Lei deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Otlmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Feih und eſebedingungen. 1 Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens ſ 7 Uhr vis Abends 8 Uhr offen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jeen Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ enemmenn 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe veſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus ſbezahlt werden und„ eträgt; für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Monat: 1— f. TF W N F Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Sechstes Cnpitel. Siebentes Capitel Achtes Cnpitel Neuntes Copitel. Zehntes Cnpitel. Inhalt. Seite 29 55 79 101 121 143 160 181 208 Züwis von Boſenberg. Zweiter Theil. Was boch trübſt, o Wltawa, dein Waſſer, Trübſt dein Waſſer du, das ſilberſchäum'ge? Hat ein wilder Sturm dich aufgewühlet, Schüttend Ströme aus des Himmels Weite, Spülend kahl der grünen Berge Gipfel, Spülend aus dem golbdſandreichen Thongrund? „Wie dann ſollt' mein Waſſer ich nicht trüben, Da geborne Brüder ſich zerfehden— 7“ Was Gericht der Libußa. Erztes Capitel. Vor dem zürnenden König ſtand ſein ſtrafbarer Sohn Herzog Nikolaus. Dieſer war längſt mit heiler Haut nach Prag zurückgekehrt, aber aus Furcht, daß ſein königlicher Vater von ſeinem Vergehen Kenntniß erhalten, vom Hofe geblieben, bis ihn das Verlan⸗ gen, Libusa zu ſehen, deren neue Lebensſtellung er er⸗ fahren, auf die Burg trieb. Wirklich wußte der König um den Mädchenraub; Dalemil hatte ihm davon An⸗ zeige gemacht und die ihm angebotene Stelle nur unter der Bedingung angenommen, daß der Räuber geſtraſt und ſeine Tochter für immer gegen ſeine Nachſtellungen ſichergeſtellt werde. Der König hatte Beides zugeſagt und Dalemil ſeine Stelle angetreten. Jetzt hatte der könig⸗ liche Richter ſich ſeines Wortes entledigt: er hatte zür⸗ nend dem Frevler das Urtheil der Verbannung in ſein ſchleſiſches Herzogthum verkündet und ihm noch 1860. XIX. Zäwis von Roſenberg. II. 10 auferlegt, daß er dem gekränkten Vater Abbitte leiſte und Urphede ſchwöre. Und dieſe demüthigende Handlung ſollte augenblicklich vor ſich gehen; dazu hatte der König den Gelehrten rufen laſſen. Dalemil erſchien. Der König theilte ihm das Ver⸗ bannungsurtheil mit und fragte, ob er damit zufrieden ſei. Dalemil bejahete mit den Worten:„Heil dem Lande, deſſen König Gerechtigkeit übt; Gott erhalte Böhmen ſeinen gerechten König!“ Nun forderte der König den Herzog zur weitern Genugthuung auf. Der Züngling trat auf den Gelehrten zu und ſagte:„Gott iſt mein Zeuge, daß ich keine unreine, noch ſonſtige böſe Abſicht gegen Eure herrliche Tochter hatte, Meiſter— das will ich Euch beweiſen, indem ich hier Angeſichts meines Königs und Herrn förmlich und ehrlich um ihre Hand bei Euch werbe. O macht mich, indem Ihr dieſe Genugthuung annehmet, zu dem glücklichſten Menſchen auf Erden.“ Dalemil trat überraſcht und verwirrt einen Schritt zurück. Der König erſparte ihm die Antwort, indem er mit Strenge zu ſeinem Sohne ſagte:„Ich werde Dir eine Gattin ſuchen, wie ſie für Dich paßt. Dieſes Man⸗ nes Tochter iſt für Dich nicht in der Welt, verſtanden?! 11 Jetzt bitte ihm die Verletzung des Friedens und der Ehre ſeines Hauſes ab und ſchwöre, wie ich Dir geboten!“ Widerſtrebend gehorchte der Herzog, um den Aus⸗ bruch des Zorngewitters zu verhüten, das er auf der Stirn des Königs drohend heraufziehen ſah. Dalemil konnte abtreten. Den Herzog bedeutete der König noch unter vier Augen, daß er bei Sonnen⸗ aufgang morgen die Stadt zu verlaſſen und bis dahin bei ſchwerer Strafe ſich jeden Verſuches, mit der Tochter Dalemil's zuſammenzukommen, zu enthalten habe. Ehe er noch ausgeredet, trat ein Diener ein und meldete die Ankunft eines Boten aus dem Lager bei Tepl. Der König ließ dieſen eintreten, ohne den Herzog zu entlaſſen. Der Bote überreichte ein Schreiben des Feldherrn⸗ Biſchofs Bruno von Olmütz des Inhaltes: „So eben erhalte ich durch ſichere Kundſchafter die überraſchende Botſchaft, daß der Kaiſer, der gegen Eger heranzog, ſich plötzlich mit ſeiner Hauptmacht gegen Am⸗ berg gewendet und den Pfalzgrafen Ludwig nur mit 3000 Mann in der Gegend von Waldſaſſen ſtehen gelaſſen. Eurer Hoheit Truppen brennen vor Begierde, ſich für Dero gutes Recht zu ſchlagen; aber es ſcheint nun, als müßten ſie noch länger auf dieſe Genugthuung harren. Ich erwarte Eurer Hoheit Befehl, ob ich mit der Haupt⸗ macht der Truppen mich mehr gegen Taus hinwerfen 1* 12 und dem Pfalzgrafen Herrn Jaroslaw von Sternberg mit 3000 Mann entgegenſtellen ſoll?“ Der König ging einigemale im Zimmer auf und ab, dann ſetzte er ſich und ſchrieb an den Biſchof: „Hochwürdiger, Lieber, Getreuer! Ich hatte gehofft, Ihr würdet mich an die Spitze meines Heeres rufen zu einer entſcheidenden Action, ſtatt deſſen meldet Ihr mir eine Zögerung. Ich begreife nicht, warum der Habsbur⸗ ger ſeine Macht theilte. Sollte er leichter mit unſerm Freund und Bundesgenoſſen Heinrich von Baiern fertig zu werden meinen, als mit uns Böhmen? Sollte er, auf den verrätheriſchen und ränkevollen Erzbiſchof von Salz⸗ burg bauend, den Sieg an der Donau für gewiſſer halten als an der Eger? Wir müſſen hinter die Abſicht dieſer Schwenkung zu kommen ſuchen— ſcheut kein Opfer für zuverläſſige und ſchnelle Kundſchaft. Gebt Jaroslaw von Sternberg nur 2000 Mann, ſo viel Böhmen unter ei⸗ nem ſolchen Degen genügen gegen 3000 Deutſche unter einem Pfalzgrafen Ludwig. Ihr zieht gen Taus. Sendet mir bald gute Nachricht— ich ſehne mich nach dem Tanz. Euer Otakar.“ Als der Bote mit dieſem Schreiben abgefertigt war, fiel Herzog Nikolaus dem König zu Füßen und bat ihn, die Verbannung nach Troppau in eine Verbannung zum Heere zu verwandeln. Er könne die Schmach nicht 13 ertragen, thatenlos in ſeiner Hofburg zu ſitzen, während ſein Herr und König ſich für ſein gutes Recht und die Freiheit des Vaterlandes in das Getümmel der Schlach⸗ ten ſtürze und der niedrigſte Lanzenknecht unter ihm ehren⸗ voll kämpfen dürfe. Der König befahl ihm aufzuſtehen und ſagte, er wolle ſich's überlegen, ob er die ausgeſprochene Strafe in dieſer Weiſe mildern könne, dann entließ er ihn, um den Oberſt⸗Hof⸗ und Landrichter zur Berichterſtattung über die gefangenen Verſchwörer, wofür auch Zäwis von Fal⸗ kenſtein galt, rufen zu laſſen. Um dieſes Prozeſſes willen, den er mit größter Spannung verfolgte, war es ihm nicht unlieb, daß ſeine Abreiſe zum Heere noch einen Aufſchub erfuhr. Er hoffte auf ſehr große und wichtige Enthüllungen von die⸗ ſem Prozeß, Enthüllungen, die ihn in den Stand ſetzen würden, ſich ſeiner innern Feinde, die ihm größere Sorge machten, wie die äußern, zu entledigen. „Nun wie ſteht's?“ rief er dem eintretenden Oberſt⸗ Hof⸗ und Landrichter, Diepold von Rieſenberg, ent⸗ gegen;„haben die Verbrecher geſtanden?“ „Drei haben wir glücklich durch Hunger und Durſt zum Geſtändniß gebracht, jedoch nur zum Geſtändniß der eigenen Schuld. Das Fräulein von Mahrenberg, das gleich gſgg mit keckem Trotz erklärte, wie den Tod 14 ihres Vaters an Eurer Hoheit zu rächen ihr Lebenszweck ſei, hat ſeitdem kein Wort mehr geredet und verſchmäht von ſelbſt Speiſe und Trank—“ „Ein merkwürdiges Geſchöpf!“ unterbrach der Kö⸗ nig den Berichterſtatter;„ſchade um dieſe Entſchloſſen⸗ heit, dieſe Willenskraft, daß ſie auf eine ſo traurige Bahn ſich verirrt! Ich habe nicht Luſt, mit Weibern Krieg zu führen— wie wäre es, wenn wir ſie aus dem Lande wieſen und uns weiter nicht um ſie kümmerten?“ „Sie ſcheint mir die gefährlichſte und unverſöhn⸗ lichſte Feindin Eurer Hoheit zu ſein,“ wandte der Oberſt⸗ Hof⸗ und Landrichter ein. „Die unverſöhnlichſte— das glaube ich— aber die gefährlichſte? Nein, das iſt ſie nicht. Ihr fehlt die Macht. Hätte ich keine gefährlicheren Feinde, zum Bei⸗ ſpiel keine Rieſenburge und Witkowetze, wie glücklich, wie ſicher ſtände ich da!— Was gibt der gefährlichſte von Allen, Zäwis von Falkenſtein, von ſich?“ „Er nennt ſeine Verhaftung eine ungeſetzliche, den Grundſatzungen des Landes zuwiderlaufende, und verwirft das ganze Verfahren. Wenn ſchon, ſo behauptet er, er nicht auf eine Porota dringen wolle, weil die nun einmal leider aufgehoben ſei, ſo verlange er doch vor die zwölf Kmeten geſtellt zu werden, als das noch zu Recht beſte⸗ hende Tribunal für Staatsprozeſſe.“ 15 „Darin hat er Recht,“ erklärte der König;„es iſt auch gar nicht meine Meinung, ihn dem Spruch der Kmeten zu entziehen, ebenſo wenig wie ſeine Mitſchul⸗ digen; aber die Unterſuchung muß ich in eine Hand, in eine ganz zuverläſſige legen. Hat man noch gar nichts über Boreſch von Rieſenburg erfahren?“ „Nach allen angeſtellten Nachforſchungen,“ antwor⸗ tete Diepold von Rieſenberg,„iſt er ſchon einige Tage vor Aufhebung der Verſchwörer von Prag abgereiſt.“ „Und doch gehört er ſicher zu ihnen,“ ſagte der Kö⸗ nig;„er iſt, wenn auch nicht mein gefährlichſter, ſo doch mein älteſter Feind; er wird es mir nie vergeſſen, daß ich ihm zu fühlen gab, wie der Kerker thut.“ In dieſem Augenblicke ward ein zweiter Eilbote aus dem Lager von Tepl gemeldet. Der König befahl ihn hereinzuführen und nahm folgendes Schreiben ſeines Feldoberſten in Empfang: „Mit tiefem Schmerz ſende ich meinem, vor einer Stunde abgegangenen Boten einen andern nach. Aus Baiern erhalte ich ſo eben die leider nur allzu zuverläſſige Hiobspoſt, daß Herzog Heinrich ſich dem Kaiſer gebeugt hat und von dieſem aus der Acht entlaſſen iſt. Schon vor einer Woche vernahm ich ein Gerücht von des Herzogs Unterwerfung; ich ſandte daher ein paar getreue Prieſter auf Kundſchaft aus, dieſe bringen mir die Beſtätigung 16 des Gerüchtes. Darum alſo die Schwenkung des Kaiſers gegen Amberg, um unbeläſtigt von Baiern an einer Stelle in Böhmen einzufallen, die er ungeſchützt weiß. Aber er ſoll uns bereit finden, ihn mit blutigem Schädel zurückzuſchlagen, aus ihm und ſeinem Kriegsvolk einen Fraß für die Geier und Adler des Böhmerwaldes zu machen. „In meinem erſten Schreiben vergaß ich Ew. Hoheit zu melden, daß heute früh Herr Boreſch von Rieſenburg mit 200 Reitern und 300 Mann Fußvolk ſich mir zur Verfügung geſtellt hat, um für Ew. Hoheit zu fechten und ſich Eure Verſöhnung zu verdienen. Er beklagte, daß er habe erfahren müſſen, wie ſich zwei ſeiner Vettern in eine hochverrätheriſche Unternehmung eingelaſſen, und ſicherte dafür deſto größere Ergebenheit der übrigen Glieder ſeines Geſchlechtes zu. Ich empfehle den tapfern Degen, der noch in der elften Stunde zu ſeiner Pflicht zurückkehrt, der Gnade Eurer Hoheit.“ So überraſchend die letzte Meldung für den König war, ja ſo unglaublich ſie klang, wenn man erwog, wie lange Boreſch von Rieſenburg ſchon mit König Otakar in Feindſchaft lebte, ſo nahm dieſer ſie doch mit ſichtbarer Genugthuung auf. In ſeinen Augen ſtand Unterwerfung eines Czechen höher als jedes Verdienſt, und wer ſich, wahr oder ſcheinbar, ihm unterwarf, der durfte ſeiner Großmuth gewiß ſein. Indeß ward die Freude, die der König über Boreſch's Unterwerfung empfand, überwogen von dem Schmerz, den ihm die erſte Meldung verurſachte. Der Freund, den er ſich einſt als großmüthiger Sieger gewonnen, ſollte ſich vor dem Kaiſer, dem er ſo lange mit ihm und ihm zu Liebe Trotz geboten, gedemüthigt und dadurch von der Acht, in die ſie miteinander ver⸗ fallen waren, losgekauft haben? War dies der Fall, dann hatte er, der König, in dem Bundesgenoſſen den ſichern Hüter des Donaupaſſes verloren, dann war dieſer offen für den kaiſerlichen Feind. Nun erklärte ſich die Schwen⸗ kung, die derſelbe gemacht; nicht um an irgend einem Punkte in Böhmen einzudringen, ſondern um in das unvertheidigte Donauthal einzufallen, wo ihm der Erz⸗ biſchof von Salzburg den Weg bereitete, zog er mit ſeiner Hauptmacht längs des Böhmerwaldes hin. Mit ſeinem Feldherrnblick erkannte Otakar ſofort den ganzen Plan des Feindes. Er hielt ſich nicht lange bei dem Schmerz über den Abfall Heinrich's von Baiern auf, ſondern überlegte ſchnell, was nun zu thun, und ertheilte ſeinem Feldherrn den ſchriftlichen Befehl, Ja⸗ roslaw von Sternberg, den Sohn des Mongolenſiegers, mit 1500 Mann, und Boreſch von Rieſenburg mit ſeinem Haufen dem Pfalzgrafen entgegenzuwerfen; er ſelbſt aber ſolle mit der ganzen übrigen Macht unverzüg⸗ 18 lich gen Oeſterreich aufbrechen und in Eilmärſchen gegen Paſſau rücken. Er, der König, wolle ſich in Pilſen mit der Armee vereinigen. Unter ſolchen Umſtänden konnte Otakar den Verlauf des Prozeſſes wider die Verſchwörer nicht länger ab⸗ warten. Er empfahl dem Oberſt⸗Hof⸗ und Landrichter die ſtrengſte Unterſuchung und begab ſich dann zur Königin, um ihr die erhaltenen Botſchaften mitzutheilen. Sie zeigte ſich nur durch die Meldung von der Unterwerfung Boreſch's von Rieſenburg, nicht aber von dem Abfall des Baiernherzogs überraſcht.„Ich habe es vorausgeſehen, daß es einmal zum Bruche mit Baiern kommen werde,“ ſagte ſie,„die Deutſchen werden nie ver⸗ läßliche Freunde der Böhmen ſein. Und da einmal der Bruch nicht ausbleiben konnte, ſo iſt es beſſer, er kam jetzt als ſpäter. Hätte Euch der Baier mitten im Kampfe verlaſſen, ſo konnte er Euch leicht den Untergang be⸗ reiten.“ „Ihr habt Recht; noch bleibt mir jetzt Zeit, dem Habsburger den Einfall in das Herz Oeſterreichs zu wehren, und ich hoffe ihn mit einer blutigen Lection heimzuſchicken. Ich hoffe es um ſo mehr, als Gott zuvor die Anſchläge meiner innern Feinde zu Schanden gemacht. Da das Haupt der Witkowetze in meine Gewalt gefallen und das Haupt der Rieſenburge ſich mir freiwillig unter⸗ 10 ₰ worfen, ſo habe ich von dieſer Seite vor der Hand nichts zu fürchten.“ „Wäre es nicht noch beſſer,“ nahm die Königin wieder das Wort,„wenn Ihr alle Rieſenburge und das müchtigere Geſchlecht der Witkowetze Euch durch Milde unterwürfet? Wenn es Euch gelänge, ſie Euch zu ver⸗ pflichten, würdet Ihr nicht mit zwiefacher Kraft Euch auf den äußern Feind erſin können?“ „Wären die Witkowetze und Rieſenburge mein, ſo wollte ich der ganzen Welt Trotz bieten,“ erwiderte Otakar;„aber wie ſoll ich die ſtolzen Empörer mir ver⸗ pflichten, wenn ich nicht auf ihre Anſprüche eingehe?“ „Vielleicht könntet Ihr ſie verſöhnen, wenn Ihr ihnen die Forderungen gewährtet, welche nicht geradezu auf die Schwächung der königlichen Macht hinauslaufen. Vielleicht ließe ſich mit Zäwis von Fulſenſtiin eine Ver⸗ einbarung bewerkſtelligen—“ „Wie7 Mit ihm, dem auf der That ertappten Hoch⸗ verräther?“ unterbrach der König die Sprecherin heftig. „Verzeiht, wenn ich Euren Glauben an ſeine Schuld nicht theile,“ erwiderte die Königin ſanft;„es ſtreitet zu ſehr gegen die in ſeinen Liedern und in ſeiner freimüthigen Rede vor Euch ausgeſprochene Geſinnung, daß er ſich an einer Verſchwörung betheiligt haben ſollte, 20 welche nicht nur Euch, ſondern das ganze Vaterland in den Abgrund des Verderbens ſtürzen wollte.“ „Wohl ihm, wenn ihn das Gericht unſchuldig findet,“ verſetzte der König.„Das Recht möge ſeinen Lauf haben; geht er gerechtfertigt aus der Unterſuchung hervor, dann wird es Zeit ſein, eine Vereinbarung mit ihm zu verſuchen, natürlich ohne der königlichen Würde etwas zu vergeben.“ Die Königin antwortete mit einem Seußzer; ſie hatte keine Hoffnung mehr, den König gegen den Ge⸗ fangenen milder zu ſtimmen. Als ſie wieder allein war, brach ſie in Thräneen aus. Sie bereute, den Mann, für den ſie ein ſo mächtiges Intereſſe empfand, vor der ihm drohenden Gefahr nicht gewarnt zu haben. Zwar war ſie nicht in dem Grade, wie ſie dem Könige gegenüber vor⸗ gab, von Zäwis' Unſchuld überzeugt— der Umſtand, daß er vor dem verdächtigen Hauſe in verdächtiger Stunde in Geſellſchaft eines eingeſtandenen Mitver⸗ ſchworenen verhaftet worden, zeugte zu ſehr wider ihn; aber ſie ſuchte und fand mehr als einen Entſchuldigungs⸗ grund für ihn, der ſtärkſte war die herbe Abfertigung, die er mit ſeiner Sendung beim König erfahren. Dabei war ſie ſich vollkommen darüber klar, daß ſeine Richter ſich auf keinen Entſchuldigungsgrund einlaſſen, daß ſie die ganze Schwere des Geſetzes walten laſſen würden, 21 wenn Zäwis nicht ſchuldfrei aus der Unterſuchung her⸗ vorging, die, das wußte ſie, von Diepold von Rieſenberg mit aller nur wöglichen Strenge geführt werden würde. Denn ſowohl dieſer, als die zwölf Kmeten waren dem König ergebene Gegner der Witkowetze. Es lag indeſſen nicht in der ziemlich ſanguiniſchen Natur der ſchönen Königin, ſich allzulange und zu tief in Gram und Sorgen zu verlieren, wenn noch ein Schim⸗ mer von Hoffnung vorhanden war, daß Alles gut enden könne. Es bedurfte jetzt nur des Erſcheinens ihrer Kinder, der elfjährigen Prinzeſſin Kunigunde mit der ſieben⸗ jährigen Agnes und dem fünfjährigen Prinzen Wenzel, um ſie auf ganz andere Gedanken zu bringen und ihre Betrübniß in das Gegentheil zu verkehren. Sie umarmte und küßte die beiden Mädchen nach der Reihe, und nahm dann den kleinen Erben der Krone Böhmen auf ihren Schooß, ihn mit Liebkoſungen faſt erſtickend. Gern gab ſie dann den Bitten ihrer Töchter nach, zur Laute zu fingen. Sie ſang mit ihrer glockenreinen Stimme zu der trefflich geſpielten Laute ein heiteres Lied Zäwis' von Falkenſtein. Weit ernſter als die königliche Sängerin war ihre Dienerin Libusa um das Schickſal des gefangenen Freundes bekümmert. Sie hatte die Nachricht von ſeiner Verhaftung gleich am andern Morgen aus dem Munde 22 chres Vaters vernommen, der damit ihrer„thörichten Neigung“ den Todesſtoß zu verſetzen meinte. Er hatte ſich aber ſehr geirrt. So heftig ſie die Nachricht ergriff, ſo wenig vermochte ſie den Glauben an den Geliebten zu erſchüttern.„Hier waltet entweder ein Irrthum oder ein tückiſches Spiel ob,“ erklärte ſie;„denn ſo wenig die Sonne jemals Finſterniß ausſtrömen kann, ſo wenig iſt Zäwis von Falkenſtein ſolch eines Verbrechens fähig!“ In ihrer ſtillen Kammer lag ſie täglich ſtunden⸗ lang auf ihren Knieen und betete zu Gott, daß er den Gefangenen in ſeine Hut nehmen und ſeine Unſchuld an's Licht bringen wolle. Aber damit begnügte ſie ſich nicht; ſie forſchte nach, wie es um ſeine Sache ſtand, wie er gehalten ward; ſie ſuchte in Vrbindung mit dem Burg⸗ voigt zu kommen, dem die Gefangenen anvertraut waren; ſie war entſchloſſen kein Mittel unverſucht zu laſſen, um in den Kerker zu gelangen, ihrem Theuren Troſt und Erquickung zu bringen— oder vielmehr an ſeinem er⸗ habenen Muthe ihre eigene ſchwache Kraft zu ſtärken, wie ſie bei ſich ſagte. Aber es ward ihr nicht leicht, ihr Ziel zu erreichen. Der Burgvoigt war ein finſterer, unzugänglicher Mann, der noch dazu den Adel bitter haßte, der in einer pein⸗ lichen Ausübung ſeines Kerkermeiſteramtes an ſo hohen Perſonen, wie ihm jetzt anvertraut waren, eine Genug⸗ thuung fand. Und dennoch konnte ſie lediglich durch ihn zu dem Gefangenen gelangen. Mit jener taktvollen Be⸗ harrlichkeit, die nur höheren Frauennaturen eigen iſt, verfolgte ſie ihr Ziel. Nachdem ſie ſich über den Charak⸗ ter des Burgvoigts, über ſeine Lebensweiſe und ſeinen Umgang genau erkundigt, und dabei erfahren, daß ſich letzterer faſt lediglich auf eine alte Schweſter beſchränke, die ihm Haus hielt, ſuchte ſie mit dieſer Bekanntſchaft anzuknüpfen. Zwar war die alte Perſon nicht viel mehr zugänglich als ihr Bruder, aber ſie hatte, was ihm abging: eine Liebhaberei, durch die man ihr beikommen konnte; ſie war eine große Freundin von Singvögeln, deren ſie eine Menge in Käfigen den Tag über vor ihren Fenſtern hängen hatte. Libusa wußte ſich einen gelehrten Dompfaffen zu verſchaffen, mit dem ſie zu Jungfer Por⸗ zincula, wie die Schweſter des Burgvoigts hieß, ging. Sie gab vor, das Thierchen von einem Freund verehrt bekommen zu haben, aber in ihrer nächſten Umgebung wären viel Katzen, die dem Vögelchen nachſtellten. Eine Katze habe es ſchon einmal in den Krallen gehabt, glück⸗ licher Weiſe ſei ſie, Libußa, noch dazu gekommen, um es ihr zu entreißen. Immer aber könne ſie doch nicht bei dem Vogel ſein, und da könne es leicht geſchehen, daß er einmal eine Beute der Katzen würde, ohne daß ſie es verhindern könne. Darum habe ſie ſich entſchloſſen, das 24 liebe Thierchen den räuberiſchen Katzen ganz zu entrücken und es in ſichere Hände zu bringen, die es ſchützten und pflegten; gewiß aber könne es wohl in keine beſſern Hände kommen, als in die Hände von Jungfer Por⸗ zincula. Jungfer Porzincula kannte den Virgiliſchen Vers: „Ich traue keinem Danaer, auch wenn er Geſchenke bringt,“ ſicher nicht; aber ſie traute dem, ihr ein ſo ſchö⸗ nes Geſchenk gleichwohl umſonſt bietenden Mädchen nicht viel Gutes zu. Ihr wäre es natürlicher geweſen, daß die Beſitzerin des gelehrten Dompfaffen lieber alle Katzen vergiftet hätte, als daß ſie ihn weggab. Aber Libusa's freundliche, herzgewinnende Rede und mehr noch die edlen Eigenſchaften des einer genauen Prüfung unterworfenen Domfpfaffen beſiegten endlich das Mißtrauen. Mit gro⸗ ßer Behutſamkeit pflegte ſie die neue Bekanntſchaft, und es ſtellte ſich allmälig eine gewiſſe Vertraulichkeit zwiſchen den beiden, an Alter und Art ſo verſchiedenen Frauen her. Porzincula meinte, das liebe junge Mädchen müſſe es ihr angethan habe, weil ſie ſelbſt an ihren Vögeln keine rechte Freude mehr fand, wenn ſie mit ihm im Laufe eines Tages nicht ein Stündchen plaudern konnte. Porzineula hatte ſolche Plauderſtündchen in eine Zeit verlegt, wo ihr ungeſelliger Bruder im Dienſt war, ſo daß Libusa nicht mit ihm zuſammentreffen konnte. Nach 25 und nach berührte letztere in der Unterhaltung vorſichtig das Kapitel, das für ſie allein ein Intereſſe hatte. Sie begann damit, daß ſie das Amt des Kerkermeiſters ein beſchwerliches und trauriges nannte, worauf Porzincula erwiderte, es ſei ein Unterſchied zwiſchen einem Kerker⸗ meiſter, der es mit gemeinem Geſindel zu thun habe, und des Königs Burgvoigt, deſſen Gefangene immer Leute von Stande wären. Daran ließ ſich leicht die Frage knüpfen, ob jetzt ſehr vornehme Gefangene da wären. Porzincula meinte, die Frageſtellerin müſſe eine rechte Einfalt ſein, weil ſie nicht wiſſe, was ganz Prag wußte, daß nach dem König der vornehmſte Mann im ganzen Königreich ihres Bruders Gefangener ſei. Libusa ahnte und fand bald die Ahnung beſtätigt, daß damit ihr Zä⸗ wis gemeint ſei. Vergebens aber forſchte ſie nach der genauen Lage ſeines Kerkers; Porzincula wußte darüber keinen Beſcheid, weil ſie nie in den Thurm kam. Libusa ſah ein, daß ſie durch die alte Jungfer allein nicht zum Ziele kam, ſie mußte mit dem Burgvvigt ſelbſt bekannt werden. Indeß erlitt ihre Thätigkeit nach dieſer Seite jetzt eine Unterbrechung durch die Bewegung, in welche der ganze Hof durch die bevorſtehende Abreiſe des Königs zur Armee verſetzt wurde. Die Königin wollte ihren Gemahl bis Pilſen begleiten. Da gab es nun für die Diener⸗ 1860. XIX. Zäwit von Roſenberg. II. 2 26 ſchaft derſelben alle Hände voll zu thun; denn der König liebte es, bei außergewöhnlichen Veranlaſſungen und an neuen Orten ſeine Gemahlin mit großem Pomp auf⸗ zuführen. Libusa's Thätigkeit war bei den Reiſeanſtalten ſo in Anſpruch genommen, daß ihr keine freie Minute übrig blieb. Wohl wollte ihr dabei der Kummer um den theuren Gefangenen oft das Herz brechen, aber ſie ſuchte und fand im gläubigen Gebet friſchen Starkmuth und die freudige Zuverſicht, daß es ihr doch noch gelingen werde, in den Kerker zu dringen und für den Mann ih⸗ res Herzens Großes zu vollbringen. Glücklicherweiſe be⸗ fand ſie ſich nicht unter dem Theile der königlichen Die⸗ nerſchaft, welcher ihre Gebieterin nach Pilſen begleiten mußte; die Königin hatte beſchloſſen, ſie als Geſellſchaf⸗ terin ihrer älteſten Prinzeſſin zurückzulaſſen, die für Li⸗ busa eine große Vorliebe gefaßt hatte. Am Vorabende der Abreiſe ertheilte ihr die Königin noch manche Verhaltungsbefehle. Am Schluße ſagte ſie: „Du haſt Dir ein Recht auf mein Vertrauen erworben; Du haſt Dein Herz bekämpft, das Dich in's Berderben ſtürzen wollte. Ich kann mir aber denken, daß Dir darum doch das Schickſal des Mannes, dem Deine unglückliche Neigung galt, nicht gleichgiltig geworden; es wird Dich daher beruhigen, wenn ich Dir ſage, daß ich Hoffnung habe, den König zur Milde gegen ihn zu ſtimmen. Er hat heute das gefangene Fräulein von Mahrenberg der Haft entlaſſen und zugleich befohlen, daß Herr Zäwis von Falkenſtein in ſeinem Gefängniß ritterlich gehalten werde. In der Stunde des Abſchieds von ihm, wo ſein Herz weicher geſtimmt ſein wird, will ich für ſeine Frei⸗ heit bitten, und ich hoffe mit dem königlichen Befehl hier⸗ her zurückzukehren, daß Herr Zäwis ſeiner Haft zu ent⸗ laſſen ſei. Ich erwarte dann von Dir, daß Du jeder Ver⸗ ſuchung und Lockung, Dich auf's neue mit ihm ein⸗ zulaſſen, ſtandhaft widerſtehen wirſt. Sonſt könnte es mir— um Deinetwillen— nur leid thun, mich für ihn verwendet zu haben.“ Libusa fand für gut, nichts hierauf zu erwidern, ſondern der in Bezug auf den Zuſtand ihres Herzens ſich ſo ſehr irrenden Gebieterin bloß mit Wärme die Hand zu küßen. In der That hatte König Otakar Ludmila von Mahrenberg unter der Bedingung, daß ſie augenblicklich das Land verlaſſe, begnadigt und auf die vereinten Vor⸗ ſtellungen des oberſten Kanzlers und ſeiner Gemahlin eine Milderung der Haft Zäwis' von Falkenſtein an⸗ geordnet. Unglücklicherweiſe aber kam faſt in demſelben Augenblick, als die Königin dies Libusa mittheilte, von ſeinem Burghauptmann auf Budweis ein Bote mit der Meldung, daß die Nachricht von der Verhaſthng Zäwis' 28 im Lager der Witkowetze große Erbitterung hervorgeru⸗ fen, und daß eine Bewegung darin herrſche, welche auf eine gewaltſame Befreiung des Gefangenen deute. Dieſe Nachricht ſtimmte den König ſofort wieder ſtrenger. Er ließ den Burggrafen, Hynek von Lichten⸗ burg, dem er den Oberbefehl ſeiner Burg auf dem Hradſchin für die Dauer ſeiner Abweſenheit übertragen hatte, eiligſt zu ſich rufen und bedeutete ihm, daß er mit ſeinem Kopf für die gefangenen Verſchwörer, insbeſon⸗ dere für Zäwis von Falkenſtein zu haften habe. Sollte deſſen Sippe es wagen, ihn mit Gewalt zu befreien, ſo ſolle man ihm lieber den Kopf abſchlagen, als ihn leben⸗ dig in ihre Hände fallen laſſen. Der Mann, der mit ſo blutiger Strenge gegen den erſten Baron ſeines Reiches verfahren konnte, ward am andern Morgen von dem Volke Prags unter heißen Thränen und Gebeten aus den Thoren ſeiner Hauptſtadt geleitet. Es war, als wenn ein Vater von ſeinen Kin⸗ dern ſchiede. In ſeinem Gefolge befand ſich auch ſein Sohn, Nikolaus von Troppau, dem auf Dalemil's eigene Verwendung vergönnt worden war, mit in den Kampf zu ziehen. —— 29 Zwrites Capitel. Durch Hroznata, der auf die Kunde von Zäwis' Verhaftung, ſofort nach Lomnitz und Wittingau geeilt war, hatten die Witkowetze das Schickſal ihres geachteten Hauptes erfahren. Das war für die Mehrzahl von ihnen das Signal zur offenen Empörung. Wok und Witek, Zäwis' Brüder, ſchworen ihren Bruder zu befreien, und ſollte Prag, ſollte Böhmen darüber zu Grunde ge⸗ hen. In aller Eile ward zum Zuge nach Prag gerüſtet, und alle Barone, die dem König abhold waren, wurden eingeladen ſich anzuſchließen. Schon ſammelten ſich zahlreiche Schaaren in der Gegend von Sobieslau unter dem Banner der fünfblät⸗ terigen Roſe, als Sezema als Abgeſandter Boreſch's von Rieſenburg erſchien und den Brüdern Zäwis' meldete, wie Boreſch, um den König ſicher zu machen, ſich ſeinem infulirten Feldoberſten mit einer trutzigen Schaar zur Verfügung geſtellt und Unterwerfung geheuchelt. Er ſei mit Freuden angenommen und unter Jaroslaw von Sternberg gegen den Pfalzgrafen von Baiern geſendet worden. Während ſie dieſen bei Eger auf's Haupt ge⸗ ſchlagen, ſei der König an der Spitze ſeiner Hauptmacht 30 von Pilſen gegen die Donau aufgebrochen. Prag ſei ſo gut als unbewehrt, und im ganzen Lande ſei außer den Beſatzungen der Burgen und Veſten kein bewaffneter Mann, des Königs Sache zu verfechten. Dies ſei der günſtigſte Zeitpunkt, das Schwert gegen ihn zu ziehen. Im weißen Thurm zu Prag ſchmachte das edle Haupt der Witkowetze, der Stolz des böhmiſchen Adels, mit andern Edlen in ſchändlicher Haft und ſie ſähen einem ſchmählichen Tode entgegen. Schon um das zu verhüten, um die edlen„Schlachtopfer der Tyrannei“ zu retten, müſſe man gegen Prag ziehen. Es werde nicht ſchwer halten, die Burg zu nehmen, die Gefangenen zu befreien und zugleich die Fahne der Freiheit aufzupflanzen. Die Herren von der Roſe möchten ſich ohne Säumen erklä⸗ ren, ob ſie mit ihm vereint das große Unternehmen be⸗ ginnen wollten und wann ſie in dieſem Falle vor Prag zu ſein gedächten. Er werde dann unter einem ſchicklichen Vorwande von Jaroslaw von Sternberg ſich trennen und mit ſeinem Haufen von Norden her der Hauptſtadt ſich nahen. Die Loſung ſei: Freiheit und Vergeltung. Mit Ausnahme einiger wenigen, worunter Heinrich von Roſenberg, ſtimmten alle Witkowetze und ihre Bun⸗ desgenoſſen, unter welchen ſich auch Albrecht von See⸗ berg und Berchtold von Emerberg befanden, dem Plane Boreſch's bei. Bald bewegte ſich eine große Schaar in 31 verſchiedenen einzelnen Haufen und auf verſchiedenen Wegen gegen Prag. Auch Boreſch von Rieſenburg, von der Bewegung der Witkowetze in Kenntniß geſetzt, ver⸗ ließ Jaroslaw Sternberg's Lager und marſchirte nach der Hauptſtadt. Aber das Gerücht war ſchneller als die kühnen Empörer. Als die Witkowetze noch drei volle Tagemär⸗ ſche von Prag waren, war man hier bereits von ihrem Anzuge unterrichtet. Die Bürger rüſteten zu entſchloſſe⸗ ner Vertheidigung der Stadt und ſchickten eine ſtarke Schaar aus ihrer Mitte der Königin entgegen, um ſie auf ihrem Rückwege von Pilſen gegen etwaige Angriffe der Empörer zu ſchützen. Der Oberſtburggraf ſandte Eil⸗ boten an die benachbarten Städte, ſowie an die dem König ergebenen Barone mit der Aufforderung, ſich män⸗ niglich wider die Aufrührer zu erheben. Der königliche Oberſtlandmarſchall Bawor von Strakonitz, König Ota⸗ kar's Schwiegerſohn von einer ſeiner illegitimen Töchter, organiſirte ſchnell aus den Bauern der umliegenden Do⸗ mainen und ſeinen eigenen Grundholden einen Land⸗ ſturm, mit dem er ſich dem Heere der Witkowetze und ihres Anhanges an der Sazawa entgegen ſtellte. Libusa hatte die Abweſenheit der Königin nicht un⸗ benutzt gelaſſen, die Bekanntſchaft des Burgvoigts auf dem Hradſchin zu ſuchen. Sie war zu dieſem Zwecke zu 32 Stunden bei Porzincula er der in ſeinen vier Pfählen war. Wir finden ſie an dem Tage bei ihm, an welchem die Nachricht von dem Anzuge ſchienen, in welchen ihr Bru⸗ der Witkowetze nach Prag und auch auf den Hradſchin gelangt war; ſie hatte endlich ſich den Zutritt zu dem menſchenfeindlichen Mann erobert. „Ihr müßt freundlicher mit mir ſein,“ ſagte Libusa, die Hand des Mannes mit der gerunzelten Stirn am kahlen Haupte erfaſſend,„Ihr müßt überhaupt freund⸗ licher ſein. Oder laſtet ein bitteres Leid auf Eurer Seele, das Euch ſo finſter macht?“ Der Alte ſah die ſchöne Sprecherin verwundert an. „Was wollt Ihr, ſonderbares Frauenzimmer, von mir ſagte er dazu. „Ich will Euch gern freundlich ſehen,“ antwortete ſie;„Ihr ſeid der Bruder meiner Freundin Porzincula; da kann es mir doch nicht gleichgiltig ſein, ob Ihr freundlich oder finſter ausſeht. Fehlt Euch denn etwas“ „Mir fehlt nichts,“ war die Antwort„ich habe mein Brod und bin geſund.“. „Das ſind zwei große Gaben Gottes,“ verſetzte Libusa,„für die man nicht dankbar genug ſei aber wenn der liebe Herr Gott Euer Geſicht anſchaut, muß er zweifeln, daß Ihr zufrieden mit ihm ſeid.“ „Ihr ſeid ein naſeweiſes Frauenzimmer,“ ent⸗ 33 gegnete der Burgvoigt;„was geht Euch mein Geſicht an?“* „In der heiligen Schrift ſteht geſchrieben: Liebe Deinen Nächſten wie Dich ſelbſt— darum geziemt es ſich, wenn wir ein unglückliches Geſicht ſehen, Mitleid mit ihm zu haben. Ihr habt ein ſehr unglückliches Geſicht, Herr Burgvoigt.“ „Daß Dich der Nämez!“ murmelte der Alte;„ich weiß nicht, was die Hexe von mir will.“ Dann ſagte er laut:„Ich habe keine Zeit, mit Euch zu plaudern, geht zu meiner Schweſter.“ „Nicht eher,“ erklärte Libusa,„als bis ich dieſe Stirn etwas geglättet ſehe; ich habe mir vorgenommen, den Bruder meiner Freundin Porzincula freundlicher zu ſtimmen.“ „Das wird Euch nicht gelingen, es wird keinem Menſchen gelingen, denn das Menſchenvolk iſt ein ab⸗ ſcheuliches Gethier.“ „Ei, Herr Burgvoigt, wie möget Ihr den Schöpfer alſo ſchmähen! Der Menſch iſt ja die Krone der Schö⸗ pfung Gottes.“ „Aber abgefallen von Gott; er iſt ein Raubthier geworden voll Gier und Bosheit.“ „So kann nur Einer ſprechen, dem von einzelnen 34 Menſchen ſo ſchweres Unrecht zugefügt worden, daß je⸗ der Funke menſchlichen Gefühles in ihm erloſchen.“ „Ja, das weiß Gott, ſie haben mir ſchweres Un⸗ recht zugefügt— ſie haben mir das Herz zerfleiſcht und dann mit Füßen getreten— ſie haben mir Blut und Galle vergiftet und alles Licht in meinem Leben aus⸗ gelöſcht.“ Die Stimme des Alten war weicher und die Düſterheit ſeines Antlitzes nahm einen milderen Aus⸗ druck an. „Armer Mann!“ ſagte Libusa bewegt;„ich dachte es gleich, daß Ihr nur unglücklich, aber nicht eigentlich böſe wäret. Gott verzeihe denen, die Euch ſo weh gethan und verwandelt—“ „Was! Ihr bittet für ſie?“ fuhr der Burgvoigt auf.„Gott verderbe ſie, die ſchändlichen, übermüthigen Räuber, die mir das Liebſte geraubt und verdorben, die mein Leben öde und elend gemacht, und die ſich jetzt wie⸗ der gegen den König empören, um jede Schranke gegen ihre Gier und ihren Uebermuth niederzureißen!“ Libusa erſchrak, weil dies auf die Witkowetze zu deuten ſchien. Wie wenig Hoffnung auf Erfolg hatte ſie, wenn der Burgvoigt die Witkowetze ganz beſonders als ſeine Feinde betrachtete! Aber ſie unterdrückte ihre Ban⸗ gigkeit und ſagte ſcheinbar unbefangen: „Ich hätte Euch kennen mögen in den Tagen Eures 55 Glückes, wo ſchwere Unbill Euch nicht das Herz verbittert hatte, wo Ihr die Menſchen noch als Brüder betrachtet und nicht den Guten mit dem Böſen zuſammen warfet. O könnte ich die Tage einer ſchönen Vergangen⸗ heit wieder auferwecken in Euch!“ „Ja, es waren ſchöne, ſelige Tage, da ich noch lebte im Frieden meines Dorfes, die Stütze meiner Eltern, der Bräutigam der ſchönſten Maid an den waldigen Ufern der Neſcharka. Wir waren freie Leute, urſprünglich herab⸗ gezogen von den mähriſchen Bergen, wo meine Eltern ſeßhaft geweſen. Die Ererbung einer freien Hufe im ſchönen Thale der Neſcharka zwiſchen Jaroſchau und Neuhaus war die Veranlaſſung. Dort lernte ich Nina kennen, die Tochter eines Meiers Herrn Witek's von Neuhaus. Ich glaube, Ihr habt mir's angethan, weil Ihr auch ſo ſchön ſeid wie Nina. Ihr habt denſelben ſchlanken Wuchs, daſſelbe liebliche Angeſicht, dieſelben Augen, die mir ſo allmälig in die Seele leuchteten, da ich ſie zum erſtenmale ſah, wie ſie gerade Flachs breitete auf dem Felde ihres Vaters. Seitdem hatte ich nur Ge⸗ danken für ſie, ich warb um ſie und gewann ihr Herz. Die Väter wurden einig und der Tag der Hochzeit feſt⸗ geſetzt. Es gab kein glücklicheres Brautpaar als wir zwei. Da ſah Herr Ulrich von Neuhaus, Herrn Witek's älteſter Sohn, die ſchöne Tochter ſeines Meiers und ent⸗ 36 brannte wider ſie in böſer Luſt. Nina wies ihn gebüh⸗ rend zurück und beſchwor mich und die Eltern, die Hoch⸗ zeit zu beſchlennigen. Es ſollte geſchehen, aber als wir zum Pfarer kamen, die Trauung zu beſtellen, erklärte er uns, daß er uns nicht trauen könne, weil Herr Witek von Neuhaus ſeine Einwilligung nicht gebe, vielmehr ſie als leibeigene Magd in ſeinen Dienſt fordere. Meine Braut eine leibeigene Magd? Ich ſagte dem Pfarrer, das könne nicht ſein, denn nie ſei in Böhmen die Schmach der Leibeigenſchaft aufgekommen. Er erklärte mir, die Witek von Neuhaus hätten vor mehr als hundert Jahren in den Polenkriegen viele Gefangene gemacht und dieſe als Leibeigene auf ihre Güter gebracht. Von einem dieſer Leibeigenen ſtamme Nina's Vater, der auch als Herrn Witeb's Meier Leibeigener geblieben ſei. Ver⸗ gebens waren die Bitten unſerer Väter bei dieſem ſtolzen Lechen: meine Braut ſollte und mußte als Leibeigene auf die Burg Neuhaus ziehen, und als ſie ſich weigerte, ward ſie mit Gewalt dahin geſchleppt. Da rief ich alle Freiſaſſen der Gegend zur Rache und Befreiung auf⸗ Eine große Zahl herzhafter Männer folgte meinem Rufe und wir zogen ſtürmend gegen die Burg. Aber der Feind hatte ſich vorgeſehen, er fiel über uns her, erſchlug und fing Viele, die Uebrigen ergriffen die Flucht. Ich war unter den Gefangenen. Ein langes, langes Jahr lag ich 37 in einem ſcheußlichen Verließ unter Kröten und Todten⸗ beinen— dann ward ich frei— frei durch meine Braut, die meine Freiheit mit ihrer Ehre erkauft hatte. Jetzt ſollte ich ſie ungehindert heimführen— ſo beſiegelte man die furchtbare Unbill mit gräulichem Hohn; ſtumm und finſter reichte ich der armen Nina meine Hand und führte ſie aus der Burg in das Haus ihres Vaters, dann floh ich in das Gebirge, in die Wälder, meinen Grimm zu überwinden. Als ich nach manchem Tage mein gebleich⸗ tes und verwildertes Geſicht wieder im Spiegel der kla⸗ ren Neſcharka ſah, erfuhr ich, daß in denſelben Fluthen Nina den Tod geſucht und gefunden. Mir war das Le⸗ ben fortan eine Laſt, und weil gerade König Otakar ſein Volk zum Kreuzzug wider die Preußen aufrief, ſtellte ich mich unter die Fahnen des Königs, in der Hoffnung, im Kampfe für unſern heiligen Glauben den Tod zu fin⸗ den. Ich fand ihn nicht. Nach Böhmen zurückgekehrt, blieb ich in dem Dienſte des Königs, der mich zu ſeinem Burgvvigt auf dem Hradſchin machte.“ Hier ſchwieg der Erzähler. Seine Stimme war immer weicher geworden und aus ſeinen Zügen alle Härte gewichen. Libusa war von ſeiner Geſchichte zu Thränen gerührt. Eben wollte ſie ihrer tiefen Theilnahme Worte geben, als Porzincula eintrat und ihrem Bruder mel⸗ dete, der Scharfrichter von Prag ſtehe vor der Thür und begehre mit ihm zu ſprechen. 38 Eine wilde Freude flammte in den Augen des Burgvoigts; er ließ die beiden Frauen ſtehen und eilte aus dem Zimmer. Von einer furchtbaren Ahnung ergriffen, fragte Li⸗ busa Porzincula, was der Scharfrichter bei ihrem Bruder wolle. „Es wird wohl wegen der gefangenen Verſchwörer ſein,“ gab die Gefragte zur Antwort; doch ſich beſin⸗ nend, daß ſie über Dienſtangelegenheiten ihres Bruders nicht plaudern ſollte, fügte ſie ſchnell hinzu:„Was weiß ich? Ich kümmere mich nicht um die Geſchäfte des Burg⸗ voigts— und Ihr ſollt es auch nicht thun... Was iſt denn zwiſchen Euch und meinem Bruder vorgefallen? Ihr habt geweint und er ſah ganz anders aus als ſonſt.“ „Euer Bruder hat mir ſeine Lebensgeſchichte er⸗ zählt, und ſie hat mich ſo tief gerührt,“ erwiderte Libusa. „Da iſt ein Wunder an ihm vorgegangen,“ ſagte Porzincula;„er hat ſich noch keiner Menſchenſeele offenbart, ſeit er aus Verzweiflung in den Krieg gezogen. Ihr ſeid eine Hexe, Ihr müßt's ihm angethan haben wie mir.“ „Könnte ich ihn nur von dem Gram befreien, der ihn ſo unglücklich und ſo ungerecht gegen die Menſchen macht!“ äußerte Libusa. „Ungerecht gegen die Menſchen, ſagt Ihr?“ ent⸗ 39 gegnete Porzineula;„weil er das hochmüthige, un⸗ gerechte Geſchlecht haßt, das ihn grenzenlos elend ge⸗ macht?“ „Ungerecht iſt es, um eines Einzigen willen Viele zu haſſen!“ erklärte Libusa. „O es iſt einer von den ſtolzen Herren wie der an⸗ dere,“ rief Porzincula.„Sie alle wollen den Niedrig⸗ geborenen unterdrücken; es werden wenige unter ihnen ſein, die nicht eine Gewaltthat an einem Armen verübt haben. Daher iſt es weiſe und gerecht von unſerm König, daß er ihnen auf den ſtolzen Nacken tritt, und wenn er Befehl gegeben, daß dem vornehmſten unter den gefan⸗ genen vornehmen Miſſethätern eher der Kopf abgeſchlagen werden ſoll, als daß er lebendig in die Hände ſeiner Sippſchaft falle, ſo iſt das recht.“ „Was ſprecht Ihr da?“ rief Libusa von Entſetzen durchſchauert,„der König hätte den Befehl gegeben—“ „Still!“ unterbrach ſie Porzincula,„was weiß ich? Wir haben uns um dergleichen Dinge nicht zu küm⸗ mern. Kommt, ich will Euch meine Vögel zeigen— wie ſeht Ihr denn aus? Ihr ſeid ja todtenbleich geworden!“ Libusa faßte ſich.„Die Geſchichte Eures Bruders hat mich ſo angegriffen,“ ſagte ſie;„er hat ſo fürchter⸗ lich gelitten—“ „Laßt das gut ſein,“ verſetzte Porzincula;„er 40 wird den Tag der Rache noch ſehen— bald, bald vielleicht rollt das Haupt des Vornehmſten aus der ſtolzen Sipp⸗ ſchaft, die ihn unglücklich gemacht, zu ſeinen Füßen.“ Libusa ward noch bleicher als erſt; ihr war, als griffe der Tod nach ihrem Herzen; mit äußerſter Anſtren⸗ gung ihre Faſſung behauptend, mit bebender, tonloſer Stimme ſagte ſie:„Heute ſchon?“ „Das gerade nicht,“ antwortete Porzincula;„noch ſind die Empörer, die ihn befreien wollen, zwei Tage⸗ reiſen von hier, und wer weiß, ob ſie hierher kommen, ob ſie nicht an der Sazawa von dem tapfern Oberſt⸗ landmarſchall mit blutigen Köpfen heimgeſchickt werden.“ „Und wenn das nun geſchieht,“ fragte Libusa ge⸗ ſpannt,„wenn die Empörer nicht hierher kommen, was wird dann?“ „Nun, dann wird vor der Hand weiter nichts— dann hat die Gerechtigkeit ihren Lauf,“ antwortete Por⸗ zincula;„denn der Befehl des Königs, der meinem Bruder vom Burggrafen übermittelt worden, lautet nur dahin, daß der Zöwis von Falkenſtein hingerichtet werden ſoll, wenn die Hofburg oder doch der weiße Thurm in Gefahr iſt, von den Aufrührern eingenommen zu werden. Deßhalb muß der Scharfrichter von heute an auf der Burg bleiben, damit er nöthigenfalls gleich bei der Hand iſt. Aber jetzt kommt, armes Ding, Ihr ſterbt mir ſonſt; 41 wer wird ſich eine Sache auch ſo zu Herzen nehmen! Kommt, ich will Euch etwas zur Stärkung geben.“ „Ich dank Euch, Porzincula,“ ſagte Libusa etwas leichtern Herzens,„ich brauche bloß friſche Luft— laßt mich in den Hof hinabgehen— grüßt mir Euern Bruder und erinnert ihn an das Wort unſers Herrn und Erlö⸗ ſers: Liebet Eure Feinde, ſegnet, die Euch fluchen, und thut wohl Euern Beleidigern! Gott mit Euch!“ Damit eilte ſie zur Thür hinaus, die Treppe hinab in den Hof; aber ſie hielt ſich nicht hier auf— ſie flog nach der Burg, nach ihrem Gemach. Dort ſank ſie auf ihre Kniee und bat Gott, daß er ihr Stärke verleihen möge, das, wozu ſie jetzt ſchreiten wollte, auszuführen zur Rettung des Geliebten und zum Heile des Vater⸗ landes. Hierauf verſah ſie ſich mit Allem, was ſie von klingender Habe beſaß, und eilte zur Kammerfrau ihrer Prinzeſſin. Zu dieſer ſagte ſie:„Eine Angelegenheit, an der Tod und Leben mehrerer Menſchen hängen, zwingt mich, auf unbeſtimmte Zeit das Schloß zu verlaſſen. Ich bitte Euch, meine Stelle bei der Prinzeſſin zu vertreten und mich, wenn die Königin vor mir zurückkehren ſollte, bei dieſer zu entſchuldigen. Wenn ich wieder vor ſie trete und ihr Rechenſchaft gebe, wird ſie billigen, was ich gethan.“ 1860. XIX. Zäwis von Roſenberg. II. 3 42 Die Kammerfrau wollte Näheres über Libusa's Vorhaben erforſchen, allein dieſe ſtand ihr keine Rede weiter. Sie verabſchiedete ſich und verließ eiligſt das Schloß. In der Stadt zog ſie nähere Erkundigung über die Lage der Dinge, insbeſondere über die Bewegung der Freunde Zäwis', ſowie die Gegenbewegung ein, dann verſchaffte ſie ſich ein Pilgergewand und pilgerte in dieſem aus dem Wysehrader Thore der Gegend von Beneſchau zu, wo nach den eingezogenen Erkundigungen der Oberſt⸗ landmarſchall Bawor von Strakonitz ver Streitmacht der Freunde des Gefangenen unter dem Befehle ſeiner Brüder gegenüber ſtand. Eine Stunde, nachdem Libusa Prag verlaſſen, zog ihre königliche Gebieterin in zahlreichem Geleite be⸗ waffneter Bürger in ihre Hauptſtadt ein. Sie hatte den vereinigten Aufſtand der Witkowetze und Rieſenburge mit ihrem Anhange erfahren, war aber durch ein Unwohlſein mehrere Tage in Pilſen zurückgehalten worden. In ihrer Hofburg angelangt, nahm ſie ſich kaum Zeit, ihre Kinder zu umarmen. Sie ließ eiligſt die vornehmſten Beamten des Reiches nebſt dem Bürgermeiſter von Prag auf die Burg beſcheiden, um mit ihnen Rath zu halten über die Mittel zur ſchnellen Beendigung des ausgebrochenen 43 Bürgerkrieges, der dem Vaterlande in der gegenwärtigen Lage unfehlbar den Untergang bringen mußte. Sie war mit dem ergriffenen Mittel nicht einver⸗ ſtanden, weil ihr die den Empörern entgegenzuſtellende Macht denſelben nicht gewachſen ſchien und weil ein unglücklicher Kampf wider ſie ihre Stärke verdoppeln mußte. Sie hatte ein anderes Mittel gefunden, das wollte ſie dem Rathe vorlegen, dazu wollte ſie ſein Zuſtimmung haben. Die geladenen Herren erſchienen im Rathsſaale des Königs, unter ihnen auch Hynek von Lichtenburg, der Oberſt⸗ Hof⸗ und Landrichter Diepold von Rieſenberg, der königliche Unterkämmerer Dietrich Spatzmann von Koſteletz, drei entſchiedene Feinde der Witkowetze. Die Königin ſtellte den Verſammelten in warmer und beredter Sprache die furchtbare Gefahr vor, in welche das Reich durch den Aufſtand der mißvergnügten Barone gekommen, und wie unzureichend die Hilfsmittel zur gewaltſamen Unterdrückung des Aufſtandes ſeien. Sie ſchilderte mit ergreifenden Worten das ganze Elend und die Schmach des Bürgerkrieges. Dann fuhr ſie fort: „Ich weiß ein Mittel, dieſem unſeligen Kampfe mit einem Male ein Ende zu machen; es iſt ein Mittel, das Gott gewiß beſſer gefällt, als Gewalt und Blutver⸗ gießen: das Mittel heißt Gnade. Laßt mich die ge⸗ 3* 44 fangenen Barone begnadigen unter der Bedingung, daß ſie unverzüglich in's Lager ihrer Freunde eilen und durch ihren Einfluß den Frieden herſtellen. Ich bin überzeugt, daß wenigſtens der Eine, der einflußreichſte und mächtigſte unter ihnen, in die Bedingung willigen und ſie gewiſſen⸗ haft und erfolgreich erfüllen wird: Zäwis von Falken⸗ * ſtein. Erwägt, Ihr Herren, daß der Friede im Lande in der gegenwärtigen Lage mehr werth iſt als je, mehr als die Handhabung des ſtrengen Rechtes!“ Sofort erhob ſich der oberſte Kanzler M. Peter, der Königin beizuſtimmen. Aber Diepold von Rieſenberg ſprach dagegen vom Standpunkte des ſtarren Rechtes. Ihm pflichtete Burggraf Hynek von Lichtenburg bei, der noch dazu bemerkte, daß die Freilaſſung der Gefangenen dem ausdrücklichen Gebote des Königs zuwiderlaufe. Die Königin beſtritt dies, indem ſie darauf hinwies, daß der König kurz vor ſeiner Abreiſe viel mildere Geſinnung gegen die Gefangenen an den Tag gelegt als zuvor. Sie habe die Ueberzeugung, daß, wenn ſie in der Stunde des Abſchiedes ihn um ihre Begnadigung gebeten, er es nicht würde abgeſchlagen haben. Leider habe ſie es im Schmerz der Trennung vergeſſen, obſchon ſie ſich's erſt vorgenom⸗ men gehabt. Darauf entgegnete Hynek von Lichtenburg, daß der König, als er von dem Aufſtande der Witkowetze„ gehört, ganz andern Sinnes geworden, daß er ihm be⸗ 45⁵ fohlen habe, die Gefangenen, insbeſondere Zäwis von Falkenſtein in ſtrengſten Gewahrſam zu nehmen, und daß er, der Sprecher, für die Gefangenen mit ſeinem Kopf bürgen müſſe. Außer dem oberſten Kanzler ſprach noch Hynek von Duba für den Vorſchlag der Königin, die übrigen Räthe waren alle dagegen. Die Königin hatte nicht den Muth, das Wort der Gnade gegen den Willen der Majorität auszuſprechen. Sie entließ die Verſammlung voll Unmuth und zog ſich in ihre Gemächer zurück, wo ſie von ihrer älteſten Tochter mit der Nachricht überraſcht wurde, daß Libusa auf unbeſtimmte Zeit das Schloß verlaſſen. Die Königin ward dadurch noch mehr verſtimmt. Sie zieh Libusa der Undankbarkeit und Untreue, daß ſie ſie gerade jetzt verlaſſen, wo ihr treue Diener ſo noth thaten. Was in aller Welt konnte ſie vorhaben? Wohin konnte ſie gegangen ſein? Was ſteckte hinter dieſer plötz⸗ lichen Reiſe auf unbeſtimmte Zeit? Sie ließ Dalemil rufen und fragte nach Zweck und Ziel dieſer Reiſe. Der Gelehrte war ganz überraſcht, er erfuhr erſt aus dem Munde der Königin, daß ſeine Tochter ſich entfernt. Er zerbrach ſich vergebens den Kopf, warum und wohin ſie gegangen ſein könne, und ging von der Königin mit kum⸗ merbeladener Bruſt. Kummerſchwer war auch das Herz der Königin. 46 Ihr bangte für das Vaterland, für Otakar's Thron— und für das Schickſal Zäwis' von Falkenſtein. Sie er⸗ kannte den Weg der Rettung für alle Drei, und ſie ſah ihn verſchloſſen. Gern freilich hätte ſie ihn auch ohne die Zuſtimmung der Räthe betreten— aber wenn es wahr war, daß der König in den letzten Stunden ſeines Hier⸗ ſeins noch ſo ſtrenge Anordnungen in Bezug auf Zäwis und ſeine Schickſalsgenoſſen getroffen, wie Hynek von Lichtenburg behauptete, ſo lud ſie den Zorn ihres Ge⸗ mahls auf ſich, wenn ſie die Gefangenen, zumal den wichtigſten darunter, frei ließ. Es war ſchon ſpät am Nachmittag, als ſie voll der peinlichſten Gedanken und Empfindungen in ihrem Kloſet ſaß. Da trat ihr Unterkämmerer Gregor von Dratſchitz ein. Dieſer ſtand hoch in ihrem Vertrauen und durfte zu jeder Zeit ungemeldet bei ſeiner hohen Gebieterin er⸗ ſcheinen. Jetzt war er ſichtlich ſehr aufgeregt. Auf die Frage der Königin, was er ihr bringe, antwortete er: „Ach, eine fürchterliche Botſchaft. Sveben iſt die Mel⸗ dung an den Oberſtburggrafen gelangt, daß der Oberſt⸗ landmarſchall von den Empörern an der Sazawa geſchla⸗ gen und ſeine ganze Macht zerſtreut worden. Die Sieger rücken mit Ungeſtüm auf die Hauptſtadt los. Wir gehen einer gräßlichen Zeit entgegen, zumal wenn Hynek von Lichtenburg ausführt, was ihm der König befohlen: dem 47 Haupte der gefangenen Verſchwörer den Kopf abzuſchla⸗ gen, wenn die Burg gegen die Empörer nicht zu halten wäre— und Hynek von Lichtenburg iſt der Mann, den Befehl zu vollſtrecken.“ Die Königin ſprang entſetzt auf.„Was ſagt Ihr?“ rief ſie.„Was iſt das für ein Befehl? Davon weiß ich ja gar nichts.“ 3 „Ich erfuhr davon durch Zufall,“ ſagte der Käm⸗ merer;„ich kann Eurer Hoheit nicht ſagen, wie ſehr ich darüber erſchrocken bin. Die Hinrichtung Zäwis' von Falkenſtein würde die Empörer zur furchtbarſten Rache entflammen. Denkt nur, wenn ſie die Burg eroberten und fänden von denen, die ſie befreien wollten, den Er⸗ ſten erſchlagen, welche Gräuel würden ſie hier verüben! Sie würden keinen Stein auf dem andern laſſen, und Euer theures Leben, hohe Frau, und das Leben Eurer Kinder wäre nicht ſicher vor ihrer Wuth.“ „Ich muß mit Herrn Hynek von Lichtenburg ſpre⸗ chen— ruft mir ihn!“ ſagte die Königin heftig erregt. Der Kämmerer wollte gehen, den Befehl zu vollzie⸗ hen, da meldete ein Diener den Burggrafen. Die Köni⸗ gin befahl, ihn eintreten zu laſſen. „Eben wollte ich Euch rufen laſſen,“ redete die Kö⸗ nigin den Ankömmling an.„Iſt es wahr, hat Euch der König befohlen, einen der gefangenen Barone hinrichten 48 zu laſſen, wenn Ihr die Burg gegen deren Freunde nicht halten zu können glaubt?“ „Es iſt ſo,“ antwortete Hynek von Lichtenburg. „Und Ihr wollt den Befehl vollſtrecken?“ fragte die Königin bebend weiter. „Der Scharfrichter iſt ſeit dieſem Morgen im wei⸗ ßen Thurm und harrt bloß des Befehls, ſein Amt zu verrichten.“ „Entſetzlich!“ rief die Königin außer ſich.„Bedenkt Ihr auch, daß dieſe Blutthat die Empörer zum Aeußer⸗ ſten reizen muß; bedenkt Ihr, daß ſie das Leben Eurer Königin und der Kinder Eures Königs in Gefahr bringt?“ „Eben deßhalb komme ich zu Eurer Hoheit, ſie zu bitten, daß ſie die Burg mit dem Königshofe vertau⸗ ſche, wo ſie ſich mit den königlichen Sproſſen im ſichern Schutze der treuen Bürger befände. Dann mögen die Empörer die Burg ſtürmen— ich werde den Befehl des Königs vollſtrecken und die Burg bis auf den letzten Mann vertheidigen. Eurer Hoheit wolle es gefallen, wenn nicht heute, ſo doch morgen früh in den Königshof zu überſiedeln.“ „Ich werde mir's überlegen,“ verſetzte die Königin. „Ihr könnt gehen.“ „Dieſer Mann iſt zu dem Schrecklichſten fähig,“ 49 bemerkte die Königin, als der Burggraf abgetreten war; „ich wollte ihn von der Vollſtreckung des Blutbefehls ab⸗ mahnen, aber ſein Anblick ſchnürte mir die Kehle zu.“ Sie hielt eine Weile mit Sprechen inne, dann begann ſie wieder:„Mein lieber Kämmerer, Ihr habt mir allezeit treu gedient, ich weiß, Ihr haltet etwas auf mich, Ihr thut gern etwas für mich, Ihr werdet mich nicht verlaſſen in dieſer fürchterlichen Lage, Ihr werdet mir helfen meine Kinder, den Thron und das Vaterland zu retten.“ „O wenn ich das vermöchte!“ entgegnete Gregor von Dratſchitz,„mit Freuden gäbe ich mein Leben dabei hin. Ich kann Euch aber nur rathen, mit den königlichen Kindern in den Königshof hinabzuziehen.“ „Dadurch würde vielleicht mein und meiner Kinder Leben gerettet,“ erklärte die Königin,„aber nicht der Thron und das Vaterland. Ich will Euch ſagen, wie Ihr Alles retten helfen könnt. Der mitgefangene Zäwis von Falkenſtein iſt kein Verſchwörer; es iſt ein Räthſel, wie er unter ſie gerathen und gefangen worden, aber ich weiß, daß er unſchuldig iſt; ich weiß auch, daß er, frei⸗ gelaſſen und von der Empörung ſeiner Freunde in Kenntniß geſetzt, ihnen entgegen eilen und all ſeinen Ein⸗ fluß, ſeine ganze ſiegreiche Beredſamkeit aufbieten würde, die Empörer zur Umkehr zu bewegen. So dämpfen wir den ganzen unheilvollen Streit. Wollt Ihr mir helfen 50 den Zůwis von Falkenſtein aus der Haft zu befreien? Wollt Ihr einige treue und tapfere Burgleute heute Nacht be⸗ reit halten, die mir nach dem weißen Thurm folgen und wenn nöthig, den Burgvoigt mit Gewalt zwingen, Herrn Zäwis an uns auszuliefern?“ „Eure Hoheit hat über mich zu gebieten,“ ſagte Gregor von Dratſchitz. „Dann thut, wie ich ſagte,“ befahl die Königin, „aber haltet es geheim, damit der Burggraf nichts merkt.“ Damit entließ ſie den treuen Beamten und heiterer blickte ſie dem Abend entgegen.— Zäwis theilte mit Scarlatti einen Kerker, der voll Moderduft und Finſterniß war. Scearlatti klagte ſich als die Urſache an, daß ſein erlauchter Gönner in dieſe unwürdige und grauenvolle Lage gekommen. Zäwis trö⸗ ſtete ihn, daß er ja die Abſicht nicht gehabt, ihn hinein⸗ zuführen; auch ſei es ja ganz gut, daß er, der nach der Erkenntniß aller menſchlichen Verhältniſſe trachte, einmal erfahre, wie es ſich in einem Kerker lebe. Nach einigen Tagen ſagte er zu dem Maler:„Wäre ich nicht in die⸗ ſes ſcheußliche Loch und unter die Hand dieſes fin⸗ ſtern Kerkermeiſters gerathen, ſo wüßte ich nicht, wie den armen Bewohnern ſolcher Verließe zu Muthe iſt. Jetzt weiß ich es und ſehe ein, daß ich alle Gefängniſſe auf meinen Beſitzungen ändern muß, damit ſie menſchlich 51 werden. Hätte der König damals, wie ihn ſein Vater einſperren ließ, ein ſolches Loch bewohnt, ſo würde er uns nicht hierher haben ſchaffen laſſen. Ich finde, daß ſo ein Aufenthalt Leib und Seele zerſtören kann; damit wir dieſes Schickſal ſo lange wie möglich von uns ab⸗ halten, wollen wir die böſen Geiſter der Grübelei und der Schwermuth fern halten. Dies that Zäwis durch Lehren und Lernen. Er lehrte Secarlatti ſeine Kenntniſſe in den natürlichen Din⸗ gen, er lernte von ihm die italieniſche Sprache, und nie, außer der Zeit des Schlafes, ließ er eine Pauſe eintre⸗ ten, in welcher die Geiſter ſich mit Grübeleien befaſſen konnten. So erhielt er ſich und ſeinen Gefährten unge⸗ beugt bis zu dem Moment, wo zu ganz ungewohnter Stunde, tief in der Nacht, den leiſe Schlummernden ein Geräuſch an der Thür weckte. Er ſchlug die Angen auf und ſtaunend ſah er vor ſich in hellem Lichtſchein die Kö⸗ nigin Kunigunde. Er wollte ſeinen Augen nicht trauen, er rieb ſie ſich, zu ſehen, ob er nicht etwa träume— da vernahm er die wohlbekannte Stimme, wie ſie ſagte: „Zäwis von Falkenſtein, erhebt Euch— Eure Kö⸗ nigin fordert Euch auf, das Vaterland zu retten. Jetzt iſt es Zeit, zu beweiſeu, daß Ihr kein Verräther ſeid, daß Ihr es mit dem Vaterlande wohl meint.“ 52 „Bedarf es dieſes Beweiſes in den Augen Eurer Hoheit?“ fragte Zäwis ſich erhebend. „Rechten wir nicht um Worte,“ verſetzte die Köni⸗ gin,„dazu iſt die Zeit zu ernſt und zu koſtbar. Folgt mir; im Hofe ſteht ein Pferd für Euch bereit— Ihr ſeid frei, damit Ihr die Flammen des Aufruhrs däm⸗ pfet, welche Eure Freunde angezündet haben, um Euch zu befreien.“ „Das fehlte noch!“ rief Zäwis;„im Lande Bür⸗ gerkrieg und draußen übermächtige Feinde mit dem König im Streite!“ „Ihr ſeht die Gefahr ein,“ nahm die Königin wie⸗ der das Wort—„wohlan, ich vertraue Euch, daß Ihr mit all Eurer Macht entgegentreten werdet. Eure Freunde haben bereits die königlichen Streitkräfte, die ihnen Herr Bawor von Strakonitz entgegenführte, ge⸗ ſchlagen und zerſtreut, und ſind im vollen Anzuge ge⸗ gen Prag. Eilet ihnen entgegen, beſchwört ſie, das Schwert in die Scheide zu ſtecken und umzukehren, ver⸗ ſprecht ihnen die Gewährung billiger Wünſche, mahnt ſie an das Unglück des Vaterlandes— kurz thut Alles, was Ihr könnt, um Böhmen zu retten!— Zwiſchen hier und Beneſchau werdet Ihr die Streitmacht Eurer Freunde treffen. Herr Gregor von Dratſchitz, mein Unterkämme⸗ 53 rer, wird Euch mit einer kleinen Schaar reiſiger Burg⸗ leute geleiten.“ Die Königin ſchien in dieſem verhängnißvollen Au⸗ genblick gewachſen zu ſein, ihre Erſcheinung war maje⸗ ſtätiſcher als ſonſt, ſie wirkte faſt überwältigend auf Zä⸗ wis. Noch einmal eroberte ſich ihr Bild einen Platz in ſeinem Herzen, noch einmal ſank ihr dieſes Herz huldi⸗ gend zu Füßen. „Ich danke Eurer Hoheit, daß ſie den Glauben an mich nicht verloren, wie ſehr auch der Schein gegen mich zeugte,“ ſagte er ſich verneigend.„Ihr ſollt Euch in mir nicht getäuſcht haben. Der Gedanke an Eure Huld wird mich begeiſtern, wird meinen ſchwachen Einfluß auf die Gemüther der Menſchen verzehnfachen. Doch kann ich mir nur unter einer Bedingung einen ſichern Erfolg verſprechen.“ „Und dieſe wäre?“ fragte die Königin. „Daß alle meine Mitgefangenen mit mir in Frei⸗ heit geſetzt werden,“ antwortete Zäwis.„Denn wenn ich ſonſt auch die Witkowetze beſchwichtige, ſo werden doch die andern Barone, die ihre Angehörigen vermiſſen, ſchwerlich von ihrem Vorhaben abſtehen.“ „Ihr habt Recht,“ ſagte die Königin;„Ihr möget mich begleiten, während ich die Kerker der übrigen Ge⸗ fangenen öffne.“ 54 „Erlaube Eure Hoheit, daß mein nächſter Gefährte mich begleite,“ bat Zäwis auf Scarlatti deutend. Die⸗ ſer warf ſich vor der ſtrahlenden Fürſtin auf ſeine Kniee nieder. Sie befahl ihm gütig, aufzuſtehen und ihr zu folgen. Eine Viertelſtunde ſpäter waren alle im weißen Thurm ſchmachtenden Barone bis auf Berchtold's von Emerberg Bruder, den man vergeſſen hatte, frei, und nach Verlauf einer Stunde zog Zäwis mit den Befreiten, im Geleite des Unterkämmerers und ſeiner Leute, aus der Hofburg.. er war noch berauſcht von dem huldvollen Blick und dem Druck der Hand, die ihm die Königin beim Abſchied gereicht. Gregor von Dratſchitz hatte ſich mit einigen aus⸗ erwählten Leuten vermummt in den weißen Thurm ge⸗ ſchlichen, den Burgvoigt überfallen, ihm die Schlüſſel zu den Gefängniſſen, die er immer bei ſich führte, abgenom⸗ men, und geknebelt unter der Wacht ſeiner Leute zurückge⸗ laſſen. Mit den Schlüſſeln war er zu der Königin geeilt, und dieſer war es nun ein Leichtes geweſen, mit Dratſchitz die Befreiung Zůwis zu bewirken. Leider war, wie erwähnt, einer von den Gefangenen bei der von Zäwis erwirkten Freilaſſung aller ſeiner Schickſalsgenoſſen, Berchtold's von Emerberg Bruder, überſehen worden. Als der Burgvoigt von ſeiner Schwe⸗ 55 ſter, welcher die abziehenden Befreier die Lage ihres Bruders mittheilten, ſeiner Feſſeln entledigt wurde, machte er Lärm unter ſeinen Untergebenen und eilte mit ihnen nach den Gefängniſſen; da fanden ſie alle Neſter bis auf eins leer. Dies eine ward nun bis an den Mor⸗ gen ſtreng bewacht. Am frühen Morgen meldete der Burgvoigt dem Burggrafen, was in der Nacht vorgefal⸗ len. Dieſer überzeugte ſich ſelbſt. Er ahnte wohl, daß die Königin hinter der Geſchichte ſtecke, wagte jedoch nicht, dieſe zur Rede zu ſtellen. Um ihr aber die Mög⸗ lichkeit zu nehmen, den vergeſſenen Gefangenen auch noch zu befreien, auch um einigermaßen noch dem König zu Willen zu handeln, ließ er an dem unglücklichen Bruder Berchtold's von Emerberg, der zu denen gehörte, die ſich zu der Verſchwörung bekannt hatten, die Zäwis zuge⸗ dacht geweſene Hinrichtung vollſtrecken. Prittes Capitel. Raſtlos eilte eine Pilgerin auf ſteinigem Pfade die Abdachung hinab, welche die breite Hochebene im Süd⸗ oſten Prags mit dem Ufer der„lieblichen“ Sazawa ver⸗ 56 bindet. Ein weiter, weißgegürtelter, grauer Pilgermantel unfloß eine ſchlanke, edle Geſtalt, ein breiter brauner Pilgerhut ſchützte ein reizendſchönes Geſicht gegen die Strahlen der Morgenſonne. Es war Libusa, Dalemil's Tochter. Geſtern gegen Mittag aus Prag gewandert, hatte ſie auf der Mitte des Weges von der im Thale der Sazawa tobenden Schlacht vernommen, und war da⸗ durch bewogen worden, in dem Dorfe Mandowa den Ausgang des Kampfes abzuwarten. Bald war die Nach⸗ richt gekommen, daß die königliche Streitmacht geſchlagen worden und in wilder Flucht das Thal der Sazawa hin⸗ abgetrieben werde. Einzelne verſprengte Flüchtlinge hat⸗ ten die Beſtätigung dieſer Nachricht nach Mandowa ge⸗ bracht. Sofort hatte Libusa wieder zum Stabe gegrif⸗ fen und war weiter gezogen. Gruppen von Flüchtlingen, die ihr begegneten, hatten ſie zur Umkehr bewegen wol⸗ len, indem ſie ſie vor der Wildheit der Rebellen, die keine Scheu vor dem Heiligen hätten, alſo auch ihr Ge⸗ wand nicht achten würden, warnten. Aber Libusa hatte ſich nicht aufhalten laſſen, bis ſie in der Abenddämme⸗ rung einem ſtarken Trupp königlicher Streiter begegnet war, der, des Weges unkundig, ſie genöthig hatte mit ihm umzukehren, um ihn bis Jeſſenitz zu führen. Von da war Libusa wieder vorwärts gegangen, hatte aber vor Ermüdung nicht weiter als bis Mandowa kommen 57 können, wo ſie im Pfarrhauſe ein Nachtquartier gefun⸗ den. Früh am Morgen war ſie wieder weiter gepilgert. Und nun ſtieg ſie hinab in das Thal, in dem ge⸗ ſtern Bruder gegen Bruder im blutigen Kampfe geſtan⸗ den. Schon ſah ſie unter dem Dorfe Dnespek die Rü⸗ ſtungen und Waffen der Sieger im Strahle der Sonne ſchimmern. Dorthin lenkte ſie ihren Schritt; das Feld⸗ lager der Witkowetze war ihr Ziel. Am genannten Dorfe ſtieß ſie auf einen Vorpoſten, der die Pilgerin ruhig vor⸗ überziehen ließ. Aber ſie blieb vor ihm ſtehen und fragte, wo ſie Herrn Witek oder Wok von Krumau, oder auch Herrn Hroznata von Huſitz finde? „Die ſind mit dem Ordnen ihrer Schaaren auf der andern Seite des Dorfes beſchäftigt,“ war die Ant⸗ wort, und Libusa ging das Dorf hinab. Ihr Herz ſchlug hörbar, als ſie ſich dem in der Aufſtellung begriffenen Heere nahte. Aber das Bewußt⸗ ſein, Großes zu vollbringen, beſiegte die mädchenhafte Schüchternheit. Auf einer kleinen Bodenerhöhung ſah ſie eine Anzahl glänzender Reiter, umgeben von andern, minder vornehm ausſehenden Reitern mit Standarten, welche die fünfblätterige Roſe in verſchiedenen Farben führten Auf dieſe Gruppe ging ſie zu. Näher kommend, er⸗ kannte ſie unter den vornehmen Reitern Herrn Hroznata von Huſitz. Ein Standartenträger hielt die Pilgerin an 1860. XIX. Zäwis von Roſenberg. I. 4 58 und fragte, was ſie hier im Kriegslager wolle d Hier ſei kein Wallfahrtsort. Einige Krieger zu Fuß näherten ſich, und als ſie das ſchöne Geſicht ſahen, vermutheten ſie, in dem Pilgergewande berge ſich ein Geſchöpf zu lo⸗ ſer Kurzweile. Zwei hingen ſich rechts und links an ihren Arm. Aber ſie riß ſich ſchnell los und ſtrafte die Dreiſten mit erhabenem Zorn in Worten und Gebärden. Sie ließen ab von ihr, doch ſchnell war ein ganzer Schwarm von Reitern und Fußvolk bei der Hand, ſie zu umringen und loſen Scherz mit ihr zu treiben. Würde⸗ voll ſagte ſie:„Wenn Ihr der Roſe dient, ſo ſchändet ſie nicht durch Rohheit und Leichtfertigkeit. Auch ich bin im Dienſte der Roſe— im Dienſte Herrn Zäwis' von Fal⸗ kenſtein— in ſeinem Namen ſag' ich Euch: laßt mich hin zu Herrn Hroznata von Huſitz, den ich dort oben ſehe.“ Das rohe Kriegsvolk wich auseinander und bald ſtand ſie vor Hroznata von Huſitz. Sie nahm ihren Pilgerhut ab und ſagte:„Gott ſei mit Euch, Herr Hroznata; vielleicht beſinnt Ihr Euch auf die Tochter Dalemil's, den Ihr manchmal beſucht in Prag.“ „Ihr ſeid es, ich erkenne Euch,“ rief Hroznata freudig;„wer ſollte Euer Bild vergeſſen? Aber was in 59 aller Welt treibt die zarte Jungfrau in das wilde Kriegs⸗ lager?“ „Der Wunſch, das Haupt Zäwis' von Falkenſtein vom Henkerbeil zu retten,“ gab Libusa zur Antwort. „Ihr übertreibt wohl die Gefahr,“ erwiderte Hro⸗ znata;„indeß habt Dank für Eure Sorge, die der unfri⸗ gen begegnet. Wir ſind im Begriffe den edlen Gefange⸗ nen zu befreien.“ „Ihr werdet ihn tödten, indem Ihr ihn befreien wollt,“ erklärte Libusa;„denn der König hat befohlen, daß er enthauptet werde, wenn ſeine Freunde ſich ſeines Gefängniſſes bemächtigen wollen. Der Henker ſteht be⸗ reit, den Befehl zu vollſtrecken, wenn Ihr die Burg be⸗ drängt.“ „Iſt das wahr?“ fragte Hroznata beſtürzt. „Sonſt hätte ich mich nicht der Gefahr ausgeſetzt, in die Hände rohen Kriegsvolkes zu fallen,“ erwiderte Libusa. Hroznata rief die etwas entfernt haltenden Brüder Zäwis' herbei und forderte Libusa auf, vor ihnen ihre Botſchaft zu wiederholen. Libusa meldete ausführlicher, was ſie über das dem Haupte der Witkowetze drohende Schickſal erfahren. „Das ändert freilich Alles,“ ſagte Witek hierauf. „Verwünſcht!“ rief Wock;„es ging Alles ſo herr⸗ 4* 60 lich, und nun müſſen wir das Schwert in die Scheide ſtecken. Aber wer weiß, die Mähr iſt am Ende erdichtet, vielleicht nur eine Kriegsliſt, um dem Feinde Zeit zu verſchaffen, ſich zu ſammeln und zu verſtärken.“ „Nehmt meinen Kopf zum Pfande, daß ich die Wahrheit rede,“ ſagte Libusa. Hroznata, dem Zäwis' Verhältniß zu Dalemil's Tochter nicht ganz fremd geblieben, ſetzte die beiden Brüder davon in Kenntniß und zerſtreute damit jeden Zweifel an Libusa's Ausſage. Es wurden nun ſofort die übrigen Parteihäupter, darunter Albrecht von Seeberg, Sobehrad von Lititz, Boleslaw von Smeeno und Berchtold von Emerberg, herbeigerufen zum Kriegsrath. Alle ſahen ein, daß, wenn Libusa's Bericht in Wahrheit beruhte, nicht weiter vor⸗ gegangen werden konnte. Aber nicht Alle waren von dieſer Wahrheit überzeugt; deßhalb wurde beſchloſſen, Kundſchafter in Mönchsgewändern nach Prag zu ſchicken, bis zu ihrer Rückkunft aber Libusa in Haft zu behalten. „Wehe der Dirne, wenn ſie gelogen!“ drohte Albrecht von Seeberg;„ſie ſoll dann eine Beute des gemeinen Kriegsvolks werden!“ „Herr Hroznata und Ihr Herren von der Roſe, ich vertraue mich Eurem Schutz,“ ſagte Libusa würdevoll zu den Dreien. 61 „Ihr bleibt bei uns,“ ſagte Wok;„doch können wir Euch nur ſo lange ſchützen, als Eure Botſchaft nicht widerlegt iſt.“ Es wurden nun die Kundſchafter ausgewählt, welche, da für ſolche Fälle vorgeſehen war, ohne Wei⸗ teres ihre Verkleidung erhalten und nach Prag abgehen konnten. Es waren aber nur wenige Stunden nach ihrem Abgang verfloſſen, als ſie in Begleitung Zäwis' von Falkenſtein und ſeiner Schickſalsgenoſſen zurückkehrten. Mit lautem Frohlocken wurde der„Wladyka“ von den Witkowetziſchen Kriegern auf dem Lagerplatze begrüßt und zu dem Zelte geleitet, in welchem ſich ſeine Brüder und Hroznata befanden. Mit freudigem Staunen ſahen ihn dieſe eintreten. „Ich dank Euch für Eure Liebe,“ ſagte Zäwis nach der ſtürmiſch⸗herzlichen Begrüßung;„aber ich hätte gewünſcht, Ihr hättet ruhig den Ausgang des Prozeſſes erwartet, ſtatt zu meiner Befreiung den Bürgerkrieg zu entzünden, der das Vaterland in's Verderben hätte ſtürzen müſſen. Leider iſt ſchon Bruderblut gefloſſen, ich hoffe, daß es das erſte und letzte iſt, das vergoſſen worden, da Euer Zweck nun erreicht iſt.“ Ein Kriegsrath wird zu entſcheiden haben, ob wir die erlangten Vortheile weiter verfolgen, oder das 62 Schwert in der Scheide, abwarten, ob unſer Feind, durch neue Siege geſtärkt, uns vollends zu Boden drückt,“ meinte Wok. „Ich erwarte, daß meine Brüder jetzt vor Allem der Stimme der Pflicht gegen das Vaterland Gehör geben,“ ſagte Zäwis mit Nachdruck;„ruft die Bundesgenoſſen zuſammen!“ Witek und Wok verließen das Zelt. „Sagt mir nur, edler Freund, wie Ihr in die ſchreckliche Lage gekommen?“ ſagte Hroznata jetzt zu Zäwis;„ſicher habt Ihr Euch doch nicht an der Ver⸗ ſchwörung betheiligt!“ „Natürlich nicht,“ verſetzte Zäwis;„aber laßt mich Euch den Hergang der Sache ein andermal erzählen. Ich hörte von den Kundſchaftern, die Ihr ausgeſandt, Ihr wäret durch ein Mädchen in Pilgerkleidern bewogen worden, ſtill zu ſtehen. Sie konnten mir keine nähere Auskunft über ſie geben— wo iſt ſie? Man ſagte mir, ſie ſei einſtweilen in Haft genommen worden.“ Hroznata ging in den Hintergrund des Zeltes und führte Libusa vor den hohen Geliebten. „Meine Libusa!“ rief Zäwis froh erſtaunt und ſchloß das zitternde und erglühende Mädchen in ſeine Arme. Hroznata ging zartſinnig vor den Eingang des Zeltes. K 63 „Mein hoher— verehrter Freund!“ ſtammelte Li⸗ buza, ſich ſeinen heißen Küſſen entziehend—„wie viel müßt Ihr gelitten haben!“ dan „Du ſiehſt, daß es mich weder aufgezehrt, noch zu Boden gedrückt hat,“ erwiderte Zäwis;„jedes Uebel trügt ſeinen Balſam in ſich ſelber, zumal wenn es über⸗ wunden iſt. Das ſchwerſte Leid war, daß ich Dich ent⸗ behren mußte; dafür führt Dich mir der Himmel an der Pforte der neugeſchenkten Freiheit entgegen. Aber ſage mir, welchem Umſtand verdanke ich dieſes Glück? Was trieb Dich, in das Kriegslager zu eilen und meine Freunde hier zurückzuhalten?“ u Kibusa erzählte die ganze Veranlaſſung. O Du ſüßer Engel!“ rief Zäwis, ſie auf's neue umarmend—„mein treuer, muthiger Schutzgeiſt!“ Hier mußte er an die Königin denken, die ſich ihm ja auch als Schutzgeiſt erwieſen, obſchon— das mußte er ſich ſagen— Libusa es lediglich um ſeiner Perſon willen geweſen, die Königin zugleich oder hauptſächlich um des Vaterlandes und ihrer Krone willen. Zum erſtenmale trat in Libusa's lebendiger Nähe das Bild der Königin vor ſeine Seele; ſo mächtig war der letzte Eindruck, den ſie auf ihn gemacht hatte. Aber noch behauptete Libusa's perſönlicher Zauber ſein Recht: jenes verführeriſche Bild hatte doch nur ſeine Phantaſie beherrſcht, dieſes holdſelige 64 Weſen beherrſchte die ganze Tiefe ſeines Gemüthes. Er ſetzte ſich auf einen Feldſtuhl und zog ſie auf einen andern neben ſich nieder, um in trauter Unterhaltung ſich an den Ausſtrömungen ihrer reinen, ihm nächſt Gott allein geweihten Seele zu erquicken. Aus dieſem entzückenden Genuß riß ihn die Mel⸗ dung Hroznata's, daß der Kriegsrath beiſammen ſei und ihn erwarte. Auf halbem Wege zur Verſammlung trat ihm Berchtold Schenk von Emerberg in großer Auf⸗ regung entgegen. „Seid gegrüßt, edler Herr!“ rief er ihm zu;„ich freue mich Eurer Freiheit— aber ſagt mir, wißt Ihr nichts von Euren Mitgefangenen, dem Fräulein von Mahrenberg und meinem Bruder? Eure Gefährten, die Rieſenburge und Pota von Potenſtein ſagen, ſie ſeien nicht mit in Freiheit geſetzt worden.“ Zäwis wußte nicht, was mit ihnen geſchehen, er hatte bei der Freilaſſung ſeiner anderen Mitgefangenen nicht an ſie gedacht, ſie daher auch nicht vermißt. „So ſind ſie noch gefangen,“ klagte Berchtold,„ſo ſchmachten ſie noch im Kerker, dieſe freiheitdürſtenden Seelen!— Aber ich will ſie befreien, und wenn ihr Ker⸗ ker ſo feſt wäre, wie der Bauch der Erde!“ Zäwis gab dem Leidenſchaftlichen keine Antwort, ſondern wendete ſich den Baronen zu, die ihm vom Ver⸗ 65 ſammlungsplatze aus eine Strecke entgegen kamen. Die noch gegenwärtigen Witkowetze begrüßten ihr Haupt mit ſtürmiſchen Freudenbezeigungen, die meiſten Andern mit Zeichen großer Achtung. Nachdem Zäwis die Grüße durch Händedrücke er⸗ widert, betrat er mit ihnen den Platz der Berathung. In ſeiner ruhigen, klaren und dabei warmen Weiſe ſtellte er ihnen kurz die Lage des Vaterlandes vor, und wie in ſolcher Lage alle Parteileidenſchaften ſchweigen, alle Parteien ſich um das Banner der Unabhängigkeit des Vaterlandes ſchaaren müßten. Jedes und ſelbſt das gerechteſte Streben werde zum Verrath, ſobald es den Feinden des Landes in die Hände arbeite. Dies ſei aber in der verderblichſten Weiſe der Fall, wenn man jetzt im Rücken des mit ſolchen Feinden kämpfenden Königs den Bürgerkrieg entzünde. Pflicht ſei es vielmehr, jetzt mit dem größten Eifer zu rüſten, um den König im Noth⸗ fall zu unterſtützen. In ſolchem Falle könne man immer⸗ hin ſeine Bedingungen ſtellen, und er könne mit dem Worte der Königin bürgen, daß billige Bedingungen Ge⸗ währung finden würden. Er rathe zum Frieden im Innern, damit der Kampf nach Außen glücklich ende. „Wie!“ erwiderte Albrecht von Seeberg,„ſo könnt Ihr rathen, Ihr, den der Tyrann auf die ſchändlichſte Art hat morden wollen? Fließt Taubenblut in Euren Adern und habt Ihr Herz und Leber eines Lammes? Verflucht will ich ſein, wenn ich ſolchem Rathe folge, und ſollte ich der einzige Mann im ganzen Lande Böhmen ſein, der den Muth hat, ſein gutes Recht zu erkämpfen; ich will das einmal gezogene Schwert nicht eher in die Scheide ſtecken, bis ich's erkämpft, oder als tapferer Kämpe gefallen. Aber ich glaube, es ſind ihrer hier noch Manche gleichen Sinnes, ja ich glaube, die wenigſten unter dieſen edlen Herren werden geneigt ſein, das ſieg⸗ reiche Schwert roſten zu laſſen, und ſtatt unſerm nächſten und gefährlichſten Feind als Sieger den Frieden vorzu⸗ ſchreiben, ihn als reuige Sünder um die Gnade zu bitten, für ihn den äußeren, mehr ſeinen als des Landes Feind bekriegen zu dürfen, damit er dann nur um ſo gewaltiger und trotziger gegen uns werde. Ich ſtimme für S ſetzung des glorreich begonnenen Kampfes!“ Ihm ſtimmten die Rieſenburge und faſt alle nicht zum Geſchlechte der Witkowetze gehörigen Barone un⸗ bedingt bei; viele der Witkowetze wollten, nachdem ſich der nächſte Grund zur gegenwärtigen Erhebung erledigt, zwar vom weitern Kampfe abſtehen, jedoch gerüſtet bleiben, nicht um den König zu unterſtützen, ſondern um nach glücklicher Abwehr des äußern Feindes ihm die Rückkehr in ſein Land nur unter guten Bedingungen zu geſtatten. Nur Hroznata ſprach mit Wärme für Zäwis' —— 0 67 Rath, aber er übte keinen Einfluß auf die erhitzten Ge⸗ müther Dagegen gelang es einem der Rieſenburge, un⸗ ter Hinweiſung auf ihres Vetters Boreſch verzweifelte Lage, wenn man ihn gegen das gegebene Wort im Stiche laſſe, ſelbſt noch mehrere Witkowetze, darunter ſogar Zä⸗ wis Bruder Wok, am eifrigſten aber Sezema von Neu⸗ haus, für Albrechts von Seeberg Rath zu ſtimmen. Vergebens erhob noch einmal Zäwis ſeine Stimme, der Verſammlung das ganze Unheil und die ganze Schmach des Bürgerkrieges zu Gemüthe zu führen und ſie bei der Liebe zum Vaterlande zu beſchwören, ſeinem Rathe zu folgen; es erging ihm, wie immer den beſonnenen Pa⸗ trioten in der Erhitzung der Parteileidenſchaften, er ward zuletzt nicht mehr gehört und die große Mehrheit der Verſammlung beſchloß die Fortſetzung des unheilvollen Kampfes. Mit tiefem Seelenſchmerz verließ Zäwis die Ver⸗ ſammlung und ging hinab in das Zelt, in welchem Li⸗ buða ſeiner harrte. Langſam folgten ihm Hroznata und Witek nach. Libusa ſah die Trauer in Zäwis' Mienen. „Euer edles Streben iſt gewiß erfolglos geweſen, mein hoher Freund?“ ſagte ſie ſeine Hand erfaſſend und küßend. „Ich habe jetzt die ſchmerzlichſte Erfahrung meines Lebens gemacht,“ erwiderte er;„ſelbſt meine Brüder ſind taub gegen die Stimme der Pflicht. Ich bin von 68 allen Freunden, bis auf einen, verlaſſen— meinen treuen, edlen Hroznata. So muß ich das Verderben über das Vaterland hereinbrechen ſehen und kann nichts, gar nichts dagegen thun!“ Libuda ſchmiegte ſich innig an ihn an und eine Thräne entrollte ihrem Auge. „Doch nein,“ nahm Zäwis wieder das Wort, „eins kann ich noch thun: ich kann in mein Gefängniß zurückkehren und durch die über meinem Haupte ſchwe⸗ bende Gefahr wenigſtens meine Blutsverwandten zwin⸗ gen, ſich vom Aufruhr loszuſagen! Das will ich auch thun.“ „Das verhüte Gott,“ rief Libusa entſetzt,„daß Ihr Euch auf's neue dem Elende des Kerkers und der gräu⸗ lichen Todesgefahr ausſetztet. Was gewönnet Ihr auch durch Euer Opfer? Glaubt Ihr, daß dadurch Friede im Lande wird? Wird der Aufruhr nicht auch ohne Eure Verwandte, wenn auch in anderer Richtung, fortwüthen? Ein Mißverſtändniß, ein böſer Zufall kann bewirken, daß Euer Haupt fällt, und würde das den Bürgerkrieg nicht erſt recht entzünden? Nein, Ihr müßt frei bleiben, müßt Euch dem Vaterlande erhalten für beſſere Zeiten. Sie werden ja kommen, Gott wird ja unſer Böhmen nicht ganz verlaſſen!“ „Und was ſoll ich in der Freiheit thun?“ warf 69 Zůwis ein;„ſoll ich mich auf meine Burg ſetzen und müßig zuſchauen, wie Böhmen ſich ſelbſt zerfleiſcht? Oder ſoll ich zu den Waffen greifen und wider mein ei⸗ genes Fleiſch und Blut kämpfen? Dies vermag ich nicht und jenes würde mich wahnſinnig machen. So bliebe mir etwa nur, weit, weit fort zu fliehen in die ſarmati⸗ ſchen Wälder, in deren tieſſte, finſterſte, abgeſchiedenſte Schlucht mich zu verbergen, um nichts zu ſehen, nichts zu hören von dem Unglück des Vaterlandes und meine Hände rein zu erhalten von Bruderblut.“ „Und da ginge ich mit Euch und diente Euch als treue Magd; ich würde mit Wolluſt ſchaffen Tag und Nacht, um Euch die Einöde wohnlich zu machen, und von Zeit zu Zeit flöge ich aus wie die Tauben Noah's, zu forſchen, wie es draußen ſtünde, und einmal würde ich doch mit dem Oelzweig zurückkehren.“ Zäwis ſchlang gerührt ſeinen Arm um das ſinnige Weſen und ſagte:„Du holde Zauberin! Welch ein neues, ſüßes, verlockendes Bild entfalteſt Du da vor meiner Seele! Allein mit Dir in einer ſtillen Waldeinſamkeit, vielleicht in einem ſchönen Waldthale, an murmelnder Ouelle, in einer ſelbſt gebauten Hütte— das wäre ja ein paradieſiſches Leben! Wir lebten allein Gott, der edlen Dichtkunſt und uns; wir beteten vereinigt im grü⸗ nen Dome, den tauſend ſchlanke Säulenſchäfte tragen; 70 wir ſängen mit den Vögeln des Waldes um die Wette, wir trügen in uns den Frieden, den die Welt nicht gibt, und hätten eins in dem andern die ganze Welt, die wir brauchten. Wollteſt Du wirklich ein ſolches Leben mit mir führen?“ Sie ſah zu ihm empor mit leuchtenden Augen und verklärtem Angeſicht, darin das freudigſte, das ſeligſte Ja lag. Sie preßte ſeine Hand an ihre hochklopfende Bruſt und flüſterte:„Mein hoher, herrlicher Freund und Geliebter!“ „Wohlan!“ ſagte er,„ſo ſei es! Aber nicht als meine Dienerin, als mein Weib ſollſt Du mit mir gehen. Meine Sippe hat mich verlaſſen, ſie hat kein Recht mehr zu verlangen, daß ich ihrem Stolze Rechnung trage. Das Band zwiſchen ihnen und mir iſt zerriſſen, ich ſchließe mich an Dich, Du Reine und Heilige. Wir brauchen uns nicht erſt eine Hütte zu bauen. Ich habe ein kleines Schloß tief im Mährenlande, im Schooße uralter Wäl⸗ der, weit entfernt von jeder Heerſtraße und jedem Wohn⸗ ſitze von Menſchen. Dorthin wollen wir ziehen, unter⸗ wegs wird ein freundlicher Prieſter uns verbinden— willſt Du ſo? Willſt Du mein trautes, liebes Weib ſein? Willſt Du mir als ſolches folgen in die mähriſchen Wälder?“ „An's Ende der Welt,“ erwiderte Libusa unter 7¹ ſtrömenden Thränen ſich an ſeine Bruſt werfend;„aber ich kann dies ungeheure Glück ja gar nicht ertragen.“ „Wirtragen's miteinander, und ich getraue mir, eine gute Laſt Glück auf meine Schultern zu nehmen,“ ver⸗ ſetzte Zäwis.„So iſt denn unſer Loos geworfen, wir ſind von nun an Eins. Doch laß uns hier die alte Rolle gegen einander fortſpielen— um meiner Mutter willen mag unſer Bund der Sippe vor der Hand noch ein Ge⸗ heimniß bleiben.“ Jetzt zeigte ſich Hroznata mit Scarlatti vor dem Zelte. Zäwis rief ſie herein.„Ihr kommt im rechten Augenblick,“ redete er ſie an,„Euch darf ich vertrauen. Erkennt in dieſer edlen Jungfrau meine Braut, bald mein Weib.“ Beide waren zwar nicht wenig überraſcht, aber ein Blick auf Libusa's Erſcheinung genügte, um die Wahl Zäwis' in ihren Augen zu rechtfertigen. Hroznata ſprach ſeinen herzlichſten Glückwunſch aus. Zäwis dankte und fügte hinzu:„Ich kann in dieſer Zeit nichts Beſſeres thun, als mich von allen Welthän⸗ deln zurückzuziehen, im Glücke eines geliebten Weſens mein eigenes zu gründen und mit ihm vereint den Geiſt zu erheben, zu erweitern und zu läutern. Ihr ſeid mit mir in gleicher Lage; mein Freund Hroznata, Ihr könnt nichts thun in dieſem unheilvollen Streit. So folget 72 meinem Beiſpiel. Ich weiß, Ihr liebt meine Schweſter und ſeid von ihr geliebt— gehet hin und vereinigt Euch mit ihr. Dies ſei meine letzte Handlung als Oberhaupt meines Hauſes: ich gebe Euch meine Schweſter zur Gat⸗ tin. Macht ſie ſo glücklich, wie ſie es zu ſein verdient!“ „Wladyka— guter, großer, herrlicher Freund!“ rief Hroznata außer ſich vor Entzücken. „Mein Bruder!“ erwiderte Zäwis, ihn umarmend. „Längſt mir geiſtig verbrüdert, wirſt Du es nun auch durch die Bande des Blutes; gib mir den Bruderkuß!“ „Mein Bruder für die Ewigkeit!“ ſagte Hroznata, den Kuß mit ihm tauſchend.„Doch jetzt laß mich Dir ein Wort ſagen, was mit Deinem Entſchluß in Wider⸗ ſpruch ſteht. Im Grundſatz bin ich mit Dir einverſtanden, daß wir nicht mit unſern zeitherigen Freunden gemeine Sache machen dürfen. Allein ich habe mich gefragt, vb es nicht doch beſſer für das Vaterland ſei, wenn wir uns ſcheinbar der Erhebung anſchließen? Ohne Dich, das ſehe ich kommen, werden die Rieſenburge Herren der ganzen Bewegung werden, und ſie werden ſie auf's äußerſte treiben. Boreſch von Rieſenburg ſteht mit dem deutſchen Kaiſer im Einverſtändniß, er ſieht das alleinige Heil des böhmiſchen Adels in deſſen unmittelbarer Vaſallenſchaft zum deutſchen Reiche; dieſes Ziel wird er erkämpfen, wenn er die Bewegung leitet. Dann lebe wohl, Du alte 73 bömiſche Unabhängigkeit. Stellſt aber Du Dich an die Spitze der Bewegung, ſo kannſt Du ſie anders und wenigſtens ſo lenken, daß das Schlimmſte abgewendet wird vom Vaterlande. Deiner Geiſtesmacht wird es ge⸗ lingen, Dich der Gemüther der meiſten unſerer Bundes⸗ genoſſen zu bemeiſtern, und ſtatt zum Verderben, kannſt Du ſie einſt zur Rettung des Vaterlandes brauchen.“ „Hroznata!“ rief Zäwis beſtürzt,„welche furcht⸗ bare, verantwortliche und dabei häßliche Rolle denkſt Du mir zu! Fordere von mir die That jenes Römers, der ſich in den Abgrund ſtürzte, um ſeine Vaterſtadt zu retten, aber verlange von mir nicht die Falſchheit und Doppelzüngigkeit!! „Ich weiß, es gehört eine ungeheure Selbſtver⸗ läugnung zu dieſer Rolle, aber wenn das Vaterland nur um dieſen Preis zu retten iſt, ſo wird meines Zäwis große Seele nicht vor ihr zurückbeben.“ „Verlaßt mich auf eine Viertelſtunde, Ihr Herren,“ bat Zäwis in großer Erregung.„Du, Libusa, bleibſt bei mir!“ Hroznata und Scarlatti verließen das Zelt. Zäwis ging brütend auf und ab. Endlich blieb er vor Libusa, die kein Auge von ihm verwandte, ſtehen.„Was ſageſt Du dazu? Soll ich das reine, ſelige Leben, in das wir vorhin im Geiſte ſchauten, mit der Scheinrolle eines 1860. XIX. Zäwiß von Roſenberg. II. 5 Rebellen und mit all dem Fluch vertauſchen, mit dem ſie ſelbſt im glücklichſten Falle verknüpft iſt?“ „Du ehrſt mich hoch durch dieſe Frage, mein theu⸗ rer Herr,“ antwortete Libusa;„thue, was Dein großer Geiſt Dir gebietet, es wird allemal das Rechte ſein.“ „Wenn ich nun das Schwerere wähle, wenn ich mich an die Spitze dieſer unheilvollen Bewegung ſtelle, um ſie zum Heile zu wenden, dann bleibt unſer Glück lange hinausgeſchoben,“ gab Zäwis zu bedenken. „Es wird um ſo größer ſein, wenn Du das Vater⸗ land gerettet.“ „Aber was wird aus Dir inzwiſchen? Du kannſt nicht mit mir im Kriegsgetümmel umherziehen.“ „Ich kann einſtweilen in meinen Dienſt bei der Königin zurückkehren oder in ein Kloſter gehen und für Deine Sache beten, bis Du mich rufſt.“ „Das letztere wäre mir lieber.“ „Dann iſt es auch mir das Liebſte; es wird wohl irgend ein ſtilles Kloſter ein Plätzchen für mich haben.“ „Dafür laß mich ſorgen; jetzt bleibſt Du bei mir, bis wir an ein Kloſter kommen, wo Du ſicher und wohl aufgehoben biſt.“ Zetzt kehrte Hroznata mit Scarlatti zurück; die Brüder Wok und Witek folgten ihnen. „Bruder!“ ſagte Wok zu Zäwis;„laß Dich bitten, 75 uns nicht feindlich den Rücken zu kehren. Bedenke, was wir Alles durch König Otakar gelitten, welche Tyrannei er gegen den ganzen Adel geübt, und daß es kein Mittel gibt, das Joch abzuſchütteln, als das, was wir jetzt er⸗ griffen. Bedenke auch, daß Du allein der Mann biſt, der Bewegung die Vahn zu geben und zur rechten Zeit zu rufen: bis hirper und nicht weiter! Sieh', unſer ganzes großes Geſchlecht, mit Ansn me Heinrich's von Roſenberg, iſt entſchloſſen in den Kaupf zu gehen, wie kannſt Du, unſer Haupt, Dich ihm entziehen, um vielleicht dem Boreſch von Rieſenburg die Stelle einzuräumen, die Dir gebührt! Sei Du unſer Führer, werde Du der Wiederherſteller des alten freien Böhmens!“ „Iſt der Kriegsrath noch verſammelt?“ fragte Zãwis. „Er hat uns abgeordnet, Dich um einen letzten Beſcheid zu bitten; er erwartet unſern Bericht.“ „So ſagt den Herren, ich wolle mich ihnen anſchlie⸗ ßen, doch nur unter der Bedingung, daß mir der un⸗ beſchränkte Oberbefehl übertragen wird.“ „Der iſt Dir bereits zugedacht, 4 verſicherte Witek. „Dann werde ich eéuch in wenig Augenblicken folgen,“ erklärte Zäwid. 5 Die Brüder gingen. Bald folgte ihnen Zäwis mit Hroznata in den Kriegsrath. Erſterer ward mit 5* 76 freudigen Zurufen empfangen. Er ſagte den Ver⸗ ſammelten, es ſei ihm ſehr ſchwer geworden, dieſen Schritt zu thun; aber ſchließlich habe die Ueberzeugung geſiegt, daß er ihn thun müſſe. Es freue ihn, daß man ihm die Ehre des Oberbefehls zugedacht, noch bevor er ſelbſt den Anſpruch darauf erhoben; er nehme die Ehre an und ſchwöre, ſein Amt nach Pflicht und Gewiſſen, zum Beſten des unterdrückten Rechtes und des Vaterlandes zu verwalten, dagegen erwarte er unbedingtes Vertrauen und die pünktlichſte Befolgung ſeiner Befehle. Der erſte Fall ſich äußernden Mißtrauens oder des Ungehorſams werde ihn veranlaſſen, den Befehl niederzulegen. Alle riefen ihm Beifall zu und gelobten ihm Ver⸗ trauen und Gehorſam. Damit war der Kriegsrath für heute geſchloſſen. Zäwis ließ am folgenden Morgen das Heer zum Marſche aufbrechen. Statt nach Prag, führte er es über Rican, dann zwiſchen Prag und Brandeis durch nach der Moldau, wo er ſich mit Boreſch von Rieſenburg ver⸗ einigte, der ihn mit ungeheuchelter Freude begrüßte und ſich gern Befehle unterordnete. Allein das Einvernehmen zwiſchen den beiden Ge⸗ ſchlechtshäuptern war nur von kurzer Dauer. Boreſch von Rieſenburg war für eine Ueberrumpelung der Hauptſtadt, Zäwis wollte das vereinigte Heer ſofort mit Umgehung 77 Prags nach Süden, an die Grenze Oeſterreichs führen. Anfangs wagte Niemand ſich ſeinem Befehle zu wider⸗ ſetzen; aber Boreſch von Rieſenburg wühlte unter den andern Baronen zu Gunſten ſeiner Anſicht, und plötzlich, als ſie nur erſt drei Tagemärſche von Prag waren, er⸗ klärte die große Mehrheit der Barone, nicht weiter mar⸗ ſchiren, ſondern nach Prag zurückkehren zu wollen, um ſich der Hauptſtadt ſammt der königlichen Burg mit der Familie Otakar's zu bemächtigen und die Zügel der Re⸗ gierung zu ergreifen. Leider waren auch die Witkowetze von Lomnitz, Gratzen und Neuhaus, ſowie Zäwis“ Bruder Wok für dieſen Plan. Vergebens ſuchte Zäwis ſeinen Willen durchzuſetzen. Da legte er empört den Oberbefehl nieder und ſagte ſich von der ganzen Bewe⸗ gung los. Ihm folgte Hroznata mit Witek, letzterer jedoch nur, um ſich mit den Witkowetzen von Wittingau, Pi⸗ benitz, Pilgram zu einem Streifzug in das ſüdweſtliche Land zu vereinigen, welcher die Wegnahme mehrerer könig⸗ lichen Burgen und Städte zum Zwecke haben ſollte. Wok machte noch einen Verſuch, Zäwis zur Fort⸗ führung des Oberbefehles zu bewegen.„Bedenke, daß Du es in Deiner Hand haſt, der erſte Mann in Böhmen zu werden,“ ſagte er;„wenn wir den Thrannen nieder⸗ werfen, wird Dich unſer Heer, wird alles Volk Dich als den Herrn Böhmens begrüßen. Denkſt Du nicht an den merkwürdigen Traum unſerer Mutter?“ 78 „Schweig!“ rief Zäwis unwillig;„wer wird ſolcher Thorheit gedenken! Kann keine Bitte, keine Er⸗ mahnung Dich losreißen von dieſer unſeligen Empörung, ſo zerreiße ich in dieſem Augenblicke das brüderliche Band zwiſchen mir und Dir, und ich verfluche den Augenblick, wo ich mich an dieſer Sache betheiligte.“ S Wok kehrte ſich trotzig ab. Da verlor Zäwis kein Wort an ihn.„Folgt mir!“ ſagte er zu Hroznata und Scarlatti;„wir holen jetzt meine Braut aus ihrem heiligen Zufluchtsort. Dort wird auch ein freundlicher Prieſter mir ſie antrauen. Ich fliehe mit ihr aus dieſer Welt des Haders und der Verwirrung. Du, Hroznata, gehſt nach Krumau und folgſt meinem Beiſpiel. Sei meiner Mutter ein treuer Sohn, eine Stütze und ein Beſchützer. Ein Schreiben von mir, das ich Dir mitgebe, wird ſie unterrichten, daß ich die Hand meiner Schweſter an Dich vergeben, und ſie wird nicht Anſtand nehmen, ihren Segen dazu zu geben. Meine Vermählung halte vor ihr geheim, ſie könnte den Gedanken einer Miß⸗ heirath nicht ertragen.— Ihr, Scarlatti, könntmich in die mähriſchen Wälder begleiten, oder auch mit Herrn Hro⸗ znata nach Krumau gehen, das Euerm Künſtlergeiſt frei⸗ lich mehr Anregung gewährt als jene Waldeinſamkeit.“ „Dieſe Anregung kann mir nirgends fehlen, wo Ihr ſeid,“ erwiderte Scarlatti;„verdanke ich doch Euch ieeieeecheie 79 allein die echte Weihe der Kunſt. Ich gehe mit Euch, wenn Ihr erlaubt.“ „Mir kann Eure Geſellſchaft nur angenehm ſein,“ verſicherte Zäwis. Bald hatten die Drei mit Hroznata's Dienſtmannen das Lager im Rücken, und drei Tage ſpäter weihte ein Prieſter in einer ſtillen Kloſterkirche den Herzensbund Zäwis' und Libusa's. Biertes Cagitrl. Die Königin erfuhr mit großem Befremden, daß Zãwis ſich ſelbſt an die Spitze der aufſtändiſchen Barone geſtellt habe; was dieſer Thatſache voranging und ihr Beweggrund konnte nicht leicht zu ihrer Kenntniß gelan⸗ gen. Sie ward daher irre an dem Mann, von deſſen rei⸗ nem Patriotismus ſie eine ſo hohe Meinung gehabt, von dem ſie außerdem ſich geſchmeichelt hatte, daß er um ihretwillen mit doppeltem Eifer die Aufgabe löſen werde, die er aus Patriotismus ſo bereitwillig übernommen. Mit Schmerz über die vermeintliche Täuſchung folgte ſie ſowohl dem Rathe der erſten Reichsbeamten 80 als den dringenden Bitten der Prager Bürgerſchaft, mit ihren Kindern in den Königshof zu überſiedeln und ſich dem Schutze der treuen, zur tapferſten Gegenwehr ent⸗ ſchloſſenen Bürger anzuvertrauen. Als ſie bei ihrem Ein⸗ zuge in die uralte Nebenreſidenz der böhmiſchen Herr⸗ ſcher von dem Volke mit Jubel empfangen ward, dankte ſie in einer rührenden Anſprache und begeiſterte dann die Bürger durch die Erklärung, daß ſie nicht allein für ſich kämpfen laſſen, ſondern ſelbſt an der Spitze der Kämpfer ſtehen wolle, um das Erbe ihrer Kinder gegen die An⸗ griffe der Rebellen zu vertheidigen. In der innern Erregung über Zäwis'„Verrath“ und der allgemeinen Unruhe der Zeit vergaß die Köni⸗ gin ihre auf ſo räthſelhafte Weiſe verſchwundene Diene⸗ rin Libusa faſt ganz. Nur der Anblick Dalemil's, der mit einem Theile des Reichsarchivs ſie nach dem Königs⸗ hof begleitete, erinnerte ſie zuweilen an das intereſſante Mädchen. Der Gelehrte war über das ihm doppelt räth⸗ ſelhafte Verſchwinden ſeiner Tochter tief bekümmert; er hatte die ganze Stadt und die nächſte Umgebung nach einer Spur von ihr durchſucht, aber ohne allen Erfolg; da bemächtigte ſich ein tiefer Gram ſeiner Seele. Wirklich nahm die Königin einen thätigen Antheil an den Vertheidigungsanſtalten der Bürgerſchaft. Oft ſah man ſie mit kleinem Gefolge durch die Stadt, von 81¹ Thor zu Thor reiten, vft die Thürme beſteigen, und die hier wie dort aufgeſtellten Streiter zur tapfern Wehr er⸗ muntern. Es lag für ſie eine Genugthnung darin, ſelbſt⸗ thätig im Kampfe dem Manne gegenüber zu ſtehen, in dem ſie ſo gern ihren erſten Paladin erblickt hätte, und der nun das Schwert gegen ſie gezogen. Gegen ſie ſelbſt? Das war freilich eine Frage, die ſie im Innerſten ihrer Seele verneinte, wo oft auch eine Stimme zu Gunſten des Rebellen ſprechen wollte. Als das aufſtändiſche Heer, ſtatt gerade auf die Hauptſtadt los zu marſchiren, weit an dieſer vorbei, und ſie halb umkreiſend ſüdwärts zog, ſprach die gedachte Stimme lauter, es erwachte in der Königin eine Ahnung von Zäwis' wahrer Abſicht, neben welcher ſich der, we⸗ nigſtens das Weib befriedigende Gedanke geltend machte, daß Zäwis auf keinen Fall wider ſie, die Königin, käm⸗ pfen wolle. Als aber bald darauf die Rieſenburgiſche Partei vor den Thoren Prags erſchien, ohne daß ſie um Zäwis' Losſagung von der ganzen Bewegung wußte, kehrte das Gefühl der Täuſchung ſchmerzlicher, als es geweſen, zurück, und mit größerer Erbitterung als erſt nahm ſie Theil an den Wehranſtalten, griff ſie leitend und belebend in dieſelben ein. Mit Begeiſterung ſchlugen ſich die Bürger unter den Augen der ſchönen und muthigen Königin, trieben ſie 82 den angreifenden Feind von den Mauern der Stadt zu⸗ rück, und zwangen ihn endlich nach bedeutendem Verluſt abzuziehen. Bei einem Ausfall machten ſie eine Anzahl Gefangene, darunter war Sezema, der Sohn Pilgram's von Wittingau. Die Königin ließ die Gefangenen vor ſich führen und nahm den jungen Baron über die Ver⸗ hältniſſe im feindlichen Lager in's Verhör. Mit freudi⸗ gem Staunen vernahm ſie da, daß Zäwis nicht mehr unter ihren Feinden ſei, daß er ſich ganz und gar von ihnen getrennt. So hatte wenigſtens der Gedanke ſeine Beſtätigung gefunden, daß er nicht gegen ſie, die könig⸗ liche Frau, hatte kämpfen wollen. Sie war nun ſogleich wieder zu ſehr für ihn eingenommen, als daß nicht der Wunſch hätte in ihr erwachen ſollen, mehr über ihn zu erfahren. So ſtellte ſie denn weitere Fragen, bis ſie auch den ganzen Zwiſchenfall mit der Pilgerin wußte, die in das Lager der Aufſtändiſchen gekommen ſei und dieſe vom weitern Vordringen gegen Prag durch die Nachricht zurückgehalten habe, daß daſſelbe dem Haupte der Wit⸗ kowetze zum Verderben gereichen müſſe. Eine Ahnung ergriff die Königin, daß die Pilgerin Dalemil's Tochter geweſen ſein könne. Sie ließ ſich ihre Perſon näher beſchreiben und fand dadurch ihre Ahnung beinahe zur Gewißheit erhoben. Mit faſt ängſtlicher Haſt forſchte ſie weiter und vernahm mit ſchwer verhehlter 83 Beſtürzung, wie die Pilgerin ſpäter in Zäwis' unmittel⸗ barer Nähe geblieben, wie es im Lager allgemein ge⸗ heißen, es ſei ſeine Buhlerin, wie ſie mit ihm weiter gezogen, bis er ſie in ein Kloſter nach Brandeis gebracht. Dieſe letzte Mittheilung erleichterte das Herz der Königin etwas. Wenn Libusa das Heil ihrer Seele in den ſtillen Räumen eines Kloſters ſuchte, dann war ja Alles gut— dann war für dieſes Heil nichts zu fürch⸗ ten, wie die Königin vor ſich ſelbſt ſprach. Mit um ſo größerer Befriedigung vernahm ſie nun den Bericht über den eigentlichen Anlaß zu Zäwis' Trennung von ſeinen bisherigen Genoſſen. Ihr war es ziemlich klar, daß Zä⸗ wis, der ja anfangs entſchieden gegen den Aufſtand ge⸗ ſprochen, ſich nachträglich nur an ſeine Spitze geſtellt, um ihn ſo zu lenken, daß er unſchädlich werde. Wohin war er aber nun gegangen? Was wollte er thun? Dieſe Fragen legte die Königin dem Gefangenen vergebens zur Beantwortung vor. Er wußte nur, daß ſein erlauchter Verwandter mit Hroznata von Huſitz und deſſen Mannen ſich von Pibram aus gegen Eule ge⸗ wendet habe. Die Königin ließ die Gefangenen in Verwahrung nehmen, ordnete aber für den jungen Witkowetz ritter⸗ liche Haft und Pflege an. Sobald ſie die Hauptſtadt von der Belagerung der Rebellen befreit ſah, ließ ſie Da⸗ 84 lemil zu ſich rufen und theilte dem tiefgebeugten Vater mit, was ſie über die Pilgerin, in der ſie ſeine Tochter vermuthe, vernommen. Dalemil hörte kaum, daß Libusa wahrſcheinlich in einem Kloſter zu Brandeis ſich befinde, als er auch entſchloſſen war, dorthin zu gehen, um ſich zu überzeugen. Die Königin, ſelbſt begierig, volle Ge⸗ wißheit zu haben, ermunterte ihn dazu und verſah ihn mit einem bewaffneten Geleit. Mit der größten Spannung erwartete ſie die Rück⸗ kehr des Gelehrten. Er kam den dritten Tag zurück mit trauriger, verzweiflungsvoller Gebärde. Allerdings war die Pilgerin ſeine Tochter geweſen und hatte im Kloſter eine Zuflucht geſucht— aber an der Hand eines vorneh⸗ men Herrn, der ſie ſeine Braut genannt und ſie in unbe⸗ ſtimmter Zeit wieder abzuholen verſprochen. Schon nach zehn Tagen war er gekommen und mit ihr abgereiſt— wohin, das wollte Niemand wiſſen. Das war auch für die Königin keine erfreuliche Zei⸗ tung. Wer konnte der vornehme Herr anders geweſen ſein, als Zäwis von Falkenſtein? Und er hatte Dale⸗ mil's Tochter ſeine Braut genannt— war mit ihr fortge⸗ zogen, vielleicht um ſie heimzuführen auf ſein Schloß— das Herz der Königin zog ſich krampfhaft zuſammen bei dieſem Gedanken. Und dieſer Gedanke fand in Dalemil's weiterem Bericht ſeine Beſtätigung. —, 85 Libua hatte, unter Niederlegung eines Geſchenkes für das Kloſter, die Oberin deſſelben gebeten, ihren Vater wiſſen zu laſſen, daß ſie hier geweſen, daß ſie dem Ge⸗ bote der Liebe folgend in weite Ferne ziehe. Er möge ihr verzeihen, daß ſie ihm Kummer mache; ſie thue nur, was ſie thun müſſe. Er möge keine Furcht haben, daß ihre Ehre gefährdet ſei, einſt werde die Zeit kommen, wo ſie vollkommen gerechtfertigt vor ihn treten könne. Einſtwei⸗ len möge er der Ueberzeugung leben, daß ſie glücklich ſei. Die Priorin hatte ſich ihres Auftrages entledigt, ſobald ſie Gelegenheit dazu gefunden, d. h. als Dalemil bei ihr erſchienen war. „Das arme, verblendete Geſchöpf!“ rief die Köni⸗ gin aus, als Dalemil ſeinen traurigen Bericht ſchloß. „Ihre Leidenſchaft kann ſie nur ins Verderben ſtürzen, denn unmöglich kann das ſtolze Haupt der fürſtliche Ehren beanſpruchenden Witkowetze das arme Bürgermäd⸗ chen zu ſeiner Gemahlin erheben.“ „Der unſelige Mann muß mein Kind mit Zauber⸗ künſten an ſich gefeſſelt haben!“ klagte Dalemil.„Es gab kein gehorſameres, ſittſameres und verſtändigeres Kind, als meine Libusa. Ihre Seele glich dem Thautro⸗ pfen im Kelch einer Lilie. Rein wie die friſch erblühte Lilie war ihr ganzes Weſen; die Hoffahrt kannte ſie nicht und vermeſſene Gedanken kamen nicht auf in ihr. Und 86 wie iſt ſie nun ſo verwandelt, ſeit ſie dieſen Mann geſe⸗ hen, ſeit ſie ihr Ohr ſeiner Rede geöffnet! Dahin iſt kindlicher Gehorſam und Scham, Hoffahrt bläht ihr das Herz und vermeſſene Gedanken verwirren ihr den Kopf. Es kann nicht anders ſein, ein böſer, furchtbarer Zauber muß über mein unglückliches Kind gekommen ſein. Am Ende war die Krankheit, die mich ſo plötzlich befiel und die Veranlaſſung zu der unſeligen Bekanntſchaft war, auch nur ein Werk dieſes Zauberers, ebenſo wie die Hei⸗ lung durch ihn.“ Der Gedanke an Zauberei ergriff die Königin mäch⸗ tig. War der Eindruck, den Zäwis ſtets auf ſie gemacht, war der Einfluß, den er nah und fern auf ſie übte und den ſie vergebens vor ſich ſelbſt zu leugnen ſuchte, nicht auch einem Zauberwerk ähnlich? Mit einer gewiſſen Be⸗ gierde ergriff ſie den Gedanken, der das Intereſſe für Zäwis, das ſie öfters ſchon in einen beängſtigenden Zwie⸗ ſpalt mit ihrem Gewiſſen gebracht, wenn nicht rechtfer⸗ tigte, ſo doch entſchuldigte. Was vermochte ſie gegen Zauberei? Trotz ihrer Krone eben nicht mehr als Dale⸗ mil's Tochter. Dabei war ſie doch nicht geneigt, die an Libusa vollendete Wirkung des vermeintlichen Zaubers als voll⸗ endete Thatſache hinzunehmen und ſich dabei zu beru⸗ higen. Sie ſpiegelte es ſich als eine heilige Pflicht vor, 87 das bezauberte Mädchen wo möglich von ihrem Banne zu erlöſen. Dies war nur möglich durch Trennung von dem Zauberer. Aber wie dieſe Trennung bewirken, da der Zauberer ſein Opfer an einen Ort in Sicherheit gebracht, den Niemand wußte. Die Königin nahm ſich vor, dar⸗ über nachzudenken, und entließ den kummergebeugten Va⸗ ter mit der Verſicherung, daß ſie auf Mittel denken werde, ſein Kind zu retten. Sie ließ am folgenden Tage den gefangenen Wit⸗ kowetz vor ſich führen und richtete an ihn die Frage, wie es wohl die Herren von der Roſe aufnehmen würden, wenn einer aus ihrer Mitte, ja das verfaſſungsmäßige Haupt der ganzen Sippe, ein gemeines Mädchen als Hausfrau heimführe. Der Gefangene antwortete, daß ein ſolcher Fall nicht denkbar ſei, denn jeder Witkowetz wiſſe, was er ſei⸗ nem erlauchten Namen ſchuldig; nie werde ſich Einer ſo weit vergeſſen, ſein edles Blut durch die Vermiſchung mit gemeinem Blute zu verunreinigen. Sollte aber Einer je ſich ſo herabwürdigen, ſo werde gewiß von den übrigen Gliedern des Hauſes Alles aufgeboten werden, um ſol⸗ cher Schmach vorzubeugen, und wenn dies nicht möglich, das unwürdige Glied auszureißen. Die Königin eröffnete dem Erben von Wittingau, ſie habe vernommen, daß Zäwis von Falkenſtein damit 88 umgehe, die Perſon, die im Lager als Pilgerin aufge⸗ treten und die von den Kriegsleuten als ſeine Buhlerin bezeichnet worden, zu ehelichen. Vielleicht wolle er ſie als eine Edelgeborene in ſeine Sippe einſchwärzen, ſie ſei aber nur die Tochter eines gemeinen Mannes. Der junge Herr von der Roſe wollte die Mähr nicht glauben. Zwar habe Herr Zäwis in jüngſter Zeit die Hoffnungen, die ſein Geſchlecht auf ihn geſetzt, ſehr getäuſcht, aber ſo tief werde er nicht herabſinken, die Reinheit ſeines Stammbaumes zu verletzen. Davon werde ihn ſchon die Rückſicht auf ſeine Mutter, die nichts höher achte als dieſe Reinheit, zurückhalten. Die Königin ging hierauf zu einem andern Gegen⸗ ſtand über. Sie beklagte, daß ein auf die Reinheit ſeines Blutes ſo eiferſüchtiges, auch in früherer Zeit um die Krone ſo verdient gewordenes Geſchlecht ſich zum offenen Aufruhr wider die Krone habe hinreißen laſſen in einer Zeit, wo das Vaterland von Außen bedrängt, unfehlbar um ſeine Unabhängigkeit kommen müſſe, wenn der König im Kampfe gegen die äußern Feinde erliege. Und wie könne er anders ſiegen, als durch den einmüthigen Bei⸗ ſtand ſeines Volkes? Ihr Ton ward allmälig ſehr ſtreng, doch vermied ſie mit weiblichem Takt die Ueberſpannung. Zur rechten Zeit lenkte ſie zur Milde ein, indem ſie zu⸗ gab, daß die Witkowetze und ihre Genoſſen manchen Grund 89 zur Beſchwerde hätten, durch manche harte Maßregel des durchaus gerechten, um die Wohlfahrt ſeines Vol⸗ kes treu beſorgten, aber keine Theilung und Zerſplitte⸗ rung der Staatsgewalt duldenden Königs verletzt wor⸗ den ſeien. Sie ſei immer gegen ſolche Maßregeln und für Gewährung der gerechten Forderungen des Adels, für eine aufrichtige, Dauer verbürgende Ausſöhnung zwiſchen Adel und Königthum geweſen; ſie habe im Stil⸗ len immer daran gearbeitet, habe nach und nach die ihrem Werke hinderlichen Rathgeber des Königs zu ent⸗ fernen und durch beſſergeſinnte zu erſetzen geſucht— lang⸗ ſam, aber ſicher ſei ſie ihrem Ziele entgegengegangen— da habe die entdeckte Verſchwörung Alles verdorben. Sie habe den Zorn und die Mißſtimmung des Königs gegen den mißvergnügten Adel auf's neue geweckt, die Kluft zwi⸗ ſchen dieſem und der Krone erweitert. Nun komme dazu die offene Empörung angeſichts eines Staatskrieges, im Rücken des kämpfenden Königs. Das ſei denn doch ein Gebahren, das durch keine noch ſo ſchwere Kränkung, die man erlitten, entſchuldigt werden könne. Jeder un⸗ parteiiſche Richter im Lande würde darin ein todeswürdi⸗ ges Verbrechen finden. Wolle ſie dem Rechte ſeinen Lauf laſſen, ſo würde alle die gefangenen Rebellen das Todes⸗ urtheil treffen. Vielleicht wäre dies auch für das Staats⸗ wohl das Beſte. Allein ſie jammere das junge Blut, das 1860. KIX. Zäwiß von Roſenberg. II. 6 da mitfließen würde, ſie jammern die Verirrten und die mit dem Strome Fortgeriſſenen, ja ihr Herz ſchaudere überhaupt zurück vor jedem Bluturtheil. Darum habe ſie die gefangenen Verſchworenen freigelaſſen, darum wolle ſie auch den gefangenen Rebellen den Kerker öffnen, nachdem ſie ihnen bloß das Verſprechen abgenommen, nicht mehr die Waffen gegen den König zu tragen. Der junge Witkowetz war erſchüttert. Er ſank vor der in ihrer Huld doppelt ſchönen Königin auf die Kniee, flehte um Verzeihung ſeiner Schuld und ſchwor nicht allein, die Waffen nie mehr gegen ſeinen König zu tra⸗ gen, ſondern auch alle ſeine Kräfte aufzubieten, um die Glieder der Roſe auf die Seite des Königs zu bringen. „Wenn Ihr das wollt,“ ſagte die Königin,„ſo verzeihe ich Euch die vergangene Schuld. Ihr werdet an Herrn Zäwis einen Verbündeten finden. Suchet ſeinen Aufenthalt zu erforſchen. Möglich, daß er ſich auf irgend eine ferne, verborgene Beſitzung zurückgezogen, und mit allen Welthändeln unzufrieden, mit der Welt, der er ei⸗ gentlich angehört, für immer brechen und im Bunde mit einem ſchönen Kinde von dunkler Geburt ſich ſelbſt genug in ein dunkles Loos vergraben will—“ „Das darf er nicht!“ fiel der begnadigte Witkowetz lebhaft ein;„dieſe Schmach darf er unſerm Hauſe nicht anthun! Verlaßt Euch auf mich, gnädigſte Frau, ich 9 ruhe nicht, bis ich ihn aufgefunden und aus den Armen ſeiner Buhlerin geriſſen!“ „Ruhig!“ gebot die Königin;„ich kenne zufällig das arme Geſchöpf, das ſich arglos Eurem Verwandten hingegeben— eine gemeine Buhlerin iſt ſie nicht, jeder Andere als das Haupt des erſten Adelsgeſchlechtes in Böhmen dürfte ſie mit Stolz heimführen; aber weil dies von Herrn Zäwis ſchwerlich zu erwarten iſt, ſo wünſche ich ſie vor Schmach und Elend bewahrt zu ſehen. Doch das ſoll Euch weiter nicht kümmern; erfüllt nur das Eine; ſucht Herrn Zäwis wieder aus ſeiner Verborgenheit hervorzuziehen, bringt ihn wieder auf den Schauplatz der Zeitereigniſſe, gewinnt ihn für eine thätige Rolle zum Heile des Vaterlandes. Dies iſt Alles, was ich von Euch fordere, das ich Euch angelegentlich an's Herz lege.“ Der junge Wittingauer verſprach mit allem Eifer in ihrem Sinne zu handeln, worauf ihn die Königin huldvoll entließ. Noch denſelben Tag zog er mit ſeinen Gefährten frei aus Prag, um ſtracks in ſeine Heimath zu eilen. Von der kleinlichen Intrigue, zu welcher ſich die Königin durch ein Gefühl hatte hinreißen laſſen, das ſie ſich ſelbſt nie eingeſtehen mochte, wurden ihre Gedanken bald durch die Nachrichten abgezogen, die ſie vom Kriegs⸗ ſchauplatz erhielt. 6* König Otakar war ſo ſchnell als möglich nach dem Donauthale gezogen, hatte aber deſſen rechte Seite be⸗ reits in den Händen des Kaiſers gefunden. Von dem Erzbiſchof von Salzburg, Friedrich von Walchen, war ihm daſſelbe eröffnet worden und die meiſt mit Otakar's despotiſchem Regiment mißvergnügten Großen hatten ihn mit offenen Armen aufgenommen und ihm gehuldigt. Unaufhaltſam drang er, durch Pfalzgraf Ludwig ver⸗ ſtärkt, das Donauthal hinab, ſchickte den Pfalzgrafen bei Linz auf das linke Donauufer und zog auf dem rechten Ufer gegen Wien. Otakar rückte dem Pfalzgrafen nach. Da er ſich auf die Feſtigkeit der niederöſterreichiſchen Hauptſtadt und die Treue und Tapferkeit ihrer Bürger verlaſſen zu können glaubte, ſo beſchloß er, zuvörderſt den Pfalzgrafen zu vernichten und dann gegen Rudolf ſich zu wenden. Allein der Pfalzgraf erreichte in Eilmärſchen die feſte Stadt Kornneuburg, nahm dieſelbe durch Ueber⸗ rumpelung ein und ſpottete hinter den ſichern Mauern der böhmiſchen Uebermacht— ja er hemmte, ſie im Rücken bedrohend, ihre fernere freie Bewegung gegen den Kai⸗ ſer. Dennoch drängte es den König zum Entſcheidungs⸗ kampfe. Wien rechtfertigte vollkommen das Vertrauen, das er darauf geſetzt; es widerſtand unter ſeinem Bür⸗ germeiſter Rüdiger Paetram jeder Aufforderung zur Uebergabe, jeder Drohung, jedem Angriff. Da war es 93 wohl möglich, mit Umgehung Kornneuburgs dem Kaiſer eine ſiegreiche Schlacht zu liefern. Aber auf dem Marſche erfuhr der König, daß auch König Ladislaus von Ungarn mit einem Heere in Unteröſterreich und Mähren eingefal⸗ len ſei und drohend gegen ihn heranziehe. Da nahm er eine feſte Stellung an der Donau ein und ſetzte ſich vor⸗ erſt in Vertheidigungsſtand. Als aber aus Böhmen die Schreckensbotſchaft kam, daß der mißvergnügte Adel in offener Empörung aufgeſtanden ſei, die Hauptſtadt mit Weib und Kind, ja ſelbſt den Thron bedrohe, da ſah er die Unmöglichkeit eines ſiegreichen Kampfes gegen ſo viel Feinde ein und er beſchloß, den Kaiſer um Frieden zu bitten. Zuvörderſt bat er um einen Waffenſtillſtand und ſandte ſeinen erſten Rath und Feldherrn in das kaiſer⸗ liche Lager, über den Frieden mit Rudolf von Habsburg zu unterhandeln. Die Königin Kunigunde dachte eben darüber nach, wie ſie ihre Milde gegen die gefangenen Verſchwörer und Rebellen vor dem einſt heimkehrenden König recht⸗ fertigen wolle, als ihr ein Eilbote von demſelben gemel⸗ det wurde. Vielleicht eine Siegesbotſchaft, dachte ſie, und ließ den Boten eintreten, der ihr ein Schreiben des Kö⸗ nigs überreichte. Mit großer Spannung erbrach ſie es und las zunächſt eine Niederſchrift, nach welcher am 26. November 1276 im Lager zu Wien zwiſchen dem römi⸗ 94 ſchen Kaiſer deutſcher Nation und dem König von Böh⸗ men ein Friede abgeſchloſſen worden, deſſen Hauptpunkte folgende waren:„1) Alle über König Otakar und ſein Reich verhängten Achte und Bannſprüche ſind aufgeho⸗ ben. 2) Zwiſchen beiden Königen ſei fortan Friede, Ei⸗ nigkeit und volle Verſöhnung, in welche auch ihre ſämmt⸗ lichen Unterthanen und Diener nebſt ihren Beſitzungen eingeſchloſſen werden. 3) König Otakar verzichtet unbe⸗ dingt auf die Herrſchaft und jedes Recht in Oeſterreich, Steiermark, Kärnten, Krain, der windiſchen Mark, Eger und Portenau. 4) Die beiderſeitigen Geißeln, die Ge⸗ fangenen und deren Burgen werden freigegeben. 5) Der römiſche Kaiſer belehnt den König Otakar und ſeine Nachkommen mit Böhmen, Mähren und allen andern Lehen, welche deſſen Vorfahren und er bisher vom Reiche beſeſſen haben. 6) Zur Befeſtigung des Friedens und zur Herſtellung freundſchaftlicher Verhältniſſe vermählt ſich ein Sohn Kaiſer Rudolf's mit einer Tochter König Ota⸗ kar's; als Heirathsgut ſeiner Tochter tritt der böhmiſche König Alles ab, was er in den öſterreichiſchen Landen zu Eigen und Lehn an ſich gebracht hatte, und dieſes füllt dem Reiche zu 40.000 Mark Silber anheim. 7) König Otakar's Sohn vermählt ſich mit einer Toch⸗ ter Kaiſer Rudolf's ꝛc. ꝛc. ꝛc.“ An dieſe Friedensbotſchaft ſchloßen ſich folgende eigenhändige Zeilen des Königs: 95 „Meiner geliebten Gemahlin, der Königin von Böhmen, Heil und Starkmuth im Unglück! Nachdem es Uns vielleicht verdientermaßen widerfuhr, daß wir Län⸗ der verloren, die mit vieler Mühe, mit vielem Blute er⸗ worben wurden, ziemt es nicht, Uns der Trauer und weibiſchen Klage darüber hinzugeben, ſondern das Schick⸗ ſal mit Gleichmuth zu tragen, damit die königliche Ma⸗ jeſtät nicht durch Unfälle gebengt erſcheine und den ſcha⸗ denfrohen Feinden keine Blöße gebe. Beſonnenheit und Hochſinn, dieſe Stützen der Throne, dürfen uns niemals verlaſſen. Diejenigen täuſchen ſich wohl, die ihr Miß⸗ geſchick durch Klage zu mildern hoffen: der Weiſe muß dem Uebel trotzen und ihm muthig entgegen gehen.“ Bei dieſer Gelegenheit zeigte es ſich, daß Kuni⸗ gunde von Halitſch ihren königlichen Gemahl nie wahrhaft geliebt, ſo ſehr ſich der König dieſer Liebe freute und ſo ſehr ihn Kunigundens Verhalten gegen ihn dazu zu be⸗ rechtigen ſchien. Um viele Jahre jünger als der König, war ſie, außer durch den Willen ihrer Eltern, durch den Glanz ſeiner Stellung und ſeines Ruhmes bewogen wor⸗ den, ihm ihre Hand zu reichen. Sie hatte ſich im Genuße königlicher Ehren und königlicher Pracht und Macht be⸗ glückt gefühlt, Otakar's fortgeſetzte Heldenthaten hatten ſie mit Bewunderung erfüllt, und die Kinder, die ſie ihm geboren, hatten eine gewiſſe zärtliche Innigkeit gegen ihn 96 vermittelt. Zwar hätte ſchon ihre erſte Begegnung mit Zawis von Falkenſtein ſie zum Bewußtſein bringen kön⸗ nen, daß in ihrem Herzen noch eine Stelle war, die der König nicht ausfüllte; aber weil Zäwis ſelbſt ſich ſtreng in den Schranken einer reinen und ehrerbietigen Hul⸗ digung hielt, nahm ſie das warme Gefühl, das er ihr einflößte, für nichts als Sympathie mit dem Dichter und Achtung für den begabten Geiſt. Als ſie wahrgenom⸗ men, daß der König mehr hinter ihrem Verhältniß zu Zaãwis argwohne, hatte ſie mehr Furcht vor des Königs Zorn als reines Pflichtgefühl bewogen, ſich von Zäwis zurückzuziehen, ihn ſogar durch Kälte abzuſtoßen— aber es war ihr ſchwer genug geworden, ſchwerer als ſie es ſich ſpäter eingeſtand. Allmälig war ihr Zäwis aus den Augen gekommen, der König hatte ihr Zerſtreuung über Zerſtreuung geboten, und ſie war ihm aus Achtung und Gewohnheit ergeben geblieben. Sie hatte eine gewiſſe Macht über ſich erlangt, die ſie, wo ſie nicht mehr aus⸗ reichen wollte, durch allerlei ſophiſtiſche Mittelchen zu ſtützen oder zu erſetzen wußte. Auch als im Laufe der Zeit ihre Anſchauungen mit denen des Königs merklich auseinandergingen, ſo zwar, daß ſie Manches in ſeiner Regierungsweiſe im Herzen entſchieden mißbilligte, beugte ſie ſich doch noch vor ſeiner Willenskraft, vor ſeinem Heldenruhme, und fand Erſatz für die innige Ueber⸗ 97 einſtimmung der Seelen in dem Glanz und der Fülle, womit er ſie umgab, und in dem berauſchenden Gedan⸗ ken, die Gemahlin des gefeierteſten und mächtigſten Kö⸗ nigs der Chriſtenheit zu ſein. Nun war die Macht dieſes Königs mit einem Male zertrümmert, nun war der helle, blendende Ruhmglanz, der ihn umſtrahlt, mit einem Male erloſchen; denn er hatte die ſchönen Länder, die er nach ſeinem eigenen Be⸗ kenntniß mit vielem Blute und vieler Mühe erworben, nun ohne Schwertſtreich preisgegeben. Mit den bitterſten Empfindungen zerknüllte die Königin krampfhaft das Schreiben, das ihr ſo verhängnißvolle Kunde brachte. Als aber erſt der Bote ihr mündlich den ganzen Hergang des Friedensſchlußes erzählte, als er meldete, daß König Otakar im Lager vor Wien öffentlich, im Angeſicht aller Fürſten und Barone knieend vor dem deutſchen Kaiſer den Huldigungseid geleiſtet, da traten ihr vor Entrüſtung Thränen in die Augen, und alle Bewunderung, alle Achtung, die ſie vor dem ſieg⸗ und ruhmgekrönten König empfunden, ſchwand vor dem gedemüthigten dahin. Dies würde nimmer der Fall geweſen ſein, hätte ſie ihn wahr⸗ haft geliebt. Als der Bote ſie um eine Antwort an den König bat, wußte ſie nicht, welche ſie ihm geben ſollte. Endlich trug ſie ihm auf, dem König mündlich zu melden, daß 98 ſie mit den Kindern geſund ſei, nur wiſſe ſie nicht, welche Nachwirkung die empfangene Unglücksbotſchaft auf ſie üben werde. Das war der ganze Beſcheid an den Boten. Es kamen bald noch demüthigendere Nachrichten vvm Kriegsſchauplatze nach Prag. Die demüthigendſte war die, der deutſche Kaiſer habe den böhmiſchen König den Hul⸗ digungseid in einem beſondern Zelte, in welchem nur die vornehmſten Fürſten und Barone beider Parteien anweſend geweſen, leiſten laſſen; aber in dem Augen⸗ blicke, wo der König vor dem Kaiſer gekniet, ſei das dazu eingerichtet geweſene Zelt nach zwei Seiten auseinander gefallen, und das ganze aufgeſtellte Heer ſei nun Zeuge dieſer Demüthigung des ſtolzen Böhmenkönigs geworden. Dieſe Nachricht, die ſich ſpäter als ein bloßes Gerücht erwies, kam auch zu den Ohren der Königin und voll⸗ endete die Umwälzung, die in ihrem Innern vorging. Mit Schrecken erkannte der würdige Oberſtkanzler M. Peter dieſe Umwälzung aus den Aeußerungen, welche die Königin vor ihm über den Friedensſchluß fallen ließ. Unter Anderm ſagte ſie:„Dazumal, als ich hörte, daß der König von Böhmen die Tartaren verjagt, die Ungarn aus dem Felde geſchlagen, die Steirer durch Waffen bezwungen, die Italier mit Krieg überzogen, dazumal, ſage ich, achtete ich mich glückſelig, daß ich mit einem ſo tapfern Helden mich verbinden ſollte; jetzt aber, was ſoll 99 ich ſagen, oder nicht ſagen? Oeſterreich iſt verloren, Steiermark abgetreten, Kärnthen geopfert aus Kleinmuth und Feigheit, ohne Schwertſtreich. Und das iſt noch nicht einmal Alles: der König von Böhmen iſt herabgeſunken zum gehorſamen Vaſallen des deutſchen Reiches, Böhmen iſt nur noch eine deutſche Provinz, und damit es dies um ſo ſicherer bleibe, ſollen meine Kinder habsburgiſch wer⸗ den! Dieſe Schmach ertrage ich nicht.“ „Eure Hoheit ſei nicht ungerecht gegen den König,“ wagte der Kanzler zu erwidern.„Gewiß hat ihn nur die äußerſte Noth zu einem ſo demüthigenden Frieden gezwun⸗ gezwungen. Von drei Seiten von übermächtigen Feinden bedroht, rings von Verrath umſtrickt, ſah er keinen Aus⸗ weg vor ſich, als dieſen. Er rettete, was zu retten war.“ „Es wäre tauſendmal ehrenvoller geweſen, kämpfend unterzugehen, als ohne Schwertſtreich ſich für beſiegt zu erklären und unter ſo erniedrigenden Bedingungen zu un⸗ terwerfen—“ „Der Gedanke an Weib und Kind, welche in der Heimath von mächtigen Rebellen bedroht waren, mußte ihn von ſolchem Verzweiflungskampf zurückhalten; gewiß iſt es dem tapfern König ſchwer geworden, auf den Kampf zu verzichten, und er würde ſich muthig in heißeſten Kampf geſtürzt haben, hätte er ſich auf ſein ganzes böhmiſches Volk verlaſſen können, hätte er nicht fürchten müſſen, 100 daß nach ſeinem Falle die Rebellen ſich des Thrones be⸗ mächtigen und Weib und Kind in's Elend ſtoßen würden.“ „Dieſe unglückſelige Rebellion iſt auch nur die Frucht ſeines Starrſinnes, ſeines Adelhaſſes,“ warf die Königin ein.„Wäre er minder ſchroff gegen die großen Barone aufgetreten, hätte er ihren billigen und berechtigten For⸗ derungen Gehör geſchenkt, ſo würde es nie zur Rebellion gekommen ſein. Hätte er nur noch in der letzten Stunde die Hand ergriffen, die ihm der Adel durch Zäwis von Falkenſtein bot, hätte er mit dieſem einſichtsvollen, patrio⸗ tiſchen Mann eine Vereinbarung getroffen, ſo wäre Alles noch gut gegangen; dann ſtand ganz Böhmen wie ein Mann zu ihm in dieſem Kriege und half ihm, wie ſonſt zum Siege. Statt deſſen hat er den Verſöhnungsboten mit ſchnöder Härte zurückgeſtoßen, zuletzt ihn ſogar ohne Schuldbeweis dem Henkertode preisgegeben!“ Der Kanzler ſuchte vergebens die Königin zu einem mildern Urtheil über ihren Gemahl zu bewegen. Er mußte mit der traurigen Ueberzeugung von dannen gehen, daß der Riß, der das Vaterland zerſpaltete, jetzt auch mitten durch das Haus ſeines Königs ging. 101 Fünttes Cnpitel. Wer von der Natur auf ein thatenreiches Leben angelegt iſt, dem kann ein Stillleben, und wäre es das glücklichſte, nicht auf die Dauer genügen. Dieſe Erfah⸗ rung mußte auch Zäwis an ſich machen. Mehrere Monate lang führte er in ſeinem kleinen mähriſchen Waldſchloſſe an Libusa's Seite ein ſeliges Leben. Aus dem unerſchöpf⸗ lichen Schatze ihrer Liebe gingen täglich neue Freuden für ihn hervor; ihr ſinniges, hausprieſterliches Walten und ihre hohe Empfänglichkeit für alles Geiſtige waren ihm eine mächtige Anregung zu ſchwungvollem Denken und Dichten; dabei fand er in Searlatti's Eifer für die Kenntniß der natürlichen Dinge Veranlaſſung, ſich mehr und mehr in das Walten der Natur zu vertiefen. Von den Ereigniſſen auf der großen Weltbühne vernahm er nur, daß König Otakar unter Verzichtung auf alle deutſchen Lehensländer mit dem Kaiſer Frieden gemacht, und daß der Kaiſer unter andern durch eine beſondere Friedensklauſel die böhmiſchen Empörer, de⸗ ren Mitwirkung er dieſe ſchnelle Unterwerfung ihres Kö⸗ nigs mit verdankte, gegen die Rache des Königs ſicher⸗ geſtellt habe. 102 Dieſe Zeitung war zunächſt nicht dazu angethan, Zäwis' Glück zu trüben. Er ſah in dem Verluſte der deut⸗ ſchen Provinzen keinen Schaden für ſein geliebtes Böh⸗ men, nach ſeiner Anſchneweſ hatte der Beſitz dieſer Provinzen nur nachtheilig auf die innere, volksthümliche Entwickelung ſeines Vaterlandes eingewirkt, indem die königliche Gewalt ihren Stützpunkt nicht mehr allein in dem angeſtammten Lande geſucht, vielmehr häufig auf die fremden Provinzen ſich geſtützt, um auf das Stammland einen despotiſchen Druck auszuüben. Der auf daſſelbe allein angewieſene Herrſcher mußte in ſeinem Volke ſeine einzige Stütze ſuchen, mußte ſich dem Geiſte des Volkes mehr anbequemen, mußte in der vollen Entfaltung der reichen innern Kraft der Nation den Erſatz der Macht ſuchen, die er nach Außen verloren. Da nun auch nach der gedachten Friedensklauſel für ſeine Verwandten und Freunde nichts zu fürchten war, ſo fand Zäwis in dem, was in der Welt draußen geſchehen, ſo weit er es iaute keinen Grund zur Unruhe. Schon ſchmückte der Mai die Buchenwälder um Zäwis W Wohnſitz wieder mit jungem Grin, und noch immer ſchwelgte das junge Paar im ungetrübten Ge⸗ nuße ſeines Glückes. Da begab es ſich eines Vormit⸗ tags, als Libusa die Heimkehr ihres Gatten von der Jagd erwartete, daß ihr der Burgwart die Ankunft eines Pil⸗ 103 gers meldete, der ſich in der waldigen Gegend verirrt habe und zum Tode erſchöpft, Einlaß und Herberge be⸗ gehre. Libusa befahl dem Begehren zu willfahren und ihr den Pilger vorzuführen. Bald ſah ſie vor ſich eine Perſon, die zwar in männ⸗ liche Pilgertracht gekleidet war, in der aber Libuða's ſcharfes Auge ſchnell ein Weib erkannte. Sie verbarg in⸗ deß ihre Wahrnehmung, fragte die Perſon, woher und wohin? und ſorgte dann auf das freundlichſte, die wirklich ganz Erſchöpfte zu erquicken und zu ſtärken. Sie rief Scar⸗ latti herbei, dem Pilger Geſellſchaft zu leiſten, ſo lange ſie ihm Speiſe und Trank bereite. Scarlatti hatte nicht ſobald den Pilger in's Auge gefaßt, als er wie vom Donner gerührt mehrere Schritte vor ihm ſtehen blieb. Dieſes römiſche Profil, dieſe glü⸗ henden Augen, dieſe reichen ſchwarzen Locken kannte er nur zu gut, es hafteten daran die wonnereichſten und die bitterſten Erinnerungen ſeines Lebens. Sje war erſchöpft in einen Lehnſeſſel geſunken und hatte ſchwer athmend die Augen halb geſchloſſen. Aber als die Hausfrau das Gemach verließ, fuhr ſie plötzlich in die Höhe und rief: „Ihr hier, Meiſter Scarlatti?!“ „Fräulein von Mahrenberg!“ erwiderte er, war aber vor Ueberraſchung nicht fähig, weiter etwas hinzu⸗ zufügen. 104 „Wie kommt Ihr hierher?“ nahm ſie wieder das Wort,„wem gehört dies Schloß? Zedenfalls war die Dame, die hinausging, die Hausfrau— ſeid Ihr vielleicht gar der Hausherr?“ „So glücklich bin ich nicht,“ antwortete Scarlatti; „aber die Dame, die Ihr ſaht, iſt die Hausfrau.“ „Und wer iſt ihr Gatte?“ fragte Ludmila weiter. Scarlatti wollte die Frage der Wahrheit gemäß beantworten, beſann ſich aber ſchnell, daß dies vielleicht nicht im Sinne ſeines Gönners ſei. Er ſuchte daher die Antwort durch die Fragen zu umgehen:„Woher in aller Welt kommt Ihr? Wohin wollt Ihr? Welches Geſchick hat Euch in dieſe Wildniß verſchlagen?“ Ludmila erwiderte, von königlichen Schergen aus dem Gefängniß an die ungariſche Grenze gebracht, habe ſie am Hofe Ladislaw's des Cumaners eine Zuflucht geſucht und gefunden. Dort ſei ſie verwandten Gefühlen der Rache und des Haſſes gegen den Böhmenkönig be⸗ gegnet, ſie habe natürlich die Flamme geſchürt und die Genugthuung erlebt, den Erben des heiligen Stephan dem Kaiſer der Deutſchen zum Vernichtungskampfe gegen ihren Todfeind die Hand bieten zu ſehen. Leider habe ſich Rudolf von Habsburg mit einer bloßen Unterwerfung Otakar's begnügt, und Ladislaw den Frieden von Wien anerkannt. In Folge deſſen ſei ſie am Hofe des Letzteren nicht mehr 105 gern geſehen worden, ja der König habe ſie geradezu ver⸗ bannt. Da habe ſie ſich aufgemacht, wieder nach Böhmen zu gehen, um ihre alten Freunde aufzuſuchen. Der grö⸗ ßern Sicherheit wegen habe ſie das männliche Pilger⸗ gewand angelegt. Vor zwei Tagen habe ſie den rechten Weg in den unermeßlichen Waldungen verloren; ſo lange ſei ſie umhergeirrt. Das Bellen von Hunden habe ihr endlich angezeigt, daß Menſchen, wahrſcheinlich Jäger, in der Nähe ſein müßten. Indem ſie dem Laut gefolgt, ſei ſie an dies einſame Schloß gekommen, zu dem ſie aber nur mit der letzten Anſtrengung aller ihrer Kräfte empor⸗ geklommen.„Nun,“ ſchloß ſie,„ſagt mir, wie kommt Ihr hierher? Ihr waret doch gleich mir und andern Freunden gefangen?“ Scarlatti erzählte, wie er frei geworden. Mit Ver⸗ wunderung vernahm Ludmila, daß auch Zãwis von Fal⸗ kenſtein gefangen geweſen, der ſich doch in keiner Weiſe an der Verſchwörung betheiligt hatte. Scarlatti erklärte ihr das Räthſel. Ein furchtbarer Wuthblick ſchoß aus ihren Augen, als ſie vernahm, wie Searlatti die Ver⸗ ſchwörung an Zãwis verrathen und dieſer ſie zu ver⸗ eiteln geſucht Aber im nächſten Augenblick ſank ſie todten⸗ bleich mit brechendem Auge in ihren Seſſel zurück— und zum zweitenmal fah ſie Scarlatti leblos vor ſich. Von Zäwis in die Heilkunde machte er 1860. XIX. Zäwiß von Roſenberg. II. 106 ſich ſofort an Belebungsverſuche; aber da er nicht wußte, daß die Hausfrau bereits das Geſchlecht des vermeint⸗ lichen Pilgers entdeckt, ſo trug er, um einer ſolchen Ent⸗ deckung während dieſem Verſuche vorzubeugen, die ſtarre Geſtalt auf ein abgelegenes Gemach und ſchloß ſich mit ihr ein. Als Libusa mit den in aller Eile bereiteten Er⸗ friſchungen zurückkam, fand ſie zu ihrer Verwunderung das Zimmer leer. In der Vermuthung, die Pilgerin habe nach friſcher Luft verlangt und Scarlatti habe ſie deßhalb in den Garten geführt, eilte ſie in denſelben hinab, und ſo ſuchte ſie noch an mehreren Orten ver⸗ gebens. Diesmal war indeß Ludmila's Anfall kein Starr⸗ krampf, ſondern nur eine ſtarke Ohnmacht. Libusa empfing eben ihren heimkehrenden Gatten, als Scarlatti. eintrat und meldete, was mit dem Pilger vorgegangen und wie derſelbe bereits in's Leben zurückgekehrt. Er bat um eine Erfriſchung für ihn, vor Allem um etwas Wein. Wer der Pilger eigentlich ſei, das glaubte er noch ver⸗ ſchweigen zu müſſen. Aber als Libusa mit den Er⸗ friſchungen kam, erklärte Zäwis, ſeinen Gaſt ſehen zu wollen. „Um Gotteswillen!“ rief Scarlatti,„Euer Anblick könnte ihn erſchrecken und die Ohnmacht erneuern.“ „Poſſen!“ verſetzte Zäwis;„ſehe ich denn ſo furcht⸗ 107 bar aus, oder glaubt Ihr, ich wolle Euch in's Handwerk pfuſchen?“ „Der Gaſt iſt kein Mann, ſondern ein Weib,“ ſagte Scarlatti verlegen. „Um ſo mehr geziemt es ſich für den Wirth, ihn zu empfangen,“ erklärte Zäwis;„meinſt Du nicht, Lieb⸗ chen?“ fragte er Libusa lächelnd. „Das verſteht ſich,“ ſagte Libusa. „Wenn Ihr wüßtet, wer es wäre, würdet Ihr ſie ſelbſt nicht ſehen mögen,“ fiel Scarlatti faſt ängſtlich ein. „So ſagt nur, wer es iſt!“ forderte Zäwis. Als hierauf Secarlatti den Namen der Pilgerin nannte, lagerte ſich eine Wolke auf das Antlitz des Haus⸗ herrn und unwillig rief er:„Muß denn dieſes dämoniſche Weib mir überall in den Weg treten? Ich danke Euch, Meiſter, daß Ihr mir ihren Anblick erſpartet. Ich will ſie nicht ſehen. Aber da ſie einmal Zuflucht unter meinem Dache geſucht, ſo muß ihr dieſe gewährt werden. Weiß ſie, unter weſſen Dache ſie iſt?“ „Sie forſchte danach, aber ich antwortete, daß ich ihr das nicht ſagen könne.“ „Gut, mein Lieber, bleibt dabei; vertretet Ihr meine Stelle bei ihr und ſucht zu verhüten, daß wir uns begegnen. Meine Frau wird Euch in Euerm Sa⸗ mariterdienſt beiſtehen— nicht wahr, mein Liebchen?“ 7* 108 „Ich werde mir Mühe geben, die Scheu zu über⸗ winden, die mir ein ſolches Weib einflößt,“ gab Libusa zur Antwort, und ging mit ihren Erfriſchungen in Scarlatti's Begleitung zu Ludmila von Mahrenberg. Libusa konnte ſich eines Schauders nicht erwehren, als ſie jetzt das Fräulein, zwar noch im Pilgermantel, aber doch mit den aufgerollten weiblichen Locken in ihrer ganzen dämoniſchen Geſichtsſchönheit vor ſich ſah. Sie faßte ſich aber und reichte ihr mit wirthlicher Freundlich⸗ keit die Erfriſchungen. „Ihr ſeht in mir eine Geſchlechtsgenoſſin,“ ſagte Ludmila,„Ihr werdet es der einſamen Wanderin nicht verargen, daß ſie ihr Geſchlecht verbarg.“ „Hier habt Ihr dies nicht mehr nöthig,“ verſetzte Libusa,„ich ſtelle Euch mit Freuden meinen Kleider⸗ ſchrein zur Verfügung.“ „Ich danke Euch, edle Frau,“ erwiderte Ludmila; „mein Schickſal geſtattet mir nicht, lange von Eurer Gaſtlichkeit Gebrauch zu machen. Morgen ſchon denke ich meinen Pilgerſtab weiter zu ſetzen, und dann muß ich mich doch dieſer Verkleidung wieder bedienen.“ „Ihr ſetzt Euch zu großen Gefahren aus, indem Ihr ſo allein pilgert,“ warf Libusa ſanft ein. „Gefahren ſind nun einmal mein Loos,“ entgegnete Ludmila;„wer den Tod nicht fürchtet, hat keine Gefahr 109 zu ſcheuen, denn von der ärgſten Gefahr befreit uns jeder⸗ zeit ein freiwilliger Tod.“ Libuda beſann ſich, daß die von der Ohnmacht Erſtandene der Labung bedurfte. Sie empfahl ihr, davon zu nehmen und zog ſich mit dem Wunſche, daß es wohl bekomme, zurück. Der Zorn, welchen Scarlatti's Bekenntniß ſeines Abfalls von ihrer Sache in ihr angefacht, war in dem Augenblick, als ſie zum zweitenmal unter ſeinen Händen erwachte, einer mildern Empfindung gewichen. Wer weiß, ob nicht die zärtliche Gluth, die ſie einſt für ihn gefühlt und die ſie ihrer ſchrecklichen Rache geopfert, wieder in ihr erwacht wäre, hätte Searlatti ihr Nahrung gereicht. Aber er war von ſeiner Leidenſchaft gründlich geheilt; ihm war in der Gattin ſeines Gönners ein Frauenideal aufgegangen, vor welchem ein Weſen wie Ludmila mit allen blendenden ſinnlichen Reizen tief in den Staub ſinken mußte; der dem Lande Petrarka's entſproſſene Künſtler fand in der ſtillen, begehrungsloſen Verehrung ſeiner„Herrin“ ein Glück, das er mit keinem andern hätte vertauſchen mögen. Ludmila ſuchte wenigſtens das Geheimniß, in das für ſie die Perſon des Schloßherrn ſich hüllte, durch ihn gelöſt zu bekommen; allein er widerſtand ſelbſt dieſer 110 Verſuchung. Sie gab endlich jeden Verſuch auf und rüſtete ſich den dritten Tag zur Reiſe. Zäwis hatte angeordnet, daß zwei ſeiner Dienſtleute Ludmila bis in die nächſte, drei Meilen weſtwärts ge⸗ legene kleine Stadt geleiten ſollten. Dies geſchah. Den Dienſtleuten war anbefohlen, den Namen ihres Herrn ſtreng geheim zu halten— eine Vorſicht, die ſich als ſehr nöthig erwies, denn Ludmila gab ſich unterwegs viel Mühe, hinter das Geheimniß zu kommen. Als ſie in der Stadt, wohin ſie Zäwis geleiten ließ, von ihren Begleitern ſich verabſchiedet hatte und nach einem Kloſter ſchritt, das am entgegengeſetzten Ende der Stadt lag, ſah ſie im Schatten hoher Eichen, die vor dem Eingang des Kloſters ſtanden, ein halbes Dutzend geſattelter Pferde graſen und fünf reiſige Männer auf den Ruhebänken ſitzen, welche um die Stämme der Eichen herum angebracht waren. Als ſie näher kam, erkannte ſie an den Schilden der Männer nicht allein die fünf⸗ blätterige Roſe der Witkowetze, ſondern in einem der Männer ſelbſt ein ihr wohlbekanntes Glied dieſes Ge⸗ ſchlechtes, Sezema, den Sohn Pilgram's von Wittingau und Landſtein. Was wollte der in dieſer, von ſeiner Heimath ſo entfernten Gegend? Oder breitete der mächtige Stamm der Witkowetze bis hierher ſeine Zweige aus? Sie dachte 111 ihres jüngſten Aufenthaltes und ihres geheimnißvollen Wirthes, ſowie des dort lebenden Malers, der einſt im Dienſte des Witkowetziſchen Hauſes geſtanden. Am Ende war Herr Sezema ſelbſt der geheimnißvolle Wirth, und das Räthſel, was ihr ſoviel Kopfzerbrechen gemacht, lag gelöſt vor ihr. Sie mußte hierüber Gewißheit haben. Sie ging auf die Gruppe zu, blieb vor Sezema ſtehen und grüßte ihn mit den Worten:„Gott ſegne Euch, Herr Sezema, und Dank ſei Gott, daß er mir noch Gelegenheit gibt, Euch für das gaſtliche Obdach zu danken, das ich in Eurem Hauſe während Eurer Ab⸗ weſenheit gefunden.“ Dabei nahm ſie ihren Pilgerhut ab und bot dem jungen Herrn den freien Anblick des wohlbekannten Geſichtes. „Seh' ich recht?“ rief Sezema überraſcht,„ſeid Ihr es wirklich, Fräulein Ludmila von Mahrenberg?“ „Ich bin es,“ war die Antwort;„aus der auf⸗ richtigen Ueberraſchung und der Freundlichkeit, die aus Euern Mienen ſprechen, erkenne ich, daß Ihr Euch nicht vor dem alten Gaſte Eures Hauſes verleugnen ließet, ſondern daß allein Eure Abweſenheit mir das Vergnügen entzog, Euch zu ſehen. Ihr mochtet gute Gründe haben, Euren Leuten anzubefehlen, daß ſie Fremden ohne Eure beſondere Erlaubniß Euren Namen verſchweigen.“ „Ich verſtehe Euch nicht,“ erwiderte Sezema, 112 „weder weiß ich von einem ſolchem Befehle an meine Leute, noch iſt es mir klar, von welchem Fall Ihr ſprechet.. „Seid Ihr nicht der Herr des Schloſſes, das eine kleine Tagereiſe von hier gegen Morgen tief im Walde liegt? Seid Ihr nicht im Begriff, dahin zurückzukehren? Denn daß Ihr von dort kommt, kann ich mir nicht denken.“ „Ihr ſprecht von einem Schloſſe tief im Walde,“ entgegnete Sezema;„das iſt am Ende dasjenige, welches ich ſuche. Ich komme von Krumau und Wittingau, um meinen Vetter Zäwis von Falkenſtein aufzuſuchen, der ſeit acht Monden ſpurlos verſchwunden iſt, allem Ver⸗ muthen nach aber ſich auf eine, in dieſer Gegend liegende Beſitzung zurückgezogen hat, die er vor wenig Jahren an ſich gebracht.“ „Jetzt geht mir Licht auf,“ ſagte Ludmila;„Euer Vetter Zäwis iſt mein Feind, darum ließ er ſich vor mir verleugnen. Der Maler Scarlatti, den ich auf dem Schloſſe traf, war ja auf Krumau in Herrn Zäwis“ Dienſt. Aber jeit wann iſt denn dieſer vermählt?“ „Mein Vetter Zäwis iſt noch ledig,“ verſicherte Sezema. „Mir ward ja eine junge ſchöne Dame als Haus⸗ frau bezeichnet,“ erwiderte Ludmila;„auch benahm ſie 113 ſich ganz als ſolche, und die Dienerſchaft, ſogar der Maler, bezeigten ihr die tiefſte Ehrerbietung.“ Sezema verbarg die Erregung, welche dieſe Mit⸗ theilung in ihm hervorrief, unter der leicht hingeworfenen Aeußerung:„Dann muß mein abenteuerluſtiger Vetter irgend eine verzauberte Prinzeſſin erlöſt und auf ſein heimliches Schloß gerettet haben. Ich werde mir bald darüber Gewißheit verſchaffen; hoffentlich läßt ſich mein Vetter vor mir nicht verleugnen, und thäte er es, ſo ſollte es ihm nichts nützen. Ihr könnt mir wohl den Weg beſchreiben, daß ich mich nicht zuletzt noch verirre?“ Ludmila berichtete, daß er an den Dienſtleuten, welche ſie hierher gebracht und die vielleicht noch in der Stadt wären, ſichere Führer finden werde. „Dann wollen wir uns ungeſäumt wieder auf den Weg machen, daß wir ſie einholen,“ ſagte Sezema. „Schade, daß ich Euch nicht geleiten kann, werthes Fräulein, doch ſtelle ich Euch mit Frenden einen von meinem Gefolge und ein Roß zur Verfügung.“ „Ich danke für Eure Güte,“ erwiderte Ludmila; „für heute finde ich hier im Kloſter ein Obdach, und morgen ziehe ich im Schutze des Pilgergewandes weiter nach Brünn, wo ſich wieder gaſtliche Klöſter mir öffnen—“ „In Brünn könnt Ihr meinen Vetter Dietrich von 114 Neuhaus aufſuchen, der jetzt dort als Domherr lebt,“ fiel Sezema ein. „Den kenne ich ja,“ ſagte Ludmila,„er war ja auf Neuhaus, als ich dort ein gaſtlich Obdach fand. Ich werde ihn aufſuchen. Nun noch eine Frage: habt Ihr etwas von Herrn Berchtold Schenk von Emerberg gehört?“ „Der war mein Waffenbruder bei Beneſchau und vor Prag,“ antwortete Sezema;„ein tapferer Degen, aber ein allzu glühender Feind des Königs, der nur noch an Herrn Boreſch von Rieſenburg ſeines Gleichen hat.“ Ein Strahl wilder Freude flammte aus Ludmila's Augen.„Könnt Ihr mir nicht ſagen, wo er jetzt lebt?“ fragte ſie. Sezema berichtete, daß Berchtold von Emerberg in der Meinung, Fräulein von Mahrenberg ſei in ihrer Heimath, ſich nach Steiermark gewendet habe.„Wie glücklich würde er an meiner Statt ſein!“ fügte Sezema hinzu. Ludmila that, als höre ſie das nicht. Sie ermahnte Sezema zur Eile, damit er Zäwis⸗ Diener einhole, ver⸗ abſchiedete ſich und trat an die Kloſterpforte, die ſich ihr nach dreimaligem Klopfen öffnete. Sezema folgte der Ermahnung und war mit ſeinem Gefolge bald dem Bereiche des Kloſters enteilt. Er fand 115 die beiden Begleiter Ludmila's jenſeits der Stadt am Eingange des Waldes; in dem einen erkannte er den früheren Stallmeiſter Hroznata's von Huſitz, Namens Smil.. Das Gebot, den Namen ſeines neuen Herrn geheim zu halten, beſchränkte ſich lediglich auf Ludmila von Mahrenberg; daher bekannte Smil auf Sezema's Frage ohne Weiteres, daß Herr Zäwis allerdings der Herr und Bewohner des Waldſchloſſes ſei, auf welchem das Fräulein von Mahrenberg Obdach genoſſen. Dagegen leugnete er, daß Herr Zäwis eine Gemahlin habe, und als Sezema ihm entgegenhielt, daß das Fräulein von Mahrenberg die Hausfrau ſelbſt kennen gelernt, ſagte Smil und ſein Genoſſe beſtätigte es, daß allerdings eine Dame auf Malyhrad, wie ſie das Schloß nannten, haus⸗ halte, dies ſei jedoch nur eine Verwandte des Wladyka. Sezema ſtritt ſich nicht weiter mit den beiden Männern, die entweder abſichtlich oder unwiſſentlich die Wahrheit verſchwiegen. Als die Reiter das Schloß bei einbrechender Nacht erreichten und auf ſtarkes Pochen am Außenthor der Thorwart öffnete, raunte Smil, der voran ritt, dem⸗ ſelben etwas zu, worauf dieſer das Thor ſchnell nochmals ſchloß und ſich nach innen zurückzog.„Es iſt hier ein⸗ geführt,“ ſagte Smil ſich entſchuldigend zu Sezema,„daß 116 jeder Beſuch vom Thorwart erſt dem Burgwart und von dieſem dem Wladyka gemeldet wird, bevor man ihn einläßt.“ Es vergingen zehn Minuten, ehe das Thor ſich wieder öffnete und die Ankömmlinge hineinreiten konnten. Zäwis empfing ſeinen Anverwandten am Eingange zum eigentlichen Schloſſe beim Scheine zweier Fackeln. Die Empfindung einer unangenehmen Ueberraſchung, welche Zäwis bei der Meldung des Burgwarts gehabt, hatte er bereits wieder unterdrückt und ſo empfing er den Beſuch mit Herzlichkeit. Die Dienſtleute wurden dem Burgwart zur Unterbringung übergeben, Zäwis führte ſeinen Gaſt in die Gemächer des oberen Stockes. In einem traulichen Gemache ließ er ſich mit ihm nieder, befahl einem ihm folgenden Diener Wein und Wildpret zu bringen, und fragte nun, welches Schickſal den Vetter in dieſe Wildniß verſchlagen habe; ob er Neues aus Böhmen, ins⸗ beſondere aus dem Gebiete der Roſe mitbringe u. ſ. w. Sezema antwortete, daß es ſeine Abſicht geweſen, ihn zu ſuchen, daß ihn dazu das Gebot der Königin von Böhmen, die Lage des Vaterlandes und die An⸗ gelegenheiten des Witkowetziſchen Hauſes bewogen hätten. „Ich komme,“ fügte er hinzu,„im Namen dieſer Drei, Euch aus der ſelbſtgewählten Verbannung zurückzurufen 117 zu dem ruhm⸗ und ſegensreichen Wirken, das ſich jetzt für Euch eröffnet.“ „Dann bedauere ich Euch, im Voraus alle Hoffnung auf das Gelingen Eurer Sendung abſchneiden zu müſſen,“ erklärte Zäwis;„ich habe dieſe Verbannung aus Ekel an Euern Welthändeln gewählt; ich will mein Leben an einem Orte beſchließen, wo ich mir unan⸗ gefochten eine reine Hand, ein reines Gewiſſen, ein zu⸗ friedenes Herz und die vollſte Freiheit des Handelns bewahren kann.“ „Sonſt galt mein erlauchter Vetter für etwas ganz Anderes, als wofür er ſich jetzt gibt,“ entgegnete Se⸗ zema,„und ich kenne eine hohe und herrliche Perſon, welche mich einen ſchändlichen Verleumder ſchelten würde, wenn ich ihr ſagte: der Mann, den Ihr den erſten Patrioten Böhmens genannt, äußerte ſich als der reinſte Egoiſt.“ Dieſes Wort ſchnitt tief in Zäwis' Herz, doch wußte er darauf zu erwidern:„Die Reinheit des Gewiſſens ſteht über dem Vaterlande. In unſerm unglücklichen Vaterlande ſind alle Zuſtände und Verhältniſſe ſo ver⸗ worren, Recht und Unrecht, Tugend und Laſter ſo unter einander geworfen, daß kein Menſch, der handelnd in die vaterländiſchen Angelegenheiten eingreift, ſich ein reines Gewiſſen bewahren kann. Man hat da nur die Wahl, 118 entweder Hochverräther oder Sklave und Mitſchuldiger der Tyrannei zu ſein.“ „Das mag wahr ſein in Bezug auf die jüngſte Vergangenheit,“ wendete Sezema ein;„aber dieſe Ver⸗ gangenheit iſt abgeſchloſſen; König Otakar's Uebermacht iſt zerſchellt, er hat aufgehört dem böhmiſchen Adel furchtbar zu ſein, er hat alle Urſache ihm unter be⸗ friedigenden Bedingungen die Hand zur Verſöhnung zu reichen. Er hat nun erfahren, daß er ohne den Adel ohn⸗ mächtig iſt. Damit iſt die Zeit gekommen, uns wieder in den Beſitz unſerer alten Rechte zu ſetzen, und es kann uns dies nicht fehlſchlagen, wenn wir in ihrer Wieder⸗ herſtellung einmüthig und mit Mäßigung verfahren. Dieſe Einmüthigkeit und Mäßigung zu vermitteln, be⸗ darf es der Leitung eines beſonnenen und überlegenen Geiſtes, der zugleich eine Stellung einnimmt, welcher ſich die andern Alle gern unterordnen. Es gibt in Böhmen nur Einen, der zu dieſer Rolle berufen wäre, und dieſer Eine ſeid Ihr, Wladyka.“ „Es iſt noch gar nicht lange her,“ entgegnete Zä⸗ wis,„da hatte man mich an die Spitze geſtellt und ſich meinem Befehl freiwillig untergeordnet; aber weil ich den Weg der Beſonnenheit und Mäßigung ein kündigte man mir den Gehorſam, und ich ſtand einſam und verlaſſen mit meiner Beſonnenheit und meiner Mäßi⸗ 119 gung— wenn ich nicht irre, waret Ihr unter den heftig⸗ ſten Gegnern meines beſonnenen Planes.“ „Ich bekenne, daß ich ſo verblendet war,“ geſtand Sezema;„aber daß Ihr mich hier bei Euch ſeht als zu Eurer Anſchauung Bekehrten, das ſei Euch ein leben⸗ diges Zeugniß von dem ſeitdem erfolgten Umſchwung ſo der Dinge wie der Geſinnung.“ „Iſt dieſer Umſchwung wirklich erfolgt,“ warf Zäwis ein,„iſt man allgemein zur Beſinnung gekom⸗ men, dann bedarf es ja meiner Leitung gar nicht, ja dann kann ein jeder andere tüchtige Mann, der dem Kö⸗ nige angenehmer iſt wie ich, z. B. mein Schwager Hro⸗ znata, die Führung beſſer übernehmen.“ „Herr Hroznata iſt kein Witkowetz,“ erwiderte Se⸗ zema;„wenn ſchon um der Verſchwägerung willen die Witkowetze ſich die Führerſchaft des armen Herrn von Huſitz gefallen laſſen wollten, die Rieſenburge würden ſie ſchwerlich anerkennen. Daß Ihr allein der rechte Mann zu dieſer Rolle ſeid, das iſt auch die Meinung der Königin. O Wladyka, Ihr hättet es hören ſollen, wie die hohe, herrliche Frau von Euch ſprach—“ „Still!“ unterbrach ihn Zäwis, ſich umblickend; „ſprecht nicht ſo laut, man könnte Euch belauſchen.“ „Haben die Wände hier Ohren?“ fragte Sezema und ſah ſeinen Wirth mit einem forſchenden Blick an. 120 Zawis wußte, daß ſeine Gattin in dem neben an⸗ ſtoßenden, nur durch eine dünne Brettwand geſchiedenen Gemache verweilte, und er konnte nicht wünſchen, daß ſie Zeugin einer Mittheilung über die Königin ward, die vielleicht einen beunruhigenden Charakter für ſie annahm, oder die er doch um der Königin ſelbſt willen keinem drit⸗ ten Ohr hören laſſen mochte. Er brach daher das Ge⸗ ſpräch ab, indem er ſagte:„Ihr müßt hungrig und auch müde ſein, Vetter; eſſet, und wenn Ihr geſättigt ſeid, laßt mich Euch zu Bett bringen. Morgen iſt auch noch ein Tag zur Unterhaltung.“ Sezema aß und beantwortete dabei verſchiedene Fragen über Familienverhältniſſe. Er berichtete, daß Zä⸗ wis' Mutter noch vollkommen rüſtig ſei, aber ſich ſchmerz⸗ lich nach dem fernen, faſt verſchollenen Sohn ſehne. Seine Brüder hauſten, durch den Frieden gegen König Otakar's Rache ſicher, theils auf Krumau, theils auf Strac; ſeine Schweſter Bertha lebe hochbeglückt an Herrn Hroznata's Seite unter den Augen ihrer Mutter auf Maidſtein, wo ſie der Erfüllung mütterlicher Hoff⸗ nung entgegenharre. Die letzte Mittheilung vernahm Zäwis mit inniger Freude, und dennoch konnte er ſich eines Seufzers nicht erwehren, weil er ſich erinnerte, daß ihm die gleiche Hoffnung bis jetzt noch verſagt ge⸗ blieben. 12¹ Als Sezema ſich geſättigt erhob und Zäwis das Licht ergriff, um ſeinen Gaſt ſelbſt zu Bett zu leiten, zog dieſer ein verſiegeltes Schreiben aus ſeinem Buſen und übergab es jenem mit den Worten:„Dies gab mir Eure edle Mutter für Euch mit. Leſet es, wenn Ihr allein ſeid.“ Zechstes Capitel. Züwib wartete mit dem Leſen des ihm überreichten Schreibens nicht, bis er in das Gemach, wo er ſeinen Gaſt empfangen hatte, zurückkam, ſondern, von einer trü⸗ ben Ahnung erfüllt, ſetzte er das Licht auf ein Fenſter im Corridor, durch den er zurück mußte, und las das Schreiben hier. Es lautete: 4 „Meinem vielgeliebten Sohne Zäwis, dem Wla⸗ dyka, Heil und Licht und Frieden! Als mir Gott das hohe Glück gewährte, meinem Herrn und Gemahl, Dei⸗ nem erlauchten Vater, einen Erben zu geben, da legte ich das theuere Gelübde ab, ihn zu einem wahren Erben der Tugenden ſeines Erzeugers, zur Freude der Menſchen, zum Stolze ſeines glorreichen Geſchlechtes zu erziehen. Und Gott gab mir die Gnade, mein Gelübde in einer 1860. XIX. Zäwiß von Roſenberg. II. 8 122 Weiſe zu erfüllen, die mich zur glücklichſten aller Mütter machte. Du blühteſt auf in Schönheit und Kraft des Geiſtes wie des Körpers, eine Zierde der Freien, ein Muſter für die Edlen, ein geborner Herrſcher der Ge⸗ meinen. Als über Deinen Vater die dunkle Stunde kam, da durfte ich ſie ihm mit dem Troſte erleuchten: Siehe, Du lebſt fort in Deinem Erſtgebornen, der wird Alles, was Du gepflanzet, herrlich zur Reife bringen; und er ging mit Freuden hinüber zu ſeinen Vätern. Du warſt noch ein Jüngling, aber willig erkannten Dich die Greiſe wie die Männer unſeres Stammes als Ihr Oberhaupt an, berechtigt nicht allein durch die Geburt, ſondern auch durch Geiſtesmacht und Adel der Geſinnung. Sie ſahen in Dir, dem Wladyka, die feſte Säule ihrer Macht und der Ehre ihres Hauſes, Du warſt die Sonne, welche der glorreichen Roſe den höchſten Glanz verlieh. Und nun— hinter welch ein düſteres Gewölk hat ſie ſich auf einmal verkrochen? Noch hat ſie ihren Mittag nicht erreicht, und ſchon ſehen wir ſie mit Entſetzen hinabrollen in den Schvoß der ewigen Nacht. Zäwis, ſeit Monden iſt das Herz, unter dem Du einſt dem Lichte entgegenkeimteſt, eine Marterkammer der Angſt und des Grames, der Angſt um das mit dem Zuſammenſturz bedrohte Gebäude meiner Hoffnungen, des Grames über die nach dem Leu⸗ mund in meinem Sohne befleckte Ehre unſeres edlen 123 Hauſes. Meine Seele ſchreit täglich und ſtündlich: nein! es kann nicht ſein, dies Herzeleid kann mir der Liebling meines Herzens nicht thun, dieſe Schande kann der Stolz der Witkowetze ſeinem Geſchlechte nicht bereiten— aber ich kann die Stimmen nicht übertäuben, die Dich ver⸗ klagen, Du ſeieſt abgefallen vom Stamme der Roſe, Du habeſt die erhabene Stelle, die Dir Gott verliehen, leicht⸗ ſinnig preisgegeben, um im gemeinen Ehebunde mit ei⸗ ner niederen Magd Dich in Niedrigkeit und Dunkelheit zu vergraben. Zäwis, iſt das möglich? Kannſt Du, dem die ſtolzeſte Fürſtentochter freudig ihre Hand reichen wür⸗ de, kannſt Du, der berufene Hort und Wächter der Rein⸗ heit und Ehre unſeres Blutes, kannſt Du ſo tief ſinken? O gib mir ein Zeichen, daß der Leumund lügt. Vielleicht iſt es nur eine Tändelei, die zu ihm Veranlaſſung ge⸗ geben— ich billige eine ſolche Tändelei nicht, aber ich kann ſie verzeihen, wenn ſie nicht in ein frevelhaftes Spiel mit der Ehre und Unſchuld ausartet, die der wahre Edelmann auch an der ärmſten Dirne achtet. Haſt Du Dich nur aus Aerger und Ueberdruß an den öffentlichen Angelegenheiten des Vaterlandes zurückgezogen, ſo will ich darüber nicht mit Dir rechten. Doch da wir jetzt einer neuen Geſtaltung der Dinge entgegengehen, da ſich für Dich jetzt ein dankbares Feld öffentlichen Wirkens öffnet; ſo hoffe ich, Du werdeſt Deinen Groll erſticken 8* 124 und wieder heraustreten in das Leben, dem Du vielleicht eine ganz neue Geſtalt und Richtung zu geben beſtimmt biſt. Vielleicht iſt jetzt der Tag angebrochen, der alle Deine großen Gedanken ihrer Verwirklichung entgegen⸗ führt.— Mein theuerer, vielgeliebter Sohn, verzeihe mir, wenn ich Dich in falſchem Verdacht gehabt. Komme nur bald und zerſtreue die Wolken, die meine Seele be⸗ decken, und befreie mein Herz von ſeiner Qual. Sieh', ich habe um Deinetwillen den Bund Deiner Schweſter mit Herrn Hroznata geſegnet, obſchon ich ihr ein ſtolzeres Loos zugedacht hatte und unſere Sippe ſcheel genug dazu ſah— Herr Hroznata war Dein Freund und immerhin aus altem edlen Blute— aber wenn ich Dich, den Wla⸗ dyka, den fürſtlichen Mann, zu einer gemeinen Dirne hinabſinken ſähe, das könnte ich nicht ertragen. Gott ſei mit Dir, er erleuchte Deine Seele, wenn ſie verdunkelt iſt, er ſtärke Dich, wenn Du kämpfen mußt, um auf rech⸗ tem Wege zu bleiben, er führe Dich auf ihn zurück, wenn Du ihn verloren.“ Zäwis war bald todtenbleich, bald dunkelroth ge⸗ worden, große Schweißtropfen ſtanden auf ſeiner Sirn und er zitterte am ganzen Körper. Er hatte von Jugend auf mit der innigſten Liebe an ſeiner Mutter gehangen, er hatte in ihr ſtets das Ideal einer Edelfrau und einer Mutter verehrt. Wohl hatte er ſich mit mancher ihrer 125 Anſichten, insbeſondere mit ihren überſpannten Standes⸗ begriffen frühzeitig im Widerſpruch befunden, und je älter und reifer er geworden, deſto mehr hatte er ſich über ſie erhoben. Er, der dem Geiſte ſeines Volkes bis an ſeine Quellen nachgeſpürt hatte, er wußte, daß der ſchroffe Standesunterſchied, wie er ſich zu ſeiner Zeit in ſeinem Volke ausbildete, kein böhmiſches Gewächs war, hatten doch öfters böhmiſche Herrſcher unbeſchadet ihrer Ehre und ihrer Würde aus dem niedern Volke ſich ihre Gemahle gewählt. Nichts deſto weniger war er ſeiner Mutter immer der ergebene, liebevolle Sohn geblieben. Und nun hatte er ohne ihr Wiſſen eine Wahl getroffen, der ſie nach ihrer ganzen Denkweiſe fluchen mußte, wenn ſie ſie erfuhr; nun ſah er, daß ſie ſie beinahe erfahren, aber noch bezweifelte; nun forderte ſie ihn in herzzer⸗ reißender Weiſe auf, allen Zweifel zu zerſtreuen, ihr die Verſicherung zu geben, daß der Leumund gelogen. Konnte er das? War das ſeiner und des Weibes ſeiner Wahl würdig? Durfte er die Mutter geradezu belügen? Durfte er jetzt noch ſein edles Weib verleugnen? Aber konnte er auch ſeine Mutter durch das Bekenntniß der Wahrheit tödten? Da ſtand der hohe, helle, ſtarke Geiſt ohnmächtig vor den widerſtreitenden Forderungen des Herzens, bei dem Kampfe gleichberechtigter Pflichten. Lange ſtand er 126 da unter heißen Schauern, gleich dem Dulder von Geth⸗ ſemane— ſo mächtig, ſo verworren, ſo qualvoll war das Leben in dem Schauergewölbe des weißen Thurmes nicht geweſen, als ihm dieſe Stunde war. Endlich rang ſich aus der gequälten Bruſt ein bebender Seufzer empor zu ſeinem Gott. Da rauſchte etwas vor ihm her, eine leichte, weiße, duftige Geſtalt— ihm erſchien ſie ein En⸗ gel von Gott geſandt— ſie umſchlang ihn mit ſchneeigem Arm und flüſterte:„Gott Lob, da biſt Du ja; mir ward bang um Dich— ich warte ſchon ſo lange auf Dich, Dir etwas Freudiges zu ſagen— ich hörte Dich vorhin ſeuf⸗ zen, wie Dein Gaſt Dir von Bertha's Hoffnung erzähl⸗ te— betrübe Dich nicht mehr— ich bin— ſo glücklich wie Deine Schweſter.“ Das war eine Stimme von oben, die entſchied den Kampf. Mit ſtürmiſcher Inbrunſt ſchloß Zäwis das holde Weib feſt an ſeine Bruſt, bedeckte ſie mit Küſſen und weinte ſelige Thränen. Dann bat er ſie ſanft, ihm voran⸗ zugehen, er werde ihr auf dem Fuße folgen; und indem ſie gehorchte, hielt er das Schreiben ſeiner Mutter über die Flamme des Lichtes. Als es Aſche war, ging er Li⸗ bua nach. Zartſinnig verſchwieg Zäwis ihr, was ihm ſeine Mutter geſchrieben, wie er denn nur deßhalb den Brief verbrannt hatte, damit derſelbe ihr nie auf irgend eine 127 Weiſe in die Hände fallen könne. Aber ſo feſt er ent⸗ ſchloſſen war, mit Libusa für das Leben verbunden zu bleiben und ihr alle Rechte einer Gattin zu ſichern, ſo konnte er es doch nicht über ſich gewinnen, ſeiner Mutter offen entgegenzutreten, ihr durch ein offenes Bekenntniß ſeiner Verbindung das Herz zu brechen. Da eine Hinter⸗ bringung des wirklichen Verhaltes durch Sezema dieſelbe Wirkung haben mußte, ſo mußte entweder auch vor die⸗ ſem ſein Ehebund ein Geheimniß bleiben, oder er mußte einen theuren Eid ablegen, ihn gegen ſeine ganze Sippe geheim zu halten. Da erſteres ſchwer zu bewerkſtelligen war, ſo beſchloß Zäwis den letztern Weg einzuſchlagen. Er ſtellte daher am folgenden Morgen ſeinem Gaſt Li⸗ busa als ſein eheliches Gemahl förmlich vor. „Wenn Ihr,“ ſagte er dabei zu Sezema,„einige Wochen Zeuge meines Glückes geweſen ſein werdet, dann werdet Ihr es begreifen, warum ich mein ſtilles, verbor⸗ genes Leben nicht mit Euerm Welttreiben vertauſchen mag. Laßt es Euch nur recht lange im milden Strahl dieſes freundlichen Geſtirnes gefallen.“ Sezema hatte ſeinen Mund zu einem verächtlichen Lücheln verzogen; aber der Adel in Libusa's ganzer Er⸗ ſcheinung zwang ihn ſchnell, eine andere Miene anzuneh⸗ men, und er fühlte ſich faſt beſchämt, als ſie ganz leicht und einfach zu Zäwis Worten hinzufügte:„Ein Witko⸗ 128 wetz wird den Strahl nicht verſchmähen, der zum guten Theil Abglanz einer ihm nahverwandten Sonne iſt Wirklich ſchien es dem ſtolzen Wittingauer auf Malyhrad zu gefallen, denn er blieb lange da. Sein Weilen hatte aber ſeinen Grund darin, daß er immerfort hoffte, an Zäwis irgend eine Stelle ausfindig zu ma⸗ chen, an der er ihn ſicher faſſen konnte, um ihm ſeine Zurückgezogenheit zu verleiden und ihn für die ihm zu⸗ gedachte Rolle auf der Bühne der Welt zu gewinnen. Als leidenſchaftlicher Jäger veranlaßte er Zäwis, täglich mit ihm in den wildreichen Waldungen von Malyhrad zu jagen. Da hatte er Gelegenheit genug, mit ihm über die vaterländiſchen Angelegenheiten ganz allein zu ſprechen, wobei die Hoffnungen, welche die Wit⸗ kowetze und der ganze ihnen gleichgeſinnte Adel auf ihn ſetzten, ſowie der Wunſch der Königin, ihn an der Spitze ſeiner Partei zu ſehen, mit ſeiner Hilfe eine neue Zeit über das Vaterland heraufzuführen, die vornehmſte Rolle ſpielten. Zäwis cheliches Verhältniß ließ der Schlaue unberührt. Der Tropfen höhlt den Stein aus. Das bewährte ſich auch hier. Allmälig ſtiegen in Zäwis doch leiſe Zweifel über die ſittliche Berechtigung ſeines gegenwärti⸗ gen Lebens auf. Zwar ließ er ſie Sezema nicht merken, aber dieſer ahnte doch, daß ſein unverdroſſenes Arbeiten 129 nicht ganz erfolglos war, und um ſo emſiger und zugleich behutfamer verfolgte er ſein Ziel. Wohl ſah Libusa ihren Gemahl ernſter werden, als er es vor Sezema's Ankunft geweſen; aber ſie dachte ſich anfangs nichts Arges dabei, war er doch gegen ſie unveründert der liebevolle, zärtliche Gatte. Als aber die Wolken auf ſeiner Stirn dauernder und düſterer wur⸗ den, ward ſie doch beſorgt und ſie konnte nicht umhin, ihn um die Urſache ſeiner Verſtimmung zu fragen. Da küßte er ihr die Stirn und ſagte:„Laß nur— es iſt weiter nichts— es wird vorüber gehen.“ Nach und nach widmete Zäwis ſeine Geſellſchaft ſeiner Gattin immer weniger, deſto mehr ſchloß er ſich an ſeinen Vetter an. Da ward Libusa oft recht bang um's Herz— oft ſaß ſie ſtill in ihrem Gemach und weinte. Trauernd ſah Scarlatti die Veränderung im Weſen ſei⸗ nes Gönners, urd Libusa's inneres Leid entging ihm nicht, wie ſehr ſie es auch vor den Augen der Leute, auch vor den ſeinigen, zu verbergen ſuchte. Aber das be⸗ kümmerte Herz hält doch auf die Dauer das Verſchließen ſeines Kummers in ſich ſelbſt nicht aus, es ſucht am Ende doch ein theilnehmendes Herz, an dem es ſich aus⸗ weinen kann. Ein ihr an Bildung und Sitten nahe⸗ ſtehendes weibliches Weſen hatte Libusa nicht um ſich⸗ Secarlatti ſtand hoch im Vertrauen ihres Gatten und in 130 ihrer Achtung, ſie las die Theilnahme in ſeinen Augen eher, als die ſtille Huldigung ſeiner Seele, die doch viel älter war als jene. Und eines Tages ſaß ſie an ſeiner Seite im kleinen Garten und entlud vor ihm das be⸗ ſchwerte Herz. Seitdem ſuchten ſich die Beiden oft, wenn ſie ein⸗ ſam waren, und es war für Searlatti ein ſchmerzliches Glück, daß er die tröſten konnte, an der er mit ſchwärme⸗ riſcher Verehrung hing. Durch ſeinen Leibdiener Jan, den er zum Aufpaſſer beſtellt, erfuhr Sezema das häu⸗ fige Zuſammenſein der Beiden, und er benutzte es, um in Zäwis, den nur noch die Liebe zu Libusa an ſeine Verborgenheit feſſelte, dieſe Liebe zu erſticken. Allein da⸗ durch verdarb er faſt ganz, was er vorher gewirkt. Blinde Eiferſucht gehörte nicht zu Zäwis' Schwächen. Er kannte Libusa's tiefen ſittlichen Werth, der ſie gemeiner Untreue unfähig machte, und er wußte, daß Scarlatti an ihm nicht zum Verräther werden konnte, ſo lange Libusa tu⸗ gendhaft blieb. Als Sezema es wagte das Verhältniß Scarlatti's und Libusa's zu verdächtigen, erhielt er nicht nur von Zäwis eine einfache ſcharfe Zurechtweiſung, ſon⸗ dern es ward ihm auch bemerkt, daß der nächſte geringſte Verſuch, die Ehre einer ſo rechtſchaffenen und edlen Frau zu ſchwärzen, einen entſchiedenen Bruch zwiſchen den beiden Verwandten zur Folge haben würde. Von Stunde 131 an zog ſich Zäwis auch von Sezema etwas zurück und erwies ſich gegen Libua wieder freundlicher und auf⸗ merkſamer. In einer vertraulichen Stunde ſagte Libusa zu ihm: „Ich will Deinen Vetter nicht verklagen; aber er ſcheint mir doch ein Feind unſeres Glückes zu ſein, obgleich er ſich gegen mich immer achtungsvoll erweiſt. Seit er hier iſt, liegt eine ſchwüle Luft auf Malyhrad.“ „Er hat mir ſo Manches aus der Heimath gemel⸗ det,“ erwiderte Zäwis,„was mich nothwendig beunru⸗ higen muß, wenn ich nicht allem Gefühl für das Vater⸗ land abgeſtorben bin.“ „Zieht es Dich vielleicht in das Vaterland zurück?“ fragte Libusa.„Möchteſt Du wieder wirken in ihm? Und drückt es Dich, daß Du Deine großen Gaben nicht zum Wohle von Tauſenden anwenden kannſt? Sag' es mir! Sieh', ich habe manchmal im Stillen bei mir ge⸗ dacht, daß es thöricht von mir war, mir einzubilden, daß Dir dies ſtille Leben an meiner Seite für die Dauer ge⸗ nügen werde. Och bitte Dich, laſſe Dich durch mich nicht binden; wenn Dein Geiſt nach Thaten dürſtet, wenn es Dich hinausdrängt in das Leben, um die Stelle darin einzunehmen, die Dir durch Geburt und Natur angewie⸗ ſen iſt ſo zieh und laß mich hier zurück, bis die Zeit kommt, wo Du mich zu Dir rufen kannſt.“ 132 „Du traute Engelsſeele!“ ſagte Zäwis ſie küſſend, „ſprich mir nie wieder davon, daß ich Dich verlaſſen ſoll! Es war unrecht von mir, daß ich mich ſo verſtimmen ließ, Dich durch meinen Trübſinn ſo marterte. Es war ſchwach von mir, mich durch meinen Vetter zu dem Wahne hinreißen zu laſſen, als ſei ich jetzt meinem Vaterlande unentbehrlich geworden, als ſei für mich, nachdem ich kaum die bitterſten Erfahrungen gemacht über die Unverbeſſer⸗ lichkeit und Unbrauchbarkeit der Menſchen, mit denen und für die ich wirken ſoll, die Zeit heraufgekommen, wo ich der Held und Wiederherſteller des Vaterlandes wer⸗ den könnte.“ „Vielleicht iſt dies noch mehr als ein Wahn,“ warf Libusa leiſe ein. „Nein, Liebchen, es iſt ein Wahn,“erklärte Zäwis; „hier in Deiner reinen Nähe, wo der Friede und die Klarheit wohnt, hier ſehe ich Alles, wie es iſt; da ſind die Nebel und Luftſpiegelungen verſchwunden, durch welche in Sezema's Nähe die Dinge draußen zu betrachten ich mich gewöhnt hatte. Vergieb mir allen Kummer, den ich Dir gemacht, und laß mich wieder mit ganzer Seele Dir— und unſerer Hoffnung leben.“ Libusa küßte ihm, eine Freudenthräne im Auge, die Hand.„Ich lebe nur in Dir,“ ſagte ſie,„Dein Wille iſt mein Geſetz— das mußt Du erkannt haben— ich werde 133 mich nie zum Hemnſchuh Deines Geiſtes, Deiner That⸗ kraft herabwürdigen. Findeſt Du es für gut und recht, bei mir zu bleiben, ſo bin ich ſelig; treibt Dich der Geiſt hinaus in das Leben, ſo werde ich mit Stolz meinen Helden ausziehen ſehen, daheim für ihn beten und treu ſeines Hauſes warten, daß er es traut und wohnlich fin⸗ det, wenn er wieder kommt.“ Wirklich war Zäwis von dieſer Zeit an wieder bei⸗ nahe der Alte. Er entzog ſich ſo viel als möglich den Einflüſterungen Sezema's, und dieſer fand ſich endlich ſo gut als überflüßig auf Malyhrad.„Ich reiſe morgen ab,“erklärte er eines Morgens plötzlich zu Zäwis;„haltet bis dahin die Antwort an Eure Mutter bereit— oder wollt Ihr mir es überlaſſen, ihr mündlich zu ſagen, wie ich Euch und Alles hier gefunden?“ „Ich werde Euch einen Brief mitgeben,“ erwiderte Zäwis. „Das iſt mir lieb,“ ſagte Sezema;„es wäre mir eine ſchmerzliche Aufgabe, der würdigen Frau zu ſagen, daß ſie den Stolz ihres mütterlichen Herzens für verloren anzuſehen habe.“ „Ich werde Euch den Brief offen übergeben und über ſeinen Inhalt mit Euch ſprechen,“ verſetzte Zäwis, ohne den Vorwurf ſeines Vetters weiter zu beachten. Zãwis ſchrieb an ſeine Mutter:„Meiner theuren, 134 ehrwürdigen Mutter Heil und Freude und langes Leben! Dein Brief hat mich mit Stolz und Schmerz zugleich er⸗ füllt: mit Stolz, von einer ſolchen Mutter ſo innig ge⸗ liebt, ſo hoch gehalten zu werden; mit Schmerz, weil ſie die Beute eines Kummers geworden, zu dem ſie keinen Grund hatte, den ihr der traurige Gedanke bereitet, daß ihr Sohn etwas thun könne, was der Ehre ſeines Ge⸗ ſchlechtes irgendwie Eintrag thäte. Gott Lob, daß ich Dir, geliebte Mutter, aufrichtig ſagen kann: ich bin von den alten, heiligen Ueberlieferungen unſeres Hauſes, das zu allen Zeiten eine Bewahrerin und Fflegerin des echt böhmiſchen Adelsgeiſtes geweſen, keinen Angenblick auch nur einen Finger breit abgewichen, ich habe keinen Augen⸗ blick in dem Streben nachgelaſſen, ein echter Leche zu ſein. Hat mein Zurückziehen von der Bühne des öffent⸗ lichen Lebens Mißdeutung und Verdächtigung erregt, ſo bedauere ich zwar, Dir hierdurch Verdruß bereitet zu ha⸗ ben; aber ich konnte zur Zeit, wo ich mich zurückzog, meine Ehre als freier, edler Böhme nicht anders wahren, und meine Seele nicht anders vor Verzweiflung über den Jammer und die Schmach des Vaterlandes retten, als durch die Flucht in einen verborgenen Winkel der Erde, wo ich von den vaterländiſchen Dingen nichts ſah noch hörte. Gern folgte ich dem Rufe meiner Mutter und unſerer Verwandten, in ihre Mitte zurückzukehren, könnte 135 ich die Ueberzeugung gewinnen, daß meine Gegenwart dort durchaus nothwendig, oder die Verhältniſſe ſo weit geklärt wären, daß ich mit reinem Gewiſſen und mit Aus⸗ ſicht auf heilſamen Erfolg wirken könnte. Es lebt mir dort ein Freund, der mein Herz kennt und weiß. wenn es für mich Zeit ſein wird, zu Euch zurückzukehren; wenn er mich rufen ſollte, werde ich der Sehnſucht meines Herzens nach Dir und allen den Unſrigen ohne Säu⸗ men gehorchen.“ Dieſen Brief zeigte Zäwis ſeinem Vetter Sezema am Vorabend ſeiner Abreiſe und fragte ihn, ob er ſeiner Mutter den Inhalt des Briefes einfach beſtätigen und ihr Alles verſchweigen wolle, was nach ihrer Anſchau⸗ ungsweiſe mit dieſem Inhalte in Widerſpruch ſtand. Se⸗ zema erklärte, Zäwis' Mutter die volle Wahrheit melden zu müſſen.„Wenn ich Euch nun aber dringend bitte, meine alte Mutter zu ſchonen,“ ſagte Zäwis,„wenn ich Euch flehe und beſchwöre, ſie nicht zu belügen, ſondern nur bei gutem Glauben zu laſſen, wenn ſie durch meinen Brief ſich beruhigt zeigt—“ „Kommt mit nach Böhmen zurück, erfüllet Eure Pflicht als Wladyka unſeres Hauſes— und Niemand ſoll Eure Mißheirath erfahren.“ „Mißheirath— Narrheit!“ rief Zäwis unwillig; „Libusa würde einen Thron zieren.“ 136 „Wenn ſie edelgeboren wäre,“ warf Sezema ein. „Ihr werdet mir ſchwören, den Inhalt dieſes Brie⸗ fes ernſtlich zu beſtätigen,“ ſagte Zäwis mit Entſchie⸗ denheit,„oder Ihr bleibet hier!“ „Das fällt mir nicht ein,“ erklärte Sezema;„ich mag nicht länger leeres Stroh dreſchen.“ „Ich wiederhole: entweder Ihr ſchwöret, oder Ihr bleibet hier!“ rief Zäwis. „Ihr wollt mich doch nicht etwa gefangen halten?“ „Ja, bei Gott, das will ich, ſo Ihr nicht ſchwöret!“ „Das wäre ja ſchändlicher Verrath!“ „Es wäre nur Nothwehr,“ verſetzte Zäwis,„gegen den Mörder meines häuslichen Glückes, gegen den Mör⸗ der meiner Mutter— ſchwöret!“ „Ihr ſeid ſchrecklich, Wladyka.“ „Schwöret, ſag' ich!“ „Ich ſchwöre nicht.“ „Gut, ſo ſeid Ihr mein Gefangener; ich werde Euch ritterliches Gefängniß geben und jeden Augenblick bereit ſein, ihm ein Ende zu machen, ſobald Ihr Euch eines Beſſern beſonnen! Folget mir!“ Alle Einwendungen, die Sezema erhob, fruchteten nichts, er mußte ſich, als Zäwis Anſtalt machte, den Burgwart mit Knechten zu rufen, in ſein Schickſal er⸗ geben. Als Zäwis die Thür zu Sezema's Gefängniß 137 aufſchloß, ſagte dieſer:„Was nützte Euch denn mein Schwur, wenn ich ihn nicht halten wollte du „Ich weiß, daß ſich kein Witkowetz durch einen Meineid befleckt.“ „Einen erzwungenen Eid löſt die Kirche.“ „Aber die Ehre des Witkowetziſchen Hauſes erkennt die Löſung nicht an.“ Zäwis ſchloß ſeinen Gefangenen ein, der nicht den Muth hatte, ſich dem Wladyka thätlich zu widerſetzen. Den folgenden Tag ordnete Zäwis ſeinen Stall⸗ meiſter Smil mit zwei Knechten nach Maidſtein ab, den Brief an ſeine Mutter zu überbringen und Hroznata von der gegen Sezema ergriffenen Maßregel in Kenntniß zu ſetzen, ihn auch zu bitten, über den Stand der Dinge in Böhmen genaue Kunde nach Malyhrad gelangen zu laſſen. Libusa kannte den eigentlichen Grund von Seze⸗ ma's Verhaftung nicht; ſie war darüber betreten, aber ſie glaubte feſt, daß ein triftiger Grund dazu vorläge. Wenn ſie daher auch gegen ihren Gatten die Frage fallen ließ, ob es nicht beſſer ſei, Gnade für Recht ergehen zu laſſen, ſo wagte ſie doch keine Gegenvorſtellung, als er erklärte, der Vetter brauche nur Vernunft anzunehmen, ein einziges Wort von ihm könne ihn frei machen. Zäwis wartete aber von einem Tage zum andern 1860. XIX. Zäwit von Roſenberg. II. 9 138 vergebens, daß Sezema ſich zu dem geforderten Schwur bereit erklärte. Er fühlte ſich bedrückt von dem Verfah⸗ ren wider ihn, und dies Gefühl ließ ihn auch nicht wieder zum vollen Genuße ſeines Glückes gelangen. Da⸗ bei war doch auch Manches von Sezema's Saat in ſeiner Seele haften geblieben, das mit der Zeit Wurzeln trieb, die ihm das Herz ſpalteten. Er gab ſich zwar alle Mühe, vor Libusa heiter und glücklich zu erſcheinen, aber ſie fühlte ihm doch an, daß er es innerlich nicht ganz war. Sie ſchrieb dies dem Widerſpruche ſeines guten Herzens gegen die Strenge zu, welche er gegen den Vetter brau⸗ chen mußte, und ſie wagte an Zäwis die Frage zu rich⸗ ten, ob der Gefangene nicht genug gebüßt, oder ob es nicht genüge, wenn er nur nicht aus dem Schloſſe hin⸗ aus dürfe, in deſſen Räumen aber ſich frei ergehen könne. Zäwis entſchloß ſich nach kurzem Bedenken, Seze⸗ ma ſeiner engern Haft unter der Bedingung zu entlaſſen, daß er ſein Ehrenwort verpfände, nicht aus dem Schloſſe zu gehen und ſich jeden Verſuchs zu enthalten, Zäwis zu einer Rückkehr in das öffentliche Leben zu bewegen. Sezema gab das Ehrenwort und ging aus ſeinem Ge⸗ wahrſam, doch lehnte er es ab, an Zäwis' Tiſch zu ſpeiſen. In Zäwis' Stimmung war dadurch wenig geändert. Er wies ſich vor Libusa häufig zerſtreut, zuweilen auch 139 mißmuthig, und nicht immer wollte es ihrem zärtlichen Bemühen gelingen, ihn aufzuheitern. Eines Tages war Zawis auf die Jagd gegangen⸗ Libusa ſaß traurig in ihrem Gemach und ſann darüber nach, was wohl der eigentliche Grund von dem dunklen Gemüthszuſtande ihres Gemahls ſei. Da trat plötzlich Sezema bei ihr ein. In der Meinung, es ſei Scarlatti, rief ſie:„Es iſt gut, daß Ihr kommt, lieber Freund, meinen ſchwachen Muth widder aufzurichten.“ Sezema trat näher und erwiderte:„Wenn mir dieſe Anrede galt, ſo habe ich nicht nöthig, meine ſchöne Baſe um Verzeihung zu bitten, daß ich zu ihr eindringe.“ Libusa erſchrak, aber ſie faßte ſich ſchnell und ſagte:„Es iſt meine Schuld nicht, wenn Euch Euer Kommen zu mir als Eindringen erſcheint, Herr Vetter. Laßt Euch nieder.“ Sezema folgte der Einladung und Libusa nahm ihm geßenüber Platz.„Hat Euch mein Vetter Zäwis geſagt, warum er mich gefangen hält?“ fragte er. „Ich forſche nie nach dem Grunde der Handlungen meines Gatten,“ antwortete Libusa. „Dann ſeid Ihr eine Ausnahme Eures neugierigen Geſchlechtes,“ bemerkte Sezema.„Hättet Ihr den Grund erfahren, ſo würdet Ihr wohl das Verfahren nicht ge⸗ billigt haben; deßhalb verſchwieg er ihn Euch⸗ Ihr 9* 140 könnt nun denken, ich habe wer weiß was verſchuldet, weil mich der Wladyka ſo hart ſtraft. Ich muß Euch daher ſagen, warum ich in Haft gehalten bin. Ich ſoll der Mutter Zäwis' verſchweigen, daß er einem Mädchen von niederer Geburt alle Pflichten gegen ſein erlauchtes Geſchlecht, und allen Ruhm, alle Ehren geopfert, zu wel⸗ chen ihn Geburt und Talent berechtigen. Seine ehrwür⸗ dige Mutter würde ihm und dem erwählten Weibe ſammt jeder Frucht ſeines Leibes fluchen und mit dieſem Fluche in die Grube fahren, wenn ſie darum wüßte; darum ſoll ich ſchwören, nicht zu verrathen, was ich hier geſehen, und weil ich den Schwur nicht leiſten kann, ge⸗ fällt es meinem Vetter, mich hier in Haft zu halten.“ Libuda war zur Lilie erblaßt.„Iſt das wahr?“ ſtammelte ſie. „Bei der glorreichen Roſe,“ betheuerte Sezema; „Ihr könnt auch Euren Gatten fragen; die beſtimmte Frage wird er nicht in Abrede ſtellen. Hat er Euch nie von einem Schreiben geſagt, das ihm ſeine Mutter durch mich geſandt?“ Libusa verneinte, doch geſtand ſie zu, daß ſie von dem Schreiben gehört. „Aber Ihr kennt ſeinen Inhalt nicht?“ „Nein,“ antwortete Libusa, und ihr war, als läge ihr Herz auf der Folterbank. 141 „So wiſſet, daß die ehrwürdige Frau, Zäwis' Mut⸗ ter, Kunde erhalten, ihr Sohn ſtehe im Begriff, eine un⸗ ebenbürtige Ehe zu ſchließen, und habe ſich deßhalb von der Welt zurückgezogen. Dieſe Kunde hat ſie furchtbar ergriffen, die Nachricht vom Tode ihres Lieblings würde ſie nicht ſo tief verwundet haben, als die Meldung, daß er an der Ehre ſeines Hauſes zum Verräther und zum Mörder ihrer ſtolzeſten Hoffnungen werden wolle. Sie hat, ſeit ſie davon gehört, keine ruhige und heitere Stunde mehr gehabt; der Schlaf floh von ihrem Lager und die Angſt und der Gram bleichten ihr das Haar, furchten ihr die Wangen. Endlich erbot ich mich, vom Mitleid ge⸗ trieben, ihren Sohn aufzuſuchen und ihm mitzutheilen, wie ſeine Mutter litt, damit er, wenn es noch Zeit, den Schritt unterließe, der ſie ſo unglücklich machte. Sie nahm das Erbieten wie der Kranke die Hilfe eines Arztes an; ſie ſchrieb ſelbſt an Zůwis einen rührenden Brief— ein Stein hätte davon erweicht werden müſſen— es war zu ſpät, ich fand ihren Sohn vermählt. Er konnte zur Beruhigung der Mutter nichts mehr thun, als ihr ſeine Vermählung verheimlichen, verleugnen, und ich ſollte daſſelbe thun. Aber ich kann nicht lügen; ich erklärte, der Wahrheit die Ehre geben zu müſſen, und mußte als Gefangener hier bleiben.“ Libusa war im Innern wie zerbrochen von dieſer Mittheilung. Mit faſt tonloſer Stimme ſagte ſie zu dem 142 Erzähler:„Verlaſſet mich jetzt, ich muß allein ſein mit Gott und meinem Gewiſſen.“ „Nur noch eins laßt mich ſagen,“ verſetzte er, ſich erhebend.„Ich habe das Gefängniß, das unthätige Leben ſatt; ich erkenne auch, daß der Wladyka nicht anders kann, ſeine Mutter zu ſchonen, als mir den Schwur auf⸗ zulegen, ihr zu verſchweigen, was ihr das Herz brechen würde. Ich will den Schwur leiſten, aber nur unter ei⸗ ner Bedingung.“ „Und dieſe wäre?“ fragte Libusa geſpannt. „Daß Ihr mir gelobet, mit allem Euren Einfluß Euren Gatten zu bewegen, daß er wenigſtens die Pflich⸗ ten gegen ſein Vaterland und ſein Geſchlecht erfüllt, daß er ſeine großen Gaben nicht roſten läßt in Dunkel und Trägheit, ſondern ſie braucht zum Segen des Vaterlan⸗ des. Wollt Ihr das thun?“ „Hier meine Hand,“ ſagte Libusa, ein wenig er⸗ leichtert. „Dann leiſte ich den Schwur,“ erklärte Sezema und verabſchiedete ſich von Libusa. Wirklich trat Sezema dem von der Jagd heimkeh⸗ renden Zäwis mit der Erklärung entgegen, er ſei bereit, den verlangten Schwur abzulegen. Zäwis nahm ihn an und den folgenden Tag zog Sezema mit ſeinem Gefolge frei aus dem Thore von Malhhrad. 143 Sirbentes Cpitel. Es war, als ob mit Sezema ein böſer Geiſt aus⸗ gezogen ſei. Zäwis zeigte ſich wieder in ſeiner urſprüng⸗ lichen Heiterkeit und noch einmal ſchienen die goldenen Tage für die beiden Gatten zurückgekehrt, die ihnen in der erſten Zeit auf Malyhrad dahingeſchwunden waren. Libuza vergaß in den erſten Tagen ihres neuen wolken⸗ loſen Glückes das Gelübde, das ſie vor Sezema abgelegt; und als ſie ſich endlich ſeiner erinnerte, ging ſie nur mit Bangen und Zagen an ſeine Erfüllung. Anfangs berührte ſie den Gegenſtand, um den es ſich handelte, ganz leiſe, und ſie hatte die Freude, daß Zäwis gern darauf einging, ihr offener als ſonſt ſeine Anſichten mittheilte und ſie ſogar um Rath fragte, was er thun ſolle. Libusa hätte am liebſten geantwortet: „Was Du thuſt, das iſt mir recht,“ aber ihr Gelübde zwang ſie ja, dem Gatten zu rathen, daß er wieder hin⸗ austrete in das Leben und darin den Platz einnehme, der ihm gebühre. Zäwis hörte das nicht ungern, aber bald merkte er, daß Libusa nicht mit ihrem ganzen Herzen bei ihrem Rathe war, daß ſie ſich zwang, ihn zu ertheilen. Da er den eigentlichen Beweggrund nicht kannte, ſo ver⸗ 144 ſtimmte ihn die Wahrnehmung, aber doch nicht ſo ſehr, daß er nicht immer wieder gern auf den Gegenſtand zu⸗ rück gekommen wäre. Er fing an von den Träumen ſei⸗ ner Jugend zu reden, von den Dienſten, die er dem Va⸗ terlande habe leiſten wollen, von der Verjüngung des Vaterlandes, an der er zu arbeiten, für die er Gut und Blut zu opfern geſchworen. Nun, indem er mit Begei⸗ ſterung ſprach, begeiſterte er auch Libua, ſo daß ſie nicht mehr gezwungen, ſondern frei aus der Seele heraus ihn ermunterte, ſeine ganze Kraft dem Vaterlande zu widmen. Wenn er dann die Frage einwarf:„Aber was ſoll aus Dir werden, wenn ich Dich verlaſſe?“ ſo hatte ſie die Antwort:„Ich bleibe, was ich bin: die Prieſterin Dei⸗ nes Herdes, und wenn mir Gott die Gnade verleiht, Dir einen Erben zu gebären, werde ich ihm eine wackere Mutter ſein.“. So reifte in Zäwis der Entſchluß, ſein Stillleben wieder mit einem Leben des öffentlichen Wirkens und Ringens zu vertauſchen. Er harrte nur einer Nachricht von Hroznata, ehe er ſich feſt entſchied. Endlich kehrte Smil aus Böhmen zurück und überbrachte ein ausführ⸗ liches Schreiben von Hroznata. Dieſem zufolge hatte Zäwis' Brief an ſeine Mutter eine ziemlich erwünſchte Wirkung auf dieſelbe geäußert, die durch Smil's kluge Antworten auf ihre Fragen an dieſen noch erhöht worden 145 war. In Betreff der öffentlichen Angelegenheiten ſchrieb Hroznata, daß der zwiſchen Otakar II. und Kaiſer Ru⸗ dolf geſchloſſene Friede bereits wieder wanke. Es ſei zwiſchen den beiden Machthabern ein Zwieſpalt über den⸗ jenigen Punkt des Friedensvertrages entſtanden, welcher den Witkowetzen und ihren Genoſſen in der Empörung volle Strafloſigkeit ſicherte. Da dieſelben dem bloßen Worte Otakar's nicht getraut, ſo hätten ſie ſich förmlich unter den Schutz des Kaiſers geſtellt, und dieſer habe ſich in Folge deſſen bei der endgiltigen Feſtſtellung der Frie⸗ densbedingungen das Schutzrecht über die mißvergnügten Barone ausdrücklich vorbehalten. Das habe Otakar als eine Kränkung ſeiner königlichen Rechte betrachtet und dagegen entſchiedenen Widerſpruch erhoben. Der Kaiſer beharre aber bei ſeiner Forderung, und da Otakar ebenſo beharrlich ſeine Einwilligung dazu verweigere, ſo ſei wieder eine Spannung zwiſchen ihnen eingetreten, die leicht zu einem neuen Bruche führen könne. Auch gehe das Gerücht, die Königin mißbillige den geſchloſſenen Frieden und reize den König fortwährend, ihn zu brechen. Man lege ihr ſehr herbe und beißende Worte in den Mund, womit ſie den heimkehrenden König empfangen und ihm erklärt habe, daß ſie nie in den Handel willigen werde, durch den ihre Kinder verkauft werden ſollten. Vielleicht ſei eben Otakar's Widerſtand gegen die For⸗ derung Rudolf's in Betreff des Schutzrechtes über die mächtigſten böhmiſchen Barone das Werk von Kuni⸗ gundens Einfluß. Dieſe Mittheilung war entſcheidend für Zäwis. Er pflichtete dem König bei, daß er ſich einer Bedingung widerſetzte, die nicht allein eine Kränkung ſeiner könig⸗ lichen Rechte, ſondern auch eine Verletzung der böhmi⸗ ſchen Unabhängigkeit enthielt. Daß der deutſche Kaiſer oberherrliche Schutzrechte über böhmiſche Landſaſſen haben ſollte, das hieß ihm die Oberherrlichkeit über ganz Böh⸗ men einräumen. Zäwis begriff nicht, wie ſeine Ver⸗ wandten in eine ſolche Erniedrigung ihres Vaterlandes willigen konnten. Er wußte, daß der Plan von Boreſch von Rieſenburg ausgegangen war, aber er hatte nicht für möglich gehalten, daß ihn die Witkowetze zu dem ihrigen machen würden. Er ergrimmte über dieſen Ver⸗ rath an der böhmiſchen Volksehre und beſchloß, unter ſeine Sippe zu treten, ihr in die Gewiſſen zu donnern und ſie auf den Pfad der Ehre zurückzuführen. Libusa billigte ſeinen Entſchluß. Obgleich eine bange Ahnung ihr Herz beſchlich, ſie vergönnte ihr keine Stimme, ſie machte keinen Verſuch, den theuren Gatten nur um einen Tag länger bei ſich zurückzuhalten. Zäwis ward es ſchwer ſich von dem herzigen Weibe zu trennen; er fragte ſich, ob es denn durchaus nothwendig ſei, ſie 147 zurückzulaſſen— ja ob er ſie auf dem fernen einſamen Waldſchloſſe zurücklaſſen dürfe, zumal jetzt, wo ſie mit Mutterhoffnung ging. Aber er war nicht ſtark genug, ſein Gattenrecht und ſeine Gattenpflicht gegen das Vor⸗ urtheil ſeiner Mutter und ſeiner ganzen Sippe zu be⸗ haupten. Nach langem Kampfe mit dem liebenden Her⸗ zen beſchloß er, ſie unter Searlatti's Schutz auf Maly⸗ hrad zu laſſen und ihr von Krumau aus noch zuverläſſige weibliche Pflege und Unterſtützung zu ſenden. Unter heißen Thränen nahm er von Libuda und Scarlatti Abſchied, und zog mit einem Theile ſeines mit hierher gebrachten Gefolges von Malyhrad aus, um das idylliſche Glück, das er hier gefunden, mit einem ſtür⸗ miſch bewegten Leben zu vertauſchen. Als er ſich dem Städtchen nahte, bei welchem Lud⸗ mila von Mahrenberg mit Sezema von Wittingau zu⸗ ſammengetroffen war, ſah er einen ſtarken Reitertrupp auf ſich zukommen. Bald erkannte er an der Spitze deſ⸗ ſelben Libusa's ehemaligen Entführer, den Herzog Ni⸗ kolaus von Troppau. Wollte er in ſein Herzogthum, wohin der Weg etwas weiter oben linksab ging, oder hatte er Libusa's Aufenthalt erkundſchaftet, und ſuchte ihr ſich wieder zu nähern, noch nicht geheilt von ſeiner unglücklichen Leidenſchaft? Zäwis beſchloß, ihn ruhig vorbeiziehen zu laſſen, ihm aber ſeinen Smil in einiger ——— 148 Entfernung nachzuſchicken, damit er ſehe, welchen Weg der Baſtard des Königs einſchlüge. Aber auch Nikolaus hatte ſeinen Nebenbuhler er⸗ kannt. Er ritt auf ihn zu und redete ihn mit den Wor⸗ ten an:„Hch ſuche Euch, Zäwis von Falkenſtein, um Euch für Eure Wortbrüchigkeit zur Rechenſchaft zu zie⸗ hen. Ihr werdet wohl wiſſen, was Ihr mir verſprachet.“ „Ich entſinne mich,“ ewiderte Zäwis,„ich habe mein Verſprechen gehalten— „Ihr lügt!“ 2 ihn der Herzog.„Ihr habt, ſtatt für mich zu werben, ſelbſt um Libusa's Gunſt gebuhlt und durch böſe Zauberkunſt ſie zu Eurer Buh⸗ lerin gemacht.“ „Ihr ſeid wahnſinnig, Herr!“ entgegnete Zäwis; „wäret Ihr bei geſunden Sinnen, ſo müßte ich Euch züchtigen.“ „Das Züchtigen iſt an mir, wortbrüchiger Zau⸗ berer— zieht Euer Schwert!“ rief Nikolaus und riß das ſeinige aus der Scheide. Zäwis legte die Hand an ſein Schwert, ſagte aber: „Hört mich einmal an, Herzog—“ „Nichts da,“ unterbrach ihn dieſer;„glaubt nicht, daß ich mich auch von Euern Zauberworten bethören laſſe— zieht Euer Schwert!“ „Wenn ich zite könnte,“ verſetzte Zäwis ru⸗ 149 hig,„ſo wäre es ja gleich um Euch geſchehen; dann könnte ich Euren Arm lähmen, indem Ihr ſchlagen woll⸗ tet, oder ich könnte machen, daß Euer Schwert zerſpränge wie Glas, wenn es mich berührte.“ „Mein Arm und mein Schwert ſind geweiht durch eines heiligen Klausners Mund,“ erklärte Nikolaus. „Zieht, ſage ich!“— Und er drang auf Zäwis ein. Zetzt zog dieſer auch ſein Schwert und vertheidigte ſich gegen die Angriffe des Herzogs. Dieſer war eben ſo ſtark als gewandt im Schwertkampf, und Zäłwis mußte ſeine ganze Geſchicklichkeit aufbieten, um ſich ſeiner küh⸗ nen und kunſtvollen Streiche zu erwehren. Vergebens hoffte er ihn zu ermüden. Er ſah ein, daß er auf dieſe Weiſe nicht ſo bald werde mit ihm fertig werden; deß⸗ halb ging er zum Angriff über, und nun erkannte der Her⸗ zog, daß er einen Meiſter gegen ſich hatte. Er ſtrengte ſich aufs äußerſte an, ihm einen entſcheidenden Streich zu verſetzen— jetzt verſuchte er einen kühnen Kreuzhieb, der ſchlug aber fehl, Zäwis erkannte eine Blöße ſeines Gegners, ein gewaltiger Hieb auf die bloßgeſtellte Stelle ſpaltete die Halsringe des Panzers, ein Blutſtrom ſprang heraus und der Herzog ſank. Schnell war Zawis an ſeiner Seite und fing ihn mit den Armen auf. Mehrere von Nikolaus Mannen ſprangen vom Pferde und eilten herbei, ihn aus dem Sattel zu heben und auf eine be⸗ 150 raſte Stelle zu legen. Zäwis ſtieg auch vom Pferde, kniete neben dem Verwundeten nieder, nahm ihm Helm und Rüſtung ab und unterſuchte die Wunde. Sie war, ob⸗ ſchon gefährlich, doch nicht geradezu tödtlich. Zäwis ließ Waſſer herbeiholen, wuſch die Wunde aus, ſtillte das Blut und verband ſie. Dann ließ er den vom ſtarken Blutverluſt Ohnmächtigen nach dem Kloſter tragen und empfahl ihn der ſorgfültigen Pflege der Mönche. Da Zäwis fürchten mußte, daß ſein überwundener Feind nach ſeiner Geneſung es ſich beikommen laſſen werde, Libusa in Malhhrad aufzuſuchen und zu be⸗ unruhigen, ſo ſandte er Smil dahin zurück, Scarlatti zu warnen, daß er gegen jeden Ueberfall der Burg auf der Hut ſei. Ohne ein weiteres Abenteuer gelangte Zäwis nach Böhmen. Hier fand er im Volke eine ſehr kriegeriſche Stimmung. Man war mit dem geſchloſſenen Frieden durchaus nicht zufrieden, entſchuldigte aber allgemein den König mit der hochverrätheriſchen Empörung ſeiner erſten Barone. Gegen dieſe herrſchte große Erbitterung, und in Leeitomiſchl wäre Zäwis, als man ihn an ſeinem Wappen als einen Witkowetz erkannte, beinahe geſteinigt worden. Nur ſeine Geiſtesgegenwart und Beredſamkeit retteten ihn. Er fand aber für gut, ſein Wappen zu entfernen und ſich für die Weiterreiſe möglichſt unkenntlich zu machen. 151 Selbſt auf Witkowetziſchem Grund und Boden war unter dem gemeinem Volke große Mißſtimmung über das Verhalten ihrer Herren. In Pilgram, der erſten Stadt der Witkowetze, die er berührte, vernahm er, daß in den ſüdweſtlichen Gebieten der fünfblätterigen Roſe ein Volksmann aufgeſtanden ſei, der in gewaltiger Rede das Volk aufwiegele gegen die Herren von der Roſe. Er prophezeie den Untergang des böhmiſchen Volkes aus dem Untergange des Hauſes Piemysl, an welchem die Witkowetze arbeiteten; er weisſage ſchwere Strafen Got⸗ tes, wenn die Böhmen ihr altes Königshaus, ins⸗ beſondere ihren Heldenkönig und Volksfreund Otakar ſinken ließen, als da wären: ſchreckliches Blutvergießen, Plünderung, Peſt und Hungersnoth; darauf folge der Untergang der böhmiſchen Nation. Zäwis beſchleunigte ſeine Reiſe, und fand, je näher er ſeiner engern Heimath kam, deſto größer die Gährung im Volke. In Budweis, der Schöpfung ſeines Vaters, war die Anhänglichkeit an die Roſe in ihr Gegentheil umgeſchlagen, die Bewohner ſtanden, wie Beneſch, der Stadthauptmann, berichtete, im geheimen Einvernehmen mit den Burgmannen des Königs. Beneſch beſtätigte auch die Mähr von dem Propheten, der in den Witko⸗ wetziſchen Landen umgehe, bald hier bald dort auftauche und das Volk gegen ihre Herren aufwiegle. Vergebens 152 habe man ihn zu fangen und unſchädlich zu machen ge⸗ ſucht, er habe ſich allen Nachſtellungen zu entziehen gewußt. Als er ſich Krumau nüherte, fand er auf einer Wieſe vor der Stadt eine große Menge Volkes um einen Erdaufwurf verſammelt, auf dem ein Mann in einer Art Pilgerkleidung ſtand und zu dem Volke ſprach. Zäwis dachte an den Propheten, von dem er in dieſen Tagen ſo viel gehört, was ihm Sorge bereitete. Er ſtieg vom Pferde, ließ ſein Gefolge halten und miſchte ſich unter die Menge. Der Redner war mit dem Geſichte nach der entgegenſetzten Seite gekehrt, ſo daß Zäwis daſſelbe nicht ſehen konnte. Doch kam ihm die Stimme bekannt vor, nur daß er ſich nicht gleich auf die Perſon beſinnen konnte, der ſie angehörte. Der Redner ſchilderte die uralte Herrlichkeit des böhmiſchen Volkes mit glühenden Far⸗ ben. Er ſprach von den Verdienſten der Fürſten aus Piemysl's Samen, er führte die anſehnliche Reihe von Helden, Geſetzgebern und kräftigen Staatslenkern auf, welche Böhmen dieſem Geſchlechte ſeit faſt ſechshundert Jahren verdankte. Dann pries er die Thaten Otakar's II. im Kriege und im Frieden, ſeine Siege am baltiſchen Meere, an der Weichſel, March und Donau, wie an der Muhr und Save, ſeine weiſen Geſetze im Innern, ſeine väterliche Milde gegen das Volk, ſeine ſtrenge Gerechtig⸗ 153 keit gegen die Großen. Und nun geißelte der Redner den hochmüthigen, volksfeindlichen, meuteriſchen und landes⸗ verrätheriſchen Geiſt des Adels, insbeſondere der Witko⸗ wetze und Rieſenburge.„Merket auf meine Rede,“ ſagte er,„höret, prüfet, und dann entſcheidet euch für eure Barone oder für den König. Was ſind die Barone? Was iſt der König? Die Barone ſind treuloſe Söhne des Vol⸗ kes, entartete Glieder am Leibe Czech's, welche ſich über ihre Brüder erhoben, ſie beraubt und unterdrückt haben; der König iſt der treue Erbe vom Geiſte Czech's, der Be⸗ wahrer ſeiner Liebe zu ſeinem Volke, der die Unterdrücker haßt und ihnen wehrt. Was wollen Eure Barone? Und was will der König? Eure Barone wollen es dem deut⸗ ſchen Adel nachmachen, ſie wollen das Volk zu leibeigenen Knechten, zu ſchnöden Werkzeugen ihres Stolzes, ihrer Lüſte und Begierden herabwürdigen; der König will das Volk in ſeine Rechte einſetzen, will es wieder zu einem freien, ſtarken, glücklichen Volke von Brüdern machen. Daher der Haß, die Empörung, der Verrath eurer Barone gegen den König; darum wollen ſie lieber das böhmiſche Land dem deutſchen Kaiſer in die Hände ſpielen, als dem König unterthan ſein.“ Hier unterbrach ein lautes Murren aus der Menge den Redner. Dieſer ſchwieg eine Weile, dann erhob er ſeine Stimme lauter und ſtärker als zuvor.„Prüfet,“ 1860. XIX. Zäwis von Roſenberg. II. 10 154 wiederholte er,„prüfet meine Rede, und dann entſcheidet euch! Entſcheidet euch, ob ihr freie Söhne eines freien Vaterlandes ſein wollt, oder die Knechte von Dienern des Auslandes; ob Freunde eures Königs und ſeine Kampfgenoſſen im Kampfe für eure Freiheit und des Vaterlandes Unabhängigkeit, oder blinde Werkzeuge des Landesverrathes; ob euere Häuſer wieder die Wohn⸗ ſtätten altezechiſcher Treue, Zucht und Sitte ſein ſollen, oder ob ihr eure ſchönſten und lieblichſten Töchter den Lüſten eurer Peiniger preisgeben wollet.“ Ein ſtärkeres Murren als erſt unterbrach ihn wieder, aber er ſchwieg nur, um mit verdoppelter Kraft unerſchrocken fortzufahren:„Rede ich etwa nicht die Wahrheit? Erhebe ich eine ungerechte Beſchuldigung gegen eure Herren? Vielleicht gegen euren eigentlichen Herrn, von dem ihr nicht wiſſet, wo er iſt? So höret die Stimme eines Vaters, dem dieſer Unhold ſein einziges Kind geraubt und entehrt.“ „Das iſt eine Lüge, das iſt Läſterung!“ rief jetzt eine Stimme in der Menge. „Es iſt Wahrheit— beim Gotte der Väter!“ be⸗ theuerte der Redner. „Werft ihn herunter, den Läſterer!“ rief wieder eine Stimme;„greift ihn! Schlagt ihn zu Boden!“ Zäwis erbebte— er hatte den Redner erkannt, ſein 155 Herz blutete— er ſah, wie ſich die dichtgedrängte Menge ihm gegenüber auflöſte, wie ein Schwarm ſich gegen den Redner hinwälzte— ein großer herkuliſcher Mann ging voran— jetzt ſtand er dicht an der Rednerbühne und ergriff den Redner mit ſeinen rieſigen Händen.„Recht ſo! Reißt ihn herunter! Schlagt ihn todt!“ ſchrie und heulte es in der Menge durcheinander. Da hielt Zäwis nicht länger an ſich, mit ungeheurer Kraft drängte er ſich durch die Menge und ſtürzte nach der Bühne hin, wo eben der rieſige Mann den Redner mit beiden Händen ergriff und ihn hoch in die Höhe hob.„Halt!“ rief Zäwis mit donnernder Stimme,„wer dem Mann ein Haar krümmt, iſt ein Kind des Todes!“ Mehrere der Zunächſtſtehenden erkannten den lange vermißten Burgherrn.„Der Wladyka!⸗ riefen ſie überraſcht und wichen ehrerbietig auf die Seite. Noch hielt der Rieſe den Redner hoch in der Luft.„Laß ihn herunter, Jodok!“ riefen ihm die Andern zu,„der Wla⸗ dyka will es!“ „Ei was!“ verſetzte der Rieſe,„ich will den Wurm zertreten, der den Wladyka mit giftigem Geifer be⸗ ſpritzt.“ „Laß den Mann los!“ herrſchte Zäwis dem Rieſen zu,„ich bin hier Richter.“ Der Rieſe ſah den Sprecher zweifelhaft an.„Ge⸗ 10* 156 horche, Jodok!“ riefen mehrere Stimmen;„es iſt der Wladyka, der vor Dir ſteht!“ Der Rieſe ſtellte den unglücklichen Redner, in dem der Leſer bereits den Reimchroniſten Dalemil erkannt haben wird, auf die Erde, und ſtarrte den Fremdling, der ihm als Wladyka bezeichnet ward, verblüfft an. „Wer biſt Du?“ fragte ihn Zäwis, die Rieſen⸗ geſtalt, die ſich ſo entſchieden zum Vertheidiger ſeiner Ehre aufgeworfen, bewundernd. „Ich bin Jodok, der arme Freiſaſſe von Elhenitz, der Eurer Hilfe die Erlöſung aus den Klauen des Geiers Zbislaw Zagjc verdankt. Ich weiß, daß ein ſo edler Herr, wie Ihr, ſolcher Unthat nicht fähig iſt, deren Euch dieſer biſſige Hund bezüchtigt, darum wollt' ich ihm das Maul ſtopfen.“ „Laß ihn nur los, lieber Freund,“ ſagte Zäwis; „er iſt im Irrthum; ich werde ihn darüber aufklären, dann wird ſich ſein Grimm gegen mich legen.“ Darauf wendete er ſich zu Dalemil und ſagte:„Ihr ſeid mein Gaſt auf Krumau, lieber Meiſter Dalemil“— in's Ohr flüſterte er ihm:„theurer Vater, denn Eure Tochter iſt mein, durch die heilige Kirche mir angetrautes Weib.“ Der Gelehrte ſah ihn zweifelnd an. „Oben werde ich Euch Alles ſagen,“ fuhr Zäwis 157 fort;„ich hoffe nicht allein den Vater, ſondern auch den Patrioten mit mir auszuſöhnen.“ „Wo iſt meine Tochter?“ fragte Dalemil nach langem Schweigen.„Lebt ſie?“ „Sie lebt und iſt glücklich; ein kleines Schloß in Mähren, das mir gehört, gewährt ihr einen friedlichen und ſicheren Aufenthalt.“ „Warum habt Ihr ſie nicht mit hierher gebracht?“ fragte der Gelehrte wieder;„wer läßt denn das Weib ſeiner Liebe fern in Mähren in wer weiß welch' altem Eulenneſte, wenn er ſich auf ſeine ſtolzen Güter im Böhmenlande begibt? Ihr ſchämt Euch der Tochter des Bürgers!“ Zäwis faßte den Graukopf am Arm und führte ihn aus der Menge, die ihm in einiger Entfernung unter allmälig ſich Luft machendem Jubel über ſeine Heimkehr bis an den Burgberg folgte. Die Nähergehenden wunder⸗ ten ſich über die Vertraulichkeit, welche der Wladyka gegen den Mann bewies, der ihn ſo bitter geſchmäht; die Uebrigen glaubten, er führe den Frevler als Gefangenen auf die Burg, indem er keine andern Ketten gegen ihn brauche, als die geheime Zauberkraft, die ihm nach der Meinung auch dieſer Leute innewohnte. 4 Auf der Burg angekommen, führte Zäwis ſeinen Schwiegervater durch die ſtattlichen Räume in ſein Ge⸗ 158 mach, das ſo ſehr an die Wohnung eines Gelehrten ge⸗ mahnte. Hier ließ er ſich mit ihm nieder und erzählte ihm, auf welche Weiſe das Ehebündniß zwiſchen ihm und Libusa zu Stande gekommen. Dalemil war mehr über den Grund, der Zä⸗ wis bewogen, ſich von der Welt zurückzuziehen, als über die heimliche Ehe ſeiner Tochter zufrieden; denn ſein bürgerlicher Stolz forderte ihre öffentliche Anerken⸗ nung. Er ſtellte dieſe Forderung und beharrte bei ihr; umſonſt machte Zäwis die Rückſicht auf ſeine Mutter geltend. Dalemil behauptete, daß ſeine Ehre in Wahr⸗ heit verletzt ſei, ſo lange ſeine Tochter in den Augen der Welt als Buhlerin gelte; dagegen gelte die Rücſicht auf Zäwis' Mutter nur einem wahnſinnigen Vorurtheil, das ſich von dem deutſchen auf den böhmiſchen Adel erſt ſeit ein paar Merſchentttern verpflanzt habe. Einem ſolchen Vorurtheile die wahre Ehre zu opfern, wäre ſchimpfliche Thorheit. Zäwis hoffte den Gelehrten für eine mildere An⸗ ſicht zu gewinnen, wenn er ihm eröffnete, weßhalb er jetzt nach Böhmen gekommen. Allerdings hörte Dalemil mit großer Befriedigung, daß ſein Schwiegerſohn den zeitherigen Beſtrebungen ſeiner Sippe und ihrer Geſin⸗ nungsgenoſſen entſchieden entgegentreten und, wenn nöthig, die Sache des Königs mit dem Schwerte ver⸗ ———— 159 fechten wolle. Er bat ihn ab, daß er ihm in dieſer Hin⸗ ſicht Unrecht gethan, und ermunterte ihn, ſeinem Ent⸗ ſchluße treu zu pleiben. Aber hinterher wiederholte er ſeine Forderung bezüglich der Ehe ſeiner Tochter, und als Zůwis bei ſeiner Weigerung beharrte, erklärte er, auf die Ehre ſeiner Gaſtfreundſchaft verzichten zu müſſen. Ver⸗ gebens bat ihn Zäwis auf das wärmſte, es ſich nur einige Tage unter ſeinem Dache gefallen zu laſſen; der ehrenfeſte Gelehrte erbat ſich ein Geleit, das ihn ſicher aus dem Gebiete von Krumau brächte. Er wolle, da ſeine Wirkſamkeit in den Witkowetziſchen Beſitzungen nun über⸗ flüßig geworden, dieſelbe an andern Orten fortſetzen. Dabei blieb er und Zäwis mußte ihn ziehen laſſen. Beim Abſchied fragte er den Alten noch, ob er nicht ſeine Tochter aufſuchen wolle, die ſein Kommen jetzt doppelt freuen müſſe; er könne in den nächſten Tagen mit gutem Geleit nach Malyhrad kommen— aber auch ſeine Toch⸗ ter mochte Dalemil nicht eher ſehen, bis er ſie öffentlich als die Gattin deſſen begrüßen könne, dem ſie ihre Ehre und die Seelenruhe ihres Vaters geopfert. ———— 160 chtes Capitel. Zäwis ordnete in der Eile das Nothwendigſte auf Krumau und begab ſich dann hinab nach Maidſtein, wo ſeine Mutter bei ihren Kindern Hroznata von Huſitz und Bertha hauſte. Letztere trat ihm als blühende Mutter mit einem lieblichen Knäblein auf dem Arme entgegen. Ihre Mienen verriethen das heiterſte Seelenglück, und es war einer von den ſchönſten Augenblicken in Zäwis' Leben, als ihm die geliebte Schweſter das lächelnde Kind mit den von Freudenthränen begleiteten Worten reichte:„Hier, mein Bruder, haſt Du ein holdes Pfand des Glückes, das Du gegründet.“ Zäwis küßte das Kind und dann die Schweſter. Auf ſeine Frage nach Hroznata und ihrer Mutter ant⸗ wortete ſie, daß Erſterer auf der Jagd ſei, die Mutter aber, von ſeiner Nähe bereits unterrichtet, ihn erwarte. „Wie iſt ſie gegen mich geſinnt? War Sezema von Wittingau bei ihr?“ fragte Zäwis bang. „Ja— ſeit er ihr die tröſtliche Kunde gebracht, Du werdeſt nächſtens ſelbſt kommen und Dich ihr als der Alte zeigen, der entſchloſſen ſei, die Ehre ſeines Namens 161 unbefleckt zu erhalten, ſeitdem iſt ſie ganz heiter,“ berich⸗ tete Bertha. „So führe mich zu ihr,“ bat Zäwis. In einem großen Gemach, das kunſtvoll getäfelt und mit ſolidem Geräth von ebenſo kunſtvoll geſchnitztem Eichenholz als reicher Vergoldung ausgeſtattet war, ſaß auf einem thronartigen Lehnſeſſel eine hohe Matrone im Witwenkleide. Das Geſicht, das noch Spuren großer Schönheit trug, war mit einer pergamentartigen Haut überzogen, durch die kaum ein Schimmer von Roth mehr drang; der Mund war feſtgeſchloſſen und die von ſchwar⸗ zen Brauen beſchatteten Augen glänzten mit dunklem Feuer aus tiefen Höhlen. Es lag etwas außerordentlich Feſtes und Stolzes in dieſem Geſicht, wozu auch die würdevolle Haltung ihres Leibes ſtimmte. Das war Zäwis' Mutter, die Witwe Budewoj's von Skalitz auf Krumau. Sie ſah nicht auf, als ihr lange entbehrter Erſtgeborner bei ihr eintrat, noch weniger er⸗ hob ſie ſich von ihrem Sitze. Er trat ehrerbietig näher— endlich ſank er mit dem Ausrufe:„Meine Mutter!“ ihr zu Füßen. Jetzt wendete ſie ſich zu ihm.„Zeige mir Dein Geſicht,“ ſagte ſie. Er erbebte— er zögerte— dann aber faßte er ſich; er hatte einmal die falſche Rolle gewählt, er mußte 162 ſie durchführen, und dieſer Ton ſeiner Mutter waffnete ihn mit dem nöthigen Trotz; er ſah ihr frei und feſt in's Geſicht, entſchloſſen, jede Frage zu beantworten, wie ſie es wünſchte, und doch ohne geradezu die Wahrheit zu verletzen. Aber ſie fragte nicht, ſie ſah ihm bloß forſchend in das Auge, als wolle ſie im Grunde ſeiner Seele leſen. Er hielt dieſes Fegefeuer ſtandhaft aus. Endlich ſagte ſie:„Es iſt gut— komm in meine Arme— an mein Herz!“ Sie beugte ſich nieder, Zäwis hob ſich ihr entgegen, und nach langer Zeit ruhte er zum erſtenmal wieder an dieſem ſo ſtolzen und doch zugleich ſo zärtlichen Mutter⸗ herzen. Als er ihr in der Kürze mittheilte, daß er ge⸗ kommen ſei, ſich in ein Leben der That zu werfen, daß er für die Gedanken von Größe und Ruhm ſtreben und wirken wolle, die ſie ihm eingepflanzt, da war jeder Zwei⸗ fel in ihr überwunden, und ſie lauſchte den Ergüßen ſei⸗ nes Herzens, den Ausſtrömungen ſeines Geiſtes mit der alten, ſeligen Befriedigung. Im Laufe der Unterhaltung erzählte ſie ihm, daß in der Zeit ihrer höchſten Sorge um ihn, ihr einſt in der Nacht ſein Vater Budewoj erſchienen ſei und ihr zu⸗ gerufen habe, ob ſie des Zeichens vergeſſen, daß er ihr einſt über ſeines Erſtgebornen Zukunft im Traume ge⸗ 163 geben. Sie ſolle ſich nicht grämen, das Zeichen müſſe ſich erfüllen, möge auch Zäwis' Pfad ſich eine Zeitlang ver⸗ dunkeln. Ohne dies Geſicht, bekannte ſie, würde ſie durch Sezema's etwas zweideutigen Bericht ſich nicht beruhigt gefühlt haben. Zäwis ließ die Mutter jetzt gern bei ihrem Glauben, der ihn eines peinlichen Verhöres überhob. Seine Muter ſprach hierauf von der hohen Meinung, welche die Kö⸗ nigin gegen Sezema über Zäwis geäußert, wie ſie von ihm das Größte erwarte. Sezema war jetzt wieder gen Prag geeilt, um der Königin Zäwis' baldige Rückkehr zu melden und in ihrer Nähe zu bleiben. Die Spre⸗ cherin rieth auch ihrem Sohne nach Prag zu gehen, mit der Königin in Verbindung zu treten und die hohe Mei⸗ nung zu rechtfertigen, die ſie von ihm hege. Hierauf er⸗ widerte Zäwis, daß er vorerſt die Vettern zuſammen⸗ berufen und ſie von ihrem falſchen Wege abbringen müſſe. Habe er erſt ſie für ſeine Richtung gewonnen, dann werde er nicht ſäumen, mit dem Hofe in Verbindung zu treten. Hierin ſtimmte ihm Hroznata bei, welcher zu der Unterhaltung kam. Er war bereits in Zäwis' Sinne thätig geweſen, war da zwar erſt großem Widerwillen und Mißtrauen begegnet, hatte aber doch dieſen und jenen, beſonders ſeine Schwäger Wok und Witek, zu der Ueber⸗ zeugung gebracht, daß man in dem feindſeligen Auftreten 164 gegen den König viel zu weit gegangen.„Was mir bei Einzelnen gelungen,“ fuhr er fort,„das wird Dir noch leichter bei Allen gelingen, nur rathe ich Dir, daß Du zuvörderſt Jeden einzeln bearbeiteſt und dann erſt, wenn Du Dich der Mehrheit verſichert, eine allgemeine Ver⸗ ſammlung berufeſt.“ Zäwis ging hierauf ein und beſchloß keine Zeit zu verlieren. Zunächſt kehrte er nach Kruman zurück, um die Leute auszuwählen, die er nach Malhhrad zur Dienſt⸗ leiſtung für Libusa und Verſtärkung ihres Schutzes ſen⸗ den wollte. Die Wahl fiel auf den rieſigen Freiſaſſen Jodok und ſein Weib, denen er noch einige rüſtige Bauer⸗ dirnen und zwölf zuverläſſige und ſtarke Männer bei⸗ geſellte. Eine entſprechende Anzahl Pferde, Wagen mit Geräthen und Vorräthen von Wein und Erfriſchungen, mancherlei Gegenſtänden zum Schmuck und zur Bequem⸗ lichkeit wurden ausgerüſtet, auch erhielt Jodok eine an⸗ ſehnliche Summe Geldes für ſeine neue Herrin. Vier Dienſtleute wurden der Karawane beigegeben als bloßes Geleit, das am Ziel der Reiſe nur ſo lange verweilen ſollte, um einen Brief von der Herrin durch Jodok's Ver⸗ mittelung in Empfang zu nehmen, dann ſollten ſie ohne Verzug nach Prag kommen, wo Zäwis um die Zeit ihrer Rückkehr zu ſein hoffte. Er ſelbſt ſchrieb an Libusa einen herzlichen, die innigſte Liebe und Sehnſucht athmenden 165 Brief. O wie gern wäre er ſelbſt wieder mit zurück⸗ geeilt in die Arme des trauten Weibes! Wie beneidete er die Leute, die zu ihr zogen! Wie lange ſchaute er ihnen wehmuthsvoll nach, als ſie ihre Reiſe antraten!— Zäwis mußte ſich mit Gewalt in Geſchäfte ſtürzen, um der ſchmerzlichen Sehnſucht nach ſeiner Gattin Meiſter zu werden. Er ſuchte ſeine Vettern auf ihren Burgen auf und begann ſein Bekehrungswerk mit eben ſo viel Geſchicklichkeit als Eifer. Und ſeine Bemühungen waren mit großem Erfolg gekrönt. Freilich vergingen darüber Monate, denn er mußte oft über eine Woche an einem Orte bleiben, und wie viel gab es nicht Wohnſitze Witkowetziſcher Herren! Darüher verging der ganze Herbſt und mit raſchen Schritten nahte ein neues Jahr. Es war kurz vor Weihnachten, als er zuletzt noch auf die Burg Lomnitz kam, wo ſein Vetter Oger, einer der heftigſten Widerſacher des Königs, hauſte. Er hatte dieſen Beſuch auf die Letzt verſpart, weil er vorausſah, daß er hier den härteſten Stand haben werde. Und er hatte ſich hierin um ſo weniger getäuſcht, als er auf Lom⸗ nitz ein paar Gäſte fand, welche einen, dem ſeinigen gerade entgegen geſetzten Zweck verfolgten: Berchtold Schenk von Emerberg und Ludmila von Mahrenberg, ſeit Kurzem Berchtold's Gattin. 166 Auf die von Sezema bei dem mähriſchen Kloſter, wo ſie ihm begegnet war, erhaltene Kunde, daß der Schenk von Emerberg ſie in Steiermark ſuche, hatte ſie ihren Pilgergang dahin gelenkt und ihn nach langer Zrrfahrt zu Graz bei dem Landeshauptmann Milota von Deditz gefunden. Dieſer war einſt mit ſeinem Bruder Beneſch von Beneſchau und einem ſteierſchen Großen Otto von Meißau bei Otakar II. in den Verdacht gefallen, ſich an Bela IV. von Ungarn verkauft und ſeines Königs Sache verrathen zu haben. Die letztern Beiden waren ſchuldig befunden und auf der Burg Eichhorn in Mähren hin⸗ gerichtet worden; dagegen hatte man Milota nicht über⸗ führen können; man hatte ihn entlaſſen müſſen, und Ota⸗ kar hatte ihn wieder in ſein Vertrauen aufgenommen, ihn zu hohen Aemtern, zuletzt zum Landeshauptmann von Steiermark befördert. Durch ſeine tapfere Vertheidigung des ihm anvertrauten Landes gegen Rudolf von Habs⸗ burg hatte er ſich des königlichen Vertrauens würdig ge⸗ zeigt; aber der Friede, den Otakar mit Rudolf ſchloß und der ſeine ganze Vertheidigung unnütz machte, ihn auch ſeiner Stelle beraubte, hatte ihn gekränkt. Berchtold von Emerberg, durch die erhaltene Kunde über die Hinrichtung ſeines Bruders zu eigener Blutrache entflammt und da⸗ durch mit doppelten Banden zu Ludmila hingezogen, hatte in der Meinung, ſie ſei in Steiermark und werde, Mi⸗ 167 lota's Verſtimmung ahnend, dieſen aufgeſucht haben, um ihn auf ihre Seite zu ziehen, ſich zu demſelben begeben, war, ein Mißvergnügter von dem andern, wohl auf⸗ genommen worden, und hatte bei ihm Ludmila erwartet, die denn auch wirklich gekommen war. Beide hatten nun vereint auf Milota eingewirkt, hatten ihn an den hin⸗ gerichteten Bruder erinnert, den ſie als ſchuldloſes Opfer tyranniſcher Willkür hinſtellten, und es war ihnen gelun⸗ gen, ihn mit ihren eigenen rachſüchtigen Gedanken zu er⸗ füllen. Im Triumph über den Gewinn dieſes mächtigen und einflußreichen Herrn hatte Ludmila dem Manne, der ihr ſo große Proben treuer Ergebenheit gegeben und nun auch den gleichen Schmerz wie ſie trug, ihre Hand ge⸗ reicht. Als neuvermähltes Paar waren Beide mit ihrem neuen Bundesgenoſſen nach Böhmen gegangen, hatten längere Zeit auf ſeinen Gütern gelebt und dann Oger von Lomnitz einen Beſuch abgeſtattet, bei dem ſie ſich jetzt noch aufhielten. Zäwis durchrieſelte ein Schauer, wie er das dä⸗ moniſche Weib erblickte, deſſen Pfad den ſeinen ſchon ſo oft gekreuzt hatte, und noch mehr, als er von der Ehe erfuhr, die nach ſeiner Anſicht nicht im Himmel, ſondern in der Hölle geſchloſſen war. Es war ihm ſchwer, das Unbehagen zu verbergen, das er in Geſellſchaft dieſer Gäſte empfand; aber er verbarg es doch, um ſie zu be⸗ obachten und hinter die Anſchläge zu kommen, die ſie jetzt verfolgten. Aber ſie hatten nicht weniger Scheu vor ihm, als er vor ihnen, und daher hüteten ſie ſich, vor ihm ihre geheimſten Gedanken zu offenbaren. Allmälig aber ward ihm, theils aus ihren eigenen Aeußerungen, theils aus Andeutungen ſeines Vetters Oger klar, daß ſie ein anderes Ziel verfolgten, als die Rieſenburge und noch vor Kurzem die Witkowetze. Die Demüthigung Otakar's und das von Rudolf beanſpruchte oberherrliche Schutzrecht über alle dem erſteren feinvlichen böhmiſchen Unterthanen war ihnen noch nicht genug, ſie wollten Otakar's völligen Untergang. Dieſen erwarteten ſie von einem neuen Ausbruch des Kampfes zwiſchen den beiden Herrſchern, der, da der Kaiſer von der Bedingung nicht abgehen wollte, in die der König nicht willigen zu kön⸗ nen glaubte, nicht ausbleiben konnte. Später erfuhr Zä⸗ wis, daß Milotn von Deditz nach Prag gegangen ſei, um unter der Maske treuer Ergebenheit den König zur ſchleunigen Wiedereröffnung des Kampfes zu reizen; ja, er kam dem teufliſchen Plan auf die Spur, daß diesmal die unzufriedene Partei dem König Unterwerfung heucheln und ihm die kräftigſte Unterſtützung zur Wiederherſtellung der böhmiſchen Unabhängigkeit verſprechen, ihn auch wirklich mit großer Truppenmacht in's Feld begleiten wollte, letzteres aber nur, um im Augenblicke der Ent⸗ 169 ſcheidung den König im Stiche zu laſſen und dem ſichern Untergange zu weihen. 8 Vergebens ſuchte Zäwis ſeinen Vetter Oger von aller Verbindung mit ſeinen rachebrütenden Gäſten ab⸗ zuziehen, ſo ſehr war derſelbe von ihnen eingenommen. Als Zäwis erkannte, daß er auf Lomnitz nichts ausrich⸗ ten konnte, eilte er nach Krumau und berief auf den Tag der Erſcheinung Chriſti eine Verſammlung aller Witkowetze dorthin. Ehe dieſe Verſammlung ſtattfand, erhielt er von Malhhrad die beſeligende Botſchaft, daß Libusa ihm ei⸗ nen Sohn geboren, der, wie ſie ſelbſt ſich des beſten Wohlbefindens erfreue. So war ſein heißeſter Herzens⸗ wunſch erfüllt; aber er konnte nicht an die Wiege ſeines Erſtgeborenen eilen, ihn auf ſeinen Arm nehmen und der ſchönen Mutter an die nährende Bruſt legen. Seine An⸗ weſenheit in der Heimath war jetzt nöthiger als je; jetzt begann für ihn erſt das große Wirken. Von allen ſtimmfähigen Gliedern ſeines Ge⸗ ſchlechtes erſchien nur Oger von Lomnitz nicht bei der ausgeſchriebenen Verſammlung. Zäwis theilte den Ver⸗ ſammelten mit, was er auf Lomnitz erfahren, welchen verruchten Anſchlag Berchtold, der Schenk von Emer⸗ berg, mit ſeinem Weibe und Milota von Deditz aus⸗ gebrütet.„Ewige, unaustilgbare Schmach würde die 1860. XIR. Zäwis von Roſenberg. II. 11 170 glorreiche Roſe bedecken,“ ſo ſprach er weiter,„wenn auch nur eins ihrer Glieder ſich an dem Anſchlag be⸗ theiligte. Von keinem der Anweſenden fürchte ich das, denn ihr Alle erkennt gewiß mit mir, wohin das Ge⸗ lingen deſſelben führen müßte, nicht allein zum Unter⸗ gange des Königs, ſondern zum Untergange der Selb⸗ ſtändigkeit des Vaterlandes. Sind wir Alle einig, daß wir, die Glieder des edelſten böhmiſchen Geſchlechtes, hierzu die Hand nicht bieten dürfen, vielmehr dieſes ſchmachvolle Geſchick von dem Vaterlande, ſo viel an uns iſt, abwehren müſſen, ſo laßt uns dieſe Stunde durch einen großen Entſchluß heiligen. Nur Eins kann das Vaterland retten, d. i. einträchtiges Zuſammenſtehen des böhmiſchen Volkes, des Adels wie der Gemeinen, unter ihrem König. Laßt uns, als die erſten Edelleute des Landes, ein großes, hochherziges Beiſpiel geben; laßt uns alle Unbill, die uns König Otakar in ſeinen glücklichen Tagen zugefügt, in den Tagen der Trübſal vergeſſen; laßt uns nicht nach Art gemeiner Seelen Vortheil ziehen aus dem Unglück des königlichen Gegners, ſondern bieten wir ihm frei und aufrichtig die Hand zur Verſöhnung, das Schwert zur Hilfe! Ihr habt euch durch Boreſch von Rieſenburg verleiten laſſen, den Kaiſer zu bewegen, daß er ſich, im Frieden mit Otakar, das oberſte Schutzrecht über euch und alle Böhmen, die gegen 17¹ den König geſtanden haben, ausbedinge. Ihr habt nicht bedacht, daß das Zugeſtändniß dieſer Bedingung der erſte Riß in die Unabhängigkeit Böhmens wäre. Es freut mich, daß der König dies erkannt und nicht in ſie gewilligt hat. Laßt uns ihm dafür unſern Dank bezeigen und erklären, daß wir es für Schmach erachten würden, unter ſolcher ausländiſchen Schutzherrlichkeit zu ſtehen. Wir wollen keinen andern Schutz als den des ein⸗ heimiſchen Rechtes. Nur dieſem Rechte hätte unſer Widerſtand gegen ihn gegolten, gegen die Fremdherr⸗ ſchaft ſtänden wir zu ihm mit Gut und Blut. Denket jetzt nicht daran, daß wir ihm ſchon einmal die Hand geboten, und daß er ſie verſchmäht— damals war er im Glück, und das Glück bläht die meiſten Menſchen auf, warum nicht auch einen König? Zetzt iſt er im Unglück, und das Unglück macht beſcheiden und mild. Ich bin überzeugt, unſere Großmuth findet diesmal eine beſſere Aufnahme. Seien wir großmüthig gegen den König und treu gegen das Vaterland!“ Wohl tauchten in der Verſammlung ſchwache Be⸗ denken und Zweifel gegen den Rath des Redners auf; aber Zäwis beſiegte ſie alle, und ſo erlebte er die Genug⸗ thuung, daß ſein Antrag einſtimmig zum Beſchluß er⸗ hoben ward. Ein glänzendes Feſt, wie ſeit langer Zeit keines auf Krumau begangen worden, krönte den Tag, „ 11* 172 und half die neugeſtiftete Harmonie unter den Gliedern des großen Geſchlechtes befeſtigen und reiner ſtimmen. Voll Freude eilte Zäwis, ſobald ihn ſeine Gäſte verlaſſen, nach Maidſtein, ſeiner Mutter über den Ver⸗ lauf und Erfolg der Verſammlung Bericht zu erſtatten und ſich für ſeine nun ohne Aufſchub zu unternehmende Reiſe an das königliche Hoflager ihren Segen zu erbitten. Dieſer Segen ward ihm aus dem Grunde eines vollen Herzens, doch nicht ohne ein Geleite von ernſten Er⸗ mahnungen, die ſich auf die Ehre und Reinheit ſeines Stammbaums und auf die Pflicht bezogen, ſeine Gaben zur Verherrlichung ſeines Geſchlechtes, zur Erwerbung der höchſten Ehren zu brauchen. Dieſe Ermahnungen beengten und bedrückten ihn doch etwas, und er war end⸗ lich froh, als er von der ſtolzen Mutter verabſchiedet ward. Als er von ſeiner Schweſter und ihrem Gatten Abſchied nahm, kam ihm dieſer mit ſeinem Kinde auf dem Arm entgegen. Bertha folgte ihm glücklich lächelnd nach. „Sieh, Bruder,“ ſagte Hroznatä,„es gibt Dir doch kein größeres Glück auf der Welt, als das uns die Liebe am ſichern häuslichen Herde bereitet. Dagegen iſt doch aller Glanz und alle Hoheit der Welt Rauch und Dunſt.“ „Du Glücklicher!“ erwiderte Zäwis bewegt,„hätte ich es nur auch ſo weit gebracht wie Du— aber ich darf 173 das ja nicht einmal wünſchen— als guter Sohn nuß ich wünſchen, daß ich mein Weib und Kind noch recht lange nicht heimholen darf an meinen wahren Herd.“ „Wie, wenn Du den Muth hätteſt, Deiner Mutter ganz offen Deine Vermählung zu bekennen,“ ſagte Hroznata;„ſie würde wohl erſt darüber etwas außer ſich kommen, zuletzt aber ſich in das Geſchehene fügen.“ „Was meinſt Du dazu, Bertha?“ fragte Zãwið ſeine Schweſter. Bertha antwortete mit einem Seufzer. „Ich verſtehe Dich,“ ſagte Zäwis;„Du weißt ſo gut wie ich, daß dies ihr Tod ſein würde. Es hilft nichts, Bruder, ich muß warten— Gott erhalte unſere Mutter!“ Zäwis ging nun nach Krumau zurück, um ver⸗ ſchiedene Anordnungen für ſeine Abweſenheit zu treffen, ſtellte die Burg unter die Obhut ſeines Bruders Witek und zog mit ſeinem Bruder Wok und anſehnlichem Ge⸗ folge gen Prag. Da er die böſe Stimmung des Volkes gegen die Witkowetze kannte, ſo trug er weder ſelbſt, noch ließ er ſein Gefolge die Abzeichen ſeines Geſchlechtes führen. Dieſe Vorſicht erwies ſich als nicht überflüſſig. Ueberall, wohin er auf ſeiner Reiſe kam, fand er das Volk durch Dalemil gegen die Feinde des Königs auf⸗ gewiegelt. In den Städten, durch die er mußte, ward er ſtets von bewaffneten Haufen angehalten und gefragt, ob er Feind oder Freund des Königs ſei, und nur auf die Antwort„des Königs Freund“ ihm der Duzus ge⸗ ſtattet. Zäwis freute ſich dieſer Zeichen einer tebhaft erreg⸗ ten Anhänglichkeit an den König. War die Erregung eine allgemeine und ſchloſſen die Witkowetze ſich der Sache des Königs mit Entſchiedenheit an, ſo ſtand dieſelbe gar nicht ſchlecht, dann war zu erwarten, daß noch viele von den Baronen, die bisher gegen den König geſtanden, ſich ihm anſchließen würden, und wenn der Anſchlag Milota's und des Emerberg' ſchen Paares in Zeiten aufgedeckt und vernichtet ward, ſo durfte der König auf eine böhmiſche Streitmacht rechnen, mit der er jedem äußern Feinde Stand halten konnte. In Prag war die Stimmung eine äußerſt krie⸗ geriſche. Man ſprach hier ſchon ganz beſtimmt von dem Bruch des ſchimpflichen Friedens und daß die Kriegs⸗ erklärung an den Kaiſer ſchon in den nächſten Tagen erfolgen werde. Die Bürger waren zu den größten Opfern bereit und wollten allein eine Schaar von 3000 Mann in's Feld ſtellen. Man hörte überall Vaterlands⸗ und Kampfeslieder fingen und in den Waffenwerkſtätten ward Tag und Nacht gearbeitet; was bereits war, übte ſich in den Waffen. 175 Am Thore ward Zäwis mit ſeinem Gefolge von einer ſtarken Bürgerwache angehalten. Daß er ſich für des Königs Freund ausgab, genügte hier nicht. Er mußte ſeinen Namen nennen und, da dieſer nicht den erwünſch⸗ ten Klang hatte, zu einer warmen Rede für die Sache des Königs ſeine Zuflucht nehmen. Die Rede wirkte, alle Zuhörer waren von ihr begeiſtert und von ſeiner gut⸗ königlichen Geſinnung überzeugt; ſie ließen ihn nicht nur ein, ſondern geleiteten ihn im ZJubel nach ſeiner Be⸗ hauſung, laut die glorreiche Roſe preiſend, die ſie vor Kurzem noch geſchmäht und verwünſcht hatten. In ſeiner Wohnung angekommen, ließ er ſogleich ſeinen Vetter Sezema von Wittingau in deſſen Herberge aufſuchen. Der Bote kam aber mit der Meldung zurück, Herr Sezema ſei mit dem König in Pilſen, wohin ſich dieſer vor einigen Tagen begeben, um der Jubelfeier dieſer getreuen Stadt beizuwohnen. Zäwis ließ hierauf Erkundigung einziehen, ob ſein alter Waffenbruder, der Oberſt⸗Truchſeß Hynek von Duba, in Prag anweſend, oder mit dem König nach Pilſen gegangen ſei. Er erhielt die erfreuliche Nachricht, daß Herr Hynek in Prag ge⸗ blieben. Den andern Vormittag ſuchte Zäwis den Oberſt⸗ Truchſeß auf. Dieſer empfing ihn mit warmer Freude. „Du kommſt wie gerufen,“ ſagte er,„die Königin et⸗ wartet Dich.“ 176 „Die Königin mich erwarten?“ fragte Zäwis ver⸗ ne„Weiß ſie denn, daß ich hier bin? Iſt ſie ſelbſt ier?“ „Sie iſt hier und erwartet Dich ſeit einigen Wochen. Dein Vetter Sezema hat ihr Deine Ankunft vorhergeſagt. Du kannſt nicht glauben, welche Freude es hier bei der Partei der Königin erregte, als Dein Vetter von Dir, dem Verſchollenen, die Kunde brachte, daß Du lebeſt, daß Du noch die alte gute böhmiſche Geſin⸗ nung hätteſt und nächſtens wieder hervortreten werdeſt, ſie zu bethätigen. Ich ſprach von der Partei der Königin; ich hätte ſagen ſollen: die echt nationale Partei, welche in der Königin ihr Haupt erblickt. Wir haben nämlich jetzt zwei Parteien am Hofe: die eine, an deren Spitze der König ſteht, will ſofortige Kriegserklärung an den Kaiſer und Führung des Krieges mit polniſcher Hilfe, die dem König angeboten worden, dagegen keine Ver⸗ ſöhnung mit den inneren Gegnern des Königs, ſondern ſtrenge Beſtrafung derſelben; die andere Partei, die ihren Stützpunkt in der Königin hat, will den Krieg auch, aber ſie will ſich nicht auf fremde Hilfe verlaſſen haben, ſondern will eine Ausſöhnung des Königs mit den ge⸗ gneriſchen Baronen und mit der vereinigten Kraft der Nation den Kaiſer bekriegen. Wer zur erſten Partei ge⸗ hört, das kannſt Du Dir denken; es ſind die alten Feinde 177 und Neider der Witkowetze, wie Bawor von Strakonitz, Diepold von Rieſenberg, Volkmar von Tiebonin und ſein neuerdings wieder am Hofe aufgetauchter Bruder Zbislaw Zägic, Hynek von Lichtenburg und der Unter⸗ kämmerer des Königs, Dietrich Spatzmann von Koſte⸗ letz, zu denen ſich auch neuerdings Burkhardt von Jano⸗ witz auf Winterberg geſellte; zur Königin halten ſich der ehrwürdige Oberſt⸗Kanzler Mag. Peter, ihr Kämmerer Jaroslaw von Krawat, ihr Unterkämmerer Gregor von Dratſchitz, Herr Mutina von Koſtomlat, Andreas von Kamcihora, Holen von Wildenſtein und natürlich ich ſelbſt. Wir hatten anfangs wenig Ausſicht auf Erfolg, aber ſeit Dein Vetter Sezema uns gemeldet, was wir von Dir zu erwarten haben, iſt uns der Muth gewach⸗ ſen; Dein Kommen jetzt kann ihn nur erhöhen.“ „Ich komme nicht mit leeren Händen,“ ſagte Zä⸗ wis,„ich komme mit der Anſchlußerklärung meines gan⸗ zen Geſchlechtes an die Sache des Königs. Wir wollen mit Gut und Blut zu ihm ſtehen im Kampfe für Böh⸗ mens Unabhängigkeit und Ehre.“ „Heil uns, dann haben wir gewonnen!“ rief Hy⸗ nek von Duba,„dann treten auch die Rieſenburge auf unſere Seite. Ich bin bereits mit Boreſch in Unterhand⸗ lung getreten und habe wahrgenommen, daß er bereut, 178 zu weit gegangen zu ſein. Sein altböhmiſches Herz, ſo lange vom Haß befangen und irre geleitet, regt ſich wie⸗ der, und wenn er erfahren wird, daß die Witkowetze ſich um das Banner des Vaterlandes ſchaaren, dann wird auch er zu uns herüberkommen.“ „Wenn nur der König die dargebotene Hand an⸗ nimmt,“ warf Zäwis ein. „Er wird ſie annehmen; er wird, er muß einfehen, daß dies der ſicherſte Weg zur Wiederherſtellung ſeiner Ehre und der Unabhängigkeit ſeiner Krone iſt. Er wollte nur nicht den erſten Schritt thun, um ſeiner Majeſtät nichts zu vergeben; da ihr den erſten Schritt thut, darf er großmüthig ſein. Laß nur die Knigin machen, ſie wird ihn nun ſchon zu gewinnen wiſſen; komm nur gleich mit zu ihr, ſie wird glücklich ſein, Dich zu ſehen und aus Deinem Munde die frohe Botſchaft zu vernehmen.“ „Es wäre mir lieber, Du meldeteſt mich erſt bei ihr an,“ ſagte Zäwis;„ich liebe Ueberraſchungen nicht, am allerwenigſten bei Frauen.“ „Wie Du willſt,“ erwiderte Hynek,„und da werde ich auch gar nicht ſäumen; ſie iſt glücklicherweiſe noch im Königshofe.“ „Zch verlaſſe Dich augenblicklich,“ ſagte Zäwis; „ſage mir nur erſt noch, weißt Du, ob Milota von 179 Deditz, der ehemalige Landeshauptmann in Steiermark, hier iſt?“ „Ei ja, das vergaß ich Dir zu ſagen; der iſt ſeit vierzehn Tagen hier und zur Partei des Königs getreten; er will fünfhundert Mann für ihn in's Feld ſtellen und eine Feldoberſtenſtelle bekleiden.“ „Die ihm der König hoffentlich nicht anvertrauen wird, denn Milota iſt ein Verräther.“ „Er hat aber ja Steiermark ſo tapfer für den Kö⸗ nig vertheidigt.“ „Trotz alledem iſt er jetzt ſein Feind und ſinnt auf ſchwarzen Verrath gegen ihn.“ „Das wäre ſchrecklich, denn der König hat ihm ſein ganzes Vertrauen geſchenkt.“ „Das muß ihm genommen werden.“ „Es kommt darauf an, ob Du Beweiſe haſt.“ „Eigentliche Beweiſe kann ich freilich nicht bieten, aber ich werde der Königin mittheilen, worauf ſich meine Anklage gründet. Geh' und melde mich, ich erwarte ihren Ruf.“ Zůwis ging nach Hauſe. Sein Weg führte ihn an der Kirche vorüber, in welcher er einſt mit Libusa ſich oft getroffen. Die Erinnerung kam mächtig über ihn; ſein Herz drängte ihn in das Gotteshaus zu treten und 180 im Gebete ſeiner Lieben zu denken. Als er wieder auf die Gaſſe trat, hörte er eine weibliche Stimme hinter ſich rufen:„Seht da den Zauberer, der Dalemil's Tochter bezaubert hat!“ Er kehrte ſich um und ſah ein ällliches Frauenzimmer in etwas phantaſtiſchem Aufputz, gefolgt von Männern und Frauen, welche aus der Kirche kamen.„Schlagt das Kreuz!“ rief die Perſon wieder; „ſonſt ſeid ihr bezaubert; er hat den böſen Blick!“ Zä⸗ wis ging ruhig weiter, mußte aber noch anhören, wie ſie ſich ferner über ihn in Worten erging, wie:„Nehmt eure Töchter in Acht, ihr Väter und Mütter; ſonſt ſtiehlt er ihnen das Herz aus der Bruſt, wie er es meiner Nichte Libusa geſtohlen.“ Jetzt erinnerte ſich Zä⸗ wis an die Fiſcherin, Libusa's Verwandte, er ſah ſich noch einmal nach ihr um und erkannte ihr Geſicht, das durch einen Ausdruck von Verrücktheit entſtellt war. „Schlagt euer Kreuz! ſag' ich,“ ſchrie ſie jetzt wieder; „und ihr jungen Männer hütet eure Weiber vor ihm, denn er iſt ein großer Zauberer— der König ſelbſt mag ſein Weib hüten, denn auch das Herz einer Königin iſt ſchwach.“ Zäwis beſchleunigte ſeinen Schritt, um aus dem Bereich der Verrückten zu kommen, und er war froh, als er eine Seitengaſſe erreichte, in die er einbiegen 181¹ konnte, wodurch er der Frau und der ihr folgenden Menge aus den Augen kam. In ſeinem Hauſe traf er Herrn Hynek von Duba, der gekommen war, ihn zur Königin zu beſcheiden. Renntes Capitel. War die Königin Kunigunde mehr als andere Frauen in die Kunſt eingeweiht, den zerſtörenden Einfluß der Jahre auf die Schönheit der Geſtalt zu verbergen oder gar als erhöhten Reiz erſcheinen zu laſſen, oder that die Natur an ihr das Wunder, daß ihre Reize ſich mit den Jahren mehrten und ihre Macht verſtärkten? Länger als ein Jahr hatte Zäwis die hohe Frau nicht geſehen, und wie er jetzt nun wieder vor ſie trat, war er überraſcht von dem eher gewachſenen als ge⸗ ſchwächten Glanz ihrer Erſcheinung. Immer, ſo lange er ſie kannte, hatten Grazien dieſe blühende Geſtalt um⸗ ſpielt, immer hatten auf der blendenden, ſanftgewölbten Stirn ſüße Träume gewohnt, immer hatten dieſe dunklen Augen wie Frühlingsſonnenſchein geleuchtet, immer hatte dieſen ſchwellenden Mund ein Schwarm ſchelmiſcher Gei⸗ ſter umſchwebt, und immer war dieſer üppige Leib wie ein Gefüß erſchienen, in das ein Gott die ganze Fülle der Wonnen des Daſeins gefaßt. Aber zu dem Allen war jetzt noch etwas gekommen, was ihm früher abging. Was Zäwis in jener Stunde im Kerker an ihr als etwas Flüchtiges, bloß aus der Situation Hervorgegangenes und mit ihr Vergehendes wahrgenommen, das trat ihm jetzt als etwas Bleibendes und vollkommen Ausgebil⸗ detes entgegen: eine bewußte, in innerer Freiheit ruhende Majeſtät. Zäwis neigte ſich vor dieſer Majeſtät in tiefempfun⸗ dener Ehrerbietung. Sie reichte ihm die Hand zum Kuße mit bezau⸗ bernder Anmuth.„Ich habe mir immer gedacht,“ ſagte ſie,„daß wir uns noch einmal zu großen Zwecken ver⸗ binden würden, daß Ihr in einer großen Sache mein Paladin ſein würdet. Als ſolchen heiße ich Euch herz⸗ lich willkommen.“ „Und hat Eure Hoheit nie an meinem Willen, das zu ſein, gezweifelt? Der Schein war einmal ſehr gegen mich.“ „Der machte mich allerdings irre an Euch; allein ich bin ſeitdem vollſtändig aufgeklärt worden, wie gut Ihr es im Sinne hattet— Ihr waret der treueſte Pa⸗ ladin, Ihr werdet es auch künftig ſein.“ 183 „An meinem Willen dazu fehlt es nicht,“ verſetzte Zäwis;„Eurer Hoheit huldreiches Vertrauen wird er⸗ ſetzen, was mir an Kraft gebricht; mögen mir nur auch die Umſtände günſtiger ſein als ſonſt.“ „Die Umſtände werden wir beherrſchen,“ erklärte die Königin kühn. „Ihr möget berechtigt ſein, dies mit ſolcher Zuver⸗ ſicht zu ſagen,“ erwiderte Zäwis;„die Umſtände werden von den Menſchen gemacht, und welcher Menſch könnte ſich auf die Dauer Eurer Herrſchaft entziehen!“ „Ich will Euch auf dieſe Schmeichelei nicht antwor⸗ ten,“ ſagte die Königin,„ſonſt könnte ich ein Beiſpiel an⸗ führen, welches. doch laſſen wir das, die Zeit iſt zu ernſt zu dergleichen Kleinlichkeiten. Herr Hynek von Duba hat mir vorläufig geſagt, mit wie vollen Händen Ihr kommt: Ihr bringt den innern Frieden, durch den wir allein ſiegen können.“ „Ich bringe den vollen Beiſtand meines Geſchlech⸗ tes zu dem Kampfe unſers Königs für Böhmens Unab⸗ hängigkeit,“ beſtätigte Zãwis. „Und bringt ihn ohne Bedingung, ja?“ fiel die Königin raſch ein;„ſagt ja, denn darauf beruht meine ganze Zuverſicht.“ „Ich ſollte freilich Bedingungen ſtellen,“ antwor⸗ tete Zäwis,„jedoch nur ganz billige.“ 184 „Ich bitte Euch, ſtellt keine,“ unterbrach ihn die Königin,„wir würden dadurch den König gleich zurück⸗ ſtoßen. Hätte er keine andere Wahl, als ſich mit Euch und Eurem Anhang zu verſöhnen, dann wäre es etwas anderes; aber leider hat er ſich die polniſche Bundes⸗ genoſſenſchaft als einen Erſatz für Euren Beiſtand ein⸗ reden laffen. Wir müſſen Alles aufbieten, ihn für die Verſöhnung zu gewinnen; iſt uns das erſt gelungen, ha⸗ ben wir dadurch die Partei, welche den alten Hader ſchürt, aus dem Felde geſchlagen; hat der König mit Eurer Hilfe und allein mit böhmiſchen Waffen ſeine Ehre und die Unabhängigkeit ſeiner Krone gerettet, dann wer⸗ det Ihr jeden billigen Anſpruch befriedigt erhalten. Der König iſt nicht undankbar— wer ihm einen Dienſt gelei⸗ ſtet, dem vergilt er ihn redlich; abtrotzen läßt er ſich nichts, aus Dankbarkeit gibt er mit vollen Händen.“ „Das zeigt er wenigſtens jetzt gegen Milota von Drditz, dem er für ſeine Vertheidigung Steiermarks jetzt ein unbegrenztes Vertrauen ſchenkt, obgleich derſelbe mit tückiſchem Verrath umgeht.“ „Zäwis!“ rief die Königin betroffen,„iſt das mög⸗ lich? Ihr müßt Euch irren!“ Zäwis erzählte, auf welche Weiſe er hinter Milo⸗ ta's Anſchlag gekommen. „Wenn das wahr iſt,“ ſagte die Königin hierauf, 185 „und es muß wohl wahr ſein, da Ihr ſo feſt davon überzeugt ſeid, dann könnten wir ja unſerer Gegenpartei eine ihrer Hauptſtützen nehmen— wir brauchten bloß den falſchen Freund vor dem König zu entlarven.“ „Das wird mir nicht ſo leicht ſein,“ verſetzte Zä⸗ wis,„da ich nicht mit beſtimmten Beweiſen gegen ihn auftreten kann.“ „Laßt mich nur machen,“ ſagte die Königin,„ich übernehme es, den König zu warnen; ich will ihm jenen Hochverrathsprozeß wieder in's Gedächtniß rufen, das wird ſein Vertrauen ſchon erſchüttern. Der Verräther hat ihn nach Pilſen begleitet— ich werde noch heute einen Boten dahin abſenden und den König ſchriftlich warnen. Jetzt genug von Geſchäften! Wie ſteht es mit der edlen Dichtkunſt? Hoffentlich habt Ihr das Dichten nicht ver⸗ lernt in Euren mähriſchen Wäldern.“ „Mein Geiſt war gelähmt von dem Elend der Zeit,“ erwiderte Zäwis, dem jetzt das Herz in der Er⸗ wartung klopfte, die Königin werde ihn über ſein Pri⸗ vatleben in's Verhör nehmen. Aber ſie fuhr fort von der Dichtkunſt zu reden, indem ſie bedauerte, daß Zäwis' ſonſt ſo„liederreicher Mund“ verſtummt wäre. „Möge,“ ſo ſetzte ſie hinzu,„die beſſere Zeit, die nun heraufzieht, auch den Bann löſen, den die letzte trau⸗ rige Zeit auf die ſchönſte Gabe des menſchlichen Geiſtes 12 1860. XIX. Zäwis von Roſenberg. II. 186 gelegt, möge ſie insbeſondere den Liederquell in Böhmens beſtem Sänger wieder öffnen.“ Zäwis lehnte das Lob nicht überbeſcheiden ab; er wußte, daß unter ſeinen Zeitgenoſſen keiner beſſer gedich⸗ tet hatte als er, und er erkannte auch in der dichteriſchen Begabung einen Vorzug, deſſen Anerkennung einem ge⸗ krönten Haupte wohl anſtehe. Dieſes Selbſtbewußtſein ſchützte ihn aber nicht gegen die Wirkung des berau⸗ ſchenden Giftes, das in dem Lobe gerade einer ſolchen Königin lag. Zunächſt empfand er darin nur eine Auf⸗ munterung, das Licht ſeines ſo wohlwollend beurtheilten Geiſtes gehörig ſtrahlen zu laſſen. Da ward es nun vor der lauſchenden Königin wie himmliſches Wetterleuchten, da entfaltete ſich nun vor ihrem geiſtigen Auge ein Reich⸗ thum und eine Pracht der Gedanken, eine Macht und Hoheit und unerſchöpfliche Fülle des Geiſtes, daß ihr jede Lobesäußerung als Fadheit erſchien und es ihr zu⸗ letzt zu Muthe war, wie der kleinen Motte, die ſich tau⸗ melnd in den blendenden Lichtglanz ſtürzt und dabei ihr Leben wagt.— Um dieſe Stunde ſtand in einem einſamen Wald⸗ ſchloſſe im fernen Mährenlande eine junge ſchöne Frau an einem offenen Erkerfenſter und hielt ein liebliches Kind der Sonne entgegen, indem ſie betete:„Du ewiger Urquell des Lichtes und des Lebens, Dir weihe ich das 187 Kind, das Du mir gegeben als ein ſüßes Unterpfand der Liebe eines Dir verwandten Geiſtes. Ich, Deine Magd, erkenne in Demuth Deine Gnade und danke Dir, mögeſt Du noch höheres Glück zu dem genoſſenen fügen, oder mögeſt Du ſprechen, es ſei genug für mich. Ich verehre Deine Schickung, möge ſie mich hinausführen zu ſtrahlen an der Seite des herrlichſten der Männer, hochgeprieſen oder beneidet von den Töchtern des Landes, oder möge ſie mich in Dunkelheit vergehen laſſen, gleich der ſtillen Waſſerlilie, die, wenn ſie einen Tag lang ge⸗ blüht und geliebt, wieder hinabſinkt in die Tiefe, aus welcher ſie der Kuß der Liebe emporgelockt. Ein Strahl von Deinem Lichte wird immer um mich ſein, bis ich zu Dir gehe, wo lauter Licht iſt, und in jeder finſtern Stunde, die über mich kommen ſollte, wird mich der Gedanke er⸗ quicken: ich habe ihn eine Zeit lang beglückt und war eine Zeit lang glücklich durch ihn. Ihn aber wolleſt Du allezeit umſtrahlen mit der Fülle Deines Lichtes, ihn im⸗ merdar führen auf ſonniger Bahn, und wenn ich ein Hemmniß werden ſollte für den Flug ſeines Geiſtes und Lebens— dann, v Ewiger, reiße Du die Feſſel entzwei, doch wahre ſeine Seele vor Täuſchung.“ Der Gedanke an diejenige, die alſo beten konnte, erinnerte Zäwis endlich, daß er ſich dem Zauber der Un⸗ terhaltung mit der Königin zu lange hingegeben. Er brach 12* 188 das Geſpräch plötzlich ab. Die Königin war betrübt, daß er ſo bald ging. Er ging trotzdem, aber nicht ohne bal⸗ diges Wiederkommen zu verſprechen. Das Herz voll Wehmuth und Luſt zugleich ging er in's Freie an den Strand der Moldau; gedankenvoll ſchaute er ihren Wellen nach— wären ſie doch nach Mor⸗ gen hingefloſſen, ſie hätten ſie grüßen und ihr ſagen können, daß er ſie noch nicht vergeſſen. Währenddem ſchrieb die Königin an ihren Gemahl folgenden Brief:„Dem König von Böhmen, meinem Herrn und Gemahl, Heil und Glück! Nachdem Eure Sonne eine Zeit lang von finſteren Wolken dergeſtalt verdeckt worden, daß es Vielen ſcheinen wollte, als ſei ſie gar untergegangen, beginnt ſich das Gewölk durch Gottes Gnade zu zerſtreuen und der Glanz der Sonne wieder hervorzubrechen. Ich ſage Euch nichts Neues, wenn ich erwähne, daß unſer ganzes Unglück dem innern Unfrieden entſprang. Ich brauche Euch nicht daran zu erinnern, daß Ihr ehedem die mächtigſten Feinde über⸗ wunden und Euch unterwürfig gemacht ohne andere als böhmiſche Waffen, ſo lange alle Eure Unterthanen zu Euch ſtanden; mit einem großen Theile Eurer Unter⸗ thanen kehrte Euch das Waffenglück den Rücken. Ihr wiſſet, es war allezeit meine Anſicht, daß Ihr das Glück nur wieder an Eure Schritte feſſeln könntet, wenn es 189 Euch gelünge den innern Frieden herzuſtellen, Eure in⸗ nern Feinde zum Gehorſam und zur Treue zurückzufüh⸗ ren. Ihr ſeid noch derſelbe muthige, tapfere und kriegs⸗ kundige Held, der Ihr waret, als Ihr die Preußen nie⸗ derwarfet und für das Heil gewannet, und Eure Böh⸗ men ſind noch dieſelben tapfern Männer, mit denen Ihr ſo viel große Siege erfochten; warum ſolltet Ihr nicht wieder ſo ſiegreich ſein, wenn das alte Verhältniß zwi⸗ ſchen Euch und allen Schichten Eures Volkes wieder hergeſtellt wäre? Nun habe ich wohl erkannt, daß es nicht an Euch war, die Hand zur Verſöhnung Euern innern Feinden zu bieten, ſondern daß die Majeſtät Eurer Krone es erheiſchte, daß ſie ſich Euch reumüthig unterwürfen, worauf Ihr nach der Euch innewohnenden Huld und Weisheit Gnade für Recht ergehen laſſen und die Widerſpänſtigen in Euern Gehorſam aufnehmen wür⸗ det; ich habe aber auch niemals die Hoffnung fahren laſſen, daß ſie zur Erkenntniß kommen würden, daß das gemeinſame Unglück des Vaterlandes ſie dazu bringen müſſe, und ich habe täglich zu Gott gebetet, daß er ihre Herzen erweichen und ihre Seelen erleuchten möge, da⸗ mit meine Hoffnung nicht zu Schanden werde. Gott ſei geprieſen, er hat mein Gebet erhört und würdigt mich die Erſte zu ſein, die meinem König und Gemahl die er⸗ freuliche Botſchaft bringt: der Trotz der rebelliſchen Ba⸗ rone iſt gebrochen, ſie kommen ſich Euch freiwillig zu un⸗ terwerfen, ſie wollen ihr Gut und Blut daran ſetzen, unter Euerem Banner die Ehre und Unabhängigkeit des Vaterlandes zu retten. Es ſind die mächtigen Witko⸗ wetze, die zuerſt zur Erkenntniß ihres Unrechts und der dem Vaterlande drohenden Schmach gelangt ſind; die ihr Haupt an Euer Hoflager geſendet haben, um Euch zu erklären, daß ſie lieber Eurer Gnade vertrauen wollen, als ſich unter den Schutz des deutſchen Kaiſers ſtellen, und daß ſie, wenn ſie Gnade bei Euch finden, ſich mit ihrer ganzen Macht ſammt ihrem Anhang Euch zu Ge⸗ bote ſtellen, um den Schimpf zu tilgen, der ſeit dem Wiener Frieden auf dem böhmiſchen Namen liegt. Un⸗ ausſprechlich iſt meine Freude über dieſe Wendung der Dinge; was ich ſo gläubig gehofft, ſo brünſtig erbetet, das ſeh' ich erfüllt; ich ſehe noch einmal das böhmiſche Volk einmüthig um ſeinen Heldenkönig geſchaart, mit ihm von Sieg zu Sieg zu fliegen und Ruhm um Ruhm zu ernten; noch einmal ſeh' ich den böhmiſchen Löwen über den deutſchen Adler triumphiren und ihn herrſchen von den Sudeten bis an die blaue Adria. Soll ich um Gnade bitten für die abgefallenen, nun reumüthig zurückkehren⸗ den Söhne des Vaterlandes? Ich halte das bei Eurer Weisheit für überflüſſig. Befehlet nur, ob ich den Ab⸗ geſandten der Witkowetze Euch ſofort nach Pilſen ſchicken, 1 oder Euch hier erwarten laſſen ſoll.— Leider kann ich dieſe Botſchaft nicht ſchließen ohne eine ernſte Warnung. Von ſicherer Quelle erfahre ich, daß Euer ehemaliger Londeshauptmann in Steiermark, Milota von Deditz, der Euch ſo große Ergebenheit heuchelt, mit der berüch⸗ tigten Ludmila von Mahrenberg, jetzt verehelichte Schen⸗ kin von Emerberg, den ſcheußlichen Plan verabredet hat, Euch mit allem Eifer zum Kampfe anzutreiben, Euch auch in denſelben zu begleiten, im Augenblick der Ent⸗ ſcheidung aber und wenn Ihr nach Euerer Gewohnheit Euch ims hitzigſte Treffen geſtürzt, ſich mit ſeinen Man⸗ nen von Euch zurückzuziehen und Euch dem Untergange zu weihen.“ Dieſes Schreiben übergab die Königin einem zu⸗ verläſſigen Boten, der mit demſelben den andern Morgen in aller Frühe nach Pilſen aufbrechen ſollte. Sie hatte aber keine Ahnung davon, daß die Gegenpartei jeden ihrer Schritte belauerte. Hynek von Lichtenburg hatte durch Beſtechung mehrere unter ihren Dienern gewonnen, ihn von Allem, was ſie that und was um ſie vorging, in Kenntniß zu ſetzen. Auf dieſem Wege erhielt er Kunde von Zäwis' von Falkenſtein langer Andienz bei der Kö⸗ nigin, ſowie von der Abſendung der Botſchaft an den Kö⸗ nig. Als am andern Morgen der Bote den Wald er⸗ reichte, der ſich zwiſchen Prag und Beraun ausdehnte, 192 ward er von mehreren verkappten Reitern überfallen, in Stücke gehauen und des Briefes der Königin beraubt, ſein Leichnam aber in eine Grube geworfen. Mit dem durch eine ſo verruchte Gewaltthat erlangten Briefe eilte Hynek von Lichtenburg zu ſeinem Freunde Zbislaw Zagje von Trebaun. Dieſer, von jeher ein Feind der Witko⸗ wetze, hatte durch unabläſſige Nachforſchungen in Er⸗ fahrung gebracht, daß der von ihm in Haft gehaltene Freiſaſſe Jodok durch die Witkowetze von Krumau befreit worden war; ſeitdem haßte er dieſelben noch mehr und lechzte nach einer Gelegenheit, ſich zu rächen. Dieſe Ge⸗ legenheit war jetzt gefunden. Die in dem Briefe der Königin enthaltene Anklage gegen Milota von Deditz gab ihnen den Gedanken ein, dieſelbe wider Zäwis zu kehren, aber auf einem Wege, der ihre Perſonen ganz aus dem Spiele brachte. Leider gab ihnen die Harm⸗ loſigkeit der Königin noch eine Waffe mehr in die Hand gegen den verhaßten Feind. Die Rückkehr des Boten erwartend berief Kuni⸗ gunde den Mann, der ihr jetzt ein höheres Intereſſe ab⸗ genommen als je, öfter zu ſich in den Königshof, und Zäwis folgte dieſem Rufe je öfter je lieber. Zwar war die Königin durch ein tiefes Pflichtgefühl gegen das Auf⸗ lodern einer unerlaubten Leidenſchaft geſchützt und ſchützte ſie ſich vor jeder Schwäche eines unbewachten Augen⸗ 193 blicks durch das Beiſichbehalten eines ihrer Kinder, ſo lange Zäwis bei ihr war; aber dieſe öftern und langen, wenn auch noch ſo ſchuldloſen Zuſammenkünfte boten der Bosheit dennoch Stoff genug zu giftiger Verleum⸗ dung. Während Zäwis ſich ſein Verhältniß zur Königin vor ſeinem Gewiſſen ſelbſt als eine ideale Freundſchaft zurechtlegte, verbreitete ſich unſichtbar im Prager Volke das Gerücht: der Zauberer Zäwis von Falkenſtein habe die Königin mit Liebesbanden umſtrickt und gehe damit um, den König zu ſtürzen, um ſeinen Platz an ihrer Seite einzunehmen. Zu dieſem Zwecke wolle er ſich dem König ſcheinbar unterwerfen, ihn mit einer großen Macht in den Kampf begleiten, aber wenn er ihn in das Schlacht⸗ getümmel hineingeführt, ſich gegen ihn wenden und ihn verderben. Bald geſchah es, daß dieſelben Menſchen, welche Zäwis' patriotiſche Lieder, ſchon lange ein Eigen⸗ thum des Volkes, mit Begeiſterung ſangen, den Dichter als Verräther verwünſchten, oder ihm als böſem Zau⸗ berer auf der Gaſſe auswichen. Eines Tages erſchien unerwartet in ſeiner Woh⸗ nung der Gelehrte Dalemil. Zäwis reichte ihm die Hand und bewillkommnete ihn mit dem Namen Vater. Der Gelehrte weigerte ihm die Hand und ſagte:„Wie kann der Buhle der Königin mein Sohn ſein? Jetzt ſagt mir, wo iſt meine Tochter?“ 194 „Wenn ich nicht irre, ſagte ich Euch ſchon, daß ſie in Mähren auf einem Schloſſe von mir iſt,“ antwortete Zäwis;„daſſelbe heißt Malhhrad und liegt vier Tage⸗ reiſen hinter Brünn. Was füllt Euch aber ein, meine Perſon mit der der Königin in eine ſo ſchändliche Ver⸗ bindung zu bringen?“ „Ich ſpreche nur nach, was ganz Prag ſpricht,“ erwiderte der Gelehrte. „Dann iſt der Wahnwitz in ganz Prag gefahren,“ erklärte Zäwis;„ich hätte geglaubt, der tadelloſe Wan⸗ del der Königin, ſeit ſie in Böhmen unter den Augen der Prager lebt, müſſe ſie gegen ſolche Anſchwärzung ſchützen.“ „Auch meine Tochter hatte tadellos gelebt, ehe Ihr ſie berüchtet!“ entgegnete Dalemil;„die Sinne einer Königin haben nichts voraus vor denen einer niederen Magd.“ „Kommt, Meiſter, nßt Euch hier nieder und hört mich eine Minute ruhig an.— Seht hier den Griff meines Schwertes, er ſtellt das Kreuz des Erlöſers vor; ich lege meine Finger darauf und ſchwöre, daß Eure Tochter an heiliger Stätte von Prieſterhand mir als ehe⸗ liches Gemahl angetraut worden, und daß es mein feſter Wille iſt, ſie deveinſt vor aller Welt als ſolches aufzu⸗ führen. Ich will jetzt einmal mich auf Euren Stand⸗ 195 punkt ſtellen, will annehmen, daß die Rückſicht auf meine hochbetagte Mutter gegen Eure Forderung, die Ehre Eurer Tochter durch Veröffentlichung meiner Vermählung mit ihr herzuſtellen, nicht aufkommen könne. Aber was meint Ihr dazu: ich habe mit Noth und Mühe alle dem König feindlichen Glieder meines Geſchlechtes bewogen, ſich mit mir zum Beiſtande des Königs in dem bevor⸗ ſtehenden Kampfe für die Unabhängigkeit des Vaterlandes zu vereinigen—“ „Das Gerücht ſagt,“ unterbrach ihn Dalemil, „Ihr heucheltet bloß Unterwerfung, um den König deſto ſicherer zu verderben.“. „Und Ihr glaubt dieſem Gerüchte?“ fragte Zäwis, dem Alten feſt und mit dem Ausdruck redlichen Unwil⸗ lens in's Auge ſehend. „Ich weiß nicht,“ antwortete Dalemil verlegen, „die Witkowetze waren immer Feinde des Königs——“ „Aber immer offen,“ verſetzte Zäwis,„nie heu⸗ chelten ſie Ergebenheit. Zch entſchuldige nicht, was ſie in der letzten Zeit gethan, ich habe ſie darüber hart ge⸗ nug getadelt. Nun habe ich ſie dahin gebracht, ſich der Sache des Königs anzuſchließen, und ich weiß, ſie werden mir blindlings folgen in den Kampf für das Vater⸗ land—“ „Wenn das wahr wäre, dann könnten wir ja der 196 polniſchen Hilfe entbehren,“ fiel Dalemil ein,„die mir ſo nicht recht hat gefallen wollen.“ „Ich ſchwöre Euch wieder bei dieſem Zeichen, daß ich die Wahrheit rede. Doch bedenkt: meine Sippe theilt das Vorurtheil meiner Mutter— ſie ehrt in mir ihr Haupt und gehorcht mir nur, ſolange ſie in mir den Hü⸗ ter deſſen erkannt, was ſie Ehre und Reinheit des Blu⸗ tes nennt; erführe ſie, daß ich dieſelbe durch Vermäh⸗ lung mit einer Unebenbürtigen verletzt, ſofort wäre es um mein Anſehen, um meinen Einfluß auf ſie geſchehen, ſie würden mir wie Ein Mann den Rücken kehren, und das Vaterland hätte den Schaden davon; um das Werk, das hinauszuführen ich hierher gekommen bin, wäre es geſchehen. Sagt mir nun, ob Ihr noch auf Veröffent⸗ lichung meiner Ehe mit Eurer Tochter beſteht, ſo lange der Kampf für das Vaterland nicht ausgefochten iſt.“ „Der Allwiſſende kennt mein Herz,“ erwiderte Dalemil,„er weiß, wie lieb ich mein Kind habe, wie theuer mir ſeine und meine Ehre iſt, aber auch, daß ich im Stande bin, wenn es ſein muß, dem Vaterlande Alles zu opfern.“ „Hört noch eins, Vater,“ nahm Zäwis wieder das Wort;„die Zeit iſt danach angethan, daß alle red⸗ lichen Vaterlandsfreunde feſt zuſammen halten und ein⸗ ander vertrauen müſſen. Wiſſet Ihr nicht, daß im gan⸗ 197 zen Königreiche Böhmen kein treueres Herz für das Va⸗ terland ſchlägt, als im Buſen ſeiner Königin? Ihr ſolltet es wiſſen, denn Ihr ſeid ihr lange nahe geweſen, und wiſſet, daß das alte, echtböhmiſche Herz, der ehrwürdige Oberſtkanzler, ſich zu ihr hält. Weil ſie Böhmen durch ſich ſelbſt gerettet und zu Ehren gebracht ſehen will, weil ſie erkannt hat, daß nur aus der Eintracht des geſamm⸗ ten böhmiſchen Volkes die Wiedergeburt des Vaterlandes hervorgehen könne, deßhalb hat ſie mich, der den Grund zu dieſer Eintracht gelegt, mit Wärme empfangen, und wenn etwas meinen Eifer für die gute Sache ſtählen und erhöhen konnte, ſo war es ihr Beifall, ihre verwandte Geſinnung. Hat daraus die Bosheit Gift geſogen, ſo darf uns das an der Güte unſerer Sache und am ge⸗ meinſamen Verfolgen des gemeinſamen Zieles nicht irre machen.“ Dalemil fühlte ſich beſchämt und bat um Verzeihung, ſo weit er ſich ſelbſt durch den Leumund hatte irre füh⸗ ren laſſen. Freundlicher geſinnt als je ſchied er von ſei⸗ nem vornehmen Tochtermann. Als Zäwis am folgenden Tage zur Königin ging, fiel ihm eine ungewöhnliche Bewegung von Menſchen in der Nähe des Königshofes auf. Die Gruppen, an denen er unmittelbar vorüberging, wichen ihm ſcheu aus dem Wege, verfolgten ihn aber mit Murren und drohenden Gebärden. Unbeirrt ſchritt er in den Palaſt. Die Königin empfing ihn mit gewohnter Freund⸗ lichkeit, doch äußerte ſie Beſorgniß über das Ausbleiben ihres Boten an den König und jeder Nachricht von ihm. Zäwis beſchwichtigte ſie und die Unterhaltung zwiſchen den Beiden nahm bald wieder den harmlos heitern Ton an, der zwiſchen ihnen in Gang gekommen war. Die älteſte Prinzeſſin Kunigunde theilte ihre Geſellſchaft. Weder dieſe, die jetzt zwölf Jahre zählte und geiſtig für ihr Alter ſehr entwickelt war, ahnte, noch hätte ein älterer Zeuge ahnen können, daß unter der geiſtvollen Rede des Mannes, welche nur den Erſcheinungen der Außenwelt ihren Stoff entlehnte, und unter den gelegentlichen Zu⸗ ſtimmungen, Einwürfen und Fragen der königlichen Frau, ſich eine Glut der Herzen verbarg, die ſie ſich ſelbſt nicht eingeſtehen mochten. Plötzlich ſchlug ein wildes Getöſe an ihre Ohren. Die Prinzeſſin Kunigunde eilte an's Fenſter und rief: „Was iſt das für ein Auflauf? Der ganze Platz iſt voll Menſchen— ſie ſchreien und ſehen alle hier herauf.“ Auch die Königin eilte an das Fenſter. Der Platz vor dem Palaſt war ein wogender See von Menſchen.„Was ſoll das bedeuten?“ fragte die Königin,„das ſieht faſt wie Aufruhr aus.“ 199 Zetzt ward ſie von Einigen aus der Menge erblickt. „Die Königin!“ riefen ſie,„die Königin!“ lief's durch die Menge, und tauſende von Augen richteten ſich nach der Genannten.„Königin heraus!“ riefen viele Stimmen und hunderte brüllten es nach. 32 Neben dem Fenſter befand ſich eine Thür, die führte auf einen Balcon, der in den Platz hinausragte.„Ich will ihnen den Gefallen thun und mich zeigen,“ ſagte die Königin;„wer weiß, was ſie wollen.“ Sie ging nach der Thür; ihre Tochter klammerte ſich weinend an ſie und bat ſie, nicht hinauszutreten. Aber ſie öffnete raſch die Thür und trat auf den Balcon. Im vollen Glanz ihrer Schönheit und Hoheit trat ſie dicht an die Brüſtung und winkte Schweigen. Allmälig legte ſich das Getöſe. Endlich herrſchte tiefe Stille. Da ſprach die Königin mit lauter, wohltönender Stimme:„Hier bin ich; ſeid gegrüßt, meine Prager; was iſt euer Begehr?! Eine Stimme rief:„Es lebe die Königin!“ und der ganze Chor donnerte es nach. „Habt Ihr einen Wunſch, ſo ſprecht ihn aus!“ rief die Königin, als es wieder ruhig geworden war. Erſt Geflüſter in der Menge, dann Gemurmel, dann der laute Ruf einer einzigen Stimme:„Gebt den Zau⸗ berer heraus— den Verräther Zäwis von Falkenſtein!“ Und„den Zauberer heraus! den Zauberer heraus!“ das ward das ſtehende Geſchrei der wüthenden Menge. Zu⸗ gleich dröhnten dumpfe Schläge an das Thor des Pa⸗ laſtes. „Kommt herein, Hoheit! Setzt Euch der Wuth des Pöbels nicht länger aus!“ rief Zäwis der Königin zu; „ich eile hinab, mich ihnen zu zeigen— hier oben bei Euch dürfen ſie mich nicht ſehen.“ In dieſem Augenblick flog die Zimmerthür auf und Dalemil ſtürzte herein. „Ihr ſeid des Todes, wenn ihr mir nicht augen⸗ blicklich folgt!“ rief er, Zäwis beim Arm erfaſſend; „kommt! kommt!“ „Wohin?“ fragte Zäwis;„eben wollte ich hinab und das Volk befriedigen.“ „Es wird Euch zerreißen, ſo wie Ihr hinaustretet!“ verſetzte Dalemil;„horcht nur, wie ſie an das Thor donnern! Die Dienerſchaft hat es verrammelt, aber es wird nicht lange widerſtehen. Kommt! Um Gottes willen, kommt!“ on „Was ſoll aus der Königin werden? Soll ich ſie ohne Schutz hier laſſen?“ wendete Zäwis ein. „Ihr wird kein Haar gekrümmt— hörtet Ihr nicht, wie ſie ſie leben ließen, als ſie ſich zeigte? Seht Ihr nicht, wie pe unverſehrt draußen ſteht? Wer ſchützt ſie jetzt 201 vor den Steinwürfen der Menge? Euch allein wollen ſie haben und ermorden.“ Zetzt wendete ſich die Königin herein und rief: „Bei meiner Ungnade befehle ich Euch, Herr Zäwis, ſo⸗ fort dies Zimmer zu räumen und dem Meiſter Dalemil zu folgen.“ Noch zögerte Zäwis.„Ich ſoll Euch in dieſem Sturm verlaſſen?“ fragte er. „Ihr werdet mich und Euch verderben,“ erwiderte ſie,„wenn Ihr hier bleibet oder unter die Menge geht.“ Und ſchnell hereinfliegend raunte ſie ihm in's Ohr: „Euer Tod iſt der meinige— oder glaubt Ihr, ich möchte Euch überleben?“ Zäwis ſah ſie an— ſein Blick begegnete einem Blick, in dem ſich Himmel und Hölle für ihn begegneten. „So ſei es!“ rief er,„ich befehle Euch dem Schutze des Allmächtigen.“ Ein warmer, flüchtiger Druck der Hand, und er überließ ſich der Leitung des Gelehrten. Dieſer, in den Räumlichkeiten der alten Fürſten⸗ reſidenz wohlbekannt, führte ihn durch mehrere Gemächer nach einer geheimen Treppe, welche in ein unterirdiſches Gewölbe leitete, an welches ſich ein enger Gang anſchloß. Durch dieſen, der von dichter Finſterniß erfüllt war, lei⸗ tete Dalemil ſeinen Schützling an der Hand. Wohl eine Viertelſtunde wanden ſie ſich darin fort, dann ging es 1860. XIX. Zäwiß von Roſenberg. II. 13 202 eine Treppe hinauf, welche mittelſt einer Fallthür hinter dem Altar einer Kapelle hart am Ufer der Moldau mün⸗ dete. Etwa tauſend Schritte von der Kapelle entfernt ſtand die Fiſcherhütte, in welcher Zäwis ſo oft mit Li⸗ busa zuſammengekommen war ſie war noch immer von ihrer, ſeitdem verrückt gewordenen Verwandten und ihrem Mann bewohnt; Dalemil rief letzteren heraus und be⸗ fahl ihm, ſeinen Begleiter augenblicklich über den Strom zu bringen.„Dort drüben,“ ſagte er zu Zäwis,„in dem Dorfe mit dem ſpitzthürmigen Kirchlein ſucht den Pfarrer auf, grüßt ihn von mir und ſagt ihm, ich ſende Euch, mich bei ihm zu erwarten. Er wird Euch gut aufnehmen und ich werde Euch heute Abend aufſuchen.“ Damit verabſchiedete er ſich. Zäwis folgte dem Fi⸗ ſcher nach dem nahe angelegten Kahne und ließ ſich über den Strom ſetzen, entſchloſſen, vorerſt der Weiſung Da⸗ lemil's zu folgen. Inzwiſchen gelang es der Königin noch einmal, das Volk zum Schweigen zu bringen. Mit Würde und Feſtig⸗ keit rügte ſie das aufrühreriſche Treiben, verſicherte, daß derjenige, den man bei ihr ſuche, nicht da ſei, und for⸗ derte es auf, dreißig Männer in den Palaſt zu ſenden, denen ſie volle Freiheit geben wolle, ihn zu durchſuchen. Dieſer Vorſchlag ward angenommen; die Königin befahl ihrem Haushofmeiſter, das Thorpförtchen zu öffnen und 203 dreißig Mann hereinzulaſſen, dann aber das Pförtchen wieder feſt zu verſchließen. Während dies geſchah, nahm die Königin ihre Kin⸗ der zu ſich und trat mit ihnen wieder auf den Balcon. Die Durchſuchung des Palaſtes fand ſtatt; kein Raum blieb davon verſchont, vom Keller bis unter das Dach; nur die geheime Treppe entging den ſpähenden Augen. Inzwiſchen ward dem Volke draußen die Zeit lang, die Leidenſchaft kühlte ſich ab, viele verließen den Platz; endlich kam auch ein Fähnlein Bürgerwehr, die Ordnung herzuſtellen, oder doch groben Erceſſen vorzubeugen. Nach mehrſtündigem vergeblichen Suchen erſchienen die Dreißig wieder auf dem Platz und verkündeten die Erfolgloſigkeit ihrer gewiſſenhaften Durchforſchung des Palaſtes. „Und doch haben wir ihn ſehen hineingehen,“ hieß es unter der enttäuſchten Menge,„und wir haben alle Ausgänge beſetzt; jetzt iſt es gewiß, daß er ein Zauberer iſt; er hat ſich unſichtbar gemacht.“ Die Königin hatte ſich längſt vom Balcon zurück⸗ gezogen; halb beſchämt, halb voll Aerger, daß der„Zau⸗ berer“ ihrer Wuth entgangen war, verlief ſich die Menge, die noch ſo lange auf dem Platze zurückgeblieben war. Zäwis hatte bei dem Pfarrer, an den er von Da⸗ lemil gewieſen worden, eine ſehr freundliche Aufnahme gefunden. Gegen Abend erſchien Dalemil und berichtete 19* 204 ihm den weitern Verlauf des Aufruhres.„In die Stadt dürft Ihr nicht zurück,“ ſchloß er ſeinen Bericht,„aber um des Zweckes willen, den Ihr vorhabt, dürft Ihr Euch auch nicht von Prag entfernen. Die Königin hat mich beauftragt, mit der Meldung von den heutigen Vorgängen morgen nach Pilſen zu reiſen. Der Bote, den ſie an den König abgeſchickt, iſt noch nicht zurückgekehrt, ich ſoll nun zugleich die Antwort auf ihre Botſchaft holen. Dieſe Ant⸗ wort müſſen wir vorerſt abwarten.“ Der Pfarrer war ſehr gern bereit, Zäwis bei ſich herbergen zu laſſen, und ſo blieb dieſer bis auf Wei⸗ teres hier. Als Dalemil nach Pilſen kam, fand er den König bereit, zur Rückkehr nach Prag aufzubrechen; aber leider mit einer ganz andern Geſinnung, als die Königin er⸗ wartete. Die Gegenpartei hatte ſeine Abweſenheit von ihr eifrig benutzt, um ihn ganz entſchieden für ſich zu gewin⸗ nen. Beſonders war es Milota von Diditz gelungen, ſich in der Gunſt und dem Vertrauen des Königs zu befeſti⸗ gen, ſo zwar, daß dieſer ihn zum Oberſtlandkämmerer in Mähren ernannte. Zbislaw Zagje von Tiebaun hatte das Gerücht von Zäwis' hochverrätheriſchen Umtrieben und ſeinen häufigen Beſuchen bei der Königin auch vor die Ohren des Königs zu ſpielen gewußt. Das hatte in ſeiner Seele durchgeſchlagen. Zornentflammt hatte er den Friedensvertrag mit dem Kaiſer zerriſſen und den auf⸗ rühreriſchen Baronen den Untergang geſchworen. Vergebens ſuchte Dalemil mit männlichem Frei⸗ muth dem bethörten König die Augen zu öffnen— er ward in Ungnade entlaſſen. Der alte Mann weinte über das furchtbare Verhängniß, das er auf den verblendeten, von Verrath umſtrickten König und über ſein Vaterland her⸗ einbrechen ſah. Weinend folgte er dem Zuge des Königs nach Prag. Otakar bezog die Burg auf dem Hradſchin, denn er mochte die Königin nicht ſehen. Das Erſte, was er that, war, daß er dem Oberſt⸗Kanzler und Oberſt⸗Hof⸗ und Landrichter den Befehl ertheilte, das ganze Geſchlecht der Witkowetze aller ihrer Güter verluſtig zu erklären und aus dem Lande zu verbannen. Der würdige Kanzler erhob Gegenvorſtellungen gegen dieſen Beſchluß, ſelbſt der Oberſt⸗Hof⸗ und Landrichter, obgleich kein Freund der Witkowetze, fand denſelben verfaſſungswidrig— aber Otakar blieb bei ſeinem Ausſpruch. Wenn Gott die Kö⸗ nige verderben will, verſtockt er ihnen das Herz. Gegen Zäwis von Falkenſtein befahl der König die Einleitung eines neuen peinlichen Verfahrens, vorerſt ſeine Gefan⸗ gennahme und Verwahrung im weißen Thurm. Dem⸗ nächſt ward eine Geſandſchaft an den König von Polen abgeordnet, die mit dieſem über die Stellung eines pol⸗ 206 niſchen Hilfsheeres von 20.000 Mann gegen den deut⸗ ſchen Kaiſer unterhandeln und abſchließen ſollte. Als die Königin dies Alles erfuhr, nahm ſie ihre Kinder, eilte mit ihnen auf die Burg, warf ſich mit ihnen dem König zu Füßen und beſchwor ihn unter hei⸗ ßen Thränen, die unheilvollen Beſchlüße zurück zu neh⸗ men. Allein wenn der Anblick ihrer hinreißenden Schön⸗ heit auch ſeiner Liebe über den Argwohn, zu dem er auf⸗ geſtachelt worden, den Sieg verſchaffte, wenn er ſie mild und liebevoll wieder an ſein Herz zog— in Bezug auf Zäwis und ſeinen Anhang, ſo wie rückſichtlich der künf⸗ tigen Kriegführung blieb er bei ſeinen Beſchlüßen ſtehen. Auf ihre Gemächer in der Burg zurückgezogen, ließ ſie Dalemil zu ſich holen und ſandte ihn an Zäwis, ihm Alles mitzutheilen und ihn zu beſchwören, daß er ſeine Perſon ſchleunigſt in Sicherheit bringe. Dabei zog ſie einen Reif von ihrem Finger und gab ihn dem Gelehr⸗ ten mit den Worten:„Bringt ihm dies als ein Zeichen der Unveränderlichkeit meiner Geſinnung für ihn, und bittet ihn für mich, daß er mir auch die ſeinige bewahren wolle. Vielleicht iſt es uns doch noch beſchieden, daß wir vereint das Vaterland retten.“ Zäwis erhielt dieſe Botſchaft mit Entrüſtung und heißem Schmerz. So war er für ſeinen Eifer, dem Va⸗ terlande zu helfen, abermals geächtet. Er konnte lange 207 nicht ſprechen zu Dalemil. Endlich ſagte er:„Ich hatte es gut im Sinne mit dem König— er hat mich zurück⸗ geſtoßen und folgt ſeinem dunklen Verhängniß. Ich ſehe furchtbare Stürme heranziehen über ihn und Böhmen— ſoll ich nun, um mein nacktes Leben zu retten, hinaus⸗ flichen und von fern dem Unglücke des Vaterlandes müßig zuſchauen?“ „Ihr müßt Euch ſuchen für beſſere Zeiten zu er⸗ halten,“ ſagte Dalemil;„auch für Euer Weib und Kind!“ „Ihr habt Recht,“ erwiderte Zäwis;„dieſe ha⸗ ben auch ein Recht an mich. Wollt Ihr mich zu ihnen begleiten, bei ihnen und mir in Frieden leben?“ „Ich muß auf meinem Poſten bleiben,“ erklärte der Alte;„ziehet Ihr ohne mich in Frieden!“ Zäwis trug nun Dalemil noch auf, ſeinen Dienern zu ſagen, daß ſie ſich allein nach Krumau verfügen ſoll⸗ ten, wo er ſie zu treffen gedenke. „Die werdet Ihr mit Eurem Leibroß eine Stunde von hier im Gebirge an der Straße finden,“ ſagte Da⸗ lemil. Zäwis dankte für dieſe Veranſtaltung und ſagte: „Wir bleiben doch nun Freunde, und Ihr ſegnet den Bund Eurer Tochter mit mir?“ „Wenn der Bund vor aller Welt zur Geltung ge⸗ 208 bracht wird, dann werde ich ihn ſegnen,“ erklärte der Gelehrte. „Ihr ſeid ein eiſerner Mann,“ verſetzte Zäwis, re⸗ dete aber nicht weiter in ihn, ſondern verabſchiedete ſich von ihm und dem Pfarrer. Zehntes Cupitel. Zäwis wollte in Krumau nun mit ſeinem Ge⸗ ſchlechte tagen, um über das, was jetzt zu thun ſei, zu berathen, dann aber, hinreichend mit Gold und Koſt⸗ barkeiten verſehen, auf öſterreichiſches, jetzt kaiſerliches Gebiet flüchten. Wohl dachte er auch an Weib und Kind, aber die Forderungen des Herzens mußten verſtummen vor der Theilnahme an den großen Ereigniſſen, die ſich jetzt vorbereiteten und denen Zäwis trotz der über ihn ausgeſprochenen Acht nicht fern bleiben wollte. Er fühlte in ſich den Beruf Großes zu vollbringen, und die Unter⸗ haltungen mit der Königin hatten ſehr weſentlich dazu beigetragen, dieſes Gefühl zu beleben. Ueberhaupt hatte dieſe ſtrahlende Königin, die ſeinem Ehrgeiz ſo fein zu ſchmeicheln wußte, eine große Gewalt über ihn erlangt, 209 eine größere, als er vor ſich ſelbſt einräumte. Sie hatte ihn ihren Paladin genannt, er war ſtolz auf dieſen Titel und ſo feſt entſchloſſen geweſen, ihn zur Wahrheit zu machen. Sollte er nun, da ihn der König verſtoßen und geächtet, ganz auf dieſen Titel und ſeine Verwirklichung verzichten? Konnte die Königin bei den über ihr Haus hereinbrechenden Geſchicken nicht erſt recht eines Paladins bedürftig werden? Von geheimen und offenen Feinden umgeben, war ſie den ſchwerſten Bedrängniſſen ausgeſetzt, wenn den König ein ſchwarzes Verhängniß ereilen ſollte. Um ihretwillen— redete er ſich ein— durfte er ſich nicht in die mähriſchen Wälder vergraben, ſondern mußte er auf der Wacht ſein, den Gang der Ereigniſſe im Auge behalten, um zur rechten Zeit auf dem Plan zu ſein, wenn die Königin ſeiner bedurfte. Wer weiß auch— dachte er— kommt der König nicht durch das Unglück zur Erkenntniß und ſucht dann die Hand, die er jetzt zurückgeſtoßen. So kam er, wenn auch der Gedanke an Weib und Kind ſich dann und wann geltend machen wollte, doch zu dem feſten Entſchluß, in der Nähe des Schauplatzes der Ereigniſſe zu bleiben, alſo nicht nach Malyhrad zu gehen. Er begnügte ſich ein paar Boten dahin abzu⸗ ordnen, die Libusa grüßen und ihm über ihr Befinden und etwaige Anliegen Bericht erſtatten ſollten. 210 Auf dem Geſchlechtstage ward von der Mehrheit der Witkowetze beſchloſſen, daß man ſich nun noth⸗ gedrungen unter den Schutz des Kaiſers ſtellen, einſt⸗ weilen der Gewalt weichen und abwarten müſſe, bis das Glück der Waffen für ihren Schutzherrn entſchieden und die Gewalt ihres königlichen Feindes gebrochen habe. Zäwis, Sezema und Hroznata waren die Einzigen, die auch jetzt noch die Schutzherrlichkeit des deutſchen Kaiſers verwarfen und ſich von der Mehrheit trennten. Zäwis nahm von ſeiner Mutter, die auf ihrem Witthum Maidſtein ſicher ſaß, Abſchied und ging mit Hroznata in die Verbannung. Seine Schweſter blieb bei der Mutter zurück. Auf dem unbewohnten Schloſſe eines Freundes am Mannhardsberge fanden die Flüchtlinge ein ſicheres Aſyl. Schnell entwickelten ſich nun die Ereigniſſe. Der König von Polen verpflichtete ſich zur Stellung der ver⸗ langten Hilfsmacht bis Ende Juni des laufenden Jah⸗ res, worauf König Otakar dem Kaiſer die förmliche Weigerung, den bei Wien verhandelten Frieden zu er⸗ füllen, überſandte. Mit Eifer ward nun auf beiden Seiten gerüſtet, wie zu einem Kampfe auf Tod und Leben. Zwiſchen dem König und der Königin von Böhmen war ſeit den im vorigen Kapitel erzählten Ereigniſſen 211 eine gewiſſe Spannung eingetreten, die jedoch von ſeiner Seite in der Aufregung der Kriegsrüſtungen weniger empfunden ward als von ihr. Doch war ſie durch Pflichtgefühl und das Band der Kinder zu ſehr an ihren Gemahl gefeſſelt, als daß ſie nicht doch mit der Zeit die Mißſtimmung gegen ihn hätte überwinden und ſeinem Thun eine lebhafte Theilnahme zuwenden ſollen. Freilich beklagte ſie nach wie vor, daß ihr Plan geſcheitert und der Mann von jeder Betheilung an den kommenden Kämpfen ausgeſchloſſen war, dem ſie gern die erſte Rolle darin zugetheilt geſehen hätte. Daß derſelbe ge⸗ rettet und geborgen war, das wußte ſie— daß er es nicht in Mähren, auf ſeinem heimlichen Liebesſchloß war, war ihr eine geheime Genugthuung. Sie hatte das Verhältniß zwiſchen Zäwis und Libuda, das ſie durch Sezema nur als eine vorübergehende Buhlſchaft kannte, klüglich ignorirt, im Geheimen aber hatte es ihr doch Kummer gemacht—„um des armen Geſchöpfes willen, das dem Zauber einer ſolchen Perſönlichkeit erlegen war,“ ſprach ſie bei ſich ſelbſt. Zwar hatte es ſie Wunder genommen, daß Libusa's Vater eine ſo große Fürſorge für das Ge⸗ ſchick ihres Entführers an den Tag legte, als dieſer in Gefahr war, von dem Pöbel ermordet zu werden; aber die ſchöne Königin theilte mit den Hochgebornen aller Zeiten den Wahn, daß niedriggeborne Menſchen 212 kein ſo zartes Ehrgefühl haben, wie ſie, und ſo fand ſie bald an Dalemil's Theilnahme für den„Verführer“ ſeiner Tochter nichts Wunderbares. Im Uebrigen glaubte ſie ſich irgend einer Sorge für ihre ehemalige Dienerin entſchlagen zu dürfen; ſie hatte ſie ja vor dem gefähr⸗ lichen Manne ſchützen wollen, ſie hatte ſie deßhalb zu ſich genommen und war ihr faſt eine mütterliche Freundin geweſen— dennoch war ſie in ihr Unglück gerannt— mochte ſie nun das Loos tragen, das ſie ſich ſelbſt zu⸗ gezogen. Ehe ſich die Königin deſſen noch recht verſah, brach für ſie der Tag des Abſchiedes von dem König an. Sie war ihm in der letzten Zeit wieder näher gerückt. Der hohe Muth, mit welchem er dem Kampfe entgegen ging, und der täglich ſtieg, die Begeiſterung, mit der ſich das Volk um ihn ſchaarte, die Beweiſe von zärtlicher Liebe, die er ihr noch gab, machten einen tiefen Eindruck auf ihr empfängliches, leicht bewegliches Herz. Sie ſah in ihm wieder den Helden früherer Zeit, ſein Muth und die allgemeine Begeiſternng erfaßten auch ſie, und voll freu⸗ diger Zuverſicht gürtete ſie ihm das Schwert um, das ſeine Feinde zu Boden ſchlagen ſollte. Tief bewegt, wie nie vorher, nahm König Otakar von den Seinigen Abſchied. Er umarmte ſeine Tochter Kunigunde und hob ihre jüngern Geſchwiſter nach ein⸗ 213 ander auf, und herzte und küßte ſie der Reihe nach, um immer wieder von vorn anzufangen, wobei er unzählige Thränen vergaß. Am ſchwerſten ward ihm der Abſchied von ſeiner Gemahlin, die jetzt inne ward, daß ſeine Liebe zu ihr noch ſo feurig glühte, wie am Tage ihrer Hochzeit. Wenn noch eine Diſſonanz in ihrem Herzen gegen ihn zurückgeblieben war, unter den Thränen des Abſchiedes löſte ſie ſich in die reinſte Harmonie auf. Tief im Herzen gelobte ſie ihm auf's neue unverbrüchliche Treue, und wenn ſie in der hinter ihr liegenden Verſtim⸗ mung dem Zauber einer Perſönlichkeit wie Zäwis einen zu großen Einfluß auf ihr Herz verſtattet, ſo wollte ſie ſich dagegen in Zukunft feſt wappnen, wie einer Königin und dem Weibe eines Helden gezieme. Unter dem Geläute aller Glocken von den hundert Thürmen ſeiner Hauptſtadt, unter Vortritt der ge⸗ ſammten zahlreichen Geiſtlichkeit und gefolgt von vielen Tauſenden aus allen Klaſſen des Volkes,„unter den herzlichſten Segenswünſchen und lautem Weinen“, zog der König an der Spitze ſeines Heeres aus den Thoren Prags. Es war, als ob ein Vater auf immer von ſeinen Kindern ginge. Eine halbe Stunde vor der Stadt machte er Halt, dankte dem Volke für ſeine Liebe und empfahl ihm ſein Weib und ſeine Kinder. Dann bat er es um⸗ zukehren und in den Kirchen für den Sieg ſeiner Waffen 214 zu beten. Unter lautem Schluchzen und dem tauſend⸗ ſtimmigen Ruf:„Gott ſei mit unſerm König und Vater!“ gehorchte die Menge. Der König zog nach Brünn, wo er ſich mit den polniſchen Hilfstruppen vereinigen wollte. Um dieſe Zeit erhielt Zäwis von Malyhrad durch die rückkehrenden Boten einen Brief von Libusa, worin ſie ihm für die geſandte Kunde dankte und meldete, daß es ihr ſammt ſeinem Sohne wohl ergehe.„In dem Meiſter Scarlatti,“ fügte ſie hinzu,„haſt Du mir einen wackeren Geſellſchafter zurückgelaſſen und in dem rieſen⸗ haften Jodok einen zuverläſſigen Schützer. Das hat er bewieſen in einem Abenteuer, das mir wenig Wochen nach ſeiner Ankunft begegnete. Du weißt, ich liebe den Wald, deſſen Schönheit Du mir erſt erſchloſſen, und ergehe mich gern täglich ein Stündchen in den ehr⸗ würdigen Buchenhallen, die ſich wie ein Rieſendom um unſer Schloß herum wölben. Als ich auch eines Tages mit Searlatti darin herumwandelte und mich durch die herrliche Mailuft und den tauſendſtimmigen Wettgeſang der Vögel weiter als ſonſt vom Schloſſe hinweglocken ließ, ſprangen plötzlich drei vermummte Männer aus einem Gebüſch hervor, zwei warfen meinen Begleiter zur Erde und der Eine bemächtigte ſich meiner und trug mich wie ein ſchwaches Lamm mit ſtarkem Arm davon, hinter 215 das Gebüſch, wo drei Pferde angebunden ſtanden. Ich konnte nur einen einzigen Hilfeſchrei ausſtoßen, denn der Räuber ſchloß mir mit einem Pflaſter den Mund. Aber wie er mich auf eins der Pferde heben wollte, ſtürzte unſer Rieſe, der mir heimlich gefolgt war, herbei, ſchlug den Räuber zu Boden, und wie nun ſeine Spießgeſellen herbei eilten und mit gezückten Schwertern auf ihn ein⸗ drangen, war es wunderbar anzuſehen, wie er mit einem Knittel den Einen ebenfalls niederſchlug, den Andern aber unterlief und zur Erde warf, daß es krachte. Er riß nun den Räubern die Vermummung ab, und— denke Dir mein Entſetzen!— ich erkenne in dem, der mich er⸗ griffen hatte, den, der mich ſchon einmal geraubt, den Baſtard des Königs. Mein wackerer Retter holte aus, ihm, da er ſich noch regte, den Garaus zu machen, doch mich jammerte das junge Blut, ich bat ihn leben und mit ſeinen Genoſſen dem Schickſale zu überlaſſen.„Da wollen wir ihnen wenigſtens die ſchönen Pferde ab⸗ nehmen,“ ſagte er und ich ließ ſie ihm als Beute. Den armen Meiſter Scarlatti fanden wir glücklicherweiſe nur betäubt; Jodok ſetzte ihn auf ein Pferd und ſchwang ſich hinter ihm hinauf, nachdem er mir zuvor auf ein anderes geholfen, und ſo kehrten wir nach dem Schloſſe zurück. Am Nachmittag ſchickte ich ihn hinaus, nach den Räubern zu ſehen— er fand ſie verſchwunden. Seitdem bin ich nur in ſeiner und Scarlatti's Begleitung in den nächſten Theil des Waldes gegangen und nie wieder beunruhigt worden, werde es hoffentlich auch nicht wieder werden.— Du läſſeſt mich mehr ahnen, als wiſſen, daß Du ein Ge⸗ bannter biſt, daß des Königs unverſöhnlicher Haß Dich aus Deinem lieben Böhmen getrieben und Dir es un⸗ möglich gemacht, ihm zu dienen, wie Du wollteſt. Ich ſollte da freilich meinen, daß Du wohl thäteſt, zu mir zu kommen und in meiner Liebe und dem Gedeihen Deines Kindes einigen Troſt für die erfahrene Täuſchung und Widerwärtigkeit zu finden. Indeſſen ehre ich Deinen Willen. Vielleicht biſt Du hier doch nicht ſo ſicher, wie auf öſterreichiſchem Boden; vielleicht kannſt Du auch dem Vaterlande, wenn Du ihm näher bleibſt, noch nützen. Es wird ja doch einmal eine Zeit kommen, wo ſich Deine Taube wieder an Dich ſchmiegen und Dir zu fühlen geben darf, wie ſie nur allein in Dir lebt— doch nein, das wäre gelogen— Deinem K Kinde gehört auch ein Theil von meinem Leben. Es iſt ein zu liebes, herziges Weſen, es hat Deine Augen und verſpricht auch ſonſt Dir ähnlich zu werden. Gott laſſe das geſchehen, ins⸗ beſondere ihm Deinen Geiſt und Dein edles Herz zu theil werden.— Was Du mir über meinen Vater mitgetheilt, hat mich recht getröſtet; er war immer ſo tren und gut gegen mich, und vaßh er uns zürnte, war ein grauer 217 Schatten, der ſich über mein Glück breitete. Nun iſt der gewichen, und ich wiege mich noch einmal ſo froh in der ſeligen Hoffnung, daß der gute alte Vater ſeinen Enkel auf ſeiner Knie ſchaukeln werde. Das hat ſich der alte gelehrte Herr auch nicht träumen laſſen, daß er noch einmal werde der erſte Reitmeiſter eines Junkers werden, und noch dazu eines Witkowetz. Nun, mir ſelbſt will es manchmal wie ein vermeſſener Traum vorkommen, daß ich die Mutter eines Witkowetz ſei, und daß mich der Größte dieſes glorreichen Namens ſeine Taube genannt und wie ein Tauber geliebkoſt. Lebe wohl, mein— Adler muß ich ſagen, wenn dieſer wichtigere Vergleich mein Taubenherz auch zittern macht. Lebe wohl!“ Die reine Muſik, die aus dieſem Briefe klang, er⸗ griff das Herz ſeines Empfängers wunderbar und er⸗ regte einen Kampf zwiſchen dem Adler und dem Tauber in ſeiner Brüſt, der anfangs und auf geraume Zeit für den letzteren entſchied. Noch einmal erſchienen ihm Macht und Ruhm und Hoheit als Nebelgebilde, die den Geiſt verwirren und das Herz veröden; noch einmal erſchien ihm der Ruf der Taube als die Stimme Gottes, die ihn auf die rechte Höhe der Menſchheit, in das Reich der Geiſtesklarheit und Freiheit, der Wahrheit und Vollkom⸗ menheit lockte. Und er war entſchloſſen der Lockung zu folgen. Aber Hroznata ſtellte ihm vor, daß jetzt nach 14 1860. XIX. Zäwit von Roſenberg. II. 218 Mähren gehen, wo König Otakar mit ſeinen Heerhaufen lag, ſich muthwillig in die äußerſte Gefahr begeben hieße. Eben ſo gut oder weit ſicherer würde er nach Böhmen zurückkehren können. Wenn Zäwis noch zwiſchen Gehen und Bleiben ſchwankte, ſo mußte er ſich für letzteres ent⸗ ſcheiden, als er von einem Ereigniß Kunde erhielt, das ſeine Theilnahme an den vaterländiſchen Angelegenheiten und ſelbſt für den ihm ſo feindlich geſinnten König im höchſten Grade erregte. König Otakar hatte immer auf einem guten Fuße mit der Kirche geſtanden, die ihm ſchon für ſeinen Krerz⸗ zug gegen die Preußen und deren Bekehrung verpflichtet war. Er hatte auch ſonſt dem heiligen Stuhle zu Rom mittelbar und unmittelbar wichtige Dienſte geleiſtet, über⸗ haupt ſich allezeit als ein treuer und eifriger Sohn der Kirche bewährt. Wenn aber der Stellvertreter Chriſti ihm vorzugsweiſe für Erweiterung und Verherrlichung ſeiner geiſtlichen Macht verpflichtet war, ſo hatte der⸗ ſelbe neuerdings dem Kaiſer Rudolf eine beträchtliche Erhöhung und Erweiterung ſeiner weltlichen Macht zu verdanken; dieſer hatte nämlich die Länderſchenkungen der fränkiſchen und ſächſiſchen Kaiſer an den römiſchen Stuhl durch Abtretung aller kaiſerlichen Rechte auf das Exarchat, d. i. die heutigen Legationen, vervollſtändigt und dadurch dem Kirchenſtaate ſeine heutige Ausdehnung e — 2¹19 verliehen Dieſe weltliche Bereicherung galt dem Pabſte NPikolaus III. mehr als Alles, was Otakar für die Kirche gethan, und er glaubte ſeinem weltlichen Wohlthäter da⸗ durch erkenntlich ſein zu müſſen, daß er den Bannſtrahl der Kirche gegen alle Widerfacher Rudolf's ſchlenderte, den getreueſten Sohn der Kirche Otakar nicht ausgenom⸗ men. Während dieſer in Mähren ſeine Schaaren ſam⸗ melte, traf ihn der vernichtende Strahl. Wenn in Zäwis Bruſt noch ein Groll gegen den König ſich geregt hatte, dieſes neue, furchtbare Verhängniß über den bedrängten Helden mußte den Groll erſticken und das tiefſte Mitgefühl für ihn an die Stelle ſetzen. Gern wäre Zäwis ſofort in Otakar's Lager geeilt, hätte ſich ihm zu Füßen geworfen, ihn um Vergeben und Ver⸗ geſſen angefleht und um die Erlaubniß, für ihn ſein Blut zu verſpritzen. Aber er mußte ſich nach den gemachten Erfahrungen ſagen, daß dies ein nutzloſes, ihm bloß ver⸗ derbliches Beginnen ſei. Eine Berathung mit Hroznata führte zu einem ganz andern Beſchluß. Wenn Beide in ihrer Lage noch etwas für den bedrängten König und das Vaterland thun wollten, ſo konnten ſie es zunächſt allein vom feindlichen Lager aus. Es war vorauszuſehen, daß die Verräther um Otakar's Perſon mit den Feinden Verbindungen unterhalten würden. Wenn man dieſen nachſpürte, ſo kam man vielleicht auf Entdeckungen, welche 14* 220 zu höchſt wichtigen Dienſten für den König führten. Froh, einen Weg gefunden zn haben, wie ſie auch als Geächtete noch ihrem Vaterlande dienen konnten, eilten die Freunde in das deutſche Lager. Sie wurden mit offenen Armen aufgenommen, be⸗ ſonders von ihren Verwandten und andern Landsleuten, wie Boreſch von Rieſenburg und Albrecht von Seeberg, die gleich ihnen geächtet waren. Die früheren Zwiſtig⸗ keiten wurden vergeſſen, das gemeinſame Schickſal glich Alles aus. Wollten die beiden Freunde ihren Plan durch⸗ führen, ſo mußten ſie die gleiche Erbitterung zur Schau tragen, wie die Andern, überhaupt das gleiche Ziel mit ihnen zu verfolgen ſcheinen. Indem ſie ſich demgemäß verhielten, gelangten ſie zuvörderſt zur Kenntniß eines lebhaften Spionenverkehrs zwiſchen den beiden Heeren, deſſen Fäden in der Hand Ludmila's von Mahrenberg, deren Gatte Berchtold von Emerberg an der Spitze eines öſterreichiſchen Heerhaufens ſtand, zuſammenliefen. Wieder alſo war dieſes dämoniſche Weib im Spiele, wo es galt, dem König Otakar den Untergang zu bereiten, und ſie ſpielte eine Rolle, die an Einfluß der eines Feld⸗ 5 herrn wenig nachgab. Zäwis erkannte, daß ſie jetzt drei⸗ fach gefährlich und eigentlich erſt furchtbar geworden. 5 Der auf Otakar laſtende Bann der Kirche entfeſſelte ihre Rachſucht von allen Banden des Gewiſſens und ————— — 4 ————— 221 etwaiger weiblicher Regungen. Sie war ebenſo bigott als rachſüchtig und in ihren Augen heiligte der Bann ihre Rache und jedes Mittel ihrer Befriedigung.„Sie wird,“ ſagte Zäwis zu Hroznata,„ſich jetzt als eine Verbündete der Kirche, als ein Werkzeug der göttlichen Gerechtigkeit gegen einen Ketzer betrachten, und ihr nicht weniger fa⸗ natiſcher Gatte wird ihren Wahn theilen. Wir müſſen ihr Thun und Treiben genau zu beobachten, hinter alle ihre Schliche und Anſchläge zu kommen ſuchen. Freilich mag ich nichts mit ihr ſelbſt zu ſchaffen haben, und auch Du wirſt vor jeder Berührung mit dieſer unſeligen Perſon zurückſchaudern, wir müſſen ſehen, daß wir einen gewand⸗ ten Kundſchafter finden.“ Ein ſolcher Kundſchafter fand ſich in der Perſon Sezema's von Wittingau, der plötzlich im deutſchen Lager erſchien. Er beſaß alle Eigenſchaften zu der Rolle, die Zäwis und Hroznata ſelbſt nicht ſpielen mochten, noch konnten, und er war auch ſogleich bereit, ſich ihr zu unter⸗ ziehen. Bald erfuhren die Freunde durch ihn, daß Lud⸗ mila aus dem böhmiſchen Lager Nachrichten erhalten, die ſie ſehr beunruhigten. König Otakar hatte der de⸗ moraliſirenden Wirkung des Bannes auf ſein Heer da⸗ durch ein Ende gemacht, daß er zu einer angreifenden Bewegung übergegangen war. Er war in Oeſterreich eingefallen, hatte eine Menge Plätze längs der March erobert und war ſiegreich bis Marcheck vorgedrungen, „dem Denkmal ſeines einſt glänzendſten Sieges“ Durch dieſe Erfolge waren ſeinen Kriegern Muth und Ver⸗ trauen zurückgekehrt. Das war gegen Ludmila's Be⸗ rechnung; ſie hatte gehofft, der Bannſtrahl werde das böhmiſche Heer ſo weit demoraliſiren, daß es beim erſten Zuſammenſtoß mit dem deutſchen oder ungariſchen Heere, denn auch diesmal war Ladislaw von Ungarn Rudolf's Verbündeter, auseinander ſtieben, ſein Heil in wilder Flucht ſuchen, und der König in der allgemeinen Ver⸗ wirrung von einem rächenden Mordſtahl werde erreicht werden. So erfreulich dieſe Mittheilung für Zäwis und Hroznata war, ſo verkannten ſie doch nicht, daß Ludmila jetzt alle Hebel anſetzen werde, um die Erfolge ihres Tod⸗ feindes zu vereiteln, und ſie legten Sezema jetzt ver⸗ doppelte Wachſamkeit über ihr Treiben an's Herz. Schon den nächſtfolgenden Tag erſchien er bei ihnen wieder mit einer Miene, die auf wichtige Enthüllungen deutete. Es war ein Bote von Milota von Deditz ge⸗ kommen, welcher die Nachhut des böhmiſchen Heeres be⸗ fehligte. Derſelbe berichtete, daß es für die Verbündeten an der Zeit ſei, dem König entgegenzugehen, ehe er durch weitere Waffenerfolge noch mehr geſtärkt werde. Der König habe ſich durch die ihm zugeſpielten falſchen Kund⸗ 223 ſchaften glücklich täuſchen laſſen, er wähne die verbündeten Heere noch weit entfernt, und glaube noch Zeit genug zu haben, um ſowohl den Muth ſeiner Truppen durch Er⸗ oberungen noch mehr zu beleben, als auch Verſtärkungen heranzuziehen. Wenn er nun jetzt plötzlich angegriffen werde, müſſe er entweder mit weit unterlegenen Kräften eine Schlacht annehmen oder ſich zurückziehen. Im erſteren Falle werde Milota den Verbündeten einen ſehr leichten Sieg dadurch verſchaffen, daß er den König in der Hitze des Treffens im Stiche laſſe; im zweiten Falle gehe der König aller errungenen Vortheile langſam verluſtig und man komme zu dem urſprünglich verabredeten Plane zurück. „Zetzt iſt für uns die Zeit zum Handeln gekom⸗ men,“ rief Zäwis nach Anhörung dieſer Botſchaft.„Se⸗ zema, Ihr müßt in's böhmiſche Lager eilen und dem Kö⸗ nig reinen Wein einſchenken. Ich werde Euch ein Schrei⸗ ben mitgeben, ich will ihm mein ganzes Herz offen dar⸗ legen, ihn beſchwören, mir zu vertrauen und mich an Mi⸗ lota's Stelle zu ſetzen oder wenigſtens an ſeine Seite. Ich will thun, als ob er nichts an mir verſchuldet und ich allein gegen ihn gefehlt; ich will um des Vaterlandes willen mich demüthigen, wie es nur ein Mann kann, und ihm dann durch Thaten beweiſen, wie unrecht er mir ge⸗ than. Ich kenne die Schwächen und Blößen ſeiner Gegner, 224 ich mache mich anheiſchig, ſie mit noch einer geringern Streitmacht, als der König hat, entſchieden auf's Haupt zu ſchlagen. Der König möge mich nur rufen, ſich mit mir verſöhnen und mir vertrauen.“ Sezema war zu der Sendung bereit, und Zäwis ſchrieb an den König einen Brief, von dem ſich Hroznata und Sezema die vortrefflichſte Wirkung verſprachen. Mit ihm flog Sezema über die Donau, durch das Marchfeld in das Lager bei Marcheck. Mit der äußerſten Spannung erwartete Zäwis ſeine Rückkehr. Im deutſchen Lager äußerte Milota's Bericht ſeine Wirkung. Der Kaiſer traf Anſtalt die Donau zu überſchreiten, und ließ ſeinem Verbündeten ein Gleiches anempfehlen, um ſich mit ihm an der March zu vereini⸗ gen und mit ihm vereint gegen den Böhmenkönig vorzu⸗ rücken. Ehe Sezema noch zurück ſein konnte, ward die Bewegung der Verbündeten ſchon ausgeführt. Zäwis und Hroznata zogen im Heere der Deutſchen mit über die Donau; ſie hatten ſich dem Heerhaufen angeſchloſſen, der unter Berchtold's von Emerberg Befehl ſtand. Zum erſtenmale ſahen ſie dieſen auf einem ſchwarzen Streit⸗ roß in ſchwarzer Rüſtung wie ein Ritter des Todes. Im ſchwarzen Amazonenkleide ritt Ludmila an ſeiner Seite. Für die beiden Freunde ein grauenerregendes Paar!— Vergebens harrte Zäwis um die Zeit, da Sezema = 225 zurück ſein konnte, auf deſſen Erſcheinen. König Otakar zog ſich vor den Verbündeten zurück und dieſe rückten lang⸗ ſam nach. Endlich erreichte ihn ihr Vortrab zwiſchen den Dörfern Dürrenkrut und Jedenſprungen. Otakar nahm Stellung und man ſah, daß er Anſtalten traf, eine Schlacht anzunehmen. Mit hochklopfender Bruſt zählte Zäwis die Minuten bis zu Sezema's Erſcheinen. Endlich am Abend vor der unausbleiblichen Schlacht kam er. „Es war Alles umſonſt,“ rief er Zäwis entgegen; „der König las Euer Schreiben nur flüchtig durch, warf es dann auf die Seite und ſagte:„Nimmermehr habe ich von einem ſo treuloſen Mann Dank und Treue zu gewärtigen.“ Als ich ihm dann Milota's verrätheriſches Einverſtändniß mit dem Feinde und ſeinen ſchändlichen Anſchlag mittheilte, ließ er mich kaum zu Ende reden— Milota habe ſich ſeines Vertrauens werth gemacht, ent⸗ gegnete er, und er, der König, ſei nicht der Mann, der erprobte Diener bei ſich verdächtigen laſſe. Dann befahl er mir zu warten und mich zu überzeugen, daß er unter den Seinigen keinen Verräther habe, daß dieſe allein im kaiſerlichen Lager wären. Er ließ ſofort alle Oberſten und Hauptleute ſeines Heeres auf einem freien Platze ver⸗ ſammeln und ſtellte ſich in meinem und ſeines Baſtard Nikolaus Beiſein ohne Wehr und Rüſtung mitten unter ſie.„Ich bin gewarnt worden,“ ſprach er,„daß es auch unter euch noch Verräther gebe. Ich kann das nicht glau⸗ ben; doch iſt Jemand hier, der es nicht aufrichtig mit mir meint, ſo trete er vor und vollziehe die Rache an mir ſogleich; es iſt beſſer, ich ſterbe heute allein, als daß morgen viele Tauſende mit mir das Opfer des Ver⸗ rathes werden ſollten.“ Da hoben Alle ihre Hände auf und ſchworen für den König Lieb und Gut hinzugeben. Auch Milota war unter den Schwörenden.“ „Unglückſeliges Verhängniß!“ rief Zäwis ſchmerz⸗ lich aus.„Eine furchtbare feindliche Macht trennt zwei Böhmenherzen, die miteinander verbunden Böhmen un⸗ überwindlich machen würden. Was ſoll ich nun thun? Ich ſehe keinen Weg mehr, das Verderben abzuhalten, das über unſer armes Vaterland hereinzubrechen droht.“ „Das Einzige, was wir noch thun können,“ ſagte Hroznata,„iſt, daß wir im Schlachtgewühl die Perſon des Königs im Auge haben und vor dem Mordſtahl zu ſchirmen ſuchen, den das Emerberg'ſche Paar entweder gegen ihn gedungen oder ſelbſt zu führen im Schilde trägt. Ich ſah Beide vorhin miteinander flüſtern und aus ihren Blicken leuchtete ein gräßliches Einverſtändniß.“ „Ja,“ ſagte Zäwis,„das wollen wir thun; wir wollen uns an die Ferſen dieſes ſchrecklichen Paares heften und alle ihre Bewegungen beobachten, und wenn es nöthig, uns zwiſchen ſie und den König werfen.“ ———— 227 Faſt ſchlummerlos verbrachten die Freunde die Nacht, welcher der Tag der blutigen Entſcheidung folgen ſollte. Es war der heilige Rufustag. Frühzeitig ſchon ſtellten ſich die beiverſeitigen Heere in Schlachtordnung. Mit Ungeſtüm ſtürzten ſich die kumaniſchen Reiter von der deutſch⸗ungariſchen Seite auf die böhmiſchen Flanken, den Kampf zu eröffnen. Schnell rückte die Hauptmacht vor und bald wogte der Kampf auf der ganzen Schlacht⸗ linie. An der Spitze ihrer auserleſenen Schaaren ſtanden die beiden Herrſcher, Rudolf und Otakar, im Centrum einander gegenüber. Auf beiden Seiten ward mit ruhm⸗ voller Tapferkeit geſtritten. Mit Stolz ſah Zäwis, wie ſeine Böhmen dem weitüberlegenen Feinde den helden⸗ müthigſten Widerſtand leiſteten, ja nachdem der Kampf ſchon ſtundenlang hin und her gewogt, einmal das deut⸗ ſche Centrum durchbrachen. Mit Bewunderung ſah er Otakar ſeinen Truppen an Tapferkeit voranleuchten, überall dahin eilen, wo die Gefahr am größten war, und es war ihm immer, als müſſe Gott ſolchen über⸗ menſchlichen Heldenmuth mit Sieg krönen. Gegen ſeinen Wunſch war Berchtold von Emerberg vom Kaifer in die Nachhut geſtellt. Dieſe ſtand auf einem langgeſtreckten Hügel, von wo aus das ganze Schlachtfeld zu überſehen war. Auf der entgegengeſetzten Seite des⸗ ſelben befand ſich die böhmiſche Nachhut auf einer nie⸗ 228 drigen Hügelreihe, hinter welcher in nebeliger Ferne ein blauer Höhenzug emporragte. Noch immer ſchwankte die Schlacht. Die Verbündeten hatten den Böhmen noch keinen Fußbreit Boden abgenommen. Auf einmal ſah Zaäwis jenſeits der böhmiſchen Nachhut etwas wie eine ſtarke Heerſäule ſich den Berg herabziehen. Das konnte nur Verſtärkung für die Böhmen ſein. Sein Herz ſchlug vor Freuden: eine ſo anſehnliche Verſtärkung mußte den Kampf zu Gunſten Otakar's entſcheiden. Da ſetzte ſich plötzlich ſeine Nachhut in Bewegung— ſie zog ſich hinter die Hügelreihe zurück, der nahenden Verſtärkung ent⸗ gegen. Zäwis ahnte mit Entſetzen, daß Milota jetzt ſeine Maske abwarf.„ Er ahnte nur zu richtig. Milota hielt das heran⸗ rückende, aus Mährern beſtehende Verſtärkungsheer mit dem Vorgeben auf, die Schlacht ſei bereits verloren, und riß es mit ſich in die Flucht. Eben wollte König Otakar die Nachhut in's Treffen rufen, um ſeine von über⸗ menſchlicher Anſtrengung ziemlich ermüdeten Truppen zu unterſtützen, da war ſie nicht mehr zu ſehen. Zu ſpät erkannte er jetzt die Wahrheit der ihm von Zäwis von Falkenſtein geſandten Warnung. Die erſchöpften Seinen wankten, wichen zurück; er ſah, daß Alles verloren war— doch fern war ihm, der nie geflohen, der Gedanke der Flucht; er ſammelte von den Seinen, was noch zu käm⸗ * 229 pfen vermochte, und ſtürzte ſich an der Seite ſeines Sohnes Nikolaus in die Feinde mit ſolchem Ungeſtüm, daß eine Verwirrung unter ihnen entſtand. Da ließ Rudolf ſeine Nachhut vorrücken. Das war für Berchtold von Emerberg der lange erſehnte Augenblick zur Befrie⸗ digung ſeiner Rache. Er ſtürzte ſich dem Orte, wo Otakar wie ein Löwe focht und ſchrecklich unter den Feinden mähte, wild entgegen. Zäwis mit Hroznata hinter ihm her. Ein dichter Knäuel von Feinden um⸗ ringte den König mit wenigen ſeiner Getreuen und trennte ihn von ſeinem Sohne, welcher gefangen in die Hände ungariſcher Reiter fiel. Emerberg drang durch den Knäuel, mit dem gezückten Schwert den König ſuchend. Auch Zäwis und Hroznata hatten ihre Schwerter gezückt, aber im Begriff jenem durch den Knäuel zu folgen, wurden ſie durch einen Keil von Reitern, der ſich da⸗ zwiſchen ſchob, abgeſchnitten. Vergebens ſuchten ſie das Gedränge zu durchbrechen. Während ſie ſich damit abmühten, ereilte den König ſein Geſchick. Eine Anzahl roher Krieger ſtürzte ſich auf den vor Erſchöpfung Ohnmächtigen, riſſen ihn vom Pferde, ſchlugen ihm den koſtbaren Helm am Kopfe ent⸗ zwei und riſſen ihm die übrige Rüſtung vom Leibe. In dieſem Augenblick kam Berchtold von Emerberg hinzu und ſprang vom Roſſe. Dem Ritter ergab ſich Otakar 230 zum Gefangen— aber der Rachedurſtige warf den Wehr⸗ loſen zu Boden und ſetzte ihm das Snn auf die Bruſt. Zäwis ſuchte ſich ic mit Gewalt Bahn zu hre⸗ chen, aber der Haufe, der ihn abgeſchnitten, hatte dies auf Ludmila's Veranlaſſung gethan und ſollte der Ge⸗ walt Gewalt entgegenſetzen. So ſtellten ſich zwanzig Rei⸗ ter zugleich Zäwis und Hroznata entgegen und hieben auf ſie ein. Ein Speerſtich drang erſterem von hinten in die Seite— ein Schwerthieb verwundete ihn an der Schulter— er fühlte ſeine Kräfte ſchwinden und mußte ſich zurückziehen— es dunkelte ihm vor den Augen— da nahm er in einiger Entfernung den Kaiſer wahr.„Hro⸗ Fnata!“ rief er dieſem mit matter Stimme zu,„reite hin zu dem Kaiſer, beſchwöre ihn, den König zu ſchützen— ich reite langſam nach jenem Baum.“ Hroznata gehorchte, er ſprengte auf den Kaiſer zu und ſagte:„Der König von Böhmen iſt in der Gewalt der Eurigen, ſie wollen ihn umbringen Eure Majeſtät wird das nicht dulden.“ „Da ſei Gott vor,“ rief der Kaiſer,„daß der kö⸗ nigliche Held ſo ſchänblich um ſein Leben komme! Wo iſt er?“ Hroznata bezeichnete die Stelle und der&uer ſprengte dahin. Wohl wichen die erhitzten Krieger vor ——— — — —— ihrem Kriegsherrn auf die Seite aber er kam zu ſpät. König Otakar lag, von ſiehzehn Stichen durchbohrt, ein entſtellter Leichnam am Boden. Eine Rotte anderer öſterreichiſcher Ritter hatte dem Schenken von Emerberg die Vollführung des Mordwerkes nicht gllein gegönnt; Haß und Fanatismus trieb auch ſie, an dem von der Kirche Verfluchten das Henkeramt zu üben. Rudolf kam nur noch zur rechten Zeit, um die königliche Leiche, wel⸗ cher die wilden Mörder die Kleider genommen und mit der ſie noch„vévruchten Spott“ trieben, vor weiterer Entwürdigung zu ſchützen. Wohl zeigte ſich der Kaiſer empört über den ſcheußlichen Frevel— aber er wagte nicht, ihn zu ſtrafen, als man ihn erinnerte, daß der Böh⸗ menkönig als ein von der Kirche Verfluchter vogelfrei ge⸗ weſen. Erſchüttert ließ er den Leichnam bedecken, auf ei⸗ nen Wagen heben und nach Wien bringen. Dort wurde er nach dem Berichte des Geſchichtſchreibers„zuerſt bei den Schotten, dann bei den Minoriten mit vieler Trauer empfangen, einbalſamirt, mit einem Purpurkleide an⸗ gethan und auf einer Bahre dreißig Wochen lang zur Schau geſtellt. Aber keine Meſſe, kein Geſang, kein Glockengeläute durfte für den im Bann Geſtorbenen ſtattfinden.“ Als Hroznata ſich ſeines Auftrags entledigt, eilte er nach dem von Zäwis bezeichneten Baum. Dort fand ſicheres Obdach. er ihn hilflos am Boden liegen. Er befreite ihn von der Rüſtung und verband ihm ſeine Wunden, die eine lange und ſorgſame Behandlung erforderten. Mit Sezema, der hinzukam, brachte er ihn nach Dürnkrut unter ein 232 Ende des zweiten Bandes. ſi ſſiſſſſſſſ 15 6 3 8 9 10 11 12 13 14