mehl, in dich, ſeinen Gott, Wein in dein Blut dabey zu verwandeln? wenn er es nicht aus Eigennutz unb Herrſchſucht that? Warum traͤumte ſich der andere dabey ein Geheimniß, das er nicht erklären kann? Warum verwickelte ſich der dritte in Spitzfindigkeiten, hieng mehr an Worten, als daß er dem Sinn dieſer Worte nachdachte? War⸗ um ſtreiten und haſſen ſich denn Chriſten uͤber Mey⸗ nungen? Meine Theuren, ehrt indeſſen dey allen die⸗ ſen traurigen Wahrheiten die Schwaͤchen eurer Mit⸗ bruͤder. Stoͤrt und tadelt keinen, welcher es fuͤr noth⸗ wendig zur Seligkeit haͤlt, mit den Einſetzungsworten des Abendmahls dieſen oder jenen Sinn zu verbinden. Trenut euch ſelbſt von der Kirchenpartey nicht, deren Namen ihr fuͤhrt, wenn euch auch der Lehrbegriff, den ſie vom Abendmahl hat, nicht der richtigſte daͤuchten ſollte. dur erft Un hu fu genug, enigen auben hriſtn, ſtens ju In der abel⸗ Feyer es Je⸗ ilichen leiden chnicht endig, dich, deln? hat imniß, lte ſch jorten, War⸗ Moy⸗ en die⸗ Mit⸗ noth⸗ worken inden. deren den uchten ſoli⸗ 239 ſollte. Nicht der Lehrbegriff, nach welchem ihr das Abendmahl genießt, ſondern der Genuß deſſelben, nach der Abſicht, aus welcher Chriſtus es eingeſeßt hat, giebt euch die wahre Wuͤrdigkeit, an dieſer ehrwürdigen Stiftung Theil zu nehmen. Bemuͤht euch aber janicht, auf dem Weg der gelehrten Unterſuchung, wenn ihr bierzu nicht Faͤbigkeit genug habt, ausfindig machen zu wollen, welche Kirchenpartey den richtigen Begriff von der Sache habe. Eure Mühe wird vergeblich ſeyn, und wenn ihr alle Kirchenväter, bis auf die letzte Schriſt, die in euren Tagen daruͤber geſchrieben worden iſt, durchgeleſen habt. Ihr werdet nichts weiter dadurch erforſchen, als daß die einfachſte, deutlichſte Sache, ungewiß, dunkel und verworren wird, wenn Eigennutß, Herrſchſucht, Stolz, Sektengeiſt, Halsſtarrigkeit, Vor⸗ urtheil, eingebildete Weisheit, mit einem Wort, menſch⸗ liche Leidenſchaften an dieſer Sache zu kuͤnſteln ſich be⸗ muͤhen, die jeder ſchlichte Menſchenverſtand, ohne dieſe Bemuhung richtig beurtheilt haben wuͤrde. Laßt alſo jedem ſeine Meynung ungekraͤnkt, und bemuͤht euch fur euch in der Stille, euch eine richtige zweckmaͤßige Vorſtellung der Sache zu verſchaffen, und den Nutzen gewiß zu erlangen, den Jeſus Chriſtus mit der Stif⸗ tung ſeines Abendmahls ſo wohlthaͤtig verbunden hat. Sucht daher, wenn ihr dieſen Endzweck erreichen wollt, die irrigen Lehrbegriffe auch eurer Kirche ſuͤr euern Verſtand immer mehr zu berichtigen. Traͤumt euch kein Furcht erweckendes Geheimniß in der Sache. Es iſt ja das Mahl der Liebe. Erwartet nicht myſti⸗ ſche Entzuckungen, aber die reinſte beſeligende Freude koͤnnt ——— 240 foͤnnt ihr euch von einem wuͤrdigen Genuß ſicher verſpre⸗ chen. Huͤtet euch vor ullem Aberglauben, der auch in unſe⸗ rer Kirche noch ſehr oft mit dieſer Handlung verbunden wird. Stoßt euch nicht an manche zweckwibrige Ceremo⸗ nien, ertragt ſie um der Schwachen willen. Hauptſaͤch⸗ lich aber hutet euch vor einem Fehler unſers Zeitalters, der Vernachlaͤfſigung des heiligen Abendmahls, und entzieht euch ja nicht auf Jahre oder noch laͤnger dieſer heiligen Handlung Es iſt faſt unmoͤglich, wenn man nicht gonz vom Vorurtheil oder von Neigung zur Suͤnde unterjocht iſt, Chriſtum aufrichtig zu lieben, und ſich unter einem oder dem andern Vorwand, er beſtehe worin er wolle, von der Theilnehmung des heiligen Abendmahls aus⸗ zuſchließen. Genießt es alſo gern, oft und freudig, als treue Bekenner und Verehrer des Herrn, ohne euch zu bekuͤmmern, ob ihr Gott genoſſen, ob ihr mit und unter den äußerlichen Dingen der koͤrperlichen Gegen⸗ wart Chriſti theilhaftig geworden ſeyd, oder ob dasjeni⸗ ge, was ihr genießt, nichts weiter als aͤußerliche Zei⸗ chen der Sache ſind, an welche ihr euch dabey erinnern ſollt. Die Kirche laͤßt vor dem Genuß des Abendmahls die Handlung der Beichte vorhergehen. Ein weites geld laͤge vor uns offen, wenn ich mit euch uͤber die theils ſeltſamen, theils abgeſchmackten Gebraͤuche ver⸗ nuͤnfteln wollte, welche die verſchiedenen Kirchenpar⸗ teyen mit dieſer Handlung verbunden haben. Ihr ſeyd hinlaͤnglich unterrichtet, daß ihr wißt, Beichte und Abſolution ſind menſchliche Einrichtungen. In der Zeit da ſie entſtanden, waren ſie gewiß ſehr noͤthig und nutzlich; daß ſie es jetzt nicht ſo ſehr ſind, wenigſtens dieſe diſ weiß an ei hebe auch endi wor erlel des meh Cht den da chri rini wol gen Gl die die lic jer un be D ſch al 3 n erſpre⸗ nunſe⸗ unden remo⸗ wſich ters der entieht eiligen gonz terjocht einem wolle, ls aus⸗ ig, als uch ju it und Gegen⸗ asjeni⸗ he Zei⸗ innern mohls weites ber die e ber⸗ Nenpor⸗ Jr Beichte Inder ig und igſten diſe 241 dieſe Handlung ganz anders eingerichtet ſeyn ſollte, weiß jeder verſtändige Chriſt. Stoßt euch indeſſen nie an einen ſonderbaren Gebrauch, der ſich nicht leicht auf⸗ heben und umaͤndern laͤßt, und den eure Vernunft auch fuͤr euch nuͤszlich machen kann. Duͤrft' ich mich endlich noch in das Feld der Phantaſie wagen, ſo wuͤnſch ich euch die Erfullung des fuͤſſen Traums zu erleben, den ich als Menſchenfreund, als Chriſt träume, des Traums, daß noch die Zeit kommen wird, da nicht mehr lehrmeynungen Chriſten trennen, da ſie alle als Chriſten handeln, ſich als Chriſten lieben, ſo verſchie⸗ den auch die Formulare ihrer Glaubensbekenntniſſe ſind; da der chriſtliche Catholik, der chriſtliche Lutheraner, der chriſtliche Reformirte, der chriſtliche Arianer und So⸗ rinianer friedlich und eintraͤchtig als Bruͤder bey einander wohnen, und einerley Menſchen⸗ und Buͤrgerrechte genießen, wenn ſie auch noch ſo verſchieden in ihren Glaubensbekenntniſſen ſind. Ob ihr und die Nachwelt die Erfuͤllung dieſes Wunſches jemals erleben werdet, dieß weiß nur Gott. Noch iſt der Himmel der chriſt⸗ lichen Bruderliebe mit ſehr dicken Wolken bedeckt. In jener großen Stadt Gottes, deren Buͤrger wir nach unſerm Tode ſeyn ſollen, bedarf es keines Glaubens⸗ bekenntniſſes, um das Buͤrgerrecht daſelbſt zu erhalten. Das Zeugniß des allwiſſenden Richters, von der Recht⸗ ſchaffenheit der Handlungen eines jeden, entſcheidet allein, wer wurdig iſt, daſelbſt zu wohnen. Sucht dieß Zeugniß zu erhalten, und ihr werdet gluͤckliche Bewoh⸗ ner dieſer großen Stadt Gottes ſeyn, euer Sekten⸗ name ſey welcher er wolle. Q F. 25. 8 — — ——— — ———— — — 242 6 5. Noch einige beſondere Lehren, welche der geoffen⸗ barten Religion eigen ſind. Unſterblichkeit der Seele. Schoͤn die altteſtamentliche Reli⸗ gion iſt auf dieſe Lehre gegruͤndet. Die Re⸗ ligion Jeſu Chriſti wiederhohlt und beſtatigt ſie nur. Zuſtand des Menſchen nach dem Tode. Begriffe vom Himmel. Begriffe von der Holle. Auferſtehung des Koͤrpers und Wiedervereinigung des Geiſtes mit demſelben. Ende der Welt. Juͤngſtes Gericht. Zuſtand der Guten nach der Auferſtehung. Zuſtand der Boͤſen nach ſelbiger. Wir haben uns aus der heiligen Schrift zu unter⸗ richten geſucht, wer Gott iſt, und was er uns iſt? Wir haben uns eine richtige ſchriftmaͤßige Vorſtellung von Jeſu Chriſto, ſeiner Sendung in die Welt, von dem heiligen Geiſt und ſeinen Wirkungen, von Engeln und Teufeln zu machen geſucht. Wir haben nach Anleitung der heiligen Schrift, uns ſelbſt die Entſtehung unſers Geſchlechts und der Welt die wir bewohnen, unſere Natur, unſere Beſtimmung, unſere Faͤhigkeit oder Unfaͤhigkeit dieſe Beſtimmung zu erreichen, und die Mittel, die wir hierzu anwenden muͤſſen, kennen zu ler⸗ nen, uns bemuͤht. Wir haben nach richtigen Be⸗ griffen von Buße, Beſſerung und Rechtfertigung des Kenſchen geſtrebt, und die Irrthuͤmer, die dieſen Be⸗ griffen entgegen ſtehen, bemerkt. Wir haben von den beyden einzigen Gebraͤuchen, die Chriſtus ſelbſt ange⸗ ordnet hat, die eigentliche Beſchaffenheit und Abſicht der⸗ buſi Esi lehr oder wel hell lun zigl ſter dor ffen⸗ hkeit eRe ätigt dem evon und elben. ſand ſtand unter⸗ Vir g von ndem n und ſeitung unſers unſere it oder nd die zu ler⸗ nBe⸗ g des nBe⸗ on den ange lbſcht de⸗ 243 derſelben, in den neuteſtamentlichen Schriften aufgeſucht. Es iſt nun noch uͤbrig, daß wir noch einige beſondere Lehrwahrheiten, welche die Vernunft entweder gar nicht, oder doch nur ſehr dunkel und verworren erkennt, und welche uns die chriſtliche Religion weit deutlicher und heller vortraͤgt, anfuͤhren, und uns richtige Vorſtel⸗ lungen davon zu machen ſuchen. Die erſte Lehre, die ſich uns darbietet, und vor⸗ zuglich unſere Aufmerkſamkeit erfordert, iſt die Un⸗ ſterblichkeit unſers Geiſtes. Zu ſeyn? oder nicht zu ſeyn? Dieß iſt die Frage. Von dieſer Frage und der Art, wie ſie beantwor⸗ tet werden muß, haͤngen alle unſere Religionsbegriffe, baͤngt alle unſere Moralität ab. Sie iſt der Grund der chriſtlichen und der Naturreligion. Wer keine Un⸗ ſterblichkeit der Seele glaubt, deſſen Tugend kann bloß auf dem unſichern Grund des Stolzes oder des Eigen⸗ nutzes, ruhen. Ohne Unſterblichkeit hat die Tugend keinen Werth. Hoͤr ich mit meinem Tode auf zu ſeyn⸗ ſo bin ich ein Thor, wenn ich mehr als Genuß des ge⸗ genwaͤrtigen Augenblicks ſuche und erwarte; und ob Laſter oder Tugend mir dieſen Genuß giebt, das iſt ganz gleichgultig. Dieſe Frage iſt denn daher auch jederzeit fuͤr den denkenden Menſchen, er ſey Chriſt, oder Nichtchriſt, einer der wichtigſten Gegenſtaͤnde ſeines Nachdenkens geweſen! Noch iſt man nach einem Zeit⸗ raum von ſo manchen Jahrtauſenden, noch nicht einig, zu entſcheiden, ob die Vernunft, ohne Huͤlſe der Offen⸗ barung, die Unſterblichkeit der Seele hinlaͤnglich und Q 2 gewiß — — — —— — — ——— —— —— 244 gewiß erkennt, oder vicht. Ich werde euch nicht mit den Streitigkeiten der Weltweiſen uͤber dieſe Frage unterhalten. Aber das geſteh ich euch aufrichtig: wenn ich keinen andern Grund haͤtte, der mich von der Un⸗ ſterblichkeit meines Geiſtes uͤberzeugte, als diejenigen Gruͤnde, die ich durch das Licht der Vernunft erkenne: ſo waͤre ich ein elendes, hin und her ſchwankendes, un⸗ gewiſſes Geſchoͤpf, und die Furcht vor Vernichtung wuͤrde mich bis zu dem letzten Athemzug meines Lebens verfolgen. Der Philoſoph mag mir aus der Einfach⸗ heit der Seele, aus dem Unvermoͤgen Gottes, einen vernuͤnftigen Geiſt zu vernichten, aus dem Streben nach zukuͤnftiger Vollkommenheit, aus dem Verlangen nach Fortdauer, aus dem Abſcheu vor Vernichtung, aus der mangelhaften Anlage meines Geiſtes ohne Un⸗ ſterblichkeit, aus dem Leiden der Tugend und dem Gluck des Laſters in dieſem Leben, aus dem Begriff von Freyheit und Pflicht, und aus einer Menge anderer Gruͤnde, dieſe Unſterblichkeit aus ſeinem angenomme⸗ nen Syſtem demonſtriren, ſo viel er will: er beruhiget mich nie ganz, und ein einziges untaugliches und un⸗ haltbares Glied in ſeiner Schlußkette, das ich bemerke, oder ein anderer bemerkt, ſtuͤrzt bey mir das Gebaͤude ſeines Syſtems um. Haͤtte die geoffenbarte Religion und beſonders die Lehre Jeſu Chriſti, auch keinen einzigen Vorzug von der Vernunftreligion: ſo hat ſie doch gewiß dieſen, daß ſie uns ſo oft, ſo deutlich, ſo faßlich fuͤr jeden Men⸗ ſchenverſtand, ſo uͤberzeugend, ſo erfreulich belehrt, daß unſer Geiſt unſterblich iſt, und nach dem Tode fort⸗ dauert. hue heiß Pei feit ſie be wa ſa bi U —, e— — ht mit Frage wenn der Un⸗ jenigen rkenne: es, Un⸗ ichtung Kbens inſach⸗ einen Streben rlangen htung, ne Un⸗ d dem tiff von anderer omme⸗ ruhiger nd un⸗ emerke⸗ ebande ers bie 0 von n, daß Men⸗ rt, doß e for⸗ dauell⸗ 245 dauert. Nur ihr allein glaub ich, nur auf ihre Ver⸗ beißungen allein verlaß' ich mich, unbekuͤmmert, ob die Vernunft uͤberzeugende Gruͤnde von dieſer Unſterblich⸗ feit darbietet oder nicht: denn dieſe Verheißung der Un⸗ ſterblichkeit, iſt Verbeißung des Treuen und Wahr⸗ haften, der nie trüͤgt. Bey jedem Zweifel, der mich beſtuͤrmt, bey jeder Furcht vor Vernichtung, die mich an⸗ wandelt, ruff ich mir zu: ich weiß, daß, wenn das Haus meiner Huͤtte zerbrochen wird, ich einen Bau habe von Gott erbauet, denn Jeſus Chriſtus ſagt mir: ich lebe, und du ſollſt auch leben. Ja, bin ich nicht unſterblich, ſo iſt alles Fabel, was Vernunft und Offenbarung von Gott, von Tugend, von Laſter, Belohnung des Guten, und Beſtrafung des Boͤſen, jemals getraͤumt haben. Laßt uns ihm danken, meine Lieben, ihm, unſerm Heiland und Herrn, daß er uns ſo deutlich belehrt hat, daß wir unſterblich ſind, daß unſer Geiſt nicht mit un⸗ ſerm Koͤrper verwest, ſondern ſich zu Gott ſeinem Ur⸗ heber, dem ewigen Quell alles Lebens, alles Seyns empor ſchwingt. Laßt uns die Wuͤrde dieſer Unſterb⸗ lichkeit ſtets vor Augen haben, wenn uns der Kampf wider die Suͤnde zu ſchwer wird: der Gedanke an dieſe Unſterblichkeit muͤſſe uns troͤſten, wenn unſere Kraͤfte unter der Buͤrde dieſes irdiſchen Lebens ermat⸗ ten, er muͤſſe uns Muth geben, wenn ſich der Tod mit allen ſeinen Schrecken uns naͤhert. Ja, meine Ge⸗ liebten, laßt den wichtigen, großen Gedanken: Wir ſind unſterblich, unſer wartet ein anderes Leben nach dem Tode, euch ſtets gegenwaͤrtig ſeyn. Wie waͤre — — 8 * — — — 246 waͤre es moͤglich, daß ihr nicht jeder Verſuchung zur Suͤnde widerſtehen ſolltet, wenn ihr euch oft und gern an ihn erinnert? Wie? ich bin unſterblich? es wartet nach meinem Tode ein ewiges Leben auf mich? und von der Art, wie ich hier in dieſem irdiſchen Leben zu denken und zu handeln gewohnt bin, haͤngt die gute oder ſchlimme Beſchaffenheit dieſes ewigen kuͤnftigen Lebens ab? und ich ſollte mich nicht mit allem Eifer beſtreben, hier ſo zu denken, ſo zu handeln, daß ich nach meinem Tode ewige Gluͤckſeligkeit hoffen kann? Wollt ihr jedoch den Gedanken eurer Unſterblichkeit, und die Ruhe und Heiterkeit des Geiſtes, die daraus entſpringt, ohne Stoͤrung eines Zweifels, einer Furcht des Gegen⸗ theils genießen: ſo ſucht die Beweiſe ſeiner Wahrheit und Richtigkeit allein in der Lehre Jeſu, und verlangt von der Vernunft nicht mehr, als daß ſie einen hohen Grad der Wahrſcheinlichkeit dieſer Unſterblichkeit er⸗ weiſt. Wollt ihr ihn nicht eher als wahr annehmen, als bis auch das bloße Licht der Vernunft euch von die⸗ ſer Wahrheit unwiderſprechlich uberzeugt: ſo werdet ihr vielleicht nie zur Ueberzeugung und Ruhe kommen, wenigſtens nie ſicher ſeyn, daß euch, irre geleitet, durch eigene oder fremde Spitzfindigkeiten, zu einer Zeit, Traum und Einbilbung zu ſeyn ſcheint, was euch zu einer andern Zeit, Wahrheit daͤuchte. Man hat geſtritten, ob die altteſtamentliche und moſaiſche Religion, Unſterblichkeit der Seele lehre. Wirklich ein unnöthiger Streit, und fuͤr uns ganz überfluͤſſig, da uns ein helleres Licht leuchtet. Indeſſen daͤucht mich, es laſſe ſich nicht begreifen, wie patriar⸗ chaliſche qjul bon ſch dal da nu Lel ne 9 zur gern wartet md hen zu e gute ſtigen Eiſſer h nach Volt ud die pringt, egen⸗ hrheit rlangt Mhen eit er⸗ hmen, on die⸗ verdet nmen, durch Zeit, uch zu und lehre. ganz deſſen trin⸗ iſche 247 chaliſche und moſaiſche Religon wirklich Offenbarung von Gott, wofur ſie doch beyde ſtreitende Theile halten, ſehn könne, wenn die Lehre von der Unſterblichkeit nicht dabey zu Grunde liegt. Denn wie waͤre es moͤglich, daß eine geoffenbarte Religion ſich bloß auf den Ge⸗ nuß und die Gluckſeligkeit des Spannenlangen irdiſchen Lebens einſchraͤnken, und den Menſchen, der in jedem Syſtem zur Unſterblichkeit geſchaffen iſt, deſſen weſent⸗ iche Beſtimmung ſo feſt mit ſeiner Unſterblichkeit ver⸗ bunden iſt, nicht zu jeder Zeit, aber freylich zu der ei⸗ nen deutlicher, als zu der andern, auf dieſe Unſterblich⸗ keit hinweiſen ſollte? Freylich mag der fromme Iſrae⸗ lit, ein Abraham, Moſes, David rc. dieſe Unſterblich⸗ keit nicht in dem Lichte geſehen haben, in welchem ſie Paulus, durch Jeſum belehrt, erblickte. Aber alle altteſtamentlichen Schriften weiſen darauf hin, daß der Iſraelit Begluckung in der Zukunft zu erwarten habe, an welcher er Theil nehmen ſolle. In dieſer Abſicht nennte Jeſus Gott, den Gott des ſchon laͤngſt verſtorbenen Abrahams, Iſaaks und Jakobs. Der fromme Iſtaelit, ſchlaͤſt, wird zu ſeinen Vaͤtern verſammlet, nach dem Ausdruck dieſer Schriften. Er, der Entſchlafne, dauerte alſo nach ſeinem Tode noch fort, und die Vaͤter, zu denen er verſammlet ward, mußten auch noch fortdauern. Geſetzt dieſe Offenbarung er⸗ theilte auch nur Stuffenweiſe Unterricht, und ver⸗ ſchwiege dem Kindesalter des Menſchen, was es noch nicht faſſen kann: ſo beruht doch der Grund aller Offen⸗ barung in der Entwickelung der Beſtimmung des Men⸗ ſchen, und dieſe muß von der Lehre der Unſterblichkeit aus⸗ — = —— — —— —— — —— —— —— — 248 ausgehen. Das kicht, was ihm die bloße Vernunft hieruͤber mittheilt, iſt ſelbſt fur den Weiſen zu ſchwach, und der Kinderverſtand des erſten Menſchen iſt fuͤr dieſes licht ganz unempfaͤnglich. Selbſt der Menſch, bedurfte alſo von der erſten Stuffe ſeiner Kultur an, einer hohern Leitung hierin, und nur unmittelbare gottliche Beleh⸗ rung konnte ſie ihm mittheilen. Alle Beweiſe, mit welchen Herr Fluͤgge und andere nur erſt neuerlich dieſe Behauptung zu entkraͤſten, nochmals verſucht ha baben mich von meinem Irrthum nicht uͤberzeut. Ich will mich indeſſen nicht damit aufhalten, die Stellen des alten Teſtaments zu ſammeln, auf welche man gemeiniglich den Beweis, daß auch die Schriften deſſelben die Lehre von der Unſterblichkeit der Seele behaupten, gruͤndet. Ich will nur dabey ſtehen blei⸗ ben: Wenn Chriſtus den Beweis fur die Auferſtehung der Todten darauf gruͤndet, daß Gott, der ſich den Gott Abrahams, Iſaaks und Jakobs nennt, kein Gott der Todten, ſondern der Lebendigen iſt: ſo ſetzt dieß auch voraus, daß Abraham, Iſaak und Jakob, auch noch alsdenn, nachdem ſie dieſe Welt verlaſſen hatten, als ſortdauernd nach dem Tode von ihren Nach⸗ kommen geglaubt wurden. Denn ſie verehrten Gott, als den Gott Abrahams, Iſaaks und Jakobs, und dieſer war ihnen ein Gott der Lebendigen, nicht der Todten. Fortdauer nach dem Tode muß alſo damals zu den Lehren der Volksreligion gehoͤrt haben. Dieß iſt auch ohnfehlbar die Urſache, warum die juͤdiſchen Geſchichtſchreiber Sterben durch Verſammelt wer⸗ den zu ſeinen Vaͤtern, ausdruͤcken, Ein Ausdruck, welchen m dod den alſ rnunft woch, dieſes uſte höhen Belch⸗ ſo, mit h dieſe . rzelht. n, die welche hriſten Seele nblei⸗ chung ch den „ kein ſo ſcht Jafob, rloſſen Nach⸗ Golt, , und ht der omals Dieß iſchen wel⸗ druch i 249 welchen der Volksglaube von der Fortdauer nach dem Tode, ſo ſehr dieß auch Fluͤgge läugnet, deutlich in ſich haͤlt. Selbſi die aͤchten judiſchen Lehrbegriffe von dem Reich des Meſſias gruͤnden ſich darauf, daß der bey der Erſcheinung dieſes Meſſias ſchon abgeſtorbene Theil der Nation zu ſolchem Reich mitgehoͤre, und ſetzt alſo die Fordauer ſeiner Exiſtenz feſt. Denn dieſes Meſſiasreich war dem Juden eine Rationalſache, die nicht bloß die lebende Generation, unter welcher der Meſſias auftrat, ſondern alle und jede Nachkommen Abrahams, die j mals gelebt hatten, und noch leben wuͤr⸗ den, angieng. Wenn mit dem politiſchen und moraliſchen Verfall der Nation, der Begriff vom Meſſias bloß auf einen Volksbefreyer herab ſank: ſo war dieß doch nie der Glaube des aͤchten Iſraeliten, z. B. eines Simeons, eines Zacharias. Der Glaube des aͤchten Iſraeliten dehnte die Wohlthaten des Meſſias auch auf diejeni⸗ gen aus, die da ſihen im Schatten des Todes, im Scheol; ob ſich auch gleich nicht beſtimmt angeben laßt, wie er dieß verſtand. Auch der ganze Geiſt der altteſtamentlichen Religion, welcher Heiligkeit und Reinigkeit der Sitten, als den unterſcheidenden Cha⸗ rakter des wahren Gottesverehrers erfordert, wurde eine vergebliche und unnuͤtze Eigenſchaſt fordern, wenn nicht Theilnahme an dem Reiche des Meſſias, Abſicht die⸗ ſer Forderung paͤre: und wie waͤre dieſe bey jedem frommen Sleien ohne Fortdauer nach dem Tode moöglich geweſen? Wie baͤtte Simeon beten können: Herr, nun läſſeſt du deinen Diener im Frieden fahren! wenn er keine Unſterblichkeit des Geiſtes geglaubt haͤtte, und ——— 250 und dagegen Vernichtung haͤtte fuͤrchten müſſen? Mußte es ihn nicht ſchmerzen, daß er an dieſem ſo nahen Reich des Meſſias keinen Antheil nehmen ſollte? Wenn das moſaiſche Geſetz dieſer Unſterblichkeit nicht ausdruͤcklich gedenkt, und nicht die dadurch zu erwar⸗ tende ewige Gluͤckſeligkeit, ſondern bloß irdiſche Gluͤck⸗ ſeligkeit zum Motiv des Gehorſams gegen die goͤttli⸗ chen Gebote macht: ſo beweiſt dieß ja nicht, daß das hoͤhere Motiv zur Tugend, ewige Gluͤckſeligkeit, dem zuͤdiſchen Volk ganz unbekannt geweſen ſey. Dieß Ge⸗ ſetz hielt dem Kindesalter des Menſchen, bloß die nahen ſeiner Sinnlichkeit faßlichen Bewegungsgruͤnde vor, ohne deswegen die entferntern und ſchweren ganz aus⸗ zuſchlieſſen: ſo wie man das Kind zuweilen durch Be⸗ lohnung zum Fleiß ermuntert, ohne ihm ganz zu ver⸗ ſchweigen, daß dieſer Fleiß ſich eigentlich ſelbſt belohnt. Unſterblichkeit der Seele war auch kein unmittelbarer Gegenſtand des moſaiſchen Geſetzes, und es war da⸗ her auch nicht noͤthig, daß dieſe Wahrheit in dieſem Geſetz ausdruͤcklich erwaͤhnt ward. Ich finde alſo fuͤr mich, nicht den geringſten Zweifel, Unſterblichkeit der Seele als Volksbegriff der patriarchaliſchen und moſai⸗ ſchen Religion anzunehmen: aber vielleicht war es mehr Hoffnung, als feſte Ueberzeugung, und von der Auf⸗ erſtehung der Koͤrper wußte dieſe Religien ohne Zwei⸗ fel nichts. Von der patriarchaliſchen Religion pflanzle ſich der Glaube an Unſterblichkeit auch uͤber die ganze ubrige heidniſche Welt fort. Auch dieſer allgemeine Glaube an Fortdauer nach dem Tode, welcher auch den roheſien Voͤlkern eigen iſt, und welcher auf keine andere . Bew Men gefo don hoſt moſt ſtem keit. Chr hoh la an 6, ih 251 iſen Art, als durch Tradition entſtanden ſeyn kann, iſt ein ſem ſo Beweis mehr, daß der Glaube an Unſterblichkeit des. S ſolte? Menſchen, ohnfehlbar mit ſeiner Entſtehung ſelbſt an⸗ 6. 3 it ticht gefungen hat. Aber freylich iſt der Unterricht, den Jeſus Chriſtus Güc don dieſer Unſterblichkeit ertheilt, weit deutlicher und 3 gitti beſtimmter, als ihn jemals die patriarchaliſche oder 3 aß das moſaliſche Religion ertheilen konnte. Das ganze Sy⸗ 3 it den ſtem dieſer Religion gruͤndet ſich auf dieſe Unſterblich⸗ 3 ieß Ge⸗ keit. Der Volksglaube an ſelbige wird daher von 6 enhen Chriſto durch die klaͤrſten Ausſpruͤche, durch die wieder⸗ de vor, hohlten nachdrucklichſten Verſicherungen befeſtiget. Er 3 n ait · iſt die Auferſtehung und das Leben, wer an ihn 3 c8 glaubt, der wird leben, ob er auch ſturbe, Wer 3 zu vr⸗ an ihn glaubt, der hat das ewige Leben.(Joh. Whnt. 6. v. 470) telbont Es iſt der ausdruͤckliche Wille Gottes, der vor do⸗ ihn geſandt hat, daß, wer an Chriſtum glaͤubet, diſem das ewige Leben habe, und er ihn auferwecke ſi ſfr am juͤngſten Tage(Joh.6.v.40.) Die kehre Jeſu ſ keit der und ſeiner Apoſtel beſtimmt alſo die Gewißheit der moſui⸗ Unſterblichkeit ſowohl der Guten, als der Böſen, s mehr denn auch dieſe ſind unſterblich, und ſollen empfangen r Auf⸗ was ihre Thaten werth ſind. Wir muͤſſen alle offen⸗ Zwe⸗ bar werden vor dem Richterſtuhl Chriſti. Es iſt fonje dem Menſchen einmal geſetzt zu ſterben, und da⸗ ganze nach das Gericht. meine Sie erklaͤrt ausdruͤcklich, daß keine Trennung des ronch Geiſtes vom Koͤrper ſie hindere, und der erſtere An⸗ ſkin fangs allein nach dem Tode ſoridauere. Heute wirſt nbere du — 5 * 1 252 du mit mir im Paradieſe ſeyn. In der Folge ſoll aber auch der Koͤrper wieder aufleben: Es koͤmmt die Stunde, in welcher alle, die in den Graͤbern liegen, werden des Herrn Stimme hoͤren, und werden auferſtehen; dieſer Koͤrper ſoll ſodann mit dem Geiſt wieder vereiniget werden: denn, es wird geſaͤet verweslich, und wird auferſtehen unverweslich. Dieß Sterbliche muß anziehen die Unſterblich⸗ keit. Selbſt die Zeit, da dieſes alles geſchehen ſoll, be⸗ ſtimmt die Lehre Jeſu durch die große Revolution, die mit unſerer Erde alsdann vorgehen ſoll, ſehr genau. Die Beſchaffenheit dieſer Unſterblichkeit, worin ſie be⸗ ſteht, wird in der Lehre Jeſu auf das deutlichſte und leb⸗ haſteſte geſchildert: Die Geſegneten werden das Reich Gottes ererben, die Verfluchten werden in das ewige Feuer gehen; Genuß alſo der reinſten Gluͤckſeligkeit, die aus der Erkenntniß und Liebe Got⸗ tes entſpringt, auf der einen, ununterbrochene ſchmerz⸗ hafte Empfindung des unſeligen Zuſtandes auf der an⸗ dern Seite, charakteriſirt dieſe Beſchaffenheit. Was kann wohl die Vernunft mehr als ſolche deutliche Zeugniſſe des vollkommenſten Lehrers der Wahrheit verlangen, um ſich feſt zu überzeugen, daß nach dieſem Leben noch ein anderes ewiges Leben den Menſchen jen⸗ ſeit des Grabes erwartet? Freylich will unſer nach Wiſſen ſo begieriger Geiſt neue Ausſichten, wie denn eigentlich jenſeit des Grabes ſein Zuſtand beſchaffen ſeyn wird, ſo gern entdecken. Laßt uns, nicht die Neubegierde bloß zu befriedigen, ſon⸗ ſinber nachſo 9 auf ſe gions gethe der w ſeine diejen des 2 eins wenn Koͤr grau Schr die w als i Jeſt wir dem Beſ Sin löst kenn per wiſſe den wert nr Na ſoll en, den Hiſ ſüet lich ich⸗ „ be⸗ „die nau. e be⸗ leb⸗ das den ſten Hot⸗ nerz⸗ an⸗ ßas iche heit ſem jen⸗ eiſt bes ken⸗ en, on⸗ 253 ſondern um uns zu belehren, zu troͤſten, zu beruhigen, nachforſchen was die Schrift davon ſagt. Wenn Gott, Vertrauen aufihn, auf ſeine Zuſagen, auf ſeine Verheißungen, in jeder Periode der Reli⸗ gionskenntniſſe, die er dem menſchlichen Geſchlecht mit⸗ getheilt hat, jederzeit als das vorzuglichſte Kennzeichen der wahren liebe zu ihm, und des Gehorſams gegen ſeine Gebote angeſehen hat: ſo iſt dieß Vertrauen auf diejenigen Verheißungen, die uns Gort in Anſehung des Zuſtandes nach unſerm Tode bekannt gemacht hat, eins der vorzuͤglichſten Opfer, ſo er von uns fordert, wenn wir dieſe Welt verlaſſen und unſern verweslichen Koͤrper ablegen. Der Weg zum Grabe iſt allerdings graunvoll und finſter; wir haben bey dem ſurchtbaren Schritt, den wir alle thun muͤſſen, keine Stuͤtze, an die wir uns halten koͤnnen, kein licht, ſo uns leuchtet, als das licht der troͤſtlichen Verſicherungen, die uns Jeſus Chriſtus ſo deutlich gegeben hat: Er lebt, und wir ſollen auch leben. Indeſſen hoͤrt im Tode mit dem Kreislauf unſers Blutes unſere Denkungs⸗ und Beſinnungskraft auf, und das, was wir durch die Sinne von dem todten Koͤrper annoch gewahr werden, loͤst ſich endlich in Moder und Dunſt auf. Unſern Geiſt kennen wir nicht, wiſſen nicht, wie er mit unſerm Koͤr⸗ per exiſtirt, wie er ohne unſern Korper exiſtiren kann, wiſſen nicht, wie beyde zuſammengeſetzt, und verbun⸗ den ſind, und wie beyde wieder von einander getrennt werden, und das Band zwiſchen ihnen aufgeloͤst wird; nur, daß es aufgeloͤst wird, wiſſen und empfinden wir. Natuͤrlich muß doch jedem nachdenkenden Menſchen, 254 zumal wenn er ſich dem Grabe nahert, ſehr oft die Frage einfallen: Was iſt denn nun der Zuſtand meines Gei⸗ ſtes, wenn mein Koͤrper leblos da liegt, und von der Verweſung aufgelöst wird? Wo iſt alsdann dieſer Geiſt, und wie iſt er? Wenn mich auch die chriſtliche Religion verſichert, das er mit einem Koͤrper dereinſt wieder vereiniget werden ſoll, welches Schickſal meines Geiſtes fullt alsdenn die große Lücke dieſes Zwiſchenzu⸗ ſtandes aus? Hebt ſich dieſer Geiſt indeſſen in andere Regionen des Reiches Gottes? Exiſtire, handelt er da⸗ ſelbſt ohne Koͤrper? Schlaͤft er unter den Truͤmmern des Koͤrpers in einem unzerſtorbaren Corpuskel oder einer andern Huͤlle? und arbeitet er ſich gleich der Chryſalide bis zu jenem großen Auferſtehungstage zu einem andern Syſtem ſeines Seyns heraus? Wird er indeſſen an einem Reinigungsort aufbewahrt, wo alle Flecken ſeiner moraliſchen Maͤngel, bis zur Wieder⸗ vereinigung mit dem Koͤrper weggenommen werden? Iſt der erſte Menſch Adam noch immer ohne eine Ver⸗ bindung mit ſeinem Koͤrper; und werde alſo auch ich nicht eher wieder in die Verbindung mit dieſem Koͤrper treten, als bis der letzte der ſterblichen Menſchen die Beute des Todes geworden iſt, oder hat eine ſucceſſive Auferſtehung nach und nach ſtatt? Die Vernunft weiß uns auf alle dieſe Fragen nichts zu antworten, und wenn ſie uns daruͤber beleh⸗ ren will, ſo belehrt ſie uns durch Phantaſien und Traͤume, hoͤchſtens durch ſehr ungewiſſe Muthmaßun⸗ gen. Auch die heilige Schrift ſagt uns nur wenig, was zu einiger Beantwortung dieſer Frage dienen kann⸗ Ohn⸗ n und unſ ſchen ke Perſich der Ue tels, e dieſen keit ſch mit un dieſes muß 2 hereite den ſe K Gottn teoſten ſunge auf d was glck wenn ſem ſtage PVill Geiſt dereit ung ſovi ſen unſe Frage Gei⸗ der dieſer ſtiche teinſt ſeines enzu⸗ ndere er da⸗ mern oder h der e zu rd er alle edet⸗ den? Ver⸗ h ſch per ndie ſite ahen eleh⸗ und ßun⸗ was ont⸗ h 36 5 Ohnfehlbar iſt es die lette Prufung unſers Glaubens und unſers Vertrauens zu Gott, die er in dieſem irdi⸗ ſchen Leben von uns verlangt. Alles, was wir aus der Verſicherung Chriſti an ſeinen Mitgekreuzigten, aus der Uebergabe ſeines Geiſtes in die Haͤnde ſeines Va⸗ ters, aus den wenigen Aeußerungen ſeiner Apoſtel äber dieſen Zwiſchenzuſtand des Menſchen mit Zuverläſſig⸗ keit ſchluſſen koͤnnen, iſt dieß: Unſer Geiſt ſtirbt nicht mit unſerm Koͤrper, ſett mit dem letzten Athemzug dieſes Koͤrpers ſeine Exiſtenz fort, und ſein Zuſtand muß Thaͤtigkeit, und ſo wie ſich der Menſch hierzu vor⸗ bereitet hat, entweder Wohlbeſinden, oder Uebelbefin⸗ den ſeyn. Laßt uns alſo nicht mehr zu wiſſen verlangen, als Gott wollte, daß wir wiſſen ſollten. Laßt uns mit ge⸗ troſtem Muth, mit feſtem Vertrauen auf ſeine Verheiſ⸗ ſungen, die finſtere Bahn des Todes wandeln. Auch auf dieſer wird er uns fuͤhren, und uns gewiß halten, was er uns verſprochen hat: ewiges Leben, ewiges glckſeliges Leben, das gleich nach dem Tode anfaͤngt, wenn wir zu dieſem Genuß faͤhig ſind. Laßt uns die⸗ ſem Leben hier heiter entgegen ſehen, ohne erſt lange zu fragen, wie es moͤglich iſt, wie es beſchaffen ſeyn wird? Will er, dieſer große Urheber des Lebens, daß unſer Geiſt ſchlummern ſoll, bis er mit unſerm neuen Koͤrper dereinſt erwacht: ſo wird auch dieſer Schlummer Nah⸗ rung und Stärkung unſers entkoͤrperten Geiſtes ſeyn ſo wie unſer irdiſcher Schlaf jetzt unſern Geiſt und un⸗ ſern Koͤrper ſtarkt. Soll unſer Geiſt, getrennt von unſerm Koͤrper, bis zur Wiedervereinigung mit ihm eri⸗ 3 . 1 3 3 3 5 5 83 5 1* J 8 — 256 exiſtiren, ſo wird ſeine Exiſtenz auch ohne Koͤrper, dem Zweck voͤllig gemaͤß ſeyn, den er in dieſem Zwiſchenzu⸗ ſtand erreichen ſoll, und er wird alle Faͤhigkeiten be⸗ ſißen, die er als Mittel zu Erreichung dieſes Zwecks noͤthig hat. Selbſt, wenn Seelenwanderungen moͤg⸗ lich waͤren, ein Traum von welchem die chriſtliche Re⸗ ligion nichts weiß: ſo wuͤrden auch dieſe Wanderungen, Mittel zu Beſchleunigung jener großen Revolutionen ſeyn, die unſern Geiſt nach dem Tode erwarten. Es ſey indeſſen erlaubt, daß ich, der ich dem Gra⸗ be ſo nahe bin, und alſo nothwendig oft meine Blicke, auf das Land jenſeit des Stroms dieſer Zeit richte, euch einige meiner Lieblingsgedanken uͤber den Zwiſchenzu⸗ ſtand des Menſchen nach dem Tode mittheile. Wenn ſie euch auch nicht Stoff zum weitern Nachdenken dar⸗ bieten ſollten, ſo werden ſie euch wenigſtens veranlaſſen, euch an einige Irrthuͤmer zu erinnern, welche man gemeiniglich mit den Gedanken uͤber Tod und Verwe⸗ ſung des Koͤrpers, und den Zuſtand des Menſchen nach dem Tode zu verbinden pflegt. Erſtlich: in dem ganzen unermeßlichen Reich der Schoͤpfung Gottes, ſo weit wir es kennen, iſt kein Sprung, keine augenblickliche ſchnelle Erhoͤhung des Kleinen zum Groͤßern, des Geringern zum Hoͤhern. Alles waͤchſt, nimmt zu, entwickelt ſich in unmerkbaren Progreſſionen, erreicht ſein Ziel nicht auf einmal, ſon⸗ dern nach und nach. Die Bluͤthe keimt lange, ehe ihre Knospe aufbricht, wird nur nach und nach zur Frucht, und jede Frucht reift langſam. Bildet euch alſo ja nicht die Wahrheit jenes philoſophiſchen Traums ein, eit, b nit ve ſchwir des mit wide derv Vern bung zu en Gott Koͤrp theilt die nach trͤſte Koͤn gen Der Got Die der an, nac kan geb nit St 8 dem nzu⸗ be⸗ ecks mög. gen, onen Gra⸗ licke, euch nzl⸗ Jenn dar⸗ ſſen, man we⸗ noch icich kein des ern. aren ſon⸗ ehe zur euch ums ein, 357 ein, daß der von ſeinem Koͤrper entfeſſelte Geiſt, ſich mit vermehrter Kraft, zu den hoͤhern Regionen empor ſchwingt, und nunmehr, da er aus dem Gefaͤngniß des Koͤrpers entlaſſen iſt, alles in dem helleſten Licht mit Freybeitathmendem Blick uͤberſchaut. Dieß iſt wider die Analogie der ganzen Schoͤpfung, und ſelbſt der von ſeinem Koͤrper getrennte Geiſt muͤßte nach aller Vermuthung hoͤchſt elend ſeyn, da ihm durch Berau⸗ bung der Sinne, alle Wege Ideen zu ſammeln und zu empfinden abgeſchnitten ſind, wenn die Allmacht Gottes ihm in dem Augenblick ſeiner Trennung vom Koͤrper nicht neue uns ganz unbekannte Organe mit⸗ theilt. Ohne die Verſicherung der chriſtlichen Religion, die uns mit einer gluͤcklichen Fortdauer unſers Geiſtes nach dem Tode, mit einem Seyn im Paradieſe troͤſtet, iſt es das ſchrecklichſte, baͤngſte Gefuͤhl, ſeinen Koͤrper erſtarrt und leblos, ſeinen Geiſt alles desjeni⸗ gen beraubt zu denken, wodurch er bisher Kraft zum Denken und zum Empfinden erhielt. Zweytens: in dem ganzen Reich der Schoͤpfung Gottes, giebt es keinen Stillſtand der Thaͤtigkeit. Dieß veranlaßt mich zu denken, daß es auch waͤhrend der ganzen Epiſtenz des Menſchen, von dem Embryon an, bis zu der hoͤchſten Stuffe des Seyns, die er jemals, nach unzaͤhlbaren Millionen von Zeitlaͤngen, erreichen kann, niemals einen Stillſtand ſeiner thaͤtigen Kraft giebt. Und iſt dieß wahr, ſo iſt kein Seelenſchlaf un⸗ mittelbar nach dem Tode moͤglich, oder ſelbſt dieſer Schlummer waͤre Fortſetzung der Wirkſamkeit und Thaͤtigkeit, und fortgeſetzte Wirkſamkeit und Thätig⸗ R keit 3 25 8 keit eines Geiſtes, der nicht Maſchine iſt, muß nothwendig mit Bewußtſeyn verbunden ſeyn. Ob alſo mein Geiſt ohne ſeinen Koͤrper handelt, oder ob er eingeſchlummert in dem unzerſtoͤrbarem Keim ſeines Koͤrpers, bis zu jenem großen Tag der Erwachung, ohnerachtet dieſes Schlummers, immer noch thaͤtig iſt, dieß kann mir ganz gleichguͤltig ſeyn; ſeine Thaͤtigkeit, ſie aͤußere ſich auf eine oder die andere Art, wird dennoch ſtets Fort⸗ ſchritt zur Vollkommenheit ſeyn, und ſelbſt mein Todes⸗ ſchlummer, wenn man ihn ſo nennen will, wird mit einem hoͤhern Grad der Thaͤtigkeit verbunden ſeyn, als jemals das irdiſche Leben des thätigſten Menſchen ſeyn konnte, ſo wenig ich mir auch einen deutlichen Begriff da⸗ von zu machen im Stande bin. Fürchtet alſo nicht den langen Schlaf des Todes. Auch er ſetzt Thatigkeit, un⸗ unterbrochene Thatigkeit voraus, und wenn die Schrift ſagt, daß die Todten ruhen von ihrer Arbeit, ſo will ſie damit ſo viel ſagen, daß der an Vollkommenheit ſtets wachſende Geiſt, auch in dieſem Zwiſchenzuſtand und bis zur Wiedervereinigung mit dem Koͤrper nicht mehr durch den Koͤrper an dem Wachsthum dieſer Vollkommenheit gehindert wird. Ruhe des denkenden Geiſtes kann in nichts anders beſtehen, als in gaͤnz⸗ lichem Mangel der Hinderniſſe ſeiner Thaͤtigkeit. Die gemeinen Begriffe, von dem auf die Trennung des Geiſtes vom Koͤrper ſogleich folgenden Zuſtand, die man ſich aus mißverſtandenen Stellen der heiligen Schrift macht, zielen alle darauf ab, daß man ſich den nunmehr entkoͤrperten Geiſt, ſogleich vollkommen gluckſelig, in dem hochſtmoͤglichen Wohlſeyn, frey von allen iluns men Freut gch Beg tiges ung Gotte Vert vern ſielle auch nicht meſſ Vur Gu und war dril ſche mit ſche men wen Go ihn dur ſch neh de dig eiſt nert 6 zu ieſes mir eſch ort⸗ des⸗ mit als ſeyn ff da⸗ den un⸗ hriſt will nheit ſund nicht ieſer nden n⸗ nung „die ſeen ſich men von len 259 allen Maͤngeln, Unvollkommenheiten und unangeneh⸗ men Vorſtellungen, und in dem voͤlligen Genuß aller Freuden der Seligen denkt. Dieß druͤckt man gemeini⸗ glich durch den Genuß des Anſchauens Gottes aus, ein Begriff, bey welchem wohl die wenigſten etwas Rich⸗ tiges denken, durch Ruhen von der Arbeit, Befrey⸗ ung von aller Qual, ewigen Jubel und Lobpreiſen Gottes, und aͤhnliche Redensarten. Dieſe gewaltſame Verwandelung des unvollkommenen Zuſtandes eines vernuͤnftigen Geiſtes, der nur eingeſchränkter Vor⸗ ſtellungen und Empfindungen bisher faͤhig war, alſo auch keines Genuſſes einer Gluͤckſeligkeit faͤhig iſt, die nicht dieſen Empfindungen, dieſen Vorſtellungen ange⸗ meſſen iſt, waͤre nur durch ununterbrochene fortdauernde Wunder Gottes moͤglich; denn die ganze Nakur dieſes Geiſtes muͤßte auf einmal ganz umgeſchaffen werden, und er muͤßte in ein ganz anderes Weſen, als er bisher war, verwandelt werden. Dieß leitet mich auf die dritte Muthmaaßung. Der Zwiſchenzuſtand des Men⸗ ſchen, zwiſchen Tod und Auferſtehung, iſt Reinigungs⸗ mittel der dem menſchlichen Geiſt aus dieſem irdi⸗ ſchen Leben noch anhangenden Maͤngel und Unvollkom⸗ menheiten. Er ſoll in dieſem Zuſtand, bald mehr, bald weniger, durch eigene uns unbekannte Veranſtaltungen Gottes, von allem demjenigen befreyt werden, was ihn noch unfaͤhig macht, in dem kuͤnftigen Zuſtand durch Thaͤtigkeit und Genuß vollkommen glückſelig zu ſeyn, an den Freuden hoͤherer, ſeliger Geiſter Theil zu nehmen. Er ſoll alſo vorbereitet werden, nach der Wie⸗ dervereinigung mit dem Koͤrper das ſeyn zu koͤnnen, R2 was 5 5 3 1 260 was er ſeyn ſoll. Die Bluͤthe des Kindes, die hier unreif abfiel, ſoll in dieſem Zuſtand zur Frucht reifen, der ſchwache Keim zur Tugend, der in ſo vielen Men⸗ ſchen nur erſt wurzelte, ſoll in dieſem Zwiſchenzuſtand mehr Stärke und Feſtigkeit erhalten. Der fromme Unwiſſende, der mißgeleitet durch ſeine Lehrer und Erzieher im irdiſchen Leben, voll von Irrthümern, Vor⸗ urtheilen und Aberglauben, und doch zugleich voll von wahrer Liebe zu Gott und ſeinen Menſchen im Tode entſchlummerte, ſoll in dieſem Zwiſchenzuſtand beſſer unterrichtet und erzogen werden. Freylich nahern ſich alle dieſe Behauptungen der Lehre vom Fegefeuer einer gewiſſen Kirchenpartey. Aber geſetzt dieſe Lehre waͤre auch mit ſehr großen Irrthuͤmern vermiſcht, muß ſie deswegen ganz falſch ſeyn? Und wer ſieht nicht, daß die Idee, die von einem Reinigungs⸗Vervollkom⸗ mungsort angenommen wird, eine ganz andere Vor⸗ ſtellung enthält, als das Fegefeuer dieſer Kirchenpartey. Man kann auch nicht laͤugnen, daß dieſe Idee ihren Urſprung in den älteſten Traditionen der Kirche hat, ehe dieſe Traditionen npch durch den geiſtlichen Ei⸗ gennutz gemißbraucht wurden. Daß indeſſen weder Seelenmeſſen, noch Fuͤrbitten der Heiligen, mit dieſem Zwiſchenzuſtand der Reinigung in einiget Verbindung ſtehen koͤnnen, darf wohl nicht erſt annoch ewähnt werden. Die Idee von einem Reinigungs⸗ oder hoͤhern Vorbereitungszuſtand nach dem Tode, erregt in mir eine vierte Muthmaaßung uͤber den unmittelbaren Zu⸗ ſtand des Menſchen nach dem Tode. Ich denke mir den Tod in einer vollkommnen Aehnlichkeit mit Em⸗ pfaͤng⸗ ingn hen. 2 Hülfl er hi Gute durc zu al durch wart in de Glar platz Evi umg Seli voch er a der das keit Art ſchi Al ſer an ten ſter ſii hier ſen, len⸗ and nme und ot⸗ von ode eſſer ſc euer ehre daß W⸗ Vor⸗ rteh⸗ hren hot, Ei Ndet ſem ung den. ern mir 3u⸗ mit Em⸗ ing⸗ 261 pfaͤngniß und Geburt des Menſchen in das irdiſche ke⸗ ben. Beyderley Zuſtand iſt einander vollkommen gleich. Huͤlflos und unfaͤhig das zu ſeyn und zu thun, was er hier ſeyn und thun ſoll, unfahig zum Genuß alles Guten, das ihm hier beſtimmt iſt, tritt der Menſch durch die Geburt in dieſe Welt; huͤlflos und unfaͤhig zu allem, was ihn in jener Welt erwartet, geht er durch den Tod in jene Welt uͤber. Fremde Huͤlfe pflegt, wartet und unterſtutzt ihn, erzieht ihn, in einer wie in der agdern. Nur nach und nach leuchtet ihm der Glanz ſeiner erhoͤhten Kraͤfte auf dem neuem Schau⸗ platz, den er betreten hat. Er lernt Sprache der Ewigkeit, ſammelt Kenntniß der Gegenſtaͤnde die ihn umgeben, belehrt ſich durch Beyſpiele der an Geiſt und Seligkeit aͤltern Unſterblichen, und ſo reift er nach und nach bis zu demjenigen Grad der Vollkommenheit, den er auch in dieſem Zwiſchenzuſtand erreichen ſoll. Aber der unſelige Geiſt iſt doch auch unſterblich, und da das Weſen ſeiner Unſterblichkeit, mit der Unſterblich⸗ keit des Seligen gleichartig iſt, ſo muß doch auch die Art und Weiſe, wie er ſich zu ſeiner freylich ſehr ver⸗ ſchiedenen Beſtimmung bildet, auch gleichartig ſeyn? Allerdings. So wie jener zum Engel reift, reift die⸗ ſer zum Teufel.(Ich weiß keine andern allgemein angenommenen Worte, welche die Gattung bezeichne⸗ ten, zu welcher jedes, dieſer ſo ſehr verſchiedenen un⸗ ſterblichen Geſchoͤpfe gehoͤrt.) Auch der laſterhafte von ſeinem Koͤrper getrennte Geiſt, der keiner ferneren Reinigung faͤhig iſt, tritt eben ſo hulflos und unfaͤhig zur Eyiſtenz in ſeinem kuͤnftigen Zuſtand in das Leben jen⸗ 262 jenſeit des Grabes; auch ihn bildet fremde Lei⸗ tung, fremdes Beyſpiel, vermehrter Trieb ſeiner eige⸗ nen boͤſen Neigungen, durch alles, was er nach und nach kennen und empfinden lernt, immer mehr und mehr bis zu dem Grad der Unſeligkeit, die ihn bey der Wiedervereinigung mit ſeinem Koͤrper erwartet, und was dann ferner ſein Schickſal ſeyn wird, wiſſen wir theils nicht, theils ſind wir unfaͤhig es zu beſtimmen, und zu beurtheilen. Die unerſaͤttliche Neubegierde des Menſchen hat, wenn ſie uͤber den Zuſtand des Menſchen nach dem Tode nachgruͤbelt, noch eine Menge zum Theil unnuͤtzer Fragen, die ſie ſich ſo gern beantworten moͤch⸗ te: Behalten wir nach dem Tode das voͤllige Bewußt⸗ ſeyn, die voͤllige Erinnerung des Zuſtandes unſers irdiſchen Lebens? Bleiben wir in einer Art von Ver⸗ bindung mit der Welt, die wir verlaſſen, mit den Geliebten, von welchen uns der Tod trennt? Werden wir uns nach dem Tode kennen? uns einander naͤhern? Koͤnnen wir nach unſerm Tode, auf die noch Lebenden wirken? Wird mein Geiſt alsdann, wenn mein Koͤr⸗ per im Grabe verwest, euch, meine Lieben, ſichtbar umſchweben duͤrfen, Zeuge eurer guten und eurer boͤſen Handlungen ſeyn koͤnnen? Schweben vielleicht, jetzt da ich dieſes ſchreibe, meine beyden von mir ſo innig geliebten Gattinnen, mit deren Tode ich alle meine Freuden verlohr, um mich ihren einſamen verlaſſenen Freund, und umwehen mich mit ihrem ſanften Hauch? Werd ich euch dort finden, wenn auch euch der Tod zum Grabe ruft? Und duͤrfen wir uns mit dem ſuͤſſen ent⸗ eljic daß w eine e mach ßen Aufe weiß viel i und Zuſle das halt eriſt ohne ſo h dun gar not bey ſch Ar ba in de uͤt Lel eige⸗ und und nbeh „und wir men, hat, dem Lheil möch⸗ vußt⸗ nſets Pe⸗ t den erden ern? uden För⸗ hebar boſen jeht inni neine ſinen uch? Tod ſiſen (lt⸗ 263 entzuckenden Traum uͤber unſerd Trennung beruhigen, daß wir dort in jenen reitzenden Gefilden der Ewigkeit, eine einzige verſammlete weit gluͤcklichere Familie aus⸗ machen werden als hier? Oder wird uns in dem gro⸗ ßen Reiche Gottes ein verſchiedener ewig getrennter Aufenthalt angewieſen werden? Auf alle dieſe Fragen weiß ich euch nichts zuverlaͤſſiges zu antworten. So viel iſt mir wenigſtens wahrſcheinlich: Bewußtſeyn und Erinnerung des Vergangenen muß ich in jedem Zuoſtand meiner kuͤnſtigen Exiſtenz behalten, wenn ich das Weſen bleiben ſoll, das ich jetzt wirklich bin. Be⸗ halte ich dieſes Bewußtſeyn, dieſe Erinnerung, und exiſtire ich nach meinem Tode nicht ganz iſolirt, und ohne Verbindung mit den Geiſtern meiner Zeitgenoſſen, ſo hoͤrt auch nach meinem Tode eine Art von Verbin⸗ dung zwiſchen mir und der Welt, die ich verlaſſe, nie ganz auf, und ihr, meine verlaſſenen Geliebten, ſeyd nothwendig einer der Gegenſtaͤnde, nach welchen ich bey meinen ſpaͤter ſterbenden kuͤnftigen Freunden for⸗ ſchen werde. Allein es waͤre Thorheit, etwas uͤber die Art dieſer Verbindung beſtimmen zu wollen. Ob ſicht⸗ bare oder unſichtbare Erſcheinung entkoͤrperter Geiſter in unſerer Welt moͤglich iſt, oder geſchieht, wollen wir der phantaſiereichen Schwaͤrmerey zu unterſuchen uͤberlaſſen. Was koͤnnte uns die Moͤglichkeit oder Wirk⸗ lichkeit der Sache nuͤtzen? Kenntniß unſerer Freunde und Geliebten in jenem Leben, fortgeſetzter, von Tu⸗ gend und Freude beſeligter Umgang mit ihnen iſt ein viel zu troſtreicher, entzuͤckender Gedanke, als daß wir nicht wenigſtens ſeine Realiſirung wuͤnſchen ſollten. Laßt 264 Laßt uns von der Guͤte Gottes alles hoffen. Er giebt uns ja ohnedieß jederzeit mehr, als wir erwarten. Ich glaube, euch an alles erinnert zu haben, was ihr zu überdenken noͤthig habt, wenn ihr euch einen vernuͤnftigen ſchriftmaͤßigen Begriff von dem Zuſtand des Menſchen zwiſchen Tod und Auferſtehung machen wollt. Wenn auch ich mich nicht genug gehuͤtet habe, den Lieblingstraͤumen meiner Phantaſie, mit welchen ich mich ſo gerne beſchaͤfftige, nachzuhaͤngen, ſo ver⸗ zeiht dieß der Schwachheit des Alters, welches, ge⸗ druͤckt von der Laſt ſeiner Beſchwerden, in die Zeiten der kraftvollen jugendlichen Munterkeit zuruͤck denkt, und da es mir nichts nuͤtzen wuͤrde, die Bilder der ver⸗ gangenen Jahre hierbey zuruck zu ruffen: ſo ergotze ich mich lieber an den Bildern der mir ſo nahen Zukunft, die mir neue Kraft, neue Jugend, neue Munterkeit ſo zuverläſſig verſpricht. Aber nur dort und jenſeit des Grabes, iſt ſie wieder mein, und ach! welches Gluͤck! nie, nie, ſoll ich ſie wieder verlieren! Himmel und Hoͤlle, zwey Worte, welche ſo oft mit vielen falſchen Vorſtellungen gedacht, und ausge⸗ ſprochen werden, erfordern noch, daß ich eure Begriffe auch davon zu berichtigen ſuche, oder euch wenigſtens die meinigen davon mittheile. Was iſt Himmel? Was iſt ewige Seligkeit? Was heißt ſelig ſeyn? Es wuͤrde ein trauriges Gemaͤhlde ſeyn, wenn man mit einem Blick die Vorſtellungen uͤberſchauen koͤnnte, welche ſich der groͤßte Theil der Chriſten und Richt⸗ chriſten von demjenigen macht, was ſie gemeiniglich im Himmel ſeyn nennen. Wir wollen die Traͤume der Nicht⸗ . Nch Lraͤu im S Ort Got giebt was inen ſtand chen habe, chen er⸗ „ge⸗ eiten denkt, rver⸗ be ich unft, ertiit it des Mick ſooft usge grife ſtens nel n mit nnte, icht⸗ him e der icht⸗ 265 Richtchriſten nicht anfuͤhren, nur an die chriſtlichen Traͤume wollen wir uns erinnern. Einer traͤumt ſich im Himmel Ruhe und Unthaͤtigkeit, der andere einen Ort, wo die Seligen in dem eigentlichen Aufenthalt Gottes beyſammen verſammelt ſind, der dritte ſpricht von unausſprechlichen Freuden und Vergnuͤgungen, bey welchen er entweder nichts denkt, oder Sinnlichkeit zum Grunde legt. Der vierte ſetzt das Weſen der Se⸗ ligkeit in unaufhoͤrliches Loben und Preiſen Gottes, und jeder gemeiniglich legt bey der Beſtimmung, was eigentlich Seligkeit iſt, Befriedigung ſeines Lieblings⸗ neigung zum Grunde. Ich brauch, euch nicht erſt zu erinnern, daß Himmel, im Himmel ſeyn, in das Himmelreich eingehen, etwas ganz anders anzeigt, als der buchſtaͤbliche Wortverſtand in ſich enthaͤlt. In⸗ deſſen ſollten auch die Vorſtellungen des ſo genannten gemeinen Mannes, von der zukünftigen zu erwartenden ewigen Gluckſeligkeit immer mehr und mehr von dieſen Ausdruͤcken gereiniget werden, da er durch dieſelben gemeiniglich verleitet wird, den Wolkenhimmel, mit ſeinen Begriffen von der ewigen Seligkeit zu verbinden, und uͤber demſelben ſich den Ort zu denken, der zum Genuß dieſer Seligkeit beſtimmt iſt. Der menſchliche Geiſt, der ſo gern durch die Huͤllen der Zukunft dringt, hat auch ſeine Reubegierde mit Muthmaaßungen und Hypotheſen ber die ewige Seligkeit beſchafftiget; Vil⸗ lette uͤber die Gluckſeligkeit des kunftigen Lebens, La⸗ vater in den Ausſichten in die Ewigkeit, Goldammer in den Betrachtungen uͤber das zukuͤnſtige Leben, wer⸗ den euch vielerley, Wahrſcheinliches und Unwahr⸗ ſchein⸗ 366 ſcheinliches, uber bieſen Gegenſtand ertheilen. Aber das Zuverlaͤſſigſte, was unſer Geiſt in ſeinem gegenwärti⸗ gen Zuſtand davon entdecken kann, findet ihr in Zolli⸗ kofers nachgelaſſenen Predigten, in der XVten bis XVlIIten Predigt des§ten Theils und in Ockels Pa⸗ lingeneſie des Menſchen nach Vernunft und Schrift. Alle dieſe Schriften machen es unnuͤße, euch mehr hier⸗ von zu ſagen, da ich doch nur vorzuͤglich dasjenige wuͤrde wiederhohlen koͤnnen, was bereits davon geſagt worden iſt. Wollt ihr euch kurz einen richtigen Begriff von demjenigen machen, was ihr euch unter der Seligkeit eines vernuͤnftigen Geiſtes denken muͤßt: ſo kann ich euch ſolchen kurz und vollſtaͤndig nicht anders als durch die Beſchreibung Swedenborgs,(freylich ein ſehr verdaͤchtiger Name,) angeben: Ewige Seligkeit be⸗ ſteht in der Erkenntniß des Wahren und in der Empfindung des Guten. Verbindet damit eine raſt⸗ loſe Thätigkeit, das Wachsthum der erſtern ſtets zu vermehren, und den Genuß des letztern zu verſtaͤrken: ſo koͤnnt ihr euch, nach meinem Erachten, am leichte⸗ ſten, es euch denkbar machen, wie ununterbrochener gluckſeliger Zuſtand eines vernuͤnftigen Geiſtes, Ewigkeiten hindurch ohne Ueberdruß und mit ſtets neuen Befriedigungen empfunden werden kann. Die Holle geht uns wenig an. Mag es auchmit ihr beſchaffen ſeyn wie es will, ſo kann die Theorie der Lehre von der Holle, keinen Einfluß auf unſer Reli⸗ gionsſyſtem haben, da Furcht vor der Hölle fuͤr uns kein Motiv zur Tugend und Rechtſchaffenheit iſt. Da in⸗ ineſt hruͤck haſte ort d verei ſowo noch heili heit oder gen ſond darl ſein ale not wil me Et ihr m we ni ni de ²6 . ſ ſ — das irti⸗ Mli⸗ bis hriſt. hier⸗ uͤrde rden von gkeit nich urch ſehr he⸗ der rſt⸗ ken: chte⸗ enet ſt mit den mit e der Reli⸗ uns Da in⸗ 267 indeſſen die heilige Schrift in den deutlichſten Aus⸗ druͤcken, von einem ungluckſeligen Zuſtand der Laſter⸗ haften nach dem Tode, und von einem Aufbewahrungs⸗ ort derſelben, nach der Auferſtehung und der Wieder⸗ vereinigung ihrer Geiſter mit ihren Koͤrpern, ſehr um⸗ ſtaͤndlich ſpricht: ſo laßt uns die Lehre von der Hoͤlle, ſowohl, als die Lehre vom Teufel, weder fuͤr Fabel noch juͤdiſche Traditionslehre und Akkommodation der heiligen Schriftſteller nach dieſer, ſondern fuͤr Wahr⸗ heit halten, ſie mag uͤbrigens juͤdiſchen, chaldaiſchen oder noch aͤltern Urſprungs ſeyn. Welche Vorſtellun⸗ gen mit dieſem Worte zu verbinden ſind, ob ein be⸗ ſonderer Ort, beſondere Strafen und Peinigungen, darunter zu verſtehen ſind, oder ob jeder Laſterhafte ſeine Hoͤlle in ſich ſelbſt ſchon einſchließt, dieß alles kann weder ein Gegenſtand unſers Unterrichts, noch unſerer Forſchbegierde ſeyn. Nur zwey Fragen will ich beruͤhren, da uͤber beyde in unſern Tagen im⸗ mer noch geſtritten wird. Was habt ihr von der Ewigkeit der Hollenſtrafen zu glauben? Was ihr wollt; die Sache iſt gar kein Gegenſtand der menſchlichen Unterſuchung, und kann nicht ausgemacht werden, da die aus der Bibel angefuͤhrten Stellen nichts fuͤr die Ewigkeit, und die Schluͤſſe der Vernunft nichts wider die Ewigkeit dieſer Strafen beweiſen. Iſt der Zuſtand des Laſterhaften ewig ungluckſelig, ſo iſt es gewiß nicht moͤglich, daß er nach den weiſen, heiligen und gerechten Geſetzen der Allregierung Gottes anders ſeyn kann, die Vernunft mag dagegen disputiren wie ſie will. Indeſſen ſcheint es der Vernunſt allerdings wahr⸗ 268 wahrſcheinlich, daß jedes Uebel, welches Gott uͤber einen vernuͤnftigen und unſterblichen Geiſt verhaͤngt, eigentlich nur Beſſerungsmittel ſeyn ſoll, und zuletzt ſeyn muß, und daß alsdann, wenn dieſer Endzweck ſelbſt der Macht und Weisheit Gottes, wegen der mit der Unſterblichkeit ſtets fortdauernden Freyheit eines vernuͤnftigen Geiſtes, zu erreichen ganz unmoͤglich iſt, endlich Vernichtung das letzte Mittel iſt, alles Un⸗ reine aus dem Umfang des unermeßlichen Reiches Gottes zu verbannen. Waͤre dieſe Muthmaaßung Wahr⸗ heit, ſo wuͤrde freylich der Wurm der Verdammten nicht ſterben, und ihr Feuer nicht verloͤſchen, ſo lange ſie ſind und exiſtiren. Aber Vernichtung wuͤrde ihr endliches Loos ſeyn. Darf es jedoch der bloͤdſichtige Menſch wagen, die Rathſchluͤſſe des Unerforſchlichen enthuͤllen zu wollen? Die zweyte Frage iſt: Giebt es poſitive Stra⸗ fen der Holle, oder beſtehen dieſe bloß in Ent⸗ ziehung und Entbehrung gewiſſer Guͤter, und den Folgen boͤſer Handlungen? Auch dieſe Frage gehoͤrt zu denjenigen, deren Entſcheidung nichts zur Erkenntniß der Wahrheit, und Verbreitung der Tu⸗ gend und Rechtſchaffenheit beytraͤgt. Die Vernunft kann auch nicht hieruͤber abſprechen, und die Offen⸗ barung thut es nicht. Wenn indeſſen der Begriff Strafe, hier in demjenigen Sinn genommen wird, in welchem ihn die buͤrgerlichen Geſetze nehmen, ſo ſcheint der Ausdruck: Poſitive, feſtgeſetzte, zugefugte Strafen, die nicht bloß natuͤrliche Folgen der boͤſen Thathandlungen ſind, fur den Zuſtand der Laſterhaſ⸗ ten len na ſüve der G ſelber gen. mach denke rektio der p poſiti ſraft Wih druc Jede einer uns ſur klar Sa aus leib hen Au Fůͤ diſ G get in uͤber ängt, zuleht dzweck et mit eines ich iſ, s Un⸗ eiches Pahr⸗ nmten longe de ihr chtige ſichen Stra⸗ Ent⸗ und Frage s zur rZu⸗ nunſt Offen⸗ ehrif d, in cheint fügte böſen echof ken 269 een nach dem Tode ſehr inabaͤquat zu ſeyn. Denn po⸗ ſitive Strafen werden zugefuͤgt, entweder das Anſehen der Geſetze zu erhalten, oder das verletzte Anſehen der⸗ ſelben zu rächen, oder kuͤnftigen Verbrechen vorzubeu⸗ gen. Sie laſſen ſich auch ohne ausdruckliche Bekannt⸗ machung zur Warnung fuͤr den Verbrecher nicht wohl denken. Sollen hingegen dieſe Strafen in bloßen Cor⸗ rektionsmitteln beſtehen, welches doch Hauptabſicht der poſitiven Strafen bey buͤrgerlichen Geſetzen iſt, weil poſitive Strafen nie aus den natuͤrlichen Folgen der ſtrafbaren Handlung allein, ſondern aus dem bloßen Willen des Geſetzgebers, herfließen: ſo iſt der Aus⸗ druck auf die ſo genannten Strafen der Hoͤlle unpaſſend. Jedoch, warum bemuͤhen wir uns mit Unterſuchung einer Sache, die fuͤr uns von wenig Nutzen iſt? Laßt uns zu einer Ausſicht forteilen, die eine der reizendſten ſuͤr unſern Geiſt iſt, und laßt ſie uns, ſo viel wie moͤglich, klar und deutlich uns darſtellen. Saat von Gott geſaͤet, dem Tag der Aerndte zu reifen, Mein Gefaͤhrt im erſten Leben verweſe, aus dem Staube, wird er, der Allmaͤchtige, dich, meinen Leib, an jenem großen Tage der Auferſtehung wieder hervor ruffen! Welche herrliche entzückende Ausſicht, Auferſtehung des in Moder und Dunſt aufgeloͤsten Koͤrpers, mit verjuͤngten, erhoͤhten Kräften! Und dieſen meinen eigenen Koͤrper, ſoll mein unſterblicher Geiſt wieder bewohnen! ſoll wieder mit ihm vereini⸗ get, ein neues Syſtem ſeiner Exiſtenz anfangen, und in dieſem Zuſtand ſeines Seyns, den Unendlichen und All⸗ 270 Allguͤtigen, immer mehr und mehr kennen, immer mehr und mehr lieben lernen! Welcher Scharfſinn der Weltweiſen, welche Religion der Vorwelt, hat vor Jeſu Chriſto dieß gelehrt? Wie uͤberzeugend hat er die Gewißheit dieſer Lehre durch ſeine eigene Auferſte⸗ hung erwieſen! Wie erhaben ſchildert er ſelbſt die große Scene dieſer Auferſtehung! Er wird in ſeiner Herr⸗ lichkeit kommen! Alle Engel Gottes mit ihm! Er wird ſitzen aufdem Stuhl ſeiner Herrlichkeit. Dann werden die Kraͤfte des Himmels ſich be⸗ wegen, alle Geſchlechte auf Erden werden heu⸗ len und verſchmachten vor Furcht und vor War⸗ ten der Dinge, die da kommen ſollen. Dann wird die Stunde kommen, da alle, die in den Graͤbern liegen, werden ſeine Stimme hoͤren, und werden hervor gehen, die da Gutes gethan haben, zur Auferſtehung des Lebens, die aber Uebels gethan haben, zur Auferſtehung des Ge⸗ richts. Wann und wie ſich dieſe große Handlung zu⸗ tragen wird, daruͤber hat unſer Herr uns nichts belehrt, denn es gebuͤhrt uns nicht, die Stunde zu wiſſen, wel⸗ che der Vater ſeiner Macht vorbehalten hat. Rur dieß hat er uns gelehrt, daß jener furchtbare Tag des Gerichts, an welchem alle Guten und Boͤſen ganz von einander getrennt werden, darauf folgen wird, und daß unſer Richter und Erbarmer, jeden ſeiner getreuen Knechte, in das Reich ſeines Vaters einfuͤhren, und ihn, der uͤber wenig getreu geweſen war, uͤber viel ſetzen wird. Alles dieß ſind indeſſen nur kurze dunkle Winke von demjenigen, was alsdenn erfolgen wird, Laßt uns nicht nmet an der vor hat er uft rſte gtoße Herr⸗ ihm! chkeit. ch be⸗ heu⸗ War⸗ Dann nden ören, Waon ber Ge⸗ nh zl elehrt, n wel⸗ Nur g des nz von „und neuen dihn, wird. Winfe t uns nicht 271 nicht mehr zu wiſſen verlangen, als wir wiſſen ſollen, uns in keine leeren Traͤume verlieren, und uns mit der freudigen Hoffnung begnuͤgen, daß er gewiß alles ge⸗ treu erfullen wird, was er uns verheißen hat. Ob die⸗ ſer unſer neue Koͤrper, aus dem auſgeloͤsten Urſtoff des alten wieder zuſammen geſetzt werden wird, oder ob der entkoͤrperte Geiſt das Saamenkorn ſeines kuͤnfti⸗ gen Koͤrpers unzerſtoͤrbar behalten wird? ob die Auf⸗ erſtehung der Koͤrper auf einmul, zu einem beſtimmten Zeitpunkt, oder nach und nach, nach gewiſſen, einem jeden Koͤrper beſtimmten Naturgeſetzen, geſchehen wird; ob eine beſondere Auferſtehung der treueſten Bekenner Jeſu vor der allgemeinen vorhergehen wird? ob wir nach dieſer Auferſtehung der Koͤrper unſere Erde, oder einen andern Weltkoͤrper des unermeßlichen Weltalls bewohnen werden? was wir ſodann ſeyn werden? auf welcher Stuffe des Geiſterſtaates Gottes wir nach Millionen von Jahrtauſenden ſtehen werden? dieß alles brauchen wir nicht zu erforſchen, und koͤnnen es nicht erforſchen. Aber dieß ſagt uns die heilige Schrift: G. Kor. 15. v. 25„28.) daß Chriſtus muß herr⸗ ſchen, bis daß er alle ſeine Feinde unter ſeine Fuͤſſe lege. Der letzte Feind, der aufgehoben wird, iſt der Tod. Wenn aber alles ihm unter⸗ than ſeyn wird, alsdann wird auch der Sohn ſelbſt unterthan ſeyn dem, der ihm alles unter⸗ than hat, auf daß Gott ſey alles in allem. Ven allem dieſem ſollſt du, o Menſch, ſollt auch ihr, meine Geliebten, Zeugen ſeyn wie ich; ihr ſollt an allen die⸗ ſen großen Revolutionen Theil nehmen, wenn ihr hier ſs 272 ſo lebt, daß ihr einſt Freuden der Ewigkeit zu empfin⸗ den faͤhig ſeyd. Und ihr wolltet euch jemals bis zum Laſter erniedrigen, und euch dieſes Gluͤcks verluſtig machen, oder es gering ſchaͤtzen? Ein Menſch, der ſich uberzeugt fuͤhlt, daß er zur Unſterblichkeit erſchaf⸗ fen iſt, in deſſen Macht und Gewalt es ſteht, dieſe Unſterblichkeit mit ewig dauernder Gluͤckſeligkeit zu ver⸗ binden, wollte dieß alles dem Genuß einer fluͤchtigen irdiſchen Luſt aufopfern? wollte lieber die harte Dienſt⸗ barkeit des Laſters, als das ſanfte Joch der Tugend waͤhlen? Meine Kinder, wäre eins oder das andere von euch jemals faͤhig, eine ſo unſelige Wahl zu treffen, was fuͤr ein gedankenloſes veraͤchtliches Geſchoͤpf muͤß⸗ te dieß ſeyn! Ach! moͤchtet ihr doch alle, die mir ſo ſuͤſſe Hoff⸗ nung erfullen, daß ich dereinſt vereint mit euch, an jenem großen Tag des Gerichts mit Freuden euerm und meinem Richter ſagen kann: Die du mir gege⸗ ben haſt, die habe ich bewahrt, und iſt deren keiner verlohren. Gott erfuͤlle dieſe Hoffnung! F. 26. Das Weſentliche des Chriſtenthums iſt nicht Glauben allein, ſondern Thun verbunden mit Glauben, Grund aller chriſtlichen Glau⸗ benspflichten. Mittel ſie auszuuben. Schluß. Ich habe euch getreu diejenigen Begriffe vorge⸗ tragen, die ich mir von dieſer oder jener Lehre der chriſt⸗ lichen Religion mache. Alles, was ich euch geſagt habe, enthaͤlt alſo das Bekenntniß desjenigen, was ich glaube, und an, kan dig ich ſte als w npfin⸗ zum luſtig der rſchſ. dieſe ver⸗ tigen Renſt⸗ ugend ndere reffen, miß⸗ hoff⸗ 0 euerm gehe⸗ deren nicht nden Hlau⸗ luß. vorge⸗ chriſt⸗ hobe, 3 ub⸗ und und es kommt hierbey auf eure eigene Ueberzeugung an, in wie fern mein Glaube auch euer Glaube ſeyn kann. Waͤre indeſſen dieſes Bekenntniß noch ſo vollſtaͤn⸗ dig, waͤre es noch ſo ſchriftmaͤßig: ſo macht dieß alles, wie ich euch ſchon geſagt habe, nicht das Weſentliche des Chri⸗ ſtenthums aus. Man kann die richtigſten reinſten Be⸗ griffe von allem demjenigen haben, was die Religion Jeſu Chriſti in ſich enthaͤlt, und man kann doch nichts weniger, als ein wahrer Chriſt ſeyn. Im Gegentheil, kann man ſich von dieſer oder jener Lehre Jeſu eine irrige Vor⸗ ſtellung machen, und ſich gleichwohl eines aͤchten prak⸗ tiſchen Chriſtenthums befleißigen. Das, was euch zu wahren Chriſten macht, iſt alſo nicht Glaube allein, der in der Erkenntniß dieſer oder jenen Wahrheit der chriſtlichen Religion und in der Ueberzeugung von die⸗ ſer Wahrheit beſteht, nein! es iſt das Thun, welches aus dieſem Glauben entſprießt. Das wahre Chriſten⸗ thum beſteht darin, ſo zu hondeln, wie dieſer Glaube es von euch fordert. Ohne Heiligung wird niemand den Herrn ſchauen. Euer ganzes Beſtreben muß alſo dahin gerichtet ſeyn, dem Sittengeſetz der Lehre Jeſu gemaͤß zu handeln. Dieß reinſte Sittengeſeß, muͤßt ihr vor allen Dingen genau kennen lernen. Ihr wißt bereits, daß das erſte Princip, auf welches dieſes Sittengeſetz ſich gruͤndet, Liebe zu Gott und ſeinen Menſchen iſt. Dieſe biebe zu Gott und ſeinen Menſchen iſt untheilbar, denn wer ſeinen Bruder nicht liebet, den er ſieht, wie kann der Gott lieben, den er nicht ſieht? Und wer da S ſagt, ——— r —— —,——— — 274 ſagt, er ſey im Lichte, und haſſet ſeinen Bruder, der iſt noch in Finſterniß. Aber liebe zu Gott und ſeinen Menſchen iſt nicht moͤglich, ohne Veredelung eurer ganzen Natur. Gott koͤnnt ihr nicht lieben, ohne Kenntniß und Empfindung ſeiner Vollkommenheiten, und ohne Neigung ihm aͤhnlich zu werden. Wollt ihr alſo dieſe Liebe zu Gott in euch erwecken, ſo muͤßt ihr euch vor allen Dingen gern mit dem Nachdenken uͤber dieſe ſeine Vollkommenheiten beſchaͤfftigen, muͤßt daraus empfinden lernen, was er euch iſt, und in wel⸗ chen Verhaͤltniſſen ihr mit ihm ſteht; iſt es euch Ernſt ihm aͤhnlicher zu werden, ſo ſtudiert vor allen Dingen den erhabenen Charakter ſeines großen Geſandten, den Charakter Jeſu Chriſti. Es giebt kein leichteres, kein zuverlaͤſſigeres Mittel, ſich zu einem wahren Chriſten zu bilden, als das unablaͤſſige Studium dieſes Cha⸗ rakters. Von dieſem ſollte aller Religionsunterricht von der fruͤheſten Jugend an, freylich nach dem Grad der Faͤhigkeit des Lehrlings, ausgehen. Durch die im⸗ mer mehr und mehr zunehmende Bekanntſchaft mit dieſem Charakter muß nothwendig in der jungen Seele ein unausloͤſchliches Gefuͤhl fuͤr alles, was ſchoͤn, edel und gut iſt, erweckt, ernaͤhrt und befeſtiget werden. Aus der Liebe zu Gott, fließt die wahre Liebe des Naͤchſten von ſelbſt. Dieſe Liebe des Naͤchſten iſt alsdenn nicht leeres Wortgetoͤne. Sie iſt alsdenn wirklich was ſie ſeyn ſoll, unermudetes Beſtreben nach dem erhabe⸗ nen Beyſpiel Gottes und ſeines goͤttlichen Geſandten, nach dem ganzen Maaß unſerer Kraͤfte, durch Be⸗ foͤrde⸗ ſör 6 uder, tt und Kung n, chne heiten, Ult ihr ßt ihe denken můßt in wel⸗ Eenſt dingen n, den , kein riſten Cha⸗ erricht Grad di im⸗ ſt mit Seele n, edel en be des sdenn hwas thube⸗ noten, Be⸗ orde⸗ 275 forderung der Tugend und Rechtſchaffenheit, Gluckſeligkeit uͤber unſere Nebenmenſchen zu ver⸗ breiten. Hierin beſteht die wahre Liebe des Naͤchſten, und ſie allein iſt es, durch welche ihr einer Aehnlichkeit mit Gott faͤhig werden koͤnnt, deſſen eigene Seligkeit in der Mittheilung derſelben beſteht. Dieſe Liebe des Naͤchſten bedarf nicht erſt genauer Kenntniß von dem Werch deſſelben. Sein Beduͤrfniß beſtimmt ſeinen Werth. Eigennutz, Selbſtſucht, Ruhmſucht, falſches Mitleiden haben keinen Einfluß auf die Handlungen dieſer Liebe; aber weiſes, thaͤtiges Wohlwollen gegen Jedermann, iſt das ſicherſte Motiv dieſer Handlungen. Aus dieſer genauen Verbindung der Gottes⸗ und Men⸗ ſchenliebe entſteht dann der edle erhabene Charakter des wahren Chriſten, dem reine Tugend, in ſo weit ſie in ſeinen Kraͤften iſt, ſein liebſtes Geſchafft iſt. Er weiß, je hoͤher der Grad der Tugend iſt, zu dem er ſich bildet, deſto groͤßer und reiner iſt ſeine Gluckſeligkeit, die unausbleibliche Folge ſeiner Tugend, er mag dar⸗ auf Ruͤckſicht nehmen oder nicht. Bildet euch nicht ein, daß es unmoglich ſey, ſich zu der Reinigkeit dieſes Charakters zu erheben. Schwer iſt es allerdings: aber in eurer eigenen mora⸗ liſchen Natur, und in dem unmittelbaren Beyſtand, den euch die Guͤte Gottes hierbey verheißen hat, liegen unerſchoͤpfliche Mittel, welche eurer Schwachheit zu Huͤlfe kommen, und ſie unterſtuͤtzen koͤnnen. Nur můßt ihr euch dieſer Mittel auch wirklich bedienen. Ich will euch kuͤrzlich daran nochmals erinnern: S 2 Habt * . z. 3 276 Habt vor allen Dingen Ehrfurcht vor euch ſelbſt, und lernt eure Wuͤrde als Menſch ſchaͤtzen. Denkt, wer ihr ſeyd, vernuͤnftig und frey, und han⸗ delt dieſer Vernunft und Freyheit ſtets gemäß. Er⸗ waͤgt, wie wenig ſinnliche Luſt dieſen vernuͤnftigen un⸗ ſterblichen Geiſt zu befriedigen vermoͤgend iſt. Habt ihr euch ſelbſt ſchaͤtzen gelernt, ſo werdet ihr leicht die Wichtigkeit des zweyten Huͤlfsmittels einſehen: Lernt den Werth der Tugend kennen und ſchaͤtzen. Haͤtten die Menſchen reine und richtige Begriffe, wie ſuͤß, wie angenehm die Vergnugungen der Tugend ſind, welches Gluͤck eine unſchuldsvolle, reine, heitere Seele iſt, die ſich keiner boͤſen Handlungen und Ge⸗ lüſte bewußt iſt, wie leichter wuͤrde ihnen der Weg zur Erreichung dieſer Tugend werden! Ach leider! kennen ſie dieſe Vergnuͤgungen nicht, und was wir nicht kennen, deſſen Werth reizt uns nicht. Freylich erſchweren wir uns den Weg zu dieſer Tugend zu ge⸗ langen, dadurch, daß Erziehung, Beyſpiel, Sitten von der fruͤheſten Jugend an, unſern Geſchmack ver⸗ derben, dieſen Geſchmack an die ſinnliche Luſt gewoͤh⸗ nen, und ihn nie auf dasjenige leiten, was wahrhaft, edel, ſchoͤn und gut iſt. Junge Seele, willſt du dich fruͤh, mit weniger Beſchwerde zu wahrer Tugend und Rechtſchaffenheit bilden, ſo gewohne dich fruhzeitig, an Allem Geſchmack zu finden, was ſchon, edel und gut iſt, und mache es zum Ziel deiner Nei⸗ gungen. Und du Lehrer, deſſen Beruff es war, dieſe junge Seele zu bilden, bilde vor allen Dingen dieſen Geſchmack deines Lehrlings, ſtatt ſein Gedächtniß mit leeren, reuch itzen. dhan⸗ . Er⸗ gen un⸗ hHebt icht die Lernt hätzen, e, wie Tugend heitete nd Ge⸗ t Veg leider! wir Freylich zu ge⸗ Sitten ck ver⸗ gwoh⸗ hrhaft, du dich nd und eiti (el Nei⸗ r, dieſe bieſen lertn, 277 eeren, unverſtäͤndlichen Worten zu peinigen. Das wahre Schoͤne und Gute macht gewiß auf jedes un⸗ verdorbene Herz den lebhafteſten Eindruck, wenn es ihm nur mit der erforderlichen Einſicht und dem gehoͤri⸗ gen Verſtand gezeigt wird. Wißt ihr den Adel eurer Seele zu ſchaͤtzen, welcher ſich auf Tugend und Recht⸗ ſchaffenheit gruͤndet; ſo muͤßt ihr freylich auch wachen, ihn unbefleckt zu erhalten. Der Nachläſſige iſt ſtets in Gefahr ſeine Schaͤtze und ſeine Guͤter zu ver⸗ lieren. Dieſe Wachſamkeit iſt eine der vorzuͤglichſten Tugenden des Chriſten. Je verborgener, je liſtiger, je maͤchtiger ſeine Feinde ſind, deſto groͤßer iſt ſeine Gefahr von ihnen uͤberwunden zu werden⸗ Und ach! dieſe ſinnlichen Luͤſte, welcher Menſch fuͤhlt es nicht, wie ſehr ſie in ſeinem Herzen herrſchen. Wacht alſo un⸗ ermuͤdet uͤber eure Gedanken, Worte und Handlungen. Ihr koͤnnt es weit in der Beherrſchung eurer ſelbſt bringen. Es iſt Tragheit des Geiſtes, wenn es euch den Reiz eines Laſters zu uͤberwinden zu ſchwer daͤucht. Alles iſt demjenigen moͤglich, der ernſtlich will. Nur den erſten Schritt zur Annäherung zum Laſter muͤßt ihr ſorgfaͤltig vermeiden. Wenn euer großer Lehrer der Wahrheit, Jeſus Chriſtus, euch nicht mit falſchen Verheißungen ge⸗ ſchmeichelt hat, und wie waͤre es möglich geweſen, daß er dieß haͤtte thun koͤnnen? ſo hat er euch noch das maͤchtigſte Huͤlfsmittel verſprochen, das euch zu Er⸗ reichung des großen Zwecks, durch immer ſteigende chriſtliche Tugend, der Aehnlichkeit mit Gott naͤher zu 278 zu kommen, bey aller eurer Schwachheit maͤchtig un⸗ terſtuͤtzen kann und wird. Er verheißt euch, der Bey⸗ ſtand des Geiſtes Gottes ſoll euch zu Theil werden, und ſoll euch neue Kraft zum Guten ſchenken. Ich habe euch bereits geſagt, worin dieſer Beyſtand Gottes be⸗ ſtehe. Er kehrt eure moraliſche Natur durch wunder⸗ bare Wirkung nicht um. Allein er wirkt, nach dem deuclichen Zeugniß der heiligen Schrift, auf eure eigene moraliſche Kraft, daß ſie das Gute leichter voll⸗ bringt, er verſtaͤrkt ſie gleichſam. Tauſend Mittel ſind ihm eigen, die ich und ihr nicht kennen, und die⸗ jenigen, welche wir kennen, duͤrfen wir nur weislich benutzen, wenn ſie auf unſere eigene Kraft wirken ſollen. So lange ihr ihre Wirkungen durch vorſaͤtzliche Neigung zur Suͤnde nicht hindert, werdet ihr ihre ge⸗ ſegneten Folgen gewiß empfinden. Betet alſo ohne Unterlaß um dieſen Beyſtand des Geiſtes Gottes, denn Gott will ihn denen geben, die ihn darum bitten. Ihn zu erhalten, wird nichts erfordert, als nur euer feſter Entſchluß und Wille ſtets gut und rechtſchaffen zu handeln, und der Anfang der Ausfuͤhrung dieſes Entſchluſſes. Ueberlaßt euch gern und willig ſeinen Leitungen, ohne thoͤrichterweiſe wiſſen zu wollen, wie er euch leitet. Laßt euch aber auch keine kaltblütige vernuͤnſtelnde Afterweisheit irre machen, wenn ſie euch belehren will, daß Gott eures Gebets nicht bedarf. Freylich bedarf er dieſes Gebets nicht, aber ihr beduͤrft ſeiner, und es iſt natuͤrliche Fol⸗ ge der Sache, daß, wenn euer Herz die Beduͤrfniſſe ſeiner * ſiut woe hab Vor Tug erſt den zn haf feſt ach dieß ſoge gen tuf Vi 279 ſeiner Schwachheit fuͤhlt, euer Mund da Hulfe ſuche, wo er ſie am ſicherſten erhalten kann. Alle dieſe Erinnerungen, die ich euch hier gegeben habe, ſind nicht neu, ſind tauſendmal geſagt worden. Ihr lest ſie in jedem Buche, ihr hoͤrt ſie in jedem Vortrag, in welchem Belehrung uͤber Religion und Tugend der Endzweck iſt. Aber brauch ich noch wohl erſt zu ſagen, daß ſie nicht oft genug wiederhohlt wer⸗ den koͤnnen, da man ſie ſo wenig befolgt? Vielleicht, daß die Stimme eines Vaters, der euch ſo gern wahr⸗ haft gluͤckſelig machen moͤchte, ſie eurem Gemuͤthe feſter einpraͤgt. Wenn ihr ſtrauchelt und fallt,(und ach! leider! wird dieß oft geſchehen!) und ihr nehmt dieß Buch in die Hand, und lest, was ich euch hier ſage: ſo wird vielleicht ſodann die Stimme der Tu⸗ gend euer Herz ruͤhren, und euch zur Tugend zuruͤck⸗ ruffen. Welcher reiche Lohn fuͤr mich, wenn ich mir dieſe Wirkung von dieſer Schrift verſprechen koͤnnte! Werdet ihr aber, meine Geliebten, dasjenige ſeyn, was ihr ſeyn ſollt, und wozu ich euch hier eine kurze Anleitung gegeben habe, wahre Chriſten, nach dem ganzen Umfang des Worts, dann werdet ihr gewiß ſchon hier in dieſer Welt die herrlichſten Belohnungen der Tugend unter dem Druck der Leiden, ſowohl, als in dem Genuß unſchuldiger Freuden empfinden. Aber freylich wird der beſſere Lohn dieſer Tugend euch erſt dort aufgehoben ſeyn. Erwartet nicht, daß ich euch das 280 das Bild des glucklichen Chriſten in dieſer und jener Welt mit lebhaften Farben ſchildere. Alle dieſe Schil⸗ derungen wuͤrden nur einen fluͤchtigen Eindruck auf euern Geiſt machen. Sie wuͤrden ohne Frucht ſeyn, ſo lange ihr dem wahren Schoͤnen und Guten, und der Tugend noch keinen Geſchmack abgewonnen habt. Habt ihr den Werch der Tugend kennen und empfin⸗ den gelernt, ſo wird eure eigene Erfahrung euch beleh⸗ ren, wie ſelig der Menſch iſt, der ſeine Pflicht aus⸗ übt, der Liebe zu Gott und ſeinen Menſchen ſein hoch⸗ ſtes Sittengeſetz ſeyn laͤßt. Die Geſundheit eurer Seele wird auf die Geſundheit eures Koͤrpers wir⸗ ken, ihr werdet in jeder Lage, in welche euch Gott ſetzt, ruhig leben, und ruhig ſterben. Herrliche Ausſicht des Chriſten, dieß⸗ und jenſeit des Grabes! Bildet euch endlich ja nicht ein, meine jungen Freunde, daß aller dieſer Genuß der Tugend und Rechtſchaffenheit, auch ohne Bekennung und Tugend der Religion Jeſu Chriſti moͤglich iſt. Nein! Tu⸗ gend ohne chriſtliche Religion, iſt ein ſchwankendes Rohr, das jeder Wind der Leidenſchaft hin und her weht. Der Grund dieſer Tugend iſt oft Ruhmſucht, oſt Stolz, oft Eigenſinn, oft Nachäffung, oft Laune, oft Eigennutz. Eine Tugend, die ſich nicht auf Liebe zu Gott und Menſchen gruͤndet, und nur die chriſtliche Tugend ruht auf dieſem Grund, iſt nie unverfaͤlſcht. Ohne ſie zu verdammen/ denn welcher ſterbliche Menſch darf bur die er La t 281 darf dieß wagen? ſind ihre Motive, wenigſtens nicht diejenigen, auf welche Jeſus Chriſtus die Tugend, die er ſeine Freunde und Bekenner lehrte, gegruͤndet hat. Laßt alſo den Weltweiſen unſers Zeitalters ihre eigene Huͤlle der Tugend, und wandelt auf dem ſichrern We⸗ ge, den euch Jeſus Chriſtus vorgezeichnet hat. Gewiß wird er euch nicht irre fuͤhren, wenn ihr ihn mit Treue und Eifer verfolgt. Iſt es alſo euer Ernſt, aufrich⸗ tige Bekenner eures Heilandes zu ſeyn, und weder Spott noch Verachtung euch abſchrecken, weder keiden⸗ ſchaſt noch Beyſpiel euch abhalten zu laſſen, den Ehren⸗ vollen Namen des Chriſten durch euern Wandel zu verdienen: ſo tretet mit mir vor das Auge des All⸗ wiſſenden und Allgegenwaͤrtigen, weihet euch ganz ſeinem Dienſt, und ſchwoͤret mit mir: Dir o Gott, der du alles weißt, der du pruͤfeſt und erforſcheſt, ob wir es redlich meynen! Dir widmen wir unſer Leben, unſere Kraͤfte, alle unſere Begierden. Heilige unſer Herz, daß es dir ganz ergeben ſey, und laß aufrichtige ungeheuchelte Liebe zu dir die Quelle aller unſerer moraliſchen Handlungen ſeyn. Laß uns deinen Geboten, den Geboten der liebe, ſtets treu und gehorſam ſeyn. Laß uns ſtets ſo leben, ſo han⸗ deln, wie es ſich fuͤr Menſchen ſchickt, die du durch deinen Sohn Jeſum Chriſtum zu einer ſeligen Un⸗ ſterblichkeit beruffen haſt. Wenn unſere Kraͤſte zum Kampf wider die Suͤnde ermatten, ſo ſtarke du uns, unſer Vater und Herr, durch den maͤchtigen Bey⸗ ſtand deines Geiſtes, daß wir alle Verſuchung zur Suͤnde ———— ——— 282 Suͤnde ſiegreich uͤberwinden, und dann, wenn wir wuͤrdig genug ſind, die Krone des Siegs zu tragen, die du uns nach dieſem fluͤchtigen irdiſchen Leben be⸗ ſtimmt haſt, dann laß uns da ſeyn, wo du biſt, und dort in der nähern Gemeinſchaft und Vereini⸗ gung mit dir immer vollkommner, und dir ähnlicher werden. Gott! vor dem nichts verborgen iſt, du weißt, dieß iſt der innigſte Wunſch unſerer Seelen! Er⸗ fuͤlle ihn um deiner Liebe und Barmherzigkeit willen! —————.— B —— —— 6 5 c — S 8 — Se S. 16 Z. 29 S 8.16 S. 22 8. 19 S. 24 Z. 10 S.. 10 Ebend. 8. 14 S. 46 3. 6 S. 47 8. 26 S 3 1 Ebend. 8. 28 S. 56 83. 18 S. 58 8. 28 S S. 70 Z. 23 S. 77 8. 10 S. 118 Z. 21 S. 121 3. 10 S. 130 Z. 13 S. 135 3. 28 S. 156 Z. 12 Ebend. 8. 14 S. 163 Z. 17 S. 176 Z. 12 S. 182 8. 19 S. 133 Z. 18 S. 190 Z. 6 S. 192 8. 26 S. Druckfehler. ite 12 Zeile 10 lies euch ſtatt auch l. nehmem ſt. nahmen l. unnoͤthig ſt. nothig u. 20 l. anzumaßen ſt. anmaßen lrichtiges ſt. ruhiges l. ſeinen ſt. freyen iſt nach Seele, das Wort, die ausgelaſſen l. ihm fuͤr ihnen l. anblickt fur erblickt iſt nach erkannt, das Wort habt ausgelaſſen l. nach Pficht, den muß am Ende ſtatt des Punkts das Frasezeichen 2 ſtehn l. verwickeln ſt. verwickelt iſt nach Offenbarung, das Wort an iieſe fuͤlt nach dem Wort, die, das Wort von weg iſt nach dem Wort gleichwohl, das Wort nur ausgelaſſen iſt nach dem Wort ihr der 20 Zeile, das Wort von ausgelaſſen l. Symbole ſt. Symbolen l. dieſer ſt. dieſe l. die ſt. ein l. den ſt. der l. entſchlieſſen ſt. entſcheiden muß ein Fragheſchen ſtatt des Puntts ſtehn l. moͤglich ſt. nothig l. genieße ſt. genießte l. unſere ſt. unſer l. nur ſt. nun l. Beſſerung ſt. Beſtrebung 224 Z. 2 v. u. l. menſchlichen ſt. menſchen Worte die doppelt geſetzt ſind, und andere unbedeutende Fehler ſind nicht bemerkt worden. — ———————— r Srey ortro Sfrart Sreen NVellow Hed Magenta