1 für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— auf 1 Monat: Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 5 3 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Ottmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Geſebedingungen. 1 Mensein der Pibliothek. Die BVibliothe ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement Daſſelbe muß voraus jbezahlt werden und 3 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. — 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von beträgt; „„*„ 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſenel, verlorene und deferte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des ge verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß vas Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen,Lauchtdafür zu ſtehen haben. ——— ———— Die ſtille Mühle. Eine Geſchichte aus Deutſch-Böhmen bon Elfried von Taura. Motto: Die den Gott der Liebe bekennen durch die That, ſind ſein Volk!— Wit dem ersten Preise grkröntr Conrurrent-Kavelle des Vannuuerschen Conriers. Hannober. Carl Rümpler. 1856. —— Druck von Auguſt Grimpe in Hannover. Die ſtile Mühle. Wanderſt du aus dem Innern Böhmens, weſtlich vom Elbſtrom, der Nordgrenze dieſes geſegneten Landes zu, ſo erhebt ſich vor deinen Blicken aus der gewellten Ebene allmälig ein ſchwarzblauer unabſehbarer Streifen, der mehr und mehr die Geſtalt eines rieſigen Walles an⸗ nimmt, den irgend ein Volk von Giganten da aufgeworfen. Das iſt das Erzgebirge, das auch dann, wenn du ihm bis auf eine Stunde nahe gerückt biſt, jenes wallartige Anſehen behält, weil ſich faſt nirgends ein Einſchnitt in das ſteile Gehänge zeigt und der Kamm, ſo weit das Auge reicht, von dem mächtigen Plateau von Gottesgab im Weſien bis zum Schneeberg im Oſten, in faſt gleicher Seehöhe fortläuft. Die höchſten Kuppen des Gebirges, welche dieſes Die ſtille Mühle. 1 2 * Anſehen beeinträchtigen würden, liegen zu tief nordwärts, als daß ſie hier ſichtbar wären. Erſt wenn du unmittelbar am Fuße des Gebirges hin⸗ ſtreifſt, entdeckſt du einzelne tiefe Einſchnitte, die ſich, wie die Fjorde in Norwegens Felſengeſtade, als ſchmale Wieſenbuchten zwiſchen die wald⸗ bedeckten Berge hineindrängen, immer enger und enger werden und ſich zuletzt als unzugängliche Schluchten an den Kamm hinaußiehen. Ge⸗ wöhnlich ſind dieſe Einſchnitte Rinnſale rauſchen⸗ der Gießbäche, die ſich vom Gebirge herab in die ſtille Biela, weiter weſtlich auch in die ſanfte Eger ſtürzen, welche bis Kaaden den Fuß des Erzgebirges beſpült, hier aber einen plötzlichen Sprung nach Süden macht, um dem märchen⸗ haften Mittelgebirge die gleiche Huldigung zu bringen, bevor ſie ihr ſelbſtſtändiges Daſein an das blonde Rieſenkind, die Elbe, verliert. Recht wilde Gebirgskinder ſind jene Gieß⸗ bäche, gerade als wären ſie ſich ihrer Kurzlebig⸗ keit bewußt und wollten ſich durch die ausgelaſ⸗ ſenſte Luſt dafür entſchädigen. Denn kurzlebig ſind ſie, zumal im Gebiet der Biela, in zwie⸗ c3 7 3 facher Hinſicht, einmal wegen der geringen Aus⸗ dehnung ihres Laufes von der Quelle bis zur Mündung, und dann, weil ſie faſt durchgängig im Sommer verſiechen. Da iſt's denn ſtill in den Schluchten, die ſonſt von den ſtürzenden Waſſern wiederhallen, und öd und traurig müßte es darin ſein, wäre nicht der Wald, der liebe, friſche Wald mit ſeinem heimlichen Flü⸗ ſtern und den nimmer ſchweigenden Stimmen ſeiner befiederten Sänger. Der Wald ſchützt auch die vorderen und offeneren Partien dieſer Einſchnitte, die ſanften, ſaftig-grünen Wieſen⸗ gründe vor dem ſengenden Strahl der Sommer⸗ ſonne, denn bis zum Fuße des Gebirges hinab ſtreckt er ſeine Glieder, und die Gründe ruhen in ſeiner ſchattigen Umarmung. Liebliche, feenhafte Stätten ſind dieſe Gründe, werth von den beſten der Menſchen bewohnt und als Erdenparadieſe geheiligt zu werden. Einer vor allen, der ſchon mehr nach Abend hin, im Gebiet der Eger liegt, macht Anſpruch auf ſolche Heiligung, und wenn du ihn betrittſt, Wanderer, dann rufſt du vielleicht, überwältigt 1 ——— e 4 von dem Zauber, der auf dieſer Stätte ruht: Welch ein Tempel des Friedens!— Sieh zu, ob auch deines Friedens! Nur eine Viertelſtunde Weges von der Sff⸗ nung dieſes Grundes liegen die oberſten Häuſer des Kirchortes Zeisdorf. Folgſt du von hieraus dem Laufe des vielleicht ſchon dem Verſiechen nahen Baches, ſo kommſt du durch ein Erlen⸗ und Weidengehölz über eine weite Wieſenfläche an ein Gehöft von ſtattlichen ſteinernen Wohn⸗ und Wirthſchaftsgebäuden. Wenn nicht das hohe Fluther an der rechten Seite des Haupt⸗ gebäudes mit den darunter ſchwebenden Waſſer⸗ rädern dir es ſagte, würde Nichts dich daran erinnern, daß du dich vor einer Mühle befindeſt. Das Klappern und Rauſchen, das ſonſt die Nähe eines ſolchen nützlichen Menſchenwerkes verkündigt, iſt hier verſtummt, denn das Fluther iſt trocken und die Räder ſtehen ſtill. So findeſt du es wenigſtens jetzt im Sommer. Und weil gerade dies die Flugzeit der menſchlichen Zug⸗ vögel iſt, denen kein Winkel der Erde ſo ent⸗ legen, keine Schlucht ſo tief, kein Berg ſo hoch, ¹ daß ſie nicht hindrängen, ſo haben dieſe ſeit undenklichen Zeiten die Mühle hier in Ruhe gefunden und ſie„die ſtille“ getauft. Es giebt aber Zeiten, wo ſie ſo laut iſt, wie eine ihrer Schweſtern unten am immerrinnenden Egerfluß; aber da ziehen keine müſſigen Wanderer ein⸗ und aus, ſondern nur die Bauern der nächſten Dorfſchaften, die ihr Backgetreide hier mahlen laſſen, und dieſe bringen keine Kunde von der Mühle in die Welt hinaus. Das muß aber armes Müllervolk ſein, wenn es vier ganze Monate im Jahr nichts zu metzen hat, meinſt du wohl; aber tritt nur ein in den Hof und ſieh in den Ställen die fünf ſtattlichen Roſſe und die zwei Dutzend Kühe echten Eger⸗ länder Schlages, ſauber wie Kätzchen und rund wie Wollſäcke; ſchau in die großen vollen Scheuern und mache dem Meiſter Müller einen Beſuch in ſeinen vier Wänden— da wirſt du bald Achtung bekommen vor dem Wohlſtand, der in der„ſtillen Mühle“ herrſcht, der aber freilich nicht vom Metzen kommt. Und biſt du ein Geſell, der das Herz auf dem rechten Fleck 6 hat, nicht blöd, aber auch nicht zudringlich, nicht fränziſch⸗ gleißend, aber auch nicht engliſch-un⸗ verſchämt, giebſt du dich als ein ſchlicht freund⸗ herziger Deutſcher, dann erfährſt du leicht, daß man von dem Wohlſtand keinen ſchlechten Ge⸗ brauch macht. Wir kennen wenigſtens mehr als einen Wanderer, der wildfremd die Gaftfrei⸗ heit des„Mühl⸗Franz“ und ſeines„Wawerle“ genoſſen. Und biſt du ſolch ein Glücklicher, ſo erfährſt du vielleicht aus ſeinem Munde auch, wie er zu der Mühle gekommen. Da wirſt du eine ſeltſame Geſchichte hören, die dir zeigt, daß der Friede dem Menſchen nicht von außen kommt, und daß auch in dieſem heimlich lieblichen Win⸗ kel Unfriede und Wehe ſich ausbreiten können, wenn der Menſch ſeine Leidenſchaften darin losläßt. Auch wir haben uns die Geſchichte von dem wackern„Mühl⸗Franz“ ſagen laſſen, und für ſolche freundherzige Deutſche, welche die„ſtille Mühle“ nicht ſelbſt beſuchen, wollen wir ver⸗ ſuchen, ſie ſo treu als möglich wiederzuerzählen und zwar in des Erzählers eigener Redeweiſe. Es iſt zwar ſchon ein wenig lange her und es liegt ein traurig Stück Weltgeſchichte zwiſchen heut und unſerm Beſuch in der ſtillen Mühle; da kann es wohl ſein, daß einzelne Punkte von der Tafel unſeres Gedächtniſſes hinweggewiſcht worden. Aber wir meinen, es iſt genug hängen geblieben, daß es ſich hören läßt. 2. Vor fünfzehn Jahren— erzählte uns der „Mühl⸗Franz“— da war die Mühle nicht in dem Stande, wie heute. Damit ſoll nicht ge⸗ ſagt ſein, daß es ſchlechter damit geſtanden hätte — im Gegentheil: mein Vorfahr war ein rei— cherer Mann als ich und auch ein beſſerer und geſcheidterer Mann, der Gottes Segen zu nützen verſtand wie Einer. Ich meine mur: die ſteiner⸗ nen Gebäude ſtanden damals noch nicht, ſondern. — es war Alles noch von Holz, mit Schindeln, zum Theil gar mit Stroh gedeckt. Sonſt war es ſauber wie heut, die Sauberkeit in Haus und. Hof iſt nur ein Erbſtück von meiner geweſenen Herrſchaft. Denn mein Vorfahr war eigentlich mein Dienſtherr, ich nur ſein Mühlknapp, oder wie ſie draußen am Rhein ſagen: ſein Mühl⸗ 2 arzt und auch mein Wawerle ſtand in ſeinem Dienſt als Hausmagd. Wir verdanken ihm Alles. Wie ich vor etwa achtzehn Jahren als fahrender Müllerburſch hier einzog, ſtand es mit mir ſo, daß ich auf Gottes Erde Nichts mehr zu ſuchen hatte, wenn ich auf einen Baum ſtieg, und Alles, was ich da an und bei mir hatte, war unter Brüdern keinen Gulden Schein werth. Ich war, mit Ehren zu melden, ein gemachter Lump. Nicht etwa blos, weil ich ſo zu ſagen abgebrannt war vom langen arbeit— loſen Wandern— das kann dem beſten Kerl widerfahren— nein, ich war ein in der Seele verlumpter Stromer. Da führte mich der Waſſerlauf, dem ich gerade nachging, oder viel⸗ mehr der liebe Herrgott, in die Mühle hier. Es war hoher Sommer wie jetzt, kein Tropfen Waſſer im Bach, die Räder hatten die Starrſucht— mir recht, da gab's keine Arbeit, aber doch ein Nachtquartier mit Zubehör— vielleicht auch Etwas einzuſtecken. Denn ſelbſt ſo tief war ich geſunken, daß mein ſiebentes Gebot nur noch lautete: Laß dich nicht erwiſchen. Als ich daher 10 hier ins Zimmer trat und ſo viel feinen Haus⸗ rath vorfand, wie ich in den größten Mühlen nicht beiſammen geſehen, dacht' ich, hier könnte mein Weizen blühen; ja, als ich keine Menſchen⸗ ſeele um mich ſpürte, von der Wand über der Kommode aber eine allerliebſte goldene Uhr mit dergleichen Kette mir in die Augen ſchimmerte, da dacht' ich: er iſt ſchon reif; die Uhr ſchien mir nur zuzuticken: nimm mich! nimm! Ich huſtete, ich ſtampfte mit dem Stock auf die Die⸗ len, ich ſchaute mich noch einmal recht um— keine lebende Seele zu ſehen oder zu hören; mit Eins, Zwei, Drei war die Uhr in meiner Taſche und ich im Hof. Auch hier Alles ſtill; hurtiger iſt nie ein Marder aus einem Taubenſchlag ge⸗ ſchlüpft, als ich aus dem Mühlengehöft. Und wie herrlich! dicht vor dem Hofthor war der bergende Wald. Aber wie ich in den Hohlweg, der da hineinführt, treten will, ſteht vor mir. ein Mann— ich bin kein Knirps, wenn ich auch Klein heiße, aber ich mußte an ihm hinan ſehen, wie ein Schulbub. Ich fuhr zuſammen, nicht vor der hohen Geſtalt, auch nicht vor mei⸗ 11 nem böſen Gewiſſen, denn wo war das? ſon— dern vor dem„Guten Tag“, den der Mann mir entgegenorgelte. Denn wie die ſtärkſte Orgel⸗ pfeife klang ſeine Baßſtimme. Dabei ſah er mich mit einem Blick an, der durch ein Herz von Stahl gedrungen wäre. „Ihr kommt aus der Mühle,“ ſagte er ruhig, „und habt ſie ohne Leute gefunden; es iſt aber Alles im Heuz kehrt nur wieder mit um; wir wollen einen chriſtlichen Tauſch machen: Ihr braucht ein neues Gewand für Euch, und ich brauche ein altes für einen Krautpopanz, da können wir einander aushelfen.“ Dabei faßte er mich mir nichts dir nichts am Arm und führte mich in den Hof zurück. Ich wäre gern entwiſcht, aber die Glieder verſagten mir. Halb von Sinnen folgt' ich ihm in's Haus, in's Zimmer.„Häng eimmal erſt die Uhr hin, wo Du ſie weggenommen haſt, dann nimm Platz!“ ſagte er ganz gelaſſen nach einem einzigen Blick an die Wand. Ich war gewiß ein trotziger und verwegener Burſch, aber dieſe Gelaſſenheit that mir's an. Zitternd wie⸗ Eſpenlaub nahm 3 7 12 ich die Uhr aus der Taſche und hing ſie wieder an ihren Ort. Darauf hieß er mich meinen Berliner Koffer ablegen und niederſitzen. Ich that's, aber wie ein armer Sünder, der ſich auf den Richtſchemel ſetzt. Er ſetzte ſich mir gegen⸗ über, ſtemmte ſeine Hände auf die Knie und ſchaute mich an. Ich wünſchte, er möchte mich lieber mit dieſen gewaltigen Händen zu Boden ſchlagen und jämmerlich durchbläuen, als dieſe klaren, tiefen Augen ſo ruhig auf mich heften. Endlich ſagte er:„Ich ſah vom Walde aus Dich über meine Schwelle ſchreiten; ich ließ es geſchehen, ohne Dir ängſtlich nachzuſtürzen. Du konnteſt ja trotz Deinem lumpigen Ausſehen eine ehrliche Haut ſein, und da würdeſt Du ſchon gewartet haben, bis Jemand gekommen wäre— täuſchte ich mich aber in Dir, nun ſo war es beſſer, ich erwiſchte Dich, als daß Du früher oder ſpäter in die Hände der Juſtiz fieleſt.. Du weißt wohl, was Dich erwartete, wenn ich Dich dieſer übergäbe? Jedenfalls das Zucht⸗ haus. Davor wollt' ich Dich behüten, weil das wahrſcheinlich den Schelm in Dir vollends fertig 13 machte. Als Einer, der vielleicht wäre wie Du, wenn Gott ihn nicht hätte laſſen als reicher Erbe geboren werden, mußte ich Dich lieber zu retten ſuchen. Das will ich; aber da man Nie⸗ mandem ſein Heil aufzwingen kann noch ſoll, denn Gott der Herr thut's auch nicht, ſo haſt Du die Wahl:— willſt Du hier bleiben und Dich ehrlich von Deiner Arbeit nähren, oder willſt Du in's Zuchthaus wandern? Im erſte⸗ ren Fall verſpreche ich Dir ewiges Schweigen über Dein Vergehen und eine Behandlung, wie ſie der Menſch vom Menſchen mit Recht fordern darf. Was das Lohn betrifft, ſo wiſſe, daß ich zwar das Eigenthum für Gottes Stiftung halte, weil es eine Vernunftnothwendigkeit und die Grundbedingung alles menſchlichen Fortſchrittes iſt, aber doch auch der überzeugung lebe, der Eigenthümer ſei nur Gottes Haushalter und habe all' ſein Gut im Geiſte des Vaters zu ver⸗ walten, der keinen Menſchen für ſein Stiefkind erklärt hat. Ich betrachte meine Arbeiter nicht als Stiefbrüder, die fürlieb nehmen müſſen mit dem Abfall von der Tafel, die ſie mit ihrem —— — 14 Schweiß für den Erben bereitet. Entſcheide Dich!“ Ich kann nicht ſagen, wie mir bei dieſen Worten war; ich fühlte mich zerſchmettert, ver⸗ nichtet. Ich ſank dem Mann zu Füßen und weinte. Reden konnte ich nicht. Endlich ſagte er:„Steh auf! ich will Dich jetzt in Deine Kammer führen, da magſt Du Dich reinigen und umkleiden. Dann wollen wir weiter mit einander ſprechen.“ Er führte mich treppan in eine lichte, reinliche Kammer, die ein gutes Bett, einen Waſchtiſch mit Geſchirr und wenig ande⸗ res Geräth enthielt, holte mir ſchnell einen voll⸗ ſtändigen Anzug und ließ mich allein. Ich war ſo zerknirſcht, daß ich vergaß, was ich eigentlich hier ſollte. Ich ſank auf den einzigen Stuhl der Kammer und dachte an meine Vergangen⸗ heit. Mein ganzes nichtsnutziges Leben zog an mir vorüber. Meine Eltern hatten mich zu allem Guten angehalten und meinen früh ſich zeigen⸗ den Leichtſinn mit Güte und Strenge bekämpft. Aber ehe ſie ihr Werk fertig hatten, mußten ſie mich aus den Händen geben. Das väterliche — 15 Handwerk ſtand mir nicht an, und ein Hand⸗ werk wollte doch gelernt ſein, und da ich zu kei⸗ nem andern Luſt hatte wie zur Müllerei, ſo kam ich in eine große Mühle meiner Voterſtadt Prag in die Lehre. Da wurden die Mühlknappen meine Erzieher; denn die Herrſchaft lebte gar vornehm und kümmerte ſich wenig um ihr Ge⸗ ſinde. Das war mein Verderben. Mein ange⸗ borener Leichtſinn fand an den Knappen eher Pfleger als Unterdrücker. Dabei war ich täglich Zeuge, auf welche unredliche Weiſe die Herrſchaft ihr Gut mehrte, und wie ſie wieder von den Knappen bevortheilt wurde. Die Folge ſo böſen Beiſpieles war, daß ich als ein halber Strolch auf die Wanderſchaft ging. Das Wandern iſt ſchön und gut, wenn man Gott vor Augen und im Herzen hat; aber ich— was fragte ich nach Gott? Glück! war meine Looſung, aber nicht das echte Glück, das der Menſch aus ſich her⸗ aus holen muß, ſondern das falſche, das die Thoren außer ſich ſuchen. Danach trachtete ich, danach jagte ich. Und weil mein Jagen umſonſt war, weil das, was ich erjagte, niemals hielt, 16 was es verſprach, ſo gab ich das Jagen zuletzt auf und lebte ſorglos in den Tag hinein. Das Glück ſollte mich ſuchen, und bis es mich fände, wollte ich das Leben genießen, ſo gut es ging. Ohne Trieb zur Arbeit, weil ſie aufgehört hatte, mir der Weg zu meinem erträumten Glück zu ſein, blieb ich nie lange an einem Ort, ſondern legte mich auf's Stromern. Da war der Strolch bald fertig, und damit er es um ſo ſicherer würde, mußten meine braven Eltern beide am Typhus ſterben. Die Nachricht erreichte mich in Straß⸗ burg, wo ich gerade in Arbeit ſtand. Bisher hatte der Gedanke an Vater und Mutter und an die Heimath mich doch noch hin und wieder zu einiger Beſinnung gebracht und meine argen Triebe im Zaum gehalten. Jetzt gab es keine Feſſel mehr für mich. Indem ich mir ſelbſt vorſpiegelte, ich müſſe mich zerſtreuen, um den Schmerz über den erlittenen Verluſt zu überwin⸗ den, verließ ich meine gute Werkſtatt in Straß⸗ burg und wanderte tiefer in's luſtige Frankreich. Da kam ich bald unter luſtige Brüder, die mich dermaßen zerſtreuten, daß in mir bald kein Haft 17 und Halt mehr war für Religion und Gewiſſen. Von ihnen lernte ich, das Glück beſtehe einzig in der Luſt, und dieſes Glück habe Jeder in ſeiner Gewalt, er brauche ſich nur nicht an die Schranken zu kehren, welche ſchwarzgallige Prie⸗ ſter und dickblütige Geſetzgeber dawider aufge⸗ baut. Sie zeigten mir, wie man derlei Schran⸗ ken leicht überſpringe. Nicht angeborne Armuth, hörte ich, ſchließe von der Luſt aus, ſondern Blödſinn. Es ſei Blödſinn zu glauben, unſer Herrgott hätte die Einen allein zum Genuß, die Andern zum Darben geſchaffen. Das leuchtete mir ein, weil ich hnliches auch ſchon gedacht hatte. Aber wenn's nun doch mit der Luſt ohne Geld nicht geht? Nun ſo nimmt man's, wo und wie man's findet— es lebt ſich aus An⸗ derer Taſche ſo luſtig, wie aus der eigenen, ja luſtiger, weil ſorgenloſer. Das konnte mir auch einleuchten. Und doch hatte ich gegen die An⸗ wendung dieſer Lehre ſo meine Skrupel. Da traf Einer den Nagel auf den Kopf: Eigenthum iſt Diebſtahl! erklärte der, und bewies es mit Erſtens, Zweitens, Drittens und ſo weiter. Das Die ſtille Mühle. 2 18 mußte mir einleuchten, wenn ich kein Tropf war. Und doch wollten meine Finger ſich noch nicht ſtrecken. Ich hatte noch zu viel Reſpect vor der honetten Welt. Da belehrte man mich, wie dieſe Welt keinen Schuß Pulver werth ſei. Oder eigentlich: ſie überließen dieſe Belehrung einem Pfaffen. Sie führten mich in eine Dorfkirche, wo ein Mönch über den Tert predigte: Habt nicht lieb die Welt, noch was in der Welt iſt. Nun, er verſtand der Weltliebe zu Leibe zu gehen! Flitter nach Flitter, Fetzen nach Fetzen riß er der Welt von ihrem verpeſteten, in den Grund hinein verderbten Weſen. Mit einem vollſtän⸗ digen Ekel vor dem Scheuſal verließ ich die Kirche. Ich wünſchte mir den Tod. Da kam der Spott und rief: biſt du ein Weib, daß du verzweifeln willſt? Männer handeln! Männer erklären dieſer ſchändlichen Welt den Krieg, ſie ärgern, necken, zwacken und brandſchatzen ſie nach Herzensluſt. Das ſei an ſich eine Luſt und bringe luſtige Früchte. Das dämmerte mir wenigſtens ein und damit es einleuchte, mußte mein liebſter Kamerad, der die Unſchuld ſeiner 19 Schweſter an einem reichen Verführer dadurch rächte, daß er ſein Schloß in Brand ſteckte, lebenslänglich in's Bagno kommen. War das nicht eine hundsföttiſche Welt, wo der Mörder der Unſchuld frei ausging und der rächende Zer⸗ ſtörer todten Gutes ſo entſetzlich geſtraft wurde? Jetzt war es rein aus mit meinem Reſpect vor der honetten Welt, und was ich dann weiter von ihr ſah, weil ich es ſehen wollte, war nicht geeignet, dieſen Reſpert wieder herzuſtellen. So wurde ich ein Schuft aus Grundſatz. Aber ich hütete mich wohl, offen mit der Welt zu brechen; ich zog den kleinen Krieg dem großen vor, denn ich liebte das Leben und die Freiheit. Zum Diebſtahl griff ich nur im äußerſten Noth⸗ fall und bei ganz günſtiger Gelegenheit. Den einzigen Fall abgerechnet, daß ich zuletzt aus Frankreich ausgewieſen und dann mit Schub in meine Heimath gebracht wurde, blieb ich von der Polizei unangefochten. Auch jetzt ſollte ich wie⸗ der frei ausgehen— aber dieſes Glück, auf eine ſo unerhörte Weiſe mir angeboten, verwirrte und erſchütterte mich mehr, als die verdiente Strafe — 20 es gethan haben würde. Dieſe hätte mich trotzig und widerſpänſtig gefunden; ich würde mich ihr grollend gefügt haben. Und gewiß hatte mein großmüthiger Retter Recht, wenn er ſagte: das Zuchthaus würde nur den Schelm in mir fertig machen. Bis dahin hatte ich die Welt nur ſo geſehen, wie ſie in mein Syſtem paßte; ich hatte in ihr nur zwei Claſſen gefunden: Unterdrücker und Bedrückte; es war mir unter den Beſitzen⸗ den Niemand vor die Augen gekommen, der die gegen ſie eingeſogenen Vorurtheile durch die That Lügen geſtraft hätte: Stolz, Habſucht, Geiß, Schwelgerei, Liebloſigkeit und Ungerechtigkeit wa⸗ ren mir allerwege entgegengetreten— und nun war ich auf einmal an einen Reichen gerathen, der durch eine einzige Handlung und wenig ein⸗ fache Worte mein Shſtem über den Haufen ſtieß. Ich ſaß noch immer in Gedanken verloren auf meinem Stuhl, als der Müller wieder in die Kammer trat. Ich ſprang auf; Meiſter, rief ich, ich kann die Kleider und was Sie mir ſonſt bieten, nicht annehmen, ich hab's nicht ver⸗ dient. Da zog er mich an's Fenſter, wies hin⸗ 21 aus und ſagte:„Sieh einmal da hinaus! die geſegneten Felder, die üppigen Wieſen, den ſchönen Buchenwald zur Rechten, dies Alles und noch Manches, was ich Dir hier nicht zeigen kann, hat mir Der dort oben gegeben, und ich hab's auch nicht verdient. Aber ich ringe ehrlich danach, daß ich's verdiene. Willſt Du's nicht auch ſo machen?“ Ach Herr! rief ich, noch tiefer erſchüttert, Sie wiſſen gar nicht, was für ein ſchlechter Kerl ich bin!—„Laß doch einmal hören Deine ganze Schlechtigkeit,“ verſetzte er,„will ſehen, ob ſie ſo arg iſt, wie Du glaubſt. Es wird Dir auch leich⸗ ter werden um's Herz, wenn Du einem Freunde beichten kannſt. Erzähl' mir doch Deine Lebens⸗ geſchichte.“ Und ich erzählte Alles.„Na, ein Engel biſt Du nicht geweſen,“ ſagte er, als ich gebeichtet hatte,„haſt arg und jämmerlich in Dein Leben und Weſen hineingewüſtet; haſt geglaubt, willſt die Menſchen bekriegen, und biſt nur Dein eigner Feind geweſen. Nun, ich will ſehen, ob ich Dich nicht Dir zum Freund mache; dann wirſt Du wohl auch der meinige und aller guten Menſchen Freund werden, gleichviel ob ſie reich 5 oder arm ſind, und wirſt Dich mit der Welt aus⸗ ſöhnen, wie ſie eben iſt. Ich will nicht ſagen, daß Alles in ihr iſt, wie es ſein ſoll; aber daß es ſo ſchlimm in ihr ſteht, wie es der Fall, iſt meiſt die Schuld Derer, die die Verbeſſerung der Welt am verkehrten Ort anfangen, nämlich an dem, was draußen, ſtatt an dem, was in ihnen iſt. Finge heut' alle Welt an, an ſich und nur an ſich zu arbeiten, daß der alte ſelbſtſüchtige Menſch erſtickt und erdrückt würde, ſo wäre morgen Alles anders, und die ganze Menſchheit eine Schaar glücklicher Pilger in's gelobte Land. Alſo Franz, verſuch's einmal mit Dir, laß einmal die Welt draußen wie ſie iſt, kümmere Dich gar nicht um ſie, kümmere Dich nur um Dich ſelbſt, werde Dein eigener wahrer Freund! Wie Du das anzufangen haſt, das wirſt Du inne werden, wenn Du fleißig in Deiner Bibel lieſeſt, die hier auf dem Eckbort liegt, und ich werde es Dir auch ſonſt an guten Wegweiſern nicht fehlen laſſen. Hoffentlich kannſt Du leſen?“— Das konnte ich wohl, aber ich wußte nicht, wie der Meiſter dazu kam, mich wie ein Calviniſt oder Lutheraner 23 auf die Bibel zu verweiſen. Ich ſelbſt hatte zwar eigentlich gar keine Religion mehr; aber dem Namen nach war ich doch katholiſcher Chriſt und wollte es auch bleiben— war der Müller keiner? Er ließ mir aber nicht Zeit darüber zu grübeln, er ſagte:„Nun zieh Dich an und komm hinunter in's Zimmer, Du mußt hungrig ſein und ich bin es auch; wir wollen einen Imbiß zu uns nehmen.“ Darauf ging er. Ich zog mich nun an. Wie ich die alten ſchmutzigen Lumpen von mir warf, war es mir, als legte ich mein ganzes verworfenes Leben ab, und mit den neuen Kleidern gelobte ich einen neuen Menſchen anzuziehen. Dann ging ich zu meinem Herrn hinab. Denn als ſolchen erkannte ich ihn nun; ich war entſchloſſen, bei ihm zu bleiben.„Haben Sie Geduld mit mir!“ bat ich, als ich ihm dieſen Entſchluß kundthat. Er gab mir die Hand und ſagte:„Nun keinen Augenblick mehr rückwärts geſchaut, ſondern vorwärts! Gott gebe ſeinen Segen dazu!“ 3. Wer weiß, ob ich mein Gelübde gehalten hätte, wenn ich's ganz allein aus mir heraus hätte vollbringen ſollen! Denn daß ich's nur geſtehe, die ſtrenge Ordnung, die hier im Hauſe herrſchte, und die regelmäßige Arbeit einen Tag wie den andern entweder am Zeug, oder auf dem Felde, oder im Walde, wollte mir gar nicht lange anſtehen. Es war wahr, der Herr gab ein ſo gutes Lohn, wie ich's noch nirgends er⸗ halten, und er verlangte nicht mehr als zehn Stunden Arbeit am Werkeltage, und der Sonn⸗ tag war ganz der Erholung geweiht— aber ich war zu ſehr an's Herumſchweifen gewöhnt, als daß mir das neue gleichförmige, geregelte Leben nicht manchmal hätte ſollen faſt unerträglich 25 werden. Da heirathete unſere Hausmagd einen Bauer aus Wernsdorf, und es zog eine neue an— mein Wawerle. Es war eigentlich des Müllers Tauf⸗ und Firmel-Pathe, wie denn faſt halb Zeisdorf und Wernsdorf ihn zum Pathen hatte; es verging faſt keine Woche, wo er nicht einen Gevatterbrief bekam— ich habe ſie einmal gezählt, denn er hob ſie auf, und da fand ich ihrer in's neunte Hundert beiſammen, es ſtak ein kleines Bauergut drin, denn unter einem Dukaten band er niemals ein und dann machte er's nicht wie andere reiche Pathen, die ſich nach der Taufe den Teufel um ihr Pathchen ſcheren, ſondern bei den armen ſorgte er, daß was Ordentliches aus ihnen wurde. So hatte er auch für das Wawerle das Schulgeld gezahlt, ſie in der Kleidung unterhalten und nach der Schule in Saaz das Nähen und Kochen lernen laſſen; nun kam ſie mehr als eine Art Wirthſchaftsjungfer, denn als Hausmagd zu ihm. Das war mein Glück; denn von der erſten Stunde an liebte ich das Wawerle, und die Liebe wirkte Wunder. Ein Blick von ihr, ein freundliches Wort machte mir jede Ar⸗ ——— 26 beit leicht, und ehe ein Jahr verging, durfte ich Gott danken, daß er ſich meiner erbarmt und mich aus dem Elend meiner Sünden gerettet hatte. Mein Herr hatte Recht: ich war nur mein eigener Feind geweſen; in dem Maße, daß ich mich beſſerte, gewann auch die Welt um mich her ein beſſeres Gewand und wie mit Gott ward ich mit der Menſchheit verſöhnt. Meinen Herrn aber verehrte ich wie ein höheres Weſen. Es war wirklich etwas Wunderbares in dieſem Mann. Ich wollt', ich könnt' Euch ſein Weſen klar in wenig Worten ſchildern. Ein Leipziger Student, von dem“ Ihr ſpäter noch hören ſollt, ſagte, es ließe ſich am beſten in die zwei Worte zuſammenfaſſen: Ruhe und Kraft. Es war viel damit geſagt, aber lange“ nicht Alles. Wo blieb da z. B. die Weichheit ſeines Gemüthes, die ihn zu einem Freund aller Unglücklichen machte? Ich geſtehe, mir war in der erſten Zeit oft bange wegen ſeiner Mild⸗ thätigkeit, denn ich dachte, er möchte ſich aus⸗ geben, bis er zuletzt ſelbſt der Mildthätigkeit be⸗ dürfte. Aber er belehrte mich bald eines Beſſern, 27 indem er mir bewies, daß er ein ſtrenger Buch⸗ führer war und nie mehr ausgab, als er einnahm; „denn“, ſagte er,„ich will und darf die Mittel Gutes zu thun nicht aus meinen Händen in ſolche fallen laſſen, die ſie vergeuden oder nur zum Wucher verwenden würden. Auch überſchätzeſt Du die Summe meiner baaren Unterſtützungen an Hülfsbedürftige, weil Du ſie nach der Zahl der letzteren und der gewöhnlichen Weiſe der Nothhülfe berechneſt. Aber ſieh, ich weiſe die meiſten Hülfeſuchenden auf die Hülfsmittel an, die in ihnen ſelbſt liegen und die ſie nur nicht erkannten. Indem ich ſie ihnen zeige und ge⸗ brauchen lehre, kann ich oft mit einer ganz kleinen Nachhülfe zu ihnen ſagen: hiff dir ſelber! übrigens hab' ich die Leute daran gewöhnt zu mir zu kommen, ſobald ſich ein ganz kleines Löchlein in ihrer Wirthſchaft zeigt, das ſich mit einer Klei⸗ nigkeit zuſtopfen läßt, und nicht zu warten, bis daraus mit Hülfe von Gerichten und Advokaten ein großes Loch geworden. überhaupt trachte ich ſo viel als möglich, jedes übel im Keim zu erſticken, und ſo reiche ich mit meinem mäßigen 28 Reichthum weiter, als mancher andere Menſchen⸗ freund mit Millionen.“ Wie ſehr verdiente dieſer Mann glücklich zu ſein! Und doch war er es zur Zeit, da ich zu ihm kam, nicht. Man mußte freilich ein ſchar— fes Auge haben, wenn man ihm anmerken wollte, daß ihm ein ſtiller Kummer am Herzen nagte. Mein Wawerle machte mich zuerſt dar— auf aufmerkſam, daß er zuweilen in der Abend⸗ dämmerung auf dem Hügel hinter der Mühle unter der alten Buche ſaß, die noch ſteht, aber auf der einen Seite wie abgefreſſen ausſieht, und daß er da unverwandt nach dem Liſen⸗ gebirge hinüberſah, das dort ſo ſanft über die Eger herüberblaut, und daß er wohl gar dabei weinte. Das hat mir recht weh gethan und dem Wawerle auch, und die hat keine Ruhe gehabt, bis ſie hinter das Geheimniß dieſer Thränen gekommen. Ganz oben im letzten Bauernhaus von Zeisdorf wohnte ein anderer Pathe von ihr, der war viele Jahre unſers Herrn und ſchon ſeines Vaters Mühlknapp geweſen und hatte ſich da den Kaufſchilling zu 29 dem hübſchen Bauernhaus erſpart. Man nannte ihn nur den alten Daniel. Dem lockte ſie das Geheimniß ab, und jetzt kann's alle Welt wiſſen. Da drüben im Liſengebirge, das mit ſeinem mitternächtigen Fuße ſich in der klaren Eger badet, und das zwiſchen ſeinen laubbekleideten Höhen gar liebliche Thäler mit lachenden Dörf⸗ lein birgt, liegt auch das große Dorf W. Darin leben viele Juden. Unter dieſen iſt auch ein großer Getreidemäkler Namens Joſel geweſen, mit dem hat der Herr Joſef Schmiedel— ſo hieß mein Meiſter— in Geſchäftsverbindung geſtanden, denn er trieb ſtarken Getreidehandel nach Sachſen. Schon oft war er von dem Juden zum Beſuch eingeladen worden, hatte es aber von einer Zeit auf die andere verſchoben, bis endlich der Sohn des alten Joſel Hochzeit gemacht; da hat er dem Drängen Beider ſich nicht mehr entziehen können. Er iſt nach W. gegangen— und hat ſein Herz drüben verloren. Das wäre nun recht gut geweſen, denn der Herr Joſef war damals freiledig, ſechsundzwanzig Jahr alt und reich— aber das Mädchen, das er 30 liebte, war eine Jüdin und überdies ſchon eines Andern Braut. Aber der Joſef hat ein heißes„ Herz und kühnen Muth gehabt; er hat um des Mädchens Liebe geworben und ſie gewonnen, 3 ſo daß ſie ihren Verlobten verſtoßen und ſich entſchloſſen, dem Joſef zu Lieb' von ihrem Glau⸗ ben abzufallen. Die Alten haben ſcheinbar gute Miene zum böſen Spiel gemacht, und während der verſtoßene Bräutigam faſt wahnſinnig ge⸗ weſen, hat der Joſef in einem Wonnerauſch geſchwelgt. Aber als er eines Abends droben unter der alten Buche geſeſſen, die damals noch ringsum breitgeäſtet und vollbelaubt war, und im Vorgenuß ſeines Glückes hinübergeſpäht hat nach der Heimath ſeiner Trauten, iſt ein Bote von drüben gekommen und hat die Nachricht gebracht, die Joſel Rahel ſei ſpurlos verſchwun⸗ den; man vermuthe im Dorfe, daß die Eltern ſie in der Nacht fortgeſchafft und zu fernen Freunden in Verwahrung gebracht hätten. Ihr verſchmähter Bräutigam, der Levi Meier, wäre auch fort. Da iſt der Joſef entſetzt aufgeſprun⸗ gen, in's Haus gerannt, hat laſſen ſein Reitpferd 31 ſatteln und iſt ſpornſtreichs über Wieſen durch die Eger geſprengt, drüben über Berg und Thal nach W. Die Nachricht des Boten iſt nur zu wahr geweſen. Rahel's Mutter, welche unſer Foſef von der Familie allein angetroffen, hat vorge⸗ geben, ihre Tochter habe ſich ſelbſt eines Beſſern beſonnen und um der Sache ſchnell ein Ende zu machen, ſich zu fernen Freunden begeben, wo ſie bleiben werde, bis die beiderſeitigen Wunden bernarbt wären. Joſef iſt damals noch nicht im Beſitz der Ruhe geweſen, die ich an ihm ſo ſehr bewundern mußte, er hat der Alten nicht geglaubt, hat getobt, gedroht, ja ſich ſo weit vergeſſen, daß er ſie mit gezücktem Meſſer zwin⸗ gen wollen, ihm den Aufenthalt ihrer Tochter zu verrathen. Da hat das Weib geſchrieen: „Gott Abrahams, nimm auf meine Seele, hab' ich doch gerettet die Seele meines Kindes vor den Goim!“— Das hat dem Joſef die Hand gelähmt— er iſt aufgeſprungen, zur Thür, zum Hauſe hinaus geſtürzt, auf ſein Roß ge⸗ ſtiegen und heimgeritten— aber nur, um den andern Morgen wieder fortzureiten auf lange, 32 lange Zeit. Er hat Alles ſeinem alten treuen Mühlknappen, dem Daniel, übergeben und nicht eher wiederkommen wollen, bis er ſeine Rahel gefunden. Wochen und Monate ſind vergan— gen, ohne daß eine Nachricht von ihm gekom⸗ men, endlich hat er einmal aus Lemberg in Gallizien geſchrieben, daß er ſeiner Geliebten auf der Spur ſei und ſie zu erlöſen hoffe, doch brauche er noch eine Summe von tauſend Gul⸗ den, die ſolle ihm der Daniel ſchicken. Nach dieſer Zeit ſind wieder ſechs Monate in's Land gegangen und Niemand hat von dem armen Herrn gehört. Endlich eines Abends im Spät⸗ herbſt iſt er ſelbſt gekommen— aber wie? einem Geſpenſt ähnlicher, als einem lebendigen Men⸗ ſchen. So iſt er auch lange umhergeſchlichen, und alle Welt hat geglaubt, es werde aus mit ihm. Aber nachdem er vier Wochen Tag und Nacht ruhelos umhergewandelt, da iſt in Werns⸗ dorf der Thphus ausgebrochen; da hat er ein ihm gehöriges Haus daſelbſt flugs in ein Laza⸗ reth verwandelt, zwei Arzte von Prag geholt und ſich ſelbſt zum Krankenpfleger hergegeben. 33 Hat auch ſein Teſtament gemacht, die Kinder ſeiner beiden Schweſtern, die an den Oberamt⸗ mann von Zeisdorf und den Oberförſter von Auſchitz verheirathet waren, haben Alles erben ſollen, und es iſt offenbar geweſen, daß er hat ſterben wollen. Aber Viele ſind geſtorben unter ſeinen Händen— er iſt leben geblieben. Als endlich die Seuche überwunden geweſen, hat auch er wieder dageſtanden als ein ſtarker Mant, der mit Gott gerungen; er iſt heimgegangen in ſein Haus. und hat ein neues Leben der Arbeit und Sorge für ſeine Brüder begonnen. Jetzt erſt hat er's dem Daniel erzählt, daß er ſeine Rahel endlich in Brody aufgefunden, aber als eine Sterbende; der Gram hatte ihr zartes Leben ſchnell untergraben, und endlich hatte die Nach⸗ richt von Joſef's Angriff auf die Mutter, den dieſe ihr in den ſchwärzeſten Farben geſchildert, das Werk der Zerſtörung vollendet. Ihm ver⸗ zeihend und mit der Hoffnung auf Vereinigung in einem Lande, wo alle Nebel des Wahns gelichtet ſind, war ſie in ſeinen Armen verſchie⸗ den. Nie hat Joſef ſich von der Selbſtanklage, Die ſtille Mühle. 3 3 durch ſein leidenſchaftliches Handeln den Tod der Geliebten herbeigeführt und Trauer und Gram über ihre Familie gebracht zu haben, ganz losmachen können— ſie war aber auch die Mutter der großen Selbſtbeherrſchung und Ruhe, die er ſich ſeitdem angeeignet hatte. 4. Man hätte meinen ſollen, ein Mann, der allen Menſchen nur Gutes that, wie mein Herr, wäre ohne einen Feind geweſen. Und doch hatte er ſeine Widerſacher. Da waren gleich ſeine beiden Schwäger, die ich oben genannt, ſo ver— feindet mit ihm, daß weder ſie, noch eins ihrer Kinder einen Fuß über ſeine Schwelle ſetzten. Daß die Schweſtern geſtorben und ihre Männer wieder verheirathet waren, erklärte eine ſo völlige Entfremdung nicht, wenigſtens nicht in Bezug auf die Kinder. Eh' ich Zeit fand, den alten Daniel über den Grund dieſer Feindſchaft zu befragen, entdeckte ihn mir der Zufall. Dabei erfuhr ich aber auch, daß die Schwäger nicht die einzigen Feinde meines Herrn waren. 3 — 36 Einmal ſchickte er mich hinauf nach Werns⸗ dorf, um dem dortigen Richter eine Poſt Geld auszuzahlen. Sonſt that er das immer ſelbſt, und Ihr könnt Euch denken, daß ich nicht wenig ſtolz darauf war, wie er mir, der ihn beſtohlen hatte, eine Summe von vierhundert Gulden Zwanziger anvertraute. Aber ich freute mich auch, daß ich nicht die geringſte Verſuchung fühlte, mit dem Gelde durchzugehen. Wie ich nun in Wernsdorf mein Geld ausgezahlt hatte, ging ich in die Schänke, um da einen Gruß von meinem Wawerle an ihre Schweſter zu be⸗ ſtellen, die in der Schänke diente. Bei der Ge⸗ legenheit trank ich ein Glas Bier. Ich war noch fremd im Orte; ſo wußten auch die andern Bier⸗ gäſte nicht, daß ihr neuer Mitgaſt in die„ſtille Mühle“ gehörte. Sie ließen ſich daher durch meine Gegenwart nicht abhalten, über den Mühl⸗ Sef, wie ſie meinen Herrn ſchlechthin nannten, herzuziehen. Da ſagte Einer:„Na, mit all' ſeiner Gutthätigkeit wird er doch nicht heilig, denn er ſteht nicht im rechten Glauben.“ Ein Anderer ſagte:„Ich hab' gehört, er hat wollen 37 Jud' werden, dem Judenmadel von W. zu Ge⸗ fallen.“—„Na, Jud' oder Huſſit, der Unter⸗ ſchied wäre nicht groß,“ fiel der Erſte wieder ein;„Huſſit iſt er gewiß, denn er hält die luther'ſche Bibel in ſeinem Haus“— ich mußte an meine denken—„und geht bei uns zu kei⸗ ner Beichte; aber alle Vierteljahre einmal macht er eine Reiſe, Niemand weiß, wohin. Unſer Pater meint, alle Vierteljahre einmal hätten die heimlichen Huſſiten, die es noch immer im Böh⸗ menland giebt, eine Zuſammenkunft unter einem alten verfallenen Schloß im Taborer Kreis, da werde der Schmiedel wohl mithalten.“ Mir war, als müßte ich dem Verleumder das Bierglas an den Schädel ſchleudern, denn ein Verleumder war er, ſtand mein Herr doch auf dem freund⸗ ſchaftlichſten Fuß mit ſeinem Pfarrer, dem Pater von Zeisdorf. Indeß fand mein Zorn einen Ableiter durch einen dritten Sprecher. Der ſagte: „Das iſt lauter Geplauſch! der Oberförſter in Auſchitz weiß beſſer, wohin die Reiſe geht, ich darf's nur nicht ſagen. Aber glaubt mir, der Mühl⸗Sef treibt ganz andere Dinge, wenn er 38 fort iſt, als mit den Huſſiten beten und ſingen.“ Und der Sprecher machte ein wunderlich⸗pfiffiges Geſicht. Aber der Erſte ſagte:„Der Oberförſter weiß wohl weniger wie andere Leut', was ſein Schwager im Geheimen treibt. Der und der Oberamtmann kommen ja in gar keine Berüh⸗ rung mehr mit ihm!“—„Ja,“ fiel der Zweite ein,„ſeit der Mühl-Sef das Teſtament zurück⸗ genommen, worin er die Schweſterkinder zu Erben eingeſetzt hatte, ſeitdem kommen ſie ihm nimmer in's Haus, und wenn ſie ihn vergiften könnten, thäten ſie es— ss iſt freilich auch bitter, das große Vermögen erſt ſchon ſo gut wie in den Händen zu haben, und hinterher vielleicht nicht einen Kreuzer davon zu ſchmecken. Was ihn aber auch nur mag bewogen haben, das Teſta⸗ ment Knall und Fall zurückzunehmen, da er doch nun einmal nicht mehr heiert?“—„Wenn er das nun aber doch noch thäte, he?“ fiel der. Dritte ein—„wenn die Reiſen——“ doch jett ging die Thür, und der Schreiber des Zeis⸗ dorfer Oberamtmanns trat ein; da verſtummte der Sprecher und die Andern ließen das Capitel 39 auch fallen. Ich trank mein Bier aus und ver⸗ ließ die Schänke traurig und ärgerlich. Das Geſchwätz mit der Huſſiterei war gewiß ohne allen Grund, aber es ärgerte mich doch. Mit der vierteljährlichen Reiſe hatte es allerdings ſeine Richtigkeit, aber wie konnte die in den Taborer Kreis gehen, da der Hohlweg durch den Buchen⸗ wald, den der Herr allemal einſchlug, gerade die entgegengeſetzte Richtung hatte? Denn der Weg führte dazumal wie heute an die ſächſiſche Grenze. Und daß mein Herr ſo oft in's Sachſenland reiste, darin konnt' ich nichts Auffallendes finden, denn mit Sachſen hatte er ſeinen einträglichſten Verkehr. Doch was mich traurig machte, war das Gerede, daß die Schwäger meines Herrn ihm ſo gram ſein ſollten, daß ſie ihn vergiften möch⸗ ten— um des Mammons willen! Und es war nicht anders. Der alte Daniel, den ich deshalb befragte, beſtätigte es. Eigent⸗ lich hätten ſich zwar die Schwäger nie zum Beſten vertragen, was ganz natürlich wäre, denn es könnte nicht leicht verſchiedenere Leut' geben, als der Herr Joſef und ſeine Schwäger, die Beide 40⁰ vom Geizteufel ganz und gar beſeſſen wären. „Aber weswegen mag er nur das Teſtament zu⸗ rückgenommen haben,“ fragte ich,„da die Kinder doch nichts für die Fehler ihrer Väter können?“ Der alte Daniel zuckte mit den Achſeln.„Dazu hat er gewiß ſeine weiſen Gründe gehabt, aber ich kenne ſie nicht, kommt mir auch nicht zu, danach zu fragen!“ So ſagte der ehrliche Alte, und ich konnte mir gleich einen Denkzettel mit daraus nehmen. Was half es aber? Immer und immer wieder klang mir die ſonderbare Frage in den Ohren, deren Fortſetzung der Schreiber von Zeisdorf verhindert hatte. War es denn etwas Unmög⸗ liches, daß mein Herr noch heirathete? Er war ja nur erſt ein Mittelvietziger. Jetzt erſt fiel es mir auf, daß er von ſeiner Reiſe jedesmal viel heiterer heimkam, als er gegangen war. Auch kam es mir nunmehr vor, als wäre das ſchmerzliche Hinüberſchauen nach dem Liſengebirge gar nicht mehr ſo häufig und anhaltend wie früher. Bei der nächſten Reiſe blieb er acht Tage über die gewöhnliche Zeit fort. Als er 41 heimkam, war er die Fröhlichkeit ſelbſt; ſo hatte ihn noch Niemand vom ganzen Geſinde geſehen. Darüber war aber auch Freude im ganzen Haus. Und ich hatte ſo meine luſtigen Gedanken dabei. Was meinſt, Wawerle, ſagt' ich zu meiner Kleinen im Kuchelzimmer, was meinſt zu unſerm Herrn? „Je nun, was ſoll ich meinen?“ ſagte ſie,„er gfallt mir halt ſo beſſer, als wenn er droben unterm Buchenbaum ſitzt und traurig nach den Bergen drüben ſchaut.“ Ei das geſchieht ja faſt gar nimmer, ſagt' ich, das weißt Du doch— meinſt nicht, daß die alte Lieb' vor einer neuen über alle Berge hat gehen müſſen? Sie ſah mich ver⸗ wundert an— da rief uns der Herr in ſein Zimmer und das ganze übrige Geſinde dazu. Was ſoll's denn? dacht' ich. Na, was ſollt' es? Ein Geſchenk ſollte Jedes haben, und das kein kleines. Mein Wawerle erhielt ein ſchönes Kleid, und ich einen ganzen Pack neuer Bücher. Es waren die Schriften von Vater Zſchocke. Der Herr war nämlich ein großer Bücherfreund und liebte es auch an ſeinen Leuten, wenn ſie fleißig laſen. Oft las er ihnen auch vor. Er 42 S hatte eine auserleſene Bücherei, woraus er nicht nur ſein Geſinde, ſondern auch andere Leute in Zeisdorf und Wernsdorf auf's Bereitwilligſte mit Leſebüchern verſah. Nun ſollte ich meine eigene Bücherei haben.„Hiermit leg' ich den Grund zu Deiner künftigen Bücherei, ich hoffe, Du wirſt darauf fortbauen,“ ſagte er,„denn wenn Du einmal ein rechter Mann werden willſt mit einem wohl eingerichteten Hausweſen, ſo darf Dir eine gute Bücherei nicht fehlen. Das Haus iſt nicht wohl beſtellt, wo vielleicht alle Kiſten und Kaſten voll ſind von Dingen, die zum Bedarf und Ergötzen des Leibes gehören, aber kaum ein dürftig Eckbörtlein voll Nahrung für den Geiſt. Es iſt eine Schande, daß unſere reichen Bürger und Bauern in dieſem Punkt oft mit den Hottentotten auf einer Stufe ſtehen, welche von den Miſſionären etwa auch mit Kate⸗ chismus, Bet⸗ und Geſangbuch verſorgt worden.“ Nun, er durfte verſichert ſein, daß ich kein ſolcher Hottentott ſein würde, wenn ich einmal— ach! ich mußte das Wawerle anſchauen und ſeufzen — mit meinem Hausweſen, du lieber Gott! da 43 ſah es noch windig aus. Doch dem Seußzer folgte gleich wieder der fröhlichſte Muth über die roſenfarbene Laune, die unſer Herr aus Sachſen heimgebracht hatte. Mochte die Quelle davon ſein, welche es wollte, ſie ſollte mir ge⸗ ſegnet ſein. Sich ſelbſt hatte er auch einen Zuwachs zu ſeiner Bücherei mitgebracht. Darunter befand ſich ein kleines Buch, das ſelbſt die Augen meines Wawerle's anzog. Es war in dunkelrothen Sammet gebunden, der auf dem Rücken zierlich mit Gold geſtickt war; auch die Deckel hatten eine ſolche Randverzierung, auf dem einen aber war der Sammet in der Mitte rund ausgeſchnitten für ein Feld von feinem Tramin, worein das Bruſtbild des Heilandes wunderſchön mit Seide geſtickt war; der andere Deckel enthielt vier kleinere ſolche Felder mit ähnlich geſtickten Bruſtbildern. Ich erfuhr nach der Zeit, daß es die Bilder von Moſes, Sokrates, Zorvaſter und Confucius waren. Als der Herr dieſes Buch aus ſeinem Unſchlag ſchälte, ſah ich ihn es verſtohlens küſſen. Später ging er damit hinauf nach ſeiner Buche und 44 begann eifrig darin zu leſen. Nach dem Liſen⸗ gebirge ſah ich ihn nicht einen Blick mehr thun. Was Wunder, wenn da meine luſtigen Gedanken wiederkamen! Und wie ich ihn mun alle Tage mit dem ſchönen rothen Buche unter ſeinem Baum ſitzen und darin vertieft ſah, ergriff mich auch eine wahre Begierde, das Buch ſelbſt zu leſen. Nun, es fand ſich mit der Zeit ein Anlaß für meinen Herrn, es mir anzubieten. In unſere Mühle gewöhnte ſich nach und nach ein Judenbub ein, der mir und meinem Wawerle vom erſten Augenblick an unausſtehlich war. Ein rothhaariges, tiefäugiges, unheimliches⸗ Geſicht hatte der Mauſchel, und ſeine Rede klang wie Rabengekrächz— ſo ſchien es uns wenigſtens. Ich konnte nicht begreifen, wie mein Herr dieſen Burſchen hegen mochte. Denn er hegte ihn förmlich. Wenn der Mauſchel kam, ſo mußte ihm ein neuer Topf zum Kochen, kauſcheres Fleiſch und Gemüſe und kauſcheres Geſchirr gereicht werden, denn der Mauſchel lebte ſtreng nach dem Geſetz. Mein Wawerle hatte allemal viel Schererei mit dem Buben. Und er kam alle 45 Wochen einmal; denn er paſchte ſächſiſche Waaren herein und ſein Weg führte ihn hier durch. Sobald das Unheilsgeſicht im Hofe ſich zeigte, war mir, als müßte ich alle Thüren im Hauſe verriegeln, denn ſeine Augen fuhren ſo liſtig ſpähend umher, daß es ausſah, als ſuche er ſich etwas zu ſtehlen aus. Wollte ihn der Herr etwa auch nur auf die Probe ſtellen und fangen, wie er mir gethan, um ihn auf den Weg des Heils zu bringen? Aber der Mauſchel war ja ein Jud, und eher iſt wohl ein Mohr weiß zu waſchen, als ein Jud ehrlich zu machen, dacht' ich. Ich beſann mich wohl auf die alte Lieb⸗ ſchaft des Herrn, aber das war wieder etwas anderes— Jüdinnen, beſonders junge, waren mir immer wie höhere Weſen vorgekommen im Vergleich mit den Männern ihres Volkes— und dann hatte ja die Rahel auch Chriſtin werden wollen. Der Mauſchel aber war ein rechter eingefleiſchter Jud. Das Wawerle, die ſich ſchon etwas herausnehmen durfte, ſagte ein⸗ mal dem Herrn ihre Meinung über den Burſchen:—„det wird noch ein Unglück 46 über Sie bringen, Herr Path!“ drückte ſie ſich aus. Doch er gab ihr die ernſte Antwort: „Du haſt ein Vorurtheil gegen die Juden und biſt zu ſehr Weib, als daß Du dem Mauſchel ſeine Häßlichkeit vergeben könnteſt. Aber man muß gegen Vorurtheile und natürliche Abnei⸗ gungen kämpfen, ſie ſind Beleidigungen Gottes!“ Damit war dem Wawerle und mir ein für alle⸗ mal jeder Verſuch abgeſchnitten, dem Mauſchel die ſtille Mühle zu verſperren. Der alte Daniel erklärte mir bald nachher die Gunſt, die mein Herr dem Burſchen erzeigte: er war der Sohn des Juden, dem die Rahel verlobt geweſen und den ſie dem Joſef zu Lieb verſtoßen hatte. Der Jud hatte nach dem Tode der Rahel eine An⸗ dere gefreit, und der Mauſchel war der zweite Sprößling dieſer Ehe. Ich gab mir nun wohl alle Mühe, mei⸗ nem Herrn zu Lieb die Abneigung gegen den Mauſchel zu überwinden, aber das mit der Muttermilch eingeſogene Vorurtheil vereitelte dieſe Mühe. Dazu kam noch Etwas. Im Gebirge oben hauste ſeit einiger Zeit eine Diebesbande, 47 die längs der Grenze ſchon viel Verbrechen ver⸗ übt hatte und nun auch anfing, tiefer herein zu ſtreifen. Schon waren in unſerer Nachbarſchaft verſchiedene Einbrüche vorgekommen, und die Mühle ſchien mir in ihrer vereinzelten Lage am Walde einem Beſuch der immer verwegener auf⸗ tretenden Bande am erſten bloßgeſtellt. Und ich konnte mir nicht helfen, ich hielt den Mauſchel für den Spion der Bande. In dieſem Verdacht wurde ich bald noch beſtärkt. Eines Tages ſtand ich gegen Abend auf dem Fluther und ſtellte meine Betrachtungen an, was wohl zu thun wäre, wenn der Herr nächſtens verreiste und wir würden von den Dieben heimgeſucht, denn die gewöhnliche Zeit der Reiſe war wieder vor der Thür und da unſer Schirrmeiſter in ſeiner Behauſung zu Wernsdorf krank lag, ſo kam denn mir die Obſicht über das Ganze zu. Da ging mein Herr zur Hinterpforte hin⸗ aus nach ſeiner Buche und in der Hand hatte er das ſchöne rothe Buch. Das zog mich doch von meinen Betrachtungen ab. Er ſetzte ſich und las. Kurzſichtig wie er war, gewahrte er 48 mich nicht, aber ich mit meinen Sperberaugen ſah deutlich, wie bewegt ſein Geſicht war, indem er las. Auf einmal ließ er das Buch ſinken und rief:„O Gott! welche Wahrheit! welches Licht!“ Da trat das Wawerle zu mir:„Komm doch einmal, Franz, und ſieh, ob ich recht ge⸗ ſehen; Du haſt ſchärfere Augen als ich.“ Ich folgte ihr. Sie führte mich auf den Dachboden, zog mich an's Giebelfenſter, und hieß mich nach dem„Zigeunerfelſen“ hinaufſpähen, der ſich dort oben hoch aus den Buchen erhebt. Auf den erſten Blick erkannte ich zwei Menſchenköpfe, die über die obere Felſenkante herausragten und in das Mühlengehöft herabſpähten. Das iſt der Mauſchel und noch ein Jud, den ich nicht kenne! ſagte ich.„Gelt, ich hab' recht geſehn?“ meinte das Wawerle;„was machen die da oben— ſie müſſen doch auf dem Bauch liegen?“— Was werden ſie machen! ſagte ich; die Gelegenheit beſehen— richtig! jetzt hat mich der Mauſchel bemerkt und huſch! ſind die Köpfe weg. Das will ich doch dem Herrn melden.— Und ich eilte hinaus zu dem Herrn. 49 Sch brachte meine Meldung in einem Tone vor, als hätte uns der Mauſchel mit der Die⸗ besbande ſchon überfallen. Der Meiſter ſah mich mit ſeiner gewohnten Ruhe an und ſagte dann: „Du biſt der Erſte nicht, dem Furcht und Vor⸗ urtheil Geſpenſter vormalen; doch ſei es, daß Du recht geſehen, mußt Du gleich das Irgſie denken? Es thut mir leid, daß Dein Judenhaß ſo weit geht; ich will einmal ſehen, ob Dich mein weiſer Meiſter nicht davon frei macht, da ich es nicht vermag. Da nimm das Buch— ich verreiſe morgen, da kannſt Du es in Ver⸗ wahrung nehmen, bis ich wieder komme.“ Und er reichte mir das rothe Buch. Begierig griff ich zu.„Lies es recht mit Bedacht!“ ſagte er noch,„jede Zeile iſt Goldes werth; lies es ſo oft Du kannſt!“ Ich ſchlug das Buch vor Freude zitternd auf: es war Leſſing's Nathan der Weiſe! Mein Herr erhob ſich und wir gin⸗ gen in's Haus. Da ſchon Feierabend war, ſo ſetzte ich mich auf die Hofbank und machte mich gleich über mein Buch. Ich hatte aber nur erſt den Papier⸗ Die ſtile Mühte. 4 50 einſchlag darum gelegt, den ich für nöthig hielt, damit der koſtbare Einband nicht leide, als die Schweſter meines Wawerle in den Hof trat. Ei guten Abend, Wawerle, rief ich ihr zu, wie kommſt Du ſo ſpät noch von Wernsdorf? und ſtreckte ihr die Hand entgegen.—„Ach, mich treibt die Angſt herunter,“ ſagte ſie. Die Angſt? warum? fragte ich verwundert; doch nicht um's Wawerle? Horch nur, wie ſie ſingt zu ihrer Arbeit!—„Ja, wenn ſie nur wüßte, was ich weiß, würde ſie auch nicht ſo ſingen,“ ſagte das Nannel.— Nun, was weißt Du denn? was giebt's denn? fragte ich.—„Ruf mir einmal's Wawerle und begleitet mich Beide ein Endchen auf dem Wernsdorfer Weg, denn ich muß gleich wieder heim,“ antwortete das Nannel. Ich holte das Wawerle, und wir gingen ein Stück mit. „Man ſollte doch nicht denken, daß es ſo ſchlechte Menſchen in der Welt gebe“— fing das Nannel auf dem Wege an—„ich kann Euch nicht ſagen, wie ich mich ängſtige um Euern Herrn. Ihr kennt doch den Oberamtmann Fiſcher von Zeisdorf und den' Oberförſter Dobrislaw ——— 51 von Auſchitz?“—„Nun freilich!“ ſagte das Wawerle,„es ſind ja unſers Herrn Schwäger und lachende Erben.“—„Ja, wenn er ihnen den Gefallen thut und bleibt ledig oder bald ſtirbt,“ ſagte das Nannel.—„Nun, ledig bleiben wird er wohl, aber bald ſterben wird ihn unſer Herrgott nicht laſſen,“ meinte das Wawerle.— „Ich denke, er wird nicht ledig bleiben,“ ſagte Nannel,„und was unſer Herrgott nicht thut, können böſe Menſchen thun. Ich ſag' Euch, warnt Euern Herrn, daß er ſich vor ſeinen Schwägern in Acht nimmt; laßt ihn morgen nicht vor Tag verreiſen, wie er ſonſt immer thut, wenn er zu ſeinem Madel reitet.“ „Aber Nannel! was ſchwätzeſt Du da?!“ rief ich mit dem Wawerle zugleich.—„Ich— weiß, was ich weiß,“ ſagte ſie,„ich wollt' es erſt auch nicht glauben, aber der Schreiber vom Oberamtmann, der Ulm Wenz', der mir zu Ge⸗ fallen kommt, der hat mir hoch und theuer ver⸗ ſichert, an dem Geſchwätz, daß der Herr Schmie⸗ del alle Vierteljahre zu den Huſſiten ginge, wäre kein wahres Wort. Der Oberamtmann und 52 der Oberförſter hätten lange aufgeſtellt, aber nun hätten ſie's heraus: nach Leipzig ginge er, da hätte er ein Madel von der Straße aufge⸗ leſen, erziehen laſſen und ſeinen Narren ſo daran gefreſſen, daß er's heiern wolle. Ja, ſeht mich nur an! Es ging mir auch ſo, wie mir's der Wenzel erzählte. Eigentlich hatte ich meine Freude daran, daß der gute Herr Schmiedel ſein Hage⸗ ſtolzenleben aufgeben und ſich und ein armes Madel noch glücklich machen wollte, wenn ich auch nicht begriff, warum es gerade eine Aus⸗ länderin ſein ſollte— aber da ſagte mir der Wenzel, ſein Herr und der Oberförſter wären wüthend, daß ihnen auf einmal die Ausſicht auf das ſchöne Erbe ganz und gar zu Waſſer wer⸗ den ſolle, und es wäre gewiß, daß ſie Arges wider ihn im Schilde führten. Seit einiger Zeit gehe der alte Jud, der Levi Meier von W., faſt täglich im Amthaus aus und ein, und der Ober⸗ amtmann wäre ganz freundlich mit ihm, obgleich der Jud im ſtärkſten Verdacht ſtände, der Hehler für die Diebsbande zu ſein, die jetzt in der Ge⸗ gend ihr Weſen treibt.“— 53 „Ei!“ fiel das Wawerle ein,„iſt der Jud Levi nicht der Vater zu dem rothköpfigen Mauſchel?“ „Freilich!“ ſagte das Nannel,„ich mußte gleich daran denken, daß der Bub immer in der ſtillen Mühle aufliegt und gewiß den Spion macht für ſeinen ſchlechten Vater und den Ober⸗ amtmann.“ „Siehſt Du?“ ſagte das Wawerle zu mir, „und der gute Herr glaubt uns nicht! Aber erzähl' weiter, Nannel, was können ſie denn eigentlich gegen unſern Herrn vorhaben?“ „Der Wenzel wollte nicht recht heraus da⸗ mit“— war die Antwort—„r ſchien ſich auf einmal zu beſinnen, daß er ſchon zu viel geſagt hätte; da that ich bös— nun er iſt mir gut, und das Bösthun half: er ſagte, er wiſſe zwar nichts, aber er glaube, der Herr Schmiedel dürfe auf ſeiner Hut ſein— er wäre der Erſte nicht, der um Geldes willen aus der Welt ge⸗ ſchafft würde, und wenn dem Schmiedel einmal des Nachts im Walde etwas widerführe, könnte es heißen: die Räuber haben ihn erſchlagen— nun die würden's auch gethan haben, aber wer 54 dahinter ſtecke, das werde man wohl denken dür⸗ fen, aber nicht ſagen.“ Mir ſind die Haare zu Berg' geſtanden, und das Wawerle iſt käsweiß geweſen und hat gezit⸗ tert, daß ich ihr's angefühlt hab'.„Ich kann aber doch nicht glauben, daß ſolche Herren ſolche Bosheit ausüben werden“— hat ſie endlich hervorgebracht und mich fragend angeſchaut. Ich hatte freilich ſchon mehr von der Welt geſehen ſie und wußte, daß das Böſe nicht blos unter Lumpen herbergt. Es iſt mancher Prieſter ein größerer Sünder als er zu abſolviren hat, ſagt' ich, und mancher Richter ein ärgerer Schelm, als er zu richten hat.—„Ja, weil Ihr vom Prieſter redet,“ fiel mir das Rannel in die Rede— „da fällt mir ein, was mir mein Vater von unſerg Pater und dem Oberförſter geſagt hat. nſer Garten iſt doch gleich neben dem Pfarr⸗ garten, und da hat er neulich gehört, wie die Beiden mit einander im Luſthaus geſeſſen und auf den Zinsdorfer Pater geſchimpft haben, weil er einem heimlichen Ketzer wie dem Schmiedel Sef die Stange hielte und dazu hülfe, daß das 4 O O ſchöne Vermögen rechten Chriſtenleuten und Lan⸗ deskindern entzogen würde. Unglücklicherweis hat der Vater zu den rechten Chriſtenleuten nie⸗ ſen müſſen, da ſind die Zwei alsbald ſtill geweſen und er hat nichts weiter erlauſchen können. Wie mir der Wenzel ſeine Mär vorplauderte, da fiel mir das auch wieder ein, und ich denke mir, es hängt mit der ſächſiſchen Heirath Eures Herrn zuſammen.“— Na, ſagt' ich, es kann ſchon ſein, daß die ſchlechten Schwäger gegen unſern Herrn nichts Gutes im Sinne haben. Mit der Hei⸗ rath mag's ſein, wie's will. Gut iſt's, daß Du uns das Alles geſagt haſt, Nannel; da können wir doch über unſern Herrn wachen, und wenn er heute Nacht reist, ſo muß er mich durch den Wald mitnehmen bis an die Grenze; in Sach⸗ ſen geſchieht ihm ſo leicht Nichts. Ich laß mich nicht abweiſen, er muß mich mitnehmen; ſo wie ich nach Haus komme, werden die Piſtolen in Stand damit begleit' ich ihn. Aber nun 8 er den Mauſchel ausmerzen, denn es iſt klar, daß der den Spion macht, und gewiß hat er heut' ſeinem Helfershelfer den Weg gezeigt, ——— 56 wo unſer Herr hinausreitet.„Mir iſt das Herz nun noch einmal ſo leicht,“ hat darauf das Nan⸗ nel geſagt und uns heißen umkehren, was auch geſchehen. Wie wir nach Hauſe kamen, gingen wir Beide zu dem Herrn und ſagten ihm Alles, was wir gehört hatten. Die Mär vom Heirathen wollt' uns kaum über die Lippen, aber als ich ſie doch herausbrachte, lächelte er, ſagte aber kein Wort. Als wir aber hernach von den Nach⸗ ſtellungen ſeiner Schwäger redeten, wurde er traurig und nickte mit dem Kopf dazu; doch von der Spionirerei des Mauſchel wollte er nichts hören. „Daß die Schwäger mir nach dem Vermö⸗ gen ſtehen, weiß ich,“ ſagte er,„und es iſt meine eigene Schuld, daß ſie es mit ſolcher Erbitte⸗ rung thun. Ich vermaß mich einmal im Wahn⸗ ſinn des eigenſinnigen Herzens Gott zuvorkom⸗ men und ſterben zu wollen, da machte ich mein Teſtament und vermachte den Kindern meiner Schweſtern meine Habe. Aber der liebe Gott hatte es anders mit mir beſchloſſen; ich blieb 57 leben und wurde vernünftig. Da ich in der Folge bemerken mußte, daß die Hände, in die ich mein Vermögen hatte wollen gerathen laſſen, davon nicht den Gebrauch machen würden, den ich für den ullein rechten hielt, und viel beſſere Hände dafür wußte, ſo nahm ich das Teſtament zurück. Dadurch, daß ich den Schwägern eine Hoffnung erregt und Jahre lang erhalten, die ich hinterher täuſchte, habe ich allerdings ver— ſchuldet, daß ihre natürliche Habſucht gewachſen und mit Haß und Bosheit verſchmolzen iſt. Doch fürchte ich nicht, daß ſie ihre Tücke ſo weit treiben werden, als man Euch fürchten gemacht. Seid ruhig, Kinder! Ich ſteh' in Gottes Hand — geh' zu Bett, Wawerle, daß Du zeitig mun⸗ ter und mit dem Kaffee fertig biſt, eh' ich fort⸗ reite, und Du, Franz, lies in Deinem Nathan, daß Du andere Gedanken über den armen Mau⸗ ſchel kriegſt!“ Sie wollen alſo doch dieſe Nacht reiſen? fragte ich, während mein Wawerle den Schürzen⸗ zipfel an die Augen brachte. „Was ich einmal feſtgeſetzt habe, ſteht feſt!“ 58 S ſagte er,„doch um Euch zu beruhigen, will ich zwei Stunden ſpäter aufbrechen als ſonſt, alſo um vier ſtatt um zwei, dann iſt es ſchon Tag.“ Und ich begleite Sie durch den Wald, Meiſter! erklärte ich feſt.„Iſt nicht nöthig“— ſagte er —„aber du biſt ein braver Burſch', Franz, und haſt ein Herz für die Natur, und da das Wetter ſchön, der Morgen im Wald ſo lieblich iſt, ſo kannſt Du Dir meinetwegen das Vergnügen machen und ein paar Stunden mit mir gehen. Den Berg hinaus kann ich mich doch nicht auf's Pferd ſetzen. Du kannſt's dem Hannes mit ſagen, er braucht vor drei nicht auf dem Platz zu ſein. Nun gute Nacht, Kinder!“ So entließ er uns. 5. Um zur rechten Zeit munter zu ſein, begab auch ich mich bald zur Ruhez aber mein ge⸗ wöhnlicher Bärenſchlaf wollte heut lange nicht kommen. Erſt gegen Mitternacht kam endlich der alte Freund. Aber es war mir, als wäre ich nur eben erſt eingeſchlafen geweſen, als mich ein Geräuſch unter mir erweckte. Es ſchien aus dem Pferdeſtall zu kommen, über dem ich gerade ſchlief. Ich war erſt zu ſchlaftrunken, um es genau unterſcheiden zu können, es ſchien mir nicht bloßes Pferdegeſtampf zu ſein. Als ich mich ermuntert hatte, war's unter mir ſtill, aber ganz deutlich hörte ich's den Hohlweg hinaus⸗ traben. Jetzt ſprang ich aus dem Bett. Das iſt der Herr! dachte ich, er hat dich nur los ſein wollen und reitet nun doch ſo früh fort— —— S8 60 aber ich will ihn ſchon einholen, das Traben wird ihm weiter hinaus ſchon vergehen. Und ich warf mich in's Zeug. Es war noch finſtere Nacht; konnte kaum zwei Uhr ſein. Ich tappe die Treppe hinab. Im Hauſe Alles ſtill und ſtumm. Alſo nicht einmal's Wawerle erſt auf⸗ ſtehen zu laſſen und nüchtern fortgeritten, dacht' ich. Schon wollt' ich zur Hausthür hinaus; da beſann ich mich, ob ich doch nicht vielleicht blos geträumt hätte. Na, das mußt' ich am Pferdeſtall ſehen. Das ging aber nicht ohne Licht. Ich ging in die Küche, wo ich das Feuer⸗ zeug ſtehen wußte. Wie ich da drin herumtappe, hör' ich was athmen— ich geh' drauf zu, und wer liegt da auf der Küchenbank? mein Wawerle; ſchläft wie eine Ratz. Konnte mir nicht helfen, mußte ihr einen Kuß aufbrennen— macht' es aber zu derb, und ſie fuhr mit einem Schrei auf. Na, ich brachte ſie geſchwind zur Ruh und ſagte ihr, was mich aus dem Neſt getrieben. „Geh, Du haſt geträumt,“ ſagte ſie,„wäre der Herr aufgeſtanden, ſo hätt' ich's gewiß gehört; deswegen hab' ich mich nicht in's Bett gelegt, „ 52 61 damit ich's nicht verſchlafen wollte. Leg Dich nur wieder nieder!“ Ich wollt' es auch thun; aber es ließ mir keine Ruh, ich mußte mich erſt überzeugen. So macht' ich denn Licht an und ging nach dem Stall— richtig! das Pferd war fort! Alſo war der Herr doch fortgeritten. Es verdroß mich, das geſteh' ich, und als ich das Licht wieder in die Küche brachte, war's meiner Treu kein ſanftes Wort, das ich zu der Schläferin ſprach, die ſich auf die harte Bank gelegt hatte, um das Fortgehen des Herrn nicht zu verſchlafen. Da ſprang ſie auf und nach dem Zimmer des Herrn.„Der Herr liegt ganz ruhig in ſeinem Bett und ſchläft,“ ſagte ſie, als ſie zurückkam. Aber das Pferd iſt aus dem Stall, ſagt' ich. Nun mußte ſie ſich davon auch überzeugen. „Der Herr iſt aber da“— ſagte ſie.— So iſt das Pferd geſtohlen, ſagte ich, und wir müſſen's dem Herrn melden. So geſchah es.„Welche Zeit iſt's?“ fragte er, ſtatt aufzuſpringen und ein Geſchrei zu machen, wie es ein Anderer gemacht haben würde. Ich leuchtete an die mir wohlbekannte Uhr, die jetzt 62 über dem Bette hing— ſie zeigte gerad auf zwei.„Nun, da will ich immer aufſtehen,“ ſagte er,„wer weiß, wozu es gut iſt, daß ſie gerade das Reitpferd geſtohlen haben. So hilft es nun nichts, der Mühlenritter muß fahren, und wir haben nun gerade noch Zeit, den Steier⸗ wagen bis um vier zurechtzumachen. Bis dahin wird auch der Hannes da ſein.“ Aber— ſagt' ich— ſoll ich denn dem Dieb nicht nachſetzen? ich hörte etwas den Hohlweg hinaustraben, dachte, Sie wären's; da wäre der Dieb wohl noch einzuholen, wenn ich mich auf einen der Braunen ſetzte? „Die armen Thiere ſind im Felde geweſen,“ ſagte er,„und ein ſolcher Verfolgungsritt richtet leicht das kräftigſte Thier hin. Laß nur gut ſein! Aber's iſt doch ein frecher Streich! Ein Pferd aus dem Stall und Hof zu ſtehlen— dazu gehört Verwegenheit und Geſchick oben⸗. drein!“ Und bekannt muß der Dieb hier auch ſein, ſagte ich, und mußte an den Mauſchel denken. „Freilich muß er die Srtlichkeit kennen!“ 63 ſagte der Herr—„nun, ich ſchließe meinen Hof vor Niemandem zu, und es gehen viel Leute aus und ein, da kann ſich ſchon Einer die Ge⸗ legenheit beſehen—“ Ja, wenn ſie vollends zu ganzen Tagen hier aufliegen und herumſtänkern, als gehörten ſie in's Haus— „Still, Franz! ich weiß, was Du ſagen willſt— lies den Nathan!“ Damit hatte ich wieder meinen Beſcheid. Ich und's Wawerle gingen nun an unſere Geſchäfte, und um vier Uhr fuhr ich mit dem Herrn aus dem Hofe. Es war ſchon voller Tag, als wir den Hohlweg hinauffuhren. Um es den Pferden zu erleichtern, gingen wir oben auf dem hohen Rande neben dem Wagen her. Es war ein Morgen, der Einem das alte Lied vom irdiſchen Jammerthal zur Gottesläſterung machen konnte. In allen Zweigen klang es wie Himmelsfreud', mocht' es nun hell ſchlagen oder zwitſchern, ſummen oder flüſtern, es war eitel Luſt, wohin das Auge ſchaute und das Ohr lauſchte. Da ſoll einem Menſchen nicht 64 wohl ſein, dacht' ich, wie ich ſo neben meinem Meiſter den friſchen würzigen Waldduft athmete, da ſoll Einer nicht Gott loben für ſein lieb ſchönes Leben und trachten es zu verdienen. Mein Herr mochte mir den Gedanken wohl auf dem Antlitz leſen; denn er fragte mich auf ein⸗ mal:„Nicht wahr, Franz, das Leben iſt ſchön, wenn man es nur auszukaufen weiß? Freilich, wer es mißbraucht, dem entzieht es mit Recht ſein holdes Himmelsgeſicht!“ 3 Da fielen mir alle meine Sünden bei, und ich dachte, wie es mir gegangen war, da ich Mißbrauch getrieben mit dem Leben, wie es mir da ſtatt des holden Himmelsgeſichtes überall nur eine Teufelslarve, oder wenn's ſchön war, ein . freches Buhlengeſicht gewieſen. So herrlich wie jetzt, wo ich mein Leben zum Guten anwendete, war mir ein Sommermorgen in den lieblichſten Gefilden nicht erſchienen, die ich planlos durch⸗ ſchweift hatte. Wie wir etwa eine Stunde bergauf geſtiegen waren, kamen wir an einen Abſchlag.„Hier wollen wir die Pferde ein wenig ruhen laſſen,“ 65 ſagte mein Herr, denn bei ihm traf zu, was die Schrift ſagt:„Der Gerechte erbarmt ſich auch ſeines Viehes;“ aber er machte es nicht, wie Andere, die mit dem lieben Vieh mehr Erbarmen haben, wie mit den Menſchen. Der Wagen hielt, und wir ſetzten uns auf eine mooſige Stelle zur Seite des Weges. Zu gleicher Zeit flog gar nicht weit von uns an einer jungen Eiche ein Rothkehlchen auf und wir ſahen deut— lich ſein Neſt.„Schau,“ ſagte mein Herr,„da iſt ſchon ein Mütterlein emſig beſorgt, ihren Kindlein Speiſe zu ſchaffen.“ Nicht lamg; erte es, kam das Rothkehlchen mit einem Wurm dau⸗ zurück und fütterte ſeine Jungen. Dann froh— lockte es und flog fort, um bald einen neuen Braten zu bringen. Schweigſam ſahen wir dem Thierlein lange zu— als ich endlich zu mei— nem Herrn aufblickte, perlte in jedem Aug' ein Tröpflein, doch lächelte er dabei. Er ſah mich an und nahm meine Hand.„Franz!“ ſagte er,„fühlſt Du den großen heiligen Zug, der durch alles Leben geht? Und weißt Du, wonach allein Gott ſeine Weſen ordnet? Ich habe daheim viel ſchöne Die ſtille Mühle. 5 * 66 Bücher über die Natur, theure, herrliche Bücher — aber die ordnen die Geſchöpfe nach ihrer leiblichen Beſchaffenheit; da haben ſie Strahlen⸗ thiere, Weichthiere, Gliederthiere, Wirbelthiere— nun, ich tadle das nicht etwa, aber ich denke, wir ſollen ſie auch ordnen nach dem Antheil, die ſie an jenem heiligen Zuge haben; weißt Du wohl, was ich für einen meine? fühlſt Du ihn nicht, wenn Du das Neſt dort ſchauſt und das liebe geſchäftige Rothkehlchenmütterlein?“ Ich fühlte wohl Etwas— es war etwas Unaus⸗ ſprechliches— wenigſtens für mich— ich mußte an meine ſelige Mutter denken und auch an's Wawerle— aber ſagen konnt' ich's nicht. Da ſprach der Herr wieder:„Iſt Dir nicht auch, als möchteſt Du einmal ſo Dein Neſtlein bauen? iſt Dir nicht auch zu Muthe, als müßteſt Du je eher je lieber aufhören, nur für Dich zu leben? Oder lebſt Du vielmehr nicht ſchon für ein an⸗ deres Weſen mehr als für Dich? Und wenn Dir jetzt wohler iſt, als ſonſt in Deinem Leben, macht das nicht gerade das Leben für und in einem andern Menſchenweſen— he?“ Ich glaub' 7 5 7 67 ich bin jetzt geworden wie ein geſottener Krebs, und hab' mit dem Kopfe genickt. Darauf ſagte er:„Nun ſiehſt Du— da kennſt Du ja den großen, heiligen Zug an Dir ſelber; er heißt Liebe, und je mehr ein Weſen davon erfüllt iſt, deſto höher ſteht es in der Ordnung der Weſen Gottes. Daß Du und das Wawerle einander gern habt, iſt mir ſchon lange kein Geheimniß mehr, und ich freue mich daran. Das Wawerle iſt ein Kernmädel; bleibt nur Beide brav, und ich will thun, was ich kann, daß Ihr ein glückliches Paar werdet.“ Da iſt mir geweſen, als ob all' die Zippen und Amſeln, die Stieglitz und Finken, die Ammer und Zeiſige im Wald umher mir ein Ständerl' pfiffen, und die Augen ſind mir übergegangen, nein, das Waſſer iſt geſchoſſen kommen, wie unſer Bach im März. Reden habe ich aber nicht können.—„Kannſt mir's glauben, Franz“— hat mein Herr wieder an— gefangen—„ich hab' die Welt und die Menſchen fleißig angeſchaut, ich hab' viel Elend gefunden und wenig wahres Glück, aber wo das gewaltet hat, da iſt's allemal eine Geburt der Liebe * 5 6i be 68 geweſen. Ich habe noch keinen glücklichen Selbſtling gefunden. Aber jetzt laß uns weiter gehen!“ Wir waren aber gar nicht weit fort, da fiel mir auf dem Wege vor uns Etwas in die Augen, das mich erſchreckte. Es ſah aus wie ein halb⸗ todter Menſch, der regungslos da lag. Ich machte den Herrn darauf aufmerkſam und ſprang voraus. Es war nicht anders: ein Menſch, ſo lang wie mein Herr, lag da über und über voll Blut, einen großen Schnitt über's Geſicht und wohl zehn Stiche am Oberleib— es war grauen⸗ voll zu ſehen.„Iſt er todt?“ fragte mein Herr, wie er herankam, und ließ die Pferde halten. Ich konnte keine Spur von Leben an dem Un— glücklichen entdecken.„Hier iſt offenbar ein Raub⸗ mord verübt worden!“ ſagte mein Herr;„aber vielleicht iſt noch Rettung möglich— wir wollen ſchnell die Pferde ausſpannen und den Wagen ſtehen laſſen. Der Hohlweg hält die Pferde immer noch beiſammen, ſo können wir den Mann quer über ſie legen und ihn ohne gefährliche Erſchüt— terung nach Hauſe ſchaffen. Meinen Koffer mußt 69 Du freilich tragen, das übrige Gepäck binden wir auf die Pferde“ Sogleich wurde an's Werk gegriffen und nach Dreiviertelſtunden hielten wir wieder am Hofthor. Das Wawerle hatte uns vom Fenſter aus ud-Jaſef! was iſt denn geſchehen?“ rief ſie aus und ſchlug die Hände zuſammen, wie ſie uns entgegentrat.„Davon ſpäter!“ ſagte der Herr, „jetzt lauf und ſchließ das obere Gaſtzimmer auf, leg auch ein Unterbette auf das Sofa!“ Darauf hoben wir den lebloſen Mann von den Pferden und trugen ihn hinauf. Der Hannes mußte mit den Pferden den Wagen holen, ein Lehrbub wurde nach Wernsdorf zum Doctor geſchickt, und der Herr machte ſich daran, das geronnene Blut an dem Verwundeten wegzuwaſchen. Ich half dabei. Wie das Geſicht geſäubert war, erſchrak ich faſt; denn das Geſicht kannte ich— es war das näm⸗ liche, das ich geſtern mit dem Mauſchel auf dem Zigeunerfelſen geſehen. Ich behielt's s noch für mich, 6 aber es zeigte ſich bald, daß ich mich nicht irrte. Das Wawerle mußte Sumirgeſſ und Kampfer kommen ſehen und öffnete das Thor.„Maria— 7⁰ herbeiholen, womit der Herr den ſtillen Mann zu beleben ſuchte. Wirklich zeigten ſich bald deutliche Lebensſpuren; aber das Bewußtſein kehrte nicht zurück. Nach einer Stunde kam der Doctor.„Wird er davon kommen?“ fragte mein Herr nach der Unterſuchung der Wunden.„Die Wunden an ſich ſind nicht tödtlich, aber der ſtarke 3 Blutverluſt kann's werden,“ ſagte der Doctor; „s iſt zwar ein Jud und Juden haben ein zäheres Leben als andere Menſchenkinder.“ Nachdem der Verwundete verbunden und zu Bette gebracht war, ſagte der Doctor:„Es fängt aber an, arg zu werden mit den Räubern; es wird hohe Zeit, daß die Behörden ernſtlich einſchreiten. Du wirſt den Fall doch anzeigen, Joſef?“ Ich dachte: mun das verſteht ſich von ſelbſt. Aber mein Herr antwortete in einem ganz andern Sinn:„Freund,“ ſagte er,„ich denke, Du verſtehſt mich: es ſtreitet wider mein Gewiſſen, die Anwendung von Strafgeſetzen zu veranlaſſen, welche einerſeits auf der verwegenen Annahme der Unfehlbarkeit des menſchlichen Ur⸗ theils, andererſeits auf ſelbſtſüchtiger Furcht 71 beruhen. Daher kein vernünftiges Maß in den Strafen. Am wenigſten mag ich nun gar Richtern in die Hände arbeiten, denen das Rich⸗ ten ein Handwerk iſt. Und Du, mein Freund, wirſt das auch nicht wollen. Laß uns als Chriſten unſern Weg gehen, die Juſtiz mag den ihren gehen. Uns laß ſorgen, daß wir dem armen Menſchen da das Leben erhalten. Das übrige laß uns Dem anheimſtellen, der allein recht richtet!“—„Ich glaube doch, Du gehſt hier zu weit in Deiner Menſchenliebe“— meinte der Doctor.„Darin kann gar Niemand zu weit gehen,“ ſagte mein Herr;„wer Gott in ſeinem Walten recht anſchaut, der muß inne werden, daß er mit der denkbar weiteſten Men⸗ ſchenliebe doch ein elender Stümper gegen den liebenden Gott bleibt. Ich folge jetzt nur dem Beiſpiel der erſten Chriſten; bei denen war es verboten, ein richterliches Amt zu bekleiden, weil ſie die herrſchenden römiſchen Strafgeſetze für widerchriſtlich hielten— dieſelben Geſetze ſind leider Gottes die unſrigen geworden— mag ihnen opfern wer will, ich nicht!“ 72 Jetzt kam Etwas die Treppe heraufgepoltert — die Thür ging auf, und wer trat herein? Die beiden Schwäger meines Herrn, der Ober— amtmann und der Oberförſter. Aber wie ſie den Herrn erblickten, prallten ſie betroffen zurück. Er war auch verwundert über dieſen ſeltſamen Beſuch; doch nach wenig Augenblicken rief er ihnen freundlich zu:„Nur näher, ihr Herren! Ihr ſollt' mir willkommen ſein zu Frieden und Freundſchaft.“ Da nahm der Oberamtmann ein lächelndes Geſicht an und ging auf meinen Herrn zu.„Was anders, als die Freundſchaft, konnte uns hierher führen, Schwager?“ ſagte er, „es haben zwar Mißverſtändniſſe zwiſchen uns ſtattgefunden, aber es waren eben Mißverſtänd⸗ niſſe, welche im Augenblick der Angſt und Be⸗ ſtürzung fallen mußten!“ „Wie ſo? der Angſt und Beſtürzung?“ fragte mein Herr— „Nun“— antwortete der Oberförſter— „wir hörten ja, Du wäreſt im Walde angefallen und für todt heimgebracht worden. Da ſind wir in der größten Angſt hergeeilt— nun iſt's gut, daß Du noch lebſt, friſch und geſund biſt.“ Damit gab er dem Herrn die Hand. „Alſo, Ihr habt geglaubt, mich habe der Mord⸗ anfall getroffen?“ ſagte mein Herr, die Beiden ſcharf anſehend, und ich ſah, wie ſie ſeinen Blick nicht auszuhalten vermochten;—„wie kommt Ihr denn dazu? Ein Mordanfall iſt geſchehen, er hat aber einen Andern für mich getroffen!“— Der Oberförſter räuſperte ſich und ſagte: „Vor einer Stunde oder eher kam mein Burſche vom Revier heim und ſagte mir, es läge ein todter Mann im Wald am Mühlweg, er hätte ihn für meinen Schwager angeſehen.“ Der Doctor ſtand dabei und machte ein Geſicht, als dächte er: Ihr Hallunken! ſprach aber nur:„Allein, wo hat da der Burſche die Augen gehabt, denn der arme Schelm da hat weiter keine hnlichkeit mit dem Joſef, als etwa die lange Natur!“ „Wahrſcheinlich hat der Burſche den Körper geſehen, wie es noch düſter war, und er mag wohl auch vor Schreck nicht ſcharf geſehen haben,“ ſagte der Oberförſter. 74 Der Oberamtmann näherte ſich dem Bette und ſagte:„Alſo der Angefallene iſt hier? Da könnte man ja wohl gleich ein Verhör mit ihm anſtellen?“ „Damit iſt nichts!“ ſagte der Doctor,„der Mann iſt ohne Bewußtſein, und wer weiß, ob's ihm je wiederkommt.—“ „Nun, ich danke für Euern Antheil,“ ſagte mein Herr,„kommt mit hinab in's Wohnzimmer!“ Sie gingen. Der Doctor blieb mit mir bei dem Kranken.„Mit dem Verſiegeln war's alſo diesmal noch Nichts!“ ſagte er, wie jene zur Thür hinaus waren. Dann gab er mir unter⸗ ſchiedliche Anweiſungen, wie ich mit dem Kran⸗ ken umzugehen hätte, bis er eine Wärterin mit⸗ bringen würde, die immer um den Kranken wäre. Hierauf ging er den Anderen nach. Ich hörte den ganzen Beſuch bald fortgehen. Gleich danach trat mein Herr wieder in's Kran⸗ kenzimmer. Er nahm mich auf die Seite und ſagte:„Hinter dieſem Mordanfall ſteckt ein gräß⸗ liches Geheimniß; doch laßt nicht etwa den Ver⸗ dacht, den Euch das Nannel geſtern beigebracht, — gegen Jemand laut werden, verſtanden? Ich ſehe mich jetzt zu einer Anderung meiner Anſtal⸗ ten für die Zukunft gezwungen. Noch dieſen Mittag reiſe ich ab und hole die künftige Herrin dieſes Hauſes— verſtanden? Komm jetzt hinab — das Wawerle mag einſtweilen zu dem Kran⸗ ken gehen; ich muß Dir verſchiedene Weiſungen geben.“ Wir gingen hinunter. Wie wir in die Haus⸗ flur kamen, ſtießen wir auf den Mauſchel. Er grinſete im ganzen Geſicht und ſprang auf mei⸗ nen Herrn zu, der ihn freundlich willkommen hieß. Ich aber hätte ihn lieber zum Teufel gejagt. Ich dachte an den Pferdediebſtahl, und daß der Mauſchel ihn verübt hätte. Da fiel mir aber auch ein, daß der Verwundete oben geſtern mit ihm zuſammen geweſen— ſo hatten die Beiden wahrſcheinlich gemeinſam gehandelt, ja der Unglücksmann hatte wohl eigentlich die Kaſtanien aus dem Feuer geholt und ſich da⸗ bei ſo zu ſagen die Finger verbrannt. S ja— es wurde mir faſt klar: der Lange war der unbefugte Reiter geweſen, den ich auf des — 3 Herrn Gaul hatte den Hohlweg hinaustraben hören, und die Mörder hatten ihn für den Herrn genommen. Wunderbare Schickung! Ich mußte an den Spruch denken: Denen, die Gott lieben, müſſen alle Dinge zum Beſten dienen. Nachdem der Herr den Judenbuben in die Küche geführt hatte, wo er ſich ſein kauſcheres Frühſtück berei⸗ ten ſollte, nahm er ſelbſt mich mit in ſein Zimmer und ſagte mir, daß er unter vier Wochen nun nicht zurückkäme. So lange ſollte ich für ihn haushalten. In der letzten Woche müſſe das ganze Haus von Grund aus geſcheuert werden, und in den letzten Tagen ſollte ich es in- und auswendig mit Laub und Blumen ſchmücken; dabei werde mir der Mauſchel an die Hand gehen, der ſich auf ſolch Schmücken trefflich verſtehe. Ich ſollte ihn ja inzwiſchen freundlich aufnehmen; er ſei ein gar armer und unglück⸗ licher Burſch, dem's gar ſchwer gemacht werde, rechtſchaffen zu bleiben. Ich mußte wieder an den verwünſchten Pferdediebſtahl denken, und hätte doch in meinen Buſen greifen und daran denken ſollen, wie leicht es mir meine braven 3 „ 1 n . — —— und daß ich dennoch ein Dieb geworden war. 77 Eltern gemacht hatten, rechtſchaffen zu bleiben, Doch wagte ich wenigſtens nicht, meinen Ver⸗ dacht jetzt laut werden zu laſſen, ſondern ließ 8 mich ruhig weiter inſtruiren.„Du ſiehſt,“ ſchloß 1 mein Herr,„ich baue mir endlich doch auch noch mein Neſtlein; ich wollt' es noch nicht ſo eilig treiben— aber der heutige Vorfall heißt mich flugs zum Ziele ſteuern. Und wenn mein Neſt⸗ lein fertig iſt, ſollſt Du Deins auch bauen. Dann wollen wir mitſammen wetteifern im Glück⸗ lichſein.“— Gott gebe ſeinen Segen! ſagt' ich gerührt und reichte ihm die Hand. Den Nachmittag fuhr er mit dem Hannes fort. 6. ch war nun drei Jahre in der ſtillen Mühle, und aus einem Galgenvogel war ich ein Kerl geworden, dem ſein Herr ein großes Anweſen auf Wochen anvertrauen durfte. Ich kann Euch nicht ſagen, mit welchen Empfindun⸗ gen ich mit den Schlüſſeln in meiner Schurz⸗ taſche klimperte, als ich dem guten Herrn nach⸗ ſah, wie er den Hohlweg hinausfuhr. Dann, als nichts mehr von ihm zu ſehen war, ging ich in meine Kammer, dankte Gott für ſeine gnadenreiche Führung und ging mit dem„Na⸗ than“ hinaus unter die Buche. War ich doch meines Herrn Stellvertreter, nun wollt' ich auch wie er unter der Buche ſitzen und in ſeinem Lieblingsbuch leſen. Anfangs wollt' es damit ein wenig hapern; ich konnte mich erſt nicht 79 recht darin zurechtfinden; ich mußte ein paarmal von vorn anfangenz ich wußte nicht, was das war, das ſo ſchlicht an die Ohren und doch ſo feierlich und mächtig an die Seele klang; aber nach und nach verſchmolz mir der doppelte Klang zu einem einzigen voll Kraft und Milde; und wie ich mich recht hineingeleſen hatte, da war mir's, als würde mir das Herz weiter und der Kopf lichter und immer lichter. Und die Ge⸗ ſtalten, die da redend aufgeführt waren, lebten und handelten vor mir. Ich vergaß Alles um mich her und bewegte mich wie in einer neuen, ſchönern Welt. Und doch war es auch eine traute, bekannte Welt, Nathan's Haus und Saladin's Palaſt verſchmolzen ſich mit unſerer ſtillen Mühle— in Nathan und Saladin grüßte mich mein guter lieber Herr als alter Bekannter. Was Wunder, wenn ich mich ſo in das wunderbare Buch vertiefte, daß ich den Doctor verſah, der inzwiſchen mit der Wärterin für den halbtodten Mann kam! Ich glaub', ich hätte bis in die ſinkende Nacht hinein geleſen, wäre nicht auf einmal der Mauſchel vor mir 1 3 ———— 80 geſtanden. Ich weiß nicht, was es war, war es blos Einbildung oder was ſonſt, der Mau⸗ ſchel kam mir jetzt gar nicht ſo widerlich vor, wie immer, er roch nicht nach Knoblauch und ſah auch gar nicht unheimlich aus. Was willſt, Mauſchel? fragt' ich. „Mit Verlaub, Herr Franz!“ ſagte er;„der Herr Schmiedel hat mir geſagt von Einem von unſere Leut', den Ihr gefunden halbtodt; ich hab' das Wawerle gebeten, mir ihn zu zeigen; aber ſie will nicht; ſo bitt' ich Euch, laßt mich ihn ſehen.“ Meine Freundlichkeit für den Mauſchel war noch gar nicht weit her— ich wollte ſchon ant⸗ worten: das Wawerle wird ſchon ihren guten Grund haben, warum ſie dir nicht willfährig iſt, aber ich beſann mich: konnte man den Mau⸗ ſchel bei der Gelegenheit nicht ein wenig prüfen? So ſtand ich denn auf und ging mit ihm nach dem Krankenzimmer. Ich behielt ihn ſcharf im Auge. Auf den Zehen trat er an das Bett. Er that nur einen Blick auf das Geſicht des Verwundeten; dann fuhr er zurück, aber nicht 81 wie vor Schreck, ſondern mit einem Grinſen, das wie lauter Schadenfreude ausſah.„Er iſt's!“ flüſterte er, laut genug, daß ich's hören konnte. Sogleich fragte ich: Wer iſt's? Du kennſt ihn!— Der Mauſchel ſah mich dreiſt an:„Mei! wie ſoll ich nicht kennen meinen Schwager, den Jackel?“ ſagte er. Ich zog ihn, der Wärterin wegen, zur Thür hinaus auf den Vorſaal. Schau, Mauſchel! ſagte ich hier, Du biſt im Hauſe eines Mannes, der Dir nur Gutes gethan, der Dich hält, wie einen Bruder — könnteſt Du dieſem Manne ſein Gutes mit Böſem lohnen?—„Der Gott Abrahams ſoll den Mauſchel bewahren vor ſolcher Sünde!“ rief der Burſch,„giebt's doch keinen Mann auf der Welt, weder unter unſern Leut', noch unter den Goim, den ich halte wie den Herrn Joſef!“ Dabei ſah er mich ſo treuherzig an, daß ich faſt hab' glauben müſſen. Da kam das Wawerle die Treppe heraufgeſprungen, und wie ſie uns ſah, ſagte ſie:„Du kannſt's dem Mauſchel immer vor⸗ halten, daß er dem Herrn das Pferd geſtohlen, denn er iſt's geweſen und ſonſt kein Menſch!“ Die ſtille Mühle. 82 Der Mauſchel wurde roth, ſagte aber gleich: „Iſt geſtohlen das Pferd? Na, ſo fragt den. zerſtochenen Mann da drin, der wird wiſſen, wer's geſtohlen. Ein ſchlechter Kerl, der ſein Weib prügelt und zum Wahnſinn treibt, kann auch ſtehlen ein Pferd; und hat er das Pferd geſtohlen, ſo hat er die Stiche im Leib, die ſonſt den Herrn Joſef getroffen— aber ihm ſind ſie geſund, denn er hat meiner Schweſter zerſtochen das Herz—“ Aber Du warſt ja geſtern mit ihm droben auf dem Zigeunerfelſen, ſagte ich, wir haben Dich geſehen, und es ſah ganz aus, als zeigteſt Du ihm die Schliche hier! Der Mauſchel ſtutzte. Dann ſagte er aber gefaßt:„Nun, wenn Ihr mich habt mit ihm geſehen, ſo wird's wohl wahr ſein— er iſt mein Schwager und man muß dem Teufel zwei Lichter halten. Aber fragt den Herrn Joſef, ob der glaubt, daß ihn der Mauſchel beſtehlen kann! Ich will dem Mauſchel anvertrauen einen un⸗ gezählten Schatz von Millionen, wird er ſagen, und er hat Recht!“ 83 Damit riß ſich der Burſch los, ſchlüpfte die Treppe hinab und war in der ganzen Mühle nicht mehr zu ſehen. Nun, wir ließen ihn lau⸗ fen; ich nahm das Wawerle mit in's Herrn⸗ zimmer und ſagte ihr Alles, was mir der Herr vertraut hatte. Hat das Dirnel Augen gemacht! Aber doch hat ſie ſich gefreut, daß der Herr noch ein Weib nahm; nur das wollt' ihr nicht gefallen, daß es eine Sächſiſche und ſomit wohl eine Lutherſche ſein ſollte“ die er heimführte.——— Na, wer weiß, iſi's ſo, ſagt' ich, es giebt in— 5 Sachſen auch katholiſche Leut!— Hätte ich den Nathan ſchon durchſtudirt und verdaut ge⸗ habt, ſo hätte ich ihr eine beſſere Antwort ge⸗ geben; na, ich hab's hinterher gethan, und ſie iſt ſo vernünftig geworden, wie ich. Ihr könnt wohl denken, daß wir auch von unſerm Neſt⸗ leinbau geplaudert haben; draußen unter dem Buchenbaum haben wir geſeſſen bis zum Abend⸗ läuten und— doch ich will nicht aus der Schule ſchwatzen, lieber will ich Euch erzählen, wie mein Herr zu ſeiner Braut gekommen, ob⸗ ſchon ich das erſt ſpäter erfahren habe. 84 Mein Herr reiste in früheren Jahren nicht alle Vierteljahre nach Leipzig, wie zu meiner Zeit und kurz zuvor. Nur einmal im Jahr, zur Oſtermeſſe, führten ihn Geldgeſchäfte dahin. Wenn Ihr in Leipzig bekannt ſeid, werdet Ihr das Grimmaiſche Thor wiſſen und vor dieſem Thor den Gaſthof„zur Stadt Dresden.“ In dieſem Gaſthof wohnte mein Herr, ſo lange er Leipzig beſuchte. Einſt, wie er auch dort gewe⸗ 4 ſen, hat er ſich eines Morgens ganz früh aus dem Bette gemacht und zum Fenſter hinaus⸗ geſehen in den dämmernden Morgen. Das Meß⸗ gewühl iſt noch nicht rege geweſen, nur an den Bäckerläden und Brunnen haben ſich dienſtbare Geiſter der Nachbarſchaft bewegt. Sonſt iſt Alles ſtill geweſen. Da iſt aus der Straße, 3 worin die große Buchhandlung und Druckerei 5 von Brockhaus liegt, ich glaub' die Querſtraße heißt ſie, ein Todtenwagen gefahren kommen. 1 Iſt kein Geleit dabei geweſen, als der Fuhr⸗ mann und zwei junge Menſchen hinter dem 3 Wagen, ein Jüngling von etwa ſiebzehn Jah⸗ ren und ein Mägdlein von funfzehn. Die haben 00 S die Geſichter in ihre Schweißtücher gedrückt ge⸗ habt und geſchluchzt, daß es laut durch den ſtillen Morgen gehallt hat. Das jſt das Trauer⸗ geläute geweſen. Meinem Herrn iſt's aber mäch⸗ tiger durch's Herz gegangen, wie ein Geläut von hundert Glocken. Eine Armenleiche! hat er gedacht, ohne Sang und Klang und Ehrenge⸗ leit hinausgeſchafft. Vielleicht ein Vater oder eine Mutter, zur letzten Ruhe geleitet von ihren verwaisten Kindern. Der Gedanke hat ihn nicht im Zimmer gelitten. Er hat ſich raſch in die Kleider geworfen und iſt dem Geleit nachgefolgt, ſei's auch nur, daß doch Ein Menſch außer den Kindern dem Todten die letzte Ehre erwieſe, ein Vaterunſer für ihn betete und eine Hand voll Erde auf ſeinen Sarg würfe. Gar nicht weit von der„Stadt Dresden“ iſt der große ſchöne Johanniskirchhof, dahin iſt das Geleit gegangen. Mein Herr hat ſich wenig Schritte hinter die beiden Leidtragenden gehalten, und die haben's nicht bemerkt, wenigſtens ſich nicht umgeſchaut. So ſind ſie an den Eingang des Gottesackers gekommen, da hat der Wagen gehalten.„Aber 86 wie nun?“ hat der Fuhrmann gefragt,„wer trägt den Sarg hinein? Ich muß bei den Pferden bleiben, und das Mamſellchen kann doch nicht mit tragen.„Ich will ſchnell den Todten⸗ gräber holen, daß er mir ihn hineintragen hilft,“ hat der Jüngling geſagt— doch da iſt mein Herr ſchnell vorgetreten und hat ſich erboten, das chriſtliche Werk zu thun. Und ein Student, der gerad' zu ſeinem Morgenſpaziergang aus⸗ gegangen und bei dem ärmlichen Trauergeleit ſtehen geblieben war, iſt auch herbeigeſprungen und hat ſeinen Beiſtand angeboten.„Nun, zwei ſo ſtarke Herren, die werden ſchon damit fertig werden,“ hat der Fuhrmann geſagt. Der Sarg iſt vom Wagen gehoben worden und die beiden freiwilligen Träger haben ihr Werk voll⸗ endet; die beiden Leidtragenden haben ruhig hinterdrein wandeln und den Sarg verſenken ſehen dürfen. Aber wie dies geſchehen, ſind ſie am Grabe hingeſunken, haben ſich umſchlungen und unter ſtrömenden Thränen gerufen:„O! nun ſinkt er hinab der gute Vater— nun ſehen wir ihn nimmer mehr— und wir ſtehen 87 nun ganz allein auf der Welt!“ Als der Tod⸗ tengräber die Seile heraufgezogen, ſind die bei⸗ den Träger auch niedergekniet und haben gebetet. Dann hat mein Herr ſich den beiden Waiſen genaht und geſagt:„Gott wird Euch nicht ver⸗ laſſen!“ Da haben die armen Kinder aufgeſchaut, und jetzt erſt hat er die engelhafte Schönheit des Mädchens bemerkt.„Ach, Herr! wir ſind Ihnen ſo viel Dank ſchuldig und dem Herrn Studenten auch; Gott vergelte Ihnen, wir kön⸗ nen's nicht,“ hat der Jüngling geſagt. Darauf mein Herr:„Nehmen Sie unſer Erſcheinen als ein Zeichen, daß der Vater aller Verlaſſenen Sie nicht vergaß, als er es für gut fand, Ihren Vater zu ſich zu rufen. Denken Sie, wie es in einem Liede des reichen Liederſchatzes Ihrer Kirche heißt:„Was Gott thut, das iſt wohl gethan!“—„Ja, dem guten Vater iſt wohl,“ hat das Mädchen geantwortet,—„ach, hätte er uns nur auch mitgenommen!“ Und der Jüng⸗ ling hat hinzugefügt:„Er hat alles Elend des Lebens überſtanden, und wohl uns, daß wir es ſagen dürfen, überwunden wie ein Held— 88 aber wir—“ die Stimme hat ihm verſagt. Mein Herr hat Beide laſſen ausweinenz endlich hat er ihnen mild und freundlich zugeredet, ſie ſollten Gott und ihm vertrauen, er wolle ihnen redlich beiſtehen. Nun hat er ſie dahingebracht, daß ſie ihm ihre ganzen Verhältniſſe geſagt. Wenn Ihr in Leipzig recht bekannt ſeid, wißt Ihr gewiß, was ein Leipziger Magiſter iſt. Ich ſelbſt hab' keinen geſehen, aber ich hab' mir ſagen laſſen, es ſei das ein Mann, mit dem es keine Noth hätte, wenn er Alles, was er im Kopf hat, zu Geld machen könnte. Allein unter funfig Magiſtern ſei kaum einer ſo glücklich; den andern neun und vierzig ſtehe es auf Stirn und Wangen und am ganzen Leibe in Fraktur geſchrieben, daß der Wechſel, den ihnen das Glück ausgeſtellt, erſt in einer andern Welt zahl⸗ bar ſei. Bücher und Kinder und eine Karthäuſer⸗ genügſamkeit, wenn auch nicht Schweigſamkeit, wären oft ihr ganzer Reichthum. Correcturleſen, damit ein vernünftiger Menſch auch leſen kann, was die Buchdrucker mit ihrer ſchwarzen Kunſt ſchaffen, überſetzen aus fremden Sprachen und . — 89 Stundengeben in den verſchiedenſten Zweigen des menſchlichen Wiſſens und Könnens, das ſollen ſo die Mittel ſein, womit ſie ſich ihre Brocken von der Tafel des Glückes holen. Ein ſolcher armer Magiſter war denn auch der Mann geweſen, deſſen hinterlaſſenen Waiſen mein Herr ein zwei⸗ ter Vater zu werden beſchloſſen. Sie verdien⸗ ten's wohl auch, denn es waren brave Kinder. Sie hatten die Mutter ſehr früh verloren. Ihr Vater hatte ſie einfach zu guten und rechten Menſchen erzogen. So weit möglich hatte er ſie ſelbſt unterrichtet und den Sohn gar ſo weit ausgebildet, daß er faſt reif für die Univerſität geweſen, denn er hatte durchaus ſtudiren wollen. Aber wie der Jüngling ſechzehn Jahr alt ge⸗ weſen, war der brave Vater auf einmal krank geworden, ſo krank, daß er nicht hat können arbeiten. Da hat der Sohn die Arbeit, zu der er fähig geweſen, übernommen und ſein Stu⸗ dium liegen laſſen, bis ſein Vater geneſen würdr. Aber der iſt nur immer kränker geworden; Arzt und Apotheke haben faſt den ganzen Verdienſt des Sohnes verzehrt, die Tochter hat das am 90 Unterhalt Fehlende mit der Nadel erſchwingen müſſen. In der Krankenpflege haben ſie ein⸗ ander abgelöst. Sauer, blutſauer haben ſie ſich's werden laſſen und doch iſt's ihnen nicht ſo vorgekommen, unermüdet und unverdroſſen haben ſie geſchafft, bis endlich der Tod all ihrem Sorgen, aber auch ihrem ſehnlichſten Hoffen ein Ende gemacht. Alles, was ſie nun noch für ihn thun können, iſt ein ehrliches Begräbniß geweſen; um keinen Preis hätten ſie der Armen⸗ behörde oder ſonſt fremdem Mitleiden dieſe heilige Pflicht überlaſſen, obſchon ſie von allen Mitteln entblößt geweſen. Aber Todte begraben iſt in Leipzig eine koſtſpielige Pflicht; die armen Waiſen hatten zu Geld gemacht, was ſie konn— ten, aber was ſie zuſammengebracht, hatte doch nur knapp hingereicht, das allerärmlichſte Be⸗ gräbniß zu Stande zu bringen. Aber gerade dieſes ärmliche Begräbniß, aus eigenen Mitteln beſtritten, ſollte ihnen einen Helfer gewinnen, den ſie ſchwerlich gefunden hätten, wenn ſie mit Hülfe fremder Unterſtützung ein ſtattliches Grab⸗ geleit zu Stande gebracht. 91 Das Nächſte, was mein Herr mit den bei⸗ den Waiſen, Theodor und Thekla hießen ſie, gethan, iſt geweſen, daß er das Mädchen einer Leipziger Predigerfamilie als ſein Pflegekind über⸗ geben, den Sohn aber durch Anweiſung an ſein Bankierhaus in den Stand geſetzt hat, weiter zu ſtudiren. Viel Freude hat er an ſeinen Schützlingen erlebt, die allergrößte freilich an Thekla; an die er dafür aber auch ſein ganzes Herz verlor. Das ihrige hatte ihm vom erſten Augenblick an gehört, und ſie hat ſpäter, wo ſie in Leipzigs glänzender Frauenblüthe als eine Blume erſten Ranges geſtrahlt, durch Zurück⸗ weiſung aller Huldigungen und Bewerbungen bewieſen, daß ihr Herz für keinen Mann Raum hatte, als für ihren edlen Wohlthäter. Sie hatte ſich nie eingebildet, ſein Weib zu werden, aber ihm ihr Leben zu weihen, in welcher Ge— ſtalt es immer ſei, das war ihr einziges Ver⸗ langen. Wie grenzenlos daher ihre Seligkeit, als er ihr endlich ſein ganzes Herz gezeigt! Sie war gerade zwanzig Jahr alt geweſen, als ſie mit Joſef verlobt, die Hochzeit hatte erſt das 92 folgende Frühjahr ſtattfinden ſollen— nun wurde der Termin plötzlich ſo weit abgekürzt, als es nur gehen wollte, um den geſetzlichen Forderungen auf ihrer Seite zu genügen. Er hatte ſich auf alle Fälle im Voraus die nöthigen Papiere beſorgt, wobei ſein Freund, der Pater von Zeisdorf, ihm treulich beigeſtanden. — * Unter den mannigfachen Zurüſtungen zum Empfang unſerer Herrſchaft iſt uns Allen in der ſtillen Mühle die Zwiſchenzeit ſehr ſchnell vergangen. In den Feierſtunden vergaß ich aber meinen„Nathan“ nicht und vertiefte mich immer ſo tief hinein, daß mein Wawerle anfing, eifer⸗ ſüchtig auf das rothe Buch zu werden und das nicht blos ein wenig. Wäre es mein Eigenthum geweſen, ſo hätte es leicht im Backofen das Schickſal meiner Landsleute Huß und Hieronh⸗ mus haben können. Aber des Herrn Eigen⸗ thum und gar ein Geſchenk von ſeiner Braut, das mußte ſie ſchon reſpectiren. Ich hab' das Wunderbuch aber auch dreimal hintereinander durchgeleſen, und jedesmal iſt's mir geweſen, als wär' ich um ein gut Stück vernünftiger und — 94 beſſer geworden. Dann hab' ich das Wawerle in's Gebet genommen und ihr die Geſchichte von den drei Ringen in meiner Weiſe ausgelegt. Freilich hat's da lange gedauert, eh' ihr die Moral davon in's Blut gegangen iſt, und wer weiß, hätt' ich's je ſo weit gebracht, hätte ſie ſpäter nicht ſehen und fühlen müſſen, daß der liebe Gott nicht erſt in Rom oder Halle um Erlaubniß bittet, wenn er einen Menſchen lieb D haben und ſelig machen will.——— Vm Mittwoch in der letzten Woche vor der Ankunft der Herrſchaft war der Mauſchel bei guter Zeit da und meldete ſich zum Dienſt. Du ſollſt mir helfen das Haus in eine Lauber⸗ hütten umſchaffen, ſagt' ich und reichte ihm zum erſten Mal die Hand zum Willkommen; war er doch von Nathan's Volk.„Da woll'n wir ſchaffen,“ ſagte er,„daß es eine Art hat, es ſoll hier werden wie ein Paradies. Nun aber Fuhr⸗ werk und Leut' in den Wald geſchickt, daß Laub herein kommt, ich laufe nach Zeisdorf und, wenn's ſein muß, nach Kralup, Blumen zu holen.“— Na jetzt iß erſt und trink, ſagt' ich, und der — 95 Burſch gefiel mir, daß er die Sache gleich ſo herzhaft angreifen wollte— dann geb' ich Dir Geld, daß Du Blumen kaufen kannſt, ſo viel Du denkſt nöthig zu haben.„Kann's ſchon verlegen,“ ſagt er,„und gebt mir nur ein Stück Brod mit auf dem Weg, das thut's ſchon, wir müſſen die Zeit zuſammennehmen.“— So gab ich ihm denn ein Stück Brod und eine Speck⸗ wurſt— denn ich dachte im Augenblick nicht an ſein Geſetz. Aber er nahm nur das Brod und flog fort. Sogleich wurden mehrere Fuder friſches Laub aus dem Wald geholt und am Nachmittag kam der Mauſchel und brachte ein halb Dutzend Weiber mit Tragkörben voll Blumen. „Ich hab' gleich Kranz- und Guirlandenwinde⸗ rinnen mitgebracht, denn die brauchen wir,“ ſagte er. Nun ging das Schmücken los. Ich hätte nicht gewußt, wie das Ding anfangen, aber der Mauſchel verſtand es prächtig; ich mußte meine Freud' an dem flinken, ſinnreichen Burſchen haben, und ſelbſt das Wawerle mußte ſeine Arbeit loben, wenn ſie vom Geflügelrupfen, Obſtſchälen, Backen, Röſten und was weiß ich ———— 96 einen Augenblick zum Vorſchein kam. Und Tag und Nacht ging das Bauen und Putzen. Aber am Sonntag Morgen hat die ſtille Mühle auch wirklich in- und auswendig geſehen wie ein Paradies. Ich hätte den Judenbuben herzen mögen, ſo hab' ich mich an ſeinem Werk gefreut, das wie lauter Zauberwerk ausſah, und zum Wawerle ſagt' ich: Mag die junge Frau ſein, wer ſie will, und mag ſie herkommen, von wo ſie will, das Herz muß ihr doch lachen, wenn ſie da rein tritt!„Wenn's das nicht thät', wär ſie halt ein Ganſ'l!“ ſagte das Wawerle ſpitz. Nun, die Frau Thekla war kein Ganſ'l. Das ſah ich auf den erſten Blick, wie ſie an ihres Joſef's Seite durch die Ehrenpforte in den Hof hineinfuhr. Jung gefreit hat Niemand ge⸗ reut, ſagt das Sprüchwort; aber mein Herr durfte bei Gott auch nicht bereuen, daß er ſo lange gewartet, bis ihm dieſe Freudenroſe zu⸗ gewachſen war. Iſt mir, als ſäh' ich ſie eben jetzt hereingefahren kommen. Das ganze Mühlen⸗ geſind, der Doctor und Schulmeiſter von Werns⸗ dorf mit ihren Weibern und Kindern, der Pater 97 von Zeisdorf und über hundert Pathen vom Herrn ſtanden in zwei Reihen von der Haus⸗ thür durch das Thor bis an den Hohlweg. Weit in den Wald hinauf waren Poſten mit Flinten aufgeſtellt; der Schloßgärtner von Zeisdorf, der ſeinen ganzen Blumenvorrath los geworden war, hatte zwei Böller auf den Zigeunerfelſen geſchafft. Ich hatte ein großes Faß Bier aus dem Keller unter eine Reiſighütte bringen und den Klein⸗ knecht als bekränzten Bacchus darauf ſetzen laſſen; aber es wollte kein Menſch trinken, denn Alles brannte von Erwartung. Endlich ging es fern im Walde puff— puff— puff!— Und ſo puffte es bis zu uns. Nun Böllergekrach— juchheh! fuhr der Hochzeitsjubel allen Burſchen in's Wam⸗ mes, allen Madeln in's Mieder— der Schul⸗ meiſter und die Muſikanten, mit Sträuchern auf den Hüten und Bändern an den Trompeten und Pfeifen, machten ſich zum Tuſch fertig— puff— puff! ging's wieder, das war ein Platzen und Krachen um die ſtille Mühle herum, wie ſies wohl nie wieder hören wird. Endlich hat's getrampelt im Hohlweg, alle Augen ſind hin⸗ Die ſtille Mühle. 98 aufgegangen, da hat's weiß und roſa und him⸗ melblau und veilchenblau durch die Buchen ge⸗ ſchimmert— nun hat ſich der Wald aufgethan und ein, zwei, drei Wagen ſind herausgekommen, alle voll geputzter Menſchen, und vorn an iſt der Joſef geſeſſen mit ſeiner jungen Frau— unter Vivat hoch! und Tuſch ſind ſie in den Hof gefahren. Wie ein Jüngling iſt der Herr aus dem Wagen geſprungen und ſein engel⸗ ſchönes Weib ihm in die Arme. Bei ihnen im Wagen hat die Leipziger Predigersfrau geſeſſen, die bisher Mutterſtelle an der Braut vertreten, Frau Paſtorin haben ſie ſie genannt, und der Student, der damals bei dem Begräbniß des armen Magiſters ſo hülfreiche Handreichung ge⸗ than; der war jetzt ſchon Prediger und hatte das Paar getraut. Im andern Wagen ſaß Thekla's Bruder, jetzt ein ſtattlicher Student, mit drei Pflegeſchweſtern ſeiner Schweſter; der dritte Wagen, eine Art Omnibus, war voll Stu⸗ denten. Na, dacht' ich, das wird ein ſchönes Leben werden in der ſtillen Mühle, wie ich die in ihren weißen und rothen, ſchwarz⸗ und gold⸗ — 99 geränderten Mützen ſah, denn von den Leipziger Studenten hatte ich immer gehört, daß es ein gar lautes Völkchen wäre, und in meiner Vater⸗ ſtadt Prag ſoll's vor dem Stadtthor angeſchla⸗ gen geſtanden haben: Leipziger Studenten und anderes loſes Geſindel darf nicht herein! Nun, laut und luſtig iſt es zugegangen und Bier iſt nun auch getrunken worden— aber alle Luſt und aller Lärm iſt, wenn noch ſo kraus und ſchnakiſch, immer ehrbar und harmlos ge— blieben, obgleich kein Büttel dahinter geſtanden. Doch ich will mich nicht bei dem Feſtjubel auf⸗ halten, der acht Tage lang dauerte; ich will von der jungen Hausfrau reden. Herr! das iſt all Morgenroth und Sonnenſchein geweſen. Wen ſie angeſchaut hat, dem iſt's wohl in der Seele geworden. Ich kann den Blick und das Lächeln nicht vergeſſen, und dabei die Perle an der Wim⸗ per, wie ſie über der Thür das„Willkommen“ geleſen, das der Mauſchel aus lauter hellen Blu⸗ men in großen Buchſtaben gar künſtlich in das grüne Laubwerk eingefugt hatte, als wär' es ſo daraus hervorgewachſen. Und wie ſcharf war F 100 ihr Auge! Wie der Herr ihr das Mühlengeſind mit den zwei Worten vorgeſtellt:„Unſere Ge⸗ hülfen!“ da hat ſie uns Allen gleich die Hand entgegengeſtreckt; ich war der Erſte, der ſie ergriff und küßte.„Das iſt Franz!“ hat ſie zum Herrn geſagt, und der hat lächelnd genickt—„und das unſer Wawerle!“ wie ſie an dieſe gekommen, und den Mauſchel hat ſie auch gleich beim Na⸗ men genannt und geſagt:„Nun, der ſieht nicht aus wie Einer, der ſich das Ohr an den Thürſtock nageln ließe, wenn jenes hochweiſe Geſetz Moſis gegen Sclaverei und Sclavenſinn noch gälte.“ Ich hab' vergeſſen zu erzählen, daß ich hab' müſſen die Schwäger des Herrn zur Hochzeit einladen. Es iſt aber keiner gekommen, auch ihrer Weiber und Kinder keins. Na, wir haben ſie nicht vermißt, und wir hätten uns gar nicht um ſie gekümmert, wäre uns nicht darum ge⸗ weſen, daß ſie Unheil ſtiften möchten. Indeß iſt die Hochzeit ohne Störung vorübergegangen. Als nach vierzehn Tagen alle Gäſte fort waren, blieb in der ſtillen Mühle doch immer eine Art Feiertagsluft und Stimmung zurück. 101 Das machte die junge Frau. Die war immer geſchäftig, und bei aller Geſchäftigkeit immer heiter, und bei aller Heiterkeit immer klug und beſonnen. Eine Freude war's, ſie am frühen Morgen im lichten Morgengewand, die blüthen⸗ weiße Schürze vorgebunden, ihr Federvieh füt⸗ tern und die Milchkammer beſchicken zu ſehen; das hat Alles gelacht und geglänzt an ihr. Und wie wurde unter ihren Händen Alles im Hauſe ſo blank und nett und recht! Mein Wawerle hat gewiß auch vorher auf Reinlichkeit und Ord⸗ nung im Haus geſehen und ſich etwas zugut⸗ gethan auf ihr Putzen und Ordnen, aber die junge Frau iſt doch ihre Meiſterin geweſen. Das mußte Allen wohlgefallen, die nicht im böhmi⸗ ſchen Schmutz ihre Glückſeligkeit fanden. Aber die größte Freud' war, wenn die Hausfrau uns Alle zum Mahl gerufen; da hat ſie mit dem Herrn oben am Tiſch geſeſſen und wir Alle drum rum, und da hat ſie allerliebſt geplaudert, daß es uns noch einmal ſo gut geſchmeckt als ſonſt. Da war kein unartiges, wölfiſches Hineinwerfen und Verſchlingen der Biſſen, wie man es bei 102 uns in den meiſten Purgie⸗ und B Bnuerhänfern trifft, wo ſie ſich zum lieben Eſſen keine Zeit nehmen; nein, in aller Gemächlichkeit wurde Gottes Gabe genoſſen— es wurde geſpeist. Dabei gingen gute Reden, von der Herrſchaft angeregt, rund um den Tiſch. Mein Herr pflegte zu ſagen:„willſt Du wiſſen, wie's bei den 3 Menſchen im Gemüth ausſieht, ſo beſieh Dlr ſie beim Mehlz verſchlingen ſie es mit ſchweig⸗ ſamer Haſt, ſ ſieht es wild und wüſt im Ge⸗ müth aus und von Freundlichkeit der Sitten iſt keine Rede. Na, wir haben allezeit ein gut Weilchen beim Mahl geſeſſen, junge Frau mit ihrer Glockenſtimme den Ton angab, ſo hat's rundum nach- und wiederge⸗ klungen; und zur Arbeit ſind wir dann gegan⸗ gen wie zum Tanz. Nach vier Wochen iſt Alles in der Mühle und Nachbarſchaft einig geweſen, daß unſer Herr ein beſſeres Weib nimmer hätte finden können, als er von der Straße aufgeleſen, wie ſeine Schwäger ſich ausgedrückt hatten, und ehe acht Wochen vergingen, hat mir das Wa⸗ werle geſtundet Schau, Srm ich halt und ſowie die „ „ doch, es iſt Geplauſch von den Patern, daß die draußen— ſie meinte in Sachſen und weiter hinaus— ſollen in den Himmel kommen.“ Haſt Du's bald weg? gab ich zur Antwort und brannt' ihr einen auf den Kirſchenmund— da ſchrie ſie auf einmal laut auf und hielt die Hände vor's Geſicht, was ſie doch ſchon ein gut* Weilchen nicht mehr that bei der Gelegenheit,— ich ſchau mich verwundert um, und wer ſieht da? die Hausfrau. Aber ſie ſagte kein Wort, ſondern drohtd nur mit dem Finger und lächelte. ſie nur gewußt hätte, wofür der Kuß eigentlich geweſen! Ein ander Mal paſſirte mir ein viel neckiſcherer Streich. Da komm' ich im Zwielicht vom Feld in die ſehr finſtere Küche; 6 da ſteht ein Weibsbild am Küchentiſch und wieg Preterſilie zur Abendſuppe. Ich denk',*s iſt meii Wawerle, unfaſſe ſie von hinten und will ihr einen rechten aufbrennen— aber wie erſchrak ich, als ſich das Köpſchen ſchnell umdrehte und ich in das verwunderte Geſicht der Frau Mei⸗ ſterin blickte; ich prallte zurück und bat ſtotternd um Verzeihung.„Beruhigen Sie ſich nur, guter 104 „„ Franz! wer heißt mich auch gerade Ihres Wa⸗ werle's Statur haben und noch dazu eine Küchen⸗ haube aufſetzen, und warum hat der Baumeiſter hier gemeint, eine Küche brauche nicht mehr Licht wie ein Beichtſtuhl!“ Das war die ganze Straf⸗ predigt, doch am andern Tage ſind die Maurer gekommen und haben noch zwei Fenſter in die Küche brechen müſſen. Licht hat die junge Frau überhaupt ſehr geliebt; Abends mußte es im Zimmer taghell ſein.„Der Menſch iſt ein Luft⸗ und Landthier, das vieles Lichtes bedarf,“ pflegte ſie zu ſagen, ſetzte aber hinzu, das wäre nicht ihre eigene Weis⸗ heit, ſondern einem alten griechiſchen Weltbe⸗ ſchreiber geſtohlen, ich glaube, Strabo nannte ſie ihn. Aber licht iſt's auch in ihrem Köpfchen geweſenz wir Leute haben über Tiſch manchmal über die klugen und lieblichen Reden geſtaunt, die ihr von den Lippen gefloſſen, und manch⸗ mal iſt ein Wort hervorgekommen, das uns wie Wetterleuchten durch die Seele gegangen. Da⸗ bei iſts auch in unſern Köpfen lichter geworden und wir haben Gott gedankt, daß die Haus⸗ 105 ordnung nicht eine Abſperrung von Herrſchaft und Geſinde mit ſich brachte, wie es meiſtens ſtattfindet zum großen Schaden beider Theile. Wir fühlten uns Alle als Glieder eines Leibes, wir wuchſen mit unſern Herzen an die Herrſchaft und zu ihr empor. Es war ein Wetteifer unter uns, Alles der lieben Herrſchaft nach Wunſch zu machen und zu verdienen, was ſie uns gab, mocht' es geiſtige oder leibliche Wohlthat ſein. Mittlerweile kam auch der Patient oben im Krankenzimmer wieder auf die Füße. Auch er hatte ſeinen reichlichen Antheil von dem Sonnen⸗ ſchein, der von der holden Herrin ausging. Wie oft hat ſie nicht eigenhändig Erfriſchungen ihm hinaufgetragen und gereicht, und als er gehen konnte, ihn mit dem Herrn im Garten ſpazieren geführt! Eines Tages, wie das eben auch geſchah, kam der Mauſchel. Ich ſaß auf der Hofbank, und er ſetzte ſich zu mir. Wir waren nun ganz gute Freunde geworden.„Gebt Acht, Franz!“ ſagte er, den Dreien nachſchauend,„daß Eure Herrſchaft keine Schlange im Buſen nährt! Er iſt nun ſchon wieder ſo weit, daß er heimgehen 106 kann, aber dem Tagdieb behagt das gute Leben hier!“— Wenn man nur gewiß wüßte, daß er das Pferd geſtohlen, ſo könnte man ihn viel⸗ leicht verſcheuchen, ſagt' ich; jetzt ſieht die Herr⸗ ſchaft in ihm nur das unſchuldige Opfer eines Anſchlages auf den Herrn, dem ſie die größte Liebe und Dankbarkeit ſchuldig iſ Mauſchel ſchwieg eine Weile, endlich ſagte er: „Unſchuldig! der ſchlechte Kerl, der meine Schweſter elend gemacht hat, unſchuldig!“ Da— bei machte er ein wildzorniges Geſicht, ſtand auf und ging in's Haus. Vier Wochen ſpäter reiste der Herr nach Leipzig. Als er fortging, ſagte er mir verſtohlen: „Der Jackel iſt kein Mauſchel— verſtanden?“ Damit ging er. Ich verſtand ihn wohl, und beſchloß danach zu handeln. Aber wie hätte ich zu denken gewagt, daß der Jackel ſeine Augen in frecher Luſt zu meiner Herrin erheben könnte, die ich, die wir Alle wie eine Heilige verehrten! Und doch war es ſo. Der Herr hatte auf acht Tage Urlaub genommen. Es war die vierte Nacht. Der Spätſommer hatte Regen über das 107 Gebirge gebracht, der Bach belebte ſich und ich konnte meine Mühle ſachte klappern laſſen. Es mochte kurz vor Mitternacht ſein, ich hatte eben aufgeſchüttet und ging aus der Mühle nach der Backſtube. Da war mir's, als hört' ich einen weiblichen Schrei. Aber gleich war Alles wieder ſtill. Die Mühle klapperte zwar, aber das hindert einen Müller nicht, jedes andere Geräuſch dabei zu vernehmen. Dennoch ergriff mich eine ungeheure Bangigkeit— ſollte der Jud etwas Böſes gegen die allein ſchlafende Hausfrau unternommen haben? Mit zwei Sätzen war ich oben; ich horchte an ihrer Thür— ich hörte ein Ringen und Stöhnen; die Thür war in⸗ wendig verriegelt,— aber ich beſann mich, daß das Zimmer einen Kachelofen hatte und das Ofenloch mich ſchlanken Geſellen leicht durchließ. Raſch kroch ich in den Ofen, ſchlug eine Anzahl Kacheln hinaus und war im Zimmer. Wie ich aufblickte, ſprang eine Menſchengeſtalt zum Fenſter hinaus; der Mond ſchien voll in das Zimmer und beleuchtete die Hausfrau, die mit emporgehobenen Händen am Boden kniete. Um 108 Gott— was iſt vorgegangen? fragte ich. Sie ſprang auf und zog mich an's Fenſter, da ſah ich, daß ihr Mund mit einem großen Pflaſter verklebt war. Ich bat ſie, mit zum Wawerle zu kommen, denn ich mochte ſie keinen Augen⸗ blick allein laſſen; ſie folgte mir; das Wawerle war ſchnell munter, und ich holte nun Terpen⸗ tinöl, warmes Waſſer und Seife, um das Pflaſter abzulöſen. An eine Verfolgung des Schänd⸗ lichen, der die Befriedigung ſeiner ruchloſen Be⸗ gierde erſt durch Verführung und dann durch Gewalt hatte erreichen wollen, war im Augen⸗ blick nicht zu denken. Als die edle Frau von dem Pflaſter befreit war, dankte ſie erſt Gott noch einmal, daß er ihr zur rechten Zeit Hülfe geſendet, und dann drückte ſie mir innig die Hand.„Was wird mein Joſef hierzu ſagen?“ ſeufzte ſie und ſetzte hinzu:„eigentlich bin ich ſelbſt ſchuld— ich hätte ihm folgen ſollen; ich ſollte das Wawerle bei mir ſchlafen laſſen, ſo lange er fort wäre; aber ich wollte die Furcht⸗ loſe ſpielen. Freilich, auf dieſen Menſchen, der ſelbſt beinahe ein Opfer der Bosheit geworden — — 109 wäre, einen Verdacht zu werfen, das konnte mir nicht beikommen. Mein Joſef ſoll mich büßen laſſen für meinen Vorwitz.“ Darauf bat ſie das Wawerle, bei ihr zu bleiben, und ich konnte gehen. Mir ließ es zwar nun keine Ruhe, ich mußte wenigſtens um die Mühle herum nach dem Jackel ſpüren, aber es war umſonſt. Am andern Morgen entdeckte ich, auf welchem Wege der Schurke in das Zimmer der Frau gelangt war: er war aus ſeinem Zimmer am Obſt⸗ ſpalier, welches die Vorder- und rechte Giebel⸗ ſeite des Hauptgebäudes bekleidete, nach jenem hinüber geklettert und durch das offene Fenſter hineingeſtiegen. Ich dachte, die junge, zarte Frau müßte von der ausgeſtandenen Angſt eine Krankheit davontragen, und wirklich ſah ſie die erſten Dage recht blaß aus. Aber ſie ſagte:„Ich darf nicht krank werden; was ſoll meinem Joſef eine kranke Frau?“ Und ſie blieb geſund; als der Herr heim kam, hielt er wieder ſein friſches munteres Weibchen in den Armen. Daß ſie dem Herrn das Verbrechen des Jackel mitgetheilt, hab' ich ———— ¹ 11⁰ nur daran erkannt, daß er gleich am Tage nach ſeiner Ankunft den Kleinknecht nach Klöſterle ſchickte und zwei junge Neufoundländerhunde holen ließ, die ihm von dort angeboten waren. Bisher hatte er keinen Hofhund halten mögenz „der beſte Schutz des Eigenthums iſt deſſen chriſtlicher Gebrauch,“ war ſein Wahlſpruchz aber er hatte jetzt ein koſtbareres Gut bei ſich, als Schiff und Geſchirr, Rinder und Roſſe ihm waren. Daß er ſeine Thekla ihre Furchtloſig⸗ keit habe büßen laſſen, davon iſt mir nichts be⸗ merkbar geworden, es müßte denn die verdop⸗ pelte Zärtlichkeit geweſen ſein, die er ihr ſeitdem erwies— wenn die nicht einen ganz andern Grund hatte!— 8. Freilich hatte ſie einen andern Grund. Wenn der Schwager Oberamtmann und der Schwager Oberförſter gegen Weihnachten hin in die Mühle— gekommen wären, ſo würden ſie an ihrer jungen£ Schwägerin die Wahrnehmung gemacht haben, daß hier eine Hoffnung im Blühen war, die— ihrer Hoffnung auf eine lachende Erbſchaft vollends den Reſt gab.„ Natürlich hat ſich das Mühlengeſind im Stillen herzlich gefreut über jenes Blühen, unſer Herr aber iſt lauten Schg⸗— S 6 keit geweſen. Ich hab's nicht geglaubt, daß es— möglich wäre, daß zwei Leut' einander mehr lieben könnten, als es bei unſerer Herrſchaft von Anfang an der Fall war, und doch kam es mir vor, als würden ſie einander jetzt noch alle Tage lieber. Es war aber nicht etwa ein bloßes ——— 142 Geleck und Geſchleck aneinander herum, worauf dann wieder ein Schmoll- und Grollſtücklein folgte, nein, ihre Liebe zeigten ſie darin, daß ſie mit einander in allem Guten wetteiferten, ein⸗ ander Alles an den Augen abſahen, alle Arbeit mit oder für einander voll herzlicher Luſt thaten. Wunderbar war die immer gleiche Heiterkeit der jungen Frau; nichts konnte ſie aus der Faſſung bringen. In einer ſo großen Wirth⸗ ſchaft paſſirt doch bald dies, bald das, unter den Leuten, an Vieh und Geſchirr, und da in der Zeit das Mahlen auf den Gängen ſtark ging, ſo hatte die Mühle tagtäglich ſtarken Aus⸗ und Eingang, wobei manches Unerquickliche mit in's Haus kam; aber die junge Frau ließ ſich durch Nichts anfechten; ſie beherrſchte, ſo zu ſagen, allss Trübe und Widrige mit ihrer lichten und freundlichen Seele. Mein Wawerle hat einmal ihre Verwunderung deshalb gegen ſie ausge⸗ ſprochen. Da hat ſie geantwortet:„Sieh, Wawerle, was die Liebe thut! Ich bin ein reiz⸗ bares und empfindliches Geſchöpf, geneigt, über die geringſte Widerwärtigkeit zu erſchrecken und 1 113 außer mir zu gerathen; aber die Liebe giebt mir einen ſtarken Willen. Ich weiß, wenn ich litte, litte mein Joſef noch weit mehr dabei, und ſo wappne ich mich gegen alle Empfindlichkeit und vermeide jede Unvorſichtigkeit. Und jetzt vorzüg⸗ lich muß ich mich wacker halten. Ich wäre der Gnade, die Gott mir erweist, nicht werth, wenn mein ganzes Denken und Wollen nicht dahin ginge, meinem Joſef ein ſchönes und geſun⸗ des Kind zu gebären. Das iſt Pflicht einer jeden angehenden Mutter. Sieh, Liebe! ich lebe ſo ganz und gar in meinem Joſef und ſeinem Kinde, daß ich ſchon gar nicht außer mir ſelbſt kommen kann. Der Menſch kann viel, wenn er einen ernſten Willen hat.“ Das hat mir das Wawerle ſpäter erzählt, wie ſie ſchon meine Frau geweſen. Es war ein himmliſches Leben in der da⸗ mals gar nicht ſtillen Mühle, bei aller Arbeit, Luſt und Fröhlichkeit, und Alles freute ſich königlich auf den kleinen Zuwachs in der Fa⸗ milie. Aber doch iſt mir manchmal ein Bangen angekommen, wenn ich an die böſen Schwäger Die ſtille Mühle. 8 114 gedacht habe, denen ja nichts ärgerlicher ſein konnte, als dieſer Zuwachs. Und mir ward ſchwül in Hirn und Briſtkaſten, wenn ich mir überlegte, was ſie ſchon verſucht hatten und noch verſuchen konnten. Denn das ſtand bei mir feſt, daß der Angriff auf den Jackel meinem Herrn gegolten hatte und von den Schwägern angeſtiftet war. Freilich war ihnen nichts zu beweiſen. Auf die Buſchklepper wurde zwar von Amtswegen Jagd gemacht, aber keiner gefangen. Das Pferd, das ſie dem Jackel ab⸗ genommen, blieb weg, und der Jackel war ſeit jener Nacht auch aus der Gegend verſchwunden. Eines Tages kam der Mauſchel zu mir, wie ich gerade in der Mühle war.„Was haſt, Mauſchel?“ fragte ich theilnehmend.„Meine arme, unglückliche Schweſter iſt geſtorben,“ brachte er ſchluchzend hervor. Die Frau vom Jackel? fragte ich.„Sein Schlachtopfer!“ ant⸗ wortete er,„ich hatte nur die eine Schweſter, und die hat er mir gemordet— erſt wahnſinnig gemacht und dann gemordet.“— Ich forſchte weiter und erfuhr, daß der Schurke die Hannah, 115⁵ Mauſchel's Schweſter, als funfzehnjähriges Mäd⸗ chen geheirathet, als ſein Weib fürchterlich ge⸗ peinigt, Untreue an ihr verübt, ſie mit ihren zwei kleinen Kindern der grenzenloſeſten Noth überlaſſen und durch fortgeſetzte Quälereien end⸗ lich zum Wahnſinn getrieben, in welchem ſie jetzt, erſt achtzehn Jahr alt, geſtorben war. Ich ſuchte den armen Burſchen zu tröſten. Nun, er wurde allmälig ruhiger, aber zuletzt ſprang er auf und rief mit blitzenden Augen zum Him⸗ mel aufblickend:„Hannah, höre mich! ih will mein Haupt nicht legen auf einen pfühl bis ich verſöhnt Deinen Schatten!“ So ſehr ich den Jackel verabſcheute, ſo erſchrak ich doch bei dieſen Worten, und ich fragte: Was willſt Du thun, Mauſchel?„Was will ich thun?“ gab er zur Antwort,„ich will dem unreinen Thier folgen in ſeine Höhle und will es laſſen krepiren auf dem Aas ſeiner Luſt!“ Damit ging er fort. Als ich zum Abendeſſen in's Zimmer kam, ſah die Hausfrau doch einmal bekümmert aus. Der Mauſchel hatte oben ſein Leid auch erzählt. So etwas ging ihr freilich nahe. 8* 116 Den Sonntag darauf machte ich mit dem Wawerle einen Spaziergang nach Wernsdorf zu ihren Angehörigen. Auf dem Heimweg be⸗ gleitete uns die Schweſter, das Nannel, ein Stück. Da ſagte ſie:„Ich will nur froh ſein, wenn bei Eurer jungen Frau Alles gut abläuft, die Schwäger gehen wieder mit argen Tücken um. Der Wenzel hat mir erzählt, daß er neu⸗ lich die Zeisdorfer Wehfrau beim Oberamtmann geſehen, und ſie ſei wohl eine Stunde bei ihm inem Zimmer geweſen. Auch der Jud Levi ieder im Amthaus aus- und eingegangen und hat noch einen Ind bei ſich gehabt, den langen Jackel—“ Iſt das gewiß? fiel ich ihr in die Rede.„Nun, ſchwören kann ich nicht darauf,“ ſagte das Nannel; aber der Wenzel wird's nicht aus den Fingern ſaugen. Aber ich bitt' Euch, ſagt's nicht, von wem Ihr's habt! Der Wenzel käme gleich aus dem Brod, wenn der Oberamtmann erführe, daß er geplaudert.“ Als ich nach Hauſe kam, ſtand der Herr gerade im Hof und ſchaute zu, wie ſein Weib⸗ chen die jungen Hühner fütterte. Ich zog ihn 117 auf die Seite. Von dem Juden ſagt' ich ihm noch nichts, da ſchien mir die Gefahr nicht ſo groß, aber von der Wehfrau, das konnt' ich nicht verſchweigen. Er ſah traurig vor ſich hin; dann gab er mir die Hand und ſagte:„Es iſt gut, Franzz ich habe ſchon geſorgt, daß meine Frau ſichern Beiſtand hat, wenn ihre Stunde kommt.“ übrigens verging ein Tag wie der andere in Frieden. So verſtrich der Winter und der Frühling kam. Eines Abends im April ſagte der Herr zu mir:„Franz! Du mußt morgen früh nach Leipzig fahren und die Pflegemutter meiner Frau mit noch einer Frau holen, die ihr in ihren Wochen Beiſtand leiſtet. Wenn Alles glücklich vorüber iſt, dann machen wir uns an Dein Neſtlein! ich hab's mit meiner Thekla ſchon ſo halb und halb fertig, aber mehr ſag' ich Dir jetzt nicht.“— Ach Gott! ſagte ich mit naſſen Augen, ich hab' ja ſolche Lieb' und Güte gar nicht verdient!—„Närriſcher Kerl!“ ſagte er, „was wir thun, geſchieht ja nicht Dir zu Lieb“, ſondern uns, wir wollen uns ſelbſt eine Freude machen, und die wirſt Du uns doch nicht ver⸗ 118 derben wollen!“ Was konnt' ich dagegen ſagen? Ich mußte mir mein Beſtes denken. Den fol⸗ genden Morgen fuhr ich nach Leipzig und holte die Frau Paſtorin mit der Hebamme. Vierzehn Tage darauf, als der Mai auf einmal im Buchenwald um die ſtille Mühle alle Knospen ſprengte, gab Frau Thekla ihrem Joſef einen Sohn. Bei der Gelegenheit hab' ich ge⸗ lernt, wie ein rechter Mann in ſolchen Fällen ſich verhält. Wie mein Herr die Stunde ſeiner Frau hat kommen ſehen, mußte ich bei ihm erſchei⸗ nen und er ſprach:„Franz, von heut' an biſt Du Herr im Haus und Hof, verſtanden? Du ſorgſt für alle Geſchäfte, wie für die Ordnung und Sicher⸗ heit des Hauſes. Das Waſſer läuft ſchwach, Grund genug, die Mühle ſtehen zu laſſen. Ich gehöre jetzt ausſchließlich meiner Frau an, ver⸗ ſtanden? Außerhalb unſerer Zimmer biſt Du Meiſter. Gieb Acht auf die Hunde, daß ſie nichts Unrechtes in's Freſſen bekommen, verſtan⸗ den? Nun, mach' Deine Sach'! Sei in allen Dingen reſolut und beſonnen! Und nun bin ich für die Welt draußen ſo lange nicht vorhan⸗ 149 den, bis ich ſie an der Hand meiner Thekla wieder begrüße! Nur die Freunde, der Doctor 8 und der Pater von Zeisdorf behalten den Zu⸗ tritt in mein Allerheiligſtes.“ Damit hat er mir alle Schlüſſel übergeben, und ich ehemaliger Lump bin wieder einmal Herr dieſes ſtattlichen Hausweſens geweſen. Na, ich hab' mein Beſtes gethan, das große Ver⸗ trauen, das ich erfuhr, nicht zu Schanden zu machen. Wußte ich nun doch, wie der Herr Alles wollte gehalten haben, und danach ging ich, und mein Wawerle ſtand mir redlich bei. Geſchafft haben wir, daß es ſo ſein mußte, aber es iſt Alles mit Luſt geſchehen. Und wenn wir den Tag über uns noch mehr abgearbeitet hatten, ſo legten wir uns Abends doch nicht gleich auf die faule Haut— nein, wie der Herr oben bei ſeiner Frau, ſo wachten wir über die Sicherheit des Hauſes. Der Hannes, die andern Knechte und die Lehrbuben mußten helfen. Ich theilte die Nacht in Wachen, jede zu zwei Stunden für je drei Mann, die mußten ihre Zeit durch um die Mühle patrouilliren, bis ſie abgelöst wurden. 120 Denn ich traute den Schwägern und ihren Hel⸗ fershelfern nicht. Sie konnten die Diebsbande, die ihr Weſen nach kurzer Unterbrechung wieder arg trieb, zu ihren ſchändlichen Anſchlägen auf mancherlei Weiſe benutzen, woran in der Mühle Niemand dachte wie ich, der ſelbſt einmal ein Schelm geweſen. Um die Kreiſende in der ſchweren Stunde zu tödten, brauchte es wohl nur einen jähen Schreck, und dieſen zu erregen gab es mancherlei Mittel. Daher ſchärfte ich auch meiner Mannſchaft auf's Strengſte ein, ſelbſt allen Lärm zu vermeiden und wenn immer etwas Verdächtiges ſich ſpüren ließe, mir in die Backſtube, welche zum Wachtzimmer diente, Mel⸗ dung zu bringen. Gerade in der Nacht, wo der Erbe der ſtillen Mühle zur Welt kam, trat der älteſte Lehrbub, der Peppi, an dem die Wacht mit war, zu mir in's Zimmer und meldete, er und ſeine Mitwächter hätten, wie ſie oben um die Ecke gekommen wären, eine Geſtalt in den Hohlweg ſchlüpfen ſehen. Wie ſie ihr nachgegangen, ſei ſie ver⸗ ſchwunden geweſen. Die beiden andern Wacht⸗ 121 männer hätten ſich nun im Hohlweg auf die Lauer geſtellt und ihn hereingeſchickt. Ich ſo⸗ gleich auf die Füße und mit dem Burſchen hin⸗ aus. Wie wir vor das Thor kamen, brachten die beiden Andern einen Menſchen aus dem Hohlweg herausgeſchleppt.„Da haben wir ein⸗ mal ſo einen Gaudieb erwiſcht!“ ſagte der eine Wächter; aber wie ich näher trat, wer war der Gefangene? der Mauſchel. Alſo doch auf böſen Wegen! dacht' ich, faßte den Mauſchel am Bruſt⸗ latz und ſagte: Jetzt geſteh, was treibſt Du Dich um Mitternacht hier herum?„Laßt mich doch los,“ ſagte er,„will ich doch gutwillig mit Euch hineingehen, wenn ich ſoll gefangen ſein.“ Ich befahl den Andern, ſie ſollten ihn fahren laſſen, und ich führte ihn hinein. Drinnen fing er gleich an:„Was legt Ihr Euch nicht ſchla⸗ fen? was wacht Ihr draußen vor der Mühle die ganze Nacht?“ Ich ſagte: Weil es böſe Menſchen giebt, Diebe und Mörder, und weil wir die Herrſchaft vor ſolchen ſchützen müſſen!— „Der Herr hat Euch nicht geheißen die ganze Nacht wachen,“ ſagte der Mauſchel. Aber es 122 iſt unſere Pflicht, gab ich zur Antwort, und wir thun es gern, weil wir die Herrſchaft lieb haben. „Na, hat der Mauſchel weniger Urſach', die Herr⸗ ſchaft lieb zu haben?“ ſagte er—„und er hat ſchärfere Augen wie Ihr, laßt ihn nur gehen!“— Wir ſind der Wächter genug! ſagte ich, wir brauchen keine Beiwächter!—„Wer weiß!“ verſetzte der Mauſchel mit einem ganz pfiffigen Geſicht. Dann flüſterte er mir in's Ohr:„Ihr habt nicht geſchworen, Euer Haupt zu legen auf keinen Pfühl, wie der Mauſchel— laßt mich gehen— ich bin nur dem einen Thier auf der Spur!“ Er meinte den Jackel; mir fiel aber zugleich der Levi ein, des Mauſchel Vater, der ja mit dem Jackel beim Oberamtmann geweſen war. Sind ihrer nicht zwei ſolche Thiere? fragte ich und ſah den Mauſchel ſcharf an. Er war betroffen und ſtieß einen Seufzer aus. Dann flüſterte er:„Es iſt nur eins zu fürchten— nur eins, verlaßt Euch drauf, und das fang' ich mit dem andern; laßt mich nur machen!“ Wenn Du's gut mit der Herrſchaft meinſt, ſagte ich, ſo mußt Du reinen Wein einſchenken; ſei offen! ——— 123 Du weißt, daß etwas Schlimmes im Werk iſt! — Er ſchwieg einen Augenblick, dann ſagte er: „Wacht Ihr nicht auch auf bloßen Verdacht hin? Den hab' ich eben auch, großen, ſtarken Verdacht, aber weiter nichts— laßt mich! wer weiß, was geſchieht, indem Ihr mich nutzlos hier aufhaltet!“ Das ſagte er ſo dreiſt und faſt vorwurfsvoll, daß ich nicht anders konnte, ich mußte ihn gehen laſſen. Die Nacht verging indeſſen ruhig. Und es kam und ging noch manche Nacht, ohne daß etwas Widerwärtiges geſchah. Der Kleine ge⸗ dieh; der jungen Mutter ging's vollkommen näch Wunſch, und wie drei Wochen um waren, konnte mein Herr ſein Hausregiment wieder ſelbſt über⸗ nehmen. Es war eines Vormittags, als er mich und mein Wawerle in's Wochenzimmer rief. Wie wir eintraten, ſaß die junge Mutter, umgeben von ihrer Pflegemutter, der Hebamme und der Kindsmagd, in ihrem großen ſchönen Lehnſeſſel, ihr Kind im Arm, anzuſchaun wie eine heilige Madonna. Sie ſah ſo friſch und blühend aus wie ſonſt. Das Wawerle hatte 124 ſie in der Zeit wohl oft geſehen, aber ich nichtz daher war ich ganz verwundert und voll unaus⸗ ſprechlicher Freude, die verehrte Frau ſo munter zu ſehen. Sie ſtreckte mir die Hand entgegen; ich wollte ſie küſſen, aber ſie litt es nicht.„Nein, Franz,“ ſagte ſie,„das konnte ich mir ſchon einmal gefallen laſſen, aber jetzt ſtehen wir an— ders zuſammen, wie damals; erwiedern Sie nur den herzlichen Händedruck einer Mutter, die es Ihrer Treue verdankt, daß ſie in dieſer Zeit der Angſt und Schwäche keinen Augenblick ihren ſtarken Tröſter und Hort hier hat entbehren dürfen. Nun ſehen Sie ſich einmal erſt unſern kleinen Hermann an. Er iſt zwar noch nicht getauft, aber den Namen haben wir ihn doch gegeben.“ Ich trat näher, und aus dem ſchnee⸗ weißen Bettchen lachte mich ein roſenrother Pflaumenengel an. Gott behüt' es und mach' es zu einem Mann, wie ſein Vater iſt! ſagte ich.„Dank, guter Franz!“ ſagte ſie,„einen beſſern Wunſch konnte kein Dichter vorbringenz aber dazu gehört viel, daß Einer wird wie mein Joſef!“ Und da hat ſie das Kind der Kinds⸗ 125 magd gegeben und den Herrn zärtlich um⸗ ſchlungen. Ich Taugenichts, der ich geweſen war, hab' dabei geſtanden und gedacht, der Blitz müßte mich auf der Stelle zerſchmettern, wenn ich nicht aus allen meinen Kräften zu werden trachtete wie mein Herr, aber ich fühlte auch, wie recht die junge Frau hatte, indem ſie ſagte: dazu gehört viel. Darauf wendete ſie ſich wieder zu mir und zum Wawerle und ſagte:„Wir müſſen das Kind doch taufen laſſen, das ſoll über acht Tage geſchehen, und dazu brauchen wir Pathen. Vier haben wir ſchon: meine theure Mutter hier, den Herrn Doctor mit dem Schulmeiſter von Wernsdorf und meinen Bruder, der aber ſeine Stelle durch meinen Mann vertreten läßt; damit nun die heilige Dreizahl in duplo voll werde, wollt' ich Sie, Franz und das Wawerle, um den gleichen Liebesdienſt bitten. Ach Gott! hab' ich, und„Jeſus Maria!“ hat das Wa⸗ werle gerufen und danach:„ſolche Ehre! wir armes Dienſtvolk—“—„Unſere treuen Ge⸗ hülfen im Hauſe, ohne die wir unſer Gut gar 126 nicht verwalten können,„fiel ſie uns in die Rede und entlockte uns bald ein herzhaftes Ja. Da reichte mir unſere Frau Mitgevatterin, die Paſto⸗ rin, die Hand und küßte das Wawerle; der Herr und die Frau gingen zur Thür hinaus und kehrten bald mit Kuchen und Wein zurück. Wir mußten uns an den Tiſch ſetzen und von der Herrſchaft bedienen laſſen.— So ward ich das Hausregiment los und dafür meines Herrn Gevatter. Lächerlich hat mir's gethan über mein Wawerle, denn als die hinterher wieder ihrer Wirthſchaft nachging, hat ſie nicht gewußt, wie ſie den Kopf tragen ſoll und ihre Füße ſetzen; aber ich hab' ihr alsbald den Kopf zurechtgeſetzt, da folgten die Füße von ſelbſt nach. Weißt Du, was wir ſind? ſagt' ich! Du biſt eine S arme Dienſtmagd, und ich ein dienender Mühl⸗ knapp und ein geweſener Lump dazu, und die Ehre, die uns widerfährt, müſſen wir erſt noch verdienen; daran denk, Wawerle! Damit hab' ich ihr einen aufgebrannt, und wir ſind beſchei⸗ den an unſer Tagwerk gegangen. . Zu der Kindtaufe wurden große Zurüſtungen getroffen. Das Schlachten, Kochen, Backen, Braten, Weinabziehen und dergleichen wollte kein Ende nehmen. Es ſollte aber auch eine Kindtaufe werden, daran alle Gäſte ihr Leben lang denken ſollten. Es hat ſich auch Alles, was daran einen Theil gehabt, darauf gefreut, wie die Kinder auf's Chriſtkindlein. Auffallen konnte es mir, daß der Mauſchel jetzt einen Tag wie den andern kam, aber immer nur eine Stunde blieb, da er doch ſonſt immer blos alle Woche einmal, aber auf einen ganzen Tag kam. Anfangs dacht' ich, er ſpeculirte auf die jüdiſche Kindsmagd, denn, ſie war nicht blos durch ihn in's Haus gekommen, ſondern, wenn er zu uns kam, war immer ſein Erſtes, daß er 128 ihr das Kind abnahm und es wartete. Hatt' ich doch mein' Lebtag' keinen jungen Burſchen zwiſchen Vierzehn und Zwanzig geſehen, der gern ein kleines Kind angegriffen oder gar auf den Arm genommen hätte. Und der Mauſchel that es ſo ehrbar und geſchickt, als wär er ſchon einmal Kindsmagd geweſen. Die Frau Ge⸗ vatterin— denn ſo mußt' ich die Frau Meiſterin nun nennen— mußte allemal lächeln, wenn ſie ihm zuſchaute. Eh' wir's uns verſahen, war der liebe Tauf⸗ tag da. Es war der erſte Juni, das Korn ſtand in voller Blüthe, und der Himmel meint' es ſo gut mit der Erde, wie mein Herr mit ſeiner kleinen Mutter. Na, die Erde war juſt auch eine ſegenſchwangere Mutter. In aller Früh' kam der Herr zu mir und ſagte:„Jetzt, Franz, mußt Du nach Wernsdorf fahren und vorallererſt Deine künftigen Schwiegereltern und Schwägerin holen.“ Wer einmal auf Freiersfüßen gegangen,. aber doch erſt noch ſo unter der Hand, wie ich um's Wawerle damals, der weiß, wie mich das gekrabbelt hat von wegen der Schwieger- und Schwägerſchaft. Wenn's nur erſt ſo weit wäre! hab' ich gedacht, ließ anſpannen und fuhr nach Wernsdorf. So ging's aber den ganzen Vormittag mit Gäſte herbeiholen; von den nächſten Verwandten, dem Oberamtmann und dem Oberförſter, kam Niemand. Nachmittags um zwei gingen wir zu Fuß nach Zeisdorf in die Kirche; der Schulmeiſter von Wernsdorf hob das Kind aus der Taufe. Wie der gute Pater nach der Taufe dem kleinen Hermann den Kuß des Friedens auf die Stirn drückte, ſprach er:„Du liebliches Pfand eines wahrhaft chriſtlichen Bundes, blüh' empor zu einem freudigen Bekenner und Zeugen Deſſen, der die Liebe iſt!“ Mit Muſik ging das Taufgeleit in die Mühle zurück. Dies war eine überraſchung, von welcher der Gevatter Joſef ſelbſt nichts wußte. Die Zeisdorfer Muſikanten hatten ſich mit den Werns⸗ dorfern verabredet. So ſind wir um zwanzig Eſſer und Trinker ſtärker heimgekommen als gegangen. Unter dem Thor empfing uns die Frau Gevatterin, wie eine ſtrahlende Roſe, und Die ſtille Mühle. 9 130 wie wir in den Hof traten, wollten wir unſern Augen nicht trauen, denn eine Ehrenpforte von lauter Roſen verkleidete die Thür; es war wie ein Hexenwerk. Der Mauſchel war der Hexen⸗ meiſter. In der Hausflur ſtand er und grinſete uns entgegen, als wäre er ſelber Kindtaufgeber. Und als müßt' es ſo ſein, nahm er der Heb⸗ amme den Täufling ab und trug ihn hinauf in's Wochenzimmer. Die Gevatterſchaft folgte ihm dahinz aber der große Schweif der Gäſte mußte in den untern Zimmern bleiben. Da ging's nun oben und unten gar munter her. Die Kindeseltern waren überall und ſahen, wo es fehlte, und goſſen Sl in's Freudenfeuer. Da war denn auch Alles ſo guter Dinge, als gäb' es keine böſen Menſchen in der Welt, ab⸗ ſonderlich keine böſen Schwäger. Ich habe wohl an ſie gedacht, aber die Herrſchaft machte bald, daß ich darauf vergeſſen mußte. Denkt Euch nur, wie unten im Hof eben zur Tafel geblaſen wird, geht bei uns oben die Thür auf und hereintreten Arm in Arm die Leipziger Paſtorin mit dem Zeisdorfer Pater, — 131 unſere junge Frau mit meines Wawerle's Vater und der Herr mit ihrer Mutter.„Es iſt doch billig, daß unſere Gevattereltern und alten Ge⸗ vattern mit hier ſpeiſen,“ ſagte der Herr, und die Frau fügte hinzu:„Und noch billiger iſt es, daß eine glückliche Mutter das Dankopfer nicht vergißt, das von Alters her fromme Mütter dem Herrn gebracht. Da mir die kirchliche Erfüllung dieſer Pflicht aus gewiſſen Gründen nicht gut möglich war, ſo will ich mein Opfer hier im Hauſe darbringen.“ Damit gab ſie dem Pater einen Wink. Gleich trat dieſer auf mich und mein Wawerle zu und ſagte:„Es iſt zwar ein Opfer, wozu es keines Prieſters bedarf, aber es thut einem alten Prieſterherzen ohne Falſch auch wohl, bei einem ſolchen Opfer wenigſtens der Meßner zu ſein. Es will die dankbare Mutter hier, im Vollgefühl der ihr von Gott erwieſenen Gnade auf ſeinen Altar folgende Opfergabe nie⸗ derlegen: den Freipacht der zu dieſem Mühlen⸗ gute gehörigen Mahlmühle mit Bäckerei, ſech⸗ zehn Strich Feld und Wieſen ſammt entſprechen⸗ dem Viehſtand und allem erforderlichen Geräth 9* 132 für ihres Kindes jüngſte Pathen, alſo für Euch, Franz Klein und Barbara Seidl, unter der Vor⸗ ausſetzung, daß Ihr Euern Gevattern nachfolgen wollt indem Beſtreben einander glücklich zu machen. Hier iſt die Urkunde darüber beſiegelt und unter⸗ ſchrieben.“ Und er nahm ein Schreiben aus ſeinem Rock und hielt es uns hin. Mir ſind die Sinne vergangen und dem Wawerle auch. Da war ja unſer Neſtlein fir und fertig, und was für eins! Ich weiß nicht zu ſagen, was wir im erſten Rauſch geſagt und gethan, ein wenig confus mag's wohl geweſen ſein; nur ſo viel weiß ich beſtimmt, wie wir wieder recht zur Beſinnung gekommen, haben wir vor Wawerle's Eltern gekniet und ihren Segen empfangen. So war denn die Schwiegerſchaft fertig. Dann hat der Gevatter Schulmeiſter zum Fenſter hin⸗ aus gerufen:„Das neue Brautpaar, Franz Klein und Barbara Seidl, ſoll leben!“ und aus dem Hof hat's heraufgedonnert: vivat hoch! und die Muſikanten haben geblaſen, daß man's merken mußte, ſie hatten des Herrn Melniker nichts weniger als ſauer gefunden. Und da hab' ich 133 mein Bräutle herzhaft in die Arme geſchloſſen und ihr die hellen Thränen von den Augen geküßt, obgleich mir die meinen ſelbſt übergelaufen ſind. Endlich ging es zum Mahle. Daß ich nun alles Widerwärtige in der Welt rein vergeſſen, darf Niemand wundern. Ich hätte ja mögen die ganze Welt umarmen. Böſe Menſchen gab's gar nicht mehr für mich. Stunde nach Stunde verflog mir in lauter Seligkeit. Als ich endlich einmal aufſtand und in's untere Revier ging, berührte die Sonne mit ihrem untern Rande ſchon das Liſengebirg. Wo iſt der Nachmittag hingekommen? fragt' ich den Mauſchel, der mir unter der Hausthür begegnete.„Ja, wo iſt er hin?“ gab er zur Antwort,„das Glück ver⸗ ſchlingt die Stunden, das Unglück leckt ſie auf!“ Da traten zwei Topfbinder zum Hofthor herein. Die finden's heut' gut, ſagte ich; unſer Herr läßt nie einen Slowoken ohne Geſchenk gehen, aber heut' möchte er ja Allen das Herz aus dem Leibe geben.—„Ich will erſt ſehen, ob's auch Slowoken ſind,“ ſagte der Mauſchel und redete die Topfbinder, die demüthig herantraten, auf 134 Slowokiſch an. Sie waren flink mit der Ant⸗ wort da, und nach einem kurzen Eramen ſagte der Mauſchel zu mir:„Es ſind Slowoken, ich glaub', man darf ihnen trauen.“ Der Herr hatte die Braunmäntel vom o Zimmer aus geſehen und kam uns gerad' ent— gegen, wie ich ſie in's Haus führte.„So recht!“ auf daß mein Haus voll werde; gebt her Eure Siebenſachen, ich will ſie in Verwahrung nehmen, und thut Euch mal ein Gutes; es kommt Euch ſelten.“ Ich führte ſie in die Backſtube zu den andern Gäſten, wo ſie ſich beſcheiden in einer Ecke niederließen und fröhlich nahmen, was ihnen gereicht wurde. Ich ging wieder in's obere Gelaß. Bald wurde zur Nacht geſpeist. Nach dem Nachtmahl hieß es: zum Tanz! Die große Backſtube war der Tanzſaal, und nun ging's hoch her. Alles tanzte, Alt wie Jung, nur die Hausfrau nicht, aber der Herr that's mit für ſie. Auch der Pater von Zeisdorf zeigte, daß er ſeinen Walzer von der Studentenzeit her nicht verlernt hatte. Die junge Mutter ſchaute 3½ 135 oft zu, doch hielt ſie ſich mehr zu ihrem Kinde, und als ſchon die elfte Stunde heranrückte, zog ſie ſich ganz zurück, aber ihr Joſef mußte bei den luſtigen Gäſten bleiben. Jetzt erſt fiel mir's auf, daß der Mauſchel ſchon lange nicht mehr zu ſehen war. Als ich mir darüber noch meine Gedanken machte, kamen die beiden Slowoken zur Thür herein. An die hatte ich gleich gar nicht mehr gedacht; es waren ja ſo ſehr viel Leute da und ich hatte Kopf und Herz ſo voll von meinem Glück. Die Slowoken traten zu meinem Herrn.„Na, warum tanzt Ihr nicht?“ redete er ſie an.„Wir können nit die Tanz,“ gab der eine zur Antwort.—„Aber Slowokiſch könnt' Ihr doch?“„Slowokiſch und Mazurka!“ riefen die Beiden.„Ei! da tanzt uns doch mal was vor!“ ſagte der Herr—„Wie iſt's, ihr Muſikanten, könnt Ihr Slowokiſch und Mazurka ſpielen?“—„Warum das nicht!“ war die Antwort.„Alſo Slowokiſch!“ rief mein Herr, und die Muſik ſpielte auf. Die Kerle fingen ihre Sprünge an— was ſag' ich! die Kerle tanzten, daß ſich Alles in ſie vergaffte.„Das 136 iſt zu prächtig, das muß meine Frau ſehen, wenn ſie noch munter iſt!“ rief mein Herr ganz erfreut, „ſie liebt Nationaltänze ſo ſehr!“ Und richtig! in zwei Minuten brachte er ſie. Die Slowoken hatten gerade einen Tanz durch. Nach kurzer Raſt fingen ſie von Neuem an, und jetzt ſchie⸗ nen ſie all' ihre Kunſt aufzubieten, der ſchönen jungen Frau zu gefallen. Und ſie mühten ſich nicht vergebens; Frau Thekla war lauter Freude über den nie geſchauten Tanz. Und nicht müde wurden jetzt die Kerle, der Schweiß rann ihnen immer über ihre ſchwarzgelben Geſichter, die aber jetzt wie rothglühendes Eiſen ſahen. Nach dem Slowokiſchen folgte bald die Mezurka. Damit riſſen ſie vollends die Zuſchauer zur lauten Verwunderung hin. Aber auf einmal klang es von draußen gräßlich in die fröhlichen Klänge herein: Feuer! Feuer! Aus war der Tanz. In Angſt und Schrecken ſtürzte Alles zur Thürz aber im verworrenen Gedränge hinderte Eins das Andere, hinaus⸗ zukommen. Nur vermöge ſeiner großen Stärke vermochte mein Herr ſich und der an ihn ge⸗ 137 klammerten Frau Bahn zu machen. Ich drang ihnen auf dem Fuße nach.„Mein Kind!“ rief die Frau, ſobald ſie die Flur gewann und eilte nach der Treppe; ich mit dem Herrn auf den Hof, um uns vorerſt von der Gefahr zu über⸗ zeugen. Die helle Beleuchtung des Zimmers hatte uns die lichte Gluth im Hofe überſehen laſſen; jetzt ſahen wir, wie eine feurige Lohe über das Hauptdach herüberſchlug. Es ſchien vom Hintergebäude zu kommen, wir ſprangen zum Hofthor hinaus, uns zu überzeugen— ja, das Hintergebäude ſtand in vollen Flammen. „Komm, Franz!“ ſagte mein Herr,„jetzt die fünf Sinne beiſammen behalten! hier iſt nichts zu thun, als alle Menſchenleben und das Vieh in Sicherheit zu bringen. Hinein zu meiner Frau!“ Mir war, als ſähe ich dunkle Menſchen⸗ geſtalten unter den grellbeleuchteten Waldbäumen, aber ich konnte mich nicht aufhalten, ſie näher zu unterſuchen. Im Hofe rannte, heulte und ſchrie Alles wild durcheinander, kaum konnten wir zur Hausthür kommen, und dieſe war gar durch eine Kiſte verſtopft, welche zwei Mägde 138 durchzwängen wollten.„Fort hier!“ rief mein Herr,„laßt Alles brennen! nur das Leben ge⸗ rettet!“ und er ſtieß die Kiſte in's Haus zurück. Dann ftürzte er die Treppe hinan, ich ihm nach. Ein furchtbarer Qualm wallte uns entgegen; der Herr riß das Wochenzimmer auf; ein Ichzen, Stampfen und Fallen drang aus dicker Finſter⸗ niß an unſere Ohren.„Licht! Licht!“ rief mein Herr; ich ſprang hinab, da kam das Wawerle ſchon aus dem Backzimmer mit einem Armleuch⸗ ter. Sie hatte den Ruf gehört. Laß das Vieh losbinden und in's Freie treiben! ſagte ich zu ihr, nahm das Licht und ſprang wieder hinauf nach dem Wochenzimmer. Welch ein Anblick! Da lag die junge Frau blutend und regungslos am Boden. Weiter hinten im dichteſten Rauch ſtand mein Herr und rang mit einem Mann, ſo lang, wie er ſelbſt— es war der Jackel. Ich ſtellte ſchnell das Licht auf den Boden und eilte, ein Fenſter zu öffnen, damit der Rauch Abzug fände. Da ſtolperte ich über einen Kör⸗ per— es war die Kindsmagd, gleichfalls regungs⸗ los— in der Ecke dahinter kniete der Mauſchel, 139 den Kopf vorwärts auf einen Stuhl geſtützt— „Rette mein Weib! um Gottes willen, mein Weib!“ rief mir der Herr zu. Ich gehorchte, allein, wie ich ſie aufheben will, ſeh' ich meinen Herrn in die Kniee brechen; doch im nächſten Augenblick war auch der Mauſchel aufgeſprun⸗ gen, ſtürzte ſich auf den Jackel und ſtieß ihm ein Meſſer tief in die Seite. Faſt lautlos ſtürzte der Bandit zuſammen.„Das wollte ich ja nicht!“ ſagte mein Herr, ſich erhebend. Jetzt brach eine helle Flamme aus einem der Betten. Der Mauſchel warf auf das Opfer ſeiner Rache einen Blick wilder Befriedigung, dann ſprang er in den Winkel, zog dort Etwas unter dem Stuhl hervor— es war das eingewickelte Kind; er drückte es an ſeine Bruſt und flog mit dem Ruf:„Vorwärts!“ aus dem Zimmer, gerade, als auch ich die Frau aufgehoben hatte und mit ihr fort wollte; denn der Herr war von dem Kampf und noch mehr von dem Rauch faſt ohn⸗ mächtig. Halb betäubt folgte er mir nach. Wie wir auf den Hof kamen, wollte ich nach dem Thor, doch der Mauſchel rief mir von der Stallthür — 140 zu:„Nicht dort hinaus! im Wald iſt's nicht geheuer! hierher! durch den Stall und die Scheuer auf die Wieſe!“ In dieſem Augenblick kam das Wawerle mit der Hebamme zum Hofthor herein. Ich rief ihnen zu, uns zu folgen. Schnell gab der Mauſchel der Hebamme das Kind und eilte zurück, die Kindsmagd aus dem Bereich des Feuers zu bringen. Im Stall waren Knechte und Mägde noch mit dem Retten des Viehes beſchäftigt, ich eilte mit meinen Geretteten hin⸗ durch und hinaus auf die weite Wieſe bis an das Erlengehölz. Du bleibſt hier bei der Herr⸗ ſchaft! ſagte ich zum Wawerle, ſorge für die Frau! friſch Waſſer, ſo viel Du brauchſt, iſt noch im Bach! dann flog ich zur Mühle zurück. Auf dem Hof begegnete mir der Hannes und meldete weinend, die beiden ſchönen Hunde lägen todt in ihren Hütten; gewiß hätten die ſchuftigen Slowoken ſie vergeben. Ich konnte mich bei den Hunden nicht verweilen. Das Feuer wüthete ſchon im Hauptgebäude; ich lief in die untern Räume, nur nach Menſchen ſpähend; wie ich in das Zimmer des Herrn trete, ſpringen die Topf⸗ 141 binder zu beiden Fenſtern hinaus— die Schreib⸗ kommode war erbrochen— draußen liefen die Menſchen ſchreiend hin und wieder, ich rief hin⸗ aus: Diebe! Diebe! haltet aufl und ſprang ſelbſt nach; aber die Topfbinder waren ſchon im nahen Wald verſchwunden. Am Waldrand fand ich den Doctor mit dem Pater beſchäftigt, die beim Herausdrängen ohnmächtig gewordene und von dem Pater herausgetragene Paſtorin in's Leben zurückzurufen. Jetzt kamen auch unter dem Geläut ihrer Sturmglocken Menſchen von Zeis⸗ dorf herbeigeſtrömt, aber ohne Spritze; auch wäre an kein Löſchen zu denken geweſen, denn der Bach war faſt trocken und der kleine Mühl⸗ teich des Fiſchens wegen vorgeſtern abgelaſſen worden. Das Feuer nahm reißend ſchnell über⸗ hand, ich verbot Jedermann in die Gebäude zu gehen und übergab dem alten Daniel und ſeinem Sohn, die unter den Gäſten waren, die Aufſicht. Dann ſagte ich dem Doctor und dem Pater, wo meine Herrſchaft wäre, und hieß ſie mit der ohnmächtigen Frau dahin kommen. Inzwiſchen war alles Vieh in's Freie getrie⸗ — 142 ben. Wie ich zur Herrſchaft zurückkam, fand ich zu meiner großen Freude die Frau ſitzend, wenn auch mit verbundenem Kopf, ihr Kind im Arm an ihren Mann angelehnt. Mein Wa⸗ werle und die Hebamme ſaßen ihnen zu Seiten. Hinter dem Herrn ſtand der Mauſchel. Er hatte, wie ich nachher erfuhr, die Kindsmagd heraus⸗ getragen und dem Wuudarzt von Zeisdorf über⸗ geben, der unten am Bach Belebungsverſuche mit ihr anſtellte, die auch glücklich gelangen. Wie mich der Herr kommen ſah, war ſein erſtes Wort: „Wird ein Menſch vermißt?“ Niemand, ſagte ich.„Aber, wo iſt meine Mutter?“ fragte die Frau. Ich beruhigte ſie mit der Verſicherung, daß ſie bald hier ſein werde.„Nun ſprich, Mauſchel!“ ſagte mein Herr zu ſeinem Hinter⸗ mann,„was wollteſt Du denn ſagen?“ „Was ich wollte ſagen?“ antwortete der Mau⸗ ſchel—„ach, Herr! wenn Sie doch wollten hören auf den Mauſchel! wenn Sie ihm doch folgen wollten!“—„Nun, worin ſoll ich Dir denn folgen?“ fragte mein Herr.—„Von hier fortziehen ſollen Sie, ſollen Alles machen zu 143 Geld und fortziehen, weit fort— denn—“— der Mauſchel ſtockte.—„Nun? denn?“ ſagte mein Herr,„red' ohne Scheu!— denn?“— „Ach, Herr Joſef! ich will es nur geſtehen, daß Sie ſchon lange wären ein todter Mann, wenn ich nicht für den Jackel hätte geſtohlen das Pferd—“—„Was!“ rief mein Herr,„Du hätteſt das Pferd geſtohlen?“—„Ja!“ bekannte der Burſch,„gerad' in der Nacht, wo Sie ver⸗ reiſen wollten, hab' ich Ihrem Reitpferd Schuhe von Filz angezogen und hab's aus dem Stall in's Freie gebracht und dem Jackel übergeben, vorher aber die Filzſchuhe von den Hufen ge⸗ riſſen——“„Aber Mauſchel!“ rief mein Herr.—„Hätt' ich den Jackel nicht laſſen rei⸗ ten das Pferd, ſo wäre er nicht an Ihrer Statt unter die Mörder gefallen,“ ſagte der Mauſchel, „denn der Herr Joſef ließ ſich nicht warnen.“— „O, meine Ahnung!“ rief der Herr—„aber wie konnteſt Du wiſſen, was mir drohte?“ Da fiel der Mauſchel auf ſeine Knie und bat den Herrn, jetzt nicht weiter zu forſchen. Er wolle ihm einmal Alles ſagen. Darauf wendete er 144 . ſich mit aufgehobenen Händen zugleich mit an die Frau und beſchwor beide Gatten, ſobald wie möglich aus dem Bereich des Unheils zu fliehen. Früher habe er abwehren können, aber ſeit dem Streiche, den er dem Jackel geſpielt, trauten die Feinde dem Mauſchel nicht mehr und ließen ihn nichts wiſſen. Darum habe er auch das heutige Unglück nicht verhindern können. Er habe wohl geahnt, daß ein Streich wider die Herrſchaft im Werk wäre, und ſeitdem unabläſſig gelauert und gewacht, um aller Gefahr zuvorzukommen, ohne die Herrſchaft zu beunruhigen. Darum habe er ſich auch ſo bemüht, die treue Eva als Kinds⸗ magd im Hauſe unterzubringen. Heut' habe er am wenigſten etwas Arges vermuthet, weil ſo viel Leute und Leben in der Mühle geweſen. An das Feueranlegen habe er freilich nicht ge⸗ dacht. Wie die beiden Slowoken gekommen, da habe er wohl Argwohn gefaßt, er habe ſie für verkappte Buſchklepper gehalten, aber ihrer Sprache nach wären's doch Slowoken geweſen. Als der Tanz losgegangen, habe er das Haus von draußen bewacht. Aber da er ſchon viele Nächte nür ganz wenig geſchlafen, ſo habe ihn in der Nacht unter der großen Buche hinter der Mühle der Schlaf übermannt; er ſei eingenickt, his auf einmal ein heller Schein ihn aufgeweckt. Da habe das nahe Hintergebäude ſchon lichter⸗ loh gebrannt. Sogleich ſei er in's Haus geeilt, habe Feuer! geſchrieen, und wie er die Herrſchaft im Tanzſaal erblickt, ſchnell das Kind aufge⸗ ſucht. Aber wie er in's Wochenzimmer getreten, habe der Jackel die gute Eva, die das Kind mit ihrem Leibe gedeckt, mit einem Schlag zu Boden geſtreckt und eben das Kind ergriffen, um wahr⸗ ſcheinlich mit ihm durch das hintere Fenſter ſich zu entfernen, denn dahin habe er ſich bewegt. Aber der Mauſchel habe ihn ereilt und ihm das Kind zu entreißen geſucht. Darüber ſei die Frau gekommen. Die habe ſogleich mit nach dem Kinde gegriffen, unglücklicherweis aber den Armleuchter auf dem nahen Tiſch umgeſtoßen, daß beide Lich⸗ ter ausgelöſcht wären. übrigens müſſe der Jackel Zündſtoff in die Betten geworfen haben, denn ein erſtickender Rauch ſei daraus hervorgequollen. In der Finſterniß hätten ſie nun mit dem Böſe⸗ Die ſtille Mühte. 1⁰ wicht gerungen. Endlich habe er das Kind fah⸗ ren laſſen und ſich der Frau allein bemächtigt. Der Mauſchel habe das Kind ſchnell retten wollen, ſei aber von dem Rauch ſo betäubt geweſen, daß er ſtatt nach der Thür nach dem Fenſter gelaufen und über die lebloſe Eva geſtolpert ſei. Er habe eine Weile gar Nichts mehr von ſich gewußt; wie er wieder ein wenig zu ſich ge⸗ kommen, ſei das Zimmer hell und der Herr im Kampf mit dem Mörder geweſen. Der friſche Luftzug, der jetzt durch das Fenſter geſtrichen, da habe ein Meſſer von dem Stuhl, auf dem er gelehnt, ihm in die Augen geblinkt, gerade als es die höchſte Zeit geweſen, den Mordbrenner unſchädlich zu machen. „Guter, wenn auch irrender Mauſchel!“ ſagte der Herr nach dieſem Bericht—„ohne Dich wäre ich heute der ärmſte Mann unter dem Himmel, ohne Weib, ohne Kind! O, ſo mag doch der ganze Plunder da zu Grund gehen, hab' ich doch mein Weib noch und mein Kind!“ Und er zog den Mauſchel an ſein Herz, und beide Gatten habe ihn wieder zum Herrn ſeiner Kräfte gemacht; — 147 umſchlangen, herzten und küßten ihnz wir Andern ſchauten weinend zu, und die rothen praſſelnden Flammen der Mühle beleuchteten die Gruppe. „Ach! ich verdiene das nicht!“ ſagte der Mau⸗ ſchel,„denn ich hab' gehaßt die Goim, und als ich in Ihr Haus trat, Herr Joſef, that ich's mit böſen Gedanken: ich wollte meinen Vater helfen rächen an ſeinem Feind, wie ich's ſpäter gethan an dem Henker meiner Schweſter; denn es ſteht geſchrieben in unſerm Geſetz: Aug' um Auge, Zahn um Zahn! Aber Sie haben über⸗ wunden das Böſe mit Gutem, und der Gott des Lichts hat meine Augen geöffnet, daß ich geſehen, Sie ſind einer von denen, die der Herr lieb hat.“— In dieſem Augenblick drang ein fürchterlich gellender Schrei von der Mühle herab in unſere Ohren, war aber augenblicklich erſtickt von einem raſenden Gebrüll aus hundert Kehlen.„O Gott! o Gott!“ rief der Mauſchel entſetzt und flog davon.„Geh ihm nach, Franz!“ ſagte der Herr zu mir,„ſieh, was es giebt und ſteh ihm bei!“ 148 Wie ich mich den brennenden Gebäuden nä— herte, brachte der Doctor mit dem Pater die Paſtorin geführt. Ich wies ihnen den Aufent⸗ halt der Herrſchaft und eilte weiter. Bald ſah ich, wie aus der brüllenden Menge drei Feuer⸗ haken nach einem Giebelfenſter gerichtet waren, und wie in dem Fenſter ein Menſch ſtand, bemüht herauszuſteigen, aber mit den Haken immer zu⸗ rückgeſtoßen. Es war der Jud Levi, des Mau⸗ ſchels Vater.„Er muß verbrennen, der Dieb! der Mordbrenner! in ſeinem eigenen Feuer muß er braten!“ ſo ſchrie das Volk. Vergebens flehte der Mauſchel um Erbarmen, ja mehrere Stimmen riefen:„Werft den Jungen auch in's 1 Feuer!'s iſt ein Jud wie der andere Halt! halt! ſchrie ich in die Menge hinein. Aber nur einzelne Zeisdorfer hörten auf mich. Mit Mühe drängte ich mich zu den Führern der Haken: es waren Wernsdorfer; zwei brachte ich glücklich zum Weichen. In dieſem Augen⸗ blick rief der Mauſchel:„Jetzt ſpring, Vater!“ und faßte die dritte Hakenſtange.„Der Levi ſchwang ſich auf die Fenſterbrüſtung, aber der 149 Arm des Mauſchel war zu ſchwach, wie ſein Vater eben ſpringen wollte, ſtieß ihn der dritte Haken wieder hinein, während ich die andern abhielt. Jetzt half mir der alte Daniel die wüthenden Menſchen zurücktreiben. Oben ſchrie der alte Jud' gräßlich nach Hülfe, er mußte durch den Fall ſchwer verletzt ſein; über ihm loderten und praſſelten die Flammen; ich ſchrie nach einer Leiter; da kletterte der Mauſchel ſchon behend wie ein Eichhörnchen das Obſtſpalier hinan, das ſchon anfing zu brennenz bald war er am Fenſter und durch daſſelbe verſchwunden. Nun kam auch eine Leiter, aber wie wir ſie anlegen wollten, brach das Dach zuſammen und begrub Vater und Sohn in den Flammen. Die wilde Menge jauchzte, daß der Teufel zwei Ju⸗ den auf einmal geholt hätte— ich ſchlich mich mit jammerndem Herzen hinweg. Wie ich zur Herrſchaft zurückkam, die nun ihre Freunde alle um ſich ſah, bis auf den einen, fragte mein Herr:„Nun wie ſteht's?“— Ich kam zu ſpät, ſagte ich mit einem Wink auf die Frau. Zum Glück war dieſe gerade ganz und 15⁰ gar mit ihrem Kinde beſchäftigt, ſonſt hätte ſie mir wohl angeſehen, daß etwas Gräßliches ge⸗ ſchehen ſein mußte. Das Kind ſchrie heftig nach Nahrung, und ſie wollte ihm die Bruſt nicht reichen.„Nach dem Schreck, den ich gehabt, wär' es ihm pures Gift!“ ſagte ſie. Da trat der alte Daniel heran, der mir auf dem Fuß gefolgt war:„Kommt doch mit hinab in mein Haus,“ ſagte er,„meine Schnur hat ja auch ein Kleines, die kann ſchon einſtweilen aushelfen!“ Der Vorſchlag ward angenommen, und die ganze Familie mit den Gevattern ging den Wieſenpfad hinab nach Daniel's Haus. Unterwegs entdeckte ich dem Herrn heimlich das Schickſal des armen Mauſchel. Er hatte Mühe, ſeine Thränen und ſeinen Schmerz vor ſeinem Weibe jetzt noch zu verbergen. Am andern Morgen ſaßen wir Gevattern und alles Geſinde um unſere Herrſchaft in einer Stube beim alten Daniel. Weder der Herr, noch die Frau verlor ein Wort der Klage um das verlorene irdiſche Gut; ſie klagten nur um den armen Mauſchel— und ſeinen Vater. Ja, 151 auch um den alten Levi, ſo ſchlecht er war— „denn,“ ſagte mein Herr,„was er war, war er durch mich; ich raubte ihm die heißgeliebte Braut ſeiner Jugend. Es iſt wahr, ſie liebte ihn nicht, ſondern war ihm verlobt nach jüdiſchem Her⸗ kommen, ohne daß ihr Herz befragt worden, aber ich hätte nur dann ein Recht gehabt, dieſes Verhältniß zu ſtören, wenn Rahel hätte können mein Weib werden. Nur meine Leidenſchaft ſpiegelte mir dieſe Möglichkeit vor. Ich gewann Rahel's Herz, machte ſie und mich unglücklich und einen Dritten dazu— ja ihr ganzes Haus. Ich habe ſchwer dafür gebüßt— ich habe zu ſühnen geſucht— den Rachegeiſt des gekränkten Bräutigams konnte ich nie verſöhnen. Die Ehe mit einer Ungeliebten verbitterte ſeinen Charakter und brachte alle ſchlimmen Anlagen ſeiner Natur zur Reife. So bin ich der Schmied meines eige⸗ nen Unglücks geweſen. Und wenn alle Menſchen recht klar ſehen wollten, wenn ſie nicht blind wären gegen ſich ſelbſt, ſo würden ſie finden, daß es in der Regel ſo iſt. Eine Jugendthor⸗ heit, eine übereilung, der Mißgriff eines unbe⸗ wachten Augenblickes verändert ſich mit ſeinen Folgen oft durch das ganze Leben, und die Anfangs kaum ſichtbaren Aderchen ſchwellen und wachſen und verſchlingen ſich mit der Zeit zu einem Knoten grauenvollen Unheils. Die feige Habſucht, die es nach meinem Vermögen gelüſtet, hätte wohl nie willige Werkzeuge gefunden ohne jene leidenſchaftliche That meiner Jugend, und ſelbſt dieſe Habſucht habe ich durch einen in der Hitze der Leidenſchaft begonnenen Mißgriff auf ihren gefährlichen Gipfel getrieben. Möge Gott, der bei alle dem mich ſo wunderbar geſchirmet hat, die ruhige Ergebung, mit der ich alles dies hinnehme, als vollkommene Sühne anſehen. Es hieße aber ſeine Güte verſuchen, wollte ich nun mein Weib und mein Kind ferner den Nach— ſtellungen der Bosheit ausſetzen. Was der arme Mauſchel in der Stunde ſeines Opfertodes mir gerathen, es war ſein Teſtament, ich will es erfüllen. Franz! ich trete das ganze Mühlen⸗ gut käuflich an Dich ab, die Verſicherungsſumme wird Dir den ſofortigen Aufbau der Gebäude möglich machen; das Kaufgeld bezahlſt Du mir 153 in Raten, wie ſie Dir der jährliche überſchuß vom Ertrag abwirft. Ich ziehe mit den Meinen in die Heimath meiner Thekla!“ Er litt keine Einwendungen. Die Kaufs⸗ urkunde wurde ausgeſtellt. Ich war Eigen⸗ thümer der ſtillen Mühle. Die bedeutende Ver⸗ ſicherungsſumme reichte vollſtändig zum Aufbau. Das Kaufgeld iſt längſt abgetragen. Acht Tage nach dem Brande verließ die Schmiedel'ſche Familie die Gegend. Es war großes Herzeleid weit und breit— jetzt erſt kam Alles an den Tag, was der gute Herr den Armen gethan. Es ſind viel Thränen gefloſſen, als der Wagen zum Dorfe hinausfuhr, und viele, viele ſind ihm nachgeweint worden. Sobald wird das Anden⸗ ken des edlen Joſef und ſeiner Thekla in der Umgegend nicht erlöſchen. Die böſen Schwäger blieben unangefochten; es trat kein Kläger wider ſie auf, und wäre es geſchehen, ſo würde wenig dabei herausgekommen ſeinz es fehlte an Be⸗ weiſen wider ſie. Sie lebten noch manches Jahr in äußerlicher Ruhe, ſtarben auf dem Kranken⸗ bette und wurden chriſtlich begraben, erhielten 154 auch ſchöne gußeiſerne Grabmäler. Aber Nie⸗ mand ſchaut danach; Niemand bekränzt ſie; ihre Familien ſind zerſtreut, Niemand weiß, was aus ihnen geworden. Unſer Joſef lebt in ſeiner neuen Heimath noch heut' mit ſeiner Thekla und drei blühenden Söhnen in Wohlſtand, Freude und Ehre. Soweit der Mühl⸗Frauz. Als wir ihm für ſeine Erzählung die Hand drückten, traten ſeine drei Töchter mit einem Blumengewind in das Zimmer.„Wenn's gefällig iſt!“ ſagte er, ſich erhebend,„es iſt heut' der erſte Juni!“ Wir ſtanden auf und folgten ihm und dem lieb⸗ lichen Kleeblatt hinaus auf den Hügel mit der alten halbverſengten Buche. Da ſtand ein ein⸗ faches Denkmal, um welches die Mädchen ihr Blumengewind ſchlangen. Es war ein Würfel von polirtem Granit, darauf ein Aſchenkrug von edlem Serpentin. Auf der Vorderſeite des Wür⸗ fels laſen wir die Worte: Dem treuen Schutzengel ſeiner erſten Kindheit, Seinem Retter aus den Flammen Der dankbare Gerettete Hermann Schmiedel.— 3 2———— Auf der Rückſeite ſtanden die Worte Börne's: In den Himmel iſt er gegangen und unſere Herzen ſind ſein Grab. Joſef und Thekla Schmiedel. Auf der rechten Seite war zu leſen: Er gehörte zum Volke Gottes. Auf der linken: Die den Gott der Liebe bekennen mit der That, ſind ſein Volk! Der Rand des Aſchenkruges trug den Namen: Mauſchel. Verlag von Carl Rümpler in⸗Hannover. (En haben in allen Buchhandlungrn.) Uovellenbuch des Hannoverſchen Couriers. Erſter Band. (15] Bogen Octav. Geheftet 8 Ggr.= 10 Sgr.) Kein Vertrauen. Novelle von Jolo Raimund. Die Piſion. Eine Geſchichte von Feodor Wehl. Des Seekönigs Schatz. Novelle von Adolph Jörling. Der Waldgutbauer. Eine Eriminalgeſchichte von A. Paſſar. Zweiter Band. (15 Bogen Octav. Geheftet 8 Ggr.= 10 Sgr.) Eine Frau aus der großen Welt. Von Rarl Schram. Der Taufſchein. Novelle von Jolo Raimund. Marie. Novelle von Robert Heißler. Aus meinem Tagebuche. Von A. 8§. Dritter Band. (16 Bogen Octav. Geheftet 8 Ggr.= 10 Sgr.) Pon der Grenze. Eriminalgeſchichte von Carl Klöckner. Der Gutserbe. Von Robert Heißler. Liebesfrend und Liebesleid. Von Jolo Raimund. Preis aller 3 Bände nur Einen Thaler. Das Novellenbuch iſt vorläufig mit drei Bänden vollſtändig und bildet ein Familienbuch, das zu äußerſt billigem Preiſe für die langen Winterabende eine reine, geſunde, geiſtig fördernde und an⸗ regende Lectüre bietet für jedes Geſchlecht, für die Jugend wie für das gereifte Alter. —— 47 „ 5 ſſſſmnm 6 7 8 9 10 11