V 4ℳ „* Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih, und ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe itteet welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für whchentlich 2 Bücher: 4 Pücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 1 M.— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5 S — — ——— 5 Auswärtige Lonnenten haben füt Hin- Und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. 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Dem Urwald ge⸗ kaubt, iſt der Boden des ganzen Geländes faſt durch⸗ gängig ein ſchweres kaltes Torfmoor, in welchem bei der Rauhheit des Klimas kaum die Kartoffel und nur Viehfutter in reichlichem Maße gedeiht. An dreitauſend Menſchen leben auf dieſer traurigen Scholle Die Tochter des Wilddiebes. 1 2 in harter Mühſal ein dürftiges Leben, und gewiß hat ſchon mancher Menſchenfreund, der ſich hier um⸗ geſehen, bei ſich gedacht: es wäre beſſer, ſtatt der Hütten ſtänden Waldbäume, und nichts als Wald⸗ bäume da. Aber wer ſo denkt, mag das ja keinen der hier Geborenen hören laſſen, denn dieſe laſſen ſo wenig auf ihre Heimat kommen, wie die Be⸗ wohner des glücklichen Arabiens auf die ihrige. Zu⸗ mal ſeit ſie ſo ſtill und friedlich leben inmitten ihrer ausgebreiteten Wälder, die Einen vom Ertrage ihres Ackers und Viehes, die Andern von der Arbeit im Walde, vom Spitzenklöppeln, Gemüſehandel und an⸗ derem ehrlichen Erwerb. Dieß ward nämlich nicht immer der Fall da oben. Unſere Großväter wiſſen ſich noch zu erinnern, daß die Walddörfer, beſonders die am weiteſten nach Mitternacht gelegenen Kühnheide und Rübenau, der Fluch der ganzen Gegend vom Preßnitzwaſſer bis an die Flöhe, und vom Gebirgskamm bis an die Zſchop⸗ au waren. Denn ganze Banden von Wilddieben und Räubern gingen aus ihnen hervor und ſetzten unſere Vorfahren in Schrecken bis in den Anfang dieſes Jahrhunderts herein. In üppigſter Blüte ſtand das Raubweſen zwiſchen dem zweiten und dritten ſchleſiſchen Kriege, — 3 5 wo im Sachſenlande die Liederlichkeit im öffentlichen Haushalt und in der feinen Geſellſchaft mit der Roh⸗ heit und Unwiſſenheit der unteren Klaſſen ſich ver⸗ einten, alle Pfeiler der Ordnung und Sittlichkeit zu untergraben. Um jene Zeit und zwar gen tage des Jahres 1754 war es, wi nmittle⸗ ren Nachmittagsſtunden ein ſtattliche oß einen jungen Mann von ſehr reſpektablem Ausſehen auf dem Wege dahin trug, der von dem Bergſtädtchen Marienberg nach dem damals übelberufenen Wald⸗ dorfe Kühnheide führte. Der Reiter mochte etwa dreißig Jahre alt ſein, wenn nicht die Anſtrengung des Stu⸗ direns ihn um einige Ja älter ausſehen ließ, als er war. Sein Geſicht, einer braunen Perücke und einem Dreimaſter b hatte eine reine Haut⸗ farbe, und feine vornel ige mit dem Ausdruck herzlichen Wohlwollens⸗ lauen Augen ſchau⸗ ten mild und munter elt hinaus. Seine Haltung zu Roß beurkunde geübten Reiter. Gemächlich ritt er durch das ſchweigende Halbdun⸗ kel des Buchenwaldes, der ſich mit ſeinem rothen und gelben Laubdache über ihm wölbte, und er ſchien ſich am Michaelis⸗ ganz dem Zauber hinzugeben, den der Wald und zu⸗ mal der Buchenwald auf jedes empfängliche Gemüth übt. Nur dann und wann ward er aus ſeinem Be⸗ hagen auf Augenblicke herausgeriſſen, wenn ſein Roß über einen Stein oder eine der Baumwurzeln ſtol⸗ perte, welche den Weg vielfach durchzogen. So er⸗ reichte er die Lichtung, welche ſchon damals die noch jetzt blühende kleine Waldkolonie Gelobte Land“ trug. Hier kam ihm kopf mit ſcharfen, ſtrengen Zügen von ſtattlichem Wuchs, wenn auch minder ſtattlicher Haltung zu Roß, das freilich auch danach war,— einer jener unbe⸗ ſchreiblichen Klepper, wie ſie die Roßkämme von Kühn⸗ heide und Satzung noch heute auf den Markt brin⸗ gen. Wie die beiden iter einander nahe genug kamen, daß einer des andern Züge erkennen konnte, ſpornte der Graukopf Gaul zu einem Trott an und rief dem Entgegenkömmling zu:„Bheu Magister Theophile! ſ r es wirklich, oder iſt es Euer Schatten?“ „Ich bin es, nſpektor!“ entgegnete der Angerufene dicht an den Alten hinanreitend und ihm die Hand entgegenſtreckend. Dieſer nahm die Hand und ſchüttelte ſie wacker, dann ſagte er:„Aber wenn ich nicht Euer Fleiſch und Blut fühlte, ſo glaubte ich nicht an Euer wirk⸗ liches Hierſein. Ich vermuthete Euch eher unter den in anderer Reiter entgegen. Ein Grau⸗ 5 Olivenbäumen von Languedoe, als unter den Buchen und Tannen des Erzgebirges. Nun ſagt mir, wie tommt Ihr hieher und wohin wollt Ihr?“ „Wie Sie ſehen, trug mich dieß gute Thier hierher— ein prächtiger Kerl, nicht wahr? Es iſt ein Geſchenk unſerer Gräfin; ſie verehrte es mir, als ich mit ſeiner Hilfe ihren Sohn in der Rhone vom Ertrinken gerettet hatte.“ „Ah davon hat mir die Gnädigſte ſelbſt ge⸗ ſchrieben“— ſiel der Greis ein—„ſie war ganz voll von Eurer That, Magiſter, ganz voll, ich glaube, ſie läßt es nicht bei dem Pferde bewenden mit ihrer Dankbarkeit“— „O ihrer Dankbarkeit hat ſie ſchon mehr als genug gethan, wenn ich Dank für etwas verdiente, was ich nicht laſſen konnte. So erweiſt ſie mir eben jetzt wieder eine Gunſt, die mich ihr zum größten Dank verpflichtet, indem ſie mich hierher ſendet, die Stelle des ſo ſchwer kranken M. Dietrich zu ver⸗ treten.“ „Wie? Was? ſeid Ihr bei Troſte, Magiſter? Ihr, der hochgelahrte Mentor eines hochgräflichen Telemach, der ſich zeither nur in der feinſten Sozietät beweget, und nur eben erſt aus dem luſtigen Frank⸗ reich kommt, wollt Euch in die miſerabelſten Wald⸗ 6 neſter unter eine Nativn von Wilddieben und Räu⸗ bern ſetzen, wollt Euch für den löblichen Eifer, die Leute in den Himmel zu bringen, ausplündern, wo nicht gar ſelbſt vorzeitig in den Himmel ſpediren laſſen? Me hercle! ein Heldenſtück, deſſen ſich der weiland göttliche Stalltnecht des Augias nicht ſchämen dürfte. Kehrt um Gotteswillen wieder um, gleich hier an der Schwelle dieſer terra maledicta, zu de⸗ ren übelgeplagtem Gerichtshalter mich Gott in ſei⸗ nem Zorn gemacht, kehrt um und geht wieder in Eure ſpendide Kondition, und wartet, bis auf den anderweitigen Gütern der hochgräflichen Herrſchaft eine fette Pfarre zur Vakanz kommt, wie ſie ſich für einen ſo feinen und gelahrten Mann geziemt.“ Dieſen Sermon hatte der junge Levit mit keinem Laut unterbrochen. Zuweilen hatte ſeinen Mund nur ein feines Lächeln umſpielt, manchmal auch ſein Ge⸗ ſicht ſchwärmeriſch aufgeleuchtet und ein leichtes Roth ſein edles blaſſes Geſicht überflogen. Jetzt aber entgegnete er: „Wer kein Miethling iſt, ſondern ein rechter Jünger ſeines Herrn und Meiſters, der folgt ſeinem Rufe überall hin, und wäre es in die Wüſten Afrika's, oder in die Eisfelder der Samvjeden, und am lieb⸗ ſten geht er dahin, wo es am meiſten Verlorenes N . — zu ſuchen gibt. Mich leitet nicht die Sucht nach einer Pfründe; ich bin zwar zum Vikar für Küchen⸗ heide und Rübenau cum spe succedendi ernannt, aber ich wünſche und hoffe, daß der gute M. Diet⸗ rich bald wieder in den Stand kommen möge, ſein Amt weiter zu verſehen. Sollte es aber im Rathe Gottes anders beſchloſſen ſein, ſo werde ich mit Freuden bleiben. Ich ſehe gerade in dieſem verach⸗ teten Winkel unſeres Vaterlandes ein reiches Feld vor mir, an dem ich alle Kräfte meines Geiſtes und Gemüthes erproben kann, und ich hoffe unter Gottes Beiſtand viel guten Samen auszuſtreuen, viel Un⸗ kraut auszurotten und reiche Frucht aufgehen zu ſehen“ „Gerade ſo dachte der würdige M. Dietrich, als er vor zwölf Jahren ſein beſchwerliches Amt autrat,“ verſetzte der Akzisinſpektor, denn dieſen Titel führte der Gerichtshalter von Kühnheide, der ſeine Reſidenz in Marienberg hatte;„und nun liegt er da, ein gebrochener Mann, gebrochen an dem ſtar⸗ ren, zucht⸗ und ruchloſen Geiſte ſeiner Gemeinden. Glaubt mir, Magiſter, an den Kühnheidern und Rübenauern iſt Hopfen und Malz verloren und es wäre am beſten, beide Diebesneſter ereilte das Ge⸗ richt von Sodom und Gomorrha, damit ihre Nach⸗ — 8 barn ohne Sorgen um ihr Hab' und Gut das Haupt auf den Pfühl legen könnten!“ In dieſem Augenblicke zog Theophilus ſein Pferd zurück, um einem Frauenzimmer Platz zu ma⸗ chen, das, mit einem ſchweren Korb beladen, den beiden Reitern ganz nahe gekommen war und nun auf dem von ihnen verſperrten Wege nicht weiter konnte. Als Theophilus die eine Hälfte frei gemacht hatte, ging es mit einem guten Tag vorüber. Aber der plötzliche Anblick einer Menſchengeſtalt, welche ſich den Kopf mit einem blendendweißen Tuche dergeſtalt verbunden hatte, daß man kaum ihr Geſicht ſehen konnte, mit einem weißüberdeckten Korbe auf dem Rücken, machte den Klepper des Akzisinſpektors ſcheu, daß er einen Seitenſprung machte, der den Weg abermals verſperrte und den Reiter aus dem Sattel hob. Zum Glück fiel er nicht ſehr unſanft auf den hohen Rand des hohlen Weges, ſo daß er augen⸗ blicklich wieder aufſtehen und den Zügel ſeines Gaules erfaſſen konnte. Aber nun wendete er ſich mit glüh⸗ rothem Geſicht und funkelnden Augen gegen die un⸗ ſchuldige Urſache ſeines Falles.„Dummes, unge⸗ ſchictes Weibsbild!“ ſchric er ſie an;„konnteſt Du nicht warten, bis der Weg hier frei war?“ „Haltet zu Güte, Herr Inſpektor!“ verſetzte 3 5 3 die Angeredete mit heller, wohlklingender Stimme, „ich muß noch zur Stadt und heute wieder zurück nach Kühnheide, das iſt ein weiter Weg für ſo kur⸗ zen Nachmittag; und die Nacht mag ich mir nicht über den Hals kommen laſſen.“ „Was macht Ihr Kühnheider Euch aus der Nacht!“ ſagte der Gerichtshalter;„Ihr ſeid ja Nacht⸗ vögel, und Du freches Weibsbild, das ſeinem Ge⸗ richtshalter ſo reſpektwidrig geantwortet, gehörſt ge⸗ wiß zur beſten Sorte. Irr' ich nicht, ſo hab' ich Dich heute ſchon auf dem Gerichtstag gehabt, zieh' mal ab Deine Kapuze!“ Das Frauenzimmer regte ſich nicht. „Na, wird's bald? Willſt Du Deiner Obrigkeit gehorchen?“ herrſchte der geſtrenge Mann ihr zu. „Ich weiß nicht, was Er will!“ verſetzte ſie. „So? Du dumme Gans!— die Kapuze, den weißen Fetzen ſollſt Du vom Kopfe nehmen, daß ich Dein Geſicht ſehe!“ „Das iſt keine Kapuze und kein Fetzen,“ ſagte das Frauenzimmer, einwenig ſtolz das Tuch herunter⸗ reißend,„da ſeh' Er, ob ein Loch darin iſt!“ Thevphilus, dem der Auftritt höchſt peinlich war, erblickte jetzt hoch überraſcht ein Geſicht von außer⸗ ordentlicher Schönheit, einer Schönheit, wie ſie den Töchtern dieſes Landes nicht eigen zu ſein pflegt. Den edlen Schnitt dieſes Geſichtes und auch ſeine Färbung hatte er auf ſeinen weiten Reiſen nur in Rom getroffen. Eine Fülle dunklen lockigen Haares, das es umrahmte, vollendete den ſüdlichen Charakter desſelben, der Schimmer eines regen Geiſteslebens und ein Zug von Leid, der das ſehr in die Augen ſpringende Gepräge von Energie milderte, machten es in hohem Grade intereſſant. Aber ſo tief der Eindruck war, den die edle Erſcheinung auf den jungen Geiſtlichen machte, ſo wenig rührte ſie das Herz des Gerichtshalters. „Dacht' ich's doch,“ ſagte er,„daß Du es wäreſt, Du würdiger Zweig eines böſen Stammes. Hätte ich den Gerichtsdiener bei mir, ich ließe Dir auf der Stelle fünfundzwanzig aufzählen für Deine freche Antwort, Du elende Dirne! Aber ich will Dir den frechen, widerſpenſtigen Muth ſchon noch brechen, ſo wahr ich Dein Gerichtshalter bin. Ich bin Deinen Schlichen und Diebsverbindungen auf der Spur und ich will ſchon noch ganz dahinterkommen. Jetzt Marſch— doch halt! was haſt Du in Deinem Korbe? Ich wette, es iſt Wildpret darin, Du Wilddiebsdirne!“ „Ich handle ſeit langer Zeit mit Butter,“ ver⸗ ſetzte das Mädchen,„ganz Marienberg kennt die 1 11 Helbig Dore als ehrliche Butterfrau, die nur gute Waare und gutes Gewicht auf den Markt bringt“— „Und die Akziſe betrügt— fiel der Akzisin⸗ ſpektor ein—„ich kenne Euch, Kühnheider, es iſt keine gute Faſer an Euch. Mach' auf Deinen Korb, ich will Deine Waare ſehen.“ „So halt' Er mich doch nicht unnöthig auf,“ ſagte Dore;„wie will ich denn vor Nacht in die Stadt und wieder herein kommen?“ „Setz' ab und mach' auf! ich ſage es zum letz⸗ tenmal!“ herrſchte der Geſtrenge. Zögernd und einwenig zitternd gehorchte ſie. Der Akzisinſpektor trat an den Korb, in welchem die ſchönſte gelbe Butter aus ſchnetweißen Linnen her⸗ vorleuchtete. Aber er ließ ſich durch dieſen Anblick nicht beſtechen, er fuhr mit der Hand unter das Tuch bis auf den Boden des Korbes. „Wahrhaftig!“ rief er,„da liegen zwei Haſen. Siehſt Du, Wilddiebsdirne, jetzt ertapp' ich Dich! Nimm Deine Butter weg, daß ich die Haſen ans Licht ziehe und als Corpus delicti an mich nehme. Der Herr hier iſt Zeuge, und ich will Dir den Prozeß ſchon machen! Sicher weißt Du auch um den Kirchendieb⸗ ſtahl, mit dem ich mich nun ſeit ſechs Wochen her⸗ 2 umquäle— aber nun will ich ſchon dahinterkommen mit Hilfe der ſpaniſchen Stiefel.“ Das Mädchen hob das Tuch mit der Butter heraus und der Inſpektor brachte zwei Haſen zum Vorſchein.„Me hercle!“ rief er, ſie an den Läufen gegen Theophilus in die Höhe haltend;„ein Paar Prachtkerle, ſchade, daß ſie als Corpus delicti elen⸗ diglich Lerderben müſſen. Aber das iſt auch nicht nöthig, wenn Sie bezeugen, daß ich die Haſen bei der Unheilsdirne da gefunden.“ Dore war auf ihre Kniee geſunken und bat jetzt mit gefalteten Händen:„Seid nicht ſo ſtreng mit mir, Herr Atzisinſpektor! Ich habe die Haſen nicht geſtehlen, ſondern ein Böhmiſcher hat ſie mir geſchenkt für meinen alten blinden Vater, den ich ernähren muß von meinem kargen Verdienſt und noch fünf Kinder dazu.“ „Ei, lüg' Du und der Henker!“ ſagte der In⸗ ſpektot;„haſt Du venn Fünflinge gehabt?“ Dore ſenkte blutroth das Geſicht und ſagte: „Vier Kinder hat mir meine verſtorbene Schweſter hinterlaſſen; ihr Mann war ſchon vor ihr todt.“ „Das iſt was And'res,“ ſagte der ſtrenge In⸗ quiſitor etwas milder;„aber mit geſtohlenem Wild⸗ pret ſollſt Du darum doch nicht handel —— aber, wenn man einmal vom rechten Pfade weicht, da geht's bald durch Dick und Dünn in alle Sünde und Schande hinein. Jetzt geh' Deiner Wege!“ Dore machte keinen Verſuch weiter, das Herz des ſtrengen Mannes zu rühren. Sie erhob ſich ſtill und beugte den edlen Gliederbau wieder unter die Laſt ihres Korbes. Als ſie an Theophilus vorüber⸗ ging, warf dieſer ihr ſeine Börſe in den Korb und ſagte halblaut:„Such' Sie das hernach, es wird Ihr die Haſen erſetzen.“ Sie ſchlug die Augen zu ihm auf und ſah ihn mit einem verwunderten und dankbaren Blick an. Sie wollte ſprechen, er aber winkte ihr, auf den In⸗ ſpektor deutend, zu ſchweigen. Langſam ſetzte ſie ihren Weg fort. Der Akzisinſpektor befeſtigte die konfiszirten Haſen am Sattel und beſtieg ſeinen Klepper wieder. „Da habt Ihr gleich eines Eurer künftigen Beicht⸗ tinder kennengelernt, Magiſter Theophile; dieſe Dirne iſt die Tochter eines der berüchtigtſten Wilddiebe, dem aber Gott das Handwerk durch Blindheit gelegt. Kein Wunder, daß auch zur Tochter nichts iſt. Schade jum die ſchöne Perſon, aber ſie iſt frühzeitig gefallen, hat ein Kind, ohne daß jemand ſeinen Vater kennt; vermuthlich iſt es der fürchterlichſte Räuber unſerer von ſolchem Geſindel ſchwergeplagten Gegend— männiglich bekannt unter dem Namen der Baſtel oder Schmiedeberger Karl, jetzt glücklicherweiſe in feſtem Gewahrſam im Bau zu Dresden. Ich bin neu⸗ lich auf die Spur gekommen, daß ſie mit dieſem Ver⸗ brecher vertrauten Umgang gehabt, und daß ſie noch heute mit den ſchlimmſten Dieben der Gegend ver⸗ kehrt. Aber ich will ihr nun ſchon zu Leibe gehen; ſo verſtockt ſie iſt, ſoll ſie doch beichten müſſen. Wozu hätten wir denn die Tortur, als verſtockte Sünder zum Beichten zu bringen?“ „Um Gotteswillen, Herr Inſpektor! Sie werden doch die Tortur nicht gegen ein Weib anwenden? Was ſag' ich: gegen ein Weib— Sie werden doch überhaupt keinen Gebrauch mehr machen von dieſem ſchmachvollen Inquiſitivnsmittel?“ „Was? ſchmachvolles Inguifitionsmittel!“ rief der Gerichtshalter und ſtarrte den Frager an, wobei ſein Zopf ſich nach hinten aufzurichten ſchien.„Die Tortur iſt das Fundament der Kriminaljuſtiz— der Kriminaljuſtiz die Tortur nehmen, heißt ſie ſelbſt über den Haufen werfen. Magiſter Theophile, Ihr habt auf der Univerſität Halle doch nicht den un⸗ ſinnigen Neuerern, der Sekte des weiland berüchtigten Thomaſius, den gott⸗ und hirnloſen Widerſachern unſeres großen Karpzov, denen habt Ihr doch nicht etwa Euer Ohr geliehen, oder Euch gar zu ihnen geſellt, dieſen Zerſtörern alles Rechtes und aller Ordnung!“ „Mein lieber Herr entgegnete der Magiſter ſanft,„es thut milt leid, mich mit Ihnen in einer ſo ernſten Angelegenheit in Widerſpruch zu finden. Ich will mich nicht zum Vertheidiger eines Mannes aufwerfen, deſſen Andenken die ſpäteſten Geſchlechter mit dem des edlen Jeſuiten Spee zu⸗ gleich noch ſegnen werden, ich will auch den Mann nicht verunglimpfen, den Sie als das Orakel krimi⸗ naliſtiſcher Weisheit bewundern— aber ich will Ihnen ſagen, daß dem Baum der Tortur ſchon die Art an die Wurzeln gelegt iſt, der geiſteshelle Preu⸗ ßenkönig hat ſie in ſeinen Landen thatſächlich abge⸗ ſchafft und in wenig Jahrzehnten werden alle dent⸗ ſchen Staaten dieſem Beiſpiel gefolgt ſein. Dann wird ſich zeigen, ob die Tortur wirklich, wie die Herren Rechtsgelehrten glauben, das Fundament der Strafrechtspflege iſt und ohne dieſelbe Recht und Ordnung nicht beſtehen können. Es wird Zeit, daß ich nun weiter ziehe, ſonſt wollte ich Ihnen meine Gründe für die Verwerflichkeit der Tortur ausführlich dar⸗ legen Es wird dazu ſchon Gelegenheit kommen. Vor — 16 der Hand laſſen Sie mich nur eine Thatſache an⸗ führen, die Sie veranlaſſen mag, ſelbſt über den Gegenſtand nachzudenken. Vor wenig Tagen be⸗ ſuchte ich die dresdner Baugefangenen. Da fiel mir unter andern uni Geſichtern auch eines von einer eigenthümllhen, grauenvollen Schönheit auf. Es war faſt regelmäßig geformt und auf den erſten Blick erſchien ſein Ausdruck wahrhaft edel. Die Erſcheinung zog mich an. Allein bei längerem Verweilen war es mir, als träte durch die ſchönen Züge immer deutlicher der Ausdruck ſataniſcher Bos⸗ heit— nein, das iſt nicht richtig, ich ſollte eher ſagen: titaniſchen Trotzes, der die Welt verachtet und im Kampf gegen ihre Ordnung eine wilde Ge⸗ nugthuung findet. Da er Katholik war, ſo konnte ich mich mit ihm nicht weiter einlaſſen, ich erfuhr aber von dem Aufſeher, es ſei ein gewiſſer Jo⸗ hann Kaiſer, der Anführer der Räuber in hieſiger Gegend“— „Was? den habt Ihr geſehen?“ fiel der In⸗ ſpektor ein,„das iſt ja der vermuthliche Schatz der Dirne, die eben von uns ging, der hier gemeinlich nur unter jenem anderen Namen bekannt iſt. Das iſt ein fürchterlicher Kerl, der hat nicht weniger als 4 viermal die Tortur beſtanden, zweimal in Böhmen Die Tochter des Wilddiebes. 17 und zweimal in Sachſen. Der Teufel hat eiſerne Nerven. Zuletzt wurde er noch einer Lumperei über⸗ führt, und wegen der kam er auf den Bau, wenn ich nicht irre, auf drei Jahre.“ „So iſt es,“ ſagte Theophilus,„dieſe drei Jahre ſind in dieſen Tat bgelaufen und man glaubt, der Entlaſſene werde ſein Weſen ärger trei⸗ ben, als zuvor. Was hat da nun Ihre Tortur geholfen? Sie hat viermal ihren Zweck verfehlt, denn die„Lumperei, welcher er überführt worden, hat er freiwillig eingeſtanden. Wie oft ſind dage⸗ gen Unſchuldige durch die Folter zu Geſtändniſſen genöthiget worden, die ſie auf das Schaffot gebracht! Aber ich glaube auch, daß jener Kaiſer durch die Tortur erſt der zfürchterliche Kerl« geworden, wie Sie ihn nennen, und der Bau wird ihn wohl nur noch fürchterlicher gemacht haben, fürchte ich. Mein lie⸗ ber Herr Inſpektor, es iſt eine grundfalſche, aus gänzlicher Unbekanntſchaft mit der menſchlichen Na⸗ tur und mit der Geſchichte der Menſchheit ſtammende Anſicht, daß das Böſe in der Welt durch Böſes könne überwunden und ausgerottet werden. Und es iſt ſehr ſchlimm, daß die Anſicht ſelbſt unter Denen herrſcht, die nach dem großen Herzenskun⸗ digen ſich nennen, der da lehrt das Böſe zu über⸗ 2 18 winden mit Gutem und der das entgegengeſetzte Verfahren ſo treffend und ſcharf mit den Worten bezeichnet; den Teufel austreiben durch Beelzebub. Mein lieber Hert Inſpektor! mir ſcheint unſer gan⸗ zes peinliches Verfghren ein ſolches Teufelaustreiben durch Beelzebub 3„da treibt man einen gelin⸗ deren aus und ein ärgerer kommt hinein. Es ſind die armen Orte, wohin ich gehe, nicht allein in der Chriſtenheit ſo großen Uebels voll, es hat der Ab⸗ fall der Lenker und Leiter der Völker und Gemein⸗ den vom wahren Chriſtenthum, ſoweit das Kreuz erhöht iſt, grauenhafte Unheilsſaaten aufſchießen laſſen, die bald in wilden unmenſchlichen Kriegen zwiſchen Volk und Volk, bald in Verbrechen der Einzelnen ihre Früchte ſpenden. Ich war in Frank⸗ reich, da ſah ich ein großes, herrliches Volk durch ein Jahrhundert lang geführtes unchriſtliches Regi⸗ ſo in Verwilderung verſunken, daß ich mit blutendem Herzen durch die üppigſten Fluren gewan⸗ delt und mit der ſchauernden Ahnung von ihnen gegangen bin, daß hier über lang über kurz all die Rohheit, Unwiſſenheit und ſittliche Verſumpfung, wozu man die Maſſen verdammt, aller geiſtliche und leibliche Druck ſich fürchterlich rächen werde an Denen, die jene wie dieſen verſchuldet. Mein Herr Inſpef — 19 tor! die alleinigen Grundpfeiler des Rechtes und der Ordnung ſind Erkenntniß und Liebe! Erkennet die Wahrheit und ſie wird euch frei machen.— frei nämlich vom Fluch der Sünde, und:„ſo zie⸗ het nun an hetzliches Erbarmen, Freundlichkeit, De⸗ muth, Sanftmuth, Geduld, wie Skt. Paulus an die Koloſſer ſchreibt. Das iſt und bleibt die Lebens⸗ ordnung für die Chriſtenheit, die gilt für Hoch und Niedrig, die wird von keiner Seite ungeſtraft verletzt. Bethörte, gräßlich verblendete Menſchen! Durch Schwert und Feuer haben ſie das Evangelium ver⸗ breiten, die Wahrheit ſchirmen wollen, durch Blut, Thränen und Seufzer wollen ſie das Recht ſtützen und die Ordnung. Da haben ſie nun Scheiterhau⸗ fen angezündet, daß man das Weltall mit ihrer Glut erleuchten könnte, und die Sekten haben ſich vermehrt, da haben ſie gefoltert und eingekerkert, ge henkt, geköpft, gerädert, und der Diebe, der Mör⸗ der, der Unruhſtifter ſind dadurch nicht weniger ge⸗ worden. Noch wollen ihnen die Angen nicht auf⸗ gehen, daß ſie auf ganz verkehrtem Wege ſind. Aber ſie werden ihnen aufgehen. Allenthalben in der Chriſtenheit regt ſich ein neuer Geiſt, der Geiſt der Erkenntniß und Liebe. Und gerade in jenem ver⸗ wahrloſten Lande ſtehen ſeine kühnſten Propheten auf. 2* ——— ———— die mit dem Feuer des Elias gegen die Bollwerke des Wahns und der Liebloſigkeit wettern; und wenn nicht alle Zeichen trügen, ſo werden ſie ſiegen. Nun iſt es aber hohe Zeit, daß ich weiter reite. Darf ich noch eine Bitte an Sie richten, lieber Herr Inſpektor, ſo verfahren Sie glimpflich mit je⸗ nem armen Frauenzimmer. Vielleicht iſt es weit weniger ſchuldig, als Sie glauben.“ Der Inſpektor konnte den tiefen Eindruck, wel⸗ chen die Rede des jungen Geiſtlichen auf ihn ge⸗ macht, nicht verbergen; das Waſſer ſtand ihm in den Augen, er reichte ihm die Hand und ſagte: „Gott ſegne Euch, Herr Magiſter— ich glaube doch, ich habe die arme Dirne zu hart angelaſſen und ich will ſehen, was ich für ſie thun kann, ohne dem Recht zu nahe zu treten. Behüt' Euch Gott; wenn nicht eher, zum nächſten Gerichtstag ſehen wir uns wieder.“ Beide Reiter verfolgten nun in entgegengeſetzter Richtung ihren Weg. Zweites Rapitel. Abenteuer. Theophilus konnte die Geſtalt des armen Mäd⸗ chens von Kühnheide lange nicht wieder loswerden. 24 Es war ſoviel in ihrem Weſen, was die wärmſte Theilnahme in Anſpruch nahm. So tief ſie immer in Schmach und Elend verſunken ſein mochte, durch ihre ganze Erſcheinung flammte noch ein lichter Strahl unbefleckter Gottebenbildlichkeit. Daß ſie als Mädchen gefallen war, hatte ſie ſelbſt eingeräumt, aber ob ſie gefallen war durch jenen Verbrecher, den er auf dem Bau geſehen, das ſchien ihm ſehr zwei⸗ felhaft. Sein Herz weinte bei dem Gedanken an die bloße Möglichkeit dieſes Falles. Und es weinte über alles Elend, das dieſes edle Geſchöpf offenbar umſtrickt hielt. So in Gedanken verſunken ritt er langſam ſeines Weges, den er nach der Beſchreibung, die er ſich in Marienberg hatte geben laſſen, nicht wohl verfehlen konnte. So zog er auch an der einſamen Mühle vorüber, welche in einem flachen Waldthale lag und ihm als die„Raizmühle“ bezeichnet worden war. Unvermerkt aber lagerte ſich einer jener dichten Nebel über die Gegend, die der Schrecken jedes Gebirgswanderers ſind, und die das Plateau des Erzgebirgs oft tagelang ſo dicht bedecken, daß ſie die Gegenſtände bis auf wenige Schritte dem ſpä⸗ henden Blicke entziehen. Noch ritt Theophilus un⸗ beſorgt weiter, bis er an eine Lichtung kam, auf der ſich der Pfad plötzlich in ein Gewirr von einander durchkreuzenden Spuren im moorigen Bo⸗ den verlor. Er war zu wenig mit der Eigenthüm⸗ lichkeit der Waldwege in dieſen Gegenden bekannt, als daß er hätte denken ſollen, der Weg höre hier oöllig auf, er glaubte, derſelbe müſſe ſich jenſeits des Moores wieder fortſetzen. Mit unſäglicher An⸗ ſtrengung arbeitete er ſich durch, aber als er auf der andern Seite den Wald erreichte, fand er ihn oöllig pfadlos. Er ſuchte hin und her, und fand keine Spur von einem Durchgang. Es blieb ihm nichts übrig als umzukehren. Aber nun hatte er die Richtung des alten Weges verloren. Die Blöße war ſehr groß, der Nebel geſtattete keinen Ueber⸗ blick und der Reiſende mußte den ganzen Raum um⸗ gehen, bis er ſeinen Weg wiederfand. Darüber ver⸗ ſtrich eine gute Stunde. Eudlich war er ſo weit, daß er wieder dahin zurückkehren konnte, woher er gekommen. Er machte ſich Vorwürfe, daß er ſich in der Mühle nicht genau nach dem Wege erkun⸗ diget, und beſchloß jetzt dahin zurückzukehren und das Verſäumte nachzuholen. Mit dem Nebel war zugleich eine ſo empfindliche Kälte eingetreten, daß Reiter und Roß vom Froſt geſchüttelt wurden; in der 23 Mühle konnte man ſich wohl auch etwas erwärmen und erholen. Genau zwei Stunden, nachdem er ſie das erſte⸗ mal paſſirte, war Theophilus wieder an der Wald⸗ mühle. Er ſtieg ab und fragte die am Fenſter ſtehende Müllerin, ob er für ſein Roß etwas Hafer oder Brot für ſich auch eine kleine Erquickung haben könne. Die Frau maß ihn erſt mißtrauiſch vom Kopf bis zum Fuß, dann antwortete ſie, Hafer für das Pferd ſei ſchon da, auch Heu, und für den Herrn ein Trunk Bier zu Brot und Butter. Das war dem Wanderer genug Er bat ſein Pferd unter Dach bringen zu dürfen; die Frau befahl einem mehlbe⸗ ſtäubten Burſchen, es in den Stall zu ziehen und zu füttern, und führte den Fremdling in die Stube. Hier umfing den vom Froſt Erſtarrten eine wohl⸗ thuende Wärme, und die Müllerin, ein junges, run⸗ des, ſauber ausſehendes Weib, hieß ihn freundlich willkommen und ſich's bequem machen. Wer heutzu⸗ tage in dieſe Waldmühle kommt, die jetzt mit einer Baumwollenſpinnerei verbunden iſt, der wird darin zur Bequemlichkeit nicht nur weiche Polſterſtühle, ſon⸗ dern auch ein Sopha mit Springfedern finden. Un⸗ ſerem Theophilus bot ſich nur eine Ofenbank von ſchlichtem Fichtenholze dar, auf der er neben einem großen Tiſch von Eſchenholz Platz nahm. Die Müllerin erſchien bald mit einem Bällchen“ friſcher Butter auf einem hölzernen Teller, nebſt einem Laib Brot, das der Größe eines Wagenrades zuſtrebte. Ein Meſſer, das ſie aus dem Tiſchkaſten nahm und mit einem zweiten von dem daran klebenden Brot⸗ ſchliff befreite, legte ſie vor den Gaſt und nöthigte ihn zuzulangen. Als er den rieſenhaften, riſſigen Brot⸗ laib ergriff, um ihn außzuſchneiden, faßte die Frau ihn näher ins Auge und plötzlich rief ſie:„Iſt Er auch verheiratet?“ Er ſah ſie verwundert an und verneinte. „Dann darf Er das Brot nicht aufſchneiden, ſonſt bekommt er in ſieben Jahren keine Frau,“ ſagte ſie und wollte ihm Brot und Meſſer aus der Hand nehmen. Aber er wies ſie freundlich mit den Worten zurück:„Wer wird ſo abergläubiſch ſein, liebe Frau?“ und ſchnitt das Brot herzhaft auf. Es war ſo ſchwarz wie Erde. Theophilus hatte dergleichen Gebäck noch nie geſehen, denn er war kein Gebirgskind, aber er hatte wohl gehört, mit was für einer Art von Brot die 25 Er wollte hier ſein Noviziat als Gebirgsbewohner antreten. „Sprach Sie nicht auch von einem Trunke Bier, gute Frau?“ fragte er, ſich ein Butterbrot ſtreichend⸗ „Darauf hatte ich vergeſſen,“ erwiederte ſie; „aber der Herr iſt ſo erfroren, ich will Ihm ſchnell ein Warmbier kochen. Er will doch nur nach der Stadt und dahin kommt er ſchon noch.“ Theophilus zog ſeine goldene Taſchenuhr, bei deren Anblick die Frau einen Schrei der Verwunde⸗ rung ausſtieß. Es war fünf Uhr.„Wenn's nicht über eine halbe Stunde dauert und Sie mir hernach den Weg nach Kühnheide— denn dahin muß ich— recht genau beſchreiben will, ſo wäre mir ein Warmbier das Liebſte. Unterdeſſen erholt ſich auch mein Pferd.“ Die Frau verſprach in einer Viertelſtunde mit dem Getränke fertig zu ſein, und den Weg ſo genau zu beſchreiben, daß er ihn mit verbundenen Augen ſolle finden können. Sie ſchritt ohne weiteres ans Werk, ſchob einen Topf mit Bier in die Röhre, ſteckte ein Bündel Reiſig in den Ofen und bald glühte derſelbe ſo, daß Theophilus ſich vor der Hitze in den äußerſten Winkel des großen Gemachs retiriren mußte. Als aus einem der Stubenwinkel ein Ge⸗ ſchrei verkündete, daß ein junger Mühlenerbe hier ſei, der auch erquickt ſein wollte, flog die Müllerin von ihrem Ofen nach der Wiege, nahm den von ihrem Söhnlein verlorenen Zulp und tauchte ihn in denſelben Milchaſch, aus welchem ſie dann gleich die Milch zu dem Warmbier nahm. Hätte Thev⸗ philus jenes nicht eben ſaubere Verfahren bemerkt, ſo würde er ſchwerlich noch Appetit zu dem Warm⸗ bier behalten haben; aber die Hitze hatte ihn mitt⸗ lerweile gar aus dem Zimmer getrieben. Er ging in den Stall nach ſeinem Pferde zu ſehen. Unter der Thür ſtieß er auf einen langen hagern Mann von nicht beſonders empfehlendem Ausſehen. Theo⸗ philus ging an demſelben mit einem ſeiner mächti⸗ gen Blicke vorüber, vor dem die Augen des Getrof⸗ fenen ſich ſenkten. Als er ſich von dem guten Ap⸗ petit ſeines Pferdes und der reichlichen Futtergabe überzeugt hatte, erinnerte er ſich, daß der Fremde wohl ein Hilfsbedürftiger ſein könne. Er wollte ihm eine Gabe reichen; da er aber alle ſeine Silbermünze mit dem Beutel der jungen Kühnheiderin gegeben hatte, ſo mußte er ein Goldſtück bei der Müllerin wechſeln. Zu dem Ende ging er nach der Wohnſtube zurück. Aber wie er mit dem kleinen Gelde wieder herauskam, war der Fremde verſchwunden. Thev⸗ philus riegelte die Stallthüre zu und blieb an der 27 Hausthür ſtehen, bis ihn die Wirthin zum Genuß des Warmbieres rief. Das Getränk war in dem Topf aufgetragen, worin es gekocht worden; ein kleiner zinnerner Napf diente als Taſſe. Theophilus fand es ſchmackhaft und bezeigte der jungen Fran Beifall. „Wo iſt der Hausherr?“ fragte er dann. „Der iſt heute früh nach Komotau gefahren, Getreide zu holen,“ antwortete ſie. „Was iſt Komotau?“ fragte er weiter. „Weiß der Herr nicht, was Komotau iſt?“ ver⸗ ſetzte ſie,„dann kann Er wohl nicht aus der Gegend ſein, denn jedermann hier herum weiß, was Komotau iſt. Das iſt ja die Stadt, wo wir hier zugebirg unſer Brotkorn holen.“ „Alſo eine böhmiſche Stadt“— „Freilich, Böhmen iſt unſere Kornkammer.“ „Wie lange bleibt Ihr Mann außen?“ „Je nun, vor Morgen Abend kommt er ſchon nicht wieder. Es ſind zwar nur fünf Stunden nach Ko⸗ motau, aber der Weg iſt ſchlecht und herauswärts geht er drei Stunden in Einem bergan.“ „Fürchtet Sie ſich denn nicht, ſo lange allein mitten im Walde gelaſſen zu werden?“ „Am Tage ſchon nicht; aber in der Nacht. Ich habe zwar den Burſchen und den Bretſchneider zur Hand, aber der Mann fehlt mir dann doch.“ Theophilus hatte die Frage auf der Zunge, ob ſie ſchon von Räubern beläſtiget worden wäre, aber er fürchtete ihren Gedanken eine beängſtigende Rich⸗ tung zu geben, und unterdrückte die Frage. Er mußte an den Fremden denken, den er draußen geſehen, aber die Frau hatte jetzt vom Bretſchneider geſprochen, wahrſcheinlich war er das geweſen. Ein Bild, das ihm in den Salons der Großen nicht vorgekommen war und mit jener Erſcheinung wohlthuend kontraſtirte, gab ſeinen Gedanken eine andere Richtung. Der kleine Mann in der Wiege ſchrie wieder, und dießmal hatte die Mutter Muße, ihm ſtatt des Surrogates die echte Lebensquelle zu bieten. Sie nahm ihn aus der Wiege, ſetzte ſich dem Gaſt gegknüber und reichte dem Säugling die Bruſt. Das war allerdings reine unverfälſchte Natur, die in der Ausübung einer heiligen Pflicht nichts von Prüderie wußte. Ihren Liebling nach Herzensluſt trinken laſſend, ſtellte ſie an den freundlichen Gaſt mancherlei naive Fragen, die dieſer aufs Liebreichſte beantwortete Unter anderen ſagte ſie:„Ich ſehe, Er iſt ein gelehrter Herr, da kann Er wohl auch das Beheren der Kühe verſprechen? Da hat mir ſo eine 29 Wetterhere, eine kühnheider Butterfrau, meine zwei beſten Milchkühe behert, daß ſie blutige Milch geben!“ Theophilus hatte in Halle wie in Montpellier die Arzeneikunde getrieben und beſaß ſelbſt von der Viehzucht Kenntniſſe.„Liebe Frau!“ ſagte er,„die blutige Milch rührt ganz allein von gewiſſen Kräu⸗ tern her, welche das Vieh auf der Weide genoſſen. Laſſe Sie einmal Ihre Kühe einige Zeit im Stall und gebe Sie ihnen bloß gutes Heu, ſo wird die Milch wieder ſchön weiß werden; dann wird Sie ſich über⸗ zeugen, daß Ihr Herenglaube ein Irrthum war.“ Und nun erging er ſich in einer Erörterung über das Thörichte des ganzen Hexenglaubens, wobei er ſo warm wurde und ſo ſeiner ſelbſt vergaß, daß er erſt auf eine ſehr unangenehme Weiſe an die Fortſetzung ſeiner Reiſe erinnert werden mußte. Der Burſche trat plötzlich ein, und rief:„Da iſt ja der Herr noch, und doch iſt das Pferd aus dem Stalle!“ Die Frau ſchrie auf und ſtürzte, das einge⸗ ſchlummerte Kind im Arme, zur Thür hinaus, nach dem Stall. Theophilus folgte ihr erſchrocken, doch ſich faſſend nach. Es war nicht anders, das Pferd war fort. Die Frau rief:„Das hat ſo ein verwünſchter kühnheider Spitzbube geſtohlen!“ und rang die Hände. „Es kann auch ein Rübenauer geweſen ſein,“ ſagte der Burſche,„der dürre Schneider war heute hier„ſträßig. Ich war nach dem Abfüttern in meine Mühle gegangen und konnte erſt jetzt wieder abkom⸗ men, um das Pferd zu tränken. Wie ich in den Stall trete, iſt es fort; denk' erſt, der Herr iſt wei⸗ ter geritten, nun ſehe ich, daß das Pferd geſtohlen iſt. Wäre nur der Meiſter mit unſeren Pferden da, ſo könnte ich dem Dieb nachſetzen.“ „Laß Er's nur gut ſein, mein Lieber,“ ſagte Theophilus,„und Sie, gutes Weiblein, kümmere Sie ſich auch nicht. Es thut mir zwar leid um das edle, treue Thier, aber Klagen und Grämen bringt es nicht zurück. Vielleicht hilft mir Gott wieder dazu. Ich will mich nun aufmachen, daß ich nach Kühn⸗ heide komme, ehe die Nacht hereinbricht“ „Um Gotteswillen, Herr!“ rief die Müllerin; „Er will ſo ſpät durch den wilden Wald? Nein, Er muß nun wenigſtens bis morgen hier bleiben, dann muß der Bretſchneider Ihn nach Kühnheide bringen. Ach mein Gott, ich kann mich mein Lebtag nicht mehr zufrieden geben, daß ein ſo feiner Herr in un⸗ ſerem Hauſe beſtohlen worden! Rechne Er's uns nicht an, guter Herr, und nehm' Er mit dem Wenigen fürlieb, das wir Ihm bieten können. Ach das ſchöne, ſchöne Pferd! Mein Lebtag vergeß ich's nicht!“ „Denke Sie an Ihr Kind, liebe Frau, damit das infolge Ihrer allzuheftigen Gemüthsbewegung nicht Gift in der Muttermilch trinkt! Wird das kleine muntere Leben dann ſiech, dann heißt es wohl auch, es iſt behert worden. Sehe Sie nur, wie wacker der Kleine ſchläft, nachdem er ſich weidlich vollgetrun⸗ ken, verkümmere Sie ihm den geſunden Quell nicht durch unnützen Kummer.“ In dieſem Augenblicke entſtand draußen ein Geſchrei, aus zwei männlichen und einer weiblichen Stimme gemiſcht.„Was gibt's da wieder?“ fragte Theophilus. Die Frau ſah erſchrockener aus als erſt und blickte verwirrt vor ſich nieder. „Ach das iſt der Raizbauer mit dem Bretſchnei⸗ der,“ ſagte der Burſche,„die wollten ja der kühn⸗ heider Hexe auflauern und ſie fangen. Das wird eine Luſt!“ Damit ſprang er hinaus. Es erſchienen aber die genannten Männer mit der„Hexe ſchon vor der Thür. Theophilus ſah hinaus— die„Hexe⸗ war niemand anders als ſein Schützling von heute Nachmittag. „Laßt ſie los! laßt ſie laufen!“ rief die Mül⸗ lerin neben ihm.. „Was!“ ſchrie einer der Männer,„laufen laſſen? die Here? Wir ſind froh, daß wir ſie einmal ha⸗ ben, und nun an die Brettſäge mit ihr, wo ſie ſo lange auf⸗ und niedertanzen muß, bis ſie den He⸗ renſpruch widerruft!“ Im nächſten Augenblick ſtand Theophilus dicht vor der Gruppe.„Hinweg Eure Hände von dieſem Weibe!“ rief er den Männern zu, und ſeine Erſchei⸗ nung hatte etwas ſo Gebietendes, im Tone ſeiner Stimme lag eine ſolche Gewalt, daß ſie augenblick⸗ lich gehorchten.„Wäre ſie,“ fuhr er fort,„was Ihr behauptet, ſo käme es Euch nicht zu, ſie zu rich⸗ ten, und Ihr wäret ſtrafbar vor dem Geſetz. Nun aber beruht Eure Behauptung auf einem unglück⸗ ſeligen Wahn, und ſo ſeid Ihr doppelt ſtrafbar.“ „Halt Er zu Güte, Herr!“ ſagte einer der Männer,„daß das Weibsbild da eine Here iſt, darauf will ich Euch einen körperlichen Eid thun. Sie hat die Kühe in meinem Stalle behert, daß ſie Blut für Milch geben, und ſo hat ſie's auch der Müllerin hier gemacht. Aus Rache hat ſie das uns angethan, weil wir ihr keine Butter mehr laſſen, und daß ſie eine Here iſt, weiß die ganze Gegend, denn ſie iſt eines Hexenmeiſters Tochter, und ſehe der Herr nur, was wir da bei ihr gefunden haben, das trug ſie um den N W = 33 Hals“ Er zeigte eine kleine jlache Phiole mit ei⸗ ner dunklen Flüßigkeit. Theophilus nahm die Phiole, hielt ſie gegen das Licht, roch daran und gab ſie der Eigenthüme⸗ rin mit den Worten:„Hier iſt Ihr Eigenthum,“ und den Männern bewies er das Unvernünftige des Herenglaubens in klaren, bündigen Sätzen. Gelang es ihm ſchon nicht, ſie vollſtändig von ihrem Wahn frei zu machen, ſo erſchütterte er ihn doch ſo ſehr, daß ſie ſich nicht mehr getrauten, ihre Anklage ge⸗ gen Dore aufrecht zu erhalten. Sie grüßten Thev⸗ philus und gingen ihrer Wege. „Da hab' ich ja auf einmal eine Wegführerin gefunden,“ ſagte Thevphilus hierauf zur Müllerin; „denn ich hoffe, das gute Frauenzimmer hier wird mein Geleit nicht ausſchlagen?“ Dore hatte bisher ſtumm dageſtanden, jetzt fagte ſie:„Der Herr hat heute ſo viel an mir ge⸗ than, daß ich nicht weiß, womit ich's je vergelten kann“— „Nun mach' Sie mir die Rechnung, liebe Frau,“ ſagte Theophilus zur Müllerin. Aber dieſe lehnte jede Bezahlung ab, rief Dore auf die Seite und legte ihr einen Laib Brot in den Korb— als ein Dir Tochter des Wilddiebes 3 kleines Schmerzensgeld für die erlittene Unbilde, die ſie ſelbſt mit verſchuldet. Mit ſeiner auf ſo ſeltſame Weiſe gefundenen Gefährtin ſetzte Theophilus ſeine Wanderung zu Fuße fort. Im Dahinſchreiten äußerte Dore ihre Verwun⸗ derung, daß er ohne das Roß ſei, auf dem ſie ihm auf dem Gelobten Lande“ begegnete. Er erzählte, wie er darum gekommen. Als er ihr den Mann ſchil⸗ derte, den er vor dem Diebſtahl in der Mühle ge⸗ ſehen und den er für den Dieb hielt, hätte er kön⸗ nen ihr roſiges Geſicht ſehr bleich werden ſehen, wäre es nicht bereits zu dämmerig geweſen.„Der Un⸗ glückliche,“ ſchloß er ſeinen Bericht,„iſt natürlich un⸗ endlich mehr zu beklagen als ich, den er beraubt. Gewiß fehlt es ihm an allem, was das Menſchen⸗ herz wahrhaft froh macht, an Erkenntniß, Liebe, Zu⸗ friedenheit und Gewiſſensruhe. Mit dieſen Gütern hat mich Gott begnadigt, die kann kein Dieb mir rauben. Der arme, elende Mann wäre vielleicht ein glücklicher Menſch, wenn er frühzeitig den Weg der Erkenntniß und Liebe geführt worden wäre!“. Seine Begleiterin ſtieß einen tiefen Seufzer aus, der laut in ſeiner Bruſt wiederhallte. Wäre er ein unreifer, bornirter Heilsapoſtel geweſen, ſo würde er 35 bei dieſer Stimme eines beladenen Herzens alsbald eine Bußpredigt gehalten, oder wäre er ein eifriger Jünger der Themis auf der Jagd nach kriminali⸗ ſtiſchen Lorbeeren geweſen, ein Verhör angeſtellt ha⸗ ben. Statt deſſen ſprach er, von ihrem Erwerb aus⸗ gehend, von den mancherlei Lebensweiſen, welche die Menſchen an den verſchiedenen Punkten der Erdober⸗ fläche führten, ſprach von der tauſendgeſtaltigen Noth, welche dem Fuße der Menſchen überall hin folge, und der er bald erliege, bald obſiege. Er er⸗ zählte von irdiſchen Paradieſen, die durch Schuld in Stätten des Fluchs verwandelt, von winterlichen Ein⸗ öden, welche Erkenntniß und Liebe zu Auen des Se⸗ gens gemacht. Er zeigte an kleinen Beiſpielen die göttliche Kraft, die der Schöpfer aller Dinge in des Menſchen Seele gelegt und die ihn zu einem Ueber⸗ winder aller Uebel mache, unter deren Joch die Skla⸗ ven der Finſterniß und Selbſtſucht elend zugrunde gehen. Ein leichtes Schluchzen ſagte ihm, daß ſeine Worte nicht fruchtlos im Winde verhallten, und dar⸗ über ward er immer begeiſterter, und die Worte ſproßten wie himmliſche Blüten aus ſeinem beredten Munde. Da war aber kein myſtiſcher Schwulſt, der die Seele berauſcht und den Geiſt umnebelt, da war kein mit dem Blute des Lammes ſelene Wahn⸗ 36 witz; da war Klarheit und Milde, Kraft und Schön⸗ heit; da wurde der Fluch der Sünde nicht hinweg vernünftelt, aber auch die große Thatſache der Erlö⸗ ſung nicht angezweifelt, der Erlöſung durch Chriſtus, den Gekreuzigten und Auferſtandenen, einmal und für alle Zeiten vollzogen, der nur ſeine treue Nach⸗ folge im Ringen nach Licht, Liebe und Leben theil⸗ haftig mache. Langſam ſchritten die beiden Wanderer durch den dunklen Wald, der Nebel wich, aber die Nacht brach herein; dem jungen Seelenhirten wurde der Weg nicht lang, das Herz nicht bang, er hätte gern noch eine Stunde lang zu ſeiner andächtigen Zuhö⸗ rerin geredet, wenn der Weg noch ſo lange gedauert hätte. Aber ſie näherten ſich dem Ziele. Ehe ſie ſich deſſen verſahen, blinkte ihnen ein Licht durch die Fich⸗ ten entgegen und nach wenig Schritten ſtanden ſie vor einer niederen Hütte. „Hier wohne ich,“ ſagte Dore;„bis ins Dorf iſt's noch eine Viertelſtunde. Komme Er einwenig mit herein und wärme Er ſich, dann führe ich Ihn in den Hof, oder in die Pfarre, oder wo Er ſonſt einkehrt.“ Theophilus trat ohne Zögern ein. Dore leitete ihn an der Hand durch die finſtere Hausflur. Als 37 die Stubenthür aufging, drang ihm ein trüber, röth⸗ licher Lichtſchein und ein heißer dunſtiger Luftſtrom entgegen, der ihm den Athem verſetzen wollte. Es koſtete dem verwöhnten Mentor eines Grafen Ueber⸗ windung, mit in die Stube zu treten, die eine ſolche Atmoſphäre in ſich ſchloß. Es war ein nur manns⸗ hohes Behältniß, das mit ſeinen ſchwarzberußten Brett⸗ wänden mehr einer Räucherkammer ähnlich ſah, als einer menſchlichen Wohnung. Der nicht gedielte Boden war mit Stroh be⸗ deckt, in welchem ein paar halbwüchſige Ziegen mit einem Rudel kleiner Kinder umherſprangen oder krochen. Nicht weit von dem großen Kachelofen, der ein Viertel des Raumes einnahm, ſtand auf einem Schemel ein galgenähnliches Etwas, das einen bren⸗ nenden Buchenſpan hielt, den damals hier im Ge⸗ birge allgemein üblichen Stellvertreter des Kerzen⸗ oder Lampenlichtes. Dicht dabei ſaß ein etwa neun⸗ jähriges Mädchen und ſpann. Als Dore mit ihrem Gefährten eintrat, ſprangen und krabbelten ihr die kleinen Kinder, alle nur in grobe leinene Hemden gekleidet, mit dem Ausruf:„Mutter! Mutter!“ entge⸗ gen. Sie ſetzte raſch ihren Korb ab und nahm dar⸗ aus einige Aepfel, deren Anblick ſchon einen lauten Jubel unter der kleinen Schaar hervorrief. Ehe aber die Gabe vertheilt wurde, fragte Dore in den dunk⸗ len Hintergrund hinein:„Haben ſie alle gefolgt, Vater?“ Eine heiſere Stimme antwortete:„Ja, Dore, ſie ſind alle brav geweſen, gib ihnen nur, wenn Du etwas haſt! Wen haſt Du denn noch bei Dir?“ Dore gab jedem Kinde einen Apfel und befahl ihnen, ſich bei dem fremden Herrn zu bedanken, ohne deſſen Hilfe ſie keine Aepfel zu ſehen bekommen hät⸗ ten. Theophilus ſtreckte ſeine Hand nach den Kin⸗ dern aus, aber dieſe verkrochen ſich ſchen in einen Winkel, indeß Dore zu ihrem Vater trat, dieſem ei⸗ nige Repfel reichte und leiſe ſagte, was ſie Begleiter verdankte. „Kennſt Du ihn?“ fragte der Alte, deſſen Ge⸗ ſicht Theophilus allmälich durch das Sitduntel un⸗ terſchied. „Nein,“ erwiederte ſie,„aber es ſcheint ein vor⸗ nehmer und reicher Herr zu ſein, jedenfalls iſt es ein Engel in Menſchengeſtalt“— „Dore! Dore!“ warnte der Alte,„ich will nicht fürchten, daß Du Dich haſt blenden laſſen, denk' an*. Dein Unglück!“ „Was Du Dir auch für Gedanken muchſ⸗ rief ſie halb unwillig, halb verſchämt, und wendete 39 ſich mit hochrothem Geſicht zu ihrem Gaſt zurück. Sie war jetzt reizend, die arme Magd. Das Kopftuch hatte ſie abgenommen, den dunklen und plumpen Tuch⸗ ſpenſer hatte ſie ausgezogen und ihre Büſte erſchien nun ganz in ihrer natürlichen Schönheit. Thevphilus war aufs neue überraſcht von den tadelloſen Formen, die ihm nun erſt recht in die Augen fielen. Sie bot ihm einen, hölzernen Schemel zum Niederſetzen, holte Brot und Butter herbei. Ohne Hunger zu haben, glaubte der gute Mann doch die freundliche Gabe nicht ausſchlagen zu dürfen und er zwang ſich zu eſſen, ja er ließ ſich's ſcheinbar recht wohl ſchmecken. Dore freute ſich darüber und der„Engel“ ward ihr um ſeiner Gemeinheit“ willen noch verehrungswürdiger. Ein wahrhaft edler Menſch läuft niemals Gefahr, durch ſeine Leutſeligkeit an Anſehen zu verlieren. Während Dore ſich um den Ofen zu ſchaffen machte, um auf die Abendſuppe zuzuſchicken, ſuchte Thevphilus ſich mit den kleinen Kindern zu befreun⸗ den, die er noch nicht weit über die Stufe ihrer vierbeinigen Spielgenoſſen fand. Offenbar hatte die hier Mutterſtelle vertrat all ihre Zeit zuſammenzu⸗ nehmen, um für die leibliche Nothdurft des Lebens zu ſorgen, und die Seelen blieben ſich ſelbſt über⸗ laſſen. Was ſollte aus dieſen Geſchöpfen werden? 40 Dieſe Frage mußte Theophilus im Stillen an ſich richten. Wie er noch darüber nachſann, wurden Tritte vor dem Hauſe hörbar; gleich darauf ging die Haus⸗ thür auf. Dore fuhr vor ihrem Ofenloche ſichtbar zu⸗ ſammen, ſprang auf und eilte zur Thür— da ging dieſelbe ſchon auf und vier Männer in grauen Mänteln mit Pelzmützen und ſchweren Stiefeln traten ein Beim Anblick des Fremden ſtutzten ſie. Dore, die ganz blaß geworden war, bemerkte dieß und faßte ſich ſchnell mit weiblicher Geiſtesgegenwart.„Ihr ſeid wohl irregegangen,“ ſagte ſie mit einem be⸗ deutungsvollen Blick.„Das Kohlenwärterhaus iſt ein paar hundert Schritte weiter oben; wir dürfen hier nicht herbergen“ Die Vier machten ohne weiteres Kehrt und Dore leuchtete ihnen mit einem Spane hinaus. „Iſt's ein Spürhund, Dore?“ fragte einer der Maͤnner, die einander auffallend ähnlich ſahen. „Ich weiß nicht, ich kenne ihn nicht!“ erwie⸗ derte die Gefragte. „Wie kommt er hierher? was hat er bei Dir zu ſchaffen?“ „Da fragt ihn ſelber, wenn Ihr's wiſſen müßt!“ ſagte Dore. X „Ei, Du biſt ja recht kurz angebunden, Schönſte!“ ſagte einer der Vier. „Denkſt Du etwa, weil der Baſtel bald wieder aus dem Vogelbauer kommt, kannſt Du andere Freunde vor den Kopf ſtoßen? He!?“ ſprach ein anderer. „Ich denke nichts, als daß Ihr ſo geſcheidt ſein ſolltet, an Eure Hälſe zu denken, wenn Ihr Gerichts⸗ luft wittert. Oder habt Ihr die Witterung verloren?“ „So? ſteht es ſo?“ ſagte ein Dritter,„da kommt, Brüder! Alſo gute Nacht, Dore! Morgen kommen wir Dich an Dein Wort zu mahnen. Haſt's doch nicht vergeſſen?“ Sie ſtarrte den Frager an.„Ich hab' Euch kein beſtimmtes Wort gegeben,“ ſagte ſie nach einer Pauſe, „doch davon ein andermal!“ Damit ſchob ſie die Männer hinaus und verriegelte die Thür hinter ihnen. Als ſie in die Stube zurückkam, fand Theophilus ihr Geſicht todtenblaß und verzerrt. Er mußte an die furchtbare Beſchuldigung des Gerichtshalters denken und das Herz that ihm weh. Sie begegnete ſeinem forſchenden Blick und ſchlug zitternd die Augen nieder. War das nicht eine Beſtätigung jener Anklage? Er ſtand mit beklommener Bruſt und trauerndem Geſicht auf und erklärte, daß er bereit ſei, weiter zu gehen. Wenn ihr nicht wohl ſei, wolle er ſir ſchon allein zurechtfinden. „O nein! ich muß mit Ihm gehen!“ ſagte ſie haſtig. Dann befahl ſie der kleinen Spinnerin, nach dem Ofen zu ſehen und auf die Kinder Acht zu haben, zog ihren Spenſer wieder an und verließ mit Theophilus die Wohnung. „Wohin ſoll ich Ihn denn führen?“ fragte ſie, als ſie aus dem Walde traten und einzelne Lichter aus dem Dorfe ihnen entgegenblinkten. „Nach der Pfarre,“ ſagte er. „Da iſt Er wohl ein Herr Doktor, der den kranken Magiſter kuriren will 2“ „Nein, ich bin der Stellvertreter des Herrn Magiſters im Amte, ſo lange er es nicht ſelbſt ver⸗ ſehen kann.“ „Ach ich einfältige Magd! das hätte ich mir doch denken können. Und ich bin ſo frei mit Ew. Hochwürden umgegangen— verzeih' Er mir!“ Er ergriff ihre Hand, die freilich ziemlich derb und rauh anzufühlen war, und ſagte:„Sie iſt nur offen geweſen, wie es ein Menſch gegen den andern ſein ſoll. Hoffentlich kommen wir nun öfter zuſam⸗ trauend entgegenkommen.“ 3 3 men und dabei wird Sie mir immer offen und ver⸗ — — 43 „Ach wie gut Ew. Hochwürden iſt,“ ſagte ſie und führte ſeine Hand an ihren Mund. Er ließ ſie ihr und es ward ihm ſeltſam zu Muthe bei der Be⸗ rührung mit ihren heißen Lippen, ja als er fühlte, daß ein warmer Tropfen aus ihren Augen darauf fiel, blieb er aufs Tiefſte gerührt ſtehen und ſagte ihr ganz nahe tretend, daß ihr warmer Athem ihn würzig anwehte, mit unendlich weichem Tone:„Du weinſt, Dore?“ Da brach ſie vor ihm in die Kniee und ſchluchzte laut. Er beugte ſich zu ihr und bat ſie ihr Herz vor ihm zu entladen. Aber plötzlich fiel ein Schuß in nicht großer Entfernung. Eine Kugel ſauſte dicht über Theophils Kopf hin. Dore ſprang entſetzt auf. „Um Gotteswillen, Herr!“ rief ſie,„das galt Ihm— jetzt ohne Verzug ins Dorf! ein andermal will ich Ihm alles ſagen.“ Und ſie riß ihn mit ſich fort, ihn ftſt umſchlin⸗ gend, faſt tragend mit ihrer hohen kräftigen Geſtalt eilte ſie wie Atalante über Feld und Moor und erreichte in wenig Minuten das Pfarrhaus. An der Thür desſelben ſagte ſie:„Denk' Er meiner in ſeinem Gebet, ehrwürdiger Herr, ich bin eine recht elende Magd.“ „Wir ſehen uns bald wieder,“ ſagte er,„für 44 jetzt nimm meinen Dank für dieſen Liebesdienſt. Gott ſei mit Dir!“ „Gute Nacht, Ehrwürden! Und noch eins: wegen Seines Pferdes ſorg' Er ſich nicht, das ſchaff' ich Ihm wieder.“ Sie preßte einen Kuß auf ſeine Hand, drückte dieſe dann an ihre hochſchlagende Bruſt und eilte fort. Aber in einiger Entfernung blieb ſie ſtehen und ging nicht eher von der Stelle, bis ſie ſah, wie das Pfarrhaus ſich öffnete und ihr Gefährte darin ge⸗ borgen war. Langſam trat ſie den Heimweg an, aber ſie war noch nicht lange gegangen, als vier Ge⸗ ſtalten hinter einem Schuppen hervor und ihr in den Weg traten. „Wo kommſt Du her? Was haſt Du mit dem Fremden vor? Wer iſt er?“ Dieſe Fragen ſchallten ihr entgegen. „Ich glaub', Euch plagt der Teufel, daß Ihr mir bei Nacht und Nebel auflauert,“ erwieberte ie. „Geht ins Pfarrhaus, da werdet Ihr ihn ſelber finden— unſeren neuen Hilfspaſtor!“ „Hilfspaſtor! Oho!“ entgegnete Einer;„das mach' anderen Leuten weiß; dazu ſah der Herr viel zu fein aus, und Du ſtehſt nicht ſo gar gut mit den 45 Schwarzröcken. Dore, Du gehſt mit faulen Fiſchen um, Du haſt eine Liebſchaft angeſponnen!“ „Ihr ſeid Narren!“ verſetzte ſie;„jetzt gebt freien Weg; ich muß das Eſſen für meine Leute fertig machen!“ „Wir laſſen Dich nicht von der Stelle, bis Du uns ehrlichen Beſcheid gibſt, was mit uns weiden ſoll. Morgen ſchon kann der Baſtel vom Bau kommen, da mußt Du einem von uns gehören, oder es gibt ein Unheil, wie die Kühnheide noch keins erlebt hat!“ Die ſo Bedrängte fand nicht gleich eine Antwort Einer der vier Dränger fuhr fort:„Du haſt uns nun lange genug hingehalten, länger laſſen wir uns nicht foppen. Jetzt ſprich, welcher von uns ſoll Dein Mann ſein?“ „Und wenn ich nun ſpräche:„keiner;— wie dann?“ erwiederte ſie. „Dann errathen wir Dein Geheimniß“— „Ihr ſeid ſchrecklich,“ ſagte ſie;„was kann Euch nur an mir elenden Magd liegen, die ein Kind hat und auch noch vier Schweſterkinder und einen alten Vater mit ins Haus bringt? denn das werdet Ihr doch nicht denken, daß ich die im Stiche laſſe!“ „Das verlagen wir nicht, und wenn Du drei eigene Kinder ohne die andern mitbrächteſt, wir trauen 46 uns Brot für alle zu ſchaffen— Du mußt unſer werden, dem Baſtel laſſen wir Dich nicht.“ „Ihr habt Euch das Hirn verbrannt an dem Baſtel!“ rief ſie unwillig.„Jetzt hört mich an: ich bin eine ſchlechte Kreatur geweſen, daß ich mich je mit dem Baſtel eingelaſſen, aber ich war verachtet und verſtoßen von der Welt und mit dem alten blinden Vater, den Waiſen meiner Schweſter und dem eigenen Wurm dem Hungertode preisgegeben. Da kam der Baſtel als ein Helfer in tiefſter Noth. Ich kannte ihn nur als das, was mein Vater war, als Wildſchützen, er betrug ſich gut gegen mich, ach⸗ tete mein Unglück und ſorgte für mich und die Mei⸗ nigen wie ein Bruder. Das ſollt Ihr wiſſen, ſo ſchlecht ich Euch erſcheinen mag, ſo hat mich der Baſtel ſo wenig berühren dürfen wie einer von Euch, und wenn er jetzt wiederkommt, ſo kann ich ihm zwar mein Haus nicht verſchließen, denn ich bin ihm ewig Dank ſchuldig, aber nie kann von einer Gemeinſchaft 4 zwiſchen mir und ihm die Rede ſein. Glaubt Ihr dieſen Worten nicht, ſo verſchwöre ich hier unterm geſtirnten Himmel Leben und Seligkeit, daß ich mit dem Baſtel nie Gemeinſchaft haben werde. Jetzt laßt mich heim“ „Und was wird aus uns, Dore? Sieh, wit haben Dich alle ſo lieb, wir ließen unſer Leben für Dich“— „Ihr ſeid Hansnarren!“ fiel ſie ein,„gibt's doch in Rübenau, Kalch und Kühnheide viel beſſere Mädchen als ich bin. Und wenn Ihr mir alle gut ſeid, ſo wäre es gar nicht einmal gut gethan, wenn ich einen von Euch wählte, das würde Feindſchaft unter Euch ſtiften.“ „Nein! nein!“ riefen ſie,„wir haben unterein⸗ ander geſchworen, jedem ſein Glück zu gönnen, wen es auch treffe, und feſt verbunden zu bleiben, wie bisher.“ „So denkt Ihr jetzt, aber ich ſehe nichts Gutes dabei herauskommen— geht jetzt heim und be⸗ ſchlaft die Sache noch einmal. Wegen dem Baſtel ſeid außer Sorgen, ich bin eine elende Kreatur, aber eines Mörders Weib will ich nicht werden. Und wenn Ihr mir wirklich gut ſeid und Euch was an meiner Freundſchaft liegt, ſo geht in Euch und hal⸗ tet Euch auf rechten Wegen! Ich kenne zwar Eure Wege nicht, aber mich dünkt, ſie ſind nicht immer die beſten, und Eure Hände“— „Was der Kukuk fällt der Here ein?“ unterbrach ſie einer der Werber,„biſt Du uns nur zwei Stun⸗ den weit mit einem Schwarzkittel gegangen und ſchon eine Heilige geworden?“ 48 „Ihr habt ein Recht, Euch über meine Rede zu verwundern,“ erwiederte ſie,„denn Ihr habt mich nicht anders als elend geſehen. Ich will Euch ſagen, daß ich einem Engel des Lichtes begegnet bin und da iſt mir der Nachtnebel aus den Augen Kewichen, daß ich auf einmal meine ganze Schmach und alles Elend der Sünde erkannt habe. Ihr Männer, hört es: es gibt einen Gott, einen Rächer alles Böſen, aber auch einen liebreichen Heiland— das hab' ich heute erfahren— mög' Euch Gott erleuchten!“ damit ſchritt ſie durch die Männer durch, die ſie un⸗ gehindert ziehen ließen. Prittes Rapitel. Der dürre Schneider. Dore ſpeiſte die Ihrigen zur Nacht. Eine große irdene Schüſſel voll ſchwarzer Mehlſuppe dampfte auf der Mitte des einzigen Tiſches. Das große Brot aus der Raizmühle lag aufgeſchnitten dane⸗ ben. Rings um den Tiſch ſaß und hockte die ganze Familie, jedes einen hölzernen Löffel, das Fabrikat des blinden Vaters, in der Hand, und die drei 49 kleinſten Kinder eiui Blechnapf mit Suppe von ſich. Dore ſchnitt jedem Familiengliede ein Stück Brot vor, das Salzfaß ſtellte ſie vor den blinden Greis, daß er ſein Brot daraus beſtreue, während ſie die Brotgaben der Kinder ſelbſt mit dieſer Würze ver⸗ ſah. Das war das ganze Nachtmahl dieſer menſch⸗ lichen Familie, ſo war es Jahr aus, Jahr ein— wenn es gut ging— und ſo war es in tauſend und aber tauſend Hütten des Erzgebirges. Die Neuzeit hat darin nicht viel verändert, nur daß ſie an die Stelle der ſchwarzen Mehlſuppe die ſchmack⸗ haftere Kartoffel und ein Getränk gebracht hat, das vom Kaffee wenig mehr hat als den Namen. Daß Hünger der beſte Koch ſei, bewährte ſich auch hier; vom Greiſe bis zum dreijährigen Büb⸗ lein herab nahm die ganze Tiſchgeſellſchaft ihr Salz⸗ brot mit freudiger Haſt aus der Hand der Spen⸗ derin, die ihr Amt heute mit einer gewiſſen heiteren Feierlichkeit verwaltete. Als ſie allen vorgelegt und die in ſtiller Befriedigung glänzenden Mienen der Kinder ſah, fiel ihr ein, daß ein ſo glücklicher Tag, wie der heutige für ſie geweſen, doch billig von den Ihrigen mitempfunden werden müſſe. Sie ſagte daher ſchnell:„Wartet noch einen Augenblick, Ihr Kinder, und Du, Vater! es iſt ein Tag Die Tochter des Wil ddiebes. heute und wir können ſchon einmal einwenig But⸗ ter auf unſer Brot ſtreichen!“ Sie ſtand auf und kehrte mit einem Stückchen Butter auf hölzernem Teller zurück. Mit freudeſtrahlenden Geſichtern ſcho⸗ ben ihr alle Tiſchſaſſen ihre Brotgaben zu und ſahen ſie mit Butter beſtreichen, ein ach! wie lange ſchon entbehrter Genuß. Als nun alle ſo verſorgt waren, erhob ſich Dore wieder und ſagte:„Nun laßt uns aber auch beten— Vater bete Du!“ „Was iſt denn heute mit Dir, Dore?“ ſagte der Greis,„Du biſt ſo ſonderbar— aber Du hatteſt immer etwas Sonderbares— Beten ſoll ich? ach mein Gott, wie lange iſt das wohl her, daß ich nicht mehr zu Tiſche gebetet habe!“ „Es iſt freilich lange her,“ verſetzte Dore; „und das war nicht gut; wie wir noch in der Schule waren, da aßen wir nie ohne zu beten, und das war ſo ſchön, wir hätten's immer ſo halten ſollen Laß' uns wieder beten, Vater!“ Der Greis beſann ſich, faltete die Hände und betete:„Komm Herr Jeſu, ſei unſer Gaſt und ſegne, was Du beſcheeret haſt: Amen, in Gottes Namen!“ Nun ward das Mahl ſtilloergnügt eingenommen. Als es vorüber war, ſagte Dore:„Ich wollte nun N gern noch einwenig mit Euch plaudern, ich hätte viel zu erzählen, aber es kann heute nicht ſein, ich habe noch einen wichtigen Gang vor. Ihr müßt alſo zu Bette gehen. Chriſtel, räume gleich ab, ich will die Betten holen.“ Chriſtel ſchickte ſich an, den Befehl auszuführen. Dore hob die Kleinen von ihren Stühlen und herzte ſie der Reihe nach, wobei man keinen Unterſchied der Zärtlichkeit gegen die fremden und das eigene ſah. Dann brachte ſie die Betten aus der Stuben⸗ kammer— ein paar große Deckbetten und Leinen⸗ tücher. Das Bett ward nun in dieſer Weiſe be⸗ reitet, daß Dore das Stroh in der Stube auf einen engeren Raum zuſammenſchob, darüber die Leinen⸗ tücher und auf dieſe die Federbetten breitete. Hier brachte ſie die Kinderſchaar unter, die Ziegen, vor⸗ her auch geſättiget, ſtreckten ſich dieſer friedlich zu Füßen. Der blinde Alte allein nahm eine erhöhte Lagerſtätte ein, ein Mittelbing von Bank und Ka⸗ napte. Als alles außer ihr ſich gelagert hatte, ſagte Dore zu ihrem Vater:„Aengſtet Euch nicht, wenn ich nicht gleich wieder komme; jetzt mag es um acht ſein, es kann Mitternacht herankommen, ehe ich wieder da bin.“ „Ach, Tochter, was haſt Du nur vor?“ ſagte 2 der Greis, ſeinen Kopf erhebend;„bleib' doch nur daheim! Du biſt ſchon einmal ſo übel angelaufen!“ „Vater!“ verſetzte ſie;„ich hab' Euch doch ge⸗ ſagt, daß der fremde Herr unſer neuer Hilfspaſtor iſt. Und zu dem will ich auch gar nicht; ich muß einen ganz andern. Weg gehen. Schlaft wohl!“ Sie warf ein Tuch über den Kopf, löſchte den Span⸗ leuchter aus und eilte fort. Wir gehen ihr voraus. Eine Stunde nordöſt⸗ lich von Kühnheide, da wo ſich das oben beſchriebene Plateau in eine Menge Kuppen ſpaltet, zwiſchen welchen ein Labyrinth von tiefen Gründen ſich ver⸗ zweigt, liegt das Schweſterdorf Rübenau, auf jenen Kuppen und in dieſen Gründen weit verſtreut. Sonſt hat es alle Eigenthümlichkeiten der Lage mit Kühn⸗ heide gemein. Beide Orte, durch eine Abtheilung des ſächſiſch⸗fiskaliſchen Kriegwaldes“ getrennt, ver⸗ bindet jetzt eine gute makadamiſirte Straße. Vor hundert Jahren konnte kaum von einer Straßenver⸗ bindung irgendeiner Art die Rede ſein. Ein aus⸗ gedehntes ſumpfiges Torfmvor, deſſen Entwäſſerung erſt der neueren Forſtwirthſchaft gelang, machte faſt jeden Verſuch, einen Weg mit den gewöhnlichen Mitteln dort zu unterhalten, zu Schanden. Noch heute bezeichnet ein mit ſchwarzem Waſſer wie aus 53 dem Cochtus gefüllter Floßteich an der Mündung der kühnheider Straße auf die Flur von Rübenan die Grenze des alten Sumpfmoores. Nicht weit von dieſem Teiche, an der Straße, die von dem durch ſeine Serpentinſteinwaaren weit bekannten ſächſiſchen Städtchen Zöblitz nach Görkau in Böhmen führt, findet ſich eine Gruppe zweiſtök⸗ kiger Häuſer, welche, meiſt neueren Urſprungs, gar keinen unfreundlichen Anblick gewähren. Vor hundert Jahren ſtanden hier einzelne niedrige Hütten aus geſchrotenen Stämmen errichtet, wie etwa die erſten Blockhäuſer amerikaniſcher Anſiedler. Man findet dergleichen noch heutzutage in einigen Walddiſtrikten des Erzgebirges verſtreut. In einer der nun beſchriebenen Hütten ſaßen um die zehnte Abendſtunde zwei Männer an einem mit Speiſereſten und einer großen Bauchflaſche be⸗ ſetzten, von einer Oellampe beleuchteten Tiſche. In dem einen erkennen wir den Fremden wieder, der dem Magiſter Theophilus in der Waldmühle begeg⸗ nete. Der andere iſt eine mittelgroße, breitſchulterige Geſtalt mit einem Kopf, den man klaſſiſch ſchön nennen müßte, blitzten nicht die pechſchwarzen Augen ſo dolchartig unter den kohlenſchwarzen Brauen her⸗ vor und trügen die Züge nicht ein ſo deutliches Gepräge innerſter Verwilderung. Die beiden Geſellen müſſen ein beſſeres Nachtmahl gehalten haben, als Dore mit ihrer Familie, denn die Reſte auf den Zinntellern hier gehören einer geräucherten Magen⸗ wurſt und einem wilden Schweinskopf an, und die große Bauchflaſche muß mit einem köſtlichen Naß gefüllt ſein, denn ſie wird bald von dem Einen, bald von dem Andern an den Mund gebracht, den ſie erſt ſauer verziehen, dann ſchmatzend mit der Zunge umlecken. „So!“ hören wir den letztbeſchriebenen der Zecher das Wort ergreifen, nachdem er einen tüch⸗ tigen Schluck gethan;„das iſt beſſer als Euere ſäch⸗ ſiſche Gefangenſuppe. Das bleibt wahr, die Hunger⸗ leiderei hat bei Euch Sachſen kein Ende, hier im Gehirge fängt ſie an und in der Reſidenz hört ſie nicht auf; ich glaube, der Hof ſelbſt iſt nur ein großes Faſthaus. Ich will mein Lebtag an die zwei Faſt⸗ jahre denken, die ich mit dem Geſchmeid' an Händen und Füßen dort unten zugebracht habe, aber wenn die Tabaksnaſen von der Gerechtigkeit glauben, das Gedenken wird in ihrem Sinne ſein, ſo ſchießen ſie tief ins Blaue. Gedenken will ich's ihnen, daß ſie ſelber daran denken ſollen, heimzahlen will ichs ihnen; jede kratzige Kleienſuppe ohne Schmalz, jedes 55 Gericht ihres Schweinfutters, jeden Fußtritt, jeden Geiſelhieb, und jeden„verfluchter Hunde! will ich dem hungerleidigen. Henkersgeſchmeiß mit Zinſen heimzahlen, ſo wahr ich der Baſtel bin, oder wie mich die Dirnen lieber nennen, der Schmiedeberger Karl. Da fällt mir die Blitzdirne ein, die Helbig Dore in Kühnheide, das einzige Stück Fleiſch, um das ich das dürre Sachſenland beneide. Sag'! weißt Du was von ihr? Was treibt ſie? Iſt ſie noch ſo ſchmuck und appetitlich wie ſonſt? Und lebt ihr Alter noch, der verdorbene Steißtambour?“ Der Gefragte ſetzte die Flaſche an den Mund und that einen mächtigen Zug. Erſt nachdem er dieſen mit Muße verſchluckt und die unerläßlichen Schnapsgrimaſſen abſolvirt hatte, ſagte er:„Nach der Helbig Dore fragſt Du? Bah! nicht werth an ſie zu denken,— fürchterlich abgekommen, ſeit Du unter die Klotzſchlepper gegangen. Weiß Dir jetzt eine Andere ſtehen, ganz ein Weib für Dich, ſchön wie die Mutter Gottes von Quinau, aber liſtig wie eine Zigennerin und verwegen wie Du ſelbſt.“ „Brr! dann paßt ſie nicht für mich,“ meinte der Andere;„hab' an meiner Verwegenheit genug, mag am Weibe ſo was nicht leiden. Für ſolch ein Schneiderblut wie Du mag ſo eine Horniſſel eher 56 paſſen. Im Ernſt, nach der Dore ſehne ich mich, iſt zwar verdammt ſpröde, ſeit ſie ſich einmal ver⸗ brannt, aber ein gutherziges Ding iſt ſie doch. Es iſt einem beim Teufel ſo wohl, ſo mollig ums Herz in ihrer Nähe, man möchte ſich manchmal einbilden, man könne noch einmal greinen wie ein kleines Kind — na, vermaledeites Sieb von einem Schneider⸗ ranzen, ſo ſchluck nur nicht die ganze Bulle hin⸗ unter!“ und er entriß jenem die Flaſche. Der Schneider abſolvirte ſeine Grimaſſen und ſagte:„Bruder Baſtel, ſchlag' Dir die Dore aus dem Sinn, ich ſag' Dir, Du würdeſt erſchrecken, wenn Du ſie ſäheſt, und jeden Appetit zum Weibs⸗ volk verlieren. Die Dore iſt eine Medizin gegen die Liebe geworden.“ „Was?“ ſchrie der Baſtel;„hat ſie blaue Rän⸗ der um die Augen und einen Schädel wie eine ge⸗ rupfte Gans? iſt ihr Bruſtwerk wie ein eingebroche⸗ nes Grab? Kannſt Du mir mit gutem Gewiſſen ſa⸗ gen: ja, ſo ſteht's mit ihr, ſo will ich ſie nicht ſe⸗ hen, es würde mir das Herz brechen, denn ich hab' das Weibsbild freßlieb gehabt. Aber dann ſag' mir, welch lendenfauler Peſtilenzkerl ſie dann heimgeſucht ſeinen Geſellen, ich will ihn lebendig an einen N 5 hat; ich ſchwöre beim Teufel und allen Hentern, 1 Bratſpieß ſtecken und über einem Feuer zu Kohlen röſten. Sprich', Schneiderſeele, wer hat meine Dore ſo elend gemacht?“ „Da fragſt Du mich zuviel, ich bin ihr Hüter nicht geweſen. Du weißt doch, daß ſie der Anbeter viele gehabt, ſchon zu Deiner Zeit“— „Ja, aber keiner hat an ihr ſchlecken dürfen; ich hätte es auch keinem rathen wollen; der Erſte, den ſie mir vorgezogen hätte, wäre zu den Maul⸗ würfen gefahren! Halt, da fallen mir Deine Lands⸗ leute, die vier Gebrüder Freier ein, die ſchnüffelten auch um die Dore herum, ich will nicht hoffen, daß die meine Feſtung erobert haben.“ „Was weiß ich,“ verſetzte der Schneider— „Du mußt am beſten wiſſen, ob die Tollhänſe einen Stein bei ihr im Brett hatten oder nicht“— „Nein,“ ſagte der Baſtel,„ſie konnte keinen von ihnen recht leiden; ſie war ein eigenes Frauen⸗ zimmer, die Brüder waren ihr zu roh. Sie hatte einen aparten Geſchmack, wahrſcheinlich, weil ihr Alter ein Schulmeiſter war, ehe er Wildſchütz ward. Es müßte etwas ſehr feines geweſen ſein, das ſie herum gekriegt hätte. Wie? ſollte ſie etwa mit ihrem alten Schatz, von dem der Wurm iſt, zuſammenge⸗ kommen ſein? Weiß man endlich, wer das iſt?“ Der Schneider trank und ſagte:„Auf jeden Fall iſt niemand dabei geweſen, wie ſie zu dem Wurm gekommen, und Du weißt ſelbſt, daß ſie Ge⸗ fängniß, Ruthenſtreiche und Kirchenbuße ausgehalten hat, ohne den Vater anzugeben, und daß ihr wahr⸗ ſcheinlich auch die Folter das Geheimniß nicht ab⸗ gepreßt hätte.“ „Ja, ja, es iſt ein ſeltſames Weibsſtück, ſo weichherzig, und doch auch wieder ſo eiſenköpfig. Teufel! ich möchte eigentlich den Hagelskerl kennen, der's ihr ſo angethan hat, ich würde ihn todtſchießen, aber Reſpekt haben müßt ich vor ihm Ein Hunds⸗ fott kann's nicht geweſen ſein! Möchte die arme Dore doch ſehen—— Aher jetzt von Geſchäften, Schneider! Wie ſteht's, weißt Du Arbeit?“ „Arbeit, Karl! willſt's Handwerk wieder anfan⸗ gen und biſt kaum erſt mit einem blanen Ange weggekommen?“ „Mit einem blauen Rücken, mußt Du ſagen! Hältſt Du mich für einen Pfuſcher, daß ich mein Handwerk aufgebe, weil ich einmal bankerott ge⸗ worden? Nun ſoll's erſt recht losgehen, nun ich auf der hohen Schule geweſen. Nicht als ob ich von den Pechkameraden im Bau' hätte etwas lernen können, bah! was war das für grützefreſſendes N 59 Haberjackengeſindel! arme Schlucker, von denen Un⸗ ſereiner eher hätte können beten lernen als arbeiten. Nichts da; von den Lumpen hätte ja der dritte Theil aus Furcht vor dem ſpaniſchen Stiefel ſich zu Streichen bekannt, an denen ſie ſo unſchuldig waren wie ein Bankert an ſeiner Mutter Schmach; von denen war nichts zu lernen. Aber von den Perücken⸗ ſtöcken, welche arme Schelme von ihrem Fleiſch und Blut ſo behaglich in die Marterkammer ſchickten, als ginge es zur Garküche, die dabei ſtanden und ge⸗ mächlich eine Priſe nahmen, wenn einem die rothe Suppe unter den Nägeln hervorſpritzte oder das Bein und Muskelwerk knackte; Büttel, die uns auf die Folterbank ſtreckten, mit einer Laune, als ſollten ſie einen Hund jlöhen; denen das Zetergeſchrei eines aus den Fngen gerenkten Mutterſöhnchens luſtiger klang, wie unſeren ſpringluſtigen Gebirgsdirnen die preß⸗ nitzer Harfen— ich ſage Dir, Schneider, alle die Schergen, die im Namen einer chriſtlichen Obrigkeit uns durch die That bewieſen, daß die Lehre von der Liebe und Barmherzigkeit albernes Weibergewäſch ſei, die uns durch ihr Beiſpiel lehrten, daß hart, herriſch, barbariſch ſein, das rechte Chtiſtenthum ſei; die, Bruderherz, ſind meine Lehrmeiſter geweſen, und 60 ich will ihnen als Schüler keine Schande machen. Jetzt ſag' an, wo weißt Du was zu thun?“ „Ich habe ſelbſt lange brachgelegen,“ entgeg⸗ nete der Schneider—„erſt heute machte ſich's mit einem kleinen Geſchäft, das mir der Zufall in die Hände führte, wo ich's am wenigſten vermuthet—“ ein ſtarkes Klopfen am Fenſterladen unterbrach ihn. Beide Männer horchten auf. Das Klopfen wieder⸗ holte ſich. Schnell löſchte der Schneider das Licht aus und hob eine Fallthür neben dem Tiſch auf. „Geſchwind in den Fuchsbau, Baſtel!“ flüſterte er; „Du kennſt wohl mit Deinem Spitzbubengedächtniß die Schliche noch? Wenn es Gefahr hat, ſtampf' ich und Du weißt dann, wohin Du gehſt— gerade aus, bis Du an die Stiege kommſt, die in den alten Bergſtollen führt, der bei der hohen Buche zu Tage ausgeht.“ Der Baſtel ſtieg hinab, der Schneider ließ die Fallthür geräuſchlos nieder und eilte hinaus.„Wer iſt draußen?“ fragte er durch die verriegelte Haus⸗ thüre. „Um Gotteswillen, Träger, macht auf! ich bin's, die Helbig Dore von Kühnheide; ich bin halbtodt!“ 1 Haſtig riß der Schneider die Thür auf.„Dore 61 iſt es möglich? Ihr bei mir?“ rief er hinaustretend. „Himmel, wie Ihr zittert! kommt ſchnell herein und wärmt Cuch— meine gute, liebe Herzensdore! kommt! aber haltet Euch eine Weile ganz ſtill!“ Damit führte er ſie in die Stube. Während er das Licht wieder anzündete, ſtampfte er dreimal auf den Boden. Dann bat er Dore, ſich auf die Ofenbank zu ſetzen, holte ein Glas und goß es aus der gro⸗ ßen Flaſche voll. Aber als er ihr den Trank reichte, roch ſie nur daran und wies ihn mit Abſcheu zu⸗ rück.„Pfui! nur keinen Schnaps!“ ſagte ſie. „Es würde Euch aber gutthun, liebe Dore; es iſt Wachholder, den ich ſelber aufgeſetzt. Wie Ihr zittert und blaß ausſehet!“ „Kein Wunder,“ ſagte ſie,„ich wäre bald gar im Moraſt verſunken; ſeht nur, ich bin unten bis an die Hüften naß“— „Meiner Seelen! da dürft Ihr nicht ſo blei⸗ ben. Ihr könntet den Tod davon haben, ich habe noch Kleider von meiner Seligen, die könnt Ihr einſtweilen anziehen.“ Er ging in eine anſtoßende Kammer und brachte verſchiedene Kleidungsſtücke.„Ich gehe einſt⸗ weilen vors Haus,“ ſagte er. „Iſt ſonſt niemand hier?“ fragte ſie, ſich ſchen umblickend,„mir war vorhin, als hörte ich ſprechen—“ „Es war jemand da, aber da wir dachten, es wäre jemand von der Jägerei, der anklopfte, wovon mein Geſelle nichts wiſſen mochte, ſo hab' ich ihn hinten hinausgelaſſen.“ Er ging ab. Dore legte ſich die trockenen Ge⸗ wänder zurecht und ſtellte dann das Licht in den Ofen, ihren Umzug im Finſtern zu bewirken. Hier⸗ mit fertig, rief ſie den Schneider hereins „Ei wie lieblich!“ ſprach er im Eintreten,„als wäret Ihr meine liebe junge Frau. Dore— Her⸗ zensdore, wollt Ihr das nun endlich werden?“ „Träger!“ erwiederte ſie,„laßt uns jetzt von etwas Anderem reden! Kommt, ſetzt Euch zu mir! Ich komme erpreß ſo ſpät in der Nacht zu Euch um— um ein gutes Wort mit Euch zu reden.“ „Iſt Enerm Vater etwas zugeſtoßen? Iſt ein Kind von Euch krank geworden? Kann ich Euch irgend worin helfen? Ihr wißt, ich laſſe mein Le⸗ ben für Euch— ach wolltet Ihr es doch!“ „Träger, laßt das Schmachten! Ihr wißt, ich mag's nicht leiden. Ich will Euch was erzählen. Heut Nachmittag ging ich mit Butter nach der Stadt. Ihr waret ſo gut, mir ein paar Haſen zu ſchenken, die nahm ich mit, ſie im Kreuzgaſthof zu N 5 * S 60 6 verkaufen, denn auf den Tiſch dürfen wir ſolch ein Eſſen nicht bringen Aber denkt, wie es mir unter⸗ wegs damit ging.“ Und ſie erzählte die Begegnung mit dem Atzisinſpektor und Theophilus, und wie dieſer ihr die Haſen vierfach erſetzt durch die Börſe, die er ihr in den Korb geworfen. „Ei,“ unterbrach ſie hierbei der Schneider; „das klingt ja wie ein Mährlein aus der goldenen Zeit. Das muß ein abſonderlich guter Herr geweſen ſein!“ „Es war ein Engel, ſage ich Euch! Hört nur weiter! Wie ich gegen Abend heimgehe, und eines⸗ theils froh bin über das Geſchenk, das mir der Herr gemacht, anderntheils bange, was der Inſpektor weiter gegen mich vornehmen wird, der mich von meinem Kinde her ſchon arg auf dem Zug hat— da traten mir im Wald zwiſchen Gelobtem Land und der Raitzmühle zwei Männer entgegen, es war der Bauer vom Raitzgut, das ob der Raitzmühle liegt, und der Bretſchneider von da, die ſchrieen mich mörderlich an, halten mir unverſehens die Arme, ſchimpfen mich eine Hexe und ſchleppen mich nach der Mühle Hätte ich meine Hände frei gehabt, ſo hätte es ihnen ſchon vergehen ſollen, denn ich hatte mein Fläſchchen bei mir, aber ich konnte nicht dazu, und ſie entdeckten eund riſſen mir's vom In der Mühle wollten ſie Gericht über mich h ſohtei ſie, denn ich hätte ihre Kühe behert. Ihr Euch etwas ſchrecklicheres denken? Ich ſoll eine Hexe ſein! Ich weiß aber, woher das kommt. Von meinem Vater fabeln die Leute, er könne den Waidmann ſetze i kugelfeſt und was der ſchwar⸗ zen Kunſt im Jagdwerk mehr iſt, und nun gibt's ſchlechte Leut ie ſprechen, ich hätte von ihm heren gelernt. Die Rgitzgutleute aber ſagen, ich hätte ihr Vieh behert, aus lauter Rache, weil ich der Bauer⸗ frau keine Butter mehr abnahm wegen ihrer Un⸗ reinlichkeit und zu leichten Gewichtes. Und weil auch in der Mühle zwei Kühe Blut in der Milch geben, haben ſie die Müllerin, die ſonſt eine gute Frau iſt, mit aufgehetzt. Nun hatten ſie mir aufgelauert und wollten mich an die Bretſäge binden, daß ich das Herenwerk beſpräche. Doch in meiner höchſten Noth ſandte mir der Himmel wieder einen Engel, denſel⸗ ben, der mir ſchon einmal geholfen. Der trat mit einer Hoheit, die ich noch an keinem Menſchen ge⸗ 8 ſehen, vor die wüthenden Männer, und ein Wort von ihm machte mich frei. Wie vom Donner ge⸗ 3 rührt, ließen ſie ihre Hände von mir los, und er hielt ihnen eine Rede, daran ſie ihr ent X 65 denken werden. Aber auch iWee ſie nie vergeſſen, und ich wollte, Ihr hättet ſie gehört, denn es waren Worte voll Licht und Kraft. Und nun denkt Euch meine Freude, als mir der edle Herr ſagte, er gehe auch nach Kühnheide und ich ſolle ſeine Wegfüh⸗ rerin ſein. Dieſer Weg ſoll mir in alle Ewigkeit geſegnet ſein. Was habe ich da alles zu hören be⸗ kommen! Aber daß ich nicht eins über dem andern vergeſſe: ich hatte den Herrn doch erſt zu Pferde geſehen und mun war er zu Fuß. Wie ich ihm meine Verwunderung darüber äußerte, ſagte er mir, ſein Gaul ſei ihm aus dem Mühlenſtall geſtohlen worden. Ich will Euch nicht ſagen, Träger, wohin ich in der erſten Aufwallung den Dieb gewünſcht habe, aber was that der gute Herr? Er bedauerte den Unglück⸗ lichen und ſprach ſo milde Worte, daß es mir war, als wäre ich wieder ein Kind und hörte die lieb⸗ lichen Reden des Heilandes, aber aus ſeinem eigenen Munde. Und je weiter ich mit ihm ging und je länger ich ihm zuhörte, deſto mehr fühlte ich mich der elenden, ſchmutzigen, ſündhaften Gegenwart entrückt und die Luft einer beſſeren Welt wehte mich an. Und wie ich endlich vor mein Haus kam und aller Jammer meines Lebens vor mir aufſtieg, über den ich zeither leichtſinnig hinweggetaumelt, da ſchwin⸗ Die Tochter des Wilddiebes. 5 66 delte mir wie vor einem tiefen Abgrund. In der Nähe des Fremden, dieſes Engels der Klarheit, wurde mir es recht klar, wie öd' und finſter unſer Leben ſei, meines, Eures, und das vieler Menſchen, £ die wir unſere Freunde nennen. Träger! ich habe „ dem Herrn, der unſer neuer Hilfspaſtor iſt, verſprochen, ihm ſein Pferd wieder zu ſchaffen— deßhalb komme ich zu Euch— denn Ihr habt es— ich komme heute noch, weil Ihr es morgen ſchon über alle Berge gebracht haben könntet.“„ Träger kauete ſich verlegen an den Nägeln. „Wer ſagt Euch, daß ich das Pferd geholt habe?“ brachte er endlich heraus. Dore wendete ihm ihre ſchönen hellen Augen zu und ſagte:„Seht mich mal an, Träger!“ Er ver⸗ ſuchte es, aber er hielt ihren Blick nicht aus.„Träger!“ ſagte ſie wieder,„Ihr verſpracht mir, nie wieder ſo was zu thun, und doch habt Ihr Euch wieder blen⸗ den laſſen! Denkt doch an den Unglücksmenſchen, den Baſtel! Ihr werdet's auch noch ſo weit brin⸗ gen, wie der!“. Der Räuber zitterte.„Dore!“ ſagte er, ihre Hand ergreifend—„Hetzensdore— ja, ich hab' das Pferd und der Pfarrherr ſoll's wieder haben. Gewiß, ich wollte nicht mehr ſtehlen— andere Dinge 4 67 hab' ich auch nicht geſtohlen; aber für Pferde hab' ich ſo eine verfluchte Paſſion— ich wußte, daß Ihr nach Marienberg gegangen waret, und wollte Euch entgegengehen; da muß mich der Teufel an den Mühlenſtall führen und ich das ſchöne Pferd darin ſtehen ſehen, weg waren meine Vorſätze, mein Blut kochte, der Nebel war dick, kein Menſch im Stall, die ganze Gelegenheit ſo günſtig— ich ritt mit dem Gaul zum Teufel.“ „Wo habt Ihr ihn?“ „In meines Schwagers Stalle— es iſt ein ſanftes Thier, Ihr könnt es heimreiten und ich be⸗ gleit' Euch zu Fuß. Aber Dore, liebe Dore! Ihr ſeid mir doch nicht bös mehr? Ach wenn Ihr doch nur meine liebe Frau ſein wolltet, gewiß Ihr ſolltet mich nimmer wieder auf falſchen Wegen ertappen. Ihr könnt mich um den kleinen Finger wickeln, ſolche Macht habt Ihr über mich.„Dore, wollt Ihr mein Weib ſein? Seht, wie prächtig Euch die Gewänder meiner Seligen ſtehen— ach nehmt doch ihre Stelle ganz ein, ſeht Euch um in meinen Pfählen, es iſt doch einwenig anders, als wie bei Euch, und ich will es auch noch recht hübſch vorrichten für Euch.“ Dore war eine Eva's⸗Tochter, und daß ſie dem Kulturzuſtande ihrer Stammmutter näher ſtand, 3* 68 als unſere Leſerinnen, machte ſie nicht gleichgiltiger gegen den Reiz hübſcher Aeußerlichkeiten. Kein Wun⸗ der daher, wenn ſie bei den ihr hier gebotenen ein klein Wenig verweilte. Dann aber ſagte ſie ernſt: „Träger! Aufrichtigkeit für Aufrichtigkeit! Wir haben beide geſündiget; wie Ihr mir gebeichtet, ſo will ich Euch beichten. Ich habe ſehr gefehlt, daß ich Euch einige Hoffnung auf mich gemacht, und außer Euch auch den vier Brüdern— thut mir dafür an, was Ihr wollt und vor Gott verantworten mögt, ich will alles leiden. Aber den vier Brüdern gab ich nur ausweichende Antworten aus Furcht, ſie wiſſen etwas von mir, das ich Euch nicht ſagen kann, und können mir damit das größte Herzeleid zufügen; Euch wies ich nicht zurück— weil— weil— nun weil ich wirklich einmal dachte, es könne ſich wohl ſchicken, daß ich noch Euer Weib würde“— „Dor „Laßt mich ausreden! Ich bin eine eitle, hoffär⸗ tige Kreatur; ich wußte, daß ich's bei Euch recht gut kriegen und wieder zu Ehren kommen würde Es thut ſo weh, von aller Welt verachtet und weg⸗ geſetzt zu ſein! Der Vater meines Fritz war doch für mich verloren— aber heute iſt es mir klar gewor⸗ den, daß ich Unrecht that, ſolche eitle Gedanken zu 69 nähren. Guter Träger; ſeid mir nicht bös— ich kann Eure Frau nicht werden.“ „Wegen des Pferdes?“ rief er traurig;„o ich elender, geſchlagener Thor!“ Und er ſchlug ſich vor den Kopf. „Nein, Träger, deßwegen eigentlich nicht— verſteht mich recht— ich kann niemandes Frau werden. Wenn ich Einen heiraten moͤchte und dürfte, ſo wäret Ihr's, denn Ihr ſeid kein böſer Menſch und würdet mir zu Lieb' von Euern Fehlern laſſen— aber es kann nicht ſein— ich muß bleiben, wie ich bin. Jetzt, Träger, laßt mich meine Sachen wieder anziehen, und wollt Ihr mich mit dem Pferde heim⸗ bringen, ſo will ich's Euch vom Herzen Dankwiſſen; Ihr könnt dann bei mir den Tag erwarten.“ „Eure Kleider ſind noch ganz naß,“ ſagte Trä⸗ ger;„behaltet nur die da an und tragt ſie meiner Seligen zu Ehren“— „Ich will ſie Euch abkaufen— ich habe kein Kirchenkleid und das gäbe eins— ich zahl' es nach und nach ab, wenn Ihr wollt.“ „Dore, thut mir wenigſtens die Liebe und tragt die Kleider, als hättet Ihr ſie längſt redlich ver⸗ dient— ohne Euch wäre ich vielleicht lange ganz 70 in des Teufels Klauen gefallen. Bleibt mir nur eine gute Freundin! Jetzt will ich das Pferd holen.“ „Ich gehe gleich mit, ich fürchte mich allein hier zu bleiben,“ erklärte ſie. Sie gingen. In der Nachbarſchaft war die Stallung ſeines Schwagers, eines Roßkamms. Er gelangte leicht hinein und brachte das Pferd heraus. Er beſtand darauf, daß Dore ſich aufſetze, ſie ſchwang ſich hinauf und er leitete das Thier ſicher durch Wald und Moor. Ungeſehen folgte ihnen eine dunkle Geſtalt bis an Dore's Wohnung. Es war der Baſtel. Trotz der erhaltenen Warnung war er in ſeinem un⸗ terirdiſchen Verſteck geblieben und hatte einen Theil des Geſprächs der beiden belauſcht: Was er ver⸗ nommen, hatte gerade hingereicht, ihn zur heftigſten Eiferſucht zu entflammen. Er hatte Träger's Bewer⸗ bung gehört, aber nicht ihre beſtimmte Ablehnung, da ſie meiſt nur leiſe geſprochen hatte. Es war ihm klar, daß Träger ſie vorhin nur darum in ſeinen Au⸗ gen herabzuſetzen geſucht, um an ihm keinen Neben⸗ buhler zu haben. 71 piertes Rapitel. M. Theophilus Starke an Ihre Erxzellenz die Frau Gräfin S⸗ in Dresden Erlauchte Gräfin! Meine hohe und gnädige Gebieterin! Nicht ohne ein kleines Abenteuer zu beſtehen, bin ich wohlbehalten am Orte meiner Beſtimmung angekommen. Es war ſchon Nacht, als ich in das Pfarrhaus eintrat. Obgleich von einer zuverläſſigen Perſon vor die Thür desſelben gebracht, zweifelte ich doch bei meinem Eintritt in die Stube ſehr am rech⸗ ten Orte zu ſein. Ich trat in ein großes, von einer Oellampe matt erleuchtetes Gemach, deſſen vorderer Theil bis jenſeits des rieſigen Kachelofens mit Stei⸗ nen gepflaſtert war. Erſt dann trat man auf eine ſehr geworfene Dielung. Ein dicker Nebel ließ den Raum nicht ſofort überſehen, aber was ich ſehen konnte, ſah nicht nach einer Pfarrwohnung aus. Ich war von einer Magd eingeführt worden, die in dem nebligen Hintergrund verſchwand, dort mit jeman⸗ dem flüſterte und nach einer Weile an der Seite eines etwa eilfjährigen Mägdleins in halb ſtädtiſcher, halb 72 ländlicher Tracht(eines lieben freundlichen Weſens mit einem Engelsgeſicht) wieder zum Vorſchein kam. „Seien Sie ſchön willkommen!“ ſprach die Kleine mit einer graziöſen Verneigung. Dieſe Redeweiſe überraſchte mich einwenig, denn ſeit ich aus den gebildeten Kreiſen der Reſidenz geſchieden, namentlich im eigentlichen Gebirge, hörte ich mich nur mit Er angeredet, ſelbſt von gebildeten Leuten. Ich erin⸗ nere mich Ihres Zeugniſſes über Ihre ehemalige Zofe, die jetzige Fran Paſtorin hier als eine ſehr bildungsfähige Perſon, und dachte mir, die Kleine könne wohl ihre Tochter ſein. Sie ſchaute mich et⸗ was verwundert an, wie ich mich aber als den inte⸗ rimiſtiſchen Pfarrgehilfen zu erkennen gab, faltete ſie freudig die Händchen und rief mit einem frommen Aufblick nach oben:„O Gott ſei Dank! Wir dachten ſchon, wir bekämen keinen Vikar; kommen Sie zum Vater, er iſt gerade munter geworden.“ Sie führte mich in den Hintergrund an ein Bett, aus dem ein bleiches Mannesgeſicht ſich ein⸗ wenig erhob und ein mattes:„Salve, currissime frater, Salve!“ mir entgegenrief. Das war der gute M. Dietrich, Ew. Exzellenz wohlbeſtallter Paſtor zu Kühn⸗ heide und Rübenau, ſeit acht Wochen ſchwer an einer Gliederlähmung danieder liegend.„Sie kom⸗ X men in ein Haus, das der Herr ſchwer heimgeſucht,“ ſprach der arme Leidende, indem ich mich neben ſei⸗ nem Bette niederließ;„es bedarf einer ſtarken chriſt⸗ lichen Liebe, hier eine Zeitlang zu leben und das Amt eines Seelſorgers zu verwalten.“ Wie er noch ſo ſprach, vernahm ich hinter mir Kindergeſchrei. Als ich mich umſchaute, ſah ich in der entgegengeſetzten Stubenecke ein großes Bett, in welchem eine Frau ſich aufrichtete. Das kleine Mädchen ſprang hinzu und nahm aus einer Wiege zwei eingewickelte Kind⸗ lein, welche ſie der Frau an die Bruſt legte.„Die⸗ ſer doppelte Segen mufßte gerade jetzt kommen, wo ich an das Siechbett gefeſſelt bin,“ ſagte der Paſtor. „Vier Kinder außer denen, die ſie hier ſehen, ſind ſchon zu Bett gebracht, Sie können ſich denken, daß bei ſo ſtarker Familie in einer Stelle, wo die Ein⸗ nahme kaum zweihundert Thaler überſteigt, obſchon ſie noch einmal ſoviel tragen ſoll, kein Herrenleben möglich iſt, wenn auch ſonſt alles gut geht; kommen aber ſolche Heimſuchungen, dann wird die Noth frei⸗ lich kaum erträglich. Ich danke nur Gott und un⸗ ſerer gnädigen Herrſchaft, daß ſie aus eigenen Mitteln mir einen Gehilfen ſetzt, ich könnte keinen erhalten.“ Während er mir nun ein umſtändliches Bild von ſeiner Lage entwarf, kam der Schulmeiſter hinzu, 74 den ich eher für einen Holzmacher angeſehen hätte, als für einen Lehrer der Jugend und Diener der Kirche. Der beſtätigte alles, was mir der Paſtor von der leiblichen und geiſtlichen Noth in beiden Gemeinden ſagte, es war ein haarſträubendes Bild, und wenn es auch nur zur Hälfte wahr ſein ſollte, ſo iſt es noch immer traurig genug. Vor der Hand konnte ich mich nur von der Noth im Pfarrhauſe überzengen, ich fand da Mangel an den nöthigſten Erquickungen für den Kranken und die doppelt ge⸗ ſegnete Wöchnerin. Die arme Frau hatte eine ſehr ſchwere Entbindung gehabt, die nur mit ärztlichem Beiſtand möglich geweſen, und dieſer hatte von Ma⸗ rienberg herbeigeholt werden müſſen. Der Arzt kann nun nur alle Wochen ein⸗ oder zweimal kommen. Die nächſte Apotheke iſt gleichfalls in Marienberg. Es iſt ſehr gut, daß ich mich auf der Akademie der Arzeneikunde mitbefliſſen und auch den Aufenthalt in Montpellier zur Vervollkommnung in dieſer Wiſſen⸗ ſchaft benutzt habe, hier werde ich's gut brauchen können. Aber nur mit Ew. Exzellenz gnädiger Hilfe kann ich den rechten Gebrauch davon machen. Ich muß eine kleine Hausapotheke errichten und bitte Hochdieſelben demüthig und dringend, mich dabei zu unterſtützen. Außerdem wollen Sie mir vor der Hand 6 6 75 nur einige Wäſche— denn daran ſcheint es meinen Pfarrersleuten zu mangeln— und warme Kleidungs⸗ ſtücke, womöglich einen Pelz für die Wöchnerin und einiges Geld ſchicken, damit ich mit der marienberger Apotheke einen Handel abſchließen kann. Nächſtens wenn ich einige nähere Einſicht in die hieſigen Zu⸗ ſtände gewonnen, werde ich mir die Freiheit nehmen, Ew. Exzellenz einen ausführlichen Bericht über alles zu ſenden, denn ich denke Hochdero menſchenfreund⸗ lichem Herzen damit eine Gelegenheit zu reichlicher Bethätigung zu geben. Ich ſchreibe dieſe Zeilen in der Nacht nach meiner Ankunft, in dem Studirzimmer des Paſtors— ei⸗ gentlich nur eine ſchlechte Kammer mit einem Wind⸗ ofen, einem alten Polſterſtuhl von unerforſchlichem Datum, einem ſehr armſeligen Schreibtiſch und einem kleinen Bücherbrett, das keinesweges überfüllt iſt. Von dem Satze: die Reichthümer ſächſiſcher Paſtoren ſind Kinder und Bücher, ſcheint ſich hier nur die erſte Hälfte zu bewähren. Auch mein Bett hat man hier aufgeſchlagen und das Gemach ſo gut als mög⸗ lich zum Wohnen eingerichtet. Aber Ew. Exzellenz Stallknecht wohnt beſſer als der Hilfspaſtor von Kühnheide und Rübenau. Doch erwähne ich dieß nicht um meinetwillen, ich will mich ſchon einrichten, — 76 die meiſte Zeit werde ich wohl in der Pfarrſtube zu⸗ bringen, ich bin gern unter einem Kinderſchwarm. Doch nun wird es Zeit, Ihnen auch das Aben⸗ teuer zu berichten, deſſen ich oben gedacht(hier folgt im Briefe die Erzählung von der Verirrung im Walde, der Einkehr in der Mühle, dem Pferdedieb⸗ ſtahl, der Befreiung Dore's aus den Händen ihrer unberufenen Hexenrichter und was er mit ihr weiter erlebt. Dann hieß es weiter:) Ich muß geſtehen, daß mir dieſes arme Frauenzimmer ein merkwür⸗ diges pſychologiſches Phänomen iſt. Ich habe viele Menſchen unter verſchiedenen Nationen kennenge⸗ lernt, und ich darf mir das Zeugniß geben, mich nie mit der Oberfläche der Erſcheinung begnügt zu haben, aber ein ſolches Weſen iſt mir noch nicht vorgekom⸗ men. Es ſcheint mir die ſchroffſten Gegenſätze von weiblicher Hingebung und männlicher Thatkraft, von Vertrautheit mit dem tiefſten menſchlichen Elend und ahnungsvoller Sehnſucht nach den höchſten Gütern der Menſchheit in ſich zu vereinigen. In dem Au⸗ genblicke, wo man ſich verſucht fühlt, den Gleichmuth, mit dem ſie das Niedrigſte und Trübſeligſte erträgt, für Indolenz zu halten, belehrt uns irgendeine Aeu⸗ ßerung, ein Zug von der Feinheit und Tiefe ihrer Empfindung und daß wir es mit einer Natur zu . 77 thun haben, welche größer iſt als ihr Schickſal. Die Alten nannten den muthigen menſchlichen Kampf mit dem Schickſal ein Schauſpiel für Götter; ſo ge⸗ währte es mir immer einen hohen Genuß, unter denen, deren Erbtheil hienieden Mühſal und Trübſal geworden, Naturen zu finden, welche allen Verſu⸗ chungen der Noth muthig und ſtandhaft Trotz bieten, aber einen höhern Genuß hatte ich nicht, als in den zwei Stunden, da ich allein mit dieſer Tochter der Armuth und der Schmach durch den Wald ging, und das höhere Sehnen ihrer Seele belauſchte und Zeichen von den Kämpfen empfing, die ſie mit dem Leben zu beſtehen gehabt und ſiegreich beſtanden. In einem dieſer Kämpfe iſt das Weib erlegen— aber ob dieſes Erliegen wirklich eine Niederlage, ob es nicht vielmehr gerade die Grundlage größerer Triumphe geweſen, deſſen bin ich noch nicht gewiß. Die Welt verdammt manches als Fall, was vielleicht ein über ihren Verſtand hinausreichendes Maß von Tugend iſt. Das Gerücht bezeichnet einen groben Verbrecher, einen offenbar tief gefallenen Menſchen als denjenigen, dem die arme Magd das höchſte Gut eines Mädchens geopfert,— ich kann es nicht glauben; ſollte das Gerücht aber gleichwohl recht haben, ſo wäre dieß nur ein Räthſel mehr an dieſer räthſelhaften Erſcheinung. Doch, iſt nicht das Men⸗ ſchenherz überhaupt ein ewiges Räthſel? Wer hat ſeine Abgründe und labyrinthiſchen Gänge erforſcht? Wer hat es je ganz gebändigt unter das Joch der Vernunft? Hat es nicht ſeine eigene Vernunft, ſeine eigene Logik, ſeine eigenen Geſetze? Adelt nicht eine große Leidenſchaft ihren Gegenſtand? Kann nicht ein großes Herz gerade darin eine hohe Genngthuung finden, einen gefallenen Menſchen durch die Liebe zu ſich emporzuheben? Iſt nicht gerade im Weibe eine geheimnißvolle Macht, Verlorenes zu finden und em⸗ Und wo die Macht iſt, iſt doch auch der Reiz, ſie zu gebrauchen, und wo ſie recht groß, da mag es einen eigenthümlichen Reiz gewähren, ſie an recht ſchwierige Aufgaben zu ſetzen. Mag es mit dieſem Punkte ſein, wie es will, jedenfalls iſt die in Rede ſtehende Perſon der größten Theilnahme werth und wage ich dieſe bei meiner gnädigen Gebieterin zu erregen. Ich werde mehr von der armen Magd ſehen und hören und behalte mir näheren Bericht über ſie vor. Da habe ich Ihre großmühtige Theilnahme wie⸗ 3 der für ein hilfsbedürftiges Menſchenkind in Anſpruch genommen, und weiß noch nicht, welche Ehre ich mit dem jungen Kandidaten eingelegt, den ich um ſeiner 79 Hilfloſigkeit willen Ihrer Huld empfohlen und den Sie ſo bereitwillig als Vorleſer und Sekretär in Ihre Dienſte genommen. Zeigt er ſich Ihrer Gnade würdig? Gleicht ſeine Geſchicklichkeit ſeiner Bedürf⸗ tigkeit? oder gibt er wenigſtens gerechte Hoffnung, bald nachzuholen, was ihm noch fehlt? Ich habe mich in Marienberg, wo er das Lyceum beſucht, über ſeine frühere Aufführung erkundiget, und das beſte Lob darüber gehört. Auch was er uns von ſeinem armen Herkommen erzählt, fand ich beſtätiget. Sein Geburtsort, Pobersau, iſt wirklich nur eine kleine Stunde von hier, da habe ich vielleicht Gelegenheit, ſeine Mutter keunenzulernen und von ihr zu erfah⸗ ren, ob ſich ihr Herr Sohn auch hübſch um ſie kümmert, nun er ſein gutes Brot gefunden. Ich habe leider die Erfahrung nur zu oft ſchon gemacht, daß Söhne der Armuth, wenn ſie durch die größten Opfer ihrer Eltern zu Bildung und Anſehen gelangt, ſich der armen Eltern geſchämt und ſie wohl gar vergeſ⸗ ſen und verleugnet haben. Hoffentlich geſchieht dieß bei unſerem Schützling Oeſterreich nicht. Ich bitte Ew. Etzellenz, mich dem jungen Herrn Grafen zu empfehlen, und wenn er nach Berlin reiſet, ihm auf die Seele zu binden, daß er ſich doch ja nach meinem Studienfreund Leſſing erkundige; er 80 braucht ſich nur an den Buchhändler Nikolai zu wenden, mit dem mein Freund eng verbunden iſt. Ich möchte doch wiſſen, ob das theure unruhige Herz für ſein bewunderungswürdiges Genie einen Wirkungskreis gefunden. Ich habe große Hoffnungen auf ihn gebaut, ſchade, wenn ſie an der Ungunſt unſerer deutſchen Verhältniſſe ſcheitern ſollten. Doch der alte Gott lebt ja noch, der weiß ſeine großen bahnbrechenden Geiſter ſchon zu ſchirmen und auf den rechten Platz zu ſtellen! Sollte es meine Beſtim⸗ mung ſein, hier oben im wilden Wald mein Daſein als dunkler Landpfarrer zu verleben, und Ew. Exzel⸗ lenz erhalten einmal Kunde von einem hellen Licht⸗ ſtern, der über den Nebeln deutſchen Lebens aufgeht, mit Namen Gotthold Ephraim Leſſing, ſo denken Sie an mich und laſſen mich's wiſſen. Dann habe ich hier oben wenigſtens Holz genug, ein ſtattliches Freudenfeuer anzuzünden. Mit ewiger Dankbarkeit und tiefſtem Reſpekt Ew. Etzellenz* unterthänigſter Diener Chriſtoph Theophilus Starke P. S. Eben wie ich mich in der Pfarrſtube nach einem Boten für den Brief erkundigen will, wird 81 mir eine ſeltſame, doch freudige Ueberraſchung zu⸗ theil. Gleich hinter mir tritt die Hausmagd ein und meldet, im Stalle ſtehe ein wunderſchönes Pferd, geſattelt und gepackt, und es ſei doch kein Reiter zu ſehen. Ich hatte in der Pfarre kein Wort von dem Pferdediebſtahl fallen laſſen. Mir fielen nun gleich die letzten Worte meiner Wandergefährtin ein; ich ließ mich in den Stall führen und richtig! da ſtand meine Elſe freundnachbarlich neben einer ſcheckigen Wiederkäuerin. Hatte das gute Thier eine Freude, wie es mich erblickte! ich aber auch. Fröhlich ſattelte ich ab, mein Mantelſack kam mir ſehr zu ſtatten; er enthielt ja die Büchſe mit den trefflichen Eſſenzen, welche Ew. Exzellenz mir einpacken ließen, und meinen Prieſterrock. Ich hätte müſſen den des armen Pfarrers anziehen und der iſt in einem deplorablen Zuſtand. Aber nun meine erſte Freude ſich gelegt hat, denke ich mit Betrübniß über die Verbindung nach, welche meine Begleiterin mit dem Pferdedieb haben muß.⸗ Ein unheitbolles Band ſcheint ſie mit der Verbre⸗ chergenoſſenſchaft dieſer Gegend überhaupt zu ver⸗ knüpfen, das ſie vielleicht vergebens abzuſtreifen ge⸗ ſucht. Ich muß ſuchen, ihr beizuſtehen und ihre Seele zu retten. Ach es gibt hier wohl viel zu retten⸗ Die Tochter des Wilddiebes. 6 Möge Gott mir den rechten Geiſt, die rechte Kraft dazn verleihen! Am guten Willen fehlt es nicht. Theophilus. Fünftes Rapitel. Der Baſtel. Als Theophilus mit ſeinem Briefe wieder in die Pfarrſtube trat und ſich nach einem Boten erkun⸗ digte, wußte Hedwig, das älteſte Kind des Paſtors, keinen ſicherern vorzuſchlagen als die Helbig Dore. Aber ſie that dieß ganz leiſe. „Meinſt Du die Tochter des blinden Mannes in der Waldhütte am marienberger Wege?“ fragte Theophilus mit gleichfalls gedämpfter Stimme, ob⸗ ſchon er die Urſache dieſes Leiſeredens nicht wußte. „Ja,“ ſagte Hedwig,„der Vater iſt zwar bös auf ſie, und ſie mag wohl nicht immer recht gethan haben, aber ſie iſt nicht ſchlecht und verdient gern ein paar Groſchen. Meine Mutter hält viel auf ſie, weil ſie ſo rechtſchaffen für ihre Schweſterkinder ſorgt; ſie hat ihr auch ſchon öfters Botenwege gemacht, um das Begräbnißgeld für ihre Schweſter abzuverdienen. Sie iſt ehrlicher wie viele andere Leute hier herum.“ „Gut,“ ſagte Theophilus, froh, einen Anlaß zu haben, Dore wiederzuſehen;„ich werde ſie aufſuchen; wäre Morgen nicht Sonntag, ſo ritte ich ſelbſt nach der Stadt. Ich will mich einwenig im Orte um⸗ ſehen und bei dieſer Gelegenheit mit nach der Wald⸗ hütte gehen.“ „Sie wollen ſich hier umſehen?“ ſagte die Kleine, ihn mit ihren klugen blauen Augen verwundert an⸗ blickend—„ach da werden Sie nicht viel ſehen— der Hof, der Hammer, das iſt alles, und allenfalls die Papiermühle— aber im Dorfe ſieht man keine Freude und der Weg iſt ſo moraſtig, daß ſie darauf gar nicht fortkommen.“ „Das wäre ſchlimm,“ verſetzte Theophilus,„da wären ja die Kirchkinder in gleichem Fall— wem ſollte ich da morgen predigen?“ „Aber das Haus der Dore finden Sie nicht; die Mutter iſt heute wohler, da kann ich ſchon ein⸗ wenig abkommen; ich rede gern mit der Dore, weil ſie beſſer ſpricht wie andere Dorfleute; laſſen Sie mich den Brief zu ihr tragen.“ „Nein, mein liebes Kind, Du biſt hier am nothwendigſten; ich ſagte noch nicht, daß, die Dore 6 84 meine Führerin geweſen und mir ihre Hütte gezeigt hat. Wie geht's mit dem Vater?“ „Nach den Tropfen, die Sie ihm gegeben, iſt er eingeſchlafen— wird ihm das wohl gut ſein?“ „Ich glaube, mein Kind— laß uns nur beten, daß Gott ſeine Hilfe dazu gibt.“ Er ſtreichelte ihr das ſchöne blonde Haar und ging. Hedwig hatte nicht gelogen. Als Theophilus den Dorfweg betreten wollte, wußte er nicht, wie er das anfangen ſollte, der Weg ſchien eigentlich nur ein breiter Schlammgraben zu ſein. Unſchlüſſig ſtand er eine Weile davor. Indem er ſich umſah, fiel ihm erſt das Aeußere des Pfarrhauſes in die Augen. Es war ein Gebäude aus Holzbundwerk mit Lehm⸗ ſtaak, der ehedem einen Kalküberzug gehabt hatte, jetzt aber allenthalben nackt zu Tage trat. Das Schindeldach war mit Moos überzogen, die runden Fenſterſcheiben zum großen Theil zerbrochen. Jenſeits des bodenloſen Weges befand ſich ein ähnliches, nur niedrigeres Gebäude. Als er dieſes in Augenſchein nahm, öffnete ſich hinter ihm die Thür des Pfarr⸗ ſtalles und ein halbes Dutzend Kühe von ziemlich kleinem Schlage ſtürzte brüllend heraus auf den Ma⸗ giſter zu. Dieſer wollte ſchnell ausweichen und ſank bis über die Knöchel in den Schlamm Gleichzeitig 85 öffnete ſich eine Thür des anderen Hauſes und zwei gehörnte Milchproduzenten ſtürzten auch von dieſer Seite auf den jungen Leviten los. Aber die Situa⸗ tion war mehr lächerlich als gefährlich, von jeder Seite ſprang ein Frauenzimmer hochaufgeſchürzt hin⸗ ter dem Vieh her, und trieb es mit Geſchrei und Steckenhieben von dem bedrängten Mann ab auf die nahe Wieſenflur. „Guten Morgen, Herr Magiſter!“ rief eine männliche Stimme aus einem Fenſter des kleineren Hauſes.„Er hat da eine recht fatale Bekanntſchaft mit der kühnheider Hauptſtraße gemacht. Spring' Er nur herüber auf dieſe Seite, meine Frau mag Ihm die Stiefel abwaſchen, wenn ſie die Kühe auf die Wieſe gebracht hat.“ Der Sprecher war der Schulmeiſter, deſſen Be⸗ kanntſchaft Theophilus geſtern Abend in der Pfarre gemacht, und demnach war das eine der beiden Frauen⸗ zimmer, welche der Magiſter für des Schulmeiſters Magd gehalten, wie das andere, die des Pfarrers war, die Frau Schulmeiſterin.„Da bin ich ſchon,“ ſprach ſie, hinter dem Hauſe hervortretend.„Komm nur der Herr mit ins Haus, da wollen wir dem Dr. gleich den Weg weiſen.“ Sie band ſich „den Strick, womit ſie ſich den blaugrauen Tüffelrock aufgeſchürzt hatte, los, ſchneuzte ſich mit der Hand und wiſchte dieſe an demſelben Kleidungsſtück ab. Dann reichte ſie ſie dem Magiſter, um ihm aufs Trockene zu helfen. Ein kräftigeres Sehnen⸗ und Kno⸗ chenwerk hatte die Frau Schulmeiſterin, als der gute Magiſter es bei einer Frau Profeſſorin in Leipzig oder Halle angetroffen haben mochte, ſie ſchnellte ihn wie einen Federball aufs Trockene. Dann eilte ſie voraus ins Haus, und wie er die Schwelle betrat, war ſie auch mit einer Gelte voll Waſſer und Haderwerk da.„Aber, Frau Schulmeiſterin!“ rief Theophilus, „das kann ich doch von Ihnen nicht verlangen.“ Doch die Frau Schulmeiſterin begann ungeſtört ihr Reinigungswerk und bald waren die Stiefel des Ma⸗ giſters von dem Schlammüberzug befreit. „Ich danke ſehr, wertheſte Frau,“ ſagte Thev⸗ philus;„aber ich fürchte, Sie haben Ihre Mühe umſonſt verſchwendet, da die Stiefel beim Weiter⸗ wandeln durch das Dorf doch wieder ſchmutzig werden.“ „Aber ich bitte Ihn um Chriſti willen, was will Er denn in dem alten ſchmutzigen Dorf? Da geht kein Menſch vor lieber langer Weile, ſondern nur wer muß, wie mein Alter bei einer Leiche oder Kind⸗ taufe.“ N N— 87 „Wie müſſen denn aber die Schulkinder thun, die ja wohl auch niemand herführt oder trägt?“ „Je nun, die Rangen laufen barfuß, ſolange es geht, und geht's nicht mehr, ſo kommen ſie gar nicht. Höchſtens die paar vornehmen, die hier herum wohnen, und der Helbig Dore ihre Große, die auch beſſer thäte, ſie bliebe daheim und ſpänne. Kommt nichts Gutes dabei heraus, wenn ſolch armes Volk über ſeinen Stand hinaustritt, das ſieht man der Dore. Die wollte auch mit Gewalt geſcheidt und groß werden und nun hockt ſie da mit dem Wurm, das keinen Vater hat. Aber was plauſch' ich Ihm da von dem Weibsbild vor, das Er nicht kennt, ſpazier' Er doch herein zu meinem Alten!“ Und ſie öffnete die Stubenthür. Theophilus trat ein, die Frau hinter ihm. Der Schulmeiſter, in grauen Kniehoſen mit Zwirnſtrümpfen in Holzſchuhen, ſtand hemdärmlig, mit einem Haſel⸗ ſtock unterm Arm und einem Katechismus in der Hand, vor einem Dutzend Knaben, die ſehr vereinzelt auf einer Reihe von Bänken ſaßen, worauf leicht die ſechsfache Zahl Platz gehabt hätte. Ganz im Hin⸗ tergrund ſaß abgeſondert ein kleines Mädchen, in dem Thevphilus Dore's Schweſterkind Chriſtel erkannte. 88 „Iſt das Ihr ganzer Schulbeſuch?“ fragte er den Schulmeiſter. „Nun kommt heute ſchon niemand mehr,“ war die Antwort,„es läuft jetzt alles in die Bucheckern.“ „Bucheckern? Ah— jetzt beſinn' ich mich, ſo nennt man den Samen der Buchen. Was machen die Leute damit?“ „Ei, die Bucheckern geben ein koſtbares Oel, das beim Weihnachtsbackwerk gar treffliche Dienſte thut, auch geröſtet aufs Brot gegeben, mundet es gar wohl. Es iſt nur alle ſieben Jahre ein rechtes Bucheckernjahr, und heuer trifft es gerade, da läuft alt und jung in die Wälder, um ſich zu verſorgen.“ „Die Schule ſollte aber darüber nicht verſäumt werden,“ ſagte Theophilus. Es ſteht geſchrieben: der Menſch lebt nicht vom Brote allein!“ „Lieber Herr Magiſter,“ verſetzte der Schul⸗ meiſter,„wenn Er erſt die Verhältniſſe hier kennen wird, ſo wird Er wünſchen, es möge der Himmel alle Jahre ein rechtes Bucheckernjahr geben, damit das arme Volk einwenig Schmalz zu ſeinem Brote habe und auch die Kirchen⸗ und Schuldiener zu dem Ihren kommen. Glaub' Er nur, daß dieſes Bucheckern⸗ jahr viele Schulgeld⸗ und Pfarrgebührenreſte bezahlen muß. Hätte ich die Macht und den Willen, die 80 Schulkinder von dem Bucheckernleſen abzuhalten, ſo würde ich nimmer zu meinem Gelde kommen.“ „So ſammeln die Kinder die Bucheckern für Sie?“ „Er meint: für mich? Ja, theilweiſe, und theil⸗ weiſe auch für den Herrn Paſtor— man muß ſich helfen, wie man kann. Dieſe Jungen hier gehören den wenigen, wohlhabenderen Leuten im Orte, dem Rittergutspachter, dem Hammerverwalter, dem Pa⸗ piermüller und dem Müller.“ „Was treiben Sie jetzt?“ „Ich laſſe Hauptſtücke herſagen.“ „Gut; ich will nicht weiter ſtören; ich werde Sie in Zukunft öfter beſuchen, ich bin ja auch eine Zeitlang Ludimagiſter geweſen und habe Freude an der Jugend. Aber wie kommt's, daß außer dem einen dort gar keine Mädchen hier ſind?“ „Die Mädchen ſchickt man hier gewöhnlich nicht eher in die Schule, bis die Zeit der Konfirmation kommt, und dann bringt man ſie ſchwer dazu“ „Das iſt ſchlimm, das erklärt mir vieles Böſe, was ich habe hören müſſen. Gerade die Mädchen ſollte man recht fleißig zur Schule anhalten, weil die Frauen die eigentlichen Pflegerinnen der Geſittung ſind. Das Mädchen da ſcheint ſehr armen Leuten anzugehören, umſo mehr Ehre für ſie, daß ſie eine Ausnahme von der üblen Regel machen.“ „Das Mädchen hat keine Eltern,“ verſetzte der Schulmeiſter,„und ihre Pflegemutter, die ſie ſchickt und die mehr gelernt hat, wie alle unſere Dorfmäd⸗ chen, iſt gerade ein recht ſchlechtes Weibsbild!“ Theophilus fühlte einen Stich im Herzen und tiefer Unwille malte ſich auf ſeinem Geſicht. Er hatte einen Verweis auf der Zunge, aber er fand für gut, ihn zu unterdrücken, um den Antheil nicht zu ver⸗ rathen, den er an der Geſchmähten nahm Er reichte dem Schulmeiſter die Hand und ſagte:„Alſo auf Wiederſehen; Gott befohlen für heute.“ Er ſah ſich nach der Schulmeiſterin um, von ihr Abſchied zu nehmen. Sie ſtand hinter dem Ofen am Butterfaß und butterte, denn die Schulſtube war zugleich Wohn⸗ und Wirthſchaftsſtube. Die Anweſenheit der Schul⸗ knaben hatte ſie nicht gehindert, ſich's ganz bequem zu machen, ſo bequem, daß ihre Reize bis an den Schürzenbund ſo gut wie keine Hülle hatten. Mit ſchwer verhehltem Widerwillen verabſchiedete ſich Theo⸗ philus von ihr. Von der Schule aus machte er ſich gleich nach Dore's Waldhütte auf den Weg. Dieſer führte vom Dorfweg ab, und hatte zur Seite hohe Ränder, 8 welche einen trockenen Fußpfad boten. Er konnte von hier aus die ganze Dorfflur überſehen. Außer den Gebäuden, welche der Kirche zunächſt ſtanden und die der Mühle, Schänke und Papiermühle gehörten, ſowie den Gebäuden des Hammerwerks und des Ritterguts, beſtand der ganze Ort aus weit umher gezettelten Blockhäuſern. Der bräunlich⸗grünliche Moorboden, der nur hin und wieder eine ſchwarz⸗ braune gepflügte Stelle und einzelne noch nicht ab⸗ geerntete weißlichgrüne Hafergewände wies, bot ein troſtloſes Bild der Unfruchtbarkeit und Eintönigkeit dar. Der Atzisinſpektor hatte ſo Unrecht nicht, da er das lange Wohnen hier ein Heldenſtück nannte. Und doch konnte der junge Geiſtliche, der in den herrlichen Gauen des Rheins, in den Oliven⸗ und Rebengeländen der Provence und Languedve's allen Zauber einer üppigen Natur kennengelernt, er konnte ſich auch hier ein Menſchenparadies denken, durch Erkenntniß und Liebe. Abgeſehen davon, daß ſich das Klima durch Entſumpfung des Moor⸗ bodens und Durchſchneußung der Wälder, der Bo⸗ den ſelbſt durch Austorfung und Mengung bedeutend verbeſſern ließ, wurzelte ihm der Menſch doch nur zum kleineren Theile in der Erde, ſein größerer Theil war ihm unabhängig von irdiſchen Bedingungen, und war der Menſch nur nach dieſer Seite hin recht ent⸗ wickelt, der Schwerpunkt ſeines ganzen Weſens dahin geleitet, ſo konnte ſeinem Glauben nach es ihm nir⸗ gends an Glückſeligkeit gebrechen.„Ich habe,“ ſprach er bei ſich,„unter den Oelbäumen von Avignon und Toulouſe bei mönchiſcher Verfinſterung und dem Druck üppiger Seigneurs oder gieriger Generalpächter Elend ohne Maß gefunden, während in den Hochthälern der Schweiz zwiſchen ſtarrenden Eisfeldern mich Woh⸗ nungen himmliſcher Glückſeligkeit aufnahmen.“ Langſam ſetzte er ſeinen Weg fort. Als er den Wald erreicht hatte und von ſeinem Ziele nur noch eine kleine Strecke entfernt war, hörte er Dore im Wortwechſel mit einer Mannsperſon. Die Stimmen kamen aus dem dichten Fichtengebüſch hinter der Hütte. Die Worte waren deutlich hörbar. „Ich ſag's Euch zum letztenmal: es kann nicht ſein, Kaiſer!“ ſagte Dore,„unſere Wege können auf Erden nicht zuſammen gehen: ſorget dafür, daß ſie es im Himmel können!“ „Närrin mit Deinem Himmel!“ fiel der Mann ein,„und geſetzt, das Pfaffengeſchwätz wäre wahr, ſo weiß ich nicht, was Du viel vor mir voraus haſt als Ketzerin und“—— „Sprecht es nur aus, das Wort Sünderin, oder 93 ein noch ſch lechteres, wenn Ihr wollt, ich muß es leiden. Kaiſer— es gab eine Zeit, da dacht' ich nicht, daß wir einmal ſo auseinander gehen würden — Ihr waret ſo gut gegen mich, gegen uns alle— warum ſeid Ihr ſo wild geworden?“ „Da frag die Henker!— Dore— was geht Dich meine Wildheit an? Gegen Dich und die Deinen war ich's nie und werde es nie ſein. Komm, folge mir! In Schmiedeberg hab' ich ein ganz anderes Haus als Deine elende Kaloppe hier iſt!“ „Nein, Kaiſer— wir müſſen ſcheiden für immer!“ ⸗ „Dore, noch einmal frage ich im Guten, ob Du mein ſein willſt Du weißt wohl, daß ich einen Ochſen trage, wenn's ſein muß; wenn Du mir nicht folgſt, ſo trage ich Dich wie ein Schmalthier fort!“ „Du wirſt es bleiben laſſen,“ ſagte ſie. Theophilus hatte ſich ſo nahe geſchlichen, daß er, hinter einer mächtigen Fichte verſteckt, beide ſehen konnte. Der Name Kaiſer war ihm gleich aufgefal⸗ len und jetzt fand er ſeine Ahnung beſtätigt. Der wilde Menſch war kein anderer, als der von ihm in Dresden beobachtete Johann Kaiſer, genannt Baſtel, oder der Schmiedeberger Karl. Er ſtand ein paar Schritte von dem Mädchen entfernt auf einem run⸗ 94 den freien Platz, einer ehemaligen Meilerſtätte. Dore ſah in ihrer leichten Haustracht ungleich vortheilhafter aus als in ihrem Marktkleide. Dieſe Tracht beſtand in nichts weiter, als einem kurzen Flanellrock ohne Leibchen, und dem Hemde, das zwar ziemlich grob, aber ſehr weiß und rein war. Den vollen Buſen be⸗ deckte ein gelbwollenes Tüchlein nur zum kleinſten Theile. Sie trug weder Strümpfe noch Schuhe und zeigte einen ebenſo niedlichen Fuß als tadelloſen Knöchel. Sie war blaß, doch ſprühte ihr dunkles Ange Muth und Entſchloſſenheit, ihre Bruſt ging wie im Fieber. Die Augen des Räubers ſchienen die junoniſche Geſtalt verſchlingen zu wollen. „Ich werde es bleiben laſſen?“ ſagte er nach einer Pauſe.„Rein, Schätzchen, ich werde Dir zei⸗ gen, daß ich nicht ſpaße.“ Er machte einen Satz auf ſie zu, um ſie zu unſchlingen. Theophilus ſtand auf dem Sprunge, ihr beizuſtehen. Doch Dore's Ent⸗ ſchloſſenheit machte ſeinen Beiſtand überflüſſig. Sie war ſchnell zurückgewichen und hatte aus ihrem Bu⸗ ſen die Phiole hervorgeriſſen, die Theophilus geſtern dem Raitzgutbauer entriſſen und ihr zurückgegeben hatte. Sie ſprang mit den Worten:„Komm mir nicht zu Leib, oder zwei Tropfen aus dieſem Fläſch⸗ chen brennen Dir das Geſicht zu Kohle!“ 95 Der Baſtel fuhr entſetzt zurück. „Denkſt Du, Narr, ich habe meine alte Schutz⸗ waffe abgelegt?“ fuhr ſie fort.„Du weißt, was da drinnen iſt, und kennſt mich— wer mich anrührt, iſt unglücklich!“ Sie blieb faſt unbeweglich in ihrer drohenden Stellung, den einen Arm hoch aufgehoben, den an⸗ dern mit geballter Fauſt niederwärts gekrümmt, die Bruſt hohe Wellen ſchlagend, der Mund halb geöffnet und zwei Reihen herrlicher Zähne zeigend, die Naſen⸗ flügel mit dem Buſen um die Wette arbeitend, das Auge ſlammend— Theophilus, der Schüler Winkel⸗ mann's und Freund Leſſing's, glaubte ein olympiſches Gebild vor ſich zu ſehen und ſtarrte es voll Bewun⸗ derung an. Aber er war unverſehens hinter ſeinem Baum hervorgetreten und wurde auf einmal von dem Räuber erblickt. Da fand es dieſer gerathen, ſich aus dem Staube zu machen, und war wie ein Luchs in den Büſchen verſchwunden.. Langſam trat Theophilus auf das befreite Mädchen zu. Wie ſie ihn gewahr wurde, fuhr ſie zuſammen und kreuzte tief erröthend die Hände über die Bruſt.„O Gott!— Herr Magiſter!“ ſtam⸗ melte ſie. Er blieb in geringer Entfernung ſtehen und ————— 96 ſagte, ihre Scham ehrend:„Geh' Sie nur in Ihr Haus, gute Dore, ich werde Ihr in einem Weilchen folgen; oder will Sie lieber wieder herauskommen, wenn Sie ſich gegen die ſcharfe Morgenluft beſſer verwahrt hat, ſo ſoll mir's lieber ſein.“ „Ja, wenn Er nur einwenig warten will, komm' ich wieder heraus,“ ſagte ſie, ſprang in die Hütte und war nach wenig Minuten völlig bekleidet wie⸗ der vor ihm. Die Tracht des ſächſiſchen Landvolkes war zu keiner Zeit ſehr maleriſch, in jenen Tagen am al⸗ lerwenigſten, im Erzgebirge aber war ſie gar abſcheu⸗ lich. Der gute Geſchmack iſt kein Erzeugniß des Naturzuſtandes, und ſchöne maleriſche Trachten fin⸗ det man nur bei Völkern von hoher Bildung, oder bei ſolchen, die in Rohheit zurückverſunken, tradi⸗ tionelle Trachten aus beſſeren Zeiten beſitzen. Auch Dore's nunmehrige Bekleidung war mehr geeignet, die WVortheile ihrer Geſtalt zu verdecken, als zu kleiden, doch ganz entſtellen konnte ſie ſie nicht. Der junge Geiſtliche gehörte keinesweges zu je⸗ ner asketiſchen Klaſſe ſeines Standes, die auf den Südſeeinſeln den Kultus der Häßlichteit als ein Attribut der chriſtlichen Religion eingeführt hat, er war gar nicht erbaut von der vorgegangenen Ver änderung in Dore's Aeußerem, und hätte er ein ganz junges harmloſes Weſen vor ſich gehabt, ſo würde er keinen Anſtand genommen haben, ihr einen Wink zu geben, wie ihm eine Kleidung weit zweckmäßiger erſchien, die ſich der vorigen in der Art, wie ſie die Nacktheit verhüllte, näherte, als dieſe ſteife Umpan⸗ zerung der Bruſt und die Umpfeilerung der Hüften mit wulſtigem Faltenwerk. Aber dieſes Weib ſtand ihm einerſeits zu hoch und andererſeits wieder zu tief, als daß er eine Unterhaltung mit ihr, mit einer Bemerfung über ihre Toilette hätte beginnen mögen. „Komme Sie ein Stücklein mit mir,“ ſagte er, „ich habe verſchiedenes mit Ihr zu beſprechen. Zu⸗ erſt muß ich Ihr danken, daß Sie mir wieder zu meinem Pferd verholfen; wie Ihr das möglich ge⸗ weſen, iſt mir ein Räthſel, aber ich will nicht nach der Löſung forſchen, ſondern froh ſein, daß ich mein gutes Thier wieder habe. Sodann hätte ich eine Bitte an Sie, aber ſeit ich Zeuge der Gefahr ge⸗ weſen, in der Sie ſchwebt, trag' ich Bedenken, ſie auszuſprechen.“ „Ach, ehrwürdiger Herr, wenn ich Ihm doch die⸗ nen könnte!“ ſagte ſie.„Hat Er vielleicht etwas verloren oder vergeſſen, das ich ſuchen oder holen ſoll, oder was kann ich ſonſt für Ihn thun? ſag' Er's mir!“ Die Tochter des Wilddiebes. 7 98 „Liebe Dore,“ begann er wieder;„Sie hat vor⸗ hin einen guten Kampf gekämpft, einen Kampf, wie ihn der Chriſt mit jeder Sünde kämpfen ſoll, in wel⸗ cher Geſtalt ſie auch vor ihn trete. Aber ſo ſehr ich mich iber Ihren Sieg freue, ſo iſt mir auch bange um Sie vor der Rache jenes unſeligen Man⸗ nes geworden.“ Dore ſeufzte und wurde wieder ſehr bleich— „Liebe Dore,“ fuhr Theophilus fort,„Sie wollte mir geſtern Abends etwas vertrauen, was Ihr das Herz belaſtete, hing dieß vielleicht mit dem vorigen Auftritte zuſammen? 24 Dore ſah ſich ſcheu um und ſagte:„Ach, Herr Magiſter, wenn Er mich hören wollte— mir iſt als würde mir da eine große Erleichterung kommen, ach ich bin recht— recht elend“— Er ließ ſie eine Weile ruhig weinen und nahm dann ihre Hand.„Faſſe nur ein Herz zu mir, Du Arme,“ ſagte er,„denke: Dein Heiland ſchicke mich zu Dir, riefe Dir durch meinen Mund zu:„Komm' her zu mir, die Du mühſelig und beladen biſt, ich will Dich eiquicken“ Sag', iſt Dir dieſer Ruf nicht aus Deiner Kindheit herüber manchmal ermunternd ans Herz geklungen, haſt Du ihn nicht manchmal N 99 aus dem Munde des Beichtvaters gehört und dieſem dann geſagt, was Dich drückt?“ „Ich hatte es wohl manchmal im Sinn,“ ſagte ſie,„aber ich konnte kein rechtes Herz zu ihm faſſen, weil— weil— nun das wird Er aus meiner Ge⸗ ſchichte hören.— Soll ich ſie ihm erzählen?“ Er bat ſie darum und Dore begann. Sechstes Rapitel. Dore's Ingendgeſchichte. „Wir haben nicht immer in dieſer Waldhütte ge⸗ wohnt. Wie ich geboren ward, war mein Vater Schulmeiſter im Dorf, wir wohnten in der Schule und hatten unſere zwei Kühe im Stall wie der jetzige Schulmeiſter. Aber mein Vater hatte es nicht ſo gut wie der; dem hat ſeine Frau, eine rückerswal⸗ der Bauerstochter, hundert Thaler und die Käſten voll Leinwand mit in die Wirthſchaft gebracht, und ſie haben nur ein Kind, das ſchon wieder gut verheira⸗ tet iſt. Meine Eltern hatten aber leider nichts mit hergebracht, und es kam ein Kind über das andere und war alle vier, fünf Jahre eine theuere Zeit, daß ½ 100 viele Menſchen Hungers ſtarben. Die Leute ſchickten ihre Kinder nicht in die Schule und ſtatt hundert und achtzig Thaler, die mein Vater hätte einnehmen ſollen, bracht' er's kaum auf achtzig. Da mußte er, um die ſtarke Familie zu ernähren, auf Nebenver⸗ dienſt denken, und er fand nicht gleich etwas Beſſe⸗ res, als den Wildprethandel. Er kaufte von den Wildſchützen das Wildpret und ſchaffte es in die großen Gaſthöfe nach Marienberg und Annaberg— freilich ganz im geheimen. „So ging es ſchon recht leidlich, bis ich zehn Jahre alt wurde. Da war meine älteſte Schweſter achtzehn, die hatte ſich mit einem Burſchen einge⸗ laſſen, dem dieſes Waldhäuſel gehörte, und der einer der erſten Wildſchützen war. Mein Vater wollte die Heirat nicht zugeben, aber die Schweſter ließ nicht von dem Menſchen und endlich mußte der Vater um der Schande willen ſo ſchnell als möglich Hochzeit ausrichten. Kurz vorher war der gute alte Prſor geſtorben und der neue, der noch jetzt da iſt, war gar eifrig auf die Ehre des geiſtlichen Standes, er hielt die Würde des Schulmeiſters für beſchimp durch dieſe Verbindung mit einem Wildſchützen— es kam zu Zyiſtigkeiten und am Ende kam mein Vater in Unterſuchung wegen Gemeinſchaft mit den 101 Wilddieben. Er ward ſeines Dienſtes entſetzt und kam auf ſechs Wochen ins Zuchthaus. Meine Mut⸗ ter ging gerade wieder ſchwer, ſie hatte vor Schrecken eine unzeitige Geburt und ſtarb daran. An dem⸗ ſelben Tage, wo mein Vater ins Zuchthaus abge⸗ führt wurde, trugen ſie meine Mutter zu Grabe. Wir fünf kleinen Waiſen wurden von unſerem Schwa⸗ ger aufgenommen. Aber eins nach dem andern ſiechte dahin, nur ich blieb leben, um viel Jammer und Herzeleid auf dieſer Welt zu erfahren. Wie mein Vater vom Zuchthaus heimkehrte, nahm er die Flinte. Es blieb ihm ſonſt nichts übrig. Aber mein Schwa⸗ ger, mit dem er ging, trieb das Handwerk ſehr ge⸗ ſchickt, ging keinem ſächſiſchen Förſter ins Gehege, ſondern hielt ſich auf böhmiſchem Jagdgrund. So blieb er hier unangefochten und mein Vater mit ihm. „Aber was ward aus mir bei dieſem wüſten Leben? Ich wuchs halb wild auf, das Wenige, was ich in der Schule gelernt hatte, verſchwitzte ich. Meine Schweſter brauchte mich zum Kinderwarten und Haus⸗ halt. Da ſie das Wildpret verſchleißen mußte, ſo war ſie wenig daheim, und ich ſchaltete allein im Hauſe, und wenn ſie in Wochen lag, mußte ich wohl auch für ſie Wildpret austragen Als ich aber heran⸗ wuchs, mochte mir das wilde Leben doch nicht be⸗ — 102 hagen; ja vft fühlte ich mich entſetzlich unglücklich; mir war, als hätte ich Kraft in mir, mich zu einem ganz anderen Leben zu erheben. Und wie ich nun ſiebenzehn Jahr alt, groß und ſtark war und rohe wilde Männer anfingen, mir nachzugehen, damit ich auch ein ſo elendes Weib würde wie meine Schwe⸗ ſter— und als ich vor ihrem Ungeſtüm kaum mehr Schutz fand, da entlief ich, Herr!— ich konnte mir nicht helfen, ich ſetzte das vierte Gebot aus den Augen, verließ meinen Vater und ging nach Ma⸗ rienberg, wo ich bei einem reichen Bergherrn einen Dienſt als Hausmagd fand. „Da lebte ich nun ganz neu auf. Die Frau war zwar einwenig wunderlich und der Herr ſehr barſch, es gab ſelten ein freundlich Wort— aber ich hatte doch meine Ordnung, ſah um mich geſit⸗ tete und gebildete Menſchen, und konnte mich ſelbſt bilden. Ach daran fehlte es mir noch ſehr, ich konnte keinen Buchſtaben ſchreiben, ja ſelbſt mit dem Leſen haperte es. Je mehr ich von Andern ſah, wie viel ſie kannten, deſto weher that mir meine Unwiſſen⸗ heit, und ich ſehnte mich etwas zu lernen. Aber wer hätte mich unterweiſen ſollen? Meine Herrſchaft ver⸗ langte nur, daß ich tüchtig arbeitete, reinlich und — 103 ehrlich war, ſich mit mir abzugeben, war ſie viel zu vornehm. „Da zog ein Schüler ins Haus, ein ſtiller be⸗ ſcheidener Menſch und nicht zu jung mehr, er konnte wohl ein Mann heißen. Der war blutarmer Leute Kind, aus einem ſchlechten Dorfe nicht gar weit von hier. Er wollte Geiſtlicher werden und hatte ſich mit großer Noth und Mühe durchgeſchleppt, bis ihn der Schulrektor durch ſeine Fürſprache in das Haus meiner Herrſchaft gebracht, wo er nun freie Woh⸗ nung und Abendbrot mit dem Sonntagstiſche hatte, die anderen Mittage aß er bei anderen Gönnern. Da er von der erſten Stunde an freundlich gegen mich war, der einzige Menſch im Hauſe, der mich nicht kalt und ſtolz behandelte, ſo faßte ich bald ein Herz zu ihm und bat ihn um ein Buch. Er gab mir ein Hiſtorienbuch, und darin las ich nun Abends nach meiner Arbeit und Sonntags mitegroßem Eifer. Manchmal, wenn ich bei ihm aufräumte, fragte er mich, was ich geleſen, und unterhielt ſich mit mir und klärte mich auf, wenn ich etwas nicht recht ver⸗ ſtanden. Darüber wurden wir bald gar gute Bekannte. Es traf ſich oft, daß die Herrſchaft Abends ausge⸗ beten war; dann kam Mosje Fritz, ſo hieß der Schüler, in mein Küchenſtübel und las mit mir,— ach das 104 waren himmliſche Stunden! Je länger ich bieſen Umgang genoß, deſto mehr vergaß ich meine wilde Jugend— aber ich vergaß auch mich und den Ab⸗ ſtand, der mich von Fritz trennte— ich verliebte mich in ihn und wußte bald, daß er mit ganzer Seele an mir hing. „Ein Jahr verging mir ſo in heimlicher, aber un⸗ ſchuldiger Liebſchaft Da wollte es das Schickſal, daß meine Herrſchaft acht Tage nach Freiberg reiſte zu einem großen Bergfeſt. Ich blieb mit Fritz und dem Schreiber allein im Hauſe, aber der Schreiber ſuchte ſeine Unterhaltung auch wo anders. In dieſen Tagen zerſtörten wir ſelbſt unſer ſtilles Glück— wir ver⸗ gaßen uns zu weit— und—— warum muß die höchſte Seligkeit ſo nahe ans Verderben grenzen! Als ich nach einigen Monaten fühlte, wie es mit mir ſtand, und in unendlicher Angſt mich Fritz ent⸗ deckte, wurde er ganz verſtört und ſtatt mich zu tröſten, wollte er verzweifelnd ins Waſſer ſpringen. Da wuchs mir der Muth.—„Was verzweifelſt Du?“ ſagte ich— ſind wir nicht noch beide jung und rüſtig? haſt Du nicht ſoviel gelernt, um mit der Feder überall dein Brot zu finden, und kann ich nicht arbeiten für zwei?e Aber er wehklagte, daß er die Schande nicht überleben köhnte, und daß nun ſein ganzer Lebens⸗ 3. ——— 105 plan zerſtört ſei, lieber möchte er gar nicht leben, als dem Studium entſagen.„Nun, ſagte ich,„wenn Du das nicht willſt, ſo ſtudire nur fort, ich will mich ſchon durchſchlagen, bis Du fertig biſt.—„Ach, rief er,„Du weißt nicht, daß ein Schüler, der ſich ſo vergangen, ausgeſtoßen wird, und daß von dem alle guten Gönner ihre Hand abziehen. Mit meinem Stu⸗ dium iſt es aus! Bis jetzt hatte ich in Fritz den höchſten und herrlichſten Menſchen verehrt, den es unter der Sonne gäbe, aber wie ich ihn ſo verzagt und nur um ſich beſorgt ſah, da ward er mir ſo klein und gewöhnlich, daß er mich dauerte. Ich ſagte ihm kurz: Sei unbekümmert! ich will die Schande allein tragen, kein Menſch ſoll erfahren, wem mein Kind ſein Leben verdankt, das ſchwöre ich hiermit bei meiner ewigen Seligkeit! Da fiel er mir vor Freude weinend um den Hals, aber ich machte mich los und ging in meine Kammer. Gott weiß, was ich in jener Nacht gelitten. Den andern Tag kün⸗ digte ich meinen Dienſt. Aber die Herrſchaft ließ mich nicht eher ziehen, bis meine Schande ſichtbar ward. Da ſtieß ſie mich mit Schimpf aus dem Hauſe — ja weil ich den Vater meines Kindes nicht an⸗ gab, ward ich als lüderliche Dirne dem Büttel übergeben, der mich dem kühnheider Gericht über⸗ 106 lieferte. Was ich da ausgeſtanden habe, weil ich durch⸗ aus den Urheber meiner Schande angeben ſollte und nicht wollte, das will ich Ew. Ehrwürden nicht ſchildern. Das härteſte war mir die Kirchenbuße, der mich der Herr Paſtor ohne Gnade unterwarf. Deß⸗ halb konnte ich auch kein Herz mehr zu ihm faſſen und bin ſeitdem nicht wieder zur Kirche gegangen. „Doch mein größtes Unglück ſollte noch kommen. Wie ich von der Welt ausgeſtoßen in der Hütte meines Schwagers das einzige Unterkommen gefun⸗ den und der Frucht meiner Schwachheit das Leben gegeben hatte, wurde mein Schwager von einem böhmiſchen Förſter auf rothenhäuſer Herrſchaft er⸗ ſchoſſen, meine Schweſter tödtete der Schreck, und mein Vater ward blind. Da lag ich nun in meinem elenden Wochenbette, von ſolchem Jammer umringt und ſo hilflos und verlaſſen, wie vielleicht noch nie ein Weib. Nach mir ſtreckte der blinde Vater ſeine Hand aus, erinnerten fünf Kinder um Nahrung, und die Schweſter wollte begraben ſein. „Da kam ein Mann in unſer Haus, ein Kamerad meines Schwagers, der nahm ſich unſer an. Er brachte Brot, er brachte Erquickungen für mich, er ſorgte für das Begräbniß, er reinigte die Kinder, er kochte, er wuſch, kurz, er ſorgte wie ein Vater 6 b 3 —— 107 und eine Mutter zugleich. Dieſer Mann war der Baſtel, den Er vorhin geſehen So ordentlich verpflegt, kam ich bald wieder auf und wurde rüſtig genug, um die Sorge für die Meinen allein zu übernehmen. Der Baſtel wollte auch ferner für mich ſorgen Doch wie ich erſt wieder geſund war, fühlte ich bei aller Dankbarkeit eine tiefe Scheu vor ihm, und ich ſuchte ihn ſo fern als möglich zu halten. Er trug mir ſeine Hand an, ich ſchlug ſie höflich aus, er ließ ſich geduldig abweiſen, kam aber nach wie vor zu mir ins Haus. „Bald fanden ſich auch die alten Freiersburſche wieder ein, die nun alle dachten, ich wäre wohlfeiler geworden. Darunter waren vier Brüder aus Rüben⸗ au— Er hat ſie geſtern Abend geſehen— die begehrten mich alle zur Frau, aber ich verabſcheute ſie. Und doch konnte ich ſie nicht loswerden. Ja ein böſer Zufall gab mich ihnen faſt in die Hand. Eines Tages, wie ich mit meinem Kinde vor der Thür ſitze, und mich in der ſchönen Sommerluft ſonne, ſtürzt plötzlich mein Fritz auf mich zu. Ich hatte ihn zu ſehr geliebt, als daß ich mich nicht darüber gefreut haben ſollte. Er umſchlang mich, weinte an meinem Halſe, liebkoſte mich und ſein Kind, nahm es auf ſeinen Arm und ſagte endlich:„Dore, es kann 108 nicht ſein, daß wir von einander laſſenz ſeit Du von mir fort biſt, weiß ich erſt, was ich an Dir verloren, ich habe mir's überlegt: ich will Schulmeiſter werden Dir zu Lieb', es wird ſich bald ein Stellchen finden und dann hol' ich Dich heim. Ehrwürdiger Herr! ich will's Ihm geſtehen, all mein Jammer war ver⸗ geſſen und das Herz hüpfte mir im Leibe, und in dieſem Augenblicke that ich einen hellen Blick in die Seligkeit eines treuen, vom Himmel geſegneten Ehe⸗ vundes. Da war es, als führe ein Blitz aus heiterem Himmel herab und zerſchmetterte das Luftſchloß, das fich vor mir aufgebaut— ein Blick in die Fichten zeigte mir die vier ſchrecklichen Brüder, die ihre Augen ſtarr auf uns gerichtet hatten. Ich ſchob den Fritz ſchnell ins Haus und bat ihn, ſich zu verbergen; dann ging ich auf die Brüder zu. Was lauert Ihr da herum?“ ſagt' ich;„ſchämt Euch, ewig um ein Weibsbild herumzulungern, das nichts von Euch wiſſen mag!—„Eis, ſagte einer der Männer, wir wollten nur wiſſen, wer das Meiſterſtück ge⸗ macht hat, das Du da trägſt, und nun wiſſen wir's doch. Nun kannſt Du's halten, wie Du willſt, ent⸗ weder gehſt Du ſauber mit uns um, oder wir machen's kund, daß er ſich verplempert hat. Dann hat's mit dem Geiſtlichwerden ein Ende, und ſeine arme alte ——— — ———————— 109 Mutter, die ihr letztes Bett verkauft hat, um den Sohn einmal auf der Kanzel zu ſehen, mag ihn im Grubenkittel einſegnen ſtatt im Prieſterrock!“ Herr! das fuhr mir wie ein zweiſchneidiges Schwert durchs Herz. Von Fritzens Mutter hatte ich nichts gewußt— die Hoffnung und die Opfer einer Mut⸗ ter durft' ich nicht zu Schanden machen, ich, die ich nun auch Mutter war. Ich ſagte zu den Brüdern: „Da Ihr's einmal ausſpionirt habt, will ich's nicht leugnen, aber Ihr werdet nicht ſo elend ſein und der Obrigkeit, mit der Ihr ſo gut nicht in Freund⸗ ſchaft lebt wie ich, verrathen, was ſie mir nicht durch Martern abgezwungen. Es wäre auch Euch zu nichts nütze. Muß der Fritz ſein Studium aufgeben und Bergmann werden, ſo heiraten wir uns und Ihr habt das Zuſehen, bleibt er aber bei ſeinem Stu⸗ dium— nun— ſo ſehen wir uns heute zum letz⸗ tenmale, ich bleibe freiledig, und wer weiß, wie meine Geſinnung in Jahr und Tag iſt. Mit der Zeit pflückt man Roſen. Das war wohl eine falſche Rede von mir, aber ich wußte mir nicht anders zu helfen. Iſt das Dein Ernſt?“ ſagte der älteſte der Brüder. Ich ſchwor. Alſo dürfen wir Dich ordentlich beſu⸗ chen?— Das kann ich Euch nicht wehren, wenn es in Ehren geſchieht, ſagte ich, aber jetzt müßt Ihr Abſchied nehmen. So bracht' ich ſie denn fort und fortgehen, ich muß von dem Vater meines Kindes ich rief meinen Fritz wieder ins Freie. Da erklärte ich ihm, daß ich mir's überlegt, er dürfe ſeiner Mut⸗ ter den Kummer nicht machen, von ſeinem Studium abzugehen; ich paßte auch nicht für ihn und nur zu bald würde ihm die Reue kommen, mir ſein Lebens⸗ glück geopfert zu haben. Er machte Einwände, aber ich blieb feſt und endlich ſchieden wir auf Nimmer⸗ wiederſehen. Nur das Verſprechen nahm ich ihm ab, daß er, wenn er einſt glücklich ſei, ſein Kind be⸗ denken wolle. Dabei iſt es denn geblieben. Drei Jahre iſt er in Leipzig auf der hohen Schule und er muß wohl nun ſchon bald ausſtudirt haben. Möge er es recht weit bringen. „Aus mir wird nun wohl weiter nichts. Wenn ich nur meine Kinder gut durchbringe und zu was Ordentlichem erziehe! Darum iſt mir freilich bange Die Verführung iſt ſo gruß hier— ich kann ſie nichts lernen laſſen, und was ſie um ſich hier ſehen, iſt ſo ſchlimm. Es mag in Städten unter den feinen Leuten auch Sünden genug geben, aber es iſt da doch noch einige Scheu und Scham, man gibt ſich nicht ſo bloß vor aller Augen, die Jugend iſt da eher ge⸗ ſchützt. Hier an der Grenze treibt man alle Sünden ————— 111 frei, kein Mädchen hält auf ſeine Ehre, es iſt ein rohes, wildes, wüſtes Leben in den meiſten Häuſern, auch wo ſie mich verachten, weil ich zu meinem Kinde keinen Vater habe, wie ſie ſagen. Aber wie kann es anders ſein; wo man nichts hinſäet, wächſt nichts als Unkraut; der Baum, den man nicht pfropft, trägt kein edles Obſt. Doch ich muß Ihm meine elende Geſchichte weiter erzählen. Sie wird erſt recht elend, obwohl ich es bis geſteru kaum fühlte. „Jetzt kamen die Brüder von Rübenau und der Baſtel faſt Tag für Tag als Freiersleute und ſuchten ſich den Rang abzulaufen; ich hätte ſchon dar⸗ um keinen von ihnen nehmen mögen, weil es be⸗ ſtimmt Mord und Todſchlag gegeben, hätte ich einen vorgezogen. Ihre gegenſeitige Eiferſucht ward meine Schutzwehr— und ich kann's nicht läugnen— ſie gab mir auch Unterhaltung.— Plötzlich aber blieb der Baſtel aus, und bald hieß es, er ſei als Mörder eingeft ingen worden. Er kann denken, wie mir da wurde; ich be am vor Schreck ein Fieber und da wäre deder elend umgekommen, oder ganz in die lt der vier Brüder gefallen, hätte mir der liebe Gott nicht einen aufrichtigen Freund geſchickt freilich auch einen ſündigen Mann, aber d ein Gemüth. Ein Gevatter meiner Schweſter, der vor kurzem Witwer geworden war, hatte von meiner Noth gehört und kam von Rübenau herüber, wartete und pflegte mich und ſchützte mich vor der Zudringlichkeit der vier Brüder. Ich genas, ich entdeckte dem Freunde meine Abneigung gegen ſeine Landsleute und bat ihn, mich ferner zu beſchützen. Er bot mir ſeine Hand. Meine troſtloſe Lage, das Schickſal meiner Kinder vor Augen, hätte ich ſie faſt angenommen. Aber eine innere Stimme hielt mich zurück. Ich bat um Be⸗ denkzeit. Inzwiſchen erfuhr ich, daß er mit dem Baſtel und den vier Brüdern früher unter einer Decke geſpielt und ſich nicht ganz frei von Dingen gehalten hätte, vor denen mir graute. So hielt ich ihn in Ausflüchten hin, um einen Anhalt gegen die vier Brüder zu haben; er hatte mir Geld zum Butter⸗ handel vorgeſchoſſen, das zahlte ich zurück— und ſo habe ich meine Freiheit mühſam behauptet bis jetzt. Heute Morgen kam nun auf einmal der Bähtel— ich kannte ihn kaum mehr, ſo ſehr war er verwildert,— früher war er nie unartig ge jetzt wollt' er wich zwingen, ſeine Frau zu nun Er weiß, wie ich mit ihm fertig gewor eilich wahr iſt es, Ruhe habe ich darum nock aber ich fürchte mich auch nicht— was wüß Ew. Ehrwürden von mir?“ 113 Theophilus blieb ſtehen. Er war aufs Tiefſte ergriffen und zerdrückte eine Thräne mit der Wim⸗ per.„Armes Weib!“ ſagte er,„Du haſt eine harte Schule durchgemacht. Du haſt gefehlt, aber der Reine ſoll noch geboren werden, der es wagen dürfte, Dich zu richten. Komm' nur bald zur Kirche und zum Tiſch des Herrn, damit Du dich wieder als ein lebendiges Glied der Gemeinde der Erlöſten füh⸗ leſt und neue Kraft zum Kampfe gewinnſt, den Du den Umſtänden nach bisher ſo wacker beſtanden.“ „Ach, Ew. Ehrwürden!“ rief Dore gerührt;„Er verwirft mich alſo nicht? Er nimmt mich zu Gnaden an? Ach, wie ſehne ich mich nach der heiligen Se⸗ gensſpeiſe!“ „Solche ſehnende Herzen ſind Ihm die liebſten“— ſagte Theophilus.„Komm' nur getroſt zu Ihm, Er wird Dir Seine volle Gnade ſchenken. Und ich als Sein Diener will Dir in Deiner Bedrängniß beiſtehen mit Rath und That. Sowie es iſt, darf es nicht bleibenz die efahr, die Deiner ſo mühſam behaup⸗ teten Menſchenwürde droht, darf nicht fortbeſtehen, Du mußt von Deinen Drängern frei werden. Bei Entſchloſſenheit wundert es mich, daß Du Deiner nicht ein ſehr einfaches Mittel gebraucht haſt, Dich ihrer zu erwehren. Du wußteſt, daß ſie Verbrecher Die Tochter des Wilddiebes. 8 114 waren, damit konnteſt Du Dich wenigſtens der vier Brüder entledigen, Dein Geheimniß wog das ihre auf“— „Ja,“ ſiel Dore ein,„das iſt wahr— aber ich konnte es nicht über mich gewinnen, dieſen Vor⸗ theil zu gebrauchen, nicht aus Furcht, ſondern aus einer ganz anderen Urſache— ich mag und darf nie daran denken, die vier Brüder zu verrathen, weil ich es nicht vor meinem Gewiſſen verantworten könnte, ſie tiefer in Sünde und Abſcheulichkeit zu ſtoßen, als ſie ſchon drin ſtecken. Mir ſchwebt das Geſchick meines Vaters vor— aus dem hat die Strafe erſt den völligen Wilddieb gemacht, und jetzt ſeh' ich's an dem Baſtel, welche Früchte die menſchliche Ge⸗ rechtigkeit zuwege bringt. Herr Magiſter, ſorg“ Er ſich um mich nicht zu ſehr— ſeit geſtern fühl ich mich wunderſam geſtärkt— Seine Reden habeh mich ermuthiget— gedemüthiget zwar auch, aber noch mehr ermuthiget,— ich fühle mich ſtark den Kampf für meine Perſon weiter zu kämpfen enſ ich mir ſagen darf: es gibt einen frommen gerechten Mann, der beſſer iſt als alle, die dich verachten, und der dich nicht verwirft. Aber meine Kinder— die armen Kinder— wenn ich nur die beſſer ver⸗ ſorgt wüßte! Ich kann ſterben, und was ſollte dann aus ihnen werden? Ach, Herr Magiſter! Er kann mir's glauben, der Gedanke hat mich ſchon manch⸗ mal faſt verwirrt gemacht, und da iſt es mir geweſen, als wäre es beſſer, ich würfe die armen Würmer in den Hammerteich und ſpränge hinterdrein, als daß ich ſie zu ſolchem Elend heranwachſen ließe, wie es nicht nur mich und meine Schweſter betroffen, wie es das Loos der meiſten armen Leute hier iſt: Schmutz, Plage und Sünde. Ich hab' einen Blick in das Leben gethan, was es ſein kann, wenn die Seele erleuchtet und das Herz gezogen iſt. Glaub' Er mir, Herr Magiſter; mein ganzes Unglück iſt meine Unwiſſenheit!“ „Gute Dore,“ verſetzte er;„das ſchmerzliche Gefühl der Unwiſſenheit iſt der erſte Schritt zur Er⸗ kenntniß. Und daß Sie erkannt hat, daß Unwiſſen⸗ heit die erſte Quelle des Elendes unter den Men⸗ ſchen iſt, beweiſt Ihren klaren Verſtand, und der wird Ihr auch ſagen, daß zum Lernen keine Zeit zu ſpät iſt. Ich hoffe, wir wollen noch miteinander lernen und Ihre Kinder ſollen nicht verloren gehen. Ich kenne eine hohe Frau, die mit Freuden die Hand bieten wird, Ihr und auch andern Unglücklichen hier zu helfen Es iſt unſere Gutsherrin, die Frau Gräfin S. Sie hatte bis jetzt keine Ahnung von den Zu⸗ „— ſtänden, da ſie nie in die Gegend gekommen und die Beamten ihr nichts hierüber berichtet. Aber ich will ſie unterrichten und zur Hilfe auffordern. Sie wird ihre Pflicht thun. Hier hab' ich ſchon einen Noth⸗ ſchrei an ſie abgefaßt— ich hatte Sie, liebe Dore, zur Botin dafür auserſehen; da ich aber fürchte, der Baſtel könne Sie verfolgen, ſo“— „Ich trage den Brief,“ erklärte Dore;„den Baſtel fürcht' ich nicht,— vor Nacht bin ich längſt wieder heim.“ Sie beſtand darauf, daß er ihr den Brief über⸗ ließ. Dann kehrte er mit ihr nach ihrer Behauſung zurück, wo er ſich mit ihrem Vater, dem einſtigen Schulmeiſter und Wildſchützen, unterhielt, während Dore ihr Haus beſchickte, um ihren Weg anzutreten⸗ Fiebentes Rapitel. Zwei Briefe. 1 Die gräſin Aurora von S. an den Pfarramts⸗Verwe⸗ ſer M. Cheophilus Starke. iſt mir wie Ihr Bericht, mein lieber Magiſter, Mein Gott! feurige Kohlen auf die Seele gefallen. 117 ich lebe hier von dem Ertrage meiner Güter in Glanz und Fülle, und auf einem dieſer Güter verſchmachtet der Hirte der Gemeinde im Elend. Wie groß mag das Elend in dieſer Gemeinde überhaupt ſein! Und davon weiß man nichts, man bezieht ſeine Revenüen von dort und verſchönert ſich damit das Leben und denkt nicht, welche Seufzer und Thränen daran haf⸗ ten. Ich weiß, daß ich nicht zu den Gedankenloſen und Selbſtſüchtigen meines Standes gehöre, und doch fühle ich mich nach Ihrer Mittheilung ſchwerer Sünde ſchuldig. Ich hätte längſt einmal jene Ge⸗ gend bereiſen und die Lage meiner dortigen Un⸗ terthanen, die mir zinſen und frohnen, mit eigenen Augen anſchauen ſollen, ſtatt mich auf die Berichte meiner Gerichts⸗ und Wirthſchaftsbeamten zu ver⸗ laſſen und in den Reizen ferner Länder zu ſchwel⸗ gen. Ihr Hilferuf hat mich aufgerüttelt aus mei⸗ ner Sorgloſigkeit, und ich will nachzuholen ſuchen, was ich verſäumte. In vier Wochen werde ich nach Kühnheide kommen, ich erſuche Sie, meinen Pachter dort zu veranlaſſen, daß er das Nöthigſte zu meinem Empfange in Stand ſetze. Vorläufig ſende ich Ihnen etwas zur Linderung der Noth im Pfarrhauſe. Verfahren Sie damit nach Gutdünken und verfügen Sie zur Nothhilfe in an⸗ 118. 3 deren Familien über jede beliebige Summe aus mei⸗ ner Schatulle. Vom höchſten Intereſſe iſt mir Ihr Bericht über Ihre Wegführerin geweſen, das ſcheint aller⸗ dings kein gewöhnlicher Charakter zu ſein. Ich muß meinen hochſinnigen Freund aber doch warnen, daß er ſich von ſeinem guten Herzen und ſeiner dich⸗ teriſchen Phantaſie nicht einen Streich ſpielen läßt. Ich habe leider traurige Erfahrungen mit ſolchen Geſchöpfen gemacht. Oft ſchon habe ich geglaubt, einer Magdalene die Hand gereicht und dieſe dem Pfad des Laſters entriſſen zu haben— und immer fand ich mich betrogen. Möglich, daß Ihnen ein ſolches Werk in Ihren Wäldern beſſer gelingt, als mir auf dem allzuſchlüpfrigen Boden einer Reſidenz — und noch dazu dieſer Reſidenz mit dem üppigſten aller deutſchen Höfe, wo gewiſſe Laſter ſeit einem Jahrhundert durch das Beiſpiel von oben faſt ſank⸗ tionirt ſind. Ich bin ſehr geſpannt auf die weitere Entwickelung der Geſchicke Ihres Schutzlings und hoffe ſchon bei meiner Ankunft dort recht viel zu erfahren. Ich konnte die Nacht nach Empfang Ihres Brie⸗ fes nicht ſchlafen. Gleich am Morgen ließ ich Oeſter⸗ reich rufen, um mit ihm vorläufig zu berathen, was 3 ſich thun ließe, daß meine dortige Anweſenheit von reichem Segen ſei. Da er aus der Gegend von Kühnheide iſt, ſo hoffte ich von ihm manchen nütz⸗ lichen Wink zu erhalten. Ich legte ihm Ihr Schrei⸗ ben vor. Ich weiß nicht, warum er beim Leſen bald roth, bald weiß wurde. Ergriff Ihre Schilderung der Noth im Pfarrhauſe ihn ſo, oder was war es ſonſt? Aber vergebens erwartete ich von ihm einen guten Rath. Er kannte wohl die Noth jener Gegend im allgemeinen, aber er wußte keinen Weg anzugeben, wie ihr abzuhelfen. Er zweifelte vielmehr an jeder Hilfe. Am beſten wäre es, man zwänge die Leute auszuwandern und pflanzte Fichten an die Stelle der Häuſer, meinte er. Es ſcheint mir doch, der junge Mann hat ſich um die Zuſtände ſeiner Hei⸗ mat, unter denen er doch ſelbſt gelitten, wenig be⸗ kümmert, hat ihnen nicht auf den Grund geſehen und wenig darüber nachgedacht, ob und wie ſie ver⸗ beſſert werden können. Dürfte ich von dieſem Einen auf ſeine Lands⸗ leute im allgemeinen ſchließen, ſo wäre ich verſucht, zu glauben, dieſe wären ſich der in ihnen ſelbſt lie⸗ genden Kräfte zur Aufhilfe zu wenig bewußt und ſie verließen ſich zu ſehr auf Hilfe von außen. Oeſter⸗ reich iſt ein Menſch von vielem Talent, aber er 120 kennt ſeinen wahren Werth nicht, er weiß weder, welche Macht er daran beſitzt, auf ſeine Zeit zu wir⸗ ken, noch welche Fähigkeit, ſeines eigenen Glückes Schmied zu ſein. Er hat viel gelernt, aber ſein Wiſſen und Kön⸗ nen hat keinen gemeinſchaftlichen höchſten Zielpunkt, er iſt ein angenehmer Geſellſchafter, aber er übt ſeine geſel⸗ ligen Talente nur, um für den Augenblick zu gefallen, nicht um dauernden Einfluß auf die Gemüther zu er⸗ langen, ſie mit ſich zu großen Zwecken fortzureißen. Der Beifall Anderer, namentlich Höherſtehender, geht ihm über alles; ich glaube, er hat jedesmal eine ſchlaf⸗ loſe Nacht, wenn ich über eine ſeiner Leiſtungen ein mißvergnügtes Geſicht zeige. Es iſt keine Selbſtſtän⸗ digkeit in ihm, er iſt gemacht, das Geſchöpf Anderer zu ſein. Es iſt ein Glück, daß er in unſere Hände fiel, wir werden dieſe Abhängigkeit nicht mißbrauchen und wenigſtens einen ehrlichen und nützlichen Beamten an ihm haben. Es gefiel mir freilich gar nicht von ihm, daß ich ihn erſt auffordern mußte, das beiliegende Brief⸗ chen an ſeine arme Mutter zu ſchreiben. Es iſt ſo wenig BGelegenhet dorthin und er hatte ihr noch nicht einmal von der günſtigen Wendung ſeines Geſchickes Nach⸗ richt gegeben. Das verräth wenig kindlichen Sinn. Ich bitte Sie in ſeinem Namen, die verſpätete Bot⸗ 2½ ſchaft ſeiner Mutter durch einen ſicheren Boten zu überſenden. Was werden Sie zu der neuen Altar⸗ und Kanzelbekleidung ſagen, die ich Ihnen für Ihre arme Kirche mitſchicke? Ich hörte, daß die vorhandenen in einem kaum brauchbaren Zuſtand wären und ließ dieſe dafür machen. Die Stickerei daran iſt einfach, aber ſinnig, nicht wahr? Man ſoll bei ſolchen Ge⸗ genſtänden doch ja auf rechte edle Formen ſehen. Bei der großen Nüchternheit nnſeß proteſtantiſchen Got⸗ tesdienſtes ſoll wenigſtens den noch geſtatteten Attri⸗ buten desſelben die künſtleriſche Ausſtattung nicht fehlen. Das macht die katholiſche Kirche ſo groß und hat nicht wenig beigetragen zu ihrem Sieg in den verfloſſenen großen Kämpfen, daß ſie die Kunſt, dieſe koſtbarſte von allen göttlichen Offenbarungen, ſo innig mit ihrem ganzen Leben verwebt hat. Verachtung der Kunſt rächt ſich früher oder ſpäter an allen ihren mögen dieſe Einzelne oder Gemeinſchaften ein.. Da kommt mir ein Gedanke, ob es nicht das Beſte ſei, das leibliche und ſittliche Elend in jener Gegend gründlich zu heilen, wenn mun Erwerbs⸗ zweige dorthin verpflanzte, welche mehr oder weniger der bildenden Kunſt verwandt ſind. Ich habe Holz⸗ * 122 ſchneiderei im Sinne, deren rechtes Gedeihen ohne künſtleriſche Grundlage und Mitwirkung nicht möglich iſt. An Holz fehlt es dort nicht, ebenſo wenig an Waſſer zum Treiben von Drehwerken. Ziehen Sie dieſen Gedanken in Erwägung; ſcheint er Ihnen gut, ſo machen Sie Ihren Plan und rechnen Sie auf meine unbedingte Bereitwilligkeit ihn auszuführen. Gelänge es uns, die armen Menſchen dort an eine Beſchäftigung zu feſſeln, die ihnen reichlichen Lohn gewährt, während ſie ihren Erfindungsgeiſt anregt, ihren Geſchmack verfeinert, und damit ihrem ganzen Weſen einen höheren Schwung verleiht, ſo meine ich, müßten wir viel damit gewonnen haben. Ich freue mich auf die Zeit, wo ich nicht allein über dieſe Angelegenheit mit Ihnen ſprechen, ſondern auch alle die ſinnigen Unterhaltungen wieder aufneh⸗ men kann, welchen ich ſo viel wahren Lebensgenuß und Bereicherung meines beſſeren Selbſt verdanke.„ In dieſer Vorfreude bleibe ich mit der alten Werth⸗ ſchätzung Ihre Aurora von S. 2. M. Cheophilus„ Ihre Exzellenz die Frau Welche Freude mir Ew. Exzellenz durch die An⸗ kündigung Ihres Beſuches gemacht, weiß ich gar —.———— —.—— 123 nicht auszudrücken. Eh' ich noch Ihre reiche Sen⸗ dung ausgepackt, eilte ich mit Ihrem Briefe auf den Hof— wie man das Rittergut ſchlechtweg nennt, um dem Pachter die Freudenbotſchaft mitzutheilen. Aber dem guten Mann ſchienſie mehr eine Schreckens⸗ botſchaft zu ſein. Er war ganz außer Faſſung, kratzte ſich in den Haaren und wußte nichts zu ſagen, als: „Du lieber Gott, was machen wir nur da?“ Ich antwortete ihm:„Nun wir bereiten uns auf einen würdigen Empfang vor, vor gllen Dingen ſetzen wir die Herrſchaftswohnung in Stand“—„Herrſchafts⸗ wohnung?“ ſagte er,„damit ſieht es windig hier aus.“ Ich verſetzte, es müſſe doch ein Herrenhaus hier ſein, und wenn dasſelbe auch unbewohnt geblie⸗ ben, ſo müſſe es doch bewohnbare Räume enthalten⸗ „Ja, da aber nie eine Herrſchaft hergekommen, ſo ſind die Zimmer ganz verwahrloſt und bis auf eins, das als Gerichtsſtube benutzt wird, als Heu⸗ und Fruchtböden gebraucht worden,“ war der weitere Be⸗ ſcheid. Ich ließ mich nun nach dem Herrenhauſe führen und fand dasſelbe allerdings in dem geſchil⸗ derten Zuſtande. Indeſſen waren einige Zimmer, in denen Getreide aufgeſchüttet lag, doch noch ſo, daß ſie ſich für einen kurzen Aufenthalt herrichten ließen. Ich wage freilich nicht, Ihnen anzuſinnen, daß Sie 124 eine ſolche Wohnung beziehen, aber auf jeden Fall laſſe ich ſie in Stand ſetzen. Vom Hvofe nach der Pfarre zurückgekehrt, ließ ich mein Erſtes ſein, die geſandten Kiſten auszu⸗ packen. O meine gnädige Frau! in welch überreich⸗ lichem Maße haben Sie meinen Hilferuf erhört! da kann ich viele, viele Thränen trocknen. Im Pfarr⸗ hauſe fließen in dieſem Augenblicke nur Thränen der Freude und Segenswünſche ſteigen für Sie zum Him⸗ mel empor. In der Waldhütte, die Sie auch be⸗ ſonders bedacht, wird die Freude nicht minder groß ſein, wenn ich Ihre Gaben dahin bringe. Ich bin bereits tiefer in das Schickſal ihrer Be⸗ wohner eingeweiht, und ſo glücklich, Ew. Exzellenz melden zu können, daß meine gute Meinung von Dore nur beſtätigt worden. Ich werde Ihnen bei Ihrer Herkunft ihre ganze Lebensgeſchichte erzählen, um ihr von Ihrer Seite die volle Theilnahme und Achtung zu gewinnen, die ſie verdient. Welche Züge von Hochherzigkeit und Seelenſtärke habe ich Ihnen zu berichten von dieſer niedern Magd, die vor der Welt als eine gefallene Dirne daſteht und von der weltlichen Obrigkeit als Diebsgenoſſin und Hehlerin verfolgt wird! Leider hat ihr tieftragiſches Schickſal ſie mit den berüchtigſten Subjekten dieſer Gegend in 3 425 eine Verbindung gebracht, der ſie ſich ſchwer entle⸗ digen kann. Aber ſtatt als Mitſchuldige Verdacht und Verfolgung zu verdienen, hat ſie Anſpruch auf Bewunderung und Schutz. Die Vermuthung, daß der ſchlimmſte aller Räuber des Gebirgs der Räuber ihrer Unſchuld ſei, iſt Gott ſei Dank völlig unbegründet. Der Gerichtshalter wollte ſie ſogar gefänglich einziehen, um von ihr Geſtändniſſe über Verbrechen zu erpreſſen, für deren Urheber er den Baſtel und wegen deren Mit⸗ wiſſenſchaft er Dore in Verdacht hat. Es gelang meinen Vorſtellungen nur ſchwer, die drohende Maßregel vor der Hand von ihr abzuwenden. Zum Glück iſt jetzt einmal ein Stillſtand in den Verbrechen, die ſonſt die Gegend beunruhigen, eingetreten, ſonſt hätte ich meinen Schützling ſchwerlich vor dem drohenden Schick⸗ ſal bewahren können. Ihr Gedanken wegen Heilung des Elendes in dieſer Gegend iſt Ihres Geiſtes und Herzens würdig. Es war meine Anſicht längſt, daß die Hebung ſol⸗ cher allgemeinen Uebel nicht von außen kommen könne, durch Almoſen und dergleichen, ſondern daß ſie von innen herauskommen müſſe, aus der natür⸗ lichen Heilkraft des leidenden Körpers ſelbſt. Wie der kluge Arzt bei Heilung einer Krankheit nichts thut als die Hemmniſſe zu beſeitigen, welche der natürlichen Heilkraft des kranken Körpers im Wege ſtehen, ſo muß es auch bei Heilung ſolcher krank⸗ haften Volkszuſtände geſchehen. Es iſt nicht die Rauh⸗ heit des Klimas und Unfruchtbarkeit des Bodens, welche die Noth hier erzeugt und von Geſchlecht zu Geſchlecht vererbt, es iſt die Rohheit und Unwiſſen⸗ heit der Menſchen, welche ſie hindert, ihr eigener Arzt, ihres eigenen Glückes Schmied zu ſein. Die Menſchen hier ſind im allgemeinen geſund und ſtark und von glücklichen Geiſtesanlagen, es iſt ein reicher Fond von tüchtiger Arbeitskraft in ihnen, aber dieſe Arbeitskraft iſt die Sklavin der Materie, ſtatt ihre Herrin zu ſein. Man lerne von dem Schöpfer, wie er der Form aus Erde ſeinen lebendigen Odem einblies; ſo blaſe man der rohen Arbeitskraft den Odem des Geiſtes ein, und aus der Sklavin der Materie und der Noth wird eine ſchöpferiſche Ge⸗ bieterin ihres eigenen Schickſals werden. Die menſch⸗ liche Arbeitskraft ohne das prometheiſche Feuer des Geiſtes iſt um kein Haar beſſer als die rohe Elementarkraft. Sie kann Ungeheueres leiſten im Dienſte eines gebietenden Geiſtes; ſie hat Rieſen⸗ ſtädte und tolze Königsſitze, hat viertauſendjährige Pyramiden, Wundertempel und Waſſerleitungen ge⸗ baut, aber ſie vermag ſich ſelbſt kein wohnliches Haus 127 zu bauen Die menſchliche Arbeitskraft iſt eine gött⸗ liche Macht, wenn ſie getragen wird von der Him⸗ melskraft des Geiſtes. Dann iſt ſie ihr eigener Mo⸗ ſes, der ſie erlöſt aus dem egyptiſchen Dienſthauſe, dann zerſchellen die Wogen gemeiner Trübſal an ihren Sehnen. Der hieſigen Arbeitskraſt nun den Odem des Geiſtes einzuhauchen, dazu ſcheint mir das von Ihnen vorgeſchlagene Mittel ganz vortrefflich— aber die An⸗ wendung desſelben erfordert eine Vorbereitung, eine Grundlage und dieſe heißt Schule! Ohne Schul⸗ unterricht, der die Köpfe wenigſtens von den dickſten Nebeln befreit, läßt ſich eine Gewerbthätigkeit, wie Ew. Etzellenz ſie im Sinne haben, hier nicht begrün⸗ den. Die Schule liegt hier völlig darnieder, mit ihrer Aufrichtung muß der Anfang zur gründlichen Hebung der hieſigen Zuſtände gemacht werden. Sie können ſich eine Vorſtellung von dem Zuſtande der hieſigen Schule machen, wenn ich Ihnen melde, daß der vorige Schullehrer— Dore's Vater— Wildprets⸗ partirerei treiben mußte, um ſich und ſeine Familie zu ernähren, und daß der jetzige ſeine Schulkinder in die Bucheckern ſchickt, um ſich für ſeine Forde⸗ rungen an Kirchen⸗ und Schulgebühren bezahlt zu machen. 128 Der Mann ſteht übrigens ſelbſt auf einer zu niedrigen Stufe der Bildung, um fruchtbaren Unter⸗ richt ertheilen zu können; ſeine Stelle muß durch einen anderen Mann erſetzt werden, ſoll die Schule hier gedeihen, und ſolch ein Mann muß ordentlich bezahlt werden, daß er ſich nicht ſchlechter ſteht wie ein Hammerknecht. Ich weiß freilich nicht, wie wir den jetzigen Lehrer loswerden. So wenig er verſteht, ſo viel bildet er ſich ein, zu verſtehen und ſo zäh hängt er an ſeiner Würde. Nachdem ich die hieſige Schule kennengelernt, wundere ich mich gar nicht mehr über das Wuchern aller Verbrechen hier, die Menſchen hier erheben ſich wenig über den Naturzuſtand, der Menſch im Na⸗ turzuſtande aber iſt das reißendſte Thier der Erde. Die Wilden aller Zonen ſind Räuber und Mörder von Natur. Daß ſolche Wilde im Schooße der zivi⸗ liſirten Geſellſchaft wohnen, iſt traurig, aber die Schuld fällt zurück auf die Geſellſchaft, ganz allein auf die Geſellſchaft. Je natürlicher ich daher alles ſittliche Elend hier finde, deſto mehr fühle ich mich zur Bewunderung unſeres Schützlings Dore hinge⸗ drängt. Sie kommt mir vor wie eine Heilige, welche die ewige Huld mitten in dieſes Dunkel hineingeſtellt, damit es doch durch einen Strahl ihrer Herrlichkeit 129 erhellt werde und den gefallenen Menſchen umher ein lebendiges Zeugniß von der Göttlichkeit ihres Weſens vor Augen ſchwebe. Ja ſelbſt ihre Verir⸗ rung ſcheint mir von der Hand Gottes dazu gewen⸗ det zu ſein, daß ſie den Sündern zeige, wie nicht der einzelne Fall den Menſchen verderbe, ſondern das fortgeſetzte Fallen. Geſtern genoß ſie zum erſtenmal ſeit langer Zeit wieder das heilige Abendmahl. Ich hieß ſie nach dem Gottesdienſt zu mir kommen und ſprach mit ihr ven ihrer Zukunft. Ihr Verführer iſt ihr die Ehe ſchuldig; er ſtudirt, oder hat vielleicht aus⸗ ſtdirt. Wenn wir ſeinen Namen wüßten, ſo könnte vielleicht Oeſterreich darüber Auskunft geben, da jener mit dieſem auf einer Schule war. Hat er ausſtudirt, ſo könnte er hier vor der Hand Schul⸗ meiſter werden und Dore heiraten. Ich deutete ihr dieß an. Statt ſie aber mit Freuden darauf eingehen zu ſehen, bemerkte ich ein Wölkchen auf ihrer ſchönen Stirn. Nach einigem Sinnen ſchüttelte ſie mit dem Kopf und ſagte:„Es wäre wohl nicht gut gethan, wenn ich hier Schulmeiſters Frau würde, es würde meinem Manne den Reſpekt nehmen.“ Ich mußte ihr Recht geben, und fragte, ob ſie ſich denn nicht lieber von hier fort wünſche. Sie antwortete, 9 Die Tochter des Wilddiebes. 130 daß es allerdings längſt ihr tiefſter Wunſch geweſen, aus dieſem elenden Leben fortzukommen, aber was ſollte aus dem blinden Vater und den unerzogenen Kindern werden ohne ſie? Sie müſſe nun ſchon hier aushalten, und wolle es gern, wenn ich hier bliebe. Nun ſolange ich hier bin, ſoll ſie wenigſtens einen Freund und Berather haben, an den ſie ſich hal⸗ ten kann. Den Brief an Oeſterreich's Mutter will ich ihr zur Beſtellung übergeben und zwar morgen früh, gleichzeitig mit dieſem Briefe, den ſie nach Marien⸗ berg tragen ſoll. Sie kann den Weg über Pobersau nehmen, wo ſie nicht viel umgeht. Es iſt mir ſchon der Gedanke beigekommen, ob nicht etwa Oeſterreich gar der Vater ihres Kindes ſei, den zu nennen ſie durchaus noch nicht zu bewegen war Die Studien⸗ zeit und die Verhältniſſe ſtimmen ganz gut. Vielleicht verräth Dore, wenn ich ihr den Brief Oeſterreich's übergebe, durch irgendeine Bewegung, daß ſie der⸗ ſelbe näher angeht. Noch habe ich Ihnen kein Wort über Ihre Geſchenke für die Kirche geſagt. Dieſes arme Got⸗ teshaus, dem noch dazu vor mehreren Wochen die Diebe ihre ſilbernen Altargefäße geſtohlen haben, ſo daß man zinnerne an ihre Stelle hat ſetzen müſſen, 13¹ bedurfte allerdings einiges Schmuckes, aber ein ſo ſchöner Schmuck, wie Sie ihn verehren/ſticht faſt zu ſehr ab von der ganzen Einrichtung. Indeß wollen wir immer davon Gebrauch machen und die edle Geberin lebens⸗ lang in der Gemeinde dafür ſegnen. Gut wäre es, wenn unſer ganzes Gotteshaus dieſen Gaben ent⸗ ſpräche; da iſt freilich von Kunſt gar keine Rede, und ich bin ganz Ihrer Anſicht von der nothwendi⸗ gen Mitwirkung der Kunſt im chriſtlichen Kultus. Soll der Kultus Allen genügen, ſo muß er auch alle Offenbarungsformen der Gottheit in ſich vereinigen, denn der eine Menſch iſt mehr für dieſe, der andere mehr für jene empfänglich, und derjenigen, auf welche alle Formen die gleiche Macht ausüben, ſind ſehr wenige. Zeſſer eine Predigt unter freiem Himmel, dem er⸗ habenſten aller Dome, als in einem allem Kunſt⸗ geſchmack ſpottenden Kirchengebäude. Und doch ge⸗ hört die Mehrzahl unſerer proteſtantiſchen Gottes⸗ häuſer dieſer Gattung an. Hier thäte auch eine Reformativn noth. Freilich iſt unſere Zeit am we⸗ nigſten zu einer ſolchen geſchickt, denn die Kunſt, zumal die bildende, iſt arg im Verfall und bedarf ſelbſt einer Reform, bevor ſie als reformirende Macht auftreten kann. Da füällt mir wieder mein Studiengenoſſe Leſſing ein, der hatte t tefe und . 9 132 helle Anſichten über die Kunſt, er war ſo vertraut mit den ewigen Vorbildern alles Kunſtlebens und beſaß ſonſt das Zeug, hier als Reformator außzutre⸗ ten. Wie oft haben wir zuſammen geſeſſen in Leip⸗ zigs Roſenthal und uns über Kunſtfragen unterhal⸗ ten! Was war das für ein Genuß, den feinen und ſcharffinnigen Bemerkungen dieſes außerordentlichen Geiſtes zu lauſchen, mochte er ein Bildwerk beſpre⸗ chen, wie die Gruppe des Laokvon, oder mochte er eine Theorie z. B. über die Grenze der Malerei und Pveſie aufſtellen. Es wäre ſchade, wenn alles das Herrliche, was er damals vor einem einzigen Zuhörer ſprach, nicht einmal der ganzen Menſchheit zugute ginge. Doch ich will Ew. Etzellenz nicht weiter ermü⸗ den. Bald bin ich ſo glücklich, mich wieder perſön⸗ lich in Ihrer Huld zu ſonnen.— Achtes Rapitel. Im ſchwarzen Grunde. Theophilus packte die Gaben, welche ihm die Gräfin für die Bewohner der Waldhütte mitgeſchickt 133 hatte, und die größtentheils in Kleidungsſtücken für die Kinder beſtanden, zuſammen und ließ ſie durch die Magd hintragen. Er folgte mit ſtilllächelndem Antlitz langſam nach. Als er ſich dem Walde näherte, ſah er den Schneider Träger ſich haſtig von derſelben entfernen und im Walde verſchwinden. Wie er in die Stube trat, fand er zu ſeiner Verwunderung ſeine Briefträgerin noch nicht da; doch wie er ſich am Fenſter niederge⸗ laſſen hatte, ſah er ſie draußen durch die Bäume mit einem Manne reden, den er als einen der vier Brüder Freier erkannte. Was konnte ſie mit dem zu reden haben? Theophilus öffnete das Fenſter und rief ihr zu zu kommen. Der Freier prallte zurück und die Magd eilte herbei. Dore hatte eben ihre Ziegen im Stalle verſorgt, denn gleich nach Theophil's erſtem Beſuch hatte ſie dieſe Thiere nicht länger als Stubengenoſſen gedul⸗ det. Ueberhaupt ſah es in dem Gemache netter aus als an jenem Abend. Das rührte daher, daß Dore jetzt mehr daheim blieb als vorher. Weihnachten rückte heran und da blühte für ſie ein Erwerbszweig, der ihr nicht nur mehr einbrachte, wie der kleine Butterhandel, ſondern ihr auch weit mehr zuſagte: ſi machte Puppen und ſchnitt Figuren von Papier aus. Von dieſer Arbeit war ſie nur aufgeſtanden und Theophilus ſah, was eben aus ihren Händen her⸗ vorgegangen. Zu ſeiner Verwunderung fand er die Figuren— Reiter, Bergleute, Seiltänzer u. a.— ganz richtig gezeichnet. Wenn dieſelben aus freier Hand ſo geſchnitten waren, ſo verriethen ſie ein un⸗ gewöhnliches Talent. Als Dore eintrat und ihn be⸗ willkommt hatte, fragte er ſie gleich, wie ſie die Fi⸗ guren ſchneide. Sie nahm eine kleine Scheere und ein Stück Papier ohne irgendwelche Zeichnung und ſchnitt mit großer Schnelligkeit einen Bergmann in Paradetracht ſo ſchön aus, daß Thevphilus ganz ent⸗ zückt davvn ward. „Wo haſt Du das gelernt?“ fragte er. „Von mir ſelber,“ war die Antwort. „Haſt Du in der Schule gezeichnet?“ „O nein, nicht einmal geſchrieben.“ Theophilus ſchüttelte verwundert mit dem Kopf, dann fragte er:„Aber Du haſt Dich wohl von Kind⸗ heit an in dieſer Fertigkeit geübt?“ „Als Schulkind ſchon ſchnitt ich immer aus,“ antwortete Dore,„aber der Schulmeiſter prügelte mich einmal derb durch dafür, und verbot mir's als eine unnütze Spielerei.“ „Was machſt Du jetzt mit dieſen Figuren?“ 135 fragte Theophilus weiter. Sie antwortete:„Ich ver⸗ kaufe ſie. Um Weihnachten mache ich bloß Puppen und ſolche Figuren. Da gehen ſie in Marienberg gut, aber außerdem nicht.“ „Du weißt ſelbſt nicht, was Du kannſt, Dore,“ ſagte Theophilus,„und die Kleinſtädter wiſſen Deine Kunſt auch nicht zu ſchätzen. Ich will Dir einen Vorſchlag machen. Schneide Du Figuren aus, ſoviel Du kannſt, und liefere ſie an mich ab, ich gebe Dir, was Du in der Stadt bekommſt, ſogleich, aber ich ſchicke ſie nach Dresden, wo ſie jedenfalls Liebhaber finden, die weit mehr geben, und was ich dann mehr daraus löſe, zahle ich Dir nach. Und damit Du recht viel Abwechſelung in Deine Kunſtwerke bringſt, will ich Dir ein paar gute Bilderbücher geben, woraus Du ſchöpfen kannſt. Später, wenn der Abſatz nachläßt, gebe ich Dir noch Zeichnenſtunde.“ „O Gott, Herr Magiſter! das will Er an mir thun? Das iſt ja mehr als ich gehofft, obſchon es mein größter Wunſch war.“ „Warum haſt Du mir nicht früher von dieſer Deiner Geſchicklichkeit geſagt?“ „Ach ich dachte, es wäre nicht ſo weit her“— Jetzt trat die Magd mit den Sachen ein. Theophi⸗ lus nahm ſie ihr ab, und übergab ſie Doren im Namen der Gräfin. Dore wußte nicht, was ſie thun und ſagen ſollte, ſo ergriffen war ſie. Endlich machte ſie den Pack auf und eine Menge ſchöner Kinderan⸗ züge fielen ihr in die Augen.— Sie weinte vor Freuden. Sie konnte es nicht laſſen, ſie mußte die Kleinen gleich einmal in dieſen ſchmucken Kleidern ſehen. Und ſie fing an zu probiren. Bald lachten die Jüngſten der Schaar wie Engelchen in apfel⸗ grünen Röckchen der glücklichen Mutter und Pflege⸗ mutter zu. Den größeren Kindern mußten ihre Klei⸗ der erſt vom Schneider paſſend gemacht werden. „Wenn der Gevatter Träger noch da wäre, könnte er ſie gleich mitnehmen,“ meinte Dore und weidete ſich wieder an dem Anblick der geputzten Kleinen. Aber ſie vergaß auch nicht, ihnen den Namen ihrer Wohlthäterin einzuprägen und ſie zu lehren, ſie hoch in Ehren zu halten. Ihre Dankbarkeit gegen Theophilus fand keinen Ausdruck, aber er las ſie in ihren feuchten, ſeelen⸗ vollen Blicken und der bewegten Miene ihres Geſichts. Als er ſich lange ſtill mit ihr gefreut, brachte er ſeine Briefe zum Vorſchein.„Nun ſollſt Du mir und der edlen Wohlthäterin aber auch einen Gefallen thun,“ ſagte er,„dieſen Brief an die Gräfin ſollſt Du nach Marienberg zum Gerichtshalter tragen, der ihn weiter 137 befördern wird, und dieſen zweiten nach Pobers⸗ au— kannſt Du die Adreſſe leſen?“ Sie bejahte. Er übergab ihr den Brief und beachtete ihre Züge. Die Adreſſe lautete:„An Frau Karoline Sophie Oeſterreich auf der Rochenzeche in Pobersau.“ Eine leichte Röthe flog über Dore's Antlitz— ſonſt verrieth nichts eine tiefere Bewegung in ihrem Innern. „Willſt Du dieſen Brief mitbeſtellen, oder thuſt Du es nicht gern?“ fragte Theophilus;„er kommt von dem Sohne der Frau, der Theologie ſtudirt hat und jetzt als Sekretär im Dienſte der Frau Gräfin S., unſerer edlen Gebieterin, iſt.“ 6 Jetzt ergoß ſich ein tieferes Roth über das Ge⸗ ſicht des Mädchens und ein Freudenſtrahl leuchtete aus Blick und Miene. Theophilus glaubte auch einen Seufzer zu vernehmen, gleich darauf aber ſagte Dore ruhig:„Warum ſollte ich nicht gern alles thun, was mir der Herr Magiſter oder die gnäd'ge Frau befiehlt?“ „Kennſt Du die Frau Oeſterreich?“ fragte Theo⸗ philus. Dore verneinte. „Aber ihren Sohn vielleicht?“ Dore that, als überhöre ſie dieſe Frage. Sie ſagte, ſie wolle ſich gleich anziehen und ſich auf den Weg machen. Theophilus mochte den Inquiſitor 138 nicht weiter ſpielen und ließ ſie ruhig gehen. Er begleitete ſie eine Strecke auf dem marienberger Wege, wo er ihr die bevorſtehende Ankunft der Grä⸗ fin mittheilte, und daß er zu Ausſchmückung ihrer Wohnung und ſonſtigen Empfangszurüſtungen Dore's Hilfe in Anſpruch zu nehmen gedenke. Sie freute ſich herzlich auf jede Dienſtleiſtung, die der Herr Magiſter ihr zutraue, zumal bei einer ſolchen Gele⸗ genheit.„Da muß ich Dich aber auch der Frau Gräfin zeigen,“ ſagte er hierauf,„denn ſie nimmt großen Antheil an Dir, und damit dieß in gezie⸗ mender Weiſe geſchehe, mußt Du Dich neu und ſo kleiden, wie es Deinem eigenen guten Geſchmack zu⸗ ſagt. Die Gräfin liebt das Rette, Schöne, Du kannſt gleich heute in Marienberg das Nöthige be⸗ ſtellen. Ein Vorſchuß auf Deinen Arbeitserwerb wird die Koſten decken. Und nun, glaub' ich, iſt es Zeit, daß ich umkehre“ Er ſah an ſeine Uhr.„So geh' mit Gott, meine Gute,“ ſagte er zum Abſchied. „Vergelte er Ihm alle Seine Güte reichlich,“ erwiederte ſie—„aber nehm' Er's nicht für ungut, Herr Magiſter, wenn Er Seine ſchöne goldene Uhr ſo frei ſehen läßt, ſo könnte ſie Liebhabern in die Augen fallen, welche die Nacht und die hohlen Wege lieben. Steck Er ſie lieber gar nicht ein, 139 zum wenigſten nicht, wenn Er durch den Wald nach Rübenau geht, da iſt's gar nicht geheuer.“ „Deine Warnung iſt gut,“ ſagte er,„ich will ſie beherzigen!“ Sie trennten ſich. „Was iſt das für ein Herr!“ dachte Dore, als ſie allein ihren Weg verfolgte;„ich wollte, ich könnte ſeine Magd ſein und ihm dienen mein Lebenlang.“ Welche Erinnerungen drängten ſich für ſie auf dieſem Weg zuſammen! Hier wandelte ſie auf dem Pfade, wo ſie vor wenig Wochen den Worten dieſes Geiſtes wie einer ſeligen Offenbarung gelauſcht, dort war die Mühle, wo er ſie aus den Händen wahnbethör⸗ ter Unholde errettete von einem fürchterlichen Schick⸗ ſal; dort kam ſie an den Ort, wo ſie ihm zum erſtenmal begegnet und an ihm einen theilneh⸗ menden Helfer gefunden. Welche Qual und welche Seligkeit, welche Erniedrigung und welche Erhebung begegneten ſich auf dieſer kurzen Wegſtrecke einer Meile. Und wenn ſie dazu der Vergangenheit ge⸗ dachte! Mit welchen Empfindungen war ſie damals hier gewandelt, als ſie aus dem Wald in die Stabt geflohen, um einem wilden ſchmachvollen Leben zu entgehen, und unter geſitteten Menſchen ſich ein wür⸗ diges Leben zu erringen. Hier war ſie wieder ge⸗ wandelt mit dem ſüßen Geheimniß ihres jungfräu⸗ lichen Herzens. Aber dieſen Weg hatte ſie auch an der Seite des Büttels gehen müſſen, wie ſie als eine ſchmachbeladene Dirne in ihre Heimat geſchafft worden. Im Geleite ſo mannigfacher inhaltſchwerer Erinnerungen konnte ihr die Zeit nicht lang werden, und ſie war in Marienberg, ehe ſie ſich deſſen ver⸗ ſah. Sie gab ihren Brief bei dem Akzisinſpektor ab und beſtellte ſich ein neues Kleid. Dann eilte ſie nach Pobersau. Dieſes Dorf liegt eine Stunde öſtlich von Ma⸗ rienberg in zwei tiefen wild romantiſchen Thälern, welche von zwei Armen des Gewäſſers gebildet wer⸗ den, das wir im Eingang erwähnt haben. Sie wer⸗ den als die ſchwarze und rothe Pockau unterſchieden, ſowie auch die Thäler die verſchiedenen Namen des „Hintergrundes“ und des„Ober⸗ und Niedergrundes⸗ führen. Der von der ſchwarzen Pockau durchſtrömte Hintergrund iſt das ſchauerlich romantiſcheſte Thal des ganzen Erzgebirges. Eine Viertelſtunde von ſei⸗ ner Mündung in den Niedergrund erhebt ſich das ſteile Gehänge der einen Seite zu einer ſchwindelnd hohen ſenkrechten Felſenwand, die unter dem Namen der Ringmauer“ der Krümmung des toſenden Waldſtromes folgt und in eine grandioſe Baſtei, 2 — 141 der„Katzenſtein“ geheißen, ausgeht, oberhalb welcher die mit Schwarzholz bedeckten Seiten ſich zu einer Schlucht verengen, die von den Bewohnern der Ge⸗ gend der„ſchwarze Grund“ genannt wird. Auf der Spitze des der Ringmauer gegenüberliegenden waldbedeckten Berges finden ſich ſpärliche Trümmer⸗ reſte einer alten Burg, welche jeder Knabe der um⸗ liegenden Ortſchaften unter dem Namen des Raub⸗ ſchloſſes“ kennt. In dieſem wilden Thal liegt nur der kleinere Theil des genannten Dorfes, ein Ge⸗ höfte und einzelne zerſtreute Häuſer. Zu letzteren gehörte das Zechenhaus Rochenzeches, die Behau⸗ ſung der Witide Oeſterreich, welcher Dore den Brief ihres Sohnes zu egee Ob das Mutterherz eine Ahnung hatte, daß ihr eine frohe Botſchaft bevorſtand, die froheſte, die es erwarten konnte, nach der es ſich ſeit manchem langen Mondlauf ſehnte? Seit einem Jahre, wo ihr Sohn zum letztenmale von der Hochſchule aus bei ihr in den Ferien geweſen und in Zöblitz gepre⸗ digt, hatte er nichts von ſich vernehmen laſſen Das war recht hart für das treue Mutterherz geweſen, das ihr letztes Bett daran gewendet, den Sohn ſtu⸗ diren zu laſſen. Aber ein Mutterherz hört nicht auf zu hoffen. Wohl hatte ihr bei ſeiner Anweſen⸗ 142 heit manches nicht gefallen an dem ſtudirten Sohne, er war kalt und hochfahrend geweſen gegen die, die ihn mit Schmerzen geboren und mit Sorgen großgezogen, aber ſie hatte gemeint, das bringe die viele Kopfarbeit mit ſich, und ſie hatte den Sohn nach wie vor geliebt, nach wie vor für ſein Glück gebetet, nach wie vor ſich nach ihm geſehnt. Da ſtand ſie auf der kleinen Halde vor ihrem Hauſe und ſchaute das Thal hinab, gerade wie die ſtattliche Dirne daherkam, die an Schönheit ihres⸗ gleichen hier im Grunde nicht hatte. Die Dirne ſtieg die Halde herauf und ſtracks auf die greiſe Frau zu.„Bin ich hier recht bei der Frau Karoline Sophie Oeſterreich?“ ſiogt⸗ ſie. „Ei freilich, meine ſchöne Jungfer, freilich bin ich die Frau Karoline Sophie Oeſterreich, geborene Baldauf. Mein Seliger war Steiger hier und mein Sohn iſt leipziger Student“— „Geweſen,“ fiel ihr Dore in die Rede;„hier dieſer Brief wird Euch ſagen, daß er ſchon ſein gutes Brot hat.“ „Ach, was Sie ſagt, Jungfer! der liebe Gott ſei tauſendmal geprieſen. Aber mein Seliger habs tauſendmal verdient, wenn's ſeinem Sohn wohlgeht. Ihr habt ihn nicht gekannt, er war Steiger hier, 6 143 und ein ſtattlicher Mann, ach daß er doch noch lebte und ſeinen Sohn ſähe, wie ſtattlich auch er gewor⸗ den und geſcheidt dazu und nun wohl gar ſchon Pfarrherr?“ „Das gerade nicht, liebe Mutter,“ ſagte Dore, „aber doch etwas ſehr Achtbares— hier leſt nur den Brief, der wird Euch alles ſagen.“ „Ja ſo, der Brief— geb' Sie her den Brief — ja das hat mein Sohn geſchrieben, ich kenne die Schrift meines Sohnes unter Tauſenden, es ſchreibt niemand ſo ſchön wie mein Sohn, ſelbſt der zöblitzer Rektor auf ſeinen Gevatterbriefen nicht— aber leſen kann ich den Brief nicht, da muß ich ſchon hinauf zum Schulmeiſter gehen“— „Den Weg könnt Ihr Euch erſparen,“ ſagte Dore,„ich kann Euch den Brief auch vorleſen, wenn Ihr wollt.“ Die Frau maß das Mädchen vom Kopf bis zum Fuß„Was!“ ſagte ſie,„Sie kann Geſchrie⸗ benes leſen? Sie iſt doch keine vornehme Stabtfrau und kann Geſchriebenes leſen?“ „Ich hab' es in der Stadt gelernt von“— ſie unterdrückte den Schluß und fragte:„Nun ſoll ich Euch den Brief vorleſen?“ „„Ei nun ja, wenn Sie wirklich ſo geſcheidt iſt! 6 4 Aber da komm' Sie nur erſt mit herein und ſetze Sie ſich bei mir!“ Dore folgte der Alten in die ärmliche, aber ſehr reinliche Stube und nahm Platz auf der Ofenbank. „Ich kann Ihr freilich nichts vorſetzen,“ ſagte die Witwe hier,„aber wenn Sie heute bei mir bleibt, ſo koch' ich Ihr eine Bierſuppe.“ Dore dankte, erbrach den Brief und las. „Liebe Mutter! In aller Eile nur ein paar Zeilen, welche Dich von der günſtigen Wendung meines Schickſals in Kenntniß ſetzen mögen. Nachdem ich unter Hunger und Kummer meine Studien abſolvirt“— „Abſolvirt, was iſt das?“ unterbrach die Höre⸗ rin die Leſerin. „Da fragt Sie mich zu viel, es iſt ein gelehr⸗ tes Wort, vielleicht heißt es ſoviel wie fertig gebracht — alſo abſolvirt, habe ich das hohe Glück gehabt Ihrer Exzellenz“— „Was iſt denn das wieder?“ fragte die Alte dazwiſchen— „Das iſt ein Titel, ungefähr wie Ihre Hoch⸗ würden— alſo:„Ihrer Etzellenz der Frau Grä⸗ fin von S. empfohlen und von dieſer als Lektor und Sekretär“— 145 „Was ſind denn das wieder für Thiere2“ fragte die Alte— „Genau weiß ich's auch nicht, ich glaube, Se⸗ kretär iſt ein Geheimſchreiber— alſo: aals Lektor und Sekretär angeſtellt worden. Es iſt dieß ein ganz angenehmer Poſten, auf dem ich mein Glück eher machen kann wie als Paſtor. Ich habe mein eigenes ſchönes Zimmer, das ordentlich fürſtlich eingerichtet iſt, zweihundert Thaler Gehalt und alles frei. Du brauchſt Dich alſo um mich durchaus nicht mehr zu ſorgen. Ich danke Dir für alles, was Du an mir gethan; wenn ich nur erſt etwas erübrigt habe, will ich Dich ſchon auch bedenken. Ich glaube, daß Du mich gern einmal in meinem Glück ſäheſt, aber ich bitte Dich, nicht hierher zu kommen. Es geht hier ſehr vornehm zu, und Du würdeſt Dich in dieſer vornehmen Welt nicht wohl befinden; ich könnte auch Unannehmlichkeiten davon haben. Ich will Dich lieber bald einmal beſuchen, wenn es geht. Leb' wohl! Dein treuer Sohn C. F. Oeſterreich.“ Von Zeile zu Zeile hatte Dore's Antlitz ſich mehr und mehr verfinſtert. War das die Sprache eines Sohnes an ſeine Mutter, die alles für ihn geopfert? Sprach ſich nicht hier der kälteſte Egvis⸗ mus, der erbärmlichſte Dünkel aus? Dore zerknit⸗ Die Tochter des Wilddiebes. 10 terte das Papier in ihrer Fauſt und ſtarrte vor ſich hin. 3 „Sie bringt ja den Brief um, was hat Sie denn?“ ſagte die Alte, deren Augen voll Thränen ſtanden, und entriß Doren das Schreiben.„Mein guter Frit! Gott ſei Dank! daß er ſo wohl verſorgt iſt, und er wird mich auch bedenken, ja, das ſieht ihm ähnlich, ſein Vater war auch ſo gut, Gott hab' ihn ſelig, und er will mich auch bald beſuchen, o das wird eine Freude ſein— aber den gelehrten Krimskrams hätte er nicht ſchreiben ſollen, das ſtört den ſchönen Sinn; nicht wahr, Jungfer?“ Dore war gerührt von der Einfalt und unver⸗ wüſtlichen Liebesmacht dieſes Mutterherzens. Sie drückte der Alten die Hand, ſie fiel ihr um den Hals, helle Thränen entſtrömten ihren Augen und ſchluchzend rief ſie:„Gute, gute Mutter!“ Die Alte weinte auch. Aber plötzlich machte ſie ſich los, und ſah das Mädchen forſchend an. „Wer iſt Sie denn eigentlich? Woher iſt Sie2 Wer ſchickt Sie mit dem Brief?“„ Dore nannte ihren Abſender. „Alſo von Kühnheide iſt Sie?“ ſagte die Alte. „Da kennt Sie wohl die loſe Dirne, die Helbig Dore? Die Leute ſagen, mein Sohn hätte ſich an ſie gehängt, 147 wie er noch auf der Schule geweſen, ſo ſagen die Leute. Aber es iſt gewiß nicht wahr, daß ſich mein Sohn an eine ſolche Vettel gehängt, gelt?“ „Gewiß nicht,“ ſagte Dore mit zitternder, hoh⸗ ler Stimme— „Es gibt ſo ſchlechte Leute, die ſagen, das Fall⸗ kind, das die ſchlechte Dirne gehabt, ſei von mei⸗ nem Fritz— und ich ſei eines Bankerts Großmutter, pfui!— Aber ich werde mich nächſtens aufmachen nach Kühnheide und werde die Helbig Dore vor den Pfarrer kommen laſſen, und werde ihr ins Gewiſſen reden, daß ſie den Vater ihres Kindes nennt, damit nicht ein ehrlicher Menſch in Verdacht kommt und 7 ℳ6 — vielleicht dadurch unglücklich wird.“ Dore erhob ſich mit blutendem Herzen. Die Alte wollte ſie zu bleiben nöthigen, aber Dore nahm Abſchied. Sie verſchluckte den bittern Kelch, der ihr gereicht worden, ohne ſich zu verrathen und trat ihren Rückweg nach Kühnheide an Mit ganz an⸗ deren Empfindungen, als womit ſie am Morgen den Weg nach Marienberg gegangen war, wandelte ſie dem ſchwarzen Grunde zu. Denn dieß war der nächſte Weg nach ihrer Hütte. Es war nur ein ſchmaler Fußpfad, von wenig anderen Menſchen betreten, als von Waldläufern und Walddieben. Es dunkelte eh — 148 ſchon, als ſie den ſchwarzen Grund erreichte. In dieſer ſchauerlichen Waldeinſamkeit, Angeſichts des ſchwarzen Gewäſſers, das hier grollend über Steine toſte, ward ihr unbeſchreiblich weh' ums Herz. Sie ſetzte ſich an eine Felſenwand und weinte. Seit der Magiſter zu ihr von der Möglichkeit einer Heirat mit dem Jugendgeliebten, dem Vater ihres Kindes, geſprochen, hatte ſie dieſem Gedanken doch öfter nachgehangen, und wie ſie heute von dem Glücks⸗ wechſel desſelben gehört, war dieſer Gedanke ſehr lebhaft geworden. Aber dieſer Brief war wie ein Nachtfroſt auf die kaum aufgebrochene Hoffnungs⸗ blüte gefallen. Konnte ſie von dem Manne, der ſich ſeiner Mutter ſchämte, erwarten, daß er die Ehre eines armen niedrigen, mit Schmach beladenen Mäd⸗ chens retten werde? Und weinend begrub ſie die junge Hoffnungsleiche zu dem Liebestraum ihrer Jugend der leider nichts weiter geweſen als ein Traum— ein guter Wahn! Wie ſie noch ſo ſaß, ward ſie plötzlich durch laute Stimmen aus ihrem Sinnen aufgeſchreckt. Sie horchte auf und erkannte die Stimmen der Gebrü⸗ der Freier. „Es iſt nicht anders,“ ſagte einer,„ſie hält es mit dem Pfaffen. Er war heute ſchon wieder bei — 149 ihr, und die Pfarrmagd trug ihm einen ganzen Pack Sachen nach, die er ihr ſchenken wollte.“ „Darum war ſie auch gleich ſo kurz angebunden, wie ſie mit ihm gegangen war, und hielt ſie ſich immer ſpröde gegen uns, daß ſeitdem gleich gar nicht an ſie zu kommen war. „Die Pfarrmagd,“ begann der Andere wieder, „hat mir anvertraut, daß die Dore öfters zu dem neuen Magiſter auf ſein Zimmer komme und wieder in die Kirche gehe.“ „Der Schwarzkittel wäre ja bald abzudrücken,“ meinte ein Dritter der ſaubern Brüder,„man dürfte ihn nur ablauern, wenn er einmal Abends ſpät von Rübenau heimgeht; da könnten wir uns den Ne⸗ benbuhler vom Halſe ſchaffen und auch ſeine ſchöne goldene Uhr kriegen, das wäre ein doppelter Fang.“ „Die Sache iſt aber gefährlich,“ ſagte der erſte Sprecher,„ſie muß wohl überlegt werden. An einem Sonntag, wenn der Pfaff bei uns predigt, iſt nichts zu machen, da hält er ſich dazu, daß er bei Tage wieder heimkommt. Man müßte die Gelegenheit abwarten, wenn er'mal in der Nacht einen Ster⸗ benden zu berichten hätte, und ſolche Gelegenheiten ſind nicht häufig.“ 2 „Aber ſie laſſen ſich machen,“ entgegnete der 150 Urheber dieſes Rathes,„es dürfte ſich nur einer von uns todtkrank ſtellen und berichten laſſen.“ „Wir wollen's noch beſchlafen,“ ſagte der vierte der Brüder—„hier iſt der Marderfelſen, da rechts muß unſer Schatz liegen.“ Der erwähnte Fels trennte die Brüder von Dore, die ſich regungslos an ihn ſchmiegte. Die Brüder waren mit Rodehauen bewaffnet und began⸗ nen auf der andern Seite des Felſens zu graben. „Du haſt Dir doch die Stelle richtig gemerkt, Franz?“ ſagte einer der Brüder. „Freilich,“ war die Antwort,„hier iſt ja der Strich am Felſen, den ich heimlich machte, während der„dürre Schneider“ die Beute einſcharrte.“ „Aber es kommt doch nichts,“ ſagte ein An⸗ derer,„wie tief habt Ihr denn den Bettel vergra⸗ ben?“ „Sprich nur nicht: Bettel!“ ſagte Franz;„das Kruzifir war von feinem Silber und wenigſtens ſeine vierzig Spezies werth, und der Kelch koſtet auch ſeine zehn.“ Die Brüder gruben weiter, aber wie tief und weit ſie auch gruben, ſie fanden nicht was ſie ſuch⸗ ten. Endlich verhinderte ſie der Fels, auf den ſie kamen, am Weitergraben. ———————— 151 „Der verfluchte Schneider iſt uns zuvorgekom⸗ men,“ ſagte Franz,„ich weiß genau, daß dieß die Stelle iſt, und er allein kann ſie noch wiſſen.“ „Dann hat er die Sachen geholt und verklopft,“ meinte ein Anderer,„aber er ſoll den Preis nicht al⸗ lein ſchlucken. Alles ſoll er herausrecken und nun gar nichts haben, weil er uns hat betrügen wollen, der Gaudieb.“ „Das war alſo ein Fleiſchergang,“ meinte ein Anderer,„verdammter Zwirnsfaden! Was thun wir nun? ſollen wir nach Hauſe gehen, oder einen Streif⸗ zug nach Pobersau machen?“ Dore erbebte, denn der Weg nach Pobersau führte ja dicht an ihr vorüber; ſie drückte ſich tiefer in ihre Felſenecke hinein, um von den Räubern nicht entdeckt zu werden. Aber dieſe kamen überein, ſich über das Raubſchloß nach dem Einſiedelſenſenhammer zu begeben, wo vielleicht heute ein Geſchäft zu ma⸗ chen, da der Beſitzer nach Komotau auf den Markt gefahren ſei.* Dore hörte ihre Schritte jenſeits des Baches verhallen und wagte ſich dann aus ihrem Verſteck hervor. Es war inzwiſchen ziemlich Nacht geworden, dicke Wolken waren aufgezogen und fingen an, ſich in Schnee und Regen zu entladen. Es blieb kaum 152 noch eine Möglichkeit, den Pfad durch den ſchwarzen Grund zu finden. Aber ſie ſchlug ihn ein, froh, Zeuge dieſes Auftrittes geweſen und dadurch in den Stand geſetzt zu ſein, ihrem verehrten Beſchützer ein Schutzgeiſt zu werden. Ohne weitere Abenteuer, aber von dem wachſenden Unwetter übel zugerichtet, er⸗ reichte ſie ihre Hütte. Ueuntes Rapitel. Ein Teufelsſpuck. Den folgenden Abend ſaß Theophilus noch ſpät in der Pfarrſtube. Es war eigentlich ſeine Studir⸗ zeit, zumal heute am Samſtag. Aber er hatte ſeine Predigt im Kopf und der Sturm, der ſeit geſtern ſchauerlich um das alte Pfarrhaus heulte, hatte das morſche Schindeldach ſo arg zugerichtet, daß dem gu⸗ ten Magiſter die Schneejauche vom Boden in ſeine Stube tröpfelte. Darum hatte er ſich hinunter in die Pfarrſtube retirirt. Da ſaß er nun und ſchaukelte der Pfarrfrau die Wiege, ſtreichelte der kleinen Hed⸗ wig, die zu ſeinen Füßen klöppelte, das blonde Haar, und ſprach mit dem Pfarter, der ſich recht hübſch 4„ ——— ——— — löſung hat den ſtetigen Fortſchritt der Menſchheit zur 153 zu erholen begann, über ein Kapitel, worüber ſie ſchon öfter geſprochen und ſich noch nicht hatten einigen können. Der gute Magiſter Dietrich behauptete, das Ende der Welt ſei vor der Thür, denn die Welt werde alle Tage ärger. Theophilus erklärte dagegen, die Welt ſei im Großen und Ganzen noch nie beſſer geweſen, ſondern nur ſchlimmer. „Das lehrt die Hiſtorie,“ ſagte er;„je weiter ich da zurückblättere, deſto mehr Unwiſſenheit, Roh⸗ heit, Aberglaube, Sünde und Elend grinſt mich da an, deſto mehr finde ich meinen Glauben an einen allmäligen Sieg des Guten über das Böſe, des Lichtes über die Finſterniß beſtätiget. Und ein an⸗ derer Glaube verträgt ſich auch gar nicht mit dem Chriſtenthum. Oder ſteht nicht die Annahme von einem Zurückſinken der Menſchheit in dickere Fin⸗ ſterniß und tiefere Sünde, ſo zwar, daß es das Weltende als Strafgericht mit ſich bringt, mit der Lehre von der Erlöſung im geraden Widerſpruch? Wenn die Menſchheit ſich verſchlimmert, ſtakt ſich zu beſſern, dann iſt Chriſtus umſonſt geſtorben und auf⸗ erſtanden, und das ganze Erlöſungswerk war ein unglücklicher Verſuch. Zieir der Glaube an die Er⸗ 15 nothwendigen Folgerung, und die Hiſtorie erhebt die Folgerung zur Gewißheit.“ Eben wollte der Paſtor widerſprechen, als die Magd eintrat und haſtig berichtete, auf dem Ein⸗ ſiedelſenſenhammer“ ſei vergangene Nacht ein großer Einbruch verübt worden. „Nun da haben wir's, Magiſter!“ rief der Pa⸗ ſtor,„das iſt in ſechs Wochen der zweite große Ein⸗ bruch in hieſiger Gegend. Das iſt doch wahrhaftig kein Fortſchritt zum Beſſern!“ „Beweiſt aber auch nicht das Gegentheil,“ ſagte Theophilus;„denn ſehen Sie nur jede einzelne Orts⸗ chronik an, ſo finden ſie Raub und Mord in immer ſteigender Progreſſion verzeichnet, je weiter die Chronik zurückgeht; auch kann bei dem Fortſchreiten der Menſchheit nicht von einem gleichmäßigen Fortſchreiten ihrer Glieder die Rede ſein, denn immer wird ſich das Zeitmaß des Fortſchrittes nach der Lage dieſer Glieder richten. Sowie die belebenden Strahlen der Frühlingsſonne nicht einmal alle Theile eines ſo kleinen Landes, wie unſer Sachſen, gleichzeitig von den Banden des Winters befreien und zu neuem Schaffen erwärmen, ſo erleuchtet und belebt auch das Licht des Geiſtes nicht alle Glieder der Menſch⸗ heit auf einmal, ſondern es fängt bei Individuen von hervorragender Begabung an und verbreitet ſich von da aus langſam immer tiefer und weiter, bis zuletzt die ganze Menſchenfamilie davon erfaßt wird. In der Nähe hoher Alpenberge kann man täglich ein recht treffliches Bild von dem Geſetze des Fort⸗ ſcreitens geiſtiger Strahlung beobachten. Da glimmt plötzlich in ſchwarzer Nacht auf der äußerſten Alpen⸗ ſpitze ein Licht von wunderbarem Glanze auf, wie ein weithin ſtrahlender Pyrop. Dieſes Licht wird immer größer, wächſt immer mehr in die Tiefe und Breite, überſpringt ſchwarze Strecken, die Gründe und Schluchten; immer werden nur erſt die höchſten Punkte von dem roſigen Glanze erfaßt, und ſtunden⸗ lang noch liegen die tiefſten Gründe in dieſer Fin⸗ ſterniß, wenn oben ſchon der Tag ſein goldenes Szepter ſchwingt; aber endlich kommt doch auch für die tiefſten Thäler die Stunde, wo jedes Auge froh den ſiegreichen Herrſcher begrüßt. Freilich mit dem wunderbaren Glühen der äußerſten Höhen iſt es„dann vorbei; aber der Segen kommt nicht von der eißſam⸗ glühenden Höhe, ſondern von der Erleuchtung der Tiefen. So werden auch in der Menſchheit erſt die Höhen erleuchtet, aber immer tiefer und weiter brei⸗ tet der leuchtende Geiſt ſeine Herrſchaft aus, und dann folgt dem einſamen Wunder der allgemeine Segen. Es hat zwar zu allen Zeiten Thoren und Kinder des Unheils gegeben, die das Licht nur an die einſamen Höhen haben feſſeln und die Tie⸗ fen der Menſchheit im Dunkel erhalten wollen, aber es iſt ihnen ebenſo wenig möglich geweſen, als die Alpenthäler dem Tage zu verſperren.“ „Sie haben einen ſtarken Glauben, Magiſter Theophile,“ ſagte der Paſtor,„ob Sie ihn nach zwölf Jahren einer Amtsführung, wie ſie mir zugefallen, noch haben werden, iſt ſehr die Frage. O mit wel⸗ cher Freudigkeit, mit welchem Eifer, mit welchen Hoffnungen habe ich dieß Amt angetreten, und wie bitter ſehe ich mich getäuſcht!“ „Mein lieber Paſtor, gerade die redlichſten Eife⸗ rer verfehlen am leichteſten ihr Ziel, wenn ihnen zum Eifer die Geduld fehlt. Es ging Ihnen mit Ihren Gemeinden wie einem Landwirthe, von dem mir mein Vater oft erzählt. Der kam, mit ſchönen Kenntniſſen von der Landwirthſchaft ausgerüſtet, in den Beſitz eines arg daniederliegenden Gutes. Der Mann machte ſich mit brennendem Eifer daran, es in die Höhe zu bringen, er düngte reichlich und zweckmäßig, ſäete den beſten Samen und ließ ſich ſonſt keine Mühe und Koſten verdrießen, um ſeiner Sache gewiß zu gehen, aber er hatte eins vergeſſen“— 157 „Gewiß das Gebet!“ fiel der Paſtor ein,„das iſt das alte Lied!“ „Nein, auch daran hatte er es nicht fehlen laſſen,“ ſagte Theophilus,„aber er hatte unterlaſſen, den Boden tüchtig umzuarbeiten und tief aufzulockern, er hatte nur auf ganz gewöhnliche Weiſe geackert, und das hatte den feſten Thonboden nicht zubereitet. Seine erſte Ernte mißrieth. Das nächſte Jahr düngte er noch mehr und beſtellte die Saat noch ſorgfälti⸗ ger. Umſonſt; die gehoffte reiche Ernte blieb aus. Aller guten Dinge ſind drei, dachte er und verſuchte ſein Glück zum drittenmale, aber nur um ſich aufs neue zu täuſchen. Da gab er das Gut auf, verkaufte es um einen Spottpreis und zog fort. Sein Nach⸗ folger wurde durch die erſte Ernte ſchon ein reicher Mann, denn nun war der Boden viermal umgepflügt, und außerdem hatte der kluge Mann noch lockeren Boden beigemiſcht. Mein lieber Paſtor, Sie haben gewiß Ihre Pflicht redlich erfüllt, aber Sie mußten Ihren Samen in einen harten, verwilderten Boden ſtreuen, wo er nicht aufgehen konnte. Der Boden, in den die Kirche ſäet, muß durch die Schule zubereitet ſein, wenn ſie reichlich ernten will.“ 3 „Freilich!“ ſagte der Paſtor,„wollte es hier mit der Schule ſoviel wie nichts heißen, als ich hierher 158 kam. Was konnte auch zu einer Schule ſein, deren Lehrer ein Wilddieb war. Es iſt zwar mit ſeinem Nachfolger auch nicht viel, aber er iſt doch wenigſtens ein rechtſchaffener Mann.“ „Ja, was man ſo rechtſchaffen nennt,“ wendete Theophilus ein,„er hält regelmäßig ſeine Schule, und wenn auch nur zwei Schulkinder da ſind, er kommt pünktlich in die Kirche, ſingt vor und leiert ſeine Orgel ab, zieht zur rechten Zeit die Kirchenuhr auf und wartet überhaupt aller ſeiner Amtsobliegen⸗ heiten äußerlich pflichtgetreu. Aber er iſt doch ein Betrüger, weil er ſich mit ſeiner Unwiſſenheit ins Amt geſchmugelt hat, und die Gemeinde um eine ganze Generation des Fortſchrittes bringt. „Allerdings fällt ein großer Theil ſeiner Schuld auf die zurück, die ihn anſtellten. Wie rein äußerlich und einſeitig dieſer Mann ſein Amt auffaßt, wie wenig er die Aufgabe des Volkslehrers begriffen, alle möglichen Keime der Bildung in der Jugend zu wecken und zu pflegen, davon habe ich erſt heute wieder ein Beiſpiel erfahren. Das arme Frauenzimmer, das ich jetzt unter meinen beſonderen Schutz genom⸗ men, die Dore Helbig, beſitzt ein bewunderungswürdi⸗ ges Zeichnentalent. Schon in ihrer frühen Jugend hat ſie dasſelbe durch Ausſchneiden von Papierfiguren 6 gezeigt. Einſt hat ſie dergleichen kleine Kunſtwerke mit in die Schule gebracht— der Schulmeiſter ent⸗ deckt ſie, und weil ſie zum Unglücke ihre Sprüche nicht gut hat herſagen können, züchtiget er ſie, wirft die Figuren in den Ofen und verbietet ihr die unnütze Tändelei auf das ſtrengſte. Ein rechter Lehrer würde das Talent des Kindes mit Freuden bemerkt, er⸗ muntert und gepflegt haben. Wer weiß, was aus der armen Dore geworden wäre, hätte ihr ſchönes Talent bei Zeiten die nöthige Unterſtützung erhalten. Statt deſſen wurde es unterdrückt. Und ähnliche Fälle mag es hier wohl noch mehr geben“— Hier wurde der Sprecher unterbrochen; die Schulmeiſterin kam ſchreiend und händeringend herein⸗ geſtürzt und rief:„Hilfe, Herr Magiſter, Hilfe!“ Theophilus ſprang auf:„Was iſt denn? was gibt's zu helfen 2“ fragte er. „Mein Mann,— ach Gott erbarme Dich,— es iſt ſein Tod“— „Was iſt ihm denn? ſoll ich ihm mit Tropfen beiſpringen?“ „Ja, um Chriſti Blut willen, ja!“ Theophilus eilte an den Wandſchrank, wo er ſeine Apotheke hatte, und nahm ein paar Fläſchchen heraus. „Komm' Sie, Frau!“ ſagte er. „Erſt den Prieſterrock anziehen, Herr Magiſter, und ein Kruzifir nehmen,“ rief die Frau, ihn auf⸗ haltend. „Wozu das?“ fragte er. „Ach Gott, ſonſt hilft ja hier keine Arzenei, — der— o hilf Herr Gott Vater, Sohn und heil'⸗ ger Geiſt! Gierbei ſchlug ſie ein Kreuz)— der Gottſeibeiuns iſt ihm in der Kirche erſchienen.“ „Narrheit!“ murmelte Theophilus, doch wohl wiſſend, daß man tiefgewurzeltem Aberglauben behut⸗ ſam zu Leibe gehen müſſe, erfüllte er den Wunſch der Frau. Todtenſtarr, mit verzerrtem Antlitz lag der Schul⸗ meiſter auf einer Schütte Stroh in ſeiner Stube. Theophilus trat zu ihm, befühlte ihm den Puls und flößte ihm einige Tropfen ein. Dann forderte er die Frau auf, ihm zu erzählen, was vorgefallen. Sie berichtete, ihr Mann habe in der Kirche noch das Altartuch aufmachen wollen, weil morgen der neue Magiſter Kommunion halte. Wie er etwa fünf Mi⸗ nuten fort geweſen, ſei er ſchon wieder gekommen, wie eine Kalkwand im Geſicht zur Thür hereingetre⸗ ten und mit dem Ausruf:„Der Teufel! der Teufel!“ zuſammengeſunken. 161 „Hätte er nur dem Teufel die Laterne an den Kopf geworfen, wie Dr. Luther auf der Wartburg das Tintenfaß, ſo würde der Schemen ſchon Reißaus ge⸗ macht haben“— er wollte hinzufügen: der Teufel erſcheint nur denen, die ihn im Kopfe oder im Herzen haben, allein er beſann ſich, daß er damit die Frau nur verwirren ſtatt belehren würde. Es gelang ihm allmälig, einiges Leben in den ſtarren Körper zurückzurufen. Die Schulmeiſterin mußte ein ordentliches Bett in der Stube zurechtmachen. Theophilus legte den Kranken hinein, gab ihm noch eine Eſſenz und erwartete die weitere Wirkung. Indem er über den Vorfall nachdachte, fiel ihm ein, daß die Erſcheinung doch wohl etwas Reelleres geweſen ſein könne, als ein durch den Zauberſpiegel abergläubi⸗ ſcher Furcht objektivirtes Gebild der Einbildung, viel⸗ leicht hatte ſich ein Kirchendieb eingeſchlichen, die neue Altar⸗ und Kanzelbekleidung zu ſtehlen. Er erinnerte ſich, wie die Pfarrmagd heut Morgen mit einem der berüchtigten Brüder Freier bei der Wald⸗ hütte geſprochen, konnte ſie nicht dieſem von dem koſtbaren Geſchenk geſagt haben? Da Theophilus au⸗ genblicklich hier nichts weiter thun konnte, ſo forderte er von der Frau eine Laterne und einen guten Stock. Die Frau brachte zwar beides, aber als ſie Die Tochter des Wilddiebes. 11 auf ihre Frage vernahm, zu welchem Zweck, erſchrack ſie und bat ihn, nicht ſo verwegen zu ſein. Aber er ließ ſich nicht zurückhalten.„Das Kruzifix will ich Ihr da laſſen,“ ſagte er und ging. Er ſchritt ſtracks nach der Kirche; als er zwiſchen den Todtenkreuzen über den Kirchhof ſchritt, war es ihm, als huſchte unweit von ihm eine weibliche Geſtalt vorüber, aber ob er auch nachſprang und überall umherleuchtete, ſo entdeckte er doch nichts Lebendiges auf der ſtillen Todtenſtadt. Die Kirche war offen, er trat hinein und auf einen weichen Gegenſtand. Es war das Al⸗ tartuch, das der Schulmeiſter vor Schreck hatte fallen laſſen. Er hob es auf und ſchritt, behutſam umher⸗ leuchtend, nach dem Altar. Nirgends etwas zu ſehen und zu hören. Auch die Sakriſtei war leer. Als er wieder am Altar vorüber ging, fiel ein Lichtſtrahl auf einen Gegenſtand auf dem Altartiſch, der den Strahl auf Theophil's Augen zurückwarf. Er trat näher und fand einen Kelch mit Hoſtienteller aus getriebenem Silber und aufblickend ſtatt des einen zinnernen Kruzifixes, was zeither hier geſtanden, ein zweites, ebenfalls von Silber. Waren das die vor mehreren Wochen geraubten Gegenſtände? Wie kamen ſie wieder hierher? Er nahm ſie mit und trug ſie, nachdem er ſich noch einmal überzeugt, daß nichts 163 Verdächtiges in der Kirche war, in die Pfarre. Der Pfarrer erkannte ſie als das geſtohlene Eigenthum„ der Kirche. Theophilus erzählte dann, was geſchehen, er war— aber kaum zu Ende, als die Schulmeiſterin kam und weinend i ihr Mann verlange nach der letzten Wegzehrung?“ Sofort verſah ſich Theuthi lus mit dem* — di Erford erlichen dazu und ging zu dem Sterbenden⸗ Denn ein ſolcher war der Schulmeiſter. Er war ſchon—½ halbbewußtlos und ſtarb unmittelbar nach dem Ge⸗— nuße des Abendmahls als ein Opfer eines aus fal⸗z—% ſchem Schriftverſtändniß gefloſſenen düſteren Aber⸗ glaubens. Es war drei Tage ſpäter, am Tage der Beer⸗ digung des Schulmeiſters, als Dore von der trau⸗ rigen Zeremonie hinweg zu Thevophilus trat und ihn um eine Unterredung unter vier Augen bat, die 4 er gern gewährte. „Was bringt mir meine liebe Beichttochter denn?“ fragte er, auf ſeinem Zimmer mit ihr Platz nehmend, wobei er ſich in Ermangelung eines zwei⸗ ten Stuhles ſeines Koffers bediente. „Ich komme für einen reuigen Sünder um Gnade zu bitten,“ ſagte ſie;„er hat eine gute That wollen und Unheil erichtst Er 11 will gern beichten, aber er traut ſich nicht hierher. Wenn Er ſich zu mir bemühen wollte, Herr Magi⸗ ſter, ſo würde einer ſchwergeängſtigten Seele ge⸗ holfen.“ „Es verſteht ſich, daß ich mich dazu nicht nöthi⸗ gen laſſe. Soll ich gleich jetzt mit gehen?“ „Wenn Er ſo gut ſein will.“ „Ich bin bereit.“ Sie gingen zur Waldhütte. Bei ihrem Ein⸗ tritt in die Stube erhob ſich von der Ofenbank die dünne Geſtalt des„dürren Schneiders“ und verneigte ſich tief. Gleichzeitig ſprangen die theils am Tiſche, theils am Boden ſitzenden Kinder auf und ſtreckten dem freundlichen geiſtlichen Herrn die Hände entgegen. Nachdem ſie Theophilus der Reihe nach geliebkoſt, begrüßte er den blinden Greis und wendete ſich dann an den Schneider. „Er wünſcht mit mir zu reden, Träger?“ ſagte er zu ihm,„wollen wir vielleicht inusgehen um allein zu ſein?“ „Das iſt nicht nöthig,“ verſetzte der reumüthige Schelm;„ich werde nicht ſo laut reden, daß es die Kinder verſtehen.“ Theophilus ſetzte ſich mit ihme an ein Fenſter, und Träger geſtand, daß er der Kirchenräuber gewe⸗ 165 ſen, der die ſilbernen Geſäße geſtohlen, doch habe er noch einen Gehilfen gehabt. Um einer Entdeckung vorzubeugen, hätten ſie die Beute einſtweilen im „ſchwarzen Grunde“ vergraben und erſt dann veräu⸗ ßern wollen, wenn Gras über das Verbrechen ge⸗ wachſen wäre. Er, Träger, habe früher viel geſtoh⸗ len, beſonders Pferde. Seit dem Tode ſeiner Frau aber und ſeit er mit Dore in nähere Berührung gekommen, habe er ſich von ſeinem Spießgeſellen zurückgezogen, der Diebſtahl an dem Pferde des Magiſters ſei ſeitdem der einzige Raub geweſen, den er begangen. Nun erfuhr Theophilus, auf welche Weiſe ihm Dore ſein Roß wieder verſchafft. Er warf einen dankbaren und innigen Blick auf ſie, die ſich an ihr Figurenſchneiden gemacht hatte. Träger be⸗ kannte nun weiter, daß er in jener Nacht durch Dore zur vollen Erkenntniß ſeiner Schlechtigkeit und zur wahren Buße gebracht worden. Auf ihr inſtän⸗ diges Bitten ſei er den Sonntag darauf in die Kirche gegangen, den neuen Magiſter zu hören, und deſſen Predigt und ganze Erſcheinung habe ihm das Herz aufs Tieſſte erſchüttert. Von da an habe er eine große Sehnſucht empfunden, ſich ganz mit Gott zu verſöhnen, zu beichten und zu Gottes Tiſch zu gehen. Er habe dieß ſeiner Freundin Dore endlich 166 heut Morgen vertraut, und die habe ihn dazu auf⸗ gemuntert, aber auch darauf aufmerkſam gemacht, daß ihm das Segensmahl nur zum Gericht gereiche, wenn er nicht vorher alles unrechte Gut, das er etwa habe, wieder in die rechten Hände gebracht. Da ſeien' ihm die geraubten Kirchengefäße ſchwer aufs Herz gefallen, ſonſt habe er kein geſtohlenes Gut mehr beſeſſen Nun habe er ſich doch geſchämt, ſeiner Freundin zu geſtehen, daß er der Kirchendieb ſei, noch mehr ſich gefürchtet, ſich ſonſt jemandem als ſolchen zu erkennen zu geben Die menſchliche Gerechtigkeit ſchütte gleich das Kind mit dem Bade aus und ſei ſo unverſöhnlich; um ihr nun nicht in die Hände zu fallen, habe er ſich vorgenommen, ſich nächtlicherweile in die kühnheider Kirche zu ſchlei⸗ chen und die geraubten Sachen auf den Altar zu ſtellen. Aber wie er bei finſterer Nacht im größten Unwetter ſich der Kirche genähert, ſei er von einer Todesangſt befallen worden. Er hätte ſich nicht in die Kirche hineingetraut. Da ſei er hinausgelaufen in die Waldhütte, habe der Dore alles vertraut und ſie gebeten, mit ihm zu gehen. Sie ſei gleich bereit geweſen, und ſo wären ſie mit einander zur Kirche gegangen. Glücklich wären ſie vermittelſt eines Diet⸗ richs hineingekommen und hätten die Gefäße und 167 das Kruzifir an ihren Ort gebracht. Aber wie er vom Altar geſtiegen, ſei der Schulmeiſter in die Kirche getreten. Dore habe ſich ruhig hinter den Altar verſteckt, er, Träger, aber ſei heftig erſchrocken, doch der arme Schulmeiſter leider noch viel mehr, der habe ihn kaum erblickt, ſo habe er laut geſchrie⸗ ren und die Flucht ergriffen. Er, Träger, habe ſo freien Paß gehabt, und ſich über Hals über Kopf, ohne ſich um Dore zu bekümmern, aus dem Staube gemacht. Doch an ihrer Hütte habe er auf ſie ge⸗ wartet und da habe ſie geſagt, ſie ſei langſam aus der Kirche gegangen und habe noch auf dem Kirch⸗ hof Gott für ſeine Bekehrung und Bußthat gedankt. Da wäre jemand mit Licht gekommen, und nun ſei auch ſie geflohen. Am anderen Morgen nun habe er erfahren, welches Unglück er angerichtet, und ſeit⸗ dem verfolge ihn das Geſpenſt des todten Schul⸗ meiſters. Wäre Theophilus noch in dem idylliſchen Wahn vieler unſerer Zeitgenoſſen befangen geweſen, in deren Phantaſie Unſchuld und ländliche Einfalt gleichbe⸗ deutend ſind, ſo würde er mit Schaudern in ſeinem Beichtſohne eine gräßliche Abnormität erblickt haben. Aber ihm ſtand das feſt: je näher der Menſch dem Naturzuſtande, deſto mehr iſt er Beſtie. Und ſeitdem „ 168 er den rohen, unmittelbaren Zuſtand der Menſchen in ſeinem jetzigen Wirkungskreiſe mit eigenen Augen wahrgenommen, war ihm alles Böſe, das in den Kreis ſeiner Erfahrung ſiel, eine ganz natürliche Folge dieſes Zuſtandes. Eine Abnormität war ihm Dore, die trotz ihrem Falle ihm um eine ganze Himmelshöhe über ihrer Umgebung und ihren Verhältniſſen zu ſtehen ſchien. Das Bekenntniß Träger's überraſchte ihn daher durchaus nicht. Statt dem Reuigen eine Strafrede zu halten, zeigte er ihm vielmehr in ſanftmüthiger, aber klarer und überzeugender Weiſe das ganze Elend der Sünde und ſtellte dieſem Bilde das ſtrahlende Gemälde eines gottſeligen Lebens entgegen. Dann ging er zu einer mehr vertraulichen Unterhaltung mit dem Sünder über und erlangte binnen zwei Stunden eine genaue Kenntniß von deſſen wahrem Geiſteszu⸗ ſtand, der ein Chaos von dunklen Rechtsbegriffen, Diktaten der Sinnlichkeit und abergläubiſchen Vor⸗ ſtellungen von den höchſten Dingen bei einer Fülle von Gemüth war. „Ich werde den Sonntag zeitig in Rübenau ſein und Ihn vor der Kirche befuchen, da wollen wir uns noch beſonders mit einander auf das heilige —— 169 Mahl vorbereiten. Jetzt zieh' Er heim in Frieden.“ So ſchloß Theophilus dieſe Unterredung. Träger ging. Wie er in Gedanken verloren die Hütte verließ, bemerkte er nicht, daß dieſelbe von fünf Spähern beobachtet wurde, die im nahen Dickicht verſteckt waren. Es waren die vier Brüder Freier, und der Baſtel. Sie blieben in ihrem Verſteck, bis Theophilus, von Dore geleitet, vor der Thüre erſchien. Sie hörten ihn noch die Worte zu ihr ſagen:„Um dieſen gefallenen Bruder haſt Du Dir ein großes Verdienſt erworben; er wäre vielleicht ewig verloren gegangen, hätteſt Du ihm nicht die Hand gereicht. Gott ſegne Dich!“ Er gab ihr die Hand, die ſie inbrünſtig küßte, dann ging er wohlgemuth heim. „— Zehntes Rupitel. Die Ankunft der Gräfin. „Habt Ihr's nun geſehen?“ fragte der Baſtel ſeine vier Genoſſen, wie ſie aus ihrem Verſteck ſich in den Wald zurückzogen,„glaubt Ihr mir nun? Wir ſind alle fünf geprellt, und der„dürre Schnei⸗ der iſt Hahn im Korbe, weil er vor dem Pfaffen zu Kreuz gekrochen. Und nun können wir auch noch ſehen, wo wir uns vor den Spürhunden der Gerech⸗ tigkeit verbergen, denn daß der reuige Sünder nun uns alle verrathen wird, iſt ſo gewiß, daß mir ſchon der Hals juckt, als fühlte er Meiſter Knüpfauf's Halsband.“ „Du biſt nicht geſcheidt, Baſtel,“ ſagte einer der vier Brüder.„Wie kannſt Du nur denken, daß die Dore dieſen Zwirnsfaden von Schneider nehmen ſollte!“ „Je nun,“ ſagte der Baſtel,„das Weibsbild hat einen eigenen Kopf und wer weiß, was der Pfaff dabei gethan. Wo der Teufel ein Weib unter den Fittig eines Pfaffen treibt, da verliert der Kaiſer die Macht über ſie.“ „Ja wenn der Kaiſer Baſtel heißt,“ verſetzte ein zweiter der Brüder.„Nein, Baſtel, Du biſt auf dem Holzweg, nicht der Schneider, der Pfaff iſt's, der uns die Dore vor der Raſe wegſiſchte.“ „Der Pfaff?“ ſagte der Baſtel,„habt Ihr's denn nicht gehört, wie er die Dore dafür ſegnete, daß ſie dem dürren Schneider die Hand gereicht?“ „Das verſtehſt Du falſch,“ entgegnete „wir wiſſen ganz genau, daß ſie's mit dem Pfaffen hält, wir wußten's gleich den erſten Abend, wo er 171 hier angelangt iſt. Ihm allein müſſen wir zu Leibe. Der dürre Schneider thut uns hier keinen Schaden. Aber weil er ſonſt den Falſchen gegen uns ſpielt, uns das Kirchengeſchmeide heimlich ausgeführt und wieder heimgebracht hat, ſo wollen wir ihn d'ran kriegen. Es paßt ganz charmant in unſeren Kram, daß er den reuigen Sünder bei geſundem Leibe ſpielt, da wird er es umſomehr thun, wenn er krank iſt, und wir machen ihn zu unſerem Werkzeug, ohne daß er etwas von unſerem Plane erfährt oder ahnt.“ „Was habt Ihr denn für einen Plan?“ fragte der Baſtel. „Nun, wir haben uns ausgedacht, es muß je⸗ mand in Rübenau ſich berichten laſſen und zwar des Nachts, da wollen wir dem Schwarzrock im Walde auflauern und ihm genug geben, und der ſich berich⸗ ten läßt, das muß der dürre Schneider ſein.“ „Wie wollt Ihr ihn dahin bringen?“ fragte der Baſtel wieder. „Nun ich geb' ihm etwas in ſeinen Wachhol⸗ der,“ war die Antwort,„etwas nicht zum Garaus, aber das ihn doch tüchtig niederwirft— das hat er um uns verdient, der Gaudieb! Es muß ihm ſein, als ging' es auf die Letzt' und da wird er ſchon nach dem Pfaffen ſchicken.“ Der Plan ward gutgeheißen und ſeine Aus⸗ führung bei gelegener Zeit beſchloſſen. Mittlerweile nahte die Zeit heran, in welcher die Ankunft der Gräfin zu erwarten war. Die beſten Zimmer des alten Herrenhauſes waren in einen erträglichen Stand geſetzt; ein Wagen voll Möbel⸗ werk war von der nächſten Beſitzung der Gräfin, Rückerswalde, herbeigeholt worden; Dore hatte alles wohl geſäubert, geordnet und mit Hilfe der kleinen Hedwig und ihres älteſten Schweſterkindes geſchmückt. Sie fand ſich für ihre Mühwaltung reichlich belohnt durch die Zufriedenheit ihres Beſchützers mit allem, was ſie gethan. Die ganzen Empfangszurüſtungen wurden durch Ehrenpforten am Hofthor und am Eingang des Herrenhauſes gekrönt. Das Hauptmate⸗ rial dazu war grünes Tannenreiſig, das der nahe Wald in Menge lieferte. Da Blumen in und um Kühnheide ſelbſt für ſchweres Geld nicht zu erlangen waren, ſo ſchaffte Dore einen zierlichen Schmuck für die Ehrenpforten aus, den rothen Beeren der Ebereſche, woran es in der Nähe Ueberfluß gab. Sie fertigte daraus die ſchönſten Feſtons, Roſetten und Sterne, welche ſie an den grünen geſchmack⸗ voll anbrachte. Zuletzt ſetzte ſie aus dieſen Beeren noch ein rieſenhaftes„Willkommen!“ zuſammen, das 173 aus dem dunklen Tannengrün weit hinausflammte. Theophilus war entzückt über die ganze Ausſtattung und Dore namenlos glücklich über ſeine Freude. Aber mitten in ihrem Glück ſchlug ihr das Herz auch manchmal bange vor der Stunde, wo ſie den Vater ihres Kindes wiederſehen ſollte. Denn Theo⸗ philus erwartete denſelben ganz beſtimmt im Gefolge der Gräfin. Er hatte dieß gegen Dore geäußert und dabei die Hoffnung durchblicken laſſen, wie nun für ſie alles noch gut, ihre Ehre wieder hergeſtellt werden und alle Wünſche ihres Herzens in Erfüllung gehen könnten. Sie hatte darauf zur Antwort nur einen Seufzer gehabt, dem forſchenden Freunde durchaus kein Zugeſtändniß gemacht, daß ſie zu Oeſterreich in irgendwelcher Beziehung ſtehe. Theophilus wünſchte den Empfang ſo feierlich als möglich zu machen. Gerne wäre er— der jetzt auch die Schulmeiſterſtelle verſah— mit der Schul⸗ jugend entgegengezogen, allein nur etwa ein Zehn⸗ theil dieſes großen Barfüßlerkorps war mit anſtän⸗ diger Kleidung verſehen. In Lumpen mochte er ſie doch nicht vorführen. So mußte er ſich begnügen, daß er mit den wohlhabenderen Familie, des Ortes die Ankommende am Hofthor erwartete und von da nach dem Herrenhauſe aus den wenigen feſtfähigen 174 Schulkindern eine dünne Gaſſe bildete. Muſik hatte er über die Grenze herüberkommen laſſen. Der Ham⸗ merverwalter hatte ein paar Böller aus dem alten Eiſen hervorgeſucht und zu Willkommsſchüſſen in Stand geſetzt. Am Waldrande waren dieſe unter der Bedie⸗ nung zweier Hammerknechte aufgeſtellt. Die Läuter der Kirchenglocken ſtanden auch inſtruirt auf ihrem Poſten. Dore hatte den Empfangsfeierlichkeiten auswei⸗ chen wollen. Aber ſie war die einzige Perſon, welche im Herrenhauſe Ordnung halten konnte, und ſo mußte ſie da bleiben. Schon bei früher Zeit waltete ſie an dem feſtlichen Tage in den durch ihre Hand ge⸗ ſchmückten Räumen Am Abend vorher war ſchon der Küchenwagen mit dem Koch gekommen, der nun in ſeinem Bereich unumſchränkt herrſchte, ſchlachtete, buk und kochte. Dore ging ihm an die Hand, wo es noththat, und er ließ ſich eine ſo ſchmucke und flinke Gehilfin wohlgefallen. Sie ſah aber auch zum Ent⸗ zücken aus in ihrer neuen Tracht. Der marienberger Schneider hatte ein Meiſterſtück eines züchtigen, netten und kleidſamen Anzuges geliefert— freilich hatte ſie genau angegeben, wie er ſein ſollte. Der dunkel⸗ grüne rotheingefaßte Merinorock mit dem knappen ſchwarzen Sammtſpenſer, der weißen Falbelkrauſe, und der blütenweißen Leinenſchürze ſtand ihr aller⸗ liebſt. Selbſt der Pachter, der den Hof durch die loſe Dirne“ für verſchimpft hielt, meinte:„Eine ſchöne Perſon iſt die Wetterhere, das muß man ihr laſſen“— und er ſöhnte ſich mit ihrer Gegenwart faſt aus, wenn er überlegte, wie ſeine unbeholfene Hausehre hätte mit den Umſtänden fertig werden ſollen, die auf einmal hier gemacht werden mußten. Genau um eilf Uhr Vormittags verkündeten die Böller am Waldrand das Inſichtkommen der gräflichen Equipage. Alsbald begann das Glockenge⸗ läut und aus allen Häuſern ſtürzten die Leute das Niegeſehene zu ſehen. Was ein Feſtkleid hatte, ſam⸗ melte ſich am Hofthore. Die noch immer üble Be⸗ ſchaffenheit des in aller Eile ausgebeſſerten Weges geſtattete nur ein ſchneckenmäßiges Vorwärtskommen des Fuhrwerks, dem unſer alter Bekannter, der Akzis⸗ Inſpektor aus Marienberg, als Ihrer Etzellenz Ge⸗ richtshalter in Gala vorritt. Endlich nahte es. Der Gerichtshalter machte vor dem Thore Halt, zog und ſchwenkte ſeinen Dreimaſter und ließ unter einem Vivathoch, in welches die verſammelte Menge don⸗ nernd einſtimmte, die ſtattliche Kutſche an ſich vor⸗ bei in den Hof fahren. Theophilus wartete unter der Ehrenpforte am Herrenhauſe, an der oben das purpurne, Willkommen!“ grüßte. Er öffnete, als die Kutſche hielt, den Schlag, und half einer hohen Frauengeſtalt in ſchwarzſeidenem Mantel heraus, welche ſeinen ehrerbietigen Bewill⸗ kommnungsworten ein freundliches„Guten Tag, mein lieber Freund!“ erwiederte, ſofort ſeinen Arm nahm und ſich nach kurzer freudiger Betrachtung der Eh⸗ renpforte von ihm treppan führen ließ. Dore ſtand oben im Korridor und ſchaute halb⸗ verſteckt durch das dortige Fenſter hinab. Sie ſah, wie nach der Gräfin eine zweite, jüngere und ele⸗ ganter gekleidete Dame, und nach dieſer ein jun⸗ ger, faſt ebenſo eleganter Herr ausſtieg, welche nun auch Seit' an Seite die Ehrenpforte in Au⸗ genſchein nahmen. Dabei begegnete Dore's Blick dem des jungen Mannes— ein Schrei entrang ſich ihrer Bruſt, ſie zog ſich eilig zurück, flog durch den Kor⸗ ridor und wollte ſich in irgendeinen Winkel flüchten — aber eben kam die Gräfin mit Theophilus die Treppe herauf und ſie ſtand dicht vor ihnen— „Das iſt die Werkmeiſterin, die hier alles ge⸗ ſchaffen, was etwa Ihres Empfanges würdig iſt, unſere Dore Helbig,“ ſagte Theophilus zur Gräfin. „Guten Tag, meine Liebel“ ſagte dieſe in leut⸗ ſeliger Weiſe,„ich bin überraſcht von Deiner Schö⸗ pfung, Du haſt Geſchmack und Geſchick. Der Herr 177 Magiſter hat mir viel Gutes von Dir geſchrieben, ich hoffe, wir werden uns nun näher kennenlernen und ich kann vielleicht von Deiner Geſchicklichkeit profitiren.“ Sie nickte ihr freundlich zu und ging mit Kheuphilus in ihre Zimmer. Dore ſtand wie angewurzelt da und ſtarrte der hohen und doch ſo milden Erſcheinung nach. Ihr war unbeſchreiblich wohl und wehe zu Muth. Da rauſchte etwas die Treppe herauf— die andere Dame am Arm des jungen Herrn nahte ſich. Dore erblaßte und zitterte, ſie wollte fliehen und konnte nicht, ſie hätte mögen in die Erde ſinken, aber ſie mußte ſtehen bleiben und ſehen, wie der Geliebte ihrer Jugend, der Vater ihres Kindes am Arm der fremden Dame vorüberging, ohne ſie ſelbſt eines Blik⸗ kes zu würdigen— „Na was ſteht Sie denn da und hält Maul⸗ affen feil!“ ſchnarrte plötzlich die Stimme der dicken Pachterin die Arme an, nachdem ſie eine Weile mit thränenden Augen dageſtanden hatte,„jetzt gibt's zu thun für Sie, der Koch ſucht Sie, Sie ſoll die Chokolade ſerviren!“ „Was!“ entgegnete Dore;„ich hier ſerviren, hier drinnen vor den Herrſchaften? Nimmermehr!“ „Ei Sie hat ja die Tage daher 2 beſchickt Die Tochter des Wilddiebes. 178 und gethan, als könnte Sie alles allein; fällt Ihr nun Ihre Schande bei und meint Sie, daß es ſich für eine ſolche Dirne nicht ſchickt, die gnädige Herr⸗ ſchaft zu bedienen, daß Sie gar nicht hierher ge⸗ hört, he?“ Dore wendete der Frau ſtolz den Rücken und ſtieg die Treppe hinab, dem Koch zu erklären, daß ſie nicht ſerviren könne. „Ei Sie iſt ja ſonſt ſo geſchickt, Sie wird doch die paar Taſſen Chokolade präſentiren können,“ ſagte der Koch—„die Kammerjungfer hat noch mit ihren Schachteln zu thun, ſonſt würde ich der's auf⸗ tragen.“ ⸗ „Trag' Er's auf, wenn Er will,“ erklärte Dore, „mich bringt Er nicht dazu! ich kann es nicht und es iſt mein Amt nicht.“ „Was gibt's? iſt die Perſon noch widerſpänſtig und hochmüthig?“ rief eine männliche Stimme hin⸗ ter Doren. Sie ſah ſich um und erblickte den Ge⸗ richtshalter.„Wird Sie gleich thun, was man Ihr befiehlt? Sie ſollte es für eine hohe Gndde halten, daß Sie zu ſolchem Dienſt erſehen wird. Vorwärts marſch mit der Chokvlade, daß man etwas Warmes in den Leib bekommt!“ Er ſchüttelte ſich, denn er war ziemlich ausgefroren. 179 Dore weigerte ſich beharrlich zu ſerviren. Der Gerichtshalter ward wüthend und erhob die Reit⸗ peitſche wider ſie, da trat der Magiſter ein und be⸗ freite ſie, indem er dem Koch befahl, die Chokolade ſelbſt zu ſerviren. Dore ſah ihm mit einem dankbaren Blick nach. Dann ging ſie an ein ſtilles Plätzchen im Hauſe und weinte. „Er geht an mir vorüber und ſieht mich nicht,“ ſprach ſie bei ſich,„er bewegt ſich in Geſelſſchaft großer Herrſchaften wie ihresgleichen, und ich ſoll ihn und ſie bedienen als Magd, er iſt geehrt, und mich meinen die Gemeinſten mit Füßen treten zu dürfen. Das iſt gräßlich. Wo iſt da ein Sinn und Verſtand d'rin? Wie, wenn ich jetzt hinginge, und holte das Kind der Sünde und träte mit ihm hin⸗ ein in die vornehme Geſellſchaft und hielte es ihm vor und ſchriee es laut aus:„Da ſieh Dir Dein Kind an und mich, die um ſeinetwillen hinabgeſtoßen wor⸗ den unter den Auswurf der Menſchheit! Ich fordere meine Ehre zurück und den Vater für mein Kind!“ Sie fühlte ſich mächtig gereizt, dieſen Gedanken auszuführen. Aber eine noch mächtigere Stimme in ihr rief:„Was wäre damit gewonnen, wenn Du ihn entlarvteſt und zum Genoſſen Deiner Schmach 12 180 machteſt? Würde er dadurch ein Mann werden? ein Mann, wie Du ihn brauchſt— eine feſte Stütze im Leben, ein Hort Deines unſterblichen Weſens? Und was gilt Dir die Verachtung der Gemeinen, wenn Dir die Achtung der Edlen nicht fehlt? Iſt nicht der edelſte der Menſchen Dein beſter Freund? Ja,“ ſagte ſie ruhiger,„ich will mein Schickſal tragen wie bis⸗ her, verachtet doch er, er mich nicht Was frag' ich ſonſt nach Menſchen!“ Bei dem Gedanken an Theophilus fiel ihr ein, was ſie die vier Brüder im ſchwarzen Grunde hatte über ihn ſagen hören, und welche Gefahr ihm dar⸗ nach von dieſer Seite drohe. Sie hatte ihn gewarnt und beſchworen, in keinem Falle einem nächtlichen Rufe nach Rübenau zu folgen. Er hatte darauf ru⸗ hig erwiedert:„Ich werde alle Zeit dahin gehen, wohin mich die Pflicht ruft, aber ich werde auf mei⸗ ner Hut ſein, und Gott wird mich ſchützen.“ Er war doch wohl etwas zu ſorglos der gute Magiſter. Dore dachte mit Beben an die Möglich⸗ keit, daß er einmal unerwartet gerufen werden und dem Rufe folgen könne, ohne daß ſie etwas davon erführe Und dann könne ſie nichts thun, ihnzu ſchirmen. „Ich könnte dem Unheil vorbengen,“ ſagte ſie bei ſich,„wenn ich dem Gerichtshalter den ganzen 181 Anſchlag verriethe. Das würde dem Herrn ganz will⸗ kommen ſein— er würde mich dann auch nicht mehr für ſo ſchlecht halten— aber da käme der arme Träger mit hinein.“ Und ſie verwarf den Gedan⸗ ken der Anzeige, oder beſchloß doch ſeine Ausführung bis auf die äußerſte Noth zu verſchieben. Während ſie noch ſo ſann, trat der Koch zu ihr:„Wo ſteckt Sie denn, Dorchen? Ich habe ſchon das ganze Haus nach ihr durchſucht! Es that mir leid, daß der Herr Inſpektor um meinetwillen Sie ſo anſchnaubte. Das iſt ja ein alter Iſegrimm. Weiß Sie was, wir wollen uns hernach dafür ent⸗ ſchädigen. Die gnädige Frau Gräfin gibt dieſen Nachmittag freien Tanz, da bitte ich mir Sie da⸗ zu aus.“ „Ich tanze nicht,“ erwiederte Dore. „Warum denn nicht, bin ich Ihr nicht recht?“ „Ich tanze überhaupt gar nicht, weil ich keine Freude daran habe.“ „Ich hab' gehört, alle gebirg'ſchen Mädchen tanzen gern.“ „Das kann ſein— ich hab's auch gern gethan, aber nun iſt's vorbei.“ „Vorbei, bei Ihr? bei einer ſo jungen, ſchönen; 182 flinken Jungfer? Rein, das kann nicht ſein, ich glaub's nicht und laſſe Sie nicht los.“ „Er wird mich wohl loslaſſen müſſen, wenn ich nicht will— im Ernſt, ich tanze nicht.“ In dieſem Augenblick kam die Zofe der Gräfin heran. Sie ſchoß einen wüthenden Blick auf Dore, und ſagte zu dem Koch:„Die Herrſchaft will heute um drei Uhr ſpeiſen, richten Sie ſich danach ein.“ Und ſie faßte den Arm des Küchenmeiſters. Er machte noch eine Verbeugung gegen Dore und ging mit der Zofe.„Sie werden ſich doch mit dieſer Per⸗ ſon nicht einlaſſen!“ ſagte dieſe im Abgehen—„von der hat mir die Pachterin ſchöne Geſchichten erzählt; ich begreife gar nicht, wie man die hier dulden kann.“ Auch Dore ging langſam nach dem Vorſaal zu⸗ rück. Da trat Theophilus auf ſie zu, und ſagte:„Gut, daß ich Dich treffe, Dore, die Gräfin wünſcht Deine Fertigkeit im Ausſchneiden zu bewundern, komm' doch mit herein!“ Dore erſchrak und zitterte heftig.„Gott! Herr Magiſter! nur das nicht— nur jetzt nicht!“ „Was iſt Dir denn? Du zitterſt ja am ganzen Körper, Du fürchteſt Dich doch nicht vor der Gräfin? Sie iſt ja ſo leutſelig und gütig gegen Dich! Oder magſt Du dem Sekretär nicht unter die Augen kommen?“ — 183 Er ſirirte ſie, und Dore bedachte, wie ſie durch ihr Benehmen ihr Geheimniß verrathen müſſe.„Er hat Recht, Herr Magiſter, die gnädige Frau iſt ſo gütig gegen mich, und was ſie befiehlt, das muß ich thun, ich gehe mit.“ Sie folgte dem Magiſter. Unter der Thür des Zimmers nahm ſie eine feſte Haltung und ruhige, gefaßte Miene an. Die Gräfin ſaß da umgeben von der jungen Dame, ihrem Sekretär und dem Gerichtshal⸗ ter. Theophilus beobachtete das Geſicht des Sekretärs und ſah es ſich entfärben. Sonſt blieb es ruhig. Die Gräfin empfing Dore in ihrer vorigen leut⸗ ſeligen Weiſe. Sie hielt in der Hand eine Papierfigur, ein Werk Dore's, das ihr der Magiſter gegeben. Sie bezeugte ihr ihren Beifall darüber und erſuchte ſie, doch einmal zu zeigen, wie ſie das mache. Dore for⸗ derte Papier und Scheere und fragte, was ſie ſchnei⸗ den ſolle. Die Gräfin verlangte einen Bergmann. In wenig Augenblicken war das Werk fertig. Die Grä⸗ ſie bezeugte ihre Verwunderung und ſagte:„Das iſt wahrhaftig ein außerordentliches Talent und das konnte unbemerkt bleiben, das ließ man hier elend verkümmern! Wie iſt es, Liebe: haſt Du nicht ſchon im Silhouettenſchneiden Dich verſucht?“ Dore wußte nicht, was eine Silhonette war. Die Gräfin erklärte es ihr„Wenn ich ſchwarzes Pa⸗ pier hätte, ſo möchte ich das wohl einmal verſuchen,“ ſagte Dore.„Das muß geſchafft werden,“ verſetzte die Gräfin,„ich ſorge dafür. Du mußt Dein ſchönes Ta⸗ lent durchaus ausbilden. Oeſterreich“— ſagte ſie zu dem Sekretär—„vergeſſen Sie nicht Silhvuetten⸗ papier zu verſchreiben.“ Oeſterreich verneigte ſich und betrachtete mit der jungen Dame die von Dore eben ausgeſchnittene Figur. Er verrieth jetzt durch nichts eine Verlegen⸗ heit oder ein tieferes Intereſſe für Dore. Theophilus, welcher ſeiner Sache ſchon ziemlich gewiß zu ſein glaubte, ward irre; er hielt den jungen Mann einer ſo großen Verſtellungskunſt nicht fähig. Dore ward von der Gräfin aufs Huldvollſte entlaſſen.„Solange ich hier bin, mußt Du in meiner Nähe bleiben. Deine häuslichen Pflichten kannſt Du verrichten, aber die übrige Zeit verweilſt Du hier— Willſt Du?“ Dore wagte nicht, nein zu ſagen, obſchon ihr der Boden unter den Füßen brannte, auf welchem der Mann weilte, der ſo innig an ſie gebunden war und dieſes Band doch ſo gänzlich verleugnete. Sie blieb noch mehrere Stunden im Her hauſe. Der Koch ſuchte ſie wiederholt zu überre 185 daß ſie ihn zum Tanz begleite. Aber ſie blieb bei ihrer Weigerung. Er mufßte ſich endlich mit der Zofe begnügen, die zwar ſeinen Arm nahm, ihm aber im Herzen grollte, ſie, die ſo alte und gegrün⸗ dete Anrechte auf ſeine Liebe zu haben glaubte. Gegen Abend verließ Dore das Herrenhaus und eilte mit halbgebrochenem Herzen ihrer Hütte zu. Sie war Oeſterreich noch öfter unter die Augen ge⸗ kommen, aber er war ihr gleich fremd geblieben, er hatte vor ihren Augen der jungen Dame den Hof gemacht. Fräulein Agnes, ſo hieß die junge Dame, war, wie Dore durch den Koch erfahren, die Tochter eines Pfarrers auf einem der Güter der Gräfin im Nie⸗ derlande. Sie war von der Gräfin erzogen worden und galt für ihre Adoptivtochter„Der Herr Sekre⸗ tär ſpekulirt auf die gute Partie,“ hatte der Koch geſagt, „und er ſcheint Glück bei ihr zu haben. Ja, ich glaube ganz beſtimmt, hier wird ein Paar fertig, denn auch die Gräfin ſcheint dem Sekretär wohlzu⸗ wollen, und dann iſt er ein gemachter Mann. Pfar⸗ rer wird er dann ganz gewiß.“ „Wenn ich will!“ hatte Dore unwillkürlich ge⸗ dacht, und auf dem Heimwege kam der Gedanke ihr wieder und wieder, und wenn ihr Herz blutete vor 186 dem Gefühle verrathen und verſtoßen zu ſein, ſo ge⸗ währte es ihr doch eine gewiſſe Genngthuung, das Schickſal deſſen, der ſie verrieth, in der Hand zu halten. So wandelte ſie dahin ohne aufzublicken. Da weckten ſie nahe Tritte aus ihrem Sinnen,— ſie ſah auf und vor ihr ſtand— der Baſtel. Sie hätte ihn bald nicht erkannt, denn er ging in ſchmucker Jägertracht und trug einen falſchen Bart. Sie griff nach ihrer Schutzwaffe, die ſie nie ablegte. Aber er winkte und ſagte:„Laß nur, Dore, haſt Ruhe heute von mir! Ich gehe auf einer anderen Fährte. Gibt der hübſchen Kinder jetzt mehr in Kühnheide. Ich gehe zum Tanz.“ „Der Verwegene!“ dachte Dore, und beide ver⸗ folgten ihren Weg weiter. „Wenn es doch wahr wäre,“ dachte Dore im Weitergehen,„wenn er auf einer anderen Fährte wäre und ließe ab von mir. Dann wäre ich doch einen Dränger los, der im Grunde der gefährlichſte iſt.“ Sie betrat ihre Hütte mit leichterem Herzen. Als ſie am anderen Morgen wieder ins Herren⸗ haus kam, berichtete ihr der Koch, weil ſie nicht mit zum Tanz gegangen, habe er auch kein Vergnügen dort gehabt. Er könne ihr nun auch gar nicht ver⸗ 187 denken, daß ſie's ihm abgeſchlagen; hätte er gewußt, daß es ſo roh zuginge, ſo würde er ſie gar nicht dazu gufgefordert haben. Deſto beſſer hätte es der Kammerjungfer gefallen. Die habe ihn erſt ärgern wollen, indem ſie mit Anderen ſchön gethan, beſonders mit einem böhmiſchen Jäger; aber wie er gegangen, ſei ſie doch auch noch geblieben, und er habe vom Kutſcher gehört, daß ſie fortwährend mit dem Jäger getanzt und ſich auch gegen Morgen von ihm habe heimführen laſſen.“ „Wie ſah der Jäger aus?“ fragte Dore, an den Baſtel denkend. Der Koch beſchrieb ihn und ſie fand ihre Ahnung beſtätiget. Ihr war leid um das Mädchen, das in ſo gefährliche Hände gerathen war. Wie anders als mit Jammer und Unheil konnte dieſe Bekanntſchaft für es enden, wenn ſie fortgeſetzt wurde? Dore fühlte ſich getrieben, die Zofe zu war⸗ nen. Sie war ihr zwar geſtern ſehr hochmüthig und abſtoßend begegnet, aber das war kein Grund, ſie blind ins Verderben rennen zu laſſen. Bei der erſten Gelegenheit, wo ſie dem Mädchen begegnete, hielt ſie es an und ſagte:„Jungfer, wenn Sie mir ein gut gemeintes Wort vergönnen will, ſo komm' Sie einmal mit mir.“ 188 In der Zofe ſiegte die Neugier über den Wi⸗ derwillen, ſie folgte Doren auf die Seite„Sie hat geſtern mit einem Jäger getanzt, einem Menſchen von ſehr hübſchem Ausſehen, nicht?“ fragte Dore. „Ja, ein bildhübſcher Jäger hat mir die Ehre erwieſen, zehnmal hübſcher als der Kaſſerolmeiſter — hat Sie was dawider?“ „Ich würde mich vielmehr, über die Bekannt⸗ ſchaft freuen, wenn ich nicht fürchtete, Sie könnte dabei ſehr unglücklich werden.“ „Ei kümmere Sie ſich doch um ſich; denkt Sie, ich werde mich ſo vergeſſen wie Sie?“ Dore kämpfte ihren Schmerz und Zorn nieder. „Sie kennt den Jäger nicht,“ ſagte ſie,„er iſt nicht, was er ſcheint, ſondern ein verkappter Räuber.“ „Hahaha!“ lachte die Zofe auf;„hält Sie mich für ſo dumm, daß ich mir ſo etwas für Wahr⸗ heit aufbinden ließe? denkt Sie denn, ich weiß nicht, wer Sie iſt? Mein Karl ein Räuber? Sie iſt eine Räuberdirne, eine Diebshehlerin und Gott weiß, was noch! Da hat Sie Ihr Fett, und nun laſſe Sie mich ungeſchoren!“ Der armen Dore war wieder einmal, als müſſe ihr das Herz brechen.„Barmherziger Gott!“ ſchrie ſie inwendig,„hat denn die Schmach kein Ende, und 189 ſoll ich denn zugrunde gehen unter den Fußtritten der Menſchen?“ Da tönte wie tröſtender Engelgeſang hinter ihr eine Stimme:„Dore, Du weinſt?“ Sie wandte ſich um und Theophilus ſtand vor ihr. Er forſchte nach der Urſache ihrer Thränen, aber es lag nicht in ihrem Charakter, Andere zu ver⸗ klagen, und nun er freundlich mit ihr redete, war ja alles gut!— Eilftes Kapitel. Ein Diebſtahl. Es folgte nun eine Reihe in der Natur trüber und ſtürmiſcher, für Dore's Gemüth ziemlich heiterer und friedlicher Tage. Der Winter kam mit allen ſeinen Schauern über das Gebirge und verbreitete über die traurige Hochfläche von Kühnheide vollends die Oede des Todes. Eine einzige Nacht gab ihr eine fußdicke Schneedecke, und wenn es am Tage aufhörte zu ſchneien, ſo lagerten ſich dicke Nebel zwiſchen Himmel und Erde. Mehrere Tage lang 190 machte der Schnee die Bewohner des Herrenhauſes zu Gefangenen. Die Gräfin benutzte dieſe Gefangenſchaft, ſich mit ihrer gebildeten Umgebung, insbeſondere mit Theophilus, der ſich mit Anſtrengung ſeinen Weg nach dem Herrenhauſe bahnte, und dem Gerichtshalter über Mittel und Wege zu berathen, wie man der hieſigen Gemeinde am ſchnellſten und ſicherſten auf⸗ helfen könne. Darin waren alle einverſtanden, daß eine gründliche Hilfe von der Verbeſſerung der ſitt⸗ lichen Zuſtände ausgehen müſſe, aber über den Weg zu dieſem Ziele gingen die Meinungen in zwei Rich⸗ tungen auseinander. Der Gerichtshalter fand das Heil einzig und allein in einer Ausrottung des Bö⸗ ſen durch das Schwert der Gerechtigkeit, und ihm ſtimmte ſowohl Fräulein Agnes als, wohl nur die⸗ ſer zu Gefallen, der Sekretär Oeſterreich bei. Der Magiſter dagegen drang auf tüchtigen Schulunter⸗ richt mit einer ſtrengen Schulordnung für die Ju⸗ gend, auf Arbeits⸗ und Erwerbsſicherſtellung für die Frwachſenen, bis eine Generation herangewachſen, die durch Bildung und Geſchicklichkeit im Stande ſei, ſich ſelbſt zu helfen. Da die gegenwärtige er⸗ wachſene Bevölkerung zu keiner anderen Arbeit ge⸗ ſchickt ſei, als zu grober Handarbeit, ſo möge man einen großen Torfſtich anlegen, wobei leicht fünfzig einen großen Theil des Jahres lohnende eſchäftigung finden könnten. Noch mehr Hände wären zu beſchäftigen, wenn man mit der churfürſt⸗ lichen Regierung ein Abkommen träfe, die ausge⸗ dehnten Sümpfe der nahen fiskaliſchen Waldung entwäſſern zu laſſen, wodurch das Klima und der Boden der ganzen Gegend weſentlich verbeſſert würde. Da die Gräfin ſich der Anſicht des Magiſters zuneigte, ſo drang dieſe durch, zum großen Verdruß des Gerichtshalters, der am liebſten gleich eine große Inquiſitionskammer aufgerichtet und dieſer jeden überantwortet hätte, der ihm irgendwie ver⸗ dächtig ſchien— auch die„Wilddiebsdirne“, die zu ſeinem großen Aerger ſich im Herrenhauſe täglich unentbehrlicher machte. „Paßt nur auf, Herr Sekretär,“ ſagte er, als ihm endlich das Wetter nach Marienberg zurückzu⸗ kehren erlaubte, beim Abſchied von Oeſterreich;„an dieſer Dirne wird ſich über lang oder kurz die Thor⸗ heit der philanthropiſchen Wirthſchaft zeigen. Der Magiſter hat ſeinen Narren an ihr gefreſſen und bedenkt nicht, welche Schlange er ſeiner gnädigen Gebieterin an den Buſen legt. Dieſe Dirne gehört ins Zuchthaus und nicht in das Haus einer Grä⸗ fin, wo ſie nur die Gelegenheit abwartet zu mauſen“ „Ich begreife auch nicht,“ erwiederte der Se⸗ kretär,„wie der Magiſter dieſe Perſon ſo protegiren und in das gräfliche Haus bringen kann. Ich will ſie ſelbſt zwar für ehrlich halten, aber wenn ſie ſolche Verbindungen hat, wie Sie und andere Leute ſagen, ſo iſt ihr Aus⸗ und Eingang hier immer bedenklich und anſtößig.“ Gut für Dore, daß ſie von dieſer nichtswürdi⸗ gen Auslaſſung ihres Jugendgeliebten nichts wußte. Während jenes Geſprächs war ſie beſchäftiget, im Seitenflügel des Herrenhauſes eine Klöppelſchule für die weibliche Jugend von Kühnheide einzurichten, welcher ſie als Lehrerin vorſtehen ſollte. Das war ein erwünſchter Wirkungskreis für ſie. Sie war eine vorzügliche Klöpplerin und hätte die ſchöne Erfindung der Barbara Uttmann ſchon längſt noch viel mehr ausbilden können, wäre ſie dazu aufgemuntert worden. Das heimatliche Klöppelweſen lag damals ſehr da⸗ nieder, die namentlich in Sachſen graſſirende Sucht nach dem Ausländiſchen geſtattete nur franzöſiſche und brabanter Spitzen zu tragen, für welche kein Preis zu hoch war; das vaterländiſche Gewebe wurde verächtlich bei Seite geworfen. Nur ganz geringe 193 Sorten desſelben wurden zu gewiſſen Zwecken und in den niederen Volksklaſſen begehrt. Kein Wunder, wenn das ganze Gewerbe dabei verſiel. So hatte auch Dore ihre Geſchicklichkeit darin nie ausbeuten können und wegen der Geringfügigkeit des Verdienſtes, den es gewährte, ſich nach anderem Erwerb umſehen müſſen. ZJetzt, als die Gräfin ſie gefragt, was ſich wohl thun ließe, um die weibliche Jugend zu nütz⸗ licher, lohnender und dem weiblichen Weſen zuſagender Arbeit heranzuziehen, hatte ſie geäußert: es gäbe für Mädchen und Frauen keine beſſere Arbeit als das Spitzenklöppeln, wenn es recht getrieben würde. Leider kauften die Spitzenherren jetzt nur ſchlechtes Zeug, das nichts lohne und die ganze Klöppelei zur Pfu⸗ ſcherei mache; wenn aber die vornehmen Leute feine erzgebirgiſche Spitzen kauften und ſo bezahlten wie die ausländiſchen, da würden ſich geſchickte Leute genug finden, die das Klöppelweſen im Gebirge auf einen anderen Fuß brächten. Da hatte die Gräfin ſich gleich erboten, ſoviel feine Spitzen, als Kühnheide liefere, kaufen zu wollen. Dore möge die Sache nur in die Hand nehmen. Und Dore hatte die Sache in die Hand genommen, ſie hatte den Plan zu einer Klöp⸗ pelſchule entworfen und führte ihn nun auf Koſten der Gräfin aus. Die Tochter des Wilddiebes. 13 194 Die Eltern waren nicht gleich geneigt, ihre Kinder der neuen Anſtalt, wo ſie von Früh bis Abends zu vetweilen hatten, anzuvertrauen. Dieſe Abneigung zu überwinden, ſchenkte die Gräfin allen, welche ihre Kinder ſchickten, die aufgelaufenen Zinſen⸗ und Steuer⸗ reſte, und ließ alle eintretende Kinder bekleiden. Auch ward manchen Eltern ſelbſt durch die Eröffnung der Klöppelſchule ein Verdienſt gewährt, indem ihnen das Schneeſchuren übertragen und gut bezahlt ward, ohne welches die Kinder unmöglich zur Schule kom⸗ men konnten. Vortrefflich kam Dore ihr Zeichnentalent in ihrem neuen Berufe zuſtatten. Sollte die Anſtalt ihren Zweck erfüllen, ſo mußten vor allen Dingen neue und ſchöne Muſter geſchafft werden, nach welchen geklöppelt wurde, und dieſe Muſter konnten nur von Leuten geſchaffen werden, die des Zeichnens und Klöppelns zugleich kundig waren. Bisher hatte das Muſterſchaffen im Gebirge in den roheſten Händen gelegen, die Klöp⸗ pelbriefe(ſo nennt man bie langen rothen oder weißen Papierſtreifen, auf welchen die Muſter theils vorge⸗ zeichnet, theis mit Nadeln vorgeſtochen ſind) wurden von alten Weibern oder invaliden Bergleuten gefer⸗ tigt, die vom Zeichnen keine Idee hatten. Dore wollte ihre Briefe ſelbſt ſtechen. Sie erinnerte den Magiſter 195 an ſein Verſprechen, ihr Zeichnenunterricht zu erthei⸗ len. Er ſäumte nicht, es zu erfüllen, und es bedurfte nur einer kurzen Anweiſung, um ſie mit der Hand⸗ habung des Bleiſtiftes ſo vertraut zu machen, daß ſie alles treu nachzeichnete, was ihr vor die Augen kam. Nun ging das Muſterentwerfen los, und präch⸗ tige Muſter gingen aus ihren Händen hervor, nach welchen dann leicht ſchöne und reiche Spitzen geklöp⸗ pelt werden konnten. Damit es Doren möglich ſei, mit den Pflichten ihres Berufes die Sorge für ihre Familie zu ver⸗ binden, ward dieſer ein zum Rittergute gehöriges, leerſtehendes Hirtenhaus eingeräumt. „Nun wird's Zeit, daß wir alle Thüren und Käſten verſchließen,“ meinte die Pachterin,„nun haben wir die ganze Diebesbrut auf dem Halſe“— und dem Pachter wollte es durchaus nicht zu Kopf, daß er das Geſindel mit ſeinem Geſchirr hereinholen ſollte. Aber gegen den ausdrücklichen Befehl der Gräfin gab es keinen Widerſpruch.„In polizeilicher Hinſicht iſt's beſſer ſo,“ meinte der Gerichtshalter, „da hat man das ganze Neſt unter den Augen und kann es in einem Zuge fangen, wenn's Zeit iſt.“ Dore waltete mit heiterer Emſigkeit unter ihren. kleinen Mädchen. In die oberen Regionen kam ſie . 196 ſelten, und nur, wenn ihr Beruf ſie zur Gräfin führte. Es war ihr doch ſtets ſchmerzlich, wenn ſie Oeſter⸗ reich begegnete und ſich fortwährend von ihm ver⸗ leugnet fand. Daß er ſich nicht um ſein Kind beküm⸗ merte, nicht einmal darnach fragte, empörte ihr Mut⸗ terherz, und mehr als einmal kam ihr der Gedanke, ihn wenigſtens an ſeine Vaterpflicht zu erinnern. Aber ihr ſittlicher Stolz, der mit dem Bewußtſein ihrer Kraft und Würde ſtieg, verwarf den Gedanken. Sonſt blieb ſie lange von kränkenden Erfah⸗ rungen verſchont. Selbſt die Zofe Sophie ward freundlicher gegen ſie. Dore hatte in der fortwäh⸗ den Zerſtreuung, die ihr Beruf gewährte, die auf n Tanzboden von dem Mädchen gemachte Bekannt⸗ ſchaft vergeſſen, und ſo wurde derſelben zwiſchen ihnen nicht mehr gedacht. Eines Abends aber ging Dore ſpäter als gewöhnlich nach Hauſe. Der Mond ſchien klar und hell auf die glänzende Schneeflur. Da ſah ſie hinter dem Herrenhauſe zwei Geſtalten verſchiedenen Geſchlechts eben von einander gehen. Ihr ſcharfes Auge erkannte die Zofe und den Baſtel in Jäger⸗ tracht. Ihr that das Herz weh über die Verblendung des eitlen Mädchens. Sie konnte nicht umhin, ſie noch einmal zu warnen. Der Baſtel ging den Weg nach ihrer verlaſſenen Waldhütte zu, die Zofe ging nach dem Herrenhauſe. Sie mußte an Dore vorüber und dieſe erwartete ſie. „Sie mag mir's übelnehmen, oder nicht, Jung⸗ fer,“ redete ſie das Mädchen an,„ich muß Ihr noch einmal ſagen, daß Sie da eine unheilvolle Bekannt⸗ ſchaft gemacht hat. Wenn Sie nicht auf mich hört, ſo muß ich's der Herrſchaft ſagen, daß ſie Sie vor dem Unglück hütet, in das Sie blindlings rennt.“ „Was Sie ſich doch auch um mich ſorgt,“ er⸗ wiederte die Zofe minder bös als das erſtemal,„ich habe dem guten Karl nur dieß erſte Stelldichein bewilligt, weil es auch das letzte ſein ſollte. Er geht morgen aus der Gegend fort und wollte gern Ab⸗ ſchied von mir nehmen. Das konnte ich ihm doch nicht abſchlagen. Was iſt da weiter für Unheil dabei?“ „Wenn es ſo iſt,“ ſagte Dore,„wenn es wirk⸗ lich nur ein Abſchieds⸗Stelldichein war, ſo mag es paſſiren Sie kann froh ſein, wenn der Menſ fortgeht und Ihr nie wieder unter die Augen kommk, das kann Sie mir glauben.“ Die Zofe lenkte das Geſpräch auf andere Diuge und nahm nach einigem Geplauder freundlich Abſchied. Dore ging in ihre Wohnung, wo ſie ſich noch eine Stunde mit ihren Kindern beſchäftigte und dieſe dann zur Ruhe brachte. Sie ſelbſt konnte noch 198 nicht ſchlafen. Die abendliche Zuſammenkunft der Zofe mit dem Baſtel beunruhigte ſie doch noch. Wie, wenn der Baſtel die Bekanntſchaft nur unterhielt, um die Zofe über die Gelegenheit zum Rauben auszu⸗ forſchen. Und wenn dieß der Fall war, wenn der fürchterliche Räuber einen Raubanſchlag auf das Herrenhaus hatte— war dann nicht für das Leben der Gräfin zu fürchten? War es nicht Pflicht, dieſe zu warnen und zu Vorſichtsmaßregeln aufzufordern? Dore verließ ihre Wohnung und eilte nach dem Hofe. Er war verſchloſſen. Die Thurmuhr ſchlug elf— da lag freilich hier wohl alles im tiefen Schlafe. Sie war⸗ tete eine Weile— dann umkreiſte ſie die Gutsge⸗ bäude, ob ſie etwas Verdächtiges wahrnähme. Als ſie ſich wieder dem Hofthor nahte, kam eine Män⸗ nergeſtalt auf ſie zu— es war der Pachter.„Hollah! was iſt das?“ rief der ſie an,„was hat ſie um Mit⸗ ternacht noch hier zu ſuchen 2“ „Ach, Herr Pachter!“ antwortete ſie,„wenn Er doch wachen wollte, daß die gnädige Herrſchaft nicht von Räubern überfallen würde!“ „Oho!“ ſagte der Pachter—„wenn Sie mit einer ſolchen Warnung kommt, da hat's gute Wege. Heute können wir da gewiß ruhig ſchlafen, aber mor⸗ gen, wenn Sie vielleicht denkt, wir ſollen ſicher ge⸗ 199 worden ſein, weil heute Ihre Warnung unnütz gewe⸗ ſen, wollen wir wachen. Geh' Sie heim und ſorge Sie, daß Sie nicht einmal feſtgenommen wird, wenn Sie zur Nachtzeit da herumſpionirt.“ Dore ſeufzte und ging in ihre Wohnung zurück. Vom Schlaf war aber nun erſt recht keine Rede bei ihr; zu der vorigen Unruhe kam nun die Aufregung der eben erfahrenen Kränkung. Sie öffnete ein Stu⸗ benfenſter und ſchaute hinaus. Die Glocke ſchlug zwölf, ſie ſchlug eins.— Dore war endlich am Fen⸗ ſter doch einwenig eingenickt, da weckte ſie der Glok⸗ kenſchlag und ihr Blick fiel auf das Herrenhaus. Sah ſie recht, oder war es eine Sinnentäuſchung? Dort am Giebel, gerade wo ſich das Schlafzimmer der Gräfin befand, lehnte eine Leiter; die hatte vor⸗ hin nicht dort gelehnt. Von einer furchtbaren Angſt ergriffen, ſtürzte Dore aus der Stube. Wie ſie eben ihre Hausthür aufriß, ſtieg ein Mann eiligſt die Leiter herab, und aus dem Schlafzimmer ſchrie eine weibliche Stimme:„Diebe! Diebe Hilfe!“ Der Mann floh der Waldhütte zu. Dore faßte nach ihrem Fläſchchen und ſtürzte dem Flüchtigen nach. Hinter ihr verhallte das Hilfegeſchrei der Gräfin, denn deren Stimme glaubte Dore ver⸗ nommen zu haben. Trotz dem tiefen Schnee des 200 Weges jlog doch der flüchtige Mann wie ein Hirſch vor ſeiner Verfolgerin her. Sie kam ihm lange kei⸗ nen Schritt näher, und wenn er den Wald erreichte, konnte ſie ihn ſchwerlich erlangen. Sie ſtrengte ihre Kräfte auf das Aeußerſte an; nur in jener Nacht, wo es galt, den Magiſter zu retten, war ſie in glei⸗ cher Weiſe gelaufen. Und ſie kam dem Flüchtling näher und näher. Endlich, ganz nahe am Walde, als er ſie hart an ſeinen Ferſen fühlte, wendete er ſich um und zückte ein Meſſer gegen ſie— es war der Baſtel, ſein Auge flammte Wuth, ſein Antlitz glühte dunkelroth vor Erhitzung, er war fürchterlich anzuſchauen Doch Dore erbebte nicht, ebenſo ſchnell, wie jener ſein Meſſer, hatte ſie ihr Fläſchchen erhoben und rief:„Zucke Dich, und Du biſt verloren!“ „Was willſt Du von mir?“ rief er,„warum läufſt Du mir nach?“ „Weil Du geſtohlen haſt— gib Deinen Raub heraus, und ich krümme Dir kein Haar!“ „Hahaha!“ höhnte er,„biſt Du unter die Halt⸗ feſte gegangen? Spritz zu mit Deinem Höllenwaſſer, ich fürchte mich nicht.“ Und er drang auf ſie ein. „Du willſt es,“preßte Dore heraus und ſchleu⸗ derte den Inhalt der Phiole gegen das Geſicht des Räubers. Er bog aus, doch nicht genug, ein Theil * der Flüſſigkeit traf ein Auge. Der Räuber ſtieß einen Schrei aus, der Doren durch Mark und Bein drang; ſie gerieth einen Augenblick dadurch außer Faſſung, und dieſen Augenblick benutzte der Räuber, ſie zu unterlaufen und mit Rieſengewalt ſie zu umſchlingen Wie ſehr ſie ſich auch wehrte, er trug ſie leicht wie der Wolf ein geraubtes Lamm nach der nahen Wald⸗ hütte. „Siehſt Du, Liebchen, jetzt hab' ich Dich,“ ſagte er, in die Hütte eintretend und die Thür hinter ſich ver⸗ riegelnd,„und nun ſollſt Du mir nicht mehr entgehen.“ Er trug ſie in die leere, aber von ihm vorher ge⸗ heizte Stube(denn er hatte ſeit einigen Tagen hier ſeine Wohnung aufgeſchlagen), ließ ſie auf den Boden gleiten, und kniete, ſie immer umſchlungen haltend, neben ihr nieder. „Du koſteſt mich ein Auge,“ ſagte er,„aber der Preis iſt mir nicht zu hoch.“ Todesangſt raubte der Bedrängten einen Au⸗ genblick alle Beſinnung. Aber ihre Natur war nicht darauf angelegt, ſich in feiger Angſt widerſtandslos dem Verderben zu weihen. Im nächſten Augenblick gewann ſie ihre höchſte Spannkraft wieder und ihr Geiſt durchlief mit der Schnelligkeit des Blitzes alle Möglichkeiten der Befreiung.„Baſtel!“ ſagte ſie auf 202 einmal im bittenden Tone—„ich bin in De Gewalt, Du weißt, ich ehre die Kraft und die Kühn⸗ heit, aber Du weißt auch, daß ich mich zu nichts zwingen laſſe; laß mich jetzt Athem ſchöpfen, halte mich feſt am Arm, oder kniee mir auf die Füße, nur laß mich um den Leib los, ich erſticke ſonſt.“ Der Baſtel konnte dieſem Tone nicht widerſtehen, er ließ ſie los— im nächſten Augenblick hatte Dore ihm ſein Meſſer entriſſen und drohte ihn zu durch⸗ hohren. Er ſprang entſetzt auf und lief an die Thür; dort hing ein Piſtol, das riß er herab und hielt es ihr entgegen.„Schieß zu!“ ſagte ſie,„wenn Du mich nicht tödteſt, thu' ich's ſelbſt, ehe ich mich Dei⸗ nem Willen füge. Ich meine, Du kennſt mich!“ Wohl kannte er ſie und darum beſann er ſich, daß er durch Gewalt nicht zum Ziele kommen könne. Er legte ſich aufs Bitten, und der wilde Räuber konnte ſo fanft und ſchmelzend girren, wie ein Ritter der Tafelrunde. Er machte Licht an, zeigte ihr ſeine heutige Beute, ein prachtvolles Geſchmeide von Dia⸗ manten, das verſprach er ihr und ein ſicheres beque⸗ mes Leben in Böhmen, wohin er ſich zurückziehen wolle, um ferner an ihrer Seite in Frieden zu leben. Dore hörte alles ruhig an, ſie nahm ſogar den Schmuck in ihre Hand und bezeugte ihr Wohlgefallen 203 aran, ja ſie ließ ſich ihn zum Spaß anlegen und ußte den Ränber dadurch und durch ſanfte Einrede über eine halbe Stunde hinzuhalten. Auf einmal wurden Stimmen draußen hörbar und im nächſten Augenblick ward an die Thür gepocht. Dore wollte einen Hilfeſchrei ausſtoßen, aber der Räuber ſetzte ihr das Piſtol auf die Bruſt und drohte abzudrücken, wenn ſie einen Laut von ſich gebe. Das Pochen und Schreien draußen wurde ungeſtümer.„Es ſind bei Gott Häſcher!“ ſagte der Baſtel,„aber ſie können lange pochen, eh' die Thür weicht. Wir können ganz bequem durch das Dach entkommen, willſt Du mit?“ Dore erklärte ſich bereit— ſie kannte die Schliche in ihrer heimiſchen Behauſung ſo gut wie der Baſtel, man konnte auf den Boden nur mittelſt einer Leiter“ gelangen. Ließ der Baſtel ſie voranſteigen, ſo konnte ſie ihn leicht hinter ſich mit der Leiter umſtoßen und ſo einen Vorſprung gewinnen, der ihr die Flucht vor ihm ſicherte, ſtieg er— was unwahrſcheinlich— ovran, ſo konnte ſie leicht durch den nahen Stall ins Freie gelangen. Der Räuber ließ ſie vorangehen, aber wie ſie die Leiter beſtiegen hatte, ſprang die Hausthür auf, rother Fackelſchein drang blendend herein, der Pachter mit ſeinen Knechten und dem Hofjäger ſtürmte mit Flinten und Piken herein.„Da ſteht ſie! da iſt ſie! dacht' ich es doch, daß ſie m ſo was umginge!“ rief der Pachter, gerade auf die von der vollen Fackelglut beleuchtete, in dem ange⸗ legten Diamantenſchmuck feenhaft ſchimmernde Dore eindringend, die regungslos auf der Leiter ſtehen ge⸗ blieben war, und Gott ſtill für ihre Erlöſung dankte. Der Baſtel hatte ſich an die Wand geſchmiegt und den Moment, wo alles auf Dore eindrang, ſich ihrer zu bemächtigen, gewandt wahrnehmend, entſchlüpfte er aus dem Hauſe. Er ward zwar von dem Jäger im Hinausrennen noch bemerkt, dieſer eilte ihm auch nach, aber der Räuber war wie der Blitz im Dickicht verſchwunden. Unterdeſſen bemächtigten ſich die An⸗ dern Dorens. *„Seht, da trägt ſie den Raub an Hals und Armen!“ ſagte der Pachter, auf das Geſchmeide deu⸗ tend;„na wir wollen Dir gleich ein anderes Ge⸗ ſchmeide anlegen, Du Banditenbraut!“ Was half es Doren, daß ſie ihre Unſchuld betheuerte, daß ſie erklärte, wie ſie hierher und zu dem Schmuck gekommen. In den Augen dieſer Menſchen war ſie geächtet und gerichtet. Sie mußte die Diamanten mit eiſernen Handſchellen vertauſchen und ſich als Diebin ins Gefängniß führen laſſen. 205 Die Gräfin ſah den Zug von ihrem Zimmer aus kommen.— Weil der Mond gerade in ihr Schlafzimmer ſchien, hatte die Gräfin ſeit ein paar Nächten in dem daranſtoßenden Zimmer ihr Lager aufgeſchlagen. Immer aber litt ihr Schlaf durch den Einfluß des Mondes, und ſo hatte ſie auch dieſe Nacht ſehr un⸗ ruhig geſchlafen. Nach Mitternacht hatte ſie im Schlaf⸗ zimmer ein Geräuſch vernommen. Sie war aufge⸗ ſtanden und an die Thüre geeilt, um zu lauſchen. Da hatte ſie deutlich Schritte und Gemurmel gehört, ſchnell mit einem Lichte ſich waffnend, war ſie in das Schlafzimmer getreten, der Luftzug hatte ihr zwar das Licht ausgelöſcht, aber ſie hatte doch deut⸗ lich geſehen, wie ein Mann zum Fenſter hinausſtieg und ein Frauenzimmer ihm ein Käſtchen nachreichte. Sie war mit Hilferufen hinzugeeilt, aber das Frauen⸗ zimmer hatte ſie zu Boden geſchlendert und war zur Thür hinausgerannt. Sie hatte ſich zwar aufgerafft und war ihm nachgeeilt, ſie hatte es auch den Kor⸗ ridor entlang und die Treppe hinabjagen ſehen, aber ehe ſie in den Hausflur gekommen, war es verſchwun⸗ den geweſen. Sie hatte nun im Hauſe Lärm gemacht, die erſte Perſon, die ihr hierauf entgegengekommen, war die Zofe geweſen, welcher der Koch gefolgt war, 206 der ſogleich den Pachter und den Jäger geweckt hatte. Mittlerweile hatte ſie in ihrem Schlafzimmer nach⸗ geſehen und gefunden, wie ihr Toilettentiſch erbrochen und ihr beſter Diamantenſchmuck daraus verſchwunden geweſen. Sobald der Pachter mit ſeinen Leuten be⸗ waffnet auf dem Hofe erſchienen, hatte ſie dieſem den Diebſtahl angezeigt und ihn zur Verfolgung des Diebes veranlaßt. Nun ſtand ſie am Fenſter ihres Schlafzimmers und ſah die ausgeſandte Schaar mit der vermeintlichen Diebsgeſellin zurückkehren. Wer es war, konnte ſie nicht erkennen, denn ſie war ſehr kurzſichtig— ſie vermuthete, daß es dieſelbe Perſon ſei, welche ſie im Schlafzimmer getroffen. Wie erſchrak ſie aber, als ihr der Pachter meldete, die Gefangene ſei keine Andere als die Helbig Dore— und die umſtände bei der Gefangennehmung, wie er ſie ganz ſchlicht und einfach erzählte, ließen keinen Zweifel an ihrer Schuld zu. Und wenn auch in ihrem Herzen ſehr laute Stimmen ſich dagegen erhoben, ſo ver⸗ meinte ſie doch nicht, irgendwie hemmend in den Gang der Gerechtigkeit eingreifen zu dürfen. Alles, was ſie thun zu dürfen glaubte, war der Befehl an den Pachter und durch dieſen an den Gerichtsfrohn, die Gefangene gut zu behandeln. 207 Zwölftes Rapitel. Deſterreich. Nun hatte der Gerichtshalter und wer wie er die arme Dore verachtet und beargwohnt hatte, doch Recht. Jener war ſchon geſtern Abends von Marienberg gekommen und begann bei früher Zeit den Prozeß wider die Gefangene einzuleiten. Die Zeugen wurden abgehört und ihre Ausſagen umſtändlich zu Protokoll gebracht. Der Gerichtshalter brachte das Protokoll zu Mittag mit zur Gräfin, wo auch der von dem Vor⸗ fall tief ergriffene Magiſter Theophilus zugegen war. „Da leſen Sie einmal, Magiſterchen,“ ſagte erſterer, dieſem das Protokoll mit triumphirender Miene über⸗ gebend. Theophilus durchflog es. Da lagen allerdings fürchterliche Inzichten vor, Inzichten, denen er nichts entgegenzuſetzen vermochte als ſeine moraliſche Ueber⸗ zeugung von der Unſchuld der Angeklagten. Aber dieſe Ueberzeugung war auch unerſchütterlich, mochte er noch ſo allein damit ſtehen, denn ſelbſt die Gräfin war von den vorhandenen Inzichten gefangen. Theo⸗ philus kannte die Gerechtigkeitspflege ſeiner Zeit zu gut und er hatte zu viele Beiſpiele von Juſtizmorden 208 kennengelernt, als daß er nicht ernſtlich für ſeinen armen Schützling hätte zittern ſollen. Die Wahrſchein⸗ lichkeiten ihrer Verurtheilung und ihrer Freiſpre⸗ chung verhielten ſich wie 10 zu 1. Aber was er thun konnte, ihre Unſchuld ans Licht zu ziehen, das ſollte geſchehen. Um einen Anknüpfungspunkt zu haben, bat er den Gerichtshalter, ihm eine Unterredung mit der Gefangenen zu geſtatten, aber obgleich ſelbſt die Gräfin ſich mit dafür verwendete, ſo blieb der Ge⸗ richtshalter doch bei dem Buchſtaben der Prozeßord⸗ nung ſtehen, welche eine ſolche Unterredung nicht erlaubte Denn nicht auf den Schutz der Unſchuld, ſondern allein auf Erhebung des Verdachts zur Schuld war das gerichtliche Verfahren jener Zeit berechnet. Nach der Ausſage des Jägers war der Baſtel der Mitſchuldige Dorens. Der Gerichtshalter hatte zu den Akten bemerkt, daß derſelbe längſt mit der Gefangenen unerlaubten Umgang gepflogen, wie denn die öffentliche Meinung immer dieſen gefährlichen Räuber als den Vater ihres unehelichen Kindes be⸗ zeichnet habe. Und es ſei auch nichts wahrſcheinlicher als das, da erwieſen ſei, daß der Baſtel von der Zeit an, wo die Gefangene Mutter geworden, ſie und ihr Kind, ja die ganze Sippſchaft erhalten habe, vis man ihn wegen begangener Verbrechen gefänglich 209 eingezogen. Theophilus erkannte, wie gerade dieſe Bemerkung geeignet war, die aus den Akten erken⸗ nenden Richter gegen die Angeklagte einzunehmen; die thatſächlichen Indizien über das vorliegende Ver⸗ brechen gewannen durch eine ſo enge und unſittliche Verbindung der Gefangenen mit dem Räuber ein doppeltes Gewicht. Durch Entfernung dieſes Verdachts war ſehr viel gewonnen, und Theophilus beſchloß, alles aufzubieten, den Vater von Dore's Kind zu ent⸗ decken. Ein Zufall verhalf ihm ganz unerwartet zu dieſer Entdeckung. Als er am anderen Nachmittage nach Dore's Gefangennehmung in ſeinem Studirzim⸗ mer ſaß, meldete ihm die kleine Hedwig, eine alte Frau aus Pobersau wolle mit ihm ſprechen. Er bat ſie einzuführen. „Verzeih' Er, Herr Magiſter,“ ſagte die Frau, „ich wollte Ihn ſehr um eine große Gefälligkeit bit⸗ ten. Er kennt wohl meinen Sohn, der bei der gnä⸗ digen Gräfin als Geheimſchreiber und ich weiß nicht, als was noch, dient. Ich hab's erfahren, daß er mit hier iſt, und da hab ich mich aufgemacht, ihn zu ſehen, denn es iſt doch mein Kind, und ich hab' ihn ſchon über Jahr und Tag nicht geſehen— gewiß hat er keine Zeit, oder iſt ihm der Weg zu ſchlecht, Die Tochter des Wilddiebes. 14 210 mich zu beſuchen, und darum komme ich. Aber da die Gräfin eine ſehr ſtolze Frau iſt, ſo könnt' es ihm wohl ſchaden, wennich arme alte Frau ihn im Her⸗ renhauſe aufſuchte!“ „Wer hat Ihr denn weißgemacht, die Gräfin ſei ſtolz?“ ſagte Theophilus,„gehe Sie in Gottes Na⸗ men ins Herrenhaus, die Gräfin wird ſich freuen, die Mutter eines ihrer Diener zu ſehen.“ Er wollte ſchon hinzufügen:„obgleich ſie ſich wundern wird, daß der Sohn nicht längſt ſeine Mutter aufgeſucht hat, da er ihr ſo nahe wohnt“— aber er unterdrückte dieſe Bemerkung, um das Mutterherz nicht zu kränken. „Ich will aber doch lieber nicht hingehen,“ ſagte die Greiſin—„ich genire mich vor den vornehmen Leuten; wenn Er ſo gut ſein wollte, ihn herkommen zu laſſen, wäre mir's eine rechte Wohlthat!“ Theophilus widerſprach nicht weiter, er hieß ſie Platz nehmen und eilte gleich ſelbſt nach dem Rit⸗ tergute, den Sekretär Oeſterreich herbeizuholen. Der machte kein beſonders kindlich frohes Geſicht, als ihm der Magiſter ſagte:„Ihre Mutter iſt bei mir und wünſcht Sie zu ſehen.“ Doch nahm er ſich gleich Ur⸗ laub bei der Gräfin und ging mit ins Pfarrhaus. Theophilus ließ ihn bei ſich eintreten und mit der Mutter allein Er ging einſtweilen in die Pfarr⸗ — ſtube. Nach einer Viertelſtunde hörte er Mutter und Sohn ſchon wieder die Treppe herabkommen. Er eilte hinaus— unter der Thüre hörte er die Frau ſagen:„Ich konnte mir's auch nicht denken, daß Du Dich mit einer ſolchen Dirne ſo vergeſſen haben ſollteſt, obgleich der Freier Frans von Rübenau Stein und Bein darauf ſchwor. Aber es gibt ſolche ſchlechte Menſchen, die eine Freude daran haben, andern die Ehre abzuſchneiden.“ Vor der Hausthür verabſchiedete ſich der Sohn ziemlich kühl von der Mutter, die trotz ihrer Schwach⸗ heit und Gebrechlichkeit den ſauern Winterweg nicht geſcheut hatte, den geliebten einzigen Sohn aufzu⸗ ſuchen.„Thu' das nicht wieder,“ ſagte er heuchleriſch zum Schluße noch,„es ſtrengt Dich zu ſehr an, ich komme lieber bald einmal zu Dir!“ „Ach ja, mein Fritz, thu' mir die Liebe, komm' bald zu mir, wer weiß, haſt Du mich noch lange“— „Adieu, Mutter, ich muß wieder an meine Ar⸗ beit!“ Damit eilte er von dannen. Die Mutter ſah ihm lange mit feuchten Blicken nach. Sie hatte ſich ihn doch anders gedacht— aber—„er mag wohl recht viel ſchwere Kopfarbeit haben,“ ſagte ſie zu ſeiner Entſchuldigung.— Theo⸗ philus trat mit trauerndem Herzen ihr. Er 212 konnte nicht fragen, ob ſie ſich über ihren Sohn freue. Statt deſſen fragte er ſie:„Mit was für einer Dirne ſoll ſich denn Ihr Sohn vergriffen haben, liebe Frau?“ „Ei denk' Er nur, Herr Magiſter, gerade mit der ſchlechteſten, die es auf Gottes Erdboden gibt, mit der Helbig Dore, die ſie geſtern als Diebin ein⸗ geführt haben, wie mir mein Sohn jetzt ſagte.“ „Aber Ihr Sohn leugnet das Verhältniß mit der Helbig Dore?“ „Freilich! er hat ſie nie geſehen, ehe er jetzt hierher kam. Ich konnte mir's auch nicht denken, er hat immer auf ſeine Ehre gehalten, mein Fritz.“ Theophilus wußte genug. Er warnte die Frau noch vor einem liebloſen und ungerechten Urtheil über die arme Helbig Dore und ließ ſie in Frieden ziehen. Dann ging er ſtracks dem Sekretär nach. Er fand ihn auf ſeinem Zimmer. „Ich habe ein ernſtes Wort mit Ihnen zu re⸗ den, Herr Oeſterreich,“ redete er ihn an,„ich ver⸗ lange Aufrichtigkeit von Ihnen und glaube ein Recht dazu zu haben:— Haben Sie die Dore Helbig nicht früher gekannt?“ Der Gefragte ſenkte die Blicke und erröthete— 213 „Ich könnte mich nicht erinnern,“ ſagte er— „Ich verlangte Aufrichtigkeit,“ ſagte Thevophilus, „das iſt nicht der Ton und die Miene der Aufrich⸗ tigkeit— beſinnen Sie ſich, Sie kannten die Dore Helbig doch ſchon, wie Sie noch auf der Schule waren, da wohnten Sie in einem Hauſe mit ihr“— Ach ja— es iſt wahr— ich entſinne mich— / ich war damals noch ſehr jung— Tertianer“— „Sie verrechnen ſich— Dore war damals ſchon eine blühende Jungfrau und Sie ſind um fünf Jahre älter wie ſie. Sie müſſen zu jener Zeit in Prima geſeſſen haben“— „Ja— es kann ſein“— „Es war ſo— Hert Oeſterreich ich weiß alles — Sie ſind der Vater des Kinſes, das die arme Dore in all den Jammer und das namenloſe Elend geſtürzt, das ſie ſeit Jahren zu erdulden gehabt. Sie haben ſich jahrelang nicht mehr um ſie gekümmert— jahrelang ſie und Ihr Kind dem Elend preisgegeben — Sie ſind ein Schurke!“— „Ich wollte ja Schulmeiſter werden ihr zu Lieb', und ſie heiraten, da wollte ſie nicht“— „Weil ſie Ihre alte Mutter nicht um ihre Hoff⸗ nungen betrügen mochte, Sie haben das Opfer an⸗ genommen und ſich damit davon geſchlichen wie ein 214 Dieb. Sie haben dieſes hochherzige Weſen nie be⸗ griffen, konnten es nicht begreifen, weil Sie ſelbſt durchweg ein erbärmlicher Egoiſt ſind. Aber Ihr Egvismus ſoll nicht triumphiren, während ſein Opfer elend zugrunde geht. Sie werden jetzt Ihrer lange verſäumten Pflicht nachkommen, werden gut machen, was noch gut zu machen iſt, werden ſich zur Vaterſchaft Ihres Kindes bekennen und ihm und der unglückli⸗ chen Mutter Ihren Namen geben.“ „Herr Magiſter!“ verſetzte der Sekretär erblaſ⸗ ſend,„was muthen Sie mir zu? Ich ſollte dieſes tiefgeſunkene“ Geſchöpf heiraten? Es iſt wahr, ich habe den Jugendfehler begangen, ich war ein uner⸗ fahrener Jüngling und die Magd war ſo verführeriſch, ich war ſchwach und ließ mich verführen— dennoch wollte ich ihr ihre Ehre wiedergeben, aber ſie nahm mein Erbieten nicht an, gleichwohl wollte ich noch jetzt ihr meine Hand reichen, wäre ſie noch wie da⸗ mals und nicht ſo tiefgeſunken, daß ſie nun als Diebin im Gefängniß ſitzt. Ein ſolches Verbrechen entbindet mich von jeder Verpflichtung“— „Wie? auch Sie glauben an die Schuld der armen Magd? Doch das war bei einer ſolchen Ge⸗ ſinnung nicht anders zu erwarten, dieſe vermeintliche Schuld kam Ihnen ganz gelegen. Aber Sie ſollen 21¹5 ſich doch einwenig vertechnet haben. Sie bauen fort auf die bewunderungswürdige Verſchwieg enheit Ihres Opfers und Sie hatten ein Recht dazu, aber Sie ſelbſt ſollen jetzt das Siegel des Geheimniſſes vor der Welt löſen, wie es gelöſt iſt vor mir. Sie ſollen vor Gericht erklären, daß Sie der Vater von Dorens Kind ſind. Dieſe Erklärung kann und ſoll vor der Gräfin nicht verſchwiegen bleiben, und glauben Sie ja nicht, daß die edle Frau dann noch einen Mann in ihrem Dienſte behalten wird, der ſeine heiligſten Pflichten ſo hartnäckig verleugnet.“ „Um Gotteswillen, Herr Magiſter; Sie werden mich doch nicht unglücklich machen? Ich will alles thun, was ich thun kann, meinen Fehler gut zu ma⸗ chen, nur verlangen Sie nicht, daß ich die Diebin heirate! Ich will ſie unterſtützen, die Hälfte meines Gehaltes will ich ihr und ihrem Kinde ausſetzen, aber ſtürzen Sie mich nicht in Schande, verrathen Sie nicht, in welchem Verhältniß ich zu der elenden Perſon geſtanden!“ „Sie ſind der Elende von beiden!“ entgegnete der Magiſter gereizt.„Die arme, entehrte, als Diebin angeklagte und eingekerkerte Magd ſteht um eine ganze Himmelshöhe über Ihnen. Sie haben jeden Anſpruch auf Achtung und Schonung verwirkt. Ich 216 gebe Ihnen Bedenkzeit bis morgen. Entweder Sie erklären dann vor Gericht Ihre Vaterſchaft und Ihre Bereitwilligkeit, die Mutter Ihres Kindes zu eheli⸗ chen, und ich wirke dann zu Ihren Gunſten bei der Gräfin, oder ich verrathe ſelbſt Ihr Geheimniß und ſtelle Sie in Ihrer ganzen Erbärmlichkeit dar, wel⸗ che es Ihrer Gebieterin unmöglich macht, Sie fer⸗ ner in ihrem Dienſt zu behalten. Nun wählen Sie!“ In dieſem Augenblick meldete der Jäger eine Frau, die mit dem Magiſter ſprechen wolle. Der Magiſter hieß ſie hereinführen. Die Frau war von Rübenau und brachte vom Schullehrer die Meldung, der Schneider Träger ſei tödtlich erkrankt und be⸗ gehre das heilige Abendmahl. „Der arme Mann!“ ſagte Theophilus,„gehe Sie einſtweilen in die Pfarre, liebe Frau, und warte Sie auf mich, ich nehme Sie dann in meinen Schlitten mit nach Rübenau.“ Die Frau ging.„Alſo, Herr Sekretär, es bleibt dabei: morgen früh haben Sie ſich zu entſcheiden. Guten Tag.“ 6 Theophilus ging, ſich noch von der Gräfin zu verabſchieden.„Es iſt ſchon ſo ſpät!“ ſagte ſie, als er ihr geſagt, wohin er noch wollte;„Sie können = 217 erſt in der Nacht zurückkommen, wollen Sie nicht warten bis morgen früh?“ Theophilus erklärte, daß er in ſolchen Fällen keinen Aufſchub kenne. Er habe ja ein gutes Roß, das werde ihn bei guter Zeit wieder nach Kühnheide bringen. Er empfahl ſich und war eine Viertelſtunde ſpäter ſchon auf dem Wege nach Rübenau. Die Bo⸗ tin hatte er in dem nur einſitzigen Schlitten unter⸗ gebracht; er leitete ſein gutes Pferd von der Pritſche aus. Während der Magiſter alſo ſeines Amtes war⸗ tete, befand ſich der Sekretär in einem Zuſtande, der an Verzweiflung grenzte. Er hatte ſo glänzende Zukunftsausſichten gehabt. Agneſens Hand, nach der er wirklich ſtrebte, war ihm von ihrer Seite ge⸗ wiß, ſobald die Gräfin ihre Einwilligung dazu gab, und dieſe zu erlangen, ſah er bei ihrer echt humanen Geſinnung keine Schwierigkeit. Und gab ihm die Gräfin die Hand ihrer Pflegetochter, ſo ſorgte ſie auch ſür eine ihrer würdige Exiſtenz des jungen Paares. Nicht ohne Bangen wegen der möglichen Entdeckung ſeines Verhältniſſes zu Doren, war er der Gräfin nach Kühnheide gefolgt, aber ihre fort⸗ währende Verſchwiegenheit, ihr durchaus gleichgiltiges Verhalten gegen ihn, hatte ihn in Sicherheit einge⸗ 218 wiegt. Nun war er aber auf einmal daraus auf⸗ geſchreckt, ſah er das Gebäude ſeiner ſtolzen Hoff⸗ nungen auf Sand gebaut, ein Hauch aus dem Munde des Magiſters konnte es über den Haufen werfen. Er zermarterte ſich das Hirn, wie er dem drohenden Sturz vorbeugen könne. Er wollte zu Agnes eilen, ſich ihr zu Füßen werfen, ihr alles geſtehen und ihre Verzeihung erflehen. Aber er hatte den Muth nicht. Dann kam er auf den Gedanken, der Gräfin ſelbſt ein offenes Geſtändniß abzulegen und dieſer mit erheuchelter Reue ſeine Bereitwilligkeit zu er⸗ klären, Doren zu heiraten, wenn ſie ſchuldlos aus ihrer Unterſuchung hervorgehe, was er aber durchaus bezweifelte— aber ſchon vor der Thür der Gräfin ſtehend, erzitterte er in feiger Angſt und kehrte um. Endlich gebar ſein kreißendes Gehirn einen Plan, der ſeiner Geiſtesart völlig entſprach. Es war Nacht. Ein ſchauriger Nordoſtſturm brauſte über die öde Hochfläche und drohte Bäume zu entwurzeln und menſchliche Wohnungen hinweg⸗ zufegen. Mit beſonderer Wuth tobte er um das alte Herrenhaus und das daran ſtoßende Gerichtsgefäng⸗ niß. Hier lag Dore auf dumpfer Streu, dahingege⸗ ben an alle Qualen der Einſamkeit. Seit zwei Tagen hatte ihr kein Menſchenweſen freundlichen Zuſpruch 249 gebracht, war ſie getrennt von ihrer Familie, heraus⸗ geriſſen aus ihrem neuen, fröhlichen Wirkungskreiſe, hatte ſie das Antlitz deſſen nicht mehr geſehen, der ihr Freund, Schützer, Führer und mehr geworden war. Sie lag da in dem herzbrechenden Gefühl der Verlaſſenheit, in der angſtvollen Sorge um die Ihrigen, in der bittern Erinnerung an allen Jammer, alle Schmach und alle Unbill ihres Lebens, ſie lag da im heißen Kampfe ihres beſſeren Selbſt mit den Mächten des Verderbens. Wozu nun all ihr Ringen und Standhalten wider die ungeheueren Verſuchun⸗ gen ihres Lebens, wenn ſie doch noch als gemeine Verbrecherin gerichtet ward? Und ihr heller Verſtand erkannte nur zu gut die große Wahrſcheinlichkeit die⸗ ſes Falles.„O daß doch der heulende Sturm dieſes Haus unterwühlte und über den Haufen ſtürzte, daß es mich unter ſeinen Trümmern begrübe!“ ſo betete ſie in der höchſten Noth ihrer Seele. Da knarrte die Thür ihres Kerkers, ein Licht⸗ ſtrahl fiel durch die ſich öffnende Thür und herein⸗ trat eine Männergeſtalt. Es war Oeſterreich. Er zog die Thür hinter ſich an, leuchtete in der Zelle umher und trat dann nahe an die Gefangene, die ſich halb aufrichtete. Er räuſperte ſich und ſagte:„Dore, Dein Schickſal geht mir zu Herzen“— 220 Dore ſtarrte ihn eine Weile an. Sie war nicht gewiß, ob ſie träume oder wache. Endlich fand ſie Worte.„Ich dachte, Ihr kenntet mich gar nicht mehr,“ ſagte ſie,„ich weiß nicht, wie ich zu dieſer Ehre komme.“ „Das Mitleid treibt mich her“— erwiederte er,„Du biſt zwar tief gefallen, aber es jammert mich doch, daß Du als Diebin ins Zuchthaus ſollſt, und ich will Dich retten.“ „Wie 2“ rief Dore—„Ihr ſprecht von tief ge⸗ fallen— Ihr? Ihr ſprecht von Mitleiden, das Ihr mit mir hättet— Ihr? Ei, wie tugendhaft und wie ge⸗ fühlvoll Ihr ſeid! Und Ihr wollt mich ſogar retten? Ich erſtaune über Eueren Heldenmuth!“ „Du kannſt noch ſpotten, Dore? Du kennſt wohl Deine gefährliche Lage nicht ganz“— „Nur zu gut kenne ich ſie; wenn man ſich in den Händen ſolcher Menſchen ſieht, wie Ihr ſeid, denn Ihr und der Gerichtshalter paßt zuſammen, da müßte man blödſinnig ſein, wenn man nicht das Schlimmſte befürchtete. Ich bin darauf gefaßt.“ „Aber Du ſollſt nicht ſo elendiglich zugrunde gehen, Dore— nicht vor meinen Augen— ich will Dich retten, ich kann Dich retten“— „Wie wollt Ihr das machen?“ fragte ſie. 224 „Ich führe Dich hinaus— der Gerichtsfrohn liegt betrunken in ſeiner Stube, ich hab' ihm eine ganze Kanne Branntwein gegeben, hier iſt ein Beu⸗ tel mit Geld, den geb' ich Dir, ich bringe Dich über die Grenze und Du findeſt drüben gewiß leicht eine Zuflucht“— „Und der Verdacht, daß ich eine Diebin, bleibt auf mir ſitzen, ja wird dadurch erſt recht bekräftiget! Nein— ich danke für Eure Rettung“— „Denk' an die Deinigen, Deinen Vater, die un⸗ erzogenen Kinder“— „Unter denen auch Euer Kind— meint Ihr, ich hab' einen Kieſelſtein in der Bruſt ſtatt des Her⸗ zens, wie Ihr, daß ich nicht an mein Fleiſch und Blut denke? Ich habe es noch nie verleugnet, das weiß Gott, und alles, was ich gelitten, hab' ich mei⸗ nes Vaters und meiner Kinder willen gelitten; ſonſt hätte ich dieſem elenden Leben ſchon längſt ein Ende gemacht. Aber eben weil ich an die Meinen denke, will und muß ich bleiben; wenn ich flöhe, könnte man denken, ich hätte ein ſchlechtes Gewiſſen, und auch die Guten verdammten mich dann, und zögen die Hand von den Meinigen ab. Bleib' ich aber, ſo behalten die doch wohl ihren guten Glauben und 222 nehmen ſich der Meinigen an, mag aus mir werden, was will.“ „Der Magiſter Starke war heute bei mir, er forderte mich dringend auf, Dich zu retten“— „Wie? der Herr Magiſter ſchickt Euch? Alſo hat er mein gedacht? Doch das konnte ich mir den⸗ ken— und nicht wahr, er glaubt nicht an meine Schuld 2“— „Er ſchwankt zwiſchen Glauben und Zweifel; jedenfalls hält er Deine Lage für hoffnungslos“— „Ihr lügt, der Herr Magiſter kennt mich zu gut, als daß er nur einen Augenblick mich einer ſo ſchlechten That fähig halten ſollte. Geht nur hin, wo Ihr hergekommen ſeid! Ich bleibe hier“ „Wenn nur der Magiſter zu Hauſe wäre, ich holte ihn auf der Stelle her, daß er beſtätigte, was ich geſagt. Aber weil er Knall und Fall ganz ſpät nach Rübenau mußte, einen Todtkranken zu berich⸗ ten, übertrug er mir, was er eigentlich ſelbſt thun wollte— nämlich Dich zu befreien.“ Dore war erſchrocken von ihrem Lager aufge⸗ ſprungen und ſtand da mit blaſſen Wangen, ſtarren Augen und ſtürmiſch wogender Bruſt.„Was ſagt Ihr?“ rief ſie,„der Magiſter iſt ſo ſpät nach Rü⸗ denau geholt worden, einen Todtkranken zu berichten!“ 223 „Ja, er war gerade bei mir, um mir ſeinen Rettungsplan mitzutheilen, als eine Frau von Rü⸗ benau die Botſchaft vom dortigen Schulmeiſter brachte, ein Schneider— ich glaube, ſie nannte ihn Träger — ſei auf den Tod erkrankt und begehre das hei⸗ lige Abendmahl“— „Barmherziger Gott!“ rief Dore,„und er iſt gegangen?“ „Ja, er iſt in ſeinem Einſpänner gleich mit der Frau fortgefahren.“ Dore ſank auf ihre Kniee und flehte zu Gott, das Leben ihres theuren Freundes in ſeinen Schutz zu nehmen. Dann erhob ſie ſich und ſagte entſchloſ⸗ ſen zu Oeſterreich: „Das ändert alles, vorwärts! ich folge.“ „Hier nimm das Geld“— „Behaltet Euer Geld— ich brauch' es nicht — vorwärts!“ Der Sekretär führte ſie hinaus. Er verſchloß die Thür des leeren Kerkers und trug die Schlüſſel leiſe in die Stube des Frohns. Sobald Dore aus dem Hauſe war, eilte ſie, ohne ſich nach jenem um⸗ zuſehen, der Straße nach Rübenau zu.. —— 224 Dreizehntes Rapitel. Schluß. Der Sturmwind hatte faſt jede Spur von Bahn verweht, als Dore ihren Weg antrat. Nur mit der größten Mühe konnte ſie denſelben verfolgen. Sie mußte bis über die Knöchel im Schnee waten und oft ſank ſie knietief in eine Windwehe. Nichts Er⸗ müdenderes, als eine ſolche Schneewanderung. Und Dore war entfräftet von der Haft, von Harm und Hunger. Sie hatte alle ihre Willenskraft nöthig, um das ſchwache Fleiſch aufrecht zu erhalten. Hel⸗ denmüthig überwand ſie eine ſauere Strecke nach der andern. Aber endlich will es doch nicht mehr gehen. Der Tod haſcht nach der kühnen Wanderin, er legt ſich ſchmeichelnd um die müden Glieder und zieht ſie nieder auf das weiße flockige Bett, das ſein Bett⸗ meiſter, der Winter, da ausgebreitet hat. Ach! nur einwenig ruhen— nur einwenig! flüſtert er ihr zu— um Gotteswillen! ſchreit die Angſt um den theueren Beſchützer, ſei ſtandhaft, halte aus und wenn Dir das Blut unter den Nägeln hervorquölle! Wenn Du niederſitzeſt, biſt Du verloren.— Und ſie rafft ſich noch einmal auf und watet fort. Wenn 225 ſie ſo fortſchreitet, kann ſie in einer halben Stunde an Ort und Stelle ſein. Aber nach einer Viertel⸗ ſtunde ſchon iſt ihre Kraft zu Ende— ſie hat das Menſchenmögliche geleiſtet, und komme, was da wolle, hier muß ſie ſitzen bleiben und ſchlafen. Schon ſen⸗ ken ſich die müden Augenlider, ſchon ſchwinden ihr die Sinne— da weckt ſie ein gellendes Pfeifen aus ihrer Betäubung. Noch einmal erwachen alle ihre Lebensgeiſter, das Pfeifen mahnt ſie an ihren Zweck, denn es kann nur von den in der Nähe lauernden Banditen kommen— wehe! wenn ſie in ihre Hände fiele,— die auf den höchſten Gipfel geſteigerte Angſt verdreifacht ihre Kraft und ſchneller als erſt eilt ſie dahin. Unaufgehalten erreicht ſie die Hütte Träger's. Ein einſpänniger, umgelegter Schlitten vor der Thür zeigt an, daß der geiſtliche Beſuch noch hier iſt. Die Thür iſt unverſchloſſen, und Dore tritt ein. Richtig! da ſaß der theuere Mann in ſeinem geiſtlichen Ornat und belauſchte den Schlummer des Kranken. Er hatte ihm zwar das Abendmahl gereicht, aber da er ſeinen Zuſtand nicht tödtlich gefunden, hatte er einen Heilverſuch angeſtellt; auf die vorhan⸗ denen Symptome einer Vergiftung hin hatte er ein wirkſames Brechmittel angewendet, infolge deſſen der Kranke in tiefen Schlaf gefallen war. Die Tochter des Wilddiebes. 15 226 „Gott Lob und Dank, daß ich nicht zu ſpät komme!“ rief Dore beim Eintreten; aber ſie fühlte ſich einer Ohnmacht nah und fügte darum haſtig hinzu: „Die Mörder lauern auf Ihn am Wege— kehre Er bei Nacht nicht zurück!“ Die letzten Worte erſtarben ihr ſchon auf den Lippen— ſie wankte und ſank bewußtlos in Theophil's ſie auffangende Arme. Er befahl Träger's Wärterin, ſchnell ein Lager am Boden zu bereiten. Als dieß geſchehen war, legte er die todtenſtarre Geſtalt darauf und begann die Belebungsverſuche, welche ſeine ärztlichen Kenntniſſe ihm an die Hand gaben. Er zog ihr die naſſen Klei⸗ der aus, er mußte ihre Bruſt entblößen, die jetzt voll⸗ kommen dem Alabaſter glich— da lag nun das Götterbild vor ihm in ſeiner ganzen, wundervollen Schönheit, und zitternd nur konnte er ſein Werk üben. Und wie nach langem, langem Mühen der Buſen ſich leiſe zu heben begann, wie ſie die großen dunklen Augen aufſchlug und ihn mit einem Blick unendlich tiefer Empfindung anſchaute, da kam es wie Verzük⸗ kung über ihn. Aber nur einen Augenblick, im hächſten hatte er ſchon die volle Gewalt über ſeine Sinne wieder, und in ſeiner würde⸗ und zugleich liebevollen Weiſe ſagte er:„Gott Lob, daß Du wieder auflebſt, eine ſolche Ohnmacht habe ich noch nicht geſehen. Aber ſage mir, wie kommſt Du hierher?“ Dore erzählte ihm den Auftritt mit Oeſterreich und wie ſie nur von dem Verlangen, ihren Gönner zu retten, ſich habe zur Flucht treiben laſſen. „Du gutes Herz!“ ſagte Theophilus hierauf, „ich war eben im Begriff, den Kranken zu verlaſſen, da jede Lebensgefahr bei ihm glücklich vorüber iſt“— „Aber nun muß Er bleiben!“ fiel Dore ein.„Er muß den Morgen erwarten, dann nimmt Er mich in mein Gefängniß mit zurück.“ +„Wie? Du willſt nicht weiter fliehen?“ ſagte er verwundert.„Unter den obwaltenden Umſtänden würde ich ſelbſt zur Flucht rathen Denn obſchon ich weiß, daß Du unſchuldig biſt, fürchte ich doch, daß Dich die blinde Juſtiz verurtheilen wird. Weißt Du nicht irgendwo einen ſicheren Zufluchtsort, wo Du abwarten kannſt, ob Deine Unſchuld an den Tag kommt oder nicht? Für die Deinigen will ich ſchon ſorgen.“ „Wenn Er's für beſſer hält, daß ich fliehe,“ verſetzte Dore,„ſo möchte ich's wohl thun. Er kann mir nichts Schlimmes ren. Wenn ich nur wüßte, wohin!“ 4. „Ei bleib' Sie doe, r,“ ſagte die Wärte⸗ 5* 228 rin,„hier ſucht Sie niemand; der rübenauer Gerichts⸗ halter fragt nichts nach dem kühnheider, und der darf auf dem rübenauer Gebiet nicht hausſuchen. Und wenn's ja Gefahr kriegt, wir halten die Hausthür immer verriegelt und können vom Fenſter die Straße weit überſehen, kommt was Verdächtiges, ſo heben wir ſchnell die Fallthür hier auf; da geht's hinunter in einen alten Bergſtollen, der bei der hohen Buche zu Tage ausgeht.“ „Dann rath' ich Dir, hier zu bleiben,“ ſagte Theophilus,„ich will auch Deinem Rathe folgen und bis zur Morgendämmerung hier warten, aber dann muß ich heim, denn in der Pfarre werden ſie um mich in Sorgen ſein, und ich will ſie nicht länger darin laſſen, als es die äußerſte Noth erfordert. Jetzt, liebe Frau,“ ſagte er zur Wärterin,„ſchaffe Sie was zu eſſen für unſere Freundin da, ſie iſt ganz erſchöpft.“ Die Frau brachte Butter, Brot und Milch, woran ſich Dore ſtärkte. Dann ruhte ſie bis zur Morgen⸗ dämmerung in einem bequemen Lehnſeſſel. Als da Theophilus aufbrechen wollte, fuhr ſie aus ihrem Halbſchlaf auf und ſagte:„Es iſt noch nicht geheuer draußen, wenn Er aber fort muß, ſo weiß ich einen guten Rath. Die Frau da iſt eine Fuhrmannsfrau 229 und kann fahren. Sie mag Sein Geſchirr nach der hohen Buche führen und dort warten; ich führe Ihn durch den Stollen dahin, und Er fährt auf dem zöb⸗ litzer Wege ſicher nach Hauſe.“ Dieſer Rath ward nach einigem Widerſpruch ſeiten des Magiſters angenommen. Die Wärterin ſpannte den Schlitten an und fuhr in der dem Hin⸗ terhalt der Banditen entgegengeſetzten Richtung auf die görkauer, von da nach der zöblitz⸗kühnheider Straße, indeß Dore eine Laterne anzündete und ihren Schützling durch den Stollen leitete. Sie erreichten glücklich den Ausgang. Der Schlitten ſtand ſchon da. Theophilus ſetzte ſich ein und Dore ſah ihn beruhigt dahinfahren. Der innige Händedruck, den er ihr beim Abſchied gegeben, trieb ihr Blut ſchneller um, und manches herzliche Wort, das er zu ihr geredet, klang tröſtend und beſeligend in ihrem Innern nach, als ſie durch die dunklen Windungen des engen Ganges zurück⸗ ſchritt. Die Wärterin hatte ihre Einladung, ihr zu folgen, abgelehnt, weil ihr darin zu ſehr„graute. Als Dore nun allein an die Fallthür kam, hörte ſie über ſich in der Stube ein Getrampel Sie blieb ſtehen und horchte. Durch das Getrampel drang ein Stöhnen und Murmeln an ihre Ohren. Das Blut ſtarrte faſt in ihren Adern. Sie troch ganz nah' an 230 die Thür und legte ihre Ohren hinan. Da hörte ſie die Stubenthür gehen und das Getrampel entfernte ſich nach dem Hausflur. Eeine furchtbare Ahnung ergriff ſie. Am Ende hatten die Räuber nach ihrem Opfer in der Woh⸗ nung Träger's geſucht und wollten, weil ſie ſeine Flucht erfahren, an dieſem Rache nehmen. Sich ſelbſt vergeſſend, wollte Dore hinauf und dem Bedrängten zur Hilfe eilen. Aber ſie fand die Thür von oben verriegelt. Sie horchte wieder. Das Getrampel ver⸗ hallte außer der Hütte. Von Angſt ergriffen, eilte ſie wieder nach dem fernen Ausgang des Stollens und von da über der Erde nach Träger's Hütte zurück. Sie fand dieſelbe leer. Aber als ſie alle Räume durchſucht hatte, kam die Wärterin und be⸗ richtete ihr, wie ſie vorhin nach dem 6 gegangen, habe ſie von weitem vier Männer, die einen Fünften getragen, quer über den Weg in den Wald hineingehen ſehen. Sie habe ſich aber gefürch⸗ tet und ſei ſtehen geblieben, bis ſie ſich für ſicher gehalten. Dore ſagte ihr, was ſie erlebt, und daß Träger verſchwunden ſei, das müſſe der Mann geweſen ſein, den die vier getragen. Sie forderte die Wärterin auf, ſie an die Stelle zu führen, wo dieſelben über uſe zurück⸗ 231 den Weg gegangen waren die Frau gehorchte und leitete ſie an einen ſchmalen Seitenpfad der Straße. „Das iſt der Weg nach dem Raubſchloß,“ ſagte Dore,„hier ſind die friſchen Fußtapfen der vier Männer, wir ſollten ihnen folgen.“ „Mich bringt Ihr nicht mit,“ verſetzte die Wär⸗ terin,„wer weiß, was das für Männer waren und was ſie vorhaben; was wollen wir ſchwachen Wei⸗ ber gegen ſie ausrichten? Am beſten, wir zeigen die Sache an, aber nicht bei unſerem Gericht, ſondern bei dem kühnheider, denn unſer Gerichtshalter iſt ein gar zu ſchlaffer Herr!“ Dore ſann eine Weile nach. Sicher waren die vier Männer die Brüder Freier geweſen und hatten etwas Schlimmes mit dem armen Träger vor, Sie hatte nicht die Macht, ihn ihren Händen zu entreißen, ſie konnte nur ihrer Gewalt mit verfallen, wenn ſie ſie verfolgte. Jetzt war kein Grund mehr vorhanden, den Verrath ihres Geheimniſſes zu fürchten; einmal war es durch Oeſterreich ſchon an Theophilus ver⸗ rathen, und dann verdiente dieſer auch keine Schonung mehr; am allerwenigſten, daß ſie um ſeinetwillen einen Freund in der Gewalt von Mördern ließ. Sie fand den Rath der Wärterin gut und beſchloß, ihn Aber nicht nach Kühnheide, ſondern zu befolgen. 232 nach Zöblitz eilte ſie dem dort wohnenden Amtmann von Lauterſtein anzuzeigen, was ſie einſt im ſchwar⸗ zen Grunde aus dem Munde der vier Brüder ge⸗ hört, und was ſich in dieſer Nacht zugetragen. Der Amtmann hörte ſie aufmerkſam an. Er hatte ſchon oft bei den Gerichten von Rübenau ver⸗ gebens auf ſtrenge Maßregeln gegen das dortige verdächtige Geſindel, das ſo häufig ſeinen Sprengel beunruhigte, angetragen. Dore's Anzeige war ihm daher höchſt willkommen. Der ſchwarze Grund ſowohl wie das Raubſchloß, wohin die vier verdächtigen Männer gegangen, lagen im lauterſteiner Amtsbe⸗ zirk, dort konnte der Amtmann nach Belieben ſchal⸗ ten. Er ließ ſofort die Jägerei und das Amtsper⸗ ſonal aufbieten und führte dasſelbe unter Dore's Leitung nach dem Kriegswald, und hier zu dem Raubſchloſſe. In der Zeit aber, während welcher die ganze Expedition zuſtande gebracht ward, war an dem armen Träger das Gräßlichſte geſchehen, was Dore nur hätte ahnen können. Es waren wirklich die vier Brüder Freier geweſen, welche in der Geſellſchaft des Baſtel, nachdem ſie vergebens die ganze Nacht auf die Rückkehr des Magiſters gelauert, Träger's Be⸗ hauſung aufgeſucht, und da ſie hier den Schlitten 233 ihres Opfers nicht mehr vor⸗, ſondern der Spur nach in der Richtung nach der görkauer Straße abgefah⸗ ren gefunden, den Baſtel zur weiteren Verfolgung der Spur ausgeſchickt hatten, während ſie ſelbſt den Träger über die Zeit der Abfahrt zu befragen in die Hütte gegangen. Zu ihrer Verwunderung fan⸗ den ſie den Träger ganz munter und eben im Be⸗ griff, aus dem Bette zu ſteigen. Muthiger als ſonſt empfing er ſie gleich mit der ſpöttiſchen Aeußerung „Wollt Ihr Euch pei mir wärmen, weil Ihr die ganze Nacht auf dem Anſtand gelegen und das edle Wild nicht gefangen? Nun, kommt nur; zum Glück iſt auch Euer Köder noch im Stande, Euch ein Glas Wachholder vorzuſetzen, das nicht mit Rattenpulver verſetzt iſt! Aber ich will Euch ſchon auf die Finger ſehen, daß Ihr mir das nicht wieder thut, Ihr ſau⸗ bern Apotheker!“ Die Mordgeſellen ſahen ſich entlarvt, ſie wähn⸗ ten, Träger habe ihren Anſchlag geahnt und den Ma⸗ giſter verrathen, der infolge deſſen einen andern Weg eingeſchlagen. Racheſchnaubend fielen ſie über ihn her, verſtopften ihm den Mund und ſchleppten ihn fort nach dem Raubſchloß, wo ſie mit dem Ba⸗ ſtel wieder hatten zuſammentreffen wollen. Wirklich geſellte ſich derſelbe hier zu ihnen, um Träger's Ver⸗ 234 derben gewiß zu machen; denn bei dem Baſtel ge⸗ ſellte ſich zur getäuſchten Erwartung auch die Eifer⸗ ſucht, die er noch immer nicht überwunden. Es erfolgte nun eine Szene, deren ausführliche Schilderung uns die Leſer erlaſſen wollen. Wir er⸗ zählen ſie ganz kurz mit den Worten der Chronik: „Die Unmenſchlichen hielten förmlich Gericht über den dürren Schneider(der Baſtel präſidirte); er ward verhört, dann ſprach ihm Baſtel das Todes⸗ urtheil. Hierauf zwangen ihn die vier Brüder nie⸗ derzuknieen und zu beten, zwei nahmen ihn beim Kopfe und ſchoßen ihm in die Bruſt, gaben ihm dann noch elf Stiche in den Leib und warfen den Leichnam in einen Schacht.“ Als daher die amtliche Expedition am Raub⸗ ſchloſſe anlangte, fand ſie nichts als einige Blutſpu⸗ ren vor. Dieſe leiteten an den Schacht. Mit Hilfe von Bergleuten, die aus dem nahen Pobersau her⸗ beigeholt wurden, ward der Leichnam des Gemor⸗ deten herausgebracht. Dore erkannte ihn als den ihres unglücklichen Freundes. Den Mördern ward zwar ſofort nachgeſtellt, aber die Nachſtellungen führten vor der Hand zu keinem Ergebniß. Dore hätte nun frei ihrer Wege gehen können, aber ſie entdeckte dem Amtmann, daß, und warum 235 ſie aus dem kühnheider Gerichtsgefängniß entwichen ſei, und bat dahin zurückkehren zu dürfen. Der Amt⸗ mann erſtaunte über ihre Enthüllung und ward zum innigſten Antheil an ihrem Geſchick hingeriſſen. Ohne weiteres von ihrer Schuldloſigkeit überzeugt, ſchrieb er dem Gerichtshalter von Kühnheide einen Brief, worin er dieſe Ueberzeugung ausſprach und ihm die Gefangene, die ſich freiwillig ſtellte, nachdem ſie eine edle That vollbracht und der Juftiz wie der öffent⸗ lichen Sicherheit einen großen Dienſt geleiſtet, aufs wärmſte empfahl. S Der Gerichtshalter hatte ſchon ſeinerſeits Maß⸗ regeln zur Verfolgung der geflohenen Inkulpatin er⸗ griffen. Der Steckbrief war entworfen, und Männer waren ausgeſchickt, ſie zu ſuchen. Es wurmte ihn, daß er nicht auch die Tortur in Bereitſchaft ſetzen durfte, die Gefangene nach ihrer Einbringung ſofort zum Geſtändniß ihrer Schuld zu bringen und ſo der Un⸗ terſuchung ſchnell ein Ende zu machen. Aber die Ge⸗ richtsherrin hatte ihm den Gebrauch der Tortur ſtreng unterſagt. Wie erſtaunte der eifrige Mann, als Dore ohne ein Geleit vor ihn trat und ſich, unter Uebergabe des Briefes von dem lauterſteiner Amtmaun, frei⸗ willig ſtellte. Und wie erſchrak der Sekretär, der dabei 236 ſtand und nun aufs neue ſein Geheimniß bedroht, ſeine Hoffnungen gefährdet ſah! Um ſeine Verwirrung zu vermehren, trat gleich darauf die Gräfin mit dem Magiſter ein. Dieſer hatte eben der edlen Dame ſein ganzes nächtiges Erlebniß mitgetheilt, ſie hatten Dore vom Fenſter aus kommen ſehen, und ſie kamen nun, ſich zu verwenden, daß ſie auf Handgelöbniß freigelaſſen würde. Dieſer Verwendung, an die ſich die ſchriftliche des Amtmannes anſchloß, konnte der Gerichtshalter keinen Widerſtand entgegenſetzen, und ſo durfte Dore frei zu den Ihrigen gehen. Welche niedrige Beweggründe Oeſterreich bei der Befreiung ſeiner Jugendgeliebten geleitet, das hatte Theophilus der Gräfin nicht mit offenbart. Vielleicht daß die nun beoorſtehende Entwicklung der Dinge den hoffärtigen Menſchen zur Beſinnung brachte und zur Buße leitete! Hätte die Gräfin jene Beweg⸗ gründe erfahren, ſo verbannte ihre gerechte Ungnade ihn ſicher aus ihrem Dienſte, und dann war ihm der Weg der freien Rückkehr zur Gerechtigkeit abge⸗ ſchnitten. Als Dore abgegangen war, ſagte die Gräfin zu dem Sekretär:„Sie hätten das arme Mädchen beſſer kennen müſſen, als wir alle. Sie durften am allerwenigſten an ihr zweifeln, ſo ſchwere Verdachts⸗ gründe auch gegen ſie vorlagen. Indeß haben Sie — — 237 durch Ihre geſtrige Handlungsweiſe— die freilich vor dem Geſetze ſtrafbar iſt,— Ihre Schwäche eini⸗ germaßen gut gemacht. Hoffentlich geht die Arme völlig gerechtfertigt aus der Unterſuchung hervor. Und dann werden Sie alles gut machen.“ So unverdient mild dieſe Anſprache war, ſo ſchmetterte ſie den Sekretär doch zu Boden. Seine Abſichten auf Agnes waren vereitelt. Er ging ver⸗ nichtet auf ſein Zimmer. Die Unterſuchung gegen Dore ging nun zwar ihren Gang fort, aber ſie konnte nicht zu Ende ge⸗ führt werden, bis nicht der Baſtel als der Mitange⸗ klagte eingebracht war. Aber durch die Ermordung Träger's waren die Behörden der ganzen Gegend aufgeſchreckt worden und vereinigten ſich zu energi⸗ ſchen Maßregeln, der Mörder habhaft zu werden und überhaupt einmal die Gegend vom Verbrecher⸗ geſindel zu ſäubern. Es dauerte nicht lange, ſo waren dieſe Maß⸗ regeln mit Erfolg gekrönt. Die erſten, welche der Juſtiz in die Hände fielen, waren die Gebrüder Freier, welche bald umfaſſende Geſtändniſſe ablegten, auch den Verſteck ihres Mordgeſellen Kaiſer verriethen, ſo daß dieſer ebenfalls gefänglich eingezogen werden konnte. Er geſtand im erſten Verhör, daß er den Diebſtahl 238 bei der Gräfin mit Hilfe ihrer Zofe ausgeführt, die er mit ſich nach Böhmen zu nehmen und dort zu heiraten verſprochen habe. Infolge dieſes Geſtändniſſes ward die Zofe zur Haft gebracht, Dore dagegen völlig freigeſprochen. Der Gerichtshalter brachte die Nachricht zuerſt zur Gräfin. Dieſe ließ Dore, welche ſich wieder ganz an ihren Beruf hingegeben hatte, aus der Klöppel⸗ ſchule rufen und dazu den Sekretär, der ſich, obſchon vergebens, Doren wieder zu nähern verſucht hatte. In ſeinem Beiſein ließ ſie der Hartgeprüften das freiſprechende Erkenntniß verkünden. „Gott ſei Dank,“ ſagte Dore nach dieſer Ver⸗ kündigung die Hände faltend. Auf ihrem Antlitz ſpie⸗ gelte ſich heitere Ruhe, keine Erſchütterung. „Ja Gott ſei Dank!“ ſagte die Gräfin,„und mir möge er geſtatten, Dein künftiges Leben vor allen ſolchen Trübſalen ſicherzuſtellen. Ich will Dir fortan eine Mutter ſein.“ Sie warf dem Sekretär einen bedentungsvollen Blick zu. Dieſer verſtand ſie. Er wiederholte: „Ja Gott ſei Dank! ſo ſage auch ich, denn nun darf ich der Stimme meines Herzens gehorchen und Dir meine Hand bieten, um Dich für alle Leiden zu entſchädigen.“ 239 Er ging auf Dore zu und ſtreckte ihr ſeine Hand entgegen. In dieſem Augenblick trat der Magiſter ein. Dore kehrte dem Sekretär den Rücken zu, ging dem Eintretenden entgegen und ſagte in der feinern Um⸗ gangsſprache, die ſie ſich inzwiſchen angeeignet:„Sie kommen zu dem ſchönſten Augenblick meines Lebens, denn ſoeben hat ſich die gnädige Frau Gräfin zu meiner Mutter erklärt. Iſt das nicht ein unendliches Glück und brauch' ich ſonſt noch etwas, mich für vergangene Leiden zu entſchädigen? O nein! dieſes Glück erhebt mich⸗»über jedes Leid, auch über die ſchmerzliche Täuſchung des ſühendlichen Herzens; ſie, und der ſie mir bereitet, exiſtiren für mich nicht mehr.“ Der Sekretär war gerichtet. Er wagte nicht, ſeinen Antrag zu erneuern, ſondern wich beſchämt auf die Seite. Theophilus aber nahm Dorens Hand und küßte ſie auf die Stirn.„So begrüß' ich Dich als meine Schweſter, denn auch mich hat dieſe herrliche Frau einſt ihren Sohn genannt.“ Die Gräfin, von Bewunderung für den hochher⸗ zigen Charakter des armen Mädchens hingeriſſen, eilte auf die Beiden zu und ſchloß ſie in ihre Arme. Mit verjüngtem Eifer widmete ſich Dore von dieſem Tage an ihrem Berufe und ihrer eigenen Aus⸗ 240 bildung unter der Leitung der Gräfin und des Ma⸗ giſters. Die Letzteren arbeiteten nach Kräften an der Verbeſſerung der Zuſtände in der armen ver⸗ wahrloſten Gemeinde. Aber das rauhe Klima un⸗ tergrub ſchnell die Geſundheit der Gräfin, und da auch die Geneſung des Paſtors,(welcher durch Theo⸗ phil's Umgang ganz neue Anſchauungen und Muth gewonnen hatte, in deſſen Geiſte fortzuwirken) und die erfolgte Anſtellung eines tüchtigen Schulmeiſters dem. amtlichen Wirken Theophil's ein Ziel ſetzte, ſo verließen ſie mit dem Frühjahre Kühnheide, und bald folgte Dore mit ihrer Familie ihnen auf ein in mil⸗ der Gegend gelegenese Glk'der Gräfin, wo niemand Dore's Jugendgeſchichte kannte und wo ihr in jeder Beziehung ein neues Leben aufging. Ueber das Ende, welches die gefangenen Räu⸗ ber durch das Schwert der Gerechtigkeit fanden, bit⸗ ten wir diejenigen Leſer, welche es wiſſen wollen, die Chronik nachzuleſen, die dasſelbe getreulich auf⸗ gezeichnet hat. 3 6 Ende. Prag 1857. Druck von Kath Gerzabek. . ſiſſſſſiſiſſſniſſiſiſ 9 15 10 11 12 13 14 16(2 18 19