„ = ihbib iothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur — von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Ceſebedingungen. 1. Oensein der Bibliothek. Die Vibliothek ſteht zur Em⸗ 8 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 3 jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. ( 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und„ eträgt; für npchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Wr.— Pf 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 6 der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf I4 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben“ E à n 3 von Joſephine von Perin, geb. Freyin von Vogelſang⸗ Druck und Papien von Friedrich Vieweg in Braunſchweig⸗ — ——,—— — — Erz aͤhlungen von Joſephine von Perin, geb. Freyin von Vogelſang. Mit einem Kupfer von Ludw. Schnorr und Fr. Rosmäßler. Leipzig⸗, bei Friedrich Fleiſcher⸗ 18 Vorwort. Daß es wenig iſt, was ich dem geneig⸗ ten Leſer hier anbiete, fuͤhl' ich mit Be⸗ ſchaͤmung; daß es aber doch etwas iſt, bin ich mir bewußt, weil ich es aus der Liefe meines Innern geſchoͤpft habe. Jede hier ausgeſprochene Geſinnung kann ich als Frau verantworten. Als Schriftſtelle⸗ rin iſt meine Zuverſicht bei weitem ſchwaͤchet, wenn ich auch als ſolche mir nur erlaubte, V was ich mit einigem Grunde fuͤr erlaubt hielt. Zwei von den fuͤnf Erzaͤhlungen, wel⸗ che dies Baͤndchen enthaͤlt, ſind aus der Aglaja(1820 und 1821) ſchon bekannt; uber jede der drei andern nur einige Wor⸗ te. Den Stoff zur Stiefmutter gab mir eine Maͤhriſche, im Volk noch lebende Sa⸗ ge. Der Erdfall, von dem Erwaͤhnung geſchieht, liegt, wie mir Reiſende berichte⸗ ten, zwiſchen den Guͤtern der Fuͤrſten Lich⸗ tenſtein und Salm.— Daß in dem Drago⸗ ner nichts erdacht, ſondern Alles angeſchaut, und ich moͤchte faſt ſagen, niederlaͤndiſch, ohne alle Poeſie, nach dem Leben gezeichnet ſey, wird leicht jedermann fuͤhlen. Der 4 Dragoner ſelbſt, ſo ſehr er auch einer ge⸗ wiſſen Gattung Menſchen idealiſirt erſchei⸗ VII nen mag, iſt am allerwenigſten ein Ge⸗ ſchoͤpf der Phantaſie. Er hat wirklich gelebt, vielleicht nicht eben in dieſen Ver⸗ haͤltniſſen; dennoch erkennt ihn wieder, wer ihn je gekannt. Bei„Tugend oder Suͤnde?“ wird vielleicht mancher Leſer, gewiß manche Le⸗ ſerin fragen, warum ich eben dieſen Stoff gewaͤhlt? Ich antworte, daß ich mich unwiderſtehlich gedraͤngt fuͤhlte, das An⸗ denken einer Frau zu feiern, die unſern Zeiten angehoͤrte, und mehr als Lucretia war. Ich habe geſtrebt, ihr Bild auszu⸗ ſchmuͤcken mit Allem, was von Kraft und Liebe in mir noch lebt, und kann es nicht bereuen. Ich muß nur noch bemerken, als Entſchuldigung für manches Mangel⸗ hafte in der Schilderung der Kataſtrophe, ß die Gefahr der Entehrung, in der Pirklichkeit, dringender war, als meine Fe⸗ der anzudeuten wagte. Fnhalt Tugend oder Sünde?„ Glück in Leiden. Leiden im Glück. Die Stiefmutter. Der Dragoner.„ Erz à hlungen von Joſephine von Perin, geb. Freiin von Vogelſang⸗ — 5 Sehnſucht gebffnet, ſie hatte Junglinge geſehen und mit einander verglichen: wurde der, den fremde Will⸗ kuhr ihr beſtimmte, dem geheimen Wunſche ihres Herzens entſprechen? wuͤrde ſie lieben können—— geliebt werden? Ihr Loos war geworfen, ach, wie wird es fallen!— In unſaͤglicher Unruhe ſtrebten Geiſt und Herz, es zu errathen. Als Angela an der Hand ihres Vaters zu ihr trat und ſie kinblich freundlich begruͤßte, mußte Bian⸗ ca ihre Schoͤnheit bewundern, aber als ſie allein mit ihr war und die erſten Worte uͤber die Aehnlich⸗ keit ihrer Lage und die bevorſtehende Veraͤnderung ihres Standes geſprochen wurden, erſtaunte ſie weit mehr uͤber einen Grad der Unſchuld und Unwiſſenheit, den ſie bisher nicht fuͤr moglich gehalten, und von dem ſie nicht wußte, ob ſie ihn ehren oder belaͤcheln ſollte. Des andern Tages brachte eine vierrudrige Gondel im Fluge zwei Juͤnglinge an das Ufer; ſie betraten es mit hochklopfenden Herzen, und die Villa in ihrem edlen Bau, umduftet von vielen tauſend lumen, von dunkeln Laubgängen umgeben, duͤnkte ihnen ein Tempel zu ſeyn der Sottheit 6 ſe im Buſen trugen. Von einer Terraſſe ſah hernieder bas Maͤdchenbild, weiße Roſen in dem blonden Haar, und auf den zarten Wangen zwei rothe Roſen, die dennoch nicht höher gluhten, als bie Jůnglinge hin aufgrußten; nur bildete ein kindliches Läͤcheln zwei Gruͤbchen in den Wangen, eine kleine weiße Hand grußte die Kommenden, und ſchnell verſchwand das ſchöne Bild.„Die Meine!“ rief Scipio;„die Meine!“ rief Carlo, und Beide verdoppelten die Schritte. Im herrlich geſchmückten Saale ſaß Angela's Vater mit ſeiner Nichte. Angela trat in Eile nun herein, und meldete die Ankunft der Fremden. Bian⸗ ca erröthete und erbleichte.— Der Marcheſe ſprach:„Macht euch gefaßt auf den Empfang eurer Freier, Signore!“„Die Freier?“ wiederholte An⸗ gela,„ſchon heute? wirklich ſchon heute?“ und es wollte ſie ein unheimliches Gefuͤhl anwandeln. Die Thuͤren gingen raſch auf, die Juͤnglinge traten ein, und beide Maͤdchen ſchlugen die Blicke zu Boden. Nach den erſten Hoͤflichkeitsbezeigungen ſagte der Marcheſe, zu Scipio gewandt:„Kommen Sie, theu⸗ rer Sohn, urtheilen Sie nun ſelbſt, ob wir Väter für Sie gut gewaͤhlt haben?“ Er ſagte es mit dem Ton einer Zuverſicht, die er nicht einmal verbergen mochte, und fuͤhrte Scipio ſeiner Tochter zu. Der Gluckliche ergriff mit Feuer Angela's Hand, und ſtand vor ihr in ſprachloſem Entzuͤcken; ſie erhob et⸗ was ſchuͤchtern den Blick zu ihm, ſah ihm eine Weile forſchend in's Auge, und erwiederte vertraulich den Druck ſeiner Hand. Carlo hatte die Beiden beob⸗ 7 achtet, und die Worte des Marcheſe;„Hier iſt meine Nichte, Signor!“ faſt uͤberhoͤrt; er naͤherte, ſich enblich der beleidigten Bianca, begruͤßte ſie kalt ſie dankte kaͤlter, und gezwungen reichten ſie ſich die Hände. In wenig Tagen ging die Trauung vor ſich, viele Gäſte wohnten der feierlichen Handlung bei; glaͤnzende Feſte folgten, und erſt nach einer Wo⸗ che des Taumels verließen die Hochzeitgaͤſte, mit ih⸗ nen Bianca und Carlo, die Villa. Der Marcheſe reiſete nach Venedig. Da erſt kamen Scipio und Angela zum Be⸗ wußtſeyn ihrer ſelbſt und ihres ganzen Gluͤckes. Ei⸗ nes Abends ſtand Angela mit ihrem Gemahle auf derſelben Terraſſe, von welcher ſie ihn zum erſten⸗ male begruͤßte; er ſagte ihr, wie er ſchon bei dieſem fluͤchtigen Erſcheinen ſich ſo maͤchtig zu ihr hingezo⸗ gen gefuͤhlt, wie er gezittert habe, daß nicht ſie ihm zu Theil wurde, und wie er nun uͤberſelig ſey; und die ſußen Worte druͤckten noch weit weniger aus, als Ton und Blick, als die ganze lieblich edle Geſtalt, in Freud' und Liebe noch gehoben. Angela horte ihm mit einem uͤberirdiſchen Lacheln, mit feuchten Augen zu, er breitete die Arme nach ihr aus, ſie ſank an ſeine Bruſt und rief:„Ach! wodurch hab' ich es denn verdient, dich mein zu nennen, du ſchön⸗ ſtes und beſtes aller Weſen! Aber ich dir und dem, der dich mir gegeben, ich will aus 8* Kraft ſtreben, deiner werth zu werden, denn ich fuͤhle, wie viel du biſt, und wie wenig, ach, wie gar nichts ich bin!“—„Engel der Unſchuld und Liebe!“ rief Seipio und verhuͤllte das Geſicht,„laß ab, ich er⸗ trage es nicht!“—„Ja, zu viel Gluͤck iſt auch Schmerz!“ ſprach Angela.—„Wahr!— doch, Ge⸗ liebte, du verſtehſt mich nicht. O Angela! ich muß dein ſanftes Herz verwunden, den reinen Himmel deiner Unſchuld truͤben.—— Siehe! ich Thor waͤhnte zu lieben, eh' ich dich geſehen, und ein an⸗ deres Weib lag vor dir an meiner Bruſt.“ Angela wand ſich ſchluchzend aus Scipio's Armen.—„Und wenn dein und mein Herz darͤber brechen ſollten, du mußt es hoͤren—— ein ganzes Jahr hielt mich jenes Weib in ihren Banden—— und nicht ganz⸗ lich abgeworfen hatte ich ſie, als ich hieher kam, aber dein erſter Kuß hat mich gelaͤutert, geſtarkt, erhoben, du haſt mich nicht allein begluckt, Engel! du haſt mich gerettet!“—„Ich faſſ' es nicht,“ ſprach An⸗ gela ſanft,„daß du nicht immer mein warſt, doch weil wir uns gefunden, können wir, wenn wir auch wollten, denk' ich, nimmermehr von einander laſſen!“ —„Angela! ich hatte dem Prieſter gebeichtet, er hatte mich losgeſprochen von der Suͤnde, und doch fand ich keine Ruhe—— kannſt du mir verzeihen?“ „Vergeſſen will ich und mehr als je dich rier laß mich nie ſie ſehn, nie von ihr horen — 9 eins noch, nimm dieſen Ring, er iſt von ihr; ſo wie das Zeichen, opfere ich dir den Bund. Und nun,“ rief er, ſeine Gattin umfaſſend,„Liebe fuͤr Liebe, Treue fuͤr Treue! Dein Donner treffe mich, Ge⸗ rechter! wenn ich nur mit einem Gedanken ſie ver⸗ rathe.“— Vertrauen und Innigkeit wuchſen von nun an mit jeder Stunde. Der Herbſt rief die Gluͤcklichen in die Stde, ſie ſchickten ſich zur kurzen Reiſe an. Als die jun⸗ gen Gatten in der ſchaukelnden Gondel vertraulich neben einander ſaßen, ſangen ihnen die muntern, maleriſch gekleideten Barcaroli ihre ſchonſten Weiſen, und die ganze Fahrt ſchien dem liebenden Paare nur eine ſelige Minute. Am Canal grande erhob ſich Scipio's Pallaſt, eins der ſchoͤnſten in der Reihe dieſer Prachtgebaͤude. Als Scipio ſeine Geliebte darin einfuhrte, fuͤhlte er, nun erſt werde ihm ſein Eigenthum eigen. Doch bald freute er ſich vorzuglich ſeiner anſehnlichen Samm⸗ lung koſtbarer Gemaͤlde, weil Angela's angeborner Sinn fur alles Hohe und Schöne ſich ihm dadurch offen⸗ barte. Nicht nur erkannte ſie beinahe uͤberall den Pinſel großer Meiſter, auch die dargeſtellte Handlung in jedem Bilde beurtheilte ſie mit der ungetrübten 10 und ſchmeichelnd ſie beruhigen mußte. Den ſtorkſten, unausloſchlichſten Eindruck machte auf ſie eine Lu⸗ krezia.„O die Ungluckliche!“ rief ſie ſchaudernd, als Seipio ihr erklaͤrt hatte, warum Lukrezia nicht mehr leben wollte;„die Ungluͤckliche! o, ſie litt tauſendfa⸗ chen Tod!“—„Doch ihr Tod war der Freiheit Le⸗ ben“—„Die Freiheit iſt ein erhabener Gedanke— aber die Liebe—— die Scham—— Wie konnte ſie den Anblick ihres Gatten und den anderer Maͤn⸗ ner noch ertragen?“—„Sie durfte nicht erroͤthen, denn ſie war nicht ſchuldig.“—„Nicht ſchuldig, doch entehrt! O ſchweig! ihr Maͤnner verſteht Alles, nur das nicht!“—„Wohl wahr, du Reine!“—„Rein iſt nur die Gnadenmutter, aber,“ ſetzte ſie tief auf⸗ ſeufzend hinzu, ich bin, dem Himmel ſey Dank, nicht entweiht, nicht deines Kuſſes unwuͤrdig.— Sieh, nun bin ich wieder meiner ſelbſt bewußt, aber Lukre⸗ ziens Schande lag auf mir, als wäͤre ihr Loos das meine.“ Bianca und ihr Gemahl lebten auch in Vene⸗ dig. Angela erfuhr es mit Freude, und die jungen Flauen näherten ſich einander viel vertraulicher, als einſt die Mädchen. Der erſte Augenblick, in dem ſie ſich mit der Verwandten allein ſah, ſchloß Angela's ſelig ſchlagendes Herz ganz gegen ſie auf, und Bianca ſah darin, ohne Neid, aber mit tiefer Trauer, das Uebermaß eines Glückes, wovon 11 nicht einmal ein Schatten geworden war.„O,“ rief ſie mit Thraͤnen,„der Himmel hat in deiner unſchuld Schlummer fuͤr die Erfuͤllung der noch nicht aufgekeimten Wuͤnſche deines Herzens geſorgt,— was ich mit Ungeſtuͤn von ihm verlangte, mußte er mir verſagen!— Angela, ich bin ſehr unglcklich! Könnte ich nur mit Kaͤlte den Liebloſen ſtrafen, doch er ſcheint mir edel und gut, wie dir dein Scipio, und keine Tugend fehlt ihm, als— die Liebe!“ „Sie kann nicht immer fehlen,“ ſprach Angela, „nein, er wird dich lieben, er muß dich lieben, denn er muß es fuͤhlen, wie treu und gut du biſt.“ Aber die Troſtloſigkeit verſchwand nicht aus Bianca's Zuͤ⸗ gen, und ſie ſprach:„Es ſteht ein fremdes Bild zwiſchen ihm und mir!“—„Du glaubſt?“—„Nicht nur glaube ich, ich weiß! Doch wer ſie ſey, und wo und wann er ſie geſehen, bleibt mir verborgen.“ —„Bringt er viele Stunden außer dem Hauſe zu?“—„Selten eine.“—„Schreibt er oft?“ —„Nur an ſeinen alten Vater.“—„Und wie fuͤlt er die Tage aus?“ ſprach Angela verwundert. „Weiß ich es? ſeh' ich ihn?“ erwiederte ſeufzent Bianca.„Carlo verbirgt ſich in die Dunkelheit ſei⸗ ner faſt immer verſchloſſenen Gemächer; ſchon oft haben Unruhe und Sehnſucht mich bis zu ſeiner Thure getrieben, und als ich bebend davok ſtand, hörte ich ihn leiſe weinen, und einmal vernahm ich — es deutlich, wie er im Ton des hoͤchſten Schmerzes ausrief: Fuͤr mich verloren, ewig fur mich verloren die Himmliſche!—„So iſt es klar,“ ſprach An⸗ gela,„er beweint eine fruͤhere Geliebte, die ihm der Tod entriß.“—„O, wuͤßte ich es mit Gewißheit,“ rief Bianca zugleich erſchuͤttert und getroͤſtet,„wie gern wuͤrde ich mit ihm klagen! Mit ihm meine ganze Jugend vertrauern, hieße mir noch Seligkeit! Aber ich ſoll nicht Luſt, nicht Schmerz mit ihm thei⸗ len, ſein Blick gebietet mir Entfernung und Kälte, und dennoch, wuͤßt' ich es, daß er ungluͤcklich ſey und ſchuldlos, ich wollte ſeine Verachtung ertragen, wollte mich ihm naͤhern in Demuth und Liebe, und nach Jahren vielleicht wuͤrden die ſtreng verſchloſſe⸗ nen Lippen zu mir ſprechen: Freundin, Troſterin!“ Bianca warf ſich an Angela's Bruſt und weinte laut. Angela hatte keine Worte, aber ihre Arme umfaßten ſchweſterlich die Betruͤbte und druͤckten ſie feſt und innig an das mitfuͤhlende Herz. Der Bund der treueſten Freundſchaft ward in dieſer Umarmung geſchloſſen. Ehe ſie ſich fur dieſen Tag trennten, bat Binnen mit zitternder Stimme und verſchmtem Blicke die neuerworbene Freundin, zu ſchweigen von ihrem Ungluͤcke, auch gegen Scipio.„Siehe,“ ſ ie, „vor einem menſchlichen Weſen mufßte in zerriſſenes Herz aufthun, und das zarteſte n biſt du, dein Mitleid druckt die Verſchmäl 3 13 aber vor allen andern Menſchen will Carlo's Gattin von ihm geliebt ſcheinen, ſo lange er es noch duldet.“ Angela ehrte das Geheimniß der ungluͤcklichen Freun⸗ din, ſie ſagte zu Scipio nur: Bianca habe ſie be⸗ ſucht, ſie wunſche oft um ſie zu ſeyn. Scipio konnte keinen Wunſch der Geliebten unerfullt laſſen, und auch er freute ſich auf die erſte Zuſammenkunft mit Carlo, nach einer Trennung von mehreren Monden. In den Tagen der rauſchenden Freude, am Ufer der Brenta, war Scipio weit davon entfernt gewe⸗ ſen, ſeinen Jugendfreund zu beobachten; er wußte es nicht, daß Carlo nur mit dem Blick des Neides ſein Gluͤck geſehen, daß ſein eigenes Loos ihm nur als Parodie davon erſchienen war. Carlo glaubte dem Hohn des Schickſals ſeinen ganzen Trotz entge⸗ genſetzen zu muͤſſen. Er hatte Bianca zum Altare gefuͤhrt, weil das Wohl ſeines Hauſes von dieſer Ver⸗ bindung abhing, weil er ſeinem von Alter und Un⸗ gluͤck gebeugten Vater geſchworen hatte, ſie zu ſchlie⸗ ßen; aber Bianca war ihm verhaßt, weil—— ſie nicht Angela war,— und er ließ ſie das ganze Ge⸗ wicht ſeines Haſſes fuhlen, freilich nicht durch ge⸗ meine Herabwuͤrdigung, denn ſie trug ſeinen Namen, nein! durch eiſernen Ernſt und Todeskalte. Ach! Scipio ahnete es nicht, welchen verhaͤng⸗ nißvollen Schritt er wage, als er, Angela am Arme, Carlo's Haus betrat. Bianca kam ihnen hoch er⸗ freut entgegen. Scipio uͤbergab ihr ſeine Gattin; beide Frauen gingen mit innig verſchlungenen Ar⸗ men, vertraulich fluͤſternd, der Terraſſe zu, wohin Bluͤthenduft ſie ſchmeichelnd lockte. Scipio eilte Carlo aufzuſuchen in ſeinem eigenen Gemache; doch er mußte mit Macht an ſich halten, um bei ſeinem Anblick nicht aufſchreiend zurück zu treten.— Hef⸗ tig, leidenſchaftlich war ihm Carlo von jeher erſchie⸗ nen, und eine finſtere Wolke zwiſchen den Augen⸗ braunen hatte von jeher die edle Stirn entſtellt, die Harmonie der ſchoͤnen Zuge geſtört; aber dieſe Zer⸗ riſſenheit in allen Theilen des blaſſen, eingefallenen Geſichtes, dieſes duſtere Brennen der Augen in ih⸗ ten tiefen Hoͤhlen, dieſer bald ſchmerzhaft, bald höh⸗ niſch verzogene Mund——„Was hat in dieſen Zuͤgen gewäthet?“ fragte Scipio ſich ſelbſt, Carlo zu fragen hatte er nicht den Muth. Carlo war bei ſeinem Eintreten aufgeſtanden, aber auch nicht um einen halben Schritt ihm entgegengekommen, unbe⸗ weglich ſtand er und wurzelte den Blick in den Bo⸗ den. Enblich ſagte Scipio ſanft:„Du biſt krank?“ —„Ja!“—„Warum ließeſt du mich nichts wiſ⸗ ſen?“— Carlo ſchwieg.—„Haſt du keinen Arzt gefragt?“— Carlo ſchwieg.— Halb von Unwillen, halb von Mitleid bewegt, wandte ſich Scipio von dem Stummen, und kehrte zu den Frauen zurück. Carlo war ihm wie im Traume gefolgt. Sie kamen au 15 die Terraſſe, wo die Frauen unter Blumen noch weilten. Alles an dieſem Abend vereinigte ſich, An⸗ gela's Liebreiz zu erhohen. Sie hatte vor Bianca einige andere edle Venetianerinnen beſucht, und war im Anzuge ihres Standes. Schwarzer Sammet ſchmiegte ſich feſt an den jugenblichen Buſen und wallte dann in großen, herrlich gebrochenen Falten zu den zarten Fuͤßen hinab. Durch den ſchwarzen Spitzenſchleier ſchimmerte das Gold der blonden Lo⸗ cken, von der Juwelen Pracht gekront, und das liebliche Antlit, deſſen zarte Blothe die angenehme Fuͤhle des milden Herbſtabends heller röthete, ſtrahlte, ſelbſt ein Juwel, aus der dunkeln Umgebung hervor. Ach, und uͤber die ganze herrliche Geſtalt ergoß ſich noch verklaͤrend, als Scipio nahete, der Zauberglanz begluͤckter Liebe.— Armer verlorner Carlo!— Er trat zu ihr—— Himmelsluſt und Hoͤllenqual ran⸗ gen in ſeiner wunden Bruſt. Sein ſcheues Auge ſuchte das ihre, und begegnete dem ruhig heitern Blicke der ſichern Unſchuld; ſein Innerſtes erſtarrte. Sie, die er ſeit dem erſten Erblicken in ſeinem glů⸗ henden Herzen getragen, vor deren ihm allgegenwaͤr⸗ tigen, angebeteten Bilde er oft, bald weinend, bald ſelig lächelnd, in ſchlafloſen Nichten knieend lag, ſie ſtand ihm jetzt ſo nah, daß er wonneſchauernd ihren Athem fuhlte, und behauptete ihre Unbefangenheit. — O weißt du es nicht, füͤhlſt du es nicht? rief 16 ſeine Seele der ihren zu— und vielleicht hätten ſeine zitternden Lippen es ausgeſprochen, aber der Schall von Scipio's und Bianca's Stimmen drang an ſein Ohr, er beſann ſich, und war nun erſt ganz unglucklich. Denn nicht die Geliebte, nicht das Ei⸗ genthum ſeiner trunkenen Phantaſie ſtand mehr vor ihm, ſondern Scipio's Gattin, eine der erſten unter den ſtolzen Venetianerinnen. So fluͤchtig Angela's Auge, das nur auf Scipio weilen konnte, Carlo's Geſtalt erfaßt, ſo hatte doch die zu ſichtbare Zerſts⸗ rung ſie erſchreckt, und ſie fragte theilnehmend, was ihm fehle?—„Ein verzehrendes Fieber, Sig⸗ nora!“ gab er wirklich fieberhaft ſtotternd zur Ant⸗ wort,„und,“ ſetzte er gezwungen laͤchelnd hinzu, „wenn es mit ganzer Gewalt in mir wuͤthet, iſt mir wahrlich beſſer, als wenn es nachlaſſen muß.“ An⸗ gela faßte nicht den wahren Sinn der Worte, ſie verſtand die Blicke nicht, welche ſie begleiteten, den⸗ noch fuͤhlte ſie ſich von innerer Angſt ergriffen, und näherte ſich, Schutz ſuchend, ihrem Gemahle. Nun wurde das Geſpräch allgemein und drehte ſich um gleichguͤltige Gegenſtände; kaum vermochte Carlo ſein ungeſtum ſchlagendes Herz zu bezwingen, und Theil daran zu nehmen. Trotz allem Zwange fuhlte er das Beſeligende von Angera's Gegenwart, und als Scipio, bei herannahender Nacht, ſeine Gattin erin⸗ nerte, daß es mun Zeit ſey in die wartende Gondel . 17 zu ſteigen, war es Carlo zu Muthe, als raube er ihm zum zweitenmale die Geliebte. Noch vom Ufer rief das gluckliche Paar das gewohnliche„felice notte“ den beiden ihnen von der Terraſſe Nachſehenden in weichem Tone zu. Ein ſchallendes Hohngelaͤchter, nur von Bianca vernom⸗ men, war Carlo's Antwort auf dieſen Abſchiedsgruß. Dieſer qual⸗ und wonnevolle Abend hatte aus Carlo's Bruſt jede beſſere Geſinnung, jedes heilige Gefühl, das noch der Leidenſchaft widerſtand, mit verzehrender Glut getilgt. Er hatte ſie wiedergeſehn! Nur ihr Anblick war Leben, martervolles,—— gleichviel, es war Leben!—— und wo Angela's Augen nicht leuchteten, da war die Oede und das Grauen der kalten Gruft. So oſt nun Bianca An⸗ gela beſuchte, begleitete er ſie. Aber nur auf Minu⸗ ten konnte er dem Sturme in ſeiner Bruſt gebieten, und außerlich ruhig die ewig heitern Blicke Angela's ertragen. Unſtaͤt durchirrte er Pallaſt und Garten, ſuchte die Frauen wieder auf, und floh ſie wieder, oft floh er auch das Haus, das zugleich ſeinen Him⸗ mel und ſeine Hölle einſchloß. Aber von allmächti⸗ ger Sehnſucht getrieben, betrat er es oft in derſelben Viertelſtunde wieder. Eines Abends jedoch erſchien er ſo lange nicht, daß Bianca wähnte, er habe ſie vergeſſen; Scipio bemerkte ihre Aengſtlichkeit, und bot ſich ihr zum Begleiter an. Kaum hatten die Pperin Erzählungen. 2 18 Beiden Angela verlaſſen, als Carlo zuruckkehrte. Sie allein zu finden, welch ein unverhofſtes Gluͤck! Doch ſchien es zentnerſchwer auf ihm zu liegen, und Blick und Zunge waren gelaͤhmt. Angela begruͤßte ihn mit ruhiger Freundlichkeit, und ſagte ihm, warum er Scipio und Bianca nicht bei ihr ſehe.„Laßt Eure Gemahlin, die Euch in der eigenen Wohnung anzu⸗ treffen glaubt, nicht uͤber euch in Sorgen,“ fügte ſie hinzu.—„Da Ihr durch mein Verſchulden allein ſeyd, muß ich hier warten, bis Seipio Euch wieder⸗ kommt.“—„Aber Bianca harrt Eurer mit Angſt, und ich erwarte Scipio mit ruhiger Zuverſicht; ich weiß, er ſaͤumt nicht lange!“— und ihre Zuge belebte das Bewußtſeyn ſeiner Liebe mit der Freude Strahl.— Carlo betrachtete ſie lange ſchweigend, und ſprach dann:„Ihr ſeyd alſo ganz gluͤcklich, Angela?“ —„Ich bin Scipio's Gattin, und Ihr fragt?“ er⸗ wiederte ſie mit Stolz.—„Eben weil Ihr ſein ſeyd, muß ich zweifeln,— armes, bethoͤrtes Kind! — Geht nach Verona, und fragt dort wen immer, und Ihr werdet erfahren, ob Ihr ſeine erſte, ſeine einzige Liebe ſeyd.“—„Ihr werdet, da Ihr ſo ge⸗ nau unterrichtet ſeyd, auch wohl dieſen Ring ken⸗ nen,“ ſprach Angela, und hielt ihn dem beſturzten Carlo vor die Augen.—„Euch aufgeopfert alſo!“ —„Nicht mir, wenn Euch der Gedanke mißfällt, der Liebe, der Wahrheit!“—„Und dafur,“ ſprach 49 Carlo, ſich ganz vergeſſend,„opfert Ihr ihm wohl mein Herzblut auf?“—„Mein Leben, mein Blut mit Entzuͤcken!“ rief Angela,„doch an Euch habe ich keinen Theil!“—„Und wenn Ihr auch nicht wollt, Ihr muͤßt es dulden, daß ich Euch an⸗ gehöre!“—— Scipio's Tritte hallten im Vorſaal. „Euer Abgott naht!“ ſprach Carlo ſchnell;„o, ich beſchwoͤre Euch, klagt mich bei ihm an, ſagt ihm, daß ich ihn mit Luſt verrathen habe, weil ich ihn eben ſo gluhend haſſe, als ich Euch liebe!—— Ich mochte einen Andern auch wuͤthen ſehen, ich möchte“ —— Scipio trat ein, und reichte, mit dem offe⸗ nen Blicke der Freundſchaft, dem Raſenden die Hand. Carlo beruͤhrte ſie nicht, er ſtuͤrzte, halb von Sin⸗ nen, hinaus.—„Er und Bianca ſind ſehr un⸗ glcklich!“ ſagte Angela.—„Und wir ſelig, Ge⸗ liebte!“ rief Scipio, und zog ſie an ſein Hetz. Carlo reiſ'te nach Verona. Dort ſuchte er Sci⸗ pio's ehemalige Geliebte auf; er hoffte, eine Bundes⸗ genoſſin an ihr zu finden.—„Ihr ſeyd verrathen und verlacht,“ ſprach er zu ihr,„ich ſah Euren Ring an der Hand der jungen Spoſa; ſie prahlte mit der Treue des gewiſſenhaften Gemahls, dem kein Schwur mehr gilt, außer dem letzten.“—„Das iſt wohl oft ſo bei Euch der Fall?“ ſprach Eulalia lächelnd. —„Ihr ſeyd ruhig?“—„Warum ſollt ich nicht? — Iſt doch der Verluſt nicht unerſeblich!“—„und Ihr haͤttet ihn geliebt?“—„O ja, einmal,“ ſprach Eulalia zerſtreut, indem ſie wohlgefällig in ei⸗ nem Handſpiegel den eben vollendeten Kopfputz be⸗ ſah, und eine Locke von der glatten Stirn wegſtrich. —„Ihr ſeyd vor Liebe ſicher,“ ſprach Carlo mit der tiefen Verachtung der Leidenſchaft gegen den Leichtſinn,„Ihr ſeyd vor Liebe ſicher, die ernſt und maͤchtig iſt wie der Tod, und furchtbarer als er. Carlo hatte ſich vor Angela unedel gezeigt, er fuͤhlte es nun; ach, ganz anders hätte die Liebe zum erſtenmale an's Licht treten ſollen! Sie war nicht ſo niederer Art, als er ſie ſelbſt angekuͤndet, ſie hatte noch des Göttlichen an ſich, warum hatte ſie ſich als ein finſterer, unterirdiſcher Geiſt der Heiligen genaht? — Zum Engel verklaͤrt, haͤtte ſie den Engel an⸗ lächeln ſollen, dann vielleicht!— dann wenigſtens hätte ſie nicht Verachtung davon getragen. Carlo's Seele erlag unter dem Gedanken, von ihr verachtet zu werden; es war Vernichtung. Er ſcheute ſich nun vor ihrem ſonſt ſo heiß erſehnten Anblick, er kehrte nicht zuruͤck nach Venedig, bis die Nachricht, ſeine Gattin habe ihm einen Sohn geboren, dahin zuruͤckrief. Nicht ungeruhrt betrat er Bianca's Gemach, er ſtand nicht ohne heiligende Vaterfteude an der Wiege ſeines ſchlummernden Kindes. Bianca ſah ihn wehmuͤthig lächelnd an, er kuͤßte die Hand, die 21 ſie ihm reichte, und ſprach:„Ich gruße dich, Mut⸗ ter meines Sohnes! er trockne die Thraͤnen, die du um den liebloſen Vater weinſt.“—„Habe Dank, daß du die Thränen ſiehſt,“ ſprach Bianca leiſe.— „O, von nun an fällt jede brennend auf mein Herz, — doch, wenn ihre Quelle nicht verſiegt,— ver⸗ zeihe!“ Ein ſchmerzlich ſchönes Band ſchlang ſich nun um Beider Herzen. Wenn Bianca im begluͤckenden Muttergefuhl ihr Kind umarmte, veraͤnderten ſich oft plotzlich die erheiterten Zuͤge, und mit ſtillgluͤhender Sehnſucht im feuchten Blicke, betrachtete ſie Carlo's Sohn, Carlo's Bild! Und wenn er mit ſtolzer Vaterfteude den Knaben hoch empor hielt, gegen die Sterne, weil Träume ſeiner kuͤnftigen Große ihm vor die Seele traten, uͤberfiel ihn oft Reue und Mitleid, er legte das Kind nieder an der Mutter Bruſt, und ſein Auge fragte: Was hab' ich dir ge⸗ geben fur das theure Geſchenk? Mildes Dämmerlicht der Freude, das mit mat⸗ tem Strahle aus der Schwermuth Wolken bricht, du allein biſt dem thränenmuͤden Auge labend, vor dei⸗ nem vollen Glanze muͤßte es erblinden!— Carlo und Bianca wußten es nicht, daß ſie ihre ſchönſten Tage lebten, ſie wollten mehr, und traͤumten von einer Zukunft, die nicht kommen ſollte. In einer der Stunden, wo die Elternliebe beide 22 Gatten begluckend vereinigte, rief Bianca, mit begei⸗ ſtertem Blicke:„Ja, ſußes Kind, du ſollſt alles Theure nah und immer naͤher mir verbinden! Carlo, wenn Angela, meine edle Freundin, einer Tochter das Leben giebt, ſo ſollen dieſe zwei Kinder, die un⸗ ter treu verbundenen Herzen zum Daſeyn reiften, mit dem engſten, heiligſten Bande unauflöslich vereint werden; ſag an, Vater, willſt du?“—„Ob ich will!“ rief Carlo; mit uͤberſtrömendem Entzůcken. —„O, du ſeliges, ſeliges Kind!— Angela's Toch⸗ ter— ein Abdruck ihrer himmliſchen Schoͤnheit ſollte dein werden?— O, wie wird er ſie lieben!— Doch ſie?— ſie wird erwärmen muͤſſen an ſeiner gluͤhenden Bruſt.“— Carlo war außer ſich; er hatte Bianca's plötz⸗ liches Erblaſſen nicht geſehen, aber nun weckte ihr lautes Schluchzen ihn aus dem Taumel der mit ſo furchtbarer Gewalt aus den Tiefen des lang ver⸗ ſchloſſenen Herzens hervorbrechenden Leidenſchaft. Er ſchwieg, ſchlug an die Stirne, und. ſtand lange un⸗ beweglich vor der Ungluͤcklichen, der er das Herz ge⸗ brochen in dem Augenblick, wo es ſich den ſchoͤnſten Poffnungen erſchloß. Endlich ſank er, von Reue uͤber⸗ wiltigt, zu ihren Fußen; ſie wendete den Blick von ihm weg, und ein Zeichen ihrer Hand hieß ihn, ſich entfernen. Er blieb, denn ſein Herz drang ihn, zu troͤſten, aber Bianca wiederholte das Zeichen, und 23 hob dann bittend den thraͤnenſchweren Blick, die zit⸗ ternden Haͤnde zu ihm empor;— er im In⸗ nerſten zerriſſen. Nichts hatte bisher der armen Bianca den Wahn benommen, Carlo's Liebe wohne unter den Graͤbern, und ſie in's Leben zuruͤckzurufen, ſchien ih⸗ rer unendlichen Sehnſucht keine Unmoglichkeit, ſeit Carlo's Auge nicht mehr mit des Zornes Pfeil gegen ſie bewaffnet war, ja oft wehmuͤthig mild ihrem Blicke begegnete. Aber wo ſollte das zermalmte Herz jetzt noch Hoffnung ſchoͤpfen? Carlo liebte nicht eine Leiche, die Jugend und die Schoͤnheit in ihrer herrlichſten Bluthe liebte er, die Krone aller Frauen liebte er, die Bianca ſelbſt, in williger Anerkennung der hochbegabten Freundin, oft uͤber ſich und ihr gan⸗ zes Geſchlecht in begeiſterter Rede erhoben.— Bian⸗ ca rang mit der Verzweiflung; ſie unterlag ihr nicht⸗ denn aus den Tiefen ihrer zerriſſenen Seele, rief es: O, du Staͤrke der Schwachen, verlaß mich nicht!— Am Morgen betrat Bianca, Todtenbläͤſſe auf den Wangen, Ergebung im erloͤſchten Blick, Carlo's Gemach.„Dein Weib iſt in dieſer Nacht geſtorben,“ ſprach ſie zu ihm,„aber eine treue Schweſter iſt dir geboren,— ungluͤcklicher, verirrter, und doch ewig theurer Bruder! Reiche vertrauend mir die Hand, laß mich mit dir weinen und tragen; ich ſchwoͤre es dir, ich will nur deine Schmerzen fuͤhlen!— Das Herz, das keiner Hoffnung mehr entgegenſchlägt, hat die Ruhe des Todes ſich errun⸗ gen.— Mein Gluͤck?— mein Schmerz? — das iſt nun leerer Schall!“— Carld erſchrak uͤber ihren Anblick, uͤber ihre Reden; er fuͤhlte, wie der Sturm in dieſer Bruſt gewuͤthet, bis ſich alle Wellen des emporten Gefühles gelegt, und Grabes⸗ tſtille darin herrſchte. Er wußte nicht, ob er es wuͤn⸗ ſihe oder furchte, daß Bianca's Herz, in Sehnſucht 3 und Trauer neu aufgeregt, des gewohnten Schlages wieder ſchlage; ſie war ihm und dem Leben ſo fremd in ihrem feierlichen Ernſt!— Aber Bianca hatte uͤberwunden, ſie blieb ruhig, und wurde immer mil⸗ der, und nicht ihr Mund allein, ihre Seele nannte Carlo Bruder!— Bald naͤherte er ſich ihr, als ſolcher, mit unbegraͤnztem Vertrauen. Im Bewußt⸗ ſeyn der hochſten Selbſtverlaͤugnung dachte Bianca nicht daran, wie leicht, in unnatürlichen Verhaͤltniſ⸗ ſen, auch edle Triebe auf Abwege fuhren können.— Durfte Carlo's Gattin die Vertraute ſeiner ſtrafbaren Liebe werden? So hatte Bianca ſich ſelbſt nicht ge⸗ fragt, oder ihr Herz, nicht ihr Gewiſſen hatte die Frage entſchieden. Bald ſtrahlten Angela's Zuge von allen Wän⸗ den dieſes Hauſes, denn die Sehnſucht hatte ihre klagenden Tone frei erheben duͤrfen, und die Erinne⸗ tung brachte in Bildern ſie zuruͤck. Zu ſpät er⸗ * 25 kannte Bianca, wie unheilbringend ihre Großmuth ſey. Scipio und Angela zaͤhlten nur ſchoͤne Stun⸗ den. Auch ſie mußten des Lebens Bedingung erfullen; des Herzens Heiligthum bewahrte die Treue, nur von außen konnte der Schmerz nahen,— Angela wurde tödtlich krank.— Scipio's Seelenzuſtand konnte, außer Carlo, niemand ahnen, niemand thei⸗ len, und von einem, ihm unerklarbaren, Triebe ge⸗ draͤngt, ließ Angela's Gemahl, nach einer ſchreckens⸗ vollen Nacht, ihn zu ſich rufen, und warf ſich, als er die Angſt ſeines eigenen Herzens auf deſſen Stirn las, ſchluchzend in ſeine Arme, und Carlo druͤckte mit Innigkeit den an ſein Herz, den er vor zwei Tagen noch wie ſeinen Todfeind haßte. Sie traten, Hand in Hand, vor Angela's Bette. In einem todahn⸗ lichen Schlummer, regungslos, farblos, ein ſchones, edles Marmorbild, mit einem ſchmerzlichen, von den unbeweglichen Lippen feſtgehaltenen Lacheln, lag ſie da,— eine Geſtalt, die das roheſte, fuͤhlloſeſte Ge⸗ muͤth mit heiliger Ruͤhrung ergriffen hätte. Ein Schrei der ſchmerzlichſten Ueberraſchung drang aus Carlo's Bruſt, dann faltete er die Hände, und der Erde, dem eigenen Schmerz entruͤckt, ſtand er, an⸗ betend, vor dem Engel, und ſo, in ihrem Anſchauen verloren, mußte das Stillſtehen von Angela's Leben bald in den uͤbergehn, den ihr Athem belebte:— 26 auch in ſeinen Abern ſtockte das Blut, er fuhlte den Schlag ſeines Herzens gehemmt, Leichenblaͤſſe er⸗ goß ſich auch uber ſein Antlitz, ſeine Sinne ſchwan⸗ den, die nur halbgedachte, aber noch ſuͤß empfundene Vorſtellung, mit ihr ſterben, brachte das La⸗ cheln auch auf ſeine bleichen Lippen, und er ſank ohnmaͤchtig am Fuße ihres Bettes nieder.— Scipio ſah hin, und rief:„Fuͤhrt der verwirrende Schmerz uͤberall ihr leidendes Bild vor mein geblendetes Auge, oder iſt die finſtere Erſcheinung wirklich dieſer Licht⸗ geſtalt aͤhnlich geworden?“ Carlo wurde noch in gänzlicher Bewußtloſigkeit zu der beſturzten Bianca gebracht. Scipio ſah in dem ganzen uͤberraſchenden Auftritt nur eine Folge von Carlo's kraͤnklichem Zuſtande, ein Spiel ſeiner uͤberſpannten Einbildungskraft, und vergaß ihn bald, denn in ſeiner Seele war nur fuͤr einen Gedanken Raum, fur den, an Angela's Leiden, an Angela's Gefahr.— Sie genas. Scipio jubelte laut, Carlo vergoß im Stillen Thraͤnen einer wehmuͤthigen Freu⸗ de.„Alles eilt hin zu ihr,“ klagte er,„und viele Lippen ſprechen von Empfindungen, die das Herz nicht, oder nur ſchwach bewegen, und meine Liebe muß verſtummen!“— Seit jenem Abend, an wel⸗ chem er Scipio vor ſeiner Gattin herabzuwuͤrdigen verſucht, und nur ſich ſelbſt in ihren Augen erniedri⸗ get hatte, war er ihr nur genaht, ſie in den Armen des Todes zu erblicken,— und Angela wußte nicht, was er da empfunden, ſie hatte von allen ſeinen un⸗ ausſprechlichen Leiden, von ſeinem Leben und Ster⸗ ben in ihr und fuͤr ſie, nicht die entfernteſte Ah⸗ nung.„Ich will, ich muß zu ihr!“ rief es in ſei⸗ nem Herzen,„ich muß das geliebte Auge, das ich ſchon auf ewig geſchloſſen waͤhnte, einmal wieder leuchten ſehn!— Wo iſt das Weſen, das, wie ich, ewig verbannt lebt aus den Strahlen ſeiner Sonne?“— Aber dann dachte er wieder, daß An⸗ gela's Auge für ihn nur den kalten Blick der Ver⸗ achtung haͤtte, der ihn treffen wuͤrde wie der Blitz, der oft zu zuͤnden verſchmaͤht, und nicht minder töd⸗ tet.— Und er fuͤhlte nicht mehr den Muth, ihre Schwelle zu betreten. Der April ging zu Ende, als Scipio ſich ent⸗ ſchloß, auf wenige Tage Angela zu verlaſſen. Er reiſete allein nach der Villa; zaͤrtlich beſorgt, wollte er ſelbſt alles dort anordnen zum Empfang der theuten, ihm neugeſchenkten Gattin. Noch leidend, durch die Ge⸗ fahr, in der ihr Leben juͤngſt geſchwebt, daran erin⸗ nert, wie leicht das Gluͤck auf immer entflieht, zählte Angela, in banger Sehnſucht, die Stunden, die ſie noch trennen ſollten von dem Geliebten. Endlich erſchien der Tag, der Wiedervereinigung geweiht, aber der Himmel feierte ihn nicht; er war mit tru⸗ ben Wolken umzogen, der Sturmwind heulte, und das dumpfe Erbrauſen des, in ſeinen Tiefen beweg⸗ ten Meeres, drohte wie ferner Donner. Freunde und Diener baten Angela, die Fahrt uͤber die Lagu⸗ nen nicht zu wegen, ſelbſt die muthigen Barcaroli hatten Bedenklichkeiten; aber das verlangende Herz kennt keine Bedenklichkeit, Angela beſtieg furchtlos und freudig die Gondel, die, ſie zum Ziel ihrer Liebe zu tragen, bereit war. Nicht lange wogte das leichte Fahrzeug, als diejenigen, die es lenkten, erkennen mußten, ſie wär⸗ den es umſonſt vor der immer wachſenden Gewalt des Sturmes zu retten ſuchen, und der Untergang ſey unvermeidlich, wenn nicht der Himmel Huͤlfe ſendete.— Die Huͤlfe kam;— ob vom Himmel? — In geringer Entfernung zeigte ſich eine Beſta; ihr größeres Gewicht, von den nervigen Armen, die ihre Ruder ſchwangen, unterſtutzt, ſchien die empor⸗ ten Wellen leicht zu bezwingen.— Angela's Bar⸗ caroli ruderten, mit Anſtrengung aller Kraͤfte, der Beſta zu, und baten um Aufnahme für ihre Si⸗ gnora; ſie ſelbſt wollten mit einem ſtarken Tau die Gondel an das ſchwere Fahrzeug binden, und ſo, fuͤr den Nothfall der Rettung nahe, ihre Kraft weiter verſuchen. Sie fanden willige Gewahrung ihrer Bitte. Angela ſah und hörte in halber Sn was zu ihrer Rettung vorgenommen wurde; ſie ließ 29 gebuldig, ja faſt gleichguͤltig, mit ſich ſchalten; ſie fühlte nur die Angſt, die Scipio jetzt um ſie qualen mußte, ſie ſelbſt konnte an keine Gefahr glauben; ihr Herz weiſſagte ihr zu deutlich das nahe Wieder⸗ ſehen. Angela wurde in die Beſta gehoben, und in den bedeckten Theil derſelben eingefuͤhrt.— Auf⸗ einer niedern Bank im Hintergrunde ſaß ein Mann in ſchwarzer Kleidung, den Kopf ſchwermuͤthig in die eine Hand geſtuͤtzt, indeß die andere auf einem offe⸗ nen Buche nachlaͤſſig ruhte. Angela trat ein; beim Rauſchen des Vorhanges, der hinter ihr wieder zu⸗ gezogen wurde, blickte der Träumende empor, und ſah— ſeinen Traum verwirklicht. In der unaus⸗ ſprechlichen Angſt, die ſie ergriff, wußte Angela nicht, wie ſie auf Carlo's Sitz gekommen war.— Sie ſaß, die Glieder gelaͤhmt, das Herz erſtarrt vor Schre⸗ cken und Abſcheu. Carlo lag, aufgeloͤſ't in Liebe und Schmerz, zu ihren Fuͤßen. Umſonſt ſuchte ſein Blick den ihren; tiefgeſenkt waren Angela's lange Augenwimpern, und ſchuͤtzten ihr Auge vor des ſei⸗ nen Glut.— „Warum waffnet Ihr Euch mit Strenge ge⸗ gen mich, Angela?“ fragte er,„bin ich ſtrafbar, weil der Himmel endlich Erbarmen trug mit den unſäglichen Qualen meiner Seele? O, ſeyd gutig, wie er, ſchenket mir fuͤr alle Schmerzen, die ich um 30 Euch litt, und noch leiden ſoll und will,— mur ei⸗ nen milden Blick. Nur einmal laßt das ſanfte Licht Eurer Augen in die duͤſtere Nacht meines Innern dringen, und es iſt vielleicht auf immer helle in mir. — Ihr fuͤrchtet Euch vor der Suͤnde, wenn Ihr mir die kleine, ſchuldloſe Bitte gewahret? O, Ihr ſeyd in einem ſchrecklichen Irrthum; Ihr ſuͤnbiget, indem Ihr mich vernichtet; ich bin auch Gottes Ge⸗ ſchöpf wie Ihr, und eine Menſchenſeele ſoll keine an⸗ dere der Verzweiflung preis geben.— Angela, an⸗ gebetetes, ſchoͤnes, heiliges Weſen, ich hege keinen frevelhaften Gedanken, ohne Maß und Gränze iſt meine Liebe, aber ſie zieht dich nicht hinab in mei⸗ nen Staub, ſie erhebt ſich zu dir, ſie kann ſich noch hinaufſchwingen zu deiner Sternenhöhe; o, raube ihr nicht auf ewig Troſt und Muth!“ Angela's Herz blieb verſchloſſen, ihr Mund ver⸗ ſiegelt, ihr Blick am Boden geheftet.— Die dunkle Vorſtellung von Carlo's Schmerz um ſie, quälte, aber ruhrte ſie nicht, denn keine ſympathetiſche Re⸗ gung konnte ihr ſein Gefuhl verdeutlichen.— Lie⸗ bestöne aus Scipio's Munde hallten noch im Inner⸗ ſten ihrer Seele ſuͤß und laut, wie der Nachklang einer Himmelsharmonie, Carlo's Klagen trafen nur ihr Ohr.— Er fuͤhlte es nun, und ſchwieg; ſein Herz war gebrochen, fuͤr die Hingabe ſeines gan⸗ zen Weſens nicht einen Blick!— Auf immer fühlte er ſich um jeden troͤſtenden Wahn gebracht, denn was ſtand jetzt ʒwiſchen ihm und ihr, als ihre Stren⸗ ge?— und doch konnte er ihr nicht zurnen, ihre Bläſſe erinnerte ihn an jenen Abend, wo er gehofft hatte, mit ihr zu ſterben; ſeine Lippen bewegten ſich ſchon, es ihr zu ſagen, aber gewaltſames Schluchzen brach ihm die Stimme. Angela's Tuch war ihrer Hand entfallen, er ergriff es haſtig, kußte es, be⸗ deckte damit ſeine Augen, und weinte heftig und lange. Der Sturm war voruͤber. Angela nahm es wahr, durfte ſie noch läͤnger in Carlo's Naͤhe ver⸗ weilen? Sie ſtand auf; beim Rauſchen ihres Ge⸗ wandes fuhr Carlo zuſammen, und hob den naſſen, flehenden Blick zu ihr empor.— In dieſem Blicke lag ſeine ganze Seele; Angela mußte ihn verſtehn, vielleicht regte ſich das Mitleid in ihrem Herzen; um ſo ſchneller eilte ſie hinweg, Carlo ihr nach, und in⸗ dem er ihr aus der Beſta in die Gondel half, ſprach er leiſe und ſchnell zu ihr:„Nehmt zuruͤck dies Tuch, von den Thränen meiner Verzweiflung ſchwerz blieb' es in meiner Hand,— es koͤnnte mich geluͤ⸗ ſten, die Thränen in Scipio's Blute abzuwaſchen.“ — Mit weggewandtem Geſicht nahm Angela das Tuch, und warf es ſchaudernd in das Meer.— Carlo knirſchte vor Wuth, und ſchwur ſich ſelbſt und allen ſinſtern Mächten, nicht ungeraͤcht zu laſſen che S 232 Bianca erfuhr aus Carlo's Munde, bis auf den Keinſten Umſtand, Alles, was auf der unſeligen Fahrt ſich zugetragen, und er verhehlte ihr nicht ſeinen Ent⸗ ſchluß, von nun an nichts mehr zu achten, und um je⸗ den Preis Scipio's Gluͤck zu ſtören.—„Nicht ber Tugend, ihrem Götzen hat ſie mich kalt geopfert,“ ſprach er,„und nicht geduldig werde ich verbluten am Fuße des Altars, den ihre thorichte Anbetung ihm errichtet!“— Bianca's liebevolle Vorſtellun⸗ gen glitten ab an ſeinem verhaͤrteten Sinn; Rache⸗ durſt und Liebeswuth erfüllten ſeine ganze Seele. Venedig war nur ſcheinbar noch Carlo's Auf⸗ enthalt; ſeinen dortigen Bekannten zeigte er ſich zu⸗ weilen, und die traurende Bianca durfte es Nie⸗ mand klagen, daß ſie verlaſſen war. Sie allein wußte, daß Carlo, unter oft veranderter Verkleidung, ab⸗ wechſelnd in den Bauerhöfen und Fiſcherhutten, die um die Villa zerſtreut lagen, verborgen lebte. Ei⸗ nen von Angela's Dienern hatte ſein Gold erkauft, ſo wußte er um jeden ihrer Schritte, und begegnete ihr uͤberall; ungeahnet ſie umſchweben, genugte noch ſeiner Liebe, er vermied es, in ihre Naͤhe zu treten und ihr Auge auf ſich zu ziehen. Allein er erfuhr durch jenen untreuen Diener, ſie habe ihren Ge⸗ mahl erſucht, Carlo, deſſen finſtere Geſtalt, deſſen verſtörtes Weſen ſie erſchrecke, ihr Haus verſchließen zu dürfen,— und nun erblickte ſie, wie zu ihrem 8 Verderben vervielfaͤltigt, in jeder Geſtalt die ver⸗ haßte. Der Bettler, der am Thore eine Gabe aus ihrer Hand empfing, der Schiffer, der dort unten in dem Kahne zu ſchlummern ſchien, der Improviſatore, der, als ſie zum Fenſter trat, mit ſeinem eintönigen Saitenſpiel und einem bedeutendern Liede ſie begrußte, der Gaͤrtner, der in einem fremden Garten, den ſie zum erſtenmale betrat, ihr die ſchonſte aller aufge⸗ bluͤhten Roſen reichte,— war Carlo.— Beinahe am liebſten ſchien er ſich ihr zu naͤhern, wenn ſie, begluͤckt und ſicher ſich waͤhnend, an Scipio's Arme hing. Schadenfroh ſah er ihr plötzliches Erblaſſen, ihr Ringen nach Faſſung, die Angſt des zarten Ge⸗ wiſſens. Das Erkennungszeichen, einen Flammen⸗ blick voll Zorn und Liebe, hatte er nur ihr gegeben, und jedem andern Auge wußte er verborgen zu blei⸗ ben; aber Angela zitterte vor der Moͤglichkeit, daß ſeine Leidenſchaft oder der Zufall ihn verriethe: ſie ſah im Geiſte ſchon die blanken Degen wie Todes⸗ fackeln leuchten, ſie ſah Blut fließen, und Scipio's edles Leben enden, oder ein anderes durch ihn, und Ruhe und Heil— hier und dort— fuͤr ihn verlo⸗ ren;— flehend wandte ſich ihr Blick zu dem verwe⸗ genen Betruͤger, und ſo hatte er ſie doch zu einer Art des Einverſtändniſſes mit ihm gezwungen. An ihrem Namensfeſte fand ſie, als ſie von einem Gange in den Weingärten zuruͤckkam, ihr Ge⸗ Perin Erzählungen. 3 mach auf das überraſchendſte mit Blumen geziert, die Hand der Liebe war unverkennbar. Angela blickte, dankbar laͤchelnd, den geliebten Gatten an, aber Sci⸗ pio konnte den Dank nicht annehmen; er ging hin⸗ aus, zu erfahren, wer ihn verdiene. Kaum hatte er das Gemach verlaſſen, als es hinter einer Blumen⸗ pyramide rauſchte; Carlo trat hervor, feſtlich geklei⸗ det, freudeſtrahlend, und kniete huldigend vor ſeiner Gottheit.— Nicht Scham, nicht Schrecken, ein edles Zurnen regte ſich in Angela's Bruſt, und er⸗ hoͤhte die Wuͤrde ihrer Geſtalt.„Steht auf, Bian⸗ ca's Gemahl,“ ſprach ſie,„verlaßt die Stätte, die Euer Blick entweiht, Euer Hauch vergiftet;— nur niedrige Beſtechung konnte Euch in mein Haus ein⸗ führen, nur die Lüͤge, vor der Ihr Euch nicht ſcheut, zu der Ihr mich ohne Erroͤthen zwingt, kann den Ruͤckweg Euch ſichern, und Euch ſchuͤtzen vor der gerechten Rache deſſen, den Ihr in ſeinen heiligſten Rechten kränkt!“—„Habt Ihr denn ganz ver⸗ geſſen,“ ſprach Carlo, ohne die Stellung zu verän⸗ dern,„habt Ihr denn ganz vergeſſen, wer ich ſey, und welcher Art mein Lieben und mein Wollen, weil Ihr glauben könnt, ich werde zittern vor Secipio's Zorn?— Ich will ihn hier erwarten, und mich vor ihm ruͤhmen, daß ich dieſen Tag ſinnreicher, als er, zu feiern gewußt.“—„Ihr koͤnntet?“—„Ich werde, zweifelt nicht.“—„Unerhoͤrt!“ rief A —— ——————— 35 gela.„O ja, Ihr habt ſinnreiche Qualen mir berei⸗ tet, und nicht nur fuͤr dieſen Tag!“— Sie hoͤrte Scipio's Stimme, ihre Haͤnde falteten ſich, und ihr Blick ſprach die ruͤhrendſte Bitte;— halb mitleidig, halb ſpöttiſch ſah Carlo ſie an, ſtand auf und— blieb. Seipio öffnete raſch die Thuͤr, Angela glaubte zu vergehen, aber Carlo ging dem Eintretenden hei⸗ ter entgegen, und ſagte:„Heute wollte die Freund⸗ ſchaft der Liebe nicht weichen, und Bianca's Herz hat meine Hand gefuͤhrt, es ſpricht aus dieſer Blu⸗ men Kelche.“ Scipio wollte Bianca in ihrem Gat⸗ ten ehren, auch ſah er jetzt keine Spur an ihm des unheimlichen, finſtern Weſens, das oft ihn ſelbſt zu⸗ ruckgeſtoßen, und Angela ſo ſehr erſchreckt hatte; er bat ihn, den Reſt des Tages auf der Villa zuzubrin⸗ gen; und nun ging, ſtand, ſaß Carlo triumphirend an Angela's Seite. Was die zarte Seele in ſeiner Naͤhe litt, entging nicht ganz dem Auge ihres Gatten; als ſie ihn am Abend bat, die Villeggiatura, ſo viel möglich, abzukuͤrzen, verſprach er gern, ihr darin zu willfahren. Als Angela und Bianca nun einander wieder⸗ ſahen, vermochten ſie es nicht länger, uͤber das, was auf beider Seelen gleich ſchwer lag, zu ſchweigen. Die Mittheilung deſſen, was ſie waͤhrend der kurzen Trennung erlebt, ſteigerte die Furcht vor dem, was ſie noch erleben konnten.— Seipiö war nicht mehr 3 ohne Verbacht; an Angela's Treue zwar zweifelte er nicht, und wollte ſie durch keine Frage kräͤnken, aber wenn der Zufall ihn mit Carlo zuſammenfuhrte, be⸗ gegnete er ihm kalt und ſtolz, und Carlo verbarg es ſeiner Gattin nichr, daß er einen Ausbruch des noch unterdruͤckten Grolls, mit allen ſeinen Folgen wůͤn⸗ ſche und herbeizufuͤhren ſuche. Klagen und Thränen konnten Frevel und Rache nicht verhuͤten;— beide Frauen beſchloſſen zu handeln. Sie hatten maͤchtige Anverwandte; einer von dieſen, deſſen Geſinnung ſie kannten, von deſſen Einfluß ſie Alles hoffen konn⸗ ten, wurde, ſo ſchmerzlich, ſo beſchaͤmend es auch war, in das Geheimniß gezogen: die Gefahr ſchien ihm dringend, er verſprach ſchleunig Rettung. In einer höchſt wichtigen Angelegenheit der Republik ſollte ein Geſandter nach Rom abgehen; Viele bewarben ſich um dieſe Auszeichnung, Niemand wuͤnſchte und er⸗ wartete ſie weniger als der, den ſie traf;— auf Carlo fiel die Wahl des Senats. Er ahnete, wer ſie beſtimmt hatte, durchſchaute leicht den Zuſam⸗ menhang, und die bitterſten Reden ſtraften dafur die arme, durch den Gedanken an die nahe Trennung ſchon ſo tief betrͤbte Bianca. Scipio hatte Angela's ſchuchterne Blicke ver⸗ ſtanden; ſie baten, ſie zu ſchuͤtzen vor einem Lebe⸗ wohl des Raſenden. Carlo wagte mehr als einen Verſuch, Angela noch zu ſehen, aber Scipio's Wach⸗ ſamkeit vereitelte jeden, und Carlo verließ Venedig mit dem Gefuhle eines zum Tode Verurtheilten, den die Geliebte, mit laͤchelndem Munde, auf den Richt⸗ platz fuͤhren ſieht. Bianca ſah den Schmerz in ſei⸗ ner Bruſt wuͤthen, und er verſchmaͤhte jede Linde⸗ rung von ihrer Hand.—„O, wenn du mir auch fluchſt,“ ſprach ſie,„dir folgt mein Segen und meine Liebe!“ Carlo wandte ſich von ihr, von dem Kinde, das die kleinen Hände nach ihm ausſtreckte, er ſchied.— Bianca druckte weinend das weinende Kind an die ſchuldloſe Bruſt:—„Bleibſt du doch mir, ich dir,— Gott uns Beiden!“— Ehrgeiz und Thatendrang hatten in Carlo's Jugend mehr als die Liebe ſeinen Sinn beſchäftiget; ſie machten jetzt ihre Anſprüche geltend. Bei ſeinem Einzug in Rom hoben andere Wuͤnſche, andere Re⸗ gungen, als die der weichen Sehnſucht, ſeine Bruſt; der Wichtigkeit ſeines Auftrages ſich bewußt, fuhlte er ſich als Glied des Staates, als Vertreter der Rechte ſeines Vaterlandes, uͤber das eigene Wohl und Wehe erhaben, und Angela's Bild mußte ern⸗ ſtern weichen; aber das Geſchaͤft zog ſich in die Laͤn⸗ ge, viel kleine Zwecke ſtanden hier dem großen Zwecke entgegen, ſollten dort damit verknuͤpft wer⸗ den; der edle, gluͤhende Eifer, der in Carlo's Seele brannte, fand keine wuͤrdige Nahrung, und unuͤber⸗ windlicher Ekel trat an ſeine Stelle.— Carlo wollte 38 nun ſeine Sendung und ſich ſelbſt vergeſſen, er ſuchte Zerſtreuung und fand,— Entwuͤrdigung. „Ich habe uͤberwunden,“ ſchrieb er an Bianca, „verzeihe, Liebe, daß ich ſo lange dir grollte; nun erkenne ich es, dir allein verdanke ich meine Ret⸗ tung. Ich habe uͤberwunden, das ſtrenge Bild der Unerbittlichen hat ſeine Macht ͤber mich verloren, ich athme in langen Zügen freie Luft und warmen Lebenshauch. Mich umgaukeln freundliche Geſtal⸗ ten, denen ich gebiete, nicht ſie mir, die ich zu mir emporhebe, und wieder in den Staub ſinken laſſe, ohne daß die Klarheit meines Geiſtes getruͤbt werde durch ihre Freude oder ihre Trauer.“ „Und du nennſt den tiefen Fall, Sieg2“ ſchrieb Bianca zuruck.„Wenn ich mich als deine Gattin noch anſähe, wuͤrde ich unwillig den Blick von dir wenden, aber die Schweſter, wie die Mut⸗ ter, ſoll den Verirrten unermudet zuruͤckrufen auf den beſſern Weg. Carlo! und es wäre wahr? min⸗ der ſchwer als der Schmerz, ſollte die Schuld auf deiner Seele liegen?— auf deiner großen Seele2 Der hoͤheren Liebe könnteſt du entſagen fuͤr die nie⸗ dere Luſt? O, wie war deine Schweſter ſo glůͤcklich, als du Angela liebteſt! Nein, wer ſo lange ohne Hoffnung ihrem uͤberirdiſchen Reiz huldigte, ward nicht geboren für den Staub; wer ſolche Liebe im Buſen trug, der ſucht vergebens hier etwas, ihn 39 auszufullen.— Verblendeter! nicht abwaͤrts, auf⸗ wärts war die Bahn dir angewieſen;— als ich dich aufgeben mußte, wählte ich Gott!— O, wende dich zu ihm, mein Bruder! zu ihm, der dir den Feu⸗ ergeiſt, das vielverlangende Herz gab, er giebt dir auch, wonach ſie beide ſtreben!“— Bianca's Brief blieb unerbrochen auf Carlo's Pulte liegen. Angela hatte eine Tochter geboren. Scipio faßte es nicht, aber er fuͤhlte es, daß ſein Gluck noch hatte wachſen können. Die junge Mutter nährte ſelbſt ihr Kind; es bluͤhte in wunderbarer Schoͤnheit empor, und zierte, wie eine Himmelsroſe, die keuſche Bruſt. Scipio konnte ſein Auge nicht ſaͤttigen an dem beſeligenden Anblick, er wollte ihn feſthalten, und ließ Angela von einem kunſtreichen Maler belauſchen bei dem ſuͤßen Geſchaͤſt. Als ſie es erfuhr, zurnte ſie dem Gatten zum erſtenmale; und auch als die erſte Aufwallung des beleidigten Zartgefuͤhls voruͤber war, und ſie ſich verſöhnt zeigen wollte, konnte ſie ohne die peinlichſte Empfindung nie vor dem Bilde ſtehen; — ahnete ſie, wie unheilbringend der kleine, ſo un⸗ ſchuldig ſcheinende, Verrath werden könne?— Der Fuͤnſtler, dem ſein Ideal der ſie Schoͤnheit nun verwirklicht erſchienen war, hatte der Verſuchung, es ſich anzueignen, nicht viberſtunben und heimlich zweimal daſſelbe Bild gemalt. In an⸗ dern Städten Italiens, die er in der Folge beſucht 40 ließ er fuͤr eigene Schopfung gelten, was nur ein ſchwacher Abglanz der Schoͤnheit war, die allein der große Bildner formen konnte, und begruͤndete dadurch ſeinen Ruf. Erfuͤllt mit Ekel gegen ſich ſelbſt und das wüſte Leben, das er nun fuͤhrte, ſeine Seele lechzend nach einem edlern Gedanken, nach einer beſſeren Empfin⸗ dung, betrat Carlo eines Abends ſein noch nicht er⸗ leuchtetes Gemach. Er ſank auf ein Ruhebette, und ſein matter Blick verlor ſich in dem döFern Grau, das ihn umgab. Die Lichter wurden gebracht, ihr Schein beleidigte die lang' in Dunkel gehuͤllten Au⸗ gen, Carlo bedeckte ſie ſchnell mit der Hand. Die Diener hatten ſich entfernt; eh' er ſich umfah in dem erhellten Raume,— und er traute ſeinen Sinnen nicht,— dort aus der Ecke— lächelte Angela ihm mild entgegen.— Carlo ſprang auf, trat hinzu,— ach, es war nur ein Bild! Aber die Kunſt hatte warmes Leben auf die Leinwand hingehaucht, und noch waͤrmeres lieh ihr nun die Liebe. Angela ſelbſt ſtand vor Carlo, nicht wie ſonſt, kalt, ſtreng, Ehr⸗ furcht gebietend, ſeinem verlangenden Blick begegnete die Sehnſucht aus ihrem Auge. Die hohe Reinheit der ſchoͤnen Zuge hätte dennoch, in anderer Zeit, jedes frechen Gedanken entfernt, jetzt, bei dem entweihten Sinn des Tiefgeſunkenen, nicht mehr; aber hier war auch das Irdiſche noch im Wiederſchein des Him⸗ 41 melsglanzes verklaͤrt, und indem Carlo ſich mit Ent⸗ zucken der erſten, der einzigen Liebe wieder hingab, glaubte er ſich entſuͤndigt.— Er wurde aus der gänzlichen Selbſtvergeſſenheit herausgeriſſen durch das Eintreten ſeines Sekretairs, der ihm ſagte: ein fremder Maler habe verlangt, daß dieſe ſeine gelun⸗ genſte Arbeit dem Geſandten, als einem Kenner und Beförderer der Kunſt, vor Augen geſtellt werde.— „Mein iſt das Bild!“ rief Carlo heftig; dann muͤh⸗ ſam ſich faſſend, fügte er in ruhigerem Tone hinzu, daß er den Maler ſelbſt ſprechen wolle. Der Maler kam, hörte, daß Carlo ſein Urbild kenne, und geſtand Alles. Carlo hörte mit geſpann⸗ ter Aufmerkſamkeit ihn an; ſeine Zuge mußten die Bewegung ſeines Innern verrathen, und der Kuͤnſt⸗ ler, oder der Schmeichler? ſprach ein begeiſtertes Lob der Schonheit, die er nicht erreicht zu haben bekannte. — Anfangs begleitete nur der Schlag von Carlo's Herz ſeine Worte, aber bald entſtrömten der vollen Bruſt in Feuerreden ihre Empfindungen. Fuͤrſtlich belohnt verließ der Kuͤnſtler Carlo's Pallaſt; die Flamme, die er neu angefacht, loderte mit immer wachſender Wuth. Carlo konnte ſelbſt vor der Gewalt ſeiner Leidenſchaft erſchrecken. Wenn er es verſucht hatte, einige Ruhe zu erringen, fiel ſein Auge wieder auf das unſelige Bild.„Angela, Angela! warum verfolgſt du mich!“ rief er aus 42 „es iſt zu deinem und zu meinem Verderben!“— Aber das Bild zu entfernen hatte er nicht die Kraft, ach, nicht den Willen!— Der Marcheſe, Angela's Vater, pflegte jedes Jahr den Vermaͤhlungstag ſeiner Tochter mit dem gluͤcklichen Chepaare zu feiern. Er war zuruͤckge⸗ kehrt der Tag, deſſen Glanz nicht ein trüber, nicht ein beſchmender Ruͤckblick verdunkelte. Schoner als an ihrem Hochzeitstage, das lächelnde Kind auf dem Arme, von der treuen Rechten des glůcklichen Gat⸗ ten unterſtutzt, hatte Angela freudeweinend ihren Vater empfangen. Ein enger Kreis vertrauter Freun⸗ de nahm an dem ſchönſten Feſte Theil. Im Saal, der ſie empfing, prangten auf einem Tiſche koſtbare Geſchenke, welche die Gatten heute einander darge⸗ bracht; das geringſte darunter, eine lange, feſte, ſtaͤh⸗ lerne Nadel mit einem Demantknopf, ſchien vor al⸗ len Angela zu erfreuen, weil oft ihrer Locken Fulle, aller Kunſt zum Trotze, ſich befreiete und ſich auf den Schwanenhals ergoß. In dieſe kleine weibliche Angelegenheit ſcherzhaft eingehend, und das Un⸗ glck beklagend, mit den ſchonſten Haaren in Ve⸗ nedig belaſtet zu ſeyn, nahm Scipio die Nadel, und befeſtigte ſelbſt damit eine lange goldene Flechte auf das ſchöne Haupt. Viele Blumen zierten den Saal. Vom Geſimſe hingen ſie in bunten Ketten herab, und alle Bilder, deren Menge die Waͤnde bedeckte, waren mit Roſen und Myrthen bekränzt. — Angela ſah's mit gepreßtem Herzen, der Blu⸗ menduft brachte eine peinliche Erinnerung lebhaft zu⸗ ruͤck; aber Scipio's zärtlich beſorgter Blick begegnete ihrem getruͤbten Auge, und es ſtrahlte wieder von der reinſten Luſt. In erhebender Freude war der Tag vergangen, die Gäſte hatten Scipio's Pallaſt verlaſſen, er ſelbſt begleitete Angela's Vater nach Meſtre, wo dieſer nun ſich aufhielt; in wenig Stunden ſollte Angela den Gatten wiederſehen. Sie ſtand nun allein in dem nur noch ſparſam erleuchteten Saal, zuruͤck und vor⸗ waͤrts blickend auf ihr Leben, ein unnennbares Ge⸗ fuͤhl in der tiefbewegten Bruſt.——„Drei ſchöne Jahre!— Wie ſo ſchnell verſchwunden!— Wir feierten ſo vieler Freuden Tod!— Wir jubelten dem Grabe nur entgegen.— Aber die Liebe ſinkt nicht in das Grab!“— Sie ſprach es, und im Spiegel, auf den zufaͤllig nun ihr Auge fiel, erblickte ſie eine ungluͤcksdrohende Geſtalt;— entſetzt tritt ſie zuruͤck, ſieht ſcheu ſich um,— es iſt kein Blend⸗ werk, Carlo ſteht vor ihr.—„Mich haſt du zu dem Feſte nicht geladen, Angela!“ ſpricht er,„und doch auch mir bringt dieſer Tag unvergaͤngliche Er⸗ innerungen zuruͤck! Heute ſoll Scipio die lang' ge⸗ häufte Schuld der Schmerzen zahl en, die ſein Gluͤck mich koſtete.— Du biſt mein! und keine Macht 44 der Hölle oder des Himmels ſoll dich mir entreißen!“ Angela will entfliehn, der Eingang in ihr Gemach iſt verſchloſſen.—„ Vergebens,“ ruft Carlo,„du biſt unwiderruflich mein! Deine Diener ſind ent⸗ fernt, oder durch einen furchtbaren Eid mir verbun⸗ den.“— Im Vorſaale ſieht Angela vier Ver⸗ mummte ſtehen, Carlo tritt zu ihnen, und ertheilt leiſe ſeine Befehle. Zum Himmel erhebt Angela die krampfhaft gerungenen Haͤnde, den irren Blick,— er traf auf Lukreziens Bild, ſie kniete davor nieder. „Römerin, deinen Dolch!“ rief die Angſt in ihrer Seele; durch das heftige Zuräckbeugen des Kopfes hatten ſich ihre Haare gelöſt, die Nadel fiel tönend auf den Eſtrich.— Angela hört es, blickt hin:— „Es iſt Scipio's Gabe, es iſt Rettung!“ Sie er⸗ greift die Nadel, und druckt ſie feſt und ſicher in das treue Herz.—— Sie liegt entſeelt, und von Lu⸗ ereziens Bilde fällt der Kranz herab auf ihre bleiche Stirne.— Carlo vernimmt einen dumpfen Schlag⸗ einen tiefen Seufzer; er eilt zuruͤck aus dem Vorſaal⸗ Farblos und erſtarrt?— der Schrecken vielleicht— eine Ohnmacht!— Er naht, beugt ſich zu ihr her⸗ ab.— Einige Blutstropfen röthen ihr Buſentuch, der Demantknopf blinkt hell, und verräth die weibliche Waffe.— Carlo weiß Alles, er klagt nicht, to nicht.—„Mit ihr ſterben!“ ruſt er, und ſti in ſeinen Degen.— In der höchſten Beſtuͤrz — — ———— krugen ſein⸗ Mitſchuldigen den Blutenden in die Gondel, die Angela ihrem Gatten entfuͤhren ſollte. Eines Abends klopfte es heſtig am Thore des nun einer Gruft aͤhnlich geworbenen Pallaſtes; es wurde nach langem Zögern aufgethan, und Bianca, in langen Trauerkleidern, ging ſchwankenden Schrit⸗ tes nach Scipio's Gemach,„Hinweg!“ rief er, als er ſie erblickte,„hinweg,— du warſt ſein, du traͤgſt ſeinen Namen!— O, daß der Tod mich um den einzigen Troſt, um die Rache betrog!“—„Nicht der Tod,“ ſprach Bianca,„ich habe ihn deiner Ra⸗ che entzogen, Carlo lebt noch, von allen Schmerzen gefoltert, von Reue zerknirſcht.“—„Von Reue? — Ha! buhlt er nun mit dem Himmel, weil An⸗ gela unter den Seligen thront?“—„Carlo's Reue iſt tief und wahr,“ erwiederte Bianca,„am Rand des Grabes erkennt er ſich ſchaudernd, er erliegt un⸗ ter dem Bewufßtſeyn ſeiner Schuld, unter dem Ge⸗ danken an den Jammer, den er uͤber dich, ſeinen Jugendfreund, gebracht.—„„Scipio's Klagen ru⸗ fen Gottes Zorn auf mein Haupt, ſie weihen mich dem ewigen Tode!““ ſpricht er,—„„könnte Sci⸗ pio verzeihen, dann wurde ich Gnade hoffen!““— „Ich ihm vetzeihen?— Wollt Ihr mich raſend machen?— Sein Masß iſt voll: Gott richte ihn!“ —„Er richte gnaͤdig,“ ſprach Bianca,„ihn und uns Alle,— auch deine Angela!“—„Dor Hei⸗ „8— ligen und dem Boſewicht werde der verdiente Lohn!“ —„Frevle nicht! die deinen Blicken makellos er⸗ ſheint, iſt ſie rein vor Gott?— Hite ſie bich und ihre Ehre nicht mehr geliebt, als ihn, häͤtte ſie ſeiner Allmacht feſter vertraut“—„Halt ein!“ rief Scipio,„ſchreckliches Licht! ich kann mein Auge nicht vor dir— Menſchentugend, du biſt noch Suͤnde!“—„Carlo ringt mit dem Tode,“ ſprach nun Bianca dringend,„folgt dein Fluch ihm in das Grab?“— Und aus ge⸗ brochenem Herzen ſeußzte Scipiod, Gnade werde Al⸗ len, auch ihm!“„ 5 6 ℳ U. Gluͤckin Leiden. 4½ Di gräfliche Famitig Bn befand ſich im Spaͤtherbſt noch auf dem Lande. Die Witterung ar lange günſtig geblieben, werthe Nachbaren und„ liebe Gäſte hatten die Annehmlichkeiten der Jahres⸗ zeit und des Aufenthaltes getheilt und erhöht; doch nun wurden die Tage trube und kalt, die langen Nächte ſtuͤrmiſch, und der Herbſtwind zog recht un⸗ freunblich aus und ein durch die öden Gemaͤcher des ehr als zur Hälfte unbewohnten Schloſſes. Alle Mitglieder der Familie, Eins ausgenommen, ſehn⸗ ten ſich nach der Stadt zuruͤck, und bedauerten es recht herzlich, daß gewiſſe Einrichtungen getroffen worden, welche die Ruͤckkehr vor den letzten Tagen des Decembers durchaus unmöglich machten. Det Graf hatte die eigentlichſte Langeweile; ſein älteſter Sohn, Adolf, ohne ſie eben zu theilen, fand, baß — der! verſaͤumen n Die Graͤfin hatte zu viel inneren Gehalt, um nur die Leerheit befaͤllt; aber die zunehmende Kränk⸗ Die unnatuͤrliche Roͤthe ſeiner Wangen, die ſchnelle, ner ohnehin ſchwachen und weichen Stimme, das Schwankende ſeines Ganges, zeigten ihr nur zu deut⸗ lich, daß ſein angebornes Pepel, wogegen die Kunſt „ Pflege ſeit zwanzig Jahren umſonſt gekämpft, jetzt wirkſamer ſey, als je. Sie ſah mit unbeſchreiblicher Der Vater hatte an dem ältern Sohn einen geſunden Stammhalter, und ließ den kränkelnden zu jung und zu ſehr ſeines Lebens froh, um mit der trauernden Mutter zu empfinden. Theodor et⸗ teug ſein Uebel mit der Gelaſſenheit, die man an ihm gewohnt war; er beantwortete die Wncie er ſchon Haſen genug geſchoſn, und machte ſich ſh reizende Vorſtellungen von den Unterhaltungen, die in der Stadt eben wieder angingen, und die er, lei⸗ einen Zuſtand zu kennen, der lichkeit ihres jungſten S ſie ſehr beſorgt. krampfhafte Bewegung ſeiner Zuge, das Zittern ſei⸗ der erfahrenſten Aerzte, und die emſigſte, zärtlichſte —— Bangigkeit den Liebling ihres Hetzens von jeder Huͤlfe ſo fern, und Niemand theilte mit ihr dieſe — Sprößling ohne große Theilnahme vegetiren, wie er ſich ausdruͤckte, ſo lange es eben ging. Adolf wär * ——— 49 heitern, die ſie allein verſtand, und die Niemand ruhrten, als ſie. Erſt ſeitdem es auf dem Schloſſe ruhig geworden war, wohnte Theodor gern darin, und die entlaubten Baͤume, das welke Gras, der truͤbe Himmel miß⸗ fielen ihm nicht. Er ſah ruhig und ernſt hinaus in die herbſtliche Gegend; ſie war, wie ſein Leben, je⸗ des Schmuckes beraubt. Eines Nachmittags ſaß der kleine Familienkreis ziemlich unmuthig und wortkarg am Kamine, als der Schall eines Poſthorns ſich von ferne, aber ſehr vernehmlich, hören ließ Der Graf und Adolf eilten ans Fenſter, die Gräfin folgte ihnen langſam nach, Theodor blieb ruhig auf ſeinem Sitze. Jetzt rief„ Adolf freudig auf:„Ein Reiſewagen mit vier Poſt⸗ pferden!— Der Poſtillon lenkt hieher;— rich⸗ tig! er faͤhrt die Allee herauf; es gilt uns! Will⸗ kommen, wer es immer ſey!“ Und mit zwei Sä⸗ tzen war er aus dem Saal, und eilte in einem Lauf den Kommenden entgegen.„Sollte wirklich Jemand aus der Stadt noch ſo ſpät bei uns einſprechen?“ ſagte zweifelnd die Grafin.„Wohl möglich!“ mur⸗ melte Theodor am Kaminz„ſo lange ungeſtörte Ruhe waͤre allzuviel Gluͤck!“— Die Flugelthuͤren gingen auf, und Adolf, ein ſehr reizendes Maͤdchen im eleganteſten Reiſekleide, wie im Triumph her⸗ einführend, ſprach:„Hier, liebe Mutter, Frau⸗ perin Erzihlunget. 4 50 lein von Kronhelm!“—„Everilda!“ rief die Grä⸗ fin, und breitete die Arme aus, ſie zu empfangen, „o wie ſchoͤn, daß Sie uns hier aufſuchen. Es iſt mir, als ob Sie Sonnenſchein, und Blumenſchmelz, und Nachtigallentone wiederbraͤchten.“ Die Freude der Gräfin war nicht geheuchelt, und ihr Ausdruck nicht uͤbertrieben; ſie hatte Everilda als Kind gekannt, und ihre Mutter ſehr geliebt. Dieſe war früh geſtorben; Everilda, ihrem letzten Willen gemaß, bis zu ihrem ſiebenzehnten Jahre im Kloſter erzogen, ſollte nun an der Hand der edlen Graͤfin B***n die erſten Schritte in die Welt thun. Der Vormund des jungen Frauleins hatte ſie einige Wochen nach ihrem ſechszehnten Geburts⸗ tage vom Kloſter abgeholt, dann einer vormaligen Kammerjungfer ihrer Mutter und einem alten treuen Bedienten anvertraut, in deren Begleitung ſie die Reiſe ſchnell und ohne allen Unfall gemacht hatte. Oft hatte die gute Graͤfin ſich innig gefreut auf den Augenblick, wo ſie die aufgebluhte Tochter ihrer abgeſchiedenen Freundin als die ihrige umarmen wuͤr⸗ de; manchen Plan fur ihre Veredlung und ihre Zu⸗ friedenheit hatte ſie im Stillen entworfen, und nun ſtand das wirklich ſchöne Maͤdchen vor ihr, und ein unverkennbarer Zug von Seelengüte verſprach den be⸗ ſten Lohn fur die liebende Geſinnung ihrer Pflege⸗ mutter. Je laͤnger ſie Everilda betrachtete, je freu⸗ 51 diger ward ihre Hoffnung. Dankbar fuͤhlte das Maͤd⸗ chen den uͤber alle Erwartung innigen Empfang; aber die Gäte und Milde der edlen Matrone wäre wohl tiefer in ihr Herz eingedrungen, hätte nicht der ſchone feurige Juͤngling, der ſie aus dem Wagen gehoben, und Alles was er ihr, von ihrer Schönheit wirklich uͤberraſcht, im begeiſterten Tone daruber geſagt hatte, ihren unverwahrten Madchenſinn ſchon zu mächtig angeſprochen. Everilda ſchlug die Augen nieder; denn nicht nur der Mutter, auch des Sohnes Blick ruhte auf ihrer Geſtalt. Der alte Graf näherte ſich nun auch, und bewillkon;te ſie auf das freundlichſte. Theodor verbeugte ſich ehrerbietig und ſtumm, und Everilda wurde kaum ſeiner gewahr. 5 Die Graͤfin hatte, wie natuͤrlich, bei einem un⸗ verborbenen weiblichen Gemüthe auf Theilnahme und Mitgefuhl gerechnet; einige Tage reichten hin ſie zu uͤberzeugen, ſie habe ſich darin völlig getaͤuſcht. Eve⸗ rilda erwies ihr die gebuͤhrende Achtung, aber ſuchte keinesweges ſich ihr zu nähern. Adolf beſchaͤftigte ſie ausſchließlich, und da er des Vaters Liebling und beſtaͤndiger Geſellſchafter war, und dieſer an ber kei⸗ menden Liebe beider jungen Leute, aus ſehr guten Grunden, große Freude hatte, ſo bildete ſich aus den zwei Männern und Everilden, die zu unerfahren oder zu befangen war, das Unſchickliche davon einzuſehn, ein unzertrennliches Kleeblatt. Spaziergaͤnge, Schlit⸗ 4* 52 tenfahrten, kleine Luſtreiſen in der Gegend fullten die Tage. Abends beſprachen ſich die drei Unzertrennli⸗ chen uͤber die erlebten Freuden, und entwarfen neue Plaͤne der Unterhaltung; auch wurde viel geſchaͤkert, und mitunter unmaͤßig gelacht. Die Gräfin ſaß da⸗ bei ſtumm und beengtz ſie war es gewohnt, die Män⸗ ner gewaͤhren zu laſſen, und deren Betragen konnte ſie nicht befremden: aber ſie fuhlte ſchmetzlich das Unzarte in Everilda's Benehmen, und doch mochte ſie nicht gerne beleidigt, ja nicht einmal ſcheinen. Theodors Gefühl war ſeltſam getheilt: empfand oft mit ſeiner Muttenz Everilda's ihre Liebloſigkeit gegen die Verehrte, empoͤrte ſein gan⸗ zes Herz, und dennoch konnte er nicht umhin, Augen und Herz zu weiden an der herrlichen Geſtalt, die im blendendſten Glanz der Schonheit, mit dem fli⸗ ſcheſten Kranz der Jugendbluthen geſchmuͤckt, vor ihm prangte. Everilda ſaß am Tiſche ihm gegenüber, ſie würdigte ihn nie eines Blickes; um ſo ungehinderter konnte er ſie bewundern, und er war nicht ſtark ge⸗ nug, ſich dieſen gefahrlichen Genuß zu verſagen. Er fing jetzt an, im Geſpräch mit ſeiner Mutter oft ih⸗ rer zu erwaͤhnen, und dieſe konnte aus ſeinen Aeuße⸗ rungen leicht ſchließen: Everilda ſey ihm nicht gleich⸗ gultig. Wie ſehr erſchreckte ſie nicht die Entdeckung! Sie kannte das tiefe Gemuͤth ihres Sohnes, die un⸗ ermeßliche Fähigkeit zu lieben und zu leiden, mit wel⸗ cher ſie ihn ausgeſtattet, und Everilda, dieſes bis zur Gefuhlloſigkeit leichtſinnige Geſchöpf, das nur laͤr⸗ mende Freude liebte, das eine raſche, nicht aber ver⸗ edelte Männlichkeit, wie ſie in Adolf erſchien, ſo ſehr anſprechen konnte, hatte ſein Herz geruͤhrt!— So ſehr indeſſen die Gräfin dieſe Neigung tadelte, liebte ſie doch ihren Sohn zu zärtlich, um nicht in ihm durch die Nichtachtung derjenigen, die ihm dieſelbe einfloͤßte, verwundet zu werden. Taͤglich wurde fuͤr Mutter und Sohn das Verhältniß gegen die drei Un⸗ zertrennlichen druͤckender; es erforderte von Anfang an große Geduld, nun aber die höchſte Selbſtver⸗ läͤugnung. Eines Abends fühlte ſich Theodor leidender als je an Koͤrper und Gemuͤth, und bat ſeine Mutter, zu erlauben, daß er beim Souper nicht erſcheine. Die Bekuͤmmerte ging mit ſehr ſchwerem Herzen und ver⸗ weinten Augen in den Speiſeſaal, und Niemand be⸗ merkte, daß ſie allein kam, Niemand fragte um die Urſache ihrer ſo ſichtbaren Traurigkeit. Sie ſetzte ſich ſchweigend, aß in Eile einige Biſſen, ſtand in weniger als zehn Minuten wieder auf, und verließ, nicht ohne eine heftige Empfindung des Unwillens, das heute beſonders muntere und laute Kleeblatt. Everilda hob ſich wohl auf von ihrem Sitze, und machte Miene ihr folgen zu wollen: aber beide Män⸗ ner hielten ſie zuruͤck, ihr vorſtellend, das Mahl ſey 54 kaum angefangen, und es gebe noch ſo Manches zu ſagen, und ſo viel zu ſcherzen; worauf ſie denn, ohne ſich lange bitten zu laſſen, wieder ihren Platz ein⸗ nahm. Vater und Sohn hatten um die Wette die tollſten Einfalle, und belachten ſie aus vol⸗ lem Halſe; Everilda lachte mit, und in ihrer Un⸗ ſchuld auch uͤber die aͤrgſten Zweideutigkeiten. Es war laͤngſt ſchon abgetragen, die Bedienten ſchliefen im Vorzimmer, die Lichter waren tief herabgebrannt, und Everilda ſaß noch zwiſchen Vater und Sohn. Da trat die Graͤfin herein, zwar mit ruhigem An⸗ ſtande, aber die Bläſſe ihres Geſichts und das Zit⸗ tern ihrer Lippen zeugten von der inneren Bewegung. „ Es iſt Mitternacht,“ ſagte ſie,„mein kranker Sohn bbedarf der Ruhe: ich erſuche Sie, meine Herren, (indem ſie ſich fremd gegen Beide verbeugte) ſie ihm zu goͤnnen.“ Und gegen Everilda gewandt:„Es wird ſich geziemen, Fraͤulein von Kronhelm, daß Sie ſich augenblicklich auf ihr Zimmer begeben.“ Everilda erſchrak uͤber Ton und Miene der Gräfin, ſie las ihr ganzes Unrecht in ihren Zuͤgen. Sie bedeckte mit ihrem Taſchentuche das errothende Geſicht, und ent⸗ fernte ſich ſchnell. Kaum hatte ſie ſich des andern Tages in die Morgenkleider geworfen, als Adolf ihr Zimmer be⸗ trat.—„Wie, ſo früh, und hier? Graf Adolf; ich erſtaune“—„Nicht ſo feierlich, liebes Mäb⸗ chen!“ ſagte dieſer lachend;„Ich wollte nur ſehn, wie Sie geſchlafen haben. Da Sie die Launen mei⸗ ner Mutter noch nicht kennen, befuͤrchtete ich, Sie haͤtten den geſtrigen Auftritt ernſthafter genommen, als nöthig iſt.“—„Ihre Mutter hat mich geſtern ſehr gedemuͤthigt, und ich fuͤhle wohl, ich habe durch einen mir ſelbſt unbegreiflichen Leichtſinn ihre Ach⸗ tung verwirkt.“—„Laſſen Sie die Grillen fahren; alte Frauen ſind immer graͤmlich, zumal gegen ſo friſchbluhende Engel, wie Sie, ſchoͤnſtes Kind!“— Er raubte ihr einen Kuß, und war zur Thuͤr hinaus. Beſchaͤmt und wirklich beleidigt, wartete Everilda nur einige Augenblicke ab, um ihm die Zeit zu laſſen, ſich zu entfernen, und ging dann auch hinaus, ihre Maͤdchen daxuͤber auszuſchelten, daß ſie einem Manne um dieſe Stunde den Zutritt geſtattet. Doch wie verſteinert blieb Everilda auf der Thuͤrſchwelle ſtehn; denn Adolf hatte das Stubenmaͤdchen beim Kopf und kuͤßte ſie, trotz ihres Straͤubens, mit den Worten: „Ich bin nun einmal zum Kuͤſſen aufgelegt!“— Beim Anblick des Frauleins entfloh er in einiger Be⸗ ſtuͤrzung. Everilda verſchloß zitternd ihr Zimmer, wankte bis zum nachſten Stuhl, und ſank halb ohnmachtig darauf. Doch ein Strom von Thränen erleichterte und heilte ihr Herz; denn als i ſich wieder geſam⸗ melt und ihre Thraͤnen getrocknet hatte, fuͤhlte ſie, 56 auch der letzte Funke der unglucklichen Neigung, die ſie zu einem Unwuͤrdigen gehegt, ſey aus ihrer Bruſt verſchwunden. Er war ihr in weniger als einer hal⸗ ben Stunde zu vielfach gemein und niedrig geſinnt erſchienen; die Binde war von ihren Augen gefallen, und nun erinnerte ſie ſich an manche fruͤhere Aeuße⸗ rung, die ſie mit der Nachſicht der Liebe gehört, oder vielmehr nicht gehoͤrt hatte. Es war ihr klar, er ehre ſeine edle Mutter nicht, wie er ſollte, und er habe ſie ſelbſt nie mit der Achtung behandelt, die von der wahren Liebe unzertrennlich iſt. Everilda beſaß, was in mancher Lage allein ret⸗ ten kann, Entſchiedenheit des Charakters. Alles, was Adolf dieſen Tag uͤber erſann, um ſie zu verſöhnen, verfehlte durchaus ſeinen Zweck; und als ſein Vater, dem endlich ſo viele Kälte und Zuruͤckhaltung auffallen mußte, ihn halb leiſe fragte: was es denn gäͤbe, und in der Antwort des Sohnes das Wort Eiferſucht hörbar wurde, warf Everilda einen Blick der tieſſten Verachtung auf denjenigen, der ihr noch geſtern ſo liebenswurdig erſchienen war. Der Graf ſagte be⸗ guͤtigend:„Nu, nu, liebes Kind, es wird noch Al⸗ les gut werden;“ und Abolf verſprach:„Wenn Sie meine Braut werden, ſchoͤnes Madchen, kuͤſſe ich keinen andern, als dieſen Roſenmund.“ Aber Everilda ſagte in ruhigem, feſten Ton:„Graf Adolf, ————— —— ——— ich werde nie ihre Braut!“ und verließ die beiden hochſt erſtaunten Männer. Adolf wurde erſt jetzt gewahr, er ſey in allem Ernſt in ſie verliebt. Er fand ſie in ihrem dépit, ſo nannte er es, reizender als je, und nahm ſich recht kräftig vor, ſie um jeden Preis wieder zu gewinnen. Aber er konnte den Preis nicht bieten, um den die aus ihrer Taͤuſchung erwachte Everilda ſich allein ge⸗ ben konnte: ein edles Herz, eine reine Geſinnung. Nach manchem vergeblichen Verſuche, das alte Ver⸗ haͤltniß wieder anzuknuͤpfen, wurde Adolf ungeduldig; Bitterkeit und heftiger Unwille verdraͤngte das ſchwache Gefuͤhl von Neuem, das ſich anfangs, freilich mehr uͤber ſeine Unvorſichtigkeit, als uͤber ſeine Schuld, in ihm geregt hatte. Nun verfolgte er Everilden auf jedem Tritt: aber mehr, um ſich an ihr zu rächen, als in der Hoffnung, ſie noch zu ruͤhren; ja, uͤber⸗ zeugt, daß er ſie dadurch tief kraͤnken werde, drang er noch einmal, trotz des Widerſtandes ihrer Frauen⸗ zimmer, des Morgens in ihr Schlafgemach. Everilda, ohne ihn eines Blickes zu wuͤrdigen, verließ das Zim⸗ mer in derſelben Minute, als er es betrat. Sie be gab ſich auf den Flugel des Schloſſes, den ſeine Mut⸗ ter bewohnte, und trat unangemeldet und etwas raſch in das Kabinet der Gräfin. Dieſe betete knieend, und ließ ſich auch durch den ſeltenen Beſuch zur unge⸗ wöhnlichen Stunde in ihrer Andacht nicht ſtören. 58 Everilda blieb geruhrt und uͤberraſcht in einiger Ent⸗ fernung von der Betenden ſtehn.„So,“ dachte ſie, „ſo pflegte auch ich ſonſt meinen Tag anzufangen; aber“— ſie geſtand es ſich nur ſehr ungern, mußte ſich es aber doch geſtehen:—„ſeit ich hier bin, hab' ich keinen einzigen frommen Gedanken gehabt.“— Die Graͤfin hatte, nachdem ſie ihr Gebet geen⸗ det, ſich mit heiterm Ernſt erhoben; ſie grußte Eve⸗ rilda mit ruhiger Wuͤrde, doch der milde Blick der erſten Tage war verſchwunden. Everilda näherte ſich ihr ſchuchtern, und mit zitternder Stimme ſagte ſie: „Um meiner Mutter willen, die Ihre wuͤrdige Freun⸗ din war, retten Sie mich von der zugelloſen Zudring⸗ lichkeit Ihres Sohnes!“ Die Gräfin unterdruckte eine etwas beißende Bemerkung, die ſich ihr auf⸗ drang; ſie ſchwieg, aber ihre Miene ſprach, und Eve⸗ rilda ſagte im Bewußtſeyn ihrer Unſchuld:„Ich habe ihm kein Recht uͤber mich gegeben, und hätt' ich fruͤher ſeinen frechen Sinn erkannt, ſo“— hier ſtockte ſie,—„So hätten Sie ſich ihm nicht ſo ſehr genaͤhert, nicht wahr, mein Kind?“— Everilda ſchlug die Augen nieder; die Gräfin fuhr fort:„Weil man bei den Maͤnnern ͤberhaupt dieſen Sinn vor⸗ ausſetzen muß, wird den Maädchen Zuruͤckhaltung empfohlen.— Indeſſen,“ hier reichte ſie der tief⸗ beſchaͤmten Everilda die Hand,„ich danke Ihnen fur Ihr, obwohl ſpaͤtes Vertrauen. Reden Sie ohne 59 Scheu, liebes Mädchen; was hat mein Sohn ver⸗ brochen 2 Ich denke, eine mutterliche Ermahnung von mir, ein ſtrafender Blick von Ihnen, ſollen hinreichen, ihn zu beſchämen, ihn zu beſſern, und“— ſetzte ſie lächelnd hinzu,—„Sie werden den reumuͤthigen Suͤnder doch nicht verſtoßen?“— Everilda ſchut⸗ telte bedenklich den ſchönen Kopf; und nach langem Schweigen, nach langem innern Kampf zwiſchen Scham und Wahrheitsliebe, vermochte ſie es, der, ihr noch fremden, Matrone die Geſchichte der juͤngſt ver⸗ ſloſſenen Tage zu erzählen.—„Kind,“ ſagte die Graͤfin, als Everilda geendet hatte,„viel Unangeneh⸗ mes erfahr' ich aus Ihrem Munde; doch ruͤhrt und erfreut mich Ihre Offenheit. Aber täuſchen Sie ſich nicht? Sollte wirklich, wie Sie mich verſichern, je⸗ der Funke einer Neigung zu ihm erloſchen ſeyn? Sollte er unwiederbringlich ſein Gluͤck verſcherzt ha⸗ ben?“—„Verehrte Freundin meiner Mutter,“ ſprach Everilda,„verzeihen Sie, was fuͤr Sie Be⸗ leidigendes in meiner Erklaͤrung liegen kann; aber ich muß es wiederholen: kein Mann auf Erden iſt mir gleichgültiger, als Graf Adolf, und mit jeder Stunde begreife ich weniger, daß er mir nicht immer gleichguͤltig war.“— Die Gräfin ſeufzte beklemmt; denn ſie wußte nur zu gut, wie wenig ihr erſtgebor⸗ ner Sohn es verdiente, ein Gemuͤth, wie ſie es jetzt in Everilda erkannt hatte, zu rühren.„Genug, Frau⸗ 60 lein von Kronhelm,“ ſagte ſie,„Ihre Freiheit und Ihre Ruhe ſollen geſichert werden. Sie können unter irgend einem Vorwande zu mir ziehen; wir werden etwas enge wohnen, aber Ihre Nähe wird mir ſehr angenehm, die meine muß Ihnen beruhigend ſeyn.“ Everilda küßte dankbar und freudig die Hand der ſtrengen, doch guͤtigen Frau; ſie fuͤhlte jetzt, wie un⸗ entbehrlich weiblicher Schutz fuͤr ſie ſey. Die Gräfin fand es nothwendig, mit ihrem Mann und ſeinem Liebling einige ruhige, verſtändige Worte zu reden. Der Vater aͤrgerte ſich uͤber die Ungezogenheit ſeines Sohnes, uͤber das, was er bei dem Madchen fur Ziererei hielt, meinte uͤbrigens, der Faſching werde wohl Manches wieder gut machen, und ein Tänzer wie Adolf könne keinen Korb bekom⸗ men. Adolf war, trotz ſeiner gewohnlichen Zuver⸗ ſicht, weniger ruhig. Er hatte ſeit mehr als acht Tagen kein guͤtiges Wort, keinen Blick, kein La⸗ cheln weder erbetteln, noch ertrotzen können, und Eve⸗ rilda hatte nur einen Tag rothgeweinte Augen ge⸗ habt; ſie ſah nun aus wie immer, und lachte, und gebehrdete ſich, als ob eben nichts vorgefallen wäre. Die Vorſtellungen ſeiner Mutter hoͤrte er nur mit ſicht⸗ barem Aerger an, und ſie konnten ihm in der That wenig fruchten. Sie ſprach von der Achtung, die der Mann von Ehre allen Frauen, und beſonders der Geliebten ſchuldig iſt; ſie ſagte ſogar etwas von Zart⸗ — 6¹ gefühl, und wollte es nicht lächerlich finden, daß man Treue fuͤr Treue fordere. Sie endete damit, daß ſie ihm ſtreng verbot, von nun an das Fraulein von Kronhelm auf irgend eine Art zu beunruhigen. Everilda wich jetzt ſelten von ihrer Seite. Als ſie, das erſte Mal, mit leiſen Tritten und der lie⸗ benswürdigſten Schuchternheit in das Zimmer der Graͤfin trat, und ſie um Erlaubniß bat, den Abend bei ihr zuzubringen, glaubte Theodor, der ſeit vielen Tagen nicht weiter gegangen war, als von ſeinem Bette bis zu dem Sopha ſeiner Mutter, eine himm⸗ liſche Erſcheinung zu ſehen. Das duͤſtere Kranken⸗ zimmer erhellte ſich, die druͤckende Luft darin wurde zum reinen Aether, indem ſich die geengte Bruſt mächtig erweiterte. Everilda grußte ihn, und fragte nach ſeinem Wohlſeyn. Wie ruͤhrte ihn dieſe ſo ge⸗ wohnliche Höflichkeit! Sie zog eine Arbeit heraus, es entſpann ſich zwiſchen ihr und ſeiner Mutter ein freundliches Geſpraͤch. Es drehte ſich wohl um gleich⸗ gultige, ja um geringfuͤgige Gegenſtaͤnde: aber auch das Geringfuͤgigſte aus Everilda's Munde war an⸗ ziehend; und wie wohl that der Ton, in welchem ſie jetzt zu ſeiner Mutter ſprach, in welchem ſeine Mut⸗ ter ihr antwortete! Kindliche Verehrung von einer Seite, muͤtterliches Wohlwollen von der andernz wie ſchoͤn war das drͤckendſte Verhaltniß geworden! Theodor wußte Alles; aber was jeden andern Jüngling zur Hoffnung aufgemuntert hätte, erweckte bei ihm auch nicht die leiſeſte Regung der Art. Mit einem ſehr ausgezeichneten Verſtande, durch Einſam⸗ keit und lange Leiden fruͤh gereiſt, mit dem Miß⸗ trauen in ſich ſelbſt und in ſein Gluͤck, das jeden feinfuͤhlenden Menſchen gquaͤlt, konnte Theodor nicht vergeſſen, wie ſtiefmutterlich ihn die Natur betheilt hatte. Von unanſehnlichem Wuchſe, mit blaſſen, eingefallenen Wangen, alle Zeichen der Schwäche und der Kraͤnklichkeit an ſich tragend, hatte er ſich's nie als moͤglich gedacht, mehr als Mitleid einzuflö⸗ ßen. Das Mitleid junger Maͤdchen hatte ihm bis⸗ her nie wohlgethan, und er war am liebſten von ih⸗ nen ganz unbemerkt geblieben. Aber in Everilda's bedauernden Worten und Blicken war Balſam fuͤr ſeine Schmerzen. Daß ſie in jeder ihrer Aeußerun⸗ gen wahr ſey, war er laͤngſt uͤberzeugt; ſelbſt das unſchickliche und Tadelnswuͤrdige in ihrem fruͤheren Benehmen, ſelbſt ihre Haͤrte gegen ſeine Leiden und der Kummer ſeiner Mutter buͤrgten ihm dafuͤr. So durfte er denn glauben an wirkliche Theilnahme, und ſeine kuhnſten Wuͤnſche waren erfuͤllt. Theodor legte ſich mit frohem Herzen nieder; ein ſuͤßer Schlaf erquickte und ſtaͤrkte ihn. Er er⸗ wachte heiter; denn bei des Tages Anfang freute er ſich ſchon auf das Ende. Sobald es Abend wurde, blickte er unverwandt nach der Thuͤr, die noch etwas 63 fruͤher, als geſtern, aufging.— Die Erſehnte trat ein, und Theodor erbebte, als ob ſie ganz unerwar⸗ tet erſchiene. Heute wagte er es ſchon, zuweilen das Wort an Everilda zu richten. Sie hatte noch kaum den Ton ſeiner Stimme gehoͤrt; ſie horchte nun mit Erſtaunen und Bewunderung ſeinen Reden. Die ruͤhrende Miſchung von Heiterkeit und Wehmuth, die einfach edle Wendung der Worte, ihr zarter und rei⸗ ner Sinn, begleitet von dem feinen Laͤcheln, das um die blaſſen Lippen ſchwebte, und dem beinah' uͤberir⸗ diſchen Ausdruck des großen, dunkeln Auges, trafen Everilda's Gemuͤth. Sie fuͤhlte, daß dem Reiz, der ſie jetzt anzog, etwas Hoͤheres zum Grunde lag, als Farben und Formen. Auch ruͤhrte ſie unbeſchreiblich die Innigkeit, die, aus der doppelten Verwandtſchaft des Blutes und des Geiſtes entſtanden, jeden Augenblick ſo fuhlbar herrſchte zwiſchen Mutter und Sohn.„Ja,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„das iſt Liebe! Die Liebe, von der mein armes, verwaiſtes Herz ſo oft geträumt, wie ich ſie nie eingefloßt, nie empfunden. Meine Mutter hab' ich kaum gekannt, und die Andern?— Man hat mich gekleidet und genaͤhrt, auch wohl lei⸗ den können, aber nicht geliebt!“ In dieſen Gedan⸗ ken ſaß ſie eines Abends an der Gräfin Seite; Theo⸗ dor ihnen gegenuͤber. Mutter und Sohn waren in traulichem Geſpräche vertieft, und Everilda war für „ — den Augenblick ſogar von Theodor vergeſſen. Da ſagte ſie leiſe, doch mit einem Ausdruck, der Beider Herzen mächtig erſchutterte:„Ja, wenn ich je ſo geliebt worden waͤre, wuͤrd' ich auch gut ſeyn!“— Die Gräfin wendete ſich raſch zu ihr, und zog ſie an ihre Bruſt. Theodor wäre gern ihr zu Füßen gefal⸗ len; doch bezwang er noch ſein uͤberwallendes Gefuhl, und kußte ſchweigend Everilda's dargebotene Hand. „Wunderbares Maͤdchen!“ ſagte die Gräfin, als ſich Everilda entfernt hatte;„gefahrliches Mäd⸗ chen!“ fuͤgte ſie, die Ruͤhrung ihres Sohnes wahr⸗ nehmend, hinzu:„was hat ſie in wenig Tagen uns fuͤr Unruhe gebracht!“—„Sie hat Bewegung und Waͤrme, ſie hat Leben gebracht!— O, theure Mutter, gönnen Sie mir den Anblick dieſer ſchonſten Blume, die an meinem ſonſt ſo verödeten Pfade bluͤht. Ich will ſie ja nur ſehn!— Nicht thorichte Hoffnungen, nicht unedles Begehren fuͤllen meine Bruſtz aber ſollte ich dieſen Lichtſtrahl, der meine Nacht erhellt, nicht dankbar empfangen?“— Die Graͤfin wußte, wie oft man Gefahren herbeifuͤhrt, indem man vor ihnen warnt; ſie ſprach ihre Beſorg⸗ niſſe nicht aus, aber ſie war keinesweges ruhig; wie leicht dieſes ſelige, reine Anſchauen in eine verwuͤ⸗ ſtende, für ihren Sohn gewiß verderbliche Leidenſchaft ubergehen könne, hatten ſie viele Beiſpiele gelehrt.— * Everilda zu entfernen war indeſſen keine Möglichkeit; 65 ihre Leitung war dem unerfahrnen, raſchen, gutmuͤ⸗ thigen Madchen fuͤr Jahre noch unentbehrlich. Sie haͤtte ſich an ihrer entſchlafenen Freundin, an der Menſchheit unverantwortlich verſuͤndigt, wenn ſie der Verwaiſten jetzt Haus und Herz verſchloſſen hätte. Indeſſen war die zur Abreiſe beſtimmte Zeit herangeruͤckt. Theodor ſah mit gepreßtem Herzen den, ohnehin fur einen Kranken, ſchreckenden Vorbereitun⸗ gen zu. Er glaubte ſeinem ſchönſten Gluͤck ein ewi⸗ ges Lebewohl zu ſagen. Was gilt ein armer, zum Haushuͤten verur⸗ theilter Kranker in der Stadt? zumal im Faſching! Wie leicht wird Everilda ſeinen Umgang entbehren, und der Stunden vergeſſen, die ihm ewig unvergeß⸗ lich ſind!— Er dachte es, und eben trat Everilda, heiter wie ein ſchoͤner Maimorgen, zu ſeiner Mut⸗ ter, ſie uͤber irgend eine Toilettenangelegenheit um Rath zu fragen. Theodor hörte nicht ohne Ungeduld der ernſthaften Verhandlung zu, und ſagte, als ſie zu Ende war:„Fräulein von Kronhelm freuet ſich wol ganz unmaͤßig auf die bevorſtehende Veraͤnde⸗ rung?“—„Unmäßig?“ wiederholte Everilda et⸗ was befremdet,„das nicht. Ich freue mich ein we⸗ nig, ich kann es nicht laͤugnen; aber ich wäre auch ſehr gern laͤnger hier geblieben.“—„Gern!“ rief Theodor freudig aus,„o Dank fuͤr das liebe, tröſt⸗ liche Wort!“ Perin Erzählungen. 5 . 66 Everilda reichte ihm recht kindlich gutmüthig die Hand, und ſagte:„Wenn ich es Ihnen nur recht machen kann, lieber Theobort Wahrhaftig, mir iſt nicht wohl, wenn Sie mir zuͤrnen.“—„Zuͤrnen? — Ich Ihnen?“— Der Ausdruck, den er un⸗ willkuͤrlich in dieſe Worte legte, war ein ſo voll⸗ ſtaͤndiges, ſo inniges Geſtaͤndniß ſeiner Liebe, daß ſeine Mutter daruber erſchrak. Everilda wurde ab⸗ gerufen, und entfernte ſich mit vollem, ſanft beweg⸗ ten Herzen. Theore⸗ Achtung, ſeine Billigung auch ihrer unbedeutendſten Handlungen war ihr noth⸗ wendig geworden; ihr und ihm unbewußt uͤbte er eine beinah unumſchraͤnkte Gewalt uͤber das Gemuͤth des guten Maͤdchens. Die einzige wirklich entſcheidende Ueberlegenheit, die ſittliche, hatte ſie in ihm erkannt, und er war ihr dadurch allein ſchon weit mehr, als ſie ahnete, daß er ihr je werden könne. Des andern Morgens ſtiegen die Graͤfin, Eve⸗ rilda und Theodor in einen Wagen, der Graf und Adolf ritten weit voran. Die Wege waren durch fortgeſetzten Regen ſehr ſchlecht geworden, Theodor fuhlte jede Erſchutterung auf das ſchmerzhafteſte, ſeine Mutter und Everilda mit ihm; um ſo mehr, da er ſich auch nicht die leiſeſte Klage erlaubte. Nur der ſchnelle Wechſel der Farbe und die großen Schweiß⸗ tropfen auf ſeiner Stirn zeigten von ſeinem wirklich bedaurungswerthen Zuſtande. Dabei ſprach er in 3 ℳ 67 laſſenem, ja oft in ſcherzhaftem Tone mit ſeinen Rei⸗ ſegefährtinnen, und ſuchte ihre Aufmerkſamkeit auf andere Gegenſtaͤnde zu richten. Doch fuͤr diesmal war ſeine Beredſamkeit verloren; Beide konnten nur Einen Gedanken denken: ſeine Leiden.„Waͤren wir nur ſchon an Ort und Stelle, wenigſtens ſchon im heutigen Nachtlager angelangt!“ ſeufzten Beide zu⸗ gleich; aber lange wurde das erſehnte Ziel nicht er⸗ reicht. Bald zogen die Pferde nur muhſam den Wa⸗ gen einen Berg hinauf, buld ſchleppten ſie ihn keu⸗ chend durch einen ſumpfigen, ungleichen Waldweg, bald blieben ſie in einer Vertiefung des Geleiſes ſte⸗ cken. Zuletzt brach noch ein Rad in einem elenden Dörfchen, wo zu uͤbernachten unmoglich war. Die Verlegenheit zu vermehren, war der Schmidt in der Schenke und der Wagner noch auf dem Felde. Bis ſie geholt wurden, zogernd und unwillig an's Werk gingen, bis endlich, nach hundert Ungeſchicklichkeiten, die zum Gluͤck noch brauchbaren Stuͤcke des Rades zuſammengefugt wurden, verging eine Ewigkeit. Nun kam der Wagen wieder in Bewegung, und nach einer tödtlich langen Stunde hielt er vor dem Poſthauſe, wo ſchon Alles zum Empfang der vornehmen Gäſte bereit war. Beim Ausſteigen warf die Graͤfin einen Blick auf ihren Sohn, und fuhr heftig zuſammen: denn ſein Ausſehn war in dieſer letzten Stunde, wo die 5* — 68 Dunkelheit ihn dem mutterlichen Auge entzogen hatte, auffallend ſchlechter geworden. Er beruhigte ſie in⸗ deſſen, verſichernd: es ſey ihm ſchon jetzt beſſer, und er beduͤrfe nur des Schlafes; worauf er denn mehr in ſein Zimmer getragen, als gefuͤhrt wurde. Die Graͤfin empfand die äußerſte Muͤdigkeit, und legte ſich ebenfalls zur Ruhe. Everilda aß etwas an ihrem Bette, ſich uͤber die Beſchwerden des Tages noch mit ihr beſprechend, und entfernte ſich dann ſchnell, um ſie nicht laͤnger zu ſtören. Die Hausmagd hatte eben mit einiger Muͤhe das verroſtete Schloß ihrer Zimmerthuͤr aufgeſperrt, Everilda ſprach, auf der Schwelle, einige Worte noch mit ihr, als die Thuͤr gegenuͤber aufging, und Theo⸗ dor's Bedienter mit einigen blutigen Tuͤchern und ei⸗ nem Becken voll Blut heraustrat.„Was iſt das?“ rief Everilda leichenblaß,„um Gotteswillen, was iſt geſchehen?“—„Leider nichts Neues; aber etwas ſehr Schlimmes!“ antwortete der Mann.— Noch eh' er ausgeredet, ſtand Everilda, in bewußtloſer Angſt, haͤnderingend vor Theodor's Bette. Er lag, noch völlig angekleidet, ſehr bleich, aber milde und ruhig da. Everilda betrachtete ihn einige Minuten, und rief dann:„O! wo iſt ſeine Mutter? Ich gehe, ich bringe ſie; ſie wird helfen.“—„Nein, nein,“ hat Theodor mit ſchwacher Stimme; aber in dringendem Ton:„nein, Everilda, Sie werden Jh⸗ 69 ren Freund nicht ſo ſehr betruͤben!— Meine Mut⸗ ter darf mich in dieſem Zuſtande nicht ſehn.— Glau⸗ ben Sie mir, Liebe, ſchonte ich ihrer nicht, ſie wäre langſt nicht mehr, und ich der elendeſte, verlaſſenſte Menſch auf Erden!“—„Edler, guter, ungluͤck⸗ licher Theodor!“ ſprach Everilda; ſie ergriff ſeine Hand und führte ſie an ihre Lippen. Theodor zog erſchrocken die Hand*„Everilda! was thun Sie? Wie konnt' ich dulden“—„War⸗ um nicht? Die liebende Schweſter dem verehrten Bruder.“— Sie wendete ſich weg, um ihre Thrä⸗ nen zu trocknen; denn ſie dachte: vielleicht dem ſchei⸗ denden Engel!— Beide, zu tief bewegt, ſchwie⸗ gen lange; endlich ſprach Everilda wieder von Theo⸗ dor's Mutter und ſagte: ſie konne, indem ſie ihr die⸗ ſen Vorfall verſchweige, nicht die ſchwerſte Verant⸗ wortung auf ſich laden.—„Und können Sie es leichter verantworten,“ erwiederte Theodor,„wenn Sie meine Mutter tödten?— Zwanzig Jahre Lei⸗ den, die ſie allein trug, haben ſie geſchwächt in ei⸗ nem Grade, der nur mir bekannt iſt. Schrecken und Kummer ihr ganz zu erſparen, vermag ich lei⸗ der! nicht; doch wo ich kann, thät' ich es, waͤr' es auch nicht meine heiligſte Pflicht, aus Mitleid mit mir ſelbſt; denn fuͤhlen Sie nicht, Everilda, daß ihr Gram ſchwerer als meine Schmerzen auf mir la⸗ ſten muß?“— Everilda verſprach zu ſchweigen, 70 und ging mit ſehr wundem Herzen aus Theobor's Zimmer in das ihre. An keine Ruhe mehr denkend, blieb ſie angekleidet, behielt Licht, und horchte aͤngſt⸗ lich jedem Laute. So verging die Nacht. Der Mor⸗ gen brachte einigen Troſt; Theodor's Bedienter kam, dem Fräulein zu berichten: ſein Herr habe mehrere Stunden geſchlafen, und der Athem ſey merklich er⸗ leichtert. Zur großeren Beruhigung wußte Everilda, daß die Stadt nur eine halbe Tagereiſe entfernt ſey, und daß der Weg, weil er nun auf der Hauptſtraße ging, nothwendig beſſer ſeyn muͤſſe. Everilda ſaß nun mit Theodor und ſeiner Mutter wieder in dem Wagen, und die Graͤfin bemerkte, nicht ohne Ruͤhrung und Erſtaunen, wie Everilda's Blicke oft, mit Thränen gefuͤllt, unverwandt auf ihrem Sohne ruhten; wie bei jeder ſtaͤrkeren Erſchuͤtterung des Wagens ihre Wangen ploͤtzlich erblaßten; wie, wenn er wieder auf ebener Bahn ruhig gleitete, ſie tief aufſeufzend ſagte:„Gottlob! es iſt voruber.“ — Woher dieſes Steigern ihrer Theilnahme? Was konnte ſo ſchnell ein Herz, dem meinen gleich, in ih⸗ rer Bruſt erſchaſſen? ftagte Theodor's Mutter ſich ſelbſt. Wohl ſah ſie die Waͤrme und Lebhaftigkeit dieſer Empfindungen; doch an ihrer Aechtheit und Dauer mußte ſie zweifeln, und ihr Verſtand mißbil⸗ ligte die Freude, die ihr Herz unwillkuͤrlich daruͤber empfand. Theodor hatte den matten, aber ſchmerz⸗ ——— 71 loſen Korper vergeſſen, und ſein entzuckter Geiſt zwei⸗ felte nicht, hoffte nicht, forſchte nicht nach der Zu⸗ kunft, und lebte ganz in der ſeligen Gegenwart. Everilda erblickte zuerſt die hohen Thuͤrme der Stadt, bald auch ihre Mauern und einige emporra⸗ gende Häuſer; der Wagen fuhr noch eine Strecke, und rollte unter das Thor. Auch jetzt, zu einer Stunde, wo die elegante Welt die Straßen fuͤllte, zu einer Zeit, wo jede Putzhaͤndlerin ihre neueſten und geſchmackvollſten Waaren aushängt, war Eve⸗ rilda's Aufmerkſamkeit ungetheilt auf Theodor's Zu⸗ ſtand gerichtet:„Ach Gott! das Pflaſter! das boͤſe Pflaſter!“ rief ſie einmal uͤber das andere aus. Zum Gluͤck war das Haus des Grafen B*n nur zwei Gaſſen weit vom Stadtthore entfernt; doch beim Ein⸗ gang in daſſelbe waren noch nicht alle Beſchwerden uͤberſtanden. Der immer nur ſich ſelbſt fuͤhlende Hausherr, der ſchon den Abend zuvor mit ſeinem le⸗ bensluſtigen Erben angekommen war, hatte zur Mit⸗ tagstafel Geſellſchaft gebeten. So war denn fuͤr die Frauen an kein Ausruhen zu denken, und Theodor lag einſam auf ſeinem Zimmer, indeſſen ſeine Mut⸗ ter und Everilda recht mißmuͤthig und todtmude ſich ankleiden ließen. Doch war es die edelkluge Grafin gewohnt, ihren Unmuth nicht auf der Stirn zu tra⸗ gen. Everilda, ihre Faſſung bewundernd, verſuchte, ſie ihr abzulernen, und den zahlreichen Gäſten ruhig 72 und heiter zu erſcheinen. Sie fing an einzuſehn, die Sittſamkeit muſſe in vielen Augenblicken auch des Mädchens Seele verhoͤllen. Eine köſtliche Stunde an Theodor's Bette war Entſchaͤdigung des erlittenen Zwangs. Er war ſo innig froh, ſo ganz Liebe und Dank gegen Everilda und ſeine Mutter, und beide weibliche Seelen em⸗ pfanden ſo harmoniſch fuͤr ihn und mit ihm, daß ſich eine ſchoͤnere und engere Vereinigung nicht denken läßt. Die nachſtfolgenden Tage wurden wie dieſer beſchloſſen, und die Morgenſtunden beſeligte das Nach⸗ gefuhl des reinſten Gluͤcks Aber nun kam eine Ein⸗ ladungskarte, die der Graf mit triumphirender Miene ſeiner Frau uͤberbrachte. So wenig anziehend ein Bal paré für die Gräfin war, ſo ſchwer es ihrem Mutterherzen auch fiel, den geliebten Kranken auf Stunden zu verlaſſen, ſo ſehr hielt ſie es fuͤr Pflicht, ihre Pflegetochter der Welt nicht ganz zu entziehen. Theodor's Zuſtand hatte ſich ſehr gebeſſert, er ſelbſt drang in ſeine Mutter, die Einladung anzunehmen. Everilba ſchwieg beſcheiden; doch man wußte, ſie tanze gern und gut, und ſie hatte fruͤher oft geaͤußert: ein großer Ball muͤſſe etwas ganz Herrliches ſeyn! Die Gräfin verſprach, ſich einzufinden. Auch glaubte ſie, dafür ſorgen zu muſſen, daß Everilda ihrem Rang und ihrem ſehr anſehnlichen Vermogen gemäß zum erſten Male in der Welt erſcheine. Welches Mäd⸗ 73 chen iſt fur Glanz und Zierde ganz ohne Sinn? Everilda konnte nicht umhin, ſich uͤber den wirklich ſchönen Anzug zu freuen, und zu bemerken, daß er ihr ſehr gut laſſe; deßungeachtet klopfte ihr das Herz bei dem Gedanken: wie viel ſchoͤnere Maͤdchen und beſſere Tänzerinnen ſich wol dort finden wuͤrden, und wie ſie vielleicht zuruckgeſetzt, ja ganz uͤberſehen, der Gegenſtand eines beleidigenden Mitleids werden könn⸗ te. Zu ihrer eigenen Beſchaͤmung fuͤhlte ſie, daß dieſe Vorſtellungen dem verſchmaͤhten Adolf ſehr guͤn⸗ ſtig waren; der Wunſch, er mochte ſie dieſen Abend auszeichnen, regte ſich, doch nur leiſe. Der aͤchte jungfraͤuliche Stolz uͤberwand die kleinliche mädchen⸗ hafte Eitelkeit, und Theodor's Bild half machtig zum Siege. Als Adolf, ſich ſeiner Wichtigkeit wohl be⸗ wußt, ſie zum Wagen fuͤhrte, reichte ſie nur zögernd ihm die Hand, und in Blick und Ton war mehr Ernſt und Kaͤlte, als je zuvor. Solche Behandlung, in einem ſolchen Augenblick, hatte er nicht erwartet; er bat, nicht ohne merkliche Verlegenheit, um den erſten Tanz, der, doch kurz und trocken, ihm zuge⸗ ſagt wurde. Im hell erleuchteten Saal, unter der feſtlich geſchmuͤckten Menge, die dem leicht getäuſchten Mad⸗ chenauge ſo allgemein frohlich erſchien, fuͤhlte Everil⸗ da einen Theil ihrer Schuͤchternheit verſchwinden; ſie miſchte ſich mit freierem Muthe, als ſie ſich ſelbſt 74 zugetraut hatte, in die Reihe der Tanzenben. Nicht lange blieb ſie unbemerkt. Da ſie nicht nur eine liebliche, ſondern auch eine neue Erſcheinung war, gefiel an ihr vielleicht ſogar das Mangelhafte; und als zwei oder drei der jungen Gecken, die den Ton angaben, mit ihr getanzt und verſichert hatten: ſie ſey ohne Widerrede das ſchoͤnſte Maͤdchen und die beſte Tänzerin, ein Mann von Geſchmack könne in dieſer ganzen Verſammlung nur ſie bemerken, wurde ſie auch wirklich vor allen Andern bemerkt und ganz allein gelobt. Everilda verdiente wenigſtens dadurch ihren Triumph, daß ſie ihn nicht ahnete; Gering⸗ ſchaͤtzung und Tadel, die ſie vorher befurchtete, hätte ſie gewiß in ihrer ganzen Bitterkeit gefühlt, an Be⸗ wunderung konnte ſie nicht glauben. Einige Aeuße⸗ rungen des Beifalls hatten ſie gleich Anfangs beru⸗ higt, auch die Beſorgniß, mit Adolf oft tanzen zu muͤſſen, war verſchwunden; die Täͤnzer draͤngten ſich um ſie, und halb erfreut, halb erzurnt daruͤber, konnte er nach dem erſten Tanz kaum einige fluͤchtige Worte zu ihr ſprechen. Zufrieden mit der Ueberzeugung, nicht unange⸗ nehm aufzufallen, huͤpfte und ſchwebte Everilda in unbefangener Frohlichkeit durch den Saal, uͤberhörte manche Schmeichelei, beantwortete manche andere mit einem launigen Einfall, und dachte nichts weni⸗ ger, als daß Aller Augen auf ſie gerichtet waren. 3 75 Nun wurde durch irgend einen Zufall das erſte tan⸗ zende Paar aufgehalten, die folgenden mußten ſtille ſtehn, und nach einigen Minuten hatte ſich ſchon eine Schaar junger Stutzer und alter Narren um Everilda geſammelt; da ſich die Zahl der Gaffenden mit jedem Augenblicke mehrte, fragte ſie wirklich neu⸗ gierig ihren Taͤnzer:„Aber was giebt es denn hier zu ſehn?“—„Das Schoͤnſte, das Sehenswürdigſte,“ erwiederte er,„Sie!“ Everilda lachte laut auf; denn ſie war nicht im geringſten verſucht, dieſen Worten Glauben beizumeſſen, und fand den Scherz recht artig. Sehr munter, ſehr vergnuͤgt, aber in aller Freiheit des Geiſtes und Ruhe des Herzens fuhr Everilda, in Begleitung der Gräfin, nach Hauſe. Dieſe hatte ſie mit ungetheilter Aufmerkſamkeit beob⸗ achtet, und ihre Achtung gegen das Maͤdchen war ſehr geſtiegen. Theodor ſprach ſeine Mutter noch, bevor ſie zu Bette ging. Was ſie ihm mittheilte, ruͤhrte, erfreute und beunruhigte ihn; denn einmal, und vielleicht nur zu bald, wuͤrde Everilda der Ge⸗ walt, die ſie uͤber Maͤnnerherzen ausübte, ſich be⸗. wußt werden, und gewohnt, die Huldigungen Aller zu empfangen, ſollte die Liebe eines einzigen, ſo von jeder Liebenswuͤrdigkeit entblößten, armen Menſchen ihr genuͤgen? Wirklich bekam Everilda ſchon am folgenden * Morgen ſo ſprechende Beweiſe ihres Sieges, daß ſie bei aller Beſcheidenheit nicht mehr daran zweifeln konnte. Sie las ihn zuerſt in Adolfs Blicken, die, ſo ſehr ſie ihnen auszuweichen ſuchte, mit dem lei⸗ denſchaftlichſten Ausdruck oft den ihrigen begegneten. In der Flitterkrone einer Ballkönigin erſchien ſie ihm ſo reizend und erhaben zugleich, daß er nun in der That glaubte, unaufloslich an ſie gefeſſelt zu ſeyn. — Die Familie ſaß noch nicht lange beim Fruͤhſtuͤck, als Adolfs Bedienter mit geheimnißvoller Miene ein⸗ trat, und ihm einige Worte ins Ohr raunte, wor⸗ auf dieſer eilig das Zimmer verließ. Seine Abweſen⸗ heit wurde von den Uebrigen kaum bemerkt. Der Graf und ſeine Gemahlin ſprachen von einigen Verände⸗ rungen in der Eintichtung ihres Hauſes, uber die ſie nicht ganz gleichet Meinung waren. Theodor und Everilda ſaßen in einiger Entfernung von ihnen, und dachten laut;? wie ſie es gegen einander zu thun pflegten; der Gedanke erhobe ſich frei, die Rede floß ungehindert,“ die Herzen verſtanden ſich.— Wer die Seligkeit ſolcher Stunden je empfand, wird begrei⸗ fen, wie ganzlich Adolf vergeſſen war; aber nun kam er wieder, ein Bedienter folgte ihm, und trug Kraͤnze und Strauße von den ſelkenſten Blumen, er ſelbſt uͤberreichte einige Blätter, bitterſuͤß lächelnd, der hochſt erſtaunten Everilda.„Hier,“ ſagte er,„uͤberbring' ich Ihnen, nothgedrungen, die Huldigungszeichen al⸗ —— 27 ler derjenigen, die geſtern das Gluck hatten, mit Ih⸗ nen zu tanzen. Sie waren eben jetzt Alle auf mei⸗ nem Zimmer verſammelt, und beſtuͤrmten mich mit Bitten und Drohungen dermaßen, daß ich ihnen willfahren mußte; um ſo mehr, da, Einen oder Zwei ausgenommen, es lauter Freunde und gute Bekannte ſind.— Entſchuldigen Sie mich und ſie, mein ſproͤdes Fräulein! Warum ſind Sie auch ſo ver⸗ zweifelt liebenswuͤrdig?“— Errothend beſah Eve⸗ rilda nun die Blumen, aber hielt zögernd und un⸗ entſchloſſen die Blaͤtter in der Hand; die Grafin nahm ſie ihr ab, und las. Es waren Gedichte zu Everilda's Lob; einige nur gereimte und metriſch ge⸗ ordnete Gemeinplatze, andere nicht ohne dichteriſchen Sinn und Schwung. Eins davon gefiel der Graͤ⸗ fin ſo ſehr, daß ſie lächelnd ſagte:„Wenn man mich in meiner Jugend ſo beſungen hätte, ſo hätte man mich wohl zu dem gemacht, was ich nicht war, zu einem ſehr eitlen Mädchen nämlich.“ Everida legte dieſes Blatt mit einiger Sorgfalt bei Seite. Theodor runzelte unwilkkurlich, doch von Everilda nicht unbemerkt, die Stirne; erheiterte aber fuſt in demſelben Augenblick ſeine Miene wieder.—„Ei! ei!“ ſagte zu wiederholten Malen kopfſchuͤttelnd der alte Graf, ſolche Ehre iſt, ſo weit ich zuruͤckdenke, noch keinem Fraͤulein in unſerer Stadt widerfah⸗ ren!“—„Ich fuͤhle mich nicht eben geehrt, 8 78 ſagte Everilda kleinlaut. Theodor kuͤßte ihren Hand⸗ „ ſchuh, mit dem er bisher ſchweigend geſpielt hatte, und ſprach leiſe, doch fuͤr Everilda, die neben ihm ſtand, hörbar:„Reiner, unbeſtochener Sinn, wie ehrſt du ſie!“ Everilda's Handlungsweiſe war nun beſtimmt. „Wohin mit den Blumen?“ fragte endlich der noch immer wartende Bediente.„In des Fräuleins Schlafzimmer,“ ſagte Adolf.—„Bewahre Gott! ſie machten mir Kopfweh.“—„In den Salon alſo,“ ſprach die Grafin.—„Noch weniger, da ſehn ſie alle Leute, und es wird ohne Ende daruͤber geſprochen; aber— mir fällt was ein: die fromme, alte Stiftsdame, unſere Nachbarin, feiert morgen das Feſt ihres Schutzheiligen, ich will gern etwas zu ihrer Andacht beitragen. Geh' Er hin, ich ſchickte ihr einige Blumen, ihren Hausaltar zu ſchmuͤcken.“ Der Bediente ging⸗—„Wunderlich!“ ſagte der EGraf.—„Immer was man nicht erwartet!“ fluͤ⸗ ſterte Abolf. Theodor und ſeine Mutter ſahen be⸗ deutungsvoll einander an. Everilda ſammelte nun die zerſtreuten Blätter, nahte ſich dem Kamin und warf alle, das gelobte Gedicht nicht ausgenommen, in die Flammen.—„Nein, das geht zu weit!“ riefen jetzt Vater, Mutter und beide Söhne, wie aus einem Munde.„Warum?“ ſprach Everilda, „es waren auch unverdiente Kraͤnze, ſie haͤtten mich „ 79 2 nicht geʒiert.“—„Das iſt ſehr demuͤthig, oder ſehr ſtolz,“ bemerkte die Grafin.„Sagten Sie nicht oft,“ ſprach Everilda, zu Theodor gewendet,„ein Maͤdchen muͤſſe Beides ſeyn?“—„Das edelſte Madchen iſt gewiß, was Sie ſind,“ erwiederte er mit Feuer;„aber es giebt unvergangliche Blumen, und die bluͤhen Ihnen!“— und nun deklamirte er mit Begeiſterung das ſchoͤne, nun eben verbrannte Ge⸗ dicht, von welchem er jede Zeile auswendig wußte, weil jede Zeile ſein Gefuͤhl ausſprach. Everilda hoͤrte ihn mit ſichtbarer Bewegung an. Als Theodor ge⸗ endet hatte, ergriff die Graͤfin ihre Hand, und ent⸗ fernte ſich mit ihr; denn ſie ſelbſt hatte der ganze Auſtritt nicht ungeruͤhrt gelaſſen, und ſie fuͤhlte, der geheime Zug der Herzen habe ſich in dieſer Stunde nur zu deutlich gezeigt. „Haſt du gehoͤrt? Haben Sie geſehn? Soll ich meinen Ohren, ſoll ich meinen Augen trauen?“ riefen Vater und Sohn einander haſtig entgegen, als ſie ſich allein ſahen.„Nein, beim Himmel! daß mir der blaſſe, engbruͤſtige Kopfhaͤnger bei Mädchen ſchaden könnte, hätt' ich in Ewigkeit nicht gedacht.“ —„Und meine Frau— wer ſieht der die Schlan⸗ genliſt an?— Aber warte, Frau Rebekka, dein Jakob hat meinen Segen nicht dazu, und bekommt ihn nicht!“—„Nun,“ ſagte Adolf lachend,„den zu heirathen wird doch der Kronhelm nicht einfallen? 80 das wäre einmal zu drollig.“—„Man kann nicht wiſſen!“ ſagte der Graf bedenklich,„hat meine Frau den tollen Gedanken, ſo ſagt die Kronhelm Ja dazu; denn ſie iſt wie weiches Wachs in ihrer Hand.“— „Daß es zum Heirathen komme, glaub' ich nun und nimmermehr, Vater; ein Maͤdchen will doch eine andere Ausſicht, als Krankenwarten. Und Everilda! Schade, daß Sie nicht auf dem Ball waren; Sie haͤtten ſich mit mir in das Maͤdchen verliebt; ich ſage Ihnen, alle andere Taͤnzerinnen waren gegen ſie alt, häßlich und lahm: ſie iſt ein herrliches, herr⸗ liches Kind! und ſie muß mein werden, trotz aller Kruͤppel und Dichter der Welt.“ Ein zweiter Ball folgte in acht Tagen dem er⸗ ſten. Die Grafin und Everilda fuhren aus, zwei Stunden fruͤher als er anfangen ſollte, einige laͤſtige Viſiten abzuthun; nach der letzten ſagte Everilda: „Nicht wahr, liebe Mutter, Sie ſind ſchon recht müde?“—„Etwas, mein Kind; aber der An⸗ blick Ihrer Freude wird mich jetzt erquicken.“— „Ach! ich wuͤßte für Sie und mich eine beſſere Er⸗ uickung!“—„Wie ſo?“—„Liebe Mutter, laſſen Sie mir nur heute meinen Willen. Anſtatt auf den Ball, fahren wir nach Hauſe.“—„Un⸗ moͤglich! was wuͤrde mein Mann und Adolf ſagen? ſie warten unſer ſchon lange, und wenn wir nu vollends ausblieben?“—„Mein Gott! es iſt 81 Ihnen oder mir plotzlich unwohl geworden; eine kleine unſchuldige Lüge, uͤber die Ihr Gemahl und Graf Adolf nicht allzuſehr erſchrecken werden.“— „Aber deſto mehr ſich aͤrgern.— Und wahrhaftig, Kind, das iſt eine ſeltſame Laune! Alle Vorberei⸗ tungen zum Balle gemacht, der theure Anzug! Eine ganze Stunde vor dem Spiegel geſtanden, recht ball⸗ luſtig ausgeſehn, und nun?“—„Ballluſtig? mit nichten! aber recht herzlich froh, wenn ich an den Abend dachte, und an die Ueberraſchung fuͤr Ihren Theodor; wie wird er mir's danken, wenn ich ihm ſeinen Schutzengel zuruͤckfuͤhre! Liebe Mutter! ver⸗ derben Sie mir die Freude nicht.“— Immer drin⸗ gender bat Everilda, und die Gräfin gab endlich ihr und dem eigenen Herzen nach. Theodor ſaß am Schreibtiſche; er hatte ſich vor⸗ genommen, den Abend zur Ausarbeitung eines ge⸗ lehrten Aufſatzes, den er ſchon lange im Kopfe mit ſich herumtrug, zu verwenden; doch ſtatt aller Ge⸗ lehrſamkeit ſtand auf dem Bogen, der vor ihm lag, in allen Richtungen hingeſchrieben: Everilda! Eve⸗ rilda! theure, ſchmerzlichgeliebte Everilda!— und, als laͤge in den Worten eine magiſche Kraft, hörte er leiſe Tritte. Die Thuͤr ging raſch auf, und Eve⸗ rilda, von weitem ihm die Hand reichend, eilte auf ihn zu. Er ſtand auf, freudig erſchrocken, jeder Faſſung beraubt, ergriff die theue Hand, tän ſ. Perin Erzählungen. 6 82 bräckte ſie an ſeine gluͤhende Stirne, an ſein klopfen⸗ des Herz, und ſein Mund rief aus, was eben ſeine Feder gezeichnet hatte. Die Gegenwart ſeiner Mut⸗ ter, die ſehr bald nach Everilda erſchien, hemmte die⸗ ſen Ausbruch lange unterdruͤckter Empfindungen, die den ſonſt ſtreng uͤber ſich wachenden Juͤngling in die⸗ ſem Augenblick ganz uͤberwaͤltigt und in die Macht Derjenigen gegeben, deren Geſinnung er noch nicht kannte, deren hingebende Liebe er, trotz aller zarten Winke, nicht ahnete. Achtung fur ſeinen Charakter, Mitleid mit ſeinem Zuſtande hieß ihm Alles, was ſie fur ihn that; und er befurchtete, dieſe Achtung, den hochſten Preis ſeines Lebens, verwirkt zu haben. Wie läͤcherlich ſchwach mußte er nicht erſcheinen, wenn er von Liebe ſprach?— Doch, indem er in der hochſten Unzufriedenheit mit ſich ſelbſt, ſchwei⸗ gend und mit niedergeſchlagenen Augen da ſtand, ruhten Everilda's Blicke freudetrunken auf ihm, und ſie dachte:„Er liebt mich! Er findet mich ſeiner Liebe werth! Ich habe die edelſte Seele gewonnen!“ — Die Graͤfin ſtaunte Beide an, und ſagte dann * zu ihrem Sohne.„Wir haben dich wol zur Un⸗ zeit geſtört, und du daneſt es uns gar nicht, daß wir lieber unſern Abend am Theetiſch mit dir zubringen wollen, als auf dem Ball.“—„Wie ſollt' ich nicht!“ ſagte Theodor, und kußte zärtlich ſeiner Mutter Hand; 5 zugleich blickte er ſchuͤchtern hinuber zu un ——— 83 ſch wenigſtens ſehr deutlich, daß ſie ihm nicht zůrne. Nun war die gluͤckliche Stimmung, die an ſolchen Abenden noch nie gefehlt hatte, wieder gefunden. Sanfter Scherz und heitere Weisheit herrſchten, bald abwechſelnd, bald vereint, in traulichem Geſpraͤch. Everilda wurde von Mutter und Sohn uͤber ihre Aufopferung bald gelobt, bald geneckt; die Qua⸗ len der vergeblichen Erwartung, die nun eben ihre Täͤnzer litten, wurden von Beiden und von ihr ſelbſt tragikomiſch geſchildert.„In Wahrheit,“ ſagte nun die Gräfin,„du biſt dem Fräulein von Kronhelm eine Entſchaͤdigung ſchuldig, lieber Sohn, und wenn du nicht jetzt wenigſtens einen Walzer mit ihr tan⸗ zeſt, damit die allerliebſten Pariſer Schuhe nicht un⸗ gebraucht wieder in den Kaſten kommen, ſo—“ Theodor ließ ſeine Mutter nicht enden, er ſtand raſch auf, ſchlang den Arm um die Geliebte, und ſchwang ſie mit einer, ihm ſelbſt unerklaͤrbaren Stärke und Schnelligkeit im Kreiſe.—„Um Gotteswillen,“ rief die Graͤfin,„es war nicht ſo gemeint!— Theo⸗ dor! genugl ich beſchwöre dich!“— Theodor rief la⸗ chend zuruͤck:„Sie haben mich aufgefordert, und auf Ihre Verantwortung, Mutter! noch ein Mal herum!“ Da traten herein Adolf und ſein Vater.— Wie mit einem Ruthenſchlag waren, als ſie einan⸗ der erblickten, Tarzende und Eintretende zu Bildſaͤu⸗ len verwandelt; die Einen in des Zimmers Mitte, 6* 84 die Andern an der Thur feſtgebannt. Der alte Graf rieb ſich einige Mal die Augen und ſprach:„Man muß es ſagen, das Fräulein von Kronhelm belieben ein hoöchſt ſeltſames Spiel mit den beiden Jungen da zu treiben; den Wildfang macht ſie mir zum Kopfhaͤnger, der uber die, wie es ſcheint, ſehr wahr⸗ hafte Nachricht ihrer Unpaßlichkeit nicht zu bewegen war, den ganzen Abend nur eine Tour zu tanzen; und der Andere, den ich in ſeinem ganzen Leben nicht einen Fuß höher als den andern heben ſah, ſpringt trotz allen Zuſtaͤnden herum, als ob er nicht recht geſcheit waͤre. Nun wollte Adolf ſprechen; aber die Graͤfin kam ihm zuvor mit den Worten:„Was die Unpaßlichkeit des Frauleins betrifft, ſo können zwei Taſſen Thee und die Ruhe durch einige Stun⸗ den eine gänſtige Veraͤnderung bewirkt haben, und daß Theodor einen unuͤberlegten Scherz von mir zum Ernſt machte, iſt nur in Hinſicht ſeiner Geſundheit zu tadeln.“—„O! mir iſt ganz außerordentlich wohl!“ verſicherte Theodor. Adolf ſchoß ſo wäthende Blicke nach ihm, daß Everilda, die nun keine heftige Scene mehr befürchtete, nicht umhin konnte, etwas ſchelmiſch daruͤber zu laͤcheln. Es wurden noch ei⸗ nige unbedeutende Worte gewechſelt, und man ging auseinander; die Einen in großer Erbitterung, die Andern zu ſelig, lange an das unangenehr Ende des ſchoͤnſten Abends zu deiken. —— 85 Die Einzige, welche dieſer Abend nicht um die Beſonnenheit gebracht, Adolfs und Theodors Mutter, fühlte: es ſey nun um den Frieden ihres Hauſes, um den letzten Schein der Eintracht zwiſchen ihren Soͤhnen geſchehen. Doch fur eine Reihe truͤber Tage, die ſie voraus ſah, entſchädigte ſie die ſchonſte Hoffnung fuͤr den Liebling ihres Herzens. Ach! wir fuͤrchten und hoffen ſo weit hinaus, und wie nahe iſt vielleicht die Stunde, die allem Hoffen und Fürchten ein Ende macht! Theodor's Mutter wurde wenige Wochen nach jenem Abend plotzlich von einer gefäͤhrlichen Krankheit befallen. Der Arzt verſchrieb; doch wuͤnſchte er gleich Anfangs mehr eine gluͤckliche Wirkung ſeiner Heilmittel, als er ſie erwartete. Die Staͤrke des Uebels und die Schwä⸗ che der Kranken ließen das Schlimmſte befürch⸗ ten. Die Graͤfin fuͤhlte ſich ſterben, und flehte zu Gott um Ergebung:—— von dem Leben zu ſcheiden, wie leicht! von dem Sohne ihres Herzens, wie ſchwer!— Theodor ſah ſchon mit zerriſſenem Herzen ſie leiden; wo ſollte er die Stärke finden, ſie ſterben zu ſehn? In dem Gedanken lag fuͤr die arme Mutter der haͤrteſte Todeskampf. Theodor'n hatte man bisher die Gefahr verborgen; Everilda wußte mehr; der Graf und Adolf wollten kein Un⸗ gluͤck ahnen, vielleicht, weil ſonſt der Wohlſtand Veraͤnderung ihrer Lebensweiſe gefordert e 86 Eines Nachmittags hatte die Kranke den gelieb⸗ ten Sohn, unter dem Vorwande, daß ſie ruhen wolle, zu entfernen gewußt, und aus uͤbergroßer Ermattung wirklich einige Minuten geſchlummert. Indeſſen hatte ſich Everilda in ihr Zimmer geſchlichen; ſie hielt den Athem zuruck, um den Schlaf, den ſie tiefer und er⸗ quickender wäͤhnte, nicht zu ſtören. Die Bettvor⸗ haͤnge waren zugezogen, und ſie ſah die ſchmerzhaft verzogenen Züge der Leidenden nicht. Doch bald hoͤrte ſie ein leiſes Weinen und die Worte:„Mein Gott, muß ich ihn verlaſſen, ſo verlaſſe du ihn nicht! Er wird allein ſtehen!— Wie ich ihn liebte, liebte ihn Niemand mehr!“ Everilda brach in ein lautes Schluchzen aus, und von ihrem uͤberwallenden Her⸗ zen getrieben, ſtuͤrzte ſie hin zum Bette, kniete da⸗ vor, und indem ſie die Hand der Kranken mit Thra⸗ nen und Kuͤſſen bedeckte, rief ſie:„Mutter, theure Mutter! ſollte wirklich die ſchmerzlichſte ſeiner und meiner Stunden ſo ſchrecklich nahe ſeyn,— 0, po nehmen Sie wenigſtens den Troſt mit hinuͤber, daß er nicht allein ſtehen wird! So wahr Gott uͤber uns iſt, geliebte Mutter, ich laſſe nicht von Ihrem Sohne! Segnen Sie in mir ſeine Freundin, ſeine Pflegerin, ſeine Gattin!— Was ich bin, was ich habe, iſt Sein!“— Die Graͤfin legte ſanft die Hand auf das Haupt der Knieenden, und ſagte zum Himmel emporblickend:„Ich danke dir, du haſt 87 nen deiner Engel geſendet, und das Scheiden wirb leicht!“— Noch an demſelben Abend fragte die Graͤfin den Arzt: ob er ihre Geneſung fuͤr moglich halte? Der Mann, ſeit langen Jahren ein Freund des Hauſes, erbleichte und zuckte die Achſeln; ſie wußte genug. Die Nacht war entſcheidend. Als am Morgen Theodor die brennende Hand ſeiner Mutter an die Lippen druckte, ſagte er aͤngſtlich forſchend zu ihr⸗ „Mutter, ich fuͤrchte, Sie verbergen mir den groͤßten Theil deſſen, was Sie leiden.“ Die Graͤfin ſam⸗ melte ſich einige Sekunden, und ſagte dann mit Muth und Heiterkeit:„Wohlan, mein Kind, der Augenblick iſt gekommen, in welchem du mich auf einmal fuͤr alle Liebe und Treue belohnen kannſt. — Goönne mir das Gluͤck, an dem ich lange ver⸗ zweifelte, zuerſt zu gehen. Es iſt Naturord⸗ nung; es iſt, ich fuͤhle es, der Wille Gottes!— Mein Sohn, trag' es wie ein Mannz und die let⸗ ten Stunden unſers Beiſammenſeyns auf Erden laß uns noch genießen im Vertrauen auf Den, der uns jenſeits wieder vereiniget!“— Theodor ſtutzte ſich auf einen Stuhl, um nicht umzuſinken; bleich und ſtumm, wie eine Leiche, ſtand er vor ſeiner Mutter Bett.„Sey ſtark, mein Theodor!“ rief ſie,„und ſey dankbar, preiſe mit mir Gott, der uns die Tren⸗ nung erleichtert! Du wirſt nicht allein ſtehen: Eve⸗ 88 rilda iſt Erbin meiner Liebe.“—„Mutter!“ un⸗ terbrach ſie Theodor heftig,„keinen Troſt! es kann, es darf mir keiner werden.“—„Doch, mein Kind, er ſoll dir werden, damit ich nicht troſtlos ſterbe.“ Da trat Everilda in das Zimmer.„Gott!“ ſagte ſie, mit dem erſten Blick auf Theodor,„er weiß— —“ Theodor wandte ſich ab, und ging ſchnell hinweg. 2 Für die Sterbende war das Bitterſte der To⸗ desangſt nun vorüber. Der edle Sohn fuͤhlte bald, er durfe ihr die letzten Augenblicke nicht erſchweren. Er bezwang ſein zerriſſenes Herz, und Beide verleb⸗ ten noch, im Vorgefuͤhl des Wiederſehns, einige weh⸗ muͤthig ſchöne Tage. Everilda wollte ſich jetzt zwi⸗ ſchen Mutter und Sohn nicht draͤngen; ſie ehrte die Heiligkeit ihrer letzten ſchmerzlichen Freuden. Als Theodor das Zimmer ſeiner Mutter betrat, verließ ſie es. Nur die letzte Nacht wollte ſie mit ihm tra⸗ gen. Da trocknete ihre Liebe Thraͤnen und Todes⸗ ſchweiß, half, labte, troſtete, und konnte nicht er⸗ matten, denn ſie holte ſich Staͤrkung von Oben.— Der Morgen fand Everilda zwiſchen der todten Mut⸗ ter und dem in tiefer Ohnmacht liegenden Sohn. So trafen ſie der alte Graf und Abolf. Der An⸗ blick erſchuͤtterte auch die verhaͤrteten Gemuͤther. Eve⸗ rilda hielt ihr Gefuhl zu heilig, um es hier zu zei⸗ gen; ſie erſchien nur ernſt und mit Faſſung, um die 89 Leiche, wie um den Ohnmächtigen beſorgt. Aber ſie ſprach, ihr unbewußt, mit gebietendem Tone mit Sohn und Vater, und Beide wichen, ohne ſie zu erkennen, der Kraſft, die ſie beſeelte. Mehr von einer Art Schrecken, als vom Schmerz ergriffen, machte der alte Graf ſo ſchnell als möglich alle nöthigen Anſtalten, die Stadt zu verlaſſen. Eve⸗ rilda's Vormund hatte den traurigen Fall voraus ge⸗ ſehen, und fuͤr ſie in ſeinem eigenen Hauſe, in dem⸗ ſelben Stockwerk, das ſeine Frau bewohnte, einige Zimmer zum anſtändigen Empfang bereiten laſſen. Nach drei Tagen, in denen ſie ohne alle kleinliche Ruckſicht uͤber Theodor gewacht, wie ſein guter En⸗ gel, verließ ſie ihn, um ihre neue Wohnung zu be⸗ ziehen. Mit ſchwer errungener Ruhe ſprach Theo⸗ dor beim Abſchiede zu ihr:„Everilda, Sie haben an meiner Mutter und an mir gethan, was Men⸗ ſchen nicht lohnen können. Daß ich Ihre Engel⸗ gute nie vergeſſen werde, bedarf wohl keiner Verſiche⸗ rung.— Gehen Sie, erfuͤllt mit dem Troſte, den Sie gaben, großmuͤthiges Maͤdchen, treue Freundin meiner Mutter! Ihr Geiſt ruhe auf Ihnen, es ſey zu meinem oder zu eines Andern Gluͤck!“ Hier wollte Everilda ſprechen, doch Theodor kam ihrer Rede zuvor.„Vergeſſen Sie nicht, meine Freundin,“ ſagte er,„daß Selbſttäuſchung, auch die edelſte, nie zum Guten fuͤhrt! Wenn Sie dem Mitleid, das beiten.“ Beim Vorleſen dieſer Zeilen mußte Theo 90 in Ihrem zarten Herzen ſich für mich regt, einen andern Namen leihen, ſo iſt es doch nur Mitleid. Everilda, ich begleite morgen meinen Vater auf das Land; ich gehore von nun an der Einſamkeit und meiner heiligen Trauer; Sie dem heitern Leben, das ſeine Rechte geltend macht.“—„Wehe!“ rief Everilda,„ſteht es noch ſo mit uns? Theodor, Sie verkennen Ihren Werth und mein Gefuͤhl! Sie bringen uns Beide um den Troſt, den die theure Mutter uns bereitet; aber Sie verruͤcken mir dennoch nicht das Ziel!“ Theodor ergriff ihre Hand, druͤckte ſie feſt an ſeine Lippen, und entfernte ſich ſchnell. Auf dem Lande lebte Theodor ausſchließend dem Andenken ſeiner Mutter. Ihr Bild hing uͤber ſei⸗ nem Pulte; und er glaubte noch, wie einſt, bald ern⸗ ſte Studien, bald erheiternde Beſchaͤftigungen unter ihren Augen vorzunehmen⸗ Im Innerſten ſeines Herzens ſchlummerte Everilda's Bild; Wunſch und Hoffnung kuͤnftiger Seligkeit an ihrer Seite. Er ſchrieb nicht an ſie; denn er hatte feſt beſchloſſen, ihr Zeit zu laſſen, das eigene Herz zu pruͤfen. Der alte Graf erhielt ofters Briefe aus der Stadt. In einem derſelben ſtand:„Die Kron⸗ helm lebt wie eine Nonne; das Mädchen hat einen unſeligen Hang zur Schwärmerei, dem ihr verſtän⸗ diger Vormund und ſeine Frau vergebens entgegenat⸗ 9¹ dor mit Macht an ſich halten, ſeine freudige Ruͤh⸗ rung zu verbergen; denn ihm draͤngte ſich die Ueber⸗ zeugung auf: wer ſich vor der Welt verſchließt mit reiner Liebe im Herzen, bewahrt ſie ſicher und treu. Aber einige Wochen darauf kam ein anderer Brief, der von einer nahen Verbindung der Kronhelm mit dem aͤlteſten Sohn des Grafen Blendheim ſprach. Theodor erblaßte.„Da haben wir die Nonne!“ rief Adolf halb erzuͤrnt, halb ſchadenfroh⸗* In der peinlichſten Ungewißheit, und nur zu geneigt, das Schmerzlichſte wahrſcheinlich zu finden, ſuchte nun Theodor den Gedanken ertrggen zu lernen, einſam zu leben und unbeweint zu ſter en! In fro⸗ her, ruͤſtiger Thaͤtigkeit nach außen zu wirken, hatte ihm die Natur verſagt;— und das reiche innere Leben, das er ſorgſam genaͤhrt und gelaͤutert, ſollte in ſich verglimmen, unerkannt und ungetheilt! Schwermuͤthig, bewolkt wie Theodors Seele, nahte indeſſen der Herbſt heran. Der Graf und Adolf wollten ihn nicht erwarten; es ging in Eile nach der Stadt zuruͤck. Mit welchem Gefuͤhle Theo⸗ dor das Haus wieder betrat, das ſeine Mutter auf immer verlaſſen, und Everilda nicht mehr bewohnte, vermag nur ein ihm gleichgeſtimmtes Herz zu ahnen. Alles in dieſem Hauſe war veraͤndert. Theodor fand keine Spur mehr von ſeiner Mutter Sinn für edle Einfachheit und beſcheidene Wurde. Alles neu, ͤberall 2 * 92 Mobeflitter; Verſchwendung und Laune hatten frei gewaltet. Theodor erkannte keine der Stellen mehr, wo ſeine Kindheit und ſeine erſten Juͤng⸗ lingsjahre ſtill verfloſſen· Er häͤtte für das kleinſte Stůck von der altmodiſchen, aber wohlerhaltenen Ein⸗ richtung ſeiner verehrten Mutter ſo gern alle die koſt⸗ baren, im neueſten Geſchmack verfertigten Möbeln her⸗ gegeben, mit welchen nun auch ſein Zimmer uͤberfüllt und an denen nicht Eine Erinnerung haftete! „Hier iſt mir Alles fremd geworden,“ ſeuſste der Arme,„auch wol Sie!“— Doch gleich am Tage nach ſeiner Ankunft hoͤrte er: Everilda habe den erwähnten Antrag, wie jeden der Art, mit gro⸗ ßer Entſchiedenheit von ſich gewieſen. Nun fuhlte r den Muth, ſich ihr wieder zu naͤhern. Als es zu dunkeln anfing, begab er ſich nach ihrer Wohnung. Schon das erſte Zimmer kam ihm bekannt vor; ein alter Diener ſeiner Mutter fuhrte ihn in ein anderes, bereits erleuchtetes ein, und bat ihn, hier das Fräu⸗ lein von Kronhelm zu erwarten. Theodor blickte um ſich her. Er ſuchte Gegen⸗ ſtände, die ihm Everilda's Nahe fühlbar machten; doch er ſollte nur die Nähe ſeiner Mutter empfinden, nur die Spuren ihres Daſeyns bemerken. Er ſah hier ihren Lehnſtuhl, ihren Arbeitstiſch, Fußſchemel und Strickkorb nicht vergeſſen;ʒ ihre Uhr, die, wie ſonſt, die Stunde der Vereinigung anzeigte, auf dem Tiſch⸗ 93 chen liegen. Auf einem großen Tiſche vor dem Sopha, auf welchem er ſo oft in kranken Tagen ge⸗ ruht, lagen ihre Buͤcher zerſtreut; uͤber dem Sopha hing das bekannte Madonnenbild, zwiſchen den Fen⸗ ſtern der Spiegel in dem einfachen ſchwarzen Rah⸗ men, unter dem Spiegel ſtand, wie ſonſt, eine Vaſe, und darin die Lieblingsblumen der geliebten Mutter. Ihr Duft vollendete den Zauber; er erweckte alle ſuͤßen und ſchmerzlichen Empfindungen vergangehet Tage. In Liebe und Wehmuth aufgelöſ't, ſank Theodor, das Geſicht verhuͤllend, auf einen Stuhl, und gab ſich hin der Luſt, die er ſich ſelten erlaubte, ſeine Thränen fließen zu laſſen. Da trat Everilda, ungehört und ungeſehen, zu ihm, und nannte leiſe ſeinen Namen. Froh erſchreckt ſprang er auf, er⸗ griff die Hand, die ſie ihm reichte, erkannte ein Arm⸗ band von ſeinen Haaren, das ſeine Mutter ſtets ge⸗ tragen, und die theure Hand an ſeine Lippen druͤ⸗ ckend, rief er weinend und jubelnd:„Ja, du biſt die Erbin ihrer Liebe; nimm mich hin, wache und walte uͤber mich, wie ſie einſt gethan!“ Everilda, vor Freude und Ruͤhrung zitternd, ſah ihn an mit feuchten Augen und einem Blick der unendlichen Liebe, und ſprach:„Endlich, endlich habe ich dein mißtrauiſches Herz bezwungen!— Freund, Bru⸗ der, Geliebter! wie konnteſt du ſo lange zweifeln, daß du mir Alles ſeyſt?“— Wie ihnen der Abend verſchwand, wer konnte es in Worte faſſen! Wußten es die Seligen doch ſelbſt kaum. Alles Schoͤnere und Höhere ihrer Ver⸗ gangenheit und ihrer Zukunft draͤngte ſich in einen Punkt zuſammen. Das Beſte, was die Erde geben kann, hatten ſie gefunden, und ſie blickten dankend und vertrauend zum Himmel, in ſtiller Ahnung deſ⸗ ſen, was er einſt geben wuͤrde. Bald ſchwand auch das letzte Hinderniß, das ihrem Gluͤcke noch im Wege ſtand. Der Graf fand fuͤr ſeinen aͤlteſten Sohn eine Braut, die, als einzige Tochter eines reichen und hohen Hauſes, das Bild der Kronhelmiſchen Erbin in ſeinen Augen ſehr ver⸗ dunkelte. Dieſes Bild hatten auch Entfernung und Leichtſinn aus Adolfs Herzen halb verdraͤngt; er fuͤgte ſich nicht ungern dem Willen ſeines Vaters. So⸗ bald ſeine nahe Vermählung bekannt wurde, trat Everilda, an Theodors Hand, vor den Grafen, und Beide baten, gluͤcklich ſeyn zu duͤrfen. Der Graf hatte fur ſeinen juͤngſten Sohn nie väterlich empfun⸗ den, doch er war auch nicht ſein Feind; er gab, et⸗ was ironiſch lächelnd, ſeine Einwilligung. Adolf der zufullig dazu kam, konnte ſeinen Aerger nicht ganz verbergen; ſein Gluͤckwunſch klang ſo höhniſch, daß ihn ſein Vater ſogar mißbilligend anblickte. Bei der Vorleſung des Ehekontraktes erſchra! Theodor uͤber den Reichthum ſeiner Braut, die ihn zum 95 unumſchraͤnkten Herrn ihrer Guͤter machte. Er wollte etwas dagegen einwenden; aber Everilda ſagte ſehr ernſt: „Iſt das auch eine Bedenklichkeit, ſo haſt du mich, ſo habe ich dich mie verſtanden;“ und Theodor ſchwieg. Beide Brůder wurden an einem Tage ver⸗ maͤhlt. Am Altar ſprach Everilda ein lautes, freu⸗ diges Ja, denn ſie durſte ihr Gefuͤhl und alle ihre Wuͤnſche bekennen vor Menſchen und Engeln. Theodor und Everilda lebten bald auf ihren Guͤtern, bald in der Stadt, ein Leben der Wahrheit und der Liebe, wie es die Ehe, im hohen, frommen Sinne des Wortes, allein geben kann. Die Men⸗ ſchen, die ihnen nichts geben und nichts rauben konnten, entfernten ſich nach und nach von ihnen. Weil man ſie nicht begriff, wurden ſie oft verläum⸗ det, noch oͤfter verlacht; aber es erreichte ſie nicht, und die Welt, an welche ſie keine Forderung mehr machten, hatte ſie bald vergeſſen. Indeſſen erfreute ſich Adolf und ſeine Frau ei⸗ nes ſcheinbaren Gluͤckes. Ein Bund, nur auf Er⸗ den und fuͤr das Leben geſchloſſen, erfullt gewöhnlich nicht einmal den irdiſchen Zweck, währt ſelten nur ſo lange, als das kurze Leben. Die jugendlichen, ſchoͤnen Geſtalten hatten ſich gegenſeitig angezogen, die Seelen waren ſich fremd geblieben. So lange der Lebensweg eben und blumig ſich zeigte, waren die Beiden neben einander geſchritten; doch die erſten 96 Dornen und Klippen hatten ſie getrennt. In der langen und ſchmerzlichen Krankheit, die Adolfs Va⸗ ter in's Grab gebracht, hatte die junge Graͤfin ſich weder als fromme Tochter noch als theilnehmende Gattin gezeigt, und außer dem Hauſe fur ſich Zer⸗ ſtreuung geſucht, ſtatt im Hauſe fuͤr Andere Troſt zu bereiten, Freilich waren in ihrem vorhergegange⸗ nen Wochenbette Vater und Gemahl nur wenig um ſie beſorgt geweſen, und manche bittere Thräne hatte die junge Mutter uͤber unerwartete Vernachläͤſſigung vergoſſen. So trug denn Jeder doppelt ſchwer, weil er nicht gemeinſchaftlich tragen wollte,— jedoch war das Verhaͤltniß von außen, was es ſeyn ſollte; Beide waren daruber einig, den Schein zu retten, zeigten ſich uͤberall zuſammen, behandelten vor Zeugen mit Achtung, ja mit Zaͤrtlichkeit, und ſparten Erbitterung und Groll fuͤr das téte-atéte. Nach zehn Jahren einer immer innigern Ver⸗ einigung mit der Geliebten, entſchlummerte Theodor an ihrer Bruſt. Sie rang nicht die Haͤnde, ſie jammerte nicht laut an ſeinem Sarge.„Er iſt vor⸗ angegangen,“ ſagte ſie mit der Ergebung, die ſie von ihm gelernt hatte;„Gott, der mir ihn fuͤr Ta⸗ ge nimmt, giebt ihn fur eine Cwigkeit mir wieder.“ Die Aerzte gaben ihr einſtimmig das Zeugniß, daß ſie durch ihre treue Pflege nicht nur ſeine Schmerzen gelindert, ſondern auch ſein Leben verlängert habe. 97 Everilda legte die Trauer an, um ſie nie wie⸗ der abzulegen. Sie ſuchte einen Troſt darin, die Kronhelmiſchen Guͤter zu verkaufen, die ſehr betraͤcht⸗ lichen, dafur erhaltenen Summen ganz zu ftommen Stiftungen zu verwenden, und bloß von den gerin⸗ gen Einkuͤnften zu leben, die Theodor als zweiter Sohn des Bev*nſchen Hauſes bezogen und ſeiner Wittwe nun hinterlaſſen hatte. Einſt begegnete die traurende Wittwe dem Bru⸗ der ihres Gemahls, der wie im Triumphzuge mit ſeiner ſtolzen, in auffallendem Putze prangenden Frau und ſeinen ſchoͤnen Kindern daherſchritt. Nach ge⸗ genſeitigem kalten Gruße bemerkte Adolf, ſeine Schwaͤ⸗ gerin ſey ohne alle Begleitung, und bot ihr den Arm, ſie bis an ihr entlegenes Haus zu führen; ſie nahm ihn gezwungen an. Auch Everilda's abgeharmte Ge⸗ ſtalt uͤbte noch große Macht uͤber Den, der ſich ihrer Liebe ſo unwuͤrdig gezeigt hatte; er fuhlte dunkel, was er verſcherzt, was ſie ihm entzogen hatte; es empoͤrte ihn, ſie ſo ruhig und kalt an ſeiner Seite ſchreiten zu ſehn. Er bemaͤchtigte ſich ihres Armes, und ſagte halb mit⸗ leidig, halb erzurnt:„Wohin hat Sie die Schwär⸗ merei gefuͤhrt, Everilda?— Vergebens opferten Sie Ihre Jugendbluͤthe, Ihre Geſundheit— Er mußte dennoch ſterben! Nun ſtehn Sie ganz allein;— nicht einmal Kinder!— Was haben Sie erreicht? Was bleibt Ihnen?“ Everilda trat einige Schritte Perin Erzählungen. 7 zurück, und Adolf erſchrak uber die Hoheit in ihrem ganzen Weſen. Sie legte die Hand auf die Bruſt, und ſagte:„Ich hatte nur einen Zweck, ſein Le⸗ ben zu verſuͤßen; und ich glaube, ich habe ihn er⸗ reicht. Mir bleibt dies Bewußtſeyn, Erinnerung, Hoffnung, und noch hier, in Eurer Familiengruft, der ehrenvollſte Platz an ſeiner Seite!“ Everilda ent⸗ fernte ſich. Adolf folgte ihr nur mit dem Blicke; er ſah ihr lange nach, dann ſchlug er an ſeine Stirn, und rief:„Soll ich den Todten noch beneiden?“ III. Leidenim Gluck. Gegenſtück zur vorhergehenden Erzählung. An einem hohen Feiertage ſtand, nach der Meſſe, die er mit mehr Andacht, als ſeines Gleichen pflegen, angehort hatte, ein junger Offizier, unſchluͤſſig ſin⸗ nend, vor der Kirchenthuͤr. Er wußte nicht, ob er 6 ſich links oder rechts wenden, und zu dieſem oder je⸗ . nem Kameraden begeben ſollte; jeden hatt“ er lieb, und jeglichem war er willkommen; denn er hatte ſich ſ bei jeder Gelegenheit tapfer, bieder und gutmuͤthig geigt.. In der Berathſchlagung, die er mit ſich ſelbſt hielt, ſtoͤrte ihn plötzlich ein Schrei der ſchmerzlich⸗ ſten Angſt. Er blickte hin nach der Menge, die noch immer aus der Kirche herausſtrömte, und ſah eine aͤltliche Frau, die mit der Anſtrengung ihrer letzten B ein ohnmachtiges, kaum Mad⸗ 00 chen aus dem Gedraͤnge zu tragen verſuchte. De⸗ genhold, ſo hieß der junge Offizier, hatte faſt ſo ſchnell geholfen, als er geſehn. Er ſtand nun, das Maͤdchen auf dem einen Arm, mit dem andern die zitternde Mutter unterſtuͤtzend, einige Schritte von der neugierigen Menge, der ſein Blick Entfernung gebot, und fragte:„Wohin?“—„ Gleich hier!“ antwortete die Mutter; ſie zeigte auf ein Haus neben der Kirche.—„Nur die Nähe konnte mich verlei⸗ ten, ohne Begleitung mit dem armen Kinde auszu⸗ gehen.“ Sie eilte voran in das Haus, und uͤber die breite, helle Treppe. Degenhold folgte behutſam, mit langſamen Schritten, und blickte unverwandt herab auf die ſchöne, bleiche, regungsloſe Geſtalt, die er mit einem Gemiſch von Wehmuth und Freude in ſei⸗ nen Armen fuhlte. Alle Thuͤren oͤffneten ſich ihm, und er legte, auf einen Wink der dankenden Mutter, die Ohn⸗ maͤchtige ſanft auf die weichen Kiſſen eines Ruhebet⸗ tes nieder. In Ton und Blick der Baronin Eh⸗ renthal, die ſich nun dem Retter ihrer Tochter nannte, lag bei aller Freundlichkeit Etwas, das ei⸗ nem Abſchied aͤhnlich war. Aber Degenhold verſtand nur, was glatt ausgeſprochen, nie was leiſe angedeu⸗ tet wurde; er blieb, weil ſein Herz ihn bleiben hieß, und es ihm Niemand mit durren Worten verbot. Die Baronin rieb mit einem ſtaͤrkenden Geiſte die Schlafe ihrer Tochterz eine Kammerfrau hatte n 104 ſchon, unter dem faltigen Oberkleide, mit geſchickter Hand aufeſchnuͤrt. Eliſe ſchlug die großen, ſchönen Augen auf, druͤckte ſie aber ſchnell wieder zu, als ſie den jungen Mann erblickte.„Weh!“ ſprach er mit klagender Stimme,„ſie erſchrickt vor mir!“ Eliſe ſah ihn nun lächelnd und erroͤthend an, und neigte, mit unbeſchreiblicher Anmuth ihn gruͤßend, das lo⸗ ckige Haupt. Die Mutter ſagte ihr jetzt in wenig Worten, was vorgefallen ſey. Eliſe richtete ſich halb empor, und mit der Begeiſterung in Blick und Ge⸗ behrde, die ihr uͤberhaupt, doch beſonders nach ſolchen gufllen, eigen war, dankte ſie in Ausdrucken, jung⸗ fräulich edel unb menſchlich warm, wie das Gemuͤth, aus welchem ſie floſſen. Der junge Mann hoͤrte ſie mit Entzucken, und ſeine leuchtenden Blicke verſchlan⸗ gen die holde, aͤtheriſche Geſtalt; doch ihn machte die Ruͤhrung ſtumm und blöde; ſie zu verbergen, ent⸗ fernte er ſich nun ſchnell, noch im Weggehn die Bitte ſtotternd um kuͤnftigen Zutritt. Am Abend war Eliſens Zuſtand ſo leidlich, daß einige Freundinnen ihrer Mutter angenommen wer⸗ den durften. Sie ſetzten ſich vertraulich zu der Kran⸗ ken, und dieſe mußte jeder Einzelnen die Begebenheit des Morgens erzählen. Dadurch wurden ihre, ohne⸗ hin ſchwaͤrmeriſchen Vorſtellungen von einem, im Grunde ſehr gewöhnlichen, Ereigniſſe auf's Hochſte geſteigert, und die zuletzt Eintretende hoͤrte nicht 16 3 mehr die Erzaͤhlung des kleinen Abenteuers, ſondern ein Gedicht, das Eliſe mit hinreißender Wärme und feſtem Glauben vortrug. Die Baronin hörte mit Verwunderung und Schrecken ihr zu. Sie trachtete nun, ſo bald als moglich die Geſellſchaft zu entfer⸗ nen. Doch die Mutterliebe verſuchte es umſonſt, nun die Jungfrau, wie ehemals das Kind, in ſuͤße Ruhe einzuwiegen; wachend und traͤumend dichtete Eliſe in einer Richtung fort. Am Morgen war es nicht ſchwer, eine unge⸗ wohnliche Spannung in ihrem ganzen Weſen wahr⸗ zunehmen. Sie ſtand fruͤher auf, kleidete ſich mit weit mehr Sorgfalt, als ſie ſonſt pflegte, und nach⸗ dem ſie eine Weile ſchweigend, aber mit lächelndem Munde und glaͤnzenden Augen, neben der Mutter ge⸗ ſeſſen, ſprach ſie errothend zu ihr:„Was meinen Sie, liebe Mutter, wird mein Retter wol heute kommen?“—„Sage doch: Hauptmann Degen⸗ hold; wozu die romanhaſte Benennung?“—„Sei⸗ nen andern Namen vergeß' ich immer; aber ich kann es nicht vergeſſen, daß er mein Retter iſt.“—„Die Gefahr war ſo gering, die Rettung ſo leicht, daß ich nicht begreife, wie meine Tochter, die ich bei aller Weichheit des Gefuͤhls ſonſt immer wahr und ver⸗ ſtändig gefunden, nicht das Lächerliche einer ſolchen Uebertreibung einſieht.“—„Ach! kann man denn ie zu dankbar ſeyn?“—„Das kann man aller⸗ 103 dings, und in gewiſſen Fällen gar leicht.— Beſinne dich, mein Kind! wenn der dicke Krämer, unſer Nach⸗ bar, dich aus dem Gedrange getragen haͤtte, woͤrdeſt du ihn auch mit derſelben Fuͤlle der Dankbarkeit ein⸗ mal uͤber das andere deinen Retter nennen?“— „Das iſt eine ſo häßliche Vorſtellung!“—„Nicht reizend, ich geſteh' es;z indeſſen wäre der dicke Kra⸗ mer in dieſem Falle nicht mehr und nicht weniger dein Retter, als jetzt Hauptmann Degenhold. Die niederſchlagende Arznei ſchmeckte ſehr bitterz aber ſie wirkte. Hauptmann Degenhold, der Nach⸗ mittags erſchien, wurde hoflich, freundlich, doch nicht mit ſchwärmeriſcher Woͤrme empfangen. Aber De⸗ genhold hatte eine offene Stirn, blitzende Augen, Adel im Anſtand und in den Bewegungen, und eine große Treuherzigkeit im Ausdruck; dazu war er ſchon über und uͤber verliebt, wodurch ſeine uͤbrigen Vor⸗ zuge nichts verloren. Eliſe dachte: wenn er mich auch gar nicht gerettet haͤtte, ſo muͤßt' ich finden, daß er liebenswürdig iſt. Die Baronin dachte wider Wil⸗ len eben ſo von ihm; hier ſah es der Verſtand, dort fuͤhlte es das Herz. Mit einer Ungeduld, die ſie umſonſt zu verbergen ſuchte, erwartete Eliſe einen zweiten Beſuch. Er folgte in kurzer Zeit dem erſten, der dritte noch ſchneller dem zweiten, und immer be⸗ redter ſprachen Beider Blicke, immer weicher, ein⸗ ſchweichelnder wurde der Ton der Stimme. In 104 wenig Wochen ſtanden Degenhold und Eliſe in dem vollkommenſten Einverſtändniß. Das Wort Liebe hatten ſie weder gegen einander, noch vor irgend ei⸗ nem Dritten ausgeſprochen; aber ſie liebten, und waren ſich's mit Seligkeit bewußt, und wer Augen hatte, mußte es ſehen. Eliſens Mutter konnte eben ſo wenig daran zweifeln, als es verhindern. Der Hauptmann hatte ihr aus einer großen Verlegenheit geholfen, darum mußte ſie es leiden, daß er ſie jetzt in eine großere brachte. Seit dem ſchonſten, wichtigſten Tage ihres Le⸗ bens hatte Eliſens entzuckte Seele den ſchwachen Koͤrper getragen, ſo, daß er ſchmerzlos war, und geſund ſchien; aber die unnatuͤrliche Spannung konnte ſich nicht fortwaͤhrend erhalten. Eliſe lag nun da⸗ nieder, kämpfend mit den krampfhaften Zufaͤllen, die theils eine Folge ihrer zu zarten Organiſation, theils das Ergebniß einer vornehmen Erziehung ſeyn moch⸗ ten. Degenholb litt unſaͤglich viel mit ihr und fuͤr ſie. In den erſten Tagen ihrer Krankheit durfte er ſie nicht ſehen, und wußte ſich vor Angſt und Weh⸗ muth gar nicht zu faſſen. Jetzt brachte ſie einige Stunden des Tages außer dem Bette zu; da kam er denn mit hochklopfendem Herzen, und labte ſich an den matteren, aber unendlich milden Strahlen ihrer Augen. Er konnte ſich's nun nicht mehr verſagen, täͤglich die Freuden zu ſuchen, die eine ange Ent⸗ — 105 behrung noch erhöht hatte. Als er einmal, gedrängt von ſeiner Sehnſucht, fruͤher als gewöhnlich Eliſens Zimmer betrat, wurde er durch einen ſeltſamen An⸗ blick ſehr unangenehm uͤberraſcht. Er ſuchte ſich ru⸗ hig zu zeigen, und naͤherte ſich gruͤßend der Baronin, die an einem Fenſter ſtand. Nach einigen Minuten, in denen er es verſuchte, uͤber Dinge zu reden, die unendlich weit von ſeinem Sinne lagen, konnte er nicht laͤnger an ſich halten, und ſagte halb leiſe und mit unterdruͤcktem Zorne:„Ich bin nicht eben neu⸗ gierig; aber wiſſen möcht' ich denn doch, wer der ſuͤße Herr ſeyn mag, der ſo angelegentlich mit Ihrer Fraͤulein Tochter ſpricht, und ſo zärtlich ihre Hand in der ſeinen halt?“—„Wer ſonſt, als unſer Hausarzt!“ ſagte lächelnd die Baronin. Degenhold ſprach ein langgedehntes So, und trat vor das Ru⸗ hebett. Der Arzt erkannte beim erſten Blick, an welcher Krankheit er leide, nahm den Hut und ging. Am folgenden Morgen ſprach der Arzt ſehr ernſthaft mit Eliſens Mutter uͤber das, was ihm durch Degenholds kinbiſches Benehmen erſt klar ge⸗ worden war. Er gehorte nicht zu denen, die jedem kraͤnklichen Madchen als einziges Rettungsmittel un⸗ bedingt den Eheſtand verordnen: ſeine Einſicht reich⸗ te weiter, und er die ungluͤcklichen Folgen dieſer geg ftlichen Neigung „Der Eine raſch, ſtig, ahnungslos. — 106 kurz; maͤnnlich im eigentlichſten Sinne des Wortes; die Andere zart, ſchmachtend, empfindſam und empfind⸗ lich, die feinſte, weichſte Weiblichkeit, noch mehr ver⸗ feinert und verweichlicht durch den kraͤnklichen Zuſtand: — das kann entzuͤckende Minuten geben,“ ſprach er, „doch kein gluͤckliches, kaum ein wuͤrdiges Leben, und jede Abweichung von dem hohen Ideal der Liebe, das in Ihrer Tochter Bruſt gewiß, wie in jeder rei⸗ nen weiblichen, lebt, wird ſie mit hundert Dolchſti⸗ chen verwunden. Warum konnten wir nicht ihre Kindheit noch verlängern, ſie noch eine Zeitlang be⸗ ſchuͤtzen vor der einzigen Leidenſchaft, die einem edlen weiblichen Weſen droht, und die um ſo zerſtörender wirkt, weil ſie die einzige iſt!“—„Womit kann ich die Kranke beſchäftigen, womit zerſtreuen?“ fragte die betruͤbte Mutter,„ſie iſt jeder korperlichen, ſo wie jeder geiſtigen Anſtrengung unfähig. Wäre meine Tochter geſund, ſo duͤrfen Sie mir zutrauen, daß ich ſtrenger ware; aber das Mitleid mit ihrem Zuſtande, die Furcht, ihn noch zu verſchlimmern!— Ich bin eine recht ungluͤckliche Mutter!“—„Das fuhl' ich,“ ſagte ſeufzend der Arzt,„und um ſo ſi rzlicher, da meine Kunſt hier nichts vermag.“ Die Liebe ſchien mehr zu vermogen. Der An⸗ blick des Geliebten erguickt, und ſtarkte Eliſen, wie die Fruͤhlingsſonne d ge vom Froſt erſtarrte Jer, als ſonſt, wiedet 107 hergeſtellt, und drang darauf, daß der Arzt verab⸗ ſchiedet werde. Er hatte indeſſen ihren Wunſch er⸗ rathen; er hielt ſich zwar noch nicht fuͤr ſo ganz ent⸗ behrlich, aber er fuͤhlte, daß Degenholds Eiferſucht ſeine Heilmittel in Gift verwandeln könnte, und er⸗ ſchien nicht mehr. Nun begann fuͤr die Liebenden ein paradieſiſches Leben. Anfangs ſah Eliſens Mutter noch mißtrau⸗ end ihrem Glͤcke zu; wurde aber bald hingeriſſen, es mit zu empfinden. Glänzt doch oft ein fremdes Auge im Wiederſchein der himmliſch ⸗ſtrahlenden Blicke ſchuldloſer Liebe, ſollte das Auge einer Mut⸗ ter ihnen lange kalt begegnen können?— Degen⸗ hold und Eliſe waren am Ziel ihrer Wuͤnſche; ½ wollten ja nur ſich ſehen und lieben, und ſie durften es jetzt ungehindert in der ſchuͤtzenden und heiligenden Gegenwart einer gätigen Mutter. Das Leben entflieht den Glucklichen ſchnell. Ein halbes Jahr ging voruͤber; ſelige Tage der Innigkeit, des Vertrauens, der zarten Hingebung hatten es aus⸗ gefuͤllt. Aus der hinwelkenden Lilie war eine volle Roſe„ Eliſe bluhte auf in aller Jugend⸗ feiſche; aber wo die Freude ſo leicht belebt, tödtet leichter noch der Schmerz; jetzt nh eine harte 2 der Pruͤfung. General Degenhold ſchrieb an ſeinen Sohn, die Tochter des Kriegsminiſters, Graͤfin Hohenburg werde 108 in kurzem von ihren Gutern nach der Stadt zurck⸗ kehren, ſie wolle ihn(den Hauptmann), als den Sohn des beſten Freundes ihres Vaters, kennen ler⸗ nen, und man erwarte, daß er jede Gelegenheit er⸗ greifen werde, ſich dieſer Gunſt wurdig zu zeigen. Dem etwas bequemen und ſehr verliebten Juͤngling fiel es doppelt ſchwer, die neu aufgelegte Pflicht mit willigem Sinn als ſolche anzunehmen.„Zu einer Dame Pudel, Affen, oder wie die aufwartenden Thiere alle heißen, bin ich verdorben,“ brummte er vor ſich hin. Er floh zu ſeiner Eliſe, er zeigte ihr die drohenden Zeilen, und brach dann in Verwuͤn⸗ ſchungen aus über den allerliebſten Einfall der gnadi⸗ S Gräfin. Eliſe fand ſeine Entruͤſtung zugleich omiſch und ruͤhrend; denn ſie ging doch meiſt die Störung ihrer Liebe an. Aber Eliſens Mutter ſtellte dem Hauptmann ernſtlich vor, wie thoricht eine Wei⸗ hier ware, und daß die Kindesliebe, wie die ugheit, es heiſche, den Kriegsminiſter, der ſich ge⸗ gen ſeinen Vater zu allen Zeiten als treuen Freund und einflußreichen Goͤnner erwieſen e, nicht in ſeiner Tochter zu beleidigen. Deg ſchwieg; aber mit ſaurer Miene. Nun ſuch Baronin h zu erinnern, welche von des Kriegsminiſters Toch⸗ an den Grafen von Hohenburg vermaͤhlt wor⸗ den ſey, und verſicherte, nach einer kurzen Recapitu⸗ lation 2 Taufnamen, und einer genauen Berech⸗ 109 nung der Jahre, die Gräfin muͤſſe die alteſte Tochter des Kriegsminiſters ſeyn, folglich eine Frau zwiſchen vierzig und funfzig. Das fanden beide jungen Leute luſtig, und nun ging es an tauſend kindiſche Späße uber den ſteifen, feierlichen Empfang, uber die pflicht⸗ ſchuldigen Aeußerungen der tiefſten Ehrfurcht, endlich uͤber die Gefahren, die einem empfänglichen Herzen drohen wuͤrden in der Naͤhe der reizenden jungen Wittwe; denn man wußte, Graf Hohenburg ſey ſchon vor Jahr und Tag mit Tode abgegangen. Spat verließ Degenhold ſeine von Lachen er⸗ muͤdete Geliebte, und eilte erheitert nach Hauſe; da 1 wartete ſchon auf ihn eine Einladung von der Gr fin Hohenburg zur morgenden Mittagstafel.„Wie! rief er, von neuem aus vollem Halſe lachend,„ſchon angekommen, die holde Schoͤne? Meinetwegen, ich werde mich ſtellen; giebt es doch morgen Abends wie⸗ der einen köſtlichen Scherz.“ Des andern Tages, nach der Wachtparade, machte Degenhold ein paar Zwangviſiten, um alles Läſtige in einem Zuge ab⸗ zuthun, und nicht bedenkend, daß vornehme Damen eine andere unde haben, als ein ruͤſtiger Haupt⸗ mann der ſeit ſechs Uhr den Fuͤßen iſt, war er ſchon um zwei Uhr im Huuſe der Gräfin. Er wurde gemeldet; meinte aber irre gegangen zu ſeyn, als eine junge Schweizerin, in ihrer netten Bauerntracht, ihm munter entgegen kam, und —0 recht herzlich grüßte.„Verzeihen Sie, freundliches Kind!“ ſprach der Hauptmann,„ ie ſuchte ich nicht.“ „Vielleicht doch,“ erwiederte die Schweizerin laͤchelnd. Degenhold ſah ſich um, er war in einem ſehr reich moblirten Zimmer. Am Fenſter ſtand eine Staffe⸗ lei; ein Mann mit Palette und Pinſel ſaß davor.— „Waͤr es möglich!“ rief Degenhold.—„Daß ich mich als Schweizerin malen ließe?“— unterbrach ihn die Graͤfin.„Indeſſen gut, daß Sie kommen; ich mußte vorher ausſehen wie die Langeweile ſelbſt, nun werd' ich leichter vergeſſen, daß dieſer Herr mich malt, und das Bild wird wohl nichts dabei verlieren.“ Die Graͤfin nahm ihren Platz wieder ein; De⸗ enhold mußte ſich ihr gegenuͤber ſetzen. Das Ge⸗ pprach wurde in dem einmal angenommenen Ton des † Scherzes fortgefuͤhrt; der Maler arbeitete emſig und mit ſichtlichem Wohlgefallen. Als er aufſtand, um der Gräfin und ihrem Gaſt in das Speiſezimmer zu folgen, blieb er noch einen Augenblick betrachtend vor ſeinem Werke ſtehen, und rief dann begeiſtert aus:„Endlich! endlich iſt Leben gekommen in dieſe Zuge; ſie ſtrahlen im Schimmer der Freude ihr ei⸗ genthuͤmliches K. heute hab' ich zur guten Stunde gemalt.“ Die Gräfin ſagte, etwas aͤrgerlich ſich um⸗ wendend:„So kommen Sie doch!“ und der Kuͤnſt⸗ ler eilte nun ihr nach. 1 Als die Gräfin, in ihrer Schweizertracht einem Spiegel gegenuͤber, an der Tafel ſaß, befiel ſie einige Verlegenheit, und ſie ſagte zum Hauptmann:„Sie haben mich in dieſem Anzuge uͤberraſcht; ich dachte Sie in einem anſtaͤndigern zu empfangen. Degen⸗ hold verbeugte ſich, und antwortete— nichts; woran er ſehr klug that, denn gewiſſe Nuancin trifft der echte Mann nie, und er erſcheint Frauenaugen ſehr linkiſch, wenn er es verſucht. Uebrigens wurde das Mahl ſehr angenehm durch muntere Reden und wohlwollende Aeußerungen gewuͤrzt. Der Juͤnſtler war ein feiner, geiſtreicher Mann; die zwei andern naiven Geſtalten gefielen ſeinem Blick und ſeinem weit umfaſſenden Gemüthe; doch ſah er ſie nicht neu⸗ gierig forſchend, nur theilnehmend an, und ſeine hel⸗ len Augen waren erwaͤrmende Sonnen. Die Gräfin, aufgefordert von Degenhold, der noch immer nicht begriff, wie ſie es anfange, um nicht funfzig Jahr alt zu ſeyn, ſetzte ihm ihre Familienverhaͤltniſſe aus einander, und erzählte von jeder ihrer Schweſtern, von denen ſie nicht die Aelteſte, ſondern die Juͤngſte war. Auch behauptete ſie, vor zwölf Jahren auf einem Kinderballe mit Fritzchen Degenhold getanzt zu haben. Der Hauptmann wußte ſeinerſeits nichts mehr davon, verſicherte aber, auch ihm ſey der Kinderball unver⸗ geßlich. Die Graͤfin hatte daruber die großte Freude, und die Erinnerungen der Kindheit ſchienen die Kind⸗ heit ſelbſt zuruck zu rufen; denn ſie wurde von dem 112 Augenblick an faſt kindiſch luſtig und vertraulich; ſie ſagte ſogar einmal, ſtatt„Herr Hauptmann,“„lieber Fritz!“ lachte und errothete dann zugleich daruber. Degen hold fuͤhlte ſich in ſeinem Elemente; dieſe Raſchheit, Offenheit, Lebendigkeit, dieſe helle Waͤrme zog ihn maͤchtig an, und der Mangel an Zartheit, der wol einem Andern haͤtte peinlich werden können, war, bei ſeiner unbefangenen Gutmäthigkeit, füͤr ihn gar nicht da. Es ſchlug ſechs Uhr. Degenhold ſprang erſchro⸗ cken auf, und eilte, nicht zu Eliſen, ſondern in das nächſte Kaffeehaus. Dort druͤckte er ſich in eine dunkle Ecke des Billardzimmers, und ſuchte ſich zu faſſen, zu ſammeln, ſich ſelbſt, nämlich den redlichen, mit ſich einigen Menſchen, wieder zu finden. Er fand ihn nicht; es war die peinlichſte Stunde ſeines Lebens; denn es war die erſte Entzweiung ſeines Willens, ſeines Herzens. Er wußte nicht mehr, was er liebe, was er wuͤnſche: aber er wußte noch, was recht und unrecht ſey; alſo erröthete er noch vor ſich ſelbſt und vor dem Bilde der im vollen Vertraten auf ihn wartenden Geliebten. Endlich entſchloß er ſich, ſprang raſch auf, und erreichte in wenig Minu⸗ ten das Haus der Baronin Ehrenthal; aber vor Eli⸗ ſens Zimmerthuͤr blieb er mit ſtockendem Athem ſtehn. Dann trat er ein, furchtſam und leiſe; doch der erſte Ton von Eliſens Stimme weckte die Liebe in ſeiner 113 noch treuen Bruſt. Freudig füͤhlte er ſich noch wuͤr⸗ dig, den Druck ihrer Hand zu erwiedern, und er preßte ſie mit doppelter Zaͤrtlichkeit an ſeine bebenden Lippen. Die Reue machte ihn weicher und hinge⸗ bender als je, und das arme getaͤuſchte Maͤdchenherz hatte noch nie ſo ſelig ihm entgegengeſchlagen. Nun fragte die Baronin, was er den Tag uͤber gemacht habe.„Die Gräfin Hohenburg iſt angekommen,“ ſprach Degenhold mit ziemlicher Faſſung,„und ich habe bei ihr geſpeiſet.“—„O ſo erzählen Sie,“ riefen Mutter und Tochter zugleich,“ und ſie ruckten die Stuhle naͤher dem Tiſche, an welchem Degenhold ſtund. Er erzählte; die Wahrheit wurde gemildert, verſchleiert, theils verſchwiegen; aber das Wenige, was ſich von ihr offenbarte, fiel zentnerſchwer auf Eliſens Herz ſie wußte doch, daß die Gräfin nichts weniger als alt und haͤßlich wäre, und daß Degen⸗ hold ſich ſehr lange bei ihr verweilt hatte; dazu las ſie deutlich Unzufriedenheit und Mißtrauen in ihrer Mutter Blicken, und Degenhold war nicht unbefan⸗ gen. Eliſe ſuchte es zu ſcheinen; eben weil ſie fühlte, daß die Untreue des Geliebten ſie vernichten wurde, wollte ſie nicht thun, als hielte ſie es fuͤr möglich, daß er ſie verriethe. Sie bezwang ſich, und Degen⸗ hold ſah nicht den Kampf, den es ſie koſtete, die ſchmerzliche Ueberraſchung zu verbergen; er ſah nur die Zuverſicht, die ſie ihm zeigen wollte, die ihn jetzt Perin Erzählungen. 8 noch mehr beſchämte, als erfreute; bald aber ihn ver⸗ leiten ſollte, diejenige, die er ruhig wähnte, noch oͤfter zu kraͤnken. Die Grafin verſammelte jede Woche einen glän⸗ zenden Cirkel. Degenhold durfte und mochte dabei nicht fehlen; er wurde auffallend vor allen Andern ausgezeichnet. Die Grafin uͤberließ ſich ſorglos dem gunſtigen Eindruck, den er im erſten Augenblick ihrer Bekanntſchaft auf ſie gemacht hatte. Sie hielt das Verhaͤltniß im Hauſe der Baronin Ehrenthal fuͤr eine unbedeutende Liebelei, die Degenhold nicht hin⸗ dern ſollte, einem ſchöneren Gluͤcke nachzuſtreben, ſo⸗ bald er es ſich als erreichbar wuͤrde denken können. Nach jedem Abend, bei der Grafin zugebracht, waren die erſten Stunden an Eliſens Seite gleich druͤckend fuͤr ſie und ihn. Degenhold war zerſtreut, einſylbig, und ſchob ſeine Unluſt auf die Müdigkeit, die geräuſchvollen Vergnuͤgungen nothwendig folgt. Dergleichen Entſchuldigungen beantwortete Eliſe mit einem gezwungenen Lächeln, mit einem freundlich ſeynſollenden Blick, den hervordraͤngende Thraͤnen zu trüben drohten. Sie ging ſchnell an's Clavier, und ſpielte die Modetaͤnze. Degenhold lobte ſie, und Eliſe dachte:„Er hat ſie wol dort, und mit ihr getanzt!“ Sie ſtand auf, und verſuchte, ein erheiterndes Ge⸗ ſpräch anzuknuͤpfen; aber es ſtockte gar bald. Sie tas, oder ließ ſich vorleſen; aber ſie konnte weder ein 115 aufmerkſames Ohr leihen, noch ein ſolches finden; nichts konnte gelingen, und der Tag entſchwand freu⸗ denlos. Die Baronin ſah die Wunde in ihres Kin⸗ des Herzen, ſcheute ſich aber, ſie zu beruͤhren; wenig⸗ ſtens wollte ſie einen guͤnſtigen und entſcheidenden Augenblick dazu erwarten, in welchem der Schmerz zum Heil werden koͤnnte. Nun kam eine Ordre, die den Hauptmann ſchleunigſt abrief, und dieſe Dienſtangelegenheit war der Art, daß man leicht berechnen konnte, er werde vor Ende des Winters kaum zuruͤckkehren. Degen⸗ hold war in einer Stunde reiſefertig. Der Gedanke an die nahe Trennung hatte ihn Eliſen ganz wieder geſchenkt; er ging an dem Hauſe der Gräfin vor⸗ uͤber, geraden Weges und feſten Schrittes zu ſeiner Geliebten. Sie wußte ſchon, daß er ſcheiden muͤſſe, und er fand ſie in Thränen.„Die Pflicht gebeut,“ ſagte er,„und ich darf nicht klagen. Eliſe, laß uns in dieſem letzten Augenblick unſerer Liebe noch recht freudig uns bewußt werden! Ich bleibe bei Dir, bis das Poſthorn ruft.“—„Haſt Du,“ ſprach ſie ſchuͤchtern,„nicht noch anderswo Abſchied zu neh⸗ men?“—„Mit nichten; uͤberall entſchuldigt mich die Eile, nur hier nicht.“ Unwillkuͤrlich blickte ihn Eliſe ſo innig dankbar an, daß er nun klar erkennen mu¼ßte, was er verbrochen, was ſie gelitten; und er 8* —6 that in ſeinem Herzen einen theuren Schwur, die beleidigte Treue zu verſöhnen. In die Ferne konnte nur Eliſens Bild ihm folgen; ihre Nebenbuhlerin, wie Tauſende ihres Glei⸗ chen, war Konigin des Augenblicks, und ihre Macht entfloh mit ihm.— Degenholds Briefe athmeten in⸗ nige, ungetheilte Neigung. Jeder von ihnen war ein Lebensborn, aus dem die Liebekranke durſtig ſchöpf⸗ te, und bald ſchlug ihr Herz wieder frei in der er⸗ leichterten Bruſt. So, dachte die getröſtete Mutter, ſo ſollte es durch Jahre waͤhren;— nur die zarteſte Bluͤthe der Liebe iſt fur das ätheriſche Weſen wohl⸗ thätige Nahrung. Aber der Fruͤhling ruͤckte näher, und mit ihm das Ende von Degenholds Abweſen⸗ heit. Nun kam ein Brief, der ſeine nahe Ankunft meldete, und ein Einſchluß.— Mutter und Tochter wechſelten die Farbe, als er erbrochen da lag; denn die Unterſchrift ſagte genug:— gx⸗war von Degenholds Vater. Der alte General hielt förmlich an fuͤr ſei⸗ nen Sohn um Fraͤulein Eliſens Hand. Die wichti⸗ gen Zeilen wurden mit den Augen ſchnell uͤberflogen, die Lippen ſchwiegen, und auch lange noch, nachdem nichts mehr zu leſen war. Endlich ſprach die Ba⸗ ronin:„Degenhold hat redlich gehandelt, er verdient deine und meine ganze Achtung!“—„Liebe Mut⸗ ter,“ ſagte Eliſe ſchuͤchtern,„Sie blicken ſo ernſ ſ zuͤrnend;— ich darf mich nicht freuen!“— —— „Ich kann dir nicht gebieten,“ erwiederte tiefſeuf⸗ zend ihre Mutter,„einer Liebe zu entſagen, die ich, wo nicht gebilligt, doch geduldet habez aber das Bild deiner Zukunft, die, leider! erſt in der letzten Zeit deines Umganges mit Degenhold ſich mir enthuͤllte, muß ich, ſo ſchwer es meinem Herzen faͤllt, Zug fuͤr Zug dir malen. Eliſe,— nicht fuͤr einander hat euch die Natur gebildet.— Du mufßt ſanft und leiſe getragen werden auf dem, an mancher Stelle immer rauhen, Wege des Lebens; er wird dich raſch darauf nach ſich ziehen, er wird mit kraftiger Hand die deine faſſen, und wird gar nicht fühlen, daß er ſie zerdruͤcht; er wird dich bald in glͤhende, bald in ei⸗ ſige Zonen führen, und wird es nicht ahnen, daß die Sonnengluth dich verzehrt, oder der kalte Hauch eines ewigen Winters dich erſtarren macht; er wird——“ „O Mutter!“ unterbrach ſie Eliſe,„warum thun Sie ihm ſo großes Unrecht an? Er iſt nicht hart, nicht lieblos.“—„Keinesweges; nur ſo ruſtig, als du zart; ſo muthig, als du zaghaft; ſo heiter, als du wehmuͤthig geſtimmt biſt.“—„Kann das Gluͤck der Liebe nicht bei auffallender Verſchieden⸗ heit der Stimmung bluͤhen und dauern?“ fragte Eliſe mit zitternder Stimme.„Ja, bei großer Ver⸗ ſchiedenheit; aber bei ſolchem Contraſte!— Wohl ruͤhrt er meiſtens von deiner Kranklichkeit, und ner unverwüſtlichen Geſundheit her.— Aber da i 118 eben das Schlimmſte!“—„Wie! ſolche aͤußere Zu⸗ faͤlligkeiten ſollten das Loos unſerer Herzen beſtim⸗ men?— Theure Mutter! Sie ſelbſt fuhlen es ge⸗ wiß, daß Sie die Idee der Liebe herabwuͤrdigen, daß— o wohl mir!“ rief ſie auf einmal, ſich ſelbſt unterbrechend, aus,„wohl mir! daß eine ſchone Er⸗ fahrung, ein gluckverheißendes Beiſpiel mir ſiegende Waffen leihet gegen dieſe niederſchlagende Vorſtel⸗ lung! Mutter, ſahen Sie je ein Menſchenpaar in einer hoher begluͤckten, wuͤrdigeren Ehe leben, als Graf Theodor B***n und meine Verwandte Eve⸗ rilda?— und Sie wiſſen, wie aͤhnlich die Lage.“— „Sage, wie entgegengeſetzt,“ ſprach ſchnell Eliſens Mutter;„er iſt der Kranke.— Liebt ſie ihn weni⸗ ger?— Nein! wahrſcheinlich nur um ſo mehr; denn wo das Weib ganz aufopfernde Liebe ſeyn darf, fuͤhlt es ſich begluͤckt und erhoben;— aber darf der Mann je dem Weibe nur ganz leben wollen?“—„O ge⸗ wiß nicht, er hat andere, hoͤhere Pflichten,“ ſprach Eliſe.—„Das erkennſt du alſo?—— Doch koͤnnte es eine Mäglichkeit geben, Pflicht und Liebe zu vereinen, und ein Anderer, als Degenhold viel⸗ leicht“——„Fuͤr mich gibt es keinen Andern.“— „Ich weiß, es gibt für dich, außer ihm, nichts mehr, und du mußteſt ſchon ſchmerzlich erfahren, daß es fuͤr ihn, außer dir und ſeinen Pflichten, noch Manches gibt.“—„Mutter, das war hart!“—„Du ſolſt 119 mich nicht mißverſtehen; ich halte Degenholb nicht fuͤr unedel, dich nicht fuͤr betrogen: er iſt lebenslu⸗ ſtig und ahnungslos. Du litteſt und ſchwiegſt; wie konnte er ſehen, was man ihm nicht deutlicher zeig⸗ te?— Unbeſorgt um deine Ruhe, ging er den Weg, den ſeine angeborne Stimmung ihn gehen hieß, und er wird ihn weiter gehn!“—„Vielleicht eine Zeit⸗ lang,“ ſprach ſeufzend Eliſe,„aber die Jahre werden ihn ſtiller und ernſter ſtimmen, und ich male mir mit ſchönen Farben den Abend unſers Lebens.“— „Wer kann dir buͤrgen fur ein frohes Alter?“— erwiederte die Mutter.—„Meine Tochter, das Weib machen gewoͤhnlich die Jahre ernſter; den Mann nicht ſelten frivoler. Mancher ſieht mit gro⸗ ßerer Luͤſternheit die dritte Maͤdchengeneration, die er erlebt, als er die erſte anſah. Mancher tändelt gecken⸗ haſter mit den Geſpielinnen der Enkelin, als einſt mit den Geſpielinnen der Schweſter.“—„ Mutter, De⸗ genhold iſt eine Ausnahme, gewiß!“—„In dei⸗ nen Augen, vielleicht in der That; aber wär' es auch, du wirſt nicht immer mit dieſer Zuverſicht es glau⸗ ben. Geſchaͤfte und Beluſtigungen, wenn auch die anſtaͤndigſten, werden ihn vom Hauſe wegrufen; deine Pflichten, deine Neigung, dein koörperlicher Zuſtand dich im Hauſe feſthalten. Nach einem Albend, in ſchwermuͤthiger Einſamkeit zugebracht, wird ihm dein Herz, als der einzigen Freude, dem einzi⸗ — 120 gen Troſt deines Lebens, voll Sehnſucht entgegen ſchlagen; und er wird zuruͤckkehren mit einer Welt von fremden Bildern in ſeiner Bruſt; und je reiner⸗ je unſtraflicher ſein Wandel, je weniger wird er ſich ſcheuen, mit lebhafter Waͤrme zu ſchildern, was er geſehen, was ihn fuͤr den Augenblick erfuͤlte. Wie es dir indeſſen ergangen, wird er nicht ahnen koͤn⸗ nen. Wirſt du ihn in dein Herz blicken laſſen, oder es vor ihm verſchließen?— Im erſten Falle ſetzeſt du ſeine Achtung, im zweiten die Wahrheit und Innigkeit Eurer Verbindung auf das Spiel. Wenn dann die Sorgen fuͤr Haus und Kinder ſich haͤufen, wenn deine Kraͤnklichkeit zunimmt, wenn Unmuth und Bitterkeit dich unbemerkt beſchleichen, und du unwillkuͤrlich die endlich zu ſchwer gewor⸗ dene Laſt auf den zuruͤckwirfſt, der ſie dir nicht zu erleichtern verſtand——“ „Halten Sie ein, Mutter!“ rief Eliſe,„ge⸗ nug der Berge und Kluͤfte zwiſchen mir und ihm;— ſie ſollen uns nicht trennen! Ich gehe von nun an ſeinen Weg.“—„Du?“—„Ja, ich will geſund und froh ſeyn, wie er, und was man ſo recht will, das kann man auch.“—„Oft, doch nicht immer!“ ſprach bekuͤmmert die Baronin.—„Kein Wort mehr,“ verſetzte ſchnell Eliſe,„mein kuͤnftiges Leben ſoll ſprechen.“— Und es ſprach, daß die Liebe Wun⸗ der wirken könne. Eliſe warf die Kraͤnklichkeit von 12¹ ſich; fruh aus dem Bette, beſorgte ſie mit einer mun⸗ tern Thaͤtigkeit, die ſie vorher nie gekannt, kleine Hausgeſchaͤfte und Toilettenangelegenheiten, an die ſonſt Andere für ſie gedacht hatten; uͤberhaupt dachte und handelte ſie ſelbſt, wo ſie es ſonſt Andern uͤber⸗ laſſen. Anſtatt, wie ehedem, menſchenſcheu zu er⸗ ſchrecken vor dem bloßen Gedanken an eine etwas zahlreichere Verſammlung, bat ſie ſelbſt die Mutter, ſie hinzufuͤhren auf Concerte, Bälle und öſſentliche Spaziergänge. Es koſtete ſie ungeheure Ueberwin⸗ dung; aber ſie dachte: es iſt ſein Weg, und ich muß darauf ſchreiten lernen. Die Baronin ließ den Arzt rufen, und ſagte ihm von der unbegreiflichen Verän⸗ derung, die mit ihrer Tochter vorgegangen war. Sie erzaͤhlte, was die Veranlaſſung geweſen, und fragte, ob man nicht ihrem Eifer Schranken ſetzen ſolle. „Laſſen Sie das edle Kind gewaͤhren,“ ſprach der Arzt,„der Muth rettet oͤfter, als er verdirbt. In al⸗ len Lagen des Lebens, bei allen Zuſtanden der armen krankhaften Menſchheit, wäre es leichter zu helfen, wenn es nicht ſo oft daran fehlte. Von der Wun⸗ derkraft eines feſten Willens hab' ich die auffallend⸗ ſten Beweiſe ſelbſt erlebt; und gewiß, dieſe Kraft reicht noch weiter, als wir es nur ahnen können. Uebrigens zeigt das gute Ausſehen ihrer Tochter, daß ſie bisher die herviſche Kur leicht erträgt. Die erſten Zeichen der Erſchöpfung wuͤrden dem Mutterauge noch 122 weniger als dem meinen entgehen konnen; ſo lange Eliſe Ihnen geſund erſcheint/ iſt ſie es auch. Indeſſen wurde Degenholds Ruͤckkehr durch ein unvorhergeſehenes Geſchaͤft vor der Hand noch verhin⸗ dert, und ſo gewann Eliſe Zeit, dem Geliebten man⸗ che frohe Ueberraſchung zu bereiten. An einem der letzten und ſchoͤnſten Tage des Maimonds, wurde er endlich mit Zuverſicht erwartet. Ungefaͤhr eine Stunde von der Stadt entfernt, lag an der Fahrſtraße ein freundlicher Meierhof, von Obſtbaͤumen beſchattet. Degenhold hatte ihn oft zum Ziel ſeiner Spazier⸗ gange gewaͤhlt. Als er nun vorbeireiten wollte, doch nicht ohne einen Blick des Dankes fuͤr manchen fro⸗ hen Augenblick, kam ein Kind aus dem Hauſe ge⸗ laufen, und rief:„Herr Hauptmann! nur ein we⸗ nig halten, wenn's beliebt.“—„Sehr ungern,“ ſprach Degenhold.—„Ein guter Freund hat noth⸗ wendig mit Ihnen zu ſprechen.“ Sich tuͤchtig aͤr⸗ gernd uͤber den guten Freund, ſprang Degenhold vom Pferde, und ging in das Haus.„In dem Garten wartet er,“ hieß es. Degenhold trat mit ziemlich murriſcher Miene in den Garten; aber wie verklaͤr⸗ ten ſich ſeine Zuͤge, als Eliſe— im weißen Ge⸗ wande, mit reichwallenden Locken, Haupt und Bu⸗ ſen mit Roſen geſchmuͤckt, und auf den zarten Wan⸗ gen des Sommers und der Liebe Gluth,— ihm mit einem Schrei entgegen lief. Er faßte ſie in ſ — 123 ſeine Arme, druͤckte ſie wonnetrunken an ſeine Bruſt, und rief:„O du, Lieb'⸗ und Lebensvolle, um wie viel ſchöner noch, als ich ihn mir malte, machſt du dieſen Augenblick!“ Eliſe lag ſprachlos an ſeinem Herzen. Da nahte ſich auch Eliſens Mutter, und nannte ihn mit weicher Stimme:„Sohn!“ Bei dieſem ſchoͤnen Wiederſehn ſchien die Binde der Liebe ſogar den ernſten, in die Zukunft forſchenden Blick der klugen Mutter zu bedecken; ſie freute ſich mit ihren Kindern unbedingt und unbegrenzt. So herrlich der Abend war, ſo ſehr auch die hellgruͤnen Baͤume, die vollen Roſenſträͤuche und alle Pracht des Fruͤhlings, als Einfaſſung, paßte zu der frohen Gruppe: ſehnten ſich die Liebenden doch zuruͤck in die Stadt, nach der traulichen Wohnung, wo ein Blumenfeld der ſuͤßeſten Erinnerungen auf ſie wartete. Degenhold fuhrte die Baronin zu ihrem Wa⸗ gen; doch als er auch Eliſen in denſelben heben woll⸗ te, war ſie verſchwunden. Beſtuͤrzt wollte er ſie auf⸗ ſuchen.„Laſſen Sie,“ ſprach ihre Mutter,„ſie wird die Handſchuhe oder den Shawl vergeſſen ha⸗ 1 ben; ſie laͤßt uns gewiß nicht lange warten. De⸗ genhold beſtieg indeſſen ſein ungeduldiges Roß. Plotz⸗ üch ſtand neben ihm, auf einem zierlichen weißen Pferde, die reizendſte Amazone, und unter dem ſchwar⸗ zen Federhut blickten ihn Eliſens Augen zum erſten 124 Male ſchalkhaſt an.„Du Zauberin,“ rief er, ſo entzuckt als erſtaunt,„bedarf es denn noch neuer Fuͤnſte, um mich zu feſſeln?— Bin ich nicht laͤngſt in Deinem Kreiſe feſtgebannt?“—„Sie ſind der Zauberer,“ ſprach aus dem Wagen, im Ton des Scherzes, aber nicht ahne Wehmuth im Blick, Eli⸗ ſens Mutter.„Sie haben mir mein ſtilles Mad⸗ chen in ein muthwilliges, abenteuerliches Ding ver⸗ wandelt.“—„Gute Mutter, ich bin im Sinne un⸗ verandert,“ ſagte Eliſe, und, zu Degenhold gewandt, mit leiſer Stimme:„aber du mußteſt Manches an mir vermiſſen, was dir an Anderen gefiel, und ich wollte mir's nach Kraͤften aneignen.“ Degenhold ſchlug den Blick zu Boden; denn er erinnerte ſich, daß er oft die Gräfin Hohenburg als eine gewandte Reiterin gelobt habe, und ſogar vor Eliſen. Es wurde ihn gewiß tief geſchmerzt haben, Eli⸗ ſen reiten zu ſehn, haͤtte er nur entfernt ahnen kön⸗ nen, was die Erlernung dieſer unweiblichen Kunſt ſie gekoſtet, wie ſie zitternd, blaß, und mit großen Thrä⸗ nen in den Augen, die erſten Male das zahme Thier beſtiegen, das fur ſie ein furchtbares Ungeheuer war. Sie hatte einen Bruder ihrer Mutter erſucht, ſie rei⸗ ten zu lehren. Die Angſt des armen Kindes ging ihm zu Herzen, und er meinte, es müſſe ja nicht ſeyn!— Eliſe antwortete, unter ihren Thraͤnen laͤchelnd:„Lie⸗ ber Onkel, es muß ja ſeyn; denn ich weiß, er ſieht 125 es gern.“— Und wirklich hatte ſie die Furcht und die Schwierigkeiten uͤberwunden, die in ihrer ſchwa⸗ chen, ungeuͤbten Kraft lagen; ſie ſaß mit freiem, edlen Anſtand auf dem Pferde, und lenkte es mit Leichtigkeit.* Die erſte Zeit der Wiedervereinigung, ja, der ganze Sommer war fuͤr Degenhold und Eliſen ein— ununterbrochenes Feſt. Im Herbſte ſollten ſie ver⸗ maͤhlt werden, und die Verwirklichung des Traumes höchſter Seligkeit kam ſogar fuͤr ſie mit unglaubli⸗ cher Schnelligkeit herbei. Mit ſelig lächelndem Munde und feuchten Augen ſprachen ſie, als ſie aus der Kirche traten:„Einander geſchenkt für immer!— Geſtern konnten wir es noch kaum glauben, daß Gott und ſeine Menſchen ſo gut ſind.“ Wie reich an allen Bluͤthen der Freude erſchien nun der Winter! Der muͤrriſche Greis hatte ſich fuͤr die Liebenden in einen wonnelaͤchelnden Juͤng⸗ ling verwandelt, und ſie ſehnten ſich wahrlich nicht nach irgend einem Wechſel der Zeit; doch als der⸗ Fruͤhling nahte, war er, obwol ungerufen, nicht un⸗ willkommen. Man hatte beſchloſſen, ihn auf einem Landgute, welches der General ſeinem Sohne zum Hochzeitsgeſchenke uͤbergeben hatte, zuzubringen. Er erwartete daſelbſt das junge Paar; die Baronin ſollte es begleiten. Zur Unzeit ſtarb jetzt ein reicher Anverwandter. —8 Er hinterließ keine Gattin, keine Kinder, aber Er⸗ ben, die, dem Blute nach, ihm naͤher ſtanden, als die Baronin und ihre Tochter; dennoch nannte ſein let⸗ ter Wille ſie als Erbinnen ſeines anſehnlichen Verms⸗ gens. Die Guͤltigkeit des Teſtaments wurde von denen, die es um große Hoffnungen brachte, nicht anerkannt. Die Baronin glaubte ihre und die Rechte ihrer Tochter vor dem Geſetze behaupten zu duͤrfen und zu können. So entſtand ein Proceß, der ihre Gegenwart noth⸗ wendig machte. Die erſte Trennung von der gelieb⸗ ter Mutter fiel Eliſen ſehr ſchwer; noch ſchwerer die⸗ ſer das Scheiden des einzigen Kindes, der einzigen Freundin. Die Baronin wollte den Arzt erſuchen, mit den jungen Gatten zu reiſen, und den Sommer uͤber bei ihnen zu wohnen; aber Degenhold runzelte die Stirne, und Eliſe verſicherte, ſie konne nie wieder krank werden; und die Baronin mußte einen Gedan⸗ ken fahren laſſen, der ſo viel hatte fur ihr Mutterherz. Der General enyſin die Gattin ſenes Soh⸗ nes mit einer komiſch⸗ruͤhrenden Miſchung von alt⸗ ritterlicher Galanterie und väterlicher Herzlichkeit. Eliſe, des eigenen Vaters noch in der Wiege be⸗ raubt, fuͤhlte ſich bald ganz ſeine Fochter; und ihre kindliche Ergebenheit machte den alten Krieger ſeines Lebens ſo froh, daß er, mehr als einmal, geruͤhrt dem Sohne dankte fuͤr dieſe Erheiterung ſeiner lebten 127 Tage. Eliſe, nun ſo unentbehrlich dem Vater als dem Sohne, war ununterbrochen in ihrem Umgange, und erſt jetzt kam ihr die neuerworbene Ruͤſtigkeit recht zu ſtatten. Am fruͤheſten Morgen ſtreifte ſie ſchon mit ihnen, zuweilen gehend, doch meiſtens rei⸗ tend, durch Wald und Feld. Kamen Gäſte, ſo wurde nicht ſelten Morgens gejagt und Abends getanzt. Der Jagd konnte Eliſe freilich keine Luſt abgewinnen. An⸗ fangs hatte ſie nur muͤhſam ihren Abſcheu davor ver⸗ borgen, zuletzt wich er der Gewohnheit; jedoch ſich zu entſchließen, auch nur einen Sperling zu tödten, ver⸗ mochte ſie nicht, und ſie war nur zum Scherze als Jaͤgerin gekleidet und bewaffnet. Eine geraume Zeit ging das Leben dieſen ra⸗ ſchen Gang, ohne daß Eliſe eine Abnahme ihrer Krafte empfunden haͤtte; aber ſie achtete in ihrem Kinderſinn, trotz allen Winken in den Briefen ihrer Mutter, zu wenig auf einen Zuſtand, der von ihr die großte Vorſicht, von Andern die hoͤchſte Schonung erfodert haͤtte. Die Folgen zeigten ſich bald. Eliſe verfiel in eine dumpfe Schwermuth, die ſie doppelt druͤckte, weil ſie nicht ahnen konnte, daß dieſe Stim⸗ mung von der Abſpannung der lang' uͤberreizten Ner⸗ ven herruͤhre. Sie werzweifelte an dem eigenen Her⸗ zen, ſchaͤmte ſich ſeiner Fuͤhlloſigkeit, und verbarg ſie ſorgfältig vor dem, den ſie nicht mehr ſo warm, wie ehemals, zu lieben ſich bitter vorwarf. Das Reiten und Tanzen hatte ſie, doch zu ſpät, auf Befehl ihrer Mut⸗ ter aufgegeben. Andere Vergnuͤgungen, immer mehr nach dem Sinne ihres Gemahls, als nach ihrem eigenen, kamen nun an die Reihe. Das Schloß wurde nie von Gäſten leer, und mit krankhafter Aengſtlichkeit ſorgte Eliſe fur ihre Bequemlichkeit und ihre Erheiterung. Wenn in dem weiten Kreiſe ein nicht ganz munteres Auge das ihre traf, zitterte ſie ſchon, einer Vernachlaͤſſigung, einer Unzartheit ſich ſchuldig gemacht zu haben, und mit dem freudeleeren Herzen trat ſie zu dem, den ſie unzuftieden waͤhnte, und zeigte ſo viel Wohlwollen, heuchelte ſo viel Munterkeit, daß es ihr immer gelang, den wirklichen oder ſchein⸗ baren Unmuth zu verſcheuchen. So wirkten die ge⸗ ſelligen Verhältniſſe, mit jedem Tage mehr, zerſtörend auf ſie. Wenn Morgens ihr Gemahl, nachdem er ihr den Unterhaltungsplan des Tages vorgelegt, mit ei⸗ nem zůrtlichen Kuſſe ſie verließ, und hinausging, die Sonne zu begruͤßen, ſank ſie oft weinend in ihre Kiſſen zuräck, und betete zu Gott:„O⸗ gib mich mir ſelbſt wieder!— Ungluͤcklich ſeyn, das iſt noch nicht der Thräͤnen werth; aber geliebt, gluͤcklich, am Ziel aller Wuͤnſche, und ein todtes Herz in der Bruſt, das iſt graͤßlich!“ Nach einem ſehr laͤrmenden Abend, an welchem alle Bewohner des Schloſſes— Eliſe zum Schein 129 mit ihnen— ſich köſtlich unterhalten hatten, warfen ſie heftige Schmerzen auf das Lager. Der Arzt, der aus einem benachbarten Städtchen noch in der Nacht geholt wurde, erklarte: er befurchte eine fruͤhzeitige Geburt. Bald blieb kein Zweifel uͤbrig, und nach zwolſſtuͤndigem, convulſiviſchen Ringen gebar Eliſe ein unreifes, doch lebendes Kind. Freude und Angſt kaͤmpften in Degenholds Bruſt: er war Vater.„Aber weiß ich noch, um welchen Preis?“ fragte er ſich ſelbſt,„und werd' ich je den ſuͤßen Namen horen aus dem Munde des armen, nur mit einem halben Leben begabten kleinen Weſens?“ Der unerwartete Vorfall hatte, indem er allen Luſtbarkeiten ein Ende machte, auch alle Gaͤſte ent⸗ fernt. Eliſen quälte nun nicht mehr der Anblick fremder Geſtalten; ſie ſah nur ihren Gemahl, ſeinen Vater und ihr zartes Tochterlein, das man täglich, mit koſtbaren Spitzen und hellfarbigen Baͤndern ge⸗ ſchmuͤckt, ihr brachte. Mit unendlicher Liebe ruhte ihr Blick auf dem Kinde, und wandte ſich dann voll Seligkeit zum geliebten Gatten, zum theuren Vater des ſchon ſo theuren Kindes. Eliſe hatte ihr ganzes Herz wieder gefunden, und lebte nun ihr eigentlichſtes Leben. Ihr korperlicher Zuſtand war bei der großen Schwache, die der Arzt an ihr erkannt hatte, der beſt⸗ möglichſte.„Nur Schonung,“ ſprach er, als er nach vierzehn Tagen das Schloß verließ,„nur lang' hin⸗ verin Erzählungen. 9 aus noch immerwaͤhrende Schonung, und wir haben nichts zu befurchten.“ Eliſe durfte ſchon das Bett verlaſſen, ſie mußte nur noch das Zimmer huten, und ihr fiel es gar nicht ſchwer; denn dieſes Zimmer ſchloß ihre Welt ganz ein. Aber als noch acht Tage verfloſſen waren, fingen Vater und Gemahl an, Lan⸗ geweile zu empfinden, und unwillkurlich auch ſie zu zeigen. Die von Selbſtſucht nur zu reine Eliſe dachte:„ſie haben wirklich lange ausgehalten.“ Sie beredete nun beide Männer, im Freien Erheiterung zu ſuchen; ſie thaten es, aber ohne Eliſen ward von Beiden jedes Vergnoͤgen„jede Erheiterung nur halb genoſſen. Die Jahreszeit war ſo günſtig;— die milde Luft konnte nur die faſt ganz Geneſene noch ſtärken. Eliſe, von ihrem Gemahl und ſeinem Vater unter⸗ ſtutzt, verſuchte einen erſten Gang in den Garten. Einen kleinen Schauer abgerechnet, ſchlug er recht gut an. Am folgenden Tage ging ſie ſchon etwas weiter, und nun war das Spiel gewonnen; man war von Neuem unzertrennlich. Die růſtigen Krieger erinnerten inander haufi an die nothwendige Schonung füͤr ihre zarte Gefähr⸗ tin, und keiner glaubte es daran fehlen zu laſſen. Aber wo hätten ſie den Maßſtab füͤr ſolche Reizbar⸗ keit und Schwaͤche hergenommen? Ein Gang von zwei Stunden, eine Fahrt von einem halben Tage haͤtten vielleicht Eliſe- ſſte 3 — — 131 noch nicht überſtiegen, waͤre ſie nur mit freudigem Sinn gegangen oder gefahren. Aber ihr Kind war indeſſen ganz der Amme uͤberlaſſen. Sie aͤußerte einmal ihre Beſorgniſſe daruͤber. Die Maͤnner fan⸗ den ſie uͤbertrieben, ja ganz ungegruͤndet.„Das Weib war brav, hatte ja ſchon ein anderes Kind groß gezogen.“— Eliſe ſprach nicht mehr von der Angſt, die ſie uberall begleitete. Wenn ſie zuruͤck⸗ kehrte nach dem Schloß, und von fern ſeine Zinnen erblickte, klopfte ihr Herz in ſchmerzlicher Bangig⸗ keit.—„Guter Gott, haſt du mein Kind gehuͤtet, indeß die Mutter es ſo lange verließ?“— ſprach ſie im Geiſte.— Haſtig ging ſie in das Haus, uͤber die Treppe, ſtuͤrzte athemlos in das Zimmer, und wenn ſie dann ihr Kind wohlbehalten in den zitternden Armen hielt, hob ſie dankend den wehmuͤthig freudi⸗ gen Blick zum Himmel empor. Eliſens Mutter hatte von der fruhzeitigen Ent⸗ bindung ihrer Tochter nichts erfahren, ſo lange man an Gefahr geglaubt hatte. Nun bekam ſie regelmaͤßig jede Woche die beruhigendſten Nachrichten.— Ach! wie konnte ſie es denken, daß ſchon jetzt ihr geliebtes ein⸗ ziges Kind rettunglos verloren ſey?— Ein Anfangs ſchleichendes Uebel, deſſen erſte Kennzeichen Eliſe kaum an ſich ſelbſt bemerkt hatte, brach nun mit furchtbarer Heftigkeit aus. Unaufhörlich ſich erneu⸗ ernde Fiebergluth brannte in Eliſens Adern; Huſten 9* 132 und Stechen zeigten nur zu deutlich den Sitz der Krank⸗ heit an. Der Arzt, der in Eile wieder geholt wurde, ver⸗ ſchrieb ſchweigend und mit ſehr bedenklichem Geſichte. Degenhold folgte ihm aus dem Zimmer der Kranken, und ſagte:„Ein Wort des Lebens oder des Todes! Werden Sie helfen?— Koͤnnen Sie helfen?“— und der Arzt ſprach das zermalmende: Es iſt zu ſpat! Nach fuͤnf entſetzlichen Wochen bereitete ſich Eliſe, mit bewundernswuͤrdiger Faſſung, zum Tode. Der Prieſter, der ihr in dieſem ernſten Geſchaͤfte bei⸗ ſtand, ging mit naſſem, aber von heiliger Freude glaͤnzenden Blicke von ihr hinweg. Da nahte, auf⸗ gelöſt in Schmerz, Degenhold dem Sterbebette ſeiner Gattin, ſeiner Geliebten. Sie druͤckte ſeine Hand an ihre Lippen und ſagte:„Die letzte Bitte gewaͤhre mir, lieber Mann, bring' meiner verwaiſten Mutter mein verwaiſtes Kind!“—„Ich werde dir gehorchen,“ ſprach Degenhold;„aber ſoll mir nichts von dir blei⸗ ben?“— und er ſchluchzte heftig.—„Auch in meiner Mutter treuen Haͤnden iſt unſer Kind ganz dein!— O, ſey oft um die Beiden!— Suche dort deinen Troſt!“— Eliſens Hand zuckte in der Hand ihres Gatten, ihre Lippen öffneten ſich, noch mehr zu ſprechen; aber ſie unterdruckte die Aeußerung des letzten irdiſchen Wunſches. Ihr Mund ſchwieg, ihr Blick hob ſich zu einem Bilde des Gekreuzigten, das dem Bette gegenuber hing ſie faltete die Hände, 133 und betete leiſe. Bald blickte ſie mild lächelnd den Gatten wieder an.„Habe Dank fuͤr deine Liebe, deine Treue, fuͤr die ſchönen Tage, an deiner Seite verlebt!“ ſprach ſie. Degenhold, faſt aller Beſinnung beraubt, wurde von ſeinem Vater hinweggefuͤhrt. Die erſte Morgenroͤthe ergoß ſich ungehindert durch die weitgeoffneten Fenſter des lange verſchloſſe⸗ nen Gemachs, auf Eliſens Leiche. Was Eliſens Mutter empfand, als ſie das theure Vermächtniß der Verblichenen zugleich mit der Nach⸗ richt ihres Todes erhielt: es waͤre frevelhaft, es ſchil⸗ dern zu wollen. Gott wollte ſie der kleinen Waiſe erhalten, darum unterlag ſie nicht dem ungeheuern Schmerz. Eine wohlthaͤtige Gottheit war fuͤr Degenhold der Krieg, der ihn nun zu ſeinen Fahnen zuruͤckrief Er warf ſich ſchluchzend in die Arme ſeiner Schwie⸗ germutter, druckte einen ſegnenden Kuß auf die Stirn ſeines Kindes, und eilte dem ſchon auſgebrochenen Regimente nach. Nach Jahresfriſt kam Degenhold, mit vielen Ehrenzeichen auf der kaͤlteren Bruſt, als Major zu⸗ ruͤck. Der Kriegsminiſter hatte ihm, mit Hintan⸗ ſezung mancher aͤlteren verdienſtvollen Hauptleute, dieſen Rang verſchafft. Degenhold beſuchte ſeine Schwiegermutter, und betrachtete ſein zu ihren Fußen ſpielendes Kind mit *— 134 Augen, die nicht die reine, ungemiſchte Vaterfreude ausſprachen. Nach einigen Redensarten, die er vor⸗ ausſchickte, erſuchte er die Baronin, ihm das ganz ähnliche Bild ihrer Tochter auf einige Zeit anzuver⸗ trauen, weil er ſchon einem beruͤhmten Maler die Verfertigung eines Gemaldes aufgetragen, das die Verklärte gegen Himmel ſchwebend vorſtellen ſollte. „Ich werde mich nie dazu verſtehen,“ ſprach mit ho⸗ hem Ernſte Eliſens Mutter,„ Spott treiben zu laſſen mit dem, was mir auf Erden das Heiligſte iſt. Iſt das Andenken meiner Tochter Ihrem Herzen noch theuer, Herr Major, ſo erwaͤhnen Sie ihrer zuweilen im ſtillen Gebete vor Gott, zuweilen im herzlichen Geſpräche mit einer trauernden Mutter. Wenn ich ſterbe, und Sie dann noch einigen Werth legen auf einen treuen Abdruck ihrer Zuge, ſo gehoͤrt das Bild Niemand, als Ihnen; aber es ſoll kein frecher Pinſel⸗ Gottes Barmherzigkeit vorgreifend, ſie verkläͤren.“— Degenhold entfernte ſich ſchweigend. In Kurzem hörte Eliſens Mutter mit einer ſeht ſchmerzlichen Empſfindung, doch ohne im mindeſten daruͤber zu erſtaunen, er habe der Grafin Hohenburg ſeine Hand gereicht. Dieſe Verbindung verdiente nie den Namen Ehe; wohl aber einer ganz guten Hei⸗ rath. Degenhold wurde Vater vieler ſtarken Söhne und blühenden Töchter. Die Guͤter und Ehren der Welt ſchienen ihn und die Seinigen zu ſuchen; er 3 hörte ſich uͤberall gluͤcklich preiſen, und glaubte mei⸗ ſtens, es zu ſeyn. Doch in allen ernſten Stunden (freilich brachte der Tag nur ſelten eine ſolche fuͤr ihn) fuͤhlte er, das Leben ſeiner Seele ſey mit Eliſen in's Grab geſunken. Eliſens Tochter wuchs, der Großmutter zum Troſt, in aller Zucht und Lieblichkeit empor. De⸗ genhold liebte ſie kaum ſo ſehr, als ſeine uͤbrigen Kinder; aber er behandelte ſie ſtets mit einer Art zarter, ſcheuer Achtung, die nur Wenige ſich zu er⸗ klaren wußten. IV. Die Stiefmutter. Di arme Anna kraͤnkelte ſchon lange: ſchwerere Ar⸗ beit, als ihr ſchwächlicher Koͤrperbau ertragen konnte, die Rohheit und Harte eines Mannes, den ſie liebte, und vor dem ſie zitterte, zuletzt noch ein ungluͤckliches Wochenbette, hatten ihre Kraͤfte aufgezehrt; ſie fuhlte ſelbe täglich mehr ſchwinden, nahte ſich ihrem Ende, und war ſich's bewußt. Einem weichen Gemuͤthe iſt auf Erden hart gebettet; Anna wäre gern geſtor⸗ benz aber ſie war Mutter! Das letzte Kind hatte ſie zwar todt zur Welt gebracht, doch aus den erſten Zei⸗ ten ihrer Ehe, wo einige Waͤrme und Milde im Her⸗ zen ihres Mannes fuͤr ſie noch da war, aus dieſen Zeiten, deren Erinnerung die gute Seele noch jet mit Dank und Liebe gegen ihn erfullte, blieb ihr ein theures Pfand, ein ſchoͤnes, zartes, frommes lein, ein verkorperter Gedanke der guten, Frau, ſtill und geduldig wie ſie, wehmuͤthig äche * 137 wie ſie, ſich innig anſchmiegend wie ſie. Mutter und Kind lebten nur fuͤr und in einander, und der armen Anna wollte das Herz brechen, wenn ſie an ihren nahen Tod und an die Verlaſſenheit ihres Kin⸗ des dachte. Es lebte wol im Hauſe die Mutter ihres Man⸗ nes, eine gutmuͤthige, fromme Alte, die mit ihrer Schnur aufrichtiges Mitleid hatte, und den Kleinen herzlich liebte; dieſe war die letzte Hoffnung der Kran⸗ ken, ihr letzter, obwol fuͤr ſolchen Schmerʒ ehr ſchwacher Troſt. Eines Abends, beim Sonnenuntergange, ſe Anna und ihre Schwiegermutter vor der Hausthur; der Knabe war auf dem Raſen zu ihren Fuͤßen ein⸗ geſchlafen; die Dorfglocke laͤutete zum Abendgebete, beide Weiber falteten die Hände und beteten ſtill. Da ging ſtarken Schrittes, pfeifend und trillernd, ohne ſich nach den Weibern umzuſehen, der ruͤſtige Hans aus der Scheune heraus in den Stall, wo man bald darauf ihn fluchen und ſchelten hoͤrte uͤber Knecht und Roſſe.„Wenigſtens ſo lange die Glocke mahnt pollte er das Fluchen laſſen,“ ſagte die alte Mutter. „Er hat ſie wol nicht gehort,“ verſetzte Anna mit einem unterdruckten Seufzer;„und uͤberhaupt, Mut⸗ ter, was hilft's?— wir andern ihn nicht!— Laßt lieber von dieſem reden,“ ſagte ſie, indem ſie den ſchlafenden Knaben tigt„Mutter, der iſt auch euer Sohn, und bald bleibt ihr ihm allein; denn mit mir geht es zu Ende.“— Die Alte wußte nur zu gut, daß es ſich wirklich ſo verhielt; ſie ſchwieg, und trocknete ſich die Augen.—„Weint nicht, Mut⸗ ter,“ bat Anna,„ich bin gelaſſen, und mochte es gerne bleiben, bis ich euch Alles geſagt, was ich auf dem Herzen trage, und was ihr doch einmal horen muͤßt. Seht, Mutter, ich weiß es, euer Sohn wird nicht Wittwer bleiben; ich werde kaum die Augen geſchloſ⸗ ſen haben, und er wird die Braut ſchon heimfuͤhren. Der Gedanke hat mich wol viele Thraänen gekoſtet; aber ich habe ihn ertragen gelernt; nur Eins, Mut⸗ ter, můßt ihr mir verſprechen, und mir witd das Sterben leicht: daß ihr nicht aus dem Hauſe geht.“—„Toch⸗ ter,“ entgegnete die Alte,„ euch habe ich gekannt, be⸗ vor ihr und mein Sohn zuſammengegeben wurdet; euch war ich von jeher gut; doch von der, die viel⸗ leicht nach euch kommen könnte, weiß ich nichts, will auch von ihr nichts wiſſen.— Mit euch bin ich gut ausgekommen; ihr habt mich als Mutter geehrt, ich euch als Kind geliebt; ſo was findet ſich nicht ſo leicht wieder, uͤberdieß bin ich dem Hans wol auch ſchon zur Laſt; denn ich bin alt und verdrießlich, und er will ungehindert ſein Leben genießen; darum fodert von mir kein Verſprechen, das zu halten mir wol unmsglich gemacht wurde.“—„Ach Gott!“ vie Anna, und rang die Hände,„wer wird fuͤr 139 mes Kind ſorgen, wenn auch ihr von ihm geht?“— „Von dem Kinde laß' ich nicht,“ ſprach die Akte; wenn ich wegʒiehe, ſo nehm' ich es mit.— O Dank, tauſend Dank!“ ſagte die Kranke,„ſo iſt's wol am Beſten.“ Darauf ließ ſie ſich auf die Kniee nieder neben dem Knaben, kuͤßte ihn, beſchrieb das Kreuz uͤber ihm, und ſprach: Ich ſegne dich, mein Kind, und moge auch Gott dich ſegnen! und die heilige Jungfrau beſchuͤtze dich, und ſtehe dir bei in Noth und Gefahr, und die heiligen drei Konige ſollen das Licht ihres Sternes fur dich leuchten laſſen, auf daß du den rechten Weg zum Heilande nicht verfehleſt;“ und indem ſie ſich zu der Alten wandte:„Mutter, wißt ihr noch einen kräftigern Segen, ſo ſagt mir ihn.“ „Ich weiß keinen beſſern,“ antwortete dieſe,„und ich glaube, Gott und ſeine Heiligen haben den gehört.“ „Nun denn, Mutter,“ fuhr Anna fort,„wenn mein Knabe einmal groß und vernuͤnſtig iſt, ſo erzählet ihm wie ich ihn geſegnet; da ſoll er auch hinkommen, wo ich liegen werde, und fur mich beten; doch fur jetzt, Mutter, laſſet das Kind nichts ſehen und nichts ho⸗ ren von Tod und Leichenzug: ſo was zerdruckt ein junges Herz.“ Es fing an zu dunkeln; Mutter und Großmut⸗ eter hoben ſanft den Knaben von der Erde, und tru⸗ gen ihn behutſam zu Bette. Er erwachte darͤber als er nun lag, und die Mutter merkte, daß 140 er ruhig fortſchlief, fuͤhrte ſie die Alte zum großen Schrank, der in der Stube ſtand, und zeigte ihr ver⸗ ſteckt unter der Wäſche und unter anderm Hausge⸗ räthe viele bunte Spielſachen, und ſagte:„Seht, Mutter, das Alles ſoll mein liebes Kind erſt nach mei⸗ nem Tode bekommen; ihr gebt ihm's ſo nach und nach an den Tagen, wo er recht brav geweſen ſeyn wird, und ſaget ihm dabei, ich ſchickte ihm die ſcho⸗ nen Sachen aus der Fremde, wo ich mich vor der Hand aufhalten muͤßte.“ Dieſe Rede konnte die Alte um ſo weniger ertragen, je ruhiger die arme Kranke ſie vorbrachte: ſie brach in ein lautes Schluchzen aus, und nun ſchluchzte Anna auch; da trat Hans in die Stube:„Nichts als Weinen und Gewinſel,“ ſprach er,„man moͤchte des Teufels werden! Was iſt denn geſchehen, daß ihr euch wieder ſo klaͤglich gebehrdet?“ „Nichts iſt geſchehen, lieber Mann,“ antwortete An⸗ na,„und es wird wol Alles noch recht gut werden.“ Nun wollte die Alte reden; aber Anna legte den Fin⸗ ger auf den Mund, und ſah ſie bittend an; man ging ſchweigend zum Abendeſſen. Nicht lange darauf wurde Annens Ahnung er⸗ fuͤlt. Sie lag auf der Bahre, ſchoͤner, als man ſie ſeit Jahren geſehen; ihre Zuge, ſonſt durch den Schmerz verzogen, zeigten ſich in lieblicher Ruhe, ihr Mund lächelte ſanft. Die Großmutter war mit dem Knn⸗ ben uͤber die Felder gegangen; Hans machte ſich im 141„ Garten etwas zu thun: die Leiche war verlaſſen. Auf einmal ſtand, vor Schmerz und Zorn gluͤhend, mit dickverſchwollenen Augen und bzhenden Lippen die Jugendgefuͤhrtinn ſeiner Frau, j/ gute Liſe, vor ihm; kräftig faßte ſie ihn bei der Hand und zog ihn halb wider Willen in das Haus, in die Stube, zur Leiche hin. Hans ſtutzte, als er die Todte mit Blumen und Baͤndern geſchmuckt, und viele Wachskerzen um ſie brennen ſah.„Wos ſchaffſt du, Liſe?“ fragte er,„ſie ſtarb ja nicht als Jungfrau.“—„Wer⸗ den nicht auch Maͤrtyrinnen gekroͤnt?“ fragte Liſe, und Hans blickte betrofſen zu Boden; doch er er⸗ mannte ſich bald, und ſagte trotzig:„Ich habe ſie ja nicht umgebracht.“—„Nicht todtgeſchlagen, willſt du ſagen,“ verſetzte Liſe:„umgebracht haſt du ſie wahr⸗ haftig! das weiß ich, obwohl ſie nie geklagt“— mit beinahe fuͤrchterlichem Ernſte und fuͤrchterlicher Stim⸗ me:„Und das weiß auch der da oben!“ Mit die⸗ ſen Worten war ſie zur Thuͤr hinaus. Hans ſtand allein vor der laͤchelnden, blumengekroͤnten Leiche; er war ein harter Mann, aber kein Unmenſch: er kniete nieder, und ſchlug an ſeine Bruſt. Indeß wandelte die Großmutter, den Knaben an der Hand, ſo weit ſie die ſchon ſchwachen Fuͤße trugen; dennoch drang das Grabgelaͤute zu ihren und zu des Kindes Ohren; der Kleine fragte ängſtlich „Großmutter, was läuten ſie denn heut ſo lange?“ 142 Die Alte zuckte die Achſeln und ſchwieg.„Groß⸗ mutter,“ ſagte weiter der Knabe,„das Laͤuten macht mich ſehr traurig; ich bitte dich, ſinge oder erzähle mir was, daß ich's nicht hoͤre.“ Und die Alte, den⸗ kend an den letzten Wunſch der Sterbenden, erzählte, ſo zuſammenhaͤngend als ſie nur konnte, dem Kna⸗ ben ſeine Lieblingsgeſchichte. Als ſie damit zu Ende war, fing ſie an das Kind auf die Abweſenheit ſeiner Mutter vorzubereiten: ſie ſprach vol einer ſehr noth⸗ wendigen Reiſe, die Anna in aller Eile hätte unter⸗ nehmen muͤſſen.„Ach,“ ſagte der Kleine, bitterlich weinend,„hätte ſie mich denn nicht mitnehmen kon⸗ nen?“—„Fuͤr dies Mal nicht,“ antwortete die Alte, „aber ſie wird dich gewiß nicht vergeſſen; ſie wird fur dich beten, und hat verſprochen, dir bald recht ſchone und viele Spielſachen zu ſchicken.“ Als es Abend wurde, nahm man wieder den Weg nach Hauſe; Hans kam ſeinem Kinde entgegen, er herzte und kußte den Knaben mit einer ungewohn⸗ ten Innigkeit, und reichte mit niedergeſchlagenem Blick ſeiner Mutter die Hand, die ſie ihm ſeufzend druͤckte. Nun begann fuͤr dieſe Familie eine weit beſſere Zeit, als man es menſchlicher Weiſe hätte hoffen kön⸗ nen. Es war, als ob die ſchone Leiche Allen Frie⸗ den in's Herz gelaͤchelt hätte; Hans tobte und ſchalt nicht mehr; er beſuchte ſeltner das Wirthshaus, und öfter die Kirche; ſeine Mutter verſchonte ihn mit je⸗ 3 143 dem Vorwurf uͤber das Vergangene, und zeigte ihre Zufriedenheit mit ſeinem jetzigen ſittlicheren und fröm⸗ meren Betragen. Der Kleine ſehnte ſich wol im Stillen nach der Mutter, blieb wol auch Stunden lang unter der Hausthuͤr ſtehen, und ſah unverwandt nach der Straße, ob ſie denn noch nicht kame; aber er hatte ihr ſanftes, geduldiges Weſen geerbt: zu lau⸗ ten Klagen kam es nicht. Und das traurigſte Kind hat im Tage doch immer viele frohliche Stunden; die ſchoͤnen Spielſachen konnten ihre Wirkung nicht ver⸗ fehlen, und der blaue Himmel, die gruͤne Wieſe, die tauſend Farben und Tone des Fruͤhlings eben ſo we⸗ nig. Ueberdies waren Vater und Geoßmutter nie ſo liebevoll mit dem Kinde geweſen, und im ganzen Dorfe ſah Alt und Jung nun mit Blicken des Wohl⸗ wollens und des zaͤrtlichen Mitleides auf ihn. Wer fuhlt nicht ſein Herz erweicht beim Anblick eines ver⸗ waiſeten Kindes? und mutterlos,— ſollte es nur halb verwaiſet ſeyn? Indeß liebte Hans ſeinen Sohn wirk⸗ lich, und wußte jetzt erſt, wie theuer er ihm ſey. Der Gedanke, ihm eine Stiefmutter zu geben, fing an, ihm zu miffallen; auch ſuchte er keineswegs Umgang mit den Vätern mannbarer Tochter, noch weniger mit den Tochtern ſelbſt: ſo verging ein ganzes Jahr, und ans war noch Wittwer. Gute Anna! ſo wie du n liebteſt, liebte er dich freilich nicht; aber hätte er ch nur in ſein Herz blicken laſſen, du hätteſt Tröſt⸗ 144 licheres darin geſehen, als deine gekraͤnkte Zäͤrtlichkeit waͤhnte; doch er verſchloß ſeine Bruſt, ſein Herz hatte keine Sprache, und deines mußte brechen! Die alte Mutter dachte an keine Veraͤnderung mehr; es ſchien ihr Alles ſo bleiben zu muͤſſen, wie es nun war. Sie beſorgte treulich und emſig die Haushaltung ihres Sohnes, lehrte den Kleinen beten und gehorchen, was ihr leicht ward; denn beides ſchien dem Knaben angeboren, und an jedem Sonn⸗ und Feiertage wandelte ſie, den Roſenkranz in der Hand, zu dem Raſenhuͤgel, unter welchem ihre Schwieger⸗ tochter ruhte. Am Pfingſtſonntage war ſie ſpaͤter als ſonſt dorthin gekommenz eine Nachbarinn hatte ſie be⸗ ſucht; ſie hatte mit ihr dies und jenes etwas weit⸗ läufig beſprochen, und zuletzt hatte ſie ſich noch mit großem Wohlgefallen über Hanſens Beſſerung ausge⸗ breitet. Nachdem ſie knieend am Grabe ihr gewohn⸗ liches Gebet verrichtet, hob ſie ſich wieder auf, blieb aber noch eine Weile ſinnend davor ſtehen, und ſagte endlich mit halblauter Stimme:„Anna, du hatteſt ihm doch Unrecht gethan!“— Der Wind ſaͤuſelte wehmuthig durch das hohe Gras, das auf dem Huͤ⸗ gel wuchs, es klang beinahe wie ein Seufzer; dabei bemerkte die Alte, daß ſie nun ganz allein ſey auf dem Gottesacker, wo ſie vorher mehrere Menſchen an⸗ getroffen, gleich ihr an befreundeten Graͤbern betendz nach und nach hatten ſich alle leiſe entfernt: die Alte 4 3 uͤberfiel ein Schauer; ſie machte ſich eilig und mit beklommenem Herzen auf den Ruͤckweg. Des andern Tages, als ſie mit dem Knaben aus der Kirche kam, erſchrak und erſtaunte ſie nicht wenig, den Hans mit einer jungen Bauerdirne in der Stube anzutreffen. Etwas verlegen, doch entſchloſ⸗ ſen trat er zu ſeiner Mutter, und ſprach:„Hier bring' ich euch eine Tochter, und dem Buben da eine Mut⸗ ter; die Marthe wird mein Weib.“ Die Dirne blickte ſehr munter aus zwei großen ſchwarzen Augen die Alte an; der Blick wollte dieſer nicht gefallen, ja, das ganze Maͤdchen nicht, obwohl ſie finden mußte, ſie ſey ſchoͤn. Marthe war groß und wohlgebaut; ihre Wangen bluheten, oder vielmehr ſie brannten hoch⸗ roth, das Haar war ſchwarz, die Stirn weiß; aber es ſprach aus ihren Zuͤgen kein Gemuͤth; die Alte fuͤhlte das, ohne zu wiſſen, wodurch ſie eigentlich zu⸗ ruͤckgeſtoßen wurde. Sie fand keine Antwort auf die Rede ihres Sohnes; das Stillſchweigen war peinlich; Hans unterbrach es endlich mit den Worten:„Nu, habt ihr keinen Gruß fuͤr meine Braut?“—„Sie ſey in Gott gegruͤßt, wenn Er ſie hereingefuhrt hat,“ ſagte die Alte langſam und bedächtig.„Das iſt mir der rechte Empfang!“ murmelte die Dirne,„ſo et⸗ was hab' ich mir gleich erwartet;“ und ſie entfernte ſich mit raſchem Schritte; Hans folgte ihr nach. Nachdem ſich die Alte von der erſten ſchmerzli⸗ Perin Erzählungen⸗ 10 146 chen Ueberraſchung erholt hatte, ging ſie mit ſich ſelbſt zu Rath, was wol bei der bevorſtehenden Veraͤnde⸗ rung fuͤr ſie zu thun ſey, und nach manchem Hin⸗ undherſinnen entſchloß ſie ſich, der neuen Haus⸗ frau den Platz zu räumen, ehe ſie durch Zank, Ha⸗ der und Beleidigungen dazu genothigt werde. Als Hans ſehr muͤrriſch und verſtimmt wieder nach Hauſe kam, erklaͤrte ſie ihm ſanft und feſt, ſie werde gehen, und den Knaben mit ſich nehmen. Er fragte um die Urſache.„Sieh,“ ſagte ſeine Mutter,„ich will glauben, daß du für dich das rechte Weib gefunden; doch gewiß nicht die rechte Tochter fuͤr mich: ich kann die Anna nicht vergeſſen; nach der macht mir's keine ſo leicht zu Dank. An dem Knaben darf dir auch ſo viel nicht liegen; er wird ſich der neuen Mutter ſchwerlich freuen; haſt du nicht geſehen, wie er mit großen Thraͤnen in den Augen neben mir geſtanden, und ſo furchtſam zu ihr hinaufgeſchaut?“ Hans zuckte die Achſeln und ſeufzte. Da ſprach ſeine Mutter in weichem Ton:„Hans, warum haſt du mir das ge⸗ than? Mir die fremde Dirne ſo in's Haus zu brin⸗ gen, ohne mir vorher ein Wort zu ſagen von dem ganzen Handel! Ich furchte... wenn er ein guter wäre„—„ Mutter,“ unterbrach ſie Hans mit Heſtigkeit,„ſchimpft mir meine Braut nicht! ſie iſt eine ehrliche Dirne; daß ſie fremd iſt, ja,— dafur kann ſie nichts, und was ſchadet es denn auch, daß ℳ S 147 ſie drei Stunden von hier geboren iſt?“—„Nur ſo viel,“ ſagte die Mutter,„daß ich nicht wiſſen kann, was an der Dirne iſt.“—„Sie iſt huͤbſch, und ge⸗ ſund, und brav, ſag' ich; ihr Vater hat vier Tochter, die alle verheirathet ſind, bis auf die: lauter rechtſchaffne Weiber! Ich bin in das Haus gekommen, um Ge⸗ treide einzukaufen, habe ſie bei der Gelegenheit geſe⸗ hen, und auf der Stelle um ſie angehalten.“—„Ja, eben die Eile iſt das Schlimme daran!“ bemerkte die Alte.„Lange wählen und pruͤfen kann ich nicht, erwiederte der Sohn, und es wuͤrde auch bei dem Ge⸗ ſchaͤft eben nicht viel helfen; im Voraus weiß doch nie Einer, wie er daran iſt.“—„In Gottes Namen denn,“ ſprach die Mutter nach einigem Nachdenken, „hab't einander, wenn es nicht anders ſeyn ſoll! mich aber laß mit dem Knaben in das kleine Haus am Weinberge hinziehen; ich will dir's nur geſtehen, ich käme gar zu gerne in meine Ruhe, und das kleine Haus iſt mir gar zu lieb; da hab' ich ſo ſtill gelebt, die erſten Jahre meines Wittwenſtandes mit dir, der du damals nicht groͤßer warſt, als jetzt dein Kind; ſo gottergeben und fromm, als ich damals war, bin ich bei der großen Wirthſchaft nicht geweſen; nicht ohne Urſache war mir bang, als ich ſie fur dich kauf⸗ te.“— pm,„meinte Hans,„von dem kleinen Hauſe war doch einmal nicht zu leben, und es war wol recht gut, daß die reiche Wirthin, eure Schweſter, oehne * 10 Kinder ſtarb, und uns all ihr Geld hinterließ.“—„ Es muß wol gut geweſen ſeyn, weil es Gott ſo gefuͤgt; aber ich freue mich recht auf das kleine, ſtille Haus, und auf den kleinen Garten, den ich ſelbſt bebauen kann.“—„Wenn ihr durchaus nicht wollt, Mutter, ſo kann ich euch nicht zwingen, bei uns zu bleiben, aber mein Kiud darf nicht aus dem Hauſe; ich habe den Buben lieb, und uͤberdies muͤßten die Leute glau⸗ ben, ich haͤtte gar kein Eingeweide.“ Da ſagte ihm die Alte, was zwiſchen ihr und der Verſtorbenen war verabredet worden, und fragte ihn, ob er ſie denn hindern wolle, der armen Anna letzten Willen zu voll⸗ ziehen? Hans blieb lange ſtumm. Endlich ſagte er: „Alſo hat's die Anna gewußt, ich wuͤrde ein andres Weib nehmen, und iſt mit dem Gedanken in's Grab gegangen!.. Seht, Mutter, dast thut mir weh; auch das, daß ſie glauben konnte, ich wuͤrde ihr Kind mißhandeln laſſen von einer Fremden„ ſie muß recht ſchwer geſtorben ſeyn. und warum hat ſie nichts dergleichen zu mir geſprochen?“—Weil ſie ſich zuletzt gar zu ſehr vor dir furchtete, und ſeſt glaubte, du hätteſt ſie gar nicht mehr lieb.“— Sie muß recht ſchwer geſtorben ſeyn,“ wiederholte Hans, „und wahrhaftig, Mutter, es geht mir zu Herzen; ich will's an ihrem Kinde wieder gut machen; der Knabe ſoll mir das liebſte Kind bleiben; ich aſſ' ihn mit euch ziehen, weil es die Anna ſo gewollt; doch 149 werde ich euch ſo viel fuͤr ihn geben, daß ihr ihn ſol⸗ let recht gut halten koͤnnen; gut genaͤhrt muß er wer⸗ den, daß er zu Kraͤften komme; denn er iſt, wie die Mutter war, zart an Leib und Seele; und ſchoͤn ge⸗ kleidet ſoll er gehen, am ſchonſten unter allen Kna⸗ ben im Orte.“ Hans hielt eine Weile inne, und ſagte dann ſchnell:„Und nun Mutter, haltet's mir zu gute, wenn ich wieder heirathe; ich kann's nicht laſ⸗ ſen.“—„Alſo thu' es,“ ſprach die Alte betrͤbt, doch verſoͤhnt,„moͤcht' es dir zur Zufriedenheit gereichen.“ „Und ihr geht ohne Groll gegen mich und mein Weib?“—„Ich habe in meinem ganzen Leben ge⸗ gen niemand Groll gehegt, und werde wol nicht bei dir anfangen.“ Hier reichten ſich Mutter und Sohn die Haͤnde, und der Streit war geendigt. Bald ging Alles, was in dieſer Stunde beſchloſ⸗ ſen worden, in Erfullung. Still und wehmuͤthig zo eines Abends die Alte, einen Korb voll ihrer beſten Habſeligkeiten mit der einen Hand tragend, an der andern ihren Enkel fuͤhrend, ins kleine Haus am Weinberg, und des andern Tages um die Mittags⸗ ſtunde zogen buntgeſchmuͤckt und laut jubelnd die Hochzeitgäſte aus der Kirche in Hanſens Haus, Braut und Brautigam in ihrer Mitte: ſie ahnungslos und munter; er ſich zur Frohlichkeit zwingend, doch nicht ganz leichten Herzens. Die Kirche war einige hun⸗ dert Schritte vom Dorfe entfernt; der Weg dahin 150 fuͤhrte am Gottesacker vorbei, und als Hans unwill⸗ kürlich, ja vielleicht gedankenlos einen Blick hinein⸗ warf, ſah er auf Annens Grabe ſtehen eine Weiber⸗ geſtalt, blaß und unbeweglich wie ein Marmorbild: es war Liſe, er erkannte ſie augenblicklich; doch er zurnte der unberufenen Mahnerin, und zürnte ſich ſelbſt, da er fuͤhlte, es ſey ihr Spiel gelungen, und er könne ſich nicht mehr recht freuen: uͤberall verfolgte ihn das blaſſe Bild, und ein anderes, noch bläſſeres, ſah er im Geiſte daneben ſtehen. Es vergingen meh⸗ rere Stunden, bevor er ſich ſelbſt wiederfand; doch endlich verſchwanden die Jammergeſtalten vor der ju⸗ genblich bluͤhenden, heiter lachenden, die er nun ſein nannte, und, noch ehe der Tag ſich neigte, war er unter den Frohen der Froͤhlichſte. „Ja,“ ſagte Hans drei Wochen nach der Hoch⸗ zeit,„ja, das nenn' ich Leben! das geht raſch und friſch ſo fort, die Arbeit, wie die Freude; freilich konnte die arme Anna nichts dafüͤr, daß ſie kraͤnklich war; aber es machte mir das Leben recht ſauer. Seit die Marthe mein Weib iſt, iſt es mir, als waͤr' ich um zehn Jahre juͤnger, und um viele Tauſende reicher geworden; gern geh ich auf's Feld, noch lieber komm' ich nach Hauſe, Alles lacht mich an! Wor hätte mir das geſagt, daß ich noch ſo ein glucklicher Mann wer⸗ den ſollte?“ Ein Paar tüͤchtige und lebensluſtige Menſchen waren Hans und ſeine Frau in der That, 151 und ihre Zufriedenheit erhielt ſich eine geraume Zeit ungetruͤbt. Indeſſen lebte die Alte mit ihrem Liebling Tage der ſtillen Andacht, der ſeligſten Ruhe. Der kleine Garten gab Gemuͤſe und Obſt genug fuͤr ſie und ihn; er gab auch noch Blumen, die der Knabe emſig pflegte, und beinahe ſchwaͤrmeriſch liebte. Zwei muntere Zie⸗ gen huͤpften auf dem kleinen Stuck Wieſe, das dem Hauſe zugehörte, und daran ſtieß. Ein großer, treuer Haushund wachte vor der Thuͤr, und einige Tauben niſteten unter dem Dache. In dieſen einfachen Um⸗ gebungen befanden ſich Alter und Kindheit gleich wohl; die Großmutter ging ſinnend, oder leiſe betend ihren Geſchaͤften nach; der Knabe ſprach mit den Thieren, oder mit den Blumen, und Beide ſangen mit den er⸗ ſten und letzten Strahlen der Sonne zuſammen ein geiſtliches Lied. So vergingen Tage wie Stunden, und Wochen wie Tage. Nichts unterbrach die Ein⸗ förmigkeit dieſes Lebens, als etwa ein Beſuch von Hans, der nie mit leeren Haͤnden kam, aber auch nur kam, ſeinen guten Morgen oderz guten Abend luſtig hereinrief ſeine Gabe niederlegte, und weiter ging; oder ein freundliches Einſprechen vom alten Pfarrer, der meiſtens auch etwas mitbrachte, denn er hatte große Freude an der kleinen, ſtillen Haushaltung. Die Alte erhielt da öfter von ihm einige Pfund ſchö⸗ nen langhaarigen Flachs, denn ſie war eine kuͤnſtliche 152 Spinnerin, oder einige Flaſchen alten Weins, deſſen ſie, bei ihrer zunehmenden Schwaͤche, wol bedurfte⸗ Der Knabe bekam ein ſchoͤnes Bild, und bat ſo lange, bis er auch die Geſchichte des abgebildeten Heiligen erfuhr. Als der Winter herannahte, fuhr Hans nach der Stadt. Der Wagen war hoch beladen mit den Erzeugniſſen ſeines Grundes. Marthe freute ſich am Morgen, wie ſie ihn fortrollen ſah, und freute ſich am Abend, als ſie ihn wieder in den Hof hereinfah⸗ ren hoͤrte; denn ſie dachte an das viele Geld, das Hans fuͤr ſeine Waaren loſen und nun heimbringen werde. Sie hoffte wol auch ein Geſchenk, und be⸗ gruͤßte ihren Mann recht freundlich, als er, ein ziem⸗ lich ſtarkes Buͤndel tragend, in die Stube trat; doch er legte es gleichgultig auf die Ofenbank, und nä⸗ herte ſich dann erſt ſeiner Frau, ihren Gruß froh und treuherzig erwiedernd. Sie eilte, Trank und Speiſe, die ſchon ſeiner warteten, ihm zu reichen, und beim Aus⸗ und Eingehen ſchielte ſie heimlich nach dem Buͤndel; Hans bemerkte es nicht, aß und trank, er⸗ zaͤhlte von dem, was er in der Stadt geſehen, fragte, ob das Vieh verſorgt waͤre, lobte das Wetter, ſchimpfte auf den boͤſen Weg, und vom Buͤndel ſprach er im⸗ mer noch kein Wort. Marthe konnte ihre Neugierde länger nicht bezahmen.„Was haſt du denn da in dem großen Buͤndel, lieber Mann?“ fragte ſie end⸗ 153 lich, nicht ohne zu erröthen.„Kleider für den Hein⸗ rich, anwortete Hans; der Junge iſt mir mir aus al⸗ len ſeinem Gewande herausgewachſen, und ſo muß er wol lauter neue Sachen kriegen, und ich ſage dir, er wird ſich freuen, denn ich habe ihm nichts Schlech⸗ tes mitgebracht.“ Er ſtand auf, nahm das Buͤndel, thates ausei nander, und Marthe ſah eine vollſtaͤn⸗ dige Winterkleidung, ſo ſchoͤn, wie ſie gewiß in der ganzen Gegend kein Bauerjunge trug.„Das mag wol ſchweres Geld gekoſtet haben,“ ſagte ſie. „Nicht mehr, als ich heute geloſit, liebes Weib,“ ſprach Hans, und ging hinaus, nach ſeinen Pferden zu ſehen. Als er die Stube wieder betrat, hatte Mar⸗ the rothgeweinte Augen, und ſah ſehr finſter. Hans that, als nähme er nichts davon wahr; aber er hatte es wahrgenommen, und fuͤhlte, auch hier ſey ihm nicht lauter Freude beſcheert. Indeß ging dieſe erſte truͤbe Stunde ſchnell vor⸗ ber, viele heitere folgten ihr, und Marthe wußte ſich ſogar ruhig zu zeigen, als bald darauf an einem Feſt⸗ tage der ſchone Knabe in der ſchoͤnen Kleidung ſeinen Vater beſuchte. Hans konnte und mochte ſeine Freude uͤber ihn nicht verbergen: er kuͤßte und herzte ihn mit wahrhaft vaterlicher Zäaͤrtlichkeit; dann ſette er ſich, ließ den Knaben vor ſich ſtehen, und betrachtete ihn lange ſchweigend, aber mit ſichtlichem Wohlgefal⸗ len. Und welches Auge, außer dem einer Stiefmut⸗ ter, hätte ſich nicht geweidet an der lieblichen Ge⸗ ſtalt?— zart, aber bluhend, mit der Fulle der blon⸗ den Locken, mit den treuherzigen blauen Augen, mit den friſchen Wangen ſtand er da, angebornen See⸗ lenadel auf der Stirne, und in allen uͤbrigen Zugen Lammesunſchuld und kindlichen Glauben.— Ein ſolches Kind iſt eine Himmelsblume, und wer ſich ihrer nicht freut, weiß auch wenig von ihrem Va⸗ terlande. Marthe ward Mutter. Hans hatte dieſem Augenblicke mit Ungeduld entgegengeſehen; das Kind, das ihm ſein geliebtes Weib gebar, war geſund und ſtark; aber von der Geduld in Leiden, von der heili⸗ gen Freude über das Daſeyn eines Menſchen, eines Chriſten, von dem heißen, gen Himmel ſtrebenden Dank uͤber das theure Geſchenk, von der Vergeſſen⸗ heit ihrer ſelbſt, und der unermüdeten Liebe und Sorgfalt fuͤr das Kind, die er bei Annen geſehen, ſah er bei Marthen nichts, oder doch ſehr wenig; und wenn auch manche Regung von Annens zartem Herzen ihm entgangen war, und er ſie nie nach ihrem ganzen Werth gewuͤrdigt hatte, ſo ahnete er doch jetzt den ungeheuren Abſtand zwiſchen dieſem und jenem Gemuͤthe, und ihm konnte dabei nicht wohl werden. Marthe erholte ſich ſehr ſchnell; ſie beſorgte nun ihr Kind, wie jedes andere Geſchaͤft, kuͤßte es das eine, ſchlug es das andre mal, und Alles ging den gewohnten 155 Gang. Hans, der nicht gruͤbelte, war im Ganzen mit ſeinem Ehegluͤcke noch wohl zufrieden; als aber im folgenden Jahr ſeine Frau ein zweites Kind zur Welt brachte, fing ſeine Lage an ſehr druͤckend zu werden. Marthe wurde von der Zeit an mit jedem Tage unfreundlicher gegen ihn und alle Hausgenoſ⸗ ſen; die Beſchwerden des Mutterſtandes gelaſſen zu ertragen, war ſie zu heftig und zu wenig liebend⸗ Auch zeigten ſich gar bald die Folgen ihrer ſchlechten Kinderzucht: der aͤltere Knabe war uͤber allen Ausdruck wild und unbaͤndig; zum Gehorchen brachte man ihn nur durch Schlaͤge; dann grollte er oft Tage lang ſeinen Aeltern, und beſonders ſeinem kleinen Bruder, den er uͤberhaupt nur mit ſcheelen Augen anſah. Der kleine wurde dem groͤßern ähnlich, und kaum konnten beide auf den Fuͤßen ſtehen, ſo fielen ſie ſchon bei der geringſten Veranlaſſung einander grimmig an, wie junge Woͤlfe. Kam die Mutter dazu und tobte, und wuͤthete, und ſchlug drein, bis auch der Vater herbeilief, da konnte er oſt nicht an ſich halten, und ſprach zu ihr ſehr harte, doch leider wahre Worte; nicht leicht traf eines ihr Herz, nur, wenn er Annens Beiſpiel anfuͤhrte, wie ſie immer ſanft und gelaſſen blieb, und ein Blick von ihr hinreichend war, ihr frommes Kind bei kleinen Vergehungen zurecht zu weiſen, oder zu ſeiner Pflicht zu ermuntern, da brach ſie in Thraͤnen aus und in Verwuͤnſchungen uͤber ihr Schickſal. 156 Hans ging in Zorn und Schmerz von ihr weg, und konnte ſich's nicht verbergen, es ſey auf immer aus mit ſeinem haͤuslichen Glůck. Wohl fiel es ihm ofter ein, Zerſtreuung und Erheiterung zu ſuchen, wo er ſie ſonſt geſucht, beim Trinken und beim Spielen; aber er ſchamte ſich doch, dieſen Weg, den er Jahre ſchon verlaſſen hatte, wieder zu betreten, als ein Mann im reiferen Alter, als Vater von mehreren Kindern; uͤber⸗ dies hatte ſich der Kreis zerſtreut, der ihn ſonſt in der Schenke an dem eichenen Tiſche erwartete; die wohlbekannten Geſichter ſahen aus den Fenſtern der Wirthsſtube nicht mehr nach ihm, die wohlbekannten Stimmen riefen ihm nicht mehr, wenn er vorbei⸗ ging: nichts lockte ihn mehr, und Vieles hielt ihn zu⸗ ruͤck; ſo blieb er zu Hauſe, wo ihm keine frohe Stunde mehr wurde. Eines Abends, als er hinter'm Pfluge langſam heimkehrte, und mit Widerwillen ſchon ſein Dach er⸗ blickte, dachte er an ſeinen Heinrich und an ſeine alte Mutter, die er in ſeinein Unmuthe mehrere Tage nicht beſucht hatte, und fuͤhlte ſich zu ihnen mächtig hingezogen. Er fuhr bis an den Eingang ſeines Ho⸗ fes, rief einen Knecht heraus, uͤbergab ihm das Ge⸗ ſpann, trug ihm auf der Frau zu ſagen, ſie ſolle mit dem Abendeſſen auf ihn nicht warten, und wandte ſeine Schritte dem kleinen Hauſe am Weinberge zu Er ging in truben und tiefen Gedanken, warf nicht 157 einen Blick auf ſeine eigenen Felder und Pflanzun⸗ gen, die doch ſo ſchoͤn gruͤnten, ſah die Abendſonne nicht, die eben ſo golden unterging, und die Stille des ſchoöͤnen Sommerabends vermehrte nur ſeine Schwer⸗ muth. Jetzt nahte er ſich dem kleinen Hauſe; doch blieb er auf einmal ſtehen, und horchte; denn ſein Kind und ſeine Mutter ſangen⸗ Die Nacht iſt vor der Thuͤr*) und liegt ſchon auf der Erden; Mein Jeſu, komm zu mir Und laß es helle werden, Denn du biſt Tag und Nacht Nur auf mein Heil bedacht. Das fromme, wohlbekannte Lied, es war auch An⸗ nens Abendlied, drang tief, tief in ſein Herzz es wollte ihm zerſpringen. Er ließ ſich nieder auf die Raſenbank vor dem Hauſe, verhuͤllte mit beiden Haͤn⸗ den das Geſicht, und ſchluchzte heftig und lang. Erſt, nachdem ſie ihren Geſang geendet, und Heinrich zu Bette gegangen, hoͤrte die Alte einen Klageton; ſie erſchrak, trat ſchnell aus der Hausthuͤr, und wußte 4) Die Wahl dieſes alten einfachen Liedes beſtimmte eine heilige Erinnerung, die man ſich nicht verſagen konnte hier zu feiern. 158 ſich beim Anblick ihres Sohnes vor Erſtaunen und Wehmuth nicht zu faſſen.„Um Gottes Willen,“ rief ſie,„Hans, was iſt geſchehen? du, und Thraͤ⸗ nen!... iſt dir dein Haus abgebrannt, ſind dir Weib und Kinder geſtorben?— laß mich nicht in ſolcher Angſt, ſag' was geſchehen iſt.“—„Nichts von alle dem; mein Haus ſteht, Weib und Kinder leben, und ſind geſund: doch ich wollte, ich läge da druben bei der Anna.“—„Das ſind boͤſe Worte, ſagte die Alte; nicht alſo mein Sohn; Gott laſſe dich noch lange mir und deinen Kindern! Doch ſieh', Hans, wenn dich ein Kummer druckt, warum kommſt du nicht zu mir, und ſchuͤtteſt dein Herz aus? Wer wird es aufrichti⸗ ger mit dir meinen, als deine alte Mutter? Komm' her⸗ ein, lieber Hans, die Abendluft iſt feucht, der Thau fäut, du biſt erhitzt, haſt vielleicht auch noch nichts genoſſen, ſeit du vom Felde zuruͤck biſt.“ Er ſchuͤt⸗ telte den Kopf.„Dacht' ich's doch! du biſt auch ganz matt; nein, das geht nicht an, du könnteſt mir ja erkranken; komm, lieber Hans, iß einmal das Abendbrot bei mir; ich will dir in aller Geſchwin⸗ digkeit etwas wärmen.“ Hans ließ ſich willig in die niedliche Wohnung fuͤhren. Die Mutter hatte ihm pald ein kleines Nachtmahl bereitet, und es fiel ihr ein, ſie haͤtte noch ein Flaſchchen alten Weins, von dem, den ihr der Pfarrer gebracht; ſie holte das Flaͤſchchen aus dem Schrank, ſchenkte dem Sohn ein 159 volles Glas, ſich ſelbſt zwei Finger hoch ein, trank ihm zu, und nothigte ihn, zu trinken. Hans fuhlte ſich durch ſeiner Mutter Liebe noch mehr als durch Trank und Speiſe geſtarkt und gelabt; das Herz ging ihm auf. Er hatte bisher noch niemanden ſei⸗ nen Kummer anvertraut, und am wenigſten vor ſei⸗ ner Mutter etwas davon blicken laſſen; nun aber wurde ihm jede Zuruͤckhaltung unmoͤglich: ſie erfuhr nun bis auf den kleinſten Umſtand den Hergang ſeiner Leiden. Sie horte ihm aufmerkſam und theil⸗ nehmend zu; doch als er geendet hatte, bedachte ſie ſich eine Weile, ehe ſie ſprach; denn ſie war verſtan⸗ big und fromm, und haͤtte ihren Sohn gern getroͤ⸗ ſtet, ohne ihm uͤberall recht zu geben, und ſo ſeinen Unwillen noch zu vermehren gegen diejenige, die doch einmal ſein Weib und die Mutter ſeiner Kinder war. Sie ſagte endlich:„Sieh, lieber Hans, als du mit Annen lebteſt, ſtand es ganz anders; ihr waret faſt im gleichen Alter, und da die Weiber fruher zur Ver⸗ nunft kommen, als ihr Maͤnner, und die Selige ſanft und ernſthaft geartet war, ſo wußte ſie der Ge⸗ legenheit zum Zank, die vielleicht von dir kam, aus⸗ zuweichen, und ſie ſelbſt gab nie Anlaß dazu. Du biſt nun aͤlter und vernuͤnftiger, Marthe iſt jung und heftiger Natur: hat es dich gefreut, das junge, raſche Mädchen als Braut heimzufuͤhren, ſo habe jetzt Geduld mit den Fehlern der Frau; du ſollſt ſie zwar 160 zurecht weiſen, wo ſie fehlt, denn das iſt, als Ehemann und Hausvater, deine Pflicht; doch Alles in Guͤte, lieber Sohn, und ſo kann auch noch Alles gut werden.“—„Das gebe Gott!“ ſprach Hans.„Ich habe ſie nur zu lieb; ſonſt qualte mich ihre Unver⸗ nunft nicht ſo. Mutter, könntet ihr nicht einmal meinem Weibe zureden, mit ſchoͤnen, klaren Wor⸗ ten, wie ihr das verſteht?“—„Nur das nicht, mein Kind; da wäͤre Alles verloren: nur niemand zwi⸗ ſchen Mann und Weib; doch wenn dir das Herz zu ſchwer iſt, lieber Hans, ſo komm, und mache dir's bei mir wieder leichter; deine alte Mutter heimzu⸗ ſuchen, kann dir niemand wehren.“ Hans ging getroſtet und geſtaͤrkt nach Hauſe, und betrat ſeine Schwelle mit den beſten Entſchlüſ⸗ ſen; aber ſehr bald zwang ihn die innere Bosheit ſei⸗ ner Frau, dagegen zu handeln; ſeine oͤfteren Gaͤnge nach dem Hauſe am Weinberge mißfielen ihr, und ſie äußerte ihren Unwillen daruͤber mit der gewohnli⸗ chen Rohheit, ja ſie erlaubte ſich einmal, einige Schimpfworte uͤber Hanſens Mutter auszuſtoßen; da hob er die Fauſt, und ſtuͤrzte grimmig auf ſie zu ſie erſchrak, ſchrie laut auf, er ließ den Arm wieder ſinken, und ſprach:„Dank' es der braven Frau, von der du dich erfrechſt, ſo ungebuͤhrlich zu reden, daß dir jetzt nicht geſchieht, wie du es wol verdien⸗ teſt. Wollte Gott, du gäbeſt deinen Kindern ſolches 161 Beiſpiel und ſolche Lehren, wie ſie mir gab, und noch giebt; es iſt wenig Gutes an mir; aber das Wenige kommt von ihr allein.“ Nun ging er täglich nach gethaner Arbeit zu ſeiner Mutter, und aß bei ihr das Abendbrot. Der Alten that es wohl und weh; aber der kleine Heinrich hatte daruͤber die großte Freude, er war nicht mehr in's Bett zu bringen, wenn er wußte, der Vater wuͤrde kommen; er ging ihm oft weit entgegen, und dachte ſich heimlich: „Wer weiß, ob nicht einmal auch Mutter Anna mit ihm kommt?“ Hans mußte den guten Knaben mit jedem Tage mehr lieben; er war ja ſeine einzige Freude! Er konnte nicht umhin, das Lob ſeines ge⸗ liebten Kindes zu ſprechen, vor allen, und auch vor ſeinem Weibe. Dieſe haßte ſchon in dem Knaben das Andenken ſeiner Mutter; nun glaubte ſie ihre Kinder und ſich ſelbſt durch ihn aus ihres Mannes Herzen verdraͤngt, und jeder ihrer Gedanken wurde ein Fluch fuͤr den frommen, unſchuldigen Heinrich; doch verbarg ſie ſorgfaͤltig dieſe abſcheuliche Geſinnung; denn ſie hatte zittern gelernt vor 8 Zorne des Stärkeren. um dieſe Zeit ereignete ſich eine fuͤr das Dorf ſehr wichtige Veraͤnderung. Das ſeit langen Jahren verlaſſene Schloß wurde in Stand geſetzt, den Beſiter zu empfangen; der neuvermaͤhlte Gutsherr und ſeine junge Gattin wollten es beziehen. Ferdinand und Perin Erzählungen 11 162 Sophie waren zwei beſſere Menſchen, welche eine Verbindung, in Ernſt und Liebe geſchloſſen, noch veredeln mußte. Sie hatten beſchloſſen, die Einſam⸗ keit zu ſuchen, um ungetruͤbt und unentweiht ein Glück genießen zu koͤnnen, das in den glaͤnzenden Zirkeln der Hauptſtadt von Neidern und Spöttern bald bezweifelt, bald belacht wurde. Schloßbeamte und Gemeinde erwarteten ſie mit Ungeduld und Neugierde. Sie kamen: der Anblick des ſchoͤnen Paares, ihre Aeußerungen voll Guͤte und Milde tha⸗ ten Allen wohl, und auch ſie ſchienen mit Ort und Menſchen wohl zufrieden. Hier konnten ſie unge⸗, ſtört gluͤcklich ſeyn, und hofften auch fuͤr Andrer Gluͤck Manches thun zu können. Nicht ein muͤßi⸗ ges Schaͤferleben wollten ſie führen; ſie liebten die Beſchaͤftigung: wer ſie liebt, iſt ihrer zu entbehren nie genothigt, und auf dem eigenen Landſitze bietet ſi ſich gar reizend und mannigfaltig dar. Der Tag wurde alſo nuͤtzich verwendet, und Abends luſtwan⸗ delten ſie Hand in Hand um das Dorf, bald ernſte, bald ſcherzhafte Geſpräche fuhrend, und ſich im Ernſt, wie im Scherz, ja im Streite ſogar immer verſtehend. So kamen ſie einmal zum kleinen Hauſe am Wein⸗ berge, und blieben angenehm überraſcht davor ſtehen. „Hier muͤſſen gute Menſchen wohnen;“ ſagte die junge Frau,„denn mir iſt beim Anblick dieſes Hau⸗ ſes unbeſchreiblich wohl.“—„Auch mir,“ erwiederte ihr Gemahl;„ſiehſt du, wie reinlich und ordentlich der kleine Garten gehalten iſt, wie Baume und Pflanzen gruͤnen und gedeihen?“—„Und was fur Nelken!“ ſagte ſie. Nun ſah ſie durch das offne Fenſter in die Stube.„Wie iſt Alles da drinnen ſo rein gefegt und abgewiſcht! kein Staͤubchen zu ſe⸗ hen, die alten Stuͤhle und Tiſche glänzen, und auf dem braunen Kaſten, im grůnen ʒerbrochenen Kruͤg⸗ lein, laſſen die Roſen und Kornblumen ſo ſchoͤn!“ Sie gingen einige Schritte weiter.„Sieh, das Stuck Wieſe gehoͤrt ſicher auch dazu; da bleichen ei⸗ nige Ellen Leinwand; es iſt wenig, aber alle Jahre ſo viel wird für den Bedarf der kleinen Familie hin⸗ reichen. O Fleiß und Genuͤgſamkeit, Reichthum des Armen!... Sophie, nenne meine Ruͤhrung nicht kindiſch: ich fuhl' es, es iſt eine echte; doch auch du biſt geruhrt, gutes Weib, gib mir deine Hand: verſte⸗ hen wir uns doch uͤberall!“ Als ſie ſo ſprachen, ſtand auf einmal der kleine Heinrich vor ihnen; er hatte, ohne den Sinn ihrer Rede zu begreifen, ſie hinter der Hecke vernommen, die den Garten von der Wieſe trennte. Er hob ſeine ſchoͤnen, freundlichen, blauen Augen etwas befremdet, doch unendlich liebreich zu ihnen empor, und ſagte:„Was wollt Ihr bei uns, ſchöne Leute, Großmutter iſt nicht zu Hauſe; aber vielleicht kann ich helfen.“ Die jungen Gatten ſa⸗ hen einander ſchweigend an; denn ſie fanden keine 11*5 164 Worte, ihr frohes Erſtaunen auszubrücken, uͤber bes Kindes Schonheit und Unſchuld; auch fuͤhlten ſie wohl, daß man die Unſchuld kräͤnkt, oder verſcheucht, wenn man ſie laut bewundert.„ Wer biſt du, lie⸗ ber Kleiner?“ ſagte endlich Soph.„Ich bin der Heinrich, und mein Vater iſt der Hans, dem der ſchoͤne große Hof gehort.“—„Und was machſt denn du ſo weit vom Haus?“—„Ich bin ja zu Haus; die Großmutter und ich wir wirthſchaften zuſammen, weil die wahre Mutter gegangen iſt, und eine andre nun auf dem großen Hof wirthſchaftet, ünd..“ Heinrich haͤtte wol noch mehr erzaͤhlt; aber ſeine Großmutter, die eben heim gekommen war, rief ihm mit aͤngſtlicher Stimme.„ Ja, Großmutter, ich komme!“ rief er entzuckt„nahm mit einem freundli⸗ chen Kopfnicken Abſchied von den Fremden, und ſprang in das Haus.„Haſt du wol je ein ſo herrliches Kind geſehen, meine Sophie?“ ſagte ihr Gatte, und indem er ſie umfaßte und gen Himmel blickte: „Du, der du mir ein ſolches Weib gegeben, gib mir noch einen ſolchen Sohn! dann nimm mir alles An⸗ dre: ich will fur dieſe Beiden um den Tagelohn ar⸗ beiten, und ſelig ſeyn.“—„Du ſchwaͤrmſt, lieber Freund,“ ſprach ſie mit lächelndem Munde und feuchten Augen.„Schwärmen!.... nur uͤber deine Lippen gehe dieſes Wort nicht. Ja, ſchwaͤrmen heißt den Meiſten Alles, was ſich ſpannhoch uͤber 165 den Staub erhebt; aber du, Geliebte, ſollteſt mit die⸗ ſem Volke auch nicht eine Redensart gemein haben, und glaubſt du im Ernſte, daß mich die Armuth an deiner Seite unglucklich machen wuͤrde?“—„Nein⸗ Ferdinand, ich glaub' es nicht, und ich dachte mir oft, daß wir einander, wo möglich, noch inniger lieben wurden, wenn wir Mangel gelitten hätten mit ein⸗ ander und um einander.“—„O, es waäre ſehr ſchoͤn!“ ſagte er mit Waͤrme; dann aber ſich ſelbſt belächelnd:„Der Wunſch danach könnte wol an Schwaͤrmerei grenzen; vorher war doch nur von einem Tauſche; die Rede, und ich wiederhole es, fur einen Sohn, wie dieſer Knabe, gabe ich mit Freuden meine Guͤter hin; allein beſcheert Gott uns einen Sohn zu den Guͤtern, werden ſie mir vielleicht erſt etwas werth.“ Unter ſolchen Geſpraͤchen hatten die jungen Gatten den Ruͤckweg angetreten. Des Knaben Bild folgte ihnen, und verließ ſie nicht, als ſie auch ſchon ihre Wohnung ſerreicht hatten. Des andern Tages wurde der Pfarrer zu Tiſche gebeten. Er kam, obwohl puͤnktlich zur gegebenen Stunde, doch zu ſpät fuͤr die Ungeduld, mit welcher man ihn erwartete, und kaum hatte man einander gegenſeitig gegruͤßt, als Sophie ſchon anfing vom kleinen Hauſe am Weinberg zu reden, und ſich nach deſſen Bewohnern zu erkundigen. Da wurde der alte Geiſtliche, der ſonſt wortkarg, und ſehr ernſt zu 166 ſeyn pflegte, auf einmal geſpraͤchig und warm; er ruͤhmte der Alten Fröͤmmigkeit, Fleiß und Ordnungs⸗ liebe, aber in des Knaben Lob war er unerſchopflich. „Ich bin alt geworden,“ ſprach er zulett,„bevor meine Augen und mein Herz erfreut wurden durch eine ſolche Erſcheinung; das iſt eine unbefleckte Lilie, und ich glaube nicht, daß ſie füͤr einen irdiſchen Kranz blůht. So eine Unſchuld pflegt fruͤh hinuͤber gerettet zu werden, oder, weilet ſie länger hier, ſo iſt es, auf daß Gott durch ſie verherrlichet werde, nicht ver Welt zur Luſt.“ Nach aufgehobener Tafel beſprach man ſich uͤber die Mittel, einigen Familien im Dorfe, die theils durch Ungluck, theils durch uble Wirthſchaft verarmt waren, auf eine vernuͤnftige Weiſe wieder aufzuhel⸗ ſen, und man fund, daß nichts hierber beſchloſſen werden könne, bevor man ſich mit dem Zuſtande jeder dieſer Haushaltungen genau bekannt gemacht. „ueberhaupt,“ ſagte Sophie,„arm oder reich, ich will alle unſte Bauern kennen lernen; es ſoll mir bald gar kein fremdes Geſicht mehr im Dorfe begeg⸗ und ich will jedes Kind bei ſeinem Namen uͤßen können.“—„Ich danke Ihnen im Namen der Menſchheit fur dieſe freundliche Geſinnung,“ ſprach der Geiſtliche,„und ich glaube, es iſt Gott angenehm, wenn man jedes ſeiner Geſchöpfe etwas gelten laͤßt.“ „ 167 Der Abend kam; er brachte angenehme Kuͤh⸗ lung, und man ſchickte ſich an, einen Gang durch das Dorf zu machen. Hans ſtand unter ſeiner Haus⸗ thuͤr, als die Herrſchaft mit dem Pfarrer vorbeiging; er griff ſchnell nach der Muͤtze, und der Pfarrer ſagte, zu dem jungen Ehepaar gewandt;„Das iſt der Vater des ſchönen Knaben.“—„So muß man ihm dazu Gluͤck wuͤnſchen,“ ſprach Sophie; ſie gruͤßte den erſtaunten Hans bei ſeinem Namen, und erzaͤhlte ihm, wie ſie ſeinen Heinrich kennen gelernt, wie ſehr ſie und ihr Gemahl ſich ſeiner gefreut, und was ſie Gutes von ihm hielten.„Ich ſollte zwar mein eig⸗ nes Kind nicht loben,“ ſagte Hans etwas verlegen, aber mit Blicken, aus denen die Freude leuchtete; „es ſchickt ſich nicht, ich weiß es, und doch kann ich nicht anders, als vor Euren gräflichen Gnaden, und vor der ganzen Welt, ihn einen braven Jungen nen⸗ nen; er hat mir nie eine boſe Stunde gemacht, und, Gott weiß, er iſt meine beſte, ja meine einzige Freude auf der Welt.“ Von dieſen Reden hatte Martha keine Silbe verloren; das Stubenfenſter war offen, ſie ſaß ſpinnend daran, und hatte bei dem erſten Laute der fremden Stimme aufmerkſam zugehoͤrt, je⸗ doch ohne durch irgend eine Bewegung ihr Daſeyn zu verrathen;— alſo war das Kind der Anna ihres Mannes einzige Freude, und Alles lobte und liebte dieſes Kind allein, und von denen, die ſie ihm gebo⸗ 168 ren, und von ihr ſelbſt war nicht einmal die Rede geweſen. Das war zu viel fur das heftige, mehr zum Haſſen, als zum Lieben gebildete Gemuͤth. Hatte ſie nun ihren Mann vor ſich gehabt, ſo ware ein Aus⸗ bruch ihrer Wuth unvermeidlich geweſen; aber er hatte ſich ſchon auf den Weg nach dem kleinen Hauſe ge⸗ macht; denn es draͤngte ihn, ſeiner Mutter die eben erlebte Ehre und Freude mitzutheilen; alſo gewann Marthe Zeit, ſich zu faſſen, und das kochende Gift, das ſich nicht nach außen ergoß, fraß immer tiefer in die Seele der Ungluͤcklichen. Sophie und ihr Gemahl ſehnten ſich, den ſchoͤ⸗ nen Knaben wieder zu ſehen, und nach wenig Tagen beſuchten ſie zum zweiten Mal das Haus am Wein⸗ berge. Sie fanden die Alte im Garten beſchaͤftigt, und zu ihrem größten Leidweſen den Knaben nicht bei ihr; er war ſeinem Vater entgegen gegangenz doch kaum hatte ſich das Geſpräch angeknuͤpft, ſo fuͤhlten ſich die jungen Gatten fuͤr Heinrichs Abwe⸗ ſenheit reichlich entſchaͤdigt: alle ihre Fragen, den Knaben, ſeine verſtorbene Mutter und das jetzige Verhaltniß betreffend, beantwortete die Alte ſo, daß ſie zugleich ihre Klugheit und ihre Wahrheitsliebe bewundern mußten. Sie berichtete treu, doch ver⸗ gaß ſie keinen Augenblick, von wem und vor wem ſie ſprach, und ihre Worte ließen den Eindruck zu⸗ ruͤck, den ſie machen wollte: man verzieh gern ih⸗ 169 rem Sohne bie fruͤheren Verirrungen, man trauerte um die gute Anna, man liebte ihr Kind, und man beklagte mehr noch, als man ſie tadelte, ihre Nach⸗ ſolgerin. Nachdem ihr das junge Ehepaar mit wah⸗ rem Vergnugen zugehort, bat Sophie, ihr den Kna⸗ ben recht oft auf's Schloß zu ſchicken, und verſicherte, ſie werde ſich alle Muͤhe geben, ihn zu unterhalten. Die Alte kuͤßte fuͤr dieſe Herablaſſung der ſchönen Graͤfin das Kleid, und ſagte dann mit beſcheidenem, aber feſten Tone:„Ich erkenne die uͤbergroße Ehre, die meinem Enkel und uns Allen in ihm wieder⸗ fahrt. Aber oft, gnädige Graͤfin, darf ich ihn auf's Schloß nicht ſchicken; er könnte mir ſonſt uͤbermuͤ⸗ thig werden, und ſich nicht mehr recht fuͤgen wollen in das kleine, ſchlechte Bauerleben, fur das er gebo⸗ ren iſt.“ Als ſie ſo ſprach, traten Hans und Hein⸗ rich in den Garten; ſie waren angenehm uͤberraſcht, die edlen Gäſte daſelbſt anzutreffen, und wurden von ihnen auf's herzlichſte bewillkommet. Der Kleine pfluͤckte ungeheißen ſeine ſchoͤnſten Blumen fouͤr die liebe gute Herrſchaft, die Alte gab her ihr Beſtes an Nilch und Obſt, und Hans war froh, wie an ſeinem Hochzeitstage. Bevor man ſich trennte, wurde die Alte, ſammt ihrem Sohne und ihrem Enkel, aus⸗ droͤcklich eingeladen zum Mittagseſſen auf den kom⸗ menden Sonntag; doch ſie ſchutzte ihr hohes Alter vor, das ihr nicht mehr erlaube, ſo weit zu gehen; 170 Hans entſchuldigte ſich auch unter irgend einem Vorwande, verſprach aber, den Kleinen, in Begleitung des Herrn Pfarrers zu ſchicken. Das geſchah nun dieſen und alle folgende Sonn⸗ und Feiertage, und das junge Ehepaar gewann den ſchonen, guten Kna⸗ ben mit jedem Male lieber. Nach Tiſche ſah man Heinrich an der Hand des Grafen oder der Graͤfin ſpazieren gehen, oder gar, zwiſchen Beiden ſitzend, ſpa⸗ zieren fahren. Viele beneideten ihn; doch Marthen wurde das Leben von nun an unertraͤglich; ſie ver⸗ fiel in eine tiefe Schwermuth, kein Schlaf erquickte ſie mehr, Trank und Speiſe wurden ihr zum Ekel. Sie hatte ſonſt gern Sonntags ſich und ihre Kinder herausgeputzt, und war mit ihnen in die Kirche, und nach dem Gottesdienſte auf die große Wieſe oder in die Schloß⸗Allee gegangen; auch das erfreute ſie jetzt nicht mehr. Unordnung und Verwilderung im Aeußern zeigten bei ihr vom Zuſtande des Innern, und ihre ungluͤcklichen Kinder waren nun gaͤnzlich an Leib und Seele verwahrloſt. Hans konnte nicht an⸗ ders, als ſeine Augen und ſein Herz von ihr weg⸗ wenden; er wurde immer mehr ein Fremdling in ſei⸗ nem Hauſe, und das kleine Haus am Weinberg mit jedem Tage mehr das ſeine. So ſtand es ſchon geraume Zeit, als ein Au⸗ genblick kam, der durch Ruͤckerinnerung die Gemüther einander näher zu bringen ſchien: es war der Jahrs⸗ 171 tag der Trauung. Als Hans beim Aufſtehen daran dachte, wurde ihm weich und weh um's Herz, und er ſagte zu Marthen:„Höre, Weib, heute wollen wir einmal wieder recht frohlich ſeyn, koch' uns auf Mittag was Gutes, laß Wein holen, und denk' auch gleich an den Abend; denn auch Abends bleib' ich bei dir.“ Marthe ſah ihren Mann halb froh, halb mißtrauiſch an, und konnte kein Wort uber die Zunge bringen; doch kleidete ſie ſich ſchnell und reinlich, wuſch und kammte die Kinder, gab ihnen weiße Waͤ⸗ ſche, ihre Sonntagskleider, und ging dann munter in die Kuͤche. Mittags ſaß Hans ſeit langer Zeit zum erſten Male wieder an einem wohlbeſetzten, reinlich gedeck⸗ ten Tiſche, und ſah fröhliche Geſichter; denn die Stimmung der Hausftau theilt ſich meiſt dem Kreiſe mit, in dem ſie waltet, und Marthe war heute auß⸗ geweckt, faſt heiter. Doch der Friede konnte in die⸗ ſer tiefzerruͤtteten Seele nicht lange mehr wohnen: der Sturm war nahe. Der aͤlteſte Knabe, durch ein halbes Glas Wein aufgeregt, ſchwatzte ſchon lange mit dem juͤngſten, ohne daß die Aeltern, ihrerſeits freundliche Geſpräche fuhrend, etwas von ſeinen kin⸗ diſchen Reden vernommen hätten; aber nun traf Heinrichs Name das Ohr ſeiner Stiefmutter? ſie wechſelte die Farbe, ſchwieg plotzich, und horchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit.„Ja,“ ſagte der Knabe, 172 „wer nur halb ſo viele ſchöne Sachen haͤtte, als der Heinrich! Haſt du das Gewehr und den Säbel ge⸗ ſehn, die er vom Grafen bekommen hat?“ Der an⸗ dere verneinte es.„Das iſt dir eine Pracht!“ fuhr der erſte fort;„nicht ſolches holzerne Zeug, wie uns der Vater aus der Stadt bringt; nein, von Stahl und Silber, wie's die Offiziere tragen, und doch ſo klein und niedlich!“—„Sonſt hatte Heinrich aber keine Freude mit Waffen,“ bemerkte Hans.„Ach, mit dieſen wol,“ erwiederte der Knabe;„mit dieſen muß er Freude haben.“—„Das iſt ja recht ſchoͤn,“ ſprach Marthe mit erzwungener Freundlichkeit;„bekommt er Luſt zu den Waffen und zum Soldatenleben, ſo kann ihm der Herr Graf, der einmal ſelbſt dabei war, viel⸗ leicht gar eine Unteroffiziers⸗Stelle verſchaffen, und mit der Zeit kann er's noch einmal recht weit brin⸗ gen.“—„Was? Unteroffiziers⸗Stelle!“ rief Hans entruͤſtet.„Meinen Heinrich unter die Soldaten ſte⸗ cken! wegziehen laſſen in die weite Welt! da ſey Gott für! Weib, nur ſo ein Wort laß mich nimmer hoͤ⸗ ren!— Seht doch, den Heinrich zum Soldaten ma⸗ chen! mit dem hat's gute Wege: heirathen ſoll erz das ſchonſte, bravſte Madchen im ganzen Dorf wachſt fͤr ihn auf; denn er iſt auch ſchon und brav, und wenn ich ſterbe, bekommt er Haus und Hof.“— Er bekommt Haus und Hof!“ ſchrie Marthe, die nicht länger mehr an ſich halten konnte:„er, der Sohn der Bettlerin?— und meine Kinder?“—„Deinen Kindern gehort, was du in's Haus gebracht; ich werde ihrer auch ſonſt nicht vergeſſen; doch der Sohn der armen und frommen Anna, mein erſtgeborner und liebſter, der bekommt Haus und Hof: dabei bleibt's.“ „So wollt ich, daß der Blitz drein ſchluge!“ bruͤllte Marthe außer ſich, und rannte in wilder Wuth zur Thuͤr hinaus. Hans ſtand troſtlos und vernichtet am leerge wordnen Tiſche im oden Zimmer: der Schre⸗ cken hatte Kinder und Dienſtboten daraus vertrieben. Marthe irrte lange in den Feldern umher, und Gedanken, ſchwärzer als die herannahende Nacht, ent⸗ ſtanden in ihrer Seele. Daß Heinrich ihr und ihrer Kinder Ungluͤck ſey, war von jeher ihre Ueber⸗ zeugung, nun aber fand ſie, daß ſie nicht laͤnger le⸗ ben könne, wenn Heinrich am Leben blieb, daß die Welt fur ihn und ſie zu eng ware, und eines dem andern Platz machen muͤſſe,— der Selbſtmord ſtand ihr faſt naͤher, als die Ermordung des gehaßten Ge⸗ genſtandes; doch zu einem oder dem andern dieſer Verbrechen war ſie entſchloſſen; ſie ſchwur, gewaltſam ihr Schickſal zu aͤndern, und der Geiſt des Abgrun⸗ des hoͤrte den Schwur. Zwiſchen dem Dorfe, in welchem Marthe gebo⸗ ren, und dem Orte ihres jetzigen Aufenthaltes, ſieht der erſtaunte Reiſende eine wundervolle Naturerſchei⸗ nung, wie man glaubt, auf plotzlich ſchauderhafte 174 Weiſe vor Zeiten entſtanden. Auf dem Rücken einer Anhohe, nun von oden, unfruchtbaren Felſen umge⸗ ben, iſt der Boden in einem weiten Umfange thur⸗ meshoch eingeſunken. Was die Untiefe verſchlang, ob eine erhabene feſte Burg? ob eine niedere Hütte? ob ſie ergrimmten Feinden, oder Liebenden zum Grab ward? es iſt vergeſſen; aber eine Erinnerung ſpäterer Zeiten mußte ſie bezeichnen, damit der Men⸗ ſchenkenner, wie der Naturforſcher, ſinnend an ihrem Rande weile. Heinrich hatte von dem Erdfalle ge⸗ hoͤrt, und hegte ſchon lange große Sehnſucht, hinab⸗ zuſchauen in ſeine gruͤnen Tiefen. Dieſer Wunſch wurde lebhaft aufgeregt durch die Beſchreibung, die zwei Fremde an der graͤflichen Tafel davon machten; er bat ſeine Großmutter, ihn hinzufuͤhren; ſie ſchlug es ihm ab, denn der Weg dahin war lang und be⸗ ſchwerlich; er wendete ſich an ſeinen Vater; der hatte vor der Hand keine Zeit: da dachte der Knabe, er könne wol allein den Weg dahin treffen; zwar zitterte ihm das Herz bei dieſem ſeinen erſten Wage⸗ ſtuͤck, bei dem erſten Schritte, den er ohne Wiſſen und Willen ſeiner Aeltern that; aber ſein Verlan⸗ gen wuchs mit jeder Stunde, und uͤberwand jede Bedenklichkeit. Eines Nachmittags machte ſich pemnich auf den Weg, den er ſich hatte vorher genau beſchreiben laſſen. Er ging ſchnell, ohne ſich mn de Berg hinauf, und blieb athemlos ſtehen, als er ihn erſtiegen hatte. Nun war er dem Ziele ſeiner Wuͤn⸗ ſche nahe; er trocknete den Schweiß von ſeiner Stirn, ſprach ſich ſelbſt Muth zu, und wollte weiter, als ihn auf einmal eine kraͤftige Hand bei der Schulter faßte: erſchrocken blickt er auf, und ſieht das furchtbar ver⸗ zerrte Geſicht ſeiner Stiefmutter. Ein Schrei des Entſetzens entfaͤhrt ſeiner Bruſt.—„Was machſt du hier?“ fragte ſie in rauhem Ton.„Ach, Frau Marthe, Mutter wollt' ich ſagen: die große Grube moͤcht' ich ſehen!“—„Du ſollſt ſie ſehen, gleich ſollſt du ſie ſehen!“.. Sie ergreift das zitternde Kind bei der Hand, und zieht es in einem Laufe der Untiefe zu. Nun ſtehen ſie am Rande. „Sieh hinunter,“ ſpricht Marthe. Heinrich gehorcht; aber ein Nebel bedeckt ſeine Augen, er empfindet ſchon die Angſt des Todes.„Gefaͤllt es dir?“ Das Kind mit bebender Stimme:„Ach ja!“— und in halbem Wahnſinn, mit graͤßlichem Gelaͤchter, ſtößt es die Rabenmutter in den Abgrund.„Heiliger Schutzgeiſt, hilf! Mutter Anna, wo biſt du?“ ruft im Fallen das geopferte Lamm. Die Toͤne dringen ſchnei⸗ dend in das Ohr der Moͤrderin: ſie flieht mit ver⸗ hulltem Geſichte. Seit dem ungluckſeligen Augenblicke, der ihre Wuth auf's hochſte geſteigert, hatte Marthe den Ge⸗ danken, zu ſterben oder zu tödten, unaufhorlich mit ſich 176 herumgetragen. Zuletzt, und eben heute, hatte ſie fuͤr das minder Strafbare, fuͤr den Selbſtmord entſchie⸗ den, und war in der Abſicht, ſich hinein zu ſtuͤrzen, zu dem Erdfall gekommen: da ſank ihr der Muth. Mit Furcht und Verzweiflung kampfend, ſtand ſie lange haͤnderingend am Rande, bald ſtieren Blickes hinab⸗ ſehend, bald ſchaudernd weggewendet, als auf einmal Heinrich, Heinrich ſelbſt, die einzige Urſache ihrer Qualen, ſich wie gerufen ihrer Rache darbot; ſie ver⸗ ſtand dieſen Wink der Hölle,— vollbracht war die ſchwarze That; doch heimzukehren, ſich vor Heinrichs Vater nun zu zeigen, das vermochte ſie nicht. Sie verkroch ſich wimmernd in das Getreide. Das Ge⸗ ſchrei der erwurgten Unſchuld war in ihre Seele ge⸗ drungen, ſo verhaͤrtet ſie auch war.— Wer verſucht es, ihren Zuſtand zu ſchildern, während dieſer ſchreck⸗ lichen Nacht?— Schrecklich war dieſe Nacht auch zwei andern ſchuldloſen Menſchen. Hans erwartete vergebens ſeine Frau; ihm ahnete nichts Gutes. Die Alte wollte vergehen, als es Nacht wurde, und Heinrich nicht heim kam; Hans kam auch nicht; denn er konnte das Haus und ſeine Kinder nicht verlaſſen, da die Hausfrau und Mutter fehlte; uͤberdies mochte er auch vom langen und ſeltſamen Ausbleiben Mar⸗ thens ſeiner Mutter nichts berichten, bevor er die urſache wußte. Schlaflos und in großer Unruhe lag er ſchon einige Stunden im Bette, als man leiſe an die Hausthur pochte. Froh und eilig ſtand er auf und offnete, nicht zweifelnd, die Erwartete wurde nun mit Entſchuldigungen eintreten; doch er meinte vor Schrek⸗ ken umzuſinken, als ſeine alte Mutter, in der zittern⸗ den Hand eine Laterne, die ihr leichenblaſſes Geſicht beleuchtete, ihn mit den Worten begruͤßte:„Um Gotteswillen, Sohn, wo iſt unſer Heinrich?“ Lange ſtanden Mutter und Sohn wie erſtarrt einander gegenuͤber, ſie laſen das Entſetzlichſte Eines in des Andern Zuͤgen, und wie endlich Hans es uͤber ſich vermochte, auszuſprechen, Marthe ſey auch nicht mehr zu finden, fiel ſeine Mutter ohnmächtig auf der Schwelle nieder: ein gräßliches Licht war ihr aufge⸗ gangen. Kaum graute der Morgen, als Hans, nachdem er, ſo gut er konnte, fuͤr ſeine Mutter geſorgt hat⸗ te, ſein Haus verließ, mit dem feſten Vorſatze, es nicht wieder zu betreten, bis er ſeinen Heinrich le⸗ bend oder todt wiedergefunden. Der Hahn kraͤhte, die Hunde bellten; aber im ganzen Dorfe regte ſich noch kein Menſch. Hans ſtand unſchluͤſſig am Eingange der Schloßallee, ob er nicht im Schloſſe Rath und Huͤlfe ſuchen ſollte; doch ſagte ihm ſeine innerſte ueberzeugung, hier koͤnne nur Einer helfen, und er zog weiter. Nun ſtand er vor der großen Linde aum Brunnen, und ſeufzte ſchwer; denn er erinnerte ſich, Perin Erzählungen. 12 wie er verfloſſenen Sonntag nach der Kirche mit ſeinem Heinrich darunter geſtanden, und.. wie ein Blitz traf es ſein Herz— da hatte der Knabe flehentlich gebeten, er mogte ihn doch hinfuͤhren zu der großen Grube. „Barmherziger Gott!“ rief Hans uͤberlaut, und em⸗ por ſtraubte ſich ſein Haar,„barmherziger Gott! er iſt allein hingegangen! o mein Heinrich, mein geliebtes, verlornes Kind!“..... Vom ungeheuerſten Schmers ergriffen, bei der bloßen Ahnung, wollte er doch Ge⸗ wißheit, und betrat, den Angſtſchweiß auf der Stirne, den Weg nach dem Erdfall. Viel leichteren Herzens wäre er dem Tode entgegen gegangen, als dem An⸗ blicke, den er erwartete. Er ſah ſchon im Geiſte die Felſen mit Blut beſpritzt, die blonden Locken am Ge⸗ ſtraͤuche hangend, unten zerſchmettert, zum Scheuſal entſtellt, die geliebte Leiche. Die hoͤchſte Anſtrengung ſeiner Krafte erfoderte dieſer Gang, der ſchwerſte, den je ein Vater ging; denn unter ihm brachen ſeine Kniee, die Füße verſagten ihm den Dienſt, und wur⸗ zelten ſich feſt am Boden, ja oft bei der graͤßlichen Vorſtellung, die ſeine Seele erfullte, trat er unwill⸗ kuͤrlich einige Schritte zurück. Endlich hatte er ſein ſchreckenvolles Ziel erreicht; nicht ferne mehr vom Abgrund, wendet er hin den ſcheuen Blick, und ſieht— er ſieht, und kann nicht glauben— den Knaben am Rande knieen, die Hände uͤber die Bruſt gekreuzt, die Wangen von der Andacht Gluth gero⸗ thet, das blonde Haar vom erſten Strahle der eben aufgehenden Sonne vergoldet,— ein Bild, das mehr dem Himmel, als der Erde anzugehoͤren ſcheint. Ueber⸗ raſchung, Zweifel, Entzuͤcken machen den Vater ſtumm und regungslos; bald wird ihn der Knabe ge⸗ wahr, er kommt auf ihn zu mit ruhigem Gange und ernſter Haltung, ergreift ſeine Hand, druͤckt ſie feſt, und ſpricht:„Vater, es iſt etwas Furchtbares und Herrliches mit mir geſchehen!“ Auf die wiederhol⸗ ten und dringenden Fragen, was mit ihm vorgefal⸗ len ſey, wo er die Nacht geblieben, antwortet er⸗ „Alles wird ſich offenbaren, fuͤhret mich zu meiner Mutter Grab.“ Hans begreift weder die Reden noch das Weſen des Kindes, aber fuͤhlt ſich ſelbſt hin⸗ gezogen zur Ruheſtätte der Mutter ſeines wiederge⸗ fundenen Heinrichs, und ſtatt in das Dorf zuruͤck⸗ zukehren, ſchlaͤgt er den Weg ein, der zum Gottes⸗ acker fuͤhrt. Heinrich geht leiſe betend mit gefaltenen Haͤnden an ſeines Vaters Seite, der, von einer wun⸗ derbaren Ahnung ergriffen, ſich nach der Löſung die⸗ ſer Raͤthſel ſehnt, und davor zittert.— Sie kom⸗ men zum Grabeshuͤgel; er iſt dicht mit Gras be⸗ wachſen; doch geht durch ſeine ganze Lange eine brei⸗ te Spalte, die den Sarg ſehen laßt.„O Mut⸗ ter!“— ruft der Knabe mit Begeiſterung aus,— „dieſes Zeichen iſt nicht fuͤr mich! ich habe dich geſehen, und nicht verkannt. Du haſt mein Angſt⸗ 32* * geſchrei gehört: vernimm auch jetzt des Dankes Ruf!“ Er knieet hin, küßt die aufgewuͤhlte Erde, und reichlich fließen darauf ſeine Throͤnen. Hoͤchſt erſtaunt und tief erſchuͤttert verlangt Hans abermals Aufſchluß.„Nein,“ ſagt Heinrich,„hier, Vater, nicht; hier darf ich den Namen nicht nennen der.“ Hans weiß nun ſchon zu viel, er entfarbt ſich, und ſchweigt eine Weile; dann erinnert er den Knaben an die Angſt ſeiner Großmutter, und Beide gehen nun ſchnell dem Dorfe zu. Die gebeugte Alte hoffte nicht, den geliebten Enkel je wieder zu ſehen; ſie betete:„Herr, dein Wille geſchehe! Du haſt mir ihn gegeben, du haſt mir ihn genommen— dein Name ſey gelobt in Cwigkeit. O, nimm auch mich recht bald zu dir, mein Gott und Herr. Mein Stab iſt gebrochen ich kann nicht weiter ziehn.“— Sie hatte ihr Ge⸗ bet kaum geendigt, und das geliebte Kind ſtand in der Thuͤr, ihrem Sorgenſtuhle gegenuͤber; ſtreckte die Arme nach ihr aus:—„Heinrich! mein Heinrich!“ rief ſie außer ſich vor Freuden, und er lag ſchon an ihrem Herzen. Nach den erſten ſtuͤrmiſchen Aeußerungen der Ueberraſchung, und des Dankgefühles gegen Gott, fragte ſie ihren Sohn, der indeſſen auch herbeige⸗ kommen war, wo er das Kind gefunden, wo es die Nacht hindurch geblieben ſey?— und Hans ſagte 181 „Sprich, Heinrich; weil ich dich wieber habe, wil ich das andere gerne tragen: ich bin auf Alles gefaßt!“ Heinrich fing damit an, daß er bat, ihm ſeine Schuld, die er als ſehr groß erkannte, zu verzeihn; dann ſagte er, wie ſchrecklich er ſich ſchon dafur geſtraft gefuͤhlt, durch den bloßen Anblick ſeiner Stiefmutter, welche namenloſe Angſt ihn ergriffen, als ſie ihn gewaltſam hingezogen bis zum Rande des Abgrunds, wie er im Vorgefuͤhl des Todes dageſtanden, wie ihn die Ra⸗ ſende hohnlachend hinabgeſtoßen, er im Falle ſeinen guten Engel und ſeine Mutter angerufen, beinahe im ſelben Augenblicke aber alle Beſinnung verloren.„Was die Nacht uber mit mir geſchah,“ fuhr Heinrich fort, „weiß ich nicht zu ſagen; es dammerte ſchon, als ich die Augen aufſchlug, wie aus einem erquickenden Schlafe erwachend. Ich lag auf dem Raſen in dem tiefen ſchauerlichen Thal, und neben mir ſtand eine Frau in weißem Gewande; ſie blickte unendlich mild. und liebreich auf mich herab; ich konnte den Blick, die Zuge nicht verkennen: es war meine uͤber alles geliebte Mutter Anna. Ich ſtreckte die Arme nach ihr aus, und rief: O Mutter! Mutter! wenn du nur wieder bei mir biſt, fuͤrchte ich mich vor der böſen Marthe und vor niemanden mehr; ſie aber antwor⸗ tete nicht, ſie winkte mir aufzuſtehen, ihr zu folgen; ich gehorchte und faßte ihr Gewand. Ich wollte fra⸗ gen; Mutter, wie werden wir die ſteilen Felſen er⸗ ſteigen?— aber ſie ſtieg nicht, ſie ſchwebte empor, und zog mich nach; mir ſchwindelte; doch ich ver⸗ traute Gott und meiner Mutter: ehe die Sonne am Himmel war, ſtand ich gerettet am Rande. Ich ſagte: Mutter ich wußt' es wohl, daß du mir helfen wuͤrdeſt, haſt du mir doch von jeher überall geholfen; da wurde ihr Blick ſehr ernſt, ſie hob die eine Hand gen Himmel, und beugte tief ihr Haupt: ich kniete nieder, denn ich hatte ſie verſtanden. Plötzlich um⸗ floß ſie ein helles Licht, ich ſah's mit freudigem Schrek⸗ ken; noch einmal laͤchelte ſie mich an, doch ihr Glanz blendete mich, unwillkurlich druͤckt' ich die Augen zu, und als ich ſie wieder eröffnete, war ich allein.— Da wurde mir offenbar, was ihr mir ſo lange ver⸗ ſchwiegen habt, daß meine Mutter nicht mehr lebt; doch ſie ſieht mich, hoͤrt mich, wacht uber mich, und iſt gewiß ein ſeliger Geiſt: das iſt mein Troſt und meine Ruhe.“ Die Erzaͤhlung des Knaben war hundertmal durch Ausrufungen des Abſcheus oder der Verwun⸗ derung und Liebe unterbrochen worden, die Thuͤren ſtanden offen, Knechte und Magde waren herbeige⸗ eilt, den wiedergefundenen Heinrich zu ſehen; ſie hat⸗ ten ſeine Worte gehort, und gingen nun, den Nach⸗ baren mitzutheilen, was ſie wußten von der grauen⸗ und wundervollen Begebenheit; bald darauf ward ſie im ganzen Dorfe verbreitet. Marthe hatte ſich bei —— —— 183 Allen lngſt verhaßt gemacht: bei den Reichen durch Stolz und Neid, bei den Armen durch Geiz und Härte. Die ſchwarze Mordthat empoͤrte nun Aller Gemuther; viele rotteten ſich zuſammen, man wollte ſie ſuchen, und wo man ſie fände, zur Stelle beſtra⸗ fen; ja einige Stimmen erhoben ſich, und riefen: „In die Grube mit ihr! man ſtoße ſie hinab, wie ſie das unſchuldige Kind hinabgeſtoßen: ſie holt fuͤrwahr kein Engel aus dem Abgrund!“ Schaudernd hatte Hans das wilde Geſchrei vernommen, und ſich mit ſeiner Familie in die entlegenſte Kammer ſeines Hau⸗ ſes eingeſchloſſen. Nach mehreren Stunden der ban⸗ gen Erwartung hörte er im Vorhauſe die Stimme des Pfarrers, und ging, Heinrich an der Hand, ihm ent⸗ gegen. Der ehrwuͤrdige Mann nahm den Knaben in ſeine Arme, kußte ihn, und weinte Freudenthraͤnen uͤber ihn, dann ſprach er zu Hans:„Ihr habt auch dafur Gott zu danken, daß die ungluͤckliche Verbre⸗ cherin entwichen iſt, man hat ſie vergebens in allen umliegenden Feldern, Gärten und Waͤldern geſucht. Die Wuth des Volkes, das ſie im erſten Augenblicke gewiß nicht verſchont haͤtte, tobt nun minder furcht⸗ bar, und ich will das Meinige thun, den boͤſen Geiſt der Rache gaͤnzlich zu vertreiben; indeſſen glaube ich nicht, daß Marthe je dieſen Boden wieder betreten wird.“—„So wuͤnſch' ich,“ ſprach Hans,„und daß Gott ſich ihrer erbarme, und ſie nicht ohne Reue 184 ſterben laſſe.“—„Vater,“ ſagte Heinrich,„ich will recht fleißig fur ſie beten, und ihre Kinder recht lieb haben, ja, ſie ſollen heute noch alle meine Spielſachen bekommen: fur mich iſt es mit alle dem ohnehin vor⸗ bei.“— Und es war wierklich mit allen Spielen des Lebens fur ihn vorbei, ſein Sinn ſtrebte von nun an nch andern Guͤtern; er lebte im Geiſte mit ſeiner abgeſchiedenen Mutter, und ſein Wandeln auf Erden ſollte nur ein Weg ſein, der zu ihr fuͤhrte. Der Pfarrer hatte wahr geſprochen: die unbefleckte Lilie prangte in keinem irdiſchen Kranze; Heinrich wurde ſein Gehuͤlfe, und ſpäter ſein wuͤrdiger Nachfolger. Heinrich's Lehren, ſeine Liebe, ſein Gebet machten aus Marthens verderbten Kindern gute Menſchen: ſo verbreitete er uͤber die letzten Jahre ſeines Vaters Freude und Segen. Wunderbar lautet die Sage; auch unglaub⸗ lich?... Ich ſollte meinen, fur liebende Muͤtter, ja uͤberhaupt fur liebende Seelen nicht. Das Mutterherz ſchlägt bei des Kindes Noth, Ob auch ſchon Staub geworden, und ein Gott, Der mit dem hoͤchſten Schmerze trägt Erbarmen, Gibt Leben wieder auch den Mutterarmen, Daß ſie ihn retten, den die Wuth verdirbt, Daß in der Knospe nicht die Blume ſtirbt.— Der Sarg zerſpringt, es offnet ſich bezwungen Das dunkle Grab, der Schatten wandelt frei, und eilt, und wirkt, dem ew'gen Triebe treu.— Die Engel jubeln; denn er iſt errungen, Der Sieg der Liebe uͤber Haß und Tod: Ihr Liebling knieend dankt im Morgenroth⸗ ⸗ Nein, Bande, die des Ew'gen Hand gewoben, Zerbricht kein Tod, was auch die Klugheit ſpricht. Du zweifelſt an der Liebe Wundern nicht, Wenn ſie dich je getragen und erhoben. V. Der Dragoner. In einer kleinen Rheinſtadt lebten vor ungefuhr drei⸗ ßig Jahren in frommer Eintracht und unermuͤdeter Thätigkeit drei ehrbare Buͤrgerstoͤchter. Sie wohn⸗ ten im eigenen, nicht eben kleinen, wohleingerichteten Hauſe; daran ſtieß ein kleiner Garten, den ſie ſelbſt bebauten; den großen Garten aber, vor der Stadt, der auf das ganze Jahr Gemuͤſ' und Obſt gab, auch hinlaͤngliches Futter fuͤr zwei Ziegen und eine Kuh, beſtellte die tuͤchtige Hausmagd, und ruhte Abends am Spinnrad von der haͤrteren Arbei aus. Die zwei aͤlteren von den drei Schweſtern, Eliſabeth und Anna, hatten uͤber der Freude an ſelbſtgeſponnenem Linnen⸗ zeug, an ſelbſtgebautem Salat, an ſelbſtgezogenen Huͤhnern und Gaͤnſen, ihre Jugend achtlos und unbe⸗ nuͤtzt entſchluͤpfen laſſen, und kaum regte ſich daruͤber in den ruhigen Herzen zuweilen eine wehmuͤthige, nie bittere Empfindung. Sie waren durchaus rein 187 von allen den Fehlern, die man mit Recht oder Un⸗ recht den Unverehlichten ihres Geſchlechtes zuſchreibt, vielleicht weil ſich Beider Gemuth mit gleicher Hinge⸗ bung und Wärme erſchloſſen und in der Liebe geubt hatte gegen Maria, die dritte, viel juͤngere Schweſter, die, fruh aͤlternlos geworden, ſich zwiſchen ihnen nie verwaiſt gefuͤhlt. So wenig der Schoͤnheitsſinn un⸗ ter die Haupteigenſchaften des aͤlternden Schweſter⸗ paares zu rechnen war, ſo wenig ſie es ſonſt gewohnt waren, die eigenen oder fremde Zuͤge zu muſtern, und Geſtalt mit Geſtalt zu vergleichen, ſo entging ihnen doch nicht, daß Maria wohlgebildet ſey, und zart in Zuͤgen und Gebehrden, wie an Geiſt und Gemuͤth. Beide waren ſtolz darauf, Beide geizten für Maria mit einem Gute, an deſſen Erhaltung ſie fur ſich ſelbſt nie gedacht hatten. So war zum Beiſpiel die urſpruͤnglich gerade Taille bei jeder von ihnen durch vieles Naͤhen, Stricken, Sticken und durch nach⸗ läſſige Haltung ſchief geworden. Jede wußte es freilich nur von der Andern; denn durch Huͤlfe zweier Spiegel den eigenen Ruͤcken zu beſehen, war keiner je eingefallen: aber genug, es hatte jede ein Beiſpiel vor Augen von den ſchaͤdlichen Folgen des vielen Sitzens und der lange fortgeſetzten Bewegung der einen Hand, und Beide waren vollkommen daruͤber einig, daß Maria nicht ſo viel, als ſie, nähen und ſtricken ſollte, und mehr, als ſie in ihrer Jugend gethan, 188 ſpazieren gehn, und andere Maädchen beſuchen. Sie fühlten uͤberhaupt, das Mariens ganzes Weſen et⸗ was Andres fodere, als das Loos, womit ſie ſo wil⸗ lig vorlieb nahmen. Schon daß das Maͤdchen mehr Freude äußerte uber eine aufgebluͤhte Roſe, als uͤber einen recht feſten Krautkopf, war Beweis genug da⸗ fuͤr. Dieſe Ueberzeugung und der Wunſch, Haus, Garten und Wieſe moͤchten nicht einſt in fremde Hände fallen, machte beide ältere Schweſtern ſehr ge⸗ neigt, Maria zu verheirathen; auch glaubten ſie ſchon, den gefunden zu haben, der fuͤr das Maͤdchen wie fur das ganze Verhältniß paßte. Sebaſtian, obwol nur um wenig Jahre aͤlter als Maria, war ſchon Herr des größten und ſchönſten unter den achthun⸗ dert oder achthundert funfzig Haͤuſern, welche die Stadt zählte; er hatte ein einträgliches Gewerbe, das er gut verſtand und fleißig betrieb; er trank nie ein Glas Wein außer dem Hauſe, und nie eines uber den Durſt; er wußte genau die Zahl ſeiner Hemden, Roͤcke, Struͤmpfe und anderen Kleidungs⸗ ſtuͤcke; es konnte ihm nicht das kleinſte Stuͤck von ſeinem Hausgeraͤthe abhanden kommen, ohne daß er es alſogleich vermißte: kurz, Sebaſtian war unter den jungen Maͤnnern der Stadt der reichſte, der ordent⸗ lichſte, und, wie Viele fanden, auch der huͤbſchſte. Er ging indeſſen nun ſchon durch einen ganzen Sommer aus und ein in dem Haus; er war die erſte männ⸗ 189 liche Geſtalt, die man ſeit der Aeltern Tod darin er⸗ blickte: und in Mariens Hetzen regte ſich gar nichts fuͤr ihn; auch nichts wider ihn, weil ſie von der Abſicht ihrer wohlmeinenden Schweſtern nichts metk⸗ te.„Die liebe Unſchuld!“ ſagten ſie oft zu einan⸗ der, wenn Maria ſingend die Treppe ſwieder her⸗ auf kam, nachdem ſiehm hinabgeleuchtet hatte, und ihm vergnuͤgter ihre gute Nacht! zugerufen, da er ging, als ihren guten Abend! da er kam. Nun hatte er ſchon bei den aͤlteren Schweſtern um Maria an⸗ gehalten: geſagt mußte es werden; aber um die Art und Weiſe waren Beide verlegen. Sebaſtiat, dem ſie es nach einigen Tagen des Zauderns neuhehig klagten, ſprach:„Laßt mich nur machen! Ich ſchicke ihr Morgen eine weiße Taube und einen Roſen⸗ ſtock; weil ich weiß, daß ihr ſo etwas am meiſten Freude macht; nicht etwa, weil es wohlfeile Geſchenke ſind“—„Ei bewahre!“ riefen beide Schweſtern zugleich aus.—„Gut denn, die Taube und den Ro⸗ ſenſtock ſchick' ich: uld ihr ſaget ihr, was es bedeu⸗ tet.“ Die Geſchenke kamen, und Anna trug ſie heimlich auf Mariens Kammer. Maria hatte ſich längere Zeit im Gaͤrtchen aufgehalten, ſie ſetzte ſich nun mit ihrem Strickzeug zu den Schweſtern, und erzaͤhlte ihnen Allerlei mit der eigenen kindiſchen Art, die ſie an ihr liebten: oft mit einem Scherz eine traurige Geſchichte endigend, weil ihr das Waſſer in 190 die Augen trat, und ſie es verbergen wollte: oft nach dem luſtigen Schwank, bei dem ſie ſich vor Lachen geſchuͤttelt hatte, auf einmal ſtill, in ſich gekehrt und wehmuͤthig mehrere Minuten lang vor ſich hinſehend. Die Schweſtern aber horten ihr diesmal nur zer⸗ ſtreut zu, muͤhſam ihre Ungeduld bezaͤhmend, und den Augenblick der doppelten ueberraſchung erwartend. Endlich ſprach Eliſabeth, auſſtehend, um das offene Fenſter zuzumachen:„Es ziehen ſich die Wolken zu einem Gewitter zuſammen; ſieh doch, Mariechen, 3 ob das Fenſter deiner Kammer zu iſt, und vergiß nicht, den Canarienvogel herein zu nehmen.“ Maria war mit zwei Sätzen auf ihrer Kammer, und kam im Fluge zuruͤck.„O ihr guten, lieben, gar guten Schwe⸗ ſtern!“ rief ſie, und fiel eine nach der andern um den Hals,„ſoll denn kein Tag voruͤber gehn, ohne daß ihr mich beſchenkt? Wie oft hab' ich's ſchon geſagt! Gott hat mir eine Mutter genommen, und zwei gegeben.“—„Ja! das iſt wahr,“ ſagte Eliſa⸗ beth,„du haſt an jeder von uns eine Mutter, liebes Kind; aber die Geſchenke ſind diesmal nicht von den Muͤttern.“—„Von wem denn?“—„Von Herrn Sebaſtian.“—„Von dem?.. ſeht, weil ihr es nicht ſeyd, ſo wollt' ich, daß die Taube zum Fenſter herein geflogen, und der Roſenſtock ſo aus meinem Tiſche herausgewachſen waͤre. Ich kann niemanden als euch von Herzen dankbar ſeyn. und was fůllt 191 dem Sebaſtian ein? mich zu beſchenken! das ſchickt ſich ja gar nicht.“—„Ja doch,“ ſprach Anna, „von ihm darfſt du ſchon etwas annehmen.“—„Von ihm Alles, mein Kind,“ ſagte Eliſabeth.—„Und warum denn gerade von ihm?“—„Weil.. weil er dich heirathen will.“ Nun war es heraus, und die drei Schweſtern ſchwiegen lange.„Der Sebaſtian hat da wieder einen recht dummen Einfall gehabt,“ ſagte nun Maria;„ ihr ſeyd unverheirathet geblieben warum ſollt' ich heirathen?“—„Sieh, liebes Kind,“ ſprach Anna, ihre Wange ſtreichelnd,„du biſt wirk⸗ lich zu huͤbſch, es iſt ſchade um die liebe, liebe Blume, wenn ſie ſo— einſam hinwelkt.“—„Ach! wie du ſprichſt,“ rief Maria,„bin ich denn einſam? fuͤhl' ich nicht deine Hand auf meiner Wange, und deine Liebe in meinem Herzen?“—„Aber, Maͤdchen, du machſt uns gluͤcklich, wenn du heiratheſt.“—„Warum mißgonnt ihr mir den jungfräͤulichen Kranz auf mei⸗ nem Sarge, von dem ihr ſchon immer mit Freude und Ruͤhrung ſprecht?“ fragte nun ſehr ernſt Ma⸗ ria.—„Weil ein anderer Kranz fuͤr dich bluht, der ſchon im Leben kront. Gott hat nicht alle Menſchen„ beſtimmt, ein en Weg zu gehn.“—„Wohl aber ſollten die einen Weg gehn, die ſich ſo recht innig lieb z wie w ir drei.“—„Aber ſieh, du närriſches her ſrach Etiſtbeth„„du haſt die kleinen aw ſo lieb!“—„Ein kleines Kind, o ja! das 192 iſt noch hubſcher, weit huͤbſcher als eine Taube und eine Blume.“— Den beiden aͤlteren Schweſtern traten Thraͤnen in die Augen. Maria blickte geruͤhrt ſie an, nahm Beider Haͤnde, druckte ſie vereinigt an ihre Bruſt, und ſagte„Wenn es euch wirklich gluͤcklich macht, und Gott den rechten Braͤutigam ſchickt, werd' ich nach eurem Willen thun; aber Herr Sebaſtian iſt nicht der Rechte.“—„Aber was haſt du denn an ihm auszuſetzen?“—„Nichts, als daß er mir nicht gefält.“—„Doch warum gefällt er dir nicht? er iſt jung und huͤbſch“—„Huͤbſch 2.. zann ſeyn, fuͤr Andere, aber nicht fuͤr mich.“ Sie dachte einen Augeblick nach.„Seht, es ſteht ihm nichts an, er mag anfangen was er immer will. Das Zärtlichthun will ihm am allerwenigſten gut laſſen; da verdreht er die Augen ſo albern, und ver⸗ zieht den Mund ſo widrig! Glaubt mir, Schweſtern, wenn er mich ſo recht vom Grund der Seele liebte, er wurde auch anders dabei ausſehn; ſo was, denk“ ich, verſchönert den Menſchen ſehr. Er liebt mich nicht; er will mich haben!“—„Was doch dem Madchen nicht Alles durch den Kopf faͤhrt!“ ſprach Anna, halb lachend, halb verdrießlich.—„Je nun, ſo Allerlei, wofür ich wirklich nichts kann,“ ſagte Maria.„ „Es wird ſich Alles geben,“ meinte E ſcbe als Maria zu Bette gegangen war.„Ich ſas 193 wird ſich nichts geben,“ ſprach die klugere An⸗ na;„ſie mag ihn einmal nicht, und haſt du von Maria ſchon erlebt, daß ſie in irgend etwas ihren Sinn geaͤndert hätte 7... Es iſt, Gottlob! ihr Sinn nach nichts Boͤſem gerichtet; doch was er einmal erfaßt, das halt er feſt fur alle Zeit.“ Des andern Tages kam Sebaſtian, die Ant⸗ wort, oder vielmehr, wie er nicht zweifelte, das Ja⸗ wort abzuholen. Er konnte nicht begreifen, daß Ma⸗ ria Bedenken trage, ihn zu heirathen; doch als es ihm zu deutlich geſagt wurde, um es jetzt noch nicht zu verſtehn, meinte er, ſie ziere ſich nur ein wenig, und das muͤſſe man jeder Braut zu gute hal⸗ ten; es ſey ſo Sitte.„A propos,“ ſprach er, als Maria nun mit in dem Kreiſe ſaß,„mein Bru⸗ der, der Dragoner, iſt gekommen.“—„Der Georg!“ rief Eliſabeth,„iſt der nach zehn Jahren wieder einmal da? Wie ſieht er denn aus?“—„Wie ſollt' er ausſehn?“ erwiederte Sebaſtian;„natuͤrlich recht verwildert, wie ein Menſch der im Kriege war und ſo viel in Wind und Wetter, Staub und Sonne herum gekommen iſt. Er wuͤnſcht die alte Bekannt⸗ ſchaft zu erneuen, und wird, mit ihrer Erlaubniß, bald da ſeyn. Mamſell Marie ſoll nur nicht vor im erſchrecken; er hat einen großen ſchwarzen Schnurr⸗ bart; aber die Uniform ſitzt ihm gut, und die goldene WMedaille hat er auch.“—„Was iſt das?“ fragte perin Erzählungen. 13 2 194 Maria.—„Ein Ehrenzeichen,“ ſagte Eliſabeth, „als Beweis, daß ſich einer in der Schlacht hervor⸗ gethan hat.“—„Das iſt ſchön!“ rief Maria mit glaͤnzenden Augen,„das gefaͤllt mir!“—„Haͤtte ihm aber den Hals koſten können,“ bemerkte Seba⸗ ſtian.—„Das wird er auch wol gewußt haben,“ fiel Maria ein,„und hat den Hals gewagt; darum gebuͤhrt ihm die Ehre.“—„Er war, glaub' ich bei einem Walloner⸗Regiment,“ ſagte Anna.—„Bei Latour Dragoner,“ erwiederte Sebaſtian.„Er phantaſiert noch immer von dem Regiment.“— „Und warum iſt er denn nicht dabei geblieben?“— „Weil ſie ihn nicht mehr brauchen konnten; der ganze Menſch iſt ja ſo zerſchoſſen und zerhauen, daß es ein Wunder iſt, wie er noch leben kann. Zulett bekam er noch einen Schuß in die Bruſt: der ſtreifte die Lunge, wie der Feldſcheerer ſagte; ſeit dem hat er oft einen kurzen Athem, und recht große Be⸗ ſchwerden auf der Bruſt; er lacht aber zu Allem, und ſpricht: ſie hätten ihm doch nicht ſeinen Abſchied ge⸗ ben ſollen; er könne doch noch fort, und im Bette ſterben gehöre ſich nicht fur einen braven Kerl.“ Jett wurde ſehr beſcheiden an die Thur geklopſt.„Her⸗ ein!“ ſagte Maria ſchnell und laut, und Georg trat in das Zimmer.„Warum ſollte ich vor dem erſchrecken?“ dachte Maria,„er ſieht ſo treuherzig und leutſelig aus, und iſt hundertmal hubſcher als ſein Bruder.“ S 195 Georg wußte, daß er hier nicht unter Da nern ſtand: ein zarteres Auftreten und ſich gebehrden 3 war ihm mit dem Frauenzimmer eigen; darum war er auch von Frauen und Maͤdchen uͤberall wohl ge⸗ litten. Nach den erſten gegenſeitigen Begruͤßungen baten ihn die Schweſtern, von ſeinen Zuͤgen zu er⸗ zählen. Er that es, und ſprach mit Begeiſterung von dem Ruhm, den ſich das Regiment in dieſer oder jener Schlacht erworben; ſeiner ſelbſt erwaͤhnte er gar nicht.„Von ihnen wollen wir hoͤren,“ ſagte Maria ungeduldig.—„Ich war der ſchlechteſte Mann unter dem ganzen Regiment,“ ſprach Ge⸗ org.—„Die Medaille ſtraft Sie Lugen, Herr Wacht⸗ meiſter!“ bemerkte Eliſabeth.— Georg wurde roth, und ſprach:„Es war im Grunde ſehr unnoͤthig, mir das Ding anzuhaͤngen; denn ich ſtand, wie die Andern, unter der Fahne, und die Fahne hat die Medaille, das ganze Regiment hat die Medaille! der Einzelne ſoll ſie nicht haben.“ Dann aber wurde er auf einmal weich, die Augen gingen ihm uͤber, und er rief:„Nein, nein! ich will ſie in Ehren halten, hab' ich ſie ja doch aus den Händen unſers braven Obriſten. Es war das vorletzte Mal, daß er uns in die Schlacht fuͤhrte. Der hat das rechte Ende ge⸗ nommen— ich gönne es ihm von Herzen, wenn es auch mir nicht ſo gut geworden iſt.“ Maria verlo keine Sylbe von dem, was der Dragoner ſprach,t 13* 196 ihr Auge ruhte unberwandt auf ſeinen männlichen, von Geiſt und Muth belebten Zuͤgen. Die rein proſaiſche Richtung der Maͤnner aus dem Buͤrgerſtande liegt oft ſchner auf manchem zar⸗ teren Gemuͤth ihrer Toͤchter und Weiber; denn einer echt weiblichen Natur iſt es nicht wohl, wo das Idealiſiren durchaus unmoͤglich wird. Darum wird oft plotzlich ein ganzer Kreis ehrbarer Frauen und Maͤdchen aus dieſem Stande durch eine, vielleicht auch nicht ganz beſondere, Erſcheinung in große Be⸗ wegung gebracht. Ein mittelmaͤßiger Kuͤnſtler, ein halber Dichter, ein Soldat— darf auch häͤßlich ſeyn, und gefällt; und kommt gat aͤußere Wohlgeſtalt zu dem Abglanz des Hohen, den das weibliche Herz ahnend verehrt: ſo kann es um die Ruhe mancher guten Seele geſchehen ſeyn. Hier indeſſen wurde ₰ nicht ein treues Herz von der rechten Bahn verlockt, ſondern zu ſeinem wahren Ziele hingewieſen. In einem benachbarten Dorfe feierte das Land⸗ volkden Vollendungstag ſeines Schutzheiligen, und viele Familien aus der Stadt wanderten hinaus, ſich ein Bischen Lebensluſt und Muth von dort zu ho⸗ len. Die drei Schweſtern, von Georg und Seba⸗ ſtian begleitet, machten ſich auch auf den Weg. Als ſie das Dorf, nicht ohne Beſchwerde fuͤr die zwei ſchon alternden Jungfrauen, erreicht hatten, fanden ſie es beinahe von Menſchen leer, denn ſowol Fremde als Inwohner waren zur nachmittäͤgigen Andacht in der Kirche verſammelt.„Wir wollen uns auch einen Segen holen,“ ſagte Eliſabeth, und ging den kleinen Huͤgel hinan, auf welchem die Kirche ſtand. Alle folgten, Georg ausgenommenz er lagerte ſich, am Fuße des Huͤgels, in das blumige Gras, nahm den Hut herunter, als es zum Segen klingelte, und trat ſehr heiter zu den Uebrigen, die nun bald wieder den Huͤgel herab kamen. Doch er wurde von Allen, ſo⸗ gar von Maria mit einem ſſtrafenden Blick empfan⸗ gen. Man hatte ihn in der Kirche vermißt:„die Soldaten ſind ja uͤberhaupt ein gottloſes Volk,“ hatte Sebaſtian mit Achſelzucken zu Maria geſprochen. Sie that anfangs ſehr ſprode mit dem Dragoner, konnte aber dennoch nicht lange ſeinem freien und zugleich beſcheidenen Weſen widerſtehn. Ueberall war es nun laut geworden; in einer Tenne wurde getanzt. Zwei Geigen kreiſchten unter dem Strich kräftiger Faͤuſte laut genug, um jedes andere Inſtrument ent⸗ behrlich zu machen. Georg war ſeinem blöden Bru⸗ der zuvorgekommen, und tanzte mit Maria. Seba⸗ ſtian erinnerte umſonſt an das Bruſtubel, an den Bluthuſten, der folgen konnte.. Georg lachte, ſchwang ſeine Tänzerin hoch in die Luft, und drehte ſich wei⸗ ter mit ihr im Kreiſe. Sebaſtian tanzte abwechſelnd bedaͤchtig und gravitätiſch mit den aͤltern Schweſtern. Auf einmal erſcholl der Schreckensruf: Feuer! Feuer! 3 „198 Jung und Alt ſtüͤrzten aus der Tenne— das halbe Dorf ſtand in Flammen. Georg lief zu einem nahen Brunnen, ſchoͤpfte, trug den gefullten Eimer hin, wo der Brand am ſchrecklichſten wuͤthete, ſetzte eine Lei⸗ ter an, ſtieg hinauf, loͤſchte, ſtieg wieder herunter, lief zuruͤck zum Brunnen, ſchopfte wieder, loſchte wie⸗ der, und hörte in ſeinem Eifer nicht einmal Maria ausrufen:„Wie er laͤuft! Die Leiter iſt morſch, ſie wird unter ihm brechen!— Da iſt er ſchon wie⸗ der!“ u. ſ. w. Sein Beiſpiel wirkte: was Haͤnde hatte, half, auch Sebaſtian, ſo ungern er daran ging; ihn dauerten aber ſehr ſein Sonntagsrock und die weißen Struͤmpfe; ſie waren von den feinſten aus ſeiner Fabrik. Die Gewalt des Feuers war nun, wie man glaubte, uͤberall gezähmt, was von Haͤuſern zu retten war, gerettet, Menſchen und Vieh unverſehrt. Aber nun drang ein Jammerausruf aus einem kleinen, einzeln ſtehenden Hauſe: es war uͤberſehn worden, und die Flamme ſchlug in breiten Zungen aus den Fenſtern eines obern Zimmers.„Herr Gott!“ rief Georg,„da geht ein Menſch darin zu Grunde!“— „Die alte Liſe wird's ſeyn,“ ſagten die Bauern; ſe gönnt keinem Armen einen Biſſen Brot, darum hat niemand an ſie gedacht. Sie kann ſchon ſeit Jahren nicht mehr gehen, und wer wird ſie jetzt heraus⸗ rragen?“—„Ich und mein Bruder!“ ſagte Georg, . 199 „nicht wahr, Sebaſtian?“—„ Bewahre!“ rief Se⸗ baſtian erbleichend,„ich mag mein Leben nicht wa⸗ gen füͤr die alte Hexe; haſt du denn nicht gehoͤrt, daß ſie alt und geizig iſt?“—„Vermaledeite Strumpf⸗ wirkerſeele!“ ſagte Georg,„geizig biſt du auch, und alt wirſt du werden, wenn dich der Teufel nicht bald holt!“ Noch ſprechend hatte er ſchon eine Axt er⸗ griffen, und lief dem brennenden Hauſe zu. Er ſprengte mit zwei Streichen die Thuͤr, drang durch Rauch und Flamme zu einer gewölbten Kammer, aus der, aber immer ſchwaͤcher, der Klageruf erſcholl, brauchte hier wieder die Axt, denn die Kammerthuͤr war verriegelt, und trug endlich die ſchon halb er⸗ ſtickte Liſe heraus an die Luft.„Brav! brav!“ rie⸗ fen Alle. Georg hatte ſich Haare, Augenbraunen und Gewand verſengt; er achtete es wenig, und bat nur recht beweglich die Weiber, ſie mochten der alten Liſe beiſpringen. Maria konnte ſich vor Ruͤhrung und Schrecken nicht faſſen, ſie weinte überlaut. Ge⸗ org konnte nicht recht begreifen, warum? und meinte, nun ſollten Alle zuruͤck in die Tenne; der Tanz könne von neuem angehn. Und da ihn Alle darber mit großen Augen anſahen, ſprach er:„Ihr ſeyd Nar⸗ ren! ſoll man ſich denn durch ſo etwas einen guten Tag verderben laſſen? hat doch dabei kein Kind ſeine Mutter, keine Mutter ihr Kind verloren: und zu dem Plunder kommen die Leute ſchon wieder!“ Ei⸗ 200 nigen verliebten Paaren leuchtete die Dragonerweisheit ſehr ein, und ſie ſchickten ſich an, die Tenne wieder zu betreten; allein die Vaͤter und die Muͤtter verboten es: uͤberdies waren die Geigen in dem Tumult zer⸗ brochen worden. Man ging auseinander, aber mit froherem Muthe, als es bei ſolchen Ereigniſſen zu ge⸗ ſchehen pflegt. Beim Nachhauſegehn hatten die Schweſtern und ihre Begleiter unverſehens einen andern Weg eingeſchlagen, als den, welchen ſie am Morgen gegan⸗ gen waren. Der zog ſich an den alten verfallenen Stadtmauern hin: auf einmal nahm Georg den Hut herunter, wuͤnſchte der ſaͤmmtlichen Geſellſchaft eine gute Nacht, und ging hinein in ein kleines Haus, welches an der Stadtmauer lehnte.„Wohnt er da?“ fragte Maria erſtaunt..„Freilich!“ ſprach Seba⸗ ſtian;„das Haus hat er geerbt von ſeiner Mutter, die unſers Vaters erſte Frau war.“ Die untergehende Sonne vergoldete die Fenſter des kleinen Hauſes, faͤrbte hoher die Steinlevkoje und die Caledonia die unter Hauswurzeln und Moos auf dem Dache wuchſen; in zerbrochenen Ge⸗ faßen angebaut, ſchauten dunkelrothe Nelken aus dem offenen Fenſter der Dachkammer herab; ein Hollun⸗ derbaum erhob ſich höher als das niedere Haus, und beſchattete die Bank an der Hausthuͤr. Maria ſtand und ſchaute.„So gehen wir weiter!“ ſprach Eliſa⸗ — 201 beth.„Ich habe in meinem Leben kein ſo huͤbſches, ſo liebes Haus geſehn,“ ſagte Maria, ihr nacheilend. „Da iſt doch mein Haus ein ganz andres!“ ſprach Sebaſtian mit Bewußtſeyn.„O ja, ein ganz an⸗ dres, aber bei weitem nicht ſo ſchoͤnes,“ entgegnete Maria.„Madchen, du biſt nicht klug!“ rief Anna verlegen und halb erzuͤrnt;„Herr Sebaſtian hat ja das ſchönſte Haus in der Stadt.“— Nun ja, es iſt neu und groß, und recht ordentlich gebaut, ganz regelmaͤßig, wie man ſagt; aber ich mag aus⸗ und inwendig es anſehn, ich denke mir gar nichts dabei. Doch bei dem kleinen, lieben, mit Moos und Blu⸗ men bewachſenen Hauſe wird mir ſo heimlich zu Muthe, und mir faͤllt ein, was die Leute vor vielen Jahren her mogen gelitten und ſich gefreut, wie ſie gebe⸗ tet und ſich lieb gehabt haben, und ich möchte in mei⸗ nem Leben kein andres Haus, als eben ein ſolches.“ Die Schweſtern wollten Maria uͤber dieſe neue Grille nicht weiter auszanken; ſie war von dem Schrecken noch zu ſichtlich angegriffen. Sebaſtian ſchwieg aus Verdruß; ſo gelangten ſie in die Wohnung der drei Schweſtern. Um den beleidigten Hausherrn zu ver⸗ ſöhnen, baten ihn die zwei älteren, beim Abendeſſen zu bleiben. Er nahm mit etwas ſteifer Art die Einladung an; doch beim Genuß der wohlzubereite⸗ ten Speiſeng m das Herz auf, und er fing an, uber Georg u tolles Weſen, wie er es nannte, 202 ſich auszulaſſen.„Sehen Sie, Nachbarinnen,“ ſprach er,„dieſem Menſchen iſt nicht zu trauen, er thut zwar oft recht menſchenfreundlich und gutmuͤthig, hilft auch dem Naͤchſten und wagt dabei, wie Sie geſehn haben, unvernuͤnftig Leib und Leben; aber wenn er einmal in ſeine Bosheit kommt, verſchont er weder Feind noch Freund.“—„Den Anverwandten ſoll man nicht Schlimmes nachreden,“ fiel Maria raſch ein;„das war recht ſtiefbruͤderlich, Herr Seba⸗ ſtian!“—„Es iſt ja nur vor Ihnen, und im Ver⸗ trauen geſagt,“ ſprach er.„Mariechen, ſey doch nicht ſo ſchnell mit der Zunge!“ erinnerte Eliſabeth; „weißt du nicht mehr, wie man ſich gegen Gaͤſte be⸗ tragen ſoll?“—„Wie Sie meinen Bruder da ſehn,“ ſprach Sebaſtian, ohne ſich ſtören zu laſſen,„ſo hat er einmal, nicht etwa einem feindlichen Soldaten oder einem feindlichen Offizier, nein, einem der Unſrigen, merken Sie auf! einem der Unſrigen, ſagte ich— ein Ohr abgeſchnitten!“—„Gott ſteh' uns bei!“ riefen wie aus einem Munde die drei Schweſtern. „Das hat er gethan, ſo wahr ich lebe und an ihrem Ziſche ſitze,“ ſagte Herr Sebaſtian, ſehr vergnͤgt uͤber die Wirkung ſeiner Nachricht;„er hat das Ohr ſo vom Kopfe gelöſ't, daß es an ſeinem Säbel haͤngen blieb; und wenn er davon erzaͤhlt, iſt es immer mit lachendem Munde.“—„Pfui! Pfui!“ rief Maria, 32 2023 indem ſie vor Zorn und Schmerz ganz roth wurde; „das iſt ja ein abſcheulicher Menſch!“ Viele Tage vergingen, ohne daß Georg erſchien, ohne daß die Schweſtern nach ihm fragten. Maria dachte zwar faſt unaufhorlich an ihn; aber ſie ſchämte ſich deſſen vor ſich ſelbſt, und wagte es nicht, vor An⸗ dern ſeinen Namen auszuſprechen. Endlich ſagte Eliſabeth, um doch auch hier die Höflichkeit nicht zu verletzen, zu ſeinem Bruder:„Was macht der Herr Wachtmeiſter?“—„Er iſt krank,“ antwortete Se⸗ baſtian ganz trocken.“—„Krank!“ rief Maria ſchmerzlich aus.„Wer wird ſich denn daruͤber wun⸗ dern?“ ſagte Sebaſtian,„wenn ſo ein Invalid ſtark tanzt und trinkt, dann wol funßßzig ſchwere Eimer uͤber eine Leiter trgt, und zuletzt noch ein altes Weib aus dem Feuer holt! Was hat er nun davon? ſeine Bruſtbeſchwerden aͤrger als je; auch die Kopfwunden ſind ihm wieder aufgegangen: er war keinen Schritt aus dem Hauſe ſeit der ſaubern Geſchichte am Kirch⸗ tag.“ Die aͤltern Schweſtern bedauerten, Maria ſagte nichts mehr, aber ſie hielt es nicht lange im Zimmer aus; ſie ging in den Garten und weinte, und ſann eine Weile nach; dann ſchlupfte ſie zur Gartenthuͤr hinaus, und ſchlich der Stadtmauer ent⸗ lang, bis ſie des Dragoners Haus erblickte. Da er⸗ ſchrak ſie, als wäre ſie unbewußt dahin gekommen: ſie wollte zuruͤck; aber Georg ſaß auf der Bank unter 8 204 dem Hollunderbaume, er hatte Maria ſchon geſehn, er ſtand auf, freudig uͤberraſcht, ging mit wankendem, aber ſchnellen Schritt auf ſie zu, und bat ſo treuher⸗ zig warm, nur ein wenig an ſeiner Seite auszuru⸗ hen, daß ſie erröthend, doch willig, ſich zur Bank fuhren ließ. Beide ſaßen ſchweigend neben einander. Ein uraltes, ganz gekruͤmmtes Muͤtterchen trat aus dem Hauſe, lockte ein paar Hühner herbei, ſtreute ih⸗ nen etwas Hafer, und ging, nicht ohne ſich neugierig nach der Mamſell umgeſehn zu haben, wieder hinein. „Wer iſt die Alte?“ fragte Maria.„Meine Haus⸗ haͤlterin,“ antwortete Georg.„Sie diente, als ich ein Kind war, bei meinem Vater, und ſorgte recht treu fuͤr mich; aber meine Mutter ſtarb, die neue Frau, Sebaſtians Mutter, wollte ſie nicht behalten; nicht lange dauerte es, ſo wurde auch ich aus dem Hauſe vertrieben, und Niemanden that es weh, als der treuen Magd, die damals noch ziemlich ruͤſtig war, und bei einem andern Buͤrger diente. Als ich aber jetzt nach vielen Jahren wieder heim kam, fand ich ſie an der Straße betteln. Sie klagte mir, bit⸗ terlich weinend, daß ſie zu dienen die Kraͤfte nicht mehr habe. Ich ſagte ihr, ſie ſolle es bei mir pro⸗ biren, es werde ſchon gehn. Sie thut, was ſie kann; was ſie nicht kann, fodre ich nicht: und ſokom⸗ men wir recht gut mit einander aus.“—„Das iſt wahr,“ ſagte Maria,„ich habe noch keinen Mann 205 geſehn, der für die alten Weiber ſo gut dächte.“— „Ich bin darum den jungen nicht weniger hold,“ ſagte Georg laͤchelnd;„aber ſehn Sie, liebe Mamſell 3 Marie, wenn ich ſo ei altes Mutterchen ſehe, fällt mir immer ein: ſw ait wäre deine Mutter auch, wenn ſie noch lebte: und da ging' ich für jede in's Feuer.“—„Sie ſind doch ein ſeltſamer Menſch,“ ſagte Maria, ſich verſtohlen die Augen trocknend, „ſo gut, und ſo boͤſe!— Das ſind wol, mein' ich, alle Menſchen,“ ſagte Georg;„die Beſten ſind nicht immer gut, und bewahre Gott! daß ich mich zu den Beſten zaͤhle.“—„Aber... aber,“ ſagte Maria, „keine Gottesfurcht! nicht in die Kirche gehn!“— „Zürnen Sie mir immer noch dafuͤr? Sie thun nicht recht daran; denn Sie allein tragen die Schuld.“ „Ich!“—„Ja, weil Sie in die Kirche gingen.“— „Und das hinderte Sie...“—„Freilich; denn man ſoll nicht in die Kirche gehn, um ein ſchoͤnes Mäd⸗ chen anzuſchauen.“— Maria wurde uͤber und uͤber roth; in ihrer Verlegenheit ſtotterte ſie ſchnell her⸗ aus:„und.. und... Ohren abſchneiden! Ohren abſchneiden! das iſt doch wahrlich zu arg!“— Ge⸗ org lachte laut auf. Maria, auf's hochſte entruͤſtet, ſtand auf und wollte gehn. Aber Georg hielt ihre Hand feſt, die Luſt zu lachen war ihm vergangen; er bat zu bleiben, mit ſo wehmuͤthigem Blick, mit ſo ſanfter Miene, daß Maria es ihm nicht abſchlagen 206 konnte; ſie nahm ihren Platz an ſeiner Seite wieder ein.„Liebe Marie,“ ſagte er nun ernſt,„glauben Sie mir, ich bin kein ſchadenfroher Teufel, und kann mich nicht daruber freuen, daß ich, und wenn er es auch noch ſo ſehr verdiente, einem andern Menſchen etwas angethan. Ich lachte nur uͤber meinen Bru⸗ der, von dem Sie gewiß die Geſchichte erfahren ha⸗ ben, und der das erſte Mal, als er ſie hoͤrte, ſchnell nach ſeinen beiden Ohren griff, zu fühlen, ob ſie noch ſäßen. Es verhaͤlt ſich die Sache ſo: Nach einer blutigen Schlacht retirirte die kaiſerliche Armee. Mein Regiment machte die Arriere-Garde. Auf einmal ſah ich einen infamen Hund von einem Kanonier, der einen armen Bleſſirten von der Kanone, auf der er halb ſterbend lag, herabriß und ſeitwärts auf die traße hinwarf, mit den Worten:„Der macht es nicht mehr lange, und die Pferde ziehen ohnehin ſchon ſchwer genug.“ Der Bleſſirte aͤchzte und ſah mich an, ſo daß es einen Stein haͤtte erbarmen muͤſſen⸗ Ich rief dem Kanonier zu: er ſolle ihn wieder aufla⸗ den; der weigerte ſich, und wurde obendrein grob; da zog ich den Säbel, hieb nach ihm, und ſein Ohr war herunter. Er blutete und heulte; die Offiziere kamen herbei, der Kanonier bekam einen Verweis, und wurde verbunden. Der Bleſſirte kam wieder auf ſeine Kanone, und als wir in die Winterquartiere einruͤckten, kam ich auf drei Monate in Arreſt. Doch 207 mich reute die That nicht; ich wußte, daß der Bleſſirte davon gekommen war, und ein ganzer Menſch iſt doch mehr werth, als ein Ohr. Als ich wieder frei wurde, begegnete ich einmal dem Kanonier, dem frei⸗ üich ſein Ohr nicht wieder gewachſen war, der aber doch wie ein Anderer dabei herumging und ſeinen Dienſt verſah. Es war ihm nicht einmal ſein Mäd⸗ chen untreu geworden.“—„Ich aber meine,“ ſagte Maria,„kein Mädchen haͤtte weder den Kanonier, noch den Herrn Wachtmeiſter weiter anſchauen ſol⸗ len.“—„Meinen Sie das im Ernſt?“ fragte Ge⸗ org erſchrocken. Maria haͤtte gerne Ja geſagt, aber es ging ihr weder vom Herzen noch von der Lippe.— „Reden wir lieber von was Anderm,“ ſprach ſie. „Sie ſind krank geweſen, lieber Herr Georg; wie fuͤhlen Sie ſich jett?“—„O, von Grund aus ge⸗ heilt!“ rief er mit funkelnden Augen.—„Wann beſuchen Sie uns wieder?“—„Morgen, heute, jetzt, wenn Sie wollen.“—„Nein nein; es war recht ungeſchickt von mir, ſo zu ftagen,“ ſagte Maria aufſtehend;„pflegen Sie ſich noch, ruhen Sie noch aus.. Gute Nacht!“ Sie ging. Mit bangem Her⸗ zen ſah ſie die verlaͤngerten Schatten der Bäume am Wege; es mußte ſchon ſpät ſeyn, man hatte ſie gewiß zu Hauſe vermißt!.. Und wenn ſie gefragt wuͤrde, was nun ſagen?... Einem Fremden, dachte Ma⸗ ria, bindet man in der Noth wol etwas auf; aber Snenne — ——— vorlägen dem Menſchen, den man liebt, das wätde das Herz ſchwer machen fur's ganze Leben. Eliſabeth und Anna ſaßen tief bekuͤmmert bei⸗ ſammen. Herr Sebaſtian war in der uͤbelſten Laune weggegangen; weil Mamſell Maria ſich denn heute ſchon gar nicht mehr zeigen wollte. Als er fort war, hatte Anna die junge Schweſter geſucht, im Gaͤrt⸗ chen, auf ihrer Kammer, in der Kuͤche, im Milchkel⸗ ler; Maria war nicht zu finden. Sie war zum erſten Mal in ihrem Leben ausgegangen, ohne es den Schweſtern zu ſagen, und jede von ihnen wenigſtens drei Mal zu herzen: das war eine ſehr unerwartete, und ſehr betrubte Hausbegebenheit. Gelaſſenheit war den beiden Schweſtern ſo eigen, daß nicht einmal bei der Aeltern Tode laute Klagen aus ihrem Munde gekommen waren. Noch weni⸗ ger erlaubten ſie ſich jetzt irgend eine Ausrufung des Schmerzes, des Erſtaunens; nagende Sorge ſprach aus Beider Blicken; doch ſagte die Eine von Zeit zu Zeit zu der Andern:„Sey ruhig; es wird ihr nichts geſchehen ſeyn, und ſie kommt gewiß vor der Nacht.“ Nun rief die Magd:„Mamſell Maria kommt eben durch den Garten.“ Anna und Eliſabeth gingen ihr entgegen; ſie fiel Einer nach der Andern um den Hals, und kußte ſie noch herzlicher, als ſonſt, denn ſie fuͤhlte wohl, ſie habe viel wieder gut zu machen; und ohne auf die Fragen, die nun natuͤrlich kommen 209 mußten, zu warten, ſagte ſie:„Ich ging laͤngs der Stadtmauer ſpazieren, und kam zu des kranken Wachtmeiſters Hauſe; er ſaß vor ſeiner Thuͤr, und nothigte mich, eine Weile auf der Bank neben ihm auszuruhen.“—„Waͤhle ein andres Mal lieber ei⸗ nen andern Spaziergang, und nimm eine gute Freun⸗ din mit,“ ſprach Anna ſeh ruhig.—„Das werd' ich thun,“ antwortete Maria mit ungeheuchelter Be⸗ reitwilligkeit, und in Friede und Freude wurde der angſtvolle Abend beſchloſſen. Des andern Tages kam Georg viel fruher als Sebaſtian, der nie ausging, ohne daß er vorher den Laden mit eigener Hand zugeſperrt, und dem Laben⸗ diener, wie der Magd, eine Art Hauspredigt ge⸗ halten, in der die Fehler des eben erlebten Tages ſcharf geruͤgt, die Pflichten des kommenden eben ſo ſcharf eingepraͤgt wurden. Georg ſaß alſo ſchon lange bei den drei Schwe⸗ ſtern, als Sebaſtian eintrat. Die fröhliche Stim⸗ mung, die auf allen Geſichtern leicht zu leſen war, erheiterte ſeine Miene eben nicht; er konnte es nicht begreifen, wie Georg bei den verſchiedenartigſten Men⸗ ſchen ſo leicht einheimiſch wurde durch ſein bloßes Seyn, ohne ſich eben viel darum zu bemühen; und daß es ihm auch hier, bei den ehrbaren Jungfern Nachbarinnen, gelungen war, daruber mußte ſich Sebaſtian wol doppelt verwundern und itgern. Perin Erzählungen. Indeſſen hatte der Buͤrger Rechte, die der Dragoner nicht hatte; zur Abendmahlzeit wurde der Tiſch nie für mehr als Viere gedeckt: Sebaſtian blieb, und ſah triumphirend ſeinen Bruder abziehn. Marien ſchmeckte kein Biſſen; und wenn Georg ſo ganz allein nach Haus wandern mußte, kam ihm zuweilen ſeine Woh⸗ nung recht öde, und ſeine alte Haushaͤlterin recht wi⸗ drig vor, beſonders weil ſie jett ſein truͤbes Geſicht gar nicht verſtehn wollte, mit ganz beſonderer Munter⸗ keit und Geſchaͤſtigkeit herumtrippelte, und wol gar aus roher Kehle und mit zitternder Stimme alle ihre Ju⸗ gendlieder nach einander herſang. Geſchah es auch nur in der Kuͤche, ſo war die Wohnung nicht groß genug, als daß die Ohren des armen Wachtmeiſters hatten verſchont bleiben können. Er ſagte einmal in etwas barſchem Tone zu der Alten:„Findet ihr's denn gar ſo luſtig auf der Welt?“—„Es ſoll erſt recht luſtig werden,“ antwortete ſie mit blinzelnden Augen;„das Gluck bleibt nicht immer aus, und ehr⸗ lich dauert am laͤngſten, und es iſt noch nicht aller Tage Abend, und kurz: ich weiß ſchon, warum ich mich freue.“..„Und ich weiß auch ziemlich, war⸗ um ich mich ärgere,“ ſagte Georg, und huͤtete ſich wol, eine zweite Frage zu thun. Einſt, am früheſten Morgen, wurde er durch einen Beſuch ſeines Bru⸗ ders, noch mehr aber durch die ganz beſondere Freund⸗ chkeit, mit der dieſer ihn begrußte, uͤberraſcht.— F——————————— „Wahrhaftig,“ ſagte er zu Sebaſtian, nachbem er ihn genöthigt hatte, das Morgenbrot mit ihm zu thei⸗ len,„mich freut es, daß du einmal ſo recht bruder⸗ lich gegen mich thuſt; ſind wir doch Söhne eines Vaters, den es im Grabe noch kraͤnken muß, wenn wir uns nicht vertragen.“—„Das mein' ich auch,“ ſprach Sebaſtian;„der liebe Vater, er hatte es mit uns Beiden gut gemeint... meine Mutter. frei⸗ lich“.„Nun, die laſſen wir auch ruhen,“ ſagte Georg, ſchnell ihn unterbrechend;„was hat es mir am Ende auch geſchadet? Ich moͤchte doch nichts An⸗ ders ſeyn, als was ich bin, nichts Anders haben, als was ich habe; das Geld hat mich, ſo lange ich lebe, noch keinen Seußzer gekoſtet, das weiß unſer Herr Gott!“—„Du haſt die Zufriedenheit,“ ſagte Se⸗ baſtian tiefſeufzend,„und das iſt mehr als Geld und Gut.“—„So ganz zufrieden iſt wol kein Menſch auf Erden; doch was mir abgeht, das kauft man nicht. und jetzt von was Anderm.“—„Ach! ich habe noch Manches auf dem Herzen,“ ſprach Se⸗ baſtian(er ſah ſich aͤngſtlich um);„iſt deine Alte zu Hauſe?“—„Nein, ſie iſt auf den Markt ge⸗ gangen.“—„Mein herzenslieber Bruder,“ ſagte jetzt, Muth ſaſſend, der Strumpfwirker,„wenn du mein Unglůck willſt, ſo ſteht es nur bei dir, mich in's Elend zu ſtuͤrzen.“ „Meiner Treue! Herr Bruder, ich verſtehe dich 14* —— nicht,“ ſagte Georg höchſt erſtaunt.—„Wirklich nicht?“ rief Sebaſtian lerfreut,„ die Alte hat ge⸗ ſchwiegen? So will ich dir Alles ſagen. Deine Haus⸗ hlterin war, wie du weißt, bei dem Tode meines Nachbarn zugegen. Da hat dieſer kurz vor ſeinem Ende, wahrſcheinlich im Fieber, etwas gefaſelt von einem Teſtament unſers Vaters, das er geholfen haͤtte aͤndern und verfalſchen, von falſchem Zeugniß, das er und noch ein Andrer, auf Anſtiften meiner Mutter, zu deinem Schaden abgelegt. Da hat die Alte viele Menſchen herbeigerufen, der Sterbende hat vor ihnen Alles wiederholen muͤſſen, ein Friedensſtö⸗ rer, wie es immer welche gibt, hat ſeine Ausſage Wort fuͤr Wort aufgeſchrieben und von allen An⸗ weſenden unterzeichnen laſſen. Nun iſt die Sache zu Gericht gekommen, und wenn du mir einen Pro⸗ ceß anhaͤngen willſt, ſo bin ich ein verlorner Mann.“ —„Wozu denn ein Proceß? Du wirſt mir doch gutwillig herausgeben, was mein gehört?“—„Ach⸗ liebſter, beſter Bruder! hab' ich es denn? hab' ich nicht das Geld verbaut und in die Fabrik geſteckt? Alles mußt' ich verkaufen: ich wäre ein aufgelegter Bettler.“ Dem Strumpfwirker ſtand das Weinen, dem Dragoner, uͤber das verzogene Geſicht ſeines Bruders, das Lachen ſehr nahe; doch er bezwang ſich, und ſagte ziemlich ernſthaft:„Ein Bettler waͤreſt du dennoch nicht; nur kein reicher Buͤrger mehr, und * —,——— 213 es ſteht eben nirgend geſchrieben, daß du reich leben und ſterben ſollſt.“—„Ach Gott!“ rief Sebaſtian mit im⸗ mer wachſender Angſt,„du haſt doch ein Herz wie ein Stein!“—„Aber du darfſt mir ja nicht Alles geben; du theilſt nur mit mir: es war der Wille unſers Vaters, und iſt auch billig.“—„Waͤr' ich nur nicht ſo nahe daran, zu heirathen,“ ſagte nun Sebaſtian;„Mamſell Marie hat eine Denkungs⸗ art, ſie wird mich wegen meines Ungluͤcks gewiß nicht verlaſſen, und ſo wird das liebe Geſchöpf auch darben muͤſſen.“— Georg ſchwieg eine Weile; dann fragte er:„Hat es mit der Heirath ſeine Richtig⸗ keit?“—„Du wirſt doch wol gemerkt haben, daß wir Brautleute ſind?“—„Freilich, freilich!“ ſprach Georg kopſſchuttelnd:„das hätt' ich ſchon laͤngſt merken ſollen... hol's der Teufel! weil du ſchon das Madel haſt, ſo behalt auch das Geld.“—„Du Her⸗ zensbruder, du goldner Bruder!“ Sebaſtian wollte ihn umarmen.—„Laß das bleiben,“ ſagte Georg, dem Judaskuß ausweichend. Sebaſtian zog ein Pa⸗ pier aus der Taſche:„Schreib nur deinen Namen hier unter, ſo iſt Alles in Ordnung.“—„Ich un⸗ terſchreibe nicht, was ich nicht geleſen habe; derglei⸗ chen leſen mag ich nicht: doch du behaͤltſt den gan⸗ zen Plunder, auf Dragonerparole!“— Sebaſtian hatte noch mehr als ein Aber; Georg nahm ſeine Pfeife von der Wand herab, ſtopfte ſie, holte ſich ⸗* — 214 Feuer aus der Kuͤche, und blies nun ſtillſchweigend den Rauch vor ſich hin, als wäre niemand mehr in der Stube. Sebaſtian ging, nur halb beruhigt. Der Dragoner blieb nun einige Tage wieder zu Hauſe; es druͤckte ihn etwas auf der Bruſt: er wußte ſelbſt nicht recht klar, an welchen Wunden er leide; aber er litt, und fuͤhlte ſich ſehr verlaſſen. Endlich führte er mit ſich ſelbſt folgendes Geſpraͤch:„Biſt du nicht ein Dummkopf, dir ſelbſt ſo weh zu thun? Warum gehſt du nicht zur Mamſell Marie? Du machſt es ohnedem nicht mehr lange, und das Bis⸗ chen Leben ſoll man genießen. Wenn du todt biſt, mag ſie der Strumpfwirker heirathen, und in deinem Eigenthum mit ihr ſitzen; aber ſo lange du noch auf der Welt biſt, ſoll er ſich nicht ganz allein freuen duͤrfen.“ Darauf fiel ihm ein kleines goldenes Kreuz ein, welches ſeine verſtorbene Mutter lange Jahre getragen; er ſuchte es hervor, ſteckte es zu ſich, und machte ſich auf den Weg. Maria empfing ihn nicht ſo freundlich wie ſonſt; ſein Ausbleiben, wovon ſie weit entfernt war die Urſache zu ahnen, hatte ſie beleidigt. Zudem war ſie allein; denn die Schweſtern waren vor die Stadt hinaus in den großen Garten gegangen, nach⸗ zuſehn, wie es heuer um das Winterobſt ſtände. Georg ſetzte ſich Marien gegenuͤber; aber ſie blickte nicht auf von der Stickerei. Der arme Dragoner —————— ———— ——— ————— * 215 wartete lange vergebens auf ein Wort, auf einen Blick. In ſeiner Herzensangſt ſagte er:„Ich haͤtte ſo eine Kleinigkeit mitgebracht fuͤr meine liebe, kunf⸗ tige Schwaͤgerin; aber ſie wird wol nichts von mir annehmen wollen.“—„Wer iſt Ihre Schwägerin?“ fragte Maria, faſt auffahrend.—„Diejenige,“ ſagte Georg truͤbe lächelnd,„die meines Bruders Frau wird.“—„Und wer denkt daran, Ihren Bruder zu heirathen?“—„Sie, mein' ich, liebe Mamſell Ma⸗ rie.“—„So wollen auch Sie mich zwingen, Ih⸗ ren Bruder zum Mann zu nehmen?“ rief Ma⸗ ria, muͤhſam nur das Weinen unterdruckend;„aber das iſt Alles umſonſt: ich werde ihn nicht nehmen; lieber ſterben, als“.. Es wurde heftig an die Thuͤr geklopft, und beinahe im ſelben Augenblick wurde ſie raſch aufgemacht; es war Georgs Haushaͤlterin, die ſich vor Wehmuth und Aerger nicht faſſen konnte. „Ich muß meinen Herrn ſprechen,“ rief ſie,„ich kann nicht helfen, ich muß ihn ſprechen! ich muß ihn auszanken! ich muß ihn fußfallig bitten“„Du biſt nicht geſcheut,“ ſprach Georg, der etwas merkte, „wir werden zu Hauſe mit einander reden; hier iſt nicht der Ort dazu.“—„Nein, hier zur Stelle, vor der Mamſell, die es nicht uͤbel nehmen kann. Iſt es wahr, iſt es moͤglich, daß Sie Ihrem Bruder Al⸗ les laſſen wollen, daß Sie Ihr Leben lang arm blei⸗ ben wollen, damit er“..„Schweig doch, Alte!“ 216 ſagte Georg;„es iſt nicht der Muͤhe werth, den Lärm zu ſchlagen in einem fremden Hauſe.“—„Nein, redet!“ ſprach Maria;„zu dem Anfang gehoͤrt ein Ende.“ Die Alte erzahlte von dem Sterbenden und ſeiner Ausſage, von ihren wirklich klugen Maßregeln, von ihren Hoffnungen, von ihrer Freude, und ſchloß haͤnderingend mit den Worten:„und nun iſt Alles aus! mein Herr will nicht!“—„Haben Sie wirklich Ihrem Bruder verſprochen, jeden Anſpruch auf die Erbſchaft Ihres Vaters aufzugeben?“ fragte Maria den Dragoner.—„Ja.“—„Aber warum denn?“ ſagte ſie ganz aͤrgerlich.—„Fragen Sie mich nicht,“ bat Georg.—„Ich will es wiſſen.“—„Wenn Sie wollen, ſo muß ich. Sehn Sie, mein Bruder ſagte, Sie waͤren ſeine Braut, und da dacht' ich, der einzelne Menſch kommt leichter durch; er braucht es nothwendiger, als ich: ich haͤtte mit dem Gelde ohne⸗ dem eine ſchlechte Freude. Ich gab ihm meine Dra⸗ gonerparole, nichts von ihm zu fodern, und ſo ſehn Sie wol ein, daß es mit der ganzen Sache vorbei iſt.“—„Sie ſind abſcheulich um Ihr Gut betrogen,“ ſagte Maria; aber....“—„Geh heim!“ ſprach Georg, die Alte eben nicht unſanft, aber ſehr eilig der Thuͤr zufuͤhrend; er ſah in Mariens Augen etwas, worauf er gar nicht Willens war Verzicht zu thun.„Sind Sie mir ein Bischen gut, liebe, liebe Marie?“ fragte er, ſobald ſie allein waren.„Vom Grund der Seele,“ antwortete das Maͤdchen, ihm die Hand reichend.— Eliſabeth und Anna traten herein.„Gut, daß ihr kommt,“ rief ihnen Maria entgegen;„ihr werdet ſchoͤne Dinge horen von dem ſauberen Herrn Seba⸗ ſtian;“ und nun wiederholte ſie in einem Zuge Al⸗ les, was die Alte geſagt, und der Dragoner nicht hatte läugnen können. Ihm war ſehr widrig dabei zu Mu⸗ the. Maria hatte er nicht ungern in ſein Gemuͤth blicken laſſen; nun aber wurde die Sache vollends zur Stadtgeſchichte: mitten unter der Erzaͤhlung nahm er ſeinen Hut und ging. Alle drei Schweſtern waren gegen Sebaſtian in gleichem Maße aufgebracht. Sie erwarteten mit faſt ſchadenftoher Ungeduld die Stunde, in der er ſonſt zu kommen pflegte. Als er an der Hausthüre klingelte, lief Maria hinab, ihn ſchnell einzulaſſen. „Ei! gar zu guͤtig, gar zu gutig!“ rief er, ganz er⸗ freut uͤber die ſeltene Ehre.„Nicht uͤber Verdienſt, wahrhaftig!“ antwortete ſie;„kommen Sie nur ge⸗ ſchwind zu den Schweſtern.“ Dieſe ſaßen aber mit ſo gravitätiſchem Anſtande, ſo richterlicher Miene da, daß der Strumpfwirker ſein böſes Schickſal leicht ahnen konnte. Man wies ihm ſchweigend einen Stuhl an, und nach einigem gegenſeitigen Räuspern und Huſten eroͤffnete Eliſabeth, als die älteſte, das Verhor. Sich von der Beſchuldigung zu reinigen, war unmöglich; auch verſuchte es Sebaſtian nicht: er ſchob Alles auf 218 ſeine üͤbermaͤßige Liebe zur Mamſell Marie, die, wenn ſie es auch noch nicht war, boch einmal ſeine Braut werden konnte. Maria offnete ſchon den Mund, ihn eines Beſſern zu belehren; aber Anna ge⸗ bot ihr ſehr ernſtlich, zu ſchweigen, und ſagte:„Da hätten Sie ganz ihren Zweck verfehlt, Herr Seba⸗ ſtian, denn wir mogen nicht einmal Umgang pflegen mit einem Menſchen, der unrechtes Gut beſitzt. Sie geben Ihrem Bruder, was vor Gott und Menſchen ſein gehort, oder meiden unſer Haus.“—„Sie kennen meinen Bruder wenig,“ entgegnete Seba⸗ ſtian,„er nimmt nichts mehr an; ſeine Dragonerpa⸗ role geht ihm uͤber alles.“—„Sein Wort hält er, dafuͤr ſteh' ich!“ rief Maria.—„So gibt es noch ein Mittel, Ihr Gewiſſen zu erleichtern,“ meinte Anna,„ſchenken Sie die Hälfte ihres Vermögens den Nothleidenden unſerer Stadt; es gibt deren ge⸗ nug.“ Sebaſtian ſchwieg, trocknete ſich den Schweiß von der Stirne, ſchielte heimlich nach Marien, ſah ſich verſtohlen im Zimmer um, denn er ſchaͤtzte im Geiſte die Einrichtung darin, und was er ſonſt von dem Eigenthum der Schweſtern kannte:— endlich ſtand er auf, verbeugte ſich, und ging.„Wahrhaß⸗ tig,“ ſagte Eliſabeth,„wir muͤſſen dich um Ver⸗ zeihung bitten, Kind, daß wir dir dieſen Menſchen zum Manne geben wollen.“—„Häͤtt' ich ihn doch ſelbſt nicht fuͤr ſo ſchlecht gehalten,“ erwiederte Ma⸗ 1 219 ria.„Ihr meint es immer gut mit mir, was iſt da zu verzeihen?“ Was Maria ſo ſchnell errathen und ſo dankbar gefuhlt: nämlich, daß Georg eigentlich ihr die Erbſchaft abgetreten hatte, das ahneten Ma⸗ riens Schweſtern nicht. Die Liebe, die dergleichen eben nicht gerne thut, hatte ein großes Schild mit zwei brennenden, von einem Pfeile durchſchoſſenen Herzen aushaͤngen muͤſſen, um von den guten Seelen, die nur aus ſehr unvollkommenen Ueberlieferungen etwas von ihr wuß⸗ ten, erkannt zu werden. Darum durfte Georg täg⸗ lich kommen, taͤglich viele Stunden an Maria's Seite zubringen, ohne Beſorgniß zu erregen. Er und Ma⸗ ria trieben wahrlich keine Heuchelei; ihre Blicke ſpra⸗ chen deutlich genug, nur wurden ſie von den alteren Schweſtern nicht verſtanden; und uͤberdies näheten Anna und Eliſabeth zu emſig, um ſo genau, was um ſie vorging, wahrzunehmeu. Maria fand es zuwei⸗ len recht gut ſo; dann wunſchte ſie oft wieder, daß es anders waͤre; daß die Schweſtern den Zuſtand ih⸗ res Gemuͤthes erkennen möchten; denn ſie zweifelte nicht, ſie wurden dann ſagen:„Du liebſt ihn, ſo nimm ihn zum Manne.“ Selbſt zu ſagen, ich will ihn heirathen, ſiel ihr natuͤrlich ſchwer. Eine Woche verging nach der andern Monate wurden daraus, und immer noch wollten Maria's Schweſtern nichts merken; da faßte ſie endlich Muth, und ſagte 220 einmal vor dem Schlafengehn zu ihnen:„Jetzt könnte ich euren Wunſch erfullen und heirathen, denn ich habe den rechten Braͤutigam gefunden.“— „So?“ ſprach Eliſabeth erſtaunt, aber recht freund⸗ lich,„das iſt ja recht ſchoͤn! Welcher Buͤrger hat denn um dich angehalten, und durch wen denn, mein Kind?“—„Angehalten hat eigentlich keiner um mich,“ ſprach Maria;„aber wir lieben einan⸗ der ſchon lange, und ſo möchten wir ſehr natuͤrlich heirathen.“—„Doch, wie haſt du uns ſo etwas verbergen können?“ fragte Anna.—„Mein Gott! ich habe nichts verborgen, ihr wollt nur nicht ſehn“— „Gott ſteh' uns bei! du wirſt doch nicht den Dra⸗ goner meinen?“ rief Anna.—„Iſt er denn nicht zum Liebhaben?“ entgegnete Maria.— Da, zum erſten Male in ihrem nicht kurzen Leben, verloren beide aͤltere Schweſtern die Faſſung.„O du barm⸗ herziger Himmel! einen Soldaten heirathen!— O du unglückliches, von Gott verlaſſenes Kind!— Die Schande! die Schande!— Daß ſo ein ungluck uns treffen mußte!— Das bringt mich unter die Erde.“— Dabei ſahen Beide leichenblaß aus, und zitterten am ganzen Leib.— Maria, die einen hef⸗ tigen Auftritt nie erlebt hatte, die ihre Schweſtern eindlich liebte und ehrte, ſtand gebrochenen Herzens ſtumm und regungslos da. Als aber Eliſabeth, die einer Ohnmacht nahe war, ſich auf's Bett geworfen, — 221 und Anna, ihre Hand haltend, in lautes Schluchzen ausbrach, ſagte Maria, ſich naͤhernd:„Kennt. ihr mich denn gar nicht mehr, Schweſtern? war ich denn je ungehorſam? Ihr wollt nicht: das iſt mir genug. Seyd nur wieder gut!“ Da fiel Anna ihr um den Hals, Eliſabeth richtete ſich neu belebt auf, und reichte ihr die Hand.„Seyd nur ruhig, liebe Schwe⸗ ſtern,“ ſagte Maria:„ſchlaft recht ſanft; ihr wißt ja, was ich verſpreche, halt' ich,“... wie Georg, haͤtte ſie beinahe hinzugefuͤgt; ſie dachte es aber nur, und ging ſchnell auf ihre Kammer. Des andern Tages, bei dem Mittagseſſen, wo freilich niemand aß, ſagte Eliſabeth zu Anna:„Du wirſt wol heute dem Wachtmeiſter ſagen muͤſſen, daß er nicht mehr in's Haus kommen darf.“—„Er⸗ laubt, daß ich es ihm ſage,“ bat Maria,„gönnt mir und ihm den einzigen Troſt.“ Es wurde ſtillſchwei⸗ gend bewilligt. Als gegen Abend Georg kam, gin⸗ gen beide aͤltere Schweſtern in das Gaͤrtchen. Ma⸗ ria reichte ihm mit herzlicher Freimuͤthigkeit die Hand, und antwortete auf ſeinen: Guten Abend!„Jeder Tag, und jeder Abend, an dem man nicht un⸗ recht thut, iſt gut, nicht wahr, lieber Georg?“— „Ja wohl,“ ſprach er;„doch wie kommen Sie mir vor, liebſte, beſte Maria! ſo blaß und verweint?“... „Nur ſo ein wenig,“ ſagte ſie, ſchmerzlich laͤchelnd. „Setzen Sie ſich hieher, zu mir; es iſt ja zum letz⸗ 222 ten Mal!“. Und nun weinte die Arme, und nicht wenig.—„Mein Gott, was iſt geſchehen?“ rief Georg.—„Ich habe mit den Schweſtern geſpro⸗ chen,“ ſchluchzte Maria,„und ſie wollen nicht, daß wir einander lieb haben; ſie ſagen: wenn wir uns heiratheten, wuͤrde es ihr Tod ſeyn.“—„Und ſo darf ich Sie auch nicht mehr beſuchen, nicht wahr, Marie?“—„Das wollte Ihnen die Schweſter Anna ſagen; aber ich bat, es mir zu uͤberlaſſen.“— „Das iſt brav. Wenn im Krieg uͤber einen armen Teufel Standrecht gehalten wird, ſo ſind's ſeine be⸗ ſten Freunde, die heraustreten aus dem OQuarré, und ihm ſchnell die Kugel in's Herz jagen.— Ma⸗ rie, ich danke Ihnen; leben Sie wohl, gutes Maͤd⸗ chen, weinen Sie nicht um mich; weiß Gott! ich bin's nicht werth.“— Er war fort, denn er hatte des Mädchens Schmerz nicht ertragen können.— Sebaſtian hatte eine reiche, haͤßliche und zänkiſche Buͤrgerstochter heimgefuͤhrt. In einer Wiege lag mun ſchon ein uͤberſchopptes kleines Ding, das oft in ſchmutzige Wäͤſche eingewickelt, aber immer mit Bän⸗ dern aufgeputzt war, und das, zu der Aeltern groß⸗ ten Freude, ſchon ſo pfiffigdumm als der Vater zu lächeln, ſo gewaltig als die Mutter zu ſchreien verſtand. Des Dragoners Haushaͤlterin hatte den Hochzeits⸗ zug, und drei Vierteljahre darauf die Taufe in der Kirche geſehn. Sie hatte in der Kuͤche den Brat⸗ „ 223 ſpieß gewendet, indem ihr Herr, wie billig, an ber Ta⸗ fel ſaß. Dieſer hatte ſeitdem vor ihr keine Ruhe, Sebaſtians Reichthum war ihr bei dieſen zwei Ge⸗ legenheiten zu anſchaulich geworden, als daß er nicht alle ihre Schmerzen erneuert haͤtte. Georg hoͤrte wol eine Weile geduldig ihre Klagen an; wenn es ihm aber zu viel wurde, nahm er ſeine Pfeife, und ſetzte ſich auch an dem kälteſten Tage hinaus auf die Bank unter den Hollunderbaum; denn immer war ihm da, als ſäße Maria an ſeiner Seite, oder als muͤßte ſie eben kommen. Im Hauſe der drei Schweſtern war es ſtille geworden, wie im Grabe. Wie die Pflanze, dem naͤhrenden Boden entriſſen, noch einige Stunden gruͤnt und bluͤht, dann aber welkt, hindorrt und bald ganz abſtirbt; ſo hatte Maria die erſte Zeit, nachdem ſie den Umgang mit Georg aufgegeben, noch einigen Lebensmuth gezeigt, munter, ja faſt fröhlich zuweilen ausgeſehn; aber nach und nach hatte ihre Jugend⸗ kraft der Laſt eines ganz freudenloſen Lebens erlie⸗ gen muͤſſen: ſie war nicht bettlägerig, unterzog ſich, wie ſonſt, der Ordnung des Hauſes, legte auch me⸗ chaniſch ſelbſt Hand an, wo man ihrer bedurſte, zeigte große Angſt, wenn einer ihrer Schweſtern auch nnr unbedeutend etwas fehlte, ließ aber alles uͤbrige ohne Theilnahme geſchehn, und hatte ſich, ohne es ſelbſt zu wiſſen, faſt des Redens entwoöhnt. Dabei ſah ₰ B 224 ſie bleich und verfallen aus, ihr Auge war erloſchen, und wenn ſie auch noch ſo leiſe des Nachts unter ihrer Bettdecke ſchluchzte, ſo hörte es dennoch bald die eine, bald die andere ihrer Schweſtern, die oft ängſtlich an ihrer Kammerthuͤr lauſchten. Von einer Großmuhme, die aus Gram uͤber eine gewaltſame Trennung von dem Geliebten geſtorben war, hatten Anna und Eliſabeth ihre ſelige Mutter oft erzaͤhlen gehoͤrt. Daß ſie etwas Aehnliches an Maria erleben könnten, wurde ihnen bald furchterlich klar, und jede andere Ruckſicht, als die der Erhaltung des ge⸗ liebten Kindes, mußte weichen. Georg erſtaunte nicht wenig, als an einem Sonntage Nachmittags beide ehrbaren Jungfern in ſeine Stube traten, und ihn mit niedergeſchlagenen Augen und leiſer Stimme baten, in ihr Haus zu⸗ ruͤckzukehren. Er zeigte ſich ſehr bereitwillig. Wie ſie aber, nicht ohne Umſchweife, endlich dazu kamen, ihm zu erklaͤren, was ſie zu dem, in ihren Augen ſo ungeheuren, Schritte bewogen habe, da wollte er ſprechen, aber er fuͤhlte, daß er zugleich auch wuͤrde weinen muͤſſen, und der Dragoner wollte lieber ſter⸗ ben, als weinen. Er biß die Zähne uͤber einander, blickte ſtarr hinauf, und faßte den Tiſch an, daß er krachte; die Adern ſeiner Stirn waren ſo furcht⸗ bar aufgeſchwellt, ſeine Lippen zitterten ſo krampf⸗ haft, daß die guten chweſtern, ungeachtet aller — 225 Scheu, die ſie vor ſeinem Stande und ſeinem Ge⸗ ſchlechte hegten, ihn bei den Haͤnden faſſend auf ei⸗ nen Sitz niederzogen, ja ſogar ihm die Halsbinde löſeten. Ein geoffnetes Fenſter that das Uebrige. Georg erholte ſich, er war jetzt nur ſehr blaß. Anna und Eliſabeth machten ſich eilig auf den Heimweg; doch fanden ſie kaum Zeit, Marien auf den Be⸗ ſuch des Dragoners vorzubereiten; er war ihnen auf dem Fuße nachgefolgt. Als ſie ihn auf der Treppe hoͤrten, ließen ſie das zitternde Mädchen al⸗ lein, und gingen in die Kuͤche, das Verlobungs⸗ mahl mit großem Aufwande, doch mit noch groͤßerer Wichtigkeit und Freude, zu beſorgen. Der Verlobung mußte dieTrauung bald fol⸗ gen; dem Dragoner war das Aufgeben des liebſten Gluckes eher zuzumuthen, als ein langes Erwarten deſſelben. In wenig Wochen wurde Hochzeit gehal⸗ ten, wol noch im Hauſe der Schweſtern; dann aber fuhrte Georg die geliebte Braut in ſein kleines Haus. — Fuͤr Eliſabeth und Anna war dieſe Trennung ein bitterer Anfang des Todes. Auch der Troſt, daß nun ihr Liebling die Erfuͤllung aller Wuͤnſche gefun⸗ den, ſollte bald ſchwinden. Geſchaͤftige Nachbaren machten Bemerkungen, und theilten ſie ihnen freund⸗ ſchaftlich mit. Maria hatte an dieſem Morgen roth⸗ geweinte Augen gehabt, an jenem Abend war je⸗ mand vor ihrem Hauſe vorbeigegangen, der das laute Perin Erzählungen. 15 ——— M eeae —— ———————— 6 Donnern von Georgs Stimme, das leiſe Flehn der ihrigen ganz deutlich vernommen hatte. Solche, oft wiederholte Nachrichten, waren eben ſo viele Dolch⸗ ſtiche fur die Herzen der gutmuͤthigen, männerſcheuen Jungfrauen. Dennoch ſchwiegen ſie noch gegen Ma⸗ rien: ſie erſchraken vor dem Gedanken, eine Ehe zu ſtören, ein Weib zu Klagen uͤber ihren Mann zu verleiten, und bezahmten aus wahrem ſeltenen Tu⸗ gendſinn Herz und Zunge. An einem truͤben Herbſtmorgen beſuchte Maria ihre Schweſtern. Sie trug einen ſchweren Korb; der fruͤhe Gang in der feuchten Luft gab ihr ein etwas zerſtörtes Anſehn. Eliſabeth nahm ihr den Korb ab, und trug ſie mehr, als ſie ſie fuͤhrte, zu einem Sitze. Anna ging eilig in die Küche, Kaffee zu kochen; Ma⸗ ria ließ es laͤchelnd geſchehen, denn ſie wußte wol, eſſen und trinken mußte ſie bei den Schweſtern, wollte ſie die guten Seelen nicht auf's höchſte kraͤnken. Mun ſtand der Kaffee auf dem Tiſche, und beide ältere Schweſtern ſaßen der jungen Frau ge⸗ genüber, die ſie mit unendlicher Freundlichkeit anla⸗ chelte. Aber Maria's Lächeln hatte von jeher die Wehmuth verrathen, die trotz ihrer gewohnten Mun⸗ terkeit ſie heimlich oft beſchlich; die Schweſtern konn⸗ ten es nicht lange ertragen, ſie brachen beide in Thranen. aus„Um Gottes Willen! was iſt euch?“ rief Maria erſchrocken.—„Es iſt umſonſt,“ ſprach 227 Eliſabeth,„wir können dir's nicht mehr verbergen, wir wiſſen es, wie ungluͤcklich du biſt.“—„Wo denkſt du hin,“ ſagte Maria, wie könnt ich jett noch unglůͤck⸗ lich ſeyn?“—„O, verſtelle dich nur nicht gegen uns; du haſt wol recht, wenn du dich ſonſt niemand vertrauſt, aber uns darfſt du deine Leiden klagen.“ Da nun Maria vor lauter Verwunderung ſchwieg, ſagten ihr die Schweſtern, was ſie von den wohlmeinenden und aufmerkſamen Nachbaren erfahren hatten.—„Georg hat eine laute Stimme, vor der ich anfangs zuweilen erſchrak, das iſt wahr,“ ſagte Maria,„auch iſt er, wie alle Maͤnner, dann und wann verdrießlich.“—„Alſo halt er dich nicht in Ehren wie er ſollte, und weil du nun ſein Weib biſt“——„O, ich bitte euch! kein Wort weiter!“ rief Maria;„liebe, gute Schweſtern! wißt ihr denn gar nicht, was es um eine herzinnige Nei⸗ gung ſey? und wie unmoͤglich es iſt, einander dabei zu beleidigen 2... Ich moͤchte meinen Georg um kein Haar anders haben, als er iſt. Seht, wenn das Pol⸗ tern nicht waͤre, ſo waͤre auch das Wiedergutmachen nicht. O, könnt' ich euch begreiflich machen, wie gut, wie lieb er ſeyn kann, ihr wuͤrdet mich gewiß nicht mehr bedauern.“ Bei bieſer Rede hatten ſich alle Ro⸗ ſen auf Maria's Wangen entfaltet, und ihr Auge glaͤnzte ſternenhell. Raſch hob ſie ihren Korb vom Bo⸗ den, als ware er federleicht, ſie kußte recht herzlich die Schweſtern, und eilte nach Hauſe. 15* 228 Lange ſaßen Eliſabeth und Anna ſprachlos ne⸗ ben einander; endlich ſagte mit einem unterdruckten Seußßer die letzte:„Es muß doch etwas ganz be⸗ ſonders ſeyn um die Liebe!“— Eliſabeth nickte mit dem Kopfe, und reichte ihr die Hand. Dann blickten Beide mit Ergebung hinauf, und gingen getroſt an ihren Beruf. In der Folge, als das kleine Haus an der Stadtmauer alle Bewohner nicht leicht mehr faſſen konnte, belebte eine kleine Maria von neuem das Haus der guten alten Schweſtern. Sie liebten das Kind, wo moͤglich, noch zärtlicher als ſeine Mutter; doch ſo oft es einen Fehler beging, oder einen kleinen Muthwillen blicken ließ, ſagte die Eine kopſſchuttelnd zu der Andern:„das Dragonerblut laͤßt ſich nicht verlaͤugnen.“ * Imprimatur. Vom k. k. Buͤch. Rev. Amt. Wien, am 20. April 1822. Sartori m. pr. —— i ſſſſſſſſſſſſſiſſſſſſſſſſſſſſſimſſſſſſſſnſiſeMſ 5 1 8 9 10 11 12 13 14 1 6 17 18 — 4 3. — S*7 3— 3 5