— — d * Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 5 Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für mochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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S S S Erſtes Cupitel Vrittes Cnpitel Viertes Capitel Sirbentes Cnpitel Achtes Capitel Zweites Capitel. Fünftes Cnpitel. Sechstes Copitel. Neuntes Capitel. Zehntes Cnpitel. Inhalt. Seite 29 51 6¹ 97 118 139 195 215 6 —— Zůwis von Boſenberg. Erſter Theil. Schmach nur wär's, der Fremden Recht entlehnen! Bei uns gilt das Recht nach heil'ger Satzung, Die gebracht einſt mit uns unſ're Väter In dies Land——— Das Gericht der Tibußn. (Grünberger Handſchrift.) eAähe — Erztes Capitrl. Es war um die Mittagſtunde eines Frühlingstages im Jahre 1276. Auf der Landſtraße, welche von Wittin⸗ gau nach Budweis führte, bewegte ſich ein reiſiger Zug nach letztgenannter Stadt. An ſeiner Spitze ritt eine junge Dame von hohem Wuchs in ſchwarzer Trauer⸗ kleidung zwiſchen zwei Rittern, von denen der eine ſchon dem Greiſenalter nahe, der andere im blühendſten Man⸗ nesalter war. So weit der ſchwarze, das Haupt in dich⸗ ten Falten umfließende Schleier das Antlitz der Dame ſehen ließ, war dieſes von ebenſo tadelloſer Schönheit wie ihr Wuchs. Ein paar große ſonnenhafte Augen ſtrahlten unter kühngeſchwungenen Brauen und einer ſchmalen Stirn, die mit dem ganzen, ovalen, die reinſten Verhältniſſe der einzelnen Theile zeigenden Geſichte har⸗ monirte. Der blaſſe, brünette Teint paßte zu den zwei rabenſchwarzen, ſchimmernden Locken, die ſich unter Ba⸗ 1860. XVIII. Zäwit von Roſenberg. I. 1 rett und Schleier hervorſtahlen und auf einen prächtigen Haarwuchs ſchließen ließen. Eine kleine, ſchmale und dabei volle Hand führte den mit ſilbernen Buckeln beſetz⸗ ten Zügel des Zelters, der dieſe ſchöne Bürde trug. Aber ſo mächtig die ganze Erſcheinung auf den erſten Anblick anzog, ſo ward doch bei näherem Schauen der wohlthuende Eindruck, den ſie hervorgebracht, durch eine auffallende Herbe und Strenge des Ausdrucks ihrer Mienen nicht wenig beeinträchtigt. Ihrer Kleidung nach war ſie eine Deutſche, während ihre Begleiter und das ganze reiſige Gefolge die Nationaltracht der Czechen tru⸗ gen, welche in einem weiten fließenden, von einem, bei den Rittern äußerſt prachtvollen Gürtel zuſammen⸗ gehaltenen Gewande, einem kurzen Mantel, der eigen⸗ thümlichen Kopfbedeckung Tſchepez*) und Halbſtiefeln beſtand. Als der Zug die Anhöhe erreichte, auf welcher jetzt das Bergſtädtchen Rudolphſtadt ſteht, machte die Dame, überraſcht von der vor ihr ſich öffnenden Scene, Halt und brach in die Worte aus:„O Himmel! was iſt das für ein zauberhaft Stück Erde!“ „In der That!“ pflichtete ihr der ältere Ritter bei, „das iſt ein Paradies; dieſe üppigen Wieſen, durchſchnit⸗ 5) öepec bei Palackh. 3 ten von hochaufſchießenden Saaten, der ſtattliche Strom in der Mitte der breiten Thalſohle, im Hintergrunde die blauen Berge, davor die ſonnigen belaubten Hügel, dort das maleriſche Dörflein und hier die freundliche Stadt— das Alles gibt ein reizendes Bild, an dem man ſich ſchwer ſatt ſehen kann.“ „Nicht wahr?“ nahm der jüngere Ritter das Wort, „die Witkowetze haben ſich nicht das ſchlechteſte Stück vom Böhmerlande ausgeſucht. Soweit hier das Auge die Seele trägt, iſt alles Land von der fünfblätterigen Roſe beſchattet. Nur hier zu unſerer Linken hat die Haſelſtaude ſich eingeniſtet und dort zur Rechten, wo das weiße Ge⸗ mäuer auf felſigem Sackel ruht, die edle Roſe räuberiſch verdrängt. Hier iſt Budweis, das Schoßkind meines Vaters, ſammt der Veſte Neubudweis, die der neidiſche Piemyslide uns zum Trutz hierher geſetzt; dort ragt das ſtattliche Frauenberg empor, das derſelbe Wolf meinem Vetter Budewoj genommen, weil er in der Hitze der Jagd ſein Gebiet überſchritten und auf dem Eigenen des Piemysliden einen Haſen erlegt.“ „Das geſchah zur ſelben Zeit,“ fiel der ältere Ritter ein,„als ich das reiche Koſteletz verlor, das mir König Wenzel für treue Dienſte und Opfer verliehen. Weil ich dem Vater pflichtgetreu beigeſtanden gegen den auf⸗ 1* 12 rühreriſchen Sohn, entriß mir dieſer ſpäter das wohl⸗ verdiente Lehen.“ „Es war aber auch eine arge Schlappe, die Ihr dem Empörer bei Brür beigebracht,“ verſetzte der jüngere Ritter,„und die den bis dahin Siegreichen mittelbar wieder unter die Botmäßigkeit ſeines königlichen Vaters, ja ſogar in's Gefängniß brachte. Daß er Euch deßhalb grollte, und wie er zum Regiment kam, Rache an Euch nahm, war nicht ſo ſchimpflich, als der Raub von Frauen⸗ berg um eines elenden Haſen willen.“ „Mich dünkt, es kommt auf Eins heraus,“ ſagte die Dame;„wie hier der Haſe, war dort früher erlittene Unbill nur ſchlechter Vorwand. Unter ähnlichen Vorwän⸗ den nahm Otakar ja auch andere Eurer Barone wohl⸗ erworbene Lehen, ſo Eurem Vetter Ulrich, Herrn Sezema, das ſchöne Neuhaus, dem tapfern Herrn Hynek von Duba Friedland, Herrn Wilhelm von Egerberg Kaaden, Herrn Albrecht von Seeberg Glatz und Tachau— doch Ihr wißt das ja Alles beſſer als ich. Und wie in Eurem Böhmen, ſo hat er's in meinem Steiermark gemacht. Seine Herrſchſucht duldet keine Macht neben ſich; weil die Macht der Barone ſeiner Herrſchaft Schranken ſetzt, darum beſchränkt er ſie, wo ſich eine Gelegenheit dazu findet. Gott gebe nur, daß er in dem heranziehenden Kriegswetter nicht obſiegt, ſondern gedemüthigt wird; ſonſt müſſen alle Zweige des Adels unter dem Drucke dieſer eiſernen Hand verderben. Ihr edlen Herren, wenn ihr nicht gewitzigt ſeid durch Eure eigenen Erfahrungen, ſo denket an das Geſchick meines trefflichen Vaters.“ Bei dieſen Worten perlte eine Thräne über die ſei⸗ dene Wimper der Sprecherin und milderte den herben Ausdruck ihres Geſichtes, ſo daß derſelbe mehr ein tie⸗ fes Herzeleid verrieth. Dann aber war es, als ſchäme ſie ſich ihrer Thräne; ihr Geſicht nahm den alten Aus⸗ druck wieder an und mit dem Rufe:„Vorwärts, ihr Herren, daß wir an's Ziel kommen!“ trieb ſie ihr Roß zur Weiterreiſe an. Der Zug ging weiter, die Dame mit den Rittern in düſterem Schweigen; aber auf das Gefolge wirkte die Schönheit der Scenerie, insbeſondere der Anblick der goldenen Moldau ſo belebend, daß ſie laut den Geſang anſtimmten: Wo iſt des Czechen Vaterland? Wo hoch im Waldgebirg die Moldau quillt Und über Felſen ihre Wogen wild In fruchtbelad'ne, grüne Thäler ſendet Und Segen hier und Segen allwärts ſpendet. Stolz ragt die Burg an ihrem Felſenſtrand, Das Kirchlein weiſt in's ew'ge Heimathland; Viel Dörfer netzt die Fluth und manche Stadt, Das heil'ge Prag, den mächt'gen Wyöehrad, 14 Libusa's Stuhl, Sanct Verzel's hohen Dom— Ja, hier am wunderreichen Molbauſtrom Da iſt mein Vaterland, Da iſt des Czechen ſchönes Vaterland. Wo iſt des Czechen Vaterland? Gebirge gürten rings ein Paradies, Da reift das Korn, da ſchwillt die Traube ſüß, Es nährt das Korn, es labt mit wildem Feuer Der Wein ein Volk dem Himmel werth und theuer. Seht ihr die Männer ſtark und heldenkühn? Seht ihr der Frauen wunderholdes Blüh'n? Flink fährt die Männerfauſt vom Pflug zum Schwert, Hold iſt das Weib beim Feſte wie am Herd— Da iſt mein Vaterland, Da iſt des Czechen ſchönes Vaterland. „Ein ſchönes Lied, ein vortreffliches Lied, bei Gott!“ rief der ältere der beiden Ritter;„ich höre es zum er⸗ ſtenmal.“ „Ich kann mir wohl denken, daß es in Euren Norden noch nicht hinaufgedrungen iſt,“ erwiderte der jüngere,„denn es iſt eine Frucht unſeres ſüdlichen Ge⸗ ländes und noch ſehr jung; unſer edler Zäwis hat es gedichtet, denn Ihr müßt wiſſen, daß er die Leier ebenſo wohl zu führen weiß wie das Schwert.“ „Schade, daß ich Eurer ſchönen Sprache nicht mäch⸗ tig genug bin, das Lied, ſo wie es die Leute ſangen, ganz zu verſtehen,“ ſagte die Dame;„aber was ich verſiand, 15 macht mich begierig das Ganze zu kennen, zumal es ei⸗ nen ſo erlauchten Dichter hat.“ „Wenn Ihr es wünſcht, ſo wiederhole ich es,“ er⸗ klärte Sezema, und er ſagte das Lied laut und lang⸗ ſam her. „Köſtlich— herrlich!“ rief die aufmerkſame Zuhö⸗ rerin bei mehreren Stellen des Gedichtes, und am Schluß ſagte ſie:„Hätte mich nicht ſchon Alles, was ich von Eurem Bruder vernommen, begierig nach ſeiner Bekannt⸗ ſchaft gemacht, ſo müßte ich es durch dieſes Gedicht wer⸗ den, das die innigſte Vaterlandsliebe athmet.“ „Das Schönſte an dem Gedichte iſt wohl ſeine Wahr⸗ heit,“ ſagte Sezema;„wenn Ihr unſer Böhmen näher werdet kennen lernen, edles Fräulein, ſo werdet Ihr fin⸗ den, daß in dem Gedichte keine einzige poetiſche Ueber⸗ treibung iſt.“ „Ihr vergeßt, daß meine Mutter eine Tochter die⸗ ſes Landes war,“ verſetzte die Dame,„und daß ich den Ruhm ſeiner Herrlichkeit mit der Muttermilch eingeſogen habe; ich bin daher von der Wahrheit des Gedichtes ſchon vollkommen überzeugt.“ Man war jetzt bis nahe vor das Thor von Bud⸗ weis gekommen, zu welchem eine Zugbrücke über die Malſch führte, die ſich dort mit der Moldau vereinigt. Die Brücke war aufgezogen und das Thor geſchloſſen. 16 „Was bedeutet denn das?“ ſagte Sezema;„unſere gute Stadt hat ſich ja verwahrt, als läge der Feind vor ihr. Wir wollen uns aber gleich Eingang verſchaffen.“ Er zog ein Hüfthorn unter ſeinem Mantel hervor und that in daſſelbe drei langgedehnte Stöße. Alsbald zeigte ſich ein Mann hinter den Zinnen des Thores; der rief herab:„Wer da?“ Sezema wendete ſich rückwärts und befahl ſeinem an der Spitze der Reiſigen reitenden Schildknappen, den Schild emporzuhalten, welcher die Roſe der Witkowetze im blauen Felde führte. „Seht Ihr die goldene fünfblättrige Roſe und wißt Ihr, wem ſie angehört?“ rief Wok hinüber. „Heil den Witkowetzen!“ erwiderte der Wächter und verſchwand hinter den Zinnen. Bald darauf raſſelten die Ketten der Zugbrücke und dieſe ſank langſam nieder. Der reiſige Zug überſchritt die Brücke. Es dauerte einige Minuten, bis auch das maſſive Stadtthor ſich knarrend öffnete. Eine Schaar mit Spießen und Morgenſternen, zum Theil auch mit Bar⸗ ten bewaffneter Männer war im innern Thorraum zu beiden Seiten aufgeſtellt. Ein ſtattlicher, wohlbeleibter, kriegeriſch ausſehender Mann trat den Einziehenden ſalu⸗ tirend entgegen. „Ah, Ihr ſeid da, Beneſch,“ ſagte Sezema Halt —— ———— 17 machend,„unſer wackerer Stadthauptmann. Was beim Deutſchen! ficht Euch an, daß Ihr bei heller, friedlicher Tageszeit den Zugang zur Stadt verſperret?“ „Der gute Hirt verwahrt den Stall, wenn der Wolf einzubrechen droht,“ verſetzte Beneſch. „Welcher Wolf bedroht unſere Schäflein von Bud⸗ weis?“ fragte Sezema. „Der Burghauptmann des Königs wüthet gegen uns, weil wir ſechs Burgmannen, die ſich in unſerer Stadt ſchwere Ungebühr erlaubt, feſtgenommen und trotz der Aufforderung des Burghauptmannes nicht heraus⸗ gegeben haben. Sie ſitzen im Stock und harren ihres Urtheils, der Burghauptmann aber drohte, ſie mit Ge⸗ walt zu befreien.“ „Worin beſtand die Ungebühr der Burgmannen?“ fragte Sezema mit gerunzelter Stirn. „Vor drei Tagen,“ berichtete der Stadthauptmann, „feierte das Volk der Stadt das Feſt der Wesna, wie es ihnen überliefert iſt von den Vätern—“ „Was iſt das für ein Feſt?“ fragte die Dame, den Berichterſtatter unterbrechend. „Es iſt das Feſt des Frühlings,“ antwortete Se⸗ zema;„in grauer Vorzeit, als unſerem Volke das Heil der Welt noch nicht aufgegangen war, pflegte es den An⸗ fang des Frühlings damit zu feiern, daß das Bild der Morana, der Göttin des Todes, ausgetragen und dafür die Wesna, das jugendliche Leben, feſtlich eingeführt ward. Die alten Götter ſind zwar längſt gefallen, aber das ſchöne Feſt hat ſich noch bei vielen Zweigen unſeres Volkes erhalten, wo nicht blinder Prieſtereifer im Bunde mit weltlicher Thrannei es unterdrückt hat. Wir Witko⸗ wetze haben es auf unſerm Eigenen jederzeit als eine na⸗ tionale Sitte gepflegt und geſchützt.“ „Ich danke Euch,“ ſagte die Dame, deren Geſichts⸗ ausdruck jetzt noch ſtrenger zu ſein ſchien, als er vor⸗ her war. Sezema machte eine Verbeugung und forderte den Stadthauptmann auf, fortzufahren. Dieſer meldete weiter: „Das Feſt hatte froh begonnen; die Morana war mit Jubelgeſchrei hinausgetragen und in die Moldau ge⸗ ſtürzt worden, und mit fröhlichem Geſang trugen die ſchönſten Jungfrauen das Bild der Wesna in die mit Laub und Blumen geſchmückte Stadt. Doch wie der Zug ſich dem Ring nahte, brach ein Haufe betrunkener Burg⸗ mannen aus einer Seitengaſſe hervor, drang in den Kreis der Jungfrauen und entriß den Trägerinnen mit dem Geſchrei:„Nieder mit dem Gräuel! Nieder mit dem Götzenbild!“ das unſchuldige Sinnbild, warf es zur Erde und zertrat es mit den Füßen. Einige Augenblicke war alles Volk vor Ueberraſchung und Entſetzen wie gelähmt; 19 doch bald ermannten ſich die Männer, die Frevler zu züchtigen, die zum Ueberfluß noch rohe, läſterliche Reden gegen die Bewohner der Stadt und ihre Herren führten. Bald fanden ſie ſich von einer Menge handfeſter Ge⸗ ſellen umringt und gepackt, ſie ſetzten ſich ſchimpfend und fluchend zur Wehr, beriefen ſich auf ihren königlichen Dienſt und ſchlugen mehrere von unſern Leuten zu Bo⸗ den; einige ſchlugen ſich wirklich durch, ſechs aber wur⸗ den glücklich überwältigt, gefangen und gebunden in den Stock gebracht.“ 8 „Recht ſo,“ ſagte Sezema;„es ſcheint, das Spiel von Auſtie und Hradisté ſoll ſich in Budweis erneuern. Aehnlichen Uebermuth verübten die Königlichen aus der Veſte Hradisté an unſern Unterthanen in Auſtie zum Dank dafür, daß meine Vettern Budiwoj und Witek dem Könige den Berg zum Bau ſeiner Veſte überlaſſen. Ver⸗ gebens klagten ſie bei dieſem über die erlittenen Unbil⸗ den. Da beſchloßen ſie ſich ſelbſt Recht zu verſchaffen; ſie überfielen mit ihren Männern das Horniſſenneſt und zerſtörten es bis auf den Grund.“ „Und für dieſe gerechte Strafe mußten ſie dem Kö⸗ nig mit dem Verluſt von Auſtie und anderer Güter bü⸗ ßen,“ fiel der Stadthauptmann ein. Zu ſpät erkannten ſie da die hinterliſtige Abſicht des Königs,“ ſprach Sezema weiter.„Er hatte vor⸗ gegeben, jene Veſte zum Schutz der Grenze anlegen zu wollen; aber es ſollte eine Zwingburg ſein für unſer er⸗ lauchtes Geſchlecht. Und ſo iſt es mit der Veſte Budweis; hier ſind die Burgmannen wie dort angewieſen, uns zu necken, zu beſchimpfen und zum Zorn zu reizen, damit wir etwas thäten, was ihrem Herrn einen ſchicklichen Vorwand gäbe, uns an unſerm Eigenthum zu ſtrafen. Aber diesmal ſoll ihm die Freude nicht werden, die Frevler an unſerer Ehre ſollen ihre gerechte Strafe fin⸗ den, wenn ihm ſelbſt das Meſſer an der Kehle ſitzt. Sagt, Hauptmann, habt Ihr dem Wladyka Anzeige von dem Vorfall gemacht?“ „Erſt geſtern war es uns möglich, einen Boten nach Krumau zu ſenden,“ erwiderte Beneſch,„und wir wiſſen nicht, ob er glücklich hingekommen, oder in die Hände der wegelagernden Königlichen gefallen iſt. Wir warten auf Verhaltungsbefehle.“ „Jedenfalls wird mein Vetter, der Wladyka, be⸗ fehlen, daß Ihr die Gefangenen wohl verwahren ſollt, bis ſie die wohlverdiente Strafe ereilt; aber da es der Stadt große Unruhe und dem Gewerbe in ihr verderb⸗ liche Störung bringen könnte, wenn die Gefangenen hier blieben, ſo halte ich für das Beſte, wir nehmen ſie gleich von hier mit fort nach Krumau, wo ſie ihres Urtheils harren mögen.“ 21 „Wenn Ihr befehlt, Herr, ſo laſſe ich ſie Euch vor⸗ führen,“ ſagte Beneſch. „Gut, ich werde Dich mit ihnen auf dem Ring er⸗ warten. Wir machen in der Herberge zur Roſe eine Stunde Raſt. Ich werde nach dem Ausmarſch von hier einen Herold vor die Burg ſchicken und dem Burghaupt⸗ mann melden laſſen, daß er ſeine Leute nicht mehr hier, ſondern auf Krumau zu ſuchen hat.“ Der Zug bewegte ſich nun weiter nach dem geräu⸗ migen Ring, wo ihn die ſtattliche Herberge zur Roſe aufnahm. Während die drei herrſchaftlichen Perſonen ſich mit ihren Mannen in dem gemeinen Gaſtzimmer zu ei⸗ nem Imbiß niederließen, holte Beneſch mit der nöthigen Bedeckung die gefangenen Burgmänner aus ihrem Ge⸗ wahrſam und führte ſie gefeſſelt, zwei und zwei aneinan⸗ der geſchloſſen, vor die Herberge, wo ſich bald eine Menge Volk verſammelte, die Gefangenen zu ſehen. Unter dieſen zeichnete ſich einer ebenſo durch Lei⸗ besgeſtalt als Haltung ſehr vortheilhaft aus. Es war ein junger Mann von ſchlankem, doch kräftigem Wuchs mit dunkelbraunem, krauſem Haupt⸗ und Barthaar, ſchwarzen, funkelnden Augen in einem von Geſundheit ſtrahlenden Geſicht von bräunlicher Färbung. Während ſeine Schickſalsgenoſſen ſehr niedergeſch hlagen erſchienen, ging er ſo ſtolz und trotzig einher, als wiſſe er nichts von den Feſſeln, die er trug. Zu dieſer Haltung ſtimmte auch die beſſere Kleidung, die er trug. Seine Gefährten wa⸗ ren halb deutſch, halb böhmiſch in lange braune Wämm⸗ ſer von grobem Wollenzeug, lederne Hoſen, Halbſtiefeln und Tſchepez gekleidet, während er ein rothes Oberkleid von nationalem Schnitt, nur nach Art der deutſchen Wappenröcke gekürzt, mit einem ſchwarzen, reich mit Gold geſtickten Gürtel trug. Auch ſeine Halbſtiefel und ſein Tſchepez unterſchieden ſich von denen ſeiner Gefährten durch goldene Stickerei. Offenbar war er kein gemeiner Burgmann. In der Hitze des Handgemenges hatte Beneſch die Vorzüge in der äußern Erſcheinung dieſes Gefangenen kaum beachtet; jetzt, wo er ihn aus dem finſtern Ge⸗ wahrſam wieder an das volle Tageslicht brachte, fielen ihm dieſelben doch auf, und er fand ſich dadurch ver⸗ anlaßt, ihn zu fragen, wer er ſei.„Du biſt kein Dienſt⸗ mann von da oben,“ ſagte er;„wer biſt Du und was führt Dich zu dieſen Schergen?“ „Zu dieſen treuen Dienern ihres Königs, ſollſt Du ſagen,“ erwiderte der Gefangene trotzig,„die mir willig folgten, als ich ſie aufforderte, den Götzendienſt zu ſtö⸗ ren, dem die Feinde des Königs und Gottes fröhnen.“ „So warſt Du der Rädelsführer bei dem Buben⸗ ſtreich am Frühlingsfeſt!“ rief Beneſch.„Gut, daß Du 23 es gleich eingeſtehſt, aber ich rathe Dir, verwegener Burſche, Deine Zunge im Zaum zu halten, ſonſt werde ich Dir ein Gebiß anlegen laſſen, das Dich Beſcheidenheit lehren ſoll. Wer biſt Du und woher kommſt Du?“ Der Gefangene ſchwieg und kehrte dem Frager den Rücken. „Ei, ſeht mir den Geſeller an!“ ſagte Beneſch;„ob er ſich nicht geberdet wie ein Schlechtitz(Hochadeliger); aber ich will ihn antworten lehren.“ Er zog ſein ge⸗ waltiges Schwert und holte zu einem flachen Hieb über den Rücken des Gefangenen aus. „Halt ein, Beneſch!“ rief in dieſem Augenblicke Sezema aus der Herberge tretend. Beneſch ließ das Schwert unwillig ſinken und ſah den Ritter, der ſich der Scene nahte, verwundert an. „Da hat ſich ja ein recht feines Vöglein im Roſen⸗ buſch gefangen,“ ſagte Sezema.„Steck ein Dein Schwert, Beneſch; dieſer Rücken iſt zu zart für Deine wuchtigen Streiche.“ Und zu dem Gefangenen ſich wendend fuhr er fort:„Ei, edler Schenk von Emerberg, wer hat Euch denn zum Elias gemacht? Ihr thätet beſſer, in Euch und Euere Genoſſen das heidniſche Laſter des Saufens auszurotten, als gegen harmloſe Volksgebräuche auszuziehen! Doch Ihr meintet Euch dadurch bei dem Klingenberger und ſeinem Herrn in Gunſt zu ſetzen, um 24 vielleicht ein fettes Lehen zu erhaſchen. Macht kein ſo trotziges Geſicht, Schenk! Ein Witkowetz läßt ſich da⸗ durch nicht verblüffen. Zum Zeichen, wie wenig ich Euch fürchte, laß ich Euch das Geſchmeide abnehmen. Beneſch, nimm ihm die Feſſeln ab!“ Beneſch gehorchte. „Ich danke Euch, Herr Sezema,“ ſagte der Ge⸗ fangene;„hoffentlich macht Ihr dem ungeſchlachtenen Gebahren, das ſich dieſer Pöpel gegen einen Edelmann erlaubt, ein Ende.“ „Schmäht mir dieſe ehrlichen Leute nicht, weil ſie Euch nicht nach Euerm Stand, ſondern nach Euern Tha⸗ ten behandelten. Für fernere ritterliche Haft werde ich ſorgen; Ihr folgt mir ſammt Euern Genoſſen nach Kru⸗ mau vor Euern Richter.“ „Vor meinen Richter?“ verſetzte der Gefangene ſtolz;„mein Richter iſt der König.“ 6 „Ihr kennt die Geſetze dieſes Landes nicht und könnt ſie nicht kennen, weil Ihr bisher nur an Orten gelebt, wo ſie ſchmählich verleugnet werden. Ihr ſeid hier auf einem Gebiet, wo ſie noch Geltung haben, und nach ihnen ſollt Ihr gerichtet werden. Zetzt kommt mit in die Herberge, einen Imbiß einzunehmen.“ „Ich folge Euch, um dieſen Gaffern aus dem Ge⸗ ſicht zu kommen; aber ich bitte Euch, laßt auch meine 25 Gefährten in die Herberge treten und ihnen eine Er⸗ friſchung reichen, deren ſie mehr bedürfen als ich.“ „Führe ſie einſtweilen in den Hof, Beneſch, und ſchließ die Thür hinter Dir zu,“ befahl Sezema, und ging mit ſeinem entfeſſelten Gefangenen in die Herberge, während Beneſch ſeinen Befehl ausführte. Sezema befahl dem Wirth, ſeinem Gefangenen eine Kanne Wein zu bringen und zum Imbiß, was er begehre; dann trat er zu ſeinen ebenbürtigen Geführten mit den leiſe geſprochenen Worten:„Die ehrlichen Budweiſer haben ohne ihr Wiſſen ein recht feines Vöglein gefangen; denn der zierliche Geſell, den ich mit hereingebracht, iſt ein ritterlicher Parteigänger des Königs, der Schenk Berchtold von Emerberg aus Oeſterreich; wahrſcheinlich dem Burghauptmann von Klingenberg zum Gehilfen ge⸗ geben, um die Witkowetze zu beobachten, oder Händel mit uns zu ſuchen.“ Die Dame und der ältere Ritter richteten ihre Blicke auf den Gefangenen, der ſich an einem beſonderen Tiſche niedergelaſſen hatte, und zwar ſo, daß ſein Profil den drei edlen Perſonen zugekehrt war. „Ich kannte ſeinen Vater,“ ſagte der ältere Ritter; „er war mit in Haimburg beim Beilager Otakar's mit der armen Babenbergerin Margarethe; im Bohurd, der dort gehalten ward, trug er den erſten Preis aus der 1860. XVIII. Zawiß von Roſenberg. I. 2 26 Hand der Braut davon. Der Sohn ſieht ihm ſehr ähnlich, und wenn er ſeinem Vater an Tapferkeit und ritterlicher Kunſt gleicht, iſt er ein gefährlicher Feind.“ Das Auge der Dame hing unverwandt an dem Geſichte des Gefangenen, und es war, als ob ſich der ſtrenge Ausdruck ihrer Mienen bald ſänftigte, bald ſchärfte. Auf einmal wandte er ſein Geſicht nach ihr und ſeine Blicke begegneten den ihrigen. Einen Augenblick ſchien er faſt verwirrt, doch dann ſah er ihr keck und feſt in die Augen, die ihn durchbohren oder verſengen zu wollen ſchienen, und wie ſie endlich, halb unwillig, halb verſchämt, von ihm wegſah, haftete ſich ſein Blick feſt an die blendende Erſcheinung. Nach einer Weile trat Beneſch ein und mit der Meldung vor Sezema:„Draußen im Hof traf ich drei reiſende Kaufleute, die vor einer Stunde aus dem Reiche hier angekommen ſind und die Nachricht mitgebracht haben, daß der Baiernherzog von König Otakar ab⸗ gefallen und zu dem deutſchen König übergegangen ſei. So ſei nunmehr das ganze Reich wider Böhmen, und ungeheuer ſeien die Rüſtungen, die gemacht würden, um den ſtolzen Böhmenkönig zu demüthigen.“ „Endlich!“ rief der ältere Ritter in Sezema's Be⸗ gleitung;„ſo wäre nun auch der letzte und treueſte Bun⸗ 27 desgenoſſe des übermüthigen Ptemysliden von ihm ge⸗ wichen!“ Da ſprang der gefangene Ritter von ſeinem Stuhle auf und rief auf Beneſch zutretend:„Du lügſt, feiler Knecht! Nimmer verräth Heinrich von Baiern ſeinen königlichen Freund!“ „Vergeßt nicht, Schenk, daß Ihr hier Gefangener ſeid!“ ſagte Sezema.„Beneſch, wo ſind die Reiſenden, ich möchte ſelbſt mit ihnen ſprechen.“ „Wenn Ihr befehlt, führe ich ſie Euch vor,“ ant⸗ wortete Beneſch;„ſie ſind bei ihrem Fuhrwerk.“ Wok befahl ſie hereinzuführen. Bald traten die Kaufleute mit Beneſch ein. „Wo kommt Ihr her und was wißt Ihr von dem Baiernherzog?“ fragte ſie Sezema. „Wir kommen von Augsburg über Paſſau,“ gab einer zur Antwort.„Es wird Euch nicht unbekannt ſein, daß im verfloſſenen Jahre die deutſchen Reichsſtände unter ihrem König zu Augsburg tagten und den König von Böhmen ſammt ſeinem Bundesgenoſſen Heinrich von Baiern wegen ihres Ungehorſams in die Acht erklärten. Dieſes einmüthige Vorgehen der Reichsfürſten für ihren König und die darauf erfolgten gewaltigen Rüſtungen gegen ſeine Feinde mögen den Baier doch erſchreckt haben, und weil er zuletzt auch in Erfahrung gebracht, daß die 2*½ 28 böhmiſchen Großen ſelbſt an dem Sturze ihres Königs arbeiteten, daß dieſer von allen Freunden und aller Hilſe verlaſſen ſei, da mag ihm angſt geworden ſein und er für das Beſte gehalten haben, zu Kreuz zu kriechen. Im Baierlande war, wohin wir kamen, große Freude über die Sinnesänderung des Herzogs; denn der Habs⸗ burger hat durch ſeine Leutſeligkeit und Frömmigkeit alle Herzen im deutſchen Volke für ſich gewonnen!“ „Heil dem großen und gerechten Kaiſer!“ rief die junge Dame;„Gott wird ihm zum Siege helfen wider alle Feinde!“ Der gefangene Ritter ſah die Sprecherin mit Blicken an, die ebenſowohl Unwillen als Verwunderung ausdrückten. Sezema dankte den Kaufleuten für ihre Zeitung und empfahl ſie dem Stadthauptmann zu Schutz und Geleit, dann ſagte er zu ſeinen reiſigen Dienſtleuten: „Ihr nehmt dieſen Herrn mit den übrigen Gefangenen in Eure Mitte und reitet uns voraus nach unſerm Hofe Plawnitz, wo wir Nachtquartier halten. Wir folgen Euch bald nach.“ Die Leute, welche dieſer Befehl anging, entfernten ſich. Sezema ertheilte nun dem Stadthauptmann noch be⸗ ſondere Vorſchriften bezüglich der Sicherheit der Stadt, und folgte dann mit ſeinen Gefährten und deren Gefolge, E 29 ſowie ſeinem Schildträger dem vorausgegangenen Zuge nach. Als man die Burgveſte im Rücken hatte, ordnete Sezema ſeinen Schildträger als Herold dahin ab, der Burgwacht zu verkünden, daß die Gefangenen nach Krumau gebracht worden, die Stadt Budweis alſo um ihretwillen fürder nicht zu beläſtigen ſei. Zwrites Capitel. Da, wo am ſüdweſtlichen Fuße des wald⸗ und ſchluchtenreichen Planskerwaldes der Kalſchingbach in die vielgekrümmte Moldau fließt, erhob ſich auf ſteiler Fel⸗ ſenklippe die Burg Krumau, der Hauptſitz der mächtigen Witkowetze, deren Herrſchaft von den Ufern der Luſchnitz bis an die Quellen der Moldau reichte. Ein mächtiger Bau, der ebenſo dem Zahne der Zeit, wie der Wuth krie⸗ geriſcher Feinde zu trotzen ſchien, wie denn noch heute manche Theile daran unerſchütterte Beſtandtheile der prachtvollen Reſidenz der Herzoge von Krumau ſind. Dort hauſte Zéwis, der Erſtgeborne des ſeit elf Jahren zu ſeinen Vätern gegangenen Gründers von Bud⸗ weis, als das Haupt ſeines weit verzweigten Geſchlechtes, K 30 und dorthin hatte er eine Verſammlung der Glieder die⸗ ſes Geſchlechtes ausgeſchrieben, um Rath zu halten über das, was die Witkowetze in der im Anzuge begriffenen verhängnißvollen Zeit zu thun hätten. Das war die Veranlaſſung, welche Sezema, den Sohn Pilgram's von Wittingau, ſammt ſeinem Geleit nach Krumau führte, und aus welcher auch von andern Seiten Glieder des erlauchten Geſchlechtes mit ſtattlichem Gefolge herbeizogen. Da war der greiſe Senior des Hauſes, Heinrich von Neuhaus; ferner der ihm an Alter zunächſt ſtehende Oheim von Zäwis, Witek von Natſche⸗ ratz mit ſeinen Söhnen Heinrich und Wok; die Vettern Heinrich und Witek von Roſenberg, des berühmten Er⸗ bauers von Roſenberg und des Stiftes Hohenfurt, Wok I., Söhne; Oger von Lomnitz mit ſeinen jugendlichen Söh⸗ nen Smil von Gratzen und Witek von Landſtein; die Brüder von Zäwis, Witek und Wok, Anderer nicht zu gedenken. Aber auch andere Edle, die der Haß gegen den regierenden König von Böhmen mit den Witkowetzen ver⸗ knüpfte, zogen nach Krumau, dieſer Berathung beizu⸗ wohnen. So begegneten wir ſchon in Sezema's Begleitung zwei nicht zum Geſchlechte gehörigen Perſonen, dem Herrn Boreſch von Rieſenburg und dem Fräulein Ludmila von Mahrenberg, und einige Andere, wie die Herren Al⸗ brecht von Senberg, Pota von Pottenſtein, Sobiehrad 31 von Citiz, Andreas von Kamcihora und Hroznata von Huſitz, werden wir auf Krumau begegnen. Mit letzterem, der ſchon ſeit acht Tagen auf Kru⸗ mau weilte, finden wir den Burgherrn vor der Ankunft ſeiner Gäſte in einem Geſpräche, das nichts von dem Zwecke der bevorſtehenden Verſammlung ahnen ließ. Doch bevor unſer Ohr das Geſpräch belauſcht, verlangt das Auge ſich an der Erſcheinung der beiden Männer zu ſät⸗ tigen. Zäwis, der ältere von beiden, war ein Mann von mittelgroßem kräftigem Wuchs; auf breiter, wohlgeform⸗ ter Schulter erhob ſich ein runder Kopf mit höchſt aus⸗ drucksvollem, ſtarkgebräuntem Geſicht. Die Stirn war von ungewöhnlicher Höhe, die durch den ſpärlichen dunkel⸗ braunen Haarwuchs noch beträchtlicher erſchien, als ſie war. Unter einem Paar ſchwarzer, faſt in einander flie⸗ ßender Brauen glänzten ein Paar braune, durchdringende Augen, die, zumal in der Verbindung mit einer kühn⸗ gebogenen Naſe, etwas Adlerartiges hatten. Den kleinen, faſt mädchenhaften Mund mit purpurothen Lippen be⸗ ſchattete ein brauner voller Bart, der auch die kräftige, entſchiedene Kinnbildung verhüllte. Er trug ein ſchwarzes, mit goldenen fünfblättrigen Roſen geſticktes langes Falten⸗ gewand, welches ein breiter Gürtel von weißem Atlas, reich mit bunten Edelſteinen, vorn mit einer großen fünf⸗ blättrigen Roſe aus lauter Rubinen beſetzt, unter der 32 Bruſt zuſammenhielt; auch die nationalen Halbſtiefel waren mit Gold und Steinen reich verziert. Es lag et⸗ was Majeſtätiſches in der ganzen Erſcheinung, die zugleich das Gepräge eines Denkers und eines von warmer Em⸗ pfindung belebten Menſchen trug. Der Andere, Hroznata von Huſitz, mochte um ein halbes Jahrzehent jünger ſein als Zäwis; er war von gleicher Körpergröße, nur min⸗ der kräftig gebaut; er hatte einen ſchönen Lockenkopf von echt czechiſchem Gepräche: hohe, ſchöngewölbte Stirn, dun⸗ kle feurige Augen, einen vollen Mund, etwas ſtumpfe Naſe, blühende Wangen und ſpitzes Kinn. Auch er ging in der alten Nationaltracht, nur war die Hauptfarbe braun und der Zierrath daran einfacher als bei Zäwis von Fal⸗ kenſtein, wie ſich der Schloßherr gewöhnlich ſchrieb. Die beiden Männer befanden ſich in einem Gemach, das nach den Begriffen der damaligen Zeit für fürſtlich gelten konnte, obſchon es nur das Arbeitszimmer des Schloßherrn war, wo er ſeinen Lieblingsbeſchäftigungen, der Dichtkunſt und dem Studium der alten Philoſophen, neben der Stern⸗ und Naturkunde oblag. Sie ſtanden in der Niſche eines der hohen Rundbogenfenſter, welche nach dem Kalſchingerthale hinausgingen. Das Fenſterbrett war mit verſchiedenen Pergamentrollen bedeckt, eine An⸗ zahl ähnlicher Rollen hatte Zäwis hinter ſich auf einem Tiſchchen neben einem mächtigen Folianten. Wir treten 33 in dem Augenblick in das Gemach, wo Hroznata eine der auf dem Fenſter liegenden Rollen ergreift und ſie entfal⸗ tend ſpricht:„Die kleinen Gedichte, welche auf dieſer Rolle ſtehen, verdanke ich der Freundlichkeit des würdigen Oberſt⸗Kanzlers Magiſter Peter. Ich halte ſie für wür⸗ dig, in Eure Sammlung aufgenommen zu werden. Wollt Ihr eine Probe davon hören?“ „Laßt gleich das erſte beſte hören!“ erwiderte Zä⸗ wis. Hroznata las: Die Lerche „Eine Maid, ſie jätet Hanf Dort im Herrengarten, Doch die Lerche ſpricht ſie an: Warum doch ſo traurig? Wie ſollt ich nicht traurig ſein? Liebe kleine Lerche! Meinen Liebſten führten ſie Fort zum Felſenſchloſſe. Hätt' ich eine Feder nur, Schrieb' ich ihm ein Briefchen, Und du flög'ſt damit zu ihm, Liebe kleine Lerche. 6 Habe Blättchen nicht, noch Feder, Daß ich ſchrieb' ein Brieſchen;— Grüß den Theuren mit Geſange, Daß ich hier verſchmachte.“ „Das iſt ein zartes, ſinniges Lied,“ bemerkte Zäwis, „und ſicher ſchon ſehr alt; das wird jedenfalls auf⸗ genommen.“ „Die übrigen,“ ſagte Hroznata,„geben dieſem an Schönheit nichts nach. Hört nur noch dies eine: Der Hirſch. „Schweift ein Hirſch durch das Gebirge, Durch das Land,. Schweift in muntern Sätzen über Verg und Thal, Trug ein prächtiges Geweih. Mit dem prächtigen Geweih Drang er durch die Büſche, Sprang umher im Walde Mit den flinken Läufen. Streift umher ein Knabe durch die Berge, Streift umher, Zieht zu wilden Kämpfen Durch die Thäler aus. An ſich trägt er kampfesmuth'ge Wehr, Spält mit mächt'ger Waffe der Feinde Schaaren. Vicht mehr in den Bergen iſt der Knabe! Trüg'riſch auf ihn vor brach der grimme Feind, 5 Rollend wild den Blick, den von Wuth entflammten, Traf mit ſchwerer Axt er ihm die Bruſt, Daß die Wälder weithin klagend ſtöhnten, Schlug die Seel' ihm aus, die liebe Seele. Aus dem ſchönen, ſchlanken Halſe floh ſie, Aus dem Hals über die ſchönen Lippen. Da nun liegt er! Der entfloh'nen Seele nach guillt das Blut, das warme, Und die Erde trinkt das warme Blut, Und um ihn voll Grams ſind aller Jungfrau'n Herzen. In der kühlen Erde da nun liegt er. Eine Eich' ſproßt über ihm empor, Breitet aus die Aeſte weit und weiter. Und es kommt der Hirſch heran Mit dem prächtigen Geweih, Hüpfend mit den flinken Läufen, Reckt den ſchlanken Hals empor zum Laube. Und die Schwärme kommen raſchbeſchwingter Sperber, Zu dem Eichbaum aus dem ganzen Wald, Und ſo krächzen all' ſie auf dem Baume: „Grimmem Feind erlag der junge Knabe, Um ihn jetzund weinen alle Jungfrau'n!“ „Gut!“ rief Zäwis;„legt dieſe Rolle zu den aus⸗ gewählten. Wir haben nun ſchon eine hübſche Ernte von Liedern gehalten, wie ſie hervorgegangen ſind aus dem ſangreichen Munde unſeres begabten Volkes. Wo haben die übermüthigen Deutſchen etwas Aehnliches aufzuweiſen, obſchon ſie an Zahl uns zehnmal überlegen ſind! Schade, daß ich nicht über Tauſende von ſchreibenden Händen zu gebieten habe, um dieſen reichen Liederſchatz unſeres Vol⸗ kes zu vervielfältigen, damit die Welt ſeine ſtille innere Größe erfahre und es ſellſt ſich daran ergquicke und er⸗ hebe! Was iſt denn in dieſer dicken Rolle?“ „Das iſt etwas ganz Neues,“ ſagte Hroznata,„das zwar nicht eigentlich in das Gebiet der Volksdichtung ge⸗ hört, der Euer Werk gewidmet ſein ſoll, das aber geeignet iſt, unſer Volk zu verherrlichen. Es iſt das Bruchſtück einer Reimchronik, verfaßt von einem armen Gelehrten, der es mir gegen ein geringes Entgeld überließ. Schade nur, das ſie nicht vollendet iſt; Noth und Elend haben den Verfaſſer daran verhindert. Er lebt ſo zu ſagen unter den Augen des Königs, aber der König hat kein Herz für die vaterländiſche Dichtung, und ſo müßte der Dichter verhungern, wenn er ſich nicht allenfalls mit Abſchreiben ernähren könnte.“ „Laßt einmal einen Abſchnitt hören,“ ſagte Zäwis mit lebhafter Theilnahme. Hroznata las den Anfang der Dalemil ſchen Reim⸗ chronik vor. Mit wachſender Aufmerkſamkeit lauſchte Zä⸗ wis der gereimten Erzählung von den Thaten und Schick⸗ ſalen der Urväter ſeines Volkes— bis ein Diener eintrat und meldete, der Maler, welcher das neue Wappen über dem äußeren Burgthor gemalt, ſei ſveben mit ſeiner Ar⸗ beit fertig geworden und wünſche, daß der Wladyka— denn ſo ließ ſich Zäwis nach uralter Sitte nennen, ob⸗ 37 ſchon dieſer Titel in Böhmen meiſt außer Brauch gekom⸗ men war— ſie beſchaue. „So laßt uns ſehen, Freund,“ ſagte Zäwis,„was unſer Meiſter Scarlatti geſchaffen. Die Chronik paßt zwar nicht in unſere Sammlung, aber ſie iſt ein ſchönes, volksthümliches Werk, das nicht unvollendet bleiben darf. Was der König nicht thut, will ich thun; der Verfaſſer mag zu mir kommen und in meinem Brote ſein Werk vollenden. Da er in der Geſchichte unſeres Vaterlandes ſehr bewandert ſein muß, ſo kann er mir auch bei der be⸗ abſichtigten Sammlung böhmiſcher Rechtsquellen behilf⸗ lich ſein, von der ich Euch noch nichts ſagte. Nach meiner Anſicht iſt an dem allmäligen Erliegen unſeres uralten heimiſchen Rechtes unter dem römiſch⸗deutſchen Rechte hauptſächlich der Umſtand ſchuld, daß wir kein vollſtändi⸗ ges, ſyſtematiſches Rechtsbuch haben, wie die Sammlung der römiſch⸗deutſchen Rechtsbücher. Deßhalb will ich alle böhmiſchen Rechtsquellen ſammeln, ordnen und in ein Rechtsbuch zuſammentragen. Doch davon ſprechen wir weiter, jetzt wollen wir das Werk unſers Malers be⸗ trachten.“ Er führte ſeinen Gaſt nach dem Burgthor, wo der Maler Scarlatti, den er eigens aus Rom hatte kommen laſſen, um die Burg Krumau mit Werken ſeiner Kunſt zu ſchmücken, eben das Gerüſt abtragen ließ, das er zum 38 Malen des neuen Burgwappens gebraucht hatte. Dieſes Wappen beſtand in einem über dem Thore auf Stein gemalten rieſenhaften blauen Schilde, darin ein feſtes Thor mit Bruſtwehr aus Quadern und einem bis auf die Hälfte herabgelaſſenen Schutzgitter, nebſt zwei vier⸗ eckigen Thürmen von natürlicher Steinfarbe, jedoch mit rothen Dächern. In der Mitte über dieſem Thor trug ein weißes Herzſchild eine rubinrothe fünfblättrige Roſe, welche drei gekrönte Raben, mit ausgeſpannten Flügeln in der Luft ſchwebend, hielten. Ueber dem blauen Haupt⸗ ſchild befand ſich ein freier offener Turnirhelm mit einem Kleinod und mit zur Rechten weiß und roth(den Landes⸗ farben), zur Linken weiß und blau(den Farben der Witkv⸗ wetze) gleich abgetheilten Helmdecken geziert. Auf dem Helm erhob ſich eine Krone von Gold, und über derſelben eine zweite, größere fünfblättrige rubinrothe Roſe. Nicht ohne eine ſtolze Genugthuung betrachtete Zä⸗ wis dieſes bedeutungsvolle, von ihm ſelbſt erfundene heraldiſche Werk, das der Maler wahrhaft künſtleriſch ausgeführt hatte. Dieſer, ein junger, faſt mädchenſchöner Mann, hing geſpannt an den Mienen des prüfenden Burgherrn, und ein Schimmer innerſten Glückes flog über ſeine zarten Züge, als Zäwis mit freundlicher Gebärde ſich zu ihm wandte und ſagte:„Ich dank' Euch, Meiſter, Ihr habt mein Haus um eine Zierde reicher gemacht.“ 39 In dieſem Augenblick verkündete ein Trompetenſtoß vom hohen Wartthurm das Nahen von Fremden.„Wahr⸗ ſcheinlich kommen Gäſte,“ ſagte Zäwis und ſah den Weg hinab, der nach der Stadt führte, die der Burg zu Füßen lag. Bald zeigte ſich auf der Brücke, die über den näch⸗ ſten Flußarm nach der Burg führte, ein Häuflein Be⸗ rittener, an deren Spitze ſich ein, ähnlich wie der Schloß⸗ herr gekleideter, nur noch mit Mantel und Tſchepez nebſt voller Waffenrüſtung verſehener Ritter zur Seite einer jugendlichen, in hellblauen, mit ſilbernen Röslein geſtick⸗ ten Sammet gekleideten Dame befand.„Meine Geſchwi⸗ ſter Witek und Bertha!“ rief Zäwis erfreut, während ein Schimmer von Verklärung das Antlitz ſeines Gaſtes übergoß. Beide ſchritten den Ankömmlingen entgegen. „Willkommen, tauſendmal willkommen auf Kru⸗ mau!“ rief der Burgherr den Geſchwiſtern zu. Dieſe ſchwangen ſich ſchnell von ihren Roſſen herab und flogen in die Arme des geliebten Bruders. „Wie ſchön iſt es von Dir, Bertha, daß Du ſo zei⸗ tig kommſt,“ ſagte Zäwis zu ſeiner Schweſter. „Ich dachte mir wohl, daß mein hageſtolzer Bruder eines weiblichen Auges bedürfte, das überall nach dem Rechten ſähe, bevor ſich ſein Haus mit Gäſten füllt,“ erwiderte das ſchöne Mädchen, das von Hroznata mit 40 glühenden, Verlangen und Verehrung ſtrahlenden Blicken betrachtet ward. „Euer Bruder iſt zwar ein Tauſendkünſtler, der viel zu ſchaffen verſteht, was ihm nicht leicht Jemand nach⸗ macht,“ ſagte der junge Mann;„aber keine Kunſt vermag im Hauſe das Walten eines weiblichen Geiſtes zu erſetzen.“ Bertha verneigte ſich hocherröthend vor dem Spre⸗ cher.„Ich danke Euch, Herr Hroznata, im Namen mei⸗ nes Geſchlechtes für dieſe Anerkennung,“ ſagte ſie dann „Ihr waret in Prag, wie ich hörte, und werdet viel zu erzählen wiſſen von dort; ich freue mich darauf.“ „Wie geht's auf Maidſtein, mein Bruder?“ fragte jetzt Zäwis den Begleiter Bertha's;„wie befindet ſich unſere theure Mutter?“ „Zuvörderſt tauſend Grüße von meinem Weibe, das ſich mit dem kleinen Buben in aller Munterkeit des Früh⸗ lings freut,“ lautete die Antwort Witek's.„Die Mutter wäre gern mit herübergekommen, die edelſten Zweige ihres Hauſes beiſammen zu ſehen und zur Eintracht, zum feſten Zuſammenhalten zu ermahnen; aber ſie vermag ſich nicht mehr auf einem Zelter zu halten. Mit ihrem Geiſte und Segen wird ſie unter uns ſein.“ „Ich muß Dir einen Traum erzählen, den ſie heute Nacht gehabt, einen höchſt merkwürdigen Traum,“ ſagte Bertha ſich an Zäwis Arm hängend. 41 „Kommt nur zuvörderſt unter Dach,“ erwiderte Zäwis und ſetzte ſich nach der Burg in Bewegung. Unter⸗ wegs erzählte Bertha: „Der Mutter träumte, ſie war in Prag und ſah Dich auf dem Stuhle Krok's, einen goldenen Scepter in Deiner Hand; Dir zu Häupten ſtrahlte die rubinrothe fünfblättrige Roſe, während Dein Fuß auf eine Haſel⸗ ſtaude trat. Dir zur Seite ſaß eine wunderſchöne Frau, eine Krone von Diamanten auf dem Haupte, und aus der hundertthürmigen Stadt herauf erſcholl tauſendſtim⸗ miger Jubel, aus welchem deutlich die Worte herausklan⸗ gen:„Heil der herrlichſten der Frauen! Heil dem Retter des Vaterlandes! Heil der fünfblättrigen Roſe!“ Zäwis lauſchte der Erzählung mit großer Span⸗ nung und die Gluth ſeiner Augen flammte höher auf. Eine Weile ſchwieg er, dann aber nahm er eine gleich⸗ giltige Miene an und ſagte:„Ein weiſer Mann muß nicht auf Träume achten, die aus dem Bauche kommen, ſondern allein auf die Stimme der Erfahrung und des wachen, geſunden Verſtandes.“ Sie waren jetzt dicht an das Thor gekommen und das neue Wappen erregte die Aufmerkſamkeit und Ver⸗ wunderung der Ankömmlinge. Nachdem dieſe es betrach⸗ tet und ihren Beifall darüber ausgeſprochen hatten, folg⸗ ten ſie ihrem Bruder mit Hroznata in die Burg. 1860. XVIII. Zäwis von Roſenberg. I. 3 42 Bald kamen neue Gäſte, und ehe der Mittag kam, war die Burg von ſolchen faſt überfüllt. Die, denen wir in Budweis begegneten, waren die letzten, die ſich einfanden. Auch dieſe, wie die meiſten ſeiner Gäſte, empfing Zäwis im Hofe perſönlich. Nachdem ihn Sezema um⸗ armt hatte, ſtellte er ihm ſeine edlen Gefährten vor, und zwar das Fräulein Ludmila von Mahrenberg mit den Worten:„Sie hat ſich in den Schutz der fünfblättrigen Roſe geflüchtet und wünſcht im Rathe der Witkowetze mit ihrer gerechten Sache gehört zu werden.“ Zäwis maß die hohe Geſtalt des Fräuleins mit ei⸗ nem ſcharfen Blick und ſagte mit anmuthiger Verneigung: „Möchte die Roſe die Kraft beſitzen, Eure Trauer in Freude zu verwandeln! Seid hochwillkommen unter mei⸗ nem einſiedleriſchen Dache.“ „Könnte die Freude je wieder eine Stätte in mei⸗ ner Bruſt gewinnen,“ entgegnete das Fräulein,„ſo müßte ſie es jetzt, wo ich endlich dem Manne gegenüber ſtehe, den der Adel aller Länder, die der eiſerne Scepter des Böhmenkönigs beherrſcht, als den weiſen und mächtigen Hort des gekränkten Rechts verehrt. Doch erweckt Euer Anblick nur neu den Schmerz um meinen Vater, der Euch in ſo vielen Stücken glich, der gleich Euch ein furchtloſer und gefürchteter Feind der Tyrannei war.“ Dieſe Worte machten auf Zäwis nicht den Eindruck, 43 den ſie bezweckten. Ein leichter Schatten des Unwillens flog über ſein Geſicht und er erwiderte:„Auch der Schmerz iſt ein Tyrann, dem eine edle Natur ſich nicht ſtlaviſch hingeben darf, den ſie bekämpfen muß als einen Feind, der ihr gefährlicher iſt, denn der mächtigſte äußere Tyrann.“ Hierauf wendete er ſich zu Boreſch von Rieſen⸗ burg, ihn willkommen zu heißen. „Ich bringe Euch tauſend Grüße von Euerm ta⸗ pfern Waffenbruder Hynek von Duba,“ ſagte Boreſch; „gern hätte er mich hierher begleitet, aber er glaubte in Prag nothwendiger zu ſein als hier.“ Zäwis dankte; dann reichte er der Dame den Arm, ſie in die Burg zu führen. Aber indem er einen Blick auf das Gefolge der Ankömmlinge warf, bemerkte er die Gefangenen, unter welchen die ſchöne Geſtalt des Schen⸗ ken von Emerberg ſeine Aufmerkſamkeit dergeſtalt erregte, daß er ſtehen blieb und fragte, wer der junge Mann ſei? Sezema berichtete, wie er zu den Gefangenen ge⸗ kommen, was ſie verbrochen, und wer der Ritter war. Zäwis trat auf dieſen zu, betrachtete ihn mit einem Blick, den der trotzig aufſchauende Gefangene nicht zu ertragen vermochte, und ſagte dann:„Ihr habt Eurer edlen Herkunft und Euerer Nation ſchöne Ehre gemacht, indem Ihr Euch mit betrunkenen Knechten verbandet, einen Kreuzzug wider einen unſchuldigen, ſinnigen Volks⸗ 3* 44 brauch zu machen. Iſt Euer Eifer für den Glauben ſo ſtark, ſo nehmt doch lieber das Kreuz und zieht wider die heidniſchen Preußen aus, oder beſſer: ſucht Euern Herrn zu bewegen, daß er den Kreuzzug vollführe, den er dem Statthalter Chriſti feierlich gelobt. Wäre ich König, und Ihr hättet in meinem Namen einen ſolchen Streich verübt, ſo ließe ich Euch das Haupt ſcheren und in ein Kloſter ſtecken.— Laß ihm ein Pferd geben, Se⸗ zema, das ihn ſchnell aus dem Bereiche unſerer Burg trägt!“ „Wie, Zäwis— Wladyka— ungeſtraft willſt Du den Frevler ziehen laſſen?“ wandte Sezema ein. „Du willſt doch nicht, daß wir dieſen deutſchen Junker auf böhmiſcher Erbe zum Märtyrer machen?“ verſetzte Zäwis.„Laß ihm ein Pferd aus meinem Mar⸗ ſtall geben, ſag' ich, und den Knechten ihre Ketten ab⸗ nehmen, daß ſie ihm nachlaufen!“ Hierauf wandte er ſich wieder zu der Dame und führte ſie in das Schloß. Berchtold von Emerberg ſtand wie vernichtet mit purpurglühendem Geſichte da. Die härteſte Behand⸗ lung hätte ihn nicht empfindlicher treffen können, wie dieſe mit Verachtung gepaarte Großmuth. Still brütend ſtand er da, bis ihm ein Pferd vorgeführt ward— da richtete er ſich trotzig auf und ſagte zu Sezema:„Ehe 45 die Sonne untergeht, habt Ihr Euern Gaul wieder.“ Dann ſchwang er ſich in den Sattel und ritt zum Thore hinaus. Im Thale angelangt, ſah er noch einmal nach dem Schloſſe hinauf. Da war es ihm, als ſähe er an einem der hohen Bogenfenſter die ſchwarze umhüllte Ge⸗ ſtalt der Dame ſtehen, die gleich beim erſten Anblick einen ſo mächtigen Eindruck auf ihn gemacht, in der er eine Fein⸗ din ſeines königlichen Herrn erkannt und zu der ſeine Ge⸗ danken doch ſeit jenem erſten Begegnen immer und immer wieder und nichts weniger als feindlich zurückgekehrt waren, und deren Blicke auf ihm geruht hatten, wie ihn der ſtolze Herr von Krumau ſo gedemüthigt hatte. Daß ſie Zeuge dieſer Demüthigung geweſen, hatte dieſe eigentlich erſt vollendet, und jetzt, wo er ſie von fern wieder er⸗ blickte, war es ihm, als müßte er vor Scham vergehen. In der heftigſten Aufregung ſtieß er dem Roſſe, das er gar nicht kannte, die Sporen ſo tief in die Weichen, daß es einen pfeifenden Ton von ſich gab, dann aber durch einen gewaltigen Satz den fremden Reiter abwarf, daß er mit dem Kopf an den nahen Brückenkopf ſchlug. Blutend und betäubt lag er am Boden, indeß das Pferd nach dem Schloſſe zurückrannte. Wirklich war es Ludmila von Mahrenberg gewe⸗ ſen, die der unglückliche Reiter am Fenſter geſehen. Auch ſie war durch das Benehmen des Schloßherrn ver⸗ 46 ſtimmt. Hatte ſie von ihm doch nichts weniger erwartet, als einen Tadel ihres gerechten Schmerzes, und war ihr dieſer Tadel doch faſt als ein Zeichen lauer Geſinnung erſchienen. Dazu war nun noch die unbegreifliche Groß⸗ muth gegen den gefangenen Dienſtmann ihres Todfeindes gekommen, wo ſie eine empfindliche Strafe erwartet hatte, obſchon eine geheime Stimme in ihrer Bruſt zu ſeinen Gunſten ſprach. War dieſer ſtolze Zäwis wirklich der Mann, an dem ſie einen Rächer ihres, nach ihrer Mei⸗ nung ſchuldlos hingerichteten Vaters zu finden hoffen, an dem der Adel die Vertheidigung und Wiederherſtellung ſeiner von König Otakar vielfach mit Füßen getretenen Rechte erwarten durfte? In dem ihr angewieſenen Zim⸗ mer hing ſie düſtern Gedanken nach, deren Beute ſie ſeit Jahren war und die durch die Begegnung des Schloß⸗ herrn neue Schärfe erlangt hatten; da gewahrte ſie mit ihrem weittragenden Ange den Reiter, um deſſen Frei⸗ laſſung willen ſie dem Burgherrn grollen zu müſſen glaubte. Sie ſah ihn in demſelben Augenblick, wo er herauf blickte, und obgleich die Entfernung zu groß war, um ſeinen Blick und ſeine Mienen zu erkennen, ſo war es ihr doch, als empfände ſie denſelben Glutblick, den der junge Ritter ſchon in Budweis auf ſie gerichtet, dem ſie auf dem Wege vom Hofe Plawnitz hierher wieder und wieder begegnet, und der ſie zuletzt unten im Burghof ge⸗ 47 troffen. Wieder regte ſich die geheime Stimme in ihrer Bruſt zu ſeinen Gunſten, aber ſie übertäubte ſie mit den Gedanken ihrer verbitterten Seele, und während ſich ihr Buſen von einer nie geahnten ſüßen Empfindung hob, ballte ſie die ſchöne ſchneeweiße Hand und rief drohend hin⸗ ab:„Wäreſt Du mein Gefangener geweſen, Du Scherge des Tyrannen, bei Gott! Du hätteſt mir büßen ſollen!“ Da verwandelte ſich ſchnell ihr ganzer Geſichtsaus⸗ druck, die blaſſe Wange ward noch bläſſer, ſie ſtieß einen lauten Schrei aus und ſtürzte nach der Thür. Aber auf der Schwelle beſann ſie ſich— ſie blieb ſtehen— ſie ſchlug ſich vor die Stirn.—„Was war das?“ ſprach ſie— „ich glaube, der böſe Feind kam über mich“— und ſie ſchritt nach dem Fenſter zurück. Sie ſah wieder hinab; es war nicht anders, der ſchöne Ritter mit den Glutaugen lag am Brückenkopf— aber was hatte ſie mit ihm zu ſchaffen?„Mögen alle Schergen des Tyrannen alſo verderben!“ murmelte ſie und ſetzte ſich an das Fenſter. Den Kopf in die Hand geſtützt, ſuchte ſie ihren Gedanken eine andere Richtung zu geben— aber ſie mußte doch wieder hinaus ſehen nach dem im Thale liegenden Ritter.„Soll er dort hilflos liegen bleiben?“ fragte ſie und fügte hinzu:„Eigentlich wäre es doch ſchade um das junge Leben, das ſich nur aus Eifer um unſere heilige Religion in die Gefahr ge⸗ 48 ſtürzt. Das iſt es auch, was mich gleich milder gegen ihn ſtimmte, als ich es gegen einen Anhänger des Ty⸗ rannen ſein ſollte. Ein heidniſcher Gräuel war es doch, was die Herren von der Roſe einen ſinnigen, unſchuldi⸗ gen Volksbrauch nennen, und es verräth ein feurig from⸗ mes Herz, daß der junge Ritter dagegen auszog und das Götzenbild zerſtörte. Schade, daß er nicht auf un⸗ ſerer Seite ſteht, er wäre ein wackeres Rüſtzeug wider die Tyrannei.“ Sie ſah wieder hinab und bemerkte, daß die frei⸗ gelaſſenen Burgknechte des Königs ſich dem Brückenkopf nahten und bei ihrem dort liegenden Führer ſtehen blie⸗ ben. Bald darauf kam noch eine männliche Geſtalt, die Ludmila bereits in der Burg geſehen zu haben glaubte, zu der Scene; die Knechte hoben den Ritter auf und tru⸗ gen ihn, wie es ſchien auf Anordnung des zuletzt Hinzu⸗ gekommenen, nach der Burg zurück. Ludmila athmete leichter, aber ſie konnte den Wunſch nicht unterdrücken, zu erfahren, wie es mit dem Ritter eigentlich ſtehe, ob er todt oder lebend, ſchwer oder leicht verletzt ſei. Da trat eine ſtämmige Magd mit einem Koffer ein, dem Reiſegepäck des Fräuleins, und bot zugleich ihre Dienſte als Zofe an. Zetzt erinnerte ſich Lud⸗ mila der Nothwendigkeit, ſich vom Reiſeſtaub zu ſäu⸗ bern und die Reiſekleider mit beſſeren zu vertauſchen. 49 Sie befahl der Magd in herriſchem Tone, Waſſer zu bringen; die Magd aber erwiderte, daß bereits ein Bad für ſie bereit ſei, ſie möge ihr dahin folgen. Ludmila nahm einige Leibwäſche aus dem Koffer und befahl der Magd, ſie nach dem Bade zu führen. Dieſe ging voran. Durch eine Kammer, in welcher ein Bett für Ludmila ſtand, führte der Weg auf einen klei⸗ nen Vorplatz, von welchem eine Wendeltreppe in einen runden tempelartigen Raum hinab leitete, bei deſſen Betreten Ludmila überraſcht ſtehen blieb. War das Blend⸗ werk, oder war es Wirklichkeit? Rund um den Raum lief eine Säulenreihe, die eine hohe Kuppel von Glas trug, durch welche die Sonne ihre Strahlen mit erhöhter Wirkung warf. Das ſah man an den mannigfaltigen Gewächfen, die einer wärmeren Zone angehörig, dennoch hier in üppigſter Fülle ſtanden. Strauchwerk und Schling⸗ pflanzen ſchienen hier wild zu wachſen, und dennoch boten ſie in ihrer ſcheinbar ganz abſichtsloſen Gruppirung ein herrliches, harmoniſches kleines Landſchaftsbild, in deſſen Mitte ein kleiner Weiher in blumiger Matte zum 3 Baden einlud. Muntere Vögelchen flogen zwiſchen den Büſchen, zirpten und pfiffen, und waren guter Dinge wie in der freien Natur. Bald überzeugte ſich Ludmila wohl, daß Alles, was ſie ſah, Wirklichkeit war; aber deſto grö⸗ ßer war ihr Staunen, ja es überlief ſie ein Schauder, — * 50 weil ſie ſich dieſes kleine Paradies nur durch Zauber ent⸗ ſtanden denken konnte. Der Leſer wolle ſich erinnern, daß unſere Geſchichte im dreizehnten Jahrhundert ſpielt, wo man diesſeits der Alpen noch nichts von Treibhäuſern und der ganzen höhern Gartenkunſt wußte, welche die Wunder der Tropenwelt in den kalten Norden zaubert. Ludmila zögerte lange, von dem Bade Gebrauch zu ma⸗ chen; endlich überwand die Liebe zur Reinlichkeit und die einladende Temperatur des kryſtallhellen Waſſers, das in einem Becken von Marmor geſammelt war, ihre Beden⸗ ken, und da ſich die Magd zurückgezogen, entkleidete ſie ſich und übergab der reinen keuſchen Fluth die chtheriſchen Glieder. In einem der grünen Myrthenbüſche, die zwi⸗ ſchen den von Reben umrankten Säulen ſtanden, ſaß ein Vöglein und ſang eine wunderliebliche Weiſe. Entzückt lauſchte die badende Jungfrau. Aber indem ſie lauſchte, entſchwanden ihr allmälig die Sinne. Mochte es die Anſtrengung des weiten Rittes ſein, oder der ſtarke Duft der Blumen um ſie her, verbunden mit dem lauen Bade, was ſie einſchläferte— kurz, mit leiſem aber unwiderſteh⸗ lichem Arm umfing ſie der Schlaf, indem ihr Kopf auf die ſchwellende Mooseinfaſſung niederſank, die ihm eine willkommene Stütze bot. 51 Yrittes Capitel. Als Ludmila wieder erwachte, befand ſie ſich in ih⸗ rem Zimmer, blos mit einem leichten Nachtkleide beklei⸗ det auf einem Ruhebette liegend. Anfangs wähnte ſie, das wunderbare Bad ſei nur ein Traumgebilde geweſen, aber bald überzeugte ſie das aufgelöſte feuchte Haar und die Art ihrer Bekleidung, daß ſie Wirkliches erlebt, und nun wunderte ſie ſich, wie ſie hierher gekommen. Es fing an, ihr unheimlich in der Burg zu werden. Indem ſie ſich ordentlich kleidete, trat ihre Dienerin ein, die ihr meldete, daß die Herrſchaf ften ih zur Tafel begäben, das Fräulein möge ſich mit ihrer Toilette be⸗ eilen. Mit Hilfe der Magd, die ihr dabei plaudernd er⸗ zählte, wie ſie das Fräulein ſchlafend im Bade getroffen, und da ſie es nicht habe erwecken können, gleich auf ihre Schultern geladen und heraufgetragen, war Ludmila bald fertig, um zu der Geſellſchaft zu gehen, und nicht lange dauerte es dann, kam der Haushofmeiſter ſie abzuholen. Neue Wunder erwarteten ſie. Durch einen langen Corridor ward ſie in einen Saal von außerordentlicher Größe geführt, den hohe, kunſtvoll gemalte Fenſter ma⸗ giſch erleuchteten. Die Wände waren rings mit Fresken 52 geziert, welche Scenen aus der böhmiſchen Geſchichte darſtellten. Da ſah man den Heldenfürſten Samv, wie er die tributfordernden Geſandten des ſchrecklichen Groß⸗ chans der Avaren mit den Worten abfertigt:„Wer unter der Sonne iſt im Stande uns zu beſiegen? Unſer wird die Freiheit bleiben, ſo lange es Krieg gibt und Schwert.“ Das nächſte Bild zeigte den nämlichen Samo, wie er, nachdem er eine feſte Verbindung der ſlaviſchen Stämme zwiſchen der Oder, der Saale und dem Böhmerwald zu Stande gebracht, dem Frankenkönig Dagobert Freund⸗ ſchaft bietet, die dieſer mit den ſchnöden Worten zurück⸗ weiſt:„Chriſten und Gottesdiener können mit Heiden und Hunden nicht Freundſchaft pflegen;“ worauf aber Samo die Antwort gibt:„Wir Hunde werden euch mit Zähnen zerreißen, wenn ihr Diener Gottes gegen uns handelt.“ Daran reihte ſich die Darſtellung der großen Schlacht bei Wogaſtisburg, wo Samo den Frankenkönig auf's Haupt ſchlug. Und ſo fanden alle großen Begeben⸗ heiten der alten Geſchichte des böhmiſchen Volkes hier ihre Verherrlichung; beſonders war das Leben der hehren Tochter Krol's, Libusa, zu trefflichen Schildereien be⸗ nutzt. An einem Ende des Saales erhob ſich ein künſt⸗ licher Berg, der mit den köſtlichſten Blumen erfüllt war und in ſeinem unſichtbaren Schoße eine improviſirte Küche barg. Vor dem Berge plätſcherte ein künſtlicher 53 Brunnen. Von ihm aus zogen ſich rechts und links den Saal entlang Orangenbäume mit Früchten in verſchie⸗ denen Stadien der Reife. Zwiſchen den Bäumen längs der Längenaxe des Saales ſtand eine lange, mit glän⸗ zenden Leintüchern, ſilbernen und goldenen Gefäßen be⸗ deckte Tafel. Schmucke, in die Farben des Hauſes geklei⸗ dete Hausbedienten trugen die duftigen Speiſen auf, die unter dem Blumenberg bereitet wurden. Zwölf ſchöne Mädchen, Töchter von Freiſaſſen, die unter dem Schutze der fünfblätterigen Roſe ſtanden, waren da, Wein und Meth zu kredenzen, je nach dem Wunſch der Gäſte. Dem Blumenberge gegenüber am andern Ende des Saales ſaßen auf einer Erhöhung Harfenſpieler und Pfeifer aus dem von jeher muſikaliſchen Volke, um zur Tafel auf⸗ zuſpielen. Als Ludmila in dieſen mit ſo viel Prunk und für ſie wunderbaren Gegenſtänden ausgeſtatteten Saal trat, kam ihr der Burgherr an der Seite ſeiner roſigen Schwe⸗ ſter Bertha entgegen. Er trug jetzt gleich dieſer ein Ge⸗ wand von himmelblauem, mit ſilbernen Röslein geſtick⸗ ten Sammet und einen noch reicheren, aber ebenfalls die fünfblätterige Roſe in Rubinen tragenden Gürtel, unter dem ein ſilbernes Wehrgehenk hervorhing, welches einen am Griffe mit Edelſteinen beſetzten Säbel hielt, ein Erb⸗ ſtück der Familie, das ein Ahnherr derſelben im heiligen Lande erbeutet. Er machte die beiden Frauen mit ein⸗ ander bekannt und miſchte ſich dann unter die übrigen Gäſte, deren nicht weniger als fünfzig zu zählen waren, zum größten Theile Glieder der verſchiedenen Zweige ſeines Geſchlechtes. Durch eine Fanfare ward das Zeichen zum Mahl gegeben. Ludmila erhielt den Ehrenplatz zur Rechten des Schloßherrn, gegenüber ihrem älteren Bekannten, dem Herrn Boreſch von Rieſenburg, und zur Seite des ſchwarz⸗ lockigen jungen Mannes, der ihr ſchon in der Burg be⸗ gegnet war, und von dem ſie glaubte, daß er die Genoſſen des Schenken von Emerberg veranlaßt, dieſen in die Burg zurückzutragen. Durch dieſe Nachbarſchaft ward ſie wieder an den unglücklichen Reiter erinnert, und ſie beſchloß, bei näherem Bekanntwerden mit ihrem neuen Tiſchnachbar dieſen nach deſſen Schickſale zu fragen. Mit der Pracht des Saales und des Tafelgeräthes harmonirte die Fülle und Güte der Speiſen, welche von den geſchäftigen Dienern herumgereicht wurden. Der Blu⸗ menberg, unter welchem dieſelben hervorkamen, ſchien un⸗ erſchöpflich an immer neuen, immer ſelteneren und koſt⸗ bareren Gerichten, von denen manche dem Fräulein von Mahrenberg ein Werk übernatürlicher Kunſt zu ſein ſchienen. Die Trefflichkeit der Speiſen, die gleich vortreff⸗ liche Beſchaffenheit des von den anmuthigen Mund⸗ 55 ſchenkinnen fleißig kredenzten Weines, verbunden mit der fröhlichen Muſik und der heiteren Laune des Wirthes, verfehlten nicht, das Mahl zu einem überaus belebten zu machen, bei dem ſich der lebensluſtige Volkscharacter der böhmiſchen Tiſchgenoſſen im roſigſten Lichte zeigte. Obgleich ſich Ludmila von Mahrenberg rühmte, halb dem Böhmervolke anzugehören, ſo zeigte ſie doch we⸗ nig Verſtändniß für das fröhliche, zwangloſe Leben, die friſche, übermüthig ſprudelnde Laune, die ſich hier vor ihr entfalteten. Vergebens bemühte ſich der erlauchte Wirth, ſie zu erheitern und zu einer freudigen Theilnehmerin der allgemeinen Fröhlichkeit zu machen. Ihrem erbitterten Gemüthe kam dies ganze Treiben höchſt leichtſinnig und ungeeignet für Männer vor, die einen großen, ernſten Lebenszweck verfolgten. Doch hütete ſie ſich wohl vor ei⸗ nem Manne, wie Zäwis, deſſen geiſtige Macht ihr gleich⸗ wohl imponirte, ihre wahre Meinung zu verrathen; ſie fürchtete eine ähnliche Zurechtweiſung, wie ſie bei ihrer Ankunft erfahren; ſie ſchützte Ermüdung und das Un⸗ gewohntſein ſolcher Feſtlichkeiten vor. Zäwis gab es end⸗ lich auf,„dieſes ſpröde Metall“, wie er ſich gegen Boreſch ausdrückte, zu bearbeiten, und widmete ſeine wirthliche Aufmerkſamkeit den andern Gäſten. Bald ermunterte er ſie zum Trinken, bald trank er ſelbſt auf ihr Wohl und leitete ſolchen Trunk durch einen gereimten, alle Ohren 56 und Gemüther entzückenden Spruch ein, bald ſchleuderte er ein treffendes Witzwort ſpielend in die Geſellſchaft, bald erzählte er einen heiteren Schwank. So wenig Ludmila mit ihrem Herzen bei dem allen war, ſo mußte ſie doch die blendenden Geiſtesgaben ihres Wirthes anerkennen, und wider Willen fühlte ſie ſich durch dieſelben gefeſſelt. Endlich nahm ſie wahr, daß ſich in ihrer unmittelbaren Nähe noch Jemand befand, der an der allgemeinen Luſtigkeit nicht theilnahm; das war ihr zweiter Seitennachbar, der junge Mann, bei dem ſie ſich nach dem Schickſale des Ritters von Emerberg hatte er⸗ kundigen wollen. „Irre ich nicht,“ ſagte ſie zu ihm,„ſo ſah ich Euch heute von meinem Fenſter aus ein Werk der Barmher⸗ zigkeit üben, durch das Ihr Euch wohl wenig Dank er⸗ worben?“ Der Jüngling, der kein anderer war, als der Maler Scarlatti, hatte ſchon lange kein Auge von ſeiner ſchönen Nachbarin verwandt, und die Beſchäftigung ſeines künſt⸗ leriſchen Auges mit ihrer intereſſanten Erſcheinung war es geweſen, die ihn von der allgemeinen Luſt abgezogen. Es war, als würde er aus einem tiefen Traum geweckt, wie ihn das Fräulein anredete. Sein ſchönes Geſicht tauchte ſich in glühende Röthe und ſein Auge leuchtete ſchwärmeriſch auf.„Meint Ihr, daß ich den vom Pferde 57 geſtürzten Ritter durch ſeine Leute in die Burg Kgen ließ?“ Ludmila bejahete. „Damit that ich nur, was mir die Schweſter des Burgherrn aufgetragen hatte,“ nahm Scarlatti wieder das Wort. „Iſt der Ritter ſchwer verletzt?“ fragte Ludmila und zwang ſich dabei, eine höchſt gleichgiltige Miene an⸗ zunehmen. „Er hat eine bedeutende Kopfwunde nebſt einer zer⸗ brochenen Rippe davongetragen,“ berichtete der Maler; „der Burgherr hat ihm die Wunde verbunden und die Rippe eingerichtet; der Schaden wird bald wieder ge⸗ heilt ſein.“ „Der Burgherr?“ fragte Ludmila verwundert,„iſt der denn ein Arzt?“ „Das iſt ein Mann, der Alles kann.“ „Das iſt eine Lüge!“ rief Zäwis, der die halb⸗ laut geführte Unterhaltung doch gehört hatte;„ich kann zum Beiſpiel keine Bilder malen, wie Ihr, Meiſter Scar⸗ latti! Die Gemälde, die Ihr an dieſen Wänden ſehet, Fräulein, ſind Werke dieſes vortrefflichen Meiſters, den ich der ewigen Stadt entriſſen!“ „Ihr ſeid ein Römer?“ fragte Ludmila den Maler. Dieſer bejahete, fügte aber hinzu: ,. Güte mei⸗ 1860. XVIII. Zäwit von Roſenberg. I. 58 nes hohen Gönners hier ſchuf mir in Böhmen eine zweite Heimath.“ Zäwis ward jetzt abgerufen, und da das Mahl ohnehin zu Ende war, ſo ſtanden, trotz ſeiner Mahnung, ſich durch ſeine Abweſenheit nicht ſtören zu laſſen, viele Gäſte auf und zerſtreuten ſich im Saale. „Ihr könntet mir Eure Bilder erklären,“ ſagte Lud⸗ mila zu Scarlatti, ſich gleichfalls erhebend. Der Maler ſprang erfreut auf und ſagte:„Ihr habt über mich zu gebieten, Signora!“ Er führte ſie nun im Saale umher und zeigte und erklärte ihr jedes einzelne Bild. Als ſie mit allen durch waren, ſagte Ludmila: „Die Bilder ſind vortrefflich, ſo viel ich davon ver⸗ ſtehe— nur etwas iſt mir dabei aufgefallen: daß die Stoffe vorherrſchend aus der heidniſchen Geſchichte Böh⸗ mens entlehnt ſind.“ „So wollte es der Burgherr,“ antwortete Searlatti, „er hat jede einzelne Scene vorgeſchrieben.“ „Das kann ich mir denken,“ erklärte Ludmila;„ein Sohn der heiligen Stadt würde wohl chriſtliche Stoffe vorgezogen haben, hätte er die Wahl gehabt. Sagt, Mei⸗ ſter, habt Ihr Euch leicht hier eingewöhnen können? Vermißt Ihr hier nicht das heilige, fromme Leben, das Ihr gleichſam mit der Muttermilch eingeſogen?“ „Ich hatte eine fromme Mutter, das iſt wahr,“ er⸗ widerte Scarlatti;„aber wenn Ihr glaubt, Signora, daß die Menſchen im Allgemeinen in Rom heiliger und frommer ſind, wie hier in Böhmen, dann irrt Ihr ſehr. Die Böhmen ſind ein frommes Volk.“ „Auch hier auf Krumau?“ 1 „Auch auf Krumau.“ „Aber dieſe Bilder verrathen einen heidniſchen Ge⸗ ſchmack.“ „Sie verherrlichen das Vaterland in ſeiner vor⸗ chriſtlichen Zeit,“ erklärte Scarlatti.„Wollt Ihr chriſt⸗ liche Bilder ſehen, ſo kommt mit in die Schloßkapelle zum heiligen Georg.“ In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Eingangs⸗ thür des Saales, und ſechs junge, als Wily's gekleidete Mädchen ſchwebten mit Fruchtkörben auf dem Kopfe her⸗ ein. Lächelnd folgte ihnen der Burgherr. Eine der Wily's trat vor Ludmila und reichte ihr den, mit friſchen Kir⸗ ſchen, die noch an ihren Zweigen hingen, gefüllten Korb zur Auswahl. Ludmila dachte wieder an Blendwerk; aber ihr Begleiter überzeugte ſie durch Ueberreichung eines Zweiges, daß es wirkliche reife Kirſchen waren, die ſie vor ſich ſah. „Wie geht das zu?“ fragte ſie;„in der Natur blühen nur erſt die Bäume, und hier ſind ſchon reife 4* 60 Kirſchen— die können nur durch Zauberei entſtanden ſein.“ Sie betrachtete den Zweig mit heimlichem Grauen und konnte ſich nicht entſchließen, von den lockenden Früch⸗ ten zu genießen. „Vieles ſcheint hier Zauberwerk zu ſein,“ bemerkte Scarlatti,„was nur Hervorbringung eines tief in das Walten der Natur eingeweihten Geiſtes iſt. Der Burg⸗ herr iſt der Zauberer, und er würde es ſehr übel auf⸗ nehmen, wenn er Euch verſchmähen ſähe, womit er ſeinen Gäſten eine angenehme Ueberraſchung bereiten wollte. Wenn Ihr Kirſchen nicht liebt, ſo nehmt hier von diefen Früchten.“ Eben nahte ſich eine zweite Nymphe mit Aprikoſen in ihrem Körbchen. Allein ſo einladend dieſe Früchte wink⸗ ten, ſo wenig konnte ſich Ludmila, trotz dem Zureden des Malers entſchließen, davon zu genießen. Zäwis hatte ſich in eine andere Gegend des Saales begeben, wo ſeine Schweſter Bertha, ſein Bruder Wok und mehrere andere nahe Anverwandte ſich von Hroznata das auch von ihnen angeſtaunte Wunder mit den geſpen⸗ deten Früchten erklären ließen. Hroznata erzählte:„Ihr habt wohl von dem gelehrten Biſchof von Regensburg, Albertus, gehört, der im Rufe der Zauberei ſtand, und im Jahre 1240, als er den deutſchen König Wilhelm von Holland in Cöln, wo er damals als Scholaſtikus 61 lebte, zu Gaſte lud, dieſen und alle andern Gäſte dadurch in Staunen ſetzte, daß ſie, obgleich es Winter war, in einem blühenden Garten ſpeiſten. Ihr wißt, daß Euer Bruder nie an Zauberei geglaubt; als er bei ſeiner Reiſe in Deutſchland von den Zauberkünſten des Regensburger Biſchofs hörte, da ließ es ihm keine Ruhe, er mußte den Mann kennen lernen; er ſuchte ihn in Regensburg auf, und fand in ihm einen Geiſtesverwandten, der wie er der Philoſophie huldigte und die natürlichen Dinge er⸗ forſchte. Da erfuhr er denn aus des großen Philoſophen eigenem Munde, auf welche Weiſe er den blühenden Gar⸗ ten bei jenem Gaſtmahl hervorgebracht; durch kein an⸗ deres Zauberwerk, als durch künſtliche Zucht der Gewächſe in einem großen, beſtändig geheizten Raume unter ſorg⸗ fältiger Benutzung des Sonnenlichtes. Als Euer Bruder nach Krumau zurückkehrte, verſuchte er die Kunſt des weiſen Biſchofs nachzuahmen, und er brachte es nach und nach darin ſo weit, wenn nicht weiter, wie ſein Meiſter.“ „Daß unſer Bruder teufliſch Zauberwerk treibe,“ ſagte Wok,„das hat wohl Niemand von uns gedacht; aber wir konnten nicht wiſſen, wie er dieſe wälſchen, Früchte tragenden Bäume gezogen, und dieſe Sommer⸗ früchte zu dieſer frühen Jahreszeit hervorgebracht. Ganz begreifen wir es auch jetzt noch nicht— doch da kommt er.“ Und zu dem Nahenden gewendet, fuhr er fort:„Bruder, 62 Du haſt uns ein Mahl bereitet, wie es der König von Böhmen zu bieten wohl wird bleiben laſſen müſſen.“ „Alles zur Ehre des Vaterlandes und der glor⸗ reichen Roſe,“ verſetzte Zäwis.„Wenn es Euch gefällt, zeige ich Euch jetzt die neuen Anlagen der Burg.“ Die Umſtehenden baten um dieſe Gunſt. Zäwis lud auch die übrigen Gäſte zur Begleitung ein. Alle folgten ihm bis auf Hroznata, der auch die Schweſter des Burg⸗ herrn mit den Worten zurückhielt:„O laßt uns doch dieſen günſtigen Augenblick, endlich einmal ungeſtört uns zu ſprechen, benutzen, theures Fräulein!“ „Wenn uns nur der Bruder Zäwis nicht vermißt,“ ſagte Bertha zögernd. „Er wird uns nicht vermiſſen,“ erwiderte Hroznata; „die Menge der Gäſte iſt ja ſo groß.“ „Eigentlich wäre es meine Pflicht geweſen, mich um das Fräulein von Mahrenberg zu kümmern, mich ihr eine Zeit lang zu widmen; ich fürchte, mein Bruder wird die Vernachläſſigung dieſer gaſtlichen Pflicht rügen.“ „Er ſcheint nicht ſo für dieſe Dame eingenommen zu ſein, daß die Rüge ernſt ausfallen kann,“ verſetzte Hroznata;„zudem ſcheint ſie an dem Maler einen will⸗ kommenen Unterhalter gefunden zu haben.“ „Wie gefällt Euch die Dame?“ fragte Bertha. 63 „Ich hatte noch kein Auge für ſie,“ antwortete Hroznata. „Und ſie iſt doch ſo ſchön!“ ſagte Bertha. „Zäwis findet ihre Schönheit durch den Ausdruck unweiblichen Empfindens entſtellt— laſſen wir ſie! Zetzt ſagt mir, wie es Euch gegangen, während wir uns nicht geſehen.“ 1 „Leidlich wohl,“ erwiderte Bertha;„wäre meine gute Mutter nicht krank geweſen, könte ich ſagen: ganz wohl. Erzählt mir doch etwas von Eurer Reiſe— be⸗ ſonders von Prag; ich kann nie genug hören von der herrlichen, zauberhaften Stadt.“ „Sie hat ſich viel verändert, ſeit Ihr ſie nicht ge⸗ ſehen, ſagte Hroznata;„es iſt ſehr viel gebaut worden in der letzten Zeit; am rechten Ufer unter der Burg iſt eine ginz neue Stadt entſtanden, und auch zu der alten Stadt ſind ganz neue Theile hinzugekommen. Prag hat nichts dadurch verloren, daß der Adel geplündert worden; denn einen großen Theil der Einkünfte, die der König dadurch gewonnen, verwendet er in der Stadt, die denn auch ganz und gar königlich geſinnt iſt, beſonders ſeit Otakar die letzte Urſache der Unzufriedenheit der Bürger, die vielen deutſchen Handwerker, die er aufgenommen, aus der eigentlichen Stadt hinausgewieſen hat. Das Bürgerthum iſt im Beſitz der Freiheiten und Rechte, die 64 ihnen der König verliehen, in der letzten Zeit gar hoch⸗ müthig geworden; es fehlt wenig, daß es ſich den Edlen des Landes, den älteſten Czechenfamilien gleich ſtellt. Es gibt Prager Bürgersfrauen, die es an Pracht der Ge⸗ wänder und Reichthum des Schmuckes mancher Etel⸗ dame zuvorthun, wie ich denn mit eigenen Augen die Frau des Hofgoldſchmiedes Paltram beinahe für die Kö⸗ nigin angeſehen hätte.“ „Saht Ihr die Königin?“ fragte Bertha lebhaft. „Ich ſah ſie zweimal, einmal bei einem Hoffeſte und dann auf einem Spazierritt. „Iſt ſie noch immer ſo ſchön, wie ſie bei ihrer Krö⸗ nung war?“ „Sie ſcheint gegen die Wirkung der Jahre gefeit zu ſein; obgleich ſeit jener Zeit fünfzehn Jahre verloſſen ſind und ſie dreimal Mutter geweſen, blüht ſie wch in jungfräulicher Schönheit und überſtrahlt durch Geiſt und Anmuth die holdeſten Frauen des Hofes. Doch ſcheint ſie ſich ihrer Macht nicht bewußt zu ſein, ſonſt würde ſie manchen Feind des Königs allein durch ihre Anmuth beſiegen.“ „Ei, Herr Hroznata!“ ſagte Bertha in ſcherzhaftem Tone, hinter dem ſich aber eine eiferſüchtige Regung kaum verbarg,„Ihr ſcheint mir halb beſiegt zu ſein.“ „Mich ſchützt die Roſe vor ſolcher Macht,“ er⸗ ————— —————— 65 widerte der Ritter.„Uebrigens wird es Euch Vergnügen. machen, zu hören, daß die ſchöne Königin viel Sinn für unſere nationale Dichtkunſt hat. Ich hatte die Ehre, ihr von dem Oberſtkanzler als Sammler und Kenner volks⸗ thümlicher Dichtungen vorgeſtellt zu werden. Sie freute ſich und ſagte mir viel Schmeichelhaftes über das Ver⸗ dienſtliche meiner Bemühungen. Als ich nun gebührender⸗ maßen das Verdienſt ablehnte und Euern Bruder als den eigentlichen Urheber des Unternehmens nannte, rief ſie in ihrer kindlichen Lebhaftigkeit:„Ei! das iſt ja ſelbſt ein großer Dichter; ich ſinge ſeine Lieder zur Laute, mein Lieblingslied aber iſt ſein Vaterlandslied!“ Und ohne mich zu Wort kommen zu laſſen, ſagte ſie das ganze Lied mit begeiſtertem Ausdruck her.„Iſt das nicht göttlich?“ rief ſie am Schluß. Und nun fragte ſie mich über den Dichter aus, was er treibe, wie er ausſähe, wie alt er wäre, ob er Weib und Kind hätte, und warum er gar nicht an den Hof käme, wohin ein Dichter eigentlich gehöre. „Doch“— fügte ſie da gleich ſpitz hinzu—„dieſer Dich⸗ ter iſt ja auch ein großer Baron, und noch dazu einer von denen, die ſelbſt Könige ſein möchten, was ich“— fagte ſie wieder ganz harmlos—„beiläufig auch Keinem verarge, denn es iſt ganz ſchön, König zu ſein. Es iſt ein göttliches Lvos, keinen Herrn über ſich zu haben, als allein den dreieinigen Gott.“ 66 „Habt Ihr meinem Bruder dies Alles auch er⸗ zählt?“ fragte Bertha. „Gewiß,“ erwiderte Hroznata. „Und wie nahm er es auf?“ „Die Königin iſt ein großes Kind, ſagte er lachend, und ließ den Gegenſtand fallen.“ „Und doch ſchwärmte er damals für ſie, wie er ſie bei der Krönung geſehen,“ behauptete Bertha,„und ich glaube gar, ſie hat ihn zu ſeinen erſten Verſen begeiſtert. Aber ſeht nur, es wird ſchon dunkel, Herr Hroznata— wenn man uns jetzt hier allein träfe—“ „Den armen Herrn von Huſitz allein mit der reichen Tochter des mächtigſten Geſchlechtes im Böhmen⸗ lande— das müßte freilich Anſtoß erregen,“ verſetzte Hroznata betrübt. „Herr Hroznata!“ rief Bertha,„wäret Ihr weiter nichts, als der arme Herr von Huſitz, ſo würden meine ſtolzen Verwandten etwas ſehr Ungefährliches in dieſem Beiſammenſein finden; aber Eure perſönlichen Vorzüge geben ihnen ein Recht, Bertha von Krumau Euch gegen⸗ über nicht für ſtolz genug zu halten.“ „Wenn Ihr dem Stolze Eurer Verwandten immer alſo Rechnung traget, ſteht es traurig um meine Hoffnun⸗ gen,“ entgegnete Hroznata. „Nicht Rechnung trag' ich dieſem Stolze, verehrter 67 Freund, ſondern ich gebe ihm bloß keine Waffen gegen uns in die Hand. Dieſer Stolz würde ſchonungslos unſere Hoffnungen knicken, wenn er um ſie wüßte, bevor wir ihnen den mächtigen Schutz des Wladyka geſichert.“ „Und werden wir dieſen Schutz jemals erlangen? Iſt nicht der Wladyka der eifrigſte Wächter über die Ehre Eures Hauſes? Ging nicht der Gedanke, Euch mit einem Prinzen aus Arpad's Geſchlecht zu vermählen, von ihm aus?“ „Aber er gab den Gedanken auf, als ich ihm rund heraus ſagte, daß ich nur einem Böhmen meine Hand reichen werde. Haltet nur treu zu ihm, theurer Freund; ſchon jetzt ſchätzt er Euch hoch und Ihr ſeid im beſten Zuge, ihm unentbehrlich zu werden; ſeid Ihr dies einmal, habt Ihr ſein Herz, ſein Vertrauen ganz gewonnen, dann wird er Euch auch die Hand ſeiner Schweſter nicht vorenthalten und unſere Liebe ſchirmen gegen den Stolz unſeres Hauſes. Alſo getroſt, mein Freund, und folgen wir der Geſellſchaft!“ Sie reichte ihm mit einem Blick voll Liebe die Hand, die er glühend an ſeinen Mund drückte, worauf er mit ihr den Saal verließ. Sie trafen die Geſellſchaft hinter der Burg, wo das Felſenfundament derſelben durch eine tiefe Schlucht von einem zweiten Felſen getrennt war. 68 Auf dieſem Felſen erhob ſich jetzt eine Reihe neuer ſtatt⸗ licher Burggebäude, welche durch eine Zugbrücke mit der urſprünglichen Burg in Verbindung ſtanden. Dieſe neuen Gebäude umſchloßen einen zweiten Hof, aus welchem eine zweite Zugbrücke nach einem noch im Bau begriffenen prächtigen Schloſſe führte. Das hatte Zäwis zu ſeiner künftigen Wohnung beſtimmt. Mit dieſem Bauwerk ſtand die uralte Burgkapelle in Verbindung, an welche ſich eine neue größere Kapelle ſchloß, die eben vollendet, das Ziel der jetzigen Wanderung des Schloßherrn und ſeiner Gäſte war. Scarlatti war noch immer an der Seite des Fräuleins von Mahrenberg. Er freute ſich darauf, ihr eine beſſere Meinung von der Frömmigkeit des Burg⸗ herrn beizubringen, indem er ihr bei Beſichtigung des neuen Gotteshauſes die Summen nannte, welche derſelbe darauf verwendet, und wie er der Vollendung des Schloß⸗ baues den der Kapelle habe vorangehen laſſen. Ludmila ſchien befriedigt von dieſen Mittheilungen und noch mehr davon, daß beim Eintritt in die Kapelle dieſelbe wie durch Zauberwerk hell erleuchtet ward und ein wunder⸗ ſchöner Geſang in czechiſcher Sprache vom Chore aus ertönte. Augenblicklich verwandelte ſich die fröhliche Gaſt⸗ geſellſchaft in eine andächtige Gemeinde. Es waren feſt⸗ lich gekleidete Jünglinge und Mädchen, welche den 69 Geſang ausführten, der eine Ueberſetzung des Pſalms war:„Der Herr iſt mein Hirte.“ „Die Ueberſetzung dieſes Pſalms iſt ein Werk des Burgherrn,“ ſagte Scarlatti zu der entzückt lauſchenden Ludmila am Schluße des Geſanges;„doch hört, was jetzt noch folgt und auch von ihm herrührt.“ An den Pſalm ſchloß ſich ein Choral mit dem Texte: O ſelig, wer in Gottes Hut Sein ganzes Leben ſtellt, Getroſt in ſeiner Liebe ruht, An ſeinen Arm ſich hält; Wer fromm bei ihm zur Weide geht, Aus ſeinen LQuellen trinkt, Auf ſeinen Stab geſtützet ſteht, Wenn er mit Stürmen ringt. O Menſch, wirf deine Sorgen fort, Und was das Herz dir guält! Dein Gott, dein Hirt, dein Stab und Hort Hat Alles, was dir fehlt.“— „Zweifelt Ihr nun noch an der Frömmigkeit des Burgherrn?“ ſagte Searlatti beim Austritt aus der Kapelle zu Ludmila. „Was ich jetzt ſah und hörte,“ antwortete ſie,„hat mir wohl gethan und das Vertrauen, mit dem ich hierher gekommen, wieder hergeſtellt.“ 70 Es war inzwiſchen Nacht geworden, aber der Rück⸗ weg zur Burg war durch brennende Pechpfannen erleuch⸗ tet. Wie man die Zugbrücke über die Schlucht, die ſpätere Bärengrube, betrat, fanden ſich die Gäſte durch ein ganz neues Schauſpiel überraſcht. In der Tiefe der Schlucht bewegte ſich eine Kette von zahlloſen Lichtern in einer Schlangenlinie und klomm allmälig an der Burg⸗ ſeite des ſteilen Felſens empor, was in der herrſchenden Dunkelheit einen wunderbaren Anblick gewährte. „Was iſt denn das wieder?“ rief Ludmila, auf's neue von dem Gedanken an Zauberei ergriffen. „Das ſind die Bergleute des Burgherrn,“ ant⸗ wortete Scarlatti;„denn Krumau hat reiche Silber⸗ gruben, die ſeiner Prachtliebe und Bauluſt trefflich zu Statten kommen. Herr Zäwis wollte ſeinen Gäſten eine kleine Vorſtellung von dem Ausfahren der Bergleute aus den tiefen Schachten geben, und ſo ſteigen ſie nun gerade wie aus dieſen auf Leitern am Felſen empor. Im alten Burghof werden wir ſie ſich aufſtellen und dann feſtlich aufziehen ſehen.“ Man ging nach dem Burghof, wo wirklich die Auf⸗ ſtellung der Bergleute, über vierhundert an Zahl, mit ihren Grubenlichtern und der Aufzug ſtattfand, der mit einer Bewirthung der ganzen Schaar in demſelben Saale 71 endete, in welchem am Tage die vornehmen Gäſte des Hauſes geſpeiſt hatten. Einen ſo hohen Begriff Ludmila durch Alles das von den glänzenden perſönlichen Eigenſchaften, wie von der Macht und den Mitteln des Hauptes der Witkowetze erhielt, ſo war ſie doch, als ſie ſich auf ihr Zimmer begab, nicht damit zufrieden, daß er den ganzen langen Tag und den Abend hatte verſtreichen laſſen, ohne daß er auch nur mit einer Silbe des Zweckes gedachte, zu dem man ſich auf Krumau zuſammengefunden. Und ſtatt wie andere Gäſte nach der Anſtrengung und den Genüßen des Tages Erholung in den Armen des Schlafes zu ſuchen, brütete ſie noch lange, was ſie thun ſolle, falls Zäwis nicht der Mann der That wäre, den ſie in ihm erwartet hatte. Biertes Capitel. Am andern Morgen erhielt Ludmila einen Beſuch von der Schweſter des Burgherrn, die ſich erkundigte, wie Fräulein von Mahrenberg die erſte Nacht auf Krumau geſchlafen, und ihr ankündigte, daß Zäwis ſeine Gäſte um neun Uhr im Burghofe zur Berathung erwarte. 72 Als Bertha ſich wieder entfernt hatte, warf ſich Ludmila auf ihre Knie und betete:„Almächtiger Gott, der Du ein Rächer der Unſchuld und ein Richter der Bosheit biſt, rüſte Du mich mit Kraft, meine Sache zu führen, und lenke die Herzen der hier verſammelten mäch⸗ tigen Männer zu meinem Beiſtand und zur kräftigen Er⸗ hebung wider den Thrannen und Mörder meines ſchuld⸗ loſen Vaters. Dafür will ich auch mein Leben Deinem Dienſte weihen— ja Herr! wenn Du meinen Vater rächſt, wenn Du ſeinen Mörder ſtrafſt, dann gelobe ich Dir—“ „Haltet ein, edles Fräulein!“ rief eine Stimme hinter der Beterin—„Euer Gelübde iſt Sünde.“ Erſchrocken wendete ſich Ludmila um; mit flehender, angſtvoller Gebärde ſtand der junge Meiſter Scarlatti vor ihr. „Ihr erkühnt Euch in das Gemach einer Dame zu dringen!“ rief ſie zornig ſich erhebend. „Verzeiht, edles Fräulein,“ entgegnete der Maler; „es geſchah in beſter Abſicht. Der Burgherr trug mir auf, ſeine Schweſter hier zu ſuchen, der er die Aufſicht über die Pflege des verwundeten Ritters übertragen wollte, ſo lange er durch die bevorſtehende Berathung ſelbſt daran verhindert iſt.“ 73 „Fräulein Bertha war bei mir,“ ſagte Ludmila; „aber ſie hat mich wieder verlaſſen.“ „Dann muß ich ſie weiter ſuchen— aber ich glaube, es war Gottesfügung, daß ich ſie erſt verfehlte; vielleicht wollte er Euch durch mich abhalten von einem übereilten ſündhaften Gelübde.“ Ludmila maß den ZJüngling mit zornigem Staunen. Trotz der Strenge ihrer Züge war ſie doch jetzt herrlich anzuſchauen. Sie trug nur erſt ein einfaches, weites, ſchwarzes Gewand, das, durch eine Schnur über den Hüften zuſammengezogen, die ganze üppige Schönheit ihrer Geſtalt wahrnehmen ließ; das griechiſche Antlitz trat aus einer Fluth glänzend ſchwarzer, hinten auf⸗ geneſtelter Locken, ein paar herrlich geformte, wie El⸗ fenbein ſchimmernde Arme gingen aus den weiten ge⸗ ſchlitzten Aermeln hervor. Wenn man dieſe mächtige junoniſche Geſtalt mit dem faſt vernichtenden Blicke der ſchmächtigen, ſanften Jünglingsgeſtalt gegenüber ſah, die dem Maler Scar⸗ latti eigen, ſo hätte man für dieſe zittern mögen. Und doch lag in ihm, lag wenigſtens in ſeinem anmuthigen, ſeelenvollen Geſicht mit den großen, ſchwärmeriſchen Au⸗ gen eine geheimnißvolle Macht, welche den Zorn der Dame entwaffnete. „Ihr wiſſet nicht, was Ihr redet, Wi ſagte 1860. XVIII. Zäwiß von Roſenberg. I. 74 ſie nach einer Pauſe;„denn nicht mein Gelübde iſt ſünd⸗ haft, ſondern Euer Verſuch, es zu ſtören— verlaßt mich, damit ich es vollende!“ „Wohl mag es frevelhaft ſein, ein Gelübde zu ſtö⸗ ren, das eine Seele dem Dienſte Gottes weiht,“ verſetzte der Maler,„und dennoch treibt mich eine mächtige innere Stimme, Euch an der Ablegung Eures Gelübdes zu hin⸗ dern.“ „Das iſt vielleicht nur der widerchriſtliche Geiſt, der in dieſen Räumen umgeht und der auch Euch erfaßt hat,“ erklärte Ludmila. „Das Chriſtenthum predigt Liebe und lehrt, daß nur ſolche Gelübde dem Herrn gefallen, die in der Liebe wurzeln,“ entgegnete Scarlatti;„Euer Gelübde ſchien mir eine Geburt des Haſſes zu ſein!“ „Ich ſagte ja, Ihr wiſſet nicht, was Ihr redet,“ ſagte Ludmila;„was Ihr Haß nennet, iſt der gerechte Schmerz einer liebenden Tochter, der man— doch wozu Euch das auseinanderſetzen? Wenn Ihr der Verſamm⸗ lung der Barone beiwohnet, werdet Ihr Alles erfahren. Zetzt laßt mich allein!“ „Ich muß gehorchen,“ antwortete der Maler; „verzeiht mir meine Kühnheit.“ Er wandte ſich zum Gehen— aber an der Schwelle blieb er noch einmal ſte⸗ hen und ſchaute ſich nach dem Fräulein um, das ihm . 75 gedankenvoll nachblickte; er heftete einen langen, flehen⸗ den Blick auf ſie, der ihr durch die Seele drang. Sie winkte ihm mit der Hand, daß er gehen ſolle; zö⸗ gernd verließ er das Gemach und Ludmila war wieder allein... aber ſie war nicht im Stande, das unterbro⸗ chene Gelübde wieder aufzunehmen. Unzufrieden mit ſich und zürnend auf den Störer, dennoch ohne Macht, ſich dem Einfluße ſeiner, in ihrem Innern nachhallenden Stimme, ſeines in der Seele brennenden Blickes zu ent⸗ ziehen, wartete ſie auf die Stunde, die ſie zur Bera⸗ thung rief. Im Burghofe unter den knoſpenden Kronen drei uralter Linden tagten die auf Krumau verſammelten Barone nach altezechiſcher Weiſe. Auf einer Erhöhung unter einer der Linden ſtand der Stuhl des Vorſitzenden, zu welchem durch einſtimmigen Ausruf Zäwis ernannt wurde; davor reihten ſich im dreifachen Halbkreis die Sitze der übrigen Verſammelten aneinander, deren zahl⸗ reiches reiſiges Gefolge zu Roß und in voller Waffen⸗ rüſtung die Stätte der Berathung wie eine lebendige Mauer umſchloß. Zwei Marſchälle wieſen den Berathen⸗ den ihre Plätze dergeſtalt an, daß ſämmtliche Witkowetze nach ihren Linien auf die beiden Seiten des Halbkreiſes zu ſitzen kamen, während den Fremden die Mitte ver⸗ blieb. Die Beamten und höheren Diener des Hauſes 5* 76 durften der Verſammlung hinter dem Präſidentenſtuhl als ſtumme Theilnehmer beiwohnen. Zäwis, der in ſeiner prachtvollen äußern Erſchei⸗ nung an einen der alten Knezen des Landes gemahnte, er⸗ öffnete die Sitzung mit folgender Anſprache: „Verſammelte Vertreter der edelſten Geſchlechter dieſes Landes, verſammelt nach der Sitte der Väter un⸗ ter Gottes freiem Himmel im Schatten heiliger Linden zu ernſtem Rath in ernſter Zeit, ich biete euch Heil und Gruß und erſuche einen Zeden, in offener und freier Rede darzuthun, was nach ſeiner Anſicht die Lage des Vaterlandes, ſeine Ehre und ſeine Wohlfahrt von uns erheiſcht. Ihr, Boreſch von Rieſenburg und Oſſegg, habt zunächſt das Wort.“ Boreſch, der an der Seite Ludmila's von Mahren⸗ berg ſaß, erhob ſich und ſprach: „Noch nie, ihr Männer vom Volke Czech's, noch nie ſeit den blutigen Tagen Botiwoj's II. und Swato⸗ pluk's war die Lage unſeres ſchönen Vaterlandes eine ernſtere, war die Pflicht des Adels, über das alte ange⸗ ſtammte Recht zu wachen und, ſoweit es verletzt worden, an ſeiner Wiederherſtellung zu arbeiten, eine gebieteriſchere, als in dieſem Augenblick. Ihr alle, die ihr hier verſam⸗ melt ſeid, wiſſet, welche Geißel für das Land von jeher der Mann geweſen, der ſeit dreiundzwanzig Jahren auf dem 77 Stuhle Krok's ſitzt. Wo iſt einer unter uns, der nicht zu klagen hätte über ein ſchweres Unrecht, das ihm wider⸗ fahren von dieſer gewaltthätigen Hand; wo iſt einer un⸗ ter uns, den Otakar nicht in ſeinem Eigenthum geſchädigt hat? Da iſt kein Recht ſo unzweifelhaft und verbrieft, das er nicht angetaſtet, da iſt kein Name ſo ehrwürdig, den er nicht beſchimpft, kein Verdienſt ſo anerkannt, das er nicht mit Undank belohnt! Ich, der Arme von Oſſegg, rufe euch zu Zeugen an, ihr Herren von der fünfblät⸗ trigen Roſe, und euch, Ihr Kraſikowa, Ihr Michalka, Ihr Duba und Seeberg, Ihr Bles und Beneſch, Ihr Zierotin und Egerberg, ich rufe euch zu Zeugen an, daß ich die Wahrheit rede; denn euch Allen raubte der über⸗ müthige Piemyslide unter den nichtigſten Vorwänden eure ſchönſten Güter. Was kann aus einem Lande wer⸗ den, wo das Recht alſo mit Füßen getreten wird, wo der Adel, der Stolz und die Blüthe des Volkes, der Bewah⸗ rer ſeiner heiligen Ueberlieferungen, aus tauſend Wunden blutet, die ihm von Tyrannenfauſt geſchlagen worden? Ein ſolches Land wird eine Heimath der Schmach und Ohnmacht, ein ſolches Volk wird ein Zerrbild unter den Völkern. Und Gott ſei es geklagt, es fehlt nur wenig, daß es mit Böhmen dahin gekommen! Aber noch iſt Rettung möglich vor dem gänzlichen Verfall, Gott ſelbſt kommt uns zu Hilfe, das Joch abzuſchütteln und abzuwälzen die 78 Schmach von uns und unſerm Vaterlande. Wen der Herr verderben will, den verblendet er. In ſeiner Verblendung hat der übermüthige Tyrann ſich nicht begnügt, die Großen ſeines Landes zu bedrücken, er hat auch den Kaiſer und die Fürſten des Reiches beleidigt und herausgefordert. Indem er dem edlen Habsburger die Anerkennung verſagt und ſich weigert, über unbeſtrittene Provinzen des Reiches Lehen zu nehmen, zieht er ſich die Acht des Reiches zu, und ſein Uebermuth reizt ſelbſt ſeine Freunde, von ihm abzufallen und das Schwert wider ihn zu kehren; ſogar ſein treueſter Freund, Heinrich von Baiern, hat ſich von ihm losgeſagt und iſt in das kaiſerliche Lager übergegan⸗ gen. Furchtbar ſind die Wolken des Strafgerichtes, die ſich gegen ihn heranwälzen; mächtig rüſtet das Reich zum Kriege, um den widerſpenſtigen König⸗Herzog auf ſein Stammland einzuſchränken; im Oſten bereitet ſich der Ungarkönig, ſich für frühere Schmach zu rächen; in Oeſterreich und Steiermark harren die Großen des Lan⸗ des nur des Augenblickes, um das Joch abzuwerfen und dem Kaiſer als ihrem Herrn und Befreier zu huldigen. Dieſer Augenblick— er iſt auch der Augenblick unſerer Befreiung; der Kaiſer kennt alle unſere Leiden, unſere Stimmung, er iſt unſer Freund und erwartet, daß wir uns im Rücken des Königs erheben, wenn er gegen das Reich in den Kampf zieht. Laßt uns den Augenblick nicht 79 verſäumen, laßt uns die dargebotene Hand ergreifen und im Anſchluß an den ritterlichen und gerechten Kaiſer das Joch abſchütteln, das ſo lange auf uns gelaſtet.“ Ein Beifallsſturm folgte dieſer Rede. Doch nicht Alle nahmen daran Theil; unter den Witkowetzen beobachteten einige ein tiefes Schweigen; auch Hroznata von Huſitz ſchwieg und hing ernſt und erwartungsvoll an den Zügen des Vorſitzenden, auf dem eine düſtere Wolke zu lagern ſchien. Da trafen ſich die Blicke Beider, und in dem Blicke Zäwis's ſchien die Frage zu liegen:„Was ſageſt Du dazu?“ Hroznata war der öffentlichen Rede nicht gewohnt, doch drängte es ihn mächtig zu einer Erwiderung, und als ſein Auge von Zäwis hinwegſchweifend dem Blicke der im Hintergrunde ſitzenden Geliebten begegnete, da ſchlug der Funke der Begeiſterung in ihn und er erhob ſich zu folgender Rede: „Die Anklagen, die der edle Herr von Rieſenburg erhoben, ſind nur zu gegründet; aber ſo ſchwer ſie auch ſein mögen, ſo treffen ſie doch noch nicht den Punkt, wo unſer Vaterland am tiefſten verwundet iſt. Alle Be⸗ drückungen und Unbilden, die der Adel vom König Otakar erfahren, ſie treffen nur den Leib der Nation; aber ver⸗ wundet iſt das Herz und die innerſte Seele des Volkes durch die Untergrabung und Beſeitigung ſeines uralt hei⸗ miſchen Rechtes, ſeiner freien, von den Vätern ererbten Einrichtungen. Als Vater Czech„über die drei Ströme kam“ und ſich in dem geſegneten Lande zwiſchen den vier Gebirgen niederließ, da wollte er es zum feſten Sitze eines Volkes von Brüdern machen. Weit umher in der Welt herrſchte die Zwietracht, herrſchte Raub, Mord, Er⸗ oberung und Unterdrückung; in Böhmen ſollte der Friede wohnen, das Recht und die nützliche Arbeit, die freie Ent⸗ faltung jeder guten Kraft des Menſchen. Danach ſtiftete er ein Gemeinweſen, in welchem alle Stammesglieder ein⸗ ander gleich waren, in dem nicht der größeſte Krieger, ſondern der weiſeſte Mann das höchſte Anſehen hatte, wo keine wichtige Angelegenheit durch den Willen eines Ein⸗ zigen entſchieden werden konnte, ſondern die höchſte Ge⸗ walt im Lande nur im Vollzug des Geſammtwillens be⸗ ſtand; wo Keiner nach der Willkür eines Einzelnen gerich⸗ tet werden durfte, ſondern nur durch eine Verſammlung von Männern ſeines Gleichen; wo das Eigenthum und die Arbeit heilig waren, ja wo die friedliche Arbeit höher ſtand, wie die kriegeriſche That. Auf dieſen Grundlagen erbaute ſich unter Czech's Nachfolgern die alte Zupen⸗ verfaſſung, die Jahrhunderte lang blühte und das Böh⸗ menvolk zu dem glücklichſten der ganzen Welt machte. Aber nicht alle Nachfolger Czech's waren beſeelt von ſei⸗ nem Geiſte. Die ſpäteren Sprößlinge des Hauſes Pie⸗ mysl insbeſondere entarteten durch den langen Beſitz der ———— —.——— ———— —.——— 81 höchſten Würde. Statt im Geiſte der Väter das gemeine Weſen fortzubauen, blickten ſie ſehnſüchtig auf die Einrich⸗ tungen der Deutſchen, welche, aus einem kriegeriſchen Geiſte hervorgegangen, den Vorſtehern des Volkes grö⸗ ßere Macht verliehen, als bei uns, und überhaupt Will⸗ kür und Herrſchaft mehr begünſtigten. Und fortan ſtrebten die Piemysliden dahin, die Einrichtungen der Deutſchen zu uns herüberzuziehen und unſere uralten Einrichtungen durch ſie zu verdrängen. Keiner von allen aber war in dieſem Beſtreben kühner, folgerichtiger und feſter als Pie⸗ mysl Otakar II. Er ſtieß die ehrwürdige Zupenverfaſſung vollſtändig um und ſetzte an ihre Stelle die deutſche Commu⸗ nalverfaſſung; die Porota, das Gericht durch freie Geſchwo⸗ rene, mußte dem Gerichte durch Schreiber weichen, die in des Königs Pflicht ſtehen; das ganze gemeine Weſen iſt gebeugt unter den einen Willen, der auf dem Stuhle Krok's ſitzt. Alles ſoll nach dieſem Willen ſich richten, ſelbſt in das Innere unſerer Häuſer hinein will dieſer Wille ſich geltend machen. So iſt unſer ganzes Staatsweſen um⸗ gekehrt worden, das Heimiſche hat dem Fremden weichen müſſen, und nur unſere ſchöne Sprache noch erinnert uns, daß wir Czechen ſind. Aber wer bürgt uns dafür, daß man zuletzt nicht auch dieſe uns raubt? So wie das hei⸗ miſche Recht, die heimiſche Verfaſſung, die heimiſche Klei⸗ dung ſogar dem fremden Recht, der fremden Verfaſſung, 82 der fremden Tracht haben weichen müſſen, ſo kann durch eine fortgeſetzte Begünſtigung des Fremden auch unſere Sprache durch die fremde Zunge, wenn auch nur allmälig, verdrängt werden. Sollen wir auch das noch ruhig ge⸗ ſchehen laſſen? Sollen wir die Hände in den Schooß legen, wenn wir unſer Volksthum langſam abgeſchlachtet werden ſehen? Sollen nicht endlich alle echten Czechen⸗ mannen aufſtehen und den Geier vernichten, der am Her⸗ zen der Nation frißt?— Ihr edlen Herrn, die ihr hier verſammelt ſeid zu ernſtem Rath für das Vaterland, laſſet dieſe Stunde nicht vorübergehen, ohne einen mannhaften Beſchluß zu faſſen. Die Zeit zur Erhebung iſt vor der Thür; ließen wir ſie ungenützt verſtreichen, wer weiß, ob je wieder eine günſtige Gelegenheit käme, die Nation vom Untergange zu retten. Schließen wir heute eine feſte Verbrüderung, in dem Angenblicke, wo Piemysl Otakar gegen die Deutſchen im Kampfe ſteht, die Fahne der Freiheit und der Nationalität zu erheben und das alte heimiſche Recht, die alte heimiſche Verfaſſung wieder auf⸗ zurichten. Aber hüten wir uns, mit den ausländiſchen Feinden des Königs gemeine Sache zu machen, hüten wir uns vor irgend einer Verbindung mit ihnen; was ſie mit Otakar als deutſchen Reichsfürſten wegen Oeſterreich, Steiermark, Kärnthen und Krain zu ſchaffen haben, das geht uns nichts an— genug, daß wir ihren Streit benutzen, 83 um uns ſelbſt zu helfen, um unſere eigene gerechte Sache ſelbſtändig durchzufechten. Alles durch uns! das ſei un⸗ ſere Loſung— unſer Gut und Blut für die Erhebung und Wiederherſtellung des Vaterlandes!“ Dieſe Rede fand den Beifall faſt aller Witkowetze und der meiſten altczechiſchen Barone; nur Heinrich von Roſenberg, Sezema von Wittingau, Albrecht von See⸗ berg, ſowie Boreſch von Rieſenburg und das Fräulein von Mahrenberg ſchienen damit nicht einverſtanden. Al⸗ brecht von Seeberg verſuchte die Verſammlung von den Vortheilen einer Verbindung mit Rudolf von Habsburg zu überzeugen, er wies auf den mächtigen Anhang Ota⸗ kar's in Böhmen hin und auf die Unzuverläſſigkeit vieler heute mit ihm unzufriedenen Böhmen. Er erinnerte an die Möglichkeit eines Friedens zwiſchen Otakar und Ru⸗ dolf, der jenem noch Macht genug ließe, die Empörung im eigenen Lande zu unterdrückeu, und wie dann ſeine Rache furchtbar ſein würde, wie die„Patrioten“ dann ſchutzlos dieſer Rache preisgegeben ſein müßten. Als Bundesgenoſſen des Kaiſers hätten ſie ein Recht auf deſ⸗ ſen Schutz, müßten ſie in einen von dieſem geſchloſſenen Frieden mit eingeſchloſſen werden. Hiergegen ſprach Wok, der Bruder Zäwis, indem er auf die ſteten Verſuche der deutſchen Kaiſer hinwies, Böhmen zu einer Provinz ihres Reiches zu machen.„Auch 84 Rudolf von Habsburg,“ ſagte er,„wird dieſe Kaiſer⸗ politik zu der ſeinigen machen. Wehe uns, wenn wir uns ihm irgendwie verpflichten! Wenn der Schwächere ſich mit dem Stärkeren verbindet, ſo wird jener allemal von dieſem abhängig, und nimmt er ſeinen Schutz in An⸗ ſpruch, ſo wird er ſein Client— und vom Clienten zum Knecht iſt nur ein Schritt. Darum ſtimme ich dem edlen Herrn von Huſitz bei und rufe mit ihm: Alles durch uns!“ Nach dieſem Redner erhob ſich Heinrich von Roſen⸗ berg.„Fern ſei es von mir,“ ſagte er,„die Anklage⸗ punkte, die von den Sprechern vor mir gegen König Otakar vorgebracht worden, zu beſtreiten, noch will ich dagegen ſtreiten, daß eine Aenderung der Dinge in Böh⸗ men dringend Noth thue. Dennoch kann ich nicht zu einem Schritte rathen, wie er hier vorgeſchlagen worden, nicht weil ich ihn für unrecht halte, ſondern weil ich fürchte, er werde nicht zum erwünſchten Ziele führen. Denkt an die Wrſchowitze! Mit welchem Muthe und mit welcher Fähigkeit hat dieſes Heldengeſchlecht den Kampf gegen die Piemysliden geführt! Wie lange hat es ihnen getrotzt, wie oft ihnen die Spitze geboten— und dennoch mußte es zuletzt erliegen— erliegen in einer Weiſe, daß es völ⸗ lig aus der Geſchichte und den Geſchlechtstafeln unſeres Vaterlandes verſchwand. Und damals beſaßen die Pie⸗ mysliden nicht die Hälfte der Machtvollkommenheit, die ſie 85 jetzt beſitzen, die insbeſondere König Otakar gewonnen, der außerdem die Gegner der Wrſchowitze, Botiwoj und Swatopluk, an Geiſtesmacht und Thatkraft weit überragt. Ihr baut zwar auf den Kampf, in den der König mit äußeren Feinden verflochten, ihr meint hinter ſeinem Rücken leicht den Sieg zu erringen. Das iſt möglich— aber was kann die Folge eines ſolchen Sieges ſein? Wenn der König, durch dieſen Sieg genöthigt, mit dem Kaiſer einen ſchimpflichen Frieden ſchließt, wird er ſich gegen euch kehren und ſeinen Thron wieder zu erobern ſuchen. Ein Bürgerkrieg, deſſen Ende und Verlauf nicht abzuſehen, wird durch das Land raſen und es verheeren und ſchließ⸗ lich zur Beute des deutſchen Reiches machen. Ich bin dafür, daß wir in dem bevorſtehenden Kampfe treu zu dem Könige halten, ihm die auswärtigen Feinde über⸗ winden helfen und dann von ſeiner Dankbarkeit unſere Rechte und Freiheiten zurückfordern.“ Dieſer Vorſchlag ward von Vielen mit Murren und Zeichen des Hohnes aufgenommen. Ludmila von Mah⸗ renberg fühlte ſich zu einer feurigen Entgegnung aufge⸗ ſtachelt. Sie ſprach:„Wer ſprach von der Dankbarkeit Piemysl Otakar's? Wer kann Dank erwarten von einem Tiger? Sein gieriger Zahn zerreißt, was ihm in den Weg kommt, ſei er Freund oder Feind, Wohlthäter oder Verbrecher. Große und gewichtige Anklagen ſind in die⸗ 86 ſer erlauchten Verſammlung wider König Otakar erhoben worden, Anklagen gegründet auf unwiderlegliche That⸗ ſachen, und dennoch konnte ſich eine Stimme für ihn er⸗ heben! Ich kam hierher mit einem großen Schmerz, ich wollte ihn nicht laut werden laſſen, im Vertrauen auf die ritterliche Geſinnung der hier verſammelten Herren; aber die letzte Stimme, die ich vernommen, reizt mich, zwingt mich, auch meine ſchwache Stimme zu erheben und zu den bereits gehörten Anklagen noch eine zu fügen. Ihr, erlauchte Herren, ſehet in mir die Tochter eines Mannes, deſſen unſchuldig vergoſſenes Blut gegen Pie⸗ mysl Otakar zum Himmel ſchreit. Mein Vater Sey⸗ fried von Mahrenberg ſaß in Frieden auf ſeiner Burg in Steiermark, als die Kunde zu ihm drang, daß der rit⸗ terliche und weiſe Graf von Habsburg zum römiſchen Kaiſer und Oberlehensherrn über Steiermark erwählt worden. Voll Freuden ordnete er einen Dankgottesdienſt in ſeiner Burgkapelle an und ließ das große Ereigniß in allen Orten, die ihm gehörten, unter Glockengeläut ver⸗ kündigen. Denn er hoffte, daß es nun beſſer werden müſſe im Lande, da wieder ein Oberherr und oberſter Richter da ſei, der der Willkür des König⸗Herzogs Ein⸗ halt thun werde. Denn nicht minder wie in ſeinem Stammlande Böhmen bedrückte Ptemysl Otakar den Adel in Steiermark. Daher theilten noch Viele die Freude 87 meines Vaters, und da er ob ſeines Freimuthes und ſei⸗ ner Klugheit in hohem Anſehen ſtand, ſo kamen ſie zu ihm, ihn zu fragen, wie man die Aenderung im Reiche zum Wohle des Vaterlandes nützen möge. Da rieth er zu vereinigter Beſchwerdeführung bei Kaiſer und Reich. Dieſer Rath fand allgemeine Zuſtimmung, man beſchloß eine Beſchwerdeſchrift abzufaſſen und dieſe durch Abge⸗ ordnete aus der Mitte des Adels am Reichstage zu über⸗ geben. Ehe aber dieſer Schritt zur Ausführung gedieh, geſchah es, daß König Otakar nach Steiermark kam und, von Verräthern über den Plan des Adels und die Be⸗ theiligung meines Vaters daran in Kenntniß geſetzt, vor Mahrenberg erſchien, ihn zur Rechenſchaft zu ziehen. Mein Vater lag eben krank darnieder; nichts deſto weni⸗ ger ließ ihn der König⸗Herzog aus ſeinem Bette reißen und trotz dem Flehen ſeines Weibes und ſeiner einzigen Tochter in Banden nach Böhmen ſchleppen, wo er aufs Schaffot geſchleift, von Henkershand an den Füßen auf⸗ gehängt und dann mit einer Keule todtgeſchlagen ward. Meine Mutter und ich, die wir als Gefangene auf Mah⸗ renberg zurückgehalten wurden, erhielten erſt nach vielen Monaten die erſchütternde Kunde von dem gewaltſamen Ende unſeres Herrn und Vaters. Meine ſanfte Mutter tödtete der Gram, ich aber ſchwor an ihrer Leiche, mein Herz jeder Freude, jeder ſanften Empfindung zu ver⸗ 88 ſchließen, bis ich den grauſamen Mörder meines Vaters in den Staub geſunken ſähe. Von Burg zu Burg bin ich gewallt auf den Bergen meiner Heimath und habe den Edlen des Landes mein Leid geklagt, habe ſie ent⸗ flammt zur Rache gegen den Unterdrücker; ſie haben ihre Beſchwerde vor den frommen und gerechten Kaiſer ge⸗ bracht, der ſie gnädig aufgenommen und ſie ermahnt hat, ſich gerüſtet zu halten, bis er ſich aufmachen werde, den mächtigen Frevler zu ſtrafen. Und weiter bin ich gezogen nach Oeſterreich und habe meine Sache vor alle gerechten und edlen Männer gebracht; wohl mir, daß ich ſagen darf, meine Klage verhallte nirgends ohne Erfolg, überall fand ich Hände, bereit das Schwert gegen den Tyrannen zu ziehen und überall bot man der heimathloſen Waiſe eine Freiſtatt bis zum Tage der Rache. Aber weiter trieb mich das gewaltige Leid in meiner Bruſt zu den herrlichen Söhnen Czech's, die am meiſten litten unter der ehernen Fauſt des Thrannen, die das lebendigſte Mit⸗ gefühl haben mußten für meinen Schmerz, und die es zu allermeiſt in der Hand hatten, den Tyrannen zu vernich⸗ ten. Ihr edlen Herren von Böhmen, ihr habt meine Sache gehört— ich ſehe es an euren bewegten Mienen, daß ſie eure Herzen ergriffen, daß ihr erfüllt ſeid von dem ganzen Abſcheu, den ein ſo boshafter und grauſamer Mord, wie er an meinem Vater verübt worden, in 89 gerechten Herzen erregen muß; ich hoffe, ihr werdet einen mannhaften Beſchluß faſſen, der kurz dahin lau⸗ tet: Untergang dem Tyrannen!“ Faſt athemlos hatte die ganze Verſammlung dieſe oft von Thränen begleiteten und durch Schluchzen un⸗ terbrochenen Rede zugehört. Das leicht entftammte böh⸗ miſche Blut kochte in manchem Herzen auf, viele Blicke und Mienen verriethen einen feurigen Entſchluß, mehr als eine Hand fuhr nach dem Schwerte, und es fehlte wenig, daß Dieſer und Zener nicht das Schwert gezogen und Angeſichts der, einer Rachegöttin gleichenden Jungfrau den Schwur ausgeſtoßen hätte:„Tod dem Tyrannen!“ Doch ein Blick auf Zäwis, der in überwältigender Hoheit und Ruhe ſich von ſeinem Sitze erhob und an⸗ deutete, daß er das Wort ergreifen wollte, unterdrückte jede Bewegung, jede Aeußerung eines Gedankens und einer Empfindung. In einem Tone, der ſich zu der Sprache Ludmila's verhielt, wie eine windſtille hohe See zu einer ſturmbewegten Brandung, begann er: „Edle Herren und Freunde! Das Erſte, was der Mann in allen öffentlichen Kämpfen im Auge haben muß und nie aus dem Auge laſſen darf, iſt das Vaterland. Dem müſſen alle Rückſichten, alle Anliegen, alle noch ſo gerechten Wünſche, alle Leidenſchaften untergeordnet ſein. Wo ein Volk groß geweſen iſt in der Geſchichte der 1860. XVIII. Zäwis von Roſenberg. I. 6 90 Menſchheit, da iſt es groß geweſen durch freie und freu⸗ dige Unterordnung des Einzelwohls unter das Geſammt⸗ wohl, der eigenen Macht, des eigenen Glanzes, der ei⸗ genen Ehre unter Macht, Glanz und Ehre des Vater⸗ landes. Das laßt uns bedenken und auf der Hut ſein, einen Beſchluß zu faſſen, in welchem die Privatleiden⸗ ſchaft den Sieg über die Liebe zum Vaterlande davon⸗ getragen. Kein Böhme kann ſich ärger an dem innerſten Weſen ſeines Volkes verſündigen, als wenn er der Lei⸗ denſchaft einen ſolchen Sieg geſtattet. Uneigennützige,. treue Liebe zum Vaterlande iſt ja gerade der vornehmſte Zug im böhmiſchen Volksgeiſte. An dieſem Zuge laßt uns halten wie an einem Heiligthum; er ſei der Probir⸗ ſtein für alle unſere Beſchlüße. Es iſt etwas Alltägliches, daß ſich die gemeine, ſelbſtſüchtige Leidenſchaft in das Gewand einer Tugend hüllt, daß ſie ſelbſt von der höch⸗ ſten Mannestugend, der opferfreudigen Vaterlandsliebe, den Namen borgt. Hüten wir uns vor ſolchem Blend⸗ werk, halten wir den Verſtand wach und das Auge des Geiſtes offen, daß wir uns nicht ſelbſt betrügen, daß wir nicht dem Vaterlande zu dienen meinen, indem wir bloß blinder Leidenſchaft fröhnen! Laßt uns einmal die Sache, die uns hier vereint, klar und von allen Seiten in's Auge faſſen. Alle die Klagen, die hier wider König Otakar vor⸗ gebracht worden, ſind wahr; kein Freund der Wahrheit 91 kann läugnen, daß dieſer Mann voll ungemeſſener Herrſchſucht iſt, zu deren Befriedigung er kein Mittel ſcheut, und der alle heiligen Rechte, uralte Einrichtungen, ſelbſt Gut und Blut manches Unterthanen haben zum Opfer fallen müſſen. Es iſt wahr, er iſt eine Geißel geweſen für den Adel, ein Tyrann für Alle, die nicht willenlos ſeinem Gebot folgten. Und dennoch kann kein echtes Böhmenherz in den Ruf einſtimmen, der vorhin von ſchönen Lippen hier ertönte. König Otakar, der Held, der den böhmiſchen Namen groß und gefürchtet ge⸗ macht von den baltiſchen Geſtaden bis an das Adria⸗ meer, darf von Böhmen, die ein Herz für die Ehre ihres Vaterlandes haben, nicht ſo mir nichts dir nichts dem Untergange geweiht werden. Ueberblicken wir die Ge⸗ ſchichte ſeiner Regierung, ſo finden wir für jede Uebel⸗ that, die er begangen, zehn Großthaten, die er vollbracht. Denket an ſeinen Kreuzzug gegen Preußen, wo er an der Spitze von ſechzigtauſend Mann in fünfundſechzig Ta⸗ gen von Prag bis an das baltiſche Meer ſtürmte und durch wunderbare Siege in blutigen Schlachten jene heidniſchen Völker dem Chriſtenthume zuführte. Damals war er der gefeierte Held der chriſtlichen Welt, in Lie⸗ dern aller Zungen war ſein Name geprieſen und das ſtolze deutſche Reich bot ihm ſeine Krone an, die er mit den Worten ausſchlug:„Ich will lieber ein reicher König 6* 92 der Czechen ſein, als ein armer Kaiſer der Deutſchen.“ Das war eine Sprache, die freudig in jedem Böhmenherzen widerklang. Soll ich euch an ſeine glänzenden Waffen⸗ thaten in Ungarn, an die Siege von Kreſſenbrunn und Raab erinnern, an welchen die Meiſten von uns Theil genommen und die den böhmiſchen Namen auch nach Oſten hin furchtbar machten, wie er es vorher gen Norden geworden? Die außerordentlichen Kriegsthaten und der Glanz, den er dadurch über Böhmen gebracht, haben mich keinesweges gegen die Uebergriffe ſeiner Herrſchſucht und ſonſtige Fehler blind gemacht. Empört hat auch mich ſein willkürliches und gewaltthätiges Ver⸗ fahren gegen den Adel, ſeine Mißachtung des Eigen⸗ thums und wohlerworbener Rechte, vor Allem ſeine Be⸗ günſtigung fremder Elemente zum Nachtheile einheimi⸗ ſcher Einrichtungen und Sitten. Aber auch hierfür gibt es bei ruhiger Erwägung erhebliche Entſchuldigungs⸗ gründe. Piemhsl Otakar II. iſt der Erbe der Ueberlie⸗ ferungen des Hauſes Premysl, deſſen ganze Geſchichte ein fortlaufender Kampf zwiſchen der Idee der Allein⸗ herrſchaft und der urſprünglichen freien Staatsverfaſſung der Böhmen war. Wer von uns würde an ſeiner Stelle nicht ebenfalls von dem Einfluß jener Ueberlieferungen beherrſcht worden ſein? An dem Adel wäre es geweſen, won vorn herein zuſammenzuhalten, das Recht des Vol⸗ 93 kes gegen die emporſtrebende Fürſtengewalt zu wahren und keine von den Schranken fallen zu laſſen, die gegen das Uebergreifen dieſer Gewalt gezogen waren. Statt deſſen hat der Adel oftmals gemeine Sache mit den Her⸗ zögen gemacht, um die Rechte des Volkes zu ſchmälern, und noch öfter haben die Einen vom Adel den Herzögen in der Unterdrückung der Andern beigeſtanden, oder ſich untereinander befehdet, zerfleiſcht und geſchwächt. Und was den Vorwurf der Begünſtigung fremden Weſens durch den König betrifft, ſo trägt auch hier der Adel die gleiche Schuld. Die meiſten von uns ſind abgefallen von den Sitten der Väter und Affen des Auslandes geworden; viele Adelige ſchämen ſich der ſchönen Nationaltracht und ſpreizen ſich in den knappen, die Blöße kaum be⸗ deckenden Röcken und Hoſen der Deutſchen, bauen Bur⸗ gen im deutſchen Sthl und geben ihnen deutſche Namen; nicht wenige unter den Edlen behandeln auch ihre Grund⸗ holden nach deutſcher Art wie rechtloſe Sklaven, und es fehlt nur noch das Gewerbe des Wegelagerns, um unſern Adel zum vollſtändigen Affen des Deutſchen zu machen. Ihr edlen Freunde, wenn es bleibend beſſer im Lande Böhmen werden ſoll, ſo müſſen wir, die wir uns die Blüthe der Nation nennen, uns beſſern, müſſen wir zurückkehren zur Tugend der Väter, müſſen wir die Be⸗ wahrer alles echt nationalen Weſens werden. Damit und 94 mit Allem, was ich zu Gunſten des Königs angeführt, will ich jedoch keineswegs geſagt haben, daß wir gar nichts gegen ihn unternehmen ſollen, um den Uebergriffen ſeiner Herrſchſucht Einhalt zu thun und unſer altes Recht wieder herzuſtellen. Nur gegen die vorgeſchlagenen Schritte muß ich mich auf's entſchiedenſte erklären: ſie ſind unpatriotiſch, ungerecht und unſittlich, der von mei⸗ nem Vetter von Roſenberg angerathene Weg iſt unpoli⸗ tiſch. Ich kenne nur einen Weg, den wir wählen dürfen, das iſt der: wir rüſten für den König, aber wir treten, bevor wir ihm unſere Schaaren zuführen, vor ihn und ſtellen ihm unſere Bedingungen. Frei und offen, wie es Männern ziemt, legen wir ihm unſere Beſchwerden dar und erklären ihm, daß wir ihm in dem bevorſtehenden Kampfe nur beiſtehen können, wenn unſern Beſchwerden ſofortige Abhilfe geſchieht. Ich erbiete mich, ihm dieſe vor⸗ zutragen und mit ihm in eurem Namen zu unterhandeln, wenn ihr nicht vorziehet, einem Andern die Sendung zu übertragen. Willigt der König nicht in unſere Bedingun⸗ gen, dann wird es Zeit ſein, weitere, vielleicht zwingen⸗ dere Schritte zu thun, die aber niemals ſolche ſein dürfen, welche uns zu Vaſallen des Auslandes, zu Hoch⸗ verräthern und Meuchelmördern machen. Rein wie das Sonnenlicht ſei unſere Sache— es lebe das Vaterland! Es lebe das Recht!“ ———— 95 In den beweglichen Gemüthern der meiſten anwe⸗ ſenden Böhmen bewirkte dieſe Rede einen gänzlichen Umſchwung der Anſchauung. Viele ſtimmten begeiſtert ein in den Ruf: Es lebe das Vaterland! Es lebe das Recht! und mehrere Stimmen riefen:„Ja, das iſt der Weg, den wir gehen müſſen; auf dieſem Wege gehe Du uns voran, Wladyka!“ Einzelne aber waren ſehr unzufrieden mit dem Vor⸗ ſchlage Zäwis; ſo Albrecht von Seeberg, Boreſch von Rieſenburg und Oſſegg, der ſich und die Seinigen wegen der ihm von dem König entriſſenen Güter„die Armen von Oſſegg“ nannte, und vor Allen Ludmila von Mah⸗ renberg. Während der Rede des Vorſitzenden ſaß ſie re⸗ gungslos wie ein Marmorbild, aber die wechſelnde Farbe ihres Antlitzes und das gelegentliche Aufblitzen der Au⸗ gen verrieth die heftige innere Bewegung, und einmal bei den Worten: dennoch kann kein echtes Böhmenherz in den Ruf einſtimmen, der vorhin von ſchönen Lippen er⸗ tönte, zuckte ſie mit dem ganzen Körper. Niemand ſah dies, als Scarlatti, der ſie gerade vor ſich hatte und ſie von ſeinem Hintergrunde aus unbemerkt beobachten konnte. Und er that dies, ſo lange die Berathung dauerte. Mit der innigſten Theilnahme folgte er jeder innern Regung des ſchönen Weibes, fühlte er den Kampf mit, den ſie kämpfte, als ſie die Hoffnung, mit der ſie hierher gekom⸗ 96 men, durch Zäwis' Rede gebrochen ſah. Er theilte ihre Anſchauungsweiſe nicht, aber er verſtand das Gefühl, das ſie aus der Sphäre weiblichen Denkens und Han⸗ delns hinaustrieb, und während ſein Verſtand der Denk⸗ weiſe und dem Rathe Zäwis' Recht gab, entbrannte er vor dem Verlangen, in die Wunde, die der Jungfrau da⸗ durch geſchlagen wurde, heilenden Balſam zu träufeln. Als die Mehrzahl der Barone ſich laut und ent⸗ ſchieden für Zäwis' Anſicht erklärte, war es dem Maler, als ſähe er Ludmila von Mahrenberg in ſich zuſammen⸗ brechen, und er wäre ihr gern zu Hilfe geeilt, hätte nicht eben Zäwis das Wort wieder ergriffen und nach einem kurzen Schlußwort die Sitzung aufgehoben, worauf er ſelbſt zu dem ſich marmorbleich erhebenden Fräulein trat und ſie anredete:„Wenn ich als Patriot Euren Wünſchen entgegentreten mußte, ſo habt Ihr doch un⸗ beſchränkt über mich zu gebieten, wann und wo Ihr meines perſönlichen Schutzes und Beiſtandes bedürfet; betrachtet mein Haus, mein Gut, meinen Arm als Euer Eigen⸗ thum.“ „Erlaßt mir jetzt jede Antwort, Wladyka,“ erwi⸗ derte Ludmila mit Thränen zwiſchen den Wimpern,„und wenn ich bitten darf, laßt mich jetzt ganz allein auf mein Zimmer gehen.“ Zäwis bot ihr ſeinen Arm, aber ſie ſchlug ihn aus 97 und verließ mit einer Verneigung gegen Boreſch von Rieſenburg und Albrecht von Seeberg würdevollen Schrit⸗ tes den Platz. Unbemerkt in der jetzt ſich auflöſenden Verſammlung eilte Scarlatti ihr nach. Fünftes Capitel. Bei der Spannung, in welcher Ludmila zeither ge⸗ lebt, mußte der Stoß, den ihr Gemüth durch die eben erlittene Niederlage ihrer glühendſten Wünſche und Hoff⸗ nungen erfuhr, äußerſt erſchütternd auf ihre ganze Natur wirken. Nur mit einer letzten Anſtrengung aller Kräfte konnte ſie die würdevolle Haltung behaupten, mit der ſie die Verſammlung verließ, und auch nur ſo lange war ſie das im Stande, als ſie ſich im Bereiche fremder Blicke wußte. Kaum hatte ſie die Schwelle der Burg über⸗ ſchritten, als ſie ihre Kräfte jählings ſchwinden fühlte. Am ganzen Körper zitternd, Perlen kalten Schweißes auf der Stirn, eilte ſie die Treppe hinan, und beſchleunigte ihren Schritt über den weiten Vorſaal nach dem Corridor, an dem ihr Zimmer lag, um dieſes ſo ſchnell als möglich 98 zu erreichen. Aber ſchon am Eingange des Corridors ſchwanden ihr die Sinne; noch eilte ſie vorwärts, aber ſie wußte kaum mehr, wo ſie war— ihr ward ſchwarz vor den Angen; da erreichte ſie eine Thür— im Wahne, es ſei die ihrige, riß ſie ſie auf und ſchwankte hinein; aber jenſeits der Schwelle verlor ſie den letzten Schimmer von Bewußtſein— ſie ſank ohnmächtig zu Boden— doch nein, ein ſtarker Arm fing ſie auf, der Arm Berchtold's von Emerberg. Sie war in das Zimmer des Ritters gerathen, der hier ſeiner Geneſung entgegenging. Er war nicht ſo ſehr verletzt, als es dem Maler geſchienen; er hatte heute Morgen ſein Bett verlaſſen und bereitete ſich ſchon auf baldige Abreiſe vor. Er dachte eben der Dame, die die unſchuldige Urſache ſeines Falles war, als ſie zu ſeinem Erſtaunen ſelbſt in ſein Gemach trat. Aber ehe er Zeit hatte, dem Erſtaunen durch die Frage Ausdruck zu ver⸗ leihen, was ſie zu ihm führen könne? ſah er mit Schre⸗ cken ihre Todtenbläſſe, ſah er ſie taumeln, ſinken— und er eilte, ſie mit ſeinem Arm aufzufangen. Er trug die lebloſe Geſtalt auf ſein eigenes Lager, er löſte ihr den Gürtel um den ſchlanken Leib, er be⸗ ſprengte ihr das Antlitz mit Waſſer, er fühlte ihr nach dem Puls an der feinen Hand, unter der vollen, ſtolzen Bruſt. Da war keine Spur von Leben mehr. War es 99 möglich? Konnte der Tod dieſes herrliche Gebilde ſo früh zerſtören? Der Ritter vergaß, daß ſie eine Feindin ſeines Königs, daß ſie eine Verbündete der verhaßten Witkowetze war; er ſah nur die ſchöne Geſtalt, die auch leblos noch zu berauſchen vermochte; er glühte nur von dem Wunſche, ſie auf's neue beſeelen zu können; und weil er es nicht konnte, kniete er neben ſie nieder und betete brünſtig zu Gott, neues Leben durch dieſe ſtarren Glieder ſtrömen zu laſſen. Darüber bemerkte er nicht, wie die Scene einen Zeugen erhielt. Scarlatti war Ludmilen gefolgt und hatte ſie nicht ohne eine eiferſüchtige Aufwallung in das Zim⸗ mer des Ritters von Emerberg gehen ſehen. Was hatte ſie darin zu ſuchen? Kannte ſie den Ritter? Suchte ſie bei ihm Troſt? Dieſe Fragen ſchoßen durch Scarlatti's Seele. Langſam ging er im Corridor fort bis an Emer⸗ berg's Thür— ſie ſtand zum Theil offen— er konnte der Verſuchung nicht widerſtehen, einen Blick hinein zu thun; da ſah er den Ritter neben Ludmila knieen, die Schlange der Eiferſucht fuhr ihm nach dem Herzen und raubte ihm einen Augenblick faſt alle Beſinnung, bis die Worte des Gebets, das der Ritter ſprach, an ſein Ohr ſchlugen und er dadurch erfuhr, wie es um das Fräulein von Mah⸗ renberg ſtand. Da trat er näher und rief in höchſter Be⸗ ſtürzung: 100 „Um Gotteswillen, was iſt hier geſchehen? Das edle Fräulein ſcheint todt zu ſein!“ Der Ritter blickte auf und ſah in das erregte, aber Vertrauen erweckende Geſicht des Malers, der ſich ſeiner nach dem Sturz vom Pferde ſo warm angenommen hatte. „Ihr ſcheint überall bei der Hand zu ſein, wo es ein Un⸗ glück gibt,“ ſagte er;„aber ich weiß nicht, ob hier noch Rettung möglich iſt, wie bei mir. Die ſchöne Dame ſtürzte vor einigen Minuten plötzlich in mein Gemach— ich wußte nicht, wie ſie dazu kam; aber wie ich ſie verwun⸗ dert anſehe, bemerke ich, wie ſie, von Todtenbläſſe über⸗ goßen, ſchwankt und zu Boden ſinken will. Da ſprang ich ihr bei und brachte ſie auf dieſes Lager. Alle meine Ver⸗ ſuche, ſie in's Leben zurückzurufen, waren erfolglos. Was in aller Welt mag ihr zugeſtoßen ſein!“ Jetzt ahnte Scarlatti, daß Ludmila ganz wider ihren Willen, bei ſchon geſchwundener Beſinnung, in das Gemach des Ritters gerathen ſei. Er erzählte dieſem, was mit ihr in der Verſammlung vorgegangen war. Mit großer Theilnahme und Spannung hörte Berchtold von Emerberg den Bericht über Ludmila's Schickſal, wie ſie die Rache an dem Mörder ihres Vaters zur Lebensaufgabe gemacht; Scarlatti ſchilderte ihre ergreifende Rede in der Verſammlung und die Vernichtung ihrer Wirkung durch die Rede des Burgherrn. Scarlatti ſchloß mit einer eeeeEeeh —— eEe 101 Redensart des Bedauerns, daß ein ſo herrliches Weſen ſich durch einen übertriebenen Schmerz, durch gänzliches Heraustreten aus der Region der Weiblichkeit, ſo un⸗ glücklich mache. Aber in Berchtold's ſelbſt ſehr ercentri⸗ ſcher Natur ſchlug Ludmila's Weſen verwandte Saiten an, und der Parteigänger des Königs vergaß ſich faſt ganz in der Bewunderung eines dieſem feindlichen Cha⸗ racters, der ihm groß und erhaben vorkam. Jetzt beſann ſich Scarlatti, daß die lebloſe Dame nicht ſo ihrem Schickſal überlaſſen werden dürfe, vielleicht ſei ihr Zuſtand nur eine ſtarke Ohnmacht, welche der heil⸗ kundige Burgherr zu löſen wiſſen werde. Er ſchlug dem Ritter vor, das Fräulein auf deſſen Zimmer zu bringen, wohin er dann Herrn Zäwis zu weiterer Hilfeleiſtung holen wolle. Der Ritter konnte hiergegen nichts einwenden und ſo half er dem Maler die Entſeelte— denn das ſchien ſie zu ſein— auf ihr Zimmer tragen, wo er bei ihr zurück⸗ blieb, während Scarlatti ging, den Burgherrn aufzuſuchen. Zäwis hatte alle Barone, die mit ihm ſtimmten, darunter alle Witkowetze, zu ſich in ein großes Gemach beſchieden, um mit ihnen das Nähere über die Ausführung ſeines Planes zu beſprechen. Er ſchlug vor, daß ehebal⸗ digſt Einige aus ihrer Mitte nach Prag abgeordnet wür⸗ den, um mit dem König im Namen Aller zu verhandeln. 102 Man war allgemein damit einverſtanden und übertrug ihm die Sendung an den König, die er unter der Bedin⸗ gung annahm, daß ihn Hroznata und Pota von Potten⸗ ſtein begleiteten. Den übrigen Herren empfahl er drin⸗ gend, bei dem ihnen bekannten Adel, insbeſondere auch bei den Baronen, die heute abweichender Meinung ge⸗ blieben, dahin zu wirken, daß ſie entweder ſich ihnen an⸗ ſchlößen, oder doch nichts unternähmen, was mit ihrem Plane im Widerſpruch ſtände. Er wollte noch eine War⸗ nung wegen des Fräuleins von Mahrenberg hinzufügen, in der er eine keineswegs ungefährliche Aufwieglerin er⸗ blickte, als Searlatti eintrat und ſeinem Gebieter mel⸗ dete, was mit dem Fräulein geſchehen. „Da ſehe Einer dieſe Weibernaturen an,“ ſagte Zä⸗ wis,„ſie können in ihrem Gehirn die ungeheuerſten Dinge ausbrüten, Dinge, wovor einem Manne ſchaudert, und ein ernſtes Manneswort kann ſie erſchüttern, daß ſie in Ohnmacht fallen. Denn weiter wird es nichts ſein, was dem Fräulein von Mahrenberg begegnet iſt. Indeß ich will einmal nachſehen.“ Er entſchuldigte ſich bei der Verſammlung und ging mit Scarlatti nach Ludmila's Zimmer, wo inzwiſchen Berchtold in den zugleich traurigen und entzückenden Anblick der zum Marmorgebilde erſtarrten Geſtalt des ſchönſten Weibes, das er je geſehen, verloren geweilt 103 hatte. Als er den Burgherrn, deſſen ärztliche Kunſt er an ſich erfahren, eintreten ſah, rief er:„Rettet, o rettet, wenn Ihr könnt! Ihr rettet ein Meiſterſtück der Schbpfung!“ Zäwis trat hinzu und betrachtete die Geſtalt mit prüfendem Blick. Ernſt und kalt, wie der geübte Arzt, betaſtete er Hände und Schläfe und benetzte dieſe mit friſchem Waſſer. Er löſte ihr das Mieder; mit trunkenen 3 Augen ſahen Emerberg und Searlatti die neu ſich ent⸗ hüllenden Reize. Zäwis rief ruhig nach Wachs und Licht. Scarlatti eilte nach beidem. Als er es gebracht, entblößte Zäwis dem Fräulein die Füße und ließ geſchmolzenes Wachs auf die Sohlen tröpfeln... die Geſtalt regte ſich nicht. Dieſelbe Operation ward an den Fingerſpitzen, an den Schultern, an der Bruſt wiederholt... aber gleich erfolglos. Mit ängſtlicher Spannung verfolgten Scarlatti's und Emerberg's Blicke die Handlungen des edlen Arztes, und als derſelbe ſeine Kunſt erſchöpft ſah, ohne daß die ſtarre Geſtalt ein Lebenszeichen von ſich gegeben, da rief Scarlatti ſchmerzlich:„O Gott im Himmel! wenn ſie todt wäre!“ „Dann hätte Gott dieſes ſchöne Gefäß vor Ent⸗ weihung durch böſe Thaten bewahrt,“ verſetzte Zäwis ruhig.„Selig, wer da ſtirbt vor der böſen That!“ „Das Wort paßt nicht hierher,“ bemerkte Berchtold 104 von Emerberg;„in dieſer Himmelsgeſtalt kann nichts Böſes wohnen!“ „Ich will Euch Euern Glauben nicht rauben,“ ant⸗ wortete Zäwis;„geprieſen ſei die Macht, die Euch ſo wohlgeneigt gegen ein Weſen ſtimmt, deſſen Geſinnung ſo verſchieden von der Eurigen war! Ob dies die ver⸗ ſöhnende Macht des Todes allein, oder eine gewaltigere, laſſe ich dahingeſtellt ſein.— Zetzt, Ihr Herren, weiß ich mit dieſem lebloſen Körper nichts weiter anzufangen; den letzten noch übrigen Verſuch, ihn wieder in's Leben zurück⸗ zurufen, muß ich Frauenhänden überlaſſen. Folgt mit!“ Die Beiden gehorchten, jedoch nicht ohne noch einen innigen Blick auf die entſeelte Geſtalt zu werfen. Berch⸗ told von Emerberg begab ſich auf ſein Zimmer, indeß Zäwis mit dem Maler ſeine Schweſter Bertha aufſuchte und dieſer auftrug, weitere Belebungsverſuche, wie er ſie ihr näher angab, mit dem Fräulein von Mahrenberg anzuſtellen. Hierauf ging Zäwis wieder zu den Baronen, die er vorhin verlaſſen, während ſich Scarlatti in den Garten zurückzog, wo er unter blühenden Bäumen und einem Himmel, der dem ſeiner italieniſchen Heimath glich, on dem Götterbilde träumte, das ſeit wenig Stunden ſeine Seele beherrſchte. Genauer geſprochen, ſchrieb ſich dieſe Herrſchaft erſt von dem Augenblick her, wo er das ſchöne Weib entſeelt gefunden, wo die Leidenſchaft, welche in 105 ſeinen Augen mit der herrlichen Erſcheinung in grellem Widerſpruch ſtand, mit dem Leben zugleich entſchwunden war. Darin beurkundete Scarlatti die wahre Künſtler⸗ natur, die ihn ſeinem Gönner Zäwis zuerſt werth ge⸗ macht, daß er die menſchliche Schönheit nicht getrennt denken konnte von der Schönheit der Seele, daß er in jener nur eine Offenbarung dieſer ſah. Ludmila's maß⸗ loſer Rachedurſt hatte ihm als eine Entſtellung ihrer ſonſt ſo tadelloſen Schönheit wehe gethan. Das Wort ſeines Gönners, daß, wenn ſie todt, Gott das ſchöne Gefäß vor Entweihung durch böſe Thaten habe bewahren wollen, dieſes Wort fand ſtarken Widerhall in der Seele des Künſtlerjünglings. Er ſah in der marmorſtarren Ge⸗ ſtalt die unentweihte, durch kein widerſprechendes Element mehr getrübte Schönheit, und dieſe Schönheit war es, die ſich ſeiner ganzen, an der Milch des Schönen genährten Seele bemächtigte. Er ließ heiße Gebete für ihr Leben gen Himmel ſteigen, aber er dachte ſich die Neubelebte befreit von der ſie entſtellenden Leidenſchaft. Anders Berchtold von Emerberg. Auch in ſeiner Seele herrſchte unumſchränkt das Bild des Weibes, das nicht weit von ihm ohne Leben lag; auch er betete um ihre Wiederbelebung; aber er begehrte ſie wiederzuſehen, wie ſie geweſen, ſie ſollte wieder vor ihm ſtehen in ihrer ganzen Leidenſchaftlichkeit; um das üppig ſchöne, glü⸗ 1860. XVIII. Zawis von Roſenberg. I. 7 hende, überſchwängliche Weſen wollte er dann werben, ringen— welch' ein unendliches Entzücken, von dem Weibe, das ſo feurig haſſen konnte, ebenſo feurig geliebt zu werden! Aber weder des Künſtlers noch des Ritters Wunſch ſollte ſich erfüllen. Alle Bemühungen, Ludmila in's Leben zurückzurufen, erwieſen ſich als erfolglos. Gegen Abend vernahmen Secarlatti und Emerberg die erſchüt⸗ ternde Nachricht, das Fräulein von Emerberg ſei unrett⸗ bar dem Tode verfallen. Und dennoch war ſie nicht todt, ſondern lag nur in den ehernen Banden eines Starrkrampfes. Sie ſah und hörte Alles, was um und mit ihr vorging; aber ſie war nicht im Stande, ein Lebenszeichen von ſich zu geben. Ihr jungfräuliches Gefühl ſträubte, empörte ſich gegen die ärztlichen Operationen des Burgherrn, deſſen böſer Zaubermacht ſie dieſen fürchterlichen Zuſtand zuſchrieb; ihr Herz weinte Blut vor Zorn und Scham, als er ihr das Mieder löſte und die keuſche Bruſt den Blicken der beiden Zeugen preisgab, und ſie konnte es nicht hindern. Sie hörte ſeine kühlen, ſtrengen Bemerkungen über ſie, und konnte ihm nichts darauf erwidern. Die Theilnahme Scarlatti's und Berchtold's konnte ihr nur ſchwachen Troſt gewähren. Sie machte vergebliche Anſtrengungen, das furchtbare Band zu zerreißen, das die active Seite 107 ihres Lebens gefeſſelt hielt— ſie mußte Alles über ſich ergehen laſſen: daß Bertha mit ihrer Magd ſie voll⸗ ſtändig entkleidete und ihren Leib mit wollenen Tüchern ſchier wund rieb, daß ſie ſie in ein heißes Bad ſetzten, daß Bertha endlich ihren Bruder wieder rufen ließ und dieſer mit empörender Kälte erklärte:„ſie iſt todt— Alles, was wir noch für ſie thun können, iſt ein ehrenvolles Begräbniß.“ Da hätte ſie laut aufſchreien mögen:„Du lügſt— Du wrllſt mich lebendig begraben!“ aber die Feſſeln ihrer Sinne wollten nicht weichen... und ſie ſah vor ſich das ſchaudervolle Loos, lebendig begraben zu werden. Die Menſchen, die ſich bisher mit ihr beſchäftigt, verließen ſie; ſie hörte die Thür verriegelt; ſie be⸗ fand ſich allein mit ihrer Qual, einer Qual, die keine Feder zu ſchildern vermag; die Secunden wurden zu Stunden, die Stunden zu Tagen ohne Ende. Sie wußte nicht, wie viele ſolcher Stunden vergangen waren, als ihre müdgequälte Seele aus einem leiſen Schlummer der Ermattung durch ein Geräuſch geweckt wurde. Ein ſtarker Männertritt nahte ſich dem Bette, auf welchem ſie vollſtändig entkleidet, nur von einem Leintuche verhüllt, lag. War es der böſe Zauberer, der vielleicht kam, ein neues gräuliches Zauberwerk mit ihr vorzunehmen? Der Ankömmling blieb dicht bei ihrem Bette ſtehen, ſie ver⸗ 7* 108 nahm ein Stöhnen, ein Schluchzen, das erſt ganz leiſe war, aber immer lauter und lauter ward, endlich ging es in eine artikulirte Klage über ihr frühes Verſcheiden über. Sie erkannte die Stimme als die Berchtold's von Emer⸗ berg. Er blieb nicht bei der Klage ſtehen; er klagte den Burgherrn als ihren Mörder an; er ſchwor, ſie an ihm zu rächen; er ſchwor, Alle als ſeine Feinde zu betrachten, die ihr Leben vergiftet und früh untergraben hätten. „Warum,“ ſo rief er unter Anderm,„warum hat Dich, Du göttliches Weib, das Schickſal nicht früher in meinen Weg geführt? Warum kamſt Du nicht hilfeſuchend zu mir, ſondern zu den kalten Menſchen, die Dich nicht ver⸗ ſtehen? Um den Preis Deiner Liebe hätte ich Alles ge⸗ opfert, hätte ich die Fahne des Königs und alle ſtolzen Ausſichten verlaſſen, die mir ſein Dienſt bot. Für Dich hätte ich mich in tauſendfachen Tod geſtürzt!“ Das war Himmelsmuſik für die gequälte Seele, doch nur für wenig Augenblicke, dann fühlte ſie doppelt die Bande, unter denen ſie ſchmachtete; endlich hatte ſie einen Mann ge⸗ funden, wie ſie ihn ſchon lange geſucht, einen Mann, der ſich ihr rückſichtslos ergab, von dem ſie Alles fordern konnte, was ſie wollte, der zu jeder kühnen That fähig war, einen Mann voll Glaubensmuthes und feuriger Thatkraft.. und es war zu ſpät. ſie war eine Beute des Grabes! 109 Der Ritter kniete endlich neben dem Bette nieder, faßte Ludmila's ſtarre Hand, benetzte ſie mit Thränen und begann dann für ihre Seele zu beten. Dann ſtand er auf, beugte ſich über ſie, preßte einen Kuß auf ihre kalte, weiße Stirn, und entfernte ſich, die Thür wieder hinter ſich verriegelnd. Die Scheintodte war wieder allein. Eine ewiglange, furchtbare Nacht kam, die für ſie keinen Morgen haben ſollte. Doch ſandte ihr der Himmel einen wohlthätigen Schlaf, der die Qualen des Wachſeins mit anmuthigen Traumbildern vertauſchte. Da fand ſie ſich bald an der Seite des ſchönen Malerjünglings Scarlatti, der ſie ko⸗ ſend durch paradieſiſche Auen führte und durch wunderbare Reden vor ihrem Geiſte eine neue, ungeahnte, herrliche Welt erſchloß; bald ſprengte ſie auf muthigem Roſſe an der Seite Berchtold's von Emerberg über eine weite Ebene, die noch vom Blute ihrer Feinde triefte, der Tod ihres Erzeugers war gerächt, gerächt durch ihren Ritter, und ſie durfte nun glücklich werden nach Frauenart. Dann kam wieder Scarlatti's anmuthvolle Geſtalt mit dem ſeelenvollen Auge und der ſanften Rede, und um⸗ ſtrickte ihr Herz mit einem ſüßen Zauber, der jeden Rachegedanken in ihr erſtickte, bis Berchtold's ritterliche Erſcheinung ſie wieder fortriß auf ein Feld blutiger Thaten. So ſpielten in ihren Träumen dieſe beiden Ge⸗ 110 ſtalten die Rollen zweier Genien, die ſich um ihre Seele ſtritten, und die abwechſelnd die Herrſchaft über ſie ge⸗ wannen. Endlich, als Ludmila nach langem Schlafe wieder zum Bewußtſein, aber noch immer nicht zum activen Leben erwachte, fand ſie ſich in den Händen mehrerer Frauen, die ſie ankleideten und ſchmückten. Eine gräßliche Ahnung ſtieg in ihr auf: man ſchmückte ſie als eine Leiche zum Begräbniß. Nicht lange dauerte es, fühlte ſie ſich aufgehoben und auf ein anderes Lager gelegt— den Todtenſchrein. Dann gingen ihre Betterinnen. Eine Stunde, aber was für eine Stunde, mochte vergangen ſein, als die Thür ihres Gemaches wieder aufging und ein Weihrauchgeruch daſſelbe erfüllte. Der Prieſter kam mit dem Sakriſtan, die vermeintliche Leiche zu weihen und bei ihr zu beten. Dann füllte ſich das Gemach mit Gäſten und Bewohnern der Burg, die kamen, die ſchöne Leiche zu ſehen. Endlich ward der Schrein geſchloſſen und von Burgmannen emporgehoben, ſtill und feierlich fortgetragen zur alten Burgkapelle, wo ſie unter einem Trauergeſang und dem Gebete des Burgkaplans in das Grabgewölbe hinabgeſenkt ward, in dem ſie ruhen ſollte bis zur Auferſtehung der Todten. Das Begräbniß fand gegen Abend ſtatt, und nicht lange dauerte es, brach über die, für die Tag und Nacht 111 jetzt gleich war, im ſchaurigen Gruftgewölbe die zweite Nacht herein, die ſie ſchon in der todtähnlichen Er⸗ ſtarrung zubrachte. Aber wir wollen unſere Leſer nicht mit einer weiteren Schilderung der mit dieſer Lage ver⸗ bundenen Qualen foltern. Als Ludmila vielleicht drei Stunden hier gelegen, vernahm ſie ein Geräuſch; hald kam daſſelbe ganz nahe, bald berührte daſſelbe unmittelbar ihren Schrein. Zetzt ward der Deckel über ihr ab⸗ gehoben und eine eiskalte Luft wehte ſie an; ein purpur⸗ ner Schimmer drang durch ihre geſchloſſenen Augen und ließ ſie ahnen, daß ihr Jemand in das Geſicht leuchte. Lange Zeit verrieth kein Laut, wer es war. Endlich hörte ſie die Worte:„Iſt das der Tod? Dann könnte ihn das Leben um ſeine Schönheit beneiden. Welch eine Sprache, welch eine Fülle ſüßer Geheimniſſe redet aus dieſer entſeelten Geſtalt! Welch eine Wunder⸗ welt liegt da aufgeſchloſſen und verborgen! Große, heilige, ſelige Gedanken Gottes in lieblicher Verkörperung! Und ſo ſollte es der Verweſung anheimfallen? Großer Meiſter im Himmel, das kann Dein Wille nicht ſein!“ Es folgte wieder eine Pauſe. Ludmila erkannte die wohlklingende Stimme— es war die Stimme Scarlatti's. Wie lieblich, wie ſchmeichelnd drang ſie in ihre gemarterte Seele! Wie tröſtlich klang ihr ſein Zweifel an ihrem Tode! Dieſer Zweifel rettete ſie vielleicht. Wieder begann er 112 zu ſprechen:„Warum muß ich Dich ſo unausſprechlich lieben, Du ſeelenloſes Bild! Je länger ich Dich anſchaue, deſto mächtiger ziehſt Du mich an, deſto unauflöslicher fühle ich mich an Dich gekettet. Ich habe einmal gehört von einem König, der zugleich ein großer Bildner war, der ſoll ſich ein Weib aus Elfenbein geſchnitzt haben und über ſein Werk ſo in Entzücken gerathen ſein, daß er es mit glühendem Verlangen umarmt und dabei die Göttin der Liebe angerufen habe, das todte Elfenbein zu be⸗ ſeelen; und ſein Gebet ſoll Erhörung gefunden haben. O daß ich Dich, Du ſchönes Bild, auch alſo in's Leben rufen könnte!“ Ludmila fühlte, wie ſich der Züngling nahe über ſie beugte, wie er ſie umfaßte, wie er ſeinen glühenden Mund auf den ihrigen preßte... ein neues, nie empfundenes Feuer durchſtrömte ihre Nerven, ihre Adern.. er umſchloß ſie inniger und inniger, ſeine Küſſe wurden glühender und glühender... Auferſtehungswonne fluthete ihr durch die Seele.. ſie fühlte das Band von ihren Sinnen weichen.. in unbewußter, raſender Er⸗ regung ſprengte der Jüngling ihr das Mieder, um an dem ſchneeweiß hervorquellenden Buſen ſich vollends zu berauſchen... mit namenloſem Entzücken empfing ſie die ungeſtüme Liebkoſung.. im nächſten Augenblicke aber kam mit der vollen Freiheit ihrer Sinne das mächtige Gefühl der jungfräulichen Scham... ſie ſchlug die 113 Augen auf und rang ſich mit einem Schrei aus der ſtürmiſchen Umarmung los. Scarlatti fuhr entſetzt empor; aber es war mehr ein Entſetzen der Freude als der Furcht— war doch das Leben, das ſich jetzt regte, ſein Werk, und hatte er doch nur zu wohl gefühlt, wie ſeine heiße Umarmung einen Augenblick lebenswarme Erwiderung gefunden— er fürchtete ſich nicht vor dem Zorn, der aus den Augen der Erwachenden ſprühte. Auch war dieſer Zorn von ſehr kurzer Dauer; als der ſchöne Jüngling ſie mit ſeinen ſeelenvollen Augen ſo feſt und innig, ſo voll ſeliger Freude in allen Zügen anſchaute, da ſchmolz ihr das Herz und ſie begrüßte ihn dankbar als ihren Retter. „Wie gut war es doch, daß ich an Euren Tod nicht glauben konnte!“ ſagte Scarlatti,„daß ich es bei dem Burgherrn durchſetzte, daß Ihr nicht in eine verſchloſſene Gruft, ſondern in dies offene Gewölbe gebracht wurdet, wo die Glieder des Witkowetziſchen Hauſes nur vorüber⸗ gehend beigeſetzt werden, bevor ſie in die Familiengruft zu Hohenfurt zu liegen kommen! Folgt mir jetzt aus dieſem Schauerort! Es iſt Mitternacht, Niemand in der Burg wacht, und ich bringe Euch unbemerkt in Euer Gemach. Morgen, eh' Ihr noch erwacht, mache ich kund, daß Ihr vom Scheintod erſtanden.“ „Ich möchte lieber augenblicklich die Burg ganz 3 114 verlaſſen,“ erwiderte Ludmila;„mein Wiederaufleben wird dem Burgherrn wenig Freude machen, und wer weiß, welch böſen Zauber er wieder an mir übt, wenn ich nicht ſchnell aus ſeinem Bereich fliehe.“ „Wie mögt Ihr ſolch düſteren Gedanken Herberge geben, edles Fräulein!“ rief Scarlatti. „Ihr könnt doch nicht läugnen, daß Herr Zäwis mir feindlich geſinnt und ein Zauberer iſt,“ verſetzte Lud⸗ mila;„nur ein Blinder kann darüber in Zweifel ſein. Ich wußte in den erſten Stunden meines Hierſeins, daß hier hölliſches Zauberwerk getrieben werde— wenn Euch das Heil Eurer Seele lieb iſt, ſo ſolltet Ihr eiligſt von hier fortgehen.“ „Ihr thut dem Burgherrn Unrecht!“ verſicherte der Maler;„es iſt wahr, er beſitzt wunderbare Kenntniſſe von den Kräften der Natur, aber gewiß hat dabei der böſe Feind nichts zu thun.“ „Er hat Euch verblendet,“ ſagte Ludmila;„hättet Ihr die Wirkung ſeines Zaubers empfunden, wie ich, Ihr würdet anders urtheilen. Mit Grauen gedenke ich noch des Blickes, den er auf mich richtete, als er nach der Verhandlung im Burghof mit mir ſprach; dieſer Blick drang mir durch Mark und Bein, und ich fühlte, wie die Kraft davon ausging, die meine Sinne band und mich in den todähnlichen Zuſtand verſetzte.“ 115 „Hättet Ihr gleich mir die Güte und Freundlichkeit dieſes Mannes erfahren,“ entgegnete Scarlatti,„ſo könntet Ihr nicht ſo über ihn urtheilen. Kommt mit auf Euer Zimmer, Ihr bedürft der Ruhe.“ „In dieſen Räumen kann keine Ruhe über mich kommen,“ erklärte Ludmila.„Wenn Ihr mir freundlich zugethan ſeid, ſo führt mich hinaus in den Garten, daß ich freie Luft ſchöpfe und den Morgen dort erwarte. Dann laßt mir meinen Zelter ſatteln und mein Gepäck auf mein Saumthier ſchaffen und beide an das Burg⸗ thor führen; ich reiſe dann hinab gen Wittingau, wo ich meinen treuen Knappen zurückgelaſſen. Ein Unwohlſein verhinderte ihn, mit mir hierher zu reiſen.“ „Und ſo weit wolltet Ihr allein reiſen?“ fragte Scarlatti. „Lieber allein unter Gottes freiem Himmel, als länger unter dieſen Dächern,“ antwortete Ludmila. „Nein, allein laſſe ich Euch nicht ziehen!“ erklärte der Maler.„Wollt Ihr ſchlechterdings nicht länger hier weilen, ſo erlaubt, daß ich Euch geleite!“ Dabei ſah er die Jungfrau mit innigen, flehenden Blicken an. Dieſe Blicke übten einen mächtigen Zauber auf ſie, ihr ganzes Weſen erzitterte und ſie wußte nicht, was ſie ſagen ſollte. Er umfaßte ihre Rechte mit beiden Händen und ſprach mit tiefbewegtem Tone:„Laßt mich Euer Diener ſein, 116 Euer Schild und Euer Schwert. Denkt nicht, daß ich nur den Pinſel führen kann; ich übte mich hier in jeder ritterlichen Kunſt. Nehmt mich mit Euch; ich will Euch folgen bis an das Ende der Welt.“ Ludmila's Buſen wogte ſichtbar— das Entzücken, das ſie vorhin unter ſeiner Umarmung empfunden, be⸗ ſchlich ſie auf's neue ſo mächtig, daß ſie nicht ſprechen konnte. „Ich lebte hier glücklich meiner Kunſt,“ fuhr der heftig erregte Jüngling fort,„heilige Bande der Dank⸗ barkeit und Verehrung feſſeln mich an dieſen Ort; aber um Euretwillen zerreiße ich ſie, für Euch gehe ich in den Tod!“ Bei dieſem Worte durchzuckte ſie ein Gedanke, der ihr die Zunge löſte:„Iſt das wahr?“ flüſterte ſie;„darf ich auf Euch bauen? Wollt Ihr zu mir ſtehen in Noth und Tod?“ Ihre Augen glühten zugleich zärtlich und wild und erfachten in ſeiner Seele einen lodernden Brand.—„Ich bin der Eure auf Leben und Tod,“ ſtammelte er und preßte einen glühenden Kuß auf ihre Hand. Sie duldete es— aber ſchon nicht mehr ganz als das, den ſüßeſten Empfindungen erliegende Weib, ſondern halb im Triumph, ſich ein Werkzeug ihrer finſtern Pläne gewonnen zu ha⸗ ben; doch war es nicht Berechnung, als ihre Hand von 117 dem verſchämt zuſammengehaltenen Mieder niederglitt, daß es weit klaffend einen vollen Strahl ihrer Reize in ſeine Augen fallen ließ, der ihn des letzten Reſtes ſeiner Beſinnung beraubte. Mit dem Ausruf:„O Madonna! himmliſche Jungfrau!“ ſank er ihr zu Füßen. Sie drängte die ſchon im Sinken begriffene Fluth ihrer ſanfteren Empfindungen vollends zurück und rief ernſt:„Nicht dieſe Abgötterei, Meiſter! Ich bin ein ar⸗ mes, ſündhaftes Menſchenkind, dem Gott gnädig ſein wolle! Steht auf! Wenn es Euer Ernſt iſt, wenn Ihr mir ein Freund und Beiſtand ſein wollet, mir der Ver⸗ waiſten und vom Glück Gemiedenen, ſo kommt mit mir, aber thut, wie ich Euch geſagt habe: führt mich jetzt in den Garten und beſorgt das Weitere zur Abreiſe.“ Scarlatti ſtand auf und geleitete die ſo ſchnell zur Gebieterin ſeines Willens Gewordene aus dem Gewölbe nach dem Garten, um dann ihre weiteren Anordnungen in Vollzug zu ſetzen. Wohl machte ihm bei der allmälig zurückkehrenden Nüchternheit der Seele das Gewiſſen Vor⸗ würfe über ſeine Handlungsweiſe, die ſo ſehr mit der ſei⸗ nem Gönner ſchuldigen Dankbarkeit ſtritt; aber das von der erſten Leidenſchaft erfaßte Herz redete ihm ein, daß er jetzt nicht mehr zurück könne, ja daß er eine himmliſche Sendung zu vollziehen habe, indem er berufen ſei, das 118 unglückliche Fräulein von Mahrenberg von dem finſtern Dämon ihres Lebens zu befreien. Mit Hilfe eines vertrauten Knechtes war es ihm leicht, die Flucht aus der Burg zu bewertſtelligen, und wie der erſte Schimmer des Tages im Oſten erglänzte, ritt er mit Ludmila aus dem Thore der Burg Krumau. Srchstes Caitel. Noch für einen von den Menſchen, die jetzt auf Krumau athmeten, war dieſe Nacht eine ruh⸗ und ſchlum⸗ merloſe geweſen: für Berchtold von Emerberg. Nur ſchwer hatte er den heftigen Schmerz verbergen können, den er um die Todtgeglaubte litt, als ſie zur Gruft be⸗ ſtattet ward. Als er ſie zum letztenmal im Todtenſchrein ſah, hätte er ſich auf die ſchöne Leiche werfen und dem Todtenreiche ſie ſtreitig machen mögen. Von der Gruft hinweg war er in ſein Gemach gegangen und hatte hier zwiſchen Todtengebeten und dumpfen Klagen die Nacht durchwacht. Wie der Morgen graute, litt es ihn nicht mehr in ſeinem Gemach; er fühlte ſich nach der Kapelle getrieben, 119 hinabzuſteigen in die Gruft und am Schrein der dort zur ewigen Ruhe Verſenkten zu beten. Wie erſtaunte er, als er den Deckel abgehoben, den Schrein ſelbſt leer fand! War es möglich, daß ſie wieder zum Leben erwacht war? Er durchſuchte das ganze, nur ſpärlich erhellte Ge⸗ wölbe, es war keine Spur von einer Leiche zu ſehen. Voll freudiger Ahnung eilte er aus dem Gewölbe, nach dem Burgflügel, den er mit ihr bewohnte, nach dem Corri⸗ dor, an dem ihre beiden Zimmer lagen; er lauſchte an ihrer Thür— er hörte nichts; er wagte, ſie aufzuklinken: das Gemach war leer; er trat hinein, er ſchlich nach der Thür des Schlafgemaches, und fand auch hier keine Menſchenſeele. Sinnend, wo die allem Anſchein nach vom Tode Erſtandene ſein könne, trat er an das Fenſter und ſah hinaus in den golden erglühenden Morgen. Von un⸗ geführ ſuchte ſein Auge die Stätte, wo er jüngſt den ver⸗ hängnißvollen Fall gethan, an dem ſie, die er jetzt ſuchte, die ſchuldloſe Urſache war... war es ein Blendwerk der Hölle, oder war es natürliche Wirklichkeit, was er dort unten ſah? An der Brücke, an derſelben Stelle, wo er ſich damals nach ihr umgeſchaut, da ritt ſie jetzt an der Seite eines Mannes wenigſtens war es ihr Zelter, ihre Geſtalt, ihr ſchwarzes Gewand; er ſtrengte ſeine ganze Sehkraft an: es konnte Niemand anders ſein, und wenn nicht Alles trog, war der Reiter an ihrer Seite der 120 Maler. Das Blut ſtieg dem Ritter zu Häupten, er erin⸗ nerte ſich des lebhaften Antheils, den der Maler bei Lud⸗ mila's Ohnmacht an den Tag gelegt— ſo war am Ende die Ohnmacht, der ſtarre Todesſchlaf nur fingirt, um ſich ohne Preisgebung des guten Scheines von dem Maler entführen zu laſſen. Von der Furie Eiferſucht aufge⸗ ſtachelt, ſtürzte Emerberg aus dem Gemache, durch den Corridor, über den Hof, nach dem Burgthor: es war ver⸗ ſchloſſen. Er rief den Thorwart und fragte ihn: ob Ze⸗ mand ſoeben hinausgeritten. Die Antwort beſtätigte des Ritters Vermuthung, daß das geſtern für todt begrabene Fräulein von Mahrenberg mit dem wälſchen Maler zum Thore hinausgeritten ſei.„Dann muß ich ihnen nach!“ erklärte Berchtold;„ich werde mir ein Pferd geben laſ⸗ ſen, dann laßt Ihr mich hinaus, Alter!“ Aber der Alte ſagte:„Ihr ſeid hier Gefangener, Herr Ritter— ohne ausdrücklichen Befehl des Wladyka kann ich Euch nicht hinauslaſſen.“ Berchtold mußte ſich bequemen, vor der Hand in die Burg zurückzukehren und zu warten, bis der Burgherr zu ſprechen war, den er dann um ſeine Entlaſ⸗ ſung erſuchen wollte. Zãwis pflegte früh aufzuſtehen und ſich geiſtig zu beſchäftigen. Ohne eine Ahnung zu haben von dem, was dieſe Nacht in ſeiner Burg vorgegangen war, ſaß er am offenen Fenſter ſeines Arbeitszimmers, durch welches die balſamiſche Morgenluft einſtrömte, und dachte ſeiner be⸗ 12¹ vorſtehenden Sendung. Nach manchem langen Jahre ſollte er das hehre, königliche Prag wieder ſehen, wo er ſeine Jünglingsjahre verlebt hatte und eingeführt wor⸗ den war in das Reich des Wiſſens. Die Erinnerung an jene Zeit erhob ſich mit Macht in ihm und drängte alle andern Gedanken zurück. Und von allen Bildern dieſer Erinnerung feſſelte zuletzt eins ſeine ganze Seele. Er ſtand auf und nahm aus einem Wandſchränk⸗ chen ein Miniaturbild, mit dem er ſich wieder an das Fenſter ſetzte. Es war das Porträt einer Dame von außerordentlicher Schönheit. Ein feines, liebliches Geſicht, zart wie die Blüthe des Apfelbaumes, belebt durch ein zauberiſches Lächeln und einen Kirſchmund und durch ein Paar Augen, aus denen Geiſt und Leben ſprühte. Reiche, dunkle, mit Perlenſchnüren durchflochtene, mit einem Dia⸗ dem bekrönte Locken umwallten einen milchweißen, vollen und zierlichen Hals, ſowie eine Stirn, auf die das Wort Anwendung litt: „Ein ſanftgewölbter Thron für hohes Sinnen Ragt goldumſäumt die königliche Stirn, Ein leiſes Glüh'n, wie früh die Alpenzinnen Umſchwebt, färbt ihren blendend weißen Firn. Der dunklen Brauen leichtgeſchwung'ne Bogen Sie ſind ein ſchattig' Wunder, leicht umzont, Wo ſüßer Märchenzauber traumdurchzogen Bei Sonnenglanz und Himmelsklarheit wohnt.“ 1860. XVIII. Zäwit von Roſenberg. I. 8 122 Bei dem prächtigen Krönungsfeſte, welches König Otakar nach der Heimführung ſeiner zweiten Gemahlin, Kunigunde von Halit, in Prag feierte, war Zäwis von Falkenſtein unter den Zeugen geweſen, denen es vergönnt war, der bei verſchloſſenen Thüren im Dome zu St. Veit abgehaltenen Krönungsceremonie beizuwohnen. Da hatte die anmuthvolle Geſtalt der jugendlichen Königin einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht, der ſpäter, wo er als Gaſt an der königlichen Tafel Gelegenheit hatte, ihre rei⸗ chen Geiſtesgaben und die ganze Holdſeligkeit ihres We⸗ ſens zu bewundern, ſich nur noch tiefer grub, ſo tief, daß die ſchöne Königin fortan das Jeal war, dem er die Erſtlinge ſeines Herzens und ſeiner dichteriſchen Bega⸗ bung weihte. Auch ſie ſchien an dem in Kraft und Schön⸗ heit blühenden Mann, der durch Geiſt faſt alle andern Gäſte überſtrahlte, vorzüglich Gefallen zu finden; ſie veranlaßte ihn öfter bei Hofe zu erſcheinen, ſie nahm ſeine, immer zart gehaltenen pvetiſchen Huldigungen gütig auf; ſie ließ ſich, als er in einem ſinnigen Gedicht den Wunſch geäußert, ihr Bild zu beſitzen, für ihn malen.. aber auf einmal war ſie wie umgewandelt geweſen, ſie hatte ihn erſt kalt und dann gar nicht mehr empfangen; bald darauf war der König feindſelig gegen ſein Geſchlecht aufgetreten und Zäwis hatte ſich genöthigt geſehen Prag zu verlaſſen. 123 Es war eine reine ideale Liebe geweſen, welche Zä⸗ wis für ſeine Königin empfunden; ſo tief ihn daher ihr verändertes Betragen gegen ihn kränkte, ſo konnte er doch ihr Bild nicht aus ſeiner Bruſt reißen, und in ſeiner Heimath zehrte die Sehnſucht nach dem entſchwundenen Glück noch lange an ſeinem Herzen. Die Zeit und der Tod ſeines Vaters Budewoj, der ihn an die Spitze ſeines erlauchten Hauſes ſtellte und eine Menge neuer Sorgen und Geſchäfte auf ſeine Schultern lud, verwandelten all⸗ mälig die hoffnungsloſe Liebe in eine ſchöne Erinnerung. Später konnte der ernſte Mann wohl über ſeine jugend⸗ liche Schwärmerei lächeln, aber es wollte doch keine zweite, reellere Liebe in ihm Platz greifen. Die ſpäteren Con⸗ flicte ſeines Hauſes mit dem König entfremdeten ihn dem Hofe gänzlich; er mied ihn und ſomit die Gelegenheit, das immer mehr verblaſſende Bild ſeiner Jugendliebe wieder aufzufriſchen. Mit der Zeit trug ſich ein Theil von der Mißſtimmung gegen den König auch auf die Königin über, die ihrem Gemahl ſeitdem zwei Töchter und ſchließ⸗ lich auch einen Thronerben gegeben. Es kommen aber im reiferen Alter Momente, wo längſt begrabene Jugenderinnerungen in ihrer ganzen Schönheit wieder erwachen und noch einmal den ganzen Zauber auf uns üben, den ſie übten, da ſie noch mehr als Erinnerungen waren. So ging es jetzt dem an Jahren 8* 124 ſchon hoch, an Geiſt noch höher gereiften Zäwis. War es die zauberhafte Pracht und Alles belebende Macht des Frühlings, die bei dem Gedanken an die Reiſe nach Prag die Blüthentage ſeiner erſten und einzigen Liebe wieder in ſeiner Seele empordämmern ließ, die, wie er jetzt das Bild der ſchönen Königin vor ſich hielt, ſein Herz wieder ſo feurig ſchlagen machte, wie es geſchlagen, als er vor dem lebendigen Urbild geſtanden? Er gab ſich wider⸗ ſtandslos dem Zauber hin, der ihn ſo plötzlich umſtrickte, und indem er ſich alle die ſeligen Augenblicke vergegen⸗ wärtigte, die er im Umgange mit der hohen Frau ge⸗ noſſen, kam es ihm faſt unbegreiflich vor, daß dieſer Um⸗ gang hatte ein ſo ſchnelles Ende nehmen können. Er wollte eben über den Grund der Veränderung im Betragen der Königin nachdenken, als ſein Haushof⸗ meiſter eintrat und ganz beſtürzt die Meldung brachte, das fremde Edelfräulein, das geſtern als todt zur Gruft beſtattet worden, ſei in der Nacht wieder aufgeſtanden und mit dem Maler Scarlatti zum Burgthor hinausgeritten. Zäwis zweifelte, und als der Hofmeiſter verſicherte, der Thorwart habe es ihm gemeldet und beſchworen, ſprang Zäwis auf und eilte nach der Kapelle, das Gruft⸗ gewölbe zu unterſuchen. Auf der Treppe ſtieß er auf den Ritter von Emerberg. 125 „Ich wollte eben zu Euch, Herr Zäwis,“ redete dieſer ihn an;„ich wollte Euch eine Mittheilung machen.“ „Wenn es drängt, bin ich gleich hier bereit, Euch anzuhören,“ ſagte Zäwis. „Denkt Euch, das tugendſame Fräulein von Mah⸗ renberg hat uns einen argen Streich geſpielt,“ begann Berchtold wieder;„ſie hat ſich nur todt geſtellt, um ſich von Eurem Maler entführen zu laſſen. Gewiß iſt Euch an deſſen Wiedererlangung gelegen; gebt mir ein Roß, damit ich die Flüchtigen verfolge.“ „Wenn das Fräulein von Mahrenberg wirklich vom Tode erſtanden iſt und ſich von dem Meiſter Searlatti hat entführen laſſen, ſo könnte mich das nur freuen,“ entgegnete Zäwis;„es iſt beſſer, Weiber ſpielen Liebes⸗ intriguen, als daß ſie ſich in Staatsintriguen miſchen.“ „Aber der Maler war in Eurem Dienſt und Ihr werdet ihn miſſen; er hatte kein Recht, Euch ſo mir nichts dir nichts zu verlaſſen!“ „Mein Meiſter Scarlatti iſt ein ehrlicher Geſell,“ verſetzte Zäwis,„dem das Herz wohl einmal mit dem Verſtand durchgehen, der ſich aber nie ganz verlieren kann. Er wird ſchon wieder zu mir kommen, wenn er zur Er⸗ nüchterung gelangt, und das wird nicht lange dauern. Doch iſt es denn auch wirklich wahr, daß das Fräulein auf⸗ erſtanden und mit dem Maler durchgegangen iſt?“ 126 „Ueberzeugt Euch ſelbſt von ſeinem leeren Schrein,“ ſagte der Schenk von Emerberg. „Das will ich thun,“ erklärte Zäwis und lud den Ritter ein, ihn zu begleiten. „Möge ihr das neue Leben in jeder Beziehung neu ſein,“ ſagte Zäwis, als er ſich von dem Verſchwinden der Todtgeglaubten überzeugt hatte;„es iſt mir freilich ein Räthſel, wie ſie ſich mit dem Maler ſo ſchnell zuſam⸗ mengefunden, aber ich weiß mir ſeine Flucht mit ihr auch nur durch ein verliebtes Verhältniß zu erklären— möge die Liebe das Fräulein in die Schranken der Weiblichkeit zurückführen!“ Nach einer Pauſe fuhr er fort:„Ich danke Euch, Herr Schenk, für Euer Anerbieten— wenn es Euch aber dabei um weiter nichts zu thun war, als ſchleunigſt von hier fortzukommen, ſo ſteht Euch ein Roß aus meinem Stalle zu Dienſten.“ „Ich bin vollkommen wieder hergeſtellt, Dank Eurer ſorgfältigen und geſchickten Behandlung,“ antwortete Berchtold.„Das unthätige Leben wird mir zur Laſt; dar⸗ um mache ich von Euerer Güte Gebrauch und reiſe ſogleich ab, wenn Ihr es erlaubt.“ „Zieht in Frieden, ſobald es Euch beliebt; ich werde Befehl ertheilen, daß man Euch ein Pferd ſattele. Habt Ihr ſonſt noch einen Wunſch, ſo nennet ihn.“ „Ich habe keinen weiter, als den, Euch Eure 127 Großmuth wieder vergelten zu können,“ ſagte Berchtold; „vielleicht begegne ich Euch unter Umſtänden wieder, die Euch in mir einen Freund begrüßen laſſen.“ „Es wird auf des Königs Gerechtigkeit und Klug⸗ heit ankommen, die Witkowetze um ſein Banner zu ver⸗ ſammeln— dann ſehen wir uns vielleicht als Waffen⸗ brüder wieder.“ Er reichte dem Ritter die Hand und ging, dem Stall⸗ meiſter zu ſagen, daß er für den Schenk von Emerberg ein gutes Roß in Bereitſchaft ſetze. Dann begab ſich Zä⸗ wis auf ſein Zimmer zurück, wo er ſich mit ernſter Arbeit beſchäftigte. Im Laufe des Vormittags kam Hroznata von Huſitz zu ihm und meldete, daß es ihm gelungen ſei, noch ein paar von den zum ſofortigen Abfall vom König geneigten Baronen auf die Seite der Majorität zu ziehen, daß dagegen Boreſch von Rieſenburg und Albrecht von See⸗ berg feſt entſchloſſen ſchienen, ſofort zum Aeußerſten zu ſchreiten. „Das wäre ein großes Unglück für das Vaterland,“ ſagte Zäwis;„wir müſſen Alles aufbieten, es zu ver⸗ hüten. Ich werde ſelbſt noch einmal im Geheimen mit ihnen reden, vielleicht gelingt es mir, ſie herumzuholen.“ „Ihr findet ſie jetzt im Garten, wohin ſie ſich ſo eben erſt begeben,“ berichtete Hroznata. 128 Zwis ſäumte nicht die beiden Herren aufzuſuchen; Hroznata aber fand den Augenblick günſtig zu einem Stell⸗ dichein mit Bertha, das er auch glücklich erlangte. Boreſch von Rieſenburg und Albrecht von See⸗ berg waren wirklich im Garten, als Zäwis dort ankam. „Heil mir, wenn Ihr Euch des ſchönen Frühlings recht erfreut auf Krumau,“ redete er ſie an. „Hier kann man ſich ſeiner, wie überhaupt des Daſeins wohl erfreuen,“ erwiderte Boreſch;„möge dieſer Freudeort nur immer für Eure Freunde zugänglich bleiben!“ „Warum ſollte er das nicht?“ fragte Zäwis;„ein Witkowetz wird ſein Eigenthum nie vor ſeinen Freunden verſchließen.“ „So lange es ſein Eigenthum bleibt,“ warf Albrecht von Seeberg ein;„aber es iſt zu fürchten, daß dies ſchöne Beſitzthum, wenn der Wolf im Hermelin ſeine Herr⸗ lichkeit wittert, nicht lange in Euern Händen bleiben wird.“ „Ihr meint doch nicht, daß es mir der König ent⸗ reißen werde, ohne daß ich ihm einen Anlaß gebe?“ „O um einen Anlaß wird er nicht verlegen ſein,“ behauptete Boreſch;„wann war er je darum verlegen geweſen? Und wenn er z. B. nur den Handel mit dem Schenk von Emerberg in Budweis als ſolchen nehmen 129 ſollte. Ich dächte, er hätte noch um viel geringerer An⸗ läſſe willen Güter eingezogen.“ „Doch nur ſolche Gäter, die urſprünglich zur kö⸗ niglichen Kammer gehört,“ antwortete Zäwis;„Krumau iſt ein uraltes Erbgut der Witkowetze. Nein, Ihr edlen Freunde, ſo willkürlich König Otakar gegen den Adel verfahren, ſo mannigfach er ihn in ſeinen Rechten ge⸗ kränkt, ſo weit iſt er doch niemals gegangen, daß er ſein freies Erbeigenthum angetaſtet.“ „Was er noch nicht gethan, iſt er jederzeit noch zu thun im Stande,“ kehanptee Boreſch.„Herr Zäwis, Ihr vertraut dem König noch immer zu viel— ich fürchte, Ihr werdet Euer Vertrauen bitter bereuen. Zeht iſt die Zeit gekommen, den Adel gegen alle weiteren Eingriffe der königlichen Gewalt ſicher zu ſtellen, ihm ſeine volle Freiheit und Herrlichkeit wiederzugewinnen— und Ihr wollt Euere Hand nicht dazu bieten.“ „Wer ſagt denn das?“ entgegnete Zäwiö;„ich finde es nur widerſinnig, die alte heimiſche Ordnung mit Hilfe auswärtiger Feinde herſtellen zu wollen. Denn nicht allein um Befreiung und Sicherſtellung des Adels darf es uns zu thun ſein, ſondern um Wiederherſtellung unſeres ur⸗ alten Rechtes, unſerer urſprünglichen Einrichtungen mit zeitgemäßen Verbeſſerungen und Vervollkommnungen, um die Wiederaufrichtung des alten, freien, herrlichen Czechen⸗ 130 thumes, das eine ſo treffliche Gliederung der Nation in ſich trug. Dieſes einer Macht verdanken wollen, von welcher alles Unczechiſche zu uns gekommen, die dem Cze⸗ chenthume widerſtrebt und ewig widerſtreben wird, dies, ich muß es Euch frei bekennen, ſcheint mir wider den geſunden Menſchenverſtand zu ſtreiten.“ „Ihr kennt den Kaiſer Rudolf nicht,“ erwiderte Boreſch;„er iſt keiner von den Hohenſtaufen, die die Welt germaniſiren wollten; ſein ſtrenger Rechtsſinn achtet die Nationalitäten, er will dem Reiche nur wieder gewin⸗ nen und erhalten, was es von jeher beſeſſen. Er hat mir feierlich vor Zeugen verſichert, daß er ſich nie in die in⸗ nern Angelegenheiten Böhmens mengen wolle, daß er nichts lebhafter wünſche, als an dem böhmiſchen Volke einen friedlichen Nachbar und treuen Bundesgenoſſen zu haben; er betrachte Böhmen als ein ſchützendes Bollwerk für das Reich gegen die räuberiſchen Horden des Oſtens, deſſen Stärke aber eben in ſeiner Selbſtändigkeit, in ſeiner freien volksthümlichen Entwicklung beſtehe. Er achtet alle unſere Beſchwerden für gegründet, er verbürgt uns volle Abhilfe derſelben für den Fall, daß er mit unſerer Bei⸗ hilfe den König überwindet; in dem Frieden, den er dann mit ihm machen wird, ſoll dieſe Abhilfe ausdrücklich feſt⸗ geſtellt werden.“. „Traut dem Fremden nicht!“ warnte Zäwis;„ich 131 traue keinem! Lieber will ich Alles auf die Spitze meines eigenen Schwertes ſtellen, als Hilfe von den Fremden nehmen. Hört einen Vorſchlag von mir, Ihr Herren! Ihr ſcheint in Euerm Vertrauen zu dem Habsburger unerſchütterlich zu ſein— um des unbefleckten böhmiſchen Namens willen beſchwöre ich Euch, jetzt nichts wider den König zu unternehmen, ſonderu vorerſt den Erfolg meiner Sendung abzuwarten. Ich werde dem König die ein⸗ dringlichſten Vorſtellungen machen, und ich denke, es ſoll mir gelingen, ihn zu überzeugen, daß er in dem Kampfe, der ihm bevorſteht, nur ſiegen kann, wenn die ganze Na⸗ tion, wenn insbeſondere der Adel Böhmens treu und feſt zu ihm ſteht, daß er deſſen aber nur durch Gerechtigkeit und unfaſſende Zugeſtändniſſe an den Nationalgeiſt ſich verſichern könne. Verſtünde er ſich hierzu nicht, dann hätten wir immer noch Zeit zu anderen Schritten. Ich bitte Euch, laßt mich meine Sendung vollführen, bevor Ihr etwas unternehmet!“ Mehr in dem Tone, als in den Worten des Redners lag die Gewalt, der die Zuhörer nicht widerſtehen konn⸗ ten. Sie verſprachen, ſich eine Zeitlang ruhig zu verhalten, aber nur unter ganz günſtigen Bedingungen mit dem Kö⸗ nig Frieden zu machen, auch verlangten ſie, daß Zäwis ſeine Sendung ſo ſchnell als möglich ausführe. „Ihr laßt es Euch doch noch drei Tage unter mei⸗ 132 nem Dache gefallen,“ erwiderte Zäwis;„ſo lange Zeit bedarf ich, um mein Haus zu beſtellen und mich zur Reiſe zu rüſten. Dann ziehe ich mit Euch— voraus⸗ geſetzt, daß Ihr über Prag oder doch ein Stück des Weges dahin reiſet.“ Die beiden Barone nahmen das als ausgemacht an, und Zäwis verabſchiedete ſich in der Hoffnung, ſie bei der Mittagstafel wiederzuſehen. Froh, ſeine Abſicht bei ſo widerhaarigen Naturen, wie Boreſch von Rieſenburg und Albrecht von Seeberg, ſo glücklich erreicht zu haben, ſchritt Zäwis über den Burghof, als ihm ein armes Weib entgegentrat, das in einem über den Rücken gebundenen Tuche ein Kind trug und zwei größere Kinder an der Hand führte.„Großer Wladyka!“ rief ſie ihn an,„großer Wladyka, höre mich!“ Zůwib blieb vor der Frau ſtehen, aus deren ab⸗ gezehrter Geſtalt tiefſte Noth, aus deren Mienen tiefſtes Seelenleid ſprach.„Was iſt Dein Begehr?“ fragte er mild,„was fehlt Dir?“ „Ach Herr, gib mir vor Allem einen Biſſen Brod und einen Trunk Waſſer,“ flehte ſie,„ſonſt verſchmachte ich.“ Zäwis hieß ſie ihm folgen. Er führte ſie in die Küche und ließ der Frau Speiſe und Meth reichen. 133 „Wenn Du noch ein Anliegen haſt,“ ſagte er freund⸗ lich,„ſo laſſe Dich auf mein Zimmer führen, wenn Du Dich geſtärkt haben wirſt.“ „Ja, Wladyka, ich habe ein großes Anliegen an Dich,“ erwiderte die Frau,„und wenn Du erlaubſt, komme ich hernach zu Dir.“ Zäwis befand ſich etwa eine Viertelſtunde in ſeinem Zimmer, als die Frau bei ihm eintrat. Er ließ ſie nie⸗ derſitzen und fragte gütig, was ſie ihm vorzutragen habe.. „Herr,“ ſagte ſie,„der Ruf Deiner Gerechtigkeit und Menſchenfreundlichkeit drang weit über das Wald⸗ gebirge hinüber in meine Heimath. Das iſt Elhenitz, welches an der Straße liegt, die von Deinem Burg⸗ flecken Kalſching hinabführt nach Netolitz und Wodnian.“ „Es iſt mir wohl bekannt,“ fiel Zäwis ein;„es iſt eine Whsluha, die gegenwärtig Herrn Zbislaw Zagjc von Tiebaun verliehen iſt— iſt es nicht ſo?“ „Ja Herr, ſo iſt es,“ beſtätigte die Frau;„ſeit zehn Jahren iſt der ſtrenge Herr Zbislaw Zagje Herr auf Elhenitz, aber nicht gleich Dir ein Vater ſeiner Grundholden, ſondern eine Geißel und Zuchtruthe. Höre, was er an uns gethan. Mein Herr ſaß frei auf ſeinem Hofe, der vor Zeiten eine Meierei des Gutes Elhenitz geweſen, meinem Schwager aber für treue Dienſte, ſo 134 er dem König gethan, als freies Eigenthum geſchenkt worden war. Als ſolches war es vererbt auf meinen Herrn, der mich kurz zuvor heimgeholt hatte, als Herr Zbislaw Zagje Beſitz nahm von dem Herrenhofe. Wir ſahen bald, welch' ein ſtrenger Herr das war, wie er die armen Chlapi mit Frohnen plagte und ſonſt hart und unmenſchlich behandelte. Einſt ſah mein Herr, wie der ſtrenge Herr einen Mann, der zu ſpät zur Frohne ge⸗ kommen war, vor den Pflug ſpannen und mit der Peit⸗ ſche zum Ziehen antreiben ließ wie ein Stück Vieh. Das empörte meinen Herrn, er ging hin und ſagte dem Herrn Zbislaw, das Recht habe er nicht, ſo mit den Grund⸗ holden umzugehen; dergleichen möge draußen im Reich Brauch ſein, aber auf böhmiſcher Erde ſei ſo etwas nicht vorgekommen, ſo lange ſie von Czechen bewohnt ſei, und es ſolle ſich ſolch' ſchändlich Sclavenweſen auch nicht ein⸗ niſten in dem geſegneten Lande. Da fuhr der böſe Mann erzürnt auf meinen Herrn los, ſchalt ihn einen frechen Bauer und ſchlug ihn mit dem Schwert über den Kopf, daß er faſt beſinnungslos zu Boden ſank. Darauf ließ jener ab. Mein Herr erholte ſich wieder, ſtand auf, kam heim und ſetzte ſich auf ſein Roß, bei dem Cüdar(Kreis⸗ richter) zu klagen, daß er eine Porota(Schwurgericht) berufe, die Gewaltthat zu ſtrafen. Damals hatten wir nämlich noch unſer altes Recht, das ſeitdem einem neuen, 135 fremden hat weichen müſſen. Die Porota war gerecht, ſie verurtheilte den Herrn Zbislaw zu einer ſtarken Geld⸗ buße an meinen Herrn und Abbitte, und der Cudar legte ihm noch eine beſondere Strafe wegen Mißhandlung des Grundholden auf. Aus Verdruß und Scham dar⸗ über zog er fort und wir ſahen ihn lange nicht wieder, doch hörten wir nach einiger Zeit, er ſei in Prag und ſtehe in großem Anſehen bei Hofe. Wir gönnten ihm alle Ehre, wenn er uns nicht wieder nahe kam. Aber es wird im Herbſt zwei Jahre, da kam er wieder mit Weib und Kind und großem Gefolge, und richtete ſich ein auf Elhe⸗ nitz. An Frohnen im Feld hatte es den Chlapen bisher auch nicht gefehlt, nun kamen aber dazu Bau⸗ und Jagd⸗ frohnen, denn Herr Zbislaw baute ein neues großes Herrenhaus wie ein Schloß und hielt in Einem fort große Jagden, daß es um Elhenitz herum immer war, als hauſe der wilde Jäger. Mein Herr hatte auch die Jagd auf ſeinem Eigenen, aber er trieb ſie nur aus Noth, um die Früchte des Feldes zu ſchützen. Oft geſchah es, daß das Wild der Herrſchaft vor ſeinen wilden Verfol⸗ gern eine Zuflucht ſuchte auf unſerm Eigenen, und auch nicht wieder von da wich, bis mein Herr es jagte. So jagte er auch einmal einen großen Edelhirſch, der den Feldfrüchten viel Schaden gethan, und in der Hitze der Jagd überſchritt er die Grenze, das angeſchoſſene Thier 136 vollends zu erlegen; aber wie er es eben glücklich abge⸗ fangen hat, bricht Herr Zbislaw mit mehreren Jägern aus einem Verſteck hervor und will ſich ſeiner bemächtigen. Mein Herr, der ſich des Schlimmſten verſah, wenn er in die Gewalt des böſen Mannes fiel, ſetzt ſich zur Wehr, einen der Jäger ſchlägt er zu Boden und vertheidigt ſich tapfer gegen die andern; endlich aber erliegt er der Uebermacht, ſie fallen über ihn her, binden ihn und füh⸗ ren ihn in ein Verließ im neuen Herrenhauſe. Ich erfuhr noch denſelben Tag, was ihm geſchehen; ich eilte zu Herrn Zbislaw, ihn zu bitten— umſonſt, eher hätte ich einen Stein erweichen mögen, als das Herz dieſes Man⸗ nes. Ich durfte nicht einmal zu meinem Herrn, ihm eine Erquickung zu reichen; vergebens ging ich zum Cüdar, daß er den Gefangenen vor ſein Gericht ſtelle— das Gut Elhenitz habe jetzt ſeine eigene Gerichtsbarkeit nach dem neuen Landrecht, ſagte er mir, und ſo blieb mein Herr in der Gewalt des Herrn von Elhenitz oder ſeines Schreiber⸗Richters, der viel um ſeinetwillen ſchrieb, bis nach vielen Monaten von Prag der Spruch erfolgte, es habe mein Herr wegen Wilddiebſtahls eine Geldbuße von 100 prager Gulden und alle Prozeßkoſten zu erlegen, und ſei bis zur Erlegung der Buße und Koſten in Haft zu halten. Außerdem habe er durch ſeinen Frevel das könig⸗ liche Lehen verwirkt, das ihm daher abgenommen und 137 wieder mit dem Hauptgute vereinigt werde. Und ohne Gnade und Barmherzigkeit ward ich alsbald von Haus und Hof getrieben; mein Herr blieb im Gefängniß, denn wenn ich auch alle unſere fahrende Habe zu Gelde machte, ſo war ich doch nicht im Stande auch nur die Prozeß⸗ koſten zu erlegen. In meiner Bedrängniß ſchrie ich zum Himmel, und er gab mir den Gedanken ins Herz, zu Dir zu gehen, Wladyka, bei Dir Schutz und Hilfe zu ſuchen; denn Du biſt mächtig und gut, die Armen und Hilfloſen weit umher erkennen in Dir ihren Schirm und Hort; ſei Du es auch mir, meinen Kindern und meinem ſchuld⸗ loſen, gefangenen Herrn.“ „Was ich für Euch thun kann, ſoll geſchehen,“ tröſtete Zäwis die weinende Frau.„Zunächſt will ich Deinen Mann frei machen— binnen zwei und drei Ta⸗ gen ſollſt Du ihn umarmen; ob ich ihm auch wieder zu ſeinem Beſitzthum verhelfen kann, das weiß ich freilich nicht, doch werde ich dafür nach Kräften thätig ſein.“ Die Frau fiel auf ihre Knie und umpſchlang die ſeinen unter lebhaften Dankesbezeigungen. Er hob ſie auf und führte ſie zu ſeiner Schweſter Bertha, deren Fürſorge er ſie mit ihren Kindern empfahl, bis ſie im Geleite eines Be⸗ vollmächtigten, den er mit den Mitteln ihren Mann loszu⸗ kaufen, abordnen wolle, in ihre Heimath reiſen würde. Dann ſuchte er Hroznata auf und beauftragte dieſen, der 1860. XVIII. Zäwis von Roſenberg. I. 9 138 ihn nach Prag begleiten ſollte, mit einigem Gefolge den Weg über Netolitz und Piſek zu nehmen und die Löſung des gefangenen Freiſaſſen von Elhenitz aus der Haft zu bewirken. Hroznata, der ſich immer glücklich ſchätzte, wenn er dem erlauchten Bruder ſeiner Geliebten einen Dienſt er⸗ weiſen konnte, unterzog ſich dem Auftrage mit Freuden; doch meinte er, das Löſegeld ſei beſſer zu brauchen, wenn man einfach das Gefängniß ſtürme, den Gefangenen her⸗ ausführe und dieſem das Geld gebe, damit er ſich irgend⸗ wo anders ein freies Beſitzthum kaufen könne; denn es ſei doch fraglich, ob man ihm zu dem, ihm durch Spruch des oberſten Landrechts entzogenen wieder verhelfen könne. So ſehr Zinis das Fauſtrecht haßte, ſo fand doch der kühne Plan ſeines Freundes um ſo mehr ſeinen Bei⸗ fall, je mehr ſein ganzes Denken und Fühlen mit dem gegen ſeinen Schützling beobachteten Rechtsverfahren in Widerſpruch ſtand, und je weniger er ſich bei genauer Erwägung von einer friedlichen Verwendung, ſelbſt bei dem Könige, Erfolg verſprechen konnte. Für ſeine eigene Sache würde er einen derartigen Act der Selbſthilfe un⸗ ter allen Umſtänden verworfen haben, für einen Andern, ſchuldlos Unterdrückten fand er ihn ritterlich und ver⸗ dienſtlich. So ſagte er denn:„Das iſt etwas für mei⸗ nen Bruder Wok; ich werde Euch dieſen mit einer ge⸗ 139 nügenden Schaar von Reiſigen mitgeben. Er mag den Befreiten hierher führen, wo ihn die Seinigen erwarten können.“ Dabei blieb es. Hroznata trat am andern Morgen mit Wok und einer anſehnlichen reiſigen Schaar ſeinen Zug an, deſſen nächſter Zweck ſelbſt die Billigung der zarten und hochſinnigen Bertha hatte, die den Geliebten in einer verſtohlenen Abſchiedszuſammenkunft zärtlich ſegnete. So wenig konnten ſich ſelbſt die Edelſten und Beſten von dem gewaltthätigen Charakter jener Zeit frei machen. Hiebrntes Capitel. Ohne den Erfolg der Unternehmung Hroznata's und Wok's abzuwarten, brach Zäwis im Geleite Pota's von Pottenſtein, Boreſch's von Rieſenburg und Albrecht's von Seeberg— die andern Gäſte verließen ſchon den Tag zuvor Krumau— mit ſtattlichem Gefolge gen Prag auf. Der Maler Searlatti war ihm zu werth geworden, als daß er nicht bekümmert hätte ſein ſollen, was aus ihm geworden. Er nahm die Richtung über Budweis . 140 und Moldautein. An jedem Ort, den er paſſirte, erkun⸗ digte er ſich, ob man die ſchwarze Dame auf dem brau⸗ nen Zelter mit dem jugendlichen, ſchwarzgelockten Beglei⸗ ter geſehen? und er verfolgte glücklich ihre Spur bis Bud⸗ weis, wo ſie in der Herberge zur Roſe eingekehrt waren. Der Wirth berichtete, da die Dame, die er gleich als die frühere Begleiterin des Herrn Wok wieder erkannt, ſehr müde geweſen, ſo hätten ſie bei ihm Nachtquartier ge⸗ macht. Abends ſpät ſei auch noch ein Ritter angekommen und habe nach der Dame gefragt. Er habe von dem Wirth verlangt, ihn der Dame, die ſich ſchon auf ihr Zimmer zurückgezogen, als Freund zu melden. Der Rit⸗ ter ſei ihm auch bekannt vorgekommen, doch habe er ſich nicht beſinnen können, wo und bei welcher Gelegenheit er ihn geſehen. Da er ihm nicht recht getraut, habe er den Begleiter der Dame, der noch im Gaſtzimmer geweſen, herbeigerufen; der habe beim Anblick des Ritters ver⸗ wundert ausgerufen:„Ihr hier, Herr Ritter? Wie kommt Ihr hierher?“ Der Ritter habe den jungen Herrn auf die Seite genommen und Beide hätten lange heimlich mit einander geſprochen. Darauf hätten ſie ſich zu Bette begeben, ohne daß der Ritter die Dame geſehen; auch ſei derſelbe am Morgen zeitig fortgeritten, ohne die Dame oder ihren Begleiter begrüßt zu haben, die ungefähr zwei Stunden nach ihm ihre Reiſe gemeinſchaftlich fort⸗ 141 geſetzt— wohin, das hatte der Berichterſtatter nicht er⸗ fahren. Da Ludmila und Scarlatti den Weg nach Wittin⸗ gau eingeſchlagen hatten, ſo war ihre Spur für den gen Moldautein weiterziehenden Zäwis von Budweis an verloren. In Moldautein verließ ihn Boreſch von Rieſen⸗ burg, der ſich nach Aſtie wandte. Ohne beſondere Aben⸗ teuer gelangte er mit ſeinem Geleit am achten Tage nach Prag, was zu damaliger Zeit für eine ſchnelle Reiſe galt. Da lag ſie wieder vor ihm„die Schwelle des Ruhmes und Heiles“. Am heiligen Wysehrad hielt er und ſchaute hinab auf die hundertthürmige Stadt, hin⸗ über nach dem erhabenen Hradſchin, der ſtolzen Burg der Piemysliden, und nach all' den Stellen, die da redeten von denkwürdigen Geſchichten vergangener Zeiten. Und vor ſeinem, bei allem Ernſte beweglichen Geiſte zogen die Geſtalten der Helden und Heldinnen dieſer Geſchichten vorüber in lebensvoller Erſcheinung. Und ſein mächtiges Auge leuchtete heller vom Stolz auf ſein Volk, von der Luſt am Vaterlande, deſſen Herz ja dieſes Prag war, wo alle ſeine Lebensſtröme zuſammenfloßen. Plötzlich riß ein prächtiges Schauſpiel ſeine Ge⸗ danken aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Die 142 eben den Rand der weſtlichen Berge berührende Sonne überfluthete den Hradſchin mit goldenem Licht; die zahl⸗ loſen Fenſter der Königsburg warfen die purpurne Sonnenkugel tauſendfach zurück, und unten ruhte die Stadt und floß der herrliche Strom in tiefem Schat⸗ ten. Es war, als ob der Himmel noch einmal all' ſeine Ströme von Licht, Luſt und Leben über Böhmens Herrſcherſitz ausgöße zum Zeichen, daß es das Land ſeiner Liebe ſei und daß er nicht aufhören wolle es zu ſegnen. Allmälig ſank die Sonne hinter das Gebirge hinab; die Schatten ſtiegen höher, und die Gluth, in welche die Burg getaucht war, ward purpurner, bis auch ſie in Schatten gehüllt ward und nur noch die Thurm⸗ ſpitze von St. Veits hohem Dome im Feuer glühte. Da begannen die Glocken der Teinkirche dem hinabgeſunkenen Tage den Scheidegruß nachzurufen, und ein Glocken⸗ thurm nach dem andern öffnete ſeinen ehernen Mund, bis das Geläute von hundert Thürmen majeſtätiſch durch den ſeligen Abendfrieden klang— ein Zeichen, wie fromm und dankbar der Menſch hier des Ewigen dachte, von dem alles Heil und jede gute Gabe kommt. Und wie die Menſchen unten im Thale, die Armen wie die Reichen, mit den hohen Bewohnern der Königsburg ſich jetzt vor Ihm demüthigten im gläubigen Gebet, ſo entblößte auch — 143 Zäwis ſein Haupt und ſein ganzes Geleite that es ihm nach, und ihre Seelen lagen vor Gott mit allen Seelen da unten und da drüben— auch mit ihr, deren Bild unwillkürlich vor Zäwis' Seele trat, als er nach beendetem Gebete noch einen letzten Blick nach der Hof⸗ burg hinüberſandte. Dann ſetzte ſich der Zug wieder in Bewegung, und eine Viertelſtunde ſpäter umfingen ihn die weiten Räume der Herberge der Witkowetze. Da Hroznata noch nicht von Elhenitz eingetroffen war, ſo konnte Zäwis ſich ſeiner Sendung an den König nicht ſofort entledigen. Er benutzte die Zeit bis zu Hroz⸗ nata's Erſcheinen dazu, ſich mit dem in der langen Zeit ſeiner Abweſenheit vielfach veränderten Prag neu bekannt zu machen, insbeſondere ſich mit deſſen gelehrter Welt in Berührung zu ſetzen. Zuerſt ſuchte er den Verfaſſer der angefangenen Reimchronik, Dalemil, auf. Er fand in ihm einen Mann in den mittleren Jah⸗ ren, deſſen urſprünglich kräftigen Körper Sorge un Mühſal gekrümmt, deſſen Geſicht ſie tief gefurcht hatten. Doch leuchtete aus ſeinen dunklen Augen der un⸗ gebrochene Geiſt und ein mannhafter, freier Sinn. Als in ſein dürftiges Gemach der Mann trat, der ſo deutlich das Gepräge irdiſcher Größe an ſich trug, erhob er ſich von ſeinem Schreibtiſch und trat dem Ankömmling 144 würdevoll mit der Frage entgegen:„Wen darf ich zwi⸗ ſchen meinen vier Wänden willkommen heißen?“ Zäwis nannte ſeinen Namen und fügte hinzu: „Mein Herz trieb mich, den Mann zu begrüßen, der in ſo ſchöner Sprache die Geſchichte unſeres Volkes beſingt.“ „Der einen beſcheidenen Anfang dazu gemacht, wollt Ihr ſagen,“ erwiderte Dalemil,„dem aber die Flügel gebunden ſind, ſein Werk zu vollenden. Es iſt vielleicht auch gut ſo, denn wenn ich bis auf die Schil⸗ derung unſerer Tage käme, möchte ich meine Feder, ſtatt in Tinte, in Galle und Feuer tunken. Da möchte mancher große Herr, der den Anfang meines Werkes ſchön und löblich findet, dem armen Reimchroniſten den Schädel einſchlagen wollen.“ „Ei Meiſter!“ rief Zäwis,„wer würde das an Euch zu thun wagen, wenn Ihr unter dem Schutze der fünfblätterigen Roſe ſtändet?“ „Ich unter dem Schutze der fünfblätterigen Roſe— ich?“ verſetzte der Gelehrte ſpöttiſch. „Ja Meiſter,“ erwiderte Zäwis ruhig;„weil Euch der König nicht anerkennt, weil er es Euch nicht möglich macht, in glücklicher Muße Euer Werk zu vollenden, komme ich, Zäwis von Falkenſtein, zu Euch, Euch im Schirm der Roſe die Muße zu bieten, deren Ihr be⸗ dürft.“ 145 „Ihr ſeid ſehr gütig, Herr Zäwis— Ihr meint doch nicht etwa die Feder des armen Dalemil zu kaufen, damit ſie ein Werkzeng der Falſchmünzerei der Wahrheit werde; damit ſie weiß ſchwarz und ſchwarz weiß, ſchön häßlich und häßlich ſchön nenne; damit ſie die Treue am Vaterlande zur Schwäche und den Verrath zur Tugend ſtemple!“ „Erlaubt, daß ich mich ſetze, Meiſter Dalemil!“ ſagte Zäwis, ohne ſeine Ruhe zu verlieren. Er nahm auf dem nächſten hölzernen Seſſel Platz und fuhr fort:„Ich weiß nicht, ob Eure ſcharfe Erwiderung anzüglich ſein ſoll für mich und mein Geſchlecht—“ „Ich wollte,“ fiel Dalemil ein,„nur andeuten, daß ich nicht viel Gutes dahinter wittere, wenn ein Großer einem gemeinen Mann eine große Wohlthat entgegen⸗ bringt, in der Regel iſt es auf eine faule Gegenleiſtung abgeſehen; darum halte ich mich ſo weit als möglich fern von den Großen, um ein ehrlicher Mann zu bleiben.“ „Das ſollt Ihr bleiben— ich, Zäwis von Falken⸗ ſtein, ernenne Euch zu meinem Hauskanzler mit dem aus⸗ drücklichen Beding, daß Ihr Eure Reimchronik vollendet und kein Wort daran anders ſchreibet, als ſchriebet Ihr ſie lediglich für Euch ſelbſt— ja, ich werde Euch, falls Ihr die Stelle annehmen wollt, auf das Evangelium 146 ſchwören laſſen, daß Ihr nur nach Eurem beſten Wiſſen und Gewiſſen ſchreibet.“ „Aber werdet Ihr mir auch ſchwören, auf jede Ra⸗ che und Anfeindung zu verzichten, wenn ich von den Herren von der Roſe die Wahrheit ſage?“ entgegnete Dalimil.„Ich fürchte, die Wahrheit wird nicht ſehr ſchmeichelhaft ausfallen.“ „Was hättet Ihr von meinem Geſchlechte Uebles zu berichten?“ fragte Zäwis geſpannt. „Daß es ſich zu den Verräthern des Vaterlandes hält,“ erwiderte der Gelehrte. „Bedenkt, mit wem Ihr ſprecht, Meiſter!“ warnte Zäwis. „Seht, wie Euch die Wahrheit verletzt!“ ſagte Dalemil. „Ich kann nicht dulden, daß man mein erlauchtes Geſchlecht mit Vaterlandsverräthern zuſammenſtellt!“ erklärte Zäwis. „Da dulde nur das Haupt des erlauchten Ge⸗ ſchlechtes nicht,“ verſetzte der Gelehrte,„daß ſeine Glie⸗ der ſich mit den Feinden des Königs wider ihn ver⸗ ſchwören!“ Zwis ſchwieg einen Augenblick betroffen; doch bald gewann er ſeine ganze Geiſtesgegenwart und Ruhe wie⸗ der. Er ergriff des Gelehrten Rechte und ſagte:„Hier 147 meine Hand und mein Manneswort, daß kein Witkowetz unter denen iſt, die ſich mit dem auswärtigen Feinde wider den König verſchworen. Wohl haben ſie uns zur Theilnahme an der Verſchwörung aufgefordert, aber wir haben ihnen widerſtanden und viele von ihnen auf unſere Seite gebracht.“ „Iſt das wahr?“ rief der Gelehrte erfreut.„Herr, wenn das der Fall iſt, dann verzeiht mir. Ihr könnt nicht glauben, wie bitter es mich geſchmerzt, wie es hieß, daß die Witkowetze mit den ſchlimmſten Feinden des Vaterlandes gemeine Sache machten. Denn wer jetzt wider den König iſt, der iſt ein Feind des Vaterlan⸗ des. Wird in dem bevorſtehenden Kampfe der König überwunden, dann lebe wohl, du uralte böhmiſche Frei⸗ heit. Zwar hat der deutſche Kaiſer es zunächſt nur dar⸗ auf abgeſehen, die deutſchen Lehenslande unſerm König zu entreißen; aber nach dem Siege würde er nicht dabei ſtehen bleiben, ſondern, den kaiſerlichen Traditionen ge⸗ mäß, Böhmen ſelbſt zu einer Provinz des deutſchen Rei⸗ ches zu machen ſuchen. Da der Kaiſer alle Macht des Reiches aufbietet, um unſern König zu ſchlagen, ſo ſollte ſchon um deßwillen ganz Böhmen wie ein Mann daſtehen, den Schlag abzuwenden. Aber außer dem Kai⸗ ſer ſinnt auch der Ungarnkönig darauf, ſich für die vielen Demüthigungen zu rächen, welche Ungarn durch Böhmen 148 erlitten. In den, dem Scepter Otakar's unterworfenen deutſchen Ländern iſt faſt der geſammte Adel bereit, das Schwert gegen den König zu kehren; ſo iſt er denn von allen Seiten auf das furchtbarſte bedroht. Wer in einer ſolchen Lage dem König grollen, ihm die Heerfolge wei⸗ gern, ſich wohl gar mit dem Feind zu ſeinem Sturz ver⸗ binden kann, der iſt ein von der Hölle ausgeſpieener Verräther!“ hr urtheilet ſehr ſtrenge, Meiſter,“ verſetzte Zaã⸗ wis;„Ihr müßt doch bekennen, daß der König durch ſeine Nichtachtung des alten heimiſchen Rechtes und durch ſo mannigfache Handlungen herrſchſüchtiger Will⸗ kür ſich viele Herzen in ſeinem Volke entfremdet, ſie zum äußerſten getrieben hat. Soll ein Volk in allen Lagen, in Glück und Noth, zu ſeinem Fürſten ſtehen, ſo muß er im Geiſte dieſes Volkes regieren, muß er vor Allem ſein Recht und ſeine theuren Ueberlieferungen achten. Der Fürſt iſt des Volkes wegen da, nicht das Volk des Für⸗ ſten wegen. Das hat König Otakar vergeſſen und es, Gott ſei es geklagt, nun dahin gebracht, daß viele, und wahrhaftig nicht immer die Schlechteſten im Volke, die Gefahr, die ſeiner Selbſtändigkeit von Außen droht, für nicht ſo ſchlimm halten, als die Herrſchaft dieſes Königs.“ „Ich kann nicht Alles in Abrede ſtellen, was Ihr 149 dem König ſchuld gebt,“ erwiderte Dalemil;„er hat ohne Zweifel zur Hebung der königlichen Macht nicht immer die rechten Mittel gewählt, er hat zu dieſem Be⸗ hufe an den Satzungen und Einrichtungen ſeines Volkes gerüttelt und manches alte gute Heimiſche durch Fremdes, das nur ſeinen Zwecken dient, erſetzt; er hat auch oft die Rechte Einzelner gekränkt und Manchen, der ihn be⸗ leidigt, zu hart beſtraft. Im Großen und Ganzen aber hat er doch die Blüthe ſeines Reiches mächtig gefördert. Ihr könnt nicht läugnen, daß auch in den alten böhmi⸗ ſchen Einrichtungen Manches ſich überlebt hatte, daß man⸗ ches Herkömmliche von dem Adel, insbeſondere von dem Dienſtadel zur Bedrückung des Volkes und zur Hemmung ſeiner Entwicklung gemißbraucht wurde; ebenſo wenig läßt ſich beſtreiten, daß der alte Czechenadel ſich ſeiner väterlich⸗ſchutzherrlichen Stellung zu den Gemeinen be⸗ geben, daß er in neuerer Zeit nicht minder nach thranni⸗ ſcher Gewalt über die Niedriggeborenen ſtrebt, wie der König ſie über den Adel übt, und daß es ſehr ſchlimm um das gemeine Volk, um die Beſitzloſen ſtehen würde, wenn es nicht an dem mächtigen und kräftigen König einen Schirmherrn hätte. Darum iſt es ihm auch treu ergeben und jederzeit bereit, für ihn in Kampf und Tod zu gehen.“ 3 Zäwis erkannte und ehrte das Wahre in dieſer 150 freien Meinungsäußerung des Gelehrten. Manches da⸗ von traf mit ſeinen eigenen Anſichten zuſammen und Anderes ſchien ihm wenigſtens der Beherzigung und nä⸗ hern Prüfung werth. Er wünſchte jetzt um ſo lebhafter den Mann für ſich zu gewinnen, als er von ihm gewiß ſein konnte, daß er ihm ſtets unverholen die Wahrheit ſagen werde. Aber Dalemil wich einer beſtimmten Zu⸗ ſage aus. „Ich hoffe Euch doch noch zu erweichen,“ ſagte Za⸗ wis;„lernt mich nur erſt kennen. Vor der Hand gebt mir nur Gelegenheit, Euch oft zu ſehen und Euch mein Weſen vollſtändig zu erkennen zu geben.“ Der Gelehrte antwortete, daß er ſich jederzeit freuen würde, ihn zu ſehen. Darauf verabſchiedete ſich Böhmens erſter Baron von dem armen Gelehrten wie von Sei⸗ nesgleichen. Alle folgenden Tage ſuchte Zäwis die ärmliche Wohnung Dalemil's auf. Bald begleitete ihn dieſer auf ſeinen Gängen durch die Stadt, wo er faſt die Geſchichte eines jeden Hauſes zu erzählen wußte. Auch führte er ſeinen Gaſt in manches Bürgerhaus, wo dieſer Gelegen⸗ heit fand, den behaglichen Wohlſtand, deſſen ſich die Bürger Prags im Allgemeinen erfreuten, und deren treue Anhänglichkeit an den König kennen zu lernen. Auch vom Hofe erfuhr Zäwis Manches, was ihn 151 intereſſirte, aus dem Munde des Gelehrten. So nament⸗ lich, daß die Königin dem König gegenüber das ſtrenge Czechenthum vertrete und deßwegen oft mit ihm in Streit gerathe. Als Zäwis ſeine Verwunderung darüber äußerte, weil Kunigunde von Halit doch ſelbſt keine Böhmin, er⸗ widerte Dalemil:„Aber ſie iſt eine Feindin der Deut⸗ ſchen, die der König liebt; deßhalb durfte Otakar auch die deutſche Krone nicht annehmen, die ihm zweimal angetra⸗ gen ward. Sie duldet auch nicht, daß Deutſche zu den hohen Hofämtern gelangen; wie ſie denn erſt ganz neuer⸗ dings es durchgeſetzt hat, daß ſtatt eines Deutſchen, dem der König ſehr gewogen iſt, der edle und feſte Czeche Hynek von Duba zum oberſten Truchſeß des Königreichs ernannt wurde.“ „Ei, das iſt mir ja etwas ganz Neues und Erfreu⸗ liches,“ ſagte Zäwis;„aber wie iſt's— hat mein edler Waffenbruder das Amt auch angenommen?“ „Die Königin hat ihn dazu bewogen,“ antwortete Dalemil. „Damit hat ſie dem Vaterlande einen großen Dienſt geleiſtet,“ erklärte Zäwis;„Herr Hynek iſt der tapferſte Degen im Königreich Böhmen—“ „Und im Norden das, was Ihr im Süden ſeid,“ fiel Dalemil ein;„wie Ihr hier, ſo hat er dort den größten Anhang und Einfluß. Er hatte auch Urſache, 152 dem König zu grollen und er grollte ihm; aber er vergaß ſeinen Groll, als ihm die Königin vorhielt, daß perſön⸗ licher Groll vor der Liebe zum Vaterlande zurückwei⸗ chen müſſe.“ Zäwis vernahm dies mit großer Befriedigung, und als er ſich von dem Gelehrten verabſchiedet hatte, waren ſeine Gedanken lange ausſchließlich mit der Königin be⸗ ſchäftigt, die ſeine dichteriſche Phantaſie zum Genius des Vaterlandes verklärte. Sein Herz brannte von dem Wun⸗ ſche, ſie wieder zu ſehen, und er zürnte auf Hroznata, der ſo lange auf ſich warten ließ. Er wollte ohne dieſen nicht bei Hofe erſcheinen. Endlich kam der ſehnlich Erwartete an. Hroznata und Wok waren mit ihren Reiſigen bis in die Nähe von Elhenitz gedrungen und hatten ſich dort in einem Walde verborgen gehalten. Hroznata war auf Kundſchaft aus⸗ gegangen und hatte Alles ſo gefunden, wie es die Frau des gefangenen Freiſaſſen angegeben. Er hatte die Lage des Gefängniſſes ausgekundſchaftet und ſich die Oertlich⸗ keit genau beſehen, dann war er in den Wald zurück⸗ gekehrt, von wo dann der ganze Zug in der Nacht gegen den Hof von Elhenitz aufgebrochen war. Leicht hatten ſie das Thor aufgebrochen, waren in den Hof eingedrun⸗ gen und hatten ſich des Gebäudes mit dem Kerker bemäch⸗ tigt. Zwar waren die Hofleute munter geworden und 153 hatten ſich den Eindringlingen entgegen geſtellt; aber ſie waren bald überwältigt worden und die Befreiung des Gefangenen war glücklich von ſtatten gegangen. Aber der Gefangene war ein Bild des Jammers und Elendes ge⸗ weſen. Zum Skelett abgezehrt und von Gliederſchmerzen zuſammengezogen, war er außer Stande geweſen aufzu⸗ ſtehen; ſeine Befreier hatten ihn tragen müſſen. Da man deßwegen nicht ſchnell mit ihm hatte fliehen können und gewärtig hatte ſein müſſen, daß, wenn man abgezogen wäre, der Herr des Hofes Leute ſammeln und den Be⸗ freiern mit dem Befreiten nachſetzen würde, ſo hatte man es nicht für rathſam gehalten, ſich zu trennen. Der ganze Zug war beiſammen geblieben und Hroznata ſelbſt dem⸗ nach mit nach Krumau zurückgegangen. In der That hatte ſich dieſe Vorſicht nöthig erwieſen; denn als man nur zwei Stunden von Elhenitz entfernt geweſen, war eine ſtarke Schaar von Verfolgern herangerückt. Man hatte ſchnell ein Viereck um den Befreiten geſchloſſen und ſich den Angreifenden kämpfend entgegen geſtellt. Der Kampf war ein hartnäckiger geweſen, mehrmals zurückgeſchlagen, hatte der Feind immer wieder angegriffen, bis der Füh⸗ rer einem Schwertſtreich Wok's erlegen; da hatten ſeine Untergebenen die Flucht ergriffen und man war ferner unbeläſtigt weiter gezogen. Der Befreite befand ſich nun in Krumau in der liebevollen Pflege ſeiner Frau, welche 1860. XVIII. Zäwiß von Roſenberg. I. 10 154 dabei von Fräulein Bertha auf das Gütigſte unter⸗ ſtützt ward. Zäwis war zufrieden mit dem Berichte, wenn er ſich gleich nicht verhehlte, daß Zbislaw ſich ſchwerlich bei dem ihm geſpielten Streiche beruhigen, vielmehr wider die Urheber bei dem oberſten Gerichtshofe, möglicher⸗ weiſe bei dem König klagen und ſo die Witkowetze bei demſelben auf's neue in Ungunſt bringen werde. Doch war die Sache nicht mehr ungeſchehen zu machen, und die Er⸗ wägung, daß der arme Freiſaſſe ohne dieſes gewaltſame Einſchreiten wahrſcheinlich elend zu Grund hätte gehen müſſen, geſtattete auch den Wunſch nicht, daß die Sache nicht geſchehen wäre. Man mußte aber ihren möglichen üblen Folgen vorzubengen ſuchen. Bevor Zäwis nun mit ſeinen beiden Genoſſen ſich dem König vorſtellte, fanden ſie es für gut, ſich mit dem, nach Dalemil's Bericht, zu einem der oberſten Hofümter gelangten Hynek von Duba zu vernehmen. Sie fuchten und fanden ihn in ſeinem eigenen Hauſe unter dem Hradſchin. Hynek war hoch erfreut, ſeinen alten Waffenbruder Zäwis wieder zu ſehen, und dieſe Freude ſtieg, als er erfuhr, daß Zäwis im Begriff ſtehe, ſich mit ſeinem gan⸗ zen Geſchlechte und Anhange dem König zu nähern, nach einem langen Zuſtande gegenſeitigen Grolles eine Ver⸗ ſöhnung zu ſtiften. 155 „Daran erkenne ich Dein großes, patriotiſches Herz,“ rief Hynek ihm die Hand ſchüttelnd,„und glaube mir, der König wird Dein großmüthiges Ent⸗ gegenkommen zu würdigen wiſſen, und ſollte er zögern, den erſten ſeiner Barone mit offenen Armen aufzuneh⸗ men, ſo lebt hier Jemand, der nicht ruhen wird, bis die Verſöhnung vollendet, bis das reichbegabte Haupt der fünfblättrigen Roſe eine Zierde des böhmiſchen Hofes iſt. Auch euch, ihr Herren,“ ſagte er zu Hroznata und Pota gewendet,„wird ein herzliches Willkommen nicht fehlen.“ Zäwis, deſſen Herz bei der Anſpielung auf die Kö⸗ nigin höher ſchlug, erwiderte nach einer Pauſe:„Nur die Gefahr, in der das Vaterland ſchwebt, kann mich und meine Freunde beſtimmen, dem König die Hand zur Ver⸗ ſöhnung zu bieten, aber es liegt weder in meinem Auftrag, noch in meiner eigenen Willensmeinung, daß man dem König ein ſolches Gebot ohne alle Bedingung thue. Du weißt, welche große Beſchwerden der böhmiſche Adel, ins⸗ beſondere mein Haus gegen den König hat, und wie der König in ſeinem Glücke ſich hart allen Forderungen der Gerechtigkeit und Billigkeit gegen uns verſchließt. Wir wollen ſehen, ob ihn das Unglück nicht gerechter ſtimmt. Wir wollen zu ihm ſtehen mit Gut und Blut, wenn er uns Gerechtigkeit widerfahren läßt, wenn er ſich bequemt 10* 156 zu billigen Zugeſtändniſſen an den Geiſt und die Geſchichte der Nation.“ „Ihr dürft von König Otakar's dankbarem Herzen überzeugt ſein,“ entgegnete Hynek,„daß er Jedem, der ihm in dieſer Bedrängniß beiſteht, aus freiem Antriebe zurückgibt, was er ihm genommen, oder daß er es ihm, wenn dies nicht thunlich, erſetzt. Dagegen fürchte ich, läßt er ſich durchaus nichts abdingen, das verbietet ihm ſein königlicher Stolz, den Unglück und Gefahr eher ſteigern als mildern.“ „Es handelt ſich nicht allein um die Beſitzthümer, die er uns genommen,“ verſetzte Zäwis,„ſondern um unendlich Höheres, es handelt ſich um den Rechtszuſtand der Nation. Dieſer leidet, wie Du weißt, an Fäulniß und Zerklüftung und fremdem Flickwerk; ihm ſeine ur⸗ ſprüngliche Geſundheit und Reinheit wiederzugeben, dazu müſſen wir die gegenwärtige Lage des Königs benutzen, wir müſſen ihm das Wort entgegen halten: richte das Recht auf, und wir ſtützen deinen Thron!“ „Ich glaube, auch das würde man am ſicherſten erreichen,“ erklärte Hynek,„wenn Ihr, wenn alle guten Patrioten ſich jetzt um den König ſchaarten, ihn zu Dank verpflichteten, ſich ihm unentbehrlich machten und ſeinen Sinn allmälig für ihre gute Sache gewännen.“ „Der Weg iſt lang und gefährlich,“ ſagte Zäwis; 157 „es kann Einer im Fürſtendienſt eher aus einem ehrlichen Mann ein Schelm werden, als einen Fürſten zur Ge⸗ rechtigkeit bekehren. Ich für meinen Theil müßte auf die⸗ ſen Weg verzichten— ich traue mir nicht Stärke der Seele genug zu, ihn ſonder Gefahr für meine Ehre zu wandeln.“ „Dann ſind wir Andern erſt recht ungeſchickt dazu,“ fielen Hroznata und Pota ein,„auch widerſtreitet dieſer Weg unſerer Vollmacht.“ „Wie ihr meint,“ antwortete Hynek;„im Grund⸗ ſatz ſind wir mit einander einig, und da die verſchiedenen Wege, die wir für gut finden, daſſelbe Ziel zu erreichen, ſo ſollen ſie uns nicht entzweien. Ich werde den König auf eure Sendung vorbereiten, und was ich thun kann, ihr eine geneigte Aufnahme und günſtigen Erfolg zu verſchaf⸗ fen, deſſen könnt ihr euch verſichert halten.“ Dann nahm er Zäwis auf die Seite und ſagte zu ihm leiſe:„Die Königin wird ſich freuen, wenn ich ihr melde, daß und in welcher Abſicht Du gekommen biſt. Sie zürnte Dir ſehr, daß Du in dieſer Zeit Deinen Groll nicht bezwingen konnteſt.“ „Hat ſie denn noch ein Gedächtniß für mich?“ fragte Zäwis erregt. „Gewiß,“ verſicherte Hynek,„ſie ſpricht jedesmal von Dir, wenn ich mit ihr zu reden komme.“ 158 „Und was urtheilt ſie überhaupt von mir?“ „Daß Du der ſtolzeſte und intereſſanteſte Mann ſeieſt, dem ſie außer dem Könige in Böhmen je begegnete.“ „So iſt ſie noch immer zuweilen kindiſch,“ ſagte Zäwis und machte dem Geſpräche haſtig ein Ende, indem er ſich zu Hroznata und Pota mit den Worten wandte: „Wir haben heute noch viel vor, es iſt hohe Zeit, daß wir uns von unſerm edlen Freunde beurlauben.“ Hynek verſprach den Dreien, ihnen mitzutheilen, wann er es für gerathen finden werde, daß ſie ſich zur Audienz bei dem König meldeten, und die Ritter ver⸗ abſchiedeten ſich. Als Zäwis eine Stunde ſpäter mit Hroznata ſei⸗ nem gelehrten Freunde einen Beſuch abſtatten wollte, wurden Beide auf der Schwelle des Hauſes durch ein engelhaftes Frauenbild überraſcht, das eben heraustreten wollte. Eine ſchlanke Geſtalt vom feinſten Ebenmaß der Glieder, zarter Fülle und einem Antlitz von unbeſchreib⸗ licher Lieblichkeit. Aber ſie war ſichtbar ängſtlich erregt. „Ach, edler Herr,“ redete ſie Zäwis an,„Ihr wollt ge⸗ wiß zu meinem Vater— den hat ein Schlaganfall ge⸗ troffen, die Folge allzugroßer Anſtrengung.“ „Iſt Meiſter Dalemil Dein Vater?“ fragte Zäwis überraſcht, und als die Frage bejaht wurde, ſagte er: „Du wollteſt wohl Hilfe für ihn herbeirufen?“ 159 „Ich wollte zu dem Bader gehen,“ antwortete ſie; „ich weiß vor Angſt nicht, was ich anfangen ſoll.“ „Kehre nur wieder um mit mir,“ ſagte Zäwis; „vielleicht kann ich auch ſo viel helfen, wie der Bader.“ Und er ſchritt der Stubenthür zu. Hroznata folgte mit dem jungen Mädchen. Der Gelehrte lag ausgeſtreckt auf einem Ruhebett mit offenen, lebendigen Augen, auch bewegte er einen Arm, aber er konnte nicht ſprechen, denn ſeine Zunge und die ganze eine Seite ſeines Körpers waren gelähmt. Sogleich bekundete Zäwis wieder ſeine ärztliche Kunſt; er ordnete für Dalemil's Tochter an, daß ſie ſchnell Feuer mache und Waſſer ſiede, indeß Hroznata die gelähmte Seite des Gelehrten ſanft reibe und er nach Hauſe eile, heilſame Kräuter zu holen, wie er ſie immer vorräthig hielt. Zůwis kehrte mit zwei verſchiedenen Kräutermiſchun⸗ gen zurück; aus der einen bereitete er einen Trank, aus der andern Unſchläge, und zeigte der Tochter des Kran⸗ ken deren Anwendung. Libusa, ſo hieß das Mädchen, hing mit dem Ausdruck der Bewunderung und Verehrung an dem Munde und den Bewegungen des vornehmen Mannes, der bei ihrem Vater die Stelle eines Arztes vertrat. Die Verehrung ſtammte jedoch nicht von heute, Libuba war gleich von der erſten Unterredung des Ba⸗ rons mit ihrem Vater Zeugin geweſen. Von der Küche 160 aus hatte ſie durch ein Fenſterlein den ſtattlichen Fremden eintreten ſehen, hatte ſie jedes Wort, das er mit ihrem Vater geſprochen, belauſcht, und die ganze edle Erſchei⸗ nung, Ausdrucksweiſe und Geſinnung hatte einen tiefen Eindruck auf ihre empfängliche Seele gemacht. Und ſeit⸗ dem hatte ſie ihn öfter geſehen, aber nie war ſie von ihm geſehen worden, da ihr Vater es abſichtlich vermied, ſeine Tochter vor dem vornehmen Beſuche ſichtbar werden zu laſſen. Nun hatte er dies doch nicht mehr verhindern können, nun ſtand ſie ihm plötzlich gegenüber, dem wunder⸗ baren Mann, deſſen Rede ihr durch die innerſte Seele drang und der jetzt durch die ſichere und gewandte Be⸗ handlung ihres kranken Vaters jede Angſt um dieſen verſcheuchte. Zäwis mußte jetzt öfter in die Wohnung des Ge⸗ lehrten gehen, um das übernommene ärztliche Amt zu üben, und dies brachte ihn in immer näheren und ver⸗ traulicheren Verkehr mit der lieblichen Tochter ſeines Pa⸗ tienten. Libusa war, wie er bald erfuhr, Dalemil's einziges Kind von einem geliebten Weibe, das ihm der Tod früh entriſſen. Einſam und ſtill, faſt klöſterlich hatte er ſie erzogen, und herrlich war ſie herangeblüht zu einer Iungfrau, deren ganze Erſcheinung an die Heimath des ewig Schönen gemahnte. Zawis fand öfters Gelegenheit, mit dem liebreizen⸗ 161 den Geſchöpf ſich zu unterhalten, und er erkannte, daß zu dem Zauber der Reinheit, der ihr Weſen verklärte, ſich auch eine tiefere Geiſtesbildung geſellte, als ſie ſelbſt Frauen ſeines Standes in der Regel beſaßen. Dalemil hatte nicht verſäumt, ſeinem Kinde aus dem Schatze ſeines Wiſſens reichlich mitzutheilen, und ſie hatte das Mitge⸗ theilte begierig aufgenommen und verarbeitet. Insbeſon⸗ dere war ſie mit der Geſchichte ihres Vaterlandes und der czechiſchen Geiſtesblüthe in Dichtkunſt und Proſa vertraut. Kein Wunder, daß ein Weſen von ſolchen Vorzügen einen Mann wie Zäwis feſſelte, daß er bald weniger um des kranken Vaters als um der blühenden Tochter willen kam und ſeine Beſuche immer mehr verlängerte. Mit innigem Behagen erging er ſich mit dem begabten Mädchen in den Zaubergärten der vaterländiſchen Heldenſage, oder auf dem Felde der Geſchichte; oft ergriff ihn dichteriſches Feuer und prächtige Dithyramben floßen von ſeinem Munde. Dann hingen Libusa's Augen in ſeliger Begei⸗ ſterung an ſeinem Angeſicht, und ihr Geiſt flog den Flug ſeines Geiſtes, ſo vermeſſen er auch ſein mochte. Und unvermerkt ſtahl ſich das Herz in dieſen geiſtigen Verkehr und forderte ſeinen Antheil, und ob auch Zäwis, der erſte der Barone, ſich ſträubte, die Tochter des armen Gelehr⸗ ten zu lieben, der Dichter und Menſch erlag dem ſüßen Zauber, den das holdſeligſte Weſen auf ihn übte, das er je geſehen. 162 Und die Königin? Das Ideal ſeiner Jugend, das noch jüngſt ſo friſch und lebendig in ihm auferſtanden war?— Es verblaßte und verſank wieder vor der holden Gegenwart. Als Dalemil durch Zäwis Kunſt und Libusa's Pflege wieder zum vollen Gebrauch ſeiner Geiſtes⸗ und Körperkräfte gelangte, ſah er mit Schrecken, welch ein Feuer in dem Herzen ſeiner Tochter loderte. Er machte einen Verſuch, es zu löſchen, indem er ihr vor⸗ ſtellte, wie thöricht es von einem armen, niedrig gebore⸗ nen Mädchen ſei, einen großen Baron zu lieben, wie ſol⸗ che Liebe nur entweder zu Schimpf und Schande oder zu verzehrendem Gram führen könne; aber Libusa führte den Vater an das Fenſter, durch tas die Sterne des Himmels glänzten, denn es war Abend, und auf die beiden Dioskuren deutend ſagte ſie:„Gebiete einmal einem von dieſen beiden Sternen, nicht mehr mit dem andern zu gehen. Sie gehorchen einem ewigen Geſetz— einem gleichen Geſetz gehorcht auch mein Herz, es kann nicht anders.“ Da graute dem frommen Gelehrten; er fand die Rede des Mädchens gottlos und vermeſſen, er ſtrafte ſie mit rauhen Worten und hieß ſie zu Bette gehen; er ſelbſt aber blieb noch lange am Fenſter ſtehen und ſchickte heiße Gebete zu Gott und zur heiligen Jungfrau, daß ſie die 163 Seele ſeines Kindes retten möchten vor dem ewigen Ver⸗ derben. Am andern Morgen ging er früh nach Zäwis' Herberge und verlangte ihn zu ſprechen. Dieſer war er⸗ freut über den Beſuch des Gelehrten. Kam er ihm zu danken, vielleicht durch Dankbarkeit überwunden, das ihm gemachte Erbieten anzunehmen? Allerdings dankte der Gelehrte für das ihm erwieſene Gute, aber er knüpfte daran die dringende Bitte, ſein Wohlthäter möge ſeinem Edelmuthe dadurch die Krone aufſetzen, daß er das Haus des Bittenden hinfort meide, denn eine ſchlimmere und gefährlichere Krankheit ſei dort ausgebrochen, als an ihm eben überwunden worden, und dieſelbe könne nur geheilt werden durch ſtrenges Fernhalten des Urhebers der Krank⸗ heit.„Fordert von mir, was Ihr wollt, Herr!“ ſchloß der Gelehrte,„fordert mein Leben— Ihr ſollt es haben, denn ich verdanke es Euch... aber laßt mein Kind in Ruhe, reißt ſeine ſchuldloſe Seele nicht in's Verderben!“ „Ihr ſeht wohl zu ſchwarz,“ entgegnete Zäwis be⸗ troffen.„Ich läugne nicht, daß ich Eure Tochter allen Frauen vorziehe, daß mir ihr Umgang unausſprechlich wohl thut; aber ich glaube nicht, daß der Zuſtand ihres Herzens ein ſo gefährlicher iſt, wie Ihr behauptet.“ „Er iſt es, Herr!“ fiel ihm der Gelehrte in's Wort; „ich kenne mein Kind, ich weiß, wie ſie war, ehe ſie Euch 164 ſah, und wie ſie jetzt iſt. Sonſt war ſie die Klarheit und Unbefangenheit ſelbſt; jetzt iſt ſie träumeriſch, unruhig, immer aufgeregt und von einem Geiſte des Widerſpruchs beſeſſen. Sie denkt nur an Euch, ſie kann den Augenblick nicht erwarten, wenn Ihr kommt; ſie rennt wohl zehn⸗ mal in der Viertelſtunde an das Fenſter zu ſehen, ob Ihr kommt; bei jedem Tritt, der ſich dem Hauſe nähert, horcht ſie auf und macht ein trübes Geſicht, wenn der Tritt vorübergeht. Herr, ſeid barmherzig! Ihr ſeid reich und mächtig, voll großer perſönlicher Gaben und Gna⸗ den, Ihr habt das Ausſuchen unter Fürſtentöchtern, keine Königstochter würde Eure Hand verſchmähen— macht eine Königstochter glücklich; aber ſchont mein Kind, laßt mir mein Kind, mein einziges Kleinod!“ Zäwis war tief gerührt.„Ihr habt natürlich das Recht, mir Euer Haus zu verbieten,“ ſagte er;„er⸗ ſcheint mein Beſuch Euch wirklich ſo gefährlich für Eure Tochter, ſo will ich Euerm Hauſe fern bleiben, wiewohl ich Euern Umgang und den mit Euerer geiſt⸗ und ge⸗ müthvollen Tochter ſehr vermiſſen werde. Deßhalb nehme ich mein Euch gemachtes Anerbieten nicht zurück; viel⸗ leicht beſiegt die Zeit Euere Bedenken.“ „Man kann nichts verreden,“ erwiderte Dalemil; „kommt Zeit, kommt Rath. Meiner Dankbarkeit dürft 165 Ihr gewiß ſein, und glücklich der Tag, wo ich ſie Euch beweiſen kann.“ Dalemil verabſchiedete ſich. Als die Stunde kam, in welcher Zäwis gewohnt war, nach dem Hauſe des Gelehrten zu gehen, hatte er Mühe, der Verſuchung zu widerſtehen, dem Verlangen Dalemil's zum Trotz ſeinen gewöhnlichen Beſuch zu ma⸗ chen. Und je weiter der Tag vorrückte, deſto mächtiger ward die Sehnſucht nach Libusa. Um ſie zu bezwingen, eilte er in das Freie, durchſtreifte Flur und Wald, und konnte doch ſeine Seele nicht losreißen von dem Bilde, das ſeine jüngſten Tage ſo wunderſam verklärt hatte. Er rief all ſeinen Stolz, all ſeine Ausſichten, alle ſeine Stan⸗ despflichten zu Hilfe gegen das Gefühl, das ſeine Seele beherrſchte. Aber es war doch ſchon mächtiger geworden, als er ſelbſt gedacht. Es erhob ſich ſiegreich gegen jeden Angriff und gaukelte der ſtolzen Seele liebliche Bilder eines rein menſchlichen, idylliſchen Glückes vor.„Biſt Du,“ ſo fragte ihn ſein Herz,„nicht frei und unabhängig? Kannſt Du nicht wählen nach Deinem Gefallen? Kann es ein ſchöneres und reineres, mit allen herrlichen Gaben des Herzens und der Seele reicher geſchmücktes Weſen geben, wie die Tochter Dalemil's? Iſt Eine Dir geiſtig ebenbürtiger, vermag Eine Dich beſſer zu verſtehen, Dich reiner zu beglücken? Blüht Dir an der Seite dieſes himm⸗ 166 liſchen Weibes nicht der Himmel auf Erden? Denk' an Herzog Udalrich, der den Muth hatte, eine Bäuerin zu ſich auf den Thron zu erheben— und glücklich war. Und doch war die ſchöne Bojena gewiß nicht ſo reich an äußern und innern Reizen wie Libusa, Dalemil's Tochter. Geh', erfaſſe Dein Glück; dem redlichen Werber um die Hand der Tochter wird der Vater ſein Haus nicht verſchließen. Erhebe Libusa zu Deiner Gattin und führe ſie heim in Deine ſtattliche Burg, ſchaffe Dir mit ihr in der blühen⸗ den Heimath ein Paradies, lebe dort fern von den Hän⸗ deln der Welt, als Vater Deiner Grundholden, als ſtil⸗ ler Wohlthäter dankbarer Menſchen.“ Wenig fehlte, und er wäre der lockenden Stimme gefolgt... da trat das Bild ſeiner ehrwürdigen, aber ahnenſtolzen Mutter vor ſeine Seele... nimmer würde dieſe den Bund ihres Erſtgeboren, des erlauchten Hauptes aller Witkowetze, mit einem Mädchen aus dem Volke geſegnet haben. Vor dem Geiſte der Mutter beugte ſich das Herz des Sohnes, und er ging heim, entſchloſſen, ſeine Leidenſchaft zu bekämpfen, koſte es was es wolle. Als er heimkam, empfing ihn Hroznata mit der Nachricht, daß der König ihn und ſeine Gefährten morgen bei ſich empfangen wolle.„ Achtes Capitel. In einer Fenſterniſche ſeines Arbeitszimmers, das nach dem Laurentiusberg hinausging, ſtand König Ota⸗ kar II. mit ſeinem Oberſtkanzler Mag. Peter, Propſt von Wysehrad, in ein Geſpräch über die Lage des Rei⸗ ches vertieft. Piemysl Otakar II. war damals ſiebenundvierzig Jahre alt. Ein Mann von mäßig hohem Wuchs, mit breiter Schulter und hoher Bruſt, machte er den Eindruck großer Körperkraft. Damit harmonirte der von langen Locken umwallte Kopf mit einem Geſicht von gewaltigem Ausdruck. Unter einer hohen, trotzigen Stirn, auf welcher eine tiefe Querfalte die ſtarke Neigung zum Zorn an⸗ deutete, blitzten ein Paar kühne, entſchloſſene Augen; die lange, ſpitze, vorn abwärts gezogene Naſe verrieth ein überaus reizbares Selbſtgefühl, eine leicht verwundbare Eigenliebe, während der ſchöne, von einem kräftigen Voll⸗ bart verhüllte Mund auf Wohlwollen und zugleich auf große Energie deutete. Seine Geſichtsfarbe war geſund und ſeine Haltung mgjeſtätiſch. Er hatte ein glorreiches, bewegtes Leben hinter ſich. Kaum 17 Jahre alt, hatte er ſich gegen ſeinen könig⸗ 168 lichen Vater, Wenzel I. empört, weil dieſer einen ſchädli⸗ chen Krieg gegen den vom päpſtlichen Bannſtrahl ge⸗ troffenen großen Hohenſtaufen Friedrich II. führte. Der Sohn, mit einem großen Theil des Adels im Bunde, hatte den Vater bekriegt, vertrieben und ſich ſeines Thro⸗ nes bemächtigt. Mit ausländiſchen Söldnern war der König zurückgekehrt und hatte mit Hilfe ſeiner wenigen Getreuen vom Adel, darunter Boreſch von Rieſenburg, den aufrühreriſchen Sohn zur Unterwerfung gezwungen. Nach dem nur wenig Jahre ſpäter erfolgten Tode ſeines Vaters ſelbſt auf den Thron gerufen, war ſein erſtes Augenmerk auf Stärkung der königlichen Macht durch Beſchränkung der Macht des Adels und Hebung des Bürgerthums gerichtet. Er ließ die Rechtstitel der Be⸗ ſitzungen des Adels unterſuchen, und wo dieſelben irgend zweifelhaft erſchienen, wurden die Beſitzungen eingezogen. Dagegen erhielten die Städte große Freiheiten, die den Neid des Adels erregten, die Bürger aber zu treuen An⸗ hängern des Königs machten. Mit ſeiner überlegenen Geiſtesmacht und einer wohlgeſchulten ſtarken Kriegs⸗ macht hielt er den mißvergnügten Adel im Zaume. Aber es genügte ihm nicht, in ſeinem Reiche unumſchränkt zu herrſchen. Sein Thatendurſt trieb ihn zum Kreuzzug wider die heidniſchen Preußen, die er in großen Schlachten ſchlug und zum Chriſtenthum bekehrte. Eine blühende 169 Stadt(Königsberg) ließ er zurück als Denkmal ſeiner Siege. Bewundert von der ganzen Chriſtenheit kehrte er nach Böhmen zurück, um bald zu neuen Siegen in an⸗ derer Richtung und zu anderm Zweck zu eilen. In ſeinem Geiſte lebte der Gedanke, ein großes, weſtſlaviſches Reich zu gründen, das vom Adriatiſchen Meer bis an das Baltiſche reichte. Er kämpfte um den Beſitz der Länder zwiſchen der Donau und dem Adriatiſchen Meer mit Baiern und Ungarn, welche letztere er bei Kreſſenbrunn auf's Haupt ſchlug und zur Abtretung von Steiermark zwang; zur Herrſchaft in Oeſterreich gelangte er durch Wahl der Stände und die Belehnung durch den Kaiſer Richard von Cornwall. Von den Ungarn auf's neue beunruhigt, zog er gegen ſie aus und züchtigte ſie in einer blutigen Schlacht bei Raab. Groß und gefürchtet ſtand, nachdem er auch den Baiern Eger und Waldſachſen ent⸗ riſſen, Böhmens König vor ganz Europa. Zum zweiten⸗ mal ward ihm die ſchon früher von ihm ausgeſchlagene Kaiſerkrone angetragen. Er ſchlug ſie, die tief herab⸗ gewürdigte, auch diesmal aus. Das war der Wendepunkt ſeines Glückes. Die verſchmähte Krone fand ein Haupt, das ihren alten Glanz wieder herzuſtellen verſtand. Da erkannte Otakar zu ſpät ſeinen Fehler— voll Verdruß darüber verweigerte er dem Kaiſer Rudolf die Anerken⸗ nung und Huldigung als Oberlehnsherr ſeiner deutſchen 1860. XVIII. Zäwis von Roſenberg. I. 11 S 170 Beſitzungen, er wollte weder Lehen darüber nehmen, noch Rechnung legen. Dabei zog er in ſeinen Landen die Zügel der Herrſchaft ſtrenger an als je, verfuhr immer rück⸗ ſichtsloſer gegen die Barone, die ſeinem Streben nach unbeſchränkter Gewalt im Wege ſtanden. Da verband ſich die Unzufriedenheit im eigenen Reiche mit dem Zorne des Kaiſers und dem Haß der äußeren Feinde zu ſeinem Sturze. Wir kennen bereits den Umfang und die Natur der Gefahren, von welchen König Otakar umringt war. Er erkannte ſie wohl, aber er fürchtete ſie nicht. In ſo vielen Kämpfen Sieger und im Beſitz eines ſieggewohnten, ihm treu ergebenen Heeres, glaubte er allen Stürmen trotzen zu können, die gegen ihn herantobten. So war er auch keineswegs ſehr geneigt zur Nachgiebigkeit gegen ſeine mißvergnügten Barone. Nur mit Mühe hatte ihn ſeine Gemahlin dahin vermocht, den tapferen Hynek von Duba zu Gnaden anzunehmen und ihm die früher zugefügte Kränkung durch Verleihung der oberſten Truchſeßwürde zu vergüten; mit Mühe war er auch dahin zu bewegen geweſen, dem ihm durch Hynek von Duba angemeldeten Haupte der Witkowetze und ſeinen Gefährten eine Audienz zu bewilligen. Die Stunde der Audienz war nahe. Der wackere Oberſtkanzler lenkte das Geſpräch auf dieſelbe und ſtellte l dem König vor, wie viel ſicherer er des ſiegreichen Be⸗ ſtehens der kommenden Kämpfe ſein könne, wenn er das mächtige Geſchlecht der Witkowetze durch Großmuth ver⸗ ſöhne. „Hätten ſie mir nur nicht gerade dieſen Zäwis ge⸗ ſchickt,“ erwiderte der König;„mit Heinrich von Roſen⸗ berg hätte ich mich noch eher auf eine Unterhandlung einlaſſen mögen. Dieſer Zäwis hat etwas, was mich ab⸗ ſtößt.“ „Aber gerade, daß ſie dieſen, das Haupt der ganzen Sippe ſchicken, ſcheint mir zu beweiſen, daß ihnen an der Aufnahme in die königliche Huld gelegen iſt,“ verſetzte der Kanzler. „Daß ſie den Stolzeſten ihres Geſchlechtes ſchicken,“ behauptete der König,„könnte auch anzeigen, daß ſie ſtolze Bedingungen ſtellen.“ „Ew. Hoheit hat die Gabe hohe Anſprüche herab⸗ zuſtimmen, wenn Sie ernſtlich eine Ausgleichung will. Zäwis von Falkenſtein iſt ein hoher Geiſt, und hohe Gei⸗ ſter verſtändigen ſich leichter, als mittelmäßige.“ „Vorausgeſetzt, daß ihre Wünſche friedlich neben einander herlaufen,“ erklärte der König,„daß nicht die Hand des Einen ſich ausſtreckt nach des Andern höchſtem Kleinod.“ 118 172 „Das hat wohl Zäwis nie gethan Eurer Hoheit gegenüber!“ rief der Kanzler. „Das ſag' ich ja nicht,“ ſagte der König;„doch liegt in dem Manne etwas, was ihn wider ſeinen Willen treibt, ſich über die Stufe zu erheben, welche ihm von der Geburt angewieſen. Ihr waret noch nicht an meinem Hofe, Kanzler, als ich den noch jungen Mann in meine nächſte Umgebung zog, ihn auszeichnete und mit meinem vollſten Vertrauen beehrte. Ich liebte ihn, ich hoffte an ihm einen treuen Paladin zu gewinnen, ich hätte es gern geſehen, wenn er der erſte Planet um Böhmens Sonne geweſen wäre. Aber ehe ich mich deſſen verſah, verdunkelte das neue Geſtirn den Glanz der Sonne ſelbſt. Das konnte ich nicht dulden, es ſtritt gegen die große Aufgabe meines Lebens, ein ſtarkes, erhabenes Königthum zu ſtiften, welches ein Abbild der hehren, unwandelbaren Ordnung am Himmel iſt: eine große Sonne, um welche alle Planeten ſich drehen, von welcher ſie alle Licht und Wärme empfangen. Zäwis von Falkenſtein mußte in die Dunkelheit zurücktreten, aus der ich ihn her⸗ vorgezogen—“ „Und in der er ſeitdem gelebt, ohne einen Verſuch zu machen, ſich daraus zu erheben,“ fiel der Kanzler ein. „Still und zurückgezogen hat er in ſeinen Wäldern, auf ſeiner Burg gehauſt, unter alten Pergamenten mehr mit 173 den Geiſtern der Vorzeit verkehrend, als mit den Menſchen der Gegenwart.“ „Und doch iſt ſein Name nicht verſchollen,“ ver⸗ ſetzte der König,„doch geht ſein Ruf durch das ganze Land, doch blicken alle Feinde der königlichen Macht auf ihn, als auf einen Führer und höchſten Berather.“ „An Eurer Hoheit wird es liegen, ob ſie ſich in ihm täuſchen oder nicht,“ erklärte der Kanzler.„Bindet ihn durch Huld und Vertrauen an Euren Thron, und er wird Euch ein mächtiger Schild werden gegen alle Eure Feinde.“ „Um welchen Preis meint Ihr, daß ich mir ihn gewinnen ſoll?“ fragte der König.„Geſetzt, ich hätte nichts für den Glanz meiner Krone zu fürchten von dem hochſtrebenden Geiſte dieſes Mannes, wenn er in meinem Dienſte ſtände, würde ich dieſe Dienſte nicht um einen zu theuren Preis erkaufen müſſen, würde der Preis nicht die Rückgabe aller Güter ſein, die ich ſeinem hochmüthigen Geſchlechte mit Fug und Recht entriſſen?“ „Ich halte dieſen Preis nicht zu hoch für einen ſolchen Mann in ſolcher Zeit,“ ſagte der Kanzler;„ich glaube, Eure Hoheit wird damit allemal beſſer fahren, als mit den Gunſtbezeugungen, womit Ihr die Grafen von Güſſing und Aegid von Preßburg überhäuftet und Euch nur ſchändliche Verräther erkauftet—“ 174 „Still! ſprecht mir nicht mehr von dieſen Undank⸗ baren!“ rief der König gereizt. In dieſem Augenblick trat der Geſchichtsſchreiber des Königs, Ulrich, in das Gemach und überreichte dem König ein Schreiben Heinrich's von Klingenberg, Burg⸗ hauptmanns auf Budweis. Der König entfaltete das Schreiben und las es ſtill für ſich. Die Zornfalte auf ſeiner Stirn zog ſich tiefer zuſammen und ſein Auge funkelte, indem er las. Endlich warf er das Schreiben, mit dem Fuß ſtampfend, auf den nahen Arbeitstiſch, und die Fauſt krampfhaft ballend rief er:„Welch ein neuer Frevel dieſes über⸗ müthigen, unverbeſſerlichen Geſchlechtes! Aber beim drei⸗ einigen Gott, ſie ſollen mir ihn büßen, ſie ſollen die ganze Wucht meines königlichen Armes fühlen! Der Haupt⸗ frevler iſt ſchon in meiner Gewalt. Ulrich, geh' zum Burgvoigt und bring ihm meinen Befehl: er ſoll mit zehn Bewaffneten das äußere Burgthor beſetzen, alle Einpaſſirenden nach ihrem Namen fragen, und den, der ſich Zäwis von Falkenſtein nennt, im Namen des Königs verhaften!“ Der Kanzler hatte ſich vor dem Ausbruche des königlichen Zornes etwas zurückgezogen, wie er den Namen Zäwis von Falkenſtein hörte, trat er vor und rief: „Verzeihung, Hoheit, was iſt mit Zäwis von Fal⸗ 175 kenſtein, was hat er verbrochen? Wartet einen Augen⸗ blick, Ulrich!“ „Seine Knechte haben Hand an meine treuen Die⸗ ner gelegt, und er wagt es, ſie in Haft zu halten und ſich zum Richter über ſie aufzuwerfen. Da leſet ſelbſt.“ Er reichte dem Kanzler das Schreiben. Es enthielt einen Bericht über die Gefangennahme des Schenken von Emerberg und ſeiner Geſellen durch die Einwohner von Budweis und ihre Abführung nach Krumau in den Gewahrſam Zäwis' von Falkenſtein, wobei die Thatſachen in ein für die Witkowetze möglichſt gehäſſiges Licht geſtellt waren. „Nun, was ſagt Ihr dazu?“ fragte der König, als der Kanzler das Schreiben niederlegte;„meint Ihr auch jetzt noch, daß ich das wilde Katzengeſchlecht ſtreicheln und begütigen ſoll?“ „Ich ſage wie bei allen ſolchen Anklagen: audiatur et altera pars,“ erwiderte der Kanzler. „Der Klingenberg iſt ein treuer, bewährter Mann, ihm muß man glauben,“ erklärte der König;„das Wort eines Rebellen kann das Wort eines treuen Dieners nicht entkräften! Es bleibt bei meinem Befehl, Ulrich; geh' und bring' ihn dem Burgvvigt.“ „Bedenkt, Hoheit, die Lage des Reiches! Bedenkt, 176 wie gefährlich jetzt jeder Schritt werden muß, der die Witkowetze noch mehr wider Euch reizt!“ „Und wenn ich die ganze Welt wider mich in Flammen ſetzte, ſo will ich doch Gerechtigkeit üben,“ ver⸗ ſetzte der König, und wiederholte den Befehl an den Ge⸗ heimſchreiber mit einer Miene, die dieſem nur zu ein⸗ dringlich ſagte, daß er nur noch zwiſchen augenblicklichem Gehorchen und ſchwerer Ungnade die Wahl hatte. Er ging und richtete ſeinen Befehl aus. Nicht ahnend, welch ein Ungewitter ſich über ſeinem Haupte zuſammengezogen hatte, ritt Zäwis mit ſeinen beiden Freunden und drei Dienern auf die königliche Burg des Hradſchin. Als ſie ſich dem erſten Thore nahten, wurden ſie von der Zinne deſſelben nach ihrem Namen gefragt. Als ſie ſie genannt, öffnete ſich das Thor und ſie ritten ein; doch die Diener wurden zurück⸗ gewieſen und das Thor hinter den Baronen ſogleich wieder geſchloſſen. Aus einer Thür im Innern des Thores trat eine Anzahl Bewaffneter; der Burgvvigt an ihrer Spitze ſagte:„Zäwis von Falkenſtein, im Namen des Königs, Ihr ſeid verhaftet. Uebergebt mir Euer Schwert und ſteigt vom Pferde. Ihr andern Herren könnt Eures Weges zurückgehen, ſobald dieſer Herr in Sicherheit iſt!“ Der Burgvoigt hatte Hroznata für Zäwis ge⸗ 177 nommen. Hroznata gab dem verehrten Freunde einen Wink, daß er den Irrthum benützen möge, und ſchickte ſich an, ſich zu ergeben. Doch Zäwis klärte den Burgvoigt ſchnell auf, übergab ſein Schwert und ſchwang ſich vom Pferde. „Geht, Freunde,“ rief er ſeinen Gefährten zu, „und ſeid ohne Sorgen um mich. Ich fürchte nicht, daß ich ein Opfer gemeinen Verrathes bin, ſondern daß irgendwo ein Mißverſtändniß den König zu dieſer ſtrengen Maßregel bewogen.“ „Gewiß iſt es ſo, Herr Zäwis Witkowetz!“ rief auf einmal eine glockentönige weibliche Stimme ganz nahe. Zawis ſah ſich um— und die Königin ſtand vor ihm. „Weicht zurück!“ rief ſie dem Burgvoigt und ſeinen Leuten zu;„die Nähe der Königin von Böhmen ſchützt jeden Verbrecher vor dem Arm der Gerechtigkeit, wie viel mehr den Unſchuldigen!“ 6 Der Burgvvigt kannte die uralte böhmiſche Satzung, nach welcher die Nähe der Königin von Böhmen ebenſo wie St. Wenzel's Grab und die Bedeckung oder Um⸗ armung durch die eigene Gattin, ein unverletztes Aſyl war— er zog ſich daher ohne Zögern zurück. Zäwis ließ ſich vor der hohen Frau auf eine Knie nieder und ſagte:„Eure Hoheit kommt wie vom Himmel und wandelt die Nacht in den glänzendſten Tag. Ich 178 dank' Euch für das Wort der Freiheit, mehr für den Glauben an meine Unſchuld.“ „Daß ich Euch vor dem Kerker ſchützte, verdient keinen Dank,“ ſagte die Königin;„denn ich werde mir doch die Ausübung meines ſchönſten Rechtes nicht ent⸗ gehen laſſen, und mit dem Glauben an Eure Unſchuld erwidere ich nur Euer Vertrauen, daß der König nicht Verrath an Euch geübt, ſondern durch einen Irrthum zu einer ſtrengen Maßregel bewogen worden. So iſt es in der That— Ihr wurdet noch vor einer Stunde mit aller Gunſt zur Audienz erwartet. Da kam ein Schreiben hier an, daß Euch verklagte, Hand an eine Anzahl könig⸗ licher Diener, darunter einen von edlem Geſchlechte, gelegt zu haben und ſie wider des Landes Recht und Geſetz in Haft zu halten. Mit Recht duldet der König von ſeinen Unterthanen keine Eigenmächtigkeiten und Willkürlichkeiten, und ſtraft er ſie ohne Anſehen der Per⸗ ſon. Er konnte nicht wiſſen, ob die Anklage wider Euch falſch ſei, und damit das Recht gewahrt werde, gab er Befehl, ſich Eurer Perſon zu verſichern. Die Unter⸗ ſuchung würde Eure Unſchuld ergeben haben; aber ich bin dem würdigen Oberſtkanzler doch dankbar, daß er mich von dem Befehl des Königs in Kenntniß ſetzte und veranlaßte, das an meiner Perſon haftende heilige Aſyl⸗ recht Euch zu gute kommen zu laſſen.“ 179 „Gott ſegne Euch, hohe Frau,“ erwiderte Zäwis tief bewegt.„Obgleich die Anklage falſch iſt, ſo möchte ich doch dem Ankläger faſt dafür danken, weil er mir den Genuß ſo erhabener Huld verſchafft. Möchte es mir nur bald vergönnt ſein, die Anklage zu entkräften und dadurch zu beweiſen, daß Eure Huld an keinen ganz Unwürdigen verſchwendet iſt.“ „Dieſes Beweiſes bedarf es nicht mehr, Herr Zäwis,“ erklärte die Königin;„die Geſinnung, die aus Euren Dichtungen ſpricht, iſt mir Beweis genug. Doch finde ich den Wunſch natürlich, die gegen Euch erhobene Anklage vor aller Welt zu entkräften. Ich werde Euch zu dem König geleiten; jetzt, wo die erſte Gluth ſeines Zor⸗ nes vorüber iſt, wird er Euch ein ruhiges Gehör nicht verſagen.“ „Ich mache Gebrauch von Eurer Hoheit Güte,“ ſagte Zäwis;„doch erlaubt, daß dieſe meine Freunde mich begleiten. Sie können bezeugen, was ich ſage.“ Die Königin wendete ſich jetzt zum erſtenmale zu den beiden Rittern.„Ei willkommen in Prag, Herr Hroznata!“ rief ſie dieſem zu;„es iſt ſchön von Euch, daß Ihr Wort gehalten. Wollt Ihr ſo freundlich ſein, mir Euren Gefährten vorzuſtellen, daß ich ihn auch will⸗ kommen heiße?“ Hroznata ſprang mit Pota von Pottenſtein vom 180 Roß, und indem ſie Beide durch Kniebeugung ihre Huldi⸗ gung bezeugten, nannte Erſterer des Andern Namen. „Auch einer von den ſtolzen Herren, die auf ihren Burgen vergeſſen, daß es in Böhmen einen Hof gibt, für welchen die Beſuche der Edlen das ſind, was für die Krone die Edelſteine,“ ſagte die Königin lächelnd, und fügte hinzu:„In der Hoffnung, meinem Hofe einen neuen Schmuck in Euch einzufügen, heiße ich Euch herzlich will⸗ kommen.“ „Matt und dunkel iſt der Glanz des beſcheidenen böhmiſchen Granats, wo ein Demant von ſolcher Herr⸗ lichkeit ſtrahlt, wie am Hofe Böhmens,“ erwiderte Pota ſich erhebend;„doch wird er gern ſich verdunkeln laſſen, wenn man ihn nur nicht mit Füßen tritt.“ Zäwis warf dem Sprecher einen ſtrafenden Blick zu, den die Königin bemerkte. Sie fand daher keine Gegenbemerkung für nöthig und that, als hätte ſie die Anſpielung in Pota's Worten nicht verſtanden. Sie führte die drei Barone nach den Gemächern des Königs. In einem großen Prunkgemach, das an das Ar⸗ beitszimmer des Königs grenzte, ließ die Königin die Herren ſtehen und ging allein zu ihrem Gemahl. Nach einer Viertelſtunde trat ſie an ſeiner Seite wieder heraus. König Otakar konnte ſehr leutſelig ſein, und er war 181 es in der Regel gegen ſeine treuen Diener wie gegen den ſchlichten Mann aus dem Volke; gegen den hohen Adel aber benahm er ſich im Allgemeinen ſehr herriſch. So erſchien er auch jetzt vor Zäwis und ſeinen Genoſſen. Die Königin hatte der ganzen Macht bedurft, die ſie über ſein Herz beſaß, um ihn zur Zurücknahme ſeines Befehls und zu dieſer Audienz zu bewegen. Bei den übrigen ge⸗ waltigen Eigenſchaften Otakar's war ſein herriſches Auf⸗ treten für den gewöhnlichen Schlag der Barone durch⸗ aus niederdrückend, faſt zerſchmetternd, andere reizte es zu trotziger Abkehr von ihm— Zäwis ließ ſich davon weder niederdrücken noch empören. Nachdem die drei Barone durch eine tiefe und feier⸗ liche Verbeugung ihre Ehrerbietung bezeigt, fragte der König, welcher von ihnen Zäwis Witkowetz, der ſich von Falkenſtein nenne, ſei. „Ich bin Zäwis von Falkenſtein aus dem Ge⸗ ſchlechte der Witkowetze,“ ſagte Zäwis mit der Selbſt⸗ beherrſchung, deren er ſo ſehr Meiſter war. „Meine Königin ſagte mir, Ihr wollet Euch gegen die Anklage rechtfertigen, welche mein treuer Burghaupt⸗ mann zu Budweis gegen Euch erhoben und um deret⸗ willen ich Euch wollte verhaften laſſen. Was habt Ihr zu Eurer Rechtfertigung vorzubringen?“ „Eigentlich müßte mir zuvörderſt der ganze Inhalt 182 der Anklage bekannt gemacht werden,“ gab Zäwis zur Antwort.„In dieſem Falle iſt es jedoch beſſer davon abzuſehen. Vernehme Eure Hoheit den einfachen Hergang der Thatſachen, die der Anklage zu Grunde gelegt ſind.“ Und er erzählte die ganze Geſchichte, wie der Leſer ſie kennt. Die einfache und doch edle Redeweiſe des Erzäh⸗ lers, die Offenheit, mit welcher er das Verfahren des Schenken von Emerberg mißbilligte, die Wärme, mit welcher er den alten Volksgebrauch der Wesna und Mo⸗ rana in Schutz nahm, und der leichte Spott, mit wel⸗ chem er die Entlaſſung des Schenken und ſeiner Leute erzählte, wirkten auf den König ſehr beſchwichtigend, ja ſo überzeugend, daß er nicht nach dem Zeugniß der bei⸗ den andern Herren fragte. „Der Schenk von Emerberg muß demnach gar nicht wieder zu dem Herrn von Klingenberg zurück⸗ gekehrt ſein, da dieſer ihn noch in Eurer Haft wähnt,“ ſagte der König. „Ich weiß ſogar gewiß, daß er nicht zu ihm zu⸗ rückgekehrt iſt,“ bekräftigte Zäwis.„Er hat Euern Dienſt mit dem Dienſte einer ſchönen fahrenden Dame vertauſcht, ſein religiöſer Eifer iſt untergegangen in zärt⸗ licher Liebesgluth; möge dieſe nicht etwas Schlimmeres aus ihm machen, als er geweſen, aus einem religiöſen Fanatiker nicht einen Fanatiker der Blutrache!“ 183 „Wie meint Ihr das?“ fragte der König geſpannt. „Erlaubt, daß ich die nähere Erklärung für mich behalte,“ antwortete Zäwis;„eine ſchlimme Befürchtung über einen Menſchen gegen einen Mächtigen der Erde ausgeſprochen, iſt ein zweiſchneidiges Schwert, das leicht die Unſchuld vernichten kann.“ Er ſprach dies ſo feſt, daß der König auf die verlangte Erklärung verzichtete. „Wenn ſich Alles ſo verhält, wie Ihr ausſagt,“ nahm Otakar das Wort wieder,„ſo kann natürlich von einer Strafe wider Euch nicht die Rede ſein. Ich werde genaue Erörterungen deßwegen anſtellen laſſen. Vor der Hand ſeid Ihr frei. Jedenfalls war es eine andere An⸗ gelegenheit, als der beſprochene Handel, die Euch zu mir geführt; ſprechen wir jetzt davon.“ „Dieſe meine Freunde, Hroznata von Huſitz und Pota von Pottenſtein,“ ſagte Zäwis,„kommen mit mir im Auftrage meines ganzen Geſchlechtes und vieler an⸗ dern Herren vom Adel Böhmens, um Eure Hoheit für den bevorſtehenden Krieg ihres treuen Beiſtandes mit Geld und Blut zu verſichern.“ „Wie? Iſt das wahr? Sind ſie zur Erkenntniß ihrer Pflicht gekommen?“ fiel der König erfteut und überraſcht ein;„wohl mir und ihnen, dann brauche ich ſie nicht zu ihrer Pflicht zu zwingen!“ „Ich komme im Namen von Männern, die ſich 184 noch nie zu ihrer Pflicht zwingen ließen,“ entgegnete Za⸗ wis ruhig. „Ihr vergeßt, daß gerade die Herren von der Roſe es waren, die ſich vor drei Jahren weigerten, mit mir gegen Ungarn zu ziehen!“ bemerkte der König. „Dazu waren ſie nicht verpflichtet, denn nach uralt böhmiſchem Recht iſt kein Böhme zum Dienſt im aus⸗ wärtigen Kriege verbunden. Ihr ſelbſt habt Euch für dies alte Recht dereinſt erhoben, als der Pabſt den Böh⸗ men zumuthete, einen Kreuzzug gegen den deutſchen Kai⸗ ſer Friedrich II. zu unternehmen. Damals verweigerte der größte Theil des böhmiſchen Adels Eurem könig⸗ lichen Vater die Heeresfolge, und Ihr ſchloßet Euch dem Adel an als ein Kämpe für das alte heimiſche Recht.“ Dieſe Erinnerung entwaffnete den König. Er ſchwieg ein Weilchen beſchämt und ſagte dann:„Das war ein anderer Fall, als mit dem letzten ungariſchen Kriege. Dort war kein böhmiſches Intereſſe im Spiel, hier war die Ehre des böhmiſchen Königshauſes verletzt, denn man hatte den leiblichen Bruder der Königin gräßlich gemor⸗ det und Ungarn ſchützte den Mörder*). In ſeinem Kö⸗ nigshauſe iſt das ganze Volk verletzt.“ Guuf Heimich von Güßfing, früher Otakars Vertrauter, dann ſein Verräther an die Ungarn, gerieht auf einer Dongu⸗ 185 „Unſer böhmiſches Recht weiß nichts davon, daß das ganze Volk ſich in das Elend und den Jammer eines Krieges ſtürzen müſſe, wenn ein ausländiſcher Verwand⸗ ter ſeines Königs erſchlagen worden. Dennoch würden die Witkowetze gern den Tod des Bruders ihrer erha⸗ benen Königin mit gerächt haben, hätten ſie ſich nicht ſelbſt über ſo manche Kränkungen und Verletzungen ſei⸗ ten ihres Königshauſes zu beklagen gehabt.“ „Ich erfüllte nur die Pflicht meines königlichen Amtes,“ verſetzte der König,„indem ich Güter zum Beſten des Staates einzog, welche in innern Unruhen auf die eine oder andere, mit dem Rechte des Staates unverträgliche Art in den Beſitz des Adels gekommen waren. Ich habe dies jederzeit nach ſorgfältiger Prü⸗ fung des Rechtstitels gethan. Unmöglich konnte ich, was man meinen Vorfahren in Zeiten der Noth abgetrotzt oder abgeſchmeichelt, für einen rechtmäßigen, ewigen Be⸗ ſitz gelten laſſen. Von der Abſicht einer perſönlichen Kränkung war ich frei, als gewiſſenhafter Haushalter inſel mit dem Prinzen Bela, Bruder der böhmiſchen Königin Ku⸗ nigunde, in Streit, erſchlug ihn und hieb in ſeiner Wuth noch deſſen Leichnam in Stücke, die von den ungariſchen Prinzeſſinnen ſelbſt unter Jammer und Wehklagen zuſammen geleſen wurden. Vergleiche Palackh, Geſchichte von Böhmen. 1860. XVIII. Zawit von Roſenberg. I. 12 186 des Staates mußte ich die Rechte des Staates wahren, oft gegen meine perſönliche Neigung.“ „Doch verlieh Eure Hoheit die meiſten der eingezo⸗ genen Güter ſogleich wieder an andere Perſonen,“ warf Zäwis ein. „Ja, ich verwendete ſie zur Belohnung treuer Dienſte für den Staat,“ erklärte der König;„ich gab ſie ſolchen Männern, von denen ich gewiß war, daß ſie ihre Macht nicht gegen die Staatsgewalt mißbrauchen würden. Wäre der Adel meines Königreichs durchweg ſo zuverläßig geweſen, hätte er allerwege ſeinen Willen dem Staatswillen untergeordnet, hätte ſich in ihm nicht der verderbliche Geiſt der Willkür geregt, der die ganze Staatsordnung über den Haufen zu werfen und an die Stelle eines ſtarken, einheitlichen Staatsgewalt eine Menge unter ſich uneiniger kleiner Königlein zu ſetzen drohte: ſo würde ich nie eine Prüfung der Rechtstitel ſeiner Beſitzungen, nie eine Uebertragung derſelben auf andere Perſonen nöthig gehabt haben. Doch wozu dieſe Erörterung? Ihr ſeid doch nicht etwa gekommen, mich über meine Handlungen zur Rede zu ſtellen!“ „Das ſei ferne, mein königlicher Herr,“ erwiderte Zäwis.„Wir ſind gekommen, um Angeſichts der Ge⸗ fahr, in welcher Eure Hoheit und mit ihr das Vaterland ſchwebt, einen Verſuch zu machen, alle Wunden und 187 Schäden, an welchen das Vaterland in ſeinem Innern blutet, mit einem Male und für immer zu heilen, damit es mit ſeiner ganzen Kraft und Stärke ſich dem äußern Feind entgegenwerfe und ihn zu Boden ſchlage, wie in den Tagen Samo's. Eure Hoheit erlaube mir, daß ich mich über die Mittel, welche diejenigen, in deren Na⸗ men ich ſpreche, als zu ſolcher Heilung führend erkannt, frei und unumwunden ausſpreche.“ Der König deutete durch eine Gebärde an, daß er bereit ſei, den Sprecher anzuhören, lud aber vorher die Königin ein, auf einem naheſtehenden Seſſel Platz zu neh⸗ men. Indem er ſich ſelbſt neben ihr niederließ, forderte er Zäwis auf zu ſprechen. Dieſer begann: „Im friſchen Andenken des geſammten böhmiſchen Volkes leben die glorreichen Thaten, durch welche Eure Hoheit den böhmiſchen Namen nach Außen mit Ruhm und Glanz erfüllt und das Land im Innern reich und blühend gemacht. Die Bewunderung, mit welcher der Geringſte im Volke zu ſeinem Heldenkönig Otakar II. emporblickt, ſie wird gewiß auch von der großen Mehr⸗ heit des Adels getheilt. Wenn dies nicht auch mit der Liebe der Fall iſt, die, wie ich glaube, im Herzen des Volkes ſür Eure Hoheit Wurzel geſchlagen, ſo darf dies Niemand Wunder nehmen, welcher die Geſchichte Böh⸗ mens, die innere Entwicklung ſeines Volkes und die Stel⸗ 12* 188 lung kennt, die Eure Hoheit zu dieſer Entwicklung ein⸗ genommen. Dieſe Stellung iſt in mancher Hinſicht eine unnatürliche, fremdartige, gegen den Geiſt der Nation verſtoßende. Es iſt traurig, dies gerade von Böhmens größtem König ſagen zu müſſen. Laßt mich das Geſagte näher begründen. Das geiſtige Lebenselement des böh⸗ miſchen Volkes iſt daſſelbe, auf dem die Familie beruht, die Liebe. Daher waren auch ſeine älteſten Staatsein⸗ richtungen der Familie entlehnt: die Familie wiederholte ſich in allen Gliederungen des Staatslebens. Und wie die Liebe die einzelnen Familienglieder an einander bindet, ſo banden vom Geiſte der Liebe durchwehte Geſetze die Glieder des böhmiſchen Volkes aneinander. Da gab es kein mit Blut geſchriebenes Geſetzbuch, keine in kalter, unnahbarer Höhe über Allen ſtehende Staatsgewalt, keine Knechtung, keine Unterdrückung. Es gab Aermere und Reichere, aber keine rechtsloſen Knechte unter allen berechtigten Herren. Im Laufe der Zeiten entwickelte ſich aus dieſen urſprünglichen Zuſtänden eine Staatsverfaſ⸗ ſung, die zwar manche Unvollkommenheiten an ſich hatte, aber der höchſten Vervollkommnung je nach dem Bedürf⸗ niß der Zeiten fähig war. Wehe der Hand, die zuerſt an dieſer Verfaſſung rüttelte, die den erſten Stein aus dem ehrwürdigen Bau riß und ihn durch fremdes Flick⸗ werk erſetzte! Ich will nicht unterſuchen, aus welcher 189 Schicht des Volkes dieſe Hand hervorging, ich will zuge⸗ ben, daß es die Hand eines Czechen geweſen, der den Adel anderer Länder um ſeine Vorrechte beneidete, dieſe auf böhmiſchen Boden zu verpflanzen trachtete— es kommt hierauf wenig an, weiſt doch unſere Geſchichte nach, daß diejenigen, welche Gott zu oberſten Hütern des böhmiſchen Volkes und ſeiner Heiligthümer beſtellt hatte, ſolch frevelhaftem Trachten nicht gewehrt, daß ſie vielmehr es gefördert und gepflegt haben. Treu hing das Volk, hing der größte Theil der Czechen und Zemane an den alten Einrichtungen und Sitten, die Fürſten rißen ſich, von wilder Herrſchſucht getrieben, immer mehr davon los. So entſtand der innere Zwieſpalt, der ſeit Jahr⸗ hunderten unſer Volk zerfleiſcht, der in den Tagen Bole⸗ slaw's II. in offenen, grauenvollen Bürgerkrieg ausbrach, der mit dem Untergang eines ganzen edlen Czechenge⸗ ſchlechtes endete, aber mit all ſeinem Blute und den Tauſenden von Erſchlagenen den Riß nicht ausfüllte, der mitten durch das Herz des Vaterlandes ging. Die Herrſchſucht hatte den Genius der Nation aus den Wohn⸗ ſtätten der Menſchen in die Urwälder unſerer Gebirge getrieben, und in den angebauten Auen wucherten die Saaten der Unterdrückung, der Knechtſchaft, des Haſſes. Hoch auf thürmten die Piemysliden das Fundament ihres Thrones, daß es weit hin über die Länder der 190 Erde glänzte, aber um ſeinen Sockel wütheten die Wo⸗ gen der Parteien, des Verrathes, der Empörung. War es ein Wunder, wenn da die Herzen der Edlen im Volke ſehnſüchtig zurückſchauten nach den Tagen Krok's und Li⸗ busa's? Wenn ſie, in dem Abfall von dem Geiſte der Väter die Quelle alles Unheils erkennend, gegen alle der Fremde entlehnten Neuerungen eiferten und ſich nach einer Reform unſeres Staatslebens an Haupt und Glie⸗ dern im urſprünglichen Geiſte der Nation ſehnten? Wenn ſie zum Himmel um einen Retter flehten, der ſolche Re⸗ form mit Kraft und Weisheit vollzöge? Wenn ſie in je⸗ dem neuen Fürſten auf dem Stuhle Krok's einen ſolchen Retter in Hoffnung begrüßten? So wurde auch Eure Hoheit, und mit größern Hoffnungen als alle Eure Vor⸗ fahren begrüßt. War doch der Ruf von der Schönheit, der Geiſtesmacht und Willenskraft, wie von der altcze⸗ chiſchen Geſinnung des Prinzen Otakar auf alle Höhen und in alle Thäler des Vaterlandes gedrungen. Aber zur Herrſchaft gelangt, folgte auch Eure Hoheit dem ver⸗ hängnißvollen Zuge Eures Hauſes nach äußerem Glanz und nach Verpflanzung fremden Weſens auf heimiſchen Boden, ja in dem Maße, wie Eure Hoheit den Glanz des böhmiſchen Namens nach Außen mehrte und des Reiches Grenzen erweiterte, in demſelben Maße zerſtörte ſie im Innern, was von den altböhmiſchen Einrich⸗ 191 tungen und Satzungen noch übrig geblieben war. So erweitertet Ihr nur die alten Schäden, ſtatt ſie zuzuheilen, und aller Glanz und Ruhm, den Eure Hoheit der Na⸗ tion bereitete, konnte das verletzte Nationalgefühl nicht verſöhnen. Größer als je iſt nun der Riß, der durch das Vaterland geht, und er droht Euren Thron mit der Un⸗ abhängigkeit des Vaterlandes zu verſchlingen. Noch iſt es Zeit, das Unheil abzuwenden, aber auch die höchſte Zeit. An Eurer Hoheit liegt's, den verhängnißvollen Riß zu ſchließen und das böhmiſche Volk feſt und ſtark gegen jeden Feind zu machen. König Otakar erfülle, was der Prinz verſprach, er gebe den unnatürlichen Kampf gegen den Adel zur Begründung einer ſtarken Herrſchergewalt auf, er gründe ein ſtarkes Königthum auf den Grundlagen der alten nationalen Verfaſſung, er banne das verhaßte, dem Volksgeiſte zuwider laufende fremde Recht aus dem Lande, verbanne die fremden Sit⸗ ten, die fremden Günſtlinge, und laſſe die böhmiſche Na⸗ tion ſich aus ſich ſelbſt, aus ihrem innerſten, unverfälſch⸗ ten Weſen friſch und frei entwickeln. So wird der alte unheilvolle Riß geſchloſſen, ſo wird Böhmen ein nach Innen geſunder, nach Außen mächtiger, jedem feindlichen Angriff gewachſener Staat. Das iſt die Anſicht derer, die mich mit dieſer Sendung betraut; möge Eure Hoheit ſie prüfen; ich bitte den Allerhöchſten, daß das Ergebniß 192 der Prüfung eine entſchiedene, das Vaterland rettende That ſein möge.“ Der Redner verneigte ſich zum Zeichen, daß er ir jetzt geſchloſſen. Der König hatte ihm lautlos, aber oft mit Zeichen heftiger Gemüthsbewegung in ſeinen Mienen zugehört. Hätte ihm Zawis nicht durch ſeine ruhige Haltung bei aller Wärme im Vortrag imponirt, wer weiß, ob er nicht längſt in zornige Rede gegen ihn aus⸗ gebrochen wäre! Zetzt bemühte er ſich ruhig zu antworten. „Ich habe Euch frei reden laſſen,“ ſagte er,„ob⸗ ſchon Ihr Euch eine Kritik meiner Regierungsweiſe an⸗ maßt, die Euch nicht zukommt. Es ſpricht ſich da eben der alte meuteriſche Geiſt des Adels aus, der keine hö⸗ here Macht über ſich haben möchte, um das Volk nach Belieben drücken, knechten und ausſaugen zu können. Eben weil dieſem meuteriſchen, ſelbſtſüchtigen Geiſte ge⸗ genüber die alte patriarchaliſche Verfaſſung nicht mehr ausreichte, mußte ſie abgeändert und ein ſtärkerer Rechts⸗ ſchutz für die ärmeren Volksklaſſen geſchaffen werden, und daß ich hierin das Rechte getroffen, beweiſt die Liebe und Anhänglichkeit eben dieſer Volksklaſſen. Ich will getvoſt allein unter jedem bürgerlichen Dache im ganzen Böhmen⸗ lande ſchlafen, es wird mir ſicher kein Haar gekrümmt werden. Der Hochmuth und die Habſucht des Adels, das iſt der Riß, der durch das Land geht, und der nicht 193 eher ſich ſchließen wird, bis.. doch wir wollen nicht das Schlimmſte annehmen. Vielleicht kommt der Adel zur Erkenntniß und unterwirft ſich ganz und ohne Rück⸗ halt der Staatsgewalt. Vorläufig will ich Euere Sen⸗ dung als einen erſten Schritt dazu nehmen. Was Ihr geſprochen von Herſtellung der alten Verfaſſung und der⸗ gleichen, das will ich weniger auf Rechnung Eurer Ab⸗ ſender ſchreiben, als auf die Eures dichteriſchen Geiſtes. In einem ſolchen Geiſte pflegt ſich die Vergangenheit immer in glänzenderen Farben zu ſpiegeln als die Ge⸗ genwart. Sagt denen, die Euch geſandt, daß ich fort⸗ fahren werde, das Land in der Weiſe zu regieren, die ich für das geſammte Volk, nicht für einige Bevorzugte, für die erſprießlichſte halte. Denen, die ſich meiner Staats⸗ ordnung unterwerfen, werde ich ein gnädiger König ſein, die Widerſpenſtigen werden den Arm des Richters füh⸗ len. Was den bevorſtehenden Krieg betrifft, ſo erwarte ich, daß alle meine Unterthanen ihre Pflicht thun wer⸗ den; wehe dem, der ſich weigert für das Vaterland zu kämpfen!“ Er ſtand auf und gab den drei Baronen zu verſte⸗ hen, daß ſie entlaſſen wären. Doch Zäwis trat nahe an den König hinan und rief: „Nicht alſo, mein König! Nicht ſo laßt mich von hinnen gehen! Ich bitte Eure Hoheit um das Brod des 194 Lebens für mein Vaterland, und Ihr werft mir den Stein einer Drohung zu. Ihr ſeid im Irrthum, wenn Ihr meint, es ſei ein freier Böhme verpflichtet, Euch in dem bevorſtehenden Kriege beizuſtehen. Der Krieg iſt von Euch um ganz fremder Dinge willen hervorgerufen worden, es handelt ſich nicht nur um einen Angriff auf Böhmen, nicht um unſere Unabhängigkeit, Ehre und Frei⸗ heit— es handelt ſich um den Beſitz von Ländern, die nicht zur Krone Böhmen gehören; von einer Pflicht der Böhmen, Euch in dieſem Kriege beizuſtehen, kann alſo nicht die Rede ſein. Dennoch wollen wir zu Euch ſtehen, dennoch wollen wir Gut und Blut daran ſetzen, Euch zum Siege zu verhelfen— wenn Eure Hoheit unſeren gerechten Wünſchen Gehör ſchenkt, wenn ſie die alte Landes⸗ und Rechtsverfaſſung mit zeitgemäßen Modifikationen wieder herſtellt, wenn ſie zu dieſem Behufe noch vor Ausbruch des Krieges einen allgemeinen Landtag beruft und mit den Ständen die neu aufzurichtende Staatsordnung verein⸗ bart—“ „Genug, Zäwis! genug!“ unterbrach ihn der König;„Ihr erſchöpft meine Geduld— geht und ſagt Euern Auftraggebern, König Otakar laſſe ſich nichts ab⸗ dingen, er werde ſein Amt unter alten Umſtänden ver⸗ walten, wie er es vor Gott und ſeinem Gewiſſen ver⸗ antworten könne. Der Krieg, den er jetzt führe, ſei ein 195 Krieg zur Abwehr fremden Angriffs, und darum erwarte er, daß ſein Volk darin treu zu ihm ſtehen werde; die Treue zu lohnen nach dem Siege, das werde ihm eine angenehme Pflicht ſein, eine ſchmerzliche, die Untreue zu ſtrafen; aber er werde die eine wie die andere erfüllen!“ Er nahm den Arm der Königin und wendete ſich zum Gehen. Die Königin, die der Verhandlung mit der größten Spannung gefolgt war, warf Zäwis noch einen theilnahmvollen und zugleich flehenden Blick zu, verneigte ſich dann achtungsvoll und verließ mit ihrem Gemahl das Gemach. Stumm und düſter ſchritt auch Zäwis mit ſeinen Gefährten zu einer andern Thüre hinaus. Renntes Cngitel. Ein ſo gänzliches Fehlſchlagen ſeiner Sendung hatte Zäwis nicht erwartet. Was ſollte er nun thun? Sollte er zurückreiſen, ſeinen Auftraggebern die Antwort des Königs, hart und bar, wie ſie gegeben war, überbringen und es ihnen anheimgeben, wie ſie ſich darnach verhalten wollten? Im erſten Unmuth wollte er das thun, ja wollte 196 er ſelbſt entſchieden dem König den Rücken kehren und ſich an die Spitze der Unzufriedenen ſtellen, die dieſe Antwort zum Aeußerſten treiben mußte. Hroznata und Pota waren derſelben Anſicht. Aber bald kehrte ihm die ruhige Beſinnung zurück, welche ihm alle Gefahren vor die Seele treten ließ, die dem Vaterlande erwachſen muß⸗ ten, wenn die Unzufriedenheit der Barone neue Nahrung erhielt in dieſer verhängnißvollen Zeit. Gleichwohl ſah er auch kein Mittel, ſie zu beſchwichtigen. Hätte der König nur ein Zugeſtändniß gemacht, an welches ſich eine ver⸗ ſöhnliche Vermittlung hätte anknüpfen laſſen, Zäwis würde all ſeinen Einfluß, alle Macht ſeines Geiſtes aufgeboten haben, um wenigſtens die Glieder ſeines Hauſes von ei⸗ nem feindſeligen Auftreten gegen den König Angeſichts der dem Vaterlande drohenden Gefahren zurückzuhalten. Indem er in ſeiner Herberge vergebens darüber nachſann, welchen Weg er nun einſchlagen ſollte, über⸗ brachte ihm ein Edelknabe der Königin einen Brief von dieſer. Zäwis erbrach ihn mit klopfendem Herzen und las: „Dem edelſten Böhmen Gruß und Dank. Ihr habt die Sache des Vaterlandes auf das herrlichſte vertreten vor dem König, meinem Herrn und Gemahl. Wenn Euer Bemühen für den erſten Augenblick mißlungen zu ſein ſcheint, ſo haltet es darum nicht für verloren. Ich werde all' meinen Einfluß auf den König aufbieten, um ihn 197 gerechter gegen Euch und Eure Anſichten zu ſtimmen. Bei Euerer Liebe zum Vaterlande beſchwöre ich Euch, geht nicht im Unmuth über den erhaltenen Beſcheid von hinnen; bleibet in Prag und wartet, bis ich Euch einen beſſern Beſcheid vermittelt. Ich fühle, wie ſchwer es Euch fallen muß, hier zu weilen— aber Ihr thut es dem Vaterlande zu Liebe und auch ein wenig aus Freundſchaft für Eure Königin Kunigunde.“ „Sagt unſerer hohen Gebieterin, ich werde Ihrem Befehl gehorchen,“ trug Zäwis dem Edelknaben auf. Als dieſer fort war, küßte er die Unterſchrift des Briefes und verſchloß ihn. In einer gehobenen Stimmung begab er ſich ins Freie. So hatte er denn die Königin wiedergeſehen, nach einem Zeitraum von beinahe fünfzehn Jahren zum erſten⸗ mal wiedergeſehen. Welche Veränderung auch in dieſer Zeit mit ihr vorgegangen ſein mochte, zu ihrem Nachtheil war ſie nicht ausgefallen. War auch der friſche Schmelz der Jungfräulichkeit an ihr dahin, ſo ſtrahlte ſie doch in der üppigſten Schönheit des vollendeten Weibes. Ueber⸗ wältigend hatte ſich dieſe Schönheit dem Manne, der ſie einſt als Jüngling nur geahnt, beim erſten Anblick in Aug' und Seele gedrängt. Zetzt, indem er auf einſamem Wieſenpfade die Moldau entlang ging, ſtand ſie wieder vor ihm in aller Hoheit und Anmuth, wie ſie ihn vor 198 dem Kerker rettete, vergegenwärtigte er ſich ihr geiſtvolles Antlitz, ihr feuriges Auge, ihren daraus hervorleuchtenden lebhaften Antheil an ſeiner Rede vor dem König, fühlte er noch einmal den tiefen, bedeutungsvollen Blick, den ſie auf ihn warf, als ſie ſich entfernte. Und was er mitten in der ſchmerzlichen Erregung über des Königs herbe Abfertigung geahnt, daß ſie ihn verſtand, daß ſie ihm im Innerſten beiſtimmte, das hatte ſie ihm bald darauf be⸗ ſtätigt mit ihrer eigenen Hand. In Gedanken und Bilder verloren, die auf ihn wirkten wie ein berauſchender Feuertrank, doch ſo, daß alle Wogen ſeiner Empfindung höher gingen und der Flügelſchlag ſeines Geiſtes mächtiger wurde, daß ſelbſt ſeine Geſtalt höher zu wachſen ſchien, in ſolche Gedanken und Bilder verloren kam er an eine Fiſcherhütte. Da fand er ſich plötzlich von einer Matrone in ärmlicher, aber reinlicher Kleidung mit den Worten angeredet:„Grüß' Dich Gott, Herr König, grüß'Dich Gott viel tauſendmal!“ „Du irrſt Dich, Mutter,“ erwiderte Zäwis ſtehen bleibend,„ich bin nicht der König.“ „Du biſt's,“ behauptete die Frau;„nur ein König kann ausſehen wie Du. Verſtelle Dich nur nicht— ſieh, ich habe mir lange gewünſcht den guten und großen König zu ſehen; aber er kam noch nie des Weges wie ſein ſchö⸗ nes Gemahl. Sieh, Herr König, auf dieſer Bank, auf 199 der Bank Deiner armen Magd hat ſie geſeſſen und hat meine Milch getrunken, und eine Roſe von dieſem mei⸗ nem Roſenſtrauch hat ſie nicht verſchmäht, Deine ſchöne Königin. Wart', ich will Dir eine Roſe brechen für ſie, ſie hat die Roſen ſo gern.“ Und die Frau trat an den Zaun des Gärtchens, der die eine Seite ihres Hauſes begrenzte, brach von dem einzigen Roſenſtrauch, der darin ſtand, die einzige daran aufgeblühte Roſe, und reichte ſie Zäwis mit den Worten:„So— bringe ſie Deinem Gemahl von der alten Fiſcherin Babet, die es nie vergeſſen, daß die Königin von Böhmen auf ihrer ſchlechten Bank geruht und von ihrer Milch getrunken— und daß Du bei mir geweſen, Herr König, das werde ich auch nicht vergeſſen. Gott er⸗ halte Dich noch lange und verderbe Deine Feinde!“ Zäwis verſicherte nochmals, daß er nicht der König ſei— aber ſie erwiderte:„Ich weiß ſchon, daß Du es liebſt, unerkannt umherzugehen und zu ſehen, wie es im Volke zugeht— o ich bin nicht ſo dumm, wie ich aus⸗ ſehe!— Ich hab' es den Leuten immer geſagt, mir ſoll er nicht einmal zu nahe kommen, der König, und wenn er ſich zehnmal verkleidete, ich will ihn doch erkennen. Nun nichts für ungut, Herr König— mein Mann wird bald vom Fiſchfang kommen, da muß ich ihm was zu eſſen vih Gott ſei mit Dir und Deinem Gemahl!“ 200 Damit eilte ſie in ihre Hütte. Lächelnd ſah Zäwis ihr nach. Wenn du wahr geſprochen hätteſt, du gute Einfalt, dachte er, wie glück⸗ lich wäre ich! Die herrlichſte unter den Frauen mein Gemahl— es iſt ein Gedanke, der mich wahnſinnig ma⸗ chen könnte vor Entzücken. Doch Wahnſinn iſt es ſchon, ſolchen Gedanken nachzuhängen. Ich danke dir, Mütter⸗ chen, daß du, ohne es zu wollen, mir gezeigt, wohin das Feuer mich führen kann, das ich in mir aufflammen ließ. Was habe ich mit dem Weibe des Königs zu ſchaf⸗ fen, den du„den guten und großen“ nennſt! In welche unheilige Gluth wollte ſich die ſchuldloſe Schwärmerei des Jünglings verwandeln! In welch' ein Wirrſal, in welch' ein Labyrinth von Raſerei, Schuld und Schmach müßte dieſe Gluth mich führen! Ich will ſie auslöſchen, erſticken— wie ich dieſe Roſe entblättere und in die Winde ſtreue, ſo ſoll jedes thörichte Gefühl in meiner Bruſt vergehen!— Er entblätterte wirklich die Roſe und ſtreute ſie in die Luft. Dann lenkte er ſeinen Schritt nach der Stadt zurück. 2 So ſchnell, wie die Roſe entblättert war, ließ ſich das Gefühl für die Königin doch nicht aus dem Herzen reißen. Zuletzt nahm er ſeine Zuflucht dagegen zu dem lieblichen Bilde Libusa's, dem es allgemach gelang, das Bild der Königin in den Hintergrund zu drängen. Und „ * 201 wie einen Talisman gegen eine furchtbare Gefahr hielt er jenes Bild feſt und feſter, und faſt unwillkürlich ſchlug er den Weg nach Dalemil's Wohnung ein. Aber als er in die Gaſſe einbiegen wollte, in der dieſelbe lag, erin⸗ nerte er ſich ſeines, dem Gelehrten gegebenen Verſpre⸗ chens; er blieb eine Weile ſtehen und ging dann in verän⸗ derter Richtung weiter. Hier kam ihm ein Volkshaufen in heftiger Aufregung entgegen. Er ging dicht an den Häuſern hin, um den Haufen an ſich vorbeiwogen zu laſ⸗ ſen. Neugierde lag nicht in ſeiner Art. Da ſchlugen aus dem Geſchrei und Gemurmel die Worte an ſeine Ohren: „Was wird der Vater des Mädchens ſagen, wenn er die Schreckenspoſt hört!“ und dann:„Sie iſt ſein Aug⸗ apfel, und es gibt keinen beſſern Vater, als der alte Da⸗ lemil iſt.— Er wird ſich die Haare ausraufen, wenn er nicht auf der Stelle vor Schrecken ſtirbt,“ ſagte eine an⸗ dere Stimme. Zetzt blieb Zäwis ſtehen und fragte Einen aus der Menge nach der Urſache des Auflaufes. icher Mädchenraub iſt verübt worden,“ ;„vor der Thür der Kirche, in der ungfrau gebetet, iſt ſie von zwei Reitern n dem einen auf's Pferd gehoben und im t rt worden.“ wer war die Entführte? Ich hörte von Da⸗ ter?“ fragte Zäwis weiter. . Zawis von Fſenberg. F 13 * 202 „Ja, des Dalemil, des gelehrten Herrn, der in der Gerſtengaſſe wohnt, Tochter iſt ſie.“ „Wo ſind die Räuber hin? Welchen Weg haben ſie eingeſchlagen?“ „Sie müſſen zum Kornthor hinaus ſein.“ „Habt Ihr die Räuber ſelbſt geſehen?“ „Ich kam eben aus der Kirche des heil. Stephanus, wo die Jungfrau auch geweſen war, da hörte ich ſie entſetzlich ſchreien, ſah aber die Räuber bereits im ge⸗ ſtreckten Laufe mit ihr davon ſprengen.“ „Wie ſahen ſie ungefähr aus?“ „Der Eine, der die Jungfrau mit auf dem Pferde hatte, hatte eine rothe Feder auf ſilbernem Helm, ein blaues Wamms unter ſilbernem Harniſch und rothe Schär⸗ pe; ſein Pferd war kohlſchwarz; der Andere hatte auch eine rothe Feder auf ſchwarzem Helm, trug einen ſchwar⸗ zen Harniſch mit gelber Schärpe und ritt einen Apfel⸗ ſchimmel.“ „Gut,“ ſagte Zäwis;„thut mir einen G und ſagt dem Vater Dalemil, ein Freund hab gemacht, die Räuber zu verfolgen, und werd wieder kommen, bis er die Tochter gefunden.“ Eilenden Fußes ſchlug Zäwis den Weg Wohnung ein, ließ ſein und zweier Diener Pfe und ritt mit ihnen in der bezeichneten Richtung 203 bern nach, deren Spur er auch richtig fand. Sie leitete in ſüdöſtlicher Richtung in die Gegend von Rican und darüber hinaus. Die einbrechende Nacht hielt ihn in Ri⸗ kan, wo er noch den Entführern auf der Spur war, zu⸗ rück, doch ſobald der Morgen graute, ſetzte er ſeine Ver⸗ folgung fort, und holte die Räuber glücklich auf einer lichten Waldſtelle ein, wo ſie ihre ſchöne Beute an einer Quelle niedergeſetzt hatten und der von Angſt und Weh zum Tode Erſchöpften Waſſer aus der Quelle einflößten. Als die beiden Räuber die drei Reiter auf ſich heranſprengen ſahen, erhoben ſie ſich ſchnell, ſtürzten die abgenommenen Helme auf den Kopf, zogen ihre Schwerter und ſtellten ſich jenen muthig entgegen. Ein heißer Kampf entſpann ſich, aber als der mit dem ſilbernen Harniſch von Zäwis Schwert zu Boden geſtreckt wurde, ergriff der Andere die Flucht in den nahen Wald, wohin die Reiter nicht folgen konnten. Damit war der Kampf be⸗ endet und Libusa gerettet. Mehr von dem Erkennen ihres Retters, als von dem friſchen Quellwaſſer, fühlte Libusa neues Leben durch ihren Körper ſich ergießen. Sie erhob ſich, als Zäwis vom Pferde ſtieg, und trat mit ſtrahlenden Augen ihm entgegen.„Mein hoher Herr!“ ſtammelte ſie erglühend, „Gott ſegne Euch tauſendmal, was Ihr an Eurer armen Magd gethan!“ 13* 204 Zäwis ergriff ihre zitternde Hand, beugte ſich zu ihr und preßte ihr einen Kuß auf die blendende Stirn. „Gott ſei geprieſen,“ erwiderte er dann,„daß er mich zeitig genug erfahren ließ, welcher Frevel an Euch verübt worden, und daß er mich ſo glücklich zu Eurer Rettung führte. Kennt Ihr Eure Räuber?“ „Ich weiß nicht, wer ſie ſind, aber ich habe eine Ahnung, wer der eine von ihnen, der eigentliche Rädels⸗ führer ſein dürfte. Vor mehreren Wochen kam eine Frau zu mir, die mir ſagte: ich könne ein großes Glück ma⸗ chen, wenn ich wollte, denn des Königs leiblicher Sohn, der Herzog Nicolaus, habe mich in der Kirche geſehen und ſei in Liebe für mich entbrannt. Wenn ich ihm Ge⸗ legenheit geben wollte, mit mir zu ſprechen, ſei es leicht möglich, daß ich eine Herzogin würde. Natürlich nahm ich dies als tolles Geſchwätz auf, und als die Frau ſchwor, daß ſie die Wahrheit rede und ſogar vom Herzog abge⸗ ſandt ſei, wies ich ihr entrüſtet die Thür und drohte ihr mit dem Zorne meines Vaters, dem ich Alles ſagen würde, wenn er heim käme. Das half, die Frau kam nicht wieder. Aber einige Zeit darauf nahte ſich mir im Gedränge ein junger Herr in glänzender Kleidung, der große Aehnlichkeit mit dem König hatte; der ſchob mir ein Briefchen in die Hand— ich wollte es entrüſtet zu⸗ rückgeben; aber er war bereits wieder von mir abge⸗ 6 . 205 ſchnitten. Ich ſah nicht, was in dem Briefchen ſtand, ſondern gab es meinem Vater, der es las und dann ver⸗ brannte, ohne mir den Inhalt mitzutheilen. Seitdem ſah ich den Herrn öfter in der Kirche, er hatte ſich immer ſo geſtellt, daß er mir in's Geſicht ſehen konnte— er ſuchte ſich mir wohl auch zu nahen, aber ich wußte ihm immer auszuweichen. Ich war ſchon entſchloſſen, gar nicht mehr in unſere Pfarrkirche zu gehen, da blieb er auf einmal weg, und ich hatte keine Veranlaſſung mehr, ihm auszuweichen— bis er und ſein Spießgeſelle mich geſtern beim Austritt aus der Kirche unverſehens überfielen, und wie ich auch ſchrie und mich wehrte, auf's Pferd hoben und mit mir davon ſtürmten. Sie hatten zwar Beide das Helmviſir niedergelaſſen, aber ich werde mich nicht irren, wenn ich glaube, daß der, der dort liegt— ſeht, er rührt ſich— daß es derſelbe iſt, der mir das Briefchen ge⸗ geben.“ „Wir wollen uns gleich überzeugen,“ ſagte Zäwis, und trat zu ſeinem gefallenen Gegner, die ſich ſtöhnend am Boden krümmte, und ſchlug deſſen Viſir zurück. Das blaſſe Geſicht hatte eine auffallende Aehnlichkeit mit dem des Königs, und Libusa rief:„Ja, er iſt's!“ Zäwis wußte, daß der König neben mehreren an⸗ dern Kindern von einem Hoffräulein ſeiner erſten, un⸗ fruchtbaren Gattin Margaretha einen Sohn hatte, dem * E 206 ſein Vater, nachdem er ihm vergeblich die Legitimität und damit die Erbfolge im Reiche zuzuwenden getrachtet, das Herzogthum Troppau gegeben. Obgleich er ihn nie ge⸗ ſehen, ſo zweifelte Zäwis doch beim Gewahren dieſer Aehnlichkeit mit dem König nicht, daß es deſſen Spröß⸗ ling ſei, dem er die ſchöne Beute abgejagt. Wenn dieſer an den empfangenen Streichen ſtarb, ſo war eine neue, tiefere Kluft zwiſchen ihn und den König gekommen, und die Hoffnung, mit dieſem zum Heile der Vaterlandes ver⸗ ſöhnt zu werden, wohl unwiderbringlich dahin, es mußte denn ein ganz beſonders günſtiges Walten dem König den Tödter ſeines Lieblings verborgen halten. Um deß⸗ willen war es Zäwis lieb, daß der Verwundete Lebens⸗ zeichen von ſich gab, und er machte ſich daran, ſeine Ret⸗ tung vom Tode zu verſuchen. Nachdem er ihn von der Rüſtung befreit, wuſch er ihm ſeine Wunden aus, begoß ſie lange mit friſchem Waſſer und verband ſie dann mit der Schärpe des Verwundeten. Dieſer kam allmälig zur Beſinnung und konnte auf die Fragen, die Zäwis an ihn richtete, antworten. Er geſtand ohne Zögern, daß er der Herzog von Troppau ſei, ebenſo daß er, für Libusa, Dalemil's Tochter, in Liebe entbrannt, entſchloſſen ge⸗ weſen ſei, um ſie in Ehren zu werben; ihre Kälte habe ihm dies unmöglich gemacht, da habe er, unfähig ſeine Liebe zu unterdrücken, den Entſchluß gefaßt, ſie zu ent⸗ 207 führen und, koſte es was es wolle, zu ſeiner Gemahlin zu machen. Zůwis erſtaunte über die gewaltige Leidenſchaft des Jünglings, und er hatte ſo viel ritterliche Achtung vor einer echten Leidenſchaft, daß er ihm wegen ſeiner Ver⸗ irrung keine Vorwürfe zu machen wagte. Er traf Ver⸗ anſtaltung, daß der Verwundete von einem der Diener mit auf's Pferd genommen und langſam nach Rican ge⸗ bracht wurde, wo er ſo lange bleiben ſollte, bis er zur Weiterreiſe nach Prag ſich kräftig genug fühle. Zawis ritt mit Libusa, welche das Roß ihres Ent⸗ führers beſtieg, voraus. Sie war voll von Dank und Be⸗ wunderung für ihren Retter und verrieth ihm ihr gan⸗ zes Herz. Er lauſchte mit Entzücken den holden Tönen dieſes reinen, unentweihten Inſtrumentes, und je länger er ihnen lauſchte, deſto mehr verblaßte wieder das Bild der Königin in ſeiner Seele, deſto würdiger erſchien Li⸗ busa ſeiner ganzen Liebe, deſto glückverheißender erſchien ihm dieſe Liebe, während die zur Königin eine troſtloſe ſein mußte, eine verderbenſchwangere werden konnte. Als in Rikan ihm ſeine Diener mit dem verwun⸗ deten Herzog nachkamen, unterſuchte Zäwis deſſen Ver⸗ band, ordnete ihn und ſorgte für gute Pflege. Da er mit dem Kranken allein war, ſagte dieſer:„Ihr ſeid groß⸗ müthig, Herr, faſt zu großmüthig, als daß ich es ertra⸗ 208 gen kann. Vielleicht wäre es beſſer geweſen, Ihr hättet mich liegen und ſterben laſſen. Saget mir eins: In welchem Verhältniß ſteht Ihr zu Dalemil's Tochter? Welches Recht hattet Ihr, mir ſie zu entreißen?“ „Das Recht des Ritters— das Recht des Freun⸗ des von ihrem Vater,“ antwortete Zäwis. „Nicht das eines Geliebten— eines Bräutigams?“ fragte Nicolaus. „Ich kenne Dalemil's Tochter erſt ſeit wenig Ta⸗ gen,“ verſicherte Zäwis,„und bin nicht mehr in Euren hitzigen Jahren— ja, ich war wohl nie ſo hitzig wie Ihr.“ „In meinen Adern rollt das Blut der Piemhsli⸗ den,“ verſetzte der junge Herzog;„ich bin nicht der erſte aus dieſem Geſchlecht, der ſich eine Braut geraubt— Ihr wißt die Geſchichte von Bketislaw I. glorreichen Anden⸗ kens und der ſchönen Iudith, der kaiſerlichen Kloſter⸗ jungfrau. So wie er, wollte auch ich mir die Braut ge⸗ winnen. O Herr, wenn Ihr nicht Libusa's Bräutigam, wenn Ihr nur ihres Vaters Freund ſeid, ſo nehmt Euch meiner Liebe an— ich mag ohne Libusa nicht leben; ſprecht für mich bei ihr, bei ihrem Vater— wer Ihr auch ſein möget, und obſchon Ihr mich übel zugerichtet, Ihr ſollt mir doch als mein höchſter Wohlthäter gelten.“ Zäwis ermahnte den Leidenſchaftlichen zur Ruhe, zum Vertrauen auf die Zukunft; als Arzt fühlte er ſich 209 verpflichtet, den reizbaren Kranken zu ſchonen und wo möglich aufzumuntern, er konnte daher nicht geradezu abſchlägig auf ſeine Bitten antworten, die Entziehung aller Hoffnung konnte tödtlich für ihn werden, und ſo verſprach er ihm, Libusa mit dem heiligen Ernſt ſeiner Neigung und ſeiner ehrlichen Abſicht bekannt zu machen, und ſoweit es ſich für ihn als Mann ſchicke, ihr zu ſei⸗ nen Gunſten zu rathen. Der Herzog drückte die lebhaf⸗ teſte Freude und Dankbarkeit aus. Als Zäwis ſeinen lieblichen Schützling wieder ſah, als wieder der ganze Zauber ihrer Perſönlichkeit auf ihn wirkte, hätte ihn ſein Verſprechen gereut, wenn er der Mann geweſen wäre, der in ſeinem Leben je etwas be⸗ reute. Aber er war auch nicht der Mann, der mit Ver⸗ ſprechen ſpielte, und ſo erzählte er, welche Unterredung er mit dem Herzog gehabt, welche wahre, tiefe Neigung derſelbe für ſie hege, und wie es allein von ihr abhänge, Herzogin von Troppau zu werden.“ Libusa ſenkte die langen ſeidenen Wimper, während Zäwis dies zu ihr ſagte; aber als er ſchwieg und ſie forſchend anblickte, ſchlug ſie die Augen groß auf und ſagte, ihn halb ſtolz, halb traurig anblickend:„Ich dachte nicht, daß mein erlauchter Herr den Freiwerber für meinen Räuber abgeben würde, der, wenn auch des Königs Sohn, doch geiſtig nicht über Dalemil's Tochter 210 ſteht. Der Mann, dem Libusa ſich zu eigen geben ſoll, muß vor Allem hohen Geiſtesadel beſitzen!“ Zäwis wagte nichts hierauf zu erwidern. Sie ſah mit verſchleiertem Blick vor ſich nieder, ihre wogende Bruſt verrieth den innern Sturm. Leiſe nahte er ſich ihr, von der beſeligenden Ahnung übermannt, daß dies keuſche, ſtolze Herz ihm gehöre; er ergriff ihre Hand, die heftig in der ſeinen zitterte; er fragte ſanft und innig: „Libusa, ſeid Ihr mir böſe?“ Da entſtürzten ihren Augen helle Thränen— ſie preßte ſeine Hand an ihre Lippen und ſtürzte zur Thür hinaus ins Freie. Er folgte ihr langſam nach; hinter dem Hauſe ſaß ſie unter einem Fliederſtrauch und be⸗ trachtete mit den gerötheten Augen einen blitzenden Dolch. Als ſie Zäwis gewahrte, wollte ſie ihn verbergen, aber er hatte ihn ſchon geſehen und rief:„Um Gotteswillen, was macht Ihr mit dieſer Waffe? Gebt mir ſie, ſie iſt nicht für ſo zarte, ſchuldloſe Hand!“ Aber ſie verbarg ſie und erwiderte:„Seit ich weiß, daß ein Vater ſeine Tochter ermordet, um ſie vor Ent⸗ ehrung zu ſichern, habe ich es für weiſe erachtet, mich zur Selbſtvertheidigung meiner Ehre zu waffnen. Dieſen Dolch hätte ich mir in's Herz geſtoßen, wenn ich mich anders nicht mehr vor meinem Räuber hätte ſchützen können; dieſer Dolch wird mich allezeit vor Schmach 211 ſchützen, ſollte ſie mir auch durch die eigene Leidenſchaft drohen!“ Zäwis ſtand bewundernd vor dem hochſinnigen Mädchen. Ihre Schönheit ſtrahlte in der höchſten Glorie. Alle Fiebern ſeines Weſens ſtreckten ſich ihr entgegen; es gab keine andere Königin mehr für ihn, als dies Mäd⸗ chen aus dem Volke; alle weltlichen Rückſichten ſanken in das Grab der Vergeſſenheit; unwillkürlich ſank er ſelbſt vor der Jungfrau nieder und trunken von Begeiſterung und Leidenſchaft rief er: „Tod und Verderben dem, der Dich mit Schmach bedroht! Libusa— Du holdes, herrliches Weſen— laß mich Deinen Schirm, Deinen Schild, Deine Wehr ſein gegen jede Gefahr, gegen jeden Feind Deiner Ruhe und Ehre!“ Erglühend, bebend, in einem Zuſtand, wo das höchſte Lebensgefühl nah an das Sterben grenzt, ſah ſie auf ihn herab, ſtammelte ſie:„O mein erlauchter Herr— ich bin ja nur Eure arme niedere Magd—“ „Meine Herrin— meine Königin!“ rief er, ihre Hände mit Ungeſtüm ergreifend und mit Küſſen be⸗ deckend;„Libusa— hörſt Du— ich Zäwis von Falken⸗ ſtein liege zu Deinen Füßen und weihe mich Deinem Dienſt—“ „Da ſei Gott vor, mein edler Herr!“ fiel Libusa 212 ein;„Euer Dienſt gehört dem Vaterlande— gehört dem theueren, bedrohten Böhmen; aber ich, ich darf Euch dienen— ſteht auf, laßt mich vor Euch knieen und Euch ſagen, daß ich Eure treue Magd ſein will, ſo lange ich lebe.“ Indem ſie dies ſagte, glitt ſie von ihrem Sitz herab und beugte ſich mit über die Bruſt gekreuzten Händen tief zur Erde; aber er umnſchlang heiß die blühende Geſtalt.„Nicht ſo!“ bat er,„an meinem Herzen nimm Deinen Platz als meine theure Freundin, meine Wahl⸗ ſchweſter und dereinſt— mein Weib!“ „Mein erlauchter Herr!“ rief Libusa, nur ſchwach ſich ſeiner Liebkoſungen erwehrend,„das kann ja nicht ſein— das wäre mehr Seligkeit, als ein ſchwaches Weib ertragen könnte!“ Das war ihr letzter Widerſpruch— dann ergab ſie ſich ihm mit ihrem ganzen Weſen im innigſten, harmloſen Anſchmiegen, in der warmen Er⸗ widerung ſeines glühenden Kuſſes. Als ſie auf der Bank neben einander Platz ge⸗ nommen hatten, ſagte Ziwis:„Es hat Niemand ge⸗ ſehen als Gott, daß wir unſere Herzen verlobt, und es mag auch vor der Hand Niemand erfahren, ſelbſt Dein Vater nicht. Ich habe meine guten Gründe, meine Liebe noch eine Zeit lang geheim zu halten; aber die Zeit wird kommen, wo ich Dich im Triumph auf meine 213 Burg heimführe und Dich zur Herrin vieler tauſend Seelen machen werde, die Du mir beglücken helfen ſollſt.“ „Handle mit mir, wie Du willſt und mußt,“ ant⸗ wortete Libusa demüthig;„ich kann mein Glück ohne⸗ hin noch nicht faſſen und werde lange Zeit brauchen, eh' ich mich nur mit dem Gedanken daran vertraut mache. Vor meinem Vater mein Glück zu verbergen, wird mir freilich ſehr ſchwer werden; ich hatte noch nie ein Ge⸗ heimniß vor ihm— aber Dein Wille geſchehe, mein erlauchter Herr!“ Er küßte ſie und ſagte:„Nenne mich nicht mehr Deinen Herrn, Liebchen, wenigſtens nicht, wenn wir allein ſind. Und wie iſt es mit unſerm Begegnen? Wo werden wir uns zuweilen ſehen? Dein Vater wünſcht nicht, daß ich iu Dir ins Haus komme, und wird es auch nicht wünſchen, ſo lange ich nicht fürmlich um Dich werbe.“ „Wir ſehen uns zuweilen in der Kirche,“ ſagte Libuza,„und dann werde ich mit einer verwandten würdigen Matrone ſprechen, daß ſie mich dann und wann an einen Ort begleitet, wo ich mit Dir zuſammen kommen kann.“ „O thue dies,“ bat Zäwis,„meine Seele wird täg⸗ lich nach Dir ſchmachten. Aber jetzt laß uns aufbrechen; —— ⸗ 214 wir haben keine Zeit mehr zu verlieren, wenn wir noch vor Einbruch der Nacht nach Prag kommen wollen.“ Beide erhoben ſich und bald ſaßen ſie wieder zu Roß und ritten der Hauptſtadt zu. Sie erreichten ſie in der Dämmerung. Dalemil hatte in einem an Ver⸗ zweiflung grenzenden Zuſtande auf eine Kunde von dem Schickſal ſeiner Tochter geharrt. Welche Freude, als er ſie vor ſeinem Hauſe vom Pferde ſteigen ſah! Er ſtürzte hinaus, ihr entgegen und empfing ſie mit ausgebreiteten Armen. Erſt nach einer langen, thränenreichen Umarmung dachte er des Retters ſeines Kindes, und er war nicht wenig überraſcht, als er in dieſem das mächtige Haupt der Witkowetze erkannte. Ein anderer Retter wäre ihm wohl lieber geweſen; aber jetzt verſcheuchte der aufrichtige Dank ſeines Herzens jeden trüben Gedanken. Er drückte dem vornehmen Herrn die Hand und benetzte ſie mit Thränen, bat ihn auch, mit in ſein Haus zu treten. Doch Zaͤwis ſchlug es aus und ritt heim. Zu Hauſe erfuhr er, daß Boreſch von Rieſenburg in Prag angekommen ſei und ihn geſucht habe. 215 Zrhntes Canitel. Mit Boreſch von Rieſenburg waren auch Sezema von Wittingau und Ludmila von Mahrenberg nebſt Berchtold Schenk von Emerberg und dem Maler Scar⸗ latti nach Prag gekommen, welche erſterer in Lomnitz, dem Gute Ogers von Lomnitz, der ebenfalls zum Ge⸗ ſchlechte der Witkowetze gehörte, angetroffen hatte. Das zärtliche Gefühl, welches Ludmila zu dem Maler zog, war nicht ganz dem finſtern Dämon ihrer Bruſt erlegen, aber es war auch nicht mächtig genug, denſelben zu überwinden. Sie wollte beiden genügen, indem ſie den Maler für ihre Pläne gewinnen und ihn dafür mit ihrer Gunſt belohnen wollte. Als ſie in Bud⸗ weis vernommen, daß Berchtold von Emerberg ihr ge⸗ folgt ſei, hatte ſie ſich erinnert, wie er gleich von allem Anfang auf ſie den Eindruck eines höchſt thatkräftigen Mannes gemacht; ſie hatte ſeines Benehmens und ſeiner Worte während ihres Scheintodes gedacht, und ſie wäre faſt erzürnt auf Searlatti geweſen, daß er den Ritter ihr nicht vorgeführt, von dem ſie faſt ſicher ſein konnte, daß er für den Preis ihrer Gunſt Alles thun werde, was ſie von ihm verlangte, während Scarlatti ſich be⸗ 216 mühte, ſie von ihren Rachegedanken abzuziehen. Unzufrie⸗ den mit ihm war ſie von Budweis weiter gezogen. Unterwegs aber war auf einmal der Schenk von Emer⸗ berg zu ihnen geſtoßen. Er hatte ihr, unbekümmert um Scarlatti, ſeine Ritterdienſte angeboten, Ludmila war unſchlüſſig geweſen— ein Kampf zwiſchen ihrer Liebe zu Scarlatti und der Hoffnung, die ſie auf Berchtold ſetzte, war entſtanden— zuletzt hatte ſie erklärt:„Eine Dame in meiner Lage muß für ein ſolches Anerbieten dankbar ſein, mehr als eine andere meiner Schweſtern bedarf ich des Schutzes und der Hilfe tapferer Arme, ich nehme Euren ritterlichen Beiſtand an, Herr Schenk.“ Scarlatti hatte dies mit dem Tod im Herzen ver⸗ nommen; er hatte im erſten Augenblick ſich von dem Weibe, das ihn doch niemals beglücken konnte, losmachen wollen— aber ein freundlicher, ermuthigender Blick, ein verſtohlener Druck der Hand hatte ihn bewogen, zu bleiben. Vielleicht konnte er doch einen heilſamen Einfluß auf ſie üben, vielleicht beſiegte er gerade durch ſeine treue Liebe ihren Dämon. So war er geblieben, und Ludmila hatte beide Nebenbuhler ſo zu behandeln verſtanden, daß keiner ſich über eine Bevorzugung des andern durch eine Gunſt beklagen konnte. So waren ſie ihr nach Wittin⸗ gau, wo ſie ſich mit ihrem Diener vereinigt, und von da im Geleite Sezema's nach Lomnitz gefolgt; dort hatte * 217 ſie ihren Gefinnungsgenoſſen Boreſch von Rieſenburg ge⸗ troffen, der ſie veranlaßte, ihm nach Prag zu folgen, wo ſich in Kurzem Manches zutragen mußte, was für ihre Zwecke von Wichtigkeit war. So war ſie denn nun mitten im Lager ihres Todfeindes, wo ſie ein neues Feld für ihre Umtriebe zu finden hoffte. Von Zäwis hielt ſie ſich fern, denn ſie fühlte vor ihm eine unüberwindliche, an Haß grenzende Scheu. Auch Scarlatti ſcheute ſich, ſeinem Gönner wieder unter die Augen zu treten, obſchon er oft Augen⸗ blicke hatte, in welchen er kereute, ihn verlaſſen zu haben. Als Boreſch von Rieſenburg das erſtemal wieder mit Zäwis zuſammen kam, ſollte dieſer ihm über den Erfolg ſeiner Sendung an den König berichten. Zäwis gab ihm die ausweichende Antwort, daß dieſer Erfolg noch in der Schwebe hänge, er aber hoffe, daß ſich Alles noch gut geſtalten werde. Boreſch machte ein ſpöttiſches Geſicht und bemerkte:„Der größte Schelm ſteckt in einem König, der Euch mit Hoffnungen füttert, wo Ihr Thaten verlangt. Ich theile Eure Hoffnung nicht, Herr Zäwis; der König hält Euch nur hin, um Euch am Handeln zur rechten Zeit zu hindern, wenn er nichts Schlimmeres im Schilde führt. Offen geſagt, ich habe nicht Luſt, länger auf den Ausgang Eurer Sendung zu 1860. XVIII. Zäwis von Roſenberg. I. 14 „ 218 warten und darüber die Zeit zum Handeln zu ver⸗ lieren.“ „Und doch müßt Ihr als guter Böhme noch war⸗ ten,“ entgegnete Zäwis;„das, was Ihr gethan haben wollt, kann nur geſchehen, wenn kein anderes Mittel mehr übrig iſt, uns Recht zu verſchaffen. Und ſelbſt dann dürfen wir nicht ſo weit gehen, daß wir mit dem äußern Feind uns verbinden, höchſtens können wir dem Könige die Heeresfolge verweigern, und während er ſich mit dem Feinde ſchlägt, eine ſtarke Macht hinter ihm bilden, der er ſich geſchlagen in die Arme werfen, oder die ihm, wenn er ſiegt, das Recht abtrotzen kann.“ Vergebens bemühte ſich Boreſch, Zäwis von der Nothwendigkeit und Rechtmäßigkeit des Anſchluſſes der Mißvergnügten an den deutſchen Kaiſer zu überzeugen; ebenſowenig war aber auch Boreſch zu der Politik des Zuwartens zu bewegen. Als er ſich von Zäwis verab⸗ ſchiedete und ihn dieſer noch fragte, was er zu thun ge⸗ denke, ſagte er:„Es wird gerüſtet!“ Auch Pota von Potenſtein war nicht mit Zäwis' Politik einverſtanden, und näherte ſich je länger je mehr dem Herrn von Rieſenburg, für den ſich auch Sezema entſchieden hatte. Boreſch lud durch geheime Boten die bedeutendſten unter den mißvergnügten Baronen nach Prag. Dieſe kamen, und bald ſah man in der Hauptſtadt * 219 ſo viel adelige Herten, wie ſonßt nur zur Zeit eines Landtages. Wochen vergingen, ohne daß Zäwis vom Hofe eine Einladung erhielt. Hynek von Duba theilte ihm mit, daß die Königin wacker an dem König herumarbeite, indeß gehe es mit dem harten Erz langſam, ehe es einen Eindruck annehme; ſie laſſe Herrn Zäwis um Geduld bitten. Auf keinen Fall ſolle er Prag verlaſſen, ohne daß ſie ſelbſt mit ihm noch einmal Rückſprache ge⸗ nommen. Wenn Zäwis nur zu gern länger in Prag ver⸗ weilte, ſo war es weniger der Wunſch der Königin, der ihn dazu beſtimmte, als ſein Verhältniß zu Libusa. In derſelben Fiſcherhütte, an der er einſt als König, als Kunigunden's Gemahl begrüßt worden war, und unter dem Schutz derſelben Matrone, die ihn alſo begrüßt— denn ſie war die Verwandte, von der Libusa geſpro⸗ chen— kam er wöchentlich zweimal mit dieſer zuſammen. Das waren ſelige Stunden für ihn, die ihn für alle Verdrießlichkeiten ſeiner politiſchen Wirkſamkeit ent⸗ ſchädigten. Eine ſchönere und erhabenere Liebe hat aber auch nie ein irdiſches Weib einem ſterblichen Mann geweiht, wie die Liebe der Tochter Dalemil's zu Zäwis von Falkenſtein war. Aber bald zog verhängnißvolles Gewölk über dieſe 14* % 220 * ſchöne Liebe auf. Eines Tages war Libusa ungewöhnlich niedergeſchlagen. Zäwis forſchte, was ihr fehle, und er⸗ fuhr endlich, daß Libusa einen ſchweren Kampf mit ihrem Vater gehabt, der ihren Zuſammenkünften auf die Spur gekommen ſei und ihr mit Einſperrung in ein Kloſter gedroht habe, wenn ſie nicht von dem Barone laſſe. Sie hatte nicht geleugnet, daß ſie mit Zäwis noch zuſammen komme, daß ſie ihn liebe und ewig lieben werde; aber den Ort der Zuſammenkunft hatte ſie hartnäckig ver⸗ ſchwiegen. „Es wird dies für eine Zeit unſere letzte Zuſam⸗ meukunft ſein müſſen,“ fagte ſie,„ich habe meinem Vater verſprochen, nur heute noch Dich zu ſehen, und dann mich zurückzuziehen. Fordere nicht, daß ich mein Wort breche, und zürne mir nicht, daß ich's gegeben. Ich bleibe doch Dein, und wenn Du gebeutſt, folge ich Dir, wohin Du mich führen willſt.“ Zäwis drang nicht auf einen andern Entſchluß; ſo ſchmerzlich die Entbehrung ihres Umgangs für ihn ſein mußte, er achtete ihre freie Selbſtbeſtimmung, ihr kindliches Gefühl; nur um das Eine bat er ſie, daß ſie ſich zuweilen in einer beſtimmten Stunde in der Kirche ſehen wollten. Unter heißen Küßen ſchieden ſie von ein⸗ ander. Sie hielten ſich noch heiß umſchlungen, als ſie durch 221 nahe Pferdetritte aufgeſchreckt wurden. Sie ſahen ſich um, und erblickten eine hohe Dame auf ſchneeweißem Zelter im Geleite eines Ritters und zweier Edelknaben dahergeritten kommend. „Die Königin!“ rief Libusa halblaut, ſich an Zäwis ſchmiegend. Sein Geſicht erglühte.„Schnell flüchte in's Haus!“ bat er dringend,„die Königin kennt mich!“ Libusa gehorchte. Zäwis erwartete in einiger Ver⸗ legenheit die Herankunft der Königin— aber etwa zwanzig Schritte von ihm machte ſie plötzlich Halt, warf ihm einen zornigen Blick zu, kehrte um und ritt ſchnell wieder, woher ſie gekommen. Zäwis athmete leichter auf; er hatte ge⸗ fürchtet, ſie werde hier abſteigen, mit ihm ſprechen, ihn wohl gar über die zärtliche Scene, in der ſie ihn getroffen, zur Rede ſetzen— davor war er nun ſicher. Aber was hatte der zornige Blick zu bedeuten, den ſie ihm zuwarf? Etwa gar Eiferſucht? Zäwis verwarf dieſen Gedanken und nahm ſich vor, ſich nicht weiter um die Königin zu küm⸗ mern. Er rief Libusa herbei, nahm nochmals zärtlich Ab⸗ ſchied, und ging dann langſam auf einem Umwege nach der Stadt zurück. Erſt eine halbe Stunde ſpäter ließ ſich Libuba von ihrer Verwandten bis an das Thor führen. Den folgenden Tag erſchien ein Diener der Königin in der Fiſcherhütte bei der alten Babet und erkundigte 222 ſich, wer das Liebespaar geweſen, welches geſtern Nach⸗ mittag ſich in ihrem Garten befunden. Sie that anfangs, als wiſſe ſie gar nichts davon; doch als der Bote ſich als Beauftragter der Königin auswies und ihr mit deren Un⸗ gnade drohte, wenn ſie die Wahrheit verſchwiege, da be⸗ kannte die Frau:„Den Herrn weiß ich nicht zu nennen, aber das Mädchen iſt meine Nichte, die ihn mir als ihren Bräutigam vorgeſtellt hat. Ich glaube auch, daß er das iſt; denn meine Nichte Libusa iſt ein tugendſames Mäd⸗ chen, das ſich nicht auf falſchen Weg verirren wird.“ Der Bote fragte nun noch nach dem Vater des Mädchens, und als ſie dieſen genannt, ging er ſeiner Wege. Es war nicht die Sorge um die Ehre und das Glück ſeines Kindes allein, was Dalemil gegen Libusa's Neigung zu Zäwis einnahm, ſondern mehr noch ein fin⸗ ſteres Gerücht, das ſeit Kurzem in den bürgerlichen Krei⸗ ſen Prags umlief. Daſſelbe betraf eine Verſchwörung, welche der mißvergnügte Adel gegen den König angeſtiftet haben ſollte. Man brachte die große Zahl der gerade jetzt in Prag anweſenden Barone mit dieſer Verſchwörung in Zuſammenhang und ſprach von zahlloſen Bewaffneten, welche dieſelben in Prag und ſeinen nächſten Umgebungen verſteckt hielten. Da man die Witkowetze allgemein zu den Feinden des Königs zählte, und von der Audienz, welche Zäwis von Falkenſtein beim König gehabt, eine dunkle 223 Kunde in's Volk gedrungen war, welche für Zäwis nichts weniger als ſchmeichelhaft klang, ſo bezeichnete ihn das Gerücht als ein Hauptglied der Verſchwörung, wenn nicht gerade als die Seele derſelben. Dalemil, dem das Gerücht ſehr bald zu Ohren kam, war nur zu ſehr geneigt, ihm Glauben zu ſchenken, und vor dem Richterſtuhle ſeines rauhen bürgerlichen Patriotismus waren die Verdienſte Zäwis' um ihn und ſeine Tochter nur ſchwache Ver⸗ theidiger. Sobald er daher nur eine Ahnung davon er⸗ hielt, daß Libusa mit dem Manne, den er zu den Feinden des Vaterlandes zählte, noch im Verkehr ſtand, hielt er es für doppelte Pflicht, dieſen Verkehr zu unterdrücken, koſte es was es wolle. Zum Glück für ſeine wirklich große väterliche Zärtlichkeit machte Libusa's kindlicher Gehorſam ihm die Erfüllung dieſer Pflicht leichter, als er gedacht; durch ihre Bereitwilligkeit, nach einer letzten Unterredung mit dem Geliebten den Verkehr mit ihm abzubrechen, überhob ſie ihn ſtrenger Maßregeln. Wirklich hielt Libusa Wort; ſie verließ das Haus nie mehr außer zum Kirchgang, und er überzeugte ſich, daß ſie auch wirklich nur in die Kirche ging. Dennoch konnte er ſich nicht aller Sorge erwehren, daß die Liebe, die, wie ſie offen erklärte, unaustilgbar in ihrem Herzen lebte, ſie ſpäter oder früher doch noch„in's Verderben“ führen werde. 224 Als eine Fügung des Himmels, als eine göttliche Erhörung ſeiner heißeſten Gebete nahm er es daher auf, als er eines Tages zur Königin beſchieden und von dieſer gefragt ward, ob er ihr nicht ſeine Tochter als Zofe überlaſſen wolle. Sie habe, ſagte ſie, ſo viel Rühmliches von dem Mädchen gehört, daß ſie von dem Wunſche erfüllt ſei, es an ihre Perſon zu feſſeln.„Gebt mir ſie,“ bat ſie,„ſie kommt bei mir in gute Hände; ich werde ihre Dienſte nicht bloß mit Geld, ich werde ſie mit from⸗ mem Schutz gegen alle Gefahren der Verführung und mit der treueſten Sorge für eine glückliche und ehrenvolle Zukunft belohnen.“ Zu jeder andern Zeit würde ſich Da⸗ lemil nähere Ueberlegung dieſes ehrenvollen Antrages vorbehalten haben; jetzt nahm er ihn mit einem von Dank überſtrömenden Herzen auf, und verſprach der Königin ſein ganzes väterliches Anſehen aufzubieten, um ſeine Tochter der erhabenen Gebieterin zuzuführen. Von der Königin mit huldvollen Worten entlaſſen, eilte er nach Hauſe, ſeiner Tochter ihr bevorſtehendes Glück, wie er es nannte, mitzutheilen. „Vater!“ rief Libusa überraſcht,„wer ſoll Dein Hausweſen führen? wer Dich pflegen, wenn Du krank wirſt?“ „Mein Hausweſen wird beſorgt werden,“ antwor⸗ tete Dalemil,„und ſollte ich krank werden, ſo biſt Du ja 225 nicht aus der Welt. Ich hoffe, Du wirſt Dein Glück nicht von der Hand weiſen!“ „Mein Glück?— Vater, Du haſt mich ja nicht zum Dienen erzogen!“ „Um ſo würdiger wirſt Du Deine Stelle ausfül⸗ len— die huldreiche und weiſe Königin wird den Werth von Dalemil's Tochter erkennen. Ich will, daß Du mir Ehre machſt vor ihr. Es iſt auch hohe Zeit, daß ich für Deine Zukunft ſorge. Die Zeit iſt ſchlimm und wir gehen noch ſchlimmerer Zeit entgegen. Ich kann umkommen und Dich ohne Schutz hinterlaſſen, ein Kind der Noth und des Jammers. Im Dienſte der Königin biſt Du geborgen, ſie hat verſprochen für Deine Zukunft zu ſorgen. Ich verdiente nicht Dein Vater zu ſein, wenn ich Dich nicht zu ihr ziehen ließe, wenn ich Dir nicht befähle, zu ihr zu ziehen.“ Libusa erkannte, daß ihr Vater feſt entſchloſſen war, ſie der Königin zu überlaſſen, und da ſie ſelbſt eine in⸗ nige Verehrung für die hohe Frau hegte, ſo fügte ſie ſich zuletzt in ſeinen Willen. Wohl dachte ſie dabei daran, daß Zäwis mit dieſem Schritt nicht einverſtanden ſein könne; ſie hätte ſich gern erſt ſeine Zuſtimmung dazu geholt, allein dies war unter den obwaltenden Umſtän⸗ den nicht thunlich. Sie konnte ihn bloß durch ein Brief⸗ 3 chen, das ſie ihm beim Kirchgang in die Hände ſpielte, von ihrer veränderten Lebensſtellung in Kenntniß ſetzen. 226 Dies gelang ihr den folgenden Tag beim Verlaſſen der Meſſe. Sie erwartete den Geliebten, der ſie nicht aus dem Auge ließ, am Kirchthor, und als er an ihr vor⸗ überging, nur mit einem herzinnigen Blick ſie grüßend, ließ ſie das Briefchen in ſeine Hand gleiten. Zäwis eilte an einen menſchenleeren Platz und ent⸗ faltete begierig das Briefchen. Er erſtaunte nicht wenig über die darin enthaltene Nachricht. Er erinnerte ſich der Begegnung der Königin bei der Fiſcherhütte, und der Verdacht ſtieg in ihm auf, daß bei der Berufung Libusa's eine Intrigue im Spiele ſein möge. Er hätte ihr nach⸗ eilen, ſie warnen, ſie zurückhalten mögen; aber er ver⸗ warf im nächſten Augenblick ſeinen Verdacht und bedachte, daß, ſo lange er Libusa nicht zu ſeiner Gattin erheben könne, ſie nirgends beſſer aufgehoben ſei, als bei der Königin, für die er immer noch eine hohe Verehrung empfand. In ihrem Brieſchen verſprach Libusa einen Weg ausfindig zu machen, auf dem ſie manchmal mit ihm zu⸗ ſammenkommen könne. Dabei beruhigte ſich Zäwis für den Augenblick. Mittlerweile war das Gerücht von der Verſchwö⸗ rung der mißvergnügten Barone in Prag immer lauter und beſtimmter geworden. Man bezeichnete das Haus, in welchem die Verſchworenen zuſammen kämen; es war dies ein großes Haus in der Nähe der Judenſtadt, das, 227 weil es darin nicht geheuer ſein ſollte, größtentheils leer geſtanden hatte, neuerdings aber von einer fremden, ſchwarz gekleideten Dame gemiethet und mit einem Diener bezogen worden war. In dieſem Hauſe wollte man am Tage nur zwei Männer, einen Ritter und einen bürgerlich gekleideten Jüngling, der einem fahrenden Schüler ähn⸗ lich ſähe, haben aus⸗ und eingehen ſehen; ſobald aber die Nacht hereingebrochen, wären allabendlich eine Menge dunkler Geſtalten in das Haus gegangen. Man wollte wiſſen, daß die Verſchwörung zum Zweck habe, ſobald der König zu ſeinem, bei Tepl unter dem Befehle des kriegeriſchen Biſchofs Bruno von Olmütz ſich ſammelnden Heere abgereiſt ſein werde, die Stadt Prag zu über⸗ fallen, ſich der Königin und ihrer Kinder zu bemächtigen, den König abzuſetzen und den kleinen Erbprinzen auf den Thron zu erheben, in deſſen Namen ein aus der Mitte der Verſchworenen hervorgegangener Regentſchaftsrath regieren ſollte. Die Bürgerſchaft war in großer Aufregung, aber ſie brachte es zu keiner Handlung, dem drohenden Unheil vorzubeugen. Statt deſſen erging ſie ſich in den Wein⸗ häuſern in die Gefahr in's Ungeheure vergrößernden Kannegießereien. Freilich hätte man zum Handeln vor allen Dingen einer genauen Kenntniß von dem Vor⸗ handenſein einer Verſchwörung, ihrem Charakter und 228 ihren Mitgliedern haben müſſen, aber um dieſe Kenntniß ſich zu verſchaffen, war eine genaue Unterſuchung nothwendig, und Unterſuchen und Prüfen war zu keiner Zeit Sache des Volkes. Der gute Bürger dachte von jeher, man könne ſich dabei die Naſe verbrennen. Nur Einer begnügte ſich nicht mit thatloſem Kanne⸗ gießern, ſondern ſuchte der ganzen Wahrheit des Gerüchtes auf die Spur zu kommen und darnach Maßregeln zu veranlaſſen. Dieſer Eine war Dalemil, und er konnte ſich ſeiner Aufgabe mit um ſo größerem Eifer hingeben, als er durch die Unterbringung ſeiner Tochter bei der Kö⸗ nigin der Fflicht überhoben war, dieſelbe zu hüten. Er legte ſich in der Nähe des von dem Gerüchte als Sammel⸗ platz der Verſchworenen bezeichneten Hauſes auf Kund⸗ ſchaft aus; er ſah wirklich eine ſchwarzgekleidete Dame am Fenſter, ſah den Ritter und den, einem fahrenden Schüler ähnlichen Jüngling aus⸗ und eingehen, ſah end⸗ lich auch in der Nacht mehrere dunkle Männergeſtalten in das verdächtige Haus ſchleichen. Am andern Morgen erneute er ſeine Beobachtungen. Als der Ritter mit dem Jüngling das Haus der„ſchwarzen Dame“ verließ, folgte er ihnen, und ſah ſie, nachdem ſie die halbe Stadt durchwandelt, in das Haus gehen, welches, wie Dalemil wußte, dem Herrn Boreſch von Rieſenburg gehörte. Daß Boreſch von Rieſenburg aber einer der älteſten und bitter⸗ 229 ſten Feinde des Königs, war ihm nur zu wohl bekannt. Er wartete einige Zeit in der Nähe dieſes Hauſes, und ſah bald noch zwei ritterlich angethane Herren hinein⸗ gehen, unter deren einen er Herrn Ari von Seeberg erkannte, der dem König um des Verluſtes von Tachau und Glatz willen grollte. Obgleich Dalemil von der Verſchwörung ſelbſt nichts ſah, ſo war ihm doch der Verkehr ſo verdächtiger Per⸗ ſönlichkeiten und die Beſtätigung deſſen, was das Gerücht von den nächtlichen Beſuchen des unheimlichen Hauſes an der Judenſtadt erzählte, ein dringender Verdachts⸗ grund, der es ihm zur Pflicht zu machen ſchien, dem Oberſtburggrafen Anzeige zu machen. Dieſer hohe Reichsbeamte, dem die Sorge für die Sicherheit der königlichen Hauptſtadt vorzüglich mit ob⸗ lag, lobte den Gelehrten für ſeine pflichtmäßige Geſin⸗ nung und Handlungsweiſe, und verſprach ohne Verzug die nöthigen Maßregeln zu ergreifen, um die Anſchläge der Feinde des Königs zu vernichten. Der Oberſtburggraf ließ ſofort alle in Prag an⸗ weſenden Barone aufzeichnen. Die Liſte wies eine auf⸗ fallend große Anzahl gerade ſolcher nach, die man als mißvergnügte kannte. Er hielt es für ſeine Pflicht, dem König dieſe Liſte vorzulegen und ihm das Gerücht von der Verſchwörung und Dalemil's deßhalb angeſtellte 230 Beobachtungen mitzutheilen. Unter den aufgezeichneten Verdächtigen befand ſich auch Zäwis von Falkenſtein. König Otakar's Antlitz war furchtbar zu ſchauen im Zornes, furchtbarer noch, wenn er die⸗ ſen in ſich verſchloß. So war es jetzt. Sein Auge ſchoß dunkle Blitze auf die vor ihm liegende Liſte, die Zorn⸗ falte auf ſeiner Stirn ward zu einer unheimlichen Runzel und das lockige Haar ſeines Bartes ſchien ſich empor⸗ zuſträuben. Aber er gab lange keinen Laut von ſich. Endlich ſagte er mit gedämpfter Stimme: „Ihr haftet dafür, Oberſtburggraf, daß die Ver⸗ dächtigen binnen drei Tagen ein Quartier im weißen Thurm bezogen haben. Der Mann, der ſo wachſam für ſeinen König geweſen, ſoll mir vorgeſtellt werden. Er hat vielleicht das Vaterland vom Untergang, mich vor einer großen Thorheit gerettet. Ich ſtand im Begriff, dieſem Zäwis von Falkenſtein mein Vertrauen zu ſchen⸗ ken— ich hätte mich damit vielleicht dem Haupt des Ver⸗ rathes überliefert. Alſo thut, was Eures Amtes iſt, mein Freund! Ich will Gerechtigkeit üben— und wehe ihm vor Allen, wenn er ſich ſchuldig erweiſt.“ Der Oberſtburggraf war entlaſſen. Der König ließ ſeinen Oberſtkanzler M. Peter rufen. „Wißt Ihr auch, mein weiſer Freund,“ redete der König den eintretenden Kanzler an,„daß Ihr und mein 231 liebes Gemahl mir höchſt wahrſcheinlich zu einer großen Thorheit gerathen? Svpeben habe ich Anzeige erhalten von einer hier angezettelten Verſchwörung des mißver⸗ gnügten Adels, worunter auch Euer Zäwis von Falken⸗ ſtein, den meine theure Gemahlin und Ihr mir als den beſten Freund in der Noth darſtellen wolltet! Hier, ſeht dieſe Liſte— hier ſteht ſein Name.“ „Ich ſehe, Eure Hoheit,“ erwiderte der Staatsmann und Prälat,„allein ich ſehe eben nur Namen.“ „Aber was für Namen!“ fiel der König ein,„lau⸗ ter Namen von anerkannten Mißvergnügten.“ „Eure Hoheit ſprach von einer Verſchwörung; ich hörte auch davon murmeln, und unterließ nicht, unter der Hand Nachforſchungen anſtellen zu laſſen; allein was ich erfuhr, gab nur einen äußerſt ſchwachen Grund für einen ſo ſchweren Verdacht. Vielleicht wiſſen Eure Hoheit mehr.“ Der König theilte dem würdigen Manne mit, was ihm der Oberſtburggraf gemeldet. „So viel wußte ich ungefähr auch,“ erklärte der Kanzler;„und wenn ich dadurch ſchon gewiſſe Vorſichts⸗ maßregeln gerechtfertigt finde, ſo ſehe ich darin keinen Verdachtsgrund gegen Zäwis von Falkenſtein.“ „Die Unterſuchung wird ergeben, ob er ſchuldig iſt oder nicht,“ erwiderte der König; ich habe befohlen, 232 daß das Neſt der muthmaßlichen Verſchwörung aus⸗ genommen werde; da werden wir gleich ſehen, ob er mit unter den ſerheftete, oder wenn dies nicht der Fall, erfahren, ob er bei dem Verbrechen irgendwie betheiligt iſt. Sagt mir, kennt Ihr den Gelehrten Dalemil?“ „Ich hatte vor zwei Jahren die Ehre, Eurer Ho⸗ heit den Anfang einer gereimten Geſchichte Böhmens von ihm vorzulegen.“ „Ja, ich erinnere mich— ich nahm davon keine No⸗ tiz, weil mir eine verſificirte Geſchichte eine Sünde wider den guten Geſchmack zu ſein ſcheint.“ „Sonſt hat der Mann aber nicht geringe Verdienſte um die böhmiſche Sprache.“ „Verdienſte, die in der Regel mit einem ſtarren Feſthalten am verlebten Alten gepaart ſind, und Ihr wißt, wie gerade dieſes Feſthalten viele zu Gegnern meiner Regierungsweiſe macht. Dieſer Dalemil hat mir indeſſen jetzt einen Beweis treuer Anhänglichkeit gegeben. Ich will ihn dafür belohnen; vielleicht könnt Ihr mir ſagen, wie dies am beſten geſchieht.“ „Der Mann iſt in dürftigen Umſtänden— eine Stelle in der Hofkanzlei würde ihm vielleicht ſehr will⸗ kommen ſein. Das Reichsarchiv bedarf einer ordnenden Hand.“ „So tönnte man ihn dabei anſtellen. Setzt Euch 233 mit ihm in's Vernehmen und ſtellt mir ihn gelegent⸗ lich vor.“ Damit entließ der König den Kanzler und begab ſich zur Königin, um dieſe von dem, was ſich begeben, in Kenntniß zu ſetzen. Die Königin glaubte nicht, daß Zäwis ſich an einem hochverrätheriſchen Unternehmen betheiligen werde, und ſie billigte die von dem König angeordneten Maßregeln, von denen ſie hoffte, daß ſie Zäwis von jedem Ver⸗ dacht reinigen würden. Der König theilte ihr dann mit, wie er den Mann, der durch ſeine Anzeige zu dieſen Maßregeln Anlaß gegeben, zu belohnen gedenke. Als er ſeinen Namen nannte, war die Königin ein wenig betrof⸗ fen, daß der Mann, deſſen Tochter Zäwis liebte, als Ankläger wider dieſen aufgetreten war, wenn auch viel⸗ leicht ohne es zu wollen. Die Königin hatte ihre neue Dienerin mit großer Freundlichkeit aufgenommen und ihr eine Stelle an⸗ gewieſen, deren ſich kein Edelfräulein geſchämt hätte. Dadurch und durch eine immer ſich gleichbleibende güte⸗ volle Behandlung hatte ſie ſich ſchnell das Vertrauen des harmloſen Mädchens erobert und eine genaue Kenntniß von dem Zuſtande ihres Herzens gewonnen. Ohne ge⸗ radezu darnach zu fragen, hatte ſie erfahren, daß Libusa 1860. XVIII. Zäwiß von Roſenberg. I. 15 234 an dem Haupte der ſtolzen Witkowetze mit namenloſer Liebe hing. Die Gemahlin König Otakar's hatte ſich es ſelbſt nicht eingeſtanden, daß der Beweggrund, die Tochter Da⸗ lemil's in ihren Dienſt zu nehmen, eine Regung der Eifer⸗ ſucht geweſen. Als ſie den Mann, den ſie, wie ſie ſich ein⸗ redete, nur wegen ſeiner großen Geiſtesgaben, insbeſon⸗ dere als vaterländiſchen Dichter ſchätzte, in den Armen des ihr fremden und offenbar ihm unebenbürtigen Mäd⸗ chens erblickt, hatte ſie den Stich, den ſie in ihrem Her⸗ zen gefühlt, als einen ganz natürlichen Schmerz darüber gedeutet, daß ein ſolcher Mann ſich durch eine gemeine Liebſchaft herabwürdige. Nachdem ſie aber erfahren, wer das Mädchen war, und über ihre Eigenſchaften und ihren Wandel nur rühmliche Zeugniſſe erhalten hatte, ſpiegelte ihr das in Königinnen gerade ebenſo, wie in andern Evatöchtern ſchwache Herz es als eine ſchöne menſchliche That vor, das arme ſchuldloſe Mädchen aus dem Volke den Umſtrickungen eines ſo gefährlichen Mannes aus den ſtolzeſten Kreiſen der Geſellſchaft zu entreißen.„Das Mädchen iſt eine mutterloſe Waiſe— Väter ſind gewöhn⸗ lich blinde oder täppiſche Hüter ihrer Töchter— ich will dem armen Kinde eine Mutter ſein,“ ſo hatte die Köni⸗ gin bei ſich gedacht und Dalemil zu ſich entbieten laſſen. Als ſie nach dem Beſuche des Königs wieder allein 235 war, überkam ſie doch einige Beſorgniß, daß Zäwis, durch das abſtoßende Benehmen des Königs gereizt, ſich auf irgend ein verwerfliches Unternehmen gegen den⸗ ſelben eingelaſſen haben könne, daß dann alle ihre Be⸗ mühungen, beide Männer einander nahe zu bringen und ein Einverſtändniß zwiſchen ihnen zu erzielen, Bemühun⸗ gen, die ſie endlich einem glücklichen Erfolge nahe geſehen, verloren wären— und mit ihnen vielleicht Zäwis ſelbſt! Die Beſorgniß ſteigerte ſich bei dieſem letzten Gedanken zur Angſt, und von dieſer hätte ſie ſich beinahe hinreißen laſſen, Zäwis eine Warnung zu ſchicken, ja ihn zu be⸗ ſchwören, daß er Prag augenblicklich verlaſſe. Allein— hielt ſie ſich dann ſelbſt entgegen— hieße das nicht zei⸗ gen, daß ich an ſeine Schuld glaube? Und wenn er ſchul⸗ dig wäre, darf ich, die Königin, den Hochverräther ret⸗ ten? Was habe ich mit dem Manne zu thun, der—— ſie wagte nicht zu vollenden. Möge das Recht ſeinen Lauf haben, entſchied ſie endlich— erweiſt er ſich als ſchuld⸗ los, dann um ſo beſſer, dann wird mein Friedenswerk um ſo ſicherer gelingen; iſt er ſchuldig, ſo leide er, was er verwirkt— warum hat er auf meine Bitte nicht ge⸗ hört!“ Zäwis, der von dem Verſchwörungsgerücht und was ſich daran knüpfte, keine Ahnung hatte, war in⸗ deſſen des Harrens auf eine Sinnesänderung des Königs 15* 236 zu ſeinen Gunſten müde geworden. Und da er ohne eine ſolche Sinnesänderung keine Möglichkeitn vor ſich ſah, irgendwie in die Ereigniſſe der Zeit thätig einzugreifen, ſo neigte er ſich viel mehr zu Plänen über ſein häusliches Glück hin, als zu politiſchen Parteiplänen. Freilich ſtellte ſich auch dem Baue ſeines häuslichen Glückes ein gro⸗ ßes Hinderniß entgegen: ſeine Stellung als Oberhaupt des ſtolzeſten Adelsgeſchlechtes in Böhmen und der Ahnenſtolz ſeiner Mutter. Leichter noch war es ihm, auf jene Stellung zu verzichten und ſich auf die allerverbor⸗ genſte der Witkowetziſchen Beſitzungen zurückzuziehen, als den Fluch ſeiner Mutter auf ſich zu laden. An dieſem Gedanken ſcheiterte jeder ſeiner friedlichen Pläne. Eben war er auch wieder einmal bei dieſem Punkte angekommen, als ſein Leibdiener eintrat und ihm den Maler Scarlatti anmeldete. Freudig überraſcht ſprang Zäwis auf und befahl den ſo lange Vermißten ein⸗ zulaſſen. Scarlatti trat ein und ſtürzte unter ſtrömenden Thränen ſeinem Gönner zu Füßen.„Könnt Ihr mir verzeihen, Wladyka?“ ſchluchzte er;„ich habe ſchwer an Euch geſündigt!“ „Steht auf, Meiſter,“ ſagte Zäwis gerührt und reichte ihm die Hand.„Eure Künſtlerphantaſie hat Euch einen leicht verzeihlichen Streich geſpielt; Künſtler müſſen dergleichen durchmachen; ich wußte doch, daß Ihr wieder 237 zu mir kommen würdet. Kommt, nehmt Platz, und wenn Ihr einer Erfriſchung bedürft, ſo ſagt es frei.“ „Ihr ſeid immer groß und gut, Wladyka,“ ſagte Scarlatti Platz nehmend;„v warum ließ ich mich blen⸗ den von dem unſeligſten Weibe, das unter der Sonne wandelt, und verließ Euch und meinen ſchönen Wirkungs⸗ kreis! Aber ich habe meine Verirrung gebüßt; ſechs Wochen war ich von Euch fern, aber jeder Tag dieſer Friſt war ein Jahr von Höllenqual. Fragt mich nicht nach Einzelheiten, die ebenſo entwürdigend als peinvoll ſind— gut, daß ich endlich die Kraft gefunden, mich los⸗ zureißen, dieſem ſchmachvollen, entſetzlichen Leben in den Feſſeln eines dämoniſchen Weibes ein Ende zu machen. Wollt Ihr mich wieder zu Gnaden annehmen, ſo will ich ſuchen dieſe Verwirrung durch Treue gegen Euch und meine Kunſt allmälig wieder gut zu machen.“ „Ihr ſeid mir herzlich willkommen, lieber Meiſter,“ erwiderte Zäwis.„Bald vielleicht verlaſſe ich Prag, und Ihr geht mit mir nach Krumau oder Falkenſtein, erholt Euch dort und pflegt dann fröhlich Eurer Kunſt. Aber ſagt mir: wie kommt Ihr hierher und ſeit wann ſeit Ihr hier?“ „Schon ſeit vierzehn Tagen,“ war die Antwort; „natürlich kam ich mit ihr, die mir das Leben ver⸗ giftet— ich wähnte, ich könnte ſie retten; vielleicht wäre es mir auch gelungen, hätte ſie nicht einem Teufel ſich 238 ergeben, der ſchlimmer iſt als ſie— derſelbe Berchtold von Emerberg aus Oeſterreich, dem Ihr ſolche Groß⸗ muth erwieſen, hat ſich in ihre Gunſt eingeſtohlen, iſt auf ihre finſtern Gedanken eingegangen. Eine grauen⸗ volle Saat wird dieſer Verbindung, zu der ſich auch ein Bruder Berchtold's geſellt, entſprießen— die Drei haben eine Verſchwörung— es lauſcht doch hier Niemand?— ſie haben eine Verſchwörung angezettelt, bei der auch die Herren von Rieſenburg, Seebach, Potenſtein und Euer Vetter Sezema von Wittingau betheiligt ſind. Der König ſoll geſtürzt, das ganze Geſchlecht der Premysliden aus⸗ gerottet werden.“ „Ihr ſprecht im Fieber, Meiſter,“ unterbrach ihn Zäwis entſetzt;„kommt zu Euch!“ „Ich ſpreche nur zu wahr,“ entgegnete der Maler, „und wenn Ihr mir nicht glaubt, ſo dürft Ihr nur heute Nacht in das Haus der Radelsführerin gehen, da könnt Ihr die Verſchworenen alle beiſammen finden.“ „Die Herren von Rieſenburg und Potenſtein und ſogar mein Vetter Sezema wären darunter, ſagtet Ihr?“ „So iſt es; ſie haben unter grauenvollen Cere⸗ monien dem königlichen Hauſe den Untergang ge⸗ ſchworen— ich ſelbſt habe mich von dem unſeligen Weibe zum Schwur verleiten laſſen— ſeitdem hatte ich keine Ruhe mehr, mir war wie einem Verdammten— da ſah * 239 ich Euch geſtern aus der Kirche kommen— in meiner Angſt und Verzweiflung floh ich heute zu Euch.“ „Wo iſt das Haus des Fräuleins von Mahren⸗ berg?“ Der Maler beſchrieb ſeine Lage. „Wollt Ihr mich heute dahin begleiten?“ fragte Zäwis. „Was wollt Ihr dort?“ rief Scarlatti beſtürzt. „Vielleicht kann ich das Verbrechen verhüten, viel⸗ leicht den König und das Vaterland retten. Ich will unter ſie treten und ihnen in das Gewiſſen donnern, ich will ihre Herzen erſchüttern, und wenn ich ſie nicht von ihrem Unrecht überzeugen kann, will ich ſie doch vor Schrecken unfähig machen, ihren Plan auszuführen. Wollt Ihr mich geleiten, Meiſter?“ „Ja, Wladyka, ich gehe mit Euch in die Hölle!“ erklärte der Maler.„Nun iſt es doch gut, daß ich mich in die Verſchwörung einließ, ſonſt würde ich ja keinen Zutritt haben.“ Es ward nun beſchloſſen, daß Beide dieſen Abend vermummt ſich nach dem Sanmelort der Verſchworenen begeben wollten. Die Nachtwächter blieſen die zehnte Stunde ab, als die Beiden ſich der Judenſtadt und dem Hauſe, welches Ludmila von Mahrenberg bewohnte, näherten. Scarlatti 240 trat an die Thür und gab das unter den Verſchworenen verabredete Zeichen. In demſelben Augenblick vernahm Zwis hinter ſich und zu beiden Seiten ein Geräuſch; wie er ſich umſah, erblickte er eine Menge Bewaffneter, die blitzſchnell auf ihn eindrangen, ihn umringten und im Namen des Königs verhafteten. Vergebens war jeder Proteſt; als er ſeinen Namen nannte, rief eine Stimme: „Da haben wir ja den Hauptverſchwörer!“ Ebenſo ward Scarlatti ergriffen und mit Zäwis von einem Haufen fortgeführt, indeß ein anderer, ſtärkerer in das verdäch⸗ tige Haus eindrang. Eine halbe Stunde ſpäter befand ſich Zäwis mit dem Maler in einem Kerker des weißen Thurmes auf dem Hradſchin, in einem Theile derſelben Mauern, welche auch die Königin und die Geliebte umſchloſſen. Eine Viertelſtunde nach ihnen theilten Ludmila von Mahrenberg, Pota von Potenſtein, zwei Vettern Boreſch's von Rieſenburg, der Bruder Berchtold's von Emerberg und noch einige Verſchwörer daſſelbe Schickſal. Die Uebrigen, worunter Boreſch, Albrecht von Seeberg, Se⸗ zema von Wittingau und Berchtold von Emerberg, waren entkommen. Ende des erſten Bandes. ſſſiſ 9 12 17 10 11 13 14 15 16 18 19