7 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 2 von 6 Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliother ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr pffen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: .—————— auf 1 Monat: 1 Ml.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 5 Auswärtige abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eit nen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß ver Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene over veferte Vuch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen er Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Slhnn. Bibliothek deutſcher Griginalromane. 5 Herausgegeben von J. L. Kober. Vierzehnter Jahrgang. Zwanzigſter Band. Die Malerin von Dresden. Prag, 1859. Kober& Markgraf. Grüher: J. L. Kober.) Die Walerin von Dresden. — Erzühlung von Elfried von Taura. Prag, 1859. 1— Kober& Markgraf. . Grüher: J. L. Kober) Inhalt. Seite Erſtes Cnpitel. Die kleine Zitherſpielerin.. 11 Zwrites Cnpitel. Die Malerin... 35 Prittes Cnpitel. Eine Verſchwörung. Ein Deſerteur. 50 piertes Cnpitel. Doris und Theophilus... 171 Fünftes Enpitrl. Das belauſchte Geheimniß 92 . Sechstes Cnpitel. Graf Camillo...... 114 Sirbentes Cupitel. Major von Retzow. 141 ß Achtes Capitel. Das Attentat 169 Uruntes Capitel. Prinz Heinrich 1183 Zehntes Capitel. Die Anklage 2211 Elftes Cnpitel. Die Befteiung 230 Zwölftes Cnpitel. Schluß 255 Vie Molerin von Dresden. — Vorwort. Der Verfaſſer der vorliegenden Erzählung hatte ſich in der nach Thatſachen bearbeiteten Erzählung:„Die Tochter des Wilddiebes“ die Aufgabe geſtellt, nachzu⸗ weiſen, wie eine reichorganiſirte Natur im Kampfe mit unwürdigen Lebensverhältniſſen zum Falle kommen, aber auch durch den ihr eingeborenen Adel ſich wieder erheben kann, wenn edle Menſchen, die dieſen Adel erkennen, ihr freundlich und hilfreich die Hand bieten. Wenn dem Ver⸗ faſſer dieſe Aufgabe, nach dem Zeugniſſe der Kritik, nicht ganz mißlungen iſt, ſo mußte er doch fühlen, daß die Er⸗ zählung zu ſchnell gerade da abbrach, wo das Intereſſe des Leſers auf's Höchſte geſpannt war, und daß die ge⸗ ſtellte Aufgabe noch einer höheren und befriedigenderen Löſung fühig war, als ſie dort gefunden. Dieſe Löſung wird in der vorliegenden Geſchichte, in deren Heldin Doris die Leſer leicht die Tochter des Wilddiebes wieder 1859. IR. Die Malerin von Dresben. 1 10 erkennen werden, zu geben verſucht. Nachdem Doris ihre Vergangenheit durch ihre Leiden und durch ihren ſtand⸗ haften Widerſtand gegen jede Verſuchung zu neuem Falle gebüßt und durch ein freudiges und thatkräftiges Erfaſſen des dargebotenen Heiles geſühnt, ſoll ſie ferner ohne Wanken die Heilsbahn wandeln, ſoll ſie durch entſchiede⸗ nes und eifriges Streben nach Vollendung ihres Weſens ſich den würdigſten ihres Geſchlechtes gleich und des höch⸗ ſten Glückes des Weibes würdig machen. Sie ſoll dieſes Glück nicht wie einen Raub an ſich reißen, ſie ſoll es ge⸗ rade dadurch verdienen, daß ſie es ſo lange von ſich weißt, als ſie nicht die durch den Fehltritt ihrer Jugend verletzte Würde des Weibes durch ein erfolgreiches Ringen über die Sphäre des ſpecifiſch⸗weiblichen hinaus in die Sphäre künſtleriſcher Meiſterſchaft und höchſter menſchlicher Frei⸗ heit vollkommen verföhnt hat. Möchten die Leſer finden, daß dieſer Verſuch dem Verfaſſer nicht mißlungen. Freiberg in Sachſen. Elfried von Taura. ſeiner Hauptſtadt. Erstes Capitel. Die kleine Zitherſpielerin. Seit dem 6. September 1756 war Dresden die Hauptſtadt einer preußiſchen Provinz. Denn als eine ſolche betrachtete und behandelte Preußens großer König das ohne Kriegserklärung mit Krieg überzogene und ohne Schwertſtreich eroberte Sachſen. Der König⸗Kunfürſt Friedrich Auguſt war mit ſeinem Hofe und Kabinet nach Polen geflohen, und ein preußiſches Regierungs⸗Collegium, Directorium genannt, verwaltete das Land zum Vortheil des Preußenkönigs. Mit Schmerz beugte ſich das Volk unter das fremde Joch, zahlte es die ihm aufgelegten, kaum erſchwinglichen Steuern und ſtellte es ſeine Söhne als Rekruten unter die Fahnen des Eroberers. Vergebens ſeufzte es Jahre lang nach Erlöſung von deſſen eiſerner Hand. Nirgends im ganzen Lande aber ſeufzte man mehr danach als in 1* Das war natürlich. Denn außer den Laſten, die es mit dem ganzen Lande gemein hatte, litt es noch ungleich ſchwerer durch den Verluſt eines kunſtſinnigen und pracht⸗ liebenden Hofes. Wenn das übrige Land durch die Ver⸗ ſchwendung des allmächtigen Miniſters Friedrich Auguſt's, des Grafen Brühl, eben auch ſtark genug gebrandſchatzt wurde, um den Unterthanen Seufzer zu erpreſſen, ſo ging doch gerade der Hauptſtadt dieſe Verſchwendung zu Gute. Wenn die Könige bauen, dann haben die Kärrner zu thun. Das empfand Dresden mehr, als irgend eine deutſche Re⸗ ſidenz jener Zeit, denn nirgends wurde ſo viel gebaut und geſchaffen zu Luſt und Nutzen wie dort. Da hatten nicht nur die Kärrner, da hatten alle Gewerbe vollauf zu thun, und die Künſte ſtanden im reichſten Flor. Da gab es Wohlſtand, da war„Leben und Lebensluſt vollauf“. Wie anders war das Alles nun geworden! Aus der luſtigen Reſidenz war ein düſteres Kriegslager geworden, die Kärrner feierten, die Handwerker„leierten“, und die Hallen der Kunſt waren verödet. Kein Wunder, wenn da die guten Dresdner weit bitterer als andere Sachſen das preußiſche Regiment haßten und weit ſehnſüchtiger die alte Zeit zurück wünſchten, die ihnen in der That eine goldene geweſen, mochten ſie auch über den ſittlichen Cha rakter derer, denen ſie dieſelbe verdankten, denken, wie ſie wollten. 13 Aber gefährlich war es, ſolchen Empfindungen Worte zu verleihen. Mit ſcharfem Auge wurde die Stim⸗ mung und Geſinnung des Volkes überwacht, und wehe dem, der durch eine Aeußerung verrieth, daß die ſeinige dem Eroberer nicht günſtig war. War er jung und ſtark, ſo ward er öhne Anſehen der Perſon unter die Soldaten geſteckt; taugte er hierzu nicht, ſo war der Kerker ſein Loos. Jedermann hütete ſich daher, ſeine Unzufriedenheit kundzugeben, und verbarg ſie unter dem Mantel ſtiller Ergebung, wenn nicht der Zufriedenheit. Nur unter ganz zuverläſſigen Freunden und Patrioten wagte ſich der Un⸗ muth Luft zu machen. Dennoch gab es auch Leute, welche, geblendet von den glänzenden Geiſteseigenſchaften und von den Gryß⸗ thaten des Eroberers, weit entfernt waren, die gegen⸗ wärtige Lage ihres Vaterlandes als eine Schmach zu em⸗ pfinden, die es vielmehr für ein Glück anſahen, unter die Botmäßigkeit eines ſolchen Königs gekommen zu ſein. Und noch andere gab es, denen die Aenderung der Dinge willkommen war, weil ſie dieſelbe zu ihrem perſönlichen Vortheil auszubeuten hofften, oder wirklich ausbeuteten. Mit der äußerſten Spannung verfolgten beide Par⸗ teien, die große der Patrioten, und die kleine der Preu⸗ Fenfreunde, den Gang des Krieges, der zur Zeit, wo un⸗ ſer Geſchichte beginnt, nämlich im Hochſommer 1758, eine den Wünſchen der Patrioten günſtige Wendung zu nehmen ſchien. König Friedrich ſchlug ſich weit von den ſächſiſchen Grenzen mit den Ruſſen herum, welche mit großer Heeresmacht Preußen überzogen hatten. In Sach⸗ ſen war nur eine kleine preußiſche Streitmacht zurückge⸗ blieben, deren Kern unter dem Befehle des Prinzen Hein⸗ rich bei Dresden lagerte. Die Schwäche dieſer Macht gab dem öſterreichiſchen Feldmarſchall Daun Hoffnung, Sachſen den Preußen zu entreißen, und er ſetzte ſich zu dieſem Zwecke nach Sachſen in Bewegung. Bei der Nachricht von dem Herannahen der Oeſter⸗ reicher athmeten die Patrioten etwas freier auf. Nichts ſchien gewiſſer, als daß die kleine Streitmacht der Preu⸗ ßen der überlegenen Macht des öſterreichiſchen Fabins Cunctator werde erliegen müſſen. Hoffnung erweckt Muth; die nahe Ausſicht auf den Sieg ihrer Sache ermuthigte auch manchen Patrioten, ſtatt im Stillen über die Herr⸗ ſchaft der Fremden zu murren, auf Mittel zu denken, wie man Seiten des Volkes dazu beitragen könne, den Fall dieſer Herrſchaft zu beſchleunigen. Damals gab es in dem ſogenannten Italieniſchen Dörfchen ein kleines Kaffeehaus, das der Witwe eines italieniſchen Steinmetzen, Namens Cagiorgi gehörte. Vor dem Kriege war dieſes Kaffeehaus ein Sammelplatz der Dresdner Künſtler geweſen. Mutter Cagiorgi ward ——— von den jüngeren Künſtlern ſchlechthin nicht anders als „Mutter“ genannt, mochten ſie dieſelbe anreden oder gegen dritte Perſonen von ihr ſprechen. Sie war ihnen allen nicht blos eine aufmerkſame, freundliche und billige Wirthin, ſondern ſie ſtand ihnen, wo ſie konnte, mit Rath und That bei, ſie behandelte das junge muntere Volk— abgeſehen davon, daß ſie ſich Speiſe und Trank bezahlen ließ— in der That wie ihre Söhne. Nach der preußiſchen Occupation wendeten ſich die meiſten Künſtler von Dresden fort und Mutter Cagiorgi ſah ihr Kaſſee⸗ haus faſt veröden. Dafür haßte ſie aber auch die Preu⸗ ßen mit aller Gluth einer Italienerin, und machte aus dieſem Haß, trotz der preußiſchen Säbelherrſchaft und ihrer Späher, kein ſonderliches Hehl. Kein Preuße, der ſich in ihr Kaffeehaus verirrte, erhielt ein freundliches Ge— ſicht vder ward ſo ſchnell, wie ſonſt ein Gaſt bewirthet. Nach und nach ward ſie auch von den Preußen gänzlich gemieden.. Dagegen ſammelte ſich allmälig ein Stamm Pa⸗ trioten in ihrer traulichen Stube, zu dem einige zurück⸗ gebliebene Künſtler und Gelehrte gehörten. Um die Däm⸗ merung war es da gewöhnlich ziemlich voll bei der Mut⸗ ter Cagiorgi, und wenn auch nicht das heitere harmloſe Leben von ſonſt ſich dann hier entfaltete, ſo doch ein ziemlich reges. Hier, meinten Alle, war man ſicher vor Späherohren, hier konnte man ein freies Wort ſprechen, und das wurde denn auch geſprochen, zur Freude der Mutter Cagiorgi. Eines Nachmittags verſammelte ſich dieſe Geſell⸗ ſchaft etwas früher als gewöhnlich. Es war das Gerücht von einer dem König von Preußen bei Zorndorf durch die Ruſſen gelieferten und für erſteren unglücklich aus⸗ gefallenen Schlacht nach Dresden gekommen, und jeder ging nun dahin, wo er etwas Näheres über dieſe Bege⸗ benheit zu hören hoffte. Es wußte aber eben noch Nie⸗ mand etwas Gewiſſes, und ſo ergab man ſich um ſo ausſchweifenderen Hoffnungen zu Gunſten der eigenen Sache. Dabei wurde denn des Preußenkönigs nicht in den glimpflichſten Ausdrücken gedacht, wobei man jedoch die Vorſicht gebrauchte, ihn nicht anders als Philippus zu nennen. Nur zwei von der Geſellſchaft beobachteten eine ge⸗ wiſſe Mäßigung in ihren Aeußerungen. Der eine war ein Mann in den mittleren Jahren von ſchlanker Geſtalt und ebenſo feinen als geiſtreichen Zügen. Er war einfach, doch ſorgfältig gekleidet. In Sprache, Haltung und Be⸗ wegung trug er ein ariſtokratiſches Gepräge, doch war es mehr die Ariſtokratie des Geiſtes als des Blutes, die daraus hervorleuchtete. Der andere, ſein Nachbar, war ſchon dem Greiſenalter nahe; eine etwas gebückte Geſtalt, 17 aber mit einem ſchönen, faſt antiken Kopfe. Der letzte ward von der Mutter Cagiorgi„Herr Inſpector“, der erſte mit dem ſchlichteren Titel„Herr Magiſter“ ange⸗ redet. Ein jüngeres Glied der Geſellſchaft, ein Maler mit ſchwarzen wallenden Locken, hielt eine wahre Philippika gegen den Philippus der Geſellſchaft, die mit dem Wun⸗ ſche ſchloß, die Koſaken möchten den Philippus verſchlin⸗ gen mit Haut und Haaren. Das war dem ruhigernſten„Magiſter“ doch zu ſtark.„Da ſei Gott vor,“ ſagte er,„daß der Koſak uns den Stolz Deutſchlands raube! Denn wie ſehr wir Sach⸗ ſen immer Urſache haben, uns über ihn zu beklagen, der größte Deutſche unſeres Jahrhunderts bleibt Frie— Phi⸗ lippus wollt' ich ſagen, doch. Wir wollen wünſchen, daß Sachſen ſeiner Botmäßigkeit entriſſen und ſeinem ange⸗ ſtammten Fürſten zurückgegeben werde, aber nicht, daß dieß durch Fremde geſchehe, am allerwenigſten durch die Ruſſen. Offen geſtanden, iſt es mir gar nicht recht, daß dieſe gegen Philippus zu Hilfe gerufen worden ſind. Das iſt ihnen doch nur eine willkommene Gelegenheit in Deutſchland Fuß zu faſſen und ihre Herrſchaft nach We⸗ ſten zu erweitern.“ Der junge Demosthenes, dem dieſe Entgegnung galt, hatte ſich heiß geredet.„Daß Ihr ein lauer Patriot, Magiſter,“ verſetzte er jetzt hitzig,„habe ich mir längſt gedacht; ſchon längſt hielt ich Euch für einen geheimen Philippiſten; ich ſehe jetzt, daß ich mich nicht getäuſcht.“ „Wenn Sie darunter Einen verſtehen, der den gro⸗ ßen Eigenſchaften des bewußten Königs volle Anerken⸗ nung zollt,“ erwiederte der Magiſter,„ſo nehme ich dieſe Bezeichnung an; aber wenn ich als Menſch den großen Mann bewundere, ſo hindert das mich als Pa⸗ trioten nicht, den Feind meines Vaterlandes zu bekäm⸗ pfen— nur nicht auf Koſten des größeren Vaterlandes.“ „Man muß ihn haſſen,“ rief der Maler wieder, „mit aller Gluth des Herzens— nicht wahr, Mutter?“ (Er meinte die Cagiorgi, die ihm beifällig zunickte.)„Man muß den Feind des Vaterlandes haſſen, bis er vernichtet iſt, ſei es durch wen es ſei!“ Er wollte fortfahren ſich zu erpectoriren, als die Thür aufging und ein Menſchenpaar eintrat, das ſchnell die Augen Aller auf ſich zog. Es war ein ſilberhaariger Greis in Bergmannstracht, blind und von Jahren ge⸗ krümmt, an der Hand eines Mädchens von etwa fünfzehn Jahren und auffallender Schönheit. Sie ging ſehr ärm⸗ lich, aber reinlich gekleidet, wodurch die Vorzüge ihres Aeußeren etwas Rührendes gewannen. Es ließe ſich ſchwer eine Schilderung dieſer Vorzüge geben. Der edle, der Antike verwandte Schnitt ihres Antlitzes, die Lilien⸗ 4 19 und Roſenblüthe ihrer Geſichtsfarbe, das wunderbare Feuer ihrer meerblauen Augen, die Fülle von Leben, die aus dieſen und allen Mienen ſprudelte, die reichen blon⸗ den Cylinderlocken, die ihren Nacken umwallten, die zwar noch nicht voll entwickelte, aber die herrlichſte Entfaltung verheißende Geſtalt— das Alles gehörte zu ihren Vor⸗ zügen; aber es bildete noch lange nicht das wunderbare Ganze desſelben, das die beiden Freunde unwiderſtehlich anzog. Das Mädchen trug eine Zither in dem einen Arm jenes einfache Inſtrument, das in den Hütten der erzge⸗ birgiſchen Bergleute ſo heimiſch war. Es ließ ſich leicht errathen, daß ſie das Mittel war, wodurch ſie dem blin⸗ den Greiſe und vielleicht einer ganzen Familie den Un⸗ terhalt erwarb. „Iſt es hier erlaubt zu ſpielen?“ fragte das rei⸗ zende Geſchöpf die Wirthin. Statt ihrer antwortete der alte Herr, der den Titel Juſpector führte und kein anderer war, als der verdiente Bildergallerie⸗Inſpector Riedel:„Ei freilich, damit wir auf ein anderes Thema kommen, denn die Debatte droht angenehm zu werden. Spiele, liebes Kind, und wenn Du ſingen kannſt, ſo ſinge etwas dazu!“ Die ganze Geſellſchaft rief:„Ja ſpiele! ſpiele!“ Die junge Zitherſpielerin ſetzte ſich mit ihrem blin⸗ 20 den Begleiter zunächſt der Thür nieder.„Was wünſchen die Herren, daß ich ſpiele?“ fragte ſie;„ein ernſtes oder heiteres Stück?“ „Gleichviel,“ antwortete der Inſpector Riedel; „haſt Du vielleicht ein Bergmannslied, da Du jedenfalls ein Bergmannskind biſt?“ „Ja,“ ſagte das Mädchen;„ich habe ein ganz neues.“ Sie prälndirte und ſang: War einſt ein junges Bergmannsblut, Das war ſo treu, das war ſo gut, Das hielt mit ſeinem Gott den Bund, Liebt' alle Welt von Herzensgrund; 3 Drum klang's ſo warm aus ſeinem Mund: Glück auf! Das klang ſo lieb dem Steigerskind, Wie Zitherklang ſo hold und lind, In's tiefſte Herz klang's ihm hinein;— D Bergmann, wollteſt du mich frei'n, Wie ſollt'ſt du mir gegrüßet ſein: Glück auf! Der Bergmann ſah das Steigerskind, Er hat es warm und treu geminnt; Und wann er ſtieg aus tiefem Schacht, Stand vor der Thür ſie auf der Wacht, Da hat ihm's Herz im Leib gelacht: Glück auf! 21 Und als er einſtens kam vom Schacht, Da ſtand ſein Lieb nicht auf der Wacht; Er ſuchte es— daß' Gott erbarm! Es lag in eines Fremden Arm;— Da grüßt er nicht— vor bitterm Harm: Glück auf! Zur Grube wieder geht er ſtill, Das treue Herz ihm brechen will— Zerſchmettert fand man ihn am Grund. Dem Steigerskind, das brach den Bund, Sagt nimmer eines Knappen Mund: Glück auf!— Die kindliche Sängerin trug dies Lied ebenſo rein, als gefühlvoll vor. Die beiden Freunde, der Magiſter und der Inſpector, wurden davon tief ergriffen. Auch die übrige Geſellſchaft ſchien gerührt. Nur der junge De⸗ mosthenes von vornhin ſchien weniger erbaut.„Gar nicht übel geſungen,“ meinte er;„aber wozu ſolche ſentimen⸗ tale Lyrik in unſerer Zeit? Weißt Du kein herzhafteres, kein patriotiſches Lied, Mädchen?“ Das Mädchen ſah den Sprecher mit großen Augen an; ſie verſtand nicht, was er wollte. „Sing doch einmal etwas auf die Preußen!“ fuhr der Maler fort. Das Mädchen ſann ein wenig nach und ſang dann: Satt hatt' der Preuße ſeinen Sand— o je! 1 D'rum kam er in das Sachſenland— 0 weh! Da mäſtet er ſich dick und rund, Ich wollt, er berſtete zur Stunb— O je— o jerum— je! Der Preuße hat den Beutel leer— o je! In Sachſen macht er ihn ſich ſchwer— 0 weh! Und wenn er nicht brandſchatzen kann, Fängt er das Kippen und Wippen an— O je—0 jerum— je! Der Preuße hat ein großes Maul— o je! Im Prahlen iſt er gar nicht faul— o weh! Er denkt, im ganzen deutſchen Reich Sei Niemand einem Preußen gleich—„ H je— v jerum— je! 5 Vöcht' prahlen und brandſchatzen er— 0 je! Wenn nur der Fahnendienſt nicht wär— p weh! D Fluch, o Noth, o Höllenpein, Ein preußiſcher Soldat zu ſein! O je— o jerum— je! „Bravo! braviſſimo!“ rief ein großer Theil der Geſellſchaft händeklatſchend, um gleich darauf erſchrocken zu verſtummen. Denn plötzlich ward die Thür heftig auf⸗ geriſſen und drei preußiſche Grenadiere traten mit einem Mann in Civil ein. Dieſer wendete ſich zu der Sängerin und ſagte:„Treff'ich Dich hier wieder, Du Rebellen⸗ brut? Dacht' ich doch, daß ich Dich hier ertappen würde. Zetzt marſch mit auf die Wache!“ 23 „Was wollen Sie denn mit dieſem Kinde auf der Wache, Herr Conmiſſarius?“ ſagte der Inſpector Rie⸗ del ſich erhebend und dem Mann mit ſeinem Adlerauge feſt in die Augen blickend. Dieſer konnte den Blick nicht ertragen; er wendete ſich ab und ſagte verlegen:„Sie hat ein rebelliſches Lied geſungen und wird daher zur ge⸗ rechten Strafe gezogen.“ „So haben Sie hier gelauſcht?“ fragte der Ju⸗ ſpector in einem Tone, der ebenſo wohl Verachtung wie Verwunderung ausdrückte. Dann fuhr er fort:„Das arme Kind iſt am wenigſten ſtrafbar wegen ihres Ge⸗ ſanges, ſie wurde dazu aufgefordert.“ Er ſah den jungen Maler mit einem bedeutungsvollen Blick an. Dieſer verſtand ihn; aber er hatte nicht den Muth ihm zu ge⸗ horchen.„Ei Herr, ſo ſchämen Sie ſich doch,“ ſagte der Inſpector nach einer Pauſe zu dem Maler;„wollen Sie das arme Mädchen für ſich büßen laſſen? Sie hatten ja vorhin ein ſo tapferes Maul, beweiſen Sie jetzt Ihre Tapferkeit!“ „Ja, mein Herr,“ nahm jetzt der Maler das Wort; „das Mädchen trägt eigentlich die geringſte Schuld, daß ſie das Lied ſang— wir— oder vielmehr ich allein habe ſie dazu aufgefordert, ein patriotiſches Lied zu ſingen.“ „Ein Lied gegen die Preußen,“ fügte der Inſpector hinzu.„Das Kind glaubte der Aufforderung folgen zu müſſen. Bedenken Sie ſein Alter und ſeinen Bildungs⸗ grad, Herr Commiſſarius!“ Leiſe ſagte er hinzu:„Sie ſollten glimpflich verfahren, Herr Menzel— das Blatt kann ſich einmal wenden, daran denken Sie!“ Der ſo Angeredete(der kein Anderer war, als der ehemalige kurſächſiſche Geheime Kanzeliſt Menzel, der für ſeinen Verrath am Vaterlande vorläufig mit der Stelle eines Polizeiagenten und dem Commiſſarstitel belohnt worden war) zuckte mit den Achſeln und ſagte:„Ich handle auf Befehl; das Mädchen hat ſchon an einem andern Orte Verdacht erregt; ich muß ſie mitnehmen⸗ Es wird ihr nicht viel geſchehen. Und Sie, Herr,“ ſprach er zu dem Maler,„gehen auch mit.“ „Ich bin bereit!“ ſagte dieſer. „So komm, Kleine!“ ſagte Menzel zu der Sän⸗ gerin. Aber dieſe ſchlang ihren Arm um den blinden Greis und rief;„Wie? Ihr wollt mich auch fortführen, wie Ihr meinen Vater fortgeführt habt in den Krieg? Von Weib und Kind und dem alten blinden Vater habt Ihr ihn geriſſen, daß ſeine Familie ohne Verſorger zurück⸗ geblieben, und daß ſie verhungern müßte, wenn ich nicht das Bischen Zitherſpielen und Singen könnte, womit ich Ihnen das Brod verdiene! Nun wollt Ihr mich auch noch fortſchleppen und ihnen entreißen?“ 25 Der Inſpector verwendete ſich noch einmal für das Kind; zu ihm geſellte ſich auch der Magiſter, der dem Agenten und den Grenadieren vorſtellte, wie unwürdig es ihres großen Königs ſei, mit Kindern Krieg zu führen, ein ſchwaches Mädchen als Rebellin einzuziehen. „Wir thun nur unſere Schuldigkeit,“ verſetzte einer der eniie und die Zith erſtieletn wurde mit ihrem Großvater und dem Maler nach der Hauptwache ab⸗ geführt. Die andere Geſellſchaft blieb ſtumm, theils vor Schrcen, theils vor Entrüſtung zurück. Mutter Cagiorgi ergoß ſich in ein Fluch von Schmähungen über die Preu⸗ ßen. Die Mehrzahl der Geſellſchaft fand es bald gera⸗ then das Kaffeehaus zu vettaſſen, wo ihnen als Mit⸗ ſchuldigen der Gefangenen leicht ein zweiter Beſuch der Preußen und das Geſchick jener drohte. Zuletzt war der Inſpector mit dem Magiſter allein noch da. Was läßt ſich für die Gefangenen thun?“ fragte der Magiſter den erſteren.„Ich fürchte, man macht ihnen ſchlimmen Proceß.“ „Dem exaltirten Maler,“ verſetzte Riedel,„kann eine ſcharfe Lection nicht ſchaden. Ich habe längſt befürch⸗ tet, daß er uns durch ſeine Unvorſichtigkeit einmal com⸗ promittiren werde. Aber die kleine Zieſpiein thut 1859. 2. Die Malerin von Dresden. mir leid, und für ſie möchte ich gern etwas thun; wenn ich nur wüßte, was.“ „Wie aus den Reden des Schurken Menzel hervor⸗ ging,“ ſagte der Magiſter,„fahndete man ſchon auf ſie, ehe ſie hierher kam. Ich kann mir nicht denken, daß man ein ſolches Kind um ſeiner politiſchen Gefährlichkeit willen verfolgt; wer weiß, ob die Verfolgung nicht ein ganz anderes Motiv, und zwar ein weit unreineres hat. Viel⸗ leicht hat die ausnehmende Schönheit des Mädchens die Begierde eines preußiſchen Offiziers erregt, und ihr poli⸗ tiſches Vergehen iſt nur der Vorwand, um ſie in die G6 walt des Lüſtlings zu bringen.“ „Wahrhaftig, Magiſter,“ fiel der Inſpector ein, „Sie ſcheinen mir, wie immer, den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben. Zetzt erinnere ich mich, den Spion Menzel öfter in Geſellſchaft des preußiſchen Majors von Retzow geſehen zu haben. Erſt neulich beſuchten ſie mit einander die Gallerie, wo ſie ſich am meiſten mit den nackten Frauenſchönheiten beſchäftigten. Ich ſchloß noch zur rechten Zeit das Zimmer der ſiſtiniſchen Madonna vor ihnen zu, um dieſe ſo profanen Blicken nicht preis⸗ zugeben, zugleich aber auch unſere Doris, die dort eifrig copirt, vor den Zudringlichen zu ſchützen.“ „Das war ſchön von Ihnen,“ ſagte der Magiſter, indem ſich ſeine Wange leiſe röthete und das ſchöne, 27 milde Feuer ſeiner Augen höher aufleuchtete.„Zetzt fällt mir etwas für unſere Zitherſpielerin ein. Doris copirt das Bild für den General von Schmettau, den Gouver⸗ neur der Stadt. Eine Verwendung von ihr bei dieſem wäre ſicher von günſtigem Erfolge.“ „Das glaub' ich auch,“ erklärte Riedel.„Wäre ſie jetzt noch auf der Gallerie, ſo gingen wir gleich dahin, mit ihr über die Sache zu ſprechen. Wir müßten ſie in ihrer Wohnung ſuchen.“ „Das wollen wir ohne Aufſchub thun,“ verſetzte der Magiſter ſich erhebend. Mutter Cagiorgi wurde ge⸗ rufen, die Zeche zu machen. Während man mit dem Ordnen derſelben beſchäftigt war, ward die Thür ungeſtüm aufgeriſſen und haſtig trat ein junger Mann ein, der das Gepräge eines vollen⸗ deten Cavaliers hatte.„Gut, daß ich Sie hier finde, meine Herren,“ ſagte er, ohne zu grüßen, in ſichtbarer Aufregung.„Es ſind fürchterliche Zeihungen eingetroffen. Nicht die Ruſſen haben bei Zorndorf geſiegt, ſondern die Preußen. Schon waren dieſe, die angegriffen hatten, zu⸗ rückgeworfen, ſchon eröffneten die Ruſſen unter Sieges⸗ geſchrei ihre Vierecke, um den Feind zu verfolgen, da warf ſich der kühne Seidlitz mit ſeinen Reiterſchaaren den Sie⸗ gern entgegen, brachte ſie in Verwirrung und zerſtreute ſie noch allen Seiten. Das geſchah auf dem linken Flügel 2* der Preußen. ZJetzt ließ der König das Fußvolk ſeines rechten Flügels vorrufen und errang durch das gutgelei⸗ tete Artilleriefeuer auch hier den Sieg. Von 9 Uhr Morgens bis 8 Uhr Abends währte die Schlacht, und en⸗ digte mit der völligen Niederlage der Ruſſen, die an 15000 Mann und 103 Kanonen verloren. Der Reſt hat ſich hinter die Oder zurückgezogen, und der König iſt auf dem Marſch nach Sachſen.“ „Iſt das gewiß?“ fragte der Inſpector beſtürzt. „Leider läßt die Nachricht keinen Zweifel zu. Gleich⸗ zeitig mit dem vor einer Stunde eingetroffenen Bülletin des Königs kam ein Eilbote von unſerm Gute bei Zorn⸗ dorf mit einem Briefe, der die Nachrichten des Bülletins beſtätigt!“ „Das iſt ein furchtbarer Schlag für unſere Hoff⸗ nungen,“ ſagte der Inſpectvr. „Und doch kann ich es nicht beklagen, daß es ſo ge⸗ kommen,“ verſetzte der Magiſter.„Im Intereſſe der Auf⸗ klärung und Geſittung mußten wir dieſen Sieg wünſchen. Und wenn nur Daun jetzt entſchloſſen vorgeht, ſo kann Sachſen frei ſein, ehe der Kůng herankommt.“ „Ich begreife Sie nicht recht, Herr Magiſter, Aent⸗ gegnete der junge Mann. 30 habe mich immer vor Ihrer Einſicht gebeugt, aber in dieſem Falle kann ich Ihnen nicht beipflichten. Doch ſtreiten wir uns über diefen 29 Punkt nicht, ſind wir doch darin einig, daß die Preußen aus Sachſen verjagt werden müſſen. Aber es iſt die höch⸗ ſte Zeit, daß dies geſchieht. Hat der König ſich einmal wieder mit ſeinem Bruder in Sachſen vereinigt, dann iſt es zu ſpät. Ich hoffe auch, daß in dieſem Falle Daun ſeine Cunctatorrolle ablegen wird. Kommt er dem König in Eilmärſchen zuvor, dann haben wir gewonnen; denn Heinrich kann ihm nicht Stand halten, zumal wenn ihm von Seiten der Patrioten redlich in die Hände gearbeitet wird. Und das mß geſchehen! Wir dürfen jetzt nicht länger thatlos ſeufzen und auf Erlöſung hoffen, wir müſſen handeln.“ „Was meinen Sie denn, lieber Graf, was wir thun ſollen, thun können?“ fragte der Magiſter. Wir müſſen eine Verſchwörung zu dem Zwecke or⸗ ganiſiren, die Beſatzung Dresdens zu entwaffnen, ſobald die Oeſterreicher vor ſeinen Thoren erſcheinen.“ „Der Gedanke iſt eines Patrioten würdig,“ ſagte der Inſpector;„aber nicht ausführbar wegen der Argus⸗ augen der preußiſchen Polizei. Um Gotteswillen, lieber Graf, laſſen Sie dieſen Gedanken gegen keinen Menſchen weiter laut werden. Der Verrath lauert überall, und wehe Ihnen, wenn Ihr Plan verrathen würde. Geben Sie ihn auf!“ 30 „Und was ſagen Sie dazu, Magiſter?“ fragte der Graf. „Ich bin ganz der Meinung meines alten Freun⸗ des. Ich bitte Sie, den Gedanken nicht weiter zu nähren; ich beſchwöre Sie, an Ihre edle Mutter zu denken, die das Verderben ihres einzigen Sohnes nicht überleben könnte.“ Der junge Graf ſchwieg verdroſſen. „Um nicht das Zunächſtliegende über dem Ferner⸗ liegenden zu vergeſſen,“ nahm der Gallerie⸗Inſpector nach einer Pauſe das Wort;„den armen Gefangenen wird jede Minute zur peinlichen Stunde; wir wollen zu Doris gehen.“ „Zu der Malerin?“ fragte der Graf lebhaft;„die iſt bei meiner Mutter.“ „Dann ſuchen wir ſie dort auf,“ erklärte der Ma⸗ giſter;„die Frau Gräfin wird gewiß unſere Zudringlich⸗ keit durch den Zweck unſeres Kommens entſchuldigt finden.“ „Sie ſind ihr ja immer willkommen,“ ſagte der Graf;„kommen Sie, meine Herren, ich begleite Sie. Doch zuvor muß ich mich bei Mutter Cagiorgi nach mei⸗ nen Schützlingen erkundigen. Mutter“— redete er die Wirthin an—„war nicht eine kleine Zitherſpielerin mit einem blinden Greiſe hier? Ich hieß ſie hierher gehen 6 34 und Schutz bei Ihnen ſuchen, bis ich käme, ſie abzu⸗ holen.“ „Um dieſer willen ſuchen wir eben Doris auf, denn ſie ſind die Gefangenen, von denen wir ſprachen,“ ſagte der Magiſter und erzählte den Vorfall von vorhin. „So haben ſie ſie doch noch in ihre Klauen bekom⸗ men, denen ich ſie ſchon einmal entriß,“ äußerte der Graf, als der Magiſter ſchloß.„Hören Sie, was mir mit dem armen Kinde begegnete. Um etwas Genaues von der Affaire bei Zorndorf zu erfahren, ging ich nach Tiſche in die Weinſtube von Seconda am Altmarkt, wo meiſt preußiſche Offiziere verkehren. Ich fand dort den zwar äußerſt preußiſch⸗geſinnten, aber ebenſo gelehrten Haupt⸗ mann von Archenholtz, mit dem ich öfter bei meiner Mut⸗ ter zuſammengekommen bin. Zu dieſem ſetzte ich mich und unterhielt mich mit ihm. Wie wir eben in der lebhaf⸗ teſten Unterhaltung ſind, tritt ein junges, bildſchönes Mädchen mit einer Zither an der Hand eines blinden Greiſes ein und bittet um die Erlaubniß zu ſpielen. Die Erlaubniß ward gern ertheilt, und das Kind ſpielte und ſang zu Aller Ergötzen. Die wundervolle Schönheit des Mädchens noch mehr, als ihre Stimme, zog alle Augen auf ſie. Unter den Gäſten befand ſich auch der Platzmajor von Retzow mit ſeinem geheimen Agenten, dem berüch⸗ tigten Menzel. Dieſe Beiden verwandten kein Auge von der lieblichen Erſcheinung. Ich kenne den Major; er iſt ein Don Juan, dem keine Unſchuld heilig iſt, und weiß, daß Menzel ihm ebenſo eifrige Dienſte als Polizei⸗Agent wie als Kuppler leiſtet. Ich zitterte für das Mädchen und hatte ein wachſames Ange auf die Beiden. Ich ſah, wie ſich Merzel ihnen allmälig näherte, während der Major ſich in das hintere Zimmer zurückzog. Ich konnte nicht umhin aufzuſtehen und mich in die Nähe der Zither⸗ ſpielerin zu ſetzen. Da ſah und hörte ich, wie Menzel ihr einen Thaler in die Hand drückte und ſie mit dem Greiſe aufforderte, mit ihm in das hintere Zimmer zu gehen, ein Glas Wein mit ihm zu trinken. Allein das Mädchen ſchlug die Einladung aus.„Wir können keinen Wein trinken,“ ſagte ſie;„wenn Er uns aber eine Wohlthat erzeugen will, ſo ſag' Er uns, ob Er nichts von einem Soldaten, Namens Hertwig, weiß.“ Der Agent that, als ſänne er nach, und erwiederte dann, er könne ſich nicht auf keinen Soldaten dieſes Namens beſinnen.„Wo ſoll er denn her ſein?“ fragte er,„und warum fragſt Du nach ihm?“ Das Mädchen erzählte mun mit Thränen in den Augen:„Es iſt mein Vater, nach dem ich frage. Er war Steiger auf der Grube Himmelsfürſt bei Freiberg und hatte einen blinden Vater und fünf Kinder zu er⸗ nähren. Weil er ein guter Sachſe war, der ſeinen recht⸗ mäßigen Landesherrn liebte, haßte er die Preußen und konnte dieſen Haß ſchwer verbergen. Einſt ließ er ihn zu laut werden; ein ſchlechter Menſch, der nach ſeiner Stelle trachtete, zeigte ihn an, und eh' wir uns deſſen verſahen, kamen ſechs Mann Preußen bei Nacht und holten meinen Vater aus dem Bette. Meine Mutter und vier Kinder warfen uns ihnen zu Füſſen; allein umſonſt. Mein Va⸗ ter wurde abgeführt und unter die Soldaten geſteckt. Erſt wurde er in Freiberg einerercirt, dann aber nach Dres⸗ den gebracht. Um ihn aufzuſuchen und zugleich meiner Mutter und den Geſchwiſtern Unterhalt zu verſchaffen, nahm ich die Zither und ging mit dem Großvater hier⸗ her. Ach, wenn mir nur Jemand Nachricht von meinem Vater gäbe! Die Preußen ſind doch recht hart und grauſam, daß ſie einen Vater von ſeiner Familie weg⸗ reißen und dieſe nicht einmal wiſſen laſſen, wo er iſt.“ „Kleine, wahre Deine Zunge!“ verſetzte Menzel. „Für ſolche Rede könnte ich Dich eigentlich verhaften. Aber ich habe Mitleid mit Dir; ich möchte Dich zu Dei⸗ nem Vater bringen. Ich werde mich nach ihm erkundigen; komm heute gegen Abend zwiſchen 7 und 8 an die katho⸗ liſche Kirche— wenn es möglich iſt, bringe ich Deinen Vater dorthin, oder Dich von dort weg zu ihm.“ „Das Mädchen und der Greis ergriffen die Hand des Schurken, benetzten ſie mit Thränen und baten, ſein Wort doch ja wahr zu machen. Als ſie bald darauf ſich zum Fortgehen anſchickten, ging ich ſtill voran und war⸗ tete draußen auf ſie. Ich ſagte zu ihnen, ſie ſollten um keinen Preis dem Mann Gehör geben, der ſeinen Landes⸗ herrn und ſein Vaterland ſchnöde verrathen, denn es ſei kein anderer als der Hoch⸗ und Landesverräther Menzel. Als das Mädchen das hörte, rief ſie:„O Gott ſei Dank, daß Sie uns das geſagt! Der Mann gefiel mir gleich nicht; nun ſoll er mich gewiß nicht bethören!“ Ich fagte, daß er ſie jedenfalls nicht aus dem Garne laſſen werde, und bot ihr meinen Schutz an. Ich wollte ſie zu meiner Mutter bringen; da ich aber dieſe im Angenblick von Hauſe abweſend wußte, auch einen andern dringenden Gang vorhatte, ſo wies ich meine Schützlinge zur Mut⸗ ter Cagiorgi, wo ſie mich erwarten ſollten.“ Eben hatten die Drei das Palais der Gräfin S. erreicht und traten in dasſelbe ein. Zwrites Cagitel. Die Malerin. In der Seconda'ſchen Weinſtube am Altmarkt ſaß am Morgen nach den vorerzählten Vorgängen ein junger Mann ganz allein an einem Tiſche und las in der Haude'ſchen Zeitung. Dann und wann ſah er an die Uhr, wie Einer, der Jemanden erwartet. Er ging ziemlich ſtutzerhaft gekleidet und in ſeinem Geſichte lag etwas Süßliches, Geziertes und zugleich Tückiſches, was dem ſonſt nicht unangenehmen Aeußeren Eintrag that. Als er die Zeitung durchgeleſen, trat er an das Fenſter und ſchaute mit der Miene ſteigender Ungeduld hinaus. Endlich ward ſeine Erwartung durch den Eintritt des Polizeiagenten Menzel befriedigt, der ſtraks auf ihn zukam, ihm die Hand reichte und ſagte:„Ich habe Sie lange warten laſſen, Freund Oeſterreich; aber Sie wiſſen, Herrendienſt geht vor Gottesdienſt. Nun, wie ſteht's im 36 gräflichen Hauſe? Welche Relation haben Sie mir zu machen? Doch zuerſt laſſen Sie uns Platz nehmen.“ Sie ſetzten ſich abſeits von andern Gäſten nieder, und nachdem ſie ſich mit einer Flaſche Wein verſahen, begann Oeſterreich: „Von dem Complot, mit dem der junge Graf um⸗ geht, habe ich noch nichts Näheres erfahren können. Er mißtraut mir, darum beobachtet er gegen mich ein tiefes Schweigen, wie es ſonſt nicht in ſeiner Art liegt. Wahr⸗ ſcheinlich hat ihn der Magiſter Starke gegen mich ein⸗ genommen. Aber ich will ſchon noch hinter die Geſchichte kommen. Etwas Anderes jedoch habe ich Ihnen zu mel⸗ den. Geſtern Abend war die Malerin, die hier nur unter dem Namen Doris bekannt iſt, bei der Gräfin. Da kam der Magiſter Starke mit dem Gallerie⸗Inſpector Riedel in großer Haſt und forderten ſie auf, ſich bei dem Gon⸗ verneur für eine kleine Zitherſpielerin aus dem Gebirge zu verwenden, die geſtern von Ihnen, Herr Commiſſarius, und drei Grenadieren im Italieniſchen Dörfchen verhaftet worden ſei, weil ſie ein Spott⸗ und Schimpflied auf die Preußen geſungen, oder vielmehr weil die Kleine das Unglück gehabt, vor den Augen des Herrn Platzmajors Gnade zu finden.“ „Verwünſcht!“ fiel Menzel ein—„und wie nahm die Malerin die Aufforderung auf?“ 37 „„Natürlich mit allem Feuer einer ſo enthuſiaſtiſchen Natzr, wie ſie iſt, zumal da die Aufforderung von dem Magiſter, dem geheimen Abgott ihrer Seele, kam. Sie wäre lieber ſofort zu dem Gouverneur geeilt, für den ſie malt und der ihr Talent bewundert; aber die Zeit war ſchon zu weit vorgerückt, und ſo verſchob ſie ihr Werk bis auf heute Morgen. Deshalb hätte ich gewünſcht, Sie eher zu treffen, um Sie zu warnen, bevor der Gouverneur die Geſchichte aus dem Munde der Malerin erfährt. Wer weiß, ob ſie nicht in dieſem Augenblick Audienz bei ihm hat.“ Der Agent ſtand auf und ſagte;„Da iſt keine Zeit zu verlieren der Intrigue entgegenzuarbeiten. Ich treffe Sie in einer Stunde wieder hier und eile zum Platzma⸗ jor.“ Er warf einen Thaler für den Wein auf den Tiſch und verließ das Zimmer. Eine Stunde ſpäter war er in der That wieder da. „Es war wirklich die höchſte Zeit, daß ich kam, den Ma⸗ jor von der Gefahr zu benachrichtigen, die ſeinem Aben⸗ teuer drohte,“ meldete Menzel.„Er hatte nichts Eilige⸗ res zu thun, als Veranſtaltung zu treffen, daß die Zither⸗ ſpielerin mit dem blinden Alten ſcheinbar zur Stadt hinaus eskortirt würden, in Wahrheit aber an einem nur dem Major und mir bekannten Ort in Sicherheit ge⸗ bracht. Kaum war dies geſchehen, ſo kam eine Ordre des — Gouverneurs, daß die Gefangenen mit Ausnahme des Malers, der bis auf Weiteres in Gewahrſam zu behal⸗ ten ſei, ſofort entlaſſen werden ſollten. Ich habe dem Major natürlich nicht verſchwiegen, wem er den ihm ge⸗ leiſteten Dienſt verdankt. Sie können verſichert ſein, Oeſterreich, daß er all ſeinen Einfluß aufbieten wird, Sie vortheilhaft zu placiren. Beweiſen Sie uns nur fer⸗ ner Ihre Ergebenheit, namentlich halten Sie ein ſcharfes Auge auf das, was im gräflichen Hauſe vorgeht. Aber jetzt ſagen Sie mir, was wiſſen Sie von der Malerin? Kennen Sie ſie näher?“ Oeſterreich ſchwieg eine Weile, dann antwortete er: „Ja wohl kenne ich ſie.“ „Kennen Sie ihre Herkunft, ihren ganzen Namen, ihre eigentlichen Verhältniſſe?“ fragte Menzel weiter. „Ich kenne ihre ganze Geſchichte,“ erwiederte Oe⸗ ſterreich;„ſie ſtammt aus meiner Gegend, aus der tief⸗ ſten Niedrigkeit. Ihr Vater war urſprünglich Schulmei⸗ ſter in einem der Gräfin S. gehörigen armſeligen Dorfe, wurde aber abgeſetzt und ergab ſich der Wilddieberei. Die Gräfin, oder vielmehr der Magiſter, der ſich für die Dirne intereſſirte, zog ſie aus ihrem Elende und wies ihr Mittel und Wege ihr großes Talent zur Malerei auszubilden. Da hat ſie denn ſolche Fortſchritte gemacht, —,———— daß ſie nach wenig Jahren bereits als eine geſuchte Künſt⸗ lerin daſteht.“ „Das iſt in der That zu bewundern,“ nahm Men⸗ zel das Wort.„Wie ich höre, ſoll die Perſon auch ſehr ſchön ſein, aber auch verteufelt tugendhaft?“ Heſterreich verzerrte ſein Geſicht zu einem hämiſchen Zuge und ſagte dann:„Schön iſt ſie, das muß ihr der Neid laſſen, aber von ihrer Tugend wollen wir ſchweigen.“ „So! Ich möchte ſie einmal ſehen!“ „Dann brauchen Sie nur auf die Bildergallerie zu gehen, wo ſie den größten Theil des Tages arbeitet. Ge⸗ genwärtig copirt ſie die ſiſtiniſche Madonna für den Gouverneur.“ „Neulich war ich mit dem Major oben,“ ſagte Menzel,„aber der grobe Inſpector ließ uns nicht in das Zimmer der Madonna. Es arbeite dort eine Perſon für den Herrn Gonverneur, ſagte er, die nicht geſtört werden dürfe. Das war alſo die Doris. Kann man ſie denn ſonſt nirgends ſehen?“ „Das wird ſchwer halten,“ ſagte Oeſterreich;„ſie lebt äußerſt eingezogen in einem meiner Gräfin gehörigen Hauſe am Judenhofe. Dort hat ſie Niemand um ſich als eine alte Frau. Kein Mann hat bei ihr Zutritt, ich glaube ſelbſt der Magiſter nicht. Sie lebt ausſchließlich 40 ihrer Kunſt und beſucht Niemanden als die Gräfin und die Familie des Inſpectors Riedel.“ „Miſcht ſie ſich nicht in Politik, da ſie mit dem Magiſter und der gräflichen Familie ſo nahe bekannt iſt?“ „Ich glaube nicht; doch kann man nicht wiſſen.“ „Man müßte immer ein Auge auf ſie haben,“ meinte Menzel. „Das thu' ich ſchon,“ ſagte Oeſterreich;„Argus ſelbſt könnte ſie nicht ſchärfer beobachten als ich. Ich habe guten Grund dazu.“ „Sind Sie verliebt in ſie?“ fragte Menzel. „Im Gegentheil, ich haſſe ſie!“ „Haſſen— warum?“ 3 „Ich habe guten Grund dazu.“ Menzel fixirte den Sprecher. Nach einer Weile lä⸗ helte er verſchmizt und ſagte:„Sie hat Ihnen gewiß einen Korb gegeben.“ Oeſterreich warf ſich geckenhaft in die Bruſt und ver⸗ ſetzte:„Wie können Sie das von mir glauben, Herr Com⸗ miſſarius? Forſchen Sie nicht weiter nach der Urſache meines Haſſes! Genug, ich haſſe dieſes Weib und könnte ſie vernichten.“ „Dann ſind Sie der beſte Spion für ſie, und ich brauch' Ihnen keine Wachſamkeit in Bezug auf ſie zu ——— 41 empfehlen,“ ſagte Menzel.„Zetzt ſagen Sie mir etwas Näheres über den Magiſter. Wo iſt er her? Was war er früher? Wie kommt er zur Gräfin S.7 Und wovon lebt er jetzt?“ „Viel Fragen in einem Athem,“ verſetzte Oeſter⸗ reich.„Der Magiſter iſt ein geborener Leipziger. Sonſt weiß ich nur, daß er Theologie ſtudirt hat und Erzieher des jungen Grafen war. Nachdem er dieſen ausgebildet und mit ihm Reiſen gemacht hatte, kam er als Hilfsgeiſt⸗ licher in das Dorf, aus dem Doris ſtammt— dort hieß ſie Dore— ſpäter ward er Paſtor auf einem Dorfe der Gräfin in der Gegend von Döbeln; aber das Predigen griff ſeine Bruſt zu ſehr an, und darum legte er ſeine Stelle nieder. So wenigſtens gab er an; ich glaube aber, er that es der Doris zu Liebe, die er als Paſtor nicht heirathen könnte.“ „Warum?“ fragte Menzel. „Je nun— das hat auch ſeinen guten Grund,“ er⸗ wiederte Oeſterreich.„Laſſen wir ihn beiſeit— genug, der Magiſter legte ſeine ſchöne Pfarrſtelle nieder und zog, ſeiner geliebten Doris nach, gen Dresden.“ „Aber wie Sie vorhin ſagten, darf er ſie nicht ein⸗ mal in ihrer Wohnung beſuchen?“ warf Menzel ein. „Das iſt des Decorums wegen,“ antwortete 1859. XX. Die Malerin von Dresden. 3 Oeſterreich;„ſie ſehen ſich zuweilen bei der Gräfin oder bei Riedel's.“ „Hat der Magiſter Vermögen, wovon er leben kann?“ „Er hat Antheil an einer Leipziger Großhand⸗ lung, die ſeinem Vater gehörte. Davon bezieht er eine ſchöne Rente. Sonſt treibt er auch Schriftſtellerei.“ „Er iſt ein Freund Leſſing's und Ewald's von Kleiſt, hat auch ſelbſt einige Oden auf den großen Kö⸗ nig drucken laſſen, danach ſcheint er nicht in das Horn ſeines ehemaligen Zöglings zu blaſen. Der Platzmajor hat mir auch ausdrücklich befohlen, ihn unbeirrt zu laſſen.“ „Und doch iſt er auch gefährlich,“ äußerte Oeſter⸗ reich.„Daß er den großen König bewundert, das iſt wahr; aber doch hält er ſich zu den ſogenannten Patrio⸗ ten, welche das Ende der preußiſchen Herrſchaft in Sachſen wünſchen und dieſe für Uſurpation halten.“ „Man müßte einen Beweis dafür haben, um ihn mit auf die Liſte der Verdächtigen zu bringen,“ erklärte Menzel. „Beweis genug iſt ſein Umgang mit den enragirten „Patrioten“. Trafen Sie ihn nicht ſelbſt mit bei der Mutter Cagiorgi?“ „Allerdings— ihn und den Gallerie⸗Inſpector; aber beide ſtehen zu gut bei den preußiſchen Behörden ange⸗ 43 ſchrieben, als daß man ihnen ohne erhebliche Verdachts⸗ momente etwas anhaben könnte. Indeß werde ich die Kneipe der Cagiorgi zukünftig ſchärfer überwachen. An dem Maler, den wir dort mitgefangen, haben wir, glaube ich, einen guten Fang gemacht. Er iſt ein Bramarbas; wenn wir ihm einige Tage Dunkelarreſt bei Waſſer und Brod geben, wird er uns beichten, was er weiß, und mehr. Wer weiß, erhalten wir dadurch nicht die Fäden der im Gange ſein ſollenden Verſchwörung in die Hand.“ „Das wäre herrlich,“ ſagte Oeſterreich;„ſehen wir zu; ich meinerſeits werde nicht ermüden, dem Com⸗ plot auf die Spur zu kommen.“— Wir überlaſſen die Beiden ihrem Geſpräche und wenden uns einer beſſern Geſellſchaft zu. Genau um die⸗ ſelbe Stunde tröfen wir in dem Rafaelzimmer der Bil⸗ dergallerie den Magiſter Stark mit dem Inſpector Riedel vor der Staffelei, auf welcher die von Doris bald vollen⸗ dete Copie der ſiſtiniſchen Madonna ſteht. „Kann man nicht ſtolz ſein auf eine ſolche Schüle⸗ rin?“ fragte der Inſpector den Magiſter, nachdem ſie die Copie eine Zeit lang geprüft.„Bleibt die Copie in irgend einem weſentlichen Stücke hinter dem Original zurück?“ „Nicht daß ich wüßte,“ erwiederte der Magiſter, und eine Thräne ſpiegelte ſich in ſeinem Auge. 3* 44 „Ich habe manchen tüchtigen Schüler gebildet,“ fuhr Riedel fort,„aber keiner hat mir ſo große Freude gemacht, wie dieſe Schülerin, die Sie mir zugeführt!“ „O wie danke ich Gott, daß er mich einen ſo treff⸗ lichen Meiſter für ein ſo ſchönes Talent finden ließ! Und wie danke ich Ihnen, daß Sie es ſo freudig und ſo herrlich ausgebildet!“ „Der größte Dank gebührt Ihnen, mein Freund, weil Sie dieſe Perle aus dem Schutt gegraben,“ verſetzte der Inſpector.„Ohne Ihre Dazwiſchenkunft wäre ſie wohl in ihrer traurigen Waldhütte verkümmert.“ „Dieſes Verdienſt, wenn es anders eins iſt, theile ich mit der Gräfin S.,“ verſetzte der Magiſter. „Ihnen gehört der größte und wichtigſte Theil,“ behauptete der Inſpector. „Wie,“ entgegnete der Magiſter,„wenn bei dem, was ich für dieſes Weſen that, die Schönheit des Weibes eine größere Rolle ſpielte, als die Größe des Talentes? Wenn ich die Perle darum nur aus dem Schutt heraus⸗ holte, um ſie ſchön geſäubert und gefaßt mir zuzueignen?“ „Wer möchte Ihnen das verargen, Magiſter? Ja offen geſtanden, lieber Freund, es hat mich ſchon längſt gewundert, daß Sie ſich nicht in den vollen Beſitz die⸗ ſer Perle ſetzten, die ſich Ihnen gewiß gern zu Eigen gäbe?“ „Glauben Sie?“ fragte der Magiſter und ſah den Inſpector mit leuchtenden Blicken an. „Man müßte blind und taub ſein, wenn man nicht ſehen wollte, wie Doris nur Augen für Sie hat, ſobald Sie in ihren Geſichtskreis treten, und wenn man die Begeiſterung überhören ſollte, mit der ſie von Ihnen ſpricht.“ „Und doch— Freund, ich will Ihnen ein Geſtänd⸗ niß machen; ich weiß, ich kann dies vor keiner würdige⸗ ren Autorität thun, als vor Ihnen: ich habe Doris um ihre Hand gebeten, und ſie hat ſie mir verweigert—“ „Unmöglich!“ rief der Inſpector. „Sie hat ſie mir verweigert, ſage ich Ihnen,“ wie⸗ derholte der Magiſter.„Wohl glaubte ich aus manchem Zuge mit Sicherheit abnehmen zu dürfen, daß ihr Herz mir gehöre, wie das meine längſt für ſie geſchlagen, ohne daß ich es ſie merken ließ, bis eine einzige große und heilige Stunde meinen Lippen das Geſtändniß vor ihr entlockte und ich ſie bat, den ſchönſten aller Kränze in mein ſtilles Leben zu ſchlingen. Schon glaubte ich an dem Erbeben der ganzen ſüßen Geſtalt, an ihrem Erglühen und dem Wogen ihrer Bruſt, an ihren feuchten Blicken die Vorboten der ſeligſten Erhörung erkennen zu müſſen, als ſie meine Hand mit ſtürmiſcher Haſt an ihren Mund führte und unter ſtrömenden Thränen erklärte, daß ſie 46 mein Weib nicht werden könne, weil ſie meiner nicht würdig ſei! Vergebens war mein Proteſtiren gegen dieſe Behauptung, ſie blieb dabei, und ich mußte ſie gewäh⸗ ren laſſen.“ „Wunderliches Weſen!“ verſetzte der Inſpector kopſſchüttelnd;„da mag der Teufel daraus klug werden.“ In dieſem Augenblick ging die Thüre auf und eine Dame ſchwebte herein. Eine hohe Geſtalt von wunder⸗ herrlichem Ebenmaß der Formen und untadelhafter Hal⸗ tung; ein Angeſicht vom reinſten Schönheitsadel. Sie mochte den mittleren Zwanzigen angehören. Ein ernſter matronenhafter Zug verſchmolz ſich mit der zarten Jung⸗ fräulichkeit ihres Antlitzes. In ein einfaches, doch elegan⸗„ tes Kleid gehüllt, ging ſie auf die beiden Freunde zu und ſagte ſich leicht verneigend mit wohllautender Stimme: „Ich dachte wohl, daß ich Sie hier finden würde Sie werden begierig ſein, den Erfolg meiner Sendung zu er⸗ fahren.“ „Nun, wie iſt er ausgefallen?“ fragte der Inſpec⸗ tor ihr die Hand reichend. „Ganz gut,“ antwortete ſie;„der Gouverneur ließ mich ſogleich vor und hörte mich äußerſt gütig an. Erſt billigte er die Arretur der Zitherſpielerin und des Ma⸗ lers. Als ich ihm aber das unzurechnungsfähige Alter des Mädchens vorſtellte und daranf hindeutete, wie we⸗ . „* nig es im Geiſte des großen Königs gehandelt ſei, ein ſolches Kind als politiſche Verbrecherin zur Rechenſchaft zu ziehen, rief er im Soldatentone: So mag ſie in Got⸗ tes Namen laufen. Sogleich fertigte er die Ordre aus, die Kleine mit ihrem blinden Großvater zu entlaſſen, und ſchickte ſie dem Platzcommandanten. Ich wäre lange ſchon hier, hätte er mich nicht eingeladen, ſeine Gemälde⸗ ſammlung mit anzuſehen und über einige neu erſtandene Bilder meine Meinung zu ſagen. Dann erſt entließ er mich mit größter Artigkeit.“ Die beiden Männer dankten für ihre erfolgreiche Vermittelung.„So weit wäre Alles gut,“ ſagte der Ma⸗ giſter;„aber wir dürfen das nicht genug ſein laſſen. Bei dem Gewerbe, das die Kleine jetzt treibt, iſt ſie doch im⸗ mer wieder den Nachſtellungen ihrer Feinde ausgeſetzt und kann ſie nur zu leicht doch noch in ihre Schlingen fallen. Wir müſſen ſie dagegen ſicherzuſtellen ſuchen.“ „Das beſte Mittel hierzu,“ meinte der Inſpector, „wäre das von dem jungen Grafen angegebene, nämlich: das junge Mädchen in das Haus der Gräfin Mütter zu bringen und es ganz unter deren Schutz zu ſtellen.“ „Die hohe Frau wird es mit Frenden aufnehmen,“ ſagte Doris— denn das war die Dame;„ſie wird auch die Angehörigen der Kleinen unterſtützen— meinen Sie nicht, Herr Magiſter?“ „Gewiß,“ gab dieſer zur Antwort,„gewiß, meine liebe Freundin. Wir wiſſen ja, wie gern die edle Frau zu ſolchen Liebeswerken ihre Hand bietet. Ich werde ge⸗ hen, die Kleine mit ihrem Großvater aufzuſuchen, wahr⸗ ſcheinlich ſind ſie zunächſt zur Mutter Cagiorgi gegangen. Finde ich ſie, ſo führe ich ſie gleich zur Gräfin.“ Doris ſah den Magiſter mit einem Blick an, in dem die imigſte Verehrung lag und welcher zugleich zu ſagen ſchien: Du biſt doch immer bei der Hand, wenn es gilt einem Unglücklichen beizuſtehen. Er reichte ihr die Hand und verabſchiedete ſich. Der Inſpector gab ihm das Geleit vor die Thür.„Laſſen Sie ſie nicht merken, was ich Ihnen vorhin geſtanden,“ hat der Magiſter den Inſpector. „Ich möchte gern den Brautwerber für Sie bei dieſem wunderlichen Mädchenkopf machen,“ verſetzte der Inſpec⸗ tor;„weiß ich doch, daß es nur der eigenſinnige Kopf, nicht das Herz iſt, welches Ihrem Antrage widerſtrebt.“ „Laſſen Sie ſie nur,“ ſagte der Magiſter„Zeden⸗ falls handelt ſie aus einem Grundſatz, den wir ehren müſſen, wenn wir ihn auch nicht theilen, vielleicht nicht einmal verſtehen. Auf Wiederſehen, mein wackerer Freund!“ Er war noch gar nicht weit gegangen, als ihm der junge Graf S. faſt athemlos entgegen kam.„Gut, daß — — — 49 ich Sie treffe, Magiſter. Hören Sie nur, welch' neues Bubenſtück gegen die kleine Zitherſpielerin ausgeführt worden. Der Major von Retzow muß Wind erhalten haben, daß ein Befehl des Gouverneurs ihm ſeine Beute entwinden ſolle. Noch ehe er dieſen Beſehl erhalten haben kann, hat er das Mädchen mit ihrem Großvater fort⸗ gebracht— nur aus der Stadt hinaus eskortiren laſſen, heißt es, aber ich bin überzeugt, daß dies blos eine Finte iſt. Ich habe wenigſtens auf dem Wege, den ſie genommen haben ſollen und auf welchem ich ihnen zu Pferde nachſprengte, keine Spur von ihnen entdeckt. Sa⸗ gen Sie, Herr Magiſter, was iſt da zu thun?“ „Vor allen Dingen,“ verſetzte der Magiſter,„müſſen wir uns Ruhe anſchaffen, um mit Klarheit überlegen zu können. Kommen Sie mit zur Mutter Cagiorgi, da wol⸗ len wir die Sache berathen.“ Sie gingen dorthin. Da ſie keine andern Gäſte vor⸗ fanden, ſo konnten ſie ganz ungeſtört berathen. Da man aber gar kein Anhalten hatte, wo die Gefangenen hinge⸗ bracht worden ſein könnten, ſo konnte man zu keinem an⸗ dern Beſchluß kommen, als zuvörderſt alle möglichen Nachforſchungen nach dem Aufenthaltsort derſelben an⸗ zuſtellen. Prittes Caitrl. Eine Verſchwörung. Ein Deſerteur. Die kleine Zitherſpielerin, die Emma Hertwig hieß, war mit ihrem blinden Großvater in der That aus der Stadt hinaus eskortirt worden. Vor dem Thor aber hatte 3 man ſie von einander getrennt, und während man den blinden Greis auf einen Leiterwagen geſetzt, der in der Richtung nach Keſſ elsdorf und Freiberg fortfuhr, hatte ſich Emma in eine verſchloſſene Kutſche gehoben und in eine ganz andere Richtung weggeführt gefühlt. Anfangs war ſie vor Beſtürzung faſt bewußtlos geweſen. Als ſie zu ihrer vollen Beſinnung gekommen, hatte ſie wahrgenom⸗ men, daß ſie ganz allein in dem finſtern, verdeckten Wagen geweſen. Sie hatte einen Verſuch gemacht herauszuſprin⸗ gen, allein ſie hatte keinen Schlag öffnen können. Verge⸗ bens hatte ſie aus Leibeskräften nach Hilfe geſchrieen. Eine Zeit lang war der Wagen auf ungepflaſtertem Wege . 5 gefahren, dann aber hatte ſie ihn wieder über ein ſehr holperiges Pflaſter raſſeln fühlen. Endlich war er ſtehen geblieben; der Kutſchenſchlag hatte ſich geöffnet; ein un⸗ bekannter Mann hatte ſie herausgehoben und in ein Haus geführt, wo er ſie einer behäbig ausſehenden, in rauſchen⸗ den Atlas gekleideten Frau als„ihre neue Pflegetochter“ übergeben hatte. Die Frau hatte das arme Kind mit einer ſalbungsvollen Rede begrüßt und dann auf ein Zimmer gebracht, das ganz nett ausſtaffirt war und Emma als Wohnung angewieſen ward. Hier ſaß Emma ganz allein gelaſſen in einem Zu⸗ ſtande, der an Betäubung grenzte. Sie wußte nicht, was ſie von dem ihr zuletzt Begegneten denken ſollte. War ſie aus einem Kerker in einen andern gekommen? Und was war aus dem guten Großvater geworden? Wie ein Kerker ſah ihr neuer Aufenthaltsort eben nicht aus. Es war ein allerliebſtes Stübchen mit ſchneeweißen, feinen Vorhängen, einem glänzendweiß überzogenen Bette und ſonſtiger an⸗ ſtändiger Ausſtattung. Und das ſollte ihre Wohnung ſein, die Wohnung des armen Bergmannskindes, das bisher nur in der verräucherten Stube eines alten Zechenhauſes gewohnt hatte. Aber ſie war eingeſchloſſen— alſo doch eine Gefangene. Ihr ward bange und mit jeder Minute bänger. Sie mußte bitterlich weinen. Endlich kam die Frau wieder, die ſie empfangen 52 hatte.„Warum weinſt Du denn, liebes Kind?“ redete ſie das Mädchen an;„wenn Du wüßteſt, welches Glück Dir widerfahren, ſo würdeſt Du nicht weinen. Du weißt nicht, auf weſſen Veranſtaltung Du hierher gekommen biſt. Du erinnerſt Dich doch wohl des jungen ſchönen Herrn noch, der Dich geſtern bei Seconda's getroffen und ſpäter zu der Cagiorgi im Ztalieniſchen Dörfchen gewieſen?“ „O ja,“ erwiederte Emma, ihre Thränen trocknend; „der Herr ſprach ſo liebreich mit mir, es war gewiß ein guter Herr, der es gut mit mir meinte. „Gewiß,“ betheuerte die Frau;„mun ſieh', dieſer gute Herr hat Deine Befreiung aus der Wache und von dem ſchweren Gericht, das Dir drohte, ausgewirkt und Dich hierher in Sicherheit und Pflege gebracht.“ „Aber warum hat er mich denn von meinem Groß⸗ vater getrennt?“ wandte Emma ein;„wenn er etwas für mich thun wollte, konnte er mich mit dieſem ein Stück fortfahren laſſen nach meiner Heimath zu.“ „Damit wäre Dir und den Deinigen wenig gehol⸗ fen geweſen,“ erwiederte die Frau.„Der Herr Graf— denn ein Graf iſt Dein großmüthiger Beſchützer— nimmt einen wärmeren Antheil an Dir, als Du glaubſt; er will Dich einem Gewerbe entreißen, in dem Du leicht unter⸗ gehen kannſt. Du biſt ſo hübſch und die Welt iſt ſo böſe. Ach, es wäre doch Jammerſchade um ſo ein allerliebſtes 53 Geſchöpf, wenn es in die Schlingen der argen Welt fiele. Vor dieſem Schickſal biſt Du hier nun bewahrt. Hier haſt Du Deine gute Pflege, ich werde Mutterſtelle an Dir vertreten; der Herr Graf wird Dir ſchöne Kleider geben und Dich ausbilden laſſen in Allem, wozu Du Luſt und Talent haſt. Du ſollſt ſo hübſch ſingen; der Herr Graf wird Dir einen Geſang⸗ und Klavierlehrer ſchicken, der Dein muſikaliſches Talent weiter ausbildet.“ Die Mienen des jungen Mädchens erheiterten ſich. „Iſt das wahr?“ fragte ſie lebhaft—„das wäre herr⸗ lich!“ „Du wirſt ſehen,“ antwortete die Frau. „Aber was wird aus meinem armen Großvater, was aus meiner Mutter und meinen Geſchwiſtern?“ fragte ſie minder traurig werdend. „O darum ängſtige Dich nicht!“ ſagte die Frau. „Deinen Großvater hat der Herr Graf nach Hauſe fah⸗ ren laſſen, und Deiner Mutter wird er eine Unterſtützung ſchicken, die ſie gegen Noth und Sorgen ſicherſtellt.“ „O der gute Herr Graf!“ rief das Mädchen. „Du wirſt hungrig ſein,“ ſagte die Frau hierauf; „komm' mit auf mein Zimmer, da wollen wir zuſammen frühſtücken.“ Emma folgte der Frau in ein Zimmer, das mit ei⸗ nem von ihr noch nie geſehenen Lurus ausgeſtattet war. » 54 Sie mußte ſich an einem mit verſchiedenen kalten Speiſen, wahren Leckerbiſſen für ſie, beſetzten Tiſch niederlaſſen. Die Frau nahm ihr gegenüber Platz und legte ihr vor. Die Art, wie dies geſchah und wie ſie ſonſt mit dem un⸗ erfahrenen Kinde umging, war wohl geeignet, deſſen Ver⸗ trauen zu gewinnen. Nach dem Frühſtück erſchien die Schneiderin und nahm Emma das Maß zu neuer Bekleidung, dann ſchloß ihre Pflegerin ein Bibliothekſchränkchen vor ihr auf und lud ſie ein, ſich von den darin aufgeſtellten elegant gebun⸗ denen Büchern zum Leſen zu wählen, was ihr beliebte. Emma nahm ſich Hagedorn's Gedichte, mit welchen ſie die Frau allein ließ. Zwei Tage ſpäter prangte Emma's ſchöne Geſtalt in Sammt und Seide. Da erſchien zum erſtenmal auch der verheißene Geſang⸗ und Klavierlehrer in der Perſon des Privatſekretärs der Gräfin S., des den Leſern zur Genüge bekannten Oeſterreich. Er begann ſeinen Unter⸗ richt an einem guten Silbermannſchen Inſtrument; die Silbermannſchen Klaviere waren damals die beſten in der Welt. Der Comfort, den Emma genoß, die Ausbildung, die ihrem Talente gegeben wurde, und die freundliche Be⸗ handlung, die ihr von Seiten ihrer Pflegerin, welche eine Witwe Reibold war, zu Theil wurde, ſöhnten ſie bald völ⸗ 55 lig mit einer Lage aus, in die ſie ſo plötzlich wider ihren“ Willen verſetzt wurde. Zwar that es ihr zuweilen, beſon⸗ ders in einſamen Abendſtunden, bange nach Mutter und Geſchwiſtern, aber Frau Reibold ſorgte durch mancherlei kleine Zerſtreuungen dafür, daß dieſes Gefühl nicht zu mächtig wurde. Nach und nach wollte es Emma auch befremden, daß der, dem ſie ihre neue glückliche Lage verdankte, ſich nicht ein einzigesmal bei ihr ſehen ließ. Aber Frau Reibold beſchwichtigte ihre Unruhe darüber durch die Verſicherung, ihr großmüthiger Beſchützer ſei durch eine weite Reiſe, die er habe machen müſſen, behindert ſie zu beſuchen. Nichts in dem Benehmen der Reibold deutete dar⸗ auf, daß ſie mit ihrer Pflegebefohlenen irgend welche ſchlimme Abſichten habe. Sie wußte ſich völlig in das Gewand der Ehrbarkeit zu hüllen. Sie ſprach wie ein Theologe von Tugend und Sittſamkeit. Und welche ſal⸗ bungsvolle Sittenpredigt hielt ſie dem jungen Mädchen, als ſie dahinter kam, daß Oeſterreich ſich in ſeine Klavier⸗ ſchülerin verliebt hatte und dieſe ſich durch ſeine Huldigun⸗ gen geſchmeichelt fühlte.„In Deinen Jahren, mein ind,“ ſagte ſie,„wußte ich noch gar nicht, daß es zwei⸗ erlei Menſchen gab, und hätte mich ein ſolcher Affe, wie der Klavierlehrer, verliebt angeſehen, ich wäre in den finſterſten Winkel gekrochen; hätte er mich vollends gar auf die Locken geküßt, wie Herr Oeſterreich Dich, ich hätte ihm eine Schelle gegeben. Ein junges Mädchen kann nicht zurückhaltend genug ſein gegen junge Männer!“ „Alſo gegen alte braucht man's nicht zu ſein?“ wagte Emma naiv einzuwerfen. „Wenn ein junges Mädchen ſich an einen geſetz⸗ ten Mann anſchließt, ſo kann das mur zu ihrem Beſten ſein,“ ſagte die Reibold.„Ich war ſechzehn Jahre alt, da ich mich zum erſtenmal verliebte, und meine erſte Liebe zählte 45, und war Geheimſekretär im Finanzkollegium und konnte mich heirathen— das war etwas Anderes! Ich bitte Dich, ſei auf Deiner Huth! halt auf Deine Unſchuld! Sie iſt das höchſte Gut!“ Den Klavierlehrer nahm Frau Reibold beſonders vor.„Herr Sekretär,“ ſagte ſie zu ihm,„wenn Sie ſich noch einmal eine Freiheit gegen Ihre Schülerin erlauben, ſo werde ich dem Commiſſar Anzeige davon machen. Sie wiſſen, wer ſich für dieſes Mädchen intereſſirt, und das iſt nicht der Mann, der Andern in ſeinem Garten naſchen läßt.“ Dieſer Andere war kein Anderer, als der Major von Retzow. Dieſer hütete ſich wohl, ſeinem Opfer ſich zu nahen, bevor dasſelbe nicht bis zu einem gewiſſen Punkte darauf vorbereitet war. Dazu ſollte eine Schlar⸗ affenerziehung dienen, welche die ihr Unterworſene zu ewi⸗ 57 ger Abhängigkeit verurtheilte— die ihr tauſend Bedürfniſſe lehrte, ohne die Fähigkeit, ſie ſelbſt zu befriedigen. Nur dann und wann ſah der Major ſein Opfer an einem dritten Orte in einer kleinen Geſellſchaft, wobei er ſich aber von ihm fern hielt. Doch wußte er dadurch, daß er meiſt die Unterhaltung und mit großer Gewandtheit führte, Emma's Aufmerkſamkeit auf ſich zu lenken. Rur behutſam und allmälig näherte ſich der Verführer dem reizenden Geſchöpfe, deſſen Schönheit ſich täglich mehr entfaltete. Inzwiſchen gaben ſich Emma's wahre Beſchützer alle erdenkliche Mühe, ihren Aufenthalt auszukundſchaften. Sie ſchickten ſelbſt einen Boten nach ihrer Heimath, um ſich zu vergewiſſern, ob ſie nicht doch vielleicht dorthin ge⸗ bracht worden ſei. Sie erhielten die Nachricht, daß blos der blinde Großvater dort angekommen, und dieſer und die Mutter wegen der Vermißten in der äußerſten Unruhe ſeien. Die Mutter habe ſich ſchon aufmachen wollen, ihr Kind zu ſuchen, aber ſie ſei erkrankt und an das Bett ge⸗ feſſelt worden. Doris, die an dem Schickſale des verſchwundenen Mädchens den lebhafteſten Antheil nahm, hätte ſich gern an den Gouverneur gewendet, um ihn zu veranlaſſen, zum Schutz der in arge Hände Gefallenen einzuſchreiten. Der Gouverneur von Schmettau war ein fittenſtrenger, 1859. XX. Die Malerin von Dresben. 4 durch und durch ehrenhafter Charakter, der auf gute Mannszucht unter der Beſatzung hielt und Gewaltthätig⸗ keiten Seiten ſeiner Untergebenen, mochten ſie hoch oder tief ſtehen, durchaus nicht duldete. Aber wie er ſo auf die Ehre des preußiſchen Namens hielt, ſo litt er auch keine Verdächtigung gegen einen ſeiner Untergebenen, am we⸗ nigſten gegen einen hohen Offizier, welche des Beweiſes entbehrte. Eine unbewieſene Anklage gegen einen ſolchen hätte er gewiß mit Entrüſtung zurückgewieſen. Das be⸗ dachte Doris, und da man für den Verdacht hinſichtlich einer Entführung Emma's durch den Major von Retzow keinen Beweis hatte, ſo konnte ſie es nicht wagen, einen Schritt bei dem Gouverneur zu thun. Am eifrigſten war anfangs der junge Graf S. we⸗ gen ſeines verſchwundenen Schützlings bemüht. Bald aber ward derſelbe durch andere Intereſſen mehr in Anſpruch genommen. Feldmarſchall Daun hatte mit ſei⸗ ner Heeresmacht die ſächſiſche Grenze am rechten Elbeufer überſchritten und dieſelbe zwiſchen der Streitmacht des Prinzen Heinrich in und um Dresden und dem von Schleſien her kommenden Sieger von Zorndorf aufgerollt. Zetzt ſchien der äußerſten Fraction der ſächſiſchen Pa⸗ trioten in Dresden die Zeit zum Handeln gekommen. Es war an einem Oktoberabend, als ſich in einen großen Zimmer des der Gräfin S. gehörigen Hauſes 59 am Judenhofe, in deſſen zweiter Etage die Malerin Doris wohnte, eine Anzahl Männer verſammelte, um über einen Plan zu berathen, welchen der junge Graf S. in Bezug auf das Eingreifen der Patrioten in das Schickſal ihres Vaterlandes entworfen hatte. Der Plan lautete im Weſentlichen, wie folgt: 1. Jeder der Anweſenden muß auf das Evangelium ſchwören, der Sache des Vaterlandes Gut und Blut zu weihen und zu jeder That bereit zu ſein, durch welche das große Ziel, die Befreiung Sachſens von den Preu⸗ ßen, nach Beſchluß der Majorität der Verſchworenen er⸗ ſtrebt werde. 2. Zeder Verſchworene wählt in ſeinem Kreiſe eine Schaar herzhafter, patriotiſch geſinnter Männer, welche ſich bereit halten, auf das gegebene Signal an den Poſten zu eilen, der ihnen zur That angewieſen werden wird. 3. Unter den Verſchworenen werden ſechs durch's Loos ernannt, welche die Communication mit dem Ge⸗ neralſtabe des öſterreichiſchen Feldherrn herſtellen und erhalten. 8 4. Dieſem Generalſtabe wird ein genauer Plan der Befeſtigung und der Stadtanlage Dresdens mit dem Etat der Beſatzung übergeben. 5. Der Thürmer der Kreuzkirche iſt durch eine an⸗ ſehnliche Summe Geldes zu beſtechen, daß er zwei der 60 Verſchworenen zu jeder Stunde der Nacht auf den Thurm läßt. 6. Sobald der Chef der Geſchworenen aus dem öſterreichiſchen Hauptquartier die Ordre zum Handeln er⸗ hält, verfügen ſich die Verſchworenen auf die ihnen ange⸗ wieſenen Poſten, zwei auf den Kreuzthurm zum Signali⸗ ſiren durch Leuchtkugeln, die übrigen mit ihren Schaaren an das ſchwarze und Meißner Thor, um die Beſatzungen derſelben zu überfallen und gefangen zu nehmen und die Oeſterreicher einzulaſſen. Dieſer Plan ward von der Verſammlung mit eini⸗ gen Modificationen und Zuſätzen angenommen und darauf Graf S. zum Chef der Verſchworenen ernannt. Als dies geſchehen war, erhob ſich der Graf und ſprach ſeinen Dank für das ihm erwieſene Vertrauen aus, das er durch nichts anderes erwiedern könne, als durch das unbedingte Vertrauen auf ihre Vaterlandsliebe, ihren Heldemmuth, ihre Opferfreudigkeit und Verſchwie⸗ genheit. Dann ließ er die Verſammlung den Schwur auf das Evangelium leiſten und die Looſe der ſechs Boten für die Communication mit dem öſterreichiſchen Hauptquartier ziehen. Einer von den Getroffenen mußte ſich gleich den folgenden Morgen dorthin begeben und eine Depeſche an den Chef des Generalſtabes überbringen. Schließlich mußten noch alle Anweſenden feierlich geloben, von der 61 Eriſtenz der Verſchwörung gegen Niemanden eine Silbe zu verrathen, ſelbſt denen nicht, die als gute Sachſen be⸗ kannt waren, aber von einer Verſchwörung nichts wiſſen mochten. Dahin gehörten der Magiſter Stark und der Inſpector Riedel. Ferner wurde beſchloſſen, jeden dritten Tag an demſelben Orte zuſammen zu kommen, aber ſtets die äußerſte Vorſicht zu beobachten, beſonders nie in größerer Anzahl zugleich, ſondern immer einzeln zu kom⸗ men und zu gehen. Zu mehrerer Vorſicht wollte man Würfel und Geld mitbringen, und, ſobald ſich ein ver⸗ dächtiges Geräuſch an der Hausthür oder im Hauſe regen ſollte, zum Schein ein Spiel entriren, ſo daß, wenn man ja einen Beſuch der Polizei erhielte, die Geſellſchaft für einen Spielelubb gelte. Während dieſe Vorſichtsmaßregeln beſchloſſen wur⸗ den, ahnte Niemand in der Geſellſchaft, wie nahe ihnen die Gefahr der Entdeckung bereits gekommen war. Der mit der Zitherſpielerin gefangene Maler hatte, wie der Agent Menzel vorausgeſagt, von den Qualen der ein⸗ ſamen Dunkelheit und des Hungers getrieben, an dem⸗ ſelben Tage verrathen, daß eine Verſchwörung gegen die Preußen in Dresden im Werke ſei; daß die Stifter derſelben auch ihn zur Betheiligung aufgefordert und daß bereits eine Vorberathung im 1. Stock des Hauſes der Gräfin S. um Indenhofe unter der Leitung des jungen Grafen ſtattgefunden habe. Sofort wurde Menzel beauftragt, dieſes Haus ſcharf in Obacht zu nehmen. Er hatte ſich daher ſogleich mit Oeſterreich in Vernehmen geſetzt und dieſem aufgegeben, genau aufzupaſſen, um welche Stunde der junge Graf Abends das Haus ſeiner Mutter verlaſſen und wann er zurück kommen werde. Er ſelbſt war nach eingebrochener Dunkelheit in die Nähe des Judenhofs gegangen und hatte ſich an der großen Freitreppe des kurfürſtlichen Stallgebäudes, in welchem ſich die Bildergallerie befand, aufgeſtellt. Von da aus hatte er das Haus der Gräſin S. im Auge, ohne ſelbſt leicht geſehen zu werden. Er hatte nach und nach dreißig Perſonen in das Haus gehen ſehen, und ſah gegen Mitternacht ebenſoviel Perſonen dasſelbe einzeln wieder verlaſſen. Zugleich bemerkte er, wie um dieſelbe Zeit in einem der Zimmer, welche von der Ma⸗ lerin Doris bewohnt wurden, und welche bis dahin ohne Licht geweſen waren, ein ſolches ſichtbar ward. Alſo iſt ſie doch mit bei dem Complot, dachte der Späher am Stallgebäude; das iſt Waſſer auf Oeſter⸗ reich's Mühle. Erſt als der letzte von den dreißig nächt⸗ lichen Beſuchern des überwachten Hauſes ihm aus dem Geſicht entſchwunden war, verließ Menzel ſeinen Platz und ging langſam nach Hauſe. Auch Graf Camillo— ſo hieß das uns bekannte Haupt der Verſchworenen mit ſeinem Vornamen— ging 63 langſam nach ſeiner Wohnung im Palais ſeiner Mutter. Dasſelbe ſtand auf der Seegaſſe nicht fern vom Thor. Er war eben im Begriff, die Hausthür zu öffnen, als aus der nächſten Seitengaſſe ein flüchtiger Schritt, der laut auf dem Pflaſter durch die ſtille Nacht erdröhnte, ſein Ohr traf. Gleich darauf hörte er aus größerer Entfer⸗ nung den mehrſtimmigen Ruf:„Halt! Halt!“ Er ſchloß zwar auf, blieb aber horchend ſtehen. Im nächſten Augen⸗ blicke bog eine Männergeſtalt um die nahe Ecke und flog auf ihn zu.„Um Gottes willen, Herr, retten Sie mich, bergen Sie mich, ſonſt bin ich verloren!“ rief der Mann athemlos, ſchob aber, ohne auf Camillo's Entſchluß zu warten, dieſen beiſeite und ſtürzte in das Haus. Der Graf hörte, wie ſich weitere eilige Tritte der Straße nah⸗ ten der Flüchtige konnte möglicherweiſe ein verfolgter Unſchuldiger ſein— Camillo beſann ſich nicht lange, er trat in den Hausflur und ſchloß die Thür ſchnell hinter ſich zu. Er hörte, wie die Tritte draußen näher kamen, er vernahm das Geräuſch von Waffen, und wie rauhe Män⸗ nerſtimmen fluchten, weil ihnen der Verfolgte entwiſcht war. Sie kamen vor das Haus, ſie klinkten an der Thür, ſie gingen weiter und verſuchten auch an den Nachbarthü⸗ ren, ob ſie ſich öffneten. Sie waren alle verſchloſſen. Flu⸗ chend entfernten ſich die Häſcher. Wie draußen Alles ſtill geworden war, rief Camillo 6 — — 64 den geborgenen Flüchtling an:„Wer ſeid Ihr, Mann? Und was hab't Ihr verbrochen? Zrre ich nicht, ſo waren Eure Verfolger Soldaten.“ „O edler, gütiger Herr,“ antwortete der Angeredete in der Dunkelheit;„Gott lohne Ihnen tauſendmal, daß Sie ſich meiner erbarmt und mich meinen Vorfolgern ent⸗ zogen haben. ZJa, es waren preußiſche Soldaten— aber ich habe nichts verbrochen, was vor Gott ein Verbrechen wäre, und gewiß auch vor Ihnen, wenn Sie ein guter Sachſe ſind.“ „Ob ich das bin!“ ſagte der Graf;„ich will weiter mit Euch ſprechen, wenn ich Euch ſehe. ZJetzt folgt mir auf mein Zimmer! Reicht mir die Hand, ich will Euch führen.“ Der Mann gehorchte und Camillo leitete ihn treppan nach ſeinem Zimmer. Als er durch den Corridor ſchritt, der nach demſelben führte, ſah er in dem Zimmer des Hintergebäudes, wo der Sekretär Heſterreich wohnte, noch Licht und den Kopf desſelben im Fenſter.„Ich möchte nur wiſſen, was der Menſch immer zu wachen hat,“ dachte Camillo;„ſo oft ich Nachts ſpät heimkomme, iſt auch der fatale Menſch noch auf.“ Auf ſeinem Zimmer angekommen, machte Camillo ſogleich Licht. Jetzt beſchaute er ſich ſeinen Gaſt. Es war ein Mann von ungewöhnlicher Körpergröße; ein mittlerer Dreißiger und halb als Soldat, halb bürgerlich gekleidet. „Ihr ſeid gewiß ein Deſerteur,“ ſagte Camillo, nachdem er die Erſcheinung geprifft. „Ja, Euer Gnaden, das bin ich— aber ich wäre es nicht, hätte ich meinem ordentlichen Landesherrn gedient und wäre ich nicht gegen alles Recht und alle Billigkeit von Weib und Kind und Amt hinweggeriſſen und gezwun⸗ gen worden, einem Herrn zu dienen, der der Feind meines Herrn und Kurfürſten iſt. Wenn Sie ein Sachſe, ja wenn Sie nur ein chriſtlich geſinnter Herr ſind, werden Sie mich nicht ausliefern.“ „Davor ſeid Ihr ſicher, wenn Ihr wirklich nichts anderes verbrochen, als was Ihr ſagtet,“ verſicherte der junge Graf.„Jetzt ſetzt Euch und ruht Euch aus, Ihr werdet wohl müde ſein; gern wollte ich Euch auch einen Imbiß geben, aber ich habe keinen bei der Hand und mag jetzt Niemand wecken. Wenn Ihr ein wenig verſchmauſt hab't, erzählt Ihr mir Eure Geſchichte.“ Der Flüchtling ſetzte ſich auf den dargebotenen Seſſel und erzählte nach einer Weile: ch bin meines Zeichens ein Bergmann. Wie es bei uns Bergleuten geht, nahm ich mir ſchon mit 21 Jah⸗ ren ein Weib und hatte es nicht zu bereuen. Mein Weib war gut und brav und hielt unſer Weniges zu Rath, daß wir keinen Mangel litten, obgleich uns der Himmel reich⸗ 66 lich mit Kindern ſegnete. Meine Kinder waren alle ge⸗ ſund und wuchſen heran wie die Tannen. Als ich vollends Steiger auf meiner Grube ward, hatte es gleich gar keine Noth mehr bei uns, und ich war ein glücklicher und zu⸗ friedener Mann, bis die Preußen in's Land kamen, den erſten Herrn hinaustrieben und ſelbſt die Herren ſpielten. Da ward ich unwirſch und mißvergnügt. Als nun gar preußiſche Sotdaten nach Freiberg kamen und von da aus im Gebirge brandſchatzten und rekrutirten, da wuchs mir der Grimm und ich hatte keinen frohen Tag mehr. Vergebens gab ſich meine gute Frau ſammt meiner älte⸗ ſten Tochter, die gar ſchmuck und lieblich heranblühte, auch prächtig ſang und die Zither ſpielte, alle mögliche Mühe mich aufzuheitern; ich konnte meines Grolls nicht Meiſter werden. Da geſchah es manchmal, daß ich auf der Grube meinem Herzen vor den Leuten Luft machte und auf die Preußen ordentlich loszog. Dadurch ward mir leichter um's Herz. Ich machte auch ein Liedel auf die Preußen, das ich meine Tochter zur Zither ſingen lehrte. Wenn ich einmal den Kopf recht voll hatte, da* durfte ſie nur das Liedel ſingen, und gleich ward mir beſſer zu Muthe. Eines Tages aber wurden auf einer Nachbargrube die zwei tüchtigſten Häuer von den Preu⸗ ßen weggefangen und unter die Soldaten geſteckt. Das war mir zu viel. Zu allen Zeiten waren die Bergleute in ———„ ———„ 67 Sachſen frei vom Soldatendienſt, jetzt ſollten ſie es auf einmal nicht mehr ſein. Ich ging wüthend über die Unbill auf die Grube und ſprach vor dem Einfahren zu meinen Häuern:„Ihr Leute, wenn ihr das Herz auf dem rechten Fleck habtt, ſo haltet ihr mit mir zuſammen und ſtürzt den erſten preußiſchen Rekrutenſpürhund, der unſerer Grube zu nahe kommt, in den Schacht.“ Alle ſtimmten mir bei. Ich zog nun noch gehörig über das Preußenvolk los und fuhr dann ein. Die andere Nacht darauf wurde ich aus dem Bette geholt. Ein ſchuftiger Kamerad, der mir ſchon lange nach der Stelle getrachtet, hatte mich ver⸗ rathen. Ein ganzer Trupp Preußen hatte mein Häuschen umzingelt. Trotz der Bitten und Thränen meiner Familie ward ich gebunden und nach Freiberg geführt. Hier exer⸗ cirten ſie mich Se ein und führten mich dann nach Pirna zu einem Grenadierbataillon. Nichts erfuhr ich von Weib und Kind; man geſtattete mir nicht einmal an ſie zu ſchreiben. Sie haben wohl noch keine Kinder, gnädiger Herr, daher können Sie ſich keinen Begriff ma⸗ chen, was ein Vaterherz leidet, das auf ſolche Weiſe von den Seinigen geriſſen wird und ſie ohne Verſorger weiß. Als alle Bitten und Vorſtellungen, mich den Meinigen zurückzugeben, geſcheitert waren, als ich die Sorge und den Kummer um ſie und die Sehnſucht nicht mehr er⸗ tragen konnte, beſchloß ich zu deſertiren. Heute in aller 68 Frühe führte ich den Entſchluß aus. Ich verſchaffte mir dieſen alten Civilrock und floh bei Tagesanbruch aus der Stadt. Ohne mich umzuſehen, floh ich dem Gebirge zu. Von Dippoldiswalde aus nahm ich die Richtung nach dem Tharanter Wald. Durch dieſen glaubte ich ſicher in die Nähe Freibergs und meine Heimath zu kommen. Aber in dem ungeheuern Walde verlor ich den rechten Weg, ich irrte lange kreuz und quer; endlich kam ich erſchöpft von Hunger und Anſtrengung nach Tharant. Dort gehe ich, mich etwas zu erfriſchen, in das erſte beſte Haus. Die Bewohner waren gute Leute, die mir freundlich Brod und Butter und Bier reichten. Daran erquickte ich mich. Es muß mich aber ein Späher in das Haus haben ge⸗ hen ſehen; denn auf einmal ſah ic ußen heranrücken und das Haus umſtellen. So war ich bald gefangen und wurde nach Dresden gebracht. Eben vor einer halben Stunde kamen wir hier an. Ich ſollte auf die Hauptwa⸗ che im Schloſſe geführt werden. Aber in der Wilsdrufer Gaſſe gelang es mir, mich loszumachen, durch ein Seiten⸗ gäßchen zu entfliehen und vor meiner Eskorte einen gro⸗ ßen Vorſchub zu gewinnen. Glücklich erreichte ich die See⸗ gaſſe und Ihr Haus— Gott ſei Dank, daß er Sie ge⸗ rade in dieſem Augenblicke heimführen und das Haus öffnen laſſen mußte.“ Graf Camillo hatte mit dem lebhafteſten Antheil 69 zugehört. Zetzt reichte er dem Flüchtling die Hand und ſagte:„Ihr ſeid ein braver Sachſe und ich bin geſinnt wie Ihr. Ich werde Euch zu bergen wiſſen. Ihr erwähn⸗ tet vorhin Eurer Tochter und ihres Zitherſpiels. Am Ende kenne ich dieſe— heißt ſie nicht Emma und iſt Euer Name nicht Hertwig?“ Der Gefragte bejahete. „Wunderbares Zuſammentreffen!“ rief Camillo aus.„So habe ich ja den Vater meines vermißten Schützlings unter mein Dach bekommen als Schützling!“ Er erzählte dem geſpannt aufhorchenden Hertwig, wo und unter welchen Umſtänden er deſſen Vater und Tochter kennen gelernt und auf welche räthſelhafte Weiſe letztere verſchwunden ſei. Hertwig ſprang außer ſich empor und mit Händeringen:„O mein Kind! mein herziges, liebes Kind! Fluch und Verderben ſeinem Entführer!— Aber es ſoll ihm nicht gelingen, dieſe Blume zu knicken. Morgen gehe ich aus mein Kind zu ſuchen, und ſoll ich von Haus zu Haus gehen und alle Winkel durchſuchen, ich will mein Kind ſchon finden!“ „Nur gemach, Freund!“ fiel Camillo ein;„beden⸗ ket, daß Ihr ein Deſerteur ſeid, und Euch bei Tage gar nicht auf der Straße ſehen laſſen dürfet, ja in den näch⸗ ſten Tagen überhaupt gar nicht aus dem Verſteck hervor⸗ wagen, den ich Euch anweiſen werde. Seid überzengt, 70 daß von mir und andern Freunden Eurer Tochter alles Mögliche aufgeboten werden wird, ſie aufzufinden und zu retten. Jetzt gönnt Euch Ruhe; ich werde Euch an ei⸗ nen Ort bringen, wo Ihr dieſe in aller Sicherheit ge⸗ nießen könnt. Folget mir!“ Er führte den Flüchtling durch einen langen Gang nach einer Wendeltreppe im Hinterhauſe, und auf dieſer in ein Manſardenzimmer, welches ein Bett und wenig andere Geräthſchaften ſchlichter Art enthielt. Dieſes wies er dem Gaſt als Wohnung mit der Warnung an, ſich weder je am Fenſter ſehen zu laſſen, noch aus dem Zim⸗ mer heraus zu gehen. Speiſe und Trank und was er ſonſt bedürfe, werde ihm durch einen treuen Diener auf ſein Zimmer gebracht werden. Hertwig empfahl ſein Kind mit Thränen dem Schutze des Grafen und blieb allein. Biertes Capitel. Doris und Theophilus. Doris hatte ihre Copie der ſiſtiniſchen Madonna vollendet. Der Tag, an welchem ſie im Hauſe des Gou⸗ verneurs aufgeſtellt wurde, war ein Familienfeſt. Es wa⸗ ren dazu verſchiedene militäriſche und künſtleriſche Nota⸗ bilitäten eingeladen, unter erſteren der Major von Re⸗ tzow, der als ein feiner Kunſtkenner galt, unter letzteren der Gallerie⸗Inſpector Riedel. Die ebenfalls geladene Künſtlerin war nicht erſchienen. Das Bild ward von den Anweſenden einſtimmig als gelungen anerkannt. Alle bedauerten, daß die Künſt⸗ lerin nicht zum Feſt gekommen, inſonderheit Diejenigen, die ſie noch nie geſehen und jetzt begierig waren, ihre Be⸗ kanntſchaft zu machen. Darunter befand ſich der Major von Retzow. „Je mehr ich das Bild betrachte,“ ſagte er,„deſto 72 mehr brenne ich vor Begierde, ſeine Urheberin kennen zu lernen. Es iſt eine Copie, und eine treue Copie— und dennoch liegt etwas Eigenthümliches darin, was dem Hriginal fehlt. Je länger man das Bild beſchaut, deſto deutlicher tritt einem dieſes Eigenthümliche entgegen, und man wird inne, daß man es mit einem Talent zu thun hat, das nicht zum bloßen Nachbilden geſchaffen iſt, ſon⸗ dern das ſich eigene ſchöpferiſche Bahnen ſucht.“ „Sie haben recht, Herr Major,“ bezeugte Riedel; „dieſe Copie hat bei aller Treue einen eigenthümlichen, genialen Zug in der Behandlung. An dem ſchöpferiſchen Genius meiner Schülerin habe ich ſchon lange nicht mehr gezweifelt. Hoffentlich macht ſie ſich nunmehr an eine ei⸗ gene Schöpfung.“ „Es iſt in der That ein admirables Talent!“ ſagte ein preußiſcher Oberſt;„Schade, daß es keine Pret⸗ ßin iſt!“ „Man ſollte es für Preußen gewinnen,“ bemerkte Retzow. „Ich habe der Künſtlerin bereits vorgeſtellt,“ ver⸗ ſicherte der Gouverneur,„daß ſie in Berlin ein reiches und dankbares Feld finden würde. Allein ſie bezeigte keine Luſt dahin zu überſiedeln.“ „Sie ſoll eine heimliche Preußenfeindin ſein,“ ſagte ein Adjutant des Gouverneurs;„man ſpricht ſogar da⸗ 73 von, daß ſie in ihrem Hauſe geheime Zuſammenkünfte der enragirteſten Preußenfeinde hege.“ „Das glaube ich nicht,“ erwiederte der Gouverneur. „Mir ſcheint die Malerin zu ſehr an ihre Kunſt hinge⸗ geben zu ſein, als daß ſie ſich um Politik kümmere und gar in ein politiſches Complot einlaſſen ſollte.“ „Wer weiß, iſt ſie auch eine Sächſin,“ warf ein Kriegs⸗Commiſſar ein.„Man weiß eigentlich gar nicht, woher ſie iſt und wem ſie angehört.“ „Ja, es liegt ein Schleier über ihrer Herkunft,“ bemerkte Graf von Wartensleben,„den vielleicht nur die Gräfin S. zu lüften verſteht.“ „Oder wohl auch Sie, Herr Inſpector,“ nahm der Major von Retzow das Wort.„Kann man erfahren, was Sie über Herkunft und Vergangenheit Ihrer begab⸗ ten Schülerin wiſſen?“ „Ich weiß nur, daß ſie aus einem erzgebirgiſchen Dorfe, hart an der böhmiſchen Grenze, ſtammt und daß ihre Ingend in der bitterſten Armuth dahingegangen. Erſt vor vier Jahren iſt ſie durch einen Freund von mir und durch die Gräfin aus der Dunkelheit hervorgezogen und mir zur Ausbildung ihres Talentes übergeben worden.“ „Vor vier Jahren erſt?“ fiel der Graf Wartens⸗ 1859. XN. Die Malerin von Dresben. 5 74 leben ein;„dann grenzt es an's Wunderbare, was ſie ſchon leiſtet.“ Die Geſellſchaft verweilte noch bei dieſem Gegen⸗ ſtande der Unterhaltung, bis ſie zur Tafel gerufen wurde. Nach der Tafel führte der Gonverneur ſeine Gäſte, die vom Wein ſehr belebt waren, in eine Abtheilung ſeiner Gemäldeſammlung, die nur Abbildungen berühmter weib⸗ licher Schönheiten enthielt. Als man dieſelben alle gemu⸗ ſtert hatte, ſagte der Gouverneur zu dem Major von Retzw:„Nun, Herr Kamerad, Sie gelten für einen vorzüglichen Schönheitskenner; welcher von allen dieſen Schönheiten erkennen Sie den Preis?“ „Es iſt allerdings ſchwer in ſolchen Dingen ein Urtheil zu füllen,“ verſetzte der Major.„Es ſind hier einige Geſtalten, die mit einander um den Preis der Schönheit ringen, obgleich ſie einander im hohen Grade unähnlich ſind. Ich weiß wahrlich nicht, ſoll ich 3. B. die Neidſchütz, oder die Königsmark, oder dieſe kleine Operntänzerin vorziehen; jede dieſer Geſtalten hat ihre ganz eigenthümlichen Reize, freilich auch ihre Mängel!“ „Ei!“ rief der Adjutant;„ich ſollte doch meinen, die Königsmark wäre eine vollendete Schönheit, eine Schönheit vom höchſten und reinſten Adel.“. „Aber eine Schönheit des kalten Nordens,“ ver⸗ ſetzte Retzow.„Es liegt etwas Nordenhaftes in dieſer 75 weißen und roſigen hohen Jungfrauengeſtalt, und wenn man ſie recht anſieht, liegt die Weiſſagung von dem Schickſal der verſtoßenen Geliebten und der entſagenden Aebtiſſin von Quedlinburg in ihren Zügen.“ „Mir gefiele die Neidſchütz auch beſſer,“ bemerkt ein Huſarenmajor.„Da iſt Feuer und Leben!“ „Aber es fehlt dem Feuer der Adel des Enthuſias⸗ mus,“ erwiederte Retzow,„dem Leben die Grazie.“ „Wer war denn eigentlich dieſe Neidſchütz?“ fragte der Kriegs⸗Commiſſar. „Die Geliebte des ſächſiſchen Curfürſten Johann Georg IV.,“ antwortete Retzvw;„ein geborenes Fräu⸗ lein von Neidſchütz, Tochter eines ſächſiſchen Rittmeiſters. Johann Georg verliebte ſich ſchon als angehender Jüng⸗ ling in ſie. Um ihn von ihr abzuziehen, fandte ihn ſein Vater an den Rhein zur Reichsarmee. Aber die Entfer⸗ nung konnte ſeine Leidenſchaft nicht auslöſchen. Nach dem Tode ſeines Vaters zurückgekehrt und zur Regierung ge⸗ langt, vermählte er ſich zwar mit der verwitweten Mark⸗ gräfin von Ansbach, aber ohne die Ehe mit ihr wirklich zu vollziehen. Er empfing die einziehende Braut ſogar an der Seite ſeiner Geliebten, die er nun um ſo leidenſchaft⸗ licher liebte. Er erhob ſie zur Gräfin von Rochlitz und that bereits Schritte, ſie zu ſeiner Gemahlin zu erheben, als ſie an den Kinderblattern ſtarb. Sie verſchied in ſei⸗ 5* 76 nen Armen, und ſo groß war ſeine Liebe, daß er nur ſchwer von der Leiche zu trennen war. Drei Wochen ſpä⸗ ter folgte er ihr an der nämlichen Krankheit in's Grab.“ „Nun was ſagen Sie zu der kleinen Tänzerin?“ fragte der Gouverneur.„Iſt ſie nicht lauter Grazie und Schelmerei?“ „Allerdings,“ verſetzte Retzow;„aber der Schel⸗ merei fehlt zur wahrhaft wohlthuenden Wirkung der ernſte Hintergrund. Der Schelm ſollte als Humor, nicht als Bajazzo auftreten.“ „Sie haben ja an Allen etwas auszuſetzen,“ be⸗ merkte der Kriegs⸗Commiſſar.„Dadurch bringen Sie ſich ja um jeden reinen Genuß und können nie Befriedi⸗ gung finden; denn eine Schönheit, die nach Ihren An⸗ forderungen vollkommen wäre, gibt es gar nicht.“ „Und doch,“ werſetzte der Major lebhaft;„ich wollte Ihnen eine Schönheit zeigen, die alle Vorzüge die⸗ ſer drei Schönheiten hier in ſich vereinigt.“ „Das iſt ummöglich!“ riefen mehre Stimmen zu⸗ gleich. „Ich verſichere Ihnen, meine Herren,“ ſagte Re⸗ tzww,„daß ich ein Mädchen weiß, das den geiſtigen Adel der Königsmark, die lebensvolle ſinnliche Natur der Neivſchütz und die Grazie der Tänzerin in ſich vereinigt. Wos gilt die Wette?“ 77 „Ich wette meinen Schweißfuchs gegen Ihren Rap⸗ pen, Kamerad,“ verſetzte der Huſarenmajor. „Wir fügen dazu 50 Flaſchen Champagner gegen 10,“ rief der Krlegs⸗Commiſſar im Namen Mehrerer. „Angenommen!“ ſagte Retzow.„Doch muß ein unparteiiſches Richtercollegium ernannt werden, das zwi⸗ ſchen uns entſcheidet.“ „Aber wir müſſen das Mädchen dann auch ſehen,“ ſagte der Oberſt. Der Major von Retzow ſah den Sprecher etwas betroffen an.„Nein,“ ſagte er dann,„darein willige ich nicht; auch die Richter können das Mädchen ſelbſt nicht zu ſehen bekommen.“ „Wie ſollen ſie denn dann entſcheiden?“ fragte der Huſarenmajor. „Ich laſſe das Mädchen malen, und verſpreche nur ein ganz treues, in keiner Weiſe geſchmeicheltes Bild den Richtern vorzulegen. Wollen Sie das nicht, ſo nehme ich die Wette zurück.“ Die Geſellſchaft willigte nach einigem Hin⸗ und Herreden und verließ dann das Gemäldezimmer. Im Vorzimmer nahm Retzow den Inſpector Riedel auf die Seite und fragte ihn nach einem tüchtigen und verſchwie⸗ genen Portraitmaler. „Es gibt der guten Portraitmaler hier mehrere,“ 78 ſagte Riedel;„aber ob ihrer Verſchwiegenheit zu trauen iſt, das weiß ich nicht.“ „Was meinen Sie zu der Malerin Doris?“ fragte Retzow;„dieſe würde gewiß ein vorzügliches Bild liefern.“ „Gewiß,“ erwiederte Riedel,„und für ihre Ver⸗ ſchwiegenheit wollte ich bürgen. Sie iſt überhaupt eink verſchloſſene Natur, die ſich eher das Leben nehmen ließe, als ein ihr anvertrautes Geheimniß entreißen.“ „Wollen Sie ſie in meinem Namen erſuchen, das Portrgit zu malen? Ich würde ſie in meinem Wagen zu dem Original fahren laſſen.“ „Ich will mit ihr darüber ſprechen und Ihnen mor⸗ gen ihre Antwort bringen.“ „Gut,“ ſagte der Major und ging mit Riedel der Geſellſchaft nach. Während dies Alles vorging, ſaß Doris einſam in ihrem Atelier. Sie hatte das ſchöne Haupt in ihre Hand geſtützt und war in tiefes Sinnen verloren. Ihr vergan⸗ genes Leben ging an ihrer Seele vorüber. Alles Elend und aller Jammer, die ſie von der Wiege an umgeben hatten, alle ihre Kämpfe und Schmerzen ſtanden lebendig vor ihr, daß ſie in ſich zuſammen ſchauerte. Dieſe Schauer erreichten ihren Gipfelpunkt, wenn ſie bedachte, wie ſie zuletzt in all dieſem Elend und Jammer zu Grunde hätte 79 gehen müſſen, wenn der Eine nicht in ihren Kreis getre⸗ ten wäre, der ihr beſſeres Selbſt erkannt, gewürdigt und aus den Banden unwürdiger Verhältniſſe gerettet hatte. Die Geſtalt dieſes Einen erhob ſich dann vor ihrem gei⸗ ſtigen Auge in der Glorie eines Heilandes, und die Schauer wichen einer ſtillen Seligkeit. Es war ihr, als hörte ſie ſeine liebe Stimme, wie ſie im Abenddunkel mit ihm durch den heimathlichen Wald ſchritt und zum erſten⸗ mal wahre Worte des Lebens vernahm. Dann klang in ihrer Seele das Wort wieder, das er zu ihr geſprochen in einem der ſchwerſten Momente ihres Lebens:„Faſſe nur ein Herz zu mir, du Arme! Denke, dein Heiland ſchicke mich zu dir und riefe dir durch meinen Mund zu: Komm her zu mir, die du mühſelig und beladen biſt, ich will dich erquicken!“— O welche Erquickung hatte ſie dann fort und fort durch ihn genoſſen! Wie war ſie durch ihn Schritt für Schritt zu höherer Erkenntniß, zum Be⸗ wußtſein ihrer ſittlichen Würde, zum freudigen Streben nach höhern Zielen geleitet worden! Und nun war ſie eine geachtete Künſtlerin durch ihn. Alle Schmach, aller Jammer, alle Schuld lag hinter ihr, vor ihk lag eine freie, lichte, dem Dienſte des Schönen geweihte Zukunft. Selbſt die blutverwandten Genoſſen ihrer Schmach waren nicht mehr da, ſie an dieſelbe zu erinnern, oder ſie auf ihrer Bahn zu höhern Zielen zu beirren, zu hemmen. 80 Ihr Vater war mit dem Kinde ihrer Schwachheit geſtor⸗ ben; ſie hatte beide mit Liebe und Treue gepflegt und mit inniger Trauer zur Erde beſtattet. Dann aber hatte ſie ſich ganz an die Kunſt hingegeben und in ihr vollen Troſt gefunden. In der Kunſt leben, heißt in Gott leben; denn die Kunſt iſt ein Strahl aus Gott. Wer in Gott lebt, über den kann der Schmerz um das Weltliche keine Macht haben. Die treue Hingabe an die Kunſt, die weihevolle Er⸗ faſſung des Göttlichen in ihr, das ernſte Streben nach dem reinen Schönen hatte ihr ganzes Weſen wunderbar gehoben und geläutert, es hatte ihrem Geiſte Klarheit, ihrem Herzen Ruhe, ihrem ganzen Thun Harmonie und Sicherheit verliehen. Zene Herzensruhe war nur einmal noch erſchüttert worden, und zwar von einer Seite her, der ſie dieſelbe ur⸗ ſprünglich zu danken hatte. Eines Tages hatte ſie ſtill⸗ glücklich in ihrem Zimmer geſeſſen. Ihre Seele war bei ihrem Freunde geweſen, den ſie als Pfarrer in einer ge⸗ ſegneten Wirkſamkeit wußte. Sie hatte gebetet, daß Gott ihn ſeinem heiligen Wirken für die Menſchheit recht lange erhalten und zu all ſeinen Liebesſaaten reiches Gedeihen geben möge. Da war ihre Thür aufgegangen und der Freund ſelbſt hatte vor ihr geſtanden. Er war ſo bleich, ſo angegriffen geweſen, daß ſie erſchrocken.„Ich hielt 81¹ es nicht mehr aus,“ hatte er geſagt, indem er ſich er⸗ ſchöpft niedergelaſſen,„ich mußte zu Ihnen gehen und mich an Ihrem Anblick erquicken.“ Sie hatte ſich neben ihn geſetzt, ſeine Hand ergriffen und ihn tiefbeſorgt an⸗ geblickt.„Ja,“ hatte er wieder geſagt,„Sie haben mich nachgezogen, liebe Freundin. Das Predigen wollte durch⸗ aus nicht mehr gehen, es wurde mir täglich ſchwerer— darum legte ich mein Amt nieder. Eben war ich bei der Gräfin es ihr anzuzeigen; ſie hat meinen Entſchluß gut⸗ geheißen, und nun will ich hier bleiben bei Ihnen, wenn Sie mich dulden wollen.“ „O mein hoher, edler Wohlthäter!“ hatte Doris geantwortet,„wie gern will ich Ihnen dienen und Sie pflegen—“ „Wollen Sie?“ war er ihr in die Rede gefallen— „o ſo ſchlagen Sie ein— werden Sie mein liebes Weib!“ Das hatte Doris freilich nicht erwartet. Sie war ganz verwirrt von dem Antrage. Wohl verehrte, liebte ſie den edlen Freund über Alles in der Welt, aber nie⸗ mals war es ihr in den Sinn gekommen, ſeine Gattin zu werden. Welch' ein neues, überſchwängliches Glück that ſich plötzlich vor ihr auf! Sie die Gattin des hohen Men⸗ ſchen, der ſie aus tiefſter Schmach gerettet, aus öder Fin⸗ ſterniß geführt auf die Höhe des Lichtes, ſie die Lebens⸗ genoſſin, das zweite Ich des Mannes, für den jeder 82 Blutstropfen ihres Herzens glühte! Aber konnte, durfte ſie das Götterlvos annehmen? durfte ſie mit ihrer be⸗ fleckten Vergangenheit einen Schatten auf ſein reines Le⸗ ben werfen? Am Ende hatte er gar nur um ihretwillen, gar nur um ſich die Vermählung mit einer Gefallenen möglich zu machen, ſein Amt aufgegeben, ein Amt, das er ſo ſegensreich verwaltet, in dem er ſo viel Gutes geſtiftet! Durfte ſie ein ſolches Opfer annehmen? Ihr Inneres gerieth in einen furchtbaren Aufruhr. Es war ein heißer, aber ein kurzer Kampf. Sie war zu ſeinen Füßen geſunken und hatte geſagt: „Hier iſt mein Platz, o Herr! Ihre Magd darf ich ſein, aber nicht Ihr Weib. Ich will Ihnen dienen mit Hingebung meines ganzen Weſens, ich will keinen eigenen Willen haben, ich will nichts ſein als ein Werkzeug Ihrer Wünſche, nichts als das ſchwache Rohr, das der Hauch Ihres Mundes bewegt— aber Ihre Gattin kann ich nicht ſein, dieſes Glückes bin ich nicht werth.“ „Nicht werth?“ hatte er darauf erwiedert;„wer könnte wagen, eine aus ſolchen Kämpfen bewährt her⸗ vorgegangene Seele für unwerth zu erklären, die Gattin des edelſten Mannes zu ſein? Doris, mit Stolz würde ich Sie meine Gattin nennen, auch wenn Sie nicht die Stelle als Künſtlerin erreicht hätten, die ſie einnehmen mit um wie viel größerem Stolz muß ich eine ſolche Künſtlerin mein nennen!“ „Das bin ich noch nicht,“ hatte Doris eingewendet; „ich bin nur erſt eine Schülerin, und wer weiß, ob ich je die Palme der Kunſt erringe. Mein edler Gönner, verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen wehe thun ſollte— aber ich fühle mich ganz beſtimmt nicht würdig Ihre Gat⸗ tin zu ſein, und gewiß werden Sie nicht in mich dringen, ein Glück zu empfangen, das ich nur mit Beſchämung ge⸗ nießen und das ich im Gefühle meines Unwerthes doch immer als einen Raub betrachten müßte.“ Der Magiſter Theophilus Starke war ſich ganz klein vorgekommen neben dieſer erhabenen Demuth, und hatte nicht den Muth gehabt, ihr einen Einwurf zu ma⸗ chen. Nach einer langen Pauſe hatte er ihr die Hand ge⸗ reicht. Die ihrige hatte gezittert und die ſeinige hatte gezittert.„Wir wollen als die Alten ſcheiden,“ hatte er geſagt;„ich ehre Ihr Urtheil, wenn ich es auch nicht theile. Vielleicht gewinnen Sie mit der Zeit eine andere Anſicht— ich ſelbſt bleibe unwandelbar der Ihrige.“ Dabei war es geblieben, und ſeitdem war ihr Herz ruhig geweſen wie der Spiegel eines ſtillen Sees. Zetzt ſtrich die Erinnerung an jene Stunde über den Spiegel und kräuſelt ſeine Fläche ein wenig. Da klopfte es an die äußere Thür; ihre Haushälterin trat ein und meldete den Magiſter Starke. Doris ſtand freudig erregt auf und erklärte ſich bereit den Ankömmling zu empfangen. Theophilus trat ein. Er hatte ſich gewählter ge⸗ kleidet als gewöhnlich. Doris empfing ihn mit herzlicher Freundlichkeit. „Ich könnte dieſen Tag nicht vorübergehen laſſen,“ ſagte er, neben ihr Platz nehmend,„ohne Ihnen meine Freude zu bezeugen über das vollkommene Gelingen Ihrer erſten größeren Arbeit. Sie haben Ihre Aufgabe als eine Meiſterin gelöſt.“ „Sie urtheilen mit gewohnter Güte über meine Lei⸗ ſtung,“ erwiederte ſie;„ich fühle nur zu wohl, wie wenig eine bloße Nachbildung geeignet iſt den Ruf der Meiſter⸗ ſchaft zu begründen. Laſſen Sie mich erſt ein eigenſtes Werk ſchaffen, dann werden wir ſehen, wie weit ich zur Meiſterſchaft vorgedrungen bin.“ „Riedel war entzückt und ſagte, dieſe Kopie ſei ſo gut wie ein eigenes Werk,“ verſetzte Theophilus.„Ich verſtehe auch etwas von der Malerei,“ fuhr er fort,„und erkenne dieſes Werk als ein Meiſterſtück. Sie aber ſind ungerecht gegen ſich ſelbſt, wenn Sie es nicht dafür erken⸗ nen wollen. Oder wollen Sie dies deshalb nicht thun, um den alten Grund zu behalten, auf dem Sie mir eine theure Bitte abſchlugen? Es iſt für mich und für keinen Kenner ein Zweifel mehr, daß Sie die Palme der Kunſt 85 errungen— ich komme jetzt, der Künſtlerin, der echten, wahren Prieſterin im Tempel der Kunſt meine Hand zu bieten. Doris, ewig geliebte Doris, wollen Sie jetzt mein Weib werden?“ „Herr Magiſter!“ ſtammelte Doris verwirrt und rang nach Kraft zum Widerſtande. „Meine Doris! meine unendlich geliebte Freun⸗ din!“ ſprach er, ihre Hand in ſeine beiden Hände nehmend und ihr mit innigem Blicke in die herrlichen Augen ſchauend. „Laſſen Sie mich, mein edler, verehrter Gönner!“ erwiederte ſie ſich ermannend.„Wir wollen als die Alten von einander ſcheiden,“ ſagten Sie in jener mir unver⸗ geßlichen Stunde, wo Sie mich ſo über alles Erwarten ehrten. Laſſen Sie mich das jetzt wiederholen. Es iſt noch Alles wie damals. Habe ich auch ehrlich danach geſtrebt, Ihrer würdig zu werden, ſo fühle ich doch, daß es mir noch nicht gelungen. ch fühle auch, daß ich damals recht gehabt, und daß ich des Glückes, das Sie mir bieten, doppelt unwürdig ſein würde, wenn ich trotz dem Gefühle meines Unwerthes es annähme. Hören Sie mich ganz an. Sie haben mich ſelbſt auf den Standpunkt gehoben, von welchem aus ich jetzt meine Vergangenheit und das Leben anſchaue. Ich weiß, daß es keine ewige Schmach, keinen ewigen Fluch der einzelnen Sünde gibt. Ich bin mir freu⸗ 86 dig bewußt, den Flecken meiner Vergangenheit ehrlich ab⸗ gebüßt und durch einen guten Kampf vor Gott und Men⸗ ſchen auszutilgen geſucht zu haben. Aber die in mir verletzte weibliche Würde iſt noch nicht ſo weit verſöhnt, daß ich ohne Gefahr für die höhere Sittlichkeit mir die Ehrenkrone des Weibes aufſetzen könnte. Möglich, daß die vollendete Künſtlerin danach greifen darf; aber die bin ich noch nicht, und ſo lange ich dieſe nicht bin, kann ich mich nur als Weib beurtheilen. Laſſen Sie mich heute ganz offen ſein. Sie ſind wieder geſund und rüſtig gewor⸗ den, dem Berufe zu folgen, den Sie erwählt und für den Sie ſo hohe Gaben beſitzen. Es wäre ein großer Verluſt für die Sache der ſchönen Menſchlichkeit, wenn Sie nicht wieder in Ihr Amt zurückkehren wollten. Wollte ich Ihre Gattin werden, ſo würde ich Sie daran verhindern, denn die Gattin eines Geiſtlichen darf keinen Flecken an ihrer Ehre haben.“ „Dieſen letzten Einwand laſſe ich am allerwenigſten gelten,“ verſetzte Theophilus.„Als Chriſtus die Sünde⸗ rin begnadigte und ihre Huldigung huldvoll aufnahm, gab er ſeiner Kirche ein Beiſpiel, wie ganz und rückhalts⸗ los in ihr die Vergebung ſein ſolle. Eine Kirche, die ihren Dienern nicht geſtattet, ganz in die Fußſtapfen ihres Meiſters zu treten, iſt von ihm abgefallen und ihr darf ein echter Jünger des Herrn nicht dienen. Meine geliebte 87 Freundin, ich werde nicht wieder in das geiſtliche Amt zurückkehren; aber ich werde nichtsdeſtoweniger meinem innern Berufe treu, werde ein eifriger Diener Chriſti ſein. Ich werde nur den engen Kreis einer Dorfgemeinde mit der Geſammtheit des deutſchen Volkes vertauſchen— ich werde ein Schriftſteller für das Volk im Dienſte der Hu⸗ manität werden. Ein ſolcher Schriftſteller, meine hoch⸗ ſinnige Freundin, iſt auch ein Prieſter— ja, wenn er ſeine Aufgabe recht erfaßt hat und ihr mit rechtem Ernſte ſich hingibt, ein größerer, wirkſamerer und beſſerer, weil freierer. Ich will Ihnen nicht verhehlen, daß die Liebe zu Ihnen und die Unmöglichkeit, Sie als Geiſtlicher zu mei⸗ ner Gattin zu machen, dieſen meinen Entſchluß gezeitigt hat; aber ſpäter oder früher hätte es zu dem doch auch ohnehin kommen müſſen; denn Naturen wie die meine können nicht in einer Stellung bleibend verharren, an die ſich Convenienzen knüpfen, die mit ihrer Uiberzeugung im Widerſpruch ſtehen. Was Ihren erſten Einwand be⸗ trifft, ſo muß ich denſelben ſchon ſo lange gelten laſſen, bis Sie ihn in Ihrer Seele überwunden haben. Ich hoffe, daß dies noch geſchieht, und ſo ſtimme ich getroſt in das Wort ein: Wir wollen die Alten bleiben.“ Es war inzwiſchen dunkel geworden und Theophilus ſchickte ſich zum Gehen an, da meldete die Haushälterin den Grafen Camillo von S. Doris wunderte ſich, 88 was der wollte, und bat Theophilus, dieſen Beſuch mit abzuwarten. Graf Camillo trat etwas erregt ein.„Ich weiß wohl,“ ſagte er,„daß Sie Herrenbeſuch in der Regel nicht gern ſehen; aber ich hoffe, meine Sache entſchuldigt meine Zudringlichkeit. Ich komme, Sie um ein Aſyl für einen Verfolgten anzufprechen. Es iſt der Vater der von uns vermißten Zitherſpielerin. Derſelbe iſt vor vierzehn Tagen aus dem preußiſchen Dienſt deſertirt, aber wieder eingefangen und in der Nacht nach Dresden gebracht wor⸗ den. Aber hier gelang es ihm zu entwiſchen und ſich bis zu meiner Hausthür zu retten, wo ich gerade im Auf⸗ ſchließen begriffen war. Ich nahm ihn bei mir auf und habe ihn bis heute verborgen gehalten. Man iſt ihm aber auf der Spur. Jedenfalls hat der Sekretär meiner Mut⸗ ter, Oeſterreich, der ſich nur zu ſehr der Spionerie ver⸗ dächtig gemacht, etwas von dem verſteckten Gaſt gewittert. Heute wurde von der Commandatur aus bei meiner Mut⸗ ter angefragt, ob ſie einen fremden Mann in ihrem Hauſe aufgenommen. Man habe Grund zu glauben, daß ſich ein Deſerteur in dasſelbe geflüchtet. Meine Mutter konnte die Frage gut verneinen, weil ich ihr von meinem Gaſte nichts geſagt. Aber ich finde doch, daß dieſer jetzt in un⸗ ſerm Hauſe nicht mehr ſicher iſt. Daher möchte ich ihn heute Nacht ausquartieren; aber ich weiß keinen andern 89 Ort als hier, bei Ihnen, Mademoiſelle. Sie ſind den Preußen nicht verdächtig, genießen das Vertrauen des Gonverneurs und ſind nicht von Spionen umgeben wie ich. Längſt ſchon habe ich meine Mutter vor dem Oeſter⸗ reich gewarnt und ihr gerathen, ihn zu entlaſſen; aber obgleich ſie ihn nicht eben lieb hat, ſo meint ſie doch, ſie bekomme nicht leicht einen brauchbareren Sekretär. Daß er den Spion mache, will ſie nicht glauben, obſchon ich ihr geſagt, daß er ſchon öfters mit dem Schurken Menzel zuſammen geſehen worden.“ Es war Doris ſtets unangenehm, wenn in ihrer Gegenwart von dem Manne geſprochen wurde, der ſo eng verbunden war mit der Geſchichte ihrer Schmach. Sie vermied ſtets ſeinen Namen zu nennen, wie mit ihm zuſammenzutreffen, was auch, Dank der zarten Fürſorge der Gräfin, niemals geſchah, auch wenn ſie dieſer einen Beſuch machte. Ohne daher auf den von dem jungen Gra⸗ fen ausgeſprochenen Verdacht wider Oeſterreich ſich einzu⸗ laſſen, erwiederte ſie: „Ich habe im Hinterhauſe ein kleines Stübchen. Da könnte Ihr Schützling ganz verborgen leben. Mir ſoll er willkommen ſein.“ „Ich dachte mir, daß Sie meine Bitte erfüllen wür⸗ den,“ ſagte der Graf;„denn Sie ſind immer zu hilf⸗ reicher That bereit. Ich werde demnach heute Abend mei⸗ 1859. XN. Die P kalerin von Dresben. 6 90 nen Gaſt in unſerm Wagen zu Ihnen ſchicken, und Sie werden ſo gut ſein, ihm ſein Aſyl anzuweiſen.“ „Haben Sie noch keine Spur von der kleinen Zither⸗ ſpielerin?“ fragte der Magiſter hierauf den Grafen. „Nicht die mindeſte,“ verſetzte dieſer,„obgleich ich jetzt eine ganze Schaar von Kundſchaftern unterhalte. Es ſcheint mir faſt, als ſei das Mädchen doch von hier fort⸗ gebracht worden. Sie haben doch auch noch keine Spur aufgefunden?“ Der Magiſter mußte verneinen. „Mich dauert, außer dem Kinde ſelbſt, der arme Vater, der in Angſt um daſſelbe vergehen will,“ nahm der Graf wieder das Wort.„Ich bitte Sie recht ſehr, Mademviſelle, ihn recht zu hüten, daß er nicht in der Angſt des Vaterherzens einen dummen Streich macht. Er wollte ſchon einmal fortgehen, ſich den Preußen ſtellen, und wenn er wieder Waffen habe, den Major von Re⸗ tzow auf der Parade niederſchießen, um ſein Kind vor der Verführung zu ſchützen. Ich hatte Mühe, ihn von dieſem Vorſatz zurückzubringen. Bieten Sie ja Alles auf, ihn zu beruhigen und vor ſolchen Gedanken zu bewah⸗ ren. Vielleicht hat dieſer Retzow ſeine Rolle hier bald ausgeſpielt. Wie jetzt die Sachen auf dem Kriegstheater ſtehen, kann die preußiſche Herrſchaft in Sachſen nicht vierzehn Tage mehr dauern. Feldmarſchall Daun berei⸗ 91 tet ſich zu einem Schlage gegen Friedrich vor, und hier in Dresden— doch das gehört nicht hierher. Genug, wir ſtehen am Vorabend eines Umſchwungs der Dinge, der auch unſerm kleinen Schützling ſeine Freiheit geben wird, wenn es uns nicht vorher gelingen ſollte, ihn ausfindig zu machen und den Händen ſeines Verführers zu ent⸗ reißen.“ Der Graf verabſchiedete ſich mit Theophilus von der Malerin, und beide gingen zu der Gräfin Mutter. 6* Fünftes Cnpitel. Das belauſchte Geheimniß. Der wiederholte Antrag ihres verehrten Gönners hatte Doris doch tiefer erregt, als ſie es ihn hatte mer⸗ ken laſſen. Als er von ihr fortgeweſen, hatte ihr Herz ſich aufgebäumt gegen die Vernunft, die ihren vorigen Ausſpruch dictirte. Dieſes Herz gehörte ihm ja ganz, es ſchlug einzig nur für ihn. Den Einwand, den ſie ihm zu⸗ letzt entgegen gehalten und der ihr ſtärkſter geweſen, hatte er vollſtändig überwunden; ſie mußte ihm zu der neuen Berufswahl mit vollſter Ueberzeugung Glück wün⸗ ſchen. Mit ihrem hohen Vernunftſinn erfaßte ſie ſofort die ganze Bedeutung des Schriftſtellerthums, erkannte ſie deſſen prieſterliche Würde. Sie lebte ja im Glanz der Morgenröthe, die damals am geiſtigen Himmel Deutſch⸗ lands aufgegangen war, den Tag zu bringen, den wir, die wir nach ihr gekommen, in ſeiner Glorie erlebt. Wer 8 . —* † 93 ſonſt als die Schriftſteller Deutſchlands hatte dieſes Morgenroth heraufgeführt? Die Wieland, Herder, Leſ⸗ ſing, Klopſtock u. a. waren die Hohenprieſter, welche der Vernuft und der ſchönen Menſchlichkeit den Sieg er⸗ rangen über verknöcherte Satzungen, Formenzwang und Unnatur. Im Bunde mit ſolchen Geiſtern zu wirken, es war bei Gott mehr werth als von der Kanzel herab ge⸗ rade ſoviel Licht und Wahrheit zu verkünden, als die Weisheit eines Conſiſtoriums für gut fand. Und wie ſchön vereinigte ſich das Wirken der Ma⸗ lerin mit dem des Schriftſtellers! Wie konnten beide, im innigſten Bunde mit einander, ſich gegenſeitig fördern, ermuntern, geiſtig nähren! Doris verſetzte ſich im Geiſte in ein ſolches beglückendes, fruchtbringendes Zuſammen⸗ leben. Und ihr Herz ſchlug höher und wollte faſt ſprin⸗ gen unter dem Einfluß der ſeligen Bilder, welche an ihr vorüberzogen Aber nein! nein! es kann nicht ſein! rief die Vernunft; es kann nicht ſein, ſo lange ich nicht etwas gethan, was mich eines ſolchen Glückes würdig macht. Ich muß ſtreben, muß ſchaffen— vielleicht läßt der Himmel mich dieſes Glück verdienen! Am ſpäten Abend war ihr neuer Hausbewohner und Schützling angekommen. Die Sorge für dieſen hatte ſie von ihren Gedanken etwas abgezogen; aber am fol⸗ genden Morgen waren ſie um ſo lebendiger wieder er⸗ wacht. Jetzt, in den erſten Vormittagsſtunden war ſie in einer höher als je gehobenen Stimmung. Sie war er⸗ füllt von dem Bewußtſein, geſtern wie das erſtemal, da Theophilus ihr ſeinen Antrag gemacht, das Rechte ge⸗ than zu haben; aber ſie war eben ſo voll der Hoffnung, daß ſie das ihr gebotene Glück noch erringen werde. Sie fühlte ſich wie noch nie zu eigenem Schaffen angeregt und ermuthigt.„Ich will etwas ſchaffen,“ ſprach ſie mit begeiſterten Mienen,„was die Schmach meiner Jugend auf ewig austilgt, was mich den beſten meines Ge⸗ ſchlechtes gleichſtellt. Schon keimt es in meiner Seele, ſchon gewinnt es Geſtalt und Leben— mir iſt, als dürfe ich es nur herausheben und auf die Leinwand verſetzen!“ Sie ging einigemale in ihrem Arbeitszimmer hoch⸗ erregt auf und ab und ſetzte ſich dann an ihren Zei⸗ chentiſch. Mit kühner Hand zeichnete ſie die Umriſſe einer Geſtaltengruppe auf einen Bogen Papier. Die Freude der Befriedigung glänzte auf ihrem Antlitz, als ſie dieſen rohen Entwurf fertig hatte. Sie lehnte ſich dann auf ihrem Seſſel zurück und ſann nach. Dann erhob ſie ſich, nahm ein aufgeſpanntes Stück Leinwand, holte Pinſel und Palette und begann einen Kopf zu malen. Allmälig entſtand unter ihren Händen ein goldlockiger jugendlicher Mädchenkopf. Der Kopf war ſchön, aber er genügte der Malerin nicht. Sie warf den Pinſel hin und ſtand auf. „Die Geſtalt lebte ſo greifbar in meinem Geiſte, und nun entwiſcht ſie mir unter den Händen!“ klagte ſie. Sie ging im Zimmer auf und ab.„Jetzt hab' ich es wieder, das Himmelsgebilde— ſchnell, eh' es mir wieder entſchwin⸗ det!“—* Man ſah es ihr an, wie ihre Einbildungskraft auf's Höchſte angeſpannt war, und wie ſie ſich anſtrengte, das Bild ihrer Seele feſtzuhalten. Sie ſetzte ſich wieder, aber ſtatt der Leinwand ergriff ſie Papier und malte mit Waſſerfarben. Aber auch mit der neuen Geſtalt war ſie nicht zufriedener wie mit der erſten.„Es geht nicht!“ ſagte ſie traurig ſich erhebend, und ſchritt wieder nach⸗ denklich auf und ab. Da klopfte es draußen. Mißmuthig über die Stö⸗ rung rief ſie:„Herein!“ Die Thür öffnete ſich und der Gallerie⸗Inſpector Riedel trat ein. Gleich war ſie wieder heiter. Ohne ſeinen Gruß ab⸗ zuwarten, eilte ſie auf ihn zu, reichte ihm die Hand und ließ ihn herzlich willkommen. Wie ſie ihn nach ihrem Sofa leitete, fiel ſein Blick auf das eben gemalte Bild. Er blieb ſtehen und betrachtete es genauer. „Ein ſchöner Kopf,“ ſagte er;„nur ſchade, daß ihm das wahre Leben fehlt; man ſieht, es iſt reines Phantaſiegebilde!“ „Mir kam gerade eine Idee zu einer eigenen Schö⸗ 96 pfung,“ ſagte ſie;„die Geſtalten lebten ſo klar und pla⸗ ſtiſch in meiner Seele, aber als ich die Hauptfigur, die Trägerin der ganzen Idee, auf die Leinwand, dann auf das Papier bringen wollte, verſchwamm ſie mir unter den Händen.“ „Wer wird auch rein aus der Phantaſie ſchaffen wollen!“ verſetzte Riedel„da werden Sie nie lebens⸗ wahre Geſtalten, nie Geſtalten von Fleiſch und Blut hervorbringen! Bedenken Sie, daß auch der göttliche Rafael zu ſeiner Himmelskönigin ein irdiſches Weib als Modell brauchte.“ „Er war ſo glücklich, ein Weib zu finden, das ſei⸗ nem Ideal entſprach,“ bemerkte Doris.„So glücklich werde ich wohl nie ſein; denn ein Weſen, wie es als Hel⸗ din meiner Idee in meiner Seele lebte, wird ſchwerlich auf Erden zu finden ſein.“ „Wer weiß,“ ſagte Riedel;„ſuchet, ſo werdet ihr finden. Wirklich einmal muß ein Weſen vorhanden ge⸗ weſen ſein, wie es ſich in Ihrer Phantaſie geſtaltet hat. Denn die Phantaſie kann kein Bild hervorbringen, das nicht urſprünglich in der Natur exiſtirte. Und was einmal eriſtirte, kann wieder und wieder eriſtiren. Fänden Sie aber das Urbild Ihres Phantaſiegebildes nirgends wie⸗ der, ſo müßten Sie den vorliegenden Stoff verwerfen. Das iſt das Grundgeſetz künſtleriſchen Schaffens: Der ————— 97 Geiſt muß die Idee des Kunſtwerkes frei aus ſich gebä⸗ ren, aber die Geſtalten, durch die er die Idee im Kunſt⸗ werk darſtellen will, müſſen aus der Natur genommen werden.“. „Ich fühle, daß Sie recht haben,“ erwiederte Do⸗ ris;„aber das Suchen, das Sie mir rathen, iſt für Frauen nicht leicht. Männer können überall hin, ſich überall umſehen und nach Modellen ſuchen, ein Frauen⸗ zimmer iſt auf einen ſehr kleinen Kreis eingeſchränkt.“ „Tragen Sie vor der Hand Ihre Idee recht aus,“ rieth Riedel;„oft findet man ungeſucht, was man braucht. Jetzt laſſen Sie mich einen ſonderbaren Auftrag ausrichten.“ Er erzählte, welche Wette geſtern bei dem Gouver⸗ neur zwiſchen dem Major von Retzow und verſchiedenen anderen Offizieren gemacht worden, und wie Retzow ihn beauftragt habe, Doris zum Malen des verſprochenen Portraits zu gewinnen„Ich konnte dem Major dieſen Auftrag nicht gut abſchlagen,“ fügte Riedel hinzu;„denn ich habe doppelt Urſache, dieſe preußiſchen Herren bei freundlicher Geſinnung zu erhalten, einmal der mir an⸗ vertrauten Bilderſchätze wegen, damit dieſelben, wenn ein⸗ mal etwas Stürmiſches hier vorgehen ſollte, Schutz finden, und dann um nicht als preußenfeindlich verdächtig und dadurch ſchon jetzt behindert zu werden, für die Erhal⸗ 98 tung dieſer Schätze Sorge zu tragen. Hatte Prinz Hein⸗ rich doch große Luſt die Holbein'ſche Madonna, dieſe zweite Perle unſerer Gallerie, nach Berlin zu ſchaffen, und konnte ich mur durch meinen Einfluß beim Gouver⸗ neur dieſen Verluſt für uns verhindern. Jetzt bitte ich Sie im Intereſſe der Gallerie dem Wunſche des Major Retzow nachzukommen.“ „Ich geſtehe,“ antwortete Doris,„daß mir der Handel ſehr zuwider iſt. Aber mir fällt etwas ein. Hat man nicht den Major in Verdacht, daß er die Zitherſpie⸗ lerin entführt hat und irgendwo verſteckt hält? Kann das ſchöne Weſen, das ich malen ſoll, nicht das arme Bergmannskind ſein?“ „Bei Gott! daran habe ich nicht gedacht,“ ſagte Riedel.„Wenn es ſo wäre, erhielten wir ja gleich eine Spur von der vergebens Geſuchten.“ „Um des willen könnte ich mich dem Auftrage un⸗ terziehen,“ ſagte Dyris. „Es ſollte mich aber doch wundern,“ bemerkte Rie⸗ del,„wenn der Major nicht bedacht haben ſollte, daß er auf dieſe Weiſe ſeine Beute der Gefahr einer Entdeckung ausſetzt.“ „Wahrſcheinlich weiß er gar nicht, daß ich an der Geſchichte irgend ein Intereſſe habe,“ erwiederte Doris. 99 „Jedenfalls muß man ſehen, ob unſere Vermuthung zu⸗ trifft.„ „Ich kann Ihnen natürlich nur rathen, dies zu thun,“ ſagte Riedel,„und Sie beſtimmen mir Tag und Stunde, wenn der Major Sie zu Ihrem Werke abholen laſſen kann?“ „Dies kann Morgen Vormittag von neun Uhr an geſchehen,“ erklärte Doris. „Gut!“ ſagte Riedel;„ich werde dies dem Major melden.“ 3 „Haben Sie dem Herrn Magiſter ſchon von der Sache geſagt?“ fragte Doris mit leiſem Erröthen. „Nein,“ antwortete Riedel;„wünſchen Sie, daß ich ihn davon in Kenntniß ſetze?“ Doris ſann eine Weile nach, dann ſagte ſie:„Es wäre vielleicht gut, wenn er darum wüßte.“ „So werde ich's ihm ſagen,“ erwiederte Riedel. Es wurde noch Einiges geſprochen, was für unſere Geſchichte keine Bedeutung hat. Riedel begab ſich hierauf geraden Weges zu dem Major, der ſeine Wohnung in dem Palais des Grafen Brühl aufgeſchlagen hatte. Am Nachmittage deſſelben Tages trafen ſich der ge⸗ heime Agent Menzel und der Sekretär Oeſterreich in der Seconda'ſchen Weinſtube. „Ich habe einen Auftrag für Sie,“ ſagte Menzel nach der gegenſeitigen Begrüßung.„Der Platzmajor hat Sie zu einer nicht ganz leichten Miſſion erſehen. Er hat geſtern in der Weinlaune eine Wette eingegangen, die ihn zwingt, ſein kleines Schätzchen malen zu laſſen. Dabei hat er gar nicht bedacht, daß dadurch ſein Geheimniß leicht verrathen werden kann, zumal, da die Malerin Doris das Bild malen ſoll!“ „Was?“ fiel der Sekretär ein;„dieſe Verbündete des jungen Grafen und des Magiſters, die ſich Alle nur erdenkliche Mühe gegeben, die Spur des ſchönen Kindes aufzufinden?“ „Ich machte den Major gleich auf die Gefahr auf⸗ merkſam, als er mir die Geſchichte mittheilte. Er wußte aber gleich ein Auskunftsmittel, der Gefahr vorzubeugen. Die Malerin ſoll mit verbundenen Augen in ſeinem Wa⸗ gen an Ort und Stelle gebracht, und ihr die Binde erſt in dem Zimmer abgenommen werden, wo ihr das Mäd⸗ chen ſitzt.“ „Das iſt gut,“ verſetzte Oeſterreich;„aber wird es genügen? Kann die Malerin nicht doch von der Kleinen erfahren, wer ſie iſt und was ihr widerfahren, und kann jene nicht dann dem Gouverneur, bei dem ſie einen ſo gu⸗ ten Stand hat, Anzeige machen, daß ſich das Mädchen in der Gewalt des Majors befindet?“ „Auch dagegen ſoll Vorkehrung getroffen werden,“ 101 erklärte Menzel;„die Malerin muß ſchwören, daß ſie mit dem Mädchen nichts über deren perſönliche Verhält⸗ niſſe ſprechen, und von dem, was ſie etwa zufällig von ihr erfahren und was ſie ſehen ſollte, keinem Menſchen etwas ſagen will.“ „Das iſt etwas anderes,“ meinte Oeſterreich.„Aber was ſoll ich bei dieſer abentenerlichen Geſchichte?“ „Sie ſollen die Malerin begleiten und nicht aus den Angen laſſen.“ „Ich? wie ſoll das gehen? Glauben Sie, ſie wird mit mir gehen? ſich von mir die Augen verbinden laſſen?“ „Das beſorge ich. Mich kennt ſie nicht. Sobald die Augen verbunden ſind, führe ich ſie nach dem Wagen, in dem Sie ſie zu erwarten haben. Sie haben kein Wort mit ihr zu ſprechen. Wenn Sie bei Reibold angelangt ſind, übergeben Sie dieſer die Malerin. Die Reibold wird ſie auf das Zimmer führen, wo ſie ihr Werk trei⸗ ben ſoll. Sie ſelbſt werden in ein anſtoßendes Kabinet ge⸗ bracht, von welchem aus Sie durch ein Fenſterchen die Scene genau beobachten können.“ „Wenn ſich aber nun überhaupt die Malerin wei⸗ gert, ſich die Augen verbinden zu laſſen?“ warf Oeſter⸗ reich ein. „Dann werde ich ſie durch ein Schreckmittel zwin⸗ 102 gen,“ verſetzte Menzel.„Wir wiſſen zwar noch blutwe⸗ nig über die geheimen Zuſammenkünfte in ihrem Hauſe; als ich die Geſellſchaft neulich abfaſſen wollte, fand ich ſie beim Würfelſpiel, und eine Durchſuchung des Locals nach Schriften hatte nicht das geringſte Reſultat; aber das ſchadet nichts, ich werde der Malerin doch ganz dreiſt ſagen, man ſei einem Complot auf der Spur, das in ihrem Hauſe unter Vorſitz des jungen Grafen S. ſeinen Herd habe, und wenn ſie ſich weigere dem Willen des Majors zu gehorchen, werde dieſer die allerſtrengſten Maßregeln wider die Complotanten ergreifen.“ „Das könnte ſie wohl einſchüchtern,“ ſagte Oeſter⸗ reich;„nun gut, ſehen wir zu; ich bin bereit, die Miſſion zu übernehmen.“ „Morgen früh vor 9 Uhr werde ich Sie abholen,“ erklärte Menzel.„Das wäre alſo abgemacht. Jetzt zu etwas Anderem. Wiſſen Sie noch nichts Näheres über den geheimen Gaſt im gräflichen Hauſe? Exiſtirt wirklich ein ſolcher und iſt er der entwiſchte Deſerteur oder nicht?“ „Ich habe Alles aufgeboten, hinter das Geheimniß zu kommen,“ verſetzte Oeſterreich.„Daß Jemand in je⸗ ner Nacht mit dem Grafen heimgekommen, das weiß ich; ich weiß auch, daß Jemand in der ſonſt unbewohnten Dachſtube ſich aufgehalten und durch den alten Bedien⸗ ten Johann mit Speiſe und Trank verſehen worden, wie 103 ich Ihnen gehörig gemeldet. Aber ſeit ein paar Tagen habe ich vergebens an der Thür jener Stube gelauſcht und verg bens dem Bedienten aufgelauert; es iſt nichts Verdächtiges mehr zu ſehen noch zu hören.“ „Dann hat man den Flüchtling fortgeſchafft,“ meinte Merzel;„daran iſt nichts Schuld, als die Be⸗ denklichkeit des Commaubanten, die Gräfin S. geradezu mit einer Hausſuchung zu überraſchen, weil ſie eine Verehrerin ſeines Königs und keine offene Preußenfeindin iſt. Im Vertrauen auf ihre Ehrlichkeit hat er bei ihr an⸗ laſſen, ob ſie den Deſerteur beherberge. Sie hat ie Frage verneint, was ſie wahrſcheinlich auch mit gu⸗ tem Gewiſſen konnte, da ihr Sohn ſich wohl gehütet ha⸗ ben wird ihr von ſeinem verfolgten Gaſte etwas zu ſagen. Die Anfrage aber wird er wohl erfahren und, dadurch gewarnt, ſeinen Schützling entfernt haben.“ „So mag es wohl ſein,“ ſagte Oeſterreich;„nun habe ich mir auch Mühe gegeben und mich ſelbſt verdäch⸗ tig gemacht bei dem jungen Grafen, daß meine Stellung im gräflichen Hauſe eine doppelt unangenehme und ſchwie⸗ rige geworden!“ „Sie müſſen doch noch eine Zeit lang dort aushal⸗ ten, ermahnte Menzel;„treten Sie jetzt nur recht be⸗ hutſam auf. Den Deſerteur überlaſſen Sie jetzt mir allein. Ein ſonderbares Spiel iſt es doch, daß wir jetzt 104 ebenſo eifrig nach dem Vater ſuchen, wie unſere Gegner nach der Tochter, und daß wir die Tochter in der Ge⸗ walt haben, während jene vermuthlich den Vater verſteckt halten— denn es hat ſich nach den Mittheilungen des Pirnaiſchen Commandanten herausgeſtellt, daß unſer De⸗ ſerteur kein anderer iſt, als der Vater unſerer Zither⸗ ſpielerin.“ „Wirklich? Das iſt in der That ein merkwürdiges Spiel!“ bemerkte Oeſterreich. Die Beiden wurden jetzt durch den Eintritt des Ma⸗ jors von Retzow unterbrochen, der im Vorbeigehen Agenten Menzel winkte ihm in das hintere Zimmer folgen— ein Wink, dem Menzel ohne Säumen gehorchte. Der Sekräter verließ die Weinſtube, um ſich nach Hauſe zu begeben. Als er ſich nach ſeinem Zimmer verfügen wollte, ſah er den Grafen Camillo mit einem Herrn durch den Corridor haſtig nach des Erſteren Gemächern ſchreiten. So viel er nach dem flüchtigen Anblick hatte wahrnehmen können, war der Andere einer von Denen, welche er im Verdachte des geheimen Complots mit dem Grafen hatte. Er ging ſchnell auf ſein Zimmer, zog die Stiefel aus, fuhr in ein Paar Filzſchuhe und ſchlich ſich nach dem Gemach, in welches jene Beiden getreten waren. Dort kroch er in ein Kamin, wo er durch das Ofenloch leicht 105 hören konnte, was jene ſprachen, vorausgeſetzt, daß ſie laut redeten. Camillo's Begleiter war wirklich einer der Ver⸗ ſchworenen, und zwar einer von den ſechs durch das Loos zu Botſchaftern mit dem öſterreichiſchen Hauptquartier Erwählten. „Nun, welche Botſchaft bringen Sie, Krüger?“ fragte der Graf, nachdem er mit ſeinem Gaſte Platz ge⸗ nommen. „Sind wir ſicher vor Belauſchung?“ gegenfragte der Genannte. „Hier immer,“ verſicherte Camillo.„Indeß, um uns ganz zu vergewiſſern, will ich einmal ſehen, ob der Sekräter zu Hauſe iſt.“ Er ging hinaus durch den Corri⸗ dor nach dem Zimmer des Sekretärs. Es war ver⸗ ſchloſſen. Befriedigt ging Camillo nach ſeinem Zimmer zurück. Das Kamin zu unterſuchen, kam ihm nicht in den Sinn. „Alles gut,“ ſagte er zu ſeinem Genoſſen tretend; „der Einzige, den wir in dieſem Hauſe zu fürchten hätten, iſt nicht da. Sprechen Sie ohne Scheu.“ „Die Stunde der Entſcheidung naht,“ berichtete Krüger;„die Eröffnungen, die ich dem Feldmarſchall machte, haben ihn bewogen das Zaudern aufzugeben. Er will, auf unſere Operation in Dresden zählend, den Prin⸗ 1859. XX. Die Malerin von Dresben. 7 zen Heinrich überfallen und vernichten, ein Corps in un⸗ ſere Neuſtadt werfen und von da aus die Preußen aus der Altſtadt vertreiben. Wir ſollen uns auf den 12. Octo⸗ ber bereit halten.“ „Das wären noch acht Tage,“ verſetzte Graf Ca⸗ millo;„noch eine lange Friſt für die Ungeduld der Pa⸗ trioten und die Kampfluſt unſerer Leute.“ „Auf wie viel können wir zählen?“ fragte Krüger. „Auf 950,“ ſagte Camillo;„lauter handfeſte, gut⸗ geſinnte Männer aus dem Handwerkerſtande. Wir hätten ihrer leicht mehr gewinnen können, aber dieſe Zahl ge⸗ nügt zu dem Handſtreiche vollkommen, und die Gefahr der Entdeckung wächſt in geometriſchem Verhältniß mit der Zahl der Geworbenen.“ „Das iſt wahr,“ bemerkte Krüger,„und bleibt es bei dem projectirten Streich auf das ſchwarze und Meißner Thor?“ „Dabei bleibt es,“ verſetzte der Graf;„ein in⸗ zwiſchen aufgetauchter Plan, das Zenghaus zu nehmen, iſt verworfen worden. Wenn in dem Moment, wo auf dem linken Elbeufer Daun den Prinzen Heinrich überfällt, auf dem rechten die Neuſtadt durch Uiberrumpelung genom⸗ men wird, kann ſich die Beſatzung der Altſtadt nicht mehr halten; entweder muß ſie dem Prinzen zu Hilfe 107 eilen, und dann iſt die Stadt ohne Schwertſtreich unſer, oder ſie bleibt und muß capituliren.“ „Wie wird es nun mit dem Sammeln zum Hand⸗ ſtreiche gehalten?“ fragte Krüger. „Wir Verſchworenen verſammeln uns den 10. Octo⸗ ber Abends in unſerm gewohnten Local am Judenhofe. Jeder Verſchworene ſorgt inzwiſchen dafür, daß ſeine Leute ſich in dieſer Nacht bereit halten, auf das verab⸗ redete Zeichen an die beſtimmten Sammelplätze zu eilen. Wir beſprechen an unſerem Verſammlungsorte noch das zunächſtliegende Nothwendige, laſſen zur rechten Zeit das Zeichen geben und vereinigen uns dann mit unſern Leu⸗ ten. Ich leite den Streich auf das ſchwarze Thor; Schlei⸗ nitz wird das Meißner Thor nehmen. Sind Sie mit die⸗ ſer Dispoſition einverſtanden?“ „Ganz wohl,“ erklärte Krüger.„Wir wollen nur wünſchen, daß kein Verrath den trefflichen Plan vereitele. Wiſſen Sie, ich traue der Bewohnerin Ihres Hauſes, unſeres Verſammlungsortes, nicht recht. Sie iſt, wie ich hörte, eine große Verehrerin des Königs von Preußen, und ſteht mit dem General von Schmettau auf ſehr gutem Fuße. Wie, wenn ſie uns belanſchte und uns verriethe?“ „Davor ſind wir ſicher,“ entgegnete der Graf;„es iſt wahr, ſie theilt die Bewunderung meiner Mutter für 7* die blendenden Geiſteseigenſchaften des Königs, den ſie den Einzigen nennt. Im Uibrigen iſt ſie aber doch gut ſächſiſch geſinnt und überhaupt viel zu edel, als daß ſie uns belauſchen oder gar verrathen ſollte.“ „Ich begreife nicht,“ ſagte Krüger,„wie man an dieſem König etwas Großes finden, wie man ihn be⸗ wundern und verehren kann. Man braucht wahrlich kein Sachſe, man braucht nur ein echter Deutſcher zu ſein, um die ganze Exiſtenz dieſes Königs beklagenswerth zu finden. Schlägt er nicht dem ohnehin kranken und ſchwachen deutſchen Reiche durch ſein gewaltthätiges und eroberungs⸗ ſüchtiges Auftreten gegen Fürſten des Reiches tödtliche Wunden? Und ſchändet und entwürdigt er nicht den deutſchen Geiſt und deutſches Weſen durch ſchnöde Ver⸗ leugnung der deutſchen Literatur und Begünſtigung des Franzoſenthums in Schriſt und Kunſt? Wie kann eine ſo edle Frau, wie Ihre Mutter, wie kann eine ſolche Künſtler⸗ natur, wie die Malerin Doris, einen ſolchen König be⸗ wundern und vergöttern?“ „Meine Mutter,“ verſetzte Camillv,„bewundert den großen Feldherrn, den kräftigen Charakter, den Phi⸗ loſophen auf dem Throne. Die Malerin verehrt in ihm den Hort der Aufklärung, welche die Menſchheit von Greueln befreit, unter denen ſie ſelbſt in ihrer Jugend gelitten. Laſſen wir ſie— genug, wir haſſen in Friedrich 109 von Preußen den ungerechten Feind unſers angeſtammten Fürſten, den Unterdrücker unſeres Vaterlandes, und be⸗ kämpfen ihn nach dem Maße unſerer Kräfte.“ „Mögen wir bald das glückliche Ende dieſes Kam⸗ pfes erreichen!“ nahm Krüger wieder das Wort;„denn das Joch der Unterdrückung wird täglich unerträglicher. Aus dem Erzgebirge gehen herzzerreißende Klagen ein über die Noth, die dort in Folge des unmäßigen Geld⸗ erpreſſens und Fouragirens eingeriſſen iſt. Und auch in den geſegneteſten Gegenden des Landes weiß man nicht mehr, wie man die unerſättlichen Forderungen der Preu⸗ ßen befriedigen ſoll.“ „Nun hoffen wir, daß die Noth am längſten ge⸗ dauert hat!“ tröſtete der Graf. Krüger entfernte ſich bald darauf. Oeſterreich war⸗ tete die Dunkelheit ab, ehe er ſeinen Schlupfwinkel ver⸗ ließ. Er hatte jedes⸗Wort verſtanden, das jene Beiden mit einander gewechſelt, und war ſo auf einmal in den Beſitz eines Geheimniſſes gekommen, nach dem er ſchon lange getrachtet. Triumphirend begab er ſich auf ſein Zimmer, und überlegte, wie er ſein Geheimniß am beſten verwerthen könne. Nicht wohlfeil, das war beſchloſſen, ehe er es beſaß, wollte er es verkaufen, es galt den Preis einer einträglichen und einflußreichen Stellung. Doch miſchte ſich ein Mißvergnügen in ſeinen Triumph: er v2 110 hatte über Doris das Gegentheil von dem erfahren, was er zu erfahren gewünſcht; er hatte keine Waffe gegen die in die Hände bekommen, die zu haſſen er Urſache zu haben glaubte. Oeſterreich gehörte zu den Naturen, die keiner gro⸗ ßen Leidenſchaft fähig ſind, ſei es Liebe, ſei es Haß, und die nichts zu einem dem Haß verwandten Gefühl auf⸗ ſtacheln kann, als verletzte Eitelkeit. Aus Doris von uns beſchriebener Jugendgeſchichte weiß der Leſer, wie Oeſter⸗ reich zu lieben fähig war, wie er das arme, von ihm ver⸗ führte Mädchen erſt ſchmählich verleugnet und dann, als ihm eine Verbindung mit ihr vortheilhaft erſchienen, ihr ſeine Hand geboten. Er weiß auch, mit welch' edlem Stolze Doris dies Anerbieten zurückgewieſen. Es war nicht die verſchmähte Liebe, es war die durch dieſes Zu⸗ rückweiſen Angeſichts der Gräfin S. und anderer Zeugen gekränkte Eitelkeit, die den Erbärmlichen gegen die Ju⸗ gendgeliebte erbitterte. Dieſe Erbitterung war gewachſen, je höher der Stern der zu einem neuen Leben Berufenen geſtiegen war. Er bedachte, welche Ehre und welches An⸗ ſehen ihm dadurch entging, daß die gefeierte Künſtlerin verſchmäht hatte ſein Weib zu werden. Anfangs war an die Stelle jener Erbitterung zuweilen die Hoffnung ge⸗ treten, daß er durch ſein Kind das Band wieder knüpfen könne. Er hatte das Kind, welches Doris einer Bäuerin — — 111 zur Pflege übergeben, oft beſucht und es durch Geſchenke und Liebkoſungen an ſich zu ketten geſucht. Dies war ihm auch nicht mißlungen, und Doris war zu ſehr Mutter, als daß die Anhänglichkeit ihres Kindes an ſeinen Er⸗ zeuger nicht mildernd und annähernd auf ſie hätte wirken ſollen. Da war das Kind erkrankt und ſchnell geſtorben. Mit ihm ſank für Oeſterreich die Hoffnung, Doris wie⸗ der zu gewinnen, für immer in das Grab. Sie ließ ſich durch die Größe des Schmerzes, den er zur Schau trug, nicht tänſchen; ſie zog ſich ſtrenger von ihm zurück. Da war ſeine alte Erbitterung wieder erwacht, und ſie hatte ihn ſo weit fortgeriſſen, daß er Doris die Mörderin ſei⸗ nes Kindes nannte, ja ſie als ſolche öffentlich angeklagt haben würde, hätte er dadurch nicht ſeine Stellung bei der Gräfin auf's Spiel geſetzt. Daß Oeſterreich aus Rückſicht auf ſeine Stellung nicht offen gegen Doris auftreten und an ihrem Verder⸗ ben arbeiten konnte, verleidete ihm dieſe Stellung und be⸗ wog ihn, ſich dem Agenten Menzel in die Arme zu wer⸗ fen, und durch dieſen eine Stelle zu erhalten, die ihn der Rückſichten gegen die Gräfin überhob. Nebenbei durfte er hoffen, den Magiſter Starke und ſomit auch Doris auf der Seite der Preußenfeinde zu finden und beide ſpäter oder früher als ſolche an's Meſſer zu liefern. Auch dieſe Hoffnung ſah er jetzt vereitelt, und das ſchmälerte ſeinen Triumph über die gemachte Entdeckung. 112 Da ſaß er nun in ſeinem Zimmer und brütete, wie er ſeine Feindin dennoch verderben möge. Es gab noch ein Mittel dazu, zwar ein gewagtes, aber eins von furchtba⸗ rem Erfolge: er konnte Doris des Kindesmordes ankla⸗ gen. Erhielt er als Lohn für ſeine Anzeige über das Complot eine Stelle im preußiſchen Dienſte, ſo war er aller Rückſichten gegen die Gräfin ledig, ſo konnte er gegen ihren Schützling rückſichtslos verfahren. Oeſterreich glaubte wirklich an die Schuld, die er auf das Haupt der Jugendgeliebten wälzen wollte. Ein⸗ zelne Umſtände bei dem Tode ihres Kindes vereinigten ſich mit ihrer ganzen Situation, um ſie vor einem Men⸗ ſchen von dem Charakter Oeſterreich's verdächtig erſchei⸗ nen zu laſſen. Das Kind war binnen wenigen Stunden geſund und todt geweſen; die Bäuerin, die es gepflegt, hatte geäußert, ſie begreife nicht, wie ein ſo geſundes, ſtarkes Kind ſo plötzlich habe erkranken und ſo ſchnell wegſterben können. Ferner hatte Doris keine Zeichen eines übermäßigen Schmerzes von ſich gegeben; ſie hatte vielmehr eine große Faſſung und Reſignation gezeigt. Sie war im Begriff einen Namen in der Kunſtwelt zu erwerben— da konnte ihr das Kind der Schwachheit nur unbequem ſein. Verdachtsmomente genug für einen Men⸗ ſchen wie Oeſterreich. Jetzt faßte er dieſe Momente zuſammen; jetzt baute er das ganze Gerüſte der gräßlichen Anklage auf, die er 113 erheben wollte. Einige ſchwache Lücken der Beweiſefüh⸗ rung gedachte er leicht noch ausfüllen zu können. Er wollte nach dem Gute reiſen, wo die Pflegerin des ge⸗ ſtorbenen Kindes lebte, und dieſe genau über Alles, was vor und während deſſen Krankheit mit ihm vorgegangen, ausforſchen. Hatte er ſo ſein Beweiswerk vervollſtän⸗ digt— und er zweifelte nicht daran, daß dies gelingen müſſe— ſo wollte er bei dem Gerichte jenes Gutes die Unterſuchung beantragen, und er war von dem Vor⸗ ſtande jenes Gerichtes überzeugt, daß er dieſelbe mit dem größten criminaliſtiſchen Eifer einleiten werde. Er war ja ſein Gevatter und guter Freund!— Oeſterreich ſtellte ſich wohl die Möglichkeit vor, daß die Angeklagte durch den Einfluß ihrer vornehmen Gön⸗ ner vor dem äußerſten Schickſale, das die Anklage mit ſich führen konnte, gerettet würde. Mochte dies immerhin geſchehen, ihr Name war gebrandmarkt, ihre Rolle in der guten Geſellſchaft war ausgeſpielt. Rache genug für den Schimpf, den ſie ihm bereitet!— Entſchloſſen, wenigſtens dieſe Rache ſich nicht ent⸗ gehen zu laſſen, ſtand er auf und ging den Agenten Men⸗ zel aufzuſuchen, dem er mittheilte, daß er das ganze Com⸗ plot wider die Preußen entdeckt habe, aber auch erklärte, es nur zu verrathen, wenn ſeine Exiſtenz auf eine an⸗ ſtändige und ehrenvolle Weiſe ſichergeſtellt würde. Sechstes Capitel. Graf Camillo. Doris war nicht wenig erſtaunt, als Menzel zur feſtgeſetzten Stunde bei ihr erſchien und ihr Namens des Platzmajors erklärte, ſie müſſe ſich die Augen verbinden laſſen. Ihr weiblicher Stolz ſträubte ſich wider eine ſolche Zumuthung. Doch beſtätigte gerade dieſe die Vermuthung, daß es ſich um die geraubte Zitherſpielerin handle, und die Gelegenheit, eine Spur von ihr zu erhalten, mußte unter allen Umſtänden benutzt werden. So unterwarf ſich Doris der Maßregel des Augenverbindens und leiſtete ſelbſt den Schwur, mit dem Mädchen, das ſie zu malen hatte, nichts über ihre Herkunft und ſonſtiger perſönli⸗ chen Verhältniſſe zu ſprechen. So ließ ſie ſich von Merzel hinab an den Wagen leiten und nahm, ohne es zu ahnen, an der Seite Des⸗ jenigen Platz, der ihre Jugend vergiftet hatte, deſſen ſie — 115 ſich aber für immer entledigt zu haben glaubte.„Ihr Cavalier, Mademviſelle,“ ſagte Menzel, als ſie den Be⸗ gleiter wahrnahm und ihre Ueberraſchung äußerte,„der aber gleichfalls die Weiſung hat, mit Ihnen kein Wort zu ſprechen.“ Damit ſchloß er den Kutſchenſchlag und das Gefährt rollte davon. So ſaßen die Menſchen wieder Seit' an Seite, in dem engen Raum einer Kutſche, die einander einſt brün⸗ ſtig geliebt, und von denen der eine dei andere tödtlich haßte, dieſe jenen auf's Tiefſte verachtete. Aber Oeſter⸗ reich erbebte im Innerſten ſeines Weſens, als er die ſah, die er verderben wollte, in der Hoheit ihrer gegenwärti⸗ gen Erſcheinung, wenn auch die leuchtenden Sonnen ihres Antlitzes verhüllt waren. Und als er die in weiche Seide maleriſch gehüllten edlen Glieder unmittelbar neben ſich fühlte, erlag ſeine Bosheit augenblicklich der Allmacht ihrer Reize. Er hätte ſich ihr zu Füſſen werfen, ſich zu erkennen geben und um Verzeihung flehen mögen für Alles, was er an ihr geſündigt und noch zu fündigen im Begriff geſtanden. Der Verdacht des Kindesmordes ſchwieg; wäre aber auch ihre Schuld ſonnenklar geweſen, er hätte ihn nicht gehindert ihr Herz und Hand auf's Neue zu bieten, hätte er den Muth dazu gehabt, hätte er nicht gefühlt, daß er mit Verachtung zurückgewieſen wer⸗ den müſſe. Dies Gefühl behielt die Oberhand und führte 116 den Entſchluß zurück, zu verderben, was er nicht mehr beſitzen konnte. Während dem gab ſich Doris an die Idee des Kunſtwerkes hin, das ſie ſchaffen wollte. Es ſtand wieder lebendig und klar vor ihrem Geiſte, verkürzte ihr die et⸗ was lange Fahrt und ließ ſie vergeſſen, daß ſie einen Be⸗ gleiter hatte, geſchweige daß ſie nachgedacht hätte, wer etwa dieſer Begleiter ſein könne. Es iſt jetzt Zeit, dem Leſer die Idee mitzutheilen, die ſie ſo ganz beſchäftigte und an deren Verwirklichung ſie ihre ganze Kraft zu ſetzen entſchloſſen war. Doris war des Glaubens, der Künſtler müſſe vor Allem in ſeiner Zeit und in ſeinem Volke ſtehen, ſeine Aufgabe ſei es, den weltbewegenden Ideen ſeiner Zeit und dem Antheile ſeines Volkes daran Ausdruck zu geben. Es war aber die weltbewegende Idee jener Zeit die Hu⸗ manität, an deren Siege dem deutſchen Volke ein ſo gro⸗ ßer Antheil von der Vorſehung zugedacht war. Die Hauptträger der Idee und Vermittler des Sieges waren die Dichtkunſt auf der einen und der philoſophiſche Kö⸗ nig auf dem preußiſchen Thron auf der andern Seite. Aber zwiſchen dieſen beiden Mächten mangelte die Eini⸗ gung, welche den Sieg beſchleunigen mußte. Herrlich ent⸗ faltete die deutſche Dichtkunſt ihre göttlichen Schwingen; aber, wie der größte deutſche Dichter ſpäter ſang: 117 „Von dem größten deutſchen Sohne, Von des großen Friedrich's Throne Ging ſie ſchutzlos, ungeehrt.“ Das ward von den Dichtern ſelbſt nicht allein, das ward von allen patriotiſchen Gemüthern mit Schmerz empfunden. Wie glorreich würde das geiſtige Leben in Deutſchland blühen, wenn der große Friedrich die Dich⸗ ter des deutſchen Volkes um ſeinen Thron verſammelte, und ſie unter ſeiner Aegide das Propheten⸗ und Prieſter⸗ thum der Humanität übten! Dieſer Gedanke bewegte viele Herzen, dieſer Gedanke fand auch in Doris' em⸗ pfänglicher Seele fruchtbaren Boden. Und aus ihm ent⸗ ſproß die Idee des Kunſtwerkes, das ſie zu ſchaffen ge⸗ dachte; die deutſche Muſe, wie ſie am Friedensfeſte auf dem Throne zur Rechten des Königs ſitzt und ihm den Kranz der Unſterblichkeit um das Haupt legt. Die Geſtalt der Muſe war es, welche zwar klar und lebendig vor ihrer Seele ſchwebte, ihr aber immer ſich verflüchtigte, wenn ſie ſie mit dem Pinſel darſtellen wollte. Eine Geſtalt, in welcher die ganze Tiefe, Zart⸗ heit und lebensvolle Glut der deutſchen Poeſie, verbun⸗ den mit ihrer damaligen Jugendlichkeit zur Erſcheinung kam. Eine ſolche Geſtalt ſollte ſie in der Wirklichkeit als Modell ſuchen— aber wo ſie finden? Mit dieſer Frage beſchäftigt, fühlte Doris, wie der Wagen plötzlich ſtille hielt. Der Schlag öffnete ſich und eine Frauenſtimme lud ſie ein auszuſteigen. Von einer kräftigen Hand unterſtützt, ſtieg ſie aus und ließ ſich in eine Hausflur und eine Treppe hinan führen. Als ihr die Binde abgenommen ward, fand ſie ſich in einem reich möblirten Zimmer, einer wohlbeleibten, ſtattlich geklei⸗ deten Frau gegenüber, die ſie bewillkommte und zum Nie⸗ derſitzen einlud, dann aber hinausging und an der Seite eines Weſens wieder erſchien, von deſſen Anblick Doris auf's Tiefſte betroffen ward. Dieſes ſonnige, friſche An⸗ tliz, dieſe edle, ſinnige Stirn, dieſes tiefblaue klare Auge, dieſe reichen goldenen Locken, dieſer blendende Hals und Nacken, dieſe ganze edle und anmuthige Geſtalt— wahr⸗ haftig das war die verkörperte Heldin ihres Bildes! Sie wollte ihren Augen nicht trauen. Was ſie im Leben zu finden ſchon verzweifelt, das ſtand auf einmal vor ihr le⸗ bendig in vollendeter Ebenbildlichkeit. Sie bedurfte einer guten Weile, ſich von ihrer Uiberraſchung zu erholen und zu überzeugen, daß ſie nicht blos träumte, nicht ein bloßes Gebilde ihrer Phantaſie vor ſich ſah. Emma war nun ſechs Wochen im Hauſe und unter der Pflege der Reibold, und bewegte ſich in den ſchönen Gewändern, die ſie trug, wie ein Kind der vornehmen Welt. Mit einer eben ſo glücklichen Elaſticität des Ge⸗ müthes, wie mit vorzüglicher Faſſungsgabe ausgeſtattet, 119 hatte ſie ſich ſchnell in ihre neue Lage gefunden und ſich ihre Vortheile zu Nutze gemacht, aber auch ihre Gefahren umgangen. Sie hatte aus der ihr geöffneten Bibliothek Alles geleſen, was ihr gerade in die Hände gefallen war, von Hofmannswaldau bis auf Hagedorn und Wieland; aber das Unlautere war an der reinen Spiegelfläche ihrer kindlichen Seele abgeglitten, das Lautere allein war ihr Eigenthum geworden.„Es iſt zum Verzweifeln, wie un⸗ ſchuldig der Nickel iſt,“ hatte die Reibold ſchon zu Men⸗ zel geſagt. „Das iſt die Künſtlerin, die Dich für Deinen edlen Wohlthäter malen ſoll,“ ſagte die Reibold zu dem jun⸗ gen Mädchen. Emma verneigte ſich anmuthig vor der Malerin und betrachtete ſie mit einem Blick der Verwunderung und des innigſten Wohlgefallens. „Ich weiß zwar nicht, was meinem Wohlthäter an meinem Bilde liegt,“ ſagte ſie,„aber von einer ſolchen Dame laſſe ich mich gern malen. Hätte er mir einen Herrn geſchickt, ſo hätte mich kein Regiment Preußen zum Sitzen gebracht.“ Doris reichte dem Mädchen die Hand und erwie⸗ derte:„Wir werden gute Freundinnen werden, hoffe ich; ich werde Sie nicht durch zu vieles Sitzen ermüden.“ „Aber ſagen Sie mir, Mademviſelle,“ nahm Emma wieder das Wort,„wollen Sie mich denn wirklich im Reifrock malen? Ich glaube, das iſt nicht ſchön, nicht maleriſch. Madame Reibold wollte aber nicht anders.“ „Ich würde ein idealeres Kleid vorziehen,“ ſagte Doris;„unſere Modetracht iſt in der That abſcheulich und für ein ſo junges Mädchen entſchieden widernatürlich. Für die nächſten Sitzungen habe ich mit dem Kopf zu thun; es iſt mir lieb, daß das Haar nicht durch die mo⸗ diſche Friſur entſtellt iſt—“ „O, Madame Reibold wollte mich wohl friſiren und pudern, aber dagegen hab' ich mich mit Händen und Füſſen gewehrt,“ fiel Emma ein. „Ja,“ bemerkte die Reibold,„es iſt ein kleiner Ei⸗ genſinn.“ „In dieſem Falle ein berechtigter,“ erklärte Doris; „es wäre geradezu eine Sünde an der Natur geweſen, dieſe freie Lockenpracht in eine franzöſiſche Friſur zu zwängen. So kann ich nun doch den Kopf immer malen; inzwiſchen können Sie wohl für ein altdeutſches Gewand Sorge tragen, oder beſſer ich ſorge dafür—“ „Altdeutſch, ja das laß ich mir gefallen,“ verſicherte Emma freudig;„bitte, Mademviſelle, laſſen Sie es doch ja dabei!“ „Ich weiß nur nicht, ob das Deinem Wohlthäter gefallen wird,“ warf die Reibold ein. 121 „Ei, die Malerin muß doch am beſten wiſſen, was mir gut ſteht,“ verſetzte Emma. „Immer iſt die Kleine naſeweis,“ rügte die Rei⸗ bold.„Nun, wenn es nicht anders iſt, ſo mag es beim Altdeutſchen bleiben. Sagen Sie mir, Mademoiſelle, was Sie für Stoff brauchen, und ſagen Sie mir ſonſt, wie Alles werden ſoll.“ „Ich habe ein Intereſſe, meine junge Freundin in der entſprechenden Tracht zu malen, ich werde ganz allein dafür ſorgen!“ erklärte Doris. „Dann berechnen Sie nur Ihre Auslagen,“ bat die Reibold. „Das wird ſich finden,“ ſagte Doris und lud Emma zum Sitzen ein. Mit einer Luſt wie noch nie ging Doris an's Werk. Ihre Idee war nun für die Wirklichkeit gerettet. Wäh⸗ rend ſie arbeitete, hätte ſie gern das ſchöne Kind ein we⸗ nig über ſeine perſönlichen Verhältniſſe befragt, aber ſie gedachte ihres Schwures und hielt ihn. Sie zweifelte nicht, daß es die Zitherſpielerin ihrer Freunde ſei, und gelangte zu der befriedigenden Uiberzeugung, daß es noch nicht gelungen war, dieſe liebliche Blume auch nur mit einem Hauche zu beflecken. Als Doris nach mehrſtündigem Malen an Emma's Bild, das ſie in ganzer Figur darſtellen 62, mit ver⸗ 1859. XX. Die Malerin von Dresden. bundenen Augen wieder in ihrer Wohnung angekommen war, trat bald hinter ihr der Magiſter Starke ein.„Ich muß mich gleich erkundigen, ob Sie wirklich unſere Zither⸗ ſpielerin geſehen, oder doch eine Spur von ihr erlangt,“ ſagte er. „Ich glaube, ich habe ſie geſehen,“ antwortete ſie, und erzählte, welche Procedur man mit ihr vorgenommen, die ſie verhinderte, den Aufenthalt des Mädchens, das ſie malen ſollte, anzugeben. „Das thut nichts,“ ſagte Theophilus,„ich weiß das Haus, in welchem Sie waren.“ „Wie iſt das möglich?“ „Auf ſehr einfache Weiſe,“ erwiederte er.„Als mir Freund Riedel mittheilte, welchen Auftrag er Ihnen für den Platzmajor gegeben, da ahnte mir nichts Sauberes. Es konnte leicht etwas gegen Sie ſelbſt beabſichtigt ſein. Daher beſchloß ich meine Verkehrungen zu treffen. Ich miethete mir einen Wagen und war in demſelben noch vor neun Uhr an der Frauenkirche, ſo daß ich Ihre Wohnung vor Augen haben konnte. Ich ſah, wie eine Kutſche vor Ihrem Hauſe anhielt, wie aus dieſer der be⸗ rüchtigte Menzel ſtieg und wie er nach einer Viertelſtunde mit Ihnen zurückkehrte und Sie in den Wagen hob. Ich ließ den Wagen fortfahren und folgte in dem meinigen einige hundert Schritt hinterdrein. Die Fahrt ging kreuz — 123 und quer aus einer Gaſſe in die andere, bald rechts, bald links abliegend und faſt Dreiviertel eines Kreiſes beſchrei⸗ bend, vor das Pirnaiſche Thor in die Johannisgaſſe, wo Ihre Kutſche vor einem anſehnlichen Hauſe Halt machte. Eine wohlbeleibte Dame trat dort aus der Thür und nahm Sie in Empfang. Bald nach Ihnen ſah ich einen Mann aus dem Wagen ſteigen und Ihnen folgen. konnte ſein Geſicht nicht ſehen, aber ich möchte etwas Anderes darum wetten, daß es der Sekretär unſerer Patronin war. Hat Ihr Begleiter ſich Ihnen zu erkennen gegeben?“ „Nein,“ antwortete Doris, und erzählte, auf welche Weiſe Menzel ihn ihr vorgeſtellt hatte. „Er wird es wohl geweſen ſein,“ nahm Theophilus wieder das Wort;„ich will nur ſehen, wie lange dieſer Menſch ſein Weſen noch treiben wird, bis der Gräfin die Augen über ihn aufgehen. Graf Camillo hat gewiß Recht, indem er ihn den Unteragenten Menzel's nennt. Doch dem ſei, wie ihm wolle— genug, ich fand mich jetzt erſt recht veranlaßt, den Ausgang des Abenteuers zu ver⸗ folgen. Ich legte mich auf Kundſchaft. Ich ſtieg aus mei⸗ nem Wagen und trat in ein benachbartes Bierhaus, von wo aus ich das Haus ſehen konnte, in das Sie geführt worden. Ich erkundigte mich, wer darin wohne, und er⸗ fuhr, daß es von einer verwitweten Geheimſekretärin Rei⸗ 8* 124 bold bewohnt ſei, der es gehöre und die früher ein Penſionat für junge Mädchen darin gehalten. Kurz vor der preußi⸗ ſchen Oecupation ſei dasſelbe aber vom Rathe aufgeho⸗ ben worden, weil ſich herausgeſtellt habe, daß Madame Reibold vornehmen Libertins der Reſidenz geheimen Zu⸗ tritt zu ihren Pflegebefohlenen verſtattet, obſchon ſie ſich das Anſehen großer Ehrbarkeit und Frömmigkeit gegeben, namentlich alle Sonntage zweimal in die Kirche gegangen und zu allen kirchlichen Zwecken beigeſteuert. Sie können ſich denken, wie mir bei dieſer Nachricht ward, indem ich mir dachte, daß das arme, unſchuldige Mädchen in ſolche Hände gefallen ſein könne.“ „Wie mir ſcheint, iſt dies allerdings der Fall,“ be⸗ merkte Doris, und beſchrieb genau das Aeußere des Mäd⸗ chens, das ſie zu malen begonnen. „Sie iſt es,“ beſtätigte Theophilus;„hier iſt kein Zweifel mehr; da muß Alles aufgeboten werden, das arme Kind dieſen Händen zu entreißen.“ „Vor der Hand dürfen wir wenigſtens darüber ru⸗ hig ſein, daß es der Verführung noch nicht gelungen, dieſe Unſchuld zu vergiften,“ ſagte Doris;„aber wir müſſen daran arbeiten, ſie zu befreien. Ich werde die erſte Gele⸗ genheit, die ſich mir bietet, benutzen, den Gouverneur von dem Handel in Kenntniß zu ſetzen und das junge Mäd⸗ chen ſeinem Schutze zu empfehlen.“ 125 „Er wird Ihnen nur ſchwer glauben,“ meinte Theo⸗ philus;„der Major gilt viel bei ihm, und es wird die⸗ ſem gar nicht ſchwer fallen, ſollte der Gouverneur ihn zur Verantwortung ziehen, Ihre Beſchuldigung als eine falſche darzuſtellen, unter der Hand aber ſein Opfer jeder Nachforſchung zu entziehen. Das Letztere müſſen wir verhüten, und darum mit einer Anzeige beim Gouver⸗ neur ſehr behutſam zu Werke gehen.“ „Wollen wir nicht dem Grafen Camillo unſere Ent⸗ deckung mittheilen, da er einen ſo großen Antheil an dem jungen Mädchen nimmt?“ ſagte Doris;„vielleicht hat er einen guten Gedanken.“ „Wenn er nur nicht von andern Plänen ſo ſehr ein⸗ genommen wäre!“ entgegnete Theophilus.„Ich fürchte, er führt Etwas im Schilde, das ihm alle ruhige Uiber⸗ legung raubt. Ich weiß nichts, denn ich habe ſeit langer Zeit aufgehört ſein Vertrauter zu ſein; aber mir ahnt, er hat ſich in ein Complot gegen die Preußen eingelaſſen. Die Gräfin Mutter hat die nämliche Beſorgniß und iſt äußerſt unglücklich darüber.“ „Mir ſind die Zuſammenkünfte, die er in dieſem Hauſe unterhält, auch ſchon aufgefallen,“ ſagte Doris; „ich konnte ihn natürlich darüber nicht zur Rede ſtellen, da das Haus ſein iſt; aber es iſt mir immer geweſen, als 126 müſſe ich ſeine Mutter davon in Kenntniß ſetzen, um ſie zu warnen.“ „Das wollen wir nicht thun,“ verſetzte Theophi⸗ lus;„da wir ihr nichts Gewiſſes mittheilen können, ſo würden wir nur ihre Unruhe vermehren, ohne ihr Mittel zu liefern, das, was ſie fürchtet, abzuwenden. Beſſer, wir wagen es geradezu den Grafen Camillo ſelbſt zu warnen, und wir können das recht ſchicklich thun, wenn wir ihm von dem Aufenthalt ſeines Schützlings ſagen, was wir wiſſen, und ihn anſpornen, dieſem ſeine Sorge zuzuwenden.“ „Ich werde das auf mich nehmen,“ erklärte Doris; „ſobald er kommt, den Vater des Mädchens zu beſuchen, werde ich Gelegenheit nehmen, mit ihm mich auszu⸗ ſprechen.“ „Thun Sie das,“ bat Theophilus;„jedenfalls richten Sie mehr bei ihm aus als ich; denn ſo wenig ich den Hofmeiſter bei ihm geſpielt, ſo leicht wird er doch daran erinnert, daß ich es dem Amte nach geweſen, und jeder Rath und jede Warnung von mir kann er in einer gereizten Stimmung leicht für eine Fortſetzung der Hof⸗ meiſterrolle nehmen. Sie dagegen können Ihre ganze Beredtſamkeit aufbieten, ihn von Unternehmungen abzuhal⸗ ten, die nur wenig Ausſicht auf Erfolg haben, deſto leichter aber die Betheiligten in's Verderben ſtürzen können.“ 127 „O wenn ich es doch öchte, ihm die Augen zu öffnen!“ verſetzte Doris. Ferbände ich nur mit mei⸗ nem guten Willen und we en Herzen die Macht der Beredtſamkeit und des W ens, die Sie beſitzen, mein edler Gönner! Dann eelte ich nicht an einem glückli⸗ chen Erfolge. O wa“ re das für ein Glück, könnte ich auf dieſe Weiſe me hohen Wohlthäterin ein Theilchen der Schuld abtr.„die ſie auf mich gehäuft!“ Theophi“ drückte ihr innig die Hand und lenkte dann das präch auf ihren Künſtlerberuf. Gern hätte Doris ih ihre Idee mitgetheilt und welch' glücklichen Fund ſieh te rückſichtlich ihrer Verwirklichung gemacht. Aber an de Gläck, das ſie darüber empfand, hatte ja die ſüße H nung einen großen Theil, die ſich an das Gelingen ih s Werkes knüpfte: die Hoffnung, dadurch des Mannes rer Liebe und Verehrung würdiger zu wer⸗ den. Darum ochte ſie ihm von dem Werke nichts ſagen, bis es vollen wäre. Theophi hatte ſich noch nicht lange von ihr verabſchiedet, a Graf Camillo bei ihr erſchien, ſich den Schlüſſel zu? Wohnung des im Hauſe geborgenen Flüchtlings zu len. Doris bat in näher zu treten und eine wichtige Mittheilung von„zu vernehmen, die auch ſeinen Gaſt ſehr nahe angehe 128 „Wiſſen Sie vielleicht etwas von ſeiner Tochter?“ fragte Camillo ahnungsvyll. „Zuvörderſt nehmen Sie Platz,“ bet ſie und deutete auf das Sofa, indem ſie ſich ſelbſt darauf niederließ. „Ich bin ganz geſpannt,“ ſagte er, denn wenn Sie von einer wichtigen Mittheilung ſprechen, ſo kann es nichts von untergeordneter Bedeutung ſein.“ „Sie haben recht gerathen,“ begann Doris wie⸗ der;„ich habe den Aufenthalt Ihrer er⸗ kundet.“ „Wirklich?“ fiel er ein;„o Gott ſ Pnt Wo iſt ſie?“ Doris beſchrieb die Oertlichkeit und„ihue wie ſie zu ihrer Kunde gekommen. „Da iſt keine Zeit zu verlieren,“ 3 der Graf; 5 „ich muß ſie retten, muß ſie heute noch i em Vater in die Arme führen!“ „Nur gemach, nur keine urterſtlrzung Herr Graf!“ warnte Doris.„Wie wollen Sie die Rettung ſo ſchnell bewerlſtelligen? Durch Uibereilung kann Alles verdorben werden. Laſſen Sie uns mit Ruhe überlegen, wie wir die Rettung ſicher ausführen. Das Haus, in dem Ihr Schützling gefangen iſt, iſt Tag und Nacht verſchloſſen, und ich bin gewiß, daß Niemand hinein kommt, der nicht als durchaus ungefährlich für die Abſichten des Majors 129 legitimirt iſt. Wollen Sie aber Gewalt brauchen, das Haus überfallen, die Thüren erbrechen und das Mädchen befreien, ſo dürfte Ihnen das theuer zu ſtehen kommen. Die Thorwache iſt in der Nähe und würde durch den Lärm, den die Beſitzerin des Hauſes erheben würde, ſchnell herbei geſprengt werden und Ihr Vorhaben auf Koſten Ihrer perſönlichen Freiheit vereiteln.“ „Sie haben Recht,“ ſagte Camillo unmuthig;„ich darf meine Freiheit nicht auf's Spiel ſetzen, denn von ihr hängt mehr ab, als das Schickſal eines Mädchens.“ „Am Ende wohl das Schickſal des Vaterlandes?“ fragte Doris mit eigenthümlicher Betonung. Der Graf ſah ſie betroffen an.„Wie meinen Sie das? Was wiſſen Sie?“ fragte er. „Herr Graf!“ erwiederte Doris mit mildem Ernſte, „vertrauen Sie mir? glauben Sie, daß eine Perſon, die in Ihnen den einzigen Sohn und Liebling ihrer größ⸗ ten Wohlthäterin ehrt, es gut mit Ihnen meint und von dem Wunſche brennt, Ihnen ehrlich und treu zu dienen? Darf ich ganz offen mit Ihnen ſprechen?“ „Was gibt es denn?“ verſetzte er.„Sie ſind ſo ernſt, ſo feierlich; was haben Sie mir denn zu ſagen?“ „Herr Graf— die Wände haben Ohren und die Augen einer Mutter ſehen ſcharf: hätte ich nicht ein ge⸗ heimnißvolles Flüſtern vernommen, daß Sie auf gefähr⸗ lichem Pfade wandeln, ſo hätte ich's in den kummervollen Mienen Ihrer Frau Mutter leſen müſſen. Herr Graf, haben Sie auch bedacht, daß Ihr Untergang dieſer herr⸗ lichen Mutter das Herz brechen würde?“ Camillo ſchwieg einige Augenblicke verwirrt. Der Ton, in welchem Doris redete, machte ihn glauben, ſie wiſſe mehr um das Complot, als ſie wußte, und er er⸗ ſchrak, daß doch eine uneingeweihte Perſon dahinter ge⸗ kommen. Endlich fragte er, wie ſie zu dem Geheimniß gekommen. „Ich weiß nichts,“ ſagte ſie jetzt ganz offen,„als daß Ihre beſten Freunde, denen Sie aber Ihr Vertrauen entzogen, ſich der Beſorgniß nicht erwehren können, daß Sie ſich auf ein Unternehmen eingelaſſen haben, welches Ihnen weit eher den Kopf koſten, als zu dem erſtrebten Ziele führen kann. Ich will nicht in Ihre Geheimniſſe dringen, aber ſo viel iſt mir jetzt klar, daß Ihre Freunde mit ihrer Beſorgniß nicht ganz Unrecht haben, und darum muß ich mir eine Frae erlauben. Welche Bürgſchaft haben Sie, daß durch die Vertreibung der Prrußen aus Sachſen mit Hilfe der Kroaten die Lage unſeres engern Vaterlandes in Wahrheit eine beſſere werden würde? denn von Ihnen habe ich eine beſſere Meinung, als daß Sie aus tendentiöſer Feindſchaft gegen den König der Aufklärung ſeine Herrſchaft in Sachſen geſtürzt ſehen 131 möchten; ich glaube vielmehr, daß Sie dies um des un⸗ glücklichen Vaterlandes willen wünſchen. Aber welche Bürgſchaft, wiederhole ich, haben Sie dafür, daß dieſes wirklich glücklicher werden würde, wenn ſtatt der Preußen die Oeſterreicher darin herrſchten?“ „Sie ſetzen einen Fall, der nicht ſtattfinden wird,“ verſetzte Camillo;„wenn wir mit Hilfe der Oeſterreicher die Preußen verjagt haben, dann wird der angeſtammte Fürſt in ſein Land zurückkehren und es nach wie vor mit Milde regieren.“ „Das heißt: unter dem Schutze öſterreichiſcher Musketen und Kanonen,“ entgegnete Doris.„Denn der Fürſt, der ſein Land nicht behaupten konnte, da er noch eine ſtattliche Armee beſaß, wird es ohne ſolche gewiß noch weniger können. Und glauben Sie, daß wir etwas gebeſſert wären, wenn wir ſtatt preußiſcher, öſterreichiſche Soldaten im Lande hätten? Es iſt eine alte Erfahrung, daß Bundesgenoſſen in dem beſchützten Lande ſich gerade wie ſiegreiche Feinde benehmen, daß ſie ſich auf Koſten dieſes Landes nähren und gütlich thun wie dieſe. Und glauben Sie, der große Friedrich werde ruhig zuſehen, wie die Oeſterreicher in Sachſen herrſchen? Er wird in ſeinen Erblanden neue Kräfte ſammeln und wieder da ſein wie der Blitz, und das arme Sachſenland wird der Schauplatz blutiger Kämpfe ſein als zuvor.“ 132 „Ich glaube, die Ruſſen werden ihn nicht ſo weit zu Kräften kommen laſſen, daß er wieder etwas gegen Sachſen vornehmen könnte,“ meinte Camillo.„Sind die Preußen einmal aus Sachſen verjagt und von den Ruſſen und Schweden im Norden und Oſten, von den Oeſter⸗ reichern und Franzoſen im Süden und Weſten in ihre na⸗ türlichen Grenzen eingeſchloſſen, ſo wird der vollſtändige Fall des Preußenkönigs nicht außenbleiben.“ „Und dieſen Fall können Sie wünſchen?“ fiel Do⸗ ris warm ein.„Das wäre ein Unglück für die Menſch⸗ heit. Mit Friedrich dem Einzigen fiele die Sache der Aufklärung und Humanität auf lange Zeit. Und Sie können ſeinen Fall wünſchen durch Franzoſen und Ruſſen? Das wäre ein Unglück für die deutſche Nation, das größte, das ihr noch begegnet wäre. Denn die Franzoſen und Ruſſen würden ſich als Siegespreis in die preußi⸗ ſchen Länder theilen. Nein, Herr Graf, das können Sie nicht wünſchen, wenn Sie ein Deutſcher, wenn Sie ein Freund der Aufklärung ſind. Möge Oeſterreich ſeinen Streit mit Friedrich ausmachen, möge es ihn bald zu ei⸗ nem ehrenvollen Frieden zwingen und dadurch unſer Sachſenland ſeinem angeſtammten Fürſten zurückgegeben werden; ſo lange aber Ruſſen und Franzoſen, lüſtern nach deutſcher Beute, an Friedrich's Untergang arbeiten, muß ein deutſches und für Menſchenwohl erglühtes Herz beten, daß Gott ihm Sieg in jedem Kampfe verleihe.“ 133 „Ich wußte wohl, daß Sie eine ſtille Verehrerin des Preußenkönigs ſeien,“ ſagte Camillo;„aber daß Sie eine ſolche Enthuſiaſtin für ihn wären, hätte ich nicht gedacht. Was mich betriſſt, ſo weiß ich, was ich zu thun habe. Daß mit dem König von Preußen die Sache der Aufklärung und Humanität ſtehe und falle, der Anſicht kann ich nicht beipflichten. Dieſe Sache ſtünde auf ſchwa⸗ chen Füßen, wenn ſie von der Exiſtenz eines Einzigen ab⸗ hängig wäre. Ich habe die Sache unſeres Fürſtenhauſes zu der meinigen gemacht, und das iſt die Sache des ſonnenklaren Rechtes. Mademoiſelle, Sie hätten dabei ſein ſollen, wie die Preußen in Dresden einzogen. Der König⸗Kurfürſt war geflohen, der ganze Hof in Verwir⸗ rung, nur die Kurfürſtin Marie Joſephe ſtand feſt und ruhig in dem ſo jäh hereingebrochenen Sturme. Die Preußen bemächtigten ſich aller Kaſſen, aller öffentlichen Schätze, und durchſtöberten alle Räume des kurfürſtlichen Schloſſes. Endlich kamen ſie auch an das geheime Kriegs⸗ archiv. Da ſtellte ſich die Kurfürſtin mit erhabenem Mu⸗ the zwiſchen die Thür und das ungeſtüme Kriegsvolk und wehrte ihm das Eindringen mit wahrhaft fürſtlicher Ho⸗ heit. Ich ſtand unfern davon; mein Herz war erſchüttert von Schmerz, Bewunderung und Ehrfurcht zugleich, und in dieſem Augenblick ſchwor ich zu Gott, die Schmach, die meinem Fürſtenhauſe widerfahren, zu rächen. Machen Sie keinen Verſuch weiter, mich meinem Schwur un⸗ treu zu machen.“ Damit erhob er ſich. Doris ſah ein, daß ihre Bemühung vergebens war. Sie ſchwieg daher und ſah mit trauriger Miene vor ſich hin. „Sie mögen in Ihrer Weiſe Recht haben,“ ſagte er, ihre Hand ergreifend,„wie ich in der meinigen auch. Darum keine Feindſchaft. Ich weiß, daß Sie mein Ver⸗ trauen ehren und unter allen Umſtänden mir ein freund⸗ liches Andenken, meiner Mutter ein zu Troſt und Hilfe bereites Herz bewahren. Gute Nacht; jetzt will ich zu meinem Deſerteur gehen und ihn durch die Nachricht er⸗ freuen, die Sie mir von ſeiner Tochter gebracht.“ Doris händigte ihm den gewünſchten Schlüſſel ein und er ging zu dem Deſerteur. Dieſer trat ihm gleich mit der Frage entgegen, ob man noch nichts von ſeiner Toch⸗ ter wiſſe. Der Graf erzählte ihm, was er von Doris erfahren. „Da muß ich gleich hin und ſie herausholen aus dem ſaubern Vogelbauer!“ rief Hertwig und ſchritt nach der Thür. Graf Camillo vertrat ihm den Weg und ſagte: „Nur nicht ſo raſch, Freund! Sie bedenken nicht, daß Sie auf der Straße erkannt und feſtgenommen werden 135 würden, ehe Sie noch das Haus erreichten, das Sie ſu⸗ chen. Aber ſelbſt wenn Sie es unangefochten erreichten, würde es Ihnen wenig nützen, weil dies Haus verſchloſſen iſt und man Ihnen nicht öffnen wird.“ „Dann ſchlag' ich die Thür ein,“ verſetzte Hertwig; „ſehen Sie mich an, ſehen Sie dieſe Fäuſte, mit Eins, Zwei, Drei ſchlag' ich die ſtärkſte Thür ein. O ich will mein Kind ſchon herausholen.“ „Die Wache iſt in der Nähe,“ wandte Camillo ein; „man würde dieſe herbeirufen und Sie wären verloren. Hören Sie mich an. Auf ſechs Tage kann es jetzt nicht ankommen— in ſechs Tagen wird Ihre Tochter frei.“ „Sechs Tage! Du mein Gott, das iſt ja noch eine Ewigkeit für ein bekümmertes Vaterherz!“ klagte Hertwig. „Vielleicht vergehen Ihnen dieſe Tage ſchneller, wenn ich ihnen ſage, daß ehe der ſiebente Tag anbricht, die Preußen aus Dresden verjagt ſein werden.“ „O Gott, wenn das möglich wäre!“ „Es iſt nicht nur möglich, ſondern ſo gut wie ge⸗ wiß,“ verſicherte Camillo. Und er theilte ihm das We⸗ ſentliche von dem Plane der Verſchworenen mit. „Ei, da muß ich auch dabei ſein,“ erklärte Hertwig; „da will ich zeigen, daß mich nicht das Kanonenfieber von der Fahne fortgetrieben. Gegen die Preußen für meinen Landesfürſten, hurrah! da will ich meinen Mann ſchon ſtellen!“ „Das glaube ich,“ verſicherte Camillo;„zunächſt wird es Ihre Aufgabe ſein, Ihre Tochter zu befreien. Ich werde Ihnen einige tüchtige Leute zur Verfügung ſtellen, mit welchen Sie am Abend der Handlung ſich bereit hal⸗ ten, auf das vom Kreuzthurm aufflammende Signal vor das Haus, wo Ihre Tochter weilt, zu rücken, um Ihre Tochter zu befreien. Die Preußen werden dann ganz anders zu thun haben, als ſich um jenes Haus zu be⸗ kümmern.“ „Der Plan iſt herrlich!“ ſagte Hertwig.„Sobald ich meine Tochter habe, eile ich dahin, wo Sie ſind, und kämpfe an Ihrer Seite; Sie dürfen mir nur ſagen, wo ich Sie finde.“ „Vor Allem müſſen Sie Ihre Tochter in Sicherheit bringen, und das können Sie am beſten, wenn Sie ſie in die Schänkwirthſchaft bringen, die in der Nähe ihres Ge⸗ fängniſſes iſt. Der Wirth iſt ein guter Patriot, weshalb Sie ſich auch bei ihm in den Hinterhalt legen ſollen. Iſt die ganze Stadt von den Preußen geſäubert, dann können Sie mit Ihrer Tochter in Ihre Heimath eilen.“ „O wäre es ſchon ſo weit!“ rief Hertwig—„doch wenn ein gerechter Gott lebt, muß Ihr Plan gelingen und Alles muß wohl gerathen!“ —————— 137 „Das hoffe ich,“ ſagte Camillo.„Alſo Geduld, mein Freund, nur noch ſechs Tage. Wollen Sie inzwiſchen Ihrer Tochter einen Gruß, vielleicht ein paar Zeilen zu⸗ kommen laſſen, ſo wird die Dame dieſes Hauſes ſie 6 beſtellen.“ „O das wäre mir ein großer Troſt!“ rief Hertwig. „Bitten Sie ſie nur ſelbſt darum,“ ſagte Camillo, „und wenn Sie irgend ein Bedürfniß haben, theilen Sie es ihr ohne Scheu mit. Ich ſelbſt werde in den nächſten Tagen nicht zu Ihnen kommen können.“ „Die Dame des Hauſes iſt eine edle, gütige Dame,“ bemerkte Hertwig—„ſie hat mich oft ſchon getröſtet, wenn ich verzweifeln wollte.“ Camillo nahm hierauf Abſchied von Hertwig und ging nach ſeiner Wohnung, wo ihm ſeine Mutter meldete, daß Oeſterreich plötzlich ſeine Entlaſſung gefordert. „Die Sie ihm natürlich ohne Weiteres bewilligt ha⸗ ben,“ ſagte Camillv.„Wir können nur froh ſein, wenn wir den Spion los ſind.“ „Ich glaube doch nicht, daß er das iſt,“ entgegnete die Gräfin,„wenn ich ſchon ſeinen Charakter nicht eben hochhalte. In dieſem Augenblick verliere ich ihn nicht gern, denn bei dem Gutshandel mit dem Grafen War⸗ tensleben war mir ſeine Geſchäftsgewandtheit ſehr noth⸗ wendig.“ 1859. XX. Die Malerin von Dresden. 9 ——————————— 138 „Der Handel iſt aber doch ſo gut wie abgeſchloſſen,“ warf Camillo ein. „Das wohl,“ ſagte die Gräfin,„und zu meiner großen Zufriedenheit; ich habe 15.000 Thaler mehr be⸗ kommen, als ich zu bekommen hoffen durfte. Ich danke dies hauptſächlich Oeſterreich's Gewandtheit. Nun kommt noch die Uibergabe, und dabei wird er mir ſehr fehlen.“ „Wann will er denn ſchon abgehen?“ fragte Ca⸗ millv. „Binnen drei Tagen, erklärte er, müſſe er die neue Stelle, die er angenommen, antreten,“ gab die Gräfin zur Antwort. 6 „Dann müſſen wir ſuchen ohne ihn fertig zu wer⸗ den,“ meinte Camillv. „Wir könnten das mohl auch,“ ſagte die Gräfin, „wenn Du Dich der Geſchäfte mehr annehmen wollteſt; aber Du biſt jetzt ganz todt für dergleichen— ſonſt warſt Du anders,“ fügte ſie mit einem halb bekümmerten, halb vorwurfsvollen Blick hinzu. Camillo trat ſchweigend an ein Fenſter, in das eben die Abendſonne ihre goldene Strahlen warf. Die Gräfin betrachtete ihn eine Weile. Auf einmal ſchritt ſie mit feuchten Augen auf ihn zu, ſchlang ihren Arm um ihn und ſagte mit rührendem Tone: „Camillo, ſage mir, welcher Geiſt iſt über Dich ge⸗ 139 kommen und hat Dein Herz gegen Deine Mutter ver⸗ ſchloſſen? Verdiene ich Dein Vertrauen nicht mehr?“ „O liebe Mutter!“ rief er, ihr die Hand küſſend, „wie tannſt Du ſo fragen; es gibt ja keine beſſere Mut⸗ ter, als Du biſt, Niemanden auf der weiten Erde, der heiligere Rechte auf mein Vertrauen hätte, als Du.. „Aber Du verhüllſt Deine Seele vor mir, Du haſt ein Geheimniß vor mir, das si ängſtigt zum Tode.“ „Geheimniſſe hat wohl jeder Menſch auch vor de⸗ nen, die ihm am nächſten ſtehen, und g riſe Dinge muß der Mann dem Weibe verbergen. Du ängſteſt Dich ohne Noth, liebe Mutter.“ „Eine mächtige Stimme ſagt mir das Gegentheil,“ verſicherte die Gräfin.„Camillo, Du haſt Dich von Dei⸗ nem edlen, feurigen Herzen zu einem Plane hinreißen laſſen, der uns Alle zu verderben droht!“ „Du würdeſt anders denken, wenn ich mich Dir entdecken dürfte,“ ſagte Camillo;„aber ein Schwur bin⸗ det meine Zunge. Ich beſchwöre Dich, Deine Beſorgniß zu mäßigen und mir zu glauben, daß ſie grundlos iſt, daß meine Sache gut ſteht.“ „Und meine Bitten, meine Thränen vermögen nicht, Dich von S Beginnen zurückzuhalten?“ flehte die Gräfin. 9* 140 „Ich werde Dir in allen Stücken ein gehorſamer Sohn ſein,“ ſagte er weich, doch entſchieden;„doch wo die Mannespflicht gebietet, den eigenen Weg zu gehen, da laß Deinem Sohne Freiheit!“ „Ihr harten, ehernen Männer mit euren eigenen Wegen, die über gebrochene Herzen gehen!“ rief die Gräfin. „Meine theure Mutter, glaube mir, daß dem Manne manchmal auch das Herz brechen will im Kampfe zwiſchen Pflicht und Liebe— aber es hilft nichts, die Pflicht muß doch ſiegen.“ Die Gräfin gab es auf, in das Geheimniß ihres Sohnes einzudringen und ihn von dem Plane, den ſie ahnte, abzubringen. Als er ſich auf ſein Zimmer zurück⸗ gezogen hatte, ſank ſie auf ihre Kniee und empfahl das Leben des Geliebten im brünſtigen Gebete dem Lenker aller Geſchicke der Welten wie der Menſchen. Sirbentes Capitel. Maior von Retzow. Oeſterreich hatte ſeinen Verrath ausgeführt und da⸗ für die Stelle eines Kriegsſekretärs erhalten— ein Preis, der ihn nicht vollſtändig befriedigte, der aber mit der Ausſicht auf höhern Lohn verknüpft war. Die Hauptſache war ihm jetzt, daß er volle Freiheit erlangt hatte, ſeinen Rachegelüſten gegen Doris ſeinen Lauf zu laſſen. Er hatte demſelben ſchon durch den zu Stande gebrachten Verkauf des Gutes Freibergsdorf an den preußiſchen Grafen von Wartensleben vorgearbeitet. Die⸗ ſes Gut gehörte nämlich bisher der Gräfin S., und in dem dazu gehörigen Dorfe wohnte die Bäuerin, bei wel⸗ cher Doris Kind geſtorben war. Das Verbrechen, deſſen er dieſe anklagen wollte, gehörte vor das Forum des dor⸗ tigen Patrimonialgerichtes. War nun ſchon der Vorſtand dieſes Gerichtes ganz der Mann, wie ihn Oeſterreich 142 brauchte, ſo war derſelbe doch von der Gerichtsherrſchaft abhängig und mußte ſich ſcheuen, gegen eine Angeklagte, die von dieſer beſchützt ward, die Strenge des Geſetzes in Anwendung zu bringen. Nichts konnte daher für Oeſter⸗ reich erwünſchter ſein, als daß die Gräfin ſich dieſes im Concurs erſtandenen Gutes wieder entledigen wollte, und er gab ſich alle mögliche Mühe, einen guten Käufer dafür zu finden. Seine Mühe war nicht erfolglos; der Handel ward abgeſchloſſen und die Gräfin S. hatte dem Gerichts⸗ direktor von Freibergsdorf nichts mehr zu befehlen. Das Recht konnte alſo dort in Oeſterreich's Sinne ſeinen Lauf haben. Bevor er jedoch weitere Schritte zur Ausführung ſeiner Anklage that, mußte er den 10. Oktober vorüber laſſen, der ſeine Anweſenheit in der Hauptſtadt unerläß⸗ lich machte. Ohne die geringſte Ahnung, daß das ſichere Ver⸗ derben auf ſie lauert, verfolgten die Verſchworenen ihren Plan. Graf Camillo ward immer muthiger, immer ſiche⸗ rer, je näher die Stunde der Ausführung kam, indeß ſeine Mutter immer angſtvoller und ſchwermüthiger ward. Ein nochmaliger Verſuch, den Doris, auf's Tiefſte gerührt durch das Leid ihrer Wohlthäterin wagte, den jungen Grafen von ſeinem Unternehmen abzubringen, ſchlug ebenſo fehl wie der erſte. 143 Während nun die Tage in ſolcher Angſt für die Einen, in ſolcher Spannung der Thatluſt für die Andern dahin gingen, fuhr Doris fort Emma's Bild zu malen. Trotz der Beſchränkung, die ihr hinſichtlich der Unter⸗ haltung mit dem jungen Mädchen auferlegt war, fand ſie doch ſchnell den Weg zu ſeinem Herzen, und wie es ſich ihr vertrauend zuneigte, ſo gewann ſie es auch täglich lieber. Bald beſtand zwiſchen Beiden das herzlichſte Einverſtänd⸗ niß, und ſie konnten einander durch Blicke und Mienen Manches mittheilen, was ſie der Sprache nicht anzuver⸗ trauen wagen durften. So konnte Doris der jugendlichen Freundin Kunde von ihrem Vater bringen, ohne daß der Späher im Nebengemach oder die Reibold es merkte. Der Späher im Nebengemach war aber nicht mehr Oeſterreich, ſondern der Major von Retzow ſelbſt. Dieſen hatte die Neugier getrieben, den erſteren abzulöſen. Schon längſt hatte er gewünſcht die Malerin Doris kennen zu lernen, aber ſie hatte ſich ihm ſtets entzogen. Die gegen⸗ wärtige Gelegenheit, ſie ungeſehen zu beobachten, konnte er nicht unbenutzt laſſen. Da ſah er die prächtige, voll⸗ erblühte Roſe neben der lieblichſten aller Knospen. Er war hoch überraſcht von der Majeſtät der Erſcheinung, welche die Malerin darbot. Er war eine ſinnliche Natur, aber dabei genial genug, um das geiſtige Element der Schönheit zu verſtehen und zu ſchätzen. Er hatte es ſchon 144 in Emma erkannt und gewürdigt, er konnte es nicht ver⸗ kennen an Doris, wo es ihm mit größerer Macht ent⸗ gegen trat. Er wußte nicht, ſollte er der Malerin oder Emma den Preis der Schönheit zuerkennen. Zwar ver⸗ ſprach Letztere eine nach allen Seiten vollendete Schön⸗ heit zu werden, wenn ſie einmal völlig erblüht ſein würde, aber Doris war erblüht, und wenn ſchon keine regelmä⸗ 1 ßige, nach allen Seiten das künſtleriſche Auge befriedi⸗ gende Schönheit, ſo doch eine Erſcheinung von überwäl⸗ tigendem Reiz. „Bei Gott! dieſes Weib könnte mich zum Platoniker machen!“ rief Retzow bei ſich aus, als er ſie ſo betrach⸗ tete.„Welch' ein Leuchten des Geiſtes bei der üppigſten Entfaltung der Formen! Unwiderſtehlich drückt der Adel ihres Antlitzes den rebelliſchen Titanen Sinnlichkeit zu Boden.“—„Ich darf ſie wahrlich nicht länger anſehen, ſonſt werde ich ein Narr!“ ſagte er nach einer Pauſe, ſtand leiſe auf und ſchlich ſich auf den Zehen an's Fen⸗ ſter.„Will dieſe dämoniſche Luſt am Weibe,“ ſprach er dort bei ſich,„wieder umſchlagen in die alte Thorheit, die mir ſo viel Jammer bereitet? Bin ich noch nicht geheilt von dem Wahne, der im Weibe ein höheres Weſen ſucht? Schäme dich, alter Don Juan! Du warſt unglücklich, als du platoniſch ſchwärmteſt; du warſt glücklich, als du reell genoſſeſt— halte feſt an der Philoſophie des Glückes!“ Es zog ihn aber doch wieder hin an das Guckfen⸗ ſterchen, wo er ſich auf's Neue in das Schönheitswunder verſenkte, das ſeiner„Philoſophie des Glückes“ ſo ge⸗ fährlich war. Er hatte ſich freilich vorgenommen, das⸗ ſelbe jetzt mit anderen, nüchternen Augen zu betrachten. Allein, ob er auch allen Cynismus ſeiner Philoſophie zu Hilfe nahm, er erlag doch auf's Neue dem Reiz, den Doris auf ſeine beſſere Natur übte. Als er ſich endlich erinnerte, daß er als Platzmajor in der jetzigen verhäng⸗ nißvollen Zeit ganz andere Pflichten hatte, und ſich da⸗ her von der Erſcheinung, die ihn ſo mächtig feſſelte, los⸗ riß, that er es mit dem Vorſatz, die nähere Bekanntſchaft der Malerin zu ſuchen. Als Platzmajor hatte er hauptſächlich die Maßre⸗ geln zu leiten, welche zur Vereitelung des Complots der verſchworenen Preußenfeinde ergriffen werden mußten. In aller Stille wurden Vorkehrungen getroffen, daß die Verſchworenen in der Stunde der Ausführung ihres Pla⸗ nes aufgehoben würden. Die Beſatzungen der bedrohten Thore wurden zur mehreren Vorſicht verſtärkt, doch ohne alles Aufſehen nur während der Nacht. So ſehr dieſe und ähnliche Vorkehrungen die Auf⸗ merkſamkeit und Zeit des Majors von Retzow in An⸗ ſpruch nahmen, ſo vergaß er darüber doch die Malerin nicht, die einen ſo tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Er beſchloß zwar ſie nicht eher wiederzuſehen und ſich ihr nicht eher zu nähern, bis die Stunde der kriegeriſchen Gefahr vorüber war. Dann war auch das Bild Emma's ſeiner Vollendung nahe, und eine ſchickliche Belohnung ihres Werkes gab ihm Gelegenheit, die Bekanntſchaft mit ihr anzuknüpfen. Inzwiſchen aber veranlaßte er Men⸗ zel, Erkundigungen über ihre Lebensweiſe einzuziehen, ob ſie irgend ein zärtliches Verhältniß habe und mit wem. „Da kann Ihnen der neue Kriegsſekräter Oeſter⸗ reich die vollſtändigſte Ausſicht geben,“ ſagte Menzel. „Der iſt ſelbſt einmal ihr Liebhaber geweſen und kennt ihre ganze Lebensgeſchichte.“ „Dann beſcheiden Sie ihn einmal zu mir,“ befahl der Major, und Menzel ſäumte nicht dem Befehl nach⸗ zukommen. „Sie kennen die Malerin Doris genau?“ redete der Major den nicht lange auf ſich warten laſſenden Oeſterreich an. „Ich habe ſie wenigſtens gekannt,“ antwortete dieſer. 45 „Menzel ſagte mir, Sie wären ihr Liebhaber ge⸗ weſen.“ „Ich kann nicht leugnen, daß ich es war.“ „Aber Sie reüſſirten nicht?“ 147 „Der lebendige Beweis, daß ich reüſſirte, liegt todt auf dem Kirchhof ihres früheren Wohnortes.“ „Was ſagen Sie?“ fuhr der Major auf;„wie ſoll ich das verſtehen?“ „Die Malerin war die Mutter meines Kindes,“ antwortete Oeſterreich. „Elender Prahler! Sie lügen!“ „Fragen Sie die Gräfin S.— oder die Malerin ſelbſt.“ „So war ſie mit Ihnen verheirathet?“ „Noch nicht— aber ich wollte ſie heirathen.“ Der Major ging höchſt aufgeregt im Zimmer auf und ab. Auf einmal blieb er ſtehen und ſchlug ſich vor die Stirn mit dem Ausruf:„Ich Dummkopf! welchen Streich mir die verdammte Romantik wieder einmal ge⸗ ſpielt! Die Mätreſſe eines ſolchen Lumps für ein hö⸗ heres Weſen anzuſehen— das iſt zu lächerlich!“— Er ging wieder im Zimmer auf und ab. Endlich blieb er vor Oeſterreich ſtehen und ſagte:„Warum haben Sie die Perſon nicht geheirathet? Für einen Mann wie Sie war ſie immerhin eine annehmbare Partie.“ „Ich mochte keine Kindesmörderin heirathen.“ Pien was? Kindesmörderin? Wer iſt eine Kin⸗ desmörderin? Reden Sie!“ „Wir ſprechen doch nur von der Malerin Doris, oder wie ſie eigentlich heißt, Dorothee Helbig. Ich ſage Ihnen, Herr Major, ſie hat mein Kind gemordet. Ach, es war ein ſo liebliches, herziges Kind; ich kann es nicht vergeſſen.“ Dabei vergoß der Elende Thränen. Der Major ſah ihn ſtarr an. Die Beſchuldigung ſchien ihm unglaublich, und doch war ſie auch wieder zu furchtbar, als daß ſie nach ſeiner Meinung Jemand aus der Luft greifen konnte.„Sie ſind wahnfinnig, Menſch!“ ſagte er endlich. „O wollte Gott, ich wäre es!“ verſetzte Oeſter⸗ reich;„zehntauſendmal beſſer, als den Tod eines gelieb⸗ ten Kindes durch die Hand der eigenen Mutter beklagen zu müſſen.“ „Warum haben Sie denn die Verbrecherin nicht der gerechten Strafe übergeben?“ „Ich hatte ſie ſo ſehr geliebt— ich konnte ſie un⸗ möglich anzeigen— ich überließ ſie ihrem innern Rich⸗ ter— vielleicht, daß ſie Gottes Güte zur Buße leitete!“ Der Major ſetzte ſich dem Kriegsſekräter gegenüber. „Ich weiß nicht, was ich denken ſoll,“ ſagte er.„Ich habe die Malerin heute das erſtemal geſehen, und ich bekenne, die Erſcheinung hat mich frappirt. Wenn ſie das Verbrechen, deſſen Sie ſie zeihen, wirklich begangen, dann hat ein Teufel ſich in die Geſtalt eines Engels ge⸗ kleidet.“ „ 149 „Auch Lucretia Borgia war ſchön wie ein Engel, und doch ein moraliſches Ungeheuer,“ bemerkte Oeſterreich. „Wahr, wahr!“ beſtätigte der Major;„o trau' Ei⸗ ner der Larve eines Weibes! Doch ſagen Sie mir, haben Sie Beweiſe für Ihre Beſchuldigung?“ „Beweiſe genug,“ verſicherte Oeſterreich.„Wenn ich Ihnen die ganze Geſchichte erzählt haben werde, wird auch Ihnen kein Zweifel an das Verbrechen mehr übrig bleiben.“ „So erzählen Sie.“ „Ich ſollte wohl lieber die Geſchichte zudecken, denn die elende Perſon dauert mich doch.“ „Erzählen Sie, ſage ich!“ „Wollen Sie mir die traurige Geſchichte nicht lie⸗ ber erlaſſen, Herr Major?“ „Zum letztenmale, erzählen Sie, oder ich halte Sie für einen ſchwarzen Verläumder und züchtige Sie!“ „Es kommt mir ſchwer an, doch ich gehorche,“ ſagte Oeſterreich.„Die Malerin lebte mit ihrem Kinde auf dem Gute unſerer gemeinſchaftlichen Gönnerin, das ſeit ein paar Tagen dem Herrn Grafen von Wartensleben gehört. Sie hatte ſchon früher ein außerordentliches Ta⸗ lent zum Zeichnen gezeigt, und dieſes entwickelte ſich, von der Gräfin aufgemuntert, mit reißender Schnelligkeit. Dadurch fand ſich die Gräfin bewogen, das Mädchen 150 nach Dresden zu dem Maler und Gallerie⸗Inſpector Rie⸗ del in die Lehre zu thun. Natürlich war ich damit ein⸗ verſtanden, denn warum hätte ich der Ausbildung eines ſo ſchönen Talentes entgegen ſein ſollen? Sie übergab das Kind einer Bäuerin zur Pflege und ging nach Dres⸗ den. Das Kind gedieh trefflich unter der Pflege der Bäuerin, die es hielt wie ihr eigenes Kind. Es war aber auch ein kleiner Engel, und nie habe ich ein geſunderes, krüftigeres Kind geſehen. Ein Jahr verging, ehe ſeine Mutter einmal kam, es zu ſehen. Anfangs ſchrieb ſie flei⸗ ßig, erkundigte ſich ſehr ſorgſam nach dem Befinden der Kleinen und ſchickte ihr kleine Geſchenke. Aber nach und nach ſchrieb ſie mir ſeltener, fragte nur ganz kalt nach dem Kinde und ſchickte ihm nichts mehr. Das fiel mir wohl auf, aber wie hätte ich denken können, daß ſie zu einer ſolchen Rabenmutter entarten würde! Als ein Jahr um war, kam ſie auf Beſuch. Ich erkannte ſie kaum wie⸗ der. Aus dem ſchlichten Landmädchen war eine vornehme Dame geworden. Mich behandelte ſie mit auffallender Kälte. Nach ihrem Kinde fragte ſie kaum. Als ich ſie bat, mit zu ihm zu gehen, ſagte ſie unwillig: ich werde den Balg zeitig genug ſehen. Dieſe Sprache ſchnitt mir durch das Herz. Am folgenden Morgen kam die Pflegemutter des Kindes ganz außer ſich zu mir und meldete, ihr Lieb⸗ ling ſei in der Nacht heftig erkrankt und wolle erſticken. 1 151 Ich eilte ſogleich mit ihr an das Krankenbett. Unterwegs erzählte mir die Bäuerin, die Mutter ſei noch Abends ſpät gekommen, ihr Kind zu ſehen; ſie habe ſehr zärtlich mit ihm gethan, habe ihm Pfefferkuchen gegeben und ſei ein paar Stunden bei ihm geblieben. Als ich zu meinem armen Kinde kam, rang es mit dem Tode. Ich ſchickte die Bäuerin zu ſeiner Mutter, indeß ich es auf meine Arme nahm und ſeine Leiden zu lindern ſuchte. Die Mut⸗ ter kam mit der Bäuerin. Sie flößte dem Kinde einen Saft ein, der ihm wohl zu thun ſchien. Es athmete etwas leichter und ward ruhiger. Bald ſchlief es ein, und ich glaubte ſchon, es ſei gerettet. Dore ſetzte ſich neben ſein Bettchen, neben dem ſie bleiben zu wollen erklärte, indeß ich zu meinen Geſchäften zurückkehrte. Erſt am Abend konnte ich wieder zu dem kranken Kinde gehen— wie ich kam, war es eine Leiche. Ich ſank vor Jammer faſt in Ohnmacht; Dore aber war ruhig und gefaßt. Und ſie blieb es, bis das Kind in's Grab geſenkt ward. Da weinte ſie noch einmal laut auf, dann zog ſie ſich ruhig auf ihr Zimmer zurück und reiſte den andern Tag nach Dresden zurück, ohne von mir Abſchied zu nehmen. Ihr Betragen gab mir mancherlei zu denken. Aber ich mochte nicht dem gräßlichen Argwohn Raum geben, der ſich in meiner Seele erhob, bis eine Aeußerung der Bäuerin ihn der⸗ geſtalt weckte, daß ich ihn nicht mehr beſchwören konnte. 152 Sie ſagte zu mir nach einiger Zeit: der Tod des klei⸗ nen Engels iſt nicht mit rechten Dingen zugegangen— in den Pfefferkuchen muß Etwas geweſen ſein. Zetzt ver⸗ gegenwärtigte ich mir alle Umſtände vor und während des Todesfalles— die Veränderung in dem ganzen Weſen der Malerin, ihre Kälte gegen mich, den Vater ihres Kindes, die Art, wie ſie von ihrem Kinde ſprach und mit mir es zu beſuchen verweigerte, ihr alleiniger Beſuch zur Nachtzeit, das Füttern mit Pfefferkuchen und das plötz⸗ liche Erkranken des bis dahin ſo geſunden Kindes, endlich die Ruhe und Faſſung bei ſeinem Tode und nachher— Alles dies zeugte nur zu laut gegen die unnatürliche Mut⸗ ter. Von ihrem Verbrechen überzeugt, riß ich die Liebe zu ihr aus meinem Herzen, und zog mich gänzlich von ihr zurück— aber ſie vor Gericht zu verklagen, das vermochte ich nicht. Habe ich damit Unrecht gethan, ſo möge Gott mir verzeihen.“ Der Major war ſehr ernſt geworden bei dieſer aus Wahrheit und Unwahrheit gewobenen Erzählung.„Wenn Alles ſo iſt, wie Sie berichtet, ſo iſt allerdings der Schein ſtark wider die Malerin— aber ich kann mir nicht den⸗ ken, was ſie zu einem ſo widernatürlichen Verbrechen ge⸗ trieben haben ſollte; ich finde kein Motiv dafür, das ſtark genug wäre.“ „Jedenfalls war das Kind ihrem Ehrgeiz im Wege,“ n 153 erklärte Oeſterreich;„die„lücklichen Fortſchritte, die ſie in der Malerei machte, mögen ihr eine neue glänzende Zukunft in Ausſicht geſtellt haben, das dunkle Lvos an der Seite eines armen Sekretärs mag ihr dieſen Ausſich⸗ ten gegenüber zu jämmerlich vorgekommen ſein— aber zu einem andern glänzenden Looſe ſtand ihr das Kind der Sünde im Wege.“ „Der Ehrgeiz hat allerdings ſchon fürchterliche Ver⸗ brechen erzeugt,“ meinte der Major und verſank in ernſtes Sinnen. Nach einiger Zeit ſagte er:„Ein natürlicheres Motiv für eine ſolche Unthat wäre eine ſtarke Liebe— ſollte die Malerin vielleicht eine Liaiſon mit dem Sohne ihrer Gönnerin, dem jungen Grafen S., haben?“ „Nicht, daß ich wüßte,“ erwieberte Oeſterreich. „Dieſer hat jetzt keinen Sinn für Liebſchaften, ſein Tich⸗ ten und Trachten iſt auf ſein Complot gerichtet.“ „Der arme Narr!“ ſpottete der Major;„der träumt ſich auch ſchon ewigen Ruhm als Retter des Vaterlandes, und eines ſchönen Morgens werden ihm zwölf Preußenkugeln die bittere Lehre geben, daß Preu⸗ ßens Stern höher ſteht, als daß ſolche Knabenhände ihn zu Boden reißen könnten.— Um wieder auf die Malerin zurückzukommen, ſo ſagen Sie vor der Hand Niemand etwas von Ihrer Geſchichte. Ich kann und mag nicht ſo ohne Weiteres an die Schuld dieſer Perſon 1859. XX. Die Malerin von Dresden. 3 154 ich muß ſie ſelbſt näher kennen lernen und prüfen. Finde ich Ihren Verdacht begründet, ſo rettet ſie keine Macht vor dem Arm der Gerechtigkeit.“ „O möchten Sie das Gegentheil von dem finden, was ſich mir als Uiberzeugung aufgedrängt— wie glück⸗ lich würde es mich machen!“ ſagte Oeſterreich. Der Major entließ ihn hierauf. Wie Zener wieder allein war, vergegenwärtigte er ſich noch einmal ganz die Geſtalt Derjenigen, wider die eine ſo furchtbare Anklage erhoben worden war. Sie ſtand wieder vor ihm in ihrer ganzen Majeſtät, womit ſie nach ſeinem eigenen Ausdruck in ihm„den Titanen der Sinnlichkeit zu Boden gedrückt“. Ihr klares, tiefes, geiſtwolles Auge allein ſchien die Anklage vollſtändig Lü⸗ gen zu ſtrafen. Und doch— wie bitter hatte er ſich ſchon in den ſchönſten, ſeelenvollſten Augen, in den unſchuldig⸗ ſten und frömmſten Mienen getäuſcht! Der Major von Retzow war von Natur nicht zum Böſen angelegt. Er hatte in ſeiner Jugend eine für alles Große und Schöne empfängliche Seele gehabt. Er hatte ſich mit glühender Wärme an einen Jugendfreund hin⸗ gegeben— und war von ihm verrathen worden. Dann hatte er geliebt mit aller Schwärmerei einer erſten reinen Jünglingsliebe. Die Geliebte war ihm wie ein Weſen aus höhern Welten erſchienen— bis er ſie in den Armen 155 eines Wüſtlings überraſcht, der in vollen Zügen genoß, was er ſich nicht zu denken erlaubte. Es geht ein Mähr⸗ chen, daß die erſte Liebe die einzige wahre, oder doch die heißeſte ſei. Das iſt eben nur ein Mährchen, wenigſtens bei reichen, kräftigen Organiſationen. Retzow überwand den furchtbaren Schmerz, den der Verrath ſeiner erſten Liebe ihm bereitet, ſehr ſchwer, aber er überwand ihn, und liebte nach Jahren wieder, heißer und inniger als das erſtemal. Jetzt war er in der Lage, das Mädchen ſeiner Liebe durch das Band der Ehe für immer an ſich zu feſſeln. Eine wunderſelige Zeit verflog ihm an der Seite ſeiner jungen Gattin, die die verkörperte Liebe ſelbſt zu ſein ſchien. Da riefen ihn die Trompeten des Krieges aus ihren Armen, als ſie kaum ſeinen Erſtgebo⸗ renen den ſüßen Namen„Vater“ lallen gelehrt. Er zog in's Feld mit Schmerz zwar über die Trennung, aber auch mit der tröſtlichen Uiberzeugung, daß keine Entfer⸗ nung ihre Seele von der ſeinen ſcheiden könne. Und als der erſte Waffenſtillſtand ihm geſtattete heim zu eilen, um Weib und Kind an ſein Herz zu ſchließen und die ſchönen Honigmonate wieder zu erneuen— da erlebte er die Schmach, daß ein girrender Knabe Beſitz genommen hatte von ſeinem Paradies, während er draußen für König und Vaterland als Held geblutet. Da zertrümmerte er mit heißem Grimm den häuslichen Herd und zog wieder 10* 156 hinaus in den blutigen Krieg. Nun wäre es wohl bei ihm für immer vorbei geweſen mit der Liebe, hätte er nicht eine unverwüſtliche Liebesquelle im Buſen getragen. Auch die zweite Liebeswunde vernarbte und er liebte auf's Neue, aber wie man ohne Glauben an das Weib lieben kann. Die Luſt am Weibe war ihm geblieben, aber der Glaube an ſeine höhere Natur war ihm entſchwunden. Viele Frauen zogen ihn an und er zog ſie an, aber keine feſſelte ihn auf die Dauer. Sein Glück bei den Weibern ward ſprüchwörtlich in der ganzen preußiſchen Armee. Und doch fand er keine Befriedigung in dieſen Siegen, oft ward er ihrer überdrüſſig und ſehnte ſich zurück nach den Träumen und dem Glauben ſeiner Jugend. So war er im Innern beſſer, als ſein Ruf, der ihn zum vollen⸗ deten Don Juan ſtempelte, wie er ſich denn ſelbſt einen ſolchen nannte. Das Bedürfniß einer innigeren und dauernden Herzensneigung regte ſich fort und fort in ſei⸗ nem Innern; es hatte einen nicht geringen Antheil an ſeinem Verfahren gegen die ſchöne Zitherſpielerin. Die Macht ihrer Reize hatte zwar zunächſt ſeine ſinnliche Na⸗ tur entflammt, aber der ideale Zug ihres Weſens hatte ihn abgehalten, dieſe Blume ohne Weiteres zu knicken. Er wollte ſie erſt zur vollen Entfaltung kommen laſſen und durch Wohlthaten an ſich ketten. Durch das Mittel der Dankbarkeit ſollte ſie ſeine Geliebte, ſeine Favorite 157 werden, bei der er Erholung finden wollte von den Stra⸗ pazen und Gräueln des Krieges. Er legte die ganze Poeſie, die ihm noch geblieben war, in das Verhältniß. Er wußte nicht, wie lange ihn der Krieg noch in Dresden und überhaupt im Felde zurückhalten würde. Sobald eine Aenderung der Dinge eintreten würde, die ihm geſtattete, ſich in das Privatleben zurückzuziehen, wollte er das ſchöne Mädchen mit auf ſeine Güter nehmen und ſich das Leben an ihrer Seite angenehm machen, wie ein Emir des Morgenlandes. Die anſpruchloſe Tochter des Volkes, meinte er, würde mit der Rolle einer Odaliske fürlieb nehmen und ihm eine ergebene Sklavin ſein. Er meinte, dieſe Stellung ſei der Natur des Weibes die ange⸗ meſſenſte. Nun war eine andere Erſcheinung neben jener auf⸗ getreten und hatte ſie beinahe verdunkelt, hatte ihn an die einſt innig geglaubte Würde des Weibes gemahnt— ja er war nahe daran geweſen, trotz allen Erfahrungen, ihren zertrümmerten Altar wieder aufzurichten. Da muß er hören, daß dies Weib längſt gefallen, ja daß ſie eine ab⸗ ſcheuliche Verbrecherin geworden. Wohl rief eine mächtige Stimme in ihm: nein, es kann nicht ſein! aber ſie war doch nicht mächtig genug, dieſen Proteſt zur feſten Uiber⸗ zeugung zu erheben. Während er ſo zwiſchen ganz entgegengeſetzten Ur⸗ 158 theilen hin und her ſchwankte, ward ihm Menzel gemel⸗ det. Mit ſchwer verhaltenem Unwillen ließ er den Spion eintreten. „Was bringen Sie mir wieder?“ fragte er barſch. „Eine Spur von dem Deſerteur Hertwig,“ antwor⸗ tete Menzel. „Von dem Vater Emma's?“ fragte der Major beſſer geſtimmt. „Ja— nach allen eingezogenen Erkundigungen hält ihn dialeti Doris in ihrer Wohnung verſteckt.“ „Schon wieder dieſe!“ rief der Major.„Rappor⸗ tiren Sie ordentlich!“ „Ich hatte meine Vermuthung,“ berichtete Menzel, „daß der Graf S. den Deſerteur von ſich ausquartirt und bei der Malerin untergebracht haben könnte. Ich legte mich deshalb um das Haus, wo ſie wohnt, auf Kund⸗ ſchaft. Lange konnte ich nicht das Mindeſte erſpähen, was die Richtigkeit meiner Vermuthung beſtätigte. Da ſuchte ich die Bekanntſchaft der alten Frau, welche der Malerin haushält. Da aus ihr nichts herauszubringen war, er⸗ forſchte ich ihre ſchwache Seite, die in einer ſtarken Nei⸗ gung zu geiſtigem Getränk beſtand. Es gelang mir, ſie in einen Schnapsladen zu locken und von ihr ſoviel her⸗ auszubringen, daß in einem unbewohnten Hinterſtübchen der Malerin Jemand verſteckt ſein müſſe, den der junge 159 Graf S. gut kenne. Derſelbe ſei öfters zu der Malerin gekommen, habe ſich von dieſer den Schlüſſel zu dem Stübchen geben laſſen, und ſei zu halben Stunden darin geblieben. Auch habe ſie, die Haushälterin, ihre Mamſell öfters Eſſen hinter tragen ſehen. Etwas Näheres konnte ſie mir nicht angeben. Ich ließ mir hierauf die Lage des Hinterſtübchens genau beſchreiben und entließ die Frau. Seitdem ſuchte ich das Geſicht des geheimnißvollen Be⸗ wohners des beſchriebenen Stübchens am Fenſter zu er⸗ (hihen Ich ſchlich mich in den Hof und verſteckte mich im Waſſerhauſe, von wo aus ich das Fenſter des Stübchens ſchen konnte. Aber erſt heute war ich ſo glücklich den Kopf eines Mannes daran zu erblicken, der dem be⸗ kannten Signalement entſprach. Ich eilte ſpornſtreichs zu Ihnen, Ihnen meine Meldung zu machen und Ihre Ver⸗ haltsbefehle einzuholen.“ „Das muß man ſagen, ein geborener Spürhund ſind Sie,“ ſagte der Major;„es ſoll mich wundern, wenn Sie eines ehrlichen Todes ſterben. Es verſteht ſich, daß wir die erhaltenen Indicien weiter verfolgen müſſen. Aber ich ſelbſt werde die Sache in die Ha d nehmen. Rufen Sie mir meine Ordonnanz. Ihrer bedarf ich vor der Hand weiter nicht.“ Menzel trat ab. Bald darauf erſchien die Ordon⸗ nanz. Der Major ſchrieb ein paar Zeilen auf ein Blatt Papier, faltete dies und gab es dem Soldaten mit den Worten:„An den Commandanten der Hauptwache!“ Der Soldat ging. Der Major legte Uniform und Degen an. Nach ei⸗ ner Viertelſtunde trat ein Unteroffizier von der Wache ein und meldete ſich nebſt ſechs Gemeinen eingetroffen, die vor dem Hauſe aufmarſchirt ſeien. „Er führt die 6 Mann nach dem Judenhof vor das Haus Nr. 3,“ befahl der Major,„aber erſt fünf Mi⸗ nuten, nachdem ich dahin abgegangen bin; 2 Mann ſtellt Er vor dem Hauſe auf und inſtriuirt ſie, daß ſie Nie⸗ manden ohne meine Erlaubniß herauslaſſen; 2 Mann ſtellt Er in den Hof, und mit den übrigen 2 Mann po⸗ ſtirt er ſich ſelbſt auf die Treppe zum zweiten Stock.“ „Sehr wohl!“ ſagte der Unteroffizier, und machte auf den Wink des Majors Rechts umkehrt. Der Major folgte ihm auf dem Fuße und ging nach dem nahen Judenhofe. Doris war zu Hauſe und ſtand eben am Fenſter, als der Major über den Judenhof gerade auf ihr Haus zuſchri ehen und von der Ahnung durchzuckt wer⸗ den, d uch könne wohl ihrem verſteckten Gaſte gelten, war Eins. Mit der außerordentlichen Geiſtes⸗ gegenwart, die ihr immer eigen geweſen, überſah ſie ſo⸗ gleich die drohende Gefahr und die Mittel, ihr zu be⸗ 161 gegnen. Mit der größten Ruhe nahm ſie den Schlüſſel zu dem Hinterſtübchen aus ihrem Nähtiſchchen, eilte in den Vorſaal und verriegelte deſſen Thür von innen; dann flog ſie durch den langen Corridor nach dem Stübchen. „Kommen Sie einmal mit mir!“ redete ſie den Deſerteur an;„ich will Ihnen auf kurze Zeit einen ſiche⸗ reren Aufenthalt anweiſen.“ Hertwig wollte ſich erſt auf Fragen einlaſſen; aber ſie nahm ihn bei der Hand und zog ihn mit ſich fort. Kaum hatte ſie ihr Wohnzimmer erreicht, als an die Thür des Vorſaals ſtark geklopft wurde. Doris ließ ſich da⸗ durch nicht ſtören; ſie führte ihren Schützling durch Wohn⸗ und Arbeitszimmer in ihre Schlafſtube. Dort reichte ſie ihm eins ihrer Nachtkleider mit einer Nachthaube, hieß ihn beide anziehen und ſich dann in das Bett der Haushälterin legen. Dann ſchloß ſie die Thür zu, ſetzte vor dieſelbe eine Staffelei, die ſie deckte, und eilte dann zurück nach dem Vorſaal, den ungeſtümm pochenden Ma⸗ jor einzulaſſen. Da ſtand er in dem hellen Vorſaal vor der Perſon, die vor ihm als Kindesmörderin angeklagt war und die zugleich die Hehlerin eines Deſerteurs ſein ſollte. Da ſtand ſie ruhig und feſt, in der ganzen Hoheit ihrer Er⸗ ſcheinung. Die ſchwarze Anklage verſtummte, und der zu — 162 ſtrenger Unterſuchung gekommene Stabsoffizier mußte ſich verneigen vor dem wehrloſen Weibe. „Verzeihen Sie, Mademviſelle,“ ſagte er,„wenn ich Sie in Ihrer ſtillen Muße ſtöre. Die rauhe Krieger⸗ pflicht zwingt uns leider oft zu Schritten, gegen die un⸗ ſere Achtung vor zarter Sitte und einem ſtillen Frauen⸗ heiligthum ſich ſträubt.“ „Wen habe ich die Ehre, bei mir willkommen zu heißen?“ fragte Doris ruhig,„vorausgeſetzt, daß mir dieſer Beſuch gilt.“ „Ich bin der Platzcommandant, Major von Re⸗ tzow,“ lautete die Antwort,„und glaube vor der Künſt⸗ lerin zu ſtehen, welche die ganze Reſidenz unter dem ſchö⸗ nen Namen Doris kennt.“ „Dann treten Sie näher,“ ſagte Doris unbefangen und geleitete ihn in ihr Wohnzimmer. „Es thut mir leid,“ nahm der Major dort das Wort,„daß die Gelegenheit, der ausgezeichneten Malerin meine Bewunderung auszudrücken, ſich an eine ſo unan⸗ genehme Veranlaſſung knüpft, daß ich nicht als Kunſt⸗ freund, ſondern als Platzcommandant über Ihre Schwelle geſchritten.“ „Wie ſoll ich das verſtehen?“ fragte Doris. Der Major ſah ſie forſchend an. Ihre Mienen waren klar und ruhig. Wenn ſie den Deſerteur wirklich 163 verſteckt hält, und doch ſo unſchuldig ausſehen kann, ſo muß ſie eine Meiſterin in der Verſtellungskunſt fein, dachte der Major. Dann ſagte er:„Es iſt mir angezeigt worden, Sie beherbergten einen Deſerteur in Ihrer Woh⸗ nung, und ich komme denſelben zu holen.“ „Ich leugne nicht,“ erwiederte Doris ruhig,„daß ich einen ſolchen Flüchtling, der ſich einem Dienſt, zu dem er wider alles Recht gepreßt worden, entzogen, meh⸗ rere Tage beherbergt habe, wie ich es für meine Pflicht halte, jedem ſolchen Unglücklichen, der ſich zu mir flüch⸗ tete, Herberge zu geben. Wenn Sie ſich aber nach dem Zimmer begeben wollen, wo ich meinen Gaſt unterge⸗ bracht hatte, ſo werden Sie das Neſt bereits wieder leer finden.“ „Er war ja vor einer Stunde noch hier,“ ver⸗ ſetzte der Major;„wenigſtens iſt er da an ſeinem Fenſter geſehen worden.“ „Dann muß Ihr Späher eine Viſion gehabt ha⸗ ben,“ erklärte Doris.„Wollen Sie ſich überzeugen, daß das Neſt leer iſt?“ Der Major war bereit mit der Malerin zu gehen. Sie führte ihn nach dem Stübchen, das er nach Menzel's Beſchreibung für das rechte erkannte. Er durchſuchte alle Winkel desſelben.„Dann haben Sie Wind von meinem Beſuche bekommen und den Deſerteur anderswo unter⸗ 164 gebracht,“ ſagte er und fügte hinzu:„Ich bitte Sie, Ma⸗ demoiſelle, bereiten Sie ſich keine Unanehmlichkeit; das Haus iſt beſetzt und ich bin entſchloſſen es vollſtändig zu durchſuchen.“ „Dies muß ich mir gefallen laſſen,“ ſagte Doris; „es iſt einmal Krieg, und wir haben uns in Sachſen ſchon an Vieles gewöhnen müſſen, was uns nicht gefallen konnte.“ Der Major kehrte, ohne zu thun, als fühle er den Stich, mit Doris nach dem Vorderhauſe zurück. Hier öffnete er die Thür des Vorſaals und befahl dem inzwi⸗ ſchen davor aufgeſtellten Unteroffizier mit 2 Mann, ein⸗ zutreten. Ein Mann ward zur Bewachung der Thür zu⸗ rückgelaſſen, mit den beiden Anderen erklärte der Major die Durchſuchung der Wohnung der Malerin vornehmen zu wollen. Doris verlor auch bei dieſem Ernſte der Situation ihre Geiſtesgegenwart nicht. Ruhig öffnete ſie den Kriegs⸗ leuten die Thüren zu Küche, Wohn⸗ und Arbeitszimmer. Jeder Winkel und jeder Schrank wurden genau durch⸗ ſucht. Schon wollte man dieſes Geſchäft in dieſen Räu⸗ men als erfolglos aufgeben, als der Unteroffizier die Staffelei vor der Schlafſtubenthür auf die Seite ſchob und die Thür entdeckte„Halt, da iſt noch eine Thür!“ rief er, und der Major befahl ſie zu öffnen. 165 Doris that, als habe ſie den Schlüſſel verlegt, und ſuchte danach. Es vergingen mehrere Minuten, ehe ſie ihn fand und die Thür aufſchloß.„Ich glaubte, das Schlafzimmer einer Dame werde gegen ein ſolches Ein⸗ dringen geſichert ſein!“ ſagte ſie, die Soldaten einlaſſend. Der Major entſchuldigte ſich wieder mit ſeiner Pflicht und die Durchſuchung begann. Auch das Bett blieb davon nicht verſchont. Doris klopfte das Herz faſt hörbar, wie man ſich ihm näherte; aber ehe die Soldaten noch hinan traten, hatte ſie trotz der hier herrſchenden Dämmerung erkannt, daß das Bett noch unberührt war. Die Soldaten hoben die Decke auf, ſie ſahen unter die Bettſtelle, ſie durchſuchten jeden Winkel, ſelbſt den Ka⸗ min— es war kein Menſch zu ſehen. Doris ſelbſt wun⸗ derte ſich im Stillen, wo ihr Schützling hingekommen ſei, aber ſie athmete leichter, wie die Soldaten ſich aus der Stube zurückzogen. Das ganze Haus ward nun von oben bis unten durchſucht, aber erfolglos. Wie es nichts mehr zu durch⸗ ſuchen gab, erklärte der Major:„Das Neſt ſcheint aller⸗ dings leer zu ſein, aber wer weiß, ob der Vogel, wenn er die Gefahr vorüber glaubt, es nicht doch wieder fucht. Ich ſehe mich genöthigt, meine Mannſchaft als Wache zurückzulaſſen.“ 166 Auch das muß ich mir gefallen laſſen,“ ſagte Doris. „Und zwar werde ich Ihnen ſelbſt zwei Mann in Ihr Wohnzimmer legen.“ „In mein Wohnzimmer?“ fragte Doris;„das iſt mir allerdings der Plackerei zu viel!“ ie können ſich ihr entziehen, wenn Sie ſagen, wo der Deſerteur iſt,“ entgegnete der Major. „Das kann ich nicht,“ erklärte Doris;„ich weiß gewiß und wahrhaftig nicht, wo er jetzt iſt.“ Der Major ſah ſie ſcharf an und mußte die große Ruhe bewundern, die ſie an den Tag legte.„Dann kann ich Ihnen nicht helfen, ich muß Ihnen Einquartie⸗ rung geben.“ „Legen Sie eine ganze Compagnie in das Haus— meinetwegen in meinen Vorſaal; aber in meine Zimmer laſſe ich keinen Mann!“ ſagte Doris mit einer Entſchie⸗ denheit, die den Major auf's Höchſte frappirte. „Sie wollen ſich doch der bewaffneten Macht nicht widerſetzen?“ ſagte er. „ZJa, das denke ich zu thun,“ ſagte ſie.„Eine ſolche Verletzung aller Sitte und aller Rückſichten gegen eine alleinſtehende Dame werde ich nach dem Maße meiner Kräfte und mit allen mir zu Gebote ſtehenden Mitteln zurückweiſen.“. 167 Sie ſchien dem Major zu wachſen, indem ſie ſo ſprach.„Was ſind Ihre Kräfte gegen die eines einzigen dieſer Soldaten?“ entgegnete er,„und welche Waffe ha⸗ ben Sie den ihrigen entgegenzuſetzen?“ Doris riß aus ihrem Buſen eine Phiole und er⸗ wiederte, ſie emporhaltend:„Mit dieſem Fläſchchen voll flüßigen Höllenfeuers habe ich mich ſchon gegen Räuber und Mörder vertheidigt. Der erſte Soldat, der als blei⸗ bende Wache über meine Schwelle dränge, wäre blind und entſtellt für immer!“ Der Major, der in mancher Schlacht dem tauſend⸗ fachen Tode muthig in die Augen geblickt, erbebte vor dem Tone, in welchem Doris dieſe Drohung ausſprach. Ihm war, als ſtände er vor der zürnenden Pallas Athene. Auch die Soldaten ſtanden verdutzt, Gewehr beim Fuß, und ſtarrten die impoſante Erſcheinung an.„Die hat den Teufel im Leibe!“ murmelte der Unteroffizier zwiſchen den Zähnen. Sie iſt entweder eine Göttin, oder ein Teufel! dachte der Major, wußte aber lange nicht, was er ihr laut entgegnen ſollte. Endlich ſagte er: „Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, den Deſerteur auszuliefern, falls er wieder in Ihr Haus kommen ſollte?“ „Ich gebe Ihnen die heilige Verſicherung, daß ich in dieſem Falle nach Pflicht und Gewiſſen handeln würde.“ 168 Der Major verſtand recht wohl den Doppelſinn dieſer Aeußerung, aber gefangen wie er war von ihrer Hoheit und der Scham, gegen ein Weib Krieg führen zu ſollen, war er froh, vor ſeinen Soldaten den Schein ei⸗ ner Rechtfertigung für die Zurücknahme der angedrohten Maßregel zu haben. Er befahl den Soldaten abzuziehen. „Mademviſelle,“ ſagte er, als ſie fort waren,„Sie können jetzt Ihre furchtbare Waffe wieder einſtecken— von mir haben Sie keine Gewalt zu fürchten. Fürchten Sie aber den zweifelhaften Ausgang eines Kampfes in meiner Seele, den die höchſte Meinung von Ihrem Cha⸗ rakter mit dem tiefſten Abſcheu kämpft. Wehe Ihnen, wenn der letztere Sieger bleibt. Dann erreicht Sie ſicher, nicht das Schwert des Soldaten, ſondern der Arm des Richters.“ etzt war es an Doris, ſich zu verwundern. Sie ſtarrte den Mann, der in ſolchen Räthſeln für ſie ſprach, betroffen an. Er verneigte ſich flüchtig, mit einem letzten forſchenden Blick und ging. Sie ſah ihm lange verwun⸗ dert nach. Achtes Cnpitel. Das Attentat. Hertwig hatte die Verkleidung und das Liegen im Bett doch nicht für ganz ſicher gehalten. Er hatte ſich nach einem andern Rettungsmittel umgeſehen, und ſolches bald in dem Kamin entdeckt, das direct mit dem Schorn⸗ ſtein in Verbindung ſtand. Ohne ſich zu verkleiden, war er da hineingekrochen und hatte glücklich die Mündung des Schornſteins erreicht, wo er wartete, bis er glaubte, die nahe geweſene Gefah⸗ ſei vorüber. Dt ſaß gegen Mittag in ihrem Atelier, als plötzlich ihre Haushälterin durch die Schlafſtubenthür eintrat und laut ſchreiend:„Der Teufel! der Teufel!“ auf Doris zuſtürzte. „Was iſt denn los?“ fragte dieſe halb erſchrocken, halb unwillig.„Hat Sie wieder einmal getrunken?“ Denn ſchon öfters hatte Doris Urſache gehabt. an der 1859. XM. Die Malerin von Dresden. 170 ſonſt braven Dienerin eine unglückſelige Vorliebe für ge⸗ branntes Waſſer zu rügen. Die Frau deutete mit angſtverzerrten Mienen nach der Schlafſtube und rief:„Dort d'rin— am Kamin—“ Doris, die ſich ſchon den Kopf zerbrochen, wo Hert⸗ wig hingekommen, ahnte ſogleich, daß dieſer im Schorn⸗ ſtein verſteckt geweſen, und jetzt wieder zum Vorſchein ge⸗ kommen, der Haushälterin den Schreck verurſacht haben möge. Sie eilte in die Schlafſtube und fand ihre Ahnung beſtätigt. „Wie ſteht's? iſt alles gut?“ fragte er die Ein⸗ tretende. „Es war ein Glück, daß Sie ſich anders halfen, als ich Ihnen gerathen,“ ſagte Doris.„Nur ſo ſind Sie der Gefahr, gefangen zu werden, entgangen. Jetzt iſt ſie vorüber, wie ich hoffe. Kommen Sie meine Haushälterin von dem Schreck zu befreien, den ihr Ihr unerwartetes Erſcheinen mit dem berusten Geſicht verurſacht. Sie mag Ihnen dann das Erforderliche zur Reinigung geben.“ Die Haushälterin hatte ſich bleich und am ganzen Leibe zitternd in eine Zimmerecke gedrückt. Sie fuhr zu⸗ ſammen, wie ihr„Teufel“ an der Hand ihrer Gebieterin hereintrat. Dieſe ſagte:„Der Mann iſt mein Vetter und mein Gaſt. Er iſt vor den preußiſchen Soldaten auf der Flucht. Sie war dieſen Vormittag ausgegangen, wie ſie ihn hier ſuchten und er ſich im Schornſtein verſtecken mußte. Hoffentlich kommen ſie nicht wieder. Er wird jetzt bei mir wohnen, bis er ſicher aus der Stadt fliehen kann. Sie wird keinem Menſchen ſagen, daß ich einen Gaſt habe.“ Die Haushälterin mußte ſich erinnern, daß ſie be⸗ reits gegen dieſe Vorſchrift geſündigt, wenn ſie auch nicht gewiß war, ob der ihr jetzt vorgeſtellte„Vetter“ und der geheimnißvolle Bewohner des Hinterſtübchens eine und dieſelbe Perſon waren. Sie nahm ſich vor, ihren Fehler durch deſto größere Schweigſamkeit wieder gut zu machen. Sie hielt auch Wort. Menzel ſuchte ſie wie⸗ derholt zum Schnapſen und Plaudern zu verlocken, aber ſie entzog ſich ſeinen Lockungen. Da Doris ihren Gaſt von nun an in ihren eigenen Räumen beherbergte, ſo konnte der Späher auch durch Beobachtung des Hinter⸗ ſtübchenfenſters zu keinem Reſultat gelangen. So blieb Hertwig ferner unangefochten, bis der Tag kam, der ihm die volle Freiheit geben und zum Be⸗ freier ſeiner Tochter machen ſollte. An dieſem Tage nahm Doris eine ganz ungewöhn⸗ liche Aufregung an ihrem Gaſte wahr. Sie ſah, wie er ſich zuweilen vergnügt die Hände rieb, zuweilen die Fauſt ballte, und je weiter der Tag vorrückte, deſto häufiger an 11* 172 die Uhr ſah. Auch entſchlüpfte ihm dann und wann eine Aeußerung, wie:„Nun hat's am längſten gedauert.“— „Bald ſchlägt die Stunde der Freiheit.“—„Bald hab' ich mein Kind wieder.“—„Bald bin ich wieder bei Weib und Kind“ u. ſ. w. Graf Camillo hatte in der letzten Zeit ihr Haus gemieden, es war nichts vorgekommen, was ihr zu einer Ahnung Veranlaſſung gegeben, daß irgend ein verhäng⸗ nißvolles Ereigniß vor der Thür ſei. Das heutige Be⸗ nehmen ihres Gaſtes drang ihr eine ſolche Ahnung auf. Gegen Abend ward ſie zur Gräfin S. gerufen. Wie ſie in das Palais derſelben eintrat, bat ſie der Portier, ihm zuvörderſt nach dem Zimmer des jungen Grafen zu folgen. Dieſer wolle unter vier Augen mit ihr ſprechen, bevor ſie zur Gräfin komme. Sie konnte die Bitte nicht abſchlagen und folgte dem Portier. Camillo empfing ſie mit einer gewiſſen Feierlichkeit in Ton und Geberden. Als ſie ihm gegen⸗ über Platz genommen hatte, fagte er:„Dieſe Nacht ent⸗ ſcheidet ſich das Schickſal des Vaterlandes und mit ihm mein eigenes. Ich theile Ihnen das mit, obſchon Sie mein Unternehmen nicht billigen, weil ich weiß, daß ich Ihnen vertrauen kann.“ „Sie wollen ſich alſo in die ungeheure Gefahr ſtür⸗ zen?“ fiel ihm Doris in die Rede;„Sie wollen Ihr 173 Leben und das Lebensglück Ihrer herrlichen Mutter auf das Spiel ſetzen?“ „Machen Sie keinen Verſuch, mich von meinem Vorhaben abzubringen,“ entgegnete Camillo;„die Wür⸗ fel ſind gefallen, der Rubicon iſt überſchritten; ich kann nicht mehr zurück, auch wenn ich wollte. Der ſichere Tod von der Hand eines Genoſſen wäre mein Loos, würde ich jetzt noch untren. Mademviſelle, ich habe mein Haus be⸗ ſtellt, meine Rechnung mit dem Leben abgeſchloſſen. Sollte mir etwas Menſchliches widerfahren, ſo ſeien Sie die Tröſterin, die Stütze meiner Mutter.— Hier haben Sie mein Teſtament,“ fuhr er, ihr ein verſiegeltes Schriftſtück überreichend fort,„geben Sie es unſerm ge⸗ meinſchaftlichen Freunde, dem Magiſter Stark, meinem trefflichen Lehrer. Er iſt in Bezug auf Politik anderer Meinung wie ich, er mißbilligt mein Handeln noch ent⸗ ſchiedener wie Sie, aber in allem Reinmenſchlichen bleibt er mein hohes Vorbild; er hat mich zum Mann gebildet, und wie auch mein Loos fallen möge, ich werde ihm keine Schande machen. Es hat jeder Menſch, der nicht im Sumpfe des Philiſterthums ſtecken geblieben, ſein Pathos, dem er folgen muß; der Magiſter hat das Pathos, für die Idee der Humanität zu leben und zu ſterben; mein Pathos iſt das der Vaſallentreue. Für meinen Fürſten in den Tod zu gehen, acht' ich für das ſchönſte Lvos.“ X. . In Doris' Augen glänzten Thränen, und ein Seuf⸗ zer entrang ſich ihrer Bruſt. „Bedauern Sie mich etwa, Mademviſelle?“ fragte Camillv. „Nein,“ verſetzte ſie;„ich beklage blos die unſe⸗ lige Vielköpfigkeit und Zerriſſenheit unſeres deutſchen Va⸗ terlandes, durch die es dahin gekommen, daß dem ei⸗ nen Deutſchen eine Verirrung, ein Verbrechen iſt, was dem andern als höchſte Pflicht erſcheint. Wenn Sie in dem, was Ihnen die Vaſallentreue gebietet, unterliegen, werden Sie in den Augen der Preußen, vermöge Ihrer Unterthanentreue, als Verbrecher erſcheinen und als ein ſolcher gerichtet werden.“ „Das weiß ich, und bin darauf gefaßt. Ich habe, wie ich Ihnen ſagte, abgeſchloſſen mit dem Leben. Sollte ich es verlieren, ſo iſt darum nicht zu klagen. Das Leben an ſich iſt ja Nichts, wenn es nicht irgend eine große Idee zum Inhalt hat. Es kommt nicht darauf an, wie lange man lebt, ſondern wie weit das Leben von einem ſolchen Inhalt erfüllt war. War dies ſo weit der Fall, daß es ſich freudig für ihn opferte, ſo war es lang ge⸗ nug. Nun,“ fuhr er fort,„noch zwei Bitten. Heute bleiben Sie bei meiner Mutter. Ich werde ruhiger und freudiger in den entſcheidenden Kampf gehen, wenn ich weiß, ſie hat Jemanden bei ſich, den ſie liebt, der ſie auf 175 das Schlimmſte ſorgſam vorbereiten, und tritt es wirklich ein, wirkſam tröſten kann. Meine zweite Bitte betrifft die Zitherſpielerin. Ihre Befreiung hängt von unſerm heutigen Unternehmen ab. Glückt dieſes, dann wird ſie an Vaters Hand in ihre Heimath kommen und ich werde weiter für ihre Zukunft ſorgen. Andernfalls bleibt ſie in den Hän⸗ den ihrer Entführer. Dann nehmen Sie ſie in ihren Schutz und ſuchen Sie durch den Gouverneuer, oder auf welchem Wege es ſonſt geſchehen möge, vor dem drohen⸗ den Verderben zu retten. Ich habe ſie für dieſen Fall in meinem Teſtamente bedacht, daß ihre Zukunft geſichert iſt. Das war Alles, was ich Ihnen zu ſagen hatte, jetzt folgen Sie mir zu meiner Mutter.“— Dieſer zeigte ſich Camillo ſo unbefangen und harm⸗ los, daß ſie nicht ahnen konnte, welcher Gefahr er heute entgegen ging, zumal ſie ihre liebe Doris bei ſich hatte, mit der ſie gar ſo gern über ihre Kunſtbeſtrebungen ſprach. Camillo beurlaubte ſich bald mit einer zärtlichen Umarmung von ſeiner Mutter, und wie die beiden Frauen allein waren, theilte Doris der Gräfin die Idee ihres Kunſtwerkes mit, welche der Letzteren Stoff zu einer ſehr lebhaften Unterhaltung gab, worüber die Viertelſtunden wunderſchnell verflogen. Es war zehn Uhr geworden, ohne daß ſie es merkten, oder vielmehr ohne daß es die Gräfin merkte, denn Doris wollte es bloß nicht merken. 176 Endlich ward die Gräfin gewahr, daß es bereits halb eilf ſei.„Wo iſt aber die Zeit hingekommen?“ ſagte ſie; „jetzt können Sie gar nicht mehr nach Hauſe gehen, lie⸗ bes Kind.“ Doris fand es auch bedenklich, in der jetzt nur etwa von preußiſchen Patrouillen belebten Stadt zu ſo ſpäter Nachtzeit heim zu gehen. Es war nicht das erſte⸗ mal, daß ſie bei der Gräfin die Nacht blieb, wenn ſie ſich verſpätet hatte, und ſo nahm ſie auch heute ohne Weite⸗ res die Einladung zum Dableiben an. Inzwiſchen ſammelten ſich ſtill und geräuſchlos die Verſchworenen im gräflich S.ſchen Hauſe am Judenhofe. Zeder Einzelne empfing hier vom Graſen Camillo, der der Erſte am Platze war, ſeine genaue Ordre. Alle wa⸗ ren mit Dolchen und Piſtolen bewaffnet. In der Haupt⸗ ſache blieb es bei der urſprünglichen Dispoſition, nur daß einer der Verſchworenen den Auftrag übernommen hatte, mit noch drei Gehülfen bei der Befreiung Emma's durch ihren Vater mitzuwirken. Da das Haus der Reibold vor dem Thore lag, ſo hatte dieſe Abtheilung ſchon am frü⸗ hen Abend, noch vor Thorſchluß, an ihren Sammelplatz, in der von Camillo bezeichneten Schänkwirthſchaft, ſich begeben müſſen. Die Nacht ſchien dem Unternehmen ſehr günſtig. Anfangs war ſie ſternenhell; gegen Mitternacht aber 177 ſenkte ſich ein dicker Nebel auf das Elbthal nieder und hüllte die Stadt in dichte Finſterniß. Ungeſehen konnten die von den Verſchworenen zu dem Unternehmen gewor⸗ benen Männer an ihre verſchiedenen Sammelplätze eilen, wo ſie auf ihre Führer— die den Verſchworenen an⸗ gehörten— zu warten hatten. Punkt Ein Uhr ſollte das Signal auf dem Kreuzthurm aufflammen. In dieſem Au⸗ genblick ſollten die beiden Thore, das ſchwarze und das Meißner, überfallen werden. Auf dem Schloßthurm ſchlug es halb Eins. Da bra⸗ chen die Verſchworenen aus ihrem Verſammlungslocale auf. Geräuſchlos traten ſie hinaus in die todte Finſter⸗ niß, die das ſchärfſte Auge nicht auf ſechs Schritt durch⸗ dringen konnte. Leiſe ſchritten ſie über den Judenhof nach der Auguſtusſtraße. Aber wie der um mehrere Schritte voraus gehende Graf Camillo ſich der Ecke des Stall⸗ gebäudes näherte, donnerte ihm ein„Werda!“ entgegen. Er blieb betroffen ſtehen. Eine Schildwache ſtand ſonſt hier nicht. War eine Patrouille in der Nähe? Er regte ſich nicht. Ihm war es, als höre er in einiger Ent⸗ fernung das Knacken von Flintenhähnen. Camillo ſchlich ſich zu ſeinen Genoſſen zurück und gebot ihnen ſtehen zu bleiben und zu lauſchen. Es war nichts zu hören.„Wir wollen uns mehr nach der Mitte des Neumarkts halten,“ ſagte Camillo,„und durch die Töpfergaſſe gehen.“ 178 Der Zug ſetzte ſich wieder in Bewegung. Kaum aber hatte man die Linie erreicht, welche den Neumarkt von dem Judenhofe abſchneidet, ſo donnerte ihm wieder ein„Halt! Werda!“ entgegen. Jetzt blieb kein Zweifel, daß man bewacht war. Aber in der Meinung, es ſeien nur einzelne Poſten ausgeſtellt, beſchloß man vorzugehen, die Poſten, wenn nöthig, niederzuſtoßen und den Marſch fortzuſetzen. Wenig Schritte vorwärts geſchritten, wurden ſie plötzlich durch das Commando Feuer erſchreckt. Eine lange Reihe von Blitzen leuchtete dicht vor ihnen auf, und Mehre ſanken zu Tode getroffen, zu Boden.„Zurück! zu⸗ rück!“ rief Camillo denen zu, die noch ſtanden, und man zog ſich eilend auf den Judenhof und nach dem Kanzlei⸗ gäßchen zurück, um durch dieſes einen Ausweg zu ſuchen; allein auch hier fanden ſie ſich angehalten. „Wir ſind verrathen!“ ſagte Camillo;„laßt uns lieber kämpfend untergehen, als uns gefangen geben.“ Alle waren bereit ſich durchzuſchlagen, und ſo drang man, in der einen Hand die geſpannte Piſtole, in der andern den Dolch, vor. Von beiden Seiten Feuer; dann Handgemenge. Es entſtand ein furchtbarer Kampf in der dichten Finſterniß, die aber bald durch preußiſcherſeits herbeigeholte Fackeln etwas erhellt wurde. Die Verſchwo⸗ renen ſchlugen ſich wie Verzweifelte; aber ſie wurden von 179 der Uebermacht, die von allen Seiten auf ſie eindrang, gleichſam erdrückt. Nach einer Viertelſtunde war der Kampf entſchieden. Die meiſten der Verſchworenen wa⸗ ren gefallen, die übrigen gefangen. Unter den letzteren befand ſich Camillo. Er hatte den Tod am eifrigſten ge⸗ ſucht; ſchon aus vielen Wunden blutend, kämpfte er im⸗ mer noch mit einer Tapferkeit, die eines klügeren und glücklicheren Unternehmens würdig geweſen wäre. End⸗ lich ſank er, durch einen Säbelhieb ſchwer am Kopfe verletzt und betäubt zu Boden. Nur ſo ward es den Geg⸗ nern möglich ſich ſeiner lebend zu bemächtigen. Waren auf dieſe Weiſe die Häupter und Führer des ganzen Complotes vernichtet, ſo war dieſes ſelbſt im Keime erſtickt. Es galt nur noch die Thore der Neuſtadt wohl zu bewachen, um, ſollten die Oeſterreicher trotz des nun unterbleibenden Signales vom Kreuzthurm, das ihnen ebenſowohl wie ihren Bundesgenoſſen in der Stadt als Zeichen zum Angriff dienen ſollte, gegen die Stadt vordringen, dieſe tapfer zurückzuſchlagen. Außerdem wur⸗ den mehrere Regimenter in die Neuſtadt geworfen, um an verſchiedenen Punkten zu bivouakiren und die Helfers⸗ helfer der Verſchworenen aufzuheben. Starke Patrouillen durchſtreiften alle Straßen der Stadt und viele Verhaf⸗ tungen wurden vorgenommen. Während der Vorgänge auf dem Judenhofe harrte 180 die zu Emma's Befreiung aus dem Hauſe der Reibold beſtimmte kleine Abtheilung an ihrem Sammelorte mit der größten Spannung des Signals vom Kreuzthurme. Bei keinem war natürlich die Spannung größer als bei Hertwig. Man wollte ſich in der Beobachtung des Thur⸗ mes ablöſen, aber er ließ es ſich nicht nehmen, dies allein zu thun. Und ſo ſtand er allein im Hofe der Bierſchänke auf der Wacht. Er hatte ſich mit einem Beil bewaffnet, mit dem er die Thür des Hauſes ſprengen und ſich und ſein Kind nöthigenfalls vertheidigen wollte. Dieſes Beil ſchwang er oft in der Luft, als wolle er den zerſchmet⸗ ternden Streich auf die Thür führen, die ſein Liebſtes verſchloß. ZJe näher die Stunde der That kam, deſto grö⸗ ßer wurde ſeine Aufregung. Da war es ihm, als ver⸗ nähme er ferne Schüſſe von der Stadt her. Sein Herz ſchlug hörbar. Aber bald war wieder Alles ruhig. Endlich ſchlug es Eins. Er heftete ſeinen Blick an den Kreuzthurm. Es verging Minute nach Minute, das Signal kam nicht zum Vorſchein. Seine Spannung ward fieberhafte Aufregung. Seine Gefährten kamen heraus, mit ihm nach dem Signal auszuſpähen. Aus der innern Stadt vernahm man dumpfes Getöſe, unheimliches Le⸗ ben, aber das erſehnte Signal blieb aus. „Unſere Sache iſt verrathen,“ ſagte der Verſchwo⸗ rene, welcher die Abtheilung führte;„retten wir uns.“ 181 Vom Thore her ſchallte Werdaruf und Antwort; bald hallten von der Gaſſe herein ſchwere Tritte einer ſtarken Patrouille. „Jetzt wird es die beſte Zeit ſein, uns fortzuſchlei⸗ chen,“ ſagte der Verſchworene, als die Tritte verhallt waren. „Und was wird aus meinem Kinde?“ fragte Hertwig. „Wir können durchaus nichts unternehmen,“ er⸗ wiederte der Verſchworene;„wir können nichts wagen, ohne uns an's Meſſer zu liefern.“ „So befreie ich mein Kind allein,“ erklärte Hertwig. „Um in Ihr ſicheres Verderben zu rennen?“ ver⸗ ſetzte Jener. „Meinem Kinde droht größeres Verderben. Gehen Sie, retten Sie ſich— ich rette mein Kind!“ „Ich gehe mit Ihnen,“ erklärte einer der Genoſſen, ein ehrlicher Hufſchmied aus Friedrichsſtadt,„ich bin auch Vater und fühle, wie Ihnen zu Muthe ſein muß.“ Noch Einer erklärte ſich bereit Hertwig beizuſtehen. Trotz dem Abmahnen der Anderen machten ſich die Drei nach dem Hauſe der Reibold auf den Weg. Hertwig beſann ſich auf eine Liſt, die Oeffnung des Hauſes ohne Gewaltthat zu erreichen. Nachdem er wie⸗ 182 derholt an die Thür geklopft, fragte eine Stimme aus dem obern Stockwerk, was es gebe. „Der Herr Major von Retzow,“ gab Hertwig zur Antwort,„ſchickt uns hierher, Ihnen beizuſtehen, wenn der in der Stadt ausgebrochene Aufſtand der Preußen⸗ feinde einen ſchlimmen Ausgang nehmen und ſich in die Vorſtädte verbreiten ſollte.“ „Was!“ rief Reibold erſchrocken;„ein Aufſtand iſt ausgebrochen? Alſo war es doch wahr, daß eine Ver⸗ ſchwörung beſtand?“ „Freilich!“ verſetzte Herig hören Sie nicht das Getöſe von der Stadt her? Di Verſchwörer haben ſich der Hauptwache und des Schloſſes bemächtigt; jetzt belagern ſie das Zeughaus; und mehrere Abtheilungen ſind nach der Neuſtadt marſchirt, wo ſie wahrſcheinlich die Thore nehmen und den Oeſterreichern öffnen wollten. Aber auf dem Neuſtädter Markte ſind ſie auf die noch zur rechten Zeit allarmirten Preußen geſtoßen; da gibt's jetzt ein fürchterliches Scharmützel.“ „O Gott!“ ſchrie die Reibold;„wer nur aus der Stadt wäre! da iſt man ja ſeines Lebens nicht ſicher!“ „Das bedachte der Herr Major eben. Wie er ſich auf's Pferd ſchwang, um gegen die Empörer auszurücken, war ſein letzter Gedanke an Sie und Ihre Pflegetochter, 183 und er gab uns Befehl, Sie beide zu ſchützen, und wenn es nöthig mit Ihnen zu fliehen!“ „O der liebe Herr!“ ſagte die Reibold;„ich glaube, es iſt die höchſte Zeit, daß wir fliehen.“ „So öffnen Sie nur,“ ſagte Hertwig,„und ma⸗ chen Sie ſich fertig!“ Nach ein paar Minuten ward die Thür geöffnet. Die Reibold ſtand mit Licht in der Hausflur. Hertwig trat mit ſeinen Gefährten hinein. Die Frau ſah ſie be⸗ troffen an.„Sie ſind doch keine Preußen!“ ſagte ſie. „Allerdings nicht,“ erwiederte Hertwig;„wir ſind gute ehrliche Sachſen und wollen weiter nichts, als ein armes Kind, das ſo ein preußiſcher Wolf hierher ge⸗ ſchleppt hat, dem Verderben entreißen und ihren Eltern zurückgeben.“ Die Frau machte eine Bewegung nach der Thür; allein Hertwig hielt ſie zurück.„Wenn Sie den gering⸗ ſten Lärm machen,“ ſagte er,„ſo werden Sie geknebelt und wir verſtopfen Ihnen den Mund. Jetzt kommen Sie und übergeben uns das gefangene Mädchen.“ „Das gute Kind wird erſchrecken, wenn ſie ſo aus dem erſten Schlafe geweckt wird,“ wandte die Reibold ein.„Und ich weiß nicht, was Sie das Mädchen an⸗ geht.“ „Was es uns angeht?“ verſetzte Hertwig;„ſo hören Sie denn, Sie altes Kuppelweib, ich bin des Mäd⸗ chens leiblicher Vater. Und nun keine Umſtände gemacht, ich will mein Kind haben!“ „Ich will hinauf gehen und es wecken,“ ſagte die Reibold;„aber Sie thun nicht wohl, das Mädchen aus der glücklichen Lage zu reißen, in der es ſich hier befin⸗ det. Wer weiß, welch' großes Glück ihr durch ihren Gönner bevorſtünde!“ „Ich will mein Kind,“ erklärte Hertwig,„und da⸗ mit gut. Gehen Sie, ich begleite Sie!“ k Die Reibold mußte ſich bequemen ihm zu willfah⸗ ren. Oben machte ſie noch einen Verſuch durch das Vor⸗ ſaalfenſter Lärm zu machen, aber Hertwig riß ſie zurück und wiederholte ſeine vorige Drohung, worauf die Rei⸗ bold mit ihm in das Zimmer Emma's trat. Dieſe lag friedlich träumend in ihrem weißen Bette— für den Vater, der ſeinen Liebling ſo lange nicht geſehen und ſich ſo mächtig nach ihm geſehnt, ein rühren⸗ der, überwältigender Anblick. Der ſtarke Mann zitterte und konnte ſich kaum auf den Füßen erhalten, wie er das liebe Engelsgeſicht im Scheine der Kerze vor ſich ſah. Er hätte ſich über die theure Geſtalt hinwerfen und ſie mit Küſſen und Thränen bedecken mögen, aber er fürchtete ſie zu erſchrecken.„Wecken Sie ſie leiſe,“ bat er die Rei⸗ bold. 185 — Die Reibold rief ſie ſanft beim Namen. Sie mußte aber den Ruf mehrmals und lauter wiederholen, eh' er von der Schläferin vernommen ward. Sie ſchlug die Au⸗ gen auf. Verwundert ſah ſie bald die Reibold, bald ihren Vater an. Endlich erhob ſie ſich, ſtreckte die Arme aus und und rief:„Vater, mein guter Vater!“ Und der Vater ſchloß das Kind laut ſchluchzend in ſeine Arme. Aber er bedachte bald, daß die Zeit koſtbar ſei, und ſo riß er ſich los und bat Emma aufzuſtehen und ſich anzuziehen. Dann zog er ſich mit der Reibold vor die Thür zurück. Emma ſtand auf und warf ſich in ihr Nacht⸗ kleid. An die Thür eilend, rief ſie:„Wo biſt Du denn, Vater? Ich bin angezogen.“ Hertwig trat ein, betrachtete ſie noch einmal mit Entzücken in dem kleidſamen Gewande. Aber er beſann ſich, daß dies Gewand nicht ihr Eigenthum ſei, daß es von ihrem Entführer herrühre, und er mochte nichts von dieſem mitnehmen.„Wo haſt Du Deine eigenen Kleider?“ fragte er. „Madame Reibold hat ſie aufgehoben,“ antwortete Emma. „Dann holen Sie ſie,“ forderte er die Reibold auf. „Ich habe ſie weggegeben,“ erklärte dieſe,„und Sie werden doch das Mädchen nicht wieder in die unſcheinbare Tracht kleiden wollen?“„ 1859. XR. Die Materin von Dresben 12 186 „Das beſte Kleid für ſie iſt die Unſchuld,“ ſagte Hertwig;„ich möchte nicht gern, daß meine Tochter auch nur einen Faden von denen trüge, die ihr dieſe verderben wollten. Wenn aber ihre eigenen Kleider fort ſind, ſo muß ſie dieſe da ſchon behalten.“ „Das iſt aber nur ein Nachtkleid,“ bemerkte die Frau;„laſſen Sie ſie ſich ordentlich anziehen.“ „Das Gewand da iſt ganz gut,“ erklärte Hertwig; „ſie ſoll nicht einen Faden über das Nothwendige mit⸗ nehmen.“ „Ich ſoll alſo wohl mit Dir zur Mutter gehen?“ fragte Emma;„biſt Du denn wieder los von den Sol⸗ daten?“ „Ja, mein Kind,“ ſagte Hertwig;„ich habe mich losgemacht, und wir gehen zur Mutter, wenn auch nicht gleich.“ „O das iſt herrlich!“ frohlockte Emma;„ich hatte es zwar recht gut hier, und ich konnte recht viel lernen, aber daheim iſt's doch ſchöner. Wenn ich nur meine gute Freundin, Demviſelle Doris, erſt noch einmal ſehen könnte!“ „Du meinſt die Malerin,“ ſagte Hertwig;„jetzt können wir die freilich nicht mehr ſehen, aber wenn nur erſt wieder Ordnung im Lande iſt, dann wird ſich das bald machen.“ 187 Emma war zum Mitgehen bereit.„Sie werden Luſt haben, Lärm zu machen, wenn ich fort bin,“ ſagte Hertwig zu der Reibold;„ich werde Ihnen daher einen Wächter da laſſen, der Sie wenigſtens bis Tagesanbruch davon verhindert.“ Er rief einen ſeiner Gefährten und erſuchte dieſen, das Wächteramt bei der Reibold zu ver⸗ ſehen. Derſelbe war dazu bereit, und Hertwig machte ſich mit ſeiner Tochter und dem andern Gefährten, dem Frie⸗ drichſtädter Hufſchmied, auf den Weg. Dieſer leitete ihn durch die Seerorſtadt und ver⸗ ſchiedene Gaſſen und Gäßchen der Wilsdrufervorſtadt nach der Weiſeritz, an deren Ufer ſie unangefochten fort⸗ eilten, bis ſie das Oſtragehege gewannen, von wo ſie ſich der Straße nach Keſſelsdorf zuwandten. Auf dieſer flohen ſie die ganze Nacht unaufhaltſam weiter. Am andern Tag erreichten ſie wohlbehalten ihre Heimath, wo ihr Erſcheinen allen Kummer und alle Sorge der Ihrigen verſcheuchte. Nenntes Citel. Prinz Heinrich. Die Kunde, daß in der verfloſſenen Nacht eine Ver⸗ ſchwörung gegen die Preußen zum Ausbruch gekommen, von dieſen aber unterdrückt, daß viele von den Verſchwö⸗ rern getödtet, andere aber gefangen worden, durchflog am Morgen die Stadt und fand ihren Weg auch zum Ohre der Gräfin S., wie ſie ſich mit Doris eben zum Frühſtück begeben wollte. Von ſchrecklicher Ahnung ergriffen, eilte ſie ſogleich nach den Zimmern ihres Sohnes und kam, als ſie dieſelben leer gefunden, händeringend zu Doris zu⸗ rück. Dieſe bat die edle Frau, ſich nicht gleich den ärg⸗ ſten Befürchtungen hinzugeben, vielmehr zu hoffen, daß ihr Sohn ſich unter den Gefangenen befinden könne. „Das wäre ſo ſchlimm, oder vielmehr ſchlimmer, als der Tod im Kampfe,“ erwiederte die Gräfin;„denn den Gefangenen träfe ſicher der Tod als Strafe der Rebellion.“ 189 „Ich gebe nichts verloren, als die Todten,“ ent⸗ gegnete Doris.„Laſſen Sie mich zuvörderſt Erkundigung einziehen, ob Graf Camillo unter den Gefangenen iſt. Iſt dies der Fall, dann laſſen Sie uns vereint Alles auf⸗ bieten ihn zu retten. Der Gonverneur iſt kein Unmenſch, und ſollte er zur Gnade nicht geneigt ſein, ſollte er nicht Gnade üben können, ſo erlangen wir doch gewiß Aufſchub des Urtheils, bis wir uns an den Prinzen Heinrich ge⸗ wendet, der mit hohem Heldenſinn ein fühlendes Herz verbindet. Er wird, er muß die Verhältniſſe berückſichti⸗ gen, muß einen Unterſchied machen zwiſchen wirklichen Kaballen, die ſich gegen ihren angeſtammten Fürſten empören, und treuen Unterthanen, die für ihren ange⸗ ſtammten Fürſten das Aeußerſte wagen, um denſelben in ſeine ihm geraubten Rechte wieder einzuſetzen. Er kann es in der Ordnung finden, daß ein ſolches Wagniß unterdrückt und deſſen Unternehmer unſchädlich gemacht werden, aber er kann in ihnen nicht todeswürdige Verbre⸗ cher erkennen.“ Es gelang Doris wirklich, die Gräfin etwas zu beruhigen. Darauf eilte ſie zu dem Major von Retzow. Dieſer hatte ſpeben durch die Reibold Nachricht von der Befreiung Emma's durch ihren Vater erhalten, und war daher in doppelter Erbitterung, einmal über das Attentat der Verſchwörer, welches, wenn es auch ver⸗ 190 eitelt worden, doch vielen Preußen das Leben gekoſtet hatte, und dann darüber, daß ihm die ſchöne Zitherſpiele⸗ rin entriſſen und ihr Vater, der Deſerteur, entwiſcht war. Er empfing daher Doris nichts weniger als freundlich. Er ließ ſie nicht einmal niederſitzen, fragte barſch nach ihrem Begehren, und als ſie geſagt, ſie komme im Namen der Gräfin S. ſich nach dem Schickſale des jungen Gra⸗ fen zu erkundigen, gab er die barſche Antwort:„Der Himmel hat den Radelsführer ves ſchändlichen Atten⸗ tats der gerechten Rache aufgeſpart, das ſagen Sie Ihrer Gräfin. Sie ſelbſt werden der gerechten Strafe für Ihr Verbrechen nicht entgehen!“ Doris ſah ihn groß an.„Ich für meine Verbre⸗ chen?“ fragte ſie. „Ja, Sie!“ erwiderte er;„ich wollte nicht glauben, daß Sie ſo abſcheulicher Thaten fähig wären, wie man Sie bezügtigte; aber wer ſo frech lügen kann, wie Sie mich belogen, iſt jeder Schandthat fähig.“ „Mein Herr!“ rief Doris,„Sie vergeſſen ſich—“ Der Major maß die edle, frei und hoch aufgerichtete Geſtalt der Künſtlerin mit einem Blick, in welchem Hohn mit Verwunderung rang.„Sie haben Recht,“ ſagte er endlich;„ich vergeſſe mich. Es iſt unter meiner Würde, mit Ihnen mich in einen Wortwechſel einzulaſſen. Es Sache der Richter ſein, Sie zur Verantwortung zu ziehen.“ 191 Doris verſtand den Major nur halb.„Das, was ich an einem armen Familienvater gethan, der aus einem Dienſte geflohen, zu dem er gegen alles menſchliche Recht gezwungen worden, das getraue ich mir vor jedem Rich⸗ ter zu verantworten, und jeder Richter, ſei er auch ein noch ſo ſtrenger Preuße, auf dem der Geiſt des großen Friedrich ruht, wird meine That als eine echt weibliche erkennen. Sie zeihen mich der Lüge, wahrſcheinlich weil ich Ihnen nach Ihrem vergeblichen Durchſuchen meiner Wohnung verſicherte, ich wiſſe nicht, wo der Deſerteur im Augenblicke ſei. Ich bekenne, daß ich Sie hatte kom⸗ men ſehen, und daß ich da ſchnell den Bedrohten an einen andern Ort brachte. Aber als Sie dieſen ebenfalls durchſuchten, war der Flüchtling zu meiner eigenen Ver⸗ wunderung verſchwunden. Ich konnte mit gutem Gewiſſen ſchwören, ihn nicht zu wiſſen. Erſt lange nachdem Sie fort waren, kam der Verfolgte aus ſeinem Verſteck hervor, und ich gab ihm das Aſyl in meiner eigenen Wohnung. Damit habe ich allerdings gegen das Intereſſe der Preu⸗ ßen gehandelt, aber ein Verbrechen iſt es nicht.“ Während Doris im Tone der größten Freimüthig⸗ keit alſo ſprach, fühlte der Major, wie der Zauber ihrer Perſönlichkeit wieder Macht über ihn gewann. Die Stim⸗ me, die erſt in ſeinem Herzen gegen Oeſterreich's ſchwarze Anklage geſprochen, ward auf's Neue wach, und ob er ſich auch dagegen als gegen einen Verrath ſeines ſinn⸗ lichen Wohlgefallens an dem ſchönen Weibe wehrte, ſo war er doch nicht im Stande, ſein voriges Benehmen gegen ſie aufrecht zu erhalten. In einem weit milderen Tone als erſt ſagte er:„Der Dienſt, den Sie dem De⸗ ſerteur geleiſtet, kann ihm ſchließlich doch nichts helfen; denn es wird uns doch gelingen, ihn wieder einzufangen.“ „Vielleicht,“ wagte oris ihm in die Rede zu fal⸗ len,„vielleicht ſchützen ihn die Wälder und Schluchten des Erzgebirges vor ſeinen Verfolgern, wenn denn nun wirklich der Armee des großen Preußenkönigs ſo viel an dieſem einen Mann gelegen iſt, daß ſie ihn nicht bei ſeiner Familie laſſen können.“ Der Major biß ſich auf die Lippen. Er hatte nicht Luſt über dieſen Gegenſtand weiter mit ihr zu ſprechen. Er brach daher plötzlich ab und fragte, wie weit ſie mit dem Bilde Emma's ſei. Sie antwortete, daß nur eine kleine Nachhilfe zu ſeiner Vollendung fehle, und fragte dann, ob ſie nicht er⸗ fahren könne, wo der gefangene Graf S. im Gewahr⸗ ſam ſei. „Wollen Sie vielleicht einen Befreiungsverſuch mit ihm machen?“ gegenfragte der Major, ſie ſcharf fixirend. So ernſt der Gegenſtand war, ſo mußte Doris doch lächeln.„Daran habe ich jetzt in der That nicht ge⸗ 193 dacht,“ erwiederte ſie,„und ich werde auch jetzt einem ſolchen Gedanken nicht Raum geben, weil ich mir wohl denken kann, wie ſicher ſie den Unglücklichen verwahrt und wie ſcharf ihn bewacht halten. Aber vielleicht läßt man die arme Mutter zu ihm, oder geſtattet ihr wenigſtens ihm einige Erfriſchungen zukommen zu laſſen.“ „Die könnte er wohl bedürfen,“ ſagte der Major; „er iſt ſchwer verwundet. Sein Gefängniß befindet ſich im Blockhauſe in der Neuſtadt.“ „Ich danke Ihnen für dieſe Auskunft,“ entgegnete Doris und verabſchiedete ſich dann. Sie eilte zu der Gräfin zurück, ihr von dem Leben ihres Sohnes Nach⸗ richt zu geben.„Daß er verwundet darnieder liegt,“ fügte ſie zu dieſer,„würde unter andern Umſtänden ein Uibel ſein, wie die Verhältniſſe aber einmal ſind, iſt es ein Glück. Den ſchwer Verwundeten muß man erſt wieder herſtellen, ehe man ihn richten kann, denn ſo äußerſt human iſt die heutige menſchliche Gerechtigkeit, daß ſie nur geſunde Menſchen um's Leben bringt. Wir gewin⸗ nen dadurch Zeit, für die Rettung des Gefangenen zu ar⸗ beiten, und wer weiß, was inzwiſchen auf dem politiſchen Schauplatz vorgeht, daß unſere Mühe überflüſſig macht.“ Die Gräfin erfaßte die dargebotene Hoffnung und traf Anſtalt, bei dem Gouverneur vorzufahren, um ſich den Zutritt zum Gefängniß ihres Sohnes auszuwirken, 194 oder doch die Erlaubniß, ihn mit Erfriſchungen und Wäſche zu verſorgen. 4 Der Gouverneur empfing die Gräfin ernſt. Er ſprach ſein Bedauern aus, daß er nichts thun könne, ihr den Sohn zu erhalten, daß er ſelbſt von einem Schritte bei dem König keinen günſtigen Erfolg erwarte. Doch ge⸗ ſtattete er ihr den Gefangenen zu beſuchen, freilich unter Anwendung der in ſolchen Fällen üblichen Vorſichtsmaß⸗ regeln, auch hatte er nichts dagegen, daß ſie ihm durch die Wache Wäſche und Erfriſchungen zukommen ließ. Während die Gräfin nach dem Gefängniß ihres Sohnes eilte, ſuchte Doris den Magiſter Theophilus auf, um mit ihm über die Schritte zu berathen, die zu Camillo's Rettung zu thun wären. Es war das erſtemal, daß ſie die Wohnung des einſam lebenden Gelehrten, der ihrem Herzen ſo theuer war, betrat, und nur die außer⸗ gewöhnlichen, alle Rückſichten der Convenienz verdrängen⸗ den Verhältniſſe konnten ſie zu dieſem Schritt bewegen. Seit der letzten einhaltſchweren Unterredung mit ihm hatte ſie ihn nur wenig geſehen. Er war nicht wenig überraſcht über den noch nie da geweſenen Beſuch.„Etwas von der höchſten Wichtig⸗ keit muß es ſein, das mir dieſes Glück bereitet,“ ſagte er, ſie in ſein Wohnzimmer führend;„leider darf ich nach den Vorgängen dieſer Nacht nicht hoffen, daß es 195 etwas Freudiges ſei. Ich wollte eben zur Gräfin gehen und nach Camillo ſehen.“ „Der iſt gefangen,“ ſagte Doris;„eben iſt die Grä⸗ fin mit der Erlaubniß des Gouverneurs zu dem Schwer⸗ verwundeten geeilt, und ich komme, mit Ihnen über die Mittel zu ſeiner Rettung Rath zu pflegen.“ „Der arme, unglückliche Menſch!“ rief Theophilus aus.„Freilich müſſen wir auf Mittel zu ſeiner Rettung ſinnen. Schwer wird ſie uns werden, aber ich hoffe nicht unmöglich; wir wollen nur mit rechtem Muthe und rechter Unverdroſſenheit daran gehen.“ Es tauchte nun mancher Vorſchlag zwiſchen den Beiden auf, aber keiner erwies ſich bei näherer Be⸗ leuchtung als ausführbar oder zum Ziele führend. End⸗ lich kam man dahin überein, vor der Hand von jedem direkten Befreiungsverſuch, durch Beſtechung oder Gewalt, abzuſehen und einen geeigneten Weg zu ſuchen, um zu dem Herzen des Prinzen Heinrich zu gelangen, in deſſen Hand zuletzt das Schickſal der gefangenen Verſchwörer lag. Als Doris die Wohnung des Magiſters verließ, bemerkte ſie nicht, daß ſie von einem Mann beobachtet wurde, der einſt den größten Einfluß auf ihr Schickſal geübt und einen ſolchen auf's Neue in ſchändlichſter Weiſe zu üben befli ſen war. Oeſterreich hatte ſie vorhin in das Haus des Magiſters gehen ſehen, eine für ihn ganz 196 neue Entdeckung, die ſein Rachegelüſten nur zu erhöhen geeignet war. Er war die ganze Zeit, während welcher Doris bei dem Magiſter geweſen, in der Nähe des Hau⸗ ſes auf⸗ und abgegangen, und nicht eher gewichen, bis er ſie wieder herauskommen ſah. Daß ſie den Magiſter vergöttere und auch ihm nicht gleichgültig war, das wußte Oeſterreich längſt; aber er hatte ſeit Jahren keine größere Annäherung zwiſchen Beiden bemerkt, er hatte immer geſehen, wie ſie ſich in einer gewiſſen Entfernung von einander gehalten, und ſo war das eiferſüchtige Gefühl, das ſich anfangs gegen den Magiſter geregt, ſchwächer geworden und in den Hintergrund getreten. Jetzt ſah er, wie Doris den Magiſter in ſeiner Wohnung beſuchte und eine Stunde bei ihm verweilte. Seiner Anſicht nach, war das ein ſicherer Beweis eines vertrauteren Umganges, und die alte Eiferſucht erwachte in verdoppelter Stärke. Seitdem er mit dem Major von Retzow über Doris geſprochen, hatte er keine Zeit gehabt, weiter etwas in Bezug auf ſeine Anklage gegen dieſelbe zu unternehmen. ZJetzt, wo das Complot, mit dem er hauptfächlich zu thun gehabt, unterdrückt war, beſchloß er, von der Eiferſucht geſtachelt, ſich ohne Verzug nach Freibergsdorf zu bege⸗ ben, um neue Daten zur Begründung ſeinen Anklage zu ſammeln. In den nächſtfolgenden Tagen vollendete Doris das 497 Bild ihrer jungen Freundin Emma, über deren Schickſal ihr jetzt jede Kunde mangelte, die ſie aber einzuziehen be⸗ ſchloß, ſobald ſie ihr Bild fertig habe. Sie gedachte ihr auch eine Unterſtützung zufließen zu laſſen und nach Ver⸗ mögen für ihre fernere Ausbildung zu ſorgen. Graf Ca⸗ millo hatte ihr zwar geſagt, daß er das Mädchen in ſei⸗ nem Teſtamente bedacht, allein dieſes lag uneröffnet in den Händen des Magiſters, und hatte, ſo lange der Aus⸗ ſteller noch lebte, keine Geltung. Das Bild war fertig und ward ſeinem Beſteller überliefert. Das Original, wie es leibte und lebte, in altdeutſcher Tracht, die Zither im Arm. Der Major von Retzow wußte nicht, ſollte er mehr die unübertreffliche Aehnlichkeit, vder die geniale Auffaſſung bewundern, womit das Bild gemalt war. Er konnte ſich nicht ſatt daran ſehen. Aber je mehr er ſich in die Betrachtung des Werkes verlor, deſto mehr vergaß er darüber die Mei⸗ ſterin, deſto mehr trat das ſtrahlende Bild derſelben vor dem reizenden Bilde vor ihm zurück. Er phantaſirte ſich wieder in das vorientaliſch⸗romantiſche Verhältniß hinein, das er ſich in Bezug auf Emma geträumt, und lebhafter als zuvor beklagte er, daß ſie ihm entriſſen worden. Er beſchloß, ſich wieder in ihren Beſitz zu ſetzen, koſte es was es wolle. Die von Seiten des Militär⸗Commandos getroffenen Maßregeln zur Wiedereinbringung des De⸗ 198 ſerteurs Hertwig ſollten benutzt werden, ſich auch ſeiner Tochter mit Güte oder Gewalt zu bemächtigen, im letzte⸗ ren Falle als Geiſel für ihren Vater, der, wie vorauszu⸗ ſehen war, ſich wohl verbergen werde. Am achten Tage nach der Unterdrückung der Dres⸗ dner Verſchwörung gab der Gouverneur von Schmettau den Offizieren der Dresdner Garniſon ein Bankett, wäh⸗ rend die Gemeinen mit ihren Unteroffizieren auf Koſten der Stadt ein großes Freibier erhielten. Das Bankett gab dem Major Retzow Gelegenheit, Emma's Bild aus⸗ zuſtellen und die darüber abgeſchloſſene Wette zur Erle⸗ digung zu bringen. Er durfte bei dieſer Gelegenheit um ſo ſicherer auf ſeinen Sieg rechnen, als auch der Prinz Heinrich bei dem Feſte zu erwarten war, den er als feinen Kunſt⸗ und Schönheitskenner neben dem Gouverneur und einem dritten Unparteiſchen zum Preisrichter ernennen wollte. Der Major hatte ſich nicht verrechnet. Prinz Hein⸗ rich nahm das ihm zugedachte Preisrichteramt mit Ver⸗ gnügen an, und ſein Ausſpruch, daß die Zitherſpielerin, wie das Bild ſie zeige, den Preis der Schönheit vor der Gräfin Königsmark, der Reidſchütz und der Tänzerin un⸗ bedingt gebührt, ward von den übrigen Preisrichtern zu dem ihrigen gemacht. Aber ebenſo ſehr, wie der Schönheitskenner, war 199 der Kunſtkenner von dem Bilde befriedigt. Prinz Heinrich bewunderte die Ausführung deſſelben und forſchte mit hohem Intereſſe nach dem Künſtler. Als man ihm ſagte, daß eine Dame das Bild gemalt habe, mochte er es kaum glauben, und er ſtaunte vollends, als er hörte, aus wel⸗ chen dunkeln Verhältniſſen die Künſtlerin ſtamme und wie kurze Zeit ſie auf der Künſtlerlaufbahn wandle. Er wünſchte ſie kennen zu lernen und ein Bild für ſein Rheinsberg von ihr zu beſitzen. Der Gouverneur war ſofort erbötig, die Künſtlerin herbeizuholen und ſie dem Prinzen vorzuſtellen. Doris ſaß in ihrem Arbeitszimmer und hatte den Kopf gedankenvoll in ihre Hand geſtützt. Aber es war nicht ihr Kunſtwerk, das ihren Geiſt jetzt beſchäftigte; ihr Sinnen galt dem Schickſale des Sohnes ihrer Wohl⸗ thäterin. Sie hatte mit dem Magiſter inzwiſchen manche Berathung über die Rettung des Unglücklichen gepflogen, auch manchen vorbereitenden Schritt dazu gethan; aber keiner war von einer beſondern Ausſicht auf Erfolg be⸗ gleitet. Mehr als einmal war der Gedanke in ihr aufge⸗ taucht, geradenweges zu dem Prinzen Heinrich zu gehen, dieſem einen Fußfall zu thun und ihn um Gnade für den gefangenen Grafen zu bitten. Aber da war ſie ſich immer viel zu unbedeutend vorgekommen, als daß eine ſolche Bitte von ihr einen erwünſchten Eindruck auf das 200 Herz des Prinzen machen könnte. Dennoch beſchäftigte ſie der nämliche Gedanke jetzt auf's Neue. Da weckte ſie das Raſſeln eines Wagens vor ihrem Hauſe aus ihrem Sinnen. Der Wagen machte Halt und ein Offizier ſtieg heraus. Bald klopfte es an ihre Thür. Sie öffnete, und vor ihr ſtand der Offizier. Er ſtellte ſich als Adjutant des Gouverneurs vor und überbrachte ihr von dieſem die Einladung, ſich es eine Stunde im Kreiſe ſeiner Familie gefallen zu laſſen, wo er ſie dem Prinzen von Preußen, der ihr einen Auftrag zugedacht, vorſtellen wolle. Doris war im hohen Grade überraſcht; aber ſie er⸗ kannte ſofort eine Fügung des Himmels in dieſer Einla⸗ dung und ſagte:„Ich weiß nicht, wie ich zu dieſer unver⸗ dienten Auszeichnung komme, aber ich werde dem Befehle des Herrn Gouverneurs gehorchen, ſobald ich meine Toi⸗ lette gemacht habe.“ „Ich bin beauftragt, Sie in dem Wagen des Herrn Gonverneurs gleich mitzubringen,“ ſagte der Adjutant. „Ich brauche nur ein Viertelſtündchen Zeit,“ er⸗ klärte ſie;„wollen Sie in meinem Atelier ſo lange warten?“ „Mit größtem Vergnügen,“ antwortete der Adju⸗ tant und ließ ſich in das Atelier leiten. Doris hatte ihre einfache, aber geſchmackvolle Toi⸗ 201 lette bald beendigt. Mit erwartungsvoll klopfendem Her⸗ zen fuhr ſie an der Seite des Adjutanten nach der Woh⸗ nung des Gouverneurs. Der Prinz Friedrich Heinrich Ludwig, Friedrich's II. Bruder und ihm an Feldherrn⸗Größe wenig nachſtehend, war damals ein blühender Mann von 32 Zahren. Gleich ſeinem Bruder liebte und pflegte er die Wiſſen⸗ ſchaften und beſchäftigte ſich mit ihnen auch im Feldlager. An feinem Kunſtgeſchmack war er Friedrich überlegen und ein eifriger Förderer der mit Leſſing begonnenen Rei⸗ nigung deutſcher Kunſt vom franzöſiſchen Zopfthum. In dem Bilde von Doris hatte er vornehmlich das völlige Freiſein von franzöſiſcher Unart mit Freuden bemerkt. Um die Malerin, von der er inzwiſchen auch die Copie der ſiſtiniſchen Madonna geſehen, zu empfangen, hatte der Prinz ſich vom Bankett in das Familienzim⸗ mer des Gonverneurs zurückgezogen, wo er ſie in Ge⸗ genwart der Gouverneurin und ihrer Tochter erwartete. Mit dem edlen Anſtand, welcher Doris eigentlich von jeher eigen war, der aber in ihrer gegenwärtigen Lebensphäre erſt zu ſeinem vollen Rechte und zur vollen Freiheit gelangte, erſchien die Tochter des erzgebirgiſchen Wilddiebes vor dem Bruder des größten Königs ſeines Jahrhunderts. Wie er ihr mit großer Leutſeligkeit ent⸗ gegentrat, mußte ſie unwillkürlich an die brutale Behand⸗ 1859. XRX. Die Malerin von Dresben. 13 202 lung von Seiten des Gerichtshalters ihrer Heimath und an alle Schmach denken, die ſie einſt im Stande der Nie⸗ drigkeit erlitten. Prinz Heinrich, empfindlicher gegen Frauenreiz als ſein großer Bruder, war überraſcht von der mächtigen Schönheit der Malerin, und er vergaß darüber einen Moment, weshalb er ſie zu ſich rufen laſſen, er vergaß über dem ſchönen Weibe die Künſtlerin, und die Gegen⸗ wart der Damen des Hauſes, die ja Kinder einer galan⸗ ten Zeit waren, hinderte ihn nicht an dem Anlauf zu einer Gakanterie. Prinzen waren in jener Zeit ſo ſehr gewöhnt, Schönheiten, die in ihren Kreis traten, als ihr Eigen⸗ thum zu betrachten, daß auch Prinz Heinrich einen Augen⸗ blick lang ſich in die Rolle eines Sultans gegenüber einer reizenden Sklavin verſetzte. Allein Doris brachte ihn durch ihr Benehmen ſchnell zum Bewußtſein einer beſſern Wirklichkeit. Und nicht lange dauerte es, ſo war zwiſchen dieſen beiden aus ſo verſchiedenen Lebensphären entſproſſenen Menſchen eine Unterhaltung über Kunſt im Gange, welche ſich je länger je mehr in die Tiefe ver⸗ ſenkte. Natürlich war der Prinz der Tochter des Volkes an wiſſenſchaftlicher Kunſtbilduag überlegen, aber was Doris darin abging, das erſetzte ihr natürlicher Schönheitsſinn und ihr inſtinktmäßiges Erfaſſen des Wahren und Guten 203 im Gebiete der Kunſt. Das Geſpräch führte von ſelbſt auf den Verfall der Kunſt in Deutſchland und ſeine Ur⸗ ſachen. Der Prinz forderte Doris auf, ihre Anſicht dar⸗ über auszuſprechen. „Eure Hoheit,“ gab Doris zur Antwort,„haben die Urſache dieſes Verfalls jedenfalls ſchärfer erkannt als ich; indeß will ich mit meiner Anſicht nicht hinter dem Berge halten. Darf ich doch dann hoffen, daß Sie, was falſch daran iſt, berichtigen werden. Ich ſetze die Urſache des Verfalles deutſcher Kunſt ganz allein in das Darnie⸗ derliegen des deutſchen Nationalgeiſtes. Von dem Augen⸗ blicke an, wo die Deutſchen aufhörten ſich als eine große, freie Nation zu fühlen und zu behaupten, kam die deut⸗ ſche Kunſt ins Sinken. Es iſt dies ja ganz natürlich. Grund⸗ und Lebensbedingungen der Kunſt ſind Freiheit und Originalität. Ein Volk, das ſich ſelbſt verliert, ſich ſelbſt auf⸗ und hingibt an fremdes Weſen, kann nichts Freies, Eigenes mehr aus ſich erſchaffen. Der Verluſt des nationalen Selbſtbewußtſeins raubt der Nation alle Ge⸗ nialität und macht ſie zur Sklavin fremden Geiſtes. Ge⸗ ſetzt aber auch, es ſtünden trotz dem Verfall des National⸗ geiſtes im Volke noch einzelne geniale Künſtlernaturen auf, wie können ſie Muth und Kraft finden, Eigenes zu ſchaffen, wenn dieſes von der Nation nicht mehr begriffen und gewürdigt, wenn es kalt und theilnahmslos zurück⸗ 13* 204 gewieſen wird? Die Kunſt braucht ein Vaterland, ſie be⸗ darf der warmen, der begeiſterten Theilnahme und Unter⸗ ſtützung einer Nation— die deutſche Kunſt hatte lange kein Vaterland!“ „Dann,“ erwiederte der Prinz,„iſt wenig Ausſicht vorhanden, daß es beſſer werde mit unſeren Kunſtzuſtän⸗ den. Denn wie ſoll die zerſplitterte deutſche Nation unter dem täglich lockerer und machtloſer werdenden Reichs⸗ verbande wieder zu einem kräftigen Nationalgefühl er⸗ wachen?“ „Doch ſind wir ſchon in der Beſſerung begriffen,“ behauptete Doris.„Die Schlacht von Roßbach iſt nicht umſonſt geſchlagen worden; die Deutſchen haben geſehen, daß die Franzoſen nicht unüberwindlich ſind, ſie haben ſich dieſen Erbfeinden gegenüber wieder fühlen lernen, und die große Niederlage der Moskowiter bei Zorndorf hat ihnen auf's Neue gezeigt, was deutſche Tapferkeit vermag, wenn ſie recht geleitet iſt. Die Heldenthaten Friedrich's des Großen und ſeiner Tapferen haben einen neuen Geiſt über Deutſchland gebracht, der bereits in der Literatur ſeine Schwingen regt und in dieſer die Breſche, welche jene Siege in die geiſtige Zwingburg der Aus⸗ länderei geſchoſſen, benutzen, um ſie vollſtändig zu be⸗ zwingen und zu ſchleifen. Nur Schade, daß ihr dem ſei⸗ nen ſo verwandtes, ſein eigenes Werk förderndes und er⸗ 205 gänzendes Wirken gerade von dem großen König nicht er⸗ kannt und gewürdigt wird.“ Prinz Heinrich war nichts weniger als unangenehm berührt durch dieſe Freimüthigkeit; aber er mochte doch den König nicht zum Gegenſtande dieſer Unterhaltung machen, am wenigſten ihn vertheidigen, der ſo groß und einzig daſtand. Er gab dem Geſpräch eine harmloſere Wendung durch die Aeußerung:„Wenn der König aus guten Gründen die franzöſiſche Literatur vor der deutſchen begünſtigt, ſo iſt er doch von urdeutſcher Geſinnung und er würde ſchöpferiſche deutſche Werke der bildenden Kunſt gewiß zu würdigen wiſſen. Da Sie ſo erglüht ſind für die deutſche Sache und eine ſo tüchtige Künſtlerin, ſo ma⸗ chen Sie ſich doch an ein nativnales Kunſtwerk und wid⸗ men es dem Könige. Ich bürge Ihnen für die beſte Auf⸗ nahme, wenn es gut iſt, und ſichere Ihnen aus meinen eigenen Mitteln jeden Preis zu, den Sie fordern. Ich will Ihnen beweiſen, daß die Hohenzollern die deutſche Kunſt ſchätzen.“ Doris hätte laut aufjubeln mögen bei dieſem Er⸗ bieten. Ein nationales Kunſtwerk zu ſchaffen, das war ja ihr höchſtes Streben; und nun ſollte ſie eins ſchaffen für den großen König, und ſein eigener hochherziger Bruder wollte ihr jeden Preis dafür gewähren, den ſie fordere. Aber dieſe Bedingung war es eigentlich, die ihren Jubel — 206 ſo groß machte. Jeden Preis— alſo auch das Leben der gefangenen Verſchwörer, insbeſondere des Sohnes ihrer Gönnerin. Das war ja eine doppelt hohe und herr⸗ liche Aufgabe, die alle ihre Kräfte zur ſchöpferiſchen That anfeuern mußte, das war eine Miſſion, die ihr ganzes Leben weihte und adelte. Ihr Buſen hob ſich unter der Gewalt der Empfindungen, die ihn erfüllten. Sie hätte niederfallen und Gott danken mögen, der ſie zu einem ſo ſchönen Looſe berufen, der ſie zum Werkzeuge der Rettung vieler Unglücklichen, oder doch des Sohnes ihrer Wohl⸗ thäterin machen wollte. Doch nur war ihr erſt der Weg zu dieſer Rettung gezeigt; es galt ſich ſeinen Eingang zu ſichern, ehe er ihr wieder verſchloſſen werden konnte. „Das Vertrauen Euer Hoheit allein,“ ſagte ſie, „reicht hin, mich zum kühnſten Streben zu begeiſtern— dennoch bin ich in der Lage, einen Preis von Ihnen nicht verſchmähen zu dürfen, und der Preis, den ich fordere, wird nicht gering ſein.“ „Ich wiederhole,“ verſicherte der Prinz ſehr warm, „ich gebe Ihnen jeden Preis, den Sie fordern, voraus⸗ geſetzt, daß mir das Werk gefällt. Beſtimmen Sie gleich jetzt den Preis.“ „Nein,“ erwiederte Doris,„erſt will ich das Werk liefern, ehe ich den Preis beſtimme; ſo wird es in der Ordnung ſein.“ 207 „Wie Sie wollen,“ ſagte der Prinz;„mein Wort gilt nach Jahresfriſt wie heute.“ Als Doris, bald darauf entlaſſen, die Wohnung des Gouverneurs hinter ſich hatte, erſchrack ſie über ihre Ver⸗ meſſenheit, das Leben des Grafen Camillo auf das Ge⸗ ngn eines Werkes von ſich geſtellt zu haben. Sie zit⸗ terte vor der Möglichkeit des Mißlinges— und was ward dann aus dem Gefangenen? Welchen Weg zu ſeiner Rettung gab es dann? Aber ſie faßte wieder Muth und eilte freudig zur Gräfin S. Sie fand bei dieſer den Magiſter Theophilus. Ihr freudeglühendes Geſicht erglühte höher bei ſeinem Anblick und zugleich warf ſie ihm einen Blick der Dankbarkeit zu, daß er gekommen war, die gebeugte Gräfin zu zerſtreuen. „O das iſt ſchön, daß auch Sie kommen, mein lie⸗ bes Kind,“ redete die Gräfin ſie an.„Nehmen Sie Platz und bleiben Sie recht lange bei mir; unſer lieber Freund hier hat mir auch verſprochen den Abend hier zuzu⸗ bringen.“ „Ja ich bleibe,“ ſagte Doris,„und um ſo lieber, als es mir heute beſſer als je gelingen muß, Ihnen Troſt und Beruhigung zu bereiten.“ „Wiſſen Sie etwas von meinem Sohne?“ fragte die Gräfin geſpannt. ———————— 208 „Ich komme von dem Prinzen Heinrich,“ gab Do⸗ ris zur Antwort. „O Sie Engel!“ rief die Gräfin;„Sie haben ſich bei ihm für den armen Camillo verwendet; Sie haben gethan, was die Mutter hätte thun ſollen.“ „Und was ſie gethan haben würde, hätte ſich ihr eine ſolche Gelegenheit geboten wie mir,“ verſetzte Doris, N und erzählte, was ſie ſo eben erlebt. 3 „O Gott ſei geprieſen für dieſen Strahl der Hoff⸗ nung!“ rief die Gräfin, als Doris ihre Erzählung been⸗ det, und ſchloß Doris in ihre Arme. 1 In Theophil's Augen glänzte eine Freudenthräne. „Ich vertraue Ihrem Genius, liebe Freundin,“ ſagte er, als die Gräfin Doris aus ihren Armen ließ;„er wird das Werk herrlich hinausführen.“ „Das walte Gott!“ erwiederte Doris;„ich will gleich ſehen, ob das Werk, wie es in meinem Geiſte lebt, wirklich Ausſicht hat, ſo Großes zu vollbringen, als ich mich damit zu erreichen vermaß. Prüfen Sie einmal meine Jdee.“ Sie theilte dieſelbe ſo, wie ſie dem Leſer bereits bekannt iſt, mit. „Die Idee iſt ſchön,“ ſagte der Magiſter hierauf: „aber die Art ihrer Ausführung, wie Sie ſie im Sinne haben, ſcheint mir nicht ganz ſo glücklich zu ſein. Dieſe iſt mir zu allegoriſch, weshalb ich fürchte, die Idee des„ 209 Kunſtwerkes wird nur von Wenigen aus dieſem ſelbſt er⸗ kannt werden. Sie ſollten die Darſtellung Ihrer Idee an eine concrete hiſtoriſche Handlung knüpfen.“ Doris fühlte ſogleich das Richtige in dieſer Bemer⸗ kung. Sie ſann eine Weile nach und ſagte:„Sie haben Recht; es iſt ein Glück, daß ich Ihnen die Idee mit⸗ 5 theilte, ſonſt hätte ich meine Kraft an eine Unmöglichkeit verſchwendet. Sie ſehen, wie viel mir noch zur Meiſterin mangelt.“ „Um Gotteswillen, Freundin!“ verſetzte Theophi⸗ lus,„laſſen Sie ſich durch meine Offenheit nicht entmu⸗ thigen. Es iſt den größten Meiſtern begegnet, daß ſie in der erſten Anlage eines Kunſtwerkes fehlgegangen. Dann haben ſie das Werk vernichtet und auf beſſere Art von vorn angefangen. Vor ſolcher vergeblichen Arbeit wollte ich Sie bewahren. Die Idee ſelbſt iſt vortrefflich; denken Sie nur über eine andere Darſtellungsweiſe nach, das Richtige wird Ihnen nicht entgehen!“ Die Unterhaltung ward von dem Magiſter ſogleich auf einen andern Gegenſtand gelenkt. Es waren Nach⸗ richten vom Kriegsſchauplatze eingetroffen, die eine Wen⸗ vung der Dinge in Sachſen in nahe Ausſicht ſtellten. Feldmarſchall Daun hatte eine offenſive Bewegung gegen den in Lauſitz ſtehenden König von Preußen gemacht, von der man ſich bei ſeiner überlegenen Macht großen Erfolg „ verſprach. Gelang es Daun, den König zu ſchlagen, dann, ſo hoffte man, war es um die preußiſche Herrſchaft in Sachſen geſchehen; dann war es für die Oeſterreicher ein Leichtes, Dresden zu nehmen; dann waren aber auch die gefangenen Verſchwörer leicht gerettet. So ſehr Doris ſich für dies Alles intereſſiren mußte, ſo war ſie doch nur mit halben Gedanken dabei. Auf einmal unterbrach ſie die Rede Theophil's mit dem Ausrufe:„Ich hab's! ich hab's! So muß es recht ſein: Die deutſche Muſe krönt Friedrich den Großen nach dem Siege bei Roßbach mit dem Kranze der Unſterblichkeit, und wie vor ſeinem Schwert die franzöſiſchen Soldaten, ſo flieht vor der mit dem Sieger geeinten Muſe, die fränkiſche Aftermuſe!“ „Gott ſegne Ihr Werk!“ ſagte der Magiſter feier⸗ lich;„ſo wird es gelingen.“ Zehntes Caitel. Die Anklage. Bevor Doris ſich an die Ausführung ihres Werkes machen konnte, mußte ſie eine Reiſe nach dem Schlacht⸗ felde von Roßbach unternehmen, um die Scenerie für ihr Bild zu gewinnen. Bei der damaligen langſamen Art des Fortkommens konnte ſie zu dieſer Reiſe leicht vierzehn Tage gebrauchen. Sie verſchaffte ſich hierzu durch den Gouverneur einen Schutz⸗ und Geleitsbrief und trat wohlgemuth die Reiſe an. Inzwiſchen verweilte Oeſterreich in Freibernsdorf, um ſeiner Anklage gegen Doris die volle Begründung zu geben. Er wußte der Bäuerin, die ſein Kind gepflegt, und einigen andern Perſonen durch verfängliche Fragen Ausſagen zu entlocken, die zu ſeinem Zwecke paßten, und ſie durch bedeutende Geſchenke für ſich einzunehmen, daß ſie ihm unbedingtes Vertrauen ſchenkten und in ihm nur 212 den Vater, der den Mord ſeines Kindes rächen will, be⸗ trachteten und bemitleideten. Weder Oeſterreich noch Doris waren nach Dresden zurückgekehrt, als auf dem politiſchen Schauplatz eine Wendung der Dinge eintrat, welche von den in das Schickſal der Verſchwörer nicht verwickelten ſächſiſchen Patrioten mit großer Freude begrüßt ward, während ſie für die gefangenen Verſchwörer höchſt verhingnißval zu werden drohte. Um die Oeſterreicher aus ihrer günſtigen Stellung auf dem rechten Elbeufer zu entfernen, hatte König Frie⸗ drich Miene gemacht, jene in der Flanke zu faſſen und des⸗ halb eine Stellung zwiſchen Bautzen und Hochkirch in der Lauſitz genommen. Dadurch hatte ſich Daun wirklich zur Veränderung ſeines Lagers bewegen laſſen. Friedrich hatte die Abſicht, den General Retzow, einen Verwand⸗ ten des Platzmajors, von Bautzen her an ſich zu ziehen und dann das öſterreichiſche Heer zu überfallen. Deshalb ſtellte er ſich ſelbſt bei Hochkirch auf, damit er den Fein⸗ den ſeinen eigentlichen Plan verberge. Allein Retzow unterließ die Beſetzung der Anhöhen, welche ſein Lager beherrſchten, und gab dem Marſchall Daun dadurch Ge⸗ legenheit, alle Entwürfe des Königs zu vereiteln. Daun bemächtigte ſich nämlich der Anhöhen, deren Beſetzung Retzow verſäumt, und benutzte dieſen Vortheil, die Preu⸗ 213 ßen gegen ſeine Gewohnheit anzugreifen. In der Nacht vom 13. zum 14. Oktober brach er mit ſeiner geſammten Macht gegen das preußiſche Lager auf, ließ aber, um dem Feinde dieſe Bewegung zu verbergen, in dem ver⸗ laſſenen Lager die Wachtfeuer ſorgfältig unterhalten. Friedrich ließ ſich wirklich dadurch täuſchen. So konnte Marſchall Daun die preußiſche Armee am Morgen ganz unvorbereitet überrumpeln und ſie trotz aller entgegenge⸗ ſtellten Tapferkeit völlig auf's Haupt ſchlagen. Zwei Tage nach dieſer für die Preußen ſo unglück⸗ lichen Schlacht war das Kaffeehaus der Cagiorgi ſeit der unglücklichen Verſchwörung zum erſtenmal wieder von ſei⸗ nen Stammgäſten, ſo weit dieſelben nicht in die Ver⸗ ſchwörung verwickelt geweſen waren, belebt. So wie unter der preußiſchen Garniſon eine dumpfe Niederge⸗ ſchlagenheit herrſchte, ſo ſchwelgte die Kaffeehausgeſellſchaft in ausſchweifenden Hoffnungen bezüglich des Endes der preußiſchen Herrſchaft. Die Cagiorgi hatte ſeit jener Un⸗ glücksnacht Trauerkleider getragen, heute hatte ſie die⸗ ſelben abgelegt und war voll heiterer Laune. Wie es immer bei ſolchen Gelegenheiten der Fall iſt, waren die Gerüchte von der Niederlage der Preußen, wie ſie unter den„guten Sachſen“ curſirten, voll von Uibertreibungen. So ſollten 3 Fünftel der preußiſchen Armee getödtet, 2 Fünftel gefangen und nur der Reſt in 214 zerſtreuter Flucht entkommen ſein. Dieſer ſollte den König für todt mit ſich fortgenommen haben. Der Sieger ſollte im vollen Marſch auf Dresden begriffen ſein. Das war das Bulletin, wie es im Kaffeehauſe der Cagiorgi von Mund zu Munde ging. Während man nun darüber frohlockte und im Geiſte die guten alten Zeiten von Dresden im vollen Anzuge ſah, trat der Maler ein, welcher mit der Zitherſpielerin hier verhaftet und nach mehrwöchentlicher Haft wieder entlaſſen worden war. Dem Looſe, unter die Soldaten geſteckt zu werden, war er wegen ſeiner untermäßigen Statur entgangen.„Wißt Ihr das Neueſte ſchon?“ fragte er noch unter der Thür. „Was gibt's denn?“ fragten Mehrere. „Der Prinz Heinrich iſt im Abzug begriffen; ein Theil der hieſigen Garniſon folgt ihm; der Major von Retzow iſt Regiments⸗Commandant geworden und muß mit in's Feld.“ „Gottlob!“ fiel hier einer der Anweſenden ein;„da wird die Stadt einer rechten Geiſel los.“ „Aber der hinkende Bote kommt nach,“ ſagte der Maler;„weil die Preußen ſehen, daß es mit ihrer Herr⸗ ſchaft zu Ende geht, wollen ſie wenigſtens vorher noch ihre Rache an den gefangenen Patrivten kitzeln. Morgen ſoll das Kriegsgericht über ſie gehalten werden, obgleich der Graf S. noch immer das Bett hüten muß.“ „Sie werden ihn doch ſo nicht erſchießen!“ warf die Cagiorgi ein. „Ei Mutter!“ erwiederte der Maler,„den Teufeln iſt Alles zuzutrauen. Morgen um dieſe Zeit hat der Märtyrer vielleicht ausgehaucht.“ „Da ſollte man ihn dieſe Nacht noch befreien!“ ſagte die Cagiorgi. „Ja, es befreit ſich was!“ verſetzte der Maler. „Ihr kennt doch das Blockhaus, wie feſt und wohl ver⸗ wehrt das iſt, da iſt keine Möglichkeit der Befreiung.“ „Ach, der arme, gute, bildſchöne junge Herr!“ klagte die Wirthin.„Läßt ſich denn gar nichts für ihn thun?“ Es wußte Niemand ein Mittel anzugeben, wie man dem Beklagten helfen könne. Während man ſich in fruchtloſen Vorſchlägen er⸗ ſchöpfte, ward die Wirthin durch ein ſtarkes Klopfen an die Thür in die Hausflur gerufen. Sie fand da einen ſtarken hochgewachſenen Mann in Bergmannstracht an der Hand eines jungen Mädchens, das ſie alsbald als die gebirgiſche Zitherſpielerin erkannte. „Ei mein Gott, Kind!“ rief die Cagiorgi,„wo kom⸗ men Sie denn her?“ „Ich komme mit meinem Vater aus der Heimath,“ antwortete Emma;„wir wollten Sie für einige Tage um ein verborgenes Obdach bitten.“ 216 „Um ein verborgenes Obdach?“ fragte die Wirthin, bald den Vater, bald die Tochter anblickend. „Ja,“ ſagte Hertwig,„nur auf ein paar Tage. Ich würde Sie nicht beläſtigen, wäre mein Gönner, der Graf S., nicht eingekerkert und eine Gönnerin nicht verreiſt. Ich weiß, Sie ſind gut ſächſiſch geſinnt, und darum ver⸗ traue ich Ihnen. Ich habe etwas vor, was Ihnen gewiß auch gefallen wird; wenn es gelungen ſein wird, werden Sie es erfahren.“ „Mein Gevatter und Stammgaſt, der Schmied Kunz aus Friedrichſtadt, hat mir von Ihnen erzählt,“ entgegnete die Frau;„er war ja mit dabei, wie Sie Ihre Tochter befreiten, und hat mir die ganze Geſchichte erzählt. Sie ſind ein wackerer Mann, dem man helfen muß. Es muß etwas Wichtiges ſein, das Sie veranlaßt wieder hierherzukommen, wo Sie ſolcher Gefahr ausge⸗ ſetzt ſind. Nun, ſei es was es wolle, Sie ſind mir will⸗ kommen. Ich habe unter dem Dache eine hübſche Kammer mit Betten, da können Sie ſich recht gut verſteckt halten. Mein Gevatter Kunz iſt gerade da, wollen Sie ihn ſprechen?“ „Es iſt ein braver Mann, den ich wohl gern wie⸗ derſähe,“ erwiederte Hertwig;„aber es iſt doch beſſer, es erfährt außer Ihnen kein Menſch etwas, daß ich da bin.“ 217 Die Cagiorgi lud die beiden Ankömmlinge hierauf ein, ihr nach der für ſie beſtimmten Dachkammer zu folgen. „Haben Sie nichts gehört von dem jungen Gra⸗ fen S.?“ fragte Hertwig hier ſeine freundliche Wirthin. „Was wird wohl mit ihm geſchehen?“ Die Cagiorgi berichtete, welche Schreckensbotſchaft vorhin der Maler gebracht. „Herr des Lebens!“ rief Hertwig;„da kämen wir ja ſchon zu ſpät, und das edle Sachſenblut wäre unrett⸗ bar verloren!“ „Es ſind unten viel Freunde, die alle auch an einer Rettung verzweifeln,“ ſagte die Cagiorgi, und fügte hin⸗ zu:„Ach, was thäte ich nicht für das liebe junge Blut, wenn ich nur wüßte, was!“ „Ich weiß ein Rettungsmittel,“ erwiederte Hertwig, „um deſſentwillen ich hierher gekommen bin, und Sie thun das Ihrige dabei, wenn Sie uns bei ſich aufneh⸗ men und uns, namentlich aber meine Tochter wohl ver⸗ borgen halten. Ich wollte mich erſt ein wenig auf Kund⸗ ſchaft legen, ehe ich handelte; aber nach dem, was Sie mir jetzt erzählt, iſt zum Handeln keine Zeit zu verlieren. Können Sie mir ſagen, wo der Major von Retzow wohnt?“ „Der Unhold? der Don Juan?“ entgegnete die Cagiorgi, und ſie hätte ihrem Herzen gern noch durch eine 1859. XN. Die Malerin von Dresden. 14 218 Fluth von Ehrentiteln Luft gemacht, wäre ihr nicht zur rechten Zeit eingefallen, daß dieſelben für Emma's un⸗ ſchuldige Ohren nicht taugten. Sie beantwortete daher Hertwig's Frage ohne Weiteres. Dieſer ſchickte ſich an, nach dem Brühl'ſchen Palais zu gehen.„Ich übergebe Ihnen meine Tochter,“ ſagte er; „ich weiß nicht, wann ich wiederkomme; ſo lange, bis ich komme, behalten Sie ſie in Ihrer Obhut.“ Die Cagiorgi lud ihn ein, erſt etwas zu genießen, aber er lehnte es ab und ging. Der Major kannte den Deſerteur Hertwig nicht perſönlich, ſondern hatte ihn nur als einen großen ſchö⸗ nen Mann beſchreiben hören. Wie derſelbe daher nach der Anmeldung als ein Bergmann, der in preußiſchen Kriegsdienſt zu treten wünſche, vor ihn trat, freute er ſich des ſtattlichen Rekruten, vhne daran zu denken, daß dies der ſo vielgeſuchte Deſerteur ſei. Der Majör von Retzow war zum Oberſtlieutenant und Regiments⸗Commandeur ernannt und mußte als ſol⸗ cher in den nächſten Tagen zu dem Corps des Prinzen Heinrich ſtoßen. Er nahm daher den vermeintlichen Re⸗ kruten für ſein Regiment an und wollte ihm ſogleich das Handgeld geben. Aber Hertwig ſchlug es aus.„Ich bitte mir für das Geld eine Gunſt aus,“ ſagte er. Der Major begehrte zu wiſſen, welche Gunſt das ſei. 2¹9 „Ich habe,“ ſagte Hertwig,„hier einen Wohlthä⸗ ter, der mich in ſchwerer Zeit unterſtützt, mich und meine Familie vom Elend errettet hat. Ich wollte ihm heute meinen Dank abſtatten, erfuhr aber, daß er als Haupt einer Verſchwörung gefangen worden und morgen viel⸗ leicht ſchon zum Tode verurtheilt werde. Gern wollte ich mein Leben für ihn hingeben, wenn es angenommen würde; aber ich ſehe ein, daß das nicht geht, und ſo möchte ich wenigſtens den edlen Wohlthäter vor ſeinem Tode noch einmal ſehen und ihm danken.“ „Wer iſt dieſer Wohlthäter?“ fragte der Major, oder wie wir ihn nun zu nennen haben, Oberſtlieutenant. „Der junge Graf S.,“ gab Hertwig zur Antwort. „Der?“ erwiederte Retzow.„Ja, über dieſen ab⸗ ſcheulichen Verräther wird morgen Gericht gehalten, und der Tod iſt ihm gewiß. Aber da er noch an ſeinen Wun⸗ den daniederliegt, und wir Preußen keine Kannibalen ſind, die kranke Menſchen todtſchießen, ſo werden noch einige Wochen vergehen, ehe das Urtheil vollſtreckt wird.“ Ein leiſer Freudenſchrei entrang ſich Hertwig's Bruſt. Der Major faßte ihn ſcharf in's Auge. Hertwig bezwang ſeine Bewegung und ſagte ruhig:„Dann hat es mit dem Beſuch keine Eile. Ich habe aber noch ein Anlie⸗ gen, Herr Oberſtlieutenant. Ein Kamerad von mir war von Weib und Kind hinweg zu den Soldaten genommen 14* worden. Die Sehnſucht nach den Seinigen trieb ihn zur Deſertion. Während er beim Militär war, hatte ſeine älteſte Tochter, ein Mädchen von 15 Jahren, den Unter⸗ halt der Familie durch Singen und Zitherſpielen zu erwerben geſucht. In Dresden hatte ſie aber ein anſtößi⸗ ges Lied geſungen und war deshalb von den Preußen ver⸗ haftet worden. Wer weiß, wie trübſelig es ihr ergangen wäre, hätte ſich nicht ein vornehmer Offizier ihrer ange⸗ nommen. Dieſer Menſchenfreund brachte ſie aus der Wache an einen Ort in Sicherheit, wo ſie in den Händen einer gebildeten Frau Alles hatte, was ihr Herz begehrte und wo beſonders ihr Talent gute Pflege fand. Aber ihrem Vater, der als Deſerteur in Dresden Zuflucht bei Preußenfeinden fand, ward von dieſen berichtet, der Offi⸗ zier habe ſchlechte Abſichten mit ſeiner Tochter. Deshalb ſuchte der Vater ſie zu befreien, und es gelang ihm in der Nacht der Verſchwörung. Zu Hauſe aber erzählte das Müdchen, wie gut ſie es bei der Dame gehabt, wo ſie geweſen, und ſie ſehnte ſich dahin zurück. Der Vater fand keine Arbeit, er ſah nur Noth und Elend um ſich und er⸗ kanute, daß er einen dummen Streich gemacht, daß er ſeine Tochter aus ihrer glücklichen Lage herausgeriſſen. Er möchte ſie jetzt gern wieder zurückgeben, ja ſogar ſelbſt zum Kalbfell zurückkehren, wenn er nicht fürchtete, daß er als Deſerteur hart beſtraft werde.“ 221 „Der Deſerteur heißt Hertwig?“ fragte der Oberſt⸗ lieutenant erregt und ahnungsvoll. „Ja,“ antwortete der Gefragte. „Und Er ſelbſt iſt dieſer Hertwig,“ ſagte der Oberſtlieutenant. „Ich bin's und bitte um Gnade für mich um meines Kindes willen!“ „Wo iſt Seine Tochter— hat Er ſie mit hier?“ „Ich werde ſie Ihnen bringen, wenn Sie mir Eins verſprechen—“ „Ich verſpreche Ihm volle Verzeihung—“ „Verſprechen Sie mir, daß Sie mich als Soldat hier in der Garniſon, in der Nähe meines Kindes laſſen. Sonſt halte ich's wieder nicht lange aus und die Sehn⸗ ſucht nach den Meinen treibt mich wieder zur Deſertion. habe ich aber meinen Liebling nahe, kann ich dieſen öfters ſehen, ſo halte ich Stand und bin der treueſte Soldat Seiner Majeſtät des Königs ven Preußen.“ „Ich wollte Ihn in mein Regiment nehmen,“ ſagte der Major;„in einigen Tagen geht's mit dem in's Feld, da gibt's Zerſtreuung und Gelegenheit ſich auszuzeichnen. Ich würde gewiß auf Sein Avancement bedacht ſein.“ „Sie ſind außerordentlich gütig, Herr Oberſtlieute⸗ nant; aber wenn Sie in's Feld rücken, dann hätte meine Tochter gar keinen Beſchützer, wenn auch ich hier nicht 222 bliebe. Eher wollte ich noch fern von ihr ſein, wenn ich wenigſtens Sie um ſie wüßte!“ Retzow ging nachdenklich im Zimmer auf und ab. Endlich blieb er nahe vor Hertwig ſtehen und ſagte: „Gut, Hertwig— ich will Ihm vertrauen— Er hat ein ehrliches Geſicht und hat als Vater ein Recht zu Seiner Bedingung. Er mag hier bleiben; ich will dafr ſorgen, daß er bei einem der hieſigen Regimen ngeſtellt wird; aber ich werde ein wachſames Auge hal⸗ ten ſe e Ihm, wenn Er ein falſches trei- ben wollte! Wo iſt Seine Tochter?“ „Ich werde ſie dahin enzen wohin Sie 5 S erwiederte Hertwig. „Iſt ſie in Dresden?“ fragte der Oberſtlieute „Sie iſt in einem ſichern Verſteck,“ ſagte Herm ausweichend;„befehlen Sie nur, wohin ich ſie brinz ſoll. Morgen können Sie ſie ſchen. 4 „So bringen Sie ſie wieder in das Haus, aus dem Sie ſie befreit haben,“ befahl der Oberſtlieutenant. Hertwig fand ſich entlaſſen. Als er die Hausflur be trat, faltete er ſeine Hände und betete mit naſſen Augen „Heiliger Gott, nimm mein Kind in Deine Hut, da ihre Seele rein und gut bleibe, und laß das Opfer, das ich bringe, wohl gerathen!“ i ging er zut Cagiergi zurück. 5 4 In derſelben Stunde des folgenden Tages, in wel⸗ cher das Kriegsgericht über die gefangenen Verſchwörer gehalten wurde, übergab Hertwig ſeine Tochter der Rei⸗ bold in Beiſein des Spion Merzel, den der Oberſtliente⸗ nant, welcher dem Kriegsgericht beizuwohnen hatte, dazu beauftragte. Graf Camillo war in den letzten Tagen im Bette verhört worden. Er hatte die ganze Schuld der Verſchwö⸗ rung auf ſich genommen, indem er ſich als alleinigen Anſtifter mit Aufwendung aller Mittel der Ueberredungs⸗ kunſt und eines hohen Ranges angab. Man ſchenkte ſei⸗ ner Ausſage um ſo lieber Glauben, als die Prenßen ſich ſelbſt nicht geſtehen mochten, daß der Haß gegen ſie ein weit verbreiteter ſei, und ſelbſt wenn ſie dies geglaubt hätten, mußte es ihnen erwünſcht ſein, wenn es vor der Welt hieß, bei der Verſchwörung ſei nur ein Verfüh⸗ rer, die andern Theilnehmer alle ſeien Verführte geweſen. Das Kriegsgericht verurtheilte demgemäß nur den Gra⸗ fen zum Tode durch Pulver und Blei, ſeine Genoſſen aber zu zehnjähriger Feſtungsſtrafe. Die Vollſtreckung des erſten Urtheils ward, wie Retzow vorausgeſagt, bis zur völligen Herſtellung des Verurtheilten verſchoben. Die Kunde von der Verurtheilung ihres Sohnes konnte der Gräfin S. nicht lange verborgen bleiben. Ihr Leid darüber war entſetzlich. Der freundliche Hoffnungs⸗ ſtrahl, den Doris ſo glücklich eingeleiteter Rettungsplan in ihre Seele geworfen, war plötzlich der finſterſten Hoff⸗ nungsloſigkeit gewichen. Doris' Kunſtwerk erforderte zu ſeiner Vollendung mindeſtens drei Monate Zeit, und die Herſtellung Camillo's ließ vielleicht nur ſo viel Wochen auf ſich warten. Und vor der Vollendung des Werkes den Preis zu fordern, das war ſicher ein erfolgloſes Be⸗ ginnen. Theophilus, der während Doris Abweſenheit einen großen Theil ſeiner Zeit bei der Gräfin zubrachte, pot alle Hilfsmittel ſeines Geiſtes auf, die ſchwerbetrübte Mutter aufzurichten und neuen Hoffnungsſchimmer in ihre Seele zu ſenken. Aber es wollte ihm nicht gelin⸗ gen, zumal da alle Schritte, die er theils ſelbſt unter⸗ nahm, theils zu unternehmen die Gräfin bewog, um den Verurtheilten zu retten, vergeblich waren. Erſt Doris' Erſcheinen brachte wieder einen freund⸗ lichen Lichtſchein in dieſe troſtloſe Nacht. Sie kam am vierten Tage nach Camillo's Verurtheilung. Ihre Reiſe war durchaus gut abgelaufen; ſie kehrte mit einer voll⸗ ſtündigen Skizze zur Seenerie ihres Bildes zurück und konnte ſich nun rüſtig an daſſelbe machen. Freilich wirkte die Nachricht von Camillo's Verurtheilung und der nur noch wenig Wochen dauernden Friſt bis zur Urtheilsvoll⸗ ſtreckung anfangs höchſt niederſchlagend auf ſie, aber ihr elaſtiſcher Geiſt erhob ſich ſchnell wieder zu friſcher Hoff⸗ 225 nung. Eine Friſt bis zur Vollendung konnte und mußte gewonnen werden, es koſte, was es wolle. Dieſe aus⸗ zuwirken, begab ſie ſich ſofort auf den Weg zu dem Prin⸗ zen Heinrich, welcher ſein Quartier in der Nähe ſeines Lagers, in Gorbitz, hatte. Aber als ſie dorthin kam, erfuhr ſie zu ihrem Leid⸗ weſen, daß der Prinz am frühen Morgen ſein Lager ab⸗ gebrochen und ſich mit ſeinem Corps nach Freiberg hin auf den Marſch begeben habe. Sie wäre ihm ſo gern au⸗ genblicklich gefolgt; aber der Abend dämmerte ſchon, ſie war zu Fuße und noch von ihrer Reiſe angegriffen. Da⸗ her beſchloß ſie unzukehren, die Nacht auszuruhen und im Wagen der Gräfin am frühen Morzen nach Freiberg zu fahren. Von einem Diener der Gräfin begleitet, trat Doris noch vor Tagesanbruch die Fahrt nach Freiberg an. Ohyne ſich unterwegs einen Aufenthalt zu geſtatten, trieb ſie den Kutſcher zur größten Eile an und erreichte gegen Mittag die alte Berghauptſtadt. Aber ſtatt hier den Prin⸗ zen Heinrich mit ſeinem Corps zu finden, vernahm ſie, daß auch die Freiberger Garniſon geſtern vom Prinzen Ordre erhalten, nach Meißen zu kommen und ſich dort mit ihm zu vereinigen, daß ſie demzufolge dieſen Mor⸗ gen ausmarſchirt ſei. Der Prinz hatte allerdings ſeinen Marſch von dem Lager bei Dresden aus in der Richtung nach Freiberg angetreten; aber ſein Ziel war die Lauſitz, wo er ſich mit ſeinem königlichen Bruder vereinigen wollte; er hatte jene Richtung nur eingeſchlagen, um ſeine wahre Abſicht zu verbergen. König Friedrich hatte nämlich den Reſt ſeines bei Hochkirch geſchlagenen Heeres geſammelt und ſeinen Bruder beordert, ſich mit ſeinem Corps ſchlennigſt mit. ihm zu vereinigen, und ihm die Feſtung Neiße in Schle⸗ ſien den Oeſterreichern entreißen zu helfen. Da aber die Macht des Feldmarſchalls Daun zwiſchen Friedrich und dem Lager des Prinzen ſtand, ſo war dieſe Vereinigung nur dadurch herzuſtellen, daß der Prinz die Oeſterreicher umging, und um dies um ſo ſicherer zu bewirken, zog er ſcheinbar nach Freiberg, ſchwenkte jedoch von der Frei⸗ berger Straße bei Keſſelsdorf rechts ab nach Meißen, wo er über die Elbe ſetzte und ſich öſtlich nach der Lauſitz wendete. Doris mußte ihren erſchöpften Pferden eine Erho⸗ lung gönnen, ehe ſie ihre Reiſe nach Meißen fortſetzen konnte. Sie war jetzt ſo nahe dem Orte, wo ſie eine Zeit lang glücklich gelebt, an dem ſie dann aber auch Va⸗ ter und Kind verloren, denn das Gut Freibergsdorf liegt nur zehn Minuten von Freiberg, und der Friedhof, auf dem ihre geſtorbenen Angehörigen ruhten, liegt dicht vor einem der Thore dieſer Stadt. Doris fühlte ſich getrie⸗ ben die Gräber ihrer Lieben zu beſuchen. 8 ——— 227 Als ſie durch den Eingang des Friedhofes trat, ſah ſie in der Gegend, wo ihr Kind begraben lag, eine Menge Menſchen verſammelt. In der Meinung, es finde eben eine Beerdigung ſtatt, wollte ſie langſam die Menge umgehen. Aber wie ſie an derſelben vorüber⸗ ging, wendete ſich eine ſehr gemein ausſehende Frau nach ihr um, ſtarrte ſie an und ſchrie plötzlich:„Da iſt ſie ſelbſt, die ſchlechte Mutter, die Kindesmörderin!“ Aller Augen hefteten ſich an Doris, die erſtaunt ſtehen blieb. „Ja, ſie iſt's! ſie iſt's!“ riefen mehrere Stimmen; an⸗ dere ſchrien:„Fangt ſie! greift ſie!“—„Was gibt's? Wer iſt da?“ rief eine ſtarke Männerſtimme aus der Mitte des Haufens.„Die Mörderin! die Helbigin!“ ſchallte die Antwort. Der Haufe zertheilte ſich, Doris er⸗ blickte durch die Lücke ein offenes Grab— einen geöffne⸗ ten Kinderſarg— ein Kindergerippe— ſie ſah mehrere wohlgekleidete Männer dicht dabei— darunter den Vater ihres Kindes— das Blut ſtockte in ihren Adern, einen Augenblick vergingen ihr die Sinne... In dieſem Augen⸗ blick trat der Gerichtsdirector mit dem Gerichtsfrohn zu ihr und ſagte:„Dorothee Helbig, im Namen des Ge⸗ ſetzes verhafte ich Sie.“ Sofort gewann Doris ihre Faſſung wieder.„8 weiß nicht,“ ſagte ſie,„was das bedeuten ſoll, welches Vergehen zu dieſer Handlung Anlaß gibt; aber ich kann 228 im Bewußtſein meiner Unſchuld mich ruhig Ihrer Gewalt übergeben, Herr Gerichtsdirector. Doch bitte ich um Eins: das Leben eines Menſchen hängt daran, daß ich noch drei Tage auf freiem Fuße bleibe— der Sohn Ihrer ehema⸗ ligen Patronin, Graf Camillo, iſt dem Tode verfallen, wenn ich ihn nicht rette. Geben Sie mir hierzu drei Tage Friſt, dann will ich mich Ihnen ſtellen!“ „Sie verlangt das Unmögliche,“ erwiederte der Ge⸗ richtsdirector;„bei einem ſo ſchweren Verbrechen wie Kindesmord geſtattet das Geſetz keine Entlaſſung auf Handgelöbniß. Es bleibt dabei: Sie iſt verhaftet!“ „Gut, ich folge Ihnen auf das Gericht— dort ver⸗ gönnen Sie mir eine Unterredung unter vier Augen.“ „Zuvörderſt komm' Sie zur Leiche ihres Kindes!“ befahl der Mann des Geſetzes, und zog ſie an der Hand zu dem Grabe hin. Doris folgte ſchaudernd.„Erkennt Sie in dieſem Sarge den Sarg Ihres Kindes— in die⸗ ſer Leiche ſeine Leiche?“ Doris mußte ſich erſt abwenden und verhüllte ihr Geſicht; als aber der Gerichtsdirector ſeine Fragen wie⸗ derholte, ſah ſie hin und ſagte: „Das iſt die Stelle, wo ich mein Kind begraben— in dieſem Kleidchen erkenne ich das Kleid, in dem ich es begrub.“ „Nach den vorhandenen Indicien iſt das Kind ge⸗ 229 mordet. Das Gericht hat deshalb die Leiche ausgraben laſſen, und obgleich die Herren Phyſici kein Gift entdeckt, ſo iſt doch auch nicht erwieſen, daß der Mord nicht gleich⸗ wohl ſtattgefunden. Ich muß deshalb weiter wider Sie verfahren.“ „So wird ſich's auch gehören!“ ließ ſich eine Stim⸗ me in der Menge vernehmen; eine andere fügte hinzu: „Unſer Herr Gerichtsdirector iſt ein gerechter Herr, den beſticht keine ſchöne Larve.“ Noch manche Bemerkung, die der menſchlichen Natur nicht eben zur Ehre gereichte, mußte Doris hören, bevor ſie aus dem Bereiche der rohen Menge kam. Sie folgte gefaßt und ruhig dem Ge⸗ richtsdirector nach dem Gerichtshauſe im„Hofe“ zu Frei⸗ bergsdorf, während ihr Ankläger bleich und zitternd auf dem Friedhofe zurückblieb und Krokodilsthränen weinte, welche die blinde Menge für Thränen eines ſchmerzdurch⸗ wühlten Vaterherzens nahm. Auf der Gerichtsſtube erzählte Doris dem Gerichts⸗ director, in welcher Abſicht ſie nach Freiberg gekommen, und beſchwor ihn, ſie auf drei Tage gegen Handgelöbniß zu entlaſſen, damit ſie ihre Abſicht noch erreichen könne. Aber der Gerichtsdirector war unerbittlich. Der Sohn der Gräfin S. ging ihn nichts an, ſie war ja ſeine Gerichtsherrin nicht mehr. Fiat justitia! dachte er und Doris blieb gefangen.— Elftes Capitel. Die Befreiung.⸗ Mit Mühe erlangte Doris von dem Gerichtsdirec⸗ tor die Erlaubniß an den Magiſter Theophilus ein Brief⸗ chen zu ſchreiben und ihm ſolches durch den Kutſcher der Gräfin zu ſenden. Sie zeigte ihm darin kurz an, was ihr zugeſtoßen, und verſicherte, daß ihr um ihr eigenes Schickſal gar nicht bange ſei, deſto mehr aber um den Grafen Camillo, für den ſie nun nichts mehr thun könne. „Vielleicht“— fuhr ſie fort—„gelingt es Ihnen, durch den Herrn Gouverneur einen Aufſchub des Urtheils zu erlangen, in welchem Falle ich mein Bild hier vollenden würde, vorausgeſetzt, daß es mir von dem Richter ge⸗ ſtattet wird.“ Theophilus war außer ſich über das neue Unge⸗ mach, das auf ſeine geliebte Freundin hereingebrochen war. Er theilte ihre Ruhe in Bezug auf ihr Schickſal 231 nicht; er kannte das Gerichtsweſen ſeiner Zeit und wußte, wie viel Unſchuldige demſelben zum Opfer fielen. Ein Juſtizmord an Doris war ihm gar keine ſo entfernte Möglichkeit. Dazu kam die vermehrte Beſorgniß um das Schickſal Camillo's. Er verſäumte nicht, zu dem Gouver⸗ neur zu gehen und dieſem die Bitte der Malerin vorzu⸗ tragen. Er glaubte dieſelbe nicht beſſer unterſtützen zu können, als wenn er dem Gouverneur ganz offen den Grund der Bitte mittheilte. Der Gouverneur hörte mit großer Theilnahme zu, verſprach auch zu thun, was er vermöge, um den Aufſchub zu erlangen, glaubte aber keine beſtimmte Verſicherung hinſichtlich des Erfolges ſeiner Fürſprache geben zu können. Theophilus handelte aber weiter, als ſei der Auf⸗ ſchub gewiß. Er tröſtete die Gräfin damit und verfügte ſich zu dem Grafen von Wartensleben, denſelben zu bitten, daß er ſeinem Gerichtshalter eine milde Behandlung gegen Doris empfehle und ihm befehle, ihr eine Localität anzu⸗ weiſen, wo ſie ihre Kunſt treiben könne, und ſie hieran in keiner Weiſe zu behindern, vielmehr zu unterſtützen. Der Graf Wartensleben kannte Doris dem Rufe nach, und ihre Kopie der ſiſtiniſchen Madonna; er war ſelbſt Kunſt⸗ freund und von humaner Geſinnung: darum erfüllte er Theophil's Bitte auf das Bereitwilligſte. Mit einem Schreiben des Grafen an den Gerichtsdirector von Frei⸗ bergsdorf ausgerüſtet, konnte er ſich ſchon den folgenden Tag auf den Weg dahin machen und Doris ihre Maler⸗ geräthſchaften ſammt der Skizze des Schlachtfeldes von Roßbach und andern Hilfsmitteln zu ihrem Werke mit⸗ nehmen. Das Schreiben des Grafen an den Gerichtsdirector lautete kurz: „Mein lieber Herr Gerichtsdirector! Zu meinem großen Befremden höre ich, daß die berühmte Malerin Doris von Dresden von Ihnen we⸗ gen Verdachts des Kindesmordes in Unterſuchung genom⸗ men worden. Ich will nun zwar den Lauf der Gerech⸗ tigkeit in keiner Weiſe ſtören, erwarte aber, daß man die Inculpatin mit aller ihr gebührenden Rückſicht behandeln werde. Da vermuthlich die Freibergsdorfer Gerichts⸗ gefüngniſſe nicht beſſer ſind, wie anderswo, ſo werden Sie die Malerin nicht in ein ſolches Loch ſperren, ſondern ihr eins der leerſtehenden Zimmer im Herrenhauſe mit der nöthigen Bequemlichkeit anweiſen, wo ſie ihrer Kunſt nach Gefallen obliegen kann. Solches iſt der feſte Wille Ihres wohlmeinenden Gr. Wartensleben.“ Einer ſo beſtimmten Willensäußerung ſeines Ge⸗ richtsherrn hatte der Gerichtsdirector nichts entgegen⸗ zuſetzen. Er begab ſich ſofort ſelbſt mit Theophilus zu — der Gefangenen, die er allerdings in dem ſchlechten Ge⸗ richtsgefängniß untergebracht hatte, und kündigte ihr im höflichſten Tone die Veränderung ihrer Lage an. Wie Doris den Magiſter hinter dem Gerichtsdirec⸗ tor in ihre traurige Zelle treten ſah, flog ein lichter Freudenſtrahl über ihr edles Angeſicht.„Immer, wenn mich Schmach und Trübſal umringen,“ rief ſie,„ſendet der Himmel Sie mir, mein edler Gönner, zu Troſt und Freude.“ Er ergriff ihre Hand und führte ſie an ſeinen Mund.„Ich wollte, ich könnte die edle Kämpferin in die Freiheit führen,“ ſagte er;„ſo kann ich nur in ihren Kerker die Botſchaft bringen, daß alle Guten, die ſie ken⸗ nen, feſt an ihren Sieg über alle finſtere Miächte glau⸗ ben.“ Er kündigte ihr hierauf an, daß es ihr vergönnt ſein werde, das große Werk, dem ſie ſich gewidmet, zu vollenden. „Alſo haben Sie den Aufſchub erlangt,“ rief ſie erfreut;„v dann iſt Alles gut, dann bin ich ſo gut wie frei und mein Loos iſt mir auf's Herrlichſte gefallen!“ Der Umzug der Gefangenen in ihr neues Gefäng⸗ niß ward nun ohne Weiteres bewirkt. Daſſelbe war ein lichtes geräumiges Gemach im Herrenhauſe mit der Aus⸗ ſicht in einen großen Garten, über welchen die Thürme und Dächer der Stadt Freiberg emporragten.„Das iſt 1859. XX. Die Malerin von Dresben. 15 234 ja ein prächtiges Atelier,“ ſagte Doris, wie ſie da hinein trat,„da wird ſich's herrlich malen laſſen.“ Theophilus blieb mit dem Gerichtsdirector noch eine halbe Stunde bei ihr. Wie gern wäre er noch Stunden bei ihr geblieben, die ſich im Unglück ſo groß und gut zeigte wie im Glück, und die durch manchen Blick, in dem ihre ganze Seele lag, ihm die ſelige Ahnung gab, daß einſt noch ſein höchſter Herzenswunſch die ſchönſte Erfül⸗ lung finden werde. Leichteren Herzens, als er gekommen, eilte er nach Dresden zurück. Wäre er einen Tag ſpäter zurückgekehrt, ſo würde er nicht mehr in die Stadt gekommen ſein. Denn am Tage nach ſeiner Rückkehr durchlief dieſelbe die Kunde, die Oeſterreicher hätten ſie eingeſchloſſen. Und es war ſo. Feldmarſchall Daun hatte nicht ſobald den Abzug des Prinzen Heinrich erfahren, als er ſich nach Dresden in Bewegung ſetzte, die geringe Beſatzung desſelben zur Uibergabe zu zwingen, und ſo die Preußen völlig aus Sachſen zu verdrängen. Es war am 6. November. Theophilus ſaß in ſei⸗ nem Studierzimmer und las, als der Gallerie⸗Inſpector Riedel bei ihm eintrat. Der alte Herr ſah ganz erhitzt aus.„Um's Himmels willen, Magiſter,“ ſagte er nach kurzem Gruß,„ſagen Sie mir nur, wo unſere Doris iſt. Seit 235 acht Tagen hab' ich ſie nicht geſehen. ZJetzt wollt ich ſie in ihrer Wohnung ſuchen, die war aber verſchloſſen. Bei der Gräfin S., wo ich den Portier nach ihr fragte, war ſie auch nicht. Nun komm' ich zu Ihnen; Sie müſſen doch wiſſen, wo ſie iſt.“ Theophilus ſagte ihm, ſie ſei in Freibergsdorf, um dort in ländlicher Abgeſchiedenheit ihr Bild zu vollenden. Er mochte den guten Mann, der ſo innigen Antheil an Doris nahm, durch Mittheilung der vollen Wahrheit nicht beunruhigen, noch ihn ohne Noth wiſſen laſſen, daß ſie Mutter geweſen. „Das iſt mir ein rechter Strich durch die Rech⸗ nung,“ ſagte Riedel;„ich hatte gehofft an Doris eine Stütze zu haben in dieſer angſtvollen Zeit. Ich kann vor Angſt und Sorgen wegen meiner Gallerie nicht mehr ſchlafen; ach, ich wollte lieber ſelbſt in der größten Todes⸗ gefahr ſchweben, als meine herrlichen Bilderſchätze der gräulichſten Zerſtörung ausgeſetzt ſehen!“ „Iſt denn das aber auch der Fall, lieber Freund? Glauben Sie denn, daß Daun die Stadt bombardiren wird?“ fragte Theophilus. „Er muß es faſt thun,“ verſetzte Riedel;„Sie wiſſen wohl noch nicht, daß geſtern ein Parlamentär von den Belagerern in der Stadt war und den Gouverneur binnen dreimal 24 Stunden zur Uibergabe aufforderte, 15* 236 und daß der Gouverneur dem Marſchall Daun darauf erwiedern ließ, eher werde er ganz Dresden in Trümmer zuſammenfallen laſſen, ehe er ſich ergäbe. Und dem Schmettau ſieht das ähnlich; er iſt ein guter Herr, aber auch ein Eiſenkopf als Soldat.“ „Und wie ſollte Ihnen Doris helfen, wenn Ihre Befürchtung wahr würde?“ fragte Theophilus. „Was ſie mir helfen ſoll?“ entgegnete Riedel;„je nun, ſie ſoll meine rechte Hand, mein Kopf ſein, wenn es drunter und drüber geht und ich den Kopf verliere. Sie iſt ſo klar und feſt, kein Unglück und keine Gefahr bringt ſie außer Faſſung; ſie würde der Engel der Gallerie ſein.“ „Wir müſſen nun ſchon ſehen, wie wir ohne den Engel die herrlichen Schätze ſchützen,“ erwiederte Thev⸗ philus;„ſollte das Bombardement eintreten, ſo ſtelle ich mich Ihnen zur Verfügung, wenn ich ſchon weiß, daß ich Doris nicht ganz erſetzen kann.“ i „Gut, ich nehme Ihr Erbieten an,“ ſagte Riedel, und lenkte ſodann das Geſpräch auf das Schickſal des jungen Grafen S., der, wie das Gerücht ging, ſeiner völ⸗ ligen Geneſung entgegeneilte und damit ſeinem Tode durch Pulver und Blei. ii Das Gerücht log nicht. Theophiluß hatte Erkundi⸗ gung über den Gefangenen eingezogen und erfahren, daß 237 er das Bett verlaſſen habe und ſchon recht rüſtig in ſeinem Zimmer einherſchreite. Theophilus gedachte wohl der Zuſage des Gouverneurs, daß er Alles thun wolle, was er könne, um einen Aufſchub der Urtheilsvollſtreckung zu erlangen; aber er fand ſich doch gedrungen, den Gou⸗ verneur noch einmal recht inſtändig um ſeine Verwendung für den Gefangenen zu bitten. Da Riedel bei dem Gou⸗ verneur viel galt, ſo forderte er denſelben auf, ihn auf ſeinem Bittgang zu begleiten. Riedel war hierzu bereit, und ſo machten ſich Beide auf den Weg. Der Gouverneur hörte ſie freundlich an und ſicherte ihnen zu, daß, ſolange die Belagerung dauere, das Urtheil in keinem Falle vollſtreckt werden ſolle. So⸗ bald aber die Belagerung aufgehoben und die Verbindung der Garniſon mit dem Prinzen Heinrich wieder herge⸗ ſtellt ſei, könne er weiter nichts thun, als das Schickſal des Gefangenen in die Hände des Prinzen zu legen. „So möchten wir auf der einen Seite wünſchen, die Belagerung möchte noch recht lange dauern,“ ſagte Riedel, als die Bittſteller wieder auf der Straße waren,„wäh⸗ rend man auf der andern ihr Ende noch heute wün⸗ ſchen muß; ſo widerſtreiten einander die Intereſſen der Menſchen!“ Die dreimal vierundzwanzig Stunden der von dem Marſchall Daun geſetzten Friſt zur Uibergabe waren ab⸗ 238 gelaufen. Da erſchien ein zweiter Parlamentär vor dem Gouverneur, dieſem anzukündigen, daß, wenn die Stadt in 24 Stunden nicht übergeben wäre, das Bombardement unfehlbar beginnen werde. General von Schmettau blieb bei ſeiner erſten Ant⸗ wort.„Ich will dem Zauderer zeigen,“ ſagte er nach Ab⸗ führung des Parlamentärs zu ſeinem Adjutanten,„daß ich nicht ſpaße. Beſcheiden Sie ſofort den Bürgermeiſter zu mir.“ Ehe eine Viertelſtunde verging, trat der Bürger⸗ meiſter ein.„Herr Bürgermeiſter,“ ſagte der Gouverneur, „Ihre guten Freunde, die Oeſterreicher, wollen uns ein⸗ heizen. Wie wäre es, wenn wir den Spieß umkehrtei und ihnen einheizten? Wenn wir einen feurigen Ring zwiſchen ſie und uns legten?“ „Wie meinen Ew. Excellenz das?“ fragte der Bür⸗ germeiſter. „Ich meine, wir brennen die Vorſtädte an und zei⸗ gen damit den Oeſterreichern, daß wir entſchloſſen ſind, die ganze Stadt eher in Rauch aufgehen zu laſſen, als uns zu ergeben.“ Der Bürgermeiſter ſchlug die Hände zuſammen und ſtarrte den Gouverneur an. „Ich habe Sie rufen laſſen, Herr Bürgermeiſter,“ fuhr der Gouverneur fort,„Ihnen anzukündigen, daß es 239 mein unwiderruflicher Entſchluß iſt, die Vorſtädte nieder⸗ zubrennen, und daß Sie die Bewohner derſelben ſofort da⸗ von in Kenntniß zu ſetzen haben. Ich gebe Ihnen zum Ausräumen und Ausziehen 20 Stunden Zeit. Morgen Mittag wird das Signal zum Anzünden gegeben.“ Der Bürgermeiſter warf ſich auf die Kniee und bat, den Beſchluß zurückzunehmen; allein der Gouverneur blieb dabei, und jener mußte ſich bequemen, den ihm er⸗ theilten Auftrag zu vollziehen. Eine Stunde ſpäter ward in den Vorſtädten durch Ausrufer bekannt gemacht, weſſen ſie ſich nach dem Be⸗ ſchluß des Gouvernements zu verſehen hatten. Den Be⸗ wohkern, welche Verwandte und Freunde in der Stadt hatten, die ihnen ein Unterkommen gewährten, ward frei⸗ geſtellt, ſich mit ihren Habſeligkeiten in dieſelbe zu flüch⸗ ten, den Uibrigen ward gerathen, auf das Land zu ziehen. Zu denen, die eine Zuflucht in der Stadt ſuchten, gehörte die Reibold, welcher bei dem Agenten Menzel ein Unterkommen in Ausſicht ſtand. Emma war bis dahin in ihrer Obhut geblieben und ſcheinbar ganz mit ihrer Lage zufrieden. Sie harrte jedoch, im Einverſtändniſſe mit ih⸗ rem Vater, der, jetzt wieder preußiſcher Soldat, ſie einen Tag um den andern beſuchen durfte, nur auf eine ſchick⸗ liche Gelegenheit zur Flucht. Dieſe Gelegenheit kam jetzt. Die Bekanntmachung von dem bevorſtehenden 240 Schickſale der Vorſtädte erzeugte eine beiſpielloſe Verwir⸗ rung unter den Bewohnern derſelben. Viele glaubten nicht an den Ernſt der Drohung, andere mochten ſich nicht von ihrem Eigenthum trennen, wieder andere flohen über Hals und Kopf, hier in die Stadt, dort auf's Land in's Lager der Oeſterreicher. Die Reibold gehörte zu denen, die nicht eher an den Ernſt der bekanntgemachten Dro⸗ hung glaubten, bis die mit ihrer Ausführung beauftrag⸗ ten Soldaten ihre Anſtalten trafen. Zetzt erſt entſchloß ſie ſich ihr Haus zu verlaſſen, aus dem ſie jedoch auf den ſchlimmſten Fall hin den größten Theil ihrer beſten Sa⸗ chen nach Menzel's Wohnung hatte ſchaffen laſſen Bei der Eile, mit der ſie endlich noch ihre übrigen beideg⸗ lichen Habſeligkeiten zuſammenraffte, vergaß ſie ein wach⸗ ſames Auge auf ihre ſchöne Gefangene zu haben, die ihrerſeits zuſammenpackte, was ſie beſaß. Als die Reibold endlich zum Auszug bereit war und Emma in ihrem Zimmer ſuchte, war ſie verſchwunden. Die Frau rief und ſuchte, allein Emma war und blieb fort. Halb be⸗ ſinnungslos eilte jene nach ihrem Zufluchtsort. Emma nahm ihren Weg durch das verworrene Menſchengewühl, das auf den Straßen herrſchte, ganz unbeachtet nach dem Kaffeehauſe der Cagiorgi, wo ſie ſich vor der Hand verſtecken zu können hoffte, bis die Ver⸗ hältniſſe ihr geſtatteten, nach ihrer Heimath zu fliehen. 241 Als ſie aber in die Anguſtusſtraße einbiegen wollte, ſah ſie den Agenten Menzel mit ihrem ehemaligen Klavier⸗ lehrer Oeſterreich eilig daher kommen. Sie wich augen⸗ blicklich zurück und floh in den Hof des nahen kurfürſt⸗ lichen Stallgebäudes, wo ſie warten wollte, bis die Bei⸗ den vorüber ſein mußten. An dem Treppenthurme zur Bildergallerie glaubte ſie vor ihnen ſicher zu ſein. Aber wer ſchildert ihren Schreck, als die beiden gefürchteten Männer durch das große Thor in den Hof traten! Wie ein geſcheuchtes Reh ſchlüpfte ſie in die nahe Thurmthür, flog die Treppe hinan, durch den Corridor des obern Stogwerks, und riß die erſte beſte Thür auf. Da ſah ſie 6 zwei Herren gegenüber, deren Geſichter ihr nicht ganz fremd waren. Es war der Gallerie⸗Inſpector Rie⸗ del mit dem Magiſter Theophilus Starke.„Das iſt ja unſere kleine Zitherſpielerin!“ rief Riedel.„Ei, wo kommt Sie denn her?“ „Um Gotteswillen, retten Sie mich! verbergen Sie mich!“ „Man verfolgt Sie wohl? Kommen Sie! kommen Sie!“ ſagte Riedel, nahm das zitternde Mädchen bei der Hand und führte ſie durch das Labyrinth der Gal⸗ lerie in das Zimmer der Madonna.„Hier werde ich Sie einſchließen, liebes armes Kind, bis die Gefahr vorüber iſt; hier herein ſoll kein Verfolger dringen, das ver⸗ ſpreche ich Ihnen!“ 242 Emma antwortete mit einem dankbaren Blick. Rie⸗ del verſchloß die Thür und ging zu Theophilus zurück, welcher eben die Zumuthung Menzel's, ihn die Gallerie nach dem ſchönen Flüchtling durchſuchen zu laſſen, gebüh⸗ rend zurückwies. Jetzt half auch Riedel dabei, und Men⸗ zel mußte unverrichter Sache abziehen. „Der Sturm wäre glücklich abgeſchlagen,“ ſagte Riedel;„aber wie das arme Kind nun weiter ſchützen? denn ſicher werden die Verfolger Alles aufbieten es in ihre Gewalt zu bekommen.“ „Ich würde ſie vor der Hand hier laſſen und zum Abend mit nach der Wohnung der Gräfin S. nehmen, die ſie gewiß mit Freuden bei ſich aufnähme!“ erklärte Theophilus. 3 „Das glaube ich,“ ſagte Riedel;„aber dieſe Zu⸗ flucht halte ich nicht für ſicher genug. Ich würde ſie mit zu mir nehmen, aber bei uns Beiden würde man ſie am erſten ſuchen.“ „Halt, ich hab's!“ rief Theophilus;„wir ſtellen ſie unter den Schutz des Grafen von Wartensleben. Das iſt ein Ehrenmann. Er verachtet den Oberſtlieutenant von Retzow wegen ſeines Don⸗Juanismus, und es wird ihm Vergnügen machen, ihm ein Opfer zu entreißen. Ich werde ihm die ganze Geſchichte des Mädchens erzählen.“ Riedel billigte den Plan Theophil's. Dieſer ging 243 dann zu Emma, ſie zu beruhigen. Erſt jetzt erfuhr er ihre ganze Geſchichte, ſeit jener Begegnung im Kaffeehauſe der Cagiorgi. Von ihrer erſten Befreiung hatte weder er noch Doris etwas erfahren. Ihren Vater glaubte man unter den gefallenen Verſchwörern. Jetzt hörte Theophi⸗ lus, daß er noch lebe und in welcher Abſicht er ſich wieder zur preußiſchen Fahne geſtellt und ſeine Tochter ihrem Entführer ausgeliefert. Theophilus mußte den Muth und die opferbereite Dankbarkeit des armen Bergmannes wie ſeines Kindes bewundern. Emma erkundigte ſich angelegentlich nach Doris. Theophilus ſagte ihr, wo ſie ſei, und daß ſie ebenfalls an der Rettung des Sohnes ihrer Wohlthäterin arbeite. „Ei, mein Vater wird ihn ſchon retten, den lieben edlen Herrn!“ rief Emma lebhaft. „Es iſt doch gut, wenn auf verſchiedenen Wegen daran gearbeitet wird,“ bemerkte Theophilus lächelnd; „ſchlägt der eine fehl, ſo bleibt der andere doch noch.“ „Sie haben Recht— nun der guten edlen Malerin kann ich ſchon gönnen, daß ſie ihn retten hilft— aber ſie iſt ſo ſchön, ſo ſchön!“ fügte ſie faſt klagend hinzu. Dem Magiſter klang das faſt wie Eiferſucht.„Ha⸗ ben Sie den Grafen öfter geſehen?“ fragte er geſpannt. „O nein,“ erwiederte ſie;„nur das Einemal, wie er mich vor dem Landesverräther Menzel warnte und zur 244 Frau Cagiorgi wies, wo ich verhaftet ward. Aber ich habe ihn nie vergeſſen, ich wollte ihn aus Tauſenden wieder erkennen.“ freundlich und nahm ſein Anliegen ganz ſo auf, wie er erwartet hatte. Als er die Wohnung des Grafen verließ und ſich zur Gräfin S. begeben wollte, dieſer Kunde zu bringen von der neuen Ausſicht auf Rettung für ihren Sohn, fiel ihm ein ängſtliches Rennen von Menſchen nach einer Richtung und ein ſtarker Brandgeruch auf. Er ahnte die Urſache davon und täuſchte ſich nicht. Die Pirnaiſche Vorſtadt loderte bereits an mehreren Punkten in Flam⸗ men auf. Er ſetzte ſeinen Weg zum Palais der Gräfin fort, entſchloſſen, nur kurze Zeit bei dieſer zu bleiben und die nun in der Stadt herrſchende Aufregung und Ver⸗ wirrung zu benutzen, um Emma in ihr neues Aſyl zu bringen. Eine Stunde ſpäter ſchritt Emma an der Hand ihres Beſchützers durch Rauch und Menſchengewühl nach dem gräflich Wartenberg'ſchen Hauſe, deſſen Herrin ſie mit der größten Leutſeligkeit empfing. Ehe Theophilus von ihr ging, bat ſie ihn, ihren Vater aufzuſuchen, deſſen Quartier ſie anzugeben wußte, und ihm von ihrer neuen Theophilus brach die Unterhaltung ab und ging zu 4 dem Grafen Wartensleben. Dieſer empfing ihn ſchr 3 245 Befreiung, ſowie von ihrem Aſyl Nachricht zu geben— eine Bitte, die Theophilus gern und ohne Verzug er⸗ füllte. Die Flamme that ihre Schuldigkeit im Sinne des preußiſchen Generals. Bald war die ganze Altſtadt in einen Flammengürtel gehüllt, der den öſterreichiſchen Feldherrn überzeugte, mit welch' einem entſchloſſenen Gegner er es zu thun habe. Er ſah ein, daß ein ſolcher nur durch Sturm oder Hunger zur Uebergabe gezwungen werden kann. Er ſchickte ſich demnach Angeſichts der bren⸗ nenden Vorſtädte an, die Stadt förmlich zu belagern und auf die eine oder andere Art ſie in ſeine Gewalt zu be⸗ kommen. Kaum hatte ſich in der Stadt der Schrecken über den Brand der Vorſtädte, von denen nur rauchende Trümmer übrig blieben, etwas gelegt, als ihre Bewoh⸗ ner von der Angſt vor dem Bombardement gefoltert wur⸗ den. Niemand aber war von dieſer Angſt mehr heimge⸗ ſucht, als der wackere Gallerie⸗Inſpeetor Riedel, um der ihm anvertrauten Kunſtſchätze willen. Der Mann wäre ganz rathlos geweſen, hätte ihm nicht Theophilus treulich beigeſtanden. Dieſer hatte Emma's Auftrag an ihren Vater aus⸗ gerichtet, und von ihm erfahren, daß er ſeinen Befreiungs⸗ plan langſam aber ſicher ſeiner Ausführung enigegen 246 führe. Ueber das Wie hatte er nichts vernehmen laſſen. Wie Theophilus ihm mitgetheilt, daß nach der Verſiche⸗ rung des Gouverneurs vor dem Ende der Belagerung nichts gegen den gefangenen Grafen vorgenommen werde, hatte Hertwig geſagt:„Da wünſche ich, daß die Belagerung wenigſtens noch zehn Tage dauere, denn ſo lange brauche ich noch Zeit, um Alles fertig zu haben.“ Hertwig's Wunſch ging auch in Erfüllung, glückli⸗ cher Weiſe ohne daß Riedel's Beſorgniß wegen eines Bombardements ſich ebenfalls erfüllte. Eines ſchönen Morgens trat Theophilus mit der Meldung zu ihm in die Gallerie, die Oeſterreicher ſeien im Abzug begriffen. Die Meldung hatte ihre Richtigkeit. König Frie⸗ drich hatte die Feſtung Neiße ohne Schwertſtreich entſetzt und ſich dann ohne Weiteres wieder auf den Marſch nach Sachſen begeben. So wie Daun Nachricht erhielt, der König ſei mit friſcher Kraft im Anzuge, fand er es ge⸗ rathen, die Belagerung von Dresden aufzuheben und die Winterquartiere in Böhmen zu ſuchen.— Es war zwei Tage nach dem Abzug der Oeſterrei⸗ cher von Dresden. Eine finſtere regneriſche November⸗ nacht deckte die kahlen Fluren von Freiberg mit ihren Schauern. Nirgends, wohin das Auge ſchaute, begegnete ihm ein Strahl freundlichen Lichtes, nirgends dem Ohr ein Laut des Lebens. 247 Nur wer auf der alten Frauenſteiner Straße der ehrwürdigen Bergſtadt um dieſe ſpäte Zeit ſich genähert hätte, würde einen vereinzelten Lichtſchein wahrgenommen haben, der aus einem Häuschen der nach jener Seite ge⸗ legenen Vorſtadt kam. Der Schein kam von einer auf einem Tiſche nahe dem einzigen Fenſter eines ärmlichen Stübchens ſtehenden Lampe, die einer Frau in den mittle⸗ ren Jahren zu einer ſehr mühſamen Arbeit leuchtete. Die Frau war ſehr blaß und ſehr abgemagert, aber ſie trug in ihrem Antlitz Spuren einſtiger Schönheit. Sie war über ein Klöppelkiſſen geneigt, an dem ſie aus Gold⸗ füden jene glänzenden Borten ſchlang, welche die weißen Kragen der Galauniformen der Bergoffizianten zierten. Wer mag die nächtlichen Stunden alle zählen, welche die arme Frau ſchon über dieſer Arbeit zugebracht. Man ſah es ihr an, wie ſie ſich nur mit Mühe des Schlafes er⸗ wehren konnte, von dem ſie ſchon viel zu viel geopfert. Endlich wollte es durchaus nicht mehr gehen, ihre weißen mageren Hände ſtanden plötzlich ſtill, ihre Augen ſchlo⸗ ßen ſich, ihr müdes Haupt ſank auf die Bruſt. Aber nur einen Augenblick. Der Gedanke an vier Kinder und einen alten blinden Schwiegervater, denen der männliche Ver⸗ ſorger entriſſen war und die morgen nichts zu eſſen hatten, wenn die Borten nicht heute Nacht noch fertig wurden, dieſer Gedanke weckte ſie wieder und trieb ſie zu neuem Kampf gegen den mächtigen Schlaf an. 2 E 248 Auf einmal ward ihre Aufmerkſamkeit durch ein Ge⸗ räuſch außerhalb des Hauſes von ihrer Arbeit abgezogen. Sie vernahm Tritte, die auf der nahen Straße näher kamen. Wer konnte um dieſe Stunde, wo kein Schicht⸗ wechſel der Bergleute ſtattfand, dieſe einſame Straße gehen? Die Tritte kamen näher und näher; jetzt waren ſie dicht am Hauſe. Die Frau zog ſich etwas vom Fenſter zurück; da wurden zwei Männergeſtalten ſichtbar— ein Geſicht kam ganz nahe an die Fenſterſcheibe.„Chri⸗ ſtel!“ rief eine volle Männerſtimme in ſanftem Tone. „Gott im Himmel! mein Wilhelm!“ ſchrie die Frau auf und ſtürzte zur Thür hinaus. Da lagen ſie ſich in den Armen, die lang getrennten Gatten, da hielten ſie einander umſchlungen und küßten ſich und weinten Thränen der Freude. Denn der An⸗ kömmling war Hertwig, die Frau, die ihn empfing, ſein treues Weib. Seit ihr Mann gewaltſam von ihr getrennt und ſein Feind an ſeine Stelle auf dem„Himmelsforſt“ getreten war, wohnte ſie mit ihren Kindern hier und nährte ſich vedlich, aber äußerſt mühſam von Borten⸗ klöppeln. Hertwig riß ſich endlich aus der Umarmung lo und ſagte:„Wir vergeſſen ganz unſern Gaſt, den Her Grafen S.“ 3 t 249 „O ſo iſt Dein Werk gelungen? ſo iſt Alles wohl abgelaufen?“ „Alles wohl abgelaufen,“ verſicherte der Mann; „kommen Sie, Herr Graf, mit in meine Hütte!“ Er zog ihn an der Hand in die kleine, dürftige Wohnung. Die Frau verriegelte die Hausthür und hieß dann den fremden Gaſt, den Geretteten ihres Gatten, herzlich willkommen. „Jetzt, Frau, gieb uns vor Allem etwas zu eſſen, denn wir ſind hungrig.“ „Da ſieht es nun freilich ſchlimm bei mir aus,“ antwortete die Frau;„für Dich habe ich wohl ein Stück Haferbrod und Käſe, aber für den gnädigen Herrn habe ich gar nichts.“ „Nun der Herr Graf macht aus der Noth eine Tu⸗ gend und ißt mit mir Brod und Käſe.“ „Das verſteht ſich,“ beſtätigte Camillo. Die Frau ging und brachte einen halben Laib ſchwarzes Haferbrod— ach, es war ihr letztes— und eine Quarkkäſe mit zwei Meſſern. Die beiden Männer zogen ihre durchnäßten Mäntel aus und ſetzten ſich zum Eſſen. Die Frau ſchob ein Bündel Reißig in den Ofen und ſetzte ſich wieder an ihre Arbeit. A1859. XX. Die Malerin von Dresden. 16 1 fragte Hertwig „Das S werden,“ war und nun wird's ganz ſchnell von ſtatten gehen. Erſt ſchlä⸗ ferte mich, nun zähl mir doch, wie Alles gegangen. Zuerſt, was macht unſere Emma?“ „O die i Freibergsdorfer Herrn, da wird ſie wohl bald mit her⸗ kommen.“ „So iſt gefallen? Gott ihren Gatten, die Geſchichte ſeiner Retterthat zu erzählen. Er erzählte, was der Leſer bereits weiß, und fuhr dann fort:„Das Erſte, was ich als Soldat that, war, daß ich mich bei meinen Vorgeſetzten in Gunſt ſetzte. Das gelang mir recht bald. Nicht lange dauerte es, ſo ward mein Wunſch, auf die Blockhauswache zu kommen, er⸗ füllt. Da ſah Blockhaus ſteht dicht bei der Brücke auf dem rechten Elbeufer, das Hinter dem Blockhaus ſteht ein Holzſchuppen, aus wel⸗ chem eine Thür in das Haus ſelbſt führt. In den enſter ſchuppen geht „Du haſt wohl recht nothwendig, arme Chriſtel?“ tück Borten muß dieſe Nacht noch fertig die Antwort;„ich habe nicht viel mehr bin ich aber ganz munter geworden. Er⸗ ſt in guten Händen; ſie iſt bei dem neuen ſie nicht wieder in jene ſchlimmen Hände ſei Dank!“ ſagte die Frau, und bat dann ich mir die ganze Gelegenheit an. Das dort ſanft nach dem Waſſerſpiegel abfüllt. ein zugemauertes Fenſter. Dieſes F 251 gränzt an einen Gang, der nach dem Zimmer führt, in wel⸗ chem der Herr Graf gefangen war. Ich erkannte mit Freuden, daß dieſes Fenſter leicht in ein Rettungsthor umgewandelt werden konnte. Da ich viel ungemachtes Scheitholz in dem Schuppen ſah und bemerkte, daß der Hausmann ſich der Wachtſoldaten zum Holzmachen, je nach Bedarf, bediente, ſo erbot ich mich bei demſelben, das ganze Holz allein zu machen. Mein Erbieten ward bereitwillig angenommen. Als ich von der Wache gekom⸗ men war, ging ich an das Holzmachen. Ich machte aber nur eine halbe Stunde um die andere Holz, die zwiſchen⸗ liegenden halben Stunden verwendete ich dazu, die Zie⸗ geln, womit das Fenſter vermauert war, herauszuneh⸗ men, was freilich ſehr behutſam geſchehen mußte. Um dieſe Arbeit leicht verbergen zu können, ſchichtete ich einen Stoß Holz davor auf; wenn ich am Fenſter handtieren wollte, nahm ich einen Theil des Holzes herunter, wenn ich wieder an's Holzmachen ging, baute ich den Stoß wie⸗ der ganz auf. Es ging Alles nach Wunſch. Nach acht Tagen war mein Thor fertig und Niemand entdeckte es. Nun hatte ich nur abzuwarten, bis ich wieder einmal auf die Blockhauswache kam. Ich konnte den Tag be⸗ rechnen und mich bis dahin auf Alles fertig machen. Ich verſchaffte mir von einem Juden ein paar alte Mäntel, Stricke und gute Meſſer, die ſchaffte ich in den Schup⸗ 16* 252 pen. Geſtern kam ich auf die Wache. Ich konnte keinen beſſern Tag treffen. Wegen des am Morgen erfolgten Abzugs der Oeſterreicher herrſchte große Freude unter den Preußen. Der wachthabende Offizier gab der Mannſchaft eine Tonne Bier zum Beſten, ja ſelbſt die Gefangenen kriegten ihren Theil daran. Der Offizier gehörte zu mei⸗ ner Compagnie und ich hatte mich bei ihm beſonders in Gunſt geſetzt. Nachmittags rief er mich zu ſich und ſagte: „Weißt Du was, Horſchitz“— denn dieſen Namen führte ich—„dahinten in Nr. 5 ſteckt ein armer Teufel, der nächſtens erſchoſſen werden ſoll; wir könnten ihm heut' auch eine Güte thun. Hier iſt ein Thaler, hol ihm eine Flaſche Wein.“ Es ward mir ſchwer zu dieſem willkom⸗ menen Auftrag ein gleichgültiges Geſicht zu machen. „Sehr wohl,“ ſagte ich, nahm den Thaler und holte die Flaſche Wein.„Hier iſt der Schlüſſel,“ ſagte der Lieute⸗ nant, wie ich ſie brachte,„trag' ſie ihm hin— es braucht aber Niemand weiter darum zu wiſſen, verſtan⸗ den!“„Sehr wohl!“ ſagte ich und ging nach dem Ge⸗ füngniß Nr. 5. Mein Herr Graf machte nicht kleine Au⸗ gen, wie er mich ſo unerwartet und im preußiſchen Sol⸗ datenrock bei ſich eintreten ſah. Nun, ich erklärte ihm kurz, was es damit für eine Bewandniß habe, und daß ich dieſe Nacht ihn aus ſeinem Käfig holen würde. Dann verließ ich ihn ſchnell, ſchloß wieder zu und trug den Schlüſſel zu meinem Offizier. Aber ich merkte wohl auf, wo er den Schlüſſel hinlegte. Sobald es dunkel war, räumte ich im Schuppen das Holz vor dem Fenſter, in dem die Ziegel nur ganz locker lagen, ſo weit als nö⸗ thig weg. In der Nacht, wie ich von meinem Poſten ab⸗ gelöſ't war, ſchlich ich mich in die Offiziersſtube. Wie ich gehofft, lag mein Offizier im ſüßen Schlaf. Ich bemäch⸗ tigte mich des Schlüſſels und ſtahl mich nach dem Ge⸗ fängniß. Mein Herr Graf erwartete mich ſchon. Schnell ging es nun heraus, die lockern Ziegel in der Fenſter⸗ höhle waren bald beſeitigt; wir ſtiegen hinaus und ge⸗ wannen das Freie. Wir liefen was wir konnten am Ufer hinab bis nach Pieſchen, wo wir Kähne angelegt fanden. Wir banden einen los und ſetzten über den Fluß. Am dießſeitigen Ufer angekommen, ſtießen wir den Kahn in den Fluß zurück, und flohen hinter der Friedrichſtadt weg, an Plauen vorbei in der Rich htung nach Dippoldiswalde hin. Am Morgen waren wir in der Nähe dieſer Stadt, gingen aber nicht hinein, ſondern hielten uns im Walde verborgen. In einer Köhlerhütte fanden wir ein Mittag⸗ brod und Obdach bis zum Abend, wo wir unſern Weg hierher fortſ S Da haſt Du uns nun mit Leib und Seele— aber nur für dieſe Nacht; morgen mit dem Frü⸗ heſten müſſen wir hinaus auf die Mordgrube. Der Ober⸗ ſteiger dort iſt unſer Gevatter, der muß mich und den Herrn Grafen als Hauer bei ſich anlegen. Wir müſſen eine Zeitlang Tag und Nacht unter der Erde hauſen.“ „Das wird das Beſte ſein,“ meinte Frau Hertwig; „Gvott, der den Herrn Grafen und Dich aus der Gewalt der Menſchen befreit, wird ihn und Dich auch ſchirmen vor böſen Wettern und ſtürzenden Wänden. Das Berg⸗ volk auf der Mordgrube wird keinen Verräther haben.“ Die beiden Flüchtlinge bedurften der Ruhe. Da die Hausfrau weder Betten beſaß, noch Stroh im Hauſe hatte, ſo mußten ſie auf den bloßen Dielen ſchlafen. Aber ſie ſchliefen auch da den Schlaf der Gerechten. — Zwülſtes Capitel. echluß. Wenig Tage nach der Flucht des Grafen Camillo von S. zog der Prinz Heinrich von Preußen wieder in Dresden ein. Mit ihm auch der Oberſtlieutenant von Retzow. Wie dieſer die Flucht Emma's und die neue Deſer⸗ tion ihres Vaters und die offenbar durch dieſen bewirkte Befreiung des Grafen S. erfuhr, war er außer ſich vor Zorn, und er beſchloß Alles aufzubieten, um alle Drei wieder zu erlangen. Der Commandant des Regiments, bei welchem Hertwig zuletzt geſtanden, verband ſich mit Retzow zur eifrigen Verfolgung der Flüchtlinge. Eines Abends erſchien eine Abtheilung Dragoner vor dem Häuschen, welches Hertwig's Frau mit ihrem Schwiegervater und ihren jüngſten Kindern bewohnte. Das Häuschen ward umzüngelt und der Anführer trat ———————F mit zwei Mann in die beſcheidene Wohnung.„Dies iſt die Wohnung von Wilhelm Hertwig, frühern Steigers auf der Grube Himmelsfürſt?“ redete er die Frau barſch an. „Ich bin die Frau von Wilhelm Hertwig, den man von mir und meinen armen Kindern hinweggeriſſen und unter die Soldaten geſteckt,“ gab die Frau zur Antwort. „Wenn Ihr mir meinen Mann wiederbringt, dann wird dies ſeine Wohnung ſein. Zeither habe nur ich mit den verwaiſ'ten Kindern hier gewohnt.“ „Mache Sie uns nichts weiß,“ ſagte der Drago⸗ ner⸗Corporal;„Ihr Mann iſt deſertirt und ſicher hier verſteckt.“ „Dann ſuchen Sie ihn,“ ſagte Frau Hertwig. „Das werden wir auch thun,“ ſagte der Corporal, und das Suchen begann. Natürlich erwies es ſich gänz⸗ lich fruchtlos, denn Hertwig war in den unterirdiſchen Gängen der„alten Mordgrube“ ſammt ſeinem Schütz⸗ ling wohl geborgen. Der Corporal zog hierauf ſeine Leute zuſammen, ſchickte den größten Theil derſelben in die Stadt zurück, legte ſich aber ſelbſt mit zwei Mann in das Haus. Erſt am andern Tag, als er ſah, daß er auf dieſe Weiſe nicht zum Ziele kommen werde, zog auch er mit ſeinen Be⸗ gleitern ab. 257 Wie aber auch in der ganzen Gegend nach den Flüchtlingen geſucht ward, ſie fanden ſich nirgends, und nach Wochen zogen die Dragoner unverrichteter Sache nach Dresden zurück. Inzwiſchen verlebte Doris in ihrem anſtändigen Gefängniß zu Freibergsdorf bei der emſigen Vollendung ihres Werkes friedliche Tage. Das Gericht übereilte ſich nicht mit der Führung ihres Proceſſes, ſie hatte nur ſel⸗ ten ein kurzes Verhör zu beſtehen und ſonſt trat gar nichts Störendes in ihren Kreis. Eines Morgens ſaß ſie eben vor ihrer Staffelei und erfreute ſich ihres ſeiner Vollendung nahen Werkes, als ein vierſpänniger Wagen in den Hof hereinrollte und unter dem einen ihrer Fenſter anhielt. Sie eilte an das⸗ ſelbe und ſah einen ältlichen Herrn von ſtattlichem Aus⸗ ſehen ausſteigen, der dann ein junges Mädchen aus dem Wagen hob. Ein heller Freudenſtrahl leuchtete in ihren Augen— ſie hatte ihre kleine Freundin, das Urbild ihrer Muſe, erkannt. Nach wenig Minuten öffnete ſich ihre Thüre, und Emma trat am Arme des ſtattlichen Herrn in das Zimmer. Die beiden ſchönen Weſen flogen einander in die Arme und weinten helle Thränen. Der Herr, der kein anderer war als der Gutsherr, Graf von Wartensleben ſelbſt, ſtand dabei und betrachtete die Gruppe mit ſtiller Luſt. Dann aber fiel ſein Blick auf das bald vollendete Bild auf der Staffelei. Er trat näher und vergaß über ſeiner Betrachtung Alles um ſich her. „Wiſſen Sie auch, daß ich hier bei Ihnen bleiben ſoll?“ ſagte Emma, nachdem die erſten zärtlichen Grüße getauſcht waren.„O wie ſchön wird das ſein!“ Doris wollte einen fragenden Blick auf den Graſen richten, doch dieſer war in das Anſchauen ihres Werkes vertieft. Sie erröthete und ſagte, Emma's Hand ergrei⸗ fend:„Iſt es denn wahr, daß ich ſo glücklich ſein ſoll, ei⸗ nen ſolchen Engel zum Gefährten zu haben, wie Sie?“ „O bitte, nennen Sie mich Du,“ bat Emma,„und ein Engel bin ich ſchon lange nicht; was hab' ich nicht der Madame Reibold für Streiche geſpielt— hat Ihnen der Herr Magiſter Starke geſchrieben, wie ich der aus⸗ geriſſen bin?“ „Ja wohl,“ entgegnete Doris;„er ſchrieb es mir zugleich mit der Nachricht, daß er mich bald beſuchen und mir etwas höchſt Erfreuliches melden werde, was er dem Papier nicht anvertrauen könne. Er iſt nicht mitgekom⸗ men?“ „Der Herr Graf wollte ihn mitnehmen— aber er durfte die Frau Gräfin S. nicht verlaſſen. Die hatte der Freudenſchreck über die unerwartete Befreiung ihres Soh⸗ nes beinahe getödtet; ſie liegt jetzt krank darnieder, und — da kann der Herr Magiſter nicht fort. Ich ſoll Sie von ihm grüßen und Ihnen ſagen, daß der junge Herr Graf durch meinen Vater glücklich befreit worden!“ „O allgütiger Gott!“ rief Doris die Hände fal⸗ tend,„dann wäre ja mein Werk überflüſſig!“ Dieſe letzte Aeußerung entging dem Grafen doch nicht.„Da ſei Gott vor,“ ſagte er ſich zu Doris wen⸗ dend,„daß Sie dieſes herrliche Werk als überflüſſig un⸗ vollendet laſſen! Sie ſind es Gott, der Ihnen Ihre großen Gaben verlieh, Sie ſind es der deutſchen Sache ſchuldig, daß Sie dieſes Bild vollenden. Mademoiſelle, eh' ich Sie ſelbſt und ehe ich dieſes Bild ſah, war ich Ihrer Unſchuld noch nicht gewiß— jetzt bin ich es, und was auch die blinde Juſtiz für ein Urtheil fällen möge, ich werde vor der Welt bezeugen, daß Sie rein ſind wie die Sonne!“ Doris ſenkte das zu Purpur erglühende Angeſicht. Sie kannte den Mann nicht, der dieſe Worte zu ihr ſprach, er war ihr nicht einmal genannt, obſchon ſie ahnte, wer er ſei; aber ſeine Sprache, ſeine Augen, ſein Antlitz, ſeine ganze Erſcheinung ſagten ihr, daß er zu den wahren Edlen der Menſchheit gehöre. Und dieſer fremde Edle erkannte ihre Unſchuld— nein, er nannte ſie rein wie die Sonne. Ihre Seele beugte ſich in Demuth, aber ihr Herz jubelte und dachte im höchſten Jubel deſſen, der zuerſt an ſie geglaubt, zuerſt ihr zur Herſtellung ihres Adels die Hand gereicht, und um deſſentwillen ſie heiß begehrte, wirklich ſo rein zu ſein wie die Sonne. Und da ſtand der fremde Edle vor ihr und ſchaute ihr mild in's Angeſicht und führte ihre Hand an ſeinen Mund und ſagte faſt flehend:„Nicht wahr, Mademoiſelle, Sie voll⸗ enden, was Sie ſo herrlich begonnen, und laſſen Ihren leuchtenden Genius jede ſchwarze Anklage, jeden giftigen Argwohn, jeden Hauch eines Makels, und gründete er ſich auch auf eine wirkliche Verirrung des irdiſchen Stoffes, aus dem wir Alle gemacht ſind, laſſen Ihren Genius das Alles ſiegreich vernichten?“ In Doris' Augen glänzte eine Thräne.„Ich werde wohl gar nicht anders mehr können,“ ſagte ſie;„aber iſt es denn wahr, ſoll ich das liebe Urbild meiner deutſchen Muſe bei mir behalten? Sie wollen ſie doch nicht mit einſperren laſſen?“ „Sie ſollen auch nicht mehr eingeſperrt ſein,“ er⸗ wiederte der Graf;„ich habe mich entſchloſſen, einige Zeit hier zuzubringen, um der Jagd auf dieſem Gute ob⸗ zuliegen, die ſehr ſchön ſein ſoll. Ich werde als Gerichts⸗ herr für Sie haften und nicht mehr dulden, daß man Sie einſperre.“ Doris dankte mit einer Verbeugung. Der Graf ließ ſie ſodann mit Emma allein. Dieſe erzählte ihr nun, wie ſie das erſtemal von ihrem Vater aus dem Hauſe der Reibold befreit worden, wie jener an ihrem Zufluchtsort die Verurtheilung des Grafen von S. zum Tode erfah⸗ ren und den Entſchluß gefaßt ihn zu retten, welche Rolle der Erzählerin dabei zugefallen, wie ihr Unter⸗ nehmen von ſtatten gegangen, ihre Flucht aus dem Hauſe der Reibold, und was ſich daran geſchloſſen, endlich wie ſie im Hauſe des Grafen von Wartensleben die Befrei⸗ ung des jungen Grafen S. durch ihren Vater und bei⸗ der glückliches Entkommen erfahren. „Und wo glaubſt Du, daß ſie mit einander jetzt ſind?“ fragte Doris.„Werden ſie wohl ſicher ſein?“ „Mein Vater wollte mit ſeinem Schützling nach einer Grube bei Brand fliehen und ſich darin verborgen halten. Der Oberſteiger dort iſt mein Pathe. Da ſind ſie gewiß ſicher.“ „Wirſt Du denn auch Deine Mutter beſuchen, die hier in der Nähe wohnt?“ fragte Doris weiter. „Nein, das erlaubt der Herr Graf nicht, weil mir unſere Feinde ſo gut nachſtellen, wie dem Vater und dem jungen Herrn Grafen,“ ſagte Emma;„aber er will meine Mutter bald einmal in ſeinem Wagen herüber⸗ holen laſſen.“ „Da werde ich ſie denn auch kennen lernen, die Mutter meines Lieblings,“ ſagte Doris und ſchloß das 262 35 junge Mädchen in ihre Arme. Sie herzend und küſſend ſagte ſie:„Wenn ich Dich dutzen ſoll, mußt Du es auch thun— alſo Du und Du!“ „Ach, Mademviſelle,“ wendete Emma ein,„ich bin ja ſo gar nichts gegen Sie—“ Aber Doris ſchloß ihr den Mund mit einem Kuß, und Emma mußte ſich in ihren Willen fügen. Schon den andern Tag ließ der Graf Emma's Mutter holen. Von dieſer erfuhr Doris, wie eifrig man nach den beiden Flüchtlingen geſucht, und wie neuerdings ein Fremder in Civil ſich in der Nähe ihrer Wohnung eingemiethet habe, der wahrſcheinlich auf die Beiden fahnde. Es wären auch bereits vom Bergamte Nachforſchungen nach ihnen auf den Gruben gehalten worden. Doris ſah ein, daß Camillo doch noch nicht über alle Gefahr hinweg ſei, daß vielmehr das Damokles⸗ ſchwert fortwährend über ſeinem Haupte ſchwebe. Mithin war ihr Werk auch rückſichtlich ſeiner keinesweges über⸗ flüſſig geworden. Mit neuem Eifer arbeitete ſie fortan daran, und bald ſtand es vollendet vor ihr zur eigenen Befriedigung und zum Entzücken aller Beſchauer. Der Graf von Wartensleben konnte ſich an dem Bilde nicht ſatt ſehen und pries ſich glücklich, daß es in ſeinem Hauſe geſchaffen worden.„Der Preis, den Sie fordern,“ ſetzte er hinzu,„kann Ihnen gar nicht entgehen. 263 Nur ein roher Barbar könnte ihn verweigern, aber nim⸗ mermehr mein feingebildeter, hochherziger Prinz Heinrich. Sie machen mich zu Ihrem Geſandten, Mademoiſelle; ich werde dem Prinzen das Bild überreichen und auf Be⸗ zahlung Ihres Preiſes dringen.“ „Dann war es Gottes Fügung, daß ich in dieſes Gefängniß kam,“ erwiederte Doris;„denn wäre mir das nicht geſchehen, ſo hätte ich keinen ſo mächtigen Geſandten und Fürſprecher gefunden. Ich lege mein Bild vertrauens⸗ voll in Ihre Hände.“ „Morgen,“ ſagte der Graf,„fahre ich nach Dres⸗ den und übergebe bei ſchicklicher Gelegenheit das Bild. Ich bin dem hohen Offiziercorps noch eine Gaſterei ſchul⸗ dig, dieſe werde ich veranſtalten und ſo die Gelegenheit ſelbſt ſchaffen. Sie bleiben inzwiſchen hier, zwar als Ge⸗ fangene, doch unter den bisherigen Erleichterungen und in Geſellſchaft Ihrer jungen Freundin. Hoffentlich werden Sie bald ganz freigeſprochen.“ Der Fremde, welcher ſich in der Nachbarſchaft der Frau Hertwig einquartiert hatte, war Niemand anders als der geheime Polizei⸗Agent Menzel, der im Auftrage des Oberſtlieutenant von Retzow auf Camillo, Hertwig und Emma fahndete. Derſelbe war mit ſchriftlicher Voll⸗ macht verſehen, worin alle Behörden angewieſen waren, ihn in der Ausführung des Auftrages zu unterſtützen. Sowohl der Stadtrath als das Bergamt zu Freiberg hatten ihm nicht allein völlig freie Hand zu laſſen, ſon⸗ dern auch ihrerſeits Nachforſchungen in ihrem Jurisdicti⸗ onsgebiete anzuſtellen. Letztere fanden auch ſtatt, waren jedoch erfolglos. Menzel ſelbſt legte ſich auf ein, von der modernen Polizei in ausgedehnter Weiſe gebrauchtes und ausgebildetes Mittel: er nahm eine Anzahl ſchlechter Subjecte in ſeinen Sold. Darunter befand ſich ein Berg⸗ mann von der„alten Mordgrube“. Dieſer brachte dem Agenten eines Tages die Meldung, daß in ſeiner Grube zwei fremde Bergleute wären, die gar nicht an das Ta⸗ geslicht kämen und, der Beſchreibung nach, den geſuchten Flüchtlingen ähnlich ſähen. Sofort ſchickte Menzel einen zuverläſſigen Boten mit einem Schreiben an den Kriegsſekretär Oeſterreich nach Dresden, den er erſuchte, ſich von dem Oberſtlieutenant von Retzow eine Abtheilung Dragoner zu erbitten und mit dieſer eiligſt nach Freiberg zu kommen, um mit ihm die Verhaftung der Flüchtlinge zu bewirken. Der Oberſtlieutenant von Retzow war gerade im Be⸗ griff zu einem großen Diner bei dem Grafen von Wartensleben zu gehen, als der Sekretär Oeſterreich mit Menzel's Brief bei ihm erſchien. Er riß ihm den Brief aus der Hand und durchflog ihn.„Von der Kleinen ſteht nichts dabei,“ murmelte er;„doch haben wir nur 265 1 erſt deſeen, ſo werden wir das Junge wohl auch noch finden. Und wie ſteht's mit Ihrer Malerin? Iſt ihre Unterſuchung noh nicht zu Ende?“ „Die ſächſiſche Juſtiz iſt nicht ſo ſchnell,“ antwor⸗ tete Oeſterreich;„zumal die Patrimonialjuſtiz, wenn noch dazu der&ichtsherr den Inculpaten begünſtigt. Der Herr Graf u Wartensleben intereſſirt ſich ſo ſehr für die Kindesmörherin, daß er ſie nicht nur ganz frei in ſei⸗ nem Herrenhauſ ſchalten läßt, ſondern ſogar um ihret⸗ willen einen ganzen Prrnnt dort wohnt.“ „Das verdenke ich dem Herrn Grafen gar nicht,“ verſetzte der Oberſtlieutenant;„ja ich freue mich, daß der ſtrenge Moraliſt auch einmal der Macht der Schönheit erliegt. Hoffentlich wird deshalb die Zuſtiz doch ihren Gang gehen, wenn auch langſam.“ Er trat hierauf an in Schreibepult, beſchrieb ein Blatt Papier und gab es Sekretär mit den Worten:„Damit gehen Sie zum geiſter von Haacke, der wird Ihnen die gewünſchte ung Dragoner ſtellen. Machen Sie Ihre Sache und unterlaſſen Sie nicht, ſich um den kleinen zu kümmern!“ ſoll mir die größte Frende machen, wenn ich efangene, ſtatt der zwei, bringen kann,“ er⸗ Leich und verabſchiedete ſich. Der Oberſt⸗ das Hötel des Grafen von Wartensleben. in von Dresden. 17 266 Hier war eine höchſt glänzende Geſellſo melt. Der Prinz Heinrich mit ſeinem Stabe, Stabs⸗ offiziere der Dresdener Garniſon, der Gallerie⸗In pector Riedel und Magiſter Theophilus Starke. Nachdem der gräfliche Wirth ſeine Gäſt erch aus⸗ erlöſene Gtrichte und die edelſten Weine i S Stimmung verſetzt hatte, in welcher alle Welt erweitert und über Alltägliches un K haben waren, als namentlich der inz türlichen Verpuppungswerkes ſeiner ohei in ſeiner ganzen ſchönen Menſchheit zeigte, da fand Erſterer den rechten Angenblick gekommen, wo er dem edlen Hohenzollern das Bild der echtdeutſchen Künſtlerin zu überreichen habe. Dasſelbe war bereits im Saale aufgeſtellt und nur durch einen Vorhang von rothem Sammet verdeckt. „Ew. Königliche Hoheit,“ redete der Graf Prinzen an,„haben vor einiger Zeit einer hieſigen t vollen Malerin den Auftrag ertheilt, für Sie ein malen. Das Bild iſt fertig, und ich habe die a Verpflichtung übernommen, es Ihnen zu überr den Preis deſſelben einzufordern.“ Er ſtand mit dem Prinzen auf und den Vorhang. Dieſer fiel und das Bild dem Prinzen. Alle Tiſchgäſte ſprangen ſich um den Prinzen. Da ſtand der gy leibte und lebte, umringt von ſeinen Palatinen, unter ei⸗ ner Eiche auf einer kleinen Erhöhung bei Roßbach. Vor ſeinem ausgeſtreckten Arm, ſo ſchien es, eilen die Frag zoſen mit Zurücklaſſung vieler Todten und einer Me Heergeräthes in wilder Flucht davon. Ueber den Kö ragte hold und ſchön, in himmliſcher Verklärung die deutſche Muſe empor, mit der einen Hand dem Sieger den Kranz der Unſterblichkeit auf das Haupt ſetzend, mit der andern eine Leier hoch emporhaltend, und aus der Leier fuhren feurige Blitze, welche ein im franzöſiſchen Zopfſtyl errichtetes Bauwerk mit dem Götzenbilde der fränkiſch⸗deutſchen Aftermuſe zertrümmerten. Alle ſtanden bewundernd vor dem großen Bilde, der Prinz verſank in ſtille Andacht. Was er dabei gedacht, Niemand hat es erfahren, aber auf ſeiner Stirn ſtand es geſchrieben, daß er von einem mächtigen Gedanken be⸗ wegt war; was er gefühlt, das ſollte bald Allen offen⸗ bar werden. „Geſegnet die Hand, die ſolches ſchafft,“ ſagte er nach einer langen Pauſe;„es iſt eine göttliche Hand. Ich habe Manches gethan, was die Welt als Großthat be⸗ wundert, was die Geſchichte verewigen wird, ich neige mich in Demuth vor dem Genius der Kunſt. Wer einen großen Gedanken ſo verkörpern kann, daß jedes Herz davon er⸗ faßt, dafür begeiſtert wird, der thut mehr als der ſieg⸗ reichſte Kriegesheld. Herr Graf— ich verſprach der Künſt⸗ lerin jeden Preis, den ſie fordern würde, ich halte mein Wort; nennen Sie mir den Preis, den ſie geſtellt hat.“ Der Graf bog ſich nahe zu dem Ohr des Prinzen und ſagte halblaut:„Sie bittet um Gnade für den zum Tode verurtheilten Grafen von S. und für deſſen Be⸗ freier aus der Haft, den zum Soldaten gepreßten Berg⸗ mann und Familienvater Hertwig.“ Auf das Geſicht des Prinzen lagerte ſich eine Wolke. Er ſah düſter auf das Bild, aber die Macht des Genius, der aus demſelben leuchtete, erhellte ihm bald wieder Sinn und Angeſicht.„Es ſei,“ ſagte er zu dem Grafen,„ich werde es vor dem König verantwor⸗ ten.“ Er rief ſeinen Adjutanten herbei.„Fertigen Sie ſofort den Pardon aus für den vom Kriegsgericht zum Tode verurtheilten Grafen S. und den Deſerteur Hert⸗ wig. Vollen Pardon!“ befahl er halblaut und fügte hin⸗ zu:„In einer halben Stunde bringen Sie mir ihn zur Unterſchrift.“ Der Adjutant entfernte ſich. Zu den wärmſten Bewunderern des Bildes gehörte der Oberſtlieutenant von Retzow. Aber es war weniger der patriotiſche Grundgedanke des Werkes, was ihn er⸗ griff, als die ideale Rolle, welche das Mädchen darin ſpielte, das er zur Odaliske hatte erniedrigen wollen. Und es lag eine ſolche überwältigende Wahrheit in dieſer Darſtellung, die Heiligkeit dieſes zarten Frauenweſens 5 1 . 6 ſſ 1 . 8 9 10 11 2 13 6 17 18