eihbibliochet CFduard Ottmann in Gieſſen Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Veih und eſebedingungen. 1 Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. CQaution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe S entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuri gabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mf. 50 Pf. 2 W— Pf. „„ 2— 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Sir beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Sſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 S feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. eSeeee „ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur — 9 1 — Bibliothek tlaſſiſcher Schriftſteller Nordamerikas. Erſter Band. James Paulding's amerikaniſche Romane. Erſter Theil. Fiankfurt am Main, 1837. Druck und Verlag von J. D. Sauerländer. — James Paulding's Amerikaniſche Romane. Erſte Band . Wohlauf, nach Weſten! Erſter Theil.. Frankfurt aum Main, 1837. Druck und Verlag von J. D. Sauerländer. — Wohlauf, nach Weſten! Roman von ames Paulding. Aus dem Engliſchen. Erſter Theil. Frankfurt aum Main, 1837. Druck und Verlag von J. D. Sauerländer. Kommt all', ihr lieben Burſche, die gern wandern In fremdem Land, von einem Thal zum andern; Neuer Luſt zieh'n wir entgegen, laſſen froh uns nieder am ufer des freundlichen Ohiv. Kommt, ihr Mädchen aus Neu⸗Engeland, Kommt, und junge Gatten ſind euch zur Hand; Vock und Reh und anderes Wild ſpringt hier froh, Daß wir's jagen mit Hund und Stutzer am Dhio. Ballade. — — 6—— ———,———————, —————————— ihren beſondern Sitten, Gewohnheiten und Lebensverhält⸗ An die Leſer. Die Anhänger von Sekten und Parteien bilden ſich gar gern ein, jedes Buch, welcher Art es auch ſei, und welchen Stoff es behandle, mache es ſich zum Vorwurfe, ihre Lieblingslehren und Grundſätze zu vertheidigen oder zu bekämpfen, und beurtheilen darnach allein die vorge⸗ tragenen Anſichten und Gefühle. Ein ſolcher Grundſatz aber iſt, wenn man ihn, auf dichteriſche Werke vornehm⸗ lich, anwendet, ganz geeignet, dem Verfaſſer in der Zeich⸗ nung der Charaktere, ſo wie in der Darlegung der aus niſſen hervorgehenden Gefühle und Ausdrucksweiſen auf eine wahrhaft tyranniſche Weiſe zu beſchränken. Wenn er einen Charakter erfunden hat, muß es ſein Beſtreben ſein, ihn ſo handeln und reden zu laſſen, wie eine ſolche Perſon unter ähnlichen Umſtänden natürlich handeln und reden würde. Wir glauben aber, daß er hierin nicht weiter verantwortlich gemacht werden darf, als Wahr⸗ ſcheinlichkeit und gute Sitte es fordern. Auch kann ihn, wie es uns bedünkt, eine beſondere Klaſſe oder Sekte oder Partei unmöglich feindſelig angehen, wenn er viel⸗ leicht einen Charakter darſtellt, durch welchen er ihre gelegentlichen Exceſſe oder Thorheiten zur Erſcheinung zu bringen beabſichtigt. Ein Schriftſteller iſt, unſerer Anſicht nach, in dieſer Beziehung mit Recht nur für die Gefühle und Anſichten verantwortlich, welche er ausſpricht, indem er in eigener Perſon auftritt und den Leſern ſeine Reverenz macht. So ſind, zum Beiſpiel, die kleinen Ausfälle gegen die Yankees, welche in dem nachſtehen⸗ den Werke dann und wann ſich geltend machen, als die Gefühle und Vorurtheile derjenigen, denen ſi in den — — — Mund gelegt worden, charakteriſtiſch bezeichnend, und nicht als die Gefühle des Verfaſſers zu betrachten. So verhält es ſich auch mit der Scene in Philadelphia, welche einfach in Darſtellung desjenigen iſt, was natürlicherweiſe die Gefühle eines klugen Sklaven in der geſchilderten Lage und unter jenen Umſtänden ſein würden. Der Verfaſſer ehrt im höchſten Grade die Beweggründe derer, welche aufrichtig bemüht ſind, all das Mißliche, das mit der Sklaverei verbunden iſt, aus den Vereinigten Staaten zu verbannen, und Niemand wünſcht herzlicher, daß dies mit geringerer Gefahr, hinſichtlich des Glückes der Herrn ſowohl wie der Sklaven, möglich zu machen wäre. Der Hauptvorwurf des Verfaſſers war, eine wich⸗ tige Moral mit dem Intreſſe einer Reihe von Begeb⸗ niſſen und Skizzen von Landſchaften, Charakteren, Sitten, Gedanken und Ausdrucksweiſen zu verbinden, wie er weiß oder glaubt, daß ſie in einzelnen Theilen der Ver⸗ einigten Staaten da ſind oder da waren. Die Erzählung macht keinen Anſpruch auf hiſtoriſche Begründung und ſtrebt eine beſondere chronologiſche Genauigkeit nicht an; obgleich, wie man glaubt, die Wahrheit in dieſer Bezie⸗ hung hinreichend beachtet worden iſt, um dem Ganzen das Intereſſe wirklicher Begebniſſe zu leihen. ——— —— ₰ Erſtes Kapitel. „Das düſtere, blutige Land.“ Wer, der da Ohren hat zu hören, hat nicht vvn „alt Kentucky“ gehört, welches nun beinahe zu einem vierzigjährigen Alter gediehen und berechtigt iſt, ſich die Ehren eines Patriarchen unter der jungen Brut von Staaten anzueignen, die wie Pilze in dem weiten Thale des großen Vaters der Gewäſſer emporwachſen? Seine erſte Geſchichte iſt ein Roman; ſein Erblühen ein Wun⸗ der; ſein Boden ein Garten; ſeine Frauen halb Engel und halb Heldinnen; und ein Theil ſeiner Männer, wie glaublicherweiſe behauptet worden, halb Pferd und halb Alligator, wozu in neuerer Zeit, gleichſam als eine Artig⸗ keit gegen jene großartigen Hervorbringungen des Genie's Fulton's, die jetzt auf den Strömen des Weſten ſchwim⸗ men, wie Vulkane rauchend und Feuerregen verſprühend, ein dritter Beſtandtheil kam,— nemlich„ein kleiner Anflug von Dampfboot.“ WVor weniger als ſiebenzig Jahren athmete noch kein einziger weißer Mann innerhalb ſeines ausgedehnten Gebietes. In dieſer kurzen Zeit, welche kaum das Leben eines einzelnen Individuums umfaßt, hat der Charakter des Bodens und das Antlitz des Menſchen in dieſem Lande der Wunder eine gänzliche Umwandlung erfahren. Die wilde Ueppigkeit der Natur hat den reichen Erzeug⸗ niſſen menſchlicher Thätigkeit Platz gemacht; an die Stelle der wilden Thiere des Waldes ſind friedliche Heerden getreten, und der wilde Indianer iſt vor jenem Schick⸗ ſale gewichen, das ihn überall hin verfolgt. Nichts als die Ströme, die Berge und die Sage ſind noch da, um für die Wahrheit des Gemäldes Zeugniß abzulegen, welches frühere Abenteurer von dieſem reichen, romantiſchen Gebiete entworfen haben. Die jagdtreibenden Nationen, die wandernden Könige der Wälder, welche einſt die Herrſchaft über die tiefen, dunkeln Wälder anſprachen, und die wilden Thiere, welche ſie bewohnten, und welche man in Wahrheit ihre einzigen ſteten Bewohner nennen konnte, verſchwanden allmählig nach einem halbhundertjäh⸗ rigen Kampfe, ſo wild, ſo ausgedehnt, ſo blutig und erboßt, ſo voll von Gefahren, Leiden und Unfällen, für den rothen wie für den weißen Mann ſo unglücklich, daß dieſes lächelnde, fruchtbare Gebiet, jetzt der Wohnſitz faſt einer Million glücklicher Leute, in den Sagen von der vergangenen Zeit und in dem Andenken der alten überlebenden Anſiedler den Unheil verkündenden und traurigen Namen„des düſtern, blutigen Landes“ erhielt. Das freie, wagehalſige und abenteuerliche Leben der Anſiedler in dieſem Lande der Verheißung gab ihnen und ihrer Nachkommenſchaft einen Charakter des Enthuſias⸗ mus, der Lebhaftigkeit, des Muthes, der Unverzagtheit, der Offenheit und des Edelmuthes, welcher ſie in manchen Beziehungen von allen übrigen Menſchen auszeichnet. Inmitten von Gefahren erzogen, und in großen Entfer⸗ nungen von einander lebend; gewöhnlich im Beſitze aus⸗ gedehnter Länderſtrecken und zahlreicher Sklaven; ſelten mit ihres Gleichen verkehrend und Niemand über ſih anerkennend; gewöhnt, für ſich zu denken und zu han⸗ deln,— hat ihr Charakter etwas urkräftiges, wunder⸗ bar kühnes, friſches und vriginelles. Die hergebrachten Formen und Anſichten, welche von den ältern Staaten ohne Prüfung angenommen und als etwas ſich von ſelbſt verſtehendes befolgt wurden, haben hier in bedeutendem Maſe dem Geſetzbuche der Einwanderer weichen müſſen, das in ihrer erſten eigenthümlichen Lage und den Umſtän⸗ den ſeinen Urſprung hatte. Ihre Ideen ſind ſtark mit poetiſchen Uebertreibungen geſchwängert; ſie nehmen den Mund voll, und kennen keine Art von Vergleichungs⸗ ſtufen, als den Superlativ; ihren Leidenſchaften fehlt es bei weitem mehr an dem Zügel, als an dem Sporn, und die gewöhnliche Sprache der Bootsleute iſt ein ſelt⸗ ſames Gemiſch von Tropen, Figuren und Metaphern, welche ihrer frühern Lebensweiſe, den Scenen und Beſchäf⸗ tigungen, an welche ſie am meiſten gewöhnt, entnommen ſind, oder darauf anſpielen. In den Wildniſſen, inmitten des großartigen Charak⸗ — 12— ters der Natur aufgewachſen, mit Gefahren, oder wenig⸗ ſtens mit der noch friſchen Erinnerung an Gefahren vertraut, von Jugend auf gewöhnt, die noch lebenden Anſiedler des Weſten von den Müheſeligkeiten und Leiden, welche ſie gefunden, überſtanden und beſiegt, als ſie allein in der Wildniß lebten, erzählen zu hören; von liſtigen, rachſüchtigen Wilden heimlich bewacht, belauert und umla⸗ gert, erlangten ſie ein inſtinktartiges Bewußtſein der ſtets drohenden Gefahren, und lernten, ohne ein Zucken, dem Tode und jeder Art Qualen in das Geſicht zu ſchauen. Das Ergebniß ihrer eigenthümlichen Lage, ihrer Sitten und Denkweiſe war eine Menſchenrage, welche eine Furchtloſigkeit vor Gefahren, einen kühnen unter⸗ nehmungsgeiſt, eine Kraft zur Ertragung von Mühſelig⸗ keiten und Entbehrungen, eine Unabhängigkeit der Seele in ſich vereinigte, wie man dieſe Eigenſchaften in dem Vorſchreiten und der Ausbildung des civiliſirten Lebens vielleicht in keinem Lande, außer den Vereinigten Staaten vergeſellſchaftet fand. Und dies iſt auch die große Eigenthümlichkeit dieſer neueſten aller möglichen Welten, das Weſtland genannt. Nirgends ſonſt wird man dieſe Vereinigung von ſchein⸗ bar Unverträglichem finden, wie ſie in dieſem merkwür⸗ digen Lande beſteht. Nirgends ſonſt finden wir in Block⸗ häuſern, inmitten der Urwälder, Frauen, welche in dem Geſellſchaftsſaal ihre Bildung erhalten, Männer, welche in der großen Welt als Krieger, Staatsmänner und Redner eine Rolle geſpielt haben. Die Erzählung, welche wir mitzutheilen im Begriffe ſind, ſteht mit der erſten Geſchichte dieſes großen und erblühenden Gebietes des Weſten in Verbindung. Zweites Kapitel. Ein ächter Virginier. Cuthbert Dangerfield, oder wie man ihn gewöhnlich nannte,(denn unter zwei Männern, denen man in dieſem Lande begegnet, hat der Eine gewiß einen Titel) Oberſt Dangerfield war ein virginiſcher Gentleman— ein ächter ſogenannter Tuckahve— deſſen Familie einſt mit Kapi⸗ tän John Smith„dem Eroberer“ herübergekommen war* und mehrere Generationen hindurch am James⸗Fluß, in der Nähe der Turkey⸗Inſel, unterhalb der ſchönen Stadt Richmond, gewohnt hatte. Seine Pflanzung war ſo ausgedehnt, daß er in Deutſchland wenigſtens eine halbe Stimme bei dem Bunde hätte in Anſpruch nehmen können; die Zahl ſeiner Unterthanen, oder Sklaven, kam 3 der eines ruſſiſchen Großen bei, und ſeine Geſinnung war die eines Fürſten, da es der alten Vergleichungs⸗ † . weiſe gemäß für ausgemacht angenommen werden kann, daß ein Fürſt bei weitem liberalere Geſinnungen hat, als ein Edelmann. In der Zeit, von welcher wir reden, war die Turkey⸗ Inſel und die ufer des James⸗Fluſſes zu beiden Seiten, bis hinab nach James⸗Town, der Wiege unſerer neuen — Welt, durch die Wohnſitze einer großen Menge vorneh⸗ mer Familien des alten Virginiens geſchmückt. Hier ſtanden die Häuſer der Randolphs, der Byrds, der Pages, der Carters, der Harriſons von Berkely und Brandon und vieler andern gleich gaſtfreien Familien jedem Ankömm⸗ ling, dem Reichen, wie dem Armen, offen, und kein Fremder, der einigen Anſpruch auf gute Erziehung machte, durfte es ablehnen, einzutreten, wenn er ſich nicht der Gefahr, eine Ausforderung zu erhalten, ausſetzen, oder dem Verdachte anheim fallen wollte, für einen Pferde⸗ dieb oder einen Mann gehalten zu werden, welcher der Gerechtigkeit entflohen. Dieſe Leute waren nie glück⸗ licher, als wenn ihre Häuſer mit Beſuchern angefüllt waren, und man erzählt wohl, daß Fremde, während ſie ſich ihrer Gaſtfreundſchaft erfreut, ſich zuweilen vergeſſen und zu Hauſe zu ſein glaubten. Ihr Widerwille gegen förmliche Beſuche und förmliche Einladungen war ſo groß, daß bis auf dieſen Tag eine gewiſſe Kälte zwiſchen zwei hier anſäſſigen Familien herrſcht, welche ihren Grund in dem Umſtande hatte, daß der Vorfahr eines dieſer Häuſer einſt eine Viſitenkarte in dem Hauſe ſeines Nachbarn abgab. Es galt für eine Todſünde gegen gute Nachbarſchaft, einen Beſuch anzukündigen, und Niemand erachtete ſich für willkommen, wenn er in Folge einer Ein⸗ ladung kam. Wenn Randolph von Turkey⸗Inſel glaubte, ſein Nachbar Dangerfield auf dem andern ufer zögere zu lange mit ſeinem Beſuch, ſo ließ er ſeinen alten ſchwar⸗ zen Herold in ſein Horn ſtoßen, um ihn zum Tiſch oder zum Kampfe herauszufordern, und die Folge der Ver⸗ nachläſſigung der Antwort oder des gänzlichen Ausblei⸗ bens derſelben würde eine tödtliche Feindſchaft geweſen ſein, welche ſich bis in das vierte Geſchlecht fortgepflanzt hätte. Nie waren Leute bei ſo wenigem Gelde glücklicher. Ueberfluß, ja, Verſchwendung herrſchte rings um ſie, und doch lebten Viele gewiſſermaßen von der Zukunft. Ihr Einkommen war faſt immer lange vor der Zeit durch⸗ gebracht, und die Erndte des nächſten Jahres war größ⸗ tentheils verſchrieben, um die Bedürfniſſe des laufenden zu befriedigen. Sie fürchteten nichts, als ſchlechtes Wetter für den Tabak, einen Schuldſchein und einen ſchottiſchen Kaufmann. Sie zeichneten ſich unter den beſten Ariſto⸗ kraten neuerer Zeit durch ihre Kühnheit und Mannhaf⸗ tigkeit aus, ſind aber faſt alle aus ihren alten Beſitzun⸗ gen verſchwunden. Da und dort iſt jedoch noch einer dieſer alten Herrn des Landes in dem Beſitze ſeiner Pflanzung an den Ufern des James⸗Fluſſes geblieben, und wir haben den Geſchmack von heiligen Ueberbleibſeln alten Madeira's, welcher an ihren gaſtfreien Tafeln mit offener Hand geſpendet wird, noch auf der Zunge. Oberſt Dangerfield war reich an Ländereien und Sklaven; aber welche Ergiebigkeit von Land und menſch⸗ licher Mühe kann den Bedürfniſſen ſi orgloſer Verſchwendung Genüge thun, deren unaufhörliche Abzüge endlich den —— reichſten Voden in eine Sandwüſte verwandeln! Der Tabak ſaugt der Erde auf eine bedauerliche Weiſe die beſte Kraft aus, und zu viele auf einander folgende Erndten erſchöpfen ſie, ſo daß ſie Jahrelang nichts mehr hervorzubringen im Stande ſein würde, als Unkraut und Sumach. Der Oberſt hielt ein offenes Haus, und die Anfor⸗ derungen ſeines Lebens griffen ihn ſo ſtark an, daß er zu dem Auskunftsmittel griff, dem ſchottiſchen Kaufmann ſeine Erndten auf zwei Jahre im Voraus zu überlaſſen. um den daraus erwachſenden Schwierigkeiten zu begegnen, griff er ſeine Ländereien viel ſtärker an, dehnte ſeine Tabakspflanzungen aus, bepflanzte denſelben Boden wieder⸗ holt mit demſelben Getreide, bis dieſer endlich„den Geiſt aufgab,“ und, gleich einem überbildeten Verſtande, für immer unfruchtbar wurde. Der ſchottiſche Kaufmann war aus einem oder viel⸗ mehr aus zwei abſonderlichen Gründen ziemlich gedul⸗ dig. Er war im Allgemeinen ein gutmüthiger, edler Charakter, ausgenommen in Kleinigkeiten. Er wußte, daß er, bedrängte er einen Pflanzer zu heftig wegen der Bezahlung ſeiner Schulden, den Verkehr mit allen den Uebrigen verlöre, die ſich dann erheben und gemeinſchaft⸗ liche Sache gegen einen ſo unedlen Geiz machen würden; überdies ſagte er ſich auch, daß es nach dem hergebrach⸗ ten Rechte des„alten Gebietes“ kein Mittel gab, Grund und Boden anzugreifen, der Eigenthümer müßte denn Paulding 1. 2 freiwillig eine Verſchreibung von ſich gegeben haben. Aus dieſen Gründen dehnte ſich ſeine Geduld wirklich weiter aus, als ſonſt zu erwarten geweſen wäre. Aber die Geduld eines Gläubigers iſt gar nichts im Vergleich mit der eines Schuldners. Der Eine iſt ein bloßer Miethklepper, der bei dem erſten Laufe zuſammen⸗ ſtürzt, der Andere ein Vollblut⸗Renner von der edelſten Art, welcher, wie das alte Virginien ſelbſt,„nimmer müde wird.“ Der Kaufmann verlor zuletzt die Geduld, und begann, einen Wink wegen einer Verſchreibung fallen zu laſſen, — ehrenrührige, beleidigende Worte für eines Pflanzers Ohr. Der Oberſt forderte den ſchottiſchen Kaufmann wegen der Kränkung, die er in dieſem Vorſchlage fand, heraus; der letztere antwortete aber, wie ein vernünftiger Mann, er möge ihm nur erſt ſein Geld zurückgeben, dann würde er mit großem Vergnügen auf dem Kampf⸗ platz erſcheinen; aber es ſei für einen Schuldner wohl angenehmer, ſeine Schulden mit einer Kugel zu zahlen, als für einen Gläubiger, ſich auf dieſe Weiſe abfinden zu laſſen. Von dieſer Zeit an beſtürmte er den Oberſt mit jeder Poſt, die aber,— man muß dem Kaufmann Gerechtigkeit wiederfahren laſſen— wöchentlich nur ein⸗ mal ging. Es gibt Leute, denen es gleichgültig iſt, wenn ſie Tag um Tag beſtürmt werden; ſie gewöhnen ſich allmäh⸗ lig daran, und erwerben ſich eine außerordentliche Fertig⸗ —— keit im Erfinden von Ausflüchten. Oberſt Dangerfield gehörte aber nicht zu dieſen. Nicht für ſein Leben hätte er irgend eine Unwahrheit erſinnen können, und wenn er es auch ſo weit gebracht hätte, würde er ſich nie ſo weit erniedrigt haben, ſie auszuſprechen. Die Lage ſeiner Angelegenheiten, welche allmählig ſchlimmer und ſchlimmer wurde, und die Zudringlichkeit ſeines Gläubigers, welche von Tag zu Tag wuchs, laſteten gewaltig auf ſeiner Seele. Er verlor ſeine Heiterkeit und mit ihr allen Geſchmack an den Freuden der Geſelligkeit; er wurde mürriſch, reizbar, zerſtreut, und entzog ſich allen ſeinen gewöhnlichen Ergötzungen in und außer dem Hauſe. Plötzlich aber ſchien er ſich wieder zu ſammeln. In den öffentlichen Blättern erſchien eine, mit der Unterſchrift eines bekannten Herrn, der ein Liebhaber von Wettrennen war, verſehene Anzeige, in welcher er ſich erbot, ſeine aus der Fremde eingebrachte graue Stute, Lady Molly Magpie, vier Meilen⸗Läufe gegen ganz Virginien um jede Summe, von ein bis zwanzig tauſend Pfund, alten Geldwerthes, rennen zu laſſen. Oberſt Dangerfield ſpitzte das Ohr. Er beſaß ein merkwürdiges Pferd, Barebones genannt, das lange auf allen Pferderennen Virginiens König geweſen, und ihm ſo große Summen gewonnen hatte, daß er den ſchotti⸗ ſchen Kaufmann hätte bezahlen können, wenn er nicht Alles wieder durch Wetten auf kaſtanienbraune Fohlen, Sichtbraune und Dreijährige ſeiner eigenen Zucht verloren 2* — hätte, welche zu ſeiner größten Verwunderung und Beſtür⸗ zung ſämmtlich das Unglück hatten, auszureißen, oder zu ſtürzen, oder überholt zu werden. Er beſchloß, die Aus⸗ forderung anzunehmen, worauf er, wie dies alle klugen Männer thun, wenn ſie einen Entſchluß gefaßt haben, ſich zu ſeiner Frau begab, um ihren Rath über die Sache zu hören. Miſtreß Dangerfield war eine der höchſten Zierden ihres Geſchlechtes; eine Heilige in ihrem Gemache, eine Matrone in der Kinderſtube, eine Dame in ihrer Küche ſo wie in ihrem Geſellſchaftszimmer; ſinnig, gefühlvoll, vollkommen in allem, was einer Frau zukömmt; eine aufmerkſame Hausfrau; eine ſorgfältige, zärtliche und doch feſte Mutter; ein Weib, das, ohne herrſchen zu wollen, nur darnach ſtrebte, die Unvorſihtigkeiten ihres Mannes zu überwachen und ſeine Schwächen durch milde Feſtigkeit zu beſiegen, indem ſie ihm Gründe bot, die beſſer waren, als das, was er entgegnen konnte. Unter zehn Mal brach der Zorn des Oberſten ein Mal aus, wenn er ſeine Wünſche oder Launen durchkreuzt ſah, und eilte unwillig davon; aber er verfehlte ſelten, zur gebührenden Zeit wieder zu kommen, und wandte ſich, da Niſtreß Dangerfield verſtändig und bedachtſam genug war, ſich zu enthalten, den Gegenſtand wieder zu berüh⸗ ren, mit einer Phraſe, wie die folgende, ihrer Meinung zu. „Meine Liebe,“ ſagte er dann,„wenn ich die Sache recht überlege, ſo glaube ich, ich habe dich dieſen Mor⸗ 21— gen nicht recht verſtanden. Deine Meinung war die und die.“ „Gewiß, ſo war es, mein Lieber; wie konnteſt du auch anders denken? Ich war ganz und gar deiner Anſicht.“ „O gut, wenn dies der Fall iſt, werde ich nichts dagegen haben. Thue ganz, wie es dir gefällt, meine Liebe.“ „Nein, nein, wie es dir gefällt, mein Lieber.“ „Recht, recht! Ich überlaſſe dir es ganz.“ Und die Sache war freundlich beigelegt. Der Oberſt war zufrieden, oder er fand es für gut, ſich zufrieden zu geben, daß er ſeinen Willen hatte, und Niſtreß Danger⸗ field war zu geſcheidt, um ihn zu enttäuſchen. Da er, wie wir angedeutet haben, den Entſchluß gefaßt hatte, die Ausforderung der Lady Molly Magpie anzunehmen, ſuchte er ſeine Frau auf und machte ſie mit ſeinem Vorhaben bekannt. Als eine kluge und bedachtſame Frau ſuchte ſie ihm natürlich abzurathen, ſeinen Entſchluß ins Werk zu ſetzen. „Du weißt, Oberſt, daß Barebones allmählig alt wird; er hat jetzt ſeine acht Jahre.“ „Sieben— nur ſieben, meine Liebe,— ſeit der letzten Heuerndte.“ „Nun, das kömmt faſt auf daſſelbe heraus, denn wir ſind jetzt im Anfang des Herbſtes. Aber auch davon abgeſehen, weißt du, daß das Thier bei ſeinem letzten Rennen mit Betſy Richards ſtrauchelte und faſt zuſam⸗ menbrach. Alle Welt ſagte, es würde beſiegt worden ſein, hätte Betſy nicht ſeitab Reißaus genommen.“ „Dann ſagte alle Welt etwas Albernes,“ verſetzte der Oberſt, nicht wenig entrüſtet. Miſtreß Dangerfield lächelte. „Was alle Welt ſagt, mein Theurer, muß, dem alten Sprichwort zufolge, wahr ſein.“ „V—d·t ſeien die alten Sprichwörter. Aber das Kurze und das Lange bei der ganzen Sache iſt, daß ich entſchloſſen bin, die Ausforderung anzunehmen. Man ſoll mir es nimmer nachſagen, ich ſei vor einer Ausfor⸗ derung des alten Allen von Claremont zurückgewichen.“ „Aber Allen von Claremont hat dich nicht heraus⸗ gefordert, mein Lieber.“ „Aber er hat mein Pferd herausgefordert, und das iſt ganz und gar daſſelbe.“ „Die Ausforderung iſt allgemein.“ „Ja, aber ich weiß, daß er mich gemeint hat. Er kann es nicht vergeſſen, daß er bei dem letzten Herbſt⸗ Wettrennen zu Tree⸗Hill von meinem Dreijährigen über⸗ holt worden iſt.“ Und der Oberſt lachte mächtig bei der Erinnerung an ſeinen Triumph über ſeinen alten Nachbarn und Neben⸗ buhler Allen von Claremont. „Gut, Oberſt, wenn du entſchloſſen biſt—“ 2— „Ich bin entſchloſſen— aber— aber doch— möcht' ich dich ein wenig dabei zu Rath ziehen.“ „Ei, wenn du entſchloſſen biſt?“ ſagte Miſtreß Dangerfield ein wenig muthwillig. „Ich— ich— möchte deine Anſicht hören, Cornelia,“ ſagte Oberſt Dangerfield, und ſchob ſeinen Stuhl vertrau⸗ lich in die Nähe ſeiner Gattin. „Meine Anſicht ſteht dir immer zu Dienſten, welcher Art ſie auch ſein mag, lieber Mann; und ſei verſichert, was ihr an Klugheit abgehen mag, wird durch meinen Wunſch erſetzt, der ſich meinem Herzen nie entfremdet — nemlich, deine Ehre und dein Glück zu fördern.“ „Ich weiß es, ich weiß es,“ rief er, und der liebende Gatte küßte ſie zärtlich, obgleich ſie faſt neun Jahre verheirathet waren. „Höre, Cornelia,“ ſagte er, und hier zauderte ſein ſtolzer Geiſt ein wenig:„ich habe mehr Schulden, als Nittel zu zahlen.“ „Ich weiß es, mein Lieber.“ „Du weißt es?— In des Himmels Namen, wie kannſt du etwas wiſſen, das ich auf alle mögliche Weiſe geheim zu halten bemüht war?“ „Die Liebe iſt ſcharfblickend und ſchlau. Ich habe geſehen, daß du in der letzten Zeit jede Woche Briefe erhielteſt, deren Hand mir bekannt iſt, und— 7— Inhalt ich kenne; denn ich weiß, mein theurer“ daß du in deinem Leben dich keiner Handlun⸗ „ ausgenommen, ſchuldig machteſt, welche dich veranlaſſen könnte, die Mittheilung derſelben vor irgend einem leben⸗ den Menſchen zu ſcheuen, oder beim Leſen derſelben ſolche wehmüthige Gefühle an den Tag zu legen.“ „Und dennoch haſt du nie darnach gefragt! Wun⸗ derbares Weib!“ „Ich wünſchte dich zu überzeugen, daß eine Frau ſtill ſein kann, wenn ſie gleich kein Geheimniß bewahren kann,“ verſetzte die Dame heiter. „Gut, meine Theure, ich bin verſchuldet— tief. verſchuldet. Meine Erndten ſind, für die nächſten drei Jahre wenigſtens, verpfändet; der Kaufmann beſtürmt mich, wenn ich fernere Vorſchüſſe verlange, wegen den bereits gemachten. Meine ganze Hoffnung beruht auf Barebones,— ich beabſichtige, wenigſtens zwanzig tauſend Pfund daran zu wagen. Gewinne ich, was gar keinem Zweifel unterliegt, ſo wird mich dies wieder zum Manne machen.“ „Wenn du aber verlierſt?“ „Keine Furcht deshalb,— Barebones nimmt es mit ganz Virginien auf. Wenn ich aber auch durch irgend einen unglücklichen Zufall verliere,— nun, ſo bin ich deshalb nicht ſchlimmer daran, als vorher. Ich habe bereits mehr Schulden, als ich, ohne ein Wunder, zu ahlen im Stande bin.“ Das nicht, mein Gatte,— ich glaube, ich kann dir einen Weg zeigen, deine Angelegenheiten ohne ein Wun⸗ der wieder in Ordnung zu bringen.“ „Ha— und wie, Cornelia?“ „Indem du von den Erndten der nächſten drei Jahre ſo viel ſparſt, daß du den ſchottiſchen Kaufmann damit bezahlen kannſt.“ „Sparen! Unmöglich!“ rief der Oberſt ganz erſtaunt. „Ich habe von ſo etwas all mein Lebtage nicht gehört. Wie um alle Welt ſoll ich dies anfangen?“ „Zuerſt alſo verkaufſt du deinen Renner.“ „Unmöglich! Was würde Allen von Claremont dazu ſagen?“ „Gleichgültig, was er ſagt; er wird dich für klüger halten, als er je vorher gethan. Sodann geben wir unſere Winterbeſuche zu Richmond auf.“ „Unmöglich! Was würde Niſtreß Grundy und alle deine übrigen alten Freundinnen dazu ſagen?“ „Laß ſie ſagen, was ihnen gefällt. Ich glaube, die Hälfte des menſchlichen Elends entſpringt aus unſerer thörigten Furcht vor dem, was die Leute von uns ſagen. Laß uns recht thun, und Andere ſich wundern, weun ſie wollen.“ „Gut, gut!“ ſagte der Oberſt Dangerfield, und ſchüttelte den Kopf:„Gut, und was dann?“ „Wir müſſen es aufgeben, ein offenes Haus zu halten, und Alle zu bewirthen, die kommen.“. „Ich laſſe mich hängen, wenn ich das thue,“ rief — er höchſt zornig.„Wie, ich ſoll mein Thor verſchließen, wie ein jämmerlicher Filz, und Fremden, die vorbei kommen, meinen Rücken zuwenden, und mich ſtellen, als ſäh' ich ſie nicht? Nein, nein, das geht nicht— was würde Randolph von Turkey⸗Inſel dazu ſagen?“ „Nun, was kann er ſagen, als daß du aus einem unklugen Mann ein kluger geworden biſt?“ „Klugheit! Die Klugheit iſt eine bettelhafte Tugend, und ich haſſe ſogar ihren Namen. Randolph van Turkey⸗ Inſel ſchwört, ſie ſei eine ſehr ſpießbürgeriſche Tugend, und ich bin ſeiner Anſicht.“ „Sie iſt eine Cardinal⸗Tugend.“ „Ja, aber nicht die Tugend eines Cardinals!“ Und der Oberſt lachte ſich über dieſen glücklichen Einfall faſt in gute Laune.„Gut, und was dann?“ „Wir können unſere vier Wagenpferde für die geld⸗ arbeit verwenden, und ſie Sonntags zur Fahrt in die Kirche benützen.“ Nun kamen aber in des Oberſten Herzen ſeine Wagenpferde ſogleich nach ſeinem Hauptliebling Barebo⸗ nes. Sie waren Voll⸗Brüder und ächtes Vollblut, wenn es je eines gegeben, und ihre Vorfahren kamen, wenn wir nicht irren, mit Wilhelm dem Eroberer herüber. Kurz, ſie hatten einen Stammbaum, um welchen ſie mancher kleinliche Ehrgeiz unſerer Zeitgenoſſen beneiden könnte. Der Gedanke, dieſe zu Pflug und Acker zu ernie⸗ drigen, verwandelte die ganze freundliche Gemüthsſtim⸗ ——— mung, welche der glückliche Einfall mit dem Cardinal erzeugt hatte, und der Oberſt wurde böſe. „Ja,“ rief er aus,„Jja, das Geblüt Godolphin's des Arabers ſoll an den Pflug geſpannt; zu Haut und Knochen ſollen die edlen Thiere herabgebracht werden, bis ihre feiſte, glänzende Haut den Haaren eines Narra⸗ ganſett⸗Kleppers gleich kömmt, und dann ſollen ſie am Sonntage vor dem Wagen ſtolpern, und im Schnecken⸗ gallopp in die Kirche gehen, und der alte Allen von Clare⸗ mont ſoll über uns in das Fäuſtchen lachen— ich will verflucht ſein, wenn ich je von einer ſo unvernünftigen Frau gehört habe. Nein, Madame,“ fuhr er fort, und ſeine Miene und ſein Ton erhoben ſich zu ſtolzer Größe —„nein, Madame, man ſoll nie ſagen, Cuthbert Danger⸗ field habe ein Blutpferd an eine Pflugſchar geſpannt, und ſeine Vorfahren, ſich und ſeine Nachkommenſchaft entehrt. Hört mich, Miſtreß Dangerfield! Barebones ſoll gegen Lady Molly Magpie ſo gewiß in die Schranken treten, als er Füße hat, zu laufen, und Boden, auf dem er läuft. Der alte Allen von Claremont ſoll nie ſagen können, daß ich ſeine Ausforderung verweigert hätte.“ Und der Oberſt ging, ſeiner Gewohnheit nach, hin⸗ weg, um ſich mit ſeinem erſten Vertrauten und Rath⸗ geber, Mr. Ulyſſes Littlejohn, zu beſprechen. Es dürfte nicht unpaſſend ſein, dieſen Mann bei unſern Leſern einzuführen. Der würdige Burſche war ein unberechenbar weit⸗ 3— läufiger Verwandter des Oberſten Dangerfield, ein Vetter vom ſechszehnten Gliede her, welcher in Betracht der nahen Familienverbindung völlig berechtigt erachtet wurde, auf Bett und Tiſch und Erhaltung bei dem Oberſten Anſpruch zu machen. Er hatte eine ganz ſchöne Pflan⸗ zung geerbt, die er wie ein Edelmann durchbrachte, indem er nemlich auf ſeine Angelegenheiten nicht achtete, und jedes Jahr mehr vergeudete, als ſeine Einnahme betrug. Dieſes Verfahren iſt untrüglich; es war aber für Mr. Littlejohn zu langſam. Als er ſah, daß er mit ihm bergab ging, beſchloß er, ſich durch eine Speculation zu helfen. Geſagt, gethan. Er borgte Geld, und baute an einem hübſchen Waſſerſtreifen, der durch ſeine Ländereien lief, eine Mühle. Dieſer glückliche Einfall würde ohne Zweifel ſeinen Angelegenheiten wieder aufgeholfen haben, wäre nicht, zwölf Meilen weiter oben, ein großer Sumpf trocken gelegt worden, wodurch der Waſſerſtreifen verſiegte. Man rieth Ulyſſes, den Eigenthümer des Sumpfes wegen dieſer freundnachbarlichen Handlung zu verklagen. Er ging alſo vor Gericht, und alle Welt prophezeihte ihm, er ſei ein zu Grund gerichteter Mann. Die Gerichte gleichen, wie jeder weiß, der einige Erfahrung in dieſer Sache hat, einer Art Schnecken ohne Füße. Man behauptet, ſie bewegten ſich wirklich, aber man ſieht dies nicht immer ohne Brille. Es iſt daher kein Wunder, wenn Schurken, wie man uns in der That verſichert hat, es ſei geſche⸗ hen, ſich beklagen, die Gerichte ſeien ſo langſam, daß ſie — —— . manchmal alle Geduld verlören, bis ſie zu dem Gal⸗ gen kommen. Das ſei nun wie ihm wolle.— Mr. Litt⸗ lejohn wartete fünf Jahre geduldig und wurde end⸗ lich durch einen Beſcheid gegen ſich belohnt. Er ſah ſich genöthigt, den Ueberreſt ſeiner Beſitzung zu verpfänden, um eine Rechnung zu bezahlen, aus welcher man, wenn man ſie in Streifen zerſchnitten, fünf Dutzend Schnei⸗ dermaße hätte machen können; überdieß hatte er die Schuld für die Mühle zu zahlen, welcher es an Waſſer fehlte, um ſie in den Gang zu bringen. Aber es war ſeine Beſtimmung, trotz der Härte des Schickſals auf dieſer Welt, glücklich zu ſein. Alle Welt bemitleidete ihn, und doch war er der luſtigſte Schelm in der ganzen Gegend und lachte mehr als zehn Andere in Virginia,— wir meinen nämlich weiße; denn obgleich die Neger ſo unausſprechlich unglücklich ſind, ſo geſchieht es doch— der Himmel weiß, wie— daß ſie hundertmal luſtiger ſind, als ihre Herrn. Als die Zeit herankam, wo das erborgte Geld bezahlt werden ſollte, bot er ſeinem Gläubiger die Mühle an, welche er damit gebaut hatte. Der Gläubiger weigerte ſich und Mr. Littlejohn hielt ihn für einen ſehr unver⸗ nünftigen Menſchen. Um die Sache kurz abzuthun,— er mußte zur gehörigen Zeit ſeine Ländereien verkaufen, und der Erlöß reichte kaum hin, ſeine Schulden zu bezah⸗ len; ſo war er im acht und zwanzigſten Jahre, wie man zu ſagen pflegt, ganz auf dem Sande— der hülfloſeſte, 36— ſorgloſeſte, und— Gentleman⸗artigſte, arme Teufel, der je in dem Hauſe eines Verwandten von Olims Zeiten her ſein Brod gegeſſen. Wie Ulyſſes ärmer wurde, mehrten ſich auch ſeine Beſuche bei Oberſt Dangerfield, deſſen Güte mit der Noth des Andern wuchs. Im Anfang kam er nur zum Mittageſſen, und es war zum Erſtaunen, wenn man die Behaglichkeit ſah, mit welcher er des Oberſten Wein trank und ſeine Späſſe machte, als hätte er zehntauſend Pfund jährlich zu verzehren. Allgemach wurden ſeine Beſuche häufiger und länger; er blieb manchmal die ganze Nacht; denn verweilte er zwei bis drei Tage, und end⸗ lich, als er ſich von ſeiner Pflanzung trennen mußte und nichts mehr hatte, als ein Raſſepferd, das von mütter⸗ licher Seite von Flying Childers abſtammte, ritt er nach Pawhatan hinüber— gab ſein Pferd einem Schwar⸗ zen, ſein Felleiſen einem Andern und nahm ruhig Beſitz von ſeinem gewöhnlichen Gemache. Man ſagte nichts, man fragte nicht— alles verſtand ſich von ſelbſt; er war ganz willkommen, und die Sache war abgemacht. Er war nun über ſechs Jahre ein Hausgenoſſe der Familie und hatte während dieſer ganzen Zeit nicht ein einziges Mal vom Weggehen geſprochen, um ſich zum bleiben nöthigen zu laſſen. Ja, was noch bemerkens⸗ werther iſt, er war nie durch einen Wink, einen Blick, ein unfreundliches Wort, eine Vernachläſſigung von den Dienern, oder durch ein Ueberſehen des Oberſten, ihn ſein Glas füllen zu heißen, daran erinnert, daß er ein Bett⸗ ler und Abhängiger ſei. Die Schwarzen liebten Maſſa Liedeljohn, oder Maſſa Lyſſes, wie er kurzweg genannt wurde, denn er gab ihnen durch ſeine wunderlichen Späſſe Stoff zum Lachen; die Kinder des Hauſes liefen ihm wie Schooß⸗Lämmer nach, denn er hatte ſeine Freude daran, ſich zu ihrer Faſſungskraft herabzulaſſen, nahm Theil an ihren Spielen, machte ihnen Pfeifen, erzählte ihnen Geſchichten und gewann ihre kleine Herzen, indem er alle Anſprüche auf überlegene Klugheit zurückdrängte. Miſtreß Dangerfield trug ſtets große Sorge, daß ſein Gemach in gehöriger Ordnung gehalten, ſeine Schuhe gereinigt wurden, und daß ſein Anzug ganz und anſtän⸗ dig war, und zur Zeit der Blumen konnte man ſtets einen Strauß auf ſeinem Tiſche und ein Bündel Immer⸗ grün in ſeinem Kamine ſehen“ Der Oberſt ſelbſt hatte ſich ſo ſehr an Mr. Little⸗ john gewöhnt, daß er ohne ihn nicht leben konnte. Seine leichte Gemüthsart, ſein gefälliger Charakter, ſein ſtets heiteres Weſen und vor allem, ſeine unvergleichliche Geſchicklichkeit, die Zeit todt zu ſchlagen, waren nicht zu ſchätzende Eigenſchaften in dem Gefährten eines Land⸗ Gentleman, welcher wenig las, noch weniger arbeitete und außer dem Bereiche jener ſtädtiſchen Ergötzlichkeiten war, die dem Müſſiggang einen großen Theil ſeines ſchwerfälligen Stachels nehmen. Es gab nie einen Mann, der ſo erfahren war, einen Morgen zu vergenden, ohne daß irgend etwas von der Welt gethan worden wäre, „für die Nachwelt oder die unſterblichen Götter“, wie Mr. Ulyſſes Littlejohn. Hundertmal zog er mit dem Oberſten fort, um einen Morgen⸗Spazierritt zu machen; ſie kamen jedoch nicht weiter, als bis an den großen Thorweg, wo ſie anhielten, um vielleicht das Geeignete eines neuen Thorpfoſtens oder etwas Aehnliches ausführ⸗ lich zu erörtern. Der Oberſt war ein Freund der Unter⸗ haltung, aber er war nicht ſehr fruchtbar in der Habhaft“ werdung von Gegenſtänden, welche ſie nähren konnten, oder in der Erzeugung von Gedanken, welche ſie im Gange erhielten. War er daher ſo glücklich, eines Gegen⸗ ſtandes habhaft zu werden, ſo ließ er ihn eben ſo ungern in der Eile wieder los, wie ein Hund ſeinem einzigen Knochen entſagt, wie abgenagt derſelbe auch ſein mag. Er wurde der Leute ſehr Lald müde, die ihm nie wider⸗ ſprachen; denn ohne eine Art Widerſpruch fällt die Unter⸗ haltung leicht leblos zu Boden. Mr. Littlejohn war zwar ein Abhängiger, aber er trug, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, ſeine Lage ſo leichten Herzens, oder vielmehr, er vergaß ſie ſo gänzlich, daß er niemals den geringſten Anſtand nahm, den Anſichten des Ober⸗ ſten bei jeder Gelegenheit, wo er wirklich anders dachte, geradehin zu widerſprechen. So lebten ſie in ſtetem Zwieſpalt mit einander und waren doch die beſten Freunde von der Welt, denn Einer half dem Andern die Zeit vergeuden, und Mr. Littlejohn hatte nicht nur die vor⸗ —— S— — —— treffliche Eigenſchaft, manchmal einen leidlichen Scherz hervorzubringen, ſondern beſaß auch die noch weit unſchätz⸗ barere Kunſt, nach Art der Nitglieder des engliſchen Par⸗ laments über einen ſchlechten Spaß recht herzlich zu lachen. Der Oberſt, welcher, wie wir berichtet haben, erboßt von Niſtreß Dangerfield ſchied, um Mr. Littlejohn auf⸗ zuſuchen, fand den Trefflichen in den Stallungen herum⸗ ſchlendern, wie dieß ſeine Gewohnheit war. Denn es beſteht eine merkwürdige Verwandtſchaft zwiſchen müſſi⸗ gen Leuten und Pferden— wenigſtens war dieß der Fall zwiſchen Ulyſſes und Ehren⸗Barebones, der nie ver⸗ ſäumte, ſeine Nüſtern aufzublaſen und ein ſehr bedeut⸗ ſames Wiehern hören zu laſſen, wenn ihn ſein Freund beſuchte. „Wie geht es Barebones heute, Vetter Littlejohn?“ ſagte der Oberſt. „Pompös, Oberſt.“ „Wißt Iht wohl, was Miſtreß Dangerfield ſagt, er würde letztes Jahr bei dem Wettrennen zu Tree⸗Hill beſiegt worden ſein, wenn Betſy Richards nicht ausge⸗ riſſen wäre?“ Hätte Mr. Littlejohn die Gattin des Oberſten nicht mehr als alles, was auf Erden lebte, geliebt und geehrt, ſo würde er wegen dieſer argen Verkündigung ſeines Freun⸗ des ohne allen Zweifel etwas leichthin vor ihren Kennt⸗ niſſen in Bezug auf Pferde geſprochen haben; ſo aber bemerkte er nur: Paulding I. 3 „Pah, Oberſt, was kann wine mne von nhulen Sn verſtehen? „Still, ſtill, ulyſſes: Keine Benertüngin tet meine Frau! Ich laſſe mich todtſchießen, wenn ſie nicht das geſcheidteſte Weib in Virginien iſt.“* „Gut, ich weiß, ſo iſt's. Der Himmel verhüte, daß ich, der ich zu ihr wie zu einem Engel hinaufblicke, etwas ſagen ſollte, das ihr zu nahe träte. Aber es iſt keine Bemerkung über eine Dame, wenn man ſagt, ſie verſtehe nichts von Pferden.“ „Ich ſag' Euch, Lyſſy; ſie hat Kenntniß von Allem. Ich glaube manchmal, es gehe nicht mit rechten Dingen zu, denn ſie ſcheint mehr zu wiſſen, als ich— ha?“ „Ei, es kam mir manchmal ſelbſt ſo vor, Oberſt.“ „Da kam Euch etwas höchſt Albernes vor, Lyſſy,“ verſetzte Dangerſield, dem es nicht angenehm war, daß irgend jemand mit ihm in dieſer Unterſtellung über⸗ einſtimmte.—„Aber, Lyſſy— hierher, Lyſſy!“ ſetzte er hinzu, indem er ihn zu ſich winkte und ihm halb⸗ laut in das Ohr ſagte: „Ich habe große Luſt, Allen von Claremont's Ausfor⸗ derung anzunehmen und Barebones gegen Molly Mag⸗ pie rennen zu laſſen— nun, Knabe?“ „Habt Ihr?“ ſagte Littlejohn in demſelben Tone und rieb ſich die Hände. fapitt „Ich bin dazu entſchloſſen.“ — 3— „Seid Ihr's, wahrhaftig?“ rief der Andere mit einem leiſen Freuderuf. „Ja,— aber— aber— glaubt Ihr wohl, daß irgend etwas Wahres an dem ſei, was Miſtreß Danger⸗ field von Barebones ſagte?“ „Nicht ein Wort! Er war nie in einem beſſern Zuſtande, und damit Ihr ſeht, wie redlich ich es meine, indem ich dieſe meine Anſicht äußere, will ich v— d—t ſein, Oberſt, wenn ich nicht die Hälfte Eurer Wette übernehme.“ „Pah!“ ſagte der Oberſt; er bewieß ſich aber nicht ſo dankbar gegen dieſes edelmüthige Anerbieten, als wohl erwartet worden.. Dieſe Unterhaltung hatte zur Folge, daß Mr. Litt⸗ lejohn plötzlich nach Richmont reiſte, und daß darauf in der Zeitung die Anzeige erſchien, Dangerfield von Pawhatan habe die Herausforderung Allen von CElare⸗ monts angenommen; bei dem nächſten October⸗Wettren⸗ nen werde Barebones gegen Lady Molly Magpie in die Schranken treten, und die Wette betrage zwanzig tau⸗ ſend Pfund. 3* Drittes Kapitel. Wie die graue Stute ſich in mehr als einer Weiſe als das beſſere Pferd bewährt. Aller Widerſtand der Miſtreß Dangerfield gegen die Grillen und Einfälle des Oberſten war blos zuvorkom⸗ mender Art. War die Sache einmal nicht mehr zu ver⸗ hüten, ſo ſpielte ſie auch nicht mehr im entfernteſten dara fan, ſie müßte denn ein glückliches Ende genom⸗ men haben, wo ſie niemals verfehlte, ihm Recht wider⸗ fahren zu laſſen und ſeinem Scharfblick ein Kompliment zu machen. Als ſie daher in den öffentlichen Blättern die in unſerm letzten Kapitel erwähnte Annahme der Ausforderung Allen's von Claremont las, wußte ſie, daß die Sache entſchieden war, und behielt ihre Ahnun⸗ gen für ſich. Sie that ſogar, als blicke ſie mit heiterm Vertrauen auf den Ausgang, obgleich ihre Erwartungen ganz entgegengeſetzter Art waren. Sollte einer unſerer unverheiratheten Leſer zu erfahren wünſchen, wo ein ſolches Wunder einer Frau zu finden ſei, ſo wollen wir ſeiner Neugierde ſo weit zu gefallen ſein, daß wir ihn verſichern, daß eine ſolche wirklich in dem Reiche der Lebenden wandelt und daß ſie— Gott weiß wo!— wohnt. — 37— Die Zeit rolte dahin— die abſcheidende Stunde nahte heran— der würdige Mr. Littlejohn nahm ſich einmal tüchtig zuſammen, warf mit einer mächtigen Anſtrengung die vis inertiae bei Seite und wunde der unermüdlichſte Wärter ſeines höchſt ehrenhaften Freun⸗ des Barebones, welcher gehätſchelt wurde, wie nie ein vierfüßiges Thier gehätſchelt worden, einen Preis⸗Ochfen vielleicht ausgenommen, einen Teeswater Stier, oder einen königlichen Bock von der Heerde zu Rambouillet, während die Merino⸗Manie herrſchte. Der reizende Monat October war gekommen, wo die Erde und das Laubwerk, der Himmel, ſeine Sonne und Geſtirne ſo oft von einem dünnen, nebeligen Schleier umſchattet werden, und während er das Antlitz der Natur düſtert, ihm zumal eine höhere, rührende Schönheit ver⸗ leiht. Ganz Virginia war auf den Beinen, von dem angeſchwemmten Boden bis zu der Urformation, von Cheſapeake⸗Bay bis zu den blauen Bergen. Die feuri⸗ gen Cavaliere des„alten Gebietes“ beſtiegen ihre feuri⸗ gen Roſſe, ſetzten die Tabacks⸗Erndte des nächſten Jah⸗ res daran und fanden ſich mit wohlgefüllten Börſen ein, und manche ausgedehnte Pflanzung bejammerte noch lange nachher das Wettrennen dieſes Tags. Wir dürfen auch nicht zu berichten vergeſſen, daß Miſtreß Dangerfield Veranlaſſung nahm, den Oberſten zu erinnern, daß ſeine Ehre fordere, zur augenblicklichen Zahlung vorbereitet zu ſein, da es doch möglich wäre, die Wette von zwan⸗ — zig tauſend Pfund zu verlieren. Er ſchrieb daher noch einmal an ſeinen alten Freund, den Schottiſchen Kauf⸗ mann, und bot ihm eine Verſchreibung ſeiner ganzen Pflan⸗ zung an, wenn er ihm die Summe von vierzig tauſend Pfund vorſchießen wolle. Der PVorſchlag wurde ange⸗ nommen, die Verſchreibung ausgeſtellt, und das Erbe von ſechs Generationen der Verfügung eines Fremden anheim gegeben. Endlich kam der Tag, welcher über das Schickſal der Lady Molly Magpie und Barebones, Allen's von Claremont und Dangerfields von Pawhatan entſcheiden ſollte— und ein prächtiger Tag war's. Bevor er kam, hatte man Barebones mit einer Feierlichkeit, die der hohen Beſtimmung, welche ſich an ſeine Schnelligkeit und Rüſtigkeit knüpfte, angemeſſen war, in die Nähe der Rennbahn gebracht. Der Oberſt ritt auf der einen, und Mr. Littlejohn auf der andern Seite, während Barebo⸗ nes, mit einer prachtvollen Decke geſchmückt und durch zwei Höhlen ſchauend, wie ein alter Herr durch ſeine Brille, von Oheim Pompejus, oder Pompejus Entenbein geführt wurde, wie ihn die jungen ſchwarzen Rangen höchſt unehrerbietig benannten, wegen eines Paares krum⸗ mer Trommelſtöcke, durch deren Hülfe er nach der Weiſe jenes amphibiſchen Vogels daher watſchelte. Pompey erbat ſich und erhielt dieſe Ehrenſtelle, weil er einſt das Glück gehabt hatte, Lord Dunmore, dem letzten königlichen Statthalter von Virginia, anzugehören. Er — 9— betrachtete ſich als einen Zweig der Ariſtokratie, rühmte ſich oft, einer der wenigen„Gentlemen“ zu ſein, welche noch in dem alten Gebiete zu finden wären, und ver⸗ fehlte nie, die ganze Schuld einer Mißerndte die Revolütion zu werfen. Lu Wenn er daran dachte„daß Molly Nagpie ein aus der Fremde eingeführtes Pferd und obendrein eine„Sie“ ſei, zog ſich ſein Herz ſchmerzlich zuſammen; denn er konnte ſich nicht überreden, es auch nur für möglich zu halten, daß ein auf der Weſtſeite des atlantiſchen Mee⸗ res gebornes Thier einen Schimmer von Hoffnung auf Erfolg gegen ein Pferd von ſo hoher Abkunft und Erziehung haben könne. „Die Rebellenpferd' keine Kruſt⸗, ſagte Vnitn für ſich⸗ Dicht hinter Pompejus dem Großen, eilte Pompejus der Kleine, ſein Enkel, welchem bei dem bevorſtehenden Kampfe zwiſchen den Häuſern von Claremont und Paw⸗ hatan die Führung des Barebones anvertraut werden ſollte. Er trug ein himmelblaues Wamms, eine rothe Mütze und Beinkleider von derſelben Farbe. Sein ſchwar⸗ zes Geſicht ſtach ſchön gegen die elfenbeinenen Zähne ab, die er dann und wann in Reihen zeigte, um welche die erſte und glänzendſte Schönheit ihn beneidet haben würde, wenn er des Verſprechens ſeines Herrn gedachte, welcher ihm die Freiheit und hundert Pfund jährlich auf — — 60— Lebenszeit geben wollte, wenn er Sieger beim Wettren⸗ nen bleibe. 2 Während ſie in dieſer Weiſe langſam und majeſtã⸗ tiſch dahinzegen, wendete ſich Pompejus der Große alle Augenblicke um, zeigte Pompejus dem Fleinen ſeine geballte Fauſt und rief:“ „Du junger Nichtsnux, du nicht ſiegen in dem hier Rennen, du entehren deine Familie— denke das, ich ſo ſagen.“ Das Wettrennen ſollte Schlag Ein Uhr anfangen; lange aber, ehe dieſe Stunde kam, war die Bahn mit tauſenden von Menſchen und Wagen, Reitern und Fuß⸗ gängern aller Grade, Größe, Alter und Farben beſetzt. Der Tag war herrlich, die Luft belebend und das Ge⸗ mälde über alle Beſchreibung ſchön und bewegt. Die Rennbahn lag auf einer Hochebene, wo man die Aus⸗ ſicht hatte auf die Stadt Richmond, ſein prächtiges Kapitol(ielleicht das am ſchönſten gelegene Gebäude in den Vereinigten Staaten), während die ſtürmiſchen Waſ⸗ ſerſchnellen des majeſtätiſchen James, ſchäumend und tobend die in den Wellen feſt geankerten Felſen und Inſeln umbrauſten, und dann die beruhigten Waſſer in der Entfernung um die runden, vollbuſchigen Höhen ſich wandten— eine Scene, welche allein ſchon die Aufmerk⸗ ſamkeit für ganze Stunden in Anſpruch nehmen konnte. Allein die Erregung, welche weitum auf der Höhe herrſchte, machte eine längere Abſonderung ganz unmöglich. —— Jeden Augenblick kamen zierliche Equipagen an, in welchen der Stolz Virginia's, ſeine Frauen und Töch⸗ ter, ihre holden, zarten Geſichter zeigten— Raſſepferde käueten ungeduldig das Gebiß und zerſtampften den Bo⸗ den, als wenn ſie den Preis des Tages erkämpfen woll⸗ ten, oder die Ebene in allen Richtungen durchfliegend, wie die geflügelten Araber der Wüſte, wodurch das Schau⸗ ſpiel eine unbeſchreibliche Heiterkeit und ein hohes In⸗ tereſſe erhielt. Die Fröhlichſten aber unter den Fröhlich⸗ ſten, die Glücklichſten unter den Glücklichſten und die Lärmenden unter den Lärmenden, waren die farbigen Herrn, jung und alt, für welche dieß ein durch langes Herkommen geheiligter Feſttag war. Solch eine erſtaun⸗ liche Menge von Elfenbein und krummen Beinen, ſolche närriſche Luftſprünge, ſolche mächtige Poſſenſtreiche, ſolche begeiſterte Ausrufungen, ſolches unnachahmliches ſchallen⸗ des Gelächter— nein, dergleichen war bei den ernſten, überlegenden Kindern der Freiheit nie gehört und nie geſehen worden; und der Zuſchauer hätte wohl verſucht werden können, ſich zu fragen:„Wenn dieſe, wenigſtens in dieſem Augenblicke, nicht glücklich ſind— wo ſoll man die Glückſeligkeit ſuchen?“ um zwölf Uhr erſchienen die Kampfhelden und eine plötzliche Stille erfolgte. Die Sachverſtändigen folgten Barebones und Molly Magpie rund um die Rennbahn, belugten ſie mit ſcharfem, britiſchem Auge und beſchloſ⸗ ſen, für das eine oder das andere der Thiere zu wetten. Die farbigen Schaaren drängten ſich den Weg entlang, ſahen ſo klug drein, wie die Klügſten, und gaben ihre Anſichten in prophetiſchem Flüſtern ab, oder kletterten auf Bäume und Umhegungen, um von dem nahenden Kampfe Zeuge zu ſein. Allen von Claremont und Danger⸗ field von Powhatan gingen auf einander zu und begrüß⸗ ten ſich mit der würdevollen Artigkeit zweier edlen Rit⸗ ter am Vorabend eines Kampfſpiels zu Ehren ihrer gegenſeitigen Damen; und es war ſeltſam zu bemerken, mit welchem Grade von Intereſſe, ja, man kann ſagen von Erhabenheit, der Beſitz zweier ſolcher Pferde und die große auf dem Spiele ſtehende Summe die zwei wackeren Cavaliere umkleidete. Die große Menge folgte ihnen, wohin ſie ihre Schritte wendeten, und wo ſie waren, war der Mittelpunkt alles Anziehenden. Tap— tap— tap! klang die Trommel zum zwei⸗ tenmale— die Richter beſtiegen das für ſie beſtimmte Gerüſt— die Roſſe wurden an den Ablauf⸗Pfahl gebracht und knirſchten und ſchäumten, als wären ſie der Gefühle ihrer Herren theilhaftig und auf den Ausgang des Kampfes gleich begierig. Was uns hetrifft, ſo hegen wir keinen Zweifel, daß Rennpferde gar wohl wiſſen, wofür ſie kämpfen ſollen und an dem Triumphe des Sieges Theil nehmen. Jetzt nahmen die Richter die Hemmuhren und zählten die Minuten und ein athemloſes Schweigen ging dem letzten Schlage der Trommel voran. Es war eine Seene der Aufregung, wie ſie kaum ihres Gleichen hat, — und was man auch zur Verunglimpfung dieſer Vergnü⸗ gungen ſagen mag— wir tadeln weder die, welche dieſe Ergötzungen ermuthigen, noch die, welche ſie theilen, wenn es mit der gehörigen Mäſſigung geſchieht. Tap— tap— tap! ſchallte die Trommel zum drit⸗ tenmale. Die Reiter waren abgeſtiegen und die gelbe Mütze und grüne Jacke von Allen von Claremont erſchien Seite an Seite mit der rothen Mütze und der blauen Jacke von Dangerfield von Powhatan. Als Pompejus der Große Pompejus den Kleinen in den Sattel hob⸗ wiederholte er zum letztenmale: „Nun, du verdammter Nichtsnux, du nicht gewin⸗ nen dieſen Rennen hier, du entehren deine Familie.“ Das Zeichen wurde gegeben, und die zwei edlen Thiere ſprengten mit einem Satze davon, als wenn ſie plötzlich mit den Flügeln des Windes begabt worden wären. Molly Magpie, die leichter und ſchwächer war, kam jetzt, als der Boden ſich ein wenig hob, dem Bare⸗ bones voran; jetzt ſchoß Barebones, als die Bahn wie⸗ der aufwärts führte, voran. So wechſelten die erſten zwei Runden fortwährend zu Gunſten des Einen oder des Andern; die kleine rothe Mütze und die gelbe ſchie⸗ nen in der Luft zu ſitzen, und es war, als wenn die Reiter die Pferde kaum berührten, welche ſie ritten. Tiefes, athemloſes Schweigen herrſchte unter der Menge, und man ſah Allen von Dangerfield auf einer Anhöhe inmitten der Rennbahn mit gemeſſener Miene und ruhi⸗ gem, entſchloſſenen Auge, auf den Kampf ſchauen. Bei der erſten Runde hatte Barebones entſchieden den Vorſprung; zuerſt ſah man den Kopf, dann den Hals, dann den ganzen Körper voran und als ſie an das Rennmahl kamen, berechnete man, daß Barebones zehn Schritte vor Molly Magpie voraus war. Die anweſende Menge ſchrie zu bald:„Sieg! Hur⸗ rah für Barebones!“ und d der alte Pompey konnte kaum erwarten, bis das kleine Rothkäppchen nach dem Laufe gewogen war, um ihn in ſeine Arme zu ſchließen und ihn die Ehre ſeiner Familie zu nennen. Bei dem zweiten Laufe wurde der Kampf mit glei⸗ cher Hartnäckigkeit, aber nicht mit gleichem Erfolge fort⸗ geſetzt. Molly Magpie kam Barebones zuvor und die Sachverſtändigen begannen Wetten anzubieten. In dem Augenblick, wo der dritte und letzte Lauf begann, rief Allen von Claremont mit lauter Stimme: „Zwanzigtauſend Pfund mehr auf die graue Stute.“ Die Verſuchung war unwiderſtehlich. „Angenommen,“ rief Dangerfield. „Angenommen!“ rief Allen; und in dieſem Augen⸗ blicke ſchoſſen die Pferde dahin, um das Schickſal des Hauſes Powhatan zu entſcheiden. Während der ganzen dritten Runde hatte man die beiden Thiere mit einem Tuch bedecken können und Niemand wußte, welches gewon⸗ nen hatte, bis die Richter nach einer kurzen Berathung zu Gunſten der Molly Magpie, als um eine, Kopfs⸗ länge voraus, entſchieden. Dieſelben Stimmen, welche Barebones mit Jubel und Siegesruf begrüßt hatten, ließen ſich jetzt zum Preiſe der Molly Magpie vernehmen. Der Art iſt die Unſicher⸗ heit des Volksbeifalls. Auch wird erzählt, daß Pompejus der Große an dieſem Tage mit gewiſſen farbigen Gent⸗ lemen, welche zu der Partei der grauen Stute gehör⸗ ten, ſechs grimmige Kämpfe gekämpft habe. Bei all dem konnte er nicht umhin, zu ſich ſelbſt zu ſagen: „Ha, ich das erwarten; die rumpublikaniſche Pferd ſie nicht das Waſſer reichen der andern.“ Dangerfield ſpeiſte mit dem Sporting⸗Clubb zu Mit⸗ tag, trank auf das Wohl des ſiegreichen Pferdes, ließ ſein Gelächter erſchallen, machte ſeine Späße und empfing die Komplimente manch eines gleichfühlenden Cavaliers über die Schnelligkeit und die Kraft des Barebones, des Siegers auf hundert Bahnen, und zwar mit einer Miene ſorgloſer Selbſtbeherrſchung, welche auf den Ehrennamen „Philoſophie“ hätte Anſpruch machen können, wäre die Veranlaſſung eine würdigere geweſen. Er fühlte, daß er ein zu Grunde gerichteter Mann war, aber er war entſchloſſen, Niemanden in ſein Herz ſehen zu laſſen, am wenigſten Allen von Claremont. „Wenn es Euch ungelegen iſt, Oberſt“— ſagte Allen. „O, nicht im geringſten,“ verſetzte Dangerfield und die Summe wurde augenblicklich bezahlt. —— „Wollt Ihr Barebones verkaufen?“ „Nein, Herr,“ verſetzte der Andere und⸗wendete ſich kurz weg. Am nächſten Morgen kehrte der Zug, welcher mit ſo glänzenden Hoffnungen ausgezogen war, traurig und niedergeſchlagen nach Hauſe zurück, den Oberſt ausge⸗ nommen, der entſchloſſen war, mit würdevoller Miene vor Miſtreß Dangerfield zu treten. Mr. Littlejohn, wel⸗ cher ſeit dem Siege ſeines Gegners kein Wort mehr geſprochen hatte, ritt ſorglos dahin; er hielt ſeinen Zügel kaum, der loſe auf der Mähne ſeines Pferdes hing, und warf dann und wann einen mittleidsvollen Blick auf ſeinen Wohlthäter. Der alte Pompejus zeigte dem klei⸗ nen Pompejus unaufhörlich ſeine geballte Fauſt und ſelbſt Barebones ſchien ſich ſeiner Niederlage bewußt zu ſein; denn er ging träge, geſenkten Kopfes dahin und hatte kaum den Muth, die Fliegen mit ſeinem Schweife weg⸗ zuſcheuchen. —— Viertes Kapitel. Eine tugendhafte Frau iſt eine Krone für ibren Gatten. Wenn wir nicht irren, ſo war es Kardinal Richelieu, der ſich einſt rühmte, er kenne drei Worte, welche und in welcher Sprache ſie ſein möchten, zu einem Hochver⸗ rath oder einer Ketzerei ſtempeln; ſo groß iſt die Unſicher⸗ heit der Rede und der Scharfſinn der Menſchen, ihr ein falſche Deutung zu geben. Man ſollte glauben, die einfache Zeile, welche dieſem Kapitel zur Ueberſchrift dient, könne den Auslegern unmöglich Stoff zu Erörte⸗ rungen bieten; und doch iſt dem nicht ſo. Einige derſel⸗ ben ſehen darin eine Anſpielung auf eine königliche Krone, welche in unſern getrübten Tagen warlich kaum etwas anderes als eine Dornenkrone iſt. Andere, die ohne Zweifel zu dem alten, wenn nicht ſehr ehrenwerthen Stande bejahrter Junggeſellen gehören, haben in ihrer Unwiſſenheit geglaubt, die hier gemeinte Krone bedeute jene Silbermünze, deren Gepräge die gekrümmte Naſe Ludwigs von Frankreich zeigt, und die früher in den Vereinigten Staaten zu acht Shilling zehn Pence kur⸗ ſirte, und verſuchten auf dieſe Weiſe, die Würde des ſchönen Geſchlechtes zu dieſem unedlen Münzgehalt zu —— erniedrigen. Aber wir ſagen, verwünſcht ſeien ihre Herzen— wodurch wir nämlich den Wunſch ausdrücken wollen, eine verwünſchte Zänkerin möchte ihnen zum Looſe fallen, und ſie in räucherigen Stuben und bei Gardinenpredigten dieſe heilloſe Verläumdung bereuen. Wer hat das Glück einer ſanften, zärtlichen, liebenswür⸗ digen, gefühlvollen Gattin und Freundin inmitten den Blüthen der Jugend, den Früchten der Manneszeit und den gelben Blättern des ſinkenden Alters kennen gelernt, und nicht eingeſehen, daß die von dem begeiſterten Ver⸗ faſſer gemeinte Krone die Krone des Glückes und nicht der dornenvolle Tand iſt, um deßwillen Menſchen durch Meere von Blut waten, noch jenes glänzende Rittel zur Verſuchung, welche den Menſchen ſo oft um Ehre, guten Ruf und ein ruhiges Gewiſſen bringt. Das Gerücht von der Niederlage und dem Unglücke des Barebones kam ſchon am Abend des Tages, an welchem das Wettrennen ſtatt fand, zu den Ohren der Miſtreß Dangerfield. Niemand wußte, wie es kam, oder durch wen die Neuigkeit gebracht wurde; denn man kann von der Fama ſagen, daß ſie, wie die Peſt, in Dunkel⸗ heit gehüllt, mit der Raſchheit des Gedankens oder der Hoffnung, daherkömmt, den ſchnellſten Boten überholt, und alle menſchlichen Eilmittel weit hinter ſich läßt. Wir ſind manchmal verſucht geweſen, zu glauben, ſie beſi itze einen Wahrſagergeiſt, und ſehe eher die Zukunft als daß ſie das Geſchehene berichte. — Wie dem auch ſein mag— als Oberſt Dangerfield mit der ganzen Kaltblütigkeit der Verzweiflung ſeine Gat⸗ tin von dem Hergange bei dem Wettrennen und dem Verluſte ſeines Vermögens benachrichtigte, hörte ſie die Nittheilung ohne Ueberraſchung, ohne Erregung. Sie hatte in der vergangenen Nacht über ihren beiden Kin⸗ dern die Thränen und den Kummer einer zärtlichen Mutter ausgeſchüttet; dieſen Morgen bot ſie ihrem Gatten den Rath und den Troſt eines treuen Weibes. Sie klagte nicht und ließ keine Vorwürfe hören, ſondern ſchaute der Gegenwart kalt in das Angeſicht, und begehrte von dem Oberſten eine vollſtändige und offene Darlegung ſeiner Verhältniſſe. „Ich bin ein zu Grund gerichteter Mann,“ ſagte er feſt,„und es iſt ganz unmöglich, in der bisherigen Weiſe fortzuleben.“ „Gut, dann müſſen wir uns einſchränken, mein Theurer.“ „Mit dem Einſchränken iſt's nicht gethan; es iſt jetzt zu ſpät. O hätte ich deinem Rathe gefolgt, als es noch Zeit war!“ „Nun, laß das jetzt. Wenn wir nicht in unſerer gewohnten Heimath bleiben können, müſſen wir uns eine andere ſuchen. Dieſe unſere neue Welt bietet Raum in Fülle dar, und wo immer wir beiſammen ſind, da iſt unſre Heimath.“ 1 „Um Gottes willen, Cornelia, ſchelte mich ein wenig, Paulding I. 4 — 50— kannſt du nicht?“ rief Dangerfield, ganz gebeugt.„Ich habe dich und die Kinder an den Bettelſtab gebracht, und dennoch verzeihſt du mir! Nenne mich einen Thoren, einen Narren, einen Wahnſinnigen— Alles, nur keinen Schurken, und ich werde mich ein wenig erleichtert fühlen. Komm, ſchelte, ſchelte, ſag' ich! Fluche mir, daß ich dein und unſerer Kinder Glück zerſtörte!“ „Du haſt unſer Glück nicht zerſtört,“ verſetzte Miſtreß Dangerfield;„es iſt das gewöhnliche Gerede, thörigte Unerfahrenheit, zu glauben, man könne nur in einem Kreiſe derſelben Gewohnheiten und Vergnügungen leben. Ich habe, wie du wohl weißt, meine frühere Lebenszeit in Armuth, bei einer Verwandten hingebracht, welche in Folge ihrer Anhänglichkeit an einen werthloſen Mann ihr Beſitzthum ſich entzogen, ihren Namen entehrt ſah. Deine Wahl entriß mich dieſer Lage und brachte mich in den Schoos des Ueberfluſſes, wo jeder meiner Wünſche erfüllt wurde. Dennoch muß ich geſtehen, daß ich, die Freuden der Gattin und der Mutter abgerechnet, niemals glücklicher war, als inmitten der Armuth. Mein theurer Cuthbert, dieſer Glückswechſel wird dich bald lehren, wie wenig, wie ſehr wenig das Glück des Lebens von blos äußern Verhältniſſen abhängt. Schuld und Gewiſſens⸗ biſſe ſind die einzigen dauernden Quellen des Unglücks.“ „und bin ich nicht ſchuldig? und wird mein künf⸗ tiges Leben nicht ein Leben bittrer Reue ſein?“ „Nein, du biſt nicht ſchuldig, nur unvorſichtig— —— und es iſt die Unvorſicht der Erfahrungsloſigkeit, der Mangel an Nachdenken. Zürne nicht über die Lehren der Erfahrung,“ ſetzte ſie mit einem Lächeln hinzu,„du wirſt hinführo weiſer ſein.“ „Ja, ich werde die Thüre ſchließen, wenn das Pferd geſtohlen iſt!“ „Ich wollte, mein Theurer, Barebones wäre uns vor ſechs Monaten geſtohlen worden.“ „Nein, nicht doch, Cornelia! Tadle den armen Barebones nicht— thu' es nicht, ich bitte dich darum. Verd—e mich, wenn er nicht das ſchönſte Thier in ganz Virginien iſt; und ich habe große Luſt, bei dem nächſten Frühjahr⸗Rennen eine neue Wette gegen Allen von Claremont auf Barebones einzugehen.“ „O Oberſt! Oberſt! Was in die Haut geheilt iſt—— doch ich ſchelte Barebones nicht, und bin überzeugt, er iſt das beſte Pferd in Virginia; aber ich hoffe, du läßt ihn nicht wieder gegen Molly Magpie rennen.“ „Welch ein Thor ich bin— welch ein Erzthor!“ rief der Oberſt, und ſchritt, ſich vor die Stirne ſchlagend, in dem Gemache auf und ab. Nach und nach ſuchte Miſtreß Dangerfield von ihrem Gatten alle Einzelnheiten in Bezug auf ſeine Angelegen⸗ heiten zu erfahren, ſo weit er nemlich ſelbſt damit bekannt war. Die Wahrheit iſt jedoch, daß er nicht mehr davon wußte, als jenes Ideal von Unwiſſenheit,„der Mahn in dem Monde.“ Er erklärte ſich dahin, daß er über Hals 4* und Ohren in Schulden ſtecke, und daß, wenn er ſeine Pflanzung und ſeine Sklaven in Geld verwandelte, ſie nicht hinreichten, um die Hälfte deſſen zu bezahlen, was er ſchuldig war. Niſtreß Dangerfield hörte erſtaunt zu, und verlor beinahe ihre Selbſtbeherrſchung. Sie behauptete, es ſei unmöglich; der Oberſt beſtand darauf, es ſei möglich, und das Ende der Unterhaltung war der Entſchluß, nach dem ſchottiſchen Kaufmann zu ſenden, um Licht in die Sache zu bringen. Das Geſpräch hatte kaum ſein Ende erreicht, als ein ſchreckliches Schreien und Lärmen in der Gegend der Stallungen gehört wurde, welche einige hundert Schritte von dem Wohnhauſe entfernt lagen, und Miſtreß Dangerfield bat den Oberſten, nachzuſehen, was es gebe. Manche Männer würden dieſen Auftrag abgelehnt haben, blos weil ſie eine Artigkeit gegen ihre Frau als einen Beweis betrachten, daß ſie unter dem Pantoffel ſtehen; das Unglück von Barebones und der Zuſtand ſeiner Angelegenheiten hatte aber den Oberſten ein wenig her⸗ abgeſtimmt, und er gehorchte als ein kluger Mann. Als er zu den Nebengebäuden kam, ſah er Pompe⸗ jus den Kleinen feſt an einen Pfahl gebunden, und Pom⸗ pejus der Große, oder Pompejus Entenbein, bearbeitete ihn mit einem Riemen ſo wacker, daß, wenn je einer entſchuldigt werden konnte, weil er wie zehntauſend Stiere von Baſhan brüllte, ſolches bei dieſem unglück⸗ lichen Ebenholzgewächs der Fall war. Zwiſchen jedem Streich, dem ein Gebrüll folgte, rief das zornige Entenbein: „Du junge Nichtsnur— du ſchuld ſein, daß Wett⸗ rennen verloren!—(ein Hieb) du Molly Magpie nicht beſiegen, he!—(ein Hieb)— du kein freier Nigger (Neger) ſein, he!—(ein Hieb)— du nicht hundert Pfund des Jahr bekommen,— he!(ein Hieb)— du dein Familie entehren, du junge Nichtsnur, he!(ein, zwei, drei Hiebe!)“ „Pomp!“ ſagte der Oberſt,„wie kannſt du dich unterſtehen, einen meiner Sklaven ohne meine Erlaub⸗ niß zu ſchlagen?“ „Er ſeine Familie entehren, Maſſa.“ „Pah! Binde den armen Burſchen los— er hat ſein Möglichſtes gethan— es war ſeine Schuld nicht, daß Barebones unterlag. Bind' ihn los, ſag' ich, und nimm dir eine ſolche Freiheit nicht wieder, Menſch!“ „Hu, Vraieit!“ murmelte Pompey Entenbein, indem er that, was ihm befohlen:„Deifel! er nicht des alten Niggers eigenes Fleiſch und Blut ſein, obgleich er ſeine Familie entehren?“ Fünftes Kapitel. Wie ein Gentleman mit ein wenig Arithmetik ſeine Ange⸗ legenheiten beſſer behandeln lernt. Ehre und Ruhm dem preiswerthen Thomas Dil⸗ worth, der weiland, in den Tagen unſerer Ruthenzüch⸗ tigung vor dem Abe- und Lautirbuch traurigen Anden⸗ kens, mit der Feder hinter dem Ohre, in gepuderter Perücke und bauſchendem Buſenſtreif zu paradiren pflegte. Es iſt wahr, durch die Fortſchritte der Bildung in dieſem höchſt merkwürdigen Zeitalter ſich ſelbſt ſpitzender Blei⸗ ſtifte, ſilberner Gabeln, Galle abführender Pillen, Frank⸗ lin'ſcher Bratröſte, künſtlicher Zähne, künſtlicher Blumen, künſtlicher Frauen und anderer höchſt merkwürdiger Erſin⸗ dungen— es iſt wahr, dieſer preiswerthe Mann wurde aus den heiligen Schranken praktiſcher und unprakticabler Schulen— Verzeihung, wir wollen ſagen, Inſtitute— wo das Abe auf klaſſiſche Weiſe gelehrt, und Topfhenkel und Keſſelhacken nach ächt trigonometriſchen Grundſätzen gefertigt werden, gewaltſam herausbugſirt— es iſt wahr, ſein Abebuch iſt von Rillionen neuer und verbeſſerter Syſteme verdrängt worden, welche von ehrgeizigen Schul⸗ meiſtern erfunden werden, um die Taſchen unerfahrner — 55— Eltern zu plündern, und dem werdenden Geſchlechte recht auf die Beine zu helfen— ſein Lautirbuch hat einem ähnlichen mit andern, viel ſchöner klingenden Dinge Platz gemacht, und das durch ſeine gepuderte Glatze und ſein kluges Geſicht, worin die Macht der Birkenruthe wider⸗ ſtrahlte, fromm geheiligte Titelblatt haben die Bildniſſe von Eindringlingen in Anſpruch genommen, welche von den unſterblichen Göttern das Abe gelernt haben.„Es iſt wahr, und Schade iſt's, daß es wahr iſt.“ Wenn wir dich aber um dieſer neuen Pilze willen verlaſſen, o du ſehr preiswerther Thomas, ſo wollen wir das Einmal⸗ eins vergeſſen, der Fähigkeit entſagen, den Afterzins für das unſern theuern Freunden geliehene Geld zu berech⸗ nen, und unſer ganzes praktiſches Wiſſen von der Sub⸗ traction ſoll durch die Nothwendigkeit, die Verminderung unſerer Baarſchaft vor Augen zu haben, im Andenken bleiben. Nur wer durch gründliches Studium der Arith⸗ metik im Stande iſt, die unzählbaren Schläge zu berech⸗ nen, welche wir unter den Auſpizien des preiswerthen Dilworth erhielten, ehe wir es ſo weit brachten, die Natur eines gewöhnlichen Nenners zu begreifen, kann den Werth dieſes uneigennützigen Tributes ſchätzen, welchen wir ſeinem Andenken zollen. Zur gehörigen Zeit nach der an den ſchottiſchen Kaufmann abgegangenen Botſchaft erſchien dieſer unge⸗ mein methodiſche Mann, der, wie es ſchien, von den vier Species belebt, beherrſcht und bewegt ſchien. Er redete, —— wie ein Congreßmitglied, in Ziffern, und berechnete Alles nur nach Gewinn und Verluſt. Es war eben ſo ſehr gegen ſein Gewiſſen, einen Handel, bei dem er verlor, abzuſchließen, als des Gewinnes wegen einen ungebühr⸗ lichen Vortheil in Anſpruch zu nehmen. Dangerfield, der dem Manne nicht ſehr gewogen war, wie denn Niemand ſeinem Gläubiger hold iſt, pflegte eine Geſchichte von Mr. Mactabb zu erzählen, welche, ſie mag wahr ſein oder nicht, den Mann vollkommen charakteriſirt. Ein Freund hatte ihm, wie es ſcheint, vorgeſchlagen, ein Schiff, mit Tabak befrachtet, nach Ireland zu ſchicken, wo die Einfuhr dieſes Artikels entweder verboten oder mit ungeheuern Abgaben belaſtet war; er bemerkte zugleich, er wiſſe nicht, ob es ganz recht ſei. Mactabb nahm ſein Bleiſtift heraus, und begann eine langwierige Berechnung, worauf er ausrief:„Recht, Sir, recht, und zwar nach einer Bilanz von fünftauſend Pfund.“— Er war in der That ein Freund des Geldes; aber die Widerſprüche in dem Charakter der ausgemachteſten Geizhälſe ſind der Art, daß man, obgleich ſie vor Hunger ſterben können, nicht ſelten außerordentliche Züge von Großmuth bei ihnen gewahrt. Wie eingeſchloſſene Waſſer brechen ſie, wenn die Schranke einmal gefallen iſt, in einem Strome her⸗ vor. So verhielt es ſich mit Mactabb, welcher ſich bei mehr als einer Gelegenheit mit einer Zartheit benommen hatte, die mit ſeinem ganzen Charakter wenig im Ein⸗ klang ſchien. —— „Könnt Ihr mir ſagen, wie viel ich Euch ſchuldig bin,“ fragte Oberſt Dangerfield, und bangte faſt, die Antwort zu hören. Mactabb nahm ſeine Schreibtafel heraus, wo er den Betrag bis auf den kleinſten Bruch berechnet hatte. Es waren etwas über fünf und ſiebzig tauſend Pfund, Pirgi⸗ niſcher Währung. „Nicht mehr?“ fragte der Oberſt, rieb ſich die Hände und ſchöpfte freier Athem. Mactabb nahm ſeine Brille von den Augen und ſtarrte ihn höchſt verwundert an. „Mehr nicht, Oberſt Dangerfield! Wie viel glaubtet Ihr denn, daß es betrage?“ „Nun, die Wahrheit iſt, Sir,— ich bin kein ſehr großer Rechner; überdies habe ich— der Himmel weiß, wie es gekommen iſt— Eure Vorſchüſſe entweder nicht aufgeſchrieben, oder das Papier verlegt. Ich glaubte, Euch faſt das Doppelte ſchuldig zu ſein.“ „Das iſt ein Wunder hier!“ dachte Mactabb:„war⸗ lich, er iſt der Erſte, der ſeine Schulden zu hoch anſchlug.“ Nach einer kleinen Pauſe redete ihn der Oberſt wieder an: „Mr. Mactabb, Ihr habt mir geſagt, wie viel ich Euch ſchuldig bin; ich wünſchte nun, Ihr gingt ein wenig weiter, und ſagtet mir, was ich andern Leuten zu zahlen habe.“ Mactabb war uner denn je; obgleich er daran gewöhnt war, mit virginiſchen Pflanzern zu verkehren, ſo hatte er doch einen dieſer Art noch nicht geſehen. „Dies überſteigt meine Kräfte, Oberſt, Ihr zeigtet mir denn Eure Rechnungen, Euer Tagebuch, Journal, Hauptbuch, Verzeichniß der Quittungen, Noten, Empfang⸗ ſcheine, Kaufbriefe u. ſ. w. u. ſ. w.“ „Meine was?“ rief der Oberſt, ganz außer ſich vor Staunen.„Ich habe in meinem Leben keine Rechnung geführt.“ „Nicht?“ rief Mactabb noch erſtaunter, als der Oberſt.„Ich wundere mich nicht—“ hier unterbrach er ſich. „Mr. Mactabb,“ ſagte der Oberſt Dangerſield in einem kalten Tone,„es führt zu nichts, wenn man, ohne eine Ausſicht auf die Zukunft, rückwärts ſchaut. Was geſchehen iſt, iſt geſchehen. Ich habe nach Euch geſchickt, um den Betrag meiner Verpflichtungen gegen Euch kennen zu lernen, und Euch zu ſagen, daß es Euch vollkommen frei ſteht, von der Verſchreibung Gebrauch zu machen, ſobald es Euch beliebt. Ich kann Euch meine Schuld nicht zurückzahlen, und die Pflanzung muß verkauft werden.“ „Verkauft?“ „Ja— verkauft!“ „Oberſt Dangerfield,“ ſagte der Schotte,„vergönnt mir einige Augenblicke. Gibt es kein Nittel, dieſes ſchmerzliche Opfer zu umgehen? Ich habe ſelbſt Familie, Sir; mein Vater hat auf den ſchottiſchen Hochlanden eine Beſitzung, von welcher er ſich, ſo öde ſie auch iſt, nicht trennen könnte, ohne daß ſein altes Herz bräche. Wollt Ihr— um mit der Sache zum Schluß zu kommen — wollt Ihr Eure Angelege enheiten in meine Hände geben, und den Erfolg meiner Nachforſchungen und Aus⸗ gleichungen erwarten?“ „Dies eben wünſche ich; denn ich geſtehe, ich bin zu dieſem Geſchäfte ganz unfähig.“ Nachdem Mactabb von dem Oberſten Dangerfield in Betreff des Zuſtandes ſeiner Angelegenheiten alles mögliche, was dieſer wußte— und es war ſehr wenig — herausgebracht hatte, ging er an's Werk. Es iſt nie ſehr ſchwierig, Gläubiger ausfindig zu machen; noch war kein Monat verfloſſen, als er mit den nöthigen Notizen wiederkehrte. Es fehlte nicht an einer bedeutenden Maſſe Forderungen, aber Mactabb war der Hauptgläubiger. Der Oberſt war abermal über das Reſultat erſtaunt, und abermal wunderte ſich der ehrliche Schottländer, daß er auf einen Mann geſtoßen, welcher nicht halb ſo viel hatte, als er erwartete. „Laßt uns ſehen“— ſagte Mactabb,—„Eure Pflanzung enthält— wie viele Morgen?“ „Ich weiß es nicht genau— aber ich glaube, gegen vierzehn tauſend.“ „Und der Betrag Eurer Einkünfte iſt—?“ „Ich weiß es nicht.“ — 0 „Und die Anzahl der Sklaven?“ „Weiß es nicht— mein Aufſeher kann es ſagen.“ „Wir thäten vielleicht am beſten, ihn herein zu rufen.“ Der Aufſeher wurde herbeigeholt. Er gab die gewünſchte Auskunft, und als die beiden Herrn wieder allein waren, nahm Nactabb die Unterhaltung abermals auf. „Gut, Oberſt Dangerfield,“ ſagte er,„ich könnte nach Allem, was ich ſehe, nicht ſagen, daß es mit Euch ſo ſchlecht ſtünde. Einige Jahre Erſparniß werden Alles wieder in die Ordnung bringen.“ „Ich verſtehe mich aber nicht auf das Sparen.“ „O, das werdet Ihr bald lernen— die Noth iſt ein—“ und hier unterbrach er ſich. „Nein, ich will ehrlich mit Euch ſein, Mr. Mactabb; wenn ich hier bleibe, ſo muß ich auch leben, wie ich bisher gethan habe. Ich muß Einladungen annehmen und machen können; ich muß meine Equipagen, meine Meute Hunde, meine Raſſepferde haben, und mein Hals muß jedem Gaſte offen ſtehen. Nein, wenn ich nicht in meiner bisherigen Weiſe leben kann, bin ich entſchloſ⸗ ſen, dieſen Landesſtrich für immer zu verlaſſen. Ueber⸗ dies werde ich wegen Schulden gequält werden, die ich nicht bezahlen kann.“ „Laßt mich Euer einziger Gläubiger ſein, und ich werde warten, bis es Euch gelegen iſt.“ „Ihr? Nun, ich hielt Euch—“ und der Oberſt ſtockte und ſchwieg. — . „Ich weiß, wofür Ihr mich hieltet— für einen jämmerlichen, alten Filz, und— Gott verzeih' es mir— ich glaube, der bin ich auch manchmal. Der Trieb, Geld zuſammen zu ſcharren, überwältigt häufig den innerlichen Menſchen; aber ich verſichre Euch, Oberſt, ich bin in dieſem Augenblicke geneigt, Euch einen Dienſt zu erzeigen.“ „Ich dank' Euch, Mactabb,“ verſetzte Dangerfield, der nicht ohne Argwohn war, der Schotte führe etwas im Schilde:„aber ich fürchte, es ſteht nicht in meiner Gewalt. Die Pflanzung muß und wird öffentlich verkauft werden, wenn ſich kein Käufer aus freier Hand findet.“ „Das Opfer ſoll alſo gebracht werden.“ „Ich kann es nicht ändern. Vielleicht nehmt Ihr mir meine Pflanzung ab, und macht Euch nebſt den übri⸗ gen Gläubigern bezahlt.“ Mactabb fühlte, daß der alte geldgierige Teufel ihn an dem Ellbogen zupfte, und ihm in das Ohr flüſterte, er möge das Anerbieten annehmen. Einige Augenblicke lieh er dem Verſucher das Ohr und ſah ſich von ſeinen Einflüſterungen arg bedrängt. Aber er ſagte im Stillen: „Weiche von mir, Satanas,“und der feige Schurke entfloh. „Was ſagt Ihr, Sir,“ begann Dangerfield wieder mit einer verzweifelten Haſt:„Wollt Ihr Alles nehmen, und Alles bezahlen?“ „Nein, ich will verd—t ſein, wenn ich das thue.“ Mactabb fluchte nie, als wenn er im Begriffe ſtand, eine edle Handlung zu verrichten. „Das dachte ich,“ verſetzte der Oberſt unwillig,„Ihr hofft, bei einem öffentlichen Verkaufe ein beſſeres Geſchäft zu machen.“ „Ihr habt unrecht, Oberſt Dangerfield. Ich hoffe, ohne jenen ein beſſeres Geſchäft für Euch zu machen. Habt die Güte, mich anzuhören. Ich bin immer noch überzeugt, daß es für Euch beſſer wäre, die Pflanzung zu behalten, und durch unwandelbare Sparſamkeit—“ Der Oberſt ſchüttelte den Kopf. „Gut denn, zu dem andern Punkte. Ihr müßt die Beſitzung ſo gut als möglich anzubringen ſuchen.“ „Ich verſtehe mich nicht auf das Handeln.“ „Deſto ſchlimmer, Oberſt Dangerfield. Wer ſich nicht auf's Handeln verſteht, iſt ſtets das Spielwerk von Schurken.“ „Und wer ſich darauf verſteht, iſt ſehr oft ſelbſt ein Schurke.“ „Amen— der Streit läuft auf bloße Worte hinaus. Aber noch einmal zu der Sache. Aufrichtig und mit Emem Wort— ich kaufe Eure Pflanzung.“ „Hm!“ ſagte der Oberſt trocken. „Ich werde Eure Schulden bezahlen.“ „Hm!“ ſagte er noch trockener. „Ich ſtelle Euch eine Quittung auf das Ganze aus.“ „Hm!“ ſagte der Oberſt trocken wie Zunder:„ſo iſt denn die Sache endlich abgethan.“ — 63— „Nicht ganz; ich ſtelle noch eine Bedingung—. Ihr müßt—“ „Der verdammte alte ſchäbige Filz!“ dachte der Oberſt. „Ihr macht Euch in Euerm und Eurer Erben, Teſtaments⸗Exekutoren und Bevollmächtigten Namen ver⸗ bindlich, die runde, volle Summe von fünf tauſend Pfund virginiſcher Währung von mir als Ausgleichung bei dieſem Kaufe anzunehmen.“ „Der Teufel!“ rief der Oberſt erſtaunt. „Willigt Ihr ein, Oberſt Dangerfield?“ „Sprecht Ihr im Ernſte, Mr. Mactabb?“ „Ich ſpreche ſtets im Ernſte, wenn ich einen Han⸗ del abſchließe.“ „Gut denn, gebt mir Eure Hand, Sir; und ich will verd— t ſein, wenn Ihr nicht der Fürſt aller Tabaks⸗ händler ſeid. Ihr ſeid ein ſehr edler Menſch, und ich mache Euch Barebones zum Geſchenk.“ „O nein— nein, Oberſt— führt mich nicht in Verſuchung, mein Geld an ein abgetriebenes Pferd zu verlieren.“ „Ein abgetriebenes Pferd, Sir? Wollt Ihr mich beleidigen, indem Ihr ſagt, Barebones ſei abgetrieben, oder würde ich ihn Euch geben, wenn er nicht in dieſem Augenblicke im Stande wäre, es mit jeglichem Pferde in Virginia, Stute oder Wallach, aufzunehmen?“ „Molly Magpie ausgenommen.“ „Nein, Sir,“ rief der Oberſt wüthend,„Molly — 65— Magpie nicht ausgenommen! Ich will Euch etwas ſagen, Nr. Mactabb, auf den Tabak möcht Ihr Euch verſtehen, aber über Pferde habt Ihr kein beſſeres Uurtheil, als der alte Allen von Claremont; und überdies, Sir, habe ich die Ehre, Euc ich zu ſagen, daß ich nicht in Eure Bedin⸗ lige. Ihr ſollt meine Pflanzung nicht bekom⸗ annehme.— Barebones abgetrieben— man ſehe doch!“ Es koſtete Mactabb einige Mühe, den Zorn des Oberſten zu beſänftigen.„Ein Matroſe iſt ganz und gar wie ein Stück von ſeinem Schiff,“ wie das alte Lied ſagt, und ein Virginier iſt ganz und gar wie ein Stück von ſeinem Pferde. Er verwirklicht das Märchen von den Centauren— er muß ein Pferd haben, wenn er auch ſonſt gar nichts hat, und wenn er ſich keine zwei Sporen verſchaffen kann, ſo bindet er einen einzigen an ſeine rechte Ferſe, indem er richtig ſchließt, wenn man die Eine Seite eines Pferdes fortſporne, werde die andere natürlich nachfolgen. Mactabb beruhigte zuletzt den Ober⸗ ſten durch einige geſchickt angebrachte Hindeutungen auf Barebones' Thaten, und die Sache wurde freundlich beige⸗ legt. Der Oberſt willigte ein, daß ſeine Schulden bezahlt und ihm fünftauſend Pfund eingehändigt würden. „Nach Allem habe ich einen guten Handel gemacht,“ ſagte Mactabb,„wenn ich nur ſo viel von dem Baue des Tabaks wie von deſſen Werth und Güte verſtünde.“ — „Und auch ich habe einen guten Handel gemacht,“ ſagte der Oberſt mit einem Seufzer,„wenn ich mich nur auf die Kunſt, zu Geld zu kommen, ſo gut verſtände, wie auf die, davon zu kommen.“ 3 Da der Winter im Anzuge war, kam man überein, daß Oberſt Dangerfield bis zum Frühjahre bleiben ſollte, wo er war; und nachdem ſie eine Flaſche Madeira von einem Jahrgange, der, wie ich glaube, der Entdeckung Amerika's voranging, geleert hatten, reiſtte Mr. Mactabb nach ſeinem Wohnorte, der Stadt Richmond ab, dieſem Sitze gaſtfreier Männer und hübſcher Mädchen. Hier begann er mit jenem unermüdlichen Eifer, welcher ſeinen Charakter auszeichnet, die Angelegenheiten des Oberſten Dangerfield zu ordnen. Nach dem Erwerb von Geld kannte er kein größeres Vergnügen, als es da, wo es rechtlich gefordert werden konnte, auszuzahlen, obgleich wir bei dieſer Gelegenheit geſtehen müſſen, daß er, dem Gerüchte zu Folge, einige Gläubiger des Oberſten auf eine ſo fürchterliche Weiſe ſchnürte, daß ſie eine ganze Woche nachher noch nicht zu Athem gekommen waren. unter den größten Duldern war ein ehrlicher, arbeitſamer Schuh⸗ flicker, welcher weiland für die mit den Abſätzen klap⸗ pernden Dienſtleute von Powhatan zu arbeiten pflegte, und in deſſen Rechnung er an einem Paar Abſätze trium⸗ phirend ſechs Pfennige ſtrich. ——— Paulding I. 5 66— Sechstes Kapitel. Wohlauf, nach Weſten! Oberſt Dangerfield hatt ſich lange nicht ſo glücklich gefühlt, als ſeit er ſeine Angelegenheiten mit Mactabb ins Reine gebracht hatte. Er war nun der Laſt ſeiner Schul⸗ den überhoben,— nach der von Sünden, die ſchwerſte Laſt, welche je die Schultern von Menſchen drückte. Ueberdieß war alles abgemacht; und wenn dieß der Fall iſt, erſchrickt nur der Schwächling vor der Kriſis, wel⸗ cher Art ſie auch ſein mag. In dem echten Geiſte ehe⸗ lichen Einverſtändniſſes und Vertrauens ſuchte er ſeine Gattin auf, um mit ihr zu berathen, wie die Sache auf die beſte Weiſe abgethan werden könnte— nachdem alles abgethan war. Niſtreß Dangerfield konnte nicht umhin, über dieſe artige Anrufung an ihr Urtheil zu lächeln. Sie dachte„beſſer ſpät als gar nicht“ und drückte ihre Freude aus, daß die Sache nicht ſchlimmer ſei. „Aber wir müſſen nächſtes Frühjahr von hinnen, und wohin ſollen wir gehen?“ ſagte ſie. „O, wir haben Zeit genug, darüber nachzudenken— wozu uns beunruhigen, ehe es nöthig iſt? Der Frühling wird bald da ſein, Cornelia.“ — 5— „Zu bald!“ dachte Niſtreß Dangerfield, und ihre von Natur ſanfte Stimme ging in das rührendſte Pathos über.„Der Frühling wird bald da ſein, die Vögel in unſern Büſchen werden bald anfangen zu ſingen, die Blumen in unſerm Garten werden bald anfangen zu blühen, die Wieſen werden grün ſein, ehe wir es gewah⸗ ren, und— und— wir müſſen uns anſchicken, anders wohin zu ziehen.“ „Gut, gut, denke nicht daran, Cornelia““ und er kam und nahm ihre Hand und drückte ſie zärtlich,„ſo wahr wir leben!— denke nicht daran, und vergiß, welch ein Unmenſch ich geweſen bin!“* Miſtreß Dangerfield— wir erſchrecken faſt, es zu erzählen; es iſt ſo unglaublich, daß wir überzeugt ſind, Leſer und Leſerinnen werden, wenn ſie einige Weltkennt⸗ niß haben, gegen dieſe ganze wahrhaftige Geſchichte Zwei⸗ fel bekommen, weil wir uns einer ſolchen Sünde gegen die Wahrſcheinlichkeit ſchuldig machen— Miſtreß Dan⸗ gerfield ſchlang ihre Arme um ſeinen Hals, küßte ihn und, obgleich ſie nicht ſchwor, er ſei kein Unmenſch, dachte ſie es doch von ganzem Herzen; und doch war der Mann ihr Gatte. Jetzt kam der Februar— in dieſem milden Klima der Vorbote ſchönerer Tage und wärmeren Sonnen⸗ ſcheins. Die kleinen Vögel, die— der Himmel weiß woher— kommen, erſchienen urplötzlich und zwitſcher⸗ ten in den Erlen, welche die ſtillen Bächlein begrenzten, 5 die, ungeſehen und ungehört, ſich in ihrem ſtillen Laufe nur durch das friſche grüne Gras verriethen, welches ihre ſich windenden Bahnen bezeichnete; die Fröſche, deren Muſik, wie rauh ſie auch iſt, in einer ſolchen Zeit will⸗ kommen klingt, da ſie die Annäherung der mildern Jah⸗ reszeit verkündigt, wurden in den Teichen laut; die Veilchen begannen in blaßblauen Büſchen aus der Erde hervorzulugen; das Dunkelbraun der Wälder verwandelte ſich allmählig in ein faſt unbemerkbares Purpurn; man hörte die wilden Gänſe, unſichtbar in der Luft, unter lau⸗ tem Schnattern ihre Bahn von Süden nach Norden dahin ziehen; und die ganze lebloſe und belebte Natur begann den erheiternden Einfluß der Jahreszeit zu füh⸗ len— alles, nur die Familie des Oberſten Dangerfield nicht, für welche die Annäherung des Frühlings die Loſung zur Verbannung war.. „Ich bin begierig zu hören, was aus Mactabb gewor⸗ den iſt,“ ſagte der Oberſt an einem milden Abende zu ſeiner Frau, als ſie an dem Fenſter ſaßen und des ſtil⸗ len Laufs des Fluſſes achteten, der in geringer Entfer⸗ nung dahin floß.„Er ſollte ſchon lange hier ſein.“ „Nach dem, was du mir von Mr. Mactabb geſagt haſt, bin ich geneigt, 3 glauben, daß er nicht eher kömmt, als bis du nach ihm ſendeſt. Sein Beſuch ſähe aus, als käm' er, uns zu vertreiben.“ „Recht, ich hatte das vergeſſen. Ich muß ihm ſchreiben.“ * — 69— Er bedeutete alſo Mr. Mactabb, alle nothwendigen Papiere und urkunden einzupacken und ſobald als mög⸗ lich mit denſelben zu kommen. Nach wenigen Tagen fand er ſich ein, überbrachte ſeine und aller Gläubiger Quittungen und die Pflanzung von Powhatan wurde ihm für alle Zeiten abgetreten. Die Hand des Oberſten Dangerſield zitterte ein wenig, als er ſeinen Namen unterſchrieb; die ſeiner Gattin aber, obgleich weiß und zart wie ein Schneetropfen, war feſt wie die Eiche, welche dem Sturm Trotz bietet. Eine Grabesſtille folgte die⸗ ſer peinlichen Förmlichkeit. Mactabb unterbrach ſie end⸗ lich, indem er, nachdem er eine Zeitlang in ſeinen Taſchen hin und hergeſucht hatte, ein Papier hervorgezogen und es dem Oberſten mit den Worten überreichte: „Hier iſt der Ueberſchuß, den ich ſchulde wegen— die Peſt darauf, wie ich mit dem Huſten gequält bin— ich erkälte mich immer in dieſem verdammten Monat Februar. Hier iſt ein Wechſel auf fünftauſend Pfund, und— und der Himmel gebe, daß er Euch Glück bringt.“ Der Oberſt nahm ihn mit einer ſtummen Verbeu⸗ gung und eine zweite Pauſe folgte. Mactabb brach das Schweigen abermals: „Verd— t, ich will—jz, ich will— ich att ein Recht darauf, und ich will,“ murmelte er, als ſpräche er mit ſich ſelbſt.„Oberſt Dangerfield— hm— wollt Ihr mir erlauben— werdet Ihr mir verzeihen, wenn ich Euch frage, welche Plane Ihr für die Zukunft entworfen habt?“ „Guter Gott! es iſt wahr— wir haben bis jetzt noch keinen Entſchluß gefaßt.“ „Verſteht mich nicht Unrecht, Oberſt; ich wünſche nicht, Euch zur Eile zu drängen; dieſes Haus und dieſes Beſitzthum ſind Euer, ſo lang' es Euch gefällt, je länger, je beſſer. Vielleicht kann ich Euch aber mit meinem Rathe nützlich werden. Ich bin ein Geſchäftsmann, wie Ihr wißt, und meine Erfahrung ſteht Euch herslich gern zu Dienſten.“ „Es iſt hier keine Gelegenheit dazu da, Sir,“ ſagte Dangerfield kalt und ein wenig ſtolz, denn er wurde jetzt zum erſtenmal daran erinnert, daß er nicht mehr in ſeinem eigenen Hauſe war. „Aber es iſt eine Gelegenheit dazu da, mein Lie⸗ ber“, ſagte Niſtreß Dangerfield heiter;„und wir werden Mr. Mactabb für ſeinen Rath ſehr dankbar ſein.“ „Gut alſo! Es gibt zwei Wege in der Welt, uns aufzuhelfen— Fleiß und Sparſamkeit iſt der Eine und der Andere Wagniß und Unternehmungsgeiſt. Welchen zieht Ihr vor, Oberſt Dangerfield?“ „Den letztern, ohne alle Frage. Lange Gewohnheit hat mich für den erſten ganz untauglich gemacht; aber ich glaube, ich hoffe, Sir, ich bin noch im Stande, zu unternehmen, zu wagen und zu dulden, wenn es nöthig iſt. Der Weg jedoch ich muß es bekennen, würde mir . en ſein, welcher mich einem entfernten igkeit zuführt. Ich kann nicht leben, 6* wie ich und meine Vorfahren hier zu leben gewohnt waren, und meine Abſicht iſt, dahin zu gehen, wo Nie⸗ mand mich kennt.“ „Würdet Ihr gerne nach Kentucky gehen?“ fragte Mactabb. Miſtreß Dangerfield bebte. „Wie? in das düſtere blutige Land, wie ich es nen⸗ nen gehort habe?“ Oberſt Dangerfield ſann einige Augenblicke nach und ſchien ſich des Vorſchlags Mactabb's zu freuen. Der Schottländer theilte ihm nun mit, er ſei neulich in den Beſitz eines ausgedehnten Striches des, der Bedeutung nach, reichſten Landes am Kentuckyfluſſe gekommen, welchen er von einem Schuldner an Zahlungsſtatt ange⸗ nommen; eine Geſellſchaft, der er ſich angeſchloſſen, ſei im Begriffe, ſofort eine Niederlaſſung dort zu gründen und habe ſich mit einer Anzahl Auswanderer in Verbin⸗ dung geſetzt, welche⸗ſich anſchickten, im Monat März auf⸗ zubrechen; Pittsburg ſei der Verſammlungsort, von wo man den Ohio bis zur Einmündung des Kentucky hinab⸗ gehen werde; endlich ſtehe ihm, wenn er die Leitung des Zuges übernehmen wolle, die Wahl ſo vielen Landes frei, ais er wünſche. Während dieſer Auseinanderſetzungen wechſelte Oberſt Dangerfield Blicke mit ſeiner Gattin, deren Züge, wie die durchſichtigen Waſſer des George See's, alles zurück⸗ ſpiegelten, was in ihrer Seele vorging. Sie gedachte der Erzählungen von Mord und Todtſchlag, welche die erſte Geſchichte des düſtern, blutigen Landes ausmachen;— der Gefahren, der Einſamkeit, der Entbehrungen, welche ihr Gatte, ihre Kinder um ſie zu dulden und zu ertragen haben würden;— der Mühſ eligkeiten, welche ihrer harrten, bervor ſie ihre neue Heimath erreichten, und der Leiden und Sorgen, welche folgen würden, bevor ſie, geborgen unter ihrem eigenen Rebendache und ihrem eigenen Feigenbaume, ruhen könnten. Sie ſchanderte bei dem Gedanken an das künftige Loos ihrer Kinder, welche inmitten der üppigen Sitten ſüdlicher Länder aufgewach⸗ ſen waren, und deren Bedürfniſſe, Wünſche und Launen in dem willigen Eifer der Sklaven, welche ihren unver⸗ nünftigen Anforderungen keinen Widerſpruch entgegen⸗ ſetzten, ſtete Befriedigung gefunden hatten. Wenige Minuten verſcheuchten jedoch die Wolken. Die Frauen, ſelbſt die am weichlichſten erzogenen und ihrem Charakter nach furchtſamſten, lieben kühne Wagniſſe und Erregungen ungemein. Weite Reiſen entzücken ſie, und der Reiz der Neuheit iſt unwiderſteh⸗ lich. Selbſt Gefahren haben ihr Anziehendes, und wir haben oft Frauen geſehen, deren Lebhaftigkeit in dem Maße geſteigert wurde, als jene ſich drohender näherten. Das Reiſen hat für ſie unendlich mehr Ergötzlichkeit als für den Mann, und die Ausſicht auf ſteten Wechſel iſt tauſendmal verführeriſcher, weil er mit ihren häuslichen Gewohnheiten und der Einförmigkeit ihrer Beſchäftigun⸗ . — gen im lebhafteſten Kontraſte ſteht. Der Name„la belle rivière?, welchen man dem Ohio gibt, klang ſo ent⸗ zückend, und die Ausſicht, auf ſeiner ſpiegelklaren Fläche, inmitten endloſer Wälder und einſam erhabener Natur⸗ ſcenen hinabzugleiten, ſtellte ſich ihrer Phantaſie ſo romantiſch und verführeriſch dar, daß ihr Antlitz plötz⸗ lich von dem Lächeln des Beifalls erglänzte, welchen ſie dem vorgeſchlagenen Plane ſchenkte. Wir ſind ſchon oft verſucht geweſen, zu glauben, die Eingebornen die⸗ ſes Landes ſteter Wanderung, hätten von ihren Vor⸗ fahren jene furchtloſe Wanderluſt ererbt, welche ſie in die weſtliche Welt geführt hat, und die, obgleich ſie lächerlich gemacht und getadelt werden kann, in einem Gebiete von ſo grenzenloſer Ausdehnung, das NRittel iſt, wodurch unſer Land das geworden iſt, was es iſt, und wodurch es werden wird, was es zu werden beſtimmt iſt. Sie hat ihren Grund in der Liebe zur Unabhängig⸗ keit, mit Muth und unternehmungsgeiſt verbunden und von ihnen geſtützt. Der Amerikaner gleicht dem jungen Rebhuhn, und bricht, während die Schaalen noch an dem flaumigen Flügel hängen, auf, um neue Länder aufzu⸗ ſuchen, wo er ſich oder andern nicht ferner zur Laſt iſt. Gewiß, die Anhänglichkeit an die Heimath, die Bande der Verwandtſchaft und der Gewohnheit, ſo wie die Erinnerungen an die Jugend, üben einen ſehr heil⸗ ſamen Einfluß auf den Menſchen, indem ſie ſeine Lei⸗ denſchaften zähmen und ihn für höhere Gefühle empfäng⸗ —— lich machen. Dennoch ſollte man all dem nicht auf Koſten höherer Befähigung und unwandelbarerer Pflichten des Menſchengeſchlechtes entſagen. Ein Müſſiggänger, der ſich am väterlichen Ofen wärmt, eine Laſt für ſeine Ver⸗ wandten iſt, oder von der Güte und der Großmuth zehrt, ſtatt dieſe Bande zu ſprengen und ſeinen Neigungen, wie annehmlich ſie auch ſein mögen, zu entſagen, ſteht weit, weit unter dem männlich ſtolzen Geiſte, welcher um einen ſolchen Preiß dem Nachhängen einer ſolchen Schwäche den Rücken kehrt, ſich in den ſtürmiſchen Ocean des Lebens wirft und ſich und ſeinem Schöpfer vertraut, wie es ihm auch ergehen mag. „Was ſagſt du dazu, Cornelia?“ fragte der Oberſt, welcher ihre Antwort in ihrem ſprechenden Auge las: „ſollen wir das Anerbieten annehmen und die Gründer eines neuen Staates werden?“ Die Antwort der Niſtreß Dangerfield lautete ziemlich im edlen Style einer Matrone, wie die Bibel ſie will. „Wohin du gehſt, werde auch ich gehen; wo du wohnſt, werde auch ich wohnen; was du duldeſt und leideſt, daran trage ich meinen Antheil; dein Hoffen wird mein Hoffen, und dein Nißgeſchick mein Mißgeſchick ſein. Ich bin bereit, Mann, mit dir zu gehen, wohin du auch geheſt.“ Mactabb, der ein Geſicht hatte, ſo rauh wie das Aeußere einer Auſternſchaale, ſah ſich veranlaßt, ſeine — 5— Brillengläſer zu putzen, da ſie durch die Nähe ſeiner Augen ein wenig feucht geworden waren. Hierauf fuhren ſie fort, alle jene kleinen Einzeln⸗ heiten zu verabreden, welche, wie unerläßlich ſie auch in den gewöhnlichen und außergewöhnlichen Vorgängen des Lebens ſein mögen, weit unter der Würde des Romans ſind, welcher, wie ich den ſauertöpfiſcheſten britiſchen Bücherwürmern ins Geſicht behaupte, der würdigſte und zumal der nützlichſte aller Zweige der Literatur iſt, wenn auch gerade nicht für den Leſer, doch für den Verfaſſer. Was hat Ehren⸗Homer für ſeine unſterblichen Gedichte erhalten? Hat er eine Hofcharge, einen Jahrgehalt oder einen Titel bekommen? oder hat man ihm die Taſche mit baarem Gelde voll gepfropft? Warlich, nein— er brachte es zu der Ehre, auf einem Felſen Schule zu hal⸗ ten, und ſpäter, als er alt und blind war, wurde er erwählter König der Bettler, die einzige Würde, zu wel⸗ cher er es bei ſeiner Lebenszeit brachte. Was hat Will Shakeſpeare für Othello, Macbeth, Richard, und den Sommernachtstraum erhalten? Eine Benefis⸗Vorſtellung in dem rothen Stier*) oder an einem ähnlichen wunderli⸗ chen Ort. Was erhielt Otway für ſein„gerettetes Ve⸗ nedig?“ Eine Brodkruſte, an welcher er erſtickte. Was hat ) Eines der zu Shakeſpeare's Zeit blühenden Theater zu London, ward zum„rothen Stier“ genannt und lag am obern Ende der St. John⸗Street. ueberſ. man Milton für eines der edelſten Erzeugniſſe des menſch⸗ lichen Genius gegeben? So viel, als ein neuer Anzug koſtet, und die Erlaubniß, ungehängt in England zu blei⸗ ben. Was hat Locke für die einzige Analyſe des menſch⸗ lichen Verſtandes, welche der menſchliche Verſtand je zu verſtehen im Stande war, erhalten? Keine Vicekanzler⸗, Aufſeher⸗, oder Lehrer⸗Stelle, ſondern ein Urtheil, das ihn aus ſeiner ſehr ehrwürdigen Einſiedelei*) verbannte. Wir wollen aber von dieſer Abſchweifung, zu welcher wir unwillkürlich durch den glänzenden Traum von einer mächtigen Börſe goldner Adler(eine Vogelart, welche auf dieſer Halbkugel faſt ganz verſchwunden iſt), die in unſere Ohren klangen und Töne hören ließen, gegen welche die der Paſta und Paganini's wahre Mißtöne ſind, verleitet wurden, zu unſerer Geſchichte zurückkehren. *) Seine Wohnung im Chriſtchurch Collego zu Hxford, aus dem er 1684 vertrieben wurde. Ueberſ. Siebentes Kapitel. Oberſt Dangerfield macht Anſtalt, einen neuen Staat zu gründen Da wir wiſſen, wie ungemein lüſtern die freundli⸗ chen und geiſtreichen Leſer nach mächtigen Abenteuern, blutigen Thaten und ähnlichen Ergötzlichkeiten aus⸗ ſchauen, welche literariſchen Erzeugniſſen einen treffli⸗ chen Beigeſchmack, wie Cayenne und Gewürz, geben, und wie ſie mit Recht den albernen, ſataniſchen Dä⸗ mon, den geſunden Menſchenverſtand, verabſcheuen; ſo wollen wir ihnen die merkwürdigen Wunder, welche wir für ſie vorräthig haben, keinen Augenblick langer vor⸗ enthalten, als nöthig iſt, um einiger unerläßlichen Prä⸗ liminarien zu gedenken. Als es bekannt wurde, daß die Pflanzung von Pow⸗ hatan mit allem, was darauf lebt, ſei es nun zweibeinig oder vierbeinig, mit der einzigen Ausnahme von Bare⸗ bones, Pompey Entenbein, Pompey dem Kleinen und den übrigen Gliedern der Pompey⸗Familie, jung und alt, zuſammen etwa fünf und vierzig Köpfe, aus den Hän⸗ den des bisherigen Beſitzers an einen andern übergegan⸗ gen ſei, ließ ſich Weinen und Jammern bei den Bewoh⸗ 5 —— nern des Dörſchens hören, welches die Sklaven des Oberſten Dangerfield bewohnten, und wo ſie im Genuſſe aller jener Freuden lebten, deren ihr Zuſtand fähig iſt. Sie drängten ſich um den Herrn und die Hausfrau und flehten, man möge ſie nach„Alt⸗Kentucky“ mitnehmen, wo ſie dicke Bäume abhauen, Mais pflanzen und die Indianer todt ſchlagen wollten. Der Oberſt war gerührt, Miſtreß Dangerfield konnte ihre Thränen nicht zurückhalten; da es aber jetzt Abend war, befahl ſie dem Minſtrel von Powhatan, welcher ſeltſamer, ſo zu ſagen prophetiſcher Weiſe, den Namen Orpheus oder Avpollo— wir wiſſen es nicht mehr,— in der Taufe erhalten hatte, das belebende Banjo erklingen zu laſſen. Als die leichtherzigen Neger, wahre Kinder in ihren Freuden, ihrem Kummer, ihrem Vergeſſen der Vergangenheit, ihrer Gleichgültigkeit gegen die Zukunft, dieſes unwiderſtehliche Signal hörten, trockneten ſie ihre Thränen, und, bald tanzten ſie das beliebte„douple trouble oder leichte Virginiſche Walzer mit grotesken, freudebelebten Geſticulationen— eine Luſt, eine Fröh⸗ lichkeit, welche durch Ausbrüche von Gelächter erhöht wurde, wie nur das Echo der ſüdlichen Staaten ſie den lauſchenden Thälern und Höhen weit und breit zurück⸗ gibt. Sie ſchienen glücklich zu ſein, und wir hoffen, ſie waren's. Denn es iſt nicht ſehr tröſtlich zu wiſſen oder zu glauben, daß das Loos von Millionen Nitgeſchöpfen ein unabänderlich unglückliches ſei. — 70— Zur Ehre des Oberſten Dangerfield müſſen wir vemerken, daß er Pompejus dem Kleinen, obgleich er bei dem Wettrennen nicht Sieger war, bei dieſer Gele⸗ genheik die Freiheit anbot. „Ich kann dir freilich kein Geld geben,“ ſagte er, „aber frei ſollſt du ſein.“ Es gereicht Pompey zu noch größerer Ehre, daß er das Anerbieten ablehnte. „Nich nur nicht zurücklaſſen, Maſſa. Neger nicht mehr verlangen.“ Als der alte Entenbein dieß hörte, vergab er ihm die Niederlage auf der Rennbahn, und nannte ihn mit Nachdruck„die Ehre der Familie.“ „Was iſt aber während dieſer ganzen Zeit aus Mr. Littlejohn geworden“, fragt vielleicht der Leſer. Als der Oberſt ihm die Nachricht von dem Ver⸗ kaufe der Pflanzung und von der beabſichtigten Ueberſied⸗ lung nach Kentucky mittheilte, rief er in heftiger Be⸗ wegung:„Gott! mein Gott!“ und brach in einen Strom von Thränen aus. Sein Wohlthäter, welcher ihm ſo vieles Gefühl nie zugetraut hatte, bemühte ſich, ihn zu erheitern, indem er eine Reihe von Troſtgründen anführte. Alles war jedoch vergebens; er fuhr fort, mit ſchmerzlicher und krampfhafter Erregung zu weinen. Der lange Winter, während dem ſeine Gefühle zu Eis gefroren waren, ſchien ſich plötzlich gebrochen zu haben, und die einge⸗ —— ſchloſſenen Waſſer brachen alle Schleuſen und ſtürz⸗ ten hervor. Nehmt es Euch nicht ſo zu Herzen, Uyſſes,“ ſagte der Oberſt!„Ich bin nicht ſo arm, daß ich Euch nicht eine ſorgloſe Exiſtenz ſichern könnte, wenn ich fort bin. Mactabb wird Euch gegen einen kleinen Jahrgehalt, der mich nicht im geringſten drückt, hier behalten.“ „Der Donner und das Wetter erſchlage Mactabb und ſeine ganze Raſſe!“ rief Littlejohn, und warf plötz⸗ lich ſeine ganze Rührung ab, oder leitete ſie vielmehr in einen andern Kanal. „Schämt Euch, Littlejohn, ſchämt Euch! Was hat Euch Mr. Mactabb gethan, daß Ihr den Donner und das Wetter an ihn hetzt?“ „Er iſt Herr von Powhatan geworden— Gott verd— e ihn?“ „Nun, was iſt da zu ſagen? er kam auf rechtliche Weiſe dazu.“ „Ich glaube es nicht. Ich halte es für ganz unmög⸗ lich, daß Jemand das Eigenthum eines Andern auf recht⸗ liche Art in ſeine Hände bekommt. Es will mich faſt bedünken, als wenn der alte Erzſchelm*) ſein Spiel hier hätte, mehr oder weniger.“ Der Oberſt konnte nicht umhin, über dieſe Anſicht ſeines Vetters zu lächeln. 20 Der Teufel. —— „Der alte Knabe“ ſagte er,„hilft den Leuten, manch⸗ mal eben ſo gut, eines Beſitzthums los zu werden, glaube ich, als zu einem ſolchen zu gelangen. Aber ich will Euch etwas ſagen, Uyſſes, ich gedenke Euch mit Bare⸗ bones ein Geſchenk zu machen. Ich bringe es nicht über das Herz, ihn zu verkaufen.“ „Barebones, Oberſt? Ich möcht' ihn nicht haben und wenn er einen Sack voll Guineen auf dem Sattel trüge. Er iſt grade gut, einen Sack Mais in die Mühle zu tragen. Die Peſt auf ihn; ich will ſterben, wenn ich an ſeinen Stammbaum glaube.“ „Ihr glaubt nicht daran, Mr. Littlejohn?— Ich muß Euch ſagen, Sir— alle Wetter, Herr!— Ich muß Euch ſagen, Mr. Littlejohn,“— und der Oberſt biß hier die Zähne zuſammen—„wäre Euer Stammbaum ſo über alle Zweifel erhaben, wie der meines Barebv⸗ nes, ſo könntet Ihr Euren Kopf etwas höher tragen, als Ihr ihn tragt. Seht hierher, Sir“— er nahm ſein Taſchenbuch hervor—„ſeht hierher, Sir“— er nahm ein verbrauchtes Papier heraus—„ſeht hierher, Sir“— er legte es aus einander—„Mutter, Kitty Fisqher, Sir;— Großmutter, Langſam und Leicht;— Urgroßmutter, Halbkatze, Sir;— Ururgroßmutter, Fer⸗ kelfüßchen, Sir;— urururgroßmutter— alle Wetter, Mr. Littlejohn, ich muß erwarten, das Erſte, was Ihr thut, iſt, daß Ihr mich den Sohn eines flickers nennt!“ Paulding I. —— Einen Augenblick ſpäter drückte er Mr. Littlejohn's Hand feſt in der ſeinigen, denn es fiel ihm ein, daß utyſſes ein armer Teufel und er ſein Wohlthäter war. „Nun, nun, Oberſt— Ihr wißt ja wohl, daß ich Euch nicht beleidigen wollte; aber dieſer Tabakshändler hat mich ſo aufgebracht, daß ich kaum weiß, was ich ſage. Ich bitte, verzeiht mir, daß ich Barebones Unrecht gethan habe.“ Es war dieß das erſtemal, daß er den Oberſten um Verzeihung bat, und er that es nur, weil er ihn in einer unglücklichen Lage wußte. „Ihr wollt alſo jetzt das Pferd nehmen?“ „Nein, Ihr thut beſſer, Ihn zu verkaufen; Allen von Claremont ſagte mir neulich, er gebe tauſend Pfund dafür.“ „Ich ſchieße ihn eher todt, als ich ihn Allen von Claremont gebe.“ „Nun, dann macht mit ihm, was Ihr wollt, Oberſt, aber weiſt mich nicht von Euch. Nehmt mich mit Euch, und ich will arbeiten für Euch, kämpfen für Euch, ſter⸗ ben für Euch, ſo wahr ich Littlejohn heiße.“ „Wenn ich glauben könnte, daß Ihr Euch in der Wildniß behaglich fändet, würd' ich Euch gerne um mich haben.“ „Behaglich! Ich werde glücklich ſein, Oberſt; und ich kann Euch auch nützlich werden. Ihr wißt, ich bin ein guter Schütze— ein echter Nimrod.“ — „Ja, ich weiß, Ihr treibt Euch oft den ganzen Tag draußen herum und kommt halb verhungert, bis zum Gürtel mit Koth bedeckt, zurück und Eure Jagdtaſche iſt ſo leer, als ſie beim Weggehen war.“ Wenn ſein Wohlthäter nicht eben ſeine Pflanzung hätte aufgeben müſſen, würde Mr. Littlejohn die Sache ernſt genommen haben, ſo aber antwortete er nicht ohne einige Empfindlichkeit: „Ah, Oberſt, Ihr ſeid in Eurer ſcherzhaften Laune. Bei all dem biete ich Euch eine Wette an, daß ich den erſten Bären ſchieße—“ „Angenommen!“ rief der Oberſt:„was gilt die Wette?“ „Nichts!“ verſetzte der Andere;„ich habe nichts zu verlieren, wie mir eben einfällt, als Euer Wohlwollen, und dieſes möchte ich nicht gern aufs Spiel ſetzen. Aber nehmt mich mit Euch. Ich habe Euch noch nie um etwas gebeten, denn Ihr kamt meinen Wünſchen ſtets zuvor; jetzt aber bitte ich Euch, mich mitzunehmen, weil ich weiß, daß ich Euch auf eine oder die andere Art nützlich wer⸗ den kann.“ „Ihr werdet der Wälder müde werden.“ „Nein, dieß wird nicht der Fall ſein.“ „Ihr werdet Euch unglücklich fühlen.“ „Und wenn es wäre, ſo will ich mein Lebelang mein Brod im Schweiße meines Angeſichtes verdienen, wenn Ihr, oder irgend ein Sterblicher es erfahren ſoll. Ich 6* 53— werde ein Auge auf die Pferde haben; wenn ſie ſich in den Wäldern verlaufen, werde ich ſorgen, daß ſie ein⸗ gebracht werden; ich werde auf die Kinder acht geben; und die Peſt auf mich, wenn ich nicht jedes Kupfergeſicht, das ſich ſehen läßt, im Nu ſo zurichte, daß es ewig an mich denken ſoll. Laßt mich mitziehen.“ „Unter einer Bedingung, ja! Ihr müßt mir ver⸗ ſprechen, Littlejohn, daß Ihr mir es ſagt, wenn Ihr Euch nicht mehr behaglich fühlt, damit ich Euch wieder zurückſchicke.“ „Ganz unnöthig, Oberſt, ganz unnöthig. Aber ich verſprech' es Euch. Wenn ich ein ſolcher Elender ſein ſollte, will ich's Euch ehrlich ſagen, und dann— hoffe ich, der erſte Bär, den ich antreffe, wird mich mit ſei⸗ nen Tatzen erwürgen.“ Es wurde demnach feſtgeſetzt, daß Littlejohn die Geſellſchaft begleiten ſollte. Er ſuchte ſogleich ſeinen Freund Barebones auf und theilte ihm die Nachricht mit; dieſer hörte auf die Mittheilung mit ſeinem gewöhnlichen bedeutſamen Wiehern, da er ohne Zweifel nicht daran dachte, daß dieſe Uebereinkunft ſie für immer in dieſer Welt trennen würde. Achtes Kapitel. „ueber Verg' und Höh'n und immer weiter.“ Nach den Verabredungen der Geſellſchaft kam die kleine Schaar der Auswanderer zu Philadelphia zuſam⸗ men, da ein Theil von ihnen aus den öſtlichen Staaten war; Oberſt Dangerfield machte ſich daher auf den Weg nach dieſer ſchönen Stadt, der Gefahren nicht eingedenk, welche ihm von den nicht⸗ſtreitbaren Bewohnern drohten. Wir übergehen die Abſchieds⸗Scene; den gefühlten obgleich vorübergehenden Schmerz der Neger von Powhatan, als ſie ihrem guten„Maſſa“ und der freundlichen„Miſſih“ Lebewohl ſagten; das gedankenloſe Staunen der beiden Kinder des Oberſten; den langen, letzten, zögernden Scheideblick der Eltern, als ſie auf dem Gipfel einer Anhöhe den Wagen einen Augenblick halten ließen, und noch einmal auf die Heimath zurückſchauten, welche ſie nie wieder ſehen ſollten. Es war ein lieblicher, fried⸗ licher Anblick; was ſind aber Schönheit und Frieden, was iſt jede irdiſche Freude anders, als Galle und Bitter⸗ keit für den, welcher weiß, daß er ſie zum letzten Male ſieht, fühlt und genießt! Gern weilten wir hier einige Augenblicke, um die — 86— Wohnung des Hberſten Dangerfield zu ſchildern; aber wir haben einen langen Weg und eine lange Geſchichte vor uns. Schilderungen müſſen fortan den Handlungen, und Gefühle den Begebniſſen und Abenteuern Platz machen. Wir haben die Hände voll zu thun, und wenn wir gele⸗ gentlich einen Augenblick inne halten, um einen Gedan⸗ ken auszuſprechen, oder eine Landſchaft zu zeichnen, ſo müſſen wir kurz ſein, denn die Zeit iſt koſtbar. Das Leben iſt kurz, und die Romane ſind lang. Glücklich und dreimal glücklich und hundertmal weiſe iſt der, welcher Zeit und Geduld genug hat, ſie alle zu leſen. Die Geſellchaft weihte Richmond und ihren dortigen Freunden einen Tag. Alle Welt bedauerte Miſtreß Dangerfield, und doch war ſie vielleicht ganz ſo glücklich, wie die, welche ſie bemitleideten; denn man irrt ſich in dieſer Hinſicht gar häufig. Mactabb war den ganzen Tag bei ihnen; der Umſtand, daß er ihnen ſeine Zeit opferte, welche er als das koſtbarſte aller Güter betrachtete, war ein größerer Beweis ſeiner Freundſchaft, als die Menge kleiner Gegenſtände für häuslichen Bedarf und Bequemlichkeit, die ſeine Fürſorge angeſchafft hatte, und zu deren Annahme er ſie nöthigte. Ehrlicher Schottlän⸗ der! Du und ich nehmen vielleicht auf immer Abſchied von einander; ich will aber in dieſem Zeitalter eitler Prahlſucht, leerer Geziertheit, hohler Phraſen und grund⸗ ſatzloſer Vergeudungsſucht die Gelegenheit nicht verſäu⸗ men, deiner anſpruchsloſen, ungeſchminkten Tugend das 5 beſte Zeugniß auszuſtellen, obgleich du warlich unter allen Menſchen, die ich noch geſehen, am allerwenigſten das Ausſehen eines Philoſophen hatteſt. Der Oberſt machte Mactabb ein Geſchenk mit Barebo⸗ nes, und erhielt das feierliche Verſprechen, das edle Thier ſollte nie zu einer nützlichen Beſchäftigung herabewürdigt werden. Die Reiſe nach Philadelphia bot nichts merkwürdiges. Dangerfield hatte aber kaum in einem Gaſthauſe ſein Quartier genommen, ſo ſah ſich Pompey Entenbein auch ſchon von einem wohlgeſinnten Gentleman in Anſpruch genommen, welcher ihn verſicherte, wenn er wolle, ſei er und die ganze Pompey⸗Familie von dem Augenblicke an frei. Der Name Freiheit iſt ſüß für das Herz des Men⸗ ſchen, beſonders für das des farbigen Mannes, und Pompey war arg verſucht, ſeinen alten Herrn zu verlaſſen. In demſelben Augenblicke aber kam ein unglücklicher, vom Elend gebeugter und von der Armuth ausgeſaugter Schwarzer heran, blieb vor dem Gentleman ſtehen, und bettelte um ein Almoſen. „Schämſt du dich nicht, Freund, als ein freier Mann in den Straßen zu betteln? Kannſt du keine Arbeit bekommen?“ „Ich bin lange krank geweſen, und jetzt zu ſchwach, um zu arbeiten,“ ſagte der Neger. „Gut, komm dieſen Nachmittag in meine Woh⸗ nung, Freund, und ich werde dir einen Aufnahmeſchein in das Hospital geben.“ Der arme Schwarze entfernte ſich, ohne ihm zu danken, und er war kaum fort, als eine Schwarze, in deren Zügen und Kleidung man alle Merkmale der Aus⸗ ſchweifung und des Elends gewahrte, an ihnen vorüber wankte, und die ekelhafteſten und läſterlichſten Verwün⸗ ſchungen ausſtieß. Ein Kind von derſelben Farbe folgte ihr ſchreiend, und ihr in einer eben ſo niedrigen Sprache, wie die ihrige, zurufend. Dicht hinter ihnen kam ein wild ausſehender, beſchnauzbarteter Lump, ſchwarz wie Ebenholz, von zwei Polizei⸗Offizianten begleitet; er war angeklagt, eine weiße Frau beraubt und faſt ermordet zu haben. „Was das all hier für Leute?“ fragte de in einem Tone edlen Abſcheus. „Es ſind freie farbige Leute, Freund, und auch du kannſt frei ſein, wenn du willſt.“ „Nein, Tank Euch!“ rief Entenbein, und ließ den weißen, wohlmeinenden Herrn ſtehen, um ſeinen Herrn zu bitten, die unglücklichen Leute zu kaufen, und ſie nach Kentucky mitzunehmen. Einige Tage waren hinreichend, um die kleine Schaar Auswanderer zu ſammeln, und die Vorbereitungen zur Abreiſe zu treffen. Jetzt waren ſie auf dem Wege nach Pittsburg, wo ſie ſich auf dem Ohio einſchifften, und ſo dem Orte ihrer Beſtimmung entgegen eilen wollten. Das — —— 89— Land jenſeits der großen Alleghany⸗Bergkette, das ganze Thalgebiet des mächtigen NMiſſiſſippi, in welchen ſich tauſend Gewäſſer ſo zu ſagen aus den entgegengeſetzten Punkten der Erde ergießen, hatte den Namen Backwoods Ginter⸗ wald). Die Bewohner der atlantiſchen Staaten ſchauten auf die fernen blauen Umriſſe dieſer majeſtätiſchen Berge, welche mit Recht das Rückgrat von Nordamerika genannt werden, als auf die äußerſte Grenze der civiliſirten Welt des Weſten. Jenſeits war, ihrer Anſicht nach, nichts als Wälder, wilde Thiere und wilde Indianer. Es war das Land der Gefahren, der Wagniſſe, der Abenteuer und der Romantik, und für den Furchtſamen und Bedenk⸗ lichen hatte es das Anſehen„jener Region, aus welcher kein Wanderer zurückkehrt.“ Jetzt iſt freilich Niemand mehr im Stande, das hohe romantiſche Intereſſe auf ſich zu ziehen, welches die in dieſe wilden und gefährlichen Oeden Wandernden begleitete, oder den Heldenmuth derer zu ſchätzen, welche es zuerſt wagten, allen dieſen drohen⸗ den Schreckniſſen entgegen zu gehen. Es war um die Mitte des Märzmonds, als ſie lang⸗ ſamen und beſchwerlichen Schrittes die Alleghany⸗Berge hinanzuſteigen begannen. Sie hatten ſie ſchon einige Tage in großer Entfernung ihre blauen Häupter erheben und ihre Wellenlinien nach Süden und Norden, ſo weit das Auge nur reichen konnte, ausbreiten ſehen, und es war, als wenn ſie die Grenzen der Welt in jener Rich⸗ tung abgäben. Dann und wann begegneten ſie einem jener„Land⸗Carreten,“ Pittsburger Wagen genannt, und von einem wunderlichen Original geführt, das ſein ganzes Leben auf der Straße zubrachte, und von dem wir faſt eine Beſchreibung geben möchten, da es eine neue und ſeltene Art iſt, welche in dieſem Jahrhundert der Kanäle, Eiſenbahnen und Dampfſchiffe, wie die Miſſiſſipi⸗Boots⸗ leute und der Mammuth, bald ausgeſtorben ſein, und zu den fabelhaften Ungeheuern gerechnet werden. Manch⸗ mal begegneten ſie einer Heerde Schweine, zahlreicher als die wolligen Krieger von Taprobane, die für den Ritter von der traurigen Geſtalt ſo unheilbringend waren, und von ſo eigenthümlich wildem Anſehen, ſo borſtigem Haar und ſo ſcheußlichem Grunzen, daß ſie die Repräſen⸗ tanten des wilden Landes zu ſein ſchienen, in welches die Wanderer zogen. Da und dort ſah man an dem Wege die Spuren von Unfällen Reiſender— zerbrochene Achſen, Räder ohne Speichen, und andere Zeichen von argem Nißgeſchick. Ja, ſelbſt die Schilde der Schenken verrie⸗ then die Annäherung neuer Scenen und neuer Bilder. Der wilde Truthahn, der kahlköpfige Geier, der Wolf und der Bär, in dem ganzen Schauer ländlicher Treu⸗ herzigkeit gezeichnet, und mit der größten Mißbeachtung von Natur und Wahrſcheinlichkeit in Farbe geſetzt, gaben bedeutungsvolle Winke, daß es hier an Unterhaltung für Mann und Pferd nicht fehlte. Endlich überſtiegen ſie die letzte Kette des Alleghany, und das Thal des Ohio lachte zum erſten Mal ihren — 91— Blicken entgegen. Wir würden es verſuchen, die großen, ſchönen Züge dieſes anziehenden und prachtvollen Schau⸗ ſpiels zu ſchildern; aber wir ſind auf keiner maleriſchen Reiſe begriffen, und obgleich wir gern in der köſtlichen Einſamkeit der Natur weilen, und uns die Erinnerung daran durch die Beſchreibung zurückrufen, drängt doch die Zeit zu ſehr, und wir müſſen zu andern Scenen übergehen. Nach der Ankunft zu Pittsburg übernahm Oberſt Dangerſield die Mühe, die Vorbereitungen zur Einſchif⸗ fung auf dem Ohio zu überwachen. Mr. Littlejohn war dabei lebhaft thätig, und es war höchſt ergötzlich, dieſen bisherigen Müſſiggänger plötzlich in einen höchſt geſchäf⸗ tigen und Alles ergreifenden Menſchen verwandelt zu ſehen, welcher die glücklichſte Gabe von der Welt hatte, Alles, was er zu fördern gedacht, aufzuhalten, und Jedem dem er beizuſtehen Miene machte, in dem Wege zu ſein. Auch dem Oberſten fehlte es, leider, an der nöthigen Erfahrung, auf welche Weiſe dieſe neuen Argonauten am Beſten zu gehaben wären. Der Zufall begünſtigte ihn jedoch, indem er zu ſeinem Beiſtande einen Mann in der Geſellſchaft fand, welcher früher in Kentucky gewe⸗ ſen, und, wie er ſagte, dort ſo gut zu Haus war, wie ein Prairienhund in ſeiner Höhle*. *) Die Creolen nennen dieſes Thier chien de prairie, kläf⸗ fende Murmelthiere, gelb von Farbe, nicht größer, als Dieſer Mann hieß Ambroſius Buſchfield; er war in Nord⸗Carolina geboren, und eine jener ſeltenen Natu⸗ ren voll angeborner Thatkraft, inſtinktmäßigen Scharf⸗ ſinnes und kühnen Unternehmungsgeiſtes, wie man ſie in der frühen Geſchichte aller Theile des Weſten ſo häufig findet. In den Bergen ſeines heimathlichen Staa⸗ tes erzogen, frei wie die Luft, die er athmete, war er kühn, hoch und ſchlank gewachſen, wie die Bäume in den urwäldern, in welchen er den größten Theil ſeines Lebens auf der Jagd und in halsbrechenden Abentheuern jeder Art hingebracht hatte. Er konnte weder leſen noch ſchrei⸗ ben, und doch war er weder unwiſſend noch gemein, und ſeine Gefühle waren, entweder in Folge einer Laune der Natur oder manchfacher Umſtände, in vielen Hinſich⸗ ten die eines Mannes von Stand und Bildung. Man ſagte, eine frühe unglückliche Liebe, oder, wie Andere behaupteten, die Entdeckung, die Gegend, welche er bewohnte, werde ſo volkreich, daß er ſeines Nachbars Hund bellen hören könne, habe ihn einige Jahre vorher veranlaßt, ſich an Boone anzuſchließen, welcher damals den Grund zu einem Staate legte, der einſt wahrſchein⸗ lich einer der reichſten und bevölkertſten der Welt wer⸗ den wird. unſere Eichhörnchen und mit einem, wenige Zoll langen Schwanze verſehen. Arctomys Ludovicianus. uebverſetzer. — Nachdem er eine Reihe von Abenteuern und Unfäl⸗ len erlebt, die an das Unglaubliche grenzen, nahmen ihn die Indianer gefangen, malten ihn ſchwarz und beſtimm⸗ ten ihn zu den ſchrecklichſten Martern. Die letzten Qualen ſollte er in ihrem Dorfe erdulden. Nittlerweile ergötzten ſie ſich, ihn mit gebundenen Händen und Füßen auf ein halb wildes Pferd, das ſie an den Grenzen von Virginia geſtohlen hatten, zu ſetzen, damit er, wie Mazeppa, in vollem Galopp durch die Wälder jage, während die Wil⸗ den mit ſchrecklichem Freudegebrüll folgten. In jedem Dorfe, durch welches ſie kamen, mußte er Spießruthen nach ihrer Weiſe laufen; hunderte von Wilden ſtellten ſich nämlich in doppelten Reihen auf, und jeder war mit einer Keule oder einer Peitſche bewaffnet, womit er aus allen Kräften auf ihn einhieb; erreichte er lebendig das Gefängiß, ſo war er nach einer unabänderlichen Sitte von dem Tod am Pfahle erlöſt. Es iſt kaum möglich, daß dies jemals ohne ein Wunder geſchieht; Buſchfield wurde demnach, obgleich er die Kraft eines Rieſen und die Nerven eines Leuen hatte, jedesmal zu Boden geſchmet⸗ tert, ehe er das Heiligthum des Berathungshauſes erreichte. Als ſie in ihr Dorf kamen, trafen ſie Anſtalten, ihn zu verbrennen. Die Feierlichkeit nahm ihren Anfang; das unglückliche Opfer wurde unter Jubel und wildem Gebrüll um das Dorf geführt, um ſeine Kraft und ſeinen Muth zu brechen, und dann die Freude zu genießen, ſich an ſeiner Angſt und ſeinem Stöhnen 1 1 zu laben. Während dieſes umzuges kamen ſie an der Hütte eines jener weißen Renegaten vorbei, welcher wegen ſeiner Verbrechen aus der Geſellſchaft von ſeines Gleichen geflohen war, und bei den Indianern Zuflucht geſucht hatte. Sein Haß gegen die Weißen war in der That teufliſch, und unter all den grauſamen Feinden, Menſchen wie Thieren, auf welche die erſten Anſiedler ſtießen, war dieſer geächtete Böſewicht am meiſten zu fürchten. Als er hörte, was vorging, ſtürzte er aus ſeiner Hütte, wie der Tieger aus ſeiner Höhle, faßte den Unglück⸗ lichen um den Gürtel, warf ihn mit der ganzen Kraft der Bosheit und Wuth zu Boden, ſetzte ihm das Knie auf die Bruſt und ſchwang triumphirend ſein Meſſer. Buſchfield erkannte in dieſem herzloſen Böſewicht einen ſeiner frühen Jugendgeſpielen. Er nannte ihn bei ſeinem Namen, ſagte ihm den ſeinigen, und flehte ihn um Schonung und Hülfe an. Dieſe Bitte war nicht vergeudet. Der Renegat hörte, ſo verworfen er auch war, auf die Stimme des Jugendfreundes und auf ſein Flehen. Er hob ihn vom Boden auf, und die Erinnerung an die Heimath ſeiner Jugend, an die ehemaligen Freunde, an das, was er geweſen, und was er jetzt war, wirkten ſo mächtig auf ſein eiſernes Herz, daß er Buſchfield umarmte, und in Thränen ausbrach, während er verſprach, ſich zu ſeinen Gunſten zu verwenden. Sein Einfluß war ſo groß, daß er zuletzt dem Gefangenen Gnade erwirkte, und die Erlaubniß erhielt, ihn mit ſich in ſeine Hütte zu nehmen. Der Renegat kannte aber den launi⸗ ſchen Charakter der Wilden und die Schwierigkeit ſehr gut, mit welcher ſie der Wonne, einen Gefangenen zu martern, entſagten, und ſtand daher Buſchfield mit Rath und That bei, ſich ſchon in der nächſten Nacht durch die Flucht zu retten. So floh er denn, und obgleich er einen Wald von mehreren hundert Meilen, wo ſich kein Weg fand, ohne Compaß oder irgend einer andern Hülfe, als ſeines Inſtinktes und Scharfſinns, zu durchwandern hatte, erreichte er doch zuletzt glücklich die Pflanzung ſeines alten Freundes Boone zeitig genug, um bei dem Siege über einen Indianerhaufen gegenwärtig zu ſein, welcher das kleine Fort des Patriarchen von Kentucky belagert und eingeſchloſſen hatte. Da er ſeit einer Reihe von Jahren ſeine Heimath nicht geſehen hatte, beſchloß er nun, ſie wieder zu beſuchen; er fand jedoch, wie er ſagte, das Land ſo verweichlicht und verderbt, daß die Leute Federbetten den getrockneten Blättern und wollene Decken der Decke des Himmels vorzogen; er machte ſich daher ſchnell wieder auf, und war jetzt auf dem Rückwege nach dem„alten Kentucky,“ wo er den Reſt ſeiner Tage hinzubringen entſchloſſen war, da dort der einzige Aufenthaltsort für einen Gentleman ſei, obgleich gewiß auch da die Vevölkerung bereits zu ſehr wachſe. In ſeinem Aeußern war Buſchfield eine jener ſelte⸗ nen Menſchenarten— das vereinigte Produkt reiner Luft, geſunder Bewegung, kriegeriſcher Gewohnheiten und voll⸗ kommener Körper- und Geiſtes⸗Freiheit. Er war über ſechs Fuß groß, ſchlank, wie eine Tanne, und ohne eine Unze überflüſſigen Fleiſches an ſeinem ganzen Körper. In ſeinem Benehmen war eine ungemeine Leichtigkeit, welche man faſt Anmuth hätte nennen können. Seine Kleidung, die aus einem Jagdrock von Bocksleder und aus einer Kappe und Beinbekleidung von der Haut des Waſchbären beſtand, war in hohem Grade maleriſch. Nichts Gemeines oder Plumpes war in ſeinem Aeußern und ſeinem Betragen zu entdecken; er gab ſich wie ein Mann, welcher ſich ſeinen Mitmenſchen in allen Umſtän⸗ den und Lagen, welche männliche Kraft und kühnen Geiſt forderten, völlig gleich ſtellen zu können glaubte. Die Berathungen des Oberſten mit ſeinem treuen und geſchäftsverwandten Rathgeber Buſchfield über die Wahl der Fahrzeuge, auf welchen ſie den Ohio hinab⸗ ſchiffen wollten, waren nicht ſchnell abzuthun, denn die Mannigfaltigkeit derſelben war ſo groß, daß eine Wahl in Verlegenheit ſetzen konnte. Da war das Aleghany⸗ Boot, das Canoe, aus einem einzigen Baumſtamme beſtehend, die Pirogue, das bedeckte Flachbvot, das Kiel⸗ boot, der Prahm und alle die Arten von Fahrzeugen, welche der, ſeinen Launen überlaſſene oder von der frucht⸗ baren Mutter„Erfindung“ begeiſterte Geiſt des Men⸗ ſchen nur erdenken und zur Ausführung bringen konnte. Unter dieſen ſchien das geräumige ſogenannte„Breithorn“ vor Allen paſſend zu ſeinz es gleicht einem ſchwimmenden Hauſe, iſt faſt ſo breit als lang, und enthält eine Reihe von Gemächern oder Verſchlägen für jede Art belebter Weſen, vom Menſchen an bis herab zu Ochſen, Pferden, Schaafen, Hunden und den unedlen Schweinen. In ſeiner urſprünglichen Einfachheit hat es weder Bug noch Hintertheil, weder Steuerbord noch Backbord; bei Sturm und hohem Waſſerſtande gibt es kein beſſeres Fahrzeug in der Welt, denn wenn es mit dem einen Ende an dem ufer anſtößt, wendet es ſich augenblicklich mit der Strömung, und ſchießt, mit dem andern Ende voran, dahin. Der Oberſt und ſein Premier-Miniſter entſchieden ſich endlich für dieſes„Breithorn.“ Sofort wurden alſo einige von ſehr großem Umfange, welche faſt geeignet waren, die mannigfache Fracht der Arche Noahs aufzu⸗ nehmen, gemiethet. In dieſe wurde Alles das geladen, was man für eine neue Anſiedlung fern in den Wild⸗ niſſen nöthig erachtete, nebſt einer Anzahl Hausthiere, welche eben ſo wenig entbehrt werden konnten; auch die Geſellſchaft der Auswanderer fand darin Platz, während Oberſt Dangerfield und ſeine Familie ein ähnliches aber kleineres Boot für ihren eigenen Gebrauch einnahm. Der Oberſt hatte das erforderliche Hausgeräthe— Alles ein⸗ fach und dauerhaft— und eine kleine Bibliothek gekauft, in welcher auch ein juriſtiſches Werk war, damit er ſich bei der Verwaltung ſeines Herrſcheramtes in den Wäl⸗ Paulding I. 7 dern Raths erholen könne. Da der Fluß ſich nun hob, und der Waſſerſtand hinreichte, ſchiffte man ſich an einem ſchönen, ſonnigen Morgen ein, gab die Boote der vollen Strömung preis, und bot den Wohnungen civiliſirter Nenſchen und den Genüſſen des civiliſirten Lebens ein langes Lebewohl. Neuntes Kapitel. Lebt, traute Freunde, wohl— wir müſſen gehn, und werden lange euch nicht wieder ſehn. Der Dorfkirch' Lebewohl, dem Glockenklang, Der zum Gebet uns rief, zum Leichengang; Den grünen Fluren, wo ſich ſtets bewegt um Heerd'und Pflug der Fleiß des Menſchen regt; Dem Rauch der Hütten, der ſanft über Bäume Empor ſich wirbelt in des Himmels Räume; Des Pflügers Lied, dem Lämmerblöcken, Den Heerdeglocken, die das Echo wecken— Euch allen/ Lebewohl!— Die Barke, in welcher ſich Oberſt Dangerſield und ſeine Familie für die Reiſe, den Ohio hinab, eingeſchifft hatte, bildete ein längliches Viereck, und war mit einer ziemlich roh gearbeiteten Cajüte verſehen, welche zwei Verſchläge enthielt, die einen hinreichenden Schutz gegen Wind und Wetter darboten. Der Kapitän und Eigen⸗ thümer dieſes urweltlichen Fahrzeugs war ein langrip⸗ piger, wetterzerſchlagener, wunderlicher Kautz, der Sam Hugg hieß, und den ganzen Weg vom Mad⸗River und mmerdar, wie er ſelbſt zu ſagen pflegte,„vollkommen⸗ wach und gehörig nüchtern“ war. Seine Gehülfen beſtan⸗ den aus zwei Mann und einem Jungen, der den wirk 7* — 100— lichen oder Spitznamen„Cherub Löffelein“ hatte,„eine muntere Art Knaben jedenfalls.“ Ein großer Theil der ufer des Ohio war damals noch in dem Zuſtande der Natur, und zwar einer Natur, welche in ihrer höchſten Schönheit prangte. Der Morgen war mild und ſchön, und der junge Frühling hatte nun ſein lispelndes Blättergewand angezogen. Rieſenhafte Sycamore, Jahrhunderte alt, und einem unausgeſaugten Boden entſproſſen, begrenzten die beiden Ufer⸗ wenn nicht dann und wann in einem engen Thalgrunde eine kleine mit wilden Blumen bedeckte Wieſenfläche Abwechſe⸗ lung in die Scene brachte. Keine lebende Seele ſchien außer den Reiſenden in dieſer Region der Ruhe und des Friedens zu athmen und ſich zu bewegen; und doch drohte überall Gefahr und Tod. In der Tiefe dieſer ewigen Wälder ſtreiften Schaaren wilder Thiere und wilder Menſchen, welche zwar in dieſem Augenblicke im Frieden mit dem weißen Mann zu leben behaupteten, auf deren Freundſchaft man aber auch nicht Eine Stunde bauen konnte. Geräuſchlos und mühelos gleiteten die Schiffe unſerer Wanderer über die glatte Fläche dahin; nach der ſorgloſen Unthätigkeit der Bootsleute hätte man ſie für die trägſten aller Erdenſöhne, und ihre Beſchäf⸗ tigung für die leichteſte und gefahrloſeſte halten können. Vielleicht aber hat Niemand auf der Oberfläche der Erde oder der Waſſer mehr Müheſeligkeiten erduldet, ſchwerere Arbeit verrichtet, und in den Stunden der — 101— Gefahr mehr Kraft und Ausdauer gezeigt, als dieſe Bootsführer. Viele rohe Denkmäler an den Ufern des Ohio und Miſſiſſippi bezeichnen bis auf den heutigen Tag den letzten Ruheplatz ſo mancher elend umgekom⸗ menen Bootsleute, und beweiſen, daß hier ſo gut wie anderwärts das Leben dem Strome gleicht, der thalab ſanft und leicht dahingleitet, bergan aber ewige Kämpfe darbietet, und mit Ungemach und Tod endigt. Während ſie ſo dahin gleiteten, ſaßen der Oberſt und Niſtreß Dangerfield auf dem Verdecke und ſchauten auf die immer wechſelnde, melancholiſche und doch entzük⸗ kende Landſchaft, welche bei jeder Wendung dieſes ſchlan⸗ genartig ſich windenden und ſchönſten aller Flüſſe des Weſten, irgend eine neue Ausſicht auf kleine wilde Wieſenflächen, runde Waldhügel und ſteil über dem Waſſer emporgethürmte Klippen darbot. Die Scenen vor ihnen hatten zuweilen den Charakter derjenigen, denen ſie entgegen gingen, zuweilen erinnerten ſie an ſolche, welche hinter ihnen lagen, ſo daß die ſchwermü⸗ thigen Gefühle, welche in ihnen rege wurden, weder ganz ſchmerzlich noch auch ohne einen peinlichen Beige⸗ ſchmack waren. Wir haben eine zu hohe Meinung von unſern Leſern, um ſie für unfähig zu halten, ſich dieſe Gefühle zu verſinnlichen. Denn wer iſt nicht einmal in ſeinem Leben, in der Jugend oder in einem vorge⸗ rrücktern Alter, aus lange liebgewordenen Banden, aus einem Lieblingsaufenthalte, aus einem ſüßen Genuſſe — 102— herausgeſchlendert worden? Wer iſt nicht ſchon ſelbſt durch die Freuden und Genüſſe des Augenblicks bitterlich an die Vergangenheit erinnert worden? Niemand freute ſich der Landſchaft und des Augen⸗ blicks mehr als Mr. Littlejohn. Die Stille, die Ruhe, die Muße und Unthätigkeit erfüllten ihn mit einem wun⸗ derbaren, köſtlichen Zauber und legten, wie er in ſpätern Zeiten oft zu ſagen pflegte, ſeine Seele auf ein Flau⸗ menbett. Er machte ſchnell Bekanntſchaft mit dem Ka⸗ vitän Hugg, welcher ihn mit der Geſchichte von jenem Indianer, welcher einen Feuerſtein gefunden hatte und dreihundert Meilen reiſ'te, um eine Flinte dazu zu kau⸗ fen; von dem Kampf und der Niederlage der Räuber⸗ bande, welche einſt Maſon's Bai inne gehabt und die Boote geplündert hatte, die Strom auf⸗ oder abwärts gingen, und mit andern berühmten Sagen entzückte, welche in dieſem romankiſch⸗abenteuerlichen Lande gäng und gebe ſind. Abends ſpielte er ihm auf der Geige, während die Bootsleute auf dem Verdecke des Schiffes Virginiſche Tänze tanzten; der kleine Cherub Löffelein mußte ihm das Lied von der Eule, die am Keuchhuſten ſtarb, und verſchiedene andere melodiſche Geſänge ſingen, welche in der Ruhe der Landſchaft und von dem Echo der vorſpringenden Felſen zurückgegeben, das Ohr Mr. Littlejohns, ſo wie Pompey Entenbein bezauberten, der, nach Art der farbigen Herrn, mit weit aufgeriſſenem Munde zuhörte. Eines derſelben ſagte ſeinem Geſchmacke — ſo zu, daß er es auswendig lernte und es noch lange nachher der Miß Virginie Dangerfield vorzuſingen pflegte. Es lautete ungefähr ſo: 5 Der Kuß noch, und dann fort nach Weſten⸗ Fort über blaue Höhen⸗ Denn dort ſagt man, ſei Land zu kaufen, Wie man es nie geſehen. ueber die Alleghany, über die Alleghany, Die Pferde ſind treflich, der Weg iſt's auch ueber die Alleghany. Ein ſchönes Voot, das kauften wir uns, und gingen ſo Strom nieder; Vortrefflich Land und Niemand nützt es⸗ Als Rothhäut, lieben Brüder. Auf dem Ohio, auf dem Ohio! Der Wind weht trefflich, mehr wünſchen wir nicht Auf dem Ohio. gein ſchön'res Boot ſah der Ohio, und in des Waldes Bäumen, Da haben wir das Wild in Fülle und Früchte auf den Bäumen. Auf dem Ohio, auf dem Ohio! Der Wind weht trefflich, mehr wünſchen wir nicht Auf dem Ohio! Dieſes Lied iſt, der Sage nach, ſo lang wie der Ohio, und die Bootsleute meſſen die Entfernungen nicht nach ihren Pfeifen, wie die alten Holländer von den Man⸗ — 104— hattves, ſo fern das Gerücht wahr iſt, oder nach Stun⸗ den, wie die Muſelmänner, ſondern ſie zählen immer die Meilenzahl nach der Zahl der Strophen. Mehr als die oben angeführten Strophen aber war aus Cherub Löffelein nicht herauszubringen, Cielleicht wußte er auch nicht mehr), obgleich Kapitän Sam Hugg drohte, er wolle ihm, wenn er nicht mehr ſänge,„wie einen— durch einen Stachelbeeren⸗Buſch“ jagen. „Ich laſſe mich mit einer Sägleine erwürgen, wenn ich's thue“, verſetzte Löffelein und Kapitän Hugg, der mit Recht erwägte, es ſei nicht gut, Jemand zum Sin⸗ gen zu zwingen, enthielt ſich, ſeine Drohung in Erfüllung gehen zu laſſen, und bemerkte: „Gut, gut, Alter! ſieh zu, ob ich dir die Ohren nicht zurecht ſetze, ehe drei Tage vergehen.“ Spät in der ttillen, ſternenhellen Nacht, als der Ka⸗ pitän und ein gewiſſer Sephi Kriechente, ſein erſter Offi⸗ zier, des Laufes des Breithorns achteten, das in dem hellen Vollmondslichte dahinglitt, bemerkte jener, der Fluß ſteige ſehr raſch und die Gewalt der Strömung mehre ſich. „Es hat in der letzten Zeit in dem Oberlande tüch⸗ tig geregnet, und der Schnee auf den Bergen muß in aller Eile geſchmolzen ſein. Ich nehme an, wir werden eine mächtige Ueberſchwemmung bekommen, Sephi.“ „Ja,“ ſagte Sephi,„der Fluß iſt ſchon über den höchſten Waſſerſtand und ſteigt, wie das Waſſer in einem — 105— ſiedenden Topfe. Ich habe den Ohio nur ein einziges⸗ mal höher geſehen, und das war, als Orſon Upſon's Breithorn ſo hübſch über die Spitzen des Brutton⸗Wal⸗ des wegtrieb und des hochwürdigen Goodgear's Haus mit der ganzen Familie darin bis nach dem Big Bend hinabſchwamm.“ „Eio,— eio—!“ trällerte Kitin Hugg—„in wel⸗ chem Jahre des Herrn war das, Sephi?“ „Nun, in demſelben Jahre, als Euch der Yankee⸗ Hauſirer zu Pittsburg ſo tüchtig walkte, denk' ich.“ „Ich laſſe mich todt ſchießen,“ rief Hugg,„wenn irgend ein Yankee⸗Hauſirer, der ſeinen Fuß in dieſes Land geſetzt, Sam Hugg je berührt hat. Es iſt eine Lüge, wer es auch geſagt haben mag. Aber ſagt mir doch, habt Ihr wirklich das Haus des hochwürdigen Goodgear mit der ganzen Familie darin den Strom hinabſchwimmen ſehen?“ „Wenn ich's nicht geſehen habe, laſſ' ich mich auf⸗ hängen.“ „Ich gäb' etwas darum, hätte ich den alten Sünder geſehen; er hat gewiß gebetet wie ein Pferd.“ „Ja, das hat er. Ich habe ihn näſeln hören:„Jetzt ſchlaf ich ruhig ein,“ als er an der Bucht vorüber kam, wo ich mein Boot an den Gipfel eines dicken, hundert⸗ fuß hohen Baumes angebunden hatte.“ So unterhielten ſie ſich, bis der erſte graue Mor⸗ genſtreifen am Himmel erſchien und die allmählig ein⸗ — 5— tretende Helle den ſchwellenden Strom und ſeine kochen⸗ den Wirbel und die dunkelbraune, mit Zweigen und Stämmen bedeckte Oberfläche des Waſſers genauer unter⸗ ſcheiden ließ. Die gigantiſchen Bäume der Bottoms, wie man die Niederungen der Flußgebiete in der Sprache des Weſten nennt, ſtanden ſchwankend inmitten des Stroms und ließen nichts als die Aeſte ſehen. Die Ufer des Fluſſes waren verſchwunden, und wo die Anhöhen von dem ufer zurücktraten, ſchwollen die Wellen an ihnen empor und riſſen alles mit ſich fort, was die Oberfläche bedeckte. Man ſah eine Sündflut hier, denn der feſte Boden war keine ſichere Zufluchtsſtätte mehr, und ringsum herrſchte Einſamkeit und Hede, wie damals, als alles, was von den Myriaden lebender Weſen übrig war, in Noah's Arche Schutz gefunden hatte, und dieſe eine Beute des uferloſen Meeres war, das gleich wild daher wogte. Der ſtets raſchere Lauf das Stroms und die Stru⸗ del und Wirbel der ungeſtümmen Flut, machten die Len⸗ kung der Boote ſehr ſchwierig und jetzt zeigte ſich der rühne Charakter, die unbezähmbare Kraft und der kecke Muth jener merkwürdigen Menſchenmaſſe, welche die Einführung der Dampfboote auf den Gewäſſern des Weſten faſt zu einer Sage gemacht hat, wie der Mam⸗ muth. Wer nicht Augenzeuge einer ſolchen Kriſis, die wir in ihrem ganzen Umfange nicht zu ſchildern vermö⸗ gen, geweſen iſt, macht ſich keine Vorſtellung von der Anſtrengung und der Geſchicklichkeit, welche die Lenkung — 107— dieſer plumpen Maſſen forderte, noch von der unermü⸗ deten und ſorgſamen Aufmerkſamkeit, welche nothwen⸗ dig war, um nicht aus der Strömung des Fluſſes in die überſchwemmten Waldungen getrieben zu werden und die Fahrzeuge zerſchellen zu ſehen⸗ Mr. Littlejohn brach der Angſtſchweiß bei dieſem Anblicke aus und er entſagte für immer einer in neueſter Zeit in ihm lebendig gewor⸗ denen Neigung, der gefürchtete Eigenthümer und Kapitän eines Breithorns auf dem ſchönen Ohio zu werden. Es iſt etwas ſtolz Erhabenes in dem Anblicke großer Natur⸗Erſcheinungen; die Winzigkeit des Menſchen lei⸗ tet ein edles Selbſtgefühl aus dem Gedanken ab, in ent⸗ fernter Verwandtſchaft mit jenem Weſen zu ſtehen, deſ⸗ ſen Hand die Waſſer bewältigt, deſſen Wink die Erde wie ein Espenblatt zittern macht, deſſen Stimme in der ſtillen Erhabenheit der ſprachloſen Natur gehört wird, und deſſen Wille die Seele des Weltalls iſt. Oberſt Dangerfield und ſeine Gattin hielten die Hände der klei⸗ nen Virginia und ihres Bruders Leonard feſt und ſahen ſchweigend auf das Schauſpiel. Für ein ſelbſtſüchtiges Gefühl wie die Furcht, war nicht Raum, obgleich das wilde, tobende Ungeſtüm der Waſſer und die bedenk⸗ liche Lage der Boote die größten Veſorgniſſe rechtfertigen konnte. Ihr Gefühl war aber hohes Staunen, nicht Furcht; edle Selbſtbeherrſchung charakteriſirte das Beneh⸗ men des altern, während das junge Paar ſtumme Ver⸗ wunderung zeigte. Die Kleinen ſchauten zu dem Antlitz — 108— des Vaters und der Mutter empor, und nichts konnte ihnen hier Beſorgniß einflößen. Während ſie in dieſer Weiſe den Strom hinab ſchoſ— ſen, kamen ſie an dem erſten Dorfe vorbei, das ſie, ſeitdem ſie Pittsburg verlaſſen, geſehen hatten. Es lag auf einer Stelle, wo ein anderer großer Fluß ſich in den Ohio einmündete; die Fläche, auf welcher er gebaut war, mochte vierzig Fuß über dem gewöhnlichen Waſſer⸗ ſtande erhaben ſein. Jetzt ſtand es inmitten der wilden Waſſer und man ſah nur die oberen Stockwerke und die Schornſteine. Von den höher gelegenen Punkten, wohin die Ueberſchwemmung noch nicht gekommen war, ſah man Boote ab⸗ und zufahren, um aus dem bedrängten Dorfe Frauen und Kinder zu retten, deren Geſchrei ſich in dem Aufruhr und Brüllen der Wogen verlor, oder um das beſte oder nächſte Hausgeräthe wegzuſchaffen. Zuweilen gelang es ihnen, den wirbelnden Strudel zu umgehen und ſie kehrten mit ihrer Ladung wohlbehal⸗ ten zurück; manchmal aber riß die raſche Strömung ſie fort und wirbelte ſie mit unausſtehlicher Gewalt Fluß⸗ abwärts. „Können wir ihnen nicht Beiſtand leiſten, Kapitän?“ fragte Dangerfield. „Nein, Oberſt, kein Verweilen hier wegen Kleinig⸗ keiten. Wir müſſen eine gerade Spur hinter uns haben, denn wenn die Strömung das Boot ſeitwärts faßt, wette ich keine Hüftbeere gegen ein Perſimmon, daß wir — 109— alleſammt zu Grunde gehen und wie todte Fiſche in den* Abgrund ſinken.“ Ein Theil dieſer metaphoriſchen Rede war für den Oberſt unverſtändlich, wie er es wahrſcheinlich den mei⸗ ſten Leſern ſein wird. Eine kleine Sprach⸗Myſtifikation wird aber unſerm Buche nicht ſchaden, da man ſieht, daß wir uns ſonſt mit Dunkelheit nicht befaſſen. Am Abend des ſechſten Tages fanden unſere Rei⸗ ſenden einen Landungspunkt, der durch einen tiefen Ein⸗ bucht des Fluſſes gebildet wurde und durch eiuen Hügel geſchützt ward, welcher bei gewöhnlichem Waſſerſtande eine Strecke landeinwärts lag. Hier ſtießen ſie auf eine Anzahl Boote aus allen Theilen des großen Miſſiſ⸗ ſippi⸗Thales, welche gegen die wachſende Wuth der Ueber⸗ ſchwemmung Schutz geſucht hatten, und harrten bis ſich das Waſſer wieder ſenkte. Eine luſtigere und gemiſchtere Ge⸗ ſellſchaft von Menſchen hatte ſich gewiß noch nicht zuſam⸗ mengefunden, und es iſt unmöglich, dieſes bunte Gemiſch von Charakteren und die mannigfaltigen Ergötzlichkeiten zu beſchreiben, welches dieſer abgelegene Winkel der Erde darbot. Geigenſpiel und Tanz, Spielen und Zechen, Kämpfe des Witzes und Kämpfe der Stärke, Kraft und Tüchtigkeit, Scheibenſchießen und jede Art wilder und wunderlicher Excentricitäten, welche der aller Etiquette, aller Gewohnheiten und willkürlicher BVeſchränkungen überhobene Geiſt nur erſinnen konnte, zeigte ſich hier in einem Grade kecken, urſprünglichen veberſchwangs, wie 8 — — 110— ihn dieſelbe Menſchenmaſſe nur einmal während ihres Fortſchrittes von der Kindheit der Geſellſchaft zu der Periode endlicher Verderbtheit und des Verfalls zeigt. Man ſchien hier allgemein der Anſicht zu huldigen, gute Sitte ſei wenig mehr als ein altehrwürdiger Fehler, oder im beſten Falle, neue Lagen rechtfertigten neue Arten der Genüſſe und Freuden. In manchem Boote waren Schweine, Schafe, Speck, Mehl u. ſ. w. für Neu⸗Orleans; im Andern Ladungen von zweibeinigem lebendigen Vorrath, welcher nach Bois Brulé oder Bob ruly, wie man es hieß, ging, um ſich dort anzuſiedeln; in Andern Bretter und Dielen; in Andern Aepfel⸗ und Branntwein; in Andern Yankee⸗Dinge aller Art. Jedes Boot hatte einen großen Pfahl aufge⸗ pflanzt, an welchem es, ſtatt eines Schildes, eine Probe ſeiner Waare, vorausgeſetzt, daß ſie ſich zu einer ſolchen Ausſtellung eignete, ausgeſteckt hatte, und man hielt, ſo lange die Geſellſchaft beiſammen war, vollkommen Markt. Die meiſten Boote hatten eine Geige am Bord, denn dieſe Leute haben an Muſik und Tanz ihre große Freude, und in einem derſelben befand ſich der hochwürdige Laza⸗ rus Schnarchgnade, deſſen Stimme den Aufruhr der lär⸗ menden Luſtbarkeit, welche in dieſer weiten Oede wie⸗ derhallte, weit übertönte, wenn er die fröhlichen Sün⸗ der zur Reue und Buße aufforderte. Er nannte ſich eines der Widderhörner, durch deren Schall die Mauern von Jericho geſtürzt worden waren, und zwar konnte er — 111— dieß mit beſonderem Recht ſagen, denn ſeine Lungen waren von Leder und ſein Athem war unerſchöpflich. Die größte Merkwürdigkeit dieſer gemiſchten Geſellſchaft war jedoch ein Burſche aus Neu⸗Engeland, in deſſen Boote ſich ein vollkommener Laden von Hufeiſen und allem dahin gehörigen, vorfand. Er war auf einer Han⸗ delsreiſe begriffen und wollte bis Neu⸗Orleans hinab. Wir wünſchen ihm Glück auf die Reiſe, denn das Ori⸗ ginelle ſeines unternehmens verdient nicht allein Glück, ſondern die Unſterblichkeit. Als nach mehreren Tagen, welche man hier zuge⸗ bracht, die Fluten ihre Wuth erſchöpft hatten, und man ohne Gefahr weiter ſchiffen konnte, ſchickte ſich die kleine Flotille an, nach ihren verſchiedenen Beſtimmungsorten abzugehen— die nach Oſten und jene nach Weſten, die nach Süden und jene nach Norden. Manche von ihnen ſuchten Orte auf, welche tauſende von Meilen auseinan⸗ der lagen; der Zufall hatte ſie hier zuſammen geführt und es war hundert gegen eins zu wetten, daß ſie in dieſem Leben nie wieder zuſammenkommen würden. Trompetenſtöße gaben das Zeichen zur Abfahrt und die Vorſprünge der Berge gaben die Töne tauſendfach zurück Alles brach auf und bald ſchwammen die Boote ſtromab, der Vereinigung des Ohio und Niſſiſſippi entgegen. Dieſe Trompeten waren zu der Zeit, von welcher wir reden, von Holz, und man konnte die Töne wohl für die des Waldhornes nehmen; ſie klangen in der Entfer— — 112— nung ſo weich und ſanft, daß wir uns faſt zu Thränen hingeriſſen fühlten, wenn ſie an Sommerabenden in den Bergen erſchallten. Sie werden nicht nur als Sig⸗ nale bei der Abfahrt gebraucht, ſondern dienen auch, die Schiffer von der Lage der verſchiedenen Fahrzeuge in jenen dichten Nebeln zu vergewiſſern, die in manchen Jahreszeiten ſo undurchdringlich ſind, daß Kapitän Sam Hugg einen charakteriſtiſchen und humorreichen Eid ſchwur, er habe an einem ſchönen Tage die Schneide eines Raſier⸗ meſſers bei dem Verſuche, einen ſolchen Nebel zu durch⸗ ſchneiden, ſich vollkommen umbiegen ſehen. Es iſt wahr, er ſetzte hinzu, es ſei ein ſchwärzliches Yankee⸗Raſiermeſ⸗ ſer geweſen, und man dürfe daher eben nicht erſtaunt ſcin. Der Ton des Inſtruments hallt von dem Lande zurück und die Zwiſchenzeit zeigt dieſen geübten Beobach⸗ tern die Entfernung von dem Ufer an. Die Echo darf daher zu ihren übrigen Attributen mit Recht noch auf den Namen der Göttin der Miſſiſſippi⸗Schiffer Anſpruch machen.. zun Da, wo der Ohio und der Kentucky ihre Waſſer vereinigen, trennte ſich die kleine Flotille; der Oberſt und ſeine Familie fuhren den letztern hinauf, der ihnen beſtimmten Heimath entgegen, und die andern gingen den Ohio weiter hinab, der Himmel weiß wohin. Und nun begann die ſchwierige Arbeit der Bootsleute. Der Fluß war reißend und die Schwierigkeiten der Fahrt bergan für jede menſchliche Geſchicklichkeit und Ausdauer — 113— unüberſteiglich, nur nicht für die Kentuckiſchen Boots⸗ leute, welche, wie männiglich weiß, Amphibien,„halb Pferd und halb Alligator“ ſind. Sie ſtemmten ihre Schul⸗ tern gegen die langen Stangen, deren eines Ende mit Eiſen beſchlagen war, nahmen einen tüchtigen Anlauf und bewegten ſich feſten Schrittes gegen das Hintertheil des Bootes, wodurch daſſelbe vorwärts geſtoßen wurde. Manchmal hinderte die Tiefe des Waſſers oder die reißende Strömung das Vorrücken des Fahrzeugs, und dann kam ein anderes Auskunftsmittel an die Reihe. Man brachte ein Tau an das ufer, befeſtigte es an einen Felſen oder Baumſtamm und zog an ihm das Boot fort. Dieſes Ma⸗ noeuvre wurde„Tauen,,) genannt und iſt ungemein langſam, zeitraubend und mühſelig. Mehr denn einmal kamen ſie zu Stellen, wo ſie in Folge einer plötzlichen Wendung des Fluſſes oder eines Felſenvorſprungs auf eine Strömung von ſo unwiderſtehlicher Gewalt ſtießen, daß das Boot rund herum gewirbelt und mehrere hundert Klafter weit zurückgetrieben wurde. Ihre Reiſe war über alle Beſchreibung traurig und einförmig. Der Kentucky fließt größtentheils zwiſchen Kalkſtein⸗Felſen hin, welche ſich auf beiden Seiten ſenk⸗ recht emporthürmen und ein ſo tiefes Bette bilden, daß die Sonne nur zur Nittagszeit auf die dunkeln Waſſer ſchien. Ungeheure, auf dem Scheitel der Felſen wach⸗ 6) Cordeling. Jaulding I. 8 — 114— ſende Bäume, deren dichtes Gezweig über den Abgrund niederhing, vermehrten die Düſterheit. Endlich hatten ſie dieſe Dämmerhöhle hinter ſich und kamen zu einer Stelle, wo die Felsſchichten ver⸗ ſchwanden, und jetzt öffnete ſich vor ihren Augen ein wahrhaftes Paradies. Es war offenes mit gigantiſchen Bäumen beſetztes Waldland, welches ſich auf der frucht⸗ baren Ebene in bedeutendem Umfange zu beiden Seiten des Fluſſes hinzog.*) Kein Gebüſch wuchs auf dieſen ſchattigen Auen, und das Ganze war Ein Teppich von Blüthen, die ihre Bruſt der Frühlingsluft erſchloſſen. Hier ſind wir an Ort und Stelle!“ ſagte Buſch⸗ field, und ſo war es auch, wie ſich der Oberſt ſogleich überzeugte, als er auf ſeine Karten und Pläne blickte. „Ich freue mich deſſen ſehr,“ rief Kapitän Hugg,— „denn ich will mich von einer Rothhaut erſchießen laſſen, wenn dieſe Fahrt nicht ſchlimmer iſt als rund um eine Sycomore herum zu tauen.“ Die Wendung des Fluſſes hatte eine Bucht gebildet, wo Boote ſicher anlegen konnten, und hier landeten ſie, brachten ihre Ladung an das ufer und begannen, ohne einen Augenblick zu verlieren, unter der Leitung von Buſchfield, Zelte aufzuſchlagen und andere einſtweilige „ 20) Der Ausdruck Waldland(Woodland) iſt durch die Schriften der deutſchen Anſiedler und Reiſenden ſo gäng' und gebe geworden, daß es dafür keiner Erklä⸗ rung mehr bedarf. ueberſ. — 115— Verrichtungen zu treffen, um die Geſellſchaft unter Ob⸗ dach zu bringen. Der Tag verſtrich unter dieſen Beſchäf⸗ tigungen, an welchen die Bootsleute willig Theil nah⸗ men, und wo Mr. Littlejohn ſich auszeichnete, indem er überall ganz beſonders im Wege ſtand, oder, wie Kapi⸗ tän Hugg ſich ausdrückte„immer ſtromauf, ſtatt ſtromab, ruderte.“ „Nun, Oberſt,“ ſagte der ehrliche Hugg am näch⸗ ſten Morgen:„Ihr ſeid nun alle behaglich angeſiedelt, und ich denke, ich mache die Taue jetzt los und laſſe mich nach Rob Ruly ſchaukeln, wo ich zu Hauſe bin. So lebt denn wohl! Nimmer fehle es Euch an Rehen, wil⸗ den Truthähnen und Branntwein.“ Der Oberſt gab ihm, außer dem bedungenen Lohn, ein bedeutendes Geſchenk, worüber der Kapitän ſo in Entzücken gerieth, daß er hoch und theuer ſchwur, er ſei der trefflichſte Mann und ein wahrer„Ausbund von einem Anſiedler.“ Die amphibiſchen Männer ſchieden nun; unter dem Geſange des Cherub Löffelein, der ſein Lieblingslied von der Eule, die am Keuchhuſten ſtarb, anſtimmte, ſchwam⸗ men ſie thalab und verſchwanden in einer Wendung des Fluſſes. Wie die Echos ihrer hölzernen Trompeten almählig verklangen, fühlten unſere Reiſende, daß das letzte Band, welches ſie mit der fernen Welt vereinigte, gelöſt war. 6 — 116— Zehntes Kapitel. Das Blockhaus, erſt der Kühnen Aufenthalt, Wird freventlich zum Stall verwendet bald, und prächt'ge Häuſer ſieht man ringsum ragen⸗ Der Hausfrau Stolz, des Hausherrn ſtill Vehagen. Wo urwald ſtand, da grünen nun die Fluren⸗ Wo Liger hauſten/ ſieht man Rinderſpuren; Der Rauch ſtreift ſanft am Walde hin, Die Dorfkirch glänzet weiß aus friſchem Grün⸗ Die Schule ſieht man neben ihr ſich heben, Wo wilde Jungen vor der Ruthe beben, und wo die Lectionen weithin ſchallen Wenn Menſchen durch die weite Gaſſe wallen. Wir haben nicht die Abſicht, die Einzelnheiten jenes Kampfes auseinander zu ſetzen, welcher in jenen unbe⸗ bauten Bezirken des großen Reiches der Natur zwiſchen der geduldigen Rührigkeit des Menſchen und der wilden neppigkeit des Bodens immer ſtatt findet; aber ebenſo wenig wollen wir den Fortgang einer neuen Anſiedlung von der erſten Wunde, die der urwald erhält, bis zu dem goldnen Aerndtefeld, von den rohen Hütten aus Baumſtämmen bis zu dem ſtattlichen Wohnhauſe mit Stockwerken und all deſſen ehrgeizigen Zugaben ſchil⸗ dern— ein Wechſel, welchen man in der bilderreichen — 117— Sprache des Weſten„das Abwerfen der Moeccaſins“ nennt. Wir deuten nur an, daß der Reiſende, wel⸗ cher zehn Jahre nach dem Schall des erſten Beils, das in dieſen Wäldern gehört wurde, wieder hierher gekommen wäre, von der kleinen Anſiedlung des Ober⸗ ſten Dangerfield, ihren ländlichen Schönheiten und der überall bemerklichen Wohlhabenheit entzückt geweſen ſein würde. Der über die hohen Bäume aufſteigende Rauch, das Bellen der Hunde, das Krähen der Hähne, das Glockengeklingel, die Artſchläge bes Holzhauers, das Krachen ſtürzender Bäume und der lange Widerhal der Flinte des Jägers würde ihm verkündigen, daß er ſich den Wohnungen civiliſirter Menſchen nähere. Sein Auge würde inmitten von Eryſtallbächen, welche aus den Seiten kleiner Anhöhen oder unter grauen Felſen hervorſprudelten, ein Dorf ſich erheben, und Getreidefelder, mit Gehegen von Baumſtämmen umge⸗ ben, hundertfältig die Arbeit vergelten ſehen. Baum⸗ ſtücke, wo die herrlichſten Früchte reifen, Gärten mit Gemüſen und Blumen würden ihm dann an der Stelle entgegentreten, wo noch vor wenigen Jahren der Büf⸗ fel und der Rothhirſch hauſte und der Indianer ſeine Jagdgründe hatte; und er würde zu ſich ſelber ſagen: „Was ſind alle dieſe Entbehrungen und Mühſeligkeiten weniger, kurzer Jahre in der Wildniß und Abgeſchieden⸗ heit, wenn ſie mit einem ländlichen Glücke, gleich die⸗ ſem, endigen, im Vergleich mit Schulden und Armuth, — 118— Erniedrigung und Abhängigkeit?— Der unternehmende Anſiedler, der mit einigen hundert Thalern, oder viel⸗ leicht nur mit einem ſtarken Arm und einem ſtarken Herzen hierher kömmt, ſchafft ſich und ſeinen Kindern bald ein unabhängiges Loos. In den übervölkerten Thei⸗ len der Erde hat ſein Geiſt keinen Raum zur Thätig⸗ keit; er wird von denen, welche vor ihm gehen, oder welche ſich bereits in den Beſitz von Vortheilen geſetzt haben, an welchen er keinen Theil nehmen kann, bei Seite geſtoßen. Hier aber hat er Raum ſich auszudeh⸗ nen, und hier finden Muth und Unternehmungsgeiſt eine Welt, wie ſie für dieſe paßt.“ Dieſer oder doch ähnlicher Art waren auch wirklich die Gedanken eines Reiſenden, welcher an einem ſchö⸗ nen Frühlingsabend, als die Dämmerung die lachende Landſchaft in ihren ſanften Glanz kleidete, in Danger⸗ fieldville einritt— ein furchtbarer Name, ohne Zwei⸗ fel; aber der Oberſt war der Sitte des Weſten gefolgt, wo Niemand, und wenn er einen drei Meilen langen Namen haben ſollte, ſich es nehmen läßt, das Wörtchen vMle noch an das Schlepptau zu hängen, wenn er eine Stadt gründet, welche der große Markt der Weſtwelt zu wer⸗ den beſtimmt iſt. Der junge Mann ritt ein Raſſepferd— etwas uner⸗ läßliches in Kentuckh, wenn man für einen Mann von Stand gelten will— und dieſes Pferd trug einen, dem Anſchein nach, mit„Allerlei“ wohlgefüllten Mantelſack. — 119— auf den ein brauner Kammlot⸗Mantel und eine rothe Sammtmüze geſchnallt war— wir laſſen uns in ſolchen Dingen, beſſere Vorgänger zum Muſter nehmend, auf die Einzelnheiten ein— und über dieſem braunen Kam⸗ lotmantel und der rothen Sammtmüze war ein blauſeid⸗ ner Regenſchirm— möglich, daß es ein grüner geweſen iſt— befeſtigt, auf welchem mit ſchwarzer Tinte der Name„Dudley Rainsford“ zu leſen war, ein Name, welcher nicht ohne Wahrſcheinlichkeit der des Reiſenden ſelbſt geweſen ſein dürfte. Er trug einen grauen Frackrock mit Zeuchknöpfen, und der Rock war nur mit einem Knopfe,— dem vier⸗ ten von unten— zugeknüpft; ſeine Weſte ging nicht übereinander und war von Marſeiller Piqué mit zwei Taſchen, wahrſcheinlich um ſein Geld hinein zu thun. Ein Paar weiße weite Beinkleider von Sackzwillich ließen einen Tintenfleck an der einen Seite, etwas unter dem Knie, gewahren; und die Stiefel, deren Spitze ſo breit wie ein Laſtboot ausliefen, waren, wenn wir nicht ganz falſch berichtet worden ſind, ein linker und ein rechter. Sein Pferd, dem man die Strapatzen der Reiſe bedeutend anſah, war von eisgrauer Farbe, fünfzehn Fauſt hoch, hatte einen Stern von fünf Punkten auf der Stirne, und drei ſchwarze und einen weißen Huf, was vier ausmacht, wenn wir nicht irren. Es hatte zwei Ohren, eins rechts und das andere links, und zwei Nü⸗ ſtern, dicht beiſammen und ganz wie Zwillinge ausſe⸗ — 120— hend. Auf die rechte Seite des Nackens hing eine weiße WMähne herab, und die Augen ſahen gerade aus, als wenn das Thier aus ihnen herausblickte. Grade hinter dem rechten Ohre hatte es einen Büſchel Haar, welches ſich faſt zum Weiß neigte, was irgend einer unerklär⸗ lichen urſache zugeſchrieben werden dürfte oder auch nicht. Eine Art Geifer, den man an dem Gebiß bemerkte, ließ faſt ſchließen, als hätte es ſich rothen Klee zu gut ſchmecken laſſen. Es wurde an einem Zaum mit plattir⸗ tem Gebiß, der weder ſehr neu noch ſehr alt war, geführt, und der Sattel war von Schweinsleder gearbeitet. Wir hoffen, der Leſer wird durch dieſes lange Ver⸗ zeichniß von Habe, Vieh, Kleidung u. ſ. w., nicht außer Athem und Geduld gekommen ſein; denn dieſer Reiſende ſoll der Held unſerer Erzählung werden, und man müßte in der That ſehr unbeleſen ſein, wenn man nicht wüßte, daß der Geſchmack der Zeit es fordert, daß der Held mit derſelben Genauigkeit und Umſtändlichseit beſchrieben werde, wie dieß bei einem geſtohlenen Pferde, einem ent⸗ wichenen Betrüger oder einem flüchtigen Neger, in den Anzeigen der Fall iſt. Mr. Rainsford ritt langſam an einem großen Hauſe vorüber, deſſen ganze Vorderſeite mit einer Säulenhalle verſehen war, und deſſen Aeußeres eben ſo wohl Spuren des Geſchmacks wie der Wohlhabenheit zeigte, als er ſich in dem Tone gutmüthigen Spottes auf folgende Weiſe anreden hörte: —— „Holla! Fremder, hört! habt Ihr je auf Euren Reiſen eine Schnecke geſehn. „Ich glaube faſt, ich ſah eine ſolche,“ verſetzte der Fremde und hielt ſein müdes Pferd an:„Was wollt Ihr damit ſagen?“ „Nun, ich will damit ſagen, daß Ihr einer begeg⸗ net ſein müßt, denn, ſie in dieſem Schritte einzuholen⸗ wäre jedenfalls unmöglich geweſen.“ Der Fremde trieb ſein Pferd wieder an, als der Mann in der langen Säulenhalle ausrief: „Holla, Fremder! Ihr ſeid auf der unrechten Fährte; was habt Ihr ſo Wichtiges zu thun, daß Ihr an dieſem Hauſe vorüberzieht?“ „Was geht Euch das an?“ verſetzte Mr. Rains⸗ ford, ziemlich ungehalten, daß man ihn auf eine ſo unhöf⸗ liche Weiſe ausfragen wolle, und den Mann für einen zudringlichen Schenkwirth nehmend, der in ihm einen Kunden wünſchte. „Ich ſag' Euch das ſogleich, Fremder; zuerſt und vor allem aber laßt Euch fragen, ob Ihr nicht etwas fremd in dieſer Gegend ſeid, denn ich ſehe mit einem halben Auge, daß Ihr die Sprache der Biberfänger nicht verſteht.“ „Biberfänger! Ich will mich von Euch nicht fangen laſſen, obgleich ich kein Biber bin.“ „Ihr wolltet nicht, he? wir wollen das ſogleich ſehen, denk' ich. Oberſt,“ rief er in das Haus hinein— — 12— „Hverſt, ich glaube, hier iſt eine unglaubliche Sorte von Charakter, denn der Mann ſcheint ſich zu fürchten, an eines Gentleman's Haus anzuhalten, wenn man ihn auf höfliche Art einladet. Kommt heraus und thut das Eurige, denn Ihr wißt, daß Ihr Friedensrichter ſeid.“ Dieſer Anrede folgte ſogleich die Erſcheinung eines Herrn, der im beſten Mannesalter war, und welchen wir nicht länger zu beſchreiben brauchen, denn wir hof⸗ fen, der Leſer hat auf den erſten Blick einen alten Be⸗ rannten in ihm erkannt— den Oberſten Dangerfield. Er näherte ſich dem Reiſenden höflich und bat ihn wegen des Aufenhaltes, den er durch ſeinen Freund Buſchfield erfahren, um Entſchuldigung. „Ich glaube, Ihr ſeid mit der Sitte des Dorfes nicht bekannt— ich kann wohl ſagen, mit der Sitte des Landes. Kein Reiſender geht an dieſer oder irgend einem andern Hauſe vorüber, ohne einzukehren, er müßte denn einen hinreichenden Grund für eine ſo unziemliche Ver⸗ nachläſſigung anzugeben wiſſen.“ „Ich wünſche, ein Gaſthaus zu finden, Sir! Könnt Ihr mir den Weg zu einem ſolchen zeigen?“ „Pah,“ rief Buſchſield—„ein Gaſthaus?— nun, hier zu Land iſt jedes Haus ein Gaſthaus, nur nimmt der Wirth nichts von ſeinen Kunden. Sagt mir nur, Fremder, wo kommt Ihr her, daß Ihr hier in dem alten Kentucky Schenken und Gaſthäuſer zu finden glaubt?“ „Laßt es Euch gefallen abzuſteigen und die Nacht — —— hier zuzubringen, Sir,“ ſagte Oberſt Dangerfield:„Ich werde mich ſehr freuen, Euch aufzunehmen; überdieß findet Ihr in der Richtung, in welcher Ihr reiſt, auf hundert Meilen kein Gaſthaus.“ „Mein guter Herr, ich kann Eure freundliche Ein⸗ ladung nicht annehmen. Man hat mir gerühmt, in die⸗ ſer Gegend ſei gutes Land zu einem billigen Preiſe zu kaufen; denn ich beabſichtige, mich in Kentucky niederzu⸗ laſſen, wenn es mir paßt, und ich ſah mich nach einem Gaſthaus um, als Euer Freund mich anſprach.“ „Wieder ein neuer Anſiedler?“ murmelte Buſch⸗ field:„das Land wird bald von Menſchen wimmeln, wie eine Prärie von Wölfen; man wird ſich bald nicht mehr umdrehen können, ohne einem Anſiedler an die Ellenbogen zu ſtoßen. Ich werde mich bald aufma⸗ chen und eine Gegend aufſuchen müſſen, wo man mehr Raum hat.“ Der Oberſt wiederholte ſeine Einladung mit ſo viel einfacher Herzlichkeit, daß der Fremde ſie endlich, als er ſich verſichert hatte, daß kein Gaſthaus in dem Dorfe zu ſinden, annahm, vom Pferde ſtieg und in ein geräu⸗ miges Zimmer geführt wurde, das einfach aber anſtän⸗ dig meublirt war, und wo mehrere Perſonen beiderlei Seſchlechts verſammelt waren. „Ein Fremder!“ ſagte Dangerfield. „Ich heiße Rainsford.“ „O, laßt das, Sir; der Name„Fremder“ genügt uns.“ „Nun, wo ſtammt dieſes Genie her?“ ſagte Buſch⸗ field zu ſich ſelber:„Ein Truthahn würde mehr Ver⸗ ſtand haben. So oft mir ein Mann, der in mein Haus kömmt, ſeinen Namen nennt, nehme ich an, er glaube, ich hielt ihn für einen Pferdedieb.“ Die Geſellſchaft war aufgeſtanden, als der Fremde eingeführt wurde, und der Oberſt ſtellte ihn ſeiner Frau vor, die immer noch eine hübſche, angenehme Dame war, denn das Gefühl guter Erziehung iſt von den bloßen Modeformen ganz unabhängig; dann ſeinem Sohne Leonard, jetzt ein ſchlanker hübſcher Jüngling mit edeln Zügen, und ſeiner Tochter Virginia, welche jetzt in der vollen Blüthe lieblicher Jungfräulichkeit war; auch ver⸗ gaß er Mr. Ulyſſes Littlejohn nicht, welcher bei Rains⸗ ford's Eintritt von drei Stühlen aufgeſtanden war, die er nach der Sitte von Altvirginia, der Mutter vom Präſidenten und der Schöpferin eines mächtigen Staa⸗ tes, Kentucky's nämlich, benutzte, um auf dem einen zu ſitzen, auf den andern ſeinen Arm und auf den drit⸗ ten ſein linkes Bein zu legen. „Uund Ihr ſeht Euch alſo“, ſagte Oberſt Dan⸗ gerfield nach einigen vorläufigen Artigkeiten,„irgendwo in dieſem Theile des Landes nach einer Anſiedlung um 2 „Ich kam wirklich in der Abſicht hierher, in dieſer Gegend zu wohnen; ich fürchte ich nicht zu einem Pflanzer.“ — 5— „Könnt Ihr einen Baum, ſo dick, wie alle die vor dem Thore draußen, in kürzerer Zeit als Ihr braucht, ihn anzuſchauen, umhauen? 2 fragte Buſchfield.— „Ich fürchte, nein!“ ſagte der Andere lächelnd:„Ich habe, ſo viel ich mich erinnern kann, nur Einmal eine Art in der Hand gehabt und mir damit faſt meine Zehen abgehauen.“ „Ha, dann paßt Ihr nicht hierher, Ihr müßtet denn Rothwild wittern, oder einen Bären in einem ſo dichten Röhricht ſchießen können, daß das kleinſte Schrotkörnchen nicht hindurch könnte, ohne die Rinde zu ſtreifen.“ „Von Beiden verſteh' ich nichts, kann es aber viel⸗ leicht lernen.“ „„Lernen— dazu ſeid Ihr zu alt, Fremder. Mit der Eiſchale auf ſich, wie die Rebhühner laufen lernen, muß der Menſch anfangen und manches liebe lange Jahr vor Tagesanbruch aufſtehen, ehe er es dahin bringt, daß er etwas werth iſt— ich meine nämlich, wenn es ſich vom Leben in dieſen Wäldern hier handelt.“ „Man hat mich nicht an ſolche Unternehmungen gewöhnt, und ich kann dergleichen Werke nicht vollbrin⸗ gen,“ ſagte der junge Reiſende. „Was hat Euch, Fremder, dann aber, in des alten Daniel Boone's Namen, hierher gebracht?“ ſagte Buſchfield herbe. „Kaum weiß ich's ſelbſt,“ verſetzte der Fremde, — 126— und Virginia, welche ihn in dieſem Augenblicke zufällig anſchaute, ſah eine Wolke über ſein Antlitz ziehen und gewahrte einen tiefen Seufzer. Der Thee, den man heute nur des Fremden wegen trank, wurde hereingebracht, und die Unterhaltung nahm eine andere Wendung. —— ——— Eilftes Kapitel. Ein kurzer Rückblick. Neun Jahre— die Zahl der Muſen und ohne Zwei⸗ fel deshalb von Horaz als der Zeitraum empfohlen, wäh⸗ rend dem jeder kluge Schriftſteller ſein Werk für ſich behält, ehe er es wagt, damit vor die Welt zu treten— ein Wink, deſſen wir ſelbſt in Bezug auf das vorliegende Buch mit beſonderer Aufmerkſamkeit eingedenk geweſen ſind— neun Jahre waren vergangen, ſeit Oberſt Dan⸗ gerfield ſein Zelt zuerſt in der Wildniß aufgeſchlagen hatte. So groß iſt der Zauber eines thätigen und unter⸗ nehmenden Geiſtes, welchen die Künſte des civiliſirten Lebens leiten, daß in dieſer Zeit eine gänzliche Verän⸗ derung hier vorgegangen war, und die wilde Ueppigkeit der Natur dem reichen vollen Segen bebauter Felder und behaglicher Wohnungen, deren einfaches Aeußere mit der edlen Gaſtfreiheit des Innern glänzend abſtach, Platz gemacht hatte. Das erſte Jahr nach ſeiner Ankunft war er nur der Herr einer Wildniß, deren Beſitz ihm die wilden Thiere und die Rothhäute zumal ſtreitig machten. Nach und nach waren die erſtern jedoch ſeltner geworden und die letztern waren vor dem unwiderſtehlichen Einfluſſe des„weiſen weißen Mannes“ zurückgewichen, welcher, wohin er geht, und welche Gebiete der Erde, im Nor⸗ den wie im Süden, im Weſten wie im Oſten, er beſucht, ſtets ſeiner Beſtimmung folgt, die Welt nämlich dem rohen Zuſtande zu entreißen und ſie dann zu beherrſchen. Während die Saaten auf den Feldern üppig erblüh⸗ ten und die Blumen in dem Garten des Oberſten Dan⸗ gerfield ihre Kelche entfalteten, entfaltete ſich eine andere und ſchönere Blume innerhalb ſeiner Wohnung zu herr⸗ licher Reife. Die kleine Virginie war jetzt zu einer großen Jungfrau herangewachſen, ſchlank wie einer der ſtolzen Bäume der Weſtwälder, obgleich nicht ganz ſo groß und anmuthig wie ein Indianiſches Mädchen. Sie hatte nie Jemand über ſich gekannt und nie hatte ſie das unglückliche Gefühl der Abhängigkeit erprobt, das jene Affektionen erzeugt, welche jede Anmuth in Bewe⸗ gung und Handlung zerſtört und die Würde der Selbſt⸗ beherrſchung aufhebt. Wer ſich bewußt iſt, daß er Allen um ihn her gleichſteht, iſt nie linkiſch oder verlegen. Virginie war die einzige Tochter des Schutzherrn, des Oberhauptes der Anſiedlung, und des bei weitem reichſten Mannes in einem umkreiſe von hundert Meilen. Die ausgedehnte Beſitzung, welche er um wenige Schil⸗ linge den Morgen gekauft hatte, war jetzt mehr als hun⸗ dertfach im Werthe geſtiegen, und der Herr von Powha⸗ tan war nun der Eigenthümer von einem halben Dutzend —— Dörfer. Auch war etwas in dem Charakter und der Thätigkeit des Oberſten Dangerfield, das, ganz abgeſe⸗ hen von ſeinem Reichthum, ihm die Achtung und Ver⸗ ehrung der Anſiedler dieſer Gegenden gewinnen mußte. Mehr denn einmal war er ihr Führer in jenen India⸗ niſchen Kämpfen geweſen, welche den letzten hinſterben⸗ den Anſtrengungen der Könige der Wälder vorangegan⸗ gen waren und den jetzt fruchtbaren Gefilden Kentucky's den poetiſchen Namen des„düſtern, blutigen Landes“ gegeben hatten. Unter der Leitung von Buſchfield, der noch am Leben war, obgleich er Abenteuer und Gefahren beſtanden, deren Erzählung die Schöpfungen der wilde⸗ ſten Phantaſie überbieten würde, hatte Dangerfield den Krieg in den Wäldern kennen gelernt und mit Kühn⸗ heit geübt, und die frühere Läſſigkeit ſeines Charakters war durch das ſtete Drohen von Gefahren und die Noth⸗ wendigkeit immerwährender Uebung beſeitigt worden, und Kraft und Energie an ihre Stelle getreten. Dennoch fand bei all dieſen Anſprüchen auf Auszeichnung, welche allgemein und dankbar anerkannt wurden, in faſt jeder Hinſicht eine vollkommene Gleichheit in dem gegenſeiti⸗ gen Verkehre zwiſchen den verſchiedenen Nitgliedern der kleinen Republick ſtatt. Hätte der Oberſt und ſeine Familie ſich nur den entfernteſten Anſchein von Ueberle⸗ genheit geben wollen, ſo würden ihre Anſprüche augen⸗ blicklich zurück gewieſen worden ſein; denn alle hatten in Gefahren, Duldung und Entbehrung jeder Art getheilt Paulding 1.. — 130— und dieſe Wechſelfälle ihres Lebens hatten alle gleich gemacht. Es beſtand keine Auszeichnung als die zwiſchen dem ehrlichen Manne und dem Schurken, dem Beherz⸗ ten und dem Feigling. Und in der That fühlt man in keiner Lage die Nothwendigkeit des Zuſammenhaltens ehrlicher Männer, worin das ſchöne Ideal des ſocialen Syſtems beſteht, ſo innig, wie in dieſen neuen Anſied⸗ lungen, welche der Arm der Gerechtigkeit und der Zwang der Geſetze noch nicht zu erreichen im Stande iſt. Ein ſolcher Zuſtand des Daſeins macht die Verbindung der Biedermänner des kleinen Staates zur Vertheidigung ihrer Rechte und zur Beſtrafung der Frevler zumal drin⸗ gend nothwendig. Daher ſchrieb ſich die Anſtalt der ſoge⸗ nannten Regulatoren, die früher auf den entlegenen Grenzen ſehr allgemein war, wo der Einfluß der Ge⸗ ſammtregierung nicht gefühlt ward, und noch keine Orts⸗ behörden eingeſetzt waren. Die Regulatoren beſtanden aus den angeſehenſten Anſiedlern, welche ſich behufs des Selbſtſchutzes vereinigten und nothwendig zugleich Rich⸗ ter und Vollſtrecker der ihrem Zuſtande angepaßten Geſetze waren. Pferdediebſtahl war in jener Zeit das größte Verbrechen, und wenn ein Fall dieſer Art vor⸗ kam, brachen die Regulatoren auf und verfolgten den Dieb, und raſch und ſtreng war die Strafe, welche ihn traf. Dieſe in einem Lande ohne Geſetze und obrigkeit⸗ liche Behörde ſo unentbehrliche Verbindung iſt von unwiſ⸗ ſenden oder befangenen oder boshaften Schriftſtellern als — 131— eine Bande ruchloſer Abenteurer dargeſtellt worden, deren Zweck lediglich geweſen wäre, Geld zu erpreſſen, die muthwilligſten Schandthaten zu verüben und überhaupt alle jene Rechte zu verletzen, deren Schutz ihr erſter und einziger Zweck war. Dieſe Schützer und Erhalter des Friedens und Eigenthums der Rechtlichen und Thätigen, überſchritten ohne Zweifel zuweilen die Schranken der Gerechtigkeit, wie ſie in einem regelmäßig geordneten Staate zum Heile des Bürgers wohl eingehalten wor⸗ den wären; es iſt aber augenſcheinlich, daß ohne eine Ver⸗ bindung dieſer Art die erſten Begründer der Geſittung gefährliche und nicht zu bewältigende Freibeuter gewor⸗ den wären; und es iſt gleicherweiſe augenſcheinlich, daß da, wo weder Gefängniſſe noch Wachthäuſer noch andere Mittel, Verbrecher feſt zu halten und unſchädlich zu machen, beſtehen, die Strafen augenblicklich erfolgen und nur körperliche ſein können. Doch wir ſehen, der Wunſch, das, was ſo gänzlich entſtellt geſchildert worden, in ſein wahres Licht zu ſtellen, hat uns zu weit von dem Gang unſerer Erzählung abgeführt. Die Tochter des Oberſten Dangerfield war unter den umwohnenden Anſiedlern nach dem Grundſatze voll⸗ bommener Gleichheit erzogen worden, ſo fern ſie deren gleiche Anſprüche auf den Austauſch aller Bedingungen eines geſelligen Verkehrs anzuerkennen gelehrt wurde; und es muß hier bemerkt werden, daß es keine rohen Meenſchen waren, denn die niedrige Klaſſe der Bevölke⸗ 9* rung der Vereinigten Staaten ſuchte ihr Heil nicht im Weſten, ſondern Leute weitausſehenden Blickes— Leute, die Scharfſinn und Talent genug haben, die Vor⸗ theile zu begreifen und zu nützen, welche ein ſolcher Lebensweg darbietet, und welche die Geiſteskraft beſitzen, die Opfer willig zu bringen, welche zu deren Erlangung unerläßlich ſind. Unter dieſer kleinen Schaar von Anſiedlern waren Männer aus Neu⸗England, aus Virginia und andern Staaten, welche ihre Erziehung in gelehrten Schulen erhalten hatten und Diplome in die Wildniß mitbrach⸗ ten; es waren Frauen darunter, welche, wenn ſie auch in den Künſten der Muſik, der Nalerei oder des Tan⸗ zes nicht die Meiſterſchaft erreicht hatten, doch von ſo hoch⸗ gebildetem Geiſte, ſo zartem Gefühle, ſo reiner Moral und ſo edeln Grundſätzen waren, wie ſie je in den Prachtgemächern der Höfe auftraten oder ſich in Pſyche⸗ Spiegeln beſchauten. Es iſt wahr, die Wechſelfälle einer neuen und früher unverſuchten Lebensbahn, die Prü⸗ fungen, Duldungen und Gefahren nachfolgender Ge⸗ ſchlechter und der große Spielraum, deſſen ſich die Nach⸗ kommen dieſer erſten Einwanderer erfreuen, änderten den Charakter der Leute einigermaßen; ſie haben aber ein Geſchlecht hervorgebracht, das im Ganzen genom⸗ men, bei allen ſeinen Fehlern und Auffallenheiten, als phy⸗ ſiſche und intellektuelle Weſen von keinem andern, das ie lebte, übertroffen werden kann. Es iſt jedoch eine wilde Originalität, ein wunderlicher Humor, eine derbe Biederkeit, eine keck freimüthige Sprache und eine Unab⸗ hängigkeit des Denkens ſowohl wiedes Handelns, welche, wie wir oft Ohren⸗ und Augenzeugen waren, auf einen zarten, gefälligen Stutzer, oder auf einen mit ſich zufrie⸗ denen und von ſeiner perſönlichen Wichtigkeit überzeug⸗ ten Gentleman eine ſehr komiſche Wirkung hervorbrin⸗ gen muß. Kurz, dieſe Leute ſind die letzten in der Welt, welche ſich von einer Auctorität oder einem Geſetzgeber in Sachen der Literatur, des Geſchmacks, der Mode oder der Philoſophie beugen, und eben ſo bereit ſind, den Des⸗ potismus ihres Schneiders, wie das Syſtem des Coper⸗ nicus in Zweifel zu ziehen. Aber die Frauen des Weſten, beſonders des alten Kentucky! Wie ſollen wir ſie, und vor allen unſere Hel⸗ din, die ſchlanke, anmuthige, ſanfte, gefühlvolle, ſtolze, hochſinnige Virginie Dangerfield ſchildern? Sie verhalten ſich zu den Frauen unſerer Atlantiſchen Städte, wie das wilde Reh zu dem Lamme; beide hold, lieblich, anmu⸗ thig, zart über die Maßen; dort aber findet ſich ein Cha⸗ rakter von eigenthümlicher Wildheit, und man bemerkt ein gewiſſes ſorglos anmuthiges Aeußere, das nur das Ergebniß einer alles Zwanges baaren Freiheit ſein kann; hier erfreut ſich das Auge und auch die Phantaſie, aber es iſt nicht ganz jenes Pikante, nicht ganz jenes— jenes — wie ſollen wir es nennen, und durch welchen Ausdruck die Verſchiedenheit des eigenthümlichen Reizes Beider — 131— bezeichnen, ohne Einem derſelben Unrecht zu thun?— nicht ganz jenes Gewürzhafte; jener haut gout, den die Feinſchmecker am Wildpret lieben. Der freie Genuß der Luft und beſonders einer ſtarken Uebung zu Pferde, an welche die Frauen des Weſten zu jener Zeit fortwäh⸗ rend gewöhnt waren, ſcheint ähnliche Wirkungen hervor⸗ zubringen wie der Unterricht der Erziehungshäuſer und der Geſellſchaftsſäle. Das Ergebniß Beider iſt ein anmu⸗ thiges Benehmen; dort aber iſt die Anmuth größer, weil ſie ungeziert und frei von Künſtelei und Nachahmnng iſt. Virginie wuchs in der reinen Luft und an der rei⸗ nen Quelle eines Kentuckyſchen Paradieſes auf, das, wie jeder Kentuckier hoch und theuer verſichert, ſchöner iſt als jedes andere irdiſche Paradies dieſer und aller Zei⸗ ten. Ihre Augen glichen denen eines halbzahmen Reh⸗ kalbs; ſie waren ſanft, ſchüchtern, lebhaft und drückten den vollkommenſten Adel des Charakters aus. Ihre Haut war ſo durchſichtig, wie die klaren Waſſerquellen, aus denen ſie trank, und obgleich ihre Geſichtsfarbe gewöhn⸗ lich blaß war, ſah man ſie mit dem höchſten Entzücken die Botſchaft vom Herzen in das Antlitz tragen, wenn irgend ein Anlaß ſie plötzlich erregte. Der damalige Zuſtand des Landes und die Abnei⸗ gung der Miſtreß Dangerfield, ſich von ihrer einzigen Tochter zu trennen, hatte Virginien abgehalten, all die geſelligen Talente auszubilden, welche Mädchen ihres Standes gewöhnlich ſo ſorglich zu kultiviren pflegen; ———— — 135— darum war aber ihr Geiſt bei weitem nicht ungebilde und ihre Sitten bei weitem nicht rauh. Niſtreß Dan⸗ gerſield war, wie wir angedeutet haben, eine gebildete Frau; wir wollten damit ſagen, daß ſie einen kultivir⸗ ten Geiſt und anmuthige Sitten hatte. Muſik, Tans und andere Künſte, welche jetzt allgemein als Bedingun⸗ gen höherer Bildung angeſehen werden, waren damals für die Frauen der Vereinigten Staaten, beſonders für die, welche auf dem Lande wohnten, unerreichbare Dinge⸗ Dennoch war die Erwerbung aller jener echt weiblichen Vollkommenheiten, welche ſo gründlich auf Geiſt und Sitten wirken, dem Reichen nicht unmöglich. Niſtreß Dangerfield hatte ſich dieſe angeeignet und war in jeder Hinſicht das, was wir, altmodiſch wie wir ſind, eine vollkommen gut erzogene Dame nennen. Ihr Beiſpiel, der Dochter ſtets gegenwärtig, mußte mächtig auf die Bildung ihrer Sitten wirken, denn wel⸗ chen Zauber kömmt dem des Einfluſſes einer gütigen, ſorgſamen, gefühlvollen und folgerecht handelnden Mut⸗ ter auf die erſten Jahre ihrer Kinder auch nur im ent⸗ fernteſten gleich? Sie iſt die ſtets aufmerkſame Schild⸗ wache, deren Auge ſich nie ſchließt, deren Sorgfalt ſich nie mindert und keinen Augenblick erſchlafft. Sie ſieht den liſtigſten Feind ſchon von Ferne nahen, und läßt bei dem Eindringen jedes Vorboten des Unheils ihre Stimme hören. Der kleinſte Abweg, die knospende Leidenſchaft⸗ der frühe Eigenſinn, der erſte Schritt gegen Sittlichkeit und Anſtand, wird von der ruheloſen Mahnerin augen⸗ blicklich gerügt, entfernt, und man kann mit Fug und Recht ſagen, daß das Kind ſeine erſte Nahrung nicht ſicherer von der Bruſt ſeiner Mutter trinkt, als es den erſten Antrieb zum Guten oder Böſen aus ihren frühen Lehren und ihrem Beiſpiele erhält. In dieſer abgeſchloſſenen Gegend, fern von dem großen Strudel des Lebens erzogen, kannte Virginie wenig von der Welt, den kleinen Kreis um ſich her, ſo wie die Kunde ausgenommen, welche ihr gelegentlich aus der Lektüre weniger Bücher geworden war. Sie las wenig; aber ſie dachte viel, und es iſt keinem Zweifel unterworfen, daß zur Gewohnheit gewordenes Nachden⸗ ken eine reichere Quelle für den Geiſt iſt, und mehr dazu beiträgt, ihm Kraft und Originalität zu geben, als Bücher. Ohne befreundete Geſpielinnen ihres Alters und Standes, brachte ſie den größten Theil ihrer Zeit allein hin, und die Einſamkeit iſt die Nährerin der Phan⸗ taſie. Ihr Geiſt war von Natur lebendig; es kamen aber Augenblicke, wo er in ſtille Ruhe verſank oder ſich einer augenblicklichen Abgezogenheit hingab, während wel⸗ cher ihre Phantaſie ſich in einer von ihr ſelbſt geſchaf⸗ fenen Welt erging. Leonard Dangerfield war zwei Jahre älter, als ſeine Schweſter, ein tüchtiger junger Bauer, der noch ein wenig von der äußern Rinde an ſich hatte. Er war auf einer der neuen gelehrten Schulen geweſen, welche neu⸗ —— 5 lich in den ausgehauenen Waldräumen,„Städte“ genannt, entſtanden waren, hatte einen Grad erworben und galt in dem Dorfe Dangerfield für ein Wunder von einem jungen Manne, denn er konnte den Stutzen handhaben, eine Rede halten, und mit Waſchbären eben ſo gut fer⸗ tig werden, wie jeder Andere, der ſein Leben in den Wäldern hinbrachte. Freund Ulyſſes Littlejohn lebte nach wie vor in ſei⸗ nen alten Zeitvergeudungs⸗Grundſätzen, beklagte ſich aber oft bitterlich, daß er jetzt niemand habe, der ihm bei ſeinem Müſſiggehen helfen könne, indem der Oberſt durch ſeine öffentlichen und Privatgeſchäfte zu ſehr in Anſpruch genommen werde, um ihm Geſellſchaft zu lei⸗ ſten. In der erſten Zeit der Ueberſiedlung in die Wild⸗ niß hatte er, ſeiner eigenen Ausſage nach, ſich ſehr her⸗ vorgethan, indem er einen Büffel geſchoſſen,— eine That, von deren Ruhm er die ganze Zeit her lebte. Es herrſchten jedoch einige Zweifel hinſichtlich der Richtig⸗ keit ſeiner Erzählung, denn als der alte Pompejus zu der Stelle kam, wo nach Ulyſſes' Beſchreibung der Büf⸗ fel, den er nach Haus tragen ſollte, gefallen war, fand ſich keine Spur von dem Thiere, das auf eine wunder⸗ bare Weiſe verſchwunden ſein mußte. Der ſcharfſinnige Entenbein ſtellte hierauf die ganze Geſchichte in Abrede, und der Winke und Andeutungen über Büffel, welche, nachdem ſie maustodt geſchoſſen worden, davon gelau⸗ fen wären, gab er ſpäter eine Unzahl zum Beſten; 5—— Mr. Littlejohn aber nahm dieß mit merklicher Mißbilli⸗ gung hin. „Entenbein,“ pflegte er dann zu ſagen,„du kannſt kein B von einem Büffelhuf unterſcheiden.“ „Ah, das wohl ſein können, Maſſa Lideljohn; aber der alte Nigger für das all Büffel von Nicht⸗Büffel unterſcheiden wiſſen.“ Wir haben jetzt des Leſers Bekanntſchaft mit den Hauptperſonen erneuert, und können mit unſerer Ge⸗ ſchichte bequem fortſchlendern. — 18— Zwölftes Kapitel. „ Plaudereien vom Alten und Neuen. Die Unterhaltung am Theetiſch, um welchen die ganze Geſellſchaft nach geſellig altmodiſcher Weiſe Platz genom⸗ men, wendete ſich auf Rainsford's Plan, in dem Town⸗ ſhip*), an der Grenze der Beſitzungen des Oberſten Dangerfield, eine Niederlaſſung zu gründen. Der Oberſt ſagte ihm willig ſeine Erfahrungen und ſeinen Rath in dieſer Angelegenheit zu, und Littlejohn drang ſofort in ihn, an der Vereinigung zweier Bäche, welche durch einen Beſchluß des Congreſſes ſchiffbar gemacht werden konnten, den Grundſtein zu einer großen Stadt zu legen. Obgleich aber der Fremde die Abſicht, eine Niederlaſſung zu gründen, ausſprach, ſchien er in Betreff der Rittel ſo gleichgültig, daß Buſchfield der Vermuthung Raum gab, er„ſpiele Opoſſum“, das heißt, er verſtelle ſich aus einem oder dem andern ihm unbekannten Grunde. Auch Oberſt Dangerfield fand es einigermaßen ſelt⸗ ſam, daß jemand die weite Reiſe von der Seeküſte hier⸗ her machte, um ſich anzuſiedeln, und ſo gleichgültig ) Der Stadtbezirt. 2— 0— darüber war. Er warf einen durchdringenden Blick auf den jungen Mann; er begegnete aber einem Antlitz, das ſo anziehend, ſo voller Schwermuth und Niedergeſchlagen⸗ heit war, daß er ſein Herz ihm entgegenſchlagen fühlte, und jede Spur von Argwohn aus ſeiner Seele ver⸗ ſchwand. Es war ein Geſicht, das mit Kummer und Leiden vertraut ſchien, und in welchem ſich Sorgen, Ban⸗ gigkeit, faſt Verzweiflung ausprägten. Auch in ſeiner Stimme war etwas, das von Hoffnungsloſigkeit und Kleinmuth zeugte, und wenn er redete, war es, als ob ihm wenig daran liege, ob er ſpreche oder ſchweige. „Ihr ſeid müde,“ ſagte der Oberſt,„und ſcheint nicht ganz wohl zu ſein; thätet Ihr nicht beſſer, die Ruhe zu ſuchen?“ „O, ganz und gar nicht, Sir; wenn Ihr mir erlaubt, bleibe ich bis zu Eurer herkömmlichen Stunde. Obgleich ich heute einen ſtarken Ritt gemacht habe, bin ich doch nicht im geringſten müde.“ Und jetzt ſchien er ſich bewußt zu werden, daß er alle ſeine Kräfte aufbieten müſſe, um die Gaſtfreund⸗ ſchaft ſeines Wirthes einigermaßen zu vergelten, nahm ſich zuſammen und ging mit einer Lebhaftigkeit, mit einem Geiſte und gelegentlich mit einer Beredſamkeit in die Unterhaltung ein, welche alle Anweſenden, beſonders aber den biedern Buſchfield entzückte, der ſich hernach äußerte, der junge Mann paſſe zu einem Congreßmitgliede, wenn —— er nur eben ſo gut Klinge und Piſtole handhaben, als er reden könnte.*) Es bedarf kaum der Bemerkung, daß man von Po⸗ litik ſprach; denn wir haben einen alten Herrn, der viel Beobachtungsgabe hatte, die Bemerkung machen hören, wenn man drei Männer in den Vereinigten Staaten mit einander ſprechen ſehe, ſei zehn gegen eins zu wet⸗ ten, daß ſie von Politik, fünf gegen eins, daß ſie vvn Religion redeten und drei gegen eins, daß ſie einen Handel abſchlöſſen. Sie waren aber mit der Verhand⸗ lung über eine neue Conſtitution beſchäftigt,— eine unge⸗ mein gewöhnliche Art von häuslicher Fabrikarbeit— als ein alter Indianer, der ſchwarze Krieger genannt, ohne alle Umſtände eintrat und ſich in einer Ecke des Zim⸗ mers niederſetzte. Mehrere Jahre vor der Zeit, von welcher wir jetzt reden, als die Indianer noch häufig räuberiſche Einfälle in die neuen Anſiedlungen machten, war der ſchwarze Krieger von dem Oberſten bei irgend einer Gelcgenheit gegen die Wuth einer Schaar weißer Männer geſchützt worden, die ihn gefangen genommen hatten. Als im Laufe der Zeit der unwiderſtehliche Strom der weißen Bevölkerung die Reſte der Indiani⸗ ſchen Stämme auf den Flügeln des Windes zerſtreute, hatte der ſchwarze Krieger, der ſich durch ſeine Dank⸗ ) Ein treffend angebrachter Seitenhieb auf die hänfi⸗ gen Duelle zwiſchen Congreßmitgliedern. ueberſ. — 142— tarkeit gegen den Oberſten Dangerfield der Rache ſeines Stammes blosſtellte, es vorgezogen, in der Nähe des Dorfes zu bleiben. Der Oberſt ließ ihm hier eine Hütte bauen und ſorgte für ihn, ſo weit dieß nöthig war, denn er war noch ein tüchtiger Jäger und blieb mit Leonard oft ganze Tage in den Wäldern, um das Rothwild zu jagen. Er war gewohnt, ohne Umſtände in dem Hauſe des Oberſten ab⸗ und zuzugehen, und es geſchah oft, daß er kam und wieder ging, ohne außer der kurzen Ergieſ⸗ ſung auch nur eine einzige Silbe hören zu laſſen. Zu⸗ weilen nahm er an der Unterhaltung Theil, jedoch nur durch eine einfache Bemerkung oder ein Ja oder Nein. Kurz, er war ein Mann von wenigen Worten und von unzerſtörbarem Ernſte, wie alle Indianer ſind, daher denn auch die guten Quäker, welche Neu⸗Jerſey und Pennſylvanien zuerſt urbar machten, ſie ſtets das„ernſte Volk“ nannten. Zufällig klagte Buſchfield über die Sorgloſigkeit, mit welcher die Centralregierung gegen die fernen Grenz⸗ bewohner verfahre, indem ſie ſie den wilden Einfällen und Räubereien der Pettawotomies, der Kickappos und anderer wunderlich benamſiten Burſche blos ſtelle. „Wäre ich Präſident der Vereinigten Staaten,“ Ferſen machen? „Pah, gut!“ ſagte der ſchwarze Krieger, nachdem er gewartet hatte, um zu hören, ob niemand antwor⸗ ſagte er,„ſo wollte ich ihnen ſchon Feuer unter die 6 „ — 143— tete, denn die Wilden können in dieſer Beziehung der gebildeten Welt zum Muſter dienen.„Gut, ihr weißen Männer ſeid alle Memmen!“ „Was ſagſt du, du altes lohfarbiges Gewürm?“ rief Buſchfield. „Laß ihn reden,“ ſagte der Oberſt. „Ich ſage,“ fuhr der ſchwarze Krieger mit vollkom⸗ mener Ruhe und Gleichgültigkeit fort,„ich ſagen, Ihr weißen Leute alle Feiglinge. Euer ganze Regierung ſich gründen auf Feigheit. Ihr Eure Freiheit zu handeln aufgeben; Ihr Euch mit Geſetzen feſſeln, bis Ihr nicht mehr wiſſen, wohin Euch wenden und drehen; Ihr weg geben Euer Geld, um zu machen Wege und Brücken, weil Ihr Euch fürchten, zu reiſen durch die Wälder und zu ſchwimmen durch die Ströme; und Ihr bezahlen Ab⸗ gaben für Soldaten, daß ſie kommen und Euch ſchützen. — Huh! die Indianer ſich ſelbſt ſchützen; ſie nie wegge⸗ ben ihr Geld noch ihre Freiheit, um zu bezahlen andere Leute, daß ſie tragen Sorgen für ſie. Rainsford war über dieſe neue Anſicht des geſui⸗ gen Syſtems ganz erſtaunt und ging mit dem alten Naturphiloſophen in eine kleine Verhandlung ein, in deren Verlauf er eifrig Gelegenheit nahm, die höheren Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten des civiliſirten Lebens hervorzuheben. „Huh!— ja!“ ſagte der ſchwarze Krieger:—„all Euer Leben vergeht in Sklaverei, um zu bekommen „ — Dinge, ohne die wir gelernt haben zu leben. Der India⸗ ner nur allein der wahre Herr, der weiße Mann des Indianers Nigger ſein, er arbeiten, zu machen Büchſen und Blankets*) für uns.“ „Niggers!“ rief Buſchfield und ſprang mthen auf: „die Kentuckier Niggers?“ Die alte Rothhaut antwortete nur mit einem bedeut⸗ ſamen„Huh!“ zündete ſeine Pfeife an und ſchied ohne Umſtände, um ſeine Hütte im Walde aufzuſuchen. „Ich kann keinen dieſer Leute ſehen oder an ſie denken, ohne ſie zu bemittleiden,“ ſagte Rainsford. „Die Eingebornen bemitleiden? Und weshalb?“ ver⸗ ſetzte Buſchfield eifrig.„Ich will Euch etwas ſagen, Fremder— hättet Ihr ſo lange, wie ich, in Alt⸗Kentucky gelebt, und geſehen, was ich geſehen habe, ſo würdet Ihr, denke ich, anders reden. Als ich zuerſt in dieſes Land kam, konnte niemand aus Furcht vor dieſen Roth⸗ häuten ſchlafen, die hier ſo zahlreich waren, daß man vor ihnen die Bäume nicht ſehen konnte. Es iſt keine lebendige Seele in ganz Kentucky, der in den Indiani⸗ ſchen Kriegen nicht einen ſeiner Verwandten verloren hätte, oder dem ſein Haus nicht über dem Kopfe von dieſem Gezüchte abgebrannt worden wäre. Wenn ſie *) Die mantelartigen umſchlagtücher der Indianer— gewöhnlich ihre einzige Vekleidung, ſelbſt wenn ſie in die großen Städte kommen. ihre Felder pflügen, finden ſie jeden Tag Knochen von Leuten ihrer Farbe und Verwandtſchaft, welche von die⸗ ſen Rothhäuten, die zehntauſendmal blutgieriger ſind als Tiger und ſo kiſtig wie Beutelratzen, ſcalpirt und gemartert und gepeitſcht und zum Hungertode verurtheilt worden ſind. Ich, Fremder, ich bin der letzte meiner Familie und meines Namens; alle übrigen ſind dahin und nicht Einer ſtarb eines natürlichen Todes. Mein Großvater fiel zu Alt⸗Chilicothe und wurde ſcalpirt; mein Oheim wurde auf Rudle's Factorei niedergemetzelt, nach⸗ dem er die Waffen niedergelegt hatte; mein Vater ver⸗ lor ſein Leben an den Blue Licks, als ganz Kentucky wegen des verlornen Tages in Trauer war; meine bei⸗ den Brüder wurden als Kinder geraubt, und nie hat man wieder von ihnen gehört; und— und meine Mut⸗ ter und Schweſter wurden von einer Schaar Shawa⸗ noes in unſerm Hauſe verbrannt, während alle Män⸗ ner fort waren, um einen Pferdedieb zu verfolgen. Sie ſchloſſen Thüren und Fenſter und meine kleine Schweſter lud die Flinte, welche meine Mutter ſo ſchnell losſchoß, als jene lud. Sie tödteten zwei von dem Gewürm, die Andern legten Feuer an das Haus und— und—! Je⸗ ſus! und ein weißer Mann bemittleidet die Rothhäute hier„in dem düſtern, blutigen Lande.“ In dieſem Erguſſe des biedern Buſchfield war eine Kraft, ein Gemiſch von wildem Pathos und Einfachheit, das ungemein ergriff, und Rainsford konnte nicht umhin Paulding I.. 1⁰ —— anzuerkennen, daß wir, um über das Benehmen der Menſchen in jeder beſondern Lage richtig zu urtheilen, die Nothwendigkeit, welche ihre Handlungen bedingt, und die Anfeindungen, welchen ſie ausgeſetzt ſind, genau kennen müſſen. Die tugendhafteſten Leute ſind meiſtens die, welche nie einer Verſuchung ausgeſetzt wurden, und niemand verzeiht lieber, als der, welcher keinen Grund zur Rache hat. Als der junge Mann in das für ihn beſtimmte Ge⸗ mach kam, ſetzte er ſich an ein offenes Fenſter und über⸗ ließ ſich einem Strome düſterer Gedanken. Der Mond ſtand hoch am Himmel und warf ſeinen milden Glanz über die ſtille Landſchaft, wo nur dann und wann das ferne Heulen der wilden Thiere des Waldes laut ward, und manchmal nahe genug kam, um die wachſamen Hunde aufzuſchrecken, deren ſtarkes Gebell nah' und fern widerhallte. Die bis faſt zur Krone ihrer Zweige und ihres Blätterſchmucks beraubten Bäume, ſtarrten auf den ſie umgebenden Feldern wie die ſchlanken Maſten eines Kriegsſchiffes empor und gaben der Landſchaft ein ödes, troſtloſes Anſehen; die düſtere Wand des ſchwar⸗ zen Waldes begrenzte in einiger Entfernung die Ausſicht. Rainsford gedachte der Vergangenheit— ſie bot ihm nur traurige Erfahrungen; er gedachte der Zukunft und ſie erfüllte ihn nur mit trüben Ahnungen. „Es wäre beſſer,“ dachte er,„ich würde jetzt plötz⸗ ich, was ich doch in kurzer Zeit werden muß, ſo gewiß, — 147— als das Schickſal, das ſeit drei Geſchlechtern über meine unglückliche Familie verhängt war, eines Tages das mei⸗ nige ſein wird. Ich würde mir dann wenigſtens meines Elends unbewußt ſein; aber jetzt iſt ſelbſt der Gedanke an das, was zu gewiß aus mir werden wird, tauſend⸗ mal ſchlimmer, als wie wenn mir das wirklich widerfahren wäre, was mir droht. Noch ein Jahr— und dann— o gütiger Schöpfer, was werde ich dann ſein!“ Sich ſelbſt unbewußt, ſeufzte er in der ſchmerzlichen Bedrängtheit ſeiner Seele, und Virginia, welche jetzt gleichfalls aus einem nahen Fenſter auf die Nachtland⸗ ſchaft hinausſah, hörte den Seufzer. Ihre Neugierde und ihre Theilnahme waren in gleicher Weiſe rege; da ſie aber fühlte, daß ſie ſich in die Geheimniſſe eines fremden Herzens eindränge, begab ſie ſich ſtill zu Bett. Sie konnte aber lange nicht ſchlafen, und wie ſie da lag und ſann, was der Grund eines ſolchen Ausdrucks von Bekümmerniß ſein möchte, konnte ſie den Fremden Stun⸗ den lang in ſeinem Gemache auf⸗ und niedergehen hören. „10* — u— Dreizehntes Kapitel. Rainsford's plötzliche Abreiſe und das geheimnißvolle Beneh⸗ men des Maſter Zeno Paddock. Der Morgen lächelte heiter und lieblich, und Rains⸗ ford kam anſcheinend ſehr wohlgemuth zum Frühſtück; Virginia aber, die in Folge eines nur in ihr lebendigen Gefühls an einem jungen Mann Theil zu nehmen begann, der geſeufzt hatte und in den Nachtſtunden in ſeinem Zimmer auf und abgegangen war, glaubte in ſeinem Antlitz die Anzeichen langen Kummers zu entdecken. Seine Züge waren regelmäßig und ausdrucksvoll, aber es war kein ganz wohlthuender Ausdruck. Die Linien ſeiner Stirne trugen die Zeichen gewohnheitsmäßigen Zuſammenziehens; ſeine Geſichtsfarbe war aſchig; ſeine Wangen und Augen waren nicht ſo belebt, wie es bei einem jungen Manne zu erwarten war; die letztern ver⸗ riethen eine furchtſame Schaue, als ſeien ſie eines gehei⸗ men Feindes gewärtig, der jeden Augenblick auf ihn loszuſtürzen drohte. Er war von mittler Größe, die Glieder ſchön geformt; es fehlte ihm aber in ſeinen Be⸗ wegungen an der lebendigen Kraft, an dem Feuer der Jugend; alles war ſchmachtend, ſorglos, zaudernd, gleich⸗ —, gültig. Seine Stimme war wohlklingend, aber es war der Wohlklang der Schwermuth. Der Argwohn iſt die Frucht der Erfahrung; von Natur iſt der Menſch voll edeln Vertrauens. In den Entwickelungsperioden der Geſellſchaft iſt die Verſuchung zur Täuſchung und zum Betruge gering, und folglich die Gelegenheit zu Beſorgniſſen noch geringer; denn dieſe Menſchen haben wenig zu verlieren oder durch falſche Nittel zu gewinnen, und daher wird der Umfang des Vertrauens und der Hingebung mit der Einfachheit der Sitte und der Lebensweiſe in gleichem Verhältniſſe ſtehen. Demgemäß wurde Rainsford in dem Hauſe des Ober⸗ ſten Dangerfield ohne weiters aufgenommen, nicht nur weil der Oberſt zuvorkommend war, ſondern auch weil in dieſer abgelegenen Gegend weder eine Verſuchung war, wodurch Schlechte herbeigezogen wurden, noch ſich Beiſpiele fanden, welche den Argwohn rege machten. Nach dem Frühſtücke ſchlug Oberſt Dangerfield einen Spazierritt vor, um die Ländereien in der Nachbarſchaft in Augenſchein zu nehmen. „Eure Niederlaſſung bei uns flößt mir Intereſſe ein, und ich ſehne mich, Euch damit im Reinen zu ſehen. Wenn Ihr wacker zugreift, kann in zwei Jahren alles ganz behaglich und angenehm um Euch ſein.“ „Zwei Jahre!“ wiederholte Rainsford mit einem Seufzer. 6 * * „Wie? Seid Ihr ſo ungeduldig, daß Ihr nicht zwei Jahre warten könnt? Es iſt nur eine kurze Zeit.“ „Zu lange für mich!“ ſagte der Andere, augen⸗ ſcheinlich mit ganz andern Dingen beſchäftigt, als die waren, welche um ihn her vokhingen. Als ſie den Punkt erreicht hatten, welchen ſie beſu⸗ chen wollten, äußerte ſich der Oberſt ausführlich über das, was nothwendig in der erſten Periode einer neuen Anſiedlung zu thun ſei, und iieß ſich in alle die verſchie⸗ denen Einzelheiten ein, welche, ſeiner Meinung nach, die Aufmerkſamkeit ſeines Gaſtes in Anſpruch nehmen mußten; der Geiſt des letztern ſchien aber mit andern Gegenſtänden beſchäftigt zu ſein. Manchmal antwortete er gar nicht, oder die Antwort paßte nicht, oder wenig auf die Frage. „Fremder,“ ſagte Buſchfield, der ſie auf dem Nach⸗ hausweg begleitete— denn er wohnte nicht in dem Dorfe Dangerfieldville—„Fremder, Ihr ſcheint nicht auf der Spur deſſen zu ſein, was der Oberſt ſagt. Ich will Euch aber etwas ſagen— wer in dieſes Land kommt, um eine Niederlaſſung zu gründen, muß die Augen weit aufmachen, darauf losgehen und zuſammen treten, was ihm im Wege iſt, wie ein Pferd im Röhricht. Es kömmt mir aber beinahe vor, als hörtet Ihr auf das, was man Euch ſagt, ſo wenig, wie Glattſchweif, mein alter Klepper, der bei dem letzten Exerciren der Militz ſein Gehör verloren hat, ſo ſchrecklich feuerten ſie drauf los.“ — 151— „Ich glaube, ich habe mich in der That der Unart ſchuldig gemacht, an etwas anderes zu denken; ich bin zuweilen zerſtreut,“ ſagte Rainsford mit einem wehmü⸗ thigen Lächeln. „Wie? Seid Ihr einer von jenen Bücherwürmern, die immer an etwas anderes denken, als an das, wovon die Rede iſt? Auf der Akademie von Frankford iſt, wie man mir erzählt hat, ein alter Burſche, welcher mit einem ſcharfen Meſſer ſeinen Zeigefinger ſpitzte, ſtatt des Bleiſtiftes, blos weil er nicht an das dachte, was er thun wollte.“ „Welch ein ſchönes Land!“ rief Rainsford aus, als ſie eine Anhöhe hinanſtiegen, von wo man eine bezau⸗ bernde Natur in der reichſten Mannigfaltigkeit und in ausgedehntem Raume vor ſich hatte; Urwälder von rie⸗ ſenhaftem Wuchſe, prachtvolle Thäler, weite Ebenen, ſchwellende Hügel, die ſich in der Ferne hoben und zu Bergen wurden, und kleine Bäche, die ſich ſpielend dahin und dorthin wendeten, als wenn ſie nicht wüßten, wohin ſie gingen und ſich auch nicht darum bekümmerten. „Welch ein ſchönes Land iſt Kentucky!“ „Schön?— Es iſt unübertrefflich!— Ja, wenn man das alte Kentucky von den übrigen Theilen der Erde abſchnitt, wär' es eine Welt für ſich, und welche Welt!“ antwortete Buſchfield. Am ufer eines Baches, der durch eine prächtige on Hügeln umgüftete Aue floß und ſich in den Ken⸗ — 1— tuckh ausmündete, ſollte Rainsford ſeine Wohnung bauen. „Es iſt ein kleines Paradies,“ ſagte er,„aber ich fürchte, der Ort iſt von jeder andern Wohnung zu abge⸗ legen.“ „Abgelegen?“ rief Buſchfield:„ganz und gar nicht! Ei, Ihr und ich werden nahe Nachbarn ſein. Seht Ihr jenen blauen Berg dort drüben? Gut, gerade jenſeits dieſes Berges wohne ich, es wird kaum ſechs Stunden von hier ſein.“ „Kömmt mir doch ziemlich weit vor; ich bin nicht gern allein.“ „Nicht gern allein! Wo um aller Welt willen kommt Ihr nur her, Fremder? Seht, was mich angeht, ſo bedarf ich keine andere Geſellſchaft als meinen Hund, meinen Stutzen und eine tüchtige Menge von Büffeln, Hirſchen u. ſ. w. Ich wünſche nie den Rauch aus mei⸗ nes Nachbars Schornſtein zu ſehen. Und dann wird es Euch zu Dangerfieldville an Geſellſchaft nicht fehlen— wenn ich recht weiß, liegt es nur etwas über zwei Stun⸗ den von hier.“ Mr. Rainsford dachte einige Minuten nach und wil⸗ ligte dann in die Wahl des bezeichneten Ortes, indem er bemerkte, es ſei, wenn er alles wohl überlege, viel⸗ leicht ziemlich gleichgültig, wo er ſein Zelt aufſchlage— eine Bemerkung, welche Buſchfield ſehr mißfiel, der nun einen Menſchen in ihm ſah, welcher nicht Feuer genua — 153— in ſich hatte, um ſich in den Hundstagen vor dem Er⸗ frieren zu ſichern. Nach der Sitte der Hinterwäldler kamen die Bewoh⸗ ner des Dorfes am nächſten Tage heraus und hatten ihm, ehe die Sonne untergegangen war, ein ſtattliches Blockhaus, das zwei Stuben und einen Bodenraum ent⸗ hielt, alles nett und vollſtändig und für einen König geeignet, aufgebaut. Es iſt aber in dieſen neuen Län⸗ dern viel ſchwerer, ein Haus mit Möbeln zu verſehen, als es zu bauen, und er mußte ſich in eine der ältern Niederlaſſungen begeben, bis ſeine Wohnung zu ſeiner Aufnahme hergerichtet war. „Ihr habt nun einen Käfig,“ ſagte Mr. Littlejohn, „und es fehlt Euch nun nur noch ein Vogel, der darin ſingt“ und warf einen bedeutſamen Blick auf die ſchöne Virginia, die den Kopf voll hatte von den Seufzern und dem Auf⸗ und Niedergehen des jungen Mannes in der vorigen Nacht. Das reizende Kind wurde blutroth, und ein wunderbarer, unerklärlicher Ausdruck flog wie eine Wolke über das Antlitz des jungen Mannes, als er erwiederte: „Ich fürchte, in meinem Käfig wird nie ein ande⸗ rer Vogel ſingen, als die Nachteule und der Rabe.“ „Ich hoffe, Ihr ſollt in Kurzem aus einem andern Tone reden. Alle Welt, was wollt Ihr, der da auf⸗ gewachſen iſt, wo es von Menſchen wimmelt, wie von Rohr auf einer Zuckerpflanzung, ganz allein anfangen? — 154— Niß Dangerfield wird Euch ein Vöglein empfehlen, das wie eine Virginia⸗Nachtigal ſingt“ „Miß Dangerfield wird das bleiben laſſen,“ verſetzte Virginia und eilte wie der Wind aus dem Gemache. Rainsford begab ſich nun in die Wohnung eines gewiſſen Zeno Paddock*), welcher das zweifache Amt eines Schullehrers und eines politiſchen Orakels für Jung und Alt in dem Dorfe Dangerfieldville über ſich hatte⸗ *) Indem wir am Schluſſe unſeres Werkes daſſelbe einer genauern Durchſicht unterworfen, iſt es uns zum erſten⸗ male aufgefallen, daß der umriß von Zeno Paddock in ſeinem zweifachen Charakter als Schulmeiſter und Zeitungsredakteur möglicherweiſe als ein Verſuch ange⸗ ſehen werden könnte, dieſe zwei Klaſſen von Menſchen lächerlich zu machen. Wir nehmen dieſe Gelegenheit wahr, irgend eine ſolche Abſicht von uns zu weiſen⸗ da es einfach unſer Vorwurf war, einen Charakter nach der Natur zu zeichnen, welcher allerdings in La⸗ gen, die den hier dargeſtellten ähnlich ſind, gelebt hat, und wir können ſagen, noch lebt. Wir ſind am wenig⸗ ſten geneigt, den Einfluß und die Achtbarkeit dieſes doppelten Verufs zu untergraben oder zu ſchwächen, deren jedem das jetzige Zeitalter und die Nachkommen⸗ ſchaft ſo vielen Dank ſchuldig iſt. Ohne Zweifel ſind aber auch Leute in dieſen zwei Klaſſen begriffen, deren Avgeſchmacktheit und deren unwiſſenheit den Einfluß der Mehrzahl mindert, und wer dieſe lächerlich macht⸗ ſetzt die, welchen man Achtung und Werthſchätzung ſchenkt, nicht herab, ſondern nimmt ſie in Schutz. Der Verf. —— —— Sein größter Ehrgeiz war, eine Zeitung zu gründen, aber er konnte die Sache nicht ins Geleiſe bringen, wie er es wünſchte. Hier blieb der junge Mann ſo lange, daß Mr. Littlejohn ſich wunderte, was er mit dieſem ewigen Perpendickel zu ſchaffen haben könne; denn ſo nannte er den Mann, den er aus dem Grunde ſeines Herzens verachtete, weil er ſich nicht damit begnügte, auf ſeine eignen Geſchäfte zu achten, die ſich in aller Wahr⸗ heit ſchlecht genug anließen, ſondern ſich noch in die aller ſeiner Nachbarn miſchte. Ulyſſes ſah auf niemand mit mehr Geringſchätzung herab, als auf einen Menſchen, der eine entſchiedene Neigung zu irgend einer Art von Beſchäftigung hatte, ausgenommen die des Zeitvergeu⸗ dens. Zeno war ein mächtiger Zeitungsleſer und man fand ihn gewöhnlich in jedem freien Augenblicke mit einem Blatte in der Hand. Eines Abends— ungefähr zehn Tage ſpäter— war die ganze Familie beiſammen, Leonard ausgenom⸗ men, der in die Hauptſtadt von Kentucky gegangen war, um ſeine Rechtsſtudien zu vollenden. Raindsford kün⸗ digte ſeine Abſicht an, von ſeiner neuen Wohnung erſt im Anfange des folgenden Frühjahrs Beſitz nehmen zu wollen, da er während der öden Winterzeit nicht allein in der Wildniß hauſen möge. Der Oberſt und Niſtreß Dangerfield drückten ihre Freude über die Ausſicht, ihn noch eine längere Zeit als willkommenen Gaſt im Hauſe zu behalten, mit Herzlichkeit aus. „ — 156— Mr. Rainsford ſchien ſehr gerührt. „Ihr ſeid ſehr, ſehr gütig gegen mich geweſen. Ihr habt den Fremden, der nicht den geringſten Anſpruch auf Eure Gaſtfreundſchaft hatte, wie einen Sohn, wie einen Bruder bei Euch aufgenommen und behandelt. Aber— aber— ich bin nicht geſonnen, den Winter in dieſer Gegend hinzubringen!“ Virginias Ueberraſchung war ſichtbar; der Oberſt rief: „Wirklich? das thut mir leid!“ „Nein— ich dachte— ich bin nie zu Neu⸗Orleans geweſen. Ich möchte die ufer des großen Miſſiſſippi Stromes ſehen; überdies könnte ich mir dort manche Gegenſtände kaufen, deren ich für meine neue Einrich⸗ tung ſehr bedarf. Ich werde mit dem Eintritte des Frühlings wieder hier ſein und dann ernſt an das Werk gehen, um Land zu klären und die Ausſaat zu beſtellen.“ Dagegen ließ ſich nichts einwenden, und nach weni⸗ gen Tagen war Rainsford auf dem Wege dem Ohio zu, wo er ſich auf dem erſten Fahrzeug nach dem Ort ſeiner Beſtimmung einzuſchiffen gedachte. Er nahm unter den herzlichſten Dankſagungen Abſchied von dem Oberſten und Miſtreß Dangerfield; von Virginia ſchied er mit der Freundſchaft und Offenheit eines Bruders, während ihr Lebewohl einen Anſchein von Geziertheit hatte, den man ſonſt nie an ihr kannte. Sie war in der heiterſten Laune und lachte ungewöhnlich, beſonders dann, wenn keine Veranlaſſung dazu da war. — 157— „Kann ich Euch irgend etwas von Neu⸗Orleans mit⸗ bringen?“ fragte er. „Laßt ſehen— o ja, bringt mir einen Papagei mit, oder einen Affen, oder irgend etwas, das mich ergötzt; denn in der That, Mr. Rainsford, ich habe dieſen Som⸗ mer wegen Mangels angenehmer Geſellſchaft die tödt⸗ lichſte Langeweile gehabt. Wie gern wäre ich immer unter recht viel Menſchen.“ Das war eine arge Fabel. „In den Wäldern gibt es eine Menge Papageien.“ „Ja wohl, aber ſie ſind ſo langweilig; ſie können nicht ſprechen, und was iſt ein Papagei oder ein Menſch, der nicht ſprechen kann?“ „Gut, Miß Dangerfield, ich werde gewiß Eurer Wünſche eingedenk ſein und mich bemühen, unter den Papageien und Affen einen paſſenden Geſellſchafter für euch auszufinden.“ In dieſes kurze Zwiegeſpräch trat etwas, das die Gefühle Beider ſchmerzlich berührte, und es erfolgte eine Pauſe, welche dauerte, bis man Rainsford benachrich⸗ igte, daß alles zu ſeiner Reiſe den Fluß hinab in Be⸗ reitſchaft ſei. „Lebt wohl, Miſtreß Dangerfield, lebt wohl,“ ſagte er mit tiefer Rührung,„und Ihr, Miß Dangerfield lebt wohl!“ und ſeine Stimme nahm den. w Milde an. —— „Gott mit Euch, Mr. Rainsford,“ ſagte Virginia, „vergeßt Papagei und Affen nicht.“ Virginia war wenigſtens eine Stunde lang nach ſei⸗ ner Abreiſe ſo heiter, daß ihr Mutter nicht umhin konnte, ihre ungewöhnliche Lebhaftigkeit zu beachten. „Man ſollte denken, du freuteſt dich über Mr. Rains⸗ fords Weggehen, und doch kann ich nicht umhin, zu bedauern, daß wir im nächſten Winter ſeine Geſellſchaft entbehren. Er war nicht lebhaft, aber ſinnig und ſehr unterrichtet, und wenn er redete, hörte man ihm gern zu.“ „Was mich betrifft“, ſagte das junge Mädchen,„ſo glaube ich, er war der albernſte junge Menſch, den ich in meinem ganzen Leben geſehen habe.“ „Meine liebe Virginia, du wirſt mich entſchuldi⸗ gen, aber ich glaube kein Wort von dem, was du da geſagt haſt.“ Virginia lachte und lief fort, dem ufer des Fluſſes zu; aber das Boot, in welchem Rainsford ſich einge⸗ ſchifft hatte, war bereits an einer Wendung des Fluſſes verſchwunden, und ſie kehrte nach einem langen, langen Spaziergang in ſo ſtiller ruhiger Gemüthsſtimmung zurück, daß ſie den ganzen übrigen Tag faſt nicht ein einziges Wort ſprach. Rainsford war kaum weg, als Zeno Paddock mit einem Zeitungsblatt in ſeiner Hand erſchien, und den Oberſten Dangerfield um eine Unterredung unter vier Augen bat. Die Verhandlung währte bedeutend länger, ——— — 159— als es des Oberſeen Gewohnheit war, denn er entzog ſich in der Regel ſobald als möglich der Geſellſchaft Ze⸗ no's. Er fand es nicht geeignet, den Inhalt dieſer Unterhaltung mitzutheilen; man bemerkte aber, daß er den ganzen Tag zerſtreut und in tiefen Gedanken war— ein Umſtand, den man ihm ſonſt nicht zur Laſt zu legen pflegte, denn er war ein Mann von ſehr lebhaftem Cha⸗ rakter. Zeno begab ſich mit ſehr gewichtiger Miene hin⸗ weg, blieb dann und wann ſtehen, um in eine Zeitung zu blicken, und nickte bedeutungsvoll mit dem Kopf, als er ſie ſorgfältig zuſammenlegte und in ſeine Taſche ſteckte. „Ich glaube, der Lump will Euch verleiten, ihm zur Herausgabe ſeiner Zeitung behülflich zu ſein,“ ſagte Mr. Littlejohn, der den Oberſten auszuhorchen wünſchte. „Es betraf die Zeitung,“ erwiederte der Oberſt, beſtieg ſein Pferd und ritt aus, ohne ſeines Freundes Geleit anzuſprechen. „Es ſteckt ein Geheimniß dahinter,“ ſagte Littlejohn und ging weg, um Pompejus den Großen, der noch in der ganzen Würde der Ariſtokratie lebte und auf die Ehre der Familie ſo verſeſſen war wie jemals, zu Rath zu ziehen. „Ich Euch etwas ſagen,“ ſprach Pompey,„nehmen an, er Maſſa brauchen, ſein Zeitung zu ſchreiben.“ „Pah, Unſinn!“ „Gud than, nehmen an, er ihn brauchen, ihn zu verrathen wegen Maſſa Leonard werden Mitglied von der Setzgebung.“ „Lala! Du glaubſt wohl gern, er berathe ſich in Din⸗ gen von ſolcher Wichtigkeit mit irgend jemand außer mir?“ „Gud than, nehmen an— ich ſagen dürfen, es müſſen irgend was anders geweſen ſein, he, Maſſa Lie⸗ deljohn?“ „Pomp, ich habe dich wahrhaftig nicht für einen ſolchen alten Dummkopf gehalten.“ „Gud than, nehmen an, Ihr jemand klügeres fra⸗ gen, than mich,“ ſagte der große Entenbein empfindlich; die beiden Freunde trennten ſich nicht in der beſten Stim⸗ mung gegen einander und überließen die Enthüllung des Geheimniſſes dem Laufe der Zeit und der Begebenhei⸗ ten, welche ſie in ihrem mächtigen Schooſe trägt. — 161— Vierzehntes Kapitel. Eine Waſerfahrt, eine Geſchichte und ein Landabenteuer. Das Boot, in welchem Rainsford den Kentuckyfluß hinab ging, war zu einer Fahrt den Ohiv aufwärts beſtimmt; bei der Vereinigung der beiden Flüſſe ſchiffte er ſich daher mit ſeinem Gepäcke auf dem erſten beſten Fahrzeug ein, das nach Neu⸗Orleans ging. Es war ein Breithorn und durch ein ſeltſames Zuſammentreffen fügte es ſich, daß unſer alter Bekannter Samuel Hugg Kapitän und Eigenthümer deſſelben war. Viele lange Jahre waren vergangen, ſeit er den Oberſten Dangerfield und ſein Glück den Ohio hinab geführt hatte; ſie waren aber über ihn hingegangen, wie die Elemente über den rauhen Fels, den ſie nur noch rauher und härter machen. Er war noch ſo grade und faſt ſo groß, wie die Sycomoren, welche die ufer der weſtlichen Ströme entlang ihre ſtolzen Häupter erheben, und ſeine rauhe Lebhaftigkeit war noch ganz und gar dieſelbe, obgleich er über die Dampfböte, die eben jetzt, als Vorbeeitung zu dem mächtigen Wechſel, welchen ſie in dem Schickſale jener ausgedehnten Staaten hervorgebracht haben, ihre erſten Probe⸗Ausflüge auf den weſtlichen Waſſern machten, manchmal klagte oder viel⸗ Paulding I. 11* —— mehr auf originelle Art fluchte. Der ſcharfſinnige Geiſt des Kapitäns Sam ſah in ihren Erfolgen den Untergang ſeines Geſchäftes und der Breithörner auf dem Ohio und Miſſiſſippi vorher, und nahm oft die Gelegenheit wahr, das Gericht verborgener Klippen, ſchwimmender Baum⸗ ſtämme, heimlicher Sandbänke und berſtender Keſſel auf ſie herabzurufen. Demungeachtet ſah er ſich zuweilen genöthigt, zu bekennen, daß„das Geſchmeiß“ ſich hübſch anſchauen laſſe, und daß es„transcendent“ ſei, ſie ihre Bahn den Niſſiſippi hinauf pflügen zu ſehen, als wenn der T—l ſelbſt hinter ihnen drein ſei.“—„Dieſer Daniel Boone,“ pflegte er zu ſagen,„iſt ein Schiff, das wie der Wind geht und den alten Mann ſelbſt übertrifft, und dieſer war kein Narr, das kann ich euch ſagen. Ich kannte ihn, als er ſechszig Jahre auf dem Rücken hatte, und er that es jedem in Alt⸗Kentucky bei'm Scheiben⸗ ſchießen zuvor. Ich erinnere mich, daß ich einſt hundert Schritte von ihm ſtand, und ihn eine Büchſenkugel auf eine zinnerne Schoppenkanne, die auf meinem Kopfe ſtand, ſchießen ließ, und ich will verd— t ſein, wenn er ſie nicht weg blies, als ob er eine Feder vor ſich gehabt ätte. Ha, es gibt jetzt keine ſolche Schützen mehr, ſag' ich Euch.“ . Der Kapitän war, wie ſchon bemerkt worden, ziem⸗ lich geſprächig und erzählte gern, in dem Zwielicht der Herbſtabende, wenn ſein Boot ſtill den Strom hinab gleitete, von ſeinen Fährlichkeiten und Abenteuern auf „ —— den weſtlichen Gewäſſern, welche er ſeit mehr denn vier⸗ zig Jahren beſchifft hatte. Manche ſeiner Geſchichten mochten etwas„zähe“ erſcheinen, und es forderte ein ziemliches Maaß von Glauben, um ſie nicht zu bezweifeln, aber ſie hatten gewöhnlich ein ſehr vriginelles Gepräge, das dann und wann nicht wenig ergötzlich war, wenn ſeine Phraſenverkettung, die man mit Recht unnachahm⸗ lich nennen konnte, mit in Anſchlag gebracht wurde. Wir dürfen nicht übergehen, daß Cherub Löffelein, jetzt kein Knabe mehr, ſondern ein ausgewachſener Burſche, noch in den Dienſten des Kapitäns war, und in der Zeit, von welcher wir reden, als Gehülfe des Kapitäns fungirte, dem er ſich in jeder Beziehung gleich ſtellen zu dürfen glaubte. Außer Löffelein beſtand die Mannſchaft aus zwei oder drei neuen Bootsleuten, und dem nirgends auf dieſen Booten fehlenden Anhängſel, einem farbigen Gentleman, der als Koch angeſtellt war, und von welchem Kapitän Sam hoch und theuer verſicherte, er ſei der klügſte Schelm, den er kenne. „Das Gezücht kann nicht leſen,“ pflegte er zu ſagen, „aber ich will mich zu Schindeln zerſchleifen laſſen, wenn er nicht Alles herſagen kann, was in einer Zeitung ſeht ſobald er nur daran riecht.“ Rainsford, der durch die anziehende Neuheit ſeiner Lage und die ſeltſame Ausdrucksweiſe und Sitte ſeiner Gefährten ſeine Schwermuth gewiſſermaßen gegen ſeinen Willen gemildert fühlte, hörte eines Abends der Unter⸗ 5 11* — 164— haltung des Schiffsvolks zu und erfreute ſich mit ihnen einer der ſchönſten Dämmerſtunden, welche die Natur je über die Erde ausgebreitet hat. Es war eine Ruhe, eine wollüſtige Milde in dem Anblick und dem ſtillen Frieden des Cryſtal⸗Stroms, wie er geräuſchlos zwiſchen den niedrigen, dem Waſſerſpiegel gleichen ufern dahin gleitete, die mit Rieſenbäumen beſetzt waren, welche ihre mächtigen Glieder wie ungeheure Regenſchirme ausbrei⸗ teten— eine ungemein liebliche Scene, welche mit dem tiefen Schweigen weitum, wo man kaum die Spur einer arbeitſamen Menſchenhand gewahrte, in entzückendem Einklange ſtand. Sie näherten ſich jetzt der Verbindung der zwei großen Flüſſe, welche, nachdem ſie in weit von einander entfernten Regionen entſprungen, ihre Wellen zu einem mächtigen Strome vereinigen, und mit einan⸗ der in das Meer der Vergeſſenheit wandern. Die Geſellſchaft ſaß auf dem Dache des Breithorns, welches aus Brettern beſtand, die ſich von der Nitte nach den beiden Seiten etwas neigten, ſo daß der Regen abfließen konnte, und ſangen oder erzählten ſich Geſchich⸗ ten, wie es Sitte bei ihnen iſt; daß die ganz unerläß⸗ liche Zugabe einer hinreichenden Menge von Whiskey*) nicht fehlte, bedarf kaum einer Bemerkung. Rainsford *0 Jeder Kornbranntwein in den Vereiniaten Staaten heißt Whiskey. Gin iſt Wachholderbranntwein. Ueberſ. — — 165— hatte ſich gleichfalls auf das Dach geſetzt, um ſich an dem Genuſſe der lieblichen Scene zu lahen, und warf bald einen Blick der Bewunderung nach allen Seiten, bald verlor er ſich in einem Labyrinth von Gedanken, welche mit unnennbarer Bitterkeit durchwebt waren, ſie mochten nun der Vergangenheit, oder der Gegenwart, oder der Zukunft zugewendet ſein. Allmählig jedoch wurde ſeine Aufmerkſamkeit durch folgende ungewöhnliche Erzählung gefeſſelt. „Gut denn, Kapitän, wollt Ihr, da es mit Singen nicht geht, uns nicht noch eine Geſchichte erzählen?“ ſagte Cherub Löffelein. „Ja, thut das, Kapitän; erzählt uns die Geſchichte von dem ſeltſamen Gewürm, das Ihr auf der Reiſe den Fluß herab aufgefangen habt,“ ſagte ein Anderer. „Ha, thut das, Maſſa Kappin Sam,“ ſagte der Schwarze. „Gut, ich will Euch erzählen, wie es war. Wir hatten das Breithorn ganz nah an das ufer angehohlt, um den Wald zu durchſtreifen; der Wind ging ſtromauf, und ſo konnten wir doch nicht weit vorwärts kommen. Bill ſagte dem Nigger, er ſollte uns einige Stücke von Plumptatze— denn ſo nannten wir den Bären, den ich den Tag vorher geſchoſſen hatte,— kochen. Gut, wäh⸗ rend wir im Walde waren——“ „Die Geſchichte iſt ſo lang wie der Miſſiſſippi,“ ſagte Einer. * 5— „Mund zu und ſtill geſchwiegen, ſonſt werf' ich dich in die Feuchte,“ rief Cherub. „Ei, ich habe die Geſchichte ſchon gehört.“ „Gut, das mag ſein— ich habe ſie noch nicht gehört. Fahrt fort, Kapitän.“ „Gut, wie ich geſagt habe, Löffel, der Nigger—“ „Ich denken, er uns farbige Genanen*) nennen können, eben ſo gut,“ murmelte der Schwarze. „Der Nigger kochte uns ein Stück von dem Bären, während wir den Wald durchzogen, damit wir etwas hätten, auf dem wir fußen könnten. Als wir zurück⸗ kamen— welche Art Gezücht denkt ihr wohl, haben wir im Röhricht aufgeſchreckt?“ „Ich denke, einen Alligator.“ „Halte dein M—l, du Süßigkeit, ſonſt laſſ' ich dich an dem dickſten Tau riechen, das wir haben,“ rief Löf⸗ felein;„nach vorne geſegelt, Kapitän, nach vorne!“ „Gut, wie ich geſagt habe, wir fanden das drolligſte Gewürm, das ihr vielleicht je geſehen habt. Sein Geſicht war ganz mit Haaren bedeckt, wie ein Büffelſtier, ein kleines Fleckchen für die Augen ausgenommen, damit es ſehen konnte. Es ſah mächtig erſchrocken aus, als betrachte es ſich für verloren, und als dächte es, wir wollten es aufzehren, bevor wir es getödtet; wir aber brachten es an Bord des Breithorns und fühlten Nitleid *) Statt Gentleman. uebe r. mit dem armen Ding. Ich klappte ihm auf den Rücken, und ſagte ihm, es ſolle ſich auf ſeine Hinterbeine ſtellen, und ich will auf einen Stamm Treibholz auffahren, wenn es nicht heraus kam, daß es ein lebendiger Stutzer war.“ „Hatte es einen Schweif?“ „Ich klopfe dir die Seele aus, Bill, wenn du mich unterbrichſt.“ „Dafür belang' ich Euch zu Neu⸗Orleans.“ „Ha! ha! Lacht ihn aus! Firlefanz!— recht nach vorne, recht nach vorne, und ſeid nicht ärgerlich riefen die Zuhörer. „Ich ſchwöre, wenn er mir einmal die Galle auf⸗ regt, ſoll er ſehen, daß ich Hände habe, und ſie zu brau⸗ chen weiß,“ ſagte der Kapitän Hugg. „Gut, ſegelt weiter— ſegelt weiter— erzählt uns von dem Stutzer— ha, ha, ha! Ich hätte es wohl ſehen mögen, als es ſich auf ſeine Hinterbeine ſtellte. Was hat es geſagt?“ „Nun, ich fragte es, wie man ſo ein wunderliches Ding heiße, von dem er ſtamme, und es ſagte„Baſil,“ und der Kapitän des Dampfſchiffs habe es an das Ufer ausgeſetzt, weil es darauf beſtanden habe, in die Cajüte der Damen zu gehen. Gut, einige von uns nannten es Sommerſaturei“), andere Katzenmünze, andere Baſi⸗ licum, und wir hatten viel Spaß mit dem Geſchöpf und *) Auch Saturei, Satureis hortensis. ueberſt * —— lachten, bis wir müde waren. Und dann ſetzten wir es gabelartig auf ein Faß—“ „Ha! ha! ha!“ rief der Schwarze, und brach in ein unbeſchreibliches Gelächter aus. „Kein Gelächter in den Reihen dort— werft Nigger über Bord, wenn er lacht, ehe ich an die rechte Stelle komme, und dann möcht' ihr Alle anfangen. Gut denn, ich begann, ihn über Alles auszufragen, was ihn betraf, und er ſagte mir, er ſei ein großer Reiſender, und habe ſich ſo weit nach Norden hinauf gewagt, daß der nördliche Polarſtern ſüdlich von ihm geſtanden habe. Und dann fragte er mich, ob ich etwas von der Schiff⸗ fahrtkunde und von dem Gebrauch der Weltkugeln ver⸗ ſtünde. Ganz gewiß, ganz gewiß, ſagte ich, ſind ſie nicht dazu erſchaffen, daß die Menſchen darauf leben?— Dann fragte er mich, ob ich ſchon etwas von Herſchel oder Hirſchel— ich weiß nicht mehr, wie er ſagte— gehört habe, und ich ſagte ihm, ich kennte ihn ſo gut, wie ein Eichhörnchen eine welſche Nuß von einer Eichel zu unter⸗ ſcheiden wiſſe. Er iſt todt, ſagte das wunderliche Gewürm.“ „Nein, nein, ſagte ich, daran iſt nichts, das könnt Ihr mir glauben. Ich ſah einen Hauſirer, der pracht⸗ volle Bratwürſte, aus rothem Flanell und Runkelrüben gemacht, verkaufte, an unſerm Hauſe vorüberkommen, und tauſchte mit ihm auf einige hölzerne Schinken*). *) Die Satyre iſt herb, aber nicht unverdient. ueberſ. — 169— Er kam von Litchſield, wo Herſchel wohnte, und wußte kein Wort davon.“ „Mein Stutzer ſchrieb jetzt einige Bemerkungen in ſeine Brieftaſche, und ich fing an, in ihm einen von jenen Geſellen zu wittern, welche eine Art Gewerbe mit der Büchermacherei über Alt⸗Kentucky und das Weſtland treiben. Und ſo dachte ich, ich wollte ihm eine ellenlange Naſe drehen. Und ſo erzählte ich ihm mehrere Geſchich⸗ ten, die den Miſſiſſippi hätten zum Kochen bringen kön⸗ nen; er aber ſchrieb Alles in ſein Buch. Einer meiner Leute hörte zu und rief: Gut, Sam, Ihr macht es arg, das iſt gewiß!— Ich fürchtete, der Stutzer möchte ahnen, daß ich ihn zum Beſten habe; ſo ſprang ich auf und ſagte Tom, ein kleines Pferd ſei bald geſtriegelt, und ich würde ihn in einen dreieckigen Hut prügeln, wenn er noch ein Wort ſagte. Und das hob die Unterhaltung auf.“ „Am nächſten Morgen hielten wir an, um ein wenig unter Neu⸗Madrid zu jagen, und der Stutzer, der eines der neugierigſten Kreaturen war, die ich je geſehen, und ſeine Naſe überall hinſteckte, wie ein Hund, den man auf die Fährte gebracht hat, ging ein kurzes Stück Wegs mit mir in ein Röhricht, wo wir eine Frau trafen, die mit vier oder fünf Kindern unter einem Bretterdach wohnte. Stutzer fragte ſie, ob ſie ganz allein wäre— ſie ſagte, ihr Mann ſei hinauf zu den Yellow⸗Banks gegangen, um ſich nach beſſerm Land umzuſehen. Dann wollte er wiſſen, was ſie zu eſſen habe, und ſie ſagte, nichts als —— ſüße Kürbiſſe.— Was, kein Fleiſch? fragte er.— Nein, nichts als ſüße Kürbiſſe.— Gut, ſagte Stutzer, ich habe mein Lebtage nichts halb ſo ſchlechtes in den alten Län⸗ dern geſehen. Und dann ſteckte er die Hand in die Taſche und gab ihr ein Pickalion*).— Dank Euch, ſagte ſie, ſo wahr ich das Leben habe, verſuchte ich in den letz⸗ ten vierzehn Tagen kein ordentliches Fleiſch, nichts als Wildpret und wilde Truthahne.— Alle T—l, ſonſt nichts? ſagte Stutzer und hätte ſein Pickalion gern wieder gehabt.“ „Welch eine wilde Gans von einem Burſchen! Nicht zu wiſſen, daß man hier zu Land unter Fleiſch nur geſal⸗ zenes Schweinen- und Rindfleiſch verſteht. Wahrhaftig, ein prachtvoller Geſell, um Bücher über fremde Länder zu ſchreiben,“ ſagte Cherub. „Ich will die ſchlimmſte Stelle des Miſſiſſppi jeden Tag zweimal ſtromaufwärts fahren, wenn ich für einen einzigen Bootsmann auf dem großen Strom nicht ein ganzes Heer ſolcher Burſche hingebe. Aber was habt Ihr zuletzt mit ihm angefangen, Kapitän?“ ſagte ein Anderer. „Nun, ich wurde endlich müde, ihn an der Naſe herumzuführen, und da ich zufällig auf das Dampfbvot Daniel Boone, Kapitän Lansdale, ſtieß, das ſtromabwärts „) Auch picallu genannt, ein ſechs und ein viertel Cent⸗ ſtück, in Louiſiana curſirend. ueberſ. — 171— kam, und eben ein Breithorn in den Grund gebohrt hatte, waͤhrend der Eigenthümer auf dem Verdeck ſaß und ſang: „Heil, Columbia, glücklich Land! Bin ich nicht ruinirt, bin ich verd—t—“ ſo überrede ich den Kapitän, den Stutzer wieder an Bord kommen zu laſſen; dieſer verſprach, aus der Damen⸗ Cajüte zu bleiben, und ſo ſchüttelten wir uns die Hände, und ich will gleichfalls in den Grund gebohrt werden, wenn ich einen ſolchen Waſchbären nicht lieber jagte, als den fetteſten Bock, der je in Alt⸗Kentucky jung geworden.“ Am nächſten Morgen erreichte das Breithorn die Stelle, wo die zwei großen Flüſſe, der Ohio und der Miſſiſſippi, ſich mit einander verbinden. Rainsford hatte dieſe Verbindung mit einem nicht geringen Grade von Ungeduld erwartet, fand aber, daß ſie dem Auge nichts abſonderlich Anzie⸗ hendes darbot. Die Phantaſie verweilt wohl gern bei dem endloſen Laufe der beiden Ströme, in welchen ſich die Waſſer ſo ausgedehnter Regionen ſammeln, und die nun vereinigt dem Meere zurollen. Die Vereinigung der mächtigen Ströme fand inmitten einer öden Einſamkeit ſtatt. Der Ohio floß eine bedeutende Strecke vor ſeiner Einmündung in den Riſſiſſppi durch eine niedrige, ſumpfige Wildniß ruhig und kryſtalhell, wie eine Vergaquelle, dahin, bis er um einen ſpitzen Winkel ſich wendete und auf die raſche Strömung des großen Vaters der Waſſer, den „ — 172— „ſchlimmen Fluß“ ſtieß, wie ihn die Bootsleute nennen, und durch deſſen unwiderſtehlichen Ungeſtüm fortgewir⸗ belt wurde. Es war die Vereinigung eines ſanften, widerſtandsloſen Mädchens, mit einem rauhen, zürnen⸗ den Rieſen. Die kochenden Wirbel, die ſtürmiſchen Wogen des Miſſiſſippi rufen bei dem Reiſenden ſtets das Bild eines ewigen Kampfes mit dem Lande hervor; er zerreißt ſeine ufer, während er entlang ſtürzt, und bricht ſich manchmal, als ſei er über die ſteten Windungen ungeduldig, ſelbſt Bahn durch eine vorſpringende Land⸗ zunge, hier ſich ein neues Bett ſchaffend und dort ein Anderes trocken laſſend. Der Hauptehrgeiz eines weſtlichen Abenteurers iſt die Gründung einer großen Stadt„auf Speculation,“ und man denkt ſich wohl, daß der Vereinigungspunkt der zwei großen Ströme dem ſcharfen Auge jener klugen Leute, von denen man mit Recht ſagen kann, daß ſie in der Zukunft leben, nicht entgangen iſt. Der Sage nach war einſt eine Stadt hier gegründet worden, welche aus einigen auf Pfählen erbauten Häuſern beſtand. Die erſte Ueberſchwemmung des Ohio ſetzte aber die umkie⸗ gende Gegend unter Waſſer und entmuthigte die Aben⸗ teurer. Rainsford ſah nur ein einziges Haus, das verlaſſen in der traurigen Hede ſtand, wodurch ſeine Einſamkeit, wenn möglich, noch auffallender wurde. Die Fenſter waren zerbrochen, die Außenwände vom Wetter geſchwärzt, und der Anblick ſo düſter und melancholiſch, — 173— daß Kapitän Hugg ſagte, es erinnere ihn ſtets an die Stimme, welche in der Wüſte ruft. Das Breithorn war nun auf den Schoos des raſchen Niſſiſſippi geworfen worden, und flog mit vermehrter Schnelligkeit und ohne Aufenthalt ſtromabwärts, bis ſie die kleine Stadt Neu⸗Madrid erreichten, wo ſie noth⸗ wendig anhalten mußten, um Holz einzunehmen. Es war ein umwölkter, ſchwüler Tag; kaum ein Hauch der Luft war fühlbar, und die Atmoſphäre hatte jenes braune Dunkel, das faſt immer erſchlaffend auf den Geiſt wirkt. Die Vögel ſuchten in den dichten Wäldern Schutz, wo ſie ſich keuchend verſteckten und ſchwiegen; und die weni⸗ gen Hausthiere, welche man ſah, wagten ſich ſo weit als möglich in den reißenden Strom und ſtanden da, die Inſekten von ſich abwehrend, verdroſſen und erſchlafft, als wenn ſelbſt dies über ihre Kräfte ging. Während die Argonauten des Breithorns Treib olz am Uufer ſam⸗ melten, wandelte Rainsford, von Kapttän Hugg begleitet, bis an den Rand der ſogenannten großen Prairie, welche ſich viele Meilen weit in das Land hinein ausdehnt. Während ſie hier ſtanden und auf die rollenden Dunſt⸗ maſſen ſchauten, welche der weiten Fläche das Anſehen eines fernen ruhigen Meeres gaben, und ihre Augen ſich über die öde, wilde Einſamkeit ergehen ließen, nahm ein fernes Krachen ihre Aufmerkſamkeit einen Augenblick in Anſpruch. Es ſchwieg einen Moment und ließ ſich dann, merklich näher als vorher, wieder hören. Eine unge⸗ heure Staubwolke folgte, durch welche die Luft plötzlich verfinſtert und das Antlitz der Welt vor ihnen verhüllt wurde. „Nieder auf den Boden, Fremder, um des Himmels willen! Es kömmt ein Wirbelwind!“ rief Kapitän Sam, und that ſelbſt, wie er geſagt hatte. Er hatte aber kaum geendigt, ſo öffnete ſich der Boden zwiſchen ihnen, und ſie ſtanden, hin und her geſchaukelt, auf den zwei Seiten eines gähnenden Abgrunds. Der Boden hob ſich wellenartig, wie das Meer in einem Sturme; die Rieſenbäume, welche die öden Grenzen der endloſen Fläche umgürteten, ſchwankten wild hin und her und ſchlugen ihre hohen Häupter unter hohlem Krachen gegen einander und ſtürzten mit ihren rieſigen Gliedern übereinander. Die ſtarken Rippen der Erde borſten und hoben ſich und zerſchleißten in tiefe Schluch⸗ ten; die Waſſer durchbrachen ihre Schranken, bildeten neue Seen, wählten ſich hier neue Bahnen und ließen dort weite Räume trocken. Jetzt ruhten die Wellen der feſten Erde einen Augenblick und zitternd und bebend lag ſie wie in einem Fieberanfalle da. Während dieſer furchtbaren Pauſe erhoben ſich Rains⸗ ford und ſein Gefährte vom Boden, auf welchen die unwiderſtehliche Gewalt der Schwingungen ſie geworfen hatte, und ſuchten ſich inſtinktmäßig zu retten, ohne daß ſie wußten, wohin ſie flüchten ſollten. Der Kapitän eilte dem Strome, ſeinem natürlichen Elemente, zu, während „ — 175— der Andere auf einen der hohen Bäume kletterte, welche ſo zu ſagen die Umzäunung der ungeheuern Prairie aus⸗ machten; ihn leitete dabei ein unbewußtes Bangen vor den Waſſern, welche, gleich der Erde, zu kämpfen ſchienen, um ſich aus den Feſſeln der unbeugſamen Geſetze der Natur zu befreien. Kaum war er auf dem Baum, als daſſelbe furcht⸗ bare Krachen ſich von einer andern Seite her näherte, und wieder begann die feſte Erde ſich zu heben und zu einem Wellenmeer zu kräuſeln, das ſich aus einiger Ent⸗ fernung zu nähern ſchien, immer ſtärker wurde und höher und höher anſchwoll, bis es borſt, ungeheure Maſſen von Waſſer und Sand hoch in die Luft verſchleuderte, und den Boden mit tiefen Klüften und Sprüngen bedeckt ließ, welche der Reiſende jetzt noch mit Staunen und Schauer ſieht. Nach wenigen Minuten ſchien die ganze Gegend in ein anderes Element verwandelt zu ſein; ſie glich einem Meere. So weit das Auge reichte, war Alles mit Waſſer bedeckt, und der Baum, auf welchem Rains⸗ ford Zuflucht geſucht hatte, ſchwankte inmitten des neuen Sees hin und her. Dunkle, oder wenigſtens düſtre Nacht, wie bei einer vollſtändigen Sonnenfinſterniß, kam über die Erde, und der Schrecken der ganzen belebten Natur war ſo groß, daß ſich ein Vögelchen in den Buſen des jungen Mannes flüchtete und da ruhig und zahm lag, obgleich es am ganzen Körper zitterte. Er konnte ſein kleines Herz gegen ſein eigenes ſchlagen hören, und der 1 —— Austauſch freundlicher Gefühle zwiſchen ihm und dem keuchenden Thierchen that ihm in dieſer ſchrecklichen Stunde wohl. Als er einen Blick auf Neu⸗Madrid warf, ſah er, wie die Häuſer ſchwankten und zuſammenſtürzten, und wie das Volk in der ganzen Verzweiflung eines bewäl⸗ tigenden Schreckens hin und her lief. Zu dem Miſſiſſippi gewendet ſah er ihn plötzlich an einer Stelle kochend aufgähren, über die ufer brechen, und Boote und Alles, was auf ſeiner Oberfläche war, weit über die Gefilde wegführen, wo die Fahrzeuge zerſchellt und aus einander geriſſen wurden. Jo, weder der Lebende noch der Todte wurde geſchont; denn er ſah auf einmal, wie der kleine Kirchhof des Ortes mit ſeinen modernden Gebeinen und ſeinen ruhigen Bewohnern ſo zu ſagen von ſeiner Ruhe⸗ ſtelle emporgehoben und in den Strom geſchleudert wurde, wo Alles aus einander trieb. In dieſer Lage blieb er jenen ganzen Tag und die Nacht, während in Zwiſchenräumen Stöße auf Stöße folgten, welche das ganze Weltgebäude zu vernichten und ein neues Chaos erzeugen zu wollen drohten. Sein Kör⸗ per war ſo erſchöpft, daß er ſich nicht mehr aufrecht hal⸗ ten konnte; hätte er ſich nicht in die Gabeln der Aeſte geſchmiegt, ſo wär' er unfehlbar geſtürzt und zu Grund gegangen. Am Morgen hatten ſich die Waſſer ringsum zu einem neuen mehrere Meilen langen See geſammelt, 3 die v — 177— Stöße nachgelaſſen. Der kleine Vogel, der die ganze Nacht ängſtlich athmend ſich an ſeine Bruſt geſchmiegt hatte, lebte bei dem Erſcheinen der erquickenden Mor⸗ genſonne ſichtbar wieder auf, prüfte die Kraft der Flügel, verließ ſeinen Zufluchtsort, wie die Taube die Arche ver⸗ ließ, als die Waſſer ſich ſenkten, und kehrte nicht mehr zurückt„ Von Kälte durchſchauert und der Kräfte baar, ſtieg Rainsforb von dem Baume und ſuchte mit großer Mühe und Beſchwerde Neu⸗Madrid zu erreichen, wo er einige Leute fand, die es gewagt hatten, wieder in ihre Häu⸗ ſer, oder vielmehr in die Trümmer ihrer Häuſer zurück⸗ zukehren. Glücklicherweiſe wohnten dieſe nicht in Palä⸗ ſten oder ſtattlichen Gebäuden, ſondern in Hütten, von Baumſtämmen und Lehm aufgeführt, und wenige oder niemand hatte das Leben eingebüßt. Viele wurden eine Zeitlang vermißt, kamen aber alle wieder, einen Mann ausgenommen, der auf die Inſel eines durch die Erſchüt⸗ terung des Erdbebens gebildeten Sees verſchlagen wor⸗ den war und deſſen Gebeine zufällig man lange nach⸗ her fand. Unter denen, welche während des Tages wieder zum Vorſchein kamen, befanden ſich, zur großen Freude unſe⸗ res Helden, auch der Kapitän und die Mannſchaft des Breithorns, auf welchem er ſtromabwärts fuhr. Die Erzählung, welche ſie von ihrer Verſetzung von dem Waſſer auf das Land zum Beſten gaben, war mit vie⸗ Paulding I. 2 — 178— len außerordentlichen Begebenheiten und Wundern ver⸗ webt, welche, da ſie Tag um Tag, und Jahr um Jahr wiederholt wurden, ſich nach und nach dem Unglaubli⸗ chen näherten. Es war jedoch eine Zeit und ein Land der Wunder, und das geringſte war nicht die außeror⸗ dentliche Enthaltſamkeit des Kapitäns Sam und ſeiner Leute. Sie fluchten nicht und tranken keinen Whiskey weder an dieſem Tag, noch während der Zeit, da man noch Erdſtöße verſpürte, welche mit gelegentlichen Pau⸗ ſen ſo lange dauerten, daß die Leute der Umgegend ſich daran gewöhnten, ſo daß ein glaubwürdiger Reiſendet, der zufällig bei Neu⸗Madrid an das Land ſtieg und das Haus einer alten Dame beſuchte, durch ein gewiſſes unangenehmes Zittern der Erde erſchreckt wurde, worauf die Dame mit ermuthigendem Tone ausrief:„O⸗ erſchreckt nicht, Fremder, erſchreckt nicht— es iſt nur das Erdbeben.“ Wir bedauern, ſagen zu müſſen, daß die Beſſerung dieſer würdigen Leute nicht länger dauerte als das Erd⸗ beben, und daß ſie in gehöriger Zeit in ihre alten Sit⸗ ten zurückfielen. Der Sage nach hat dieſe merkwürdige Naturerſcheinung in der Ausdrucksweiſe des Kapitäns Sam Hugg eine radicale Reform hervorgebracht, denn wenn er vorher die Gewohnheit hatte, ſich„halb Pferd halb Alligator und ein Stück von einem Dampfboot“ zu nennen, ſo hängte er jetzt den früheren Titeln den— „und ein wenig von einem Erdbeben“ an. Rainsford blieb mehrere Tage in einem wenig zu — 179— beneidenden Zuſtande in Neu⸗Madrid. Die furchtbaren und ſchrecklichen Auftritte, welche er erlebt hatte, wirk⸗ ten auf ſeinen düſtern, von bangen Ahnungen gequälten Geiſt ungemein und erhöhten ſeine gereizte Stimmung und ſeinen Hang zu einem ſchwermüthigen Ausmalen ſeiner Zukunft. Charaktere dieſer Art ſind faſt immer zu der ſchlimmſten Art von Schwärmerei geneigt und ſehen gern in den großen Erſcheinungen der Natur nicht ſowohl die geheimnißvollen, allgemeinen Willensvolſtrecker der Vorſehung, als die kleinlichen und erbärmlichen Werkzeuge eines verwerflichen Aberglaubens. In eitler, ohnmächtiger Anmaßung glauben ſie, der Zorn Gottes könne zur Erreichung kleinlicher Zwecke, z. B. der Be⸗ ſtrafung eines Einzelnen, rege werden, und rufen in der Sprache des ſinnloſen Dolmetſchers des göttlichen Willens: „Gewitterwolken ſah ich glüh'n und wallen, Den Donnerkeil auf eine— Fliege fallen.“ Unter dem Einfluſſe dieſer Täuſchung bildete er ſich ein, es ſei etwas Verhängnißvolles, etwas Prophetiſches in dem Erdbeben, welches ſeine Reiſe ſtromabwärts auf dieſe Weiſe unterbrochen hatte Er erblickte darin einen beſtimmten Fingerzeig, daß er in den Planen, welche ſeiner Reiſe zum Grunde lagen, nicht weiter gehen ſolle, weil dieſe Plane durch das gewiſſe und unabwendbare Schickſal, das ſeiner harre, und von dem er nun völlig 12* —— überzeugt war, daß es ſeinem Endziel raſch entgegen ſchreite, unnöthig wurden. „Zu welchem Zwecke,“ flüſterte ſein böſer Genius ihm oft zu—„zu welchem Zwecke willſt du ferne Ge⸗ genden beſuchen? aus welchem Grunde deinen Geiſt berei⸗ chern, deine Kenntniſſe erweitern, deine Neugierde befrie⸗ digen, indem du die mächtigen Werke der Schöpfung anſchau'ſt? Zu welchem Ende willſt du dein Haus ord⸗ nen, da du in kurzer Zeit— ja, ſo gewiß die Stimme Gottes in dem Donner, in dem Wirbelwind, und in dem Erdbeben ſpricht— in kurzer Zeit nicht im Stande ſein wirſt, der edeln Genüſſe des Geiſtes dich zu erfreuen, noch das Glück einer friedlichen Heimath zu fühlen!“ Von dieſem gefährlichen Mahner geleitet, brachte Rainsford in der Umgegend von Neu⸗Madrid, wo ſeine Nerven und ſeine Phantaſie durch dies ſtete Wieder⸗ kehren der Erdbeben gereizt und höher geſpannt wur⸗ den, mehrere Tage hin und kämpfte den ſchweren inne⸗ ren Kampf der Unentſchloſſenheit fort, ob er nach Neu⸗ Orleans gehen ſolle oder nicht. Endlich faßte er den Entſchluß, den Ort wieder aufzuſuchen, den er verlaſſen hatte, und nach einer Abweſenheit von ungefähr vier Wochen kam er unerwartet nach Dangerfieldville zurück. Oberſt Dangerfield empfing ihn mit gaſtlicher Höf⸗ lichkeit, denn es machte faſt einen Theil ſeiner Religion aus, jedes menſchliche Weſen, welches einmal den Schutz ſeines Daches angeſprochen hatte, zu behandeln, als wär' — 181— es in ein Heiligthum eingetreten. Rainsford aber, deſ⸗ ſen Nerven bei der leichteſten Berührung, bei dem gering⸗ ſten Zeichen der Vernachläſſigung oder eines Mangels an Herzlichkeit fieberiſch zuckte, ſah oder glaubte eine Abnahme der biedern Herzlichkeit, mit welcher der Oberſt ihm Lebewohl geſagt hatte, in der Art zu entdecken, wie er ihn jetzt empfing. Von Seiten der Niſtreß Dan⸗ gerfield war alles Freundlichkeit und innige Theil⸗ nahme. Die junge Dame bewillkommte ihn mit lebhafter Offenheit. „Eure Reiſe war kurz und Eure Rückkehr raſch“— ſagte ſie.„Nun, habt Ihr mir die verſprochenen Ge⸗ ſchenke mitgebracht?“ „Ich bin nicht zu Neu⸗Orleans geweſen“— lautete die Antwort:„Ich kam nur bis Neu⸗Madrid.“ „Ei, und was habt Ihr da geſehen? Keine Papa⸗ geien— keine Affen?“ „Nein, ich habe nur ein Erdbeben dort geſehen.“ „Ein Erdbeben!“ riefen Alle und glaubten, er ſcherze, da ſie in dieſer entfernten Gegend noch nichts von dem Ereigniß gehört hatten und die Wirkungen deſſelben hier nicht bemerkt worden waren. „Wie ſah es aus?“ fragte Virginia. „Es ſah aus wie der letzte Kampf der ſterbenden Natur— als hätte der Allmächtige ſeine Hand von der Lenkung des Weltalls abgezogen und es den aufrühreri⸗ ſchen Elementen überlaſſen, ſich um die Herrſchaft zu ſtreiten. Es ſah aus— der Himmel gebe, daß ich etwas Aehnliches nie wieder ſehen muß.“ „Pah, junger Mann,“ ſagte der Oberſt in ziemlich ſtrengem Tone—„pah, keinen Scherz über ſolche Dinge. Dergleichen iſt eines vernünftigen Weſens, ſo wie des Weſens unwürdig, dem es ſein Daſein verdankt.“ „Scherzen! So wahr ich lebe, ich ſah die Erde in feſten Wogen rollen und fühlte mich auf ihnen geſchaukelt als wär'ich auf dem Meere. Ich ſah die Bäume wanken und ihre Kronen gegen einander ſchlagen, bis ſie ſich zerſplit⸗ tert zu Boden warfen. Ich ſah die Erde ſich öffnen und Seen und Bäche ausſpeien. Ich ſah den Kirchhof und die Gräber und die modernden Gebeine, all das empor⸗ gehoben und dem Auge entführt. Wenn das die Scherze des großen Weltbeherrſchers ſind, welcher Art muß ſein Zorn ſein?“ Das Gemälde, das Rainsford entwarf, erfüllte die Zuhörer mit Staunen und Schrecken und der tiefe Ernſt ſeiner Stimme überzeugte ſie, daß er nicht ſcherze. Vir⸗ ginia, welche ihn genauer betrachtete, fand ſeine Züge ſeit ſeiner Abreiſe ſo geändert, der Ausdruck des wilden Schreckens trat ſo deutlich hervor, die Bläſſe ſeines Ge⸗ ſichts zeigte ſo ſicher von innerm Uebelbefinden, daß ſich ihre Augenwimpern befeuchteten und ein Schmerz ihr durch die Bruſt fuhr bei dem Gedanken, mit den Gefüh⸗ len eines Mannes geſcherzt zu haben, deſſen Körper oder Geiſt eine Beute der Krankheit geworden. Auf fernere Fragen folgte ein ausführlicherer und zuſammenhängenderer Bericht von dem großen Ereigniß, deſſen er Zeuge geweſen war. Immer aber blieb in der Weiſe ſeiner Mittheilungen etwas Unzuſammenhängen⸗ des, das anzudeuten ſchien, daß ſeine Nerven noch von dem mächtigen Eindruck des furchtbaren Schauſpiels ange⸗ griffen waren, und daß ſeine Phantaſie dem Zuſtande einer heilſamen Ruhe noch nicht zugegeben ſei. Den gan⸗ zen übrigen Theil des Tages war er ruhelos und unſtet und fuhr bei jedem geringſten Geräuſche empor, als fürchte er eine herannahende Gefahr. Oberſt Dangerfield, welchem das Sonderbare ſeines Gebahrens nicht entging, konnte nicht umhin, ſich der Nittheilungen zu erinnern, welche ihm der kluge Politi⸗ ker, der gelehrte Wicht und der peſtilenzialiſche Wind⸗ kopf, Zeno Paddock, gemacht hatte. — 184— Fünfzehntes Kapitel. Der Verfaſſer bezeigt der Mutter Erde ſeine Ehrfurcht; worauf er eine Jagdpartie beſchreibt. Der Winter kam mit ſeinem bereiften Barte und ſeiner feuerrothen Schnauze, an welcher glänzende Eis⸗ zapfen wie Edelſteine an den Naſen von Barbaren hin⸗ gen, und ſtreifte die grünen Blätter von den Waldbäu⸗ men, entkleidete die Gärten ihres Schmucks, und warf alle dieſe Herrlichkeiten wie werthloſes Unkraut hin, um zu verwittern und zu ſterben, und wie der Menſch und alles Geſchaffene zur gemeinſchaftlichen Mutter Erde zurück⸗ zukehren. Nan hört oft Klagen über die Ungleichheit, mit welcher die Vorſehung das Schickſal des Menſchen und der Erde ordnete und abwog: jener, heißt es, kenne nur einen raſch entſchwindenden Frühling, während dieſe jedes wiederkehrende Jahr ihren jugendlichen Zauber erneuere, bis das Ende aller Dinge herankomme. Aber die Peſt auf alle dieſe vermaledeiten Sauertöpfe! Hat nicht der weiſe Geber alles Guten uns reichlichen Erſatz gegeben, indem er uns ein Gedächtniß gab, unſerer Ju⸗ gendfreuden uns zu erinnern— eine Phantaſie, tauſend und tauſend Scenen ſchöner und zarter auszumalen. — 185— als der Frühling ſie je dem Auge des Sterblichen dar⸗ bot? Und hat er uns nicht endlich die Hoffnung gegeben, deren glänzende Bilder alles weit überbieten, was der Mai des Lebens je verwirklichte? Die reichſten Gaben, welche auf die Erde nieder regneten, ihre Diamanten, Gold⸗ und Blumenteppiche, ihre Macht, Jahr um Jahr ihre jugendlichen Reize wieder zu erneuern— was iſt alles das gegen die Gaben, die dem Menſchen geworden ſind— ſeine Vernunft und ſeine Unſterblichkeit! Aber wir wollen unſere gute alte Mutter⸗Erde nicht mißachten, denn ſie iſt gut, ja, und auch ſchön, ſie mag nun in die mailiche Pracht des herrlichen Genius geklei⸗ det ſein, oder in dem glühenden Golde des Sommerſon⸗ nenglanzes ſpielen, oder wie Joſeph mit dem buntfarbi⸗ gen Gewande des Herbſtes ſich ſchmücken, oder in ihr Winterkleid ſich hüllen und, gleich dem Gerechten, der Stunde harren, wo ſie glorreicher wieder aus ihrem lan⸗ gen Schlafe erſteht. Wer kann ihre lächelnden Thäler, ihre ſchönen Auen, ihre goldnen Ehrenfelder, die liebli⸗ chen Blumen, die ſäuſelnden Wälder, die endlos ſich windenden Bäche, die unermeßlichen pfadloſen Meere, die vollbuſchigen Hügel und die wolkenumhängten Berge ſchauen, ohne das Gefühl ehrfurchtsvoller Anerkennung einer unendlichen Macht? Wer kann die bewun⸗ dernswerthe Harmonie und Zweckmäßigkeit ſehen, mit welcher alles das zu einem großen Ziele zuſammenwirkt, ohne ſich zu beugen por der unendlichen Veisheit? — 186— Und wer kann in der balſamiſchen Luft ſchwelgen, den Duft der Wieſen und der Gärten in ſich trinken, der Muſik der Vögel, der Bäche, des flüſternden Lau⸗ bes, der Antwort des Widerhalls lauſchen, und andere namenloſe Gaben, wie ſie der Menſch nur wün⸗ ſchen und erſinnen mag, genießen, ohne in dankbarer Anerkennung ſein Haupt zu ſenken vor der unendli⸗ chen Gnade? Obgleich lange von dem Lande geſchieden, haben wir doch, dem Himmel ſei Dank, das ländliche Gefühl noch nicht ganz verloren. Wir erinnern uns noch der Scenen der erſten Jugend mit einer Wonne, welche durch keine peinigende Reue über die Vergangenheit, durch keine unmännliche Furcht vor der Zukunft getrübt ward; und oft ſtehlen wir uns für einige Tage aus dem Getöſe der geſchäftigen Welt, um uns in die hei⸗ lige Ruhe der Berge zu flüchten, die einfachen Freuden längſt entſchwundener Tage wieder zu genießen und mit unſern Kindern wieder ein Kind zu ſein; Schmetterlinge und Graspferde zu verfolgen, Angriff auf Hummelneſter zu machen, uns auf dem Heu zu wälzen, Kaſtanien zu leſen, ganze Morgen ohne Zweck und Ziel umherzuſtrei⸗ fen und endlich— für uns die höchſte Luſt— irgend einem Bergwaſſer in ſeiner romantiſch wilden Einſam⸗ keit nachzugehen und unſere Kunſt an der vorſichtigen Schüchternheit des gefleckten Königs des hüpfenden Ba⸗ ches zu verſuchen. — 187— Mit dem Eintritte des Winters hörten, mit Aus⸗ nahme der Jagd, die Beſchäftigungen außerhalb des Hau⸗ ſes für die ländlichen Bewohner des Dorfes Danger⸗ fieldville, auf und ſie verſammelten ſich nun, beſonders des Abends, um das warme Feuer, wo Meiſter Little⸗ john in der Wolluſt der drei Stühle nach Herzensluſt ſchwelgte. Manchmal zogen ſie auf die Jagd aus, um dem Rothwild oder dem verrufenen Bären nachzuſtellen, deſſen rauhe Natur und rauhe Haut ihn zum Aergerniß des Waldes machten. Bei ſolchen Gelegenheiten wurde Buſchfield ſtets aufgefordert, den Oberbefehl zu überneh⸗ men, und nie hat wohl ein Feldherr ſein Heer mit mehr Begierde nach Ruhm in das Feld geführt, als unſer bra⸗ ver Hinterwäldler. Rainsford, der nach und nach ſeine frühere Stimmung gewonnen zu haben ſchien, nahm oft Theil an dieſen Jagdpartien und empfand ſtets die unwi⸗ derſtehliche Begeiſterung, welche im Gefolge dieſes Ver⸗ gnügens iſt. Selbſt Mr. Littlejohn raffte ſich zuweilen auf und zog, die Büchſe in der Hand, mit den übrigen aus, ſchwatzte„dick“, wie ſich der ſchwarze Krieger aus⸗ drückte und that wunderbar wenig. Es war ſeine unwan⸗ delbare Sitte, ſich an irgend einen gelegenen Platz zu ſtellen und da die Ankunft des Wildes zu erwarten. Kam es, ſo ſchoß er und fehlte gewöhnlich, kam es nicht, ſo hatte er die erwünſchteſte Veranlaſſung, mit dem zu prahlen, was er gethan haben würde, wenn ſich ihm nur eine Gelegenheit dazu dargeboten hätte. = 35— Eines Tages hatte der ſchwarze Krieger zufällig ſei⸗ nen Stand neben ihm und Littlejohn fehlte einen ſchö⸗ nen fetten Vock, welcher kaum zehn Schritte vor ihm vorüber ſprang. „Huh,“ ſagte der rothe Mann,„Euer Stutzen behext, Ihr müßt große Medicin zu bekommen ſuchen, um ihm zu helfen.“ „Medicin? Wie? ſoll ich meiner Büchſe eine Doſe Arznei eingeben?“ „Ich meinte große Medicin. Etwas, wodurch ſie grade ſchießt. Etwas, das der große Geiſt ſeinem guten Volke gibt, um Schlechte von ihm abzuhalten.“ „Pah— glaubt Ihr, der große Geiſt bekümm're ſich um ſolche Albernheiten, wie Böcke ſchießen?“ „Ja, der große Geiſt ſich um alles bekümmern. Ich gehe auf die Jagd— ich ſchieße— ſchieße— nichts fällt — der böſe Geiſt läßt mich nicht— Reh läuft fort, Vogel fliegt weg— nichts trifft. Gut, ich gehe zu dem Beſchwörer, und er gibt mir große Medicin, die ihm der große Geiſt gibt und dann, wie ich losdrücke— Huh! niederſtürzt Reh, Vogel, Bär, alles! der böſe Geiſt iſt fort. Gut, ich gehe aus und ſiſche— die Fiſche kom⸗ men, lecken, lecken, lecken, keiner beißt an— keiner wird gefangen— der böſe Geiſt kam und ſagte nein! Gut, ich gehe wieder zu dem Beſchwörer und er gibt mir andere große Mediein. Dann gehe ich abermals fiſchen — 189— und huh! ich fange ſo viele als ich will, der böſe Geiſt iſt fort.“ „Ihr glaubt das doch nicht, ſagt mir?“ „Glauben? Der Indianer glaubt es. Ihr weißen Männer ſagen, man prüfen den Pudding, indem man ihn ißt. Ich ſchieße nichts, ich fange keinen Fiſch, ich hole mir große Medicin, und dann ſchieße ich alles— kein Fehlſchuß. und ich fange Fiſche, ſo viel ich tragen kann. Huh! iſt an dem allen nicht die große Medi⸗ ein ſchuld?“ „Ich glaube kein Wort davon.“ „Nun, ſeht hierher!“ Bei dieſen Worten öffnete er ſeinen Tabacksbeutel unb nahm eine Adlerfeder ſorgfältig heraus. „Hier! das iſt große Medicin. Ich laſſe ſie zu Haus und ich ſchieße nichts— ich bringe ſie mit und fehle nie. Huh! Ihr weißen Leute glauben, ihr hättet alle große Medicin. Der Indianer auch etwas davon haben, doch horch!“ Und in dieſem Augenblick hörten ſie die wohlklin⸗ gende Muſik ſtarker Hundeſtimmen, welche fernhin wider⸗ hallten und ſich in vollem Lauf der Stelle näherten, wo ſie ſtanden. Ihr Ruf kam näher und näher und Little⸗ john, der es verſäumt hatte, ſeinen Stutzen wieder zu laden, machte ſich augenblicklich an dieſes Geſchäft. Ehe er aber damit fertig war, ſprang ein Hirſch, der das Geweih auf den Hals zurückwarf und deſſen Augen vor — 195— Angſt faſt aus dem Kopfe heraustraten, wie der Wind an ihnen vorüber. Aber die bezauberte Büchſe des ſchwarzen Kriegers hemmte ſeinen Lauf; die Kugel durch⸗ bohrte die Bruſt, das edle Thier that ſeinen letzten Satz und ſtarb. „Da— da ſeht Ihrs, das hat große Mediein gethan.“ „Der große Fiedelbogen!“ ſagte Littlejohn, der nicht wenig eiferſüchtig auf das Glück des Indianers war. Ein Nordamerikaniſcher Indianer, der noch in ſei⸗ nem urſprünglichen Zuſtande iſt, verräth nie die geringſte Erregung, er müßte denn betrunken ſein. Niemand vefleißigt ſich einer Würde und Selbſtbeherrſchung wie er; auch gibt es gewiß in der civiliſirten Welt, oder an den Höfen der vrientaliſchen Despoten keinen größern Sklaven der Etiquette. In dem Kampfe ſchlägt er ſei⸗ nen Feind mit anmuthvoller Ueberlegung todt. Am Marterpfahl läßt er ihn die ſchwerſten Schmerzen mit derſelben Gleichgültigkeit erdulden, mit welcher er ſie aushält. Er macht keinen Aufwand mit Worten, der Whiskey müßte ihn dann begeiſtern; er unterbricht nie⸗ mand und prahlt nie mit ſeinen Thaten. Wenn er bei ſeinem Stamme auf irgend eine neue Würde An⸗ ſpruch macht, ſo erzählt er mit gleichgültiger Miene, was er vollbracht und überläßt es der Zuhörerſchaft, über ſeinen Lohn zu entſcheiden. Wenn der Vollblut⸗India⸗ ner etwas Schlimmes im Schilde führt, ſo iſt er ſtill, und v— — 191— wenn der halbblütige weint, nehme man ſich vor ihm in Acht. Der ſchwarze Krieger that, als hörte er den verächt⸗ lichen Nachſatz Littlejohn's nicht. Die übrigen Jäger kamen nun herzu und man kehrte, des Vergnügens ſich freuend und mit Wild beladen, triumphirend nach Dan⸗ gerfieldville zurück. Sechzehntes Kapitel. Rainsford wird von der heiligen Allianz Zeno's und Judith's belagert.— Jener macht eine große Entdeckung. Die bedrängte Stimmung, welche Rainsford ſchon geraume Zeit vor ſeinem Auftreten in dieſer Erzählung beherrſcht hatte, machte ihn natürlich ſehr empfindlich gegen den entfernteſten Anſchein von Vernachläſſigung und ließ ihn die unbedeutſamſten Anzeigen einer Aende⸗ rung des Benehmens gegen ihn entdecken. Seit ſeiner Rückkehr in das Dorf glaubte er eine Minderung der Herzlichkeit wahrzunehmen, mit welcher er bisher ſtets von dem Oberſten Dangerfield behandelt worden war. Der übrige Theil der Familie war, wie gewöhnlich, gütig und aufmerkſam gegen ihn; obgleich aber der Oberſt nie und bei keiner Gelegenheit etwas that, das beſtimmt auf eine Aenderung ſeiner Gefühle gegen ſeinen Gaſt hindeutete— denn dies wäre gegen die heiligen Geſetze Altvirginia's und ihrer folgſamen Tochter Kentucky gewe⸗ ſen—, ſo fehlte doch ein gewiſſes Etwas, eine uner⸗ klärbare, unbeſchreibliche kleine Aeußerung des Willkom⸗ menſeins,— was der empfindliche, ſchwermüthige Fremde fühlte, ſich aber nicht deuten konnte. Er forderte Rains⸗ — 193— ford jetzt ſelten oder nie auf, ihn auf ſeinen Ausflügen zu begleiten, und das Intereſſe, welches er früher an ſeinen Angelegenheiten genommen hatte, ſchien ziemlich in Gleichgültigkeit übergegangen zu ſein. „Ich will ſeine Gaſtfreundſchaft nicht ferner miß⸗ brauchen!“ ſagte der junge Mann und eilte fort, um Zeno Paddock abermals einen Beſuch zu machen. Sie hatten eine lange Unterredung mit einander, und das Ergebniß derſelben wird ſich den Leſern bald herausſtellen. Die Familie des Oberſten war deſſelben Abends beiſammen, und durch einen Zufall wurde darauf hinge⸗ n deus, daß Alle es als etwas Ausgemachtes anſähen, daß Rainsford den übrigen Theil des Winters bei ihnen hinbrächte. Er nahm dieſe Gelegenheit wahr, nicht ohne einige Verlegenheit zu bemerken, daß er im Begriffe ſei, in das Haus des Mr. Paddock zu ziehen, der faſt gegen⸗ über und nur zwei⸗ oder dreihundert Schritte entfernt wohnte. Die Frauen waren überraſcht und die Aeltere machte einige Vorſtellungen gegen dieſe Trennung; der Oberſt, der ſeiner Anhänglichkeit an alte Sitten ein Opfer bringen zu wollen ſchien, zwang ſich zu einigen höflichen Aeußerun⸗ gen; die Beredſamkeit des Herzens fehlte aber, und es war bald ausgemacht, daß der Ueberzug ſchon am nächſten Morgen ſtatt finden ſollte. In Rainsfords Zügen war jetzt ein höherer Grad von Schwermuth zu leſen und er begab ſich früher als gewöhnlich auf ſein Zimmer, Paulding I. 13* — 194— aber nicht zur Ruhe. Virginia hörte ihn auf und nieder gehen und vernahm dann und wann dumpfe Laute eines ſchmerzgeguälten und unzufriedenen Gemüthes, oder glaubte ſie zu hören. Ihre Neugierde ward wieder rege, ihr Mitgefühl erwachte, als ſie dieſes geheimniß⸗ volle nächtliche Aufbleiben gewahrte, und ihre Gedanken kehrten öfter und öfter zu dem Schickſale des jungen Mannes zurück. Am folgenden Tag nahm Rainsford von ſeiner neuen Wohnung Beſitz; der Wechſel ſchlug aber nicht zu ſeiner Zufriedenheit aus, und ſtatt größere Ruhe zu finden und jedem Zwange, jedem beobachtenden Auge fern zu ſein, quälten ihn die Aufmerkſamkeiten Zeno Paddock's und ſeiner vortrefflichen Ehehälfte, der Miſtreß Judith, deren Neugierde mit jener ihres Mannes wett⸗ eiferte. Die klaſſiſche Akademie des Schulmeiſters lag in geringer Entfernung von ſeinem Block⸗Schloß, und er ließ alsbald den Dreifuß, von welchem herab er ſeine Orakel verkündigte, in die Nähe eines Fenſters bringen, von welchem er die beſte Ausſicht auf das Zimmer Rains⸗ fords hatte, und im Stande war, jede Bewegung des geheimnißvollen jungen Mannes zu überwachen. Wenn er den Oberſten Dangerfield beſuchte, was er dann und wann zu thun fortfuhr, ſaß Meiſter Zeno, wie die Knaben ihn immer nannten, auf heißen Kohlen, bis er eine Veranlaſſung fand, ihn auszufragen, was bei dieſer wichtigen Gelegenheit geſagt, gethan, gedacht und geſehen — 195— worden wäre; ging er in das Dorf, oder das ufer des Fluſſes entlang, oder in den nahgelegenen Wald, ſo konnte man zehn gegen eins wetten, daß Mr. Zeno ſein Reich im Stiche ließ und hinauseilte, um zu ſehen, was Rainsford mache. Dieſer glaubte oft allein zu ſein, wenn er ſi ich aber umſah, war ſein Peiniger dicht hinter ihm, und ſchien nicht ſelten aus der Erde aufzuſteigen, oder aus den Wolken zu fallen, ſo ſchnell war er da. Frau Judith, die ſo häßlich war, daß man ſich faſt verſucht fühlte anzunehmen, ſie ſelbſt habe dem Holo⸗ fernes den Kopf abgeſchlagen, und ihn dann im Triumph auf ihre eigenen Schultern geſetzt— Frau Judith war zu Hauſe nicht um ein Jota zurückhaltender und ſpar⸗ ſamer mit ihrer Geſellſchaft. Sie brachte ihre Arbeit in ſein Zimmer und ſetzte ſich zu ihm, und hatte mehr Querfragen in Bereitſchaft, als der erſte Rabuliſt, wenn er einen einfältigen Zeugen in Verwirrung bringen will. Wirklich, ihre Neugierde überſtieg alle menſchlichen Begriffe. „Ich wollte ſchwören, Mr. Rainsford,“ ſagte ſie bei einer dieſer Gelegenheiten,„Ihr ſeid melancholiſch.“ „Nein.“ „Dann müßt Ihr, auf Ehre, krank ſein. Laßt mich Euch Andorn⸗ oder Krauſemünzethee geben. Ich weiß es jetzt ganz gewiß, Ihr müßt krank ſein.“ „Nein, ich befinde mich recht wohl.“ „Nun, dann bin ich pnß Ihr müßt etwas auf 13* — Eurem Herzen haben. O, jetzt hab' ich's— Ihr müßt verliebt ſein— alle junge Leute ſind verliebt—“ und ſie lächelte dabei wie ein Nilpferd oder wie ein Seelöwe —„nun, hab' ich's gerathen, Mr. Rainsford?“ „Nein, Niſtreß Paddock, ich bin nicht verliebt,“ ſagte er etwas ungeduldig. 3 „Gut, das iſt transcendent! Iſt nicht verliebt und wohnte doch eine ganze Saiſon mit Miß Phiginny Dangerfield unter einem Dache! Gut, ich ſchwöre, das iſt mächtig ſtark. Gut denn, ich nehme an— ſagt doch, wo ſeid Ihr geſchult worden?“ Sie nimmt mich für ein Raſſepferd oder einen Streithahn; die Peſt auf ſie, dachte er.„Ich bin in dem Hauſe meines Vatersgeſchult worden, Madam.“ „Ei, nicht doch! Gut, ich erkläre jetzt, daß dies ſchon vorher meine Anſicht war. Wo hat er gewohnt, wenn ich ſo frei ſein darf?“ „Ehemals in dem Lande der Lebenden,“ ſagte der junge Mann mit einem Seufzer. „Ach, der arme Mann; das war ſchon vorher meine Anſicht. Wann ſtarb er, wenn ich ſo neugierig ſein darf? — Pah, ich habe in meinem Leben keinen ſo ſchlechten Zwirn gehabt, wie dieſen!— Aber, wie ich geſagt habe, wann iſt der arme alte Herr geſtorben?“ Bei dieſen Worten ſeufzte und ſchluchzte ſie ein wenig. „Eh' ich zur Welt kam.“ — 197— „Gut, das iſt drollig, ich ſchwör' es. Ich wollte, ich hätt' eine Brille. Ich glaube, ich verliere meine Augen.“ Ich wollte, ſie verlör' ihre Zunge, dachte Rainsford. „Hat er eine Wittwe hinterlaſſen?“. „Ja, Madam, ſo iſt's.“ „Und noch Kinder außer Euch?“ „Ja, ja, ja! Ich hatte zwei Brüder.“ „Ei wirklich? Und was iſt aus ihnen allen geworden?“ „Sie ſind Alle todt,“ rief Rainsford, der ſich nun faſt nicht mehr zu halten wußte. „Todt! Ei, das iſt ja nicht möglich. Ich erkläre, es iſt ſehr drollig. Woran ſind ſie denn Alle geſtorben?“ „Woran ich heut oder morgen auch ſterben werde,“ ſagte Rainsford und bedeckte ſein Antlitz mit den Hän⸗ den, während ſich ſeine Bruſt keuchend hob. „Nun, nehmt's Euch nicht ſo zu Herzen, bitte,“ ſagte Frau Judith freundlich, denn ſie war eine gutmü⸗ thige Frau, obgleich ſie den Kopf des Holofernes auf ihren Schultern trug:„Nehmt's Euch nicht ſo zu Her⸗ zen; es iſt nicht gut, zu viel an dergleichen Dinge zu denken. Ich habe einſt eine Frau Fudgell gekannt, die in Folge eines Traumes ihren Verſtand verloren und ihr eigenes kleines Kind umgebracht hatte, weil es ihr, wie ſie nachher, als ſie kurz vor ihrem Tode zu ſich kam, ausgeſagt hat, vorgekommen war, als ſei ihr ein Engel. erſchienen, und habe ihr“ geſagt, ſie müſſe es thun. Die — 198— Leute werden oft Mörder aus bloßer Schwermuth, die ihnen den ganzen Kovf verdreht. Wenn Ihr es Euch ſo zu Herzen nehmt, könnt Ihr vielleicht verſucht werden, einen Mord zu begehen, und—“ „Weib! Weib!“ rief Rainsford:„was ſprecht Ihr da? Wißt Ihr—— habt Ihr je gehört— doch nein, es iſt nicht möglich. Irgend ein böſer Geiſt hat Euch hierher geſendet, um mich zu quälen.“ und das Geſicht des jungen Mannes wurde leichen⸗ blaß, ſeine Glieder zitterten wie im Todeskrampfe, als er ſeinen Hut ergriff, aus dem Zimmer ſtürzte und der Dede des Waldes zueilte. „He— m— m! Ich glaube, ich darf annehmen, es iſt nichs Alles richtig; ich möchte nicht auf meiner Seele haben, was dieſer junge Mann aus irgend einem Grunde auf ſich hat.“ und ſie begab ſich ſtracks in die klaſſiſche Akadamie, um Zeno Alles zu erzählen, was ſie wußte. Allein dieſer würdiger Profeſſor birkener Klaſſiker war ſchon fort. Er hatte Rainsford aus dem Hauſe kommen und dem Walde zueilen ſehen; ſchnell ſchlüpfte er von ſeinem dreibeinigen Stuhle herab, überließ, von dem Krampf der Neugierde getrieben, ſeine Heerde kleiner Buben und Mädchen, jetzt eine hirtenloſe Schaar, ihrem Muthwillen und Vergnügen, und eilte Rainsford nach. Rainsford ſuchte das tiefſte Dunkel des Waldes auf⸗ und trieb ſich dort umher, bis ſich der innere Sturm ein wenig gelegt hatte. Er ſetzte ſich auf den modern⸗ — 1— den Stamm eines majeſtätiſchen Baumes, welchen ein Wirbelwind niedergeſchmettert hatte, und wiſchte ſich die Tropfen von ſeiner kalten Stirne. „Wie on das mit mir enden, gütiger Himmel!“ rief er aus:„Ich kam mit der Hoffnung in dieſe Wild⸗ niß, dem unglücklichen, erniedrigenden Schickſale zu ent⸗ gehen, das mich bedroht; einen Ort zu finden, wo mein Name und Alles, was mich betrifft, unbekannt wäre; wo das ſchreckliche Geheimniß meines Lebens unbekannt bliebe, bis— bis der Himmel ſelbſt es erſchlöſſe! Aber es verfolgt mich überall hin; die verwünſchte Plauder⸗ zunge dieſes Weibes enthüllt es; ſelbſt die Luft, die ich athme, ſetzt die wunden Saiten meines Herzens in Schwingungen und enthüllt mein unglück.— Mord! daß ich je ein Mörder werden ſollte, wie dieſes ſchwatzhafte Weib ſagte!“ Als er das Wort Mörder ausſprach, entrann ſich ein Seufzer der Verzweiflung ſeiner Bruſt. In demſelben Augenblicke hörte er Jemand nieſen, eilte zu der Stelle, woher der Ton gekommen zu ſein ſchien, und ſah Meiſter Zeno, wie er leibte und lebte, hinter einem Baum verſteckt. „Was wollt Ihr hier?“ rief der junge Mann und faßte ihn an dem Kragen. „Ich— ich wollte Euch wegen der Herausgabe einer Zeitung um Rath fragen, Sir. Ich dachte——“ „ — 500— „Wolltet Ihr? Und ich glaube, Ihr hörtet, was ich eben geſagt habe?“ „Nun, ich geſtehe, Sir, ich habe die letzten Worte gehört, denn, auf Ehre, ich kam in dem Augenblick, wo ich nieſ'te, hierher.“ „Gut, und was habt Ihr gehört?“ „Nun, Sir, ich— ich dachte— ich weiß es nicht gewiß, aber ich dachte, ich hätte Euch irgend etwas von einem erniedrigenden Schickſale, von einem Zufluchtsort, den Ihr zu finden gehofft, ſagen hören. Ich darf erwar⸗ ten, Ihr ſeid meines Hauſes nicht ſchon müde. Ich kann ſagen, meine Frau und ich erweiſen Euch alle nur erdenk⸗ liche Aufmerkſamkeit, und laſſen Euch nicht eine Minute allein, wenn es ſich je thun läßt. Ich hoffe wirklich——“ „Pah, was hörtet Ihr ſonſt noch?“ „Nun, ich kann mich geirrt haben— ich glaube gewiß, ich habe mich geirrt— aber es war mir, als hörte ich Euch etwas von einem Morde und einem Mör⸗ der oder dergleichen ſagen. Aber hört, Sir— ich bin weit entfernt zu ſagen, daß ich glaube— das heißt— mein theurer Herr, was haltet Ihr von meinem Plane, eine Zeitung herauszugeben?“ „Seht, Mr. Paddock, Ihr ſeid mir nachgeſchlichen und habt gehört, wenigſtens theilweiſe gehört, was ich um mein Leben nicht bekannt, nicht geahnt wiſſen möchte, bis— bis es zu ſpät iſt, das Geheimniß zu bewahren. Ach, es wird nur allzu bald bekannt werden, aber bis — 201— dahin wünſchte ich, Ihr ſprächt mit Niemand ein Wort von der Sache.“ „O gewiß nicht, gewiß nicht! Ich verſpreche Euch, es in meine tiefſte, innerſte Seele zu verſchließen, daß Ihr ein— ich meine nemlich— aber was haltet Ihr, Sir, von meinem Plan, eine Zeitung herauszugeben?“ Rainsford dachte einen Augenblick nach. „Gut,“ ſagte er,„meine Anſicht iſt, und ich verſpreche Euch, wenn Ihr mir feierlich ſchwört—“ „Wie, auf die Bibel, Sir?“ „Nein; wenn Ihr mir bei Euerm Heile in dieſer und in der künftigen Welt feierlich betheuert, daß Ihr niemals, ſelbſt Eurer Frau nicht, keiner lebenden Seele, keinem menſchlichen Ohre entdecken wollt, was Ihr heute geſehen und gehört habt, ſo will ich Euch mit den NMit⸗ teln verſehen, ſofort eine Zeitung erſcheinen zu laſſen.“ „Wie? Ein Blatt, das wöchentlich oder jeden Tag erſcheint?“ „Täglich— ſtündlich ſogar, wenn es Euch beliebt.“ „Jeden Tag, jeden Tag!“ rief Zeno und rieb die Hände:—„Sir,— Mr. Rainsford, ich verſpreche Euch feierlich, über den Mor— ich ſage, über den Gegenſtand nie, weder ſchlafend noch wachend, weder todt noch leben⸗ dig meine Lippen zu öffnen, vorausgeſetzt, daß Ihr mich in den Stand ſetzt, ein Tagblatt herauszugeben— ein Blatt für jeden Tag, Sir, für jeden Tag, habt Ihr geſagt, nicht?“„ „ — 202— „Ich habe es geſagt und werde mein Wort halten; brecht Ihr aber das Eurige, ſo nennt mich einen Lügner und eine Memme, wenn ich Euch nicht jeden Knochen in Eurem Leibe zerbreche, ja, den Athem auf immer aus demſelben heraustreibe. Geht nach Hauſe, und wenn ich Euch je wieder auf meiner Fährte finde, ſo ſeid über⸗ zeugt, daß ich Euch niederſchieße, ſo gewiß Ihr jetzt lebendig vor mir ſteht. Seht hierher!“ Bei dieſen Worten zeigte er den ſtaunenden Augen des Meiſter Zeno Paddock ein ächtes Terzerbl von dem berühmten Jve Manton, welches den Literaten veran⸗ laßte, ſich in der kürzeſten Zeit davon zu machen. „Nun— nun! Was haſt du gehört, was haſt du geſehen, was haſt du gethan? Erzähle mir ſchnell, ſonſt muß ich berſten— raſch, raſch, raſch!“ rief Frau Pad⸗ dock, die ihrem Manne entgegengeeilt und außer Athem war.„Nun erzähle, und ich verſpreche dir, ich will keiner lebenden Seele ein Wörtchen davon ſagen.“ „Gewiß nicht?“ fragte Zeno trocken. „Nein, nein! Nicht einmal der Miſtreß Tupper.“ „Gut, das iſt recht! Und um ganz gewiß zu ſein, daß du dein Verſprechen hältſt— komm hieher, Judith, — ein Wort in dein Ohr!— Ich habe nichts gehört, nichts geſehen, nichts gethan! Und nun ſag' es Niemand, willſt du?“ Darauf gab Frau Judith ihrem Herrn und Meiſter eine ſo reſpectwidrige Ohrfeige, daß es in ſeinem Kopfe — 203— klang, als würden hundert Trommeln darin gerührt. Aber er bewahrte muthig ſein Geheimniß, da er die Hoffnung auf ſeine Zeitung und die Angſt vor Joe Manton vor ſeinen Augen hatte; aber die Kämpfe, die in ſeiner Seele tobten, und die Verſuchungen, denen er dusgeſetzt war, ſind nicht zu beſchreiben. Die Gewohnheit unſeres Literaten, Rainsford auf ſeinen Wanderungen zu folgen, war ſchon ſo mächtig geworden, daß er ſich zuwei⸗ len ſelbſt auf der That ertappte, und gezwungen war, ſeinen äußern Menſchen gewiſſermaßen gewaltſam umzu⸗ drehen und ihn einen andern Weg gehen zu heißen. Er glaubte jedoch nicht, durch ſeinen Vertrag gebunden zu ſein, ſeine Nachforſchungen innerhalb des Hauſes einzu⸗ ſtellen, und entſchädigte ſich für ſeine Enthaltſamkeit am Tage dadurch, daß er des Nachts zehn Mal in des jungen Mannes Zimmerfenſter lugte, und mit allen ſeinen Ohren lauſchte. Frau Judith aber faßte den Entſchluß, ſich zu erträn⸗ ken, und begab ſich zu dieſem Zwecke an den Fluß, als unterwegs ihr guter Engel ihr zuflüſterte, es ſei ganz gegen alle Geſetze der Natur, daß Jemand ein Geheim⸗ niß vier und zwanzig Stunden bei ſich behalte, und Zeno habe ihr entweder nichts zu entdecken, oder ſie würde es gewiß zur gehörigen Zeit erfahren. Demzufolge kehrte ſie nach Haus zurück, und begann wie eine treue Ehe⸗ gattin ihres guten Mannes Nachteſſen zurecht zu machen, welches er, der Sage nach, mit abſonderlichen Zeichen — 204— der innern Zufriedenheit verzehrte, und dann und wann vor ſich hin murmelte:„Ein Tagblatt! Ein Blatt, das jeden Tag erſcheint! Welch ein glücklicher Schelm bin ich! Wer hätte das gedacht,“ bis Frau Judith von einem neuen ſtarken Anfalle der Neugierde ergriffen wurde, welcher ſie gewiß um das Leben gebracht hätte, wäre durch ihn nicht glücklicherweiſe ihre Zunge wie ein Mühl⸗ werk in Bewegung geſetzt worden. Als Meiſter Zeno ſein Gebet verrichtete, was er jede Nacht that, ſetzte ihm ſein Gewiſſen ſcharf zu, daß er ein ſo ſchauderhaftes Geheimniß wie das, in deſſen Beſitz er ſich wußte, für ſich behielt. Aber dann wog ſein Gewiſſen nur eine oder zwei Unzen, und die Ver⸗ ſuchungen, ſeine Mahnungen in den Wind zu ſchlagen, wogen mehrere Pfunde. Der Hoffnung auf die Beloh⸗ nung und der Furcht vor der Strafe trat die lange Abrechnung entgegen, welche die Zukunft von ihm fordern konnte, und es iſt kaum nöthig zu ſagen, welche der beiden Wagſchalen ſich ſenkte. Zeno benahm ſich wie ein Ehrenmann: er bewahrte das Geheimniß, während er Jedermann in dem Dorfe, ſein liebendes Weib nicht ausgenommen, bedeutete, er wiſſe von einer gewiſſen Perſon, die er nicht nennen wolle, genug, um ſie an den Galgen zu bringen, ſo gewiß er Zeno Paddock heiße. — — 205— Siebenzehntes Kapitel. Handelt von den Folgen des Vorhergegangenen. Die Verfolgungen der Frau Judith zwangen Rains⸗ ford oft, um Ruhe oder doch Erleichterung zu finden, die Wälder zu durchſtreifen, welche jetzt die ganze Troſt⸗ loſigkeit des Winters zeigten, oder an den Kamin des Oberſten Dangerfield zu flüchten, wo er ſtets bei den Frauen einen freundlichen Willkomm und bei dem Oberſten höfliche Aufnahme fand. Obgleich er ſein Feuerrohr gewöhnlich in dem Walde bei ſich hatte, bemerkte man doch nie, daß er eine Jagdbeute nach Haus brachte, und der ſchwarze Krieger rieth ihm oft auf ſeine trockne Weiſe, ſich die große Medicin zu verſchaffen, damit ſein Stutzer grade ſchöſſe. Frau Judith verlor faſt den Ver⸗ ſtand vor Staunen, was in aller Welt einen Menſchen bewegen könne, in der Mitte des Winters in den Wald zu gehen, wenn er nicht ein Wild zu erlegen hoffen könne; und Buſchfield lachte ihn auf das unbarmherzigſte aus, wenn er zu einem Beſuche nach Dangerfieldville kam. Kurz, Rainsford hatte das ſeltene Glück, alle Welt in Erſtaunen zu ſetzen, und der Gegenſtand zu ſein, welcher das ganze Dorf beſchäftigte. 1 — „ — Virginia Dangerfield jedoch, die ſchöne Virginia, fühlte etwas mehr als bloße Neugierde wegen dieſes jungen Mannes. Sie war ein hochſinniges, phantaſie⸗ reiches junges Weſen, welches inmitten der Einſamkeit der Natur, oder doch wenigſtens ohne Freunde und Geſpielen ihres Alters und ihrer Bildung aufgewachſen war, und Rainsford war der erſte junge Mann, den ſie ſeit den Tagen ihrer Kindheit geſehen hatte, deſſen Geiſt und Talente, deſſen Gefühle und Anſichten in irgend einer Weiſe mit den Ihrigen harmonirten. Ueberdies waren der auffallende Wechſel ſeiner Stimmung und der ſtarke Kontraſt zwiſchen dem ſchwermuthsvollen Ton ſeiner Stimme, der blaſſen Farbe ſeiner Wange, der augenblick⸗ lichen düſtern Färbung ſeiner Gefühle und der heitern, ja wilden Lebhaftigkeit, der er ſich zuweilen hingab, und die zuweilen den Schein künſtlicher Aufreizung annahm, ganz geeignet, ihr Staunen, ihre Bewunderung oder ihr Mitleid ſtets in Anſpruch zu nehmen und rege zu erhal⸗ ten. Gefühle dieſer Art nehmen, wie man allgemein glaubt, in dem Herzen eines jungen Mädchens bald einen wärmeren Ton an; bis jetzt aber empfand Virginia nur ein mächtiges Gefühl der Theilnahme an dem jungen Mann, zu dem ſich eine ſeltſame, unerklärliche Scheue geſellte, deren Grund und Entſtehung ſie kaum ahnen konnte, und welche ſie von jenem gänzlichen Vertrauen zurückhielt, das die beſte und einzige Grundlage einer tugendhaften Liebe iſt. Wenn ſie ihn niedergeſchlagen — 207— und traurig ſah, fühlte ſie ihr Herz unwiderſtehlich zu ihm hingezogen; wenn er aber, wie es manchmal geſchah, in wilde obgleich beredte Phantaſien ausbrach, die faſt einen fieberhaften Charakter hatten; wenn ſeine Augen von einer Art wahnſinniger Begeiſterung funkelten, und ſeine Wangen glühten, wußte ſie nicht, wie ihr geſchah, aber ſie konnte dem keine Theilnahme ſchenken, was ihr ſo unnatürlich vorkam. Auch ſein Benehmen gegen ſie hatte etwas Unſiche⸗ res und Schwankendes, das all ſeinem Thun und Laſſen beigeſellt war. Er brachte öfter ſeine Winter⸗Morgen und Abende in ihrer Geſellſchaft zu, und ſeine Unter⸗ haltung war im Allgemeinen eben ſo belehrend als phan⸗ taſiereich; manchmal aber ſchien ſein Geiſt plötzlich den Faden des Geſprächs fallen zu laſſen und Gedanken zu folgen, welche offenbar keinen Zuſammenhang mit jenem hatten, und keine ordentliche Neenverbindung zuließen. Viele Tage hinter einander pflegte er Virginien die zar⸗ teſte, ungezwungenſte Aufmerkſamkeit zu weihen, welche ſie deutete, wie junge Mädchen dies zu thun gewöhnt ſind; und dann entfernte er ſich wieder freiwillig oder abſichtlich von ihr, ohne daß irgend etwas in ihrem oder der Ihrigen Betragen die entfernteſte Veranlaſſung dazu gegeben hätte. Es iſt der menſchlichen Natur kaum gegeben, durch ſolche wunderliche Launen ſich nicht gekränkt zu fühlen, und Virginia vergalt es ihm, wenn er mit eben ſo wenig Grund, als er für ſeine Entfernung hatte, * 6— wieder zurückkehrte. So lebten ſie fort, halb Fremde, halb Liebende, einmal kalt und dann wieder herzlich. Nittlerweile ſetzte Frau Judith ihr Spionirſyſtem fort und entdeckte faſt jeden Tag etwas, das ihre Neu⸗ gierde auf die Folter ſpannte. Meiſter Zeno hielt ſein Mr. Rainsford gegebenes Wort ehrlich, den unbedeu⸗ tenden Umſtand abgerechnet, deſſen wir in dem letzten Kapitel gedachten; auch zwingt uns die Wahrheitsliebe, die Thatſache nicht zu übergehen, daß er ſeine Frau zur Fortſetzung ihrer Nachforſchungen ermuthigte, indem er bei jeder Gelegenheit über ihre vagen Vermuthungen lachte. Sie war„entſchloſſen, ihn noch zu überzeugen, daß ihr Miethsmann irgend etwas auf dem Gewiſſen habe, das beſſer nicht darauf laſtete.“ In Folge dieſes preiswürdigen Entſchluſſes ſetzte ſie ihre Aufmerkſamkei⸗ ten gegen Mr. Rainsford eifrig fort, und beglückte ihn ſo häufig Morgens, Mittags und Abends, daß er mehr als ein Mal im Begriffe war, das Dorf zu verlaſſen und fern zu bleiben, bis der Frühling ihm geſtattete, ſeine eigene Wohnung zu beziehen. Er wußte aber nicht, wohin er gehen ſollte; er ſchrack vor der Geſellſchaft der Welt zurück; die Flüſſe ſtarrten alle von Eis; nur der Indianer oder der Hinterwäldler konnte durch dieſe Wälder wandern, die pfadlos ſich in das Unendliche ausdehnten; überdies war Virginia Dangerfield ein ſo reizendes Mädchen, ſo holdſelig in ihrem Benehmen gegen ihn, ihre Augen ſo feurig und doch ſo zärtlich und ihre Stimme! —— „Die Worte fallen ſo ſanft und ſüß von ihren Lip⸗ ven, wie Honigtropfen von der friſchen Honigſcheibe“ ſagte er, und indem er ſo ſagte, warf er einen Blick von Verachtung auf Frau Judith Paddoc und bot dem Kopfe des Holofernes Trotz. Einſt ging Rainsford des Nachts, als das ganze Dorf ſchlief, ſeiner Gewohnheit zufolge, in ſeinem Zim⸗ mer auf und ab. So lange die Sonne ſchien, und das Getreibe der Menſchen ſich ſeinen Augen darſtellte, gelang es ihm wohl, den böſen Feind, der ihn verfolgte, im Zaume zu halten; wenn aber die Nacht kam und das Schweigen, und wenn alles, was im Stande war, ihn zu zerſtreuen und zu erheitern, aus ſeinen Blicken ent⸗ ſchwand, dann erhob ſich das grinſende Geſpenſt und umſchwebte das Kiſſen, auf welchem er eben ſein Haupt gebettet. Nun mußte er die kurzen Momente erträum⸗ ten Genuſſes oder vielmehr trügeriſcher Ruhe mit Stun⸗ den ſchlafloſer, ruheloſer Angſt und unbeſchreiblichen Elends bezahlen. Dieſen Qualen zu entfliehen, pflegte er ſich durch ſtundenlanges Hin⸗ und Hergehen zu ermüden, bis er, matt und hinfällig, in einen halben Schlummer verfiel, welchem die gewohnten Bilder und Ideen ſeiner wachen Stunden das Gepräge— F aufdrückten. Dann und wann hielt er inne und trat an das Fenſter, um auf die todte Landſchaft hinauszuſehen, welche man von der Erhöhung, auf der das Dorf lag, über⸗ Paulding I. 14 — 210— ſchauen konnte. Kein Lüftchen regte ſich, kein Laut war draußen zu hören, keine ſäuſelnden Blätter, keine zir⸗ penden Heimchen, keine Eule, kein Laubfroſch, nichts, das da Leben athmete, ſchien in dieſem Augenblick zu leben, als nur er allein. Die Erde war in ihre weiße Schneedecke gehüllt und ruhte in zeitlichem Todesſchlum⸗ mer. Der düſtere Wald, welcher in einiger Entfernung die Ausſicht ſchloß, ſchien ſeiner gequälten Phantaſie der äußerſte Saum der Welt, der Anfang eines Teiches der Vergeſſenheit, jenſeits deſſen alles Chaos, Ungewißheit iſt, und von der man nicht eher etwas ſicheres weiß, bis alles Wiſſen nichtig iſt. Während er ſo daſtand, unter einer Maſſe wilder Gedanken faſt begraben, kam es ihm plötzlich vor, als ſei die Sonne um Mitternacht aufgegangen und werfe ihren glänzenden Morgenſtrahl auf die düſtern Wälder. Ein röthlicher Glanz erleuchtete die Bäume nicht nur, ſondern den Himmel über ihnen und ſtieg nach und nach höher und höher und breitete ſich mehr und mehr aus und gewann ſo ſehr an Stärke, daß die Sterne ſich verdunkelten und die Strahlen des Mondes erbleichten. Der Zuſtand ſeines Geiſtes war abergläubiſchen Ein⸗ flüſſen ſehr günſtig und während er dieſer Erſchei⸗ nung in ſeltſamem Staunen und Bangen zuſah, blickte er zufällig auf ſeine Uhr. Es war kaum Ein Uhr. Es konnte das erſte Grauen des Morgens nicht ſein, und was konnte es anders ſein, als ein übernatürliches Vor⸗ — 211— zeichen— irgend einer jener geheimnißvollen Vorboten eines mächtigern Wechſels oder des unglücks Einzelner, welche, wie die langen Schatten der Bäume, wenn die Sonne ſich dem weſtlichen Horizonte nähert, ſich weit über die Wirklichkeit hinaus dehnen, und die Bahn der Zeit überragen? Ein einziges Wort weckte ihn aus ſei⸗ nem Traume. Der ſchreckliche Ruf„Feuer!“, den eine rauhe Stimme hören ließ, brachte ſeinem Geiſte plötzlich die natürliche Löſung des drohenden Vorzeichens. Im Nu war er auf der grasbewachſenen Straße, welche das Dorf durchſchnitt, und in demſelben Augenblick ſah er die Flammen aus dem Dache des Hauſes des Oberſten Dangerfield bre⸗ chen, welches von Fichtenholz erbaut, faſt mit der Schnel⸗ ligkeit des Zunders brannte. Keine Seele war außer ihm und der Perſon, die zuerſt den Ruf Feuer hatte hören laſſen, zu ſehen und nach dem gänzlichen Schwei⸗ gen in dem Hauſe konnte man ſchließen, daß niemand von der Familie wach ſei. Rainsford's erſtes war, hef⸗ tig an der Thüre zu klopfen und laut zu rufen; es ſcheint aber, als wenn wir armen Sterblichen nie gefünder ſchlie⸗ fen, als wenn der Dieb naht oder das Haus in Feuer ſteht. Niemand antwortete— niemand ließ ſich ſehen— und die Gewalt des Feuers wuchs von Augenblick zu Augenblick. Ein Gedanke flog ihm durch den Kopf und er lief an die Seite des Hauſes, wo Virginia ſchlief, warf einen Stein an ihr Fenſter, der zwei oder drei 14* * Glasſcheiben brach und die Stücke in ihr Gemach ſchleu⸗ derte. Der Lärm weckte ſie; ſie eilte an das Fenſter und fragte, was es gebe. „um Eures Lebens willen, kein Fragen!“ ſchrie Rainsford:„das Haus ſteht in Feuer und niemand rührt und regt ſich. Schnell, ſchnell, Virginia, ſonſt ſeid Ihr verloren— ich bitt' Euch, verliert keinen Augenblick.“ Virginia verſchwand und Rainsford eilte an die Vor⸗ derthüre ihr entgegen; Littlejohn hatte dieſe endlich geöff⸗ net und ſtand da, wie Dörfler bei Veranlaſſungen, die ſo ſelten ſind, zu thun pflegen— er wußte nicht, was er thun und wohin er ſich wenden ſollte. Der übrige Theil der Familie ſammelte ſich um ihn, mit Ausnahme des Oberſten Dangerfield, der des Abends vorher in Amtsgeſchäften in den Hauptort der Grafſchaft, einige zwanzig Meilen davon, gereiſ't war, und Virginiens, welche noch niemand geſehen hatte. „Gott ſei Dank?“ rief Rainsford,„Ihr ſeid Alle gerettet!“ Bei dieſen Worten ſah er umher und bemerkte, daß Virginia fehlte. „Wo iſt Miß Dangerfield?“ rief er, und ſtürzte in das Haus. Virginiens Gemach lag an einem Ende des obern Stocks und Rainsford entdeckte zu ſeinem Schrecken, daß die Treppe, welche hinauf führte, in Flammen ſtand. — 213— Oben an der Treppe glaubte er eine weiße Geſtalt hin⸗ geſtreckt und, dem Anſchein nach, leblos zu erblicken. Er ſprang drei Stufen hinauf, aber die Flammen ſchlugen ihm ins Geſicht und trieben ihn wieder zurück. Er machte noch eine verzweifelte Anſtrengung, aber der Rauchqualm trieb ihn zum zweitenmal an den Fuß der Treppe zurück. Unterdeſſen war Miſtreß Dangerfield mit ihren Leuten und einem Haufen Dörfler zur Stelle gekom⸗ men und ſahen dieſe weiße Geſtalt, die, ein Opfer der Flammen, an dem bezeichneten Orte lag. Man konnte die Mutter nur mit Gewalt zurückhalten, ihr zu Hülfe zu eilen; ihre Gefühle überwältigten ſie endlich; ſie ward ohnmächtig und wurde leblos weggetragen. In dieſem Augenblick erhielt Virginia hinreichende Kraft ſich zu erhe⸗ ben, und hinreichende Beſinnung, ihre Lage gewahr zu werden. Zum drittenmal verſuchte es Rainsford, die Treppe hinan zu kommen m kehrte mit brennenden Haaren zurück. „Eilt an das Fenſter Eures Schlafgemachs— eilt! — eilt!“ ſchrie er, von Hitze, Dampf und Erregung faſt erſtickt, Virginia zu. „Ich kann nicht!“ rief Virginia ſchwach und ſank nieder, um, allem Anſcheine nach, nicht eher wieder auf⸗ zuſtehen, als an dem Tage, wo das ganze Menſchenge⸗ ſchlecht wieder auferſteht. Die Flammen näherten ſich jetzt dem ſchönen, lieblichen Opfer, deſſen Stunden zu Augenblicken zuſammengeſchwunden zu ſein ſchienen, und — 214— ſtummer Schreck und gänzliche Unthätigkeit folgten dem Geräuſch und Lärm der vorhergehenden Scene. In dem letzten entſcheidenden Augenblick ſchien ein plötzicher Gedanke Rainsford's gänzliche Erſtarrung zu löſen, in welche die äußerſten und doch fruchtloſeſten An⸗ ſtrengungen ſeinen Geiſt und Körper geſchlagen hatten. Die Nachbarn hatten, in der eiteln Hoffnung, den Flam⸗ men Einhalt zu thun, Gefäße mit Waſſer herbeigebracht und mannigfache Gegenſtände der Haushaltung lagen an dem untern Eingang des Hauſes zerſtreut umher. Unter die⸗ ſen war ein großes damaſtnes Tafeltuch, ein Ueberbleib⸗ ſel von dem alten Glanze der Familie Dangerfield; Rainsford ergriff es, tauchte es in ein Waſſergefäß, warf es ſich über den Kopf, flog die Treppe, die noch zuſam⸗ menhing, hinauf, hob den lebloſen Körper Virginiens auf und fand blindlings den Weg zurück, ohne daß ihm oder der jungen Dame, die er ſorgſam mit dem feuchten Damaſt umhüllte und ſchirmte, obgleich dieſer faſt ganz verbrannt war, ehe er die gefahrvolle That vollbracht hatte, ein Leid widerfuhr. Wenige Augenblicke nur umfaßten alles, was wir hier ausführlich erzählt haben, und die Rettung Virgi⸗ niens war kaum vollbracht, als das Dach einſtürzte und alle ſich gezwungen ſahen, das Haus ſeinem Schickſale zu überlaſſen. Virginia wurde von Rainsford in einem Zuſtande gänzlicher Lebloſigkeit in ein benachbartes Haus getra⸗ — 215— gen, wohin auch ihre Mutter gebracht worden war, deren Zuſtand an völlige Geiſtesabweſenheit grenzte. Der Anblick ihrer Tochter brachte ſie jedoch bald wieder zu ſich; es blieb aber ungewiß, ob Virginia je wieder zum Leben erwachen würde. Die Länge der Ohnmacht, in welcher ſie gelegen, die Hitze und der Rauch, in welchen ſie gehüllt geweſen, hatten, allem Anſcheine nach, den Lebens⸗ funken für immer erſtickt, und viele angſtvolle Minuten hindurch konnten alle Anſtrengungen, ſie zu erwecken, die Furcht, daß alles vergeblich ſei, nur beſtärken. Zwei⸗ mal entſagten Alle der Hoffnung, die Mutter ausgenom⸗ men, deren grenzenloſe Liebe eine prophetiſche Zuver⸗ ſicht auf den muthmaßlichen Sieg menſchlicher Nittel, von dem Segen des Allmächtigen unterſtützt, zu erzeu⸗ gen ſchien. Sie verlor den Muth nicht, und ihre Aus⸗ dauer wurde zuletzt belohnt. Langſam gewann endlich Virginia, als erwachte ſie gleich Lazarus aus dem Grabe und würfe die Feſſeln des Todes ſelbſt von ſich, das Bewußt⸗ ſein und der zurückgehaltene Lebenshauch durchſtrömte ſie wieder. Allmählig kam ſie wieder zu ſich, hob ihre Augen auf die rauchenden Trümmer des Hauſes⸗ warf ſich in die Arme ihrer Mutter und rief: „Mein Vater kann ein neues Haus bauen; půtʒ ich aber dich, theure Mutter, verloren— wo hätt' ich wieder ein Herz wie das deinige gefunden?“ Achtzehntes Kapitel. Eine große Entdeckung der Frau Judith waddock; nämlich, daß dies eine ſehr ſchlimme und böſe Welt iſt. Es gibt gewiſſe angebliche Moraliſten, oder wenn man will, Philoſophen, und gewiſſe gezierte Sentimen⸗ taliſten, welche das Leben und alle ſeine Segnungen als ein Geſchenk zu betrachten ſcheinen, welches weder des Empfanges, noch des Beſitzes, noch des Dankes gegen den erhabenen Geber werth ſei. In dem Stolze ihrer vermeintlichen Ueberlegenheit geben ſie ſich das Anſehen, als blickten ſie mit ſtolzer Verachtung auf die Kämpfe, die Bemühungen, die Genüſſe ihrer Geſchöpfe und als ſtünden ſie hoch über einem ſolchen kleinlichen Getriebe um kleinlicher Zwecke willen. Sie mißachten die Freu⸗ den, ſie übertreiben die Leiden des Menſchen und kla⸗ gen mittelbar die Barmherzigkeit der Vorſehung an, daß ſie ſo viele Millionen menſchlicher Weſen nur geſchaffen habe, um die Summe des Elends in dieſer Welt zu vermehren. Wir ſelbſt haben mit Menſchen dieſer Art nichts gemein; ſie mögen es nun redlich meinen oder nicht; auch ſind wir nie einen einzigen Augenblick— ausgenom⸗ men vielleicht, wenn wir uns von Zahnweh gezwickt fühl⸗ ten— der Anſicht geweſen, daß die gutherzigen, wohl⸗ gemutheten Bewohner dieſer Erde im Durchſchntite ſchon hienieden mehr Freuden als Leiden erfahren, wo jenen Philoſophen und Sentimentaliſten zufolge, eben ſo wenig Gleichheit in der Handhabung der unendlichen Gerech⸗ tigkeit, wie in der Vertheilung des unendlichen Erbar⸗ mens gefunden wird. Obgleich es gewiß an Tropfen des Kummers, der Niedergeſchlagenheit, der Gewiſſenbüße, ja des herbſten Wehes nicht fehlt, welche dem Becher des Daſeins beigemiſcht ſind, ſo müßte der Menſch doch in der That höchſt unglücklich und elend ſein, der bei einem Rückblicke auf ſeine Vergangenheit nicht bei wei⸗ tem mehr glückliche als unglückliche Stunden zählen könnte. Wir täuſchen uns ſtets ſelbſt, und nichts pflegen wir mehr und ſtärker zu übertreiben als die gewöhnlichen Unfälle Anderer, bis wir die Wahrheit durch Erfahrung kennen lernen, indem wir in dieſelbe Lage kommen. Wenn der Menſch auch in den Abgrund der Bit⸗ terkeit und des Leidens ſtürzt, und die Sterne der Hoff⸗ nung und des Troſtes über ihm verbleichen, ſo iſt er den⸗ noch nicht für ſy unglücklich zu erachten, als junge unet⸗ fahrene Leute ſich es einbilden. Schwermuth, Kummer, ja ſelbſt Verzweiflung, können einen wunderſamen Genuß in unbegrenzter Selbſt⸗Hingebung finden. Das gütige Weſen, welches die Wunde ſchlägt, ſcheint auch für ein Mittel geſorgt zu haben, um ihren Schmerz zu lindern, — 218— indem es beſtimmte, daß eben dem Wehe, das in dem tiefſten Herzen wohnt, Gefühle und Empfindungen bei⸗ gemiſcht werden, welche den bittern Tropfen verſüßen oder ſeine Herbe mildern. In ſeiner höchſten Gerechtig⸗ keit gedenkt es des Erbarmens; und während es züch⸗ tigt, ſchont es. Durch Wolken und finſtere Nacht hin⸗ durch glänzt ein ewiger Lichtſtrahl; in Stürmen und Un⸗ wettern zeigt ſich ſtets eine rettende Planke; inmitten des tiefſten Schmerzes in dem freien Erguſſe der Thrä⸗ nen, in der ſteten Erinnerung an den verlornen Gegen⸗ ſtand unſerer Liebe, in der Aufzählung der Größe unſe⸗ res unerſetzlichen Verluſtes und in der Anwendung des Balſams unſeres eigenen Mitleids für unſere eigenen Wunden, iſt eine wehmüthige Wolluſt, welche dem Schmerze einen großen Theil ſeines Stachels nimmt. Das Glück beſteht in einer ruhigen Folge von faſt unmerk⸗ lichen Freuden und Genüſſen, welche ſich dem Gedächtniſſe nur wenig einprägen. Jeder freie Athemzug unſerer Bruſt iſt ein Genuß; alles Schöne, was die Natur, was die Kunſt darbietet, iſt eine Quelle des Genuſſes; das Gedächtniß, die Hoffnung, die Phantaſie, jede Fähigkeit des menſchlichen Geiſtes ſind Quellen der Freude; die Blumen, die Früchte, die Vögel, die Wälder, die Waſ⸗ ſer, das Walten und der Wechſel und die großen Erſchei⸗ nungen der Natur, welche die Hand eines allmächtigen Weſens ſchuf, regiert und erhält— all das ſind wahre und ächte Quellen der Freude, welche jedem vernünfti⸗ — 219— gen Geſchöpfe erſchloſſen ſind. Der Tod iſt ja das Lovs Aller und Alle ſollten dem Geſetze der Natur, wenn die Stunde kömmt, ruhigen Gehorſam zollen. Aber eine ſtürmiſche Ungeduld oder eine gezierte Verachtung des Lebens verträgt ſich eben ſo wenig mit der Philoſophie wie mit der Religion. Bei dieſer unſerer Anſicht von der Sache ſind wir geneigt, Virginia eher zu bewundern als ſie zu tadeln, daß ſie Rainsford für die Erhaltung eines Lebens dank⸗ bar iſt, das noch keine Schuld befleckt, das noch kein herber Schmerz getroffen hat. Die Rettung und die Weiſe dieſer Rettung rührten ſie in tiefſter Seele und erzeugten, in Verbindung mit einer frühern Stimmung zu ſeinen Gunſten, ein ſo ungemein zärtliches Gefühl, daß es, wenn es nicht Liebe, gewiß nicht Freundſchaft war. Vielleicht war es beides und aller Wahrſcheinlich⸗ keit nach mehr Liebe als Freundſchaft. Welcher Art es aber auch geweſen ſein mag, es gab ihren Reden, ihren Handlungen— und wir müſſen es zugeſtehen— ihren Blicken einen rührenden Charakter, wenn ſie zuweilen mit neuerwachter Theilnahme jenen plötzlichen Wechſel der Stimmung, jene wilden Ergüſſe der Phantaſie gewahrte, die, wie ſie glaubte, häufiger und häufiger wurden. Das Schwankende ſeines Betragens wurde auch von Tag zu Tag merklicher, und wenn er in dieſem Augenblicke kaum weniger als ein Liebender war, ſo war er in dem andern kaum weniger als rauh und gleichgül⸗ 22 — 230— tig. Bei all dem aber war es ſichtbar, daß er mehr, bei weitem mehr von der Nothwendigkeit unwiderſtehlich getrieben, als unter dem Einfluſſe leichtſinniger Launen⸗ haftigkeit ſo handelte. Es war augenſcheinlich, daß Kum⸗ mer oder irgend ein damit verwandtes Gefühl, die Wur⸗ zel aller ſeiner Sonderbarkeiten war. Am Morgen nach der Schreckensnacht wurde ein Bote an Oberſt Dangerfield geſchickt, der Abends nach Hauſe zurückkehrte. Mächtig ergriff ihn das Gefühl der Dankbarkeit für die Rettung ſeiner Tochter und er dankte Rainsford von ganzem Herzen und eine Weile verſchwand jede Spur ſeiner frühern Kälte. Obgleich aber ſein Be⸗ nehmen fortwährend der Art war, daß ein Fremder ſich hätte überzeugt gehalten, der junge Mann ſei ein Haupt⸗ günſtling des Oberſten, ſo fühlte Rainsford doch, daß iener eher einer Pflicht genug zu thun bemüht war, als er einem frei aus ihm ſelbſt hervorgehenden Gefühle des Wohlwollens ſich hingab. „Er hat den geheimen Grund meiner Entfernung aus meiner Heimath erfahren oder geahnt“, flüſterte die innere empfindliche Stimme dem unglücklichen Heimath⸗ loſen zu, und ſein erſter Gedanke war, den Oberſten für immer ſeines Anblicks zu überheben und wegzugehen wie er gekommen war. Dennoch blieb er durch einen Zauber feſtgebannt, welchen jeder Tag gewaltiger machte; und jede Stunde erſchwerte die Laſt, welche er trug. Wenige Tage reichten zur Erbauung einer Wohnung — 221— von der Räumlichkeit der Abgebrannten hin. Die guten Nachbarn begaben ſich eifrig an das„Blockrollen,“ wie es die Hinterwäldler nennen, und wodurch die Verbin⸗ dung der Kräfte von Vielen zu einer Arbeit verſtanden wird, welche für den Einzelnen entweder ſchwer oder unmöglich iſt. Sie vereinigten ſich alſo und bauten dem Oberſten ein Haus, das aber von dem frühern auf eine betrübende Weiſe abſtach, denn es beſtand blos aus rohen Baumſtämmen nach der Art der patriarchaliſchen Hütten der erſten Anſiedler. Auch mit dem Hausgeräthe und den gewöhnlichen Bequemlichkeiten einer behaglichen Woh⸗ nung konnten ſie nicht prunken, da ein großer Theil alles deſſen bei dem Brande zu Grund gegangen war. Aber der Frühling nahte ja mit raſchen Schritten heran, und der Oberſt war im Beſitze eines bedeutenden Vermögens, um ein Haus, dem abgebrannten ähnlich, zu erbauen und auszuſchmücken, und ſo warteten ſie gern. In der That haben wir die Bemerkung gemacht, daß die Leute, welche die Mittel beſitzen, ſich jeden Ge⸗ nuß, den ſie wünſchen, zu verſchaffen, nicht nur weni⸗ ger eifrig und haſtig ſind, ſich in deſſen Beſitz zu ſetzen, ſondern es iſt eben ſo wahr, daß die, welche ſich einmal aller Ueppigkeiten und Bequemlichkeiten des Reichthums erfreuten, ſich in den Verluſt deſſelben viel geduldiger finden, als Leute, welche nie einen andern Zuſtand gekannt haben, den Druck der Armuth ertragen. Der Grund iſt wohl der, daß jene die Erfahrung gemacht haben, wie —— wenig wirklich Werth der bloße Ueberfluß in dem Becher des Glückes hat, während die letztern ihn durch das vergrößernde Medium ihrer Phantaſie betrachten. Die Familie hatte ſich in dem neuen Blockhauſe ein⸗ gerichtet, und alles ging wieder den gewöhnlichen Paß⸗ gang des Lebens, als eines Morgens Frau Judith Pad⸗ dock, die ſchon lange auf der Lauer geſtanden, freien Spielraum ſah, und über die Straße eilte, um Miß Virginia Dangerfield einen Beſuch zu machen; wie erwar⸗ tet, fand ſie Virginig allein. Dieſe buhlte nicht ſehr um die Geſellſchaft der Dame Judith, es war aber ein Haus⸗ geſetz, niemand als dem Unwürdigen die Gaſtfreundſchaft und Artigkeit zu verweigern. Die gute Frau wurde daher mit dem gehörigen Wohlwollen empfangen und eingela⸗ den, Platz zu nehmen. Eine Zeitlang ſprach ſie von allgemeinen Gegenſtänden; dann kam ſie zu Einzelnhei⸗ ten; ſprach ihr Bedauern über den Brand des Hauſes aus, wünſchte ihr Glück zu ihrer Rettung und ſtieß endlich einen tiefen Seufzer aus, welcher ihrer ewig klap⸗ pernden Zunge Einhalt that. „Was gibt es, Niſtreß Paddock?“ fragte Virginia. „Ach!— O weh! Wir leben in einer ſchlechten Welt.“ „Sie hat in der That einen ziemlich ſchlechten Ruf! Was veranlaßt Euch aber, die Bemerkung gerade jetzt zu machen?“ „Ach!— O weh!“ und hier ſtrich ſie ihre weiße — Schürze glatt.„Es iſt eine ſcandalöſe, eine ſehr ſcan⸗ dalöſe Welt. Ich könnte Euch Dinge erzählen— ich will mir aber eher meine Zunge ausreißen laſſen, als daß ich irgend ein menſchliches Weſen, und wenn es ſelbſt nur ein Nigger wäre, verunglimpfte.“ Virginia ſah wohl ein, daß die gute Frau Judith etwas auf dem Herzen habe; aber ſie war entſchloſſen, nicht das mindeſte zu thun, um ihr von der Laſt zu hel⸗ fen. Vielleicht kannte ſie ſie hinreichend, um zu wiſſen, daß ſie es hören würde, ohne ſich zu bemühen. Frau Judith ſeufzte und ſpitzte ihre Lippen wieder. „Ach! Wer hätte das gedacht! Wer hätte das gedacht! Ein ſo hübſcher junger Mann.“ „Wer, Miſtreß Paddock? Euer Mann?“ ſagte Vir⸗ ginia und lächelte. „Nein, gewiß nicht, Miß Phiginny. Es iſt eine ganz andere, leicht zu errathende Art von Mann. Aber wie unendlich Schade iſt es! O weh, o weh! Es iſt dies eine ſcandalöſe, eine ſchlechte Welt.“ „Habt Ihr die Entdeckung jetzt erſt gemacht, Mi⸗ ſtreß Paddock?“ „Nein, gewiß nicht! Ich bin nicht ganz ſo einfältig, Miß Phiginny; ich habe aber eine andere Entdeckung gemacht.“ „Ah—“ Virginia war eben im Begriffe zu fragen, welche? beſann ſich aber eines beſſern und blieb ihrem Entſchkuſſe treu, in allem andern, das Zuhören ausgenommen, unſchuldig zu bleiben. Miſtreß Judith ſeufzte wieder und ſchutteite ihre ambroſiſchen Locken. „Ach, welch ein allerliebſter Mann ſcheint dieſer Mr. Rainsford zu ſein. Ich habe dann und wann Stun⸗ denlang mit ihm geſprochen, und er unterbricht mich nie mit einem einzigen Wörtchen. O, er iſt ein allerliebſter junger Mann. Aber— o weh! in welch ſchlechter Welt leben wir!“ Virginia begann ein wenig ungeduldig zu werden und die Frage, was Niſtreß Judith meine, ſaß ſchon auf der Spitze ihrer Zunge. Sie erröthete aber nur. „Gewiß, er hat, wie man ſagt, Euer Leben geret⸗ tet.— Aber, o weh!— der barmherzige Himmel weiß es; wenn alles, was ich gehört habe, wahr iſt, ſo war dies das allergeringſte, was er thun konnte, um Sühne zu leiſten für das Leben, das er genommen.“ S „Was?— Weib— Niſtreß Paddock— was ſagt Ihr da?— Was ſollen dieſe Eure Worte heißen?“ „Ach,— es iſt eine ſo ſcandalöſe Welt— o weh! — ſo eine ſchlechte Welt, daß ich lieber gar nicht erzäh⸗ len möchte, was ich weiß, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß ich gegen Euch und den Oberſten die Verpflichtung habe, nicht länger zu ſchweigen.“ Virginia bebte jetzt wider Willen und wollte alles hören, was die Frau wiſſe. — 225— Miſtreß Paddock ſchob ihren Stuhl näher an Virgi⸗ nia's Seite, und begann in einem ziemlich leiſen Tone, wobei ſie jeden Augenblick vorſichtig umherblickte: „Ihr müßt wiſſen, Miß Phiginny, daß, wenn ich gern ausfindig mache, was in und um das Dorf vorgeht, dieſes nur geſchieht, um das Erkundete vor aller Welt geheim zu halten. Beſonders, wißt Ihr, iſt es mein Bemühen, Alles über die Leute zu erfahren, die in unſerm Hauſe wohnen, denn es könnten ja Pferdediebe oder Mörder“— ſie legte einen bedeutenden Nachdruck auf das Wort—„ſein, und dergleichen käme mir gerathen! So halte ich es denn für meine Pflicht, ein offenes Auge auf ſie zu haben, und wenn ich etwas Verdächti⸗ ges ſehe oder höre, nun, ſo folge ich der Spur, und, ich ſchwör' es Euch, ich bringe es heraus, wie es auch gehen mag.“ ijmn „Gut denn,“ fuhr ſie fort und rückte den Stuhl noch näher zu Virginia, welche bei dieſer gräßlichen Vor⸗ rede leichenblaß geworden war;„gut denn, ich habe, ich weiß ſelbſt nicht, wie, denn ich kann Euch verſichern, ich habe nie mein Ohr an ſein Schlüſſelloch gelegt, oder— oder— einen Blick in ſein Fenſter geworfen— ich habe Mr. Rainsford, wenn ſein Name wirklich Rainsford ſein ſollte— ſehr betrübt und niedergeſchlagen geſehen, und ihn ſpät in der Nacht ſeufzen und in ſelnem Zim⸗ mer auf und ab gehen hören. Gut, ich nahm das Alles zuſammen und dachte nach und ſagte zu mir ſelbſt, wenn Paulding I. 15 — der junge Mann, ſagte ich, nicht etwas auf ſeinem Her⸗ zen hat, das nicht darauf ſein ſollte, ſo will ich nicht Judith Squires heißen— das iſt nämlich mein Fami⸗ lienname, Miß. Und, ſagte ich, es iſt meine Pflicht, hinter die Sache zu kommen, damit ich ſie vor Welt geheim halte, ſeht Ihr.“ „Gut, gut, fahrt fort, Miſtreß Paddock. Laßt mich das Schlimmſte hören.“ „Ach, ſchlimm genug, bei meiner Ehre, Miß Phiginny. Gut, ſeht Ihr, in der Güte meines Herzens, wie Ihr wißt, brachte ich das Geſpräch auf verſchiedene Arten von Schlechtigkeit— ach, es iſt eine ſchlechte Welt, dieſe! — nur um zu ſehen, ob ſeine Blicke, oder ſeine Worte, oder ſeine Handlungen etwas verriethen, ſeht Ihr. Gut, ich redete vom Pferdediebſtahl— wie die Regulatoren einmal mit einem Pferdedieb umgegangen; ſie banden ihn an einen Baum und peitſchten ihn. Aber ich konnte nichts entdecken, das einem ſchuldigen Gewiſſen ähnlich geſehen hätte. Und ſo erzählte ich ein anderes Mal von einem Mann, welcher einen Reiſenden beraubt hatte, der hierher gekommen war, um Land zu kaufen, und deſſen Taſchenbuch gepfropft von Geld war— aber er ſah ſo unſchuldig drein, wie ein Kind. Und ſo fuhr ich denn fort und nannte alle Arten von Niſſethaten— ſo viel ich aber ſehen konnte, rührte nichts ſein Gewiſſen.“ „Gut, eines Tages— ach, die Welt iſt ſchlecht, ſeht Ihr— eines Tages— es war geſtern vor drei —— Wochen, glaube ich. Ja, es war geſtern vor drei Wochen. Ich erzählte ihm zufällig von Mrs. Fudgell, der armen Seele, welche, wie Ihr wißt, im vorletzten Jahre aus purer Frömmigkeit wahnſinnig wurde, und ihr Kind umbrachte, ſeht Ihr. Gut, nun hättet Ihr dabei ſein ſollen— er ſprang auf, als hätt' er einen Schuß bekom⸗ men und rief aus: Was? Ihr eigenes Kind hat ſie gemordet? O Gott! O Gott! Daß ich je geboren werden mußte zu ſolchem Elend!— Und er ergriff ſeinen Hut und ſtürzte aus dem Zimmer, als wenn der Obergerichts⸗ diener hinter ihm wäre.“ „Wenn ich nun alle dieſe Dinge zuſammennehme— o weh! Wenn dies keine ſo ſcandalöſe Welt wäre, würde ich ſagen, Mr. Rainsford habe——“ „Was?“ ſchrie Virginia laut auf. „Blutſchuld auf ſeinem Gewiſſen. Ich ſah einſt einen Menſchen wegen Mordes hängen, welcher ihm ſo ähnlich ſah, wie eine Erbſe der andern.“ Der Gedanke war zu ſchrecklich, und doch war in Rainsfords Benehmen etwas zumal Seltſames, Geheim⸗ nißvolles und Unerklärliches. Mit einer gewaltſamen geiſtigen Anſtrengung jedoch ſcheuchte Virginia den grin⸗ ſenden Dämon des Verdachtes von ſich, ſah Frau Judith mit blaſſem, ernſten Antlitz an und warnte ſie feierlich, ſolchen lächerlichen Vermuthungen Raum zu geben, oder ſie laut werden zu laſſen. Sie bemühte ſich in aller Weiſe, ſie durch Gründe von der gänzlichen Unwahr⸗ 15* —— ſcheinlichkeit zu überzeugen, daß ein ſolcher Mann eines ſolchen Verbrechens ſchuldig ſein ſollte; ſie ſuchte ihr anſchaulich zu machen, wie grauſam es ſei, eine ſo ſchwere Schuld einem Fremden aufzubürden, deſſen Betragen während ſeines Aufenthaltes bei ihnen in jeder Rück⸗ ſicht ſo liebreich, wohlwollend und preiswürdig geweſen; ſie zwang Miſtreß Judith, ihr zu verſprechen, mit keinem andern menſchlichen Weſen von dem zu reden, was ſie ihr eben entdeckt.„Was mich angeht,“ ſagte Virginia, „ſo würde ich eben ſo gut meinen Vater einer ſolchen That verdächtig erachten.“ „Ja, und das würd' auch ich. Aber ach— o weh! Dies iſt eine ſchlechte, ſcandalöſe Welt, ſeht Ihr.“ Frau Judith nahm Abſchied, und Virginia ſaß noch lange nach ihrem Weggehen in dem Düſter einer ſchmerz⸗ lich wehmüthigen Träumerei verloren. Neunzehntes Kapitel. Zeigt, wie wenig Grund eine Generation hat, über die andere zu lachen. Rainsford brachte den Abend des Tages, an welchem die eben erwähnte Zuſammenkunft ſtatt fand, in dem Hauſe des Oberſten Dangerfield zu. Während der erſten Zeit ſeines Beſuches war er heiterer, als gewöhnlich, und überraſchte und bezauberte ſie alle durch den feinen und gebildeten Geiſt, welchen er zeigte. Er ſchilderte die Sitten und Gewohnheiten auf geiſtreiche Weiſe, welche er nicht wenig mit Satyre würzte, und bewährte eine vollkom⸗ mene Bekanntſchaft mit dem Vorwurfe. Es war nicht zu verkennen, daß er in der großen Welt gelebt hatte, und Oberſt Dangerfield freute ſich der Gelegenheit, ſich die Erinnerungen ſeines eigenen frühern Lebens zurück⸗ zurufen. „Und iſt es möglich,“ ſagte Virginia,„daß junge Kinder wie alte und alte Leute wie Kinder geklei⸗ det ſind?“ 3 „Es iſt wahr, ich kann es Euch berſceg Ich bin oft auf der Straße hinter Damen hergegangen, welche ich für Mädchen in der Blüthe der Jugend hielt, ſo überla⸗ ——„ den waren ſie mit Getroddel und Blumen; wenn ich mich aber beeilte, um ihr Geſicht zu ſehen, fand es ſich zu meinem Schrecken und Staunen, daß es das Geſicht einer Großmutter war.“ „Nun, ich denke, die ältlichen Herrn werden klü⸗ ger ſein?“ „Ei, ich kann eben nicht viel zu ihren gunſti ſagen. Nach Allem, was ich geſehen habe, ſind ſie eben ſo geneigt, ſich an Natur und Anſtand zu verſündigen, wie die ehrwürdigen alten Damen. Ich fand der ſechzig⸗ jährigen Stutzer eben ſo viele, wie der Schönen eines gewiſſen Alters; und ſie waren bemüht, ſich auf eine Weiſe zu betragen, welche den Zauber der Jugend aus⸗ macht und eine Schmach für das Alter iſt.“ „Und die armen kleinen Kinder?“ „Ach, die armen kleinen Kinder— Ihr habt recht. ſie ſo zu nennen. Wenn Ihr die Figuren ſähet, welche die geblendeten Eltern aus ihnen machen, ſo würdet Ihr kaum ſagen können, ob ſie vorzeitige alte, oder vorzeitige junge Damen ſind. Sie ſind über und über mit Putz behängt, ſo daß alle Anmuth und Lebhaftigkeit der Jugend unter einer Laſt buntfarbigen Trödels erſtickt wird, und ſie watſcheln daher wie kleine Karikaturen aus dem Pygmeenlande. Ich ſage Euch, es iſt nichts ungewöhnliches, ſo ein junges Weſen mit in Papier gewickelten Locken in die Schule gehen zu ſehen.“ „Ich ſehe nun wohl, daß Ihr ſcherzt.“ . „Nein, wahrhaft, Miß Dangerfield, es iſt mir ganz und gar unmöglich, den Maskenball⸗Geſtalten Gerechtig⸗ keit widerfahren zu laſſen, welche man auf den Mode⸗ ſpaziergängen irgend einer Modeſtadt in der Modeſtunde, wenn die Modewelt auf den Füßen iſt, antrifft. Sie ſcheinen nicht zum Spazierengehen gekleidet, ſondern zum Beſuche eines großen Feſtes; ſie ſcheinen zu ver⸗ geſſen, daß der gute Geſchmack nichts Anderes iſt, als der geſunde Menſchenverſtand auf einen beſondern Gegen⸗ ſtand angewendet, und daß Alles, was die Freiheit des Körpers beſchränkt und aufhebt, weſentlich ungefäl⸗ lig und anmuthlos ſein muß.“ „Nach dem, was Ihr ſagt, müßte die Toilette die herrſchende Schwäche unſeres Zeitalters ſein.“ „Das iſt ſie in der That, und, was noch viel ſchlim⸗ mer iſt, es ſcheint fortan nicht mehr möglich, die Leute nach ihrer Tracht zu unterſcheiden, denn alle Welt kleidet ſich gleich, von der Herrin bis zur Magd, von dem Geſellſchaftsſaale bis zur Küche herab.“ „Wie lächerlich und abgeſchmacht!“ rief Virginia. „Warum ſo lächerlich und abgeſchmackt?“ fragte der Oberſt, welcher auf die Unterhaltung geachtet hatte, ohne daran Theil zu nehmen. „Ei, mein theurer Vater, iſt es nicht handgreiflich lächerlich und abgeſchmackt, daß ſich alle Leute gleich klei⸗ den, während ihr Veruf doch ganz und gar den iſt?“ „Durchaus nicht, wenn ſie die Nittel haben, dies zu thun, ohne etwas zu opfern, was bedeutender iſt, als die äußere Erſcheinung. Wenn ſich die Herrin wie eine Operntänzerin kleidet, wäre es ſehr hart, die Magd zu hindern, nicht auch aus ſich eine Närrin zu machen.“ „Aber, Sir,“ ſagte Rainsford,„ſollte ſich nicht Jeder ſeinen Mitteln und ſeinen Beſchäftigungen gemäß kleiden?“ „O gewiß, immer den Ritteln gemäß und ſeinen Geſchäften angemeſſen, ſo lange er denſelben obliegt. Ich ſehe jedoch nicht, wie ſich Jemand vernünftigerweiſe dar⸗ über aufhalten kann, wenn an Sonn⸗ und Feiertagen⸗ wo Alle ja Herrn und Damen ſind, der thätige Hand⸗ werksmann oder der fleißige Diener und die emſige Magd ein Kleid von feinem Tuch oder Seide tragen, voraus⸗ geſetzt, daß ſie bemittelt und ehrlich genug ſind, derglei⸗ chen zu bezahlen?“ „Wenn ſie ſich aber alle, Sir, nach der abgeſchmack⸗ ten Thorheit der Mode kleiden?“ „Nun, der Fehler liegt in der abgeſchmackten Thor⸗ heit der Mode und in denen, welche das Beiſpiel geben, nicht aber in jenen, die ihm folgen. Die Jugend folgt dem Beiſpiel der Aeltern und Klügern, das Kind ahmt dem Vater und der Mutter nach, und die untern Klaſſen blicken ſtets zu den höhern empor. Die Letztern dürfen jenen nur ein gutes Beiſpiel geben, ſtatt ſich darüber aufzuhalten, daß ſie einem ſchlechten folgen.“ „Haltet Ihr aber nicht die algemeine Neigung aller Klaſſen, der hohen wie der niedern, zur Befriedigung von Genüſſen jeder Art für ein großes uebel?“ „Vielleicht thu' ich dies; wir dürfen aber nicht ver⸗ geſſen, daß der Ueberfluß der Vater der Ausſchweifung iſt. Wenn Leute von Bildung in ihren Nitteln auf den engen Kreis der wirklichen, natürlichen Bedürfniſſe beſchränkt ſind, ſo werden ſie nothwendig ſparſam ſein. Wenn aber durch die Vortheile, welche ihnen aus einem Gewerbe oder irgend einer Beſchäftigung erwachſen, ihre Einnahme größer iſt, als ihr Bedarf, ſo gibt der Ueber⸗ ſchuß entweder einen Fonds zum Sparen oder einen Fonds zum Vergeuden ab. Hier zu Lande kann Jeder, wenn er will, mehr verdienen, als zur Befriedigung des bloßen Nothdürftigen nöthig iſt. Wir Alle rühmen es und preißen uns glücklich, daß dies der Fall iſt. Jedes Glück unter dem Monde hat aber ſeine Kehrſeite; wir müſſen das Schlimme mit dem Guten hinnehmen, und den Hang der untern Klaſſen zu Ueppigkeit und Verſchwendung durch das Streben aller Klaſſen, ſo gut als möglich zu leben, entſchuldigen.“ „Ich habe nie ſolche Karikaturen geſehen,“ rief Vir⸗ ginia, welche einige Modekupfer betrachtete, die Rains⸗ ford als Curioſitäten zufällig mitgebracht hatte;„ſeht hierher, Sir— ſeht nur hier, Mutter.“ Miſtreß Dangerfield lachte, was ſie konnte, und Vir⸗ — 2— ginia fuhr fort zu erklären, daß es nichts Abgeſchmack⸗ teres gebe, als die Kleine⸗Kindertoilette. „Komm hierher, Virginia,“ ſagte ihr Vater, nahm ſie an der Hand und führte ſie an die gegenüberſtehende Wand, wo ein Gemälde hing, das durch die Anhänglich⸗ keit des großen Pompejus Entenbein aus den Flammen des alten Hauſes gerettet worden war, und welches das treue Ebenbild eines kleinen Knaben und eines Mäd⸗ chens in dem Zeitalter der Haarbeutel, der mächtigen Manſchetten, der hohen Abſätze, der Reifröcke, der Fiſch⸗ bein⸗Corſets und der himmelhohen Friſuren vorſtellte:— „Sieh hierher, Virginia, und hüte dich, wenn ich bitten darf, die Unanſtändigkeit dir zu Schulden kommen zu laſſen, über deinen Großvater zu lachen, wenn ich dir ſage, daß er in ſeinem zwölften Jahre einen ganz gleichen Haarbeutel, einen ganz gleichen Steifſchechter⸗Rock mit Borden, dieſes furchtbare Paar Manſchetten, dieſe unbe⸗ ſchreiblichen Beinkleider und dieſes ſchreckliche Schwert von ſchrecklicher Länge getragen hat. Das kleine Mäd⸗ chen hier— aber lache nicht über ſie, Virginia; ſie war deine Großtante und du biſt ihre Namensverwandte Sie ſtarb in dem Jahre, in welchem du geboren wur⸗ deſt— doch der Gegenſtand iſt nicht erfreulich. Was ſagſt du zu einem jungen Herrn und einer jungen Dame aus der erſten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, im Vergleich mit ihren Nachkommen unſerer Tage?“ „Nun, in der That, Sir, es ſcheint mir, daß die — 5— Gegenwart, wenn ſie nichts gewonnen, in der Art, kleine Kinder zu kleiden, nichts verloren hat.“ „Ganz recht, meine Liebe; wer ein Zeitalter als weſentlich klüger und beſſer, als ein anderes ſchildern will, bringt baaren Unſinn vor. Während die menſch⸗ liche Natur ſich einerſeits höherer Vollendung nähert, macht ſie auf der andern Rückſchritte; was ſie rechts gewinnt, verliert ſie links, wie unſer große Miſſiſſippi⸗ ſtrom, welcher an ſeiner Mündung das Ufer auf der einen Seite nur wegreißt, um es auf der andern anzu⸗ ſetzen, und auf dieſe Art von dem Raube der alten Welt ein neue in dem Meere ſchafft. Jenes ſpätere Jahrhun⸗ dert iſt nur eine neue Auflage des vorhergehenden.“ „Eine verbeſſerte?“ fragte Rainsford. „Eine veränderte, und zwar eher im Einband, als im Inhalte, fürcht' ich. Und nun, meine Liebe, geh'“ wie der Landprediger von Wakefield ſagt, und hilf deiner Mutter Gänſepaſtete machen.“ Die junge Dame verließ demnach das Zimmer, um ihrem häuslichen Berufe zu obliegen. „Ha ho!“ rief eine Stimme draußen, welche Alle für die Buſchfields erkannten. „Kommt herein, kommt herein!“ rief der Oberſt. „Kommt herein!— Ei, bin ich denn nicht herein?“ rief er, als er in großer Haſt eintrat und Platz nahm. „Welch eine Jagd hab' ich gehabt! Ich will mich ſchel⸗ ten laſſen, wenn ich dieſes Eichhörnchen nicht mit der Hand fangen wollte— eine ſchöne Jagd, und ich wollte vor dem Thierchen nichts voraus haben. Wir waren wie Maus und Katze hinter einander her— einen Baum hinauf und den andern herab. Es ließ mich den ganzen Weg tanzen bis zu dem Dorfe hier— und was denkt Ihr? Nach Allem mußte ich die kleine Creatur doch ſchießen. Es war auf den Gipfel des höchſten Baumes geklettert, den Ihr je geſehen habt; und ſo gab ich denn— weil es eben ſo eigenſinnig war.“ „Ein vortrefflicher Schuß!“ ſagte der Oberſt:„Ihr habt es in das Auge getroffen, wie ich ſehe.“ „Nein, nein! Aber ich war toll! Nein, nein! Es war ein ſchmachvoller Schuß— ein recht ſchülerhafter Schuß, ſag' ich. Wenn ich die Haut eines ſolchen Bürſch⸗ chens brauche, ſo ſchieße ich immer ein wenig vor ſeiner Naſe hin, und dann nimmt der Wind des Gewürms Athem rein weg und ich verletze den Pelz nicht.“ „Ihr müßt einige Uebung gehabt haben,“ ſagte Rainsford. „Ich würde mich ſchelten laſſen, dächtet Ihr anders, ſo fern Ihr mich ſo gut känntet, als ich meinen alten Stutzer kenne.“ „Ich ging gern ein oder das andere Mal mit Euch hinaus, wenn Ihr in Eurer Weltgegend Ueberfluß an Wild habt.“ „Ich weiß nicht, was Ihr ueberfluß an Wild nennt,“ rief Buſchfield, der nun auf ſeinem Steckenpferde war, „aber ich begreife halb und halb, Ihr würdet zufrieden geweſen ſein, wenn Ihr mich dieſer Tage begleitet hättet. Ich ſah eine Ricke mit ihrem Kalb jenſeits eines Baches auf dem andern Abhang des Berges, und ich verſichre Euch, ich war gar nicht träge, Feuer zu geben. Die Kugel traf beide. Ich mußte durch den Bach waden und bemerkte, daß die Kugel, nachdem ſie die beiden Thiere ſtracks und rein durchbohrt hatte, in einen hohlen Baum eingedrungen war, in welchem ein Honigwaben war, und der Honig floß heraus wie ein Springbrunnen. Ich bückte mich daher, um etwas zu ſuchen, das Loch zu verſtopfen, als ich meine Hand auf ein Kaninchen ſetzte, das ſich unter einem großen Giftſchwamm verſteckt hatte. Gut, ich kehre nun wieder um, und wie ich durch den Bach wade, füllten ſich meine Pumphoſen dergeſtalt mit Fiſchen, daß einer der Knöpfe rein abſprang, und ich will verdammt ſein, ewig Strümpfe zu ſtopfen, wenn der Knopf nicht einen wilden Truthahn grade in das linke Auge traf. Ha ho! Bin ich nicht ein Pferd?“ „Ein ganzes Geſpann, ſollt' ich denken,“ ſagte Rains⸗ ford, welchen die graſſe Aufſchneiderei des Waldmannes höchlich ergötzte. Da Virginia zufällig in dieſem Augen⸗ blicke in das Zimmer trat, redete er ſie mit einer gut⸗ müthigen Art von Keckheit an. „Ihr nettes, kleines Geſchöpf,“ ſagte er,„habt Ihr nicht irgend etwas zu eſſen? Denn ich will mich in einem Röhricht verirren, wie es mir, wohl einmal begegnete, — 238— als ich zuerſt in dieſe Gegend kam, wenn ich nicht einen ganz transcendenten Hunger habe. 3c) könnte Steine eſſen.“ Das Nachteſſen wurde hereingebracht, und Buſchſield hielt„ein ſehr transcendentes Nachteſſen.“ Die Geſell⸗ ſchaft blieb um den runden Tiſch ſitzen, und freute ſich dieſer kleinen geſelligen Mahlzeit, welche einſt der Abend⸗ zapfenſtreich war, der die ganze Familie zuſammenbrachte, die aber nun aus dem Kreiſe häuslicher Genügſamkeit hinausgeſtoßen und in Geſellſchaftszimmer und Säle ver⸗ legt worden iſt, und eher das Frühſtück als das Nacht⸗ eſſen genannt werden ſollte. Virginia, die einen kleinen weiblichen boshaften Geſchmack von Humor hatte, und in den des Hinter⸗ wäldlers eingehen konnte, der, war er gleich ſeltſam und wild, doch nichts gemeines an ſich hatte, nahm die Gele⸗ genheit wahr, ihn über die Einzelnheiten der Geſchichte ſeiner Verirrung in dem Röhricht, auf die er angeſpielt hatte, zu fragen. „Gut, ich weiß wohl, Ihr möchtet gern ein wenig über mich lachen. Nun, wie dem auch ſei, ich mache mir nicht viel daraus, wenn mich Fraues auslachen, und ſo will ich Euch die Geſchichte kurzweg erzählen, und Ihr könnt lachen, ſo viel⸗Ihr wollt, da Ihr doch kein Mann ſeid.“ „Ich war einem Bären nachgegangen, der ſich mehrere Nächte um meine Hütte zu ſchaffen gemacht hatte, und —— Braun führte mich derb an der Naſe herum. Ich war damals noch nicht ſo vertraut mit der Gegend, und kam endlich in ein Röhricht am Fluſſe, wo die Binſen ſo dicht ſtanden, daß ich mich erſchießen laſſen will, wenn man das ſpitze Ende der kleinſten Nadel ohne Brille zwiſchen ſie ſtecken konnte. Gut, ich arbeitete und quälte mich ab, um aus der Klemme zu kommen, aber ich kam immer tiefer und tiefer in das Unheil hinein.“ „Plötzlich hörte ich das ſeltſamſte Geräuſch, das mir all mein Leben vor die Ohren gekommen war, und ich denke wohl, ich habe eine ziemliche Mannigfaltigkeit von Tönen gehört, und war der Meinung, ich kennte alle Stimmenarten des Gezüchts, von dem Brummen des Bären bis zu dem Schreien des Panthers. Aber ich wußte nicht, was ich aus dieſem machen ſollte, und fing an, ſcharf um mich herum zu blicken, was jedoch kaum der Mühe werth war, denn ich konnte das Ende meiner Augenlieder nicht ſehen, ſo transcendent dicht ſtand das Geröhr neben einander.“ „Gut, ich hieb und focht um mich, und jeden Augen⸗ blick hörte ich den ſeltſamen Ton wieder; endlich kam ich ihm ſo nahe, daß ich meine Ohren ſpitzte und den Hahn meines Stutzers ſpannte, um bereit und fertig zu ſein, im Falle einer Gefahr mich zu wahren. Gut, wie ich mich ſo fort zerrte und quälte, ſtieß ich zuletzt grade auf das wunderlichſte Ding, das Ihr vielleicht je mit Euern Augen geſehen habt. Es ſaß ganz zuſammenge⸗ rauert, wie ein Burſche, der ein Sechs⸗Penceſtück gefun⸗ den hat, den Kopf über die Schultern niedergedrückt, und das Haar herabhängend gleich dem Bart eines Büffel⸗ ſtiers. Ha ho! ſagte ich und das Gezücht hob ſeinen Kopf in die Höhe, und ich will mich erſchießen laſſen, wenn es ſich nicht ergab, daß es eine wirkliche, ſituüe Rothhaut war.“ „Hallo! ſagte ich, welches Geſchüft treibſt du hier, Freund? Aber ich muß doch geſtehen, daß ich faſt geſon⸗ nen war, den Burſchen zu erſchießen, obgleich ich damals noch nicht ſo viel urſache hatte, das Gezücht zu haſſen, wie jetzt. Ich dachte jedoch, ich wollte erſt ſehen, ob er ſich mit mir zu meſſen Luſt habe; und ſo wartete ich, um zu hören, was er zu ſagen habe. Wenn ich aber mit ihm ſprach, that er nichts als brinſe und brummen, grade wie ein lahmer Bär.“ „Ich ſage jetzt, Fremder, ſagte ich, was haſt du herum zu machen?“ „R—r—r—r! ſagte er und grinſte wie ein 4 Gut, ſagte ich, wenn es dir nicht gefällt, mir zu ſagen, was du hier willſt, ſo erzählſ du mir vielleicht, wo du herkömmſt.“ „R—r—r—r! ſagte das Gezücht wieder.“ „Gut denn, vielleicht ſugſt d du g wohin dn willſt.“ „R—r—r—r!“ 39 fing an und ahrden ein wenig bös, S war — Willens, ihn todt zu ſchießen; aber— ich weiß ſelbſt nicht, wie es kam— ich hielt inne, ging auf ihn zu, nahm ihn an den Schultern und ſchüttelte ihn, wie eine Flaſche Whiskey.“ „Und nun will ich mich ſchelten laſſen, wenn er nicht aufſprang, höher als die höchſten Binſen, und ein lautes Huh! hören ließ und davon flog wie ein Blitz⸗ ſtrahl. Ich folgte ſeiner Spur; ſie führte mich an den Fluß hinab. Jetzt wußte ich, wo ich war, und freute mich ſo ſehr über das Gezücht, daß es mir den Weg gezeigt hatte, daß ich nicht um alles in der Welt im Stande geweſen wäre, ihm das geringſte Leid zuzufügen, und ſo kam die Rothhaut wohlbehalten davon.“ „Sehr erfreut, daß es ſo gekommen,“ ſagte Vir⸗ ginia:„es wäre barbariſch geweſen, dem armen Geſchöpf etwas zu Leid zu thun. „Ich wußte das nicht,“ verſetzte der Andere:„denn es fand ſich, daß der Indianer wahnſinnig war und ſein Stamm ihn ungeſtört umher ſtreifen ließ, weil dieſe Stämme eine Art abergläubiſcher Verehrung vor ſolchen Leuten haben. Später habe ich gehört, er ſei, während die Männer entfernt waren, in eine weiße Niederlaſſung eingedrungen und habe zwei oder drei Weiber und Kin⸗ der ermordet. Ich wünſche nur, ich hätte vorher gewußt, was ſich zutragen würde— ich will für ewig verdammt ſein, in einer großen Stadt wie Lexington zu leben, wenn ich ihm nicht einen Geſchmack von gutem Blei Paulding l. 16 — 242— beigebracht hätte, und wenn er ſo toll geweſen wäre, wie ein Büffelſtier, dem eine Büchſenkugel auf der Stirn aufprallt.“ Virginia allein demertte daß Rainsford während des letztern Theils dieſer Geſchichte in eine heftige Bewe⸗ gung gerieth, die er mit aller möglichen Anſtrengung bemüht war, zu verbergen. Als aber Buſchfield zu der Kataſtrophe kam, zitterte der Arm, den der junge Mann auf die Lehne ihres Stuhles gelegt hatte, ſo heftig, daß dieſe Bewegung ſich dem Stuhle mittheilte und ihr bis in das Herz drang. Wie in Folge einer gewaltſamen Anſtrengung ſtand er auf, ſagte kaum gute Nacht und entfernte ſich raſch. Stundenlang dachte in dieſer Nacht Virginia an die Mittheilung der Frau Judith Paddock und kam zuweilen auf einen Gedanken, welcher wechſels⸗ weiſe ihr Herz mit kaltem, ſchrecklichen Schauer erfüllte, oder ihr Kiſſen mit Thränen netzte. Zwanzigſtes Kapitel. „Wie wonnig iſt's in Waldesräumen!“ Der Morgen kam glänzend herauf, und die Sonne ſchien mit neu erwachter Wärme, welche die allmählige Annäherung des Frühlings verkündigte. Ihr wohlthäti⸗ ger Einfluß verſcheuchte die dunkeln Schatten, welche die mitternächtige Phantaſie in Schweigen und Dunkel herauf beſchworen hatte, und die ungewiſſen Schrecken, welche Virginias Kiſſen belagert hatten, verſchwanden wie Ge⸗ ſpenſter bei dem Grauen des Tages. Wer ſich gewöhnt hat, auf ſich ſelbſt zu achten, wird wohl bemerkt haben⸗ wie verſchieden ſich die Anſichten und Gefühle nach den mannigfachen Tageszeiten geſtalten, und wie gar häufig die Entſchlüſſe des Kiſſens durch die Eile, das Gelärm, die Aufregungen und Verſuchungen eines geſchäftigen, prachtvoll glänzenden Morgens umgeſtürzt werden. Die Phantaſie iſt die Königin der Dunkelheit; die Nacht iſt die Zeit ihrer despotiſchen Herrſchaft. Am hellen Tage geben Gehör und Empfindung tauſendfache Beſchäftigung, die Sinne bemächtigen ſich der Herrſchaft wieder, und wenn wir vorher das Spiel der Phantaſie waren, ſo wir jetzt die Sklaven der Wirklichkeit. —˖.———————— — 244— Rainsford ließ ſich mehrere Tage nach ſeinem oben berichteten raſchen Abſchiede nicht wieder in dem Hauſe des Oberſten Dangerfield ſehen. Er begleitete Buſchfield in ſeine Einſiedelei, wobei er den Vorwand brauchte, ſich in dem Waidwerke unterrichten laſſen zu wollen, wirklich aber geſchah es theils, um der zudringlichen Neu⸗ gierde, den geſelligen Beſuchen der Frau Judith zu ent⸗ gehen, theils aus empfindlicher Scheue ſeines Gemüths, die ihn glauben ließ, er habe ſich bei der vorher erwähn⸗ ten Gelegenheit durch die Aufregung, welche er gezeigt, verrathen. Die Wohnung dieſes Indianiſchen weißen Mannes, wie die Wilden ihn nannten, war eine einfache Hütte von Baumſtämmen, und die Räumlichkeiten derſelben eben hinreichend für die Bedürfniſſe eines ſolchen Wäldlers, die keine andern waren als Eſſen und Schlafen. Der Wald verſah ihn mit Nahrung, um welche ihn die ver⸗ wöhnteſten Feinſchmecker der alten Welt beneiden konn⸗ ten; mit Bett und Bekleidung verſorgten ihn die Felle der Bären und des Hirſches; ſeine Büchſe war ſeine Börſe; ſein Pulver und Blei ſein baares Geld, denn ſie boten ihm die Rittel, ſich alles das einzutauſchen, was er ſich in den Waldlanden umher nicht zu verſchaffen im Stande war. Buſchfield beſteigt nie ein Pferd; er ſagte, es ermüde ihn zu ſehr. Rainsford war daher herzlich müde, als ſie, nach einem langen Gange durch die Wäl— der, das Blockhaus endlich erreichten. Sein Gefährte mußte unterwegs häufig auf ihn warten und oft würde er ſich in den undurchdringlichen Labyrinthen der Wild⸗ niß unvermeidlich verirrt haben, hätte nicht der India⸗ niſche Ruf des Hinterwäldlers dazu gedient, ihn den Irrpfaden zu entreißen. Er war vermogt worden, eine Büchſe mitzunehmen, bereute dieſe Kühnheit aber bitter⸗ lich, denn ihr Gewicht beläſtigte oder ermüdete ihn zuletzt bis zum umſinken; dazu kam noch, daß Rainsford, obgleich ihnen eine Menge Wild aufſtieß: das Unglück hatte, ſtets zu fehlen, während Buſchfield keine Kugel vergeblich abſandte. Niemand ſieht ſich gern übertrof⸗ fen; ſelbſt nicht in Dingen, auf welche er keinen hohen Werth ſetzt; und vielleicht achtet keiner den andern wahr⸗ haft, der in dem ganz unerfahren iſt, worin er ſelbſt die Meiſterſchaft erlangt hat. Buſchfield verlor zuweilen die Geduld ein wenig über Rainsford, und Rainsford beneidete Buſchfield oft wegen ſeiner Geſchicklichkeit in der Handhabung der Büchſe. In einer volkreichen Stadt würde eine ſolche Fertigkeit weit unter ſeiner Beachtung geweſen ſein, aber in den Wäldern galt ſie als das Zeichen der Mannhaftigkeit. „Fremder,“ ſagte Buſchfield einmal, als Rainsford ein Eichhörnchen gefehlt hatte, welches auf den Wipfel eines mäßig hohen Baumes ſich zuſammenkauerte und ihm als eine leichte Beute überlaſſen worden war— „Fremder, ich glaube, Ihr habt das Glück nicht gehabt, in den Wäldern erzogen zu werden; nun, ich würde die⸗ —— ſes Eichhörnchen herabgeſchoſſen haben, wenn man mir die beiden Augen zugebunden hätte.“ „Ihr habt recht, ich hatte das Unglück in einer Stadt erzogen zu werden, wo außer den Nilizen niemand eine Flinte trägt.“ „Niemand trägt eine Flinte? Und was tragen ſie denn? Einen Dolch?“ „Nein; die jungen Herrn tragen manchmal ein Stöckchen, ſo dick wie mein kleiner Finger.“ „Ein Stöckchen! Ei, was fingen ſie denn an, wenn ihnen ein Bär oder eine Rothhaut ſo gerade vor das Geſicht käme? Welche prachtvolle Fratze würden ſie ſchneiden!“ „Gewiß; aber dort ſind weder Bären noch Roth⸗ häute zu fürchten.“ „Nun ja, das iſt wahr und gewiß, denn ich erin⸗ nere mich, als ich nach Nord⸗Carolina heimging, um den alten Ort wieder zu ſehen, war Euch ja— ich laſſe mich todt ſchießen, wenn es nicht ſo iſt, wie ich ſage— ein kleines Gezücht von einer Stadt ganz genau auf dem Flecke erbaut, wo es ſonſt das meiſte Wild in dem ganzen Lande zu geben pflegte. Ich konnte ſo etwas nicht mit anſehen— nein, es war zu abſcheulich! Ich ſchnitt mir daher einen Wanderſtock, machte mir freie Bahn und kam in mein altes Revier zurück. Aber man läßt keine Seele mehr allein da, wo ſie Raum hat, ſich mit den Ellbogen umzudrehen; und ich denke allmählig — 247— daran, dieſe Gegend wieder zu verlaſſen und über den Niſſiſſippi zu gehen.“ „Warum denn?“ 0 „Nun, ich will's Euch ſagen, Fremder. Es fängt an und wird zu enge hier herum.“ „Enge?“ „Ja! die Leute kommen zu dicht aneinander— ſie haben nicht Raum, ſich umzudrehen. Seht, da hat ein Kerl die Unverſchämtheit gehabt, ſich dort drüben niederzu⸗ laſſen, kaum drei Meilen von mir. Ich ſah neulich Mor⸗ gens den Rauch aus ſeinem Schornſtein aufſteigen und hörte einen fremden Hund bellen. So verfolgte ich die Spur des Menſchen und warf ihm vor, ob er ſich nicht ſchämte, daher zu kommen und einen Mann auf ſo unnachbarliche Weiſe zu beunruhigen. Nebenher ſagte ich ihm, ein Menſch habe nicht Raum hier, ſich umzu⸗ drehen, ohne einen andern an den Ellenbogen zu ſtoßen, und das Ende der Sache ſei, entweder müſſe er oder ich ſich einen Reiſeſtock ſchneiden und dieſen Jagdgrund verlaſſen, oder ich würde ſehen, wie ich es ſonſt einrichtete.“ „Nun, und hat er ſich einen Reiſeſtock geſchnitten?“ „Bewahre— er that es nicht, der ſchlechte Squat⸗ ter.*) Er ſagte, er habe eben ſo viel Recht, wie irgend ein Bär oder Wolf, der je Brod gebrochen; ſo viel wie *6) Anſtedler, die ſich, ohne berechtigt zu ſein/ auf Län⸗ dereien niederlaſſen, Ueberſ. — 6— ich, der ich ſtets im Beſitze war, ſeit der alte Rogers Clarke ſo ſchön mit den Rothhäuten umſprang. Ich bin jetzt ein beträchtlich alter Geſell und folgte dem alten Boone dicht auf den Ferſen, und es iſt ein mächtig hüb⸗ ſches Stück Unſinn, mir das Recht an all das Gelände umher, ſo weit mein Auge reicht, abzuſprechen; und ich will mich, mit dem Kopfe unten, durch ein Dornenge⸗ ſtripp ziehen laſſen, wenn dieſer Eindringling ſich nicht prächtig und zwar in ziemlicher Eile aus dem Staube macht, ſonſt werd' ich über ihn herkommen wie alle Wet⸗ ter, ſag' ich. Wenn ich nicht mit eben ſo großer Luſt, als ich je hatte, einen wilden Bock zu ſchießen, ihn zum Kampfe herausforderte, und auf dieſe Weiſe ein für allemal das Recht an den Grund und Boden ins Reine brächte, will ich mich todt ſchießen laſſen; mir fiel aber ein, er gäbe vielleicht ein anderes Mal der Vernunft Gehör; und ſo ſagte ich ihm, ich gäbe ihm Zeit bis zum nächſten Monat, ſich auf die Ferſen zu machen oder auf⸗ zuſchauen, daß er nicht eine tüchtige Schlappe bekomme, wenn nicht etwas anderes. Aber Huh!“ rief er mit wil⸗ der Stimme, die weit durch die Wälder hallte und die Inſaſſen einer rohen Hütte aufſchreckte— nämſich ein Rudel Hunde und eine alte Schwarze mit ſchneeweißem Haar. Dieſe kamen heraus, ihren Herrn zu bewill⸗ kommen. „Gut, hier ſind wir, alter Schneeball,“ rief Buſch⸗ field, dem ganz wohl zu ſein ſchien, daß er zu Hauſe — war,„hier ſind wir, und ich glaube nicht, daß es viele ſolcher Plätze gibt zwiſchen hier und dem zukünftigen Reiche. Kommt herein, kommt herein, Fremder, Ihr ſeid herzlich willkommen; aber es iſt nicht nothwendig, einem Mann zu ſagen, was ſich von ſelbſt verſteht, und was alle Welt weiß, ſag ich.“ Die alte Mama Phyllis— ſo lautete der idylliſche Name von Buſchfield's Haushälterin— war eine jener unbeſchreiblichen Geſchöpfe, wie er ſie nannte, welche, obgleich alt und gebrechlich ausſehend, keine Arbeit zu hart und keine Mühe zu ſchwer finden. Wie alte abge⸗ nutzte Maſchinen ſcheinen ſie blos in Folge der Macht der Gewohnheit im Gange zu bleiben, obgleich viele ihrer Theile aus den Fugen gerückt und verbraucht ſind. „Komm, komm, Mammy, rege deine alten Hacken und verſchaffe uns etwas zu eſſen; ich bin ſo hungrig, wie ein ganzes Geſpann Pferde. Was haſt du, um uns zu bewirthen, ſprich?“ „Was Hirſchfleiſch.“ „Gut, koch' uns ein Stück in der allerkürzeſten Zeit. Dieſe alte Sünderin iſt die Plage meines Lebens“ — fuhr Buſchfield fort:„ich wollte, ich wäre in dem Niſſiſſippi ertränkt worden, ehe ich thöricht genug war, ſie hierher zu bringen. Ich ſehe es jetzt ein, es iſt auf der Welt nicht möglich, ſein eigner Herr zu ſein, ſo lange man irgend Geſellſchaft um ſich hat. Man iſt immer wie ein Nagel in einem Stück Bauholz; er kann ſich weder „ — 250— rechts noch links bewegen und ſteckt Euch ſo gerade und ſtrack wie ein Eichbaum drinn, bis er roſtig wird und ausfällt. Ich habe nie begreifen können, wie die Leute es anfangen, zu leben, ohne daß ſie thun, was ihnen gefällt und laſſen, was ſie nicht mögen, ſag' ich. Was mich betrifft, Fremder, ſo kann ich nirgends recht Athem holen, wo ich nicht reichlich freien Raum um mich habe, und ſchlafe lieher auf einem Laublager mit dem Himmel als Bettdecke über mir, als in einem Eurer harten Feder⸗ betten, die einem faſt die Knochen brechen. Ich will für mein ganzes Leben lahm werden, wenn ich nicht einſt in Gefahr kam, in einem dieſer Betten mit Vorhängen rund herum, zu erſticken. Wenn mich Jemand wieder in ein ſolches Gehäuſe bringt, will ich ihm erlauben, mich nach Gefallen feſſeln zu laſſen. Wie um alles in der Welt fangt Ihr es nur an, auf ſo widerſi innige Weiſe zu leben, Fremder?“ „Die Gewohnheit erleichtert vieles und dann bieten die Freuden der Geſellſchaft für den Abgang vollkommen freier Thätigkeit wohl reichlichen Erſatz.“ „Geſellſchaft!! Ich will mich eben ſo gut daran gewöhnen, Fußſchellen zu tragen und mich feſſeln zu laſ⸗ ſen, wie man es den Pferden thut, damit ſie ſich nicht in den Wäldern verlaufen! Ich habe mein ganzes Leben nichts gethan, das mich ſo ſehr wünſchen ließ, der T—1 holte mich deshalb, als daß ich dieſen alten Schneeball hierher brachte; denn ſei es wie es will, ich habe ſeit⸗ — 251— dem nie ſo recht meinen Willen gehabt. Das Geſchöpf iſt mir immer in dem Wege, und manchmal ertappe ich ſie, daß ſie ihre großen ſtieren Augen ſo auf mich hef⸗ tet, daß ich an meinen Sitz feſt gebunden ſcheine und ſelbſt faſt nicht beſſer dran bin wie ein Nigger.“ „Nun, ich glaube, ihr habt trotz allem dem Euren eignen Willen.“ „Meinen eigenen Willen haben? Wofür haltet Ihr mich, Fremder? Bin ich nicht in dem alten Kentucky geboren— nein, geboren nicht, aber aufgewachſen— und Ihr glaubt, ich ſollte meinen eigenen Willen nicht haben, und reden und thun können, wie mir's gefällt, wenn auch ein Erdbeben auf der einen und ein Blitz⸗ ſtrahl auf der andern Seite ſtünden, und ihre Arme grade vor mir kreuzten, als wollten ſie ſagen, nun ſtehe, wo wir ſind? Aber ein Mann kann ſeinen eigenen Weg gehen, und nach allem iſt er doch nicht im Stande, ſtets zu thun wie er will.“ „Ich ſehe das nicht recht ein.“ „Nicht? Gut, dann will ich den Baum für Euch ſpalten. Seht, eigenen Willen haben, heiße ich etwas thun, was auch andere Leute ſagen und thun mögen, um mich davon abzuhalten; und nach meinem Belieben thun heiße ich, niemand an mich herankommen und eine weiſe Miene anlegen und mir bedeuten zu ſehen, ich thät' es beſſer nicht, oder es würde mich reuen, oder ich würde heute oder morgen wünſchen, ihrem Rathe gefolgt zu ſein; ſo daß eines armen Kerls Seele in ein Aſtloch hinein gezwängt und gequetſcht wird, und daß er, wenn er endlich ſeinem eigenen Willen folgt, wie ein Breithorn in einen Strudel, ſtatt grad' aus zu ſchießen, wie es ſein muß, hin⸗ und hergeſchaukelt wird, und kurz und gut, wie ich vorher geſagt habe, keine Freude daran hat, ſeinen eigenen Weg zu gehen. Es gibt nichts auf der Oberfläche der Erde, das ich mehr haſſe, als guten Rath.“ „Und würdet Ihr den Rath eines Freundes von Euch weiſen?“ „Freund? Ich weiß nicht, was Ihr Freund nennt, ausgenommen, daß ich, wie ich glaube, vermocht werden könnte, eine Kugel vor Oberſt Dangerfield's Bruſt auf⸗ zufangen. Ja, er iſt ein Mann, dem ich erlauben könnte, mir einen Rath zu geben, ohne daß ich ihn zu Boden ſchmet⸗ terte; ich habe ihn von der Stunde an, als ich ihn ſah, gern gehabt, und wenn ich die reine Wahrheit ſagen ſoll, ſo glaube ich, es geſchah, weil er meinem Rathe folgte, als er den Ohio herab ging und ſeine Anſiedlung begrün⸗ dete, und nicht alles beſſer wiſſen wollte, als ich— das iſt einmal ausgemacht. Ich würde jeden Andern ſo hoch in die Luft blaſen, wie die Alleghanies, wenn er ſich's herausnähme, mir einen Rath geben zu wollen. Aber wie ich geſagt habe— ich wundere mich nur, wo die alte Creatur ſo lange mit dem Eſſen bleibt— wie ich geſagt habe, es war ein blauer Dag, als ich dieſen alten moderigen Stamm zuerſt über meinen Weg legte.“ ——— — 253— „Wie kamt Ihr dazu, einen ſolchen vh zu bege⸗ hen?. ſagte Rainsford lachend. „Nun, ich will Euch erzählen, wie es kam. Ich hatte hier— ich weiß nicht, wie viele Jahre gelebt, denn es iſt meine Sache nicht, die Zahl von Wintern und Sommern, Frühlingen und Herbſten anzukreiden; aber, Fremder, ich war vielleicht der glücklichſte, ſeligſte Kerl, der je einen Büffel gejagt hat. Das Gezücht kam manchmal und guckte mir in die Thüre herein, und die Hirſche gingen mir kaum aus dem Weg, und die Bären und Wölfe brummten und heulten Euch rund um meine Hütte ſo ſchön!— O wenn Ihr nur die entfernteſte Idee von der glänzenden Unabhängigkeit in den Wäldern hättet, fünfzehn bis zwanzig Meilen entfernt von jeder lebenden Seele, ihr würdet Euch nirgends mehr glück⸗ lich fühlen als da, oder Ihr ſollt mich eine Memme heißen. Denkt es Euch doch nur, Fremder,— ich war ganz allein, niemand legte mir, auch nur ſo viel als ein Strohhalm, in den Weg, oder ſah mich an, oder ſprach mit mir, oder gab mir guten Rath oder lugte nach mir aus, wohin ich ging, oder fragte, was ich vorhätte— O es war prachtvoll! Wenn ich nichts mehr zu eſſen hatte, nahm ich, ſtatt darum zu arbeiten wie ein Nigger, meine Büchſe, und ſchoß mir einen Bock oder einen wilden Truthahn, denn deren gab es ſo viel, daß man gar nicht fehlen konnte; fehlte es mir an Unterhaltung, ſo ging ich in die Wälder und ſetzte den Bären und Wölfen —= 284— nach, die manchmal mit mir anbanden und mir öfter ziemlich warm machten; ha, es war transcendent, ſag' ich. Wenn es mir an einem tüchtigen Feuer fehlte, durfte ich nur vor meine Thüre gehen und einen Baum umhauen, der dann gerade vor meinem Fenſter nieder⸗ fiel, wodurch ich mir die Mühe ſparte, ihn eine halbe Meile herzuſchleppen. Ich wünſchte nur, Ihr würdet einmal ſo glücklich als ich war, das könnte aber nur jenſeits der Felsgebirge geſchehen, denn in der Gegend hier herum ſammelt ſich das umzieheriſche Volk von Oſten in ſo dichten Maſſen, daß man nicht ferner im Stand iſt, ſeinen eigenen Weg zu gehen. Gut denn, der alte Knabe wollte es ſo haben, daß die Auswan⸗ derung dieſes Wegs kam, und das Wildpret auf jenem verſchwand, ſo daß ich manche liebe lange Winternacht draußen ſein mußte, um einen Hirſch zu ſchießen, und da holte ich mir den Rheumatismus. Ich war wirklich dem Verhungern ziemlich nahe, denn alles was ich thun konnte, war, daß ich an die Thüre kroch und ein Eich⸗ hörnchen oder einen Specht ſchoß. Gut, als mir wieder beſſer wurde, beſchloß ich, mir ein nettes Exemplar von einem ſchwarzen Buben zu kaufen, der bei mir leben und mir beiſtehen ſollte, wenn ich wieder mit dem Rheu⸗ matismus geplagt würde, denn der iſt wie ein Wolf, er kömmt immer wieder, wenn er einmal Blut geſchmeckt hat. Aber ich hatte dazu nicht Geld genug, denn es war mir immer widerwärtig, mehr zu haben als ich noth⸗ — 255— dürftig brauchte, und ſo nahm ich die alte Phyllis, deren Herr ſie mir für nichts gab, und ich habe einen ſchlech⸗ ten Handel an ihr gemacht, ſag' ich; denn wie Ihr ſchon vernommen habt— ſie nimmt mir alle Freude, meinen eigenen Weg zu gehen, was faſt eben ſo ſchlimm iſt, als meinen eigenen Weg gar nicht gehn zu können. Nicht als wenn ſie mich mit Fragen beläſtigte, wohin ich wohl ginge und wann ich wieder käme; aber ſie ſieht ſo ver— t neugierig aus, daß ich mich eine Memme ſchelten laſſen will, wenn ich nicht manchmal auf den Gedanken komme, ich ſei mein eigner Herr nicht mehr. Aber da kömmt ja die alte Sünderin; ſie verſagt oft wie eine alte roſtige Büchſe, geht aber zuletzt doch los.“ Und ohne Frage, der herrliche Duft des Wildprets, der alles weit hinter ſich läßt, was Zeus von den heid⸗ niſchen Altären einſog, ſetzte Buſchfield's Geruchsner⸗ ven in eine ſo wohlthuende Thätigkeit, daß ſich ſein Aerger und ſeine ungeduld über dieſe neue Art von Pantoffel⸗Herrſchaft milderten und beruhigten, und die beiden gingen mit ſo gutem Appetit an das Mahl, wie er je einen alten Epikuräer, oder einem neuern Beſu⸗ cher jener großen Küche der civiliſirten Welt, Paris genannt, zu Theil ward. Thieres in einer volkreichen Stadt auf die friedlichen Einundzwanzigſtes Kapitel. Eine ſehr geſcheidte Frau und ein ſehr mes Gatte. Vielleicht war Vuſchſeld in dem ganzen Laufe ſeines größtentheils in der Einſamkeit hingebrachten Lebens nicht ſo redſelig geweſen, als bei der obigen Veranlaſ⸗ ſung. Man konnte ihn einen Einſiedler von ſo ſeltner Art nennen, der die Einſamkeit nicht um frommer Ab⸗ gezogenheit oder ununterbrochener Ruhe willen liebte, ſondern um ſeiner thötigen, unbeſchränkten Liebe zur Freiheit ohne Störung und Beeinträchtigung leben zu können. Es hatte Tage, ja, ganze Jahre ſeines Lebens gegeben, in denen er mit keinem lebenden Menſchen ſprach; auf dieſe Weiſe hatte er ſich die Gewohnheit der Schweigſamkeit angeeignet, die nur mit Mühe überwun⸗ den werden konnte, er mußte denn bei Leuten ſein, die er gern hatte, oder die Glückſeligkeit ſeiner eigenthüm⸗ lichen Lebensweiſe mußte den Stoff des Geſprächs abge⸗ ben. Meiſtens lebte er mit ſeinem Hund und ſeiner Büchſe, und das Zuſammentreffen mit einem Nitgeſchöpfe in den Wäldern, welche er durchſtreifte, hatte dieſelbe Wirkung auf ihn, wie die Erſcheinung eines wilden ——— ——— Bürger. Er betrachtete es als einen Eingriff in ſeine Rechte, und fühlte ſich ſtark geneigt, auf den Frevler Jagd zu machen. Er war in ſeinem einſamen Aufent⸗ halt keineswegs der Genüſſe baar, denn die Jagd war ihm eine Gewohnheit, eine Leidenſchaft geworden, und der eitelſte alte Kriegsmann hat nie ſeine Thaten im Felde mit höherm Enthuſiasmus erzäht, als dieſer kräf⸗ tige Hinterwäldler ſeine Siege über die wilden Thiere berichtete, die ſein Waldrevier bevölkerten; es iſt wahr, indem er dies that, war er, gleich dem erwähnten weit umhergeſchleuderten Krieger, nicht abgeneigt, zuweilen einen Einfall in das Gebiet der Phantaſie zu machen, ſo daß einige ſeiner Geſchichten wirklich an das Wun⸗ derbare ſtreiften. Rainsford begleitete ihn auf einem oder zwei ſeiner ungeheuern Wanderungen, welche gewöhnlich den ganzen Tag in Anſpruch nahmen und auch noch die Nacht weggenommen hätten, wenn er nicht dem Vorſchlage, im Freien zu ſchlafen, entgegen getreten wäre, obgleich Buſch⸗ field„bei allen Wettern“ ſchwor, es ſei die größte Wol⸗ luſt in der Welt. Aber zwei Männer von ſo verſchie⸗ denen Sitten behagen ſich ſelten in gegenſeitiger Geſell⸗ ſchaft, noch ſind ſie zu einer dauernden Freundſchaft geeig⸗ net. Jeder blickt heimlich auf ſeinen Gefährten herab. Nur an vielbeſuchten Orten und unter den friedlichen Beſchäftigungen der Menſchen werden Ueberlegenheit der Erziehung, Ausbildung des Verſtandes und edlere Talente Paulding I. 17 wahrhaft hoch gehalten, während an den blosgeſtellten Gränzen des Lebens, inmitten von Gefahren und Ent⸗ behrungen, Kühnheit, Kraft und Ausdauer in den ſchlimm⸗ ſten Lagen allein nach ihrem wahren Werthe geſchätzt werden. Rainsford war den dritten Tag müde, und ſein Wirth gab ihm freiwillig(und in der That blieb ihm nichts anders übrig) das Geleit nach Hauſe, um ihm den Pfad durch die Wälder zu zeigen. „Fremder,“ ſagte er,„Ihr habt eine mächtig arme Art Erziehung genoſſen, ſollt' ich denken. Wahrhaftig, Ihr taugt nicht beſſer für die Wälder, als ein wilder Truthahn zum Friedensrichter. Was in aller Welt fingt Ihr nun an, wenn Ihr gezwungen wärt, Tag um Tag herauszukommen, und Euer Nittageſſen mit der Büchſe zu holen, oder zu hungern,— wenn Ihr dann und wann mit einem Dutzend Indianer anbinden müßtet, oder zwei bis dreihundert Meilen durch die Wälder zu wandern hättet, wo kein Pfad und nichts zu nagen iſt, als ein altes Paar Mocaſſins?*) Ich laſſe mich auf der Stelle erſchießen, wenn einige Frauen aus unſerm alten Kentucky ſich nicht beſſer dabei ausnehmen, als Ihr hier.“ *0 Die ſandalenartige weiche Fußbekleidung der Indianer. Sie werden von ſtarkem, friſchgegerbtem Wildleder gemacht, und im Rauche von braunem fauligem Holze braun geräuchert. ueberſ. „ — 259— Die letzten Worte mußten Rainsfords Gefühle ſchwer verletzen. „Und was würdet Ihr thun,“ verſetzte er,„wenn man Euch zwänge, in einer Stadt zu leben, Eure Wäſche täglich zweimal zu wechſeln, und Euern Rock dreimal, den Damen den Hof zu machen, Thee⸗Geſellſchaften zu beſuchen, Walzer zu tanzen und alle die Ceremonien des geſelligen Lebens durchzumachen? In der That, ich glaube, Ihr würdet dort eine lächerlichere Rolle ſpielen, als dies in den Wäldern bei mir der Fall iſt. Die Damen würden ſämmtlich vor einem ſolchen Wilden Reisaus nehmen, und die Männer Euch auslachen.“ „Würden ſie? Wenn ſie ſich's herausnähmen, einer ſolchen Fährte zu folgen, wollte ich ſie bald dreſchen. Wenn ich ſie nicht zwänge, ihre Maulpfannen ſchneller wie der Blitz zu ſchließen, ſo hoff' ich morgen civiliſirt zu werden, wie Ihr es nennt. Aber erlaubt mir, Euch ein Stück Rath zu geben, Fremder! Lacht nie über einen Kerl in einem Jagdhemd, ſonſt könnt' es Euch begegnen, daß Ihr eine mächtige Tracht Prügel bekämt, und etwas Schlimmeres noch. Ihr könnt ſo ſchnell den Boden küſ⸗ ſen, wie ich einen Indianet niedet werfe, und das iſt raſcher als ein Wink, ſag' ich.“ Virginia empfing den zurückehrenden Rainsford mit einem gemiſchten Gefühl von Freude und Schmerz; Frau Judith mit außerordentlichen Zeichen des Vergnü⸗ gens. und Meiſter Zeno mit wundervoller Herzlichkeit. 17* Seit ſeinem Weggehen lag Frau Judith an einem Anfalle furchtbarer Langweile darnieder, denn ſie hatte Niemand zu überwachen, und ihr Leben wurde gleichſam eine leere Nulle, da es ihr an jeder Erregung der Neugier fehlte. In dem ganzen Dorfe Dangerfield war auch nicht die kleinſte Spur von einem Geheimniß— Alles todt, leblos! Meiſter Zeno hatte einen bei weitem triftigern Grund, über die Rückkehr Rainsfords zu frohlocken. Die Zeit rückte jetzt heran, wo die Vorbereitungen zu ſeiner Täg⸗ lichen gemacht werden mußten, und er benützte die erſte Gelegenheit, um Rainsfords Gedächtniß einen Stoß zu geben. „Gut, gut, Sir,“ ſagte er und rieb ſich die Hände, „ich habe das Geheimniß bewahrt.“ „Welches Geheimniß?“ „Ei— ei nun, Ihr wißt ja, das Geheimniß, von dem Ihr ſpracht— ich will ſagen, das ich durch den zufülligſten Zufall von der Welt in dem Walde anhören mußte. Das Geheimniß, Ihr wäret— hm!“. Die Bläſſe des Todes flog über des jungen Nannes Antlitz; und Meiſter Zeno entging dieſer Umſtand nicht, denn er hatte ein Auge und ein Ohr, wie der Mann in dem Feenmährchen: er konnte durch einen Berg ſehen, und das Gras wachſen hören, wenn es ſich von einem Geheimniß handelte. „Gut,“ ſagte Rainsford und bemühte ſi vergeb⸗ lich, ein wehmüthiges Lächeln zu erzwingen—„gut, Ihr * — 261— habt Euer Wort gehalten, wie Ihr ſagt, und ich werde das Meinige halten. Macht einen Ueberſchlag, wie hoch ſich die Koſten für eine Zeitung belaufen.“ „Für eine tägliche, Sir?“ „Ja, wenn Ihr wollt, für eine tägliche. Ich werde Euch eine Anweiſung auf einen Kaufmann zu Pittsburg geben, der Geld von mir in ſeiner Verwahrung hat, und Ihr könnt Euch dort auch wahrſcheinlich Alles zu Euerm Zwecke Nöthige verſchaffen.“ „Hier iſt er, Sir, hier iſt der Ueberſchlag. Ich hatte ihn fertig, ſeit ich durch bloßen Zufall in dem Wald hörte, Ihr wärt— hm! Gott, was bin ich für ein glück⸗ licher Menſch!“ „So?“ ſagte der Andere kalt, ging weg, ſchrieb und kehrte mit dem Wechſel auf die nöthige Summe zurück. „Es thut mir leid, daß ich Euch beraube,“ ſagte Zeno, nachdem er die Anweiſung haſtig in einem ledernen Behälter, welches er Taſchenbuch nannte, in Sicherheit gebracht hatte.„Aber Ihr könnt auch in allen Fällen auf mich rechnen. Ich werde Euer Geheimniß bewahren, Sir, und wenn es Jemand wagen ſollte, zu ſagen, Ihr wärt— hm!—— ſo greife ich ihn in meiner Täg⸗ lichen an, und zwar ſo, daß er froh ſein ſoll, zu ſchwei⸗ gen. Aber in der That, Sir, es thut mir leid, daß ich Euch beraube!—“ „Ganz und gar nicht! Ich habe mehr, als ich brauche, weit mehr, als mir für die Tage nöthig iſt, welche ich zu leben habe. Es macht mir keine Freude, reich zu ſein, denn wenn ich daran denke, wie ich es geworden bin, ſo ekelt es mir ſogar vor dem Worte Geld. Gern würde ich mich der Oeffentlichkeit preis geben, mein Geheimniß der Welt blos ſtellen, wenn ich dem Leben und ſeinen ſchönſten Gaben die, welchen ſi ſie gehörten, zurückgeben, und Alles, was mir geworden iſt, ſeinen Eigenthümern wieder einhändigen könnte. Das Geld iſt Euch von Her⸗ zen gegönnt, ſo Ihr nur einen guten Gebrauch davon macht.“ „Ich werde die Welt erleuchten,“ ſagte Zeno, und ſie trennten ſich grade in dem Augenblicke, als Frau Judith das Ohr an das Schlüſſelloch, oder vielmehr an das Dielenloch legte, denn die Thüre hatte kein Schloß. Sie hatte nur die letzten Worte Rainsfords gehört, — daß er ſich der Oeffentlichkeit preisgeben— das Geld denen zurückerſtatten wollte, denen es gehörte,— vor Allem aber die unvergeßlichen Worte:—„Nehmt das Geld und macht nur einen guten Gebrauch davon!“ Und ſie beſchloß in ihrer tiefſten Seele, ganz beſondere Sorge zu tragen, daß dieſer letzte Wunſch erfüllt werde. Meiſter Paddock rührte ſich nicht von der Stele, auf der ihn Rainsford gelaſſen; er dachte tief und ernſt über das freiwillige, vollſtändige Geſtändniß nach, das er eben von dieſem ſchändlichen und doch unbeſonnenen ℳ jungen Mann, als welchen er ihn nun zu ſeiner Freude kannte, gehört hatte. „Denen, welchen es einſt gehörte!“ „Das waren ſeine Worte, genau. Folglich hatte er wenigſtens zwei Menſchen beraubt und gemordet. Welch ein teufliſcher junger Verbrecher!“ „Ich wollte,“ fuhr er bei ſich fort,„ich hätte ihn die doppelte Summe für die Bewahrung des Geheim⸗ niſſes bezahlen laſſen! Aber es thut nichts— ich will ſchon mehr aus ihm herausbringen, ich ſchwör' es. und wenn ich Alles haben werde, was ich mir verſchaffen kann, werde ich mein Gewiſſen dadurch beſchwichtigen, daß ich den jungen Schurken an den Galgen bringe.“ Als er zu dieſem wackern Schluß gekommen, drehte er ſich um, und ſah den Kopf des Bolofernes in ſchrek⸗ kender Nähe; auch ſchrack er zuſammen, als hätt' ihn der Blitz getroffen. „Mein Lieber,“ ſagte der bezauberte Kopf,„wie viel Geld hat dir Mr. Rainsford gegeben, um ſein Geheim⸗ niß zu bewahren?“ „Pah— was für Geld? Was für ein Geheimniß?“ „Ach— o weh! Welche böſe Welt iſt das! Nun, wer hätte glauben ſollen, dieſer junge Mann wär' ein—“ „Ein Was?“ „Hm!— Ach! O weh! Es iſt eine ſcandalöſe Welt! — Ich wünſche warlich manchmal, nicht mehr darin zu leben! Aber komm nun her und ſage mir, wie viel Geld du für die Bewahrung des Geheimniſſes bekommen haſt! Thu' es, Zeno!“ Und ſie grinſ'te ihn an, wie eine brüllende Löwin. „Pah, pah— Unſinn! Ich habe kein Geld bekom⸗ men— woher weißt du etwas davon?“ „Gut denn, wenn du es wiſſen willſt, will ich dir's ſagen. Zufällig, ganz zufällig war ich in der anſtoßen⸗ den Stube, und zufällig hörte ich Alles, was geſagt wurde. Nun, biſt du jetzt zufrieden?— O weh! In welch einer ſchlechten Welt leben wir!“ „Nun wohl, wenn du Alles weißt, kann ich dir's, denk' ich, auch erzählen.“ „Ja, ja— o thu' es— thu' es— ach, ach!“ und ſie zeigte eine ſo brennende Neugierde, daß der ſcharf⸗ ſinnige Zeno ſich überzeugte, ſie gebe vor, mehr zu wiſ⸗ ſen, als ſie wirklich wußte. Daher verſetzte er kalt: „Aber jetzt fällt mir ein— wenn du wirklich Alles weißt, iſt es nicht nothwendig, die Zeit mit dem Erzäh⸗ len zu verſchwenden.“ Sprach's und ging mit der Niene eines Mannes aus der Stube, der Geld in der Taſche hat, was man, wie uns dünkt, eine edle Miene zu nennen pflegt. Wär' ein einziges Auskunftsmittel nicht geweſen, ſo hätte ohne Zweifel der Kochkeſſel ihrer Neugierde platzen müſſen, und ſtatt der Thränen wäre ein brüh⸗ heiſer Dampf hervorgetrieben. Leute, die in der großen — 255 Welt leben, von Aufregungen der mannigfachſten Art umgeben ſind, und tauſend Hülfsquellen haben, um ihre Zeit zu vergeuden, machen ſich keine Vorſtellung von der quälenden Neugierde einer ächten, vollblütigen Dorf⸗ klatſche, welche nichts in ihrem Hauſe zu thun findet, und kein anderes Nittel hat, ihre müßigen Stunden hinzubringen, als die Sorge und Theilnahme an den Angelegenheiten ihrer Nachbarn. Dies wird nicht n die Leidenſchaft, ſondern die einzige Leidenſchaft ihrer Seele, die alle andern verſchlingt, wie Aaron's — nein, fort damit) dies Bild iſt zu verbraucht— wie der mächtige Miſſiſſippi hundert mächtige Gewäſ— ſer verſchlingt. Nach der Freude, eines Geheimniſſes habhaft zu werden, iſt, wie man annimmt, nichts ergötzlicher, als die, es weiter zu erzählen; ja, Leute, welche dieſen Gegen⸗ ſtand gründlicher erforſcht haben, neigen ſich der Anſicht zu, daß die Nachfreude, es wieder zu erzählen, dem Nachtiſch eines jetzigen Modeeſſens ähnlich, der beſte Theil des Mahles ſei. Dem ſei jedoch wie ihm wolle, ſo hegen wir durchaus keinen Zweifel, daß Frau Judith Paddock ein Unglück betroffen haben würde, wenn ſie ſich nicht über den Aerger, alles Beſprochene und Vorgeſal⸗ lene zu erfahren, alsbald dadurch getröſtet hätte, daß ſie das, was ſie wußte, der erſten Perſon mittheilte, welche ihr in den Weg kam, und dieſe mußte unglück⸗ licherweiſe Miß Virginia Dangerfield ſein. — Frau Judith ſuchte dieſes junge Mädchen auf, welches in Wahrheit ſeit ihrer Mittheilung, daß dieſe Welt ſo ſchlecht, ſo ſcandalös ſei, ihren Anblick kaum ertragen konnte. Virginia ſah ſie nie über die Straße kommen, ohne ein banges Vorgefühl irgend einer unwillkommenen Neuigkeit zu haben; der Art iſt aber der ſeltſame Wider⸗ ſpruch in der menſchlichen Natur, daß ſie doch zögerte d lauſchte, obgleich vielleicht jedes Wort ein Dolch⸗ ſtich in ihr Herz war. In der Furcht, und, vor Allem, in der ſchauervollen Wirklichkeit iſt eine Art übernatür⸗ licher Anziehungskraft. Das zarteye, ſanftere Geſchlecht, das Geſchlecht, deſſen Milde unerſchöpflich, deſſen Mitge⸗ fühl unergründlich iſt,— das Weib, dieſes ſo unendlich ſchüchterne, ſcheue, ſo leicht bangende Weſen, verweilt mit dem geſpannteſten Intereſſe, mit der größten Auf⸗ merkſamkeit bei den Blättern, in welchen Schrecken auf Schrecken gehäuft ſind, und wo die Verworfenheit in den grellſten Farben ihrer tiefſten Erniedrigung geſchil⸗ dert iſt. Wir ſehen anſtändige Frauen aus allen Theilen des Landes ſich herzudrängen, um die letzten Seufzer eines ſterbenden Niſſethäters zu hören, der als ein ver⸗ dientes Opfer der Heiligkeit der Geſetze und der Sicher⸗ heit der Geſellſchaft ſeinen Tod findet; es iſt nicht Grau⸗ ſamkeit, was ſie herzieht, nein, es ſind die ſüßen Schauer des Schauſpiels, der Zauber des Schrecklichen, was ſie lockt und gewaltſam feſſelt. Alle unſere Leſer werden ſich vielleicht einer Gelegenheit erinnern, wo die ſchau⸗ — 267— derhaft abſtoßende und furchtbar peinliche Darſtellung der Laſter und Gebrechen der menſchlichen Natur auf der niedrigſten Stufe der Verworfenheit und des Elends vlötzlich vor ihre Augen getreten iſt. Sie wenden im Vorübergehn die Augen in ſchmerzlichem Schauder ab; und doch— wahrhaft ſehr ſeltſam!— und doch hat die Neugierde, oder vielmehr der Reiz des Schrecklichen ſie gezwungen, noch einen Blick hinzuwerfen, und dieſet Blick hat die Scene der Phantaſie ſo lebhaft eingeprägt, daß ſie ſie noch lange Zeit nachher am Tag verfolgte, und ihr des Nachts als Geſpenſt erſchien.— So war es bei Virginia, die, während ſie vor dem bloßen Gedan⸗ ken an die Möglichkeit, daß der Argwohn der Frau Judith begründet ſein könnte, erſchreckt zurückbebte, ſich jetzt unwiderſtehlich hingezogen fühlte, auf jede neue Zuflüſterung und jeden unſichern Umſtand zu lauſchen, der ihre Zweifel vermehrte, und ſo ihre Leiden erhöhte. Bereits hatte in ihr jener Kampf zwiſchen Vernunft und Herzen begonnen, in welchem ſo viele holde Weſen als Opfer unrettbar fallen, oder, wenn ſie den Sieg davon tragen, dieſer durch den Verluſt jener ganzen Lebendig⸗ keit der Hoffnung, jenes entzückenden Gefühls der Freude erkaufen, das uns aus dem dunkeln Thale der Greiſen⸗ zeit mit langem, ſehnſüchtigem, zauderndem Blick auf die ſonnige Region der Jugend blicken läßt, von welcher wir unmerklich für immer niederglitten. Es gibt für krächzende Raben wie Frau Judith 268— nichts angenehmeres, als Staunen, Verwunderung, Freude, Schmerz, kurz irgend eine heftige und ergreifende Empfin⸗ dung zu erregen— Alles iſt ihnen einerlei, wenn ſie nur die Leidenſchaften in Thätigkeit bringen. Gleichgültigkeit ſetzt ſie in die unausſtehlichſte Unruhe. Deswegen hatte Frau Judith ganz beſondere Freude daran, Virginia Alles mitzutheilen, was dazu dienen konnte, ihren Arg⸗ wohn, ihre Zweifel an Rainsford zu vermehren, denn ſie ſah, daß dies das tiefſte und ſchmerzlichſte Intereſſe in ihr hervorrief. Sie begann, wie gewöhnlich, mit ihrem ewigen her⸗ gebrachten Geſchwätz von der Schlechtigkeit dieſer Welt, der Hinneigung derſelben zum Scandal u. ſ. w., und enthüllte endlich nicht nur Alles, was ſie gehört hatte, ſondern auch das, was ihre Einbildungskraft der Unter⸗ haltung zwiſchen Rainsford und Meiſter Zeno zufügte, wobei ſie am wenigſten verſäumte, der großen Geld⸗ ſumme zu vergeſſen, welche der Erſtere ihrem Manne gegeben hatte, um das Geheimniß zu bewahren. „Wenn es kein ruchloſes, abſcheuliches Geheimniß iſt— warum ſucht er meinen Zeno zu beſtechen, es für ſich zu behalten?— Ach, o weh! In welch einer ſchlech⸗ ten Welt— in welch einer ſcandalöſen Welt leben wir!“ Arme Virginia! In welcher Lage warſt du, und welchen Kampf hatteſt du zu beſtehen, um in den Falten deines unſchuldigen Herzens die giftige Natter, wenn möglich, zu verbergen, die dort zuſammengeſchmiegt lag, und ihr tödtliches Gift verſpritzte. „Ihr ſcheint nicht ganz wohl zu ſein, Miß Phiginny,“ ſagte dieſe verruchte Brandſtifterin, nachdem ſie mit grin⸗ ſender, heuchleriſcher Theilnahme Platz genommen, und den Kampf der Gefühle beachtet hatte, welcher ſich in der wechſelnden Farbe des Antlitzes des jungen Weſens ſpiegelte:„Ihr ſcheint nicht ganz wohl zu ſein? Laßt Euch rathen, etwas erfriſchendes, belebendes einzunehmen — Kräuterſaft oder dergleichen! Thut es ja, theure Miß Phiginny. Ach— o weh! Dies iſt eine ſchlechte, eine ſcandalöſe Welt!“ Das Weib ging fort, um zu wachen, aber nicht zu beten. Miſtreß Dangerfield trat einige Minuten darauf ein, und fand Virginia noch auf ihrem Stuhl, weiß wie eine Marmorſtatue, ihres Daſeins unbewußt. Sie erhob ſich raſch, als ihre Mutter eintrat, warf ihre Arme um ihren Hals, und zerſchmolz in einem ſtillen Thränenſtrom. „Meine liebe Virginia, was haſt du? Was iſt vor⸗ gefallen, ſprich?“ „Ich weiß es nicht! Ich kann es dir jetzt nicht ſagen, liebe Mutter! In kurzer Zeit aber, ſobald ich ſelbſt mehr weiß, ſollſt du Alles erfahren.“ „Ganz nach deinem Belieben, meine Tochter! Ver⸗ giß aber nicht, daß es keine Schmerzen, keine Sorgen, keine Wünſche, keine getäuſchten Hoffnungen gibt, welche — 270— eine tugendhafte und gehorſame Tochter dem Ohre einer gütigen, liebevollen Mutter lange vorenthalten darf.“ 6 „Du ſollſt Alles erfahren! Ich verſpreche es dir, du ſollſt Alles erfahren, ſobald ich es ſelbſt weiß.“ „Ich bin zufrieden, liebes Kind! und nun ſei heiter, denn ich ſehe, Mr. Rainsford iſt von ſeinem Beſuche bei Buſchfield zurückgekehrt, und kömmt eben über die Straße.“ Das junge Mädchen begab ſich einige Minuten weg und traf dann, ſich anſtrengend, heiter zu ſein, mit Rainsford zuſammen. — 271— Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Zeigt, daß die Worte vorzüglich dazu dienen, das zu entſtellen, was wir damit meinen. Virginia's und Rainsfords Zuſammentreffen war ſteif und verlegen. Jedes wußte, daß es ein Geheim⸗ niß hatte, und jedes fürchtete in gleicher Weiſe, es dem Andern zu verrathen. Es konnte Virginia nicht entge⸗ hen, daß Rainsford eine Art Zurückhaltung zeigte, welche, wie ſie argwöhnte, ihren Grund in der Erinnerung an die Erregung hatte, welche er bei der Erzählung von dem Wahnſinn des indianiſchen Weibes an den Tag gelegt hatte; während Rainsford in ihrem Antlitz einen aus Zärtlichkeit und Furcht gemiſchten Ausdruck, und in ihren Augen die Spuren von Thränen zu gewahren glaubte. Sie gewann es über ſich, ihn über die Vor⸗ gänge bei ſeinem Beſuche in Buſchfields Einſiedelei zu fragen; er zählte, was er wußte, ohne Wärme her, bis beide herzlich müde waren; kurz, ſie redeten von Allem, nur nicht von dem einzigen Gegenſtande, welcher ihre Gedanken wirklich beſchäftigte. Aber Alles kömmt an das Tageslicht, wie man gewöhnlich ſagt; wie wir auch eine Zeit lang um einen Gegenſtand von hohem Intereſſe herum gehen, gleich der um ein Licht ſchwirrenden Fliege, ſo können wir gewiß ſein, daß wir uns am Ende doch die Flügel ſengen. Die große Pein, welche ſie unter dem Gewichte des wachſen⸗ den Argwohns der wider ihren Willen in ihrem Her⸗ zen Wurzel gefaßt und gewuchert hatte, dulden mußte, prachte ihr almählig die Ueberzeugung, daß es für ihre künftige Ruhe unerläßlich ſei, ſich über ſeine Schuld oder unſchuld Gewißheit zu verſchaffen. War er ſchul⸗ dig, ſo hatte ſie beſchloſſen, ihn zn mahnen, die Gegend für immer zu verlaſſen und, wenn möglich, jede Gefühle für ihn zu vergeſſen, ausgenommen das der Dankbar⸗ keitz war er unſchuldig, ſo forderte es ſeine Ehre, ſo wie ihr eigenes Glück, daß ihm eine Gelegenheit darge⸗ boten wurde, jeden Schatten von Vorwurf oder Verdacht von ſich zu entfernen. Die unmittelbare Frage aber an einen Mann zu richten, gegen welchen ſie ſo große Ver⸗ pindlichkeiten hatte, mit welchem ſie faſt jeden Tag auf ſo innige Weiſe verkehrte, forderte einen Muth, über den ſie nie gebieten konnte. Zuweilen verſuchte ſie, den Gegenſtand zu berühren, aber ihr Herz verſagte ihr eben ſo oft, und nachdem ſie ſich über Nichts müde geſpro⸗ chen hatten, folgte ein düſteres, drückendes Schweigen. Endlich aber brachte ſie der Zufall auf den Gegen⸗ ſtand, der ihnen zunächſt am Herzen lag. Rainsford hatte es über ſich gewonnen, zu bemerken, er beabſich⸗ tige, da der Frühling heranrückte, bald von ſeinem — 3— Hauſe Beſitz zu nehmen und ſeine neue Niederlaſſung zu beginnen. „Ihr werdet ſehr einſam dort ſein,“ ſagte Virgi⸗ nia:„vielleicht haben aber die Lehren und das Beiſpiel Buſchfields Euch die des Alleinſeins lie⸗ ben gelehrt?“ „Nein,“ verſetzte der junge Mann:„die Einſamkeit hat keinen Reiz für mich. Ich haſſe das Gewühl eben ſo ſehr, als ich das Alleinſein fürchte— ich meine, unbe⸗ haglich finde. Ich bekenne aber, daß Etwas mich eini⸗ germaßen damit ausſöhnt, die Geſellſchaft meiner Freunde verlaſſen zu müſſen— nämlich der Gedanke, den ewi⸗ gen Nachforſchungen der Frau Judith Paddock zu entge⸗ hen. Ich habe in meinem ganzen Leben keine ſo läſtige Frau geſehen.“ „Ei, ſie iſt die ärgſte Schwätzerin in dem Dorfe.“ „Ja, und auf die Geheimniſſe der Leute nur darum ſo erpicht, um ſie vor andern Leuten geheim zu halten. Ich habe ſie vor wenigen Minuten dies Haus verlaſſen ſehen, übervoll von einer Neuigkeit. Ich hoffe, Ihr habt ihr keines Eurer Geheimniſſe anvertraut?“ ſagte er lächelnd. „Nein,“ verſetzte ſie und ihr Herz klopfte unge⸗ ſtüm, als ſie fortfuhr:„nein, aber ſie hat mir das Geheimniß eines Andern mitgetheilt“ Rainsford bebte leiſe, und Virginia, die ſich bemühte, ihm grade und offen in das Auge zu ſehen, glaubte, die Paulding I. 18 Bläſſe eines Antlitzes, das immer blaß war, ſich ſteigern zu ſehen. Da das Eis einmal gebrochen war, nahm ſie für den entſcheidenden Augenblick allen ihren Muth zuſam⸗ men, wie alle Geiſter höherer Art thun, wenn jener einmal da iſt. „Sie theilte mir etwas mit, das Euch ganz nahe betrifft und, ich muß es geſtehen, auch mich, denn ich kann nicht gleichgültig ſein, wenn von dem Charakter und den Handlungen des Mannes die Rede iſt, dem ich mich ſo ſehr verpflichtet fühle.“ „Mich betrifft es? Was kann ſie von mir ſagen— was kann ſie von mir wiſſen? Ich verſichere Euch, Miß Dangerfield, ſie kann nichts von mir wiſſen. Ich habe ſie nie zu meiner Vertrauten gemacht.“ „In ſolchen Fällen iſt es nicht immer nöthig, daß man Jemand zu ſeinem Vertrauten macht. Ein unwill⸗ kürlicher Blick— ein plötzliches Beben— ein unüberleg⸗ tes Wort— die Gewohnheit, mit ſich ſelbſt zu reden— tauſend kleine Zeichen, welche wir ſelbſt nicht beachten oder die wir nicht zurückhalten können, ſind die Werk⸗ zeuge, durch welche Schuld oder unglück ihre tief vergra⸗ benen Geheimniſſe enthüllen.“ Die Kraft des Gefühls, welche ſich der Seele des jungen Weſens jetzt bemächtigt hatte, gab ihren Nerven Stärke und befähigte ſie, während ihrer Worte mit feſtem, aber freundlich wehmüthigem Blicke, in Rainsford's Geſicht zu ſehen. Mit unausſprechlichem WVehleid ſah ſie ihn mächtig erregt und erſchüttert beben, als ſie ſo die Saite anſchlug, deren Ton das Geheul des Teufels war, wel⸗ cher bei Tag und bei Nacht ſeinen Schritten folgte. Er bemeiſterte aber doch ſeine Gefühle, ſammelte ſich mit aller Kraft der Verzweiflung und fragte in einem feſten männlichen Tone nach weiterer Auskunft. „Ihr müßt es wiſſen; und ich und meine Familie wenigſtens müſſen es wiſſen, ob das, was Frau Pad⸗ dock gehört und geſehen haben will und vermuthet, wahr oder falſch iſt.“ „Was— was hat ſie gehört? Was hat ſie geſe⸗ hen? Und was vermuthet ſie?“ ſagte der junge Mann faſt wüthend. „Ich— ich— kann es nicht!— Ja ich will Euch Alles ſagen:— Was ich nicht mehr verſchweigen kann— hat es faſt— hat es, wenn es wahr iſt, durchaus noth⸗ wendig gemacht, daß Ihr— daß wir uns nie wieder ſehen; daß Ihr dieſen Ort verlaßt und nie wieder kehrt.“ „Gut, laßt mich es hören, Virginia,“ verſetzte er mit dumpfer Stimme, lehnte ſich in ſeinem Stuhle zurück und wartete mit dem Gefühle des Menſchen, deſ⸗ ſen Gewiſſen ihm bereits das Geheimniß zugeflüſtert, auf den verlangten Aufſchluß. Virginia that ihm nun, mit eben ſo viel Milde als Würde, das Weſentliche der zwei vertraulichen Mitthei⸗ lungen der Frau Paddock kund, wobei ſie ſich enthielt, irgend eine Aeußerung einzuſchalten oder irgend eine Fol⸗ 18* gerung zu ziehen. Es war ja unmöglich; ihr Herz ver⸗ mochte es nicht; und wär' auch das geweſen, ihre Zunge hatte es nicht vermocht, auf den augenfälligen Schluß hinzudeuten, zu welchem eine ſo ungewöhnliche Erre⸗ gung, ein ſo reicher für die Bewahrung des Geheimniſ⸗ ſes gebotener Lohn berechtigte. Wie ſie fortfuhr, wurden Rainsford's Gefühle ſicht⸗ barer: er zitterte; er ſchnappte nach Athem: er ſchlug ſeine Hände krampfhaft in einander und bedeckte endlich ſein Geſicht und weinte laut, als ſollte ſein Herz bre⸗ chen. Virginias Gemüthsbewegung glich faſt ſeiner eige⸗ nen, und ſie leiſtete ihm mit ihren ſtillen Thränen Geſell⸗ ſchaft. Endlich faßte ſie noch einmal Muth und fragte beſtimmt: „Iſt die Erzählung der Frau Paddock wahr?“ „Ja— aber—“ „Dann wollen wir uns nie wieder ſehen. Ich kann Euch nicht verrathen. Aber Ihr müßt dieſe Gegend auf immer verlaſſen.“ „Aber, Virginia— Miß Dangerfield— laßt mich Euch auseinanderſetzen—“ „Ich bedarf keiner Auseinanderſetzuns!— Nichts, nichts kann die furchtbaren Gefühle, welche Eure Ge⸗ genwart uns jetzt einflößt, entfernen oder ſänftigen. Verlaßt mich— ich vergebe Euch— ich— ich bemit⸗ leide Euch.“ „Aber, theure Virginia—“ — 277— „Theure Virginia! Wie kann ein Elender wie Ihr, es wagen, einem unbeſcholtenen Mädchen dieſen Namen zu geben?“ „Ich bin ein Elender! Der Elendeſte aller Elenden, die je auf der Erde gekrochen und die Stunde verflucht haben, in welcher ſie geboren worden. Aber mein Unglück ſollte mich nicht aller Theilnahme berauben. Gott weiß es, ich bedarf derſelben.“ „Unglück?“ rief Virginia verächtlich. „Ich wenigſtens kann nichts dafür, daß ich bin, was ich bin; es war, oder wird das Werk des Schick⸗ ſals ſein; ein auf mich vererbter Fluch!—“ „Das Werk des Schickſals!“ rief Virginia leiden⸗ ſchaftlich:„Ja, das iſt die frevleriſche hergebrachte Sprache jedes elenden Geſchöpfes, das die Verſuchungen des Satans den Fügungen des Himmels aufzubürden und durch die Anklage Gottes ſich ſelbſt zu rechtfertigen bemüht iſt. Geht— geht— verlaßt mich und für immer, denn je mehr Ihr Euch zu rechtfertigen ſucht, deſto mehr muß ich Euch haſſen. Möge der Himmel mir vergeben, daß ich mit meinem Lebensretter ſo ſprechen muß.“ „Gut, meine Dame, ich werde gehen!“ ſagte er ſtolz.„Ich will verſuchen, Euch zu vergeſſen, und wenn ich es nicht kann, werde ich mich wenigſtens beſtreben, Eurer als eines Weſens zu gedenken, das, da es ohne MNitleid, eine Ausnahme unter Allen ſeines ſanften Ge⸗ ſchlechtes iſt.“ — 278— „Ohne Mitleid? und iſt die Rittheilung der Frau Paddock nicht wahr?“ „Sie iſt wahr— ich kann es nicht läugnen.“ „Warum ſeid Ihr dann noch hier?“ „Ich gehe, meine Dame.“ „Elender, verhärteter Frevler!“ rief Virginia, als er die Thüre zumachte und mit der zürnenden Miene eines Beleidigten fortging. Inhalt des erſten Theils. An die Leſer.. Erſtes Kapitel. Das düſtere, blutige Länd.. Zweites Kapitel. Ein ächter Virginier. Drittes Kapitel. Wie die graue Stute ſich in mehr als einer Weiſe als das beſſere Pferd bewährt. Viertes Kapitel. Eine tugendhafte Frau iſt eine Krone für ihren Gatten...... Fünftes Kapitel. Wie ein Gentleman mit ein wenig Arithmetik ſeine Angelegenheiten beſſer behandeln lernt... Sechſtes Kapitel. Wohlauf, nach Weſten!. Siebentes Kapitel. Oberſt Dangerfield macht Anſtalt, einen neuen Staat zu gründen... Achtes Kapitel. ueber Berge und Höh'n und immer weiter... 6 Neuntes Kapitel. Lebewohl. Zehntes Kapitel. Anſiedlung. Elftes Kapitel. Ein kurzer Rückblick. Zwölftes Kapitel. Paudeteien vom Alten und Ven. „ Seite. 5 9 14 36 47 116 127 139 265— Dreizehntes Kapitel. Rainsfords plötzliche Abreiſe und das geheimnißvolle Benehmen des Meiſter Zeno Paddock. Vierzehntes Kapitel. Eine Waſſerfahrt, eine Geſchichte und ein Landabentheuer.. Fünfzehntes Kapitel. Der Verfaſſer bezengt der Mutter⸗Erde ſeine Ehrfurcht, worauf er eine Jagdpartie beſchreibt Sechzehntes Kapitel. Rainsford von heiligen Allianz Zeno's und Judiths bekagert.— Jener macht eine große Entdeckung.. Siebenzehntes Kapitel. Handelt von den Folgen des Vorhergegangenen. Achtzehntes Kapitel. Eine große Endeckung der Frau Judith Paddock; nämlich, daß dies eine ſehr ſchlimme und böſe Welt iſt. Reunzehntes Layitei⸗ Zeigt, ne eine Generation hat, über die Andere zu lachen. Zwanzigſtes Kapitel. Wie wonnig iſt's in Waldesräumen. Einundzwanzigſtes Eine ſehr geſcheidte Frau und ein ſehr guter Gatte. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Zeigt, daß die Worte vorzüglich dazu dienen, das zu entſtellen, was wir damit meinen. 1 n n 9 10 11 P ſ ſſſ 12 13 14 15 16 17 18 19