Leihbibliv beutſcher, engliſcher und on Cdnard Oktmunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Veſebedingungen. 1 OMensein der Bihliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mirz urückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— auf 1 Monat:— Pf. „ 3* 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Kehntes Cahite 0 Die Witkowetze. —— Motto: Ach du Roſe, holde Roſe, Warum biſt du früh und erblüht, Früh erblüh'nd vom Froſt geſtreift, Froſtgeſtreift warum verwelkt, Und verwelkt warum entblättert? Königinhofer Handſchrift. Wehe dem Lande, deß König ein Kind iſt!— Heilige Schrift. Erſtes Capitel. „Man muß das Eiſen ſchmieden, weil es glüht,“ ſagte der Biſchof Tobias zu Herrn Bohuſlaw von Klin⸗ genberg, der noch immer in Prag verweilte und ein täg⸗ licher Gaſt im biſchöflichen Palaſt war, wie eben jetzt, wo wir den Faden unſerer Erzählung wieder aufnehmen. „Der Hauptfeind iſt jetzt nicht auf dem Plan, der König ſeinem unmittelbaren Einfluß entzogen. Zwar hat er ihm drei Wächter ſeiner Sippe in ſeinem Bruder Witek, ſeinem Vetter Oger und vornehmlich in ſeinem Schwa⸗ ger Hroznata zurückgelaſſen, allein wie die ihn auch hüten mögen, der König fürchtet und achtet ſie nicht wie ſeinen Stiefvater, und als Vertrauensmann ſeines kaiſerlichen Schwähers kann es Euch jetzt nicht fehlen ſein Ver⸗ trauen zu gewinnen und ihm die unwürdige Stellung Taura. Die Witkowetze. II. zu zeigen, die er als Puppe der übermüthigen Sippe der Witkowetze einnimmt.“ „Ich fürchte nur,“ erwiederte Bohuſtaw,„daß ihre Macht jetzt wieder neuen Zufluß erhält. Gelingt es ihnen die mähriſchen Herren und Herrn Nikolaus zu bezwin⸗ gen, woran ich bei des Zawiſch unleugbarem Feldherrn⸗ talent nicht zweifle, ſo wird dies ihr Anſehen bei dem König und ihren Einfluß auf ihn weſentlich ſteigern.“ „Darum müſſen wir eben das Eiſen jetzt ſchmieden,“ nahm der Biſchof wieder das Wort.„Noch hat der Kampf nicht ordentlich begonnen, noch ſpricht kein Er⸗ folg zu ihren Gunſten; Herzog Nikolaus wird ihnen ſolchen auch nicht ſo gar leicht machen; er iſt tapfer und ſchlau, und hat in Polen eine tüchtige Kriegsſchule durch⸗ gemacht, er wird ſich zu wehren wiſſen. Darum die Zeit benutzt! Bis zur Entſcheidung des Kampfes können wir viel Boden gewonnen haben.“ „Aber was wird es uns frommen?“ wandte Bo⸗ huſlaw ein.„Alles was wir vielleicht jetzt aufbauen, reißt jene Entſcheidung wieder ein. Wir haben es ja ge⸗ ſehen, wie leicht der König umzuſtimmen iſt. Wir glaub⸗ ten ihn ſchon ganz auf dem rechten Wege zu haben, und ehe wir uns deſſen verſahen, ſchlug er wieder um.“ „Der Tropfen höhlt den Stein,“ tröſtete der Bi⸗ ſchof;„das alte, unbedingte Vertrauen auf Zawiſch iſt 3 doch im König erſchüttert; ein Stachel des Argwohns und der Verſtimmung iſt doch in ſeiner Seele zurück⸗ geblieben. Die Geſchichte mit dem Indenkinde iſt nur einſtweilen in den Hintergrund getreten; zu Ende iſt ſie noch nicht. Ich habe in dieſen Tagen abſichtlich nichts weiter darin gethan; die Aufregung des Königs über die neueſten Ereigniſſe ſollte ſich erſt ein wenig legen; aber ich werde die Sache nun wieder ernſtlich betreiben, damit der Kirche ihr Recht geſchieht. Arbeitet Ihr von der weltlichen Seite, ich werde Euch von der geiſtlichen zu Hülfe kommen.“ „Wir könnten eigentlich den vorausſichtlichen Er⸗ folgen des Zawiſch die Spitze abbrechen, wenn es uns gelänge Herrn Nikolaus zu bewegen, daß er unter der Hand mit ſeinem königlichen Halbbruder in friedliche Unterhandlung träte,“ meinte Bohuflaw. Der Biſchof ſann ein wenig nach. Dann ſagte er: „Fürwahr, Ihr habt da einen guten Gedanken. Wenn wir Jemand hätten, der auf den Herzog einigen Einfluß beſitzt und ihn in dieſem Sinne bearbeitete, ſo könnte das von gutem Erfolge ſein, es könnte den Sieges⸗ glanz und das Verdienſt des Zawiſch weſentlich mindern. Und mir fällt etwas ein, wofür der Herzog am leichteſten zu gewinnen ſein und was am ſicherſten zum Ziele füh⸗ ren dürfte. Wenn man dem Herzog vorſchlüge ſeine i N 4 Angelegenheit einem Schiedsſpruche des Kaiſers zu unter⸗ werfen, ſo dürfte er wohl bei rechter Erwägung der Ver⸗ hältniſſe dazu geneigt werden, und auch der König würde hierzu leicht ſeine Zuſtimmung ertheilen.“ „Ihr ſeid ein kluger Herr,“ erwiederte Bohuſlaw; „der Gedanke mit dem Schiedsſpruch Kaiſer Rudolph's iſt ein ganz vortrefflicher, und mir fällt Jemand ein, der ihn bei dem Herzog zur Geltung bringen könnte: Herr Burkhardt von Janowitz, des Herzogs Schwager. Er hat ſich zwar jetzt vom öffentlichen Leben zurückgezogen, und führt auf ſeinem Schloſſe Winterberg ein patriar⸗ chaliſches Leben; aber er hat es ſicher ſo wenig vergeſſen wie die Herren Zbiſlaw von Löwenberg und Zbiſlaw Zagic von Trebaun, daß ſie von der witkowetziſchen Sippe aus den höchſten Landesämtern verdrängtwurden.“ „Die Herren Zbiflaw Zagijc und Sezema von Kraſſow ſuchten ihn auf,“ warf der Biſchof ein,„als ſie die weſtliche Adelserhebung in Gang bringen wollten; allein er lehnte es ab ſich der Sache anzuſchließen, und hauptſächlich dadurch hat dieſe ſcheitern müſſen. Herr Burkhardt hat, wie es ſcheint, ſeinen alten Stolz und den berechtigten Haß gegen die Witkowetze auf ſeinem Winterberg ganz eingefrieren laſſen.“ „So gilt es ihn wieder aufzuthauen,“ meinte Bo⸗ huſlaw.„Daß Herr Burkhardt nicht auf den Plan jener 5 Herren eingegangen, kann ich ihm übrigens nicht ver⸗ argen; dazu waren die Dinge noch nicht reif. Ihr vor⸗ eiliges Losgehen hat unſerer Sache viel geſchadet. Der Anhang der Witkowetze iſt noch zu groß und die Städte ſchwärmen für den Bürgerfreund Zawiſch. Es war vorauszuſehen, daß der Aufſtand mißglücken werde.“ „Wenn es ihnen aber gelang, Taus zu nehmen, ſo waren ſie Herren des weſtlichen Landes von der Eger bis an die Wattawa,“ wandte der Biſchof ein;„und dann hatte der Aufſtand einen feſten Stützpunkt. Wie es nun iſt, ſo ſind die Herren Zbiſlaw Zagjc und Se⸗ zema freilich zu beklagen. Doch wieder, auf unſern Vor⸗ ſchlag zu kommen,— meint Ihr, daß mit Herrn Burk⸗ hardt von Janowitz etwas anzufangen wäre?“ „Es kommt auf einen Verſuch an,“ antwortete Bohuſlaw.„Herr Burkhardt iſt mit ſeinem Schwager ſtets gut befreundet geblieben, und wenn das Eis bei ihm auch etwas ſehr feſt ſein ſollte, nun ſo gewinnt man zunächſt die Frau, daß ſie es ſchmelzen hilft. Frau Lud⸗ milla hat genug von ihrem königlichen Erzeuger, um ſich nach der alten Stellung am Hofe und nach Rache an dem verhaßten Geſchlecht der Witkowetze zu ſehnen. Man darf ihr nur von dieſer Seite beikommen, um ſie zur Bundesgenoſſin zu erhalten, und man ſagte ja immer, daß ſie ihrem Herrn längſt die Hoſen abgenom⸗ 6 men. Gewiß iſt, daß Herr Burkhardt ſich immer er⸗ ſchrecklich viel darauf eingebildet, daß ſeine theure Ehe⸗ hälfte der lebendige Beweis geweſen, durch welchen die von König Ottokar's unfruchtbarer erſten Gemalin gegen deſſen Mannheit erhobenen Zweifel auf's Bün⸗ digſte widerlegt wurden.“ „Es wäre gut geweſen, es hätte dieſes Beweiſes nicht bedurft,“ meinte der Biſchof;„hätte Frau Mar⸗ garethe ihrem Gemal einen Erben gegeben, ſo hätte er dieſe leichtfertige Ungarin nicht in's Land gebracht, und dieſem wäre großes Aergerniß erſpart worden. Doch,— wen könnten wir wohl nach Winterberg ſchicken; es müßte ein angeſehener und wohlredender Mann ſein. Der Geſchickteſte wäret wohl Ihr ſelbſt, aber Ihr ſeid in Prag unentbehrlich. Schade, daß mit Herrn Hynek von Lichtenburg nichts anzufangen iſt; er war ſonſt der vertrauteſte Freund des Herrn Burkhardt und galt viel bei Frau Ludmilla.“ „Der iſt allerdings jetzt noch nicht zu brauchen,“ ſagte Bohuflaw;„ich denke zwar ihn noch auf unſere Seite zu ziehen, iſt er doch im Herzen nichts weniger als ein Freund der Witkowetze; allein augenblicklich würde er nicht einmal auf vierundzwanzig Stunden aus Prag fortzubringen ſein, da er toller wie je in Frau Kunigunde vernurrt iſt, und jetzt, wo Zawiſch nicht zu⸗ —— 7 gegen, wirklich glaubt, dieſen aus dem Sattel zu heben. Ich denke, mein Bruder Tobias dürfte einen eben ſo guten Vermittler abgeben; er focht auf dem Marchfelde an Herrn Burkhardt's Seite und ſtand mit ihm an der Sazawa gegen die Witkowetze; mit Frau Ludmilla hat er den Erſtgebornen Herrn Bawor's von Strackonitz, ihres Schwagers, aus der Taufe gehoben.“ „Das iſt ja ganz gut,“ erklärte der Biſchof;„da haben wir ja gleich den rechten Mann. Euer Bruder iſt. wohl leicht zu erlangen?“ „Ich ſende noch heute einen reitenden Boten an ihn,“ verſicherte Bohuflaw,„und ſpäteſtens in drei Tagen können wir ihn hier haben.“ Indeſſen werde ich den König wieder an das ver⸗ letzte Recht der Kirche erinnern,“ ſagte der Biſchof; „und Ihr nehmt die erſte beſte Gelegenheit wahr, ihm einleuchtend zu machen, wie erſprießlich es für die Krone und wie wünſchenswerth für das arme, durch die ewigen Kämpfe arg geplagte Volk, wenn dem Streit mit Herrn Nikolaus durch den Schiedsſpruch des Kaiſers ein Ende gemacht würde, ehe es zum Blutvergießen käme.“ Hiermit waren die beiden Herren am Ende ihrer Unterredung. Keiner von ihnen ſäumte das, was er auf ſich genommen, auszuführen. Allerdings hatte Oger von Lomnitz es ſich zur Pflicht gemacht, in der Abweſenheit 8 Zawiſch's auf den König ein ſcharfes Auge zu haben, damit die Gegenpartei nicht Einfluß auf ihn erlange. Indeſſen konnte er doch nicht immer um ihn ſein, und wenn er auch unter der Dienerſchaft ſeine Getreuen hatte, es gab doch unbewachte Augenblicke, wo auch Leute wie Bohuſlaw von Klingenberg mit ihm verkehren konnten. Der Biſchof hatte durch ſeine Würde unbe⸗ ſchränkten Zutritt bei dem für die Kirche mit unbegrenz⸗ ter Ergebenheit erfüllten König. Auch hatte der Hoch⸗ würdigſte bisher vermieden offen gegen die Witkowetze Partei zu ergreifen. Es war für den geiſtlichen Hirten ein Leichtes, den ſchwachen königlichen Jüngling wieder mit der Geſchichte von dem der Kirche entriſſenen Kinde zu ängſtigen, und dadurch in ſeinem Vertrauen gegen Zawiſch wankend zu machen. Er ließ einfließen, daß die eben jetzt über das Land gekommene Heimſuchung nur eine Strafe des (durch den an der Kirche begangenen Raub) ſchwer be⸗ leidigten Himmels ſei. Er hoffe, ſagte er, auf keinen glückichen Ausgang des Kampfes, ſo lange die That nicht geſühnt, der Himmel nicht verſöhnt ſei. Dabei dachte er, wie er hierdurch zugleich ſeinem Bundesgenoſ⸗ ſen Bohuſlaw von Klingenberg in die Hände arbeitete. Der König war kaum wieder allein, als er Anſtalt traf nach Kunigundenluſt zu eilen, und mit ſeiner Mut⸗ * ——,.—— ——,.——— 8 ter über die eben verhandelte Angelegenheit Rückſprache zu nehmen. Kunigunde war zu ſehr von der ſchmerzlichen Sehnſucht nach ihrem Gemahl beherrſcht, als daß ſie dem Gedanken an das Judenkind in dieſer Zeit Raum gegeben hätte. Dieſes war bei ihr ſo ziemlich in Ver⸗ geſſenheit gerathen. Erſt jetzt wurde ſie durch ihren Sohn wieder daran erinnert. Wenzel machte ihr wei⸗ nend Vorwürfe, daß ſie ihr Wort noch nicht gehalten, und wehklagte, daß er kein Herz auf der Welt habe, welches es ganz gut mit ihm meine. En kam auf ſeine Kindheit zurück, wo ihm ſchon nach dem Leben getrach⸗ tet worden und er der Spielball grauſamer Feinde des Landes geweſen. Aber fügte er hinzu, obgleich man ihn gefangen hinweggeführt in ein fremdes Land und ge⸗ halten wie das Kind eines gemeinen Bauern, ſo ſei er doch nicht ſo elend geweſen wie jetzt als König; denn damals ſei er mit Gott im Frieden geweſen. Jetzt aber hätten die, deren Pflicht es wäre, alles Böſe von ihm fern zu halten, es förmlich darauf angelegt ihn zum unglückſeligſten Menſchen, zu einem Feinde der Kirche zu machen. Das ſolle ihnen aber nicht gelingen. und ſollte er oder ſollten ſie dabei zu Grunde gehen. Kunigunde erſchrack weniger über die Vorwürfe ihres Sohnes gegen ſie ſelbſt als über die herben, wenig 0 verſteckten Ausfälle auf Zawiſch und die Drohung, die aus den letzten Worten Wenzels herausklang. Sie ſollte noch mehr erſchrecken; denn ohne ſie zum Worte kommen zu laſſen, rief der gekrönnte Jüngling plötzlich:„Man behandelt mich immer noch wie ein Kind! man ſoll ſe⸗ hen, daß ich kein Kind mehr bin. Wäre der Frevel von Jemand anderem verübt worden als von Perſonen, die meiner Frau Mutter ſo nahe ſtehen, ich hätte ihnen den Kopf vor die Füße legen laſſen.“ Ein eiskalter Schauer durchrieſelte Kunigundens Glieder, und das Blut ſtockte ihr im Herzen. Sie rang mühſam nach Odem und als ſie ihm gewonnen hatte, rief ſie todtenbleich mit dem Ausdruck des tiefſten Ent⸗ ſetzens:„Wenzel!— mein Sohn!—“ aber mehr ver⸗ mochte ſie nicht hervorzubringen. Der bis an die Grenze der Wuth aufgeregte junge Menſch ſah und hörte nicht was in ſeiner Mutter vor⸗ ging; ſchonungslos ſchrie er weiter:„Ich will aber doch Frieden mit der Kirche machen; ich will ihr Recht verſchaffen— ich, der König!“ Dabei rannte er im Zimmer auf und ab und ge⸗ ſtikulirte lebhaft mit beiden Armen. Plötzlich ergriff er ſeinen Hut und eilte zur Thür. Todesangſt ergriff das Herz der Königin— an dieſem Moment hing vielleicht die ganze Zukunft ihres 1 Gemahls— ihrer ſelbſt— ihres Kindes—— ein Gedanke flog ihr durch den Kopf— ſie ſtürzte dem Sohne nach. In der Treppenhalle erreichte ſie ihn, erfaßte ihn und zog ihn mit aller Anſtrengung ihrer Kräfte in ihr Gemach zurück. Hier umſchlang ſie ihn, küßte ihn, weinte, haſchte nach beſänftigender Rede— und log, — log, nein ſo viel aus Angſt, Sorge und Leidenſchaft gelogen wird. Sie klagte ſich an, als wäre ſie an Allem ſchuld, als hätte Zawiſch vor ſeinem Fortgang ihr auf⸗ getragen die Sache mit der Kirche abzumachen, und hätte ſie in ihrer Bangigkeit um ihn vergeſſen, den Auf⸗ trag zu vollziehen. Dann beſchwor ſie den König, ihr nur noch drei Tage Zeit zu laſſen, in dieſer Friſt wolle ſie die Kirche zufriedenſtellen. Sie habe die Mittel dazu in Händen— Zawiſch habe ſie ihr gegeben— ſie wolle nicht ſeine, des Königs, Mutter ſein, wenn ſie das Ju⸗ denkind der Kirche, der es gehöre, nicht wieder zuſtelle. Die Aufregung Wenzels hatte ſich gelegt; er wurde weich, bat die Mutter für ſein ungeſtümes Be⸗ nehmen um Verzeihung und willigte in die dreitägige Friſt. Beſchwichtigt verließ er Kunigundenluſt. Kunigunde aber blieb in tiefſter Eerrgung zurück. Sie war entſchloſſen die unſelige Geſchichte zur Erledi⸗ 12 gung zu bringen. Noch einmal wollte ſie die Güte bei der Zauberin verſuchen, dann aber, wenn es nicht anders ging, zur Gewalt ſchreiten. Sie rief einen Diener und trug ihm auf, ſchleunigſt nach der Stadt zu gehen, Herrn Hynek von Lichtenburg aufzuſuchen und wo er ihn auch fände zu ihr zu beſcheiden. Zwei lange Stunden verſtrichen bis der Diener wieder kam. Herr Hynek folgte ihm auf dem Fuße. „Es iſt gut, daß Ihr kommt,“ rief ihm Kunigunde entgegen.„Ich rechne auf einen großen Dienſt von Euch: Ihr ſollt mein Ritter auf einem ſchweren Gange ſein,“ und ſie winkte ihm ſogar ſich neben ihr niederzulaſſen. Es war ihr Bedürfniß zuvörderſt ihr Herz etwas zu erleichtern. Und ſie that es, indem ſie ihm Alles er⸗ zählte, was ſich vor zwei Stunden zwiſchen ihr und ih⸗ rem Sohne zugetragen hatte. Dabei berührte ſie mehr als einmal in der Erregtheit Hyneks Hand, ja ohne recht zu wiſſen was ſie that, vielleicht auch doch etwas aus Berechnung, ließ ſie bei ein paar Stellen ihrer Rede ihre Linke auf ſeinem Arm ruhen. So etwas war dem verliebten Zuhörer noch nicht widerfahren. Kein Wun⸗ der wenn er darin eine Aufmunterung ſeiner Werbung fand dieſe bewundernswürdige Hand an ſeinen Mund zu führen, und wenn er, als ſie das duldete, zu ihren Füßen ſtürzte und unter Betheuerung ſeiner Ergeben⸗ 13 heit und Bereitwilligkeit zu Allem, was ſie von ihm for⸗ dern könne, ein Geſtändniß ſeiner Liebe ablegte. Da freilich fand ſie an der Zeit, ein etwas gemeſ⸗ ſenes Benehmen zu zeigen. Sie befahl ihm aufzuſtehen und ſie nicht zu zwingen auf ſeinen„ritterlichen Bei⸗ ſtand“ und ſeinen Umgang zu verzichten— aber begü⸗ tigend fügte ſie hinzu:„den ich ſo ſehr vermiſſen würde,“ und dann ſprang ſie auf und ſagte mit ihrer gewohnten Leichtigkeit:„Wenn es Euch recht iſt, mein Ritter, ſo laß ich meinen Zelter vorführen und Euern Rappen und wir brechen nach der Behauſung der Juden⸗ dirne, die ſich für eine Zauberin ausgibt, auf.“ Und ſie ging dem Ritter voran in den Hof, ver⸗ ſchwand dann, nachdem ſie die erforderlichen Befehle an die Diener ertheilt, wieder in's Haus und erſchien nach zehn Minuten im Reitkleid. Leicht ſchwang ſie ſich auf den ſchneeweißen ungariſchen Zelter und ritt an Hyneks Seite von dannen. Nach drei Viertelſtunden erreichten ſie die Vertie⸗ fung, in welcher Ruſalka's Felſenhaus ſich befand. Die Pferde wurden oben an einem Baume angebunden, dann nahm Knnigunde den Arm ihres Begleiters und ließ ſich von ihm hinabgeleiten. Hynek fand die Scene etwas verändert. Der kleine ſchwarze See war zur Hälfte mit einer dichten Reihe 14 junger Fichten umpflanzt, und an dieſe Reihe lehnte ſich eine zweite, welche einen Raum von etwa zehn Ellen Breite und zwanzig Ellen Länge umſchloß. Hynek be⸗ zwang ſeine Neugierde, die ihn lockte, zunächſt dieſe Neuerung zu unterſuchen, und gab das bekannte Zei⸗ chen. Mehrere Minuten vergingen; Ruſalka erſchien nicht. Hynek wiederholte das Zeichen, jedoch gleich er⸗ folglos. „Sie ſcheint nicht da zu ſein,“ bemerkte er. „Dann erwarten wir ſie,“ erklärte Kunigunde; „wir ſind einmal hier; wozu den Weg noch einmal ma⸗ chen? Ich könnte auch nicht ſchlafen, müßte ich ohne irgend ein Ergebniß heimkehren.“ „Die Sonne ſteht noch hoch,“ erwiederte Hynek, „wir haben noch manche Stunde vor uns, bevor uns die Nacht an dieſem Schauerort überfällt!“ „Ja ſchaurig iſt es hier,“ beſtätigte Kunigunde, „es gehört viel Muth dazu, und noch dazu für ein Weib, hier Jahr aus Jahr ein zu wohnen!— Ich bin etwas müde, dieſe Blöcke laden zum Sitzen ein.“ Sie bewegte ſich nach einem nahen, ſehr breiten Felsblock, um darauf Platz zu nehmen. Hynek warf ſchnell ſeinen Mantel ab, und breitete ihn als Polſter auf den harten Stein. Kunigunde ließ ſich freundlich 15 dankend darauf nieder und lud ihn ein ſich an ihre Seite zu ſetzen. Da ſaß er nun mit ihr in tiefer, wilder Waldein⸗ ſamkeit. War er ſeinem erſten heutigen Auftreten bei ihr nicht aus einer fieberhaften Herzenserregung her⸗ ausgekommen, ſo diente die gegenwärtige Situation am allerwenigſten zur Beſchwichtigung derſelben. In dem, die ſchönen Formen des Oberkörpers knapp umſchließen⸗ den, Reitkleide ſah Kunigunde noch jünger und friſcher aus als gewöhnlich. Der reiche Lockenſchmuck der unter dem blauſammtenen Barett hervorquoll und ſich auf den prächtigen Schultern wiegte, erhöhte das jugendliche Ausſehen. Dieſe reizende Geſtalt in dem reichen, male⸗ riſchen Gewande mit der wallenden ſchneeweißen Feder mit dem himmelblauen Barett hier auf dem rohen Fels⸗ blocke und in dieſer ganzen wilden Scenerie hätte auf jeden Beſchauer einen außergewöhnlichen Eindruck ma⸗ chen müſſen, wie mächtig, wie überwältigend mußte er erſt auf den von tiefer Leidenſchaft für ſie erfüllten Hy⸗ nek von Lichtenburg ſein! Er ſaß da ſprachlos, ganz in ihr Anſchauen verloren. Sie ſchien es nicht zu beachten, wie die zwei Au⸗ gen ihres Ritters ſie gleichſam verſchlangen. Ihre Blicke waren geſpannt nach der Stelle gerichtet, an wel⸗ 16 chee ſie die Zauberin jeden Angenblick hervorkommen zu ſehen erwartete. Aber ſie erſchien nicht. Plötzlich vernahm ſie ein Geräuſch von der Seite her, wo ſich der umzäunte Raum befand. Ihre Blicke richteten ſich dorthin und jetzt war es ihr, als bewegten ſich ein paar der jungen Fichten, welche die Umzäunung bildeten. „Hörtet Ihr nichts?“ fragte ſie ihren Gefährten leiſe:„ſeht Ihr nicht die Bäume ſich dort bewegen?“ „Wahrhaftig!“ erwiederte Hynek hinblickend,„mir iſt es ganz ſo. Ich will doch einmal hinſehen.“ Er ſtand auf und ſtieg über den klippigen Boden zu der Unzäunung. So geräuſchlos als möglich trat er hinan und ſpähte über die bis nahe an das Kinn rei⸗ chenden Baumwipfel hinweg. Faſt erſchrack er, denn aus geringer Entfernung leuchteten ihm zwei große ſeltſame Augen entgegen. Wäre es nicht am hohen Tage geweſen, ſein Muth möchte durch die unerwartete Erſcheinung wohl auf die Probe geſtellt worden ſein; ſo ſah er im nächſten Augenblick das ganze harmloſe Geſicht und dann gleich die ganze beruhigende Geſtalt einer Hündin, die ihn mit ihren großen ſchönen Augen verwundert an⸗ glotzte. Nicht weit von dem edlen, ſchlanken Thier lag 17 ein im Schatten der jungen Fichten ſchlummernder Knabe. „Das iſt gewiß das Judenkind, das meiner theuren Herrin ſo viel Noth macht!“ dachte Hynek als er das Kind erblickte, indem er den ganzen umzäunten Raum überſchaute, welcher, von Steinblöcken befreit und mit Raſen bedeckt, einer kleinen Oaſe glich. Er ſchlich ſich zu Kunigunden zurück und theilte ihr leiſe mit, was er 3 Sie ſah ihn lebhaft erregt an. „Die Mutter des Knaben ſahet ihr nicht?“ fragte ſie haſtig. Hynek verneinte, fügte aber hinzu:„Weit kann ſie nicht ſein, ſonſt würde ſie das Kind nicht ſo unbe⸗ wacht hier im Freien laſſen. Vielleicht ſucht ſie Beeren oder Kräuter unfern im Walde.“ „Und wenn ſie nur fünfhundert Schritte weit ent⸗ fernt wäre, nur ſo weit, daß ſie nicht gleich ſieht, was hier vorgeht, ſo könnten wir's wagen——“ „Was meint Ihr?“ „Könnt Ihr's nichts errathen?“ Hynek verſtand ſie jetzt. Zwar mußte er gleich an die Zauberin, ihre Macht und Ihren Zorn denken, wenn ſie ihn bei der That ertappte. war Taura. Die Witkowetze. I. — Neumond— morgen hoffte er ja das Zaubermittel von ihr zu erhalten, das ihn an das Ziel ſeiner Wünſche bringen ſollte— wenn ſie ihn nun als Räuber ihres Kindes erkannte, wie konnte er noch auf ihre Hülfe rechnen? „Nun, mein tapferer Ritter?“ fragte Kunigunde und ſah ihn dabei mit einem Blick an, der alle Beden⸗ ken verſcheuchte. „Ich bin bereit!“ erklärte er. „So eilt!“ gebot ſie,„wir haben vielleicht keine Minute zu verlieren.“— „Laßt mich Euch zuvörderſt aus dem wilden Loche hinausgleiten bis zu unſern Pferden, damit wir dann, wenn ich das Kind habe, ſogleich davoneilen können.“ „Ich finde mich ſchon allein hinaus— holt nur ſchnell das Kind!“— „Aber— wenn die Hündin— ſie ſah mich mit ſo ſeltſamen Augen an, wie ich noch bei keiner Hündin geſehen—“ „Ihr wähnt doch nicht etwa, daß ſich die Mutter des Kindes in die Hündin verwandelt habe?“ „Sie gilt für eine große Zauberin—“ „Schämt Euch, Ritter! Wie mögt Ihr an ſolch Ammenmärchen glauben! Heißt es nicht von meinem 19 Gemahl auch, er ſei ein Zauberer, und ich muß doch wiſſen, ob etwas wahr daran iſt. Es iſt ein thörichter Wahn!“— Hynek wagte keinen Einwand weiter und ging der Gebieterin ſeines ganzen Denkens und Fühlens gehor⸗ ſam zu ſein. Als er wieder an die Umzäunung kam, fand er die Hündin noch immer in ihrer früheren Stellung. Jetzt erſchien ihm der Blick, in dem erſt nur den Ausdruck der Verwunderung gefunden, mehr lauernd und beobachtend zu ſein. Das Kind ſchlief noch. Ob es auch das rechte Kind war? Was kümmerte es ihn, er hatte nur den Willen der ſüßen Herrin zu erfüllen. Er ſpähte nach einem Eingang und fand ihn zwiſchen dem See und einer Ecke des Felſens. Bald befand er ſich innerhalb der Umzäunung— er ſchritt raſch auf das Kind zu— die Hündin ſtieß einen ſeltſam pfeifenden Ton aus— der Räuber er⸗ bebte, aber er ließ ſich in ſeinem Vorhaben nicht ſtören. Die Hündin ſtellte ſich wie zum Schutz vor den kleinen argloſen Schläfer und ſtarrte Hynek mit wild rollenden Augen an. Er machte einen Verſuch ſich des Knaben zu bemächtigen, die Hündin machte es ihm durch wüthen⸗ des Stoßen und Schlagen unmöglich. Da ward auch er wüthend, zog ſein Schwert und rannte damit gegen N 20 die ſchöne weiße Bruſt des edlen Thieres— da auf einmal fühlte er ſeinen Arm gelähmt, das Schwert ent⸗ ſank ſeiner Hand, entſetzt ſah er in das flammende Auge der Zauberin und auf den Schlangenkopf, der ihm aus ihrer rechten Hand entgegenziſchte. Von Schreck und Todesangſt übermannt brach er in ſeine Knie zuſammen. „Elender Wurm!“ ſagte ſie mit tiefer Stimme— „denkſt du, eine Mutter gebe ihr Kind ſolch ungeſchick⸗ ten Räubern preis? Ich ſollte dich nehmen und in die ſchwarze Fluth dort ſtürzen, damit ſie dein ſchwarzes Verbrechen ſammt dir auf ewig decke. Doch ich weiß, daß du nur ein verblendetes Werkzeug in der Hand eines Weibes biſt, das den Namen Mutter ſchändet. Nicht mit dir, mit ihr will ich rechten— komm!“ Jetzt erwachte das Kind, ſprang auf und eilte frohlockend auf ſeine Matter zu. Sie ſtreichelte ihm ſeine goldenen Locken und ſagte:„Spiel' noch ein Weilchen mit Kaſcha, mein Theobald; ich bin bald wieder bei dir.“ Dann ließ ſie ihre Schlange in den Aermelſ ihres grauen Oberkleides kriechen, hob Hyneks Schwert vom Boden auf, ſtieß es mit großer Kraft bis an das Heft in die Erde und führte dann den ſeiner Faſſung vollſtändig beraubten Ritter aus dem Bereich ihrer Behauſung. 21 Kunigunde ſaß ſchon hoch zu Roß und harrte ih⸗ ris Gefährten mit dem entführten Kinde. Sie war nicht wenig überraſcht, als ſie jenen an der Seite der Mutter des letzteren herankommen ſah. Aber ſie faßte ſich, redete ſich ein, daß ſie etwas vollkommen rechtmä⸗ ßiges unternommen, und wollte der beleidigten Mutter die chriſtliche Fürſtin entgegenſetzen. Oder vielleicht war jene gar nicht beleidigt, vielleicht hatte Hynek gar nicht Hand an das Kind gelegt, ſondern die Mutter bei ihm vorgefunden und daher den Weg der gütlichen Unter⸗ handlung eröffnet. Dann kam ſie wohl, ſolche mit ihr perſönlich zu führen. Das wäre der Fürſtin allerdings das Liebſte geweſen. Als die Zwei aber näher kamen, bemerkte ſie Hy⸗ neks ſchwertloſe Hüfte und ſein verſtörtes Ausſehen. „Was iſt Euch, Herr Hynek?“ rief ſie—„wo habt Ihr Euer Schwert?“ „Das ſteckt gut, hohe Frau,“ verſetzte Ruſalka; „es wird ferner keinem ſchuldloſen Thier mehr ſchaden oder zu einem Bubenſtück dienen. Ich weiß nicht, ob Ihr dem Herrn den Anftrag zu einem ſolchen ertheiltet, aber der Schein ſpricht dafür. War es wirklich Euer Wille, einer Mutter ihr Kind rauben zu laſſen?“ 22 „Ihr liehet gütlicher Vorſtellung mit einem an⸗ nehmbaren Entſchädigungsgebot kein Gehör,“ entgegnete Kunigunde. „Seid Ihr denn nicht Mutter?“ gab Ruſalka zun Antwort? Gibt es denn Mütter, die ſich ihre Kinder mit einer Summe Geldes abkaufen laſſen?“ „Das Kind, das Ihr Euer nennt, gehört der Kirche,“ behauptete Kunigunde.„Dieſe hat es von dem Vater, der das erſte Recht darauf hatte, zum Eigenthum erhal⸗ ten, damit es Theil habe an der Erlöſung.“ „So ſpricht eine Mutter?“ rief Kunigunde— „eine Mutter, die ſelbſt mit Schmerzen Kinder geboren hat? Ein Vater ſoll das erſte Recht auf ein Kind ha⸗ ben; ein höheres als die Mutter? Ruft nicht die Stimme der Natur in Eurer Bruſt dagegen: nein! nein! und wieder nein? Ein Kind gehört zuerſt der Mutter, ſie hat von Naturrechts wegen neun und neun⸗ zig gegen einen Theil an ihm. Der Vater muß ſich das gleiche Recht erſt durch ein langes treues Walten ver⸗ dienen. Der Mann, den Ihr als Vater meines Kindes betrachtet, hat ſich dieſes Namens unwürdig gemacht durch ſchnöden Verrath an dem Weibe, das von ihm ein Pfand der Liebe unter dem Herzen trug; er ſtieß die Mutter mit dem neugebornen Kinde in's Elend, daß ſie in den Stürmen des Winters keine Stätte gehabt 23 hätte, wo ſie gebären konnte, wäre nicht der alte Jude, der ſeine Tochter verfluchte, menſchlicher geweſen, als der chriſtliche Bannerherr, dem zu Liebe ſie den Vater verlaſſen. Der gab der unglücklichen Tochter ein Ob⸗ dach, wo ſie gebären und ihr Kind nähren konnte, bis es der mütterlichen Bruſt nicht mehr bedurfte.“ „Dann ließet Ihr es ja im Stiche,“ warf Kuni⸗ gunde ein;„Ihr verſchwandet aus dem Vaterhauſe und überließet das Kind ſeinem Schickfal— das Kind eines Chriſten dem unreinen Judenthume.“ „Ich verließ das Vaterhaus, weil ich es nicht er⸗ tragen konnte von meiner Umgebung wie ein Auswürf⸗ ling betrachtet und behandelt zu werden, und ich ließ mein Kind zurück, weil ich nicht wußte, ob ich ein ſiche⸗ res Obdach für uns finden würde und weil ich es im Vaterhauſe wenigſtens vor Mangel und Elend geſchützt ſah. Der falſche Mann, der vorher die Frucht ſeiner Liebe ſchnöde verläugnet, machte ſich die Abweſenheit der Mutter zu nutz und ſtahl das Kind aus dem Hauſe ſeines Großvaters. Wie möget Ihr ihm ein Recht dazu zuſprechen?“ „Sein chriſtliches Gewiſſen litt es nicht, ein We⸗ ſen, dem er das Leben gegeben, der ewigen Verdammniß anheimfallen zu laſſen,“ erklärte Kunigunde,„darum übergab er es der Kirche, und dieſe, deren Ausſprüche 24 ſtets heilig und gerecht ſind, erkannte ſein Recht an, nahm das Kind aus ſeiner Hand als ſein ihm geweihtes Eigenthum auf. Das Kind war ſo wohl geborgen— ein Irrthum, ein Mißverſtändniß entriß es ſeinem Glücke— warum weigert Ihr Euch, es derſelben zu⸗ rückzugeben?“ Ruſalka hatte hierauf keine Antwort als ein ſpöt⸗ tiſches Lächeln.. „Seid vernünftig,“ fuhr Kunigunde fort;„was ſoll aus dem Kinde werden, wenn es hier in der Wild⸗ niß aufwächſt? Ein Ansgeſtoßener, wie Ihr eine Aus⸗ geſtoßene ſeid, ein zeitlich und ewig Verlorener. Darum geht in Euch, gebt mir das Kind, ich will Euch in den Stand ſetzen, daß Ihr dieſen ſchaurigen Aufenthalt verlaſſen und Euch irgendwo ein gemächliches Leben bereiten könnt.“ 5 „Und wenn Ihr mir das ſchönſte Schloß mit den reichſten Ländereien in Böhmen ſchenktet,“ verſetzte Ru⸗ ſalka;„ſo daß ich leben könnte wie eine Fürſtin, ſo will ich doch lieber mein Kind behalten. Für ſein Glück will ich ſchon ſelbſt ſorgen— der Nachfolgerin Kaſcha's fehlt es nicht an Mitteln dazu!“ „Seid klug!“ rief Kunigunde erregt;„die Kirche läßt Euch ihr Eigenthum nicht— ſie kann es Euch nicht laſſen, denn ſie würde dadurch ihre Heiligkeit und 25 Unfehlbarkeit läugnen— ich biet' Euch zwölfhundert Mark, holt mir das Kind!“ „Kein Wort weiter!“ rief Ruſalka entrüſtet,„der ſchnöde Handel empört die Natur, in deren unentweihtem Tempel wir ſtehen. Schämt Euch, Fürſtin, und laßt mich von nun an in Ruhe.“ Sie wandte ſich ſtolz zum Gehen. „Kein Wort weiter?“— ſchrie Kunigunde zorn⸗ erglüht—„wohlan, dir geſchehe, wie du willſt.— Du ſollſt kein Wort der Güte von mir hören, freches Ge⸗ ſchöpf! Du ſollſt Thaten ſehen!“ Ruſalka hemmte ihren Schritt und wandte ſich mit verächtlichem Blick nach der Reiterin um. „Du ſollſt eine Königin nicht umſonſt beleidigt ha⸗ ben,“ fuhr Kunigunde fort;„jetzt ſoll der Arm der welt⸗ lichen Gewalt ſich mit dem der Kirche vereinigen, um das Recht des Himmels gegen eine gefallene Judendirne gel⸗ gend zu machen.— Höre mich, Elende, hier unter dem blauen Himmel ſchwöre ich, ich will nicht leben, wenn nicht binnen vier und acht Tagen dein Kind wieder hin⸗ ter Schloß und Riegel der Kirche iſt, du ſelbſt aber im tiefſten Verließ des Hradſchin ſitzeſt.“ Hiermit wandte ſie ihr Roß und ritt mit Hynek von dannen. 26 Ruſalka's Geſicht war von einer noch tieferen Bläſſe überzogen wie gewöhnlich. Das dunkle Feuer ihrer Augen ſchien noch dunkler zu werden, und der Ausdruck ihrer Mienen war ein furchtbarer. So, wie ſie hier ſtand, ſtarr und unbeweglich der unbeſonnenen Reiterin nachblickend, konnte ſie für eines der dämoniſchen Weſen gelten, mit welcher dieſe Stätte einſt bevölkert geweſen. Zweites Capitel. Der Abend vor dem Neumond war nahe. Hert Hynek wand ſich unter einem Kampf ſehr widerſprechen⸗ der Empfindungen. Auf der einen Seite war die Scham und ſtille Wuth über den ihm von Ruſalka angethanenen Schimpf, auf der andern ſeine auf's höchſte geſtiegene Leidenſchaft für Frau Kumgunde. Neben dieſer Leidenſchaft erhob ſich der Verdruß über die zweifelhaften Erfolge ſeines bisherigen Wer⸗ bens um die Gegenliebe der Geliebten. Er war heute früh wieder in Kunigundenluſt ge⸗ weſen und hatte die Herrin ſehr verſtimmt und launen⸗ haft gefunden; ja ſie hatte ihm zum Ableiter ihrer bö⸗ ſen Stimmung gemacht. 28 Sie hatie ſeiner Unentſchloſſenheit und Langſam⸗ keit des Mißglücken des geſtrigen Anſchlages ſchuld und wiederholt zu verſtehen gegeben, daß ſie in ſeinen wahr⸗ haft guten Willen kein Vertrauen ſetze, da er ein alter Feind ihres Gemahls ſei und ſie Alles, was ſie thue, nur für dieſen thue. Dabei war ſie in Aeußerungen tiefſter, leidenſchaft⸗ lichſter Sehnſucht nach dem abweſenden Gatten ausge⸗ brochen und ſie hatte ſelbſt die unbedachte Bemerkung nicht unterdrückt, das Heil ihres Zawiſch und die Zu⸗ kunft ihres Kindes gingen ihr über Alles, um ihretwillen werde ſie Himmel und Erde in Bewegung ſetzen, das Judenkind der Kirche zurückzugeben; ohne ſolch' Rück⸗ ſicht würde ſie die Kirche ſelbſt ſorgen laſſen, wie ſie ihr Eigenthum zurückerhalte. Zu Hauſe überlegte Hynek, wie er ſich doch eigent⸗ lich nur als ein Werkzeug gegen ſein eigenes Intereſſe hergeben habe laſſen. Allen Schimpf, der ihm von Seite der Zanberin wiederfahren, hatte er doch nur um des Maonnes willen auf ſich geladen, der ſeiner Liebe allein im Wege ſtand. Indem er zu Gunſten dieſes Mannes gehandelt, hatte er die zu ſeiner grimmigen Feindin gemacht, die ihm zum Sieg über Jenen verhelfen ſollte. Er mußte ſich den größten Thoren ſchelten, und 29 in dem Maße, als die Selbſtvorwürfe über ſeine Thor⸗ heit zunahmen, milderte ſich ſeine Stimmung gegen die Zauberin. Was hatte denn dieſe anders gethan, als ihr gu⸗ tes Mutterrecht gewahrt? Er fing an zu bereuen, daße rſich zu dem Raubver⸗ ſuch an ihrem Kinde habe verleiten laſſen, der ſo unglück⸗ lich für ihn abgelaufen war, ihm ſtatt Dank bei der ſchö⸗ nen Gebieterin noch ungerechte Vorwürfe eingetragen und ihn des ſichere Mittels beraubt hatte, ihr grauſa⸗ mes Herz zu beſiegen— des einzigen, wie er ſich ein⸗ redete, das es einem durch Zauber gefangenen Herzen gegenüber gab. Es ward ihm zu heiß im Zimmer, er mußte hin⸗ aus in den kühl und duftig hereindämmernden Abend. Halb unbewußt lenkte er ſeine Schritte dem mähriſchen Thore und dem Berge Witkow zu, deſſen bewaldeter Rücken die Behauſung Kaſcha's, jetzt Ruſalka's trug. Er bog ſogar in den uns bekannten Hohlweg ein, der gerade nach dieſer Berauſung führte. Aber am Aus⸗ gang desſelben angekommen, blieb er ſtehen. Er beſann ſich, daß dieſer Weg für ihn ein verbotener geworden war. 8 Die Geſtalt der Zauberin in ihrem ſchrecklichen 30 Grimm trat vor ſeine Seele, er wandte ſich um und eilte ſchnellen Fußes den Berg hinab. In der Mitte des Hohlweges, an ſeiner tiefſten und engſten Stelle haftete er plötzlich entſetzt mit beben⸗ dem Fuß am Boden: die Zauberin in dem grauen wei⸗ ten Gewande mit dem blutrothen Schleier und gleicher Schärpe ſtand dicht vor ihm. In ihrer erhobenen Rechten hielt ſie, nicht die zitterde Schlange, ſondern ein blitzendes Schwert, ſein eigenes ihm geſtern abgenommenes Schwert. „Hier nimm!“ redete ſie ihn mit tiefer, ruhiger Stimme an,„du wirſt es nie wieder gegen ein Weſen, das mir gehört, brauchen.“ Zweifelnd und zögernd griff er zu. „Die Nacht, die dem Zauber günſtig iſt, bricht her⸗ ein,“ fuhr ſie fort,„kehrt wieder um und ſchreitet mir voran zu Kaſcha's Haus!“ „Wie?“ rief er überraſcht und Wuth ſchöpfend, „Ihr wollt mir den Zauber doch noch bereiten?“ „Nicht Euch zu Liebe,“ erwiederte ſie;„ſondern weil es eine höhere Macht gebietet. Dieſe gebietet auch, daß Ihr Euch jeder, weitern Frage, jedes Wortes ent⸗ haltet. Thut das, damit Euch der Zauber nicht zum Ver⸗ derben gereiche!“ . 31 In ihrem Ton, ihrer Miene und ihrer ganzen Haltung lag eine geheimnißvolle Macht, welcher Hynek keinen Widerſtand entgegenzuſetzen hatte. Er wandte ſich um und ſchritt von Ruſalka gefolgt wieder den Hohlweg hinan. Stumm wandelten die beiden hintereinander über den Bergrücken, durch den finſtern, ſchweigſamen Wald, nach Kaſcha's Felſenhaus. In dem ſchwarzen Waſſer des kleinen See's ſpie⸗ gelten fich die inzwiſchen aufgegangenen Sterne des Himmels. Nicht ohne Grauen gehorchte Hynek dem Befehle Ruſalka's, ihm voran in den angelegten Nachen zu ſtei⸗ gen. Sie folgte ihm ſchnell nach und ſtieß vom Lande. Vor der Höhlung angekommen, bedeutete ſie ihm auszu⸗ ſteigen, empfahl ihm nochmals das tiefſte Schweigen, legte das Fahrzeug an und führte ihn an der Hand in die geräumige, hallenartige Vorhöhle. Noch herrſchte hier dicke Finſterniß, aber wie auf ein Zauberwort entzündete ſich auf dem altarartigen Ge⸗ mäuer ein helles Feuer. So ſah dasſelbe in der That einem Opferaltar . der grauen Vorzeit ähnlich und als ſolchen mollen wir es nun kurzweg bezeichnen. 32 Vor dem Altar erblickte Hynek mit einigem Schau⸗ der einen Kreis von Todtenbeinen; vier Todtenköpfe, in gleichen Zwiſchenräumen in demſelben vertheilt, grinſten ihn geſpenſtiſch an. Mit ſtummer Geberde bedeutete ihn Ruſ alka in den Kreis zu treten. Dieſe brachte dann einen Dreifuß und einen kleinen Keſſel herbei, ſtellte beides über das Feuer. In den Keſſel goß ſie verſchiedene Flü ſigkeiten und that drei Hände voll eines Krautes hinein. Regungslos ſtand Hynek in ſeinem Zauberkreiſe, und eben ſo regungslos ſtand Ruſalka auf der Stufe des Altars in den Keſſel ſtarrend. Bald fing es darin an zu brauſen und zu ziſchen, einer dieſer ſcharfriechenden Bracken ſtieg daraus empor und verſetzte Herrn Hynek faſt den Athem. Plötzlich ſchoß ein gelblicher Schaum über den Rand des Keſſels heraus, laut ziſchend ſchlug die Flamme über denſelben empor bis an die Decke des Gewölbes, geblen⸗ det ſchloſſen ſich Hynek's Augen, in demſelben Augen⸗ blicke erdröhnte das Gewölbe wie von einem kurzen Don⸗ nerſchlag Hynek ſank in die Kniee; als er vom kalten Schweiße triefend die Augen öffnete, fand er das Feuer auf dem Altar erloſchen; ſtatt deſſen brannte eine von 33 der Decke herabhängende Ampel, das Gewölbe nur ſpär⸗ lich erleuchtend. Ruſalka war beſchäftigt, eine Phiole aus dem Keſ⸗ ſel zu füllen. Als dies geſchehen war ſtieg ſie vom Altar hernieder und trat vor Hynek mit den Worten: „Von dieſem Saft zehn Tropfen nur Verändern jede Kreatur, Sie löſchen heiße Liebes⸗Gluth Und brechen jeden ſtolzen Muth, Was noch ſo heiß das Herz begehrt, Sie nehmen ihm ſo Glanz als Werth Und aller Trotz und Widerſtand Wird ohne Fehl durch ſie gebannt. Nimm' hin und dien' damit dem Geiſt, Der mich's dir weih'n und geben heiſcht.“ Hynek nahm die Phiole; er verſuchte zu reden, aber Ruſalka bedeutete ihm zu ſchweigen, reichte ihm die Hand zum Aufſtehen und leitete ihn hinaus in den Na⸗ chen. Ohne ein Wort zu ſprechen, ſetzte ſie ihn ans Land und führte ihn im Dunkeln durch das Steinlabyrinth der Telle an den Pfad, auf welchem er den Heimweg nicht verfehlen konnte. Stumm ließ ſie ihn hier ſtehen und ging nach ihrer Behauſung. Aber als ſchon längſt Hynek's Tritte im Walde verhallt waren, ſtand ſie noch immer am Rande des Taura. Die Witkowetze. II. 8 See's und kühlte in der feucht darüber wehenden Nacht⸗ luft ihre brennende Stirn. Sie athmete ſchwer und tief. 5 Sie preßte zuletzt ihre Rechtr auf die ſtürmiſch er⸗ regte Bruſt und ſprach: „Still empörtes Menſchenherz! Sie wollen es nicht anders haben. Es iſt ein grauſames Geſchlecht, das kein Erbarmen kennt mit dem Jammer einer Mutter, das ſchonungslos die Geſetze der Natur mit Füßen tritt und blindem Wahn die heiligſten Empfindungen opfert. Sie ſind entartet durch und durch. Die wilden Beſtien des Waldes ſind beſſer als ſie; der furchtbare Bär, der blut⸗ dürſtige Wolf ſchont ſeiner Art, nur der Menſch wüthet gegen den Menſchen mit nimmerſattem Grimm. So bo⸗ denlos iſt dieſer Grimm, daß ſie ſich ſelbſt einen Gott gemacht, der die Vergehungen der Väter an den Kindern und Kindes Kindern rächt bis ins vierte Glied, oder dem gar ſein eigener ſchuldloſer Sohn am Kreuze geſchlachtet werden muß, damit ſein Grimm beſänftigt und verſöhnt werde! Oft um einen elenden Fleck Landes, um ein Trug⸗ bild von Ehre, um eine Meinung, einen Wahn zerflei⸗ ſchen ſie einander in blutigen Kriegen, und zerſtören ihre mühſamſten und koſtbarſten Werke. Und wasiſt es denn, das ich thue? Was die Natur gebietet. Was die Bärin des Waldes thut: mein Kind beſchützen, mein Kind mir 35 und der Natur erhalten, es vor der Gewalt Derer ſchir⸗ men, denen das Blut ihrer Nebenmenſchen eine Erquickung, ihr Jammer eine Zerſtreuung iſt. Nicht ich habe es an ſie, ſie haben es an mich gebracht.— Sei ruhig, Men⸗ ſchenherz! Laß dir nicht bange ſein vor der Rache dieſer Welt! Wer nichts mehr von ihr hofft, der hat ſie nicht zu fürchten; wer ihre Schwächen kennt, der iſt ihr Mei⸗ ſter. Sie ſtieß mich aus, ſie gab mich dem Elend preis, ihr Haß verfolgte mich wie die wilde Meute die edle Hin⸗ din. Ich fluchte ihr nicht, grollte ihr kaum; da lehrte mich ein einfältiger Bauer, daß ich weit mehr, daß ich Alles von ihr verlangen könnte, wenn ich den Wahn, der mich verfolgte und zu Grunde richtete, benutzte, ſie zu be⸗ herrſchen. Ich that's und zog in Kaſcha's Haus und bald war ich die gefürchtete und doch geſuchte Zauberin Ruſal⸗ ka. Es iſt ein alter Spruch: die Welt will betrogen ſein, ich habe keinen wahreren gefunden als dieſen: die Prie⸗ ſter betrüge die Gläubigen mit Wundern oder falſchen Wechſeln auf himmliſche Freuden, der Arzt betrügt ſeine Kranken durch wichtige Mienen, erdichtete Krankheiten und erdichtete Wirkungenunſchuldiger Mittel, der Edel⸗ mann betrügt das gemeine Volk durch die Vorſpiegelung, daß beſſeres Blut in ſeinen Adern rolle; der Feldherr betrügt ſeine Truppen durch die Einbildung, daß ſie für eine heilige Sache fechten, wenn es blos ſeinem Ehrgeiz gilt; der König betrügt ſeine Unterthanen mit dem gött⸗ lichen Recht ſeiner Krone und zuletzt betrügt ſich ein jeder noch ſelbſt. Gute Nacht, betrogene betrügende Welt; laß mich zu meinem Kinde gehen!“ Sie ſtieg in den Nachen und ruderte nach ihrer Höhle.— Faſt um dieſelbe Stunde ſaßen in einem Gemach des Biſchofshofes mehrere Herren in ernſter Berathung beiſammen. Es waren die Brüder Bohuſlaw und Tobias von Klingenberg, Herr Diepold von Rieſenberg, einſt Oberſtlandkämmerer von Böhmen, und Herr Bawor von Strackonitz mit dem Hausherrn, dem Biſchof Tobias. Herr Diepold von Rieſenberg war, wie die Mehr⸗ zahl der Anweſenden, ein alter Feind der Witkowetze, und hatte, wie ſo viele ſeiner Geſinnungsgenoſſen, den⸗ ſelben am böhmiſchen Hofe weichen müſſen. Er war im Begriff an das Hoflager des deutſchen Kaiſers zu reiſen, und hatte auf der Durchreiſe den Biſchof beſucht, um etwaige Aufträge an den Kaiſer von ihm mit zu über⸗ nehmen. Der geiſtliche Oberhirte hatte keinen beſſern Geſandten finden können, und ihn daher genöthigt ein paar Tage zu verweilen, bis es gelungen ſein würde den König für die ſchiedsrichterliche Beilegung des Zwi⸗ ſtes mit Herzog Nikolaus zu gewinnen. Letzteres war nun heute geſchehen. König Wenzel 37 3 hatte den Vorſtellungen Bohuſlaw von Klingenberg's Gehör gegeben und darein gewilligt, daß die Herren Diepold von Rieſenberg und Tobias von Klingenberg unverzüglich, jener an den Kaiſer, dieſer an den Herzog Nikolaus abgeſendet würden, die Unterhandlungen ein⸗ zuleiten. Wenzel hatte noch am Abend Diepold von Rieſenberg zu ſich beſchieden und ihm ſelbſt Briefe an ſeinen Schwiegervater und an ſeine Gemalin Guta über⸗ geben. Herr Bawor von Strackonitz, ebenfalls an eine natürliche Tochter König Otokar's II. vermält, war heute hier angekommen und hatte nicht ſobald durch den Biſchof erfahren, was gegen die Witkowetze im Werke war, als er ſeinen vollen Beifall dazu zu erkennen gab, und ſich anſchickte, ſeinem Schwager Nikolaus ſelbſt ein eindringliches Schreiben mit zu überſenden. Letzteres war jetzt den Verſammelten vorgeleſen worden, und hatte die Billigung Aller gefunden. „Ich hoffe, dies wird wirken,“ ſagte der Biſchof, „und ſo ſehe ich denn das Werk des Friedens als ge⸗ ſichert an.“ „Was für lange Geſichter wird das bei den Wit⸗ kowetzen geben, wenn ihnen der Befehl zum Waffenſtill⸗ P zukommen wird!“ meinte Bohuſlaw von Klingen⸗ erg. 38 „Wir wollen nur die ganze Sache ſtreng geheim halten,“ bemerkte Bawor von Strackonitz,„bis Alles in Ordnung iſt, d. h. bis die kaiſerliche Antwort hier und der Befehl an Zawiſch abgegangen iſt.“ „Das verſteht ſich,“ erklärte Bohuſlaw;„vor Allem darf keiner der hieſigen Witkowetze etwas davon merken.“ „Und eben ſo wenig die Königin⸗Mutter,“ ſagte der Biſchof,„denn ſie würde gewiß all' ihren Einfluß auf den König dagegen aufbieten. Ihr gilt ja das Wohl des ganzen Landes und der ganzen Menſchheit nichts gegenüber dem Vortheil ihres Zauberers und ſeiner Sippe.“ 5 „Ja,“ pflichtete Bohuſlaw bei,„davon habe ich heute wieder einen ſchlagenden Beweis erhalten. Ich war bei Herrn Hynek von Lichtenburg. Er war im höch⸗ ſten Grade verſtimmt und niedergeſchlagen. Ich ahnte gleich die Urſache und bald erfuhr ich, daß meine Ahnung mich nicht betrogen hatte, aber weit mehr, als ich hatte ahnen können. Eure Ermahnungen haben auf den König gewirkt, hochwürdigſter Herr; dieſer muß ſeiner Mutter wegen des der Kirche geraubten Kindes die Hölle er⸗ ſchrecklich heiß gemacht haben, denn ſie hat einen Schritt zur Wiedererlangung des Kindes gethan, der an's Un⸗ glaubliche grenzt.“ 39 Alle horchten geſpannt auf bei dieſer Mittheilung und drangen in den Sprecher, ſich deutlicher auszu⸗ ſprechen. Bohuſlaw berichtete, was ihm Hynek über den in ſeiner Begleitung ſtattgefundenen Beſuch der Königin bei derMutter jenes Kindes erzählt hatte. Es war dies die volle Wahrheit geweſen bis auf den Verluſt ſeines Schwertes, welchen Hynek doch zu verſchweigen für gut befunden hatte. Die Geſchichte erregte bei den Herren allgemeines Erſtaunen. „Ihr ſeht hieraus, was dieſes Weib für ihren Buhlen zu thun im Stande iſt,“ ſagte Bawor von Strackonitz. „Wenn anzunehmen wäre, daß ſie um der heiligen Kirche willen ſo Abſonderliches unternommen“ bemerkte der Biſchof,„ſo verdiente ſie unſern Beifall—“ „Wie möget Ihr denken, daß ſie es der Kirche zu Lieb' gethan!“ rief Bohuſlaw.„Nein, um der heiligen Kirche willen hätte ſie keinen Schritt aus dem Hauſe gethan. Hat ſie doch hinterher, nämlich geſtern, gegen Herrn Hynek ausdrücklich erklärt, es wäre ihr nur dar⸗ um zu thun, ihrem Gemal das Herz des Königs zu er⸗ halten; zu dieſem Zwecke werde ſie Himmel und Erde in Bewegung ſetzen, um der Kirche das Kind zurückzu⸗ 40 ſtellen; ohne ſolche Rückſicht würde ſie die Kirche ſelbſt ſorgen laſſen.“ „Das iſt doch eine ſträfliche unheilige Geſinnung,“ meinte der Biſchof;„aber der Herr will nicht, daß die Kirche durch ſolche Hände zu ihrem Recht gelange, d'rum machte er das Unternehmen des ränkevollen Weibes zu Schanden. Aber er hat uns doch dadurch auf die ver⸗ lorene Spur des Kindes geleitet; die Kirche wird es nun ſchon zu finden und wieder zu erlangen wiſſen.“ „Aber was mag die Königin⸗Mutter damit ge⸗ meint haben: ſie wolle Himmel und Erde in Bewegung ſetzen?“ fragte Bawor. „Wahrſcheinlich will ſie Gewalt gegen die Zaube⸗ rin gebrauchen,“ antwortete Bohuſlaw.„Herrn Zawiſch's Abweſenheit kommt ihr dabei zu Statten. Der würde allerdings ſolche Gewalt nicht dulden. Dagegen wird ſie in den Herren Oger und Witek, wenn auch nicht in Herrn Hroznata von Hußitz, bereitwillige Gehilfen fin⸗ den. Dieſen wird es ein Leichtes ſein, die Zauberin in ihrem Felſenneſte mit einer gehörigen Anzahl Bewaff⸗ neter zu überfallen und ihr den Raub abzujagen.“ „Ei, das müſſen wir doch wohl zu verhindern ſu⸗ chen,“ fiel Bawor ein;„dann würde die Buhlerin ja ihren Zweck erreichen, ſie würde das Gewiſſen des Kö⸗ nigs beſchwichtigen.“ 41 „Es wird ſich dagegen nichts thun laſſen,“ ſagte der Biſchof;„auch dürfte ich als Diener der Kirche nicht zugeben, daß wir dagegen etwas thäten, falls es Gottes Wille wäre, daß ſeiner Kirche dadurch ihr Eigen⸗ thum zurückerſtattet und eine Seele gerettet würde. Stellen wir dieſe Sache dem Herrn anheim, und erwar⸗ ten wir das Beſte von unſerem Friedenswerke.“ „Um wieder auf Herrn Hynek von Lichtenburg zu kommen,“ nahm jetzt Tobias von Klingenberg das Wort, „ſo darf man wohl annehmen, daß er nun von ſeiner thörichten Leidenſchaft für Kunigunde von Halitſch ge⸗ heilt iſt?“ „Ich meine auch,“ pflichtete Diepold von Rieſen⸗ berg bei,„dieſes letzte Abenteuer müſſe auf ſeine Liebes⸗ gluth die Wirkung eines kalten Bades gehabt haben.“ „Das Maß ſeiner Narrheit ſcheint noch nicht ganz voll zu ſein,“ erwiederte Bohuſlaw.„Ich ließ es nicht daran fehlen, ihm ordentlich zuzuſetzen; ich packte ihn beim Ehrgefühle an, drang in ihm, die ſchmählichen Feſſeln zu zerreißen und als freier Mann auf unſerer Seite gegen den gemeinſchaftlichen Feind zu ſtehen, wie in früherer Zeit—“ Was ſagte er dazu?“ fragte der Biſchof. „Er ſeufzte und fing an, wie ein Trunkener zu ſchwärmen von ihren ſchönen Augen, ihren ſchimmernden 42 Locken, ihren ſchneeigen Schultern, und was weiß ich alles— dann verwünſchte er den Zawiſch, der ihm das göttliche Weib durch Zauberei geſtohlen, und lachte dann wieder über das Märchen von der Zauberei— es war keine Vernunft mehr in Allem, was er ſprach, und ſo verließ ich ihn.“ „Es iſt ſchon beſſer mit ihm, wenn er den Zawiſch haßt,“ meinte Diepold von Rieſenberg;„dann können wir ſchon wieder auf ihn hoffen. Dieſe tolle Leidenſchaft muß doch einmal ein Ende nehmen— ſo oder ſo— und dann iſt er wieder der Unſerige; ein Gewinn, den wir nicht gering anſchlagen dürfen, da ſeine Sippe groß und reichbegütert iſt. Nun aber, Ihr Herren, wenn Nie⸗ mand etwas Beſonderes mehr auf dem Herzen hat, möchte ich mich von Euch beurlauben. Ich will mich mit Tagesanbruch auf die Reiſe machen.“ „Das will ich auch,“ erklärte Tobias von Klin⸗ genberg und erhob ſich.„Wer noch etwas an Herrn Burkhardt von Janowitz zu beſtellen hat, der thue es jetzt; denn ich bedarf der Ruhe.“ „Meldet meiner Schwägerin und Herrn Burkhardt meinen Gruß,“ ſagte Bawor, ſich ebenfalls erhebend; „ihr Pathe gedeihe vortrefflich und mache ſeinen Eltern täglich mehr Freude. Er ſolle, ſo Gott will, auch ein wackerer Rächer ſeines Großvaters werden.“ — 43 „Ihr, Herr Diepold,“ ſagte der Biſchof zu dieſem, „verſichert den Kaiſer unſerer unwandelbaren Ergeben⸗ heit gegen ihn und ſein Haus, dem ja unſer König mit angehört. Er möge das arme Böhmenland ſeiner Huld recht empfohlen ſein laſſen und es vor dem neuen Bür⸗ gerkriege bewahren.“ Die andern Herren vereinigten ähnliche Aeußerun⸗ gen mit der des Biſchofs, und die ganze Geſellſchaft verabſchiedete ſich nun von dieſem. Den andern Morgen ritten zwei ritterliche Herren mit anſehnlichem Gefolge aus zwei verſchiedenen Thoren Prags. Es waren die Herren Diepold von Rieſenberg und Tobias von Klingenberg auf dem Wege ihrer Sendung. An demſelben Tage erſchien Früh ein Bote des Sechsmänneramtes bei dem Oberſtburggrafen Hroznata von Hußitz und meldete dieſem, daß ſich ſeit geſtern meh⸗ rere der erbittertſten Feinde der gegenwärtigen Ordnung, insbeſondere die beiden Klingenberg, Bawor von Stracko⸗ netz und Diepold von Rieſenberg, in Prag befänden. Sie hätten geſtern Abends eine Verſammlung bei dem Biſchof gehabt, welche bis um die zehnte Stunde gedau⸗ ert habe. Das Sechsmänneramt habe Vorkehrungen zur ſorgfältigen Ueberwachung ſo verdächtiger Männer 44 getroffen, bitte jedoch um etwaige weitergehende Verhal⸗ tungsbefehle. „Es iſt genug an der Ueberwachung,“ verſetzte Hroznata,„wollte Gott, auch dieſe wäre überflüſſig; aber bei der unverſöhnlichen Sinnesart unſerer Feinde müſſen wir auf der Hut ſein. Habt Ihr ſonſt noch etwas zu melden?“ Der Bote zögerte. „Ihr habt noch etwas— heraus damit!“ gebot Hroznata. „Es wird mir ſchwer, einen Verdacht auf die hohe Frau zu werfen,“ ſagte der Bote—„aber der Dienſt des Sechsmänneramtes iſt oft ein ſehr ſchwerer. Es ſoll Alles ſehen und nichts verheimlichen. So vernehmet denn, erlauchter Oberſtburggraf, daß vorgeſtern Abend — Frau Kunigunde, die Königin⸗Mutter— in all⸗ einiger Geſellſchaft des Herrn Oberjägermeiſters Hynek von Lichtenburg nach dem Walde auf dem Witkow rei⸗ tend geſehen worden iſt.“ Hroznata's Stirne runzelte ſich ein wenig, doch fragte er ruhig: „Was iſt dabei Verdächtiges? Herr Hynek iſt der Freund des Herrn Zawiſch— um welche Tageszeit war es?“ 45 „In den erſten Nachmittagsſtunden,“ antwortete der Gefragte. „Weiß man, wohin ſie geritten?“ fragte Hroznata wieder. „Man vermuthet, in den böſen Wald zu der Zau⸗ berin Ruſalka—“ „Woher vermuthet man das? Geſehen hat man's alſo nicht?“ „Es hat den Dienern des Sechsmänneramtes nicht geziemen wollen, der Herrſchaft zu folgen.“ „Mit Recht!“ ſagte Hroznata mit Nachdruck;„die Gemalin Herrn Zawiſch's von Falkenſtein und Köni⸗ gin⸗Mutter von Böhmen, ſteht über jedem Verdacht. Wie kommt Ihr nun zu Eurer Vermuthung?“ „Weil man geſtern Abend denſelben Herrn Hhynek von Lichtenburg mit der Zauberin Ruſalka hinangehen geſehen— ja mehr: Herr Hynek war vorgeſtern von dem Ritt mit der Königin⸗Mutter ohne Schwert zu⸗ rückgekommen, und ſelbiges Schwert hat man die Zau⸗ berin Herrn Hynek zurückgeben geſehen.“ Herrn Hroznata's Geſicht ward jetzt doch etwas nachdenklicher. „Es iſt gut,“ ſagte er zu dem Boten; als dieſer aber fort war, ging er ernſt in ſeinem Zimmer auf und ab. Endlich ſagte er ſtehen bleibend: 46 „Nein, es kann nicht ſein; ſie liebt ihn zu ſehr, und dieſer Hynek iſt der Letzte, der ſie ihm treulos ma⸗ chen könnte.“ Beruhigt begab er ſich an ſeine Arbeit. Er hatte aber kaum eine Stunde in Schreiben vertieft geſeſſen, als ein Bote von Kunigundenluſt kam und ihn im Auf⸗ trage ſeiner Gebieterin erſuchte, mit Herrn Oger von Lomnitz und Herrn Witek von Frauenberg zu einer wichtigen Beſprechung dorthin zu kommen. Hroznata verſprach ſpäteſtens in zwei Stunden mit den beiden Herren zu erſcheinen. Als die drei nahen Verwandten nach Kunigunden⸗ luſt ritten, kam ihnen am Thore ein vierter Reiter ent⸗ gegengeſprengt. Sie erkannten Herrn Hynek von Lichten⸗ burg. Verwundert machten ſie Halt. Ohne ſie anzuſehen, ſauſte er wie die Windsbraut an ihnen vorüber. Er trug keine Kopfbedeckung, ſein Haar flatterte wie im Winde, fein Geſicht ſchien verſtört— mehr hatten die drei nicht geſehen— voll Verwunderung ſetzten ſie ihren Weg fort. Als ſie in das glänzende Haus des Wladyken ein⸗ traten, fanden ſie Alles in grenzenloſer Verſtörung. Weinend und händeringend lief alles Geſinde durch⸗ 47 einander, Sie ſtürzten die Stiegen hinauf— das Schlaf⸗ gemach der Hausfrau ſtand weit geöffnet— Kunigunde von Halitſch, die Witwe König Otokar's II., Gemalin Zawiſch's von Falkenſtein, hauchte eben in den Armen ihrer Frauen ihre Seele aus. Drittes Capitel. Seit acht Tagen ſtand Zawiſch an der Spitze der von ſeinen Vettern ihm zugeführten Truppen. Herzog Nikolaus ſelbſt war noch in Mähren mit dem Sammeln ſeiner Streitmacht beſchäftigt. Friedrich von Schönburg aber war mit ſeinen und ſeiner Genoſſen Mannen in Böhmen eingefallen und hatte ſich mehrerer Burgen und Städte längs der Grenze bemächtigt. Dieſe Banden vom böhmiſchen Grund und Boden zu vertreiben, war daher Zawiſch's nächſte Aufgabe ge⸗ weſen, und ſie war ihm vollkommen geglückt. Er hatte alle die von ihnen beſetzten Plätze im Fluge erobert, Beſatzungen in denſelben zurückgelaſſen, ſich dann gegen Friedrich's von Schönburg Hauptmacht gewendet und ſie über die Grenze zurückgeworfen. 49 Jetzt ſtand er vor Zwittau, einer Stadt, welche dem Schönburg gehörte, und hinter deren feſte Mauern ſich derſelbe zurückgezogen hatte. Der Aufforderung zur Uebergabe und Unterwerfung ſetzte der Belagerte, auf baldigen Beiſtand von Seiten des Herzogs Nikolaus hoffend, beharrlichen Widerſtand entgegen. Zawiſch rüſtete zum Sturme. Eben beſichtigte er an der Seite ſeines jungen Vetters Smil von Grazen, dem älteſten Sohne Oger's von Lomnitz, die Laufgräben, als Smil's jüngerer Bru⸗ der, Witek von Landſtein, mit einem ſtaubbedeckten Rei⸗ ter dahergeritten kam. „Ein Bote von Prag,“ meldete Witek mit träbem Geſichte;„er bringt Euch, edler Wladyka, dieſes Schrei⸗ ben von Herrn Hroznata, dem Oberſtburggrafen.— Ich vermuthe, es wird eine traurige Botſchaft ſein,“ fügte Witek hinzu—„ſeid gefaßt.“ Zawiſch nahm das Schreiben und öffnete es. Seine Hand begann zu zittern, ſein Blick umflorte ſich, ein ungeheures Weh malte ſich auf ſeinem erblaſſenden Angeſicht. Der Brief entheilt die Meldung von Kunigunden's Tode. Hroznata erzühlte, wie er an jenem Tage mit ſeinem Schwager Witek und Oger von der hohen Frau nach Kunigundenluſt beſchieden worden; wie ſie bald Taura. Die Witkowetze. II. 4 50 dem Rufe Folge geleiſtet, ſie aber zu ihrem furchtbaren Leid und Entſetzen als Leiche gefunden. Von ihren Frauen hatten ſie vernommen, daß ihre Gebieterin ſeit einiger Zeit zwar ſehr gereizt, ſonſt aber wohlauf geweſen. Noch an dieſem Morgen war ſie friſch und geſund um⸗ hergegangen, ja man hätte bemerkt, daß an die Stelle der Reizbarkeit eine gewiſſe entſchloſſene Ruhe getreten. Sie hätte verſchiedene Anordnungen in einem zwar ſehr feſten, dabei aber vollkommen ruhigen Tone ertheilt. Während ſie in den vorhergehenden Tagen manchmal etwas befohlen, was ſie im nächſten Augenbſicke wider⸗ rufen, ſei ſie an dieſem Morgen ganz ſicher in ihren Befehlen geweſen und man hätte ihr wieder einmal etwas recht machen können. Noch zwei Stunden vor ihrem Verſcheiden habe ſie heiter zu ihrer vertrauteſten Kam⸗ merfrau geſagt:. „Der elendeſte Zuſtand eines Menſchen iſt doch, wenn er in ſchwierigen Tagen zu keinem feſten Ent⸗ ſchluſſe kommen kann. Gott Lob, daß ich dieſen Zuſtand, unter dem Ihr alle zu leiden gehabt, überwunden, daß ich zum feſten Entſchluß der tettenden That gekommen bin.“ Die Kammerfrau hatte ſich gedacht, daß dieſe Aeußerung mit der an die Herren Hroznata, Witek und Oger erlaſſenen Einladung im Zuſammenhang ſtehe. 51 Während ſie noch miteinander geſprochen, wäre Herr Hynek von Lichtenburg gemeldet worden. Die Herrin hätte ihn nur ungern angenommen, ihn auch nur in das Küchenzimmer treten laſſen, wo ſie um dieſe Zeit ihren Gerſtentrank einzunehmen pflegte. Sie hätte ſich auch in dieſer Gewohnheit durch die Anweſenheit Hynek's nicht ſtören laſſen. Ueber eine Stunde ſei er bei der hohen Frau ge⸗ weſen— da ſei er auf einmal ganz verſtört in die Küche geſtürzt gekommen und habe„Hilfe! Hilfe!“ gerufen, „Eure Herrin iſt ſchwer erkrankt— ich will einen Arzt rufen.“ Und fort wäre er geeilt. Die Leute, welche auf das Geſchrei Hynek's in das Küchenzimmer geſtürzt waren, hatten ihre Gebieterin in ihrem Armſeſſel zurückgelehnt, todtenblaß und ſich krampfhaft windend gefunden. Sie hatten ſie in ihr Gemach auf ein Ruhebett getragen und hier war ſie, ohne ein Zeichen der Beſinnung von ſich zu geben, nach einviertelſtündigem Todeskampfe in den Armen ihrer Frauen verſchieden. In Herrn Hroznata war ein furchtbarer Verdacht erwacht. Er hatte darauf hin den Befehl ertheilt, den Koch ſammt Küchenjungen zu verhaften und in ſichere Verwahrung zu bringen. Nachdem er noch einige An⸗ ordnungen im Hauſe getroffen, war er auf das Sechs⸗ 4* 52 männeramt geeilt und hatte dieſem von dem plötzlichen Todesfall und ſeinem Verdacht Anzeige gemacht, ſo wie befohlen, Herrn Hynek von Lichtenburg zu überwachen, daß er Prag nicht verlaſſe. Zum Schluſſe ermahnte Hroznata ſeine Schwa⸗ ger zur Standhaftigkeit bei dieſem Schlage und forderte ihn zur ſchleunigſten Rückkehr nach Prag auf.„Darf ich,“ ſchrieb er,„in dieſem großen Leid noch an etwas anderes denken, und dich zu denken veranlaſſen, ſo ſind es die äußeren Folgen, welche dieſer Trauerfall für uns, für dein erlauchtes Geſchlecht, für das ganze Land Böh⸗ men haben kann. Vielleicht iſt in dieſer Hinſicht Alles zu gewinnen, wenn du hierher kommſt. Der König iſt in Schmerz um die geliebte Mutter aufgelöſt. Als er die Schreckenskunde erfuhr, eilte er hinaus auf das La⸗ ger der Entſeelten, warf ſich in herzzerreißendem Jam⸗ mer auf ſie, und hätten Thränen, Rufe, Gebete, Be⸗ ſchwörungen ſie wieder in's Leben rufen können, ſo hätte er ſie erwecken müſſen. Er iſt auch bis jetzt nicht von der theuren Leiche hinwegzubringen geweſen. Du kennſt den Charakter dieſes Jünglings, du weißt, wie wenig Urſache wir haben, auf ſeine beſtändige Zuneigung uns zu verlaſſen, und wie dieſe vielleicht ſchon längſt den Einflüſſen unſerer Feinde erlegen wäre, wenn der mäch⸗ tigere Einfluß deiner Gemahlin ihnen nicht entgegen ge⸗ 53 wirkt hätte. Jetzt, nachdem die Edle dahin gegangen iſt, knüpft ihn wohl das Band des gemeinſamen Schmerzes an dich; aber dieſer Schmerz wird nicht ewig währen, er verfliegt vielleicht in wenig Wochen ſchon und dann iſt den feindlichen Einflüſſen auf ſein ſchwaches Gemüth Thor und Thür geoffnet. Es ſcheint mir daher durch⸗ aus nothwendig, daß du die Zeit, wo er ſich inniger als je an dich ſchmiegen wird, wahrnimmſt, um deinen Ein⸗ fluß neu zu befeſtigen und eine Macht über ihn zu gewin⸗ nen, welche nicht ſo leicht von unſern Feinden unterwühlt und gebrochen werden kann. Es wird daher nicht genug ſein, daß du dich nur auf ſo lange vom Heere entfernſt, als du brauchſt, um den Ueberreſten deiner im Herrn entſchlafenen Gemahlin die letzte Ehre zu erweiſen, ſon⸗ dern du wirſt den Befehl auf längere Zeit in die Hände unſeres tapferen Vetters Oger legen und hier in der Nähe des Königs verweilen müſſen. Ich darf dir nicht verhehlen, daß in dieſen Tagen eine Thätigkeit im Lager unſerer Feinde hier bemerkbar geworden, welche meinen Beſorgniſſen Nahrung gegeben. Mehrere unſerer er⸗ bittertſten Gegner haben ſich hier eingefunden, ſchleichen um den König herum und verkehren viel mit dem Bi⸗ ſchof. Nun iſt zwar Herr Tobias von Bechin kein gebo⸗ rener, noch ſelbſt ein erklärter Feind unſeres Hauſes, aber es iſt doch bekannt, daß er ſehr an dem Habsbur⸗ 54 ger hängt und unſer Verfahren in Sachen des geraub⸗ ten Iudenkindes gewaltig übel genommen hat. Man kann alſo gar nicht wiſſen, ob er ſich nicht ganz auf die Seite unſerer Gegner geſchlagen hat und mit dieſen über gefährlichen Anſchlägen brütet. Doch von allen dieſen Dingen weiter, wenn wir zuſammen ſind. Gott ſtärke dich! Wir alle blicken mit Sehnſucht deiner Ankunft entgegen!“ „N. S. Dein Sohn iſt geſund. Wir haben ihn aus dem Trauerhauſe zu uns genommen. Tauſend Grüße von deiner Schweſter.“ Zawiſch hatte all ſeine Kraft nöthig, um unter der Laſt des furchtbaren Schlages, der ihn ſo unerwartet traf, nicht zuſammenbrechen. Den beiden Jünglingen, Smil und Witek, war bang ums Herz und Thränen entrollten ihren Augen, als ſie die Boten des Schmer⸗ zes in ſeinen Zügen ſahen. Als er das Schreiben gele⸗ ſen, faltete er es zuſammen und barg es im Buſen. „Bleibt hier!“ ſagte er dann zu den Zeugen ſeines Grams und ritt ſtill davon. Er ritt hinaus in's Feld einer Hügelkette zu, auf deren nächſter mit Laubgehölz bekleideten Anhöhe eine Kapelle ſtand. Dorthin begab er ſich, ſaß am Saume des Waldes ab und ſtieg, ſein Thier führend, zur Kapelle hinan. Hier im ſtillen Got⸗ tesfrieden, wo kein menſchliches Auge ihn ſah, hier ließ 55 er dem Schmerz ſein Recht widerfahren. Mit dem Aus⸗ rufe:„Herr, erbarme dich meiner!“ fiel er auf ſein Antlitz und tränkte mit ſeinen Thränen die Erde. So lag der mächtigſte Mann in Böhmen, der Be⸗ wunderte und Gefürchtete, der Geprieſene und Beneidete, der Freund von Königen und der Stolz eines ſtolzen Geſchlechtes, hier lag er und krümmte ſich im Staube, ein Zerſchlagener und Elender, gedemüthigt durch die ſtarke Hand Gottes. Und es waren nicht flüchtige Augenblicke, nicht Minuten, daß er ſo da kag, es vergingen Stunden, ehe er ſich wieder emporrichtete mit thränenloſem Auge, halb erloſchenem Blick und gramgebeugtem Nacken. Schlaffen Ganges nahte er ſich dem Eingange der Ka⸗ pelle, durch deren Gitterthür man ein Bild der ſchmer⸗ zensreichen Mutter ſah. Hier kniete er nieder, betete und verließ dann ſtill die Stätte. Ins Lager zurückgekehrt, ließ er alle in demſelben anweſenden Glieder ſeines Geſchlechtes zuſammenrufen. Er ſchien völlig gefaßt, als er ihnen die Trauerbotſchaft verkündete, die ihn nach Prag rief. Er übergab inzwi⸗ ſchen einem älteren Verwandten, Herrn Wuk von Wit⸗ tingau, den Oberbefehl und rüſtete ſich dann zur Ab⸗ reiſe. 56 Der Eindruck, den die traurige Botſchaft auf die übrigen Witkowetze machte, war durchgehends ein er⸗ ſchütternder, wenn er auch nicht bei allen der gleichen Auffaſſung des erlittenen Verluſtes begegnete. Einige wogen dieſen nur nach den Folgen ab, welche für ſie alle daraus hervorgehen konnten; andere empfanden auch den Schmerz der Wunde mit, welche ihrem Haupte da⸗ durch geſchlagen wyrden. So namentlich Herr Wok von Wittingau, welcher als Zawiſch abgetreten war, ſeinen Gefühlen in den Worten Ausdruck verlieh:„Das iſt ein furchtbares Weh, womit der Himmel den Wla⸗ dyka heimgeſucht. Wir ſind zwar alle durch dieſen Schlag mitbetroffen, denn wir dürfen uns nicht verhehlen, daß die Geſtorbene der Grundpfeiler unſerer jüngſten Größe war. Aber dem Wladyka war ſie zu einem Theil ſeines Weſens geworden. Ich weiß nicht wie er's tragen wird, mir iſt bange um ihn, obgleich er jetzt ruhig und ge⸗ faßt erſchien.“ „Gott ſtärke ihn!“ nahm ein anderer, Herr Hein⸗ rich von Roſenberg, das Wort.„Wenn er's überwin⸗ det, dann wird er auch mit doppelter Kraft aus dem Kampfe hervorgehen.“ „Gott gab ihm eine ſtarke Seele,“ meinte Herr Heinrich von Natſcheraz;„ich hoffe, er überwindet's, und dann ſteht er vielleicht größer da als jetzt. Man muß an Alles denken, liebe Vettern! Wahr iſt es, Frau Kunigunde hat viel beigetragen zu der jüngſten Größe unſeres Geſchlechtes; ohne ihren Einfluß wären wir nicht zu ſolcher Macht gelangt; aber man darf auch nicht überſehen, daß in letzter Zeit das Familienband, das den Wladyka an den König knüpfte, mehr eine Feſſel als ein Hebel unſeres Glückes war. Wer weiß, was Herr Zawiſch gethan hätte, wäre er dieſer Feſſel ledig geweſen, als unſer Vetter Sezema von Landſtein ihm die große ungariſche Botſchaft brachte!“ „Laßt uns nicht daran denken,“ mahnte Wok,„es klingt dies nicht fein in ſolcher Stunde. Wer den Schmerz des Wladyka nicht empfindet, der ſollte ihn wenigſtens ehren.“ Heinrich von Natſcheraz nahm dieſe Zurechtwei⸗ ſung ohne Gegenrede hin, wenn ihm auch die Luſt dazu auf dem Antlitz geſchrieben ſtand. Er tröſtete ſich mit der Hoffnung, daß die Zeit kommen werde, wo er ſeine Ge⸗ danken frei ausſprechen und vielleicht gelten machen könne. Eine Wendung kam in das ernſte Geſpräch durch den jungen Smil vor. Grazen, welcher mittheilte, daß der Mann, welcher die Trauerbotſchaft gebracht, bei ſei⸗ ner Abreiſe von Prag erfahren habe, wie Zawiſch's 4 58 zweiter Bruder, Wol, die Empörung an der Radbuſa vollſtändig zu Boden geſchlagen. Die Banden Seze⸗ ma's von Kraſſow und des Zagje von Trebaun ſeien in einem einzigen Treffen aufgerieben worden und beide Führer nur mit Mühe in die Schluchten des Böhmer⸗ waldes entronnen.“ Dieſe Nachricht verſcheuchte den Geiſt der Trau⸗ rigkeit auf Augenblicke ſelbſt von denen, welche wirklich im Herzen trauerten.“ „Bald ſoll man mehr von der Tapferkeit der Wit⸗ kowetze hören,“ bemerkte Heinrich von Natſcheratz— „wir wollen unſern Feinden das Empörerhandwerk über⸗ all legen. Ich freue mich auf den Sturm gegen dos Rattenneſt. Es bleibt doch beim Sturm, Vetter Wok?“ „Gewiß,“ antwortete der Gefragte,„morgen, ſo Gott will, foll uns das Neſt zur Todtenfeier leuchten, und Herr Friedrich von Schönburg als Klageweib dienen.“ „Und dann geht's doch ſtrack's gegen den Baſtard von Troppau?“ fragte Heinrich von Netſcheraz. „Nachdem wir Mähriſch⸗Trüban genommen ha⸗ ben werden, ja!“ erwiederte Wok. 59 „Damit werden wir nicht lange zubringen,“ meinte Heinrich von Natſcheratz;„ich kenne jenes Neſt, es iſt bei weitem nicht ſo feſt wie dieſes.“ So unterhielt man ſich noch eine gute Weile von dem Kriege, bis Zawiſch, zur Reiſe gerüſtet, wieder un⸗ ter ſie trat und mit wenigen, ernſten und gemeſſenen Wor⸗ ten Abſchied nahm. Er empfahl nachdrückliche Führung des Krieges, ſtrenge Manneszucht und Milde gegen die Beſiegten, die ſich unterwürfen. Sollten Sie Herrn Friedrich von Schönburg in ihre Hände bekommen, ſo ſollten ſie ihn unter guter Bedeckung nach Prag bringen. Andere edle Herren, die in ihre Gewalt fielen, ſollten ſie auf die nächſten Witkowetziſchen Burgen in Verwah⸗ rung ſchicken, es müßte denn ſein, daß ſie ſich erböten, Urfehde zu ſchwören. E Von ſeinem Herzeleid ließ er keinen Laut verneh⸗ mehmen, und doch war es nur zu wahr, was nach ſeiner Entfernung Wok ſagte:„Unter dieſer eiſernen Ruhe verbirgt ſich ein Abgrund voll Jammer. Gott ſei mit dem Wladyka!“ Tag und Nacht ritt Zawiſch mit wenigen Getreuen, um ſo bald wie möglich die Stätte zu erreichen, die er im Sonnenglanze ſeeliger Liebestage,„Kunigundenluſt“ genannt, und die er nun als Golgatha ſeines Glückes 60 wiederfinden ſollte. Ehe die Sonne ſich das zweitemal zum Untergange neigte, ritt er um die Stadtmauer von Prag nach ſeiner Behauſung. Wir aber laſſen einen Schleier fallen über die Scene, die unmittelbar auf ſeinen Eintritt in dieſelbe folgte, und über Alles, was in den nächſten vierund⸗ zwanzig Stunden darin vorging. Wir berichten auch über das Begräbniß der ſo früh dahingeſchiedenen Herrin dieſes Hauſes, welches um den nächſtfolgenden Sonnenuntergang ſtattfand, nichts, als daß dasſelbe ſehr groß und prächtig, einer Königin würdig war, und daß ganz Prag ſich beeiferte, ſeiner einſtigen Königin die letzte Ehre zu erweiſen. Und wie nun die Glocken ſchwer und bang aus dem Thale emporklangen zu den vom letzten Sonnen⸗ ſtrahl erglühenden Höhen, da ſaß auf einer derſelben, auf dem Scheitel des Berges Witkow, eine einſame Ge⸗ ſtalt in grauem Gewande, die hatte ihr Antlitz in einen blutrothen Schleier gehüllt und weinte. Als aber der letzte Nachklang des Geläutes durch die Lüfte zitterte, erhob ſie ſich und den Schleier zurück⸗ ſchlagend ſchaute ſie freien Blickes über das Thal hin⸗ über. „Es iſt genug,“ ſprach ſie vor ſich hin;„dem was gut an dir war, floſſen dieſe Thränen, das Böſe haſt 61 du bezahlt mit deinem Leben, Vergeſſenheit decke es auf immer! Es iſt ein großer Jammer um dich, ein wahrer und kein erheuchelter; wäre mir das Herz gebrochen um mein Kind, kein Menſch würde um die Judendirne kla⸗ gen. Und ſo brechen täglich tauſend Herzen unter den Streichen des Schickſals, unter der Bosheit oder dem Wahn der Menſchen, und Niemand weint um ſie, Nie⸗ mand kümmert ſich um ſie. Die Luft, die wir athmen, iſt geſchwängert mit den Seufzern Solcher, die unver⸗ ſchuldet im Elend ſterben, und wenn es gut geht, folgt ein Freund ihrem Sarge und wirft eine Handvoll Erde ihm nach in's Grab, geht hin und tröſtet ſich: er hat's überſtanden. Vielleicht folgt gar ein Prieſter dem Sarge des Unglücklichen, rühmt mit Salbung das gottergebene Dulden deſſen, den er mit im Elend verkümmern ließ, und ſpricht, er ſei im Herrn entſchlafen. Du ſielſt durch deine Schuld, weil du, ſelbſt Mutter, ein Kind von dem Herzen ſeiner Mutter reißen und einem Wahn opfern wollteſt; dir werden ſie ein prächtiges Grabmal bauen, Tauſende von Seelenmeſſen leſen, und Dichter und Geſchichtſchreiber werden dich unſterblich machen. Ge⸗ nieße deine Unſterblichkeit, erfülle die ſpäte Nachwelt noch mit dem Ruhm deiner Anmuth und Milde, habe ich doch mein Kind vor dir gerettet und lache ich doch einer Welt, die ſo voll Thorheit und Verkehrtheit iſt 62 Hier ſchwieg ſie und verließ die Stätte. So erwieß Ruſalka ihrem Opfer— nein, ihrer gefallenen Feindin, die letzte Ehre. Viertes Capitel. Nach dem Ausſpruch der von Hroznata herbeige⸗ rufenen Aerzte, welche den Leichnam Kunigundens in Gegenwart des Vorſitzenden und zweier Beiſitzer des Sechsmänneramtes unterſuchen mußten, waren aller⸗ dings Zeichen vorhanden geweſen, welche den Verdacht einer Vergiftung wohl zuließen, wenn ſie ihn auch nicht nothwendig begründeten. Die Wiſſenſchaft war damaks überhaupt noch weit davon entfernt Jeden Fall einer Vergiftung mit Sicherheit feſtzuſtellen. Der Vermuthung war ein weites Feld eingeräumt, und in der Regel blieb die Entſcheidung, ob überhaupt eine Vergiftung vorliege, dem weiſen Ermeſſen des Richters überlaſſen. Unter dieſen Umſtänden genügte meiſt die bloße Möglichkeit eines Verdachtes um darauf eine peinliche Unterſuchung zu begründen. 64 Wie Hroznata ſeinem Schwager in das Lager ge⸗ ſchrieben, hatte er ſchon auf die Ausſage von Kunigun⸗ dens Frauen hin den Koch und die Küchenjungen ver⸗ haften laſſen. Nach dem Ausſpruch der Aerzte hatte das Sechsmänneramt die Verhaftung für gerechtfertigt und eine peinliche Unterſuchung zu veranlaſſen für nöthig befunden. Die Verhafteten waren demzufolge dem pein⸗ lichen Gericht überantwortet worden. Auch Zawiſch hatte die Verdachtsmomente für wichtig genug gehalten, um das eingeſchlagene Verfah⸗ ren gut zu heißen, doch enthielt er ſich jeder perſönlichen Beeinflußung des Gerichtes, wenn auch ſein tiefver⸗ wundetes Gemüth nach Rache an den Mördern ſeines geliebten Weibes dürſtete. War das Verbrechen wirklich begangen worden, ſo konnte nach ſeiner Anſicht der Ge⸗ danke dazu nicht in dem Gehirne des Kochs oder ſeiner Gehilfen entſtanden, ſondern es. mußte auf Anſtiften einer ſeiner Feinde verübt worden ſein. Und er ſchwor bei ſich ſelbſt, den Anſtifter, wer es auch ſei, und gehöre er zu den erſten Kmeten des Landes, die ganze Schwere des Geſetzes fühlen zu laſſen. Den Gedanken, daß Hy⸗ nek von Lichtenburg dabei betheiligt ſein könne, verwarf er, ſo ſehr auch in den Augen Hroznata's und Oger's von Lomnitz der Schein gegen ihn ſprach. Das Sechs⸗ männeramt erhielt daher die Weiſung, die ihm von 65 Hroznata übertragene Ueberwachung des ſichtlich ſelbſt um die Todte in das tiefſte Leid verſenkten, glückloſen Nebenbuhlers, auf die in Prag anweſenden erklärten Feinde Zawiſchs zu übertragen. Während ſo die Unterſuchung auf die muthmaß⸗ lichen Werkzeuge einer verruchten That ihren Gang nahm und mit allen Hilfsmitteln des damaligen pein⸗ lichen Verfahrens geführt wurde, warf ſich Zawiſch um der Uebermacht des Schmerzes ein Gegengewicht zu ge⸗ ben, in die Geſchäfte des Staates. Und es that im hohen Grade noth, daß eine kräftige Hand die Zügel ergriff. Der junge König, ohnehin ohne beſondere Be⸗ fähigung zu den FPflichten ſeines hohen Amtes, war durch den Schmerz um die ſo plötzlich dahingeraffte Mutter, des einzigen Weſens, an dem er bisher mit tie⸗ fer Zuneigung gehangen, zu allen Geſchäften untaug⸗ lich und unluſtig geworden. Das einzige Geſchäft, er ſich hingab, war am Grabe ſeiner Mutter zu eten. Wie Hroznata vorausgeſehen, war der gemeinſame Schmerz wirklich zu einem Bande geworden, welches den königlichen Jüngling inniger als je an ſeinen Stief⸗ vater knüpfte. Es ſchien jenem ein Bedürfniß zu ſein, die Liebe, die er der Mutter bei ihrem Leben geweiht, auf den Mann zu übertragen, der ihr ſelbſt der Liebſte Taura. Die Witkowetze. II. 5 66 geweſen. Und Zawiſch hatte ein für ſolche Liebesbeweiſe nur zu empfindliches Herz. Niemand konnte ihn leichter rühren und gewinnen, als wer hilflos und verlaſſen, vertrauungsvoll ſich in ſeinen Schutz begab. Werzel zeigte ſich nun jetzt ſo hilflos in ſeinem Jammer und warf ſich mit ſolchem Vertrauen dem mit ihm trauern⸗ den Gatten ſeiner Mutter in die Arme, daß Zawiſch alles Bittere, was er früher von dieſer Seite erfahren, vergeſſen mußte. So waltete denn zwiſchen Beiden das innigſte Einverſtändniß, als eines Tages ein Abgeſandter des Kaiſers Rudolf im Geleite Diepolds von Rieſenberg an⸗ kam und dem König ein Schreiben ſowohl von dem Schwie⸗ gervater als der jugendlichen Gemahlin überbrachte. Das Schreiben der Letzteren, welches Wenzel zuerſt las, enthielt zärtliche Beifallsbezeigungen und Troſtſprüche, welche einen tiefen Eindruck auf ſein Herz zu machen ſchienen, denn er vergoß heiße Thränen darüber und preßte den Brief mehrmals an ſeine Lippen. Der Brief des Kaiſers fügte zu den Beileidsbezeugungen und Trö⸗ ſtungen, an denen er es auch nicht fehlen ließ, eine ein⸗ drucksvolle Vorſtellung wegen des Streites zwiſchen Herzog Nikolaus und der böhmiſchen Krone. Der Kaiſer erinnerte daran, daß Nikolaus aller⸗ dings von ſeinem nun„in Gott ruhenden Vater“ das 67 Herzogthum Troppau als böhmiſches Lehen ausdrücklich und für förmlich zugeſprochen erhalten, daß Letzterer zwar dieſes Fürſtenthum ſeiner Gemahlin Kunigunde zum Witthum verſchrieben, ohne jedoch die erſte Verge⸗ bung desſelben förmlich zu wiederrufen, oder den Herzog Nikolaus anderweitig abzufinden, was er doch gewiß zu thun Willens geweſen wäre, falls die zweite Verfügung Platz griffe. Wahrſcheinlich ſei König Otokar vor der endgültigen Regulirung dieſer Angelegenheit durch den Tod überraſcht worden. Jedenfalls ſei die Sache ſehr zweifelhaft und Herrn Nikolaus gewiſſe Anſprüche nicht abzuſprechen. Man hätte ihn hören und ſich mit ihm vergleichen ſollen, ſtatt ihn rund abzuweiſen, wie es ge⸗ ſchehen. Er, der Kaiſer, kenne den Herzog als einen verſtändigen und billigen Mann, der auch ein Herz habe, für das Land ſeines großen Vaters, und durch Billigkeit gewonnen eine wackere Stütze des böh⸗ miſchen Thrones werden könne. Er, der Briefſteller, rathe daher ſeinem lieben Sohne ernſt und wohlmeinend, vorher doch noch einmal den Weg der Güte zu verſu⸗ chen, bevor er das ſchon ſo ſchwer heimgeſuchte Land noch einmal die Geißel eines verheerenden Krieges em⸗ pfinden laſſe, von welchem allemal die armen ſchuldloſen Unterthanen am härteſten betroffen würden. Er ſei überzeugt, Herr Nikolaus werde ſich nicht weigern auf 5* einen gütlichen Austrag einzugehen, zumal, wenn er, der Kaiſer ſich erbiete, das Amt eines Schiedsrichters zwiſchen den ſtreitenden Partheien zu übernehmen. Und dieſes Erbieten wolle er hiermit gemacht haben; der Brief ſchloß mit einem frommen Spruch, wie ſie der religiöſe Kaiſer in ſeinen Briefen einzuſtreuen liebte, und die auf den jungen König nie ihre Wirkung ver⸗ fehlten. Wenzel ließ, nachdem er den Geſandten entlaſſen, ſo⸗ gleich ſeinen Stiefvaterrufen und theilte ihm dasSchreiben ſeines Schwiegervaters, ja ſelbſt das ſeiner Gemahlin mit. Dieſer neue Beweis von Vertrauen rührte Zawiſch und ließ ihm die gänzliche Mißachtung ſeiner Perſon, welche ſich aus den Briefen ergab, leichter verſchmerzen. Ob⸗ gleich in Beiden der Verſtorbenen mit dem größten Lobe gedacht war und die Größe ihres Verluſtes nach allen Seiten gewürdigt wurde, ſo erwähnte doch keiner des Mannes, der ihr und durch ſie und ſeinen Geiſt der Krone ſo nahe ſtand, auch nur mit einer Sylbe. Zawiſch mußte wohl zugeſtehen, daß in der Vor⸗ ſtellung des Kaiſers viel Wahres enthalten war; an und für ſich konnte dem Herzog Nikolaus eine gewiſſe Berechtigung zu ſeinen Anſprüchen nicht abgeſprochen werden; aber nicht richtig war es, daß man ſie gar nicht hätte hören wollen. Er hatte ſie ja von vornher⸗ * 69 ein mit dem Schwert in der Fauſt geltend machen wollen. Das hatte man nicht dulden dürfen, zumal in einer Zeit, wo Alles darauf ankam, das ſo tief geſun⸗ kene königliche Anſehen wieder zu heben und zu kräf⸗ tigen. Hätte Nikolaus ſich vertrauensvoll dem Throne genaht und ſein Recht, oder, da dies immerhin zweifel⸗ haft, eine billige Behandlung geſucht, ſie würde ihm, konnte Zawiſch bei ſich ſagen, nicht verweigert worden ſein. Und nun hatte er ſich gar der offenen Empörung vermeſſen, hatte ſich mit dem unzufriedenen Adel in Mähren verbündet, um ſein vermeintes Recht zu er⸗ trotzen. Dem mußte entſchiedener Ernſt entgegengeſetzt werden. Die Augen des Königs hingen erwartungsvoll an den Mienen und Lippen ſeines Stiefvaters und Bera⸗ thers. Dieſer ſagte endlich: „Seine kaiſerliche Majeſtät meint es ſicherlich gut mit Euch und mit dem Lande Böhmen, aber ſie verkennt doch die Sachlage etwas. Wir kennen dieſe beſſer und wiſſen, daß Herzog Nikolaus ein Empörer iſt und als ſolcher behandelt werden muß. Es würde eine unverzeih⸗ liche Schwäche ſein, wollte man jetzt dem Rebellen die Hand zum gütlichen Vergleich bieten, bevor er unſere ſtrafende Hand gefühlt.“ „Die Schrift ſagt aber:„Vergebet, ſo wird Euch vergeben, und vergeltet nicht Böſes mit Böſem,“ warf Wenzel ein. „Ich beuge mich vor dem Worte des Erlöſers,“ erwiederte Zawiſch;„aber es ſteht auch geſchrieben: ein Jeder ſei unterthan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat.“ Nirgends iſt es nothwendiger als in unſerem Böh⸗ men, dieſes Gebot mit aller Strenge aufrecht zu erhal⸗ ten.“ „Ihr habt Recht, theurer Vater,“ verſetzte Wen⸗ zel,„es ſei fern von mir, dem Ungehorſam das Wort zu reden; da wäre ich ein ganz ſchlechter König, wenn ich das thäte; was ſollte aus der Welt und was aus den Königen werden, wenn man jenes Gebot nicht auf⸗ recht erhalten wollte? Ich ſage daher auch nichts dage⸗ gen, daß jeder Ungehorſame beſtraft werde, wie es den Herren Zagjc von Trebaun und Kraſſow, auch dem Frie⸗ drich von Schönburg ergehen ſoll, wenn wir ſie kriegen; aber Herzog Nikolaus iſt doch immer mein Bruder—“ „Um ſo mehr thut da ein ernſtes Verfahren noth,“ entgegnete Zawiſch;„der nächſte Blutsverwandte des Königs ſollte im Gehorſam gegen den König allen Un⸗ terthanen vorangehen als leuchtendes Vorbild. Nichts une Gewalt tiefer erſchütten, als wenn, die ihr amen ſtehen, ſich wider ſie auflehnen—“ 71 „Aber der ſchreckliche Krieg,“ wandte Wenzel wei⸗ ter ein—„der Kaiſer hat Recht, daß unſere armen Un⸗ terthanen ſo ſchon ganz ſchwer genug heimgeſucht wor⸗ den.“ „Beſſer ein kurzer, nachdrücklicher Krieg, durch den ein dauernder Friede begründet wird, als dieſe ewigen Unruhen, die fortwärend am Marke des Landes zehren,“ antwortete Zawiſch. Wenzels Einwürfe waren für jetzt erſchöpft und er ſchien fich in das Unvermeidliche zu ergeben. Mehrere Tage vergingen, ohne daß der Gegenſtand wieder zur Sprache kam. Wenzel hing wieder ſeiner Trauer und ſeinen Ge⸗ beten nach und Zawiſch vergrub ſich tiefer in die Lan⸗ desgeſchäfte. Mit Befriedigung vernahm er aus dem mähriſchen Lager, daß Zwittau ſowohl als Trübau genommen wor⸗ den, wenn es ſchon nichtgelungen war, ſich auch der Per⸗ ſon Friedrich's von Schönburg zu bemächtigen. Da erſchien eines Tages ein Abgeſandter des Her⸗ zogs Nikolaus vor dem König mit der Bitte um einen Waoffenſtillſtand und die Niederſetzung eines Schiedsge⸗ richtes zur gütlichen Entſcheidung ſeiner Sache. 72 Auch er wies auf das Verderben des Krieges für die unſchuldigen Unterthanen hin, und gab vor, er wolle lieber auf einen Theil ſeiner Rechte verzichten, als noch einmal die Drangſale des Krieges über das arme Land bringen. Jetzt glaubte Wenzel ſich entſchieden für die ſchieds⸗ gerichtliche Entſcheidung ausſprechen zu müſſen. Er ließ Zawiſch rufen und beſchwor ihn, nach Mit⸗ theilung der erhaltenen Botſchaft, jetzt nicht länger auf der blutigen Entſcheidung zu beſtehen, ſondern in den Waffenſtillſtand und das Schiedsgericht durch den Kai⸗ ſer zu willigen. Alle Gegenvorſtellungen Zawiſch's erwieſen ſich diesmal wirkungslos. Als der königliche Jüngling den gewichtigen Grün⸗ den des erſteren kein Wort mehr entgegenzuſetzen hatte, brach er in Thränen aus, fiel auf ſeine Kniee und flehte zu Gott, daß er ihn doch hinwegnehmen möge aus die⸗ ſem Jammerthal zu ſeiner lieben Mutter!— Damit traf er das wunde Herz des Gatten; dieſer ſchwankte— er ging im Kampf zwiſchen den Forderun⸗ gen des Verſtandes und den aufgeweckten Empfindungen hin und her. Plötzlich ſprang der König auf und rief: 73 „Jetzt weiß ich, warum Ihr ſo hartnäckig auf dem Krieg beſteht, jetzt weiß ich's— daß ich nicht gleich da⸗ ran dachte! Ich verſprach ja Eurem Sohn das Fürſten⸗ thum zum Lohne— ich gab's Euch noch dazu ſchriftlich — daß ich das auch vergeſſen konnte!— das macht das ſchwere Leid um meine theure Mutter— verzeiht mir, Vater— ich will's gut machen— mein Brüderchen ſoll nicht zu kurz kommen— nein, gewiß nicht— wenn's Troppau nicht iſt, kann's ja ein anderes Fürſtenthum ſein— Böhmen und Mähren ſind ja groß. Va⸗ ter, ich verſpreche Eurem Sohne Jeſſek die beſte Pflege in ganz Böhmen— oder nein, beſſer in Mähren zum Lehen, Ihr könnt's ſelbſt auswählen— für den Fall nämlich, daß der Schiedsſpruch Troppau meinem Bru⸗ der Nikolaus zuerkennen ſollte.“ Zawiſch hatte in der That nicht an die Verſchrei⸗ bung gedacht. Ueber dem ungeheuern Verluſt, den er erlitten, hatte er jedes irdiſche Gut vergeſſen, und ſo, ſo ſehr er ſonſt auf Erwerbungen für ſich und ſein Haus bedacht geweſen ſein mochte, konnte er jetzt von ſich ſagen, daß der eigene Vortheil keine Stimme bei feiner Entſcheidung gehabt hatte. Statt ſich aber durch das Bewußtſein der völligen Uneigennützigkeit in ſeiner vernünftigen Anſicht beſtärkt 74 zu fühlen, ward er durch den Verdacht des Gegentheils entwaffnet. Er mochte auch den Schein des letzteren nicht auf ſich ruhen laſſen und ſo erwiederte er dem kläglichen König: „Wie ganz und gar Ihr mich doch verkennt; und damit Ihr Euch von Eurem Irrthum bekehret, dringe ich jetzt ſelbſt, wenn Ihr nun anders wolltet, darauf, daß der Streit um Troppau durch den Kaiſer entſchieden werde. Ich weiß, daß mir der Kaiſer nicht wohl will, daß der Vortheil der perſönlichen Gunſt des Schiedsrichters ganz auf der Seite des Gegners iſt, aber ich laſſe es darauf ankommen; es bleibt dabei— ich will auf der St⸗lle den Befehl zum Waffenſtillſtand an unſere Streit⸗ macht ausfertigen.“ „O, mein guter, edler Vater!“ rief der König ge⸗ rührt—„ja, Ihr ſeid in Wahrheit mein Vater, mein beſter Freund— Ihr habt ſchon ſo viel für mich gethan, ich kann's Euch nicht vergelten— aber was ich thun kann, will ich thun— gewiß, ich halte Wort— mein Brüderchen ſoll doch ein Fürſtenthum haben— ein ſchö⸗ neres, als das lumpige Troppau iſt—— alſo Ihr wollt, daß der böſe Krieg ein Ende habe, daß Friede im Lande ſei, o, wie glücklich macht mich das! Wenn das meine gute Mutter wüßte, wenn ſie es ſähe, wie glück⸗ 75 lich ich durch Euch bin— wie gut wir uns verſtehen, ach, wie würde ſie ſich freuen, die Gute!“ Und dabei begann er zu weinen und zu ſchluchzen und ſeinem Stiefvater die Hände zu küſſen. Zawiſch fertigte nun den Befehl an ſeinen Vetter Wok aus, nicht weiter gegen Herzog Nikolaus vorzuge⸗ hen, da demſelben ein Waffenſtillſtand bewilligt worden und beide Theile, der König und der Herzog, ſich dahin geeinigt hätten, den Streit durch ein Schiedsgericht ent⸗ ſcheiden zu laſſen. An Herzog Nikolaus wurde deſſen Abgeſandter mit dem entſprechenden Beſcheid zurückgeſchickt. Der noch in Prag weilende Abgeſandte des Kai⸗ ſers erhielt ebenfalls ein Schreiben, worin ſein Herrum Uebernahme des Schiedsrichteramtes zwiſchen der Krone und dem Herzog erſucht wurde. Als Zawiſch von dem allen ſeinem Schwager Hroz⸗ nate, ſeinem Bruder Witek und Oger von Lomnitz Mit⸗ theilungen machte, entſtand eine große Mißſtimmung unter dieſen. Keiner billigte das Geſchehene; beſonders aber un⸗ terwarf es Oger einer ſcharfen Verurtheilung. „Durch dieſe unbegreifliche Nachgiebigkeit,“ ſagte er„iſt vielleicht die Gelegenheit zur dauernden Begrün⸗ 76 dung deines Einfluſſes und der Macht unſeres Hauſes auf immer verſcherzt. Dieſer wetterwendiſche, eigenſin⸗ nige und tückiſche Knabe kann nur dnrch einen unbeug⸗ ſamen Willen an uns gebunden werden. Du glaubſt ihn durch Dienſtbarkeit und Liebe zu feſſeln, aber du wirſt nur eine Schlange im Buſen nähren. Du mußt über dieſem Afterkönig ſtehen, eiſern wie das Schickſal und unerbittlich wie der Tod; ſonſt wirſt du ein Spielball ſeiner Launen. O Wladyka, Wladyka, ich fürchte, du haſt dir und uns einen Streich geſpielt, der nimmer gut zu machen iſt!“ „Ihr beurtheilt den jungen Menſchen zu hart,“ erwiederte Zawiſch.„Ihr bedenkt zu wenig, unter was für Einflüßen er aufgewachſen iſt, wie die brandenbur⸗ giſche Vormundſchaft ſeine Ausbildung auf das Gröb⸗ lichſte verwahrloſt hat. Von Herzen iſt er nicht bös, noch iſt er zu alt, um üble Angewöhnungen nicht noch ablegen zu können, und ich glaube, daß wir durch Geduld und Nachgiebigkeit mehr mit ihm ausrichten, als durch ſchrof⸗ fes Weſen. Ich kenne ihn doch wohl beſſer als Ihr, und jetzt, wo ſein Herz mit dem meinigen gleichſam aus einer Wunde blutet, jetzt müßte ein hartes und ſchroffes Auf⸗ treten gegen ihn in ſeinem Gemüthe eine unheilbare Ver⸗ bitterung gegen uns erzeugen.“ „Gott hat dir einen hellen Geiſt verlichen,“ ent⸗ gegnete Oger,„das weiß die Welt und jeder von un⸗ ſerm Geſchlechte erkennt es an. Aber der Schmerz, der über dich gekommen, trübt das ſonſt ſo klare Licht, und das empfindſame Herz täuſcht den kalten Verſtand. Ich kann mir nicht helfen, mir iſt, als ſei mit dieſem deinem Mißgriff ein Wendepunkt deines Schickſals und mit ihm unſeres ganzen Hauſes eingetreten.“ „Erblickſt du einen ſolchen Wendepunkt,“ verſetzte Zawiſch,„ſo ſuche ihn am Todtenbett meines theuren Weibes— mit ihm iſt der Stern unſeres Hauſes erlo⸗ ſchen—“ „So mag es dir in deinem gerechten Schmerz er⸗ ſcheinen,“ antwortete Oger;„doch wir ſehen ihn noch hell und verheißungsreich am Himmelſtehen in der Macht, die du gewonnen, in der Kraft deines überlegenen Gei⸗ ſtes, wir ſahen dieſen ſchwachen Knaben in deine Hand gegeben, du durfteſt nur wollen, und er war ein Nichts, ein willenloſes Spielzeug in deiner Hand—“ „Das ſei fern von mir, daß ich ihn dazu herab⸗ würdigen wollte,“ rief Zawiſch,„ihn, den mein gelieb⸗ tes Weib unter dem Herzen getragen und mir an's Herz gelegt, daß ich ihm ein Vater ſein ſolle! Nein, denket beſſer von mir; ich will mein heiliges Amt erfüllen, will aus dem Knaben kein willenloſes Spielzeug, ſondern einen Mann und König machen.“ 78 „Mach' ein Schwert aus Lindenholz, oder eine Pflugſcharr von Weide,“ antwortete Oger,„und ſieh' zu, wie du mit jenem kämpfeſt, mit dieſem pflügſt! Nein, du wirſt aus dieſem Pfaffenholze keinen König ſchnitzen, höchſtens einen Tyrannen. Er wird nie einen ſtarken, gepaarten Willen haben, er wird in ewiger Abhängig⸗ keit dahin kriechen, wenn nicht von dir, ſo von anderen, ſeien es nun Pfaffen, Weiber oder Höflinge, die ſchlauer ſind, als du.“ „Der Schritt, der jetzt gethan worden, iſt nicht un⸗ geſchehen zu machen,“ nahm jetzt Hroznata das Wort. „Ich halte ihn nicht unbedingt für ſo verderblich, wie Vetter Oger, wiewohl ſeine Bemerkungen viel Wahres enthalten. Mir ſcheint es auch, als ob du deinen Stief⸗ ſohn doch zu glimpflich beurtheilteſt. Du thateſt es nicht immer; erinnere dich, wie unzufrieden du mit ihm vor wenig Wochen vor deinem Zug nach Mähren, wareſt; welche Auftritte du mit ihm in Folge der von der Kirche erzwungenen Herausgabe des Indenkindes hatteſt, es waren Auftritte, die den gekrönten Jüngling allerdings in einem Lichte zeigten, wie es Herr Oger auf ihn ge⸗ worfen. Ein kräftigeres Auftreten gegen ihn kann nur zu ſeinem und unſer Aller Vortheil ſein.“ „Der Meinung bin ich auch,“ ſagte Witek.„Du mußt dem eigenſinnigen und doch ſo ſchwachen Knaben 79 die Zügel ſtraffer halten. Die Rechnung auf ſeine Dank⸗ barkeit ſcheint mir eine Rechnung mit lauter Nullen zu ſein, bei der nie etwas herauskommt. Die Dankbarkeit der Könige hat ein kurzes Gedächtniß, und dieſer unbär⸗ tige König zumal ſcheint mir ein beſſeres Gedächtniß für fremde Sprachen, als fremde Wohlthaten zu haben. Blos das Gefühl der nothwendigen Abhängigkeit kann ihn dir und uns erhalten. Da nun ein einmal der Be⸗ fehl zum Waffenſtillſtand, ſammt den Erklärungen für die ſchiedsrichterliche Beilegung des Streites abgegan⸗ gen iſt, ſo bleibt uns nichts übrig, als darüber zu wa⸗ chen, daß dieſe neue Einmiſchung des Habsburgers in die böhmiſchen Angelegenheiten nicht zu einem dauern⸗ den Einfluß auf dieſe führe—“ „Seid unbeſorgt!“ rief Zawiſch,„darüber will ich ſchon wachen. Und was Iht hier geredet, es ſoll nicht in den Wind geredet ſein. Ich ſehe ein, daß ich einmal zur Unzeit nachgegeben habe, aber wer von Euch dünkt ſich ſtark genug, in gleicher Lage feſt zu bleiben? Die Natur hat mir einen Tribut abgerungen, den ich ihr nicht mehr ſtreitig machen kann. Aber ſie ſoll mich fortan wachſamer finden, darauf verlaßt Euch. Es war gut, daß du, lieber Hroznata, wieder an die Geſchichte mit dem Judenkinde erinnerteſt; ich hatte ſie vergeſſen und damit auch aller⸗ dings den tieferen Einblick in den Charakter des Königs 80 verloren. Selbſt von Leid erfüllt, hatte ich nur Augen für ſein Leid, und dieſes brachte ihn, meinem Herzen nä⸗ her, machte ihn mir thenrer als je. Er ſelbſt ſcheint die Geſchichte, die ihn damals ſo außerordentlich erregte, vergeſſen zu haben, denn er hat ſie nie auch nur mit einer Silbe berührt.“ „Wer weiß,“ ſagte Hroznata;„ſollte er ſie auch ſeit dem Hinſcheiden ſeiner Mutter aus dem Sinn ver⸗ loren haben, ſo ſcheint er doch kurz vorher noch ſehr mit ihr beſchäftigt geweſen zu ſein. Ich weiß aus guter Ouelle, daß er ſeine Mutter auf das heftigſte beſtürmt hat, das Judenkind der Kirche zurückzuſtellen.“ „Wie wäre meine Gemahlin dazugekommen?“ fragte Zawiſch erſtaunt und fügte dann gleich hinzu: „Sie hat natürlich nichts darauf gethan, ſie konnte nichts thun?“ Hroznata ſtockte. „Ei, ſo ſagt's doch heraus!“ rief Oger;„was kann es denn ſchaden. Die edle Frau hat's gut gemeint.“ Hroznata berichtete nun, wie er vom Sechsmän⸗ neramte ſchon vor der Abreiſe ſeines Schwagers Winke erhalten, daß das ſtreitige Kind im Haufe ſeines Groß⸗ vaters nicht vor Nachſtellungen ſicher ſei, hinter denen wohl die Geiſtlichkeit ſtecken möge. Später hatte das 81 Amt in Erfahrung gebracht, daß die Königin⸗Mutter den Jnden Ben⸗Baruch durch eine Summe Geldes zur Herausgabe des Kindes habe bewegen wollen, daß aber die leibliche Mutter des Kindes ſich inzwiſchen desſelben bemächtigt und mit ſich genommen habe. Obgleich Ben⸗ Baruch deshalb die Hilfe des Sechsmänneramtes nicht angerufen, dieſes alſo keinen Grund hatte einzuſchreiten, ſo habe es doch über den Aufenthalt der lange Zeit ver⸗ ſchollen geweſenen Tochter des Juden, die nun auf ein⸗ mal wieder zum Vorſchein gekommen war, Nachforſchun⸗ gen angeſtellt, die endlich und zwar erſt kürzlich zu dem Ergebniß geführt, daß die im Rufe mächtiger Zauberei ſtehende Bewohnerin der Kaſchahöhle, Ruſalka, und die Tochter Ben⸗Baruch's eine Perſon ſeien, durch das Sechs⸗ männeramt erfuhr ich ferner, daß die Königin⸗Mutter wenige Tage vor ihrem ſo plötzlich erfolgten Ende im Geleite Herrn Hyneks von Lichtenburg der Zauberin einen Beſuch gemacht; was mich ſpäter veranlaßt hat, die Kammerfrauen der Verſtorbenen zu befragen, ob ſie nichts über den Zweck jenes Beſuches, den ich wohl ahnte, verommen habe. Aus den Antworten, die ich er⸗ hielt ging allerdings mit ziemlicher Gewißheit hervor, daß es ſich bei dem Beſuche um das Judenkind gehan⸗ delt Der König war kurz zuvor in Kunigudenluſt geweſen und hatte ſeine Mutter das be⸗ Taura, Die Witkowetze II. — ſtürmt, das Kind der Kirche zurückuſtellen. Eine der Frauen wußte auch, daß ſie Herin Hynek eine große Menge Gold zum Mitnehmen gegeben, derſelbe dieſes aber wieder mitzurückgebracht habe, worauf ſie ſich ſehr übelgelaunt gezeigt, wie wenn ihr etwas Wichtiges fehl⸗ geſchlagen.“ „Und haſt du die Mutter des Kindes nicht befra⸗ gen laſſen?“ fragte Zawiſch, der durch dieſe Mitthei⸗ lungen im hohen Grade geſpannt war. „Die Zeit war zu kurz,“ ſagte Hroznata,„wohl habe ich dem Sechsmänneramte Auftrag gegeben, mir die Zauberin zur Stelle zu bringen, damit ich ſie in's Verhör nehme; aber man hat ihrer noch nicht habhaft werden können, weder in ihrer ſonderbaeen Behauſung noch fonſt wo. Sie iſt überhaupt in neuerer Zeit wenig in Prag zu ſehen geweſen.“ „Ich erinnere mich,“ fiel Zawiſch ein,„daß die biſchöfliche Curie der ſogenannten Zauberin durch das Sechsmänneramt einmal wollte den Prozeß machen laſ⸗ ſen, und daß ich demſelben jedes Einſchreiten unterſagte — ſollte ſich etwa die Curie wieder geregt und gegen die Unglückliche aufgetreten ſein?“ „Das kann nicht ſein,“ verſicherte Hroznata,„ſonſt müßte ich darum wiſſen.“ 83 „Hat einer von Euch je die Dirne geſehen?“ fragte Zawiſch.„Sie ſcheint nicht ganz gewöhnlicher Art zu ſein. Ihre Lebensgeſchichte zu erfahren, verlohnte viel⸗ leicht der Mühe.“ Keiner von den Dreien konnte ſich beſinnen Ru⸗ ſalka je geſehen zu haben. „Manche Leute halten ſie für eine Verrückte,“ ſagte Oger,„die meiſten aber ſchwören, ſie ſei eine gewaltige Zauberin. Da wir nun, durch dich belehrt, Wladyka, nicht an Zauberei glauben, ſo bleibt uns nichts übrig, als ſie entweder für eine Verrückte, oder eine Betrüge⸗ rin, oder für beides zu halten.“ „Jedenfalls iſt ſie eine Unglückliche,“ behauptete Zawiſch;„und ihr Unglück iſt nicht gewöhnlicher Art. Ich weiß freilich jetzt nur ſo viel, daß ſie eine Jüdin und von einem Chriſten von edlem Stande Mutter gewor⸗ den, daß ihr Vater ſie verſtoßen und die Welt lange nichts von ihr gewußt, bis ſie neuerdings als Zauberin Ruſalka wieder aufgetaucht iſt.“ „Mehr weiß ich auch kaum,“ ſagte Hroznata,„hof⸗ fentlich bringt ſie das Sechsmänneramt noch zu mir, wenn dir dann daran liegt ſie zu ſehen, ſo will ich ſie zu dir ſchicken.“ „Man ſoll ihr nur keinen Zwaug anthun,“erklärte Zawiſch. 62 84 Das Geſpräch wurde hier durch einen Diener un⸗ terbrochen, welcher einen Boten des Sechsmänneramtes anmeldete. Hroznata befahl ihn einzulaſſen. Der Bote meldete, das freie Sechsmänneramt habe den Herrn Hynek von Lichtenburg verhaften laſſen, weil es in Erfahrung gebracht, daß derſelbe nicht nur mit den Feinden des Königs täglich verkehre, ſondern auch mit dem Abgeſandten des Kaiſers an das Hoflager des letz⸗ teren gehen wolle. Außerdem ſei von dem Kammergerichte, welches die Unterſuchung wegen des an der Königin⸗Mutter ver⸗ übten Giftmordes führte, die Weiſung an Herrn Hynek ergangen, Prag vor Beendigung der Unterſuchung nicht zu verlaſſen, da ſeine Vernehmung in der Sache wahr⸗ ſcheinlich nothwendig ſei. Von dieſer Weiſung ſei dem Sechsmänneramte Kenntniß gegeben worden und darum habe es ſich um ſo mehr verpflichtet geachtet den Herrn in Haft zu nehmen. Auf einen Wink Zawiſch's, ließ Hroznata den Bo⸗ ten einſtweilen abtreten. Dann äußerte Zawiſch ſein Be⸗ denken gegen die Maßregel und wünſchte, ſie aufzuhe⸗ ben. Er könne nicht glauben, daß daß das Gericht einen wirklichen Verdachtsgrund gegen Herrn Hynek habe; 85 vielleicht ſolle er nur als Zenge befragt werden, und das ſei kein Grund ihn feſtzunehmen. Die perſönliche Freiheit ſei ein Gut, das nie ohne die dringendſte Nothwendigkeit und die erheblichſten Ver⸗ dachtsgründe bei einem ſchweren Verbrechen angetaſtet werden dürfe. Dieſer Grundſatz ſei in Böhmen von Al⸗ ters her heilig geachtet worden und er habe ihn wieder mit allem Fleiß zur Geltung gebracht. Ob ſich Herr Hynek wieder mit der feindlichen Par⸗ tei eingelaſſen oder nicht, darauf komme hierbei nichts an. Halte das Gericht ſeine Vernehmung für nothwendig, ſo könne es ſolche ja ſogleich bewirken, und dann Herrn Hynek ziehen laſſen, wohin es ihm beliebe. Auch die übrigen drei waren der Anſicht, daß die Verhaftung Hyneks nicht gerechtfertigt, das Sechsmän⸗ neramt alſo in ſeinem löblichen Eifer einmal zu weit ge⸗ gangen ſei, und es ward daher beſchloſſen, daß Hroznata, dem Zawiſch die oberſte Leitung über dieſe Behörde über⸗ tragen hatte, die Verhaftung aufzuheben befehle, dafern das Gericht ihn nicht im Schuldverdacht habe, was Al⸗ len unwahrſcheinlich vorkam. Der Bote wurde demgemäß beſchieden. Er war aber noch nicht lange fort, als der Diener eine Frau meldete, welche den Wladyka zu ſprechen wün⸗ ſche. Er habe ihr geſagt, der Wladyka wohne nicht hier; darauf habe ſie erwiedert, aber ſie wiſſe, daß er jetzt hier ſei; das Leben eines Menſchen hänge davon ab, daß ſie ihn ſogleich ſpreche; ihr Anliegen ſei nicht geheim, es könnten alle, die da wären, hören. Der Diener erhielt Anweiſung die Frau hereinzu⸗ laſſen. Es war eine Frau aus dem Volke, in den mittle⸗ ren Jahren, von kleiner Geſtalt, aber energiſchem Ge⸗ ſichtsausdrucke, doch mit verweinten Augen. Zawiſch erkannte in ihr die Frau ſeines geweſenen jetzt in Haft befindlichen Kochs. „Was willſt du von mir?“ fragte Zawiſch. „Barmherzigkeit, großer Wladyka, Barmherzigkeit für meinen armen unſchuldigen Mann, Euern Koch Franzek, er iſt gewiß unſchuldig.“ „Das wird ſich finden,“ antwortete Zawiſch;„das Gericht wird dem Unſchuldigen ſein Recht wiederfahren laſſen wie dem Schuldigen.“ „Darauf geb' ich gar nichts,“ verſetzte die Frau, „Richter ſind Menſchen und können irren. Hätten ſie keine finſtern Kerker, keine Qualen der Einſamkeit und wäre mein Mann eine ſtarke Seele— ach er iſt ein guter Mann, aber ſchwach, ſehr ſchwach— ſo wollt ich 87 ganz ruhig um ihn ſein, ſo wollt ich denken, es ſei eine Prüfung über ihn gekommen, die er an ſeiner armen Frau verdient hat; aber die Einſamkeit in dem finſtern Kerker hält er nicht aus, und ſo wird er am Ende Alles zugeſtehen, was man will, obgleich er ſo unſchuldig iſt wie die Sonne. Jo, Ihr Herren, ſo wahr ich hier ſtehe und eine Mutter von fünf unerzogenen Kindern bin, ſo wahr iſt mein Mann unſchuldig. Mein armer Franzek, ſeine gnädige Frau vergiften— was für ein Unſinn! Zehnmal hätte er ſich todtſchlagen laſſen für ſie, obgleich er Frau und Kinder hat, und er ſoll ihr Gift gegeben haben! Ich ſage Euch, er war ſo vernarrt in die gnä⸗ dige Frau, daß er mich, ſeine angetraute Frau und Mutter ſeiner Kinder wie eine Gans abgeſchlachtet hätte, wenn ſie es befohlen. Das hat er nun von ſeiner Narr⸗ heit, daß er ihr Mörder ſein ſoll! Er hat's eigentlich an mir verdient, denn er hat mich, ſein eheliches Weib und Mutter ſeiner Kinder wegen der gnädigen Frau zurückgeſetzt. Frau Kunigunde vorn, Frau Kunigunde hinten, hieß es bei ihm, und ich, ſeine Ehefrau und Mutter ſeiner Kinder war ihm gar nichts. Und er ſoll ſie vergiftet haben! Nein, ſo wahr ich ſeine Frau und WMutter ſeiner Kinder bin, ſo wahr iſt er unſchuldig, der arme, gute Mann!“ Und ſie begann zu ſchluchzen. „Was ſoll ich denn für ihn thun?“ fragte Za⸗ wiſch nach dieſer ſonderbaten Schutzrede. „Was Ihr thun ſollt?“ erwiederte die Frau— „je nun ein Machtwort ſollt Ihr ſprechen, großer Wla⸗ dyka, daß ſie ihn freilaſſen. Ihr müßt ihn doch ſelbſt kennen; wiſſet Ihr denn nicht, daß er kein Ferkel ſchlach⸗ ten konnte, weil es ihn dauerte, daß er alles Schlachten den Küchenjungen überließ und es nicht einmal mit an⸗ ſehen konnte? Und er ſoll ein Mörder ſein? Und noch dazu der Mörder ſeiner gnädigen Frau, der zu Liebe er mich mehr als einmal geprügelt hat, mich ſeine eheleib⸗ liche Frau und Mutter ſeiner Kinder? Beim barmher⸗ zigen Gott bitt' ich Euch, großer Wladyka, ſprecht ein Machtwort, daß ſie ihn freilaſſen und ihn nicht zu einem Geſtändniß zwingen, den guten ſchwachen Mann.“ „Ich kann nicht in den Gang des Rechts eingrei⸗ fen,“ antwortete Zawiſch;„beruhigt Euch, das Gericht iſt menſchlich und gerecht. Es wird ihn nicht zu einem Geſtändniß zwingen. Wir haben in Böhmen keine Folter.“ „Aber der Kerker— großer Wladyka— die Ein⸗ ſamkeit ohne Geſchäft— ſie iſt Folter genug. Ich kenne meinen armen guten Mann— er konnte keine Stunde allein ſein, er mußte immer unter Menſchen ſein. Und ———,— 39 ſeine Kinder nicht ſehen können— das bricht ihm das Herz!“ „Du ſtellſt dir die Sache zu ſchlimm vor,“ ſagte Zawiſch,„iſt er wirklich unſchuldig, dann wird ihn das Bewußtſein der Unſchald ſchon ſo lange aufrecht erhal⸗ ten, bis die Unterſuchung beendet iſt. Ich werde das Gericht anhalten, daß es damit eilt— das iſt Alles, was ich thun kann.“ Die Frau brach in ein neues Schluchzen aus und legte ſich weiter auf's Bitten in ihrer einfältigen Art.“ Zawiſch war ſichtlich bewegt daran. Aber er glaubte ihren Bitten doch keine Folge geben zu können. Er hatte erſt wieder eine ſtrenge, unparteiiſche Rechts⸗ pflege hergeſtellt, und betrachtete das mit Recht als ſein vorzüglichſtes Verdienſt. Mit der äußerſten Gewiſſen⸗ haftigkeit hatte er, ſo lange er an der Spitze der Regie⸗ rung ſtand, darüber gewacht, daß die Rechtspflege von allen fremden Einflüſſen unbeirrt blieb. Er hatte zu den Richterſtellen nur Männer von erprobter Recht⸗ ſchaffenheit, Einſicht und unabhängigem Charakter be⸗ rufen und aus dem Gerichtsverfahren und den Straf⸗ beſtimmungen alle Grauſamkeiten, ſo weit ſie ſich in den vorausgegangenen Zeiten des zum Deſpotismus auf⸗ ſtrebenden Königthums und der häufigen bürgerlichen 0 Unruhen in der Rechtspflege eingeſchlichen hatten, ent⸗ fernt. Darum glaubte er auch den Richtern für jeden Fall unbedingt vertrauen zu dürfen. Und ſo war es ihm nicht möglich im vorliegenden Falle irgendwie in den Gang der Unterſuchung einzugreifen, und zwar um ſo weniger, als er dabei ſelbſt ſo ſehr betheiligt war. Er blieb daher bei ſeinem Ausſpruch, und die Bittſtellerin mußte endlich ſich unverrichteter Sache entfernen. Es war ſchon um die Dämmerſtunde, als Zawiſch nach einem, an Geſchäften mannigfacher Art reichen, Tage, ſeiner nun, ach! ihrer Seele, ihres freundlichen Genius beraubten Behauſung zuſchritt. Denn er pflegte jetzt faſt immer zu Fuße herein⸗ und hinaus zu gehen. Als er ſich dem Walde näherte, ſah er an einer Ecke desſelben eine in wunderliche Tracht gekleidete Frauen⸗ geſtalt ſtehen. Die Tracht iſt uns bekannt, es war die der Zauberin Ruſalka, der graue Talar, die blutrothe Schärpe und der blutrothe Schleier. Die Geſtalt trat Zawiſch entgegen und blieb dicht vor ihm ſtehen.„Heil Euch, Wladyka,“ grüßte ſie ihn, „ich habe Euch erwartet.“ Verwundert blickte er in ein ſeltſam ſchönes, blaßes Geſicht mit ſonnenhaften Augen. „Wer ſeid Ihr?“ fragte er, obſchon er ahnte, 91 daß es die Zauberin Ruſalka wäre—„warum erwar⸗ tet Ihr mich?“ „Um Euch ein Bekenntniß abzulegen,“ erwiederte ſie mit ruhigem Ton—„mein Name iſt Ruſalka, die thörichte Menge macht mich zu Eurer Schweſter im Herrn der Finſterniß?“ „Welches Bekenntniß habt Ihr mir abzulegen?“ fragte er. „Ihr habt heute einer armen von Angſt gefolter⸗ ten Frau die Bitte um Freilaſſung ihres eingekerkerten annes abgeſchlagen— Ihr hättet ſie erhören ſollen, denn der Mann iſt unſchuldig!“ „Ihr ſprecht dies mit ſolcher Beſtimmtheit aus— woher wißt Ihr es? Ihr wollt Euch doch nicht etwa mir gegenüber das Anſehen geben, als wäret Ihr in höhere Geheimniſſe eingeweiht?“ „Nein, großer Wladyka, ich weiß, daß ich nur ein kleines Licht bin gegen Euch; in dieſem Falle aber kann ich Euch ein Licht anzünden, wie außer mir nur noch ein Sterblicher.“ „Wenn Ihr Beweiſe habt für die Unſchuld des Angeklagten, ſo bringet ſie vor den Richter—“ „Ich habe Gründe, das nicht zu thun, ſondern ſie Euch zu offenbaren—“ 92 „So laßt hören!“ „Wladyka— ich habe viel Gutes und Großes von Euch vernommen, lange bevor ich in Euern Weg getreten; es war Muſik für meine Ohren von einem Manne zu hören, der, erhaben über den Wahn und die Vorurtheile der Menge, die Sprache der Natur verſteht und in das Weſen der Dinge ſchaut, der ein Herz hat für die Menſchheit und einen ſtarken, zur Herrſchaft über ein Volk geborenen, Geiſt; der Weisheit höher achtet als Gold und Land, und Gerechtigkeit mehr als Macht und Ruhm der Welt. In Demuth neige ich mich vor einem ſolchen Manne, und möchte ihm lieber mit all meinen Kräften dienen, als ihm irgend ein Leid an⸗ gethan zu haben, möchte lieber meinen Nacken ſeinem Schwerte darbieten als ihm eine Schuld verhehlen. Und doch muß ich, was ich Euch mitzutheilen habe, von Euerer Entſcheidnung eines Falles abhängig machen, den ich Euch im Gleichniß vortragen werde.“ Sie holte aus ihrem Gewande ein Buch hervor, ſchlug es anf und las: „Und der Herr ſandte Nathan zu David. Da der zu ihm kam, ſprach er zu ihm: Es waren zween Män⸗ ner in einer Stadt, einer reich, der andere arm. Der Reiche hatte ſehr viel Schafe und Rinder; aber der Arme — hatte nichts, denn ein einziges kleines Schäflein, das er gekauft hatte; und er nährte es, daß es groß ward bei ihm und bei ſeinen Kindern zugleich; es aß von ſeinen Biſſen und trank von ſeinem Becher, und ſchlief in ſei⸗ nem Schooß, und er hielt's wie eine Tochter. Da aber dem reichen Manne ein Gaſt kam, ſchonte er ſeine Schafe und Rinder, daß er nichts davon nahm dem Gaſte ein Mahl zu bereiten, und nahm das Schaf des armen Mannes und richtete es dem Gaſte zu. Da er⸗ grimmte David mit großem Zorn wider dem Manne und ſprach zu Nathan: So wahr der Herr lebt, der Mann iſt ein Kind des Todes, der das gethan hat; da⸗ zu ſoll er das Schaf vierfältig bezahlen, darum, daß er ſolches gethan und des Armen nicht geſchont hat.“ Ruſalka ſchloß das Buch und ſagte:„ „Wie dünkt Euch das Urtheil des König David, Wladyka?“ „Das Urtheil war ſtreng und gewiſſenhaft, aber mit Rückſicht auf die Umſtände gerecht,“ antwortete Zawiſch. „Nun hört eine andere Geſchichte,“ nahm Ruſaka wieder das Wort.„Es war ein Weib, die ſtand einſam im Leben, denn ſie hatte nicht Vater noch Mutter, nicht Bruder noch Schweſter, noch einen Freund auf der Welt; ſie wäre von denen geweſen, die unbeweint in's Grab ſinken, hätte ihr Gott nicht ein Kind gegeben. Das war ihres Lebens Leben, ihrer Seele Seele, ihr einziger Schatz, ihre Welt. Es war aber eine hohe und mächtige Frau im Lande, die hatte Alles, was ihr Herz begehrte, einen theuren Gemahl, blühende Kinder, zahl⸗ reiches Geſinde und Freunde nahe und fern. Die fürch⸗ tete den Zorn der Götter, und die Prieſter ſagten ihr, ſie möge das Kind jener ärmſten unter den Weibern neh⸗ men und es den Göttern weihen, ſie zu verſöhnen. Da ging ſie hin und wollte der armen Frau ihr Kind ab⸗ feilſchen, das ihr doch um alle Schätze der Welt nicht feil war. Und als die mächtige Frau ſah, daß die Arme ihr Kind um Gold nicht hergab, machte ſie ſich auf es zu ſtehlen. Doch die Mutter wachte über ihr Kind und der Diebſtahl mißlang. Da ſchwor die ſtolze Frevlerin, all ihre Macht aufzubieten, der Mutter ihr Kleinod zu entreißen. Darüber erſchrack die Arme, denn ſie wußte, daß jene ihre Drohung wahr machen würde und könnte, denn ihre Macht war groß und Niemand im Lande, der dem Unrecht gewehrt hätte. Der Einzige, der dies ge⸗ than haben würde, war weit in den Krieg gezogen und konnte inzwiſchen gefallen ſein in der Schlacht. „Sagt an, weiſer Wladyka, was würdet Ihr an der Stelle der armen Mutter gethan haben, die keinen 95 Freund, keinen Beiſtand, keinen Beſchützer gegen die himmelſchreiende Gewaltthat hatte?“ Sie ſchwieg und ſah den Wladyka mit durchdrin⸗ gendem Blick in's Auge. Eine furchtbare Ahnung war in ihm aufgeſtiegen, die er vergebens zu unterdrücken ſuchte. Hatte er die Mörderin ſeiner Gemahlin vor ſich, und ſollte er ihre That rechtfertigen? Er hatte das Urtheil Davids gebil⸗ ligt, und war das Kind der vereinſamten Mutter nicht mehr als dem armen Manne ſein Lamm? Er kämpfte um eine ſchickliche Antwort. „Wladyka,“ begann Ruſalka nach einer langen Pauſe,„Ihr ſeid wohl bewandert in den alten Satzun⸗ gen Eures Volkes, iſt es doch allbekannt, daß Ihr an ihrer Wiederaufrichtung in Böhmerlande eifrig arbeitet. Laßt die alten Satzungen Eures Volkes für Euch ſpre⸗ chen. Sagt, gibt es nicht eine darunter, welche alſo lautet: „Eine Mutter, der Jemand ihr Kind rauben will und die in der Vertheidigung ihres Kindes den Räuber tödtet, ſoll frei ausgehen wie Einer, der einen Andern in Nothwehr erſchlägt, denn einer Mutter iſt ihr Kind theurer als das eigene Leben?“ Zawiſch muße ſich ſelbſt geſtehen, daß es aller⸗ 96 dings eine ſolche alte Satzung gab, ja, vaß er ſie mit in das Geſetzbuch aufgenommen hatte, mit deſſen Abfaſſung er ſeit langer Zeit beſchäftigt war⸗ Ruſalka ſchien dieſes ausgeſprochene Geſtändniß in ſeiner Seele zu leſen, denn ohne ſeine Antwort ab⸗ zuwarten ſagte ſie: „Es iſt ſo, und ſo kann kein Zweifel ſein, was Ihr an der Stelle der armen Mutter gethan haben würdet. So wiſſet: Der Koch und ſeine Mitangeklagten ſind ſchuldlos am Tode Eurer Gemahlin, denn ſie ſtarb durch die Hand der armen Mutter, welcher ſie ihr Kind zu entreißen geſchworen hatte.“ Zawiſch war durch bieſe kühne Beſtätigung des Fürchterlichen, das er geahnt, wie vom Donner gerührt. Einen Augenblick ſtand er ſtarr und betäubt da— im nächſten, als ſich das beleidigte Gattenherz empört auf⸗ bäumte und ſeine Hand nach dem Schwerte griff, die Mörderin der geliebten Gattin auf der Stelle ihren Mannen zu opfern, war Ruſalka ſeinen Blicken ent⸗ ſchwunden. Er glaubte ihren rothen Schleier durch das nächſte Dickicht hindurchſchimmern zu ſehen; er ſtürzte nach der Stelle hin, er führte einen Streich, deſſen Wucht der Gewalt ſeines Grimmes entſprach; aber es war 97 nur der vom Wind beleuchtete Gipfel eines vor der Zeit in herbſtliches Roth ſich kleidenden Baumes, der vom Stamm getrennt zu ſeinen Füßen niederſank— Ruſalka war nach einer andern Seite hin verſchwunden und blieb es. Taura. Die Witkowetze. I. Fünftes Capitel. Dem ſchnell erwachten Grimme folgte eine tiefe Erſchütterung des ganzen inneren Menſchen. Als Za⸗ wiſch aufblickte zu dem ruhig vom blauen Himmel her⸗ abblickenden Mond, war es ihm, als ſei eine höhere Macht zwiſchen ihn und den Gegenſtand ſeines heißen Zornes getreten. Er ſtand eine Weile ſtill und badete ſeine glühende Stirn in der kühlen Abendluft. Seine Seele beugte ſich vor der Macht, die durch den heiligen Abendfrieden der Natur über ihn kam. War ihm die Gattin theurer geweſen als der Mutter ihr Kind? Er wollte ein Weib, wollte die er⸗ würgen, die ſich ihm wehrlos gegenüberſtellt, und ihm, um Unſchuldige zu retten, bekannt hatte, daß ſie aus Nothwehr die Räuberin ihres Kindes getödtet. Zawiſch mußte ſich in die Lage der unglücklichen Mutter ver⸗ 99 ſetzen, er mußte ihre Angſt, ihre Verzweiflung ihr nach⸗ empfinden und die Frage an ſich richten, ob ihr denn wirklich keine andere Schutzwehr übrig blieb als das Gift? Denn das war ihm nun klar, daß Ruſalka ſeiner Gemahlin Gift beigebracht, wenn auch noch nicht auf welchem Wege. Er konnte ſich ſagen, daß ſie nur zu ihm hätte kommen und ihm ihre Bedrängniß hätte kla⸗ gen dürfen; er würde ſie ſicher in Schutz genommen ha⸗ ben, ſelbſt gegen die geliebte Gemahlin. Aber dieſe würde den verhängnißvollen Schritt nicht gewagt haben, wäre er zugegen geweſen. Und wie ſeine Abweſenheit den Schritt leicht möglich gemacht, ſo hatte ſie die be⸗ drohte Mutter gezwungen, auf ſich allein ſich zu ver⸗ laſſen und zum Aeußerſten, Gräßlichſten zu greifen. Denn allerdings mußte er zugeſtehen, daß ſie hier in Prag ſchwer einen anderen zuverläßigen Schutz gefun⸗ den haben würde, wenn einmal die Königin Mutter alle ihr zu Gebot ſtehenden Mitteln aufgeboten hätte. Schlimm daß es ſo war, aber es war ſo. So ſehr es auch ſeine Sorge geweſen war, und mit ſo beharrlicher Willenskraft er auch daran gearbeitet hatte, einen ſichern Rechtszuſtand im Lande herzuſtellen, er mußte ſich ſa⸗ gen, daß ſein Werk nur erſt halb gethan war, noch auf ſehr ſchlechten Füßen ſtand. Er hatte nur einmal den Rücken wenden dürfen und ſiehe, diejenige, die ihm am thſen 7 100 ſtand, die ſeinem Herzen am Theuerſten war, die ſeine hohen Abſichten am beſten verſtehen, ſein Werk am höch⸗ ſten achten mußte, ſie rüttelte daran, verläugnete und verletzte es. Freilich nicht aus ſchnöder Luſt am Unrecht, ſondern um anderem Unrecht vorzubeugen, oder großem Unheil, das ihrem Hauſe, ihren Lieben von fremder Un⸗ gerechtigkeit drohte. Und ſo knüpft ſich immer ein Un⸗ recht an das andere, und ihm graute vor der Macht, welche das Unrecht noch immer beſaß, und die er ſchon gebrochen gewähnt hatte. Er barg ſein Schwert in die Scheide und lenkte ſeinen Schritt heimwärts. Bald war er an ſeiner Be⸗ hauſung. Wie ſchön ſie dalag im Frieden des Waldes und der Mondnacht! Der Garten hauchte balſamiſche Düfte aus und die Blumen der Spätſommerzeit entfalteten ihre bunteſte Farbenpracht. Zawiſch trat zum erſten Mal in ſeiner Trauerzeit in dieſe Schöpfung ſeiner glücklichſten Tage. Hier hatte er ein Erdenparadies gründen wollen. An dieſer Stätte hatten die Liebe, und der Friede und alle ſanften Genien der Menſchheit im ſchönen Verein thronen ſollen. Wie die Blume, die er jetzt im Vorbeigehen ſtreifte, ſchnell entblättert war, ſo war es mit ſeinem erträumten Glück geſchehen. 101 Er ſtieg auf die Erhöhung, wo einſt wenige Schritte von ihm der Blitz den Baum zerſchmettert, den er ſelbſt gepflanzt. War das nicht das Bild ſeines Lebens ge⸗ worden? Er hatte ein Eden gepflanzt, und ein Wetter war aufgezogen über Nacht und hatte die Krone ſeines Eden zerſchmettert. War dies der Lauf der Welt? War es Vermeſſenheit von einem Menſchen, ſich ein irdiſches Paradies gründen zu wollen? War es von Ewigkeit geordnet, daß kein Menſchenglück hienieden reife? Solche Fragen erhoben ſich in der Seele des Man⸗ nes, der hier in der ſtillen, feierlich ſchönen Mondnacht einſam mit ſeinen Gedanken verkehrte. Wie ſchön war dieſe Welt! Wie unendlich reich au Quellen des Entzückens für Geiſt und Herz und alle Sinne! Und in der Menſchenbruſt, welche wunder⸗ baren Fühlfäden, die ſich hinausſtrecken in das wonnen⸗ ſchwangere All und ewig neue Nahrung für das ewig neue Verlangen ſuchen und finden! Iſt es denn wahr, was die Prieſter ſagen, daß ſolche Welt ein Jammerthal ſei? Von der Seele des einſam Sinnenden fiel allgemach der Trauermantel, der ſich ſeit dem Tode ſeines Weibes um ſie geſchlagen. Sie ſchaute wieder klar und frei in das Leben. Sie ſah wieder die Harmonie des Weltalls 102 wie in alter guter Zeit, und die Antwort auf jene Fra⸗ gen war bald gefunden. Sie lautete: „Nein! die Welt iſt kein Jammerthal, nach Gottes Ordnung. Gott ſchuf dieſe unendlichen Quellen der Freude nicht zum Zeitvertreib für ſich und zur Täu⸗ ſchung für den Menſchen. Es gibt ein Glück, ein wah⸗ res Glück auf der Welt. Aber es wohnt nicht auf den Höhen der Menſchheit, es wohnt in der Tiefe bei ſtillen, weiſen Menſchen, die nichts zu ſchaffen haben mit der Machtgier und Ruhmſucht der Großen.“ Vor dem Geiſte des ſo hochgeſtiegenen Mannes erhoben ſich Bilder vergangener Zeit, einer Zeit, wo er noch nicht auf ſo ſtolzer Höhe ſtand wie jetzt, wo er nahe daran war auf iumer in die ſtille Verborgenheit ſich zu⸗ rück zu ziehen, und ein Leben der Liebe und des fried⸗ ſamen Waltens im kleinen Kreiſe zu führen. Wenn er damals dem ſanfteren Zuge ſeines Herzens gefolgt, wer konnte behaupten, daß er heute nicht glücklich wäre? Vor ihm ſtand das Bild der verlaſſenen Geliebten. Wie lange hatte es in ſeiner Seele geſchlummert, begraben von Stolz und vekdunkelt von einer glänzenden Geſtalt, der er es geopfert! Jetzt war es wieder erwacht, es lebte vor ihm in ſeiner ganzen ſeelenvollen Schönheit und ſprach: „„Ja, es gibt ein Glück. Liebend gab es der Wel⸗ 103 tenſchöpfer ſeinen Lieblingen zum Geleit, doch gebot er ihm ſich keinem aufzudringen, nur denen, die ihm freund⸗ lich und vernünftig die Hand böten, treu zur Seite zu wandeln. Auch dir nahte ſich die Gottesbottin, doch du ſtießeſt ſie von dir, wurdeſt ein großer Mann— und unglücklich. „O, wie hatteſt du Recht, du Tochter des Volkes, die du dem Manne deines Herzens liebend dein ganzes Selbſt hingabſt und groß entſagend deine Rechte an das Vaterland und ein glänzendes Geſchick abtrateſt— und an eine königliche Nebenbuhlerin; wie recht hatteſt du jetzt: wohl war dieſer Mann groß geworden in der Welt, aber auch unglücklich.“ Er hatte die Hand einer Königin gewonnen und mit ihr die Macht, wenn auch nicht den Namen eines Königs. Er hatte dieſe Macht mit Eifer zum Beſten ange⸗ wendet. Er hatte Großes unternommen und ausgeführt. Aber mit allem, was er gethan, hatte er ſich keine glück⸗ liche Stunde erkauft, ja, das Glück ſeines Herdes ward dadurch zertrümmert. Allen ſeinen Schritten folgte der lauernde Haß ſeiner Feinde, an ſeine beſten Werke heftete der Undank ſeine Krallen. Es war ein ſteter, aufregender und auf⸗ reibender Kampf mit der Bosheit, Thorheit und allen 104 ſchlechten Leidenſchaften, den er auf der ſtolzen Höhe, die er erklommen, zu beſtehen hatte, und das Ende die⸗ ſes Kampfes war nicht abzuſehen. Und mußte er denn auf dieſer Höhe bleiben? Wie, wenn er jetzt herabſtieg, ſich ſtill auf eines ſeiner Schlöſ⸗ ſer zurückzog und nur Werken des Wohlthuns unter be⸗ ſcheidenen Menſchen und den Genüſſen des Geiſtes lebte? Konnte er dann nicht noch einmal das Glück an ſeine Seite feſſeln? Vielleicht. Der Gedanke kam über ihn und legte ſich ſchmeichelnd an ſein Herz. Doch lebte die Geliebte ſeiner jüngeren Tage, ſo viel er wußte, glücklich. Wie wenn er allen Pomp der irdiſchen Hoheit von ſich warf wie ein vergiftetes Gewand und hinfloh aus dieſer Welt des Haſſes und der wilden Leidenſchaften in das ſtille Thal, wo ſie weilte und mit ihr und um ſie der Friede Gottes 5 Dort winkte das Glück, mild und fromm, wie das wieder erſtandene Bild der fanften, frommen und weiſen Tochter Dalemils. Und mit dem Glück die Sühne einer ungetilgten Schuld!. Kann ein Menſch glücklich ſein, den das Bewußt⸗ ſein einer ungeſühnten Schuld drückt? Dieſe Frage drängte ſich Zawiſch auf. Er mußte ſie verneinen. Und was er gelitten hatte die ganze Zeit daher und was er jüngſt verloren hatte, war 105 es nicht eine Strafe, ein Fluch der ungeſühnten Schuld? 7 O, wenn du hingingeſt, flüſterte eine Stimme in ſeinem Inneren, wenn du hiugingeſt und ſänkeſt ihr zu Füßen, die du ſo ſchwer gekränkt, an der du dich ſo tief verſün⸗ digt, wenn du ihr weinend dein Unrecht geſtändeſt— gewiß ſie würde ſich erbarmend niederbeugen zu dir und dich vergebend an ihr großes Herz ziehen. Dann wäre dein Leben gereinigt von ſeinem größten Flecke— dann, und nur dann hätteſt du ein Recht glücklich zu ſein. „Ich will mit Hroznata und meiner Schweſter Ber⸗ tha darüber ſprechen,“ beſchloß Zawiſch;„ſie waren die Vertrauten jener Liebe und haben der edlen Verſtoßenen ſtets ein liebevolles Andenken bewahrt.“ Mit dieſem Entſchluß ging er in ſeine Behauſung. Es geſchieht oft ihm Leben, daß in ſtiller nächtli⸗ cher Stunde, wo wir fern vom verwirtenden Treiben des Tages Einkehr in uns ſelbſt halten, unſer guter Genius zu uns tritt und uns mit liebender Hand zu guten Ent⸗ ſchlüſſen leitet, die heilbringend für unſer ganzes künf⸗ tiges Leben wirken, wenn wir ſie ausführen. Leider aber werden ſolche Entſchlüſſe von vielen Menſchen vergeſſen, ſo bald ſie wieder in das Gewirr und Gewühl des Lebens zurückkehren. Oft zerſtört der kommende Tag ſchon, was die Nacht Gutes gebar. 106 Zawiſch erwachte am Morgen noch mit dem Ge⸗ danken, mit dem er ſich zum Schlummer niedergelegt hatte. Aber der Tag trat ſogleich mit einer Menge von Geſchäften an ihn heran, welche der Ausführung des Gedankens Aufſchub geboten. Zunächſt galt es die Freilaſſung des Kochs und ſeiner Mitgefangenen zu bewirken. Dies konnte nur durch eine Niederſchlagung der Unterſuchung von Seiten des Oberſten Hof⸗ und Landrichters geſchehen. Dies war Boleſlaw von Smetſchno, ein alter An⸗ hänger Zawiſch's, bei dem es keine Mühe koſtete die ge⸗ wünſchte Verfügung auszuwirken. Zawiſch brauchte ihm blos zu eröffnen, daß er die ganz feſte Ueberzeugung von der Unſchuld der Gefange⸗ nen gewonnen habe, um ihn zum ſofortigen Erlaß der Verfügung zu vermögen.. Von Smetſchno ward Zawiſch zum König geru⸗ fen, der ihm den Plan zur Erbauung eines prachtvollen Kloſters zum Gedächtniß ſeiner verſtorbenen Mutter mittheilte. Er hatte ſich dazu eine ſchöne Aue an der Mün⸗ dung der Beraun in die Moldau zwiſchen beiden Flüſſen erſehen und mehrere bedeutende Krongüter zur Stiftung beſtimmt. 107 Zawiſch hatte Mühe den jungen Fürſten zu über⸗ zeugen, daß jetzt nicht die Zeit zu einem ſo koſtſpieligen Unternehmen ſei, dem er an und für ſich ſeine Billigung nicht verſagen wollte. Indeß fügte ſich Wenzel doch und gab überhaupt bei dieſer ganzen Verwandlung ſeinem Stiefvater Zeichen einer wahrhaft kindlichen Anhäng⸗ lichkeit. 8 Schon war Zawiſch in ſeinem Entſchluß dadurch wankend geworden. Es ſchmeichelte ſeinem Herzen, wie ſeinem Ehrgeiz, daß der König von Böhmen ſo innig an ihm hing, und— wie er ſelbſt ſagte— gar nicht ohne ihn ſein konnte. So berauſchend kann die Gunſt ſelbſt eines ſo un⸗ bedeutenden Königs auf Männer von Geiſt wirken, daß ſie wie Zawiſch, ſelbſt die gröbſten Charakterflecken und perſönlichen Unbilden vergeſſen, ſobald die Sonne ſolcher Gunſt ſie anlächelt. Das Verhängniß wollte, daß die berauſchende Wir⸗ kung der königlichen Gunſt an demſelben Tage noch eine ganz unerwartete Unterſtützung erhielt. Als Zawiſch nämlich den Königshof verließ, fand er vor demſelben eine große Menge Volks, insbeſondere Frauen, verſammelt, welche ihn mit lebhaften Freuden⸗ bezeugungen empfingen. Es war in der Stadt ruchbar geworden, daß die des Giftmords an ſeiner Gemahlin 108 verdächtigen Gefangenen freigelaſſen worden. Das Volk, insbeſondere aber die Frauen von Prag, waren der ver⸗ ſtorbenen Königin⸗Mutter nie beſonders hold geweſen, während Zawiſch ſich bei ihnen mit Recht des höchſten Anſehens erfreute. Dunkle Gerüchte, daß ſie der Zauberin, die das Volk mehr wie eine Art wohlthätiger Fee achtete als fürchtete, ihr Kind habe nehmen wollen, hatten ſich, nie⸗ mand konnte ſagen wie, in der⸗ Stadt verbreitet, und die Stimmung gegen die hohe Frau nicht eben freundlicher geſtaltet. Die Frauen, zumal die Mütter, hatten im Stillen für die bedrohte Mutter Partei genommen. Im Stillen hatte auch unter ihnen die Anſicht Platz gegriffen, daß. die Lebenskraft der Königin⸗Mutter der Wirkung eines Zauberſpruchs ihrer mächtigen Gegnerin erlegen ſei. Nach dieſer Anſicht mußten die des Mordes Angeklag⸗ ten unſchuldig ſein, und die Frau des Kochs, welche einen Hauſirhandel trieb, der ſie mit vielen Leuten in Berüh⸗ rung brachte, hatte das Ihrige gethan, den Glauben an die Unſchuld ihres Mannes zu verbreiten und zu befe⸗ ſtigen. Wie ein Lauffeuer hatte ſich die Kunde von der plötzlichen Freilaſſung der Gefangenen, denen man einen ſo lebhaften Antheil zollte, im Volk verbreitet. Gewohnt 1 109 den Urheber alles Guten, was von der weltlichen Macht kam, in Zawiſch zu erblicken, hatte das Volk auch dieſes ihm ſo erfreuliche Ereigniß ohne Weiteres auf ſeine Rech⸗ nung geſetzt. Außerdem hatten ihn mehrere in das Haus des Oberſtlandrichters gehen geſehen, und auch dieſer Um⸗ ſtand war bekannt und zur Beſtätigung der vorgefaßten Meinung gebraucht worden. In dem ſo leicht beweglichen Czechenvolke hatte es nur eines Lautes bedurft, um viele zu einer Kundge⸗ bung ihres Beifalls gegen den Mann ihrer Verehrung zu verlocken. Und ſo fand ſich denn Zawiſch jetzt vor einer ſehr zahlreichen Menge, die ſich dieſer Kundgebung entle⸗ digten. „Heil Zawiſch, dem Großen, dem Guten, dem Ge⸗ rechten! Langes Leben dem Vater des Vaterlandes, dem Schirm der Unſchuld, dem Hort der Bedrängten! Lange lebe er, dem ſchönen Böhmerlande zu Segen!“ Dieſe und ähnliche Ausrufe drangen ihm hundert⸗ ſtimmig entgegen; Frauen drängten ſich an ihn und wa⸗ ren glücklich, wenn ſie den Saum ſeines Gewandes er⸗ faſſen und an ihren Mund führen konnten; andere, die Kinder auf den Armen trugen, reichten ihm dieſe dar 110 zum Kuß, und noch andere boten ihm in der Eile ge⸗ wundene Kränze, andere küßten ihm brünſtig die Hände. Zawiſch ſich hatte Mühe einen Weg durch dieſe Hul⸗ digungen zu bahnen, und er konnte es nicht hindern, daß ihm der größte Theil der Huldigenden das Geleite nach Kunigundenluſt gab, denn dahin, nicht nach Hroznata's Wohnung auf dem Hradſchin, wie er erſt gewollt, lenkte er ſeinen Schritt. Seine Bruſt war geſchwellt von einem neuen Hoch⸗ gefühl. Vater des Vaterlandes! hatte ihn das begeiſterte Volk genannt, und Hort der Bedrängten, Schirm der Unſchuld. Und ſo war ſein Wirken doch erkannt und an⸗ erkannt. Mochte ihn auch ein Häuflein neidiſcher Großen haſſen, das Volk liebte ihn als ſeinen Wohlthäter, als Vater des Vaterlandes. Wie? ſollte er ſich dieſes ſchönen Namens verlu⸗ ſtig machen? Sollte er dieſen großen ſegensreichen Be⸗ ruf einem ſelbſtſüchtigen Glücke in den Armen der Liebe opfern? Und wer konnte ihm denn ſagen, ob dieſe Arme ihm noch zu öffnen waren? Ob die Liebe, die er dort ge⸗ ſucht, noch friſch und lebendig war? Hier, das ſah er, hatte er Liebe im Ueberfluß, die Liebe des Volkes trug ihn ja faſt auf den Händen. Nein, es war ein leichter Traum, ein Spiel der 5 —— 11¹ Phantaſie, daß er an ein ſtilles Glück fern von dem Schauplatz glorreichen Wirkens gedacht. Hier, am Throne ſeines Vaterlandes war ſein Platz, in den Herzen des Volkes ſein Glück. Dem Vaterlande und dem Volke wollte er ſein Leben weihen. Daß kein Freund an ſeiner Seite ging, der ihm ſagte: Sieh jedes Ding von allen Seiten an! Volks⸗ gunſt iſt ein wechſelnd Ding, leichter wechſelnd als Frauen⸗ liebe. Und ſollteſt du ſchon zu den ſeltenen Glücklichen gehören, denen ſie treu bleibt, ſo bedenke, ob du der freie Mann biſt, der dem Vaterlande ganz gehören kann. Haſt du nicht hinter dir eine große mächtige Sippe, die dir von je nicht anders dem Vaterlande zu dienen geſtattete, als ſie es ſich ſelbſt erſprießlich fand? Könnteſt du, wür⸗ deſt du dem Vaterlande einen Dienſt erweiſen, wenn er gegen das Intereſſe deines ſtolzen Geſchlechtes liefe? Wer dem Vaterland, dem Volke ganz und rein dienen will, der muß ihm allein angehören, der darf nicht unter dem Einfluß eines Standes oder einer Klaſſe ſtehen, ge⸗ ſchweige gar einer Sippe! dieß bedenke, und frage dich, ob es ſo mit dir ſteht, und kannſt du die Frage mit ja beantworten, ſo ſieh hinter dich, ſieh hinter dich nach dem Königshof den du nun eben verlaſſen, berauſcht von den Liebeserweiſungen eines gekrönten Jünglings— ſieh, wie er jetzt voll Mißmuths hinabſchaut auf den *. 112 Platz, der vor wenig Augenblicken noch von einer freu⸗ dig erregten Menge belebt war. Er hörte ihr Zubelgeſchrei und ſah vom Fenſter aus, wie dich das Volk jubelnd umdrängte, er ſah, wie Mütter dir ihre Säuglinge zum Kuſſe reichten, wie die ſchönſten Jungfrauen dir die Hand küßten und Kränze reichten. Er ſah es nicht mit dem Auge kindlicher Liebe, er ſah es mit Blicken und Mienen, die ein von Reid ver⸗ zehrtes Herz verriethen. Könnteſt du an der Seite eines ſolchen Königs groß und vom Volke geliebt ſein ohne Gefahr zu laufen, plötzlich durch ein Wort der Ungnade von deiner Höhe herabgeſtürzt und deinem ſchönen Berufe entriſſen zu werden? Es gab keine Stimme, die ſolches zu ihm geredet hätte, und ſo ging der Wladyka hochbefriedigt, glücklich, noch verfolgt von den Segensrufen der Menge und man⸗ chem, manchem ſchönen Auge in ſein Haus. Bald war, was in jener Nacht durch Zawiſch's Seele zog, vergeſſen und verſunken. Er warf ſich mit einem noch größeren Eifer als ſonſt in die Geſchäfte des Staates, gleich, als wolle er deu Ehrennamen„Vater des Vaterlandes“ erſt noch verdienen. Auch der Zaube⸗ rin Rufalka vergaß er in der Laſt von Arbeiten, die er ſich ſelbſt aufbürdete. 3——————— 113 Mit ſeinem Stiefſohn blieb er in gutem Verneh⸗ men. Auch dieſer vergaß unter andern Zerſtreuungen, welchen ihn Zawiſch überließ und auch weil deſſen ge⸗ waltige Thätigkeit ihm imponirte, obgleich Zawiſch ihm faſt immer das Mitverdienſt zuſchob, die Volkshuldi⸗ gung, um die er ihn grollend beneidete. Es nahte die Zeit, wo der Streit mit Herzog Ni⸗ kolaus zum friedlichen Austrag kommen ſollte. Der Kai⸗ ſer lud die Parteien nach Brünn, wohin ſich denn auch König Wenzel mit Zawiſch begab, obſchon letzterer gern in Prag geblieben wäre, um dem Kaiſer nicht zu begeg⸗ nen. Wäre er nicht mitgegangen, ſo war Wenzel allen feindlichen Einflüſſen überlaſſen. „Der Menſch muß am Gängelbande geleitet wer⸗ den,“ hatte Oger von Lomnitz geſagt, als Zawiſch ge⸗ gen dieſen den Wunſch, zurückzubleiben, äußerte. In der That konnte der junge König nirgends mehr den Einflüſſen der Feinde Zawiſch's und der geſammten Witkowetze ausgeſetzt ſein, als gerade bei dieſer Gelegen⸗ heit und an dieſem Orte. Dort kamen gerade die erbit⸗ terſten und mächtigſten Gegner derſelben mit ihm zuſam⸗ men; ſein Halbbruder Nikolaus und Kaiſer Rudolf, wenn nicht auch noch Wenzels Gemahlin Guta. Als Zawiſch am Morgen ſeiner Abreiſe eben ſein Taura. Die Witkowetze. II. 8 Pferd beſteigen wollte, um ſich mit ſeinem Gefolge zu dem König zu begeben, ſtand plötzlich Ruſalka vor ihm. „Wartet noch einen Augenblick, Wladyka,“ redete ſie ihn an;„ich habe Euch vorher etwas zu übergeben, das Ihr nothwendig brauchen werdet.“ „Was iſt's?“ fragte Zawiſch mit einem Blick des Unmuths die ſeltſame Erſcheinung meſſend. „Geht mit mir in's Haus, am liebſten allein in ein Gemach,“ bat ſie. „Der König erwartet mich zur Abreiſe,“ erwiederte Zawiſch, blieb aber doch zögernd ſtehen. „Ich bitte Euch, kommt!“ bat ſie mit einem Tone, der ihm mächtig in die Seele drang. Er ſah ihr forſchend in die Augen, deren hinreißende Schönheit noch mächti⸗ ger ſprach, als ihre Stimme. Er befahl einem Knecht, das Pferd zu halten und hieß Ruſalka ihm folgen. Er führte ſie in ſein Arbeits⸗ zimmer. „Du wagſt es mir wieder unter die Augen zu tre⸗ ten?“ redete er ſie hier an. „Ich wage nichts, indem ich mich Euch zeige,“ ant⸗ wortete ſie;„aber Ihr wagt, indem Ihr nach Mähren zieht. Ich will das Wagniß von Euch nehmen oder doch mindern. Hier nehmt dies und legt es an. Es wird Euch 115 nicht ſehr unbequem ſein, und doch gegen Meucheldolche ſchützen.“ Sie brachte ein blinkendes Etwas aus ihrem wei⸗ ten Gewand und breitete es vor ihm aus. Es war ein kunſtvoll gearbeitetes Panzerhemd von Silber. Obgleich ſchmiegſam und geſchmeidig, wie weiches Leder, war es doch dicht und utnrrirtzich⸗ Es konnte wohl einen Dolch ſ oder Schwerthieb abhalten. Bchnn um ſ kunſtvollen, an's Wunderbare ſtrei⸗ fenden Arbeit willen erwachte in Zawiſch der Wunſch das Ding zu beſitzen. „Was wollt Ihr dafür haben?“ fragte er, denn er fühlte ſich, ohne zu wiſſen wodurch, gezwungen, ſeinen Ton gegen das Frauenzimmer herabzuſtimmen. „Euern ferneren Schutz,“ ſagte ſie kurz. „Das iſt kein Preis,“ verſetzte er,„mein Schutz gehört jedem Kinde dieſes Landes, das ihn nicht durch böſe Thaten verwirkt. Euch vermöchte ich am wenigſten zu ſchützen, wenn—“ er ließ die Rede unvollendet. „Wenn Andere als Ihr erführen, was ich Euch bekannt“— ſagte ſie ihn ergänzend—„ich weiß wohl,“ ſagte ſie,„daß man mich dann von Gerichts wegen ver⸗ folgen würde, und daß es Euch nicht leicht werden würde, mich vor Verderben zu ſchützen— aber Ihr würdet es dennoch thun.“ 116 „Das iſt eine kühne Vorausſetzung, bei Gott!“ rie er ſie verwundert anblickend. „Sie ſcheint nur kühn,“ verſetzte ſie,„und Euch nicht einmal das; Ihr redet nur ſo im Sinne anderer, gewöhnlicher Menſchen; Ihr findet es ganz natürlich, daß ich ſo von Euch denke. Eben ſo natürlich werdet Ihr es auch von mir finden, daß ich Euch nicht in die Ver⸗ legenheit bringen werde, mich in dieſem Punkte ſchützen zu müſſen.“ Zawiſch ſah ſie vom Neuen forſchend an. Es war nichts Irres an ihrem Blick, nichts Freches in ihrem Ant⸗ litz; er ſah in ein faſt farbloſes, dabei aber wahrhaft ſchönes Frauenantlitz, mit dem Gepräge einer außerge⸗ wähnlichen Geiſtesmacht. In ſeiner Bruſt ſtritten Bewun⸗ derung und Mitleid, Abſcheu und der Wunſch tiefer in die Geheimniſſe dieſes Lebens einzudringen, dieſes be⸗ fleckten, zerſtörten, und doch mit ſo feſter Hand zuſam⸗ men und aufrechterhaltenen Lebens. Er wollte es ſich nicht geſtehen, und konnte es doch auch ſeinen eigenen innerſten Empfindungen nicht ableug⸗ nen, daß er einen verwandſchaftlichen Zug zu dieſer aus⸗ geſtoſſenen Tochter Iraels in ſich trug, der ſich ihr ge⸗ genüber ſchon beim erſten Begegnen geltend gemacht, und jetzt je länger je mehr geltend machte. Ja, ſchon ſo ſehr ſtand er unter dem Banne dieſes Zuges, daß er ganz ver⸗ 117 gaß, was er vorhatte. Er lud ſie zum Niederſetzen ein, und als ſie der Einladung Folge leiſtete, nahm er ihr gegenüber Platz. „Ich möchte die Geſchichte meines Schützlings ken⸗ nen,“ ſagte er,„wenn Ihr denn nun ſo feſt an meinen Schutz glaubt.“ „Ihr kennt ſie ja,“ entgegnete ſie—„denn ſicher wiſſet Ihr, daß ich die Tochter des Juden Ben⸗Baruch bin, geboren im Ghetto zu Prag, und früh der Mutter durch den Tod verluſtig, auferzogen von einem ſehr zärt⸗ lichen Vater und dann— von einem chriſtlichen Edel⸗ mann verführt, wie es die Welt nennt. Das iſt ſo unge⸗ fähr meine Jugendgeſchichte.“ „Aber nur die äußere,“ warf Zawiſch ein,„um dieſe iſt es mir weniger zu thun— nein, Eure innere Geſchichte, Euer geiſtiger Entwicklungsgang, die Kämpfe die Ihr in Euch ſelbſt durchgemacht, eh' Ihr geworden, was Ihr nun ſeid, die möchte ich kennen lernen. Es müſ⸗ ſen große, gewaltige Kämpfe geweſen ſein, an denen Tau⸗ ſende zu Grunde gegangen wären.“ „Das iſt etwas anderes,“ ſagte Ruſalka—„ja, großer Wladyka, wenn Ihr's ſo meint, dann hätte ich wohl etwas zu erzählen, was auch einem Manne wie Ihr ſeid, nicht ganz unbedeutend erſcheinen dürfte. Die 118 Welt hat von Euch große Thaten zu erzählen, Thaten in der Feldſchlacht wie im Staate; von mir weiß die Welt nur, daß ich ein ungerathenes Judenkind war, das ſeinem Vater mit einem ſchönen Chriſten entlief, dieſem leichtſinnig ihre Ehre, und einem Baſtard das Leben gab, daß ſie darum vom Vater verflucht, von dem Liebhaber verlaſſen, in's Elend ging und als Zauberin Ruſalka wieder zum Vorſchein kam— ſolches weiß und erzählt ſich die Welt.— Die blöde, vorlaute Welt weiß nichts, ſo viel wie gar nichts— ſie weiß nichts von den heißen Schlachten, die da innen geſchlagen wurden, von den blutigen Kämpfen des Herzens mit den Mächten der Finſterniß— es iſt auch nicht gut davon zu reden, wie⸗ wohl ich Euch alles ſagen möchte, edler, großer Wla⸗ dyka.“* Eine Thräne ſchimmerte in ihrem Auge und ein leichtes Roth hatte ihre Wange überzogen. „O ſagt mir, ſagt mir Alles!“ bat Zawiſch tief ergriffen, und erfaßte ihre Hand. Da ſprang ſie auf: „Nein, nein, heute nicht,“ rief ſie—„ein ander⸗ mal— zieht mit Gott, aber braucht den Panzer!“ Schnell wie der Wind war ſie zur Thür hinaus. Er wollte ihr nach, ſie halten, aber er beſann ſich, daß 119 er Aufſehen erregen würde, beſann ſich auch, daß ja der König auf ihn warte, und ließ ſie enteilen. Er nahm das Panzerhemd und unterwarf es noch einmal einer Prüfung. Er beſchloß es zu behalten und zu vergüten. So betrachtete er es als ſein Eigenthum und legte es auf der Stelle an. Es ſaß vortrefflich und ſtörte ihn nicht im mindeſten in ſeinen Bewegungen. Und wie er wieder die Gewänder darüber gezogen, war nicht das Mindeſte von der verborgenen Rüſtung zu gewahren. So gerüſtet ging er wieder hinab und beſtieg ſein Pferd. Noch indem er mit ſeinem Gefolge, begleitet von den Segenswünſchen ſeines Hausgeſindes, Kunigunden⸗ luſt verließ und auf dem ganzen Wege zum Königshofe, war er mit Gedanken an Ruſalka beſchäftigt. Als er hier abgeſtiegen war und ſich nach den könig⸗ lichen Gemächern begeben wollte, nahte ſich ihm ein Edel⸗ knabe. Er kannte ihn; es war einer von denen, mit welchen den jungen König zu umgeben mehr ſeiner Ver⸗ wandten als ſeine eigene Sorge geweſen war, um eine Schaar ergebener Kundſchafter in der nächſten Nähe des jungen Herrſchers zu haben. „Wladyka,“ flüſterte der Edelknabe,„Ihr kommt noch zu früh, der König befindet ſich noch in einer wich⸗ tigen Verhandlung mit dem hochwürdigſten Herrn, dem Biſchof. Er hat uns befohlen, jetzt Niemand vorzu⸗ laſſen.“ „Auch mich nicht?“ fragte Zawiſch mit aufſteigen⸗ dem Unmuth. „Durchaus Niemand, lautete der Befehl,“ antwor⸗ tete der Edelkuabe.„Wollt Ihr einſtweilen in das nächſte leere Gemach treten, ſo will ich Euch berichten, wovon der Biſchof mit Seiner Hoheit bis jetzt geſprochen. In⸗ zwiſchen verſieht ein anderer den Dienſt.“ „Ich liebe dieſe Horcherei nicht,“ ſagte Zawiſch, trat aber doch in das Gemach, das ihm der Edelknabe öffnete, und wehrte dieſem weiter nicht, als er begann: „Der Hochwürdigſte hatte es äußerſt nothwendig; der König wollte ihn erſt nicht vorlaſſen, denn er war zur Abreiſe gerüſtet und erwartete Euch; aber Ihr wißt ſchon daß man die Geiſtlichkeit nicht ſo leicht los wird. Der Biſchof ſagte, es gälte das Seelenheil des Königs und das Heil des Landes, daß er noch mit ihm rede, bevor er auf ſo lange Zeit verreiſe. Das hieß Seine Hoheit bei der rechten Seite faſſen: der Biſchof ward einge⸗ laſſen.“. Zawiſch, der bis jetzt zerſtreut aus dem Fenſter ge⸗ blick hatte, wendete nun doch ſeine Aufmerkſamkeit aus⸗ ſchließlich dem jungen Berichterſtatter zu. 121 „Nun— und was hatte er denn um des Seelen⸗ heiles Seiner Hoheit und des Landesheils willen vor⸗ zubringen?“ fragte er. „Er machte ihm eine herzzerreißende Vorſtellung von den vergangenen unruhigen Zeiten und der allgemeinen Noth, die dadurch über das Land gekommen. Man muß ſagen, der Hochwürdigſte verſteht ſein Fach: er wußte das Herz des Königs windelweich zu machen, es war, als wenn eine Wäſcherin Wäſche windet, ſo ſchoß das Waſſer aus den königlichen Augen. Nun fuhr der Bi⸗ ſchof fort, es ſei des Königs allererſte Pflicht, dafür zu ſorgen, daß ſolche Zeiten nicht wiederkehren, dem Lande die Segnungen des Friedens zu erhalten, ſollte es ſelbſt ein ſcheinbares Opfer koſten. Der liebe Gott meine es gut mit Böhmen, darum habe er ihm einen ſo hoffnungs⸗ vollen König geſchenkt, dem Gottesfurcht und Weisheit höher ſtänden als Kriegesruhm und der Glanz eines Eroberers, und darum habe er dieſem König einen Freund gegeben, der bei ihm ganz beſonders in Gnaden ſtehe. Der König fiel dem Redner hier ins Wort mit dem Ausruf:„Ach ja, ich kann ihm nicht genug danken für meinen weiſen Vater Zawiſch.“ „Den meine er nicht, erwiederte der Biſchof darauf, er meine einen größeren und gewaltigeren Freund, einen ganz anderen Vater, der Seiner Hoheit ſein Liebſtes, 122 ſein Kind gegeben, er meine den großen Kaiſer Rudolf, auf dem das Wohlgefallen und der Segen des Himmels ſo ſichtbar ruhe. Dem ſolle er vertrauen und in allen Stücken folgen. Es ſei möglich, daß ſein Schiedsſpruch ſcheinbar nicht ſo ſehr zu Gunſten der Krone ausfalle, als zu Gunſten des Herzogs Nikolaus; Seine Hoheit ſolle ihn trotzdem annehmen, denn Gott rede durch den Mund ſeines Knechtes Rudolf, und es ſei gewiß nicht denkbar, daß der kaiſerliche Herr etwas rathen werde, was wirklich zum Nachtheil ſeines Herrn Sohnes, des Königs, und mittelbar auch zum Nachtheil ſeiner theu⸗ ren Tochter, der Königin von Böhmen, ſei. Und wie nun der geiſtliche Herr uns alſo das königliche Gemüth wacker zugerichtet, nahm er ſein biſchöfliches Kreuz von der Bruſt und hielt es dem König vor und forderte ihn mit Sal⸗ bung auf, bei dem heiligen Zeichen zu ſchwören, daß er in den Schiedsſpruch des Kaiſers unter allen Bedingun⸗ gen willigen wolle, damit er, der Biſchof, ihm den vollen kirchlichen Segen mit uuf den Weg geben könne.“ „Un der König leiſtete den Schwur?“ rief Zawiſch erglühend—„er konnte ſeiner königlichen Würde ſo ſehr vergeſſen, einen ſolchen Schwur in die Hand des Pfaffen abzulegen?“ „Der König wollte nicht ſogleich darangehen,“ ant⸗ wortete der Edelknabe;„er fagte, er möchte doch erſt ſei⸗ 123 nen Vater Zawiſch darüber fragen, aber der hochwür⸗ dige Herr ſtellte vor, daß Zawiſch ja ein perſönlicher Feind des Herzogs ſei, der dieſem nur die allerungün⸗ ſtigſten Bedingungen zugeſtehen möge. Er wolle dem Herrn Zawiſch nichts Uebles nachreden, er erkenne ſeine Verdienſte an und beſtreite gar nicht, daß er es mit dem Lande aufrichtig gut meine, aber in dieſer Sache ſei er doch zu ſehr Partei, als daß man ihm eine moßgebende Stimme einräume. Uebrigens ſei es auch gut, daß Seine Hoheit dem mächtigen Diener zuweilen den Herrn zeig⸗ ten, damit derſelbe ſich nicht überhebe; ganz beſonders aber ſei es zu wünſchen, daß das Volk ſehe, daß es nicht alles Gute dem Zawiſch verdankte, ſondern daß ſein König das Wohl ſeines Volkes ſelbſt auch gegen den Willen ſeines geprieſenen Stiefvaters wahren könne. Da rief der König: „Ja, ja, Ihr habt recht, hochwürdiger Biſchof, Herr Zawiſch verdunkelt mich vor dem Volke, das hab' ich neulich recht deutlich geſehen, wo ſich das Volk hier vor meinem eigenen Hauſe verſammelt hatte, um ihn leben zu laſſen, mit Jubel und Ehrenbezeugun⸗ gen zn überhäufen, und ich— der König— ſtand oben am Fenſter und hatte das Zuſehen. Mir iſt niemals ſo eine Huldigung zu Theil geworden.“ So ſagte der König und leiſtete den Schwur.“ 124 Zawiſch ſprang entrüſtet auf, und ging aufgeregt im Gemach auf und ab, dann ſagte er: „Weiter! weiter!“ „Ich dachte jetzt an Euch, Wladyka,“ ſagte der Edel⸗ knabe,„Ihr mußtet um dieſe Zeit hier ankommen, ich gab alſo meinem Kameraden einen Wink, den er ſchon verſtand, und ging heraus, Euch zu treffen und pflicht⸗ ſchuldigſt von dem Gehörten in Kenntniß zu ſetzen. Was die Herren nun weiter verhandelt haben, das wird Euch mein Kamerad mittheilen. Ich bitte Euch aber, ihn hier zu erwarten.“ Er eilte hinaus und überließ Zawiſch ſeinen bitte⸗ ren Empfindungen. Es dauerte indeß nicht lange, trat ein zweiter Edel⸗ knabe ein und meldete, daß der Biſchof ſich ſoeben vom König verabſchiedet habe. Die weitere Verhandlung hatte darin beſtanden, daß der Biſchof dem König den Rath an's Herz gelegt, den Kaiſer bei der bevorſtehenden Zu⸗ ſammenkunft zu bitten, daß er die Königin ehebaldigſt ſeiner Hut entlaſſe und zu ihrem Gemahl entſende; denn der volle Segen eines Landes könne ſich nur entfalten unter dem ſonnigen Walten einer lieb- und huldreichen Landesmutter, wie Königin Guta gewiß ſein werde. Zawiſch ahnte die Abſicht dieſes Rathes, die auf nichts anderes hinauslief, als ein dauerndes und ſiche⸗ res Gegengewicht zu ſeinem eigenen Einfluß auf den Kö⸗ nig zu gewinnen. Er bezwang ſeine wachſende Mißſtim⸗ mung und wollte eben zum König gehen, als ihm dieſer ſelbſt engegentrat. Mit großer Vertraulichkeit und Harmloſigkeit reichte er ſeinem„lieben Vater“ die Hand und bat ihn um Ver⸗ zeihung, daß er ihn ſo lange warten laſſen. War dies Heuchelei? Zawiſch verwarf dieſen Ge⸗ danken, und überredete ſich, der„gute Junge“ wiſſe nicht, was er gethan. 5 Sechſtes Capitel. Zawiſch ſollte bald erfahren, daß Wenzel, wenn er auch die Folgen eines abgelegten Schwures nicht zu überſehen im Stande war, ſich doch von ſeiner Erfüllung nicht abbringen ließ, wenn er ihn auf das Kreuz und in die Hand eines Würdenträgers der Kirche geleiſtet hatte. Auf der Reiſe unterließ Zawiſch nicht, ſeinen könig⸗ Stiefſohn auf das Gefahrvolle eines jeden Zugeſtänd⸗ niſſes aufmerkſam zu machen, das einer Schwächung der koöniglichen Macht gleich kam. Wenzel hörte ruhig an und ging ſogar ſcheinbar auf die Anſchauungen Za⸗ wiſch's ein. Er vermie des aber der Verhandlung mit dem Biſchof Tobias Erwähnung zu thun, und Zawiſch durf⸗ te nicht thun, als wiſſe er darum. So konnte letzterer eigentlich nicht zur Klarheit über Wenzels Gedanken kom⸗ 127 men, aber Zawiſch war nun einmal neuerer Zeit geneigt, ſich dieſelben aufs Günſtigſte zu deuten. So glaubte er in der entſcheidenden Stunde doch noch den Ausſchlag geben zu können, falls dies etwa nöthig ſein werde. Was ihn in dieſem Glauben noch beſtärkte, war die freundliche Begegnung, die ihm von Seite des Kai⸗ ſers widerfuhr. Nach allem, was er zeither von dieſer Seite erfahren, konnte er ſich nur auf einen ſehr kühlen Empfang gefaßt machen. Statt deſſen fand er einen höchſt artigen; der Kaiſer nannte ihn Vetter und ſagte ihm manches Verbindliche über ſeine Verwaltung. In dem Weſen Rudolf's von Habsburg lag ſo viel Ritterliches und Gediegenes, ſeine Sprache und ſein Geſicht trugen ſo ſehr den Ausdruk der Redlichkeit, daß Zawiſch ſich nicht denken konnte, es berge ſich dahinter eine Falſch⸗ heit. Er hätte wiſſen können daß der Kaiſer auch ein ſtaatskluger Herr war, welcher auf dem Gebiete des Staatslebens den Menſchen von ſeinem Gegner ſcharf zu ſcheiden wußte und jenem im perſönlichen Umgang die größte Freundlichkeit und Achtung beweiſen konnte wäh⸗ rend er es ſür nothwendig erachtete, dieſem mit allen Entſchiedenheit entgegen zu treten. Ganz anders verhielt ſich Herzog Nikolaus, wel⸗ cher ſeinen alten Haß gegen Zawiſch offen zur Schau trug, ſo offen, daß ſelbſt ſein Gefolge davon angeſteckt 128 war und ſich bei jedem Anlaß an dem Gefolge Zawiſch's rieb. Dieſe Reibungen arteten in offene Händel aus, welche die Behörden der Stadt zu ſchwererKlage bei dem König verankaßten. Dieſer ließ durch Zawiſch eine Un⸗ terſuchung anſtellen, welche, trotz der ſtrengſten Unpar⸗ teilichkeit des Unterſuchenden, doch kein anderes Eegeb⸗ niß hatte, als die ganze Schuld auf den Leuten des Her⸗ zogs ſitzen zu laſſen, welche demgemäß durch königli⸗ chen Befehl aus dem Weichbilde der Stadt verwieſen wurden— und zwar bei Strafe des öffentlichen Aus⸗ peitſchens hinter dem Karren des Henkers. Der Herzog proteſtirte dagegen, verlangte minde⸗ ſtens einen gleichen Spruch gegen die Leute Zawiſchs— ſchlechthin die Witkowetze geheißen nach dem Geſchlechts⸗ namen ihres Herrn— mußte ſich aber zufrieden geben, als ſelbſt der Kaiſer den erlaſſenen Befehl gerecht und billig fand. Die Troppauer, wie die Leute des Herzog gemei⸗ niglich genannt wurden, mußten demnach, bis auf ein paar Leibdiener ihres Herrn, die Stadt verlaſſen, was ſie nicht ohne große Erbitterung thaten. Eine Stunde von der Stadt durften ſie ſich in einem Dorf einquartieren und ihren Herrn bei ſeinem Abzuge erwarten. Während ſo der Herzog ſich alles fürſtlichen Ge⸗ folges beraubt ſehen mußte, erhielt der Glanz, mit wel⸗ 129 chem Zawiſch in der mähriſchen Hauptſtadt auftreten konnte, noch einen beteutenden Zuwachs durch die An⸗ kunft mehrerer Glieder ſeines Geſchlechtes mit ihrem Gefolge. Es kamen nämlich die Herren Wok von Wit⸗ tingau, Heinrich von Roſenberg und Smil von Grazen aus dem witkowetziſchen Lager mit der Nachricht, daß ſie die Macht Friedrichs von Schönburg vollſtändig ver⸗ nichtet hätten, und dieſer ſelbſt flüchtig im ſudetiſchen Gebirge umherirre. Seine Lehnsleute iund Anhänger hatten ſich ohne Ausnahme unterworfen und Urfehde geſchworen. „Und wie ſtehen die Sachen hier?“ fragte Wok von Wittingau nach Erſtattung obigen Berichts.„Hoffentlich wird dem Baſtardpremysliden der Kamm geſchoren. Es wäre ſonſt ſchade um den Siegesmuth unſerer Mannen, mit dem wir jetzt eine Wolt erobern könnten, geſ chweige dieſen Rebellen zum Gehorſam zwingen.“ Zawiſch erzählte, wie er vom Kaiſer empfangen worden, welche Demüthigung Nikolaus mit Zuſtimmung deſſelben erfahren. Er folgerte daraus, daß der Herzog ſich keine ſehr günſtigen Hoffnungen zu machen haben. „Ich wünſchte der Spruch fiele ſo ans, daß er ſich ihm gar nicht unterwerfen könnte,“ erklärte Wok,„dann könnten wir dieſe Viper unſeres Hauſes vernichten. Wir haben dochkeinen boshafteren Feind als dieſen. Ihr Taura. Die Witkowetze. II. 9 glaubt nicht, Wladyka, wie ſehr es uns alle geſchmerzt hat, als wir wie einen Blitz aus dem blauen Himmel den Beſehl erhielten, unſer Schwert in die Scheide zu ſtecken, da wir im beſten Zuge waren, dem giftigen Ba⸗ ſtard auf den Leib zu rücken und ihm den Garaus zu machen.“ Selbſt Nikolaus ſah in der vermeintlichen Partei⸗ nahme des Kaiſers für die„Witkowetze“ ein Zeichen ſchlimmer Vorbedeutung für ſeine durch Burkhardt von Janowitz und Bawor von Strakonitz erregten Hoffnun⸗ gen auf einen für ihn vortheilhaften Schiedsſpruch Und ſo wurde ſeine Erbitterung gegen die alten Feinde nur uoch mehr gereizt. Es hätte ihm freilich nicht entgehen ſollen, daß in der perſönlichen Begegnung der Kaiſer zwiſchen ihm und Zawiſch keinen Unterſchied machte, aber in ſeiner Gereitztheit überſah er dies entweder, oder er verlangte einen Vorzug in der Hinſicht, weil ja„könig⸗ liches Blut“ in ſeinen Adern rollte. So war die Stellung der beiden Parteien, ehe der Schiedsſpruch erfolgte, auf welchen ſich der Kaiſer durch eine eingehende Prüfung der Streitſache vorbereitete. In dieſer Zeit ſchloß ſich der König, nicht ohne Zawiſch's Zu⸗ thun, an den jungen Sohn Ogers, Smil von Grazen an. Es war dies ein Jüngliug von blühendem Außern, artigen Sitten, in mehreren Sprachen unterrichtet und 131 dabei in ritterlichen Künſten wohl bewandert. Da er au⸗ ßerdem mit Leib und Seele Witkowetz war und an ſei⸗ nem natürlichen Oberhaupte hing ſo ſah Zawiſch mit großer Befriedigung, wie Wenzel täglich mehr Gefallen an ſeinem jungen Vetter fand, ſo daß er bald nicht mehr ohne ihn ſein kounte. Als Smil eines Tages mit dem König von der Jagd in den benachbarten Wäldern zurück kehrte, wurden ſie unterwegs in der Nähe eines Schlößchens das einem Lehensmann des Biſchofs von Olmütz gehörte, von einen Gewitter überfallen. Der König, der von ſeiner Gewit⸗ terangſt noch nicht befreit war, drängte zur Umkehr nach dem Schlößchen, während Smil mit Hilfe der Sporen die Stadt noch zu erreichen hoffte, bevor man eingeweicht wäre. Da aber der König mit Entſchiedenheit erklärte den nahen Zufluchsort aufſuchen zu wollen, ſo ergab ſich Smil darein und ſie ritten, ihr Gefolge nach der Stadt voran ziehen laſſend, dem Schlößchen zu. Dieſes lag maleriſch auf einem Hügel, deſſen Seiten mit ſchönem Laubgehölz bepflanzt waren, welche rings um grüne Auen lehnten. Ein ſchattiger Baumgang wand ſich ſanft anſteigend den Hügel hinan bis an den Eingang der Burg. Bald hatten die beiden Jagdgenoſſen dieſen Ein⸗ gang erreicht und donnerten mit den Schäften ihrer Speere an das Thor, indeß über ihnen der Donner des 9* 132 Himmels rollte. Aus einer Luke in dem Thurmüber dem Thor ſtreckte ſich ein Männerkopf hervor und fragte, wer da poche. „Zwei Herren vom Hofe des Königs ſuchen Ob⸗ dach, bis das Gewitter vorüber iſt,“ rief Smil hinauf. Der Kopf verſchwand oben, und nicht lange dauerte es, knarrten die Riegel des eiſenbeſchlagenen Thores und ein graubärtiger Dienſtmann öffnete dasſelbe. „Haſt du ein Plätzchen für unſere Pferde?“ fragte Smil. „Da der Herr mit einem Knecht weggeritten iſt nach Olmütz zum Biſchof,“ verſetzte der Alte,„ſo ſind gerade zwei Stände im Stalle frei.“ Die beiden jungen Herren ſaßen ab und ließen ihre Pferde nach dem Stall bringen. „Was hat dein Herr mit dem Biſchof in Olmütz zu ſchaffen?“ fragte Smil, als der Dienſtmann wieder herauskam. „Das Gut Friedeburg hier iſt biſchöfliches Lehen,“ antwortete der Alte. „Ah! Demnach iſt mein Vetter, der Biſchof Die⸗ trich Lehensherr dieſes niedlichen Schloſſes,“ rief Smil, „das iſt ja recht hübſch, nur ſchade, daß der Herr nicht zu Hauſe iſt. Wie heißt dein Herr?“ 133 „Stephan Lescynski!“ war die Antwort. „Das iſt ja ein polniſcher Name,“ bemerkte der König. „Mein Herr iſt ein Pole,“ erwiederte der Dienſt⸗ mann. „Da könnten wir uns ja einſtweilen im Polniſchen üben, wenn dein Herr zugegen wäre,“ meinte Wenzel. „Das könnet Ihr auch ſo,“ ſagte der Dienſtmann, „Fräulein Maſchinka ſpricht das Polniſche ſo gut, wie ihr Vater.“ „Ah, ein Burgfräulein hier!“ rief Smil,„und wohl gar allein mit dem Alten— das wird abenteuer⸗ lich— allerliebſt, vorausgeſetzt, daß Fräulein Maſchinka noch nicht aus den Jahren der Allerliebſtheit iſt— du wirſt uns alſo gefälligſt deinem Fräulein vorſtellen, guter Alter?“ „Es geht ſchon gar nicht anders,“ verſetzte dieſer, „ich kann doch ſo vornehme junge Herren nicht unten in die Geſindeſtube führen. Kommt nur mit herauf, wenn es gefällig iſt.“ Sie ſtiegen die enge Wendeltreppe hinan und fan⸗ den ſich bald auf einem Vorſaal, wo der Dienſtmann ohne Weiteres eine Thüre öffnete und die beiden Jüng⸗ linge eintreten hieß. 134 Die Eintretenden vernahmen einen lauten Auf⸗ ſchrei und ſahen eine weibliche Geſtalt am Fenſter auf⸗ ſpringen und im Fluge nach einem Nebengemach eilen, in dem ſie verſchwand. Die beiden Jünglinge ſahen nur, daß ſie blos halbbekleidet, jung und von angenehmen Aeußerem war. „War das Fräulein Maſchinka?“ wollte Smil den Dienſtmann fragen, wie er ſich aber umblickte, be⸗ merkte er, daß derſelbe ſich zurückgezogen hatte, aber auch, daß ſein königlicher Gefährte mit weitaufgeriſſenen Augen der verſchwundenen Geſtalt nachſtierte. „Wir ſind alſo allein mit Fräulein Maſchinka,“ ſagte Smil halblaut,„ich hätte Luſt, dieſe ſcheue Hin⸗ din dort d'rin aufzuſuchen; ich glaube, es gäbe einen ſchönen Spaß!“— „Nein! nein! um Gottes willen!“ bat Wenzel, Jenen am Arm haltend. Jetzt ließ ſich der, eine Zeit lang verſtummte, Don⸗ ner wieder hören. Es blitzte ſtark, und es begann zu regnen. Wenzel ſchmiegte ſich ängſtlich an Smil und zitterte am ganzen Leibe. „Es wird bald vorüber ſein, Eure Hoheit,“ trö⸗ ſtete Smil;„der Wind erhebt ſich und jagt es ausein⸗ ander. Wenn das Fräulein kommt, ſo zeigt Euch be⸗ 135 herzter. Sie hätte hier bleiben ſollen und uns ihre Reize nicht entziehen. Nun wird ſie dieſelben erſt unter Mie⸗ der, Camiſol und Ueberwurf einſperren.“ „Ich bitt Euch, frevelt—“ Das„nicht“ blieb ihm auf der Zunge ſitzen, denn eben fuhr ein Blitz in großer Nähe nieder und raubte dem nervenſchwachen Sprecher ebenſo Sprache wie Be⸗ ſinnung. Ohnmächtig ſank er in Smil's Arme. Jetzt ſtürzte die vorhin entflohene weibliche Geſtalt wieder herein und rief erſchrocken:„Das hat eingeſchla⸗ gen!“ Wie ſie aber den König leblos in Smil's Armen erblickte, ſagte ſie näher tretend:„Was iſt denn mit dem jungen Herrn geſchehen— der Blitz hat ihn doch nicht etwa getroffen 2 Smil bemerkte, daß es nur eine Ohnmacht ſei und bat um die Erlaubniß, den Ohnmächeigen auf das im Zimmer befindliche Ruhepolſter legen zu dürfen. Das Fräulein— denn es war die Tochter des Burgherrn— legte ſelbſt mit Hand an, den König auf den Polſter zu bringen. Als dies geſchehen war, ſagte Maſchinka:„Nun will ich nachſehen, was das Wetter angerichtet hat und den Knecht Lazak mit einer Bürſte heraufſchicken!“ „Erlaubt, daß ich gehe!“ bat Smil gefällig, und eilte ſort. 136 Maſchinka betrachtete den lebloſen Jüngling mit lebhafter Theilnahme. Sie war jetzt etwas mehr ange⸗ kleidet als zuvor, obſchon noch immer nicht vollſtändig. Sie hatte nur eben die Bruſt in ein hellblaues, ſilber⸗ geſticktes Mieder geſchnürt und ein dunkelfarbiges, ſei⸗ denes Untergewand angelegt, das vom Gürtel bis nicht ganz an die Knöchel reichte. Maſchinka war eine Schön⸗ heit von echt polniſchem Schlage. All' ihre Formen waren wohl gerundet, wenn auch faſt übervoll, was ins⸗ beſondere von den ſchneeweißen Armen, dem Buſen und jenem Körpertheile galt, welchem zu Ehren die Urein⸗ wohner von Sicilien eine Venus Kalliehgos hatten. Sie hatte ein rundes, friſches Antlitz, hochrothe, ſchwellende Lippen und ein Paar nußbraune Augen von verlocken⸗ dem Glanze, ſchön geſchwungene dichte Augenbrauen und ein dunkelbraunes üppiges Haar, das in zwei lan⸗ gen Flechten über den Nacken herabfiel. Unter den Händen einer ſolchen Geſtalt befand ſich König Wenzel, als er erwachte, und zwar noch ehe die Manipulation des Bürſtens, welche Maſchinka beabſich⸗ tigt hatte, zur Anwendung gekommen war. Sein erſter Blick fiel in die verlockenden Augen und auf das friſche, von Geſundheit und Lebensluſt ſtrahlende Antlitz. Im nächſten Augenblicke trat Smil mit Lazak ein und berichtete, daß der Blitz in eine nahe Eiche einge⸗ 137 ſchlagen hade, damit aber auch das Gewitter zu Ende gegangen ſei. „Gott ſei Dank!“ ſagte Maſchinka,„Ihr ſeht aber, daß auch hier alle Gefahr vorüber iſt; der junge Herr lebt und Alles, was wir thun könnten, wäre etwa, ihm etwas Wein zu reichen. Lazak, bring' ein Kännchen vom Beſten!“ „Ihr waret nur betäubt,“ ſagte Smil zum König, „um ein ſolches Erwachen in eines ſolchen Engels Ar⸗ men ließe ich mich auch betäuben!“ „Mir war wie im Himmel, als ich erwachte,“ äußerte Wenzel, indem er ſich aufrichtete,„verzeiht, hol⸗ des Fräulein, daß ich Euch ſo beſchwerlich gefallen bin.“ „Davon kann keine Rede ſein,“ erwiederte ſie,„ich bin nur glücklich, Euch wieder munter zu ſehen. Fühlt Ihr Euch auch wieder ganz wohl?“ Sie legte ihre Hand auf ſeine Stirn. „Ganz wohl,“ verſicherte er,„nur ein wenig matt.“ „Dann wird Euch ein wenig Wein recht wohl thun,“ ſagte ſie. „Ihr ſeid doch die Tochter des Hauſes, Fräulein Maſchinka?“ nahm Smil das Wort. Sie bejahte die Frage. 138 „Dann laßt mich Euch zuvörderſt geziemend be⸗ grüßen,“ fuhr Smil fort,„und meine Freude aus⸗ ſprechen, ſo unverhofft der liebenswürdigſten Vaſallen⸗ tochter meines Oheims, des Herrn Biſchofs von Olmütz, begegnet zu ſein.“ „Die fünfblätterige Roſe auf Eurem Gürtelſchild deutet an, daß Ihr ein Witkowetz ſeid,“ verſetzte ſie. „Schade, daß mein Vater der Ehre entbehren muß, ein Glied dieſes erlauchten Geſchlechtes in ſeinem ſchlichten Hauſe zu bewillkommnen.“ „Er hat eine Stellvertreterin zurückgelaſſen, deren Willkommen unendlich wohlthuend iſt,“ entgegnete Smil. „Ihr ſprecht polniſch,“ nahm Wenzel wieder das Wort,„es iſt Eure Mutterſprache, ich bitte, redet in ihr mit uns, ich habe ſie auch gelernt und liebe ſie.“ Eben trat Lazak mit Wein ein. Maſchinka holte ſchnell zwei ſilberne Becher herbei, ließ ſie füllen und reichte den erſten dem König, indem ſie auf polniſch ſagte:„Wohl bekomm's Euch, junger Herr!“ „Eure Schönheit!“ erwiederte er, und wollte trin⸗ ken, aber er beſann ſich ſchnell und bat ſie, ihm zuzu⸗ trinken, damit es ihm beſſer munde. Sie entſprach dem Wunſche mit vieler Anmuth. „Nun muß ich Euch um die gleiche Gunſt bitten,“ fagte Smil. * 139 „Wenn es ſein muß,“ verſetzte Maſchinka, und nippte auch von ſeiuem Becher, den Smil auf das Wohl des Herrn Hausherrn und ſeiner anmuthigen Stellver⸗ treterin leerte. Es kam ſchnell eine ſehr muntere Unterhaltung in Gang, bei welcher Maſchinka eine ſprudelnde Laune entwickelte, wie ſie keinem der beiden jungen Männer an einem weiblichen Weſen noch vorgekommen war. Smil, der ſelbſt ſehr lebendigen und beweglichen We⸗ ſens war, wurde davon weniger angezogen, als ſein königlicher Gefährte. Dieſer fühlte ſich ſo gefeſſelt, daß er ſich ſchwer losreißen konnte, als Smil endlich an den hereindämmernden Abend und damit an die Zeit des Aufbruchs mahnte. Maſchinka bat die Gäſte, wenn ihr Vater zurück ſei, ihren Beſuch auf Friedeburg zu wiederholen und gab ihnen mit munterem Geplander das Geleit bis vor das Thor, wo ſie mit Wiederholung ihrer Einladung und freundlichen Händedrücken von ihnen Abſchied nahm. „Hier müſſen wir bald wieder hergehen,“ ſagte Wenzel, als ſie das Schlößlein im Rücken hatten,„das iſt ein himmliſches Weſen, und wie herrlich kann ich mich da im Polniſchen vervollkommnen!“ 140 „Wenn es Eurer Hoheit gefällt, bin ich gern da⸗ bei,“ verſicherte Smil lächelnd, denn er dachte bei ſich, daß es dem König wohl am wenigſten um das Polniſch⸗ lernen zu thun wäre. Auf dem ganzen Wege war Wenzel voll des Lobes der reizenden Maſchinka, ſo daß Smil nicht zweifeln konnte, er ſei ernſtlich in das Vaſallenkind ſeines Vet⸗ ters verliebt. Als Smil am Abend ſeinen Vettern Heinrich von Natſcheraz und Wok von Wittingau das erlebte Aben⸗ teuer erzählte, meinten dieſe, ſie hätten nicht geglaubt, daß der junge Betbruder für weibliche Reize erglühen könne.„Indeß,“ fügte Wok hinzu,„er iſt ja ein Pre⸗ myslide, und die Geilheit iſt eine Erbſünde der Pre⸗ mysliden. Schade, daß dieſer junge Menſch noch zu grün und zu wenig liebenswürdig iſt, um die Gegen⸗ liebe eines ſo leckeren Mädchens, wie dieſe Maſchinka zu ſein ſcheint, zu gewinnen, ſonſt ließe ſich aus der Liebſchaft etwas machen, was uns erſprießlich wäre.“ Zawiſch fand am andern Tage ſeinen Stiefſohn merkwürdig aufgeräumt und dabei willfährig. Ja, als ihm Zawiſch über verſchiedene Geſchäfte Vortrag erſtat⸗ tet hatte, fiel ihm der Jüngling um den Hals, dankte ihm für ſeine ſorgfültige Mühewaltung und fügte hinzu: * 141 „Lieber Vater, welches ſind die ſchönſten Güter der böhmiſchen Krone, die zuſammen ein ſtattliches Fürſtenthum bilden würden?“ „Warum ſtellt Ihr dieſe Frage?“ fragte Zawiſch verwundert. „Nun, ich möchte gerne wiſſen, welches meine ſchönſten Krongüter ſind—“ Zawiſch ſann ein wenig nach, dann ſagte er:„Die Krone Böhmens iſt jetzt wieder im Beſitz vieler großen und ſchönen Güter, doch kenne ich kein ſchöneres, als Landskron—“ „Landskron— Landskron—“ wiederholte Wen⸗ zel nachſinnend—„liegt das nicht am Rieſengebirge?“ „Südlich davon,“ berichtigte Zawiſch,„mehr am mähriſchen Gebirge, hart an der Grenze von Mähren, in der öſtlichen Ecke Böhmens.“ „Ja richtig, nicht allzuweit von Leitomiſchl, über das Ihr die Schirmvogtei habt,“ ſagte Wenzel—„und was liegen da herum noch für ſchöne Güter?“ „Von Krongütern kenne ich in dortiger Gegend nur Politz und Landsberg— dieſe bilden mit Lands⸗ kron ſchon ein artiges Fürſtenthum.“„ „Gut, Vater, ich will mir's merken— alſo Lands⸗ 142 kron, Landsberg und Politz— Landsberg, Landskron und Politz— nun vergeſſe ich's ſchon nicht!“ Als Wenzel hierauf in glücklicher Laune ſein geſtri⸗ ges Abenteuer erzählte, wurde er durch ein wüſtes Ge⸗ ſchrei auf der Straße unterbrochen. Er trat mit Za⸗ wiſch an's Fenſter und ſah einen großen Volkshaufen, welcher brüllend drei Männer umdrängte, die ſich, an die Wand eines Hauſes lehnend, mit Schwerthieben der auf ſie Eindringenden zu erwehren ſuchten. „Was gibt's denn hier wieder?“ rief der König, „ſchon wieder ein Auflauf und ein Landfriedensbruch, und noch dazu in der Nähe der königlichen Wohnung? Was hat es nun geholfen, daß wir die Troppauer aus der Stadt gewieſen? Sind das nicht drei von Euren Leuten, die dort ſo um ſich hauen?“ „Keiner von ihnen trägt das Wappen der Roſe,“ antwortete Zawiſch.„Doch dort ſteht einer von meinen Dienern als müſſiger Zuſchauer; er kann vielleicht ſagen, was das für Leute ſind und was der ganze Han⸗ del bedeutet. Ich will ihn rufen.“ Er öffnete das Fenſter und rief und winkte ſeinem Diener zu. Dieſer erſchien bald und berichtete auf Za⸗ wiſch's Frage, die drei ſich wehrenden Männer wären in einem Weinhauſe am Markt geweſen, hätten ſich 143 dort vollgetrunken und auf die Stadtobrigkeit geſchimpft. Die andern anweſenden Gäſte hätten ſie zur Ruhe ver⸗ wieſen, aber deſto mehr hätten ſie geſchimpft, da habe man ſie hinausgeworfen. Nun hätten ſie ihr Schimpfen auf dem offenen Markte fortgeſetzt, und einer hätte ſo⸗ gar das Stadtwappen über dem Rathhauſe mit Koth beworfen. Das hätten mehrere Leute geſehen, und dieſe hätten andere herbeigerufen, worauf man dann die wüſten Geſellen habe greifen wollen. Die hätten aber ihre Schwerter gezogen und wüthend um ſich gehauen, daß ſich ihnen Niemand habe nähern können. Es ſeien immer mehr Leute herbeigekommen, einige hätten in den Frevlern an ihrer Stadtobrigkeit durch das Wappen Trop⸗ pauer erkannt, und nun ſei die Entrüſtung der Menge erſt recht groß geworden. Sie ſei entſchloſſener auf die Uebelthäter eingedrungen, um ſie zu fangen und der gerechten Strafe zu überliefern. Da hätten ſich dieſe denn genöthigt geſehen, fechtend zurückzuweichen. Wahr⸗ ſcheinlich wollten ſie das Haus ihres Herrn erreichen, aber hier ſei ihnen von einem Volkshaufen der Weg verſperrt worden, und ſie hätten ſich nun dort das Haus als Stützpunkt auserſehen, um rückenfrei zu ſein und ſo ſich leichter wehren zu können. „Die Schurken müſſen gepeitſcht werden,“ rief Wenzel zornig,„ohne Gnade,— Vater, laßt ſchnell 144 eine Schaar unſerer Reiſigen gegen die Ruheſtörer aus⸗ rücken!“ Zawiſch erkannte die Nothwendigkeit, mit bewaff⸗ neter Macht hier einzuſchreiten und eilte alsbald zu dem Hauptmann der königlichen Leibwache, die Verhaf⸗ tung der drei Männer zu bewirken und dadurch die Ruhe wieder herzuſtellen. Mit Hilfe einer Schaar von zwölf Bewaffneten gelang es bald, der Ruheſtörer ſich zu bemächtigen. Wenzel, der dem Vorgange an ſeines Stiefvaters Seite vom Fenſter aus zuſah und in großer Aufregung war, rief, als die Verhaftung bewirkt war, hinab, kur⸗ zen Proceß mit den Schurken zu machen und ſie am Henkerskarren zur Stadt hinauszupeitſchen, vorher aber dreimal um die Stadt herum.„Eigentlich ſollte ihnen auch die Läſterzunge mit einem glühenden Stachel durch⸗ bohrt werden!“ fügte er hinzu. Zawiſch hätte ein ordentliches richterliches Ver⸗ fahren dieſer ſummariſchen Beſtrafung vorgezogen, allein da er glaubte, daß im vorliegenden Falle das Ergebniß von jenem mit dieſem auf eins hinauslaufen werde, ſo ließ er den König gewähren. So wurde denn der Spruch des Letzteren vollzogen. Vergebens kam Herzog Nicolaus, der inzwiſchen Kunde 145 von dem Vorfall und dem dreien von ſeinen Leuten dro⸗ henden Schickſal erhielt, ſelbſt zum König und bat um eine Milderung der Strafe; ehe eine halbe Stunde ver⸗ ging, mußte er es ſelbſt mit anſehen, wie die unglück⸗ lichen drei Geſellen an Henkerskarren gefeſſelt durch die Straße geführt und von Henkershand auf den entblöß⸗ ten Rücken gepeitſcht wurden. Zawiſch hatte ſich dem widerlichen Schauſpiel ent⸗ zogen, aber der junge König, der ſo nervenſchwach war, daß er vor einem Donnerſchlag in Ohnmacht fiel, ſah ihm vom Fenſter ſeiner Wohnung aus mit großer Be⸗ friedigung zu. Dieſer Zwiſchenfall hatte die Erinnerung an ſein geſtriges Abenteuer und an Maſchinka's verlockende Ge⸗ ſtalt in den Hintergrund gedrängt. Er brüſtete ſich viel mit ſeiner Gerechtigkeit, und zwar um ſo mehr, als das Volk ihm durch eine laute Kundgebung ſeinen Bei⸗ fall bezeigte. So fand ihn ein Bote des Kaiſers, der ihm nebſt herzlichen Grüßen einen Brief von ſeiner Tochter Guta überſandte. Wenzel war in den erſten Tagen ſeines Hierſeins die Mahnung des Biſchofs Tobias, bei dem Kaiſer auf die endliche Vereinigung mit der ihm in früher Kindheit angetrauten Gemahlin zu dringen, wohl eingedenk ge⸗ Taura. Die Witkowetze. I. 1 weſen, und er hatte auch gelegentlich dieſe Angelegenheit bei dem Katſer berührt. Dieſer hatte aber eine beſtimmte Auslaſſung vermieden.„Darüber ſprechen wir ſpäter, — es wird ſich Alles machen,“ hatte er geſagt. Wahr⸗ ſcheinlich hatte er den Eidam, der nun wohl hoch auf⸗ geſchoſſen war, erſt etwas näher über andere, dem Manne unerläßliche Eigenſchaften prüfen wollen, bevor er ihm ſeine allerdings vollerblühte Tochter wirklich an⸗ vertraute. Er war anfangs Willens geweſen, ſie mit⸗ zubringen, damit ſich das junge Paar wenigſtens ein⸗ mal ſähe; allein er mußte ſelbſt geſtehen, daß ſeine Tochter ſchön ſei und es ſehr ſchwer halten möchte, den König, wenn er ſie ſo wieder ſähe, noch länger auf die Zukunft zu vertröſten, mochte der umſichtige Vater es auch für noch ſo nöthig erachten. Er hatte daher Guta zurückgelaſſen und nur beſtimmt, daß ſie auf ſeinen Ruf nachkommen ſolle. Dieſer Ruf war bis jetzt noch nicht erfolgt, und Guta ſchrieb nun zuvörderſt ihrem Gemahl und künf⸗ tigen Gatten wieder einen ihrer mädchenhaften frommen Briefe. Dieſer Brief äußerte auf Wenzel eine ſolche Wirkung, daß er am folgenden Morgen mit Angſt und Zerknirſchung vor ſeinem Beichtvater lag und ihm die Sünde beichtete, deren er ſich anf Schloß Friedeburg, 147 — wie Stephan Lescynski's Burg hieß,— und hinter⸗ her im Gedanken ſchuldig gemacht. Smil wartete vergebens auf eine Aufforderung, den König wieder auf die Burg ſeines biſchöflichen Vet⸗ ters zu deſſen ſchöner Vaſallentochter zu begleiten. ſpruches geſchickt. Er hatte den Parteien den 13. Okto⸗ ber dazu anberaumt und es lag nur noch eine Nacht zwiſchen dieſem und dem Tage, an welchem wir den Fa⸗ den unſerer Erzählung aufnehmen. außergewöhnliche Bewegung. Von nah und ferne waren die Herren von der fünfblätterigen Roſe auf den Ruf ihres Hauptes Zawiſch herbeigekommen, um über einige Siebentes Capitel. Endlich war der Kaiſer zur Fällung ſeines Schieds⸗ An dieſem Tage war im Lager der Witkowetze wichtige Angelegenheiten des geſammten Geſchlechtes zu berathen. Unter andern waren da auch die uns ſchon bekannten Herren Heinrich von Roſenberg, Heinrich von Natſcheraz, Wok von Struckaritz, Wok von Wittingau, Smil von Grazen und deſſen Bruder Witek, Heinrich 149 von Pilgram, ſowie Zawiſch's Bruder Wok von Krumau. Die Hauptveranlaſſung war ein dringender Antrag Sezema's von Landſtein, den dieſer durch reitende Bo⸗ ten vom ungariſchen Hoflager zu Stuhlweißenburg an Zawiſch geſchickt hatte und der nichts geringeres betraf als die Vermählung eines Witkowetz mit einer Schwe⸗ ſter des Königs Ladislaus von Ungarn.. Wie Sezema geſchrieben, ſo hatte dieſes Königs jüngſte Schweſter Jutta im erſten Entfalten der Blüthe der Jungfräulichkeit ihr Herz an einen jungen Mann ihres Landes von edler Geburt, aber ohne Vermögen, verloren und war entſchloſſen geweſen ihm ihre Hand zu reichen. Das geheim gehaltene Verlöbniß war in⸗ deſſen entdeckt worden und der König ſelbſt um die Würde ſeines Hauſes zu wahren, den jungen Mann verbannt, die jugendliche Schweſter aber gezwungen den Schleier zu nehmen. Jedermann am Hofe und der ſie ſonſt gekannt, hatte das unbeſonnene Mädchen bedauert, denn ſie war von großem Liebreiz und vortrefflichen Eigenſchaften des Herzens wie des Geiſtes, der Liebreiz des ganzen Hofes geweſen. Viele einflußreiche Männer und darunter ſelbſt Sezema hatten ſich bei dem König für ſie verwendet um das grauſame Loos, das er über ſie verhängt, zu wenden; allein der König war uner⸗ bittlich geweſen. Dreiviertel Jahre waren verſtrichen 5. 150 und ſchon hatte man der holden Königstochter nur noch wie einer Verſtorbenen gedacht, da hatte Sezema eines Tages durch einen Boten aus dem Kloſter, in welchem ſie als Novize ihrer Einkleidung entgegen ging, die dringende Aufforderung erhalten, dorthin zu kommen, um ein Anliegen der fürſtlichen Novize zu vernehmen. Er hatte zu innigen Antheil an ihrem Looſe genommen, um nicht augenblicklich der Aufforderung nachzukommen, er war hingeeilt und im Beiſein der Oberin des Klo⸗ ſters von der unglücklichen Prinzeſſin beſchworen wor⸗ den, ſeinen ganzen großen Einfluß auf den König an⸗ zuwenden, um ſie aus dem Kloſter zu erlöſen. Sie habe die ganze Unbeſonnenheit ihres Betragens erkannt, die Uebereilung ihres jugendlich unerfahrenen Herzens be⸗ reut und denke der Würde ihres Standes ferner nichts mehr zu vergeben. Sie fühle aber nicht den geringſten Beruf zum Kloſterleben; ſie liebe die Freiheit, die Men⸗ ſchen, die Welt. Alle Fiebern ihres Weſens zögen ſie hinaus unter die Menſchen, menſchlich zu leben, menſch⸗ liches Glück zu genießen und menſchliches Leid zu tra⸗ gen— im Kloſter werde ſie unrettbar dem Wahnſinn zur Beute werden. Unter heißen Thränen hatte ſie Se⸗ zema angefleht, ſich ihrer anzunehmen, und die Oberin eine würdige Frau hatte ihre Bitten denen der fürſtlichen Novize hinzugefügt, da ein erzwungenes Opfer Gott 151 nicht angenehm ſein könne. Sezema hatte voll des in⸗ nigſten Mitgefühles die liebliche Unglückliche getröſtet und ihr verſprochen, Alles für ſie zu thun, was in ſei⸗ nen Kräften ſtehe. Er hatte Wort gehalten, er hatte in der erſten guten Stunde das Herz des Königs zu len⸗ ken verſucht. Dieſer hatte anfangs von einer Aenderung ſeines Beſchluſſes durchaus nichts wiſſen wollen, endlich aber doch ſo weit nachgegeben, als er in eine Entlaſſung der Prinzeſſin aus dem Kloſter unter der Bedingung ge⸗ willigt, daß ſich für ſie ein ſtandesmäßiger Bewerber finde. So lange, bis ein ſolcher erſchienen, der ihm ge⸗ nehm ſei und dem ſie ihre Hand reichen wolle, habe ſie aber im Kloſter zu verweilen. Bei dieſer Entſcheidung war es geblieben und Sezema hatte ſich beeilt die Prin⸗ zeſſin davon in Kenntniß zu ſetzen. „Ach mein Gott!“ hatte das arme Opfer des Fürſtenſtolzes und der Staatsklugheit ausgerufen,„wel⸗ cher fürſtltche Bewerber wird ſich denn gleich für mich finden!“— „Da,“ fuhr Sezema in ſeinem Bericht fort,„da fuhr mir ein Gedanke durch den Kopf— mich jammerte das holde Fürſtenkind und ich hätte ihm ſo gern einen Erlöſer zugeführt, ich dachte, ob ſich nicht unter den Gliedern der glorreichen Roſe ein ſolcher fände. Es gibt unter dieſen gewiß ſtattliche unge Männer, die ſich 152 für die ſchöne ſiebzehnjährige Königstochter ſchicken. König Ladislaus hat immer eine hohe Meinung von dem Geſchlechte der Witkowetze gehabt, ja er hat bereits eine nahe Blutsverwandte mit Befriedigung an der Seite eines Witkowetz geſehen; er würde einer neuen Verſchwägerung mit dem erlauchten Hauſe wohl kaum entgegen ſein. Und ſo tröſtete ich denn Fräulein Jutta, ſo gut ich konnte, mit der Verſicherung ich wollte ſchon einen rechten Bewerber für ſie finden. Ich ſuche nun, mein Wort wahr zu machen und wandte mich an Dich, Wladyka, mit der Bitte, dir das arme königliche Fräu⸗ lein recht empfohlen ſein zu laſſen, ihr unter unſern erlauchten Verwandten einen wackeren Freier auszu⸗ ſuchen und ſolchen je eher, je lieber hierher zu ſenden— ich brauche nicht erſt zu ſagen: mit allem Glanz, wie er einem Witkowetz und Freier um eine Königstochter ge⸗ ziemt. Ich habe an den Erſtgebornen unſeres Vetters von Lomnitz, den jungen Smil gedacht, das ſoll ein wackerer Degen von angenehmer Perſon und artigen Sitten ſein. Was denkſt du von ihm? Doch will ich dir durchaus nicht vorgreifen, ſondern ganz deiner wei⸗ ſen Wahl vertrauen. Ich wüßte freilich Einen, der jede Wahl überflüſſig machte und der dem König der liebſte Freier um ſeine Schweſter wäre— aber dieſer Eine dürfte es jetzt noch als eine Unzartheit aufnehmen, wenn 153 ich ihm zuriefe: komm, ſieh und pflücke dir die ſchönſte Blume aus Arpads königlichem Garten, ſie würde dem Haupte der glorreichen Roſe trefflich ſtehen.“ Die letzte Stelle unterdrückte Zawiſch, als er den um ihn verſammelten Vettern den Bericht Sezema's von Landſtein vortrug. Er verſtand ſie natürlich ſehr wohl. und war allerdings noch nicht in der Verfaſſung den angedeuteten Zuruf in Geneigtheit aufzunehmen. Da⸗ gegen rührte ihn das Geſchick der Königstochter zur in⸗ nigſten Theilnahme und er glühte von dem Wunſche ihr zu helfen. Auch um der Ehre und des Anſehens ſeines Hauſes willen wäre ihm eine ſo nahe Verbindung mit dem ungariſchen Königshauſe erwünſcht geweſeu. Es war vorauszuſehen, daß die ſtolze Verſamm⸗ lung die Botſchaft ihres Verwandten, die ihnen eine ſo glänzende Ausſicht eröffnete, mit Freuden aufnehmen würde. In der That waren Alle nur Eine Stimme, daß man ſich dieſe Gelegenheit zur Verſchwägerung der glor⸗ reichen Roſe mit der Krone des heiligen Stephan nicht entgehen laſſen dürfe. Auch daß die Erlöſung eines töniglichen Fräulein, das wider ihren Willen lebendig in das Grab eines Kloſters verſenkt worden, eine edle Ritterthat ſei, die einem Witkowetz wohl anſtehe, ſtimmte mit den Gefühlen und Anſchauungen aller überein. Nur 154 darüber theilten ſich die Stimmen, wer von den vorhan⸗ denen heirathsfähigen ledigen Witkowetzen der Ritter ſein ſolle, der dieſes Erlöſungswerk vollbringe. Mehrere der älteren Herren nahmen die Ehre für ihre Söhne in Anſpruch, während andere, die entweder keine heiraths⸗ fühigen oder gar keine Söhne hatten, ſich für Smil von Grazen ausſprachen. Beſonders lebhaft verwendete ſich Herr Heinrich von Roſenberg für ſeinen noch ſehr ju⸗ gendlichen Sohn Peter. Zawiſch hörte alle Stimmen ruhig an und ließ die Meinungen ſich gegenſeitig vollſtändig ausſprechen. Als aber ſtatt einer allmähligen Einigung nur eine ent— ſchiedene Theilung der Anſichten daraus hervorging, wurde von dem Aelteſten der Anweſenden, Wok von Wittingau, der Vorſchlag gemacht, die Wahl des Braut⸗ werbers um die ungariſche Königstochter ganz und gar dem Wladyka anheim zu geben; der werde nach beſtem Wiſſen und Gewiſſen dem Würdigſten die Ehre zuer⸗ kennen. Dieſer Vorſchlag fand allgemeine Annahme. Eben erhob ſich Zawiſch, um dem ihm ſo ertheilten Auftrag zu entſprechen, als von einem Blicke desſelben berührt, Smil von Grazen aufſtand und um die Erlaubniß bat, ſprechen zu dürfen, die ihm Zawiſch gern bewilligte. „Es iſt meiner ſowohl in der Botſchaft unſers 165 Herrn Vetters Sezema als auch von einigen der hier anweſenden erlauchten Vettern in ehrenvoller Weiſe ge⸗ dacht worden. So ſehr ich mich dadurch erhoben fühlen mußte, ſo wenig konnte es mir beikommen, von mir ſelbſt die hohe Meinung zu hegen, als könnte mir die Ehre der Erwählung zu Theil werden, auf die es hier abgeſehen iſt, ich habe vielmehr geglaubt, es ſei dieſe Wahl eigentlich ſchon entſchieden, als gäbe es nur Ei⸗ nen, auf welchen ſich nach dem Austauſch aller Anſich⸗ ten alle Stimmen vereinigen würden. Nach der Wen⸗ dung aber, welche die Verhandlung nun genommen, und die ich am wenigſten erwartet, muß ich fühlen, daß die Wahl dieſen Einen verfehlen werde.“ „Ei junger Menſch, was unterfangt Ihr Euch?“ unterbrach den Jüngling Heinrich von Natſcheras— „geziemt es ſich für Euch an der Weisheit des Wladyka zu zweifeln, wenn wir Alten ihr unſer Vertrauen ſchenken?“ „Ich bitte mich ruhig anzuhören,“ ſagte Smil, „nicht weil ich an der Weisheit des Wladyka zweifelte, fürchte ich, daß er den rechten Mann nicht erwählen wird, ſondern vielmehr weil ich weiß, daß ſich bei ihm wie bei jedem wahren Weiſen, die Weisheit mit der Be⸗ ſcheidenheit paart. Aus Beſcheidenheit wird er den ein⸗ 156 zig rechten Mann nicht wählen, denn der iſt kein Ande⸗ rer als er ſelbſt.“ „Bei Gott! der Junge hat Recht,“ rief jetzt Wok von Wittingau;„daran hat keiner von uns gedacht, wäre der Wladyka gleich im Anfang genannt worden, ſo kam es zu gar keinem Streit. Ihr Herren, wer wi⸗ der den Wladyka iſt, der erhebe ſich!“ „Halt Ihr Herren!“ mahnte Zawiſch,„das geht jetzt nicht mehr; beſchloſſen iſt beſchloſſen; Ihr habt die⸗ Wahl in meine Hand gelegt; ſie iſt mein Recht, ich gebe mein Recht nicht zurück. Und ſo erwähle ich denn hier⸗ mit unſern lieben Vetter Smil von Grazen zum Ritter und Freier der ungariſchen Königstochter Jutta.“ Nach dieſem Ausſpruch war alle Meinungsver⸗ ſchiedenheit zum Schweigen gebracht. Nur Einer war damit nicht zufrieden, und dieſer Eine war gerade der, an welchen ſich jetzt alle Andern glückwünſchend wandten. „Gemach, Ihr Herren, gemach!“ rief Smil von Grazen hocherröthend;„vergönnt mir ein offenes Wort!“ Zawiſch gab ihm das Wort. Smil ſprach: „So hoch ich mich durch die Wahl unſeres erlauch⸗ ten Oberhauptes geehrt fühle, ſo leid thut es mir ſie ablehnen zu müſſen.“ 157 „Das geht nicht— das dürft Ihr nicht— des Wladyka's Ausſpruch von der ganzen Verſammlung des Geſchlechtes gutgeheißen, iſt bindend!“ ſo riefen mehrere, Smil unterbrechend. „Mit Verlaub, hochedle Herren!“ nahm Smil wieder das Wort;„der Ausſpruch des Wladyka wird von mir nach Gebühr geachtet— auch ich halte ihn für bindend; aber nur inſoweit ſeine Erfüllung möglich iſt. Ich kann nicht als Freier der ungariſchen Königstochter auftreten, weil ich bereits mit einer Fürſtentochter ver⸗ mählt bin.“ Alle ſahen ihn erſtaunt und zweifelnd an. „Ihr wollt uns nur ein Mährchen aufbinden,“ rief Heinrich von Natſcheraz;„Ihr ſeid ein Freund von Schnurren.“ „Bei dem Heil der glorreichen Roſe,“ betheuerte Smil,„ſchwöre ich, daß ich vermählt bin!“ „Das kann nicht ſein!“ rief Wok von Wittingau — wie könnt Ihr Euch vermählt haben ohne Wiſſen Eures Geſchlechtes— hat einer von den hier Anweſen⸗ den etwas gewußt?“ Alle verneinten. „Ihr könnt natürlich von meiner Vermählung nichts wiſſen, weil ſie heimlich geſchehen,“ ſagte Smil, 158 „heimlich geſchehen mußte aus Gründen, die ich ver⸗ ſchweigen muß. Ich bitte Euch den feierlichen Schwur auf die glorreiche Roſe genügen zu laſſen und mit kei⸗ nerlei Fragen über mein Geheimniß in mich zu dringen. Ich müßte Euch jede weitere Auskunft verweigern. Er⸗ laubt mir lieber, daß ich auf meinen Vorſchlag zurück⸗ komme. Der Wladyka hat ſein Recht ausgeübt, es ſteht jetzt wieder bei der Verſammlung, eine Wahl zu treffen. Ich rathe nochmals, wählt den Wladyka, der nicht nur der Würdigſte iſt, ſondern auch ſicher die unzweifelhaf⸗ teſten Ausſichten auf eine erfolgreiche Werbung bei dem königlichen Bruder der ſchönen Braut hat, der ich die Erlöſung aus dem traurigen Kloſterkerker vom Herzen wünſche.“ Alle ſahen jetzt den Wladyka an, der von dem et⸗ was kecken Auftreten des jungen Mannes betroffen war. Endlich ſagte er: „Ich will die Art und Weiſe, welche dieſer junge Menſch im Rathe einer ſo erlauchten Verſammlung ſich herausnimmt, über die gute Meinung vergeſſen, welche ſich dahinter verbirgt. Es verſteht ſich, daß von mir bei der Wahl, um die es ſich handelt, nicht die Rede ſein kann. Ich hätte erwarten dürfen, daß die gerechte Trauer über den unerſetzlichen Verluſt, der mich be⸗ troffen, ja nicht mich allein, ſondern unſer ganzes Ge⸗ 159 ſchlecht, daß dieſe Trauer hier durch keinen Gedanken verletzt werde. Ich bin ſehr betrübt, daß es dennoch ge⸗ ſchehen, ſo betrübt, daß ich unfaͤhig bin, weiter an die⸗ ſer Verhandlung theilzunehmen. Ich ſchließe ſie daher, jedoch mit der Bitte an meine lieben Vettern, über dieſe Angelegenheit nachzudenken, damit eine Wahl getroffen werde, welche der glorreichen Roſe zur Ehre und der auf Hilfe und Rettung durch uns harrenden Königs⸗ tochter zum Heil gereicht.“ So ſchloß die Verhandlung. Am folgenden Tage erfolgte der Schiedsſpruch des Kaiſers, welcher wider Erwarten dem Herzog Nikolaus die lebenslängliche Nutznießung der Herrſchaften Trop⸗ pau und Jägerndorf unter dem herzoglichem Titel zuer⸗ kannte. Die Witkowetze waren darüber im hohen Grade unzufrieden und drangen in Zawiſch den König zu be⸗ wegen, daß er den Schiedsſpruch verwerfe. Allein Za⸗ wiſch bewies ihnen, daß dies nicht thunlich ſei. Grol⸗ lend verließen ſie ihn und die meiſten von ihnen brachen ſofort auf, um ihre Mannen in ihre Heimath zurückzu⸗ führen. Nur Smil von Grazen und Wok von Krumau blieben in Brünn zurück. Zawiſch war über dieſe Mißhelligkeit tief betrübt. 160 Allein eine andere Sorge kam hinzu, welche ſeine Be⸗ trübniß überwog. Am Tage noch dem Schiedsſpruch kam der König in ſeine Wohnung und dirreicht ihm eine Urkunde über die Verleihung der Herrſchaften Landskron, Politz und Landsberg an ſeinen kleinen Halbbruder Zeſſek, Zawiſchs Sohn. „Seht Ihr Vater, daß ich mir die Namen der ſchönen Krongüter wohl gemerkt habe? Und nun wißt Ihr, warum ich Euch neulich darnach fragte. Bin ich nicht gut?“ Zawiſch reichte ihm dankend die Hand. „Nun müßt Ihr aber auch gut ſein, dürft nicht mehr zürnen, daß der Kaiſer meinem andern Bruder Troppau zugeſprochen. Es war mir um Euretwillen nicht recht; aber ich konnte mich dem Spruch meines kaiſerlichen Schwiegers nicht widerſetzen, jetzt wo ich ihn zu bewegen hoffe, daß er mir meine theure Gemahlin Guta ganz gebe. Ich habe mir ſagen laſſen, ſie ſei wunderſchön, eine vollendete Jungfrau geworden, und nun ſehe ich nicht ein, was ſie noch länger in der Hut des Vaters ſoll; ich bin doch auch kein Knabe mehr. Ich will meine Gemahlin nun bei mir haben. Geht es an, ſo begleite ich den Kaiſer in ſein Hoflager und hole meine liebe Gemahlin gleich ſelbſt ab.“ 161 „Habt Ihr Seiner kaiſerlichen Majeſtät Euern Wunſch ſchon angedeutet?“ fragte Zawiſch betroffen. „Ja, ich ſprach einmal gegen ihn davon bei unſerm erſten Zuſammentreffen hier—“ „Und was meinte er dazu?“ „Je nun, er ſchien nicht abgeneigt, auf meinen Wunſch einzugehen— wir wollten nach dem Schieds⸗ ſpruch davon ſprechen.“ Zawiſch konnte eine peinliche Empfindung in ſei⸗ ner Bruſt nicht unterdrücken. Er erinnerte ſich, welche Scheu und welchen Widerwillen gegen ihn die junge Königin in ihrem Briefe an Wenzel hatte durchblicken laſſen. Mit Beſorgniß hatte er ſtets an die Zeit denken müſſen, wo ſie an der Seite des Gatten, den ſie an Reife des Charakters weit überragte, walten werde. Indeß hatte er dieſe Zeit bisher doch immer noch für fern gehalten. In Wenzel war noch ſo viel Kindiſches und Läp⸗ piſches, daß es kaum denkbar erſchien, er könne ernſtlich an das eheliche Zuſammenleben mit der ihm Ange⸗ trauten denken, darnach verlangen. Er, Zawiſch, hatte geglaubt, daß der junge König unter ſeiner Leitung ſich erſt noch mehr entwickeln, ſein Charakter ſich erſt noch mehr feſtigen werde, bevor der Taura. Die Witkowetze. I. 11 162 perſönliche Einfluß der Habsburgerin ſich geltend mache, je ſpäter letzteres geſchehen, deſto beſſer für Zawiſch. Nnn ſollte auf einmal das Gefürchtete in ſo nahe Ausſicht gerückt ſein; das beunruhigte ihn in hohem Grade. Wie war der ſo unerwartet aufſteigenden Gefahr zu begegnen? Zawiſch kannte die Geſinnungen des Kaiſers nicht, es war nicht unwahrſcheinlich, daß dieſer aus Gründen der Staatsklugheit auf den Wunſch ſeines jugendlichen Eidams einging. Aber er kannte ſeinen Stiefſohn, er wußte, daß dieſer in Dingen, die er mit Eigenſinn er⸗ faßte, unnachgiebig war, und er hatte ganz den Anſchein, als ſei hier der Eigenſinn ſehr lebhaft angeregt. Ein offener Widerſpruch, ein überzeugen Wollen von etwas Beſſerem war da nicht am Platze. Faſt ſchüchtern ſagte er nach einer Pauſe: „Ich begreife Euern Wunſch, Hoheit— es iſt ge⸗ wiß, daß eine Gemahlin zu ihrem Gemahl gehört, und Niemand weiß das Glück höher zu ſchätzen, als ich, der ich es in ſo reichem Maße genoſſen und ſo unerwartet verloren. Wenn Ihr mir ein paar Tage Zeit zum Nach⸗ denken geben wollet, ſo würde ich mir überlegen, wie man die Soche beim Kaiſer am beſten betriebe.“ 163 „Auf ein paar Tage kommt es mir nicht an,“ er⸗ wiederte Wenzel unbefangen—„wollt Ihr Euch mei⸗ nen Herzenswunſch angelegen ſein laſſen, ſo thut es und ich ſage dem Kaiſer einſtweilen noch nichts davon. Aber laßt mich nicht zu lange warten; der Kaiſer weilt nur noch acht Tage hier und ich kann mein Anliegen doch nicht erſt im letzten Augenblick vorbringen.“ Zawiſch verſprach ſpäteſtens in drei Tagen ſich zu erklären und war zwar froh über den erlangten kur⸗ zen Auffchub, aber als der König fort war, fühlte er ſich rathlos, wie er aus dieſem Aufſchub einen Aufſchub von weit längerer Dauer machen ſollte. In dieſem Zuſtande traf ihn Smil, der ihm mit⸗ zutheilen kam, daß ſich das Gerücht verbreite, Friedrich von Schönburg habe ſich mit Gerhard von Oberan, ei⸗ nem der mächtigſten mähriſchen Großen, verbunden und beide wären raubend und ſengend in königliches und bi⸗ ſchöflich olmütziſches Gebiet eingefallen. An dieſe Mit⸗ theilung knüpfte Smil die Bitte, ihm den Zug gegen die Räuber anzuvertrauen. Zawiſch war nicht abgeneigt die Bitte zu gewähren, fand aber für gut, vorerſt zuerläſſige Kunde über das Gerücht einzuziehen, oder abzuwarten, da ſolche, wenn dieſes ſich beſtätige, von dem Biſchof gewiß bald hierher gelangen werde. 1 164 Zawiſch, der Smils ſcharfen Verſtand und richti⸗ ges Urtheil ächtete, theilte ihm die Unterredung mit, die er mit dem König gehabt. „Ich glaube die Urſache dieſer plötzlichen Sehn⸗ ſucht nach den Freuden des Eheſtandes zu kennen,“ ſagte Smil hierauf mit ſardoniſchem Lächeln. Zawiſch war begierig dieſe Urſache zu vernehmen. „Das frommt Euch nicht,“ erwiederte Smil,„viel mehr dürfte Euch und unſerm Hauſe frommen, daß ich mein Wiſſen brauche, Seine Hoheit auf andere Gedan⸗ ken zu bringen.“ „Wie woll Ihr das bewirken?“ fragte Zawiſch— „Ihr ſcheint den Eigenſinn dieſes Jünglings nicht zu kennen.“ „Gewiß kenne ich ihn,“ verſicherte Smil,„den Ei⸗ genſinn mit einem Dutzend anderer Eigenheiten, die ſo unliebenswürdig ſind, wie immer, die man aber keimen laſſen und zu brauchen wiſſen muß, um mit ihnen den Eigenfinn zu brechen. Laßt mich nur machen!“ „Der König ſcheint aber in der letzten Zeit Euch nicht mehr ſo geſucht zu haben wie früher,“ warf Za⸗ wiſch ein;„ich war ſo froh über die Neigung, die er für Euch gefaßt zu haben ſchien; aber meine Freude war nur von kurzer Dauer; die Neigung ſchien mir ſchnell erkaltet.“ 165 „Ich kenne das,“ verſetzte Smil;„es hätte nur von mir abgehangen, ſie fortbrennen zu laſſen, wenn ich es der Mühe werth geachtet. Allerdings mied er mich aus einem außer mir liegenden Grunde, aber dieſen Grund hätte ich bald aufheben wollen, wäre mir darum zu thun geweſen den Umgang mit dieſer langweiligen Hoheit ohne Bart fortzuſetzen. Jetzt wo es einen wich⸗ tigen Zweck gilt, will ich mich ihr wieder nähern und in Kurzem unentbehrlich machen.“ „Lieb wäre es mir, es gelänge Euch, dem noch ſo viel zu einem Mann fehlenden Menſchen die Eheſtands⸗ gedanken zu vertreiben,“ ſagte Zawiſch. „Ich will's verſuchen— Alles für die glorreiche Roſe!“ erklärte Smil. „Ihr dürft aber nicht ſäumen,“ mahnte Zawiſch. „Gleich ſchreite ich zum Werk,“ ſagte Smil und verabſchiedete ſich. „Ein kluger, entſchloſſener Junge,“ dachte Zawiſch ihm nachblickend,„und dabei von einer über ſeine Jahre gehenden Selbſtſtändigkeit und Charakterfeſtigkeit. Ge⸗ wiſſensängſtlichkeit ſcheint dabei auch ſein Fehler nicht zu ſein— wenn er nur nicht allzuweit davon entfernt iſt! Er wäre die Hoffnung der fünfblätterigen Roſe auch ohne die ungariſche Königstochter. Aber ſchade iſt's, daß 166 ſie an ihm nicht ihren Ritter finden kann— wie leid thut mir das arme Kind!“—— „Aber wie Euer Hoheit blaß ausſieht!“ ſagte Smil zu dem König, den er gleich von Zawiſch aus aufge⸗ ſucht hatte, nach den erſten Höflichkeitserweiſen. „Wirklich?“ erwiederte Wenzel und warf einen Blick in den Spiegel. Obgleich er ganz ſeine gewöhn⸗ lichen Geſichtsfarbe hatte, ſo rief er doch: „Ja, wahrhaftig, ich ſehe ganz blaß aus.“ „Ich hatte Eure Hoheit mehrere Tage nicht geſe⸗ hen,“ nahm Smil wieder das Wort;„als ich Euch ge⸗ ſtern ſah, erſchrack ich, und es läßt mir heute keine Ruhe, ich muß mich nach Eurem Befinden erkundigen.“ „Ich kann gerade nicht über Uebelbefinden klagen,“ ſagte Wenzel. „Dann iſt die Bläſſe nur ein Warnungszeichen,“ verſicherte Smil;„Ihr ſollt einem Uebel zuvorkommen, das Ihr Euch durch den Mangel an Bewegung zuzieht. Eurer Hoheit fehlt die Jagd.“ „Es iſt allerdings ſchon acht Tage her, daß ich nicht auf der Jagd war,“ erwiederte Wenzel;„habt Ihr Luſt mich heute zu begleiten?“ „Euer Hoheit Wille iſt mir Befehl,“ betheuerte Smil.„Ich bin bereit und freue mich nun, daß mir von 167 einem erfahrenen Waidmann ein vorzüglicher Wechſel von Rothwild entdeckt worden iſt. Erlaubt, daß ich gehe, und rüſte; binnen einer Stunde ſtehe ich zu Eurer Ho⸗ heit Dienſten.“ Die Jagd fand ſtatt. Die Aufregung derſelben, die das Blut ſchneller in den Adern Wenzels umtrieb, war es, worauf Smil ſeine Hoffnung ſetzte. Das erhöhte Le⸗ bensgefühl mußte ihn zugänglicher machen für den Ge⸗ nuß der holden Gegenwart. Smil wußte die Jagd ſo zu leiten, daß ſie in der Nähe von Friedeburg endete. Als ſie beutebeladen das Schlößchen in Sicht bekamen, ſagte Smil: „Was machen wir mit all dem Wildpret? Dieſer feiſte Vierzehner wäre ein ſchönes Stück für Fräulein Maſchinka's Küche auf Friedeburg— wie wäre es, wenn wir ihn ihr zum Dank für ihre freundliche Auf⸗ nahme verehrten?“ Der König ſchien doch ein wenig bedenklich. „Wenn Eure Hoheit nicht aufgelegt iſt, ſo will ich das Geſchenk allein überbringen. Ich möchte die Stätte wiederſehen, wo mein königlicher Herr aus tiefer Betäu⸗ bung in den Armen einer wohlthätigen Fee erwachte und dann eine der ſchönſten Stunden ſeines Lebens hatte.“ Wenzel wurde ſehnſüchtig. — 168 „Wie oft mag ſeit jener Stunde die liebliche Maid am Fenſter geſtanden und ſehnſüchtig hinausgeſchaut haben nach dem lieben Schützling, den der Himmel ſelbſt ihr zugeführt, und konnte daher nicht bedenken, daß Kö⸗ nige kein Herz haben dürfen, weder für Dankbarkeit, noch für Liebe!“ „Wer ſagt das?“ fuhr Wenzel auf;„warum ſol⸗ len Könige kein Herz haben für Liebe und Dankbarkeit. Ich habe ein Herz, und will eins haben und will's be⸗ weiſen! Laßt uns den Vierzehner auf Friedeburg brin⸗ gen und der holden Maſchinka zu Füßen legen.“ „Verzeihung, Hoheit,“ erwiederte Smil;„ich kann es ja beſorgen, kann Euch entſchuldigen und dem liebens⸗ würdigen Mädchen ſagen, wie dankbar Ihr ihrer gedäch⸗ tet, wenn es Euch kein Vergnügen macht, ihr es in ihrer ſchönen Sprache ſelbſt zu ſagen.“ „Nein, ich will ſelbſt mit hinaufgehen,“ erklärte der König;„ich will es und damit genug!“ So wurde denn einem Theil des Gefolges befoh⸗ len, den Vierzehnender von der Jagdbeute abzuſondern und noch nach Friedeburg hinaufzubringen, während die Uebrigen nach Brünn vorauszogen. Bald ſtanden die beiden jungen Jagdgenoſſen wie⸗ der vor dem Thor der Friedeburg und wurden, in glei⸗ cher Weiſe wie das vorige Mal eingelaſſen. 169 Maſchinka hatte in der That das Wiederkommen ihrer beiden Gäſte täglich erwartet. Sie hatte ſich daher jeden Tag ſorgfältig gekleidet, damit ſie nicht wieder ſo wie das erſte Mal überraſcht würde. Obgleich ſie nun zwar ſo ziemlich alle Hoffnung, den ihr um der eigenthümlichen Veranlaſſung und des wahrſcheinlichen Ranges der Perſonen willen, intereſſan⸗ ten Beſuch wiederzuſehen, aufgegeben, ſo war ſie doch auch heute wieder, ſorgfältig in ihre kleidſame polniſche Tracht gekleidet, zum öfteren an das Fenſter getreten, um nach dem Beſuch zu ſpähen. So war es auch geſchehen, als ſich derſelbe wirklich genaht hatte. Daher trat ſie den von Lazak hereingeführten Gäſten wohlgeſchmückt an der Treppe entgegen. „Endlich haltet Ihr Wort,“ redete ſie die Ankömm⸗ linge an, und reichte dem vorangehenden König die Hand zum Willkommen. Wenzel verlor durch dieſes freundlich offene Ent⸗ gegenkommen alle Verlegenheit, in welche er beim erſten Anblick dieſer prächtigen Erſcheinung gerathen war. Denn prächtig konnte man dieſe üppige Frauengeſtalt in der reichen polniſchen Tracht nennen. „Habt Ihr uns wirklich früher erwartet?“ ſagte Wenzel. 170 „Wenn die Blumen vor meinem Fenſter reden könn⸗ ten, ſie würden bezeugen, wie oft ich nach Euch ausge⸗ blickt,“ erwiederte ſie unbefangen. „Ich wollte nicht wiederkommen, ohne einer wohl⸗ thätigen Fee irgend ein Zeichen der Dankbarkeit mitzu⸗ bringen,“ log Wenzel;„dieſen Vierzehner, den wir ſo⸗ eben erjagt, lege ich Euch für Eure Küche zu Füßen.“ Die Jagdknechte des Königs legten eben den ſtatt⸗ licher Hiſch an der Treppe nieder. „Das iſt ja ein mächtiges Thier,“ rief Maſchinka; „aber was ſoll eine Wirthin mit ſolchem Vorrath an⸗ fangen, wenn ſie ſo wenig auf ihre Gäſte zählen kann? Wir find unſer nur wenig am Tiſch, ich kann eine ſolche Menge Wildpret für meine Küche nur brauchen, wenn ich auf fleißigen Beſuch rechnen kann. Bevor ich alſo das Geſchenk annehme, muß ich verſichert ſein, daß Ihr, edle Herren, recht oft meine Gäſte ſein wollet.“ Solcher Aufmunterung konnte der König nicht wi⸗ derſtehen. Er gelobte bald und oft auf Friedeburg einzukeh⸗ ren, und Smil ſchloß ſich dem Gelöbniß an. Maſchinka befahl nun Lazak, das Wild zu bergen, und lud die beiden Herren ein ihr zu ihrem Vater zu folgen, den das Zipperlein verhindert habe, ihnen ent⸗ gegen zu gehen. 171 Als die beiden Jünglinge den an ſeinen Lehn⸗ ſtuhl gefeſſelten Hausherrn, einen wohlbeleibten Mann von etwa ſechzig Jahren begrüßt hatten und Wenzel ſich darin gefiel mit demſelben polniſch zu reden, wußte Smil dem Schloßfräulein zuzuflüſtern, daß ſein Gefährte kein geringerer als der König von Böhmen ſei, daß ſie aber 3 nicht thun ſolle, als wiſſe ſie es, bis er ſelbſt ſich 1 ihr entdecke— was er gewiß nicht unterlaſſen werde, ſo bald er nur ſähe, daß ſeine Gefühle für die holde Wir⸗ thin nicht grauſam zurückgewieſen würden. Maſchinka ſchien durch dieſe Mittheilung zwar ein wenig beleidigt; aber Smil hatte ſich in der ſchönen Po⸗ lin nicht geirrt, ſie wußte ihr Wiſſen um den hohen Rang ihres jüngeren Gaſtes wohl zu verbergen, wendete aber nichts deſto weniger das größere Maß ihrer Aufmerk⸗ ſamkeiten dem Träger der ſchönen Krone zu, der ſich da⸗ durch nicht wenig geſchmeichelt fand. Bater Leschuski war trotz ſeines Zipperleins ein luſtiger alter Herr, der ſeine Gäſte durch manche Schwänke unterhielt und zugleich den Becher tapfer krei⸗ ſen ließ. 3 Im Laufe der munteren Unterhaltung forderte er Maſchinka auf ihre Zither zu holen und den Gäſten und ihm etwas vorzuſpielen und zu ſingen, denn Geſang und — 172 Wein und noch etwas, das er nicht ſagen dürfe, ſeien die drei ſchönſten Stücke im menſchlichen Leben. Maſchinka gehorchte der Aufforderung ohne Ziererei. Sie holte ihre Zither, ſetzte ſich an Wenzels Seite, doch ſo, daß er ihr ganzes Antlitz ſehen konnte, ſpielte und ſang mit klarer, voller Stimme das Lob der Jagd. Wenzel war entzückt von dem Geſang, den er ſo ſchön nie gehört zu haben glaubte. Er erhob begeiſtert den Becher und rief: „Die Jagd ſoll leben!“ Alle tranken auf's Wohl der Jagd. „Jagd iſt auch ein gut Stück im menſchlichen Le⸗ ben,“ ſagte hierauf Leschnski;„wenn man aber das Zipperlein hat, kann man's nicht brauchen. Es iſt daher recht ſchön von Euch, jungen Herren, daß Ihr die Küche ſo eines armen alten Zipperleins mit einem guten Stück Wild bedenkt.“ „Wir wollen Euch liefern, ſo viel Ihr haben wollt,“ fiel Maſchinka ein;„aber er hat Unrecht, ich hätte ihm ſchon welches ſchaffen wollen, hätte er mich nur mit dem Lazak und noch einem Knecht auf die Jagd gehen laſſen.“ „Du Hexe, du wilde Hummel,“ rief Leschnski; „lieber will ich doch alle Tage Mehlbrei ſpeiſen, als mein einziges Kind in Lebensgefahr rennen laſſen.“ 173 „Fräulein Maſchinka mußte aber eine ſtattliche Jä⸗ gerin abgeben,“ meinte Smil. „O, ich möchte ſie in Jägertracht ſehen!“ rief Wen⸗ zel;„Sanct Hubertus ſelbſt müßte ſeine Luſt daran haben! Fräulein, Ihr ſolltet mit uns auf die Jagd ge⸗ hen— Euer Leben ſollte gewiß nicht in Gefahr kommen!“ „Ei, ich fürchte mich auch gar nicht davor— Va⸗ ter iſt blos ſo änglich— wenn er's erlaubte, möchte ich ſchon mit Euch gehen. Mein Zelter iſt ganz gut zur Jagd.“ „Jagd hin, Jagd her!“ rief Lescynski,„ſprechen wir von etwas anderem, trinken wir auf's Wohl der be⸗ ſten drei Stücke vom menſchlichen Leben!“ 6 „Wein, Weib und Geſang ſollen leben!“ ſtimmte Smil ein. 3 „Ihr habt's heraus,“ ſagte Lescynski—„wohl, ſie ſollen leben!“ Alle tranken froh erregt. Maſchinka griff in die Saiten und ſang: Drei Blumen flocht Gott wunderbar 1 In unſern Lebenskranz. Ein Leben dieſer Blumen bar 1 Iſt ohne Duft und Glanz; 3 Doch wer ſie recht erkennt und ehrt, Deß Leben iſt der Götter werth, Der lebt ſein Leben ganz. 174 Die erſte iſt der gold'ne Wein— Das heiße Traubenblut Flößt Schwungkraft unſern Nerven ein, Der Seele freud'gen Muth; Die Wahrheit ſprudelt friſch hervor, Der Freiheit Sonne ſteigt empor Aus edlen Weines Fluth. Die zweite Blume iſt das Weib: Ein Wonnehauch des Herrn Gegoſſen in den ſchönſten Leib Aus ſeinem ſchönſten Stern. Der hat des Lebens höchſte Luſt, Der ſolche Blum' an ſeiner Bruſt Wahrt wie den Augenſtern. Vei Wein und Weib im ſchönen Bund Des Sanges Blume blüht. Was Holdes auf dem Erdenrund Lacht, leuchtet, glänzt und glüht, Das reinſte Glück, den ſchönſten Ruhm Macht Liedeskraft zum Eigenthum Dem ſehnenden Gemüth. O herrliche Dreieinigkeit, O holder Blüthenbund. Bleib du bei uns in dieſer Zeit Bis einſt zur letzten Stund! Ihr Freunde, bei der Becher Klang Laßt leben Wein, Weib und Geſang; Dann leert ſie bis zum Grund. 175 „Ein köſtlich Lied!“ rief Wenzel von Wein und Liebe glühend,„und von ſolchem Mund geſungen, ent⸗ zückend ſchön!“. „Woher habt Ihr dies Lied, Fräulein?“ fragte Smil. „Ein wandernder Spielmann hat mich's gelehrt,“ gab Maſchinka zur Antwort;„iſt es Euch bekannt?“ „Ich kenne es in böhmiſcher Sprache, mein Vetter Zawiſch von Falkenſtein hat es gedichtet,“ ſagte Smil. „Zawiſch von Falkenſtein,“ wiederholte Maſchinka, —„iſt das nicht der große Zauberer, der——“ Sie wollte ſagen: der die Königin Kunigunde mit Liebe bezauberte; aber ſie beſann ſich, daß der König an ihrer Seite ſaß, daher unterdrückte ſie die Bemer⸗ kung und ſagte: „Der in Böhmen ſo viel Gutes geſtiftet hat?“ „Wer hat ſo viel Gutes in Böhmen geſtiftet?“ fuhr Wenzel heftig auf;„Herr Zawiſch von Falkenſtein iſt nicht Herr im Böhmerlande, Herr Zawiſch iſt nur des Königs Oberſthofmeiſter und kann ohne den König nichts Gutes ſtiften.“ Smil warf Maſchinka einen bedeutſamen Blick zu. Dieſe erkannte, daß ſie nun doch einen Bock ge⸗ ſchoſſen hatte und ſagte: 176 „Ei, was verſteht ein einfältiges Mädchen dahin⸗ ten im Mährenlande von böhmiſchen Staatsſachen. Um ſo beſſer, wenn der König das Gute gethan— der Kö⸗ nig Wenzel II., der Sohn des großen Otokar, ſoll le⸗ ben!“. Sie erhob den Becher zum Anſtoßen. „Das ſoll aber ein rechter—“ dieſe Worte gin⸗ gen über die Lippen des ſchon etwas nahe an die Grenze der Trunkenheit gelangten Hausherrn. Maſchinka ahnte ein neues, weit ärgeres Bockſchie⸗ ßen und gab daher aus Angſt ihrem Erzeuger einen Fuß⸗ tritt auf ſein Zipperlein, worüber er laut aufſchrie. Die beiden Gäſte ſahen den Schreienden erſchrocken an; Maſchinka nahm mit einem bedeutungsvollen Blick nach Smil, den König raſch entſchloſſen beim Arm und ſagte: „Kommt, junger Herr, und helfet mir ein Kraut aus dem Garten holen, das ich meinem armen Vater auf ſein Zipperlein legen kann. Das ſchmerzt ihn ſo ſehr.“ Damit zog ſie den König eiligſt aus dem Bereich ihres Vaters, der in einem zwiſchen Lachen und Weinen ſchwebenden Tone ihr nachrief: „Warte nur, du wilde unbändige Hummel!“ 177 Smil hatte Mäſchinka's Blick wohl verſtanden. Er faßte vertraulich Leschnski's Hand und ſagte: „Ihr hättet bald eine Majeſtätsbeleidigung aus⸗ geſtoßen, vor der Euch Eure kluge Tochter bewahren wollte. Und ſie hätte Euch doch wohl übel bekommen kön⸗ nen.“ „Nun, Ihr würdet doch nicht etwa verrathen haben; was ich in meinem eigenen Hauſe geredet?“ verſetzte Leschnski unwirſch. „Das ſei ferne,“ verſicherte Smil;„aber wenn es nun der König aus Eurem eigenen Munde, mit ſeinen eigenen Ohren gehört hätte?“ „Dummes Zeug!“ ſagteſLescynski,„wie wäre denn das möglich?“ Smil vertraute dem ehrlichen Alten, wer ſein jun⸗ ger Gefährte war, beſchwor ihn aber, nichts merken zu laſſen, daß er davon unterrichtet ſei, der König wolle un⸗ erkannt ſein. „Ich verſtehe,“ ſagte Lescynski;—„Donnerwet⸗ ter, da hätte ich mich allerdings arg verplappern können, da muß ich's meiner wilden Hummel, die aber dabei das beſte Ding der Welt iſt, noch danken, daß ſie mir das Zipperlein ſo in Aufruhr gebracht. Alſo den König von Böhmen beherberg' ich unter meinem ſchlichten Dache— dieſe Ehre hätte ich mir nicht träumen laſſen— undmeine Taura. Die Witkowetze. II. 12 178 Tochter hat es gewußt— daß ſie mir kein Wort geſagt hat!“— Smil berichtigte ſeinen Irrthum, wußte auch den Alten über den Zweckdes königlichen Beſuchs auf's Beſte zu beruhigen, und knüpfte eine Unterhaltung an, über welche Lescynski ſo König wie Tochter vergaß. Als nach langer Abweſenheit dieſe beiden wieder erſchienen, fanden ſie den Alten an Smil's Seite in Schlummer verſunken. „Das iſt das beſte Kraut wider das Zipperlein,“ bemerkte Maſchinka und ſagte dann zu Smil: „Ich habe Eurem Gefährten meinen Zelter gezeigt, auf dem ich bald mit Euch zur Jagd auszuziehen ge⸗ denke. Wenn es Euch recht iſt, laſſen wir den guten Va⸗ ter hier ſchlafen und gehen hinaus auf den Söller, wo wir eine ſchöne Ausſicht haben.“ „Ich würde Euch um die Gunſt bitten, uns mit Eurer Zither in den Garten zu begleiten,“ ſagte Wenzel der faſt kein Auge von dem Fräulein verwendete,„nnd uns noch ein paar Liedchen zum Beſten zu geben.“ Smil ſtimmte dieſer Bitte bei und Maſchinka ließ ſich nicht vergebens bitten. Bald durchtönte glockentöniger Geſang die herbſt⸗ lich gefärbten Baumhallen des Gartens von Friedeburg. Und was die lockende Geſtalt begonnen, vollendete die 179 Macht des Geſanges von den ſchönſten Lippen, die je⸗ mals holden Tönen zum Chor gedient hatten; eine un⸗ ſichtbare, aber ſtarke Kette ſchlang fich um das Herz des königlichen Jünglings, die ihn von nun an täglich nach Friedeburg zog. ——— Achtes Capitel. In Maſchinka's Liebesbanden vergaß Wenzel die ihm angetraute Kaiſerstochter und die acht Tage, welche Kaiſer Rudolf noch in Brünn verweilte, verſtrichen, ohne daß jener daran dachte dieſen um Guta's Zuſendung zu bitten So reiſte Rudolf ab, ohne daß dieſer Gegenſtand weiter zur Sprache gekommen wäre. „Den wären wir diesmal glücklich los,“ ſagte Smil unmittelbar nach dem Abzuge des Kaiſers zu Zawiſch und deſſen Bruder Wok;—„er kann die fromme Sit⸗ tenpredigerin noch eine Weile bei ſich behalten. Wenzel⸗ chen denkt ſo bald noch nicht daran ſie heimzuholen.“ „Ihr habt da die glorreiche Roſe von einer ſchwe⸗ ren Sorge befreit,“ verſetzte Wok;„aber wie habt Ihr 181 es angefangen, dem gekrönten Knaben die Eheſtandsge⸗ danken ſo gründlich zu vertreiben?“ „Ich habe einen Teufel durch den andern ausge⸗ trieben,“ lautete die Antwort.„Mehr zu wiſſen dürfte Euch wenig frommen. Ueberlaßt nur mir den tollen Knaben, ich will ihn ſchon führen, daß die Roſe von der Haſelſtaude nimmer etwas zu fürchten haben ſoll,“ und für ſich fügte er hinzu:„Man herrſcht am ſicher⸗ ſten über die Könige, wenn man ihren Schwächen und Thorheiten dient.“ „Ich danke Euch für den Dienſt, den Ihr der Roſe, den Ihr mir geleiſtet,“ nahm Zawiſch das Wort, „ich will nicht nach den Mitteln forſchen, die Ihr dabei angewendet, ich hoffe, daß es keine unwürdigen ſind. Wende deine Gewalt über das Herz des Königs ferner zum Heile der Roſe an, aber vergiß nicht, daß der König mein Sohn, daß er ein mir anvertrautes Pfand meiner theuren Gemahlin iſt.“ Während die drei Verwandten noch mit einander ſprachen, erſchien der Meßner der Dechanteikirche und meldete, der hochwürdigſte Biſchof von Olmütz ſei eben angekommen und in der Dechantei abgeſtiegen. Er laſſe Herrn Zawiſch ſeinen Gruß entbieten und fragen, wann er ihn ſprechen könne;„er habe ſehr Dringliches vor⸗ zubringen.“ 182 „Das muß allerdings etwas Dringliches und Wich⸗ tiges ſein, was unſern frommen Vetter von ſeinem Bi⸗ ſchofſitz hinwegtreibt,“ ſagte Zawiſch und fügte hinzu: „Ich bin jeden Augenblick zu ſeinem Empfange bereit und werde ihn herzlich willkommen heißen.“ Mit dieſem Beſcheide entfernte ſich der Bote. „Ich bin ſehr begierig zu wiſſen, was unſer hoch⸗ würdigſter Vetter bringt,“ ſagte Smil,„doch muß ich die Befriedigung meiner Neugier bis morgen vertagen, denn der König harrt meiner zur Jagd.“ Er verabſchiedete ſich, um ſich ſtracks zum Könige zu begeben, der ihn in Wahrheit und zwar mit großer Ungeduld erwartete. Bald befanden ſie ſich, nur von zwei Jagdknechten begleitet, auf dem Wege nach Friede⸗ burg, vor welchem der König allein abſtieg, um hinein⸗ zugehen, und nicht lange darnach neben Maſchinka, die in reizender Amazonentracht auf einem milchweißem Zel⸗ ter ritt, wieder zu erſcheinen. Der Zelter war derſelbe, welchen Wenzel von Zawiſch als ein Geſchenk des Un⸗ garkönigs erhalten hatte; er hatte ihn ihr kürzlich heim⸗ lich verehrt, und wie ihr Edelknabe leitete er jetzt das ſchöne Thier am Zaum zum Thore heraus. Hier beſtieg er ſein Roß und ritt mit triumphirender Miene an der Seite der ſchönen Reiterin dem Walde zu, wohin ihm Smil mit den Knechten in gemeſſener Entfernung folgte. 183 Mittlerweile empfing Zawiſch ſeinen geiſtlichen Vetter den Biſchof Dietrich aus dem Hauſe Neuhaus. „Ich bringe ſchlimme Botſchaft,“ ſagte derſelbe, nach der Begrüßung Platz nehmend.„Der räuberiſche Wolf von Schönburg hat den Schiedsſpruch des Kai⸗ ſers, der auch ihn in den Frieden einſchließt, nicht an⸗ erkannt. An der Spitze verwegener Geſellen iſt er aus den Gebirgen hervorgebrochen und durchſtreift das Land, Schrecken und Verwüſtung um ſich her verbreitend. Vor⸗ nehmlich hat er es auf meine und die Güter unſerer Freunde abgeſehen. Mehrere meiner ſchönſten Güter liegen bereits in Aſche und gebrochen ſind die Burgen manches Freundes. Mit ihm hat ſich der gewaltige Ger⸗ hard von Obran erhoben und verwüſtet auf eigene Fauſt das Land. Schon hat er Proßnitz genommen und Koſte⸗ letz verbrannt, und ſeine Schaaren ſtreifen bis vor di Thore von Olmütz. Nur mit ſtarkem reiſigem Gefolg, durfte ich es wagen, hierher zu reiſen und ich fürchte der Rückweg iſt mir ganz verlegt. Wird dem Unweſen nicht ſchleunigſt mit ſtarker Hand Einhalt gethan, ſo wird ganz Mähren bald der Herd allgemeiner Empörung und Unordnung ſein. Darum habe ich mich ſelbſt auf⸗ gemacht, Euch, edler Vetter, zu beſchwören, ohne Säu⸗ men Eure ganze Macht den Friedensſtörern entgegen zu werfen und ſie zu Boden zu ſchlagen.“ k„Meine ganze Macht,“ verſetzte Zawiſch,„iſt lei⸗ der augenblicklich ſo ſchwach, daß ich nicht eine einzige Burg damit ſtürmen könnte. Die Vettern haben mich aus Verdruß über den kaiſerlichen Schiedsſpruch ver⸗ laſſen, und mir ſind nur etwa tauſend Mann zur Ver⸗ fügung geblieben. Doch muß hier kräftig eingeſchritten werden. Ich werde ohne Verzug Boten an die Glieder unſeres Geſchlechts entſenden und ſie zu ſchleuniger Hülfeleiſtung auffordern. Unter dieſen Unſtänden wird ſich Niemand der Aufforderung entziehen.“ „Ich will Eure Aufforderung durch ein nachdrück⸗ liches Rundſchreiben unterſtützen,“ erklärte der Biſchof, „doch wird immerhin, auch wenn die Vettern ſich noch ſo ſehr beeilen, unſerem Rufe zu folgen, einige Zeit vergehen, bevor wir mit ihrer Hülfe etwas Entſcheiden⸗ des unternehmen können, dazwiſchen wächſt die Unord⸗ nung, und der Greuel der Verwüſtung nimmt über⸗ hand. Dem böſen Beiſpiele der Großen werden bald die kleinen Schelme folgen, und Raub, Mord und Brand werden zur Tagesordnung werden. Wie wäre es, wenn wir den Baſtard Nikolaus um einſtweilige Hülfe angingen? Er iſt jetzt verſöhnt und eigentlich zur Heeresfolge, wenn Ihr ſie im Namen des Königs for⸗ dert, verpflichtet—“ „Und er wird ſie nicht verweigern,“ fiel Zawiſch 185 ein.„Ja, am liebſten wird er das Werk der Züchtigu ſelbſt in die Hand nehmen, um mir, um der Roſe, uh glühend haßt, das Verdienſt derſelben zu entreißen. Nur dieſem Todfeind unſers Hauſes das Heft nicht in die Hand gegeben; er würde es ſicher zu unſerm Verder⸗ ben gebrauchen!“ „Gewiß würde er das,“ ſtimmte Wok bei;„wir müßten ihn daher um jeden Preis von der Unterneh⸗ mung fern halten, ſelbſt wenn er aus freien Stücken an ihr theilnehmen wollte. Er lauert nur auf eine Gelegen⸗ heit, uns zu ſchaden, unſern Einfluß zu untergraben. Ein Glück, daß unſer Vetter Smil ſich des Königs ſo ganz zu verſichern gewußt; ſchon längſt umſchleicht die⸗ ſer Baſtard den Thron und ſucht ſich zu ſeinem erſten Rathgeber zu machen. Dank unſerm Vetter Smil, daß er den König für den Schleicher unzugänglich gemacht!“ „Ihr möget Recht haben,“ erwiederte der Biſchof, „ich bin Euren Welthändeln fremder, wie Ihr. Aber ich beſchwöre Euch, denkt nicht an den Vortheil der Roſe allein, denkt auch an die Noth des Landes.“ „Wann hätte ich je das Wohl des Landes dem Vortheil der Roſe aufgeopfert oder auch nur hintenan⸗ geſtellt?“ verſetzte Zawiſch.„Das iſt ja der Grund des Mißvergnügens unſerer Vettern mit mir, daß ich das Wohl der Roſe der allgemeinen Wohlfahrt unterordne! Ich würde auch in dieſem Falle ſo handeln, würde den oll gegen den alten Feind unſeres Hauſes ſchweigen laſſen, wenn ich ſonſt dem allgemeinen Wohle einen wirklichen Gewinn dadurch bereitete. Aber ich weiß, daß es dieſem Menſchen nur um den eigenen Vortheil zu thun iſt, nicht um das allgemeine Landeswohl, und daß er, ſelbſt wenn er ſich dieſem widmen wollte, nicht die Fähigkeit beſitzt, etwas Erſprießliches dafür zu thun.“ „Er iſt ein tapferer Degen,“ wandte der Biſchof ein,„den man eben nur zu dieſem Dienſte brauchen und dann bei Seite legen müßte.“ „Das iſt leichter geſagt als gethan,“ bemerkte Zawiſch.„Auch widerſpricht es meiner Denk⸗ und Ge⸗ müthsart, mich der Dienſte Jemandes gleich in der Ab⸗ ſicht zu bedienen, ihm dafür mit Undank zu lohnen. Faßt Euch in Geduld, hochwürdigſter Vetter; wir wer⸗ den die Ordnung auch ohne den Baſtard herſtellen, und eher, als Ihr glaubt. Harret hier in Ruhe und Sicher⸗ heit der Maßregeln, die ich treffen werde.“ Der Biſchof machte weiter keine Einwände und beſchloß in Brünn zu bleiben, bis die Ruhe im Lande hergeſtellt ſein würde. Zawiſch ſäumte nicht, den Aufruf an ſeine Stam⸗ mesgenoſſen zu erlaſſen und nebſt dem Rundſchreiben des Biſchofs durch Eilboten an alle zu ſenden. 187 In der Zwiſchenzeit gelangte die Kunde von den Unordnungen im Norden des mähriſchen Landes auch auf andern Wegen nach Brünn. Es kamen Geſuche um Hülfe von Städten und Landvaſallen an den König, die dieſer jedoch nicht las, weil er für nichts Sinn hatte, als für ſeine Liebſchaft. Sie wurden unerbrochen an Zawiſch abgegeben, der jetzt alle Regentengeſchäfte ungetheilt verrichtete. Aber auch Herzog Nikolaus, der noch immer in Brünn weilte, erfuhr, was im Lande vorging und erſah darin eine gute Gelegenheit, ſowohl ſeine Kriegsluſt zu befriedigen, als ſich bei dem König in Gunſt zu ſetzen. Er hatte eine nicht ganz unanſehnliche Kriegsmacht, die theils in der unmittelbaren Nähe von Brünn lagerte, theils an der ſchleſiſchen Grenze ſtund. In wenigen Tagen konnte er ſie beiſammen und zum Zuge gegen die Landverwüſter bereit haben. Es kam nur darauf an, vom König mit dieſer Unternehmung betraut zu werden. Wie Wok richtig bemerkte, hatte er ſich ſchon im⸗ mer um das Vertrauen des Königs bemüht, war aber damit nicht glücklich geweſen. So oft er ihn aufgeſucht, hatte er hören müſſen, der König ſei auf der Jagd oder mit Herrn Smil von Grazen zuſammen, und die An⸗ weſenheit des Letzteren war ſeinen Abſichten nicht gün⸗ ſtig. Jetzt hatte er aber einen Behelf, den König dieſer 188 Geſellſchaft einmal zu entreißen. Entſchloſſen, dies zu thun, ſich unter vier Augen Gehör zu verſchaffen und den gewünſchten Auftrag zu erwirken, begab er ſich zum König zu einer Stunde, wo er noch nicht auf die Jagd, oder richtiger, zur Buhlſchaft geritten war. Vor dem königlichen Palaſt ſtieß er auf den Bi⸗ ſchof Tobias von Prag und Diepold von Rieſenberg. „Darf ich meinen Augen trauen, Euch, edle Her⸗ ren, hier in Brünn zu ſehen,“ redete Nikolaus die Bei⸗ den an. „Das Gerücht von den Dingen, die hier geſchehen, ſcheucht den Schlaf von der Zugend Prags,“ erwiederte der Biſchof,„wie ſollen da die Alten ruhig daheim blei⸗ ben können? Wenigſtens ziemt es dem Hirten, nachzu⸗ ſehen, welche Gefahr ſeiner Herde von den Wölfen droht. Ihr weilet hier in der Nähe der Wolfshöhle, Ihr könnt uns am beſten berichten, wie es hier ſteht. Man erzählt ſich in Prag von einen verfluchten Zau⸗ ber, mit welchem Zawiſch, dieſer böſe Geiſt unferes königlichen Hauſes, den jungen Herrn umſtrickt und ihn an die Reize einer loſen Dirne gefeſſelt, die in des Zau⸗ berers Solde ſtehe.“ „Es mag ſein, daß mein königlicher Bruder ein wenig liebelt,“ verſetzte der Herzog;„den Spaß gönne ich ihm gern. Was den Zauber betrifft, ſo braucht's 189 dazu der Künſte des Zawiſch nicht, den beſitzt jedes ſchöne Weib an ſich, zumal für einen Przemysliden.“ „Ihr ſprecht ſehr leichtfertig in einer ernſten Sache,“ ſagte der Biſchof.„Die Luſt am Weibe iſt Eurem Hauſe ſchon mehrfach verhängnißvoll geweſen. Damit ſie es nicht auch für unſern jungen Herrn werde, gab ihm Gott ſchon in früher Jugend ein frommes und weiſes, dabei mit edlem Körperreiz geſchmücktes Ge⸗ mahl. Hoffnungsvoll blickte ganz Böhmen dem Tage entgegen, wo die holde Königin im Lande Wohnung nehmen und mit ihr eine goldene Zeit des Friedens und heiliger Ordnung einziehen würde. Nur die Gottloſen, nur die geborenen Verderber des Reiches ſehen dieſem Tage mit Furcht und Schrecken entgegen, denn er wäre ihrer Herrſchaft Ende. Darum ſuchten ſie ihn in weite Ferne zu rücken. Schon glaubten wir ihn nahe herbei⸗ gekommen, wir wußten, daß König Wenzel ſeinen kai⸗ ſerlichen Schwieger inſtändig angehen wollte, die hold⸗ ſelige Königin nicht länger von ihm fern zu halten, wir wußten auch aus guter Quelle, daß der Kaiſer nicht ab⸗ geneigt war, dem Suchen zum Heile unſeres Landes ſtattzugeben, und nun erfahren wir, daß es dem Unhold gelungen, das junge, unerfahrene Herz des Königs mit den Netzen einer Buhlerin zu umſtricken, welche ihn die angetraute Gemahlin vergeſſen laſſen, und ſo den gefürchteten, von uns erſehnten Tag hinauszuſchie⸗ ben—“ „Wenn nicht gar für immer fern zu halten,“ ſiel Diepold ein,„denn bei dem tödtlichen Haß, den die Witkowetze gegen unſer erlauchtes Königshaus mit der Muttermilch eingeſogen haben, werden ſie ſich mit einem bloßen Aufſchub des Endes ihrer Macht nicht begnügen, ſondern ſie werden dieſe Macht für alle Zukunft ſicher ſtellen wollen. Und das können ſie nur durch den Unter⸗ gang des Hauſes Przemysl. Den letzten rechtmäßigen Sprößling des erlauchten Geſchlechtes durch Wollüſte zu entnerven, ihn jedem ernſten Geſchäfte abgeneigt und untauglich dafür zu machen, um das Heft der Regie⸗ rung ganz allein in der Hand zu behalten und ſchließ⸗ lich den ehrwürdigen Stamm durch Entnervung ver⸗ dorren zu laſſen— das iſt der teufliſche Plan der Wit⸗ kowetze, und dieſem Plan entkeimte dieſe Buhlſchaft.“ „Ihr laßt mich da das Ding plötzlich in einem Lichte ſehen, in welchem ich es allerdings nicht erblickte,“ nahm Nikolaus das Wort.„Ihr ſeht jedenfalls ſchärfer als ich, und ich geſtehe, daß ich wahrhaft erſchrocken bin über Eure Erklärung. Aber was iſt zu thun, wie iſt die⸗ ſer neuen Gefahr unſeres Hauſes und des Vaterlandes zu begegnen? Die Gewalt Zawiſch's über den König iſt jetzt größer als je; vergebens habe ich mich bemüht, 191 ſeinem Einfluß entgegenzuarbeiten, ich konnte nie eine Unterredung mit meinem Bruder unter vier Augen erlangen.“ „Mir wird er eine ſolche Unterredung nicht verwei⸗ gern,“ verſetzte der Biſchof,„er ehrt die Kirche und ihre Diener. Ich werde ihm in's Gewiſſen reden, ich werde ihm die Binde von den Augen reißen und den Abgrund zeigen, an dem er wandelt. Ich habe ihn ſchon mehr als ein Mal auf den rechten Weg gebracht.“ „Alle Achtung vor Eurer Weisheit, hochwürdig⸗ ſter Herr,“ erwiederte der Herzog,„aber mir ſcheint doch, als wäret Ihr in Vegriff, in dieſem Falle nicht den richtigen Weg einzuſchlagen. Bis jetzt hattet Ihr es noch nicht mit einer Herzensgeſchichte dieſes eigenſinni⸗ gen Jünglings zu thun, eine ſolche aber dünkt mich eine ſehr behutſame Behandlung zu erfordern. Hört, wie ich gedachte, zuvörderſt den Einfluß Zawiſch's und der Witkowetziſchen Sippe auf den König zu brechen.“ Er theilte ihnen nun mit, was ſich in Mähren zugetragen und welches Vorhaben ihn eben auch zum König führe. „Gott ſegne Euer Vorhaben,“ ſagte der Biſchof, „es iſt jedenfalls gut, und ich will es mit meinem gan⸗ zen Einfluß beim König unterſtützen. Aber— wenn Ihr erlangt, was Ihr wollt, ſo bleibt der König ja erſt recht in der Gewalt der Verderber, falls es uns nicht gelänge, ihn gleichzeitig dem Netze der Buhlerin zu ent⸗ reißen.“ „Verſucht Euer Glück damit, hochwürdigſter Herr,“ entgegnete Nikolaus,„nur bitte ich Euch, mir vorher zur Erreichung meines Zweckes behülflich zu ſein, dann aber recht zart und behutſam zu Werke zu gehen.“ „Ich werde Euren Rath befolgen,“ verſicherte der Biſchof,„ſo geht uns denn voran zu Seiner Hoheit.“ „Es wird beſſer ſein, Ihr gehet erſt hinein,“ ſagte Nikolaus,„Euch wird er den Empfang nicht weigern, wie er mir ſchon öfter gethan; Ihr könnt erſt meine Sache befürworten; ich harre inzwiſchen im Vorzimmer, bis ich zum Vortrag meines Anliegens gerufen werde.“ Der Vorſchlag ward für gut befunden und alle Drei traten in den Palaſt. König Wenzel hatte ſich nicht lange erſt aus den Federn erhoben. Er ſaß noch gähnend und ſich dehnend in den Nachtkleidern in einem Lehnſtuhl an einem Fen⸗ ſter, das die Ausſicht nach Friedeburg hatte. Er war erſt ſpät in der Nacht, oder vielmehr gegen Morgen von dort nach Hauſe gekommen, und trug noch die Spuren langen Wachens und Zechens an ſich. Vor ihm auf⸗ geſchlagen, doch nur mit zerſtreuten Blicken überflogen, lag ein Brevier. Seine Gedanken weilten mehr bei der ſchönen Tochter Lescynski's, als bei der Mutter Gottes. 193 In dieſen Gedanken wurde er durch den Edelkna⸗ ben unterbrochen, welcher den Biſchof Tobias und Herrn Diepold von Rieſenberg anmeldete. Wenzel ſtampfte ärgerlich mit dem Fuße und mur⸗ melte:„Was wollen denn die ie in Brünn?“ Aber er wagte doch nicht, den hohen Diener der Kirche abzu⸗ weiſen. Er befahl dem Knaben, die Gemeldeten einzu⸗ führen. „Was führt deun Euch von Prag nach Brünn?“ Mit dieſen Worten trat er den Eintretenden entgegen. „Die gflichtſchuldige Sorge um das Wohl unſers königlichen Herrn und das Heil des Landes,“ antwor⸗ tete der Biſchof. „O mit denen hal's gute Wege,“ verſicherte der König;„es hat nie beſſer um ſie geſtanden, als eben jetzt. Seht mich nur an, bin ich nicht um Vieles dicker und brauner geworden, als ich in Prag war? Das macht die geſunde Luft und die Jagd.“ Der Biſchof und ſein Begleiter drückten ihre Freude über das körperliche Wohlbefinden des Königs aus, der Erſtere aber fügte hinzu:„Um ſo mehr muß jeder treue Unterthan beſorgt ſein, daß dieſes koſtbare Leben vor jedem Unheil bewahrt bleibe.“ Solche treue Unterthanen⸗ frage iſt es, die uns hierher führt. Euer theures Leben iſt in Gefahr— in zweifacher. Taura. Die Witkowetze 4l. 13 194 Wenzel ſtarrte den Sprecher an; endlich erwiederte er:„Gefahr? Mein Leben in Gefahr? Daß ich nicht wüßte!“. „Freilich wiſſet Ihr's nicht, weil man es Euch ge⸗ fliſſentlich verbirgt,“ behauptete der Biſchof. „Was denn verbirgt? Ich verſtehe Euch nicht—“ „Man verbirgt Euch, daß Aufruhr und Empörung vor den Thoren Brünn's raſen,“ erklärte der Biſchof. „daß ganz Mähren ein Herd gräulicher Unordnung iſt. Friedrich von Schönburg und der mächtige Gerhard von Obran haben ſich wieder erhoben und ziehen ſen⸗ gend und brennend, raubend und morden durch das Land—“ „Was geht das mich an?“ rief Wenzel aufath⸗ mend,„ſagt das meinem Stiefvater Zawiſch, der wird ſchon Ordnung machen.“ „Die Unordnung iſt nicht von heute und geſtern,“ nahm der Biſchof wieder das Wort,„und doch iſt noch nichts geſchehen, ihr zu ſteuern. Eure Hoheit, die rau⸗ chenden Trümmer der verbrannten Städte und Dörfer, das Wehklagen der Witwen und Waiſen, deren Verſor⸗ ger dem Mordſtahl der Empörer erlagen, ſchreien zum Himmel um Hülfe; ſoll das Geſchrei ungehört am Throne ſeines Stellvertreters verhallen? Mein könig⸗ 195 licher Herr, bedenket, daß Ihr Gott verantwortlich ſeid für jeden Tropfen unſchuldig vergoſſenen Blutes, der durch Eure Fahrläſſigkeit geppfert wird!“ „Wer ſpricht von Fahrläſſigkeit!“ fuhr Wenzel auf,„wer darf ſich erkühnen, mir Fahrläſſigkeit vorzu⸗ werfen! Ich weiß, was mir obliegt, und zum Zeichen, daß ich nicht läſſig bin in meiner Pflicht, will ich ſo⸗ gleich Herrn Zawiſch rufen laſſen und ihn in Eurer Ge⸗ genwart über das, was Ihr vorgebracht, zur Rede ſtellen.“ Das war allerdings nicht ganz im Sinne der bei⸗ den Herren; doch wußte der Biſchof ſchnell gute Miene zum böſen Spiel zu machen. „Es ſoll uns lieb ſein,“ verſicherte er,„in ſeiner Gegenwart unſern Bericht zu wiederholen und ihn aus ſeinem Munde vor Eurer Hoheit beſtätigen zu hören.“ Der König befahl hierauf einem Diener, Zawiſch aus ſeiner Wohnung herzubeſcheiden, und erſuchte die bei⸗ den Herren inzwiſchen abzutreten, damit er ſich anklei⸗ den könne. 2 Eine halbe Stunde ſpäter erſchien Zawiſch. Der König ließ den Biſchof und Diepold wieder hereinrufen und befahl erſterem ſein Anbringen zu wiederholen. Der Biſchof gehorchte. 13* 196 „Was ſagt Ihr dazu?“ fragte der König ſeinen Stiefvater, als der Biſchof geendet. „Einige ehertrehunß abgerechnet iſt Alles, was der hochwürdige Herr geſagt, wahr,“ gab Zawiſch zur Antwort;„doch hatte es nicht aufopfernden Fürſorge dieſer Herren bedurft, um Maßregeln gegen das Un⸗ weſen zu veranlaſſen. Dieſelben ſind längſt getroffen und ehe ein Monat vergeht, ſoll in Mähren die tiefſte Ruhe und Ordnung herrſchen.“ „Da hört Ihr,“ ſagte der König zu dem Biſchof und ſeinem Begleiter.„Ihr hättet Euch den weiten Weg erſparen können; wir werden mit den Rebellen ſchon fertig werden.“ „Mir ſcheint doch, als wenn ſich die Maßregeln des Herrn Zawiſch unnöthig in die Länge zögen,“ wandte der Biſchof ein.„Warum greift man nicht zu den nächſten Hülfsmitteln? Wahrſcheinlich ſammelt Herr Zawiſch erſt die nöthigen Streitkräfte aus den Leuten ſeiner Sippe; während eine zur Züchtigung der Empörer hinreichende Streitmacht nur des königlichen Winkes harrt, um ſofort an's Werk zu gehen?“ Der König ſah Zawiſch fragend an. „Zeiget mir doch die Zehntauſend, deren es bedarf, um die mächtigen Empörer niederzuwerfen!“ forderte Zawiſch den Biſchof auf. 8 197 „Herzog Nikolaus hat eine Streitmacht von zwei⸗ tauſend Mann, die er binnen drei Tagen in's Feld führen kann,“ erwiederte der Biſchof;„und er ſtellt ſich Eurer Hoheit mit ihnen freudig zur Verfügung,“ „Mit zweitauſend Mann iſt nichts gedient,“ er⸗ klärte Zawiſch;„es wird damit nichts erreicht, als eine Reihe von ſchwankenden Scharmützeln, ohne irgend welche Entſcheidung; während dem wächſt die Unord⸗ nung, der kraftlos geführte Kampf gegen die Rebellen, ermuthigt andere Mißvergnügte und am Ende durch⸗ bricht der Strom der Empörung alle Ufer und Dämme, daß er nur mit Aufbietung der ganzen Macht des Kö⸗ nigsreichs und ungeheuren Opfern von Gut und Blut bezwungen werden mag. An der Spitze von zehntauſend Mann will ich die Empörung in einem Zuge erſticken.“ „Das iſt das Richtige,“ meinte der König;„und keine halben Maßregeln! Ich bin kein Freund von hal⸗ ben Maßregeln. Will mein Herr Bruder Nikolaus ſich uns mit ſeinen zweitauſend Mann zur Verfügung ſtel⸗ len, ſo kann er ſich unſerer Streitmacht anſchließen. Beſſer ein paar Tauſend mehr als zu wenig. Ihr wer⸗ det Eure Sache ſchon machen, Vater,“ fuhr er zu Zawiſch gewendet fort,„Ihr ſeid ja ſchon mit mächtigeren Wi⸗ derſachern fertig geworden. Ich vertraue ganz Eurer — 198 Umſicht und Tapferkeit. Und nun, Ihr werthen Herren, will ich Euch nicht weiter bei mir aufhalten,“ Er verneigte ſich, und als der Biſchof noch einmal das Wort ergreifen wollte, machte er eine abwehrende Handbewegung und ſagte: „Ein andermal, Herr Biſchof— wenn ich wieder nach Prag komme. Habt Ihr noch in Staatsgeſchäften etwas vorzubringem ſo wendet Euch an meinen Herrn Vater.“ Damit kehrte er den Rücken und die Herren waren entlaſſen. Im Vorzimmer verabſchiedete ſich Zawiſch kurz von ſeinen beiden Gegnern, die ſich, als jener außer Sicht war, mit dem auf die Seite getretenen Herzog Nikolaus vereinigten und mit dieſem nach deſſen Woh⸗ nung begaben. Unterwegs theilten ſie ihm den Erfolg der Audienz mit.* „So mag er in ſein Verderben rennen!“ rief Nikolaus gereizt,„ich ziehe noch heute mit meinen Mannen ab.“ „Gemach!“ erwiederte der Biſchof;„um keinen Preis dürft Ihr das Feld räumen. Die Sachen ſtehen hier ſchlimmer, als ich geahnt. Was iſt die Gefahr der 199 Empörung gegen die Gefahr der Verführung und Ver⸗ derbniß unſers Herrn? Er iſt bereits zum willenloſen Werkzeug der Verderber geworden. Wir müſſen Alles aufbieten, ihn dieſen Händen zu entreißen.“ „Wie ſollen wir das anfangen?“ verſetzte der Her⸗ zog.„Der König hört ja auf keinen Menſchen mehr als auf dieſen Zawiſch und ſeinen Vetter und Spießgeſellen Smil. Ihr ſelbſt, ſonſt ſo hochgeehrt von ihm und im vollen Beſitz ſeines Vertrauens, fandet kein Gehör mehr bei ihm, wie Ihr eben erfahren, ehrwürdigſter Herr.“ „Was auf geradem Wege nicht geht, muß auf krummen verſucht werden,“ ſagte der Biſchof. „Davon bin ich eben kein Freund,“ erklärte der Baſtard;„doch ſagt an, was rathet Ihr zu thun?“ „Wir müſſen's uns überlegen,“ erwiederte der Biſchof. „Wenn es uns gelänge den König den Netzen der Buhlerin zu entreißen, würden wir wohl auch den Ein⸗ fluß der Witkowetze brechen,“ meinte Diepold von Rie⸗ ſenberg. „Die Buhlerin hat ſein Herz der Gemahlin ent⸗ fremdet,“ ſagte der Biſchof,„und ihm zugleich jede ernſte Beſchäftigung verleidet— das iſt offenbar. Gelänge es uns ihn von dieſer Umgarnung loszumachen, ſo würde ſich ſein Gemüth der Königin wieder zuwenden, — 200 er würde ſie heimholen und dann ſollte es mit der Macht der Verderber bald ein Ende nehmen. Aber wie ihn aus den Armen der Buhlerin reißen, an die er ſicher durch böſe Zauberkunſt gefeſſelt iſt?“ „So glaubt auch IZhr, hochwürdigſter Herr an die Zauberkunſt des Zawiſch?“ „Wer im Böhmenlande zweifelt daran, und kann daran zweifeln?“ entgegnete der Gefragte„Liegen nicht die ſonnenklaren Beweiſe zu Hunderten vor aller Welt Augen.“ „Dann läßt ſich auch ſchwerlich etwas gegen ihn thun,“ meinte der Herzog. „Auf natürlichem Wege ſchwerlich, da habt Ihr Recht,“ fiel Diepold ein; aber mir füllt ein, daß Za⸗ wiſch als Zauberer in Böhmen wohl ſeines Gleichen hat. Ihr habt doch von der Zauberin Ruſalka gehört, die im Walde auf dem Berge Witkow hauſte. Sie ſoll dem Zawiſch an Zaubermacht nichts nachgeben und ſeine ergrimmte Feindin ſein. Mit ihrer Hülfe ließe ſich wohl der Bann löſen, unter welchem der König liegt.“ „Der Vorſchlag läßt ſich hören,“ ſagte der Bi⸗ ſchof;„die Zauberin iſt zwar der heiligen Kirche ein Gräuel, und längſt zum Feuertode reif. Ohne die gott⸗ loſen Satzungen, welche Zawiſch im Lande Böhmen eingeführt, würde ſie auch der gerechten Strafe nicht 201 entgangen ſein. Indeß hat es der Himmel vielleicht ſo gefügt, daß ein Gottloſer durch den andern gerichtet werde. Zu Gottes Ehre mag man ſich eines ſo unwür⸗ digen Werkzeuges wohl bedienen. Es fragt ſich nur, wie ihr beizukommen.“ „Dafür laß mich ſorgen,“ verſetzte Diepold.„Es koſtet blos ein gut Stück Geld, um an ſie zu kommen; denn ſie iſt voll Habſucht.“ „Wohlan, übernehmt Ihr dies Geſchäft, ſobald wir nach Prag zurückkommen,“ meinte der Biſchof,„für einen Diener der Kirche dürfte es ſich nicht geziemen.“ „Verſucht Ihr Herren meinetwegen dieſen Weg,“ erklärte der Herzog;„vielleicht finde ich inzwiſchen einen andern aus, der uns raſcher zum Ziele führt.“ Die drei lenkten ihre Schritte zum Kloſter Obro⸗ witz, in welchem der Biſchof herbergte. Hier trennte ſich der Herzog von den Uebrigen und ging nach ſeiner Wohnung. An derſelben ſtieß er auf einen ſeiner Haupt⸗ leute, der ihn erwartet zu haben ſchien. „Es iſt nichts, treuer Henzi,“ ſagte Nikolaus zn dieſem;„wir müſſen unſere Schwerter in der Scheide roſten laſſen.“ „Das wäre ſchlimm,“ erwiederte der Hauptmann; „uuſere Leute werden ſchwierig— ſie ſehnen ſich nach 202— Arbeit, die ihnen etwas einbringt. Hier kommen ſie zu nichts und verlernen obendrein das Fechten.“ „Ich kann ihnen nicht helfen,“ ſagte Nikolaus; „ich war beim König und bot ihm unſere Hülfe an, er lehnte ſie ab— er will ſich blos von den Witkowetzen helfen laſſen.“ „Die Hölle ſoll ſie verſchlingen, die Wölfe!“ fluchte Henzi.„Sie bringen uns da wieder um ein ſchönes Stück Arbeit. Und Ihr wollt Euch das ſo ge⸗ fallen laſſen, gnädigſter Herr? Ihr, der nächſte Bluts⸗ verwandte des Königs, ſein leiblicher Bruder, Ihr wer⸗ det fort und fort von dieſem Hauptwolf, dieſem Heren⸗ meiſter Zawiſch verdrängt?“ „Was ſoll ich dagegen thun?“ entgegnete der Her⸗ zog.„Der König hört nicht auf mich, er iſt ganz und gar in der Gewalt des Hexenmeiſters. Wer bricht dieſe Gewalt?“ Henzi ſah den Herzog mit unheimlich funkelnden Augen an und ſagte dann: „Es gehört wohl nicht viel mehr dazu als ein ent⸗ ſchloſſener Muth.“ „Soll das ein Vorwurf für mich ſein?“ verſetzte Nikolaus:„wann hat es mir je an Muth und Ent⸗ ſchloſſenheit gefehlt?“ „Gewiß ſeid Ihr die Tapferkeit ſelbſt, gnädigſter S.——— 203 Herr,“ erwiederte der Hauptmann;„die Welt weiß da⸗ von zu erzählen. Aber große Herren ſind an gewiſſe Formen der Tapferkeit gebunden— wir Kleinen haben ein weiteres Feld. Ueberlaßt einmal mir das Geſchäft die Gewalt des Hexenmeiſters zu brechen. Wir Trop⸗ pauer haben ſo noch eine Rechnung mit den verdamm⸗ ten Witkowetzen abzumachen.“ „Was willſt du thun? Doch hoffentlich nichts wider Ehre und Landfrieden?“ fragte der Herzog. „Ihr fragt mich mehr, als ich zur Zeit noch be⸗ antworten kann;“ verſetzte Henzi. „Wenn es gelänge, den König von dem unheil⸗ vollen Einfluß der Witkowetze zu befreien, es wäre ein großer unberechenbarer Gewinn für den König, für mich, für das ganze Reich,“ ſprach Nikolaus wie im Selbſtgeſpräch, doch laut genug, daß es Henzi hören konnte, aus deſſen Augen wieder unheimliche Flammen ſprühten. Dieſer ergriff nach einer Pauſe das Wort und ſagte: „Ich weiß nicht mehr, wie ich meine Schaar zu⸗ ſammenhalten ſoll. Die Leute werden mit jedem Tage mißvergnügter.“ „Ich will ihren Sold erhöhen,“ fiel ihm Nikolaus in's Wort. „Ihr ſeid ſehr gütig,“ erwiederte Henzi;„aber 204 dadurch würden die Leute uur halb beſchwichtigt. Ihr vergeßt, daß ſie ſich tief gekränkt fühlen durch die ihnen in ihren tapferſten Kameraden angethane Schmach. Sie dürſten nach Genugthuung.“ „Ich habe ſchon erklärt, daß dieſe auf gelegenere Zeit verſchoben werden muß,“ ſagte Nikolaus. „Wir könnten uns Genugthuung, und dem König Erlöſung aus den Banden der Witkowetze mit Einem Schlage verſchaffen,“ ließ ſich Henzi vernehmen. Nikolaus ſah den Sprecher mit großen Augen an. „Du meinſt wohl einen Handſtreich?“ ſagte er nach einer Weile—„daran habe ich auch ſchon gedacht, wir ſind jetzt in der Mehrheit und leicht wäre es die Witkowetze zu überwältigen. Allein das geht nicht, der verwünſchte Vertrag bindet mir die Hände.“ „Das meine ich ja,“ erklärte Henzi.„Ihr für Eure Perſon könnt nichts thun, darum bitte ich Euch, überlaßt mir das Geſchäft.“ „Du willſt—“ „Ich will nichts, darum Ihr irgend wiſſet— ich würde Euch rathen, Euch auf ein paar Tage ganz von Brünn zu entfernen—“ „Aber Ihr habt doch nichts wider Ehre und Ge⸗ wiſſen vor?—“ „Wir wollen dem König, dem Vaterland und un⸗ 205 ſern gnädigſten Gebieter einen guten Dienſt erweiſen. Wenn Ihr in drei Tagen nach Brünn zurückkehret, ſoll Euch Niemand den Zutritt zum König mehr ver⸗ ſperren.“ „Du warſt mir immer ein treuer Diener und ta⸗ pferer Kriegsmann,“ ſagte Nikolaus;„Du wirſt nichts thun, wodurch meine Ehre und des Landes Wohl ge⸗ fährdet wird. Ich gehe morgen früh nach Auſpitz, was nur drei Meilen von hier entfernt iſt. In drei Tagen bin ich wieder hier.“ Damit entließ er den Hauptmann. Dieſer nahm ſeinen Weg nach einer Weinſchänke, welche der Wohnung Zawiſch's gegenüberlag. Hier nahm er, nachdem er einen Krug Ungariſchen verlangt, in einer tiefen Fenſterniſche Platz, und faßte die Woh⸗ nung des Hauptes der verhaßten Witkowetze ſcharf in's Ange. Etwa nach einer Stunde, als die Schatten der Häuſer bereits die ganze Gaſſe bedeckten, führte ein Knecht ein ſtattliches Roß drüben vor und alsbald er⸗ ſchien Zawiſch vor dem Hauſe, ſchwang ſich auf's Roß und ritt langſam die Straße entlang, den Vorüberge⸗ henden, die ihn ehrerbietig grüßten, ihre Grüße freund⸗ lich erwiedernd. „Es iſt doch ein lieber, leutſeliger Herr, der Herr 206 Zawiſch von Falkenſtein,“ bemerkte der Weinſchänk, der neben Henzi an's Fenſter getreten war—„das ärmſte Mütterlein grüßt er liebevoll, als wäre ſie Seinesglei⸗ chen, und er iſt doch der Erſte nach dem König und wohl eigentlich der wahre König.“ „Das iſt der mächtige Zawiſch von Falkenſtein,“ ſagte Henzi ſcheinbar verwundert;„und der reitet ſo allein, ohne Gefolge?“ „Jo, auch darin zeigt er, daß er keinen Stolz hat,“ antwortete der Schänk;„er reitet faſt immer allein aus.“ „Es iſt ſchon hoch am Tage,“ bemerkte Henzi; „er wird da nicht weit reiten können.“ „Das thut er auch nicht,“ erwiederte jener;„er reitet nur ein Stücklein vor die Stadt hinaus. Das iſt ſeine tägliche Erhohlung. Der gute Herr hat gar viel zu thun, den Alles liegt auf ihm, da der König ſich um nichts kümmert, was ihm eigentlich zukommt. Alle Tage um dieſe Stunde reitet Herr Zawiſch ein wenig vor's Thor.“ „Und reitet er immer in dieſer Richtung?“ fragte Henzi. „Der Weg zum Olmützer Thor hinaus iſt der an⸗ muthigſte,“ antwortete der Wirth;„da reitet er auf der Ebene hin und iſt bald im ſchönen grünen Wald, und 207 die Waldluft thut Einem, der immer in der Stube hocken muß, gar wohl. Es gibt nichts Stärkenderes als die Waldluft.“ Ein neuer Gaſt rief den Wirth hinweg. Henzi trank ſeinen Krug aus und verließ die Schänke, bald auch durch das Znaimer Thor, Brünn ſelbſt. Als Zawiſch am folgenden Tage ſeinen gewöhnli⸗ chen Spazierritt vor das Olmützer Thor unternahm, lockte ihn das wunderbar ſchöne Wetter etwas weiter als ſonſt. Vor einer Anhöhe ſtieg er vom Pferde und leitete es am Zügel. Wie oft, wenn er ſo allein im Freien war, ließ er Bilder vergangener Tage an ſeiner Seele vorüberglei⸗ ten, worunter das ſeiner abgeſchiedenen Gemahlin na⸗ türlich den erſten Rang einnahm. Aber auch das Bild Ruſalka's trat manchmal vor ſein inneres Auge. Und jetzt, als eben ſein leibliches Auge durch das dunkle Grün der Tannen auf eine vom Strahl der Abendſonne vergoldete Blutbuche fiel, war es ihm, als ſähe er wie⸗ der wie damals, wo ſich ihm Ruſalka als Mörderin ſeiner Gemahlin offenbart, ihren blutrothen Schleier ſchimmern und ihr Bild ſtand lebhaft vor ihm. Im nächſten Augenblick vernahm er ein Geräuſch, fühlte er einen kräftigen Stoß im Rücken— er wandte ſich ha⸗ 208 ſtig um und ſah vor ſich drei Männer, deren einer einen abgebrochenen Dolch in der Hand hielt, während die andern eben mit ähnlichen Waffen nach ihm ſtießen. Dank Ruſalka's kunſtvollem Panzerhemde, das er trug, glitten dieſe Mörderwaffen unſchädlich ab, wie die erſte daran zerbrochen war, und nun hatte Zawiſch Zeit ſein Schwert zu ziehen, es blitzſchnell auf die Schädel der Meuchelmörder niederſchmettern zu laſſen, zwei von ihnen zu erlegen, den dritten aber zu entwaffnen, zu feſſeln und an den Schweif ſeines Roſſes zu binden. So führte er den Elenden nach der Stadt, in die er nun alsbald zurückkehrte. Dieſer Meuchelmordverſuch auf den vom Volke allgemein hochverehrten Mann verurſachte ungeheure Aufregung in der mähriſchen Hauptſtadt. Der gefangene Mörder wurde als einer von jenen Troppauern erkannt, welche wegen Landfriedenbruchs ausgepeitſcht worden waren, und dadurch erwachte wie⸗ der die alte Erbitterung gegen die Troppauer. Der Kö⸗ nig ſelbſt gerieth in eine an Wuth grenzende Aufregung über den Frevel und ſo bedurfte es kaum der Beſchwerde des Brünner Magiſtrats, um den König dazu zu be⸗ wegen, daß er dem Herzog Nikolaus befahl, ſeine ge⸗ ſammte Mannſchaft zu entlaſſeu, ſich ſelbft aber ſtracks 209 in ſein Herzogthum Troppau zu verfügen und ſelbiges ohne ſeine Erlaubniß nicht wieder zu verlaſſen. Murrend gehorchte Nikolaus dieſem Befehl, ſeinen Hauptmann Hentzi mit ſich nehmend und der gerechten Strafe, die ihm im Verlauf der gegen den Mörder ein⸗ geleiteten Unterſuchung als Anſtifter drohte, entziehend. Wirklich geſtand der Gefangene ſehr bald, daß der Hauptmann ihn und ſeine bereits vom Tode ereilten Spießgeſellen gedungen hatte. Doch hatte dies Geſtändniß nicht die von ihm ge⸗ hoffte Wirkung für ihn; König Wenzel ließ ihn ohne Gnade henken, nachdem ihm vorher die rechte Hand ab⸗ gehauen worden. Von einer noch grauſameren Beſtra⸗ fung rettete ihn nur Zawiſch's warme und entſchiedene Verwendung!“ — Taura. Die Witkowetze. H. 14 Neuntes Capitel. Wenn die Feinde Zawiſch's in Brünn wenig ge⸗ gen ihn ausrichteten, ſo gewannen ſie in ſeiner Abweſen⸗ heit deſto mehr Boden in Prag. Schon das lange Fernbleiben des Königs erregte Mißſtimmung unter den Bürgern, und es gab nicht we⸗ nige, die ſeinen allmächtigen Stiefvater dafür verant⸗ lich machten. Die Gewerbe ſtockten etwas in Folge eingetretener Theuerung, um ſo fühlbarer war vielen Gewerbsleuten der gänzliche Stillſtand der Hofkundſchaft. Die Feinde des Zawiſch's ſäumten nicht dieſe Mißſtimmung zu nähren. Von ihnen war beſonders Bohuslaw von Klingen⸗ berg in dieſer Richtung thätig. Er war reichlich mit habs⸗ burgiſchem Golde verſehen und machte bei verſchiedenen 211 Gewerbsleuten Beſtellungen für die Königin Guta auf deren bevorſtehende Hofhaltung in Prag hin. Dabei bot er den Leuten Vorſchüſſe, die manchen in der gegenwär⸗ tigen Lage wohl zu ſtatten kamen. So ſehen wir ihn eines Tages in den Laden eines Zinngießers gegenüber dem Tenyhofe treten. Der Zinn⸗ gießer, Namens Pſtroß, war unter ſeinen Mitbürgern wohl angeſehen; er beſaß ein ſtattliches Haus, war Ober⸗ meiſter ſeiner Zunft und ſeine Werkſtatt war die größte in ganz Böhmen. Meiſter Pſtroß lehnte verdrießlich hinter ſeinem Ladentiſch und betrachtete prüfend eine Weinkanne, welche ein Lehrling aus der anſtoßenden Werkſtatt herausge⸗ bracht hatte, als Bohuslaw von Klingenberg in den La⸗ den trat. „Gott grüß' Euch, Meiſter, wie geht's?“ redete der Eintretende jenen an. „Ich dank' Euch, edler Herr, für die Nachfrage,“ erwiederte der Meiſter—„alle Tage mehr vom Beutel geht's; eine ſolche Zeit hab' ich noch nicht erlebt, es iſt, als ob alle Welt ſich verſchworen hätte, nicht me Zinn zu ſpeiſen oder aus Zinn zu trinken.“ „Ich höre andere Gewerbsleute aber auch klagen,“ die, wie Ihr, hr von entgegnete Bohuslaw;„namentlich ſolche, 212 mehr für die Reichen und Vornehmen arbeiten, insbe⸗ ſondere für den Hof. Es iſt ja zur Zeit kein Hof in Prag und mit ihm fehlt der ganze reiche und hohe Adel. Denn die paar Witkowetze, die hier hauſen, machen den Kohl nicht fett.“ „Und doch müſſen wir froh ſein, daß wir wenig⸗ ſtens die noch hier haben,“ fiel Pſtroß ein.„Sie kaufen doch manches ſchöne Stück, das andere nicht kaufen kön⸗ nen. Seht da den Weinkrug, der wegen ſeiner künſtlichen Arbeit nicht wohlfeil iſt, liefere ich in Roſenhaus.“ „Laßt ſehen,“ ſagte Bohuslaw, und nahm den Krug aus der Hand des Meiſters, die reiche Arbeit des Grab⸗ ſtichels in dem ſilberweißen Metall mit Aufmerkſamkeit betrachtend. Er ergoß ſich in Lobeserhebungen darüber und fügte dann hinzu: „Dieſen Krug kaufe ich Euch auch ab, Meiſter.“ Dieſer erklärte, daß der Krug von Herrn Witek von Krumau für das Roſenhaus beſtellt ſei und er die Ab⸗ lieferung heute verſprochen habe. „Das iſt ſchade,“ ſagte Böhuslaw,„das wäre ein ſchönes Stück für den Haushalt unſerer jungen Königin geweſen. Doch Ihr fertigt mir wohl einen andern ſolchen Krug— mit etwas andern Schildereien, dazu ein Dutzend große Bratenſchüſſeln mit allerhand ſchönen Bildern, deren Wahl ich Euch überlaſſe. Auch ein Dutzend Salz⸗ füßchen und ſechs Dutzend wohlverzierte Teller wollet Ihr nicht vergeſſen. Macht Eure Sache gut, Meiſter, unſere junge Herrin iſt eine feine Kennerin der Kunſt.“ „So werden wir die hohe Frau bald bei uns ha⸗ ben?“ fragte Meiſter Pſtroß, mit glänzendem Geſicht. „So Gott will, ja,“ gab der andere zur Antwort. „Der König ſehnt ſich ſein Gemahl bei ſich zu haben, und Frau Guta ſelbſt wünſcht in ihrem lieben Böhmen zu ſein. Es kommt nur noch auf den Vater an, daß er ſie ziehen läßt, und er wird den vereinten Bitten des jun⸗ gen Paares nicht wiederſtehen. Vielleicht kehrt der Kö⸗ nig ſchon jetzt an ihrer Seite zurück. „Das wäre ein Glück,“ meinte Pſtroß;„da käme doch wieder ein ordentliches Hofleben nach Prag, da könn⸗ ten ſich die Gewerbe wieder erholen, die ſeit des ſeligen Königs traurigem Ende nur ein ſieches Daſein gefriſtet. Wenn ich der Zeiten gedenk', wo der große König noch lebte— was war das für ein Leben in Prag! Wie blüh⸗ ten da die Gewerbe! Es gab ja in der ganzen Welt kei⸗ nen Hof ſo prächtig wie der Hof König Otokars. Da riſſen die Beſtellungen für den Hof nicht ab. Dazu kam der reiche Adel, der ſich damals zahlreich um den Hof verſammelte, was ließ der nicht hier aufgehen! Ach, man darf an die Zeiten gar nicht denken— ſie kehren wohl niemals wieder.“„ „Warum ſollen ſie nicht wieder kehren!“ entgeg⸗ nete Klingenberg—„laßt nur erſt die rechte Ordnung im Lande wieder hergeſtellt ſein. Jetzt iſt ja Alles auf den Kopf geſtellt, der Diener iſt König, und der König lebt in unwürdigem Gehorſam, der größte Theil des Adels mag die Verwirrung nicht mit anſehen und lebt deshalb fern von der hofloſen Hauptſtadt auf ſeinen Gü⸗ tern. Das wird anders werden, wenn das Land wieder eine Königin hat, eine Königin, die königlich denkt und königlich zu leben weiß, die nicht dulden wird, daß freche Diener ſich über den König erheben und die Krone um ihren Glanz betrügen. Eine ſolche Königin iſt Guta, die Tochter des unüberwindlichen Kaiſers Rudolf—“ „Dem wir freilich nicht viel Gutes zu danken ha⸗ ben,“ fiel der Zinngießer ein;„denn er hat unſer Land tief gedemüthigt, uns unſern großen König geraubt, die Brandenburger, die wie die ſchwere Noth auf uns lagen, uns auf den Hals geſchickt, und das fette Oeſterreich von der Krone Böhmens losgeriſſen.“ „Konnte Kaiſer Rudolf als Oberhaupt des deut⸗ ſchen Reiches anders?“ erwiederte Klingenberg.„Er hatte auf ſeines Reiches Nutzen zu achten, nicht auf Böh⸗ mens Vortheil. Er mußte dem Reiche wiedergewinnen, 215 was Olokar vom Reiche genommen, das war ſeines Am⸗ tes. Hätte Otokar obgeſiegt, ſo hätte ihm Rudolf Oeſter⸗ reich wohl laſſen müſſen. Das Kriegsglück entſchied für Rudolf— wer will mit ihm deshalb rechten? Laßt uns rechten mit Denen, welche die Niederlage unſeres gro⸗ ßen Königs verſchuldet, mit den landesverrätheriſchen, meuteriſchen Witkowetzen— Eben ging ein Diener des Sechsmänneramtes vor dem Laden vorbei. Pſtroß erblickte ihn und er bedeutete dem Herrn von Klingenberg ängſtlich, zu ſchweigen. „Die haben ihre Augen und Ohren überall,“ fügte er hinzu. „Es iſt weit gekommen in Böhmen,“ verſetzte Bo⸗ huslaw nach einer Pauſe,„daß man kein freies Wort mehr reden darf, daß die Gedanken unter Botmäßigkeit ſtehen und jedes Wort verpönt iſt, das den Witkowetzen mißfüllt. Eine ſ olche Herabwürdigung des Böhmervolkes hat noch nie ſtattgefunden ſeit den Tagen Kroks.“ „Doch hat das Sechsmänneramt auch ſein Gutes,“ wandte der Zinngießer ein,„der Bürger lebte noch nie ſo ſicher in Ruhe und Frieden wie jetzt ſeit Herr Zawiſch dieſe löbliche Einrichtung getroffen.“ Der Kligenberger wußte nicht ſogleich zur Entkräf⸗ tigung dieſes Einwandes zu erwiedern. Nach einer Weile ſagte er: „Laſſen wir das Vergangene vergangen ſein, und wenden wir unſern Blick der Zukunft zu. Hoffen wir, daß wir bald wieder eine anſtändige Hofhaltung in Prag bekommen, daß die Gewerbe wieder blühen. Frau Guta iſt eine große Freundin der Gewerbe und wird, da ſie auch einen prächtigen Haushalt liebt, den hieſigen Ge⸗ werbsleuten viel zu verdienen geben.“ „Sie iſt aber eine Deutſche,“ warf der Meiſter ein; „wird ſie nicht Alles den deutſchen Gewerken zuwenden?“ „Frau Guta iſt weiſe,“ antwortete der Klingen⸗ berger;„ſie weiß, daß ſie Königin von Böhmen iſt und es mit den Landeskindern halten muß. Sie hat mir es ausdrücklich zur Pflicht gemacht, die Beſtellungen, die ſie mir aufgetragen, nur bei czechiſchen Meiſtern zu ma⸗ chen.“ „Gott ſegne ſie,“ erwiederte der Meiſter;„ſo wird ſie auch die Liebe eines dankbaren Volkes gewinnen, und ſie wird ſehen, daß wir Czechen unſer Handwerk ſo gut verſtehen wie die Deutſchen. Möge nur der Tag bald kommen, wo wir ſie in unſern Mauern willkommen hei⸗ ßen können! Das Geſchäft iſt jetzt gar zu lahm; ein Hof, der was aufgehen läßt, thut uns noth.“ Bohuslaw von Klingenberg verabſchiedete ſich jetzt, um, wie er ſagte, noch mehrere Beſtellungen für die Kö⸗ nigin Guta zu machen. 217 Pſtroß rief ſeinen Lehrling und befahl ihm den neu⸗ gefertigten Weinkrug in das Roſenhaus zu tragen und dem Haushofmeiſter Jodok zu übergeben. Dann ſteckte er ſeine grüne Werkſchürze halb in die Höhe, ſetzte ſeine Kappe auf und ging in den benachbarten Schwertfeger⸗ laden, wo er der anweſenden Meiſterin erzählte, welches Glück ihm eben wiederfahren und welche ſchöne Ausſich⸗ ten für den allgemeinen Geſchäftsgang in Prag vorhan⸗ den wären. Aber damit begnügte ſich Pſtroß noch nicht, er be⸗ eilte ſich die troſtreiche Botſchaft noch in. manche ſtille Werkſtatt zu bringen; und wie ein Lauffeuer verbreitete ſich die Nachricht von dem baldigen Einzug des königli⸗ chen Paares in der ganzen Stadt und erfüllte die ver⸗ zagten Herzen der Gewerbetreibenden mit frendiger Hoff⸗ nung. 3 Deſto größer war die Niedergeſchlagenheit und Miß⸗ ſtimmung, als nach einigen Tagen der Biſchof Tobias von Brünn zurückkehrte und ſtatt einer Beſtätigung der frohen Nachricht gerade das Gegentheil davon mitbrachte. Bald hieß es in der ganzen Stadt, der König ſei weiter als je, davon entfernt, ſein Gemalin heimzuholen, denn er ſei in die Netze einer Buhlerin verſtrickt, in deren Armen er die angetraute Gattin und die Pflichten des Regen⸗ ten ganz vergeſſe, das ſei aber das Werk ſeines Stief⸗ 218 vaters, der den König durch Zauberwerk mit dieſer un⸗ ſeligen Leidenſchaft erfüllt habe, um ſich nur länger in der Herrſchaft zu behaupten. Dazu kam die ebenfalls von dem Biſchof verbrei⸗ tete Nachricht von verderblichen Unruhen in Mähren, welche der Herzog Nikolaus mit leichter Mühe habe dämpfen können, aber durch Zawiſch zu dämpfen ver⸗ hindert war, dem ſei um nicht etwa einiges Anſehen bei dem König zu gewinnen. So greife die Empörung im⸗ mer weiter um ſich und bedrohe ſelbſt Böhmen, ohne daß etwas dagegen gethan werde. Das Volk iſt nur zu leicht geneigt, mißliche Zeit⸗ verhältniſſe, wenn irgend möglich, gewiſſen Perſonen bei⸗ zumeſſen und das durch jene verurſachte Unbehagen in Groll und Unmuth gegen dieſe auszulaſſen. So iſt es heute, ſo war es immer, ſo war es auch damals in Prag. Das vergangene Gute, das man Zawiſch zu dan⸗ ken hatte, war über dem gegenwärtigen Schlimmen, deſ⸗ ken Druck man empfand und das Zawiſch verſchuldet haben ſollte, ſchnell vergeſſen, und der vor Kurzem noch ſo allgemein verehrte Mann ward der Gegenſtand faſt eben ſo allgemeiner Verwünſchungen. Dagegen konnte auch das Sechsmänneramt nichts thun, denn wenn es auch einige all zu laute Schreier zur 2¹9 Verantwortung und ſelbſt zur Strafe zog, ſo wurd da⸗ durch doch die Quelle der Unzufriedenheit nicht verſtopft. Das fühlte auch der Oberſtburggraf Hroznata, welcher dem Sechsmänneramte jedes Vorgehen gegen ſolche Schreier unterſagte und lieber auf Belehrung des Vol⸗ tes über die Grundloſigkeit der ausgeſtreuten Gerüchte hinwirkte. Mit großer Befriedigung nahmen Zawiſch's Feinde die unter der Bürgerſchaft überhand nehmende Unzufrie⸗ denheit war. Bohuslaw von Klingenberg ſandte im Ein⸗ verſtändniß mit dem Biſchof Tobias Boten an die Schwä⸗ ger des Königs Burkhardt von Janowitz und Bawor von Strackonitz, und lud ſie ein, eiligſt nach Prag zu kom⸗ men.— Mittlerweile verſäumten jene Beiden nichts, um die Unzufriedenheit gegen Zawiſch und die Witkowetze über⸗ haupt zu erhöhen und die Sehnſucht des Volkes nach den goldenen Tagen, welche die junge Königin über Böh⸗ men, zumal über Prag heraufführen wollte, bis zur Un⸗ geduld zu ſteigern. Burkhardt von Janowitz und Bawor von Stracko⸗ nitz fanden ſich gleichzeitig mit Diepold von Rieſenberg, der von Brünn aus einen Abſtecher auf ſeine Güter ge⸗ macht hatte, in Prag ein. 220 Um die Aufmerkſamkeit des Sechsmänneramtes nicht auf ſich zu lenken, hielten ſie ſich möglichſt verbor⸗ gen und kamen nur des Nachts bei Diepold zuſammen. In einer ſolchen Zuſammenkunft theilte Dieopold keinen Genoſſen mit, daß das Mißvergnügen mit der witkowetziſchen Herrſchaft unter der Bürgerſchaft den höchſten Grad erreicht habe und daß es nur eines An⸗ ſtoßes bedürfe, um es in helle Flammen ausbrechen zu laſſen. „Wir müſſen dieſe Stimmung nützen—“ fügte er hinzu—„eine ſo günſtige Gelegenheit zum Sturz der Feinde kommt vielleicht nicht wieder. Nichts iſt jetzt leichter als ein Handſtreich gegen die Verhaßten. Wir erregen einen Volksaufſtand, ſtellen uns an die Spitze einer Schaar kühner Männer, bemächtigen uns der gan⸗ zen witkowetziſchen Sippe in Prag, beſetzen ihre Aemter mit unſern Leuten, laſſen jenen als Verräthern den Pro⸗ zeß machen und rufen den Kaiſer an, daß er uns unſere rechtmäßige Königin zur Verweſung des Reiches ſende.“ Dee Vorſchlag gefiel den Uebrigen und man kam überein ihn in Ausführung zu bringen. Bawor brachte zur Sprache, daß ſich ſchwer genng geeignete Herren in Prag finden würden, um alle zur Erledigung gelangenden Reichsämter zu beſetzen. Ihrer, die hier beiſammen waren, waren nur vier, und man brauchte ihrer wenigſtens ſieben. Diepold von Rieſenberg wußte Rath; er erinnerte daran, daß ja die Herren Sezema von Kraſſow und Zbiſlaw Zagje von Trebaun in Folge ihrer Niederlage als Gefangene im„weißen Thurm“ ſchmachteten. Man brauche ſie nur zu befreien, um noch zwei ſehr tüchtige und zuverläßige Beamte zu gewinnen und der ſiebente finde ſich vielleicht in der Perſon Hyneks von Lichten⸗ burg, den er gelegentlich mit aufgeſucht und keineswegs mehr witkowetziſch geſinnt gefundeu habe wie er, Diepold, wohl vorausgeſehen, da doch allein Frau Kunigunde der Magnet geweſen, welcher Herrn Hynek auf jene Seite gezogen. Man könne dieſen jeden Tag in Prag erwarten und gewiß werde er nicht zögern ſich ihnen anzuſchließen. Auf Bawors Vorſchlag wurde beſchloſſen Herrn Hyneks Ankunft abzuwarten. Inzwiſchen ſolle Herr Bohuslaw von Klingenberg wie bisher allein mit den mißvergnügten Bürgern ver⸗ kehren und den Aufſtand vorbereiten. Der Verkehr, welchen Bohuslaw mit Pſtroß und einigen andern Handwerksmeiſtern unterhielt, war dem wachſamen Auge des Sechsmänneramtes keineswegs entgangen. Aber gerade dieſer Verkehr wurde von ihm am we⸗ nigſten beargwöhnt, denn die erwähnten Meiſter galten allgemein für ruhige, ordnungliebende Bürger, und in der That verhielten ſich gerade dieſe ſcheinbar am ruhig⸗ ſten in der ſonſt allgemein wahrnehmbaren Aufregung, deren Hauptſitz man in den leichtbeweglichen niederſten „Volksklaſſen ſuchte. Zwei Augen nur gab es, die heller ſahen als die ſonſt ſo geübten Augen des Sechsmänneramtes— das waren die Augen Ruſalka's. Dieſe verließ jetzt öfter als ſonſt ihre einſame Behauſang. Täglich ſah man ſie, ihr Knäblein auf der Hand führend oder auf dem Arm tragend, in den Straßen von Prag. Wo ſie ſich zeigte, blieben die Leute ſtehen, und wenn ihr auch viele ſcheu auswichen, ſo ſahen ſie ihr doch aus der Ferne nach, bis ſie ihren Blicken entſchwand, indem ſie entweder in irgend ein Haus ging oder um ein Ecke bog. Seit einiger Zeit ſah man ſie täglich über den Ring nach dem Teynhofe, wo das Sechsmänneramt ſeine Sitzun⸗ gen hielt, gehen. Dem Meiſter Pſtroß war dies aufgefallen, und er hatte ſelbſt gegen den einen oder andern ſeiner Nachbarn ſein Befremden darüber geäußert. Was konnte die arge — Zauberin auf dem Sechsmänneramte zu thun haben? Was konnte dieſes mit ihr zu ſchaffen haben? Eigentlich meinte Meiſter Pſtroß, müſſe das Sechsmänneramt die verrufene Perſon mit dem Staupbeſen aus der Stadt bringen. ₰ Als Ruſalka eines Morgens wieder nach dem Teyn⸗ hofe ſchritt, ſagte Pſtroß zu ſeinem nächſten Nachbarn, dem Schwertfeger: „Da geht die Hexe ſchon wieder zu den Sechsmän⸗ nern. Und feht nur, wie hoffärtig ſie einhergeht. Trägt ſie das Haupt nicht wie eine Fürſtin? Und brüſtet ſie ſie ſich nicht mit dem Bankert auf dem Arm wie eine rechtſchaffene Mutter? Es iſt eine Schande für unſere Stadt, daß ein ſolches Geſchöpf ſo frei umhergehen darf, daß diejenigen, die auf Zucht und gute Sitte ſehen ſol⸗ len, mit ihr verkehren wie mit Ihresgleichen.“ „Das würdige Sechsmänneramt braucht ſeine Zu⸗ träger,“ meinte der Schwertfeger—„dazu geben ſich nicht immer ehrliche Leute her, zumal in Zeiten wie die jetzigen. Es iſt gewiß kein ehrlicher Menſch in Prag, der dem Sechsmänneramt was verräth, was im Werke iſt. Es hat aber wohl eine dunkle Ahnung, daß es nicht ganz richtig iſt, und da muß nun ſolch' loſes Geſindel, muß ſelbſt eine ſo verruchte Hexe zur Späherin dienen.“ 224 „Iſt aber doch umſonſt,“ fiel Pſtroß ein;„es iſt kein Verräther unter uns; wir haben jeden, den wir in das Geheimniß gezogen, zuvor auf das Krenz ſchwören laſ⸗ ſen, daß er die ſtrengſte Verſchwiegenheit beobachte.“ „Mich wandelt aber doch allemal ein Grauen und Zagen an, wenn ich die Hexe nach dem Teynhofe wan⸗ deln ſehe,“ bekannte der Schwertfeger, „Wenn ſie etwas wüßte, hätte fie es längſt verra⸗ then,“ erwiederte Pſtroß,„und dann wäre das Sechs⸗ männeramt ſicher eingeſchritten. Sie mögen ſich drüben mit einander die Köpfe zerbrechen, es wird ihnen nichts helfen— morgen Abend, wenn die Glocke neun ſchlägt, geht's los.“ „Gott gebe einen guten Ausgang,“ ſchloß der Schwertfeger;„wir wollen ja nichts Böſes, wir wol⸗ len ja die Böſen ſtürzen und die rechte Ordnung wieder herſtellen—“ „Ja, und Handel und Wandel wieder blühen ma⸗ chen,“ fügte Pſtroß hinaus hinzu—„Gott wird uns ſchon helfen.“ Während die beiden Männer noch ſo redeten, ſtand Ruſalka vor dem Sechsmänneramt und ſprach: „Ich komme heute zum letzenmal an dieſe Stelle und rufe; das Land iſt in Gefahr! Ich bin täglich zu 225 Euch gekommen und habe den Ruf wiederholt, Ihr habt nicht gehört— ſo hört mich heute! heute iſt es noch Zeit, den glimmenden Funken in der Aſche zu erſticken— mor⸗ gen vielleicht nicht mehr!“ Der Vorſitzende der Sechsmänner, Prohaska, er⸗ wiederte: „Das Sechsmänneramt wacht und bedarf der Hunde nicht, die für uns wachen. Auch iſt deine Warnung viel zu allgemein und unbeſtimmt, als daß ſich darauf hin etwas verfügen ließe. Wenn du nichts Beſtimmtes an⸗ zugeben weißt, ſo können wir uns auf dein Geſchwätz nicht einlaſſen.“ „Wenn der hier wäre, ohne den Ihr nicht hier ſä⸗ ßet,“ verſetzte Ruſalka mit würdevoller Ruhe,„ſo würde meine Stimme wohl Gehör finden. Ihr wollt etwas Be⸗ ſtimmtes hören— wohlan, ſo hört: Sendet auf der Stelle Eure Boten und Diener aus und laſſet verhaften vor Allem den Herrn Bohuslaw von Klingenberg, die Herrn Bawor von Strackonitz und Burkhardt von Ja⸗ nowitz, Herrn Diepold von Rieſenberg und den Biſchof Tobias von Bechin— bringt Ihre dieſe bis zur Rück⸗ kunft Eures Herrn, des großen königlichen Wladyken, in ſichern Gewahrſam, ſo bürge ich mit meinem Kopfe für die Ruhe von Prag und ganz Böhmen!“ Taura. Die Witkowetze. II. 226 Prohaska.„Wir ſollen ſo hohe, edle Herren, ſollen ſogar den hochwürdigſten Oberhirten unſerer Kirche in Haft nehmen, ohne daß wir wiſſen warum, ohne daß eine be⸗ ſtimmte Anklage gegen ſie vorliegt? Haſt du eine ſolche vorzubringen?“ „Ich bin keine Anklägerin,“ entgegnete Ruſalka, „ſondern nur eine Warnerin. Ich weiß, daß das Land in der äußerſten Gefahr ſchwebt, und daß die zeitweilige Verhaftung der genannten Männer, zu welchen Ihr vielleicht noch den Zinngießermeiſter Pſtroß fügen könnt, hinreicht, die Gefahr abzuwenden. Ich beſchwöre Euch bei dem Wohl Eures Vaterlandes, und bei dem Heile ſeines großen Wohlthäters, hört auf meine Stimme, folgt meinem Rathe, aber ohne Säumen, auf der Stelle — morgen iſt es vielleicht zu ſpät!“ Sie ſprach dies mit ſo ergreifendem Tone und fei⸗ erlich ernſtem Geſichtsausdruck, daß die vor ihr ſitzenden Herren doch davon bewegt wurden, und einander bedeu⸗ tungsvoll anblickten.. Nach einigem Nachdenken ergriff der Vorſitzende wieder das Wort und ſagte zu Ruſalka: „Tritt jetzt ab— wir werden deine Worte reiflich in Erwägung ziehen. Jedenfalls wird das Sechsmän⸗ neramt ſeine Wachſamkeit verdoppeln und insbeſondere „Dein Begehren grenzt an Wahnwitz,“ erklärte 9 227 die von dir nahmhaft gemachten Herren ſcharf in's Auge faſſen. Wenn du aber etwas Beſtimmtes von ihnen weißt, eine Verſchwörung, einen Anſchlag gegen die öffentliche Ordnung, ſo iſt es deine Pflicht uns davon Anzeige zu machen; wir erwarten, daß du dich ſolcher Pflicht nicht weigerſt.“ „Ich habe meine Pflicht gethan,“ erklärte Ruſalka; „ich habe Euch gewarnt, ich habe Euch mit klaren, be⸗ ſtimmten Worten geſagt, was Ihr thun müſſet, um der vorhandenen Gefahr zu begegnen. Thut Ihr es nicht, ſo iſt die Verantwortung Euer, nicht mein. Aber ich hoffe, Ihr werdet in Eurer Weisheit Euch noch entſchließen, das Rechte zu thun.“ Damit verabſchiedete ſie ſich. Vor dem Teynhofe fand ſie einen Haufen gemei⸗ uen Volkes verſammelt, aus welchem mancherlei drohende Aeußerungen ihr Ohr trafen. „Die Hexe macht wohl gar die Späherin und An⸗ geberin,“ hieß es unter andern.—„Man ſollte ihr das Handwerk legen— Man ſollte ſie ſteinigen—“ und was der Argwohnsäußerungen mehr waren. Ruſalka ging unbekümmert, ſtolzen Schrittes hin⸗ durch und wandte ſich dem Ghetto zu, wo ſie in das Haus ihres Vaters trat. Die verſtoßene Tochter ſtund vor dem Vater 15 228 „Was willſt du unter meinem Dache, du Kind des Unheils?“ redete er ſie mit düſterm Blick an. „Ich will dich und durch dich dein Volk warnen, daß wieder einer jener Stürme im Anzug iſt, mit wel⸗ chem Ihr von Zeit zu Zeit in der Fremde heimgeſucht werdet. Vielleicht, eh' die Sonne zweimal untergeht, raſt eben wilder Chriſtenpöbel gegen Alles, was Iſrael heißt, und ſucht in Eurem Blut Eure Schätze.“ „Schätze!“ ſchrie Ben Baruch—„Du Gott Abrahams! wo ſind hier Schätze! Sind wir doch das Aermſte unter den Völkern der Erde!“ „Ich ſage dir, Ben Baruch, das Volk von Prag weiß, daß du ebenſo reich an irdiſchem Gut biſt, wie arm an Frieden deines Herzens— birg deine Schätze und ſichere dein Leben, denn beide ſind in Gefahr.“ „In Böhmen herrſcht das Geſetz,“ erwiederte Ben Baruch,„das Sechsmänneramt wacht über die Sicherheit von Prag für Chriſten wie für Juden.“ „Ich ſage dir, das Schiff dieſer Sicherheit treibt einer Klippe entgegen, an der es zerſchellen kann, bevor die Sonne zum zweiten Mal untergeht. Die Augen des Sechsmänneramtes ſind matt geworden, ſeit ſein ober⸗ ſter Hüter fehlt, und ich habe vergebens verſucht, den Nebel darin zu zerſtreuen. Darum noch einmal: bring' Israel dein Gut und dein Leben in Sicherheit.“ — 229 „Was weißt du? was ſoll es geben?“ fragte der Greis jetzt, doch ſtutzig werdend. „Es ſteht ein Aufſtand des unzufriedenen Pöbels zum Sturz des jetzigen Regiments bevor,“ antwortete Ruſalka.„Es wird ein wilder Tanz werden und die Iuden werden die Zeche bezahlen.“ Der Inde ſtieß einrn Angſtſchrei aus und ſtierte die Unheilverkünderin mit verglaſtem Blick an. „Woher weißt du?“ ſtotterte er hervor. „Genug, Du biſt nun gewarnt,“ erwiederte ſie; „warne die anderen, und verliert keine Zeit für Eure Sicherheit zu ſorgen.“ Damit wandte ſie den Rücken und eilte davon. Das Sechsmänneramt fand nach weiterer Erwä⸗ gung doch für gerathen einige Sicherheitsmaßregeln zu treſſen. Es fehlte nicht an verdächtigen Anzeichen, welche Ruſalka's Warnung zu beſtätigen ſchienen. Die Wohnungen der von ihr bezeichneten Perſo⸗ nen wurden heimlicher Beobachtung unterworfen und die verſtärkte Scharwache ſammt der Burgbeſatzung er⸗ hielten Befehl ſich jeden Augenblick kampfbereit zu halten. Hroznata, von Prohaska über Alles, was er wußte, unterrichtet, berieth ſich mit den übrigen in Prag an⸗ weſenden Herren von der Roſe über die ihrerſeits zu 230 treffenden Vorkehrungen, und es ward beſchloſſen, daß ſie eine Anzahl Bewaffneter in die weiten Räum⸗ des Roſenhauſes legen und darin bis auf Weiteres verſteckt alten wollten. Witek von Krumau, welcher hier den Befehl führen ſollte, ward beauftragt, die Glockenthürme der Altſtadt wohl zu hüten, daß jeder etwaige Verſuch zum Sturmleuten verhindert werde. Am folgenden Tag mehrten ſich die Anzeichen, daß unter dem Volke von Prag etwas Schlimmes im Werke ſei. Man ſah ungewöhnlich viel Menſchen auf den Straßen, die häufig ſtehen blieben in Gruppen zuſam⸗ mentraten und heimlich zuſammen ſprachen. Dieſe Zuſammenrottungen mehrten ſich am ſpäten Nachmittag, und als der Abend hereinbrach, waren auf dem Ring Hunderte verſammelt, die in Mienen und Geberden nichts Gutes audeuteten. Um dieſe Zeit ſchritt Ruſalka mit ihrem Kinde noch einmal dem Teynhofe zu. Mehrere aus dem Volkshanfen wurden ihrer an⸗ ſichtig und ſtellten ſich ihr in den Weg. Unter Drohun⸗ gen und Schimpfreden wollten ſie ſie am Weitergehen hindern, doch auf das Einſchreiten mehrerer Diener des Sechsmänneramtes ließen ſie ſie gehen. Bald ſtand Ruſalka wieder vor dem Sechsmänner⸗ amte ſelbſt. . 231 „Ich glaube, Ihr zweifelt nun nicht mehr an der Wahrheit meiner Worte,“ ſagte ſie;„was Ihr gethan, iſt gut, doch nicht genug. Noch habt Ihr die Verhütung großen Unheils in der Hand— nehmt die Rädelsfüh⸗ rer, die ich genannt, ungeſäumt in Haft!“ „Wir haben Veranſtaltung getroffen, daß ſie nicht ſchaden können,“ erwiederte Prohaska—„es wird kei⸗ ner von ihnen die Schwelle ſeines Hauſes überſchreiten, ohne von den Unſichtbaren unſeres Amtes dort feſtge⸗ bannt zu werden. In ihren Behauſungen ſie feſtzuneh⸗ men verbietet das Geſetz, welches jeden Böhmen in ſei⸗ nem eigenen Hauſe unverletzlich macht, er habe denn erwieſenermaßen ein ſchweres Verbrechen verübt.“ „Das Geſetz iſt weiſe,“ verſetzte Ruſalka,„und Ihr thut wohl ihm zu gehorchen, wenn ich in dieſem Fall wünſchte, es möchte Euch einen Schritt weiter zu gehen erlauben.“ „Haſt du ſonſt noch etwas vorzubringen, kluge Frau?“ fragte der Vorſitzende zutrauensvoll. Ruſalka verneinte und trat ihren Rückweg an. Als ſie auf den Platz heraustrat, brachten eben mehrere Diener des Sechsmänneramtes einen geführt, in welchem Ruſalka den ihr wohlbekanuten Zinngießer⸗ meiſter Pſtroß erkannte. Eben ſchlug die Glocke auf der Teynkirche Neun— das war ja die Stunde, in welcher 6 232 der Aufſtand losbrechen ſollte. Ruſalka ahnte, daß Meiſter Pſtroß die Schwelle ſeiner ſicheren Behauſung überſchritten hatte und von den ſichtbar werdenden Un⸗ ſichtbaren des Sechsmänneramtes alsbald in Haft ge⸗ nommen worden war. Zwar drängte das Volk von allen Seiten nach und murrte und ſchimpfte wohl auch, es wagte aber doch niemand der Verhaftung des Meiſters Pſtroß mit Ge⸗ walt entgegenzutreten. Dieſer ward in den Teynhof ge⸗ führt, vor welchem die Menge dicht gedrängt ſtehen blieb, ſo daß Ruſalka nicht hindurch konnte, ſondern eben vor dem Thore ſtehen bleiben mußte. Jetzt wurden die Stimmen in der murmelnden Menge laut, welche riefen: „Laßt uns ihn herausholen!“—„die Verhaftung iſt ungeſetztich— er iſt auf der Schwelle ſeines eigenen Hauſes ergriffen worden!— Laßt uns den Hof ſtür⸗ men!“— Dieſer Aufforderung folgte erſt tiefe Stille, dann ein anſchwellendes Gemarmel. Plötzlich rief eine Stimme von hinten: „Verrath! Verrath! es iſt Alles verrathen!“ Die Aufmerkſamkeit Aller wandte ſich dieſer Sitmme zu. 233 „Das iſt ja Meiſter Watſche, der Schwertfeger,“ rief eine andere Stimme im Hintergrunde. „Ja, ich bin's,“ erwiederte die erſte Stimme— „ich komme von der Kirche her— wollte auf den Thurm und Sturn läuten, wie mir aufgetragen war— allein der Thurm war verſchloſſen und zwei Bewaffnete trie⸗ ben mich zurück. Wir ſind verrathen!“ „Meiſter Pſtroß iſt auch an ſeinem Hausthor ver⸗ haftet worden, als er eben herausgehen wollte,“ be⸗ merkte eine andere Stimme,„es iſt offenbar, daß hier Verrath im Spiele iſt.“ 5 „Dann iſt Alles verloren,“ erklärte Jemand— „dann laßt uns nur nach Hauſe gehen.“ Doch eine Stentorſtimme unterbrach jenen und rief:„Nichts iſt verloren, wenn wir Männer ſind und keine Memmen. Sind wir nicht Hunderte und Tauſende? Wer will uns Widerſtand leiſten, wenn wir unſere Arme brauchen? Auf! ſtürmen wir das Sechsmänneramt und befreien wir unſern Führer, den Meiſter Pſtroß!“ Dieſer Aufruf ward von hundert Stimmen wie⸗ derholt und wie auf ein gegebenes Zeichen kamen aus den Gewändern der Männer Waffen aller Art zum Vorſchein, die in dem Lichte des eben über die Dächer emportauchenden Vollmondes funkelten. Und zum An⸗ griff drängte die aufgeregte Menge gegen das Thor. 234 Ruſalka ſtand noch immer, ihr Knäblein feſt an den Buſen drückend zur Seite des Thores an der dunk⸗ len Wand. Bis jetzt war ſie der anders beſchäftigten Aufmerk⸗ keit des wilden Pöbels entgangen. Sie wollte ſich eben in das Haus zurückziehen, als ſich die Thorflügel des⸗ ſelben ſchloſſen und die Menge tobend herandrängte. Sie konnte weder vor noch rückwärts, noch war ein Ent⸗ rinnen an den Seiten zu denken. Ein Moment der Angſt, nicht um ihr Leben ſondern für ihr Kind, kam über ſie — aber nur ein Moment: plötzlich erhob ſich ihr Geiſt zu einem großen Enkſchluß. Ihr zur Seite befand ſich ein hoher Steinblock, das Fußgeſtell des hier angebrachten Prangers. Auf dieſen ſprang ſie hinauf und ſo ragte die an ſich hohe Geſtalk vom Mond beleuchtet hoch empor. Vieler Augen richteten ſich augenblicklich auf die Erſcheinung, die plötzlich aus der Erde emporgeſtiegen zu ſein ſchien. Ein Murmeln der Verwunderung, wohl auch des leichten Entſetzens lief von Mund zu Munde. „Das iſt ja die Here Ruſalka!“ rief eine Stimme — aber allgemeines Schweigen herrſchte plötzlich in der Menge, als von der erhabenen Geſtalt folgende mit weithin tönender Stimme geſprochenen Worte ausgin⸗ — ——— 235 gen:„Ihr Männer von Prag. Zu welchem thörichten und frevelhaften Beginnen wollt Ihr Euch verführen laſſen? den heiligen Frieden wollet Ihr vertauſchen mit wüſtem, raubmörderiſchem Streit, die ſegensreiche Ord⸗ nung mit unheilvoller Verwirrung, die Blüthe Eurer ehrwürdigen Stadt mit dem Gräuel der Verwüſtung. Blickt auf zum Himmel, Ihr Söhne Kroks, hoch von ihrem Sternenthrone blickt Libuſſa hernieder und ihr Auge iſt voll Thränen über ihr verblendetes Volk. Solche Thränen, heiß und blutig, erfüllten dies Auge in allen Zeiten, wenn ihr geliebtes Böhmenland heimgeſucht war von ſchwerer Trübſal; ſolche Thränen mußte ſie Jahre lang vergießen, nach dem Tage, nach dem der böh⸗ miſche Löwe auf dem Marchfelde dem Adler des deut⸗ ſchen Reiches erlag. Ihr habet ſie mit erlebt dieſe nn⸗ heilvollen, ſchrecklichen Jahre; es iſt keiner unter Euch, dem ſie nicht irgend eine Wunde geſchlagen, ſei es des Her zens oder des Wohlſtandes. Fremde Räuber herrſch⸗ ten im Lande und plünderten es, die Edeln des Landes wütheten unter einander in blutigen Fehden, das Geſetz ward unter die Füße getreten, der Acker des Landman⸗ nes lag wüſte und die Gewerbe lagen darnieder. Da warf ſich die treue Mutter des Volkes jammernd zu den Füßen des zürnenden Gottes und bat um Rettung für ihr zerſchlagenes, zerfleiſchtes, elendes Volk. Und Gott 236 erhörte ſie; er ſandte dem Lande einen Retter in der Perſon eines weiſen und mächtigen Mannes. Er gab ihm des Landes Königin zum Weibe und die Macht der Krone in ſeine Hand. Ihr kennt den Mann— ſein Name ſtand noch vor Kurzem mit Flammenzügen in Euren Herzen geſchrieben. Die Männer riefen„Slawa!“ wenn er ſich ſehen ließ, und die Weiber lehrten ihren Kindern den Namen Zawiſch mit frommer Ehrfurcht ausſprechen. Denn er hat mit ſtarker Hand das Unrecht zu Boden geſchlagen und das Recht aufgerichtet, die Zwietracht gebannt und Frieden geſtiftet und die golde⸗ nen Tage Libuſſa's erneueten ſich unter ſeiner milden Herrſchaft. Könntet Ihr das vergeſſen? Iſt Einer unter Euch, dem er nicht Oel in ſeine Wunden geträufelt, dem er nicht die Wohlthat des Rechtes und weiſer Geſetze zu Theil werden laſſen? Soll die Welt mit Fingern auf das Böhmenvolk weiſen und ſagen:„ſeht da, was für ein undankbares Volk.“ Gott wollte Eure Herzen prü⸗ fen ob Ihr der Wohlthaten werth ſeiet, die er Euch durch dieſen Mann erwieſen; darum ſandte er ihn auf eine Zeit fort von hier und ein kurzes Trübſal über Euch. Ihr Männer von Prag, denkt an Eure Weiber und ſchuldloſen Kinder, beſchwöret nicht das Unheil über ſie herauf durch ſchnöden Undank gegen die Wohl⸗ haten Gottes. Geht ruhig heim; harret in Geduld noch 237 kurze Zeit! Bald wird Euer Hort und Helfer wieder kommen und ſeine Weisheit wird Mittel und Wege fin⸗ den Handel und Gewerbe wieder zu beleben.“ Dieſe Rede verfehlte ihren Eindruck auf die be⸗ wegliche Menge nicht. Viele bargen ihre Waffen wieder unter ihre Gewänder und gingen ſtill von dannen. Und nach und nach wären wohl alle ihrem Beiſpiele gefolgt, hätte nicht, als ſich ſchon der ganze Haufe zu zerſtreuen begann, eine unheilvolle Stimme gerufen: „Hört' nicht auf die Mörderin, die Giftmiſcherin! Sie hat wohl Urſache ſich des Zawiſch ſo warm anzu⸗ nehmen mit ihrer glatten Zunge, denn er ließ die Mör⸗ derin ſeiner eigenen Gemahlin, der edlen, holden Köni⸗ gin Kunigunde ſtraflos ausgehen— und dieſe Mörde⸗ rin iſt keine andere als dieſes verruchte Weib, das ſich dort ſelbſt an den Pranger geſtellt!“ Alles wendete ſich nach dem Sprecher zu, der hoch zu Noß mitten auf dem Platz hielt, und der kein anderer war als Hynek von Lichtenburg. Bald war er von einer dichten Menge umdrängt. „Glaubet mir,“ fuhr er fort,„ich rede die lautere Wahrheit und zur Beſtätigung deſſen haltet ſie feſt, da⸗ mit ſie mir Rede ſtehe.“ Alsbald riefen mehrere: 238 „Ja haltet ſie feſt, die Here, die Verrätherin, ſicher hat ſie uns auch verrathen!“ Ein Hauße eilte auf Ruſalka zu, und ſtellte ſich um ſie her, indeſſen Hynek von Lichtenburg ebenfalls nahe heran ritt. „Sprich, du Verruchte!“ redete er die Bedrängte an;„haſt du mir nicht ſtatt eines Liebestrankes Gift für die Königin Kunigunde gegeben?“ Ruſalka ſtarrte ſtumm und regungslos vor ſich nieder. Jetzt wandte ſich Hynck zu der Menge: „Ich will es Euch geſtehen, Ihr Männer, daß ich das unglückſelige Wertzeng der verruchten That gewe⸗ ſen. Dieſes teufliſche Weib hat mir's angethan, daß ich in ſträflicher Liebe zu der edlen Königin Kunigunde ent⸗ brannte und dann, als ich die raſende Leidenſchaft zu ſtillen Hülfe bei der Zauberin ſuchte, mir einen Trank gegeben, der mir die Gegenliebe der Königin gewinnen ſollte. Ihrer Vorſchrift gemäß gab ich den Trank in den Wein der hohen Frau— die augenblicklich davon verſchied!“ Und zu Ruſalka gewendet rief er; „Iſt es nicht ſo? läugne, wenn du kannſt!“ Ruſalka erhob ihr Angeſicht und erwiederte: „Ich läugne nicht— aber Ihr Männer von Prag, 239 bevor Ihr urtheilt, geht und ruft Eure Weiber, die Mütter Eurer Kinder herbei, vor ihnen will ich meine Sache führen. Sie werden meine That zu würdigen wiſſen. „Hört nicht auf ſie! rief eine Stimme aus der Menge—„laßt Euch nicht noch einmal von der Schlange berücken! Lieber ſteinigt ſie, die Mörderin!“ Und wie ein hundertförmiges Echo dröhnte der unheilvolle Ruf nach. Die ganze eine Zeitlang nieder⸗ gehaltene Aufregung brach wieder hervor und wandte ſich gegen das unglückliche Weib. Sie ward herabge⸗ riſſen und unter Flüchen und Verwünſchungen fortge⸗ ſchleppt. Zetzt öffnete ſich das Thor des Teynhofes und Wenzel Prohaska mit ſeinen Beiſitzern und mehreren Dienern erſchienen und warfen ſich der eigenen Gefahr vergeſſend, beſchwörend unter die Menge. Umſonſt. Un⸗ aufhaltſam fluthete der empörte Strom dahin, die arme Gefangene mit ſich reißend. Widerſtandslos ihr ſchreiendes Knäblein feſter an den Buſen preſſend, ließ ſie ſich fortſchleppen vor das nächſte Thor, wo der Ruf:„ſteinigt ſie! ſteinigt ſie!“ von Neuem erklang und heulend nachklang. Zu Boden geworfen, bedeckte ſie ihr Kind mit ih⸗ rem Leibe, und gab ihren Rücken dem angenblicklich ſich 240 entladenden Steinhagel der raſenden Menge preis, die ſich in einem weiten Kreis um ſie aufgeſtellt hatte. Bald rieſelte das Blut aus hundert Wunden an allen Glied⸗ maſſen des edlen Leibes über den harten Boden— ihre Sinne ſchwanden und ohne einen Klagelaut brach ſie ihr Kind noch immer ſchirmend, über demſelben leblos zuſammen. In demſelben Augenblicke nahte im Sturmſchritt eine Schaar Bewaffneter. Es war Witek von Krumau mit ſeiner Mannſchaft. Ihrem ungeſtämen Anprall wich die überraſchte Menge, wer ſich widerſetzte, wurde zu Boden gehauen, die meiſten ergriffen die Flucht und bald war der Platz vom Pöbel geſäubert. Ruſalka's lebloſer Körper wurde unter Witeks Aufſicht ſorgſam aufgehoben— auch das unter ihr lie⸗ gende Kind verrieth keinen Funken Leben mehr— beide wurden in das Roſenhaus getragen. So endete der verſuchte Aufſtand. Ende des zweiten Theiles. Druck von Plachy& Spitzer⸗ i ſſſſ Uh 14 15 1 8 9 10 11 12 13 6 17 18