. Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 7 Cdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceißh und Keſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Wr.— Pf 1W d Pf 1M 5, Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Motto: Freudig jubelt Prag an allen Enden, Freuderuf verbreitet rings um Prag ſich, Freuderuf durch all' das Land, das weite, Durch das Land von Prag aus, dem erlöſten. Königinhofer Handſchrift. Vorwort. Dieſer Roman bildet zwar ein ſelbſtſtändiges, in ſich abgeſchloſſenes Werk; Diejenigen aber, welche den in dieſer Sammlung früher erſchienenen Roman: „Zawiſch von Roſenberg,“ geleſen haben, finden darin zugleich die ſo vielfach gewünſchte Weiter⸗ führung des Helden. Da im vorliegenden Werke das ganze Geſchlecht der Witkowetze ſehr weſentlich in die Handlung eingreift, ſo gab ich ihm den ge⸗ wählten Titel. Leipzig. Der Verfaſſer. Erſtes Capitel. „Da liegſt du wieder vor mir, du mein hochgelob⸗ tes Prag. Deine hundert Thürme winken mir freund⸗ lichen Gruß und aus deinem Häuſermeer ſteigen Säulen gaſtlichen Rauches empor, mich ladend zum traulichen Herd; aus dem wunderlich geſchlungenen Netz deiner krummen Straßen rauſchen Töne raſchpulſirenden Le⸗ bens an mein Ohr und mir iſt, als vernähme ich hin⸗ durch die Stimme der Moldau. Wie das Alles mein altes Herz beſtrickt, wie es mit Einemmale Alles in weite Ferne rückt, was noch vor wenig Stunden unauflöslich mit meinen Selbſt verknüpft zu ſein ſchien, wie es Jahre aus meinem Leben ſtreicht— nein, wie es mit zauberi⸗ ſcher Hand eine goldene Brücke über die Jahre der Ver⸗ bannung baut und das ſelige Einſt mit dem hoffnung⸗ reichen Jetzt verbindet!“ * X Dieſe Worte ſprach ein ritterlicher Mann, der hoch zu Roß auf dem höchſten Punkte des Berges Wit⸗ kow hielt, welcher einem ſpäteren Helden des Böhmer⸗ volkes zu Ehren den Namen Ziskaberg erhielt. Der Mann ſchien nahe dem Mittag des Lebens zu ſtehen, er war von mittlerer Größe, breitſchulterig und kräftig von Geſtalt, und obſchon dunkelgebräunten Angeſichts, doch von angenehmen, friſchen Zügen, mit geiſt⸗ und leben⸗ ſprühenden Augen. Der Art nach, wie er ſeinen Bart trug, hätte man ihn für einen Ungar halten können, aber ſeine Tracht verrieth den vornehmen Czechen, und zwar den Czechen von altem Schrot und Korn. Bei genauer Muſterung ſeiner ganzen Ausrüſtung fand man in ſei⸗ nem Wappen eine goldgeſtickte Roſe im blauen Felde, was auf einen Zweig des mächtigen Geſchlechtes der Witkowetze oder Herren von der Roſe deutete, deſſen Oberhaupt, Zawiſch von Falkenſtein, damals als Stief⸗ vater des jugendlichen Königs Wenzel II. thatſächlich das böhmiſche Reich beherrſchte. „Sei mir viel tauſendmal gegrüßt, du Schwelle des Ruhmes und Heiles!“ ſo fuhr der Reiter in ſeinem Selbſtgeſpräch fort.„Sei mir gegrüßt mit deinen Denk⸗ malen großer Zeiten, mit deinen tauſend Heiligthümern und deinen zauberumwobenen Höhen. Sei mir gegrüßt, du heiliger Wyſſehrad, und du, gewaltiger Hradſchin, 5 5 ihr unvergänglichen Zeugen von der Herrlichkeit meines Volkes, ſowie auch du ehrwürdiges Haus meines Ge⸗ ſchlechtes, Witek's Haus, du Herberge der Gerechten. Wie dein alter Giebel hoch aufragt aus den Tauſenden von Dächern, ſo hoch ragt das Geſchlecht der Witeks über die Geſchlechter der Czechen, und ſo ragt aus Witeks Stamm der Eine empor, der im Glanze königlicher Eh⸗ ren doch mehr noch glänzt durch den Ruhm ſeiner Tha⸗ ten und das Licht ſeines Geiſtes. Heil dir, großer Wla⸗ dyka, Zawiſch von Falkenſtein, ſammt deiner holden Königin!“— Der Reiter ſchwieg und verlor ſich in ſtumme Be⸗ trachtung. Nachdem er wohl eine Viertelſtunde ſo da gehalten, wandte er ſein Roß und ritt langſam den Weg hinab, der von der Höhe des Berges hinabführte nach der Land⸗ ſtraße, welche von Mähren her kam. Der Weg vertiefte ſich bald zum Hohlweg, der ſo ſchmal war, daß in ihm ſchwerlich ein Reiter dem andern ausweichen konnte. Unſer Reiter hatte aber kaum die Hälfte des Weges hinter ſich, als ihm zwei andere Reiter, die hinter einander herritten, entgegen kamen. Dieſelben trugen die halb böhmiſche, halb deutſche Zwittertracht, welche unter einem großen Theil des böhmiſchen Adels ſeit den Tagen Otokars II., inſonderheit aber unter der brandenburgiſchen Regentſchaft nach Otokars Fall zur Herrſchaft gelangt war. Beide waren Männer von vor⸗ gerückten Jahren, bei denen ſich die dunkelbraune Farbe des Haupt⸗ und Barthaares ſchon mit verrätheriſchem Grau miſchte; der eine von ihnen aber war von langer hagerer Geſtalt, mit fahlen, eingefallenen Wangen und tief in den Höhlen rollenden düſtern Augen unter dich⸗ ten buſchigen Brauen, während der andere für die Ueber⸗ fülle ſeines Leibes kaum Platz auf dem Rücken ſeines Gaules fand und ſein ſpeckiges, weinrothes Geſicht mit den weit herausſtehenden grauen Augen als leibhaftiges Aushängeſchild der Völlerei erſchien. „Ihr führt mich da einen allerliebſten Weg, Herr Zbiſlaw Zagje,“ ächzte der Feiſte auf ſeinem keuchenden Roſſe;„die Wände kommen ja immer näher zuſammen und am Ende kann ich gar nicht mehr durch.“ „Nur Geduld, Herr Sezema von Kraſſow, der füglich crassus heißen könnte,“ verſetzte der Hagere; „fürchtet nichts für Euren Wanſt; noch zwanzig Schritte, und die zudringlichen Wände, welche mit Eurem Fett Bekanntſchaft zu ſuchen ſcheinen, weichen ehrfuchtsvoll vor Euch zurück. Aber— Gott verd...— da kommt ein Reiter— wie ſollen wir an dem vorbeikommen?“ „Vorbeikommen?“ rief Herr Sezema von Kraſſow — wo denkt Ihr hin? Von vorbeikommen kann nicht 7 die Rede ſein— heh hollah davorn! umgekehrt, weil es noch Zeit iſt! Hier iſt kein Platz zum Ausweichen!“ Dieſer Zuruf galt unſerm erſten Reiter, der um eine Krümmung des Hohlweges biegend, den anderen Beiden eben in Sicht gekommen war, er ſtutzte einen Augenblick und maß die Weite des Weges, die offenbar kein Vorbeikommen der Reiter geſtattete. Er machte ſchon Anſtalt ſein Roß zurückzudrängen bis zu einer Stelle, wo ein Ausbiegen möglich war, da ritt der hagere Rei⸗ ter an ihn heran und rief in barſchem Ton:„Macht, daß Ihr zurückkehrt, wo Ihr herkommt— wir ſind ihrer zwei und Ihr ſeid einer, und übrigens iſt dies ein Pri⸗ vatweg auf dem Ihr nicht das Recht habt zu reiten.“ Ob dieſer ungebührlichen Rede ergrimmte der An⸗ geredete, daß er ſeinen nachgiebigen Vorſatz vergaß und alſo antwortete:„Seit wann iſt es im Lande Böhmen, dicht vor den Thoren der Stadt, die als Sitz edler Bil⸗ dung gilt, ſeit wann iſt es da Sitte, daß ein ritterlicher Mann, ein Edler des Landes, vor gemeinen Stallknech⸗ ten zurück weicht? Denn als ſolche nur kann ich Euch Euren Reden nach erkennen. Zurück denn! befehle ich Euch, ich Sezema von Landſtein, des Oberſten in dieſem Lande nach dem König Blutsverwandter.“ „Daß ihn die Peſt verderbe— ein Witkowetz!“ rief Sezema von Kraſſow und zog ſein Schwert;„drauf, 8 Herr Zbiflaw Zagje! laßt uns ihn in Kochſtücke zer⸗ hauen, der es wagt, uns auf Euerm Grund und Boden alſo zu beſchimpfen!“ Herr Zbiflaw Zagjc von Trebaun, ſo hieß der Hagere mit ſeinem vollen Namen, hatte ſein Schwert ſchon aus der Scheide geriſſen und drang mit kalter Ruhe auf den Witkowetz ein. Dieſer zog nun gleichfalls ſein Schwert, und ſo wenig geeignet der Ort wegen der Enge des Hohlweges dazu war, ſo entſpann ſich gleich⸗ wohl ein erbttterter Zweikampf, denn der feiſte Sezema von Kraſſow konnte begreiflicherweiſe an dem Kampf nicht theilnehmen. Hinter ſeinem Gefährten haltend verfolgte er mit geſpanntem Blick die Bewegungen der Kämpfenden und ließ hin und wieder einen Ausruf der Ermunterung oder des Beifalls für Zbiſlaw Zagje ver⸗ nehmen. Die beiden Kämpfer waren einander ziemlich gleich. Daher blieb der Kampf lange unentſchieden. Die hellen Funken blitzten von den ſich begegnenden Schwertern und weithin durch den Hohlweg hallte das Getöſe ihres Zu⸗ ſammenſchlags. Minute nach Minute verflog, ohne daß einer dem andern einen Hieb beibrachte. Wer weiß, wie lange Herr Sezema von Kraſſow noch das Zuſehen ge⸗ habt hätte, wäre ſeine Aufmerkſamkeit nicht plötzlich durch ein Geräuſch in ſeinem Rücken abgezogen worden. In⸗ 9 dem er ſich danach umſah, gewahrte er einen neu heran⸗ kommenden Reiter in der leichten zierlichen Tracht eines Ungarn und von einer Geſichtsbildung, welche Zeugniß ablegte, daß der Mann die Tracht mit allem Rechte trug. Ein Fluch polterte über Kraſſows wulſtige Lippe. Ihm bangte, er möchte gar hier eingekeilt werden.„Zu⸗ rück!“ ſchrie er den Ungar an;„zurück! was wollt Ihr hier? ſeht Ihr nicht, daß der Paß hier verſtopft iſt?“ Der Ungar ſchien aber den Zuruf nicht zu verſte⸗ hen, er ritt nahe an den feiſten Reiter heran. Dieſer er⸗ goß nun die Schale ſeines Zorns in Flüchen und Schimpf⸗ wörtern, oder vielmehr, er wollte ſie darin ergießen, denn kaum hatte er einen böhmiſchen Kernfluch ausgeſtoßen, als ſich blitzſchnell etwas wie eine Schlange um ſeinen Hals wand, ihm die Kehle zuſammenſchnürte und den feiſten Koloß ſeines Leibes hinterrücks niederrieß. Der Ungar hatte ihm ſeine Schlinge— dieſe furchbare Waffe der Söhne Arpads— über den Kopf geworfen und mit ſehnigem Arm daran gezogen. Kraſſows Pferd, die wuch⸗ tige Laſt ſeines Reiters plötzlich an einer ganz unge⸗ wohnten Stelle, auf dem Kreuze fühlend, bäumte ſich jetzt hoch empor und Kraſſow glitt auf den Boden. Blitz⸗ ſchnell erhob ſich der Ungar auf ſeinem leichten Gaul, eine ſchnellende Bewegung brachte ſeine Füſſe auf den 10 Sattel, ein Sprung von da den ganzen Mann auf den Rücken des reiterlos gewordenen Thieres und nun ſchlang ſich ſeine ſchon wieder freigewordene Schlinge um den Hals Zbiſlaws in dem Augenblick, wo dieſer zu einem höchſt verderblichen Hiebe gegen das Haupt ſeines Geg⸗ ners ausholte. Zbiſlaw ſank hinterwärts auf das Kreuz ſeines Thieres, und der Ungar ſprang ihm auf den Leib. „Soll ich ihm den Garaus machen, Herr?“ rief der flinke Sohn der Pußta dem Witkowetz zu, indem er ſein Meſſer aus dem Gürtel riß und es gegen Zbiſlaw zückte, der ſein Schwert zwar geſenkt, doch krampfhaft feft hielt, ohne ſich regen zu können. „Nein, Sandor;“ entgegnete Sezema von Land⸗ ſtein;„es iſt feig, einen wehrloſen Feind zu tödten. Ent⸗ reiß ihm ſein Schwert und laß ihn auf die Erde gleiten.“ Im Augenblick war beides geſchehen. „Euch wurde gewiß die Zeit zu lang,“ nahm Se⸗ zema wieder das Wort. „Wir hätten ſchon warten können, Herr,“ verſetzte der Ungar;„aber wir ſahen die beiden Herrn da an uns vorbeireiten und den Weg einſchlagen, den Ihr kom⸗ men mußtet. Euer alter treuer Smil bemerkte, daß das Feinde der Roſe wären, und da ihr nun ſo lange aus⸗ bliebt, ahnte mir Unheil.“ 11 „Ich danke dir, Sandor,“ ſagte Sezema;„der Hohlweg, der dieſen Streit veranlaßte, hinderte auch, daß für mich Gefahr dabei war. Hätte der dicke Gauch dort hinten mitſchlagen können, ſo wäre mein Stand wohl ein ſchlimmer geweſen, denn mein Gegner führte eine tapfere Klinge. Ich möchte wohl wiſſen, mit wem ich die Ehre gehadt, mich zu meſſen. Mach' deine Schlinge von ihm los und frag ihm ſeinen Namen ab.“ Sandor gehorchte. Zbiflaw erhob ſich langſam vom Boden und ſagte, indem er auf das Wappen in ſeiner Satteldecke zeigte:„Wenn Ihr Euch auf böhmiſche Wap⸗ penkunde verſteht, ſo findet Ihr dort die Antwort.“ Sandor war in dieſer Kunde nicht bewandert und machte daher Miene eine Antwort zu erzwingen. Aber Sezema von Landſtein bedeutete ihm abzulaſſen und prüfte, ſich über den Hals ſeines Roſſes vorbeugend, das Wappen ſeines Gegners. „Irre ich nicht, ſo iſt das das Wappen von Tre⸗ baun,“ ſagte er—„ſo wäre mein tapferer Wiederpart wohl Herr Zbiſlaw Zagjc von Trebaun, einſt der Krone Böhmen Oberſtlandkämmerer?“ „So iſt's,“ erwiederte Zbiſlaw Zagjc düſter. „Dann wäre ja der ärgſte Todfeind der erlauchten Roſe in meiner Gewalt,“ ſagte ſein Gegner,„und es 1 — 12 ſtünde ganz bei mir ihn für ewige Zeiten unſchädlich zu machen.“ Der Ungar griff nach ſeinem Meſſer und machte eine Miene, welch deulich zu erkennen gab, daß er bereit war, dieſes Unſchädlichmachen für ewige Zeiten auf der Stelle vorzunehmen. Aber ſein Gebieter winkte ihm, das Meſſer wieder in den Gürtel zu ſtecken und ſagte: „Die Roſe hat, Gott lob, von ſolchen Feinden nichts mehr zu fürchten; die Zeiten ihrer Macht ſind vorüber, dafür hat mein königlicher Vetter geſorgt. Reite jetzt zu⸗ rück, Sandor, zu unſeren Leuten, ich will den Herren hier Platz machen, daß ſie ihren Weg fortſetzen können. Ich brauche nur eine kurze Strecke, dann folge ich dir um ſo ſchneller. Der Ungar ſchwang ſich wieder zurück auf ſein Roß, ließ es ſteigen und warf es auf den Hinterfüßen herum; dann ritt er wieder den Berg hinab. Herr Se⸗ zema von Landſtein drängte ſein ſchweres Thier eine Strecke zurück bis an eine Erweiterung des Hohlweges, die ein nothdürftiges Ausweichen geſtattete, und rief dann ſeinen Gegnern zu, ſich zu beeilen, daß ſie vorbei⸗ kämen. Zbiſlaw Zagje allein war im Stande den Rücken ſeines Roſſes wieder zu gewinnen; der dicke Kraſſow mußte ſich drein ergeben, hinter ſeinem Gaul her zu hin⸗ ken. In finſterm Schweigen zogen ſie an ihrem glückli⸗ cheren Feinde vorüber. Als ſie freie und breite Bahn gewannen, machten ſie Halt, Zbiſlaw ſtieg ab und half ſeinem Gefährten auf's Pferd, worauf er ſelbſt wieder aufſaß und beide neben einander weiter ritten. „Daß der Hund von Witkowetz uns in dieſem ver⸗ wünſchten Hohlweg begegnen muß, wo wir ihm nicht alle beide beikommen konnten!“ rief Kraſſow aus, als er ſich's wieder leidlich bequem gemacht;„wir hätten ihn in zwei Minnten zu Kochſtücken zuſammengehauen.“ „Wäre nur der ungariſche Teufel nicht dazuge⸗ kommen, ſo wäre ich auch allein mit ihm fertig gewor⸗ den,“ entgegnete Zibſlaw;„ich hatte eben zu einem Meiſterhieb ausgeholt, den er nicht parirt hätte, da reißt mich der ungariſche Schuft mit ſeiner Schlinge hinten⸗ über, daß mir Hören und Sehen vergeht; die Peſt über ihn! Indeß beſinne ich mich auch, daß es gut war, daß wir dem Witkowetz nicht den Garaus machen konnten. Un⸗ ſeres Bleibens wäre dann in Prag nicht mehr geweſen, und unſere Pläne hätten eine große Störung erlitten.“ „Es iſt wahr,“ ſagte Kraſſow,„der Uſurpator würde gewiß auf fürchterliche Rache ſinnen, wäre Einer ſeines Blutes getödtet worden—“ „Und das Sechsmänneramt würde dafür ſorgen, daß ihm die Opfer nicht entgingen,“ meinte Zbiſlaw. ———— 14 6 „Die Peſt über dieſe Neuerung!“ rief Kraſſow, „eine Ausgeburt der Hölle iſt dieſes Amt, das mit Ar⸗ gusaugen jeden Schritt und Tritt freier Männer be⸗ wacht und jedes ritterliche Abentener im Weichbilde von Prag unmöglich macht.“ „Von allen Teufels⸗Kunſtſtücken des Schwarz⸗ künſtlers Zawiſch iſt das Sechsmänneramt das ärgſte,“ ſagte Zbiflaw,„ohne das hätten wir längſt eine Ver⸗ ſchwörung zum Sturze der Tyrannei im Gang, denn die Furcht vor ihm, dem tauſend verborgene Späher dienen, lähmt jeden Entſchluß und jede kühne That.“ „Ja, ſchrecklich wie der Alp liegt dieſe Furcht auf den Herzen der Edlen,“ bekräftigte Kraſſow,„läßt die Tyrannei zu Jahren kommen und hindert die Geburt der gerechten Rache. Wo ſind die Männer alle, die gleich uns durch die Ränke des übermüthigen Günſtlings ihre Aemter und Würden verloren? Wo iſt der weiſe Die⸗ pold von Rieſenberg, einſt des Königs Vertrauter und erſter Rath; wo der gewaltige Burkhardt von Janowitz, des Königs leiblicher Schweſtermann, wo Zbiflaw von Löwenberg, der das Oberſtburggrafenamt ſo meiſterlich verwaltete? Sie haben ſich zurückgezogen auf ihre Schlöſ⸗ ſer und verzehren ſich ſtille ein jeder für ſich in ohnmäch⸗ tigem Groll. Hynek von Lichtenburg, der ſo lange treu zu uns geſtanden, iſt gar zu dem Todfeind übergegan⸗ gen und ſonnt ſich in ſeiner Gunſt—“ „Oder vielmehr in der Gunſt der buhleriſchen Kö⸗ nigin,“ fiel Zbiſlaw ein,„ſie hat's ihm angethan mit ihrer vermaledeiten Schönheit.“ „Glaubt Ihr, daß ſie ihm je eine Gunſt erwieſe?“ fragte Kraſſow. „Was weiß ich?“ erwiederte jener—„er bildet ſich wenigſtens ein, bei ihr in Gunſt zu ſtehen und hofft auf Zawiſch's Tod.“ „Doch iſt Zawiſch nur wenig älter als Hynek von Lichtenburg,“ warf Kraſſow ein— „Hynek hat nicht vergeſſen, daß Kunigunde von Halic ihren königlichen Gemahl in den Tod zu ſchicken wußte, als ſie ſeiner überdrüſſig und des Buhlen Zawiſch gewiß war.“ „So meint Ihr, ſie habe ihn darum angetrieben, den Frieden mit Rudolf von Habsburg zu brechen, um ihn loszuwerden?“ „Könnt Ihr daran noch zweifeln?“ verſetzte BZbiſlaw. „Man hat doch keine Beweiſe für ſo grauſen Verrath—“ 16 „Keine Beweiſe? O Ihr ſchwerfälliger Fettſack! Jedes Höckerweib in Prag weiß, daß Frau Kunigunde hinter ihres Gemahls Rücken mit dem Zawiſch Buhl⸗ ſchaft getrieben, und daß ſie von dem Augenblicke an, wo er dieſen in die Verbannung ſchickte, den König haßte bis auf den Tod, ja, ihn nicht allein, ſondern auch die Kinder, die ſie ihm geboren. Iſt doch eine Kammerfrau der buhleriſchen Königin dazu gekommen, wie ſie den jun⸗ den Thronerben wegen eines kleinen Vergehens an den Füßen aufgehangen und faſt zum Tode gezüchtigt.“ „Doch ſcheint ſie ihn jetzt mit mütterlicher Zärt⸗ lichkeit zu lieben—“ „Es iſt eitel Schein und Heuchelei. Um der Frucht ihrer Buhlſchaft, um Zawiſch's Sohne ihr reiches Wit⸗ thum Troppau zuzuwenden, obgleich es nach König Ot⸗ tokars Willen dem Herzog Nikolaus zufallen ſoll, um ihm wo möglich die Rechte eines königlichen Prinzen zu gewinnen, darum ſchmeichelt ſie dem ſchwachen König, und ich fürchte, er läßt ſich übertölpeln, denn er hängt mit abgöttlicher Liebe an der unwürdigen Erzeugerin.“ „Wär dem ſo,“ nahm Kraſſow das Wort,„dann wäre es ein Leichtes an Herzog Nikolaus einen wahren Bundesgenoſſen zu finden. Er wird ſich ſein Erbe nicht entreißen laſſen wollen.“ 17 „Ich habe bereits an ihn gedacht,“ verſicherte Zbiſlaw, „er iſt ein muthiger, entſchloſſener Mann, in vielen Stücken ſeinem großen Vater ähnlich, in allen ähn⸗ licher als ſein Halbbruder Wenzel. Es iſt nur ſo ſchwer an ihn zu kommeu, ſeine Abenteuerluſt geſtattet ihm kein feſtes Wohnen; bald iſt er da, bald dort, bald in Polen, bald in Ungarn, bald in Oeſterreich, kurz überall, wo es etwas zu lieben oder zu fechten gibt. Wie ſoll man da mit ihm in Verbindung treten? Und ſelbſt, wenn er leicht aufzufinden wäre, dürfte es nicht ſo leicht ſein, ihn unſern Abſichten geneigt zu machen.“ „Hätten wir nur erſt ſeinen Schwager Burkhardt von Janowitz im Bunde, dann ſollte es uns nicht ſchwer fallen, auch den Herzog zu gewinnen,“ meinte Kraſſow. „Wir müßten dem Herrn Burkhardt einmal einen Beſuch abſtatten,“ erwiederte Zbiſlaw;„doch das wird am beſten geſchehen, wenn wir erſt mit unſerer Hexe im Reinen ſind.“ Die Beiden hatten während ihres Geſpräches die Höhe des Berges überſchritten und befanden ſich jetzt an einer Theilung des Weges. Ein Arm zog ſich nach dem Nordabhange des Berges in die Gegend von Lieben hin, der andere lief auf dem Rücken in weſtlicher Richtung fort und verlor ſich in einiger Entfernung in einen Wald Taura. Die Witkowetze. I. 2 18 von hochſtämmigem Laubholz. Dieſen letztern Weg ſchlu⸗ gen die beiden Reiter ein. Als ſie den Wald erreichten, ward der Pfad ſo ſchmal, daß ſie wiederum genöthigt waren hinter einan⸗ der her zu reiten. Hohe Hallen, gebildet von ſonnen⸗ dichten Laubgewölben, die auf rieſenhaften Säulenſchäf⸗ ten ruhten, nahmen ſie auf und umfingen ſie mit geheim⸗ nißvollem Schatten. Bald ward die Scenerie ſo urwäld⸗ lich wild und ſchauerlich, daß man ſich viele Meilen weg von der lebensvollen Hauptſtadt des regſamen Böhmen⸗ volkes verſetzt wähnen konnte. Faſt nirgends drang ein Sonnenſtrahl durch die dichten Baumkronen, und kein Laut des Lebens klang durch die düſtern Räume, außer etwa dem Gekrächz eines Raubvogels oder dem Auffah⸗ ren eines Wildes in dem Dickicht, das allenthalben den Boden des Waldes im Schutze der Rieſenbäume be⸗ dachte. Zu dem Dickicht geſellten ſich bald große bemooſte Felsſtücke von wunderlicher Geſtalt, ungeheure Schling⸗ pflanzen, beſonders wilder Hopfen und zwiſchen den Fel⸗ ſen üppige Farrenkräuter. Kein Wunder, wenn dieſer Schauerort von der Einbildungskraft des Volkes mit mancher Schauergeſtalt bevölkert und zum Schauplatz mancher Schauerſage gemacht wurde. Hier hatten in der grauen Vorzeit die Bieſi d. i. die böſen Dämone ihren Wohnſitz gehabt, hier zeigte man noch den Opferfels des 19 Kriegsgotts Swatowit und Spuren der Behauſung Kaſcha's, der großen Zauberin und Tochter Kroks, zu deren Grabhügel am Ufer der Mies die Väter wallfahr⸗ teten. Hier unten des Nachts die Geiſter vieler Ver⸗ fluchter, wie Drahomira's, der Chriſtenverfolgerin, Bo⸗ leslaws des Rothhaarigen, der ſeine Mutter ins Elend jagte, ſeinen Bruder entmannen und ſeine eingeladenen Feinde am Gaſtmahle abſchlachten ließ, und Swatopluks, des Schlächters des großen Geſchlechtes der Wrsowitze, von denen er in kurzer Friſt 3000 Männer und Weiber, Greiſe und Kinder, erwürgen ließ— um ſeinen Thron zu befeſtigen. Nicht leicht wagte ſich eine einzelne Menſchenſeele in das Innere dieſes Schauerwaldes. Selbſt der mu⸗ thige Jäger mied ihn allein und beſuchte nur in zahl⸗ reicher Genoſſenſchaft ſeine wildreichen Gründe. Und doch gab es ein menſchliches Weſen, das einſam darin und noch dazu an ſeiner düſterſten und wildeſten Stelle hauſte. Wir werden gleich ſeine Bekanntſchaft machen, denn ihm gilt der Beſuch der beiden Reiter, denen wir bis hierher gefolgt. Der Pfad ſenkte ſich in eine Telle des Waldgrun⸗ des, welche mit rieſigen Steinblöcken angefüllt war, die zum Theil mauerähnlich über einander geſchichtet lagen. Zwiſchen den Blöcken wucherte allerlei wildes Gebüſch 2* 20 und dunkle Urwaldstannen faßten den Rand der Telle ein. In der Mitte derſelben befand ſich ein kleiner See, deſſen ſchwarzes Gewäſſer kein Lüftchen und kein leben⸗ diges Weſen in Bewegung ſetzte; es war unheimlich wie der Tod. Dicht bis an ſein Ufer erſtreckte ſich das Ge⸗ wirr der Felſenblöcke und des Strauchwerks, und ganz dicht an der einen Seite des Sees erhob und drängte ſich das erſtere zu einem faſt haushohen Hanfwerk zu⸗ ſammen, welches nach dem Waſſer zu eine höhlenartige OHeffnung zeigte. Neben dieſer Oeffnung lag ein kleiner Nachen. Die beiden Reiter ſaßen am Rande der Telle, wo ihr Pfad ſein Ende erreichte, ab und banden ihre Roſſe an einen Tannenbaum. Dann ſtiegen ſie in die Telle hinab nach dem Haufwerk am See hin. „Das iſt die ehemalige Behauſung der Tochter Kroks, der Zauberin Kaſcha,“ ſagte Zbiſlaw im halb flüſterndem Tone, nachdem beide durch den ganzen Wald ein tiefes Schweigen beobachtet hatten—„einſt, ſo geht die S war es ein ſiolzes Schloß mit wunderbar prächtigen Gemächern; es verfiel, wie die alte czechiſche Wunderwelt verfiel.“ „Iſt auch gar nicht ſchade drum,“ meinte Kraſſow; „einem Chriſtenmenſchen graut vor den bloßen Spuren dieſer Wunderwelt. Ich will froh ſein, wenn ich wieder 21 heiler Haut aus dieſem Herenloche heraus bin. Aber wo ſoll denn Eure kluge Frau hier hauſen, ich ſehe wohl Löcher genug für Dachſe und Füchſe; aber nirgends etwas, das wie eine menſchliche Wohnung ausſieht.“ „Nur gemach; Frau Ruſalka wird gleich erſcheinen. Wenn Euch Euer Fett zu ſchwer wird, ſo nehmt einen dieſer Blöcke zum Ruheſitz.“ Kraſſow ließ ſich dies nicht zweimal ſagen; Zbiſ⸗ law aber zog ſein Schwert und ſchlug damit dreimal gegen das Haufwerk, daß die Schläge laut durch die lautloſe Wildniß dröhnten. Nach wenig Minuten vernahm man vom See her ein Plätſchern und bald darauf zeigte ſich, hinter dem Haufwerk hervorkommend, eine weibliche Geſtalt von ſeltſamem Ausſehen, ſie trug ein langes weites Gewand von grauer Farbe, unter der Bruſt zuſammengehalten von einem breiten blutrothen Gürtel. Auf dem Kopf trug ſie eine kürbisrunde Mütze von ſchwarzem lang⸗ haarigem Pelzwerk, unter welcher ein großer blutrother Schleier hervorging und weit über beide Schultern her⸗ abwallte. Sie war von imponirender Größe und führte mit leichter Hand die Stange, mit welcher ſie den Nachen, in dem ſie ſtand, vorwärts trieb. 22 Als ſie der beiden Männer anſichtig ward, brachte ſie das kleine Fahrzeug zum ſtehen und eine tiefe Alt⸗ ſtimme rief: „Wer naht der Behauſung Kaſcha's und der ſtillen Fluth des Zauberſees?“ Zbiſlaw trat auf die Geſtalt zu, deren Geſicht jetzt deutlich zu erkennen war. Er war erſtaunt, ſtatt einem Bilde abſchreckender Häßlichkeit und Welkheit, wie er ſich die Zauberin Ruſalka gedacht, einem Antlitz von großer Schönheit zu begegnen, an welchem die Jahre noch wenig verdorben hatten. Ihre Hautfarbe war zwar ſehr dunkel, dunkler als ſie bei den roſigen Töchtern des Landes zu ſein pflegte, aber ſie paßte trefflich zu den regelmäßigen, griechiſchen Zügen und den großen ſchwar⸗ zen, langgewimperten Augen. Als Zbiſlaw ihr bis auf ein Dutzend Schritte nahe gekommen war,rief ſie:„Bis dahin und nicht weiter! Wer ſeid Ihr und wer iſt der Fettklumpen, der dort hinter Euch ſitzt?“ „Wir ſind Barone des Landes und kommen bei deiner Weisheit Rath und Hilfe zu ſuchen, ſchönſte Zau⸗ berin!“ antwortete Zbiſlaw. „Eure Namen!“ rief Ruſalka. „Ich bin Zbiſlaw Zagic von Trebaun und mein Gefährte heißt Herr Sezema von Kraſſow—“ 23 „Schleppt Eure Laſt nur näher zu mir, Herr Se⸗ zema von Kraſſow,“ rief Ruſalka dem Genannten zu. Dieſer gehorchte mit großer Mühe, denn es galt, die Laſt ſeines Körpers über Felſenklippen und Geſtrüpp dahinzuſchleppen. Neben Zbiſlaw angelangt wollte er ſich dort auf einer Klippe niederlaſſen, aber Ruſalka wehrte es ihm mit dem Zuruf:„Es ziemt ſich nicht, von den höhern Mächten ſitzend Hilfe zu begehren; bleibt dort ſtehen!“ Kraſſow gehorchte mit verdroſſenem Geſicht. „Was iſt Euer Begehr, Ihr geweſenen Würden⸗ träger des Reiches, Ihr geſtürzten Höflinge und un⸗ mächtigen Feinde des zauberkundigen Herrn von Böh⸗ i Soll ich Euch wieder zu Euren Würden verhel⸗ en?“ „Du haſſeſt Zawiſch von Falkenſtein,“ erwiederte Zbiſlaw,„ſo hilf uns ihn verderben.“ „Wer ſagt Euch, daß ich ihn haſſe, den ich nie ge⸗ ſehen?“ fragte die Zauberin. „Ein Freund von dir, der uns zu dir gewieſen, hat es uns geſagt—“ „Und wenn ich Zawiſch von Falkenſtein haſſe, ſo hab' ich keine Macht über ihn, hätte ich ſie, ſo haßte ich ihn nicht.“ 24 „Du ſollſt keine Knicker an uns finden; wir ver⸗ ſprechen dir reichen Lohn, wenn du das Haupt der Witkowetze verdirbſt—“ „Ihr ſeid Schelme und ich bin nicht die Thörin, die Euern Verſprechungen traut—“ „Du willſt deinen Lohn voraushaben?“— „Ich ſagte Euch, ich habe keine Macht über Za⸗ wiſch von Falkenſtein; ich kann nur durch Jemand wirken, der mächtiger iſt als ich, und dazu brauch ich Geld.“ „Wie viel brauchſt du?“ „Bringet mir 100 Mark fein Silber und eine lebende Hirſchkuh, aber nicht eher, als in der Nacht des Neumonds. Die Hirſchkuh bindet feſt an den Baum der dort hinter Euch ſteht und das Silber leget bei ihr nieder—“ „Was willſt du mit der Hirſchkuh?“— „Das iſt mein Geheimniß— ohne ſie kann ich nichts ausrichten—“ „Du ſollſt ſie haben ſammt dem Gelde zur beſtimm⸗ ten Friſt— wann dürfen wir erwarten einen Erfolg deines Wirkens zu ſehen?“ „Schafft Euch Geduld an, Ihr Herren! denn nicht heute und morgen werdet Ihr Euch am Falle Eures gro⸗ ßen Feindes erfreuen; denn noch ſchützen ihn höhere 25 Mächte, welchen Schutz unwirkſam zu machen nicht das Werk von Togen oder Wochen, ſondern von Monden wenn nicht von Jahren iſt. Jetzt verlaßt dieſen Ort, Ihr Herren, denn ich empfinde es an dem unruhig werdenden Waſſer, daß Kaſcha Eurer Nähe ledig ſein will.“ Wirklich warf jetzt der See Fleine Wellen auf, ſo daß der Nachen der Zauberin zu ſchaukeln anfing. Zbiſlaw wollte noch eine Frage an ſie richten, aber ſie deutete ihm ernſt zu ſchweigen und zu gehen. Langſam verließen die beiden Herren die Telle. Mit höhnender Miene blickte ihnen Rufalka nach, und als ſie im Dunkel des Waldes verſchwunden waren, ſprach ſie vor ſich hin:„Ihr thörichten Schelme, zieht hin mit Eurer ohnmächtigen Wuth gegen den Mann, dem Ihr nicht werth ſeit die Schuhriemen zu löſen. Nicht weil Ihr es wollt; und nicht weil ich ihn haſſe wird er fallen, ſondern fallen wird er durch die eigene Größe, und die Kleinheit Deſſen, dem ſeine Größe dient. Ich bin nur ein Werkzeug der Nothwendigkeit; meine Zauberkraft beſteht nur darin, daß ich Urſache und Wir⸗ kung erkenne. Neid, Argwohn und Mißachtung ſind die herrſchenden Mächte in den Herzen kleiner Seelen ge⸗ genüber den großen, und noch nie hat ein großer Geiſt Dank von Kleinen geerntet, für die er ſich geopfert. Un⸗ 6 26 dank iſt der Lohn einer Welt, in der die kleinen Geiſter die überwiegende Mehrzahl bilden. Am Undanke eines kleinen Königs wird Böhmens größter Mann zu Grunde gehen.“ Die Zauberin ſetzte ihren Nachen in Bewegung und war bald hinter dem Steinhaufwerk und aus dem Nachen in dasſelbe verſchwunden. Zweites Capitel. Herr Sezema von Landſtein, den wir im Hohlwege auf dem Berge Witkow verließen, war ein Sohn Pil⸗ grams von Wittingau aus dem großen Geſchlechte der Witkowetze. Gleich den meiſten ſeiner Verwandten von König Otokar II., von deſſen letztem Feldzuge gegen Rudolf von Habsburg, verbannt, war er nach Ungarn geflohen und hatte am Hofe des Königs Ladislaus gaſt⸗ liche Aufnahme gefunden. Bald war er ſo hoch geſtiegen in des Königs Gunſt und Vertrauen, daß dieſer ihn durch Vermälung mit einer reichen ungariſchen Erbin und die Verleihung eines hohen Hofamtes bleibend an ſeinen Hof zu feſſeln ſuchte, was ihm auch gelang. Als nach dem Tode Otokar's und nach Zawiſch's von Falken⸗ ſtein und ſeiner Freunde Sieg über die Feinde der Königin⸗ Witwe, ſeiner heimlich Vermälten, die Witkowetze aus 28 der Verbannung zurückgerufen wurden, hatte Sezema von Landſtein es vorgezogen in Ungarn, das ihm zur zweiten Heimat geworden, zu bleiben. Doch hatte er auch fern vom Vaterlande den Angelegenheiten desſelben ſeine aufmerkſame Theilnahme geſchenkt, und nie ver⸗ geſſen, daß er ein Witkowetz war. Mit Stolz hatte er auf die Thaten und Erfolge ſeines Vetters und Wlady⸗ ken Zawiſch von Falkenſtein geblickt, mit Stolz ihn zum erſten Manne Böhmens, zum Gemal der Königin⸗Witwe und erſten Rathgeber ihres Sohnes, des Königs Wen⸗ zel II., ja zum eigentlichen Herrſcher von Böhmen ſich erheben ſehen. Und er hatte nicht verſäumt vor ſeinem königlichen Gönner den Gegenſtand ſeines Stolzes in das rechte Licht zu ſtellen. Ladislaus von Ungarn hatte mit der Krone ſeiner Väter auch den Haß geerbt, den dieſe gegen das Geſchlecht der Przemysliden auf dem böhmiſchen Thron genährt, und der durch die Niederlagen, welche der Träger der ungariſchen Krone durch Ottokar II. auf den Schlacht⸗ feldern erlitten, trotz deſſen Vermälung mit Kunigunde von Halic, nicht gemildert worden war. Wenn daher König Ladislaus mit der größten Theilnahme vernahm, wie ruhmvoll Zawiſch von Falkenſtein das königliche Amt verwaltete, wie er in ſeinem zerrütteten Vaterlande Recht und Ordnung wieder aufrichtete und durch eine 29 Menge weiſer Einrichtungen befeſtigte, wie er mit ge⸗ waltigem Arm den aufrühreriſchen Geiſt der ihm feind⸗ lich geſinnten Barone niederhielt und der königlichen Macht ein Anſehen verſchaffte, wie ſie es lange nicht beſeſſen; wenn dies Alles Ladislaus mit der größten Theilnahme vernahm, ſo geſchah dies nicht, weil er ſich über die neue Befeſtigung des Thrones der Przemysliden freute, ſondern aus einem weit minder edlen Beweg⸗ grunde. Er gönnte den Przemysliden das Schickſal der letzten Merovinger, und hätte gern geſehen, Zawiſch von Falkenſtein, der in Böhmen ungefähr die Stellung einnahm, welche Pippin von Herſtall am fränkiſchen Hofe bekleidete, ahmte dieſem oder vielmehr ſeinem Enkel Pippin dem Kurzen in der vollſtändigen Verdrängung des alten Königsgeſchlechtes nach. Auf dieſe Weiſe, meinte er, würde ſtatt des feindlichen Geſchlechtes der Przemysliden ein dem ungariſchen Königshauſe freund⸗ liches, weil in ſeinem Stifter dieſem verwandtes Herr⸗ ſchergeſchlecht, zum böhmiſchen Thron gelangen. Der Gedanke hatte bei Sezema von Landſtein Anklang ge⸗ funden, und war von da an in Ladislaus Seele eifrig genährt worden. Zuletzt hatte dieſer geglaubt ſelbſt mit an der Verwirklichung ſolchen Gedankens arbeiten zu müſſen; er hatte beſchloſſen ſeinen Vertrauten Sezema von Landſtein nach Prag zu ſchicken, daß dieſer ſeinen 30 erhabenen Vetter ſondire und dafern er ihn zu der ihm zugedachten Rolle geneigt finde, ihn des Beiſtandes der ungariſchen Krone verſichere. Sezema hatte ſich zu die⸗ ſer Sendung auf das bereitwilligſte verſtanden, und Ladislaus ihn nun wie eine Geſandtſchaft von Herrſcher zu Herrſcher mit reichem Gefolge und koſtbaren Geſchen⸗ ken für Zawiſch und deſſen Gemalin Kunigunde aus⸗ gerüſtet. An der Spitze dieſer Geſandtſchaft war Sezema denn nun in Prag angekommen. Als er auf der mähri⸗ ſchen Straße ſich dem herrlichen Königsſitze genaht, hatte er ſein Gefolge Halt machen laſſen und war allein auf den Berg, an deſſen Seite ſich die Straße hinzog, hinaufgeritten, um von ſeinem Scheitel nach ſo langer Abweſenheit zum erſten Male wieder die theure Stadt in ihrer ganzen Pracht and Größe zu überſchauen und zu begrüßen. Nach dem Zwiſchenfall im Hohlwege war er wieder zu ſeinem Gefolge, einer großen Zahl prächtiger unga⸗ riſcher Reiter mit einer Koppel wunderſchöner Roſſe ohne Reiter, geſtoßen, und unter großem Volkszulauf in die Stadt eingeritten, in welcher die weiten Räume des„Roſenhauſes,“ die erſt neuerdings alſo genannte Herberge der Witkowetze, die Ankömmlinge aufnahmen. 31 Wir finden Herrn Sezema wieder, wie er bereits in einem der vielen Gemächer des Hauſes ſich häuslich niedergelaſſen und von dem Haushofmeiſter über die in Prag anweſenden Glieder des witkowetziſchen Geſchlech⸗ tes ſich Bericht erſtatten läßt. Es waren aber nach dieſem Bericht zur Zeit nur die mit hohen Reichsämtern betrauten Herren Zawiſch van Falkenſtein, königlicher Oberſthofmeiſter, Wi⸗ tek von Krumau, ſein Bruder, königlicher Unter⸗ kämmerer, und Oger von Lomnitz, Oberſtland⸗ kämmerer, und neben dieſen Zawiſch's Schwager Hroz⸗ nata von Huſitz, Oberſtburggraf von Prag, hier anweſend. Von dieſen wohnten nur Witek und Oger im „Roſenhauſe,“ während Hroznata in der Burg auf dem Hradſchin, Zawiſch aber in einem von ihm neu erbauten ſtattlichen Gartenhauſe am nordöſtlichen Ende der Stadt, Kunigundenluſt genannt, ihre Behauſung aufgeſchlagen hatten. Witek und Oger waren, wie der Haushofmeiſter meldete, mit dem jungen König auf die Jagd geritten. „Und mein Vetter, der Wladyka?“ fragte Sezema. „Der ſitzt wie gewöhnlich daheim in Schriften ver⸗ graben,“ antwortete der Haushofmeiſter, deſſen Name Jodok war.„Ein wenig Jagen thäte dem edlen Herrn gewiß auch gut, aber er kommt nicht dazu vor lauter Reichsgeſchäften. Es iſt wahrhaft erſtaunlich, was der hohe Herr arbeitet. Des Morgens um vier könnt Ihr ihn ſchon am Schreibtiſch finden, und Abends ſpät erſt gönnt er ſich eine Erholung mit ſeiner Gemahlin und ſeinem kleinen Sohne Zeſſek. Dafür ſteht aber auch Alles wohl im Böhmenlande, wie es ſeit Menſchengedenken nicht geſtanden; der Bürger in den Städten treibt in Frieden ſein Gewerbe und freut ſich des Segens ſeiner Arbeit, deren er nicht genng leiſten kann, und der Land⸗ mann baut und erntet in Sicherherheit ſein Korn und ſeinen Kohl. Es iſt im Lande zwiſchen den vier Gebirgen wieder wie in den Tagen Spitignews I. und Bretislaws, der ein Gideon an Tapferkeit, ein Samſon an Stärke, ein Salomo an Weisheit war. Wer um wenig Jahre zurückblickt und ſieht die Wandlung, die vorgegangen, der möchte meinen, Alles ſei Zauberwerk, und wirklich gibt es Viele, die meinen, Zawiſch ſei ein Zauberer, größer und mächtiger als Ruſalka, die Zauberin im Hauſe Kaſcha's— aber da hier(er deutete auf ſeine Stirn) und hier(er deutete auf die Bruſt) wohnt der ganze Zauber des Herrn Zawiſch. Er hat einen hellen Geiſt, der Alles erkennt, was fehlt und was hilft, und ein liebvolles, muthiges, eifriges Herz, das ihn ewig treibt für ſein Volk zu ſchaffen und nicht zu ruhen, bis das Gute, das er erdacht, ins Werk gerichtet iſt. Das iſt der ganze Zauber!“ „Du haſt Recht, ehrlicher Alter,“ erwiederte Se⸗ zema,„biſt du ſchon lange im Dienſte der Roſe? Ich kann mich deiner nicht erinnern.“ „Das glaub' ich, edler Herr; dien ich dem hohen Hauſe Witek's doch erſt wenig Jahre, und hätte vorher nie gedacht ihm oder überhaupt einem Edelmann dienen zu müſſen. Denn ich bin Bürger von Prag, Herr, und war vor Jahren ein Mann, der ſich von ſeinem Gewerbe nährte wie Einer; ich hatte mein eigen Haus und gute Kundſchaft als Handſchuhmacher für Hof und Adel.— Aber die böſe Zeit, die nach dem Untergang unſeres gro⸗ ßen Königs über unſer armes Böhmen hereinbrach und Tauſende ins Grab oder an den Bettelſtab brachte, die richtete auch meinen Wohlſtand zu Grunde, ſo daß ich mein Gewerbe aufgeben, von Haus und Hof gehen und zuletzt froh ſein mußte, dieſen Dienſt im Roſenhauſe zu erhalten.“ „Hat der Wladyka dir ihn ſelbſt verliehen?“ fragte Sezema. „Ja, ich dank ihn ſeiner Großmuth, die nicht Bö⸗ ſes mit Böſem vergilt, ſondern— wie das Evangelium fordert— wohl thnt denen, die ihn beleidigen.“ „Wie ſo hatteſt den Wladyka beleidigt? wie kamſt du dazu?—“ Taura. Die Witlowetze. 1. 3 34 „Wenn Ihr erlaubt, ſo will ich Euch die ganze Geſchichte erzählen—“ Sezema forderte ihn dazu auf und Jodok erzählte: „Ihr waret nicht in Prag, als die Brandenburger ſo arg hier hauſten und am Ende gar den Dom von St. Veit ausraubten. Damals lebte in Prag ein Ge⸗ lehrter und Prophet Namens Dalemit, der hatte großen Anhang im Volke, ſo daß er nur den Mund aufzuthun brauchte, um das Volk von Prag auf die Beine zu brin⸗ gen. Der rief das Volk auf dem großen Ring zuſammen und forderte es mit gewaltigen Worten auf den Kirchen⸗ raub zu ſtrafen und den Räubern die Beute zu entrei⸗ ßen, bevor ſie folche ausgeführt. Da eilte, was einen ge⸗ ſunden Arm hatte, nach Hauſe und waffnete ſich, und in wenig Minuten ſammelte ſich ein kampfluſtiger Haufen von vielen tauſend Männern, bereit, die Burg, wo ſich die Räuber eingeſchloſſen hielten, zu ſtürmen. Auch ich war unter ihnen und Euer Vetter, der Wladyka, führte uns an. Als ging es zum Tanze, ſtürmten wir über die Moldau, den Hradſchin hinan. Wir waren des ſchnellen Sieges um ſo gewiſſer, als wir feſt an unſeres Führers übernatürliche Kraft glaubten, von der in Prag ſeltſame Dinge erzäht wurden. Aber wir ſollten bald mit blutigen Schädeln innewerden, daß den Hradſchin ſtürmen kein Kinderſpiel ſei. Die Räuber empfingen uns mit harten Kopfnüſſen von den Zinnen und aus den Wurfslöchern ihrer Mauern. Da mußte mancher Mutter Sohn ins Gras beißen und mancher Familienvater ſah Weib und Kind nicht wieder. Wie ich nun ſah, daß die beſten Män⸗ ner umfielen, wie Halme, welche der Hagel trifft, und daß die Räuber hinter ihren Mauern unſeres Ungeſtüms ſpotteten, da gedachte ich der Zauberkraft nnſeres Füh⸗ rers und rief im Zorn über ſo viel nutzlos vergoſſenes Blut:„Was laſſen wir uns hier abſchlachten ohne Noth? haben wir nicht einen mächtigen Zauberer unter uns? Er brauche ſeines Zaubers, und der Sieg kann uns nicht fehlen.“ Das Wort fand Anklang rings um mich her, und alsbald ſuchten viele Blicke Euren Vetter Herrn Za⸗ wiſch von Falkenſtein, und wie ſie ihn gefunden, riefen ſie ihm zu:„Braucht des Zaubers, Herr, damit nicht noch mehr ſchuldloſes Blut fließe!“ Und bald ſchrie es von allen Seiten:„Braucht des Zaubers!“ Und wir drangen unſer mehrere auf ihn ein und wiederholten den Ruf. Er wandte ein, daß wir irrten, daß nur thörichter Wahn ihm Zauberkraft beimeſſe— aber wir glaubten dem Gerücht mehr als ſeinem Wort und wollten durch⸗ aus ein Wunder von ihm ſehen. Als er dies nun beharr⸗ lich ablehnte, erſt mit ſanften, dann mit ſtrengen Wor⸗ ten, da übermannten uns Wahn und Wuth und wir kehr⸗ ten unſere Waffen gegen ihn, drangen wie reißende 36 Thiere auf ihn und ſeine zwei Freude ein— ich allen voran ſchwang mein Beil gegen ſein unbeſchirmtes Haupt und vielleicht hätte dieſe unſelige Hand Böhmen ſeinen Retter und Wohlthäter erſchlagen, wäre nicht zur rech⸗ ter Zeit dieſem ein Retter gekommen, ein Rieſe von Ge⸗ ſtalt, der mich und meinen Genoſſen mit gewaltigem Arm zu Boden ſchlug. Als wir uns wieder erholten, war der Rieſe ſammt unſerm Opfer verſchwunden— wir Thoren wähnten, der Böſe ſei es geweſen, der ihn ge⸗ holt, weil ſein Pakt gerade abgelaufen.“ „Und wie kamſt du ſpäter doch zu dem Wladyka?“ fragte Sezema. „Durch die Noth,“ antwortete Jodok;„ich hab' Euch ſchon geſagt, wie ich durch die böſe Zeit, die wir durch Gottes und Eures Vetters Hilfe hinter uns haben, in Noth gerathen, aber ich hab' Euch nicht geſagt, wie grauenvoll ſie mich heimgeſucht, wie Theuerung und Plünderung meinen Wohlſtand fraßen und die böſe Seuche mir Weib und Kinder entriß, wie ich zuletzt ſelbſt von Angſt, Kummer und Entbehrung auf das Siechbett geſtreckt wurde, von dem ich nur erſtand, um als Bett⸗ ler aus meinem Hauſe zu gehen, aus dem mich das Ge⸗ richt um einer Schuld willen erbarmungslos wies. Das war in der letzten Zeit, da die Feinde Eures Hauſes noch in allen hohen Aemtern waren, und ſtatt Recht und Gerechtigkeit noch Gunſt und Willkür regierten. Ich wan⸗ derte aus Prag, mir anderwärts mein Brot zu ſuchen; denn in meiner Vaterſtadt, wo man mich einſt als wohl⸗ habenden Bürger und Meiſter gekannt, wollte ich nicht als herabgekommener Mann bleiben und als Geſell ar⸗ beiten. Aber wie ich auch das Land durchzog, in meinem Gewerbe fand ich nirgends Arbeit, und wenn ich mich zur ſchweren Handarbeit verdingte, muß ich wegen Man⸗ gel an Kräften bald wieder feiern. So hab' ich manche Zeit ein traurig, elend Leben geführt, bis ich endlich des Lebens müde nach Prag zurückgewandert, hier noch ein⸗ mal die Gräber meiner Lieben zu ſehen und dann mir ſelbſt ein Grab zu ſuchen in der kühlen Moldau. Gott verzeihe mir den ſündhaften Gedanken und ſei mir gnä⸗ dig, daß ich ihn ausführte. Von der Brücke hatte ich mich hinabgeſtürzt, um deſto ſichererer unterzugehen, ſchon war ich beſinnungslos an der Pforte der Ewigkeit angelangt — da erwachte ich wieder zu dieſem Leben, ich befand mich in einem freundlichen, warmen Gemach, umgeben von Männern, die ſich angelegentlich mit mir beſchäftig⸗ ten.„Wo bin ich?“ fragte ich betroffen.„Im Hauſe des Sechsmänneramtes,“ ward mir zur Antwort. Ich verſtand nicht, was das war. Man erklärte mir, das ſei eine Behörde, die der neue Regent von Böhmen in Prag eingeſetzt, um über Sicherheit des Eigenthums und Le⸗ bens der Bewohner zu wachen, jedes Hinderniß der all⸗ gemeinen Wohlfahrt und Annehmlichkeit des Lebens zu beſeitigen, jedes Verbrechen vor Gericht zu ziehen und jedem Unglücklichen Beiſtand zu leiſten. Ich erfuhr jetzt erſt, daß die böſen Räthe des jungen Königs durch Eu⸗ ren erlauchten Vetter und ſeine Freunde geſtürzt worden waren. Aber mir ward nicht wohl, als mir mitgetheilt wurde, daß ich vor Herrn Zawiſch ſelbſt geſtellt werden ſolle, denn die Abtheilung des Sechsmänneramtes, welche ſich mit den Unglücklichen beſchäftigte, habe er ſich ſelbſt vorbehalten. Ich dachte mit Zittern, was ich an ihm ver⸗ übt. Ich bat meinen Wärter, mich meinem Schickſale zu überlaſſen; ich wollte lieber fernerhin alle Lebensnoth ertragen, als dem Manne unter die Augen treten, der mir in zwiefacher Hinſicht ſchrecklich war. Aber ich mußte bleiben, man reichte mir königlichen Wein und treffliche Speiſe und jegliche Erquickung, und als ich mich ſtark genug fühlte, ward ich in ein nahes Gemach geführt. Da ſtand ich vor Zawiſch von Falkenſtein. Mir war, als ſänke der Boden unter meinen Füßen ein; ich wagte nicht zu ihm aufzublicken. Er aber redete mich mit mildem Tone an:„Du haſt wohl viel geliten, armer Mann, daß du am Leben verzweifelteſt und deinen Gott vergaßeſt? Sag' an, wo fehlt es dir, was iſt znm thun, um dich wieder an das Leben zu ketten? Sage mir dein X 5. ganzes Leiden— erzähle mir die Geſchichte deines Miß⸗ geſchicks.“ Dieſe Worte drangen mir wunderbar zu Her⸗ zen, eine ſelige Rührung ergriff mich, ich wagte mein feuchtes Auge zu ihm zu erheben— das ſeinige ruhte ſo mild, ſo mitleidsvoll auf meinem Geſicht, nichts in ſeinen Mienen verrieth, daß er ſeinen Beleidiger erkannte, ich faßte mir ein Herz und erzählte ihm mein ganzes Schickſal. Er hörte mir geduldig zu, bis er alles wußte. Da faßte er meine Hand und ſagte:„Armes Opfer der gräßlichſten Geißel der Menſchheit, des Krieges! Wehe denen, die dieſe Geißel heraufbeſchworen, um eige⸗ nen Vortheils oder Gelüſtes willen, ſie ſind die größ⸗ ten Verbrecher der Menſchheit. Was hat dieſer arme Menſch gethan, daß ihm durch dieſe Geißel Weib und Kind gewürgt und all ſein Lebensglück gemordet werden mußte? Was gingen ihn die Streitigkeiten der Großen an, daß er ſie ſo furchtbar büßen mußte? Und er iſt nur einer von hunderttauſenden, die Aehnliches ſchuldlos ge⸗ litten. Armes, unglückliches Vaterland! Aber ich will dieſes Ungeheuer fortan weit von deinen Grenzen ban⸗ nen, ich will den Geiſt, der es über dich gebracht, er⸗ ſticken.“ Dann ſagte er zu mir:„ich kann dir dein Weib und deine Kinder nicht wiedergeben, aber ich kann deiner leiblichen Noth ein Ende machen. In der Herberge mei⸗ nes Geſchlechts iſt die Stelle eines Hausmeiers erledigt, 40 willſt du ſie haben? Sie ſichert dir ein gemächliches Aus⸗ kommen.“— Herr! da konnte ich nicht länger an mich halten, ich fiel dem großen Manne zu Füßen und rief: „ich bin ſolcher Güte nicht werth, denn ich habe mich einſt ſchwer an Euch vergangen—“ und ich wollte ihm die ganze Geſchichte wieder ins Gedächtniß rufen, aber er unterbrach mich—„Laß das!“ ſagte er,„ich erkannte dich auf den erſten Blick, du haſt tauſendfach dafür ge⸗ büßt; jetzt nicht mehr zurückgeblickt, ſondern vorwärts geſchaut in ein neues Leben; jener Wahn, der dich zum Unrecht verführt, wird dir bald genommen werden, wenn du in den Dienſt meines Hauſes treten willſt.“„Nun, ob ich wollte, Herr!“— Ich nahm die Stelle mit Dan⸗ kesthränen an, und von meinem Wahne ward ich bald gründlich geheilt.“ „Siehſt du, meinen Vetter, den Wladyka zuweilen? Sahſt dn ihn kürzlich? Befindet er ſich mit den ſeinigen wohl?“ „Ich werde dann und wann von den andern Vet⸗ tern mit einem Auftrag zu ihm geſchickt,“ antwortete Jo⸗ dok;„erſt geſtern war ich bei ihm. Da fand ich ihn wohl⸗ auf wie immer. Es iſt ein Wünder, wie er ſich ſo friſch erhält, da er ſich ſo wenig Erholung gönnt.“ „Sahſt du auch ſeine Gemahlin, die Königin, kürzlich?“ 41 „Ich ſah ſie vorige Woche, als ich einmal in der Dämmerſtunde draußen war. Da fand ich Herrn Za⸗ wiſch ſammt ihr und ihrem kleinen Sohne im Garten. Sie ſah fehr wohl und glücklich aus. Sie muß es wohl auch ſein, denn ihr Gemahl trägt ſie auf den Händen und ſchafft ihr jedes erdenkliche Ergötzen. In dem Gar⸗ tenhauſe, das ſie bewohnen, hat er ihr ein wahres Pa⸗ radies geſchaffen. Auch ſieht ſie nun ihren Sohn, den König, im ſchönſten Einverſtändniß mit ſeinem Stief⸗ vater, ſeit deſſen Widerſacher alle vom Hofe verbannt ſind. Möge dieſes ſchöne Einverſtändniß immer währen, denm es iſt dem ganzen Lande zum Segen!“ Sezema ſah eine Weile ernſt und ſtumm vorſich hin. Warernicht eigentlich gekommen, dieſes Einverſtändniß zu ſtören? Durfte er dies nun thun? Durfte er den Frieden des Landes, der aus dieſem Einverſtändniß floß, mit allen ſeinen Segnungen auf's Spiel ſetzen, indem er ſeinen Vetter im Sinne des Königs Ladislaus bearbeitete?— Es ſtiegen ſehr gewichtige Bedenken dagegen in ihm auf. Jedenfalls durfte er ſich ſeiuer Sendung nicht ohne Wei⸗ teres entledigen, er mußte die Verhältniſſe erſt näher prüfen, und dies beſchloß er zu thun. Plötzlich aus tie⸗ fem Nachdenken erwachend, ſagte er zu den Hausmeier: „Die Widerſacher meines erlauchten Vetters ſind vom Hofe verbannt; aber wohl nicht zugleich von Prag? Ich weiß, daß wenigſtens die Herrn Zbiflaw Zagje von Trebaun und Sezema von Kraſſow hier weilen. Ich finde das nicht für gut, daß ſolche gefährliche Feinde der Roſe hier geduldet werden, wo ſie gewiß böſe Ränke ſpin⸗ nen.“ „Sie werden's zu keinem Faden damit bringen,“ verſetzte Jodok,—„es ſei denn zu einem Strick für ſich ſelbſt; denn das Ange des Sechsmänneramtes wacht über ihr geheimſtes Thun. Da Herr Zbiſlaw Zagjc von Tre⸗ baun in Prag angeſeſſen ift, und er Urfehde geſchworen, ſo kann ihm der Aufenthalt hier nicht füglich verwehrt werden, und Herr Sezema von Kraſſow mag wohl nur augenblicklich bei ihm zum Beſuch ſein.“ Sezema von Landſtein ſchien durch dieſe Erklärung völlig befriedigt zu fein. Er ſtellte nun noch einige Fra⸗ gen über minder wichtige, mehr das Hausweſen berüh⸗ rende Dinge und entließ dann den Hausmeier mit eini⸗ gen Befehlen die Unterkunft und Verpflegung ſeines Ge⸗ folges betreffend. Er war aber noch gar nicht lange allein, als er ein ſtarkes Klopfen am Thorweg vernahm. Wenig Minuten ſpäter trat Jodok wieder ein mit etwas beſtürzter Miene. „Herr,“ ſagte er haſtig,„was iſt Euch und einem Eu⸗ rer ungariſchen Diener begegnet? Unten ſteht ein Bote des Sechsmänneramtes und fragt nach Euch und Eurem 43 Diener Sandor— ja, er verlangt Euch im Namen des Sechsmänneramtes zu ſprechen.“ „Du machſt ja ein Geſicht als gälte es meinen Kopf,“ verſetzte Sezema.„Ich habe das Sechsmänner⸗ amt nicht zu fürchten, aber ich freue mich dieſe neue und ſeltſame Einrichtung kennen zu lernen. Führe den Boten zu mir.“ Jodok trat ab. Nach einer Weile trat ein Mann, gekleidet in einen langen rothen Talar nach altezechiſchem Schnitt, einen langen Stab mit ſilbernem Knopf in der Hand und von ſehr würdevoller Haltung, in das Gemach. „Seid Ihr Herr Sezema von Landſtein, Abgeſand⸗ ter Seiner Majeſtät des Königs von Ungarn?“ fragte der Bote des Sechsmänneramtes. Sezema bejahte, verwundert, daß man wußte, in welcher Eigenſchaft er gekommen. „Und habt Ihr einen Diener, einen Stallmeiſter in Eurem Gefolge, Namens Sandor?“ Sczema mußte auch dieſe Frage bejahen. „Dann“— nahm der Bote wieder das Wort— „wuß ich Euch erſuchen, mir ſammt Eurem Stallmeiſter auf das Sechsmänneramt zu folgen.“ „Und darf ich fragen, was ich dort ſoll?“ fragte Sezema. 44 „Mein Auftrag iſt zu Ende,“ erwiederte der Bote ernſt. „Und wenn ich denn nicht Luſt hätte, darauf hin Euch zu folgen?“ ſagte Sezema. „Dann geh' ich ohne Euch und überlaſſe dem ho⸗ hen Amte, das Weitere zu verfügen.“ Sezema's Stolz ſträubte ſich, dieſer nackten Ladung Folge zu leiſten, gleichwohl war er begierig, die ihm ge⸗ heimnißvolle Behörde kennen zu lernen und zuletzt ver⸗ ſchaffte dieſer Begierde der Gedanke an den Schöpfer dieſer Einrichtung das Uebergewicht. Er nahm die La⸗ dung als einen Befehl ſeines Wladyka auf und ſo er⸗ klärte er ſich denn zu folgen bereit. Nachdem er auf den Wunſch des Boten ſeinen Stall⸗ meiſter Sandor gerufen, trat er mit Beiden den Weg nach dem Sechsmänneramte an. Drittes Capitel. Das Sechsmänneramt, dieſe von Zawiſch von Falkenſtein„zu Hintanhaltung der Parteiungen, Pri⸗ vatfehden u. ſ. w., ſowie zur Handhabung der Ordnung und Rechtlichkeit im Verkehre und Handel,“ für die Hauptſtadt Böhmens eingeſetzte Behörde, hatte ihren Sitz im Teynhofe der uralten Nebenreſidenz der böhmi⸗ ſchen Herzoge, die damals aber ſchon ſeit langer Zeit zu andern, beſcheideneren Zwecken, vornehmlich als Kauf⸗ haus diente. Das Sechsmänneramt nahm nur einen kleinen Theil des großen Gebäudes ein. Dorthin führte der Bote Herrn Sezema von Land⸗ ſtein und ſeinen ungariſchen Stallmeiſter. In einer gro⸗ ßen Halle, wo ſich der Geladenen mehrere befanden, mußten auch dieſe warten, bis ſie gerufen wurden. Die Zeit ward ihnen dabei nicht lang, denn ſie wurden Zeu⸗ 46 gen verſchiedener raſch wechſelnder Auftritte. Da ſaßen an zwei entgegengeſetzten Wänden zwei Brüder, die ein⸗ ander mit finſteren Blicken maßen und auf einmal mit wildem Grimm auf einander losſtürzten. Aber ſchnell eilte ein Amtsdiener herbei und trennte ſie mit ernſten, ſtrafenden Worten. Dann ging die Thüre des Amts⸗ ſaales auf und heraus trat ein dicker, behäbiger Bür⸗ gersmann von erhitztem Ausſehen, gefolgt von einem Amtsdiener in rother Tracht. Dieſer befahl ſeinem Ge⸗ fährten ſtehen zu bleiben, entrollte ein Pergament in ſeiner Hand und las mit lauter Stimme:„Kund und zu wiſſen ſei hierdurch Jedermann, daß Meiſter Procop Honka, Bürger und Bäcker der königlichen Hauptſtadt Prag wegen bei ihm zu leicht gefundenen Brotes von den Geſchwornen des freien Sechsmänneramtes verur⸗ theilt worden, vierzig Metzen guten Roggenbrodes nnent⸗ geldlich für die Armen zu backen und an das Sechs⸗ männeramt binnen drei Tagen abzuliefern. Im Namen des Königs.“ Nach der Verleſung verließ der Diener mit dem tiefbeſchämten Bäckermeiſter die Halle, um ihm ſogleich noch eine Beſchämung zu bereiten. Vor der Hausthüre nämlich blieb er wieder mit ihm ſtehen und ſchlug vor ſeinen Angen das Urtheil öffentlich an, ſo daß es Jedermann leſen konnte. Kaum war dieſer Auf⸗ tritt vorüber, ſo öffnete ſich der Saal der Geſchworenen 47 wieder und heraus trat ein Sohn Iſraels mit lachenden Mienen:„Heil dem Lande, wo Gerechtigkeit iſt!“ rief er,„Heil dem Amte der Sechsmänner, denn es übt Gerechtigkeit ohne Anſehen der Perſon!“ Alle Umſtehen⸗ den umringten den Juden und fragten, was ihm wider⸗ fahren. Er erzählte: Ein Edelmann habe ſeine Tochter mit falſcher Liebe berückt, auf ſein Schloß gelockt und verführt. Als ſie Mutter werden ſollte, habe er ſie in's Elend geſtoßen. Er, der ſchwer gekränkte Vater aber, habe ſich ihrer Leibesfrucht, eines Knäbleins, erbarmt und es aufgenommen in ſein Haus. Mit liebender Sorg⸗ falt habe er ſich des verwaiſten Kindes angenommen, ihm eine Amme gehalten und ſein Leben zu erhalten geſucht, was ihm denn auch gelungen; das Knäblein ſei vortrefflich gediehen und ſeine ganze Freude gewor⸗ den. Natürlich habe er es als ſein Eigenthum betrachtet und durch die Beſchneidung in den Bund aufgenommen, den die Väter mit Gott gemacht. Drei Jahre habe er ſich des herzigen Kindes ungeſtört erfreut gehabt, da ſei eines Tages ein Reiter vor ſein Haus gekommen, der habe ihn rufen laſſen und ihn im Namen des Erzeugers des Knäbleins aufgefordert, dasſelbe aus zuliefern. Er aber habe ſich deſſen geweigert, worauf ſich der Reiter ohne Weiteres entfernt. Mancher Tag ſei vergangen, ohne daß das Verlangen wiederholt worden, und ſchon 48 habe er ſich aller Sorge deswegen entſchlagen gehabt: da ſei er eines Tages in Geſchäften über Land geweſen, und als er heimgekehrt, habe er das Kind ſammt ſeiner Wärterin nirgends gefunden. Er habe das ganze Ghetto nach ihnen durchſucht, aber leider ſeien ſie verſchwunden geblieben. Nun habe er in der Chriſtenſtadt geſucht und gefragt und ſei endlich von einem aufrichtigen und mit⸗ leidigen Manne berichtet worden, daß gegen Mittag ein Reiter am Eingange in's Ghetto gehalten habe; bald ſei ein Frauerzimmer herausgekommen und habe dem Reiter ein Knäblein auf das Pferd gereicht, dagegen habe dieſer dem Frauenzimmer etwas gegeben, was wie ein gefüllter Beutel ausgeſehen, worauf er mit dem Knäblein davongeritten, das Frauenzimmer aber in das Innere der Stadt gegangen ſei. Mit Angſt und Schrecken hatte der Jude jetzt geſchloſſen, daß die Wärterin ſeines Enkels ſich hatte beſtechen laſſen und dieſen dem Boten ſeines Vaters ausgeliefert. Voll Angſt und Kummer habe er ſich gleich den andern Morgen nach dem Schloſſe des Verführers ſeiner Tochter auf den Weg gemacht, das Kind, an das er ein heiliges Anrecht gehabt, zurück⸗ zufordern. Aber als er dahingekommen, ſei ihm mit Hohn erklärt worden, es ſei dem Herrn nicht in den Sinn gekommen, den Bankert zu ſich auf ſein Schloß zu nehmen, er habe ſein Fleiſch und Blut nur nicht dem N 49 Teufel wollen verfallen laſſen, weswegen er es mit ſchwerem Gelde erkauft und dem Kloſter in Monte Sion oder Stift Strahow auf dem Hradſchin zur Rettung ſeiner Seele übergeben. Voll Jammers im Herzen ſei er nach Prag zurückgeeilt, habe ſich in die Straße nach dem Stift Strahow begeben und den Abt fußfällig um die Herausgabe ſeines Kindes gebeten. Aber der hochwür⸗ dige Herr habe erklärt, das Kind ſei der Kirche von ſeinem Vater geweiht, dieſer könne es nicht mehr ge⸗ nommen werden. Hier unterbrachen einige unter der Zuhörerſchaft den Erzähler mit der Bememerkung:„Da hat der hoch⸗ würdige Herr Recht!“ Doch andere riefen:„Erzähle weiter, Alter! Nun haſt du deine Sache wohl vor das Sechsmänneramt gebracht?“ „Nun,“ erwiederte der Jude;„ich ging voll Verzweif⸗ lung heim, zerraufte mir das Haar und wünſchte mir den Tod; denn ich ſah mein liebes Kind verloren— wie hätte ich noch Gerechtigkeit bei Chriſten finden ſollen? Aber kaum war ich am andern Tage in meinem Jammer auf⸗ geſtanden, da erſchien ein Bote des Sechsmänneramtes, das der Gott meiner Väter ſegnen wolle, und beſchied mich vor die Geſchworenen. Mit ſchwerem Herzen kam ich hierher; einer der würdigen Männer fragte mich, ob ich der Jude ſei, dem man ein Kind geraubt, und als Taura. Die Witkowetze. I. 4 50 ich bejahte, mußte ich ihm die ganze Geſchichte meines Jammers erzählen. Als ich zu Ende war, traten die Geſchworenen zuſammen und beriethen ſich kurz; dann ſprach der eine von ihnen:„Gehe getroſt heim in dein Hausz eh' die Sonne zweimal zur Rüſte geht, ſollſt du dein Kind wieder haben. Das Kind gehört dir; der Va⸗ zer hat ſein Recht daran verwirkt, weil er die Mutter mit ihrer Leibesfrucht verſtoßen, verlaſſen in ihrer Noth und das Kind Jahre lang verläugnet und verſäumt. Du aber biſt ihm Vater und Mutter und Alles geweſen. Darum muß es dir zurückgegeben werden, ſo wahr Ge⸗ rechtigkeit im Lande Böhmen waltet. Im Namen des Königs.“ Viele unter den Zuhörern brachen in Rufe der Freude und des Beifalls aus; einzelne aber äußerten ihre Bedenken, daß das Sechsmänneramt ſeinen Spruch gegen die Kirche durchſetzen könne, und andere mißbil⸗ ligten es, daß dieſe Behörde dem„ſchlechten Juden“ zu Gunſten entſchieden. Sezema von Landſtein und ſein Ungar hatten nicht Zeit, die verſchiedenen Meinungsäußerungen alle abzu⸗ warten, denn ſie wurden eben jetzt in den Geſchwornen⸗ ſaal gerufen. Die ſechs Geſchwornen ſaßen hier um einen halb⸗ runden Tiſch von Eichenholz, ohne alle beſondere Ab⸗ 51 zeichen ihrer Würde, während doch ihre Diener und Boten deren trugen. Es waren Männer verſchiedenen Alters und Standes, theils Handwerker, theils Gelehrte, theils Ritter, insgeſammt aber Bürger von Prag. Den itz führte Wenzel Prohaska, ein rechtskundiger Mann, der in Bologna ſtudirt und den Grad eines Doktors der Rechte erworben, jedoch in ſeinem Vater⸗ lande nie ein Amt geſucht hatte, ſondern als reicher un⸗ abhängiger Mann in ſeiner Vaterſtadt Prag den ſchö⸗ nen Künſten und ſtiller Wohlthätigkeit lebte. Ihn hatte Zawiſch von Falkenſtein auserkoren, ſeine neue Stif⸗ tung, das Sechsmänneramt, einzurichten und aus den von der Bürgerſchaft frei gewählten Candidaten die Geſchworenen zu ernennen. Mit vollkommener Uneigen⸗ nützigkeit und dem löblichſten Eifer hatte Prohaska ſich dem ehrenvollen Auftrage unterzogen und auf Zawiſch's dringendes Anliegen ſich ſelbſt mit zum Geſchwornen erwählt. Seine Mitgeſchworen hatten ihn einſtimmig zu ihrem Vorſitzenden ernannt. Dieſer würdige Mann befahl zunächſt einem der anweſenden Diener, den Begleiter Sezema's vorläufig in ein angrenzendes Gemach zu bringen, und richtete dann an Sezema ſelbſt die Frage: „Seit Ihr Herr Sezema von Landſtein, Sohn des 52 Herrn Pilgram von Wittingau, aus dem Geſchlechte der Witkowetze?“ Sezema bejahte und der Vorſitzende fragte weiter: „Ihr ſeid heute Vormittag mit ungariſchem Ge⸗ folge auf der Straße, die von Mähren kommt, in P eingezogen?“ . Ja „Ihr ſeid von der Landſtraße ab allein auf den Berg Witkow und nach einigem Verweilen von dort wieder zu Eurem Gefolge zurück geritten und zwar auf einem Wege, welcher ſehr ſchmal iſt und ſich allmälig zum Hohlwege vertieft?“ Als Sezema auch dieſe Frage bejaht, ward er auf⸗ gefordert, mit allen Umſtänden zu erzählen, was ihm auf jenem Wege begegnet. Sezema kam der Aufforderung mit der größten Wahrheitstreue nach. Als er fertig war, ließ ihn der Vorſitzende in das Gemach treten, in wel⸗ chem Sandor inzwiſchen hatte warten müſſen, und dieſer ward nun in's Verhör genommen. Nach deſſen Schluß mußte auch er wieder in dasſelbe Nebenzimmer zurück⸗ treten und die Geſchworenen beriethen ſich nun. Nach etwa einer halben Stunde wurden die beiden Harrenden vorgerufen. Als ſie in den Saal traten, fanden ſie zu ihrer Ueberraſchung auch die Herren Zbiſlaw Zagjc von Trebaun und Sezema von Kraſſow vor den Ge⸗ 53 ſchworenen. Dieſe ſtanden aufrecht an ihren Plätzen und der Vorſitzende verlas folgenden Spruch: „Kund und zu wiſſen ſei hiermit, welchen Spruch das freie Sechsmänneramt der königlichen Hauptſtadt Prag unter heutigem Tage über die Herren Sezema Zbiſlaw Zagjc von Trzebaun und Seze⸗ ma von Kraſſow, ſowie den Stallmeiſter Nagy Sandor gefällt hat. Spruch. Es iſt geſtändigermaßen Herr Sezema von Land⸗ ſtein aus dem Geſchlechte der Witkowetze von dem Eigen⸗ thümer alles Grund und Bodens an der Mittag⸗ und Abendſeite des Witkow⸗Berges bei unbefugter Bereitung eines nur ihm und ſeinem Geſinde zur Benützung frei⸗ ſtehenden Weges betroffen worden und hat, als ihn be⸗ ſagter Eigenthümer an einer ein Seitwärtsweichen nicht geſtattenden Stelle zurückzuweichen aufgefordert, ſtatt ſolcher Aufforderung, in welcher Form ſie auch immer an ihn ergangen ſein mochte, nachzukommen, dieſelbe ungebührlicher Weiſe zurückgegeben, worüber es zu einem Streit und Bruche des Landfriedens dekommen. Es iſt demnach Herr Sezema des Eingriffes in fremdes Eigen⸗ thumsrecht und der mittelbaren Veranlaſſung zum Land⸗ friedensbruche für ſchuldig zu erachten und wird des⸗ 54 halb auf vier Wochen aus dem Weichbilde von Prag verbannt, auch mit einer ar die königliche Kammer ab⸗ zuführenden Geldbuße von 10 Mark Silber belegt. Ferner ſind die Herren Zbiſlaw Zagje von Trze⸗ baun und Sezema von Kraſſow überführt worden, den Herrn Sezema von Landſtein durch ungebührliche, ritterliche Anrede gereizt und durch Eindringen auf den⸗ ſelben mit entblößtem Schwerte zur Gegenwehr ge⸗ zwungen, dadurch aber den heiligen Landfrieden frevent⸗ lich gebrochen zu haben; weshalb beide bis auf könig⸗ lichen Gnadenſpruch, welcher jedoch vor einem Jahre nicht nachzuſuchen, aus dem Weichbilde von Prag ver⸗ bannt und zu Erlegung einer Buße von je 30 Mark an die königliche Kammer verbunden ſein ſollen. Dagegen iſt Nagy Sandor, welcher nur die Pflicht eines treuen Dienſtmannes erfüllt, indem er ſeinem Herrn in der Bedrängniß zu Hilfe geeilt, nicht nur von aller Strafe freigeſprochen, ſondern auch mit einer ehrenvollen Be⸗— lobung wegen ſeines wackern Verhaltens bedacht wor⸗ den. Im Namen des Königs. Prag, am 20. Mai des Jahres 1285.“ Der Vorſitzende fügte zu dieſem Spruche noch die Erklärung, daß die Verurtheilten ſich demſelben ohne Einſpruch zu unterwerfen und Prag, ehe die Sonne zweimal zur Rüſte gehe, zu verlaſſen hätten. 55 Hierauf konnten die Parteien abtreten. Zbiſlaw Zagic von Trebaun und Sezema von Kraſſow kannten die Praxis des Sechsmänneramtes zu gut, um ſich auf eine Aenderung ſeiner Entſcheidung Rechnung zu machen. Wie alle derartigen Einrichtun⸗ welche in Epochen allgemeiner Auflöſung oder Zer⸗ ng zur Wiederherſtellung der Ordnung und öffent⸗ lichen Sicherheit unter den ordentlichen Gerichten ein⸗ geführt werden, trug das Sechsmänneramt den Charak⸗ ter der augenblicklichen Nothwehr, die ſich weder mit großen Förmlichkeiten befaſſen, noch auf Vorkehrungen einlaſſen kann, welche den Gegner ſicher ſtellen, daß ihn genau nur ein gewiſſes Maß von Streichen treffe. Das Sechsmänneramt hatte, ſo weit es die Sicherheitspolizei von Prag übte, in der erſten Zeit ſeines Beſtehens Aehnlichkeit mit unſern hentigen Standgerichten rück⸗ ſichtlich des ſummariſchen Verfahrens und der Unum⸗ ſtößlichkeit ſeiner Ausſprüche. So bitter daher die Her⸗ ren von Trzebaun und Kraſſow das über ſie gefällte Urtheil empfanden und ſo ſehr ſich ihr Inneres dagegen empörte, ſo unterwarfen ſie ſich ihm doch ohne Weiteres, wenn auch mit Zähneknirſchen. Anders Sezema von Landſtein. Fern von der Hei⸗ math, hatte er doch die Verhältniſſe des Vaterlandes nicht genau im Auge behalten. Ganz wie ein Augen⸗ 56 zeuge konnte er die Zuſtände der letzten Zeit nicht ken⸗ nen und daher auch die durch die dieſelben bedingte Ge⸗ walt des Sechsmänneramtes nicht würdigen. So wie er ſie plötzlich an ſich erfahren mußte, fehlte ihr jede Ver⸗ mittlung mit ſeinem altezechiſchen Rechtsgefühle dem Dynaſtenſtolze eines Witkowetz. Während her ſich ſtumm aus dem Geſchwornenſaale entfernten, blieb er vor den Geſchwornen ſtehen und erklärte, daß er ihren Spruch für ungerecht und es mit der Würde eines böhmiſchen Barons, eines Magnaten von Ungarn und Geſandten Seiner Majeſtät des Königs von Un⸗ garn für unverträglich halte, ſich demſelben zu unter⸗ werfen. Er proteſtire daher gegen den Spruch und wende Berufung dagegen an den König ein. Ruhig erwiederte der Vorſitzende darauf: „Wenn Euch unſer Spruch ungerecht oder unbil⸗ lig dünkt, ſo ſteht es Euch frei, Euch dagegen bei dem König zu beſchweren, doch wir haben damit nichts zu ſchaffen. Wir haben gethan, was unſeres Amtes. Gelingt es Euch, einen königlichen Erlaß zu erlangen, dann wohl Euch; außerdem würdet Ihr die Folgen etwaigen Ungehorſams gegen unſern Spruch Euch allein zuzu⸗ ſchreiben haben. Jetzt bitt' ich Euch, uns nicht weiter zu behelligen.“ 57 Sezema winkte Sandor, und beide verließen den Saal. Erſterer hatte durchaus nicht Luſt, ſich dem Spruche des Sechsmänneramtes zu unterwerfen. Außerdem, daß ſein Rechtsgefühl und ſein Stolz dagegen ſträubten, e es auch ganz und gar nicht zu dem Zwecke, der nach Prag geführt. Wenn er Prag auf vier Wochen meiden ſollte, ſo gab das einen ſehr widerwärtigen Auf⸗ ſchub. Und wenn, was nicht außer dem Bereiche der Möglichkeit lag, ein Gerücht von ſeiner Verbannung nach Ungarn an den Hof des Königs Ladislaus drang, was mußte dieſer dann denken, wie leicht konnte er ſei⸗ nem Abgeſandten alles Vertrauen entziehen und ihn zu⸗ rückrufen, ohne daß etwas Erwünſchtes erreicht oder auch nur verſucht worden! Sezema beſchloß, ſich gegen den Spruch des Sechsmänneramtes beim Könige durch Vermittelung ſeines allmächtigen Vetters zu beſchweren. Da er dieſen ohnehin morgen zu begrüßen und ihm die Geſchenke des Ungarkönigs zu überreichen hatte, ſo wollte er bei dieſer Gelegenheit Zawiſch's Vermittelung in Anſpruch nehmen. In ſeiner Wohnung im„Roſenhauſe“ angekom⸗ men, empfing er gleichzeitig die Beſuche ſeiner andern, im„Roſenhauſe“ wohnenden Vettern, Herrn Witek's von Frauenberg und Oger's von Lomnitz, welche in⸗ 58 zwiſchen durch den Hausmeier von der Ankunft des verwandten Gaſtes in Kenntniß geſetzt worden waren. Von dieſen beiden Herren war Oger von Lomnitz der ältere; ein mittlerer Fünfziger von anſehnlicher Körpergröße, mit halb kahlem Haupte, kühnem, e ſchloſſenem und ein wenig ränkeſüchtigem Geſichtsa druck. Er war Sezema's nächſter Verwandter, den war der Bruder von deſſen bereits ſeit fünfzehn Jahr im Stifte Hohenfurt ſchlaſenden Vaters Pilgram von Wittingau aus der Linie Neuhaus, während Witek von Frauenberg(Zawiſch's Bruder) zur Linie Krumau ge⸗ hörte. Dieſer war ein Mann im beſten Mannesalter, von mittlerer Größe, unterſetzt, von einnehmendem Ge⸗ ſicht, mit treuen, tiefblauen Augen. Wie dies in alter und neuer Zeit bei ſolchen Wie⸗ derſehensſcenen zu geſchehen pflegte, vergingen die erſten Viertelſtunden dieſer Zuſammenkunft unter Fragen und Antworten, welche die nächſten perſönlichen Verhältniſſe betrafen. Da es aber bei den Witkowetzen kein perſön⸗ liches Verhältniß gab, welches nicht in einem gewiſſen Zuſammenhange mit dem glänzenden Schickſal ihres gegenwärtigen Oberhauptes Zawiſch von Falkenſtein ſtand, ſo leiteten zuletzt alle Fragen und Antworten zu dieſem hin, gleich wie die Quellenbäche eines Stromes zu dieſem hinführen. Die Art, wie ſich nun die drei 59 Witkowetze über ihren hochgeſtiegenen Verwandten aus⸗ ſprachen, zeugte zunächſt von freudigem Stolze auf den⸗ ſelben, der jedoch in dem Stolze auf ihr erlauchtes Ge⸗ ſchlecht ſeine Grundlage hatte. Nur in ſofern dieſer rin eine Genugthuung fand, durfte jener zur Geltung umen. Sezema nahm dies mit geheimer Freude wahr, es beſtärkte ihn in der Hoffnung, daß er an ſeinen flußreichſten Verwandten am böhmiſchen Hofe eifrige Bundesgenoſſen in Verfolgung ſeines Zieles haben werde. Aus dem Geſichtspunkte dieſes Stolzes hatten die drei Vettern auch dies und jenes an dem Manne, den ſie ſonſt hoch erhoben, zu tadeln. Darunter beſonders, daß Zawiſch zu der mächtigen Stelle eines Oberſtburg⸗ grafen nicht einen geborenen Witkowetz, wie etwa Sezema, den Jüngern von Neuhaus, befördert, ſondern einen Mann, der ſich blos durch Heirat in die erlauchte Fa⸗ 3 milie eingedrängt: Zawiſch's Schwager Hroznata von Huſitz. Auch fanden ſie es wenigſtens bedenklich, daß er in der Bekämpfung widerſpänſtiger Elemente zu rück⸗ ſichtslos zu Werke ging, und Jeden, gleichviel ob er ein Vornehmer oder Gemeiner war, gleich behandelte. Oger von Lomnitz ward hierbei auf das Sechsmänneramt ge⸗ leitet, in deſſen Walten jene Rückſichtsloſigkeit ſchon öfters recht grell zu Tage getreten wäre. 60 Dies gab Sezema Veranlaſſung, ſeiner eigenen Beziehung zu dem Sechsmänneramte zu gedenken. Er erzählte ſeinen Vettern den ganzen Vorgang von der Begegnung mit den Herren von Trebaun und Kraſſow bis zu dem Ausſpruche der Geſchworenen.„Sagt ſelbſ ſchloß er ſeinen Bericht,„iſt dies nicht ein ungere und unbilliges Urtheil, und wäre es nicht eine He würdigung der glorreichen Roſe, wenn ich mich i unterwürfe? Ich werde dagegen beim König Beſchwerde erheben, und unſer Vetter Zawiſch wird ihr hoffentlich den gehörigen Nachdruck geben— meint ihr nicht?“ „Wer weiß,“ entgegnete Oger kopfſchüttelnd. „Ich glaube, er wird vielmehr mit allem Nachdruck dafür ſprechen, daß der Spruch des Fhn vollſtreckt wird,“ erklärte Witek. „Unmöglich!“ rief Sezema,„dieſe Schmach wird er einem Witkowetz nicht anthun!“ „Ich fürchte, Vetter Witek hat recht,“ bemetlie Oger;„der Wladyla ſucht etwas darin recht unparteiiſch zu erſcheinen, und Euer Fall, Vetter, bietet ihm hierzu die beſte Gelegenheit.“ „Sprecht nicht, mein Bruder ſuche etwas darin unparteiiſch zu erſcheinen,“ wies Witek ſeinen Vetter Oger zurecht;„er iſt wirklich unparteiiſch, wo es das —— 61 öffentliche Recht gilt; er will, daß in Böhmen Gerechtig⸗ keit geübt werde ohne Anſehen der Perſon.“ „Gerechtigkeit!“ rief Sezema,„wie kann hier von erechtigkeit die Rede ſein? Der Spruch der Geſchwor⸗ gegen mich iſt ungerecht. Ich ſoll in fremdes Eigen⸗ nsrecht eingegriffen haben— wie konnte ich wiſſen, jener Weg nur dem Eigenthümer des Grund und Bodens zur Benützung offen ſtehe, da er nicht verſperrt war? Und dann ſoll ich mittelbar zum Landfriedens⸗ bruch Veranlaſſung gegeben haben, weil ich auf die grobe Aufforderung des Herrn Zbiſlaw Zagje hin nicht zurück⸗ gewichen bin wie ein Haſenfuß— ich meine für einen Zagje(d. i. Haſe) ziemt ſich das eher als für einen Witkowetz. Und deswegen ſoll ich zehn Mark Silber zahlen und auf vier Wochen von Prag verbannt ſein— findet Ihr das gerecht?“ „Ich finde es hart und unbillig,“ antwortete Oger. „Nun dann darf der Wladyka nicht dulden, daß der Spruch vollzogen wird,“ erklärte Sezema. Die beiden Verwandten zuckten mit den Achſeln. „Wie!“ rief Sezema,„Ihr zuckt die Achſeln; Ihr thut, als wäre der Spruch unabwendbar, als könnte der Wladyka, als könntet Ihr nichts thun ihn abzuwenden? Hört mich an! Es handelt ſich hierbei nicht blos um 62 das Recht, um die Ehre unſeres Namens— es handelt ſich um mehr. Ich komme hierher, wie ich Euch geſagt, als Abgeſandter des Königs von Ungarn an das Haupt der Witkowetze,— verſteht Ihr den Sinn dieſer S dung?“ „Ich deute mir ihn ſo,“ verſetzte Oger;„der! nig Ladislaus iſt ein kluger Mann, der mehr die Ma als den Titel im Ange hat. Er ſieht in unſerm Vetter Zawiſch den wahren Regenten von Böhmen, in dem König nur eine Puppe, er meint, daß ein König, der Böhmens Freundſchaft und Gunſt begehrt, es mit deſſen wahrem Beherrſcher, nicht mit der Puppe gut halten müſſe.“ „Ihr trefft ſehr nahe an's Ziel,“ ſagte Sezema; „König Ladislaus bewundert in dem ſogenanten Oberſt⸗ hofmeiſter des Königs von Böhmen den weiſen und ge⸗ waltigen Herrſcher des Böhmenreiches; aber er geht weiter: er meint, das Haus Przemysl habe ſich über⸗ lebt, es ſei ein morſcher, für die Art reifer Stamm, und hält es für eine Fügung der allweiſen Vorſehung, daß ein Mann aus einem friſch grünenden Geſchlechte zu ſo hoher Macht emporgeſtiegen, daß er nur thun dürfe wie jener fränkiſche Pippin mit dem letzten Zweige des morſchen Stammes der Merovinger. König Ladislaus ſei des Glaubens wie Papſt Zacharis, welcher den Ge⸗ —— 63 ſandten Pippin's auf die Anfrage, was er thun ſolle, die Antwort gab: es ſcheine ihm beſſer, dag Derjenige, welcher die Machthabe, König heiße, als der machtloſe. Und als dem künf⸗ n König von Böhmen erbietet ſich König Ladislaus em Vetter zum Bundesgenoſſen auf Schutz und tz.“. „Iſt es möglich?!“ riefen die beiden Zuhörer. „Bei der glorreichen Roſe, ich rede die Wahrheit!“ betheuerte Sezema. Die beiden Vettern ſahen ihn mit ſtummem Stau⸗ nen an. „Nicht wahr,“ nahm Sezema wieder das Wort; „jetzt meint Ihr auch, daß ich, kaum hier angekommen, mich nicht aus Prag verbannen laſſen darf wie ein ge⸗ meiner Uebelthäter? Das hieße meiner Sendung und der ſtolzen Hoffnung unſeres Geſchlechtes den Schiff⸗ bruch bereiten. Die Hoffnung geht Euch ſo nahe an wie mich, Ihr habt denſelben Antheil am Ruhm und Glanz der Roſe wie ich,— darum helft mir den Spruch des Sechsmänneramtes zu nichte machen. Morgen gehen wir miteinander zu Zawiſch, ich bringe ihm die Grüße und Geſchenke des Königs von Ungarn und Ihr unter⸗ ſtützt meine Beſchwerde über den ungerechten Sprpch. Wollt Ihr?“ 64 „Das verſteht ſich von ſelbſt,“ entgegnete Oger; „noch gilt unſer alter Wahlſpruch:„Alles für die glor⸗ reiche Roſe!“ „Und Ihr, Vetter Witek?“ fragte Sezema den Herrn von Krumau. „Ich gehe natürlich mit Euch zu meinem Bru antwortete Witek;„und an meiner kräftigen Fürſprache ſoll es nicht fehlen; doch zweifle ich an einem günſtigen Erfolge. Und was den Plan des Königs von Ungarn betrifft, ſo rathe ich denſelben vor Zawiſch und aller Welt ſtreng geheim zu halten, denn er könnte uns alle in's Verderben ſtürzen. Auch ich erglühe für den Glanz und Ruhm der Roſe, und habe, wenn ich meinen Bru⸗ der ſo mit dem aller Herrſchertugenden baaren Jüngling verglichen, den Gedanken nicht unterdrücken können, daß es eine lächerliche Laune des Geſchicks ſei, die dieſen zum König und jenen zu ſeinem Oberſthofmeiſter ge⸗ macht; ja ich bin feſt überzeugt, daß es mit dem Stamme Przemysl's auf die Neige gehe,— aber dennoch möchte ich vor meinem Bruder Zawiſch ſolchen Gedanken nicht Worte leihen. Wer weiß, was Zeit und Umſtände über ihn vermögen, dieſe laßt walten!“ Verlaßt Euch darauf, Vetter,“ verſicherte Sezema, „daß ich nicht nit der Thir ins Haus fallen, ſondern 65 mit aller Behutſamkeit zu Werke gehen werde. Helft mir nur die Möglichkeit ſchaffen, daß ich überhaupt wirken kann.“ Die drei überließen ſich nun harmloſerem Ge⸗ Die Witkowetze. 1 Liertes Capitel. Im Nordoſten der alten Hauptſtadt Prag, da wo heute die Vorſtadt Kbrolinenthal ſteht, ſtreckte ſich in uralter Zeit bis zum Ausgange des przemysliſchen Ge⸗ ſchlechtes ein Eichenhain von dem Ufer der Moldau bis an den Berg Witkow und hing dort mit dem Urwalde zuſammen, der die Morgenſeite dieſes Berges bedachte. Nach dieſem Hain führte zur Zeit unſerer Geſchichte von der Stadt aus eine breite, auf beiden Seiten von jungen Lindenbäumen geſäumte Straße, die, in gleicher Breite ſchnurgerade durch den Hain gehauen, auf einen großen freien Platz mündete, in deſſen Mitte, von lachen⸗ den Blumengärten umgeben, ſich ein großes prachtvolles Gebäude erhob. Dasſelbe war in den reichſten Formen des römiſch⸗byzantiniſchen Styles erbaut, mit Eckthür⸗ men, Giebeln, Simswerk, hohen Brogenfenſtern und — 67 Portalen reichlich verſehen. In den Gärten, die von fremden und heimiſchen Gewächſen in geſchmackvollſter Anordnung wimmelten und eine Blumenpracht ohne Gleichen wieſen, plätſcherten zahlreiche Springbrunnen und goſſen kryſtallene Fluth in ſchimmernde Becken. Das war das Haus„Kunigundenluſt,“ welches Zawiſch von Falkenſtein ſeiner königlichen Gemalin zu Liebe hier erbaut hatte. Wenn ſchon das Aeußere dieſes Gebäudes den Eindruck fürſtlicher Pracht machte, ſo noch mehr ſein Inneres. Durch das reiche Hauptportal trat man in eine weite Treppenhalle, welche zwiſchen den ſehr hohen Bogenfenſtern und an den Treppenflügeln, die ſich zu beiden Seiten des Eingangs erhoben und oben vereinigten, Niſchen mit kunſtvollen Statuen ent⸗ hielten. Der Fußboden war von Marmor getäfelt, die Treppenſtufen beſtanden aus polirtem, weißem Granit und die Treppengeländer aus reichem Holzſchnitzwerk. Im Hintergrund der kreisrunden Halle führte eine breite und hohe Flügelthür in einen langen Corridor, in wel⸗ chen alle Thüren der Räumlichkeiten des Erdgeſchoſſes mündeten, und der ebenfalls mit Niſchen und Statuen verſehen war. Die Vereinigung der Treppen bildete eine At Balcon, deſſen beide Enden auf ſchönen Poſtamen⸗ 68 breite Flügelthür auf den hellen, gallerieartigen Corridor des obern Stockwerkes, in welchem ſich die herrſchaft⸗ lichen Gemächer befanden, während das Erdgeſchoß lediglich Wirthſchaftsräume und Wohnungen für die Dienerſchaft enthielt. Hier oben war der Fußboden mit koſtbaren Teppichen belegt, und die Wände zwiſche Thüren und Fenſtern mit gemalten Schildereien er Die Thüren und Thürgewände waren von gebeiztem Eichenholz und voll koſtbarer Schnitzarbeit in einem der Bauart des Hauſes entſprechendem Geſchmack. Die Ge⸗ mächer, zu welchen dieſe Thüren führten, waren von einer feenhaften Pracht und Einrichtung. Es ſchien, als wären ſie darauf berechnet, Göttern, die ſich vom Him⸗ mel auf die Erde und an dieſen Ort verirrten, letzteren ſo ſchön zu machen, daß ſie darüber den Himmel ver⸗ gäßen. So ſtill und einſam die Lage dieſes prächtigen Menſchenſitzes war, ſo gab es doch Stunden, in welchem ſich derſelbe ziemlich belebte. Das waren die Stunden, in welchen jeder Böhme freien Zutritt zu dem Manne hatte, der die Geſchicke des Landes thatſächlich in ſeiner Hand hielt: die beiden letzten Stunden des Lui eines jeden Wochentags. Da war der breite Wes Kunigundenluſt nie ohne Menſchen H von Falkenſtein ein Anliegen vorzu ode X„ 69 vorgetragen hatten. Vorher aber und nachher erſchien derſelbe Weg wie ausgeſtorben. In einer dieſer Stunden war es, wo ein Mann in rothem Gewand mit ſchwarzer Leibbinde und braunem Tſchepez, einen langen weißen Stab in der Hand, ſich auf gedachtem Wege dem Hanſe Kunigundenluſt nahte. Er ſchien bekannt zu ſein, denn auf dem Vorhof des Hauſes angekommen, wendete er ſich, ſtatt gerade auf das Hauptportal zuzugehen, rechts nach einem Seiten⸗ thor, das mittelſt einer beſondern Treppe zu dem Arbeits⸗ zimmer des Hausherrn führte. Dieſe Treppe ſtieg der Rothmantel, in welchem wir einen Boten des Sechs⸗ männeramtes erkennen, ohne Zögern hinan, und befand ſich bald im Vorzimmer Zawiſch's von Falkenſtein. Ein Schreiber öffnete dem Ankömmling ehrerbietig ſogleich die Thür in's Hauptgemach, denn er hatte Befehl die Geſchwornen und Diener des Sechsmänneramtes ſtets unangemeldet einzulaſſen. Zawiſch von Falkenſtein, der, obwohl bereits im Hochſommer des Lebens ſtehend, doch noch eine gewiſſe Jugendlichkeit in ſeiner männlich ſchönen Erſcheinung trug, erhob ſich von ſeinem Arbeitstiſch, wo er, umringt von Büchern und Pergamentrollen, ſaß, und trat dem Eintretenden mit der Frage entgegen:„Was bringſt du mrd⸗. 70 „Der Vorſitzende des freien Sechsmänneramtes,“ erwiederte der Bote,„entbietet Euch durch mich ſeinen Gruß. Ihr wiſſet, läßt er Euch melden, daß die Ge⸗ ſchwornen in der Sache des Juden Ben⸗Baruch ent⸗ ſchieden, das Stift Strahow habe ihm ſein Tochterkind ſofort auszuliefern. Als nun aber der Abt des Stiftes von ſolchem Beſchluß in Kenntniß geſetzt und zur Her⸗ ausgabe des Kindes aufgefordert worden, hat er ſich auf das Beſtimmteſte geweigert der Aufforderung nachzu⸗ kommen, indem das Kind, wie er vorgewendet, von ſei⸗ nem Erzeuger der heiligen Kirche geweiht worden, und keine Menſchenmacht dieſer eine Seele entreißen dürfe. Das Sechsmänneramt fragt deshalb bei Eurer Herrlich⸗ keit an, was nun ferner in der Sache zu thun ſei.“ „Das freie Sechsmänneramt hat ſeine Schuldig⸗ keit gethan,“ erklärte Zawiſch ohne ſich zu beſinnen.„Ich habe vorausgeſehen wie es kommen werde, und meine Vorkehrungen getroffen. Sage dies dem Vorſitzenden, und daß ich den Ausſprüchen der Geſchwornen auch von den Prieſtern Gehorſam zu verſchaffen wiſſen werde. Dieſen königlichen Befehl überbringe dem Oberſt⸗Burg⸗ grafen.“ Dabei reichte er dem Boten ein verſchu⸗ Schreiben. 71 Der Bote nahm es und ſagte:„Ferner ſoll ich Eurer Herrlichkeit melden, daß das freie Sechsmänner⸗ amt ſich leider in die unangenehme Nothwendigkeit ver⸗ ſetzt gefunden, einen vom erlauchten Geſchlechte der Witkowetze, Herrn Sezema von Landſtein, wegen Ein⸗ griffs in fremdes Eigenthumsrecht und mittelbarer Ver⸗ anlaſſung zum Landfriedensbruch zu einer Geldbuße und vierwöchentlicher Ausweiſung aus dem Stadtgebiete zu verurtheilen, daneben aber die Herren Zbiſlaw Zagje von Trebaun und Sezema von Kraſſow wegen Land⸗ friedenbruchs zu einer bedeutenderen Geldbuße und Ver⸗ bannung aus dem ſtädtiſchen Weichbilde bis auf könig⸗ lichen Gnadenſpruch.“ „Wie ſagteſt du?“ nahm jetzt Zawiſch, der mit Spannung zugehört hatte, das Wort;„ein Witkowetz, Herr Sezema von Landſtein, ſei verurtheilt worden? Das muß ein Irrthum ſein; denn Herr Sezema von Landſtein weilt fern im Ungarlande.“ Der Bote berichtete, wie Sezema von Landſtein geſtern aus Ungarn hier angekommen, und auf welche Art er ſtraffällig geworden. Ein Diener des Sechs⸗ männeramtes hatte durch einen aus Sezema's Gefolge Kunde von dem Streit im Hohlwege erhalten und dem Amte davon Anzeige gemacht. 72 Zawiſch's Geſicht nahm bei dieſer Enthüllung einen ſehr ernſten Ausdruck an, doch verlor er kein Wort dar⸗ über. Er fragte den Boten, ob er ihm noch etwas zu melden habe. „Die biſchöfliche Curie,“ berichtet der Bote weiter, „hat ſich bei dem freien Sechsmänneramte beſchwert, daß im Weichbilde der Stadt eine Zauberin, allen from⸗ men Chriſten zum Aergerniß, ungehindert ihr Weſen treibe. Sie fordert das Amt auf, gegen dasſelbe einzu⸗ ſchreiten. Das Amt läßt bei Ew. Herrlichkeit anfragen, ob es der Aufforderung nachkommen ſoll.“ „Hierauf werde ich dem Aute ſchriftlich antworten. Geh' einſtweilen hinab in den Garten und ſieh dir meine Blumen an; in einer Viertelſtunde wird dir der Schrei⸗ ber die Antwort hinabbringen.“ Hiermit hatte der Bote ſeine Entlaſſung. Zawiſch rief ſeinen Schreiber herein, hieß ihn an ſeinem Schreibtiſch Platz nehmen und dictirte ihm fol⸗ gendes Schreiben: „An den Vorſitzenden des freien Sechsmänneramtes der königlichen Hauptſtadt Prag, Herrn Wenzel Prohaska, J. U. Dr. Ich darf mich von Eurer Gelehrſamkeit und Weis⸗ heit wohl verſehen, daß Ihr den pöbelhaften Aberglanben 73 an Zauberei und Hexerei nicht theilet, und darum feſt erkennet, daß zu einem Einſchreiten gegen die ſogenannte Zauberin Ruſalka,— denn dieſe iſt jedenfalls in der Beſchwerde der biſchöflichen Curie gemeint,— kein Grund vorhanden, dafern ihr kein anderes Vergehen zur Laſt gelegt werden kann als Zauberei. Wolltet Ihr auf ſolche Anklage hin gegen Jemand einſchreiten, ſo müßtet Ihr folgerechter Weiſe ſolches auch gegen mich thun, denn Euch wird wohl nicht verborgen ſein, daß es nicht an Tröpfen fehlt, welche auch mich für einen Zauberer halten und allerlei Zauberwerk von mir wiſſen wollen. Es gibt Geiſtliche, welche, wer weiß aus was für un⸗ lauterer Abſicht, den finſtern Aberglauben nähren; man muß ſolchen falſchen Dienern Chriſti nicht zu Willen ſein, ſondern vielmehr widerſtreben. Fahret nur fort, wie bisher nach beſtem Wiſſen und Gewiſſen Euer Amt zu verwalten, und laſſet Euch darin von Niemandem be⸗ irren. Dies die Meinung Eures aufrichtigen Zawiſch von Falkenſtein.“ Dieſer Brief ward, wie üblich, verſchloſſen, und vom Schreiber dem Boten übergeben. Nicht lange Zeit war Zawiſch gegönnt, ſich wieder in ſeine Pergamente zu vertiefen, als eine laute Glocke im Hauſe erklang. Dieſe verkündete in der Regel die 74 Ankunft fremder Gäſte, die mit den Einrichtungen des Hauſes nicht näher bekannt waren. An der Schwelle des Haupteinganges befand ſich eine auf Federn ruhende bewegliche Marmorplatte, welche mit einem unſichtbar angebrachten Glockendrahte in Verbindung ſtand, ſo daß Zeder, der über die Schwelle trat, die Marmorplatte und dadurch den Glockendraht in Bewegung ſetzte. Es währte nicht lange, trat ein Diener bei Zawiſch ein und meldete ihm die Ankunft der Herren Oger von Lomnitz, Witek von Frauenberg⸗Krumau und Sezema von Land⸗ ſtein. Zawiſch hieß den Diener dieſelben in ſein Em⸗ pfangszimmer geleiten, wo er ſogleich erſcheinen werde. Wenig Minuten ſpäter hieß er die Verwandten in dem prächtigen Empfangszimmer willkommen und nöthigte ſie ſich auf den ſchwellenden Ruheſeſſeln Platz zu nehmen. „Habt Ihr Euch Eures Heimatlandes und Eurer Verwandten endlich auch wieder einmal erinnert, werther Vetter?“ redete er Sezema an. „Ich habe ihrer nie vergeſſen, großer Wladyka,“ entgegnete Sezema.„Welcher Böhme könnte wohl je ſeiner Heimat, welcher Witkowetz ſeines glorreichen Stammes vergeſſen, beſonders ſeit Ihr ihm einen Glanz verliehen, der weit durch die Länder Europa's leuchtet? ————————— 75 Ihr wiſſet, daß ich nur unfreiwillig mein Heimatland mit dem Rücken anſah, nur gezwungen und mit bluten⸗ dem Herzen von Allem, was mir auf dieſer heiligen Erde theuer war, mich losrieß, um das bittere Brot der Verbannung zu eſſen—“ „Mißverſteht mich nicht, werther Vetter,“ fiel Za⸗ wiſch ein;„fern ſei es von mir, Euch einen Vorwurf machen zu wollen, daß Ihr das Land, das Euch gaſtlich aufnahm, liebgewannet, und an den hochherzigen Fürſten, der Euch nicht blos eine Freiſtadt gab, ſondern mit Be⸗ weiſen der Huld und Achtung überhäufte, gefeſſelt fühl⸗ tet. Ich meine nur, daß Ihr Euch Eures Glückes in der zweiten Heimat erfreuen und Euerm dankbaren Herzen genügen konntet und dabei doch in einer lebendigeren Verbindung mit Böhmen und Eurem Geſchlechte bleiben. Ich weiß das edle Volk der Ungarn und ſein tapferes Königsgeſchlecht zu ſchätzen; iſt doch meine theure Ge⸗ malin aus dieſem entſproſſen, Böhmen und Ungarn ſind von der Natur an einander gewieſen zu gegenſeitiger Hülfe und Schutzwehr; ſchade, daß die Herrſcher beider Länder das immer nicht haben erkennen wollen, daß ſie einander meiſt nur befehdet; dadurch haben ſie gegen ihr eigenes Fleiſch und Blut gewüthet, dadurch allein ward es den Deutſchen möglich beide niederzuwerfen. Böhmen und Ungarn, zu Schutz und Trutz innig verbunden, 76 könnten dem deutſchen Reiche Schach bieten. Darum ſah ich es gerne, daß ein Böhme, ein Witkowetz, das Vertrauen des Ungarkönigs gewann, und ich hoffte von ihm einen heilfamen Einfluß auf denſelben zu Gunſten Böhmens, zur gänzlichen Tilgung des alten Haſſes zu erleben. Bis jetzt habe ich aber davon nichts verſpürt, und es wollte mir faſt ſcheinen, als wäre unter dem Attila Euer böhmiſches Herz vollkommen verungart.“ „Ich vertauſchte ein plasc und pas mit dem At⸗ tila,“ verſetzte Sezema,„und ebenſowenig verwandelte ſich mein böhmiſches Herz. Ja, erlauchter Wladyka, Krone unſeres glorreichen Geſchlechtes, ich dachte meines Vaterlandes immerdar, und mit ſtolzer Genugthuung ſpreche ich es aus, meine Gedanken waren die Eurigen, mein Thun entſprach Euren Wünſchen. Ungarns König ſchätzt das böhmiſche Volk, er würdigt die Vortheile einer innigen Verbindung beider Nationen, er iſt jeden Angen⸗ blick bereit eine ſolche zu ſtiften; deßhalb ſendet er mich an Euch mit Verſicherungen und Zeichen ſeiner hohen Achtung— erlaubt, daß ich Euch dieſe Zeichen über⸗ gebe— es ſind unter andern die ſchönſten Roſſe ſeines Marſtalls— im Hofe ſtehen ſie bereit, gefällt es Euch, ſo gehen wir hinab.“ „Wollet Ihr nicht zuvörderſt meine Gemahlin be⸗ grüßen?“ wandte Zawiſch erfreut ein;„ſie wird ſich 77 ſehr freuen, Euch zu bewillkommen, doppelt, weil Ihr aus ihrem Vaterlande kommt, und dreifach, weil Ihr ſo ſchöne Botſchaft von dort mitbringt. Kommt, ich führe Euch zu ihr.“ „Ich brenne vor Verlangen, der hohen Frau meine Huldigung darzubringen,“ erwiederte Sezema,„und mich zugleich der Grüße ihrer königlichen Verwandten an ſie zu entledigen. Und dennoch muß ich einen Aufſchub die⸗ ſes ſchönen Augenblickes wünſchen. Nehmt zuvörderſt das Geſchenk meines Herrn im Augenſchein und dann erlaubt, daß ich bloß in Gegenwart dieſer Herren über eine perſönliche Angelegenheit mit Euch ſpreche.“ Zawiſch willigte ein und ging mit den Dreien in den Hof hinab, wo ſechs Roſſe von wunderbarer Schön⸗ heit der Uebergabe an ihren neuen Herrn warteten. Za⸗ wiſch, obgleich im Beſitz eines vielgerühmten Marſtalls, war erſtaunt über die Kraft, Anmuth und Zierlichkeit, ſowie über die Dreſſur der edlen Thiere, von welcher letz⸗ teren ſie fogleich eine Probe ablegten, indem ſie auf einen Zuruf Sandors, der ſie führte, ſich auf ihren Vorderknieen vor Zawiſch niederließen und freudig wieherten. Wäh⸗ rend die Uebrigen in dieſer Stellung ausharrten, erhob ſich das eine, ein ſchneeweißer Zelter, wieder, nahm mit dem Gebiß ein Schreiben aus der Hand Sandors und 78 trat damit auf den Hinterfüßen dicht an Zawiſch, ließ ſich vor ihm wieder auf die Vorderkniee nieder und über⸗ reichte ihm ſo das Schreiben. Zawiſch erſah an der Aufſchrift, daß es an ihn gerichtet war und erbrach es. Es lautete: „Mein hochgeſchätzter Freund und Vetter! Wie Ihr Uns durch die Bande der Verſchwägerung längſt ſchon theuer waret, ſo wurdet Ihr für Unſern Geiſt je länger je mehr durch den Glanz Eurer Verdienſte ein Gegenſtand der Bewunderung und innigen Verehrung. Und es drängt Uns dieſer Verehrung einen Ausdruckzu verleihen. Als ſolchen nehmt die Gaben auf, die Wir Euch durch Euren Vetter Sezema von Landſtein, Unſern geheimen Hofrath und Hofmarſchall, überſenden. Es iſt vom Beſten, was Ungarn aus den drei Reichen der Na⸗ tur hervorbringt: Roſſe aus dem Thierreich, edler To⸗ kaherwein, aus dem Fflanzenreich und ein Pokal von Kremnitzergold aus dem Steinreich. Zu dieſen ſinnlichen Zeichen fügen Wir Unſer königliches Wort, daß Ihr alle Zeit auf Unſere Freundſchaft zählen könnet, auf eine Freundſchaft, die zu den größten Dienſten bereit iſt, beſtänden dieſelben auch in blutigen Kämpfen durch die ganze Herresmacht Unſeres Reiches. Alſo in jedem Fall, werther Vetter und Freund, wo Ihr zu Euren perſönli⸗ 79 chen Unternehmungen Unſeres mächtigen Beiſtandes brauchen könnet, wollet Ihr auf Uns zählen. Ladislaus.“ Ein in reiche ungariſche Tracht gekleideter Jüng⸗ ling, der bis jetzt hinter den Roſſen geſtanden, trat vor und überreichte Zawiſch einen großen, knnſtvoll gearbei⸗ teten goldenen Becher, gefüllt mit duftendem Wein. Za⸗ wiſch nahm ihn und trank auf das Wohl des Königs Ladislaus und auf gute Freundſchaft zwiſchen Böhmen und Ungarn. Hierauf ſagte Sezema:„Hoffentlich mundet Euch dieſer Wein, von welchem ein Fuder in Euern Hinter⸗ hof gefahren worden, damit die Fäßer ſogleich in den kühlen Keller kommen. Bevor ich nun Eurer königlichen Gemahlin die für ſie beſtimmten Geſchenke übergebe, erlaubt, daß ich erſt mein perſönliches Anliegen bei Euch vorbringe.“ Zawiſch war bereit und begab ſich mit ſeinen drei Verwandten in den Garten, wo ſie ein den Hintergrund entlang führender Laubengang aufnahm. Hier erzählte Sezema das geſtrige Abenteuer mit ſeinen Folgen. Zawiſch hörte ſtill zu, obgleich er, wie wir wiſſen, vollſtändig davon unterrichtet war.„Aus der Geldbuße,“ fügte Sezema zu ſeinem Vortrag,„mache 80 ich mir nichts, die will ich mit Frenden zahlen; aber die Verbannung finde ich ungerecht. Ich wollte dagegen Ein⸗ ſpruch erheben, aber das Sechsmänneramt nahm ihn nicht an; es wies mich mit meiner Beſchwerde an den König. Dieſe Beſchwerde will ich denn auch anbringen und ich bitte Euch, Wladyka, ſie mit Eurer kräftigen Fürſprache zu unterſtützen— es koſtet Euch ein Wort und die Verbannung iſt aufgehoben.“ „Warum muß mir dieſer Freudentag ſo getrübt werden!“ verſetzte Zawiſch—„warum kann ich Euch, dem Freudenbringer, nicht die Widerwärtigkeit erſparen, die ſich Euch bei Eurem erſten Wiederbetreten der vater⸗ ländiſchen Erde in den Weg gelegt! Ich kann leider gar nichts in dieſer üblen Sache thun, als Euch bitten, dem Spruche des Sechsmännerantes Euch ruhig zu unter⸗ werfen, die Verbannung zu einem Ausflug nach der Stätte Eurer Geburt, die Ihr doch noch nicht wiedergeſehen, zu benutzen und dann zurückzukommen und in Prag in allen Ehren zu weilen, ſo lange es Euch beliebt. Ich und mei⸗ ne Gemahlin werden uns glücklich ſchätzen Euch recht lange bei uns zu beherbergen.“ „Wie!“ rief Sezema betroffen,„Ihr billigt den Spruch des Sechsmänneramtes und wollt meine beim König nicht unterſtützen?“ 8¹ „Ich rathe Euch, werther Vetter, von ſolcher Be⸗ ſchwerde ganz abzuſtehen,“ erwiederte Zawiſch;„denn ich müßte dem König rathen, ſie zu verwerfen.“ „Aber Vetter!“ rief Oger von Lomnitz—„Ihr müßt doch ſelbſt geſtehen, daß dieſer Spruch des Sechs⸗ männeramtes hart und ungerecht iſt. Ihr könnt ihn un⸗ möglich aufrecht erhalten wollen.“ „Ja, Bruder, du mußt ihn zu hart finden,“ be⸗ merkte Witeck;„bedenke nur, unſer Vetter kommt nach vielen Jahren der Verbannung zum erſten Male wieder in ſein Heimathland, er kennt die neuen Einrichtungen und Geſetze desſelben gar nicht und vergeht ſich unwiſſend gegen ſie, und doch ſoll ihn die ganze Schwere derſelben treffen— das iſt zu hart!“ „Ich finde den Spruch des Sechsmänneramtes unter dieſen Umſtänden ſelbſt hart— aber nicht unge⸗ recht, entgegnete Zawiſch ruhig.„In friedlicheren Zei⸗ ten, wenn der Rechtszuſtand im Lande allgemein befe⸗ ſtigt und der heilige Landfriede tiefgewurzelt ſein wird, wird man zu einer milderen Geſetzgebung übergehen müſſen. Zetzt iſt harte Gerechtigkeit, Nothwendigkeit und Gelin⸗ digkeit würde die größte Ungerechtigkeit gegen ſeine guten und friedlichen Bewohner ſein. Unſer Vaterland iſt gleich einem an ſchweren freſſenden Schäden leidenden Körper, Taura. Die Witkowetze. 1. 6 82 da nützt es zu nichts, Oel in die Schäden zu träufeln oder den Eiter herauszudrücken, man muß den Muth ha⸗ ben, tief ins Fleiſch zu ſchneiden, um die angefreſſenen Stellen zu entfernen und das Weiterfreſſen zu verhüten. Das nenne ich Gerechtigkeit im menſchlichen Sinne.— Gerecht im wahren, religiöſen Sinne iſt nur Gott; die menſchliche Gerechtigkeit hat mit der göttlichen, welche die Handlungen der Menſchen nach ihrem innerſten ſitt⸗ lichen Werthe mißt und richtet, nichts gemein, ſie iſt nichts als Nothwehr. Der Menſch, der ſich vermißt ge⸗ recht im höhern Sinne ſein zu wollen, iſt ein eingebil⸗ derter Thor. Mir fällt es nicht ein, mir ſolche Gerechtig⸗ kett beizulegen, die neue Ordnung im Reiche auf eine ſolche Gerechtigkeit gründen zu wollen. Die Ordnung würde dann in der Luft ſchweben, und meine Nachfolger welche das Gebäude der Ordnung bei jedem ſcharfen Windſtoß ſchwanken fühlen müßten, würden im Taumel ihrer vom Himmel heruntergeholten Gerechtigkeit zu im⸗ mer härteren und grauſameren Strafen greifen, bis ſie die ganze Leiter der göttlichen Strafen bis zu den äußer⸗ ſten hölliſchen erklettert hätten. Darum habe ich die von der Nothwehr gebotene Ahndung aller der öffentlichen Ordnung und Sicherheit gefährlichen Handlungen nicht den alten, auf dem falſchen Gerechtigkeitsbegriff beruh⸗ enden Gerichtshöfen zukommen laſſen, ſondern dafür 33 eine neue Behörde geſchaffen, die im Allgemeinen nur vom Standpunkte der Nothwehr aus Strafen verhängen und dieſelben nicht weiter erſtrecken darf, als es zur Si⸗ cherſtellung der allgemeinen Wohlfahrt unumgänglich nöthig iſt. Es verſteht ſich, daß hierbei die größte Un⸗ parteilichkeit walten muß und keinerlei Ausnahme zu Gunſten einer oder der anderen Perſon gemacht werden dürfe. Jede ſolche Ausnahme wäre ein Riß in die ganze Sache, eine Breſche in das Bollwerk der Nothwehr, das ich der neuen Ordnung aufgebaut. Am wenigſten darf ich, der Erbauer, zur Oeffnung einer ſolchen Breſche die Hand bieten. Ich hoffe, Ihr ſehet das ein, lieber Vetter, füget Euch ruhig dem Spruche des Sechsmänneram⸗ tes.“ „Wie Ihr mir die Sache jetzt auseinandergeſetzt,“ erwiederte Sezema,„zeigt ſie mir ein minder häßliches Geſicht als erſt. Nur Eins hindert mich, mich völlig da⸗ bei zu beruhigen. Es iſt nicht unmöglich, daß das Ge⸗ rücht von meiner Verbannung aus Prag ſeinen Weg nach Ungarn findet zu den Ohren des Königs— was muß er nun von der Geſchichte denken?— Wird er ſich nicht in ſeinem Abgeſandten verletzt fühlen? Wird er nicht irre an Euch werden, daß Ihr, der allmächtige Rath⸗ geber des Königs von Böhmen, ſeinen Abgefandten nicht gegen ein Geſchick ſchütztet, das er nicht mit denſelben 6* 84 Augen betrachten kann wie Ihr? Er ehret Euch wie ſeinen Freund, und Ihr ſchützt den Boten der Freund⸗ ſchaft nicht vor den Folgen eines Vergehens, in das er unwiſſentlich verfiel?“ „Bedenkt die Folgen, Wladyka,“ fiel Oger ein— „die dieſe Beleidigung des Ungarkönigs haben kann! Er bietet Euch ſeine Freundſchaft, ſeinen Beiſtand für alle Fälle, wo Ihr deſſen bedürfen könntet— bedenkt, was das ſagen will, welche Hoffnungen für Euch und die glorreiche Roſe ſich daran knüpfen. Setzt, um Got⸗ tes willen, dieſe Freundſchaft nicht auf's Spiel.“ „Ich weiß die Ehre, die mir der König Ladislaus erweiſ't, ihrem ganzen Werthe nach zu ſchätzen und ich baue in der That große, weitgehende Hoffnungen auf ſein freundliches Erbieten. Aber ich fürchte nicht, daß dieſe an dem kleinen Umfall ſcheitern werde, vor dem ich Euch, theurer Vetter nicht ſchützen kann. Ich werde dem König die bündigſten Erklärungen darüber machen, und wenn er mich wirklich achtet, wie er mich durch ſo großartige Beweife glauben macht, ſo muß er zu meinem Verhalten ſeine volle Zuſtimmung geben. Er iſt König und will gewiß ein ſtarkes Königthum; er wird es zu würdigen wiſſen, daß ich in Böhmen ein ſtarkes König⸗ thum aufrichten will. Jetzt, mein werther Vetter, laßt 85* uns zu meiner Königin gehen; ſie wird hoffentlich den beſten Hang haben, um Euch den bittern Trank, den Ihr nehmen ſollt, zu verſüßen— kommt!“ Sezemas Wiederſtand gegen den Spruch des Sechs⸗ männeramtes war überwunden.„Euer Wille geſchehe, Wladyka!“ ſagte er—„ich werde mir die Stätte an⸗ ſehen, wo meine Wiege geſtanden. Bevor wir aber zu Eurer Königin gehen, laßt mich die Pagen mit den Ge⸗ ſchenken rufen, welche mir König Ladislaus für ſie mit⸗ gegeben.“ Er gab Sandor einen Wink, worauf ſich dieſer um das Haus nach dem Hinterhofe begab und nach einem Weilchen mit drei Pagen in ungariſcher Hoftracht er⸗ ſchien, von denen der eine ein zweites milchweißes Roß mit vollſtändiger Damenrüſtung führte, die andern aber Käſten mit koſtbarem Geſchmeide trugen. Zawiſch konnte ſich eines Ausrufes der Bewunde⸗ rung nicht enthalten, als er den neuen Zelter in ſeiner von Gold und Edelſteinen funkelnden Rüſtung ſah. Das edle Thier ſchien von dem Viergeſpann des Sonnengottes genommen zu ſein, ſo herrlich war es anzuſchaueu. Während Zawiſch noch in bewunderndes Anſchauen dieſes ſchönen Thieres verloren war, nahten ſich ſchnel⸗ len Laufes drei Reiter dem Schauplatze; ein kaum dem „ 86 Knabenalter erwachſener junger Menſch an der Seite eines älteren Herrn, jener in purpurenem, reich mit Her⸗ melin beſetzten Plasc, dieſer in einer ſchlichteren Geſtalt des genannten talarartigen Nationalkleides. „Der König!“ rief Witeck, welcher der Reiter zu⸗ erſt anſichtig ward. Alle Anweſenden wandten ſich den⸗ ſelben zu. Der jüngſte der beiden Reiter ſprengte jetzt voran in den Hof und ſprang nach einem gellenden Pfiff vom Pferde. Schnell eilte einer von Zawiſch's Dienſt⸗ leuten, den Zügel des ſchnaubenden Thieres zu nehmen, während Zawiſch ſelbſt dem jugendlichen Reiter entge— gentrat. Dieſer war von faſt ſchwächlichem Bau. Auf den ſchmalen Schultern ſaß ein großer Kopf mit eckigen For⸗ men und ſchmalem zurückgebeugtem Kinn. Sein Geſicht war durchaus unbedeutend, die Stirn niedrig, das Auge matt, der Mund groß mit ungewöhnlich dicken Lippen. Und doch war dieß der Sprößling des kräftigſten Mo⸗ narchen und der ſchönſten Fürſtin ihrer Zeit. Es war König Wenzel II. Sein Gefährte, ein Mann von etwas ſtutzerhaftem Gepräge, war Herr Hynek von Lichtenburg, königlicher Oberjägermeiſter. Der jugendliche König begrüßte ſeinen Stiefvater mit Wärme als Vater und ſagte ſeine Hand erfaſſend: 87 „Mir fiel heute früh ein, daß Ihr Euch zu wenig Bewegung macht, und daß das all zu viele Sitzen Eu⸗ rer Geſundheit ſchade. Darum komme ich Euch und die Frau Mutter zu einem Spazierritt aufzufordern. Wie ich ſehe, ſeid Ihr ſchon ſelbſt auf einen gleichen Gedan⸗ ken gekommen— da ſtehen ſchon Eure Pferde bereit— — ah ſeht da, was für ein reizender Schimmel!“ Er trat an den für die Königin beſtimmten Zelter hinan, beſah und betaſtete ihn von allen Seiten und ließ manchen Laut der Bewunderung vernehmen. „Sagt mir, Vater,“ redete er endlich,„wo hat meine Frau Mutter den ſchönen Schimmel her? Die⸗ ſen hatte ſie ſonſt nicht.“ „Er iſt ſo eben erſt aus Ungarn hier angekommen,“ erwiederte Zawiſch;„König Ladislaus ſendet ihn ſeiner Muhme, Eurer Frau Mutter, zum Geſchenk. Hier mein Vetter Sezema von Landſtein, Seiner Ungariſchen Ma⸗ jeſtät Hofmarſchall, iſt der Ueberbringer.“ Der junge Menſch im Hermelin ſtarrte den ihm Vorgeſtellten, der ſich tief verneigte, eine Weile an und ſagte dann laut zu Zawiſch: „Wenn der Vetter Ladislaus ſo ſchöne Pferde hat, warum ſchickt er bloß meiner Frau Mutter eins und nicht auch mir, dem König?“ 88 Oger und Witek ſahen einander betroffen an; aber Zawiſch, der die neidiſche und mißtrauiſche Gemüthsart des jungen Beherrſchers von Millionen Menſchen kannte, war ſchnell gefaßt. „Ei, es verſteht ſich, daß Euer königlicher Vetter Euer gedacht und Euch ein nicht minder edles Roß ver⸗ ehrt hat. Er nahm des Königs Linke und führte ihn vor den andern weißen Zelter. „Dieß,“ verſicherte er,„iſt das für Eure Majeſtät beſtimmte Geſchenk, mein Vetter wollte es eben nach dem Königshof bringen.“ Der König unterwarf auch dieſes Thier einer ge⸗ nauen Prüfung ſeiner Gliedmaſſen. Vollkommen befrie⸗ digt ſagte er zu Sezema: „Das iſt ein ſchönes Geſchenk, für das Wir Un⸗ ſerm Herrn Vetter von Ungarn allezeit dankbar ſein werden. Wir bleiben Euch in Gnaden gewogen.“ Und zu Zawiſch gewendet ſagte er: „Bemüht den Herrn nicht weiter, Vater; nehmt das Roß einſtweilen in Verwahr bis ich es durch einen Stallmeiſter holen laſſe Jetzt laßt mich die Frau Mut⸗ ter begrüßen.“ Damit ſprang er in das Haus und die Treppe hinan. N 89 In den Mienen Zawiſch's lag ein Ausdruck von Scham und Mißvergnügen, in denen der übrigen anwe⸗ ſenden Witkowetze konnte man ein Gemiſch von Hohn und Verachtung leſen. „Tragt dieſe Sachen einſtweilen in das Warte⸗ zimmer und bleibt dabei, bis Ihr gerufen werdet,“ ſagte Zawiſch endlich ruhig zu den Pagen, welche die trag⸗ baren Geſchenke für die Königin hielten, dann bat er die anweſenden Herren, ihm zur Hausfrau zu folgen. Fünftes Capitel. Kunigunde, Witwe Otokars Il. von Böhmen, jetzt Gemahlin des Hauptes der Witkowetze, Zawiſch von Falkenſtein, war, obſchon der Mittagshöhe des Le⸗ bens nahe, noch immer eine der ſchönſten Frauen ihrer Zeit. Ja, viele, die ſie, die in den Liedern der Dichter zweier Nationen Gefeierte, in der Blüthe ihres Lebens gekannt, wollten wiſſen, daß ſie an der Seite ihres zwei⸗ ten Gemahles eher ſchöner geworden, als an Schönheit verloren. In der That hatte weder ihre Geſichtsfarbe an Friſche, ihr reiches Haar an glänzender Schwärze und Fülle und ihr Auge an ſtrahlendem Feuer verloren, da⸗ gegen war über die volleren Formen der ganzen Geſtalt der Wiederſchein inneren Glückes, einer in Liebe ſeligen Seele ausgegoſſen. Auch der ſchmelzende Wohllaut ihrer N 91 Stimme trug das Seinige bei, die Jahre der hohen Frau völlig vergeſſen zu machen. Sie ging in einem Hauskleide von weißer Seide, mit rothen Roſen durchwirkt, als ſie die tragbaren Ge⸗ ſchenke entgegennahm, die ihr Sezema im Auftrage ihres mütterlichen Verwandten, des Königs von Ungarn, über⸗ reichte, und eingeladen ward, das koſtbarſte der Geſchenke, den gezäumten Zelter, in Augenſchein zu nehmen. Sie bat mit holder Freundlichkeit die übrigen Herren in dem mit feenhafter Pracht ausgeſtatteten Gemach Platz zu nehmen, nahm Sezema's Arm und ging mit ihm das Roß zu beſchauen. „Vergeßt auch nicht das meinige mit anzuſehen, Frau Mutter,“ rief ihr der junge König nach, der ſich nachläſſig in einen Armſeſſel geworfen hatte. Hynek von Lichtenburg öffnete der Königin die Flügelthür, als ſie ihm nahekam, und wie ſie ihm freund⸗ lich Dank zunickte, flammte ſein Auge hoch auf und ſein Geſicht erglühte. „Ei, Herr Hynek,“ rief der König mit dem Fuß ſchaukelnd,„warum werdet Ihr jedesmal ſo rokh, wenn Euch meine Frau Mutter anſchaut! Habt Ihr ein böſes Gewiſſen, oder glaubt Ihr, ich habe ihr ſchon erzählt, ſen Ihr geſtern auf der Jagd für einen Bock geſchoſ⸗ en?“— Herr Hynek war bei dieſen Worten erſt noch röther geworden, aber der Nachſatz hatte ihn aus aller Verle⸗ genheit geriſſen,—„Eure Majeſtät iſt heute ſehr auf⸗ gelegt zu ſcherzen,“ fagte er näher tretend. „War das nicht ein guter Witz von mir?“ ſagte der König mit ſelbſtgefälligem Lachen. „Erzählt doch einmal meinem Vetter, was für einen Bock Ihr geſchoſſen, ein vortrefflicher Jägermei⸗ ſter!“— Hynek wollte der Aufforderung ſogleich nachkom⸗ men, aber Zawiſch ſagte: „Wartet doch bis die Königin zurückkommt, ſie iſt eine Freundin von Tagsgeſchichten, beſonders wird es ihr Vergnügen machen aus Eurem Munde, Herr Hynek, zu erfahren, wie Ihr einen Bock geſchoſſen.“ „Nein,“ wandte Hynek ein,„vor ihr kann ich die Geſchichte nicht erzählen—“ „Ihr müßt!“ rief der König—„meine Frau Mut⸗ ter muß die Geſchichte hören.“ „Dann laßt ſie Herrn Witek erzählen, oder Herrn Oger,“ bat Hynek,„und erlaubt, daß ich abtrete.“ Der König ſah ſeinen Stiefvater an, dieſer aber machte lächelnd eine verneinende Bewegung. 93 „Es bleibt dabei, was ich geſagt habe,“ entſchied der König—„Ihr und kein anderer, als Ihr, Herr Hy⸗ nek, erzählt die drollige Geſchichte, das wird etwas zum Lachen für meine Frau Mutter.“ „Aber, Majeſtät— bedenkt doch, welche Rolle ich dabei ſpiele— wie ich mich vor der hohen Fran lächer⸗ lich mache—“ Der König ſprang erhitzt auf, ſtampfte mit dem Fuße und ſchrie: „Ihr erzählt! ich befehl' es Euch— ich, der König!“ Hynek wagte nicht weiter mehr zu widerſprechen. Er warf Zawiſch einen wüthenden Blickzu und ſenkte dann reſignirt das Haupt. Die Königin kam mit vor Freude ſtrahlendem Blicke zurück. „Das iſt in der That ein königliches Geſchenk, nicht wahr, Ihr Herren?“ ſagte ſie im Hereintreten. Alle ließen einen Ausdruck der Zuſtimmung ver⸗ nehmon. Die Königin ſchwebte zu ihrem Gemahl und ſagte ihre Rechte an ihren Buſen preſſend: „Nun fehlt meinem Glücke gar nichts mehr, und 94 ich weiß, daß meine erlauchten Verwandten mit meiner Wahl ganz einverſtanden ſind, daß ſie Euren hohen Werth erkannt, mein Gemahl!“ Zawiſch küßte ihr beglückt die Stirn. „Ich danke dir,“ flüſterte die Königin,„für das Opfer, das du unſerm häuslichen Frieden wieder ge⸗ bracht—“ Der König rief dazwiſchen: „Habt Ihr meinen Schimmel auch geſehen, Frau Kutter?“ „Ja, gewiß, mein Sohn,“ antwortete die Königin. „Welcher Schimmel iſt ſchöner, der meinige oder der Eurige, Frau Mutter?“ „Wenn es der meinige nicht iſt, wird es wohl der Eurige ſein, mein theurer Sohn,“ erwiederte die Königin. Für Zawiſch war dieſes Geſpräch peinlich, um ihm ein Ende zu machen, ſagte er zu Hynek von Lichtenburg: „Jetzt könntet Ihr Eure Geſchichte erzählen, Herr Hofjägermeiſter.“ „Ja, ja erzählt die Geſchichte von dem Boch den Ihr geſchoſſen, Jägermeiſter!“ rief der König;„doch zuvor Vater, ſagt mir, was ſo ein Schimmel, wie der meinige, wohl koſten mag. Ich ſchätze ihn auf 50 Mark.“ 95 „Ihr ſeid ein beſſerer Rechenmeiſter als ich,“ er⸗ wiederte Zawiſch, ſeinen Unmuth ſchwer verbergend,„ich dächte, wir hörten jetzt auf Herrn Hynek's Geſchichte.“ „Nun ja,“ ſagte der König;„ſo fangt doch nur an, Herr Hynek! Frau Mutter ſetzt Euch zu mir— ſo, und macht los, Herr Hynek!“ Herr Hynek, der dem Hausherrn jedesmal, wenn er ihn zum Erzählen aufforderte, einen wüthenden Blick zugeworfen, ſah, daß er ſeinem Schickſal nicht mehr ent⸗ gehen konnte, und begann daher: „Geſtern begleiteten wir, Herr Witek, Herr Oger und ich, Seine königliche Majeſtät auf die Jagd. Es war des gnädigſten Herrn Wunſch einen Rehbock zu ja⸗ gen. Wir ritten in das Waldthal hinter Nuble, da wo ſich der Botitzbach um den Rohdaletzer Berg herumwin⸗ det. Das war von je ein guter Wechſel für Rehwild.— Dort ſtiegen wir ab und ſtellten uns auf; die Treiber und mein Hund wurden ausgeſchickt und die Jagd be⸗ gann—“ „Ihr vergeßt zu bemerken,“ ſchaltete der König ein,„daß Ihr auf dem ganzen Hinwege von Euerm neuen, großen Hunde Wunderdinge erzählt, beſonders daß derſelbe nie eine Ricke oder ein Schmalthier jage, ſondern immer nur alte Böcke. Ihr ſchwort bei St. Hu⸗ 96 bertus, daß er uns binnen einer halben Stunde den größten und feiſteſten Bock vor den Spieß gebracht ha⸗ ben werde. Nun fahrt fort.“ „Auf der Jagd hat manchmal der böſe Feind ſein Spiel,“ erzählte Hynek weiter;„man kann da am beſten Orte tagelang ſtehen, ehe man zum Wurf kommt. So ging es uns geſtern; wir ſtanden eine Stunde am erſten Ort und Treiber und Hunde brachten nichts; wir gin⸗ gen weiter und ſtellten uns an einer andern Stelle auf; aber wir warteten wieder umſonſt; und ſo zogen wir faſt um den ganzen Berg herum und weit darüber hin⸗ auf bis an den Homoliberg. Da ſtellten wir uns zum letzten Male auf— „Und ich ſchwor, Euern Wunderhund mit meinem Spieß zu durchbohren, wenn er uns nun den verſpro⸗ chenen Bock nicht brächte—“ ſchaltete der König ein. „Sagt nur auch, daß Ihr den Treibern drohtet, ſie ſämmtlich auszupeitſchen und dann drei Tage im weißen Thurm einſperren zu laſſen, wenn ſie keinen Bock auftrieben,“ entgegnete Hynek;„darauf ſagte einer der Kerle: da müſſen wir einen Bock ſchaffen, aber Eure Hoheit gebe uns ihr fürſtliches Wort, daß wir dann frei ausgehen, wenn wir einen Bock bringen.“ „Ich gab mein Wort, und die Kerle gingen den — 97 Berg hinan,“ ergänzte der König. Darauf fuhr Hynek fort: „Wir hatten jetzt gar nicht lange geſtanden, da ward mein Hund laut, und eh' wir's uns verſahen, brachte er ein großes Thier den Berg herabgetrieben. Wir halten uns zum Wurf bereit, aber wie uns das Thier erblickt, macht es einen Seitenſprung und unſere Speere fahren, ſtatt in ſeinen Leib, in den Boden. Der Hund jagt hinter dem Thiere her. Wir ziehen unſere Spieße aus dem Boden und Se. Majeſtät und ich lau⸗ fen hitzig nach, immer auf der andern Seite des Berges hinab, bis wir an eine Mühle kamen. Dort ſahen wir den Bock über die Hofmauer ſpringen und meinen Hund hinterd'rein—“ „Jetzt hat ſich der Kerl ſelbſt gefangen, rieft Ihr mir zu, jetzt d'rauf, er kann uns nicht mehr entgehen!“ ſchaltete der König wieder ein.„Ich hatte aber jetzt deutlich geſehen, was für ein Thier wir jagten, ich konnte vor Lachen nicht mehr laufen, deshalb ſagte ich zu Euch: macht nur vorwärts, ich kann ſo ſchnell nicht folgen, aber Ihr müßt mir den Bock erjagen. Jetzt erzählt wei⸗ ter, aber ohne etwas wegzulaſſen, bei meiner Ungnade.“ „Nun, ich folgte denn meinem Hunde nach, der plötzlich laut aufheulte. Ich verdoppelte meine Schritte auf die Stelle der niedrigen Hofmaner zu, über welche Taura. Die Witkowetze. I. 7 98 beide Thiere geſetzt waren. Ich ſchwang mich darüber hinweg und— und—“ „Nun, ſagt's nur heraus!“ rief der König unter Lachen— „Ich lag in einer ſchmutzigen Entenpfütze—“ „Das iſt nicht wahr!“ ſchrie der König,„Ihr lagt in einer Düngergrube, aus der Ihr Euch mit Mühe herausarbeitetet, wie ich an der Mauer ankam und dar⸗ über hinwegſah— doch erzählt nur ſelbſt; wie war's mit dem Bock?“ „Nun, der kämpfte tapfer mit meinem Hunde— aber der hätte ihn doch plötzlich beſiegt, wäre nicht der Müller ſammt ſeinen Knechten herbeigeeilt, um mit Dreſchflegeln auf den Hund loszuſchlagen.“ „Und warum nicht auf den Bock, Herr Hynek?“ rief der König,„erzählt doch ordentlich!“ „Nun, weil er des Müllers Eigenthum— ein Ziegenbockwar, den die Schufte von Treibern oben auf dem Berge von der Heerde weggetrieben und mein Hund in der Hitze der Jogd für einen Rehbock ange⸗ nommen hatte—“ „Wodurch er ſich als ein ganz gemeiner Bauern⸗ hund auswies,“ hemerkte der König.„Das war eine gerechte Strafe für Eure Aufſchneiderei, daß Euch Euer 99 Wunderhund in die Jauche geführt— ich hätte vor Lachen berſten mögen, wie Ihr Euch da herauskrabbeltet, und wie Euer Hund vor den Dreſchflegeln Reißaus nahm und der Ziegenbock ſiegesfroh an der Dünger⸗ grube ſtand und Euch mit ſeinen Hörnern das Heraus⸗ ſteigen wehren wollte, bis ich den Müllersleuten befahl, ihn wegzubringen.“ „Waret Ihr Herren auch bei dieſem ergötzlichen Auftritte?“ fragte die Königin lachend die Herren Wi⸗ tek und Oger.. „Wir kamen dazu,“ meldete Witek,„wie die Mühl⸗ knechte den eben aus der Grube geſtiegenen Herrn Hy⸗ nek rings mit reinem Waſſer begoſſen und dieſer auf die Schufte von Treibern fluchte und vom König eine exem⸗ plariſche Strafe forderte.“ „Die mein Sohn natürlich zu verhängen ſich wei⸗ gerte,“ ſagte die Königin,„denn er hatte den Treibern ja ſein fürſtliches Wort gegeben, daß ſie frei ausgehen ſollten, wenn ſie überhaupt einen Bock brächten, es war Eurer Erzählung nicht ausbedungen, was für ein 0. „So iſt's,“ verſicherte der König, und zu Zawiſch gewendet fügte er hinzu:„Nicht wahr, Vater, ein Für⸗ ſtenwort darf nicht gebrochen werden?“ 7 100 „Es muß unter allen Umſtänden gehalten werden,“ antwortete Zawiſch. Der König fuhr fort, das Abenteuer zu Hynek's Beſchämung recht auszubeuten, bis die Hausfrau dem Gefoppten mit weiblichem Takt zu Hilfe kam und der ganzen Neckerei dadurch ein Ende machte, daß ſie die ſämmtlichen Herren zu einem Imbiß einlud, den ſie im Garten anrichten laſſen, und Herrn Hynek's Arm nahm, damit er ſie hinabgeleite. Durch harmloſes Geplauder wußte die Königin in ihrem Begleiter den Kummer zu zerſtreuen, daß ihn ſein lächerliches Jagdabentener in ihren Augen er⸗ niedrigt. Herr Hynek von Lichtenburg gehörte zu den mäch⸗ tigeren Baronen Böhmens. In früherer Zeit hatte er immer auf der Seite König Otokar's II., und ſomit den Witkowetzen gegenüber geſtunden. Ohne mit beſon⸗ deren Geiſtesgaben ausgeſtattet zu ſein, war er doch durch ſeine perſönliche Tapferkeit und die Zahl der Mannen, die er in's Feld ſtellen kounte, ein nicht zu verachtender Gegner. Nach Otokar's tragiſchem Aus⸗ gange hatte er ſeine Anhänglichkeit an dieſen auf die Königin⸗Witwe und den jungen König übertragen, und da auch die Witkowetze unter ihrem Haupte Zawiſch ſich auf deren Seite geſtellt, ſo hatte er ſich mit dieſen ſeinen 101 alten Gegnern ausgeſöhnt. Er und Zawiſch waren jedoch zu ungleich geartete Männer, als daß dieſe Ausſöhnuug zu einer innigeren Verbindung zwiſchen beiden hätte führen können. Im Grunde war wohl die Gunſt, in welcher Zawiſch bei ſeinem königlichen Stiefſohne ſtand, das einzige Bindemittel, welches Hynek an ihn knüpfte, bis dieſer anfing ſich in der Einbildung zu gefallen, daß Zawiſch's ſchöne Gemahlin einen nicht geringen Theil von den Gefühlen ihres Herzens ihm widme. Von da an war er ein häufiger Gaſt in Kunigundenluſt ge⸗ weſen, und es war am Hofe Wenzel's II. faſt ein öffentliches Geheimniß, daß Herr Hynek von Lichten⸗ burg von Empfindungen nach Kunigundenluſt getrieben wurde, welche einen eiferſüchtigeren Gatten, vls Zawiſch war, hätten veranlaſſen können, ihm ſein Haus zu ver⸗ ſchließen. Zawiſch war jedoch der Liebe ſeiner hohen Gema⸗ lin und ihrer Tugend zu gewiß, um von einem Neben⸗ buhler, zumal von einem ſolchen wie Hynek, eine Gefahr zu beſorgen. Er ſah in der Freundlichkeit, womit Kunigunde denſelben behandelte, und wodurch ſie, ohne es zu wollen, ſeine kecken Hoffnungen nährte, nichts als Aeußerung der Dankbarkeit für treue Dienſte in bedrängter Zeit und das Beſtreben, ſich einen mächtigen Anhänger zu 102 erhalten, welchen die Gegenpartei eifrig auf ihre Seite zu ziehen trachtete. Ihm ſelbſt war es nicht gegeben, ſich um die Freundſchaft von Menſchen zu bemühen, die er nicht um ihrer felbſt willen hochachtete, und da er gleichwohl den Werth eines Anhängers wie Hynek zu ſchätzen wußte, ſo war es ihm ganz recht, daß ſeine Gemalin eine Vermittlerrolle ſpielte, die ſie wenig mehr koſtete, als zur rechten Zeit ein Lächeln und eine ver⸗ bindliche Redensart. Kunigunde glaubte aber um ſo mehr die guten Freunde, die ihr Gatte beſaß, feſthalten zu müſſen, als ſich gegen denſelben ein Feind erhob, gegen den er der Stützen im böhmiſchen Lande nicht zu viel haben konnte. Als ſiebenjähriger Knabe war ihr Sohn Wenzel II. mit der ihm an Jahren gleichen Tochter des Ueberwin⸗ ders ſeines Vaters Otokar vermählt worden und dieſer Ueberwinder, Rudolf von Habsburg, hatte ſeitdem eine gewiſſe Vormundſchaft nicht allein über den unmündi⸗ gen Eidam, ſondern auch über die Königin⸗Witwe und ihre beiden Töchter ſammt dem Schiedsrichteramte über Böhmen ausgeübt. Sowie Zawiſch, als Kunigunden's öffentlich an⸗ erkannter Gatte, zum höchſten Einfluße in Böhmen ge⸗ langte, war auch ſein Abſehen darauf gerichtet, den 103 Einfluß des römiſchen Kaiſers auf das böhmiſche Staats⸗ leben zu beſeitigen. Und bei der außerordentlichen That⸗ kraft und Umſicht, welche er entwickelte, um Böhmen der ungeheuren Zerrüttung zu entreißen, in die es durch die Bürgerkriege des letzten Jahre gerathen war, um Recht und Ordnung darin wieder aufzurichten und eine neue Epoche der Macht und des Wohlſtandes über es heraufzuführen, ſchien es, als könne ihm die Beſeitiguug jenes Einfluſſes nicht leicht fehlſchlagen. Durch ſein er⸗ folgreiches Walten ward dem habsburgiſchen Kaiſer zu⸗ nächſt der Vorwand zur Einmiſchung in die innern Lan⸗ desangelegenheiten Böhmens genommen, und mit der Zeit konnte es auch geſchehen, daß er den Einfluß auf die Geſchicke und Wege der königlichen Familie verlor. Zawiſch's Gegner hatten jedoch in der Perſon des Prager Biſchofs Tobias von Bechin einen ſcharfen Be⸗ obachter aller Handlungen ihres gemeinſchaftlichen Fein⸗ des, und dieſer Beobachter ermangelte nicht, dem Kaiſer das Emanzipationsbeſtreben Zawiſch's im ſchwärzeſten Lichte zu zeigen. Zawiſch und Kunigunde hatten keine Ahnung hier⸗ von gehabt, hatten ſich in der Freude über das neu auf⸗ blühende Glück des Vaterlandes und in ihrem eigenen Glücke gewiegt und Vorbereitungen auf eine recht fröh⸗ liche Weihnachtsfeier getroffen, als plötzlich ein Abge⸗ 104 ſandter Rudolf's von Habsburg am Hofe zu Prag mit einem Schreiben erſchien, worin Rudolf auf ſchleunige Vollziehung des Beilagers zwiſchen König Wenzel and Guta von Habsburg drang. Zawiſch und ſeine Gemalin hatte dieß Drängen nicht wenig befremdet. Die beiden jugendlichen Ver⸗ mählten waren erſt vierzehn Jahre alt, und wenn auch Guta bereits zur jungfräulichen Entwickelung gediehen ſein mochte, ſo war doch Wenzel noch mehr Knabe als Jüngling. Indeſſen erklärte dieſer ſelbſt, er wolle ſein ſchönes Frauchen, das er ſieben Jahre nicht geſehen und das nun gewiß recht groß geworden, nun„ordentlich heira⸗ ten,“ und er beſtand mit dem ihm, in rein perſönlichen Dingen, eigenen Eigenſinn auf der Vollziehung eines Bundes, deſſen Bedeutung er kaum ahnte. So hatte man dem Begehren des Kaiſers willfahren müſſen. Mitten im härteſten Winter, in der zweiten Hälfte des Januar 1285, hatte Rudolf ſeinen Eidam mit ſei⸗ nem Hofſtaate nach Eger geladen, wo das Beilager ſtattfinden ſollte, und Wenzel war der Einladung im Geleite ſeiner Mutter und ſeines Stiefvaters gefolgt. Doch hatte Letzterer keine Luſt gehabt, am Hofe Rudolf's eine zweifelhafte Rolle zu ſpielen, am wenigſten dem 105 deutſchen Könige eine Huldigung zu erweiſen, und ſo war er an der Grenze des Gebietes der damals kaiſer⸗ lichen Stadt umgekehrt und hatte auf böhmiſchem Boden die Rückkehr ſeiner Gemalin und ihres Sohnes er⸗ wartet. Durch den Augenſchein hatte ſich der Kaiſer⸗König zwar ſelbſt überzeugen müſſen, daß ſein Eidam mit der Entwickelung ſeiner Tochter nicht in der Weiſe Schritt gehalten, daß ſich die Feier, die er veranſtaltet, vollſtän⸗ dig zur Ausführung bringen ließ, er hatte ſich genöthigt geſehen, das eheliche Zuſammenleben der jungen Ver⸗ mählten noch um ein paar Jahre zu verſchieben; aber er hatte doch die Genugthuung gehabt, zu ſehen, daß der königliche Knabe in ſeine reizende junge Frau ſchnell ſterblich verliebt war. Wenn die Königin Kunigunde mit dem weiteren Aufſchube der Vollziehung einer Ehe, die ſie jetzt am liebſten gar nicht geſchloſſen geſehen, wohl zufrieden ge⸗ weſen, ſo war ſie doch durch die Wahrnehmung betrübt worden, daß Kaiſer Rudolf ihren Gatten haßte, und ſie hatte es nicht ganz verhindern können, daß er in die Bruſt ihres Sohnes den Samen giftigen Argwohns geſtreut. Noch beim Abſchiede hatte er ſeinen Eidam er⸗ 106 mahnt, nie einem Diener ſein ganzes Vertrauen zu ſchenken, auch eingedenk zu ſein, von welcher Seite ſei⸗ nem Vater ſein größtes Unheil gekommen. Das war Kunigunden ſchwer auf's Herz gefallen; ſie hatte mit Bangen der Zeit entgegen geſehen, wo die mit ſeltenem Liebreiz und mit einem ihrem Sohne über⸗ legenen Geiſte ausgeſtattete Kaiſerstochter den Thron mit demſelben theilen und gewiß Alles aufbieten werde, um die volle Herrſchaft über den ſchwächeren Gatten zu gewinnen und dieſe nach dem Wunſche ihres Vaters auszubeuten. Zwar hatte es nur des erſten perſönlichen Zuſam⸗ mentreffens ihres Sohnes mit ſeinem Stiefvater bedurft, um das in jenem erregte Mißtrauen zu erſticken; zwar hatte ſeitdem der Einfluß Zawiſch's auf den jungen König eine Macht erlangt, die ihn zum thatſächlichen Beherrſcher Böhmens erhob, aber die drohende Zukunfts⸗ wolke war darum doch nicht ganz vor ihrer ahnenden Seele gewichen, und wenn ſie ſich auch nicht davon be⸗ herrſchen ließ, wenn ſie ſchon auf Zawiſch's Geiſtes⸗ macht und ihren eigenen mütterlichen Einfluß Vertrauen genug ſetzte, um ſich nicht an ſchwarze Befürchtungen hinzugeben, ſo fand ſie es doch dringend geboten, daß Zawiſch's Stellung in der Liebe des böhmiſchen Volkes X 107 und in dem Anhange der Mehrheit des mächtigeren Adels ein ganz feſte Stütze gewann. Die Geſellſchaft nahm in einem Gartenpavillon um einen wohlgedeckten Tiſch Platz und gab ſich hier beim Frühſtück einer heitern Unterhaltung hin. Dabei bemerkte ſie nicht, wie an dem erſt ganz heitern Himmel ſich dunkles Gewölk zuſammenzog und mit Gewitter drohte. Plötzlich unterbrach ein Donnerſchlag die leb⸗ hafte Unterhaltung. Der junge König, welcher weniger an dem Ge⸗ ſpräche theilgenommen, als ſich mit Eſſen beſchäftigt hatte, ließ leichenblaß ſein Meſſer fallen und faltete zitternd die Hände. Hynek von Lichtenburg that ihm Letzteres nach, während Zawiſch mit Oger und Witek an den offenen Eingang des Pavillons traten und den Himmel beobachteten. Der Pavillon verfinſterte ſich, Kunigunde betrach⸗ tete beſorgt ihren bebenden und betenden Sohn; da zuckte ein heller Blitz durch die graue Luft— „Gott ſei uns gnädig und barmherzig!“ ſchrie der König auf und fügte hinzu:„fort! fort! in's Haus! in. den Keller, bis es vorüber iſt!“ Zawiſch wandte ſich um und ſagte: „Ei, wer wird ſich vor einem Gewitter verkriechen! 108 kommt her zu mir, mein Herr Sohn, und betrachtet das Spiel der Blitze!“ „O nein! nein!“ ſchrie der König—„bringt mich in den Keller! Ihr nennt ein Schauſpiel, was eine Aeußerung des göttlichen Zornes iſt, demüthigt Euch lieber und betet, ſtatt ſo gleichgültig und vermeſſen zu thun! Mein lieber Hynek, führt Ihr mich in's Haus!“ Und erklammerte ſich an den Herrn von Lichtenburg. Die Königin erbot ſich, mit dem geängſtigten Sohne zu gehen. Zawiſch konnte ſich nicht enthalten zu bemerken: „Ihr ſolltet ihn nicht in ſeinem thörichten Wahne, in ſeiner unköniglichen Furcht beſtärken!“ Er trat hinaus vor den Eingan in den ſtrömen⸗ den Regen, und während die Blitze pielten und der Donner rollte, rief er dem König zu: „Seht her, mein königlicher Sohn, hier ſteh' ich ruhig im Kampfe der Elemente; wo Ihr Gottes Zorn und Strafgericht erblickt, da ſeh' ich nur Liebe und Segen, und wo Ihr, von blindem Wahne beherrſcht, zittert und bebt, da empfinde ich die göttliche Natur des Menſchengeiſtes, die erhaben iſt über die bewußt⸗ loſen Kräfte der Natur.“ S Es iſt eines der erhabenſten Schauſpiele der Natur— 109 Zawiſch ſtieg auf einen künſtlich angelegten Hügel und ſchaute ruhig in den Aufruhr der Elementargeiſter. Es war allerdings ein Aufruhr, der ein furchtſames Herz an den Anfang des Weltuntergangs gemahnen konnte. Der ganze Himmel hatte ſich mit ſchauerlich bleifarbenen Wolken überzogen, aus welchen von allen Seiten Blitze zuckten und unaufhörlicher Donner rollte. Dazu ſang die Windsbraut ihre Schauerweiſen in den Rieſenbäumen des Waldes, und rauſchte der ſtrömende Regen. 3 Der König hatte ſein Geſicht an Hynek's Bruſt geborgen, aber bei den letzten Worten ſeines Stief⸗ vaters doch einmal nach ihm hinauszublicken gewagt, und in der Beleuchtung eines flammenden Blitzes war es dem von den Dämonen der Furcht und Angſt Auf⸗ geregten vorgekommen, als wäre die Geſtalt Zawiſch's in's Rieſenhafte gewachſen, entſetzt hatte er ſich abge⸗ wandt und war in ſeine Knie geſunken. Beſorgt kniete die Königin neben ihm nieder und die anweſenden Gäſte ſtellten ſich um Beide herum. In jener Zeit, wo man ſo wenig von der Natur des Gewitters wußte, wurden auch die Gebildetſten und Muthigſten mit Bangigkeit davon erfüllt, und da ein Furchtſamer andere zur Furcht aufgelegte Menſchen leicht anſteckt, ſo theilten alle im Pavillon Anweſenden, 110 wenn auch in minderem Grade, den Seelenzuſtand des Königs. Alle hatten ſie die Hände gefaltet und beteten. Dann und wann drang durch den Donner und das Sturmesbrauſen ein Ausruf der Bewunderung von Za⸗ wiſch an ihre Ohren, auf einmal war es, als ſtände der ganze Pavillon in Flammen, gleichzeitig erdröhnte ein furchtbarer Donnerſchlag, dann fund ſich die zum Tode erſchrockene Geſellſchaft wieder im Halbdunkel und tiefe Stille folgte auf den Donnerſchlag. Gleich darauf trat Zawiſch ein. Er hatte in ſeiner Hand einen Baumwipfel und ſagte lächelnd zu der ſich erholenden Geſellſchaft: „Was mag nur der Baum, dem der Blitz ſein Haupt abgeſchlagen, geſündigt haben, daß ihn Gottes Strafgericht ſo ſchwer getroffen? Oder ſollte das Ge⸗ richt mich Sünder treffen und traf den Baum ſtatt meiner? Dann hat ſich der ewige Richter einen ſehr ungeſchickten Gerichtsvollſtrecker auserſehen. Die alten Griechen hielten den für einen beſonderen Liebling der Götter, den ein Blitzſtrahl tödtete, und wenn ich dieſen ſchuldloſen Wipfel des ſchönſten Baumes in meinem Garten betrachte, möchte ich dem Glauben der Griechen vor dem Eurigen den Vorzug geben. Doch von der X 111 Wahrheit ſind ſie mit Euch gleich weit entfernt. Der Menſch, der in dem dunklen Kindheitsalter der Menſch⸗ heit zuerſt mit einem Stück Eiſen an einen Kieſel ſchlug, daß Funken herausſprangen, dachte gewiß, daß in dem Kieſel ein Gott verborgen ſein müſſe, den er mit ſeinem Schlage erzürnt. Jener Funke und der Blitz, hinter dem Ihr die Hand Gottes ſucht, ſind Geſchwiſter, und Ihr ſeid daher im Grunde ſo kindiſch, wie jener rohe Ur⸗ menſch.“ Die Wuth der Elemente hatte ausgetobt. Nur ſchwaches Donnerrollen ertönte aus der Ferne, die Wol⸗ ken zerriſſen und ließen den blauen Himmel durchblicken, der Regen ließ nach und der Sturm legte ſich. „Jetzt laßt uns hinaus gehen,“ ſagte Zawiſch zu ſeiner Geſellſchaft,„und uns in vollen Zügen aus den Quellen der Erquickung trinken, welche die tobenden Elemente am Buſen der Natur geöffnet.“ Er wollte die Hand des Königs faſſen und ihn hinausgeleiten in die wunderbar erfriſchte Natur; aber der gekrönte Knabe wich mit ängſtlicher Scheu vor ſei⸗ nem Stiefvater zurück, und rief, ſich an ſeine Mutter hängend: „Ich will bei meiner Frau Mutter bleiben.“ Zawiſch warf einen mitleidigen, bekümmerten Blick 112 auf den jungen Menſchen und ging im Geleit ſeiner Verwandten in den Garten. „Das ſoll ein König ſein!“ ſagte er draußen vor ſich hin, doch laut genug, daß es ſeine Begleiter höen konnten. Sechſtes Capitel. Das Wort,„das ſoll ein König ſein!“ fand in der Seele Sezema's von Landſtein freudigen Wiederhall. Ihm klang aus dieſem Worte die tiefſte Verachtung vor dem Träger der böhmiſchen Krone und die Empörung des ſtolzen Selbſtbewußtſeins gegen das Schickfal, das die ſchöne Krone nicht auf ein würdigeres Haupt geſetzt. Sezema hütete ſich aber wohl ſeine Freude laut werden zu laſſen, eben ſo wenig ließ er ſich durch ſie verlocken, an jenes Wort ein auf den Zweck ſeiner Sendung be⸗ zügliches Geſpräch anzuknüpfen, oder auch nur Andeu⸗ tängen darauf fallen zu laſſen. Er ſah den tiefen, ver⸗ borgenen Riß zwiſchen der wahren Gewalt und ihrem Schein, und urtheilte, das dieſer ſpäter oder früher zum offenen Bruch ſich geſtalten müſſe. Dies war ihm vor der Hand genug. Mit der kurzen Verbannung aus⸗ Taura. Die Witkowetze. 1. 8 1¹4 geſöhnt, verabſchiedete er ſich bald von den Bewohnern von Kunigundenluſt und dem König, und traf ſeine Anſtalten zur Abreiſe nach Wittingau, dem Orte ſeiner Geburt. Ehe er aberPrag noch verließ, ſollte er Zeuge eines Vorganges werden, der wohl geeignet war ihn in ſeinen Hoffnungen zu beſtärken. Es war in Prag ruchbar geworden, welche Ent⸗ ſcheidung das Sechsmänneramt in der Sache des Inden Ben⸗Baruch getroffen. Das Volk von Prag hatte ſo gut ſein Vorurtheil gegen die Juden wie die Chriſten an allen andern Orten in jener Zeit, ja es konnte ſie zu Zeiten recht bitter haſſen, und, wenn es dazu aufgehetzt wurde, auch verfolgen. Aber mehr noch als die Juden haßte es das Junkerthum. Es hatte daher in der Sache des Kinderraubs durch einen übermüthigen Junker für den Juden Partei genommen, und weil ſich die Väter im Stift Strahow herbeigelaſſen mit dem Junker ge⸗ meine Sache zu machen, auch gegen gedachte Väter. Die Entſcheidung des Sechsmänneramtes entſprach alſo ganz den Wünſchen des Volkes. Mit der größten Spannung harrte die Bevölke⸗ rung des weitern Erfolges. Bald verbreitete ſich durch die Straßen das Gerücht, daß der Abt von Strahow ſich geweigert das geraubte Kind herauszugeben, und — — 1¹⁵ daß in Folge dieſer Weigerung das Sechsmänneramt ſich an Herrn Zawiſch von Falkenſtein gewendet, der alsbald ſeinem Schwager dem Oberſtburggrafen Hroz⸗ nata von Huſitz Befehl ertheilt, die Herausgabe des Kindes nöthigenfalls mit Gewalt zu erwirken. Wir wiſſen bereits, daß das Gerücht nicht gelogen. Der Bote des Sechsmänneramtes hatte ſich ſtracks nach dem Hradſchin, wo Hroznata in dem Hauſe der Roſen⸗ berg'ſchen Linie des Witkowetziſchen Geſchlechtes wohnte, verfügt, und dem Oberſtburggrafen den im Namen des Königs ausgefertigten Befehl Zawiſch's übergeben. Zur Vollſtreckung dieſes Befehls hatte Hroznata ſofort den Burghauptmann auf dem Hradſchin mit einer Schaar von Burgmannen nach dem Stift Strahow entſandt. Als die Bewohner des Hradſchin die bewaffnete Macht gegen das Stift marſchiren ſahen, eilten ſie aus ihren Häuſern und folgten dem Zuge nach. Bald ver⸗ breitete ſich das Gerücht von der ernſten Maßregel über den Strom in die Stadt und lockte das Volk in Maſſen aus den Häuſern auf die Straßen und hinüber nach dem Hradſchin. Dabei war das Lob Zawiſch's„des Gerech⸗ ten, des Ordnungsſtifters“ in aller Mund. Der Abt von Strahow weigerte ſich zwar auch dem Burghauptmann dus dem Juden geraubte Kind heraus⸗ zugeben, aber als derſelbe erklärte, bei fernerer Weige 8 116 rung mit ſeinen Mannen das Kloſter ſtürmen zu wollen, und bereits Anſtalten traf, welche darthaten, daß es ihm mit ſeiner Drohung voller Ernſt war, da wagte der Abt ſich nicht länger zu widerſetzen. Er ließ dem Burghaupt⸗ mann das Kind übergeben, jedoch nicht ohne gegen die Rechtmäßigkeit des Verfahrens zu proteſtiren und mit einer Klage bei dem heiligen Stuhl zu drohen. Auf ſeinen Armen trug der Burghauptmann das Kind, geleitet von dem Jubel des Volkes, den Berg hinab. An der Brücke kam ihm, gefolgt von einer unge⸗ heuren Volksmenge, der Jude Ben⸗Baruch entgegen, der ſtreckte mit lautem Freudengeſchrei die Arme nach ſeinem Enkel aus. Mit einem herzlichen Wort übergab ihm der Burghauptmann das Kind, und halb närriſch vor Freude ſchloß es der Alte in ſeine Arme. Als das Volk dieß ſah, ward es auf's Tiefſte be⸗ wegt, und wie der alte Jude, nachdem er ſeinen erſten ſtürmiſchen Empfindungen freien Lauf gelaſſen, das Kind hoch gegen den Himmel hielt und betend rief: „Hab' Dank, o Gott Iſrael's, und ſegne die Häupter meiner Wohlthäter, der Geſchwornen des Sechsmänner⸗ amtes und des Herrn Zawiſch von Falkenſtein, bis in's tauſendſte Glied,“— da brach das Volk in lautes Jubelgeſchrei aus, in welchem tauſend Lebehochs auf Zawiſch,„den Befreier, den Ordnungsſtifter, den Rich⸗ 117 ter und Friedens hort,“ erſchallten. So geleiteten Tau⸗ ſende den Juden mit ſeinem Tochterkinde im Triumph nach dem Ghetto. In der freudigen, gehobenen Stim⸗ mung, in der ſich Alle befanden, bedurfte es nur einer Anregung durch ein hingeworfenes Wort, um das Volk zu einer förmlichen Ovation des Gefeierten zu ver⸗ anlaſſen. Einer in der Menge rief:„Wir ſollten nach Kunigundenluſt ziehen und Herrn Zawiſch ein Lebehoch bringen!“ Das Wort lief von Mund zu Mund, Alles ſtimmte bei, und bald ſtrömte das Volk dem Thore zu, das nach Kunigundenluſt führte. Sezema ſah die allgemeine Bewegung und folgte dem Strome nach. Indem er ſich mitten unter die Menge miſchte, vernahm er manche Lobeserhebung auf ſeinen erlauchten Vetter. Die Einen prieſen ſeine tapferen Tha⸗ ten bei der Vertreibung der Brandenburger aus Böh⸗ men, die Andern ſeine Regierungskunſt, die Weisheit ſeiner Geſetze, noch Andere ſeine heilſame Strenge gegen den unruhigen Adel, die Ordnung und Sicherheit, die er dadurch im Lande geſtiftet. Einen ſtattlichen Bürgers⸗ mann hörte Sezema ſagen: „Was wäre wohl aus Böhmen geworden ohne die⸗ ſen Mann! Er allein hat es vom Untergang errettet, ihm allein danken wir es, daß wir uns ſo wohl befinden, 118 er verdiente eigentlich auf dem Stuhle Krok's zu ſitzen.“ Ein Anderer fügte dem hinzu: „Wer weiß was geſchieht, der Knabe, der jetzt die Krone trägt, iſt ein Schwächling.“ Sezema hätte dieſen Sprecher gern weiter reden hören; aber unter dem Thore entſtand plötzlich ein gro⸗ ßes Geſchrei und Gedränge. Es kamen drei Reiter durch das Thor daher, welche den Zug der Menge hemmten. Eine Stimme aus der Menge ſchrie: „Das iſt ja der Klingenberger! Was will der in Prag? Wir ſollten ihn wieder hinaustreiben!“ Und„hinaus mit dem Klingenberger! hinaus!“ brüllte es wie ein Echo nach. Ein großer Haufe drang auf die Reiter ein, von denen der eine ein ſehr vornehmes Ausſehen hatte. Aber zwei Diener des Sechsmänneramtes im rothen Talar tauchten plötzlich aus der Menge auf, warfen ſich zwi⸗ ſchen den Haufen und die Reiter, und geboten jenem, mit hoch erhobenem Stabe, im Namen des Königs ab⸗ zuſtehen von ſeinem Beginnen, Der Haufe ſtand ſtill. Eine Stimme rief: „Aber es ift ja der Klingenberger,— kennt Ihr den Klingenberger nicht, der den Landfrieden brach und Aufruhr ſtiftete, der in ſeiner Veſte der königlichen Ge⸗ 119 walt trotzte, bis Herr Zawiſch auszog und die Veſte eroberte und ſchleifte? Er hätte eigentlich den Tod durch Henkershand verdient; aber um früherer Verdienſte für König Otokar Willen ward er begnadigt. Was will er nun in Prag? Gewiß nichts Gutes!“ „Das iſt nicht Eure Sache,“ entgegnete einer der Diener des Sechsmänneramtes.„Der Herr von Klin⸗ genberg iſt begnadigt und hat Urfehde geſchworen, ſein Weg im Lande Böhmen iſt frei. Möge er Gutes oder Boſes im Schilde führen, Ihr, Prager, habt nichts zu fürchten, denn das Auge des Sechsmänneramtes wacht für Euch. Laßt die Reiter ruhig ziehen.“ „Es iſt wahr,“ rief eine andere Stimme aus der Menge,„das Sechsmänneramt, das uns Herr Zawiſch gegeben, hat ein Auge über Alles was in Prag geſchieht, und es weiß den Landfrieden gegen die übermüthigen Junker zu ſchirmen. Denkt doch an die Herren Zbiſlaw Zagic von Trebaun und Sezema von Kraſſow! Die hatten geſtern kaum im einſamen Hohlweg den Land⸗ frieden verletzt, als auch das Sechsmänneramt bereits einſchritt wieder ſie und ſie auf unbeſtimmte Zeit ver⸗ bannte.—“ Es ward von der Menge kein Verſuch weiter ge⸗ macht die Reiter zurückzutreiben; ruhig zog ſie vollends 120 hinaus nach Kunigundenluſt, ihrem Gefeierten die be⸗ abſichtigte Huldigung zu bringen. Dieſer ſelbſt beizuwohnen fand Sezema nicht für nöthig. Er glaubte die Stimmung des Volkes nun hin⸗ länglich zu kennen, um von dieſer Seite Alles zu hoffen, was er nur wünſchte. Indem er langſam zurückkehrte, bemerkte er, wie den drei Reitern, welche im Volke ſo großen Anſtoß er⸗ regt, einer der Diener des Sechsmänneramtes von ferne folgte. Faſt mechaniſch hielt er ſich auf den Fußſtapfen derſelben. Die Reiter ritten durch die Stadt über die Brücke nach dem Hradſchin, und dahin folgte ihnen auch der Rothmantel, dieſem wieder Sezema von Landſtein. Vor dem Biſchofshofe machten die Reiter Halt; der Eine, welchen Sezema als den Herrn von Klingenberg hatte bezeichnen hören, ſtieg vom Pferde, übergab dies einem ſeiner Begleiter und ging in den Biſchofshof. Dieſe ritten langſam nach der Stadt zurück, wohin ihnen auch der Diener des Sechsmänneramtes von Weitem nachfolgte, während Sezema ſich beſann, daß er in der Nähe des Roſenberg'ſchen Hauſes, der Wohnung des Oberſtburggrafen Hroznata von Huſitz, ſich befand, dem er bei dieſer Gelegenheit einen Beſuch abſtatten konnte. Er lenkte ſeine Schritte dorthin. N 121 Der Reiter, den er in den Biſchofshof hatte gehen ſehen, war Bohuflaw von Klingenberg. Er war ein alter Feind des witkowetziſchen Hauſes, einſt Herrn Hynek's von Lichtenburg, Zbiſlaw Zagjc von Trebaun und Sezema's von Kraſſow Waffengenoſſe im Dienſte Oto⸗ kar's II., und nach deſſen Fall auf die Seite Otto's von Brandenburg getreten. Nach dem Abzuge der Branden⸗ burger und der Thronbeſteigung Wenzel's II. hatte er ſich dem zur höchſten Gewalt gelangten Zawiſch von Falkenſtein aus altem Haß nicht unterordnen mögen, ſich vielmehr mit Zbiſlaw Zagjc, Sezema von Kraſſow und andern Gegnern der Witkowetze der neuen Ordnung der Dinge widerſetzt, und hatte, wie Jene, durch Gewalt zum Gehorſam gebracht werden und nach Eroberung und Schleifung ſeiner Veſte Klingenberg Urfehde ſchwö⸗ ren müſſen. Nach den alten Bundesgeſetzen hätte er den Tod verwirkt gehabt wie alle die andern aufrühreriſchen Barone, welche Zawiſch mit Waffengewalt zum Ge⸗ horſam hatte bringen müſſen; aber obwohl die meiſten Freunde der neuen Ordnung zur geſetzlichen Strenge gerathen, ſo hatte Zawiſch doch ihre Begnadigung durch⸗ geſetzt. Das Vergehen der beſiegten Feinde hatte ſeinen Urſprung in einer allgemeiner Verwirrung und Auflöſung, wo die Wogen des Parteiweſens den Boden des Geſetzes unterwühlt und durch das verderbliche Bei⸗ 122 ſpiel von oben der Vortheil des Einzelnen über das Geſammtwohl den Sieg errungen hatte. In dieſer Zeit war Alles in Frage geſtellt, Alles gleichſam in den Ur⸗ zuſtand zurückverſetzt geweſen. Alle hatten das Ihrige gefucht, und Alle hatten in dieſem Suchen gefündigt. Wer,— ſagte Zawiſch,— will ſich da anmaßen Rich⸗ ter zu ſein? Wer will von der Strenge des Geſetzes reden, wenn alle Geſetze thatſächlich außer Kraft ge⸗ weſen? Nein, wir haben Alle kein Recht, Vergehungen, welche noch jener traurigen Vergangenheit angehören, zu ſtrafen. Laßt uns die Feinde der neuen Ordnung, die ſich ihr noch nicht unterworfen hatten, beſiegen, aber laßt uns nicht Rache nehmen an den Beſiegten. Dieſe wollen wir durch Großmuth für die neue Ordnung gewinnen. Etwas Anderes iſt es mit den neuen Sünden gegen die wieder aufgerichtete Ordnung, gegen das anerkannte, in voller Kraft beſtehende Geſetz. Dieſe werden wir mit der ganzen Strenge des Geſetzes zu ſtrafen haben. Alſo Vergeſſen und Vergeben für die vergangenen, ihrem Urſprung und Weſen nach noch der ſchrecklichen, geſetz⸗ loſen Zeit angehörigen Vergehungen!“ Und dieſe Anſicht hatte den Sieg davongetragen. Wir treffen den in Folge dieſes Sieges neben vie⸗ len Andern begnadigten Bohuſlaw von Klingenberg bei dem Biſchof Tobias von Bechin. 123 Dieſer hohe Würdenträger der Kirche war gerade in ſehr gereizter Stimmung. Der Abt des Stiftes Stra⸗ how hatte ihm Anzeige erſtattet über die durch Gewalt erzwungene Herausgabe des von ſeinem Erzeuger der Kirche geweihten Tochterkindes des Juden Ben⸗Baruch. Der Biſchof theilte ganz die Anſicht des Abtes, daß das Kind von Rechtswegen der Kirche gehöre, und daß die erzwungene Auslieferung desſelben ein Frevel gegen die heilige Kirche ſei. Er war ohnehin kein Freund des Mannes, welcher jetzt in Böhmen faſt mit unumſchränk⸗ ter Macht herrſchte. Er mußte zwar die Verdienſte des⸗ ſelben um die Ordnung und den Wohlſtand des Landes anerkennen; aber er war mit vielen Neuerungen, die von Zawiſch ausgingen, nicht einverſtanden, weil ſie ihm zu ſehr auf die heidniſche Vorzeit zurückzugehen ſchienen; insbeſondere hoßte er das Sechsmänneramt, in welchem er nichts als eine aus dem Grabe herauf⸗ beſchworene Einrichtung der böhmiſchen Urzeit erblickte, bobſchon ſie dies nur zum Theil war; auch zweifelte der Biſchof an Zawiſch's gläubiger und kirchlicher Geſin⸗ nung, obſchon derſelbe es an frommen Stiftungen und ſonſtigen Beweiſen echter Frömmigkeit nicht hatte fehlen laſſen; endlich ſchien ihm die Macht, welche Zawiſch ausübte, gefährlich für das angeſtammte Königthum; wir wiſſen, welch' ſchweren Verdacht er in letzterer Be⸗ 124 ziehung bereits gegen den Kaiſer Rudolph ausge⸗ ſprochen. Und direct von dieſem Kaiſer kam jetzt Bohuslaw von Klingenberg zu dem Biſchofe. „Ihr wißt, hochwürdiger Herr,“ ſagte er nach der Begrüßungsförmlichkeit zu dem geiſtlichen Herrn,„Ihr wißt, wie ich im gerechten Kampfe gegen den Uſurpator der königlichen Gewalt erlegen bin und wie ich, nach dem Fall meiner Veſte gefangen, gezwungen ward ihm Urfehde zu ſchwören. Als Chriſt muß ich dieſen Schwur halten und werde ihn halten. Aber dieſer Schwur ver⸗ bietet mir nicht, meinen angeſtammten Herrn, der zum willenloſen Spielzeug in den Händen des übermüthigen Witkowetz herabgewürdigt iſt, mit meinem Kopfe und meinem Herzem zu dienen. Sobald ich frei war, reiste ich an das kaiſerliche Hoflager. Kaiſer Rudolf nahm mich huldvoll auf. Das Wohl ſeines Eidams ſowohl als unſeres Böhmenlandes liegt ihm am Herzen, darum hörte er mir mit der größten Theilnahme zu, als ich ihm berichtete, wie es hier zu Land hergeht. Er mißbilligte zwar, daß ich die Waffen ergriffen, aber er lobte meine Anhänglichkeit an den Thron, welchen von ſeinen gefähr⸗ lichſten Feinden zu befreien ich mich ja lediglich erhoben hatte. Er ſprach lange mit mir, auch ihm war das Re⸗ giment in Böhmen ein Dorn im Auge und unverhohlen 125 äußerte er, daß es anders werden müſſe— doch Empö⸗ rung ſei nicht der rechte Weg. Er habe ſchon dafür ge⸗ ſorgt, daß die Herrſchaft der Witkowetze in Böhmen ein Ende nehmen müſſe, er habe dem Böhmerlande eine Königin erzogen, die ihren Hof bald von allem Unkraut ſäubern, ihren Gemahl aus der Umgarnung eines herrſch⸗ ſüchtigen Geſchlechtes erlöſen werde.“ „Wenn ſich der Kaiſer nur nicht täuſcht,“ verſetzte der Biſchof,„unſere junge Königin iſt zwar eine Dame von großen Gaben des Leibes wie des Geiſtes, der es nicht ſchwer fallen kann, eine gewiſſe Herrſchaft über ihren Gemahl, der, unter uns geſagt, kein Held und kein Kirchenlicht iſt, zu erlangen; aber ſchwerlich wird es ihr gelingen, den Einfluß ihrer Schwiegermutter auf den König ganz zu beſeitigen. Der König hängt an ſei⸗ ner Mutter mit abgöttiſcher Liebe, und ſie wird ihren geliebten Zawiſch gewiß nicht fallen laſſen.“ „Dieſen Einwand machte ich dem Kaiſer auch,“ behauptete Bohuslav;„und er ward darüber ſehr nach⸗ denklich. Endlich ſagte er zu mir:„Kommt Zeit, kommt Rath; Gott wird Böhmen nicht verlaſſen, wir wollen nur nicht vom Vertrauen auf ſeine Hilfe laſſen.“ „Ja, es iſt ein frommer Herr, der Kaiſer Rudolf,“ ſiel der Biſchof ein;„Gott ſegne ihn! Und ſo fromm 126 wie er, iſt auch ſeine Tochter, unſere Königin; Böhmen kann ſich glücklich preiſen, eine ſolche Königin zu beſitzen, die wird wieder Gottesfurcht und fromme Zucht am böhmiſchen Hofe zu Ehren bringen. Wie lange waret Ihr am Hofe des Kaiſers? Sahet Ihr unſere junge Königin?“ „Der Kaiſer zog mich zur Tafel und ſtellte mich unſerer Königin vor. Welcher Liebreiz ſtrahlte mir ent⸗ gegen und welcher Verſtand, welche Einſicht leuchteten aus ihrer Rede! Doch Ihr wolltet wiſſen, wie lange ich am kaiſerlichen Hofe geweſen. Ich wurde von einer Zeit zur andern dort aufgehalten. Endlich nach acht Wochen berief mich der Kaiſer zu ſich.„Wie die Sachen nun einmal ſtehen, ſagte er, dürfen wir uns nicht unthätig auf die Sache verlaſſen, wir müſſen die Stricke, von denen mein Eidam umgarnt iſt, ſchon jetzt zu lockern ſuchen. Man muß die Schritte ſeines Stiefvaters auf's Genaueſte überwachen und den König vor den Gefahren, die ihm drohen, warnen. Das Geringſte Verdächtige, das man im Lager der Witkowetze wahrnimmt, muß man ihm anzeigen, damit ihm die Augen aufgehen, oder doch wenigſtens ſein Vertrauen einen Riß bekommt. Man muß auch ſuchen dem König ſeine Mutter in ih⸗ rem wahren Lichte zu zeigen, damit ſich die abgöttiſche Verehrung mit der er an ihr hängt, ſchon jetzt mindere!“ v— ———— 127 Er rieth mir darauf nach Prag zu gehen und mich mit Euch in Vernehmen zu ſetzen. Er entbietet Euch ſeinen Gruß, und läßt Euch bitten, mir mit Rath und That an die Hand zu gehen.“ „Zuvörderſt rathe ich Euch vor den Spürhunden des Sechsmänneramtes auf der Hut zu ſein,“ ſagte der Biſchof.„Laßt zunächſt Alles, was Ihr nach Euerem Zweck denkt und thut, unſer beider Geheimniß ſein,“ Ich freue mich einen ſo wackeren Geſinnungsgenoſſen gefunden zu haben. Ihr kommt wie gerufen. Es iſt et⸗ was geſchehen, was dem Zawiſch den Hals brechen kann, oder was uns wenigſtens eine mächtige Waffe verleiht, ſeine Stellung zu untergraben.“ Der Sprecher erzählte hierauf die Geſchichte von dem geraubten Kinde nach ſeiner ſtreng hierarchiſchen Auffaſſung. „Das iſt ja ein wahres Sacrilegium!“ rief Bo⸗ huslaw, als der Biſchof ſchloß,„ſolchen Frevel kann die Kirche doch nimmerhin dulden. Was werdet Ihr dagegen thun?“ „Ich werde dagegen beim Papſt Beſchwerde füh⸗ ren,“ erwiederte der Biſchof.— „Ganz recht,“ meinte Bohuslaw,„aber wollt Ihr nicht erſt dem König eine Vorſtellung machen? So viel 128 ich weiß, iſt Wenzel II. ſehr frommen Sinnes, er muß ſich entſetzen über das Sacrilegium, das in ſeinem Na⸗ men begangen worden, er wird die Sünde gewiß nicht auf ſich nehmen wollen.“ „Aber er wird ſie auch nicht ungeſchehen machen,“ entgegnete der Biſchof—„er wird ſich allerdings ent⸗ ſetzen, wird ſein Entſetzen ſeiner Mutter klagen, dieſe wird es vor den Ufurpator bringen und der wird dar⸗ über lachen, wird den ſchwachen Verſtand des Königs mit hochtönenden Redensarten umnebeln und das ge⸗ ängſtigte Gewiſſen einſchläfern.“ „Etwas wird aber doch in der Seele des könig⸗ lichen Jünglings hängen bleiben,“ warf Bohuslan ein, „mag es auch nur erſt ein Senfkorn Mißtrauen und Scheu ſein; wenn das recht genährt wird, erwächſt es wohl zum Baume.“ „Wer ſoll es denn nähren?“ verſetzte der Biſchof. „Der ſchlaue Ufurpator hat wohl dafür geſorgt, daß der König von ſeinen Kreaturen umgeben iſt „Ich hörte, Herr Hynek von Lichtenburg ſei viel um den König, er gehe oft allein mit ihm auf die Jagd,“ ſagte Bohuslaw, und fügte hinzu:„Herr Hynek war immer eine Stütze des Thrones und ein Feind der Witkowetze—“ X ————,— 129 „Aber der eitle Mann zappelt in dem Liebesnetze der ſchönen Königin Kunigunde, er iſt uns verloren—“ „Wie ſoll ich das verſtehen?“ rief Bohuslaw ver⸗ wundert,„bräche die Buhlerin auch ihrem zweiten Gat⸗ ten die Treue, wie ſie ſie dem erſten gebrochen?“ „Das wohl nicht,“ antwortete der Biſchof.„Herr Hynek iſt blos eine arme Motte, die ſich am Strahle ſo hoher Reize die Flügel verbrannt und nun wähnt, er habe dieſelbe gewonnen. Frau Kunigunde hat an Za⸗ wiſch den Rechten gefunden, und es dürfte wohl ſchwer fallen, ſie von ihm abtrünnig zu machen. Das weiß auch Herr Zawiſch, und darum duldet er die Huldigun⸗ gen, welche der ungefährliche Nebenbuhler ſeiner Frau darbringt.“ „Das iſt ſchade,“ meinte Bohuslaw!„wäre er ein wenig eiferfüchtig zu machen, ſo könnte das zu Etwas führen, was uns diente. Es könnte zu einer Entfrem⸗ dung der beiden Gatten, und dieſes zu einer Schwächung des Einfluſſes führen, den Zawiſch auf den König übt.“ „Von dieſer Seite iſt nichts zu hoffen,“ erklärte der Biſchof.— „Und doch—“ ſagte Bohuslaw—„doch kreiſt mir der Gedanke an Herrn Hyneks Leidenſchaft fort⸗ während im Kopfe wie ein Ei, aus dem irgend eine Taura, Die Witkowetze. 1. 9 130 heilſame Frucht kriechen müſſe. Ich werde mich doch an den verliebten Schäfer zu machen ſuchen, er wird gegen einen alten Waffengenoſſen doch nicht ganz unzugäng⸗ lich geworden ſein; ich will einmal ſehen, ob nicht etwas mit ihm zu machen iſt.“ „Ich fürchte, es iſt Hopfen und Malz an ihm ver⸗ loren,“ erwiederte der Biſchof,„doch verſucht's— nur rathe ich Euch die größte Behutſamkeit an!“ „Seid unbeſorgt,“ ſagte Jaroslaw,„ich bin im offenen Kampfe für die gute Sache unterlegen, ſo ſoll mir auf dem Pfade der Liſt nicht Gleiches widerfahren, und hätte der Uſurpator tauſend Schergen in ſeinem Solde, deren jeder die hundert Augen des Argus beſäße, er ſoll mich nicht fangen.“ Die Beiden blieben noch lange beiſammen und be⸗ ſprachen ſich über die Angelegenheiten des Königreichs, die, nach ihrer Anſicht, ſo dringend eine Aenderung erheiſchten. Unter anderem ward beſchloſſen, von dem Vorgange mit dem geraubten Kinde zunächſt dem Kai⸗ ſer Nachricht zu gehen und ihn um ſeinen Rath we⸗ gen der in der Sache zu thuenden Schritte zu bitten. —— —— Siebentes Capitel. Es waren mehrere Wochen nach den erzählten Vor⸗ gängen verſtrichen. In den Gärten von Kunigundenluſt war der üppigen Roſenpracht die buntere Blumenwelt der Hochſommerzeit gefolgt. Die letzte Gluth eines ſcheidenden Auguſttages vergoldete die Baumkronen des majeſtätiſchen Eichenwaldes und die ſtattlichen Giebel des in ſeinem Schvoße liegenden Hauſes. In einer Laube an der Abendſeite des prächtigen Gebäudes ſaß ein ſchönes Weib und ſchaukelte auf ih⸗ rem Knie einen kleinen goldlockigen Knaben. Es war eine Mutter mit ihrem Kinde, war Kunigunde, Zawiſchs Gemahlin, mit ihrem und ſeinem Sohne Jeſſek. Der Knabe trug die Züge ſeines Erzengers und aus ſeinen Augen leuchtete ein Glanz, der verhieß, daß das Kind neben den Vorzügen des Körpers auch die des Geiſtes 9 132 von dem Vater erben werde. In den Mienen der Mut⸗ ter ſpiegelte ſich die innigſte Zärtlichteit neben der ſelig⸗ ſten Befriedigung, während ſie mit dem Kleinen tändelte. Es war ein reizendes Bild, das ſich hier einem heim⸗ lichen Beobachter geboten hätte. Die reizende Mutter mit den glänzenden, von einem purpurnen Sonnen⸗ ſtrahle angeglühten Locken, um das von Mutterliebe ver⸗ klärte Antlitz und vor ihr der holde, engelſchöne Knabe mit den blonden Locken und den klugen, freundlichen Augen. Die Mutter jetzt ihren Liebling ſchaukelnd, und ein Liedchen trällernd, dann den herzigen Knaben an ſich reißend und mit Küſſen bedeckend, hierauf mit ihm kindlich plaudernd, und das Kind erſt dem Geſange der Mutter lauſchend, dann ſich ihr an die Bruſt werfend und ihre Liebkoſungen zurückgebend, endlich in ihr Ge⸗ plauder ſo lebhaft und klug einſtimmend— wer hätte das reizende Bild ſehen können, ohne ſich nicht mit Ent⸗ zücken in ſeinen Anblicke zu vertiefen. Un es gab einen heimlichen Beobachter, der in den Anblick vertieft war, wenn auch nicht mit den reinen poetiſchen Empfindungen, die er verdiente. Der Beo⸗ bachter war Hynek von Lichtenburg, welcher vor einem Weilchen angekommen, von dem ihm das Roß abneh⸗ menden Diener erfahren hatte, daß die Hausfrau im Garten weile. In der Meinung, ſie ſei allein, hatte er 133 ſie aufgeſucht und war unbemerkt in die Nähe der Laube gekommen, wo er die Mutter mit dem Kinde erblickte. Bei dieſer Wahrnehmung war er ſtehen geblieben und überlegte, ob er wieder umkehren und warten ſolle, bis der Knabe vielleicht die Mutter allein laſſe. Da ihm dieß indeß doch zu ungewiß erſchien, trat er hervor und mit tiefer Verneigung grüßend vor den Eingang der Laube. Als Kunigunde die dunkle Männergeſtalt zuerſt in ihren Geſichtswinkel bekam, ſtieß ſie einen Freuden⸗ ſchrei aus, wie ſie aber die Geſtalt odentlich ins Auge faßte, ſagte ſie enttäuſcht:„Ah, Ihr ſeid es, Herr Hy⸗ nek, ſo ganz ollein!“ „Euer Gemahl ſandte mich voraus, hohe Frau!“ verſetzte Hynek—„ich ſoll Euch melden, daß er unter einer Stunde nicht hier ſein könne, weil die Sitzung des geheimen Rathes ſo lange daure.“ „Dann muß ich mich in Geduld faſſen,“ ſagte Kunigunde,„und ich werde es um ſo leichter können, wenn Ihr mir Geſellſchaft leiſtet. ¹ „In der That?“ rief Hynek mit glänzenden Blicken —„wenn ich das glauben darf, gibt es für mich kein größeres Glück, als in Eurer Nähe zu weilen.“ Die Königin lud ihn ein neben ihr Flatz zu nehmen. 134 „Was mag es ſo Wichtiges im geheimen Rathe geben, daß die Sitzung ſo ungewöhnlich lange dauert?“ fragte ſie dann. „Es iſt eine ganz dumme Geſchichte,“ antwortete Hynek,„die ich wohl vorausſah und die gewiß unter⸗ blieben wäre, hätte man auf mich hören wollen.“ „Nun?— Ihr macht mir bange, Herr Hy⸗ nek—“ „Ja ſo geht's, wenn man allein weiſe ſein will,“ fuhr Hynek fort,„man ſchießt da leicht weit ſchlimmere Böcke als unſereiner. Einen ärgeren Bock konnte Euer Gemahl wohl nicht ſchießen, als indem er mit der Kirche anband.“ Kunigunde fand es gerathen ihren aufmerkſam zu⸗ hörenden Knaben zu entfernen.„Geh', mein Jeſſek, und pflücke mir einen recht ſchönen Blumenſtrauß!“ ſagte ſie. Der Knabe ſprang willig hinaus in den Garten und ſuchte nach den ſchönſten Blumen, die er in einiger Entfernung wußte.„Jetzt ſagt mir ordentlich, was iſt geſchehen?“ forderte die Königin ihren Gaſt auf. „Ihr wißt doch die Geſchichte von dem Judenkinde, hohe Frau,“ berichtete Hynek,„oder vielmehr von dem Baſtard eines Chriſten mit einer Jüdin, welchen der —,——— 135 Vater den Klauen ſeines jüdiſchen Großvaters entriſſen und der Kirche geweiht hat.“ „Und den das Sechsmänneramt ſeinem Großvater wieder zugeſprochen hat,“ fiel die Königin ein. „Ganz recht—“ nahm Hynek wieder das Wort —„Ihr kennt alſo die Geſchichte, hohe Frau. Nun hört, was ſie für Folgen gehabt. Wie ich vorausgeſehen, hat ſich die Geiſtlichkeit bei der erzwungenen Heraus⸗ gabe des Kindes nicht beruhigt. Der Abt von Strahow hat die Sache dem Biſchofe gemeldet, und der Biſchof hat ſie dem Kaiſer berichtet, der Kaiſer aber hat als weltlicher Schirmherr der apoſtoliſch⸗chriſtlichen Kirche ſich der Kirche angenommen und ſeinem Eidam, unſeres Königs Majeſtät, heute ein Schreiben überſandt worin er ihm die ganze Größe des an der Kirche begangenen Frevels vorſtellt und ernſtlich anrieth, denſelben durch die Zurückſtellung des Kindes an das Stift Strahow und fromme Buße zu fühnen.“ „Immer wieder dieſe Bevormundung, dieſe Ein⸗ miſchung in unſere Angelegenheiten!“ konnte ſich Kuni⸗ gunde nicht enthalten einzuſchalten. „Wartet nur, hohe Frau, es kommt noch beſſer,“ ſagte Hynek.„Würde der König, ſchrieb der Kaiſer weiter, ſich der Sühne weigern, ſo bliebe der verletzten 136 Kirche nichts übrig, als bei ihrem geiſtlichen Oberhaupte Klage zu führen, welches dann gewiß den König und die ihm zu dem Frevel gerathen, excommuniciren werde.“ „Mein Gott!“ rief die Königin erſchrocken— „dahin wird es doch nicht kommen!“ „Herr Zawiſch meint freilich, er kenne den Papſt beſſer,“ erwiederte Hynek;„es werde dafür geſorgt werden, daß Sr. Heiligkeit die reine Wahrheit erführe, und dann werde ſie das Geſchehene billigen. Der König würde ſich dadurch auch haben beruhigen laſſen, wäre dem kaiſerlichen Schreiben nicht ein Brief der Königin Guta beigeſchloſſen geweſen. Darin beſchwor ſie den König mit heißen Thränen und unter den zärtlichſten Ausdrücken, mit dem ungeheuren Kirchenfrevel ſein un⸗ ſchuldiges Herz nicht zu beflecken, nicht die zeitlichen und ewigen Strafen auf ſich zu laden, welche derſelbe un⸗ fehlbar nach ſich ziehen müſſe. Der Brief war in ſo rührenden, herzzerreißenden Ausdrücken geſchrieben, daß dem König die Thränen dabei aus den Augen ſtürtzten und er am ganzen Leibe zitterte. Vergebens ſuchte ihn Herr Zawiſch zu beruhigen, der König nannte ihn einen ungläubigen Verführer, beklagte ſich als zeitlich und ewig verloren und verlangte zu beichten. Selbſt der her⸗ beigerufene würdige Oberſtkanzler, obgleich ſelbſt Prie⸗ ſter, vermochte durch ſeine kluge Rede nichts über die 137 Verzweiflung des Königs. Während dieſer nun wirklich zur Beichte ging, berief Herr Zawiſch den geheimen Rath und die Berathung über die böſe Sache iſt es, welche die lange Sitzung veranlaßt.“ Saht Ihr meinen Sohn nach der Beichte wieder?“ fragte die Königin beklommen. Hynek verneinte. „Wäre es nicht ſchon ſo ſpät, ſo eilte ich hinein, mit ihm zu ſprechen,“ ſagte Kunigunde;„nun muß ich es verſchieben auf morgen. Ich danke Euch, Herr Hynek, für Euern treuen Bericht. Jetzt erlaubt, daß ich mich nach meiuem Kinde umſehe!“ „O meine hohe, herrliche Frau!“ bat Hynck— „vergönnt mir noch einen Augenblick— es iſt das erſtemal, daß ich ſo allein mit Euch bin und ich habe mich ſchon ſo lange danach geſehnt, um Euch ſagen zu können, wie ganz ich mich Eurem Dienſte geweiht.“ Kunigunde erhob ſich ernſt und wollte gehen. Doch er ſprang auf, vertrat ihr den Weg und fiel vor ihr auf die Kniee: „Göttliche, angebetete Frau! hört meinen Schwur: was auch geſchehen, welches Unheil auch Eurem Haupte drohen möge, ich will Euer treuer Ritter ſein; mein Blut, mein Arm, mein Schwert, mein Leben— alles iſt Euerm 138 Dienſte, Euerm Heile geweiht. Beglückt mich nur mit einem einzigen Zeichen, einem Andenken Eurer ſüßen Hnld!“ Die Königin rief, ohne ihre Faſſung zu verlieren, laut in den Garten hinaus: „Es iſt genug, Jeſſek, komm'!“ Dann ſagte ſie zu Hynek:„Steht auf, damit mein Knabe Euch nicht in dieſer Stellung findet! Er erzählt Alles ſeinem Vater wieder, und dieſer würde ſagen, Ihr hättet ſchon wieder einen Bock geſchoſſen.“ Sie machte eine entſchiedene Bewegung auf die Seite, ging an dem Knieenden vorbei und ihrem herbei⸗ ſpringenden Liebling entgegen. „Grauſame!“ ſeufzte Hynek und erhob ſich lang⸗ ſam in tiefer Beſchämung. Ihren Knaben auf dem Arme kehrte Kunigunde zu dem verliebten Schäfer zurück und ſagte, als wäre nichts vorgefallen: „Seht einmal, was mein Sohn für einen ſchönen Strauß gepflückt! wie geſchmackvoll er die Farben ge⸗ wählt und zuſammengeſtellt! Dieſen Sinn für das Schöne hat er von ſeinem großen Vater. Möchte er ihm in allen Stücken ſo ähnlich werden, dann wird er nie einen Ne⸗ benbuhler zu fürchten haben. Jetzt, mein lieber Ritter, 139 könnt Ihr mir einen wahren Ritterdienſt erweiſen— ich will meinem Gemahl engegengehen und ſtelle mich und mein Kind auf dieſem einſamen Wege unter Euren Schutz.“ Hynek würgte noch an den herben Pillen, welche ihm die angebetete Frau zur Kühlung ſeiner Liebesgluth zu verſchlucken gegeben. Mit ſauerſüßem Geſicht erbot er ſich zu dem erbetenen Geleit. Die Drei verließen Laube und Garten und ſchlenderten langſam die Waldſtraße entlang. Als ſie den Ausgang des Waldes erreichten und ihnen die Thürme der Stadt im letzten Glühen der Abend⸗ ſonne entgegenblinkten, ward ihr Schritt durch den An⸗ blick einer unter einer Eiche am Wege ſitzenden weibli⸗ chen Geſtalt gehemmt. Dieſelbe trug ein weites Fraues von einer bluthrothen Schärpe zuſ ammengehaltenes Ge⸗ wand, und hatte ihr zur Erde geſenktes Geſicht mit einem dichten Schleier von gleicher Farbe verhüllte. Als Kunigundes Knabe die Geſtalt gewahrte, rief er: „Ach, Mutter, eine Bettlerin! gieb mir eine Gabe für ſie!“ Und er hielt ſeiner Mutter die offene Hand hin. Kunigunde nahm eine Münze aus ihrer Gürtel⸗ taſche und wiewohl ihr die Geſtalt nicht eben bettelhaft 140 erſchien, entſprach ſie doch dem Verlangen des Kindes. Dieſes ging erfreut zu der Geſtalt und reichte ihr die Münze mit den Worten hin: „Hier, arme Frau, haſt du eine Gabe; nun geh' nach Haus, denn es wird Abend und du biſt allein.“ Die Geſtalt ſchlug den rothen Schleier zurück und ein paar dunkle Gluthaugen blitzten dem Knaben ent⸗ gegen. „Du irrſt dich, Knäblein,“ ſagte ſie mit ſcharfem Accent,„bring' das Geld nur deiner Mutter wieder, und ſag' ihr, ſie ſoll es ſparen für dich, du wirſt es einſt brauchen.“ Dieſe Worte waren laut genug geſprochen, daß Ku⸗ nigunde und Hynek ſie hören konnten. Beide fühlten ſich dadurch veranlaßt der vermeintlichen Bettlerin näher zu treten. Der Irrthum des Kindes ward ihnen ſofort voll⸗ ſtändig klar: ſie fanden eine zwar etwas abenteuerlich aufgeputzte, aber keinesweges ärmlich gekleidete Frauen⸗ geſtalt von ziemlich jugendlichem Ausſehen und großer Schönheit. „Verzeiht, 4 ſagte Kunigunde,„daß wir im Däm⸗ merlicht uns in Eurer Erſcheinung irrten. Aber wie konn⸗ 141 tet Ihr auch um dieſe Zeit an dieſem Orte ſo allein ſitzen?“ „Jede Zeit und jeder Ort iſt gut für ſolche, die nichts fürchten,“ verſetzte die Unbekannte, welche dies indeſſen nur für die ihr jetzt Begegnenden war, denn. wir erkennen in ihr die Zauberin Ruſalka wieder. „Aber,“ ſiel jetzt Hynek ein,„es iſt nicht ſchicklich für ein ſittſames Frauenzimmer, um dieſe Stunde ſo ganz allein am Waldrande zu ſitzen.“ „Ei, Herr Hynek von Lichtenburg,“ entgegnete Ru⸗ ſalka ſpöttiſch,„wer hat Euch denn zum Sittenwächter gemacht?— Ihr möget wohl oft in Eurem Leben auf abendlichen Spaziergängen gewünſcht haben einer Elen⸗ den zu begegnen, die an Sittſamkeit Euch gleiche!“ „Was iſt das, freche Dirne 2“ rief Hynek;„wie kommſt du zu meinem Namen? wie kannſt du es wagen mich zu beſchimpfen?“ „Ich kenne dich und alle deinesgleichen, die mit ihrem Hauch dieſe reine Luft verpeſten!“ verſetzte Ru⸗ ſalka ruhig.. „Schändliches Läſtermaul!“ ſchrie Hynek und drang drohend auf ſie ein. Schnell ſtand ſie auf und rief mit ſonorer Stim⸗ 142 me:„Wag' es mir näher zu treten, wenn du ein Kind des Todes ſein willſt!“ Hynek trat ihr näher— aber plötzlich blieb er mit ſtarrem entſetztem Blick ſtehen wie eingewurzelt, in⸗ deß die Königin einen gellenden Schrei ausſtieß. Die Zauberin ſtand da mit zornblitzenden Augen und in ihrem ausgeſtreckten Arm hielt ſie eine große Schlange, welche dem erſchrockenen Hynek mit röthlich feurigen Augen ziſchend den Rachen entgegenſperrte. „Jetzt falle nieder auf deine Kniee!“ rief Ruſalka, in dieſem Augenblicke furchtbar ſchön anzuſchauen. „Nieder auf die Kniee, ſage ich! du wirſt es ge⸗ wohnt ſein, dich vor ſchöuen Frauen zu beugen— und bitte die Vertraute der Götter um Verzeihung für deine Läſterung.“ „Ruſalka!“ rief die Königin, die von einer Zau⸗ berin dieſes Namens durch Hörenſagen wußte. Hynek ſank der Furchtbaren bebend zu Füßen. „Ja, ich bin Ruſalka,“ ſagte dieſe zur Königin gewendet,„die ſchwache Nebenbuhlerin des großen Zau⸗ berers, den du deinen Gemahl nennſt. Er iſt ein Herr⸗ ſcher im Seelenreiche und über die lebendige Natur, ich herrſche blos über die unvernüftige Kreatur— aber ich tauſche nicht mit ihm, denn meine Unterthanen ſind dank⸗ 143 barer wie die ſeinen. Die Zeit wird kommen, wo Ru⸗ ſalka den großen Zawiſch bemitleiden wird, der ſich eine Königin durch ſeinen Zauber unterthan machte und viel hundert tauſend Seelen und der das Verderben nicht beſchwören kann, das ihm aus eines gekrönten Jüng⸗ lings Undank und Unverſtand erwächſt.“ „Was ſagt Ihr? wie meint Ihr das 2“ rief die Königin geängſtigt. „Geht heim, ſchöne Königin,“ erwiederte die Zau⸗ berin;„die Abendluft weht kühl und feucht von der dam⸗ pfenden Moldau her; um Eures Gatten willen ſchont Eure Geſundheit, Euer zartes Leben, geht heim! denn mit Euch ſänke Zawiſch's Stern in Todesnacht.“ „Was ſoll ich von Euch halten,“ ſagte die Köni⸗ gin von Schauer erfaßt,„ſeid Ihr irren Sinnes, oder wirklich im Beſitze höherer Weisheit?“ „Die Antwort möge Euch das Schickſal erſparen, wie ich ſie Euch verweigere—“ In dieſem Argenblicke rief der kleine Jeſſek in die Hände klatſchend: „Jetzt kommt der Vater, Mutter, der Vater!“ Ruſalka warf einen flammenden Blick die Straße hinab, auf der ein Reiter dahergeſprengt kam. Sogleich rief ſie ihrer Schlange zu: 144 „Zurück, mein Thier!“ Gehorſam bog das Reptil ſeinen Hals zurück und wandt ſich den Arm hinan zur Schulter. „Steht auf, Herr Hynek!“ ſagte ſie zu dem noch immer knienden Baron,„hoffentlich ſeid Ihr für ein und allemal gebeſſert, und glaubt an meine Macht.— Wer weiß, ruft Ihr ſie nicht ſelbſt einmal zu Hilfe. Die Kin⸗ der von Prag wiſſen mein Haus. Gehabt Euch wohl, ſchöne Königin; leb' wohl, ſüßer Knabe!“ Im nächſten Augenblicke war ſie unter der Eiche des Waldes verſchwunden. Indeß ſich Herr Hynek noch die Augen rieb, als ob er aus einem Traum erwache, trat die Königin mit ihrem Knaben dem nahenden Gemahl entgegen. Dieſer hielt ſein Pferd an, grüßte Weib und Kind mit herzli⸗ chen Worten und nahm das letztere vom Arm der Mut⸗ ter liebkoſend zu ſich auf's Pferd. Nachdem er es weidlich geküßt hatte, hielt er es vor ſich hin, und in ſein roſiges, kluges Antlitz ſchauend rief er: „Gott lob! du wirſt kein Pfaffenknecht, kein Sklave des finſteren Wahnes werden, du wirſt jene Sommer⸗ puppe im Purpur überſtrahlen durch das LHicht des Gei⸗ ſtes, wie die lebendige Himmelsſonne den goldenen Nim⸗ 145 bus eines Götzenbildes; und iſt dir nicht wie jenem, durch den Zufall der Geburt eine Krone zu gefallen, ſo ſoll doch jeder Vernünftige einſt bekennen, du verdienteſt ſie zu tragen!“ Und nachdem er das Kind wieder geherzt und einige naive Fragen desſelben beantwortet, hielt er es hoch zu dem Abendhimmel empor und betete: „O Welterſchöpfer, heiliger Vater dort oben— erhalte mir mein Kind und leite es aufdes Lichtes Bah⸗ nen, ſchütze ſeine Seele vor Trug und Wahn!“ Die Königin, alles Schauerlichen und Beängſtigen⸗ den der letzten Viertelſtunde mit der glücklichen Schnell⸗ kraft ihres Weſens ſich entſchlagend ſtand dabei und be⸗ tete mit ſeliger Rührung, die Hände gefaltet, das Gebet des Vaters nach. Einige freundliche Worte des letzteren riefen Hynek zu der ſchönen Familiengruppe und unter heiterem Ge⸗ ſpräch begab man ſich nach Kunigundenluſt zurück.— Weder auf dem Wege noch zu Hauſe, wo man ſich ſo⸗ fort zum Mahle ſetzte, erwähnte Zawiſch, ſo lange Hy⸗ nek zugegen war, mit einer Silbe der trüben Erfahrung des heutigen Tages. Erſt als ſich ſein Gaſt verabſchiedet hatte, lud er 10 Taura. Die Witkowetze. I. 146 ſeine Gemahlin, mit ihm noch ein wenig des herrlichen Mondabends im Garten zu genießen. Sie hing ſich an ſeinen Arm und ſchwebte an ſei⸗ ner Seite hinab in die weiten Anlagen des Gartens. Es war eine bezaubernde Nacht. Der Mond ſtieg eben in erhabener Ruhe und fei⸗ erlichem Glanze am wolkenloſen Abendhimmel über die Eichen des Waldes empor und goß ſeine magiſchen Lich⸗ ter über Büſche und Blumenbeete, Lauben und Lauben⸗ gänge, Statuen und Springbrunnen des von lieblichen Düften überhauchten Gartens. Es war eine Nacht, geſchaffen, ſeligen Frieden über müde Dulderſeelen auszugießen und in vollen, aber ver⸗ ſchloſſenen Herzen alle Schleußen ſüßen Empfindens zu öffnen. „Solch' eine Nacht war's,“ nahm Kunigunde im Dahinwandeln das Wort,„wo ich dir, du gefährlicher Zauberer, auf Grätz zum Altar folgte.“ „Nur daß damals die Nachtigallen noch ſchlugen,“ bemerkte Zawiſch,„die nun alle verſtummt ſind.“ „Dafür tragen wir reichen Erſatz in uns ſelbſt,“ erwiederte Kunigunde;„ſtatt des ſchwermüthigen Ge⸗ ſanges der Nachtigall tönt durch unſere Seelen das hohe 147 Lied einer vollbefriedigten Liebe, und der Triumphgeſang über ſo viel ſiegreich überwundene Hinderniſſe. Bedenke nur, wie düſter damals unſer Himmel bewölkt war. Aus dem Vaterlande verbannt, aus Mähren vertrieben, rings⸗ um von mächtigen Feinden bedroht, wußten wir nicht, ob wir in den nächſten Wochen noch eine Stätte hätten, wohin wir unſer Haupt legen könnten. Wie iſt das Alles ſo ganz anders geworden! Wir leben glücklich und ge⸗ ehrt im Vaterlande, das dir ſeine Wiederherſtellung, ſei⸗ nen verjüngten Wohlſtand dankt; alle unſere Feinde liegen überwunden am Boden, das Volk betet uns an, wir ha⸗ ben ein blühendes, herziges Pfand unſerer Liebe, dein ſüßes Ebenbild— o, dies Alles erhebt dieſen Abend doch weit über jene Nacht, da ich dir willenlos, berauſcht und doch von bangen Empfindungen bedrückt, an den heimlichen Altar folgte.“ „Du trautes, vielgeliebtes Weib!“ entgegnete Za⸗ wiſch ſie an ſich ziehend und küſſend;—„ach, warum muß ich dich aus dieſer Fülle des Glückes, aus dieſer wonnigen Sicherheit reißen! der heutige Abend gleicht jener Nacht nur allzuſehr— die Feinde erheben wieder ihr Haupt ſo drohend, wenn nicht furchtbarer, wie da⸗ mals—“ „Du erſchreckſt mich, Zawiſch— oder richtiger, du weckſt einen Schreck, den ich empfand, eh' kamſt, 148 und den deine traute Gegenwart alsbald verſcheuchte, wieder in mir auf. Ich hatte die trübe Botſchaft, die mir Herr Hynek brachte, ganz vergeſſen über dem Glücke, dich wiederzuſehen.“ „Was konnte dir Hynek melden, als die Mähr von den Briefen des Habsburgers und ſeiner Tochter an den König! Bei Gott, dieſe Jammer⸗ und Brandepiſteln ſoll⸗ ten mich wenig kümmern, hätten wir es nicht mit ſchlim⸗ meren Feinden zu thun. Mit den Pfaffen würde ich fer⸗ tig trotz ihrem deutſchen Schirmherrn! Aber, daß in dem⸗ ſelben Augenblick, wo dieſes Gewitter aufzieht, ſich neue Empörer im Lande Böhmen erheben, daß gleichzeitig Herzog Nikolaus ſeine Anſprüche auf Troppau, dein Witthum, geltend macht und zu ſeiner Behauptung ganz Mähren aufwiegelt, das verleiht jenem Gewitter erſt einen geführlichen Charakter. Und um das Maß der Ge⸗ fahr voll zu machen, hat Friedrich von Schönburg der Jüngere, nachdem er ſich im Streit mit meinem Vetter, dem Biſchof Dietrich von Neuhaus, dem Schiedsſpruche des Königs unterworfen, die beſchwornen Bedingungen gebrochen und ſetzt durch offenen Aufruhr das mähriſche Land in Verwirrung.“ „Und wer wagt es denn in Böhmen ſich zu em⸗ pören?“ fragte Kunigunde tief erſchrocken. 149 „Dieſelben, die wegen Landfriedenbruchs aus Prag verwieſen wurden,“ erwiederte Zawiſch;„Zbiſlaw Zagje von Trebaun, der unverſöhnliche Feind der Witkowetze und Sezema von Kraſſow. Der Letztere iſt mit großer Macht in das Gebiet der Burggrafen von Taus, un⸗ ſerer Freunde Pota von Potenſtein und Sobrzhrad von Cititz eingefallen und erfüllt es mit Brand und Mord. Vergebens ſind beide gegen ihn ausgerückt, ſie mußten der Uebermacht weichen und bitten nun dringend um Hilfe.“ „Und erfuhrſt du dieſe ſchreckkichen Zeitungen erſt heute?“ fragte Kunigunde. „Sie trafen heute alle zuſammen. Noch weiß der König außer der Pfaffengeſchichte von keiner. Die an⸗ dern Boten kamen zu mir und ich verſchwieg dem ohne⸗ hin eingeſchüchterten König ihre Meldungen. Ich will ihn erſt etwas zur Beruhigung kommen laſſen. Glück⸗ licherweiſe iſt ſein Beichtvater auf unſerer Seite, ein rech⸗ tes Böhmenherz, das von der habsburgiſchen Verwandt⸗ ſchaft nichts wiſſen mag.“ „Daß mein armer Sohn ſo gar ſchwachen, un⸗ ſelſtſtändigen Geiſtes iſt,“ ſeufzte Kunigunde—„das hat die brandenburgiſche Gefangenſchaft gethan. Darum durfte er auf der Burg Pöſig nicht bei mir bleiben, da⸗ 150 rum rieß ihn jener Wütherich von einem Biſchof aus meinen Armen, damit die Feinde den guten Saamen, den ich in ſein junges Herz ſtreute, erſticken und ſeine Seele vergiften konnten!“ „Und es iſt ihnen nur zu wohl gelungen,“ ſtimmte Zawiſch bei;„nie noch habe ich es ſo tief empfunden, wie heute, daß ſie jede große Anlage in ihm unterdrückt haben, aus Furcht, es könne der Geiſt ſeines Vaters in ihm als Rächer auferſtehen. Wäre in dem königlichen Jüngling nur ein Theilchen von dem Heldengeiſte und dem Scharfblick ſeines Vaters, ehe dieſen noch das Uebermaß der Herrſchaft trübte, ich lachte aller Gefah⸗ ren, von welcher Seite ſie auch drohten, denn noch ſind wir ſtark genug, alle dieſe Feinde niederzuwerfen, ſobald wir nur an uns ſelber glauben. Wenn ich jetzt vor den König trete und ihm ſage, was geſchehen, und geſchieht; wird er in ſeiner Gewiſſensangſt nicht wider wähnen, das alles ſei die dem vermeintlichen Kirchenfrevel auf dem Fuße folgende Strafe des Himmels? Wird nicht blinde Verzweiflung ihn an jedem Entſchluß zu kräftiger That verhindern? Wird er nicht gar mich als den Ur⸗ heber alles Unheils verklagen und von ſich ſtoßen?“ „Nein, mein Gemahl, das wird er nicht! das kann er nicht!“fiel die Königin mit Wärme ein.„Mein Sohn iſt ſchwach, aber nicht ſchlecht; er kann nicht vergeſſen, 15¹ was er dir ſchuldet. Nein, er liebt, er verehrt dich, er vertraut dir; dieſer Schatten, der ſein Vertrauen über⸗ ſchattet, wird vorübergehen und dann wird er ſich um ſo vertrauensvoller an dich klammern. Ich werde morgen in der Frühe zu ihm gehen, auf mich hat er noch immer gehört, ich werde die Nebel ſeiner Seele zerſtreuen und ihn dir geheilt zuführen.“ „Ich habe auch auf deinen Einfluß gezählt,“ ſagte Zawiſch;„du biſt jetzt, wie ſchon lange, der gute Engel Böhmens— ohne dich wär ich nie Wenzels erſter Rath und rechte Hand geworden und den möchte ich ſehen, der an meiner Statt gethan, was ich. Ich will hoffen, daß du auch diesmal deine alte Macht übſt, und dann wäre Alles gut; dann will ich die Feinde, die ſich er⸗ heben, wie mächtig ſie auch ſeien, zerſchmettern.“ „Ja, mein Freund, das iſt das rechte Wort,“ rief Kunigunde,„zerſchmettern mußt du ſie, die immer aufs Neue die Wohlfahrt des Landes gefährden. Du ſiehſt nun, daß die Milde an ihnen verſchwendet iſt. Laß ſie deine ſtarke Hand fühlen, daß ſie für alle Zeiten den Muth verlieren dir zu widerſtehen. Vor allen züchtige den Baſtard, den ſein Vater in einer ſchwachen Stunde zum Herzog von Troppau machte, als wenn ein Land, ein edles Volk, ein Ding wäre, das man an Buhlerin⸗ nen und Buhlenkinder verſchenkte. Später, als er mit mir vermählt war, erkannte er, wie ſehr er dadurch eben⸗ ſo die Würde des Volkes, wie der fürſtlichen Hoheit ver⸗ letzt und gab mir das Herzogthum zum Witthum. Und er ſoll es mir nicht entreißen, der Baſtard ſoll es nicht dem rechtmäßigen Erben, meinem und deinem Sohne, rauben!“ „O, mein Kind! mein Sohn!“ rief Zawiſch,„wie glücklich macht mich der Beſitz dieſes theuren Pfandes unſerer Liebe! Wer weiß, ob ich ohne dieſes Kind lange im Dienſte eines Königs aushielte, von dem ich mir wenig Großes verſpreche. Offen geſagt, meine theure Freundin, ich hoffe nicht auf ein dauerndes, inniges Ein⸗ verſtändniß mit Ottokars Sohne. Schon vor einigen Wochen, bei jenem Gewitter, ging mir eine trübe Ah⸗ nung auf, daß es zwiſchen mir und dieſem König einmal zum Bruch kommen müſſe. Ich ſah mit einemmale die tiefe Kluft, die unſere Naturen trennt, über welche deine Liebe jetzt noch eine goldene Brücke baut— die aber auch nicht für alle Zeiten vorhalten wird. Doch komme Alles wie und wann es will— ich habe deine Lebe, ich haben mein Kind, für Euch Ihr Theuern, und für mein Vater⸗ land will ich ſo lange auf meinem Platz ausharren, als es möglich iſt. Für Euch will ich Kränkung und königlichen Undank tragen und mit königlichem Unver⸗ 153 ſtand mich abquälen— bis das Maß des Möglichen erſchöpft iſt.“ Kunigunde um Inbrunſt und zärtliches Koſen beſ haltung. ſchlang den theuren Mann mitheißer chloß die ernſte Unter⸗ Achtes Capitel. Die Königin⸗Mutter eilte am andern Morgen bei Zeiten in den Königshof zu ihrem Sohne. Sie fand ihn noch in tiefer Beſtürzung. „O meine Mutter!“ rief er ihr beim Eintreten entgegen;„es iſt gut, daß Ihr kommt; ich trug große Sehnſucht nach Euch. Ich weiß nicht, ob Herr Zawiſch Euch ſchon von dem Schrecklichen geſagt. Leſet dieſe Briefe von meinem kaiſerlichen Schwiegervater und mei⸗ ner Königin.“ Kunigunde durchflog die Schreiben, deren weſent⸗ licher Inhalt ihr bekannt war. „Iſt das nicht eine furchtbare Lage, in die uns Herr Zawiſch gebracht?“ ſagte Wenzel, als ſeine Mut⸗ ter die Briefe aus der Hand legte. 155 „Wenn Alles ſich ſo verhielte, wie es dieſe Briefe darſtellen,“ erwiederte Kunigunde,„dann ſtünde es allerdings ſchlimm um uns. Aber Gott Lob, der Kaiſer und Fran Guta ſehen zu ſchwarz in der Sache; ſie ken⸗ nen ſie nur nach dem einſeitigen Berichte des Biſchofs, der ſie natürlich in ſeinem Sinne dargeſtellt hat. Ihr wiſſet ja, mein theurer Sohn, daß Alles, was Euer Vater Zawiſch thut, wohlbedacht und weiſe iſt; Ihr wiſſet auch, daß er beim heiligen Stuhl als ein treuer Sohn der Kirche wohl angeſchrieben ſteht; die Drohung mit der Excommunication wird ſich als eine leere er⸗ weiſen.“ „Glaubt Ihr?“ entgegnete der König—„aber erſcheint Euch denn die gewaltſame Wegnahme des Kin⸗ des aus dem Heiligthume nicht ſelbſt als Kirchenraub? Und ſtehen darauf nicht mit Recht zeitliche und ewige Strafen?“ „Wie könnt Ihr glauben, daß mein Gemal ſeine Zuſtimmung zu einem Kirchenraube geben könne? ver⸗ ſetzte Kuvigunde.„In dem vorliegenden Falle hat er vielmehr die Kirche vor der Befleckung mit ungerechtem Erwerbe bewahren wollen.“ „Die Kirche kann nicht unrecht thun,“ behauptete Wenzel;„die Kirche iſt dazu da, Seelen zu retten, ſie mußte das Kind, das in Gefahr war, ſeine Seele an 156 den Teufel zu verlieren, in ihren rettenden Schooß bergen.“ „Die Kirche ſucht das Verlorene,“ entgegnete die Königiu⸗Mutter;„aber ſie reißt es nicht mit Gewalt an ſich. Wenn Prieſter dies in ihrem Namen thun, ſo darf ſie es nicht billigen, ſondern muß es verwerfen.“ „Ihr überzeugt mich nicht, Frau Mutter,“ klagte Wenzel;„ich werde nicht mehr ruhig ſchlafen können, ſo lange dieſe Laſt auf meinem Gewiſſen liegt, ſo lange das Verbrechen, das wir an unſerer heiligen Kirche be⸗ gangen, nicht geſühnt iſt.“ „Ach, mein theurer Sohn,“ erwiederte die Köni⸗ gin;„was quält Ihr Eure Seele mit ſo düſtern Ge⸗ danken! Euer Vater Zawiſch meint es ſo gut mit Euch, Euer leiblicher Vater konnte es nicht beſſer meinen. Be⸗ denket doch, was er für uns gethan und wie ſich Alles, was er rieth und that, immer als heilſam für Krone und Land bewährte—“ „Wenn er nur immer mit rechten Dingen zuging,“ warf Wenzel ein— „Wie meint Ihr das?“ rief die Königin betroffen. „Herr Zawiſch hat Dinge gethan, die an's Wun⸗ derbare ſtreifen,“ erklärte Wenzel;„man fagt, er habe ſie nicht vollbringen können ohne Zauberei—“ 157 „Bethörter Sohn, wenn Ihr das glaubt! Welcher unglückſelige Menſch hat Euch ſo zu bethören verſucht?“ „Ich wollte es niemals glauben,“ verſicherte Wen⸗ zel;„aber damals, bei dem Gewitter in Euerm Garten — IZhr erinnert Euch doch— wo er ſich dem furcht⸗ barſten Unwetter ausſetzte, als wäre es nichts, und er in Blitzen ſtand wie in einem brennenden Buſche— da⸗ mals graute mir vor ihm— er war rieſengroß und gräßlich anzuſchauen— ſeitdem kann ich kein rechtes Vertrauen mehr zu ihm faſſen.“ „O mein unglückſeliger Sohn!“ rief Kunigunde ſchmerzenvoll aus;„Ihr frevelt gegen Euern größten Wohlthäter, gegen Euern Vater, Euern Schirm und Hort, ohne den Ihr vielleicht nicht auf dem Stuhle Krobs ſäßet! Wenzel, mein Schmerzensſohn, macht Euch frei von dem unwürdigen Wahne; zertretet der Schlange des Undankes, die ſich um Euer Herz ſchlin⸗ gen will, den giftigen Kopf; ruft die alte Liebe, das alte Vertrauen zu Euerm Vater wieder zurück in Eure Seele und laſſet uns unter einander wieder in der alten trauten Eintracht glücklich ſein!“ Wenzel war durch dieſe Worte tief bewegt; die beſſern Regungen in ſeiner Bruſt kämpften gegen den Dämon des Wahnes— aber zuletzt rief er doch nur: 158 „Meine theure Frau Mutter, bringt Herrn Za⸗ wiſch dahin, daß er die Kirche verſöhnt, und ich will ihn lieben und achten wie zuvor.“ Zu einem weiteren Zugeſtändniſſe brachte Kuni⸗ gunde ihren Sohn in dieſer Angelegenheit nicht. Es that ihm wehe, daß er ihr zum erſten Male in ihrem Leben nicht Alles gewährte, was ſie begehrte; um ſie zu beſchwichtigen, lenkte er das Geſpräch auf ihren und Zawiſch's Sohn Jeſſek und verſprach denſelben als Bruder anzuerkennen und fürſtlich auszuſtatten, ſei es mit dem Herzogthum Troppau oder mit einem anderen fürſtlichen Beſitzthum. Kunigunde war zu ſehr Mutter, und war es zu ſehr im Geiſte ihrer Zeit und ihres hohen Standes, um ein ſolches Erbieten nicht unter allen Umſtänden mit Begierde anzunehmen; und unter dem immerhin wohl⸗ thuenden Eindrucke, den dasſelbe auf ſie machte, fiel ihr ein Auskunftsmittel ein, durch welches der Handel mit der Kirche zur Zufriedenheit aller Theile geſchlichtet und ſo der allſeitige Friede wieder hergeſtellt werden konnte. „Ich hoffe, du ſollſt die Kirche heute noch ver⸗ ſöhnt finden,“ ſagte ſie, ſich erhebend;„aber dann muß auch aller Zwieſpalt, alles Mißtrauen zwiſchen Euch und meinem Gemal aufhören.“ 159 — „O Frau Mutter!“ rief Wenzel freudig—„wenn Ihr das vermöchtet und uns den Frieden mit der Kirche wieder ſchaffen könntet, dann wäre Alles gut. Und ich hielte mein Wort, mein Brüderchen Jeſſek ſollte ein Fürſtenthum haben, ſei es Troppau oder ein anderes, darauf verlaßt Euch!“ Die Königin ſchloß den Sohn in ihre Arme und küßte ihn. Dann verabſchiedete ſie ſich und ſchlug mit ihrem Geleite, einer Kammerfrau und zwei Knechten, den Weg nach dem Ghetto ein. In dieſem traurigen, den verſtoſſenen Kindern Iſraels angewieſenen Menſchen⸗ pferch, fragte ſie ſich nach der Behauſung Ben⸗Ba⸗ ruch's. Die Knechte vor der Hausthüre ſtehen laſſend, ging ſie mit ihrer Kammerfrau in das Innere des engen und ſchmutzigen Hauſes. Sie fand den Juden allein in einem mit Waaren aller Art angefüllten Raume. Es war wohl nichts Seltenes, daß vornehme Herren hier eintrafen, welche in Geldverlegenheiten zur Börſe des reichen Hebräers ihre Zuflucht nahmen; aber Frauen von ſo hohem Stande, wie Ben Baruch jetzt eine vor ſich ſah,— obſchon er nicht gerade die Konigin⸗Mutter in ihr vermuthete— pflegten ſeine Schwelle nicht zu betreten. Er ſah daher den Beſuch mit einiger Verwun⸗ derung kommen. 160 „Du biſt Ben⸗Baruch?“ redete Kunigunde ihn an. „So heiße ich,“ antwortete er, ſich tief verneigend. „Lebſt du ſchon lange in Prag?“ fragte ſie. „Ich bin unter dem Dache geboren, das ſo glück⸗ lich iſt, Euch, hohe Frau, jetzt Schatten zu geben.“ „Dann erkennſt du in Böhmen dein Vaterland?“ „So weit Ausgeſtoßene ein Vaterland haben können—“ „Die Krone Böhmens gewährt deinem Stamme ſicheren Schutz—“ .„Für ſchweres Geld, hohe Frau, ſehr ſchweres eld—“ „Das ihr doch nur den Chriſten abgewinnt. Auch lügſt du, wenn du ſagſt, die Krone ließe ſich jeden Schutz bezahlen, den ſie Euch gewährt. Saſt duz. B. dafür etwas gezahlt, daß ſie dir dein Tochterkind zurückgeben ließ?“ „Dieſen Schutz danke ich keinem geltenden Rechte,“ ſagte der Jude,„ſondern allein dem erleuchteten Geiſte eines Mannes, der heute zufällig über Böhmen herrſcht und morgen nicht mehr herrſchen kann. Ich habe mein Kleinod wieder; aber ich muß es täglich mit der ſchwe⸗ ren Sorge betrachten, daß ſich morgen wieder eine 161 gierige Hand darnach ausſtrecken kann, vor der es Nie⸗ mand ſchützt, weil der große Schützer fort iſt.“ „Ein ſorgenvolles Kleinod!“ verſetzte Kunigunde „ich würde mich eines ſolchen je eher je lieber um einen guten Preis entledigen—“ „Wie7 Ich ſprach nicht von einem Geſchmeide— wollt Ihr haben ein Geſchmeide, einen Schmuck ſo koſtbar, wie er Eurer Schönheit gebührt, ſo kann ich damit dienen.“ Er wollte einen Handelsgegenſtand der bezeichne⸗ ten Art herbeiholen. „Bleib'!“ rief die Königin,„und höre, was ich ſage. Wenn dir dein Tochterkind täglich Sorge macht, daß du es verlieren kannſt, ſo macht dieſes Kind dem Manne, dem du ſeinen neuen Beſitz verdankſt, dem Kö⸗ nige, in deſſen Namen er handelte, und dem ganzen Lande, in deſſen Schutz du lebſt, weit ſchwerere Sorge. Um dieſes Kindes willen droht Herrn Zawiſch von Fal⸗ kenſtein und dem Lande Böhmen unabſehbares Unheil! In deiner Macht ſteht es, dieſes abzuwenden—“ „Wie? Ihr beliebt zu ſcherzen, hohe Frau— wie ſoll ich armer, verachteter Jude ſolche Macht haben?“ „Sehe ich aus wie Eine, die Luſt hat zu ſcherzen?“ verſetzte Kunigunde;„ich ſage dir, in deiner Hand liegt Taura. Die Witkowetze. I. 162 jetzt das Schickſal Böhmens. Die Kirche iſt, um des Kindes willen, mit der weltlichen Gewalt, die es dir zu⸗ ſprach und zurückgab, zerfallen; ſie wird den Bannſtrahl gegen deine Wohlthäter ſchleudern. Weißt du, was das ſagen will? Es heißt: der König und Herr Zawiſch von Falkenſtein werden verflucht, ihre Unterthanen des Gehorſams entbunden, und ſo die Fackel des Aufruhrs und der Empörung auf's Neue zum Lodern gebracht werden. Die Feinde der Ordnung und des Friedens lauern nur auf ſolche Gelegenheit, ungeſtraft ſich zu er⸗ heben und mit Brand und Mord und allem Greuel das Vaterland zu erfüllen. Du haſt ſie erlebt die Schrecken des Bürgerkrieges, ihre bloße Erinnerung muß dich ſchandern machen— willſt du ſie auf's Neue herauf⸗ beſchwören?“ „Gott Abrahams bewahre mich vor ſolcher Sünde 1. verſetzte der Jude;„aber wie käme ich dazu? wie ſoll ich armer Inde ſo großes Umheil ſtiften oder verhüten können?“ „Du kannſt es verhüten, ſo du willſt,“ erklärte Kunigunde—„ich gebe dir 200 Mark Silber für dein unſicheres Kleinod, gewiſſen Gewinn für ein ungewiſſes Geld— gib das Kind der Kirche zurück?“ „O weh!“ rief Ben Baruch—„200 Mark ſind 163 ein ſchönes Geld— aber ich will der Kirche gern geben dreimal ſo viel, wenn ſie mir läßt mein Kind.“ „Das Kind wird von der Kirche liebevoll gepflegt werden—“ „Aber es wird werden ein Chriſt und ich werde kein Kind mehr haben— es wird mich verdammen, wie Ihr Chriſten alle Juden verdammt— das ertrage ich nicht— nein, nimmer gebe ich mein Kind wieder her— „Und Euer ſchönes Vaterland ſoll um dieſes Kin⸗ des willen zu Grunde gehen?—“ „Der Jude hat kein Vaterland— er hat nichts auf der Welt, als ſeine Familie; ich habe von meiner Familie keine Seele mehr als das Kind; denn meine Tochter, die ſchönſte unter den Töchtern Iſraels, ver⸗ darb ein Chriſt, und ihr Untergang tödtete mein Weib—“ In dieſem Augenblicke drang aus dem Hausflur ein gellendes Geſchrei herein: „Räuberin! Diebin! Hilfe!“ klang es. Ben Baruch ſtürzte hinaus; Kunigunde und ihre Kammerfrau folgten ihm. Sie ſahen, wie eine hohe Frauengeſtalt in grauem Gewande mit rother Schärpe und eben ſolchem Schleier, ein Kind auf dem Arme, 112 164 zur Hausthüre hinauseilte und eine Frau ihr ſchreiend die Hände nachſtreckte. Die Königin erkannte in der Geſtalt die Zauberin Ruſalka. „Judith!“ ſchrie Ben Baruch der Verſchwindenden nach—„Unglückſelige! gib her das Kind!“ Und er ſtürzte ihr nach; aber flüchtigen Fußes, wie Atalante, eilte ſie mit ihrer Beute die Straße ent⸗ lang und war dem Verfolger bald aus dem Geſichte ent⸗ ſchwunden. Der Jude kehrte, die Hände ringend, zurück. „Was war das?“ fragte die Königin—„was hat das Weib mit dem Kinde zu ſchaffen?“ „Das unglückſelige Geſchöpf bricht mir das Herz!“ klagte Ben Baruch. „Kennt Ihr das Weib?“ fragte jene wieder— „Ob ich ſie kenne! o, ob ich ſie kenne!“ rief der Jude—„hab' ich ſie doch gezeugt, die Unglückſelige!“ „Eure Tochter— Ruſalka, die Zauberin, Eure Tochter?—“ „Ruſalka nennt ſie ſich, ſeit ſie mit den böſen Gei⸗ ſtern im Bunde lebt; Judith hieß ſie als meine Tochter, eh' ich ſie aus dem Hauſe ſtieß!“ 165 „So iſt ſie wohl des Kindes Mutter?, Der Jude nickte mit dem Kopfe und bedeckte ſein Geſicht mit beiden Händen. Endlich wehklagte er: „Nun iſt das arme Kind verloren— verloren wie ſeine Mutter, die ſich dem Satan geweiht!“ Und er verwünſchte den Tag, wo ihm dieſe Toch⸗ ter geboren worden, verwünſchte ſich, daß er ſie gezeugt, verwünſchte den Chriſten, der ſie entehrt, und war im Begriffe noch weitere Verwünſchungen auszuſtoßen— da rief Kunigunde: „Halt ein! Du läſterſt Gott! Wie groß und gerecht auch dein Schmerz ſei— er gibt dir kein Recht zu flu⸗ chen. An deinem Gebahren erkenne ich, daß du ein har⸗ ter, zorniger und eigenſinniger Mann biſt, den Gott durch ſein Schickſal demüthigen will. Du ſiehſt, er will nicht, daß das Kind dir ferner gehöre. Hätteſt du es ruhig im Beſiße der heiligen Kirche gelaſſen, ſo wäre es wohl aufgehoben geweſen, während es jetzt vielleicht ewig verloren geht. Gib es der Kirche zurück; ſie hat Macht und Mittel, es deiner Tochter zu entreißen und zu retten— tritt dein Recht an die Kirche ab und rette ſo das ſchuldloſe Kind ſammt deinem Wohlthäter und dem Vaterlande von dem Verderben!“ Der Jude gab keine Antwort, ſondern ſtarrte ver⸗ zweiflungsvoll vor ſich hin. 166 Nach einer Pauſe ſagte Kunigunde: „Ich gebe dir vierundzwanzig Stunden Bedenk⸗ zeit. Bringſt du mir bis dahin eine Verſchreibung des Kindes an die Kirche, ſo gebe ich dir auf der Stelle 300 Mark Silber; wenn nicht, ſo werde ich dennoch Mittel und Wege finden, die Kirche in den Beſitz des Kindes zu bringen. Wenn Ihr mich ſuchet, ſo kommt nach Kunigundenluſt und fragt nach der Frau vom Hauſe.“ Damit verließ ſie ſammt ihrer Begleitung die Stätte, und trat den Rückweg nach ihrer Behauſung an. Hier angekommen, erfuhr ſie durch den Hausmeier, daß inzwiſchen zahlreicher Beſuch eingetroffen ſei und bei ihrem Gemal weile. Sie zog ſich deshalb vorerſt in ihre Gemächer zurück. Der Beſuch, welcher bei Zawiſch verſammelt war, beſtand in den hervorragendſten Gliedern des Witko⸗ wetz'ſchen Geſchlechtes. Außer Witek von Frauen⸗ berg, Zawiſch's Bruder, und Oger von Lomnitz waren da die beiden jungen Söhne des Letzteren, Smil von Gratzen und Witek von Landſtein, ferner Wok von Strukowitz, Herrn Witek's von Nacerac Sohn, Heinrich von Roſenberg, Wok von Wittingau und deſſen Bruder Sezema von Landſtein. Letzterer war bereits vor acht Tagen aus 167 ſeiner Verbannung zurückgekehrt und hatte die anderen Glieder des Hauſes, die ſonſt nicht in Prag weilten, hierher beſchieden. Wir treten in die erlauchte Verſammlung in dem Angenblicke, wo Sezema von Landſtein ſeinen Verwand⸗ ten mittheilt, was ſich in den letzten Tagen in Prag zu⸗ getragen.. Während ſeiner Verbannung hatte er nicht ver⸗ fehlt, auf ſeine Verwandten im Sinne ſeiner Sendung einzuwirken, und es war ihm nicht ſchwer gefallen, ſie für den Gedanken zu begeiſtern, daß die Zeit gekommen ſei, die Krone Böhmens von dem morſchen Stamme der Premysliden auf ihr blühendes Geſchlecht überzutragen. Die Mittheilung, die er ihnen jetzt machte, ſchien ganz geeignet, den Gedanken ſchnell zur That reifen zu laſſen: „Ihr ſeht,“ ſagte Sezema,„daß dieſer Stamm durch und durch faul und reif zur Vernichtung iſt. Alle die großen Verdienſte, welche unſer erlauchter Wladyka ſich um den jungen Sprößling dieſes Stammes erwor⸗ ben, haben nicht vermocht, ihn für ein edles, königliches Gefühl erglühen zu laſſen. Ja, was ſage ich ein könig⸗ liches Gefühl! nicht einmal ein Gefühl, wie es der ge⸗ meinſte Bettler für ſeinen Wohlthäter empfindet, nicht einmal das Gefühl der allergewöhnlichſten Dankbarkeit 168 hat in dem Herzen des gekrönten Knaben Platz zu grei⸗ fen vermocht. Wie könnte er ſonſt auf das pfäffiſche Geheul mehr hören, als auf die weiſe Stimme ſeines Wohlthäters? Wie feig wendet er alsbald dem Manne, der ihn auf ſeinem Schild emporgehoben, den Rücken, da ihm der Schutzherr der Pfaffen und ein frömmeln⸗ des Weib dieſen Mann verdächtigen? Wenn das nicht ſchnöder Undank iſt, dann iſt die Schlange unſeres Herrgotts Muhme. Und wie ſoll es erſt werden, wenn das Habsburger Fräulein Thron und Bett dieſes Men⸗ ſchen theilt? Dann lebe wohl Vernunft und Verſtand am böhmiſchen Hofe und mache Platz dem Unſinn und allem tollen Wahn! Dürfet Ihr, Wladyka, dürfet Ihr, edle Vettern, alle dulden, daß Euer mit vielem Schweiß und Blut gegründetes Werk ſo ſchmählich zu Grunde gehe? Ihr wolltet ein neues glückliches Böhmenreich aufrichten, wolltet Samo's und Libuſſa's goldene Tage im Lande zwiſchen den vier Gebirgen erneuen, und habt einen ſo großen und ſchönen Anfang damit gemacht— könnt Ihr dulden, daß Eure Schöpfung an der Unfä⸗ higkeit eines milzſüchtigen Knaben zunichte werde? „Könnt Ihr dulden, daß das Land Eurer Liebe, Eurer Sorge, Eurer Opfer, daß Euer ſchönes Böhmen eine Provinz des Auslandes werde; daß der Fremde herrſche, wo Ihr ſo ſorgſam die heimiſche Sitte, das 169 heimiſche Recht und die heimiſche Kraft gepflegt? Denn das ſteht feſt, daß Wenzel II., wenn er König bleibt, von dem habsburgiſchen Weibe zum Vaſallen des deut⸗ ſchen Kaiſers gemacht wird.“ „Das verhüte Gott,“ fiel Oger von Lomnitz ein, „daß je wieder der Fremde in Böhmen herrſche. Ich dächte, wir hätten übergenug an der Fremdherrſchaft Otto's von Brandenburg. Noch heute hat ſich das Land nicht ganz wieder davon erholt. Und doch theile ich ganz die Meinung unſeres werthen Vetters Sezema von Landſtein, daß uns ſolche Fremdherrſchaft wieder droht. Nur zu gern möchte der Deutſche über uns herrſchen. Das iſt ein altes Lied; aber noch nie war die Gefahr größer als jetzt. So lange wir mit offener Gewalt von den Deutſchen angegriffen wurden, haben wir ſie noch jederzeit glücklich zurückgeſchlagen. Rudolf von Habs⸗ burg hat einen andern, zwar krummeren, aber deſto ge⸗ fährlicheren Weg eingeſchlagen, Böhmen in ſeine Ge⸗ walt zu bekommen. Durch ſeine Tochter wird er den König und durch beide das Land beherrſchen. Es iſt jetzt offenbar, daß es ſo kommen wird; dieſer königliche Knabe wird ein Weiberknecht ſein und uns alle ſeinem Weibe aufopfern, wenn wir ihm nicht zuvorkommen.“ „Ja, Bruder,“ nahm Witek von Franenberg das Wort,„wir wollen uns den neuen Feind nicht über ———————— 170 den Kopf wachſen laſſen, wir wollen ihm zuvorkommen, weil es noch Zeit iſt.“ „Und was meint Ihr, daß geſchehen ſoll?“ fragte Zawiſch mit ſcheinbarer Ruhe. Es entſtand eine Pauſe, während welcher die An⸗ dern einander mit Blicken anſahen, welche verriethen, daß ein Jeder von dem Andern erwartete, daß er das Wort ergriffe. Endlich nahm es Oger von Lomnitz. „Wladyka,“ ſagte er,„wir ſind hier unter uns; es iſt kein Verräther unter den Witkowetzen, und wenn auch unſer Vetter Heinrich von Roſenberg immer einen ſtarken Hang auf die Seite der Haſelſtaude hatte, ſo hat er doch nie den Verräther gegen die Roſe gemacht. Alſo frei heraus mit der Sprache! Die meiſten, wie wir hier ſind, denken, es ſei die Botſchaft, die Euch der König von Ungarn durch unſern Vetter Sezema von Landſtein ſchickt, eine Botſchaft von dem Gotte Böhmens und der glorreichen Roſe, welche nach ſeinem Rathſchluß beſtimmt iſt die Haſelſtaude zu erſetzen. Vetter Sezema, ſagt dem Wladyka, was Euch Ungarns Monarch an ihn auf⸗ getragen.“ Sezema von Landſtein entſprach der Aufforderung, indem er Zawiſch die bekannten Eröffnungen machte, die er bisher zurückzuhalten für gut befunden hatte. 171 Zawiſch lauſchte dem Bericht mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit, ohne ihn auch nur durch einen Laut zu unterbrechen. Nur gelegentliche Blitze, die aus ſeinen Augen ſchoſſen, und Veränderungen ſeiner Mienen ver⸗ riethen die Bewegungen, welche er in ihm hervorbrachte. Als Sezema geſchloſſen hatte, ſah Zawiſch lange ſtarr und ſtumm vor ſich hin, indeß aller Augen an ſeinen Lippen hingen. So verging wohl eine Viertelſtunde; für Zawiſch eine Viertelſtunde des ernſteſten Seelenkampfes, für die Andern der peinlichſten Erwartung. Endlich ſprang Zawiſch auf, riß von der nahen Wand ſein Schwert, entblößte es und trat, es umgekehrt, mit dem kreuzförmigen Griff nach vorn, vor ſich hin⸗ ſtreckend ſeinen Verwandten entgegen. „Schwört mir,“ rief er feiexlich,„daß von Allem, was hier geſprochen worden, inſonderheit von dem, was wir zuletzt aus dem Munde unſeres Vetters Sezema von Landſtein vernommen, kein Wort, kein Laut jemals außerhalb dieſer vier Wände wiederholt werde.“ Alle ſahen ihn verwundert an, und einige fragten, wozu dieſer Schwur dienen ſolle. Zawiſch wiederholte mit gebietendem Ernſt die Aufforderung und Alle ſchworen. „Und ſchwört mir ferner, im Sinne des Anſinnens das Ihr an mich geſtellt, ohne es beſtimmt auszuſpre⸗ 172 chen, nie irgend etwas zu unternehmen ohne mein Wiſ⸗ ſen und meine Zuſtimmung.“ Dieſe zweite Aufforderung Zawiſch's machte die Andern noch ſtutziger als die erſte. Sie ſahen bald ein⸗ ander, bald den Wladyka an, über deſſen Antlitz ſich jetzt die vollkommenſte, aber mit feſter Entſchloſſenheit gepaarte Ruhe gebreitet hatte. „Was ſoll das?“ fragte endlich Witek von Frauen⸗ berg.„Es verſteht ſich von ſelbſt, daß wir das große Werk nicht ohne dich thun; auf dich kommt ja Alles an.“ „Sprich, was haſt du vor? was denkſt du zu thun?“ rief Oger von Lomnitz. „Zuerſt den Schwur!“ ſagte Zawiſch feſt, und nach kurzem Zögern leiſteten ſie auch dieſen Schwur. Ruhig ſteckte Zawiſch das Schwert in die Scheide und ſprach: „Das Größte, was je in einem Familienrath zur Sprache gekommen, iſt heute unter uns laut geworden. Es iſt ſo groß, daß nur vermeſſener Leichtſinn zwiſchen Wort und That keine größere Friſt verrinnen laſſen könnte, als eine Stunde, oder einen Tag, oder wenig Tage. Vielleicht ſind Monden, vielleicht ſelbſt Jahre nöthig, ehe hierin eine That reif wird; vielleicht will es Gott, daß das Wort, als wäre es nie über eines Men⸗ 173 ſchen Lippe gegangen, in uns ſtirbt, ohne daß je eine Spur davon in's Leben tritt.“ „Wie?“ riefen mehrere;„Ihr wollt nicht han⸗ deln? Ihr wollt die Sache auf die lange Bank ſchieben? Denkt, was Ihr der glorreichen Roſe ſchuldig ſeid!“ „Eben weil ich daran denke, weil ich ſie glorreich erhalten will,“ erwiederte Zawiſch,„habe ich übereiltem Thun vorbeugen wollen. Vertrauet mir, ich werde zur rechten Zeit das rechte thun. Jetzt kommt mit mir zur Hausfrau; ſie erwartet Euch!“ Niemand wagte weiter einen Einwand, obgleich manche mit dem Ausgang dieſer Verhandlung, von der ſie ſo Großes erwartet hatten, wenig zufrieden waren; und ſo ging die Geſellſchaft mit etwas verſchiedenen Empfindungen nach dem Empfangszimmer der Haus⸗ frau, deren Liebenswürdigkeit und guter Bewirthung es nun überlaſſen blieb, Alle zufrieden zu ſtellen. Kunigunde verſtand ſich darauf Gäſte zu bewir⸗ then und den Geiſt der Heiterkeit in ihren Kreis zu bannen. Bald waren die vor Angenblicken noch mit ſo ernſten Dingen beſchäftigten Männer ganz dieſem wohl⸗ thätigen Geiſte unterworfen, und ſcherzten, als wären ſie nur gekommen, um hier den Ernſt des Lebens zu be trügen. 174 Zu der fröhlichen Genoſſenſchaft geſellte ſich ſpäter auch Hynek von Lichtenburg, welcher ſich in der letzten Zeit etwas fern von Kunigundenluſt gehalten hatte, weil es ihm doch vorgekommen wäre, als treibe die ſchöne Herrin dort mit ſeiner heißen Liebe nur ein loſes Spiel. Er hatte ſich vorgenommen ſich die verführeriſche Frau aus dem Sinn zu ſchlagen und ſie ſo lange nicht zu ſehen, bis ihm das gelungen. Einige Tage hatte er ſich mit Hülfe anderer Zerſtreuungen, insbeſondere der Jagd, auf der Bahn zur beharrlichen Ausführung ſeines Vor⸗ ſatzes erhalten; aber bald war das Bild der königlichen Frau wieder in all' ſeinem Zauber vor ſeine Seele ge⸗ treten, hatte ihn auf die Jagd begleitet und war ihm im Traume erſchienen. Zuletzt war er noch mit Bohuſlaw von Klingenberg zuſammengekommen, welcher die zwi⸗ ſchen ihnen eingetretene Entfremdung ſchlau zu über⸗ brücken gewußt und, nachdem er das Geſpräch geſchickt auf Hynek's Herzensangelegenheit gelenkt, dieſen unter Vorſpiegelungen, wie ſie von Verliebten von Hynek's Schlag nur zu leicht geglaubt werden, zu neuen Hoff⸗ nungen entflammt hatte,— und da ſaß er nun wieder an ihrer Tafel, ſich im Anſchauen ihrer Schönheit zu ſonnen und den Liebespfeil ſich tiefer in's Herz zu drü⸗ cken als zuvor. Wie war ſie aber auch heute ſo über alle Maßen 175 hold und herrlich! Wie koſeten die Liebesgötter um die⸗ ſen ſchwellenden, von ſüßer Rede überquellenden Mund, ſpielten Verſtecken in dieſer wallenden Lockenfülle, und führten ſinnverwirrende Grazientänze auf auf dieſen blendenden Schultern! Ließen ſich doch die Vettern von dieſem Zauber beſtricken, wie viel mehr der liebeglühende Hausfreund, der ja ſchon lange ihr ſein ganzes Herz geweiht. Ihm war es auch nicht zu verargen, daß er ſich nicht ſo bald wie Jene von dem ſüßen Bann los⸗ machte, daß er, als ſie ſich verabſchiedeten, noch einen Vorwand aufzufinden wußte, länger in der Nähe der holden Herrin zu bleiben. War ſie doch auch heute ſo huldreich gegen ihn, wie nie zuvor und wie gegen keinen der Vettern, und äußerte ſie doch ſo laut ihre Freude, daß er noch blieb, daß er faſt über ihre Unvorſichtigkeit erſchrack, womit ſie das Geheimniß ihres Herzens, wie er wähnte, dem eiferſüchtigen Auge und Ohr des Gat⸗ ten und den Späherblicken der Vettern verrieth. O, hätteſt du ahnen können, welches finſtere Ver⸗ hängniß dieſem Lächeln, dieſen holdſeligen Blicken, die⸗ ſem bezaubernden Redeton entkeimen ſollte, ſchöne Kö⸗ nigin, wie würdeſt du Miene, Blick und Wort gehütet haben, daß ſie die ſträfliche Brunſt deines Gaſtes eher mit eiſigem Schauer angeweht, als zu höherer Glut ent⸗ facht hätten! Dein Herz war ohne Falſch dabei, und 176 wäreſt du eine der gewöhnlichen Töchter des Landes ge⸗ weſen, das Weib ſelbſt eines gewöhnlichen Edelmannes, nur nicht König Wenzel's Mutter und Zawiſch von Roſenberg's Weib, was hätte es weiter zu bedeuten ge⸗ habt, wenn du dir, nach anderer ſchönen Frauen Art, mit einem girrenden Schäfer einen Spaß gemacht, oder aus gutmüthigem Leichtſinn ihn geduldet! Du konnteſt keinen Traurigen um dich ſehen und glaubteſt auch noch Gutes zu ſtiften, indem du den Mann, der dir uner⸗ laubte Huldigung weihte, bei gutem Glauben erhielteſt,— und das war die ganze Schuld, die dich und dein Haus dem Verderben überlieferte. Der Mond war ſchon aufgegangen als Hynek von Lichtenburg, verliebter als je, ſich von Kunigundenluſt verabſchiedete. Und entſchloſſener als je, das Herz der ſchönen Frau Zawiſch's von Roſenberg zu gewinnen, koſte es was es wolle, ritt er langſam heim. Daß ſie das Weib eines Andern war, kümmerte ihn ſchon nichts mehr. Wer war dieſer Andere? Ein alter Feind, den er eigentlich nie aufgehört in innerſter Seele zu haſſen. Die Sünde alſo, einen Freund zu verrathen, lag hier nicht vor,— und was ſollte er den Feind ſchonen, wenn es ihm gelang, ihm ſein Liebſtes zu entreißen! Aber ob ihm dies auch gelang? Ob ſie ihn auch wirklich liebte? Sie war zwar heute ſo hold, ſo liebreich geweſen, aber 177 am Ende, beim Abſchied, war ſie doch auf einmal ſo ernſt, ſo zurückhaltend geworden, daß er ſogar nicht ein⸗ mal einen Kuß auf ihre Hand hatte drücken können. Aber ſie muß mein werden,— ſie muß mein werden! dachte er, und er dachte es nicht blos, er rief in der heftigen Erregung den verbrecheriſchen Gedanken laut in den ſtillen Abendfrieden hinaus. Da auf einmal ſcheute ſein Pferd, und ein jäher Seitenſatz desſelben weckte ihn nicht nur aus ſeinen Träumen, ſondern warf ihn auch auf die Erde. Zum Glück erlitt er dabei keine ſchwere Verletzung. Als er ſich vom Boden erhob, ſah er zu ſeinem Troſt ſein Roß ganz ruhig in der Nähe ſtehen und eine menſchliche Geſtalt an deſſen Kopfe. Er erkannte Ruſalka, die Zau⸗ berin. Sie hielt den Zügel des Pferdes und ſtreichelte ihm den Hals. „Es war kein ſchlimmer Fall, den der Herr Ritter that,“ redete ſie den Heranhinkenden an;„ich ſah und hörte ihn, und griff daher lieber nach Euerm Thier, als daß ich Euch beiſprang.“ Hynek hatte einen Fluch zwiſchen den Zähnen; er unterdrückte ihn, da er jenes Auftritts gedachte, wo er vor ihr auf die Kniee geſtürzt war. „So ſoll ich mich bei dir wohl noch bedanken, daß Taura. Die Witkowetze. 1. 12 178 du mein Thier ſchen gemacht?“ ſagte er ſo wenig ver⸗ drießlich als möglich. „Und wenn das Scheuwerden des Thieres nun die Brücke wäre, die den geheimſten und heißeſten Wunſch Eures Herzens mit ſeiner Erfüllung verbände,“ verſetzte ſie;„würdet Ihr mir dann nicht dankbar dafür ſein 24 Hynek ſtutzte. „Was ſprichſt du da? Was weißt du vom ge⸗ heimſten Wunſch meines Herzens?“ „Ich weiß, daß Ihr verliebt ſeid,“ ſagte ſie,„ſo verliebt, daß Ihr nichts mehr hört und ſeht als den Gegenſtand Eurer Liebe. Es iſt ein artig Flämmchen, daß in Euch lodert; ich hätte nicht gedacht, daß ſo ein ausgedörrter Hofſchranze ſolch' einen Feuerherd abgeben könnte. Ich fürchte, das Feuer verzehrt Euch mit Haut und Haaren, wenn es nicht geſtillt wird.“ „Du wunderbares Weſen, du durchſchauſt mein Innerſtes,— du haſt Recht; ein heftiges Feuer ver⸗ zehrt mich,— ich glaube wahrhaftig es bringt mich um, wenn es nicht bald geſtillt wird.—“ „Es geht Euch wie dem lüſternen Fuchs, dem die Trauben zu hoch hingen, nicht wahr? Wer hieß Euch Eure Blicke ſo hoch erheben, es wachſen ja der holden Blumen genug zu ebener Erde!“ 179 „Du weißt, wen ich liebe?—“ „Der Luftgeiſt verrieth es Ruſalka, als ſie auf ſtil⸗ lem Wege einſam wandelte.—“ „Du ſtehſt mit Geiſtern im Bunde,— ſie dienen* dir,— o, könnteſt du einem befehlen, mir das Herz des geliebten Weibes zuzuwenden,— ich wollte dich fürſtlich belohnen.“ „Ruſalka kann den Geiſt der Gegenliebe in den Saft einer Pflanze bannen, die um den Horſt des Adlers wächſt und nur durch einen reinen Innggeſellen mit Lebensgefahr zu erlangen iſt.“ „Mir iſt kein Preis zu hoch,— ſprich, was willſt du haben und wohin ſoll ich dir's bringen?“ „Schau, der Mond verhüllt ſein Angeſicht,— er will nicht haben, daß ſolche Dinge unter ſeinen Augen auf offener Heerſtraße verhandelt werden. Komme in der Nacht vor dem Neumond nach Kaſcha's Haus.“ Damit gab die Zauberin dem Ritter den Zügel ſeines Roſſes in die Hand und verſchwand im nahen Lange ſtarrte ihr Hynek nach, bevor er ſich auf ſein Roß und den Heimweg beſann. Erſt das Nahekommen ſtarker Tritte weckte ihn aus ſeinen Gedanken. Als er ſich nach der Straße umwendete, ſah er die ſtattliche Geſtalt Zawiſch's auf ſich zukommen. Er kehrte aus der 12* 180 Stadt zurück, wohin er die Vettern begleitet hatte. Nach⸗ dem er wenig gleichgültige Worte mit Hynek gewechſelt, ſetzte er ſeinen Weg fort, und auch dieſer beſtieg nun ſein Roß, um vollends heimzureiten. Er dachte an den Neumond, und mancher Seufzer entſtieg ſeiner Bruſt über die vielen Tage, die noch bis dahin verſtreichen mußten. Neuntes Capitel. Frau Kunigunde zählte am folgenden Tage er⸗ wartungsvoll die Minuten, und ſpähete oft durch das Fenſter nach dem Eingang des Vorhofes, ob der Jude Ben⸗Baruch nicht käme. An ſeinem Kommen hing nach ihrer Anſicht die Ruhe des Landes, der Friede ihres Hauſes, das Glück ihres Gemals und die Zukunft ihres Kindes. Ihre Erwartung war um ſo geſpannter, als Zawiſch den ganzen Tag ungewöhnlich ernſt, ja faſt trübſinnig war. Sie ſchrieb dies dem Zwieſpalt mit dem König zu, und um ſo mehr brannte ſie darauf, dieſen durch die Rückgabe des Judenkindes an die Kirche zu beſchwichtigen. Die vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit, welche ſie dem alten Juden gegeben, verſtrichen jedoch, ohne 182 daß dieſer oder ein Bote von ihm erſchien. Da ſandte ſie einen zuverläſſigen Diener an ihn, mit dem Auftrag, eine Antwort zu bringen, und nöthigenfalls weiter mit dem Alten zu verhandeln, um ihn, koſte es auch den doppelten Preis, zur Abtretung des Kindes zu bewegen. Während aber der Diener ſich beeilte den Befehl ſeiner Gebieterin zu vollziehen, befand ſich Ben⸗Baruch auf dem Wege zu ſeiner Tochter. Wir eilen ihm voraus. Die in unſerm erſten Capitel beſchriebene höhlen⸗ artige Vertiefung, deren untere Kante ſich nur wenige Zoll über den Spiegel des dunkelfluthigen See's erhob, leitete in ein geräumiges Gewölbe, das von einer Ampel ſpärlich erleuchtet war. Obgleich von der Natur in dem dort vorherrſchenden Geſtein gebildet, zeigte das Ge⸗ wölbe doch eine gewiſſe Regelmäßigkeit, die es auf den erſten Blick als ein Werk von kunſtgeübter Menſchen⸗ hand erſcheinen ließ. Doch lehrte der nackte Fels, der ringsum die Wand ſo wie die Decke bildete, daß Men⸗ ſchenhände hier nichts gethan hatten. Wenn ſich das Auge an das hier herrſchende Halbdunkel gewöhnt hatte, erkannte es indeß einige Einbaue von rohem Mauer⸗ werk, welche offenbar von Menſchenhand herrührten und auf eine längere Benutzung dieſes Raumes von irgend welchen Troglodyten ſchließen ließ. Es war dies ein 183 großer Herd im Hintergrunde, eine etwa anderthalb Fuß hohe Mauer längs der einen Seitenwand und die⸗ ſer gegenüber ein gemauerter Würfel von halber Manns⸗ höhe mit einer niedrigen Stufe am Fuß und bedeckt mit einer großen Steinplatte. Welchem Zwecke dieſes Mauer⸗ werk diente oder gedient hatte, darüber konnte man in Zweifel ſein, doch konnte man es am erſten für einen, wenn ſchon ſehr rohen Betaltar halten, den ſich irgend ein frommer Siedler hier errichtet hatte, obgleich dieſe Annahme mit der Sage, die an dieſer Stätte haftete, in Widerſpruch ſtand. Nichts in dem weiten Raume ver⸗ rieth, daß derſelbe gegenwärtig von einem menſchlichen Weſen bewohnt ſei, außer der an einer Kette von der Decke herabhängenden Ampel und einem Haufen friſchen Graſes zur Seite des Herdes. Wenn man aber aufmerkſam nach der Seite blickte, an welcher ſich das altarähnliche Gemäuer erhob, ſo ge⸗ wahrte man eine ſchmale Oeffnung in dem grauen Ge⸗ ſtein, und dieſe leitete in das Gemach der jetzigen Be⸗ wohnerin von Kaſcha's Behauſung. Das war ein zweites minder geräumiges Felſengewölbe, welches mit verſchie⸗ denen Gegenſtänden menſchlicher Bequemlichkeitsliebe ausgeſtattet war. Erleuchtet war es durch die flackernde Flamme einer OHellampe, die auf einem hölzernen, mit grünem Teppich belegten Tiſche ſtand, und,— wenig⸗ 184 ſtens in dieſem Augenblicke,— von einem luſtig auf kleinem Herde kniſternden Feuer. An den Wänden, die ebenfalls den nackten grauen Fels ſehen ließen, hingen theils verſchiedene Kleidungsſtücke, theils Geräthſchaften zu mancherlei Gebrauch. Selbſt Waffen fehlten darunter nicht. Auf einem Ruhebett, das ziemlich die ganze Breite der dem Eingang gegenüber befindlichen Wand einnahm, ſaß Ruſalka, die Tochter Ben⸗Baruch's, die für ihn hatte todt ſein ſollen und an deren Daſein er nun ſo empfindlich erinnert worden war. Sie ſaß da in einem blaßgelben leichten Hausgewand, das faltenreich die ſchönen Formen umſchloß. Ihr rabenſchwarzes Haar ſchlang ſich wie eine Krone in reichen Flechten um den ſchön gebildeten Kopf. Ihr zur Seite lag ein Knäblein von zartem Alter und wunderbarer Schönheit in ſanftem Schlummer, den die Mutter mit zärtlicher Sorgfalt zu bewachen ſchien. Sie hielt das bleiche, ſchöne Geſicht dem Kinde regungslos zugewendet, indeß ihre Rechte ein aufgeſchlagenes Buch hielt, ihre Linke aber ſchlaff an der Seite herabhing und ſich von einer friedlich zu ihren Füßen hingeſtreckten Hündin lecken ließ. Wer unvorbereitet hier eingetreten wäre, hätte glauben können er habe das Meiſterwerk irgend eines großen Bildners in dieſer ſeltſamen Troglodytengruppe 185 vor ſich; ſo regungslos ſaß die Hauptfigur da, und ohne das blühende Roth der Wangen und Lippen des Knäb⸗ leins hätte auch dieſes kein Leben verrathen. Lange verharrte Ruſalka in dieſer Stellung. End⸗ lich ſchien ihr der Schlaf des Kindes feſt genug zu ſein, daß er ihr erlaubte eine Bewegung zu machen. Sie wandte ſich behutſam um, ſtreichelte ihre Hündin und beugte ſich zu ihr nieder, worauf das ſchöne Thier ihr die Wonge leckte. Noch einmal ſah ſie ſich nach dem Kinde um, dann ſtand ſie leiſe auf und entfernte ſich geräuſchlos vom Lager. Alsbald erhob ſich auch die Hündin und folgte der Herrin aus dem Gemach durch das größere Gewölbe nach dem Ausgang. Hier, dicht vor der ſchwarzen Fluth des See's, in der ſchwarzen Höhlung des grauen Felſens, ſtund die Tochter Ifraels wie ein Gebild auf einer andern, wunderbaren Welt⸗ Der Wind, der über den See wehte und ſeine Ober⸗ fläche leicht kräuſelte, trieb das lichte, leichte Gewebe ihres weiten Gewandes, daß es ſich dichter an ihre Glie⸗ der ſchmiegte und ſo die ganze tadelloſe Schönheit ihrer Formen verrieth. Sie erhob ihre Hände zum Himmel und ſah mit einem leuchtenden Blick, in dem eine Thräne zerfloß, zu ihm empor. Und ſie betete: „Ich danke dir, Gott des Lebens, daß du mir mein Kind wiedergeben. Die Welt nennt es in Sünden er⸗ 186 zeugt; mir ſoll es ein Pfand deiner Liebe ſein, und ich will es pflegen und aufziehen zu einem Gefäß deiner Liebe. Ich will von ſeiner Seele fern halten das Gift des Wahns, der ſich dünket der allein wahre Glaube zu ſein, und verdammt und verfolgt, was andern Glaubens iſt. Sie haben mich ausgeſtoßen, weil ich einer Macht gehorchte die ſtärker war als ihre Satzungen; ſie haben mich verflucht und zu den Todten geworfen, weil ich nach dem Geſetz der Natur einem Weſen das Leben gab, und nicht nach ihrem Geſetz. Und was ich unter Schmer⸗ zen dir geboren, Gott des Lebens, und mit meinem Herz⸗ blut genährt, das entriſſen ſie mir und ſtießen mich hin⸗ aus unter die Thiere des Waldes. Und die Thiere des Waldes waren barmherziger, als die dein Ebenbild tru⸗ gen. Sie wollten mir das Herz meines Kindes ſtehlen, wollten es zu ihrem Wahn erziehen, damit es ſeiner Mutter fluche. Ich danke dir, Gott der Liebe, daß du mir mein Kind wieder gegeben; ich gelobe dir ſeine Seele rein zu erhalten vor dem Fluch der Menſchheit; es ſoll dich nie in einem andern Tempel anbeten als im Tempel der Natur, den du dir ſelbſt gegründet.“ In dieſem Augenblicke rief eine gellende Stimme ihren Namen, daß er am Felſen wiederhallte und nach⸗ klang in den ſchattenreichen Hallen des Waldes. Sie erkannte die Stimme ihres Vaters und ein dunkler 187 Schatten überzog ihr bleich es Geſicht. Regungslos ver⸗ harrte ſie in ihrer Stellung. „Indith, Du Tochter Ben Baruchs, komm her⸗ aus!“ wiederholte die Stimme lauter als zuvor. Judith, oder wie wir ſie auch ferner nennen wollen, Ruſalka bewegte ſich nicht von der Stelle. „Judith!“ rief Ben Baruch wieder,„Indith, meine Tochter, meine verlorene, unglückliche Tochter, komme heraus, dein Vater will mit Dir reden Ruſalka blieb unbeweglich. Eine lange Pauſe ver⸗ ſtrich. „Judith!“ ſchrillte es lauter als zuvor durch Fels und Wald.„Judith laß Frieden ſein zwiſchen mir und Dir— wie dieſen Stein verſenke ich meinen Zorn in den Abgrund des Waſſers— hörſt Du?!“ Ein ſchwerer Stein fiel in das Waſſer, und die Wellenkreiſe, die er erregte, ſchlugen an die Schwelle, auf der Ruſalka ſtand. Der Ausdruck ihrer Züge mil⸗ derte ſich und ſie preßte ihre Hand auf die Bruſt. „Komm' zu mir Judith, komm' wieder in mein Haus, Du und Dein Kind; wir wollen zuſammen le⸗ ben, wie in den Tagen Deiner Unſchuld— 0 komm!“ Der Ruf klang jetzt ſo flehend, daß er ſeinen Weg in's Herz der Tochter nicht verfehlen konnte, wenn noch 188 ein Funke kindlichen Gefühls in ihr ſchlummerte. Ein Weilchen ſtand ſie unſchlüſſig, dann eilte ſie in die Höhle zurück und trat bald mit dem grauen Gewande, das ſie ſonſt zu tragen pflegte, jedoch ohne allen weiteren Aufputz, wieder herans. Den dicht neben dem Eingang angeket⸗ teten Nachen löſend ſprang ſie hinein und ruderte um die Felſenklippe nach dem buchtartig zurückweichenden niedrigen Ufer, auf welchen Ben Baruch ſehnſüchtig harrend ſtand. Der Nachen berührte das Ufer. Ohne auszuſteigen ſagte Ruſalka:„Geſegnet ſei mir dieſe Stimme, welche Frieden verkündet, und dieſes Antlitz, wenn es den Vater zeigt.“ „Wo haſt Du das Kind?“ fragte Ben Baruch in einem Tone, der ſeine vorhergegangenen Worte faſt Lügen ſtrafte. Ruſalka ſah ihn betroffen und forſchend an. Ihre Miene verdüſterte ſich wieder⸗ „Da ſehe ich keinen Strahl von Vaterliebe,“ ſagte ſie;„da gewahre ich nur düſtere Gluth der Söhne Ja⸗ kobs, welche das ganze Haus Hemor's erſchlugen, weil ihre Schweſter ſich ſeinem Sohne in Liebe ergeben.“ „Sie erſchlugen den Hevitor,“ verſetzte der Greis, weil er eine Schandthat an Israel begangen, indem er —————————— 189 eine Tochter Israels geſchändet— die Schande mußte abgewaſchen werden mit dem Blute der Uebelthäter—“ „Die Söhne Jakobs waren allein die Uebelthäter. Oder glaubſt Du, alter Mann, ich kenne die Geſchichte nicht genau? Vor wenig Minuten erſt las ich ſie im Buche Moſis und ich will ſie Dir Wort für Wort wie⸗ derholen. So ſteht geſchrieben.„Und ſein— Sichems, des Sohnes Hemors— Herz hing an ihr, und er hatte die Dirne lieb und redete freundlich mit ihr. Und er ſprach zu ſeinem Vater Hemor: nimm mir das Mägd⸗ lein zum Weibe. Da ging Hemor, Sichems Vater, her⸗ aus zu Jakob, mit ihm zu reden. Indeß kamen die Söhne Jakobs vom Felde. Und da ſie es hörten, ver⸗ droß es die Männer, und ſie wurden ſehr zornig, daß er eine Narrheit an Israel begangen u. ſ. w. Da redete Hemor mit ihnen, und ſprach: Meines Sohnes Herz ſehnet ſich nach Eurer Schweſter; gebet ſie ihm zum Weibe. Befreundet Euch mit uns, gebet uns eure Töch⸗ ter und nehmet ihr unſere Töchter, und wohnet bei uns. Das Land ſoll Euch offen ſein; wohnet und werbet und gewinnet darin. Und Sichem ſprach zu Dina's Vater und Brüdern: Laſſet mich Gnade bei euch finden; was ihr mir ſaget, das will ich geben. Fordert nur getroſt von mir Morgengabe und Geſchenk, ich will's geben wie ihr heiſchet; gebt mir nur die Dirne zum Weibe. 190 Da antworteten Jakobs Söhne dem Sichem und ſeinem Vater Hemor betrüglich, darum, daß ihre Schweſter Dina geſchändet war, und ſprachen zu ihnen: Wir kön⸗ nen das nicht thun, daß wir unſere Schweſter einem unbeſchnittenen Manne geben; denn das wäre uns eine Schande. Doch dann wollen wir euch zu Willen ſein, ſo ihr uns gleich werdet, und alles, was männlich unter euch iſt, beſchnitten wird. Dann wollen wir unſere Töchter euch geben und eure Töchter uns nehmen, und bei euch wohnen und Ein Volk ſein. Wo ihr aber nicht einwilligen wollet euch zu beſchneiden, ſo wollen wir un⸗ ſere Fochter nehmen und davon ziehen. Die Rede gefiel Hemor und ſeinem Sohne wohl. Und der Jüngling ver⸗ zog nicht ſolches zu thun; denn er hatte Luſt zu der Tochter Jakobs. Und er war herrlich gehalten über alle in ſeines Vaters Hauſe. Da kamen ſie nun, Hemor und ſein Sohn Sichem, unter der Stadt Thor und redeten mit den Bürgern drr Stadt, und ſprachen: Dieſe Leute ſind friedſam bei uns, und wollen im Lande wohnen und werben; da nun das Feld weit genug für ſie iſt, ſo wollen wir ihre Töchter zu Weibern nehmen und ihnen unſere Töchter geben. Aber ſie wollen nur dann unter uns wohnen und Ein Volk mit uns werden, wenn wir alles, was männlich iſt, beſchneiden, gleichwie ſie beſchnitten ſind. Und ſie gehorchten dem Hemor und 191 Sichem, ſeinem Sohne, alle, die zu ſeiner Stadt Thor aus⸗ und eingingen, und beſchnitten alles, was männ⸗ lich war, das zu ſeiner Stadt aus⸗ und einging. Und am dritten Tage, da ſie es ſchmerzete, nahmen die zwei Söhne Jakobs, Simon und Lewi, der Brüder, ein jeglicher ſein Schwert und gingen rachedürſtig in die Stadt und erwürgten Alles, was männlich war. Und erwürgten auch Hemor und ſeinen Sohn Sichem mit der Schärfe der Schwerter und nahmen ihre Schweſter Dina aus dem Hauſe Sichem und gingen davon. Da kamen die Söhne Jakobs über die Erſchlagenen, und plünderten die Stadt, darum, daß ſie hatten ihre Schwe⸗ ſter geſchändet.“ „Halt ein!“ ſchrie jetzt Ben Baruch—„du zeigſt mir aus dem heiligen Buche, was ich hätte thun ſollen und nicht gethan. Ungeſtraft lebt der Schänder meiner Tochter hecrlich und in Freuden; meine Fih hatte keine Brüder, die ſie rächten.—“ „Danke Gott, alter Mann, daß keine ſolchen wahnbethörten Meuchelmörder aus deinen Lenden ka⸗ men. Begreifſt Du denn nicht, daß Hemors Sohn nicht ſchuldiger war als Jakobs Tochter, da ſie ſich ihm in freier Liebe ergeben und er ſie redlich zu ſeinem Weibe machen wollte?“ 192 „Ja— er meinte es redlicher als der Bube, der die Blume meines Hauſes brach. Ihn hätte mein Zorn treffen ſollen, nicht Dich, armes, unglückliches Kind— die Söhne Jakobs erſchlugen blos den Ehrenräuber ih⸗ res Hauſes, die Schweſter nahmen ſie wieder auf in Jakobs Haus; ſo hätte ich auch thun ſollen. Komm mit, meine Tochter, komm mit Deinem Kinde in's Haus Dei⸗ nes Vaters, wie Dina ging in das Haus Ihres Vaters Jakob.“ „Gott verzeihe ihr, daß ſie das that,“ erwiederte Ruſalka,„weißt Du, was ich gethan hätte an Dina's Statt? Ueber der Leiche meines Geliebten hätte ich mir den Todesſtoß gegeben und mein letzter Seufzer wäre ein Fluch über ſeine Mörder geweſen!“ „O weh!“ rief Ben Baruch.„Du läſterſt Israel und das Geſetz Gottes.—“ „Das Geſetz des Teufels, wenn es jene Gräuel⸗ that befahl oder guthieß,“ fiel Ruſalka ein. „Deine Seele iſt verdorben unter den Gojim,“ klagte Ben Baruch;„ſie haben das Geſetz, den Glauben Deiner Väter ausgelöſcht in Deinem Herzen. Du biſt eine Chriſtin geworden!“ Den Glauben Deiner Väter,“ entgegnete Ruſalka, „jenen Glauben, der den Andersgläuhigen haſſen und 193 verfluchen lehrt, der die Geſetze der Natur mit Füſſen tritt, der die Liebe als Todſünde beſtraft, den habe ich verſenkt, wie Du vorhin jenen Stein, aber ich habe ihn nicht vertauſcht mit einem anderen, der nicht viel beſſer iſt als jener. Ich läugne nicht, daß ich nahe daran war, dieſen thörichten Tauſch einzugehen. Im Rauſch der Liebe lauſchte ich mit Begierde dem, was mir der Ge⸗ liebte über ſeinen Glauben vorredete, die Botſchaft der Liebe klang meinen Ohren ſo ſüß; hätte, der ſie mir verkündete, ſie nicht ſelbſt ſchnöde verläugnet, ſo wäre ich Chriſtin geworden. Der Verrath des Unſeligen öffnete mir die Augen und bewahrte mich vor einer neuen Thor⸗ heit. Mein Erzeuger ſorgte dafür, daß ich von allem Wahn, von allen herkömmlichen Glaubensfeſſeln frei ward, er ſtieß mich hinaus in die Wildniß und hier im Schoße der allerheiligſten Gottesmutter, der allliebenden Natur lernte ich den wahren Gott erkennen und ver⸗ ehren.“ „Judith! mein Kind!“ ſchrie Ben Baruch mit angſtvoller Geberde—„vergieb mir! komm! ich will alles wieder gut machen, ich will Dich und Dein Kind aufnehmen, deine und ſeine Seele retten, daß wir einſt vereint in dem Schooße Abrahams uns wiederfinden.“ „Nein, Vater, ich bleibe hier,“ antwortete Ruſalka weich, doch feſt.„Was ſoll ich bei dir und Taura. Die Witkowetze 1. 194 Ich paſſe nicht mehr dorthin; ich würde mich von allem, was dort athmet, abgeſtoßen fühlen, und Alles würde von mir abgeſtoßen werden. Du würdeſt dich täglich ab⸗ quälen mich zu bekehren, und ich würde mich nicht be⸗ kehren laſſen; du würdeſt deine Rabbiner über mich ſchicken und die würden mich vor das Bet⸗bin bringen— das Ende vom Liede würde mein Todesurtheil und das Leid ärger ſein als jetzt. Laß mich alſo im Gottesfrieden meines Waldes.“ „So gieb mir wenigſtens das Kind!“ bat Ben Baruch.„Ich hab' es ſo lieb, es ſoll mein Kind ſein, alles, was ich habe, ſoll ihm zufallen, und ich bin reich — das Kind würde einmal der reichſte Mann Prags werden.—“ 5 „Und würde Eure Religion des Haſſes in ſich auf⸗ nehmen— und würde ſeiner Mutter fluchen— nein es ſoll am Buſen der Natur und unter den Augen der Mutterliebe aufwachſen. Ich laſſe es nie mehr von mir.—“ „Thörin! Du wirſt es nicht behalten— die Kirche der Goim, der ich's entriſſen, fordert es zurück, ſie hat Macht es dir zu entreißen, und ſie wird dir es ent⸗ reißen. Gib es mir! ich will es bergen— will es nach bringen zu meiner Schweſter, da wird es ſicher ein.—“* 195 „Es kann nirgends ſicherer ſein, als in der Hut ſeiner Mutter. Jüngſt ſah ich eine Bärin ihr Junges gegen fünf gewaltige Jäger vertheidigen; zwei von die⸗ ſen büßten ihre Raub⸗ und Mordluſt mit ihrem Leben und die Uebrigen entflohen. So würde ich auch mein Kind zu vertheibigen wiſſen— wehe denen, die es mir zu entreißen trachteten!“ Und ſo erwieſen ſich alle Bitten und Vorſtellungen Ben Baruchs als fruchtlos. Gramvoll und grollend verließ er die Tochter, die ihm lange mit ſchmerzlichen Blicken nachſchaute, bis er ihren Augen entſchwunden war, dann begab ſie ſich nach ihrer Höhle zurück. Ihr Kind war eben erwacht und ſtreckte ihr beim Eintritt in das Wohngemach die Händchen entgegen. Stürmiſch riß es die Mutter zu ſich empor und erſtickte es faſt mit Liebkoſungen. Da drangen drei dumpfe Schläge an ihr Ohr. Die Hündin ſprang dabei vom Boden auf und ſpitzte lauſchend die Ohren. „Du kennſt das Zeichen, gutes Thier,“ ſagte Ru⸗ ſalka, die Hündin ſtreichelnd, und dann zu ihrem Kleinen: „ich muß hinaus, Theobald; ſpiele mit Kaſcha, bis ich zurückkomme.“ Sie ſetzte das Kind auf den Boden und ihrem Winke gehorſam, legte ſich das Thier zu deſſen Füßen. 13* 196 Ruſalka band die rothe Schärpe um, und bedeckte ihr Haupt mit der Pelzmütze, von welcher der rothe Schleier herabhing. Dann öffnete ſie ein mit vielen kleinen Löchern verſehenes Käſtchen neben dem Herd, aus welchem ſich auf einen Pfiff eine braun und gelb⸗ gefleckte Schlange ſchnell um ihren Arm ſchlang und an dieſem emporwand, mit der geſpalteten Zunge freundlich ſpielend. Ruſalka liebkoſte das gefürchtete Reptil und barg es dann unter dem weiten Aermel ihres Oberge⸗ wandes. So bewaffnet ging ſie hinaus. Die drei Schläge wiederholten ſich, als ſie unter den Ausgang trat.„Nur Geduld!“ rief ſie und löſte den Nachen. Als ſie um den Felſen bog, ſah ſie einen frem⸗ den Mann an der Stelle ſtehen, wo vorhin ihr Vater geſtanden hatte. Er trug Kleidung und Rüſtung eines Jägers. „Wer ſeid Ihr und was wollt Ihr an der Behaue ſung Kaſcha's?“ fragte ſie den Nachen einige Schritt⸗ vom Ufer fernhaltend. „Das Wild in den Wäldern von Trebaun fürchtet den Speer Smollar's des Jägers,“ erwiederte der Ge⸗ fragte. „Was hab' ich mit dem zu ſchaffen?“ ſagte Ru⸗ ſalka. 197 „Das ſollt Ihr gleich erfahren, wenn Ihr vollends heran kommen wollt—“ lautete die Antwort. „Könnt Ihr ſchwimmen?“ fragte Ruſalka. „Wie ein bleierner Vogel,“ verſetzte er.— „Dann möge es Euch gefallen, in dieſer Entfer⸗ nnng mit mir zu verhandeln, dafern Ihr ſonſt etwas mit mir zu verhandeln habt.“ Der Fremde ſah ſich ſcheu um.„Die Bäume um Prag haben Ohren,“ ſagte er dann;„was ich mit Euch zu verhandeln habe, taugt nicht für alle Ohren, am we⸗ nigſten für die des Sechsmänneramtes.“ „Das Wort iſt frei in Kaſcha's Haus,“ ver⸗ ſicherte Ruſalka. „Dann iſt hier mehr Freiheit als im ganzen Böh⸗ merlande,“ meinte der Fremde.„Auf Eure Verantwor⸗ tung denn: mich ſendet Herr Zbiſlav Zagjc von Tre⸗ baun an Ruſalka die Vertraute der Geiſter des Wal⸗ des; ich ſoll Euch fragen, ob Ihr von Euern Vertrau⸗ ten noch kein Zeichen empfangen, das auf baldige Er⸗ füllung des Bewußten deutet?“ „Meine Vertrauten ſagen mir: gut Ding will Weile haben,“ entgegnete Ruſalka;„noch ſei ihre Macht nichts gegen die Mocht derer, welche Herrn Zbislaws 198 Feind in Schutz genommen. War dies alles, was Ihr mir zu ſagen hattet?“ „So weit ging mein Auftrag,“ ſagte Smollar; „aber verzieht noch einen Augenblick. Es gibt für Euch und mich ein Stück Geld zu verdienen. Ihr wiſſet viel⸗ leicht noch nicht, was ſich im Weſten des Landes be⸗ geben. Herr Sezema von Kraſſov, meines Herrn Freund und Bundesgenoß, hat im Vertrauen auf die allgemeine Unzufriedenheit des Adels mit dem Regiment der Wit⸗ kowetze die Burggrafen von Taus, Herrn Pota von Po⸗ tenſtein und Sobuhrad von Lititz, mit ſtarker Macht angegriffen. Er hoffte auf eine allgemeine Erhebung des Adels, allein außer meinem Herrn, hat ſich keiner von den hohen Herrn gerührt, und da ſitzt nun Herr Se⸗ zema, ſammt meinem Herrn im Pfeffer. Denn die bei⸗ den Burggrafen haben ſich ritterlich gewehrt und den König oder vielmehr Herrn Zawiſch von Falkenſtein um ſtrenges Einſchreiten gegen die„Landfriedensbrecher“, wie ſie ſich ausdrücken, erſucht. Natürlich wird's Herr Zawiſch an dieſem Einſchreiten nicht fehlen laſſen. Was das Ende davon ſein wird, könnet Ihr Euch denken. Im vorigen Jahre erſt iſt zu Prag unter Kaiſer Ru⸗ dolfs Vermittlung zwiſchen den beiden großen Parteien unſeres Landes der Friede geſchloſſen worden, wo ſie unter Brief und Siegel vollkommene Treue und Gehor⸗ 199 ſam dem Könige, einander aber Friede und Eintracht unter Verluſt der Ehre und Güter gelobten. Es wird 3 alſo dieſe dumme Geſchichte meinem Herrn und ſeinem Freunde Ehre und Güter koſten. Nun mag auf erſtere wenig ankommen; aber die Güter— die großen, ſchö⸗ nen Güter alle zum Teufel, daß iſt kein Spaß. Was ſind tauſend Mark Silber, wenn man die Güter retten kann! Wollt Ihr die tauſend Mark mit mir verdienen?“ „Wie käme ich dazu?“ erwiederte Ruſalka, die keineswegs eine Verächterin des Geldes war. „Ich will's Euch ſagen. Ihr ſeid jedenfalls eine kluge Frau, aber in Eurer Art. Es gibt aber noch an⸗ dere kluge Leute— in ihrer Art. Wiſſet Ihr, was den Herrn Zawiſch von Falkenſtein bei ſeiner Macht auf⸗ hält? Ich rede in meiner Weiſe; ich bin kein Zauberer. Nun ſo wiſſet, daß, wenn heute zwei Augen ſich ſchlie⸗ ßen— zwei ſchöne, ſehr vornehme Augen— daß dann die Herrlichkeit der großen Witkowetze ein Ende hat— verſtunden? Und verſteht Ihr nun auch wie die tauſend Mark zu gewinnen wären?“ Ruſalka ſah ihn mit ſtarren, verglaſten Blicken an. „Ihr verſteht mich nicht?“ fuhr der Jäger fort— „Ich meine, wenn es einen Zauber gäbe— der eine gewiſſe ſchöne hohe Frau— verſteht Ihr noch nicht?— —— 200 ich meine— hm— tauſend Mark ſind ein ſchöner Preis für einen Zauber, der eine Seele in's Jenſeits fördert.“. Aus Ruſalka's Augen ſchoß ein Blitz, welcher den Jäger einen Schritt vom Ufer zurückſchreckte, obwohl er ihn anders deutete, als er gemeint war. Er deutete ihn als ein Zeichen der Zuſtimmung zu ſeinem frevel⸗ haften Plan. Sie trieb den Nachen an's Ufer und ſagte:„ „Laßt uns die Sache näher beſprechen— ſteigt mit in den Nachen!“ Er gehorchte und ſie ſtieß mit einem ſo kräftigen Ruck vom Ufer, daß das leichte Fahrzeug wie ein Pfeil weit in das Gewäſſer hinausflog, der Jäger aber der Länge nach in den Nachen ſtürzte. In der Mitte des ſchwarzen See's hielt Ruſalka den Nachen an. „So—“ ſagte ſie—„hier können wir heimlicher mit einander ſprechen und zugleich aufrichtiger.“ Smollar erhob ſich. „Es iſt aber unheimlich hier auf dieſer ſchwarzen, unergründlichen Waſſerfläche,“ ſagte er,„warum gehen wir nicht in Eure Höhle?“. 201 „Die betrat noch nie ein ungeweihter Fuß,“ ver⸗ ſetzte Ruſalka.„Jetzt ſagt mir die lautere Wahrheit— Ihr ſeid von Euerm Herrn ausgeſchickt, einen Mord⸗ anſchlag auf das Leben der Königin Mutter auszufüh⸗ ren, und auf dieſem Wege den Sturz Ihres Gemahls und damit der ganzen witkowetziſchen Partei herbeizu⸗ führen?“ Smollar war nicht wenig betroffen von dem Tone, in welchem ſie dieſe Worte ſprach; denn es war weniger der Ton eines Menſchen, der ſich zum Mitſchuldigen einer Miſſethat machen will, als der eines Richters. „Ich ſagte Euch ſchon, wie weit der Auftrag mei⸗ nes Herrn ging—“ gab er zur Antwort. „Ihr lügt,“ erklärte ſie beſtimmt;„bekennt die Wahrheit, oder ich werde ſie Euch durch dieſen meinen Inquiſitor entwinden laſſen!“ Smollar ſah mit Entſetzen eine Schlange in ihrer Hand, mit nach ihm vorgeſtreckten Kopfe und unheimlich glühenden Augen. Zittend bat er, das Thier zu ent⸗ fernen, er wolle Alles geſtehen. „Sobald Ihr die Wahrheit ſagt, habt Ihr von ihm nichts zu fürchten,“ verſicherte Ruſalka;„redet!“ Smollar bekannte, daß er allerdings von ſeinem Herrn zum Mord der Königin Mutter gedungen wor⸗ den ſei⸗ 202 „Aber Euch fehlte, als Ihr an Ort und Stelle kamt, der Muth, das Bubenſtück mit eigener Hand zu vollführen?“ Mit einem Blick auf die ihn drohend anblickende Schlange beſtätigte er die Frage. „Und da fandet Ihr für gut, Euch hinter die Zau⸗ berin Ruſalka zu ſtecken?“ fragte Ruſalka mit kalter Ruhe weiter. „Mir ſchien Eure Zaubermacht das Sicherſte und zugleich das Ungefährlichſte für Euch und mich,“ be⸗ kannte der Jäger. „Und Ihr nahmet die Hälfte des bedungenen Loh⸗ nes gleich mit Euch, denn wahrſcheinlich wußtet Ihr, daß Rufalka den Lohn für jeden von ihr verkauften Dienſt voraus fordert?“ Der Schächer beantwortete, wenn auch nach eini⸗ gem Zögern, auf dieſe Frage. „Somit wäreſt du denn ein vollſtändig überführ⸗ ter Meuchelmörder,“ nahm Ruſalka wieder das Wort, „und du hätteſt den Tod verdient. Und bei Gott, ich hätte Luſt, eine ſchwarze That mit Dir in den Abgrund dieſes Gewäſſers zu verſenken, wäre die Welt, der du angehörſt und gegen die du zunächſt gefrevelt, nicht zu gutem Theil deine Mitſchuldige. Es iſt eben kein Wun⸗ der, daß ſolche Thaten dem Schoße einer Welt entkei⸗ men, welche ſich von den heiligſten Geſetzen der Natur entfernt hat und deren leitende Gewalten aller Ruch⸗ loſigkeit und ſchnöden Selbſtſucht voll find. Du mit deiner giftgeſchwollenen Seele biſt nur eine Beule der allgemeinen Peſt. Man müßte halb Böhmen ausrotten und alle ſeine Großen zuerſt, wollte man einen Knecht wie du um vollbrachten oder verſuchten Mordes willen beſtrafen. Wo, wie hier, die Häupter des Volkes einan⸗ der haſſen und in blutigen Fehden abſchlachten, wie es die wilden Thiere des Waldes unter einander nicht thun, da iſt ein ſo niederes, gemeines Glied wie du nur zur Hälfte zurechnungsfähig. Darum will ich deines Le⸗ bens ſchonen, doch das Blutgeld, das du bei dir führſt, verfüllt mir. Gieb es heraus, damit du nicht ferner da⸗ mit ſündigeſt!“ In der Seele des Schächers entſtand ein harter Kampf zwiſchen der angebornen Habſucht und der Furcht vor der Zauberin, welche in der That in ihrer hochauf⸗ gerichteten Geſtalt, mit der ſchlangenbewehrten Hand und dem vernichtenden Ausdruck ihres bleichen und ſchönen Geſichts, furchtbar anzuſchauen war. Smollar ſah ſich um, ob er nicht einen Ausweg erſpähe; allein ringsherum ſtarrte der unvermeidliche naſſe Tod ihn an. 204 „Es nützt dir nichts, mein Schelm,“ ſagte Ruſalka dies bemerkend,„du biſt von Gott in meine Hand ge⸗ geben und du kommſt nicht los ohne das beſtimmte Lö⸗ ſegeld.“ 2„Laß uns theilen!“ bat Smollar.„Sieh, ich darf nicht wieder vor meinen Herrn kommen, wenn ich, nachdem ich nichts ausgerichtet, das Geld nicht wieder bringe. Was ſoll ich nun beginnen?“ „Ich will dir fünfzig Mark geben, damit du nicht zu ſtehlen brauchſt,“ erklärte Ruſalka. „Gieb mir hundert,“ bettelte der Schelm. „Nicht ein Gran über fünfzig,“ entſchied Ruſalka. Und Smollar entledigte endlich ſeine Waidtaſche des Goldes, womit dieſelbe angefüllt war. Ruſalka überzählte es und warf dem Jäger ſeinen Theil verächtlich in den Schoß. Dann ergriff ſie das Ruder, ließ aber zuvörderſt Smollar noch auf ein Kreuz ſchwören, daß er gegen Ze⸗ dermann von dem Vorgegangenen ſchweigen, ſich auch nie wieder in der Nähe der Behauſung Kaſcha's ſehen laſſen wolle; dann erſt ſetzte ſie ihn an's Land. Mit ihrem Schatze ging Ruſalka in die Höhle zu⸗ rück; dort, in dem zur Vorhalle dienenden größerem Ge⸗ wölbe, trat ſie an das altarartige Mauerwerk, hob mit⸗ telſt einer Brechſtange die ſchwere Steinplatte auf dem⸗ ſelber in die Höhe, und verſenkte das Gold in den hoh⸗ len Raum, welcher die Platte bedeckte. Dann ging ſie zu ihrem Kinde zurück, erſt die Schlange in ihren Käfig und überkieß ſich dann den Liebkoſungen ihres Knaben und der Hündin. „ Zehntes Capitel. „Euer Hoheit darf dieſen Mann nicht von ſich ſto⸗ ßen; er iſt Euch und dem Lande Böhmen unentbehrlich. Oder wißt Ihr eine andere ſtarke Hand in Böhmen, die im Stande wäre, den empöreriſchen Geiſt ſeines Adels darnieder zu halten? Hier iſt eine neue dringende Bitte Eures getreuen Pota von Potenſtein, ihm gegen die mäch⸗ tigen Empörer Zbiſlaw Zagje und Sezema von Kraſſow beizuſtehen, von den Ufern der Eger und Elbe liegen Klagen über zunehmende Räubereien vor, und Mähren iſt im offenen Aufruhr— Herzog Nikolaus wird ſich nicht allein zum Herrn von Troppau, ſondern auch von Mähren machen, wenn nicht Herr Zawiſch ihn in ſeine Schranken zurückweiſt.“ 207 Dieſe Worte floſſen aus dem Munde eines Grei⸗ ſes von ehrwürdigem Anſehen in geiſtlicher Ordens⸗ tracht. Es war der oberſte Kanzler des Königreichs Böh⸗ men, M. Peter, Probſt von Wyſerad, ein um die Krone ſeit einer langen Reihe von Jahren ſchon hochverdienter Mann. Er befand ſich allein mit dem jugendlichen König, der ihn in großer Seelennoth hatte rufen laſſen. Der Prälat und Staatsmann fuhr fort: „Es war Gotteshand die ſechs Jahrhunderte mit dem Hauſe Przemysl geweſen, welche Eure königliche Mutter auf's Innigſte mit dem Manne verband, der allein Kraft und Macht beſaß, in der ſchweren Zeit nach Eure großen Vaters Heldentod Böhmen vom Unter⸗ gang zu retten. Es hieße Gottes gnädige Hand zurück⸗ ſtoßen, wollte man den Mann ſeiner Wahl, den Eurer Hoheit von ihm ſelbſt durch Eure erlauchte Mutter zu⸗ geführten Freund und Berather zurückſtoßen.“ „Davon iſt ja nicht die Rede,“ verſetzte der junge König;„ich werde ihn ſtets als den Gemahl einer viel⸗ geliebten Frau Mutter ehren und nie vergeſſen, was er für mich um ſie und das Land gethan. Ich will dankbar gegen ihm ſein, will ihn in allen Gütern, die er von der Krone zu Lehn trägt, erhalten und ſchützen und will ſei⸗ 208 nen Sohn als meinen Bruder halten und mit Gütern bedenken. Er ſoll immer der erſte Mann Böhmens nach mir ſein, wie ſich's für den Gemahl der Königin⸗Mutter geziemt. Aber mir ſcheint es durchaus nöthig, daß ſeine Macht in den inneren Reichsangelegenheiten eingeſchränkt werde. Er miſcht ſich in zu vielerlei Dinge— er geht zu rückſichtslos vor, er ſpielt zu ſehr den Herrn, den Kö⸗ nig— und das mag ich nicht länger leiden; ich bin Herr im Lande, ich bin König und will es ſein— und wäre es auch nur um der heiligen Kirche willen, deren Rechte Herr Zawiſch nicht mehr achtet— ganz natürlich, weil er nicht den rechten Glauben hat.“ „O, mein königlicher Herr,“ rief der würdige Kanz⸗ ler aus,„wer hat Euch das geſagt! Ich kenne Herrn Zawiſch ſeit vielen Jahren und habe in ihm ſtets einen guten Chriſten gefunden, als ſolchen kennt und achtet ihn auch das heilige Haupt der Kirche—“ Meint Ihr?“ warf Wenzel ein, offenbar nicht nur angenehm überraſcht durch dieſes Zeugniß, und fuhr dann in etwas muthigerem Tone fort: „Ihr ſeid ein ſo frommer und ehrwürdiger Mann — Ihr müßt in geiſtlichen Dingen mehr verſtehen wie ich— wenn Ihr Herrn Zawiſch für einen guten Chri⸗ ſten erklärt, ſo muß es wohl wahr ſein— aber wie kann er dann der Kirche eine Seele rauben?“ 209 „Jedenfalls hat er geglaubt, die Prieſter, welche das Judenkind der Kirche einverleiben wollten, thaten dies auf eine dem Geiſte unſerer heiligen Kirche wider⸗ ſprechende Art. Man kann hierüber verſchiedener Anſicht ſein; aus den heiligen Kirchenvätern laſſen ſich allerdings Stellen anführen, nach welchen die Organe der Kirche in dieſem Falle nicht ganz im Rechte waren. Indeſſen gibt es auch Stellen, die für ſie ſprechen. Der Fall iſt eben zweifelhaft—“ „Dann, meine ich, muß ein guter, eifriger Chriſt allemal zu Gunſten der Kirche entſcheiden,“ fiel Wen⸗ zel haſtig ein,„und ſo hätte nach meiner Meinung das Judenkind, das doch einen chriſtlichen Vater hat, der es der Kirche übergeben, dieſer gelaſſen werden müſſen.“ „Jedenfalls wäre es für das Kind ſelbſt ſo am be⸗ ſten geweſen,“ meinte der Prälat Kanzler. In dieſem Augenblicke trat ein Diener ein und mel⸗ dete die Ankunft eines Boten von dem Biſchof von Olmütz. Der König befahl den Boten hereinzuführen. „Was mag der wieder bringen!“ ſeufzte Wenzel, indem der Diener den Befehl vollzog. Der Bote trat ſich tief verneigend ein und über⸗ reichte dem König ein Schreiben. Dieſer öffnete es ha⸗ ſtig und las ſeinen Inhalt. Taura. Die Witkowetze. I. 14 210 Sein Geſicht wurde leichenblaß, ſeine Hände zit⸗ terten. Der Kanzler bemerkte die Bewegung, die das Schrei⸗ ben in dem jungen Herrſcher hervorrief— er winkte dem Boten abzutreten. Kaum war dieſer zur Thür hinaus, als Wenzel in lautes Weinen ausbrach und dem Kanzler das Schrei⸗ ben mit dem Schmerzensruf überreichte: „Ich bin verlorenl“ Schluchzend warf er ſich in einen Stuhl. Der Kanzler durchlas das Schreiben, das eine ſo ſehr erſchütternde Wirkung hervorgebracht. In der That enthielt es ſehr böſe Nachrichten.— Herzog Nikolaus, des Königs älterer Halbbruder, hatte von ſeinem Vater, Otokar II., das Herzogthum Trop⸗ pau zum Lehen erhalten, ſpäter aber gegen Entſchädi⸗ gung ſeiner Stiefmutter als Witthum abtreten müſſen. Nach ſeines Vaters frühem Hintritt hatte er jedoch die allgemeine Verwirrung benutzt, Anſprüche auf dasſelbe zu erheben und ſelbſt mit den Waffen geltend zu machen. Bei der hauptſächlich durch Zawiſch und ſeinen Anhang bewirkten Herſtellung der Ordnung hatte Nikolaus ſeine Anſprüche fallen laſſen müſſen; aber er hatte es nur ge⸗ than, um ſie gelegentlich deſto nachdrücklicher zu er⸗ neuern. 211 Er hatte ſich den mähriſchen Adel zu Freunden ge⸗ macht, und als auch der mächtige Friedrich von Schön⸗ burg mit Zawiſch's nahem Verwandten, dem Biſchof Dietrich von Olmütz, einem gebornen Witkowetz von Neu⸗ haus, in erbitterte Fehde gerieth, glaubte Nikolaus die Zeit gekommen, ſich ſein vermeintliches Erbe von der verhaßten Stiefmutter, die einen Todfeind ſeines Hauſes geheirathet hatte, zu erobern. Faſt der ganze Adel Mährens hatte für ihn und Friedrich von Schönburg die Waffen ergriffen und nicht nur Troppau, ſondern ganz Mähren war, wie der Bi⸗ ſchof jetzt meldete, ſo gut wie verloren für den König, ja Nikolaus ſtand bereits im Begriff nach Böhmen vor⸗ zurücken, um— wie er ſich ausdrückte— der Buhler⸗ wirthſchaft im Reiche ſeines Vaters ein Ende zu ma⸗ chen.— „Den Herzog gelüſtet darnach, den Arm ſeines Kö⸗ nigs recht ordentlich zu fühlen,“ ſagte der Kanzler das Schreiben aus der Hand legend;„Herr Zawiſch wird nur Eurer Vollmacht bedürfen, um die Empörer ſo zu züchtigen, daß ſie Eurer Hoheit ihr Lebenlang keine Sor⸗ gen mehr machen.“ „Er ſoll ſie haben,“ rief Wenzel ſich ermannend, „o, geht zu ihm, beſchwört ihn, daß er ſchleunigſt auf⸗ breche, die Empörer zu züchtigen, mir mein und 1 meiner Frau Mutter ihr Witthum zu retten! Geht zu ihm, hochwürdiger Kanzler, geht!“ „Ich werde ihn zu Euch beſcheiden,“ erwiederte der Prälat,„denn es iſt nothwendig, daß Eure Hoheit ſelbſt mit ihm ſpreche.“ „Thut, wie Euch gut dünkt,“ ſagte Wenzel;„ich werde ihn empfangen, als wäre nichts zwiſchen uns vor⸗ gefallen.“ Während dieſe Unterredungirt Königshofe ſtattfand, hatte Frau Kunigunde eine Unterredung ganz anderer Art mit dem Iuden Ben Baruch. Sie hatte nach ihm geſchickt und er war nach Ku⸗ nigundenluſt gekommen. Nachdem ſie ihm über die ſchuldig gebliebene Ant⸗ wort nach der ihm gegebenen Bedenkzeit Vorwürfe ge⸗ macht, erzählte er ihr, welche Verhandlung zwiſchen ihm und ſeiner Tochter ſtattgefunden, und erklärte, daß, wenn er ſchon der hohen Frau zu Willen ſein wollte, dies doch durchaus nicht in ſeiner Macht ſtünde. Sie möge ihm daher nicht zürnen und ſelbſt ver⸗ ſuchen, was ſie bei dem verirrten und halsſtarrigen Ge⸗ ſchöpf, das er nun vollends nicht mehr als ſeine Tochter anerkenne, auszurichten vermöge. Kunigunde war rathlos. 213 Der Zwieſpalt zwiſchen ihrem Sohne und ihrem Gemahl ängſtigte ſie je länger je mehr. Obgleich die Verhandlung der Witkowetze mit ih⸗ rem Haupte ihr ein Geheimniß blieb, ſo ahnte ſie doch mit dem den Frauen, ſo eigenthümlichen Ahnungsvermögen, daß dieſelben irgend etwas vorhatten, was der früheren Geſchichte des ſtolzen Geſchlechtes entſprach. Einzelne Aeußerungen des Unmuths, welche ihrem Gatten entfallen waren, hatten ihr deutlich genug ver⸗ rathen, wie tief verletzt er ſich durch das Betragen des Königs fühlte. Wenn die entſtandene Kluft nicht ſchnell ausgefüllt wurde, wie leicht konnte jetzt der alte Haß der Roſe ge⸗ gen die Haſelſtande ſich ihrer bemächtigen, um ſie zu erwei⸗ tern und jede Verſöhnung unmöglich machen! Jener Haß hatte ſich vor dem größten und mäch⸗ tigſten Przemysliden nicht gefürchtet, er hatte nicht ge⸗ ruht, bis der königliche Held Krone und Leben verloren — wehe dem ſchwachen, ſeines Vaters ſo wenig würdi⸗ gen Sohne, wenn derſelbe verderbliche Haß auf ihn über⸗ tragen wurde! Zwar ſagte ihr ihr Herz, daß Zawiſch um ihret⸗ willen den Sohn ſchonen und dem Haß Zügel anlegen werde— aber konnte ſie nicht vor ihrem Gemahl von 214 der Erde abberufen werden, und was würde dann aus dem Verhältniß zwiſchen ihm und dem König, wenn es jetzt ſchon ein zwieſpältiges war? Während ſie ſich ſo mit bangen Ahnungen abmar⸗ terte, ohne zu einem klaren Gedanken zu kommen, was ſie thun ſolle, um dem befürchteten Unheil vorzubeugen, wurde Zawiſch zum König beſchieden. Er kam zu ihr ſich von ihr zu verabſchieden: „Es muß etwas vorgefallen ſein, daß er mich be⸗ ruft,“ ſagte er nicht ohne einige Bitterkeit im Tone, wenn ſchon gemildert durch ein Lächeln des Triumphes. Sie fiel ihm um den Hals und bat ihn flehentlich Nachſicht mit dem Schwächern zu haben und wenn ihr Sohn ihm die Hand zur Verſöhnung biete, ſie mit aller Freundlichkeit und Liebe anzunehmen. Er küßte ſie und verſprach ſäuberlich mit dem un⸗ verſtändigen Knaben fertig zu verfahren. Leichteren Herzens ließ ſie ihn ziehen. Als er eine Zeitlang fort war, kamen die alten, trüben Gedanken wieder und ſie konnte ſie, wie ſehr ſie auch dagegen kämpfte, doch nicht ganz wieder los wer⸗ den Der König empfing ſeinen Stiefvater in Beiſein des Kanzlers in einer Weiſe, als wenn zwiſchen ihnen 215 nichts vorgefallen wäre, und Zawiſch war viel zu ſtolz, um erſt noch einen Groll zu zeigen. Als Wenzel ihm das Schreiben Dietrichs von Neu⸗ haus übergeben, und er es flüchtig durchgeleſen hatte, ſagte er:. „Es wird mir jetzt gar nicht ſchwer fallen, der Em⸗ pörung Meiſter zu werden. Meine Vettern ſind eben in großer Anzahl hier anweſend; es koſtet mich nur ein Wort ſie zu einem Zuge gegen die Empörer zu bewegen. In vierzehn Tagen können zehntauſend Mann nach Mähren und tauſend Mann gegen Taus auf dem Marſche ſein. An die Spitze der letzteren werde ich meinen Bruder Wok ſtellen; den Tanz gegen Herrn Nikolaus werde ich ſelbſt mitmachen.“ „Ja, thut das,“ rief der König freudig—„Ihr erkämpfet Euerm Sohn, meinem lieben Brüderchen, ein Fürſtenthum. Denn ſo wahr ich König von Böhmen bin, ſo wahr ſoll mein Bruder Jeſſek Troppau als eigenes Fürſtenthum zum Lehen erhalten! Ihr ſeid Zeuge, hoch⸗ würdigſter Kanzler!“ Der Kanzler verneigte ſich zum Zeichen der Be⸗ ſtätigung. „Es iſt jedes Vaters Pflicht, für die Zukunft ſei⸗ ner Kinder zu ſorgen,“ ſagte Zawiſch;„ich nehme daher 216 Euer königliches Verſprechen dankbar an. Da aber Nie⸗ mand wiſſen kann, ob ich lebendig aus dieſem Zuge zu⸗ rückkehre, ſo würde es eine große Beruhigung für mich ſein, wenn dieſe Angelegenheit urkundlich feſtgeſtellt würde Ich habe noch theils für verlegte Kriegskoſten, theils auf die Erbſchaft meiner Gemahlin verſchiedene Güter und Schätze der Krone in Pfand; ich bitte das Pfand auch auf die zu Gunſten meines Sohnes Jeſſek gemachte Zu⸗ ſage auszudehnen, dergeſtalt, daß die verpfändeten Gü⸗ ſer nicht mehr an die Krone zurückfallen können, bis nicht nur meine Forderuug und die Erbſchaft meiner Ge⸗ mahlin zurückerſtattet, ſondern auch mein Sohn in den Beſitz des ihm verſprochenen fürſtlichen Lehens ge⸗ langt iſt.“ Wenzel war zu Allem bereit; der Kanzler erhielt Auftrag, die gewünſchte Urkunde auszufertigen, und ſo ſchloß dieſe Zuſammenkunft zu allſeitiger Zufriedenheit. Zawiſch begab ſich hierauf ſofort nach dem Roſen⸗ hauſe und ließ ſämmtliche in Prag anweſende Glieder ſeines Geſchlechtes zu ſich rufen. Er war auf einen harten Kampf der Meinungen vorbereitet. In der That erregte ſeine Mittheilung von dem eben Geſchehenen und Verhandelten allgemeines Befrem⸗ den und entſchiedenen Widerſpruch. Oger von Lom⸗ 217 nitz warf Zawiſch geradezu Verrath an der fünfblätte⸗ rigen Roſe vor. Andere ſprachen ſich wenigſtens dahin aus, daß ihr erlauchter Vetter die Intereſſen des Witkowetziſchen Hau⸗ ſes denen ſeiner Perſon opfere. Sein Bruder Witek und Heinrich von Roſenberg bedauerten, daß der Wladyka von der Liebe zu ſeiner Ge⸗ mahlin zu viel auf deren undankbaren und unwürdigen Sohn übertrage. Der Allerunzufriedenſte war Sezema von Land⸗ ſtein, der auf dieſe Art ſeine Sendung, wenn nicht völlig geſcheitert, ſo doch mit ihrem Erfolg auf eine ferne Zu⸗ kunft verwieſen ſah. Er ſprach von thörichter Großmuth die ein ungeheures Glück mit Füßen von ſich ſtoße. Zawiſch ſetzte allen Ausbrüchen des Mißvergnü⸗ gens und der getäuſchten Erwartung kaltblütige Ruhe eutgegen. Selbſt als Ogers von Lomnitz jugendlicher Sohn Smil ſich erlaubte von verrätheriſcher Ueberliſtung bei der Zuſamenkunft in Kunigundenluſt zu ſprechen, be⸗ gnügte ſich der ſo Beſchuldigte den Ankläger mit einem ernſten, durchbohrenden Blick anzuſehen. Endlich ergriff er das Wort: „Liebe Vettern,“ ſagte er,„ich habe Euch Eure Meinung frei ausſprechen laſſen. Jetzt vergönnt mir das 218 Wort. Hoch über dem perſönnlichen Intereſſe ſteht mir das Intereſſe der glorreichen Roſe. Denkt zurück und Ihr könnt mir das Zeugniß nicht verſagen, daß ich das Wohl der Roſe ſtets meinen perſönlichen Wünſchen vor⸗ angeſtellt habe. Mein ganzes weiteres Leben beweiſt, daß ich nichts für mich erſtrebt, was nicht dem ganzen Ge⸗ ſchlechte der Witkowetze zu gute gekommen. Aber über dem Geſchlechte ſteht das Vaterland. Darin ſind wir ge⸗ wiß alle einig; und das iſt ja gerade unſer Stolz, daß wir uns ſagen können: indem wir Witkowetze waren, waren wir jederzeit gute Böhmen. Der iſt ein entarteter Schößling unſeres edlen Stammes, der nicht die Ehre und das Heil desſelben in der Ehre und dem Heil des Vaterlandes ſucht. Das Vaterland über Alles! das muß unſer Wahlſpruch ſein. Von dieſem Wahlſpruch geleitet, habe ich gehandelt, wie ich Euch berichtet. Noch blutet unſer Land an tauſend Wunden, die ihm der wilde Bür⸗ gerkrieg geſchlagen. Wohl uns, daß wir uns das Zeug⸗ niß geben dürfen: wir haben ſie nicht mit verſchuldigt, wir haben nur Alles gethan, um ſie zu heilen. Als wir uns gegen die Uebergriffe und Gewaltſtreiche der könig⸗ lichen Macht unter dem Helden Otokar erhoben, da tha⸗ ten wir es als gute Böhmen, als berufene Hüter der Ehre und Freiheit des Landes. Das Köntgthum mußte in ſeine Schranken zurückgeworfen werden, ſollte das 219 böhmiſche Volk nicht zu einer Horde willenloſer ſtumpf⸗ ſinniger Sklaven herabſinken und im Sklaventhum das Vaterland zu Grunde gehen. Als aber eine Partei des böhmiſchen Adels weiter ging, als ſie das Königthum vernichten wollte, um das Land unter ſich zu theilen, ſei es auch als Vaſallen eines fremden Herrſchers, da haben wir uns zurückgezogen, da ſind wir auf die Seite des erſchütterten und mit dem Sturz bedrohten Thrones ge⸗ treten und haben mit ſchweren Opfern an Gut und Blut den Thron und das Vaterland aus den tobenden Stür⸗ men des Bürgerkrieges gerettet. Das iſt unſer höchſter und ſchönſter Ruhm. Welcher Witkowetz möchte ihn preis⸗ geben? Ich leſe auf Euren Mienen die edle Entrüſtung bei dem bloßen Gedanken an ſolche Schmach. Aber ſagt, wäre es etwas Anderes als ein Preisgeben, als eiue Selbſtzerſtörung dieſes Ruhmes, wenn wir jetzt etwas gegen den rechtmäßigen Träger der böhmiſchen Krone unternähmen, jetzt, wo ſich die alten ſelbſtſüchtigen Feinde wieder erheben und in der allgemeinen Verwirrung ſich zu bereichern ſuchen! Die Schrecken des Bürgerkrieges ſind ſchon wieder im Anzuge, eine einzige geſetzwidrige That von uns, und alle Leidenſchaften brechen ihre Feſ⸗ ſeln und ſtrömen in wilder Raſerei über die kaum zum Frieden gelangten Fluren unſeres ſchönen Vaterlandes. Wenn Jemand Urſache hat zur Unzufriedenheit und zum Mißtrauen gegen König Wenzel, ſo bin ich es, und daß ich's Euch geſtehe, ich habe mich wohl mit dem Gedan⸗ ken beſchäftigt, ob es nicht nothwendig ſei, die Rolle je⸗ nes fränkiſchen Pippin in Böhmen zu wiederholen. Der Gedanke hat den Schlaf von meinem Lager geſcheucht, und wer weiß, welche Macht er über mich erlangt hätte unter den Einflüßen der jüngſten Mißhelligkeiten, wäre nicht die Wendung eingetreten, die ich Euch mitgetheilt. Da konnte ich keinen Augenblick zweifelhaft ſein, was ich thun ſollte. Ich ſah den König als ein ſchwaches Rohr, das ſich bei linder, milder Luft und im heitern Sonnen⸗ ſchein bald hier bald dahin neigt, aber beim erſten Er⸗ heben eines Ungewitters ſich an die nächſte feſte Stütze ſchmiegt. Ich hatte ſeinem Uebelwollen in der letzten Zeit ein zu großes Gewicht beigelegt, ich erkannte, daß es nur ein Moment war, wo ſich das ſchwanke Rohr im ſanften Luftſtrom gerade nach einer anderen Richtung bog, daß er aber mit feſten Banden an den Stamm geknüpft ſei, in dem er bisher ſeinen alleinigen Halt gefunden. Mein Weg, unſer Weg, war mir voegezeichnet von Gotteshand: ich mußte die Gelegenheit ergreifen, ihm einen Beweis zu liefern, daß er ohne uns verloren, durch uns allein ſtark und ſicher ſei. Er ſieht Mähren verloren, er ſieht ſein ganzes Reich auf dem Spiele ſtehen— da kommen wir als die Retter, als die ſtarken Helfer in aller Roth, 221 wir ſchlagen ſeine Feinde zu Boden, die ja auch die un⸗ ſerigen ſind, wir befeſtigen auf's Neue ſeinen Thron und was die Dankbarkeit nicht vermag, das thut die Erkennt⸗ niß der Nothwendigkeit— er ſchließt ſich feſter an uns als zuvor, weil er erkennt, daß er muß. So, Ihr edlen das Vaterland, befeſtigen und erhöhen unſer Anſehen, unſere Macht— und der reine Glanz der glorreichen Roſe ſtrahlt höher als zuvor. Alſo reicht mir die Hand und ſteht mir in dieſer Sache treu und willig bei, wie bisher. Wir ſtellen mit Leichtigkeit elftauſend Bewaff⸗ nete, ich führe zehntauſend gegen Herzog Nikolaus, mein Bruder Wock die übrigen tauſend gegen die Aufrührer an der Radbuſa; wir ſchlagen ſie zu Boden, wir entwaff⸗ nen ſie für immer, das ganze Volk dankt uns die Erhal⸗ tung des geſegneten Friedens und ſicherer als zuvor herr⸗ ſchen wir im Böhmerlande.“ „Mich ſoll ein Handſchuhmacher verarbeiten, wenn ich nicht rein umgewendet bin,“ ſagte Oger von Lomnitz, und zu ſeinen Söhnen gewendet fügte er hinzu:„und Ihr Jungens werdet gleich mir einſehen, daß der Vetter Recht hat.“ Beide erklärten ihre Zuſtimmung. „Es fehlt nicht viel,“ ergriff Sezema von Land⸗ ſtein das Wort,„ſo wäre auch ich von der Rede unſeres Vettern und Freunde, ſo, mein treuer Bruder, retten wir 222 Vetters Zawiſch vollkommen überzengt. Wenn man nur darauf bauen könnte, daß der jetzt noch bartloſe König immer in dem Wladyka ſeine etnzige ſichere Stütze fin⸗ det. Ich fürchte, mit dem Bart wird ſein Eigenſinn und der Drang nach Selbſtſtändigkeit wachſen— und was dann?“ „Kommt Zeit, kommt Rath,“ warf Heinrich von Roſenberg ein.„Jedenfalls gebietet es Pflicht und Ge⸗ wiſſen, den Weg, den uns der Vetter gezeigt, noch ein⸗ mal zu verſuchen. Der andere Weg bleibt uns ja immer offen. Unſer Vetter Sezema wird den König von Ungarn ſchon bei gutem Glauben zu erhalten wiſſen.“ „Ja,“ fiel Zawiſch ein,„jedenfalls müſſen wir uns dieſen mächtigen und großmüthigen Freund zu er⸗ halten ſuchen. Ich lege Euch, Vetter Sezema, die Bitte an's Herz, dem Könige, unſern Gönner, zu verſichern, wie wir alle die Beweiſe ſeiner Huld mit aufrichtigem Danke aufgenommen haben und befliſſen ſein wollen, dieſelbe immer mehr zu verdienen, indem wir das zarte Band, das unſer Haus mit dem ſeinigen verknüpft, als ein Unterpfand der beſtändigen Freundſchaft der Länder Ungarn und Böhmen, als Bürgen treuen Zuſammen⸗ haltens beider Nationen in allen Geſchicken betrachten und pflegen.“ 223 Einſtimmig ward hierauf beſchloſſen, die Vorſchläge Zawiſch's anzunehmen und zu vollziehen. Die Mittheilung, welche Zawiſch bei ſeiner Nach⸗ hauſekunft ſeiner Gemalin von Allem, was er inzwiſchen erlebt hatte, machen konnte, verſcheuchte ſchnell alle trü⸗ ben Wolken aus ihrer Seele und von ihrem Angeſicht. Der Gedanke an die bevorſtehende Trennung, welcher ſich an dieſe Mittheilug knüpfte, konnte augenbhicklich nicht aufkommen gegen die Freude über die Verſöhnung zwiſchen den beiden ihr ſo naheſtehenden und theuren Perſonen und über all' die ſchönen Ausſichten, die ſich daran knüpften. Er ließ ihr keine Ruhe, ſie mußte ihrer Herzens⸗ freude gegen ihren Sohn, den König, Ausdruck geben. Sie begab ſich daher am Spätnachmittag nach dem Kö⸗ nigshof, ihm einen Beſuch abzuſtatten. Er empfing ſie mit offenen Armen, heiter und belebt. Er ſprach ſeine Freude über die erfolgte Ausgleichung, ſo wie ſein volles Vertrauen in den Erfolg der von Zawiſch vorzuneh⸗ menden Schritte aus. Im Laufe des Geſpräches kam er indeß doch wie⸗ der auf das Zerwürfniß mit der Kirche wegen des Ju⸗ denkindes zurück. Er gäbe ſonſt etwas darum, wenn auch dieſes ge⸗ ſchlichtet wäre, ſagte er, und beſchwor ſeine Mutter, 224 wenn ſie in dieſer Richtung etwas thun könne, ſo ſolle ſie es ja nicht unterlaſſen; er wolle auch ſein Brüderchen um ſo reichlicher bedenken. Plötzlich blitzte in Kunigunden's Seele ein Ge⸗ danke auf. Das Zerwürfniß mit der Kirche blieb denn doch immer noch als ein Stachel im Herzen ihres Sohnes zurück. Dieſer konnte den kaum geſchloſſenen Riß auf's Neue öffnen. Mußte man nicht Alles aufbieten, um dies zu verhindern, ſowohl um des häuslichen Friedens, wie um des Wohles des Vaterlandes willen? Ließ ſich nicht vielleicht die Tochter Ben Baruch's ihr Kind um einen guten Preis abkaufen? Welcher Preis war denn zu hoch, um damit das Glück des Königs, ihres Gemals, ihres kleinen Lieblings und ganz Böhmens zu erkaufen? Und war es nicht auch zugleich ein frommes, gottgefäl⸗ liges Werk, wenn ſie eine Seele vom Verderben erret⸗ tete? Denn was Kunigunde aus dem Munde Ben Ba⸗ ruch's über ſeine Tochter vernommen, ließ dieſe nicht als eine Mutter erſcheinen, welche ihr Kind für den Himmel erziehen werde. Sie beſchloß, mit der Zauberin in Unterhandlung zu treten, und nach ihrer ſanguiniſchen Natur an den Beſchluß ſofort die zweifelloſe Hoffnung auf glücklichen Erfolg knüpfend, gab ſie ihrem Sohne die Zuſicherung, daß ſie ſein Herz auch in dieſer Beziehung nächſtens vollſtändig beruhigen werde. Auf dem Heimwege überlegte ſie, wie ſie die Unter⸗ handlung mit Ruſalka anknüpfen ſollte. Unmöglich konnte ſie ſelbſt die Zauberin an ihrem verrufenen Wohnſitze aufſuchen. Ihr fiel Ben Baruch ein; aber wie konnte ſie dieſen als Unterhändler brauchen, da er das Kind ja erſt der Kirche ſtreitig gemacht und überdies mit ſeiner Tochter zerfallen war? Während ſie in ihrem Gedächtniß nach einer an⸗ deren, zum Unterhändler geeigneten Perſönlichkeit ſuchte, ſtieß ſie auf Hynek von Lichtenburg, welcher ihr ent⸗ gegengeritten kam. Am Ende ließ ſich dieſer gebrauchen. Kunigunde ritt auf ihn zu, begrüßte ihn freundlich und nöthigte ihn, als ſie erfahren, daß er ſie habe beſuchen wollen, wieder mit ihr umzukehren. Wie ſie an die Stelle kamen, wo ſie vor einigen Wochen beide die Zauberin Ruſalka getroffen, ſagte Kunigunde: Erinnert Ihr Euch der Geſtalt noch, die uns vor Monatsfriſt einmal ſo unerwartet hier in unſerer Unter⸗ haltung ſtörte?“ Taura. Die Witkowetze. 1. 15 226 Hynek erröthete ein wenig, denn ihm kam alsbald die klägliche Rolle in den Sinn, die er bei jenem Auf⸗ tritt geſpielt hatte. Er ſchielte ſeitwärts nach der Fra⸗ gerin, um auf ihren Mienen zu leſen, in welcher Abſicht ſie die Frage an ihn richtete. Zu ſeiner großen Beru⸗ higung fand er keine Spur von Spott darauf, und ſo antwortete er leichten Herzens: „Die Störung war wenigſtens für den treueſten Eurer Diener unangenehm genug, um nicht ſogleich zu vergeſſen.“ „Und Ihr müßt geſtehen,“ erwiederte Kunigunde, „daß die Geſtalt an und für ſich auch geeignet war, ſich dem Gedächtniſſe einzuprägen. Sie war ſehr ſchön.“ Wieder warf Hynek der Sprecherin einen halben Seitenblick zu. „Wäre ſie wohl gar eiferſüchtig?“ dachte er. „Wenn ich ein Mann wäre,“ fuhr Kunigunde fort, „ich würde wohl einen Verſuch machen, ſie wieder zu ſehen.“ „Schlägt ſie etwa gar auf den Buſch,“ dachte Hynek; „ſollte ſie erfahren haben, daß ich wieder mit ihr zuſam⸗ mengetroffen?“ „Ihr waret immer ein Freund von Abenteuern,“ ſprach Kunigunde weiter,„hier gäbe es für Euch eine Gelegenheit zu einem ganz ſeltſamen Abenteuer.“ *. —,— 227 „Ochohe Fran!“ wagte jetzt der verliebte Höfling einzuwerfen;„wer verlangt nach dem Schimmer des Mondes, wenn er ſich im Strahl der Sonne ergehen kann?“ Kunigunde that, als verſtünde ſie die Anſpielung nicht; ſie erwiederte: „Ich will Euch einen guten Behelf zu dem Aben⸗ teuer geben; Ihr ſollt eine Botſchaft an die ſchöne Zau⸗ berin übernehmen.“ Hynek blickte betroffen nach der Sprecherin. Er dachte daran, welche Wendung die ungeſuchte Unterredung mit der Zauberin das letzte Mal genommen, und wie ihn dieſe nach ihrer Behauſung entboten hatte. Am Ende waren ſie doch belauſcht worden, und der Lauſcher hatte Kunigunden Bericht erſtattet. Er wußte nicht, was er ſagen ſollte. Auch Kunigunde ſchwieg, weil ſie einer Antwort gewärtig war. Endlich ſagte ſie: „Ihr ſcheint nicht Luſt zu haben zu dem Aben⸗ teuer— fürchtet Ihr Euch? denkt Ihr an—“ „O, ich denke an gar nichts,“ unterbrach er ſie er⸗ röthend—„an gar nichts— als—“er ſtockte und ſah ſich rechts und links um. 15* 228 „An gar nichts, als an die Gefahr, welche Euerm Herzen drohen würde,“ verſuchte Kunigunde ſeine Rede zu ergänzen. „Ach, meine hohe Gebieterin,“ klagte Hynek,„Ihr geht graufam mit mir um— mein Herz gehört——“ „Wenn Ihr nichts zu fürchten habt,“ fiel ihm Kunigunde ſchnell in's Wort, um ein Geſtändniß abzu⸗ ſchneiden, das ſie nicht hören mochte,—„warum erklärt Ihr Euch nicht ſchnell bereit, meine Botſchaft zu über⸗ nehmen?“ „Aber iſt es denn Euer Ernſt,“ verſetzte Hynek; „was könnt Ihr denn mit der Zauberin zu ſchaffen haben?“ „Zuerſt ſagt mir, ob Ihr einen Auftrag an die Zauberin von mir übernehmen wollt!“ drängte Kuni⸗ gunde. „Ich bin ja Euer ergebenſter Diener,“ betheuerte Hynek;„ſchickt mich in den Tod für Euch, ich werde mich keinen Augenblick weigern, zu gehen.“ „Da ſei Gott vor, daß ich Euch in den Tod ſchickte,“ entgegnete Kunigunde;„wenn ich wüßte, daß der Gang zu der Zauberin Euer koſtbares Leben in Gefahr bringen könnte, ſo würde ich Euch nicht darum bitten. Alſo ein Wort: Ihr wollt die Zauberin aufſuchen und ausrichten, was ich Euch auftragen werde?“ „Gewiß, ich bin bereit, wenn ich meiner ſchönen Herrin damit einen Dienſt erweiſen kann,“ verſicherte Hynek. „Gut, wir werden weiter darüber ſprechen,“ ſagte Kunigunde.„Vor der Hand aber haltet reinen Mnnd über dieſen Punkt.“ Sie befanden ſich dicht vor Kunigundenluſt, aus deſſen Hofthor Zawiſch mit ſeinem Söhnchen ihnen entgegentrat. Kunigunde ſprang von ihrem Zelter in die aus⸗ gebreiteten Arme ihres Gatten und theilte die zärtlichſten Liebkoſungen zwiſchen dieſem und ihrem Kinde— ein Anblick, der dem Hofjägermeiſter das Herz wie ein glü⸗ hender Pfeil durchbohrke. Solche Liebe— meinte er— wie Kunigunde ihrem Gemal erwies, konnte nicht natürlich ſein; ſie war ſicher das Werk eines böſen Zaubers, wie längſt alle Welt behauptet; das konnte nur durch einen Gegen⸗ zauber überwunden werden. Hynek dachte an Ruſalka und fand einen wunderbaren Fingerzeig des Himmels darin, daß ihn Kunigunde ſelbſt zu der Frau ſchicken wollte, die ihm ein Zaubermittel, wie er es brauchte, in Ausſicht geſtellt. Am andern Tage war er bei Zeiten wieder in Ku⸗ nigundenluſt und ließ ſich den Auftrag ertheilen, der 230 Zauberin für die Herausgabe ihres Kindes jeden Preis zu bewilligen, den ſie verlangen könnte, und wo möglich, dieſes Kind ſogleich dem Stifte Strahow zu übergeben. „Gelingt Euch der Handel,“ ſchloß Kunigunde den Auftrag,„ſo werde ich Euch lebenslänglich dafür dank⸗ bar ſein. Es iſt der größte Dienſt, den irgend ein Sterb⸗ licher mir erweiſen kann.“ Hiermit reichte ſie ihm die ſchöne Hand und ließ es ſich gefallen, daß er ſie an ſeinen Mund führte und brünſtig küßte. Berauſcht verließ er ſie und jagte uach der Stadt, wo er einen Diener zu Roß mitnahm und unverweilt nach der Gegend des Waldes ritt, in welcher Ruſalka hauſte. Der Diener kannte die Oertlichkeit und wußte ſo⸗ gar vom Hörenſagen, auf welche Weiſe man das Er⸗ ſcheinen der Zauberin veranlaßte; nur daß er damit die im Volke herrſchende Vorſtellung verband, ſie tauche auf das gegebene Zeichen aus der ſchwarzen Fluth empor. Sie erreichten die Stelle und ſaßen am Rande derſelben ab. Hynek gab dem Diener den Zügel ſeines Pferdes und ſtieg nicht ohne einiges Herzklopfen hinab. ———— 231 Auf die belannten drei Schläge an den Felſen erſchien nach wenigen Minuten Ruſalka in ihrem gewöhnlichen Aufzuge. „Ich beſtimmte Euch die Nacht vor dem Neumond zu Eurem Beſuche,“ ſagte ſie;„es fehlen noch zehn Tage an der Friſt.“ Dabei hielt ſie ihr Fahrzeug etwas vom Ufer ab. „Ich komme in einer andern Angelegenheit,“ ver⸗ ſetzte er,„mit einem wichtigen und für Euch gewinn⸗ reichen Auftrag. Wollt Ihr nicht etwas näher heran⸗ kommen, damit ich nicht ſo laut zu ſprechen brauche?“ Ruſalka fuhr an's Ufer, ohne jedoch auszuſteigen. „Was bringt Ihr mir? Ich erſuche Euch, kurz und ohne Umſchweife zu ſagen, was Ihr zu ſagen habt.“ „Die Königin⸗Mutter ſchickt mich,“ begann er, „ſie läßt Euch bitten, ihr Euer Knäblein für ein Ent⸗ geld von tauſend Mark zu überlaſſen, die Euch auf der Stelle ausgezahlt werden ſollen, wenn Ihr das Kind dahin bringet.“ Die bleiche Wange der Zauberin röthete ſich und ihr Auge loderte in Zornesgluth. „Ihrlügt!“ rief ſie;„Ihr mißbraucht den Namen der hohen Frau zu einem Bubenſtück! Denn wie könnte 232 eine Mutter an eine andere die Zumuthung ſtellen, ihr Kind zu verkaufen? Augenblicklich verlaßt dieſen Ort, dieſen uuentweihten Tempel der Natur, ehe ſich ihre Diener erheben, Euch als Entweiher zu ſtrafen!“ Hynek bebte. „Bei allen Heiligen,“ betheuerte er,„ich bin un⸗ ſchuldig, bin nur ein Abgeſandter der hohen Frau und konnte mir nicht denken, daß Ihr den Auftrag ſo übel aufnehmen würdet.“. Ruſalka ſah ihn mit durchbohrendem Blicke an. „Alſo doch“— ſagte ſie nach einer Pauſe halb⸗ laut—„es iſt nicht erlogen; eine Mutter muthet der andern zu, ihr Kind zu verkaufen. Das iſt eine neue Erfahrung, die ich von der Unnatur der großen Welt mache.“ Und mit erhobener Szimme ſprach ſie zu Hy⸗ nek:„Sagt der Königin⸗Mutter, ich ließe ſie fragen, ob es eine Summe groß genug gäbe, daß ſie ſich dafür ihres Kindes entäußerte.“ Bedenket,“ wagte Hynek vorzuſtellen,„daß es ſich bei dieſem Handel um etwas Großes handelt. Die hohe Frau will ja das Kind nicht für ſich haben, ſie will es der Kirche zurückgeben, um dadurch den Frieden und das Glück des Landes zu wahren.“ „Schlimm genug, wenn der Frieden und das Glück Eures Landes an einem ſo ſchmachvollen Handel hängt,“ 5 entgegnete Ruſalka;„ein ſolches Land verdient, daß es zu Grunde geht.“ „Bedenket,“ ſtellte Hyuek weiter vor,„daß die Königin⸗Mutter mächtig genug iſt, ihren Wunſch auch wider Euern Willen durchzuſetzen.“ Ruſalka ſtarrte den Redner mit einem furchtbaren Blick an. Dann ſchlug ſie ein wildes Gelächter auf und ief „Das klingt wie eine Drohung— man will mir mein Kind mit Gewalt entreißen— ha, ha, ha— einer Bärin— nein, einer Löwin will man ihr Kind entrei⸗ ßen— ha, ha, ha!— „Ich ſage ja nicht, daß die Königin⸗Mutter das thun will,“ warf Hynek beſchwichtigend ein;„ich meinte nur, daß ſie die Macht hätte, es zu thun.“ „Geht! Ihr ſeid ein Tropf!“ verſetzte nſalke, einen ruhigeren Ton annehmend.„Einen ungeſchickteren Abgeſandten als Euch konnte die Königin⸗Mutter nicht finden. Geht und kommt mir nie wieder mit einer ſol⸗ chen Botſchaft!“ Und ohne noch ein Wort zu ſagen, ſtieß ſie vom Ufer ab. Verblüfft blickte ihr Hynek nach— ſchon bog ſie um die Ecke des Felſens, da rief er ihr noch nach: 234 „Wie iſt es mit der Nacht vor dem Neumond?“ „Vor dem Neumond,“ wiederholte das vielfältige Echo, und Hynek war im Zweifel, ob dabei nicht auch die Stimme der Zauberin geweſen, die nun ſeinen Blicken entſchwunden war. Er ging ein Stück am Ufer hin an die Seite des Sees, von wo aus er den Eingang in die Höhle ſehen konnte. Er ſah nur den davor liegenden Nachen, die Zauberin war verſchwunden. Mit ſchwerem Herzen ritt er nach Kunigundenluſt, um der Königin über den unglücklichen Erfolg ſeiner Sendung Bericht zu erſtatten. Kunigunde ward dadurch ſehr verſtimmt und gegen die Zauberin erbittert. Zwar mußte ſie ſich als Mutter ſagen, daß ſie ſelbſt ihr Kind um keinen Preis hingeben würde— aber, redete ſie ſich vor, das war auch etwas ganz Anderes. Das Kind der Zauberin hatte einen chriſtlichen Vater, welcher es der Kirche übergeben. Er hatte mindeſtens eben ſo viel Recht auf dasſelbe, wie die Mutter, und die Kirche hatte ihm das volle Recht zugeſprochen, indem ſit das Kind aus ſeiner Hand an⸗ genommen hatte. Durch die Taufe war es unveräußer⸗ liches Eigenthum der Kirche geworden. Zwar gerieth ſie durch dieſe Anſchaungsweiſe in Widerſpruch mit ihrem Gemal, der ja die Entſcheidung — — 235 des Sechsmänneramtes ausdrücklich gutgeheißen, ja ihr durch den Arm der Staatsgewalt Geltung verliehen. Allein ſo ſehr ſie ſich auch vor der höheren Geiſtesmacht des geliebten Mannes beugte, ſo blieb doch von den ihr anerzogenen religiöſen Anſchauungen genug im Grunde ihrer Seele haften, um bei einem Anlaße, wie der vor⸗ liegende, ſie aus dem Geleiſe der vollen Unterordnung unter die Anſichten ihres Gatten treten zu laſſen. Erſt hatte ſich nur eine ganz leiſe Stimme in ihrem Herzen gegen die erzwungene Rückgabe des Kindes an deſſen jüdiſchen Großvater geregt; aber jetzt, nachdem dieſelbe ſo folgenſchwer für ihr Haus zu werden begonnen, jetzt erhob ſich dieſe Stimme lauter und der hartnäckige Widerſtand der Mutter des Kindes reizte ſie nur mehr. Die nächſten Tage zogen indeß ihre Gedanken von dieſem Gegenſtande etwas ab. Der Tag der Abreiſe ihres Gemals rückte heran und brachte ſo mancherlei Sorgen und Beſorgungen mit ſich, welche ihre ganze Zeit in Anſpruch nahmen, und am Ende hatte ihr Herz nur Raum für die zarten und mächtigen Empfindungen, welche eine liebende Gattin überwältigen, die ihren Gat⸗ ten dem ungewiſſen Schickſal eines blutigen Krieges entgegenziehen laſſen ſoll. Zawiſch traf die Anſtalten zu ſeiner Reiſe mit der größten Ruhe und Unſicht. Zuvöderſt ordnete er alle Regierungsgeſchäfte, deren oberſte Leitung während ſei⸗ ner Abweſenheit er dem ehrwürdigen Kanzler und ſeinem Schwager Hroznata übertrug. Dann beſtellte er ſein Haus, und ſo traf ihn der Tag der Abreiſe in jedem Betracht wohl vorbereitet. Seine Brüder und Vettern waren inzwiſchen in alle Theile des weitläufigen Gebiets der Witkowetze ge⸗ eilt, um die eilftauſend Mannen zu ſammeln, die zu den beiden Heereszügen beſtimmt waren, und von welchen ſie die zu dem mähriſchen Zug gehörigen zehntauſend Mann ihrem Bruder Zawiſch an der mähriſchen Grenze, und zwar in Pilgram zuführen ſollten. Die Stunde des Abſchieds war da. Kunigunde hing weinend am Halſe des Mannes, in deſſen Armen ſie vergeſſen hatte, daß ſie eine der ſchönſten Kronen der Welt getragen, und an dem ſie noch heute mit derſelben leidenſchaftlichen Liebe hing, wie an dem Tage, da ſie ihm als heimlich Verlobte in die Arme ſank. Wohl fielen ihm dieſe Thränen heiß auf's Herz. Wer konnte ihm ſagen, ob er je die theure Geſtalt, wie ſie weinte, wieder an ſein Herz drücken werde? Wie furchtbar mußte der Schmerz dieſes ſchon jetzt in Thränen zerfließenden Wei⸗ bes ſein, wenn ſie ihn als todt beweinen mußte, gefallen in der wilden Männerſchlacht? An ſeiner Seele gingen alle die Züge vorüber, welche Zeugniß gaben von der „ — 7 Größe ihrer Liebe, und wenn er nach bieſer Größe ihren Schmerz in jenem doch ſo leicht möglichen Falle maß, ſo mußte ihm das Herz bei der Frage wie ſie's ertragen ſollte. Aber er durfte nicht in weibiſche Thränen zerfließen, er mußte der ſtarke Mann bleiben, der auch den Schmerz des Weibes in ſeine Schranken zurückwies. Er mußte ſich gefaßt und voll Hoffnung zeigen, damit auch ſie ſich faſſe und aufrichte zu fröhlichem Hoffen. Und plötzlich kam der dichteriſche Geiſt über ihn, der hob ihn mit Macht über das Weh des Augenblicks und ließ ihn die faſt vermeſſenen Worte ſprechen: „Sei getroſt, mir ſagt's der Geiſt, daß ſich das Geſchick meines Lebens noch nicht erfüllt. Noch iſt das Große nicht gethan, zu deſſen Vollendung mich Gott berufen. Nur der Acker iſt beſtellt und der Samen in die Furchen geſtreut, es fehlt noch viel Arbeit bis zur Reife der Saat und ihrer Ernte. Gott wird ſeinen Ackersmann nicht abrufen vor der Zeit. Ja, ich werde wiederkehren und mein Werk vollenden. Darum ſei mein ſtarkes, muthiges Weib, gieb dem Sohne deines Zawiſch ein Beiſpiel freudigen Muthes, damit er ſeines Vaters wür⸗ dig werde. Leb' wohl, leb' wohl! Gott ſchütze dich!“ Noch einmal preßte er ſie an ſein Herz; noch ein⸗ mal küßte er die Thränen von ihren Wimpern; noch 338 einmal drückte er einen heißen Kuß auf ihren Mund; dann riß er ſich los und ſchwang ſich auf das bereit⸗ ſtehende Pferd. Jetzt trat der junge König, von dem er ſich ſchon drinnen verabſchiedet, aus dem Hauſe und rief: „Bringt mir doch eine polniſche Grammatik mit, Vater! Ich will, wenn Ihr zurückkommt, polniſch lernen. Ich kann jetzt erſt vier Sprachen, und möchte gern alle Sprachen der Welt kennen.“ Zawiſch mußte lächeln. Er verſprach den Wunſch des Jünglings zu erfüllen, der, wo es ſich um die Ret⸗ tung ſeines Reiches handelte, an nichts als eine Gram⸗ matik dachte, warf ſeiner Gemalin noch einen liebevollen Blick zu und ſprengte mit ſeinem Gefolge aus dem Hofe von Kunigundenluſt. Ende des erſten Theiles. 8 8 S ₰ * 2 — E S 8 — * 8 6 — 6 3 ſ ſiſſſſſiſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſiſſſinſm 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18