— 8 Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöfiſcher Literatur von Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Hüchupe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat; 1 Wr W 1W 5 2W 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Prittes Cnpitel Viertes Capitel Fünftes Capitel Sechstes Cnpitel. Sirbentes Cnpitel Achtes Cnpitel Meuntes Cnpitel. Zehntes Cnpitel Inhualt. Seite 32 62 87 112 134 158 202 226 Büůwis von Boſenberg. Dritter Theil. „Ei du Sonne, liebe Sonne, Ei du biſt wohl trauervoll? Warum ſcheinſt du auch auf uns, Auf uns armes Volk?— Wo der Fürſt? Wo unſer Kriegsherr? Wer erwehrt uns nun des Feinds, Arm 6 s Vaterland? „Grämt euch nicht! Klagt nicht ihr Kmeten! Wieder, ſeht, ſprießt euch das Gras, Das ſo lang zertreten von Fremdem Roſſeshuf!— Windet Kränze aus Feldblumen! Eurem Retter windet ſie! Wieder grünt die junge Saat,— Alles ändert ſich!“— Aöniginhoſer Fandſchriſt. Erstes Capitel. Trauervoll klangen die Glocken von den hundert Thürmen Prags. Weinend ſtrömte das Volk in Maſſen zu den Altären, um zu dem König der Könige für die ewige Ruhe ihres gefallenen Königs zu beten. Der Strahl von Rom hielt ſie nicht ab, dem Helden und Landesvater die letzte Ehre zu erweiſen, deſſen Gebeinen nicht einmal bei denen ſeiner Väter zu ruhen vergönnt war. Im Dome zu St. Veit lag die königliche Witwe in tiefer Trauer am St. Wenzel's Grabe, ein Bild des Jammers und der Klage. Der tragiſche Ausgang ihres Gemahls hatte alle Flecken, die ſonſt auf ſeinem Bilde gelegen, vertilgt, er ſtand vor ihr nur noch als der to⸗ desmuthige Held, der kräftige Herrſcher, der liebevolle Gatte und Vater. Darum war ihr Schmerz rein, ihre Trauer tief und wahr. 1860. XX. Zäwiß von Roſenberg. III. 1 10 Viele Tage klangen die Trauerglocken, viele Tage ſtrömte das Volk zu den Altären zu weinen und zu be⸗ ten, viele Tage lag die Königin in Schmerz zerfloſſen auf ihren Knieen im Dome zu St. Veit. Zu der Klage um den König geſellte ſich im ganzen Lande Böhmen die Klage zahlloſer Väter und Mütter, Brüder und Schweſtern und Bräute um die Stützen ih⸗ res Alters, oder die Freude und Hoffnung ihres Lebens. Denn die Blüthe des böhmiſchen Volkes lag erſchlagen auf dem Schlachtfelde an der March, oder ſtauete ertrun⸗ ken die Fluthen dieſes Stromes. Eine Königin in ſolchem Schmerz und ein Volk in ſolchem Leid ſollten der Welt heilig ſein, vor ihnen ſollten Rache und Haß und was ſonſt die feindliche Hand bewehrt, in frommer Scheu die Waffen ſenken. Hatte König Otakar die Majeſtät des deutſchen Reiches beleidigt, ſein tragiſcher Tod hatte die Beleidi⸗ gung geſühnt, das Reich hatte genommen, was des Rei⸗ ches war, ein ſchuldloſer Knabe erbte die erledigte Krone Böhmens, und dem Sieger hätte es wohl angeſtanden, den Waiſen zu ſchützen, ſtatt ihn zu bekriegen. Aber Kai⸗ ſer Rudolf rückte in Mähren ein, ließ ſein Heer plün⸗ dern, ſengen und brennen und wehrloſes Landvolk zu Gefangenen machen. Da erſchraken die Bürger in den Städten und die Barone auf den Burgen, und ſie ſand⸗ 11 ten Abgeordnete in das Lager des Siegers, ihm die frei⸗ willige Unterwerfung anzubieten. Das gefiel ihm wohl, er„nahm ſie auf als ſeine Getreuen, ertheilte den Städten manche Freiheiten und machte Brünn, das ihn mit hohen Ehrenbezeugungen in ſeinen Mauern empfing, zur freien Stadt des deutſchen Reiches“. War im Lande Böhmen Einer, dem König Otakar Unrecht gethan, ſein Verlangen nach Sühne mußte ge⸗ ſtillt ſein, und ſeine Pflicht wäre es geweſen, ſich mit allen wehrhaften Böhmen um den verwaiſten Thron zu ſchaaren und das Erbe der königlichen Waiſen und mit ihm die Unabhängigkeit des Vaterlandes zu ſchirmen. Aber als die verwitwete Königin, durch die Kunde von den Dingen, die in Mähren geſchahen, aus ihrem Jam⸗ mer aufgeweckt, ſich nach den Stützen des Thrones um⸗ ſah, fand ſie nur ein kleines Häuflein Getreuer um ſich her, aber viel falſche Freunde, von denen ſie wußte, daß ſie nur Gewinn im allgemeinen Unglück ſuchten. Derjenige, auf den ſie am erſten die Hoffnung ei⸗ nes erfolgreichen Kampfes gegen den äußern Feind hätte ſetzen können, lag, wie ſie durch Sezema von Wittingau erfahren, fern im Oeſterreicher Lande an ſchweren Wun⸗ den darnieder, die er ſich in dem Verſuche, ſeinen kö⸗ niglichen Gegner zu retten, geholt. Zwar warf ſich ein verwandter Fürſt zum Schützer 1* 12 auf, dem es nicht an Macht und kriegeriſchen Eigenſchaf⸗ ten fehlte: Otto, genannt der Lange, Markgraf von Brandenburg, Gemahl von Otakar's Schweſter Beatrix. Der wollte Vormund des Thronerben und Reichsver⸗ weſer ſein und verſprach als ſolcher das Land mit brandenburgiſcher Heeresmacht zu ſchützen. Allein da er mit der Königin, die ihn als einen habſüchtigen Herrn kannte, nie auf freundlichem Fuße geſtanden, ſo fand er es für gut, mit jener Partei am böhmiſchen Hofe, wel⸗ che der Königin in ber letzten ſtürmiſchen Zeit gegenüber geſtanden, in Unterhandlung zu treten und mehr durch deren Gunſt, als durch die Zuſtimmung der Königin ſeine Abſichten zu erreichen. Mehr als den ſiegreichen kaiſerlichen Gegner fürchtete die Königin einen ſolchen Schützer. Sie neigte ſich daher zu der Anſicht hin, daß es das Beſte ſei, mit dem Kaiſer auf Grundlage der Wie⸗ ner Artikel Frieden zu machen. Ihre Getreuen, der Oberſt⸗Kanzler M. Peter, Hynek von Duba, ihr Unter⸗ kämmerer Gregor von Dratſchitz, ihr Oberſt⸗Kämme⸗ rer Jaroslaw von Krawat, ſo wie die Räthe Mutina von Koſtomlat und Andreas von Kameihora, pflichteten ihr nach reiflicher Erwägung der Umſtände bei, und ſo ward der Beſchluß gefaßt, einen Geſandten mit dem Frie⸗ densantrage in das kaiſerliche Lager zu ſchicken. Jarv⸗ 13 slaw von Krawaf ward mit der Sendung betraut. Ins⸗ geheim ſandte die Königin Sezema von Wittingau nach Dürrenkrut, um ſich nach Zäwis' Befinden zu erkundi⸗ gen und ihn zu bitten, daß er, ſobald er geneſen, nach Prag komme, um ihr in dieſer bedrängten Zeit mit Rath und That beizuſtehen. Die Gegenpartei hatte aber nicht ſobald von dem Schritte der Königin Kunde erhalte, als ſie einen Boten an den Markgrafen Otto abſandte und ihn einlud, ſofort nach Prag zu kommen und ſich der Regierung zu be⸗ mächtigen, die ſie mit Leib und Gut zu unterſtützen ver⸗ ſprach. Während ſich ſo die Keime eines neuen Bürger⸗ krieges entwickelten, war Dalemil das wachſame Auge des Prager Volkes. Ihm entging weder, was auf Seiten der Königin geſchah, noch mit welchen Anſchlägen die Gegenpartei umging. Seinem altczechiſchen Sinn gefiel es wenig, daß man mit dem deutſchen Kaiſer einen Frie⸗ den ſchließen wollte, den König Otakar mit ſeiner und des böhmiſchen Volkes Ehre nicht verträglich gefunden hatte; aber er wußte nun auch, daß von der Partei, die jetzt dieſem Frieden entgegen war, nichts Gutes für das Vaterland ausgehen konnte. Und da es einen dritten, beſſern Weg nicht gab, ſo entſchied er ſich für den Schritt der Königin als von zwei Uebeln das kleinſte. 14 Dalemil erkundſchaftete, daß die Gegner der Köni⸗ gin zu Gunſten des Brandenburgers rüſteten, daß ſie mit ihm ſich der Hauptſtadt und der königlichen Familie be⸗ mächtigen und ſo die Verwaltung des Reiches erzwingen wollten. Er theilte dieſen Anſchlag der Königin mit und beſchwor ſie, wieder in den Königshof zu überſiedeln und ſich mit ihren Kindern unter den Schutz der treuen Bür⸗ ger von Prag zu ſtellen. Dann ermahnte er die Bürger auf ihrer Hut zu ſein und ihre Stadt und die ihnen ſich anvertrauende königliche Familie fein zu wahren. Die Königin folgte dem Rathe Dalemil's und bezog mit ihren Kindern wieder die Räume, in welchen ſie einſt mit Zäwis köſtliche Stunden verlebt. Hier wurd ſie wieder recht lebhaft an ihn erinnert, und täglich ward der Wunſch in ihr lebendiger, ihn in ihrer verwaiſten und bedrängten Lage als Schützer und Berather um ſich zu haben. Mit Sehnſucht erwartete ſie Sezema's Rückkehr, der ihr Kunde von dem verwundeten Freunde bringen ſollte. Mittlerweile erſchien ihr Abgeſandter an den Kaiſer wieder und brachte einen kaiſerlichen Geſandten in der Perſon des Biſchofs von Baſel mit. Dieſer überreichte der Königin ein theilnahmvolles Schreiben ſeines Herrn, worin er ihr anzeigte, daß er mit ihrem Geſandten einen Friedensvertrag abgeſchloſſen, den ſie gewiß billig finden 15 werde. In dieſem Vertrage war feſtgeſtellt, daß es bei der früher ausbedungenen Vermählung der beiderſeitigen Kinder ſein Verbleiben haben ſolle, daß er, der Kaiſer, bis zur Mündigwerdung des Königs die Regierung von Böhmen übernehmen und der Königin zum Leib⸗ gedinge auf Troppau und andere Gebiete 3000 Mark verſchreiben wolle. Wäre ſie mit dieſen Bedingungen ein⸗ verſtanden, ſo möge ſie den Eid über den Vertrag in die Hand des Biſchofs ablegen. „Was würde Zäwis hierzu ſagen?“ dachte die Königin, als ſie das Schreiben zuſammenfaltete.„Die Bedingungen erſcheinen den Umſtänden nach mild— aber kann man wiſſen, was ſich dahinter verbirgt? Daß Herr Rudolf ſo viel Gewicht auf die doppelte Verbindung mit dem böhmiſchen Königshauſe legt, deutet das nicht an, daß er von der ſchwächlichen Leibesbeſchaffenheit des ein⸗ zigen männlichen Sproſſen vom Stamme Piemysl einen baldigen Heimfall der böhmiſchen Krone an ſein Haus erwartet? Würde dann nicht Böhmen eine Provinz des deutſchen Reiches werden? Iſt das nicht ein unerträglicher Gedanke für ein ſo treues Czechenherz, wie es in der Bruſt Zäwis' von Falkenſtein ſchlägt? O daß er hier wäre, daß ich ſeinen Rath vernehmen könnte! Ich möchte nicht gern etwas thun, was er mißbilligt. Ich will den Meiſter Dalemil fragen; er iſt auch ein guter Czeche.“ Und ſie ließ den Gelehrten rufen. 8 „ 16 Dalemil erſchien. Die Königin theilte ihm die von dem Kaiſer geſtellten Friedensbedingungen und ihre Be⸗ denken darüber mit, und forderte ihn auf, ſeine Meinung frei darüber zu äußern. „Eure Hoheit hat ganz Recht, wenn ſie hinter der Heirathsklauſel die nralte deutſche Lüſternheit nach der Krone Böhmen erblickt,“ ſagte der Gelehrte.„Früher kam ſie als Wolf, aber da brach ſie ſich die Zähne aus an den Fäuſten und Keulen und Eiſenherzen des böhmi⸗ ſchen Volkes; d'rum kommt ſie nun als Fuchs, in der Hoffnung, ſo beſſere Geſchäfte zu machen. Das ſieht ſo freundlich, ſo wohlwollend aus: der Kaiſer verheirathet ſeine Kinder mit den Kindern vom Hauſe Ptemysl— die Vortheile ſcheinen für beide Theile ſo ganz gleich— aber der Fuchs hat die Häupter ſeiner Beben gezählt und die Häupter der Ptemysliden, da hat er gefunden, um wie viel reicher beaſtet ſein Stammbaum iſt als der Piemyölidiſche, um wie viel größer die Hoffnung der Habsburger auf das böhmiſche Erbe als umgekehrt iſt. Dennoch hat er die Rechnung ohne den Wirth gemacht— er weiß wahrſcheinlich nicht, daß nach einer nralten hei⸗ ligen Weisſagung unſeres Volkes der Stamm Pfemysl's nie ausſtirbt. Eure Hoheit kennt doch die Weisſagung?“ „Ich habe wohl von ihr vernommen,“ antwortete die Königin,„aber darf man auf ſie bauen?“ 1. 17 „Kein echtes Böhmenherz zweifelt an ihre Wahrheit, an ihren göttlichen Urſprung,“ erklärte Dalemil.„Auch iſt ſie durch eine ſechshundertjährige Geſchichte bewährt, mehr als einmal hat der Stamm der Piemysliden ſeinem Ende nahe geſchienen, und immer hat er wieder neue kräftige Zweige getrieben. Es hat alſo mit der ſchlauen Rechnung des Habsburgers auf die böhmiſche Erbſchaft wohl gute Wege. Leider iſt es mit Böhmen dahin ge⸗ kommen, daß es die ihm von dem Kaiſer geſtellten Friedensbedingungen als äußerſt glimpfliche erkennen und lieber der Großmuth des Siegers vertrauen muß, als auf die eigene Kraft und auf den Beiſtand derjeni⸗ gen, welchen allerdings die Sorge für die Wohlfahrt Böhmens am nächſten läge.“ „Ihr meint alſo, daß ich die Bedingungen anneh⸗ men und auf ſie hin Frieden ſchließen ſoll?“ fragte die Königin. Dalemil bejahte die Frage und ward entlaſſen. Noch berief die Königin ihre Räthe, und als auch dieſe ihr zur Annahme der von dem Kaiſer geſtellten Bedin⸗ gungen dringend riethen, leiſtete ſie den Eid in die Hand des Biſchofs von Baſel, der hierauf unverzüglich in das kaiſerliche Lager zurück reiſte. Bald zeigte es ſich, wie nothwendig die der Bürger⸗ ſchaft Prags anempfohlene Sicherſtellung ihrer Stadt ge⸗ 18 gen einen feindlichen Ueberfall und die Stellung der kö⸗ niglichen Familie unter ihren Schutz war. Im Oſten Prags ſammelte ſich ein Heer der Gegner der Königin und über das Görlitzer Gebirge kam Otto von Branden⸗ burg mit 400 geharniſchten Reitern herein, um ſich an die Spitze dieſes Heeres zu ſtellen und mit ihm die Hauptſtadt zu erobern. Mit bangem Herzen ſah die Königin den neuen Stürmen entgegen. Zwar durfte ihr bei dem entſchloſſe⸗ nen Muthe und der Anhänglichkeit der Prager wegen ihrer und der Ihrigen Sicherheit nicht bange ſein; aber ihr bangte für das, neuen Kriegesſchrecken ausgeſetzte Land. Natürlich zog nun der Kaiſer mit Heeresmacht herbei, um ſeine Anſprüche gegen den brandenburgiſchen Markgrafen und deſſen Anhang durchzuſetzen. Und es vergingen kaum vierzehn Tage, ſo mußte ſie vernehmen, wie ſich die beiden feindlichen Heere zwiſchen Kuttenberg und Sedletz kampfgerüſtet gegenüber ſtanden. Um dieſe Zeit erſchien Sezema von Wittingau wie⸗ der vor ihr und übergab ihr einen Brief. Sie erſchrak, als ſie ſah, daß die Aufſchrift nicht von Zäwis' Hand war. Aber Sezema beruhigte ſie durch die Erklärung, daß ſein Vetter ſich zwar auf dem Wege der Beſſerung befinde, aber noch nicht wohl im Stande ſei die Feder zu führen; deßhalb habe er ſeinem ihn pflegenden Schwa⸗ 16 ger Hroznata den Brief in die Feder dictirt. Der Brief lautete: „Die Theilnahme, welche Eure Hoheit ihrem ge⸗ treueſten Diener auf ſeinem Siechbette erweiſt, rührt mich zu tiefſter Dankbarkeit. Sie war für mich ein ſtär⸗ kender Balſam um ſo mehr, als ſie mir mit der Mitthei⸗ lung kund ward, mit welchem erhabenen Muthe Eure Hoheit das ungeheure Schickſal trägt, das der Uner⸗ forſchliche über den Sternen über Euch verhängt hat. Dieſer Muth, einer Königin und der Gemahlin eines Hel⸗ den würdig, wird und muß einſt dem geſchlagenen Vater⸗ lande herrliche Früchte tragen. Beweiſt er doch an miv eine wunderbare, erlöſende und erhebende Kraft. Ich lag da mit dem wunden, zum Tode erſchöpften Leibe, ein verzagter, troſtloſer, verzweifelnder Menſch; ich ſah vor mir nichts als Verwirrung, Elend und Untergang des Heiligſten, für das meine Seele glühte. In meinen Fieberträumen ſah ich die Geſtalt des Königs ſich aus dem Todten⸗ ſchrein, über den keines Prieſters Mund ein Gebet ge⸗ ſprochen, erheben, zu einem rieſigen Engel des Gerichtes emporwachſen und als ſolcher über die böhmiſche Erde ſchreiten und das Volk vernichten, aus deſſen Schooße die hervorgegangen, die ihn verriethen; ich ſah mein ſchönes Vaterland zu einem Schlachtfelde aller Gräuel und Un⸗ geheuer der Erde werden und endlich zu einer ungeheuren 20 Gräberſtätte. Im Wachen verfolgte mich der Gedanke, daß in dem Schickſale ſeines größten Königs das Schick⸗ ſal Böhmens vorgebildet ſei, denn gerade daß ein Mann von ſolchen Geiſtesgaben, männlichen und Herrſcher⸗ tugenden, ein Fürſt, der Böhmen zu ſeiner höchſten Blü⸗ the erhoben, den uralten Bau des böhmiſchen Reiches in ſeinem Innerſten lockerte und löſte, bis er ſelbſt mit ihm zuſammenbrach, das erſchien mir als ein Zeichen, daß die Vorſehung den Untergang Böhmens beſchloſſen habe. Darum war mir das Leben verhaßt, ich verklagte das Schickſal, das mich nicht mit dem Könige hatte ſterben laſſen, ich riß mir den Verband von meiner gefährlichſten Wunde, um mich zu verbluten, und es wäre geſchehen, hätte nicht mein treuer Pfleger zur rechten Zeit den Ver⸗ band erneuert. Da kam mein Vetter Sezema mit der Bot⸗ ſchaft von Eurer Hoheit. Er ſagte mir, wie beſorgt Ihr um mich wäret mitten in Eurem großen Schmerz, und wie dieſer Schmerz zwar Eure Kniee gebeugt vor dem Altar des Herrn und Euer Auge getrübt durch Thränen, aber wie er Euern königlichen Muth nicht zu beugen und Euren hellen Geiſt nicht zu trüben vermocht. Letz⸗ teres erkannte ich auch an dem Wege, den Ihr zur Rettung des Vaterlandes eingeſchlagen. Seit dieſer er⸗ hebenden Botſchaft iſt es anders mit mir geworden; ich ſehe die Dinge wieder in einem freundlichen Lichte, ich 21 hoffe wieder für mein Vaterland und wünſche wieder zu leben. Die gräßlichen Fieberträume ſind von mir ge⸗ wichen, und in meiner Trauer um den großen Todten verkenne ich nicht mehr, nach welchem nothwendigen und heilſamen Lebensgeſetze der Völker er zu Grunde gehen mußte. Das Leben eines Volkes ſoll nicht nach dem Wil⸗ len eines Einzelnen, der über ihm ſteht, ſich beſtimmen, ſondern es ſoll ſich frei aus den in ihm ſelbſt liegenden Lebensbedingungen, aus ſeiner natürlichen, geiſtigen und leiblichen Beſchaffenheit entwickeln und geſtalten, gerade wie eine Pflanze oder ein Thier, oder richtiger wie ein vollkommener geſteigerter Menſch. Und je geſunder, je lebenskräftiger ein Volksweſen iſt, deſto weniger ſcheint es zu dulden, daß ein einzelner, über ihm ſtehender Men⸗ ſchenwille ihm Art und Gang ſeiner Entwickelung und Lebensgeſtaltung aufdringe. Darnach wäre unſeres Hel⸗ denkönigs Fall in ſeinem Grunde eher ein hoffnungs⸗ volles Zeichen für die Zukunft unſeres Vaterlandes, als ein zur Verzweiflung nöthigendes. König Otakar hatte unter den Königen ſeiner Zeit nicht ſeines Gleichen an Schärfe des Verſtandes, Kraft des Willens, Kunſt die Menſchen zu beherrſchen, kurz an Allem, was einen großen Herrſcher macht. Als Feldherr gehörte er zu den größeſten aller Zeiten; er war der Alerander der Chri⸗ ſtenheit und der ſlaviſchen Welt. In ſeinem Geiſte leb⸗ 22 ten kühne, große Gedanken, und er beſaß die Mittel, ſie zu verwirklichen. Er würde ſie verwirklicht haben, hätte er es in Einem nicht verſehen, hätte er das innerſte Le⸗ bensgeſetz ſeines Volkes geachtet. Er wollte ein großes Slavenreich gründen, und opferte altſlaviſche Einrich⸗ tungen und Geſetze fremden Einrichtungen und Geſetzen auf; er wollte ſeine Völker glücklich machen, aber in ſei⸗ ner Weiſe und mit gewaltthätiger Beſeitigung deſſen, was in den alten Volksgewohnheiten und Rechten der Art, wie er beglücken wollte, hemmend entgegenſtand. Sein Schickſal bewies, daß vor dem, der die Geſchicke der Welt lenkt, das natürliche Lebensgeſetz eines Volkes mehr gilt, als der edelſte Wille des glorreichſten Herrſchers. Es iſt wahr, König Otakar hatte faſt allenthalben in ſeinen Landen die untere, mithin die zahlreichſte Volks⸗ klaſſe für ſich, ſomit hätte es ſcheinen können, als regiere er im Geiſte ſeines Volkes; aber der Geiſt eines Volkes bricht ſich in den bewußtloſen Individuen der Maſſe nur in matten Strahlen, erſt in den Kreiſen, die ſich ihres lebendigen Zuſammenhanges und Wirkens mit der Ge⸗ ſchichte des Volkes klar bewußt ſind, ſammeln und ver⸗ dichten ſich die Strahlen zu einem ſicheren Abbilde des Geſammtgeiſtes, und in dieſe Kreiſe griff der König mih ſchonungsloſer Willkür hinein. So empörten ſich v Kreiſe wider ihn, und wie immer die Verletzung des 23 Maßes und der geſetzlichen Schranken auf der einen Seite, die gleiche Verletzung auf der andern Seite nach ſich zieht— wie ein aus ſeinem Gleichgewicht gebrachter Wagebalken auf der einen Seite ſich gerade um ſo viel hebt, als er auf der andern ſich ſenkt— ſo erzeugte die Nichtachtung alter Geſetze und Rechte von Seiten des Königs ganz natürlich Ungeſetzlichkeit und Widerſpänſtig⸗ keit auf der verletzten Seite. Doch dies wiſſet Ihr ja Alles beſſer, als ich es Euch ſage. Es geziemt ſich jetzt nicht mehr bei den Irrthümern des gefallenen Königs zu weilen, ſondern wir müſſen ſeine edle Geſinnung be⸗ trachten und alle die guten und großen Eigenſchaften, die ihn zu einem der größten Männer aller Zeiten machen. Beugen wir uns in Demuth vor der Macht, die einen ſo großen König fallen ließ, weil ſie nicht wollte, daß das Volk der Czechen zu einer willenloſen Herde herab⸗ ſänke, und getröſten wir uns der Hoffnung, daß der Erbe, den er dem Lande hinterlaſſen, an der Hand ſeiner weiſen und tugendhaften Mutter zu einem echten Böh⸗ menkönig, zu einem König, auf dem der Geiſt Libusa's und Piemysl's ruht, erblühen werden. Ja, das iſt der eigentliche Ankergrund der Hoffnung, die mich von Neuem beſeelt, daß ich den künftigen Lenker meines Va⸗ terlandes ganz in die Hand der erhabenen Frau gegeben weiß, die ſich ſo liebevoll mit dem Geiſte unſeres Volkes 24 verſtändigt und ſo klar erkannt hat, was dem Vaterlande noth thut: ſie wird uns einen König bilden, der ſein Volk verſteht, das Lebensgeſetz deſfelben erkennt und als die Grundlage ſeines Regimentes anerkennt. Möge Gott Eurer Hoheit zur Erfüllung der ebenſo ſchönen als ſchwe⸗ ren Pflicht, uns einen ſolchen König zu geben, ſeinen gnadenvollen Beiſtand geben!— Die erſte Bedingung, daß Euch Euer Werk gelinge, iſt freilich der Friede. Zch bin daher ganz mit Eurer Hoheit Schritte, einen ſolchen her⸗ zuſtellen, einverſtanden; ich ſehe ein, daß Eurer Hoheit nichts Beſſeres offen ſteht. Gleichwohl erbebt mein Herz bei dem Gedanken, daß die Partei, welche Euern Ge⸗ mahl durch ihre Rathſchläge zu ſeinem Sturze trieb, ſich dieſem Frieden mit Gewalt widerſetzen könne. Wie ich höre, iſt ſie dazu entſchloſſen, trifft ſie dazu eifrige An⸗ ſtalten. Was kann daraus entſtehen, als ein neuer un⸗ ſeliger Krieg, ein Krieg auf böhmiſcher Erde, ein Bür⸗ gerkrieg? Und in dieſen ſchrecklichen Krieg ſehe ich Euch mitten hineingeſtellt, indeß ich hier an das Siechbett ge⸗ feſſelt liege und nicht zu Euch eilen kann, Euch in voller Wahrheit zu ſein, was Ihr mich einſt huldreich nanntet: Euer Paladin. Ich kann nichts thun, als Eure Hoheit beſchwören: laßt es um Gottes willen zu keinem Kriege in Böhmen kommen! Tragt bei den ſtreitenden Parteien auf ein Schiedsgericht an, das die beiderſeitigen An⸗ 25 ſprüche prüfe und danach entſcheide: ein Schiedsgericht aus Vertrauensmännern beider Theile mit einem unpar⸗ teiiſchen Obmann. Ich empfehle Euch meinen Vetter Sezema als gewandten Unterhändler und Euch treuerge⸗ benen Diener— ſendet ihn an die Häupter beider Theile, daß er ſie für die ſchiedsrichterliche Entſcheidung gewinne. Euere Hoheit verzeihe mir, daß ich mich erdreiſte, ihr Rath zu ertheilen, aber ich that damit, was ich nicht laſſen konnte, und Eurer Hoheit oft bewährte Huld er⸗ muthigte mich dazu. Möge mir Gott bald Kraft verlei⸗ hen, Euch durch Thaten zu dienen. Bis dahin werde ich nicht aufhören für Euch zu beten.“ Während die Königin dieſen Brief las, hingen Se⸗ zema's Blicke unverwandt an ihren Mienen. Sein kal⸗ tes, mehr von Verſtand als von Gefühl zeugendes Geſicht verrieth große Befriedigung über die tiefe Rührung, welche ſich in jenen Mienen abzeichnete. Durch die Spu⸗ ren der Trauer, die noch auf ihnen lagen, trat zu wie⸗ derholten Malen der Glanz eines geheimen Entzückens, einer hohen Bewunderung, durch die Thränenſchleier der Augen leuchtete oft ein Strahl der Freude. Und dann geſellte ſich wohl ein ſarkaſtiſcher Zug zu dem Aus⸗ druck der Befriedigung auf Sezema's Antlitz. Die Königin fragte ihn, ob er von dem Rathe ſei⸗ nes Vetters in Bezug auf den bevorſtehenden Streit un⸗ 1860. XX. Zäwi von Roſenberg. III. 2 26 terrichtet ſei, und als er bejahete, ob er ſich der ihm zu⸗ gedachten Sendung unterziehen wolle. Sezema betheuerte, daß er kein anderes Glück kenne, als Ihrer Hoheit zu dienen; ſie möge nach Gefallen über ihn verfügen. „Es kommt mir nicht zu, über eine ſo wichtige An⸗ gelegenheit allein zu entſcheiden,“ ſagte die Königin hier⸗ auf;„Ich werde ſie meinen Räthen zur Begutachtung vorlegen. Sollte ich Eures Dienſtes dann bedürfen, ſo werde ich Euch rufen laſſen; lange ſollt Ihr nicht auf Entſcheidung warten müſſen.“ Die Königin war im Herzen ſchon für Zäwis' Rath entſchieden, und als ſich Sezema verabſchiedet hatte, beſchloß ſie, aus Furcht, die Uebrigen möchten Wider⸗ ſpruch dagegen erheben, bloß den Oberſten Kanzler in's Vertrauen zu ziehen, weil ſie im Voraus wußte, daß er einem Rathe beiſtimmen würde, der ſo ganz der Friedens⸗ liebe des geiſtlichen Greiſes entſprach. Sie hatte ſich auch gar nicht getäuſcht, der ehrwürdige Mann pries den Rath als eine Gottesſtimme und rieth zu ungeſäumter Ausführung. Schon am andern Morgen ſandte ſie Se⸗ zema mit Dalemil in die beiden Kriegslager. „Alles für die glorreiche Roſe,“ dachte Sezema, als er mit der neuen Sendung von der ſchönen Fürſtin ging. Er eilte mit ſeinem Begleiter zunächſt zu dem Markgra⸗ fen Otto. Bei dieſem, das ſah er voraus, hatte er den 27 ſchwerſten Stand; gewann er ihn, dann war Alles ge⸗ wonnen. Er nahm daher ſeine ganze Schlauheit und Beredfamkeit zu Hilfe.„Alles für die glorreiche Roſe!“ das war ſein Wahlſpruch, mit dem er ſich das Schwerſte erleichterte und womit er jeden Schritt und Kunſtgriff entſchuldigte, der nicht gerade ſeinem ſtolzen und hoch⸗ fahrenden Geiſte entſprach. So trat er auch vor den Markgrafen von Brandenburg mit unterwürfiger Ge⸗ ſchmeidigkeit, obgleich er ſich ihm mindeſtens ebenbürtig fühlte. Auch entſprach der Erfolg vollkommen ſeiner Ab⸗ ſicht. Er legte dem Markgrafen als Grundlage für den Schieds ſpruch einen Vertragsentwurf vor, welcher die Anſprüche beider Parteien auf geſchickte Weiſe ver⸗ ſchmolz, und wußte ihm die Vortheile dieſer Beilegung des Streites auf die überzeugendſte Weiſe einleuchtend zu machen. Mit der beſtimmten Einwilligung des Mark⸗ grafen verließ er deſſen Lager, um in das des Kaiſers zu eilen. Dalemil konnte nicht umhin, dem gewandten Diplo⸗ maten ſeine Bewunderung zu zollen. Bei dieſer Gelegen⸗ heit lenkte Sezema das Geſpräch auf Dalemil's Tochter, indem er ſich ſtellte, als kenne er ihr gegenwärtiges Ver⸗ hältniß zu Zäwis nicht, ſondern als wiſſe er nur, was ihm die Königin über ſie mitgetheilt, nämlich daß ſie ſich irgendwo verborgen halte und darauf warte, daß Zäwis 2* 28 ſie zu ſeiner Gemahlin erheben werde. Dalemil erwi⸗ derte, daß er ſeine Tochter ihrem Schickſal überlaſſe. Er wiſſe, daß ſie nicht fallen könne, und einſt werde ſchon die Zeit kommen, wo ſie in Ehren vor ihn trete; er glaube auch feſt, daß Herr Zäwis kein Schuft ſein und ſeine Tochter entehren werde. „So hofft Ihr, daß mein Vetter, das Haupt der Witkowetze, ſie zu ſeiner Gemahlin erheben werde?“ forſchte Sezema weiter. „Man hofft nur, was man wünſcht,“ verſetzte Da⸗ lemil;„mein bürgerliches Herz mag nichts wiſſen von der Ehre, mit dem ſtolzeſten der Barone verwandt zu ſein. Ich hoffe nur das Eine, daß meine Tochter ihre Ehre wahre.“ Sezema ſah ein, daß mit dem Alten in ſeinem Sinne nichts anzufangen war. Er ließ daher den Ge⸗ genſtand fallen und unterhielt ſich mit ihm von andern Dingen. Vor dem Kaiſer hatte Dalemil Gelegenheit, ſeines Gefährten Gewandheit in einem ganz neuen Lichte zu ſehen. Hier erſchien Sezema als der zugleich beſchei⸗ dene und würdevolle Vertreter einer Königin und eines hohen Geſchlechtes. Der leutſelige Kaiſer fand ſichtbar Gefallen an dem noch ſo jungen und doch ſo klugen und geſchäftsgewandten Manne. Er that ſogar unverhohlen die für Sezema ſchmeichelhafte Aeußerung:„Hätte König 29 Otakar ſtatt des lateiniſch läſternden Prälaten einen ſo feinen Kopf, wie Ihr, auf jenen Reichstag geſchickt, ſo wären wir wohl nicht ſo hart aneinander gerathen.“ Auf dem Reichstage zu Nürnberg nämlich, wo der Adel Oeſterreichs und Steiermarks wider den König Klage erhob, ließ ſich der dieſen vertretende Würdenträger der Kirche in ſeiner lateiniſch gehaltenen Vertheidigungsrede zu ſehr unglimpflichen, die Majeſtät des Reiches ver⸗ letzenden Ausdrücken hinreißen, ſo daß ſich der Kaiſer zu einer ernſten Zurückweiſung veranlaßt ſah. Der Kaiſer trat nicht nur dem Vorſchlage wegen gütlicher Beilegung des Streites bei, ſondern ließ ſich auch bewegen, die Wiedereinſetzung der Witkowetze und Genoſſen in den vorigen Stand zu einer der Friedens⸗ bedingungen zu machen. Die Stadt Czaslau ward zum Zuſammenkunftsort des Schiedsgerichtes erwählt. Froh über den glücklichen Erfolg ſeiner Sendung kehrte Sezema zur Königin zurück. Dieſe dankte ihm in der huldvollſten Weiſe. Er nahm den Dank mit dem Gedanken hin: Alles für die glorreiche Roſe! Als bald darauf das Schiedsgericht gebildet ward, eilte er nach Czaslau, um ſo viel als möglich für den Nutzen ſeines Geſchlechtes zu wirken. Zu Schiedsrichtern wurden auf kaiſerlicher Seite Burggraf Friedrich von Nürnberg aus dem Hauſe Hohenzollern und Meinhardt 30 von Throl, auf brandenburgiſch⸗böhmiſcher Seite Biſchof Bruno von Olmütz und Otto mit dem Pfeil, Markgraf Otto's Vetter, erwählt und dieſen der Erzbiſchof von Salzburg zum Obmann gegeben. Das Schiedsgericht einigte ſich über die faſt unveränderte Annahme des von Sezema unterbreiteten Entwurfes, und es kam darauf⸗ hin ein Vertrag zu Stande, nach welchem 1) Markgraf Otto der Lange die Vormundſchaft über König Wenzel II⸗ und deſſen Schweſtern und die Regierung in Böhmen für die nächſten fünf Jahre übernehmen, 2) dem Kaiſer Rudolf zum Erſatz der Kriegskoſten das Markgrafthum Mähren auf ebenſo lange Zeit überlaſſen und 3) König Wenzel II. mit des Kaiſers Tochter Guta und deſſen Sohn Rudolf mit Wenzel's Schweſter Agnes vermählt werden ſollte— eines vierten, für unſere Geſchichte gleich⸗ giltigen Punktes nicht zu gedenken. Die Wietnſen der Witkowetze und Genoſſen in den vorigen Stand ward gewährleiſtet und zugleich beſtimmt, daß dieſe wie alle innern Angelegenheiten Böhmens auf einem dem⸗ nächſt einzuberufenden Landtage geordnet werden ſollten. Wohl gedachte die Königin, als ihr dieſer Vertrag zur Anerkennung vorgelegt ward, mit ſchwerem Herzen der Möglichkeit, daß die durch denſelben beſtimmte Vor⸗ mundſchaft leicht die Boffnn, welche Zäwis auf ihr Erziehungswerk an dem jungen König ſetzte, vereiteln 31 könne; aber ſie mußte ſich den Umſtänden fügen. Auch ſchöpfte ſie Beruhigung aus einem Schreiben des Kaiſers, worin er ihr die wohlwollendſten Zuſicherungen freund⸗ ſchaftlichen Beiſtandes gab und ſeinen Wunſch ausſprach, das Band zwiſchen den beiden Häuſern ſobald wie möglich durch die Kirche geweiht und befeſtigt zu ſehen. In der Erfüllung dieſes Wunſches erkannte die Königin nunmehr den beſten Schutz ihres Erziehungswerkes gegen etwaige Eingriffe des brandenburgiſchen Vormundes, und ſo erſuchte ſie den Kaifer durch Sezema Ort und Zeit der Doppelvermählung zu beſtimmen. Bald kehrte Sezema mit einem Schreiben zurück, in welchem der Kaiſer ihrem Geſuche auf das freund⸗ lichſte entſprach: er beſtimmte, daß die Hochzeit in vier Wochen in Iglau ſtattfinden ſollte. Als Sezema ſich ſeines Auftrages entledigt, bat er die Königin um Ur⸗ laub zur Reiſe nach Oeſterreich an das Krankenlager ſeines Vetters Zäwis. Sie wollte ihm mündliche Grüße auftragen, aber er bat ſie um ein paar huldvolle Zeilen. Sie bedachte ſich ein wenig— es konnte ſo leicht zu einer Mißdeutung führen, wenn ſie die Bitte erfüllte— aber Sezema wußte ihre Bedenken zu überwinden, und ſo ſchrieb ſie an Zäwis ein Briefchen, in welchem ſie ihm für ſeinen„ſchönen“ Brief und ſeinen guten Rath dankte, die innigſten Wünſche für ſeine baldige Geneſung aus⸗ —— 32 ſprach und damit die Einladung zum Vermählungsfeſte ihrer Kinder verband.„Ich werde es als ein Zeichen guter Vorbedeutung für das Glück meiner Kinder be⸗ trachten, wenn ich meinen„Paladin“ in Iglau begrüßen kann,“ fügte ſie hinzu. Und als ſie Sezema das Brief⸗ chen übergab, ſagte ſie:„Ihr ſeid mit Eurem Better nach Iglau eingeladen, und ich hoffe euch Beide dort zu ſehen.“ „Wenn es ſein Zuſtand erlaubt, ſo kommen wir,“ verſicherte Sezema und verabſchiedete ſich. Zwrites Capitel. In einem Meierhofe zu Dürrenkrut lag Zäwis unter der Pflege ſeines Schwagers Hroznata und der guten alten Leute, die in dem Hofe wirthſchafteten. Er hatte hart zu kämpfen gehabt mit dem Tode, und nur ſeiner außerordentlich kräftigen, durch keine entnervenden Laſter entweihten Natur war der Sieg über die ver⸗ nichtende Macht gelungen. Hroznata hatte, als der Ver⸗ wundete in den Delirien des Wundfiebers lag, nach Libusa ſchicken wollen; aber Sezema, der gerade dazu 33 gekommen war, hatte es hintertrieben, indem er Hro⸗ znata vorſtellte, wie ſchwer es der jungen Mutter werden müſſe, ihr Kind zu verlaſſen, wie gefährlich der weite Weg für ſie ſei und wie die durch ihr Erſcheinen ver⸗ urſachte Aufregung dem Kranken nachtheilig werden könne. Als Zäwis dann zur Beſinnung gelangt war, hatte er wohl ſelbſt nach ſeinem Weibe verlangt, Hroznata auch einen Boten mit einigen Zeilen von Zäwis nach Malyhrad abgeſchickt, aber Sezema hatte dieſen auf⸗ gefangen und ihm einen Brief an ſeinen Vetter, den Domherrn Dietrich von Neuhaus in Brünn mit der Weiſung übergeben, denſelben auf dem Hinwege zu be⸗ ſtellen. Dieſer Brief war ein Uriasbrief, denn er enthielt das Anſinnen an den Domherrn, den Ueberbringer bis auf Weiteres in ſicheren Gewahrſam bringen zu laſſen, weil es die Ehre der fünfblätterigen Roſe unbedingt er⸗ heiſche. Und Dietrich hatte dem Anſinnen zu Ehren der fünfblätterigen Roſe genügt. Mit Sehnfucht hatte Zäwis eine Zeit lang der Ankunft ſeiner Gattin oder doch der Rückkehr des Boten entgegengeſehen, und als ihn die Ungeduld übermannt, hatte ihm Sezema die Botſchaft der Königin mit einer Ausſchmückung dargeboten, die ganz danach angethan war, dem Kranken zu ſchmeicheln und ſeine Intereſſe der 34 Königin und den vaterländiſchen Angelegenheiten zuzu⸗ wenden. Hroznata ahnte noch nichts von Sezema's ge⸗ heimſter Abſicht, darum that er nichts, dem Einfluße deſſelben auf Zaäwis entgegen zu arbeiten. Sezema wußte, was in Zäwis von dem Stolze und den Anſprüchen ſeiner Sippe ſchlummerte, ſo fein und behutſam zu wecken, daß Zäwis ſelbſt nicht merkte, daß allmälig eine Wandlung ſeiner Denkweiſe vorging, daß vermeſſene Gedanken ſich in ſeine Seele ſchlichen, Träume von welt⸗ licher Hoheit und Macht, wie ſie ihn ſo nie vorher hatten einnehmen können. Freilich lag über dem Allen der Hei⸗ ligenſchein der Vaterlandsliebe und der Ritterpflicht für eine ſchuldloſe, bedrängte— und ſchöne Königin. Bald war die Sehnſucht nach dem trauten Weibe zum hinſterbenden Flämmchen geworden, und es beun⸗ ruhigte ihn ſogar nur wenig, als der an ſie abgeſchickte Bote nicht einmal mit einer Nachricht zurückkehrte. Erſt als Sezema mit jenem Briefe an die Königin wieder nach Böhmen abgereiſt war, wendeten ſich Zäwis' Ge⸗ danken wieder mehr ſeinem Weibe zu und dem Kinde, das ſie ihm geboren und das er noch nie geſehen, und noch einmal ſiegte das Reinmenſchliche über die Mächte, die ſich in letzter Zeit in ſeiner Bruſt erhoben. Er ſandte noch zwei Boten zugleich an Libusa ab, mit der Nach⸗ richt von ſeinem zwar nicht mehr lebensgefährlichen, aber 35 doch immer noch auf lange Zeit ihn an das Bett feſſelnden Zuſtande, und mit der Bitte, ihn unter ſicherer Bedeckung zu beſuchen. Sezema erſtaunte nicht wenig, als er bei ſeiner Rückkehr von Prag Zäwis außer dem Bette an der Seite ſeiner Gattin, die ſein Söhnlein ihm vorhielt, ſitzen ſah. Hroznata, Scarlatti, Jodok und die alten Wirthsleute ſaßen darum her und weideten ſich an der ſeligen Freude des Geneſenden über Mutter und Kind. Sezema verbarg nur ſchwer ſeinen Aerger über dies liebliche Familien⸗ bild. Zäwis zog ihn heiter ſcherzend in den Kreis— aber Libusa erbebte, als ſich der Mann neben ihr niederließ, der ſchon einmal ihr Glück geſtört hatte. Diesmal aber hatte ſie an Hroznata einen treuen Bundesgenoſſen und Hüter ihres Glückes. Er, der den ganzen Werth des trauten Weibes erkannte, ließ nicht zu, daß Sezema ſeinen alten Einfluß auf Zäwis wieder erlangte. Es gelang dieſem kaum, das Briefchen der Königin ihm unbemerkt in die Hand zu ſpielen. Immer, wenn Libusa nicht bei ihrem Gatten war, ſuchte Hro⸗ znata in deſſen Geſellſchaft zu ſein. Sezema ſchien endlich auf die Wiedererlangung ſeines früheren Einflußes auf Zäwis zu verzichten. Er nahm eine freundliche und gleichgiltige Miene an, und nachdem er ſich ſo noch zwei Tage in dem kleinen Kreiſe 36 in ſcheinbarer Harmloſigkeit bewegt, erklärte er plötzlich nach Prag zurückkehren zu wollen, um mit der Königin zur Hochzeit ihrer Kinder nach Iglau zu reiſen.„Ich darf wohl nicht hoffen, Euch beim Feſte zu ſehen?“ ſagte er beim Abſchiede zu Zäwis. Dieſer bat, ihn bei der Königin zu entſchuldigen, und war froh, als er ſich ſeiner entledigt ſah. Statt aber nach Prag zu gehen, eilte Sezema nach Maidſtein zu Zäwis' Mutter. Er erzählte der Matrone, welches Intereſſe die Königin bisher für ihren Sohn an den Tag gelegt, und deutete an, wie dieſes Intereſſe ihn zu den ſtolzeſten Hoffnungen berechtige. Aber er trete dieſe Hoffnungen mit Füßen, weil er in ſeiner Krankheit ſich von den Reizen jenes ſchönen Kindes aus dem Volke mehr als je habe umſtricken laſſen. Es gebe nur ein Mittel, ihn aus den Banden, die ſein Ehrgefühl und all ſeine Thatkraft feſſelten, zu reißen und ſeiner„erhabenen Beſtimmung“ zurückzugeben; dies Mittel ſei, daß die Mutter, die eine unbeſchränkte Gewalt über ihn beſitze, ſelbſt mit nach Iglau gehe und ihren Sohn dorthin be⸗ ſcheide. Er werde nicht wagen ihrem Rufe ungehorſam zu ſein und natürlich auch nicht, jenes Mädchen mitzu⸗ bringen. Wäre er nur einmal ihrem perſönlichen Zauber entrückt, ſo werde ein anderer, mächtigerer Zauber ſchon das Weitere thun. Die Klugheit gebiete aber, ihm den 37 eigentlichen Beweggrund dieſes Rufes zu verbergen. Sie brauche ja nur vorzugeben, daß es ſich um Wieder⸗ einſetzung ihres Geſchlechtes in ſeinen vollen Beſitzſtand handele, für welche ſie mit ihm bei dem Kaiſer und dem jedenfalls bei der Hochzeit anweſenden Landesverweſer Markgraf Otto thätig ſein wolle. Die ſtolze Dame erinnerte ſich ihrer Geſichte und Träume in Bezug auf Zäwis' Zukunft, ſie ſah in den Andeutungen Sezema's auf einmal einen ganz beſtimm⸗ ten Weg zu ihrer Verwirklichung vorgezeichnet, und ſie war Feuer und Flamme für ſeinen Plan. Ihre Tochter Bertha, welcher Sezema Grüße von ihrem Gatten mit der Hoffnung auf ſeine baldige Heim⸗ kehr überbrachte, verwunderte ſich ſehr, als ihr die Mut⸗ ter ihren Entſchluß, nach Iglau zu reiſen, ankündigte. Vergebens erinnerte ſie ſie an ihre ſchwächliche Leibes⸗ beſchaffenheit und an die Beſchwerden der weiten Reiſe. Die Matrone beharrte bei ihrem Beſchluße und traf in der Eile Anſtalten, um mit einem ihres Ranges würdigen Glanze in Iglau aufzutreten. Züwis erſtaunte nicht wenig, als eines Tages, wie er gerade im erſten Vollgefühle der Geneſung ſich ſeines Familienglückes erfreute, ein Bote von ſeiner Mutter aus Iglau erſchien, der ihm folgendes Schreiben ein⸗ händigte: 38 „Meinem theuren Sohne Zäwis Heil und Segen! Hoffentlich trifft Dich dieſe Botſchaft Deiner beſorgten Mutter der Geſundheit und einem neuen, ſeinen großen Pflichten geweihten Leben zurückgegeben. Es iſt die Zeit gekommen, wo wir daran arbeiten miiſſen, die Wunden zu heilen, die unſerm Geſchlechte in der letzten Zeit ge⸗ ſchlagen worden. Der Erbfeind der glorreichen Roſe iſt gefallen, aber noch irren viele ihrer Glieder in der Ver⸗ bannung umher und viele ihrer Beſitzungen befinden ſich noch immer in fremder Gewalt. So lange das Haupt fehlte, konnten die Glieder nichts Erfolgreiches thun, um ſich wieder in den Beſitz aller ihrer Rechte und ihrer Macht zu ſetzen, zumal da alle Macht im Lande in die⸗ ſer Zwiſchenzeit thatſächlich in den Händen der größten Widerſacher der Roſe ſich befand, die den Gewaltſpruch des gefallenen Königs über alle ſeine Gegner mit giftigem Haſſe aufrecht erhielten. Jetzt, beim Eintritt einer neuen Ordnung der Dinge, gilt es ſich zu rühren, damit ſich die Folgen jenes Gewaltſpruchs nicht verewigen. Die Umſtände ſind uns günſtig. Die auf für uns ſicherem Bo⸗ den ſtattfindende Vermählung der Königskinder gibt uns Freiheit und Gelegenheit, vor den neuen Gewalthabern mit unſern gerechten Anſprüchen aufzutreten. Wir haben dort an der Königin eine einflußreiche Fürſprecherin, an unſerm Vetter Sezema einen vielgewandten Unterhänd⸗ 39 ler; Deine perſönlichen Eigenſchaften werden das Uebrige thun. Ich brauche Dich wohl nicht erſt an die Pflichten zu erinnern, die Du als Wladyka Deinem Hauſe ſchul⸗ deſt; ich erwarte von Dir, daß Du ohne Säumen hier⸗ her kommſt, um ſie zu erfüllen. Wenn Deine betagte, ſchwache Mutter ſich der ſichern Stille ihres Witthums entraffte und hierher eilte, um, was an ihr iſt, zur Ehre und zum Heile der glorreichen Roſe zu thun, ſo wirſt Du ſelbſt einen Reſt von Krankheitsſchwäche nicht als Vor⸗ wand brauchen, Dich Deiner Pflicht zu entziehen. Iſt un⸗ ſer Werk gelungen, dann haſt Du ja immer noch Zeit zur Erholung, und es wird mir eine ſüße Pflicht ſein, Dich zu pflegen und Dir jede Annehmlichkeit des Lebens zu bereiten.“ Mit ängſtlicher Spannung hing Libusa's Blick an den ſich merklich verändernden Zügen ihres Gatten, wäh⸗ rend er den Brief las. Als er damit zu Ende war, reichte er ihn ihr ſchweigend mit trübem Angeſicht. Wohl erfüllten dieſe ſtrengen Zeilen ihr Herz mit banger Ah⸗ nung, aber als ſie den Brief zurückgab, ſagte ſie:„Du mußt Deiner Mutter gehorchen.“ Auch Hroznata war dieſer Meinung, und ſo berei⸗ tete ſich Zäwis zum Abſchiede.„Soll ich Dich wieder in Deine Einöde zurückſchicken?“ ſagte er traurig zu Libusa. „Mir iſt kein Ort öde, den Du mir anweiſeſt,“ 40 erwiderte ſie,„wo ich der Ueberzeugung leben kann, daß Du mich liebſt, und wo ich Deinen Sohn Dir nachbilden kann. Ich weiß und habe mich an den Gedanken ge⸗ wöhnt, daß ich einen Mann wie Dich nicht für mich be⸗ halten kann, daß Du mehr der Welt, dem Vaterlande gehörſt als mir. Gib mir nur den Meiſter Scarlatti wieder mit und meinen treuen Schützer Jodok, dann ziehe ich wieder in meine Waldeinſamkeit und zehre von der Erinnerung an dieſe glücklichen Tage, bis ſie ſich erneuern.“ Zäwis umſchlang und küßte ſie und nannte ſie bei allen ſüßen Namen. Dann verſank er eine Weile in trü⸗ bes Schweigen. Plötzlich ſprang er auf, rief ſeinen Schwa⸗ ger, Scarlatti und Jodok herbei, nahm Schreibezeug und Pergament und ſchrieb. Als er fertig war, ſagte er:„Im Dunkel wird des Menſchen Schickſal gewoben; wir wiſſen, was der gegenwärtige Augenblick uns gebracht, nicht, was der nächſte uns bringen wird. Wer heute blüht in der Fülle der Kraft, der kann morgen eine Beute des Grabes ſein. Auch ich kann hingehen und morgen nicht mehr ſein. Darum halte ich es für Pflicht, die Zukunft meiner treuen Gemahlin und meines Sohnes, ſo weit ich es jetzt vermag, ſicher zu ſtellen. Mit dieſer Schrift vermache ich ihr das einzige Beſitzthum, was mir der Machtſpruch König Otakar's gelaſſen, als erbliches Eigenthum. Ich 0 41 fordere euch Männer auf, dieſelbe als Zeugen mit eurer Namensunterſchrift zu bekräftigen.“ Libusa wollte dagegen Einſpruch erheben; weinend bat ſie ihren Gatten, ſich nicht ſo traurigen Gedanken hinzugeben, wie ſie ihn zu dieſem Schritte bewogen; aber Zäwis, von einer mächtigen Ahnung getrieben, beſtand auf ſeinem Willen, und ſo ward die Schrift von den angerufenen drei Zeugen unterzeichnet, wobei freilich der ehrliche Rieſe Jodok drei Kreuze ſtatt der Namensunter⸗ ſchrift hinmalen mußte. Es war und blieb Libusa doch immer zu Muthe, als dürfe ſie die Schrift nicht annehmen, als fordere ſie durch ſeine Annahme gewiſſermaßen das Schickſal her⸗ aus, es zu einer Nothwendigkeit zu machen. Doch Hro⸗ znata und Scarlatti redeten ihr zu und Jodok meinte: „Der Wladyka handelt, wie ein jeder Hausvater handeln ſollte, der eine Reiſe macht; er beſtellt ſein Haus. Ihr ſeid ſonſt ſo verſtändig, Frau Libusa, und wenn Ihr ſchon an Euch nicht denkt, ſo müßt Ihr doch an Euer Kind denken. Ich werde die Verſchreibung zu mir ſtecken und für Euch verwahren. Hoffentlich braucht Ihr ſie nicht, dann ſchadet ſie auch nicht.“ Zawis nickte dem Rieſen beifüllig zu und bat ihn, unter allen Umſtänden treu bei ſeiner Herrin auszuhalten. Dann ſuchte er ſich und Libusa zu zerſtreuen und die 1860. XN. Zawis von Roſenberg. III. 3 42 wenigen ihnen noch übrigen Stunden des Beiſammen⸗ ſeins dem Glücke zu erhalten. Am andern Morgen ſchied er früh von ihr und trat mit Hroznata die Reiſe nach Iglau an, während Libusa mit ihrem Geleit nach Malh⸗ hrad zurückkehrte. Solch ein Leben hatte die alte mähriſche Berg⸗ ſtadt Iglau noch nie in ihren Mauern geſehen, wie es die beiden Freunde dort bereits vorfanden. Die Straßen waren von böhmiſchen, deutſchen und ungariſchen Herren und allerlei Kriegsvolk durchwogt. Faſt vor jedem Hauſe hing das Wappenſchild eines Gaſtes. Vor dem palaſt⸗ artigen Hauſe des reichſten Bergherrn wehte die Fahne des deutſchen Reiches und hingen die Schilder von Habs⸗ burg, Oeſterreich und deſſen Nebenländern, zum Zeichen, daß hier das gewaltige Oberhaupt der Deutſchen ſeine Herberge genommen. Und ringsumher an den Häuſern des ſtattlichen„Ringes“ ſah man die Zeichen fürſtlicher Gäſte hangen; da hing das Wappen der Hohenzollern neben dem der Grafen von Throl, der bairiſche neben dem meißenſchen Löwen, der aſkaniſche Bär neben dem Roſſe der Welfen; aber auch die fünfblätterige, rubin⸗ farbene Roſe hatte ſich einen Platz unter dieſen fürſtli⸗ chen Zeichen geſucht, und zwar, gleich wie zum Trotz, ge⸗ rade dem böhmiſchen Löwen gegenüber. Die Roſe bezeichnete die Herberge der Witwe Bu⸗ 43 dewoj's von Krumau, Zäwis' Mutter. Dorthin lenkten die Freunde ihre Schritte. Sie fanden ſie allein und wur⸗ den mit herzlicher Freude empfangen. Sie hatte beim Miethen der Herberge gleich auf ſie mit Rückſicht genom⸗ men, und ſo konnten ſie ſich gleich hier mit häuslich nieder⸗ laſſen. Sie erfuhren, daß die Königin mit ihren Kindern noch nicht da ſei, aber den folgenden Tag erwartet werde. Der Kaiſer, der ſchon längere Zeit hier weile, habe ihre feierliche Einholung durch die anweſenden Herren vom Adel angeordnet, und Zäwis' Mutter meinte, es verſtehe ſich von ſelbſt, daß ihr Sohn und Schwiegerſohn hieran ſich betheiligten. Dem Einwande Beider, daß ſie auf einen Prunkaufzug nicht eingerichtet ſeien, begegnete ſie durch die Antwort, daß ſie ſchon dafür geſorgt habe, ſie würden auf ihren Zimmern ihre beſten Gewänder und Rüſtungen finden. Auch für Hochzeitsgeſchenke hatte ſie Sorge ge⸗ tragen, glänzende Schmuckſachen, wie ſie die ſchon da⸗ mals in allem Schacher rührigen Kinder Hſrael in rei⸗ cher Auswahl zur Stelle gebracht. So mußten die beiden Freunde ſich ſchon bequemen, der Einholung beizuwohnen. Daß Sezema ſchon am Morgen des laufenden Tages der Königin entgegengeritten, ſowie daß er überhaupt bereits in Jglau geweſen, verſchwieg ihnen die kluge Ma⸗ trone. Bald nach Tagesanbruch verſammelten ſich auf dem 3* 44 Ringe die Herren, welche ſich an der Einholung der Kö⸗ nigin von Böhmen betheiligten. Den beiden Freunden Zäwis und Hroznata fiel es unangenehm auf, daß der verrätheriſche Milota von Deditz neben dem Biſchof Bruno von Olmütz die Anordnung des Zuges leitete, daß ſie alſo gewiſſermaßen mit unter ſeinem Befehle ſtan⸗ den. Auch das behagte ihnen nicht, daß der Kaiſer ſich nicht ſelbſt an der Einholung betheiligte. Selbſt ihr ge⸗ meinſchaftlicher Stallmeiſter Smil fand dies nicht in der Ordnung.„Da war unſer ſeliger König Otakar doch ein artigerer Herr, als dieſer deutſche Kaiſer,“ äußerte er;„ich war mit bei der Hochzeit, die er ſeiner Nichte Kunigunde von Brandenburg ausrichtete, wie ſie mit dem ungariſchen Prinzen Bela getraut wurde. Als ſie ihren Einzug hielt, da ritt er ihr ſelbſt mit ſeinem Hofſtaat und den vor⸗ nehmſten Baronen ſeiner Länder entgegen. Ueberhaupt hatte er ganz andere Anſtalten getroffen, wie ich ſie hier ſehe. Da ſoll ſich das ganze Hochzeitsfeſt innerhalb dieſer kleinen Stadt abſpielen. Auf dem Ring da ſoll geturniert werden und da oben im Rathhausſaale geſchmauſt. Wie ich höre, ſind im Ganzen 20 Ochſen, 200 Kälber und Schweine und etwa 80 Hirſche geſchlachtet und zum Schmauſen beſtimmt, wozu noch 1400 Stück Geflügel kommen. Das Alles ſoll mit 28 Stück Faß Wein hin⸗ untergeſpült werden. Unſer ſeliger König hatte aber unter 45 Wien an der Donau einen Platz abſtecken laſſen, auf den man dieſes Städtchen leicht zehnmal ſetzen könnte. Zu dieſem Platze führte eine Schiffbrücke über die Donau, die ſo breit war, daß zehn Reiter bequem neben einander darüber reiten konnten. Drei Wochen lang kamen Tag für Tag vom Aufgang bis zum Untergang der Sonne aus allen Himmelsgegenden ſchwere Laſtwagen, und auf der Donau drängten ſich die Schiffe mit Vorräthen aller Art. Allein für die Pferde der erwarteten Gäſte wurden fünf Futterhaufen aufgefahren, von denen jeder ſo groß war, wie die Teynkirche in Prag; das Schlachtvieh groß und klein war gar nicht zu zählen, es bedeckte die ganze nahe Donauinſel und eine Haide, die man nicht überſehen konnte; zu Brod wurden tauſend Muth Weizen ver⸗ backen, und Wein war ſo viel da, daß ſich Einer zwi⸗ ſchen den aufgeſpeicherten Fäſſern hätte verirren, oder ganz Böhmen und Ungarn drei Tage lang ſich davon volltrinken können. Der König hatte aber auch Befehl gegeben, man ſolle nicht etwa knauſern und ängſtlich rechnen, daß eben nur ſo viel da ſei, als gebraucht würde, ſondern man ſolle ſorgen, daß vierfacher Ueberfluß vor⸗ handen ſei. Es iſt hier leidlich viel Volkes zuſammen⸗ geſtrömt, an die fünf Tauſend mögen da beiſammen ſein; aber wie wir die Braut aus Brandenburg einholten, da waren wenigſtens dreimalhunderttauſend Gäſte und Neu⸗ 46 gierige beiſammen. Es waren allein von Fürſten und Grafen aus aller Herren Ländern ſo viele da, wie hier gemeine Leute. Und von den Hunderttauſenden, die dort waren, konnte ein Jeder an Speiſe und Trank erhalten, was er von den verordneten Schaffnern nur verlangte. Es gab allein zwei Tauſend ſolcher Schaffner. Nur hättet Ihr die unabſehbaren Gezelt⸗Gaſſen ſehen ſollen, und was für mächtige und prächtige Gezelte,„mit breiten Sammet⸗ und Goldſtoffen behängt, mit Wappen, Fahnen, Kränzen geſchmückt!“ Da iſt der Plunder an den Häu⸗ ſern hier nichts dagegen—“ Eine Fanfare, die zum Aufbruch des Zuges blies, unterbrach den redſeligen Stallmeiſter in ſeiner verglei⸗ chenden Erzählung, die leicht noch eine volle Stunde hätte dauern können, wenn er die Herrlichkeiten jener Hoch⸗ zeit an der Donau, von denen alle Chroniſten jener Zeit voll waren, nur ganz flüchtig aufzählen wollte. Bis Pilgram ritt der Zug der Königin entgegen. Dort erſchien dieſelbe mit ihren Kindern Agnes und Kö⸗ nig Wenzel in dem goldenen Wagen, in welchem ſie einſt an der Seite Otakar's zur Krönung gefahren war. Viele ihrer Anhänger aus dem Adel und der Prager Bürger⸗ ſchaft begleiteten ſie zu Pferde. Da ſah man u. A. neben Herrn Hynek von Duba den tapfern Jaroslaw von Stern⸗ berg, neben dem Oberſtkämmerer Jaroslaw von Krawat 47 Herrn Andreas von Kamkihora, neben dem Unterkäm⸗ merer Gregor von Dratſchitz Herrn Sezema von Wittin⸗ gau. In einem beſondern Hofwagen befand ſich Dale⸗ mil, der königliche Archivar, neben dem Kaplan der Kö⸗ nigin. Dem Wagen voran ritten der Oberſthofmeiſter Hynek von Lichtenburg und der Oberſtburggraf von Prag, zwei entſchiedene Widerſacher der Witkowetze. Mehr als durch den Anblick dieſer Herren ward Zäwis dadurch übel berührt, daß Herr Zbislaw Zagje von Tiebaun in Pilgram, dieſer alten Stadt der Witko⸗ wetze, als Gebieter auftrat und die Königin bewillkommnete, indeß der eigentlich rechtmäßige Gebieter noch in der Ver⸗ bannung lebte. Daß die Königin dem Bewillkommner ein ſehr ernſtes, faſt unwilliges Geſicht zeigte, konnte für Zäwis nur eine ſchwache Genugthuung ſein. Er ſah ſie bei dieſer Gelegenheit nur flüchtig, denn ſie bedeckte ihr Geſicht ſchnell wieder mit ihrem weißen Witwenſchleier. Sie erſchien ihm da wenig verändert. Sezema ſchien überraſcht, als er ſowohl Zäwis als Hroznata hier fand.„Ich glaubte Euch in den mähriſchen Wäldern,“ ſagte er zu Zäwit.„Um ſo mehr freut es mich, Euch hier zu finden, denn unſer Waizen blüht— das ſchadenfrohe Geſicht des Herrn Zbislaw Zagjc wird ſich bald in ein jämmerliches verwandeln. Niemand aber wird ſich mehr freuen als die Königin, Euch hier zu finden; 48 ſie war ſehr betrübt, als ich ihr ſagte, ſie würde Euch zu vermiſſen haben. Ihr werdet hoffentlich mit turniren?“ „Ich habe keine Luſt dazu,“ antwortete Zäwis. „Fühlt Ihr Euch noch zu ſchwach dazu?“ fragte Sezema. „Das könnte ich nicht ſagen,“ erwiderte Zäwis. „Dann müßt Ihr Euch am Bohurd betheiligen. Ich will Euch ſagen, warum. Seht Ihr dort den ſtattlichen Herrn, der mit ſeinem Goldfuchs vor dem königlichen Wagen Prunkmännlein macht? Das iſt ein Prinz aus dem Kaninchengeſchlecht der ſchleſiſchen Herzöge, Herrn Heinrich's von Breslau jüngſter Sohn. Der möchte gern die Hand der ſchönen Königswitwe gewinnen. Er hat ſich ſeit vier Wochen in Prag herumgetrieben und der Königin große Huldigung erwieſen. Bis jetzt hat er freilich noch keine Eroberung an ihr gemacht; aber wer ſteht dafür, daß der junge und ſchöne, dabei fürſtlich gebildete Herr nicht doch zuletzt das liebebedürftige Herz der lebensvollen Witwe gewinnt, wenn es ihm Niemand ſtreitig macht. Er hat ſich vorgenommen, den erſten Preis im Bohurd zu gewinnen, und wenn er ihn aus der Hand der Königin empfängt, wird er gewiß um die Gunſt bitten, ihre Farbe tragen zu dürfen. So weit dürfen wir es nicht kommen laſſen. Nur ein Witkowetz darf der Ritter einer böhmi⸗ ſchen Königin ſein. Ich werde mein Mögliches thun, den 49 Prinzen aus dem Sattel zu heben, und Ihr, Wladyka, dürft in dieſem Wettſtreit kein müßiger Zuſchauer blei⸗ ben. Alles zur Ehre der glorreichen Roſe!“ 2 „Ich will mir's überlegen,“ erklärte Zäwis und machte ſich von ſeinem Vetter los, um Libusa's Vater zu begrüßen, den er jetzt in ſeinem Wagen aufrecht ſte⸗ hen und ſich umſehen ſah. Er ritt zu ihm hin. Doch der Gelehrte bemerkte ihn kaum, ſo kehrte er ihm den Rücken. Zäwis beſann ſich, daß der ehrenwerthe Mann den in den Augen der Welt verläugnen mußte, der die Ehre ſeiner Tochter noch nicht öffentlich hergeſtellt hatte. Er war betrübt darüber, aber er beklagte es als ein Miß⸗ geſchick, das er jetzt nicht ändern könne. Als er ſich wandte, um an ſeinen Platz zurück zu kehren, neigte ſich die Königin aus dem Wagen und ſprach mit dem jun⸗ gen Herzog von Breslau— ſie ſchien ſehr freundlich ge⸗ gen ihn zu ſein und das wirklich ſchöne Geſicht des jun⸗ gen Mannes ſtrahlte wie verklärt. Zäwis ließ tief ver⸗ ſtimmt ſein Roß ſteigen— die Königin ſah ſich nach ihm um, ein flammender Blick aus ihren Augen begegnete dem ſeinigen— es war beſchloſſen, daß er ſich am Bo⸗ hurd betheiligte und den Schleſier, der ſich„in Böhmen einniſten“ wollte, in den Sand ſtreckte. Die Königin ſetzte die Reiſe nach Iglau fort. An der Grenze Mährens, die zugleich die Grenze des Weich⸗ 50 bildes von Iglau war, empfingen ſie die Bergleute von Iglau im glänzendſten Staate mit Trompeten und Pfei⸗ fen und Jubelgeſchrei. Vor dem Thore der Stadt hielt der Kaiſer, umgeben von mehreren Fürſten des deutſchen Reiches, wie Friedrich von Hohenzollern, Meinhard von Throl, Friedrich von Dresden, Diezmann von Meißen, Otto mit dem Pfeil von Brandenburg und Friedrich von Walchen, Erzbiſchof von Salzburg. Ein glänzendes Ge⸗ folge— aber Smil, der Stallmeiſter, meinte, gegen das Gefolge der beiden Könige bei der Eröffnung des Hoch⸗ zeitsfeſtes an der Donau, ſei das doch faſt armſelig zu nennen. König Otakar ſei umgeben geweſen von mehr als zwanzig polniſchen und ſchleſiſchen Herzögen, deut⸗ ſchen Markgrafen und Grafen, alle mit dem König an Pracht der Gewänder wetteifernd; den König von Un⸗ garn hätten die Könige von Rußland und Serbien mit ihren Prinzen und eine Menge Herzöge, wie die von Krvatien, Slavonien, Bosnien, Siebenbürgen u. A., umgeben. Der Kaiſer ritt allein an den Wagen der Königin, grüßte dieſe ehrerbietig und artig, und reichte ihren beiden Kindern mit freundlichen Worten die Hand. Dann ge⸗ leitete er den Wagen bis an die Herberge der Königin, die dicht neben der ſeinigen ſich befand. An ſeiner Hand ſah ſie auch Zäwis im Hausflur ihrer Herberge ver⸗ 51 ſchwinden. Ihre Kinder führte der Biſchof Bruno ihr nach. Der folgende Tag war zur Trauung der beiden noch ſo kindlichen Paare beſtimmt. Nachdem zwiſchen den bei⸗ den Eltern, beziehendlich dem Vormunde, noch verſchie⸗ dene Beſtimmungen über Heirathsgut und Widerlage ge⸗ troffen worden waren, fand die Trauung durch den Bi⸗ ſchof von Baſel ſtatt. Der Trauung folgte ein Schmaus, wobei der Kaiſer den Wirth machte. Wie alle Anweſenden des höhern Adels, war auch Zäwis mit ſeiner Mutter geladen. Beide ſaßen mitein⸗ ander ſo, daß ſie den Kaiſer und die neben ihm ſitzende Königin ſo wie die beiden jungen Pärchen gerade im Auge hatten. Die Königin war, wie der Chroniſt meldet, in zierlichem Schmuck, das Antlitz, wie es der Witwe ziemt, mit weißem Schleier verhüllt; doch war es, wenn der Schleier ſich zufällig hob, entzückend anzuſehen, und ein liebevoller Blick von ihr— meint der ehrliche Chro⸗ niſt— hätte ſelbſt einen halbtodten Mann beleben müſſen. Zäwis war kein halbtodter Mann, und mehr als ein be⸗ lebender Blick aus den ſchönen Augen der Königin traf ihn während der Tafel. Seine Mutter unterließ auch nicht, ſich in Lobpreifungen der Vorzüge der hohen Frau zu ergehen. Als man ſich nach aufgehobener Tafel zu einem 52 Feſtſpiel vereinigte, veranſtaltete der kaiſerliche Wirth bunte Reihe, ſich jedoch wieder den Platz neben der rei⸗ zenden Königin vorbehaltend. Aber gar nicht weit davon kam Zäwis zwiſchen ein Fräulein von Schönburg und eine Tochter Boreſch's von Rieſenburg zu ſitzen. Es ver⸗ urſachte ihm eben kein Behagen, zu ſehen, wie der Kai⸗ ſer ſich in Artigkeiten gegen ſeine königliche Nachbarin erſchöpfte. Er verſuchte ſich durch eine lebhafte Unter⸗ haltung mit ſeinen Nachbarinnen zu zerſtreuen; da mußte er Zeuge einer Scene werden, die ihm das Blut zu Häupten trieb. Der Kaiſer ſagte plötzlich zu der Kö⸗ nigin ganz vernehmlich für Zäwis' feines Gehör:„Frau, wiſſet Ihr wohl, wenn man bittere Freundſchaft aus⸗ ſühnt, das beſtätigt man durch einen Kuß. Wollt Ihr alſo mit mir thun, ſo ſeh' ich, daß die Sühne zwiſchen uns echt und ganz iſt.“ Die Königin bedachte ſich gar nicht lange und er⸗ widerte:„Es ſei, auf wahre Sühne und Freundſchaft zum Wohle unſerer Kinder und zum Heile unſerer Völ⸗ ker!“ Sie ſchlug den Schleier zurück und reichte dem Kai⸗ ſer den zum Kuße geſchaffenen Mund. Rudolf preßte ei⸗ nen langen Kuß darauf, und er würde ihn noch verlän⸗ gert haben, wäre das Auge der Königin nicht einem dunkel flammenden Blicke Zäwis' begegnet, worauf ſie ſich augenblicklich von dem Kaiſer losmachte und ihren Schleier zuſammenzog. 53 Zäwis war einen Augenblick ſehr verſtimmt; aber ſeine Nachbarin, das Fräulein von Rieſenburg, machte ihn nach einer witzigen Bemerkung über die unanſehnliche Perſon des künftigen Königs von Böhmen auf eine er⸗ götzliche Zwieſprache zwiſchen dieſem und ſeiner kleinen Frau aufmerkſam. Wenzel erzählte der Tochter Rudolf's von den Thaten ſeines trefflich abgerichteten Sperbers und Juta fand ſich dafür mit umſtändlichen Lebens⸗ beſchreibungen ihrer Puppen ab. Dieſes naive Bild wirkte erheiternd auf Zäwis, und ſo verſtand er hernach einen Blick der Königin, in welchem zu leſen war:„Ich konnte ja nicht anders!“ Harmlos unterhielt er ſich nun mit ſeinen Nachbarinnen und bezauberte ſie durch ſeine geiſt⸗ volle und blühende Rede. Auf das Feſtſpiel folgte großer Tanz. Während deſſelben nahm der Kaiſer Gelegenheit, ſich mit allen ſei⸗ nen Gäſten perſönlich bekannt zu machen, wobei ihm Milota von Deditz und Sezema von Wittingau als Füh⸗ rer dienten. Auch zu Zäwis kam er, begrüßte ihn und ſagte dann:„Ihr werdet wohl nun glimpflicher von dem deutſchen Kaiſer denken, da er ſich für Eure Wiederein⸗ ſetzung verwendet.“ „Ich bin Eurer Majeſtät von Herzen dankbar,“ erwiderte Zäwis,„aber noch haben die wenigſten mei⸗ 54 ner Mitgeächteten die Wirkung dieſer Verwendung er⸗ fahren.“ „Ich habe zu meinem Leidweſen vernommen, daß Markgraf Otto in der Erfüllung dieſes Theiles unſeres Abkommens ſaumſelig geweſen, doch verſpreche ich Euch, daß dieſe Angelegenheit noch vor Ablauf dieſes Jahres erledigt ſein ſoll. Was Euch inſonderheit betrifft, ſo könnt Ihr frei in Euer Vaterland und Euren Beſitz zu⸗ rückkehren, wenn Ihr gleich den Schutz des deutſchen Kaiſers ſo ſtolz verſchmähtet.“ „Das habe ich nicht gethan, kaiſerliche Majeſtät,“ erwiderte Zäwis ruhig;„ich habe nur ein förmliches oberherrliches Schutzrecht des deutſchen Reichsoberhaup⸗ tes über böhmiſche Landesangehörige als ſolche nicht auf⸗ kommen laſſen wollen. Was würde Eure Majeſtät von einem deutſchen Edelmanne ſagen, der den König von Frankreich zum Schutzherrn über Unterthanen des deut⸗ ſchen Reiches machen wollte?“ „Das iſt etwas Anderes,“ ſagte Rudolf von Habs⸗ burg;„Böhmen iſt eine Art Lehen des deutſchen Reiches.“ „Dazu haben es die deutſchen Könige als römiſche Kaiſer machen wollen,“ verſetzte Zůwis;„aber nie ha⸗ ben die böhmiſchen Fürſten, noch weniger hat das böh⸗ miſche Volk eine ſolche Abhängigkeit vom Reiche an⸗ erkannt. Man hat hier immer einen ſcharfen Unterſchied 55 zwiſchen dem römiſchen Kaiſer und dem Oberhaupte des deutſchen Reiches gemacht. Dem Kaiſer als weltlichem Haupte der Chriſtenheit hat man das Recht zugeſtanden, die angeſtammten böhmiſchen Herrſcher in ihrer Würde zu beſtätigen, nie aber hat ein deutſcher König als ſolcher die Krone Böhmens an einen beliebigen Fürſten verlei⸗ hen dürfen. Den böhmiſchen Herrſchern liegt ob, die in der Nähe Böhmens ſtattfindenden Kaiſertage zu beſuchen, oder durch Geſandte zu beſchicken; aber dabei haben ſie das nur wirklich ſouveränen Fürſten zuſtehende Recht, ihre perſönliche Ankunft am kaiſerlichen Hofe mit Feuer und Flammen anzukündigen. Und nie haben ſie an das Reich eine Leiſtung zu thun, ſondern bloß dem römiſchen Kaiſer dreihundert Bewaffnete zu jeder Romfahrt zu ſtel⸗ len gehabt.“ „Ihr müßt aber zugeſtehen,“ behauptete der Kai⸗ ſer,„daß es für Böhmen nur gut wäre, wenn es ganz unter dem mächtigen Schutze des deutſchen Reiches ſtünde.“ „Böhmen hat in alter und neuer Zeit bewieſen, daß es ſtark genug iſt, ſich ſelbſt zu ſchützen,“ warf Zä⸗ wis ein. „Aber Ihr Herren vom böhmiſchen Adel konntet Euch nicht ſchützen gegen die Willkür Eurer Herrſcher,“ hielt ihm der Kaiſer entgegen. 56 „Das war unſere eigene Schuld,“ verſetzte Zäwis; „hätten wir nur Alle zuſammen geſtanden und uns feſt auf das heimiſche Recht geſteift—“ „Es hätte bei mir geſtanden, Böhmen nach dem Siege an der March zu erobern,“ ſagte der Kaiſer. „Das wäre vielleicht das beſte Mittel geweſen, die böhmiſche Nation einig zu machen, um das fremde Joch wieder abzuſchütteln.“ Der Kaiſer biß ſich auf die Lippe und ging weiter. Auf Zäwis' Schulter legte ſich jetzt eine kräftige Hand und eine männliche Stimme ſagte:„Das war mir aus der Seele geſprochen, werther Freund!“ Zäwis wandte ſich um und ſah ſeinen Waffenbru⸗ der Hynek von Duba an der Hand Boreſch's von Rie⸗ ſenburg vor ſich ſtehen. Dieſer reichte ihm die Hand und ſagte:„In dieſer Geſinnung laßt mich künftig zu Euch ſtehen. Laßt uns einen Bund ſchließen für die Unabhän⸗ gigkeit Böhmens!“ „Es freut mich, daß Euer böhmiſches Herz wieder zur Macht über Euch gelangt iſt,“ erwiderte Zäwis und ctelte ihm die Hand. „Die Zeit kommt vielleicht eher, als wir denken,“ ſagte Boreſch„wo wir nöthig haben werden, die alte böhmiſche Freiheit zu vertheidigen; laßt uns hier ein⸗ 57 ander geloben, dies vereint zu thun, und ſeid Ihr unſer Führer.“ „Ja,“ fiel Hynek von Duba bei,„ſchließen wir ein feſtes Bündniß zur Wahrung der böhmiſchen Freiheit, und ſeid Ihr das Haupt des Bundes.“ Die drei Männer legten ihre Hände in einander. Gern hätte Zäwis ſich dieſen Abend der Königin genaht; aber er fand ſie immer in der Geſellſchaft des Kaiſers oder anderer Fürſten, und von einer ungeſtörten Unterhaltung mit ihr konnte nicht die Rede ſein. Sie verließ auch das Feſt ſchon ſehr früh und ward von dem Kaiſer in das Vorzimmer geleitet, wo ihre Frauen ſie erwarteten. Den folgenden Tag fand der Bohurd ſtatt. Eine große Zahl von Fürſten und Evplen hatte ſich dazu ge⸗ meldet. Der junge Herzog von Breslau war der Erſte, der in die Schranken ritt und durch den Herold Zeden, der da Luſt hatte mit ihm eine Lanze zu brechen, heraus⸗ forderte. Sezema von Wittingau war der Erſte, der die Ausforderung annahm. Der Herold prüfte die Waffen der beiden Kämpfer, deren Turnierfähigkeit vorher feſt⸗ geſtellt war. Die Grieswärtel theilten Luft und Sonne. Der Herzog ritt vor die Königin, die auf einer Bühne zwiſchen ihren Kindern gegenüber dem kaiſerlichen Throne ſaß, ſenkte vor ihr die Lanze und rannte dann auf ſeinen 1865. XX. Zäwiß von Roſenberg. III. 4 58 Gegner los. Den erſten Stoß hielt dieſer glücklich aus, ſprengte zurück und rannte mit einem ſo gewaltigen Stoße gegen den Herzog, daß dieſer im Sattel wankte— ſchon ſprangen die Grieswärtel ein, doch der Herzog ſetzte ſich feſt und ein neues Rennen begann. Jetzt hob Letzterer den Witkowetz aus dem Sattel. Der Sieger öffnete ſein Viſir, ließ ſein Pferd ſteigen, warf es herum und ritt langſam mit geſenkter Lanze und von Triumph ſtrahlendem Geſichte an der Königin vorüber. Das war für Zäwis das Zeichen in die Schranken zu reiten. Die Königin bebte, als ſie ihren„Paladin“, der vor Kurzem erſt vom Siechbette erſtanden war, ſich dem Sieger Sezema's gegenüberſtellen ſah. Sie zog ihren Schleier zuſfammen, um die Bewegung zu verbergen, die ſich auf dem Geſichte abmalte. Mit hochklopfendem Herzen ſah ſie, wie die Gegner auf einander losrannten, wie ſich ihre Lanzen im furchtbaren Stoße begegneten, aber Beider Lanzen zerſplitterten an den Panzern. Die Grieswärtel ſchafften neue herbei. Der Kampf begann von Neuem. Langſam ritten die Gegner einige Schritte einander entgegen. Dann ſchoßen ſie wie zwei Blitze auf einander. Der Herzog bog ſich weit vor im Sattel, und es war furchtbar anzuſehen, mit welcher Wucht ſeine Lanze auf ſeinen Gegner ſchoß, während dieſer die ſeinige See ——— 59 nur leicht einlegte. Die Königin zitterte für Zäwis, und ſicher wäre es auch um dieſen geſchehen geweſen, wäre er dem Stoße nicht durch eine ganz leichte Bewegung geſchickt ausgewichen, ſo daß die Lanze dicht an ihm vor⸗ beiſauſte. Blitzſchnell wich er jetzt einen Schritt zurück und im nächſten Augenblicke lag ſein Gegner im Sande. Ein Laut der Bewunderung durchlief die Reihen der Zuſchauer.„Ich will hoffen, daß hier Alles mit rechten Dingen zugeht,“ äußerte der Kaiſer zu dem Burggrafen von Nürnberg. Indeſſen ritt Zäwis mit geſchloſſenem Viſir an der Königin vorüber und ſenkte vor ihr die Lanze. Die Bewegung des Schleiers verrieth das Wogen ihrer Bruſt. Als der überwundene Herzog aus den Schranken geführt worden war, nahm ſein Freund, Friedrich von Schönburg der Jüngere, ſeine Stelle auf dem Kampf⸗ platz ein. Nach kurzem Kampfe erlag auch dieſer der Kraft und Gewandheit des Hauptes der Roſe. Zetzt glaubte Hynek von Lichtenburg an dem nur erſt von ſeinen Wunden geneſenen und durch zwei Kämpfe bereits ermüdeten Feinde zum Ritter werden zu können. Doch Zäwis leiſtete ſeinem ungeſtümen Angriff tapfern Wider⸗ ſtand und vereitelte ſeine gewaltigen Stöße durch wunder⸗ bare Gewandheit, wenn es ihm auch ſelbſt nicht möglich war, den an Stärke ihm überlegenen Mann aus dem 4* 60 Sattel zu heben. Doch Hynek ward durch die Ruhe und Gewandheit ſeines Gegners und ſeinen alten Haß ſo zur Wuth gereizt, daß er mit Verletzung der Turniergeſetze tückiſch auf ihn eindrang und die Grieswärtel zum Ein⸗ ſpringen nöthigte, die ihn aus den Schranken wieſen. Jetzt hätte Zäwis mit Ehren aus den Schranken reiten können; die Königin wünſchte es ſehnlich und bat ſeine in der Nähe ſitzende Mutter, ihn durch einen der Greiswärtel erſuchen zu laſſen, daß er nun wenigſtens ausruhen möge; allein ehe die Matrone ſich noch mit einem Grieswärtel verſtändigen konnte, ſtand ſchon ein neuer Gegner in der Perſon Burghardt's von Janowitz ihm gegenüber. Dieſen wußte Zäwis erſt durch äußerſt gewandte Bewegungen zu ermüden, um ihn dann mit Leichtigkeit aus dem Sattel zu heben. In den Reihen der am Turnier betheiligten Herren murmelten einzelne Stimmen von Zauberei. Auch der kampfbereite Herr Zbislaw Zagie von Tiebaun glaubte, daß der verhaßte Witkowetz nur Zauberkünſten ſeine Siege verdanke. Aber er war im Beſitz eines Talismans und ritt darum unverzagt in die Schranken, um ſeine Freunde Burkhardt von Janowitz und Hynek von Lich⸗ tenburg zu rächen. Vergebens ließ Zäwis' Mutter dieſen durch den Grieswärtel bitten, ſich vom Kampfplatz zurück⸗ zuziehen. Dieſen Strauß wollte er noch beſtehen. Es 61 war kein leichter Strauß. Der erſte Anprall ſeines Fein⸗ des hätte ihn beinahe aus dem Sattel gehoben; aber er faßte ſich ſchnell wieder und es gelang ihm beim dritten Rennen ſeinem Gegner die Lanze aus der Fauſt zu ſtechen, wodurch derſelbe zu weiterm Kampfe unfähig ward. Nun hatte Niemand weiter Luſt mit dem fünffachen Sieger— der nach vieler Meinung mit geheimnißvollen Mächten im Bunde ſtand— eine Lanze zu brechen. Nach⸗ dem Zäwis eine Weile gewartet, öffnete er ſein Viſir, ritt auf die Königin zu und ſenkte vor ihr ſeine Lanze. Ein Blick voll Freude und Bewunderung lohnte ihm; damit ritt er langſam aus den Schranken. Das Turnier hatte ſeinen Fortgang. Noch manche Lanze ward gebrochen, noch mancher Ritter flog aus dem Sattel; Herr Hynek von Duba wetteiferte mit Zäwis an Kraft und Gewandheit, aber er konnte es ihm doch nicht gleich thun. Laut verkündeten die Kampfrichter Herrn Zäwis von Falkenſtein auf Krumau als erſten Sieger. Er trat in die Schranken, ſeinen Preis aus der Hand der Königin zu empfangen. Mit unvergleichlichem Anſtand ließ er ſich auf eine Kniee vor ihr nieder; ſie ſtieg die Stufen der Bühne herab, ſchlug ihren Schleier zurück und ſetzte dem Sieger mit anmuthiger Würde einen Lorbeerkranz von reinem Golde auf das Haupt. 62 Der Schall von Trompeten und Pfeifen begleitete die feierliche Handlung; aber Zäwis hörte allein die glocken⸗ tönige Stimme, welche zu ihm ſagte:„Mein Pala⸗ din!“—„O weiht mich dazu durch die Erlaubniß Eure Farbe zu tragen,“ bat er begeiſtert. Sie wandte ſich um und winkte einem Edelknaben, zu ihr herabzukommen. Dieſem nahm ſie ſeine roſenfarbene Schärpe ab und band ſie Zäwis um.„Tragt ſie ſo treu, wie Ihr ſie tapfer errungen!“ ſagte ſie dazu. Berauſcht erhob er ſich. Indem er ſich zum Gehen wandte, begegnete er dem Blicke Dalemil's, der— ſo ſchien es ihm wenigſtens— warnend auf ihm ruhte. Gleichſam flüchtend vor dieſem Blick, ſuchte er auf der entgegengeſetzten Seite das Auge ſeiner Mutter; das ſprach deutlich aus triumphirendem Antlitz die Worte: „Du biſt mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Prittes Capitel. Die Zeit der Feſte war vorüber. Die Königin war mit ihren Kindern nach Prag zurückgekehrt und Zäwis ihr dahin gefolgt, um dem in Bälde zu erwartenden Land⸗ tage beizuwohnen und im Voraus für ein erſprießliches Reſultat deſſelben thätig zu ſein. Dies wenigſtens war der ausgeſprochene Grund; daß ihn noch etwas ganz Anderes nach Prag zog, verſchwieg er ſich und Anderen. Die Königin richtete im Königshofe eine glänzende Hofhaltung ein. Dazu brauchte ſie Zäwis Beiſtand. Sie hatte gehört, wie geſchmackvoll und herrlich er ſeine eigene Hofhaltung in Krumau eingerichtet hatte: er ſollte bei ihr Alles in ſeiner Weiſe anſtellen. Und ſie konnte ſich in der That keinen beſſern Anſteller wählen. Da er nun wieder Herr über ſein Eigenthum in Krumau war, ſo ſandte er heimlich dorthin und ließ in großen, unten mit heißem Sand angefüllten und verſchloſſenen Wagen die prächtigſten Gewächſe von dort kommen, und verwandelte eine Reihe von Gemächern in eine Art Wintergarten, der Allen, welche ihn ſahen, als Zauberwerk erſchien, da ſie nicht wußten, wie die Verwandlung vor ſich gegangen war. Die Königin ſelbſt betrachtete dieſelbe faſt mit heim⸗ lichem Grauen. Und rings um ſie her verwandelte ſich Alles in wunderbarer Weiſe unter dem ſinnreichen Walten ihres„Paladins“. Die weiten Räume des Königshofes wurden zu einem Feenreich, darin ſie, die Königin, als die ſtrahlende Fee erſchien, deren Macht jedoch gebunden war an die geheimnißvollen Formeln eines zweiten Merlin. 64 Als Zäwis Alles in ſeiner Weiſe vollendet ſah, be⸗ ſchloß er ein glänzendes Feſt zu veranſtalten und damit ſeine„Herrin“ zu überraſchen. Daſſelbe ſollte mit einem Bergaufzug beginnen, wozu er ſich die Bergleute von Kuttenberg erſehen hatte, deſſen Bergbau damals im höch⸗ ſten Aufblühen war. Um die Bergleute dafür zu gewinnen und verſchiedene Vorbereitungen unter ihnen zu treffen, mußte er ſelbſt nach Kuttenberg gehen und dort mehrere Tage, vielleicht eine Woche verweilen. Um ſich zu dieſer Reiſe Urlaub zu erbitten, kam er eines Morgens zu der Königin. Er fand ſie in auffallender Verſtimmung. Als er nichts deſto weniger ſeine Bitte vorbrachte, rief ſie klagend: „Wie! Ihr wollt mich jetzt verlaſſen? Jetzt, wo meine Feinde auf's neue ihr Haupt erheben, und wo mir ahnt, daß ich eines„Paladins“ mehr als je bedürfen werde?“ „Was iſt denn geſchehen?“ fragte Zäwis beſtürzt. „Da leſet einmal!“ antwortete ſie und hielt ihm ein Schreiben vor. Daſſelbe war von dem Regenten und lautete: „Ew. Liebden werden begreifen, daß es nicht wohl⸗ gethan iſt, wenn ein Mägdlein von fürſtlicher Geburt, das dem Jungfrauenalter mit raſchen Schritten entgegen⸗ gehet, wie mein theures Mündel, Eure Tochter Kuni⸗ 65 gunde, mitten unter Zerſtreuungen, wie ſie an Ew. Liebden Hofe Platz gegriffen haben, ja inmitten ſinnverwirrenden Blendwerks und Zaubers lebt; ſo erſuche ich Ew. Liebden dringend, dieſes mein mir von Gott anvertraute Mündel, über deſſen zeitliches und ewiges Wohl ich zu wachen ver⸗ pflichtet bin, den Gefahren Eures Hoflebens dadurch zu entreißen, daß Ihr ſie in das Kloſter bei St. Georg zu ihrer ehrwürdigen Großtante Liebden gebet. Ob meine andern Mündel, insbeſondere der König, länger unter Eurer Obyut bleiben können, darüber werde ich mit des Landes Räthen Berathung pflegen. Otto, Markgraf von Brandenburg.“ „Iſt das nicht abſcheulich?“ ſagte die Königin, als Zäwis das Schreiben zurückgab. „Mich überraſcht es nicht,“ erwiderte Zäwis,„wenn ich bedenke, daß der Markgraf in ſeiner brandenburgiſchen Sandwüſte mit ihren traurigen Föhrenwäldern von feiner und heiterer Lebensſitte gar keinen Begriff haben kann. So einem rohen und ungeſchlachtenen Geiſt mögen aller⸗ dings unſere ausgebildeteren Sitten anſtößig und die auf die Ausſchmückung Eures Hofes verwendete Kunſt als Zauberwerk erſcheinen. Man muß ſich die Aeußerungen eines ſolchen Halbbarbaren nicht zu Herzen nehmen.“ „So meint Ihr, daß ich dem Schreiben keine Folge 66 geben ſoll?“ fragte die Königin;„es wäre mir ſchrecklich, wenn ich mich von einem meiner Kinder trennen ſollte!“ „Laßt vorerſt nur das Schreiben auf ſich beruhen,“ antwortete Zäwis;„ſollte der Martgraf ſein Anſinnen wiederholen, ſo will ich ihm an Eurer Statt antworten.“ „Ja, ſteht mir bei,“ bat die Königin;„ich glaube, daß dieſes Anſinnen nur die Einleitung zu ganz andern Anmaßungen iſt. Der Meiſter Dalemil hat mich auch ge⸗ warnt, vor dem Markgrafen auf der Hut zu ſein.“ „Ich werde mich beeilen, bald wieder in Eurer Nähe zu ſein,“ verſicherte Zäwis;„eine Gewaltthat wird der Markgraf gegen Euch nicht unternehmen.“ „Ich laſſe Euch mit ſchwerem Herzen ziehen,“ ſagte die Königin;„ich ſollte wohl auch nicht fürchten, daß der Markgraf zur Gewalt ſchreiten könne, und dennoch kann ich einer bangen Ahnung nicht Meiſter werden.“ „Späteſtens in zehn Tagen bin ich wieder bei Euch,“ verſprach Zäwis,„bis dahin empfehle ich Euch dem Schutze Gottes und der wackeren Bürger.“ „Wenn Ihr nicht anders könnt, ſo ziehet,“ ſagte die Königin ſeufzend,„aber bleibet nicht länger fort.“ Zäwis wiederholte ſeine Verſicherung, küßte der kö⸗ niglichen Frau ehrerbietig die Hand und ging. Ein langer feuchter, inniger Blick folgte dem Scheidenden. Als er durch den Corridor ſchritt, begegnete er Da⸗ 67 lemil, den er längere Zeit nicht geſehen. Der Alte blickte ihn finſter an und wollte vorübergehen. Zäwis hielt ihn auf. Noch war er ſich keiner wirklichen Untreue bewußt, noch betrachtete er ſich nur als den Freund und Berather einer hilfsbedürftigen Königin, noch war es ihm nicht in den Sinn gekommen, ſeine Gattin zu verſtoßen.„Was ſeht Ihr ſo finſter drein?“ redete er den Gelehrten an. „Meint Ihr, ich ſoll dazu lächeln, wenn ich ſehe, wie Treue und Glaube Schiffbruch leiden?“ verſetzte Dalemil,„und wie eine edle und tugendhafte Königin in's Verderben geführt wird?“ „Was wollt Ihr damit ſagen? Wer führt die Kö⸗ nigin in's Verderben?“ fragte Zäwis. „Welche Frage? 7“ erwiderte Dalemil,„wer ſonſt, als der, der mein Kind in's Verderben geführt?“ „Vater!“ rief Zäwis,„was redet Ihr für Un⸗ ſinn?“ „Ein Wunder wäre es nicht, wenn man unſinnig würde über Alles, was man erleben muß!“ entgegnete der Greis.„Aber der alte Dalemil hat ein unverwüſt⸗ liches Hirn. Geht mir aus dem Wege— mein Kind iſt verrathen— verloren.“ Er gab ſeinem Schwiegerſohn einen Stoß und lief eilig davon. Zäwis blickte ihm betroffen nach. Und lag denn in den Worten des Greiſes nicht viel 68 Wahrheit? War denn das treue, edle Weib in ihrem mähriſchen Waldſchloſſe nicht ſo gut wie vergeſſen über der reizenden Königin? Und war dies Vergeſſen nicht Verrath? Aber— ſo lautete die allezeit bereite Entſchuldi⸗ gung— ich kann ja jetzt nicht anders, ich muß auf dem Platz ſein für die Ehre und die Macht meines Hauſes, für das Vaterland, für die königliche Witwe. Zawis ging nachdenklich aus dem Palaſt nach ſeiner Wohnung, um ſich zur Reiſe zu rüſten, die er noch den⸗ ſelben Tag antrat. Aller Glanz und alle Schönheit, welche Zäwis um die Königin her geſchaffen, konnte ſie nicht entſchädigen für die entbehrte Unterhaltung des Schöpfers. Träume⸗ riſch, voll bangen Sehnens und trüber Ahnung ſchlich ſie durch die köſtlichen Räume ihres Palaſtes. Wohl be⸗ gegneten ihre Blicke hier überall Spuren ſeines Geiſtes, aber der lebendige Odem dieſes Geiſtes fehlte, er wehte ſie nicht an mit himmliſcher Berauſchung. Sechs Tage waren ihr ſo mit bleiernem Flügel da⸗ hingeſchlichen. Nach fünf ſchlafloſen Nächten ſenkte ſich endlich ein erquickender Schlummer auf ſie nieder. Aber aus dem ſüßeſten Schlafe ward ſie plötzlich durch ein Ge⸗ räuſch geweckt. Als ſie die Augen aufſchlug, ſah ſie Ker⸗ zenſchein im Vorzimmer und hörte, wie eine rauhe Män⸗ 69 nerſtimme ihrer dienſtthuenden Kammerfrau befahl die Königin zu wecken. Dieſe ſprang aus dem Bette und ver⸗ riegelte ſchnell die nur angelehnte Glasthür, welche ein Vorhang verhüllte. Die Kammerfrau ſchrie um Hilfe, mehrere Männerſtimmen drohten die Thür zum Schlaf⸗ gemach der Königin zu ſprengen und ſie ſelbſt zu wecken, wenn jene dies nicht ſogleich thue.„Es geſchieht im Na⸗ men des Regenten,“ fügten ſie hinzu. Die Königin warf ſich ſchnell in ein Ueberkleid und trat entrüſtet hinaus.„Hier bin ich ſchon!“ rief ſie; „welcher unerhörte Frevel geht hier vor? Wer ſeid ihr?“ „Des Regenten von Böhmen Kriegsleute,“ ant⸗ wortete Einer in ſchlechtem Böhmiſch;„wir ſollen Euch erſuchen uns zu folgen.“ Die Königin machte eine Bewegung nach dem näch⸗ ſten Fenſter. „Macht Euch keine umütze Mühe, hohe Frau,“ ſagte der Kriegsmann, ihr den Weg vertretend;„Ihr findet keine Hilfe. Die guten Bürger von Prag ſind überrumpelt und an allen Poſten entwaffnet. Des Regenten Streitmacht hat die Stadt in der Gewalt und Euer Palaſt iſt von zweihundert Mann beſetzt— es iſt weder Hilfe noch Entrinnen. Ihr habt Zeit Eure noth⸗ wendigſten Kleidungsſtücke zuſammenzuraffen und mit⸗ zunehmen.“ 70 „Wohin ſoll ich mit Euch gehen?“ fragte die Königin in vollkommener Faſſung. „Das werdet Ihr ſchon ſehen,“ verſetzte der rohe Kriegsknecht. „Und wenn ich nicht mit Euch gehe?“ warf die Königin ein. „Dann haben wir Befehl, uns Eurer Perſon mit Gewalt zu bemächtigen,“ war die Antwort. Die Königin warf einen Blick gen Himmel und ſagte dann zu ihrer Kammerfrau:„Wecke mir die Kinder, daß ich Abſchied von ihnen nehme!“ „Der junge Herr wird Euch begleiten,“ bemerkte der Anführer der Kriegsknechte. „Und meine Töchter?“ „Sollen in das Stift bei St. Georgen gebracht werden.“ „Wecke ſie und führe ſie hierher!“ befahl die Königin ihrer Kammerfrau. Inzwiſchen ſuchte ſie einige Gewänder zuſammen. Im Herzen beklagte ſie, daß Zä⸗ wis nicht da war, ſie zu ſchützen, aber äußerlich ſchien ſie ſich ruhig in ihr Schickſal zu fügen. Ihre Kinder kamen in Nachtkleidern und klam⸗ merten ſich wehklagend an ſie. Sie ſprach ihren Töchtern, von welchen die älteſte dem jungfräulichen Erblühen nahe, die andere, Agnes, eine noch feſtgeſchloſſene, aber 71 die herrlichſte Entfaltung verheißende Roſenknospe war, Troſt zu, und beſchwichtigte durch Liebkoſungen den klei⸗ nen, achtjährigen König, der auch leicht beruhigt war, als er hörte, daß er bei der Mutter bleiben ſolle. Herzzerreißend war der Abſchied der Töchter von ihrer geliebten Mutter. Die Kriegsknechte mahnten ein Ende zu machen. Noch eine letzte, heiße Umarmung, noch ein langer Kuß— und die Trennung war geſchehen. Ohne zu wiſſen, wohin, folgte die Königin, ihren Sohn an der Hand, den Schergen. Vor dem Palaſt hielt ein Wagen, da wurden ſie hineingehoben— dichte Finſterniß umgab ſie, der Wagen rollte dahin. Es war eine kalte ſchaurige Januarnacht. Der ver⸗ ſchloſſene Wagen ſchützte die königlichen Gefangenen vor dem wilden Schneegeſtöber, aber nicht vor der eiſigen Kälte. Die Königin nahm ihren vor Froſt zitternden Knaben auf ihren Schooß, wickelte ihn in ihre Gewänder und ſchloß ihn feſt an ihren Buſen. So erwärmte ſie ihn, ſo gelang es ihr, ihn zwei Tage und zwei Nächte vor dem Tode zu ſchützen; denn ſo lange dauerte die gegen Mitternacht gerichtete Fahrt. Endlich hielt der Wagen. Als ſie herausgehoben wurden, fanden ſie ſich auf einem frei aus waldiger Ebene emporſteigenden Bergkegel vor dem Thore einer gewaltigen Burg. Das Thor öffnete ſich, ſie wurden hineingeführt. Ueber eine Zugbrücke ging 72 es nach einem zweiten Thor, durch daſſelbe nach einem von ſtattlichen Gebäuden, darunter mehreren Thürmen umgebenen Hof. In eins der Gebäude wurden die Ge⸗ fangenen geführt und darin einem ſtarkknochichen ältlichen Mann übergeben, der ihnen als der Burggraf bezeichnet wurde. Dieſer führte ſie eine Stiege hinan, durch mehrere Zimmer in ein großes Gemach, in deſſen Kamin ein luſtiges Feuer brannte— ein Zeichen, daß Gäſte für dieſe Wohnung erwartet worden waren. Hier ſollten die Ge⸗ fangenen ſich häuslich niederlaſſen. Die Königin fragte den Burggrafen, der ein zwar etwas mürriſches Ausſehen hatte, hinter dem ſich aber ein ſtarker Zug von Gutmüthigkeit verſteckte, wo ſie wären. Er antwortete, daß er das nicht ſagen könne, und ſo erging es ihr faſt mit allen Fragen, die ſie jetzt noch an ihn richtete.— Sezema brachte die Nachricht von dem Gewalt⸗ ſtreich des Regenten am folgenden Tage nach Kuttenberg zu Zäwis. Dieſer wollte ſich ſofort nach Prag auf den Weg machen; aber Sezema beſchwor ihn, nicht dahin zu gehen, weil er ſich dadurch der Gefahr ausſetze, auf irgend eine Weiſe für den Markgrafen unſchädlich ge⸗ macht zu werden. Man müſſe jetzt dahin wirken, die Kunde von dem ſchändlichen Streiche in einem Schrei der Entrüſtung durch das ganze Land zu verbreiten. In 73 drei Wochen trete der Landtag zuſammen, dann müſſe man darüber Beſchwerde erheben, und es ſei zu erwarten, daß die gehörig vorbereitete Mehrheit die Beſchwerde zu der ihrigen machen werde. Inzwiſchen wolle man den Aufenthalt der Königin auszukundſchaften ſuchen. Dieſen Vorſchlägen mußte Zäwis beipflichten, ſie allein konnten zu einem Erfolge führen. Er beſchloß nach Krumau zu eilen und alle Glieder ſeines Geſchlechtes zuſammen zu rufen, um ſie zum einmüthigen Zuſammen⸗ wirken, beſonders auf dem Landtage zu veranlaſſen, indeß Sezema die übrigen, verbannt geweſenen Barone zu einem Bunde gegen den Regenten vereinigen wollte, was er um ſo ſicherer zu erreichen hoffte, als die wenigſten mit der Rückgabe ihrer Erbgüter zufrieden waren, denn die ihnen entzogenen Krongüter waren darunter nicht mit begriffen. Demgemäß ging Zäwis nach Krumau, Sezema aber eilte zunächſt zu Boreſch von Rieſenburg. Feſter als je verbanden ſich die Witkowetze mit ih⸗ rem Haupte, um den Anmaßungen des Markgrafen von Brandenburg entgegen zu treten. Auch von ihnen hatten Einige Krongäter beſeſſen, die ihnen nicht zurückgegeben worden waren und die ſie wieder zu erlangen wünſchten. Außerdem waren ſie ſowohl durch Sezema als durch Zäwis' Mutter auf das Verhältniß des Letzteren zur 1860. XX. Zäwis von Roſenberg. III. 5 74 Königin als auf ein höchſt folgenreiches für ihr Haus aufmerkſam gemacht worden. Sie ſahen im Geiſte die fünfblätterige Roſe und den königlichen Löwen zu Einem Wappen vereinigt. Von der ganzen Sippe theilten nur Bertha und ihr Gatte die vermeſſenen Pläne und Hoffnungen derſelben nicht. Sie kannten Zäwis' heimliche Ehe und hielten die⸗ ſelbe für heilig und unzertrennlich. Bertha ſuchte Ge⸗ legenheit mit ihrem Bruder unter vier Augen darüber zu ſprechen. Sie ſagte ihm dabei unverholen, wie ſie durch den Gedanken der Mutter, ihren Sohn als Ge⸗ mahl der königlichen Witwe zur höchſten Gewalt im Lande emporſteigen zu ſehen, beängſtigt worden. Zwar hätte ſie immer auf ſeinen rechtſchaffenen Sinn vertraut, aber ſie halte es doch für Pflicht, ihn ſchweſterlich zu warnen. „Sieh,“ ſetzte ſie hinzu,„ich habe mich ſo ſehr darauf gefreut, die Würdige, die Du zu Deiner Gattin aus freier Liebe gewählt, kennen zu lernen und als Schweſter zu begrüßen und mein Glück in dem Deinigen verdop⸗ pelt zu finden.“ „Das ſteht noch im weiten Felde,“ erwiderte er verſtimmt.„Siehſt Du denn nicht, wie unſere Mutter jetzt rüſtiger und munterer iſt, als je? Und ſo lange ſie lebt, darf ich doch nicht daran denken, die Tochter des ——— —————————————— 75 Volkes als mein Weib heimzuholen. Oder willſt Du, daß ich ihr den Todesſtoß gebe?“ „Gott möge ſie noch lange erhalten,“ ſagte Bertha. „Ach, warum muß ſie, die ſonſt ſo gut iſt, ſo gar ſtreng in Bezug auf Geburt und Herkommen denken! Ich kann freilich nicht wünſchen, daß Du ſie minder ſchoneſt— aber ſchone auch die Arme, die Dir Alles geopfert!“ „Wenn nur Alle unſeres ſtolzen Geſchlechtes däch⸗ ten wie Du!“ verſetzte Zäwis ſie auf die Stirn küſſend. „Ueberlaſſen wir Alles der Zeit.“ „Willſt Du denn Dein Weib und Kind nicht ein⸗ mal ſehen?“ nahm ſie das Wort wieder;„ſie wird ſich gewiß recht nach Dir ſehnen, zumal dahinten in dem einſamen mähriſchen Waldſchloß.“ „Du ſiehſt wohl ein, daß ich jetzt nicht dahin gehen kann,“ gab er zur Antwort;„all' meine Thätigkeit ge⸗ hört jetzt den Angelegenheiten der Roſe und des Vater⸗ landes— und, daß ich's nicht verſchweige, der bedräng⸗ ten, Gott weiß, in welchem Kerker ſchmachtenden Kö⸗ nigin.“ 8 „Thu, was Du thun mußt,“ ſagte Bertha;„nicht wahr, über die Ritterpflicht hinaus wirſt Du nicht gehen für die Königin?“ „Ich werde thun, was die Ehre gebietet,“ verſetzte 5* 76 Zäwis, und entzog ſich einer Unterhaltung, die ihm pein⸗ lich zu werden begann. Bertha fand keine Gelegenheit wieder mit ihm über dieſen Gegenſtand zu ſprechen. Nach wenigen Tagen ſchon reiſte er ab, um, wo möglich, eine Spur von der Königin aufzufinden. Er eilte in die Nähe von Prag und umkreiſte dieſes, überall forſchend; aber ſein For⸗ ſchen war ein völlig fruchtloſes. Mittlerweile kam die Zeit der Eröffnung des Land⸗ tages heran. Sezema hatte tüchtig gewirkt. Alle ehe⸗ maligen Mißvergnügten und ſämmtliche Freunde der Königin hatte er für ſeine Sache gewonnen, und von ihnen fehlte keiner im Ständeſaal. Zäwis erhob in einer glänzenden Rede die Beſchwerde über die an der Königin und ihren Kindern verübte Gewaltthat und drang auf ihre unverzügliche Wiedereinſetzung in ihre Hofhaltung zu Prag. Der Regent, welcher der Verſammlung in Perſon beiwohnte, verſuchte ſeine Handlungsweiſe zu rechtfer⸗ tigen, indem er ſie als durch das Staatswohl geboten darſtellte. Die Königin habe ſtatt in ſtiller Zurückgezo⸗ genheit für das Seelenheil ihres verſtorbenen Gemahles zu beten, ſich einem üppigen, koſtſpieligen Leben hingege⸗ ben; ſtatt durch weiſe Sparſamkeit das ihrige zur Heilung der dem Wohlſtande des Vaterlandes geſchlagenen Wun⸗ den beizutragen, ihre Einkünfte verſchwendet. Dieſes 77 Treiben habe er um ſo weniger dulden dürfen, als es auch für die ihm anvertrauten Mündel gefährlich geweſen. Er habe die Königin in Güte aufgefordert, wenigſtens ihre älteſte Tochter Kunigunde dieſem Treiben zu ent⸗ rücken, aber ſie habe ihm darauf nur mit ſchweigender Nichtachtung geantwortet. Da habe er ſich genöthigt ge⸗ ſehen, ſich ihrer Perſon zu bemächtigen und ſie mit ihrem Sohne in ſichern, aber fürſtlichen Gewahrſam zu brin⸗ gen, ihre Töchter hingegen dem Kloſter bei St. Georg anzuvertrauen, wo ſie bei ihrer erlauchten und ehrwür⸗ digen Großtante, der Aebtiſſin Agnes, wohl aufgehoben wären. Hiergegen erhob ſich Herr Hynek von Duba. Noch nie, ſagte er, ſei auf böhmiſcher Erde eine ſo ſchnöde Ge⸗ waltthat verübt worden. Es ſei wohl vor Zeiten vor⸗ gekommen, daß ein böhmiſcher Herrſcher ſeine eigene Ge⸗ mahlin verſtoßen und verbannt habe, aber noch nie habe ein Fremder, der die Regierung in Böhmen verwaltet, den rechtmäßigen König und eine Königs⸗Witwe bei Nacht im Schlafe überfallen und gefangen weggeführt, Niemand wiſſe, wohin. Das ſei wider alles göttliche und menſch⸗ liche Recht und ein Schimpf für das ganze böhmiſche Volk. Der Regent ſei eingeſetzt, Recht und Ordnung in dem ſchwer heimgeſuchten Lande zu ſtiften, und er beginne ſein Werk mit der gröbſten Rechtsverletzung und Gewalt⸗ 78 that, die ſich nur denken laſſe. Der ſei kein Böhme, am allerwenigſten ein böhmiſcher Edelmann, der ein ſolches Verfahren gut heiße. Er erwarte, daß ſich die verſam⸗ melten Stände wie ein Mann dagegen erheben und die augenblickliche Zurückführung der königlichen Familie for⸗ dern würden. Wirklich erhob ſich Niemand für die Handlungs⸗ weiſe des Markgrafen, und einſtimmig beſtanden die Stände auf Zurückführung und Freigebung der königlichen Familie. Dieſer Willenseinhelligkeit wagte der Regent keinen Widerſtand entgegenzuſetzen. Er brauchte Geld und mußte fürchten, daß ihm dieſes verweigert werden würde, wenn er ſich nicht fügte. So verſprach er denn der Forderung der Stände nachzukommen, ihnen die Verantwortung der Nachtheile zuſchiebend, die ihre Verwendung nach ſich zie⸗ hen könne. Gern bewilligten ihm nun die Stände die beantragte Berna(freiwillige Gabe). Als er dieſe durchgeſetzt ſah, wußte er einen entſcheidenden Beſchluß über die hierauf von Albert von Seebach, unter Unterſtützung der Witko⸗ wetze und Rieſenburge beantragte Rückgabe der Kron⸗ güter an ihre vorigen Inhaber, klüglich zu hintertreiben, indem er verſprach, dieſen Gegenſtand, der ſich nicht ſo obenhin behandeln laſſe, in Erwägung zu ziehen und 75 dabei das Interreſſe der Betheiligten möglichſt in's Auge zu faſſen. Auch die Beantwortung der am Schluße der Verhandlung von Sezema aufgeworfenen Frage, wo ſich die königlichen Gefangenen befänden, umging er durch die Aeußerung:„Da ſie nächſtens wieder in Prag ſein wer⸗ den, ſo iſt es unnütz, ihren Aufenthalt zu nennen.“ Da ſich die Mehrheit bei dieſer Antwort beruhigte, ſo war eine beſtimmtere nicht durchzuſetzen.„Ich wette doch, daß wir überliſtet ſind,“ ſagte Sezema zu Zäwis, als ſie den Saal verließen. „Ein Fürſt wird doch ſein Wort nicht brechen,“ entgegnete Zäwis. „Wir wollen wieder mit einander reden,“ antwortete Sezemg. Es ging mancher Tag in's Land, und die Königin und der junge König kamen nicht zum Vorſchein. Die Stände hatten die Hauptſtadt zum größten Theil wieder verlaſſen, nur Zäwis und Sezema mit Hynek von Duba waren noch zurückgeblieben. Eines Morgens erſchien Dalemil in großer Aufregung bei dem zuletzt genannten Herrn. „Ei, was bringt Ihr' mir denn, mein wackerer Meiſter Archivarius?“ fragte Herr Hynek den Greis. „Iſt vielleicht die Königin zurück?“ „Im Gegentheil,“ antwortete der Gelehrte,„ich 80 komme mit einer neuen Gräuelbotſchaft. Denkt Euch nur, der Markgraf, der ſich einen Regenten und Königsvor⸗ mund nennt, iſt mit dreihundert Kriegsleuten in die Burg eingefallen und mit fünfzig in den Dom zu St. Veit, die räumen Alles aus, was ſie an Koſtbarkeiten finden, und laden es auf Wagen, die es fort nach Brandenburg ſchaffen ſollen.“ „Ihr ſeid wohl von Sinnen, Alter?“ rief Hynek ungläubig. „Hätten ſie nicht die Burg abgeſperrt, ſo ſpräche ich, kommt und überzeugt Euch ſelbſt,“ entgegnete der Ge⸗ lehrte. „Das wäre ja ein himmelſchreiender Frevel!“ ſagte Herr Hynek. „Es iſt Manches himmelſchreiend, und geſchieht doch,“ bemerkte Dalemil. „Waret Ihr ſchon bei Herrn Zäwis von Falken⸗ ſtein mit Eurer Mähr?“ fragte Hynek. Dalemil verneinte. „Wollt Ihr mich zu ihm begleiten?“ fragte Hynek wieder. „Ich will mit dem Manne nichts zu ſchaffen haben!“ erklärte der Gelehrte. „Wie 7 Ihr, der gute Patriot mit dem Stolze Böh⸗ mens?“ fragte Herr Hynek verwundert. 81¹ „Ich habe nicht Urſache auf ihn ſtolz zu ſein,“ ver⸗ ſetzte Jener;„geht nur ohne mich zu dem ſtolzen Stolz von Böhmen— ich für meinen Theil bin zu ſtolz, ihm nachzulaufen.“ „Was habt Ihr denn gegen ihn?“ „Nichts, was man Jedermann ſagt, ſondern was man am beſten für ſich behält. Ihr wiſſet nun, was auf dem Hradſchin geſchieht— wollt Ihr mit Herrn Zäwis etwas dagegen unternehmen, ſo geht zu ihm; ich gehe, die Mähr unter die Bürgerſchaft zu bringen.“ Hynek eilte zu Zäwis und meldete dieſem, was er eben vernommmen. Zäwis ward blaß vor Zorn, denn nach dem, was der Markgraf bereits gewagt, zweifelte er nicht an dieſer neuen Frevelthat. Er riß ſein Schwert von der Wand und gürtete es ſich um, dann zog er den Freund ſtürmiſch mit ſich hinaus auf die Straße. Vom Teynthurme ertönten die Sturmglocken— aus den Häuſern ſtürzte das Volk nach dem großen Ring; dahin eilten auch die beiden Barone. Von einer Erhöhung herab verkündete Dalemil, was auf dem Hradſchin vor⸗ ging, und forderte die Bürger auf, ſich zu waffnen und gegen die Räuber auszuziehen. „Auf! Gegen die Räuber!“ hallte es tauſendſtim⸗ mig wider, und alle Männer, die nicht bereits bewaffnet waren, eilten nach Hauſe ſich zu waffnen. Schnell ver⸗ 82 ſammelten ſich Hunderte mit Streitärten, Brechſtangen und Spießen. „Wir wollen ſie führen,“ ſagte Hynek von Duba zu Zäwis, und dieſer ſtimmte bei, denn es war offen⸗ bar, daß es an einer umſichtigen Führung gebrach. Zawis rief ein paar ſtämmigen Schmieden, die zunächſt ſtanden zu:„Wenn wir etwas ausrichten wollen, brau⸗ chen wir einen Führer.“ „Freilich, ohne Führer geht's nicht,“ erwiderte einer der Schmiede— und ein anderer rief:„Das iſt ja der berühmte Herr Zäwis von Falkenſtein— da haben wir ja gleich einen Führer, der uns noch dazu hieb⸗ und ſtich⸗ feſt machen kann!“ Im nächſten Augenblick hatte ihn einer auf ſeiner Schulter und durch die Menge lief der Ruf:„Herr Zä⸗ wis von Falkenſtein will unſer Hauptmann ſein!“ und Alles ſchaute auf den hoch über die Menge emporragen⸗ den Reiter auf der Schulter des Schmiedes. In dieſer Stellung gebot Zäwis weithin Schweigen. Die Menge gehorchte, und er befahl nun, daß alle Bewaffneten ſich kampfmäßig ordneten. Schnell bildeten ſich in dem wehr⸗ haften Volke ordentliche Glieder, worauf Zäwis die Schulter ſeines Schmiedes verließ, die Glieder eintheilte, ihnen ihre Unteranführer aus den ſtattlichſten Leuten gab und dann zum Marſch commandirte. In feſter Ordnung 83 ging es zur Burg hinauf. Aber der Feind hatte ſich wohl vorgeſehen. Die äußeren Zugänge waren verram⸗ melt und hinter der Verrammelung ſtand eine ſtarke Be⸗ ſatzung. Es entſpann ſich ein hartnäckiger Kampf. Ueberall war Zäwis, leitete den Angriff und feuerte zur Tapferkeit an. Aber ein fünfmaliger Sturm ward ab⸗ geſchlagen. Endlich gewann man eine Oeffnung und ſtürmte hinein. In beſter Ordnung kämpfend zog ſich der Feind zurück, um ſich im innern Burgraum wieder feſt⸗ zuſetzen. Die Bürger ſtürmten nach dem mun frei gewordenen Dom. Er war ringsum feſt verſchloſſen. Man wußte nicht, ob darin eine Beſatzung lag oder nicht. Zäwis ließ das Hauptthor berennen— nichts darin regte ſich; krachend ſtürzte die Thür aus ihren Angeln— kein Menſch war dahinter zu ſehen, die Kirche war leer. Die Belagerer wollten hineindringen, aber Zäwis befahl Halt und ließ nur eine kleine Abtheilung behutſam hin⸗ eingehen. Im Schiff der Kirche ſchien nichts verändert; man ging nach dem hohen Chor, nach dem Hochaltar. Da fehlten die ſchweren ſilbernen und vergoldeten Leuch⸗ ter; das Sanctuarium war ausgeraubt, alle heiligen Gefäße und was der Sicherheit des heiligen Ortes hal⸗ ber an Koſtbarkeiten hier aufbewahrt worden, war ver⸗ ſchwunden. 84 „Auf! In die Burg!“ war jetzt die Loſung. Zäwis erkannte, daß ein Sturm auf die äußerſt feſte Burg ohne ordentliches Belagerungswerkzeug wohl ein vergebliches Beginnen ſei. Er ſtellte dies der wildempörten Menge vor und ermahnte ſie zum Rückzug. Allein Niemand wollte etwas vom Rückzug wiſſen— er ward mit wildem Kampfgeſchrei übertäubt und mußte ſpöttiſche Reden ver⸗ nehmen. Da ging er mit ſeinem gezückten Schwert vor⸗ an gegen die Burg. Mit einem Hagel von Pfeilen wur⸗ den die Stürmenden empfangen. Sie hatten nur einige wenige Sturmleitern; die da hinaufklommen, waren eine ſichere Beute des Todes. Zäwis und an ſeiner Seite Hynek von Duba ſetzten ſich dem dichteſten Pfeilregen aus, um den Angriff für die Belagerer weniger ver⸗ derblich zu machen. Auf einmal, als den von Kampfwuth Erfüllten die Erkenntniß zu dämmern begann, daß ſie ſich hier nichts als blutige Schädel holen konnten, rief Einer aus der Menge:„Warum plagen wir uns hier umſonſt und opfern unſer Leben? Haben wir nicht einen Zauberer zum Hauptmann? Kann der nicht uns feien, daß wir ſicher ſind, oder beſſer kann er nicht machen, daß das Thor ſich von ſelber aufthut?“ Die das Wort hörten, ſtutzten, ſchauten nach Zä⸗ wis hin und flüſterten das Wort weiter. Das Geflüſter 85 ward zum Gemurmel, das Gemurmel zum lauten Ge⸗ ſchrei:„Braucht des Zaubers, Hauptmann! Braucht des Zaubers!“ Zäwis hörte mit Unwillen den wüſten, thörichten Ruf; er erhob ſeine Rechte mit dem Schwert.— „Still!“ hieß es in der Menge,„er will zaubern!“ Alsbald ward es faſt todtenſtill. „Was iſt das für ein tolles Verlangen?“ ſprach Zäwis voll würdigen Ernſtes.„Welcher Kobold hat euch den Gedanken eingegeben, ich könne zaubern? Ich bin ein Menſch wie ihr und kann ſo wenig das Unmög⸗ liche vollbringen wie ihr. Folgt meinem wohlgemeinten Rathe, gebt die unnütze Belagerung auf; laßt uns zu⸗ vörderſt ordentlich dazu rüſten, dann will ich euch zum Siege führen.“ „Das iſt leere Ausflucht,“ rief eine Stimme; „Ihr könnt wohl zaubern, wenn Ihr wollt— Ihr habt im Königshof in einer Nacht Bäume und Früchte wach⸗ ſen laſſen— Ihr ſteckt mit den Kirchenräubern unter einer Decke, wenn Ihr hier nicht zaubert.“ „Zaubert! Zauberti“ ſchrie die erhitzte Menge. Vergebens wiederholte Zäwis ſeine Verſicherung, daß er nicht zaubern könne, daß, was er im Königshof gethan, etwas ganz Natürliches ſei, was ſie ihm Alle nachmachen können; aber wildes Geſchrei unterbrach ihn, und der ganze Grimm, der ſie erſt gegen die ſicheren 86 Räuber getrieben, ſchien ſich jetzt gegen ihn zu kehren. Zawis erkannte die Gefahr und ſah ſich nach einem Aus⸗ weg um; er entdeckte keinen. Hynek hielt ſich treu an ſeiner Seite. Plötzlich rief eine Stimme aus dem wüſten Geſchrei:„Schlagt ihn nieder, wenn er nicht zaubern will! Er iſt ſchuld, daß ſich ſo viele von uns die Köpfe hier eingerannt; warum hat er uns hierher geführt!“— „Ja— ſchlagt ihn nieder!“ rief es wieder und wieder. Und nun drangen wüthende Menſchen auf ihn ein— Zä⸗ wis ſetzte ſich zur Wehr; Hynek deckte ihm den Rücken; Streitärte, Schwerter, Brechſtangen wurden gegen Beide geſchwungen, Arm erhob ſich einmal und nicht wieder, hageldicht fielen die Schwertſtreiche der beiden Freunde; mancher Mutter Sohn verhauchte ſeine Seele, ohne daß ſie ihm die Augen zudrückte. Aber endlich ſchwan⸗ den den beiden Vertheidigern die Kräfte, matter und matter wurden ihre Streiche, bis eine Streitart Zäwis zu Bo⸗ den ſchmetterte; ein wildes entſetzliches Geheul erhob ſich über ihm; ein Dutzend Waffen wurden zugleich über ihn geſchwungen, ihm den Reſt zu Behi da durch⸗ bricht auf einmal eine Rieſengeſtalt das Gedränge, ſchleu⸗ dert links und rechts die mordluſtigen Feinde zu Boden. Alles ſtarrt entſetzt die furchtbare, durch die überraſchte Einbildungskraft in's Ungeheuere vergrößerte Geſtalt an, das Entſetzen lähmt alle Arme, und ruhig laſſen ſie es 87 geſchehen, wie ſie den in ſeine Kniee geſunkenen Zäwis in ihre Arme nimmt und wie ein Kind hinweg trägt, der tapfere Hynek von Duba halb bewußtlos hinterdrein läuft. Bald iſt die Erſcheinung dem Auge verſchwunden. Alle bekreuzen ſich; ſie wähnen, der böſe Feind der Menſchen habe Zäwis geholt— und nun iſt es ganz ge⸗ wiß, daß dieſer ein Zauberer geweſen. Birrtes Caitel. Still und einförmig waren die Tage auf Maly⸗ hrad. Aber Libusa empfand keine Langeweile dort. In der mütterlichen Pflege ihres trefflich gedeihenden Kna⸗ ben, in dem anregenden Umgang mit Meiſter Scarlatti, in der ſinnigen Leitung eines für die arme Tochter des Volkes ſchon großen Haushaltes, in welchem ihr die Frau des rieſigen Freiſaſſen Jodok als Schaffnerin zur Seite ſtand, fand ſie genügende Unterhaltung und Be⸗ ſchäftigung. Gegen das Aufwuchern einer krankhaften Liebesſehnſucht ſchützte ſie ein kräftiger Geiſt in einem ge⸗ ſunden Körper. Sie ſah ein, daß ein Mann, wie Zäwis, nicht in der Waldeinſamkeit ſich vergraben konnte, daß 88 ſeine reichen Gaben der Welt, dem Vaterlande gehörten; ebenſo fühlte ſie, daß ſie ſich innerlich friſch und geſund erhalten müſſe, um ihrer Mutterpflicht vollkommen zu genügen und um einſt, wenn die Zeit gekommen, an Zä⸗ wis' Seite in der Welt aufzutreten, ſeine Wahl zu recht⸗ fertigen. So war ihr der Herbſt nach der letzten Trennung von Zäwis heiter verfloſſen. Da kam das Weihnachts⸗ feſt und mit ihm eine reiche Sendung aus Prag: ein ganzer Wagen voll Geſchenke für ſie und ihr Geſinde. Auch einen Brief von Zäwis übergab ihr der Führer des Wagens. Das war ihr das werthvollſte Geſchenk. Sie küßte den Brief, ehe ſie ihn erbrach, und öffnete ihn mit vor freudiger Erwartung zitternden Händen. Aber was war das? Wie wenig Zeilen! Und in dieſen wenig Zeilen wie wenig Inhalt! Da waren wohl einige all⸗ gemeine, zärtliche Redensarten, aber es war nicht der freie Erguß des ganzen, vollen Herzens, gemiſcht mit den Lichtwellen eines von Geiſt zu Geiſt fluthenden Stro⸗ mes, wie ſie ihn von ſeinem perſönlichen Umgang her gewohnt war. Er ſchrieb ihr nichts von ſeinem Wirken, nichts von den Gedanken, die ſeine Seele bewegten, nichts was an den Denker und Dichter, an den in die Geheim⸗ niſſe der Natur vertieften Geiſt erinnerte. War ſie denn nicht mehr daſſelbe Weib, das ihn, nach ſeinen früheren 89 Geſtändniſſen, verſtand, wie kein zweites Weſen in der Welt, in dem jeder Strahl ſeines Geiſtes einem ver⸗ wandten Strahl begegnete, in deſſen Herzen jeder Ton ſeines eigenen Herzens eine verſchwiſterte Saite fand, die ihn verdoppelt widergab? Warum ihr dieſe dürre Nach⸗ richt von ſeinem Wohlbefinden im Drange großer Ge⸗ ſchäfte und dann dieſe Sprache tändelnder Sinnlichkeit, die etwa einem aſiatiſchen Sultan gegen ſeine Favorite angeſtanden, wenn ſie nicht doch auch etwas Gezwun⸗ genes an ſich gehabt hätte? So küßte er ihr unter an⸗ derem im Geiſte„die ſchönen Augen und jede Stelle ihres holden Blumenleibes“. Sie hatte ihm dieſen Leib nicht hingegeben im ſinnloſen Taumel, ſie hatte ſich ihm vermählt im vollen Gefühle der geiſtigen Ebenbürtigkeit, im klaren Bewußtſein der Zuſammengehörigkeit ihrer von verwandten Geiſtern beſeelten Naturen; nicht ein Spiel⸗ zeug für ſeine Schäferſtunden war ſie geworden, ſondern die vertraute Genoſſin ſeines ganzen Lebens, insbeſon⸗ dere ſeines geiſtigen. Und von dieſem Leben wehte kein Hauch in dieſem Briefe. Sie barg den Brief in ihrem Buſen und war Stun⸗ denlang eine Beute ſchmerzlicher Empfindungen. Dann aber kam ihr der Gedanke, daß es wie im äußeren Leben ſo auch im Seelenleben Trübungen und Verfinſterungen gebe, denen auch der größte Geiſt nicht entrinnen könne, 1860. XX. Zäwis von Roſenberg. III. 6 90 und ſie tröſtete ſich, daß eine ſolche Trübung auch über den Geiſt ihres Gatten gekommen ſein möge, die über lang über kurz vorübergehen müſſe. Dann werde ſie ſich ſchon wieder der vollen Ausſtrömungen dieſes Geiſtes er⸗ freuen. Und ſie machte ſich über das Auspacken der rei⸗ chen Geſchenke, welche Zäwis mit königlicher Freigebig⸗ keit geſpendet hatte. Das war eine fröhliche Weihnachtszeit auf dem ſonſt ſo ſtillen Waldſchloſſe. Die Chriſtbeſcheerung war für alle Bewohner ſo reichlich ausgefallen, und die ſanfte Herrin hatte durch ihre Liebe und durch ihre ſinnige Veranſtaltung eine Weihe darüber ausgegoſſen, die ih⸗ ren Werth noch erhöhte. Aber die fröhliche Weihnachtszeit verging und der durch ſie verwiſchte Eindruck von Zäwis' Brief machte ſich wieder geltend. Sie las ihn wieder und wieder, ob ſie nicht doch etwas Befriedigenderes herausfände, als erſt. Aber obgleich ſie eine große Erfindſamkeit in gün⸗ ſtigen Deutungen entwickelte, ſo blieb doch das Eine feſt ſtehen: in dieſem Briefe war ihr Zäwis nicht wieder zu erkennen.„Vielleicht macht ſein nächſter Brief Alles wie⸗ der gut!“ rief ſie ſich tröſtend zu. Dieſer nächſte Brief ließ nur leider lange auf ſich warten, und mußte lange auf ſich warten laſſen, weil klaftertiefer Schnee Malhhrad vollkommen von der übrigen Welt abgeſchnitten hatte. . 91 Libusa ſuchte in erhöhter Geſchäftigkeit ein Gegen⸗ mittel gegen die traurigen Gedanken, die ihr immer und immer wieder kamen. Abends verſammelte ſie ihre weib⸗ lichen Hausgenoſſen um ſich zu einer Spinnſtube, wo⸗ bei ſie ſelbſt die Runkel wacker führte, den Schlummer ihres Knaben hütete und die Spinnerinnen zu Geſang und Geplauder ermunterte. Sie ſelbſt erzählte in feſſeln⸗ der Weiſe Sagen aus dem wunderreichen Sagenſchatze ihres Volkes. So gemahnte ſie wohl ſelbſt an ihre hehre Namensſchweſter, wie ſie unter ihren Frauen ſaß und ihnen erzählte von den Thaten Samo's und ihres Vaters Krok. Zuweilen lud ſie auch Männer dazu ein, nament⸗ lich Scarlatti und den Rieſen Jodok. Dann kreiſte die Schale mit Meth, den ſie ſelbſt bereitet, und Scarlatti erzählte von der ewigen Stadt, von der Herrlichkeit des Papſtes, mehr und lieber von den Rieſendenkmälern der Hoheit ſeines Volkes. Und wenn er ſah, wie begierig Li⸗ busa ſeiner Rede lauſchte, wie das erheiternd und neu belebend auf ſie wirkte, dann ward er immer beredter, immer begeiſterter, dann ward ſeine Erzählung faſt zum Heldengedicht. Aber wenn Libusa auch den traurigen Empfindun⸗ gen und Gedanken, die ſie beſchlichen, einen wackern Widerſtand entgegenſetzte, ſo konnte ſie ihrer doch nicht vollſtändig Meiſter werden Die Oede der Natur um ſie 6* 92 her trug das ihrige dazu bei, ſie immer und immer wieder wach werden zu laſſen. Scarlatti's von Liebe ge⸗ ſchärften Blicken entging die Veränderung im Weſen ſei⸗ ner Herrin nicht. Sein Auge hing oft theilnahmvoll an ihren ernſten Mienen, und er, der Sehnſucht nach dem Gatten dieſelben zuſchreibend, gab ſich alle erdenk⸗ liche Mühe, ſie zu zerſtreuen und zu erheitern. Er bot ihr Unterricht in ſeiner heitern Kunſt an; ſie ging auch darauf ein und lernte mit Eifer den Pinſel führen. Da⸗ durch vertrieb ſie ſich manche Stunde. Aber wenn ſie auch durch dieſes und andere Mittel den Tag über die Geiſter der Traurigkeit von ſich abhielt, in der Nacht beſuchten ſie ſie auf ihrem Lager. Einſt war ſie, länger als gewöhnlich von ihnen ge⸗ martert, erſt gegen Morgen hin in Schlaf geſunken. Da träumte ihr, Zäwis reite durch einen brauſenden Strom, um eine Horde Räuber zu verfolgen, welche die böhmi⸗ ſche Krone geſtohlen. In der Mitte aber erfaſſen ihn die reißenden Waſſer und treiben Roß und Reiter einem Wirbel entgegen, der Alles, was in ſeinen Bereich kommt, unrettbar verſchlingt. Sie, die Träumende ſelbſt, ſteht am Ufer, ringt die Hände und ruft nach Hilfe. Umſonſt; ſchon treibt der Reiter am Rande des Wir⸗ bels, vergebens kämpft ſein Roß gegen ihn an— ſchon hat es der Wirbel erfaßt— da in ihrer höchſten Angſt 93 ſieht ſie auf dem jenſeitigen Ufer den Rieſen Jodok daher ſchreiten— ſie winkt ihm, ſie ruft ihm zu, er verſteht ſie, eilt an den Strom, ſpringt hinein und watet mit ſeinen Rieſengliedern in den Wirbel wie in ein Bächlein. Auf ſeinen Armen trägt er den geretteten Gatten an's Ufer, in ihre Arme. Dieſen Traum ward Libusa nicht wieder los. Ueberall ſah ſie ſeitdem das Bild des mit dem wir⸗ belnden Waſſer ringenden Gatten vor ſich und eine blei⸗ bende Angſt bemächtigte ſich ihrer. Zetzt hatte ſie für ihre bisherige Traurigkeit eine neue, ihrem ſittlichen Charakter mehr zuſagende, wenn auch weit beun⸗ ruhigendere Erklärung: dem theuren Gatten drohte irgend eine furchtbare Gefahr— das war es, was ſie mit banger Ahnung erfüllte. Anfangs verſchwieg ſie dieſen Traum vor Jedermann, aber ihre zunehmende Angſt trieb ſie, ihn Scarlatti und Jodok mitzutheilen. „Wunderbar,“ ſagte Jodok,„juſt denſelben Traum habe ich auch gehabt; ich kam dazu, wie der Wladyka mit dem Waſſer rang und wie Ihr mir zuwinktet, ihm beizuſpringen— ich watete durch den Fluß, der für meine langen Gliedermaßen nur ein Forellenbach war, und trug Euern Herrn heraus; den Gaul mußte ich freilich er⸗ ſaufen laſſen.“ Libusa war auf's höchſte betroffen über die Ueber⸗ 94 einſtimmung der beiden Träume, und ihre Angſt ver⸗ doppelte ſich. Scarlatti ſuchte ſie zu beruhigen, aber der ehrliche Jodok meinte ganz von ungefähr komme das nicht, daß Zwei daſſelbe träumten, und wenn die Waſſer⸗ gefahr auch nicht buchſtäblich zu verſtehen ſei, ſo bedeute ſie doch überhaupt eine große Gefahr, die dem theuren Herrn drohe. Er habe viel Feinde, wer könne wiſſen, was dieſelben wider ihn im Schilde führten. Jodok's Anſicht behielt die Oberhand. Libusa's Angſt ſteigerte ſich zu einem ſolchen Grade, daß ſie die folgende Nacht ſchlaflos verbrachte. Am andern Mor⸗ gen ließ ſie Jodok zu ſich rufen.„Es iſt gewiß, daß meinem Herrn eine große Gefahr droht, und vielleicht hat der liebe Gott, der ſie uns durch einen und den⸗ ſelben Traum offenbart, uns zu Wertzeugen der Rettung auserſehen. Wir wollen nach Prag eilen, ihn warnen, nach Befinden ihm beiſtehen. Wollt Ihr mich begleiten?“ „Ihr kommt nicht fort in dieſem Schnee, edle Frau,“ erwiderte Jodok,„das ſtärkſte Roß würde ſich da nicht hindurch arbeiten. Aber ich getraue mir durch⸗ zukommen, ich will nach Prag gehen.“ Libusa betrachtete die Rieſengeſtalt des Mannes, gegen die ſie allerdings als ein ſchwaches Kind erſchien, und nach einigem Hin⸗ und Herreden verzichtete ſie auf 95 die eigene Reiſe, das Erbieten des treuen Mannes an⸗ nehmend. Jodok rüſtete ſich zur Reiſe und trat ſie ſchon am folgenden Tage, vom Fuße bis zum Halſe in Leder ge⸗ kleidet, mit einem mächtigen Stocke bewaffnet und mit den nöthigen Zährungsmitteln verſehen, an. Selbſt für die Rieſenglieder dieſes Mannes war es ein herkuliſches Stück Arbeit, ſich durch die aufgehäuften Schneemaſſen Bahn zu brechen. Eine Tagereiſe weit mußte er bis über die Kniee im Schnee waten und oft ſank er hinein bis an die Hüften. Mehr todt als lebendig kam er in dem erſten Städtchen an, und er brauchte die Nacht und den nächſten vollen Tag, um ſich wieder ſo weit zu erholen, daß er die Reiſe fortſetzen konnte. Nach drei Wochen voll un⸗ beſchreiblicher Beſchwerden kam er in Prag an. Es war bereits Nacht, als er die Stadt erreichte, und er fand das Thor verſchloſſen. Auch ward ihm auf ſein Klopfen und Rufen der Einlaß verweigert. Was nun in der unwirth⸗ lichen Winternacht beginnen? Indem er, ein Obdach ſuchend, die Stadt um⸗ wandelte, ſtieß er auf einen Prieſter, der im Begriffe war, einer Sterbenden die heilige Wegzehrung zu bringen. Er hörte das Meßglöcklein und ſah im hellen Mondſchein, wie der Prieſter das Allerheiligſte vor ſich hertrug. Aber der übliche Meßner fehlte, der Prieſter 96 trug auch die Meßgeräthe unter dem Arm. Jodok warf ſich auf die Kniee und erbot ſich dem Prieſter zum Meß⸗ nerdienſt. „Wer ſeid Ihr und was macht Ihr hier im Freien zu ſo ſpäter Stunde?“ fragte der Prieſter, die noch im Knieen ihn faſt überragende Geſtalt anſtaunend. Jodok erhob ſich und antwortete:„Ich komme weither aus dem Mährenlande, meinen Herrn auf⸗ zuſuchen, den edlen Zäwis von Falkenſtein.“ „Das berühmte Haupt der Witkowetze, den die thörichte Menge einen Zauberer nennt?“ fiel der Prie⸗ ſter ein,„obſchon er nur ein Mann von großen Natur⸗ gaben und gewaltigem Wiſſen iſt.“ „Ihr kennt ihn alſo, ehrwürdiger Herr?“ ſagte Jodok erfreut.„Lebt er? Geht's ihm wohl?“ „Ich kenne ihn nicht näher,“ war die Antwort, „aber ich weiß, daß er in Prag iſt und auf dem letzten Landtage ſich ſehr hervorgethan hat als Vertheidiger der königlichen Familie und der böhmiſchen Ehre. Doch kommt, wenn Ihr mit mir in ein Sterbehaus gehen wollt.“ „Vertraut mir die heiligen Geräthe,“ bat Jodok. „Wollt Ihr wirklich meinen Meßner abgeben?“ ſagte der Prieſter;„mein Meßner iſt heute Abend ſchwer 97 erkrankt, und der Ruf da hinaus kam zu ſpät, als daß ich mir einen andern hätte beſtellen können.“ „Da trifft ſich's ja ganz gut, daß ich, ein Obdach ſuchend, Euch begegnen muß,“ erwiderte Jodok;„viel⸗ leicht gewinne ich bei dieſer Gelegenheit durch Gottes Hilfe ein Obdach, nachdem ich ihm ſchuldigermaßen ge⸗ dient.“ „Wenn es Euch gefällt in einem Sterbehauſe zu übernachten,“ ſagte der Prieſter,„ſo werdet ihr dem armen Mann, deſſen Weib auf dem Todbette liegt, ſehr willkommen ſein.“ „Wir ſind ja überall vom Tod umgeben,“ meinte Jodok und nahm die heiligen Geräthe in Empfang. Bald erreichten die Beiden eine Hütte an der rauſchenden Moldau. Es war dieſelbe Fiſcherhütte, in der Libusa's Verwandte wohnten. Die Frau des Fi⸗ ſchers, die alte Babet, ſelbſt war die Sterbende. Der Fiſcher erwartete den Prieſter; er erſchrak aber über den rieſigen Begleiter deſſelben, der mit dem Kopf an die Decke des Zimmers ſtieß und dabei noch gebückt gehen mußte. Ein Röcheln verkündete, daß die Sterbende in den letzten Zügen lag. „Es iſt höchſte Zeit,“ bemerkte der Prieſter und bereitete ſich zu ſeinem ernſten Werke. 98 Bald erfüllte Weihrauchgeruch aus dem von Jodok geſchwenkten Gefäße das Gemach. Der Prieſter trat an das Sterbelager und reichte der Verſcheidenden das Sakrament der Erquickung. Dann ſalbte er ihre Glieder mit dem heiligen Oele. Der Fiſcher und Jodok knieten neben dem Geiſt⸗ lichen. Unter den Gebeten deſſelben ging die Seele von Libusa's einziger Verwandten außer ihrem Vater, in ihre ewige Heimath. Als der Prieſter ſein letztes Gebet geſprochen hatte, reichte er dem leiſe weinenden Fiſcher die Hand und ſagte:„Gott hat es wohl mit ihr und mit Euch gemacht. Ihr geſtörter Geiſt iſt nun wieder klar im Lande der Klarheit und Ihr ſeid einer großen Noth und Sorge überhoben.“ „Nun ſtehe ich ſo allein und verlaſſen da,“ er⸗ widerte der Fiſcher im ſanften Klageton.„Mein Weib war ſo gut, ehe die Finſterniß über ihre Seele kam, um der unglückſeligen Dirne willen.“ „Ihr müßt dem armen Geſchöpf nicht fluchen, Alter,“ warnte der Prieſter mild. „Ich fluche ihr nicht,“ ſagte der Fiſcher;„eigentlich iſt an dem Schickſal meines Weibes auch ſie weniger ſchuld als ihr Vater, der Schwager Dalemil, der die 99 gute Babet zur Kupplerin machte und ihr das ganze Verderben ſeiner Tochter auf die Seele wälzte. Das er⸗ trug ſie nicht, das zerſtörte ihren Geiſt.“ Bei dem Namen Dalemil erinnerte ſich Jodok des Redners, den er einſt von der Bühne herabgeriſſen und dem er den Garaus gemacht hätte, wenn Zäwis nicht dazwiſchen getreten. War das derſelbe Dalemil, von dem hier die Rede war? Dann war ja die eben Geſchiedene eine nahe Verwandte ſeiner geliebten Herrin, denn dieſe war ja jenes Dalemil Tochter, und dann hatte er ja unbewußt dieſer einzigen Verwandten ſeiner Herrin einen letzten Liebesdienſt erwieſen. Als er weiter über dieſe Verhältniſſe nachdenken wollte, reichte ihm der Prieſter die Hand, indem er ſagte:„Ich danke Euch für Euern Dienſt im Namen deſſen, dem er geleiſtet wurde. Unſer alter Freund hier wird Euch gern Obdach geben, doch wäre es mir lieb, Ihr ginget ein Stück mit mir, wenn Ihr nicht zu müde ſeid.“ „Ich achte es für meine Pflicht, Euch bis zur Stadt zurück zu geleiten,“ erklärte Jodok. „Das nehme ich nicht an,“ entgegnete der Prieſter, „kommt nur eine kleine Strecke mit.“ Jodok war bereit. Der Prieſter bat den Fiſcher, 100 ein Weilchen auf ſeinen Gaſt zu warten, und nahm dann mit einigen apoſtoliſchen Troſtworten von ihm Abſchied. Vor dem Hauſe ſagte der Prieſter zu ſeinem Ge⸗ leitsmann:„Es iſt eine jener wunderbaren Fügungen, die uns ſo oft an das Eingreifen der unſichtbaren Hand Gottes in das Leben der einzelnen Menſchen erinnern, daß Ihr, ein Diener des Herrn Zäwis, ohne es zu wollen, in ein Haus und an ein Sterbelager kommen mußtet, das dieſen edlen Herrn ſehr nahe angeht. Sagt mir einmal unter dem Siegel der Beichte: wiſſet Ihr, ob Euer Herr vermählt iſt?“ Der Prieſter hatte Jodok's Vertrauen in einem ſolchen Grade gewonnen, daß dieſer ihm ohne Bedenken die Frage mit Ja beantwortete und hinzufügte, daß er eigentlich mehr im Dienſte der Herrin als des Herrn ſtehe und von ihr komme. „Dann darf ich offen mit Euch reden,“ ſagte der Prieſter.„Ich weiß, daß die Nichte der Verſtorbenen, Libusa, die Tochter Dalemil's, der jetzt Reichsarchivarius iſt, dem Herrn Zäwis von Falkenſtein auf Krumau vor Zeugen und an heiliger Stelle von Prieſtershand ehelich angetraut worden, und weiß auch, aus welchem Grunde dieſe Ehe bis jetzt vor der Welt geheim gehalten worden; denn ich ſelbſt habe die Trauung in dem Kloſter, in dem ich früher lebte, vollzogen. Weil auch der Vater Dalemil 101 nichts von dem geſchloſſenen Ehebunde ſeiner Tochter wußte, ſondern in dem Wahne lebte, ſie ſei durch Zau⸗ berkünſte des Herrn Zäwis gefallen, ſo tobte er in ſeinem Schmerze wider ſeine Schweſter als der Mit⸗ ſchuldigen an ihrem vermeintlichen Verderben, fluchte ihr und ſchwor, ſie hinfort nicht mehr als Schweſter erkennen zu wollen. Das nahm ſich die arme Frau zu tief zu Herzen, ſie ward irr im Geiſt und ſtarb endlich im Wahnſinn, ohne je wieder einen lichten Augenblick zu haben, in dem ſie ſich mit dem ſtrengen Bruder hätte ausſöhnen können. Ich hatte ihn für die Verſöhnung ge⸗ wonnen; er kam in der letzten Zeit öfters in dieſes Haus, aber die unglückliche Schweſter erkannte ihn nicht mehr. Nun iſt ſie todt, und er trägt zu ſeinem Leid um die Tochter auch noch die Anklage ſeines Gewiſſens, das unglückliche Ende ſeiner Schweſter mit verſchuldet zu haben. Es iſt dies ein warnendes Beiſpiel, wie mißlich es um alle Tugend beſtellt iſt, die ſich nicht mit chriſtlicher Liebe und Sanftmuth paart. Ihr wißt nun, woran Ihr mit dem trauernden Mann da drinnen ſeid und was Ihr von ſeinen Reden in Bezug auf ſeine Nichte und ſeinen Schwager zu halten habt. Ihr werdet ihn zu be⸗ ſänftigen fuchen, ohne das Geheimniß Eures Herrn zu verrathen. Das war es, was ich Euch ſagen wollte, weß⸗ halb ich Euch mitzugehen bat. Zetzt geht zurück, Ihr ſeid müde.“ 102 Jodok unterbrach ihn mit der Erklärung, daß er es ſich nicht nehmen laſſe, ihn bis an das Stadtthor zu begleiten. Aber der Prieſter nahm die Begleitung durch⸗ aus nicht weiter an. So mußte Jodok ſchon darauf ver⸗ zichten. In die Fiſcherhütte zurückgekehrt, fand er ſeinen Wirth bereits am Tiſche eingeſchlafen. Er konnte es nicht über ſich gewinnen, einem Trauernden, dem der Schlaf die größte Wohlthat war, dieſe Wohlthat zu rauben. Er leuchtete im Hauſe umher, fand einige Schütten Stroh, trug dieſe in die warme Stube und bereitete ſich ein La⸗ ger, auf dem er bald, unbekümmert um die Leiche, den Schlaf der Gerechten ſchlief. Als er am Morgen erwachte, war es bereits Tag und ſein Wirth bereitete die Morgenſuppe. Beim Genuß derſelben erzühlte der Fiſcher die Geſchichte von ſeiner Nichte Libusa und dem„Zauberer“ Zäwis von Falken⸗ ſtein, wie er ſie kannte. Jodok ſuchte ihm ſeinen Wahn auszureden und ſeine Klagen über den durch Zäwis über ſeine Familie gebrachten Jammer zu beſänftigen. Aber da er ihm die Thatſache von Libusa's Vermählung nicht mittheilen durfte, ſo war auch ſeine Bemühung nicht be⸗ ſonders erfolgreich. Seiner Sendung eingedenk, verließ er den Fiſcher bald und eilte nach der Stadt. Eben ertönte die Sturm⸗ 103 glocke von der Teynkirche, als er die erſte Gaſſe erreichte. Er ſah das Laufen der Leute, und da er nicht einmal wußte, wo Zäwis Herberge lag, folgte er dem Strome. Er kam gerade auf den Ring, wie ſein Herr, auf der Schulter des Schmiedes ſitzend, die Menge anredete. Er erkannte ihn und drängte ſich in ſeine Nähe— Alles wich vor dem rieſigen Mann zurück. Aber er ſah ein, daß es unpaſſend war, in dem Augenblick, wo Zäwis mit dem Ordnen der Schaaren beſchäftigt war, ſich ihm zu nahen. Er zog ſich daher wieder zurück und beſchloß, den Zug zur Burg mitzumachen. Dabei kam ihm der Einfall, ſich wöglichſt unkenntlich zu machen, um zu ſehen, ob ihn ſein Herr trotzdem erkennen werde. Er bewirkte dies leicht durch das Hereinziehen ſeiner Mütze, da ſein jetziger An⸗ zug ihn ohnehin ziemlich unkenntlich machte. So folgte er ſeinem Herrn unerkannt nach. So war er bei dem Sturm auf die Außenwerke der Burg, ohne jedoch dabei nach beſondern Heldenthaten zu ſtreben. Er hatte nur immer ſeinen Herrn im Auge. Als der Sturm auf die Burg ſelbſt begann, ward dicht vor ihm ein zarter Jüngling durch einen Pfeilſchuß zu Boden geſtreckt. Da vergaß Jodock im Augenblick ſeines Herrn, erbarmte ſich der Jünglings und trug ihn aus dem Bereich der feindlichen Geſchoſſe. Als er ihn an einem ſichern Orte niederlegen wollte, ſah er, wie ein Blutſtrom aus der 104 der Seite des Verwundeten quoll. Unmöglich konnte er ihn ſo liegen laſſen. Er trug ihn zu einem nahen Brunnen, öffnete dem inzwiſchen ohnmächtig Gewordenen das Ge⸗ wand, wuſch die Wunde und verband ſie ihm. Jetzt ſchlug der Jüngling die Augen auf und ſagte mit matter Stimme: „Ich ſterbe— o tragt mich zu meiner Mutter, daß ich in ihren Armen ſterbe; ſie wohnt gar nicht weit von hier.“ Konnte er das rührende Flehen eines Sterbenden ab⸗ ſchlagen? Er nahm ihn wieder auf ſeine Arme, er fragte nach der Wohnung ſeiner Mutter.„Dicht an der Brücke— ſie wird uns kommen ſehen,“ war die Antwort. Und er trug ihn hinab. Vor der Brücke kam ihm eine Frau ent⸗ gegen geſtürzt— mit dem Ausrufe:„Mein Sohn!“ neigte ſie ſich über ihn. Zetzt gedachte Jodok wieder ſeines Herrn; eine ſon⸗ derbare Angſt überfiel ihn; er mußte zurück— er legte den Jüngling neben ſeiner Mutter nieder und eilte den Berg hinan zur Burg. Da ſah er die Bedrängniß ſeines Herrn— da zertheilte er mit gewaltigem Arm das wilde Gedränge, und der Leſer weiß, wie er ihn der wilden Menge entriß. Ein Schlag auf den Kopf hatte Zäwis betäubt. Noch unterwegs kam er wieder zu ſich. Herr Hynek von Duba nahm den Freund und ſeinen Retter mit in ſein, 105 dem Königshofe unweit der Brücke nahe gelegenes Haus, da es ihm nicht gerathen ſchien, wenn Zäwis in ſeine allbekannte Wohnung ging. Sobald Jodok mit ſeinem Herrn eine Weile allein war, erzählte er ihm, auf welche Veranlaſſung er hier⸗ her gekommen. Zäwis war tief gerührt von der zärtlichen und ahnungsvollen Sorge ſeiner Gattin. Er erkannte in ihr jene Liebe, welche das Herz, das ſie bewohnt, ſo innig mit ihrem Gegenſtand verknüpft, daß ſie auch in weiter Ferne Alles, was ihm begegnet, geheimnißvoll empfindet. Dies und Alles, was ihm Zodok von dem Walten ſeiner Herrin erzählte, belebte ihr Bild in ſeiner Seele wieder und erweckte eine innige Sehnſucht nach ihr. Er machte ſich Vorwürfe, daß er ſie ſo lange vernachläſſigt, und nahm ſich vor, ſobald als möglich zu ihr zu reiſen. Dieſer Vorſatz befeſtigte ſich in ihm in den folgen⸗ den Tagen, als ſowohl er wie Hynek von Duba ein⸗ ſahen, daß im Augenblick in Prag für ſie nichts zu machen war. Mit dem wahnbethörten Volke konnten ſie keinen Verſuch wieder machen, gegen die brandenburgiſchen Räuber, die in der Burg jedem Angriff trotzten, etwas zu unternehmen. Auch Hynek beſchloß, Prag zu verlaſſen und auf ſeine Güter im Norden des Landes zu gehen. Nur wollte er noch die Rücktehr Sezema's von Wittingau erwarten, der auf Kundſchaft nach dem Aufenthalte der 1860. XX. Zäwiß von Roſenberg. III. 7 106 Königin ausgegangen war, und ſo lange bat er auch Zä⸗ wis noch bei ihm zu bleiben. Sezema erſchien acht Tage nach dem Sturm gegen die Burg. „Ich komme aus einer argen Klemme,“ berichtete er;„ich hatte mich verkleidet unter das brandenburgiſche Kriegsvolk gemiſcht, um etwa den Einen oder den Andern von denjenigen auszuwittern, welche bei der Entführung der Königin thätig geweſen. Ich gab mich für einen armen Lauſitzer Ritter aus, der ſein Gut durch die Gurgel ge⸗ jagt und nun im markgräflichen Dienſt an den böhmiſchen Geldſäcken ſich wieder erholen wolle. Ich ward angenom⸗ men. Da galt es nun brandenburgiſch zu ſaufen, zu fluchen und auf die Böhmen zu ſchimpfen, ja ich mußte mithelfen mauſen— Gott verzeihe mir die Sünde; aber die Burg und der Dom wären auch ohne mich ausge⸗ raubt worden. Wie ich aber gegen meine Landsleute mit den Brandenburgern kämpfen ſollte, da war mir nicht wohl, und wie ich nun gar Euch, Wladyka und Herr Hynek, an der Spitze des ſtürmenden Volkes ſah, da wünſchte ich hundert Meilen weit zu ſein. Es half aber nichts, ich war einmal mit in der Falle und mußte aus⸗ halten, mußte thun, als wollte ich alle Böhmen zerreißen, die mir in die Hände fielen. Nun, ich darf mir das Zeug⸗ niß geben, keinen zerriſſen zu haben. Leider konnte ich Euch 107 nicht beiſpringen, wie ich ſah, daß das tolle Volk ſich gegen Euch kehrte, Wladyka; ich rieth den Branden⸗ burgern zwar zu einem Ausfall, um das Gefindel von Euch abzuziehen, aber den Brandenburgern war es wie echten Räubern nur um Bergung ihres Raubes zu thun, ſie ſahen mit Ergötzen dem Streite unter ihren Fein⸗ den zu— und ich mußt' Euch fallen ſehen; zum Glück war der wackere Rieſe da bei der Hand und machte weite⸗ rer Gefahr ein Ende.“ „Fürwahr eine arge Klemme war das,“ bemerkte Hynek von Duba,„und durch den ganzen Handel habt Ihr Euerm vielbewährten Kundſchafter- und Unterhänd⸗ lergeiſt die Krone aufgeſetzt. Aber wie iſt's? Wie iſt der ganze Handel noch abgelaufen? Habt Ihr etwas er⸗ kundet?“ „Das habe ich,“ antwortete Sezema;„ich weiß wenigſtens die Richtung, in welcher die Königin fort⸗ geführt worden, die ungefähre Entfernung, Lage und das Ausſehen ihres Aufenthaltes!“ „Laßt hören, Vetter!“ rief Zäwis geſpannt. „Es gelang mir nach langem Spüren einen Mann ausfindig zu machen, der mit bei der Entführung gewe⸗ ſen, und dem ich bei der Weinkanne ſo viel entlockte, daß die Reiſe von Prag aus in der Richtung zwiſchen Mitter⸗ nacht und Morgen gegangen ſei. In der Morgenfrühe 7* 108 ſeien ſie an eine Stadt gekommen, die an einem anſehn⸗ lichen Strom gelegen, über den ſie hätten ſetzen müſſen. Von da an ſei die Reiſe gerade nach Mitternacht gegan⸗ gen durch eine wellenförmige fruchtbare Gegend. Sie hät⸗ ten auf dem ganzen Wege nur ſo lange Raſt gemacht, als nöthig geweſen zur Fütterung der Pferde. Den zwei⸗ ten Tag gegen Mittag ſeien ſie über ein Sandſtein⸗ gebirge an einen großen Wald gekommen, durch den ſie ſtundenlang gefahren, bis ſie an einen hohen, frei aus der waldigen Ebene ſteigenden Berg gelangt. Auf dem⸗ ſelben habe eine ſtattliche Burg mit gewaltigen Mauern und Thürmen geſtanden. Das ſei das Ziel der Reiſe ge⸗ weſen, dort ſei die Königin mit dem kleinen König dem Burggrafen übergeben worden. Das Geleite hätte auf der Burg übernachtet und den folgenden Morgen die Rückreiſe nach Prag angetreten. Den Namen der Burg wußte mein Berichterſtatter nicht, ebenſo wenig konnte er mir die Stadt, durch die man gekommen, und den Strom dabei nennen. Ich ließ mir die Stadt näher beſchreiben, und erkannte Brandeis, in dem Strom die Elbe. Andere Städte hatte man auf der ganzen Reiſe nicht berührt. Ueber das Ausſehen und die Lage der Burg erfuhr ich noch, daß ſie auf dem Gipfel des Berges liege, der die Form eines ungeheuern Kegels habe und ringsum be⸗ waldet ſei. Die Burg ſei ſehr groß, von doppelten — 109 Mauern umgeben und mit vier Thoren verſehen. Vier Eckthürme und ein ſehr hoher Hauptthurm verliehen dem trotzigen Bau ein würdevolles, faſt majeſtätiſches Anſehen. Die Beſatzung, die unter einem alten mürri⸗ ſchen Burggrafen ſtehe, ſei nicht ſtärker als fünfzig Mann, doch könne dieſe bei der ungeheuern Feſtigkeit der Burg leicht einen Sturm von vielen Hunderten abſchla⸗ gen. Bemerkenswerth ſei noch, daß man die Burg ſehr weit ſehe, wie man denn von ihr aus eine große Fläche Landes überſehen könne. Gegen Mitternacht hin ſähe man in nicht zu großer Entfernung zwiſchen Wäldern die Waſſerſpiegel ungeheurer Teiche. Das iſt das Haupt⸗ ſächlichſte, was ich aus dem Kriegsknecht bringen konnte. Ich kann mir zwar nicht denken, was für eine Burg das ſein mag, da ich ſo weit nach Mitternacht nie gekommen.“ „Wenn mich nicht Alles trügt, iſt es die Burg Pöſig,“ rief Hynek von Duba„dieſe liegt ungefähr ſo weit von hier, wie die fragliche Burg dem Erzählten nach liegen müßte, auch dürfte ſie von Brandeis aus ſo ziem⸗ lich genau gegen Mitternacht liegen. Die Beſchreibung des Berges und der Burg ſelbſt paßt ganz auf Pöſig, das ich gar wohl kenne, denn ſein Gebiet gränzt mit dem meinigen.“ „Dann könnten wir ja von einer Eurer Burgen aus uns leicht auf Kundſchaft legen,“ ſagte Sezema, 110 „wenigſtens könnten wir uns die Ueberzeugung verſchaf⸗ fen, ob wir den rechten Ort gefunden haben. Es wäre doch herrlich, wenn es uns gelänge die Königin und Böhmens künftigen König aus der Gewalt des Branden⸗ burgers zu befreien!“ Dieſer Gedanke bewirkte einen mächtigen Kampf in der Bruſt Zäwis'. Er war feſt entſchloſſen geweſen, mit Jodok nach Malhhrad zu gehen und wieder eine Zeit lang ſeiner Gattin anzugehören; aber gebot ihm nicht ſeine Ritterpflicht, vorerſt die Befreiung der Königin und des jungen Königs zu bewirken, nachdem er ihre Spur gefunden? Und war er es nicht ſeinem Geſchlechte ſchul⸗ dig, ſich dieſes Verdienſt um den künftigen Beherrſcher Böhmens zu erwerben? Denn dieſes Verdienſt konnte, recht benutzt, zu großem Einfluß auf denſelben und durch dieſen Einfluß zu Vortheilen führen, die man durch an⸗ dere Mittel nicht ſo leicht erlangen konnte. Zu dieſer Erwägung geſellten ſich bald die Träume von eigener Macht und Herrlichkeit, welche in der letzten Zeit vor der Entführung der Königin durch die Auszeichnung, die ſie ihm widerfahren ließ, in ſeiner Seele geweckt und ge⸗ nährt worden waren, und denen er ſchon ſo weit erlegen war, daß er ſeiner treuen, aller Liebe werthen Gattin jenen kalten, nichtsſagenden Brief ſchreiben konnte, der ſie ſo kränkte und beängſtete. Wenn die durch Jodok's 111 Erſcheinen neu entzündete Liebesflamme den Mächten, welche ſie bekämpften, noch einen Widerſtand entgegen ſetzte, ſo ſorgte Sezema dafür, daß derſelbe nicht die Oberhand behielt, daß ſich die Entſcheidung auf die Seite jener Mächte ſenkte. „Ich wollte mit Dir zu Deiner Herrin reiſen,“ ſagte Zäwis, als er mit ſich im Reinen war, zu Jodok, „ich wollte wieder eine Zeit unter Euch leben— ich dachte mir das ſo ſchön— aber es geht nicht; höhere Pflichten halten mich in Böhmen zurück; ich habe ge⸗ ſchworen die gefangene königliche Familie zu befreien, ich kann dieſen Schwur nicht brechen. So muß ich Dich allein nach Malyhrad ziehen laſſen.“ „Das geht nicht, Wladyka,“ verſetzte Jodok;„ich darf nicht ohne Euch nach Malyhrad zurückkommen. Sie hat mir Euer Leben und Heil auf die Seele gebunden; ſo lange es noch Kampf und Gefahr für Euch gibt, muß ich Euch zur Seite bleiben. Ich ſollte aber meinen, eine kurze Zeit könntet Ihr Eurer Gemahlin widmen, Ihr würdet ſie namenlos glücklich machen, wenn Ihr ſie jetzt beſuchtet— o thut es doch, bereitet ihr doch dies Glück!“ „Es geht nicht, Jodok,“ erwiderte Zäwis;„geh nur allein nach Malhhrad und ſchütze Deine Herrin in meiner Abweſenheit.“ „Sie würde mich ſogleich wieder fortjagen, käme ich 112 ohne Euch,“ erklärte der ehrliche Rieſe, und wie ſehr ihm auch Zäwis zuſetzte, er blieb dabei, daß er bei ihm blei⸗ ben müſſe. Zäͤwis ließ es ſich zuletzt gefallen und nahm ihn mit nach Dauba, dem Stammſitze der Berken von Duba, von welchem berühmten Geſchlechte Herr Hynek das Haupt war. Fünftes Capitel. Aus dem welligen Hügellande, das ſich zwiſchen der Elbe, Iſer und dem Lauſitzer Gebirge ausbreitet, un⸗ gefähr in der Mitte zwiſchen den alten Städten Bunzlau und Leipa, erhebt ſich der gewaltige Baſaltkegel des Pöſig zu einer alles Land weit umher beherrſchenden Höhe. Auf dem Gipfel dieſes Berges lag die königliche Burg Pöſig, deren Trümmer noch heute Zeugniß ablegen von ihrer einſtigen Größe und Feſtigkeit. In dieſer Burg lebte die Königin Kunigunde mit ihrem Sohne Wenzel II. Von der Höhe königlicher Herr⸗ lichkeit war ſie herabgeſtüzt zu einer armen Gefangenen, welche nicht Herrin über eine Handbreit Erde war, kaum über die Spinnen an den Wänden, die ſie umſchloſſen. 113 Sie, welche noch vor Jahresfriſt die verſchwenderiſche Hand des reichſten Königs ſeiner Zeit mit Allem umgab, was Natur und Kunſt zur Verſchönerung des Daſeins der Mächtigen dieſer Erde boten, die noch vor wenig Wochen ein von einem erfinderiſchen Geiſte geſchaffenes Feenreich beherrſchte, war jetzt zwiſchen vier öde Wände gebannt, wo ſie wenig mehr als die nöthigſten Geräthe einer menſchlichen Wohnung fand. Sie, deren Wink vor Kurzem noch Hunderte in Bewegung geſetzt hatte, ihr zu dienen, mußte ſich jetzt ſelbſt bedienen wie der Niedrigſt⸗ gebornen eine, ja ſie war nicht einmal zum eigenen Dienſt freie Herrin ihrer Hände und Füße. Doch verläugnete ſie auch in dieſem furchtbaren Schickſalswechſel nicht den angeborenen, durch die lange Gewohnheit des Herrſchens ausgebildeten und befeſtigten königlichen Sinn. Wie ſchmerzlich ſie auch die Entbehrung Alles deſſen empfand, was ihrem Leben Glanz, ihrem Geiſte Erhebung, ihren Sinnen Genuß verliehen, ſie verrieth es nicht durch Niedergeſchlagenheit, nicht durch Weinen noch Seufzen. Der rauhe Burggraf, der an⸗ gewieſen war, ſie„kurz zu halten“, mußte ſich dieſer ruhigen Würde neigen und fand ſich unfähig, ihr den Ge⸗ bieter zu zeigen. Und ſie begegnete ihm auch nicht als ſolchem, ſie behandelte ihn wie ihren Diener, aber mit der Leutſeligkeit und Huld, mit der ſie an ihrem Hofe 114 das Dienen zu einer Luſt zu machen verſtanden. In Kurzem hatte ſie es dem alten Mann„angethan“, daß er ihr ſo viel Freiheit gewährte, als er es nur den Auf⸗ paſſern, die ihn umgaben, gegenüber wagen durfte. Freilich erſtreckte ſich die Freiheit immer nicht wei⸗ ter, als daß er ſie in der Burg frei umher gehen und in ihren eigenen vier Pfählen frei ſchalten, insbeſondere mit ihrem Sohne frei verkehren ließ. Dies letztere war aber gerade für ſie der größte Troſt, ja ſie betrachtete es für eine heilſame Fügung Gottes, daß ſie auf dieſe Art ausſchließlich der Erziehung und Bildung des künftigen Herrſchers von Böhmen ſich hingeben mußte, daß er allen andern Einflüßen entzogen war. Sie gedachte der Mahnung Zäwis' und wollte ſie erfüllen. So wiſſen muthige Geiſter dem Unglück ſeinen vernichtenden Sta⸗ chel zu nehmen, indem ſie deſſen gute Seite herauskehren. Der königliche Knabe bedurfte aber auch im höch⸗ ſten Grade einer weiſen und ſorgſam bildenden Hand. Als Kind ſehr ſchwächlich, war er verzärtelt worden, und neben einer leicht reizbaren Gemüthsart hatte ſich ein bedenklicher Eigenſinn entwickelt. Er war nicht ohne geiſtige Anlagen, insbeſondere zeigte er ein bewunderns⸗ werthes Sprachtalent und Anlage zum Rechnen; dagegen zeigte er wenig Einbildungskraft, wenig Schwung des Geiſtes und auf das Große gerichtete Willenskraft. Er 115 konnte viel Eifer und Ausdauer auf Kleinigkeiten ver⸗ wenden, Anſtrengungen der Denkkraft ſcheute er und hohe Gedanken ließen ihn gleich giltig. Es war ſchwer, aus ſolchem Stoff einen König zu bilden, wie er im Geiſte Kunigunden's lebte. Aber zum Theil überſah oder unterſchätzte das mütterliche Auge die Mängel ihres Sohnes, zum Theil traute ſie ſich mehr erzieheriſche Kraft zu, als ſie beſaß. Dennoch konnte ihr Werk manch edle Frucht tragen. Es verrieth einen guten Takt, daß ſie den künftigen Herrſcher Böhmens in die ruhmvolle Geſchichte ſeines Volkes einführte und dabei die Lehren Zäwis' beherzigte. Sie ſuchte es ihm recht einleuchtend zu machen, wodurch Böhmen groß und ſeine Könige mächtig geworden, wo⸗ durch beide in manchen Zeitläufen geſunken. Sie wies nach, daß das Land am größten dageſtanden, wenn es ſich am freieſten in den eingeborenen Sitten und Rechten bewegt, daß diejenigen Herrſcher die glücklichſten geweſen, welche am treueſten im Geiſte der Nation gewaltet. Eines Tages ward die Burg durch einen un⸗ erwarteten Gaſt überraſcht. Es war ein Herr mit zahl⸗ reichem Gefolge, er ſelbſt halb als Ritter, halb als Würdenträger der Kirche angethan; doch lag in ſeinem Weſen weit mehr von einem Kriegsfürſten als von einem Hirten der Heerde Chriſti. Eine große maſſive Geſtalt, 116 mit ſonnengebräuntem, ſprühaugigem, adlernaſigem Ge⸗ ſicht. Der gab ſich dem Burggrafen als Eberhardt, Biſchof von Brandenburg, zu erkennen, den der in ſein Land heimgerufene Markgraf Otto als Machtverweſer in das Königreich Böhmen geſandt habe. Er ließ ſich die Burg zeigen und kam dabei auch an die Gemächer der Königin. Der Burggraf wollte ihn vorüberführen; doch der Biſchof verlangte ſie zu ſehen, riß ſelbſt die Thür auf und trat hinein. Die Königin ſaß in dem zweiten Zimmer, beſchäftigt mit dem Unterricht ihres Sohnes. Der Biſchof winkte ſeinem Gefolge zurückzubleiben und ſchlich ſich an die Thür zu jenem Zimmer. Als er eine Weile gelauſcht, öffnete er raſch die Thür und ſchritt herriſch hinein. Ver⸗ wundert über die unziemliche Störung blickte die Königin auf.„Wer dringt hier unangemeldet ein?“ fragte ſie. „Ein Mann, der nicht nöthig hat, erſt um Er⸗ laubniß zu fragen, weil er in dieſem Lande befiehlt!“ er⸗ widerte der Biſchof. Die Königin erhob ſich und trat ihm würdevoll ent⸗ gegen, ihren Sohn an der Hand. „Der eigentlich im Lande Böhmen zu befehlen hat, iſt dieſer mein Sohn, König Wenzel II.,“ ſagte ſie,„und der an ſeiner Stelle befiehlt, iſt der Markgraf von Brandenburg— der ſeid Ihr nicht.“ ————————— 117 „Aber ich bin ſein Machtverweſer,“ erklärte der Biſchof,„Biſchof Eberhardt von Brandenburg.“ „Gott ſei meinem armen Böhmen gnädig!“ rief die Königin;„denn was ſoll das Volk von einem Manne erwarten, der nicht einmal Achtung vor ſeiner Königin hat, der die allergewöhnlichſten Geſetze der Sitte ver⸗ letzt!“ Der Biſchof ſchwieg einen Augenblick verblüfft. Dann ſagte er:„Ich ſehe, das Unglück hat Euch noch nicht gebeſſert. Gott widerſtehet den Hoffährtigen, aber den Demüthigen gibt er Gnade— er ſtößt die Ge⸗ waltigen vom Stuhl und erhebet die Niedrigen. Ich will Eure Hoffahrt brechen— Burggraf, der junge Herr wird augenblicklich von hier fortgebracht, wo er durch unchriſtliches Beiſpiel und gefährliche Lehren verdorben wird!“ Die Königin hielt ihren Sohn ſchützend feſt, dieſer ſchrie und weinte— der Burggraf zögerte mitleidsvoll. „Soll ich meine Knechte rufen?“ herrſchte der Biſchof dem Burggrafen zu;„ich merke, dies Amt iſt in ſchlechten Händen, ich werde dafür ſorgen müſſen, daß es in beſſere kommt!“ Dies wirkte; der Burggraf trat auf den jungen König zu, der ſeine Mutter jammernd umklammerte. Der Burggraf hatte eine Thräne im Auge. Schmerz und 118 Entrüſtung malten ſich im ganzen Antlitz der Königin, indem ſie ihren Sohn feſt an ſich drückte. Aber es half ihr nichts, der Biſchof legte ſelbſt mit Hand an, ihn von ihr loszureißen. Sie ſah ein, daß hier Widerſtand ver⸗ gebens war, ſie bezwang ihren Stolz und legte ſich auf's Bitten— aber eine höhniſche Aeußerung des Biſchofs verſchloß ihr wieder den Mund; ſtumm, mit zum Himmel gerichtetem verklagendem Blick ließ ſie den ſchreienden Knaben fortſchleppen. Zum erſtenmale ward jetzt die Thür ihres Kerkers verriegelt. Lange ſtand ſie noch ſtarr und ſtumm in der Mitte des Gemaches, endlich ſtürzten ihr die Thränen aus den Augen, ſie ſank auf ihre Kniee und klagte dem Himmel ihr ſchweres Leid. Gegen dieſes Leid reichte doch ihr königlicher Sinn nicht aus. Obgleich ſie ſich äußerlich wieder zu einiger Würde faßte, innerlich war ſie gebrochen. Mitleidsvoll ſah der alte Burggraf ihren Gram. Er kam erſt den an⸗ dern Morgen wieder zu ihr, nachdem der unholde Gaſt wieder abgereiſt war, und zwar mit dem jungen König und nicht ohne dem Burggrafen die rechte Strenge gegen die gefangen Zurückbleibende einzuſchärfen. Die erſte Frage, welche die Königin an ihn richtete, war die nach ihrem Sohne. Es ward dem Alten ſchwer, ihr die Wahrheit zu ſagen, er verſuchte ſtockend eine 119 Beſchönigung. aber die Königin errieth die Wahrheit. Der Burggraf ſah, wie ſie ſchwankte, er mußte ſie in ſeinen Armen auffangen.. das Herz blutete ihm, und er beſchloß, lieber ſein Amt zu verlieren, als ſich zum Quäl⸗ geiſt der königlichen Dulderin herzugeben. Die Königin erholte ſich wieder und er lud ſie ein, mit ihm in das Freie zu gehen. Zum erſtenmale ſeit ein paar Monaten betrat die Königin an des Burggrafen Seite wieder die freie Natur. Der Frühling hielt eben ſeinen Triumphzug durch's Böh⸗ menland und grüßte die königliche Gefangene aus grü⸗ nenden Waldbäumen und blühenden Matten, aus blauer Luft und ſilbernen Quellen. Und mit ſeinem Szepter aus Veilchen, Primeln und Schneeglöckchen berührte er ihre Stirn und ſprach:„Schau mich an, Schweſter, auch ich war vor kurzer Friſt noch ein gefangener König, in eiſi⸗ gen Banden hielt mich der Kerkermeiſter Winter, und ſtatt duftiger Mailüfte hauchte ich heulende Winde aus, meinen Schmerz auszuſchreien. Da kam der Befreier über Nacht aus Süden herauf und ſchmolz die Bande, und nun ſieh mich wieder in verjüngter Herrlichkeit. Hoffe! Auch Dir wird der Tag der Befreiung kommen.“ Draußen fragte die Königin, wohin ihr Sohn ge⸗ bracht worden; der Burggraf wußte es nicht; aber wie ſie eine Strecke gewandelt waren, kam ein Bauer des 120 Weges, der neigte ſich tief vor den Beiden, blieb ſtehen und bat um eine Gabe, denn ſein Haus und Hof ſeien von einer Horde fremder Krieger in Aſche gelegt worden. Die Königin dachte an das Geleite des Biſchofs von Brandenburg, vielleicht gehörten die Mordbrenner zu die⸗ ſem, vielleicht konnte ſie durch den Bauer etwas über ihren Sohn erfahren. Sie fragte ihn, ob die Horde nicht einen Knaben mit ſich geführt, deſſen Ausſehen ſie beſchrieb. Der Bauer erwiderte, daß ein Reiter gerad ſo ein Büb⸗ lein vor ſich auf dem Sattelknopf gehalten, das habe gar jämmerlich geweint. „Wo hattet Ihr denn Euer Haus und Hof?“ fragte die Königin weiter. „Eine halbe Tagereiſe von hier nordwärts, jenſeit der großen Teiche, da wo der Polzen die Wände des Sandſteingebirges beſpült,“ lautete die Antwort. „Und wohin zog die Bande?“ forſchte die Königin wieder. „Sie zog weiter nach Mitternacht, nach den großen Bergen hin,“ berichtete der Bauer. Die Königin bat hierauf den Burggrafen Hermann, dies war ſein Name, dem armen Bauer eine Gabe zu reichen, worauf dieſer ihn mit auf die Burg kommen ließ, wo er ihn ſpeiſte und reichlich beſchenkte. Als am folgenden Tage die Königin wieder mit 121 dem Burggrafen ſpazieren ging und ihren Weg etwas weiter ausdehnte, als geſtern, ſtießen ſie auf einen Pilger, der ihnen von Süden her entgegenkam. In dem Geſichte deſſelben fiel ihr etwas Bekanntes auf, was ſie veranlaßte, ihn anzureden.„Woher des Weges, Pilger?“ fragte fie. „Auf weitem Umwege von Kuttenberg,“ antwortete eine Stimme, die der Frageſtellerin wie himmliſche Muſik klang. „Da wollt Ihr wohl zum Gnadenborn der ſeligen Zdislawa bei Gabel?“ fragte der Burggraf,„oder zum wunderkräftigen Grabe der heiligen Piibislawa am Ber⸗ ge Krutina?“ „Nein,“ erwiderte der Pilger;„ich ſuche einem Traum zufolge Unſere Liebe Frau von Pöſig auf; das muß wohl hier herum irgendwo liegen.“ Dabei ſah er die Königin mit einem Blick an, der ihr durch die Seele drang. „Allerdings liegt das gar nicht weit von hier im Walde,“ antwortete der Burggraf,„die Burg müßt Ihr ſchon lange geſehen haben; aber von einem Gnadenbilde Unſerer Lieben Frau wiſſen wir nichts, die wir doch von Pöſig ſind.“ „Dann hätte mich mein Traum belogen,“ ſagte der Pilger,„oder ich habe ihn falſch gedeutet. Ich lag ent⸗ ſchlummert auf langem Leidenslager, da erſchien mir im 1860. XR. Zäwit von Roſenberg. III. 8 Traume die Mutter der Gnaden— ſie ſah Euch ähnlich, edle Frau, und rieth mir nach Pöſig zu wallfahrten, da werde ich bei ihrem Abbilde Geneſung finden von meinen Leiden. Wenn nun kein anderes Abbild hier iſt, ſo könnt wohl nur Ihr damit gemeint ſein, edle Frau, in der ich wohl die Burgfrau von Pöſig vor mir ſehe, und die Mei⸗ nung der Gnadenmutter war vielleicht, daß ich als Ein⸗ ſiedler unter Euerm Schutze mich hier niederlaſſen ſoll.“ Kunigunde zweifelte jetzt nicht mehr, daß unter dem Pilgergewande kein Anderer verborgen ſei, als Zäwis von Falkenſtein, ihr„Paladin“. Ihr Herz klopfte faſt hörbar und ihre Stimme zitterte, als ſie ſagte:„Ihr irrt Euch, frommer Pilger, wenn ihr mich für die Burg⸗ frau von Pöſig haltet. Pöſig iſt eine königliche Burg und dieſer Mann hier iſt ihr als Burggraf vorgeſetzt— Ihr ſeht, daß ich den Witwenſchleier trage... Ihr kommt wohl über Prag?“ Der Pilger bejahte. „Wißt Ihr nichts Neues von dort zu berichten?“ „Neues genug, aber wenig Gutes. Ich will Eure Trauer um den Gatten nicht durch üble Zeitung vermeh⸗ ren, lieber will ich an die Linderung meiner Leiden denken und Euch, Herr Burggraf fragen, ob ich mich in der Nähe Eurer Burg als Einſiedler niederlaſſen kann, vor⸗ ausgeſetzt, daß diefe hohe Frau auf Eurer Burg hauſt.“ — 123 „Wenn Euch die heilige Mutter Gottes ſelbſt hier⸗ her gewieſen, ſo mag ich's nicht hindern,“ ſagte der Burg⸗ graf.„Ihr werdet da an der rechten Seite des Berges einen Felſen finden, der von dichtem Laubwerk überhangen iſt, ſo daß es ein natürliches Dach bildet; Ihr brauchet da nur geringer Nachhilfe, um eine Einſiedelei herzu⸗ richten. Mit Speiſe und Trank will ich Euch aus der Burg verſorgen.“ Der Pilger dankte dem Burggrafen in ſalbungs⸗ vollen Worten, die demſelben einen hohen Begriff von ſeiner Frömmigkeit und von der Verdienſtlichkeit des ihm gewährten Schutzes beibrachten. Als die Königin und der Burggraf von ihm Abſchied nahmen, entnahm er aus einem Blick von ihr, daß ſie ihn erkannt und verſtanden hatte. Zäwis richtete ſich als Klausner am Abhange des Pöſigberges ein. Er hoffte Gelegenheit zu finden, ſich mit Kunigunde über Art und Zeit ihrer Befreiung zu verſtändigen. Er hatte bereits vor acht Tagen die Burg von allen Seiten umſtreift und ſich überzengt, daß ſie mit Gewalt nicht zu nehmen ſei, ſonſt würde ihm Hynek von Duba ein paar hundert Mann zu einem Handſtreich gegen die Burg gegeben haben. Es mußte ein anderer Plan erſonnen werden; Sezema rieth zu der Pilgerrolle, 8* 124 die er ſelbſt übernommen haben würde, hätte nicht Zäwis ſie mit Begierde an ſich geriſſen. Die Königin erſchien öfter mit dem Burggrafen in der Hütte des Einſiedlers, welcher nicht verfehlte ihnen zu berichten, wie er bereits einen Anfang der Linderung ſeiner Leiden verſpüre, und jeden Tag, wo ſie ihn be⸗ ſuchten, hatte er ſein Beſſerwerden zu rühmen. Eine Verſtändigung mit der Königin über den Zweck ſeines Hierſeins war im Beiſein des Burggrafen unmöglich. Endlich geſtattete ihr der Burggraf, den Klausner allein zu beſuchen, doch mußte ſie ihr königliches Wort verpfänden, daß ſie nicht weiter gehen, nicht einen Flucht⸗ verſuch machen wollte. Ihr war wie einem freigelaſſenen Vögelein, als ſie zum erſtenmal ohne Kerkermeiſter aus dem äußern Burgthor hinaus trat. Daß er aber doch zwei Knechte in einiger Entfernung hinter ihr herſchlei⸗ chen und zwei Roſſe geſattelt und gezäumt bereit halten ließ, wußte ſie nicht. Als Zãwis ſie allein daher kommen ſah, trat er ihr einige Schritte entgegen, und wie ſie ſich ihm nahte, ihm ihre Hand reichend, ſank er ihr mit dem Ausrufe: „Meine Königin! Meine hohe Herrin!“ zu Füßen und preßte die ſchöne Hand an ſeine Lippen. „Mein Paladin!“ erwiderte ſie, und ein Schauer namenloſen Entzückens durchſtrömte ihr ganzes Weſen 125 und hätte ſie beinahe in ſeine Arme geriſſen; aber ſie hielt mit aller Anſtrengung an ſich.„Steht auf!“ ſagte ſie mit feuchtem Blick;„ich glaube zwar allein zu ſein, aber man kann doch nicht wiſſen, ob hinter dieſen Bäu⸗ men nicht verrätheriſche Augen lauern.“ Er erhob ſich und bat ſie, in ſeine Einſiedelei zu treten, wo ſie vor ſpähenden Blicken geſchützt wären. „Ihr mußtet lange auf Euern Paladin warten,“ ſagte er, als ſie mit ihm ſich auf einer Raſenbank nieder⸗ gelaſſen,„Ihr verzweifeltet wohl ſchon an ſeiner Treue?“ „Niemals,“ verſicherte die Königin;„ich glaubte nur, mein Gefängniß ſei Euch nicht bekannt geworden, und es könnte noch lange dauern, ehe Ihr es ausfindig machtet.“ „Es hat auch lange gedauert, erſt vor vier Wochen kamen wir Euch auf die Spur; höret nur, auf welche Weiſe dies meinem Vetter Sezema gelang.“ Er erzählte, welche Rolle Sezema geſpielt, um ihren Aufenhalt aus⸗ zukundſchaften. „Der treue Mann!“ ſagte die Königin nach dem Bericht;„aber wie war das mit dem Raube? Hat der Markgraf ihn noch durchgeführt? Ich hörte, er ſei nach Brandenburg zurückgereiſt?“ „Das iſt allerdings geſchehen,“ verſicherte Zäwis, „und er hat den Raub mit ſich fortgeführt. Vergebens 126 wendete ſich die geſammte Prager Geiſtlichkeit bittend an ihn, daß er wenigſtens das Kirchengut wieder heraus⸗ gebe. Er wies ſie mit Hohn zurück. Er nannte die Kirche verketzert, weil darin für den im Bann geſtorbenen König Meſſen geleſen und von ihrem Thurme um ihn zur Trauer geläutet worden. Ja, er ſchloß ſie zu und unter⸗ ſagte allen Gottesdienſt darin. Als der neuerwählte Biſchof Tobias von Bechin ſeinen Einzug in den Dom halten wollte, wurde ihm der Eingang unterſagt und er mußte ſein erſtes Hochamt in der Stiftskirche zu Strahow halten.“ „Mein armes, unglückliches Böhmen!“ rief die Königin mit Thränen,„was ſoll aus Dir werden unter den Händen ſolcher Räuber und Heiligthumſchänder!“ „An des Markgrafen Stelle iſt nun erſt ein rechter Rüuber gekommen,“ fagte Zäwis,„ein Wolf im Schafs⸗ kleide, der Biſchof von Brandenburg. Der iſt mit einer Rotte Abenteurer in's Land gefallen, die ihren Weg durch Raub und Mord und Brand und andere Gräuel bezeichnen. Leider haben auch böhmiſche Edle mit ihnen gemeine Sache gemacht, ſammt den von Deutſchen be⸗ wohnten Städten. Das Landvolk flüchtet vor dieſen Horden nach dem Süden, die Mehrzahl des Adels rüſtet ſich zum Widerſtande. Ich habe meinen Vetter Sezema an alle Glieder des Witkowetziſchen Hauſes geſandt, um H . 127 ſie zum Kampfe gegen die Landesverderber aufzufordern. Herr Hynek von Duba ſendet fliegende Boten an den ehrenhaften Adel, um ihn zu gemeinſamer That zu Schutz und Trutz zu veranlaſſen. Ich will nur erſt meine Königin und den König befreien, dann werde ich mich an die Spitze der Witkowetziſchen Mannen ſtellen, um mit den übrigen Patrioten die Räuber aus dem Lande zu treiben.“ „Ihr wiſſet noch nicht, daß man den König von mir getrennt und fortgebracht hat, ich weiß nicht wohin,“ ſagte die Königin und erzählte den Vorgang mit dem Biſchof von Brandenburg. „Die Hand des Herrn liegt ſchwer auf Euch, hohe Frau,“ nahm Zäwis das Wort wieder.„Doch ſoll und muß ſich Euer Schickſal nun wenden. Da Ihr frei aus der Burg herausgehen dürft, ſo wird es ein Leichtes ſein, mit mir unter ſicherer Bedeckung, die ich von Duba rufen werde, das nur wenig Stunden von hier gegen Abend liegt, zu entfliehen.“ „Ich ſagte Euch, daß ich nur gegen Verpfändung meines königlichen Wortes, keinen Fluchtverſuch zu machen, dieſe Freiheit erlangt, und nimmer werde ich dieſes Wort brechen,“ wandte die Königin ein. Zäwis ſuchte ihr Bedenken dadurch zu entkräften, daß er ihr die ganze Widerrechtlichkeit und Schändlichkeit 128 ihrer Gefangenhaltung vorſtellte, allein ſie erkärte, daß dafür der arme Burggraf nichts könne, der ihr ſo viel Vertrauen ſchenke, und ſie könne unmöglich dieſes zu ſeinem Schaden täuſchen. „Dann muß ich auf ein anderes Mittel zu Eurer Befreiung ſinnen,“ ſagte Zäwis. Die Königin erhob ſich hierauf zum Abſchied. Es ſei ein großer Troſt für ſie, ihren beſten Freund in der Nähe zu wiſſen, verſicherte ſie und reichte ihm die Hand, die er brünſtig küßte. Mit der Hoffnung baldigen Wieder⸗ ſehens entfernte ſich die Königin. Zäwis ſann von Stund an eifrig nach, wie er ſie befreien könne, ohne ihr Gewiſſen zu beſchweren, und er fand bald ein Mitel, das ihm Erfolg verſprach. Er eilte gegen Abend nach Duba, wo er den Rieſen Jodok zurück⸗ gelaſſen. Dieſer ſollte den folgenden Tag nach Pöſig gehen, ſich für einen Boten der Aebtiſſin von St. Georg in Prag ansgeben und der Königin die Nachricht bringen, ihre Tochter Kunigunde ſei ſehr ſchwer erkrankt und verlange ſchmerzlich nach ihrer Mutter. Dieſe ſolle, wenn es irgend thunlich, ſich nach Prag führen laſſen, um ihrer Tochter vielleicht das Leben zu erhalten. Jodok ward in den ganzen mit dieſer Sendung verknüpften Plan eingeweiht, und unterzog ſich ihr mit Freuden. Zäwis eilte am andern Morgen nach ſeiner Einſiedelei 129 zurück, indeß Jodok einen weiten Umweg nach Pöſig nahm, ſo daß es ſchien, als ob er von Prag her käme. † Er erreichte denſelben Abend die Burg und erlangte nach vielen Umſtänden Einlaß. Er mußte ſich die Augen verbinden und ſo vor den Burggrafen führen laſſen. Als er dieſem ſein Anliegen gemeldet, ward er gefragt, wie die Aebtiſſin wiſſen könne, daß die Königin hier ſei. Jodok hatte ſich auf dieſe Frage gefaßt gemacht; er antwortete, die Aebtiſſin Agnes habe den Biſchof⸗Statthalter bei der göttlichen Barmherzigkeit angefleht, ihr den Aufenthalt der Königin zu nennen und zu erlauben, daß ſie derſelben von der tödtlichen Krankheit ihrer Tochter Nachricht gebe, ja, wenn es irgend thunlich, jener zu vergönnen, daß ſie unter gehöriger Bedeckung an das Krankenlager ihrer Tochter eilen dürfe. Darauf habe der Biſchof der Aebtiſſin die Burg Pöſig als Gewahrſam der Königin genannt, im Uebrigen aber ihr überlaſſen, zu verſuchen, ob der Burggraf von Pöſig, der allein für die Gefangene zu haften habe, ſich getraue, ſie nach Prag führen zu laſſen.„Nun ich denke,“ ſchloß Jodok,„Ihr habt ein Chriſtenherz, Herr Burggraf, und ſehet zu, wie Ihr die arme Königin zu ihrer kranken Tochter bringt. Ihr rettet . vielleicht der lieblichen und tugendreichen Königstochter dadurch das Leben.“ 3 Der Burggraf fand die Sache wohl etwas„kitz⸗ 130 lich“, er meinte, der Biſchof⸗Statthalter ſei ein Fuchs, der als Seelenhirt vor der Seelenhirtin nicht gern un⸗“ barmherzig erſcheinen, aber doch auch keine Verantwor⸗ tung übernehmen wolle, darum habe er dieſe ihm, dem Burggrafen, zugeſchoben. Er ſann hin und her, es gab Bedenken hier und Bedenken da, er konnte zu keinem Entſchluß kommen; endlich ging er mit dem Rieſen zur Königin und ließ ihn dieſer ſeine Meldung ſelbſt über⸗ bringen. Die Königin, den frommen Betrug nicht ahnend, war außer ſich vor Beſtürzung und Angſt, und ihre Bitten und Thränen brachten den Burggrafen ſchnell zu einem Entſchluß. Er dachte, wenn er ſie in einen Wagen ſetze und ſich bis an die Zähne bewaffnet zu ihr, wenn er außerdem dem Wagen eine Bedeckung von vier Be⸗ waffneten gäbe, wage er eigentlich gar nichts. So be⸗ ſchloß er denn, die Königin ſelbſt nach Prag zu bringen, und that dies ihr und Jodok kund. Den folgenden Mor⸗ gen ſollte die Reiſe vor ſich gehen. Erfreut über das Gelingen ſeiner Sendung ließ Jodok es ſich gern gefallen, wenn der Burggraf ihn für die nächſte Nacht unter Schloß und Riegel legen und noch außerdem durch zwei Mann bewachen ließ. Weni⸗ ger behagte es ihm, als ihm am Morgen der Burggraf eröffnete, er müſſe es ſich gefallen laſſen, auf einem be⸗ —.—, 131 ſondern Karren hinter dem Wagen herzufahren, da ein ſolcher Goliath ſeine ungeheuren Gliedmaſſen in dem⸗ ſelben nicht mit unterbringen könne. Er erklärte, lieber zu Fuß gehen zu wollen, aber der Burggraf fand es zu mehrerer Sicherheit für durchaus nothwendig, daß er mit ſeinem Wagen und die berittene Bedeckung den Rieſen auf einem Karren in die Mitte nähmen. Als die Karawane den Burgberg herabfuhr, ließ Jodok gefliſſentlich einen weithinſchallenden Ton verneh⸗ men, welcher Zäwis' Aufmerkſamkeit erregen ſollte. Allein er hätte dies nicht nöthig gehabt, denn die Kö⸗ nigin. ihres Einſiedlers und äußerte gegen den Burggrafen den Wunſch, dieſem einen Sch heidegruß auf einige Tage zu ſpenden. Der Burggraf fandte einen der Reiter ab, den Einſiedler herbei zu holen. Zäwis erſchien und vernahm ſcheinbar mit Befrem⸗ den und Betrübniß, daß die edle Frau längere Zeit ab⸗ weſend ſein werde. Sie bat ihn, für ſie und ihre Tochter zu beten, und ſprach die Hoffnung baldigen Wiederſehens aus. Darauf ging die Reiſe fort. Zäwis hatte nicht ſobald die Karawane aus dem Geſichte verloren, ai er eilig den Weg nach Duba einſchlug. Dort nahm er ein Dutzend rieſiger Männer zu ſich und ritt mit dieſen über Melnik nach Prag. In dem Dorfe Lieben, nahe vor Prag, machte er Halt, zog 132 wieder ſein Pilgerkleid an und eilte, ſeine Leute in dem Dorfe mit den nöthigen Verhaltungsbefehlen zurück⸗ laſſend, in die Stadt nach dem Kloſter bei St. Georg. Hier verlangte er mit der Aebtiſſin zu ſprechen. Dieſe empfing ihn am Sprechgitter. Er ſetzte ſie kurz von ſei⸗ nem Befreiungsplane in Kenntniß und kündigte ihr an, daß die Königin jeden Augenblick kommen könne, ihre Tochter zu beſuchen— ſie, die Aebtiſſin, werde doch nach der Kloſterregel keinem Manne geſtatten, mit in das In⸗ nere des jungfräulichen Heiligthumes zu dringen. Die ehrwürdige Frau erwiderte, daß ſie dies dem Biſchof⸗ Statthalter ſelbſt nicht geſtatten werde— übrigens ſei die Prinzeſſin Kunigunde wirklich leidend vor Gram und Sehnſucht nach ihrer Mutter. Betuhigt verließ Zäwis das Kloſter und ging wie⸗ der vor das Thor gegen Lieben hin, wo er ſich auf die Lauer legte. Erſt nach mehreren Stunden ſah er die Ka⸗ rawane von Pöſig herankommen. Er verbarg ſich und ließ ſie vorüberziehen. In ziemlicher Entfernung folgte er ihr nach. Sie nahm ihren Weg nach dem Kloſter St. Georg. Der Burggraf ſtieg mit der Königin aus dem Wagen und führte ſie in das Kloſter. Nach einer halben Stunde kehrte er allein zurück. Die Aebtiſſin hatte gebe⸗ ten, die Königin für die Nacht im Kloſter behalten zu dürfen, und hatte ihm ihr Wort verpfändet, daß er die⸗ 133 ſelbe den folgenden Tag dort finden und in Empfang nehmen könne. Der ehrliche Burggraf glaubte jetzt, daß Alles in Ordnung ſei, und entließ Jodok mit dem Erſu⸗ chen, ihm und ſeinem Gefolge eine gute Herberge anzu⸗ weiſen. Das war freilich für Jodok eine ſchwierige Auf⸗ gabe, da er in Prag ſelbſt ziemlich unbekannt war, doch erbot er ſich auf gut Glück zum Führer. Zufällig traf er an der Brücke den Fiſcher, bei dem er in jener Nacht geherbergt; dieſen bat er, ſeine Begleiter nach der beſten Herberge zu bringen, die er kenne, worauf er ſich eilig verabſchiedete. Zäwis war ihm von fern gefolgt; jetzt beeilte er ſich, ihn einzuholen. Der wackere Rieſe hatte eine kind⸗ liche Frende, als er ſeinen Herrn erkannte un dieſem melden konnte, daß Alles vortrefflich gehe. Morgen werde das Fuhrwerk zurückgehen, wo es hergekommen; er freue ſich auf den Spaß, den es bei der Befreiung geben werde. „Betet nur, daß Gott das Werk gelingen laſſe!“ ſagte Zäwis. Am folgenden Tage lag Zäwis mit ſeinen Man⸗ nen, natürlich nicht ohne Jodok, bei guter Zeit im Hin⸗ terhalt. Jodok fand aber für gut, ſich in die Nähe des Kloſters auf Kundſchaft zu legen. Es war bereits gegen Mittag, als er mit der Meldung herbei eilte:„Sie kom⸗ men.“ Ein Gebüſch verbarg die lauernde Schaar den Kommenden. Als dieſe an dem Gebüſch vorüber waren, ſtürzte Zäwis mit den Seinigen hervor; im Nu war der Wagen umzingelt, flog die Bedeckung in den Sand, fand ſich die Königin von Jodok's gewaltigen Armen aus dem Wagen gehoben und auf einen von Zäwis bereit ge⸗ haltenen Zelter geſetzt, und ehe ſich der gute Burggraf recht beſinnen konnte, wie ihm geſchehen, jagte die reiſige Schaar mit ihrer theuren Beute wie der Sturmwind davon. Zechstes Capitel. Im ganzen Böhmenlande war kein Mann über das Treiben der Brandenburger tiefer empört als Dalemil. Obgleich ihm ſeit den Feſten von Iglau, und noch mehr ſeit der letzten Hofhaltung der Königin in Prag das Schickſal ſeiner Tochter ſchwer auf dem Herzen lag; ob⸗ gleich er auch darüber litt, daß ſeine Schweſter unaus⸗ geſöhnt mit ihm aus dem Leben gegangen war: ſo über⸗ wog doch ſein Zorn und ſein Schmerz über die dem Vaterlande zugefügten Frevel ſeinen häuslichen Kummer. Unter den Pragern hatte ſeit dem mißlungenen Sturme gegen die Burg eine Art dumpfer Verzweiflung 135 Platz gegriffen, welche ihre Hände geballt hielt, ohne ſie zu einer That kommen zu laſſen. Dalemil ſuchte ſie ver⸗ gebens in flammenden Reden zur Abſchüttelung des ſchmachvollen Zoches aufzuſtacheln. Darum ſchüttelte er den Staub von ſeinen Füßen und zog hinaus in's Land, um wie einſt gegen den aufrühreriſchen Adel, ſo jetzt ge⸗ gen die fremden Landesverderber zu predigen. So durch⸗ zog er den ganzen Oſten Böhmens. Die Brandenbur⸗ ger trugen das Ihrige bei, daß ſeine Predigten vom be⸗ ſten Erfolge begleitet waren; denn wie in Feindesland ſchalteten ſie in dem Lande, das ſie angeblich zu ſchützen gekommen waren, durch Gewaltthätigkeiten und Erpreſ⸗ ſungen das Volk auf das entſetzlichſte plagend. Und während er die Genugthnung erlebte, daß ſeine Reden allenthalben, wohin er kam, mit Beifall aufgenommen wurden und das Volk zur Rache reizten, erfuhr er zu⸗ gleich, daß auch durch den Adel eine entſprechende Be⸗ wegung ging. In den weiten Beſitzungen der Wikowetze, der Berken von Duba, der Rieſenburge, Löwenberge, Cimburge u. a. ward eifrig gerüſtet, um die Feinde aus dem Lande zu treiben. An manchen Orten von gemiſch⸗ ter Bevölkerung und wo ſonſt zwei Parteien einander nahe hauſten, kam es bereits zu Kämpfen. Auch in das ſtammverwandte Mährenland trug. Dalemil den Blitz ſeiner Rede, damit alle Gemüther ent⸗ 136 zündend. Als er in die alte Stadt Znahm kam, daſelbſt ebenfalls ſein gewaltiges Wort ertönen zu laſſen, ſtieß er auf der Gaſſe auf den rieſigen Mann, der ihn einſt in Krumau ſo unſanft von der Rednerbühne gehoben. Die⸗ ſer erkannte ihn auch gleich, und da er wußte, daß er den Vater ſeiner Herrin vor ſich habe, redete er ihn an: „Sieh da, Herr Dalemil, der Vater meiner edlen Herrin!“ Dalemil wollte finſter an ihm vorübergehen. „Nicht ſo, alter Herr!“ rief Jodok, ihm den Weg vertretend.„Ihr grollt mir, weil ich einſt meine Schul⸗ digkeit an Euch that, als Ihr meinen Herrn und Wohl⸗ thäter ſchmähtet; Ihr werdet aber dem treueſten Die⸗ ner Eurer Tochter nicht mehr grollen.“ „Was redet Ihr von meiner Tochter?“ erwiderte Dalemil;„ich habe keine Tochter.“ „Wie! Seid Ihr nicht der gelehrte Meiſter Da⸗ lemil von Prag?“ ſagte Jodok ſtutzig. „Der bin ich, der Einzige dieſes Namens in Prag.“ „Dann ſeid Ihr doch der Vater meiner Herrin Li⸗ busa, Gemahlin des Herrn Zäwis von Falkenſtein— ja ſo! ich befinne mich, die Ehe iſt auch Euch ein Geheimniß, wie ſie aller Welt ein Geheimniß ſein ſoll. Aber es iſt vor Euch einmal heraus, und ſo mag's heraus blei⸗ ben. Ja, alter Herr, ſeht nicht mehr ſo finſter aus, laßt 137 den Grimm gegen Euere edle Tochter fahren, denn ſie iſt Herrn Zäwis' eheliches Gemahl—“ „Wißt Ihr das gewiß?“ „Ich weiß es aus des Herrn eigenem Munde und noch außerdem aus dem Munde des Prieſters, der Eure Tochter getraut.“ „So? Nun meinetwegen, möge meine Tochter als heimliche Ehefrau ſich glücklich fühlen, ich werde ſie bloß als Hausfrau achten, wenn die Ehe vor der ganzen Welt erklärt iſt.“ „Ihr ſeid ein harter, halsſtarriger Mann— ich möchte ſagen: Ihr ſeid einer ſolchen Tochter gar nicht werth. Was iſt nun mit einem ſolchen Vater anzufan⸗ gen? Wenn Ihr das Herz auf dem rechten Flecke hättet, könnte ich Euch zum Bundesgenoſſen in einer Sache ma⸗ chen, die Eure Tochter ſehr nahe angeht.“ „Was iſt es denn für eine Sache? Laßt hören!“ „Zuerſt ſagt mir, was führt Euch hierher?“ „Das wollte ich Euch fragen. Wartet einen Tag hier, dann werdet Ihr Gelegenheit haben, wieder einmal Eure Leibesſtärke an mir ſehen zu laſſen. Ich predige wie⸗ der einmal für das Vaterland— diesmal weniger gegen die heimiſchen als gegen die fremden Feinde.“ „Dann werde ich Euch im Nothfalle ſchützen; pre⸗ 1860. XX. Zäwis von Roſenberg. III. 9 138 digt den Leuten nur das helle Feuer in den Leib, daß ſie die Feinde vertilgen wie dürres Gras!“ „Ich thue, was ich kann, und Gott iſt in den Schwachen mächtig. Dank ſei ihm, noch iſt der Geiſt der großen Ahnen in unſerem Volke nicht ausgeſtorben, noch glühen ſie für Ehre und Recht, und bald werden ſie es beweiſen durch ruhmvolle Thaten.“ „Ihr ſeid ein wackeres Böhmenherz, Meiſter— darum iſt es doppelt ſchade, daß Ihr als Vater ſo hals⸗ ſtarrig ſeid. Ich an Eurer Stelle würde jetzt die Sache meiner Tochter führen, würde Alles aufbieten, um das Unheil von ihr abzuwenden, das ihrem Leben droht.“ „Wie ſo? Was für ein Unheil?“ rief Dalemil geſpannt. „Ihr Gemahl hat ſich an den Augen einer ſchönen Königin das Hirn verbrannt—“ „Das weiß ich längſt— aber ich ſollte meinen, der Brand ſei von ſelber ausgelöſcht, da die ſchönen Augen für ihn unſichtbar geworden ſind—“ „Waren, müßt Ihr ſagen— ach! Ich gäbe einen halben Arm, wo nicht meinen Kopf darum, wenn ſie ihm für immer unſichtbar geblieben wären! Ich armer Tropf habe unſchuldigerweiſe mit geholfen, daß ſie ihm wieder täglich in's Herz leuchten. Ihr wißt wohl gar nichts von der Befreiung der Königin?“ 139 Der Gelehrte verneinte, worauf Jodok erzählte, wie ſein Herr dieſe Befreiung bewerkſtelligt. „So iſt wohl die Königin jetzt hier?“ fragte Da⸗ lemil hierauf. „Sammt ihren Befreiern,“ ſagte Jodok bejahend; „geſtern ſind wir hier angekommen. Die Königin erlangte unterwegs Kunde, daß die Gebeine ihres Gemahls nach Znaym gebracht worden ſeien und da bei den Minoriten ruhten. Da mochte ihr doch ihr Gewiſſen ſchlagen— ſie verlangte hierher zu reiſen, um am Sarge des Königs zu beten. Zetzt iſt ſie dort; wollte Gott, die Flamme für meinen Herrn würde von ihren Thränen ausgelöſcht, dann käme er wohl auch wieder zu ſich. Alter Herr, Ihr ſolltet die Zeit jetzt benutzen, Euerm Schwiegerſohn in das Gewiſſen zu reden. Ihr habt das Zeug dazu. Etwas zerknirſcht wird die Königin doch am Sarge ihres todten Herr werden; ſo lange ſie hier weilt, wird ſie wohl etwas ernſt und zurückhaltend gegen ihren neuen Liebling ſein, das wird ihn verſtimmen und in tiefer Verſtimmung läßt er ſich vielleicht zu ſeinem herzigen Weibe zurück⸗ führen. Es wäre vielleicht gut, wenn Ihr gleich jetzt zu ihm ginget und ordentlich mit ihm redetet? Ihr habt als Vater ſeiner Gattin das Recht und die Pflicht dazu.“ „Wäre Herr Zäwis ein gemeiner bürgerlicher Mann,“ verſetzte Dalemil,„und ſtände er im Begriff, 9* 140 ſeinem Weibe, meiner Tochter, untreu zu werden, ſo wollte ich vor ihn treten und ihm in die Seele reden, daß er ſich wohl bekehren ſollte. Aber der ſtolze Baron dächte vielleicht, mir läge an der Ehre, Schwiegervater eines ſo vornehmen Herrn zu ſein, wenn ich ihn an ſeine Pflicht mahnte. Zudem beſteht die Ehe in meinen Augen nicht, oder iſt ſie mir doch eine ſolche, daß ich nur wünſchen kann, ſie werde wieder gelöſt. Meine Tochter und ihr Kind werden immer als Eindringlinge und Auswürflinge von der hochmüthigen Sippſchaft betrachtet werden, wenn auch Herr Zäwis endlich ſo gnädig ſein ſollte, ſie öffent⸗ lich heimzuführen. Sagte ſich meine Tochter heute von dem Manne los, der ihr doch nie aißchöten wird, ſo würde ich ſie mit Freuden wieder zu mir nehmen und mit ihr an einen verborgenen Ort ziehen, wo Niemand ihre Vergangen heit kennt.“ „Ihr ſeid ein ſonderbarer Mann,“ entgegnete Jo⸗ dok kopfſchüttelnd;„ſo wollt Ihr nichts thun, um das Glück Euerer edlen Tochter zu retten?“ „Ich ſehe das eben für kein Glück an, was Ihr ſo nennt,“ erklärte Dalemil;„es wäre nach meiner Anſicht ſchade um das Wort, das ich dafür verſchwendete. Herr Zãwis von Falkenſtein mag thun, was er will, ich habe mit ihm nichts zu ſchaffen.“ „Wie wäre es, wenn Ihr der Königin hinterbräch⸗ 141 tet, daß Herr Zäwis vermählt iſt?“ ſagte Jodok hier⸗ auf.„Sie würde ſich dann gewiß von ihm zurückziehen.“ „Wer weiß,“ meinte Dalemil;„doch ſei dem, wie ihm wolle, ich miſche mich nicht in dieſe Geſchichte, hab' auch jetzt Wichtigeres zu thun. Gehabt Euch wohl.“ Er ſetzte ſeinen Weg fort und Jodok ſchaute ihm kopfſchüttelnd nach.„Er mag ein geſcheidter Mann ſein und ein Ehrenmann,“ murmelte er vor ſich hin,„aber ein Querkopf bleibt er doch.“ Dann ging er, ſeinen Herrn aufzuſuchen. Dieſem erzählte er, daß er Dalemil be⸗ gegnet war.„Ich dachte,“ fügte er hinzu,„der alte Herr wolle zu ſeiner Tochter reiſen, und freute mich dar⸗ über, daß die edle Frau doch auch eine Freude haben ſollte; aber er mag nichts von ihr wiſſen. Das geht mir recht nahe, Herr; Eure Gemahlin lebt ſo einſam und verlaſſen von Allem, woran ihr Herz hängt— Ihr ſolltet doch einmal zu ihr reiſen und ſie tröſten— von hier habt Ihr nicht weit dahin. Die Königin iſt ja nun gerettet und geborgen.“ „Aber noch bleibt uns ein großes Werk zu thun übrig,“ wandte Zäwis ein,„ein Werk, ohne deſſen Ausführung auch die Rettung der Königin nur halb voll⸗ endet wäre: wir müſſen die Frevler an ihrer geheiligten Perſon züchtigen und das Land von ſeinen Drängern be⸗ 142 freien. Geh' Du nach Malyhrad und bleibe bei Deiner Herrin, bis ich mein Werk gethan.“ „Sie hat mir befohlen, ſo lange um Eure Perſon zu bleiben, als Ihr Gefahren ausgeſetzt ſeid,“ antwor⸗ tete Jodok.„Wenn Ihr Euch in einen ſo großen Kampf ſtürzt, darf ich Euch nicht verlaſſen. Ich ſollte aber mei⸗ nen, auf acht Tage könne es Euch jetzt nicht ankommen“ „Du machſt Dich läſtig, Jodok,“ erwiderte Zäwis; „ich kenne meine Pflicht am beſten. Es iſt keine Zeit zu verlieren, um das Vaterland zu retten; wo dieſes ruft, da müſſen andere Stimmen ſchweigen. Geh' Du nach Malhhrad, Du biſt dort vielleicht nothwendiger wie bei mir.“ „Ich weiß, daß ich nicht vor Eure Gemahlin treten darf, ohne Euch mitzubringen,“ verſetzte Jodok.„Schickt Ihr mich auch fort, ſo gehe ich doch nicht nach Maly⸗ hrad, ſondern folge Euch von fern nach, um Euch nahe zu ſein, wenn Ihr von Gefahren umringt ſeid. So will es meine Herrin.“ Zäwis ſchwieg eine Weile halb unwillig, halb ver⸗ legen. Dann ſagte er:„So magſt Du vor der Hand noch bei mir bleiben. Wir gehen in den nächſten Tagen nach Brünn. Dort wird ſich das Weitere finden.“ Die Andacht am Sarge ihres Gemahls ſchien wirk⸗ lich eine größere Veränderung in der Seele Kunigundens 143 hervorgebracht zu haben. Zäwis hatte die Stunden ge⸗ zählt, bis ſie aus dem Kloſter der Minoriten zurückkehrte, und als er ſie zu begrüßen in ihre Herberge kam, benahm ſie ſich höchſt ernſt und feierlich gegen ihn. Ihre Augen waren von Thränen geröthet und ihr ganzes Ausſehen trug Spuren tiefen Ergriffenſeins. Sie ſprach nur von dem königlichen Todten. Sie verweilte bei ſeinen gro⸗ ßen Eigenſchaften, bei den Tagen des Glanzes und Ruhmes, die ſie an ſeiner Seite verlebt, bei der Ge⸗ ſchichte ſeines tragiſchen Ausganges und ſeinem Helden⸗ tode. Sie klagte, daß er viel zu früh für ſie und ihre Kinder dahin gegangen, daß er ſie ſchutzlos in einer Welt voll boshafter Feinde zurückgelaſſen. Die Erinnerung alles Schrecklichen und Schmachvollen, was ſie ſeit ſei⸗ nem Fall erlebt, kam überwältigend über ſie und machte ihre Klage um den Todten doppelt ergreifend. Zäwis mußte die Berechtigung ihres Leides an⸗ erkennen, er litt mit ihr, aber nicht um ihretwillen allein, er litt auch um ſeinetwillen, weil er ſich auf einmal hin⸗ ter den Todten zurückgeſetzt, über ihm vergeſſen fand. Er hätte am liebſten dieſen traurigen Ort ſogleich wieder verlaſſen, aber die Königin konnte ſich noch nicht von ihm trennen. Drei Tage, erklärte ſie, müſſe ſie dem theuren Gatten das Thränenopfer bringen, dann wolle ſie ſich aufmachen, ihn und ſein Fleiſch und Blut zu rächen. 144 Zäwis mußte ſie gewähren laſſen. Drei Tage ertrug er die Qual, ſich über den Todten vernachläſſigt zu ſehen. Wenn ſie nach vielen Stunden trauervollen Weilens im Gruftgewölbe der Minoriten wieder mit ihm zuſammen⸗ kam und ihn dann ſo kalt, ſo gemeſſen empfing, und nur noch Empfindung für ihren Todten zeigte, dann war es ihm, als erwache er aus einem verführeriſchen Traum, als ſei die Königin dieſes Traumes nur ein Trugbild ge⸗ weſen, und als müſſe er augenblicklich hinwegfliehen in die Arme derjenigen, bei der kein Trug, keine Wand⸗ lung war. Dann klang wohl die Mahnung des treuen Jodok in ſeiner Seele leiſe wider, dann ſchien es ihm das Beſte und Würdigſte, nach Malyhrad zu eilen und ſeine aufopfernde Rittertreue nicht ferner an königlichen Undank zu verſchwenden. Am dritten Tage ward er von Jodok darauf auf⸗ merkſam gemacht, daß das Volk auf dem Markt zuſam⸗ menſtröme, den Redner Dalemil zu hören. Die Königin war wieder bei den Minoriten und Zäwis kämpfte mit den widerſtreitenden Empfindungen in ſeiner Bruſt. Um ſich zu zerſtreuen, ging er hinab auf den Markt. Da⸗ lemil ſtand auf einer aus Tiſchen gebildeten Tribüne und begann eben zu ſprechen. Seine Stimme ſchien anfangs der Aufgabe, der er ſich gewidmet, nicht gewachſen, ſie war faſt dünn und heiſer. Aber je länger er ſprach, deſto 145 mehr gewann ſie an Fülle und Wohllaut; dabei ſchien ſeine Geſtalt zu wachſen. Er begann mit einer ergrei⸗ fenden Schilderung der Drangſale, von denen Böhmen in den letzten Zeiten heimgeſucht worden, und ging dann zur Anklage wider die Urheber derſelben über, die wie Donner des Gerichtes klang. Hieran ſchloß ſich der Weck⸗ ruf an das Volk, die Dränger zu richten.„Der König,“ ſagte er,„der König, der da richten ſollte, liegt todt im Gruftgewölbe der Minoriten, das Schwert der Gerechtig⸗ keit iſt ſeiner Hand entfallen; der Erbe ſeiner Krone iſt zu ſchwach es aufzuheben, auch iſt er gefangen in der Gewalt des Feindes. Wer ſoll es nun aufheben, wenn nicht das Volk? Wer ſoll das Gericht üben, wenn nicht das Volk? Auf, du mähriſches Volk, erhebe dich mit deinem böh⸗ miſchen Brudervolke, und richte die Mörder, die Schän⸗ der, die Räuber, die in das Vaterland gefallen, mit der Schärfe des Schwertes. Wer eine Hand hat, ein Schwert zu faſſen, wer einen Arm hat, eine Keule zu heben oder ei⸗ nen Spieß zu ſchwingen, wer auch nur eine Sichel oder Senſe führen kann, der iſt mit berufen zum großen Rich⸗ teramt. Es gibt Zeiten, wo Gott das Richtſchwert aus der Hand der Obrigkeit in die Hände des Volkes legt, damit das Gericht groß und ſchrecklich, das aus ſeinen Fugen geriſſene Recht wieder eingerichtet werde. In ſol⸗ chen Zeiten iſt alle Hoheit und geheiligte Majeſtät bei 6 146 dem Volke, dann iſt jeder Mann des Volkes eine gehei⸗ ligte, königliche Perſon. Eine ſolche Zeit iſt jetzt in Böh⸗ men und Mähren. Auf, ihr Männer, ihr Könige, ihr gerechten Schergen Gottes, vollführt euer Amt, greift zu Schwert und Spieß, zu Keule und Senſe, und haut zu Boden, ſtecht über den Haufen, ſchlagt nieder und mäht, was auch nur ein Haar auf dem Haupte eines Böhmen oder Mähren gekrümmt, oder einen Halm auf einem böhmiſchen oder mähriſchen Acker zertreten. Schmach und Gottes Zorn über Jeden, der ſich feig ſeinem heiligen Richteramte entzieht; es gibt keine Pflicht, die ihn davon entbinden könnte; Niemand ver⸗ ſuche ſich zu entſchuldigen, daß er einen Todten be⸗ graben, einen Kranken pflegen, ſeinem kreiſenden Weibe beiſtehen, eine Trauernde tröſten, oder ſonſt eine fromme Pflicht erfüllen müſſe; laſſet dieſe Pflichten den Alten und Weibern; ihr Männer und Zünglinge habt nur die eine Pflicht: zu richten, damit das Recht und die Ord⸗ nung wieder aufgerichtet werden im Vaterlande.“ Athemlos lauſchte die Menge dieſer Rede, und es dauerte eine geraume Zeit, ehe ſie merkte, daß der Red⸗ ner aufgehört hatte, daß er von ſeiner Bühne wie ver⸗ ſchwunden war. Kein Beifallgeſchrei folgte ſeiner Rede, aber gerade die Stille, welche in der Verſammlung fortherrſchte, bewies, daß ſie ihre Wirkung nicht verfehlt 147 hatte. Hatte ſie doch ſelbſt auf Zäwis einen mächtigen Eindruck gemacht, einen Eindruck, der ſein Handeln ent⸗ ſchied. Entſchloſſen, jetzt von Malyhrad fern zu bleiben, ging er nach Hauſe. An dieſem Tage verweilte die Königin bis zum Un⸗ tergang der Sonne bei den Gebeinen ihres Gemahls. Erſt in der Dämmerung ſah ſie Zäwis im Geleit zweier Minv⸗ riten nach ihrer Herberge zurückkehren. Er eilte hinüber, ſie wegen des Aufbruchs um ihre Befehle zu bitten. „Warum drängt Ihr mich nur ſo?“ rief ſie kla⸗ gend aus;„hier iſt eigentlich mein Platz, hier ſollte ich bleiben und um meinen Todten trauern, bis mich Gott zu ihm riefe.“ „Ich weiß nicht, ob Euch die Heldenſeele König Otakar's dies danken würde,“ ſagte Zäwis, die bittere Empfindung in ſeinem Herzen niederkämpfend;„vielleicht war, was ich heute aus dem Munde eines Redners aus dem Volke auf dem Markte vernahm, mehr in ſeinem Sinne, als dieſes thatenloſe Hinſterben.“ Er wiederholte ihr, was er von Dalemil's Rede behalten hatte, und pflichtete mit lebhafter Wärme dem Redner bei. Die Königin konnte ſich dem Eindruck der gewal⸗ tigen Worte Dalemil's nicht entziehen. Sie fragte mit Theilnahme nach dem Namen des Redners, und ihre Theilnahme ſteigerte ſich, dls ſie ihn erfuhr.„Ich möchte 148 den Mann ſehen,“ ſagte ſie,„er war immer ein treuer Anhänger ſeines Königs. Wiſſet Ihr ihn zu finden, ſo beſcheidet ihn zu mir.“ Das war zugleich Zäwis' Entlaſſung. Er ging in ſehr gereizter Stimmung von ihr. Sollte er ihrem Ver⸗ langen nachkommen oder nicht? Hatte ſie es an ihm ver⸗ dient? War dieſe Behandlung ſeiner Verdienſte um ſie würdig? Durfte er, der freie, ſelbſtändige Mann, ſie er⸗ tragen? Geziemte es ſich für ihn, der Sklave einer wet⸗ terwendiſchen Königin zu ſein? Dieſe Fragen gingen der Reihe nach durch ſeine Seele. Er beſchloß, das Joch ab⸗ zuſchütteln, er ſchwor, ſeine Würde und Freiheit zu wah⸗ ren— und ging doch Dalemil aufzuſuchen, und als er ihn nicht fand, ſandte er Jodok nach ihm aus. Dieſer kehrte aber mit der Meldung zurück, daß der alte Herr bereits wieder zur Stadt hinaus ſei. Der wackere Rieſe ſchloß aus der Miene ſeines Herrn mit Vergnügen, daß er mit der Königin unzufrieden war. „Ach, wollte Gott! das hielte an,“ betete er für ſich; „könnte ich nur etwas beitragen, daß es recht ſchlimm zwiſchen den Beiden würde, daß ſie einander gram wür⸗ den, wie ich und der Zbislaw Zagje von Tiebaun.“ Zäwis ging der Königin die Meldung von Dale⸗ mil's Abreiſe zu bringen. Sie ließ ihm durch ihre Kam⸗ merfrau die Meldung abnehmen und ihn, ohne ihn noch⸗ 149 mals zu ſehen, nach Hauſe gehen. Mit einem heftigen Sturm in ſeiner Bruſt wandelte er noch lange im Mond⸗ ſchein umher. Jodok ſah ihm vom Fenſter aus nach. Er glaubte wahrzunehmen, daß ſein Herr nöch mißvergnüg⸗ ter ausſah als erſt. Den folgenden Morgen ließ die Königin Zäwis bei Zeiten ſagen, daß ſie zum Aufbruche nach Brünn bereit ſei. Er ließ ſatteln und ritt mit ſeinem Gefolge vor ihre Herberge. Sie erſchien bald vor der Thür, den ihr vor⸗ geführten Zelter zu beſteigen. Ohne ihren Schleier zu⸗ rückzuſchlagen begrüßte ſie Zäwis flüchtig und ließ ſich auf das Pferd heben. Schweigſam ritt ſie an ſeiner Seite aus dem Thore. Jodok nahm mit Freuden wahr, daß zwiſchen den Beiden keine beſonders freundliche Unterhaltung in Gang kommen wollte. Auf der ganzen, zwei Tage wäh⸗ renden Reiſe benahm ſich die Königin förmlich einſilbig und für die ganze Außenwelt theilnahmlos. Da Zawis ſchon vor drei Tagen von Iglau aus Boten nach Brünn geſandt hatte, um bei ſeinem Vetter Dietrich von Neuhaus Herberge für die Königin zu be⸗ ſtellen, ſo war man hier auf ihre Ankunft vorbereitet. Als ſie ſich der Stadt näherte, kam ihr ein Zug von mähriſchen Baronen, die gerade in Brünn anweſend wa⸗ ren, entgegen geritten; darunter die Herren Kuna von 150 Kunſtatt, Bohus von Drahotaus, Wok von Krawat, Harbord von Füllſtein und ſelbſt Milota von Doditz. Dieſe alle bezeugten der Königin ihre Ergebenheit und boten ihr ihre Bienſte an. Am Stadtthore ward ſie von der Stadtbehörde und einer großen Menge Volks be⸗ grüßt und mit Jubel nach der für ſie bereiteten Her⸗ berge in dem ſtattlichen Hauſe des Domherrn Dietrich von Neuhaus begleitet, der den hohen Gaſt an der Schwelle ſeines Hauſes empfing. Zeitig von der Königin verabſchiedet, war Zäwis den ganzen Abend auf ſich allein angewieſen. Es war eine köſtliche Frühlingsnacht voll Glanz und Duft. Er lag im Fenſter, das in's Freie und nach Oſten ging, und ſchaute hinaus in die vom Mond beleuchtete Landſchaft. Dort hinter jenen waldigen Höhen lag Malhhrad; dort weilte ſein treues Weib einſam und verlaſſen; dort winkten ihm das Glück und der Friede, indeſſen er ruhe⸗ los einem Phantom nachjagte. Er hatte nur zwei Tage⸗ reiſen bis Malyhrad— was hinderte ihn denn hinzurei⸗ ſen? Die Königin war ja nun geborgen, und ihr Betra⸗ gen zeigte deutlich genug an, daß ſie ihn entbehrlich fand. Welche Freude würde das auf Malyhrad geben, wenn er jetzt dort erſchiene! Mit welchem Jubel würde ihn die edle Gattin ſammt ihrem Geſinde empfangen! Wie würde ſein kleiner Sohn ihm die Aermchen entgegen —— 151 ſtrecken! Was ſollte er ferner bei der„launiſchen“ Köni⸗ gin? Sehnſucht nach Weib und Kind und Freiheit er⸗ wachte und wuchs, je länger er nach der Gegend von Malyhrad hinblickte. Er malte ſich die goldenen Maien⸗ tage ſeiner Liebe vor, vor ſeiner Seele ſchwebte Libusa's Bild in all ſeiner Holdſeligkeit. Unter ihrem Walten blühte ein Paradies. Dieſes Paradies ſtand ihm offen, und er— ein blöder Thor— eilte nicht hinein, Herr und König, ein Gott darin zu ſein? „Ich will kein Thor mehr ſein,“ rief er plötzlich, und ſchritt nach der Thür, um Jodok zu rufen, der ſich und die Roſſe Morgen früh zur Reiſe nach Malyhrad bereit halten ſollte. Indem er die Thür öffnete, trat ihm ſein Vetter, der Domherr Dietrich, entgegen. „Ich komme noch ſpät zu Euch, lieber Vetter,“ re⸗ dete dieſer ihn an,„weil ich Wichtiges mit Euch zu re⸗ den habe.“ Zawis reichte ihm die Hand und leitete ihn zu ei⸗ nem Sitz, wo er neben ihm Platz nahm. „Ich komme von der Königin,“ nahm der Domherr das Wort wieder.„Welch ein Weib! Wie reich an Geiſt, Empfindung, Anmuth und Würde! Ich verdenke es dem jungen Herzog von Breslau nicht, wenn er alle Hebel in Bewegung ſetzt, um ſich die Hand einer ſolchen Königin zu erringen. Wäret Ihr ihm nicht zuvorgekommen, ſo 152 hätte er das Werk der Befreiung vollbracht; denn ſeit Monaten hat er alle Gebirge und Wälder durchſtreift, um den Aufenthalt der hohen Gefangenen zu erkundſchaf⸗ ten. Unſer Biſchof iſt ihm hierbei mit Rath und That an die Hand gegangen, ja der hat ſich zuletzt an den Markgrafen von Brandenburg gewendet und von dieſem das Geheimniß herausgelockt. Herr Heinrich von Bres⸗ lau iſt denn auch eilig mit vielen Mannen gen Pöſig auf⸗ gebrochen, hat aber zu ſeinem großen Leidweſen das Neſt bereits leer gefunden. Seit geſtern iſt er hier und erwar⸗ tet die Königin, um ihr zu klagen, wie unglücklich er in ſeinen ritterlichen Bemühungen für ſie geweſen. Da ich weiß, was Ihr bei ihr gegolten, und welche Hoffnungen die fünfblätterige Roſe auf die Huld baut, mit welcher das Auge der ſchönen Königin auf Euch ruht; da ich, offen geſtanden, es für den höchſten Triumph der Roſe erachte, wenn ein Witkowetz die Hand dieſer Königin gewänne: ſo war es mir wichtig, ihr wegen des Herzogs ein wenig an den Puls zu fühlen.“ „Und welche Entdeckung habt Ihr da gemacht?“ fragte Zäwis geſpannt. „Es war nicht leicht ihr beizukommen,“ antwortete der Domherr,„da ſie ganz in Trauer aufgelöſt ſchien und nur von ihrem todten Gemahl ſprechen wollte; indeß gelang es mir doch, ihre Theilnahme am Leben wieder 153 etwas zu wecken, indem ich von der warmen Theilnahme ſprach, welche ihr Geſchick allenthalben errege, und die ihr Tauſende zuführen werde, wenn ſie die erlittene Schmach rächen wolle. Unter ihren eifrigſten Freunden erwähnte ich auch den jungen Herzog von Breslau.“ „Warum thatet Ihr das?“ fragte Zäwis ein we⸗ nig gereizt. „Nun eben, weil ich wiſſen wollte, wie hoch dieſer Freund bei ihr ſtehe, auf welchem Grunde ſeine Hoff⸗ nung ruht.“ „Nun— was habt Ihr denn erſpürt?“ „Nur ſo viel, daß der Herzog in gutem Anſehen bei ihr ſteht, daß ſie feinen ritterlichen Sinn und ſeine artigen Sitten achtet. Von ſeinen körperlichen Vorzügen ſchwieg ſie natürlich, aber entgangen werden ſie ihren Augen nicht ſein— wozu wäre ſie denn ein Weib? In⸗ deß denke ich, ſoll es meinem Vetter von Falkenſtein nicht ſchwer werden, den jungen Herrn auch in dieſem zarten Turnier aus dem Sattel zu heben.“ „Es fragt ſich, ob ich Luſt habe, mich auf ſolch ein Turnier einzulaſſen,“ verſetzte Zäwis;„ich bin nicht der Mann, der ſich zum Sklaven eines launiſchen Wei⸗ bes machen läßt, auch wenn es eine Königin iſt.“ „Ihr thut der Königin wohl Unrecht, wenn Ihr ſie 0 1860. XX. Zäwis von Roſenberg. III. 1 154 launiſch nennt,“ ſagte der Domherr;„welchen Grund habt Ihr dazuz“ Zäwis beklagte ſich über ihr Benehmen in den letzten Tagen. „Die Königin iſt eine leichtblütige, leidenſchaftliche Natur,“ erklärte der Domherr;„ihr von den erlittenen Schlägen mächtig erſchüttertes Gemüth mußte bei der Nachricht von der Nähe der Ueberreſte ihres gefallenen Gemahles ergriffen werden. Solche Naturen ſind aber eben ganz an den jeweiligen Eindruck hingegeben. Wer aus der Stärke ihres Ergriffenſeins auf die Tiefe und Dauer deſſelben ſchließen wollte, irrte ſich allemal. Laßt die Königin nur eine Zeit lang trauern und weinen, die Sonne wird ſchon auch wieder bei ihr ſcheinen. Sorget nur dafür, daß Ihr dann im rechten Lichte ſteht! Der Herzog wird Alles aufbieten, ſich in ein ſolches Licht zu ſtellen, und der Biſchof Bruno wird ihm dabei hilfreich ſein; dieſer wird ſelbſt den Kaiſer für die Abſichten des Herzogs zu gewinnen ſuchen, und der Kaiſer wird der Heirath der Königin von Böhmen mit einem armen ſchleſiſchen Herzoge günſtiger ſein, als mit dem mäch⸗ tigſten der böhmiſchen Barone.“ „Ihr ſprecht da einen Gedanken aus,“ ſagte Zäwis erregt,„zu dem ich mich ſelbſt niemals verſtiegen; es iſt Thorheit, ſo etwas zu denken.“ 155 „Thorheit, das zu denken, was man kann, wenn man nur will?“ entgegnete der Domherr.„Thorheit iſt es, das Höchſte nicht zu wollen, was man erreichen kann; Thorheit z. B. wäre es, wenn ich Domherr bleiben wollte, da ich doch Biſchof werden kann, und ſo wäre es Thorheit, wenn Ihr nicht die Hand der Königin von Böhmen gewinnen wolltet, wenn ſie Euch ihr Herz ent⸗ gegenbringt.“ „Wäre dies der Fall, dann hätte ich ja von dem Herzog nichts zu fürchten,“ fiel Zäwis ein. „Wenn Ihr nicht das Herz mit kühnem Feuer an Euch reißt, wird es glauben, Ihr möget es nicht, oder es gelte Euch doch nicht ſo viel, als es dem Manne ſeiner Liebe gelten will— und dann wird das liebe⸗ bedürftige Ding ſich einen Andern ſuchen, der es beſſer zu ſchätzen weiß. Solche Herzen, wie das der Königin, wollen mit ganzem, vollem Eifer geliebt ſein, und ſo ſcheint der Breslauer ſie zu lieben.“ „Wenn ich nun aber nicht im Stande wäre, die Königin ſo zu lieben?“ warf Zäwis ein. „Ich weiß, daß ſie Euch nicht gleichgiltig iſt, ſonſt würdet Ihr ihre jetzige Traurigkeit und ſcheinbare Kälte gegen Euch nicht ſo übel nehmen. Und ſelbſt wenn Ihr ſie nicht mit Leidenſchaft liebtet, ſo müßtet Ihr doch durch die Liebe zum Ruhm und durch die Pflichten, die Ihr 10* 156 Euerm Geſchlechte ſchuldig ſeid, entflammt werden, mit allem Eifer um die Hand einer Königin zu werben, die Euch liebt.“ Das Wort fuhr wie ein Blitz durch Zäwis' Seele. Zwar beſtritt er es lebhaft, aber nur, um den Dom⸗ herrn zu ebenſo lebhafter Wiederholung und Begründung ſeiner Behauptung zu reizen. Der Domherr wußte durch Sezema eine Menge Züge von der mehr als gewöhn⸗ lichen Huld, welche die Königin ſeinem Vetter Zäwis ſchenkte, und aus dieſen Zügen baute er ſeine Beweiſe auf. Als er ſich darin erſchöpft hatte, verabſchiedete er ſich. Wo blieb nun dein milder Glanz, du ſanftes Ge⸗ ſtirn von Malyhrad? Verblichen warſt du wieder vor der verzehrenden Gluth, welche neuentzündet in Zäwis' Herzen loderte. Und was waren da für Mächte ge⸗ ſchäftig, die Gluth zu nähren und immer gewaltiger empor lodern zu machen!— Bis jetzt hatten wohl in Zäwis' Herzen vermeſſene Wünſche und Träume in Beziehung auf die Königin ſich geregt; aber dieſelben hatten noch keine ganz be⸗ ſtimmte Geſtalt angenommen; er ſelbſt hatte ſie ver⸗ hindert eine ſolche anzunehmen, wenn ſie auch oft genug nahe daran geweſen. Er hatte ſich ſelbſt vorgeſpiegelt, daß er nichts ſei und ſein wollte, als der„Paladin“, der ritterliche Freund der Königin, und daß er, ſo lange er 157 verhindert ſei, ſeine Gemahlin an's Licht der Welt zu ziehen, nichts Beſſeres thun könne, als dieſe Ritterrolle ſpielen. Die Gunſt der Königin hatte ihm wohlgethan, er hatte je länger je begieriger in den Strahlen dieſer Gunſt ſich geſonnt, aber er hatte den Gedanken von ſich abgewehrt, daß dieſe Gunſt Liebe ſei. Nun ſprach ein Anderer dieſes Wort mit ſolcher Beſtimmtheit aus, und ebenſo beſtimmt hatte er es ausgeſprochen, daß ein Wit⸗ kowetz Gemahl der Königin von Böhmen werden könne und ſolle. Was knüpfte ſich Alles an dieſen Gedanken! Welche Fülle von Anſichten ſproßte aus ihm empor! Welches Feld des Wirkens, der Macht und des Ruhmes erſchloß er ihm! Was konnte er ſeinem Geſchlechte, ſeinem Vaterlande werden als der angebetete Gemahl einer ſo begehrungswerthen, bei weiſer Benutzung der Umſtände auch mächtigen Königin! Fürwahr, der geiſt⸗ liche Vetter hatte Recht, indem er ſagte:„Thorheit iſt es, das Höchſte nicht zu wollen, wenn man es erreichen kann.“ Solche und ähnliche Betrachtungen beſchäftigten Zäwis' Hirn, bis der Mond ſchon lange nicht mehr die Höhen von Malhyhrad beſchien. In ein ähnliches Dunkel, wie dieſe Höhen, waren die dort wohnten in der Seele Zäwis' von Falkenſtein verſunken, als er endlich ſein Lager ſuchte. Hiebentes Cunitel. Der Domherr hatte die Königin ganz richtig be⸗ urtheilt. Die mähriſchen Großen wetteiferten mit ein⸗ ander, ihr ihre Theilnahme und Ergebenheit zu beweiſen, und dies wirkte zerſtreuend auf ſie. Täglich mehrte ſich die Zahl derer, welche bereit waren, ſie an ihren Wider⸗ ſachern zu rächen, und bald gefiel ſie ſich in dem Ge⸗ danken, an der Spitze einer kampfluſtigen Schaar die Brandenburger zu vertreiben und im Namen ihres Sohnes die Regierung in Böhmen ſelbſt zu führen. In dem Maße, als ſie ſich dieſem Gedanken hingab, näherte ſie ſich auch Zäwis wieder. Allerdings bewarb ſich der Herzog von Breslau eifrig um ihre Gunſt und der Biſchof von Olmütz unter⸗ ſtützte ſeine Werbung durch warme Fürſprache. Allein Beide bewirkten dadurch nur, daß Zäwis entſchiedener als je ſich des Herzens der Königin zu verſichern trachtete, nicht nur, indem er alle ſeine Gaben zu gefallen aufbot, ſondern auch, indem er unter ihren Augen eine raſtloſe Thätigkeit entfaltete, um den Kampf gegen ihre Feinde zu organiſiren. Als der Biſchof ſah, daß ſein Schützling keine 159 Fortſchritte in der Gunſt der Königin machte, wagte er es, ihr geradezu eine Vermählung mit demſelben anzu⸗ rathen; aber er kam damit ſo übel an, daß er jede Hoff⸗ nung auf Verwirklichung ſeines Wunſches aufgeben mußte. Aus einem Freunde ward er nun ein entſchiedener Gegner der Königin und er beſchloß, ihren kriegeriſchen Plan zu durchkreuzen. Er ſtellte den ihm befreundeten mähriſchen Baronen vor, wie das Unternehmen der Königin dem Vertrage von Czaslau zuwiderlaufe und jedenfalls die Mißbilligung des Kaiſers finden müſſe. Dadurch machte er manche ſchwankend, manche bewog er, ſich ſofort zurückzuziehen. Damit nicht zufrieden, begab er ſich zu den Vätern der Stadt und drohte ihnen geradezu mit der Ungnade des Kaiſers und dem Verluſte ihrer jungen Reichsfreiheit, wenn ſie ihre Stadt zum Waffen⸗ platze der, mit dem Bruche des Czaslauer Vertrages um⸗ gehenden Königin machen ließen. Dieſe Drohung er⸗ ſchreckte die wohlweiſen Herren ſo, daß ſie die Königin beſchworen, die Stadt, in der ſie vor wenig Tagen erſt ſo wohl aufgenommen worden war, zu verlaſſen, ihren treuen Anhängern aber, vor Allen Ziwis von Falken⸗ ſtein, befahlen ſie, dieſebe ſofort zu räumen. Das war freilich ein herber Schlag für die Königin und ihre Freunde. Aber Zäwis, der die Triebfeder des⸗ ſelben erkannte, ließ ſich dadurch nicht entmuthigen. Als 160 ihn die Königin nach der Botſchaft des Rathes mit thränenfeuchten Augen empfing, ſagte er:„Noch iſt nichts verlyren, hohe Frau, eher gewonnen. Wir ſind dadurch die unſichern Freunde losgeworden. Freilich verlieren wir an Brünn einen trefflichen Waffenplatz, aber wir werden einen andern finden.“ „Ich wüßte nicht wo,“ warf die Königin ein;„Ol⸗ mütz iſt uns natürlich verſperrt.“ „Steht Euch nicht Euer Witthum Troppau offen?“ erwiderte er,„und iſt ein ganzes Herzogthum nicht beſſer als eine Stadt? Da der Herzog Nikolaus noch in der ungariſchen Gefangenſchaft lebt, ſo iſt Niemand da, Euch die Gewalt im Herzogthum ſtreitig zu machen. Die Ver⸗ bindung mit Böhmen iſt freilich von dort nicht ſo bequem, wie von hier, aber ſie iſt auch nicht allzuſchwierig.“ „Ihr habt Recht,“ ſagte die Königin;„an Trop⸗ pau dachte ich gar nicht. Ihr ſeid doch nie verlegen um klugen Rath— was wäre ich ohne Euch?“ Sie reichte ihm die Hand und fügte hinzu:„Mein Paladin!“ Er führte die Hand an ſeinen Mund und rief: „Meine Königin! O wie herrlich iſt es, Euch Gut und Blut zu weihen, für Euch zu leben und zu ſterben!“ „Wird es Euch immer ſo um's Herz ſein?“ fragte ſie, ohne ihm ihre Hand zu entziehen, mit trunkenen Blicken. 161 „Immer und ewig!“ betheuerte er;„jeder Bluts⸗ tropfen in meinen Adern gehört Euch, ich athme und denke nur für Euch, ich lebe nur in Euch!“ Er erſchrak faſt über ſeine Kühnheit, aber er hatte verlernt, vor dem innern Richter zu erſchrecken, der ihn an ſein Weib mahnte. Die Königin ſah ihm hocherröthend in das von Leidenſchaft ſtrahlende Auge, ſie war wie durch Zauber an dieſen Blick gebannt und unter dem Drucke ſeiner glühenden Hand kam ihr Blut in's Sieden, ihr Buſen wogte wie im Fieber. Er ſah, er fühlte, wie alle ihre Lebensgeiſter in höchſter Erregung waren, und das gab ihm den Muth zu ſagen„Darf ich Eurer Huld ſo gewiß ſein, wie Ihr meiner Treue?“ „Könnt Ihr noch zweifeln, Zäwis?“ erwiderte ſie mit zärtlichem, faſt flüſterndem Tone. „Königin!“ rief er, obgleich er nur noch das Weib vor ſich ſah, mit leidenſchaftlichem Tone,„gebt mir lie⸗ ber augenblicklich den Tod, als daß Ihr mir je einen Schimmer Eurer Huld entzieht. Ich mag kein dunkles, ruhmloſes Leben führen, aber ich habe keine Kraft zu ruhmwürdigen Thaten als durch Eure Huld. Eure Huld iſt die Sonne, von der mein Weſen fortan allein noch Licht und Leben empfängt. O meine hohe angebetete mir ein Zeichen, daß meiner Seele dieſer Quell des Lebens ſich nie verſchließt.“ Dabei ſank er 162 vor ihr auf ein Knie und ſah mit flehenden Blicken zu ihr empor, ihre Hand feſt umklammernd. „Zäwis!“ rief ſie, ihrer Sinne kaum mehr mächtig, „ſchont mich—“ „Königin! Mich überkommt es mit allmächtiger Gewalt, daß dieſe Stunde entſcheidend iſt über mein künftiges Geſchick; Alles, was ich in mir trage von ho⸗ hen Gedanken, alle Kraſft, die in mir ſchlummert, Alles, was ich zu thun und zu werden getrãumt in meinen weihe⸗ vollſten Stunden— Alles dies hängt an dem Laute Eures Mundes, hängt an einem Zeichen, daß ich Euch mehr gelte als andere Menſchen, daß meine Verehrung, meine— ja, ich ſpreche es aus— meine Liebe, meine heiße, brünſtige, jedes andere Gefühl verſchlingende Liebe— Erwiderung findet—“ Die Königin verſuchte ſich loszumachen— es war ihr letzter Verſuch, es war, als ob ihr Blick ſich in dem ſei⸗ nigen verſtrickte.„Steht auf!“ ſtammelte ſie und neigte ſich, ihn emporzuziehen— ſtatt deſſen ſank ſie in ſeine Arme. Und nun war die Königin nur das in Liebe ſich auf⸗ löſende Weib an der Bruſt des Mannes, und nun loder⸗ ten die entfeſſelten Flammen in einander, nun hing Mund an Mund, als wollten ſie auch leiblich in einander ver⸗ ſchmelzen, gleich wie die Seelen in einander verſchmolzen— 163 und wieder einmal war das Lied von der Treue ein Märchen geworden. Es war aber, als wollte in demſelben Augenblick, wo Zäwis in den Armen der ſchönſten Königin ſeines Weibes vergaß, die rächende Nemeſis ſich wider ihn er⸗ heben. Ein Getümmel auf der Straße weckte die Beiden aus ihrem Taumel. Zäwis eilte an das Fenſter; er ſah, wie ein Mann in der Tracht eines öſterreichiſchen Bauern gegen den Markt hin lief und von mehreren Knechten des Hauſes ſchreiend verfolgt wurde. Schon hatte einer von dieſen den Flüchtigen erreicht und wollte ihn faſſen, als Jodok hinzu kam und auf das:„Helft mir! Rettet mich!“ des Bauern, dieſen hinter ſich nahm und die Knechte von ihm abhielt. Eine Menge Volks ſammelte ſich um die Szene. Zäwis konnte nicht vernehmen, was zwiſchen den handelnden Perſonen verhandelt wurde; er nahm nur ſo viel wahr, daß Jodok gewiſſermaßen die beiden Parteien verhörte, worauf er ſich des Flüchtigen annahm und mit dieſem, unter drohenden Gebärden gegen die Verfolger, den Platz verließ. Zäwis verweilte nur noch kurze Zeit bei der Kö⸗ nigin. Nachdem er ſich auf baldiges Wiederſehen zärtlich von ihr verabſchiedet, ging er in der Richtung hin, die Jodok mit ſeinem Schützling genommen. Er begegnete ihm allein auf dem Marktplatz. 164 „Was hatteſt Du eben für einen Handel?“ fragte er ihn. „Ihr meint mit dem Bauer?“ antwortete der Rieſe.„Ei, das war eine ganz ſonderbare Geſchichte. Wie ich da die Gaſſe hinabgehe, in welcher die Königin her⸗ bergt, kommt mir ein Bäuerlein mit fürchterlichem Bart und zerzauſtem Haar entgegen und ruft mich um Hilfe an gegen die ihn verfolgenden Knechte, und die ſchreien wieder:„Halt auf Halt auf!“ Ich denke, da mußt du doch erſt hören, wer deiner Hilfe werth iſt; frage alſo das Bäuerlein, was mit ihm los ſei. Da erzählt es mir ganz treuherzig, daß ich's wohl glauben mußte: er ſei aus Dürrenkrut in Oeſterreich— da, wo vor dreiviertel Jahren die große Schlacht geweſen, in welcher der Böhmenkönig Reich und Leben verloren. Dort habe ein vornehmer Ritter an ſchweren Wunden darnieder gelegen— der oder vielmehr ſein Freund, der ihn gepflegt, habe ihn mit einem Briefe an ſeine Gemahlin geſchickt, die auf einem Waldſchloſſe, zwei Tagreiſen von Brünn, hauſen ſollte. Ich dachte gleich an Euch und an Malhyhrad. Wie er nun ſchon auf dem Wege geweſen, erzählte der Bauer weiter, wäre ihm ein Herr nachgekommen, der hätte ihm aufgetragen, einen Brief an den Domherrn Dietrich von Neuhaus in Brünn mitzunehmen. Da er ein gut Stück Geld bekommen und ſein Weg ihn einmal über Brünn 165 geführt, habe er den Brief mitgenommen. Wie er ihn aber dem Domherrn übergeben, und dieſer ihn durch⸗ geleſen gehabt, habe derſelbe einen ſtämmigen Knecht ge⸗ rufen, mit dem er heimlich geredet; worauf der Knecht den Bauer eingeladen, mit ihm zu gehen, er wolle ihm Speiſe und Trank reichen und eine Nachtherberge an⸗ weiſen. Da ſei er denn mitgegangen, durch einen langen finſtern Gang in ein dämmeriges Gemach; wie er da hineingetreten, habe der Knecht die Thür hinter ihm zugeworfen. Das ſei dem Bauer verdächtig vorgekommen, er habe an der Thür geklinkt und gedrückt, ſie ſei aber feſt verſchloſſen geweſen. Nach einer Weile ſei zwar der Knecht mit Brod und Fleiſch und Wein gekommen; aber er habe es ihm durch ein Loch in der Thür gereicht und ihm angekündigt, er müſſe ſich's bis auf Weiteres hier gefallen laſſen, er ſei gefangen. Der Bauer hatte gebeten, geweint, geſchrien; aber es hatte nichts geholfen, er war eingeſperrt geblieben. Er hatte täglich ſein gutes Eſſen und Trinken erhalten, aber die Freiheit nicht. So waren ihm Wochen und Monate vergangen, bis er endlich auf den Einfall gerathen, ſich ſelbſt einen Weg in die Freiheit zu bahnen. Mit einem Meſſer, das er bei ſich geführt, hatte er angefangen, die Eiſenſtäbe vor ſeinem Fenſter ⸗ auszugraben. Das war ſehr langſam gegangen, er hatte ein paar Monate gebraucht, bis er eine Oeffnung ge⸗ 166 wonnen, durch die er hindurchkriechen konnte. Vergangene Nacht war er da herausgekrochen, war aber in einen ringsum von hohen Mauern verſchloſſenen Hof gekom⸗ men, aus dem er nicht hinaus gekonnt; er hatte warten müſſen bis zum Tage und bis die Thür des Hofes ge⸗ öffnet wurde. Da warf er die Magd, welche die Thür aufſchloß, auf die Seite und ergriff die Flucht. In der Hausflur, durch die er mußte, ward er von ſeinem Wär⸗ ter entdeckt, der rief noch ein paar Knechte und rannte dem Flüchtling nach. Wäre ich nicht dazu gekommen, ſo hätten ſie ihn wieder eingefangen.“ Zäwis erinnerte ſich, daß Hroznata einen Boten von Dürrenkrut nach Malhhrad abgeſchickt hatte, der nicht wieder gekommen war, woraus indeſſen kein be⸗ ſonderes Aufheben gemacht worden, weil in jenen un⸗ ſichern und gewaltthätigen Zeiten das Verſchwinden eines einzelnen, beſonders niedrig geborenen Menſchen nichts Ungewöhnliches war. Höchſt wahrſcheinlich war nun aber der auf Befehl ſeines Vetters Dietrich gefangen gehaltene Bauer jener Bote, und er ahnte, daß Sezema ihm einen Uriasbrief mitgegeben, der ſeine Gefangenſchaft veranlaßt hatte.„Wo haſt Du den Bauer hingebracht?“ fragte er Jodok. „Er wollte ſich unter den Schutz des Rathes ſtellen, der, wie er wußte, gut kaiſerlich geworden war, und ſo habe ich ihn auf das Rathhaus geführt.“ 167 „Konnteſt Du ihn nicht zu mir führen, da Du wußteſt, oder doch denken konnteſt, daß der Bauer von mir oder meinem Schwager abgeſchickt war?“ „Ihr waret ja nicht daheim; übrigens war ich auch ungewiß, ob der arme Mann bei Euch Schutz und Recht finden würde, da der Domherr Euer Vetter iſt.“ „So? Glaubſt Du Tropf, daß mich verwandtſchaft⸗ liche Rückſichten hindern, gerecht und menſchlich zu ſein?“ „Ja, ich glaube es, weil ich ſehe, daß Ihr ungerecht und grauſam gegen Eure Gemahlin ſeid.“ „Du biſt unverſchämt, Menſch!“ „Ich bin nur offen, ich will Euch auch ganz frei geſtehen, daß ich den Brief, welchen Euer Herr Schwager dem Bauer an Eure Gemahlin mitgegeben, geſehen, der Bauer hatte ihn verborgen auf der Bruſt getragen und ſo bei ſich behalten; er wird ſich damit als ehrlicher Dürrenkruter Bauersmann ausweiſen. Meine Schuld iſt es nicht, wenn es dadurch ruchbar wird, daß Ihr eine eheliche Gemahlin habt.“ „Geh und ſchaffe mir augenblicklich den Bauer! Ich will ihn ſchadlos halten für Alles, was er gelitten.“ „Vielleicht hat ſich Gott Euerer Gattin erbarmt und will ihr zu ihrem Rechte helfen, indem er ihren Stand vor der Welt offenbar macht— ſein Wille ge⸗ ſchehe!“ 168 Zäwis zuckte zuſammen; die Worte des ehrlichen Rieſen fuhren wie der Donner in ſeine Seele. Er be⸗ dachte ſich eine Weile, dann ſagte er gefaßt:„Komm mit nach Hauſe!“ Jodok gehorchte. Als ſich Zäwis mit ihm in ſeinem Zimmer befand, ſagte er:„Jodok, wir müſſen ſcheiden. Du haſt mir große Dienſte geleiſtet, Du biſt mir lieb und werth— aber wir müſſen ſcheiden. Ich will Dich fürſtlich belohnen, Du ſollſt das beſte Freiſaſſengut haben, das ich vergeben kann, und wenn Du Deiner Herrin auf Malhhrad ferner ein treuer Beiſtand ſein willſt, ſo will ich Dich noch einmal ſo reichlich belohnen.“ „Wollt Ihr denn die edle Frau nicht einmal be⸗ ſuchen?“ fragte Jodok weich. „Höre mich an, Jodok,“ erwiderte Zäwis;„ich weiß, daß ich an dieſer wahrhaft edlen Frau ein großes Unrecht begehe, fern ſei es von mir, es beſchönigen zu wollen; ich erkenne es in ſeiner ganzen Größe und Schwere, und es will mich ſchier zu Boden drücken; den⸗ noch geht es nicht anders: ich muß es auf mich laden, folge für mich daraus was da wolle. Geh nach Malh⸗ hrad, Jodok, ſage Deiner Herrin, es ſei zwiſchen mir und ſie etwas getreten, was uns auf immer trenne— oder beſſer ſage ihr: ich werde wohl lange nicht, vielleicht nie ſie wiederſehen dürfen.“ 169 „So wollt Ihr ſie wirklich verſtoßen?“ fragte Jodok. „Eine Frau wie dieſe verſtößt man nicht,“ ant⸗ wortete Zäwis,„man reißt ſich von ihr los, weil man von andern Gewalten feindlich abgezogen wird, und läßt den beſten Theil ſeines Selbſt bei ihr zurück. Ich konnte bei ihr ein Leben voll Unſchuld und ſeliger Luſt führen, wenn ich nicht Zäwis von Falkenſtein war, der Mann mit den ererbten Anſprüchen an weltlichen Glanz, an ruhmvolle Thaten, wenn in mir nicht die Leidenſchaften und Triebe des adeligen Blutes mächtiger waren, als die Stimme der Weisheit, die allein auf beſcheidener Höhe gedeiht. Geh und ſage ihr das; ich werde nicht aufhören ſie hochzuachten, ich werde auf das Beſte, auch auf ihre und meines Kindes Zukunft Bedacht nehmen. Die Schen⸗ kungsurkunde für Dich werde ich ausſtellen, während Du Dich zur Reiſe rüſteſt.“ „So iſt es Euer Ernſt— ſo wollt Ihr wirklich die edle Herrin verlaſſen?“ ſagte Jodok mit thränenden Augen. „Ich kann nicht anders, unſere Wege gehen aus⸗ einander.“ „Dann gebt mir wenigſtens einen Brief mit— ich kann ihr nicht ſagen, was ihr das Herz brechen muß— und ich will es ihr auch nicht ſagen— nein, und ich will 1860. XX. Zäwib von Roſenberg. MI. 11 170 auch keinen Brief von Euch haben. Es iſt ſchändlich, ſo an einer ſolchen Frau zu handeln, und ich denke, es kann nicht ſein— ſo ein guter, gerechter Herr will ſich von einer ſo himmliſch guten und ſchönen Frau trennen. Ihr könnt es nicht thun, wenn Ihr ſie ſeht; ich will gehen und ſie holen— ihr bloßer Anblick wird Euch bekehren— ja, das thue ich, gewiß und wahrhaftig.“ „Thue, was Du willſt,“ verſetzte Zäwis;„nur bemerke ich Dir, daß ich morgen von hier abreiſe.“ „So! Nun, aus der Welt reiſet Ihr doch nicht,“ erklärte Jodok,„ich werde Euch ſchon wieder finden; ich brauche daher auch Euere Verſchreibung jetzt nicht, ſondern hole ſie mir ſpäter für meine Kinder. Lebt wohl!“ Der Rieſe ging und Zäwis ſuchte vergebens, ihn noch einmal zurückzuhalten. Schnell hatte Jodok ſeine ſieben Sachen zuſammen⸗ gepackt und verließ die mähriſche Hauptſtadt, um nach Malhhrad zu wandern. Er erreichte es den folgenden Tag bei guter Zeit. Das Herz war ihm recht ſchwer, als er ſich dem Burgthor näherte. Was würde die gute Herrin ſagen, wenn er ohne den Herrn kam? Und wie ſollte er die ſchreckliche Wahrheit an ſie bringen? Er trö⸗ ſtete ſich etwas mit dem Gedanken, daß ihre perſönliche Erſcheinung ihren Gemahl wohl rühren und zu ihr zu⸗ 171 rückführen könne, und ſo beſchloß er auch, ihr nur ſo viel zu ſagen, daß ſie ſich veranlaßt fühlen konnte, den Herrn mit ihm aufzuſuchen. Nachdem er ſein Weib und ſeine Kinder begrüßt und geherzt hatte, eilte er zu der Gebieterin. Er fand ſie im Garten mit ihrem Kinde und Scarlatti. Sie ſah wohl etwas blaß aus, doch lag ein heiliger Friede über ihre Züge ausgegoſſen. Als ſie den Rieſen erblickte, kam ſie ihm entgegen und reichte ihm mit freundlichem Will⸗ kommen die Hand. Er küßte ſie und ließ ſich auf eine Raſenbank leiten, wo ſie mit ihm Platz nahm. „Ihr bringt mir doch gute Botſchaft Herrn?“ fragte ſie den Ankömmling. „Er iſt ganz wohlauf und läßt Euch grüßen.* „Gott ſei Dank— gab er Euch keinen Brief nit?⸗ „Ich bat ihn, mir einen mitzugeben— aber er hatte keine Luſt dazu— vielleicht auch keine Zeit, weil die Kö⸗ nigin ſeine ganze Zeit in Anſpruch nimmt. Doch ich muß Euch erſt erzählen, was das für eine Geſchichte iſt mit der Königin, wie das ſo Alles nach und nach gekommen, wie es nun eben iſt.“ Und er erzählte in ſeiner breiten Weiſe, erſt wie er ſeinen Herrn aus den Händen des wü⸗ thenden Volkes gerettet und dann die ganze Geſchichte von der Befreiung der Königin bis zu dem Aufenthalte in Brünn.„Ihr kennt Euch denken, edle Frau, welche 11* 172 Macht die Königin über ihn gewonnen, da er Euch ſo nahe iſt und ſich doch nicht von ihr losmachen kann, um Euch auch nur einen flüchtigen Beſuch zu machen. Ei⸗ gentlich bin ich nur zu Euch hergeeilt, um Euch zu ra⸗ then, daß Ihr Euch flugs aufmachen möchtet, Euch Euer Liebſtes zu retten; denn ich glaube, ſein Herz geht an die Königin verloren, wenn Ihr es nicht ſchleunigſt wie⸗ der feſt an Euch bindet.“ Libusa war ſehr blaß geworden und ſtarrte den Sprecher zwiſchen Angſt und Zweifel ſchwebend an. Das ehrliche Geſicht Jodok's mußte ſie überzeugen, daß er nicht ganz leere Worte redete. Längſt hatte ſie wohl im Stillen geahnt, daß mit Zäwis' Herzen eine Verände⸗ rung vorgegangen ſei, ja, ſie hatte ſich bei Erwägung aller Verhältniſſe die Möglichkeit einer künftigen Tren⸗ nung von ihm als nicht eben fernliegend gedacht, ſie hatte ſich halb und halb darauf gefaßt gemacht, wie ſich der Weiſe immer gefaßt machen ſoll auf das Ende eines Glückes, den Verluſt eines Beſitzes; aber ſie war nicht gefaßt auf den Verluſt der Liebe ihres Gemahls durch eine glücklichere Nebenbuhlerin, durch die Königin von Böhmen. Und doch war gerade dieſe Art des Verluſtes beſtechend für ihren Glauben. Sie erinnerte ſich ſo man⸗ cher Aeußerung der Königin in Bezug auf Zäwis, welche ihr jetzt in einem ganz andern Lichte erſchien als ſonſt, 173 und die ihren Glauben ſehr unterſtützte. Zäwis war wohl der Mann, die Liebe einer Königin zu erwecken, und die ſchönſte Königin ihrer Zeit konnte wohl das Herz ei⸗ nes ritterlichen Dichters entflammen, konnte die einfache Tochter des Volkes in ſeinen Augen verdunkeln. Dazu kam das ergreifende Mißgeſchick der hohen Frau, das ſo innig verknüpft war mit dem Mißgeſchick des Vaterlan⸗ des, an welchem Zäwis Seele hing— ja, je gerader und feſter ſie die Verhältniſſe anſchaute— und ſie war von Jugend auf gewohnt, den Dingen gerade und feſt in die Augen zu ſchauen, deſto wahrſcheinlicher ward ihr, was Jodok ſagte. Freilich gerieth das Herz darüber nichts deſtoweniger in ſchmerzliche Zuckungen— denn das Herz des Weiſen hat nichts voraus vor dem Herzen des Tho⸗ ren— aber Libusa ließ ſich durch dieſe Zuckungen nicht beherrſchen, nicht in ihrem Handeln beſtimmen. Als ſie eine Weile regungslos wie ein Steinbild da geſeſſen, ſagte ſie zu Jodok:„Wartet bis morgen, dann wollen wir weiter mit einander ſprechen. Jetzt ruht Euch aus und pflegt Euch.“ Sie erhob ſich, nahm ihr Kind von Scarlatti's Arm und ging auf ihr Zimmer. Den ganzen übrigen Tag war ſie vor ihrer Um⸗ gebung nicht mehr ſichtbar. Den folgenden Tag ließ ſie Jodok zeitig zu ſich ru⸗ fen. Sie trug auf ihrem Antlitz die Spuren einer unter 174 ſchweren Kämpfen durchwachten Nacht, aber auf ihrer Stirn thronte die Ruhe des Siegers.„Jodok,“ ſagte ſie, „Ihr habt mir nicht die ganze Wahrheit geſagt— mein Gemahl hat mich verſtoßen.“ Jodok erinnerte ſich der Antwort Zäwis', als er ſich gegen ihn dieſes Wortes bedient, und er wieder⸗ holte dieſelbe vor ſeiner Herrin. Ein ſchmerzliches Lächeln verzog ihren Mund. Jodok wollte ſie damit tröſten, daß ihrem Gemahl das Losreißen wohl ſchwer fallen ſolle, ja daß alle Mächte, die ihn von ihr hinwegzögen, ſich unmächtig erweiſen würden, wenn ſie ſelbſt vor ihm erſchiene und ihre Rechte geltend machte. Doch ſie erklärte:„Nein, Jodok, das hieße ſich aufdringen, vielleicht auch frevelnd eingreifen in die Beſtimmung eines großen Mannes. Ich habe Alles bedacht; wer weiß, zu welchen hohen Dingen Gott meinen Gemahl auserkoren, Dinge, gegen welche die Anſprüche eines einzigen Weſens wie ich in Nichts verſchwinden. Der Wille des Herrn geſchehe! Möge mein Gemahl ſeine Bahn gehen— ich gehe die meinige als die Mutter ſeines Sohnes. Sagt ihm, wenn Ihr wieder zu ihm kommt, daß mein Segen und meine Ge⸗ bete ihn begleiten.“ „Ich habe auf immer von ihm Abſchied genom⸗ ———— — 175 men,“ erwiderte Jodok unter Thränen;„erlaubt mir, daß ich bei Euch bleibe und Euch diene.“ „Er wird Euch wohl ſehr vermiſſen,“ wandte Li⸗ busa ein. „Nein, das wird er nicht,“ verſicherte Jodok;„er wollte mich ſchon lange gern los ſein, wir taugen nicht mehr zuſammen.“ „Vergeſſet nicht, was er Euch Gutes gethan,“ ſagte Libusa. „Wir ſind wett,“ erwiderte Jodok,„und bleibt mir noch ein Schuldreſt, ſo will ich ihn an ſein Kind und ſei⸗ nes Kindes Mutter abtragen.“ „Ich kann Euch nicht wider Euren Willen zu han⸗ deln zwingen,“ erklärte Libusa hierauf;„mir ſeid Ihr natürlich willkommen.“ Sie bat hierauf Jodok, ihr Scarlatti zu rufen und dann ſich den Seinigen zu widmen. Zu Scarlatti ſagte ſie:„Wir werden wohl noch recht lange zuſammen malen können, vorausgeſetzt, daß es Euch gefällt, mit einer ſo langſamen Schülerin noch lange Geduld zu haben.“ „Wäret Ihr doch in der That eine langſame Schü⸗ lerin,“ entgegnete der Maler,„dann hätte ich noch lange das Glück, mit Euch vereint der Kunſt zu dienen!“ 176 „Werdet Ihr Euch nicht hinausſehnen in die Welt?“ fragte ſie. „Meine Welt iſt hier,“ ſagte er;„Alles, was der Künſtler braucht, habe ich hier in Fülle: ein Urbild ewi⸗ ger Schönheit, das mich begeiſtert, Muße und Freiheit.“ „Ihr wiſſet wohl bereits, daß wir unſern Herrn vielleicht nie wieder ſehen?“ fragte ſie hierauf mit be⸗ bender Stimme. „Jodok ſagte mir davon; ich habe die ganze Nacht gebetet, daß Gott den Sinn des edlen Herrn zum Beſſern lenken möge. Es war mir, als ſtürzte ein hohes Götter⸗ bild vor mir von ſeinem Piedeſtall, als ich die traurige Mähr vernahm. O Gott! rief ich, an wen ſoll man denn noch glauben, wenn ſolche Männer trügen!“ „Seid vorſichtig in Eurem Urtheil,“ warnte Li⸗ busa;„man darf die Handlungen außerordentlicher Menſchen nicht mit dem gemeinen Maße meſſen. Ihr bleibet alſo bei mir?“ „Ja, ſo lange es Euch gefällt,“ ſagte der Maler, eine Thräne zwiſchen den Wimpern zerdrückend. „Da wollen wir recht miteinander malen,“ ſchloß Libusa die Unterredung,„und gefällt es Gott, uns ſo lange beiſammen zu laſſen, ſo kann auch mein Sohn noch bei Euch lernen.“ 177 Achtes Capitel. Auf dem alten Schloſſe Grätz bei Troppau, deſſen Urſprung die Bewohner des Landes in die graue Vorzeit ſetzten und das ſeit Menſchengedenken ein Wohnſitz ge⸗ ſpenſtiger Stille geweſen, herrſchte neues, die Zeiten alter Herrlichkeit verjüngendes Leben. Hier war ſeit mehreren Monden die ſchöne Witwe des gefallenen Böhmenkönigs Otakar eingezogen, hatte ſich mit einem großen Hofſtaat umgeben und bereitete ſich zu großen, weitgreifenden Thaten. An der Spitze ihres Hofſtaates ſtand Zäwis von Falkenſtein und verwandelte die alte Burg in den prachtvollſten, luſtigſten, wohnlichſten Für⸗ ſtenſitz der ſlaviſchen Länder. Und neben ihm weihten der anmuthreichen Königin viele Große des Landes Mähren ihre Dienſte als Räthe und Hofleute, obenan die Herren Kuna von Kunſtatt, Bohus von Drahotaus, Wok von Krawat, Herbord von Füllſtein und Milota von Deditz. Es war wie am Hofe eines großen Königs. Ritter⸗ liche Gäſte mit reiſigem Gefolge zogen täglich ein und aus, Geſandte von benachbarten Fürſten kamen, Geſandte zu anderen gingen und in der Stadt unten ſammelte ſich reiſiges Kriegsvolk. 178 Die Sache der Königin ſtand erwünſcht. Die Städte des Landes huldigten ihr und verſprachen kräftige Hilfe, mehrere Fürſten, darunter beſonders der ritterliche Herzog Waldislaw von Oppeln, ſchloßen Bündniſſe mit ihr zu Schutz und Trutz, aus Böhmen kamen Nach⸗ richten von der immer weiter um ſich greifenden Er⸗ hebung des Adels und der Städte gegen die Bedrücker des Landes, ja von bereits ſtattgefundenen ſiegreichen Kämpfen unter dem edlen Herrn Hynek von Duba, und zu dem aufgerollten Kriegsbanner der Königin eilten kampfluſtige Mannen in Menge. Die Seele all dieſes Lebens, dieſer Verhandlungen und Rüſtungen war Zäwis. Von dem Augenblicke an, wo er ſeine urſprüngliche Liebe, ſeine Pflichten gegen Weib und Kind rückſichtslos unter die Füße getreten, hatte er ſich in ein Leben der raſtloſeſten und mannig⸗ faltigſten Thätigkeit geſtürzt, und wahrhaft bewunderns⸗ würdig war, was er in kurzer Zeit wirkte und ſchuf, mochte es in der Einrichtung des Hofhaltes, oder in der Verwaltung der Regierungsgeſchäfte, in der Rüſtung zum Kriege oder in der Abſchließung der Verträge ſein. Dabei blieb ihm doch noch Zeit zur Befriedigung des Herzensbedürfniſſes ſeiner Königin. Wie wußte er jede Sorge von ihr fern zu halten, wie wußte er den Nachen ihres inneren Lebens ſo glatt auf ſpiegelheller ——— 179 Fluth zwiſchen blumigen Geſtaden dahinzuſteuern, wie riß er ihren Geiſt mit ſich empor in höhere Welten durch dithyrambiſchen Geſang und ſeherhafte Reden! Und dann, wie gewaltig ſchlug die Gluth der Empfindung aus Blick und Kuß und Tönen an ihr heißes Herz! Bald hatte ſie keinen Willen mehr als den ſeinen, und bald folgte die Königin ebenſo blindlings, wie einſt die Tochter des Vol⸗ kes, ihm heimlich zum Altare, um ſich auf's innigſte mit ihm zu vereinigen. Nur Sezema, der inzwiſchen angekommen war, und der Domherr Dietrich waren Zeugen der Trauung, die ſo lange ein Geheimniß bleiben ſollte, bis die Sache der Königin allenthalben triumphirt haben und ihren Feinden der neue Ehebund keine Waffen gegen ſie würde bieten können. Dann hoffte man auch mächtig genug zu ſein, um etwaige Schwierigkeiten mit Libusa leicht zu beſeitigen. Die Königin verſtand ſich indeſſen im erſten Rauſche der befriedigten Leidenſchaft zu wenig auf Verheimlichung ihres Glückes, als daß daſſelbe vor ihren Hofleuten ſich hätte lange verborgen halten können. Selbſt Zäwis gab ſich ganz dem Rauſch der neuen Honigwochen hin, ſo daß er ſelbſt die mit großem Eifer begonnenen Kriegs⸗ rüſtungen ruhen ließ. Erſt als Kunigunde fühlte, daß ein künftiger Genoſſe ihres Glückes unter ihrem Herzen keimte, ward ſie Angeſichts ihres Hofes zurückhaltender im Umgange mit dem Manne, der in den Augen der Welt als ihr Hofmeiſter gelten ſollte. Aber dieſe Zurückhaltung kam nun zu ſpät. Der Neid hat ſcharfe Augen, und Zäwis hatte heftige Neider ſchon um der Gunſt willen, welche ihm die Königin offen erzeigen durfte. Seine Hauptneider waren die oben⸗ genannten mähriſchen Barone mit Milota von Deditz, der Zäwis überdies auch darum haßte, weil dieſer es ihn zu offen merken ließ, wie er ihm eigentlich nicht traue. Der Neid witterte die geheime Vermählung bald aus, ebenſo entging ihm nicht, daß die Königin ſich neuerdings nur darum in ihre innerſten Gemächer zurückziehe, weil ſie einen Zuſtand zu verbergen ſuche, der zu verrätheriſch für ihr Geheimniß war. Zetzt begann Zäwis eine neue Thätigkeit zu ent⸗ falten, und dieſe Thätigkeit gab ſeinen Neidern erwünſch⸗ ten Anlaß, mit der Königin zu brechen. Dieſelbe ſchien nämlich weit mehr darauf abzuzielen, dem zu verhoffenden Sprößling der geheimen Ehe das Herzogthum Troppau, welches König Otakar zwar ſeinem Sohne Nikolaus ver⸗ ſchrieben, gleichwohl aber auch ſeiner Gemahlin zum Witthum ausgeſetzt hatte, als Erbe zuzuwenden, als der allgemeinen vaterländiſchen Sache zu dienen. Unter dem Vorwande, es nicht mit anſehen zu können, wie dem ge⸗ fangenen Sohne ihres gefallenen Königs ſein Eigenthum 181 geraubt werde, verließen ſie Troppau und begaben ſich zu dem Biſchof Bruno, um dieſen als Vormund des Herzogs das Beginnen des heimlichen Ehepaares zu klagen. Mit Aerger hatte der kriegeriſche Biſchof aus der Ferne die erfolgreiche Thätigkeit der Königin und ihres „Buhlen“, wie er Zäwis nannte, betrachtet und nach Mitteln geſucht, derſelben entgegen zu arbeiten. Die von Milota und Genoſſen erhobene Klage kam ihm daher äußerſt gelegen. Er durfte nicht dulden, daß ſein Mündel in ſeinem Eigenthum geſchädigt wurde. Längſt hätte er, wenn ihm deſſen Wohl ſo ſehr am Herzen lag, ſich bei dem Ungarnkönig für ihn verwenden und ſeine Freiheit auswirken können— jetzt ſäumte er nicht, Schritte deß⸗ halb zu thun; er ordnete einen Abgeſandten mit einer ſchweren Summe Geldes nach Ungarn ab, um den Her⸗ zog auszulöſen. Gleichzeitig ſchickte er einen Boten an den Kaiſer mit einer Beſchwerde gegen die Königin und ihren„Buhlen“, ſammt der Bitte um die kaiſerliche Genehmigung, daß er ſeinen Mündel mit Waffengewalt in ſein Eigenthum einſetze. Mittlerweile rüſtete der Bi⸗ ſchof zum Kriege und die von der Königin abgefallenen Barone führten nun ihm ihre Schaaren zu. Auch viele ältere Feinde der Königin und Zäwis' von Falkenſtein ſammelten ſich um ſeine Fahne, unter den letzteren auch 182 Berchtold von Emerberg mit ſeinem Weibe Ludmila, welche beide von Milota von Deditz herbeigerufen waren, damit diejenigen, welche den Fall des Königs Otakar herbeigeführt hatten, auch wieder zuſammenwirkten, um ſeine Gemahlin zu Grunde zu richten. Mit Abſcheu würde in unſern Tagen die ganze Welt von ſolchen Menſchen ſich wenden, damals fanden ſie Schutz in dem Wahne und dem gewaltthätigen Charakter ihrer Zeit. Faſt gleichzeitig mit der kaiſerlichen Zuſtimmung zu dem Plane des Biſchofs langte der befreite Herzog Nikolaus in Olmütz an. Mit Entrüſtung vernahm er, daß der Mann, den er als den Räuber ſeines Liebes⸗ glückes betrachtete, ihn jetzt auch ſeines Eigenthums be⸗ rauben wollte, und mit Feuer ergriff er den Gedanken, dieſes zu erobern und zugleich den Räuber zu züchtigen. Die Rüſtung gegen die Königin ward nun mit ver⸗ doppeltem Eifer betrieben. Mit gerechtem Staunen aber ſah der Herzog Niko⸗ laus unter den Kämpen ſeiner Sache den Mörder ſeines Vaters.„Wie iſt es möglich, daß Ihr dieſen Böſewicht zu ſolchem gerechten Kampfe zulaſſen konntet?“ fragte er ſeinen Vormund. „Der Schenk von Emerberg ſtand Eurem könig⸗ lichen Vater im Felde gegenüber,“ verſetzte der Biſchof; „er tödtete den von der Kirche Ausgeſtoßenen als ein 183 allzu eifriger Sohn der Kirche— ein Verbrecher iſt er darum nicht.“ „Herr, ich war Zeuge ſeines boshaften, heim⸗ tückiſchen, feigen Mordes,“ entgegnete Nikolaus;„ach, daß ich nicht hineilen konnte, den Mörder in Stücke zu hauen; ich ward von einer Horde ungariſcher Reiter umzingelt und mit Schlingen gefangen in dem Au⸗ genblicke, in welchem ich den Schenk von Emerberg über den wehrloſen König herfallen ſah. Mit dieſem Mörder will ich keine gemeine Sache machen.“ „Er iſt mit ſeinen Mannen eine nicht zu ver⸗ achtende Verſtärkung unſerer Streitmacht,“ warf der Biſchof ein. „Ein Schandfleck iſt ſolche Genoſſenſchaft,“ erklärte der Herzog;„durch ſie wird die edelſte Sache beſudelt. Ich will lieber auf mein Herzogthum verzichten, als mit dem Mörder meines Vaters vereint kämpfen.“ „Dann ſehet zu, wie Ihr Euch ſeiner entledigt,“ ſchloß der Biſchof. Der Herzog beſchloß, dem Schenken von Emerberg die Theilnahme an dem Kriegszuge zu unterſagen. Berchtold von Emerberg ſaß mit ſeinem Weibe in der Herberge. Mit Beiden war eine große Verände⸗ rung vorgegangen. In Berchtold's Weſen lag etwas Unſtätes, Zerfahrenes, das durch den Ausdruck der 184 Trunkenheit noch greller hervortrat. Ludmila war in er⸗ ſchreckender Weiſe abgemagert. Von ihrer ſonſtigen Schönheit trug ſie wenig mehr als das üppige dunkle Haar, durch welches die fahle Bläſſe ihres Geſichtes noch mehr herausgehoben ward. Die Wangen waren ein⸗ gefallen und die dunklen Augen funkelten unheimlich in tiefen Höhlen. Man ſah, daß bei dieſen beiden Menſchen das Glück und der Friede nicht daheim waren. Nach der Schlacht von Dürrenkrut hatte Ludmila, weil ſie ſich Mutter gefühlt, ihren Gatten veranlaßt, ſich auf eine ſeiner Beſitzungen in Oeſterreich zurück zu zie⸗ hen. Im erſten Genuße der endlich befriedigten Rache, welche noch dazu durch den, über das Opfer derſelben ausgeſprochenen Kirchenbann geheiligt erſchien, hatten ſie keine Gewiſſensqual empfunden, ſondern ſich auf die na⸗ hende Erfüllung der Hoffnung auf Elternfreuden gefreut. Aber wie furchtbar war ihnen dieſe Hoffnung zerſtört worden! Unter gräßlichen Schmerzen hatte ſie ein We⸗ ſen zur Welt gebracht, das den Vater mit Grauſen, die Mutter mit ſolchem Entſetzen erfüllte, daß ſie in einem Anfalle von Wahnſinn es an die Wand ſchleuderte und zerſchmetterte. Zwar war ſie wieder vom Siechbette erſtanden, aber tiefe, oft in Irrſinn übergehende Seelenangſt war fortan ihr Theil geweſen. Ihr Gatte hatte die ihn be⸗ 185 herrſchende Unruhe durch Jagd und Trunk zu betäuben geſucht. Zuletzt hatte es ihn auf ſeiner Burg nicht mehr gelitten und er war auf Milota's Einladung in das Kriegslager des Biſchofs von Olmütz gereiſt, ſein Weib ihm dahin gefolgt. Da ſaßen ſie ſich ſtumm gegenüber, Beide ein⸗ ander mit dem Anblick ihrer gegenſeitigen Qual quälend, als ein Ritter eintrat und dem Herrn Berchtold Schenk von Emerberg im Namen des Herzogs Nikolaus an⸗ kündigte, daß dieſer ihm nicht geſtatten könne, mit an dem ehrenvollen Kampfe für ſein gutes Recht Theil zu nehmen. „Was!“ rief Emerberg aufſpringend,„bin ich kein ehrenhafter Mann? Wer daran zweifelt, dem will ich's mit meinem Schwerte beweiſen!“ „Der Herzog läßt Euch ſagen,“ erwiderte der Rit⸗ ter,„wenn Ihr Euch durch dieſe Zurückweiſung für be⸗ leidigt achtet, ſtünde er Euch mit ſeinem Schwerte zu Dienſten.“ „Ja, er ſoll mir Rechenſchaft geben, der Baſtard!“ rief Berchtold und warf dem Ritter einen Handſchuh vor die Füße,„und zwar auf der Stelle— wo iſt er?“ „Nur gemach, Herr Schenk!“ ſagte der Ritter den Handſchuh aufhebend;„in einer Stunde könnt Ihr mit einem Freunde vor dem Thore, drei tauſend Schritte 1860. XN. Zawiß von Roſenberg. III. 12 vorwärts an der Straße nach Brünn erſcheinen, da werdet Ihr den Herzog treffen.“ „Gut, ich komme,“ ſchloß Berchtold die Unter⸗ redung. Ludmila hatte ſtumm, ſtarr vor ſich hin blickend, wie geiſtesabweſend, dabei geſeſſen. Zetzt als Berchtold ſie fragte:„Nun, was ſagſt Du dazu?“ erwachte ſie wie aus einem Traume und ſprach:„Blut iſt eine köſtliche Arznei; ſchaffe mir Blut, daß ich geneſe!“ „Du biſt in der That krank, Weib; geh und lege Dich nieder, ich will Dir ein Thier ſchlachten.“ „Ich will mit Dir gehen,“ rief ſie aufſpringend mit wildrollenden Augen. „Es geht nicht,“ ſagte er;„es iſt kein Schauſpiel für Weiber.“ „Was! Kein Schauſpiel für Weiber?“ rief ſie; „ſiehſt Du das Blut nicht, das ſeit Jahresfriſt an mei⸗ nen Händen klebt?“ Und ſie hielt ihm die Hände vor das Geſicht. Ihn ſchauderte. Das war wieder einer jener An⸗ fälle des Irrſinnes. Er eilte zur Thür und rief zwei ſei⸗ ner Knechte herbei.„Hütet Eure Herrin!“ befahl er dieſen;„ſie iſt krank, und ich muß ſie jetzt verlaſſen.“ „Geh nicht!“ ſchrie ſie jetzt, weniger im Tone des Irrſinns als der Angſt;„hinter Dir ſteht der todte 187 Böhmenkönig und wird Dich erwürgen, wenn ich nicht bei Dir bin!“ Sie hing ſich an ihn, er ſuchte ſich los zu machen; deſto feſter klammerte ſie ſich an ihn; endlich gelang es ihm mit einer furchtbaren Kraftanſtrengung ſich loszureißen, daß ſie weithin an eine Bank mit Waffen taumelte. Er ſchritt nach der Thür. „Halt!“ ſchrie ſie mit Mark durchdringender Stim⸗ me, faſt gleichzeitig ergriff ſie einen unter den Waffen be⸗ findlichen Dolch;„halt! Ich will erſt den ſchrecklichen König tödten.“ Damit ſtürzte ſie ihm nach und ſtieß mit dem Dolche nach dem vermeinten Geſpenſt, daß er tief in Berchtold's Rücken drang. Ein Blutſtrahl ſpritzte ihr in das Geſicht. Zu ſpät bemächtigten ſich ihrer die Knechte. Mit dem Ausrufe:„Unglückſeliges Weib!“ ſank Berchtold zu Boden. Jetzt entwirrte ſich der Sinn der unglücklichen Frau, das Geſpenſt ihrer kranken Einbildungskraft war verſchwunden, ſie erkannte mit Entſetzen, daß ſie den tödtlichen Stahl in den Leib ihres Gatten geſtoßen. Sie ſchleuderte den Dolch weit von ſich, riß ſich von den Knechten los und warf ſich weinend über den röchelnden Gatten, der nach wenig Augenblicken ſeinen ſchuld⸗ beladenen Geiſt aufgab. Der Herzog Nikolaus war zur feſtgeſetzten Zeit 12* 188 auf dem Kampſplatz, wo er den Tod ſeines großen Vaters an deſſen Mörder zu rächen brannte. Nachdem er eine Stunde vergebens auf denſelben gewartet, ſchickte er einen Ritter aus ſeinem Gefolge nach Berchtold's Her⸗ berge, und erfuhr durch dieſen, daß eine andere Hand zum Werkzenge der rächenden Nemeſis geworden. Die ſchreckliche Mähr von der Todesart des Schen⸗ ken von Emerberg erfüllte das ganze Kriegslager mit ſolchem Entſetzen, daß Jedermann, ſelbſt die Freunde des Getödteten nicht ausgenommen, das Haus, in welchem das Grauenvolle geſchehen, vermied. Niemand wußte, was aus der Leiche des Unglücklichen und aus ſeiner unfreiwilligen Mörderin geworden. Bald war auch die ganze Begebenheit im Getöſe der Waffen vergeſſen. Denn wenig Tage danach brach der Biſchof mit ſeinem Mündel und dem jungen Herzog von Breslau an der Spitze eines gewaltigen Heeres gegen Troppau auf. Ein Herold eilte voraus, die Königin zur freiwilligen Uebergabe des Landes aufzufordern und im Weigerungs⸗ falle ihr den Krieg zu erklären. Zäwis hatte wohl geahnt, daß die abgefallenen Barone bei dem bloßen Abfall nicht ſtehen bleiben, ſon⸗ dern auch mit feindlichen Thaten auftreten würden. Schnell hatte er die unterbrochen Rüſtungen wieder auf⸗ genommen und ſich auf irgend einen Streich von dieſer 189 Seite gefaßt gemacht. Freilich hatte er jetzt nur über ein kleines Häuflein zu gebieten, aber daſſelbe beſtand aus lauter Getreuen. Die natürliche Beſchaffenheit des Lan⸗ des begünſtigte einen Vertheidigungskrieg gegen einen überlegenen Feind. Als daher der Herold des Biſchofs mit der Auf⸗ forderung zur Uebergabe erſchien, glaubte Zäwis dieſelbe mit Fug zurückweiſen zu können, und zwar um ſo mehr, als faſt gleichzeitig aus Böhmen ein Bote des wieder dahin abgereiſten Sezema erſchien, welcher die Nachricht brachte, daß ſich die Streitkräfte der Witkowetze mit denen der Berken von Duba, Rieſenburge, Cimburge und Löwenberge vereinigt und den Brandenburgern bereits in zwei bedeutenderen Gefechten die Spitze geboten hätten, wodurch der ganze nordöſtliche Theil des Landes von den Verderbern geſäubert und ihnen eine etwa beabſichtigte Verbindung mit den mähriſchen Feinden der Königin ab⸗ geſchnitten ſei, während im Südoſten die Brüder Zäwis mit Hroznata von Huſitz das Land frei erhielten. So ward denn die Frage, wer im Lande Troppau Herr ſein ſollte, der Entſcheidung durch das Schwert anheim⸗ gegeben. Kunigunde, jetzt unter dem Sonnenſchein inneren Glückes in neuer Schönheit blühend, gürtete ihrem Ge⸗ mahle ſelbſt das Schwert um, welches dem Pfande der Liebe, das ſie unter ihrem Herzen trug, ein fürſtliches Erbe ſichern ſollte, und nur die Rückſicht auf dieſes kei⸗ mende Leben konnte ſie abhalten, ſelbſt die Mühen und Gefahren des Kampfes mit ihm zu theilen. Muthig zog Zäwis dem heranrückenden Feinde entgegen. Allein weit ſtärker, als er erwartet, erwies ſich deſſen Zahl; es war ein Kampf von Einem gegen Zehn. Nur Zauberei hätte gegen eine ſolche Uebermacht den Sieg gewinnen können. Aber nicht leichten Kaufes ſollten die Feinde das Feld behaupten, ſie ſollten fühlen, daß ſie es mit einem Gegner zu thun hatten, gegen den ſie einer ſolchen Ueber⸗ macht bedurften. Weiſe vertheilte Zãwis ſeine Macht in die Grenzpäſſe, Alle durch fliegende Poſten in genauer Verbindung unterhaltend. So erwartete er den Feind, ſo ließ er ihn eine Strecke in den erſten Paß hereinrücken und warf ſich dann mit wettergleichem Ungeſtüm über ihn her. Die feindlichen Schaaren, ſolchen Ueberfalls nicht gewärtig, wichen erſchrocken zurück, und Hunderte aus ihnen wurden Opfer des Schwertes, bevor ſie ſich ſammelten und zum Angriff ordneten. Dann zog ſich Zäwis mit den Seinen durch Wälder und Schluchten zurück. Auf ſolche Weiſe zwang er den Feind, ſich jeden Fußbreit Landes mit ſchweren Opfern zu erkaufen. Dabei vergaß er nicht für die Sicherheit ſeiner Ge⸗ mahlin zu ſorgen. Der Paß nach Böhmen ward mit — — 191 Sorgfalt frei gehalten, und als er vor dem Feinde bis eine Tagereiſe vor Troppau zurückgewichen war, ließ er Kunigunden mit ihrem Hofſtaat durch eine Schaar ſeiner zuverläſſigſten Mannen nach Königingrätz leiten, wo Hynek von Duba mit ſeinem Heerhaufen ſtand. Er ſelbſt deckte ihren Rückzug und folgte ihr endlich langſam nach, um ſich mit den böhmiſchen Patrioten, die zugleich Freunde der Königin waren, zu vereinigen. Der Kampf in Böhmen war in ein neues Stadium eingetreten. Der Biſchof von Brandenburg hatte ſich durch die letzten Erfolge der böhmiſchen Waffen unter Hynel von Duba(welcher ſich den Brandenburgern ſo furchtbar gemacht hatte, daß ſie ihn den zweiten Dietrich von Bern nannten) veranlaßt gefunden, neue Schaaren brandenburgiſchen Volks herbeizuziehen, und dieſe neuen Streitkräfte hatten den Siegerſchritt der Patrioten auf⸗ gehalten, ja ſie hatten eine Stellung eingenommen, welche dieſen die Früchte ihrer Siege zu entreißen drohte. Mit ſcharfem Blick erkannte Zäwis ſogleich die ganze Lage der Dinge, die Vortheile der feindlichen und die Schwäche der eigenen Partei. Hier mußte eine dem Feinde ganz unerwartete Bewegung ausgeführt werden. Man mußte ihm langſam mit geſchloſſener Macht ent⸗ gegen gehen und in einiger Entfernung, wo möglich an 192 der Elbe eine Stellung einnehmen, die ihn im Ungewiſſen ließ, ob es auf einen Angriff abgeſehen ſei oder nicht; gleichzeitig mußten zahlreiche reitende Boten den Feind umgehen und das Land in ſeinem Rücken in Aufſtand verſetzen. Mehrere von Zäwis Anverwandten, wie Se⸗ zema und Oger von Lomnitz mit ſeinen Söhnen, über⸗ nahmen dieſe ſchwierige Sendung, und alle Häupter der Partei billigten den ganzen Plan. So ward denn auch zu ſeiner Ausführung geſchrit⸗ ten. Bald ſtanden die beiden feindlichen Heere an der Elbe zwiſchen den Mündungen der Adler und der Cydlina einander gegenüber, und im Rücken der Brandenburger ward das Feuer des Aufſtandes geſchürt, daß es ſich von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt wälzte, immer er⸗ tönten die Sturmglocken von zwanzig Thürmen zugleich. Da verließ der Landmann ſeinen Pflug, der Handwerker ſeine Werkſtatt, und eilte mit Senſe oder Spieß, Schleu⸗ der oder Keule zu den beſtimmten Sammelplätzen. Feuer auf den Bergen ſollten dem Heere der Patrioten das Zei⸗ chen zum Angriff geben. Und eines Morgens, als erſt noch der blaſſe Geiſt der Dämmerung leiſe über die dunkle Erde dahin ſchritt, flammten hundert Feuer auf den Bergen in dem Rücken der Brandenburger zum Him⸗ mel empor. In der größten Stille ordneten alle Führer im 193 Heere der Patrioten ihre Schaaren. Zäwis hatte den Oberbefehl. In der größten Ordnung führte er das Heer den Strom hinab zu einer bekannten Fuhrt, durch welche die Reiterei ſetzte, während weiter unten eine Brücke dem Fußvolk den Uebergang geſtattete. Ehe noch der Tag ſeinen vollen Glanz entfaltete, fanden ſich die Feinde in ihrem Lager angegriffen, und während ſie ſich ſchleunigſt zur Abwehr des Angriffs von vorn ordneten, ſtürzten von den Bergen herab die aufgeſtandenen Volksmaſſen ihnen in den Rücken. Sie ſchlugen ſich wie Verzweifelte gegen die von gerechter Rache und Begeiſterung für ihr Vater⸗ land beſeelten Böhmen; aber nachdem ſie Tauſende von Todten auf der Wahlſtatt gelaſſen, zog ſich der Reſt ihrer Macht gegen Prag zurück. Wie Zäwis der Urheber des Schlachtplanes gewe⸗ ſen, ſo hatte er auch die ganze Ausführung deſſelben ge⸗ leitet und ſich dabei ebenſo umſichtig als tapfer gezeigt. Alle ſeine Waffengenoſſen erkannten dies, und als das Heer nach dem Siege ruhte, erſcholl in allen Reihen laut der Preis ſeines Namens. Zäwis würde nicht geſäumt haben ſeinen Sieg zu verfolgen, wäre nicht ein Naturereigniß eingetreten, das ſeinen Siegeslauf hemmte. Schon während der Schlacht hatten ſich am Horizont drohende Wolken aufgethürmt, jedoch lange gezögert ſich zu entladen. Aber bald nach 194 der Schlacht begann es von fern zu blitzen und zu don⸗ nern. Von Norden herab brauſte die Windsbraut und jagte das ſchwarze Gewölk heran. Dann trat tiefe Wind⸗ ſtille ein, eine unheimliche, ſchwüle angſtvolle Stille, die nur durch langſam aufeinander folgende Donnerſchläge unterbrochen wurde. Auf einmal aber öffneten ſich ober⸗ halb des Lagers die Schleuſen des Himmels und ließen die oben geſammelten Waſſer in Strömen herabſtürzen. Da ſchwollen die Bäche zu Strömen an, der Elbeſtrom trat aus ſeinen Ufern und ward zum tobenden See. Zäwis hatte eine ſolche Kataſtrophe vorausgeahnt, deß⸗ wegen ſein Heer von der Verfolgung der Feinde zurück⸗ gezogen und es aus der Thalebene auf die Höhe geführt, wo es gegen die wüthende Fluth geſichert war. Es war als ob eine neue Sündfluth hereinbrechen ſollte, ſo ſtürzten den geſtürzten Waſſern immer neue Waſſer nach. Immer höher ſtieg die Fluth und ver⸗ ſchlang immer mehr blühendes Land mit Städten, Dör⸗ fern und Weilern. Mit Grauſen ſahen die ehernen Män⸗ ner, die in der Feldſchlacht mit dem Tode geſpielt, die Verheerungen des entfeſſelten Elementes. Endlich lichtete ſich der Himmel und die Wolken⸗ brüche verloren ſich in ſanften Sprühregen. Aber weit⸗ hin war das Land ein toſender See, aus welchem einzelne Anhöhen und die Dächer von Städten und 195 Dörfern als Inſeln hervorragten, während auf dem breiten Rücken der Strömung Bäume, Brücken und Hüt⸗ ten dahintrieben. Zäwis berief die Führer ſeiner Schaaren und for⸗ derte ſie auf, die Ihrigen zur Hilfe bereit zu halten, wo ſolche ſich nothwendig zeigen werde, dann erſtieg er die Spitze eines benachbarten Felſens und überſchaute den Schauplatz der Verwüſtung. Als er wieder herabſtieg, um die verſchiedenen Schaaren an verſchiedene Punkte, die er ſich auserſehen, abzuſenden, fiel ihm eine große Bewegung im Lager auf. Näher kommend erfuhr er, daß ein Prophet aufgetreten ſei, der am andern Ende des Lagers predige und durch ſeine Predigt viele Kriegs⸗ leute an ſich ziehe. Zäwis begab ſich dahin und ſah auf einem aufrechtſtehenden Faſſe den alten Volksredner Da⸗ lemil, wie er eben zu dem zuſammengeſtrömten Kriegs⸗ volke ſprach. Er ſtellte die Wolkenbrüche als Aeußerungen des göttlichen Zornes dar über die Verderbniß Böhmens und als bloße Vorſpiele furchtbarer Strafgerichte, von deren Vollziehung nur ſchleunige Buße und Bekehrung retten könne. Dann erklärte er die Verderbniß, welche er in dem Abfall des böhmiſchen Volkes von den Sitten und Satzungen der Väter, von der altböhmiſchen Brü⸗ derlichkeit und Freiheit fand. Er geißelte mit beißender Schärfe ebenſo den Uebermuth des Adels wie den Knechts⸗ 196 ſinn des gemeinen Volkes. Er wies auf alle Sünden und Gräuel hin, welche bei Menſchengedenken das böh⸗ miſche Volk befleckt hatten, insbeſondere auf die blutigen Gewaltthaten von oben, auf die Empörungen und den Verrath in der Mitte und den Stumpf⸗ oder Leichtſinn von unten. Das alles habe den göttlichen Zorn reizen müſſen, wenn auch Gottes Langmuth lange mit der Strafe gezögert habe. Nun aber ſei das Maß der Sün⸗ de voll, indem böhmiſche Edle und Gemeine ſich mit dem fremden Verderber des Landes verbunden hätten, durch Beraubung und Erniedrigung der eigenen Mutter reich und groß zu werden. Das ſei von allen Sünden und Schanden, welche Böhmen erlebt, die größte und him⸗ melſchreiendſte; denn wer mit den Feinden des Landes ge⸗ meine Sache mache, wer ſeine Hand gegen das Vater⸗ land erhebe, der ſei ein Mutermörder und Mutterſchän⸗ der, und es gebe keinen größern Verbrecher als dieſe. Hierauf ging er auf die Sache ſeiner Zuhörer über. Er lobte ihre Thaten und pries insbeſondere den eben er⸗ fochtenen Sieg.„Aber,“ fuhr er fort,„aber Ihr ſeid auch noch nicht rein in Euren Herzen, darum hat der Himmel Euern Siegeslauf gehemmt. Verſtehet ſeine Zeichen, geht in Euch und thut Buße. Es iſt noch viel Hoffahrt, Gewinnſucht und gemeines Gelüſten unter Euch, das die Sache befleckt, für die Ihr ſtreitet. Drum ſage 197 ich Euch, thut Buße; legt ab den Geiſt der Hoffahrt, des Neides und der Habſucht, und legt an den Geiſt der De⸗ muth und der Liebe, wie er vom Anfang an gewohnt in unſerem Volke. Das laſſet Euch insbeſondere geſagt ſein, Ihr Herren vom Adel, vor allen Du Zäwis von Fal⸗ kenſtein, der Du das Heer zu dieſem glorreichen Siege geführt! Du haſt alle Gaben, der Retter des Vaterlan⸗ des zu werden— aber wahre Dein Herz vor Hoffahrt und Falſchheit. Zäwis von Falkenſtein, erkenne die Zeichen Gottes— ſchau in Dich und thue Buße, dann wird Dich Gott begnadigen, daß Du das große Werk vollfüh⸗ reſt!“— Damit ſchloß der Redner. Schnell war er von ſeinem Faſſe herab und in der Menge verſchwunden. Auf Zäwis hatte die Rede einen ſeltſamen Ein⸗ druck gemacht. Aber er hatte jetzt nicht Zeit ſich ihm hinzugeben, es galt die Anordnung zur Hilfeleiſtung für die überſchwemmten Ortſchaften zu treffen. Dazu ſchritt er jetzt. Bald eilten die Schaaren, trefflich ge⸗ ordnet, an die ihnen angewieſenen Punkte, wo es Hun⸗ derte von Menſchen zu retten gab; Zäwis ſelbſt leuchtete Allen als Beiſpiel aufopfernden Muthes voran. Tau⸗ ſende von Menſchenleben wurden durch ſeine Umſicht und ſeine eigenen Thaten gerettet. Die Ueberſchwemmung hinderte aber auf längere 198 Zeit jede kriegeriſche Unternehmung. Der Feind gewann Zeit ſich zu ergänzen und neue Schaaren den Patrioten entgegenzuſtellen. Aber er ließ ſich auf keine Feldſchlacht mehr ein, ſondern warf ſich in die Städte und feſten Plätze, von ihnen aus das Land umher brandſchatzend und verwüſtend. Wohl eroberten die Patrioten manches Bollwerk der Tyrannei, aber es war nun ein langwieri⸗ ges Werk, ihre zahlreichen Schergen ganz aus dem Lande zu treiben. Dazu kamen neue Wolkenbrüche, welche in verſchiedenen Gegenden große Verheerungen anrichteten und die Bewegungen der Patrioten vielfach hemmten. Es war als ob die Elemente mit den Feinden des Landes ſich verſchworen hätten, daſſelbe zur Wüſte zu machen. Mit blutendem Herzen ſah der ehrwürdige Oberſt⸗ kanzler M. Peter, der ſich in ſeine Propſtei auf dem Wyöehrad zurückgezogen hatte, die doppelte Heimſuchung ſeines theueren Böhmenlandes. Und in der höchſten Qual beſchwor er den neuen Biſchof von Prag, Tobias von Bechin, ſich an den Kaiſer zu wenden, daß dieſer doch um ſeines Schwiegerſohnes, des gefangenen Kö⸗ nigs, willen endlich ſich in's Mittel ſchlagen und dem Unheil in Böhmen ein Ende machen möge. Der Biſchof ging darauf ein und überſandte dem Kaifer eine rührende Darſtellung der böhmiſchen Zuſtände. Langſam, aber immer ſiegreich hatte Zäwis die 199 Feinde des Landes aus zwei Drittheilen deſſelben vertrie⸗ ben; nur die Hauptſtadt und ihre Umgebungen, ſowie das meiſte Land zwiſchen der Eger und Wottawa, be⸗ fanden ſich in ihrer Gewalt. Schon war er im Begriff über die Moldau zu gehen, um auch im Weſten aufzuräu⸗ men, als er von Hynek von Duba, welcher zum Schutze des öſtlichen Landes in Czaslau zurückgeblieben war, ei⸗ nen Boten erhielt, der ihm die Meldung brachte, daß der Kaiſer Rudolf mit einem Heere in Böhmen eingerückt und bis Deutſchbrod vorgedrungen ſei. Von da habe er einen Abgeſandten nach Czaslau geſchickt, der ihm, Hynek von Duba, eröffnet, daß der Kaiſer in's Land gekommen ſei, Frieden zu ſtiften, er erwarte von beiden Parteien, daß ſie ihm dazu die Hand bieten würden. Es ſolle eine Zuſammenkunft von Abgeordneten beider Theile in ſei⸗ nem Lager gehalten und da über den Frieden verhan⸗ delt werden. Bei der furchtbaren Erſchöpfung des Landes durch die Ueberſchwemmungen und den allgemeinen Krieg müſſe er, Hynek, ſelbſt wünſchen, daß es zu einem Frie⸗ den komme, und er rathe Zäwis ſich an der vorgeſchla⸗ genen Zuſammenkunft zu betheiligen. Zãwis war nicht beſonders erbaut von dieſer Bot⸗ ſchaft. Immer wieder dieſes ſchiedsrichterliche Gebahren des deutſchen Kaiſers! Böhmen ſollte ſich durch ſich ſelbſt helfen, aus ſich ſelbſt eine neue feſte Ordnung ge⸗ 200 bären, und er, Zäwis, fühlte in ſich die Kraft, dazu den Weg zu bahnen. Hatte er nur die Feinde vollends aus dem Lande geſchlagen, ſo hoffte er auch, daß das böh⸗ miſche Volk, gewitzigt durch die ſchmerzlichen Erfahrun⸗ gen der jüngſten Vergangenheit, ihm zur Wiederherſtel⸗ lung des Vaterlandes im altczechiſchen Geiſte die Hand reichen werde. Freilich war es nur zu wahr, daß die ſchrecklichen Naturereigniſſe und der allgemeine Krieg große Noth im Volke hervorgerufen hatten. Große Strecken Landes waren durch die Fluthen verſandet, andern fehlten die bebauenden Hände, weil die Bewoh⸗ ner vieler Dörfer ſich vor den Feinden geflüchtet, Tau⸗ ſende aber auch den Pflug mit der Kriegswaffe vertauſcht hatten, und es ſtand in Folge deſſen eine große Theue⸗ rung zu befürchten. Dieſer Rückſicht konnte ſich Zäwis nicht entſchlagen. Er berief daher die Häupter ſeines Heeres, unter denen ſich namentlich die Herren Ctibor von Lipnitz, der Ahnherr der Cimburge, und Jaroslaw von Gabel aus dem Geſchlechte der Löwenberge, ſo wie ſeine Vettern Oger von Lomnitz und Sezema von Wit⸗ tingau durch rühmliche Thaten hervorgethan, zu einem Kriegsrath, worin er ihnen die Mittheilung Hhnek's von Duba vorlegte und ihrer Erwägung anheim gab, ob man auf den Vorſchlag des Kaiſers eingehen, oder den Kampf fortſetzen ſollte. 201 Die Berathung führte zu dem Beſchluße, daß der Vorſchlag des Kaiſers anzunehmen ſei, und es wurden die Herren Sezema von Wittingau und Jaroslaw von Gabel abgeordnet, um im Verein mit Hynek von Duba ſich an der Zuſammenkunft im kaiferlichen Lager zu be⸗ theiligen. Die Brandenburger ergriffen die Vermittlerhand noch freudiger wie ihre Gegner. Unter der Leitung des Pfalzgrafen Ludwig kamen die Abgeordneten beider Par⸗ teien zuſammen und ſchloßen einen Waffenſtillſtand, wel⸗ chem ein allgemeiner Landtag zu Prag folgen ſollte, dem die Feſtſtellung des Friedens oblag. Der Nothwendigkeit gehorchend ſteckte Zäwis ſein Schwert in die Scheide und eilte in die Arme ſeiner kö⸗ niglichen Frau, die den ſiegreichen Helden mit Jubel und Lorbeerkränzen empfing und bald darauf mit einem Sohne beſchenkte, welcher in der Taufe den Namen Zeſſek erhielt. 1860. XX. Zäwiß von Roſenberg. II. 13 Renntes Capitel. Zwei Jahre lang waren die Glocken auf St. Veit's hohem Dome ſtumm geweſen; am Vorabende des Feſtes der Erſcheinung Chriſti 1281 ertönten ſie zum erſtenmal wieder, um den Bewohnern Prags die Herſtellung des Friedens zu verkünden. Die gemeinſame Noth hatte den Trotz der Parteien gebrochen. Der Markgraf von Brandenburg hatte ſich anheiſchig gemacht, daß er ſein bewaffnetes Volk ſammt deſſen Troß aus dem Lande ziehen und dieſes in ſeiner Abweſenheit durch eingeborene Böhmen verwalten laſſen, auch den jungen König gegen Leiſtung einer Berna von fünfzehntauſend Mark Silber nach Prag zurückbringen wolle, wo derſelbe unter Aufſicht des Biſchofs Tobias, der oberſten Landesbeamten, eines Ausſchuſſes der Pra⸗ ger Bürgerſchaft und zugleich einiger Brandenburger erzogen werden ſollte. Der Biſchof Tobias und der Oberſtkämmerer Diepold von Rieſenberg waren zu Machtverweſern des Regenten in deſſen Abweſenheit er⸗ nannt worden. Im langen, feierlichen Zuge bewegten ſich die Stände aus dem Dominikanerkloſter zu St. Clemens, 203 wo ſie getagt hatten, nach dem Dome, um Gott für das Zuſtandekommen des Friedens zu danken. Ein ſtattlicher Zug, der Alles, was Böhmen an bedeutenden Männern aufzuweiſen hatte, in ſich vereinigte. Obgleich die neuen Landesverweſer den Ehrenplatz einnahmen, ſo war doch nicht ihnen, ſondern dem neben Hynek von Duba einherſchreitenden Zäwis von Falken⸗ ſtein die größere Aufmerkſamkeit des Volkes zugewendet. Nicht weil er ſich durch den Glanz und Reichthum ſeiner Nationaltracht vor allen ſeinen Standesgenoſſen auszeich⸗ nete, ſondern weil er, der vor nicht langer Zeit beinahe ein Opfer der Volkswuth geworden wäre, jetzt der ge⸗ prieſene Held des Tages war, und weil er ſich durch ſeinen Kriegsruhm nicht hatte verhindern laſſen durch kluge Mäßigung weſentlich zum Gelingen des Friedens⸗ werkes beizutragen. Viele aber ſahen in ihm auch halb mit Scheu, halb mit Bewunderung den Mann, der durch Zauberkünſte Herz und Hand der Königin⸗Witwe von Böhmen gewonnen. Freilich war die Mähr von dieſer Vermählung nur noch ein Gerücht, deſſen Wahrheit Niemand beſchwören konnte; aber es gab nicht Viele, die ſie bezweifelten, ob⸗ gleich vor den Augen der Welt die zur Wahrung ihrer Rechte und um des Schickſals ihres noch immer gefan⸗ en gehaltenen Sohnes willen mit herbeigeeilte Königin 13* 204 ſich gegen ihren„Hofmeiſter“ in den Grenzen ihrer Würde hielt. Denn ihre Angelegenheiten waren noch nicht ſo weit gediehen, daß ſie ihn ſchon jetzt als ihren Gemahl öffentlich bekennen durfte. Zu denen, welche die Mähr entſchieden bezweifel⸗ ten, gehörte ein Prieſter, welcher ſich unter der Menge befand, durch welche ſich der Zug der Stände bewegte. Ein ehrlicher Bürger machte laut die Bemerkung: „Es iſt doch kein ſtattlicherer Mann unter allen den Herren, wie der Herr Zäwis von Falkenſtein; man kann es der Königin nicht verdenken, daß ſie ſich den zum Ge⸗ mahl erwählt.“ „Erwählt?“ fiel ein Anderer ein;„wie kann da von Erwählen die Rede ſein? Was vermöchte die Köni⸗ gin über einen Zauberer, dem ſelbſt der Teufel unterthan iſt? Habe ich doch mit eigenen Augen geſehen, wie er ihn holte; und nun ſeht, da iſt der Mann wieder, ge⸗ prieſen und geehrt als der erſte Held in Böhmen. Möge er die Königin glücklich machen!“ „Ihr Leute wiſſet nicht, was ihr redet,“ ſagte jetzt jener Prieſter, in welchem wir denjenigen wieder erken⸗ nen, welcher einſt Libusa mit Zäwis heimlich getraut „ich verſichere euch, es iſt ein Ding der Unmöglichkeit, daß die Königin den Herrn Zäwis von Falkenſtein ehe⸗ lichen kann.“ 205 „Oho!“ rief ein Mann, der das Wappen der Roſe auf ſeinem Kleide trug;„ſo gewiß der Botitzbach in die Moldau fließt, ſo gewiß iſt die Königin in der Schloß⸗ kapelle zu Grätz bei Troppau mit Herrn Zäwis getraut worden. Mein Herr, Sezema von Wittingau, hat der Trauung als Zeuge beigewohnt.“ „Ihr müßt Euch irren, Freund,“ entgegnete der Prieſter;„Herr Zäwis konnte die Königin ja gar nicht heirathen, weil—“ Er beſann ſich, daß er nicht mehr ſa⸗ gen durfte. „Warum nicht?“ fiel der erſte Bürger ein;„die große Fürſtin Libusa nahm ſich ja einen Mann vom Pfluge weg, warum ſollte die Königin Kunigunde nicht den erſten Lechen des Landes heirathen dürfen?“ „Das ſage ich auch,“ meinte der Diener Seze⸗ ma's;„ein Witkowetz iſt doch ein ganz anderer Herr, als jener Piemysl war.“ „Der geiſtliche Herr meint vielleicht, weil Herr Zä⸗ wis von Falkenſtein ſchon eine Andere zur Frau hat, kann er nicht auch die Königin noch heirathen,“ ſagte jetzt ein neuer Theilnehmer an dem Geſpräch. „Woher wiſſet Ihr, daß Herr Zäwis mit einer Andern vermählt ſei?“ fragte der Prieſter den Sprecher. „Ich bin der Waibel der freien Reichsſtadt Brünn und habe als ſolcher einen Brief geleſen, welchen der X 206 Herr Zäwis von Falkenſtein an ſein Weib Libusa auf dem Schloſſe Malyhrad bei Brünn geſchrieben. Der Bote war auf Anſtiften des Herrn Sezema von Wit⸗ tingau von dem Domherrn Dietrich gefangen gehalten worden und führte deßwegen Klage bei unſerem hochmö⸗ genden Rathe.“ „Streitet euch weiter nicht, ihr Herren,“ fiel hier eine neue Stimme ein;„ihr habt alle recht: Herr Zä⸗ wis von Falkenſtein iſt der Mann zweier Frauen.“ „Ihr ſeid wohl nicht bei Sinnen!“ rief der erſte Bürger, indeß der Prieſter den Urheber jener Stimme anſtarrte;„wie kann denn ein Mann zwei Frauen ha⸗ ben, das iſt ja gegen das kanoniſche Recht.“ „Darum wird es ihm auch nicht wohl bekommen,“ verſetzte Jener.„Der hochmögende Rath hat die Be⸗ ſchwerde jenes Boten und den Brief, von welchem der Freund hier ſprach, dem Biſchof von Olmütz übergeben; der wird das Aergerniß, welches Herr Zäwis durch ſeine Zwieweiberei der Chriſtenheit gegeben, nicht ungeahndet laſſen—“ Hier ward der Sprecher durch ein plötzliches Jubel⸗ geſchrei der Menge unterbrochen, welches durch eine Donnerſtimme veranlaßt wurde, die„dem Rächer und Retter des böhmiſchen Volkes, dem großen Wladyka von Krumau, Herrn Zäwis von Falkenſtein“, ein Lebe⸗ 207 hoch ausbrachte. Tauſende ſtimmten in den Ruf ein, und es dauerte lange, ehe der Jubel verhallte. Während⸗ dem waren die Theilnehmer der oben geſchilderten Un⸗ terhaltung auseinander gedrängt worden, ſo daß dieſelbe nicht weiter fortgeſetzt werden konnte. Der Diener Sezema's hatte nach Beendigung der Feierlichkeit im Dome nichts Eiligeres zu thun, als ſei⸗ nen Herrn aufzuſuchen und ihm zu melden, was er hin⸗ ſichtlich des dem Biſchof Bruno übergebenen verrätheri⸗ ſchen Briefes vernommen hatte. Sezema war davon nicht wenig betroffen. Wenn er auch bei dem verdorbenen Rechtszuſtande ſeiner Zeit wenig für ſeine Perſon zu fürchten hatte, ſo konnte doch der dem Biſchof von Ol⸗ mütz, dieſem Widerſacher ſeines Vetters und der Köni⸗ gin, in die Hand gelieferte Beweis von der Heirath des Letzteren mit Dalemil's Tochter ſehr verderblich für Zä⸗ wis ſelbſt werden. Er eilte zu dieſem, um mit ihm über die Mittel zu berathen, wie man der drohenden Gefahr begegnen könne. Er fand ihn in der Geſellſchaft Hroznata's von Huſitz. Dieſer hatte wohl erfahren, daß ſein Schwager ſein trenes Weib verlaſſen und das gefährliche Spiel ge⸗ trieben habe, ohne von Libusa förmlich geſchieden zu ſein, ſich mit der Königin zu vermählen. Er hatte ihm nicht verhehlt, wie ſehr er das an Libusa begangene Unrecht 208 mißbillige, und Zäwis hatte dies nicht in Abrede geſtellt, aber jener hatte zugeſtehen müſſen, daß das Unrecht, nach⸗ dem die Königin bereits Mutter geworden, nicht un⸗ geſchehen zu machen war. Sie hatten nun mit einander darüber geſprochen, wie die Verbindung mit Libusa am zarteſten förmlich gelöſt werden möge. Als Sezema den Beiden mitgetheilt, was ihn her⸗ geführt, erwiderte Zäwis:„Das danke ich Deiner hin⸗ terliſtigen Handlungsweiſe. Du Thor bildeſt Dir viel⸗ leicht ein, daß Du dadurch der Schöpfer meines Glückes geworden— ich müßte ein Glück verfluchen, das ich ſol⸗ chen Ränken verdankte. Nein, ich folgte nur meinem ei⸗ genen Stern, dem Gott in meiner Bruſt, der mich mäch⸗ tiger zu der Königin zog, als zu der edlen Tochter Dale⸗ mil's. Ich habe mich ſchwer an dieſer Heiligen verfün⸗ digt, und ich gäbe gern mein Leben darum, hätte ich mich ihr nie mit Liebe genaht! Geh' und miſche Dich fortan nicht mehr in meine innerſten Angelegenheiten— ich werde mit meinem Schwager Hroznata berathen, auf welche Weiſe ich mein Unrecht gegen Libusa auf das kleinſte Maß zurückführe und zugleich das Glück meiner Königin vor dem Streiche bewahre, der ihm durch Deine ſchnöde Hinterliſt droht. Geh' und halte Deinen Pfad fern von dem meinigen!“ „Wie Ihr befehlt, Wladyka,“ erwiderte Sezema 209 mit einem Anflug von Sarkasmus.„Ihr kennt meinen Wahlſpruch: Alles für die glorreiche Roſe! Der ſoll mir auch ferner meinen Pfad zeigen. Gehabt Euch wohl!“ Damit entfernte er ſich. „Willſt Du mir einen Liebesdienſt erweiſen,“ ſagte Zäwis nach einer Weile zu Hroznata,„ſo geh' Du für mich nach Malhhrad— Du biſt mild und weiſe— theile Libusa in ſchonendſter Weiſe mit, was ich gethan— daß die Königin mein Weib und Mutter eines Kindes von mir ſei, und lege es in ihre Hand, mich und mit mir die Königin zu verderben oder zu retten. Es drängt mich, im Geiſte der Würdigen zu Füßen zu ſtürzen, von der ich im Voraus weiß, daß ſie nur Großmuth üben kann. Ich hätte mir die Scheidung von ihr längſt erkauft aus der Hand der Curie, hätte ich dieſen härteſten Schlag nicht bis auf den Augenblick der äußerſten Noth erſpa⸗ ren wollen. Es bleibt mir nun nichts Anderes übrig, als ſofort die nöthigen Schritte dazu zu thun, damit ich ge⸗ ſchieden bin, wenn man mit einer Anklage gegen mich hervortreten ſollte. Vielleicht iſt es auch gut, wenn Libusa ſich vor der Hand an einen Ort zurückzieht, wo ſie Nie⸗ mand ſucht. Ich gebe Dir eine Verſchreibung auf ein Gut mit, daß ich in Oeſterreich im zauberhaften Thale der Thaya für ſie gekauft habe, dorthin mag ſie überſiedeln. Eine zweite Verſchreibung, die Du mitnehmen ſollſt, 210 betrifft einen zu dem Gute gehörigen Meierhof, welchen der ehrliche Jodok als freies erbliches Eigenthum erhal⸗ ten ſoll. Eine Summe Geldes werde ich Dir für den Meiſter Scarlatti übergeben. Nicht wahr, Du unterziehſt Dich dieſer Sendung?“ „Wer ſoll ſie ſonſt übernehmen?“ erwiderte Hro⸗ znata;„ich will Bertha um Verlängerung des Urlaubes zu dieſer— ich kann Dir's nicht bergen— traurigen Reiſe bitten.“ Schon den folgenden Tag machte ſich Hroznata mit kleinem Gefolge gen Malhhrad auf den Weg. Zäwis ſagte zu ihm beim Abſchied:„Indem Du jetzt über dieſe Schwelle ſchreiteſt, nehme ich für immer Abſchied von dem ſchönſten und reinſten Traume meines Lebens. Mit Libusa wollte ich Gedichte leben— ich werde fortan nicht einmal mehr Gedichte machen— das Reich der Dichtung liegt hinter mir; ich ſtürze mich in das Leben dieſer ſturm⸗ und drangvollen, ehernen Zeit als der Gemahl einer Königin, als das Haupt eines ſtolzen Geſchlechtes, als berufener Arbeiter an der Wiederherſtellung eines echtböhmiſchen Reiches.“ Als Hroznata ſeiner Herberge zuſchritt, ſtieß er auf Dalemil. „Gut, daß ich Euch treffe, Herr,“ redete ihn dieſer an;„ich ſuche Euch. Ich muß Euch eine Zeitung mit⸗ — 211 theilen, die ſehr wichtig für Euern Schwager Zäwis iſt. Soeben war ein Gerichtsbote aus Olmütz bei mir und übergab mir eine Zufertigung des mähriſchen Oberlandes⸗ gerichts; dieſe enthielt die Eröffnung, daß Herr Zäwis von Falkenſtein auf Malyhrad vor demſelben der Bigamie angeklagt und daß der zwanzigſte dieſes Monats zur ge⸗ richtlichen Verhandlung über ihn anberaumt ſei. Ich ſolle als Vater der erſten, allein rechtmäßigen Ehefrau des Angeklagten mich am genannten Tage zur mehreren Er⸗ härtung der Schuld deſſelben einfinden. Unterzeichnet war die Zufertigung nicht bloß von dem Oberſtlandrichter, ſondern auch von dem Biſchof von Olmütz als Macht⸗ verweſer in Mähren.“ „Nun, wollt Ihr dieſer Sendung folgen?“ fragte Hroznata betroffen. „Das fällt mir nicht ein,“ erwiderte Dalemil;„was habe ich mit der Sache zu ſchaffen? Meine Tochter hat mich vorher wegen ihrer Heirath nicht gefragt, ſie mag nun ihre Sache allein führen. Ich ſagte dem Boten, daß ich nichts von einem Gemahl meiner Tochter wiſſe, alſo auch kein Zeugniß wider ihn ablegen könne. Und auf Ver⸗ langen gab ich ihm das ſchriftlich.“ „Glaubt Ihr denn, daß die Klage von Eurer Toch⸗ ter ausgeht?“ fragte Hroznata. „Ich verſtehe mich nicht mehr auf dieſen Weiber⸗ 212 kopf,“ antwortete Dalemil;„zu verargen wäre es ihr nicht, wenn ſie geklagt hätte, denn das ſteht wohl feſt, daß Herr Zäwis ſchlecht an ihr gehandelt. Indeß wünſchte ich doch, die Klage wäre unterblieben, oder ginge zurück. Wie unrecht Herr Zäwis nicht allein gegen meine Tochter, ſondern auch gegen die Königin und die chriſtliche Sitten⸗ lehre gehandelt hat, er iſt doch der Mann der Noth⸗ wendigkeit für unſer Vaterland. Kein guter Böhme kann ſein Verderben wünſchen, und die Klage kann leicht zu ſeinem Verderben führen, da der Olmützer Biſchof dabei im Spiele iſt, vielleicht dazu aufgehetzt hat. Dieſer hoch⸗ würdige Herr hat kein Herz für unſer Böhmenland, ſonſt hätte er unſern großen König nicht ſo ſchmählich im Stiche gelaſſen. Er wird Alles aufbieten, Herrn Zäwis und die Königin zu verderben. Ich gäbe etwas darum, könnte ich das hintertreiben.“ „Ihr ſeid ein ſeltſamer Mann!“ ſagte Hroznata; „hört, was ich vorhabe.“ Und er berichtete ihm, welchen Auftrag er von Zäwis übernommen. „Ihr geht nach Malhhrad?“ rief Dalemil;„wiſſet Ihr was? Ich will meiner Tochter zu Herzen reden, daß ſie ihre Klage zurücknimmt— oder ſonſt etwas thut, um ſie wirkungslos zu machen. Nehmt mich mit. Zch will ſie wieder als mein Kind aufnehmen, wenn ſie mir folgt, und ihr Kind dazu. Nehmt mich mit!“ 213 „Von Herzen gern, Ihr wackerer Ehrenmann!“ verſetzte Hroznata erfreut und ſchüttelte ihm die Hand. „Es gilt!“ ſagte Dalemil;„ich gehe meine ſieben Sachen zu packen und bin in einer Stunde bei Euch.“ Eine gute Stunde ſpäter ſaßen die Beiden mit ihrem Geleite zu Roß und traten ihre Reiſe an. Um dieſelbe Zeit übergab der Gerichtsbote von Olmütz dem Haupte der Witkowetze ein Schreiben des Inhaltes: „Wir Bruno von Gottes Gnaden Biſchof von Olmütz und Machtverweſer des Markgrafthums Mäh⸗ ren laſſen Euch, Zäwis von Falkenſtein auf Malhhrad, hierdurch laden, auf den zwanzigſten Jänner 1281 vor den Schranken Unſeres höchſten Gerichtes, vor welchem Ihr der Sünde der Bigamie und des Gebrauches gott⸗ loſer Zauberkünſte zur Verführung der Königin⸗Witwe von Böhmen angeklagt ſeid, unweigerlich zu erſcheinen, widrigenfalls Ihr Euch der Wohlthat der Vertheidigung und des Einſpruches verluſtig machet. Gegeben zu Olmütz im Jahre des Heils Eintauſend Zweihundert und Achtzig, am Tage Stephans des Märtyrers. Brunv. Gegen⸗ gezeichnet: Kum von Kunſtatt, Oberſtlandrichter.“ Wohl zog eine düſtere Wolke über des Leſers Ant⸗ litz; dann aber nahm er eine ruhige Miene an, ergriff eine Feder und ſchrieb unter die Vorladung:„Da ich 214 nicht mehr Herr von Malhhrad und ſonſt nirgends ſaß⸗ haft in Mähren bin, ſo hat kein mähriſcher Gerichtshof das Recht, über mich zu richten. Damit erledigt ſich vor⸗ ſtehende Ladung. Zäwis von Falkenſtein auf Krumau.“ Mit dieſer Antwort gab er das Schreiben dem Boten zurück und entließ ihn mit einem anſehnlichen Geſchenk. Ohne Säumen eilte der Bote nach Olmütz zurück. Da Dalemil nur Schritt reiten konnte, ſo überholte er dieſen mit ſeinem Gefährten ſehr bald und erreichte Olmütz an demſelben Tage, an welchem Hroznata in Iglau an⸗ kam und ſich zum Weilen genöthigt ſah, weil Dalemil erkrankt war. Die Klage wider Zäwis war das Werk des Biſchofs Bruno. Der Magiſtrat von Brünn hatte ihm die Be⸗ ſchwerde des Bauern von Dürrenkrut wider den Dom⸗ herrn Dietrich übergeben; dadurch war er in Beſitz des Schreibens von Zäwis an ſeine Gattin Libusa gekom⸗ men, und dies war ihm eine willkommene Handhabe, am Sturze des ſeinem Grimme entgangenen Mannes zu ar⸗ beiten. Da er die Klage nicht wohl ſelbſt anſtellen konnte, ſo ſah er ſich nach einem Werkzeug um und fand dieſes leicht in ſeinem Mündel Nikolaus von Troppau. Dieſer hatte noch immer ſeine unglückliche Liebe zu Libusa nicht verſchmerzt, und noch immer ſah und haßte er in Zäwis 215 den Räuber ſeines Liebesglückes. Mit Begierde ergriff daher auch er die Gelegenheit zur Rache. Er eilte nach Troppau und erpreßte durch Drohungen und Verheißun⸗ gen von dem muthmaßlichen Vollzieher der heimlichen Trauung der Königin, dem Schloßkaplan von Grätz, das Geſtändniß dieſer Handlung. Daraufhin ſtellte er die Klage wider Zäwis an. Gleichzeitig mit den Vorladungen an Dalemil und den Angeklagten war eine ſolche an Libusa ergangen. Der betreffende Bote war mit der Meldung zurück⸗ gekommen, die Burgfrau von Malyhrad habe zwar die Ehre abgelehnt, die Gemahlin des Herrn Zäwis von Falkenſtein zu ſein, aber doch der Ladung Folge zu leiſten verſprochen. Zene Ablehnung paßte zwar nicht ganz in die Berechnung der Kläger, aber ſie hatten gemeint, wenn die Fran ja vor Gericht läugnen ſollte, daß ſie mit Zä⸗ wis von Falkenſtein vermählt ſei, ſo werde das Vorzeigen des oftgedachten Briefes genügen, ſie zum Geſtändniß zu bringen. Wahrſcheinlich aber war es nach der Meinung der beiden Herren, daß ſie ihren Stand dem Boten gegen⸗ über bloß aus Gewohnheit verläugnet hatte. Vor Gericht werde ſie wohl die verrathene und gekränkte Frau heraus⸗ kehren, zumal wenn ſie ſähe, daß man ihr zu ihrem Rechte zu helfen geſonnen ſei. Bald nach der Rückkehr des Malhhrader Boten war 216 der Biſchof erkrankt und der von Prag zurückkehrende Bote fand ihn auf dem Siechbette in der Geſellſchaft des Herzogs von Troppau. Er überreichte dieſem die beiden Schreiben, welcher ſie dem Biſchof vorlas. „Ich habe mir gedacht,“ ſagte der Kranke, als der Herzog die Antwort Zäwis vorgeleſen hatte,„daß er eine Ausflucht haben werde; es hat nichts zu bedeuten, er entgeht deßhalb ſeinem Schictſale doch nicht. Was ſchreibt denn der Archivarius?“ Der Herzog las Dalemil's Antwort.„Das iſt ja ein einfältiger Tropf,“ bemerkte er dazu;„hat er ſich etwa von dem Witkowetz beſtechen laſſen?“ „Beruhigt Euch,“ ſagte der Biſchof;„es geht auch ohne dieſen fort; haben wir doch ein ſtarkes Beweis⸗ ſtück in den Händen und das betrogene Weib wird es an herzzereißender Bekräftigung nicht fehlen laſſen. In ſolchen Dingen verſtehen die Weiber keinen Spaß, da werden ſelbſt die ſanftmüthigſten zu Furien.“ „Den Prieſter, welcher den Zäwis mit der Tochter Dalemil's getraut, haſt Du wohl nicht ausfindig ge⸗ macht?“ fragte Nikolaus hierauf den Boten. „Nicht eine Spur habe ich von ihm entdecken kön⸗ nen, obgleich ich meinen Vetter, den Stadtwaibel von Brünn, den ich in Prag traf und der in ſolchen Dingen viel Erfahrung hat, mit zu Hilfe nahm.“ 217 „Haben wir doch das Zeugniß des Prieſters, der die Ehe mit der Königin eingeſegnet,“ ſagte der Biſchof; „das des andern Prieſters können wir zur Noth ent⸗ behren.“— Hroznata mußte mit ſeinem Geleite drei Tage in Iglau bleiben, ehe Dalemil wieder ſo weit hergeſtellt war, daß er die Reiſe nach Malhhrad fortſetzen konnte. Als ſie hier ankamen, erfuhren ſie, daß die Schloßfrau bereits den Tag vorher nach Olmütz abgereiſt ſei. Der Diener, der ihnen dieſe Auskunft ertheilte, fügte hinzu, daß ein zweiter Bote aus Olmütz gekommen ſei, der ſie ſchon auf den achtzehnten beſchieden habe; ſo habe ſie ſich geſtern auf den Weg machen müſſen. Der Burggraf Jodok und Meiſter Secarlatti hätten ſie begleitet So erſchöpft Dalemil von der weiten Reiſe war, ſo drängte er doch zur ungeſäumten Weiterreiſe nach Olmütz, um wo möglich noch vor der Gerichtsverhand⸗ lung mit Libusa zuſammenzukommen. Sie erreichten aber Olmütz erſt am Vormittag des achtzehnten Januars. In der Herberge, wo ſie einkehrten, erfuhren ſie, daß die Gerichtsverhandlung bereits begonnen habe, daher gingen ſie ſogleich nach dem Gerichtshofe. Da die Ver⸗ handlung öffentlich war, ſo fanden ſie leicht Zutritt zu ihr, doch ward es ihnen nicht ſo leicht ſich durch die dichtgedrängten Menge von Zuſchauern den Weg zu 1860. XX. Zäwis von Roſenberg. III. 14 218 einem Platze zu bahnen, wo ſie die Gerichtsſzene ſehen konnten. Plötzlich ſah der über die Menge emporragende Jodok die ihm bekannten Geſtalten Hroznata's und Da⸗ lemil's, obgleich dieſer ſich vor etwaiger Entdeckung durch den Gerichtsboten durch ein Pilgergewand unkenntlich zu machen geſucht hatte. Jodok machte ihnen mit ſeinen gewaltigen Armen eine Gaſſe und lud ſie ein, näher zu treten. Der die Stelle des öffentlichen Anklägers vertretende Gerichtsbeamte verlas eben die Anklage. Zum erſtenmal ſeit Jahren ſah Dalemil jetzt ſeine Tochter wieder als Zeugin, wenn nicht als Anklägerin in den Schranken eines Gerichtshofes. Sein Herz klopfte faſt hörbar, als er ſie da unten ſitzen ſah, ſo ſchön wie einſt, aber voll einer Würde und Hoheit in ihrer ganzen Erſcheinung, die ihn überraſchte. Sie war bleich aber nicht krankhaft, ihr Auge war klar und ruhig. Sie hörte mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit der Anklage gegen ihren Gatten zu. Für Dalemil und Hroznata war es zu ſpät, jetzt noch auf ihre Entſchließung einzuwirken. Wehe ihrem un⸗ getreuen Gatten, wehe der Königin, wenn Libusa die Klage beſtätigte! Und konnte ſie anders? Konnte ſie vor Gericht, auf ihr Gewiſſen, auf ihren Eid befragt, läug⸗ nen, daß ſie mit Zäwis von Falkenſtein durch Prieſters Hand ehelich verbunden? Und wenn nun von andern ——— 219 Seiten ebenſo beſtätigt ward, daß derſelbe Zäwis in glei⸗ cher Weiſe mit der Königin⸗Witwe von Böhmen ſich trauen laſſen, war dann nicht das Verbrechen der Zwie⸗ weiberei erwieſen? Der Ankläger ſchwieg und der Oberſtlandrichter er⸗ öffnete nun die Beweisaufnahme durch Zeugen, nach⸗ dem er dem Gerichtshof mitgetheilt, daß und unter wel⸗ cher Ausflucht der Angeklagte von der Verhandlung fort⸗ geblieben.„Erſter Zeuge,“ ſagte er hierauf,„Anton La⸗ zak, Weltprieſter und Schloßkaplan zu Grätz, tretet vor und beantwortet, was ich Euch frage, nach Eurem beſten Wiſſen und Gewiſſen.“ Hierauf legte er dem Kaplan mehrere Fragen be⸗ züglich der nach der Anklage von ihm vollzogenen Trau⸗ ung Herrn Zäwis' von Falkenſtein auf Malyhrad mit der Königin⸗Witwe Kunigunde von Böhmen vor, Fragen, die von dem Zeugen durchgängig bejaht wurden, ſo daß dieſe Thatſache als vollkommen feſtgeſtellt gelten konnte. Welche Gefühle mochten das Herz Libusa's be⸗ wegen, als ſie ſo alle Einzelnheiten eines Vorganges an⸗ hören mußte, durch welchen ſie für ihren Gatten zu einem weſenloſen Schatten, zu einem Ding, das gar nicht mehr in der Welt war, gemacht wurde; durch den eine Andere an den Platz geſtellt wurde, der ihr ebenſo feierlich zu⸗ 14* 220 geſprochen worden war. Vieler Augen ruhten auf ihr, am unverwandteſten die ihres Vaters und Hroznata's. Sie ſahen, wie dann und wann ihr Geſicht von einem Zucken bewegt wurde, wie ſie aber jedes Schmerzens⸗ zeichen heldenhaft niederkämpfte. Zetzt trat der Kaplan ab, und der zweite Zeuge, Frau Libusa, Tochter des Landesarchivarius Dalemil zu Prag, eheliches Gemahl des Herrn Zäwis von Falken⸗ ſtein, ward aufgerufen. Libusa erhob ſich; ein leiſes Roth flog über ihr Geſicht und verſchwand wieder. Aller Augen hefteten ſich an die madonnenſchöne Erſcheinung. Die Spannung Dalemil's und ſeines Begleiters erreichte den höchſten Grad. Der Oberſtlandrichter eröffnete das Verhör mit ihr: „Seid Ihr Frau Libusa, die Tochter des Landes⸗ Archivarius Dalemil von Prag?“ „Ich bin Libusa, einzige Tochter Dalemil's, des Hof⸗ und Landes⸗Archivarius von Böhmen, wohnhaft zu Prag,“ lautete die Antwort. „Ihr ſeid die Gattin des Herrn Zäwis von Falken⸗ ſtein auf Malyhrad?“ „Ihr habt ſoeben gehört, daß beſagter Herr Zäwis“— hier zitterte ihre Stimme—„mit der Königin⸗ 221 Witwe Kunigunde von Böhmen ehelich verbunden worden.“ „Aber vorher waret Ihr mit ihm ehelich ver⸗ bunden?“ „Ich bin nur eine arme bürgerliche Magd, wie hätte ich meine Augen zu einem ſo vornehmen Herrn erheben können?“ Die Richter ſahen einander befremdet an. „Gebt ordentlich Antwort!“ rief der Oberſtland⸗ richter.„Ihr ſeid vor der Königin mit Herrn Zäwis von Falkenſtein ehelich verbunden worden?“ Libusa zögerte ein Weilchen, dann antwortete ſie mit feſter Stimme:„Nein!“ Neues Staunen unter den Richtern, Murmeln unter den Zuhörern, in Dalemil's Herzen eine Erleich⸗ terung. „Was ſoll dies Läugnen, edle Frau?“ ſagte der Oberſtlandrichter;„Ihr wähnt vielleicht, das Gericht ſei gegen Euch gerichtet? Das iſt nicht der Fall. Es handelt ſich um die Beſtrafung des Verbrechens der Zwieweiberei an Euerm treuloſen Gatten. Euch ſoll dadurch zugleich Euer gutes Recht gewahrt werden, alſo redet frei heraus: Seid Ihr mit Herrn Zäwis von Falkenſtein durch Prieſters Hand ehelich verbunden worden?“ 222 Mit einem Augenaufſchlag nach oben wiederholte Libusa ihr„Nein“. „Ihr läugnet unbegreiflicherweiſe, was Euer Gatte ſchriftlich bekennt,“ ſagte der Oberſtlandrichter.„Tretet näher und ſeht dieſe Zeilen, ſie ſind von Dürrenkrut aus an Euch geſchrieben, darin nennt Euch Herr Zäwis ausdrücklich: mein theures Weib! Wie könnt Ihr nun läugnen, mit Herrn Zäwis ehelich verbunden zu ſein?“ Libusa ſchwieg; es ward ihr ſchwer die Thränen zurückzuhalten, die ihr beim Leſen der wenigen zärtlichen Zeilen des geneſenden, nach ihr ſehnlich verlangenden Gatten entſtrömen wollten. Welch ein Unterſchied zwi⸗ ſchen damals und ihrer heutigen Lage! „Nun, bekennet Ihr, daß. Ihr mit Herrn Zäwis von Falkenſtein ehelich verbunden ſeid?“ fragte der Oberſtlandrichter weiter. „Nein!“ war die Antwort. „Hier ſteht: Küſſe unſer Kind von mir, Du lieb⸗ lichſte der Mütter,“ hielt der Oberſtlandrichter der gequälten Frau weiter vor. Libusa ward roth und zitterte, aber ſie ſchwieg. „Ihr ſeid Mutter?“ fragte der Inquirent. „Ja!“ antwortete Libusa. „Und Herr Zäwis von Falkenſtein iſt der Vater Eures Kindes?“ 223 Kaum hörbar war das Ja, das jetzt Libusa's beben⸗ der Lippe entfloh. „Mithin iſt doch Herr Zäwis von Falkenſtein Euer Gatte?“ fragte der Richter weiter;„oder wäre das Kind ein Baſtard?“ Libusa verhüllte ihr Angeſicht. „Redet!“ herrſchte ihr der Richter zu.„Nach Euerer eigenen Ausſage ſind nur zwei Fälle möglich: entweder ſeid Ihr das ehrliche, eheliche Weib Herrn Zäwis' von Falkenſtein, oder Ihr ſeid ſeine Buhlerin, die mit ihm das Kind in Sünden erzeugt; was von Beiden ſeid Ihr, die Gattin oder die Buhlerin?“ Libusa ſchwieg. „Wenn Ihr nicht bekennt,“ erklärte der Oberſt⸗ landrichter,„ſo bleibt Ihr ſo lange in Haft, bis Ihr geſtehet.“ Libusa verharrte bei ihrem Schweigen. Der Oberſtlandrichter befahl dem Gerichtsfrohn die Zeugin in Haft zu nehmen. Der Frohn trat auf ſie zu. „Halt!“ rief da eine Stimme aus der Zuſchauer⸗ menge;„laßt mich Zeugniß ablegen für das Weibs⸗ bild!“ Ein Greis drängte ſich durch die Menge hinab und trat in die Schranken. „Gott im Himmel! Mein Vater!“ ſchrie Libusa 224 auf und brach beinahe zuſammen vor Freude und Angſt. Dalemil fing ſeine Tochter in ſeinen Armen auf und ſchloß ſie weinend an ſeine Bruſt. „Was iſt das? Wer ſeid Ihr?“ rief der Oberſt⸗ landrichter. „Ich bin der Vater dieſes Frauenzimmers,“ ant⸗ wortete Dalemil Libusa umſchlungen haltend;„Ihr habt mich vorgeladen— ich wollte erſt nicht kommen, wie Ihr geleſen haben werdet; ſpäter beſann ich mich eines Andern, und ich komme gerade noch zur rechten Zeit, um das Zeugniß meiner Tochter zu bekräftigen. Quälet ſie nicht länger mit unnützen Fragen! Ich verſichere Euch, daß ſie nicht das Weib Zäwis' von Falkenſtein iſt; ich ſchwöre zu Gott, daß ich niemals weder von ihr noch von ihm um eine Einwilligung zur Heirath angegangen worden und daß ich dieſelbe auch niemals ertheilt haben würde.“ „So macht Ihr Eure Tochter zur Buhlerin?“ ſagte der Oberſtlandrichter. „Wer unter Euch, Ihr geſtrengen Herrn, iſt ſo rein, daß er einen Stein auf mein armes Mägdlein wer⸗ fen dürfte, das ſich von einem vornehmen Herrn hat berücken laſſen?“ verſetzte Dalemil.„Laßt meine Tochter jetzt in Ruhe, ich nehme ſie als reuiges Kind wieder auf und Niemand ſoll ihr ihre Vergangenheit vorhalten.— Komm, meine Tochter!“ 225 „Ihr ſeid wahrſcheinlich von dem Herrn Zäwis beſtochen, wo nicht bezaubert,“ ſagte der Richter;„Euer Zeugniß kann nicht angenommen werden. Eure Tochter bleibt in Haft, bis die Wahrheit klar zu Tage gekommen iſt. Thut Eure Schuldigkeit, Frohn!“ Der Frohn wollte Hand an Libusa legen. In dieſem Augenblicke ſprang Jodok mit Scar⸗ latti herbei, warf den Frohn auf die Seite, ergriff die Bedrohte und führte ſie, Alles, was ſich ihm hindernd in den Weg ſtellte, mit einer Hand zu Boden ſchleudernd, aus dem Saal, die Treppe hinab in's Freie. Hroznata deckte mit Dalemil und den bereit gehaltenen Knechten den Rückzug. Ehe die Richter recht zur Beſinnung und zu Maßregeln der Verfolgung kamen, hatte Jodok mit Libusa ſammt dem ganzen übrigen Geleite das Weite gewonnen. Dalemil ritt überglücklich an der Seite ſeiner wiedergefundenen Tochter. 226 Zrhntes Capitel. Der unerwartete Ausgang des Gerichtes wider Zäwis wirkte ſo nachtheilig auf das Gemüth des kranken Biſchofs, daß deſſen Krankheit einen höchſt gefährlichen Charakter annahm, der ihn an der weitern Verfolgung ſeines Opfers verhinderte. Der Herzog Nikolaus aber war Zeuge der Gerichtsverhandlung geweſen, und auf ihn hatten Libusa's Erſcheinung ſowie ihre Ausſagen einen Eindruck gemacht, nach welchem er zweifelte, ob die erhobene Anklage wirklich begründet geweſen. Bald auch nahm das ſichtbar herannahende Ende des Biſchofs ſeine ganze Theilnahme für dieſen in Anſpruch. Zäwis erfuhr durch den zurückkehrenden Hroznata den Ausgang der Gerichtsverhandlung zu Olmütz. Die Schilderung von Libusa's Benehmen dabei erſchütterte ihn auf's tiefſte. Wenn nie vorher, ſo em pfand er es jetzt, daß er ſich um das höchſte Gut ſeines Lebens, um ſeinen guten Engel gebracht. Es war ihm ein geringer Troſt, daß Libusa ſich durch Zureden ihres Vaters und Hroznata's hatte bewegen laſſen, ihrem Sohne zu lieb die Schenkung des Gutes an der Thaha anzunehmen, und daß ſie ſich entſchloſſen, dahin mit ihrem Vater, Scarlatti und Jodok zu überſiedeln. 227 So ſchwer lag ſeine Verſchuldung auf ſeiner Seele, daß ſelbſt die Liebkoſungen ſeiner Königin ihn nicht er⸗ heitern konnten, ſo ſehr er ſich auch mühete, ſie, die nichts verſchuldet, nicht empfinden zu laſſen, was er an einer Andern verbrochen. Mit verdoppeltem Eifer warf er ſich jetzt in den Strom des öffentlichen Lebens, arbeitete er an der Befeſtigung des Friedens, an der Wiederher⸗ ſtellung ſeines Vaterlandes. Noch gab es da ſo viel zu ſchlichten, zu ordnen, zu ſchaffen, und von allen Seiten ſtellten ſich Hinderniſſe in den Weg, lauerten noch Feinde des Friedens, der Ordnung und der Gerechtigkeit. Vor Allem that dem Lande noth, daß das Mein und Dein, namentlich zwiſchen der Krone und dem Adel feſtgeſtellt wurde, denn die Hauptquelle des Unglücks im Vaterlande war die Verwirrung, die auf dieſem Gebiete herrſchte. Er bot daher all ſeinen Einfluß auf, um in dieſer Hinſicht einen feſten Rechtszuſtand zu begründen. Er unterſuchte daher alle Beſitztitel des Adels und ent⸗ warf ein Verzeichniß aller derjenigen Güter, über welche dieſer Titel ein zweifelhafter oder entſchieden nichtiger war. Dann arbeitete er eine Denkſchrift aus, worin er nachwies, daß dieſe Güter der Krone gehörten, und der Friede im Lande nur dann Beſtand haben, eine gedeiliche Entwickelung ſeiner Wohlfahrt nur dann Platz greifen könne, wenn der Krone ihr Eigenthum zurückerſtattet, 228 der übrige Beſitz des Adels aber von derſelben auf's neue ausdrücklich anerkannt und deſſen Heiligkeit ver⸗ bürgt würde. Die Denkſchrift unterbreitete er zunächſt einer Verſammlung ſeines Geſchlechtes und brachte ſie da zur allgemeinen Anerkennung. Dann gewann er die Berken von Duba, die Rieſenburge, ſelbſt Albrecht von Seeburg und andere Barone dafür, die um ſolcher Güter willen einſt gegen Otakar II. aufgeſtanden waren. Als er ſich ſo der Mehrheit für ſeine Anſicht verſichert, be⸗ antragte er bei den Landesverweſern einen neuen Landtag. Die Landesverweſer gingen auf den Antrag ein. Den zwanzigſten Mai deſſelben Jahres verſammelten ſich die Stände wiederum in dem Dominikanerkloſter zu St. Clemens. Da wurde nach einer begeiſternden Rede Zäwis' mit Stimmeneinhelligkeit beſchloſſen, daß alle Güter, welche unter Otakar II. der Krone gehört und die im letzten Bürgerkriege von dem Adel in Beſitz genom⸗ men worden, dem jungen König ſofort zurückgegeben werden ſollten. Ebenſo ſollten aber auch alle den Kirchen und Privatperſonen ſeit Otakar's Tode entriſſenen Be⸗ ſitzungen an ihre rechtmäßigen Beſitzer zurückgeſtellt werden. Weiter wurde die Angelegenheit der Königin⸗ Witwe in Berathung gezogen und dahin geordnet, daß ſie zwar an dem Herzogthum Troppau, welches dem Herzog Nikolaus zugeſprochen ward, keinen Theil haben, 229 dafür aber durch eine von den Ständen zu übertragende Jahresrente von zwölfhundert Mark entſchädigt werden ſollte Schließlich ward die noch immer nicht erfolgte Zurückführung des jungen Königs nachdrücklich gefordert. Zäwis führte hierauf die Königin nach Iglau, wo ſie ſich bis auf Weiteres niederzulaſſen wünſchte. Noch immer war ihre Vermählung nicht öffentlich bekannt ge⸗ macht, weil Zäwis noch auf den Dispens von Rom wartete. Von der Seite des Biſchofs Bruno drohte ihm keine Gefahr mehr, denn dieſer war wenig Wochen nach der verunglückten Gerichtsverhandlung geſtorben und an ſeiner Stelle hatte Dietrich von Neuhaus den biſchöflichen Stuhl von Olmütz beſtiegen. Ehe aber Kunigunde an das erſehnte Ziel ihrer Wünſche gelangte, den geliebten Gatten öffentlich als ſolchen zu nennen, ſollten über Beide große und ſchwere Prüfungen dahin gehen. In Folge des vorjährigen Bür⸗ gerkrieges, während deſſen die meiſten Felder unbeſtellt geblieben waren, ſowie der erwähnten Ueberſchwemmun⸗ gen trat in Böhmen eine Hungersnoth ein, wie ſie die⸗ ſes geſegnete Land nie geſehen.„Schauderhaft,“ berich⸗ tet Böhmens größter Geſchichtſchreiber,„ſind die Sze⸗ nen, welche uns gleichzeitige Schriftſteller von dieſer Noth entwerfen; wie hier das ausgehungerte Volk, leichen⸗ ähnlich, ſchaarenweiſe zu den Wohnungen der wenigen 230 Wohlthäter, die noch etwas zu geben hatten, zuſammen⸗ ſtrömte, dort in wilder Verzweiflung in die Häuſer ein⸗ brechend, den Reicheren die Töpfe vom Herde wegriß oder wüthenden Beſtien gleich über Alles herfiel, womit es das Leben zu friſten hoffte, Menſchen, Thiere, Leich⸗ name von beiden verzehrte, oder mit Baumrinden, Kno⸗ ſpen und Gräſern ſich zu nähren meinte; wie es auf offenen Plätzen zu Hunderten hinſtarb, man nicht genug Hände finden konnte, die Leichen hinwegzuſchaffen; wie man bei Prag allein acht ungeheure Gruben bereitete, wohin die Leichname geführt und zu Tauſenden in eine jede hineingeworfen wurden u. ſ. w.“ In dieſer furchtbaren Heimſuchung, in der Böh⸗ men nicht weniger als 600.000 ſeiner Bewohner ver⸗ loren haben ſoll, ſtand Zäwis mitten innen und ſuchte durch aufopfernde Thaten ſeine Schuld gegen Libusa zu ſühnen. Wo das Elend am größten war, da erſchien er als Rathgeber und Helfer. Er ließ in Ungarn große Mengen Getreide aufkaufen und nach Böhmen führen, wo es zu Brod verbacken wurde, welches er theils zu bil⸗ ligen Preiſen verkaufen, theils unentgeltlich unter die Armen vertheilen ließ. Sein Beiſpiel ſpornte auch an⸗ dere Große zu gleichem Handeln an, und ſo ward er vie⸗ len Tauſenden ein Retter. Als endlich nach Jahresfriſt eine überreiche Ernte dem Elend ein Ende machte, war 231 der Name Zäwis von Falkenſtein hochgeprieſen, ſoweit die böhmiſche Zunge klang. Und war er nun glücklich? Der ſtrenge Ernſt, der ſich in ſeinen Zügen feſtgeſetzt hatte, ſprach nicht beſon⸗ ders dafür. Auch trafen ihn nach der allgemeinen Heim⸗ ſuchung perſönliche Widerwärtigkeiten und Trübſale, die ihn nicht zum Genuße des Glückes kommen ließen, das ihm von anderer Seite lachte. Seine königliche Gemah⸗ lin erkrankte und ſchwebte lange zwiſchen Tod und Leben. Außer den erſchütternden Szenen des allgemeinen Elen⸗ des um ſie her hatte der Kummer um ihren, trotz aller Zuſagen, von dem Markgrafen von Brandenburg an einem unbekannten Orte zurückgehaltenen Sohn, ſowie Zäwis zunehmende Verdüſterung an ihrem Herzen genagt und ihre Geſundheit untergraben. Als es endlich Zäwis ſorgfältigen Bemühungen gelungen war, ſie dem Leben zurückzugeben, ward er an das Sterbebett ſeiner Mutter gerufen. Das Schickſal vergönnte ihr nicht, die vollſtän⸗ dige Erfüllnng ihrer ſtolzen Wünſche zu erleben: noch immer war ihr Liebling nicht der öffentlich anerkannte Gemahl der Königin von Böhmen, und noch ſtanden dieſem höchſten Ziele ihrer Wünſche gewichtige Hinder⸗ niſſe im Wege. So hatte Zäwis nicht einmal den Troſt, durch Libusa's Opferung ſeine ſchwärmeriſch verehrte Mutter völlig befriedigt aus dem Leben gehen zu ſehen. 232 Und es verging noch eine geraume Zeit, und er mußte von den ſich neu wider ihn regenden alten Fein⸗ den noch lange verderbliche Anſchläge befürchten, be⸗ vor er öffentlich als Gemahl ſeiner Königin auftreten durfte, denn trotz der gebotenen großen Opfer zögerte doch die römiſche Curie mit dem nachgeſuchten Dispens. Endlich ſchienen die düſtern Wolken, die über dem Glücke Zäwis' und ſeiner Königin gelagert waren, ſich zu zerſtreuen. Sternkundige Männer weiſſagten aus dem Erſcheinen eines neuen helleuchtenden Sternes, der die Sichel des Mondes berührte, die vom ganzen Lande er⸗ ſehnte Ankunft des Königs. Und wirklich ward dieſe bald darauf von dem Markgrafen von Brandenburg auf einen beſtimmten Tag in Prag angeſagt. Am vierund⸗ zwanzigſten Tage des Maimonats 1283 hielt der könig⸗ liche Jüngling ſeinen feierlichen Einzug in die Hauptſtadt ſeines Reiches. Die Barone und Ritter ritten ihm ent⸗ gegen; die Bürger empfingen ihn vor der Thoren unter Muſik, Geſang und Tanz. Die Geiſtlichkeit geleitete ihn in Prozeſſion in das königliche Schloß, während das alte Lied„Hoſpodin pomiluj eny!“ im Volke erſcholl. Die Feinde Zäwis' hatten aber dafür Sorge getra⸗ gen, daß ihm und der Königin dieſe Ankunft verborgen blieb. Sie fürchteten den Einfluß, den Beide auf den kö⸗ niglichen Jüngling gewinnen möchten, und wollten den⸗ 233 ſelben an ſich reißen. Auch gelang es ihnen, da ſie durch Diepold von Reichenberg deſſen Collegen in der Landes⸗ verwaltung, den Biſchof Tobias, für ſich gewonnen, ſehr leicht, und ſo geſchah es, daß alle Hofämter des neuen Königs in die Hände mehr oder weniger entſchiedener Gegner Zäwis' fielen. Burghardt von Janowitz auf Winterberg, einſt Böhmens Oberſtlandmarſchall, ward Oberſthofmeiſter, Zbislaw Zagje von Tiebaun Oberſt⸗ landkämmerer, Zdislaw von Löwenberg Oberſtburggraf, der Anderen nicht zu gedenken. So großen Einfluß indeß dieſe Herren auf den zwölfjährigen König erlangten, ſo konnten ſie es doch nicht hindern, daß derſelbe eine mächtige Sehnſucht nach ſei⸗ ner Mutter empfand, ihren Aufenthalt auskundſchaftete und ſie durch Boten bitten ließ, zu ihm zu eilen. Die überraſchende Freudenbotſchaft traf ſie an der Seite ihres Gatten.„Gott ſei geprieſen!“ rief ſie aus,„das iſt der Prüfungen Ende! Komm, mein Freund, und laß uns in die Arme meines Sohnes eilen! Ich werde ihm ſa⸗ gen, was er Dir verdankt, was Du für ihn und ſeine Mutter gethan, ich werde ihm Alles ſagen, was ihn zwingen muß, Dich mit Freuden als ſeinen zweiten Va⸗ ter anzuerkennen.“ 8 „Das iſt zu früh,“ entgegnete Zäwis ernſt;„geh' Du Deinen Sohn zu begrüßen und bereite mir den Weg 1860. XX. Zäwit von Roſenberg. III. 15 234 zu ſeinem Herzen; aber ſage ihm noch nichts von unſerer Verbindung, das könnte leicht Alles verderben.“ „So ſoll dieſer Zwang noch länger fortdauern?“ ſagte ſie betrübt. Er bewies ihr, daß es nicht anders ſein könne, und ſo entſchloß ſie ſich allein nach Prag zu eilen. Sie ward von dem Könige mit wahrer kindlicher Freude empfangen. Er unſchlag ſie mit warmer In⸗ brunſt und herzte und küßte ſie unter Freudenthränen. Dann erzählten ſie einander, was ſie ſeit ihrer Trennung erlebt. Er hatte kaum minder gelitten wie ſie, lange Zeit war er wie ein Gefangener gehalten worden und hatte oft am Nothwendigſten Mangel leiden müſſen. Erſt in den letzten Jahren hatte er eine beſſere Behandlung erfahren. Die Königin vergoß viele Thränen bei der Erzählung ihres in ſo zarter Jugend ſchon ſo ſchwer geprüften Sohnes. Alle Bemühungen der Gegner Zäwis' konnten die kindliche Liebe des Königs zu ſeiner Mutter nicht er⸗ ſticken, nicht das Vertrauen untergraben, das aus dieſer Liebe floß. Sie erzählte ihm, was Zäwis für ihn und ſie und das Vaterland gethan, reizte ſein Herz zur Be⸗ wunderung des ſeltenen Mannes und zu dem Wunſch, ihn näher an ſich zu ziehen. Zur großen Ueberraſchung aller Barone des Hofes erſchien plötzlich ihr alter, ebenſo beneideter als gehaßter — —.— — Feind Zäwis von Falkenſtein in der nächſten Umgebung des Königs. Wohl hatten ſie Urſache darüber zu er⸗ ſchrecken, denn es zeigte ſich nur zu bald, daß der König dem hochbegabten Manne ſein ganzes Vertrauen ſchenkte und in allen Regierungshandlungen ſeinen Rathſchlägen folgte. Wenn es ſo fortging, das mußten ſie ſich ſagen, ward der verhaßte Zäwis thatſächlicher König von Böhmen. Vergebens ſuchten ſie ihn aus dem Vertrauen und der Gunſt des Königs herauszutreiben. Als ſie endlich einſahen, daß ſie auf dem Wege der Liſt nicht zum Ziele kommen konnten, entſchloſſen ſie ſich zur Gewalt. Alles, was ehedem den Witkowetzen feindlich gegenüber geſtan⸗ den, ward zu erneutem Haſſe aufgeſtachelt und zu einer Verſchwörung gegen den„unberufenen Rathgeber und Unheilſtifter“ herangezogen. Nur der einzige Hynek von Lichtenburg trat nicht wieder auf ihre Seite, freilich nicht aus wirklich veränderter Geſinnung gegen Zäwis, ſon⸗ dern weil er ſah, daß dieſer feſt in der königlichen Gunſt ſtand und er es mit dem König ſelbſt nicht verderben mochte. Es blieb nicht verborgen, daß die Feinde Zäwis' Böſes gegen dieſen vorbereiteten, und er hatte ſo viel Freunde im Volke wie unter dem Adel gewonnen, daß ſich bald eine Partei für ihn bildete, welche der Gegen⸗ partei leicht die Spitze bieten konnte. So ſehr ſich Zäwis 236 über den unauslöſchlichen Haß ſeiner Widerſacher be⸗ trübte, ſo hatte er doch auch die Genugthuung, die Edel⸗ ſten der Nation ſich um ihn ſchaaren zu ſehen. Außer den Männern ſeines Geſchlechtes ſtanden zu ihm ſein treuer Schwager Hroznata, der ruhmgekrönte Hynek von Duba, Jaroslaw von Sternberg, Albrecht von Seeberg, Mutina von Koſtomlat, Andreas von Kameihora aus dem Hauſe Beneſchau, Pota von Potenſtein, Sobéhrad von Lititz, Holen von Wildenſtein und Hynek von Lich⸗ tenburg, der Anhänger im Volke nicht zu gedenken. Als Zäwis ſah, daß er die Beſten des Adels und die Mehrheit des Volkes für ſich hatte, beſchloß er gegen ſeine Feinde, die, im Beſitze der höchſten Landesämter, ſeinen beſten Abſichten und weiſeſten Rathſchlägen hem⸗ mend in den Weg traten, rückſichtslos zu verfahren. An einem Tage erhielten ſie ſammt und ſonders vom König ihre Entlaſſung, und in ihre Aemter trat Zäwis mit den bewährteſten ſeiner Freunde. Er ſelbſt übernahm das Oberſthofmeiſteramt, ſein Vetter Oger von Lomnitz ward Oberſtlandkämmerer, Hroznata von Huſitz Oberſtburg⸗ graf, Hynek von Duba Oberſttruchſeß, Jaroslaw von Sternberg Oberſtmundſchenk, Witek von Krumau(Zä⸗ wis' Bruder) königlicher Unterkämmerer. Mit Freuden verwaltete jetzt auch der ehrwürdige Propſt M. Peter ſein Amt als Oberſtkanzler wieder. Die geſtürzten Gegner ſchnaubten Rache und rüſte⸗ 237 ten zum Kampfe. Bald zogen ſie mit Heeresmacht gegen die Beſitzungen ihrer Feinde, und auf's neue ſah Böh⸗ men das gräßliche Schauſpiel eines Kampfes zwiſchen Brüdern. Zäwis und ſeine Anhänger behaupteten in den meiſten Kämpfen das Feld, aber da ſich die Feinde in ihre feſten Plätze warfen, ſo ſtand ein langer Bürgerkrieg in Ausſicht. Während die beiden Parteien gegeneinander kämpf⸗ ten, rieth der Oberſtkanzler dem König, die Vermittlung ſeines kaiſerlichen Schwiegervaters anzurufen. Der König that dies und der Kaiſer erfüllte gern den Ruf. Er eilte mit Heeresmacht herbei, berief Abgeordnete der ſtreitenden Parteien in ſein Lager und bewirkte ihre Ausſöhnung und unbedingte Unterwerfung unter den Willen des Königs bei Verluſt ihrer Ehre und Güter. Wieder war es Zäwis' Mäßigung als Sieger, welchem das Zuſtandekommen des Friedens hauptſächlich zu verdanken war. Er verzichtete auf allen Erſatz des ſeinen Beſitzungen von den Feinden zugefügten Schadens, und bewog auch ſeine Freunde zu ſolcher Verzichtleiſtung. Freilich blieb er mit dieſen dafür, wie billig, im Beſitz der Landsämter und der vollen königlichen Gunſt. Faſt gleichzeitig mit dieſem Frieden traf der lange⸗ erſehnte, mit ſchweren Opfern erkaufte Dispens von Rom ein. Und nun ſtand der öffentlichen Verbindung der Königin mit ihrem geliebten Zäwis Nichts mehr im 238 Wege. An einem herrlichen Junitage des Jahres 1284 feierten ſie unter großem, wahrhaft königlichem Gepränge ihre Hochzeit im Königshofe zu Prag. Ob der mun faſt zu königlichen Ehren empor⸗ geſtiegene Mann an die verſtoßene Tochter des Volkes dachte, als er an der Seite ſeiner königlichen Frau unter den glänzenden Gäſten ſaß, die ſich ſeines Glückes freuten? Vielleicht, aber er hat's Niemandem geſagt. Zwei aber dachten beſtimmt mit Wehmuth der edlen Verſtoßenen: Hroznata von Huſitz und ſeine Bertha. Um dieſelbe Zeit, als die Hochzeitsklänge durch die Hallen des Prager Königshofes rauſchten, ſaß Libusa auf ihrem ſtillen Schloſſe im herrlichen Thale der Thaya an einem Sterbebette, die fromme Pflicht einer barm⸗ herzigen Schweſter übend. In dem Bette lag eine abgezehrte, den Tod in allen Zügen tragende Frauengeſtalt, die grauenerregende Ruine einer einſtigen Schönheit, die in ihren glänzendſten Tagen den Namen Ludmila von Mahrenberg geführt. Einſt an einem ſtürmiſchen Apriltage war Jodok mit Scarlatti hinausgegangen auf die Jagd, da waren ſie auf ein in Lumpen gehülltes, deutliche Spuren des Wahnſinns an ſich tragendes Weib geſtoßen, das ſich kraftlos am Boden gekrümmt und Gräſer aus der Erde geriſſen hatte, ſich 1 ——— —— — 239 damit zu nähren. Mit Staunen und Grauen hatte Scar⸗ latti in dem Jammerbilde die einſtige Geliebte, Ludmila von Mahrenberg, wieder erkannt und den gutherzigen Rieſen vhne Mühe bewogen, ſie aufzuheben und in's Schloß zu tragen. Mit heiligem Erbarmen hatte die milde Herrin die Unglückliche aufgenommen und ihr ſchweſterliche Pflege angedeihen laſſen. Anfangs hatte ſich dieſelbe etwas erholt, aber es war nur das letzte Auf⸗ flackern der erlöſchenden Lebensflamme geweſen. Der größten Sorgfalt von Seiten Libusa's ungeachtet, war die Kranke bald wieder kränker geworden, und nun lag ſie nach langem Todeskampfe, ohne je wieder zur klaren Be⸗ ſinnung gekommen zu ſein, in ihren letzten Zügen. Jetzt kam der Burgkaplan, um die ſcheidende Seele mit ſeinem Gebete zu begleiten. Als er das Amen ſprach, hatte Ludmila ihren letzten Athemzug gethan, und die arme Seele ſtand vor dem Richter, der auch der Er⸗ barmer iſt. Libusa drückte der Leiche die Augen zu, dann ver⸗ ließ ſie mit dem Kaplan das Todtengemach. Den nächſten Tag ward die Todte von den Bewoh⸗ nern des Schloſſes ſtill zur Erde beſtattet. Das war ſeit langer Zeit das erſte traurige Er⸗ eigniß, das den heitern Frieden dieſes Schloſſes unter⸗ brochen hatte. Mit der ganzen Kraft ihres klaren und geſunden Geiſtes hatte Lbusa den Jammer des über 240 Verrath ſchreienden Herzens erſtickt und das Leben als eine heilige Pflicht umfaßt. Mit Vater und Kind, Freund und Geſinde war ſie nach einer neuen Gegend überſiedelt und hatte zwiſchen neuen Bergen, an neuen Ufern, unter neuen Bäumen mit den alten treugebliebenen Herzen ein neues Leben begonnen. Mitten in einer Welt des Haſſes hatte ſie, begünſtigt von einer abgeſchiedenen Lage, ein kleines Reich der Liebe gegründet. Da ward dem Gott der Liebe im Geiſt und in der Wahrheit gedient, da ward alles Gute und Heilige gepflegt, da walteten alle heitern Genien der Menſchheit am traulichen Herd. Aber wenn Libuba der Verewigung eines großen Herzeleids durch echte Lebensweisheit einen Damm entgegenſetzte, ſo ver⸗ gaß ſie darum ihrer Liebe nicht, und in ihren Gebeten nahm das Gebet für Zäwis von Falkenſtein nicht die letzte Stelle ein. Es fand auch nie eine andere Liebe in ihrem Herzen Raum. Searlatti's Liebe zu ihr wußte ſie ſtets in den Gränzen einer reinen Freundſchaft zu er⸗ halten, die ihn an ſie feſſelte bis an ſeinen, im heitern Mittagsglanze des Lebens bei einem Gewitter durch den flammenden Todeskuß des Ewigen gefundenen Tod. Ende des dritten und letzten Bandes. — i M h 1 8 9 10 11 2 13 14 15 16 18