Leihbiliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und eſebedingungen. 1 oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei uckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf⸗ bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe diſelhen enſeneiceſute — hinterlegen, welche bei deſſen Zuru wird. 4. Abonmement. Daſſ elb beträg für w auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. „„ S 5. Auswärtige Abolnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Lir beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und † defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern.) muß der Ladenpreis erſetzt werden,— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihereit. Dieſelbe auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird acht, daß das eiteryerleihen 1 e muß voraus bezahlt werden und öcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 3 1 M. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. ₰ beſonders darauf aufmerkſam gemt 6 das der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ für zu ſtehen haben. ſelben von mir geliehen, auch da ee —, — i— 5 1 3. — 3 — James Paulding's Amerikaniſche Romane. Zweiter Band. Wohlauf, nach Weſten! Zweiter Theit. Frankfurt am Mlain, 1837. Druck und Verlag von F. D. Sauerländer. Wohlauf, nach Weſten! Roman von James Paulding. Aus dem Engliſchen. Zweiter Theil. Frankfurt um Main, 1837. Druck und Verlag von J. D. Sauerländer. Erſtes Kapitel. „Im Myrthenhain der Venus irren wir, und jedes Vöglein wird hier ein Cuvido und ſingt von Lieb' und Jugend; jedes Windchen, Durch ſammi'ne Blätter ſäuſelnd, athmet Freude; Die Quellen locken murmelnd an ihr ufer, Die duft'gen Blumen locken uns zum Sitze, Doch weckt der Reiz nicht unſ're Sinnlichkeit; Wir wandeln, wie im Auge unſ'res Gottes.“ „O herrlicher Ben Jonſon!“ ſagten Viele und„O herr⸗ liche Geiſter, Ben Jonſon und Fletcher!“ ſagen wir; denn, wirklich und aufrichtig, wir ziehen dieſes edle Dich⸗ terpaar allen alten engliſchen dramatiſchen Schriftſtellern, Shakſpeare ausgenommen, vor. Wo findet man unter den britiſchen Barden einen, der ſie an leichtem, anmu⸗ thigen Witz. Reichthum der Phantaſie, üppiger Fruchtbar⸗ keit der Erfindung, und vor allem an dem ſüßen Zauber der Sprache überträfe? Es will ſich nicht für uns paſſen, die britiſche Schlafmütze aufzuſetzen und uns, die des Leſers Nachſicht ſelbſt in ſo hohem Grade in Anſpruch nehmen müſſen, als Richter über Andere hinzuſtellen; wir würden uns aber ſelbſt für gemein und undankbar — halten, wenn wir dieſe zufällige Gelegenheit nicht benützten, in dieſer fernen Region des Weſten, wo ſie vielleicht nie träumten, einſt Millionen von Leſern zu finden, unſere Stimme zu beſcheidener Anerkennung der vielen Stunden zu erheben, welche die Schöpfungen ihrer lebenvollen, heitern Phantaſie, mit der unvergleichlichen Harmonie ihrer bezaubernden Verſe geſchmückt, uns verſchönerten. Der Menſch muß aber ſtets ein Ideal haben einen Geiſt, der ſeine Bewunderung und Verehrung ausſchließlich auf ſich zieht. Der Name Shakſpeare's hat die ſeiner Vor⸗ gänger, Zeitgenoſſen und Nachfolger verſchlungen. Tau⸗ ſende, Zehntauſende laſſen ſeinen Namen widerhallen, die nie von Marlowe gehört haben— von Marlowe, den zu benützen, Shakſpeare ſelbſt nicht zu groß war und deſſen Schilderung von Fauſt's Charakter mit dem Goe⸗ the'ſchen Fauſt ſo viel Aehnlichkeit hat— noch von Webſter, Marſton, Randolph, Cartwright, May und jener ganzen ſeltſamen Schaar dramatiſcher Schriftſteller, welche die größten Schönheiten mit den größten Fehlern verbinden, und deren Genius unter der Ausſchweifung des Zeitalters ſank, in welchem ſie das Unglück hatten, zu leben. Die Namen Maſſinger, Ben Jonſon, Beaumont und Fletcher ſind allerdings bekannter; aber man kennt nur ihre Namen und einige ihrer Stücke. Dieſe letztern blieben auf der Bühne, nicht ihrer großen Schönheit wegen, ſondern weil ſie Garrick und einigen andern großen Schauſpielern Gelegenheit boten, durch Darſtellung einiger anziehenden * Charaktere Lorbeern zu erndten, welche dem Dichter gehörten. Fern ſei es von uns, dem Ruhme Shakſpeare's zu nahe treten zu wollen. Ohne Frage iſt er allen ſeinen Landsleuten überlegen, welche in dem Beſonder⸗Kreiſe ſeines Genius vor ihm und nach ihm ſich bewegten; aber ſeine Ueberlegenheit iſt nicht ſo unendlich groß, daß ſie alle Andern in Vergeſſenheit bringen ſollte; und es ſcheint uns veinahe eine Schmach für England, daß ein großer Theil engliſcher und eine noch größere Anzahl fremder Leſer nicht zu wiſſen ſcheinen, daß dieſes Land jemals mehr als einen dramatiſchen Dichter hervorgebracht hat. Aber„Vorwärts! Vorwärts!“ rufen die ungeduldigen Leſer, welche, um es geradezu zu ſagen, in neuerer Zeit verderbt worden ſind, indem man ihnen zu viele ſtark gewürzte Leckereien und wunderbare Abenteuer, die einan⸗ der, wie die Glieder ungeübter Nilizen, auf die Ferſen traten, vorzuſetzen für gut fand. Dem hohen Winke des Leſers gehorchend, nehmen wir den Faden unſter Ge⸗ ſchichte auf. Die erſte Zeit des weſtlichen Frühlings, wo keine ſchneidenden, ſchmählichen Oſtwinde, keine kalten, weißen, fröſtelnden, meergebornen Nebel, welche wie Leichenhem⸗ den kommen, das hinfällige Opfer der Auszehrung in das letzte Gewand zu hüllen und die ſich erſchließenden Knospen und aufgehenden Blumen zurückhalten— die erſte Früh⸗ lingszeit lugte unter den kleinen, blauen wilden Veilchen⸗ und den blaſſen Schneeglöckchen hervor, um zu ſehen, ob der alte eisſtarre tyranniſche Winter ſeine Habſeligkeiten zuſammengepackt und ſich davon gemacht hätte, um anderswo ſeinen Geſchäften obzuliegen. Die Rothſpechte und Papa⸗ geien zeigten ihr buntes Gefieder unter den ſich öffnenden Purpurknospen und das Lebensblut der Natur, von den eiſigen Feſſeln erlöst, begann wieder friſch durch die Adern des Waldes zu ſtrömen. Es war die Zeit der Bereitung des Ahornzuckers, eines ländlichen Feſtes, welches in der Zeit, von der wir reden, und, wir hoffen noch jetzt, das Signal zu ländlichen Ergötzlichkeiten und unſchuldigen Vergnügungen abgab. Der erquickende Athem der balſamiſchen Luft, welcher die Blumen, die Knospen, die Vögel weckte, welcher die Inſekten im Sonnenglanze ſummend umhertrieb und die erſtarrte Fliege einlud, das glückliche Fenſter zu ſuchen und ſich für den langen Schlaf zu entſchädigen, rief auch die Nachbarn zu ihrem Lieblingsvergnügen heraus. Der Oberſt, Niſtreß Dangerfield, Virginie, die ſchreckliche Frau Judith, kurz alle ſammt und ſonders ſchickten ſich zu den jährlichen Zucker⸗Saturnalien an, bei welchem Etikette und Rückſichten auf Rang und Stand entfernt blieben und Alle der Leitung jenes natürlichen Zartgefühls überlaſſen blieben das überall, nur nicht bei Thoren und Geſindel, hinreicht, um Sitte und Schicklichkeit gebührend zu wahren. Das letzte ueberbleibſel der virginiſchen Ariſtokratie, der große Pompejus Entenbein, deſſen Beine wirklich von Tag zu Tag ſchlotteriger wurden, ſo daß —, — 9— . man nicht zweifeln konnte, ſie würden bald nur noch zu der letzten langen Reiſe hinreichen— Pompejus der Aeltere rief ſofort Pompejus den Jüngern auf, alle ſeine Kräfte aufzubieten, um der Familie Ehre zu machen: Ja, ſelbſt Mr. Littlejohn, den wir— zu unſerm eignen Vorwurfe ſei es geſagt— ſo lange aus den Augen ver⸗ loren hatten, raffte ſich mit einer mächtigen Anſtrengung zuſammen und mit einer noch mächtigeren Anſtrengung erhob er ſich von ſeinen drei Stühlen, auf welchen ſein äußerer Menſch ſich auszuruhen gewöhnt war. Die Bäume waren angebohrt; der ſüße, üppige Saft der Ahornbäume begann in die kleinen hölzernen Tröge zu fließen; die Feuer loderten empor, die Keſſel wurden mit der Flüſſigkeit gefüllt, und die ehrwürdigen Frauen übernahmen mit Würde und Geſchick den Vorſitz bei dem Geſchäfte des Abkochens derſelben zu Syrup, bei dem Abheben der ſich ausſcheidenden unreinen Theile und end⸗ lich beim Cryſtalliſiren des reinen Reſiduums— der Himmel verzeihe einen ſolchen Ausdruck, wenn von einer ſo einfachen Sache die Rede iſt—! Dieſes Geſchäft dauerte bis zur Nacht und dann erglühte der Wald von dem künſtlichen Sonnenſcheine der rothen Feuer, und jedes Echo gab aus ſeinem langen ruhigen Sitze die Töne des Geſanges, des Gelächters und der Fröhlichkeit zurück. Wir geſtehen, wir wünſchten dabei geweſen zu ſein, um dieſen ſüßeſten aller Zucker zu koſten und dieſe unſchuldi⸗ gen Freuden zu theilen; denn wenn es auf dem zerfetzten —— Gewande des menſchlichen Daſeins eine Stelle gibt, welche durch Sünde und Vorwurf noch nicht unheilbar geſchän⸗ det iſt, ſo ſind es dieſe Augenblicke ſchuldloſer Erheiterung, in welchen wir Niemand beneiden, Niemand haſſen, Nie⸗ mand kränken, und wo das Herz ſich in heiliger Liebe zur Natur und ihren großen, begeiſternden, ſchaffenden, erhal⸗ tenden Geiſt ausdehnt. Auch Buſhfield war hier in ſeiner ganzen Glorie und war nicht nur„ein ganzes Geſpann,“ ſondern„anderthalb Geſpann, gutes Maß,“ wie er ſich ausdrückte. Dies war die einzige Gelegenheit, wo er das Menſchengewühl nicht vermied und ſich gern unter die fröhlichen Nachbarn miſchte. Er wandelte von einem Feuer zum andern, machte ſeinen derben Witzen über Pompejus den Großen und Pompejus den Kleinen Luft und ließ die Wälder von ſeiner lärmenden Heiterkeit widerhallen. Selbſt der ſtrenge, unbiegſame Ernſt des ſchwarzen Kriegers ließ unter dem Einfluſſe dieſes Schauſpiels ein wenig nach, und man ſagt— wir können es aber kaum glauben— ſeine gravitätiſchen Züge ſeien in eine Art Lächeln aus⸗ geartet, als er geſehen, wie Buſhfield mit möglichſt ſanfter Gewalt in Miſtreß Judith Paddock drang, mit ihm einen Walzer zu verſuchen, von dem Rainsford ihm eine Beſchreibung gegeben hatte und an deſſen Schluß er einen Sprung machte, ſo hoch, wie ein junger Baum. um mit unſerem ländlichen Feſte vollſtändig abzuſchlieſ⸗ ſen, bemerken wir noch, daß einige gewiſſe blühende junge — 11— weibliche Schönheiten— wir wünſchten, es wären Hirtin⸗ nen geweſen— und gewiſſe muntere Jünglinge— o wären ſie nur Hirten, wie die Sicilianiſchen, von denen Theokrit geſungen und deren ſchafswollene Beinbekleidung er verewigt hat— daß gewiſſe junge Leute beiderlei Geſchlechts aus dem Dorfe, durch den Hauch des Frühlings, durch das Beiſpiel der kleinen Vögel und durch die kleinen ländlichen einſamen Spaziergänge, welche ſie ſich gelegent⸗ lich in dem ſchlimmen Zwielicht der Wälder erlaubten, verleitet wurden, ſich zu verlieben und in Gegenwart der Dryaden und Hamadryaden, welche heilig verſprachen, ſie nie zu verrathen, ſich ewige Treue zu ſchwören. Aber es konnte da keine Geheimniſſe geben, wo Frau Judith Paddock weilte, und in weniger als vier und zwanzig Stunden nach dieſen freundlichen Handverſchlin⸗ gungen war keine lebendige Seele in dem Dorfe Dan⸗ gerfieldville, welcher unbekannt geweſen wäre, daß Hymens Tempel bald wenigſtens ein halbes Dutzend Geweihete aufnehmen würde, deren Herzen ſich eben erſt bei dem Feſte der Zuckerbereitung gefunden. Wenn wir geneigt wären, über das Räthſelhafte des menſchlichen Herzens zu philoſophiren, ſo könnten wir jetzt eine Unterſuchung über jene wunderbare Verwandſchaft anſtellen, welche zwiſchen Zuckermachen und Hofmachen beſteht, zwei der ſüßeſten Beſchäftigungen in dieſer Welt. Wir wollen dies jedoch für ein künftiges Werk aufſparen, in welchem wir zu beweiſen gedenken, daß Ahornzucker Ahornzucker, 5 und Liebe Liebe iſt— ein Unternehmen, für welches uns der freundliche Leſer ohne Zweifel ſehr dankbar ſein wird, indem es ihm zeigt, daß die erſtaunliche Entwicklung der Wiſſenſchaft, Philoſophie, und wie dieſe Dinge alle heißen, ſo groß iſt, daß wir ſelbſt anfangen, das Poſtulat des gelehrten Thebaners Touchſtone zu bezweifeln, das„ibse er,“ daß Liebe Liebe und Ahornzucker Ahornzucker iſt. — 3— Zweites Kapitel. Ein Abendſpaziergang, ein Abendgeſpräch, und was erfolgte. Rainsford hatte ſich bei dem Feſte im Waldlande nicht ſehen laſſen; unter dem Vorwande, Vorbereitungen zu ſeinem Ueberzuge treffen zu wollen, war er in ſein neues Haus gegangen. Virginie, welche zwar ſeit der letzten unterredung mit ihm ziemlich gelaſſen erſchien, fühlte eine ſchwere Laſt auf ihrem Herzen und verfiel in jenen Gemüthszuſtand, welcher zu einſamem Nachdenken hin⸗ neigt. Eines Abends wandelte ſie das ufer des Fluſſes entlang, nicht, um ſich der erblühenden Reize des Früh⸗ lings oder der idylliſchen Schönheiten der Landſchaft zu erfreuen, ſondern um über vergangene Zeiten und über die verhüllte Zukunft nachzuſinnen. Die Zeit und die Ausſicht, welche ſich vor ihr ausbreitete, waren gleich einladend. An dem entgegengeſetzten Ufer des Fluſſes warfen die hohen, ſtolzen Abhänge dunkelfarbiger Felſen ihre tiefen Schatten auf den Schoos der klaren Wellen, welche hier in Folge der Ausdehnung des Bettes, ruhig in dem geräu⸗ migen Becken ſpielten. Die obere Linie dieſer unver⸗ gänglichen Wälle erhob ſich, von Virginia's Standpunkt geſehn, hoch in die Luft und jenſeits oder über ihm, war —— nichts zu ſehen, als der reine, blaue Abendhimmel. Wie die Sonne allmälig gegen den Horizont ſank, glich ſie einer blutrothen Flammenkugel und ſah, als die maſſen⸗ hafte Felſenwand ſie halb barg, wie ein großes Feuer⸗ zeichen aus, wie man es in frühern Zeiten den Thälern und Hügeln von Altſchottland, dem Lande der Kuchen, der Heimath von Burns und Walter Scott, zu geben pflegte, um ihre kühnen Bewohner zu den Gefahren her⸗ beizurufen, welchen ſie ſo gern entgegen gingen. Das ufer auf der Seite, wo das Dorf Dangerfieldville lag, war eine fruchtbare Niederung. Wer ein wenig mit der Geologie vertraut wäre, würde es„Flußanſchwemmung“ nennen; wir geſtehen aber, daß wir gern zum Verſtänd⸗ niß gewöhnlicher Leſer ſprechen, denen zu gefallen unſer Gefallen iſt. Es war ſo ein kleines Paradies, wie es die Hirten weiland in den Hirtengedichten beſuchten, die einſt ſo bewundert wurden, jetzt aber als phantaſtiſche Gemälde eines Geſellſchaftszuſtandes, welcher nie beſtan⸗ den, verworfen werden. Um ſo ſchlimmer! um ſo ſchlim⸗ mer! denn wie uns dünkt, beſteht das ſchöne Ideal des menſchlichen Glücks in jener dichteriſchen Vereinigung (wenn eine ſolche möglich wäre) der ganzen Einfachheit ländlicher Unſchuld, des ganzen ſanften Genuſſes ländlicher Scenen, ländlicher Freuden und ländlicher Beſchäftigungen mit edeln Sitten und geiſtiger Bildung. Es ſpricht nicht zu Gunſten des Zuſtandes der Sitten oder der Sittlich⸗ keit, wenn das menſchliche Gemüth nur durch grellfarbige — 15— Gemälde von Schuld und Leidenſchaft, durch ſtark gewürzte Verſuchungen zu Thorheit und Laſter, zu Gefühl und Begeiſterung hingezogen werden kann. Der allgemeine Charakter der Scene, welchen wir zu ſchildern verſuchten, war der des Schweigens und der Ruhe. Dann und wann glitt jedoch ein Kahn den Fluß hinab und das Schweigen wurde auf einige Minuten von dem Lachen und Geſang der Schiffer unterbrochen oder dem Widerhall durch die rührendſte Muſik, die es an geeignetem Orte und zur geeigneten Zeit geben kann— durch die ſanften Töne der hölzernen Trompete geweckt, welche diejenigen, die ſie an den einſamen Strömen des Süden und Weſten gehört haben, gewiß niemals vergeſ⸗ ſen. Kein Jagdhorn, keine Schalmei, keine Rohrflöte der Hirten, die unter den Frauen und Dryaden in griechiſchen und ſiciliſchen Thälern erklangen, ließ ſolche ſanfte, ſchmelzende Töne erſchallen, wie wir ſie ehedem in weichen Wellen der einfachen Holztrompete irgend eines Fluß⸗ Orpheus, ſchwarz wie das Gewand der Nacht, wenn kein Sternchen an dem trüben Himmel wachte, entſtrömen hörten. Virgin ia's Augen ruhten auf der Landſchaft, aber ihre Gedan ken waren in der Ferne. Es iſt kaum noth⸗ wendig, zu ſagen, wohin ſie wanderten, oder ob ſie heiterer oder ſchmerzlicher Art waren. Welche Farbe ſie aber auch trugen— der Schall von Fußtritten unterbrach ſie plötz⸗ lich, und ein Weſen näherte ſich, welches ſie ſogleich als — 16— eben dasjenige erkannte, welches in dem Augenblicke die ganze Beſchäftigung ihres Geiſtes ausgemacht hatte. Sie bebte und war beleidigt. „Mr. Rainsford,“ ſagte ſie,„nach dem, was vorge⸗ fallen iſt, glaubte ich nicht— wünſchte ich nicht, Euch je wieder zu ſehen.“ Und ſie ging eiligen Schrittes dem Dorfe zu. „Virginia— Miß Dangerfield, vergebt mir den Wunſch, Euch noch einmal zu ſehen. Ich verlaſſe morgen dieſe Gegend. Ich werde nie zurückkehren und ich— ich weiß nicht, ob die Erfüllung meines Wunſches mich glück⸗ licher oder unglücklicher macht— aber ich wünſchte, Euch Lebewohl zu ſagen und in Frieden von einem Weſen zu ſcheiden, mit welchem ich bis zu der neueſten Zeit in Frieden gelebt habe.“ „Gut, Sir, in Frieden laßt uns ſcheiden, obgleich mir erlaubt ſein wird, zu ſagen, daß Euer Eindringen in unſer friedliches Dorf, die Annahme der Gaſtfreundſchaft meines Vaters, und— und— doch von mir ſelbſt will ich ſchwei⸗ gen.— Ich frage, ob all das nicht unter den Umſtänden, unter welchen Ihr hierher kamt, Euch ſelbſt ſchmachvoll, ehrlos erſcheinen muß?“ „Ja— ja— das war es— ich bekenne, ich weiß, es war das. Ein Elender, wie ich bin, hatte ich kein Recht, die Zuneigung irgend eines menſchlichen Weſens für mich gewinnen, ſein Herz an das memige feſſeln zu wollen, da ich in der furchtbaren Erwartung,— nein, in —— der furchtbaren Gewißheit lebe, daß ich denen, welche ein Intereſſe an meinem Schickſale nehmen, eines Tages nur Schmerz bereiten kann.“ „Ihr mußtet dies vorher bedenken, Mr. Rainsford.“ „Ich mußte— ja, ich that es. Aber denkt Euch einen Mann, Virginia, der keinen Freund, keinen Ver⸗ wandten, nicht Eine Seele hat, die an ſeinem Schickſale Theil nimmt— der Alle, die er liebte, Alle, die ihn liebten, begraben hat— dem der Anblick ſeiner Jugend⸗ geſpielen zuwider iſt, der ihre Geſellſchaft ſcheut und als ein elendes Wrack an Körper und Geiſt in der weiten Hede der Welt, ohne Ruder, ohne Compaß, ohne Ruhe⸗ hafen umherſchwankt— denkt Euch, wie groß die Selbſt⸗ verläugnung dieſes Mannes ſein müßte, wenn er unter ſolchen Umſtänden der Güte wohlwollender Fremden zu widerſtehen vermöchte. Und doch werdet Ihr Euch erin⸗ nern, daß ich Eures Vaters Gaſtfreundſchaft nicht geſucht habe.“ „Ich weiß es— ich weiß es! Aber wenn Ihr wußtet, daß Ihr keinen Anſpruch darauf hattet, ſo durftet Ihr ſie auch nicht annehmen,“ verſetzte Virginia, deren Gefühle durch das traurige Bild, welches Rainsford von ſich ent⸗ worfen, unendlich geſänftigt waren, ſo daß ſie ihm faſt verziehen hätte.„Aber es iſt unnöthig, mehr zu ſagen oder dieſes Zuſammentreffen zu verlängern. Wie Ihr auch an mir und den Meinigen gehandelt haben möcht, ſo vergebe ich Euch. Ihr habt mein Leben gerettet— Paulding. I. 2 — 18— ich kann dies nicht vergeſſen! Und möge der ewige Schö⸗ pfer, an welchem Ihr ſo ſchwer geſündigt habt, die Erhal⸗ tung meines Lebens als eine Sühne für das annehmen, deſſen Ihr Andere beraubt habt.“ Rainsford blickte ſie erſtaunt an. „Andere beraubt? Was ſoll das— was wollt Ihr damit ſagen, Virginia?“ „Euer Gewiſſen wird Euch ſagen, was ich nicht aus⸗ ſprechen kann.“ „Mein Gewiſſen? Vei meiner Seele, ich verſteh' Euch nicht!“ und dennoch bebte Rainsford fortwährend vor innerer Unruhe. „Soll ich ſprechen? Soll ich Euch an Euer eigenes Bekenntniß erinnern?“ fragte ſie ungeduldig. „Nein, Virginia, es bedarf deſſen nicht— die Erin⸗ nerung verläßt mich keinen Augenblick, weder wachend, noch ſchlafend. Sie verfolgt mich in meinen Träumen und macht meine Nächte zehntauſendmal unglücklicher als meine Tage! Aber dennoch verſtehe ich nicht, was Ihr eben ſagtet.“ „Heuchler!— ich muß alſo, ich muß! Antwortet mir!“ Sie wandte ſich ganz zu ihm um. „Antwortet mir, Mr. Rainsford! Habt Ihr nicht ſelbſt bekannt, daß Ihr ein Mörder—2* Und ſie ſchauderte vor Abſcheu, als ſie das ſchreck⸗ liche Wort ausſprach. „Mörder? Ha, ha, ha!“ Rainsford lachte laut. „Nein— nein! Dem Himmel ſei Dank! Noch nicht. Was auch, wenn die rechte Zeit kömmt, aus mir werden ng „Elender Menſch!“ „Ja, ich bin elend, aber kein Mörder!— Ha, ha, ha! Welche hohe Meinung habt Ihr von mir. Nennt mich doch noch Dieb und Räuber, Verführer, Tollhäusler, Virginia, um die Geſammtſumme meiner Vortrefflichkeiten auszudrücken! Thut es doch, Virginia!“ Virginia bebte vor Abſcheu und Schrecken, zumal, als er gefaßter fortfuhr. „Was Ihr eben geſagt habt, überzeugt mich, daß es an der Zeit iſt, Euch gewiſſe Erklärungen zu geben, welche Ihr eines Tages zu hören verweigert habt; jetzt fordert es die Gerechtigkeit, daß Ihr mir Euer Ohr leiht. Ja, ja, Ihr müßt, Ihr werdet mich anhören. Ihr werdet horen, was ich nie einem menſchlichen Weſen entdeckt habe, nie freiwillig entdecken werde. Kommt, ſetzt Euch auf dieſen alten grauen Felſen und hört, was ich Euch ſagen werde Es iſt des Hörens werth, Ihr dürft es glauben.“ Virginia konnte nicht mehr widerſtehen; zitternd vor Erregung ſetzte ſie ſich nieder und harrte, gegen einen ſtarken Baumſtamm gelehnt, der aus den Felſen gewach⸗ ſen war, ſeiner Nittheilung. „Gut, Sir, beginnt— laßt mich Alles wiſſen.“ 2 ½ — 20— „Virginia, es iſt Wahnſinn in meinem Blute und Stamme.“ „Wahnſinn? O Gott! Wahnſinn?“ „Seid ruhig! Vorerſt iſt noch keine Gefahr! Ich werde Euch nichts thun, liebes, gütiges, edles Weſen, obgleich Ihr mich für einen Mörder hieltet.“ „Habt Ihr es nicht eingeſtanden?“ „Nie, bei meiner Seele. Aber ich durchſchaue jetzt den Grund Eures Irrthums und werde ihn entfernen, wenn Ihr meine Geſchichte ruhig anhören wollt.“ „Ich bin der letzte meiner Familie und kann mich deſſen nur freuen, denn wenn ich dahin bin, wird ihr Name und Andenken für immer in dem Schutte ihrer unglücklichen Trümmer begraben ſein. Virginia! Vir⸗ ginia! Ich habe etwas begonnen, das, wie ich fürchte, den unglücklichen Augenblick veſchleunigen wird, welcher meine Phantaſie jeden Augenblick meines Lebens verfolgt.“ „Gebt mir nur die feierliche Verſicherung, daß Ihr unſchuldig ſeid, und ich erlaſſe Euch alles Andere.“ „Nein, nun ich es über mich gebracht, zu beginnen, ſoll Euch auch Alles enthüllt werden. Ich habe geſagt, ich ſei der letzte meiner Familie; dies aber iſt das Schick⸗ ſal von Tauſenden— ein gewöhnliches Geſchick, nicht werth, daß man davon ſpricht, daran denkt. Alle Men⸗ ſchen ſterben; alle Geſchlechter, Namen, Familien, Natio⸗ nen, die vielen Nillionen des Univerſums,— alle ſchwin⸗ den dahin; aber zu ſterben, wie die Meinigen geſtorben 21— ſind, wie ich ſterben werde— ja, da liegt's, Virginia, da liegt's!— „Meine Familie war geachtet und reich, ſo reich, daß das Glück entſchloſſen ſchien, volle Entſchädigung für den Fluch zu bieten, welcher das Schickſal über ſie ver⸗ hängt hatte— ja, das Schickſal— glaubt ihr nicht an das Schickſal? Es iſt nur ein anderer, ein profaner Name für„Vorſehung.“ Ha, ha! Es iſt erſtaunlich, welchen Unterſchied die Welt zwiſchen denſelben Dingen macht, denen man verſchiedene Namen gibt.— Doch, wir waren reich und freuten uns einer guten Erziehung; wir waren im Beſitze aller äußern Mittel zum Glücke; und doch hat es nie eine unglücklichere, hoffnungsloſere Familie gegeben, als die unſrige ſeit faſt fünfzig Jahren war. Die Sage geht— ſie mag nun wahr oder falſch ſein— die Sage geht und ſie hat einen Einfluß auf meine Familie gehabt, welcher, ſo lange ein Glied derſelben am Leben iſt, dauern wird— die Sage geht, unſer Großvater, der als Loyaliſt den Revolutionskrieg mitmachte, ſei in einer Schlacht— gleichgultig, in welcher— auf einen alten grauköpfigen Nachbarn, einen Whig, geſtoßen, der ihm ſein Schwert auslieferte und um Gnade bat. Mein Großvater war in jenem Zuſtande blutdürſtiger Aufregung, welchen Krieger ſo oft in der Hitze der Schlacht fühlen; ohne auf ſeine Bitten zu hören, hieb er ihm über den Kopf, bis er zu Boden ſank.„Ich kenn' Euch, Saquire!“ ſagte er, als er ſtürzte. Einige Jahre ſpäter, als er ſich auf einer Beſitzung, welche ihm ſeine Gattin zugebracht, niederge⸗ laſſen hatte und ſich mit Kindern geſegnet ſah, begab es ſich, daß ein alter Bettler an das Thor kam und auf unzuſammenhängende Weiſe, die von Geiſtesverwirrung zeugte, um ein Almoſen bat. Er war ziemlich barſch und grob, und mein Großvater ſchickte ihn mit rauhen Vorten weg. „Ihr ſeid ein gutmüthiger Herr,“ ſagte der alte Mann:„wie mögt Ihr wohl heißen?“ „Mein Name geht Euch nichts an; entfernt Euch, Alter! Fort!“. „Ja, er geht mich etwas an. Ich kenne gern die Namen meiner Wohlthäter, damit ich für ſie beten kann.“ „Mein Großvater befahl ihm, ſich zu entfernen; ehe er aber den Hof verließ, erfuhr er von einem Diener ſeinen Namen, kehrte um und ſtellte ſich vor meinen Großvater hin. Er that ſeinen alten zerriſſenen Hut ab und zeigte einen Schädel, der mit Narben bedeckt war, welche wenige weiße Haare ſchlecht verbargen.“ „Seht Ihr dieſen alten Kopf, Major? Und wie er durchfurcht iſt, als wäre der Pflug darüber gegangen? Ihr erinnert Euch meiner nicht mehr— ich aber erin⸗ nere mich Eurer wohl. Wißt Ihr, weſſen Schwert mir dieſe Wunden beibrachte?“ „Mein Großvater war im Begriff wegzugehen, als der Alte rief: „Bleibt, Major! Es iſt nicht höflich, einem alten vee — Bekannten den Rücken zu kehren. Erinnert Ihr Euch nicht mehr eines grauköpfigen Kriegers, der Euch um Gnade bat und den Ihr niederhiebt, wie einen alten ver⸗ faulten Kohlkopf? Mein Name iſt Rockwell— Amos Rockwell— wir waren einſt Nachbarn, ehe Ihr in dieſe Gegend zogt.“ Mein Großvater erinnerte ſich des Mannes und des umſtandes, und bot ihm ſogleich allen Erſatz, über den er gebieten konnte, ein Obdach und alles, was er für den Reſt ſeiner Tage brauchte. Aber er wurde irre im Geiſt und verſtand nicht mehr, was man ihm ſagte. „Ein Tory— ein Tory iſt ein Straßenräuber und ich will es beweiſen“— ſagte er und ließ wilden Unſinn hören. Ehe er aber ging, trat er ganz nahe an meinen Großvater heran und ſagte: „Wißt Ihr wohl, Major, daß ich ein Wahrſager bin? Ich verdiene mir jetzt das Brod mit dieſer Kunſt. Ich ſage Euch für einen Shilling wahr. Ich möchte nicht an Eurer Stelle ſein für alles, was Ihr beſitzt und wenn es noch zehnmal mehr wäre. Ich bin manchmal ziemlich toll, wie die Leute ſagen, aber Ihr werdet, ehe Ihr ſterbt, zehnmal ſchlimmer daran ſein; Eure ganze Familie wird wahnſinnig werden, und ich könnte mich wohl zu Nitleid bewegt fühlen, wenn Ihr mir nicht über den Kopf gehauen hättet, als ich Euch um Gnade bat, wodurch denn ſo viel Luft hinein kam, daß er ſeitdem immer wie eine Blaſe geweſen iſt. Lebt wohl! Ich werde wohl eines Tages wieder dieſes Weges kommen, um zu ſehen, ob Ihr toll ſeid, und wenn Ihr's ſeid, wollen wir vergnügte miteinander verleben.“ „Er verließ meinen Großvater, den dieſes ſeltſame Gemiſch von Sinn und Unſinn nicht wenig ergriff, denn er litt an den Nerven und hatte zuweilen Anfälle von Schwermuth. Der Eindruck ging jedoch vorüber, oder ward nur in langen Pauſen bemerklich, wenn der Zufall oder ſeine Ideenverbindungen ihm den Vorgang mit dem alten Bettler in das Gedächtniß zurückriefen. „Ungefähr um dieſelbe Zeit des nächſten Jahres kam der Alte wieder und rief, als er meinem Großvater begegnete: „Wie? Noch nicht toll? Gut, Ihr habt nur noch zwei Jahre vor Euch, und dann wird unſere luſtige Zeit kommen.“ „Dieſer zweite Beſuch hatte, wie ich gehört habe, eine ſehr merkliche Wirkung auf meinen Großvater, wel⸗ cher in der Zwiſchenzeit eines ſeiner zwei Kinder verloren hatte. Als der Alte aber zum dritten Male kam, fühlte er ſich tief erſchüttert.“ „Ihr habt noch ein Gnadenjahr,“ ſagte er,„und dann werden wir Beide, bei meinem Leben, mit einander aufbrechen und auf Reiſen gehen, um die Welt zu ſehen, und unſere Hirnſchädel aneinander ſchlagen, denn der Eurige wird bald ſo leer ſein, wie der meinige, ſo wahr ich durch einen Mühlſtein ſehen kann.“ 1 ————————— — 25— „Es war Vorherbeſtimmung, daß Alles ſo kommen ſollte und der alte Bettler war nur das Werkzeug des Verhängniſſes, durch welches die Verkündigung kam. Es war eine Art vergeltender Gerechtigkeit, daß die Vorſe⸗ hung grade ihn zu ihrem Boten und zumal zu dem Hülfs⸗ mittel machte, das in das Leben zu rufen, was in jedem Falle geſchehen wäre.“ „Mein Großvater brütete ſo lange über dieſen Vor⸗ herſagungen, bis er an gar nichts anderes mehr denken konnte, und ſeine Anlage zu nervöſen Leiden erhielt neue Kraft durch den plötzlichen Tod ſeiner Gattin, ein Unglück, das ihm keinen Troſt mehr ließ, als einen kleinen ſchwa⸗ chen Sohn von ungefähr vier Jahren. Die Gegend war öde und einſam; keine lebende Seele wohnte zwei bis drei Meilen rundumher; das nächſte Gebäude war eine alte, halb verfallene Kirche, welche in dem Rufe ſtand, daß es darin ſpucke, und wo die moosbedeckten Grabſteine ſo dicht wie die Bäume des Waldes ſtanden. Am hellen Tage bot alles ein ziemlich heiteres Bild dar; die Stille der Nacht aber, nur von dem ſchläfrigen Summen der Inſek⸗ ten, dem Quärren der Fröſche, und der gelegentlichen Nachtmuſik der Eulen und Käuzchen unterbrochen, bot der Phantaſie eine Art Leere, welche ſie mit Geſpenſtern ihrer eigenen Schöpfung bevölkerte.“ „Mein Großvater verfiel allmählig in Trübſinn und Schwermuth— er wurde Frömmling; er wurde Schwär⸗ mer; er— er wurde wahnſinnig und erhob ſeine Hand gegen das Leben, welchem er ſelbſt das Daſein gegeben. Er wurde in ein Gemach eingeſperrt und zerſchmetterte Der junge Mann hielt hier inne, keichte, wiſchte ſich die Stirne, über welche dicke Schweißtropfen niederfloſſen, und zeigte ſo die Größe ſeiner Seelenqual. Virginia konnte nicht ſprechen; Staunen, Zweifel, ſelbſt Aberglau⸗ ben, den ſie früher nie gekannt, bewältigten ihre Phan⸗ taſie, und ſie ſchauderte bei dem Vorgefühl unbekannter, unausſprechlicher Schrecken. Nach einigen Augenblicken fuhr er fort: „Mein Vater wuchs auf und ward ein verſtändiger, relhtſchßener⸗ tugendhafter Mann; er heirathete; wurde Vater von— ach! wohl ihm, daß er nicht am Leben blieb, um zwei— und warum ſoll ich nicht ſagen drei— Söhne aufwachſen zu ſehen, welche der Fluch ſeines Daſeins wurden. Mein Vater— warum ſoll ich bei ſolchen herzzerreißenden Scenen und Erinnerungen ver⸗ weilen? Seine Geſchichte endigt ſo unglücklich, wie die meines Großvaters— ſie ſei der Vergeſſenheit anheim gegeben. „Jetzt, Virginia, jetzt kömmt der Wirbelwind und das Erdbeben; jetzt beginnt der Fluch ſi ſich immer mehr und mehr zu nähern, bis die Fauſt des Schickſals mich erfaßt. „Meine zwei älteren Brüder uid ich dachten oft vebend und zitternd an das Loos unſeres Vaters und ———.— —— Großvaters, deſſen Geſchichte uns thörigte oder boshafte Leute mit allen Einzelnheiten erzahlt hatten; oft ſprachen wir von den Unglücklichen, aber wir hegten keine Beſorg⸗ niſſe um uns ſelbſt, obgleich einige unſerer Freunde die Bemerkung gemacht hatten, wir ſeien Alle mehr oder weniger zu Schwermuth und Aberglauben geneigt, wie ſie es nannten; aber ich weiß es jetzt beſſer und habe einen andern Namen dafür— es iſt Vorgefühl. „Wir lebten beiſammen und liebten einander, bis mein älteſter Bruder anfing, zu— zu— doch Ihr erlaßt mir die Einzelnheiten, Virginia; es iſt Zeit, daß ich zum Schluß komme, ſonſt werde ich wahnſinnig, bevor meine Zeit da iſt. Es iſt genug, es muß genug ſein, wenn ich Euch ſage, daß meine geliebten Brüder, einer nach dem andern, genau in demſelben Alter, unter denſelben Umſtänden, und unter demſelben Einfluſſe eines düſtern Vorgefühls des Verhängniſſes, welches, wie jedes folgende Opfer beſtimmter ſah, früher oder ſpäter ſein eigenes werden mußte, den Fußſtapfen meines Vaters und Groß⸗ vaters folgten, und ſtarben, und hinterließen kein Wahr⸗ zeichen, daß ſie einſt zu dem Geſchlechte unglücklicher Erben eines Fluches gehört hatten, der den Namen eines glorreichen Vorrechts führt. Ich allein, ich allein bin noch übrig; es gibt Niemand mehr, keinen Großvater, keinen Vater, keine Brüder, die wahnſinnig werden kön⸗ nen, als ich; der Kelch des Zornes kann ſich nur auf mein Haupt ergießen. Die Stunde nähert ſich; an mei⸗ — nem nächſten Geburtstage—— dann, dann nehmt Euch vor mir in Acht, Virginia; ich werde gefahrlich ſein, vor⸗ züglich denen, die ich liebe— wie ich dich liebe, theures Madchen meines Herzens. In dieſem Augenblicke wage ich es, dir das zu ſagen, denn mir iſt zu Muthe, wie dem Menſchen, der einmal das tiefſte Geheimniß ſeiner Seele erſchloſſen hat, und nun unbekümmert iſt wegen alles Uebrigen, das er noch zu ſagen hat. Ja, ich— ich— der unglückliche Erbe von Flüchen, welche nie vergeblich ausgeſprochen wurden— ich, der dir nichts bringen kann, als einen Segen voller Schrecken und Schauer— ich⸗ der unter den wilden Thieren des Waldes heulen ſollte, oder in den noch wildern Gemächern und Kerkern meines Gleichen— ich wage es, dir das zu ſagen, Virginia. „Als mein letzter Bruder ſich getödt— ſtarb, konnte ich nicht länger an einem Orte bleiben, wo alle Welt mich als ein von dem Schickſal auserſehenes Opfer— als eine Art geheimnißvollen Gegenſtandes des Zornes Gottes vetrachtete. Ich verkaufte meine Beſitzungen und wandte meinen Fuß einem Orte zu, wo man von mir und mei⸗ ner Geſchichte noch nicht gehört haben konnte, und wo meine Nitmenſchen auf mich als ihren Mitmenſchen ſchau⸗ ten. Zuweilen belebte auch eine ſchwache Hoffnung meinen Muth, als ob möglicherweiſe der Wechſel der Umgebungen, der Wechſel der Luft, der Wechſel der Lebensweiſe und zumal die Abweſenheit alles deſſen, was meinem Geiſte die unglückliche Richtung meiner ganzen Familie geben — konnte, mich eine Zeitlang von dem bedrängenden böſen Geiſte zu erlöſen im Stande wäre. Noch ferne von hier und ungewiß, wohin ich meine Schritte wenden ſollte, hörte ich von dieſem Dorfe und dem Charakter Eures Vaters. Ich kam hierher; ich fand freundliche Aufnahme, Freunde, Alles, ja mehr als ich in dieſer Welt zu finden gehofft hatte, und eine kurze Zeit hoffte ich, wenigſtens ſo glücklich zu werden, als andere meiner Mitgeſchöpfe. Aber ich fühle, es war alles eitel; ich habe eine Ahnung, welche mich noch nie getäuſcht hat, die ſo zuverläſſig iſt, wie das Verhängniß ſelbſt, und die mir gewiß ſagt, meine Tage ſeien gezählt. Ha, ha, ha! iſt dies nicht eine roman⸗ tiſche Geſchichte für einer jungen Dame Ohr? die rüh⸗ rende Bitte eines glücklichen Liebhabers um die Liebe ſeiner Schonen? bin ich nicht unwiderſtehlich, Virginia? ha, ha, ha!“ „Lacht nicht, lacht nicht, um Gotteswillen!“ rief das junge Mädchen⸗ „Wie? Wollt Ihr mich lieber brüllen und mit den Zähnen knirſchen und meine Ketten ſchütteln und Unſinn ſchwatzen hören? Freilich, das paßte mehr zu der Rolle.“ Virginia's beſänftigende Worte gaben ihm allmählig einen Theil ſeiner Faſſung wieder. Die Ahnung des unglücks iſt bei all dem beſſer, als das Bewußtſein der Schuld. Ich bin dankbar, daß es nicht ſchlimmer iſt.“ „Wie konntet Ihr einen Augenblick das alberne Mährchen von einem Morde glauben?“ fragte er mit einem leiſen Vorwurfe. „Habt Ihr nicht ſelbſt dazu beigetragen, mich zu täuſchen?“ „Möglich, Virginia. Ich konnte nicht wiſſen, was in Euerm, und Ihr wußtet nicht, was in meinem Geiſte vorging. Wenn Ihr wüßtet, wie ich vor dem Gedanken bange, daß irgend ein menſchliches Weſen die urſache meines Trübſinns errathen könnte, und daß meine Beſorg⸗ niſſe ſich ſtets um dieſen einzigen Punkt drehen, ſo würdet Ihr leicht begreifen, warum ich es für ausgemacht hielt, daß Ihr nicht auf einen andern hindeuten konntet. In gleicher Weiſe wurde ich durch Paddock's Argwohn getauſcht und beſtach ihn, nicht um ein Verbrechen zu verheimlichen, ſondern ein unglück.“ „und mich führte die Art, wie Frau Judith Euere heftigen Erregungen und doppelſinnigen Ausrufungen deu⸗ tete, irre, ſo daß ich eines Eurer Geſtändniſſe für ein anderes nahm. Ich hoffe, Ihr werdet mir verzeihen?“ ſagte ſie mit einem wehmüthigen Lächeln. „Wenn Ihr mir verzeiht, daß ich es wagte, mir Theilnahme in dem Herzen einer würdigen Familie erwer⸗ ven zu wollen, die eines Tages mein Schickſal bejammern muß, wenn ſie mich einiger Rückſicht werth hält. Aber laßt mich Euch noch einmal daran erinnern, was es heißt, von unſern Nitgeſchöpfen verſtoßen, eine Ausnahme unter ihnen zu ſein, durch die bevölkerten Einöden der Welt — zu wandern, ein Gaſt nur an dem Tiſche von Fremden; zu gehen und zu kommen, ohne daß einer Seele daran liegt, woher und wohin, und des Nitgefühls jedes menſch⸗ lichen Herzens baar zu ſein! Das war meine Lage, als ich hierher kam und mit einer liebevollen Gaſtfreundſchaft, die mein ganzes Herz öffnete, aufgenommen ward. Nicht um Alles in der Welt hätte ich dem anfangs widerſtehen, ihm hernach entſagen können. Wollt Ihr mir vergeben, daß ich Euch Freundſchaft für Jemand einzuflößen bemüht war, der beſtimmt iſt, ſie durch bittere Erinnerungen, vielleicht durch Schlimmeres, zu vergelten?“ Er ſchauderte in düſterm Vorgefühl, das ſich ſeiner bemächtigte, als er hinzuſetzte:„ „Ich werde Euch morgen verlaſſen— Ihr dürft es nie ſehen!“ „Was darf ich nicht ſehen?“ fragte Virginia. „Ihr dürft nie ſehen, wie ich allmählig der Würde des Geiſtes, der Attribute des gottgleichen Menſchen beraubt werde!— Ihr ſollt nicht ſehen, wie ich die haſſe, welche ich liebte; wie ich über einem einzigen unglücklichen Gedanken ſitze und brüte, der von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag wächſt, bis er ein rieſenhaftes Geſpenſt, bis er ſo ſchrecklich wird, daß die Vernunft ſich ſchaudernd von ihm abwendet und zum Wahnſinn ihre Zuflucht nimmt. Ihr ſollt nicht ſehen, wie ich gleich einem wilden Thiere umher gehe, Aller Feind, von Allen gefürchtet, bis ich zuletzt, wie ein Wolf oder Tiger gefangen und in Ketten geſchlagen und von dem Lichte des Himmels abge⸗ ſchloſſen werde. All das will ich Euch erſparen, Virginia, und einen Ort aufſuchen, wo Niemand weiß, wo ſich Niemand darum bekümmert, wer und was ich bin; wo ich, wenn der fürchterliche Augenblick kömmt, brüllen kann, ohne dem Ohre meiner Freunde wehe zu thun und ohne ihre Herzen zu verwunden.“ Das ergreifend Wehmüthige ſeiner Stimme bei dieſer ſchrecklichen Schilderung rührte das Herz Virginia's und lockte Thränen in ihre ſchönen Augen. Obgleich ihre Gefühle für Rainsford der Gewalt der Liebe noch nicht Raum gegeben hatten, ſo waren ſie doch lange über die Schranken gewöhnlicher Freundſchaft hinausgegangen. Es unterlag keinem Zweifel, ſie zog ihn jedem Manne, den ſie noch geſehen hatte, weit vor; dies war aber freilich kein großes Kompliment, da ſie deren ſo wenig geſehen hatte. Aber der launenhafte Wechſel und ſein Benehmen und Charakter, verbunden mit dem melancholiſchen Düſter, welches ſein Antlitz ſo oft verfinſterte, hatte, während ſie ſich ſeltſam angezogen und gefeſſelt fühlte, Zweifel und Argwohn in ihr geweckt und ſie an jenem grenzenloſen Vertrauen gehindert, durch welches allein die Liebe in dem Herzen eines gefühlvollen und tugendhaften Weibes bedingt wird. Die Rittheilungen, welche er ihr eben gemacht, hatten ihm etwas wunderbar Antiehendes gegeben, in welchem ſich das Mitleid mit einer Art entfernter und unbeſtimmter Furcht vergeſellſchaftete. Zuweilen, wenn ihre Phantaſie das Gemälde, das er von ſeiner Zukunft entworfen, ver⸗ wirklicht dachte, bebte ſie mit Angſt und Schrecken vor ihm zurück; wenn ſie aber wieder den ſchönen jungen Mann, mit einem die reichſten Schätze der vergangenen und gegenwärtigen Zeit in ſich faſſenden Geiſte vor ſich ſah, die rührend melodiſche Stimme hörte, in ein Auge blickte, welches in ſeinen glücklicheren Momenten noch beredter war, als ſeine Zunge; wenn ſie ſeines Herzens gedachte, das rein und gut ſchien und ganz ihr gehörte; dann fühlte ſie jenen ſanften hingebenden Einfluß, welcher in der Bruſt der reinen Jungfrau den Wunſch erzeugt, ihr Schickſal an das des Erkornen zu knüpfen und mit ihm die Freuden und Leiden der Reiſe durch dieſes Leben zu theilen. Die einige Minuten währende Stille wurde endlich durch den wilden Ruf einer Eule unterbrochen, die ſich von der dunkeln Klippenwand an dem jenſeitigen ufer des Fluſſes hören ließ. Der Ton brach ſo grell, ſo kalt und traurig in das tiefe Schweigen des Abends herein, daß man ſich nicht wundern darf, wenn der Aberglaube noch andere Attribute des Schreckens damit verbindet. Der Lieblingsaufenthalt dieſes geheimnißvollen Vogels ſind tiefe Wälder, zerfallene Gebäude und Kirchhöfe. Er lebt unter den Todten, und ſein Sonnenſchein iſt die Dunkelheit der ſchwärzeſten Nacht. Er ſieht, wenn die andern heitern Bewohner der Luft blind ſind; er verläßt ſein Grab in Paulding I. 3 — 34— irgend einem alten hohlen Baume, um unter den Fenſtern eines erſchreckten Landmannes ſeinen Todtenruf hören zu laſſen, während das ganze gefiederte Geſchlecht ſich im Schirme der flüſternden Bäume des Waldes der unſchul⸗ digen Ruhe erfreut. Der Schrei des Vogels war ſo grell und überkam die todtengleiche Ruhe der Natur ſo plötzlich, daß Vir⸗ ginia, welche nicht an den Ton gewöhnt war, aus dem Nachdenken, in das ſie verſunken war, emporfuhr. „Laßt uns nach Hauſe gehen,“ ſagte ſie. „Noch einen Augenblick. Dies iſt meine Muſik, Virginia; es iſt prophetiſcher Geſang. Glaubt Ihr nicht, daß die Eule in die Zukunft ſieht?“ „Gewiß nicht; ſie würde ſonſt über vernünftigen Weſen ſtehen.“ „Vernünftige Weſen! Was iſt die Vernunft anders, als ein ſtolzer Tempel, der auf Sand gebaut iſt und von dem erſten Winde umgeweht wird, der an ihm hinſtreicht? Ich verſtehe dieſe Eule ſo gut⸗ als wenn ſie unſere Sprache redete. Sie ſagt mir— horch!“ Ein zweiter langer greller Ruf kam über die ſtillen Waſſer. „Horch! Weißt du, was ſie ſagt, Virginia? Sie ſagt mir, ich müßte die jetzigen Augenblicke nach Kräften benützen; mich deiner lieben Geſellſchaft in dem gansen Vollgenuß der Wonne erfreuen; der Muſik deiner Stimme lauſchen, dich ſo ſanft in die Nacht hinein athmen hören; — 3— die reichen Schätze deines Geiſtes gegen die erbärmliche falſche Münze des meinigen zum letzten, letzten Mal mit dir austauſchen; denn morgen, nein, heute Nacht noch, müſſen wir für immer ſcheiden. Es iſt Wahrheit in den Eulen, Ihr könnt Euch darauf verlaſſen.“ „Laßt uns nach Haus gehen,“ ſagte Virginia noch⸗ mals und ſtand auf. „Noch ein wenig, Virginia, denn der Prophet dort drüben ſagt, es ſei das letzte Mal. Komm, ſieh noch einmal mit mir auf dieſes liebliche Werk, das aus der kunſtreichen Hand der Natur hervorgegangen. Es ſchließt eine Lehre in ſich; es iſt auch prophetiſch, wie die Eule. Der reine Himmel dort über uns iſt ein Spiegel, in wel⸗ chen wir ſehen können, wenn wir den Widerſchein unſerer künftigen Tage recht in's Auge faſſen. Jedes menſchliche Weſen hat einen Stern dort, in deſſen Strahlen ſich ſeine Geſchichte und ſein Verhängniß widerſpiegeln. Mein Planet iſt der Mond; er ſcheint jetzt nicht, gleichſam um mir anzudeuten, daß das Llcht meiner Freuden und Hoff⸗ nungen dieſe Nacht verlöſchen wird. Aber der Fluß— der Fluß,— er iſt der rechte Prophet. Sieh, wie ſeine Wellen ſtill dahin rollen; kein Tropfen wird je wieder kommen; und ſo iſt's mit mir. Sie finden ihren Weg in das Meer der Gewäſſer und ſind für immer dahin; ich werde in das Meer der Welt zurückkehren und der beſte Wunſch, den ich je für dich ausſprechen 2 Vir⸗ „ ginia, iſt der, daß mein Name, mein Geſchick, ſelbſt mein Andenken in Vergeſſenheit verloren ſein möchten.“ Virginia ſchwieg einige Augenblicke, dann ſagte ſie zögernd, bebend: 6 10 „Warum wollt Ihr morgen,— warhm wollt Ihr überhaupt fort von hier?“ „Habt Ihr mich nicht gehen heißen, Virginia?“ „Ja, als ich Euch für ſchuldig hielt und Euch haßte.“ „Und jetzt bemitleidet Ihr mich!“ ſagte Rains⸗ ford mit Bitterkeit.„Ihr betrachtet mich als ein ſeltenes ungeheuer— als Etwas außer dem gewöhnlichen Kreiſe des Menſchengeſchlechts, und ſtaunt mich an, wie Knaben wohl einen wahnwitzigen Bettler in den Straßen anſtaunen.“ „Nein, bei meinem Leben, nein, Mr. Rainsford.“ „So beweiſet es mir,“ rief er heftig.„Ich liebe Euch, Virginia; ich habe es Euch ſchon vorher geſagt⸗ Wenn irgend ein menſchliches Weſen im Stande iſt, den vöſen Geiſt zu bannen, der Tag und Nacht meine Phan⸗ taſie, meine Vernunft beunruhigt, ſo ſeid Ihr's. Die Gewißheit, daß Ihr an meinem Glücke Theil nehmt; die Gewißheit, daß ein freundlicher Engel für mich betet und durch ſeine Reinheit und Tugend mich vor dem Verhäng⸗ niſſe ſchirmt, wird mich, wenn es nicht unwiderruflich anders beſchloſſen iſt, von dem Schickſale meiner ganzen Familie erlöſen.— Nun, Virginia, die Probe! wagſt du es, mir zu verſprechen— wagſt du es, mir die Reinheit deiner unſterblichen Seele zum Pfande zu geben— mir, S— 5 — 6— der ich an dem Rande eines gähnenden Abgrunds ſtehe, ſchwindelnd in ihn nieder ſchaue— wagſt du es, mir zu verſprechen— Alle Welt, welch ein ſelbſtſüchtiger Schurke ich bin! Nein, nein, es iſt beſchloſſen; ich muß fort.“ „Mr. Rainsford,“ ſagte Virginia mit düſterem, aber feſtem Ernſte und mit Zärtlichkeit zumal,„Mr. Rainsford, ich glaube zu wiſſen, was Ihr ſagen wollt. Sprecht und ſeid verſichert, daß ich Alles, was ein Mädchen, das ihre flichten gegen ihre Eltern und ſich kennt, das ſich ſeiner Verpflichtungen gegen Euch, und der Anſprüche, die Ihr auf ſeine Dankbarkeit habt, zärtlich bewußt iſt, thun muß und thun kann, mit Freuden thun werde.“ „Gut denn, Virginia, wenn es dem großen Geber des Lebens und der Vernunft gefallen ſollte, den bittern Kelch von mir zu nehmen, welchen meine ganze Familie getrunken und der ſie getödtet hat— wenn ich die verhäng⸗ nißvolle Zeit überlebt habe und dann nichts mehr zu fürchten brauche— wollt Ihr, theuerſte Virginia, könnt Ihr einwilligen, mein Schickſal zu theilen, die Erkorne zu werden, deren Segen mir alles vergilt, was ich in dieſer Welt erduldet habe? Gebt mir eine oßene, letzte Antwort!“ „Mit der Zuſtimmung meiner Eltern will ich es,“ verſetzte ſie nach einer Pauſe zögernd. „Ha! Euer Vater und Eure Mutter! Ja, ja, ſie müſſen es wiſſen! Sie müſſen Alles wiſſen und vor mir zurückſchaudern, wie alle Anderen, die meine Geſchichte kannten, nur Ihr nicht, Virginia, zurückſchauderten. Ich kann es nicht ertragen, öffentlich ausgeſtellt, der Gegen⸗ ſtand furchtbaren Mitleids, der Verachtung und des Erbar⸗ mens zumal zu werden; jedes Wort, jeden Blick, jede Handlung mit forſchender Neugier belauſcht und zu einem Anzeichen der herannahenden Geiſtesverwirrung verdreht zu wiſſen. Nein, nein, theuerſte Virginia, ſeid Ihr die einzige Bewahrerin meines Geheimniſſes— ſeid nicht halb gütig— gebt Alles oder Nichts.“ Virginia zögerte; endlich verſprach ſie ihm, durch ſeinen verlaſſenen und unglücklichen Zuſtand bewogen, Alles geheim zu halten, was er ihr dieſen Abend vertraut. „Tauſend Dank, theuerſtes, edelſtes Weſen! Ich weiß von nun an, warum ich lebe, und werde, ſtatt immer über dem drohenden Dunkel der Zukunft zu brüten, in welchem ſich mir bisher nur ſchauderhafte Geſpenſter zeigten, der Hoffnung entgegen blicken, daß ich in dem Geleite eines Cherubs und von ſeinen Schwingen geſchirmt, noch dem Genuſſe eines Glückes leben könne, welches immer ein Fremdling in meinem Herzen war, ſeit die ſchreckliche Ueberzeugung in mir Wurzel gefaßt, ich würde den Weg aller derer gehen, die ich geliebt habe und von denen ich je geliebt worden.“ „Möge die gütige Vorſehung es ſo fügen!“ „Virginia,“ begann er wieder mit feierlichem Ernſte, „Virginia, erlaubt mir, hier den Bund auf der heiligen Reinheit deiner balſamiſchen Lippen zu beſiegeln, zum erſten —— und letzten Male, das neue Glückesbild, das eben vor mir aufgedämmert, müßte ſich denn verwirklichen. Denn ich ſchwöre hier feierlich, in Gegenwart aller jener ſtummen Zeugen, welche dort oben funkeln, nie eine jener ſüßen Vergünſtigungen, welche Tugend und Zartgefühl ohne Furcht vor Tadel der wahren Liebe gewähren, von Euch weder zu nehmen noch zu begehren, bis ich mit vollkom⸗ menem Vertrauen das letzte und größte Glück, Euern Beſitz, fordern darf, und Ihr meinen Wunſch gewähren könnt. Meine reine, unbefleckte Virginia ſoll nie Gefahr laufen, ihr ſpäteres Leben durch die Erinnerung an die Liebkoſungen eines Mannes zu vergiften, der vielleicht einſt in einem Kerker mit ſeinen Ketten klirrt. Komm, du Theure, den erſten und vielleicht den letzten!“ Die Jungfrau gab züchtig ihre Einwilligung, und ſchweigend ward ein Kuß, eine Umarmung gegeben und erwidert; ein Kuß und eine Umarmung beſiegelten den Bund für das ganze Leben. Sie kehrten mit einander zurück und Virginia wurde plötzlich an das raſche Ver⸗ ſprechen der Verſchwiegenheit, das ſie eben gegeben, durch die fragenden Blicke ihrer Mutter und den kalten Gruß des Oberſten Dangerfield erinnert. Sie ſehnte ſich, an die mütterliche Bruſt ſich zu werfen und Alles zu erzäh⸗ len, was ſich begeben hatte. Drittes Kapitel. Ein halbes Vertrauen iſt ſchlimmer als keines, was mit einem halben Laib Brod nicht der Fall iſt. Virginia brachte den größten Theil der kommenden Nacht in bangem Wachen hin. Sie bereute den eben eingegangenen Bund nicht, aber er laſtete ſchwer auf ihrem Herzen. Es war in ſeinem Geleite eine furchtbare Ver⸗ antwortlichkeit, eine Gefahr, die ſelbſt jene, welche ſtets mit der Hingebung unſeres Glückes in die Hände Anderer verbunden iſt, ſo ſehr überſtieg, daß ſie faſt von Schauer übergoſſen ward, als ſie in der Einſamkeit des Nachden⸗ kens und der Dunkelheit ſich ihr darſtellte. Dennoch war etwas Rührendes und Wohlthuendes in dem Gedanken, über das Heil eines Mannes zu wachen, der in einer ſolchen Lage war; ihr Herz bebte in ſüͤßer Hoffnung, er könnte, wenn ihre Milde das Ruder führte, wohlbehalten über die Klippen wegſteuern, an denen all die Seinigen, einer nach dem andern, zerſchellt worden. Sie beſchloß, über ihn zu wachen, wie eine Mutter über ihr krankes Kind; ſich, ſo weit es ihr möglich, ſeiner Erheiterung zu weihen; ihn, wenn es geſchehen könnte, aus dem Bereiche 3 ſeiner gewöhnlichen bittern Gedanken heraus zu locken ——————— e— — indem ſie ihm einen Spiegel vorhielt, welcher ihm die Zukunft in ſchöneren und reizenderen Farben zurück⸗ ſpiegelte. Als ſie am Morgen in den Kreis der Ihrigen trat, grüßte der Oberſt ſie, wie gewöhnlich, mit einem Kuß, aber es war nicht ganz der Kuß, wie ſie ihn zu bekommen gewöhnt war; und Riſtreß Dangerfield ſah in dem bangen Zittern, mit welchem Virginia den Thee einſchenkte, daß ſie etwas auf dem Herzen habe, das ſie nicht zu entdecken wage. „Sie wird es mir gewiß bei der erſten Gelegenbeit entdecken,“ dachte die gute Mutter,„denn noch nie hat ſie irgend ein Geheimniß vor mir gehabt.“ Virginia ließ aber die erſte Gelegenheit vorüber gehen, ohne irgend eine Rittheilung zu machen, und die mütter⸗ liche Beſorgniß wurde zu einer Wachſamkeit geſteigert, welche ſie vorher nie für nöthig gehalten hatte. Rainsford's Beſuche wurden nun häufiger, und Vir⸗ ginia konnte ſich überzeugen, daß die Hoffnung, welche ihn belebte, den günſtigſten Einfluß auf ſeine Stimmung und ſeinen Geiſt hatte. Er überließ ſich jetzt zuweilen humo⸗ riſtiſchen Ausfällen, zeigte bei vielen Gelegenheiten die manchfachſten Talente, die er zu entfalten bisher den Muth nicht gehabt hatte, und erhob dann und wann die Schwingen einer lebenreichen Phantaſie zu einer faſt furchtbaren Höhe, ſo daß er grade auf den Grenzen des Vernunftgemäßen zu ſchweben ſchien. Sie ſchauderte, ſie — 42— vebte, ſie bewunderte; aber ſie that dies mit jenem Gefühle, mit welchem wir den Matroſen während dem Sturme auf der hochſten Spitze des großen Maſtes, oder die Spiele und Sprünge eines gedankenloſen Kindes an dem Rande eines Abgrundes ſehen⸗ Nach kurzer Zeit brachte jedoch die ſtarke Wachſam⸗ keit, welche ſie übte, ein Gefühl in dem zärtlichen und tugendhaften Herzen der Jungfrau hervor, das zumal die Innigkeit und Wärme der Geliebten und die unermüd⸗ liche, ſchlafloſe, heilige Schutzengel⸗gleiche Sorgfalt einer Mutter in ſich ſchloß. Man konnte es kaum Liebe nennen, was ſie fühlte; dafür war die Zumiſchung von Angſt und Sorge zu groß; es war etwas zu Hehres dabei, als daß der glänzende Schaum, der auf der Oberfläche des ſüße⸗ ſten Kelchs der menſchlichen Glückſeligkeit gährt, wenn er nur mit Liebe und Hoffnung gefullt iſt, ſich hätte entwik⸗ keln können. Dem Oberſten und ſeiner Gattin konnte unmöglich entgehen, was ſich begab; und obgleich die Beaufſichtigung der Eltern über ihre Kinder, veſonders aber über die Töchter, in dieſem Lande nicht ſo ausgedehnt und ſtreng, und, zu unſerem Glücke, auch nicht ſo nöthig iſt, wie in vielen andern, ſo konnte der Vater doch nicht umhin, gelegentlich einen Wink, ja eine unmittelbarere Hindeutung auf junge Mädchen zu geben, welche ihre eigenen Geheim⸗ niſſe hätten, und zu klug wären, um ihre Eltern über die wichtigſten Angelegenheiten ihres Lebens zu Rathe zu — 43— ziehen. Miſtreß Dangerfield ſagte nichts; aber in der Sprache der ſchönſten, der natürlichſten und der rührend⸗ ſten aller Balladen, die je geſchrieben wurden, hätte Vir⸗ ginia ausdrücken können, was ſie fühlte: „Sie ſchaut' in mein Antlitz, bis ich dachte, mein Herz müßt' brechen.“ Die Lage der Tochter wurde von Tag zu Tag pein⸗ licher, und ſie nahm endlich zu Rainsford's Edelmuth ihre Zuflucht, um ihrer Verpflichtung, das Geheimniß zu bewahren, überhoben zu werden. „Ich kann ſo nicht mehr leben. Nie habe ich früher ein Geheimniß vor meinen Eltern gehabt, und der Gedanke, daß ich jeden Tag unter ihren Augen lebe, mich ihrer Liebe und Güte freue, und etwas auf meinem Herzen habe, das ich nicht zu entdecken wage oder nicht entdecken darf, bekümmert meine Seele tief und macht mich unglück⸗ lich. Ich kann ihnen nicht in das Geſicht ſehen, ohne ſchuldbewußt zu erröthen und die Augen zu ſenken und ſie wiſſen es. Ich kann unſern Bund entdecken, ohne— ohne zu verrathen, daß Ihr— ohne die Gründe anzuge⸗ ben, welche eine Verzögerung— ich— ich— kurz, Ihr wißt, was ich ſagen will, obgleich ich es nicht ausſprechen kann.“ Rainsford kämpfte eine Zeitlang mit ſeinen Gefühlen und antwortete dann: „Virginia, um meinetwillen ſoll Euer edler Geiſt nicht mehr leiden, als es unſer Vund wenigſtens noch — 41— eine Zeitlang nothwendig fordert, bis— bis mein Schickſal entſchieden iſt. Bedenkt aber, theuerſtes Weſen, daß Ihr, wenn Ihr nicht Alles ſagt, immer noch ein Geheimniß habt— und welch ein Geheimniß!“ „Ja, aber mein Herz wird ſeiner ſchwerſten Laſt, einer abſichtlichen, unnöthigen Verſagung des Vertrauens überhoben ſein. Kann ich meinen Eltern nicht mein Geheimniß mittheilen, ohne das Eurige blos zu geben?“ bermals kämpfte Rainsford mit ſeinem unüberwind⸗ lichen Widerwillen, die Geſchichte ſeiner Familie zu ent⸗ hüllen, oder in irgend eine Maßregel zu willigen, welche möglicherweiſe zu einem Aufſchluß darüber führen konnte. Aber der Adel ſeines Charakters beſiegte endlich die ſelbſt⸗ ſüchtigen Gefühle, und er geſtand ihr zu, ſie möge Alles erzählen, wie es ihr gefalle. 5 „Aber,“ ſetzte er hinzu,„ich fühle wohl, es wird unſere ewige Trennung herbeiführen.“ Virginia ſuchte ihre Mutter auf, ſetzte ſich an ihren Nähtiſch, fand das nöthige Geſchick nicht, ſtach ſich in den Finger und ſchrie ein wenig auf, wie wohl junge Mäd⸗ chen zu thun pflegen. „Was gibt's?“ fragte Niſtreß Dangerfield, indem ſie ihre Brille auf die Stirne hinaufſchob. „Meine liebe Mutter, ich muß dir ein Geheimniß mittheilen. Mein Gott, wie habe ich mir in den Finger geſtochen!“ „Iſt dies dein großes Geheimniß, Virginia?“ — „Nein, das nicht, Mutter— aber was hältſt du von Mr. Rainsford? Gott, Gott, wie blutet mein Finger!“ „Ei, ich glaube, Mr. Rainsford iſt in Miß Virginia Dangerfield verliebt, und ſie bleibt darin nicht weit hinter ihm zuruck.“ „Gott, Mutter, wie kannſt du nur ſo reden! Aber welche Thörin bin ich!“ Sie eilte zu ihrer Mutter, warf ihre Arme um ihren Hals, küßte ſie und weinte. Bald aber trocknete ſie ihre Thränen und begann mit der würdevollen Feſtigkeit einer tugendhaften Jungfrau, welche weiß, daß die Enthüllung der tiefſten Geheimniſſe ihrer Seele ſie jedes Vorwurfs überheben und Scham und Erröthen von ihr nehmen würde. Frei und offen geſtand ſie ihren Bund mit Rains⸗ ford ein; da ſie aber entſchloſſen war, die ihr von Rains⸗ ford anvertraute Geſchichte nicht zu verrathen, wenn es der Friede ihrer Seele nicht durchaus fordere, ſagte ſie blos, ihre Verkündung könne vor Ablauf einer gewiſſen Zeit nicht ſtatt finden und werde auch dann nur mit der vollſten Bewilligung ihrer Eltern ſtatt finden. „Eine gewiſſe Zeit? Und wie lange noch, Virginia?“ „Nun, das— hängt von umſtänden ab, welche Mr. Rainsford jetzt noch nicht berechnen kann.“ „Und was ſind das für Umſtände, mein Kind?“ „Ich kann ſie jetzt noch nicht mittheilen, meine theure Mutter!“ „Du ſagſt— oder vielmehr er ſagt, er ſei reich— ſelbſtſtändig— unabhängig; warum ſollte er ſeine Heirath auf eine unbeſtimmte Zeit hinauszuſchieben ſuchen?“ „Das iſt ein Geheimniß.“ „Ich bin keine Freundin von Geheimniſſen, meine Liebe, noch von Aufſchub ohne gute, hinreichende, voll⸗ gültige Gründe. Ich habe nichts gegen Mr. Rainsford; in der That, ſeit der großen Verpflichtung, die er uns Allen auferlegt hat, wünſchte ich, er möchte dir gefallen und du ihm. Aber ich kann nicht umhin, ſein Benehmen etwas ſonderbar zu finden. Kennſt du ſeine Gründe, Virginia?“ Fa „Und du wagſt es nicht, ſie mitzutheilen? Vielleicht hat er dir es nicht erlaubt?“ „Er hat es mir zugeſtanden, wenn es durchaus nöthig wäre. Aber ich— ich geſtehe, theure Mutter, es wäre mir und ihm nicht minder lieb, wenn die Sache noch eine Zeitlang ein Geheimniß bliebe. Bald wirſt du Alles erfah⸗ ren. Entweder erzähle ich es dir, oder— die Umſtände werden es enthüllen.“. Virginia ſeufzte bei dem Gedanken, daß das Letztere eintreffen könnte. Niſtreß Dangerfield ſchüttelte den Kopf. „Virginia, mir gefällt die ganze Art und Weiſe nicht, wie er um dich wirbt. Betrug liegt zu oft den Geheim⸗ niſſen zum Grunde. Ich kann nicht umhin, zu argwöh⸗ nen, er treibe mit der Einfachheit deines Charakters ſein Spiel, wenn er nicht die Innigkeit deiner Gefühle verräth.“ „O gewiß nicht, theure Mutter! Wenn du Alles wüßteſt, würdeſt du ihn bemitleiden, wie ich.“ Und ſie barg ihr Antlitz an ihrer Mutter Bruſt und ſchluchzte, als ſollte ihr Herz brechen. „Vergib mir, geliebte Mutter.“ „Ich vergebe dir, Virginia! Aber dein Vater muß Alles wiſſen; und jetzt fällt mir ein, daß es ſeit längerer Zeit den Anſchein hatte, als behandle er Mr. Rainsford nicht ſo, wie Jemand ſeines Gleichen das Recht hat, von dem zu fordern, welchem er einen ſo wichtigen Dienſt geleiſtet. Haſt du etwas dagegen, daß ich ihm Alles ſage?“ „Nein; ich wünſche, daß du es thuſt, und ich würde dir Alles, was du jetzt weißt, bereits erzählt haben, hätte ich Mr. Rainsford nicht verſprochen, das Geheimniß zu bewahren, ein Verſprechen, deſſen er mich eben erſt ent⸗ bunden hat.“ „Wieder ein Geheimniß!“ rief Miſtreß Dangerfield und ſtand einige Augenblicke nachdenkend;„doch, dort kommt dein Vater; wir wollen hören, was er zu all dem ſagt. Willſt du lieber bleiben oder weggehen, während wir die Sache beſprechen?“ „Ich glaube, es iſt beſſer, mich zu entfernen.“ Virginia ging auf die Thüre zu, kehrte aber zurück, — 48— faßte die Hand ihrer Mutter und blickte ihr mit einem hinreißenden, bittenden Auge in das Geſicht. „Du zürnſt mir nicht, geliebte Mutter?“ „Nein, gewiß nicht, Virginia!“ Sie küßte ihr Kind zärtlich, und Virginia ging. Der Oberſt zeigte ſich über die Mittheilung ſeiner Gattin ziemlich ungehalten. Es war etwas Geheimniß⸗ volles an Rainsford. Er war ohne Empfehlungsbriefe zu ihnen gekommen; und obgleich die gaſtfreien Sitten von Kentucky ſie in gewöhnlichen Fällen ganz unnöthig machten, ſo mußte er doch mehr von dem jungen Manne wiſſen, ehe er einwilligte, ihm ſeine Tochter zu geben. Es war wahr, er hatte ihr Leben gerettet, und dies legte ihnen ewige Dankbarkeit auf; allein dies war keine hin⸗ reichende Gewähr für ſeinen Charakter und ſeine Vermö⸗ gensverhältniſſe. Er gab vor, die Abſicht ſeiner Hierher⸗ kunft ſei der Ankauf von Ländereien und ſeine Nieder⸗ laſſung geweſen; aber er ſchien weder Neigung, noch Geſchick, noch alles das zu beſitzen, was zu dem glücklichen Erfolg eines ſolchen Plans gehörte; ja, er ſchien es ganz vergeſſen zu haben, daß er je eine ſolche Abſicht hegte. Ueberdieß konnte er nach einigen Andeutungen, die er vor einiger Zeit durch Zeno Paddock erhalten, nicht umhin, ſich zuweilen einem entfernten Verdachte hinzugeben, der, wäre der unbeſchreiblich große Dienſt nicht, den er der Familie geleiſtet, ihn, den Oberſten Dangerfield, veranlaßt hätte, eine Unterſuchung einzuleiten, welche, wenn ſie nicht — 49— zu Rainsford's Gunſten ausfiel, zum Aufheben alles fer⸗ neren Verkehrs, wenn nicht zu etwas Schlimmerem führen mußte. Er fühlte ſich nicht berufen, mitzutheilen, was Zeno ihm geſagt hatte; einmal konnte es nicht wahr ſein, denn der Mann war ein großer Neuigkeitskrämer und ſein Wort nicht immer ein Evangelium; und dann begrün⸗ dete es, wenn es wahr war, eher eine Vermuthung, als einen unbedingten Verdachtsgrund. „Ich muß mehr von dieſem geheimnißvollen jungen Manne wiſſen, obgleich ich geſtehe, daß ich ihn, abgeſehen von den Verpflichtungen der Dankbarkeit, wegen ſeines Verſtandes und ſeiner liebenswürdigen Eigenſchaften ſehr lieb habe. Meine Freundſchaft iſt zu ſeinen Dienſten und meine Börſe würde es ſein, wenn er ſie verlangte; aber ich weiß, daß er über ein großes Vermögen zu gebieten hat; wenn es ſich aber davon handelt, meine einzige Tochter wegzugeben, ſo iſt dies etwas Anderes und nimmt jede Art weiſer Umſicht und Ueberlegung in Anſpruch. Ich werde nicht verfehlen, bei der erſten Gelegenheit, welche ſich darbietet, ihm einige Fragen über ihn und ſeine Familie vorzulegen, was ich nie gethan habe, weil ich es für einen Gentleman, der in Alt⸗Virginien geboren und in Kentucky anſaßig iſt, nicht geziemend halte, einem Gaſte mit Fragen läſtig zu fallen. Es ſieht aus, als ſei er nicht ſeiner ſelbſt wegen, als Ritgeſchöpf, als Menſch ſchon willkommen. Die Sache iſt hier aber anders. Ich ſetze Vertrauen genug auf Virginia, um ihren Verkehr nicht Paulding. H. 4 5— zu verbieten, oder die Verbindung abzubrechen; die Hoch⸗ zeit wird aber mit meiner Bewilligung nicht ſtatt finden⸗ bevor ich weiß, wer Mr. Rainsford iſt, woher er kömmt, wer ſeine Familie, und vor allem, welches ſein Charakter iſt. Nittlerweile werde ich ein Auge auf ihn haben, obgleich ich geſtehen muß, daß es gegen mein Gewiſſen geht, einen Mann auch nur einen Augenblick in Verdacht zu haben, ohne es ihm in das Geſicht zu ſagen und ihm Gelegenheit zu geben, ſich zu rechtfertigen.“ Der Leſer wird vielleicht eine Veränderung in dem Charakter und der Ausdruckweiſe des Oberſten Danger⸗ field finden, wenn er ſeine Unterhaltung und ſein Beneh⸗ men mit gewiſſen Geſprächen und Vergnügungen vergleicht, deren in dem Anfange unſerer Geſchichte gedacht worden. Es iſt eben ſo. Andere Lagen, andere Pflichten, eine andere Lebensweiſe machen nicht weniger Eindruck auf den Geiſt als auf den Körper. Von dem Augenblicke an, wo der Oberſt ſeiner Pflanzung, ſeinen Nachbarn und vor allem Barebones Lebewohl ſagte und ſich in die Wildniß wagte, nahm ſein Charakter jenen angebornen Scharfſinn, jene Kraft an, die Reichthum, Verweichlichung und nament⸗ lich der Müßiggang mit ihrem Syrenen⸗Wiegenlied in Schlaf gelullt hatten. Nit den manchfachen Anſprüchen, welche die neue Lage an ihn machte, hob ſich ſein Geiſt, und er wurde, ſowohl als Krieger, welcher den Gefahren und Mühſeligkeiten des Kampfes in den Wäldern trotzte; wie als Richter, der das wilde Gebiet umher mehr kraft ſeines perſönlichen Anſehens als kraft der Geſetze regierte; als Vater, der ſeine Kinder unterrichtete und für ihre Bedürf ſorgte, und als Gatte, welcher die damit ver⸗ bundenen Pflichten würdig erfüllte, in gleicher Weiſe ein Muſter. Seine alten Freunde an den Ufern des St. James Fluſſes würden ihn jetzt kaum erkannt haben, und wir ſelbſt, ſo vertraut wir mit dieſem würdigen Gentleman ſind, möchten manchmal faſt zweifeln, ob er derſelbe ſei. 4* 12 k Viertes Kapitel. Zeigt, wie Frau Judith Paddock vor Schrecken faſt um den Verſtand kam. Virginia nahm die erſte Gelegenheit wahr, Rains⸗ ford von ihrer Unterredung mit ihrer Mutter in Kenntniß zu ſetzen, und er bezeigte ihr ſeinen innigſten Dank wegen des Zartgefühls, mit dem ſie das Geheimniß verſchwiegen hatte, an deſſen Bewahrung ihm ſo viel gelegen war. Er ahnte aber(und verſchwieg es ihr auch nicht) die peinliche Lage, in welche er ſie verſetzt hatte, und bedauerte es manchmal, daß ſie nicht Alles entdeckt habe. Von dieſer Zeit an betrachtete er ſich als einen Gegenſtand argwöh⸗ niſchen Verdachtes, und er deutete, dieſer Idee zufolge, jeden Blick, jedes Wort und jede Handlung des Oberſten und der Niſtreß Dangerfield. Vielleicht hatte er Recht; denn obgleich ſie die Formen äußerer Artigkeit beibehielten⸗ konnten ſie ſich doch jener unbeholfenen Verlegenheit nicht entkleiden, welche die gewöhnliche Folge des Mangels an Vertrauen zu denen iſt, mit welchen wir verkehren. Nach wenigen Tagen benutzte der Oberſt Dangerfield eine Gelegenheit, das Einverſtändniß, welches zwiſchen Rainsford und Virginia beſtand, zur Sprache zu bringen. —— — 53— „Ich gebe gern zu, Mr. Rainsford,“ ſagte er,„daß Alles, was ich ſeit dem Tage, wo Ihr in dieſen Theil des Landes gekommen ſeid, von Euch ſah, dazu beigetra⸗ gen hat, mir, ganz abgeſehen von der Verpflichtung, welche Ihr mir und den Meinigen auferlegt habt, eine günſtige Meinung von Euern Talenten und Euerm Charakter bei⸗ zubringen. Unter andern Umſtänden und wenn es ſich von einer gewöhnlichen Bekanntſchaft handelte, würde ich ruhig bleiben; das Verhältniß aber, in welchem Ihr jetzt zu meiner Familie ſteht, macht es unerläßlich, daß ich mehr von Euch erfahre. Ihr werdet mich daher, hoffe ich, weder für unartig, noch für neugierig halten, wenn ich mir jetzt die Freiheit nehme, einige Fragen an Euch zu richten.“ Obgleich Rainsford im höchſten Grade reizbar und empfindlich war, ſo gab es doch Gelegenheiten, wo er ſich faßte und das ſtolze Gefühl der Feſtigkeit und Entſchieden⸗ heit zeigte. In dieſem Gefühle antwortete er jetzt: „Oberſt Dangerfield, Ihr habt ohne Zweifel ein Recht, die Fragen an mich zu richten, welche Ihr für nothwendig erachtet. Ich hege die Ueberzeugung, es wer⸗ den nur ſolche ſein, wie ſie ein Ehrenmann dem andern in Eurer und meiner Lage ſtellen darf. Aber ich muß Euch im Voraus ſagen, daß es Fragen gibt, welche ich ietzt weder beantworten kann, noch zu beantworten geneigt bin.“ „Sehr gut; alſo offen,— wo habt Ihr gewöhnlich gewohnt, ehe Ihr hierher kamt?“ „Ich kann dieſe Frage nicht beantworten— ich wollte, Ihr erließt mir die Antwort.“ „Ei! Gut, Sir; darf ich nach der Lage, den Umſtän⸗ den, dem Charakter Eurer Familie fragen?“ „Ich bin der Letzte meiner Familie,“ ſagte Fait ford mit leiſem Beben. „Nicht wenig merkwürdig, in der That! Ich habe ſelten menſchliche Weſen gefunden, welche ſo ganz verlaſ⸗ ſen geweſen, daß ihnen nicht ein einziger Verwandter geblieben wäre. Ihr müßt ſehr unglücklich geweſen ſein. Seid Ihr in dieſem Lande geboren?“ „Ja. Ich habe einige entfernte Verwandte, ſtand aber nie in Verkehr mit ihnen, noch fand ein Austauſch freundlicher Gefühle zwiſchen uns ſtatt.“ „Und Ihr lehnt es ab, irgend eine Kunde über Eure Familie und Euer Vermögen zu geben?“ „Meine Familie— ſo viel kann ich Euch mittheilen — iſt achtungswerth; und was die Glücksgüter betrifft, ſo habe ich deren mehr, als ich je brauchen werde. Ich kann die Beweiſe davon zu jeder Zeit beibringen.“ „Ich bin über dieſen Punkt nicht ſehr beſorgt. Ihr werdet aber fühlen, Mr. Rainsford, daß ich meine einzige Tochter keinem Manne geben kann, welcher ſich nicht nur weigert, mir zu ſagen, wer er iſt, ſondern es auch für gut findet, einen Aufſchub vorzuſchlagen, welchen er, obgleich er meiner Tochter genügende Gründe angegeben hat, bei mir zu rechtfertigen, nicht der Mühe werth erachtet.“ . „Iſt nicht eben dieſer Vorſchlag des Aufſchubs ein Beweis, daß ich weder ſie, noch Euch, täuſchen oder Erän ren will? Wäre dies meine Abſicht, ſo würde ich mich veeilen, mich in den vollen Beſitz des Gluckes zu ſetzen, deſſen ich mich zu erfreuen zuweilen noch die Hoffnung hege Betrüger und Schurken fürchten nichts mehr, als die Zeit, welche früher oder ſpäter alle Geheimniſſe erſchließt.“ „Richtig— ganz richtig,“ verſetzte der Oberſt nach⸗ denkend:—„dennoch müßt Ihr, Mr. Rainsford— ich will offen gegen Euch ſein— dennoch müßt Ihr bekennen, wenn Ihr irgend etwas von der Welt und dem Verkehr unter Menſchen wißt, daß der Mann, welcher ſich weigert, für ein Benehmen, welches nicht in dem Kreiſe gewöhn⸗ licher Motive und Grundſätze iſt, vernünftige Gründe anzugeben, ſich mit Recht dem Verdachte preiß gibt, daß die urſachen ſeines Benehmens keine Prüfung zulaſſen. Nicht ohne guten Grund hält die große Maſſe der Men⸗ ſchen Geheimniß und Schuld für eins und daſſelbe.“ „Dürfte es aber, Oberſt Dangerfield, nicht Unglücks⸗ fälle ſo eigenthümlicher und ſchmerzvoller Art geben, daß ein Weſen von Gefühl zurückbebt, ſie zu enthüllen, wie es vor dem Bekenntniß eines Verbrechens zurückbebt?“ „Gewiß; aber dieſe Fälle ſind ſo ſelten, daß ſich Niemand beklagen darf, wenn die Welt dieſes Gefühl reiz⸗ barer Empfindlichkeit als Bewußtſein der Schuld deutet.“ „Ja; ich weiß dies nur zu gut.“ „Aber, Sir, um dies auf uns anzuwenden: als —— Fremde ſind wir nicht berechtigt, von Euch einen Auf⸗ ſchluß zu verlangen, der Euch peinlich werden könnte; als bloß gewöhnliche Vekannte würden wir ihn nicht wünſchen; aber als die Eltern eines tugendhaften und— ich darf es wohl ſagen— ſchönen jungen Mädchens, welches ſeine Ausſichten auf eine glückliche Zukunft ein wenig voreilig Eurer künftigen Entſcheidung anheim geſtellt hat, müſſen wir— ich ſage Euch dies ein für alle Mal— und wollen wir, ehe ein weiterer Schritt geſchehen kann, wiſſen, wer und was Ihr ſeid.“ „Ich will es Euch mit einem Worte ſagen— ein Unglücklicher; aber kein Verbrecher. Oberſt Dangerfield, beraubt mich der Hoffnung nicht, Virginia eines Tags, wenn es dem Himmel gefällt, mich zu erhalten, die Mei⸗ nige zu nennen. Wenn Ihr Alles wüßtet, würdet Ihr mich bemitleiden, vielleicht würdet Ihr vor mir zurück⸗ beben; nur die Furcht, nur der Schauder vor dem Gedan⸗ ken, die Gründe meines Benehmens offen zu enthüllen, ſind die Urſache des ſcheinbaren Geheimniſſes, in welches ich mich vor aller Welt, Virginia ausgenommen, gehülit habe. Sie hat ein Recht, Alles zu wiſſen, und ſie weiß Alles. „Irgend eine ſchale romantiſche Geſchichte, dünkt mich,“ ſagte der Oberſt verächtlich:—„irgend eine Seſchichte leichtfertiger Ausſchweifung, in die gleisnériſche Sprache des Tags gehüllt, wo die Verletzung der Ver⸗ pflichtungen gegen die Gerechtigkeit Unklugheit genannt, und die Schuld mit dem milden Titel des Unglücks belegt. — 57— wird; irgend ein hübſcher Kunſtgriff, ein gefühlvolles, unerfahrnes Mädchen zum Mitleid zu verlocken.“ „Wollte der Himmel, dem wäre ſo! Nein, Sir, Ihr thut mir Unrecht; bei meiner Seele, Ihr thut mir Unrecht! Aber laßt uns dieſe peinliche Unterhaltung endi⸗ gen. Oberſt Dangerfield,“ fuhr er mit großer Feierlichkeit fort—„glaubt Ihr an Eide, an Berufungen auf jenes Weſen, das ganz Wahrheit, ganz Gerechtigkeit iſt? Glaubt Ihr daran, ſo hört mich ſchwören bei dem Glücke, das ich, wenn nicht hier, dort im zukünftigen Leben hoffe, bei meiner unſterblichen Seele, welche ich hier dem ewigen Verderben preis gebe, wenn ich die Wahrheit nicht ſage; hört mich ſchwören, daß Ungluck, und nicht Schuld, mich zwingt, noch eine Zeitlang die Gründe meines Benehmens gegen Euch und die Eurigen geheim zu halten. Sie mögen vielleicht ſchwach, unbegründet, kindiſch ſein— ſie ſind vielleicht ein Theil meiner Krank—, aber, welcher Art ſie auch ſeien, ich kann ſie jetzt nicht bewältigen. Doch mache ich mich hier bei Allem, was uns heilig iſt, anheiſchig, daß Ihr, bevor ein Jahr vergangen ſein wird, Alles erfah⸗ ren ſollt, und daß ich mittlerweile das Zutrauen, welches Ihr mir geſchenkt habt, nicht mißbrauchen werde. Dürft Ihr mir bis dahin vertrauen?“ „Es iſt faſt zu viel verlangt, Sir; wenn ich aber daran denke, daß ich ohne Euch keine Tochter mehr hätte, muß ich zugeſtehen, daß Ihr ein Recht auf einiges Ver⸗ trauen habt!“ Er dachte einige Minuten nach, dann fuhr er fort: „Ich will Euch glauben, obgleich Ihr ſelbſt kaum einzuſehen ſcheint, daß ich dies auf die Gefahr hin thue, daß man eines Tages auf mich, als auf den unbeſonnenſten und unklugſten Vater hindeute. Ich füge mich Euern Bedingungen. In weniger als einem Jahre, habt Ihr geſagt?“ „In weniger, als einem Jahre. O, Sir,“ fuhr Rainsford fort, nahm des Oberſten Hand und drückte ſie, „o, Sir, Ihr wißt nicht, wie groß meine Dankbarkeit für dieſes Vertrauen iſt— und— und der Himmel gebe, daß Ihr es nie, nie bereuet.“ Sie trennten ſich; der Oberſt dachte über den letzten Wunſch nach, der ein wenig doppelſinnig klang, während Rainsford ſeine Schritte zu dem Hauſe des Meiſter Zeno Paddock lenkte, wo Frau Judith in dem Fieber, ja, in dem Todeskrampfe der Neugierde harrte. Sie hatte eine Art von inſtinktmäßigem Gefühl, daß etwas vorgefallen ſei, oder daß etwas vorgehe, von dem ſie nicht genau unter⸗ richtet war, und warf ſich daher, um uns eines Marine⸗ Ausdrucks zu bedienen,„Nacken an Nacken“, an die Seite Rainsford's, entſchloſſen, ihn in den Grund zu bohren, wenn er ihr ſein Geheimniß nicht auslieferte. Ach! alle ihre Manveuvres, ihn zu entern, waren vergeblich. Rainsford war in ſeine eigenen quälenden und peinlichen Gefühle ſo verſenkt, daß er ihr, wie Hein⸗ rich Percy, der Heißſporn genannt,„nachläſſig, er wußte —— nicht, was,“ antwortete und ohne Abſicht und Willen ſie auf eine Weiſe kränkte, die keine Frau ihres Gleichen ertragen konnte. „Mir war, als hätt' ich Euch eben aus des Oberſten Haus kommen ſehen; war's nicht ſo, Mr. Rainsford?“ Er ſah ihr ſtarr in das Geſicht und antwortrte nach dem Gange ſeiner eigenen Gedanken: „Noch Ein Jahr— ja— hm,— und Alles wird bekannt ſein.“ Frau Judith wußte nichts aus dieſen Worten zu machen. „O ja— wie Ihr ſagt— noch Ein Jahr und dann — werden wir ein Jahr älter ſein.“ Frau Judith wußte nicht recht, was ſie ſagen ſollte, und ſchwatzte daher, wie gewöhnlich in ſolchen Fällen, Unſinn. „Vielleicht nicht— vielleicht trifft es doch nicht ein.“ „Wie? es ſollte vielleicht nicht eintreffen, daß wir das nächſte Jahr ein Jahr älter werden?“ rief Fran Judith gellend, und das Geſchrei brachte ihn einen Augen⸗ blick zur Beſinnung. „Wir können todt ſein, müßt Ihr wiſſen,“ ſagte er lächelnd. „Ah, das iſt wahr; ſehr geſcheidt; ha, ha! Ich ſchwöre, Ihr macht mich lachen, Mr. Rainsford.“ „Und doch,“ ſagte Rainsford, der wieder in ſein Grübeln verfiel—„es kann ſein— hm— hm—“ „Was habt Ihr geſagt, Sir?“ „Alle— ja, alle meine armen Brüder gingen dieſen — Weg— und innerhalb weniger Monate deſſelben Alters hm— hm— hm!“ „Ach, ja, Sir! Dies iſt eine ſcand—, ich meine, eine erbärmliche Welt! Wir können ſterben,— wir kön⸗ nen beſtohlen werden— wir können um Alles kommen, was wir in der Welt haben, und um unſern Verſtand obendrein, ehe—“ „Was ſagt Ihr, Weib? Ich um meinen Verſtand kommen?“ rief Rainsford, ſprang wüthend auf und ſtarrte ſie mit geiſterartigem Blicke an. Frau Judith floh wie ein ſchüchternes Hirſchkalb aus dem Zimmer, warf ihr Taſchentuch über ihren Holofernes⸗ Kopf, um ihn gegen die Sonne zu ſchützen, und revierte, wie Buſchfield ſagen würde, in ſchnurgrader Linie in die zeitliche Wohnung des Oberſten Dangerfield hinüber, und das erſte menſchlicht Weſen, das ihr begegnete, war Vir⸗ ginia. „O Miß Phiginni! Miß Phiginni! Ein ſolches Unglück muß Mr. Rainsford treffen!“ „Welches Unglück? Sprecht, Miſtreß Paddock— ſchnell, ſchnell!“ „O, welch eine erbärmliche Welt iſt dies! O Miß Phiginni!“ „Um des Himmels willen, ſprecht!“ rief die junge Dame:„was, was iſt Mr. Rainsford begegnet?“ Und ſie zitterte und wurde todtenbleich. „D— o— o, ich ſchwöre, ich bin ſo erſchrocken, 6 — 61— ſo außer Athem— o, wer hätte das gedacht! Armer, armer junger Mann!“ „Was? was?“ rief Virginia in Todesangſt. „Nun, er iſt toll geworden, ſo gewiß—“ Frau Judith's Redeſtrom ſtockte hier. Virginia ſtieß einen Schrei aus und ſiel wie todt auf den Raſen der kleinen Umzäunung hinter dem Hauſe, wo ſie unter dem Schatten eines mächtigen Baumes geſeſſen hatte. Miſtreß Dangerfield hatte den Schrei gehört und eilte herbei, um zu ſehen, was es gebe. Sie fand Virginia bewußtlos und Niſtreß Paddock die Hände ringen und dieſe elende Welt verwünſchen und Unſinn ſchwatzen. Nach einiger Zeit gelang es der mütterlichen Sorgfalt, das junge Weſen ſo weit zu ſich zu bringen, daß ſie einige wilde, unzuſammen⸗ hängende Worte hervorbringen konnte. „So bald— es ſollte jetzt noch nicht kommen!— Armer, armer Rainsford und arme Virginia?“ Als ſie jetzt Frau Judith anſichtig wurde, erhob ſie ſich und fragte: „Iſt es auch gewiß, ganz gewiß?“ „Nun, ich kann nicht ſagen, daß er grade ſeinen ganzen Verſtand verloren habe, aber er redete, als wenn er nicht wüßte, was er ſagte, und ſah mich an, als wenn er kein menſchliches Weſen in mir erkannte, und dann hieß er mich„Weib,“ als ſollte das heißen„T—. Aber ſo wahr ich lebe— da kömmt er; wer hätte das gedacht?“„ In dieſem Augenblicke ſah Rainsford über den niedri⸗ gen Zaun und lud Virginia ein, mit ihm einen Spazier⸗ gang am Fluſſe zu machen. Niſtreß Dangerfield würde ſich widerſetzt haben, hätte Virginia nicht darauf beſtanden, daß ſie gänzlich hergeſtellt ſei, und eine ſolche Ungeduld und Beharrlichkeit gezeigt, daß die Mutter zuletzt ein⸗ willigte. „Meine liebe Virginia,“ dachte ſie, biſt nicht, wie du zu ſein pflegſt.“ Sie wandelten eine lange Weile über die grünen Wieſen, die den Fluß begrenzen und unter den mächtigen Ulmen und Sycomore-Bäumen, welche da und dort den Blumenteppich überſchatteten, und nun ihr buntgefärbtes Frühlingskleid angezogen hatten. Rainsford fragte nach der urſache ihres augenblick⸗ lichen Uebelbefindens, auf welches er ihre Mutter hatte anſpielen hören; ſie ging jedoch nicht auf die Sache ein, da ſie ihm wehe zu thun fürchtete, und vielleicht that ſie ihm durch ihr Schweigen nur noch weher. Als er end⸗ lich ſo in ſie drang, daß ſie nicht mehr widerſtehen konnte, entdeckte ſie Alles, was Frau Judith ihr mitgetheilt hatte. Er bebte vor bitterm, gekränktem Gefühle. „Ja, Jedermann ſieht, daß es kömmt; Jedermann wird es bald wiſſen und vor mir zurückbeben, wie man vor meinem armen Vater, vor meinen Brüdern zurück⸗ bebte, wie dieſes thörige Weib vor mir zurückbebte. Fürch⸗ teſt du dich nicht vor mir, Virginia?“„ 66— „Mich vor Euch fürchten?“ rief ſie und ſah ihn ſo unſchuldig und vertrauensvoll an, daß er wieder zu dem freudigen Gefühle ſeines Glückes erwachte. Beide gaben ſich der Hoffnung hin, die entſcheidende Zeit, von welcher ihr künftiges Glück oder unglück abhing, werde glücklich vorübergehen. „Wenn Alles,“ ſagte er,„wie ich jetzt zuweilen die Hoffnung hege, gut mit mir geht, bis die düſtere Linie meines Schickſals glücklich überſchritten iſt,— werden wir dann nicht glücklich ſein, Virginia? Ich bin überzeugt, wir werden es ſein; denn biſt du nicht ganz Schönheit, und Reinheit und klarer Verſtand⸗ und wäre ich nicht der roheſte Unmenſch, der je die edle Hingebung eines Weibes getäuſcht hat, wenn ich ein Vertrauen, wie es noch nie auf einen Mann geſetzt ward, anders vergälte, als durch Liebe, Zärtlichkeit, Verehrung, Anbetung? Ja, ja, nach den Worten des Dichters der Zärtlichkeit ſelbſt: Laß unſer Sein zwei freud'gen Reben gleichen, und Seel' und Liebe um einander ſchlingen⸗ Als ſchöſſe Blatt und Frucht aus Einem Stamm; uns mach' Ein Leid, Ein Glück nur trauern, lächeln, Ein Alter reife uns, und Eine Stunde Schließ' unſer Aug' und Ein Grab mach' uns glücklich.“ Sie ſaßen auf demſelben moosbewachſenen Felsſtücke, und daſſolbe heilige Schweigen der Natur athmete ringsum, wie damals, als er ſeine traurige Geſchichte erzählt und ſeine ſchwermuthsvolle Liebe geſtanden hatte. Die Zeit, die Gelegenheit, und die ganze ſtille Erhabenheit der Natur waren geeignet, die edelſten und zugleich zärtlich⸗ ſten Gedanken und Gefühle hervorzurufen: „Dann flieht die Seele oft aus ihrer Haft, Denn Schweigen iſt des ew'gen Schöpfers Kraft.“ Die kleinlichen und verfliegenden Erregungen, welche das Gewühl und Getümmel der Welt gibt, die vergäng⸗ lichen Gefühle, welche der ſchimmernde Glanz weltlicher Pracht erweckt, zerfließen in Nichts, wenn man ſie mit der heiligen Begeiſterung einer Szene wie dieſe vergleicht. Die Einbildungskraft dehnt ſich durch jene verwandten Bilder aus, welche das unermeßliche blaue Gewölbe über uns, die Pracht und Schönheit der um uns ruhenden Welt erwecken; nichts Selbſtſüchtiges, nichts Gemeines, nichts Verwerfliches kann in ein gut organiſirtes Gemüth eingehen, wenn es die glorreichen Werke eines Weſens betrachtet, das ganz Reinheit, Größe und Güte iſt. Rainsford's Geiſt ſchien ſich zu dem höchſten Himmel empor zu ſchwingen uud in den herrlichſten Welten zu ſchweben. Mit dem gemiſchten Gefühle des Dichters und Philoſophen, der Liebe und der Anbetung, ließ er ſich über die Schönheit der Natur, die keuſchen Freuden tugend⸗ hafter Liebe, die Anſtrengungen und Siege des gut gelei⸗ teten Geiſtes, das edle Geſchenk der Unſterblichkeit aus, deſſen Beſitz ihm hier und jenſeits geſichert. Virginia, das geſenkte Antlitz vorgebeugt, ſaß neben ihm; ihr Auge hob ſich zu den ſeinigen in Bewunderung ſeines ſtolzen Fluges und zugleich in Furcht, er möchte die ſchwindelnde Höhe der Vernunft überſpringen und in den Abgrund auf der andern Seite hinabgleiten. Ihr ſchwindelte bei der grauſigen Erbabenheit, zu der er ſich manchmal empor⸗ ſchwang, und ihre bangen Ahnungen malten ihr ihn, wie er eben an dem Rande der faſt unbemerklichen Linie aus⸗ glitt, an jenem haarſchmalen Raume, welcher in dem empfindlichen Reiche des Gehirns die fruchtbare Region, wo die Elemente in lieblicher Eintracht handeln und Alles allgemeine Harmonie iſt, von der des Chaos ſcheidet, wo nur formloſe Ungeheuer und ſchwirrende Atome wohnen. Ein ungemein düſter-zärtliches Gefühl bemächtigte ſich ihrer Seele und die Thränen floſſen über ihre Wan⸗ gen, als ſie in ſein Antlitz blickte, das von dem Wirken des Geiſtes blaß geworden war. Er ſah die Thränen und ſagte, plötzlich ſeinen Flug in den Regionen der obern Welt hemmend, ſanft: „Was bekümmert dich, Virginia? Sei unbeſorgt; es iſt noch nicht geſchehen, was auch aus mir werden, was auch Frau Paddock ſagen mag. Zum erſten Male, ſeit ich anfing, nur in der Bitterkeit geahnten Elends zu leben — zum erſten Male habe ich mich dieſen Abend der Hoff⸗ nung eines freundlicheren Daſeins hingegeben, und der neue Gaſt hat mich vor Freude faſt ſchwindelnd gemacht. Ja, wir werden noch glücklich mit einander werden.“ Paulding H. 5 — 66— In dieſem Augenblicke hörten ſie jenen grellen, kalten Ton wieder, welcher bei ihrem frühern Siſe über die Purpurwaſſer gezittert hatte. „Laßt uns nach Hauſe gehen?“ ſagte Lrgin, und ſie kehrten, ohne ein ferneres Wort zu wechſeln, nach Hauſe zurück. Fünftes Kapitel. Wie ein Taſchentuch auch andern Leuten als der armen Demona, unglück bringen kann. Miſtreß Judith Paddock, der Spiegel aller Dorf⸗ Klatſchſchweſtern, ging mit einer„Biene in ihrer Haube“ heim, welche ſo furchtbar brummte und ſummte, daß ſie faſt von Sinnen kam. Sie war überzeugt, daß etwas Großes und Geheimnißvolles vorgegangen ſein müſſe, Etwas, das ihren Miethsmann und Miß Dangerfield betreffe, und das ſie mit dem längſten Senkblei ihrer Neugierde nicht ergründen konnte; da dies nun eines der wenigen Geheimniſſe war, welche ihrem Scharfſinne ent⸗ gangen waren, ſo ſtrebte ſie um ſo eifriger darnach, ſeiner durch irgend ein Nittel habhaft zu werden. Sie ging gluckſend wie eine ehrwürdige alte Henne, die ihr letztes Küchlein verloren, in dem Dorfe herum, ließ geheimniß⸗ volle Worte fallen und gab unerklärliche Winke, welche die Ohren aller Frau Baſen beinahe ſo ſtark wie ihre eigenen zum Summen brachten. Die Spinnräder ſtanden ſtockſtil; die Töpfe und Keſſel kochten über; wenn der todtmüde Arbeiter nach Hauſe kam, um ſeinen Hunger zu ſtillen, war das Eſſen verbrannt oder noch nicht am Feuer. — 55— Die Hauskatze ſtahl ungeſtraft den Rahm von der Milch⸗ pfanne und die Kinder hatten freies Spiel in der Vor⸗ rathskammer. Dies ſind die bittern Folgen eines Geheim⸗ niſſes in einem einſamen Dorfe. Im Laufe dieſes Frühlings, der ein Wunderjahr einzuleiten ſchien, begaben ſich zwei andere wichtige Ereig⸗ niſſe:— Oberſt Dangerfield begann die Erbauung ſeines neuen Hauſes in einem großen Style, und Meiſter Zeno Paddock, welcher einen andern Regenten für ſeine klaſ⸗ ſiſche Akademie angeworben hatte, ging auf Reiſen, um alle Anſtalten zur Erſcheinung ſeiner Täglichen zu machen. Kein Wunder, wenn in Dangerfieldville Alles liegen und ſtehen blieb, und man nur ſchwatzte und ſtaunte. NMittlerweile wurde die wachſame Zärtlichkeit der Mutter mit jedem Tage mehr durch die Lage ihrer Tochter und Rainsford's Benehmen rege gehalten, deſſen Geiſt allmählig wieder dem frühern Wechſel tiefer Bedrängniß und nicht veranlaßter Freudeausbrüche ſich zuwandte. Der Klang einer Glocke, der Ruf einer Eule, das Schreien des Käutzchens an einem Abend oder zur Nitternachtszeit in der Einſamkeit und Stille des Landes wird in vielen Menſchen bei beſondern Veranlaſſungen ſchwermüthige Ahnungen hervorrufen, welche hart an der Saite anſchla⸗ gen, die am leichteſten bei Vorgefühlen und geträumten Schrecken ſchwingt. Rainsford's ganzer Lebensgang hatte ihn für Schwer⸗ — 65— muth und Aberglauben geſtimmt; denn er hatte Jahrelang über einem einzigen Gedanken gebrütet, zu welchem Alles, was er hörte, ſuh oder fühlte, mit mehr oder minder peinlicher oder ahnungsvoller Gewalt hinneigte; und jener grelle, drohende Eulenruf, welchen die Zeit und der Glau⸗ ben eines großen Theils der Menſchen als ſchlimmes Vorzeichen angenommen haben, und der unter denſelben umſtänden und an derſelben Stelle zweimal gehört ward, vernichtete plötzlich das zeitliche Gebände, welches die neu⸗ geborne Hoffnung für ſein künftiges Glück erbaut hatte. In der That, ſein geſchwächter Gemüthszuſtand konnte die Spannung, welche er erfahren, nicht ertragen, und das augenblickliche Gefühl des Glückes trug, gleich der auf⸗ regenden Arznei, die einem erſchlafften Körper gegeben wird, nur dazu bei, ſeine letzte Abſpannung zu vermehren. Von jenem böſen Schickſale getrieben, das Geiſtern ſeiner Art gewöhnlich beizuwohnen pflegt, kam er, ſtatt jede Kraft aufzubieten, ſich dem Nachhangen des unglücklichen Gedankens, welcher faſt immer ſeine Seele beſchäftigte, zu entreißen, auf den Einfall, Paddock zu beauftragen, ihm gewiſſe unheilbringende Bücher zu verſchaffen, welche von den urſachen, Anzeichen und der Heilung der Krank⸗ heit handelten, die ſeine Phantaſie ſo lange verfolgt hatte. Als dieſer Ehrenmann nach Verlauf von vier Wochen zurückkehrte, forſchte Rainsford mit hohem, ergreifenden Intereſſe in dieſen Büchern und fand, wie man ſich wohl denken kann, Stoff genug darin, ſeine gewohnten Ueber⸗ — 70— zeugungen zu kräftigen; denn der Wahnſinnige unter⸗ ſcheidet ſich nur in den Extremen von dem Weiſen. Die arme Virginia fühlte jetzt die Wahrheit des allge⸗ meinen Satzes, daß Alles, ſelbſt das an ſich Unbedeutendſte unſerm ſtets bangen und beſorgten Geiſte mehr oder weni⸗ ger Grund gibt, das zu glauben, was wir hoffen oder fürchten. Alles Ungewöhnliche, jeder Ausbruch des Gefühls, ieder Aufſchwung der Phantaſie, welcher ohne ihre Hin⸗ neigung, überall das Schlimmſte zu fürchten, ſie unterhal⸗ ten oder ergötzt haben würde, erfüllte ſie jetzt mit dem kalten Schauer des Bangens und erhielt ſie ſtets auf der Folter der Angſt. Während dieſer peinliche Zuſtand ſie in ihrer tiefſten Seele angriff, erhöhte er allmahlig ihre Theilnahme an dieſem begabten, liebenswürdigen Manne, und ſie wachte mit mehr als mütterlicher Beſorgniß über ihm, als die Zeit heranrückte, welcher er als der entgegen ſah, die über ſein Schickſal entſcheiden mußte. Die Wahl der Mitglieder des geſetzgebenden Körpers von Kentucky nahte nun heran und Leonard Dangerfield, welcher in der Hauptſtadt die letzte Feile als Rechtsgelehr⸗ ter erhalten hatte, wurde in Kurzem von den Seinigen erwartet, um Mitbewerber um die Ehre eines Sitzes zu werden. Es ziemte Meiſter Zeno nun allerdings, ſich zu rühmen und ſeine Tägliche in Ordnung zu bringen, um die Anſprüche des jungen Herrn gegen ſeinen Mitbewerber, der bereits ins Feld gerückt war, in Schutz zu nehmen. —— Der größte gewiß und nach aller Wahrſcheinlichkeit der glücklichſte Mann in gans Kentucky war Zeno an dem Morgen, an welchem die erſte Nummer der„Weſt⸗ Sonne“ in dem Dorfe Dangerfieldville aufging. Seine Wichtigkeit war nicht allein in ſeinen eigenen, ſondern auch in den Augen ſeiner Nachbarn wenigſtens um das fünfhundertfache geſtiegen, denn dies war ungefähr die Zahl von Leſern, welchen ſeine Anſichten von nun an nicht viel weniger als ein Evangelium zu ſein beſtimmt waren. Er begann ſehr beſcheiden damit, daß er die Angelegen⸗ heiten der Centralregierung ordnete, ſeinen feſten Entſchluß ankündigte, für ſich zu urtheilen und nach der Entſcheidung ſeines Gewiſſens Recht zu ſprechen, und den Herausgeber des„Oſt⸗Sterns“ auf das furchtbarſte anzugreifen, weil er unverſchämt genug war, anderer Anſicht als er zu ſein; er ſchloß mit der Beurtheilung eines Kalenders, welcher als das einzige Druckwerk, das je vorher in dem Dorfe Dangerfieldville herausgekommen, beſonderer Beach⸗ tung werth war. Wir hätten nicht in den Schuhen des unglücklichen Gelehrten ſtecken mögen, der ihn zuſammen⸗ geſtoppelt hatte; denn es war ein neuer Hofpartei⸗Kalen⸗ der und Zeno focht auf der entgegengeſetzten Seite. Er hieb ihn daher furchtbar zuſammen und vernichtete für ewige Zeiten ſeinen Ruf bei dem Volke, indem er bewies, daß es bereits ſechs Mal an Tagen geregnet hatte, welche in ihm als„ſchöne Tage“ bezeichnet waren. Nachdem er dieſen Lump vernichtet hatte, ſtolzirte er aufgeblaſen — herum und begann, ernſtlich daran zu denken, die„neue Hof⸗Partei“ zu ſtürzen. Nach kurzer Weile brach ein wüthender Krieg zwiſchen der„Weſt⸗Sonne“ und dem„Oſt⸗Sterne“ aus, ſo daß, wären ſie ſich etwas näher geweſen, kein Zweifel hätte obwalten können, daß ſie ſich bedeutend höflicher behan⸗ delt haben würden. Das Dorf Dangerfieldville war bis jetzt ein ſtilles, friedliches Dorf geweſen, das nur durch die ſtarken Klatſchereien der Frau Indith beunruhigt wurde; jetzt aber, ſeit der große Zeno den Scepter der öffent⸗ lichen Meinung ergriffen hatte, verlor ſich ſeine Frau in verhältnißmäßige Unbedeutenheit. Die Fackel der Zwie⸗ tracht wurde von einem Rächtigeren, als ſie war, geſchwun⸗ gen, und im Laufe weniger Wochen hatten zwei Duelle und ſechs Fauſtkämpfe in verſchiedenen Theilen der umlie⸗ genden Gegend ſtatt, und alles das konnte der Einwirkung der„Weſt⸗Sonne“ zugeſchrieben werden. Man war allgemein der Anſicht, daß Zeno und der Mann von dem „Oſt⸗Sterne“ ſich gewiß auf Piſtolen würden gemeſſen haben, wäre nicht zum großen Glücke ein mächtiger Wald zwiſchen ihnen geweſen. Man flüſterte ſich jedoch zu, der Erſtere habe einige Gewiſſensſerupel, als laufe es, obgleich er ſich nichts daraus machte, Andere zu beleidigen, gegen ſein Gewiſſen, dieſe Beleidigungen zu ſühnen oder Genug⸗ thuung zu geben. Er war in der That ein ſehr mora⸗ liſcher Mann, was auch der„Oſt⸗Stern“ zum Beweiſe des Gegentheils beibringen mochte. —— Er wurde Hahn im Korbe, als Leonard Dangerfield nach Haus zurückkehrte, ein tüchtiger Mann, wie er je in den Regionen des Weſten aufgewachſen, die ſo fruchtbar an Muſtergeſtalten des Menſchen⸗Stammes ſind. Er war gegen ſechs Fuß hoch und grade wie ein Pfeil; ſeine Glieder waren vom ſchönſten Ebenmaß, wie man es ſonſt nicht gewöhnlich bei Menſchen von ſo ungewöhnlicher Größe findet; und er hatte ſie vollkommen in ſeiner Gewalt, wie ein junges lebendiges Raſſepferd die ſeinigen. Seine Geſichtszüge waren, wie ſeine ganze Erſcheinung, kühn, männlich und ſprachen vollkommenes Selbſtvertrauen aus; ſeine Augen, obgleich von blauer Farbe, hatten faſt zu viel von jenem kühnen Ausdrucke, welcher eines der charakteriſtiſchen Eigenſchaften echter Freiheit iſt. Als phyſiſches Weſen, als blos animaliſcher Menſch, machte er dem herrlichen Boden und der reinen Luft Ehre, in wel⸗ cher er, wenn er gleich in Virginien geboren, aufgewachſen war; denn es war in ſeinem Baue und Gliedern ein bewundernswürdiger Ausdruck von Kraft und Thätigkeit, ohne daß ihnen im Entfernteſten das, was man paſſend und bezeichnend„plump“ zu nennen pflegt, zum Vorwurf gemacht werden konnte. Seinem Geiſte fehlte es nicht an denjenigen Eigenſchaften, welche im Einklange mit einer ſolchen äußern Erſcheinung ſind, denn er hatte Muth, Thatkraft, Entſchloſſenheit, Kühnheit und Scharf⸗ ſinn. Neben dieſem beſaß er, wie faſt alle Männer von Bildung aus jenem Theile der Vereinigten Staaten, eine — natürliche Beredſamkeit, einen Fluß der Rede und Gedan⸗ ken, welcher vielleicht in der Thatſache ſeinen Urſprung hat, daß jeder junge Mann im Weſten ſeine Blicke auf das politiſche Leben und auß politiſche Auszeichnung richtet, die ſelten ohne den Beſitz jener großen Waffe erlangt werden kann, welche in einem freien Lande ſich ſtets eher Bahn bricht als das Schwert. Die Bürger der Vereinigten Staaten ſind zuweilen wegen der Wärme und des großen Eifers lächerlich gemacht worden, mit denen ſie an Wahlen und andern politiſchen Streitigkeiten von minderer Wichtigkeit Theil nahmen. Und doch iſt dieſe ſtäte, eifrige Theilnahme an den öffent⸗ lichen Angelegenheiten eine der großen charakteriſtiſchen Eigenſchaften der Freiheit und, vorausgeſetzt, daß ſie ſich nicht zu rohen Gewaltthätigkeiten und zur Löſung aller Bande der Freund- und Verwendtſchaft hinreißen läßt, iſt ſie ein geſunder und in der That weſentlicher Beſtandtheil in dem Geſammtdaſein eines freien Volkes. Ohne dieſes hohe Intereſſe, welches es zu einer ſtäten Wachſamkeit gegen ſeine Vorgeſetzten anſpornt und ſeine Aufmerkſamkeit ſo geſpannt auf die Handlungen ſeiner Verwaltung hinlenkt, könnte es keine Sicherheit gegen jene ſtillen, hinterliſtigen Eingriffe geben, die die Gewalt ſtets in die Rechte des Volkes zu machen geneigt iſt. Wir ſelbſt können uns nur freuen, daß unſere Lands⸗ leute dann und wann von den politiſchen Wogen bewegt werden, und hoffen, es nie zu erleben, daß ſie gegen das — Thun und den Charakter ihrer Obrigkeiten gleichgültig werden oder die Ausübung ihres großen Rechtes, ihre Anſichten frei und furchtlos auszuſprechen, vernachläßigen. und obgleich wir weibliche Politiker eben nicht bewundern, ſo gefällt uns ein Weib ohne Vaterlandsliebe eben ſo wenig, als ein Weib ohne Religion. Nicht ohne Bedauern hat man jene natürliche Liebe zur Ariſtokratie, Rang und⸗ Titel und jene unſelige Schwäche bemerkt, die fremden Sitten, Moden und Ländern— eine Schwäche, welche die rohere und unwiſſendere Klaſſe jener Frauen charakteriſirt, welche nach Auszeichnung in der beau monde ſtreben— den Vorzug gibt. Die Vaterlandsliebe ſollte in dem Gemüthe eines tugendhaften, nachdenkenden und verſtän⸗ digen Weibes ſogleich nach ihrer Treue, ihrer häuslichen Zärtlichkeit und ihrer Anhänglichkeit an ihr Haus kommen. Sie ſollte nie in Partei⸗Zwiſtigkeiten übergehen, noch der ſtäte Gegenſtand ihrer Gedanken und ihrer Unterhaltung wer⸗ den, ſondern, wie das reine Licht der Religion, ein ruhiger, tief gewurzelter, nirgends ſtörender Grundſatz ſein, der jedes Opfers werth iſt, das der Tugenden ausgenommen, welche den himmliſchen Adel ihres Geſchlechtes ausmachen. Der große Tag kam endlich heran, der über das Schickſal Leonard Dangerfield's und Miles Starkwetter, der zwei Bewerber um die launiſche Liebe jenes launiſchen Herrſchers, des König⸗Volkes entſcheiden ſollte. Die der⸗ ven Freiſaſſen des Weſten kauften nicht gern eine Katze im Sack, wie ſie, nicht ohne den Anſchein von gutem — 76— Grunde, zu ſagen pflegten. Sie wollten die Kandidaten von Angeſicht zu Angeſicht ſehen, ihnen die Hand ſchütteln, mit ihnen plaudern, und ihre Späße machen, und vielleicht auch eine Flaſche mit ihnen leeren, ehe ſie ihnen halfen, ihre zeitlichen Herrn oder ihre Stellvertreter zu werden, denn das erſtere Wort that dem Ohre eines amerikani⸗ ſchen Bürgers wehe. Vor Allem aber müſſen ſie Jeden eine Rede halten hören, wenn es auch nur von einem Baumſtumpf herab wäre, ehe ſie zu ſeinen Anſprüchen ja oder nein ſagen. Daher fanden ſich die beiden in Frage ſtehenden Kandidaten bei der Stimmenabgabe ein und ließen ihr politiſches Glaubensbekenntniß hören. Leonard ſprach ſich für den„alten Hof“ in einer Rede von zwei geſchlagenen Stunden aus, und die Souveräne riefen ihm ihr Hurrah zu und nannten ihn„Transcendent“. „Man ſoll mich ſchelten,“ ſagte ein gewiſſer Rowland Harrod, ein Hauptburſche bei der Abſtimmung,„wenn er nicht redet, als hätt' er keine Minute mehr zu leben.“ Der Oppoſitions⸗Mann war nicht im Staate Ken⸗ tucky geboren, ſtand in dem Verdachte, einiges Yankee⸗ Blut in ſich zu haben,— ein ſehr großer Nachtheil; denn Kentucky hat von Alt-Virginia eine entſchiedene Vorliebe für Redner und Staatsmänner ſeiner eigenen„Zucht“ geerbt. Das Schlimmſte von Allem war jedoch, daß er ſich zu gut kleidete und ſtets ein weißes Taſchentuch bei ſich führte. Schmählich! ſchrecklich! Er hatte jedoch die ganze„neue Hof⸗Partei“ für ſich und wurde mit dem lärmendſten Geſchrei begrüßt. —— Niemand wußte, welcher der beiden Höfe den Sieg davon tragen würde, als ein wunderlicher, mürriſch aus⸗ ſehender, vom Wetter zerſchlagener alter Herr, Namens Oberſt Trollope, mit Einem Auge und einem gräßlich ſchiefen Geſichte, das Forum, nämlich die Treppe des Gerichtshauſes, beſtieg und folgende Anrede an die Ver⸗ ſammlung hielt: „Freunde und Mitbürger!— Der Mann, der eben zu Euch geredet hat, hegt, wie es mir vorkömmt, großes Vertrauen auf den glücklichen Erfolg ſeiner Wahl, weil er ein weißes Taſchentuch trägt. Er glaubt damit grade in das Schwarze zu ſchießen, und hat dieſes Stück Weiß vor Euern Augen flattern laſſen, um Euch zu blenden. Habt Ihr nicht geſehen, wie er es flattern ließ, wenn er nichts zu ſagen wußte? Es erging ihm grade, wie dem Prediger am letzten Sonntage, der auf den Baum geſtiegen war und ſich mehrmals an einem Knorren ſtieß und dann brüllte:„O Meſopotamia! Meſopotamia!“ und eine alte Frau ſchrie, bis ſie bekehrt war.“ „Aber Euch meine ich nicht, Gentlemen! Wir ſind keine alten Weiber; wir laſſen uns nicht mit hübſchen Worten, durch Ahornzucker verſüßt und ohne Sinn und Bedeutung, in das Bockshorn jagen, oder durch eine weiße Fahne blenden; ſo viel ich weiß—“ „Hurrah— hallo— huh!“ ſchallte es weitum. „Ich ſage, ſein Vornehmthun hilft hier ſo wenig, wie ſein weißes Wimpel. Ich bin für Dangerfield, obgleich —— er kein weißes Sacktuch hat und nicht auf dem Piano ſpielen kann. Er iſt ein Mann von gutem, ſtarkem Pferde⸗ verſtand, und ſeine Schweſter kann aus ſeinen alten Stie⸗ feln ein Paar Mocaſſins machen, das weiß ich. Danger⸗ field weiß, woran es uns fehlt, und wird helfen. Aber dieſer vornehme Herr mit dem weißen Wimpel—“ „Hurrah! Hurrah!“ „Er würde, Champagner nippend, die neue Mode ſtudiren. Wir brauchen keine Nitglieder, die unter der weißen Flagge ſegeln,— keine ſolche exotiſche Leute, die glauben, ſie könnten ihr Abe nicht zu Haus lernen. Wir Männer von Weſten ſind prächtige Vollſtrecker unſe⸗ res eignen Willens und brauchen durchaus kein weißes Taſchentuch dazu. Ich will verdammt ſein, wenn ich nicht glaube, er trägt einen Ring an ſeinem kleinen Finger!“ „O Donner! Einen Ring! Dangerfield hoch! Hur⸗ rah! Dangerfield für mich!“ rief der alte und der neue Hof, und das Schickſal des Miles Starkwetter ſank, wie das der Bourbons, unter der weißen Fahne. Wenige Tage darauf erſchien in der Weſt⸗Sonne ein Artikel, der über⸗ ſchrieben war:„Glorreicher Sieg! WaterlooNiederlage!“ als wenn ein fremder Feind von unſern Küſten vertrieben worden wäre, und man bemerkte, daß ſich Meiſter Zeno Paddock in der Weiſe eines Miſthaufen⸗Hahns benahm, welcher eben eine größere Memme, als er ſelbſt war, erſchreckt hatte. — 1— Sechstes Kapitel. PVeweiſt, daß die Furcht vor dem unglück das größte unglück iſt. Während dem Verlaufe der in dem letzten Kapitel erzählten Begebenheiten hatte ſich in dem äußern Beneh⸗ men Rainsford's keine auffallende Veränderung gezeigt; wäre es aber möglich geweſen, in die finſtern Falten ſei⸗ ner Seele zu ſchauen, ſo würde man entdeckt haben, daß mit dem Heranrücken der Zeit, welche er als die über ſein Schickſal entſcheidende betrachtete, ſeine Unruhe, ſeine Angſt, ſeine Schrecken ſich mehrten. Die, welche genau auf ihn Acht gaben, wie vor Allen Virginiens Mutter es that, glaubten Unſicherheit und Schwanken in ſeinem Thun und Laſſen, verkehrte Anſichten, einen zweideutigen Aus⸗ druck des Blickes zu bemerken, was, zuſammen genommen, in Niſtreß Dangerſield den Argwohn erweckte, es ſei nicht ganz richtig mit ihm. Und dem war in der That ſo. Er freute ſich der Gegenwart nicht, er bebte vor der Zukunft. Die Seligkeit, ſich geliebt zu wiſſen, die Reize der Natur, die Ausſicht auf dies Glück, das ihm zu blühen ſchien,— Alles wurde zu bitterem Leid, wenn er es mit der düſtern und unglücklichen Ausſicht, welche ſich jedem Gedanken anreihte, in Verbindung brachte. — „Wie ſchön!“ rief Virginia eines Abends, als ſie die glühende Herrlichkeit der untergehenden Sonne betrachtete, welche die Wolken in tauſend prachtvollen Farben wider⸗ ſpiegelten, die der Gewalt der Sprache ſpotten und dem Pinſel des geſchickteſten Künſtlers trotzen.„Wie ſchön! Ich kann nie auf ein Schauſpiel, wie dieſes, ſchauen, ohne mich befähigt zu fühlen, mich des Segens der Vorſehung mit erhöhtem Genuſſe zu freuen. Ich werde dann gleich⸗ ſam ein Theil der ganzen Natur, die ſo lächelnd und ſo glücklich ausſieht, daß ich nicht umhin kann, mit ihr gleich zu fühlen.“ „Wie ganz anders iſt dies bei mir,“ ſagte Rainsford in einem wehmüthigen Tone:—„Mir ſind der Sonnen⸗ ſchein, der Schatten, der bewegte Fluß, die lächelnde Erde, der geſtirnte Himmel und die ganze unausſprechliche Herr⸗ lichkeit der Natur blos theure Gegenſtände, theure Freunde, von denen ich mich bald für immer trennen muß. Jeder Blick auf ſie erinnert mich an den Damon, welcher ſtets an meiner Seite iſt und mir in das Ohr flüſtert, die Zeit ſei nun faſt gekommen, wo, aller menſchlichen Wahrſchein⸗ lichkeit nach, dieſe Verſchmelzung von Schönheit und Ord⸗ nung, dieſes Meiſterſtück des göttlichen Baumeiſters, wel⸗ ches der Vernunft und der Phantaſie den reichſten Stoff zur innern Thätigkeit darreicht und den Sinnen Alles beut, was lieblich für das Auge, reizend für den Geſchmack und harmoniſch für das Ohr iſt, für mich nur noch eine wilde Einöde, ein Chaos, wie mein Geiſt ſein wird, in 8 — welchem Atome mit Atomen kämpfen, und wo der Thron der vorſitzenden Gottheit in ſeinen eigenen Trümmern begraben werden wird. Der Unglückliche, der unter dem Galgen ſteht und im Begriffe iſt, ſeine Verbrechen durch den Tod zu ſühnen, kann eben ſo gut erwarten, ſich des letzten Sonnenſtrahls oder des erſten Athems des Früh⸗ lings zu freuen, wie ich.“ „O Rainsford!— Ich glaubte— ich hoffte, Ihr ſähet dem Glücke entgegen“— ſagte Virginia, von ſeiner Schwermuth tief ergriffen:—„Um meinetwillen, um Eurer ſelbſt willen bitt' ich Euch, ſucht ſolche ſchreckliche Ahnungen zu verſcheuchen. Es iſt noch ungewiß— ja, ich habe ein Vorgefühl, daß es nicht eintreffen wird. Faßt Muth, lieber Rainsford!“ „Ja— ich will es. Nie hat ein Menſch einen ſolchen Kampf gekämpft, wie ich ihn gekämpft habe, wie ich ihn jetzt und jeden Augenblick meines Lebens kämpfe. Manchmal gelingt es mir, die beläſtigenden Dämonen von meiner Stirne zu ſcheuchen; ſie kehren aber wieder und finden mich nur ſchwächer für meinen nutzloſen Sieg. Manchmal ergreift es mich, wie im Traume, und entführt mich in die Regionen der Hoffnung; dies geſchieht aber blos, um, wie der Gefangene, der einige Minuten ſeinen Kerker verläßt, in die düſtere Nacht zurück zu ſtürzen, wo er nur um ſo ungluͤcklicher iſt, je greller ſein Gefäng⸗ niß von der freien Himmelsluft abſticht, der er ſich erfreut hatte. Manchmal verliere ich für einen Augenblick Paulding I. 6 den Faden meiner eigenen Gedanken, aber blos, um ihn wieder zu finden und mit größerem Ungeſtüm, als je, von dem ſchrecklichen Zauber fortgeriſſen zu werden.“ Er ſchwieg einen Augenblick; Virginia war ſo bewegt, daß ſie keiner Antwort fähig war. „Virginia,“ fuhr er mit düſterer Feierlichkeit fort, —„ich muß dieſen Ort ſogleich und für immer verlaſſen, oder wenigſtens ſo lange, bis die Stunde vorüber iſt. Du, die mich als vernünftiges Weſen gekannt und geliebt hat, die mich würdig hielt, einſt der Schützer ihres Glückes zu werden, du darfſt mich nicht ſehen, wenn ich, aller menſchlichen Wahrſcheinlichkeit nach, ein Gegenſtand der Furcht, des Schreckens und des Abſcheues ſein werde. Nein— nein— du ſollſt nicht ſehen, wie ich mit den Zähnen knirſche— den Schaum vor dem Munde habe— die Glieder ſich in tauſendfacher Weiſe verrenken— wie ich brülle— raſe— läſtere— mein Fleiſch von den Knochen reiße— Staub kaue— und vielleicht in einem Parorismus, der mir einiges Selbſtbewußtſein gibt, dem ſorgſamen Auge der Liebe entſchlüpfe, um nur an denen Gewaltthätigkeit zu üben, welche ich am meiſten liebe.“ „O ſprecht nicht ſo— ſprecht nicht ſo— ich werde ſonſt ſelbſt wahnſinnig!“ rief Virginia. „Ja, der Wahnſinn ſteckt an; er ſtrömt in dem Blute, ſagt man; aber gewiß, eine Frau kann von ihrem Manne nicht angeſteckt werden. Kann ſie es, dann geben — wir eine ſeltene Verbindung ab, du und ich. Wer unter ihm geboren iſt, wird ein Philoſoph.“ Von was— von was ſprecht Ihr, Dudley?“ .„Ah, ja— es iſt wahr— ich eile der Zeit zuvor— aber es thut nichts— ſie wird bald genug kommen— fürchte deshalb nichts— denn ſie ſagen— ſie ſagen—“ Sein irres Reden wurde durch einen Angſtruf Vir⸗ ginia's unterbrochen, welche betäubt von der ſchrecklichen neberzeugung, ſeine Krankheit habe ihn wirklich überwäl⸗ tigt, zu Boden ſank. Er legte ſeine Hand an ſeine Stirne, rieb ſich die Augen, knieete dann an ihrer Seite nieder und kam allmählig wieder zu ſich. „Es war nur Scherz, Virginia. Ich bin noch nicht wahnſinnig, wahrlich, ich bin es nicht! Ich habe die tra⸗ giſche Rolle nur ein Mal probirt,“ ſetzte er bitter hinzu. „Dann muß ich Euch bitten, nie wieder ſo mit mir zu ſcherzen. Ich bin nicht von Eiſen oder von Marmor und keine Thörin, um ſo mit mir ſpielen zu laſſen. O Rainsford, verſchont mich in Zukunft mit ſolchen Scherzen. Ich kann ſie nicht ertragen.“ Er führte ſie zu einem Sitze und fuhr fort: „Wir müſſen ſcheiden, Virginia,— ich fühle es, daß wir uns ſogleich trennen müſſen, wenn ich Euch den letzten Tropfen in dem bittern Kelche erſparen will. Wenn mich mein Unglück hier überfällt—“ „Und wie, wenn es Euch anderswo überfällt?“ fiel Virginia ihm raſch in das Wort. 6** „Es thut nichts— es wird unter Fremden ſein, vielleicht in der wilden Einſamkeit der Wälder, wo ich ſterben kann, ohne Schauer und Abſcheu zu erregen. Man wird mich eines Tages finden, aber es wird vor⸗ über ſein.“ „Warum— warum ſprecht Ihr ſo? Aber hört mich, Rainsford. Ich glaube nicht an die Wahrheit Eurer Vorgefühle— ich kann nicht daran glauben. Ich bin glücklich, wenn Ihr Euern Geiſt nur vor der Furcht ſichert— die Wirklichkeit wird nie eintreffen.“ „Ha, das iſt die Schwierigkeit; vielleicht iſt jene Ahnung, jene Furcht ein Theil meiner Krankheit.“ „Gut— wie dem auch immer ſein mag, und wenn das Schlimmſte kömmt— je ſchlimmer es iſt, deſto nöthi⸗ ger iſt Euch Jemand, der über Euch wacht; der in den Stunden der Niedergeſchlagenheit um Euch weilt und Euch in Allem beiſteht, was Euch tröſten und aufrichten kann. Ihr habt mir einen großen Dienſt geleiſtet, und ich will ihn vergelten.“ „Ihr— Ihr, Virginia, mit dieſen zarten Fingern, dieſen ſchwachen Gliedern, dieſem ſanften, weichen Her⸗ zen?— Nein, Ketten muß ich haben und Rieſen, die ſie mir anlegen. Geht— geht— ſagt Euern Eltern Alles, und laßt ſie mich hinweg jagen, denn ich bin angeſteckt⸗ ſo gewiß es eine Vorſehung überhaupt gibt, deren Beſchlüſſe unwiderruflich ſind. Ich habe in der letzten Nacht eine Stimme gehört, die mir ſagte, ich ſollte meinen Frieden 5 mit dem Himmel machen, ſo lang' ich noch für meine Handlungen verantwortlich wäre: und ich will es thun. Ich will morgen in die Kirche gehen und beten, daß ich ohne Blutſchuld auf meinem Herzen und an meinen Händen ſterben möge; und dann, den nächſten Tag, ſag' ich Euch Allen Lebewohl und ſtoße mein Boot hinaus in die ſtürmiſchen Wellen der Welt, vielleicht ohne Ruder und Compaß, in der pfadloſen Oede der Waſſer. Viel⸗ leicht hört Ihr nach einiger Zeit von einem unglücklichen, mit Lumpen bedeckten Irren, der in fernen Regionen umherſtreift, einem Haufen zerlumpter Buben unzuſam⸗ menhängenden Unſinn vorſchwatzt und Niemand hat, dem er angehört. Wirſt du dann eine Thräne vergießen, Virginia?“ Virginia konnte nicht antworten. Sie war ſtumm, bewegungslos, ſtarr vor Verzweiflung. Die Gewißheit, daß ſein Schickſal ihn ereilt habe, bemächtigte ſich ihrer und die Hoffnung entfloh für immer. Nit zitternder Haſt faßte ſie ſeinen Arm und bat, er möchte mit ihr nach Hauſe kommen. Rainsford's Venehmen war dieſen Abend ſo ſeltſam, und er ſprach ſo zuverſichtlich von ſeiner Abreiſe, daß ſowohl der Oberſt als Niſtreß Dangerfield erſtaunt, beängſtigt und faſt veleidigt waren. Die Niedergeſchlagen⸗ heit, die Bläſſe, die Spuren von Thränen in den Augen Virginia's, nahmen gleichfalls ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Als der junge Mann ſich wegbegeben hatte * 55 und Miſtreß Dangerſield auf ihr Zimmer ging, folgte ihr das unglückliche Mädchen, warf ſich in ihre Arme und ſchluchzte, als wenn ihr das Herz brechen wollte. Sie ſagte ihrer Mutter Alles, und die Mutter rieth ihr behutſam, zärtlich, aber doch feſt, Rainsford abreiſen zu laſſen, ja, ihn dazu zu ermuthigen— je eher, deſto beſſer. „Wär' es Armuth, Krankheit, Leichtſinn— Alles, nur nicht Schuld und Sünde,“ ſagte ſie,—„ſo würde ich nicht darauf dringen, deinen Bund zu brechen. Aber dies— dies iſt zu ſchrecklich; in einem ſolchen Falle iſt jedes gegebene Wort gelöst, jede Verbindlichkeit aufgeho⸗ ben; denn nichts iſt gewiſſer, liebes Kind, als daß du, ohne zu ſeinem Glücke das Geringſte beitragen zu können, dein eigenes unvermeidlich opfern mußt.“ „Aber, liebe Mutter, vielleicht kann meine Anweſen⸗ heit, meine liebevolle Sorgfalt, meine ſtets wache Liebe, meine nie ermüdende Freundſchaft etwas zu ſeinem Glücke beitragen. Es iſt vielleicht nur eine angeborne Schwer⸗ muth, was ich Hypochondrie habe nennen horen— und die Aerzte ſagen, dieſe würde am leichteſten geheilt, wenn man den Kranken mit freundlichen Gedanken und Bildern zu beſchäftigen ſuche. Laß es mich verſuchen, liebſte Mutter, bitte!“ Die Mutter ſeufzte und ſchüttelte den Kopf. „Ach, Virginia,“ ſagte ſie,„deine Träume ſind die der Jugend— der weiblichen Jugend, für dich und deines — 3— Gleichen iſt die Liebe die Seele des Lebens, Zweck und Ziel des Daſeins. Sie vermag Alles über dich und daher glaubſt du, ſie vermöge Alles über Alle. Es gibt aber Wunder, die ſie nicht wirken kann, und dies iſt ein ſolches. Weißt du nicht, daß, wenn der Geiſt einmal aus dem Geleiſe iſt und mit dröhnender Rauhheit in bahnloſer Wilde ſchweift, nur zu gewöhnlich die Gegenſtände unſerer innigſten Liebe zu denen unſeres tiefſten Haſſes werden? Der Wahnſinn kehrt Alles um, und ſo auch die Liebe. Es muß ſo ſein— Ihr müßt Euch trennen!“ „Aber wohin ſoll er gehen?“ rief Virginia in tiefer Bekümmerniß.„Er hat keine Verwandte, keine Freunde, außer uns, nicht einmal Bekannte; denn ſeine ſeltſame Lage hat ihn, wie er ſagt, von jedem Verkehre mit ſeinen Mitmenſchen fern gehalten. Was ſoll aus ihm werden, wenn ihn ſeine Krankheit unter Fremden ereilt?“ „Sei unbeſorgt, meine geliebteſte Tochter. Wohin er auch gehen mag, er wird gute Herzen finden, welche ihm ihr Nitleid ſchenken und ihm alle Sorgfalt und jeden Troſt weihen, deren er empfänglich iſt.“ „Ja, eine Kette, eine Zelle, und ein Grab,“ ſeufzte Virginia;„eine Zwangsweſte, einen Stock und eine rohe Hand, die ihn ſchwingt!“ „Die Nothwendigkeit, meine Liebe, kennt kein Geſetz der Güte und Nachſicht.“ „Ja, aber ich muß doch glauben, baß Güte und Schonung oft die Stelle roher Gewaltthätigkeit einnehmen * pönnten. Laß es mich, o laß es mich, liebe Mutter, eine kurze Zeit, nur eine kurze Zeit verſuchen— bis wir ſehen, wie es endigt.“ „Die Gefahr iſt zu groß; wir möchten die Erfüllung deines Wunſches zu theuer bezahlen müſſen. Weder ich, noch dein Vater können darein willigen. Aber genug für dieſen Abend, morgen muß Alles in's Reine kommen. Gute Nacht, meine Liebe; Engel mögen über dein Glück wachen!“ „Gute Nacht, theyre Mutter!“ Sie küßte ihre Mutter und legte einen Augenblick ihr Haupt an ihre Bruſt. „Gute Nacht, theure Mutter!“ wiederholte ſie und verließ das Gemach. Virginia ſaß noch lange an dem Fenſter und ſann über ihre unglückliche Lage nach, während ſie der traurige Zuſtand, welchem Rainsford entgegen ſah, mit Schauer erfüllte. Die Natur ſchien mit den düſtern Ahnungen des jungen Weſens zu ſympathiſiren, denn es war eine Nacht von rabenſchwarzer Dunkelheit und todtähnlicher Ruhe, ausgenommen, wenn die Zickzackflammen des Blitzes wie feurige Schlangen mit ſpitzigen Zungen durch die nieder⸗ hängenden Wolken ſchoſſen, die ihre ſchweren Maſſen an den Klippen auf der andern Seite des Fluſſes zuſammen⸗ gezogen, und der ferne Donner daher rollte, der jeden Augenblick lauter wurde und näher kam. Bei dem Lichte eines dieſer Blitze glaubte ſie eine Geſtalt zu ſehen, welche — 89— auf das Fenſter zuging, das die Ausſicht auf ein kleines Raſenſtück hatte. Sie erſchrack ein wenig; da redete eine wohlbekannte Stimme ſie leiſe an: „Virginia, wißt Ihr, welchen Tag der Woche und des Monats wir heute haben?“ „Samſtag, den zehnten Mai,“ antwortete ſie. „Ha, ich dachte mir's, daß ich recht gerechnet hätte— es iſt ein prachtvolles Jahresfeſt— der Tag, an welchem mein letzter Bruder, der letzte von uns Allen, außer mir, geſtorben iſt, wie ich ſterben werde.“ „O brecht mir das Herz nicht! Geht nach Haus, ich vitt Euch, Rainsford. Der Sturm kömmt über den Fluß herüber und der Regen wird Euch durchnäſſen. Schnell — ſchnell, es iſt kein Augenblick zu verlieren.“ „Gut, laßt ihn kommen; der Regen wird mein Gehirn kühlen und wenn der Wind ſtark daher brauſt, ſtürzt er vielleicht einen der großen Bäume, der mich zer⸗ ſchmettert. Leb' wohl, leb' wohl!“ Sie ſah ihn in den Wald eilen und der freundliche, holde Gaſt, der Cherub Schlummer beſuchte ihr Kiſſen dieſe lange, traurige Nacht nicht, während welcher der Himmel faſt immer in Flammen ſtand und die Erde unter dem Krachen des zürnenden Donners erbebte. —— Siebentes Kapitel. „O, er iſt ein Schreier!“ Miſſiſſippi Schiffer⸗ Der nächſte Tag war ein Sonntag und das Dorf Dangerfieldville war durch die Ankunft eines berühmten Predigers in die größte Aufregung verſetzt worden. Es war dies ein Ereigniß von nicht geringer Wichtigkeit da, wo ſich ſo ſelten etwas Neues begab, das die Nachbarn aus dem ebenen Geleiſe ihrer täglichen Beſchäftigungen bringen konnte. Wie in vielen Theilen unſeres Landes, war auch hier eine ſchöne kleine Kirche in dem Dorfe, aber kein regelmäßiger Geiſtlicher, und die Bewohner von Dangerfieldville hatten es nur gelegentlichen Beſuchen von reiſenden Predigern zu danken, wenn ſie ihre Andacht öffentlich verrichten konnten. Dies begab ſich aber ſo ſelten, daß die Ankunft eines Geiſtlichen ſtets eine Merkwürdig⸗ keit war. Alles ſtrömte daher in die kleine Kirche, manche, um den müßigen Sonntagmorgen hinzubringen, andere, um zu lachen, und andere, um zu beten. Die Kirche war voller Menſchen, als der Prediger die Kanzel betrat, und man konnte einige Erregung, ein leiſes Flüſtern unter der Gemeinde bemerken, als ſie ſich — 91— anſchickte, in andächtiger Aufmerkſamkeit zuzuhören, was er zu ſagen habe. Er war ein großer, rauh knochiger, fleiſchloſer Mann, mit dem Ausdrucke großer phyſiſcher Kraft; mit hohen Wangenknochen, hohlen Wangen, tiefen funkelnden Augen, einem blaſſen, langen Geſichte und emer Fülle ſteifen⸗ ſchwarzen Haares, das ſich von der Stirne faſt ganz grad' in die Höhe ſträubte. Es war etwas Energiſches nicht nur, ſondern auch Verſtändiges in ſeiner Erſcheinung; jene Art kräftigen rohen Verſtandes, der in dieſer Welt manchmal ſo große Wunder thut. Ein wilder Ernſt ſprach ſich in ſeinem Tone und in ſeinem Geberdenſpiel aus, als er in ſeiner Rede fortfuhr, die ſeine Geradheit und ſeinen Eifer beurkundete; man bemerkte nicht den entfernteſten Verſuch, durch rhetoriſche Zierrathen ſeinen Vortrag zu ſchmücken, welcher zuweilen, ja ſogar öfter, an das Nie⸗ drige ſtreift, und, während er in leicht erregbaren Herzen einen peinlichen Schauder und Schrecken erzeugt, bei andern das Gefühl des Poſſenhaften erwecken mochte. Bei allem dem waren Geiſt, Kraft, Pathos, und Begeiſterung, man darf ſagen, Schwärmerei hier vereinigt, und obgleich roh und rauh, war die Kraft und Stärke der Rede vielleicht dadurch nur um ſo unwiderſtehlicher. Er war der Predi⸗ ger des Schreckens, nicht der Religion; er ſtützte ſich mehr auf die Furcht, als auf die Vernunft und die Hoffnungen der Menſchen; er vergaß, daß das erhabene Weſen, wel⸗ ches das Erbarmen zu unſerer erſten Pflicht gemacht hat, die Rache nicht als das erſte ſeiner Attribute angenommen haben kann; er dachte nicht, wie ein ehrwürdiger Richter, der da ſagt: „Du, ſchöne Religion, du warſt beſtimmt, Des Himmels edle Tochter, in die Kreiſe Der Menſchen Lieb' und Freude einzuführen, Den Menſchen gut zu machen, glücklich, weiſe. Wie war die Welt ſo ſchön, von dir regiert! Da kam der Aberglaube, dieſer Teufel, Der Alles hüllt in Nacht und Dünerheit, und Schmerz und Thränen zeugt' und wilde Zweifel. Den Schöpfer zeichnet er als Rachegott, Den Gnade nicht, der nicht Erbarmen kennte, Der wild und zürnend auf die Welt nur ſchaut'. Mit Blitz und Donner waffnend ſeine Hände. Die Hoffnung flieht erſchreckt vor dieſem Bild, Das Herz erbebt und bangt in wildem Grauen, 6 und auf des Schreckens rauhen Fels geſchleudert, Setzt nur auf ihn der Glaube ſein Vertrauen. Der Schweiß ſtand auf ſeiner Stirne und floß über ſeine hohlen Wangen nieder; ſeine Züge zuckten in der Spannung aller ſeiner geiſtigen Kräfte, als er fortfuhr. Er entwarf zuerſt ein Gemälde von der Rache des Him⸗ mels ſelbſt auf dieſer Welt, wo man glaubt, der Sünder entgehe oft ſeiner gerechten Strafe; er ſchilderte in den Farben übertriebener Wahrheit die Qualen eines ſchuldi⸗ — 93— gen Gewiſſens, im Kampfe mit dem Schmerze der Gegen⸗ wart und der Furcht künftiger Beſtrafung, und wie der Verfall des Körpers die Schrecken des ſterbenden Sün⸗ ders zehnfach erhöhte. Mit einer Art wilder Luſt und Freude verweilte er bei der verſchiedenen Vertheilung von Schuld und Elend auf dieſer Welt; er ſagte, wie der Zorn des Allmächtigen die Sünden des Vaters an den Kindern in tauſend erblichen Krankheiten und Gebrechen, den Folgen ſeiner Verbrechen und ſeines Unglaubens, heimſuche. Manchen ſchicke er die Gicht, andern ſchicke er Lahmheit, andern Blindheit, andern den Schlagfluß, andern ſchicke er Blödſinn und Geiſtesverwirrung; ſo ſtrafe er Geſchlecht auf Geſchlecht, indem er ihnen die Fähigkeiten nehme, welche ſie zu den Zwecken der Ruchloſigkeit und des Unglaubens verwendet hätten. „So,“ rief er mit einer Donnerſtimme aus,—„ſo iſt der Böſe ſelbſt ſchon auf dieſer Welt ſeiner gerühm⸗ ten Ungeſtraftheit baar. Aber die andere Welt! Die zukünftige Welt! Die Strafe, welche die ſchuldige Seele in alle Ewigkeit zu dulden hat! Schaut— Ihr ſeht ſie nicht, aber ich ſehe ſie. Ich ſeh' Euch in dieſem Augen⸗ blicke, wie Kinder lachend an dem Rande eines hohen Felſen, an dem Abgrunde der ewigen Flammen ſtehen. Der furchtbare Schlund gähnt grade vor Euch und doch denkt Ihr nicht daran, ihm auszuweichen. Ich ſeh' Euch,“ fuhr er fort und lehnte ſich über die Kanzel und blickte wie in Schauder herab,—„ich ſeh' Euch nieder ſtürzen, — 94— nieder, nieder, Einen nach dem Andern! Dort ſtürzt Ihr hinab— dort! Dort ſtürzt ein junger Mann hinab, der, weil er jung war, den Glauben hegte, er werde nie ſter⸗ ben. Dort, dort ſtürzt ein eitles Mädchen hinab, das, weil es rothe Wangen und funkelnde Augen und einen ſchneeweißen Buſen hatte, träumte, der Tod würde es verſchonen, und der große Richter ihr wegen ihrer Schön⸗ heit und Reize die Sünden verzeihen! Und dort, dort ſtürzt ein zitternder, alter Sünder hinab, der, weil er achtzig Jahre alt geworden, glaubte, er würde ewig leben. Und dort— ſeht, wie der Rauch aufſteigt! Aber ich kann nicht mehr hinblicken“— und er ſank in die Kanzel zurück und ſchwieg einige Augenblicke, während die einfache Gemeinde ſtarr vor Schrecken daſaß. Plötzlich ſchlug er ſeine Hände an ſein Ohr und rief: „Doch ha, meine Bruͤder, was hör' ich! Es iſt umſonſt, daß ich ihm meine Augen verſchließe— es dringt mir in das Ohr. Aus dem dunkeln Kerker Eurer Qualen höre ich das Angſtgeſchrei, den Schreckensruf, die Flüche der verdammten Sünder. Der Eine ruft: O wie glück⸗ lich würde ich mich preiſen, wenn dies mein Zahnweh nur tauſend oder zwei tauſend Jahre währte!— Ein Anderer betet, um nur auf hundert tauſend Jahre von der Gicht* befreit zu werden— das iſt der Schlemmer, der Wein⸗ ſäufer!— Ein Anderer fleht zu den ewigen Dienefn der Rache, welche mit ihren großen Schaufeln daſtehen und Hehl, Pech und Harzklumpen in das Feuer werfen, um — 5— es zu nähren, ihm einen Tropfen ſchlammigen Salzwaſ⸗ ſers zu geben, ſeinen Durſt zu kühlen. Dies iſt ein Mann, der, weil er ehrlich und gerecht war und ſeine Frau und Kinder liebte, und alle ſeine weltlichen Pflichten erfüllte, des Glaubens war, er würde künftig glücklich⸗ Armer Thor! Ich ſage Euch, meine Brüder, das ſind des Teufels Ketten, welche die unſterbliche Seele an den Staub der Erde feſſeln und ſie da feſt halten. Aber wel⸗ ches Geheul war das? Ah, nun ſeh' ich hinab und weiß, wer es iſt; es iſt ein eitler, eingebildeter Philoſoph, der in dem Stolze ſeines Herzens ſagte, es gebe keinen Gott, keine Zukunft, keinen Himmel, keine Hölle. Ah ha! Jetzt weiß er es beſſer. Hört, er beklagt ſich inmitten ſeiner Qualen, daß er nicht als eine Kröte, eine Schlange, als irgend ein kriechendes, ſchmutziges Gewürm auf die Welt gekommen, eher denn als ein unſterbliches Weſen, beſtimmt, ſolche nie endenden Schmerzen zu ertragen. „Meine Brüder! O, daß Ihr ähnlich ſein könntet einer Feder im Feuer, die in einem Augenblicke ſich krümmt und verbrennt! Aber nein! Ihr werdet Euch wenden in den hölliſchen Martern und immer leben, und jede Stunde wird Euer Vermögen, den Schmerz ſchärfer zu fühlen, ſteigern. Ihr glaubt vielleicht, wie es mich dünkt, Ihr gewöhntet Euch zuletzt daran. Aber, ich ſchwör' es Euch, Ihr gewohnt Euch nicht daran. Ihr werdet zehntauſend Mal den Todeskrampf fühlen, welchen die armen Leute neulich fühlten, die in dem Dampfbvote todt — 96— gebrüht wurden. Und dann— o, dann werdet Ihr Eure theuern Freunde neben Euch heulen hören— Eure Väter, Mütter, Brüder, Schweſtern, und Eure lieben kleinen Kinder werden Euch um Hülfe anrufen, und Ihr werdet ſie umher kriechen ſehen auf Feuerwogen. Ach und dann werdet Ihr auch all des Guten gedenken, deſſen Ihr Euch auf dieſer Welt erfreut habt, der Leckerbiſſen, der Schmei⸗ cheleien, der Fleiſcheslüſte und aller der ſündhaften Genüſſe, die Ihr ſo hoch haltet. Ihr glaubt, ich würde Euch trö⸗ ſten? Ich werde gegen Euch zeugen! und wenn es Einer von Euch wagt, vor dem ewigen Richterſtuhle Gottes zu erſcheinen, werde ich Euch meinen Rücken wenden und Euch heulend in die bodenloſe Flammengruft ſchleudern.“ Es war eine ſeltſame, faſt übernatürliche Kraft in der Stegreif⸗Rede dieſes ſonderbaren Mannes, welche ſelbſt die beſonnenen Geiſter der geſetzteſten und verſtän⸗ digſten Zuhörer faſt überwältigte. Der Tag war drückend heiß, und die kleine Kirche faſt zum Erſticken voll; dies und der Schauer und Schrecken, den der geiſterähnliche Prediger hervorbrachte, wirkte gewaltſam auf die Nerven Vieler aus der Verſammlung, die nach Athem ſchnappten und jammerten, bis die Natur, welche die geiſtige und vhyſiſche Spannung zumal nicht laͤnger ertragen konnte, eine Art ruhiger Gefühlloſigkeit herbeiführte. Rainsford war in die Kirche gekommen. Der Man⸗ gel an Nahrung, die er, nach Ausſage der Frau Judith, ſeit vier und zwanzig Stunden nicht berührt hatte, der — 97— ſchon ſeit längerer Zeit angegriffene Zuſtand ſeines Geiſtes und die letzte Nacht, welche er, dem Sturme blosgeſtellt, hingebracht hatte, gaben ihm das Ausſehen eines Menſchen, deſſen geiſtige und phyſiſche Kraft auf die herbſten Proben geſtellt geweſen. Virginia heftete mit der größten Angſt ihr Auge auf ihn. Die Phraſen des Predigers ſchienen das Tiefſte ſeiner Seele zu erſchüttern; er konnte nicht blaſſer werden, als er war; aber ſie bemerkte das krampf⸗ hafte Zucken ſeines Geſichts, das gräßlich Wilde ſeiner Blicke und das Schauern ſeines Körpers, als der Geiſt⸗ liche zu dem Theile ſeiner Rede kam, wo er von dem erblichen Wahnſinn als der Strafe für die Verbrechen der Vorfahren ſprach. Auch entging ihr der ſeltſame, uner⸗ klärliche Blick nicht, den er bei der Stelle auf ſie warf, welche die Bande der Liebe, und die geſelligen Gefühle und Pflichten als die Ketten hinſtellte, mit welchen Sata⸗ nas die Seelen des Menſchen an die Erde feſſele und ſie hindere, ihre unſterblichen Hoffnungen zu verwirklichen. Nach dem Gottesdienſte geſellte er ſich zu ihr, und ſie gingen mit einander. Wie dies gewöhnlich iſt, ſprach man von dem Prediger und der Rede, und Virginia ſprach ihr Mißbehagen an Beiden aus; Rainsford aber ſchien von ihnen tief ergriffen. Er ſchien unter dem Einfluſſe des vergeiſtigendſten Enthuſiasmus zu ſein; und hätte Virginia ſich nicht gewöhnt gehabt, vor jedem hohen Fluge oder tiefen Sturze ſeiner Phantaſie zu zittern; ſo würde der glühende Reichthum ſeines Geiſtes ſie entzückt haben. Paulding M. 7 „Virginia,“ ſagte er,„die gänzliche Abgezogenheit von dieſer Welt und von allen ihren Beſchäftigungen, Gefüh⸗ len, Leiden und Freuden, iſt eine ſchöne Vorſchrift. Sie macht uns unabhängig von Freuden und Schmerzen und ſtellt uns mit den Weſen der hohern Welt auf eine Stufe. Mir wäre ein ſolches Loos das erwünſchteſte unter allen; denn für den, der hienieden keine Hoffnung mehr hat, glücklich zu werden, iſt es immer einiger Troſt, für das Elend unempfindlich zu ſein.“ „Iſt aber ein ſolcher Zuſtand möglich?“ „Ganz gewiß, Virginia! Es gab Männer und ſogar Frauen, welche ſo viel Kraft in ſich hatten, oder durch das Göttliche des Glaubens ſo geſtählt waren, daß ſie gegen alle geiſtigen und körperlichen Leiden gefühllos waren, die ausgenommen, welche aus der Ungewißheit über ihre Zukunft hervorgingen. Ja, ſie haben alle Bande der Verwandtſchaft zerriſſen, die Ketten der Natur gebrochen, Liebe, Ruhm, Reichthümer, elterliche und geſchwiſterliche Zärtlichkeit geopfert und ſind wie Geiſter geworden, zwar auf der Erde wandelnd, aber ohne Verkehr mit ihr oder ihren Bewohnern. Ich wünſche mir faſt, ein ſolcher zu ſein. Und ich könnte es werden“— ſetzte er hinzu und ſeine Augen leuchteten faſt in erwachender Hoffnung,—„und ich könnte es werden, bände Ein Band mich nicht an die Erde; wäre dies zerriſſen, würde S nicht viel weniger als die Engel ſein.“ — 99— „Gäbe der Himmel, es wäre möglich!“ dachte die arme Virginia. „Was iſt Eure Anſicht, Virginia?“ „Dieſe Dinge ſind über dem Bereiche meiner Gedan⸗ ken; doch kann ich nicht einſehen, wie es möglich iſt, in dieſer Welt zu leben und ſich ſo gänzlich von ihr abzu⸗ ſchließen, daß man nichts und Niemand kennt als ſich, und nur für ſich ſorgt. Und wenn es möglich wäre, ſcheint mir dies doch nach Allem die raffinirteſte Selbſtſucht zu ſein. Es gibt Bande auf dieſer Welt, welche nur der Tod löſen darf; Pflichten, denen wir uns nicht entziehen dürfen, ohne Tadel zu verdienen, und Freuden, deren mäßigen Genuß wir nicht von uns weiſen dürfen, ohne undankbar zu ſein.“ „Bande! Pflichten! Freuden! Potz, Virginia, habt Ihr nicht gehört, was der Prediger ſagte? Dies ſind des Teufels Ketten! Ja, ja, er hatte Recht. Nit einer ſolchen Laſt von irdiſchem Plunder auf unſerm Rücken möchten wir eben ſo gut verſuchen, einen Eisberg zu erſteigen, der ſenkrecht himmelan ragt, als der Segnungen der Zukunft habhaft zu werden. Was mich betrifft, ſo gedenke ich, einen der nächſten Tage in den Wald zu gehen und allein in einem hohlen Baume zu leben und nicht einem Eich⸗ hörnchen oder einem Spechte zu erlauben, ihn mit mir zu theilen. Ha, ha, was haltet Ihr von Reie Gedan⸗ ken, Virginia?“ 7* — 100— „Er iſt des Gegenſtandes unwürdig, von dem wir reden,“ ſagte ſie in dem Tone tiefer Betrübniß. „Das Erhabene und Lächerliche ſind ſo nahe ver⸗ wandt, wie Leben und Tod, wie Zeit und Ewigkeit. Eine geträumte Linie trennt ſie, und ſo werden ſie entgegen⸗ geſetzte Dinge, wie zwei Nationen, welche nichts trennt, welche aber kaum zu glauben ſcheinen, daß ſie einer und derſelben Klaſſe zänkiſcher Köter angehören. Ha, ha, Virginia— wenn Ihr plötzlich ſterben müßtet— ich meine, in Einem Augenblick— durch einen Blitzſtrahl— ehe Ihr rufen könntet:„Gott ſei mit mir!“ Glaubt Ihr, Ihr würdet in den Himmel kommen?“ „Ich hoffe es, mit Gottes Gnade.“ „Ich bürg' Euch dafür— ich will es beſchwören! Uund ſo wären zwei Seelen auf einmal gerettet!— Du biſt ganz Unſchuld, theure Virginia; dein Leben war, bis ich kam, es zu verpeſten, ein Segen für dich, ein Segen für Alle um dich, ja, für Alle— mich ausgenommen!“ Hier ließ er ſeine Stimme ſinken, ſo daß ſie nicht unterſcheiden konnte, was er ſagte. „Jetzt zu ſterben— das hieße glücklich werden. Denn wer weiß, ob du nicht, wenn du heiratheſt, und all die weltlichen Bande der Ehe dich umgeben und umſtricken, deinen Halt am Himmel verlieren kannſt und der Erde anheim fällſt? Es wäre ſehr Schade! Beſſer jetzt geſtorben!“ „Ich verſteh' Euch nicht,“ ſagte Virginia, welche mit unbeſtimmten, aber doch bangen Ahnungen zugehört hatte. — 101— „Um ſo beſſer! Um ſo beſſer! Ha, dort drüben ſeh ich den begeiſterten Mann! Ich muß hin und mit ihm reden. Ich habe ihm eine Gewiſſensfrage vorzulegen. Es fordert einen Mann, der ein Haar ſpalten kann, ſie zu entſcheiden. Wenn ich im Reinen bin, ſollt Ihr Alles erfahren, denn das Glück des Himmels muß in dem Genuſſe der Erkenntniß beſtehen. Leb' wohl, Virginia! du biſt ein Engel, wenn nicht eine Martyrin!“ Er eilte von dannen, dem Prediger entgegen, und ließ Virginia tief gebeugt, verwirrt und erſchreckt über dieſe ſeltſamen Irr⸗Reden, die entweder ohne Sinn waren oder unglück bedeuteten. — 102— Achtes Kapitel. Schwärmerei. Rainsford lud den Prediger zu einer Unterredung ein, in welcher der letztere, unwiſſentlich und ohne ſeine Abſicht zu ahnen, Alles ſagte, was ihn in dem düſteren Entſchluſſe beſtimmen konnte, welcher ſeine Predigt am Morgen in ihm hervorgerufen hatte. NRit der raſchen und glühenden Beredſamkeit einer faſt eben ſo erhitzten Phantaſie, wie die Rainsford's ſelbſt, ſprach er gegen die ſittlichen Pflichten dieſer Welt und rief die ſo ſüßen Bande der Verwandtſchaft, der Liebe und Freundſchaft vor die Schranken der ewigen Allmacht, als ſündhafte Fleiſches⸗ lüſte, als Feinde der Reinheit der unſterblichen Seele. Er brandmarkte die Liebe zu einem ſchönen und tugendhaften Weibe als eine der heimlichen Verſuchungen des Feindes der Menſchen, um ihn von dem Wege ſeines ewigen Glückes abzubringen; die edelſten Gefühle des Herzens bezeichnete er als das Ergebniß der ſchlimmſten und unheil⸗ barſten Verderbtheit. Kurz, der junge Mann ſchied von ihm, ein düſterer, gedankenvoller Träumer, auf der großen Heerſtraße der Schwarmerei, und abwechſelnd das Spiel — 103— der auf ihrem Throne wankenden Vernunft und der bis zum Wahnſinn geſteigerten Phantaſie. Nach und nach ſtellte ſich in ihm die Ueberzeugung feſt, das Unglück ſeiner Familie ſei das Werk der gött⸗ lichen Rache wegen eines großen Vergehens ſeines Groß⸗ vaters, und der einzige Weg, es zu ſühnen und ſo dem Schickſale der Seinigen zu entgehen und ſich der ewigen Seligkeit zu verſichern, ſei, alle ſeine weltlichen Gefühle und Neigungen auf dem Altare des Glaubens als Opfer niederzulegen. Nach einem Kampfe, welcher das natür⸗ liche Hinneigen ſeines Geiſtes zu einer gänzlichen Ver⸗ wirrung vermehrte und dieſe beſchleunigte, ſtellte ſich zuletzt der Gedanke in ihm feſt, Virginia ſei das große und unglückliche Hinderniß auf ſeinem Rettungswege, und wenn er ſie opfere, würde eine ſolche edle, jede Selbſtſucht aus⸗ ſchließende That ſeinen Frieden hier und jenſeits ſichern. Eine tiefe, ernſtdüſtere Stimmung bemächtigte ſich ſeiner, nachdem er ſo weit gekommen. Stundenlang ſaß er auf demſelben Flecke und in derſelben Stellung und ſtarrte irgend einen Gegenſtand an, offenbar, ohne von demſelben die geringſte Kunde zu nehmen. Er vernachläßigte Klei⸗ dung, Bart, Eſſen, Schlaf, und brachte den ganzen Tag hin, ohne ein einziges Wort auf die zehntauſend Fragen der Frau Judith Paddock zu antworten. Der Abend des dritten Tages war gekommen. Plötz⸗ lich glänzte jetzt ſein Auge; mit auffallender Munterkeit ſprang er von ſeinem Stuhle auf, verbarg in ſeiner Bruſt — 104— einen Dolch, welchen er in der Meinung, er könne deſſen auf ſeinen Reiſen bedürfen, mitgebracht hatte, warf ſich auf ſeine Knie und ſchien in tiefer Andacht verloren; dann ſprang er auf und eilte lebhaft auf die Wohnung des DOberſten Dangerfield zu. Virginia begrüßte ihn mit wehmüthigrt Zärtlichkeit und ſchauderte, als ſie die Veränderung ſah, welche in den letzten Tagen mit ihm vorgegangen war. Er lud ſie zu einem Abendſpaziergange ein und führte ſie allmählig zu einer Stelle an dem ufer des Fluſſes, welche von dem Hauſe aus nicht geſehen werden konnte. Er bat ſie, Platz zu nehmen, ſetzte ſich neben ſie und heftete einige Augen⸗ blicke mit einem ſeltſamen Ausdrucke, welcher ſie— ſie wußte nicht warum— nicht ihret⸗, ſondern ſeinetwegen beunruhigte, ſeine Augen auf ſie. „Virginia,“ ſagte er endlich,„erinnerſt du dich irgend einer Sünde, welche du begangen und nicht geſühnt haſt?“ „Es wäre anmaßend, wenn ich Nein ſagen wollte— aber das glaube ich ſagen zu können, daß ich nie geſündigt habe, ohne das, was ich gethan, zu bereuen.“ „Ich glaube dir. Ich wollte ein Leben, das zehn⸗ tauſendmal mehr werth iſt, als mein eigenes elendes Stück Daſein, daran ſetzen, daß du an jeder wiſſentlichen Sünde gegen deine Mitgeſchöpfe und ihren Schöpfer ſo unſchuldig biſt, wie das Lamm, welches der alte Patriarch ſtatt ſeines Sohnes zum Opfer darbrachte. Glaubſt du an die Wirkſamkeit ſolcher Opfer?“ — 105— „Ich glaube, daß es ein beſſeres Opfer gibt, als dieſe — das unſerer ſelbſt, unſerer ſelbſtſüchtigen Wünſche und ſelbſtfüchtigen Leidenſchaften.“ „Du ſprichſt wahr— du ſprichſt wahr,“ verſetzte er eifrig:—„das Heil unſerer unſterblichen Seele, die unendliche Dauer der Zukunft dürfen nicht an dem Altare der wenigen kurzen Jahre, der wenigen erbärmlichen Genüſſe, die wir in ihnen anhäufen können, geopfert werden. Um aber des großen Heiles theilhaftig zu werden, um deſſenwillen wir geſchaffen worden ſind, iſt ein Opfer nothwendig, und dieſes Opfer muß die fleckenloſe Unſchuld ſelbſt ſein. Der unglückliche Sünder kann keine Sühne für Andere darbieten, denn all ſein Blut wird gefordert, um ihn von ſeinen eigenen Vergehungen rein zu waſchen. Das harmloſe Lamm oder die unſchuldige Jungfrau allein können fur die Verworfenheit des Menſchengeſchlechts eine Sühne bieten, und daher wurden auf den erſten Stufen faſt aller Religionen Unglücksfälle abgewendet und Segen erlangt durch das größte aller Opfer— größer als das freiwillige Martyrthum der Heiligen— durch den Tod einer Iphigenia z. B., den größten, den bitterſten Veweis des vollen Glaubens an die Religion, welcher jene Men⸗ ſchen zugethan waren.“ „Unſere milde, wohlthätige Religion fordert aber ſolche Opfer nicht; ſie verlangt keine Heiligung durch Blut⸗ vergießen.“ „Keine Heiligung durch Blutvergießen! Was ſagſt du — zu den Tauſenden von Martyrn aller Zeiten und Völker? von den unſchuldigen Frauen und Kindern, den Millionen menſchlicher Opfer, welche Frömmelei, Ehrſucht, Geiz, Rache unter dem Mantel des Glaubens und der Heiligkeit verſteckt, dem Schwerte oder dem Feuer geweiht haben? Virginia— ich ſage dir, Virginia, alle Freuden dieſer Welt, aller Segen der künftigen ſind der Preis des Blutes.“ Das junge Mädchen erbebte, als es dieſe düſteren, ſchrecklichen Worte hörte und den wilden Ausdruck ſeines Auges ſah, während er ſo ſprach. Sie wünſchte, zu Hauſe zu ſein und erhob ſich, um wegzugehen, als er haſtig ausrief: „Noch nicht— jetzt noch nicht— noch einige Augen⸗ blicke, und du ſollſt deines Weges gehen. Komm, knie dich nieder und bete für mich, wie ich für dich beten werde. Der Himmel weiß, ich bedarf des Gebetes aller guten Menſchen. Komm, bete für mich, Virginia! Willſt du?“ Sie knieeten Beide nieder und Beider Gebet ſchwang ſich zu dem Himmel empor. Als Rainsford ihr blaſſes, rührendes Antlitz betrachtete und den ruhigen Ausdruck ihres frommen, in der heiligen Abgezogenheit der Andacht und zumal der Liebe— denn ſie betete ja für ihn, der ſie liebte und bedauerte— aufwärts gewendeten Blickes ſah, glaubte er in ſeinem Herzen, jetzt— jetzt ſei der Augenblick gekommen; jetzt, da ihr Geiſt ſich aller welt⸗ lichen Schlacken entledigt, und ihre Seele bereits halbwegs *—— auf ihrem Fluge himmelan begriffen ſei. Zweimal— dreimal fuhr er mit der Hand in ſeine Bruſt; dreimal fühlte er die ſcharfe Spitze der Waffe; und dreimal ſchau⸗ derte er und riß die Hand zurück, als wenn er die Zähne der Klapperſchlange gefühlt hätte. Virginia ſchien ihn nicht zu beobachten; es war, als wenn ihr Geiſt mit den höhern Weſen verkehrte, die über den Sternen wohnen, welche nun, einer nach dem ondern, in verſchiedenen Theilen des Himmels ſchwach zu glänzen anfingen. Als ſie im Begriffe war, ſich vom Boden zu en hielt er ſie ſanft, mit zitternder Hand, zurück. „Noch nicht— jetzt noch nicht, Virginia; laß mich noch einen Augenblick dich betrachten!“ Sie blieb auf ihren Knieen und blickte ihm in das Geſicht, mit thränenvollem Auge, ſo ſanft, ſo vertrauend, ſo liebevoll, daß der wilde Vorſatz ſeines getrübten Ver⸗ ſtandes jeden Augenblick ſchwerer auszuführen war. Aber⸗ mals jedoch ſchoß ihm der düſtere Gedanke durch den Geiſt, der von Minute zu Minute durch den innern Kampf wirrer wurde, dem er blosgegeben war, indem er ſich ſagte, wenn ſie am Leben bliebe, würde er ſie lieben, und ſie ihn, und ſo würden ihre beiden Seelen gefährdet wer⸗ den, indem ſie weltlichen Gedanken, weltlichen Freuden und weltlichen Zwecken, zur Vernachläßigung aller Andern⸗ nachhingen. „Wir wollen niteinander zum Himmel gehen!“ dachte er und griff abermals mit der Hand in die Bruſt; aber⸗ —— 5 mals fühlte und faßte er die Waffe des Todes, während ſeine ſchreckliche Erregung der Art war, daß Virginia burch das Gefühl der Zärtlichkeit und des Nitleides überwältigt wurde. Sie legte ihre zarte, weiße Hand, die jetzt kalt war von dem innern Sturme, an ſeine noch kältere Stirne, wo der Thau des Todeskampfes ſtand, und rief in rührend melodiſcher Stimme: „Armer, armer Rainsford!“ Er ſchob ihre Hand ſanft weg und war im Begriffe, ſie an ſeine Lippen zu führen, als er ſie plötzlich los ließ und ausrief: „Nein— ich habe es geſchworen, und will nicht mit der Laſt des Meineides auf meiner Seele ſterben!— Sieh, Virginia, dort iſt der Abendſtern, der Stern der Königin der Liebe— eben verſteckt er ſich hinter den fernen Hügeln!“— Sie wandte den Kopf, um nach dem Sterne zu ſehen⸗ und während ſie ihn einige wenige Augenblicke betrachtete, riß Rainsford die Waffe aus ſeiner Bruſt, hob ſie empor und „Es iſt unmöglich! Es iſt unmöglich!“ rief er laut: —„eher ſoll meine Seele zu Grunde gehen!“ Nit dieſen Worten ſtürzte er weg und verſchwand in dem nahen Walde. Virginia aber ging allein nach Hauſe, über ſein Unglück zu ſinnen und zu trauern, und allgemach daran zu verzweifeln, daß ſie mit ihm glücklich werden könne. Im Geſellſchaftszimmer waren, außer dem Familien⸗ kreiſe, der wandernde Prediger, Buſchfield und der ſchwarze *.—— Krieger, der, nach ſeiner Gewohnheit, bei dem Oberſten einen Vorrath Pulver und Blei zu holen gekommen war. So ſtolz und unabhängig die Indianer auch in andern Rückſichten ſind, ſo bekümmern ſie ſich doch, wie die Men⸗ ſchen in dem urſprünglichen Zuſtande überhaupt, wenig um die Rechte des Eigenthums, ſind ungemein habgierig, eben ſo verſchwenderiſch, und fordern bekanntlich, was ſie ſehen. Wenn ein Häuptling einen jungen Krieger bei einem weißen Beamten weſtlich vom Miſſiſſippi einführt, hält er ihm folgende Lobrede:„Er iſt ein tapferer Krie⸗ ger, ein großer Pferdedieb und kein ſchlechter Bettler.“ Der wandernde Prediger und der ſchwarze Krieger redeten von der Schöpfung der Welt, denn jener hatte einen vergeblichen Verſuch gemacht, letztern zu bekehren. Wirklich war er einer von den Männern, deren gutge⸗ meinter aber unzeitiger Eifer ſich überall und bei jeder Gelegenheit eindrängt. Er ſchien zu denken und überre⸗ dete ſich ohne Zweifel ſelbſt, ſein Amt ſpreche ihn von den Geſetzen der guten Erziehung und des Paſſenden und Schicklichen, welche alle Gebildeten beherrſchen, frei. Er hatte bereits die wonnige Heiterkeit, jene unſchuldige Frei⸗ heit, welche gewöhnlich in dieſem geſelligen Kreiſe herrſch⸗ ten, verſcheucht und einen Zwang herbeigeführt, welcher das ganze Vergnügen der kleinen Geſellſchaft vernichtete. Als Buſchfield mit ſeiner gewöhnlichen Veredſamkeit bei den Freuden der Jagd, dem Glücke des Alleinlebens und der Abweſenheit jedes hemmenden und hindernden Nach — 110—* parn verweilte, nahm er die Gelegenheit wahr, ernſt gegen die Jagd zu eifern, da ſie den raſtloſen Eifer für das Heil der Seele hemme und hindere. Als Oberſt Danger⸗ ſield mit ſeinem Sohne von den Reizen der Beredſamkeit und Ppeſie und den Freuden ſprach, welche mit der Erwer⸗ vung von nützlichen Kenntniſſen verbunden ſind, erklärte er all das für Verſuchungen des Böſen, uns von dem Einen, das Noth thue, abzuziehen. Als Miſtreß Danger⸗ ſield zufällig von dem Glücke einer ihrer Freundinnen und der Liebe, welche zwiſchen der Gattin und dem Gatten, den Kindern und den Eitern herrſchte, ſprach, ſagte er, alle dieſe Gefühle ſeien nichts, als böſe, ſündhafte Gelüſte des Fleiſches, welche uns auf die Blüthenpfade der Ver⸗ ſuchung führten. Als man der Pflichten gedachte, welche der Menſch ſeinem Vaterlande und ſeinen NMitgeſchöpfen ſchulde, reihte er die Vaterlandsliebe in die Klaſſe jener Gefühle ein, welche den wichtigeren Intereſſen der unſterb⸗ lichen Seele hindernd entgegen träten; und als Mr. Litt⸗ lejohn ſich über die Freuden der Schwelgerei auf drei Stühlen ausließ, behandelte er ihn wenig beſſer denn einen der Gottloſen. All das wurde mit der größten Anmaßung der veberlegenheit, mit einer Miene von her⸗ ber, abſprechender Frömmelei vorgetragen, welche ſich nichts anderes vorſetzte, als den mildeſten, liebevollſten, verſöhnendſten und friedlichſten Glauben, der dem Nen⸗ ſchengeſchlechte je gelehrt worden, grade zu dem Wider⸗ ſpiele von dem zu verkehren, was er wirklich iſt. Nichts — 111— ſteht einem Geiſtlichen ſchlechter, als der Mangel an Demuth; denn wie kann der, welcher ſich in das Gewand des Stol⸗ zes und der Anmaßung kleidet, bei den übrigen Menſchen dieſe Laſter beſſern oder Lehren eindringlich machen, welche ſein eigenes Beiſpiel jeden Tag Lügen ſtraft? Der ſchwarze Krieger ſaß an einem Fenſter und rauchte ſeine Pfeife— ein Vorrecht, welches Niſtreß Dangerfield ihm zugeſtanden hatte— als der über⸗eifrige Mann das Wort an ihn richtete. Der Indianer hörte mit großem Ernſt und Anſtand zu, wie der rothe Mann bei den Reden Anderer ſtets zu thun pflegt, als er ihm einen Abriß der moſaiſchen Erzählung von der Schöpfung der Welt, der Sündflut, der Arche Noah's, und des Ver⸗ laufs der allgemeinen Waſſerwüſte gab. Als er fertig war, wartete der ſchwarze Krieger einige Minuten, um ihm Gelegenheit zu laſſen, fortzufahren, wenn er es wünſchte, nahm dann ſeine Pfeife aus dem Munde, und verſetzte ernſt: „Ihr weißen Schwarzröcke ſagt dicke Lügen. Den, den Ihr Adam nennt, nicht der erſte Mann. Mein Vater, lange Zeit her der erſte Menſch, und er hieß in Eurer Sprache Waſſermann; er der Vater meines ganzen Stam⸗ mes, und nicht Adam, wie Ihr ſagt. Hört! der große Geiſt wollte, daß hier unten Menſchen lebten, und er ſagte zu meinem Vater:„Geh' du dort hin und mehre dich!“ Gut, er brach auf; anfangs geht es gut, ſehr gut; dann, als er etwas weiter kam, geht es zu geſchwind— pautz! — 1— — nieder, nieder, nieder— kaum holt er Athem, ſo ſchnell geht es. Gut, nach und nach kommen Vögel und breiten ihre Flügel unter ihm aus und laſſen ihn ſanft, ſehr ſanft nieder und ſetzen ihn ganz gelind auf den Gipfel eines Baumes, der auf einem hohen Berge ſtand. Gut, hier ſaß er einen, zwei, drei Tage, und endlich bekam er großen Hunger und verlangte ſehr nach Nahrung, und er ſagte es dem großen Geiſte, und der große Geiſt ſpricht zu ihm:„Blaſe, blaſe auf die Waſſer!“ Gut, er bläſt, bläſt, bläſt, bis das Waſſer drunten auf den Steppen nur bis an ſeine Kniee geht. Aber er ſagt zu dem großen Geiſte:„Mag eben ſo gut tief ſein, wie vorher— noch nichts zu eſſen, ſehr hungrig!“ Dann hieß ihn der große Geiſt wieder blaſen und ſchickte die Winde, daß ſie ihm helfen. Und er blies, blies, blies, und die Winde kamen und halfen ihm blaſen, bis all das Waſſer fort gegangen. Dann kam Waſſermann nieder von dem Berge, und ſein Fuß macht tiefe Spur in dem weichen Schlamme; und, huh! heraus ſpringt Büffel, Hirſch, Reh und alle Arten von Wild, und ſo hat mein Vater vollauf zu eſſen. Der große Geiſt ſchickte ihm nach einiger Zeit ein Weib, die grade aus einer Höhle in der Erde kömmt; und ſo wur⸗ den wir in vielen, vielen Monden ein großes Volk. Huh! Glauben, der Indianer wiſſe nicht ſo gut, wie weißer Schwarzrock, wer der erſte Menſch!“*) * Das iſt eine echte Tradition bei den Dſagen. Verf. — — 113— Der eifrige Wanderer war„blitzböſe,“ wie Buſchfield ſagte, über den armen Indianer, weil er ſeinen alten Glauben ſo vertheidigte. Er erklärte dieſe ſeine Ueberlie⸗ ferung für eine Erfindung des Satans ſelbſt, ſtatt ſie vhiloſophiſch in dem Lichte einer ſtarken Beſtätigung eines großen Naturereigniſſes, der Sündfluth, zu betrachten, von welcher ſich ferne und unbeſtimmte Sagen in den früheſten Ueberlieferungen aller Völker der Erde finden. Paulding M. 8 Neuntes Kapitel. Luſchſied reviert nach einem ſeltſamen Geſchöpf. Am nächſten Morgen kam Frau Judith, das Weib ſchlimmer Vorbedeutung, die Virginia jetzt zitternd ſich nähern ſah, und brachte die Nachricht, Rainsford ſei ver⸗ ſchwunden und habe ſich die ganze Nacht nicht zu Hauſe blicken laſſen. Virginia ſchloß ihre Gefühle in ſich, als ſie dieſe Kunde hörte, welche das Schrecklichſte erwarten ließ. In ihrem Herzen wohnte eine Vereinigung von Zärtlich⸗ keit und Feſtigkeit, wie ſie öfter bei Frauen als bei Män⸗ nern gefunden wird, und die, wo ſie auch gefunden wird, die Mutter tiefer, ſtiller, dauernder Eindrücke iſt. Ein Schauer der Angſt durchzuckte ihre Glieder, eine bläſſere Farbe umzog ihre Wangen, und das war Alles. Sie ent⸗ ließ Frau Judith, welche ſie in ihrem Herzen die gefühl⸗ loſeſte aller Sterblichen nannte, weil ſie ſie bei einer ſolchen Gelegenheit ſo wenig ergriffen ſah, und nahm die erſte Gelegenheit wahr, mit ihrer Mutter Rath zu pflegen. Die Folge war eine Mittheilung an den Oberſten, der augen⸗ blicklich Anſtalten traf, den verlornen Irren aufzuſuchen. Aus einer Unterſuchung ſeines Zimmers ging hervor, daß er außer den Kleidern, welche er trug, nichts mitgenommen — 115— hatte. Ueber ſeine Abſichten gab nichts auch nur den ent⸗ fernteſten Aufſchluß, und man fand keine Andeutung, wohin er gegangen ſein könne. Oberſt Dangerfield und Leonard beeilten ſich, die Männer des Dorfes zuſammenzurufen und ſie nach allen Richtungen auszuſenden. Nach und nach kamen ſie jedoch Alle, Einer nach dem Andern, die nachſten Tage zurück, ohne die geringſte Spur entdeckt oder die entfernteſte Kunde über den Flüchtigen erhalten zu haben. Auf dieſe Weiſe blieben ſie in der quabollſten Ungewißheit, ob er in die ferne, fremde Welt gegangen oder ſich auf irgend eine Weiſe ein Leid angethan habe. Wir enthalten uns, die Gefühle zu ſchildern, welche Virginia's Herz während dieſer peinigenden Zeit durch⸗ zuckten; ſie verſchloß ſie in ſich. Wenn die Bewohner des Dorfes ſie dann und wann ſahen, ſchien ſie ihnen den gewöhnlichen Weg ihrer häuslichen Pflichten und ihres Berufs zu verfolgen und nur der lebendige Inſtinkt der Liebe entdeckte die tiefe Wunde, welche ſie erhalten hatte. Am Ende der zweiten Woche kam ein Boot vom Ohio den Fluß herauf und brachte die Nachricht, die Leiche eines Ertrunkenen ſei ungefähr hundert Meilen weiter unten göfunden worden, und obgleich die Beſchreibung ſeiner Kleidung und Perſon unbeſtimmt und unſicher war, ſo fanden ſich doch Umſtände genug, welche der Ueberzeu⸗ gung Raum gaben, es ſei die von Rainsford. Die Ein⸗ zelnheiten wurden Virginia vorſichtig beigebracht und ſchwei⸗ 8* — 16— gend vernommen. An der Bruſt der mütterlichen Liebe ſprach ſie leiſe ein Gebet für die Ruhe ſeiner unſterblichen Seele, und ſein Name wurde nicht mehr genannt. Sie dachte aber darum, weil ſie nicht von ihm ſprach, nicht minder an ihn. Sie hatte ſeine Liebe, ſeine ſanfte Güte, ſeine Talente, ſeine Leiden, ſeinen Tod ſtets vor Augen; aber ſie wandte der Welt den Rücken nicht, weil ihr von den tauſend Segnungen, welche ihr geworden, Eine genommen worden war, obgleich dieſe Eine ihr die theuerſte war. Rainsford kam ihr ſelten aus den Bedan⸗ ken, und nach und nach gedachte ſie ſeiner als des Man⸗ nes, welcher die ewige Barmherzigkeit des Himmels viel⸗ leicht aus unheilbarem Elende zu dem Genuſſe des wahren Glückes entführte. „Beſſer, er ſtarb ſo, grade ſo, und fand in der Fremde ſein Grab,“ ſagte ſie manchmal zu ſich ſelbſt, „als daß er am Leben blieb, um verwirklicht zu ſehen, was er ſo lange fürchtete!“ So verging die Zeit und Rainsford wurde von Nie⸗ mand mehr für einen Bewohner dieſer Erde erachtet, als Buſchfield eines Tages, nach einer langen und erfolgloſen Jagd, in ſein Haus im Walde zurückkehrte und Mamma Phyllis in der größten Noth fand, weil ſie ihm nichts zum Rachteſſen geben konnte. Er war eben nicht in der allerbeſten Laune heim gekommen, denn dieſer erſte ver⸗ gebliche Gang brachte ihn zu der Ueberzeugung, das Wild — 117— wandre raſch aus der Umgegend aus, und er müſſe bald nachfolgen. „Was haſt du mit allen den Stücken Wildpret ange⸗ fangen, die dort aufgehangen waren, du gefräßige, alte Beutelratze?“ ſagte er. „Ich nicht eſſen ihn, Maſſa.“ „Du nicht eſſen ihn! Wer ißt ihn denn, möcht' ich doch wiſſen!“ „Nu, Gentiman*) that's, d' andern Dag.“ „Was für ein Gentiman, du reizender Schneeball?“ „Ihn, der alle Dag mit Maſſa ausgehen und ſchieſ⸗ ſen nix.“ „Wie, Rainsford?“ „Jah, Maſſa, hier dieſer Morgen, und nehmen Alles weg, was ſie legen die Hand an.“ „Ei, du Närrin, er iſt ja geſtorben, ich weiß nicht, ſeit wie lange, oder hat ſich in dem Kentucky ertränkt.“ Phyllis ſtieß einen lauten Schrei aus. „Ha, dann ihn muß geweſen ſein ihr Spenſt— ich denke, er nicht eſſen wie ein Chriſt.“ „Pah, haſt du je von einem Geſpenſte gehört, das gegeſſen hätte?“ „Huh! Ich denken, ſie ſo gnt eſſen wie Si Volf⸗ Ich ſehen Spenſt eſſen, wenn ich ſein in mein eigen Land. Ich ſehen viel dort. Sie Alle ſchwarz, wie mich gleich.“ Gentleman, der Herr. *„ „Ein ſchwarzer Geiſt!“ rief Buſchfield und brach in ein lautes Gelächter aus.„Das kömmt mir vor, als erzählte man mir von einem weißen Nigger! Aber was haſt du da geſagt von Rainsford und ſeinem Hierſein? Komm, erzähle mir Alles, was du geſehen haſt.“ Durch vieles Fragen erfuhr er endlich folgende Ein⸗ zelnheiten. Sie war, wie es ſchien, eben und zwar ſehr eifrig, beſchäftigt, ihr Frühſtück einzunehmen, als plötzlich ein Mann, welcher ihrer feſten Behauptung nach, Rainsford geweſen, in das Haus ſtürzte, nach den Eßwaaren griff und Alles, wie ſie ſagte, gleich einem hungrigen Wolfe aufzehrte. Er war bald mit dem, was auf dem Tiſche ſtand, fertig und bemächtigte ſich nun alles Eßbaren, deſſen er habhaft werden konnte, und nahm es mit ſich fort, als er ſich plötzlich auf etwas zu beſinnen ſchien, in die Taſche griff und ihr Geld hinwarf, indem er unter Gelächter hinzuſetzte: „Da, da iſt die Rechnung— der Preis der Religion eines Prieſters, des Gewiſſens eines Advocaten und des Votums eines Patrioten. Da— du Engel der Nacht, geh' und kaufe dir eine weiße Haut und dann kannſt du falſches Zeugniß geben gegen deinen Nachbarn, ſo gut wie Beſſere als du biſt.“ Phyllis gab ferner an, er ſei ſehr zerlumpt geweſen, hätte einen langen Bart, ein wild ausſehendes Auge gehabt und ausgeſehen, als wenn er faſt todt vor Hunger wäre. — — 119— „ „Armer Menſch!“ ſagte Buſchfield und fuhr mit dem Aermel ſeines Jagdhemdes über ſeine Augen.„Aber ich werde morgen Jagd auf ihn machen.“ „Was, ein Spenſt jagen?“ ſagte die alte Phyllis zit⸗ ternd:—„Herr Je, ich glauben, Maſſa denken, ihn Alles jagen können.“ Buſchfield ging zu Bett, das heißt, er ſich auf ſein Bärenfell, das er draußen, unter einem laubigen Baume ausgebreitet hatte, und ſchlief eben ſo gut ohne Nachteſſen, als er damit geſchlafen hätte, denn an einer Kleinigkeit, wie ein Faſten von vier und zwanzig Stun⸗ den, lag ihm nichts. Mit dem erſten Grauen des Tages, ehe der Thau noch vom Boden verſchwunden, rief er ſeiner alten Phyllis und hieß ſie, ihm, ſo gut ſie es wiſſe, den Weg angeben, den das Geſpenſt genommen. Sie that's, er pfiff ſeinen Hunden, brachte ſie auf die Fährte und folgte ihnen mit ſeinem Stutzen auf der Schulter. Die Hunde verfolgten eine häufig ſich windende Bahn durch die ſchwierigſten Päſſe des Waldes, bis ſie eine felſige Höhe erreichten, welche die Scheidelinie zwiſchen zwei nahen Bächen abgab. Es war eine wilde, rauhe Landſchaft, von den gewöhnlichen Revieren der Jäger weit entlegen. Jetzt hörte er in der Ferne das Kläffen der Hunde, das ihn benachrichtigte, ſie hätten etwas aufgeſpürt, und Buſchfield, der zur Stelle eilte, ſah den ſchwarzen Krieger, den die Hunde bellend umgaben, und der ſeinen Stutzen auf einen der Hunde angeſchlagen hatte, welcher ſich als der lauteſte und verwegenſte erwies. „Thu dem ſüßen Gezücht nichts,“ rief er dem In⸗ dianer zu,„ſonſt möcht ich leicht verſucht werden, dir etwas zu thun, ſo oder ſo.“ Buſchfield haßte die Rothhäute von ganzem Herzen, und man muß ihm Gerechtigkeit widerfahren laſſen, er hatte ziemlich gute Gründe dafür. Aber er hätte auf keinen Fall Einem etwas zu Leid gethan, ausgenommen zur Selbſtvertheidigung, wie er die Vertheidigung ſeiner Hunde nannte. Er rief die Thiere an ſich, und es folgte eine Unter⸗ haltung zwiſchen ihm und dem ſchwarzen Krieger. „Wild ſehr ſelten jetzt,“ ſagte der ſchwarze Krieger. „Indianer muß bald über den großen Strom gehen.“ „Ja, und der weiße Mann auch, wenn er auf die Fährte eines Hirſches kommen will. Haſt du irgend ein Stück Wild geſehen?“ z Wn nur Eichhörnchen; er nicht werth Pulver ui Hat der weiße Mann etwas geſehen?“ ich bin auf einer andern Fährte. Ich jage nach einem weißen Mann.“ „Ei, ich glaubte, der weiße Mann jagte in der Wſs nur den Indianer.“ Büſchfield erklärte ihm ſeine Abſicht, und der wune Krieger bot ſeinen Beiſtand an * — 121— „Ich liebe Miſſer Rainsford, er füllt zuweilen meinen Beutel mit Taback.“. „Wir werden einander nur im Wege ſein, wie ein paar Hunde auf derſelben Fährte.“ „Raum genug hier für weißen Mann und Rothhaut. Weißer Mann braucht allen Raum für ſich ſelbſt,“ mur⸗ melte der Indianer.„Aber ich muß helfen Miſſer Rains⸗ ford auffinden.“ Nachdem ſie die Verabredung getroffen hatten, ihre Büchſen abzufeuern, wenn einer von ihnen was entdeckt hätte, trennten ſie ſich und folgten verſchiedenen Richtun⸗ gen. Sie hatten ihre Nachforſchungen eine Zeitlang fort⸗ geſetzt, als der Wald von dem Schall der Büchſe des ſchwarzen Kriegers widerhallte. Buſchſield folgte der Rich⸗ tung des Schalles und fand den Indianer an dem Fuße eines hohen Felſen aufgeſtellt, auf deſſen äußerſten Rand er eine kaum menſchliche Geſtalt erblickte, die dort umher ſprang, und jauchzte und niederſchaute, als ob er des ungebetenen Beſuchers ſpottete. Zuweilen ballte er die Fauſt und bleckte die Zähne. Zuweilen lachte er laut, dann warf er wieder mit Steinen und Holzſtücken nach ihm. Buſchfield kam ganz nahe an den Fuß des Zelſen heran, und während jener gedankenvoll auf ihn nieder⸗ blickte, war es, als ob eine Erinnerung ihn einen Augen⸗ blick beunruhizte. Er ſchrie laut auf und verſchwand, kam dann wieder, lachte und ſprang umher, wie ein Kind, — das Verſteck ſpielt; endlich ſetzte er ſich nieder, ließ die Beine über den Rand des ungeheuern Felſen hängen und ſchnitt ihnen Geſichter. Buſchfield rief ihn bei ſeinem Namen und bat ihn, zu ſeinen Freunden herab zu kommen. „Ah hah! Wollt Ihr mich ſo fangen?“ rief er lachend: —„Ich weiß, was Ihr wollt; Ihr wollt mich in Ketten ſchlagen; Ihr wollt mich in ein Loch einſperren und einen Tiger als Wächter davor legen. Nein, nein, ich weiß etwas, das zehnmal beſſer iſt. Pah, ſeht her,“ und er machte einen ungeheuern Luftſprung und ſetzte ſich wieder hin—„hier bin ich— ein Congreßmitglied der Natur. Ich kann gehen, wohin ich will, und thun, was ich will, ohne einen Pfarrer, oder einen Advokaten, oder einen Richter, oder irgend Jemand von den guten Leuten, welche mich durch ihre Güte umbringen, um mein Leben zu retten, um Erlaubniß fragen zu müſſen.“ „Ich will mich todtſchießen laſſen, wenn er nicht ver⸗ ſtändiger ſpricht, als eine Menge Brüller, die ich jemals in den Gerichtshallen Reden halten hörte. Ich glaube, wenn ich ihn nur dahin bringen könnte, ſich mit mir zu balgen, wollte ich ſchon mit ihm fertig werden, ſehr ſchnell,“ ſagte Buſchfield zu ſeinem Verbündeten. Sie beriethen nun miteinander über die beſte Weiſe, des unglücklichen Flüchtlings habhaft zu werden und ver⸗ einigten ſich endlich über einen Plan. Es war augen⸗ ſcheinlich, daß er da, wo er jetzt war, jedes Angriffs lachte —— und eine Annäherung nicht möglich war; denn die Seite des Felſen, welche ihm am nächſten war, konnte Niemand erſteigen; griff man ihn aber von hinten an, ſo war zu fürchten, er möchte ſich von dem Felſen Srge und dann war ſein Tod gewiß. „Wie dem auch ſein mag,“ ſagte Buſchfield,„ich glaube nicht, daß dies ein großes Unglück für ihn wäre. Wer weiß aber, ob der Geſell nicht, nach all dem, an dieſem Außer-dem⸗Hauſe leben eine Art Freude hat? Er iſt ein freier Mann, und das iſt Etwas. Er kann ſich hinlegen und aus dem Bache ohne Becher trinken, und das iſt's, was ich unabhängig ſein heiße, ſag' ich.“ Da Keiner von Beiden etwas zu eſſen bei ſich hatte, beſchloſſen ſie, nach Hauſe zu gehen und den nächſten Tag mit Lebensmitteln wieder zu kommen, welche ſie in der Nähe des Reviers von Rainsford auf einem in die Augen fallenden Platze niederlegen wollten, in der Erwartung, das natürliche Bedürfniß würde ihn zwingen, herbei zu kommen und ſie zu nehmen. Jeder von ihnen ſollte an einem paſſenden Verſteck lauern, um ihm die Rückkehr in ſeine Felſenveſte unmöglich zu machen. Demzufolge nahmen ſie Abſchied von dem Wahnſin⸗ nigen, der ihnen ſagte, ſie ſollten gehen und Vögel mit friſchem Salz fangen, und ihnen eine Salve von Steinen als Gruß nachſchickte, und kehrten in ihre Wohnungen zurück. Am nächſten Tage brachten ſie ihren Plan in Aus⸗ —— führung und harrten in ihrem Verſtecke des Ausgangs. Mehrere Stunden vergingen, ohne daß der arme Irre ſich zeigte. Gegen Nittag aber hörten ſie ſein Lachen und ſahen ihn bald darauf auf die Stelle zukommen, wo ſie die Lebensmittel hingelegt hatten. Er ſtürzte darauf und verſchlang ſie mit der Heißbegierde eines ausgehungerten Tigers. Als er fertig war, legte er ſich unter einen Baum ruhig nieder und ſchlief ein. Jetzt war der Augenblick günſtig, und jetzt brachten der weiße und der rothe Mann die in dieſen Wäldern übliche Kriegsliſt zur Ausführung. Auf Händen und Füßen krochen ſie wie liſtige Schlangen auf dem Graſe entlang und zogen ihre Büchſen nach ſich, bis ſie in der gehörigen Nähe waren; jetzt winkte Buſchfield, der, wie er ſagte, nie gegen Menſchen oder Thier etwas voraus haben wollte, dem ſchwarzen Krieger, ſich nicht von der Stelle zu rühren, erhob ſich und warf ſich mit einem Tigerſprunge auf den ſchlafenden Rainsford, deſſen Arme er mit der Kraft eines Schraubſtocks, wie er ſich rühmte, erfaßte. Nun folgte ein Kampf der zu heftig war, um lange zu dauern. Nach einigen krampfhaften, raſenden Anſtren⸗ gungen, von Zeichen wilden Zornes begleitet, war die Kraft des armen Wahnſinnigen völlig erſchöpft und er blieb ganz ruhig auf dem Boden liegen, wie es bei Leuten dieſer Art gewöhnlich geſchieht, wenn ſie ſich wirklich über⸗ wältigt ſehen. 2 — 125— Er blieb eine Zeitlang mit geſchloſſenen Augen liegen und der ſchwarze Krieger brachte jetzt einige junge Reben, die er abgeſchnitten hatte, um ihm die Hände auf den Rücken zu binden; aber Buſchfield widerſetzte ſich dem. „Nein, die Peſt darauf, Rothhaut, ich kann mich nie dazu entſchließen, einen freien weißen Mann zu binden. Unſer ſind zwei; ich bin die Hälfte eines ganzen Geſpanns und du biſt die andere Hälfte; und es wäre wirklich ein harter Fall, wenn wir den armen Menſchen nicht ſollten handhaben können, ohne ihm eine Schmach anzuthun.“ „Recht,“ ſagte der ſchwarze Krieger:—„und dann würde der große Geiſt zürnen, wenn wir ihm ein Leid anthaten, denn du weißt, er alle wahnſinnigen Leute lieben, die nicht ſelbſt für ſich Sorge tragen können. Großer Geiſt manchmal Propheten aus ihnen machen; ſie ſehr, ſehr lieben. Ich das viel vergeſſen haben; froh, daß ich nicht Hand an ihn gelegt wie du. Nie hätt' ich wieder einen Hirſch geſchoſſen, wenn ich ihm wehe gethan.“ „Welche unwiſſende Türken dieſe Indianer ſind,“ dachte Buſchfield,„daß ſie an ſolche Albernheeiten glauben. Ich bin ein Nigger, wenn ich dieſen kupferfarben ange⸗ ſtrichenen Geſellen für ein ordentihe Mit⸗ geſchöpf halte.“ Nichts iſt duldſamer, als die wilde Puch, wenn ſie einmal überwältigt iſt. Rainsford erhob ſich jetzt vom Boden und ſtand mit geſenktem Antlitz und einem ſchlaf⸗ fen Ausdruck des Auges, ohne ſich zu rühren, da. Kopf, — Arme, Bruſt und Füße waren nackt, und Buſchfield fühlte, daß ſein Auge naß wurde, als er die Spuren ſeiner Hände auf den Armen des unglücklichen jungen Mannes ſah. Er nahm ſeine herabhängende Hand, ſchüttelte ſie mit biederer Liebe und entſchuldigte ſich, als ob er hoffen könnte, verſtanden zu werden, daß er ihn ſo rauh behan⸗ delt habe. „Wenn ich nicht lieber mit einem echten Nigger Unrath gegeſſen hätte, ſo will ich nie wieder einen Baum nahe genug an meiner Hütte ſehen, um Feuer damit anzu⸗ machen ohne Beihülfe von Ochſen und einem Karren,“ ſagte er.„Doch kommt, Fremder! Ich denke, das beſte wäre, Ihr gingt jetzt wieder nach Haus. Da iſt der Oberſt 5 und Miſtreß Dangerfield, die ſind wegen Eurer auf der falſchen Fährte, und Miß Virginia ſieht ſo weiß aus wie eine Eierſchale.“ „Virginia?“ ſagte Rainsford,—„Virginia? Ah, Alt⸗Virginia. Ich 68 von ihr gehört; ſie wird nie müde, ſagt man.“. „Alt Virginia! nein, ich meine die junge Virginia, die gelbe Blume des Waldes, der ſüßeſte Saft, der je zu Ahornzucker verkocht wurde. O, ſie iſt eine Schönheit, ſag' ich. Habt Ihr Virginia Dangerfield vergeſſen, mit der Ihr, wie ich hörte, verheirathet werden ſoltet⸗ eh' Ihr dieſen Querſprung machtet?“ „Dangerfield! Ja, jetzt erinnere ich mich, ſo hieß ja der alte Bettler, welcher den Fluch über meinen Vater — — 127— ausſprach; er war einſt eine alte Schwarze, welcher ich Gift geſtohlen und es auf einem Bratroſt gekocht hatte, der aus den Rippen eines Schurken, welcher an den Gal⸗ gen gehenkt worden, gemacht war. Ja— ja! O ich erin⸗ nere mich alles deſſen ſo gut, als wenn es der Tag nach Uebermorgen geweſen wäre.“ „Ihr wollt alſo mit uns gehen?“ „Ganz gewiß will ich das. Gebt mir Eure Hand! Eure Finger ſind ſo ſanft, wie Eiſenſtangen, faſt ſo ſanft, wie die Virginia's— ich meine, Alt Virginia's, das nie ermüdet. Wie ich geſagt habe— aber habt Ihr nicht eben davon geſprochen, ich ſollte mich verheirathen— wie? Nun, wenn ich Jemand heirathe, ſo ſoll es die ſchwarze Schönheit ſein, mit der ich neulich zuſammen kam und die mir ein gutes Nachteſſen gab; aber ich mußte ſie dafür bezahlen. Seht nur her, welchen Ritz ſie mir gab!“ Dabei ſtreckte er ſeine nackten, gequetſchten Arme aus. „So kommt denn mit mir, ich bringe Euch zu Euern Freunden, welche für Euch Sorge tragen werden!“ ſagte Buſchfield, welcher lange nachher erklärte, er habe ein ſolches Gefühl nicht gehabt, ſeit er ſeine Mutter und ſeine kleine Schweſter in einer Stunde verloren. „Nun, ſo kommt! Ich bin jetzt ein freier Mann und zu jeder Art Luſtbarkeit bereit. Aber redet mir nicht vom Heirathen, denn das iſt der kürzeſte Weg zum Teufel, der Pfarrer hat mir's geſagt. Kommt, ſeht nicht drein, als wenn ich Euch belügen wollte. Ich ſag' Euch, er — 128— beſchwur es mir einſt bei— ichthabe vergeſſen, was es war— bei der Sohle ſeines Schuhes, wenn der Himmel zufällig einfallen ſollte, würde es ein großes Gezänke unter den Sternen ſetzen. Was mich betrifft, ſo ſollte ich auf den Saturn gehen, weil ſein Fall der weiteſte und er ein großer Reiſender iſt. Hurrah, Burſche! kommt mit; doch hier, Miſter— wie heißt Ihr nur?— O⸗ Dangerfield! Mr. Dangerfield, Ihr ſeid ſo gut, den alten Küſter dort mitzunehmen, weil ich mich zu verheirathen hoffe. Es iſt ſeltſam!“ flüſterte er Buſchfield zu—„es ſcheint, als erinnerte ich mich rückwärts, wie die Krebſe in die Kirche gehen. Hurrah! Kommt mit zu dem Leichenbegängniſſe, und dann, juchhe, einen Roſinenkuchen und eine lügen⸗ hafte Grabſchrift!“ Bei dieſen Worten nahm er Buſchfield am Arme und ſie gingen auf das Dorf Dangerfieldville zu, wo ſie mit der Abenddämmerung ankamen. Rainsford war ſo müde, daß er augenblicklich in einen tiefen Schlaf fiel. Oberſt Dangerfield hatte für Leute geſorgt, die ihn bewach⸗ ten, damit er nicht wieder in die Wälder zurückkehre. Zehntes Kapitel. Ein Sonnenblick wird ſchnell wieder verdüſtert. Es wäre ein Wunder geweſen, das alle andern Wunder der Welt ausgeſtochen hätte, wenn Virginia von dem Auffinden und der Ankunft Rainsford's länger unun⸗ terrichtet geblieben wäre, als Miſtreß Judith Paddock Zeit brauchte, um über die Straße zu kommen und die Geſchichte zu erzählen. Es iſt ſchwer, zu ſagen, welcher Art ihre Gefühle bei dieſer Gelegenheit waren, und wir enthalten uns daher jedes Verſuchs, ſie näher zu entwickeln. Sie konnte ſich ſeiner Rückkehr in dem Zuſtande, wie ihn Frau Judith ſchilderte, nicht freuen; noch weniger aber war ſie im Stande, es zu bedauern, daß er nicht in der früher berichteten Weiſe umgekommen. Es iſt jedoch ausgemacht, daß man bemerkte, daß ſie jene ruhige Miene der Erge⸗ bung in ihr Schickſal verlor, die ſich ſeit dem Verluſte ihrer Hoffnung nicht mehr von ihr getrennt hatte; auch entdeckte die ſorgfältige Mutter von dieſer Zeit an in ihrem Benehmen und Thun alle Anzeichen eines von kämpfenden Gefühlen bewegten Gemüthes. Der Krankheitsanfall, in welchem Rainsford in dem Walde gefunden worden war, hatte ſeinen Grund eben ſo Paulding I. 9 — ſehr im Hunger, der Nacktheit und der ſchlechten Wurzeln und Beeren, von denen er mehrere Tage gelebt hatte, als in der ganzen, den Leſern hinreichend bekannten Stim⸗ mung ſeines Geiſtes. Nach einem durch zeitliches Auf⸗ fahren und wildes Phantaſiren geſtörten Schlafe erwachte er am nächſten Morgen in einem Zuſtande ruhiger, obgleich düſterer Erſchlaffung, welcher Frau Judith ermuthigte, es zu wagen, ihrer Neugierde Genüge zu thun und ihm in ſeinem gewohnten Zimmer, wohin man ihn für den Augenblick gebracht, einen Beſuch abzuſtatten. Er wid⸗ mete ihr und ihren Fragen nur geringe Aufmerkſamkeit, bis er ſie, augenſcheinlich ermüdet und ihrer überdrüſſig, ernſt anſah und ausrief: „Gehe von hinnen, Satanas; ich kenne dich von lange her. Du biſt lange Zeit vorher an mir geweſen mit dieſem häßlichen ſchwarzen Geſicht und dem Pferde⸗ fuß. Du kannſt die Mühe ſparen⸗ ihn ſo wie dein Geſicht zu verſtecken; denn wenn dein Mann ein Narr iſt, ſo bin ich's nicht; ich ſeh' es aus dem halben Auge, daß du einen geſpaltenen Huf haſt und Hörner auf dem Kopfe trägſt, grade wie ein Ochs.“ Frau Judith war über dieſe unpaſſenden Reden ſehr böſe; denn der Dichter ſagt mit Recht,„Gewohnheit ſtumpft das Staunen ab“ und es iſt ein wahres Glück für Jedermann, und für jede Frau nicht minder, daß ſie durch haufiges Beſchauen in dem Spiegel mit der Häß⸗ uchkeit ſich nicht nur ausſöhnen, ſondern ſich vielleicht — 131— gar in dieſelbe verlieben. Man mag das Eitelkeit nennen. Unſerer Anſicht nach iſt es das wahre Weſen der Philo⸗ ſophie; denn was nützte es, wollte man über jene Gebre⸗ chen ſich betrüben, welche der Wille der Vorſehung über uns verhängt hat, und welche aller Kummer und alles Klagen nicht nur nicht erleichtert, ſondern zehntguſendmal peinlicher macht? Wer über ſolche Täuſchungen, welche zu dem Glücke armer Sterblichen beitragen, lachen und ſpotten kann, zeigt ſich eben ſo thörigt als boshaft. Wir haben früher angedeutet, daß Frau Judith nicht zu den Wundern gehörte, welche die Natur in ihren glücklichen Stunden ſchafft; bewunderte ſie ſich aber, ſo war dies um ſo beſſer für ihren Gatten; denn es ward die Urſache einer gewiſſen freundlichen Laune, deren Wohl⸗ that ihm ſehr gut zu ſtatten kam. Aber dieſer Ausfall Rainsford's gegen ihre Schönheit reizte ſie ſehr, und ſie ſchoß aus dem Gemache und ſchwur, obgleich ſie vorher einige Zweifel gehabt, ſo werde doch die ganze Welt ſie jetzt nicht überreden, daß er nicht ſo toll ſei, wie ein Märzhaſe. Der unglückliche junge Mann ſetzte ſich nieder und brach in ein herzliches Gelächter aus, ob aber in einem fernen Bewußtſein des Lächerlichen oder nicht, iſt ſchwer zu entſcheiden. Ohne Zweifel findet man oft bei Wahn⸗ ſinnigen eine boshafte Schelmerei, welche uns zuweilen faſt zu der Anſicht brachte, ein ſolcher Geiſteszuſtand beſtünde weniger in der Unfähigkeit als in dem guten 9* — 132— Willen, ſeine Eyceſſe zu zügeln. Man nennt den Zorn mit Recht einen kurzen Wahnſinn; doch iſt er ſtets unter dem Zügel der Klugheit, und wir zweifeln, ob das wüthendſte Opfer dieſer Leidenſchaft ſich ihr in Gegenwart des Man⸗ nes zu überlaſſen wagt, den es fürchtet. Mannichfach waren die Berathungen des Oberſten Dangerfield mit ſeiner Gattin und ſeinem Sohne über die beſte Weiſe, für dieſen unglücklichen jungen Mann zu ſorgen, mit deſſen Freunden und früherem Aufenthalte ſie gänzlich unbekannt waren. Da Dangerfieldville nicht der Hauptort der Grafſchaft war, ſo fand ſich hier weder ein Gerichtshaus noch ein Gefängniß, in welchem man ihm einen ſichern Aufenthalt bereiten konnte, bis er wieder zu völligem Bewußtſein gekommen, wenn ſolch ein Glück für ihn je zu erwarten war. Es war augenfällig, daß ſein Zimmer in Meiſter Zeno's Haus keine Sicherheit vot, wenn er entſchloſſen wäre, zu entfliehen. Man ſchlug vor, eine Beſchreibung ſeiner Perſon und Lage in die Weſt⸗Sonne einrücken zu laſſen, in der Hoffnung, ſeine Familie, wenn Jemand von den Seinigen noch am Leben wäre, würde ihn erkennen; aber Virginia, welche an dieſen Berathungen oft Theil nahm, widerſetzte ſich dieſem Vor⸗ ſchlage auf das eifrigſte. „Wenn er je wieder geſund wird,“ ſagte ſie, S ich weiß es gewiß, ſein reizbares Gefühl vor einer ſolchen Blosſtellung ſchaudern.“ — 133— „Ach, ich fürchte, alle Hoffnung auf ſeine Wiederher⸗ ſtellung iſt eitel,“ ſagte Miſtreß Dangerfield. „Der, welcher ihm ſeine Vernunft nahm, kann ſie ihm wieder geben, Mutter!“ „Mein liebes Kind, du weißt nicht, wie ſchwer es iſt, den verirrten Geiſt eines vernünftigen Weſens zu heilen.“ „Nicht ſo ſchwer, liebe Mutter, als ein vernünftiges Weſen zu ſchaffen.“ Sie ſchwieg einen Augenblick und fuhr dann mit zögernder Stimme fort: „Nun wir hier beiſammen ſind, will ich einen Vor⸗ ſchlag machen, einem Wunſche Genüge thun, wenn Ihr mir es vergönnt.“ „Was iſt es, meine Liebe?“ ſagte Miſtreß Dan⸗ gerfield. „Ich— ich wünſche Mr. Rainsford einmal— noch einmal zu ſehen. Ich habe die Hoffnung— das Vorge⸗ fühl, darf ich wohl ſagen, daß er mich erkennt, und daß ich ſein Unglück lindern kann, wenn auch nicht mehr. Wollt Ihr mir erlauben, den Verſuch zu machen?“ „Um des Himmelswillen,— um unſer willen, Vir⸗ ginia, gib dieſen Vorſatz auf. Ich zitterte bei dem Gedan⸗ ken an ſolch ein Wagniß. Denke dir, er kann dich in einem Anfalle ſeines Wahnſinns in Stücke zerreißen, dergleichen iſt ſchon geſchehen.“ ₰ 147— „Ach, ich fürchte mich nicht vor ihm, Mutter. Es muß ja noch eine kleine Erinnerung davon in ihm weilen, was— was wir uns waren und was wir uns werden ſollten; mein Anblick, der Ton meiner Stimme wird dieſe erwecken. Ich bitte Euch, wenn Euch mein Frieden, ich darf ſagen, mein Leben lieb iſt, laßt mich ihn noch einmal ſehen. Ich würde nie einen Augenblick Ruhe finden, wenn ich die Gewißheit nicht hätte, Alles gethan zu haben, was mein Herz mir als möglich eingibt, den armen Rainsford zu dem Bewußtſein ſeiner ſelbſt zu bringen, wenn auch nur für einen Augenblick. Laßt mich, laßt mich zu ihm gehen, ſonſt könnte ich vielleicht eines Tages werden, wie er.“ Der feierliche Ernſt, die Hoffnung, wie wenig ſie auch verſprach, mit welcher ſie ihre Bitte ſtützte, vermochte endlich Alle, einzuwilligen, daß ſie den jungen Mann noch einmal beſuche. Es wurde verabredet, daß der Oberſt und Leonard ſie begleiten und unmittelbar vor der Thüre bleiben ſollten, während ſie allein eintrat. Die Mutter fragte, wann es geſchehen ſollte, und Virginia zauderte und bebte einen Augenblick, ehe ſie das einzige Wörtchen vernehmen ließ: „Jetzt“ ½ Leonard ging hinüber, um ſich nach dem Zuſtande des Kranken zu erkundigen; mittlerweile kleidete Virginia ſich in ein Gewand von fleckenloſem Weiß, nicht weißer, als ihre bleiche Wange und ihre Stirne, über welcher ihr — 135— kaſtanienbraunes Haar glatt geſcheitelt war, in jener ſchön⸗ ſten und einfachſten Form zarter Weiblichkeit. „Ich bin fertig“ ſagte ſie feſt, nahm den Arm ihres Vaters und begab ſich feſten Schrittes in das nahe Haus. Unmittelbar vor der Thüre hielt ſie inne und ſchwankte; aber es war bald vorüber; die Thüre öffnete ſich und ſie trat ein. Rainsford, der in einem ſeiner lichten Zwiſchenräume überredet worden war, ſich ankleiden, und Haar und Bart zurichten zu laſſen, ſaß mit dem Rücken gegen die Ltire, den Körper vorgebeugt, und den Kopf auf die Bruſt geſenkt, und beſchäftigt, ein Stückchen Leinwand zu zerſchleißen. Er beachtete ihr Eintreten nicht und ſie hatte Gelegenheit, ihre Feſtigkeit wieder zu erlangen, ehe ſie in der ſanfteſten Nuſik, welche jemals auf dem balſamiſchen Athem des Frühlings ſchwamm, das einzige Wort ausſprach: „Dudley Rainsford!“ Raſch wandte er ſich auf ſeinem Stuhle um; aber es war augenſcheinlich, daß der Ton, und nicht das Gefühl ihn erregt hatte, denn nichts zeigte, daß er das Weſen wieder erkenne, von welchem er kam. „Er hat mich vergeſſen!“ ſeufzte Virginia, und nut ſich an die Wand lehnen, um nicht zu fallen. Wie rief er endlich, nachdem er ſie eine Weile iſhnt:—„Biſt du zurück gekommen mit deinem geſpaltenen Hufe und deinen Hörnern? Weißt du nicht, daß ich geſchworen habe, alle die ſchönen Jezabeln auf — 136— dieſer Welt umzubringen, da ich es aus der möglichſt beſten Quelle habe, daß ſie mehr brave Männer vom Himmel zurückhalten, als der alte Knabe ſelbſt? Von hinnen,— von hinnen, ſonſt verliebe ich mich in dies dein ſchönes, trügeriſches Antlitz.“ „Dudley Rainsford!“ ſagte Virginia, näher tretend: „Kennt Ihr Virginia nicht?“ „Wie? Alt Virginia? Ja, ich glaube, ich habe von einer ſolchen Bagatelle gehört; aber komm mir nicht zu nah; bleibe fern; ich muß dir es gradezu ſagen, ich mag um ein Weib meine Seele nicht verlieren, obgleich ich, ſehe ich dich recht an, auf den Gedanken komme, mich der Gefahr auszuſetzen, da du mich an einen kleinen Engel erinnerſt, den ich einſt im Traume geſehen habe.“ Virginia trat jetzt ganz nahe zu ihm und legte ihre Hand auf ſeine Stirne. „Wie? du willſt kommen, ſprich? du biſt entſchloſſen, daß ich braten ſoll, wie die alte ſchwarze Frau, der ich mein Mittagmahl ſo theuer bezahlen mußte, geſagt hat. Sieh hier, welch ein theures Mittageſſen!“ Dabei ſtreifte er ſeinen Aermel auf und zeigte die tiefen Spuren des Kampfes mit Buſchfield. Virginia konnte nicht ſprechen, aber ſie beugte ſich über ihn und die glühend heißen Thränen fielen auf ſeine Stirne nieder. In zwei ſchönen Sagen einer noch wahr⸗ haft ppetiſchen und romantiſchen Zeit, welche jetzt durch * — 137— die öde ueberfülle ihrer Nachahmer faſt ganz bewältigt ſind, iſt erzählt worden, die Wildheit des Löwen ſei durch das Gottähnliche der jungfräulichen Reinheit und Anmuth gezähmt worden. So war es mit Rainsford. Er fühlte die Thränen auf ſeine Stirne träufeln; er fühlte den duf⸗ tigen Athem auf ſeinem Antlitz und ſchien plötzlich einiger ſchwachen, aber doch geordneten Spuren von den Begeb⸗ niſſen ſeines frühern Lebens ſich zu erinnern. Er blickte ſie einige Augenblicke aufmerkſam an, nahm dann ihre Hand und küßte ſie, während er ſanft ausrief: „Virginia, fürchtet Ihr Euch nicht vor mir?“ „O, jetzt hat er mich erkannt!“ rief ſie und ihr Herz frohlockte. „Ja, ich kenne dich und ich habe den Eid gebrochen, den ich dir einſt ſchwur. Ich erinnere mich— wo war es?— es thut nichts— ich bin nun verloren. Ich ſeh' es. Ich bin verdammt, zu heulen, zu heulen, wie der Prediger geſagt hat, und Alles deswegen, weil ich es nicht gethan habe, als ſich mir eine ſo gute Gelegenheit bot. Doch bin ich froh, daß ich es nicht gethan habe, denn ich will lieber heulen, als dir weh thun, Virginia.“ Sie ſetzte ſich neben ihn und hielt ſeine Hand in der ihrigen, und für einige Zeit ward er, ſichtbar durch fort⸗ geſetzte Anſtrengung, ſeiner Krankheit hinreichend Meiſter, um unzuſammenhängende Reden zu vermeiden. Aber die Anſtrengung war zu groß für ihn; nach und nach —— verlor er alle Kraft der Beſinnung, und das letzte Wert ſein er ſcheidenden Vernunft war, daß er ſie bat, daß er ihr befahl, ihn zu verlaſſen. „Geh',— geh'!— Es ſteht geſchrieben, ich ſoll Blut vergießen; laß es nicht das deinige ſein!“ Die wachſende Stärke ſeiner Stimme beunruhigten den Oberſten und Leonard Dangerfield; ſie zeigten ſich an der Thüre und winkten ihr, herauszukommen. Sie gehorchte ihnen unwillkürlich, und in dem Augenblicke, wo ſie das Zimmer verließ, ſprang Rainsford auf, warf die Thüre ungeſtüm zu und rief: „So!— So!— Jetzt iſt ſie in Sicherheit! und mich laßt heulen und frohlocken! Wer nennt mich jetzt nicht einen Helden, da ich meine Seele für ein Weib hingegeben habe?“ So ſchmerzlich dieſe Zuſammenkunft auch für die Gefühle Virginia's war, ſo hatte ſie doch im Allgemeinen die Wirkung, daß in ihrem Herzen ein heimlicher Hoff⸗ nungsſchimmer aufleuchtete. Hatte er ſie doch erkannt; hatte er ſich doch, einige Minuten wenigſtens, eines lich⸗ ten Zwiſchenraums erfreut, ein hinreichendes Zeichen, daß ſeine Erinnerungskraft nicht unwiderbringlich verloren ſei. Güte, Sorgfalt, Ausdauer konnten viel, vielleicht Alles thun, was zur Wiederherſtellung ſeiner Vernunft noth⸗ wendig war, und ſie hatte ſich lange an den Gedanken gewöhnt, Liebe und Dankbarkeit zumal forderten, daß ſie jede Kraft aufböte, ihn zu retten. Sie ging daher mit — 139— ſich zu Rath und beſchloß, den Verſuch ſoden Tag, ſo lange noch ein Strahl von Hoffnung bliebe, zu wieder⸗ holen. 1 Sie theilte ihre Wünſche ihrer Mutter mit, welche, als ſie ihre blaſſe Wange, ihr thränenvolles Auge und die unruhe ihres Weſens bemerkte, der Furcht Raum gab, ein ſolcher Plan möchte eher ihrer Geſundheit ſchädlich werden, als bei dem armen Rainsford ſich wirk⸗ ſam erweiſen. Sie bemühte ſich, Virginia zu überzeu⸗ gen, daß der tägliche Anblick des Unglücklichen ihre Geſundheit für den Reſt ihres Lebens allmählig unter⸗ graben und jene Geiſteskraft zerrütten müſſe, welche ſo nöthig ſei, um unſerer Beſtimmung hienieden zu ent⸗ ſprechen. Virginia's Antwort war eben ſo merkwürdig als richtig. „Ich bin jung, liebe Mutter; aber ich habe lange genug gelebt und genug geduldet, um aus eigener Erfah⸗ rung zu wiſſen, daß die Uebel, vor denen wir zurück⸗ ſchrecken, für die Phantaſie ſtets die ſchrecklichſten ſind. Was wir furchtlos anſchauen, ſchreckt uns bei weitem nicht ſo, wie das, vor dem wir uns in Furcht und Schrecken abwenden. Ich hatte mir den armen Rains⸗ ford als einen raſenden Wahnſinnigen, der menſchlichen Form zumal und der Attribute der Vernunft entkleidet, gedacht; aber ich habe ihn noch lieb und gut gefunden und kann faſt wieder mit Freude an ihn denken.“ — — 140— „Wohlan denn, meine liebe Tochter, folge deinem Willen; denn warlich, nicht die ſchwache Eitelkeit einer Mutter, noch ihre kindiſche Nachgiebigkeit läßt mich ſagen, daß ich, ſo gewiß der Himmel mein Schirm ſein moge, glaube, ich würde dir überall vertrauen, wo Verſtand und Tugend die Schutzengel des Weibes ſind.“ — 141— 4 Eilftes Kapitel. Eine Probe von Gelehrſamkeit, eine Entweichung und ein Geſpräch über Gleichheit. Es war an einem lachenden Morgen des heitern Juni⸗Mondes; die Rothkehlchen ſangen, die Heupferdchen zirpten— das heißt, die Heimchen zirpten und die Heu⸗ vferdchen verſuchten ihren beſchränkten Flug, die kleinen gelben Schmetterlinge thaten ſich in der Feuchtigkeit der Landſtraße gütlich und die luxuriöſen Schweine, die einzige Ariſtokratie dieſes Freiſtaates, ſo fern ſie ſich eines jeden Genuſſes ohne Mühe erfreuen, im Schmalz des Landes ſchwelgen und ein merkwürdig kurzes Leben haben— wälzten ſich in dem ſchönſten Schlamme des Glückes. An einem ſolchen Morgen, in unſerer Erinnerung ſtets heilig als die Zeit ſeliger Abgezogenheit, köſtlicher Muße und träumeriſcher Phantaſieflüge— an einem ſolchen Morgen ſaßen der leibhafte Meiſter Zeno und ſeine Frau an dem Frühſtücke und nippten Thee und Politik. Zeno tauſchte in jedem der zwei und zwanzig damals beſtehenden Staa⸗ ten wenigſtens Eine Zeitung gegen die ſeinige ein, und laß ſie alle, vom Anfang bis zum Ende; die natürliche Folge war, daß er ſo viele Fehler zu verbeſſern, ſo viele „ — 142— Boſewichter zu züchtigen, und eine ſolche Maſſe politiſcher Ketzereien vor der Welt aufzudecken hatte, daß er kaum wußte, wo er anfangen ſollte. In dieſem Augenblicke war er in eine Rummer ſeines großen Antagoniſten, des Oſt⸗ Sterns vertieft, als er plötzlich von ſeinem Stuhle auf⸗ ſprang, als wenn ſich ein chineſiſcher Schwärmer unter ſeiner Naſe entzündet hätte. Frau Judith wurde von einer zärtlichen Neugierde ergriffen, und fragte, was es gebe. Er reichte ihr die Zeitung, deutete zu gleicher Zeit auf einen gewiſſen Artikel und rief: „Da!— Da! He, he! Judith! Was denkſt du davon? Ich bin ein vernagelter Pedant! Ich kann kein B von einem Ochſenfuß unterſcheiden!— HHel. und in der Wuth gekränkter Eitelkeit raſ'te er im Zimmer herum. Dieſer gelehrte Thebaner hatte, wie es ſcheint, in einer böſen Stunde verſucht, in dem Triumphe ſeines Herzens bei verſchiedenen Gelegenheiten die kritiſche Fackel zu ſchwingen, nachdem er ſo glücklich geweſen, die Miß⸗ griffe des neuen Hofkalenders in Betreff des Wetters aufzudecken. Er unternahm es, einen Artikel über einen Band Gedichte zu ſchreiben, welche ein junger Mann zu Lexington, wenn wir nicht irren, herausgegeben hatte; in dieſem Artikel that er einen verzweifelten Sturz in die Eingeweide des Alterthums. Er verglich zuerſt die Phi⸗ loſophie des Ariſtoteles mit der des Stagyriten, und äußerte die Anſicht, der. Letztere ſei unter Beiden bei weitem der — 143— tiefſte Philoſoph. Von hier ſchwang er ſich empor in die Regionen des erhabenen Parnaſſes, wo er unter den Lor⸗ beer⸗ und andern Immergrün⸗Arten ſchreckliche Verwü⸗ ſtungen anſtellte. Er behauptete gradezu, es finde, was man auch dagegen anführen möge, keine Vergleichung zwiſchen Homer und dem großen Meleſigenes ſtatt; Virgil ſei nicht werth, Maro's Schuhriemen aufzulöſen; und der mantuaniſche Schwan, der ein Hirte geweſen und ſein ganzes Wiſſen aus ſich ſelbſt geſchöpft habe, ſei Beiden überlegen. Horazens Oden nannte er unnachahmlich und bei weitem geiſtreicher als die ſeiner beiden Nebenbuhler, des Quintus und des Flaccus; und ein gewiſſer ruſſiſcher Pope, deſſen Namen ihm entfallen ſei, der aber, wie er glaube, Alexander geheißen, ſei, erklärte er, der erſte aller neuern Dichter, theils weil er viele praktiſche Verſuche über den Menſchen angeſtellt habe, einer der ſchwierigſten aller Vorwürfe, theils weil er ein ſchönes Gedicht über einen Kerl geſchrieben habe, der Locke's berühmtes Buch geſtohlen. Wegen aller dieſer manchfacher Sünden griff ihn ſein großer Gegner vom Oſt⸗Sterne mit ungeſtümem Feuer an, warf alle ſeine Behauptungen um und nannte ihn „einen vernagelten Pedanten,“ der ſchmachvollſte Titel, den man einem Manne von ſo hohen Befähigungen und von ſolcher politiſchen Wichtigkeit, wie Zeno, geben konnte. Er läugnete in toto, daß der Stagyrit, oder der Stecken⸗ ritter, wie er ihn nannte, im Entfernteſten mit Ariſtsteles, — n— der die Unſterblichkeit der menſchlichen Seele entdeckt, ver⸗ glichen werden könne; oder daß Meleſigenes, oder Maro, oder der mantuaniſche Schwan, oder Quintus, oder Flaccus auf irgend eine Weiſe mit Homer, Virgil, Horaz, oder ſelbſt Mäcenas auf einer Stufe ſtünden. Der Pope Alexander ſei ein ihm gänzlich unbekanntes Subject und ein ruſſiſcher Pope dürfe überhaupt bei einer Strafe von fünfhundert Knutenhieben keine Verſe machen. Er ſchloß mit der Behauptung, er halte im Ganzen Mäonides für den erſten Dichter des Alterthums, obgleich die meiſten Kritiker Homer vorzögen. Gott ſtehe uns bei! Wie ſchnaubte und wüthete Zeno und wie herzlich und mit welcher Inbrunſt theilte Miſtreß Judith ſeine Gefühle. Es iſt wahr, tauſendmal hatte ſie den tiefgelehrten Zeno einen Dummkopf und Pedanten geheißen; aber es war etwas ganz anderes, wenn fremde Leute etwas der Art ſagten. Denn das Weib muß mehr oder weniger denn Weib ſein, welches, wenn es zum Kampfe kömmt, ihrem Manne nicht beiſteht, und wenn es gegen eine ganze Welt geht, obgleich ſie in ihrer Privatanſicht mit der ganzen Welt übereinſtimmt. Es iſt nicht zu ſagen, was das Ende des heiligen Bundes der veiden hohen unterhandelnden Mächte geweſen ſein könnte, denn ehe ſie mit dem Protokolle im Reinen waren, wur⸗ den ſie durch den Eintritt Leonard Dangerfield's unter⸗ vrochen, welcher ſich nach dem Zuſtande und der Stim⸗ mung des armen Rainsford's erkundigen wollte. — 145— Das Zimmer, welches dieſer unglückliche junge Mann vewohnte, lag an dem Ende des hintern Theils des Hau⸗ ſes, und obgleich kein körperlicher Zwang angewendet wurde, war die Thüre doch ſorgfältig geſchloſſen, und einer der Dörfler wachte während der Nacht draußen. Ent⸗ weder hatten ſeine Freunde es überſehen, oder ſie hielten es nicht für weſentlich, daß ein Fenſter darin war, welches ſich kaum fünf Fuß vom Boden öffnete und, obgleich ver⸗ nagelt, für einen verzweifelten Menſchen nicht ſchwer zu erbrechen war. Der Mann, welchem die Wache anver⸗ traut war, ſchlief ſo geſund wie die meiſten Nachtwächter in gewiſſen Städten, die wir nicht nennen wollen, und ſo ruhigen Gewiſſens, daß nichts Geringeres als die letzte Poſaune dazu gehört hätte, ihn vor ſeiner Zeit zu wecken. Unter ſolchen uUmſtänden gränzt es eben nicht an das Wunderbare, daß der Gefangene, als man die Thüre aufmachte, auf und davon war. Bei genauerer Unter⸗ ſuchung fand es ſich, daß die Nägel, mit welchen das Fenſter zugeſchlagen war, durch eines jener verſchmitzten Mittel, die von Leuten in Rainsford's Lage ſo häufig angewendet werden, entfernt worden waren, und daß er ſich auf dieſe Weiſe geflüchtet hatte; in welcher Stunde der Nacht dies aber geſchehen, konnte durchaus nicht ermit⸗ telt werden; auch fehlte es an den geringſten Wahrzei⸗ chen, wodurch der Weg, den er eingeſchlagen, angedeutet worden wäre. Jede Spur von ihm war verloren, und alle ſpätern Nachforſchungen erwieſen ſich in dieſem ent⸗ Panlding II. 10 — 146— legenen Theile des Landes fruchtlos, wo die Menſchen in großen Entfernungen von einander lebten und nur wenig Verkehr mit der übrigen Welt unterhielten. Virginia's Glück war ſo für immer untergraben, und die Blüthe, die einen Augenblick ihren Kelch dem wohl⸗ thuenden Sonnenſtrahle geöffnet hatte, neigte ihr Haupt trauernder, als vorher. Es war in der That ein tödtlicher Schlag, und es iſt nicht zu verwundern, wenn ſie, nach ſo vielen Prüfungen, in den Zuſtand eines fſt hoffnungs⸗ loſen Trübſinns verſank. Aber Tag und Nacht wechſelten wie gewöhnlich, und die Leute des Dorfes ſetzten ihre täglichen Beſchäftigungen fort, und die Leute der Welt folgten ihrem Beiſpiele. Was lag ihnen daran, ob ein Wahnſinniger ſich inmitten des Strudels, Leben genannt, geſtürzt hatte, um als Bettler ſeinen Weg fortzutaſten und vielleicht an der Straße zu ſterben? oder daß ein gefühlvolles Mädchen ſein Schickſal in der Stille der Verzweiflung beweinte? Die Menſchen müſſen eſſen und ſterben, und die Würmer wollen zu leben haben; die Welt muß ihren Weg gehen; und, zum Glück für die Klaſſe der Inſekten, die darauf herumkrie⸗ chen, belaͤuft ſich die Geſammtſumme der Uebel des Lebens nicht auf mehr, als auf den jedem Einzelnen zufallenden Theil; und das iſt,„bei allen Wettern,“ mit Buſchfield zu reden, mehr als genug⸗ Zeno fuhr fort, ſeine Papierkügelchen an den Kopf ſeines Gegners abzufeuern, der ſeinerſeits nicht müßig + + — 147— blieb; und es begab ſich endlich, daß ſie, nach dem guten alten Gange der Dinge dieſer Welt, wunderbarer Weiſe durch die Einmiſchung einer dritten Partei in ihrem kriti⸗ ſchem Kriege ausgeſöhnt wurden, welche ohne viele Um⸗ ſtände ihre Köpfe aneinander ſtieß und ſie für ein paar Einfaltspinſel erklärte, ſo gleich unwiſſend, daß nur der große Mathematiker, welcher Nichts von Nichts abzog und zu ſeiner größten Verwunderung fand, daß Nichts übrig blieb, zwiſchen dieſen zwei unbegreiflichen Undingen ent⸗ ſcheiden könne. Von dieſem Augenblicke an vereinigten ſie ihre Kräfte gegen ihren gemeinſchaftlichen Feind und blieben von nun an durch den Kitt einer gemeinſchaftlichen Bosheit verbunden. Aber die Lage der Miſtreß Judith war, nach der Entfernung des Kranken und bei der gänzlichen Unzu⸗ gänglichkeit Virginia's, in hohem Grade zu bemitleiden; denn ſie hatte jetzt kaum einen kleinen Zapfen, auf welchen ſie auch nur einen Fetzen Neugierde aufhängen konnte. Ohne der Würde und dem Adel des weiblichen Geſchlech⸗ tes zu nahe zu treten— man konnte ſie mit einem Hüh⸗ nerhund vergleichen, der die Spur verloren; ſie trippelte in dem Dorfe bald da, bald dort, in allen Richtungen herum, ſteckte ihre Naſc hierhin und dorthin, und überall hin, ſchickte ihre Augen lüſtern, forſchend umher, und machte ein ängſtlich beſorgtes, geſchäftiges und ſehr erbau⸗ liches Geſicht. Durch einen wunderbaren, eben ſo grau⸗ ſamen als unerklärlichen Zufall begab es ſich, daß nicht 10* — 148— ein einziges Geheimniß in dem ganzen Dorfe aufzutreiben war. Solch eine Unfruchtbarkeit, ſolch eine Hungersnoth hatte ſeit dem Gedenken der älteſten Frau Baſen nie geherrſcht; und es iſt Grund da, zu fürchten, daß es mit Frau Judith Paddock ganz und gar aus geweſen wäre, hätte ſie nicht, am ſechſten Tage ihrer Faſtenzeit, einen Fremden zu Geſicht bekommen, welcher mit einem Regenſchirme über ſeinem Kopfe, in das Dorf ritt. Es. guälte und ſtachelte ſie in tiefſter Seele, wozu der Mann einen Regenſchirm brauchte, da es doch weder regnete noch die Sonne ſchien. Als er aber an dem Hauſe des Oberſten Dangerfield anhielt, welches jetzt, zu dem großen Frohlocken jener Säule der Ariſtokratie, Pompey Enten⸗ bein's, nicht nur in ſeinem ganzen alten Glanze, ſondern noch prachtvoller als früher, daſtand, wurde ſie plötzlich eine der glücklichſten Frauen; denn es konnte nicht fehlen, hier war ein Geheimniß im Ei, wenn nicht bereits aus⸗ gebrütet. Ueberdies reiſite Leonard Dangerfield um dieſe Zeit ab, um ſeinen Sitz in der geſetzgebenden Verſamm⸗ lung einzunehmen, und nach einer Ankunft in einem Dorfe gibt es nichts merkwürdigeres, als eine Abreiſe aus dem⸗ ſelben. NRiſtreß Judith fühlte ſich jetzt ganz behaglich, und in dieſem wohlthuenden Zuſtande wollen wir ſie für den Augenblick verlaſſen. Der Fremde, deſſen gelegene Ankunft eine Bewoh⸗ nerin von Dangerfieldville ſo glücklich gemacht hatte, war ein kräftiger, gutgebauter, friſch ausſehender Mann von F — — N — 1349— etwa fünf und vierzig Jahren, der Beinkleider von modi⸗ ſchem Baumwollenzeug, Stiefel mit hellen Umſchlägen und einen grauen Ueberrock mit überzogenen Knöpfen trug. Auf ſeinem Kopfe ſaß ein Filzhut von ſehr reſpectabler Ausdehnung hinſichtlich des Randes, wenn nicht hinſicht⸗ lich des Bodens. Sein Haar beſtand aus einer Fülle kurzer, ſteifer Locken, dem ähnlich, was der berühmte Manuel, welcher jetzt in dem Toilettenzimmer des Todes figurirt, ehedem„unvergänglich“ nannte, gebacken— ja, bei der glorreichen Sonne,— gebacken, wie ein brauner Laib Brod in dem Backofen. Ob es eine Perücke, ob es ſein eigener Haarwuchs, ob es ein Werk der Kunſt oder der Natur geweſen, müſſen wir dem Spürvermögen der Frau Judith Paddock überlaſſen; wir machen uns jedoch feierlich anheiſchig, den neugierigen Leſer, welcher, mehr als gut iſt, an dergleichen Putzhändler⸗Angelegenheiten hängt, durch eine telegraphiſche Depeche ſogleich davon in Kenntniß zu ſetzen, wenn ſie je in künftiger Zeit dieſes wichtige Geheimniß durchdringt.— Dieſer merkwürdige Fremde, der übrigens grade wie andere Leute aus ſeinen Augen ſah, hatte etwas an ſich, das wir achtenswerth nen⸗ nen; und wenn wir nach gewiſſen Wahrzeichen, welche die National⸗Aehnlichkeit ausmachen, urtheilen dürfen, ſo war er ein Eingeborner des Landes, welches die alten Barden einſt das„fröhliche England“ nannten. So wie er war, ritt er an das Haus des Oberſten Dangerfield und wurde von Niſtreß Judith in dem Augen⸗ — 150— blicke erlauſcht, als er einen Brief abgab; als man ihm denſelben abgenommen hatte, ſtieg er unmittelbar von ſeinem Pferde und trat in die gaſtfreie Thüre ein, welche ſich der Sage nach, wie in dem armen alten Ireland, auch in Kentucky immer von ſelbſt öffnet, wenn ein Frem⸗ der naht. „Ich wette mein Leben darauf,“ rief Frau Judith aus und ſchlug ihre Hände zuſammen,—„er bringt Nachrichten von dem Flüchtling!“ Aber Miſtreß Judith irrte ſich zum erſten Male in ihrem Leben! In dem Briefe an den Oberſten Dangerfield wurde er als ein engliſcher Landedelmann von beträchtlichen Mit⸗ teln geſchildert, welcher drei oder vier Monate vor der Jagdzeit frei habe und ſie zu einer Reiſe über das atlan⸗ tiſche Meer verwenden wolle, um den Fall des Niagara zu ſehen und durch eine genaue und eindringende Unter⸗ ſuchung über den wahren Zuſtand des Landes ſeine Neu⸗ gierde zu befriedigen, indem er daſſelbe ſo raſch wie ein Komet durchritt. Er war ein Gelehrter, ein freiſinniger und gefühlvoller Mann; aber er war, wie alle ſeine Landsleute, ſtets in einer verzweifelten Haſt, wenn er reiſte. In einem öffentlichen Wagen ſchalt oder beſtach er den Kutſcher, die Pferde anzutreiben; einſt wäre er veinahe verzweifelt, weil er ſich genöthigt ſah, zwantig Meilen auf einem Kanale zu fahren. Darin, wir geſtehen es aufrichtig, theilen wir ſeine Gefühle recht herzlich. Er — 151— war durch die Eiſenbahnen, auf denen er dahin ſchoß wie der Blitz, verwöhnt worden und ſetzte die amerikaniſchen Peitſchenführer mehr als einmal in das größte Erſtaunen, wenn er einem der armen Burſche, der Wunder zu thun glaubte, in der ganzen Ungeduld unheilbarer Langeweile zurief: „Blitz! mein guter Burſche, wie langſam das geht!“ Ein Dampfbvot, das nur acht oder zehn Meilen in der Stunde zurücklegte, war unerträglich; und wenn er zufällig den Schweif eines Kometen hätte zu faſſen bekom⸗ men, würde er dem Kutſcher gewiß ein Trinkgeld geboten haben, es ein weniß ſchneller gehen oder vielmehr lau⸗ fen zu laſſen. Nie war Jemand beeilter und bedrängter, an einen Ort zu kommen, als eben derſelbe Herr es war, wenn er den Ort dann erreicht hatte, ihn wieder zu ver⸗ laſſen. Er hatte die große Reiſe durch Europa in fünf Wochen gemacht und als ihn Oberſt Dangerfield fragte, wie er„ſolche Längen,“ mit Buſchfield zu reden, in einer ſolchen Geſchwindigkeit habe zurücklegen können, gab er eine ganz charakteriſtiſche Antwort. „Ei, Sir,“ ſagte er,„Ihr müßt wiſſen, daß ich ſtets einen Kurier vor mir her ſchickte, welcher mein Eſſen beſtellen mußte, ſo daß ich gewiß war, mich bei meiner Ankunft an den Tiſch ſetzen zu können; und ich verwen⸗ dete auf keine Mahlzeit mehr als eine Stunde. Auf dieſe Weiſe fand ich die Sache ſehr behaglich; denn immer hatte ich ein gutes Mittageſſen und entging der Qual, in einer italieniſchen oder franzöſiſchen Stadt aufgehalten zu werden.“ Dieſer Schwäche ungeachtet, welche, unſerer Anſicht nach, allen Inſelbewohnern angeboren iſt, da ihre inſula⸗ riſche Lage ein Gefühl des„Beſchränkten und Einge⸗ pferchten“ erzeugen muß, welches den Wunſch und die Sehnſucht, ſich zu befreien, zur Folge hat— war Mr. Barham ein Mann von ſchätzenswerthen Eigenſchaften, von gebildetem Geiſte und freiſinniger Denkweiſe. Wenn je ein Amerikaner und ein Engländer in dieſer Welt,— ſei es nun in der alten oder in der neuen— zuſammen kamen, ohne von Politik zu ſprechen und ver⸗ ſchiedener Anſicht darüber zu ſein, geſchah es nicht in unſerm Beiſein. Am Abend nach der Ankunft des Mr. Barham begab es ſich, daß ein Nachbar, ein Handwerker, ein paar Schuhe, oder etwas der Art für Jemand aus der Familie in das Haus brachte und, wie herkömmlich, in das Zimmer gerufen und behandelt wurde, wie Jeder von gutem Charakter gewiß ſein konnte, von der Familie des Oberſten Dangerfield behandelt zu werden. Er wurde aufgefordert, ſich zu ſetzen und„etwas zu ſich zu nehmen.“ und nachdem man von den Neuigkeiten und der Tabacks⸗ ernte und der Wahl geſprochen hatte, begab er ſich ruhi wieder fort. Es war dem Mr. Barham, als wenn ein Schwein ihn geſtreift und ſeine hellen Stiefel⸗Umſchläge beſchmuzt hätte, und er konnte nicht umhin, die Achſeln ein wenig zu zucken, als der Oberſt dem Handwerksmanne die ſchüttelte und ihm gute Nacht ſagte. Dangerfield ſah und verſtand das Zucken und beſchloß, bei der erſten Gelegenheit dem Fremden den Kopf zurecht zu ſetzen. Eine ſolche Gelegenheit fehlt zwei Männern, die bereits Pulver auf der Pfanne und den Hahn geſpannt haben, beſonders einem Amerikaner und einem Englän⸗ der niemals. Mr. Barham achtete bald des günſtigen Augenblicks, das Wort„Gleichheit“ mit einem gewiſſen zweideutigen, ſpöttiſchen Tone auszuſprechen, welcher für empfindliche Ohren ausdrucksvoll genug iſt. Der Oberſt legte ſeine Büchſe augenblicklich an die Wange. „Ihr billigt unſer Gleichheits⸗Syſtem nicht, wie ich merke, Mr. Barham?“ „Offen geſagt, denn Ihr wißt, wir Engländer ſprechen, wie uns der Schnabel gewachſen iſt— nein!“ „Warum nicht, Sir?“ „Nun, weil ich die zudringlichen ertrauichkeiten des Pöbels nicht leiden kann und weil ich glaube, daß kein Regierungsſyſtem auf die Länge der Zeit beſtehen kann, ohne eine entſchiedene markirte Unterſcheidung der Stände.“ „Warum das, Sir?“ „Weil meine eigenen Studien, Erfahrung und Nach⸗ denken mich überzeugt haben, daß jede Art Gleichheit, ſowohl die des Ranges, wie die des Vermögens, eine unthunliche, verderbliche Theorie iſt, welche nie ins Lehen gerufen werden kann.“ 3 — 154— „Ich bin anderer Meinung, Mr. Barham. Was Eure Studien, was Euer Nachdenken betrifft, ſo ſage ich nichts, denn mein Grundſatz iſt, mich an die Erfahrung zu wenden, ſo oft man ſich auf ſie ſtützen kann. Darf ich ſagen, woher Ihr Eure Ueberzeugung von der Unmög⸗ lichkeit eines Gleichheits⸗Syſtems, ſo weit es ſich auf Rang und Stand bezieht, ableitet?“ „Von England, Sir, von meinem eigenen Vater⸗ lande.“ „Ich kann nicht genau einſehen, wie Eure Erfahrung auf England angewendet werden ſoll, da man es dort mit dem Syſteme der Gleichheit noch nie verſucht hat und daher von ſeiner Unthunlichkeit, oder, wenn es anwendbar wäre, von ſeiner verderblichen Wirkung auch nichts wiſſen kann.“ „Ei, Sir, ſehen wir nicht jeden Tag, was erfolgt, wenn der Pöbel obenan kömmt— Vernichtung des Eigen⸗ thums und Lebens.“ „Dies geſchieht aber grade, weil keine Gleichheit bei Euch iſt, und nicht weil ſie bei Euch iſt. Es iſt das Gefühl der Ungleichheit und ſeines Geleites, des Mangels und der Demüthigungen, was jene wilden Ausbrüche der Volksunzufriedenseit herbeiführt. Gefällt es Euch, die Bevölkerung dieſes Landes ganz gleich zu nennen,— ſehr gut. Ihr ſeht keinen Pöbel in Kentucky noch ſonſt wo, ausgenommen bei denen, welche jene Sitten, und Gefühle, — 155— und Antipathien, welche durch den Mangel an Gleichheit erzeugt werden, aus dem Auslande mitbringen.“ „Wie iſt es aber möglich, daß Einer vor dem Andern die gehorige Achtung hat, wenn er ſeinerſeits ſeine Unter⸗ ordnung nicht fühlt, nicht ahnet? Ohne dieſes Gefühl muß die Geſellſchaft ein vollkommener Bärenzwinger und der Verkehr unter den Menſchen durchaus gemein und bunt gemiſcht werden,“ ſagte Mr. Barham. „Dies folgt nicht nothwendig, ja, es folgt ganz und gar nicht daraus. Gewiß, Mr. Barham, Ihr könnt nicht annehmen, daß Artigkeit, Achtung und die gehörige Berück⸗ ſichtigung der Anſprüche und Gefühle Anderer nur durch das Bewußtſein der Unterordnung von der einen, und der Ueberlegenheit von der andern Seite aufrecht erhalten werden könnten. Gibt es denn in dem Menſchen kein Gefühl der Verehrung vor höherer Tugend oder höheren Geiſtesgaben;— keine freundliche Herzensregung des einen NMitgeſchöpfes gegen das Andere, daß ein Mann, um auf die wirkliche Achtung des Andern⸗Anſpruch zu machen, durchaus„Baron“ oder„ Graf“ genannt werden und Vorrechte beſitzen muß, welche der Andere nicht theilen darf? Handelt es ſich von dem andern Geſchlechte, ſo ſind doch wohl Schönheit, Tugend, die natürliche Begierde zu gefallen, und die allgemeine Leidenſchaft der Liebe hinrei⸗ chend, ihm Zärtlichkeit, Achtung und Hingebung zu ſichern, ohne daß ſie den vornehmen Ständen angehören! In der That, ſo weit ich mit Ländern bekannt bin, wo dieſe — Unterſcheidungen der Stände vorherrſchen, iſt dort jene Achtung des Mannes vor der Frau, und der Frau vor dem Manne, welche das geheiligte Inſtitut der Ehe fordert, eben nicht der hervorſpringendſte Zug in dem Charakter der höhern Stände.“ „Lieber ſagt mir, Oberſt Dangerfield— Ihr habt Reiſen gemacht und die Welt geſehen— ſagt mir, ob Ihr es für möglich haltet, in England eine Gleichheit einzuführen, ohne Alles, was dort heilig und ehrwürdig iſt, auf den Kopf zu ſtellen?“ „Ich weiß nicht genau, Mr. Barham, was Ihr unter „heilig“ und„ehrwürdig“ verſteht. Verſteht Ihr Miß⸗ bräuche darunter, welche durch lange Achtung heilig gewor⸗ den ſind, weil ſie dem Zweck ihrer Gründung nicht mehr entſprechen;— habt Ihr dergleichen im Sinn, ſo glaube ich nicht, daß ſie die Annahme eines einzigen Punktes in dem Syſteme der Gleichheit überleben können und werden. Ich gebe das Schwierige und Gefährliche zu, den Unter⸗ ſchied der Stände in ſolchen Ländern aufzuheben, wo er lange geherrſcht hat; wo jeder Schritt und jede Stufe im Leben durch die Rangleiter markirt iſt, und wo das Volk durch Erziehung und lange Gewohnheit kein anderes Kri⸗ terium der Achtung und Ehrfurcht mehr kennt, als das des Ranges und Titels. Hier in dieſem Lande jedoch iſt das ganz anders, durch Gewohnheit und Erziehung wurde man vorbereitet, andere Anſprüche zu ſchätzen und hoch zu halten, und obgleich man vielleicht noch Spuren von Sebeen — 157— der alten Verblendung rückſichtlich dieſer Dinge findet, ſo gibt es doch nichts auf der weiten Erde, dem man ſich eher widerſetzen würde, als einem Manne, der da käme und irgend ein Privileg oder einen Vorrang als Recht geltend machen wollte, blos auf den Grund ſeines Titels.“ „Sehr gut, ſehr gut, Sir, aber Ihr werdet das Nichtige dieſer Anſichten noch einſehen lernen, daß alle Menſchen, gleich weiſe, gleich tugendhaft, gleich tapfer ſeien und daß ſie daher auch nothwendig alle gleich reich, gleich geſchätzt und ihrem Herrn in jeder Beziehung gleich gemacht werden müßten.“ „Warum ſetzt Ihr nicht hinzu, gleich groß, gleich ſtark und gleich thätig?“ fragte der Oberſt, über dieſe abgeſchmackte Anſicht von Gleichheit lächelnd, welche ent⸗ weder aus Unwiſſenheit oder aus Bosheit als das leitende Syſtem dieſes Landes hingeſtellt wird. „Mein lieber Herr,“ ſagte er,— unſere Politik gründet ſich nicht auf den völligen umſturz, ſondern auf die Herſtellung des Syſtems der Vorſehung, in deren weiſen Abſicht es liegt, daß ſtets ein Unterſchied in der Thätigkeit und in dem geiſtigen Vermögen der Menſchen, ſo wie zumal in der Gelegenheit und dem Erfolge der Anwendung der phyſiſchen und intellectuellen Kräfte beſtehe. Jedermann weiß, daß es unmöglich iſt, die Folgen von all dem zu ordnen, und daß trotz allen Geſetzen, welche die Gleichheit herbeiführen und das Thun der Menſchen regeln ſollen, Einer immer weiſer, reicher und glücklicher — 158— ſein wird, als der Andere. Einem ſolchen ſinnloſen Gleich⸗ heitsſyſteme ſind wir fremd; vielmehr beſteht es einfach in einer Gleichheit der geſelligen und bürgerlichen, durch die Geſetze gegebenen und verbürgten Rechte, über welche wir ſelbſt, jeder in ſeiner urſprünglichen Eigenſchaft als Bürger, als ein Theil der Regierung, die Kontrolle haben. Hier gibt es nicht, wie in vielen, ja, ich darf ſagen, in allen Ländern der alten Welt, ein Geſetz für den König und ein anderes für den Adel; ein Geſetz für den Adel und ein anderes für den Bürgerſtand; ein Geſetz für den Freiſaſſen und ein anderes für den Pachter; ein Geſetz für den Biſchof und ein anderes für ſeinen Kaplan. Nein, Sir, hier ſind Alle gleich unter ſich, gleich vor dem Staate, und Ihr könntet eben ſo gut behaupten, alle Mitglieder Eures Hauſes der Lords müßten, weil ſie ebenbürtig unter ſich ſind, auch gleich weiſe, reich und edel ſein; es könne kein Unterſchied unter ihnen beſtehen; der einfältige Geſetzgeber müſſe überall und zu allen Zeiten dem Wei⸗ ſeſten gleich geſetzt werden; der Aermſte ſei ſo reich, wie der Markis von Stafford, und unter den Adligen Eng⸗ lands könne nur eine beſtialiſche Familiarität und grober Pöbelſinn in ihrem Verkehre unter einander vorherr⸗ ſchen.“ Mr. Barham zeigte einige Ungeduld über dieſe lange Rede. Er ſelbſt ſprach ſehr ſchnell, wie die Mehrzahl ſeiner Landsleute derſelben Klaſſe; während der Oberſt, gleich den meiſten Amerikanern, mit großer Ruhe und — 159— Ueberlegung redete. Der würdige Engländer war nie zu Waſhington geweſen, um bei dem Anhören der Verhand⸗ lungen des Congreſſes ſich in der Geduld zu en er gähnte mehr als einmal, ehe er erwiderte: „Nun, Sir, Ihr habt Euern Beweis ſehr kundig gefuhrt. Ich glaube, ich könnte ihin einen noch kundi⸗ gern entgegenſetzen, wenn wir Zeit hätten. Ihr werdet mich entſchuldigen, Oberſt Dangerfield, wenn ich Euch um Erlaubniß bitte, mich zur Ruhe zu begeben; aber ich fürchte, ich kann mich bei dieſen Damen nicht entſchuldigen, daß ich zum Theil ſchuld war, wenn ſie ſo lange zuhören mußten. Gute Nacht! Ich muß morgen in aller Frühe weiter reiſen und will jetzt Abſchied nehmen; denn ich habe die Einrichtung ſo getroffen, daß ich das Dampfboot zu Neu⸗Madrid finde. Ich muß in einer Woche zu Neu⸗Orleans ſein, acht Tage ſpäter zu Neu⸗York ein⸗ treffen, und einen Monat darauf in England landen, weil ich ſonſt um die Möglichkeit kommen würde, in der guten Grafſchaft Kent den erſten Faſan zu ſchießen. So gute Nacht, gute Nacht, und meinen Dank für Eure Predigt und Eure Gaſtfreundſchaft!“ So trennten ſie ſich und ſo endet das Kapitel von der Gleichheit. Wir fühlen uns jedoch durch unſere Ehre verbunden, den neugierigen Leſer zu benachrichtigen, daß Niſtreß Judith Paddock niemals entdeckte, ob die Locken des Fremden natürlich oder„unvergänglch“ waren, und er muß ſich bsgnügen, für alle Zeit in Zweifel darüber ⸗ — 160— zu bleiben. Denn wir ſagen es mit Bedauern, wie aus den neueſten Nachrichten hervorgeht, daß Mr. Barham vor nicht langer Zeit auf der Eiſenbahn von Mancheſter nach Liverpool bei einem Verſuche, ſechzig Meilen in einer Stunde zu fahren, um ſeinen Athem kam und ihn nie wieder erhielt. — 161— Zwölftes Kapitel. Der beſte Mann des Dorfes und Anderes. In dem Dorfe Dangerfieldville begab ſich jetzt nichts, das werth wäre, der Nachwelt überliefert zu werden, bis nach Verlauf von ungefähr drei Wochen Meiſter Zeno Paddock ein portofreies Paket von dem ehrenwerthen Leonard Dangerfield erhielt, welches einen Abdruck ſeiner erſten Rede in der geſetzgebenden Verſammlung einſchloß. In den Vereinigten Staaten und namentlich im Weſten wird das Halten einer Rede wie der Gewinn eines großen Sieges zur See oder zu Land angeſehen. Es macht einen Abſchnitt in dem Leben eines jungen Mannes und mit Recht; denn in einem Freiſtaate, wo es weder ſtehende Heere irgend einer Art, weder Soldaten noch eine Polizei gibt, welche Gehorſam zu erzwingen im Stande iſt, iſt die Gewalt der Ueberredung die höchſte Gewalt und wer ſie am beſten handhabt, iſt der wahre Herrſcher. Am näch⸗ ſten Tage ging die Weſt⸗Sonne in ihrer ganzen Glorie auf; ſie enthielt einen Bericht von der großen Verhand⸗ lung über die unterſchleife des Armen⸗Geld⸗Einnehmers, woran ſich nicht nur viele wichtige conſtitutionelle Prin⸗ zipien knüpften, ſondern wodurch auch nebenher die Frei⸗ Paulding II. 11 — 162— heiten des Volkes, und nicht nur des Volkes, ſondern der ganzen Nachkommenſchaft gefährdet werden konnten. Der Weſt⸗Sonne zufolge ſprach bei dieſer großen Gelegenheit der ehrenwerthe Mr. Stapvital vier Stunden mit einer nie, weder in dieſem noch in einem andern Jahr⸗ hundert übertroffenen Beredſamkeit; der ehrenwerthe Mr. Flamgudgeve folgte auf der andern Seite mit einer Rede von ſechs Stunden, voll tiefer Weisheit und gründlichen Scharfſinns; ihm antwortete der ehrenwerthe Mr. Dod⸗ dipol, welcher gegen acht Stunden auf ſeinen Füßen(oder wie Zeno ſich unglücklich ausdrückte, auf ſeinen Knieen) war und das Haus durch eine Kunſt der Rede electriſirte, um welche ihn Cicero beneidet hätte und welcher Tullius kaum gleich kam. Der ehrenwerthe Mr. Flapdowdle ergriff andererſeits das Wort und zeigte in einer drei Tage dauernden Rede am erſten Tage den Zuſtand von Europa, ſeit dem Verfalle und Untergange des römiſchen Reiches bis zu dem Verfalle und Untergange Napoleons, in der Vogel⸗Perſpective; am zweiten Tage ſprach er von Eiſenbahnen, Kanälen, innern Verbeſſerungen Coder wie Zeno drucken ließ, Verbößerungen), den Staats⸗ Ländereien, Staats⸗Rechten und den Abgaben; und am dritten verbreitete er ſich über die Frage von Sachen und Dingen im Allgemeinen. Es war ein höchſt mächtiges Stück Beredſamkeit. Man bemerkte, daß der Redner den Kopf mehrere Male hängen ließ, als wenn das Gewicht der Beweisgründe ihn niederdrückte; mehrere Mitglieder —— nickten bei verſchiedenen Gelegenheiten Veifall; und ver⸗ ſchiedene ſehr ernſte Unfalle begegneten den kleinen Kin⸗ dern, deren Mütter und Ammen durch die Veredſamkeit des Mr. Flapdowdle ſo bezaubert waren, daß ſie vergaßen, nach Hauſe zu gehen und ihre häuslichen Geſchäfte zu beſorgen. Als aber der ehrenwerthe Mr. Dangerfield ſich erhob, hätte man das Gras auf den Wieſen wachſen hören können, ein ſolch tiefes, grabähnliches Schweigen erfolgte. Er begann in einem feierlichen Eingang“— u. ſ. w. u. ſ. w. Hier folgte nun die Rede ſelbſt, welche dem jungen Manne große Ehre machte und nur durch das abgeſchmackte Lob des Meiſter Zeno faſt lächerlich wurde, welcher eine ganze Spalte ſchwülſtigen Zeugs bei dieſer Gelegenheit fabricirte. Nach der Vertagung der geſetzgebenden Verſammlung, welche unmittelbar nach der gkoßen Debatte über die Strafbarkeit des Armen⸗Geld⸗Einnehmers ſtatt fand, reiſte Leonard Dangerfield nach Hauſe und wurde hier von ſeiner Familie mit dem ganzen Stolze der Liebe, von der Bevölkerung des Dorfes aber mit Begeiſterung empfan⸗ gen und ihm die Ovation eines gebratenen ganzen Schwei⸗ nes zuerkannt. Der junge Mann erſchrack über die große Veränderung, welche wenige Wochen in dem Ausſehen ſeiner Schweſter, und beſonders in ihrem Benehmen und Charakter hervorgebracht hatten. Sie war todtenbleich und die reizende Fülle ihrer Geſtalt, welche durch die reinen Quellen und die reine Luft des kentuckyſſchen 11* — 164— Hochlandes genährt worden, hatte mageren Formen, ganz Schlaffheit und Schwäche, Platz gemacht. Dieſe Veran⸗ derung war den Eltern, welche Virginia jede Stunde ſahen, nicht aufgefallen; als Leonard ſie aber darauf auf⸗ merkſam machte, wurden ihre Beſorgniſſe in hohem Grade rege. Eine Berathung fand ſtatt, und man beſchloß eine kleine Familienreiſe auf dem Riſſiſſippi zu machen, in der Hoffnung, der Wechſel und die Mannichfaltigkeit der Gegenſtände, welche ſich Virginiens Betrachtung darböten, würden ihren Gefühlen eine neue Richtung geben. Virginia gab ſchweigend ihre Beiſtimmung und die Sache wurde ſofort geordnet. Der große Pompey, wel⸗ cher alle Tage grauer und jünger wurde, und der kleine Pompey, jetzt größer, als ſein Großvater, ſollten ſie beglei⸗ ten. Mr. Littlejohn aber entſchied, nach diverſem und ausdrucksvollem Gähnen, da ein thätiger Mann gefordert werde, um nach Allem zu ſehen und für Sachen und Dinge in allen Ecken zu ſorgen, wolle er zu Hauſe bleiben. Der Anfang des Herbſtes war nun da, und unſere Reiſenden brachen zu Pferd auf, um einen Punkt am Miſſiſſippi zu erreichen, wo ſie ſich auf einem der Dampf⸗ ſchiffe, welche jetzt regelmäßig zwiſchen St. Louis und Neu⸗Orleans zu gehen anfingen, einſchiffen wollten. Der Zweck dieſer Landreiſe war, Virginia die Wohlthat der Bewegung in freier Luft angedeihen zu laſſen. In der kurzen Zeit, welche ſeit des Oberſten Dangerfields Ein⸗ tritt in die Wildniß verſtrichen war,— der Art iſt der Wechſel, welcher der Genius der Freiheit, der Vater des Muthes, der Energie, des edeln unternehmungseifers in dieſen Regionen hervorbringt— waren Straßen in man⸗ nichfachen Richtungen angelegt worden, kleine Flecken, in der Phantaſie der Gründer beſtimmt, einſt der Markt der Neuen Welt zu werden, waren empor geſtiegen oder doch wenigſtens„abgeſteckt,“ wie man ſich ausdrückt, wo ſich nur eine günſtige Lage dazu darbot. Immer aber führte dann und wann noch ein Theil des Weges durch Urwäl⸗ der, das Erzeugniß der jungfräulichen Erde, deren uner⸗ ſchöpfte Kraft und Fülle alle die Wunder wild wachſender Vegetation hervorbrachte. Wenn es ſich je begeben ſollte, daß unſer Buch in die Hände von Leſern fällt, die mit der Kraftfülle, welche der Boden hier ſeinen Beſitzern mitzutheilen ſcheint, nicht bekannt ſind, werden ſie ohne Zweifel über die Erſcheinung erſtaunt ſein, daß ein junges zartes Mädchen und eine ältliche Matrone ſo in dem Style der irrenden Fräulein aus der Ritterzeit auf ſanft trabenden Zeltern durch unbewohnte Einöden reiſen. Wir können ihnen aber die Verſicherung geben, daß nichts gewöhnlicher iſt oder doch vor wenigen Jahren noch war; und wir ſelbſt ſind einſt mit einem kleinen, ſchönlockigen, blauäugigen weſtlichen Fräulein bekannt geweſen, welches ſo zart ausſah, wie ein Schneetropfen, und ihren Vater, einen Senator der Vereinigten Staaten, zu Pferd an den Sitz der Regierung begleitete und eben ſo wieder mit ihm zurück⸗ kehrte— eine Entfernung von mehr als ſiebenhundert Meilen. * 1 Zur gehörigen Zeit erreichten unſere Reiſenden einen kleinen Flecken an den ufern des Miſſiſſippi— dieſes mächtigen Stromes, deſſen Name faſt ſo lang iſt wie ſein Lauf— und beeilten ſich, das Dampfboot, deſſen Räder bereits zuckten, zu beſteigen. Wie das Schiff vom ufer hinaus bog in den raſchen, kochenden Strom, deſſen Gewalt hier aller phyſiſchen und geiſtigen Kräfte der verwegenen Ameiſe, Menſch genannt, zu ſpotten ſchien, war es erhaben, zu ſehen, wie das Boot erſt, als es auf die Strömung ſtieß, erzitterte und ſtill ſtand, als wollte es erſt ſeine ganze Kraft zu dem großen Zuſammentreffen des Voll⸗ endetſten in der Kunſt mit dem Schrecklichſten in der Natur zuſammennehmen. Im Anfang ſchien es zweifel⸗ haft, welches von Beiden den Sieg davon tragen würde, bis es allmählig ſchneller und ſchneller hinan zu ſteigen begann und mit einer ſiegreichen Kraft vorwärts ſchoß, die zu verkündigen ſchien, daß die Macht der Kunſt unwider⸗ ſtehlich ſei. In der That, Niemand kann den Wechſel ſehen, den dieſe Boote jetzt ſchweigend in dem großen Weſigebiete hervorbringen, und in Abrede ſtellen, daß der Genius Fulton's, welchen die ungroßmüthige Nebenbuhle⸗ rei Englands des Ruhmes, dieſe edle Erfindung gemacht zu haben, zu berauben ſucht, den Grund zu größern und raſchern Veränderungen in der Neuen Welt gelegt hat, als Napoleon's Genius in der Alten. Die Neuheit dieſer Art zu reiſen, die Schönheit der Scenerie, welche ſich, nachdem ſie eine Strecke ſtromauf⸗ — 167— wärts gefahren, vor ihnen öffnete, weckte Virginia allmäh⸗ lig aus jenem Gefühle der Erſchlaffung und hoffnungs⸗ loſen Gleichgültigkeit, welches nach und nach die Herrſchaft über ihren einſt thätigen und kräftigen Geiſt errungen hatte. Die lange, reiche Niederung, Bois Brülé genannt, von den gelehrten Thebanern der Breithörner in Bob Ruly umgetauft; der Cornice Rock, den eine regelmäßige, maſſive Mauer von ſenkrechten Felſenſchichten bildet und ganz das Anſehen einer langen umbauten Feſtung hat; der Hohe Thurm, welcher ſich aus dem Schooße der raſchen Strömung in einſamer Größe erhebt; die weit⸗ berühmte„Sycamore⸗Wurzel“, dieſe, in den Tagbüchern der Miſſiſſippi⸗Schiffer wegen des Scheiterns ſo vieler ſtattlichen Breithörner ſchmachvoll bezeichnete Stelle; der pfeilſchnelle Lauf des Bootes durch den Strom, aus der raſchen Gegenſtrömung in die günſtige Waſſerbahn; die Manveuvres, um dem Treibholz auszuweichen, das ſchon ſo manches Schiff gefährdete; und tauſend andere neue Dinge, welche reißend einander folgten, gaben dem jungen Weſen ein augenblickliches Frühlingsgefühl und eine Hei⸗ terkeit des Herzens wieder, welche ihr ſeit einiger Zeit fremd geworden waren. Waren ſie des Stromes müde, ſo beſuchten ſie die kleinen Flecken an ſeinen Ufern und harrten eines andern Bootes, bis ſie endlich St. Louis erreichten, welches, nahe an dem Vereinigungspunkte der zwei größten Flüſſe der Erde gelegen, von der Zukunft mit Recht eine Größe —— anſpricht, von welcher man ſich keine hinreichende Vor⸗ ſtellung machen zu können glaubt. Alles Alte hier war franzöſiſch, und alles Neue war amerikaniſch. Es iſt das Land der Heiligen: St. Charles, St. Louis, St. Gene⸗ vieve, St. Frangois und ſo weiter; und die Kreuze der Kirchen bezeichnen die Wohnſitze des alten Glaubens. Die Wohnung des Franzoſen war maleriſcher in der Entfer⸗ nung; die Lehmwände, ſchön weiß angeſtrichen, nahmen ſich in der Nitte ſaftiger Wieſen oder an den Grenzen von Prairien, die mit dem Schmucke der Herbſtflore prangten und die Düfte von hundert Arabien aushauch⸗ ten, reizend und einladend aus. Der Yankee dagegen folgt ſeiner eignen Sitte, und da es das Loos dieſer revolutio⸗ nären Raſſe zu ſein ſcheint, Alles zu ändern, ſie mögen kommen, wohin ſie wollen; ſo konnten unſere Reiſende den Anfang der Wunder leicht entdecken, welche ſie auf ihren unaufhörlichen Wanderungen wirken. Es iſt nicht ohne Intereſſe, über die wunderliche Verwirrung der Namen nachzudenken, welche in dieſem und man kann ſagen in jedem andern Theile der Ver⸗ einigten Staaten gefunden werden. Die erſten Anſiedler ſcheinen die vier Theile der Welt dabei in Anſpruch genom⸗ men zu haben. St. Francis und Perry, St. Charles und Monroe, St. Louis und Madiſon, St. Genevieve und Jefferſon, Hannibal und Potoſi, Belle Fontaine und Her⸗ culaneum, Neu Madrid und Tywapatia, Palmyre und Bluffton, Caledonia und Kaskaskias, Tiber und Waconda, — 169— Pinkney und Grenville, Columbia und Cöte⸗ſans⸗deſſein, Big Black Fork of Little White River(Groß Schwarz⸗ Gabel von Klein Weiß⸗Fluß) und kauſend anderer Namen nicht zu gedenken— bilden alle einen Theil des politiſchen Körpers des Miſſouri⸗Staates und liegen alle friedlich neben einander. Manche verdanken ihr Daſein hier der Anhänglichkeit von Leuten, welche aus fernen Ländern einwanderten; andere den religiöſen Gefühlen; andere klaſſiſchen Erinnerungen; andere einer patriotiſchen Anhäng⸗ lichkeit an ausgezeichnete Namen; andere der Eitelkeit, und andere der Laune. Das Ganze zuſammen bezeich⸗ net die Vergeſellſchaftung von Leuten, die aus fernen Ländern der Welt kamen und hier die Heimath ihrer Väter oder ihren Geburtsort, ſo weit dies möglich, im Andenken erhalten wollten. Die Namen einiger der gro⸗ ßen Flüſſe könnten vielleicht dienen, die Erinnerung an die erſten Herrn des Bodens noch lebendig zu erhalten, lange nachdem jedes andere Andenken erloſchen iſt. Eine der überraſchendſten und zumal bezauberndſten Scenen in der Natur iſt die Prairie, oder das Delta, das ſich auf einer Strecke von zwanzig Meilen zwiſchen den zwei großen Flüſſen ausdehnt. Einen bedeutenden Theil des Jahres hindurch iſt es Ein Blumen⸗Meer, Ein weites Duftgebiet; es iſt mit keiner Art Gelände in andern Welttheilen zu vergleichen. Nicht ein einziger Baum iſt hier zu ſehen, ausgenommen an ſeinem äußern Rande und der blaue Horizont fällt überall mit ihm zuſammen — 170— und bildet eine lange, grade Linie, ohne den entfernteſten Anſchein von Abweichung oder wogenartiger Form. Läßt man das Auge darauf ergehen, ſo iſt Alles eine Reihe von Täuſchungen. Zuweilen wachſen oder vermindern ſich, je nach dem beſondern Zuſtand der Atmoſphäre oder nach der Stellung der Sonne, die Entfernungen und Gegen⸗ ſtände, wie die Spiele der Phantasmagorie; Dinge, welche ganz nahe, ſcheinen in die weiteſte Ferne entrückt, und was in weiter Entfernung, ſcheint man manchmal mit den Händen greifen zu können. In dieſem Augenblicke ſcheint ein Vogel den Himmel zu berühren, und dann glaubt man in den Heerden eine Schaar Inſekten zu erblicken. Eines Tags ſchlug man Virginien vor, einen Ausflug nach St. Charles zu machen und zu gleicher Zeit die Mamelles, wie die Franzoſen ſie paſſend genannt haben — eine Reihe ſchöner, regelmäßiger Blüffs*) von ziem⸗ licher Höhe, von denen man die volle Ausſicht auf die ſchöne Scenerie rings umher hat,— zu beſuchen und zu einem kleinen, alten, maleriſchen franzöſiſchen Dorfe zurück⸗ zukehren und dort eine Zeitlang zu bleiben, wenn ſie eine behagliche Unterkunft finden könnten. Sie brachten einen prachtvollen Morgen damit hin, unter der endloſen Man⸗ *0 Ein Ausdruck, der im Süden und Weſten der V. St. vielfach gebraucht wird und erhöhte Flußufer, Marken der Flüſſe und kleine Anhöhen bezeichnet. ueberſ. — 171— nigfaltigkeit von Blumen umher zu wandeln und auf den Höhen der Mamelles zu weilen, wo ſie die zwei machtigen Ströme ſehen konnten, die ſich hier auf einer, derſelben würdigen Stelle vereinigen. Nichts konnte entzückender für das Auge, nichts erhebender für die Phantaſie ſein, welche ſie von vielen tauſend Meilen, zu den entlegenen und faſt unbekannten, unbeſuchten Regionen führte, wo jene Gewäſſer in irgend einer namenloſen Bergſchlucht oder einem wilden Walde ihren Urſprung nehmen. Nach⸗ dem ſie an dem herrlichen Schauſpiele geſchwelgt, bis ſie durch die Ueberfülle ſeiner Schönheiten faſt geſättigt waren, ritten ſie in das franzöſiſche Dorf hinüber, wo ſie in dem Hauſe eines kleinen alten Franzoſen, gutmüthig, höflich und den Damen huldigend, wie ſeine ganze artige Nation, eine erträgliche Unterkunft fanden. So artig er war, ſo verhehlte er doch ſeine Abnei⸗ gung gegen die Yankees nicht, unter welchem Ausdrucke er die Amerikaner im Allgemeinen bezeichnete. Sie hatten begonnen, ſich ſchreckliche Eingriffe in die alten Sitten des Dorfes zu Schulden kommen zu laſſen und den Staub des Alterthums, welcher ſich ſeit zwei Jahrhunderten ruhig geſammelt hatte, in Sturmeseile zu verjagen. „Sie begannen,“ ſagte er,„ihre peſtilenzialiſchen Verbeſſerungen, und man'at jetzt nichts zu thun, als Tag haus Tag hein zu harbeiten, um nur ſo behaglich daran zu ſein, als wir es zu ſein gewöhnt waren, ohne das Geringſte zu thun. Als ich zuerſt ierher kam, man durfte ſich nur an den Statthalter wenden, und er gab Jedem ſo viel Land, als er bebauen konnte, ohne ſich zu todt zu harbeiten; und was zahlte man dafür? Ein klei⸗ nes Trinkgeld an ſeinen Sekretär. Jetzt läßt der Congreß ſich jeden Zoll Land bezahlen, und nach einer kleinen Weile ſtellen es die Yankees ſo her, daß es eine Preis erhält, der jeden zu Grund richtet, welcher es kaufen will. In der That, ſie ſteigern den Preis von Allem, und ich ſelbſt bin genöthigt geweſen, mich zu der Ehre erhabzulaſſen, die Damen in meinem Hauſe zu bedienen, um mit dem Fortgange der Bildung, wie ſie es nennen, gleichen Schritt zu halten. Piable, Monsieur! die Yankees'aben halle ände ſo voll, daß ihnen keine Zeit übrig bleibt, in die Kirche zu gehen, die Sonntage ausgenommen; und ſtatt die Glocken vom Morgen bis zum Abend ſo bezaubernd klingen zu hören, wie man ſie hier klingen hörte, als die Leute nichts zu thun'atten, denn zu beten und zu tanzen, — parbleu, heſſen Euch dieſe Ketzer, glaube ich, Fiſche, ſo oft ſie ſie nur bekommen können, ausgenommen in der Faſtenzeit. Ah, Monſieur, das alte franzöſiſche Regime — das alte ſpaniſche Regime freudlicher. Ah, ſo leicht, ſo— wie heißt Ihr es— ah, ja, ſo comfortabel, ſo com⸗ fortabel, wie die Yankees ſagen! Kein Edelmann, kein Adel, keine Ariſtokratie jetzt! En pien! Was thut's— iſt nicht zu elfen mehr. Marlborough sen va— Und dabei ſchlüpfte er fort und ſang das alte fran⸗ zöſiſche Liedchen in großer Seelenheiterkeit vor ſich hin. — 173— Als er ein kleines Geſchäſt— gleichgültig, welches— verrichtet hatte, kam er wieder, als eben ein großer, rauh⸗ knochiger, rieſenhafter Geſell dem Fenſter des Gaſthauſes gegenüber Platz nahm; er behauptete, halb Pferd, halb Alligator und ein wenig von der großen Schildkröte zu ſein, und betheuerte unter einigen, dieſen Breitegraden eigenen Flüchen, er könne mit wilden Katzen um die Wette ſpringen, da weder er, noch einer ſeines Stammes, einen böſen Blutstropfen in ſich habe. Er ſei allerwege vom Roaring River und ſei auf einem Blitzſtrahl durch ein Holzäpfel⸗Gehege geritten, anderer merkwürdiger und zum Erzählen zu langweiliger Thaten nicht zu gedenken. „Sagt, Monſieur, wer iſt dieſe tapfere Perſon?“ fragte Oberſt Dangerfield. „Ah, das iſt der beſte Mann im Dorfe. Diaple! unter dem franzöſiſchen und ſpaniſchen Regime war der gute Geiſtliche der beſte Mann; jetzt iſt dieſer„halb Pferd, halb Alligator“ der beſte Mann. Voiläà, Monsieur! Er geht herum, er fordert alle Welt heraus, er peitſcht alle Welt, und dann— Piable!— nennt er ſich den beſten Mann im Dorfe. Ha, parbleu, das iſt Eine Art, gut zu ſein, denk' ich. Das iſt, was jene Yankee Anſicht nennen, dünkt mich.“ Der beſte Mann in dem Dorfe war in der That eine Art George⸗a⸗Green, ein Pindar von Wakefield, der Kämpe des Dorfes, der Spiegel der Mode, der Leiter der öffent⸗ lichen Meinung unter ſeinen Mit⸗Bootsleuten und eine — 174— Art bevorrechteter Tagediebe, welcher einen jeglichen Streich mit verjährter Ungeſtraftheit übte, die ihren Urſprung in jener unwillkührlichen Achtung hatte, die der große Haufen überall der Vereinigung von Staͤrke und Muth zollt. Doch war er nicht bösartig, noch blutdürſtig, ſondern ſtand eher unter dem Einfluſſe eines ſchlechten Geſchmackes, als eines böſen Herzens. Solche Leute charakteriſiren den Moment eines Geſellſchaftszuſtandes, wo körperliche und muskelkraf⸗ tige Eigenſchaften den Vorzug vor den geiſtigen haben, und ihr Verſchwinden iſt, wie das der Büffel und der Biber, ein ſicheres Zeichen, daß die Civiliſation zur Hand iſt. In dem Vortrab des Lebens, wo jeder Schritt und jeder Standpunkt mit Gefahren von dem wilden Thier und dem wilden Menſchen umgeben iſt, iſt der Muth die Eigen⸗ ſchaft, welche vor allen andern gefordert wird, und es iſt nicht zu verwundern, wenn die Neigung, die Fauſt zu brauchen, chroniſch wird und noch lange, nachdem die Nothwendigkeit aufgehört hat, fortbeſteht. Der beſte Mann des Dorfes würde in der Zeit der Gefahren ein Schatz geweſen ſein; in einer civiliſirten Gemeinde war er ein wenig beſſer, als eine Peſt. Dreizehntes Kapitel. Ein Philoſophin Lumpen. Das kleine Dorf, in welchem unſere Reiſenden ſich aufhielten, war eine jener alten Niederlaſſungen, welche beſtimmt ſcheinen, nie größer zu werden. Es war von einem ſanften, liebenswürdigen Menſchenſchlage bewohnt — den Abkömmlingen der früheſten franzöſiſchen Aus⸗ wanderer, deren Charakter hinreichend bezeichnet wird, wenn man ſagt, ſie ſeien die Einzigen geweſen, welche je die Liebe und das Zutrauen der wilden Ureinwohner Nord⸗Amerika's zu gewinnen im Stande waren. Es war eine patriarchaliſche katholiſche Niederlaſſung, und wir haben die Bemerkung machen hören, die Katholiken ſeien entweder in Folge der vielen Feſte und Feiertage, welche dieſe Kirche nach alter ehrwürdiger Sitte begeht, oder aus einem andern Grunde, in den Ländern der alten Welt, im Allgemeinen, nicht ſo thätig, fleißig und betriebſam, wie die Anhänger vieler andern Confeſſionen. Vielleicht haben auch die vielen milden Stiftungen und Ordenshäu⸗ ſer, welche faſt in jedem Lande mit der katholiſchen Kirche verbunden ſind, und die Sitte, an beſtimmten Tagen Jedem, der da kömmt, Almoſen und Speiſe zu reichen, wodurch der — 176— Arme der Nothwendigkeit, ſeine Kräfte anzuſtrengen, ent⸗ ging, viel zu der Wirkung, welche wir eben angedeutet haben, beigetragen. In unſerm Dörfchen war eine kleine Kirche, deren Glocke niemals zu ruhen ſchien; und der einzige wirklich geſchäftige Mann in der Gemeinde war der Küſter oder Glöckner. Außer dieſem gab es hier nichts, wodurch die Ruhe der guten Leute geſtört wurde, die in behaglicher und gemüthlicher Einfalt lange gelebt hatten und noch lange gelebt haben würden, wenn die Uebergabe des gro⸗ ßen Gebietes von Louiſiana, dem einzigen Staate, welcher jemals, ohne einen einzigen Blutstropfen zu vergießen, erworben worden iſt, nicht den Weg zu dem Eindringen jener„cochon Vankéese“, wie der alte franzöſiſche Wirth ſie, freilich ganz ſtill für ſich, nannte, gebahnt hätte, die denn auch, wie gewöhnlich, ſogleich anfingen, das Oberſte zu unterſt zu kehren. Durch ihre peſtilenzialiſche Thätig⸗ keit machten ſie es unerläßlich, daß Jeder ſich nähren und regen mußte, wie ſie ſelbſt, um nicht hinter den neuen Ankömmlingen zurück zu bleiben; denn es iſt wohl mög⸗ lich, daß eine Gemeinde, ſo lange ſie allein ſteht, träge und fahrläſſig ſei; im Augenblick aber, wo ſie mit einer andern, welche thätig und betriebſam iſt, in Berührung oder in Wetteifer kömmt, muß ſie den Weg alles Flei⸗ ſches gehen oder ſich nach den Zeitverhältniſſen richten und jede mögliche Kraft aufbieten, um nicht zu weit hinter der übrigen Welt zurück zu bleiben. —— „Ah, Monſieur,“ ſagte der Wirth, dieſer alte Sproſſe des ehemaligen Regime's—„ah, die Yankees ſind ein großes Volk, eine große Nation, aber ſie ſind immer ſo geſchäftig, geſchäftig, geſchäftig, Morgens, Mittags, Abends und Nachts. Piaple! Sie nehmen ſich nicht einmal Zeit, ihr Gebet zu verrichten, dünkt mich. Sie kommen hierher zu uns und ſie müſſen'aben neue Weg— ſehr gut— der neue Straße iſt endlich fertig. Eh pien,— jetzt müſſen ſie'aben ein Kanal grad' fort an die Weg'in, und alle Welt muß geben Geld für ſie. Sehr gut, dann wollen wir aben neue Straßen, einen neuen Richts'aus, eine neue Markt, und ein neue Kirch. So gehen ſie rund erum nach mehr Geld dazu. Dann ſie fangen an, geſchäf⸗ tig, geſchäftig, nie zufrieden, mehr Arbeit, mehr Geld und Alles für der verdammte höffentliche Wohl. Piaple! Ich will doch ſehen, was der Höffentlichkeit jemals für mich thut, daß ich für ihn harbeiten ſoll, als wär'er der König ſelbſt! Gut, Monſieur, wir'aben bekommen neue Weg, neue Kanal, neue Richts'aus, neue Narkt und neue Kirche; und jetzt ich ſage zu mir ha, hah! ich denke, ſie müſſen jetzt hendlich Satisfaction'aben. Pah! Nichts der Hart! Sie muß'aben Ortsverſammlung, die Polizei zu wählen; ſie muß'aben Ortsverſammlung, den Setzgeber zu wählen; dann ſie'aben Ortsverſammlung, den Präſi⸗ denten und ſein ganzes Bureau zum Teufel zu ſchicken, wegen etwas— ich weiß nicht was. Eh pien, wenn all das gethan iſt, ich ſage, ha hah! Jetzt ich werde ein wenig Paulding IHI.— 12 — tanzen und ſingen. Pah, morbleu! nichts der Hart. Das nächſte Mal muß alle dieſe Dinge wieder durchgemacht werden. Die Regierungsmaſchine aus dem Gelenk, ſagt ſie, und muß wieder eingeſetzt werden. So wir gehen, Jahr haus Jahr hein, zu machen die große Verbeſſerung und zu flicken die Gouvernement; und wir Franzoſen müſſen, bongré malgré, Alles de haute lutte thun, wenn wir'ätten lieber gar Nichts thun. Peste! daß ich muß verdammt ſein zu leben in der vermaledeite Land, wo es himmer han Verbeſſerung fehlt und wo der Gouvernement muß immer geflickt werden. Wie'eißt man hihn ier? die Selbſt⸗Gouvernement! Ah, die verfluckte Selbſt⸗Gou⸗ vernement mehr unruhe, als ſie werth iſt, ich denke. Was mich hangeht, Monſieur, ſo ätte ich gern, wenn mir ſie Jemand abnehmen wollte und mich ließ dann hund wann ein wenig tanzen und ſingen. Voilä! dort kommen groß Politiker, großer Tarif⸗Mann, wie ſie ſich nennt.“ So ließ ſich der gute Wirth gegen Leonard Danger⸗ field vernehmen, während ſie in der kleinen Vorhalle des Wirthshauſes in geſelligem Geplauder beiſammen ſaßen, der Rückkehr des übrigen Theils der Familie gewärtig, welche einen Spaziergang gemacht hatte, um die Kirche zu beſehen, die nun offen war und deren Glocke ſich jetzt, wie gewöhnlich, wohlklingend und wehmüthig hören ließ⸗ An der unterbrechung des gutmüthigen Eifers des Wir⸗ thes war die Annäherung eines jener wandernden Land⸗ ſtreicher ſchuld, welche man nicht ſelten um das Bereich — 179— der Dorfſchenken lungern ſieht. Er kam heran, ſteckte ſeinen Stock in die Erde, ſchlug die Arme in einander und blickte ſie ſchweigend an, als wenn er erwarte, von ihnen verachtet zu werden. Anfangs nahm ihn Leonard für einen jener peſtilenzialiſchen Tagediebe, welche, nach⸗ dem ſie ihr Hab' und Gut in dem Wirthshauſe durch⸗ gebracht, immer das Vorrecht in Anſpruch nehmen, an den Thüren zu liegen und mit dem Wirthe zu hadern, weil er ihnen, nachdem ſie all' ihr Geld verthan, nicht mehr zu borgen geſonnen iſt. Wenn Kriege zu irgend etwas gut ſind, ſo ſind ſie es ohne Zweifel dazu, daß ſie das Land von dieſen ſchlechten Auswüchſen befreien, die auf ihren Zügen durch die Dörfer ſelten verfehlen, den Werbern in die Hände zu fallen. Gewöhnlich bleiben ſie im Kriege, denn ſie ſind treffliches Futter für Pulver; und wenn ſie der Kugel auch entgehen, ſo fallen ſie mei⸗ ſtens zuletzt als Opfer ihrer frühern Laſter und Aus⸗ ſchweifungen. Seine Bekleidung zeigte zahlloſe„ Mißhelligkeiten,“ da ſie aus den Trümmern vieler Fetzen von Flitter aller Art, auf widerſinnige Weiſe angebracht, zuſammen⸗, vielmehr auseinander geſetzt war. Sein ueberro war einſt eine Militär⸗Uniform geweſen; die roſtigen Knopfe trugen die Spuren unſerer National⸗Symbole— den ſchwebenden Adler und die dreizehn Sterne; ſeine Weſte war von Atlas und geſtickt, und hatte, nach den altmodiſchen Klappentaſchen zu urtheilen, ehedem einem 12* — 180— Schauſpieler gehört; ſeine Beinkleider waren von grober Hausleinwand, und ſeine Schuhe— doch von dieſen war wenig übrig, denn ſeine Wanderungen hatten ſeine Füße beinahe ganz nackt gelaſſen. Auf dem Kopfe trug er einen alten Krämpenhut, der mit einem Kranze von Epheu und verwelkten Blumen geſchmückt war; auf der Bruſt ſeines Rockes war eine Art blecherner Stern befeſtigt. Den militäriſchen Theil der Tracht erklärte der Wirth aus dem umſtande, daß er ſeine frühern Kleider gegen die eines ſchlechten abgedankten Soldaten vertauſcht habe, der ihn betrogen. Die Züge des Peripatetikers, obgleich hager, unſauber, ſchmuzig, und durch einen ungeheuern buſchigen Bart faſt ganz bedeckt, trugen noch die Spuren eines nicht unintereſſanten Geſichtes; und ſeine ſchwarzen Augen, obgleich tief in den Höhlen liegend, glänzten von einer raſtloſen Belebtheit, die einen thätigen oder getrübten Geiſt verrieth. Der wackere Wirth that, als bemerkte er den Ein⸗ dringling nicht und fuhr fort, über die manchfachſten Gegenſtände ſich auszulaſſen— über Krieg, Handel, Land⸗ Fabriken,— Dinge, welche innerhalb den Grenzen dieſer reinigten Staaten Jeder wenigſtens eben ſo gut ver⸗ ſteht, als die Mutter, die ihn geſäugt hat. Sie wurden jedoch von Zeit zu Zeit durch den Mann in Lumpen unterbrochen, welcher, ohne ſein auf die untergeſchlagenen Arme geſenktes Kinn zu heben, dann und wann eine ſelt⸗ ſame, zufällige Bemerkung machte, je nachdem er einen — 181— Theil der Unterhaltung zwiſchen Leonard und dem Wirthe aufzufangen und zu verſtehen ſchien. So ließ er, als er die Worte„inländiſche Fabriken“ hörte, ein wunderliches, trockenes Lachen hören, deutete auf ſeine Beinkleider und rief mit heiſerer, hohler Stimme, welche gewahren ließ, daß er an einer ſtarken Erkältung litt: „Seht! Ich bin ein großer Vertheidiger der inlän⸗ diſchen Fabrikate; dieſe hier hat eine ſchwarze Spinne geſponnen und gewebt; ſie wurden mit der Nadel eines Compaſſes genäht, der neue Richtungen vom Sonntag zeigte. Seht Ihr nicht, daß jeder Stich nach einer ver⸗ ſchiedenen Richtung ſchielt?“ In dieſem Augenblicke ſetzte ſich ein Mosquitv auf ſeine Hand; er faßte ihn und drückte ihm das Blut aus. „Gut!“ fuhr er fort:—„dieſe Mosquitos ſind die echten Inſekten⸗Soldaten; ſie leben von Blut. Huzza! Knaben! Ich werde an einem dieſer Tage die ganze Nation beſiegen und jede Hühnerklaue zum Feldmarſchall machen.“ Er kam jetzt näher heran und fragte den Wirth, ob er ihm die Urſache ſagen könnte, warum die Katzen ihre Pfoten mit der Zunge leckten und ihrem Schwanz 1 liefen? 6.— Als der Wirth ſagte, er wiſſe es nicht, rief der zer⸗ lumpte Thebaner ſehr verächtlich: „Pſt! Dann geht und flechtet Euern grauen Bart zu einem Tau und hängt Euch an ein Zuckerrohr, wie ich ſelbſt bald zu thun geſonnen bin, wenn der meinige ein wenig länger gewachſen iſt. Ihr ſeht, ich ſäuge ihn jetzt, Papachen! Ich ſchlafe die ganze Nacht auf dem Felde, das Geſicht aufwärts zu dem Monde: man ſagt, er mache die Fiſche ſtinkig und des Menſchen Hirn verrückt; aber ich glaube kein Wort daran, denn ich wäre ja ſonſt ſchon lange toll geworden, ſtatt ein Philoſoph zu ſein. Aber— was hab' ich geſagt? O ja— ich ſchlafe, mit meinem Geſicht aufwärts gegen den Mond; die Leute meinen, er ſei aus grünem Käſe gemacht— aber ich bezweifle das, denn ſeht, er wäre mir dann gewiß längſt in einem Regen von Maden um die Ohren geflogen. Ihr würdet erſtaunt ſein über die Menge ſeltſamer Dinge, die ich manchmal droben in den Sternen ſehe, wenn alle Welt im Schlafe liegt. Manche ſind der Anſicht, die Sterne beherrſchten den Menſchen; was mich aber betrifft, ſo halt' ich's mit dem Monde, wenn er ſcheint; und wenn er untergeht, ſchlage ich mit zwei iriſchen Kartoffeln Feuer und ſtudire Philoſophie, bis meine Augen zu dunkeln Laternen wer⸗ den und das Käuzchen mich in den Sumpf führt. Es war einſt ein blinder Tanzmeiſter.“ * den errn mit Euerm Hunſinn in Ruhe und an Eure Arbeit; legt Euch ſch afen; es iſt das Beſ was Ihr thun könnt.“ „Schlafen! Wirth, habt Ihr je eine Gans auf einem Beine Schildwache ſtehen ſehen, um ſich ſelbſt wach zu halten? Da habt Ihr den wahren Grund! Ein Philoſoph muß für Alles in der Welt einen Grund haben. Wißt —— Ihr, warum eine Gans immer auf ihrem linken Beine ſteht, und ein Gänſerich auf ſeinem rechten?“ „Diable, nein!“ ſagte der Wirth unwillig. „Wie wagt Ihr es dann, mit einem Philoſophen zu reden, Ihr unwiſſender, und mit Recht zu den Sündern gezählter Gaſtwirth? In der letzten Nacht ſah ich Euer Loos in dem Merkur, Ihr werdet gehängt werden, weil Ihr diebiſcher Weiſe ein Faß Eures eignen Whiskey's beſtohlen und es mit Waſſer aufgefüllt habt.“ „Ich glaube, Ihr habt zu viel Whiskey getrunken, und er iſt Euch in den Kopf geſtiegen; Ihr ſeid, fünrchte ich, in den Whiskey verliebt!“ ſagte der Andere. „Verliebt! Was weiß ein ſolches Stück alten wurm⸗ ſtichigen Pergaments, wie Ihr ſeid, von Liebe? Ich war einſt verliebt, ehe ich Aſtronom geworden bin, und wurde von dem Monde um das bischen Verſtand gebracht, das mir mein Vater als Erbtheil hinterlaſſen hatte.“ „Er legte ſeine Hand an ſeine Stirne, als wollte er ſich auf etwas beſinnen. „Jetzt hab' ich's. Ich erinnere mich, es war das Jahr vor der Sündfluth, ehe das Gras wuchs und die Schwalben ihre Neſter in die Schnurrbärte junger Leute bauten oder Kühe auf den Kirchhöfen gemäſtet wurden, oder Küſter in ihren Bart hinein lachten, wenn andere Leute den Mund aufthaten. Ich habe ihren Namen ver⸗ geſſen— ich habe ihren Namen vergeſſen, obgleich er Vuſik für mein Ohr zu ſein pflegte. Aber es hat jetzt 3 — 184— nicht viel zu ſagen; denn wenn wir uns geheirathet hätten, würde ich ſie gewiß durch Güte getödtet haben und dann wäre ich dafür in die Hölle gekommen. Sie ſagten, ich ſollte ſie heirathen, als ich meinen Verſtand verlor; aber ich ſchätzte ſie zu hoch und klammerte mich an ſie, wie der Tod an einen alten Neger. Aber hättet Ihr es gedacht? Sie verliebte ſich in einen Perückenſtock in dem Fenſter eines Barbiers, und verließ mich, weil, wie ich ſpäter gehört habe, das Gerücht ging, ich hätte meinen Verſtand verloren, weil ich einen Ausweg ſuchte, wie ich, ohne meine Seele zu verlieren, heirathen könnte. Aber hier iſt die ganze Geſchichte ſchwarz auf weiß. Ich ſchrieb ſie einſt des Nachts auf einem Kirchhofe. Leſet ſie! Leſet ſie! Sie wird Euch zum Lachen bringen, daß Euch die Rippen platzen. Ihr könnt mir ſie auf dem Kirchhofe wieder⸗ geben, wo ich jede klare Nacht ſpazieren gehe und die lügenhaften Grabſtein-Sprüche ſtudire. Ich muß immer lachen— ha, ha, ha!— Ich muß immer lachen, wenn ich daran denke, wie leicht es iſt, auf einem Grabſteine ein guter Menſch zu werden!“ Bei dieſen Worten reichte er Leonard, der in ſchmerz⸗ licher Unruhe über dieſes unzuſammenhängende Geſchwätz nachſann, ein altes beſchmuztes Blatt und ging ſo vergnügt weg, wie nur der Wahnſinn ihn machen konnte. Als Leonard Dangerfield auf die irren Reden des armen Burſchen hörte und ſeine Erſcheinung und Beneh⸗ men aufmerkſamer ins Auge faßte, fühlte er eine unbe⸗ — 185— ſtimmte, träumeriſche Art von Eindruck, als hätte er ihn ſchon früher irgendwo geſehen. Es kam ihm vor, als bemerkte er etwas an ihm, welches darauf hindeutete, daß er beſſere Tage gekannt habe. Es iſt ſchwer zu erklären, was es war; in der Romanſprache aber war es jenes geheimnißvolle Etwas, deſſen weder Lumpen, Armuth, noch Troſtloſigkeit der Seele ein Weſen entkleiden kann, deſſen Geiſt einſt mit den Reizen intellectueller Veredlung verſchönert geweſen. Er hielt das Blatt in ſeiner Hand, während er den Wirth fragte, von welchem rr erfuhr, der arme Nenſch ſei vor ungefähr vierzehn Tagen zum erſten Male in dem Dorfe geſehen worden, und zwar ziemlich in dem Zuſtande, in welchem er jetzt ſei. Er ſei vollkommen harmlos und finde wenig Schwierigkeit, von der Mildthätigkeit der Nachbarn Alles das zu erhalten, was nothwendig ſei, ſein Leben zu friſten. Er habe ſeinen Namen entweder vergeſſen oder halte ihn abſichtlich geheim; denn man vermöge ihn ſo wenig dieſen zu nennen, als den Ort anzugeben, woher er gekommen. Ein Bett für die Nacht habe er nie angenommen, ſondern, wenn das Wetter ſchön war, im Freien,„unter dem Zeichen des Mondes und der ſieben Sterne,“ wie er ſagte, geſchlafen; ſei es ſchlecht, ſo ſage er Niemand, wo er die Nacht hinbringe. Als der Wirth dieſe Nachrichten mittheilte, warf Leonard Dangerfield zufällig die Blicke auf das Blatt, welches ihm der Unglückliche in die Hand gegeben. Er — 186— fuhr zuſammen und ließ einen Ausruf ſchmerzlicher Ueber⸗ raſchung hören; denn es war ein alter Brief von ſeiner eignen Hand, an Dudley Rainsford überſchrieben, welchen er an ihn geſendet, als ihm die Nachricht zugekommen, das er Virginia's Leben gerettet „Guter Gott,“ rief er,„iſ es möglich, daß ich ihn nicht erkannt habe?“ „Ihr kennt ihn?“ fragte du Wirth neugierig. Dieſe Frage gab ihm ſeine Faſſung wieder, und er blieb, da der Wirth in dem Augenblicke abgerufen wurde, einige Augenblicke allein, um darüber nachzudenken, wie er ſich in dieſem ſchwierigen Falle zu verhalten habe. Das Ergebniß war der Entſchluß, vor Virginien Alles geheim zu halten, während er mit dem wandernden Bett⸗ ler zuſammen zu treffen und einen Zufluchtsort für ihn aufzuſuchen, bemüht ſein würde, wo er einer liebreichen Behandlung gewiß, ſeiner Schweſter aber die Möglichkeit benommen wäre, ihn in dieſem unglücklichen Zuſtande zu ſehen und all' die Schmerzen ihrer Seele zu erneuen. Kaum war er mit ſich darüber im Reinen, als die Geſellſchaft zurück kam. Virginia ſchien heiterer und auf⸗ geräumter, als ſie ſeit langer Zeit geweſen; ſie erzählte von dem, was ſie auf ihrem Spaziergange geſehen— von der Kirche, dem Altare, den frommen Gemälden, welche von Künſtlern gemalt worden, die durch ihre Rechtgläu⸗ bigkeit hervorſtechender als durch ihr Kunſtgeſchick, und von vielen andern kleinen Zügen, welche den Uunterſchied — 187— zwiſchen den Formen der katholiſchen Kirche und jener ſo auffallend bezeichnen, in welcher ſie erzogen worden, mit einem Geiſte und einer Lebhaftigkeit, welche die Eltern veranlaßte, einander Blicke der ermuthigenden Hoffnung und Theilnahme zuzuwerfen und emer ſchöneren Zukunft vertrauenvoll entgegen zu ſehen. Die Beſorgniſſe jedoch, welche Leonard hegte, hinderten ihn, an dieſer neu erwach⸗ ten Hoffnung Theil zu nehmen; denn er hegte ein Vor⸗ gefühl, dem armen Mädchen ſtehe eine ſchwerere Prüfung bevor, als Alles geweſen, was ſie bisher erduldet. Vir⸗ ginia bemerkte ſeine Düſterheit und ſcherzte darüber, aber ohne Erfolg. Er nahm die erſte Gelegenheit wahr, ſich zu entfernen, und eilte hinaus, um den irrenden Bettler aufzuſuchen. Er war aber nirgends zu finden, und Leonard kehrte mit dem Entſchluſſe zurück, die Abreiſe am nächſten Morgen in aller Frühe zu bethätigen. Sein Plan war, ſein Taſchenbuch oder etwas Anderes von Werth zurück⸗ zulaſſen, um einen Vorwand zu haben, ſogieich zurück zu kehren und ſeine Nachforſchungen nach Rainsford wieder aufzunehmen, welche er zu verfolgen beſchloß, bis jede Hoffnung, ihn ausfindig zu machen, verloren wäre. — 188— Vierzehntes Kapitel. Eine Kritik über Grabſchriften⸗ War gleich der neblichte Herbſt gekommen, ſo war doch die Luft unter dieſem milden Himmelsſtriche zuweilen velebend, und die ruhige Stille der Nacht in dieſem auf Ordnung haltenden kleinen Dorfe lud eben ſowohl zum Nachdenken wie zur Ruhe ein. Virginia's Gemach ging auf den an das alte Gotteshaus ſtoßenden Kirchhof, wo die Aſche der dahin gegangenen Geſchlechter ruhte. Der Bezirk des kleinen Hauſes war durch jene ausdrucksvollen kleinen Aufwürfe bezeichnet, deren ſprechende Geſtalt und Größe von dem Gebrauche Zeugniß gibt, zu welchem ſie dienen. Die Natur bildet niemals, als ſei ihr ſelbſt der Gedanke an Vernichtung zuwider, etwas dem Grabe ähn⸗ liches, und wir mögen auf den Kirchhof, in den Wald, auf das Feld, oder wohin wir nur wollen, gehen, und wir werden ſtets, faſt inſtinktmäßig, die Stelle angeben können, wo die letzten Ueberreſte der Sterblichkeit ruhen. Auf den meiſten Gräbern ſtand ein weißes Kreuz, das Sinnbild eines alten, ehrwürdigen Glaubens, und nur wenige waren durch Grabſteine von ſchneeweißem Marmor ausgezeichnet, und hoben ſich wie in Leichentücher gehüllte Geiſter voller —— — — 189— Würde und Erhabenheit unter der niedrigen plebejiſchen Raſſe rund umher, bedeutungsvoll andeutend, daß der Stolz eben ſo gut wie die Hoffnung über das Grab hinaus ſchaut. Die kleine, graue, durch Farben nicht verderbte Kirche hatte etwas Ehrfurcht gebietendes, das ihrer antiken Form und edeln Einfachheit zuzuſchreiben war, die in ſo vollkommenem Einklange mit den frommen Zwecken waren, denen ſie ſo lange Zeit geweiht geweſen. Nicht die Gedan⸗ ken an Stolz, an Reichthum oder Ehrgeiz rief ſie hervor, ſondern die an patriarchaliſche Einfalt, anſtändige Armuth und fromme Demuth, welche beſſer, weit beſſer als der unedle buntglizernde Schmuck und alle die Anſprüche der kirchlichen Ariſtokratie mit dem Berufe derer übereinſtim⸗ men, deren höchſter und ſchönſter Titel der eines Hirten iſt, und deren edelſtes Amt es iſt, ihre Heerden zu hüten. Die Nacht war ſchon weit vorgerückt und der Mor⸗ gen nicht mehr fern, als Virginia immer noch auf die Scene vor ihr ſchaute und dann und wann in die Regio⸗ nen der Vergangenheit oder der Zukunft hinüberſchweifte, je nachdem das Gedächtniß oder die Phantaſie die Ober⸗ hand erhielt. Der erbleichende Mond„gleich dem am Himmel aus⸗ gehängten Indianiſchen Bogen“ ſenkte ſich raſch gegen den weſtlichen Horizont und die langen Schatten begannen mehr und mehr zu verſchwimmen. Jenſeits der Kirche vot ſich ihr die volle Anſicht vom Strome, über welchen eine einzige Lichtlinie ihren langen ſchmalen Glanzſtreifen — 190— warf, einer Silberbrücke über irgend eine märchenhafte Flut ähnlich, auf welcher die Nymphen und Flußgötter ihre Spiele ſpielen oder in den Strahlen der Königin des Sternenreichs ſich gütlich thun. Plötzlich wurde ihre Aufmerkſamkeit durch die Erſchei⸗ nung einer Geſtalt rege, welche aus dem kleinen Portal der Kirche ſprang und ihre Schritte zu den Wohnungen „der ſtillen Leute“ lenkte, bald ſtill ſtehend, als wenn ſie die Inſchriften läſe, bald von einem Grabe zum andern eilend, und dann ſich der Länge nach auf ein Grab wer⸗ fend. Der Mond ſank jetzt hinter die Mamelles und in dem Sternenlichte war ſie nicht im Stande zu ſehen, ob es ein weibliches oder männliches Weſen ſei; daß es aber ein menſchliches Geſchöpf ſei, war ihr gewiß, denn das dumpfe Murmeln einer Menſchenſtimme traf dann und wann ſchwach ihr Ohr. Nachdem die Geſtalt eine Weile ruhig auf dem Bette des Todes gelegen, erhob ſie ſich raſch und ſchien beſchäftigt, mit der Hand im Boden zu wühlen. Glücklicherweiſe war Virginia mit den Fort⸗ ſchritten des hochgebildeten Geſellſchaftszuſtandes unbe⸗ kannt, unter derem Kennzeichen auch das Daſein einer Raſſe von Elenden iſt, welche die Heiligkeit des Grabes verletzen und eine unzeitige Wiederauferſtehung jener geheiligten Ueberreſte bewirken, die der Wilde ehrt und welche nur Chriſten zu ſchänden im Stande ſind. Den⸗ noch durchbebte ſie eine Art Schrecken, als ſie das nächt⸗ liche Thun der Geſtalt ſah, welche eine Zeitlang fortfuhr, die Erde aufzukratzen, und dann plötzlich aufhörte und ſich wieder in dem Portal verbarg, woher ſie gekommen war Offenbar war der ſchwache Ruderſchlag eines Bootes, das den Strom herab kam, zu dem Ohre des nächtlichen Wan⸗ derers gedrungen und hatte ihn verſcheucht. Die Neu⸗ gierde hielt Virginia noch eine Weile am Fenſter, da ſie aber ſah, daß die Geſtalt nicht wiederkam, ſuchte ſie ihr Kiſſen; und nicht eher als mit dem erſten Hahnenrufe goß der freundliche Tröſter der Nacht den Balſam der Ver⸗ geſſenheit auf ihr Kiſſen. Blaß und erſchöpft erhob ſie ſich am Morgen, und erzählte, auf die Frage der Ihrigen, was ſie während der Nacht geſehen hatte. Die Eltern riethen auf das und jenes, Leonard aber ſchwieg. Er hatte wohl ſeine Ver⸗ muthungen; behielt ſie aber für ſich, wie jeder Kluge thun ſollte. Der ehrliche Wirth aber erklärte bald alles auf das genaueſte. Es war ein Geiſt, welcher ſeit zehn bis zwölf Nächten ſich ſtets um dieſelbe Zeit ſehen ließ und in dem Dorfe Furcht und Schrecken verbreitete. „Aber Pater Jacob wird morgen'ier heintreffen,“ ſagte er,„und dann wird es mit der Sache bald haus ſeyn.“ „Warum beſtellt Ihr aber keine Wache und ſucht zu erforſchen, was oder wer es iſt?“ fragte Oberſt Dangerfield. „Ph bien, Monſieur, wir thaten es; aber der im⸗ mel weiß, wie ſie gekommen, ſo oder ſo— kurz, grade zu der Seit, als es wirklich kam, wurden ſie gewöhnlich ſo ſchläfrig, daß ſie nicht konnten hoffen alten ihre Augen; und da ſie wohl nicht konnten wachen mit geſchloſſener Aug, wißt Ihr, Monſieur, ſo dachte ſie, es iſt eben ſo gut nach'aus gehen und ruhig ſchlafen in hihrem Bette.“ „Ha, ein ſehr ſcharfſinniger Schluß, ganz gewiß. Aber hat denn die Yankee⸗Neugierde nicht einige von ihnen ver⸗ leitet, der Sache auf die Spur zu kommen?“ „O nein, Monſieur! die Yankees glauben an gar nichts, dünkt mich. Sie zweifeln an dem göttlichen Recht des Koönigs und an der Hunfehlbarkeit des Pabſtes. Diable! Ich habe Unrecht; ſie glauben an Straßen⸗Kanäle, und an die Glück der Freiheit.“ Das„Erſcheinen des Geiſtes“ ließ Leonard Danger⸗ field noch eifriger wünſchen, das Dorf zu verlaſſen und er drängte mit ſolchem Ernſte auf die Abreiſe, daß Vir⸗ ginia nicht umhin konnte, zu fragen: „Ei, Leonard, was wandelt dich an?— Ich habe dich ja nie vorher in ſolcher Haſt geſehen! Ich glaube faſt, du fürchteſt dich vor der Ausſicht, einen Beſuch von dem Geiſte zu erhalten!“ „Wohl möglich!“ verſetzte er, und zwang ſich zu einem wehmüthigen Lächeln. „Nun, was mich betrifft, ſo habe ich, ſeit wir die Heimath verließen, keinen Platz gefunden, wo es mir ſo wohl gefiel, wie in dieſem kleinen, ſeltſamen, altmodiſchen Dorfe; es iſt ſo ruhig, ſo müßig, ſo träumeriſch, daß ich mich von einem entzückenden Hange angeſteckt fühle, hier zu bleiben und mein ganzes Leben lang Nichts zu thun.“ =—— Leonard drängte aber ſo beharrlich auf die Abreife und gab ſo viele gute Gründe an, die zu nichts gut waren, daß man am Ende beſchloß, das Dörfchen ſogleich nach dem Frühſtück zu verlaſſen. Nachdem ſie alſo die Kom⸗ plimente des artigen Wirthes hingenommen, welcher Miſtreß Dangerfield erklärte, er ſei in großer Verlegen⸗ heit, die Mutter von der Tochter zu unterſcheiden; bei Virginien aber die Hand auf ſein Herz legte und be⸗ theuerte, er ſei in Verzweiflung wegen ihres Scheidens— brachen ſie auf, um nach St. Louis zurückzukehren. Sogleich nach ihrer Ankunft daſelbſt entdeckte Leonard den Verluſt ſeines Taſchenbuchs und erklärte, er müſſe zurückkehren und nach demſelben ſehen. Virginia lachte, was ſie in der letzten Zeit ſelten gethan hatte. „Ei, ich geſtehe, ich freue mich faſt darüber. Laß mich nun aber auch nie wieder ein Wort hören, wenn ich ein Taſchentuch fallen laſſe, noch ſage mir in das Geſicht, ich brächte den vierten Theil meines Lebens damit hin, verlorne Schlüſſel zu ſuchen. Thuſt du es je wieder, ſo führe ich gewiß den Vorfall mit dem verlornen Taſchen⸗ buche an. Soll ich dir Geld leihen, um die Koſten zu zu decken? Armer Menſch!“ „Mancher junge Mann würde ſein Taſchenbuch gern für ein Lächeln, wie dieſes, verlieren“, ſagte Leonard heiter. Dieſe Worte wendeten den Strom ihrer Gedanken wieder in ihr geivohntes Bette und hemmte ihre Lebhaf⸗ Paulding I. 13 tigkeit augenblicklich. Sie dachte daran, wer einſt ihr Lächeln ſo hoch gehalten und verlor ſich bald in einem Labyrinth von Zweifeln und Beſorgniſſen, was aus ihm geworden ſeyn könnte. Der Strom, welcher durch künſt⸗ liche Mittel von ſeinem Wege abgeleitet worden war, kehrte mit vermehrter Kraft in ſeine gewohnte Bahn zurück, alles vor ſich niederreißend und ſein Bett tiefer wühlend. Leonard Dangerſield beeilte ſich, in das Dorf zurück⸗ zukehren, wo er ſein Taſchenbuch ieicht wieder fand, aber nicht den armen Rainsford, welcher ſich nie zeigte, als wenn ihn der Hunger dazu trieb; denn es ſchien, als habe er einen geheimen Aufenthaltsort, welchen noch Nie⸗ mand entdeckt, oder vielmehr der Mühe des Aufſuchens werth gefunden hatte. Seine Hoffnung ruhte jetzt auf der Nacht und er nahm ſeinen Platz an dem Fenſter, wo er die Ausſicht auf den Kirchhof hatte, entſchloſſen, ſo lange zu harren, als er wach zu bleiben im Stande wäre. Nitternacht war vorüber und das Schweigen des Todes herrſchte in dem Dorfe, als er etwas zwiſchen den Grabſteinen und den Gräbern mit den kleinen weißen Kreuzen ſich bewegen ſah. Plötzlich entſchloſſen, ſeinen Zweifeln in Bezug auf die Natur dieſes Geheimniſſes Genüge zu thun, eilte er aus dem Hauſe und betrat vor⸗ ſichtig den Kirchhof, wo er, von dem hohen Graſe ver⸗ ſteckt, den Gegenſtand ſeiner Nachforſchungen endlich, das — 195— Antlitz aufwärts gewendet, liegen ſah, ſo wie er ſich in dem Geſpräche mit dem Wirth geſchildert hatte. „Rainsford! Rainsford!“ ſagte Leonard mit mildem Tone. „Welch ein Geiſt biſt du?“ rief dieſer und war mit einem Sprung auf ſeinen Füßen.„Biſt du ein Advokat? hier iſt dein Honorar; biſt du ein Arzt, ſo fordere es von den guten Leuten, die hier herum liegen. Du wirſt alle deine Patienten hier finden.“ „Sprecht nicht ſo ſeltſam, Rainsford; Ihr wißt ganz gut, wer ich bin.“ „Ja, ich kenne dich. Du biſt der Geiſtliche, der mir mit ſeiner Bibel einen ſolchen Schlag auf den Kopf gab, daß ich einen ganzen Monat nichts als Bibelſprüche darin hatte. Aber du brauchſt nicht hierher zu kommen, denn dieſe Leute unterſchreiben nie das geringſte für das Er⸗ bauen von Kirchen oder den Abdruck frommer Betrach⸗ tungen. Laß die alten, wurmzerfreſſenen Kaſten, willſt du?“ „Kommt mit mir, Rainsford— kommt mit mir in das Haus, und man wird Euch ein behagliches Bett geben — kommt!“ „Pah, ſiehſt du denn nicht, daß ich mir mein Grab grabe? Wenn ich fertig bin, werde ich kommen und mich ganz heimlich, aus Angſt vor den Doctoren, begraben. Du mußt wiſſen, alter Schwarzrock, daß du auf geweihtem Grund ſtehſt und daß echt orthodoxre Würmer keinen Ketzer 13* — 196— freſſen. So werde ich hinreichend ſicher ſeyn, wie ein Maulwurf, wenn ich nur erſt unter der Erde bin.“ „Rainsford— lieber Rainsford! Kommt mit mir!“ „Wie oft muß ich dir ſagen, daß ich nicht Rainsford heiße? Das iſt der Name einer Familie, deren ſammtliche Glieder wahnſinnig geworden ſind. Nun bin ich aber, Sir, oder vielmehr Ew. Hochwürden, eben ſo ſehr bei Sinnen, als der Mann im Monde ſelbſt. Komm, komm, ſetze dich hierher— und wir wollen ein wenig ſchwatzen — von geheimer Biographie ein wenig handeln, denn es iſt niemand hier, der ausplauderte.“ Er zog Leonard auf ein Grab zu, und dieſer ſetzte ſich, entſchloſſen, ſich in ſeine Laune zu fügen, an ſeine Seite. „Ja, hier, hier— nein, hier auf dieſem Grabe— da drunten liegt einer, der ſeiner Mutter Herz brach und doch dem Galgen entging und eine vortreffliche Grab⸗ ſchrift bekam! Ich würde erſtaunt ſeyn, wenn die Wür⸗ mer irgend Geſchmack an ſolchen Schurken hätten! Grade darneben iſt ein anderer hübſcher Knabe, welcher wegen Mordes gefangen wurde, aber ſie beſannen ſich hernach anders, vegruben ihn feierlich und erklärten ihn für einen Heiligen.— uUnd hier liegt ein prächtiger Geſell, der herum ging und Geld bettelte für eine arme Wittwe und dann das Ganze, unter dem Vorwand, ihr verſtorbener Mann ſey ihm Geld ſchuldig, in die Taſche ſteckte. Dennoch — wurde ihm eine Leichenrede gehalten, und ſie ſchoſſen ihm in das Grab!“ Leonard drang von neuem in ihn, ihm in das Haus zu folgen, denn die Mergenluft begann rauh und kalt zu werden, und die weißen Nebel hoben ſich ſchläfrig aus dem Strome, mit Fiebern und kalten Froſtſchauern auf ihren Schwingen. „Wie?“ rief er:„haſt du Angſt wegen deiner köſtlichen Gebeine? Meine Knochen ſind von Stahl und mein Herz ein Feuer⸗Stein, und wenn ich friere, habe ich daher nichts zu thun, als mit ihnen Feuer zu ſchlagen und mich zu wärmen. Hältſt du dies nicht für eine ſpar⸗ ſame Methode, ſich Feuer anzumachen, alter Schwarz⸗ rock? Ich rühre mich nicht von der Stelle; lege du dich nur zu Bett, wenn du lieber ſchläfſt als von vernünftigen Dingen redeſt. Wenn du nur bleiben wollteſt— ich würde dir erzählen, warum ein Stern größer iſt als der andere. Ich bin in luſtiger Geſellſchaft und ſieh nur, wie pracht⸗ voll mein Geſellſchaftsſaal erleuchtet iſt. Kein Wunder, daß Geiſter, die ein wenig Geſchmack haben, ſo gerne im Mondſchein ſpazieren gehen.“ In dieſem Augenblick zog eine Wolke über den nied⸗ rig ſtehenden, verbleichenden Mond und verdunkelte ihn. „Ah, ah, meine ſchöne Dame! du magſt nur dein Geſicht verſtecken. Ich ſchwöre, es geht eben jetzt etwas ſchlechtes auf der Welt vor, und du wendeſt den Rücken wie ein Nachtwächter, um vorgeben zu können, du habeſt — es nicht geſehen. Irgend ein Dieb iſt auf den Füßen; Ehebruch und Verführung ſind irgendwo im Werke, ſonſt — ja, das muß es ſeyn. Ein Mörder hebt ſein Meſſer, um irgend Einen vor ſeiner Zeit in das ewige Reich zu ſen⸗ den. Ich will dir etwas ſagen, Hochwürden, wenn es eine Tagszeit gibt, welche unwiederruflich verdammt iſt, ſo muß es die zwiſchen Nitternacht und Morgen ſeyn.“ Hier tappte er einige Augenblicke ſehr geſchäftig herum, ohne Dangerfields Zureden und Ermahnungen die geringſte Aufmerkſamkeit zu weihen. „Ich wollt', ich könnt' es finden.“ „Was?“ fragte der Andere. „Es iſt zum glorreichen Andenken eines Burſchen er⸗ richtet, welcher ſeine verwaiſten Schweſtern um fünfzig tauſend Dollars betrogen und verſucht hat, den Himmel zu betrügen, indem er ihn zu ſeinem Mitſchuldigen machte und mit einem Theile des Geldes eine Kirche baute. Es würde dich überraſchen, wenn du läſeſt, welch ein guter Mann er bei all dem war; er baute dieſe Kirche mit einem Theil des Erbes ſeiner Schweſtern. Sie liegen dort drü⸗ ven, ich weiß nicht, wo, ohne Denkmal, ohne Grabſtein; ich habe aber eine Ahnung, daß ſie nicht ganz ſo muſika⸗ liſch heulen werden, wie manche andere Leute.“ „Sieh da, die Sache iſt abgethan,“ fuhr er fort, als der Mond wieder durch die Wolken brach:„da iſt ir⸗ gend ein ſchönes Fräulein durch die letzte halbe Stunde um ſo ſchlimmer daras,— oder was grade eben ſo wahr⸗ — 199— ſcheinlich iſt, da dampft heißes Blut an einem Meſſer, mit welchem man am nächſten Sonntag Brod ſchneiden wird.“ Leonard begann vor Froſt ſtarr und zumal ungedul⸗ dig über dieſe umgreifende Thorheit zu werden und fragte letzten Male,— wollt Ihr mit mir in das Haus kommen?“ „Nein— ich verachte es, von irgend einem Menſchen Bett und Tiſch anzunehmen. Ich bin ein Geſell, der keine Schulden haben mag; ich bezahle meinen Weg, wie ich gehe. Ich bin niemand einen Shilling ſchuldig und ge⸗ denke hier zu ſchlafen bis zum jüngſten Gericht, das den Tag von übermorgen kommen muß, wenn der Kalender vom letzten Jahre nicht lügt— hiec jacet— ſieh hier— hier bin ich“— und er warf ſich, oder ſank vielmehr auf den Boden—„hier, zwiſchen zwei Hauptburſchen; auf der einen Seite liegt ein Advokat, der ſich nie mit andern Rechtshändeln abgab als mit ſchlechten; und auf der an⸗ dern ein Klient, der dadurch zu Grunde ging, daß er einen Prozeß gewann. Verehrungswürdige Geſellſchaft! Gute Nacht, Hochwürden— ich muß zu meinen Studien — eben fällt mir's ein— ich darf hier nicht müßig liegen. Dort drüben iſt eine gelehrte Maus, welche die Folio⸗ bände durcharbeitet; ich muß ihr helfen, denn einige Stel⸗ len ſind zu hart für ihre Zähne. Guten Tag, guten Tag, alter Schwarzrock!“ Er verſuchte aufzuſtehen, aber die durch die Kälte der Nacht verurſachte Steifheit, die Erſchöpfung ſeines Körpers, welcher den ganzen vorigen Tag ohne Nahrung geblieben, und die heftigen Reden während der eben be⸗ richteten Zuſammenkunft, hatten ſo mächtig auf ihn ge⸗ wirkt, daß er zurückſank und ganz ſtill dalag. Als Dan⸗ gerfield verſuchte, ihn aufzuheben, fand er ſeine Glieder vollkommen erſchlafft und ohne Empfindung. Er beſann ſich nicht lange, hob die leichte, abgemagerte Geſtalt aus dem Graſe auf und trug ſie in das Haus, wo er ſie auf ein Bett legte und den Wirth zu ſeinem Beiſtand weckte. Allmählig athmete der Arme wieder auf, aber ſein Puls ging raſch, ſeine Haut brannte wie Feuer, und ein Arzt, nach welchem ſogleich am Morgen geſchickt worden, er⸗ klärte, das Fieber habe den höchſten Grad erreicht. — 201— Fünfzehntes Kapitel. Zeigt, wie ein Feind den andern vertreibt. Rainsford's Lage verſetzte Leonard Dangerfield in große Unruhe und Verlegenheit. Er konnte nicht daran denken, ihn zu verlaſſen, ehe der entſcheidende Augenblick gekommen, und ſein Ausbleiben mußte bei ſeiner Familie Beſorgniſſe erwecken, wenn er keinen Grund für ſeine Abweſenheit angab. Wie er einen ſolchen ausfindig machen ſollte, wußte er nicht, und mittlerweile wurde es mit dem Kranken ſchlimmer. Die Fieber-Phantaſieen ſchienen die Geiſteszerrüttung, unter welcher er vorher gelitten, auf⸗ gehoben zu haben, und ſein unzuſammenhängendes Gerede nahm einen neuen Charakter an und folgte einer andern Richtung. Seine Ausrufungen waren eher klagend als etwas anders, und ſein wildes Umherirren ſchien endlich einem leidenden Gedanken zu weichen, dem eines Lieb⸗ habers, welchen ſeine treuloſe Geliebte verlaſſen. Auf Leonard's Geheiß war eine vollkommene Reinigung mit ihm vorgenommen worden, auch hatte er für anſtändige Kleider aus der Garderobe des würdigen Wirthes geſorgt, welcher ſich gutmüthig darein fand, während er die Achſeln zuckte und vor Erſtaunen außer ſich war, daß man einem wahnſinnigen Bettler ſo viel Sorgfalt weihen könne. Am zweiten Tage der Krankheit Rainsford's wurde Leonard durch die Ankunft der Seinigen, die ſehen woll⸗ ten, was aus ihm geworden wäre, unangenehm überraſcht. „Wir glaubten, du ſeiſt, ſtatt dein Taſchenbuch zu finden, ſelbſt abhanden gekommen,“ ſagte Virginia heiter. —„Aber was in aller Welt hält dich hier zurück? Und warum haſt du keinen Brief, keinen Boten geſchickt?“ Leonard ſah ſich überraſcht; er hatte keine Entſchul⸗ digung, keine Erklärung zur Hand, und ſein Zaudern war ſo augenfällig, daß ſie als kluge Schweſter ihn erſtaunt anſah und ſtill ſchwieg. Der junge Mann nahm die erſte Gelegenheit wahr, ſeine Eltern von dem Auffinden und der Lage Rainsford's in Kenntniß zu ſetzen. Manchfach waren die Plane, welche entworfen und verworfen wurden, um Virginia aus dieſer gefährlichen Nähe zu bringen, ohne ihren Arg⸗ wohn rege zu machen. Während aber dieſe Berathungen vor ſich gingen, hatte ihnen der Zufall die Mühe geſpart, auf Mittel der Verheimlichung zu denken. Da ſich Virginia vergewiſſert hatte, daß das Zimmer, welches ſie früher inne gehabt, leer und noch ganz in dem Zuſtande ſei, wie ſie es verlaſſen, bezog ſie es mit ihrer Zofe, einem kleinen ebenholzenen Fräulein, von deren Anweſen⸗ heit wir bisher noch nichts geſagt haben, da wir es nicht für nothwendig erachteten, den Leſern mitzutheilen, daß — 203— unſere Heldin jetzt mit einem ſolchen Pertinenzſtück ver⸗ ſehen ſei. Während ſie Platz genommen, um ſich auszuruhen, nahm eine Stimme in dem nächſten Gemache, die ihr Herz traf und ſie beben machte, ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Es war eine Stimme, welche, wie es ihr vor⸗ kam, ihren Ohren bekannt, lieb, ihrem Herzen noch lieber war, und ſie ließ ſeltſame unzuſammenhängende Reden hören, welche einen zerrütteten Geiſt verriethen. Sie lauſcht wieder; aber Alles iſt ſtill; und ſie glaubt, ſie habe ſich getäuſcht. Aber wieder ſchlägt das irre, wahnwitzige Faſeln oder Wehklagen vielmehr, ſo deutlich an ihr Ohr, daß ſie nicht mehr zweifeln kann. „Horch! Was dat? Wer dat, Niſſi?“ rief das erſchrockene Mädchen. Virginia antwortete nicht. Ein unwiderſtehliches Gefühl bemächtigte ſich ihrer; ſie ſprang auf, eilte zu dem Gemache, in welchem ſie die Stimme gehört hatte, öffnete, in dieſem Augenblicke keines andern Gedankens als des Einen fähig, die Thüre und trat in das Zimmer des Kranken. Das ſcharfe Ohr der Liebe hatte die Stimme erkannt, und das ſcharfe Auge der Liebe erkannte auf den erſten Blick die entſtellten Züge des armen Irren. Aber er kannte ſie nicht. Er lag auf ſein Kiſſen zurückgelehnt, die Augen ſtarrten ausdruckslos empor, und die Lippen vewegten ſich gleichſam bewußtlos, manchmal irre, unzu⸗ — 204— ſammenhängende Worte ausſtoßend, manchmal nur leiſes, unartikulirtes Geflüſter hören laſſend. Virginia erſchrack nicht; ſie weinte nicht; ſie wurde nicht ohnmächtig. Wie ein Bild der Verzweiflung ſtand ſie da und ſchaute auf das erglühete Geſicht, das ſtarre Auge und die hagern Züge des armen Kranken, ohne ein Wort zu ſprechen, oder einen Finger zu rühren. Endlich ſchien er ſie zu bemerken, machte eine Bewegung mit ſeiner Hand und ſagte in ſeinem gewöhnlichen klagenden Tone: „Geh', hinweg— geh' hinweg; ich habe dir gar nichts mehr zu ſagen. Wie heißt du?— Ah, Alt Virginia! Ich hatte vor, meine Seele deinetwegen wegzuwerfen, und du haſt mir dadurch gelohnt, daß du mein Herz brachſt. Geh' hinweg! Du brauchſt mich nicht ferner zu quälen.“ „Rainsford! Dudley Rainsford! Kennt Ihr mich nicht?“ ſagte ſie endlich mit einer Stimme, welche ſieben wüthende Dämonen hätte austreiben können. „O ja— ich kenne dich von alter Zeit her. Einſt hätt' ich ein ſo trügeriſches Geſicht und eine ſo ſüße Stiinme lieben können, jetzt aber haſſe ich dein ganzes Geſchlecht. Es iſt die Qual meines Lebens geweſen. Ein Weib hat mich in die Welt geſetzt, um mich unglück⸗ lich zu machen, und ein anderes hat mich daraus vertrie⸗ ben, um in der Hölle zu büßen.“ Virginia bedeckte ihr Antlitz und weinte; denn der Ton ſeiner Stimme ſchien die Quellen des Schmerzes zu öffnen, die vorher verſchloſſen waren. „Ja— ja!— Weine nur immer; aber was hilft's? Der Regen iſt in der Wüſte, wo nichts wachſen kann, unnütz, und ich habe von einem grauſamen, trügeriſchen Thiere gehört— ich habe den Namen vergeſſen, glaube aber, man nannte es Weib— das immer Thränen ver⸗ gießt, wenn es ſein Opfer in Stücke zerreißen will. Ja — ja— ja!“ Hier ſank ſeine Stimme, und nur ein leiſes Murmeln ward vernommen. Dieſe peinliche Scene wurde durch den Eintritt der Miſtreß Dangerfield unterbrochen, welche in Virginia's Zimmer gekommen war, und da ſie ſie dort nicht gefun⸗ den, ſie überall ſuchte. Ohne ein Wort, das den Kranken hätte ſtören können, zu ſprechen, nahm ſie Virginia's Hand, blickte ihr mit der Liebe und Zärtlichkeit und zugleich mit dem Anſehen der Mutter in das Antlitz, und führte ſie aus dem Gemache, ohne daß Rainsford es bemerkt hätte. Sobald ſie allein waren, bat Miſtreß Dangerfield ihre Tochter dringend, ihr augenblicklich nach St. Louis zu folgen, um ſich den vergeblichen Schmerz zu erſparen, in dem jetzt ſo raſch herannahenden Augenblicke, wo Rains⸗ ford's Leiden ihr Ende finden ſollten, bei ihm oder doch ihm ſo nahe zu ſein. Sie könne ihm nicht helfen, und in ſich nur Erinnerungen wecken, welche für immer ihr Glück zerſtören, und die Ruhe, die ſie noch zu finden im Stande 206— wäre, untergraben müßten. Der Arzt, fügte ſie hinzu, habe bereits jede Hoffnung aufgegeben; alle menſchliche Hülfe ſei eitel und er müſſe ſterben. „Dann laß mich hier bleiben und für ihn beten, theure Mutter!“ ſagte Virginia. „Du kannſt das eben ſo erfolgreich anderswo thun, wie hier.“ „Aber warum ſoll ich ihn nicht pflegen, an ſeiner Seite ſitzen und mich überzeugen, daß nichts, nichts, was menſchliche Sorgfalt, was menſchliche Hülfe, was Liebe und Dankbarkeit vermögen, ſeine letzten Stunden zu ver⸗ ſüßen, verſäumt wird?“ „Meine liebe Virginia, denke daran, daß du nicht Rainsford's Gattin biſt.“ „Wohl, Mutter; wenn wir aber nicht hier vereinigt werden, wird es dort geſchehen. Ich weiß, daß die For⸗ men der Welt dergleichen unterſagen; aber hier, in dieſem entlegenen Lande, bei Fremden, die ich nie wieder ſehen werde, welche mich nie wieder ſehen werden; in deiner Gegenwart, in der meines Vaters und Leonard's— wer wird es, wenn Eure Zuſtimmung meine Bitte heilist— wer wird es wagen, mich in einer ſolchen Lage und unter ſolchen umſtänden eines Unrechts zu zeihen, wenn ich den Anforderungen meines Herzens und der Vernunſt folge? Mutter— theure Mutter, ich muß ihn ſehen, ich muß bei ihm ſein, wenn er ſtirbt.“ „Guter Gott, Virginia, warum?“ „Man hat mir geſagt, wenn die Vorſehung eine unſterbliche Seele zu ſich nehme, grade wenn das Licht für immer in dieſer Welt verlöſchen ſoll, kehre die Ver⸗ nunft, welche durch Krankheit oder Leiden getrübt oder verdunkelt worden, ſtets auf eine kleine Weile vor der endlichen Trennung zurück. In dieſem Augenblicke muß ich bei ihm ſein. Ich beſchwöre dich, wenn dir meine Ruhe, mein Leben lieb iſt— laß mich dann bei ihm ſein, damit er weiß, daß ich ihn in ſeiner letzten Stunde nicht verlaſſen habe, damit er mir verzeiht und mich noch ein⸗ mal ſeine liebe Virginia nennt. Bei dieſer Erinnerung zu verweilen, wird dem Herzen wohl thun, und ich werde ſeiner nicht als eines irren, wilden Wahnſinnigen, ſondern als eines lieben, vernünftigen, theuern Freundes gedenken, deſſen letzter Blick mich erkannt, deſſen letztes Wort mich ge⸗ ſegnet hat. Willſt du mir dieſe Liebe erzeigen, theure Mutter?“ „Der ſchwache Zuſtand deiner Geſundheit und dein weiches Herz, meine Tochter, werden einer ſolchen Prü⸗ fung unterliegen. Ich darf dir nicht ſo viel zutrauen.“ „Mutter, Niemand weiß beſſer als du— denn dein eigenes Leben hat es bewieſen— daß Kraft, Jugend, Nerven, Muskeln, ſelbſt Simſon, obgleich er die Stadt⸗ thore auf ſeinen Schultern getragen— nicht halb ſo ſtark ſind als wahre Liebe. Das ſchwache Weib kann, durch ſie beſeelt, Müheſeligkeit, Ruheloſigkeit, Hunger und Durſt, ja, jedes Entbehrniß des Lebens mit einer Hingebung und Ausdauer ertragen, welche der Mann nie erreicht. Wenn es ihrem Gatten oder ihr Kind gilt, iſt ſie ſo lange unbe⸗ ſiegbar, als ein Hoffnungsfunken in ihrem Herzen glüht.“ „Aber welche Hoffnung bleibt hier noch, mein Kind? Der Arzt hat erklärt, nichts ſei mehr zu hoffen.“ „Von dem Arzte; aber es gibt einen größeren Arzt und noch kennen wir ſeine Entſcheidung nicht. Sieh, Mutter— ich weiß nicht, wie es kömmt, aber ich habe die Ueberzeugung— nein, nicht die Ueberzeugung, ſondern eine Hoffnung, welche ihr ſehr nahe kömmt— daß der entſcheidende Augenblick gekommen und daß dieſes Fieber beſtimmt iſt, in dem Geiſte des armen Rainsford eine große Veränderung hervorzubringen. Es mag Thorheit, — es mag Schwärmerei ſein— aber ich habe ein Gefühl, als könnte ich ihn retten, und ich allein. Meine Sorg⸗ falt, meine Liebe, meine ſtets wachſame Aufſicht werden, von der Gnade des Himmels unterſtützt, ihn wieder zu ſich bringen und ihn zu dem machen, wozu ihn die Vor⸗ ſehung zu machen beabſichtigte— zu einem edeln Vorbilde geiſtiger und ſittlicher Größe.“ „Wenn du dich aber zuletzt getäuſcht findeſt?“ „Soll es ſo ſein— wohl! Wenn ich Alles gethan habe, was in meinen Kräften ſteht— wenn ich das voll⸗ vracht habe, was ich als heilige Pflicht erachte— als hei⸗ lige Pflicht für meine Vernunft und meine Liebe zu ihm, der nicht nur mein Leben gerettet, ſondern ſein Leben, wär' es ihm vergönnt woͤrden, mir geweiht hätte,— und es gefällt dem Himmel, daß ich mich zuletzt getäuſcht ſehe, ſo wirſt du ſehen, daß ich mich benehmen werde, wie es der Tochter einer ſolchen Mutter geziemt. Mein Gewiſſen wird dann beruhigt ſein, und ich habe geleſen, wir könnten uns gegen jedes Gefühl aufrecht erhalten, nur nicht gegen das eines getrübten Gewiſſens.“ „Mein edles Kind!“ rief Miſtreß Dangerfield aus und ſchloß Virginien in ihre Arme:—„Du ſollſt deinen Willen haben! Auch ich will wachen, wir Alle wollen abwechſelnd oder zuſammen wachen, und möge die Hoff⸗ nung, welche du hegſt, eine prophetiſche ſein.“ Von dieſer Stunde an umkleidete Virginia's Charak⸗ ter eine faſt erhabene Größe, wie ſie ſtets das Ergebniß der ſtetigen, vernünftigen, ausdauernden Verfolgung eines großen Zweckes iſt. Eine heitere, nie wechſelnde, würde⸗ volle Selbſtbeherrſchung ſtand jedem Augenblicke ihres Lebens vor, und nie hörte Jemand ſie ſeufzen, oder ſah ſie weinen oder auch nur einen Moment in ihrer Sorg⸗ falt für Rainsford nachlaſſen. Wenn ſie nicht an der Seite des Lagers des armen Dulders ſaß, ſo war ſie doch ſtets in deſſen Nähe, weilte über ihm wie ein ſchützender Engel, wachte auf den Ausdruck ſeines Auges, den Wechſel ſeiner Züge, die Bewegungen ſeiner Muskeln, folgte ſeinem Athemzuge und mit der innigſten Theilnahme den Irrwegen ſeines Geiſtes, um zu entdecken, ob ein Strahl der Vernunft durch das dunkle Chaos ſeiner Seele breche Billigten auch Vater und Bruder dieſe ihre Hinge⸗ bung nicht ganz, ſo konnten ſie doch nicht umhin, ſie zu Paulding II. 14 bewundern und einer ſolchen ausdauernden Dankbarkeit und Liebe ihren Beiſtand zu weihen; aber ſie hegten nicht die entfernteſte Hoffnung, daß ein gluͤcklicher Erfolg ſolche Aufopferung krönen könne. Der Arzt hatte ſeine Anſicht dahin ausgeſprochen, daß der geiſtige und körperliche Zuſtand Rainsford's vor dem Eintritte des Fiebers jede vernünftige Hoffnung auf ſeine Wiederherſtellung aus⸗ ſchlöſſe. So oft er kam, ſchüttelte er den Kopf bedeut⸗ ſamer und wiederholte ſeine Verſicherung, der Kriſis der Krankheit werde die unmittelbare Auflöſung folgen⸗ Der gewöhnliche Zuſtand des jungen Mannes war Ruhe in Bezug auf den Förper, während ſein Geiſt ſtets umherzuſchweifen ſchien, wie das Bewegen ſeiner Lippen und ſein gelegentliches Murmeln wohl verriethen. Aber er raſ'te nicht, noch bedurfte es der Gewalt, um ihn zu bändigen; in ſeinem ganzen Benehmen war nichts, das Gewaltthätigkeit beſorgen ließ. So vergingen mehrere ängſtliche Tage, während Rainsford's Schwäche zunahm, ſank die Hoffnung ſeiner Freunde mehr und mehr. „Er kann es nicht überleben,“ ſagte die Mutter:— „jede Stunde wird er Snſtes Faſſe dich, meine liebe Virginia!“ „Ich bin gefaßt— und duch hofe ich noch,“ die Tochter. Am fünfzehnten Tage, oder vielmehr in der fünf⸗ zehnten Nacht— denn die Stunden waren ſchon weit — 211— vorgerückt— begab es ſich, daß Virginia in Rainsford's Gemach ſaß; niemand war bei ihr als eine alte franzöſiſche Krankenwärterin, welche eben in ihrem Stuhle faſt einge⸗ ſchlafen war. Wie gewöhnlich wachte ſie ängſtlich über feden ſeiner Blicke, über jede ſeiner Bewegungen, als plötzlich ſein leiſes Murmeln, welches ſchon Tage lang faſt ohne alle Unterbrechung vernommen worden war, auf⸗ hörte, und ein tiefes, ſchreckliches Schweigen, dem des Grabes ähnlich, folgte. Virginia griff nach einem Lichte und näherte ſich ihm damit. Die Augen waren geſchloſſen — das Geſicht hatte den Ausdruck todtähnlicher Ruhe— des Todes ſelbſt— bleich, ſchlaff, regungslos. Sie faßte 5 ſeine abgemagerte Hand; ſie war feucht, und der Puls ging leiſe. Er war eingeſchlafen, nicht todt. „Die Stunde iſt gekommen!“ dachte Virginia, und ſetzte ſich wieder an das Bett, und wachte, wie die Mutter über ihrem letzten und einzigen Sproßling wacht, wenn die müde Natur, durch Schmerz und Krankheit erſchöpft, eine gütliche Erholung in den Armen des Schlafes ſucht. f Ziemlich lange hatte er ſich weder geregt, noch hatte er geſprochen, noch war ſein Athem an das lauſchende Ohr Virginiens gedrungen, und oft überkam ſie in dem tiefen Schweigen, das ringsum im Hauſe und draußen, auf der Erde und am Himmel herrſchte, die Ueberzeu⸗ gung, er müſſe nun todt ſeyn. Aber der nicht trügende Zeuge, der Puls, der ſeine Bewegung noch fortſetzte, ſagte 14* —— ihr, die Lebenswelle ſey noch auf ihrem Wege zu dem Meere der Ewigkeit. Wie ſie ſo ſaß und fürchtete, jeder Pulsſchlag könnte der letzte ſeyn, fühlte ſie eine zitternde Bewegung in ſei⸗ nen Fingern; er bewegte die Hand gegen den Kopf, ein Seufzer hob ſeine Bruſt und er öffnete die Augen. Sie waren nicht ſtarr, wie gewöhnlich, ſondern bewegten ſich langſam in dem Gemach umher und ruhten endlich auf Virginiens Antlitz. Er betrachtete dieſes einen Augenblick, fuhr mit der Hand über ſeine Augen und ſagte mit leiſer, flüſternder, ſchwacher Stimme: „Ich glaubte, Virginia zu ſehen, aber ſie iſt fort!“ Er blickte ihr wieder gedankenvoll in das Antlitz⸗ während ſie regungslos daſaß, kaum athmend, kaum fähig zu athmen, denn die kämpfenden Gefühle, welche jetzt zu ihrem Herzen ſtröͤmten, erſtickten ſie faſt. „Virginia,“ ſagte er endlich:—„biſt du es 2 „Dank ſei dem Himmel! Er kennt mich!“ klang es in Virginiens Seele; aber ſie konnte nicht antworten. „Mir war ſo— es iſt nichts; ein Traum, oder—“ Hier ſchloß er die Augen wieder und verſank aber⸗ mals in einen todtähnlichen Schlaf, welcher länger als eine Stunde dauerte. Abermals erwachte er wie vorher, und abermals ſah er dieſelbe weiße Geſtalt, die ſich über ihn beugte. „Virginia,“ flüſterte er denn er war zu ſchwach, um † einen lauten Ton hören zu laſſen:„Biſt du es, oder äu ſcht mich wieder ein Traum oder ein Schatten?“ „Ich bin's!“ verſetzte das junge Mädchen, kaum wiſ⸗ ſend, ob ſie ihm antworten dürfe oder nicht. Er verſuchte es, ſich auf ſeinem Ellbogen zu erheben, um ſie anzuſchauen, aber die Kraft fehlte ihm, und er ſank zurück und ſchlief wieder ein. Der Tag begann nun zu grauen; die wachſame Wär⸗ terin, welche gewöhnlich, wie Viele in ähnlichen Fällen, auf ihrem Poſten ſchlief— denn nur das Bangen der Liebe hält, Nacht um Nacht, die Augen weit offen— er⸗ wachte jetzt. Virginia winkte ſie zu ſich und flüſterte ihr zu, den Arzt zu holen, denn dieſer hatte verlangt, man ſollte ihn, ſobald eine Veränderung mit dem Kranken vor⸗ gehe, rufen. Er kam, während Rainsford noch ſchlief und Virginia theilte ihm leiſe ihre Hoffnung mit, dieſe Neigung zur Ruhe ſei der Vorbote der Beſſerung. „Glaubt es nur nicht, meine theure junge Dame,“ erwiderte er in gleichem Tone:„Sie iſt der Vorbote des letzten Schlafs; wirklich iſt es zweifelhaft, ob er je wieder erwachen wird. Erwacht er aber auch, ſo wird es nur für wenige Stunden ſeyn, und dann——“ „Könnt Ihr nichts für ihn thun, Doctor?“ „Nein, alle menſchliche Kunſt iſt hier zu Ende. Es iſt ganz nutzlos, daß ich länger hier verweile. Ich kann nichts mehr für ihn thun. Seht— er iſt nun dahin— ſein Puls ſteht ſtill— nein,— er geht wieder— eins, zwei, drei— aber es iſt alles umſonſt— laßt ihn in Frieden ſterben— ich kann nichts mehr thun— guten Morgen!“ und er begab ſich ohne weiteres weg. Dann wil ichs verſuchen,“ dachte Virginia, welche ſich erinnerte, von häufigen Beiſpielen gehört zu haben, daß Leute wieder genaſen, nachdem ſie von den Aerzten aufgegeben worden. In der That ſcheint die Natur, wenn man ſie ſich ſelbſt überläßt, oft Wunder zu thun; vielleicht tritt auch zuweilen die Vorſehung bei ſolchen Fällen in die Mitte, um uns zu lehren, wie eitel alles Vertrauen auf die anmaßliche Unwiſſenheit der Menſchen iſt. Er war kaum fort, als Oberſt Dangerfield, von einem ehrwütbigen Greiſe begleitet, an der Thüre erſchien. Vir⸗ ginia winkte ihm, draußen zu bleiben, und ging leiſe hin⸗ aus, um ſie von dem Zuſtande des Kranken und der Ent⸗ ſcheidung des Arztes in Kenntniß zu ſetzen. „Wollt Ihr mir erlauben, ihn zu ſehen 2“ fragte der Greis in einem franzöſiſchen Accent:„Mein Beruf iſt eber die Heilung der Seele als die des Körvers; aber die Natur dieſes meines Berufes und die Wechſelfälle meines Lebens haben es nothwendig gemacht, in Beidem nicht ganz fremd zu ſeyn. In jedem Falle wird er, wie ich glaube, wenn er überhaupt wieder erwacht, in dem Beſitze ſeiner Vernunft erwachen, und dann kann ich mit ihm beten, wenn ich nicht mehr zu, thun vermag.“ . „Ich bin Euch für Eure Güte dankbar, aber dieſer junge Mann iſt kein Katholik.“ „Gut, daran liegt nichts,“ ſagte Pater Jacques, wie man ihn nannte:—„wir können deswegen doch mitein⸗ ander beten. Weichen wir auch in einigen Dingen ab, ſo gibt es andere, welche tauſendmal wichtiger ſind, und in denen wir alle übereinſtimmen. Ich bin ein geborner Franzoſe, habe aber lange in dieſem freundlichen, duldſa⸗ men Lande gelebt und bin nicht durch Verfolgung zur Frömmelei genöthigt, oder durch die Macht, Andere zu verfolgen, dazu verleitet worden. Ich kann ihm wenig⸗ ſtens kein Leid thun und dürfte ihm vielleicht nützlich werden. Erlaubt mir, ihn zu ſehen, ich bitte Euch. Es iſt kein anderer Geiſtlicher in der ganzen Umgegend.“ Der gute Greis erhielt die Erlaubniß und trat in das Gemach, wo Rainsford lag, der jetzt erwacht und im Beſitz ſeiner Beſinnung, aber ſo ſchwach war, daß ſein Leben nur an einem dünnen Fädchen hing. Obgleich Pater Jacques nur obenhin von ſeiner Geſchicklichkeit ge⸗ ſprochen hatte, beſaß er doch ausgebreitete Kenntniſſe, und eine lange Erfahrung, die er als Miſſionär unter weißen und rothen Menſchen geſammelt, ſtand ihm zur Seite wirklich war er vielen anerkannten ausübenden Aerzten weit überlegen. Er ſah ſogleich ein, daß die Schwäche des Körpers und des Geiſtes allein jetzt beſiegt werden müſſe. Die Krankheit hatte beide von Allem, dieſe Schwäche ausgenommen, frei gelaſſen. Er ſchrieb meh⸗ rere kleine Mittel vor, um den Funken wach zu erhalten, bis die Natur Zeit gewönne, die Kräfte zu ſammeln und ihre Thätigkeit wieder aufzunehmen. Mehrere Tage war es ein Kampf zwiſchen Leben und Tod, zwiſchen Zeit und Ewigkeit; und es iſt nicht zu viel geſagt, wenn wir behaupten, daß er während dieſer Tage ſein Leben der ſteten, angeſtrengten Sorgfalt Virginiens verdankte. Sie verließ ihn nie; ſie war es, welche ihm die ſtärkenden Mittel, die Pater Jacques verordnete, Tropfen um Tropfen reichte; ſie war es, welche auf jede Bewegung, die von Schmerz oder Unbehaglichkeit zeugte, Acht gab; ſie war es, welche ſein Kiſſen legte und ſein Haupt bequem bettete; ſie war es, welche, ſich über die kleinlichen Zierereien erhebend, welche oft das edelſte aller Weſen, das Weib, verunſtalten, vor nichts zurückbebte, was nach ihrem Erachten zu ſeiner Erleichterung beitra⸗ gen, ſeine Geneſung befördern konnte. Zuweilen verſuchte er, ihr etwas zu ſagen, ihr zu danken— aber ſie brachte ihn augenblicklich zur Ruhe, indem ſie erklärte, ſie würde ihn ſonſt verlaſſen. Obgleich er aber nicht ſprach, folgte ihr ſein Auge doch, wohin ſie ging, und ſein Herz war ganz Dankbarkeit und Liebe. Wie ſeine Kräfte allmählig zunahmen, begann Vir⸗ ginia, ſich mehr und mehr zu entfernen, oder ſein Gemach nur in Geſellſchaft ihrer Mutter zu beſuchen. Er machte ihr Vorwürfe deshalb und wünſchte faſt dem Tode wieder näher zu ſeyn, um ſie öfter in ſeiner Nähe zu ſehen. — 217— Da ſie ſich einigermaßen ihrer Angſt und Beſorgniß überhoben fühlte, nahm ſie die Gelegenheit wahr, Leonard über die Einzelnheiten in Bezug auf das Aufflnden Rains⸗ fords auszufragen. Er verſchonte ſie mit der Erzählung des ergreifendſten und herbſten Theils und begnügte ſich, ihr blos mitzutheilen, er ſei in großer Fieberhitze und Er⸗ regung in das Dorf gekommen, ohne daß Jemand wußte, woher. Während des ſehr langſamen und zögernden Fort⸗ ganges ſeiner Wiedergeneſung kam Pater Jacques, wei⸗ chem die Familie Dangerfield die Geſchichte des Kranken vertraut hatte, faſt jeden Tag zum Beſuche und unterhielt ſich mit ihm über Geiſteskrankheiten, ohne ahnen zu laſſen, daß ſeine Reden in irgend einer Weiſe auf ihn angewen⸗ det werden könnten. Er verwebte eine vernunftgemäße Philoſophie in eine vernunftgemäße Religionsanſicht, nahm häufig Gelegenheit, ihn zu mahnen, ſich nicht dem Glau⸗ ben an Ahnungen und Vorgefühlen, welcher wirklichem Unglück noch all das Elend der Furcht und Beſorgniß hinzufüge, ohne uns in den Stand zu ſetzen, ihm auszu⸗ weichen oder es zu lindern, am wenigſten aber der ſoge⸗ nannten Religionsſchwärmerei hinzugeben, dieſer furchtbaren Quelle unſäglicher geiſtiger Schrecken und Schauerthaten. Wenn ſich ruhige, leidenſchaftloſe Vernunft und echte Frömmigkeit verbinden, iſt ihre Gewalt unwiderſtehlich. Pater Jacques ſuchte ihn weder durch Spitzfindigkeiten zu verwirren, noch klügelte er mit ihm über Glaubens⸗ lehren, ſondern er verweilte bei Gegenſtänden der prak⸗ — 218— tiſchen Philoſophie und praktiſcher Religion, wie alle ver⸗ nünftige Weſen ſie zu begreifen im Stande ſind. Der unterſchied zwiſchen dieſem verſtändigen alten Manne und dem feuerköpfigen Prediger der Schrecken der bodenloſen Hölle beſtand darin, daß der Eine den empfindlichen, ner⸗ venſchwachen jungen Mann zum Wahnſinn fortſtachelte, der Andere ihn beſänftigend zu einem feſten Vertrauen auf die Barmherzigkeit des höchſten Weſens ſtimmte. Der gute Geiſtliche ſah mit beſcheidener Freude die Wirkung, welche der Weg, den er eingeſchlagen, auf den Geiſt ſeines Kranken hatte, und entdeckte— denn es war etwas in dem Charakter und dem Benehmen Rainsford's, das faſt Jeden, der ſich ihm näherte, anzog und feſſelte— zu ſeinem Entzücken, daß er von allem dem, was von der erſten Zeit ſeiner Geiſtesverwirrung bis zu dem Augen⸗ blick ſeiner Wiederherſtellung vorgefallen war, keine deut⸗ liche Erinnerung hatte. Er hatte ein unbeſtimmtes Ge⸗ fühl, daß er das Bewußtſeyn eines Theils ſeines Lebens verlor; Pater Jacques leitete ihn aber unmerklich zu dem Glauben, dies ſey nichts anderes als die Wirkung ſeiner Phantaſie, und dieß ſelbſt die Folge ſeines Fiebers. So blieb er glücklicherweiſe mit den Begebniſſen der letzten Monate unbekannt und die Erinnerung an das Schickſal ſeiner Familie und zumal die Laſt des furchtbaren Vor⸗ gefühls ſeines eignen Looſes wichen in hohem Grade den Vorſtellungen und Zureden des guten, weiſen Greiſes, welcher ſich hülfreich die Hoffnung und faſt der Glaube zugeſellte, daß er durch die zeitliche Geiſtesabweſenheit ſein Schickſal erfüllt habe. Der Zeitraum, in welchem, ſeinen ſteten, ängſtlichen Beſorgniſſen zufolge, das Unglück ihn treffen ſollte, nahete nun raſch ſeinem Ende und ſeine Zuverſicht wuchs von Tag zu Tag. Wirklich ging ſein Geiſt in einen vollkommen geſunden Zuſtand über, und das Leben begann nebſt all dem, was zu ſeinen Beſtand⸗ theilen gehört, einen ganz andern Anblick darzubieten, als dies ſeit Jahren der Fall geweſen. Das Fieber und die dagegen angewandten Mittel hatten nicht nur die gewöhn⸗ liche Verkettung ſeiner Gedanken gebrochen, ſondern gleich⸗ ſam einen ganz neuen phyſiſchen Menſchen mit neuen Ge⸗ fühlen, Gedanken, Erinnerungen und Hoffnungen geſchaffen. Doch hatte er zuweilen noch ein gewiſſes träumeriſches Bewußtſeyn, ein unbeſtimmtes Gefühl, das eben ſo ſchwer zu analyſiren als zu beſchreiben iſt, und welches ihn, als er zuerſt wieder zur Beſinnung kam, ſtets abhielt, ſich nach den Umſtänden oder den Gründen zu erkundigen, in deren Folge er an den Ort gekommen, wo er war. Sechzehntes Kapitel. Perührt die Fortſchritte der Bildung und den unterſchied zwiſchen Geſetz und Gewiſſen. Als Rainsford hinreichend hergeſtellt war, begann man Anſtalten zur Rückkehr nach Dangerfieldville zu machen. Man war einigermaßen beſorgt, der Anblick gewohnter Gegenſtände möchte alte Ideenverbindungen und alte Gefühle bei ihm wecken und eher gefährlich als heilſam wirken; da aber, aller Wahrſcheinlichkeit nach, ſein Schickſal und das Virginiens jetzt unzertrennlich verbunden waren, kam man zuletzt dahin überein, es ſei das beſte, den nun wieder geregelten Zuſtand ſeines Geiſtes vor ihrer Verbindung dieſer Probe zu unterwerfen. Sie nah⸗ men alſo Abſchied von dem guten Pater Jacques, dem ſie ihre innigſte Dankbarkeit ausdrückten; beſonders bedauerte Rainsford, daß er kein Nittel kenne, ſich ihm für die großen Verpflichtungen, die er ihm auferlegt, dankbar zu zeigen. „Ich bin ſchon zufrieden,“ verſetzte Pater Jacques, „wenn Ihr Euch nur für alle Zukunft erinnert, daß Reli⸗ gion nicht Haß, ſondern Liebe iſt; und daß die Menſchen durch ſie Freunde, und nicht Feinde werden ſollen.“ —— Nachdem man von dem alten Manne Abſchied genom⸗ men, wurde der Wirth gerufen, um ſein Geld und ihren Dank in Empfang zu nehmen, denn wirklich hatte er ſich ſtets gleich gefällig und aufmerkſam bewieſen. Er kam in einen heftigen Zorne und ſchalt in erträg⸗ lichem Franzöſiſch und ziemlich ſchlechten Engliſch. Der Oberſt fragte, was es gebe. „Diable, Monſieur, eine neue Verbeſſerung— eine neue Fortſchritt; im letzten Jahre, ſie aben mich beſchatzt für ein großer höffentlicher Fortſchritt— eine Straße, die gehen ſollte hirgend wo'in, weiß nicht wo. Eh bien! Ick bezahlen das Geld. Gut, dieſen Jahr, ſie beſchatzen mich für ein handeres großes höffentliches Fortſchritt— ſehr groß— voila, Monſieur, eine handere Straße, ganz grad neben der handere, und beide gehen zu derſelben Platz. Diable, ich nicht brauchen zu reiſen auf zwei Wegen für 'er und'in. Ah, Monsieur le Colonel, ick werden ſehr reich werden, o ſehr reich werden, in der That mit dieſen großen Fortſchritten. Sie nehmen mir all mein Land weg, daß ſie aben Raum für die große Fortſchritt; ſie nehmen mir all mein Geld weg, daß ſie machen die große Fortſchritt, und dann, ſie ſagen mir, mein Land iſt vier⸗ mal, ſechsmal ſo viel werth, als vorer. Peſte! Was liegt mir daran, wenn all mein Land weggegangen iſt für die verdammte höffentliche Fortſchritt, he?— Ick werden dann ſehr reich ſein. Piable! Ick wollte ick gegangen wär in ein Land, wo Alles rückwärts gehen— was Ihr ſagen, die Schweif vorhan, denn die verdammte Fortſchritt der Bildung wird mich am Ende ruiniren.“ Als Oberſt Dangerfield ihm die Rechnung auszahlte, vlickte er mit kläglicher Miene auf das Geld, und rief dann, mit frommer Ergebung die Achſeln zuckend: „Eh bien! Was thut's— machen ſehr gute Straß und Kanal. Morbleu! Ick werde wundern, was ſie fan⸗ gen an mit dieſe Straß und Kanal. Voilà, Monſieur, dort drunten die eine große dicke Strom— ſie kommen zwei, drei tauſend Meilen dieſe Weg. Eh bien! Voilà, Monſieur, dort drüben die handere große dicke Strom, ſie kommen zwei, drei tauſend Meilen jene Weg. Diable! Iſt das nicht lang Weg genug, um zu reiſen, ohne die verdammte höffentliche Fortſchritt. Ha, wir werden ſein bald in Trümmer, wir.“ Der Oberſt beklagte mit dem kleinen Manne den Verluſt des alten Regime's, und ſprach die Hoffnung aus⸗ die Zeiten würden beſſer werden, wenn einmal die lichen Verbeſſerungen gemacht wären. „Bh pien!“ ſagte der Franzoſe:—„Ja, die Zeiten werden beſſer werden, wenn ſonſt nicht mehr beſſer werden kann, denk' ich. Monſieur, da iſt mein Nachbar, Jean Petit— wohnen grad über die Weg, dort drüben. Vor zwanzig Jahren ſie war ſehr reich, ſehr reich; ſie aben alles ſehr be'aglick um ſie; ſie geige, ſie tanze, ſie lache, ſinge, mache'Ofe an die Demoiſelles, kein Sorg, kein Noth, kein Arbeit, nichts. Er'aben ein klein Aus, ein klein Garten, und bekommen viel, viel Radies und viel Salat; er leben wie klein König. Eh bien! Allgemach die Yankees kommen; höffentliche Fortſchritt gehen dieſe Weg. Pah! Aus iſt's mit Jean Petit. Sie führen eine Straß mitten durch ſein Garten— reißen aus ſein Radies — reißen aus ſein Salat;— werfen meder ſein Haus und dann ſie laſſen ihn noch bezahlen für Wegnehmen ſein Haus, ſein Garten, ſein Radies und ſein Salat. Voilà, Monſieur; ſie'aben manchmal ein, ja, zwei Duzend Flandern'ſche— wie ſie'eißen ſie?— ah ja— chemise — zwei Duzend, ſehr fein, ſehr ſchöm Eh bien— ſie aben jetzt nur noch ein einzig, und das ſie ruinirt.“ „Wie ſo?“ fragte Oberſt Dangerfield, den die drol⸗ ligen Klagen des Wirthes beluſtigten. „Wie ſo2 Voilä, Monſieur! Er bezahlen die Wäſcherin ſtückweiß und nun geben Achtung, ſein chemise'aben ſo viel Stücke nun, er bezahlen himmer für zwei Duzend, wenn ſie waſchen. Das iſt eine große Folge von die große Syſtem der große hinnere Fortſchritt, wie ſie ihr'eiſen⸗ Morbleu! Unter die halte Regime hinnere Fortſchritt ieß Fortſchritt in die Hinnſeit, die Kopf, die Hirn, die Ver⸗ ſtand; jetzt ſie eißt ſo die große Grabe graben, die große Straß machen und die große Kanal grabe entlang die Straß! Morbleu! Der Strom jetzt zu nichts nütz, denk' ich. Ah, Monſieur, wenn Ihr nur hätten gelebt unter die halt Regime; dann ich rauche meine Pfeife, ſinge, tanze, gehe in die Kirche zweimal den Tag; kein Lärm, kein Unruh, kein Fortſchritt, kein verdammt Papiergeld. Aber die Yankee kommen, und jetzt ein Mann muß etwas thun und harbeiten, oder ſie bald'aben werden nur ein chemise und müſſen ruinirt werden von die Waſcherin wie Jean Petit. Ah, Monſieur, wenn ich wäre ein jung Mann, denkt! Ich würde gehen'eim in die halt Land, la pelle France, wo alles ſteht ſtill oder gehen rückwärts und ſein ſo glücklich. Ah, es ſo leicht ſein, ſo ſchön, ſtets nur den'ligel ab gehen ſtatt inauf.“ Da jetzt Alles bereit war, verließ der Oberſt den Wirth inmitten ſeiner Verlegenheiten und Sorgen wegen der Fortſchritte, und die Familie wandte ihr Antlitz der Heimath entgegen. Auf der ganzen Reiſe begab ſich nichts Bemerkenswerthes, ausgenommen, daß Rainsford bei ſeiner Ankunft zu St. Louis eine koſtbare Altardecke von Damaſt für die Kirche beſtellte, welcher Pater Jacques vorſtand. Das Geſchenk machte dem guten alten Mann große Freude, und ſo groß war das Entzücken ſeines Herzens, daß er die Pracht ſeines kleinen Altars nie ſchaute, ohne zu beten, der Himmel möge ihn vor der Verführung zu weltlicher Eitelkeit und der Verſuchung des Stolzes bewahren. Während der Fortſetzung ihrer Reiſe frohlockte Vir⸗ ginia in ihrem Herzen und brachte dem Himmel ihren innigſten Dank dar, denn ſie ſah, wie Rainsford's Geiſt von Tag zu Tag an Geſundheit und Kraft gewann. Es ſchien, als wenn er die Welt und Alles darin mit neuen, — 2— belebtern Augen anſchaute. Jeder Gegenſtand der Natur ſchien ſein Glück zu erhöhen; und wenn er, bei Betrach⸗ tung der Erhabenheit oder der Schönheit der Landſchaften den großen Strom entlang, ſich zuweilen in die höhern Regionen der Phantaſie aufſchwang, ſo geſchah es mit gehal⸗ tenem, ſtetigem Fluge, wie der Adler ſich empor hebt. Ein vollkommenes Ineinandergreifen, eine folgerichtige Sicherheit bezeichnete Alles, was er ſprach, und es war augenſcheinlich, daß die Vernunft die Zügel wieder gefaßt hatte, um ſie, aller Wahrſcheinlichkeit nach, nie widerfahren zu laſſen. Es war einer der beſten und ſtärkſten Beweiſe, wie das Schickſal endlich den Qualen und Verfolgungen Rains⸗ ford's ein Ziel geſetzt habe, daß grade an dem Morgen des Tages, an welchem die Familie des Oberſten Dan⸗ gerfield zu Hauſe ankam, Meiſter Zeno Paddock und ſeine liebwerthe Ehehälfte, Frau Judith, das Dorf verließen, um nie wieder zu kommen. So groß war der Ruf des Eigenthümers der Weſt⸗Sonne— ſo groß die Befähigung, welche er auf dem Gebiete der Kritik, beſonders aber in der Kunſt, alle Welt aneinander zu hetzen, gezeigt hatte, daß ein Mann von ausgezeichnetem Unternehmungsgeiſte, welcher im Begriffe war, an der Verbindung des großen und kleinen trockenen Fluſſes eine große Stadt zu grün⸗ den, ihm die vortheilhafteſten Anerbietungen machte, wenn er dorthin kommen und ſich bei ihm niederlaſſen und ſo ſchnell als möglich in das Rad von Ereigniſſen eingreifen Paulding II. 15 — 226— wollte, an denen die Geſchichte einſt ihr blaues Wunder zu erleben hoffen durfte. Er bot ihm ein ganzes Square an, wo die Akademie, das Gerichtshaus, die Kirche, die Bibliothek, das Athenäum und alle die öffentlichen Gebäude gelegen waren. Meiſter Zeno verſchlang das Square auf einen Schluck, und Miſtreß Judith war ungemein entzückt, an einen ſo ſchönen Ort überzuziehen, wo ſie zu ſo vielen neuen Geheimniſſen gelangen konnte. Die Wahrheitsliebe nöthigt uns, zu ſagen, daß er bei ſeiner Ankunft in der Stadt Neu⸗Pekin, wie ſie genannt worden, beſagte Stadt mit einem Wald von Bäumen bedeckt fand, deren jeder ſo dick war, daß ein Mann einen halben Tag brauchte, um ihn umzuhauen; und daß er, als er das Square entdeckte, wo alle die öffentlichen Gebäude lagen, zu ſeinem nicht geringen Staunen, auf derſelben Stelle, wo das Gerichtshaus auf dem Stadtplane ſtand, eine Heerde wilder Truthühner, die, wie eben ſo viele Advokaten durcheinander kutterten, und zwei oder drei weißköpfige Eulen fand, welche auf den hohen Bäu⸗ men ſaßen und mit dem größten Ernſte zuhörten. Zeno war merkwürdig aufgebracht über dieſe Enttäuſchung— aber der Gründer von Neu⸗Pekin ſchwur, ſeine Stadt ſei beſtimmt, der große Markt des Weſten zu werden, St. Louis, Cincinnati und Neu⸗Orleans auszuſtechen und die glänzendſte Spekulation zu realiſiren, welche je von dem Scharfſinne des Menſchen erdacht und von der Leicht⸗ gläubigkeit deſſelben geglaubt worden ſei. Darauf ließ ſich — 227— Meiſter Zeno nieder und begann ſeine Zeitung in einem großen hohlen Sycamore⸗Baume zu drucken und von der Hoffnung zu leben, wie viele große unternehmende Geiſter vor ihm gethan haben. Die arme Frau Judith ſah ſich hinſichtlich der Größe und Pracht der neuen Stadt bitter getäuſcht. Nie konnte ſie mehr als eines einzigen Geheim⸗ niſſes habhaft werden, und vierzig Meilen in der Runde gab es nach dem harten Rathſchluſſe des Schickſals auch nicht Eine Flatſchſchweſter, der ſie es hätte mittheilen können. In einem Anfalle von Verzweiflung begab ſie ſich daher eines ſchönen Tages an eine gewiſſe Stelle an dem Ufer des großen trockenen Fluſſes und flüſterte es in die Luft, und ſiehe da, zur gehörigen Zeit ging hier eine Gruppe von kleinen Pappeln auf, welche nichts tha⸗ ten, als immer flüſtern und die Blätter bewegen, wenn ſich auch nur ein Zephyr regte. Endlich ſtarb dieſe wür⸗ dige Frau in Folge einer Ueberſchwemmung des großen trockenen Fluſſes an einem Wechſelfieber, und ihr letztes Wort war:„Ich werde jetzt hinter das große Geheimniß kommen.“ Die Entfernung dieſer zwei Ruheſtörer aus Danger⸗ fieldville war ein großes Glück für Rainsford und Virginia, da ſie ſie allen Qualen überhob, welche man von zwei peſtilenzialiſchen müſſigen Leuten erwarten kann, welche ſich in alle Lebensverhältniſſe Anderer miſchen und die erſte Gelegenheit benützen, der Welt ihre Entdeckungen mitzutheilen. Groß war die Freude unſeres Mr. Littlejohn 15* — 2— über die Rückkehr der Familie, und groß die Wonne, mit welcher er ſich über die mächtigen Verbeſſerungen herausließ, welche er während ihrer Abweſenheit gemacht hatte; wie er ſechs Aepfelbäume gepfropft, eine ganze Reihe Paſtinaken gepflanzt, an einem einzigen Morgen faſt ein ganzes halbes Salatbeet von Unkraut gereinigt, mit eigener Hand eine große Diſtel ausgerupft, die in dem Wege aufgeſchoſſen, und eine Seekatze gefangen habe, die ſechs und dreißig und ein halbes Pfund gewogen. Dies krönte, wie es ſcheint, die Reihe ſeiner glorreichen Tha⸗ ten, denn wir finden von dieſer Zeit an bis zur Rückkehr des Oberſten nichts mehr, das bemerkenswerth wäre. Wahrheitsliebend, wie wir ſind, müſſen wir aber doch bekennen, daß viele Stühle Zeugniß ablegten, wie Mr. Littlejohn die alte Gewohnheit, drei zu gleicher Zeit zu ſeiner Bequemlichkeit zu benützen, noch nicht aufgegeben hatte. Der ſchwarze Krieger und Buſchfield verſäumten nicht, den Oberſten zu beſuchen, ſobald ſie Nachricht von ſeiner Ankunft erhalten hatten. „Die kleine Squaw ſehen jetzt nicht ſo weiß aus, als wenn ſie fortgingen,“ ſagte der Krieger. Virginia erröthete ein wenig und blickte Jemand an. „Pah, Oberſt,“ ſagte Buſchfield,—„mit meiner Geduld iſts nun zu Ende. Ich kann's hier nicht mehr aushalten.“ „Nun, was gibt's?“ fragte der Oberſt. „O, Alles wird ſo dicht rings herum, daß man ſich nicht mehr bewegen und ſeine Seele ſein eigen nennen kann. Da iſt der Böhnhaſe, der ſich grade unter meiner Naſe, nur fünf Meilen von meiner Hütte, niedergelaſſen hat. Gut, ich habe ihn auf der That ertappt, wie er auf meiner Seite des Fluſſes einen Hirſch ſchoß— ich will mich ſchelten laſſen, wenn's nicht wahr iſt, Oberſt. Nun, was ſoll da ein Menſch anfangen? Ich habe ihn heraus⸗ gefodert, die Büchſe mit mir auf hundert Schritte zu probiren. Aber er iſt feig wie Knoblauch. Er ſagt, er habe das Land von Oheim Sam*) gekauft und habe ſo gut das Recht, hier Hirſche zu ſchießen, wie der Präſident ſelbſt. Das war mehr, als eine todte Beutelratte aus⸗ halten könnte. Ich will mich erſchießen laſſen, wenn ich ihn nicht ſalbte, daß er drei Tage an ſeinen nächſten Nachbar dachte. Gut, bei Georg!— Ihr werdet es kaum glauben, Oberſt!— er verklagte mich. Denkt Euch nur die Unverſchämtheit des Kerls, einen Gentleman zu ver⸗ klagen. Ich habe ihm für die Salbung fünfzig Dollars bezahlt; wenn ich ihn aber, ſobald wir wieder zuſammen kommen, nicht für hundert Dollars ſalbe, bin ich eine Memme, ſag' ich.“ Der Oberſt bezeigte ihm ſein Beileid, rieth ihm aber zugleich, ſich den Geſetzen zu fügen. *) Von der Regierung. — 230— „Geſetze! Für mich keine von Euern Geſetzen, Oberſt. Ich kann nicht leben, wo es Geſetze und Geſetzesleute gibt, und ein Kerl nicht weiß, ob etwas recht oder unrecht iſt, ohne in ein Geſetzbuch zu gucken. Es ſcheint, ſie wiſſen von dem Gewiſſen nicht mehr, als ich von dem Geſetze. Nun, was mich angeht, ſo werde ich eben thun, was ich für recht halte, und das heiße ich, nach meinem Gewiſſen gehen. Aber Oberſt“ fuhr er mit einem wun⸗ derlichen Kichern fort—„ich bin in eine ſchlimmere Pfütze gekommen als der Handel mit dem Squatter iſt.“ „Nicht möglich! Das thut mir leid. Was iſt's?“ „Nun, Ihr müßt wiſſen— nicht lange, nach dem Ihr weg wart, kömmt ein Mann hier entlang geritten, der, wie ich denke, ſeine Macaſſins noch nicht lange weg⸗ geworfen hatte, und ein anderer Geſell iſt hinter ihm mit einem bordirten Hut und grade ausſehend, wie ein Miliz⸗ Mann. Gut, ich rief ihn hier herein, denn Ihr wißt, ich thue gern, wie Ihr in Euerm eigenen Hauſe zu thun pflegt, und er kam wie ein ehrlicher Kerl heran. Aber der Kapitän, denn dafür nahm ich ihn, machte ein ſaures Geſicht und blieb mit den Pferden draußen. So ging ich hinaus und faßte ihn wie eine Katze und ſagte:„Kapitän, man ſollte glauben, Ihr hättet das Innere des Hauſes eines Gentleman nie vorher geſehen.“ Aber er hielt ſich zurück wie alle Wetter und wollte nichts nehmen. So ſagte ich:„Fremder, ich bin ein friedliebender Mann, ſo oder ſo; aber Ihr wißt vielleicht nicht, daß es eine Belei⸗ — 231— digung für unſer Einen iſt, wenn man in Alt⸗Kentucky die Gaſtfreundſchaft ablehnt.“ Ich hatte ihn die ganze Weile feſt gefaßt, ſonſt wäre er los gegangen, wie eines dieſer verdammten Percuſſions-Schlöſſer, die jetzt Mode werden.„Kapitän,“ ſagte ich,„hier auf Eure Geſund⸗ heit, und ich wünſch' Euch ſo lange zu leben, bis ihr General werdet.“—„Kapitän?“ ſagte der Andere:„Er iſt kein Kapitän; er iſt mein Bedienter.“—„Was?“ ſagte icht „Ein weißer Mann der Bediente eines Andern? Einen Nigger aus ihm machen? Geht, das iſt zu ſchlecht!“ und ich fing an und wurde ein wenig warm. Ich fragte den Einen, ob er ſich nicht ſchämte, aus einem Mitgeſchöpfe einen Sklaven zu machen, und den Andern, ob er ſich nicht ſchämte, ſich ſelbſt zum Nigger zu machen; und ſie wurden ziemlich laut. Ich weiß nicht genau, wie es gekom⸗ men iſt— aber wir kamen aneinander, und ich ſalbte ſie Beide, aber doch nicht eher, als bis ſie aus dem Hofe waren, denn ich bin nicht gern unhöflich, ſo oder ſo. Gut, was denkt Ihr? Statt die Sache wie ein Gentleman abzumachen, ſchickt der Kerl, der einen weißen Mann zum Nigger hatte, ſtatt hübſch heraus zu kommen— ja, ich will ewig verdammt ſein, wenn ich lüge— einen Polizei⸗ diener nach mir. Gut, ich machte kurzen Prozeß und ſalbte ihn auch, ſo oder ſo. Aber ich kann nicht mehr hier bleiben. Der alte Schneeball ließ neulich ſeinen Zügel fahren und puffte weg, als wäre der Blitz in die Pfanne gefahren; ſo vin ich jetzt wieder mein eigener Herr und — 232— Niemand ſteht mir mehr im Wege. Ich muß fort und mich nach einem Platze umſehen, wo ein Mann unabhän⸗ gig leben kann, wo es kein Geſetz gibt als das Gentle⸗ mans⸗Geſetz, und keine andern Nigger, als ſchwarze. Ich werde Euch nicht wieder ſehen, Oberſt,— es iſt ſehr wahrſcheinlich, und ſo lebt Alle wohl. Ich hoffe, Ihr folgt mir bald nach, denn ich halte es für unmöglich, daß ein Menſch, der ſeine geſunden fünf Sinne hat, hier län⸗ ger verweilt, um ſich wie ein Pferd hänſeln zu laſſen und nicht zu leben, wie es ihm gefällt.“ Und er ging mit einem Herzen, ſo leicht wie eine Feder von dannen, um einen Ort aufzuſuchen, wo er nach ſeinem Gewiſſen leben könne. — Siebenzehntes Kapitel. Ein Geheimniß, für welches Frau Judith ihre beiden Ohren hingegeben hätte. Der Herbſt mit allen ſeinen milden Reizen war nun wieder gekommen und der neblige Indianiſche Sommer goß ſein ſanftes Düſter über das Land, den fernen Gegen⸗ ſtänden die Tinten einer frühen Dämmerung und den näheren den ganzen Charakter der Entfernung leihend. Die Bumen waren alle dahin, aber die rauhen, bunten Farben der Wälder traten an ihre Stelle; und obgleich die Luft nicht ſo heiter und ſonnig war, wie die der la⸗ chenden, heitern Frühlingszeit, ſo hatte ſie eine gleiche, nüchterne Milde, welche den Körper, ohne ihn zu erſchlaf⸗ fen, zur Thätigkeit und Bewegung ſtimmte. Rainsford war jetzt an Geiſt und Körper hergeſtellt, und Virginia lebte in der völligen Sewißheit ihres Glücks. Der Oberſt und Miſtreß Dangerfield fühlten ihr Vertrauen in die Dauer ſeiner Wiederherſtellung jeden Tag wachſen und hatten fortan nichts mehr gegen die Vereinigung der Lie⸗ benden, welche bald für immer verbunden werden ſollten. Im freundlichen Zuſammenſein floſſen dem glücklichen Paare die Stunden hin, und eine milde Heiterkeit war —=— ihre Gefährtin in dem Hauſe, wie auf ihren Spazier⸗ gängen an den ufern des Fluſſes. Als ſie zum erſten Male die Stelle wieder beſuchten, wo der böſe Geiſt der Schwärmerei ihn ſo heftig heimgeſucht hatte, bebte Rains⸗ ford bei der Erinnerung an jene Stunde. Er gedachte, wie eines ſchauderhaften Traums, ſeiner Gefühle und ſei⸗ ner Abſichten in jener Zeit, und erinnerte ſich inniger, tiefer und rührender, denn je, wie viel er dem gütigen, lieblichen Weſen zu danken habe, welches er einſt der Vernichtung weihen wollte. Sein Herz ſtrömte von Dank⸗ barkeit und Liebe über; ſeine Seele war in ſeinen Augen, wenn er ſie anſchaute, und die rührende Schönheit ihres Antlitzes, die Vollendung ihrer Geſtalt, die ganze Harmo⸗ nie weiblicher Anmuth, die er vor ſich ſah, beſchäftigte und feſſelte ſeinen Geiſt weniger, als das Bild der treuen, edeln Jungfrau, welche unter ſo vielen entmuthigenden umſtänden eingewilligt, ihr Glück ſeiner Sorgfalt anzu⸗ vertrauen, welche ſo weſentlich dazu beigetragen hatte, daß er fähig war, ein ſo edles Pfand zu bewahren. Die Fülle ſeines Herzens überwältigte ihn, und ſein Haupt ſank auf ſeine Bruſt. Virginia bebte in Angſt, der Anblick alter Scenen hätte jene Gefühle und Ahnungen wieder hervorgerufen, welche ſie auf ewig aus ſeinem Geiſte verbannt lhoffte. Sie fragte ihn bange um die urſache ſeiner Erregung und deutete auf das hin, was ſie fürchtete. „Es erinnert mich,“ ſagte er traurig und hob ſein — 1— Haupt empor,—„in der That, es erinnert mich an das, was ich um Alles, was die Welt Koſtbares hat, dich, Vir⸗ ginia, ausgenommen, vergeſſen möchte. Aber du ſollſt Alles wiſſen, du ſollſt erfahren, welche Gefahr dir einſt durch mich drohte; aber ſie ſoll dir, ich habe das volle Vertrauen auf den Himmel, nie wieder drohen. Doch, du ſollſt Alles erfahren— ich will kein Geheimniß vor dir haben, Virginia. Ehe du dich mir für alle Zeit ver⸗ bindeſt, iſt es meine heilige Pflicht, dir zu entdecken, was ich beabſichtigte, ſo wie, was ich gethan habe. Meine Ehre fordert dies Geſtändniß.“ Rainsford ſetzte ihr jetzt auseinander, welche Rich⸗ tung ſeinem Geiſte, welcher von dem Vorgefühle, das ſei⸗ nen Lebensbecher bereits in ſo hohem Grade vergiftet hatte, faſt ganz bewältigt war, durch den feurigen Schwär⸗ mer gegeben worden, der im vorigen Jahre in dem Dorfe gepredigt hatte. Er ſchilderte den Kampf ſeiner Gefühle — das endliche Erfaſſen ſeines Entſchluſſes— die Zeit und Art, wann und wie er der Ausführung ſeiner Abſicht ſo nahe geweſen— und das endliche Aufgeben derſelben, nach einem Kampfe, welcher das Fieber erzeugte, das, Dank dem Segen ihrer treuen, liebevollen Sorgfalt, mit ſeiner Wiedergeburt zum Glücke endigte. Wir haben be⸗ reits bemerkt, daß Rainsford alle Erinnerung an die Zeit verloren hatte, welche zwiſchen dem Ausbruche ſeiner Krankheit und ſeiner Wiedergeneſung lag. „Nun weißt du Alles, Virginia,“ fuhr er fort,„und — 236— hier, an der Stelle, wo du zuerſt mein zu ſein verſprachſt — hier lgebe ich dir volle Freiheit, dein Verſprechen zu⸗ rück zu nehmen. Ich liebe dich mit einer Zärtlichkeit, in welcher ſich Alles vereinigt, was das Weſen der wahren Liebe, der treuen, ewigen, unwandelbaren Liebe ausmacht. Wagſt du es jetzt, dich mir zu vertrauen, ſo werde ich mich, meine Zeit, meine Befähigung, meine ganze Seele deinem Glücke weihen. Ich werde ſeyn, was du wün⸗ ſcheſt, daß ich ſey. Sind Zurückgezogenheit und häusliches Glück dein Wunſch, ſo ſoll er befriedigt werden. Haben Glanz und Ehren ein Reiz für dich, ſo fühle ich wohl die Kraft in mir, alles das zu erreichen, was ich zu werden ſtrebe, und du ſollſt mich, wenn ich am Leben bleibe, jeden Platz einnehmen ſehen, den mir ein Wink von dir an⸗ deutet. Nun noch einmal, Virginia— mein Schickſal iſt in deiner Hand— entſcheide es für immer. Kannſt du mir nach dieſem vertrauen?“ „Wie ich dir vorher vertraute— wie ich dir immer vertrauen werde,“ ſagte Virginia feſt und ohne Zögern. Rainsford ſchloß ſie, zum erſten Mal, in ſeine Arme und gab ihr jeden Namen, der dem Herzen des Weibes theuer iſt. „Ich habe meinen Schwur nicht gebrochen,“ ſagte er, ſie los laſſend,„denn ich kann jetzt mit hoffnungsvoller Zuverſicht, mit der feſten Ueberzeugung, mein Schickſal erfüllt zu haben, auf die Vergangenheit zurück und in die — 237— Zukunſt, die ſich vor mir ausbreitet, ſchauen; ich habe ein Vorgefühl, theuerſte Virginia—“ „Ach, Rainsford! weg mit den Vorgefühlen! Wenn ſie je prophetiſch ſind, ſo ſind ſie es, weil ſie, wie Pro⸗ phezeiungen, zu ihrer Erfüllung ſelbſt mit beitragen. Ich bin überzeugt, die wahre Quelle ſo vielfacher Krankheiten des Geiſtes und Körpers iſt in der vorangehenden Stim⸗ mung zu ſuchen, die ein Vorgefühl ihres ſichern Eintref⸗ fens gibt.“ „Gewiß— ſehr wahr— wo biſt du ſo klug gewor⸗ den?“ ſagte Rainsford lächelnd. „Habe ich nicht eine kluge, tugendhafte Mutter?“ war die empfindliche Antwort.„Nun ich aber das Ge⸗ heimniß meines Freundes kenne, will ich ihm auch das meinige vertrauen.“ „Das deinige? Haſt du auch Geheimniſſe? Nimm dich in Acht, daß dich Niemand für eine zweite Miſtreß Judith Padock anſieht.“ „Ja— ich habe auch meine Geheimniſſe. Ich kannte damals die Abſicht, die du mir eben mittheilteſt.“ „Du?— du?“ rief er erſtaunt:„du kannteſt ſie?“ „Ja, Rainsford; du glaubteſt, ich ſäh' auf den Abend⸗ ſtern, als du den Dolch über mir zuckteſt. Aber ich ſah es.“ „Und du ſchrieſt damals nicht auf, noch flohſt du, noch wurdeſt du ohnmächtig, noch haßteſt du mich hernach? — 238— D Virginia, möge der Himmel dich ſegnen. Aber wie, wie war es möglich?“ „Du vergiſſeſt,“ ſagte ſie beſcheiden,„wer und was ich bin. Ich nenne mich eine Tochter von Alt Kentucky. Du vergiſſeſt, daß zur Zeit unſerer Einwanderung hier die Gefahr, gleich der Peſt, bei Tageslicht und im Dun⸗ kel durch dieſe Wälder wandelte; daß wir uns nie Nachts zur Ruhe legten, ohne erwarten zu müſſen, vor dem Morgen durch das Mordgeſchrei der Indianer geweckt zu werden; daß wir, ganze Jahre hindurch, keine Stunde auf den Beſitz des Lebens rechnen konnten; und daß ich, ja, Rainsford, ich und meine theure Mutter mehr als einmal an der Seite des Gatten und des Vaters ſtanden, wenn die Wilden ſich näherten, um Feuer an unſere Wohnung zu legen, und die Flinten luden, welche er und ſeine Leute auf die gemahlten Krieger abſchoſſen. Du ver⸗ giſſeſt, daß wir mit dem Tode vertraut geworden und daß der Fleck, auf welchem wir ſtehen, ein Theil„des düſtern und blutigen Landes“ iſt. Fürchteſt du dich nicht, daß ich dieſer Tage das Gewehr auf dich anlege?“ ſetzte ſie ſcher⸗ zend hinzu. „Beim Himmel, nein! Ich fürchte nur, mir würde immer, wenn ich dir nahe komme, zu Muthe ſeyn, wie dem Fuchſe in Gegenwart des Löwen!“ „O ja, ich danke dir. Aber erinnerſt du dich auch, wie bald der Fuchs ſich darüber wegſetzte?“ „Nun, nun, meine ſüßeſte, beſte Virginia, obgleich —— — 239— ich dich nicht fürchte, ſo hoffe ich doch, du erlaubſt mir, dich zu verehren.“ „O, ganz gewiß, vorausgeſetzt, daß du mich nicht be⸗ handelſt, wie die Verehrer von Götzenbildern ihre hölzer⸗ nen Gottheiten behandeln, wenn ſie ihre unvernünftigen Wünſche nicht erfüllen.“ Das Horn, welches gewöhnlich geblaſen wurde, um die Arbeiter zu dem Nittagmahle zu rufen, ertönte jetzt fern und weit, und ſie kehrten, der vorgerückten Zeit ſich erinnernd, leichtern Schrittes und leichtern Herzens, als ſie gekommen waren und als ſie ſich lange gefühlt hatten, nach Hauſe zurück. An einem gewiſſen Weihnachts⸗Abend, als Virginia eben ihr zwanzigſtes Lebensjahr, welches ſie in den Beſitz eines, wie Rainsford jetzt zum erſten Male hörte, ſchönen Vermögens brachte, das ihr, als ſie kaum Ein Jahr alt war, eine Tante hinterlaſſen hatte, ward das liebliche und gleich der erſten Frühlingsblume reine Weſen mit ihrem Herzen, das alle Kleinodien des perſiſchen Diadems werth war, Rainsford's Gattin. Wir enthalten uns, ihre Klei⸗ dung, ſo wie die des Bräutigams zu beſchreiben, denn wir fürchten, Beide möchten an Schnitt und Stoff gar unmo⸗ diſch erſcheinen. Man hat uns im Vertrauen berichtet, das Kleid der Braut habe nicht mehr als zwölf Ellen Muslin enthalten, und die einſchlägigen Künſtler, deren Autorität wir nicht bezweifeln, verſichern uns, dies ſei ein Drittheil weniger, als eine vernunftige Frau, worunter ſie eine Frau von vernünftigem Umfange verſtehen, brauche. Herrn Dudley Rainsford angehend, ſo hatte er keinen Schnurrbart, und das reicht allein ſchon hin, ihn aus den Reihen der Mode und in ewige Vergeſſenheit zu verwei⸗ ſen. Man tanzte bei dieſer Gelegenheit weder Walzer noch Galoppaden, aber von allen glücklichen Geſichtern und weißen Zähnen, die ſich je in dieſer neuen Welt ſehen ließen, waren die, welche in die Thüren und eben auch in die Fenſter des Oberſten Dangerfield herein glänzten, die glücklichſten und weißeſten. Da ſtand Pompey Enten⸗ bein, der Große, der noch lebt und ewig leben würde, wenn dies von uns abhinge, und deſſen Kauwerkzeuge unter den Ruinen der Zeit ſich noch in ihrer ganzen glänzenden Elfenbein⸗Pracht zeigten. Da ſtand Pompey der Kleine und an ſeiner Seite die holde ſchwarze Venus, Cora geheißen, die Zofe der ſchönen Braut, und in die⸗ ſem Augenblicke nicht nur die Theilnehmerin ihrer Würde, ſondern auch gewiſſermaßen der feierlichen Handlung ſelbſt; und da und dort und überall ließen ſich Geſichter ſehen, welche wie Stücke Kohlenblende oder wie ſchön ge⸗ wichſte Stiefel glänzten; und alle Augen ſchienen aus den Köpfen heraus zu tanzen, und alle Herzen frohlockten über die glückliche Hochzeit ihrer jungen Miſſi. Und wohl mochten ſie ſie lieben, denn ſie war gütig gegen Alle. Es war ein großer Tag für den großen Pompejus Entenbein, dieſe letzte Ruine der Altvirginiſchen Ariſtokra⸗ tie. Er ſchwatzte von der alten Zeit und prahlte mit ——— —— deren Herrlichkeit, und nachdem er der jungen Braut von ſeinen Reiſen nach St. Louis und all dem erzählt hatte, ſchloß er damit, daß er es feierlich als ſeine Anſicht hin⸗ ſtellte;„nach allem könne ſich doch nichts mit Alt⸗Phiginny vergleichen.“—„Sie nimmer ermüden,“ ſetzte er hinzu, „ich das ſagen von ihm.“— Pompey der Kleine—(es war beim Abendeſſen, wo die Ebenholz⸗Taſſe in Eine Stunde ſo viel Freude und Genuß zuſammendrängte, als andere Leute in einem ganzen Winter voll Zerſtreuungen), Pompey der Kleine aber behauptete, nach ſeinem Dafür⸗ halten ſei Miß Phiginny ein Dutzend Alt⸗Phiginny werth, worauf der große Entenbein ſich verbeſſerte und großmü⸗ thig dieſem Ausſpruche beitrat, zu gleicher Zeit aber die Würde des Alters geltend machte und den jungen„Nir⸗ nur“ erinnerte, wie er ſeine Familie entehrte, als er das große Wettrennen des Barebones gegen Lady Molly Magpie verlor. Dieſe vergnügten Leute ſetzten den Jubel und das Gelag in der Küche noch Stunden nach jener Zeit in der Geſchichte von Liebenden fort, welche alle be⸗ ſcheidenen Autoren einſtimmig der Phantaſie ihrer Leſer überlaſſen. „Warum gleicht die Hochzeit dem Tode?“ fragte Caroline von Lilienweiß den Grafen Rudolph von Schweig⸗ hauſenbergenſtein. „Weil alle Romane mit dem einen dder andern en⸗ digen,“ ſagte der Graf. Aus Ehrfurcht vor einer ſo hohen Autorität wie der Paulding II. 16 Graf, welcher den ſchönſten Schnurrbartwuchs in der Stadt hat und Göthe lieſ't, ſchließen wir hier unſere Er— zählung, welche wir, der Leſer wird es nicht bezweifeln, ganz bequem noch in zwei ferneren Bänden fortſpinnen könnten, wenn es ſeyn müßte. Aber wir dürfen doch von einigen unſerer alten Bekannten nicht für immer ſcheiden, ohne ihrer im Vorübergehen noch zu gedenken und ihnen Lebewohl zu ſagen. Mr. Ulyſſes Littlejohn iſt oder war vor wenigen Jahren noch, einer der älteſten und, wenn auch nicht einer der weiſeſten, doch gewiß einer der glücklichſten Greiſe in ganz„Alt⸗Kentucky.“ Seine lobenswerthe Gleichgültigkeit gegen die kleinen Stiche und Stöße des Lebens,— ein beſſerer Schild als die Haut des Achilles oder nnn⸗ liche Ziererei der Philoſophie— ſchützt ihn ſelbſt gegen die Verdrießlichkeiten des Alters und deren Gebrechlich⸗ keit. Er hat überdies eine Art bequemen, ausgetretenen Schutz⸗Charakter, der es jedem nach ſeinem Sinne macht und Niemand weh thut. Selbſt ſeine zunehmenden Ge⸗ brechen haben ſeiner Laune keinen Abbruch gethan, und er iſt gewohnt, ſich zu den trägen Sitten ſeines Lebens Glück zu wünſchen, welche ihn jetzt, da er nicht mehr im Stande iſt, ſich Bewegung zu machen, vor der Ungeduld des Müſ⸗ ſiggangs und der Unthätigkeit ſchützen. Eines Tags bezeigte ihm der alte Pompey, welcher ſeine Entenbeine in unſterblicher Jugend ſchwingt, ſein Beileid, daß er nicht ſo thätig ſein könne, wie er. — 213— „Ah, Maſſa Liedeljohn, wie Schade, Ihr nicht ſo Beine haben, wie mein. Ariſtokratie immer haben gute Beine.“ „Pomp,“ verſetzte Ulyſſes,„ich möchte nicht um Alles in der Welt ſo ein Paar Beine haben, wie du. Sie haben genau die Form eines Kürbiſſes. Ich galt einſt dafür, das ſchönſte Bein in ganz Prinz William zu haben.“ „Eh, der Einſt die ſchlechteſte Zeit in der Welt ſein. Der Einſt nehmen Maſſa einen dieſer Tage mit ſich.“ „Gut, es mag ſein, Pompz; ich laufe nicht davon.“ „Nein, wahrhaftig. Ich denken, Maſſa nicht laufen vor dem alten Tod ſelbſt davon.“ Miſtreß Judith Paddock— doch ſie iſt todt— Friede ſei mit ihr! Wir haben ſie ſchon vor einiger Zeit getödtet. Aber Meiſter Zeno lebt noch in der Hoffnung, Neu⸗Pekin werde zuletzt ſeine glänzende Beſtimmung erreichen. In der That hat er ſtarke Gründe, ſeine Wünſche ihrer Erfullung raſch entgegen gehen zu ſehen; denn, obgleich kaum zehn Jahre ſeit der Gründung dieſer berühmten Stadt verfloſſen ſind, ſo zählte ſie doch ſchon einmal wirk⸗ lich drei ganze Blockhäuſer. Es iſt wahr, ſie wurden eines Tages durch eine Ueberſchwemmung fortgeriſſen und ſchwammen großartig den großen trocknen Fluß hinab, bis ſie aufgefangen und zu Ferkelſtällen verwendet wurden. Aber ſchon der Umſtand, daß ſie einſt erbaut worden, iſt ein gutes Vorzeichen; und Meiſter Zeno hat auf einem Breithorne, daß am Ufer des großen Trocknen, ganz nahe 16* der Lage der großen Stadt befeſtigt iſt, einen Gaſthof errichtet, wo er den Bootsleuten Whiskey nnd andere Lebensbedürfniſſe verkauft und in der Hoffnung der glor⸗ reichen Zukunft von Neu-Pekin einer der glücklichſten Sterblichen iſt. Er druckt die Weſt⸗-Sonne nicht mehr, denn dieſe ging bei der Ueberſchwemmung aus, welche die Stadt mitnahm, und zugleich ſeine Lettern, ſeine Drucker⸗ preſſe und das ganze Zubehör entführte.⸗ Unſer würdiger Schottländer, Kenneth Mactabb wurde, nachdem er unermeßliche Reichthümer geſammelt, von der Schweizer⸗Krankheit tödtlich erfaßt. Er beſuchte daher das Land ſeiner Väter, fand aber zu ſeinem Schaden, daß Jemand, der vierzig Jahre aus ſeiner Heimath entfernt geweſen, eben ſo gut für immer wegbleiben kann; denn er kömmt nur hin, um die Gräber der Geſpielen und Freunde ſeiner Jugend zu beſuchen. Betrübt, ſich ſelbſt da, wo er das Licht der Welt erblickte, einſam zu ſehen, und zu alt, um den Samen der Liebe, deſſen Früchte er nie zu ärndten hoffen konnte, in einen neuen Boden zu ſäen, kehrte er nach Amerika zurück und beſchloß ſeine Tage an den ufern des James⸗Fluſſes. Viele edle, dan⸗ kenswerthe Handlungen gingen von ihm aus, aber er konnte ſich doch nie ganz von ſeiner alten Gewohnheit lesmachen, um einen Pfenning zu markten. Die letzte Klauſel ſeines Deſtaments erließ einem Freunde eine Schuld von Tauſenden, und ſein letztes Thun auf dieſer Welt war, daß er ſich bückte, um eine Stecknadel aufzuheben. Als wir uns vor einigen Jahren mit einem Kauf⸗ mann aus Miſſouri unterhielten, bekamen wir zufallig Nachrichten von unſerm alten Freunde Buſchfield. Es ſcheint, daß er, wie die Fluth der weißen Bevölkerung vorwärts brauſte, ſich der untergehenden Sonne zuwandte, und ſich zuletzt irgendwo in der Nähe eines unſerer ent⸗ legenſten militäriſchen Poſten am Miſſouri niederließ, wohin er häufig kam, um Wild und Häute gegen Pulver, Blei und anderes Unentbehrliche zu vertauſchen. Sein üppiges Haupthaar war ſo weiß wie der getriebene Schnee geworden; ſein kuhnes, ſcharfes, dunkelbraunes Auge hatte noch, obgleich es tief in ſeine Höhle getreten, ſeinen wil⸗ den, entſchloſſenen Ausdruck, und ſeinen Körper trug er noch grade, wie ein Pfeil iſt. Sein Jagdgebiet war an den Grenzen jener ausgedehnten Ebenen, wo der Büffel noch weilte, und ſein großer Jammer beſtand darin, daß er in dieſem Moorrevier, wo es kein Echo gab und wo die Töne nie zurück gegeben wurden, ſondern ſich in der unendlichen Hede des Raumes verloren, ſeinen Hund kaum bellen oder ſein Gewehr losgehen hörte. „Eines Morgens vermißte man ihn,“ hieß es; ein zweiter Morgen kam und ein dritter, und er zeigte ſich nicht. Dies war nicht auffallend, denn er war oft ganze Wochen abweſend. Kurz darauf aber fand ihn eine Geſellſchaft Jäger aus dem Fort aufrecht an einem Baume ſitzen, ſeine Büchſe zwiſchen den Knieen und den Lauf an die Schulter gelehnt. Er hatte ſeinen letzten Schuß gethan, ſeinen letzten Büffel getödtet und war in ſeinen letzten Schlaf geſunken. Das Thier lag in einer kleinen Ent⸗ fernung und ſein Hund hatte ſich an ſeine Füße gekauert, nicht ahnend, daß die Ruhe ſeines Herrn bis zu dem Tage des Gerichtes dauern ſollte. Sie verſenkten ihn bei den Gräbern ihrer Kameraden und mancher brave alte Krieger ſagte bei ſich:„Friede den Ueberbleibſeln des alten Jägers, eines der letzten von Boone's Gefahrten!“ Haben der Oberſt und Miſtreß Dangerfield ihre Ein⸗ willigung bereut, oder hat Virginia den Lohn ihrer Zärt⸗ lichkeit, ihrer Dankbarkeit, ihrer Beharrlichkeit und ihrer edeln Treue empfangen? Wir ſind ſo glücklich, auf die erſte dieſer Fragen„Nein“, auf die zweite aber„Ja“ antworten zu können. Mehrere Jahre ſind nun verfloſ⸗ ſen, und Virginia und Rainsford fühlen ſich von Jahr zu Jahr glücklicher, je mehr ihr wechſelſeitiges Vertrauen und dies auf ſich ſelbſt wächſt. Umſonſt— denn es wäre nicht wahr— würden wir den Leſern ſagen, dieſes Glück ſei anfangs nicht dann und wann durch peinliche Erinnerun⸗ gen an die Vergangenheit und durch Beſorgniſſe vor der Zukunft getrübt worden. Dieſe hatten aber ſtets ihr eige⸗ nes Gegenmittel bei ſich, und dieſes beſtand in der ver⸗ mehrten Zärtlichkeit und Sorgfalt Virginia's, das Glück ihres Gatten zu fördern, und in ſeiner hohen Dankbarkeit und Liebe, wenn er all deſſen gedachte, was ſie für ihn gethan hatte. Kurz, der Genuß und die Zufriedenheit der Gegenwart verſchlang die Erinnerung an vergangene — Schmerzen, verſcheuchte die Wolken der Zukunft und legte den Grund zu einem dauernden, feſten Vertrauen auf die Güte der Vorſehung. Virginia hat in der neueſten Zeit Rainsford ermu⸗ thigt, ſeinen großen Reichthum der Verbeſſerung der umlie⸗ genden Gegend, und ſeine ſchönen Talente dem öffent⸗ lichen Leben zuzuwenden. Leonard Dangerfield und er folgen nun in Eintracht und Freundſchaft einer glänzenden Laufbahn, und Virginia ſieht mit Entzücken, daß ihres Gatten Geiſt, während er beſchäftigt iſt, die erhabene Größe jener Gegenſtände zu erfaſſen, welche ſich an die Wohlfahrt und den Ruhm unſeres Vaterlandes knüpfen, Kraft ſammelt und in der Thätigkeit neuen Glanz erhält. Er brütet nicht mehr über ſich und ſeine kleinlichen Beſorg⸗ niſſe, ſondern vergißt ſie alle in dem edeln Ehrgeize, ſich Andern nützlich zu machen. Unſerer Heldin wird der Lohn, den ſie verdient, denn ſie führt ein Leben der Liebe und Tugend, und ihr Pfad wird von dem Bewußtſein erhellt und geſchmückt, daß ſie in der Rückzahlung einer Schuld der Dankbarkeit ausdauerte. Sie lebt noch, und wir hoffen, ſie wird noch lange leben, glücklich in der hin⸗ gebenden Liebe eines Mannes, auf den ſie Grund hat ſtolz zu ſein, und in dem Vollgenuſſe der beſten Mitgift eines Weibes— der Liebe ihrer Eltern, ihres Bruders, ihrer Nachbarn und ihrer Angehörigen. — 248— Man findet, hoffen wir, die Moral unſerer Erzählung in der Warnung vor jeder Art Schwärmerei, und vor der Schwäche, Vorgefühlen von Unglück ſich zu überlaſſen; und in dem Zeugniß, welches ſie bietet, daß, ſo lange noch Leben, auch Hoffnung da iſt, und daß nichts des beſondern Schutzes der gnädigen Vorſehung würdiger macht, als die Beharrlichkeit in der Erfüllung aller menſchenfreundlichen Pflichten gegen die, auf welchen die Hand des Schickſals ſchwer laſtet. Inhalt des zweiten Theils. Seire Erſtes Kapitel. Zucker⸗Saturnalien 5 Zweites Kapitel. Ein Abendſpaziergang, ein Abend⸗ geſpräch, und was erfolgte.... 13 Drittes Kapitel. Ein halbes ven iſ ſchüm- mer als keines, was mit einem halben Laib Brod nicht der Fall iſt.... 40 Viertes Kapitel. Zeigt, wie Jidi paddoc faſt um den Verſtand kam... 52 Fünftes Kapitel. Wie ein gaſchentue zi S Leuten als der armen Desdemona, Unglück bringen Sechstes Kapiter Beweiſt, daß die Furcht vor dem Unglück das größte Unglück iſt 229 Siebentes Kapitel. Ein berühmter Prediger 90 Achtes Kapitel. Schwärmerei.. 102 Neuntes Kapitel. Buſchfield revirt einem ſeltſamen Geſchöyf — — 250— Zehntes Kapitel. Ein Sonnenblick wird ſchnell wieder verdüſtert Eilftes Kapitel. Eine Probe von Gelehrſamkeit, eine Entweichung und ein Geſpräch über Gleichheit Zwölftes Kapitel. Der beſte Mann des Dorfes Dreizehntes Kapitel. ein pyirſopyi in Vierzehntes Kapitel. Eine Kritik über Grab⸗ ſchriften 16 Fünfzehntes Kapitel Zeigt wie ein Feind den andern vertreibt Sechzehntes Kapitel. Berührt die Fortſchritte der Bildung und den Unterſchied zwiſchen Geſetz und Gewiſſen Siebzehntes Kapitel. Ein Geheimniß, für welches Frau Judith ihre beiden Ohren hinge⸗ gebri hütte Seite 129 141 161 175 188 201 235 In demſelben Verlage ſind folgende empfehlenswerthe Schriften ene und um beigeſetzte Preiſe durch alle Buchhand⸗ — lungen zu beziehen. Döring, Georg, Roland von Bremen, Nooelle in 3 Theilen. Geh. Rthlr. 4. 20 gr. fl. S. 24 kr. —— Phantaſiegemälde. 5 Jahrgänge 1829 bis 1831 und 1833. Jeder Jahrgang mit einem Titelkupfer von Fleiſchmann. Geb. à 16 gr. ſl. 1. 12 kr. —— dramatiſche Novellen. 4 Theile. Rthlr. 5. 8 zr ſ. 9 —— Tage der Vorzeit. Dramatiſches Gedicht in vier Darſtellungen, aus der Geſchichte der freien Stadt Frankfurt. 1. Die Gründung. 2. Der Kaiſerſitz. 3. Die Wahlſtadt. 4. Guſtav Adolphs Abſchied von Frankfurt. Cartonirt. Rtblr. 1. 8 gr. fl. 2. 15 kr. Dieſe Dichtuugen des berühmten Herrn Verfaſſers haben ſich des außerordentlichſten Beifalls nicht allein von Dentſchland, ſondern auch theilweiſe von England und Frankreich, wobin ſie talentvolle Ueber⸗ ſetzer verpflanzt, zu erfreuen. Mit Recht nennen ihn kritiſche Blätter den deutſchen Cvoper; denn wie er gleich dieſem genialen Schrift⸗ ſteller einen Reichthum der Erfindung entfaltet, eine ſcharfe Charak⸗ teriſrung in allen Individuen aufſteilt, jo gelingen ihm auch ebenſo die Schilderungen von Naturſcenen, die Darſtellungen reizender und romantiſcher Lokalitäten, mit allen dichteriſchen Details, welche dazu heitragen, ein Vild zum Kunſtwerke zu erheben. Daß die reinſte Moralität in allen ſeinen Dichtungen vorherrſche, und ſie deshalb ohne Anſtand jeder Jungfrau in die Hand gegeben werden können, iſt allgemein anerkannt. Duller, Eduard, Franz von Sickingen. Dra⸗ matiſches Gedicht in fünf Abtheilungen. 8. Geh. Rthlr. 1. 8 gr. fl. 2. 20 kr. Duller, Eduard, Phantaſiegemälde für 1836. Mit einem engliſchen Stahlſtiche. 8. Elegant gebunden. Rthlr. 1. 12 gr. fl. 2. 42 kr. —— Erzählungen und Phantaſieſtücke. Zwei Theile. 8. Rthlr. 3. fl. 5. —— die Feuertaufe Eine Erzählung. Zwei Theile. S. Rthlr. 3. fl. 3. —— Phantaſiegemälde für 1835. Mit einem Kupfer von Fleiſchmann. 8. Elegant gebun⸗ den. Rthlr. 1. 12 gr. fl. 2. 42 kr. —— Kronen und Ketten. Ein hiſtoriſcher Roman. 3 Theile. 8S. Rlhlr. 4. 21 gr. fl. S. 24 kr. Der geiſtreiche Verfaſſer zeigt in dieſen ſeinen neueſten Werken den freundlichen Leſern eine Fülle der bunteſten Aus⸗ und Anſichten. Ein friſcher Hauch des Lebens und der Phantaſie beſeelt ſeine Erzäh⸗ lungen und Phantaſieſtücke. Der Leſer finder darin bald ein freundlich Prihe Genrebild, bald ein Nachtſtück à la Höllenbreughel. Der reiche Stoff und die gelungene Behandlung berechtigen uns, dieſe äußerſt intereſſanten Schriften ällen Freunden einer geiſtreichen Unter⸗ haltungslektüre zu empfehlen. 3, Duller, Eduard, Loyola. Drei Bände. S. Geheftet. Rthlr. 4. 21 gr. fl. S. 24 kr. Es iſt der Stifter des Jeſuitenordens, der heiliggeſprochene Ignazius von Lyyola, welchen Duller mit größter Kühn⸗ heit und Meiſterſchaft in dieſein ſeinem neueſten hiſtoriſchen Romane ſchildert; letzterer bietet zugleich ein anſchauliches Gemälde des welt⸗ beherrſchenden Ordens ſelbſt, der heutzutage wieder ebenſo geſchäftig iſt als vor dreihundert Jahren. Schon baben ſich eine Menge der geachteſten deutſchen Zeitſchriften auf eine Art über dieſes neue Geiſtesprodukt Dullers, welches in ſeinem„dich⸗ teriſchen Leben und Wirken Epoche macht,“ ausgeſprochen, daß ihm, was Gedankentiefe, Erfindungsfülle, ſittlichen Adel der Geſin⸗ nung und Begeiſterung für Wahrheit und Humanität betrifft, unter den jetzt lebenden deutſchen Novelliſten der erſte Rang angewieſen bleibt.„Duller hat in neueſter Zeit das Größte geliefert“(heißt es in einem weitläuftigen ſehr günſtigen Artikel über Loyola in Nro. 2 1und 212 der Seitung für dieelegante Welt)„was feit Jahren im Fach des hiſtoriſchen Romanes geboten worden iſt.“ Gleich günſtige Urtheile haben bereits auch die Literariſchen ungkritiſchen Blätter der Ha mburger Börſenhalle(in Nro. 1289 und 1290), das von H. Marggraff redigirte Berliner Conperſationsblatt“ (in Nro. 146), der Freimüthige von Gentzel(in Nry. 223), K. B. üchner„kitergriſche Zeitung,“ das Literaturblatt Nro. 89 zur Abendzeitung, vas Literaturblatt zum Kometen (Nro, 44), ausgeſprochen Alle dieſe öffentlicen Stimmen vereinigen ſich, die Großartigkeit der Erfindung, die Originalität der Ideen, und die ſbakspearſche Kraft des Styls anzuerkennen, welche von dem der gewöhnlichen Romane ganz abweicht. Edgeworth, Maria, die Gönnerſchaft. Aus dem Engliſchen von Louiſe Marczoll. 4 Theile. Rthlr. 4. 12 gr. fl. 7. 48 kr. Evelina und Johanna, die Heldinnen des fünfzehnten Jahrhunderts. Ein hiſtoriſcher Ro⸗ man in 12 Büchern. 3 Theile. Rthlr. 2. 6 gr. fl. 3. 48 kr. Fiſcher, C. A., neue Kriegs- und Reiſefahrten oder romantiſche Kriegs- und Lebensabentheuer. 2 Theile. Rthlr. 3. 12 gr. fl. 6. —— Hyacinthen in meinem Kerker gezogen. Rthlr. 1. fl. 1. 45 kr. Gutzkow, K., Soircen. 2 Theile. Rthlr. 3. fl. 5. 24 kr. Heeringen, Guſtav von, Fränkiſche Bilder aus dem ſechszehnten Jahrhundert. 4 Theile. S. Rthlr. 5. fl. S. 30 kr. —— der Courier von Simbirsk. Novelle. S. Rthlr. 2. fl. 3. 30 kr. Der reichbegabte Verfaſſer entwirft in des ruſſiſchen Volks⸗, Hof⸗ und Cabinet Frau, an deren Namen ſich ſtets das lebl wird, der Kaiſerin Katharina. Intri den Preis, doch die letztere ſiegt; dieſe verſöhnen intereſſanten Combinationen der Novelle gewiß viele? erſchaffen. Irving, Waſhington, ſämmtliche Werke. Aus dem Engliſchen überſetzt. 56 Bändchen. Geh. Auf Velinpapier Rthlr. 10. 6 gr. fl. 17. Auf Druckvapier Rthlr. 7. 4 gr. fl. 11. 54 kr. Dieſelben enthalten: Das Skizzenbuch.— Reiſenden.— Bracebridge⸗Hall.— Ei des Lebens und der Reiſen Cbriſto von Granada.— Humoriſtiſche Geſchi knüpfen enz wird den e Geſchichte Froherung k.— Reiſen chte von New⸗Y r num der Gefährten des Columbus.— Die Alhambra, oder das neue Skizzenbuch— Die Reiſe auf den Prairien.— Abbotsford und Newſtead⸗Abtey.— Erzählungen von der Eroberung Spaniens. König, H., die Wallfahrt. Eine Novelle. Rthlr. 1. 8S gr. fl. 2. 24 kr. Kupferſammlung zu Walter Scotts ſämmt⸗ lichen Werken. Erſte Lieferung: Das Fräulein vom See. 8 gr. 36 kr.— Zweite Lieferung: Kenilworth. 12 gr. 54 kr. Dritte Eieferung: Peveril vom Gipfel. Jvanhoe. 12 gr. 54 kr. Vierte Lieferung: das Kloſter; der Abt. Fünfte Lieferung: der Seeräuber; Marmion; die Braut von Lammermoor. Sechste Lieferung: Quentin Durward; Rokeby. Siebente Lieferung: Waver⸗ ley; Nigel's Schickſale. Achte Lieferung: der Alterthümler; das Herz von Midlothian. Neunte Lieferung: die Presbyterianer; der St. Ronans⸗ brunnen; Robin der Rothe.— Von der vierten bis zur neunten Lieferung koſtet jede Sgr. 36 kr. Kupferſammlung zu Cooper's ſämmtlichen Werken. Erſte Lieferung. 20 gr. fl. 1. 24 kr. Zweite Lieferung. 16 gr. fl. 1. 12 kr. Dieſel⸗ ben enthalten: der Spion; der Letzte der Mo⸗ hikaner; die Anſiedler; der Lootſe; Lionel Lin⸗ coln; die Steppe; der rothe Freibeuter; die Grenzwohner; die Waſſernire; der Bravo. —— zu Irving's ſämmtlichen Werken. Erſte Lieferung. 16 gr. fl. 1. 12 kr. Zweite Liefe⸗ rung. 8 gr. 36 kr. Dieſelben enthalten: das Slkizzenbuch; Erzählungen eines Reiſenden; Bracebridge⸗Hall; Eingemachtes; Leben und Reiſen des Chriſtoph Columbus. Nänny, J. C., Gedichte. Rthlr. 1. 6 gr. fl. 2. Der Name des Herrn Nänny iſt den Freunden der Dichtkunſt aus Taſchenbüchern und Zeitſchriften ein erfreulicher Klang geworden, der immer irgend ein aus der Tiefe der Gemüths⸗ und Phantaſiewelt geſchöpftes Produkt ankündigt. Vorzüglich aber ſind es heitre, liebliche Melodien, die irgend eine gefuhlvolle Anſchauung, eine poetiſche Erkenntniß des Lebens und der Natur enthalten, welche der Mufe des Herrn Nänny gelingen. Sie iſt ein reiches Kind, aber ihr Reich⸗ thum beſteht in Blumen und dieſe ſind wiederum einfache Blumen der Wieſe, traulich dem Herzen, wie dem Vaterlande, ein ſinniger Strauß für ſinnige Freunde der Poeſie. Oefele, Freiherr von, Bilder aus Italien. 2 Bände. Geh. Rthlr. 2. 20 gr. fl. 4. 48 kr. Wir dürfen dieſe Bilder, hauptſächlich der Wahrheit und Lebens⸗ friſche wegen, die ſie karakteriſiren, empfehlen. Es ſind Erfahrungen, die der Verfaſſer unter dem reizenden Himmelsſtriche Heſperiens ge⸗ ſammelt, es ſind ſeine oft höchſt eigenthümliche Anſichten, in denen uns ſo Vieles ſchon vielfach Beſprochene wiederum neu erſcheint, es ſind Ergebniſſe heitrer und romantiſcher Natur, welche Prle in kecken Zügen, in warmen Localfarben zu Gemälden vereinigt werden, die den Veſchauer anziehn, belehren und ergötzen. Offen und einfach, wie Yorick, erzählt der Verfäſſer, unabſichtlich zur Hauptfigur ſeiner Bilder werdend, in deren Weſen ſich die Menſchächkeit mit ihren tauſendfachen Schattirungen ſpiegelt. Paulding's, James, Amerikaniſche Romane. 2 Theile. 18 ggr. fl. 1. 12 kr. Dieſelben enthalten? Wohlauf nach Weſten. ₰ Der Name Paulping gehört in Amerika zu den gefeierten, und mit Recht nennt man ihn den Lieblingsſchriftſteller der Bewohner der neuen Welt. Seine Schöpfungen ſind vriginal und national zugleich. Mit Vorliebe ſchildert er Las Leben der Hinderwäldler, die Gefahren und Schrecken der Wildniſſe, der Wälder und Ströme, die Einſamkeit der neuen Anſiedler, ihre Kämpfe mit Rothhäuten, Tiegern und Wölfen; die großartige Natur ſeines Vaterlandes, das Anmutbvolle und Erbabne der Scenerien der neuen Welt u. ſ. w. Seine Charak⸗ kere ſind ſtets anziehend und ſo manichfaltig als das Leben ſie beut. Die Darſtellung iſt raſch bewegt, dramatiſch, und feſſelt ſtets die Aufmerkſamkeit des Leſers. Beachtenswerch iſt die moraliſche Tendenz, welche jedem ſeiner Romane zum Grunde liegt und um deren willen man ſeine Werke der Jugend mit Nutzen in die Hand gibt. Der ſitt⸗ liche Adel der Grundfätze unſeres Verfaſſers hat viel zu dem großen Beifall beigetragen, welchen er ſelbſt bei dem ernſt-ſtrengen Anglo⸗ Amerikaner fand⸗ Wir geben die Romane Pauldings in einer geſchmackvollen und treuen Bearbeitung nach der ganz neuen, zu Neu⸗Yorker ſcheinen⸗ den Original⸗Geſam mtausgabe. Die beiden erſten Theile ſind erſchienen, und die übrigen werden raſch folgen. Platen, Graf von, Geſchichten des Königreichs Neapel von 1414 bis 1443. Rthlr. 1. 16 gr. fl. 2. 48 kr. Platen, Graf von, die Liga von Cambrai. Ge⸗ ſchichtliches Drama in 3 Akten. Geh. 12 gr. 54kr. Nückert, Fr, Nal und Damajanti. Eine indi⸗ ſche Geſchichte. Rthlr. 1. 18 gr. fl. 2. 18 kr. Das Publikum erhält hier eine, von dem rühmlich bekannten Dichter Rückert, mit aller ibm in ſo ſeltenem Grade eigenen Sprachfertigkeit und Reimfülle übertragene indiſche Dichtung, bei der aber alles Fremdartige, ohne Studium der indiſchen Poeſie Unver⸗ ſtändliche vermieden iſt, ſo daß ſie als eine ſinnige Liebeserzihlung erſcheint, über welche ſich nur ein leiſer fremrartiger, aber kieblich⸗ ſüßer Duft ausbreitet und ſie umweht. Das Mytbologiſche, völlig verſtändlich, erſcheint in der Figur, welche am bedeutendſten eingreift, uur als Allegorie des böſen Gelüſtens, welches in unfrer Bruſt wohnt. Liebe, in bezaubernder Schilderung, ihre Leiden und Treue bilden den Inhalt des Buchleins, und wem Sinn für wahre Poeſie einwohnt, wird an dieſer Dichtung, und wem Sinn für Sprachſchönheit und Aus⸗ druck einwohnt, wird an Ruckert's Verſen ein Vergnügen genießen, wie es ſelten geboten wird. Scävola, Emerentius, die Kreolin und der Neger. Galerien romantiſcher Bildwerke. Er ſte Galerie in 3 Theilen: Der Königsenkel.— Die Kreolin.— Desſalines.— Zweite Ga⸗ lerie in 3 Theilen: Die Blutsfreunde.— Die 2 Kaperbeute.— Hahti. 6 Theile. 8. Geb. Rthlr. 9. fl. 15. rhein. fl. 13. 30 kr. C. M. E. Scävola nimmt unter den neueſten deutſchen Roman⸗Dich⸗ tern einen hohen Rang ein; ſeine unerſchöpfliche Combinationsgabe, ſeine pſychologiſche Virtuoſität, ſeine Kunſt, das Intereſſe des Leſers wie durch magiſche Kraft zu feſſeln und zu leiten, der tiefe Fond ſeiner ernſten Lebensanſichten, das foeiale Element, auf welchem er alle ſeine Romane aufbaut, haßen ihn zu einem Lieblingsſchriftſteller der gebildeten Welt gemacht. Sein neueſter Roman ſpielt auf einem Terrgin und in einer Cpoche, welche einem uns noch nahe liegendes geſchichtliches Intereſſe die Folie eines poetiſchen und politiſchen unter⸗ breiten. Die angeborne Freiheit mit dem Schlagſchatten der Sclaverei, Barharei und Humanität im Kampf, und über allen die Liebe, wie ein Seraph ſchwebend, bilden das Grundthema. Schopenhauer, Johanna, Erzählungen. Acht Theile. Zweite wohlfeilere Ausgabr. Auf Velinpap. Rthlr. 10. 20 gr. fl. 19. 24 kr. Auf Druckpap. Rthlr. S. fl. 14. n ſſſſſiſſſſſſſſſſ