Tabar or araarra ar racachranhcanhrbrüänanhnörhehr ararararagat aLarATATAEAT Leibbibliothek von— Eduard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches 1u 1 Kr. H „„„ franz. od. engl.„ Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: auf 6 Monat. 2 fl. 30 Kr.. k. 1 ſl 43 Kr, 2, 3„,. „„ „ 1: 36 / „.„ 36, 27, E 118„ arararar 1 araar anananann TAEnararnandanhnk ar ar 1 aLHNIT ALhr acaEAnhr — — Tochter des Puritaners. Von J. K. Paulding, Verfaſſer von„Des Holländers Heerd“,„Wohl auf nach Weſten“ u. ſ. w. 4r— 6r Band. Grimma und Leipzig, Druck und Verlag des Verlags⸗Comptoirs. 1851. Vie Tochter des Puritaners. Zweiter Theil. Die Tochter des Puritaners. II. 1 raliſcher und religioͤſer Leute ihren Worten. .* Erſtes Kapitel. Miriam gibt allen gehorſamen Toͤchtern ein Beiſpiel.— Legt ihrer Mutter eine verwickelte Frage vor.— Einige Ge⸗ ſpraͤche uͤber gewoͤhnliche haͤusliche Dinge.— Eine Liebes⸗ ſcene zwiſchen Mildred und Gregor Motte. Harold Habingdon war jetzt damit beſchaͤftigt, ein hoͤlzernes Gebaͤude fuͤr ſeine Familie zu errichten und mußte haͤufig die Hauptſtadt beſuchen, um ſich Bau⸗ materialien zu verſchaffen. Waͤhrend einer dieſer Reiſen war es, daß ſich die im vorigen Kapitel erzaͤhlte zufaͤl⸗ lige Begegnung ereignete und Miriam entging daher fuͤr den Augenblick einer Strafpredigt fuͤr ihre unfrei⸗ willige Miſſethat. Als gehorſame Tochter eroͤffnete ſie dieſelbe jedoch Suſannen ſogleich nach ihrer Heimkehr, denn ihre reine, unſchuldige Seele hegte nie die Idee, eine Handlung oder einen Gedanken vor ihrer Mutter geheim zu halten. Sie erzaͤhlte daher offen die ganze Geſchichte oder beabſichtigte doch dies zu thun, aber die Geſchichte war eben ſo wenig dem gleich, was ſich wirk⸗ lich zugetragen hatte, wie die Thaten gewiſſer ſehr mo⸗ 1 4 Sie ſagte keine Sylbe uͤber die Blicke, Toͤne und andern Begleitungen, welche fuͤr das gehoͤrige Verſtaͤnd⸗ niß eines Gegenſtandes eben ſo nothwendig ſind wie der Ausdruck des Geſichts fuͤr die Aehnlichkeit eines Por⸗ traits. Suſanne war eher eine guͤtige als eine nachſich⸗ tige Mutter zu nennen und erwartete, obgleich ſie ihrer Tochter ſelten Befehle gab, doch Gehorſam fuͤr ihre Wuͤnſche. Sie machte Miriam ſanfte Vorwuͤrfe, daß ſie nicht ſogleich nach Hauſe zuruͤckgekehrt ſei. „Wuͤrdeſt Du es gethan haben, Mutter, wenn Du an meiner Stelle geweſen waͤreſt?“ fragte Mi⸗ riam mit der groͤßten Einfachheit. „Nun, das weiß ich doch nicht recht. Komm, laß uns gehen und ſpinnen.“ Die Zeit zur Abreiſe nach der Hauptſtadt, um ſich der Garniſon und den wenigen Pflanzern, die das Blutbad uͤberlebt hatten, zu dem von dem Gouverneur beabſichtigten Zuge gegen die Wilden anzuſchließen, war jetzt gekommen. Harold, der wieder heimgekehrt und durch die vor Kurzem angeſehene Scene von ſei⸗ nen Bedenklichkeiten geheilt worden war, ſchloß ſich dem Zuge freiwillig an und der alte Cavalier mit ſei⸗ nem Sohne lechzten nach der Gelegenheit, an den In⸗ dianern fuͤr den Mord ihrer Freunde und Nachbarn Vergeltung zu uͤben. Alle fuͤhlten, daß ein entſcheiden⸗ der Kampf bevorſtand, der auf Jahrhunderte hinaus, vielleicht auf immer feſtſtellen mußte, ob dieſer Theil der Erde ein wildes, unfruchtbares Erbtheil des Wilden 5 bleiben, oder die Wuͤſte mit der Zeit durch die Magie der Arbeit zur Bluͤthe gelangen ſollte. Der Abend vor der Abreiſe jener thatenduͤrſtenden Geiſter zu dieſem muͤhſeligen und gefaͤhrlichen Dienſte, verging unter ernſten, feierlichen Geſpraͤchen, von lan⸗ gen Pauſen peinlicher Gedanken und duͤſterer Vorah⸗ nungen unterbrochen. Die guten Frauen ließen es nicht an Vorſichtsmaßregeln und Warnungen vor dem Nachtthau und dem Morgennebel mangeln und be⸗ ſchworen ihre Maͤnner, ganz beſonders ſich von allen Baͤumen fern zu halten, hinter denen Wilde lauern und ihre Pfeile hervorſchießen koͤnnten. Die gute Mrs. Tyringham erinnerte beſonders ihren Gatten daran, daß ſie ihm ſeine Nachtmuͤtze und Pantoffeln eingepackt habe, worauf ſie der alte Cavalier kuͤßte und, wenn auch nicht in der heiterſten Stimmung, ſich in's Faͤuſt⸗ chen lachte, waͤhrend er ſagte, daß er nicht glaube, ſol⸗ cher Raritaͤten in den Waͤldern zu beduͤrfen. Die Scheideſtunde kam, denn der Aufbruch ſollte in der Fruͤhe des folgenden Morgens ſtattfinden. Der Abſchied war kurz, feierlich und truͤbe. Im letzten Au⸗ genblicke gab Miriam Langley ihre Hand, er fuͤhlte eine warme Thraͤne auf die ſeine fallen und hoͤrte ein ſanf⸗ tes, bebendes Fluͤſtern:„Sieh Dich vor, um unſer Aller willen.“ „Die Thraͤne,“ dachte er,„kann fuͤr ihren Vater geweſen ſein; aber die Worte waren fuͤr mich,“ und er verweilte oft bei ihnen, wenn er des Nachts im tiefen Walde lag und auf das langgedehnte Geheul des Wol⸗ fes oder das ſchrille Geſchrei der einſiedleriſchen Eule lauſchte. Der Krieg mit den Indianern iſt kein Kin⸗ derſpiel. Der amerikaniſche Wilde iſt eben ſo ſchlau wie kuͤhn, er ſchreitet geraͤuſchlos wie ein Schatten da⸗ hin, ohne eine Spur zu hinterlaſſen. Inſtinkt und Er⸗ fahrung haben ihn mit einer Klugheit begabt, welche die Vernunft, auf die ſich der civiliſirte Menſch ſo prahleriſch beruft, gar oft beſchämt und ihn zur Aner⸗ kennung ſeiner niedrigern Stellung zwingt. An Muth iſt er ein Held, an Standhaftigkeit ein Maͤrtyrer. Die Verbindung der Tugenden eines nordamerikaniſchen Indianers mit denen eines civiliſirten chriſtlichen Wei⸗ ßen wuͤrde eine große Verbeſſerung unſerer Species ſein, aber die Erfahrung hat bewieſen, daß die Ver⸗ miſchung des Blutes der beiden Racen nicht ſowohl ihre Tugenden als ihre Laſter vererbt und ein Weſen hervorbringt, das unter Beiden ſteht. Der Weiße iſt einmal der Ariſtokrat der Schoͤpfung und kann ſich mit keiner andern Farbe amalgamiren, ohne durch die Be⸗ ruͤhrung befleckt zu werden.. Der Marſch unſerer Wanderer ging durch eine lange, ununterbrochene Reihe von Waͤldern und Wildniſ⸗ ſen, wo kein Meilenſtein die Entfernung bezeichnete und kein Wegweiſer die einzuſchlagende Richtung andeutete. Mit Hilfe indianiſcher Fuͤhrer folgten ſie der Faͤhrte der indianiſchen Krieger, welche die Colonie verwuͤſtet hatten, bis ſie dieſelben am dreizehnten Tage im Dorfe 82 7 des großen Haͤuptlings, welcher bei dem Gemetzel an⸗ gefuͤhrt hatte, einholten. In dem dichten Walde, der ſich bis auf wenige hundert Schritte vor dem Dorfe erſtreckte, niedergekauert, warteten ſie in athem⸗ loſem Schweigen, bis die Sonne unterging und die Schatten des Abends ſich auf ſie niederſenkten. Sie konnten ſehen, daß die Indianer Zuruͤſtungen fuͤr ein großes Feſt zur Feier ihres Sieges uͤber die Weißen getroffen hatten, und ſobald es finſter geworden war, eilten Hunderte von indianiſchen Maͤnnern, Weibern und Kindern mit brennenden Fackeln aus ihren Huͤt⸗ ten und zuͤndeten damit einen maͤchtigen Scheiterhaufen von Kien an, der ſchnell emporloderte und mit ſeinen Flammen ein rothes, duͤſteres Licht auf alle Umgebun⸗ gen warf. Daͤmoniſch bemalt und mit phantaſtiſchen, aber doch maleriſchen Zierrathen geſchmuͤckt, tanzten die Krieger zur Begleitung eines triumphirenden Ge⸗ ſchreies um das Feuer, ſchwangen den Tomahawk und heulten ihre Thaten bei dem Siege, welchen ſie jetzt feierten. Ein Krieger ſang in einer Art von Recitativ, wie er die Langmeſſer hingeſchlachtet und ſie noch lebend in die Flammen geworfen hatte; ein Anderer bruͤſtete ſich mit den Weibern, die er niedergehauen und lebendig ſcalpirt hatte, und ein Dritter ſpielte noch einmal die Ermordung unſchuldiger Saͤuglinge durch, deren Ge⸗ hirn zerſchmettert und deren Koͤrper in den Staub ge⸗ 8 treten oder unter die rauchenden Ruinen des Hauſes ihrer Geburt geworfen worden war. Den Weißen kochte beim Anhoͤren dieſer furcht⸗ baren Geſchichten das Blut in den Adern. Einige von den Opfern, deren Schickſal jetzt mit ſo trium⸗ phirendem Jubel vorgefuͤhrt wurde, waren ihre Freunde, Andere ihre nahen Verwandten geweſen, und unter den Zuſchauern befanden ſich gar Manche, die noch den Verluſt von Frauen und Kindern betrauerten. Wenn ſie nicht eine ſo nahe Ausſicht auf Rache gehabt haͤtten, ſo wuͤrde es unmoͤglich geweſen ſein, ſie vom augen⸗ blicklichen Aufſpringen abzuhalten; aber die Scenen und Erinnerungen, die es ihnen vorfuͤhrte, machten ſie faſt wahnſinnig. Die Anfuͤhrer ſtellten zu wiederholten Malen vor, daß es am beſten ſein wuͤrde, zu warten, bis das Feſt voruͤber ſei und die muͤden Wilden ihre Orgien ver⸗ ſchliefen, als ſie aber endlich die Scalpe ihrer Ver⸗ wandten, Freunde, Frauen, Kinder, Bruͤder und Vaͤter heraufbringen und an Stangen haͤngen ſahen, um die die Wilden triumphirend tanzten, ließen ſie ſich nicht laͤnger im Zaume halten. Langley und Harold erklaͤr⸗ ten fluͤſternd, aber entſchloſſen, daß, wie tuͤckiſch und blu⸗ tig auch der Anfall geweſen ſein moͤge, ſie ſich doch nicht uͤberwinden koͤnnten, bis zur vorgeſchlagenen Stunde zu warten, wo die entwaffneten Indianer durch Trunkenheit bewußtloſe und unwuͤrdige, des Widerſtan⸗ — 9 des ſowohl wie der Abbuͤßung der Suͤhne unſaͤhige Opfer geworden ſein wuͤrden. Allerdings wurden ſie unter allen Umſtaͤnden uͤber⸗ fallen, aber jetzt waren ſie bewaffnet und inſofern der Selbſtvertheidigung faͤhig, daß es nicht geradezu Feig⸗ heit war, ſie anzugreifen. Der alte Cavalier unter⸗ ſtuͤtzte dieſe Vorſtellungen und es wurde ein augen⸗ blicklicher Angriff beſchloſſen. Man hatte ſchon fruͤher den Operationsplan feſt⸗ geſetzt, und die Langmeſſer, die nicht zahlreich genug waren, um das Dorf zu umſtellen, drangen mit ſchwei⸗ gender Schnelligkeit aus dem Walde und fielen die Wilden an, ehe ſie von ihrem Kommen etwas gemerkt hatten. Obgleich die Indianer uͤberfallen worden waren, flohen ſie, mit Ausnahme der Weiber und Kinder, doch nicht. Durch ihren Sieg und die Pracht und Feſt⸗ lichkeit der Nacht ermuthigt, traten ſie ihren Feinden feſt entgegen— Mann gegen Mann käͤmpften ſie und rangen um ihr Leben; es wurde kein Pardon verlangt und gegeben, denn die Langmeſſer wußten, welche Qualen die Wilden ihren Gefangenen auferlegten, und die Wilden fuͤhlten, daß ſie jetzt fuͤr ihre letzten bluti⸗ gen Thaten buͤßen mußten. Tod oder Sieg war jetzt die einzige Alternative, und Tod oder Sieg der einzige Gedanke. Jeder kaͤmpfte einzeln fuͤr ſich ſelbſt. Kei⸗ ner hoͤrte, Keiner beachtete das Wort des Befehls, wenn ſolche auch gegeben wurden, denn jetzt hatten die Leute 10 keine Ohren, um zu hoͤren, keine Augen, um zu ſehen, außer fuͤr das Stoͤhnen der Sterbenden oder die Koͤr⸗ per ihrer Feinde. Die Feuer verloſchen und ſie kaͤmpf⸗ ten im Lichte der Sterne, die heller als je, des blutigen Schauſpiels unbewußt und um daſſelbe unbekuͤmmert, darauf herabzuſchimmern ſchienen. Manche tapfere That wurde in jener Nacht verrichtet und mancher tapfere Geiſt unter den Rothen wie unter den Weißen erblickte das Licht des Morgens nicht wieder. Aber wir wollen auf die Einzelnheiten nicht ein⸗ gehen, es genuͤge zu ſagen, daß die Sonne, als ſie am folgenden Tage aufging und auf den freien Platz vor dem Dorfe herablaͤchelte, nichts als rauchende Aſche und einen blutdampfenden Boden beſchien. Die Wei⸗ ber und Kinder waren beim erſten Schrecken in den Wald geflohen, aber die rothen Krieger bis auf den letten Mann gefallen und das Dorf angezuͤndet worden. So endete fuͤr diesmal der Krieg zwiſchen dem weißen und dem rothen Manne. Die Ueberraſchung hatte den Langmeſſern einen ſehr entſchiedenen Vortheil gegeben, ſo daß ihr Verluſt verhaͤltnißmaͤßig gering war. Von den Dreien, an welchen der Leſer den mei⸗ ſten Antheil nehmen wird, kam Langley mit einer vom Schlage einer indianiſchen Keule erhaltenen Contuſion, Harold mit einer leichten Wunde davon und der alte Cavalier ging ganz frei aus, und brachte ſeine Nacht⸗ muͤtze und Pantoffeln im Triumph wieder nach Hauſe. Waͤhrend dieſes kurzen Feldzugs beteten und naͤh⸗ — 11 ten oder ſpannen Miriam und ihre Mutter, waͤhrend Mrs. Tyringham ihre Beſorgniſſe um die Entfernten uͤber ihrer freundlichen Fuͤrſorge um die zu Hauſe Gebliebe⸗ nen zu vergeſſen ſchien. Es gab allerdings manche Stunden, beſonders in der tiefen Stille der Nacht, wo ſie von truͤber Furcht ergriffen wurden und der Schrei der Eule oder der Geſang der Whippoorwill ihnen aber⸗ glaͤubiſche Omina verkuͤndeten. Aber das heitere Licht des Morgens verfehlte ſelten dieſe duͤſtern Ahnungen zu verjagen, und die geſegneten Alltagspflichten, die in Freude wie Kummer, Sonnenſchein wie Regen verrich⸗ tet werden muͤſſen, verboten die beſtaͤndige, freiwillige Hingebung an Kummer oder Sorgen, die eine von den vielen Strafen iſt, welche wir fuͤr das ſogenannte Gluͤck einer Lage, die uns uͤber die Nothwendigkeit per⸗ foͤnlicher Anſtrengung ſtellt, zahlen muͤſſen. Alles wuͤrde glatt voruͤbergegangen ſein— denn die aͤngſtlichen Sorgen der treuen Gattinnen und from⸗ men Toͤchter waren zu tief, um die Oberflaͤche zu kraͤuſeln, wenn nicht Maſter Gregor Motte geweſen waͤre, der als ein Mann von notoriſcher Tapferkeit zum Schutze der Damen daheim gelaſſen worden war. Zwiſchen dieſem Ehrenmanne und Mildred, der treuen Dienerin Suſannens, hatte ſich eine verzweifelte Fehde entſponnen, die aus einer der ihrer Herren glei⸗ chen Meinungsverſchiedenheit in Bezug auf Politik und Religion entſprang, und ſie fuͤhrten, dem alten Sprich⸗ wort:„Wie der Herr, ſo der Knecht“ gemaͤß, einen 12 ewigen Krieg. Gregor, als in Orford gebildet, meinte, daß ein Biſchof fuͤr die proteſtantiſche Kirche eben ſo weſentlich ſei, wie ein Papſt fuͤr die katholiſche, und wuͤrde eher Tuͤrke geworden ſein, als die Hierarchie auf⸗ gegeben haben. Mildred andrerſeits nannte die Biſchoͤfe nie anders als Woͤlfe in Schafskleidern und hielt die Mitra wirklich fuͤr einen Plan des Satans ſelbſt. Was die Grundſaͤtze der beiden Secten, oder die Lehrpunkte, in welchen ſie ſich unterſchieden, betraf, ſo wußten ſie davon wenig oder nichts und kuͤmmerten ſich noch weniger darum. Mildred war, abſtract genommen, ein vortreffli⸗ ches Frauenzimmer, beſaß aber in der Praxis einige Fehler und viele Schwaͤchen. Der Hauptfeind des Weibes, der ſchon im Paradieſe figurirte, hatte ſie uͤber⸗ redet, daß ſie zwar nicht mehr jung, aber immer noch recht huͤbſch ſei, und ſie hatte ſo lange in der Hoffnung gelebt, einen Gehilfen zu finden, daß dieſe Hoffnung ihr faſt zur Gewißheit geworden war. Sie war mit dem Traume ſo vertraut, daß er ihr Wirklichkeit ſchien. Uebrigens hatte ſie ſich dem Pſalmſingen zur rechten wie zur unrechten Zeit ergeben, obgleich wir geſtehen muͤſſen, daß ihre Stimme der von den ſchuftigen heid⸗ niſchen Dichtern verherrlichten Muſik der Sphaͤren nicht ganz gleich kam. Sie war in der That entſchie⸗ den ſchlecht, indem ſie die beiden großen Erforderniſſe des durchdringenden Tones und der Diſſonanz ver⸗ einigte und uͤberdies zuweilen ſcharf wie Eſſig war. — 13 Sonſt war es eine aͤußerſt unlenkſame und rebelliſche Stimme, die beſtaͤndig uͤber die Straͤnge ſchlug, bald zu hoch, bald zu tief war und fortwaͤhrend vom Diskant zum Baß uͤberging, ohne im Mindeſten dazu vorzuberei⸗ ten, wie etwa ein verzweifelt ſtark gerittener Gaul, der ploͤtzlich vom Galopp in den Trab, vom Trab zu einem ſchandbaren Paß uͤbergeht und endlich mit Stillſtand aufhoͤrt. Hierzu muͤſſen wir noch fuͤgen, daß die gute Mildred durch die Naſe ſang und haͤßliche ſchiefe Ge⸗ ſichter ſchnitt, grade wie eine Primadonna. Gregor Motte, der ſich damit bruͤſtete, daß er ein Oxforder Gelehrter und ein Cavalier dazu ſei, beſaß eine beſondere Abneigung gegen lange Pſalmen, beſon⸗ ders gegen den 119., die Mildred ſehr liebte. Wenn, wie der witzigſte aller Witzlinge, der Verfaſſer des Hu⸗ dibras, behauptet, die Puritaner den Cavalieren zum Poſſen fromm waren, ſo laͤßt ſich mit gleichem Rechte behaupten, daß die Cavaliere nur den Puritanern zum Poſſen fluchten und ſich ihren Ausſchweifungen hinga⸗ ben. Es war ein merkwuͤrdiger Streit— auf der einen Seite, wer der Beſte, auf der andern Seite, wer der Schlechteſte ſein ſollte. Wie dem aber auch ſein mochte, ſo war der Kampf, welcher eine Nation mit Blut uͤber⸗ ſtroͤmte und einem Monarchen den Kopf gekoſtet hatte, auch bis in Mr. Tyringhams Kuͤche gedrungen und ſtoͤrte die gewohnte Ruhe derſelben bedeutend. Jene beiden Bollwerke des Glaubens kamen faſt nie zuſam⸗ 14 men, ohne an einander zu haͤkeln, und wenn wir die Wahrheit geſtehen muͤſſen, ſo regte Maſter Gregor oft einen Kampf an, aus dem er ſtets dadurch, daß er ſeine Ruhe bewahrte, als Sieger hervorging. Seine gewoͤhnliche Weiſe, um den Loͤwen zu wecken, war Sin⸗ gen eines Verſes von irgend einem profanen Liede, wozu er ſie dann noch Muhme Mildred, welchen Na⸗ men ſie verabſcheute, zu nennen pflegte. Ein paar Tage nach dem Abmarſche des Zuges gegen die Wilden ſaß Mildred in tiefen Betrachtungen der Suͤnden der Woͤlfe in Schafskleidern da und ſummte zu gleicher Zeit einen Vers vor ſich hin, was ſie in Folge langer Gewohnheit thun konnte, ohne zu denken. In dem Augenblicke naͤherte ſich ihr Gregor mit verbrecheriſchen Abſichten und begann ein altes Lied zu ſingen, gegen welches ſie einen beſondern Abſcheu naͤhrte und das folgendermaßen begann: „Barnabas, Barnabas, Du haſt gezecht, Deine Naſe iſt roth und Deine Augen ſehen ſchlecht, In Richmond beſoffen, in Tower beſoffen, In Neweaſtle beſoffen, immer beſoffen. 6 Barnabas, Barnabas, laß Dich warnen, Laß Dich nicht vom Teufel umgarnen, Wenn Du Dir auch vertreibſt die Sorgen, Sauf' nur nicht gleich am fruͤhen Morgen.“ „Muhme Mildred, ich wollte, Ihr naͤhmt von mir eine Lektion im Singen, denn Ihr wißt, daß ich einer von den Vorſaͤngern in St. Friedeswight Kirche in Orford war. Ich habe noch keine Eule ſchlechter * d 15 kreiſchen hoͤren. Hoͤrt mir zu— ich werde Euch die wahre Cadenz lehren.“— Und er bruͤllte: „Ich heiße nicht Bedraͤngnißliebe, Noch Sanctus Ananias, Ein Heidenheil'ger bin ich nur, Der Antoninus Pius.“ „Welcher Hund heult da!“ ſchrie Mildred;„hin⸗ aus du Peter!« und ſie ſtampfte bedeutſam mit dem Fuße. „Wahrhaftig, Muhme Mildred, Du haſt wenig Geſchmack und keine Stimme. Ei, ich habe eine ganze Heerde Woͤlfe mit dem Liede zum Schweigen gebracht. Wenn es Euch nicht gefaͤllt, ſo werde ich Euch ein anderes vorſingen— c— d— e— hm! meine Stimme iſt ein wenig heiſer.“ „Heiſer,“ ſagte Jene,„ſie iſt immer heiſer, ſie klingt gerade wie die Lieder, die in der Hoͤlle geſungen werden. Ich wollte, Ihr gingt wieder zu den Woͤlfen und jagtet ſie fort.“ „Aber Muhme Mildred— vortreffliche, exem⸗ plariſche Mildred, ſeit nicht ſo ſtutzoͤhrig und ruͤmpft nicht Eure fromme aͤrgerliche Naſe gegen mich, als ob ich ein Biſchof waͤre. Ich muß Euch ein großes Geheim⸗ niß verrathen.“ „Nun, ſchnell, was iſt es?— erzaͤhlt es mir!“ rief Mildred, die etwas zur Neugier geneigt war. „»Nun, ich fuͤrchte mich faſt, es Euch zu ſagen, denn eben ſo gut koͤnnte ich erwarten, daß eine Trom⸗ 16 mel ein Geheimniß bewahren wuͤrde. Aber wie dem auch ſein mag, ſo bin ich, wenn mich die Symptone nicht abſcheulich truͤgen, entweder entſetzlich verliebt, oder wenigſtens habe ich doch ein furchtbares Vorgefuͤhl, daß mich bald einer von jenen Ungluͤcksfaͤllen treffen wird, die man das Heirathen nennt, und noch dazu ohne heneficium cleri.“ „O Maſter Gregor, doch nicht ohne beneficium oleri, das waͤre abſcheulich gottlos. Aber Ihr ſchwatzt wieder Euren alten Unſinn, ich weiß, daß Ihr nicht im Ernſte ſprecht.“ „Ernſtlich und feierlich wie eine Kroͤte, die unter einem Pilze ſitzt. Bin ich nicht ein Cavalier und Ihr wißt doch, daß die den Stutzohren niemals Luͤgen vor⸗ ſchwatzen.“ „Das weiß ich ganz und gar nicht, alter Mottel“— ſo pflegte ſie ihn naͤmlich zu nennen, wenn ſie nicht bei Laune war. „Nun, ſeid nicht boͤſe, denn Ihr wuͤrdet Eure Schoͤnheit damit verderben und das waͤre ſehr ſchade, da Ihr nicht viel davon zu verlieren habt. Ihr wollt alſo mein Geheimniß nicht hoͤren 24 „Nun, heraus damit, ich hindere Euch doch wahrhaftig nicht daran.“ „Wie geſagt— nein, ich entſinne mich, ich habe es noch nicht geſagt— ich fuͤhle mich ſchwer verſucht, ob es nun im Geiſte oder im Fleiſche iſt, weiß ich nicht,— ich kann nicht ſagen, ob es von der boͤſen 17 Schlange angeſtiftet worden iſt, oder nicht— die furchtbare, unverzeihliche, unwiderrufliche Suͤnde des Heirathens zu begehen.“ „Ei, Ihr ſprecht doch nicht im Ernſte, Mr. Gregor, Ihr wolltet Euch alſo beſſern und hei⸗ rathen. „Nein, ich will heirathen und mich beſſern, das iſt die Ordnung, wie es auf einander folgen muß. Wenn man ſich beſſert, ehe man heirathet, ſo ſpannt man den Wagen vor die Pferde, denn ſintemalen alle Menſchen nach dem Heirathen eine radikale Veraͤnderung erleiden, ſo waͤre, wenn ſie vorher gut wuͤrden, Zehn gegen Eins zu wetten, daß ſie ſich nachher empoͤren und gott⸗ los werden wuͤrden. Aber zu meinem Texte zuruͤckzu⸗ kehren— ich habe die Sache ſeit dreißig Jahren reif⸗ lich uͤberlegt und wenn ich ein wirkliches bona ſide⸗ Frauenzimmer— ich meine ein weißes Frauenzimmer, das ſeine Schweine auf denſelben Markt gebracht hat, finden koͤnnte,— Gottes Tod, Mrs. Mildred, ſo denke ich, daß ich eine von den Pflanzungen druͤben, die keine Eigenthuͤmer haben, kaufen moͤchte, denn ich habe ein wenig geſpart— den Rahm abgeſchoͤpft— he, Mrs. Mildred, Ihr verſteht mich doch,“— und Mr. Gregor ſchlug ſich auf die Taſche, in welcher er ſtets einige Pfennige trug, um damit klappern zu koͤnnen. „Meint Ihr es wirklich ernſtlich?“ fragte Mild⸗ red, indem ſie ihren Stuhl dicht an den ſeinigen ſchob.— Die Tochter des Puritaners. II. 2 18 „Vollkommen ernſtlich bei Allem— aber ich will nicht ſchwoͤren— Ihr wuͤrdet doch einen uchenden Gatten nicht leiden koͤnnen, nicht wahr?“ „Einen Gatten! Du uler Gott, Mr. Gregor, ich denke nicht an dergleichen Dinge, aber ich wuͤrde ihn zu jeder Stunde bei Tag und bei Nacht, im Wa⸗ chen wie im Schlafen, beim Eſſen wie beim Trinken ermahnen, die Gewohnheit abzulegen— und wenn er ſich weigerte— „So wuͤrdet Ihr ihn mit dem Beſenſtiel bekeh⸗ ren, nicht wahr, Mrs. Mildred?— Aber weiter, ich habe ſchwere, ja unuͤberſteigliche Schwierigkeiten gefun⸗ den, ehe ich eine paſſende Perſon auffinden konnte, denn Ihr wißt ja auch, daß die Weiber hier eben ſo rar ſind, wie die Schwalben im Winter. Ich habe— verzeiht meine Anmaßung, ſchoͤnſte aller Frauen,— ich habe mich beinahe entſchloſſen, mich und mein Vermoͤgen Euch zu Fuͤßen zu legen,“— und er plumpte auf ſeine Kniee nieder. „Ach Maſter Gregor, jetzt macht Ihr Euch uͤber mich luſtig, das kann ich in Euren Angen ſehen.“ „Mißtraue Deiner Brille, goͤttliches Weſen, meine Augen luͤgen auf das Unverſchaͤmteſte, wenn ſie ſa⸗ Lenichant Andeutungen geben— meiner Treu, waͤte nicht ins— „Was iſt das?“ rief Mrs. Mildred ungeduldig. „„Nun wahrlich, es iſt dies— ich will offen mit Euch ſprechen, denn ich verachte es, Eure verdachtloſe 19 Unſchuld zu betruͤgen,— die Sache iſt die, daß Ihr Damen von gewiſſem Alter zu ſehr geneigt ſeid, mit Euern Eroberungen zu prahlen. Ihr lauft wie eine Henne umher und gackert, als ob Ihr eine große That vollbracht haͤttet, und ſie der ganzen Welt wiſſen laſſen moͤchtet— nun bin ich ein beſcheidener Mann, und von aller Delikateſſe meines Geſchlechts erfuͤllt, und moͤchte nicht auf dieſe Weiſe an den Pranger geſtellt werden. Wenn nicht dieſes ernſtliche Hinderniß vor⸗ handen waͤre, ſo glaube ich wirklich, daß ich mich geneigt fuͤhlen wuͤrde, der Mrs. Habingdon ein paar Pfunde Tabak fuͤr den reichen Beſitz Eurer noch uͤbrigen Jahre anzubieten, da Ihr aller Wahrſcheinlichkeit nach mir das Herz dadurch brechen wuͤrdet, daß Ihr als Maͤrtyrerin ſterbt, um mich zu verhindern, daß ich mich aus Verzweiflung haͤnge.“ Gegen das Ende dieſer originellen Liebeserklaͤrung hatte Muhme Mildred allmaͤhlig ihren Stuhl weiter und weiter von Gregor weggeſchoben, der mit unerſchuͤtter⸗ licher Gravitaͤt daſaß und auf Antwort wartete, die wie ein Hagelſturm auf ihn einſchlug. „Ihr waͤrt mir der Rechte!“ ſchrie ſie wuͤthend,— „Ihr von Heirathen ſprechen— Ihr eine Pflanzung kaufen wollen, da Ihr doch nicht den zehnten Theil einer Wampumſchnur beſitzt— Ihr erbaͤrmlicher Ma⸗ denſack, Ihr geraͤucherter Haͤring, der ſo lange im Schornſtein gehangen hat, daß ihn die Ratten nicht mehr haben wollen,— Ihr vertrockneter Pilz— 2* 20 Ihr— Ihr— Ihr— ich mich einer ſolchen Eroberung ruͤhmen— ich— gackern wie eine alte Henne— Ihr ein Orforder Gelehrter, der Ihr doch nie etwas Anderes ſtudiert habt, als einen Eſel aus Euch zu machen— Ihr ein Cavalier, Ihr wollt in London mit Gentlemen Geſellſchaft gehalten haben, da Ihr doch nie in ein anſtaͤndiges Haus gekommen ſeid, außer um Kaͤſerinden zu ſtehlen, und nie etwas getrun⸗ ken habt, als Zweipfennigbier, fuͤr das Ihr nicht bezahl⸗ tet!— Aber ich kann nicht mehr mit Euch in Einem Hauſe leben und werde die Minute zu meiner Frau gehen und es ihr ſagen.“ „Geh, bitte, gute Mildred, und verſchlimmere Deine Apathie,“ ſagte Gregor und Mildred entfernte ſich wuͤthend. Dieſe Haͤkeleien kamen faſt taͤglich vor und ſchloſſen ohne Ausnahme ſtets mit einer Berufung Mildreds an ihre Herrin. Dies verſetzte Suſannen in eine unangenehme Lage, etwa gleich der eines verbann⸗ ten Monarchen, der bei einem ſeiner gluͤcklicheren Nach⸗ barn Zuflucht geſucht hat, und wenn er klug iſt, ſich nie in die haͤuslichen Angelegenheiten deſſelben miſcht, um nicht etwa einen Wink zu erhalten, ſich um ſich ſelbſt zu bekuͤmmern. Die aͤußere Welt kann, wie man zu ſagen pflegt, keine zwei Sonnen ertragen, eben ſo wenig wie die haͤusliche Welt eine getheilte Herrſchaft. In dieſer Sphaͤre muß das Regierungsſyſtem abſolut und die 21 Staatsverwaltung in den Haͤnden eines Einzigen ſein— Theilung der Gewalten iſt unzulaͤſſig und dasje⸗ nige von den Kleidungsſtuͤcken, welches ſeit undenklichen Zeiten das Symbol der maͤnnlichen Oberherrſchaft iſt, muß ſtets vor die Thuͤr gehangen werden, um ſeine zeitweilige Abdankung zu verkuͤnden. Die kluge Mrs. Habingdon wußte recht wohl, wie heikel jede Einmiſchung in die Angelegenheiten der haͤuslichen Herrſchaft und beſonders die Lenkung der Dienſtboten iſt, welche die wichtigen Functionen von Ehrendamen, Kammerherren u. ſ. w. an den Hoͤfen maͤchtiger Monarchen ausuͤben. So lehnte Suſanne, obgleich dieſe haͤufigen Kla⸗ gen Mildreds ihr nicht nur ſehr unangenehm, ſondern auch peinlich waren, doch ſtets weislich jede Einmi⸗ ſchung ab und wartete mit Uugeduld auf die Vollen⸗ dung des hoͤlzernen Gebaͤudes, welches fuͤr ihre Auf⸗ nahme errichtet wurde. Durch Ausdauer in dieſem klugen Verfahren kam es wirklich dahin, daß die bei⸗ den Damen, wiewohl ſie in dieſer gefaͤhrlichen Conjunc⸗ tion ſtanden, die freundſchaftlichſten Verhaͤltniſſe bewahrten und ſich am Ende als die beſten Freundin⸗ nen von der Welt trennten. Außer dieſen Sommerſtuͤrmen wurde der ebene Lauf ihrer alltaͤglichen Geſchaͤfte durch nichts geſtoͤrt als durch Furcht und Beſorgniß, die tiefer gefuͤhlt als ausgeſprochen wurde. Es waren faſt vier Wochen vergangen, ohne daß ſie, mit Ausnahme einiger unbe⸗ 22 ſtimmten Geruͤchte, die nur ihre Beſorgniß vermehrten, von ihren abweſenden Freunden Nachricht erhalten hatten. 1 In der grenzenloſen, pfadloſen Wildniß begraben, waren die kuͤhnen Abenteurer fuͤr die Welt verloren und beſaßen kein Mittel, um Nachricht von ſich zu geben oder zu erlangen. Beide Theile blieben in der tiefſten Unwiſſenheit uͤber ihr gegenſeitiges Schickſal; aber die beiden Matronen waren an dieſe Pruͤfungen gewoͤhnt, die, ohne ihre Herzen zu verhaͤrten, ihnen Feſtigkeit zur Ertragung gegenwaͤrtiger oder zukuͤnftiger Uebel verlie⸗ hen hatten. Die arme kleine Miriam litt am meiſten, denn ſie war nicht ſo gut in der rauhen Schule der Welt erzogen, und außer der Angſt um ihren Vater hatte ſie jetzt insgeheim und ihr ſelbſt unbewußt, ein anderes Gefuͤhl im Herzen zu tragen begonnen, das zuweilen die Kindesliebe noch uͤberwaͤltigte. Bweites Kapitel. Die Heimkehr aus dem Kriege.— Der Cavalier und der Rundkopf koͤnnen einander je laͤnger deſto ſchlechter lei⸗ den.— Eine Mittheilung, die mit etwas einer Liebeserklaͤ⸗ rung ſehr Aehnlichem endet. Eines Abends als die drei Penelopen zuſammen ſaßen und ſich die Zeit mit Geplauder und nuͤchternen Beſchaͤftigungen vertrieben, wurden ſie ploͤtzlich durch den Eintritt derjenigen, welche die Gegenſtaͤnde ih⸗ rer Gedanken und Geſpraͤche waren, in Verwunderung verſetzt. Es iſt unnoͤthig, die warme, liebevolle Be⸗ gruͤßung, die ſie erhielten, zu beſchreiben, oder die tau⸗ ſend eifrigen Fragen zu wiederholen, welche von der Neugier oder einem tiefern Intereſſe diktirt und, dem Gebrauche vieler Herren der Schoͤpfung zuwider, mit exemplariſcher Hoͤflichkeit beantwortet wurden. Alle verheiratheten Maͤnner ſollten es ſich zum Geſetz machen, wenn ſie von ihren Tagesgeſchaͤften oder ihren Vergnuͤgungen heimkehren, die Fragen ihrer Gehilfinnen offen und vollſtaͤndig 5 beantworten, ſie 24 ſollten ſich erinnern, daß die Frauen Hausgottheiten ſind, die das, was in der Welt vorgeht, nur durch das Fenſter ſehen und daher neugieriger ſind als das andere Geſchlecht. Eben ſo wenig ſollten ſie vergeſſen, daß Jene das Recht haben zu wiſſen, was ihre Gat⸗ ten in ihrer Abweſenheit gethan haben. Wer weiß nicht, ob ſie nicht munter in einer Schenke gezecht, bei einem Pferderennen Geld verloren, unter jungen Da⸗ men figurirt oder, was noch aͤrgerlicher iſt, einer ge⸗ rade aus dem Lande der Cicisbeen zuruͤckgekehrten Mo⸗ dedame den Hof gemacht haben. Wir haben aber Unthiere von Maͤnnern geſehen, die, wenn ſie von ihren Fiſch⸗ oder Jagdausfluͤgen nach Hauſe kamen, tyranniſch ein Geheimniß daraus machten, wie viel Fiſche ſie gefangen, oder wie viel Schnepfen ſie geſchoſſen oder verfehlt hatten. Wir be⸗ haupten, daß dies Hochverrath gegen die haͤusliche Koͤ⸗ nigin iſt, aber, wie alle Maͤnner von Erfahrung wiſ⸗ ſen, gleich der Bigamie nie verfehlt, ſeine eigne Strafe mitzubringen. Wenn nicht ein Sturm darauf folgt, ſo wird doch ſo ſicher als die Welt beſteht, ein bewoͤlkter Tag danach kommen, aber unſer unablaͤſſiger Wunſch, fuͤr alle Leſerklaſſen ſo belehrend wie moͤglich zu ſchreiben, wird uns, wie wir fuͤrchten, die Entruͤſtung der Einen zuziehen und die Andern zum Gaͤhnen bringen. Es laͤßt ſich nicht aͤndern. Wir muͤſſen ſagen, was wir 25 zu ſagen haben, und diejenigen, welche es nicht wollen, moͤgen ſich an Pfennigbuͤchern erquicken. Wir haben nichts von Miriams und Langley's Zuſammentreffen geſagt, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil nichts zu ſagen war. Ihr Benehmen war aͤußerſt zimperlich. Miriam hielt ihm nur ſchuͤch⸗ tern die Hand hin, und Langley fluͤſterte, als er ihr ſanft die Fingerſpitzen druͤckte: „Ihr ſeht, daß ich mich wohl in Acht genom⸗ men habe.“ Das kleine Gaͤnschen erroͤthete, denn ſie erin⸗ nerte ſich, daß das die letzten Worte ſeien, die ſie vor ſeiner Abreiſe zu ihm geſagt hatte. Wir haben aber jetzt keine Zeit zu Liebesſcenen; wir haben ein neues Haus in Haͤnden und muͤſſen es ſo ſchnell als moͤglich zu Ende bringen. So wenigſtens dachte Harold Habingdon, der Rundkopf, der taͤglich ungeduldiger wurde, ſich aus dem Hauſe des Cavaliers zu entfernen, der niemals ein Tiſchgebet ſprach und am Sonntage warm aß. Je laͤn⸗ ger die beiden Herren bei einander waren, deſto weni⸗ ger gefielen ſie ſich;z obwohl ſie Beide in ihrer Art gute Leute waren, beleidigten ſie einander doch ſtets, ohne es zu wollen oder zu wiſſen. Sie waren wie zwei Kletten, die nie in Beruͤhrung kommen konn⸗ ten, ohne ſich zu verhaͤkeln. Es war nicht blos der Contraſt der Anſichten uͤber die kitzligen Gegenſtaͤnde der Politik und Religion, ſondern das Medium, durch welches ſie faſt Alles anſahen, ſo wie ihre Gewohn⸗ heiten und Sitten verhoten nicht nur jede Herzlichkeit, ſondern erzeugten ſogar eine gegenſeitige Abneigung. Der Rundkopf verabſcheute das Trinken und laͤ⸗ ſterte gegen den Tabak. Wenn er aufgefordert wurde ein Glas Wein zu trinken, ſo lehnte er dies mit einer Miene veraͤchtlicher Ueberlegenheit ab, die faſt beleidi⸗ gend war. Der alte Cavalier war ein Mann, der ſich zur Jovialitaͤt neigte, obgleich er, um ihm Gerechtigkeit angedeihen zu laſſen, nur bei außerordentlichen Anlaͤſ⸗ ſen, z. B. Geburtstagen, Feiertagen und Wahltagen und freundſchaftlichen Zechgelagen unter den ausgewaͤhlten Wenigen einen Haarbeutel erhielt. Wenn je ein Menſch eine gute Entſchuldigung zum Schiefladen hatte, ſo war er es, denn der Saft der Trauben ſtimmte ſo mit ſeinen guten Eigenſchaften uͤberein, daß er halb betrun⸗ ken dreimal ſo guͤtig, nachſichtig, großmuͤthig und lie⸗ bevoll war, wie nuͤchtern. Bei ihm war die Liebe zum guten Wein ein Vorſpiel zur Liebe ſeines Naͤch⸗ ſten, ſelbſt nicht den Rundkopf ausgenommen, auf deſſen Geſundheit er zuweilen, wenn der Wein oder das Wildpret beſonders gut war, mit der Bemerkung trank, daß er zwar ein Stutzohr, aber ehrlich wie der Tag und tapfer wie Caͤſar ſei, d. h. bei beſondern Anlaͤſſen. Aber er ſank, wenn er nuͤchtern wurde, ſtets wieder in einen toͤdlichen Haß gegen ihn zuruͤck, — eine Thatſache, die wir nur mit Widerwillen er⸗ 27 zaͤhlen, da uͤbelgeneigte Perſonen daraus einen Grund zu Gunſten des Trinkens ziehen koͤnnten. Es war fuͤr ihn ein unwiderleglicher Grundſatz, daß Derjenige, welcher nicht von Zeit zu Zeit um gu⸗ ter Geſellſchaft willen einen Gichtanfall riskire, ein Knicker und ein Milchbart dazu ſei. Endlich muͤſſen wir erwaͤhnen, daß er ein gehorſamer Schuͤler des Sir Walter Raleigh— Ruhm ſei ſeinem Namen!— war und wie ein Indianer rauchte, ſchnell zum Duel⸗ liren bereit, aͤußerſt loyal, ſtreng orthodox in ſeiner Art war, und mitunter ein wenig fluchte. Der Rundkopf war bekanntlich weder loyal noch orthodox, und ſtimmte mit Koͤnig Jacob in nichts als ſeinem Haſſe gegen den Tabak uͤberein. Er wurde nie zornig, d. h., er gab ſeinen Zorn nie offen kund. Er verwarf den Wein aus Grundſatz und war, kurz geſagt, durch ſo viel Grundſaͤtze gefeſſelt, daß er zwar ein Mann von wirklichem Werth, aber ein unangeneh⸗ mer Geſellſchafter war, da er ſich nicht damit be⸗ gnuͤgte, ſelbſt enthaltſam zu ſein und ein gutes Bei⸗ ſpiel zu geben, ſondern auch Andern Vorleſungen hielt, wenn ſie daſſelbe nicht befolgten. Bei dieſen und verſchiedenen andern ſcharfen Ecken iſt es nicht zu verwundern, daß die beiden Nach⸗ barn, als die Zeit kam, wo Harold von ſeinem neuen Hauſe Beſitz ergriff, in ſchlechterem Vernehmen zu einander ſchieden als ſie zuſammen getroffen waren, beſonders da der Letztere den Cavalier noch dadurch be⸗ 28 leidigte, daß er, wie er glaubte, eine unziemliche Haſt, ſein Haus ſo bald wie moͤglich zu verlaſſen, an den Tag legte. Nachdem Langley Tyringham ein paar Tage ge⸗ wartet hatte, bis in der neuen Wohnung Alles in Ordnung ſein wuͤrde, ſchlenderte er eines Abends, da er das alte Verkehrsverbot dadurch fuͤr abgeſchafft hielt, daß die beiden Familien nicht nur in Frieden zuſam⸗ men gelebt, ſondern auch als Verbuͤndete Krieg ge⸗ fuͤhrt hatten, um einen freundſchaftlichen Erkundi⸗ gungsbeſuch zu machen und ſeine Dienſte anzubieten. Er trat ohne Umſtaͤnde ein, da die Thuͤr weit of⸗ fen war, und fand Miriam allein, und wie es ſchien, vollkommen muͤſſig— denn es war gerade zu der gluͤck⸗ lichen Zeit der Daͤmmerung, wo die ganze Welt die Erlaubniß hat, auf eine Weile zu ſpielen. Sie ſchrak bei ſeinem Eintritt auf, und obgleich er nicht unfreundlich empfangen wurde, gab doch ihr Beneh⸗ men einen Grad von Zuruͤckhaltung kund, welcher zu ſagen ſchien, daß er nicht ganz willkommen ſei. Bald aber kehrte ihre gewohnte ruhige Faſſung zuruͤck, und nachdem ſie ſich einige Minuten lang uͤber vergan⸗ gene Ereigniſſe unterhalten, redete ſie ihn mit demuͤ⸗ thiger Milde und niedergeſchlagenen Augen an: „Langley Tyringham, ich bin ſo lange wie ich lebe gewohnt geweſen, den Geboten meines Vaters zu gehorchen und werde ihnen mit Willen nur dann un⸗ gehorſam ſein, wenn meine Vernunft und mein Ge⸗ wiſſen mir den Gehorſam verbieten.“ 29 Hier hielt ſie inne, wie um Athem zu ſchoͤpfen oder um Feſtigkeit zum Fortfahren zu ſammeln, und Langley dachte bei ſich: „Was wird jetzt kommen?“— Sie that einen tiefen Athemzug, der faſt ein Seufzer zu ſein ſchien, und fuhr dann mit einiger Anſtrengung, ſich heiter zu zeigen, fort: „Ich ſehe, daß Du ein geduldiger Zuhoͤrer biſt, und will, um Dich zu belohnen, ſo kurz als moͤg⸗ lich ſein. Erinnerſt Du Dich noch des Geſpraͤches, das wir einſtmals am Fluſſe mit einander hatten?“ „Allerdings,— ich habe mich oft daran erinnert und glaube, daß ich faſt jedes Wort wiederholen koͤnnte.“ „Du erinnerſt Dich alſo auch der Befehle unſe⸗ rer— Deines Vaters und des meinen, daß wir— das heißt, daß Du mich nicht wieder aufſuchen ſollteſt, daß wir nicht miteinander verkehren und einander fremd ſein ſollten?“ 4 „Das thue ich, aber wißt Ihr nicht, daß dieſer Befehl nicht mehr in Kraft ſteht oder nicht ſtehen ſollte. Haben wir nicht zuſammen gelebt, zuſammen Gefahren beſtanden, ſeit jener Zeit zuſammen gelitten und uns gefreut? Sicherlich koͤnnen doch unſere Vaͤ⸗ ter, nachdem ſie ſo eng mit einander verbunden und alle ihre irdiſchen Intereſſen mit einander verknuͤpft geweſen ſind, nicht mehr Feinde ſein. Ich fuͤhle mich berechtigt zu kommen und zu gehen, bis Ihr mir es n—— 30 verhietet. Wenn meine Beſuche Euch Schmerz berei⸗ ten, ſo werde ich Euch nicht mehr ſehen.“ „Das thun ſie wirklich, und—« „Nun ſo gehe ich, Miriam,“ ſagte er mit truͤ⸗ bem Tone,„wenn meine Gegenwart, wie ich Euch verſtehe, unangenehm iſt, ſo werde ich Euch nicht wei⸗ ter beunruhigen, denn, ſo tief ich auch den Verluſt Eu⸗ rer Geſellſchaft betrauern mag, moͤchte ich ſie doch um einen ſolchen Preis nicht aufſuchen. Lebt wohl— „Du,— Du verſtehſt mich nicht, Langley, Deine Beſuche ſind mir nicht unangenehm— aber peinlich, weil ſie eine Verletzung der Pflicht nach ſich ziehen.— O, wenn das nicht wäͤre, ſo wuͤrde ich— e und hier hielt ſie etwas verwirrt inne. „Was wuͤrdet Ihr?“ fragte er eifrig. „Es iſt gleichgiltig,— es iſt von geringer Wich⸗ tigkeit— laßt mich ſagen, was ich zu ſagen habe. Ich bin von meinem Vater auf meine dringende Bitte ermaͤchtigt, Dir zu ſagen, daß er, nachdem er unter dem Dache Deines Vaters vor Gefahr und Tod be⸗ ſchuͤzt worden— nachdem er ſein Gaſt geweſen iſt, und ſeine edelmuͤthige Gaſtfreundſchaft genoſſen hat, nicht mehr verbieten kann, daß Du mich in ſeinem Hauſe ſiehſt, aber er bittet Dich aus Gruͤnden von der groͤßten Wichtigkeit,— Gruͤnde, die nie beſeitigt wer⸗ den koͤnnen, und mit jedem Tage ſtaͤrker werden, daß — daß Du ihm die peinliche Nothwendigkeit erſparen 31 moͤchteſt, Deine Beſuche zu verbieten, indem Du ſie freiwillig ausſetzeſt.“. „Nun, was im Namen des Himmels habe ich gethan, um eine ſolche heftige Abneigung zu erwecken! — Aber es thut nichts, ſeine und Eure Wuͤnſche ſol⸗ len Gehorſam finden. In meines Vaters Hauſe ſind Alle willkommen und ſein Sohn iſt zu ſtolz, um ſich da aufzudringen, wo dies nicht der Fall iſt. Lebt wohl, Miß Habingdon; obwohl Ihr mich wegtreibt, werde ich doch immer uͤber Euch wachen und Euer Be⸗ ſchuͤtzer ſein, wenn Ihr des Schutzes beduͤrfen ſolltet.“ „Ach, Langley, ſagt nicht meine Wuͤnſche!“ entgegnete ſie truͤbe,„denn warum ſollte ich Dir nicht offen ſagen, daß es, wenn nicht das ungluͤckliche Ge⸗ fuͤhl der Abneigung, ja, ich moͤchte es faſt Widerwil⸗ len nennen, zwiſchen unſern Vaͤtern beſtaͤnde, fuͤr mich ein Vergnuͤgen ſein wuͤrde, Dich hier oder an⸗ derswo zu ſehen, aber es iſt verboten und Gehorſam meine Pflicht.“ „»Miriam,— Miriam— ſchmerzt es Euch wirk⸗ lich, zu bedenken, daß wir einander nicht mehr ſehen werden?“ „Das thut es in der That. Warum ſoll ich, die ich es mein Lebenlang fuͤr Pflicht gehalten habe, die Wahrheit zu ſprechen, jetzt uͤgen! Ich werde einſa⸗ mer als je ſein, meine Gefuͤhle und Gedanken werden keinen Menſchen haben, dem ich ſie mittheilen kann, und ich mich abzehren. Es wird mir leid thun, Dich nicht mehr zu ſehen, aber es muß ſo ſein.“ In dieſem offenen Geſtaͤndniſſe unſchuldiger Zu⸗ neigung lag eine ruͤhrende, klagende Einfachheit und Empfindung, die allen ſchlummernden Enthuſiasmus in Langley's Seele erweckte, und ihn bewog, denſelben ruͤckſichtslos vor ihr auszuſchuͤtten. „Dank, Miriam,— theuerſte Miriam, tauſend Dank der Liebe und Dankharkeit fuͤr Eure ſanfte Guͤte. Hoͤrt mich an, ehe ich gehe— laßt mich Euch erklä⸗ ren, daß ich Euch mehr als jedes andere lebende We⸗ ſen liebe— daß Ihr meinem Herzen theurer ſeid als Alles auf dieſer Welt, und daß nichts auf Erden Euch verhindern ſoll die Meine zu werden, als Euer eignes Herz, Euer eigner Wille. Ihr ſagt, daß Ihr ſtets gewohnt geweſen ſeid, die Wahrheit zu ſprechen, und ich glaube Euch. Sagt mir, die Frage iſt wichtig, und Eure Antwort es noch mehr— ſagt mir, ob Ihr, wenn es Euch nicht die Pflicht oder die vaͤterliche Gewalt unterſagte— meine Beſuche nach dem, was ich jetzt ausgeſprochen habe, verbieten wuͤrdet? Bedenkt Euch und antwortet freimuͤthig. Miriam dachte einige Minuten nach, wie um ſich die Wichtigkeit der Frage vorzuſtellen, und erwwiderte dann feſt: „Nein, ich wuͤrde es nicht. Und nun, lebt dohl, Langley; ich ſehe meinen Vater kommen und Eure Be⸗ gegnung wuͤrde weder dem Einen noch dem Andern 33 Vergnuͤgen bereiten. Ich werde meinem Vater Alles, was geſchehen iſt, ſagen.“ 3 „Thue es, theure Miriam, wir wollen nichts verhehlen; unſer einziger ſicherer Fuͤhrer durch dieſe Welt, in Freude wie Kummer, Gefahr wie Schwie⸗ rigkeit, iſt die reine, ehrliche Wahrheit.— Es mag kom⸗ men, was da will.— Lebt noch einmal wohl— gebt mir Eure Hand. Ich werde uͤber Euch aus der Ferne wachen, und dadurch einen Zweck im Leben erhalten.“ „Lebt wohl, Langley!“ und der eingebildete Juͤng⸗ ling glaubte wirklich einen ſanften Druck ihrer Finger zu fuͤhlen. G 1 Die Tochter des Puritaners. II. 8 Drittes Kapitel. 2 Miriam giebt ein Beiſpiel, das junge Damen in aͤhnlichen Verhaͤltniſſen befolgen moͤgen oder nicht, je nachdem es ih⸗ nen beliebt.— Harold handelt wieder einmal nach Grundſaͤtzen. — Der Cavalier wird unbillig und weigert ſich, die Sache in Ueberlegung zu ziehen, um nicht etwa zu einer unrech⸗ ten Entſcheidung zu gelangen.— Er wird von der Er⸗ ſcheinung eines Engels ungeheuer gekitzelt, dieſe aber von einem Frauenzimmer in die Flucht geſchlagen.— Wie man es mit einem unvernuͤnftigen Manne anfangen muß.— Der Cavalier iſt erſtaunt und ergrimmt.— Er moͤchte eine Herausforderung abſchicken, wird aber durch Gregor Mot⸗ te's Klugheit an, der Abſendung verhindert. Sobald Miriams Eltern von ihrem Spaziergange zuruͤckkehrten, erzaͤhlte ſie ihnen mit der ruhigen Faſ⸗ ſung, die ſtets die Folge des Bewußtſeins recht gehan⸗ delt zu haben iſt, Alles, was ſich bei ihrem Geſpraͤch mit Langley zugetragen hatte. Die Mutter hoͤrte ihr mit peinlicher Aengſtlichkeit, der Vater mit offenbarer Mißbilligung zu. Sobald ſeine Tochter geendet hatte, redete er ſie mit ſtrenger Feierlichkeit folgenderma⸗ ßen an: „Miriam, Du weißt, daß ich ſtets nach Grund⸗ ſaͤten handle; ich fuͤrchtete,— ja ich ſah dies voraus, 35 und verbot Dir aus dieſer Urſache allen Verkehr mit jenem profanen jungen Manne, der Dich ſicherlich auf den Pfad der Verderbniß fuͤhren wuͤrde. Er iſt einer von den Anbetern Belials und wuͤrde, wenn Du ihn zu Deinem Fuͤhrer in dieſer Welt naͤhmſt, Deine Hoffnung auf die kuͤnftige zum Scheitern bringen. Sage mir— ich weiß, daß Du die Wahrheit ſelbſt in Bezug auf einen Gegenſtand ſprechen wirſt, in dem die Maͤdchen es nicht fuͤr ungeziemend halten, ſelbſt ihre Eltern zu taͤuſchen, ſage mir, ob dieſer junge Amalekiter Dein Herz umſtrickt hat? Erroͤthe nicht und laß den Kopf nicht ſinken, bedenke, daß ich Dein Vater bin und Deine Mutter auch ein Weib iſt.“ Miriam erroͤthete in der That und ließ den Kopf ſinken, und zauderte lange, ehe ſie antwortete. „Vater, ich weiß nicht, was Du mit dem Herz⸗ umſtricken meinſt; wenn es aber darin beſteht, daß ich oft an ihn denke und zuweilen von ihm traͤume,— daß ich mich nach ſeiner Gegenwart ſehne und ſeine Abweſenheit bedaure, daß ich mich zu einer neuen Exi⸗ ſtenz erweckt fuͤhle und in einer Welt lebe und mich be⸗ wege, von der ich vorher nie getraͤumt hatte, wenn er ge⸗ genwaͤrtig iſt, dann fuͤrchte ich wirklich, daß ich ſtark um⸗ ſtrickt bin.“ „Genug— genug, meine Tochter!“ ſagte Suſanne, „Du erinnerſt mich an die Tage meiner Jugend. Ich erkenne Deine Symptome— ſage weiter nichts.“ „Miriam,“ ſprach Harold nach tiefem, von Ge⸗ 3* 36 danken erfuͤlltem Schweigen,„hoͤre auf das, was ich Dir ſagen werde. Der junge Mann hat Dir ſeine Liebe erklaͤrt und Du die Deine gegen Deine Eltern kund gegeben, Dein unſchuldiges Herz iſt, wie ich wohl ſehen kann, tief umſtrickt. Die Vorſehung hat zu einem unerforſchlichen Zwecke, vielleicht um Dich im Feuer zu pruͤfen, alle meine Vorſichtsmaßregeln zu nichte gemacht. Als Vater habe ich das Recht, Dir zu verbieten, weiter an den jungen Mann zu den⸗ ken—“ „Gott Lob!“ rief Miriam ſchuͤchtern,„nach dem, was ich von ihm geſehen habe, iſt er gut und liebens⸗ wuͤrdig, redlich und treu.“ „Das mag wohl nach der Abſchaͤtzung Derjeni⸗ gen der Fall ſein, die den Menſchen mehr nach ſeinen Thaten als nach ſeinem Glauben beurtheilen und die ſchmutzigen Fetzen guter Werke an die Stelle der er⸗ habenen Myſterien des unerforſchlichen Schoͤpfers ſetzen. Was er aber auch ſein mag, ſo iſt er doch nicht Dei⸗ nes Glaubens, und ſeine Gewohnheiten, Sitten und Denkungsart gleichen den unſern nicht. Er gehoͤrt zu einer Kirche, die Deinen Vater und Deine Mutter verfolgt haben, zu einer Partei, die ſie zur Verban⸗ nung aus ihrem Vaterlande gezwungen, zu einer Par⸗ tei, deren Grundſaͤtze in ewigem Kriege mit den meinen und Deinen liegen und fuͤr deren Mitglieder unſere Gewohnheiten und Grundſaͤtze Gegenſtaͤnde der Laͤ⸗ cherlichkeit, wo nicht des Abſcheu's ſind. Um in Ein⸗ V 37 tracht mit einem ſolchen Manne unter Einem Dache und in allen Verhaͤltniſſen des Lebens zu wohnen, mußt Du entweder ihm oder er Dir aͤhnlich werden. Dem natuͤrlichen, um nicht zu ſagen unvermeidlichen Laufe der Dinge nach wuͤrde das Erſtere der Fall ſein, das ſchwaͤchere Gefaͤß wuͤrde nachgeben und Du wuͤr⸗ deſt nicht nur von Deinem Glauben abfallen, ſondern auch deſſen Todfeind werden. Alles, was ich gethan und gelitten habe, um wenigſtens die Freiheit meiner unſterblichen Seele zu retten und dieſelbe meinen Kindern bis auf die ſpaͤteſte Zukunft zu uͤberliefern, wuͤrde dadurch fruchtlos werden— Du wirſt abfallen und Deine Kinder Deinem Beiſpiele folgen.“ Er hielt, durch das Gemaͤlde, welches er vor ihr aufgerollt hatte, tief ergriffen, inne und Miriam naͤ⸗ herte ſich ihm, ergriff ſeine Hand und ſagte: „Glaube das nicht, mein Vater, die Verfolgung der Lebenden und Todten meiner Familie, das Blut Anderer und Dein eigenes, welches Du vergoſſen, und die Opfer, die Du gebracht, haben Deinen Glauben fuͤr mich zu koſtbar gemacht, um ihn je auf einem weltlichen Altare zu opfern! Sprich Deine Befehle aus, ich will nicht ſagen, daß ich von Deinen Gruͤn⸗ den uͤberzeugt werde, aber ich werde Deinem Willen gehorſam ſein.“ Harold kuͤßte ihre bleiche Wange liebevoll und fuhr fort: „Ich befehle Dir nichts— ich will nichts, denn 38 ich ſehe jetzt, daß, wenn ich dies thaͤte, ich nur eine Feder gegen den Wind erheben wuͤrde. So lange ich glaubte, daß es von Nubtzen ſei, bemuͤhte ich mich, das, was geſchehen iſt, zu verhindern, indem ich allen Verkehr zwiſchen Euch verbot; aber es iſt geſchehen und ich will mich nicht weiter einmiſchen. Wenn Maſter Langley Tyringham Dir mit Zuſtimmung ſeines Vaters die Ehe antraͤgt, ſo uͤberlaſſe ich die Ent⸗ ſcheidung Deinem freien Willen— und bedenke, Mi⸗ riam, daß Du allein zu tadeln ſein wirſt, wenn Du durch die eitle Jagd nach dem Gluͤcke dieſer Welt das der naͤchſten verwirken ſollteſt. Die Strafe waͤre dann nur die gerechte Folge Deines Vergehens, Du wirſt dann Deine Seele Deinem Herzen aufgeopfert haben.“. Miriam warf ſich an ſeine Bruſt und ſchluchzte: „Vater, ſo lange Du lebſt, werde ich Dich nie ver⸗ laſſen, ſo lange ich lebe, werde ich Deinen Geboten nie den Gehorſam verſagen, denn ich weiß, daß Du mir nie gebieten wirſt, Unrecht zu thun. Sei uͤber⸗ zeugt, daß Alles voruͤber iſt.“ Er druͤckte ſie an ſein Herz, und dieſer ſchnelle Gehorſam ließ ihn faſt die rauhe Ausuͤbung ſeiner vaͤ⸗ terlichen Gewalt bedauern. Suſanne, die die Scene ſchweigend mit ange⸗ ſchaut, zog jetzt ihre Tochter hinweg und brachte ſie durch ihre weibliche Theilnahme zur ruhigen Re⸗ ſignation. 39 Unterdeſſen hatte der alte Cavalier von Langley, deſſen freimuͤthiger und mannhafter Geiſt alle Verheh⸗ lungen verachtete, einen vollſtaͤndigen und wahren Bericht uͤber den Zuſtand ſeines Herzens und ſeiner Stellung zu Miriam erhalten. Die Antwort darauf war ein entſetzlicher Ausbruch des Grimmes gegen alle Stutzohren, Rundkoͤpfe, Rebellen und Republika⸗ ner, wobei er Olivier Cromwell und das Rumpfparla⸗ ment nicht vergaß. Er verwuͤnſchte ſie alle zuſammen wegen verſchiedenartiger ſchwerer Vergehen, wie z. B. des Haltens langer Gebete, des Pſalmſingens durch die Naſe und des Haarverſchneidens auf ungeziemende Art, ſchwor, daß ſie nicht beſſer als die Juden ſeien, weil ſie des Sonntags kalt aͤßen, und ſchloß, wie es nicht ſelten der Fall war, wenn der Schaum ſich ab⸗ geſetzt hatte, mit einer ziemlich vernuͤnftigen Bemerkung, naͤmlich, daß der Enthuſiasmus, ſo lange er wachſe, ehrenwerth genug ſein moͤge, weil er aufrichtig ſei, daß aber nichts veraͤchtlicher ſein koͤnne, als der En⸗ thuſiasmus, wenn er abnehme, da an ſeine Stelle ſtets die Heuchelei trete. Maſter Langley hoͤrte, wie es ungbaͤnderlich bei ihm der Fall war, wenn ſich der alte Herr ſeinem Zorne hingab, reſpektvoll zu; ſobald ſich aber der Sturm ein wenig gelegt hatte, verſuchte er ihm Vor⸗ ſtellungen zu machen. „Aber bedenkt, lieber Vater—“ „Gottes Tod, Sir, ich will nicht bedenken. Ich 40 habe einmal in meinem Leben bedacht und darauf einen großen Bock geſchoſſen; aber ich habe nichts dawider, anzuhoͤren, was Du zu ſagen haſt, obgleich ich Dir im Voraus ſage, daß es Dir nichts nuͤhen wird. Nun halte Deine Lobrede auf die Stutzohren und beſonders auf die jungen Stutzohrendirnen.“ Gerade in dieſem Augenblicke hatte Langley, ſtatt pflichtſchuldigſt ſeinem Vater zuzuhoͤren, vor ſich das Bild eines kleinen Stutzohrenmaͤdchens heraufbeſchwo⸗ ren, deſſen einfaches, aber einnehmendes Geſicht, an⸗ muthige Geſtalt, ſanft wallendes Haar und tief glaͤn⸗ zende Augen einen hoͤchſt angenehmen Gegenſtand der Betrachtung lieferken. Die ganze Erſcheinung bot dem Puritanismus Trotz, beſonders das Haar, welches ſich hartnaͤckig kraͤuſelte. Er konnte ſich nicht enthalten, ſie mit einem Laͤcheln zu begruͤßen, welches den alten Cavalier grimmig genug machte. „Was!“ ſchrie er,„lachſt Du mich aus, ich kann Dir ſagen, daß es keine laͤcherliche Sache iſt, obgleich Du daſtehſt und grinzeſt wie eine Steinmauer. Wenn Du nicht augenblicklich allen Anſpruͤchen„Rechten und dergleichen Dingen auf dieſen kleinen puritaniſchen Rundkopf, der gegen den Koͤnig rebellirt, die Biſchoͤfe geſtuͤrzt, einen Monarchen auf das Schaffot gebracht und einen andern verbannt hat, entſagſt— wenn Du nicht allen Verkehr in Gedanken, Worten und Thaten mit dieſer Hexe von Endor aufgiebſt, ſo biſt Du nicht 41 mehr mein Sohn. Beim Teufel, das iſt Alles. Jetzt lache, wenn Du willſt, Sir.“ „Mein lieber Vater,“ antwortete Langley, der an dergleichen Stuͤrme gewoͤhnt war; ich verſichere Euch, daß ich nicht uͤber das, was Ihr ſagt, gelaͤchelt habe— es war nicht geeignet, um zum Laͤcheln zu reizen.“ „Nein, das ſollte ich denken. Du wirſt finden, daß es eine ernſthafte Sache iſt, das kann ich Dir ſa⸗ gen, aber ich beſtehe darauf, zu wiſſen, woruͤber Du lachteſt, Sir.“ „Ich laͤchelte nur, lieber Vater, ich lachte nicht.“ „Nun, das iſt nur ein anderer Grad der Unver⸗ ſchaͤmtheit. Woruͤber laͤchelteſt Du 2s „Ei, Vater, ich hatte eine entzuͤckende Viſion.“ „Um des Himmels willen, eine Viſion!— der Junge iſt ſchon ein halbes Stutzohr, er wird wohl bald zu prophezeihen anfangen. Nun was war es, ein Satan oder ein Engel?* „Ein Engel, Sir, ein kleiner ſtutzohriger Engel von etwa mittler Groͤße, mit einem Geſicht ſo un⸗ ſchuldig wie eine Taube, Zaͤhnen weiß wie Schnee, Lippen roth wie eine Kirſche, einem Hals wie ein Schwan, einer Geſtalt wie Venus, Haaren, von denen jedes eine Kette fuͤr gefangene Herzen bilden koͤnnte und Augen, in denen man ſich einen heitern Himmel voll Liebe und Reinheit abſpiegeln ſieht.“ „Beim Jupiter le rief der alte Capalier, ſich die 4² Haͤnde reibend,„ſo eine Viſion moͤchte ich auch ſehen, das muß ein Engel geweſen ſein.“ „Was ſagſt Du von Engeln, mein Schatz 2 fragte Mrs. Tyringham, die in dieſem Augenblicke in das Zimmer trat und die Engelsviſion in die Flucht ſchlug. Mochte nun dieſe Diverſion zu Gunſten Langley's die Gefuͤhle des Cavaliers eben ſo verletzen— denn die Leute laſſen ſich nicht gern in ihren Predigten unter⸗ brechen— oder mochte die unerwartete Verjagung der Viſion dieſe Wirkung hervorbringen, ſo iſt doch ſo viel gewiß, daß er ſie etwas aͤrgerlich aufnahm. Mes. Tyringham war allerdings eine gute Frau, und nicht geradezu ſchoͤn, ſie konnte ſogar einen Con⸗ traſt von Langley's Engel abgeben. „Was ich ſagte, Liebſte—“ denn er that ſich viel darauf zu gute, daß er ſeine Frau ſtets mit gentlemaͤnniſcher Hoͤflichkeit behandelte— außer wenn er es vergaß—„was ich uͤber Engel ſagte— was ich dieſem jungen Herrn ſagte, der Viſionen und Traͤume hat, daß ich ihn eher am Galgen, als am Altare mit der Tochter des Rundkopfes ſehen moͤchte.“ „Nun, lieber Mann, ich bin uͤberzeugt, daß das einem Engel nicht eben gleich ſohh. Warum wuͤnſcheſt Du denn gerade jetzt ſo eifrig einen zu ſehen? Ich werde wirklich ganz neugierig.“ „Nun, liebe Frau, weil— ich will mich haͤngen laſſen, wenn ich es ſelbſt weiß. Langley, kannſt Du es mir nicht ſagen?“ 43 Langley ſchuͤttelte den Kopf. „Nun ich glaube, daß es daher kam, weil ich ſo ſelten einen ſehe.“ „Ja, das iſt allerdings ein genuͤgender Grund, um eine vernuͤnftige Frau zufrieden zu ſtellen!“ und die gute Dame entfernte ſich vollkommen ruhig, denn ſie neckte mitunter gern ihren Gatten ein wenig, wie es alle vernuͤnftige Frauen zu thun pflegen. „Die Peſt uͤber das Weib— nein, der Himmel ſegne die liebe gute alte Seele—“ ſie war nur um zehn Jahre juͤnger als ihr Mann,—„der Himmel ſegne ſie, aber ſie hat mich ganz aus dem Concepte gebracht.— Wo war ich ſtehen geblieben, Langley 2« „Nun, Sir, ſo viel ich mich erinnern kann, glaube ich, daß Sie eben im Begriff waren, Ihre volle Billigung und Zuſtimmung fuͤr meine Heirath mit dem kleinen ſtutzohrigen Engel zu geben, den ich in meinem Traume geſehen und der Ihnen ſo ſehr ge⸗ fallen hatte.“ „Ei, Du unverſchaͤmter junger Taugenichts! aber genug davon— ich bin ein Mann von wenig Wor⸗ ten, Du kennſt meine Anſicht und ich wiederhole Dir nochmals, daß, wenn Du die junge Rundkoͤpfin heira⸗ theſt, Du nicht mehr mein Sohn biſt.“ „Lieber Schatz,“ fragte Mrs. Tyringham, die jetzt wieder den Kopf zur Thuͤr herausſteckte,„lieber Schatz, willſt Du die Huͤhner zum Mittagseſſen ge⸗ braten oder geſchmort hahen?— Aber was ſagſt Du 44 davon, daß Langley nicht Dein Sohn waͤre? Du ſollteſt Dich ſchaͤmen, lieber Mann, ſolche Inſinua⸗ tionen gegen ein ehrliches Frauenzimmer auszuſtoßen.“ „Pah!“ ſagte der Cavalier muͤrriſch. „Nun pah oder nicht pah, ich ſage, daß Du Dich uͤber Dich ſelbſt ſchaͤmen ſollteſt, und Langley, da Du, wie es ſcheint, aller Pflichtverbindlichkeiten gegen Deinen geehrten Vater entbunden biſt, ſo bin ich offen der Meinung, daß Du hingehen und Mi⸗ riam Habingdon heirathen kannſt, ſobald Du ihre Zu⸗ ſtimmung erhaͤltſt.— Aber, lieber Mann, Du haſt Dich noch nicht uͤber die Huͤhner entſchieden.“ „Gottes Tod, Jenny, was iſt heute in Dich ge⸗ fahren, was kuͤmmere ich mich darum— brate ſie, oder koche ſie, oder backe ſie in des Teufels Namen, ich kuͤmmere mich nicht darum.“ „Nun, mein Schatz, Du wirſt wohl Cayenne⸗ pfeffer daran haben wollen.— Gregor— Gregor Motte,— geh und ſage der ſchwarzen Roſa, daß ſie Phoͤben ſagt, daß ſie es der Phillis ſagt, daß ſie mir Cayennepfeffer auf die Huͤhner ſtreut, ihr Herr ver⸗ langt ſie etwas heiß, da er ſich an dieſem kuͤhlen Mor⸗ gen etwas kalt fuͤhlt!—“ Der Thermometer ſtand auf 90. Die vortreff⸗ liche Matrone entfernte ſich in's Haͤuschen, lachend und zufrieden damit, ihren Gatten dahin gebracht zu haben, daß er ſich ſeiner ſelbſt ein wenig ſchaͤmte, ohne 45 daß ſie ſich auf die aͤußerſte Grenzlinie der weiblichen Autoritaͤt bewegt hatte. Das groͤßte Geheimniß zur Erhaltung der haͤus⸗ lichen Harmonie beſteht darin, alle Theile thun zu laſſen, was ſie wollen, und wenn ſie verſtaͤndige, gut⸗ muͤthige Leute ſind, ſo werden ſie natuͤrlich am liebſten das thun, was dem Andern gefaͤllt, wenn ſie es aber nicht ſind, ſo nuͤtzen alle Gruͤnde nichts. Um aber zu unſrer Geſchichte zuruͤckzukehren. Die Unterbrechung der guten Mrs. Tyringham brachte den Cavalier wieder vollſtaͤndig aus dem Con⸗ cepte, aber er fand daſſelbe bald von Neuem und wie⸗ derholte den Enterbungsſpruch mit erhoͤhter Kraft. „Lieber Vater,“ ſagte Langley,„es iſt vollkom⸗ men unnoͤthig; ich bin ſo eben von der jungen Dame auf Geheiß ihres Vaters fortgeſchickt worden, und habe die ſtrenge Weiſung erhalten, nicht wieder zu kommen.“ „Was!“ ſchrie der erſtaunte Cavalier,„was, fortgeſchickt— abgewieſen, und noch dazu von einem Rundkopf— einem Stutzohr,— einem Rebellen ge⸗ gen ſeinen Koͤnig und einem Renegaten an ſeiner Mut⸗ terkirche! Ei, Gottes Tod, was ſoll das heißen! Der Sohn und Erbe von ſechzehn Cavaliers⸗Generationen von der Tochter eines Stutzohrs zuruͤckgewieſen, und aus dem Hauſe eines Rundkopfes geſchickt!— Gregor— Gregor! ſattle augenblicklich mein Pferd.— Abgewie⸗ ſen— ein Sohn von mir— und nur durch vier Grade von einem Lordstitel entfernt. Bei Jupiter 46 Ammon, die ganze Stutzohrenbande ſoll die Beleidi⸗ gung buͤßen. Langley— das macht die Sache zehn⸗ mal ſchlimmer und wenn Du den Muth eines Man⸗ nes haſt, ſo wirſt Du meinem Befehle unbedingt gehor⸗ chen. Du kannſt gehen! ich ſehe Gregor mit meinem Pferde kommen.“ Langley entfernte ſich, gerade als Gregor herein⸗ trat und wie gewoͤhnlich fragte, was ſein Herr ver⸗ lange. Sobald er die Nachricht erhielt, welche grobe Beleidigung dem Hauſe Tyringham widerfahren war, und daß er eine Herausforderung uͤberbringen ſolle, da ſich kein Gentleman in der Nachbarſchaft befand, der dieſes Amt haͤtte uͤbernehmen koͤnnen, brach er in eine Menge von Einwendungen aus, denn er hatte eine unuͤberwindliche Abneigung gegen das Blutver⸗ gießen und Alles, was damit zuſammenhing, beharrte darauf, daß die Veranlaſſung keineswegs eine ſo ent⸗ ſchiedene Handlung erforderlich mache, daß die Ehre der Familie eher verlange, daß man von dieſer Abwei⸗ ſung keine Notiz nehme, und daß ſein Herr, da er ſo ſehr gegen die Heirath ſei, ſich eher uͤber das unuͤber⸗ windliche Hinderniß freuen als aͤrgern ſolle. „Gottes Tod, Gregor, ich ſage wieder zum hun⸗ dertſten Male, daß Du fuͤr einen ſo großen Narren der erſtaunlich geſcheidteſte Schelm biſt, den ich je ge⸗ ſehen, Du ſprichſt mitunter wie Bacons Kopf und mit⸗ unter auch wieder, als ob Du gar keinen Kopf haͤtteſt.“ „Ach, Sir, wenn ich ernſtlich betrachte, daß es 47 bei Klugen nicht Mode iſt, zu allen Zeiten klug zu ſprechen, ſo denke ich immer, daß es jammerſchade ſein wuͤrde, wenn die Narren nicht das gleiche Vor⸗ recht genießen ſollten.— Kluge Narren, Sir, ſind eben ſo gemein wie naͤrriſche kluge Leute,— die Welt iſt zwiſchen ihnen getheilt.“ „Gregor Motte, ich erklaͤre Dich fuͤr einen von den ſieben Palatinen— ich meine einen von den ſieben Weiſen von Griechenland, die wie Se. geheiligte Ma⸗ jeſtaͤt Koͤnig Karl, dem ſchuftigen Rocheſter zufolge, nie etwas Dummes geſagt und nie etwas Kluges gethan haben. Wahrhaftig, Motte, wenn Dein Muth nur im Verhaͤltniß zu Deiner Klugheit ſtaͤnde, ſo wuͤrdeſt Du ein eben ſo großes Wunder ſein, wie— wie— zum Geier, ich habe nie einen Vergleich fertig bringen koͤnnen.“ „Ihr meint ohne Zweifel, Sir, daß mein Muth mit meiner Tapferkeit in eben ſo ſchlechtem Verhaͤlt⸗ niß ſteht, wie Eure Klugheit mit Euerm Muthe. Wahrhaftig, es hat wohl noch nie einen Herrn und Knecht gegeben, die beſſer zu einander gepaßt haͤtten. Ihr werdet mich durch die Kraft Eurer Arme verthei⸗ digen und ich Euch durch die Dicke meines Hirnka⸗ ſtens aufklaͤren, ſo werden wir Beide unbeſiegbar ſein.“ .„Nun, nun, wir wollen uns uͤber die Sache nicht ſtreiten, beſonders da ich Dich durch das argumentum baculinum, wie wir in Oxrford ſagten, ſtets unterkrie⸗ gen kann. Ich, oder um Dir Gerechtigkeit ange⸗ 48 deihen zu laſſen, Du haſt uͤber den Gegenſtand viel nachgedacht, man wuͤrde dem Rundkopfe zu viel Ehre anthun, wenn man ihn bei einem ſolchen Anlaſſe herausforderte. Die Ehre meiner Familie iſt vor einem ſolchen erſt uͤber Nacht aufgeſchoſſenen Pilze ſicher—“ Der wackere Cavalier vergaß, daß die Fa⸗ milie Habingdon um Jahrhunderte aͤlter war als die ſeine. b I 30 „Ganz gewiß,“ entgegnete Gregor,„beſonders da Ihr die Muͤhe haben wuͤrdet, ihn ſpaͤter reitpeit⸗ ſchen zu muͤſſen, denn er wuͤrde Eure Herusfordernng nicht annehmen. Er wird nicht kaͤmpfen, er hat feige Scrupel, die man gewoͤhnlich Gewiſſensſcrupel nennt.“ „Nein, nein, Gregor, wir muͤſſen ihm Gerech⸗ tigkeit anthun— er iſt kein Feigling, er iſt eben ſo tapfer wie der alte Oliver, und eben ſo bereit, der Ge⸗ fahr entgegen zu treten, wie Du, vor ihr davon zu laufen.“ 1 As „Ich vor der Gefahr davon laufen, Sir Habe ich nicht die Barbaren gaͤnzlich in die Flucht ge⸗ ſchlagen, als Euer Haus belagert wurde, und das noch dazu mit meinem einzigen Arme? Wenn Ihr mich nicht im Keller eingeſchloſſen haͤttet— Ich will nichts ſagen, aber die kupferfarbigen Hallunken wuͤr⸗ den nicht ſo unverletzt davon gekommen ſein, wie es zur ewigen Schmach der ganzen Chriſtenheit geſche⸗ hen iſt.“ 3 Dieſer Einfall verſetzte den Cavalier in die beſte 49 Laune und er zog Gregor uͤber Langley's Liebe, die er ihm als ein großes Geheimniß mittheilte, zu Rathe. „Das habe ich ſchon lange gewußt, Sir!“ ſagte Gregor.. „Dul!— ach ich weiß, Du biſt immer kluͤger als alle andern Leute, beſonders wenn es ſich darum handelt, Dinge zu wiſſen, nachdem ſie geſchehen ſind. Woher weißt Du es? „Nun, Sir, er hat mir einmal gedroht, mir die Ohren abzuſchneiden, weil ich die junge Dame ein Stutzohr genannt habe, und hieraus und aus andern unfehlbaren Zeichen erkannte ich deutlich, daß mein junger Herr durch das Evangelium der Augen bekehrt worden war.“ „Nun, was raͤthſt Du mir, was ſoll ich thun?« „Nichts, Sir, als Koͤnig Brutus und ſeine ta⸗ pfern Trojaner—“ „Zum Teufel mit Koͤnig Brutus und ſeinen ta⸗ pfern Trojanern! was haben die mit der Sache zu thun?“ „O, Sir, viel, ſehr viel; wenn ſie nicht nach England gekommen waͤren, ſo wuͤrde die große Uni⸗ verſitaͤt Oxford, deren Gelehrſamkeit aufgehaͤuft iſt, wie Sand am Meere und eben ſo viel Frucht traͤgt, ſicherlich nie exiſtitt haben— wenigſtens an jenem Orte nicht, und die Kirche und die Biſchoͤfe haͤtten vielleicht gar ſolchem Viehzeuge wie Presbytern und Die Tochter des Puritaners. II.. 4 50 Conventen ſtatt Kirchenraͤthen und Concilen Platz ge⸗ macht. Bedenkt das, Sir.“ „Allerdings iſt das ſehr intereſſant; aber jetzt ver⸗ lange ich Deinen Rath uͤber andere Dinge. Was ſoll ich mit Langley anfangen?“ „Nichts, gar nichts, Sir,— der Sache ihren Gang laſſen. Die Liebe gleicht einem Reißigbuͤndel im Feuer. Jemehr man darin umherſchuͤrt, deſto ſtaͤrker brennt es; wenn Ihr es aber ungeſtoͤrt laßt, ſo wird es von ſelbſt ausbrennen. Seht Ihr nicht, daß das Feuer ſtets gegen den Wind geht?“ „Nun, ich werde Deinem Rathe folgen; aber hoͤre, Gregor, wenn er ſchlecht ausfaͤllt, ſo werde ich an Dir ein Exempel ſtatuiren.“ „Ihr koͤnnt kein beſſeres haben,“ erwiderte Gre⸗ gor ſelbſtgefaͤllig, und der alte Cavalier entfernte ſich, um ſich zum Eſſen anzukleiden, welche Gewohnheit er ſtets befolgte, da er, wie er ſagte, entſchloſſen war, wenigſtens die eine Haͤlfte des Tages ein Gentleman zu ſein. Viertes Kapitel. Harold uͤbertritt das Geſetz, indem er dem Evangelium ge⸗ horcht.— Unbequemlichkeiten des Friedensrichteramtes.— Der Richter fragt einen klugen Narren um Rath wie der berüͤhmte Panury.— Harold wieder einmal vor Gericht. — Er wird mit Strafe belegt und kommt zu einem wich⸗ tigen Entſchluſſe.— Monolog des Richters, der ſehr ver⸗ ſtaͤndig anfaͤngt, aber mit nichts aufhoͤrt. Nach der Reſtauration traten die Geſetze gegen die Diſſidenten wieder in volle Kraft und beſonders wurden die Quaͤker davon betroffen, von denen um dieſe Zeit einige in Virginien Zuflucht ſuchten und bald die Aufmerkſamkeit der buͤrgerlichen Behoͤrden erregten, indem ſie ſich nicht nur bemuͤhten, Bekenner fuͤr ihre Lehren anzuwerben, ſondern auch den Gottesdienſt der Staatskirche ſtoͤrten. Sie wurden verbannt, weiger⸗ ten ſich aber, ſich freiwillig zu entfernen und leiſteten der Gewalt Widerſtand; ſo wurden ſie zu einer Art von Ausgeſtoßenen, die ohne Heimath und oft auch ohne Zufluchtsort umherirrten. Es ereignete ſich, daß einer von dieſen Fluͤchtlingen im armſeligſten Zuſtande und von Ermuͤdung, Hunger und Fanatismus halb ver⸗ ruͤckt, nach Harold Habingdons Hauſe kam, iro er als ein beduͤrftiger Nebenmenſch freundlich aufgenommen 4* wurde, obgleich Harold ſeine Lehrſaͤtze verabſcheute, und ſo lange dort blieb, bis er ſich genuͤgend erholt hatte, um ſeinen Pilgerſtab weiter ſetzen zu koͤnnen. — Dem alten Cavalier wurde Anzeige gemacht, daß Harold, dem fuͤr ſolche Faͤlle erlaſſenen Geſetze zum Trotz, einen Suͤnder beherberge und unterſtuͤtze, woruͤber der Herr Friedensrichter Tyringham aͤußerſt aͤrgerlich war. Als Gerichtsbeamter hatte er die Pflicht, den Geſetzen Geltung zu verſchaffen; obgleich er aber den Rundkopf tief verabſcheute und ihn von ganzem Herzen gern bekaͤmpft haben wuͤrde, ſo konnte er es doch als Nach⸗ bar nicht mit ſeinen Gefuͤhlen in Einklang bringen, gegen ihn einzuſchreiten. Allerdings hatten ſie in den „Buͤrgerkriegen die Schwerter mit einander gekreuzt, ſeitdem aber unter dem eigenen Dache nebeneinander geſtanden und ſich gegenſeitig vertheidigt. „Zum Henker mit dem Stutzohre!“ murmelte er vor ſich hin,„woher hat er das Recht, mich in dieſe Verlegenheit zu bringenz ich muß entweder meinen Richtereid verletzen oder meinem Nachbar, der zwar ein Rebell und ein Rundkopf, aber ein Ehrenmann und ein guter Soldat iſt— das kann ich von ihm ſagen, obgleich ich nicht begreife, wie ein Menſch, der weder trinkt noch flucht, das Eine oder das Andere ſein kann — einen ſchlimmen Dienſt leiſten.“ Nach Beendigung dieſes Monologs rief er Gre⸗ gor, der bei officiellen Anlaͤſſen die Stelle des Gerichts⸗ 53³ ſchreibers bekleidete, zu Rathe, gab ihm die Anzeige, und fragte: „Was ſoll ich in der verwuͤnſchten Geſchichte thun, Motte?“ „Nun, Sir,“ antwortete Gregor nach gehoͤriger Ueberlegung,„wenn ich an Eurer Stelle waͤre, das heißt, wenn Ihr wie ich daͤchtet— ſo wuͤrdet Ihr zuerſt dem Maſter Habingdon Notiz geben, aus dem Wege zu gehen und dann einen Befehl zu ſeiner Feſt⸗ nehmung erlaſſen.“ „Er aus dem Wege gehen?— er wuͤrde ſich huͤ⸗ ten— er wuͤrde ſich nicht von der Stelle ruͤhren. So ein echter Rundkopf kann eben ſo wenig ohne eine Doſis heilſamer Verfolgung leben als ein Huhn ohne 7 Sand. Nein, nein— das geht nicht, Gregor. Wenn es noch eine neue Welt gaͤbe, ſo wuͤrde er dort Zuflucht ſuchen, aber nimm mein Wort darauf, daß er keinen Zoll breit von der Stelle gehen wird.“ „Wenn das der Fall iſt, Sir, und ich an Eurer Stelle waͤre— ich meine, wenn Ihr an meiner Stelle waͤret, ſo wuͤrdet Ihr einmal ausnahmsweiſe eine gute That begehen.“ „»Ei, Du unverſchaͤmter Schlingel, wie kannſt Du es wagen zu inſinuiren, daß ich nie eine gute That begangen haͤtte.“ „Ihr mißverſteht mich gaͤnzlich, Richter Tyring⸗ ham. Begreift Ihr nicht, daß ich ſo zu ſagen von mir ſpreche, da ich mir die Freiheit genommen habe, 54 meine Perſon an die Stelle Eurer Perſon zu ſetzen, ergo habe ich, logiſch geſprochen, nie eine gute Hand⸗ lung begangen und nicht Ihr, mein geehrter Herr.“ „Schon gutz fahre auf Deine eigne Art fort.“ „Wie geſagt— oder vielmehr um genauer zu ſprechen, wie ich ſagen wollte, ſo wuͤrde ich Euch ehr⸗ erbietig empfehlen, ſo zu ſagen eine gute That zu be⸗ gehen, indem Ihr dem Geſetze zuwider und dem Evan⸗ gelium gemaͤß handelt, indem Ihr Euerm Naͤchſten das thut, was Ihr wollt, daß er Euch thun ſoll. Es geziemt einem Manne Euers Standes nicht, auf einen ſchuftigen Denuncianten zu achten, den ich Euch hier⸗ mit ſtatt des Maſter Habingdon zu beſtrafen und ein⸗ zuſperren anempfehle, denn ich haſſe ihn zwar als einen Rundkopf, muß ihn aber doch gegen mein Gewiſſen achten.“ „Es geht nicht, Gregor— ich ſage Dir, es geht nicht. Dieſe gute That, wie Du es nennſt, wuͤrde zum Verluſte meines Amtes und was bei weitem ſchlimmer iſt, zu meiner Schande fuͤhren. Gottes Tod, Sir, man wuͤrde mich fuͤr einen Rundkopf oder Quaͤker halten, welche Letzteren ich ganz beſonders verabſcheue, da ſie weder in einer guten noch in einer ſchlechten Sache kaͤmpfen wollen.“ „Nun, Richter Tyringham, das iſt es gerade. Eine gute That, die einem Menſchen nichts koſtet, iſt gerade ſo viel werth als ſie koſtet. Sie gleicht dem Mittugseſſen eines Bettelmanns, wofuͤr er keine Zeche 55 bezahlt, und iſt um nichts beſſer als Knochen und Ueberbleibſel. Zugegeben, daß dieſe eine freundnach⸗ barliche Handlung ſchlimme Folgen fuͤr Euch haben ſollte, ſo braucht Ihr noch neun und neunzig zu ver⸗ richten und ich kann Euch prophezeihen, daß eine von den Hundert Euch alle Uebrigen vergelten wird.“ „Bei St. Gregor dem Großen, Deine Bemer⸗ kungen ſind theoretiſch richtig, aber zum Ungluͤck prak⸗ tiſch falſch. Bedenke meinen Amtseid, Gregor Motte, meine Richterpflichten, und was ſonſt noch darum und daran haͤngt.— Siehſt Du nicht, daß ich ſo zu ſagen ein doppeltes Spiel ſpielen wuͤrde, und jetzt zwiſchen zwei Uebeln hin⸗ und hergezogen werde, aber das Schwa⸗ tzen nutzt nichts, ich muß den Rundkopf citiren und ihn dem Statut gemaͤß ſtrafen. Wenn er, wie ich es fuͤr gewiß halte, nicht bezahlen will, denn er iſt hals⸗ ſtarrig wie ein Maulthier und handelt ſtets nach Grund⸗ ſatz, nun ſo mag er zum Teufel gehen, das iſt Alles, denn Du weißt, daß es in unſrer Gegend hier kein Gefaͤngniß giebt, und ich bin dann die verwuͤnſchte Geſchichte los. Stelle die Citation aus, ich werde Dich, um ſie auszufuͤhren, zum Conſtabel ſchlagen, damit der infame Kerl, der mir die Geſchichte auf den Hals geladen hat, um ſeine Gebuͤhren kommt.“ Gregor gehorchte dem Befehle; die Vorladung wurde ausgeſtellt und der Richter ſchlug ihn zum Con⸗ ſiite⸗ indem er ihm einen Stock uͤber die Schultern egte.— 56 Motte fand den Schuldigen zu Hauſe und uͤbte ſeine Pflicht nach den Inſtructionen ſeines Herrn auf das Hoͤflichſte und Geziemendſte, indem er ihm mit⸗ theilte, daß der Richter Tyringham das Geſetz als Ma⸗ giſtratsperſon nur mit Widerſtreben ausuͤbe. Dieſes Verfahren erregte große Beſtuͤrzung bei der Frau und Tochter des Rundkopfes, beſonders bei der Erſtern, die noch eine lebhafte Erinnerung an die Verfolgung ihrer Eltern und ihre eignen Leiden aus ihrer Jugendzeit bewahrte. Sie war bekuͤmmert und erſchreckt uͤber das, was ſie fuͤr eine Erneuerung der⸗ ſelben in der neuen Welt, wohin ſie geflohen waren, um ihnen zu entgehen, hielt. Sie ließ die lange Reihe von Einkerkerungen und Koͤrperſtrafen an ihrem Geiſte voruͤbergehen, welche die Schritte des Daͤmons geiſtlichen Stolzes bezeichnet hatten und fuͤrchtete, mit dem mil⸗ deren Geiſte der Colonialgeſetze unbekannt, daß Harold mit ſchmachvollen Striemen oder vielleicht gar ohne ſeine Ohren zuruͤckkehren werde. Auch die arme Mi⸗ riam wurde von dem Uebel zu Boden gedruͤckt, wel⸗ ches ihr um deshalb noch um ſo ſchwerer vorkam, als es von dem Vater desjenigen, welchen ſie liebte und der ihrem Herzen mit jedem Tage theurer wurde, aus⸗ ging.. Als ſich Harold anſchickte, der Vorladung zu ge⸗ horchen, hingen ihm ſeine Gattin und Tochter am Halſe, flehten ihn um Erlaubniß an, mitzukommen 57 und ſein Schickſal zu theilen, aber er lehnte dies ent⸗ ſchloſſen ab, indem er ſie troͤſtete und ſprach: „Seit nicht niedergeſchlagen, meine Geliebten, ich fuͤrchte nichts, obgleich ich nie gedacht haͤtte, daß die Verfolgung mich wie ein Spuͤrhund ſelbſt in den Waͤl⸗ dern der neuen Welt ereilen wuͤrde. Troͤſtet Euch aber; wenn ich das Geſetz recht kenne, ſo iſt das Aeußerſte, wozu man mich verurtheilen kann, eine Geldſtrafe, und im Fall ich ſie nicht bezahle, das Ge⸗ faͤngniß. Nicht wahr, Maſter Motte? Gregor bejahte es und Harold beſtieg ſein Pferd und begleitete ihn an die Gerichtsſtaͤtte. Der alte Ca⸗ valier, der ſie von fern herannahen ſah, kam ſich eher wie ein Verbrecher als wie ein Richter vor, aber nach einer großen Anſtrengung gelang es ihm, Wuͤrde genug aufzubieten, um ihn mit der ſteifen Feierlichkeit eines angeſtellten Buͤrgers zu empfangen. Er begann mit Entſchuldigungen, in denen ihn aber Harold unterbrach und ſagte: „Es iſt nutzlos, Maſter Tyringham, Euch zu ent⸗ ſchuldigen, Ihr ſeid eine Magiſtratsperſon und muͤßt Eure Pflicht thun. Das Geſetz iſt der Tyrann, nicht Diejenigen, welche ihm Geltung verſchaffen.“ „Pſt!’ antwortete der Cavalier;„erinnert Euch, daß wir den Geſetzen Achtung ſchuldig ſind, und ihnen nicht nur Gehorſam, ſondern auch Ehrerbietung beweiſen ſollen.“ „Ich kenne keinen Unterſchied, Sir, zwiſchen den 58 Bedruͤckungen des Geſetzes und der Tyrannei eines Einzigen. Doch genug uͤber dieſen Punkt.— Darf ich fragen, welches Vergehens ich angeſchuldigt bin?“ „Daß Ihr einen Menſchen unterſtuͤtzt und gehol⸗ fen habt, der wegen Ungehorſam gegen die Geſetze und die Kirche aus der Colonie verbannt worden iſt— hier iſt der Zeuge.“ „Mein Vergehen bebarf keines Zeugen; ich ge⸗ ſtehe es ohne Anſtand und ohne Zerknirſchung. An meine Thuͤr kam ein ungluͤcklicher, ſchwacher, hungriger, faſt nackter Menſch. Ich fragte ihn nicht nach ſeinem Glauben und eben ſo wenig erkundigte ich mich, woher er komme oder wohin er gehe. Ich ſah, daß er ein Menſch und daß er hilfsbeduͤrftig war, denn ſein Ge⸗ ſicht ſah blaß und mager aus und ſeine Glieder zitter⸗ ten, als er ſo auf ſeinen Stab gelehnt daſtand. Ich nahm ihn in mein Haus auf, denn aus allen andern war er verſtoßen, und ich und die Meinen verſahen ihn mit dem, was er bedurfte, bis er genas und ſeines Weges ging. Ich ſah, daß ſein Glaube weder der meine noch der Deine war, aber dies erſchien mir kein Grund, um ihn mitten unter Chriſten und Nebenmen⸗ ſchen umkommen zu laſſen wie ein Thier des Feldes. Ich habe Verfolgungen erlitten und Gott verhuͤte, daß ich deren je meinen Nebenmenſchen auferlegen ſollte.“ Er ſprach dies mit uͤberzeugtem Herzen, vergaß dabei aber, daß er ſeit einiger Zeit, ſeiner ſelbſt unbe⸗ wußt, nach demſelben Prinzip wie das Geſetz, unter 59 welchem er jetzt leiden ſollte, gehandelt, und blos we⸗ gen Meinungsverſchiedenheit zwei guten Weſen weit ſchwerere Strafe auferlegt hatte. Alle Menſchen ſind aber dergleichen Taͤuſchungen ausgeſetzt und ſind, die Wahrheit zu ſagen, ſelten eher mit ſich ſelbſt zufrieden als bis ſie ſich getaͤuſcht haben. Der wackere alte Cavalier wurde von dem durch Harold gegebenen Geſichtspunkte nicht wenig bewegt und war ſich vollkommen bewußt, daß er im gleichen Falle ſelbſt daſſelbe gethan haben wuͤrde. Er konnte ſich nicht enthalten anzuerkennen, daß es ſchlimm ſei, wenn ein Menſch wegen einer Handlung der Menſch⸗ lichkeit beſtraft werden ſolle. Zu gleicher Zeit aber war in Harolds Manier und Ausſehen etwas ihn ſo maͤchtig an die predigenden Schufte, wie er ſie nannte, die ihn und ſeine Kameraden bei Marſton More und Naſeby ſo weidlich gegerbt hatten, Erinnerndes, daß die jetzt bei ihm erwachten Gefuͤhle ſeinen alten eingewur⸗ zelten Vorurtheilen wichen und er wieder zu dem ſtren⸗ gen, unbeugſamen Richter wurde, der den Geiſt des Geſetzes uͤber dem Handeln nach dem Buchſtaben ver⸗ gißt.— „Maſter Harold Habingdon,“ ſagte er, ves ſteht weder Euch noch mir zu, uͤber die Geſetze des Landes zu Gericht zu ſitzen, ſondern ihnen zu gehorchen. Allerdings gebietet uns das Evangelium, unſern Naͤch⸗ ſten zu lieben wie uns ſelbſt; wenn aber die Geſetze das Gegentheil beſagen, nun ſo laͤßt ſich weiter nichts 60 thun. Ihr habt Euch einer Geldſtrafe und im Falle der Nichtbezahlung ſchwerer Kerkerhaft ausgeſetzt; da aber das Gefaͤngniß von den Wilden niedergebrannt worden iſt, muß das Geſetz dieſe Strafe nachlaſſen. Ich werde daher, meiner Pflicht gemaͤß, Euch die Strafe auferlegenz ob Ihr ſie aber bezahlt oder nicht, geht mich nichts an und ich werde mir uͤber die Sache den Kopf nicht zerbrechen. Ihr ſeid frei, Sir.“ Harold beſtand jedoch darauf, die Strafe zu be⸗ zahlen und der Richter und Delinquent trennten ſich mit der ceremonioͤſeſten Hoͤflichkeit, obgleich die Abneigung des Erſtern dadurch, daß er gezwungen worden war, ſo gegen ſeine beſſern Gefuͤhle zu handeln, ſich bedeu⸗ tend vermehrt hatte, und Harold ſich uͤberzeugte, daß Verfolgung und Fanatismus Weltbuͤrger und uͤberall zu Hauſe waren. Auf dem Heimwege und nach ſeiner Ruͤckkehr bruͤtete er ſchweigend daruͤber, und endlich kam er zu einer Entſcheidung, rief ſeine Frau und Tochter herbei und kuͤndigte ihnen ſeinen Entſchluß an, die Colonie Virginien zu verlaſſen und in Neu⸗Eng⸗ land eine Freiſtaͤtte zu ſuchen. Suſanne nahm die Mittheilung mit ſchweigender Unterwuͤrfigkeit auf, Miriam ſchrack zuſammen und er⸗ bleichte, ſagte aber kein Wort. Harold, der ſtets ſchnell in ſeinen Thaten war, ging unverzuͤglich daran, ſein Projekt zur Ausfuͤhrung zu bringen. Zu jener Zeit fand der Verkehr zwiſchen Virgi⸗ nien und Neu⸗England nur zur See ſtatt, da der 61 groͤßte Theil des dazwiſchenliegenden Landes, wie ſchon fruͤher geſagt, eine wuͤſte Wildniß war. Aber Verbin⸗ dung irgend einer Art kam nur aͤußerſt ſelten vor, und obgleich in langen Zwiſchenraͤumen ein paar Kuͤſten⸗ fahrzeuge von Boſton oder Salem auf einer Spekula⸗ tionsreiſe in den Cheſapeake einſegelten, ſo hatte dies doch keine freundſchaftliche oder geſellige Verbindung zur Folge. Der alte Sauerteig des Mutterlandes gaͤhrte noch immer in der Bruſt der Auswanderer nach der neuen Welt und iſt heutigen Tages noch nicht gaͤnzlich zur Ruhe gekommen. Harold hatte indeſſen, als er in der Hauptſtadt nachfragte, das Gluͤck, gerade einen nach Neu⸗Eng⸗ land beſtimmten Schooner von maͤßiger Groͤße zu fin⸗ den und traf ohne Verzug ſeine Vorbereitungen. Wer bereit iſt, ſich mit dem zu begnuͤgen, was er erhaͤlt, findet bald einen Kaͤufer und er ordnete nicht nur ſeine haͤuslichen, ſondern auch ſeine Geldangelegenheiten ſo ſchnell, daß er zur Einſchiffung bereit war, ehe der Schooner ſegelfertig wurde. Als der alte Cavalier von der Abſicht ſeines alten Nachbarn hoͤrte und deſſen ſchnelle Vorbereitungen, um ſie zur Ausfuͤhrung zu bringen, ſah, machte ihm ſein Herz Vorwuͤrfe uͤber ſein feindliches Benehmen und beſonders uͤber ſeine kuͤrzliche Ausuͤbung der richter⸗ lichen Gewalt. Er war uͤberzeugt, daß dieſe letztere die unmittelbare Urſache dieſer zweiten Verbannung ſei, und verſank in eine Reihe von Reflexionen, die ſich etwa in folgenden Worten verkoͤrperten: „Gottes Tod, moͤchte wiſſen, was der Grund iſt, daß Leute, die ſich Chriſten nennen, nicht in Ruhe: und Frieden zuſammenleben koͤnnen wie Chriſten, ſtatt einander in die Haare zu fahren, und ſich zu knuͤffeln und zu kratzen und zu beißen, wie Krebſe in Einem Korbe. Hier zum Beiſpiel iſt Maſter Habingdon und ich durch die Wechſelfaͤlle des Lebens in eine neue Welt geworfen worden, in der wir faſt die einzigen chriſtli⸗ chen Bewohner ſind, und doch koͤnnen wir nicht als Freunde und Bruͤder zuſammen leben— und warum? „Er iſt ein braver, rechtſchaffener Mann und hat, ſeit er hierher gekommen iſt, nie eine ſchlechte Hand⸗ lung begangen, und ich— Gottes Tod— von mir kann ich doch auch ſagen, daß ich weder ein Feigling, noch ein Heuchler, noch ein Schuft bin, denn ich habe nie einem Freunde oder Feinde den Ruͤcken zugekehrt, außer bei Marſton More und Naſeby. Dort bin ich freilich geſprungen wie ein Haaſe, das iſt gewiß. Ja, die ſchuftigen Stutzohren mit ihren hoͤlliſch langen Ge⸗ beten und Pſalmen zerſtreuten uns wie Spreu im Winde und ich will nie wieder Wildpret eſſen, wenn ich es ihnen je verzeihe. Ein Rundkopf iſt ein Rund⸗ kopf in der alten Welt wie in der neuen, und damit Baſta. Meinetwegen mag er nach Neu⸗England oder Neu⸗Guinea gehen— ich wuͤnſche ihm Gluͤck und freue mich, daß er fortkommt,“ 63 Die beiden Nachbarn, die mehrere Jahre lang einander ſo nahe gewohnt hatten, daß ſie gegenſeitig den Rauch aus ihren Schornſteinen aufſteigen ſehen konnten, trennten ſich alſo, ohne einander Lebewohl zu ſagen, obgleich Hundert gegen Eins zu wetten war, daß ſie einander nie wieder ſehen wuͤrden. Fünftes Kapitel. Unerklaͤrlich verkehrtes Benehmen Miriams.— Eine Botſchaft, die durch Gregor Motte uͤberbracht wird und bei der er Unheil ſtiftet. Ein Abend im Suͤden, der die Entſchuldigung zur Einfuͤhrung einer Liebesſcene bietet, die am Ende aber aus Mangel an gehoͤriger Wuͤrze den Leſer nicht ganz zufrieden ſtellen wird.— Ein letztes Lebewohl. Als Miriam das Zimmer verließ, nachdem ſie den Entſchluß ihres Vaters, den Ufern des Powhatan auf ewig Valet zu ſagen, vernommen hatte, war es der erſte und vielleicht der einzige Gedanke, welcher ihren Geiſt beſchaͤftigte, daß ſie Langley Tyringham nie wieder ſehen wuͤrde, und der kalte Schauer, wel⸗ cher dabei durch ihr Herz zuckte, lehrte ſie zum erſten Male, wie koſtbar die Gewißheit, ihn in ihrer Naͤhe zu wiſſen, wenn ſie ihn auch nie erblickt, ſei. Es liegt in der Idee der Naͤhe etwas unausſprechlich Beſchwich⸗ tigendes, gerade wie die in ihrem geborgten Glanze ſchimmernden milden Lichtkoͤrper des Himmels dem be⸗ trachtenden Geiſte ein ſuͤßes Entzuͤcken einfloͤßen, wenn er auch ganz außer ihrem Bereiche iſt. Wir wiſſen, daß ſie da ſind, wir verkoͤrpern uns ihre Gegenwart, — —— 65 ſie exiſtiren fuͤr uns, obgleich aller Verkehr mit ihnen unmoͤglich iſt. Sie ergab ſich in den Gedanken, nie wieder mit ihm zuſammenzutreffen, ſo lange ſie die Moͤglichkeit hatte, ihm noch zu begegnen. Sobald ſich aber erſt eine unuͤberſteigliche Schranke zwiſchen ihnen erhob und alle Hoffnung, dieſelbe je entfernt zu ſehen, verſchwand, fuͤhlte ſie eine truͤbe Wehmuth, wie ſie ihr noch nie das Herz bedruͤckt hatte. Es war nicht mehr ein Opfer der kindlichen Pflicht oder des Glaubens, ſondern ein unwiderſtehlicher Wunſch, der ihr alles Verdienſt freiwilliger Unterwerfung raubte. „ Wo iſt er?“ dachte Miriam,„wird er nicht kom⸗ men und mir Lebewohl ſagen? Aber ich habe ihm ver⸗ boten zu kommen und er wird meinem Gebote gehor⸗ chen.— Jetzt aber, wo ich hinweggehe, um auf ewig durch ſtuͤrmiſche Meere und undurchdringliche Wildniſſe von ihm getrennt zu werden, glaube ich, daß ich ihm verzeihen koͤnnte, wenn er mir ungehorſam waͤre. Ich moͤchte ihn noch einmal ſehen, ſei es auch nur, um ihm zu ſagen, daß er vergeſſen moͤge, daß er mich je liebte, daß ich ihn aber nie vergeſſen werde. Sicher⸗ lich weiß er nicht, daß wir uns ſo ſchnell trennen muͤſ⸗ ſen, denn ich fuͤhle, daß ich an ſeiner Stelle nicht ruhen koͤnnte, ohne ihm ein letztes Lebewohl geſagt zu haben.“ Dieſe und aͤhnliche Reflexionen wurden beſtaͤndig durch die Nothwendigkeit der Anſtrengungen fuͤr die bevorſtehende Abreiſe unterbrochen. Sie kehrten jedech Die Tochter des Puritaners. I1. 5 mit erneuerter Staͤrke immer wieder zuruͤck. Je naͤher die Zeit zur Abreiſe heran kam, deſto ſtaͤrker wurde ihre Sehnſucht, Langley noch einmal zu ſehen, ſo wie ihre Ueberzeugung, daß ſie dies thun koͤnne, ohne den Geiſt ihres ihrem Vater gegebenen Verſprechens zu ver⸗ letzenz aber ſie vermochte nicht uͤber einen Punkt der Kindespflicht im Zweifel zu bleiben, und eines Tages fragte ſie ihren Vater offen, wenn auch mit tiefem Erroͤthen, um Erlaubniß, Langley kommen zu laſſen. „Miriam,“ ſagte er,„moͤchteſt Du Dich mit dieſem jungen Manne vermaͤhlen? Sage mir es wahrhaft und ohne Maͤdchenheuchelei.“ „Nein, Vater, wenigſtens nicht gegen Deinen Willen.“ „Warum wünſcheſt Du ihn dann wieder zu ſehen 2⸗ „Ich weiß es ſelbſt kaum. Wenn er aber nur ein gewoͤhnlicher Bekannter waͤre, ſo wuͤrde, da wir ſo lange unter Einem Dache gelebt und in ſeines Va⸗ ters Hauſe vor dem Tode Schutz gefunden haben, eine ſolche Trennung ohne Abſchied den Schmerz der⸗ ſelben vermehren. Warum ſollen wir alſo, da wir einander doch ſo nahe ſind, aus einander gehen, ohne uns Lebewohl zu ſagen?“ „Weil es den Schmerz des Scheidens nur um ſo groͤßer machen wuͤrde, meine Tochter.“ „Nicht ſo, mein Vater, wenigſtens nicht fuͤr 67 mich. Ich wuͤnſchte ſehr, einige Abſchiedsworte mit Langley zu ſprechen—“ „Um ihm zu ſagen, daß er Deiner gedenken moͤge, Miriam!“ „Nein— um ihm zu ſagen, daß er mich ver⸗ geſſen ſollz um ihm zu ſagen, wie ich es thun wuͤrde, ohne mich deſſen zu ſchaͤmen, daß ich, wenn ſich kein unuͤberſteigliches Hinderniß boͤte, ihm gern das ſein wuͤrde, was meine Mutter Dir iſt; da dies aber un⸗ moͤglich iſt, daß er nicht mehr an mich denken ſoll.“ „Liebe Tochter,“ ſagte Harold guͤtig, denn ſeine Grundſaͤtze gaben ſeinen Gefuͤhlen mitunter auch nach, zich fuͤrchte, daß Du Deine Kraͤfte zu hoch anſchlaͤgſt. Der Anblick dieſes jungen Mannes, beſonders wenn es zum letzten Male iſt, wird Dich zur Nachgiebigkeit er⸗ weichen und er Dir Verſprechungen entreißen, die Du nie erfuͤllen kannſt, ohne Deinem Vater ungehorſam zu ſein und Deinen Glauben zu verleugnen.“ „Giebt es denn mehr als Einen Gott? und glaubt nicht er ſo gut an ihn wie ich?— Giebt es mehr als Einen Heiland, und iſt er dies nicht fuͤr uns Beide? Wir wollen daruͤber aber nicht weiter ſprechen; ich bin meinem Vater Gehorſam ſchuldig und werde dieſe Schuld bezahlen. Ich bin nur ein einfaches Maͤdchen, kenne mich aber in ſo weit ſelbſt, daß ich fuͤhle, ich kann meine eigenen theuerſten Wuͤnſche meinem Vater und Glauben aufopfern. Ich bitte Dich, Vater, mich 5 X 68 ihn noch einmal ſehen zu laſſen. Mutter, willſt Du mich nicht unterſtuͤtzen?“ Suſanne war bei dieſem Zwiegeſpraͤche zugegen geweſen, hatte ſich aber nicht eingemiſcht, denn ſie wußte, daß Harold es unguͤnſtig aufnehmen wuͤrde, da ſich ſein Syſtem der Hausregierung keineswegs dem Republikanismus naͤherte. Sie entſprach indeß dieſer Aufforderung, indem ſie ſagte: „Als wir uns in alter Zeit an den Thoren des Gefaͤngniſſes trennten, wuͤrde ich viel darum gegeben haben, einige Worte mit Dir austauſchen zu koͤnnen, und meine Bekuͤmmerniß beim Scheiden vermehrte ſich dadurch, daß wir nur ſtumm von einander Abſchied nehmen konnten.“ Dieſe Erinnerung an fruͤhere Zeiten erweckte in Harold eine lange Reihe von Gedanken, die ſein Herz ſaͤnftigten und ihn nachgiebiger machten. Endlich be⸗ willigte er die Bitte ſeiner Tochter und es wurde nach Langley Tyringham geſchickt, um ihn zu bitten, daß er ſich zu dem Puritaner begeben moͤge. Der Diener kehrte mit der Nachricht zuruͤck, daß er ſeit einiger Zeit ſchon in beſondern Geſchaͤften in der Hauptſtadt ſei und daß man nicht wiſſe, wann er zuruͤckkehren werde. Er erhielt dieſe Mittheilung von Maſter Gregor, der, wie der Leſer weiß, in ſeiner Art ein eingefleiſchter Spaß⸗ macher war und mit folgenden Worten ſchloß: „Es heißt, daß er in Geſchaͤften meines Herrn hingegangen waͤre; ich weiß es beſſer; es handelt ſich 69 um eine junge Dame, und ich denke, daß es in nicht gar langer Zeit eine Hochzeit geben wird. Aber es iſt ein großes Geheimniß, und Ihr muͤßt mir verſprechen, es keiner Menſchenſeele mitzutheilen.“ Gregor kannte den Gefuͤhlszuſtand ſeines jungen Herrn recht gut, aber ſeine Luſt an der Spaßmacherei wurde bei dieſem Anlaſſe durch eine tief eingewurzelte Abneigung gegen die Stutzohren beſtaͤrkt, und er fuͤhlte großes Vergnuͤgen daran, auf's Gerathewohl einen Pfeil abzuſchießen, der da, wo er niederfiel, tief einſchlug. Der Ueberbringer der Botſchaft bewahrte das Ge⸗ heimniß in ſofern, als er es nur Mildred mittheilte, und man kann ſich leicht denken, welche Folgen daraus hervorgingen. Miriam nahm das erſte Item dieſer Nachricht mit ſchweigendem Kummer auf, aber bei dem letzten Theile derſelben wurde ſie todtenbleich. „Es bedarf keines Troſtes von meiner Seite,“ dachte ſie, ließ ihre Gedanken aber nicht laut werden. Der folgende Morgen war zu ihrer Abreiſe ange⸗ ſetzt. Den Tag uͤber ſchien ſie ein von dem, was ſie bisher geweſen, gaͤnzlich verſchiedenes Geſchoͤpf gewor⸗ den zu ſein. Sie hatte ſtets Ruhe und Ordnung be⸗ wieſen, jetzt aber konnte ſie ſich kaum einen Augen⸗ blick ſtill halten. Sie wanderte ſcheinbar zwecklos im Hauſe umher, man haͤtte aber bemerken koͤnnen, daß ſich ihre Schritte ſtets nach einem beſtimmten Fenſter 70 richteten, das nach der Wohnung Maſter Tyringhams die Ausſicht hatte. Gegen Sonnenuntergang ſagte ſie ihrem Vater, daß ſie zum letzten Male noch einen Spaziergang am Fluſſe zu machen wuͤnſche. Er ſchlug vor, ſie zu be⸗ gleiten, ſie aber ſagte, daß ſie es vorziehe allein zu ge⸗ hen, und er fuͤgte ſich ihrem Wunſche. Es war eine Scene, die Einen, wenn man ſie zum letzten Male erblickte, wohl melancholiſch machen konnte. Die Sonne war eben hinter den fernen Huͤ⸗ geln, die ſich in wellenfoͤrmigen Umriſſen uͤber die ebe⸗ nen Ufer des Fluſſes erhoben und eine Fluth von Herr⸗ lichkeit am Abendhimmel zuruͤckließen, untergegangen. Der Horizont wurde von einer Reihe luftiger, phanta⸗ ſtiſcher Wolkengebilde, die an demſelben unbeweglich ſchlummerten, aber alle Farben des Regenbogens zeig⸗ ten, begrenzt. Der Fluß ſchlich dahin von keinem Luͤflchen bewegt; nicht das kleinſte Wellchen brach ſich an den mit weißen Kieſen begrenzten Ufern, und auf der Ober⸗ flaͤhhe bewegte ſich nur ein einziger Gegenſtand, ein kleiner, von zwei Negern geruderter Kahn. In der ſtillen Ferne wiederholte der ſatyriſche Spottvogel das Lied, wrlches die Ruderer ſangen. Es war eine von jenen Scenen, die, obgleich ſie kein freudiges Gefuͤhl er⸗ wecken, doch den Sinnen, der Einbildungskraft und der Erinnerung theuer ſind. Miriam wanderte voran, von dem, was in ihrem Innern ſtattfand, zu ſehr erfuͤllt, um das, was ſie vor 71 ſich ſah, zu bemerken, oder wenn ſie auf einen Augen⸗ blick davon Notiz nahm, ſo geſchah es nur in der ſchmerzlichen Ueberzeugung, daß ſie es nicht wieder er⸗ blicken werde. In dieſer liegt etwas, wodurch das Scheiden, ſelbſt von dem, was wir nur wenig ſchaͤtzen, ſtets peinlich wird. Sich fuͤr dieſe Welt zu trennen, bringt die Ueberzeugung mit ſich, daß wir geſtorben ſein werden, ehe wir wieder zuſammen treffen, es iſt eine Ahnung des Todes, der, obgleich uns Allen ge⸗ wiß, doch ein haͤßliches Geſpenſt iſt, das ſich, wo nicht mit Schrecken, doch mit entſetzlicher Ungewißheit be⸗ kleidet. Wir wollen unſerm Leſer nicht die Schande an⸗ thun, ihm zu erzaͤhlen, woran Miriam, als ſie ſo dahinſchritt, dachte. Wenn er es nicht errathen kann, ſo mag er auf ewig in Unwiſſenheit daruͤber bleiben und nie erfahren, was Lieben heißt. Waͤhrend ſie ſo ihrer ſelbſt unbewußt dahinſchritt, vernahm ſie ploͤtzlich hinter ſich ſchnell herankommende Schritte, fuͤhlte aber, da ſie glaubte, daß es die eines Sclaven aus der Nachbarſchaft ſeien, weder Beſorgniß noch Neugier. Es gab nur Ein Weſen, das ſie zu ſehen wuͤnſchte und dieſes war fern. Es dauerte jedoch nicht lange, bis der hinter ihr Herkommende ſich dicht an ihrer Seite befand, und eine wohlbekannte Stimme in ihrem Ohre erſchallte. „Verzeiht mir, Miriam, wenn ich mich Euch noch einmal aufdraͤnge, aber ich bin ſo eben erſt nach 72 einer langen, wenigſtens fuͤr mich langen, Abweſen⸗ heit zuruͤckgekehrt, und hoͤrte, daß Ihr morgen nach einem fernen Lande gehen wuͤrdet, wo ich Euch nie wieder ſehen werde. Ihr werdet mir den Bruch meines Wortes verzeihen.“ „Ich habe nichts zu verzeihen,“ antwortete ſie leiſe,„und Deine Gegenwart iſt mir lieb. Ich dachte an Dich und wuͤnſchte Dich zu ſehen.“ „Mich!— mich, Miriam, nachdem Ihr meine Gegenwart ſo unbedingt und faſt ſtreng verboten?“ „Langley, zu jener Zeit konnte ich Dich nicht ſehen, ohne meine Pflicht zu verletzen, ohne meinem Vater ungehorſam zu ſein. Jetzt habe ich ſeine Er⸗ laubniß, Dich zu ſehen!“— 5 „Was ſoll ich darunter verſtehen 2* „Daß wir einander zum letzten Male ſprechen. Unterbrich mich nicht, denn unſere Zeit iſt kurz gemeſ⸗ ſen, und ich habe viel zu ſagen. Einmal— und nur ein einziges Mal ſagteſt Du, daß ich Dir theuer ſei und ich glaubte Dir. Das iſt aber voruͤber. Ich habe ſo eben gehoͤrt— und zwar mit Zufriedenheit— hierbei drang eine Thraͤne aus ihrem Auge—„daß — daß Du— Dir eine noch Theurere als ich Dir je war oder je zu ſein wuͤnſche, gefunden haſt.“ „Ich, Miriam! wer hat Dir das geſagt 2“ „Ein kleines Voͤgelchen,“ antwortete Miriam mit wehmuͤtl igem Laͤcheln. „Seit die Herrſchaft der Feeen zu Ende gekom⸗ 3 73 men iſt, ſprechen die kleinen Voͤgelchen nicht mehr die Wahrheit. Ich habe noch keine gefunden; ich werde nie eine finden, die meinem Herzen theurer iſt als Ihr. Meine Abweſenheit wurde durch unabaͤnderliche Geſchaͤfte fuͤr meinen Vater veranlaßt und ich bin eben erſt zuruͤckgekehrt, um zu hoͤren, daß Ihr mor⸗ gen abreiſ't. Aber ſagtet Ihr nicht, daß Ihr von Eue⸗ rem Vater Erlaubniß haͤttet, mich zu ſehen; hat er ſich erweichen laſſen?“ „Leider nein. Meine Ueberredung und die mei⸗ ner Mutter haben ihn ſo weit gebracht, daß er in eine letzte Unterredung willigte. Er wird ſich nie erweichen laſſen, denn er glaubt Recht zu haben und iſt durch nichts davon abzubringen. Dies iſt unſere letzte Zu⸗ ſammenkunft, Langley.“ „Dann wollte der Himmel, daß wir einander nie begegnet waͤren!“ „Sagt nicht ſo, Langley; fuͤr mich wenigſtens wird es eine Quelle wehmuͤthiger Freude ſein, an Dich zu denken, und zu wiſſen, daß wir als Freunde ge⸗ ſchieden, daß wir hier gleichſam am Rande des Gra⸗ bes, mit einem Abgrunde, gleich dem, der Zeit und Ewig⸗ keit trennt, zwiſchen uns, einander die Haͤnde gereicht und Lebewohl geſagt haben, nicht um uns zu vergeſſen, ſondern um uns an einander zu erinnern.“ „Ihr wenigſtens werdet bald aufhoͤren, Euch mei⸗ ner zu erinnern, Miriam!“ „Nein, ich gehoͤre nicht zu denjenigen, deren Ge⸗ —— 74 fuͤhle ploͤtzich erwachen und eben ſo ploͤtzlich wieder einſchlafen, und ich vergeſſe das, was ich nicht mehr ſehe, deshalb noch nicht. Ich weiß, daß Du bis an mein Ende in meinem Gedaͤchtniſſe leben wirſt. Wenn ich auch unſere Trennung bedauere, ſo kann ich doch an meinen Gedanken zehren.“ „Gedanken!« unterbrach ſie Langley unmuthig, „Gedanken ſind Schatten.“ „Bei mir iſt es nicht ſo, Langley; meine Erin⸗ nerungen an die Vergangenheit ſollen an die Stelle meiner Erwartungen von der Zukunft treten. Ich kann zu hoffen aufhoͤren, aber ich werde nicht verzwei⸗ feln. Ich werde denken, daß Du Dich meiner erin⸗ nerſt, wenn Du mich vielleicht lange ſchon vergeſſen haſt, und es wird mein Troſt ſein, daß ich es nie er⸗ fahre. Meine Unwiſſenheit gerade wird mir zum Gluͤck gereichen.“ Es lag eine truͤbe Einfachheit, eine tiefe und doch ruhige, innig gefuͤhlte Ueberzeugung in dem Tone, Blicke und Weſen, womit die kleine Puritanerin die Gefuͤhle ihres reinen Herzens ausſprach, die das Lang⸗ ley's beruͤhrte, in daſſelbe eindrang und auf einen Au⸗ genblick die Ausſprache ſeiner Gefuͤhle erſtickte, waͤhrend ſie in jener aͤußern Ruhe beharrte, die weit ſtaͤrker als feurige Worte oder heftige Geberden die Tiefe des ge⸗ raͤuſchloſen Stromes verraͤth. 3 „O Miriam,“ ſagte er endlich,„wenn ich nur fuͤhlen koͤnnte, wie Ihr, wenn ich mich nur in kalte 75 Unterwuͤrfigkeit und Ergebung in den Willen eines Andern huͤllen koͤnnte, ſo wuͤrde ich Eure Abweſen⸗ heit geduldiger ertragen. Aber warum muͤſſen wir uns trennen?— An Stand, Vermoͤgen und Alter ſind wir vollkommen fuͤr einander paſſend. Wir ſtehen in der Wildniß faſt gaͤnzlich allein da, und unſere Herzen ſind zu Einem verſchmolzen. Warum ſollen wir uns alſo trennen?“ „Mein Vater will es, und ſein Wille iſt der meine. Er mag ſtreng, er mag in ſeinen Geboten ungerecht ſein, aber wo iſt meine Buͤrgſchaft, daß ich im Rechte, er aber im Unrechte waͤre? Er iſt mein Va⸗ ter, er hat mich von Kindheit auf erzogen, und jede Bequemlichkeit, die ich genieße, habe ich nur durch ihn. Es iſt daher meine Pflicht, ihm zu gehorchen, ſo lange ich damit nicht eine hoͤhere verletze.“ Ueber Langley's Stirn zog ein Schatten hin. Dieſe Betrachtungsweiſe des Gegenſtandes gefiel ihm nicht, und ſeine alten Vorurtheile gegen die Stutzohren erhoben ſich von Neuem und begannen zu grollen, aber es dauerte nur einen Augenblick, bis ſie ſich von Neuem niederlegten und einſchlummerten. „Dann fuͤgt Ihr Euch alſo ruhig darein, Mi⸗ riam, mich aufzugeben, und wenn es Euer Vater ge⸗ bietet, einen Andern zu nehmen?“ „Nein,“ antwortete ſie feſt;„ſo lange mein Herz Dir gehoͤrt, Langley, wuͤrde es nicht nur eine bloße Taͤu⸗ ſchung, ſondern auch der Bruch eines heiligen Geluͤb⸗ 76 des ſein, wenn ich einem Andern Gehorſam und Liebe verſpraͤche. Mein Vater hat kein Recht, dies zu ge⸗ bieten, und wenn er es thaͤte, ſo koͤnnte und wuͤrde ich ihm nicht gehorchen. Meine Pflicht erſtreckt ſich nicht weiter, als nicht gegen ſeinen Willen zu waͤhlen. Er kann nicht fuͤr mich waͤhlen, er kann das, was ich bereits einem Andern gewaͤhrt habe, nicht hinweggeben.“ „Miriam, Miriam, Du vernuͤnftelſt blos, Du liebſt nicht.“ „Du thuſt mir Unrecht, Langley, ich werde Dich lieben, wenn Du mich ſchon laͤngſt vergeſſen haſt. Wir gehen— wenigſtens gedenkt mein Vater dies zu thun— nach einer einſamen Gegend eines fernen Lan- des, wo ich außer meinen Gedanken nur wenig Geſell⸗ ſchaft und nur wenige Mittel, um ſie von der Vergan⸗ genheit abzulenken, habe. Ich werde nur von Schweigen und der Natur umgeben ſein, und meine Genoſſen nur in den Geſchoͤpfen meiner Phantaſie oder meines Gedaͤchtniſſes beſtehen. O wenn ich, wie Du ſagſt, kalt vernuͤnftele, ſo geſchieht es nicht deshalb, weil ich nicht liebte, ſondern weil die wahre und dauernde Liebe eben ſo ſehr ein Sproͤßling der Vernunft wie des Her⸗ zens iſt. Du beſchuldigſt uns Puritaner der Heuche⸗ lei, aber die ſchlimmſte Heuchelei iſt diejenige, welche die Vergehen und Ausſchweifungen der Liebe entſchul⸗ digt, indem ſie dieſe Leidenſchaft uͤber die Schranken der Vernunft und Tugend ſtellt.“ „Haht Ihr mich alſo nur deshalb noch einmal zu 77 ſehen gewuͤnſcht, um mich durch Eure Predigten zu bewegen, Euch zu vergeſſen?“ fragte Langley unmuthig. „Nein, Langley, ich wuͤnſchte Dich mit unſerer Trennung auszuſoͤhnen. Ich wuͤnſche eben ſo wenig, daß Du mich vergeſſen moͤgeſt, wie Du, daß ich Dich vergeſſe. Warum koͤnnen wir einander in der Ferne nicht eben ſo gut lieben wie in der Naͤhe? Warum koͤnnen wir uns nicht damit begnuͤgen, an einander zu denken?“ „Denken?— das iſt fuͤr das hungernde Herz nur Brot und Waſſer; aber ich will nicht in Euch dringen. Ich liebe Euch zu ſehr, um Euch zum Un⸗ gehorſam zu verleiten und ſelbſt an dieſem Vergehen Theil zu nehmen. Ja ich kenne Euch zu gut, um zu glauben, daß ich bei einem ſolchen Verſuche je Erfolg haben wuͤrde. Ich weiß, daß auch Ihr weder ſelbſt gluͤcklich ſein noch mir Gluͤck bereiten koͤnntet, wenn Ihr Eure Eltern verließet und Eurem Herzen die Schuld der Undankbarkeit auferlegtet. Ich weiß, daß wir uns trennen muͤſſen, aber ich geſtehe, daß es mir lieber ſein wuͤrde, Euch etwas weniger re⸗ ſignirt zu ſehen. Gebt Euch nur den Schein, eben ſo ungluͤcklich wie ich zu ſein, dann werde ich mich in mein Schickſal zu ergeben ſuchen.“ „Langley, theurer Langley, laß dieſe nutzloſen Kla⸗ gen! Denke nicht, daß es mir an Gefuͤhle mangele, weil Gewohnheit und Beiſpiel mich Zuruͤckhaltung ge⸗ lehrt haben. O, wenn Du mir in mein Herz ſehen 78 koͤnnteſt!— und Du ſollſt hineinblicken!“ fuͤgte ſie mit einem ploͤtzlichen Ausbruche des Gefuͤhls hinzu, „Du ſollſt mein ganzes Herz kennen lernenz warum wollte ich auch einen Gedanken oder ein Gefuͤhl vor Die verborgen halten, da wir doch im Begriffe ſind, auf ewig von einander zu ſcheiden! Wir vertrauen da⸗ durch unſere Geheimniſſe nur dem Grabe an— wir fluͤſtern nur in das Ohr des Todes, denn wir werden bald fuͤr einander todt ſein. Morgen ſind wir einan⸗ der Schatten, die mit jeder Stunde undeutlicher wer⸗ den, und endlich zu nichts als einem Geſpenſte der Erinnerung verbleichen. O Langley, wenn Du wuͤß⸗ teſt, wie theuer Du mir biſt. Die erſten und letzten Fruͤchte meines Herzens gehoͤren Dir, denn ich habe vor Dir nur die Kindesliebe gekannt. Dein zu ſein, wuͤrde das Maß meines Gluͤckes voll machen; aber es i*ſt unmoͤglich— zwiſchen uns liegt ein Abgrund, den wir nie uͤberſchreiten duͤrfen. Ich weihe mich Dir aber, ſo lange ich lebe, und gebe Dir dieſen erſten und letzten Kuß zum Zeichen, daß meine Lippen nie wieder von anderen als denen meines Vaters beruͤhrt wer⸗ den ſollen.“ Hiermit umſchlang ſie ſeinen Hals, druͤckte ihre Lippen auf die ſeinen und weinte an ſeiner Bruſt. Er murmelte Schwuͤre ewiger Liebe, er druͤckte ſie an ſein Herz und zahlte ihr den Kuß mit reichlichen In⸗ tereſſen zuruͤck; endlich aber erlangte ſie wieder einen 79 Theil ihrer gewohnten Selbſtbeherrſchung und machte ſeinen Betheuerungen ein Ende. 3 „Nein, theuerſter Langley, keine Betheuerungen, keine Eide. Du biſt frei, Du mußt frei bleiben. Ich bin nur ein Weib, und kann, wie ich hoffe, meine beſcheidenen Pflichten im kleinen Kreiſe des haͤuslichen Lebens erfuͤllen, waͤhrend ich fortfahre, die Erinnerung an Dich zu hegen und mich Dir zu weihen. Aber Du biſt ein Mann und mußt Deinen Mitmenſchen nuͤtzen. Deine Eltern, Deine Freunde und Dein Va⸗ terland haben Anſpruͤche auf Deine Sorgen und An⸗ ſtrengungen. Du biſt dazu berufen, alle Pflichten eines Mannes zu erfuͤllen, was Du nicht thun kannſt, ſo lange Du Dich ausſchließlich nur Einem Gegen⸗ ſtande weihſt. Ich verlange weiter nichts, als Dich meiner mitunter an einem Abende wie dieſer zu erin⸗ nern, wenn Du einen einſamen Spaziergang auf dem Pfade, wo wir jetzt hinwandeln, machſt. Ich werde dann im Geiſte bei Dir ſein.“ Langley konnte vor Bewegung, ja wir moͤchten ſagen, vor innerer Verſuchung nicht antworten. Er haͤtte ſie durch alle Kuͤnſte, welche die Liebe ihre Skla⸗ ven lehrt, verſuchen moͤgen, der Liebe Alles zu opfern, ſich ſelbſt, ihre Pflichten und ihre Heimath zu vergeſ⸗ ſen; aber er war ein Mann von Grundſaͤtzen ſowohl als von Gefuͤhlen, und beſiegte endlich den Feind, wenn auch mit großer Anſtrengung. Er fuͤhlte, daß es eine Grauſamkeit ſein wuͤrde, ſie uͤberreden zu wol⸗ 8⁰ ten, einen Schritt zu thun, der ſie einer Heimath be⸗ rauben mußte, waͤhrend er außer Stande war, ihr eine andere anzubieten. Er wußte, daß ſie durch die bittern religioͤſen und politiſchen Gefuͤhle ſeines Va⸗ ters, aus deſſen Hauſe und Herzen vertrieben werden wuͤrden, und beſchloß, ſich maͤnnlich in ſein Schickſal zu ergeben. Seine Gedanken wurden durch Miriam unterbro⸗ chen, die mit leiſer, bebender Stimme ſagte: „Es iſt jetzt Zeit, nach Hauſe zu gehen, es wird dunkel, und ich muß heimkehren.“ Langley wendete nichts dagegen ein, denn er war gaͤnzlich zu Boden geſchmettert, ſeine Vernunft gab nach, aber ſein Herz rebellirte, und ſein Geiſt wurde durch einander widerſprechende Bewegungen gelaͤhmt. Sie gingen ſchweigend durch die immer tiefer werdende Finſterniß hin, bis ſie an der auf den Raſenplatz fuͤh⸗ renden Pforte ankamen, und Miriam leiſe ſagte: ——— „Willſt Du nicht hereinkommen und von mei⸗ nem Vater Abſchied nehmen?“ „Nein, ich gehoͤre nicht zu ſeinen Lieblingen, und meine Gegenwart wuͤrde ihm ſchwerlich angenehm ſein⸗ Sagt ihm, wenn Ihr wollt, daß ich ihm alles Gluͤck, deſſen er mich beraubt hat, wuͤnſche.“ Sie blieben noch ein Weilchen ſtehen, als ob Je⸗ des dem Andern noch etwas zu ſagen haͤtte, endlich flu⸗ ſterte er: „Ich muß Euch meine Schuld heimzahlen!“ 81 ſchlang ſeine Arme um ſie und druͤckte noch einen lan⸗ gen Kuß auf ihre kalten Lippen. Nur ein Wort wurde geſprochen, ein gegenſeiti⸗ ges Lebewohl. Miriam riß ſich aus ſeinen Armen, ſchritt ſchnell dem Hauſe zu, ſagte, als ſie an ihrem Vater voruͤber kam, weiter nichts als: „Ich werde Dir morgen Alles ſagen!“ eilte nach ihrem Kaͤmmerlein und zeigte ſich an jenem Abend nicht wieder. aen Langley kehrte erſt ſpaͤt in der Nacht heim, nach⸗ dem er mehrere Stunden lang am Fluſſe hingewan⸗ dert war, und ſich den ſuͤßen und doch bittern Genuß Abends vor ſeine Erinnerung hingeſtellt hatte. 3 Die Tochter des Puritaners. I. 6 5 Sechſtes Kapitel. Ein verlaſſenes Haus.— Capitain Skeering.— Eine außer⸗ ordentliche Reiſe ohne Sturm und Schiffbruch.— Ankunft in Naumkeag.— Lage der Dinge daſelbſt.— Mildred wird der Hexerei verdaͤchtig.— Eine Wanderung durch die Wildniß.— Ende der Pilgerfahrt. In der Morgenfruͤhe des folgenden Tages war Harold Habingdons Haus bereits verlaſſen, Thuͤren und Fenſter waren verſchloſſen und aus dem Schorn⸗ ſtein kraͤuſelte ſich kein Rauch auf, als Langley hinuͤber⸗ ſchaute und die Bewohner abreiſen ſah, um nie wieder zuruͤckzukehren. Dann wendete er ſich in aller Apathie kalter Verzweiflung ab. Die kleine Geſellſchaft begab ſich nach der Hauptſtadt, von wo ſie, da das Schiff ſchon bereit lag, bald abſegelte, und Harold befand ſich von Neuem auf dem Meere, um in den Wuͤſteneien der neuen Welt ein zweites Aſyl zu ſuchen. Wir muͤſſen ihn, dem Laufe unſrer Geſchichte gemaͤß, auf ſeiner Seereiſe begleiten. Das Schiff, welches Harold und ſein Gluͤck trug, war in jeder Hinſicht einem Liverpooler oder Havreſchen Paketboote unſrer Zeit, wo man ſich weit mehr Muͤhe giebt, es den Leuten auf der Reiſe behaglicher zu ma⸗ chen wie zu Hauſe, ſo unaͤhnlich, daß eine Verglei⸗ 83³ chung nur eine Contraſtirung derſelben ſein wuͤrde. Es war ſchwer mit einem verſchiedenartigen Cargo von Gegenſtaͤnden beladen, uͤber den der Frachtbrief faſt eben ſo groß war, wie Capitain Skeerings Haupt⸗ ſegel. Ddie Kajuͤte, die Schraͤnke und ſelbſt die Ratten⸗ loͤcher waren alle gaͤnzlich vollgeſtopft, und Harold fand, als er in ſeine Kajuͤte kam, ſein Kopfkiſſen mit Tabaks⸗ rippen gefuͤllt, die, wie alle Welt weiß, ein vortreffliches Hilfsmittel zum Schnupftabakmachen ſind. Der Ca⸗ pitain Skeering wußte aber recht gut, daß die guten Leute von Naumkeag zwar das Rauchen verabſcheuten, zum groͤßten Theile aber ihr Gewiſſen mit Schnupfta⸗ bak erquickten. Capitain Abiel Skeering war einer von den ſelt⸗ ſamen, unbeſchreiblichen Maͤnnern, wie man ſie nur in ſeinem Vaterlande finden kann und je finden wird. Er baute ein kleines Guͤtchen an, flickte im Winter Schuhe und fing mitunter einmal Stockfiſche an den Kuͤſten von Neufoundland oder Labrador. Mitunter trieb er auch Handel nach Virginien und Weſtindien, den Connecticutfluß hinauf, und der Himmel weiß, wohin ſonſt noch. Es gab keinen Winkel, in den er nicht ſeinen Bugſpriet und ſeinen Naſe ſteckte, um ein Han⸗ delsgeſchaͤftchen aufzuſpuͤren, und was noch merkwuͤr⸗ diger iſt, er ging nirgends hin, ohne ein ſolches zu finden. Einmal machte er eine vortreffliche Spekulation dadurch, daß er auf dem Cap Cod ſcheiterte, nicht in⸗ 6* 84 dem er die Aſſecuradeure betrog, ſondern indem er ver⸗ roſtete Naͤgel gegen Wampum austauſchte. Kurz, er war einer von jenen klugen Maͤnnern, die nie ermangeln, ein Ungluͤck in ein Gluͤck zu verwandeln. Es war nicht zu leugnen, daß er ein erfahrener Seemann ſein mußte, da er an Orte ging, von denen vor ihm noch nie ein Menſch etwas gewußt hatte, und obgleich er keine Ahnung von einem Seekalender beſaß, ſich doch durch eine Combination von Geſchicklichkeit, Gluͤck und Klug⸗ heit durch die ganze Welt fand. Er mußte wohl ein Amphibium ſein und am Ende war ſeine Mutter gar eine Seejungfer geweſen, denn ſein Inſtinkt auf dem Waſſer glich dem eines Indianers im Walde. Obgleich er, um uns ſeines eignen Ausdrucks zu bedienen, ſeit er ſo groß war, daß er einem Heupferde bis an's Knie ging, ſich auf der See umhergetrieben hatte, ſo war ihm doch nur ein einziges Mal ein Un⸗ gluͤck widerfahren, welches er, wie wir geſehen haben, in eine vortreffliche Spekulation verwandelt hatte. Da⸗ bei war Capitain Skecring ein umgaͤnglicher, gutmuͤthi⸗ ger Mann und leidlich ehrlich, wiewohl wir geſtehen muͤſſen, daß er, wenn es an's Handeln ging, einem Juden nur wenig nachgab. Gleich allen klugen Maͤn⸗ nern ſtellte er lieber Fragen, als daß er dergleichen beantwortet haͤtte. Ueberdies war er ein Puritaner und vertrug ſich vortrefflich mit Harold, nur daß dieſer mitunter daruͤber aͤrgerlich wurde, daß der Capitain in Fluͤſſe, Creeks und kleine Buchten einfuhr, um zu 8⁵ ſehen, ob ſich kein Geſchaͤftchen machen laſſe, obgleich allem Anſchein nach in ſeinem Schiffe kaum noch ſo viel Platz war, um eine Nadel einſtechen zu koͤnnen. Er wußte, was die Leute in ſo weiter Ferne brauchten, eben ſo gut, wo nicht noch beſſer wie ſie ſelbſt, und wenn man ihn einmal in Gang gebracht hatte, ſo war aus ihm mehr praktiſches Wiſſen zu pumpen als fuͤr eine ganze Akademie der Wiſſenſchaften genuͤgend gewe⸗ ſen ſein wuͤrde. Unter dem gluͤcklichen Sterne dieſes klugen, ſelbſt gelehrten Seemannes, ſegelte das Schiff mit der gehoͤ⸗ rigen Abwechslung von Stuͤrmen und Windſtillen uͤber die weite Waſſerwuͤſte dahin. Capitain Skeering legte in dem damals noch in der Wiege liegenden Neu⸗Am⸗ ſterdam an, wo er die rauchenden Buͤrger durch eine Menge von Fragen in Erſtaunen ſetzte und dadurch von ihnen ſo viel erfuhr, daß er bei ſeiner naͤchſten Reiſe eine gluͤckliche Spekulation nach dieſem Hafen un⸗ ternehmen konnte. Von hier aus ſegelte er durch das Hoͤllenthor, entging dem Topfe, der Schmorpfanne und dem Schweinsruͤcken, warf einen Blick auf die kleine Anſiedelung Neuhafen, fuhr in die Muͤndung des Connecticutfluſſes ein, handelte ein paar Tage lang auf der Montaukſpitze mit den Indianern, hatte große Luſt, ſein Gluͤck in der Narraganſett⸗Bai zu verſuchen, tauſchte Einiges in Nantuket und Martha's Weinberg aus und warf nach einer gluͤcklichen Reiſe von ſechs Wo⸗ chen in der Bucht von Naumkeag Anker. 86 Die Habingdons wurden von den guten Bewoh⸗ nern des Staͤdtchens mit freundlicher, bruͤderlicher Gaſtfreiheit aufgenommen und Harold fuͤhlte ſich eine Zeitlang verſucht, bei ihnen ſein Zelt eine Zeitlang auf⸗ zuſchlagen. Ungluͤcklicherweiſe waren aber einige fromme, wohlmeinende Perſonen, die im Mutterlande eifrige Ver⸗ treter der Toleranz geweſen, in Folge einer ſeltſamen Verwandlung intolerant geworden und fuͤhrten das alte, in der chriſtlichen Welt ſo oft wiederholte Stuͤck auch in der neuen auf. Die Stadt hatte ſich in Parteien geſpalten und es war in ihr kein Friede mehr zu finden. Ueberdies hatte auch die Krankheit der Hexerei gleich der Cholera ihren Weg aus der alten in die neue Welt gefunden, ſie war der dieſes Zeitalter charakteriſi⸗ rende Aberglaube und keineswegs blos in Naumkeag vorhanden, obgleich ſie von allen Colonialorten dort am erſten zum Ausbruch gekommen ſein ſoll. Wiewohl die⸗ ſer verderbliche Aberglaube weder in der Natur noch in der Geſchichte oder der Philoſophie oder im Verſtande begruͤndet war, ſo verbreitete er ſich allmaͤblig durch die kleine Colonie und wurde ſogar von Maͤnnern von wiſſenſchaftlicher Erziehung und Bildung nicht nur gehegt, ſondern auch bei Andern genaͤhrt. Die Geiſtlich⸗ keit hatte Faſten ausgeſchrieben, die ſich beſonders auf dieſe Heimſuchung Gottes bezogen, und dieſe uͤbelbera⸗ thene Maßregel diente dazu, den ſeltſamen Abge⸗ ſchmacktheiten und Ausſchweifungen, die jetzt unter Auf⸗ geklaͤrten nur noch Gelaͤchter und unter den Unwiſſen⸗ 87 den Verwunderung erzeugen, das Siegel der wirklichen Exiſtenz aufzudruͤcken. Wie ſehr ſich aber auch das eine Zeitalter mit ſeiner Freiheit von Aberglauben, Verblendung oder Be⸗ truͤgerei bruͤſten mag, ſo hat es doch nie eine Periode gegeben und wird wahrſcheinlich auch nie eine ſolche ein⸗ treten, in der die Menſchen ganz frei von der Verblen⸗ dung ihrer eignen Einbildungskraft oder den abſichtli⸗ chen Betruͤgereien Anderer ſind. Jede Zeit hat ihre beſtimmten Thorheiten, und Philoſophen und Philanthro⸗ pen, welche dieſelben heilen wollen, gerathen meiſt in die Lage der Aerzte, die, indem ſie eine Krankheit ver⸗ treiben, vielleicht den Grund zu einem Dutzend anderer legen. Der Aberglaube iſt ein gefraͤßiges Ungeheuer, das wie die Oger, von denen die Fabel erzaͤhlt, an Menſchenfleiſch Behagen findet. Wenn die Wunder des animaliſchen Magnetismus, die unter dem Mantel der Wiſſenſchaft verbreitet werden, wahr ſind, ſo iſt die Zauberei keine Fabel mehr; ſind ſie Betruͤgereien, was ohne Zweifel bei vielen derſelben der Fall iſt, ſo thun wir dagegen am Beſten, uͤber das Delirium der Hexerei zu ſchweigen. Dem ſei nun, wie ihm wolle, die Gemeinde von Naumkeag begann zu jener Zeit die Zuckungen dieſer ideellen Krankheit zu fuͤhlen, welche, nachdem ſie gewiſſe vorlaͤufige Symptome gezeigt, allmaͤhlig wieder zu vergehen ſchien, um einige Jahre ſpaͤter mit erneu⸗ ter Heftigkeit wieder an's Licht zu treten. Sie war, wie 88 ſchon geſagt, die herrſchende Epidemie jener Zeit, ſie wuͤthete in England ſo gut wie auf dem europaͤiſchen Feſtlande, und ein alter Schriftſteller berichtet, daß er, als er nach einer Abweſenheit von einigen Jahren aus Canada wieder in ſeine Heimathprovinz Bearn gekom⸗ men ſei, drei Viertel der Einwohner wirklich oder vorgeblich unter dem Einfluſſe der Hexerei gefunden habe. Waͤhrend aber Harold noch uͤber das, was er in Zukunft thun ſolle, ſchwankend war, wurde er dadurch zu einem ploͤtzlichen Entſchluſſe gebracht, daß Einer von Denjenigen, welche nicht an die Hexerei glaubten, mit⸗ theilte, daß ein kleines ſechs⸗ bis achtjaͤhriges Kind, wel⸗ ches entſchiedene Symptone des Behextſeins gegeben, in einem ſeiner Paroxysmen erklaͤrt habe, daß es geſehen, wie die Dienerin der neuangekommenen Frem⸗ den es mit Nadeln ſteche. Dieſe Demonſtration gegen die arme Mildred war zu einer ſolchen Zeit nicht zu verachten, und da es ſich gerade damals zum Gluͤcke traf, daß eine aus mehreren Familien beſtehende Geſellſchaft im Begriffe war abzu⸗ reiſen, um eine neue Anſiedlung nach Grundſaͤtzen, die mit Harolds Glauben im vollen Einklange ſtanden, zu bilden, verſaͤumte er keinen Augenblick, ſich den Aben⸗ teuerern anzuſchließen. Er brachte ſeine pecuniairen An⸗ gelegenheiten ſchnell in Ordnung, verſah ſich mit den nothwendigen Gegenſtaͤnden, welche auf eine ſo weite Strecke durch die Wildniß mitgefuͤhrt werden konnten und befand ſich nach dem neuen Medina auf dem Wege, 89 ehe der boͤſe Geiſt eine zweite Demonſtration gegen die arme Mildred erhob, die gluͤcklicher Weiſe bis zu ihrem Todestage nie erfuhr, daß ſie einmal nahe daran gewe⸗ ſen war, fuͤr eine Hexe zu gelten. Die Schnelligkeit, womit Harold ſeinen Beſtim⸗ mungsort mit einem andern, ſo weit davon entlegenen ver⸗ tauſchte, duͤrfte villeicht ungewoͤhnlich, wo nicht unna⸗ tuͤrlich erſcheinen, aber er hatte ſeinen Anker in Eng⸗ land gelichtet, und Diejenigen, welche einmal die Bande ihrer Jugend zerriſſen haben, ſchlagen an keinem an⸗ dern Orte wieder ſo tiefe Wurzeln. Die nach Amerika Auswandernden hatten eine Welt vor ſich und wir koͤnnen einen großen Theil der fruͤhern wie kuͤnftigen Schickſale jenes Landes, dem abenteuerlichen, herumſchweifenden Geiſte zuſchreiben, welcher ſie immer weiter vorwaͤrts der untergehenden Sonne zutreibt. Dieſe Neigung iſt eines von den Hauptwerkzeugen, mit denen die Vor⸗ ſehung die Geſchicke eines Volkes, wie es die Welt noch nie geſehen, lenkt. Die Gefahren, Anſtrengungen und Entbehrungen einer ſolchen Pilgerreiſe koͤnnen ſich ſelbſt die gegenwaͤr⸗ tigen Auswanderer nach dem fernen Weſten nicht voll⸗ kommen verſinnlichen. Zu jener Zeit waren ſie auf allen Seiten von Wilden umgeben und beſaßen außer der Vorſehung und ihren eignen Haͤnden keine ſchuͤtzende Macht. Das Mutterland bewies ſeinen fernen Kin⸗ dern nur geringe Aufmerkſamkeit und gewaͤhrte ihnen nicht eher Schutz, als bis ſie im Stande waren, ſich ſelbſt 90 zu ſchuͤtzen, und ihre eigenen Regierungen waren faſt nichts als die vereinten Kraͤfte der Buͤrger, die freiwil⸗ lig zur Zeit der Gefahr angeboten wurden. Diejeni⸗ gen, welche auszogen, um in der Wildniß neue Nie⸗ derlaſſungen zu gruͤnden, waren nicht nur ihre eignen Schwerter und Schilder, ſondern auch ihre eignen Ge⸗ ſetzgeber, und ſolche Abenteurer bedurften eines Grades von Intelligenz, Unerſchrockenheit, Kuͤhnheit und Feſtig⸗ keit, der, wenn er jetzt auf der großen Buͤhne der civili⸗ ſirten Welt gezeigt wuͤrde, Bewunderung erregen muͤßte. Ihre Leiden, ihre Geduld, ihr Muth, ihre Standhaf⸗ tigkeit und ihr Glaube haben bis jetzt kaum noch den Dichter, Maler oder Hiſtoriker angeregt, und ſtatt der Betrachtung ihrer Nachkommen als Gegenſtaͤnde dank⸗ barer Verehrung gezeigt zu werden, brandmarkt man ſie weit oͤfter mit den Namen von verbrecheriſchen Aben⸗ teurern oder Heuchlern oder ſtarren Enthuſiaſten, weil ſie eine Welt von Barbarei befreit, die oͤde Wuͤſte an⸗ gebaut und den Grund zu einem Reiche gelegt haben, das um die Haͤlfte groͤßer iſt, als das roͤmiſche zur Zeit, wo Rom fuͤr die Herrin der Welt galt. Die Auswanderergeſellſchaft, mit welcher ſich Ha⸗ rold verbunden hatte, beſtand aus mehreren Familien von anſtaͤndiger Geburt, Erziehung und Kenntniſſen, die England, nicht ſowohl um ihr Gluͤck zu machen als aus Gewiſſensgruͤnden verlaſſen hatten. Sie waren von ſtrenger Froͤmmigkeit beſeelt und da ſie wegen ihrer Re⸗ ligion aus ihrem Vaterlande gezogen waren, entſchloſſen, 91 dieſelbe in der vollſten Freiheit zu uͤben. Einige Mei⸗ nungsverſchiedenheiten unter den Predigern uͤber Punkte, die jetzt frivol erſcheinen wuͤrden, denen damals aber die groͤßte Wichtigkeit beigelegt wurde, hatten die kleine Gemeinde in Parteien geſchieden, die durch die geringe Abweichung ihrer Glaubensanſichten nur zu noch ein⸗ gefleiſchterem Haſſe gegen einander getrieben wurden. Eine kleine Anzahl von Mitgliedern der ſchwaͤchern Sekte hatte daher beſchloſſen, in einem fernen und bis jetzt noch nicht von civiliſirten Menſchen bewohnten Theile der Wildniß Gewiſſensfreiheit oder vielleicht auch das Recht, Andern zu gebieten, zu ſuchen. Sie konnten ſich zu Waſſer nach ihrem Beſtim⸗ mungsorte begeben und urſpruͤnglich war dies auch ihre Abſicht geweſen, aber durch die Ermordung der Mann⸗ ſchaft eines Kuͤſtenfahrers beſtaͤtigte Geruͤchte von Feind⸗ ſeligkeit der Indianer am Connecticut⸗Fluſſe, ſchreckten die Geſellſchaft davon ab und dieſelbe ſetzte daher ihre Reiſe auf einem bisher nur von Indianiſchen Mocaſ⸗ ſins betretenen Pfade fort. Jede Familie hatte einen von Pferden oder Roſſen gezogenen bedeckten Wagen, der einige von den unerlaͤßlichen Erforderniſſen der Haushaltung und des Ackerbaues ſo wie einige Mund⸗ vorraͤthe enthielt. Mit der Geſellſchaft gingen einige Arbeiter oder Diener, wie ſie damals genannt wurden, und ein Indianiſcher Fuͤhrer. So zogen ſie aus, um ſich die Wildniß zu unterwerfen und das Reich des Chriſtenthums, der Civiliſation und Freiheit auszudehnen. 9² Es iſt nicht unſre Abſicht, die Reiſeabenteuer der kleinen Geſellſchaft zu erzaͤhlen, die ſich langſam unter den Rieſen der Urwaͤlder nach ihrem Beſtim⸗ mungsorte begab. Die Thiere des Waldes bewieſen nicht die mindeſte Furcht, ein ſicheres Zeichen, daß ſie noch nie Menſchen geſehen hatten. Die Pilger ſangen Morgen⸗ und Abendhymnen, und jetzt ſtiegen zum erſten Male aus den Tiefen des einſamen Waldes die heiligen Lieder der chriſtlichen Kirche zum Himmel empor. Dem muͤhſamen Tage folgte nicht die erquickende Ruhe der Nacht, denn die eine Haͤlfte der Maͤnner mußte ſtets wa⸗ chen, waͤhrend die andere ſchlief, und ſelbſt die Ermuͤdung konnte die Beſorgniſſe der anderen vor indianiſchen Anfaͤllen nicht gaͤnzlich uͤberwaͤltigen. Aber nicht ein einziges Herz gerieth in Verzweiflung, nicht ein Ein⸗ ziger wurde unter dieſen Pruͤfungen muthlos und ſie bahnten ſich ihren Weg durch die Waͤlder, indem ſie einander mit hoffnungsvollen Ausſichten auf die Zu⸗ kunft erheiterten. Miriam ertrug alle dieſe Beſchwerden heldenmuͤ⸗ thig, aber ihre Mutter wurde von Entbehrungen und Muͤhſeligkeiten faſt gaͤnzlich zu Boden gebeugt und erholte ſich nie ganz wieder von den Folgen der⸗ ſelben, die ſich kurz darauf in einer Krankheit kund ga⸗ ben, welche ſie endlich nach allen ihren Wanderungen in ihre letzte lange Heimath niederlegte. Endlich erreichten ſie die Ufer eines der ſchoͤnſten Fluͤſſe der neuen Welt, der von hunderten von Gewaͤſ⸗ 93 ſern genährt wird, welche wie die Adern des menſchli⸗ chen Koͤrpers die Lebensfluͤſſigkeit von einem Ende des Koͤrpers bis zum andern fuͤhren. Nachdem ſie eine Zeitlang an den ebenen Alluvialufern deſſelben hinge⸗ ſchritten waren, wo ihre Reiſe durch keine verſchlunge⸗ nen Waͤlder gehemmt wurde, gelangten ſie endlich an den Ort ihrer Beſtimmung und ruͤſteten ſich nicht zum Ausruhen von den Sorgen des Lebens, ſondern zum neuen Beginn der Muͤhſeligkeiten deſſelben. Siebentes Kapitel. Die neue Heimath.— Statiſtiſche Ueberſicht des Her⸗ zens einer jungen Dame.— Ein Geſpräͤch.— Ein uner⸗ ſetzlicher Verluſt.— Zwei Bekuͤmmerniſſe ſind beſſer als eine.— Das erſte Grab auf dem Gottesacker. Die Stelle, welche unſere Pilger zur Niederlaſ⸗ ſung auserſehen hatten, war von den Indianern fuͤr eine gewiſſe Anzahl von Wampumſchnuren gekauft worden. Sie war von ſeltner, hoher Schoͤnheit. Eine weite Wieſenſtrecke, ſo eben wie ein Tiſch und ſo glatt wie ein ſolcher, ſtreckte ſich, von Wald oder Baͤumen gaͤnzlich frei, auf viele Meilen weit hin. Es bedurfte hier nicht der Axt, um den Boden zum Pfluͤ⸗ gen vorzubereiten, denn außer, daß die Grenzen der verſchiedenen Beſitzthuͤmer durch keine Hecken oder Mau⸗ ern bezeichnet wurden, ſah der Boden ſo aus, als ob er ſeit Jahrhunderten ſchon bebaut geweſen waͤre. Ein herrlicher Fluß, der das Land auf eine Strecke von tauſend Meilen durchzieht, ſtroͤmte in grazioͤſen Windungen und ſtummer Heiterkeit durch die Wieſen dahin, und ſein Lauf wurde von zwei Rei⸗ hen rieſenhafter Baͤume bezeichnet, deren Wurzeln 95⁵ zum Theil von den Verheerungen des Stromes, wel⸗ cher im Fruͤhlinge, wenn der Schnee der fernen Berge ſchmolz, die gruͤne Ebene zum See machte, von Erde entbloͤßt worden waren. Etwa eine Viertelſtunde vom Fluſſe entfernt, er⸗ hob ſich eine ſeinen Windungen entſprechende funfzig bis ſechzig Fuß hohe natuͤrliche Terraſſe, ſo glatt, als ob ſie kuͤnſtlich bereitet worden waͤre, und ſenkte ſich ſanft zu dem untern Boden nieder. Auf der Hoͤhe dieſer Terraſſe begann eine andere Ebene von geringerer Breite und nicht mit ſo uͤppig gem Graswuchſe verſehen, die ſich bis zum Fuße einer Reihe von hohen Waldhuͤgeln hinzog, welche in einem Halbmonde nach Suͤden zu gingen, und mit einem uͤber die andern Hoͤhen der Kette erhabenen Gipfel endeten. Nach Norden war die Ausſicht eine ziemlich gleiche, aber weit ausgedehntere und ſchloß mit dem hohen Gipfel des großen Monadnoec, der ſein Haupt hoch in die blaue Ferne des Himmels emporſtreckte. Nirgends war eine Spur von Menſchenfuͤßen oder Haͤnden zu ſehen, und doch mangelte es der Landſchaft an nichts als an Heerden und Schaͤfern, um die Sce⸗ nen des goldenen Alters wieder in's Gedaͤchtniß zu ru⸗ fen, bei welchen die jugendliche Phantaſie gern ver⸗ weilt, und die von den weiſen Leuten unſerer eiſernen Zeit eine Fabel oder ein Traum genannt wird. Rund umher war Alles von Frieden, Ruhe und Stille erfuͤllt, und dech lauerte in der Wildniß ein 96 ſchlauerer, grimmigerer und unbarmherzigerer Feind, als die Barbaren, welche einſt die Herren der Welt pluͤn⸗ derten. Die Einſamkeit bot gegen ihn kein Aſyl, die Ruhe war nicht Frieden, und der Schlummer der Nacht war ermuͤdender als die Muͤhen des Tages. Aber die Bedraͤngniſſe des Geiſtes machen eben ſo wie die Anſtrengungen des Koͤrpers zur Ruhe geneigt, und ſie lernten bald in der Mitte unſichtbarer Gefahren ſich dem ſuͤßen Schlummer ergeben. Mit Ausnahme einer kleinen Anzahl von Die⸗ nern beſaßen die Haͤupter aller dieſer Familien Mittel genug, um alle weſentlichen Erforderniſſe der Be⸗ quemlichkeit und Behaglichkeit, die man in jener ein⸗ fachen Zeit kannte, zu kaufen, aber die Entfernung und die Schwierigkeit des Transports beſchraͤnkte ſie fuͤr eine lange Periode auf das Unentbehrlichſte. Harold war von Allen der Reichſte, und hatte bei ſeinem Agenten zu Naumkeag eine Summe liegen, die ihn im Vergleich zu ſeinen Genoſſen reich machte. Im Laufe jener kurzen Periode, die wie mit einem Zauberſtabe Alles in der neuen Welt veraͤnderte, waren ſie behaglich niedergelaſſen und hatten ſich allmaͤhlig mit der neuen Heimath vertraut gemacht. Die fetten Alluvialebenen bevoͤlkerten ſich mit bloͤkenden Heerden und die gruͤnen Huͤgel mit Schaͤfereien, zum erſten Male vernahm man das Lauten einer Glocke von dem niedrigen Thurme der laͤndlichen Kirche; die Echo's der Huͤgel hallten von den Dankesliedern der Kirchen⸗ 97 gaͤnger wieder, und unter den ſchuͤtzenden Aeſten einer maͤchtigen Ulme ſtand ein kleines Blockhaus, in dem an Wochentagen die Toͤne einer Menge von Stimmen zu vernehmen waren, welche in den unharmoniſchſten Mißtoͤnen ihre Lektionen herſagten. Obgleich die Pu⸗ ritaner der Lehre von den guten Werken abhold wa⸗ ren, ſo gab es doch wenigſtens Zwei, die ſie nie zu uͤben unterließen. Sie legten den Grund der Froͤm⸗ migkeit und Weisheit, indem ſie Kirchen und Schu⸗ len erbauten. In den alten Zeiten und in der alten Welt pflegten Diejenigen, welche auszogen, um neue Colonieen zu errichten, dies unter militairiſchen Anfuͤh⸗ rern zu thun, und das Schwert war das Hauptwerkzeug zur Urbarmachung der Wildniß. Aber unſere kleine Pilgerſchaar wurde von einem Diener des Friedens gefuͤhrt, zu welchem Alle mit achtungsvoller Vereh⸗ rung aufblickten und deſſen Rath beinahe fuͤr Geſetz galt. Und in der That verdiente der Hirt, welcher ſo ſeine Heerde in die Wildniß fuͤhrte, alle ihre Liebe und ihr Zutrauen. Er war eifrig ohne Fanatismus, liebte ſeinen Glauben, ohne den Anderer zu haſſen und gab Allen ein Beiſpiel, welches durch ſeine Lehren noch hoͤhere Geltung erhielt. Er predigte die Liebe, nicht aber die Furcht, und zog es vor, ſeine Heerde mehr durch die Hoffnung ewiger Seligkeit, als durch die Furcht vor ewiger Strafe zu regieren. Er war ihr Geſetz und ihr Evangelium. Die Tochter des Puritaners. II. 7 98 „Wir wollen jedoch zu den Hauptperſonen unſerer Geſchichte zuruͤckkehren. pic. Die Muͤhſeligkeiten und Entbehrungen einer lang⸗ wierigen Seefahrt und darauf folgenden Landreiſe durch die Wildniß hatten die Conſtitution der Mrs. Ha⸗ bingdon heftig erſchuͤttert, und dieſelbe begann beſorg⸗ nißerregende Zeichen des Verfalls zu geben. Sie be⸗ klagte ſich nie, ſondern trug ihre zunehmende Gebrech⸗ lichkeit mit ſtiller Ergebung, waͤhrend der unſichtbare Feind die ſchwache Citadelle ihres Lebens untergrub. Sein Herannahen war ſo unmerklich, daß Diejenigen, welche unter demſelben Dache wohnten und ſie beſtaͤn⸗ dig ſahen, es nicht bemerkten, obgleich die Nachbarn ſchon ſeit langer Zeit vorausgeſagt hatten, daß ihre Tage gezaͤhlt waͤren und ihre Wallfahrt ihrem Ende nahe ſei. Harold ſah dies, wie geſagt, bis jetzt noch nicht, er wurde taͤglich frommer und dieſes Gefuͤhl ſchien all⸗ maͤhlig alle uͤbrigen aufzuſaugen und die natuͤrlichen Empfindungen ſeines Herzens zu ertoͤdten. Er wurde taͤglich mehr von den Angelegenheiten der Welt abge⸗ zogen, verbrachte einen großen Theil ſeiner Zeit allein, ſchien mehr unter der Herrſchaft der Einbildungskraft als der Wirklichkeit zu ſtehen, und gab ſein von Na⸗ tur poetiſches Gemuͤth zuweilen durch Ausbruͤche erha⸗ bener Beredſamkeit kund. Auch Miriam hegte ein alle Anderen beherrſchen⸗ des Gefuͤhl, das, wenn es ihren Geiſt auch nicht gaͤnz⸗ lich ausfuͤllte, ſich doch demſelben beſtaͤndig aufdraͤngte 99 und wiewohl mitunter, wenn ſie klagte, daß ihre Mut⸗ ter krank ausſehe, ein ploͤtzlicher Schmerz durch ihre Bruſt zuckte, nahm ſie doch nicht wahr, daß die Kriſis ſo nahe bevorſtand. Dies war die Lage der Diuge, als Miriam eines Tages, als ſie vor ihrem Spinnrade ſaß, ohne jedoch daran zu arbeiten und an ein fernes Weſen dachte, von ihrer Mutter, die matt in einem einfachen Lehn⸗ ſtuhle, von welchem ſie faſt den ganzen Tag nicht auf⸗ ſtand, ruhte, mit einem ſchwachen Laͤcheln angeredet wurde. „An wen denkſt Du, Miriam?“ ſagte ſie. Miriam ſchrak aus ihren Traͤumen auf, erwi⸗ derte aber ſchnell: „Ich dachte an Langley, Mutter.“ „Was dachteſt Du von ihm, mein Kind? Du weißt, daß doch Alles umſonſt iſt.« „Ich weiß es, Mutter, und doch iſt es ein Ver⸗ gnuͤgen, an ihn zu denken. Ob er wohl je an mich denken mag? Ich moͤchte es gern wiſſen. Warum ſollte ich aber zweifeln! Er verſprach mir, daß er es thun wuͤrde, und Langley bricht ſein Wort nie.“ „Ach, meine arme Miriam, es ſind Jahre ver⸗ floſſen, ſeit wir uns von jhm getrennt haben, und in dieſer Zeit vergeſſen Viele und werden Viele vergeſſen. Bedenke, welche Veraͤderungen in jedem Augenblicke in dieſer Welt vorgehen, wie Viele mit jeder Pen⸗ delſchwingung in das Leben treten und daraus ſcheiden.“ 7*¾ 100 „Du haſt Recht, theure Mutter, aber deshalb koͤn⸗ nen wir doch an ferne Freunde denken und gleich den alten Zauberern ihre Bilder heraufbeſchworen, wenn ſie auch in weiter Ferne ſind.“ „Miriam, Miriam, Du verſchwendeſt Dein Herz an ein ideales Nichts, an ein Weſen, welches keine Exiſtenz mehr hat.“ „Mutter, liebe Mutter, was meinſt Du, was kannſt Du damit meinen?“ „Sie muß es erfahren,“ ſagte Suſanne, als ob ſie mit ſich ſelbſt ſpraͤche,„und es iſt beſſer, wenn es von den Lippen einer Mutter, als von denen eines Fremden kommt. Miriam, kannſt Du die Anhoͤrung deſſen ertragen, was ich Dir kaum zu ſagen im Stande bin?“ „Sprich— ſprich— ſprich! ſage mir es ſchnell, Mutter. Das Schlimmſte iſt beſſer als das, was ich in dieſem Augenblicke fuͤhle. O ſage mir,— iſt Lang⸗ ley etwas zugeſtoßen?“ „Ich habe ſchlimme Nachrichten fuͤr Dich, Mi⸗ riam— wenigſtens wirſt Du es dafuͤr halten. Es ſind Nachrichten uͤber Langley Tyringham eingelaufen, ſchlimme Nachrichten!“ „Iſt er todt 2“ fragte Miriam beſtuͤrzt. „Hoͤre und ſei ruhig, wie es einem Maͤdchen zu⸗ ſteht, das zu einem Geſchlechte gehoͤrt, deſſen Beruf es iſt, viele Verluſte, viele Kuͤmmerniſſe zu ertragen. Unſer Nachbar Weſtport iſt von Boſton zuruͤckgekehrt 101 und hat Deinem Vater mitgetheilt, daß ein Schiff im Sunde eine Leiche aufgefiſcht hat, bei der man in einem Taſchenbuche Briefe an den Gouverneur und andere Perſonen in Boſton fand. Dieſe Briefe waren von dem Gouverneur und andern Perſonen in Vir⸗ ginien.“ „Sage mir den Namen— den Namen, Mutter! aber ich weiß ihn bereits— es war Langley Tyring⸗ ham!“ unterbrach ſie Miriam verzweifelt. „Er war es in der That, meine Tochter. Ueber⸗ dies hat man am Strande einen Hut gefunden, in welchem ſein Name ſtand. Stuͤtze Dich auf mich. Miriam, Dir wird ſchwach— und bedenke, daß die Tugenden des Weibes in demuͤthigem Hoffen und ge⸗ duldigem Ertragen beſtehen.“ Miriam wurde aber nicht ohnmaͤchtig, obgleich ſie ſchneeweiß und faſt eben ſo kalt ward. Sie weinte nicht, noch rang ſie die Haͤnde, ſie ſchwieg einige Mi⸗ nuten lang. Endlich ſtieß ſie einen tiefen, ſchaudern⸗ den Seufzer aus und ſagte mit ruhiger Stimme zu ihrer Mutter: „Nun, es mag ſo ſein, er iſt im Himmel nicht weiter von mir entfernt, als er auf Erden war. Ich werde ihn dort wiederfinden. Hier haͤtte ich ihn doch nie wieder treffen koͤnnen. Aber, Mutter, theure Mut⸗ ter, wie krank Du ausſiehſt, Dir iſt ſicherlich nicht wohl, ich habe Dich noch nie ſo geſehen.“ „Ich habe mich zu ſehr angeſtrengt und zu ſtark 10²2 gefuͤhlt; da wir aber jetzt vom Tode ſprechen, ſo will ich auch etwas davon ſagen, denn ich fuͤhle, daß ich und der Tod bald Eins ſein werden.“ „Mutter— theure Mutter!“ „Ja, Tochter, es iſt Zeit, daß Du Dich vorbe⸗ reiteſt, ich muß Dir leider noch einen Schmerz berei⸗ ten. Fuͤr mich ſind die Sorgen und Bekuͤmmerniſſe dieſer Welt nichts mehr. Ich blicke bereits in eine an⸗ dere, aber ich wollte, daß ich Dir dieſe ſchmerzliche Mittheilung haͤtte erſparen koͤnnen; ich hoffte, daß entweder Harold oder Du die Veraͤnderung bemerkt haben wuͤrde, die ich ſelbſt ſehe und fuͤhle. Er aber iſt anderweit beſchaͤftigt und auch Du, arme Miriam, biſt von andern Gedanken in Anſpruch genommen wor⸗ den. Es darf jedoch nicht laͤnger hinaus geſchoben werden.— Es iſt Zeit, daß Du erfaͤhrſt, daß ich die⸗ ſer Welt nicht lange mehr angehoͤren werde. Der Tod hat ſich mir ſeit langer Zeit ſchon langſam genaͤ⸗ hert, aber je naͤher er kommt, deſto ſchneller ſchreitet er. In wenigen Wochen— wenigen Tagen— ja vielleicht wenigen Stunden wirſt Du keine Mutter mehr haben.“. Dieſer zweite Schmerz verbannte auf eine Zeit lang die Erinnerung an den erſten. Miriam dachte nicht mehr an Langley Tyringham, ein anderes, heilige⸗ res Gefuͤhl erfuͤllte ihr Herz. Sie ſchaute innig in das Geſicht ihrer Mutter, wo ihr zum erſten Male der unbeſchreibliche Ausdruck auffiel, welcher den nahen 10³ Tod verkündet, warf ſich vor ihr auf die Kniee und rief mit bitterm Selbſtvorwurfe: „Verzeihe, o verzeihe mir, theure Mutter, meine ſelbſtfuchtigen Gedanken haben mich gegen das blind gemacht, was ich jetzt nur zu deutlich ſehe.“ „Ich habe nichts zu verzeihen, Miriam, und freue mich, daß Dir viele Stunden peinlicher Befuͤrch⸗ tung Desjenigen, was ſich nicht mehr abaͤndern ließ, er⸗ ſpart worden ſind. Und jetzt, da es vielleicht das letzte Mal ſein wird, daß ich Athem genug habe, um mit Dir zu ſprechen, ſo laß mich fuͤr Dein liebevolles Benehmen im ganzen Laufe Deines vergangenen Le⸗ bens Zeugniß ablegen. Du biſt fuͤr Deine Eltern eine unerſchoͤpfliche Quelle des Troſtes, ihre Erquickung im Eril und in allen Wechſelfaͤllen ihrer muͤden Pil⸗ gerreiſe geweſen, und wenn ich geſchieden bin, ſo mag es Dein beſter Troſt ſein, daß Du alle Deine Kindes⸗ pflichten erfuͤllt haſt, und die Todten Dir keine Vor⸗ wuͤrfe machen koͤnnen. Wenn Du Dich an mich erin⸗ nerſt, wie Du es zuweilen thun wirſt, ſo weiß ich, daß es nicht mit einem Gefuͤhle des Kummers oder der Reue uͤber fruͤhern Ungehorſam geſchehen wird, ſondern mit einer heitern Wehmuth, die aus der Ver⸗ ſicherung entſpringt, welche ich Dir jetzt gebe, daß Du meinen Augen nie eine andere Thraͤne als die der Freude oder Liebe entlockt, und meinem Herzen keinen andern Seufzer als den der Beſorgniß um Dein Wohl⸗ 104 ergehen entriſſen haſt. Geh jetzt, mein Kind, und halte mit Deiner Seele Rath, denn es giebt keinen beſſern Troͤſter als ein ruhiges Gewiſſen.“ Miriam zog ſich, ihrer Mutter gehorſam, mit von ſtreitenden Bewegungen zerriſſenem Herzen in die Ein⸗ ſamkeit zuruͤck. Zwei Bekuͤmmerniſſe ſind aber beſſer als eine, da ſie einander abloͤſen und den Geiſt ver⸗ hindern, ſich mit der unveraͤnderlichen Zaͤhigkeit an einer derſelben feſtzuhalten, welche, wenn ſie lange anhaͤlt, die voͤllige Zerſtoͤrung des Koͤrpers oder Gei⸗ ſtes verurſacht. Dies war der Fall bei Miriam, die in der tie⸗ fen Beſorgniß um ihre Mutter auf eine Zeitlang Zu⸗ flucht gegen die Bitterkeit des Kummers fand, wo⸗ mit ſie durch Langley's Tod fuͤr die Zukunft vertraut wurde. Suſanne Habingdon ſtarb etwa zehn Tage nach dieſem Geſpraͤche, ſo wie es von einem ſolchen We⸗ ſen zu erwarten war, nicht unter delirioͤſen Halle⸗ lujah's des Triumphes in raſendem Enthuſiasmus, noch mit furchtbarer Scheu vor dem entſetzlichen Jen⸗ ſeits, ſondern mit der ſuͤßen, ruhigen Ergebenheit einer frommen, demuͤthig hoffenden Seele. Ihr Grab war das erſte auf dem kleinen Gottesacker, und das einzige zu ihrem Andenken errichtete Gedaͤchtnißzeichen befand ſich in dem Herzen ihres Gatten, ihres Kindes und ihrer Nachbarn. 105 Sie lag eine Zeitlang allein da, mit den Jahren aber wurde ihr Grab von vielen kleinen Huͤgeln um⸗ geben, und jetzt iſt ihre Zahl faſt der der Nachkoͤmm⸗ linge der kleinen Pilgerſchaar, welche um dieſelben her leben, gleich. Achtes Kapitel. Veraͤnderung in den Gewohnheiten und dem Charakter des Rundkopfs.— Harold fragt ſeine Tochter uͤber einen ſehr zarten Gegenſtand aus.— Ankunft eines willkommenen Be⸗ ſuches.— Wanderung auf den Gipfel eines Berges und was ſie dort ſahen.— Der Richter eines Koͤnigs. Harold Habingdon ſchien von dem Tode Suſan⸗ nens an alle ſeine weltlichen Gedanken und Neigun⸗ gen auf ſeine Tochter zu concentriren, er war nicht mehr der ſtrenge, unbeugſame Vater, der Alles ſeinen ſogenannten Grundſaͤtzen aufopferte, ſondern wurde zu einem zaͤrtlichen, liebevollen Beſchuͤtzer und vertrau⸗ ten Freunde. Als er nach mehreren Monaten noch keine Veraͤnderung in der ruhigen, eingewurzelten Wehmuth Miriams eintreten ſah und mitunter Spu⸗ ren jener geheimen Thraͤnen bemerkte, die ſtets aus dem Herzen kamen, als er beobachtete, wie ihren An⸗ ſtrengungen, ſich heiter zu erweiſen, nur eine zuneh⸗ mende Blaͤſſe und Niedergeſchlagenheit folgte, uͤber⸗ zeugte er ſich, daß hier eine tiefere Urſache als der Kummer um den Tod ihrer Mutter ihre Einwirkun⸗ gen ausuͤbte. Auch er hatte das traurige Schickſal Langley's erfahren, und jetzt, wo der Tod die Schran⸗ ken des Grabes zwiſchen ihm und ſeiner Tochter auf⸗ 107 gerichtet hatte, erweichte ſich ſein Herz gegen ihn und er bedauerte mitunter, ſich ſo ſtreng einer Verbin⸗ dung widerſetzt zu haben, welche zu gleicher Zeit ihr Gluͤck haͤtte ſichern und ihr einen Beſchuͤtzer ver⸗ ſchaffen koͤnnen, wenn ihr Vater nicht mehr war. Er dachte, daß Miriam vielleicht, ſtatt ſich zu ſeinem Glauben zu bekehren, ihn allmaͤhlig dazu ge⸗ bracht haben wuͤrde, den ihren anzunehmen, aber es war jetzt zu ſpaͤt, und gerade die Unmoͤglichkeit der Heirath vermehrte ſein Bedauern uͤber ſeinen fruͤhern Widerſtand. Wenn Langley noch am Leben und in der Näͤhe geweſen waͤre, ſo wuͤrde wahrſcheinlich ſeine fruͤhere Abneigung fortgedauert und zugenommen haben; ſeit er aber auf ewig uͤber die Moͤglichkeit, Anſtoß zu geben, hinaus war, wuͤnſchte Harold aufrichtig, Gelegenheit zu erhalten, um durch die Billigung deſſen, dem er ſich ſo ſtreng widerſetzt hatte, das, was geſchehen war, wieder gut zu machen. Unter dem Einfluſſe dieſer neuen Gefuͤhle fragte er eines Tages Miriam nach dem Grunde ihrer an⸗ haltenden Niedergeſchlagenheit. „Ich wuͤnſche nicht,“ ſagte er,„Dich zu verhin⸗ dern, den Verluſt Desjenigen, was weder mir noch Dir wiedergegeben welden kann— einer treuen Gat⸗ tin und zaͤrtlichen Mutter— zu beweinen, aber der Kummer muß eben ſo gut ſeine Grenzen haben wie die Freude, und wenn die Zeit unſern Schmerz uͤber den 108 Verluſt Derjenigen, welche wir lieben, nicht heilte, oder wenigſtens erleichterte, ſo wuͤrde ſich die Welt in ewige Trauer und Truͤbſal kleiden. Ich wuͤnſche Dich nicht daran zu verhindern, Dich Deinem Kummer hinzugeben, da wir nicht erwarten koͤnnen, durch die⸗ ſes Thraͤnenthal zu gehen, ohne unſern Tribut zu den bittern Waſſern hinzuzufuͤgen. Das Gluͤck, meine Tochter, wird bald ſeiner Genoſſen muͤde und ſucht ſich neue Gefaͤhrten aus. Wir koͤnnen wohl tagelang, aber nicht ein ganzes Leben hindurch gluͤcklich ſein. Wenn es Deiner Mutter geſtattet iſt, auf uns her⸗ abzublicken, ſo wird ſie ſich daruͤber bekuͤmmern, Dich ſo lange ungluͤcklich zu ſehen.“ „»Vater,“ ſagte Miriam mit ihrer gewohnten offenen Einfachheit,„ich habe außer dem Verluſte meiner theuern Mutter noch andern Grund zum Kum⸗ mer, ich habe noch uͤber einem andern Grabe zu weinen.“ „Ich verſtehe Dich, Miriam, und wenn es Dir von Troſte ſein kann, es zu wiſſen, ſo erklaͤre ich, daß ich, wenn der arme Langley Tyringham noch lebte, Deinen Glauben und Dein Gluͤck ihm anver⸗ trauen wuͤrde, denn der Himmel weiß, wie bald Du eines Beſchuͤtzers in dieſer wilden Gegend beduͤrfen wirſt.“ „Theurer Vater!“ rief Miriam mit Thraͤnen der Dankbarkeit,„Du haſt mir eine Laſt vom Herzen ge⸗ nommen. Wenn ich auch nie die Seine werde, wenn 109 ich ihn auch nie wiederſehe, ſo iſt es fuͤr mich doch ein ſuͤßer Troſt, zu wiſſen, daß wenigſtens mein Vater freundlich an ihn denkt, und ihn als Sohn annehmen wuͤrde. Ich werde jetzt gluͤcklicher ſein, denn ich kann nun an ihn denken, ohne Dich zu beleidigen.“ 8 Bei dieſen Worten erheiterte ſich ihr Geſicht, ihr tiefes, gedankenvolles Auge funkelte wie von neuer⸗ wachter Hoffnung und ein lange fern gebliebener Fremdling erſchien auf ihrer Wange in Geſtalt eines Erroͤthens. Von dieſer Zeit an milderte ſich ihre Niederge⸗ ſchlagenheit allmaͤhlig zu heiterer Geduld und ſie ver⸗ richtete ihre haͤuslichen Pflichten mit erneuerter Lebhaf⸗ tigkeit. Der ſtrenge Winter jener noͤrdlichen Gegend war jetzt voruͤbergegangen und der muntere Fruͤhling, wel⸗ cher nur das Schmelzen des Schnee's abgewartet hatte, ſprang jetzt in voller Jugendſchoͤne unter dem Schutze der gefrorenen Decke hervor. Der Suͤdwind, der bal⸗ ſamiſchſte Athem der Natur, kraͤuſelte ſanft die Flaͤche des jetzt aus ſeinen eiſigen Feſſeln erloͤſ'ten Fluſſes, die friſchen Wieſen legten ihr glaͤnzendes Gruͤn an und von Zeit zu Zeit ſang ein von ſeiner ſuͤdlichen Reiſe zuruͤckgekehrter Vogel ſein freudiges Lied unter den Knospen und Blaͤttern. 3 Miriam zeigte eines Nachmittags ihrem Vater dieſe neuangekommenen Fremdlinge und ſchug ihm einen Spaziergang nach dem fruͤher erwaͤhnten Berg⸗ 110 gipfel vor, der ſich vom Fluſſe aus ſanft erhob, bis er ploͤtzlich ſein Ausſehen veraͤnderte und wie eine Pyra⸗ mide zum Himmel emporſchoß. Er war auf der einen Seite nicht ſchwierig zu erſteigen und jetzt vom Schnee befreit. Harold gab gern ſeine Zuſtimmung und da der Berg nicht weit entfernt war, erreichten ſie den Gipfel noch zu rechter Zeit, um die unterge⸗ hende Sonne in aller ihrer Pracht, von der nach allen Richtungen hin vor ihren Blicken ausgebreiteten Welt Abſchied nehmen zu ſehen. Es war eine Scene voll der bezauberndſten Anmuth und Erhabenheit. Der ſich zwiſchen den gruͤnen Wieſen hinſchlaͤngelnde Fluß, die ungeheuern Waͤlder, die wellenfoͤrmig aufſteigenden Huͤgel und ſich zum blauen Himmel erhebenden hohen Berge, bildeten ein Schauſpiel, das die Seele zu den hoͤchſten Gedanken anregte. Beide gewaͤhrten ihm auf eine Zeitlang die Huldigung des Schweigens, endlich rief Miriam: „Welche ſchoͤne Welt, und wie Schade, daß ſie nicht ewig dauern kann!“ „Sehr wahr,“ antwortete der Vater;„Alles, was wir um uns her erblicken, Alles, was iſt und je ſein wird, iſt zum Untergange beſtimmt. Wie bald aber? weiß Niemand und kann kein Prophet vorausſagen. Die Zeit wird aber ſicherlich kommen, wo dieſe Erde in einen Haufen rauchender Aſche verwandelt wird, wo die See in ſiedendem Dampfe aufgeht und die Sonne ſich in ihrer eigenen Gluth verzehrt. Von 111 allen lebenden und lebloſen, ſichtbaren und unſichtba⸗ ren Dingen auf dieſer unbegrenzten, unermeßlichen Welt giebt es nichts Unſterbliches als die Seele des Menſchen.“ „Du ſprichſt wahr, Harold Habingdon,“ ant⸗ wortete eine fremde Stimme. Er wendete ſich um und erblickte einen alten auf ſeinen Stab gelehnten Mann mit weißem Haar und Barte. „Du ſcheinſt mich zu kennen, mein Freund,“ ſagte Harold,„aber ich erinnere mich nicht, Dich je geſehen zu haben.“ „Daruͤber wundere ich mich nicht,“ antwortete der alte Mann,„denn ſeit Du mich geſehen, bin ich wie ein wildes Thier in der alten und neuen Welt umhergehetzt worden. Ich habe in Waͤldern und Hoͤhlen gewohnt und ſeit Jahren nicht gewagt, das Licht des Tages zu genießen, außer wenn ich zuweilen hervorkrieche wie ein Fuchs aus ſeinem Baue, um die reine Luft dieſes Berges zu athmen und eine Welt, die mich ausgeſtoßen hat, zu betrachten!“ Miriam wurde durch das Ausſehen und die Worte des ſchneehaarigen Greiſes von einem ſeltſamen Gefuͤhle ergriffen, und Harold erinnerte ſich jetzt dun⸗ kel, ihn fruͤher geſehen zu haben. Von Neuem fragte er, wer er ſei. 5 „Einer von den Richtern des Koͤnigs,“ antwortete Jener ſtolz. 112* „Ha, jetzt kenne ich Dich, obgleich wir einander lange Zeit nicht geſehen haben. Du biſt—“ „Still!“ ſagte der Greis,„hauche meinen Na⸗ men nicht, ſelbſt in der Einoͤde der Natur, damit mich nicht das Echo verraͤth. Du kennſt mich, das iſt genug.“ „Ja— obgleich Du Dich, ſeit ich Dich auf Marſton More zum letzten Male geſehen, ſehr veraͤn⸗ dert haſt.“ „Sehr wahr— die Jahre haben viel und die Entbehrungen noch mehr gethan. Ich brauche Dir meine Geſchichte nicht zu erzaͤhlen, denn Du haſt Dich in der Welt bewegt und kennſt ſie genau. Genug, ich bin aus meinem Vaterlande, meiner Heimath und von Allen, die ich geliebt habe, verbannt worden, um ruhelos auf der Erde umher zu wandern.“ „Es iſt ein ſchweres Schickſal und ich bemit⸗ leide Dich.“ „In der That ein ſchweres und faſt mehr als ich tragen kann, denn die ewige Anſtrengung, dem was ich erlitten habe, zu widerſtehen, hat meine Ver⸗ nunft erſchuͤttert und mich, wie ich fuͤrchte, halb wahnſinnig gemacht.“ Harold drang in den alten Mann, mitzukommen und bei ihm zu wohnenz aber er ſchuͤttelte ſeine ſchneei⸗ gen Locken und weigerte ſich, das anzunehmen, was ſeinem Freunde das Leben koſten konnte. „Es kann nicht ſein,« ſagte er,„ich bin ein 113 Nachtvogel oder vielmehr ein Raubthier, das ſich nur in der Dunkelheit hervorwagt, nicht um ſeine Beute zu jagen, ſondern um ſelbſt gejagt zu werden, wenn man es entdeckt. Ich werde Dir nicht ſagen, wo mein Lager iſt, nicht weil ich Deiner Ehre und Ver⸗ ſchwiegenheit mißtraute, aber ich erwarte die Ver⸗ ſchwiegenheit von Denjenigen, welchen ich vertraut habe und die mir vertraut haben und muß ſelbſt ver⸗ ſchwiegen ſein. Ich ſah und erkannte Dich und ver⸗ mochte dem Wunſche, mit einem alten Waffenbruder zuſammenzutreffen, nicht zu widerſtehen, aber es iſt Zeit zum Scheiden und fuͤr dieſes junge Maͤdchen zum Nachhauſegehen. Lebe wohl und moͤgeſt Du in der neuen Welt alles Das finden, was Du geſucht haſt!“ Sie trennten ſich. Auf dem Heimwege fragte Miriam ihren Vater nach dem Namen des alten ſil⸗ berhaarigen Mannes, aber er ſchuͤttelte den Kopf und ſagte nur: „Du weißt, daß er Einer von den Richtern des Köͤnigs iſt, denn als Solchen hat er ſich angekuͤndigt, Du haſt gehoͤrt, daß ſein Leben in Gefahr ſchwebt und nur von der Verſchwiegenheit Anderer abhaͤngt. Ich weiß, daß ich ſiherau Dich zaͤhlen koͤnnte, aber ich habe nicht das Recht, von Dir eine Ver⸗ ſchwiegenheit zu verlangen, die ich ſelbſt nicht uͤben koͤnnte. Begehre alſo nicht weiter, daß ich Dir ſeinen Namen mittheile.“ Die Tochter des Puritaners. II,. 8 114 Miriam begnuͤgte ſich damit und ſeiner wurde ferner nicht mehr erwaͤhnt. Wohin er wanderte, wo er ſtarb, oder wo er begraben wurde, weiß Nie⸗ mand, und wird wahrſcheinlich auch nie Jemand er⸗ fahren. Neuntes Kapitel. Ein lebender Nebenbuhler eines Todten.— Kurzer Bericht uͤber einen Mann, der zu Hauſe in gutem und auswaͤrts in nicht ſonderlichem Rufe ſteht.— Schoͤnes Werbungsſyſtem, das jedoch keinen Erfolg hat.— Der neue Bewerber denkt, daß Miriam ihren Mann an einem ſonderbaren Orte ſucht. Seit einiger Zeit hatten ſich zunehmende Sym⸗ ptome blicken laſſen, daß das Andenken Langley Tyring⸗ hams einen gefaͤhrlichen Nebenbuhler in der Perſon eines ausnehmend geſetzten, froͤmmelnden Nachbars erhalten ſollte, deſſen Beſuche bei Harold Habingdon immer haͤufiger wurden. Dieſem Manne war es durch lange Ausdauer in der Heuchelei, Gemeinheit und erfolgreichen Schwindelei, ſo weit ſie ſich ohne direkte Verletzung des Geſetzes uͤben ließ, gelungen, ein in jener einfachen Zeit fuͤr ausreichend geltendes Vermoͤgen zu erwerben und zwar ohne die Achtung Derjenigen zu verwirken, mit welchen er zu Hauſe nie in Geſchaͤftsverbindung geſtanden hatte. Er ging ſtets an entfernte Orte, um ſeine Geſchaͤfte zu machen, und obgleich auswaͤrts ſein guter Ruf etwas aͤbgenutzt war, ſo wurde er doch zu Hauſe als ſtrenger Beob⸗ achter des Lebensanſtandes, ſo wie aller Gebote der 8* 116 Gemeinde allgemein geachtet, kurz er war Einer von jenen nicht ſeltenen Menſchen, die ihr Benehmen mehr nach den Geſetzen als nach dem Evangelium einrichten und ſo lange ſie die Erſtern auf ihrer Seite haben, ſich nicht um das Letztere kuͤmmern. Es iſt jedoch gewiß, daß Tobias Harpsfield, denn dies war ſein Name, es ſich bei aller ſeiner Umſicht nicht verhehlen konnte, daß er ein ausgemachter Schuft war. Der Egoismus nahm ihn ſo gaͤnzlich in An⸗ fpruch, daß er bei der Einrichtung ſeines Benehmens nie an irgend Einen, außer ſich ſelbſt, dachte und es ihm niemals einfiel, daß noch das Intereſſe oder die Bequemlichkeit irgend einer andern Perſon zu Rathe gezogen werden muͤſſe. Wenn er dieſem je ein Opfer brachte, ſo geſchah es nur in kleinen Dingen und in der ſichern Erwartung, daß ſeine Selbſtverleugnung durch einen großen Vortheil belohnt werden wuͤrde. Bei alledem galt er fuͤr einen ſehr anſtaͤndigen Mann, und der Anſtand bedeckt, gleich der chriſtlichen Liebe, eine Menge von Suͤnden. Tobias, der, wie wir erwaͤhnen muͤſſen, nicht zu der erſten Pilgerſchaar gehoͤrte, hatte ſeit einiger Zeit die großen Vortheile einer Verbindung mit Miriam Habingdon berechnet. Bei einer Spekulationsreiſe nach Naumkeag uͤberzeugte er ſich, daß Harold in den Haͤnden ſeines dortigen Agenten eine ſehr bedeutende Summe liegen hatte, und da Miriam ſein einziges Kind war, mußte ſie ihn natuͤrlich auch allein beerben. ——— —j— 117 „Allerdings,“ dachte er im Laufe ſeiner Berech⸗ nung,„iſt Maſter Harold kein alter Mann und kann wieder heirathen, aber ich rechne, daß man Zehn ge⸗ gen Eins dagegen und zu meinem Vortheil wetten kann, denn die Frauen ſind hier ſehr rar und zweitens meine ich, hat er nie, ohne dazu gezwungen zu ſein, außer ſeiner Frau und Tochter mit irgend einem Frauenzimmer ein Wort geſprochen. Auf alle Faͤlle werde ich, wenn ich das Maͤdchen bekomme, ein huͤb⸗ ſches Stuͤck Geld erhalten, und ein halber Laib iſt beſſer als gar kein Brot.“ Tobias rechnete alſo, daß er ſich verlieben und die huͤbſche Erbin heirathen wolle. Er fuͤhrte dieſen Entſchluß durch haͤufigere Be⸗ ſuche aus, bis endlich Miriam und ihr Vater ſich ſo ſehr daran gewoͤhnten, ihn zu ſehen, daß ſie es kaum mehr bemerkten, wenn er zugegen war. Harold fuhr nach den gewoͤhnlichen Begruͤßungen fort zu leſen oder nachzudenken, und Miriam beforgte ihre haͤuslichen Geſchaͤfte gerade ſo, als ob ſie allein geweſen waͤre. Sie wurde ſo ſehr von dem Denken an einen Andern in Anſpruch genommen, daß es außerſt zweifelhaft iſt, ob ſie dem Maſter Tobias je einen Gedanken zuwen⸗ dete, oder ſich um die Bedeutung einiger hoͤchſt origi⸗ nellen, ungewoͤhnlichen Demonſtrationen, die ihr von Zeit zu Zeit zu Theil wurden, befragte. Wir haben im Laufe unſerer Erfahrungen be⸗ merkt, daß die ſchlauen Schelme, welche ſtets auf ————ſ 118 Beute lauern, von allen Menſchen wohl der Taͤuſchung am meiſten unterworfen ſind. Sie ſind ſo ſehr dar⸗ auf erpicht, Andere zu uͤbervortheilen, daß ſie keine Muße haben, ſich ſelbſt in Ach zu nehmen und ſo die Fabel von dem Falken und der Taube verwirklichen. Waͤhrend ſie das Lager ihres Feindes angreifen, ver⸗ geſſen ſie ihr eigenes in Vertheidigungsſtand zu ſetzen, und daher kommt es oft, daß eine lange Reihe von mit dem groͤßten Gluͤcke ausgefuͤhrten Schurkereien damit endet, daß der Betruͤger oft der Betrogene wird. Wir wollen damit keineswegs ſagen, daß die ſanfte, redliche Miriam eine Betruͤgerin geweſen ſei, denn der einzige Menſch, den ſie je taͤuſchte, war ſie ſelbſt. Sie behandelte Tobias hoͤflich, weil ſie ſich ſo wenig um ihn kuͤmmerte, daß ſie ſeine Abſichten nie errieth und ſeine Beſuche ausſchließlich auf Rechnung ihres Vaters ſetzte. Haͤtte ſie wirklich gewußt, wes⸗ halb ſie erfolgten, ſo iſt es mehr als wahrſcheinlich, daß ſie, trotz aller chriſtlichen Verſoͤhnlichkeit, ihm viel⸗ leicht die Spindel an den Kopf geworfen haben wuͤrde, denn ſie hatte mit dem intuitiven Scharfſinn der Frauen ſchnell die dunkeln Abgruͤnde ſeines Charakters erforſcht und verachtete ihn von ganzem Herzen. Die Frauen taͤuſchen ſich in den Maͤnnern ſelten, außer wenn ihre Leidenſchaften im Spiele ſind. Tobias glaubte alſo, daß er mit gutem Winde und guͤnſtiger d V Stroͤmung dahinſegle, waͤhrend er in der That doch —yo⸗ 119 in Windſtille dalag, und nachdem er endlich berechnet hatte, daß er, wenn er jetzt das Eis breche, den Fiſch fangen wuͤrde, machte er ſeine Eroͤffnungen gegen Harold, der, die Wahrheit zu geſtehen, dieſelben mit groͤßerem Erſtaunen als Mißbilligung aufnahm, da ihm der innere Menſch des ehrlichen Tobias gänzlich unbekannt war. 3 Er bedachte die ſchutzloſe Lage Miriams, wenn er einmal von dem Boten abgerufen werden wuͤrde der fruͤher oder ſpaͤter an die Thuͤr eines Jeden klopft, und uͤberdies machte ihn die Hoffnung, daß neue Bande und Pflichten die, wie er ſah, noch immer in Miriams Herzen eiternde Wunde heilen wuͤrden, dem Vorſchlage wo nicht geradezu guͤnſtig, doch wenigſtens auch nicht abgeneigt. Was denſelben noch annehmbarer machte, war die Idee, daß er durch dieſe Verbindung nicht von ſeiner Tochter getrennt werden wuͤrde. Dieſe Gedanken zogen alſo ſchnell durch ſeinen Geiſt und endeten mit der Erlaubniß, Miriam ſeinen Antrag ſelbſt zu machen. Tobias hatte gehofft, daß das Geſchaͤft gleich einer fuͤrſtlichen Heirath per procura haͤtte abgemacht werden koͤnnen; da es ſich aber einmal nicht aͤndern ließ, begab er ſich in Miriams kleines Privatzimmer⸗ chen und ſann unterwegs eine Erklaͤrung aus, von der ein großer Theil der Nachwelt auf ewig verloren ge⸗ gangen iſt. Ehe er aber noch halb fertig war, erhielt er einen ſolchen Blick der Pein, Verachtung und des 12⁰ Widerwillens von dem jungen Maͤdchen, daß er, wie⸗ wohl er eine große Quantitaͤt der fuͤr ſeinen Beruf noͤthigen Kaltbluͤtigkeit beſaß, doch gaͤnzlich außer Faſſung gerieth und die Sprache verlor. Miriam ſtand auf, ſchwankte der Thuͤr zu, wendete ſich, ehe ſie das Zimmer verließ, zu ihm um und ſagte: „Geh zu meinem Vater und ſage ihm, daß, wenn ich einen Gatten ſuche, es im Grabe ſein wird.“ Tobias that wie ihm aufgetragen wurde, und Ha⸗ rold verſicherte ihm, daß die Antwort eine entſchei⸗ dende ſei. 4 „Er wolle,“ ſagte er,„in einer Sache, die ſeine Tochter ſo tief beruͤhre, nie wieder ſeine Gewalt auf⸗ bieten oder auf ihre Entſchluͤſſe Einfluß uͤben, da er die Folgen einer ſolchen Einmiſchung geſehen und ge⸗ fuͤhlt habe.“ Tobias entfernte ſich, von bitterer Galle erfuͤllt und auf boshafte Rache ſinnend, konnte ſich zu glei⸗ cher Zeit aber auch des Gedankens nicht enthalten, daß das Grab ein ſonderbarer Ort fuͤr eine junge Dame ſei, um ſich nach einem Gatten umzuſehen. Sobald er ſich entfernt hatte, ſetzte Miriam ihren Strohhut, das Werk ihrer eignen Haͤnde, auf und wanderte in der heiligen Stille des Zwielichts hinaus auf die glatte Raſenterraſſe hin, welche das ſogenannte zweite Ufer des Fluſſes bildete. Ihr Herz ſchien von dem Vorſchlage, darin eine andere Gottheit aufzurichten, eine neue Wunde erhalten zu haben und ſie unter⸗ V — 121 ſuchte ſtreng ihr fruͤheres Benehmen gegen Tobias Harpsfield, um ſich zu uͤberzeugen, daß ſie ihn nie in Worten, Thaten oder Blicken zu dieſer heiligthums⸗ ſchaͤnderiſchen Nebenbuhlerei mit dem Todten aufge⸗ muntert habe. Ihr Gedaͤchtniß ſprach ſie von einem ſolchen Vergehen vollkommen frei, deſſenungeachtet aber machte ihr Herz ihr immer noch Vorwuͤrfe uͤber das unwillkuͤrliche Verbrechen, einen andern Bewer⸗ ber angezogen zu haben. Tobias, der bisher nur ein Gegenſtand vollkom⸗ mener Gleichgiltigkeit fuͤr ſie geweſen war, erhob ſich allmaͤhlig zu einer entſchiedenen Abneigung, wo nicht Antipathie. Als ſie ſo dahin wanderte, ſchweifte ihr Geiſt in die Regionen der Vergangenheit und erinnerte ſich mit der groͤßten Genauigkeit an jeden Vorfall, der geeignet war, jene tief eingewurzelten Erinnerungen neu zu beleben, die zum Gluͤcke fuͤr die verwundeten Herzen dieſer Welt, wenn ſie von der Zeit beſaͤnftigt und von der Reſignation beſchwichtigt ſind, eine Art von Zauber ausuͤben, der, waͤhrend er ſie lockt, ſich ihm zu ergeben, der Biene gleich, nicht nur einen Stachel, ſondern auch Honig bei ſich traͤgt. Sie kehrte in ihrer gewohnten ruhigen Stimmung nach Hauſe zuruͤck, die Wogen ihrer Seele waren allerdings tief aufgeregt worden, jetzt aber nicht nur an der Ober⸗ flaͤche, ſondern auch bis in die tiefſten Tiefen ruhig. 122 Als ſie ihren Vater niederſah, kuͤßte er zaͤrtlich ihre Stirn. Weder er noch ſie ſprachen ein Wort uͤber das ſo eben Vorgegangene und der Gegenſtand wurde nicht eher wieder erwaͤhnt, als bis in Kurzem zu er⸗ zaͤhlende Ereigniſſe ihn von Neuem an's Licht zogen. 7 — Behntes Kapitel. Die Kirche in Gefahr.— Ein Geſpenſt erſcheint, ver⸗ ſchwindet und wird nie wieder geſehen.— Ein ungluͤckli⸗ cher Zufall.— Eine Unterredung und ein Tod.— Das Opfer des Heiden.— Bisher waren unſere Pilger, obgleich ſie an der Grenze der civiliſirten Welt lebten, den Verwuͤſtungen durch indianiſche Feindſeligkeiten entgangen; jetzt aber ſchienen die Wilden von Neu⸗England ein allgemeines Buͤndniß geſchloſſen zu haben, um ſich und ihr Land von den Weißen zu befreien, und der Plan wurde mit einer faſt wunderbaren Verſchwiegenheit zur Reife gebracht und der Augenblick zur Fuͤhrung des Schlages beſtimmt. Eines Sabbaths, als ſich die kleine Gemeinde, ihrem Gebrauche gemaͤß, mit den Waffen in der Hand in der Kirche verſammelt hatte, als die Zuhoͤrer im Begriffe waren, dem Geber alles Guten ihren Dank darzubringen und der gute Pfarrer die friedli⸗ chen Lehren des Heilands der Menſchheit einpraͤgte, erſchallte der Kriegsruf der Wilden in ihren Ohren und zog ihre Gedanken vom Himmel zur Erde nieder. Die Maͤnner griffen zu ihren Waffen und ſtuͤrz⸗ ten hinaus, um einer Bande gemalter Krieger zu be⸗ 124 gegnen, die ſie mit wilder Wuth angriffen. Sie wa⸗ ren uͤberraſcht und geriethen in Verwirrung. Ihre Anſtrengungen waren nicht von einem einzigen Willen geleitet, denn die militairiſche Erfahrung ließ ſich auf die indianiſche Kriegfuͤhrung nicht anwenden und war daher erfolglos. Die Wilden naͤherten ſich allmaͤhlig der Kirche, wo die Frauen und Kinder in zitternder Furcht ihr Schickſal erwarteten. Die Weißen ſtanden auf dem Punkte, ſich in das geheiligte Aſyl zuruͤckzuziehen, um dort einen letzten Verſuch zu machen, und das Schick⸗ ſal Aller, der Frauen, Kinder, Freunde, Aller, die ihnen theuer waren, hing von dem Augenblicke ab, als ploͤtzlich ein alter Mann mit weißem Barte und von vielen Wintern gebleichtem Haupthaar unter ihnen erſchien, ſie mit einer Stimme, die Gehorſam zu finden gewohnt war, anrief und am weitern Ruͤckzuge verhin⸗ derte. Sein Erſcheinen ſetzte die Wilden in Verlegen⸗ heit und hielt ſie auf einige Zeit von neuen Angrif⸗ fen ab. „Wollen die Helden des wahren Glaubens,“ ſchrie er laut,„vor den Kindern des Satans fliehen? — Halt— wendet Euch— und kaͤmpft den guten Kampf fuͤr Eure Weiber, Eure Kinder und Euren Gott!— Folgt mir!“ Der alte Mann ſtellte ſich an die Spitze der ſchwankenden Schaar und hatte, ehe ſich noch die be⸗ ſtuͤrzten Wilden von ihrem Schrecken erholt, ſein klei⸗ 125 nes Haͤuflein mit kriegeriſcher Geſchicklichkeit geordnet und fuͤhrte ſie wieder vorwaͤrts. Die entſetzlichen Wilden flohen bald vor dem, wie ſie glaubten, uͤberna⸗ tuͤrlichen Weſen und als die Schlacht gewonnen war, verſchwand der Greis eben ſo ploͤtzlich als er gekom⸗ men. Man ſah ihn nie wieder und Niemand wußte, was aus ihm geworden. Es war das letzte Erſcheinen eines Mannes, der uͤber einen Koͤnig zu Gericht ge⸗ ſeſſen hatte. Vor dem Auftreten des alten Mannes mit dem weißen Barte war Harold, der im Kampfe einer der Erſten geweſen war, von hinten von einem Wilden mit dem Tomahawk zu Boden geſchlagen worden. Miriam ſah ihn fallen, ſtuͤrzte trotz allen ihr entgegen⸗ geſtellten Hinderniſſen heraus, hob ſeinen Kopf vom Boden auf und unterſtuͤtzte ihn mit ihren Armen, waͤhrend ſie ſich bemuͤhte, das aus einer tiefen Wunde in ſeinem Ruͤcken zwiſchen den Schultern fließende Blut zu ſtillen. Sobald das Gefecht voruͤber war, wurde er, vom Blutverluſte bewußtlos, vor ſeiner Tochter hin nach Hauſe getragen. Er kam langſam wieder zu ſich, aber nur, um ſich zu uͤberzeugen, daß ſeine Wunde toͤdtlich ſei. Er lebte jedoch noch mehrere Tage und ertrug. mit maͤnnlicher Ergebung die Schmerzen des Koͤrpers, welche denen ſeines Geiſtes gleich kamen. Der Ge⸗ danke, daß er ſein Kind in dieſer abgelegenen Gegend einſam, freund⸗ und ſchutzlos und unter Menſchen zu⸗ 126 ruͤckließ, die keinen Tropfen verwandten Blutes beſaßen, bekuͤmmerte ſein Herz ſchwer, wiewohl ihn ſeine Froͤmmigkeit uͤberredete, daß er ſie ſicher dem Schutze des Himmels uͤberlaſſen koͤnne. Als er ſein gehorſames und liebevolles Kind, das, wie er wußte, ſchwer mit eignem Kummer belaſtet war, ſich ſelbſt vergeſſen ſah, als ob es keinen Koͤrper haͤtte, als er bemerkte, wie es Tag und Nacht wie ein dienender Engel uͤber ihm ſchwebte, ſeinen Beduͤrfniſſen zuvor⸗ kam, ſeine Wunde verband und ihn mit weichem Mitleid beſchwichtigte, ſchlug ihm das Herz und er dachte, daß, wenn er nicht ſo ſehr dagegen geweſen waͤre, ſie jetzt Jemand haben koͤnnte, der ſie beſchuͤtzte und liebte, wenn er geſchieden ſein wuͤrde. Mitten unter dieſen peinlichen Erinnerungen und Ahnungen entſann er ſich eines Tages kurz vor ſeinem Tode des Antrages, welchen Tobias Harpsfield gemacht und beſchloß gegen ſie noch einmal darauf zuruͤckzu⸗ kommen, um wo moͤglich ſeine Tochter nicht allein in der Welt zuruͤckzulaſſen. „Tochter,“ ſagte er zu Miriam, die in der Stille ſprachloſer Angſt vor ihm ſaß und ihn beobachtete, waͤh⸗ rend dieſe peinlichen Gedanken durch ſeinen Geiſt zo⸗ gen,„Tochter, Du weißt, daß wir uns bald auf ewig, wenigſtens fuͤr dieſe Welt trennen muͤſſen, um uns, wie ich hoffe, in einer beſſern wieder zu begegnen. Biſt Du auf die Pruͤfung vorbereitet?“ „Vater,“ antwortete ſie,„man hat mich Erge⸗ 127 bung in den Willen des Himmels gelehrt und ich hoffe, daß ich ſie gelernt habe.“ „Sehr wahr, Miriam, Du haſt geantwortet, wie es einer Chriſtin geziemt, aber ich muß Dich allein in dieſer Wildniß zuruͤcklaſſen, wo Du ohne andern Schutz als Deine Unſchuld und Froͤmmigkeit zuruͤck⸗ bleibſt, und obgleich ich großes Vertrauen in Dich ſetze, ſo geſtehe ich doch, daß ich gluͤcklicher und ruhi⸗ ger ſterben wuͤrde, wenn ich Dich unter dem Schutze eines ehrenwerthen Gatten, wie Tohias Harpsfield zu⸗ ruͤckließe.“ „Vater!“ rief Miriam erſchrocken. „Hoͤre mich aus, Miriam. Ich habe Dir ſchon fruͤher geſagt, wie tief ich meinen ſtrengen, und wie ich jetzt einſehe, engherzigen Widerſtand gegen die theuer⸗ ſten Wuͤnſche Deines Herzens bereue. Wenn ich mir die Vergangenheit zuruͤckrufe, ſo geſtehe ich, daß ich keinen Fehler an Langley Tyringham finden kann, aber er iſt jetzt todt und—4. „Aber ſein Gedaͤchtniß iſt nicht mit ihm geſtor⸗ ben, lieber Vater,“ unterbrach ihn Miriam;„ich we⸗ nigſtens werde ihn nie vergeſſen.“ „Aber ſein Gedaͤchtniß wird Dich nicht be⸗ ſchuͤtzen, wenn ich geſtorben bin.“ „Der Himmel wird mich beſchuͤtzen,“ ſagte ſie, ihre Augen emporhebend,„und der iſt ein bei weitem beſſerer Beſchuͤtzer als ein unehrenhafter, ſelbſtſuͤchti⸗ ger Gatte. Aber, lieber Vater, laß die wenigen Stun⸗ 128 den, welche wir noch mit einander verleben duͤrfen, nicht durch einen Gegenſtand verbittern, uͤber den wir uns nie einigen koͤnnen. Ich habe bis jetzt mein Verſprechen gehalten, nie ohne Deine Zuſtimmung eine Verbindung einzugehen, und ich bitte Dich, zu be⸗ denken, daß der kindliche Gehorſam keinen beſſern Be⸗ weis von ſeinem Vorhandenſein liefern kann. O, ge⸗ ſtatte mir, ich bitte Dich inſtaͤndig, die Erfuͤllung eines andern Geluͤbdes, das ich beim Scheiden dem ar⸗ men Langley abgelegt habe, und das ich fuͤr eben ſo heilig halte— das der Treue gegen den einzigen Mann, der in mir die Ueberzeugung erweckt hat, daß es ein Gefuͤhl gebe, welches noch ſtaͤrker und dauern⸗ der iſt, als ſelbſt die kindliche Liebe.“. „Nun, Tochter, es mag ſo ſein, Du haſt mir ein großes Opfer gebracht, und ich will Dir ein klei⸗ neres nicht verſagen. In dieſen letzten Augenblicken meines Lebens hoffe ich, das wieder erlangt zu haben, was ich nur zu oft verloren hatte, die friedliche Herr⸗ ſchaft uͤber mich ſelbſt. Wir wollen den Gegenſtand auf ſich beruhen laſſen, ich vertraue Deine Unſchuld Demjenigen an, welcher, wenn er ſie auch nicht ſtets hier beſchuͤtzt, ſie ſicherlich im Jenſeits belohnen wird. Bedenke ſtets, Miriam, daß es beſſer iſt zu leiden, als das Leiden zu verdienen, daß es fuͤr die Unſchuld kei⸗ nen beſſern Schild giebt, als die Unſchuld ſelbſt, und fuͤr den Kummer keinen beſſern Balſam, als Geduld 129 und Ergebung. Ich will Dich dem Himmel anheim⸗ ſtellen.“ Miriam bat ihn innig um Verzeihung fuͤt den Widerſtand gegen ſeine Wuͤnſche und fuͤgte hinzu: „Selbſt wenn ich mein Geluͤbde gegen Langley vergeſſen koͤnnte, ſo wuͤrde ich doch nie einwilligen, Tobias Harpsfield zu meinem Gatten zu waͤhlen. Glaube mir, Vater, daß er Deiner und der Deinigen gleich unwuͤrdig iſt. Ich habe allerdings nur geringe Welterfahrung, aber ich habe mit Menſchen gelebt, die mich den Blick und die Sprache der Aufrichtigkeit gelehrt haben, und mein Herz hat mit Einem in Ver⸗ bindung geſtanden, der ein Inbegriff der Ehre und ein Spiegel der Wahrheit war. Ich habe in das Innerſte dieſes ſchlechten Mannes geblickt und glaube mir, Va⸗ ter, er iſt ein Heuchler und ein Boͤſewicht. Ich wollte lieber die indianiſchen Foltern des Skalpirens und Brandpfahls erleiden, als mich mit dieſem Manne ver⸗ maͤhlen. Aber, lieber Vater, laß Dich nicht von mei⸗ nen ſelbſtſuͤchtigen Bekuͤmmerniſſen ermuͤden.“ „Nein, Tochter, und wenn Du es thaͤteſt, ſo ſind ein paar Lebensſtunden mehr oder weniger nur ein paar Sandkoͤrnchen im Stundenglaſe. Ich habe Dir vor meinem Hinſcheiden noch etwas Anderes zu ſagen.“. Hierauf theilte er ihr in kurzen Worten mit, daß er vor langer Zeit ſchon ſein Teſtament gemacht habe, daß ſie jetzt muͤndig ſei und die alleinige Ver⸗ Die Tochter des Puritaners. II. 9 13⁰ fuͤgung uͤber ſein Vermoͤgen haben werde und daß der gute Pfarrer ihm ſeine Vermittlung verſprochen habe, wenn ſie Schutz oder Rath beduͤrfen ſollte. Er ſagte ihr, daß ſie ihn bei jeder Gelegenheit als einen Vater betrachten moͤge, kuͤßte ſie und forderte ſie auf, ihn eine Zeitlang allein zu laſſen, da er ſich erſchoͤpft und muͤde fuͤhle. Er ſchlief ein, erwachte aber nie wieder und wurde etwa eine Stunde ſpaͤter mit auf der Bruſt gefalteten Haͤnden und gen Himmel gerichteten Augen todt gefunden. Der gute Mann— denn dies war er bei aller ſeiner religioͤſen Engherzigkeit,— wurde neben ſeiner treuen Gattin beerdigt und von allen ſeinen Nachbarn zu Grabe geleitet. Unter den Trauernden befand ſich ein Indianer, den ſich Harold durch viele Freundſchaftsbeweiſe ver⸗ bunden hatte und der bei den ehrlichen Puritanern dadurch großes Aergerniß erregte, daß er ſeine Pfeife und Bogen und Pfeile in das Grab warf. „Laßt ſie darin liegen,“ ſagte der gute Pfarrer, „es iſt das Opfer der Dankbarkeit.“ Der Schmerz der verwaiſ ten Tochter war ſtumm und ihre Thraͤnen wurden in der Einſamkeit vergoſſen, ſie ward blaͤſſer als je und ihre Geſtalt ver⸗ lor einen großen Theil der anmuthsvollen Rundung, welche der menſchlichen Geſtalt ſo viele Harmonie giebt. Man konnte nach dieſem Ereigniſſe bei ihr einen Ausdruck jener ſtrengen Entſchlaſſenbair rrblichn 131 womit ſich der im Gleichgewicht befindliche Geiſt den Sturmeswellen des Ungluͤcks entgegenſtemmt. Dieſe verſchwand jedoch allmaͤhlig und ihr Geſicht nahm von Neuem den ruhigen, reſignirten und ſchoͤnen Ausdruck an, welcher den Spiegel einer ſchuldloſen, aber nicht kummerfreien Seele bildet. 9* Eilftes Kapitel. Miriam ſteht allein in der Welt.— Der gute Paſtor ſchlaͤft auf ſeiner Kanzel ein.— Ein Hiobsfreund.— Ein vor dem Anfang ſeiner Bewerbung abgewieſener Werber.— Neue Herren, neue Geſetze und neue Zuwanderer.— Fol⸗ gen davon. Miriam ſtand jetzt in der Welt allein da. Der gute Hirt der kleinen Heerde, an deſſen Fuͤrſorge ſie von ihrem ſterbenden Vater gewieſen worden war, unterſtuͤtzte ſie mit ſeinem Rathe und troͤſtete ſie durch ſeine Theilnahme. Als ſie ihre Angelegenheiten geord⸗ net hatte, befand ſie ſich in einer Lage, die ihr geſtat⸗ tete, nicht nur alle ihre eignen Beduͤrfniſſe zu befrie⸗ digen, ſondern auch, wenn es die Gelegenheit erfor⸗ derte, Andere zu unterſtuͤtzen. Dieſe kam allerdings nicht oft vor, denn das Betteln war damals noch nicht Mode und man hielt es fuͤr weit beſſer, ſeinen Unterhalt durch eigne Arbeit zu erwerben, als ihn durch die Muͤhen Anderer zu erlangen. In der gan⸗ zen Gemeinde befand ſich nur Eine Perſon, welche die⸗ ſes Auskommen nicht hatte, und dieſe war eine Fremde. So vergingen Monate, von denen einer faſt voͤl⸗ 13³ lig dem andern glich. Dieſe Ruhe wurde aber endlich durch ein Ereigniß von hoher Wichtigkeit fuͤr die Pilgerſchaar geſtoͤrt. Der treue Schaͤfer, welcher ſeine Heerde in die Wildniß hinausgefuͤhrt und fuͤr ihr Wohlergehen gewacht und gebetet, deſſen Rath ſie in den Wechſel⸗ faͤllen ihrer Laufbahn geleitet und deſſen Beiſpiel ihnen vorangeleuchtet hatte, wurde ploͤtzlich und ohne vorher⸗ gehende Warnung abgerufen. Eines Sabbathmorgens, gerade als der gute Mann den Segen ſprach, ſank er in ſeiner Kanzel zuruͤck und ſprach nicht mehr. Sein letzter Hauch war ein Gebet, ſein letztes Wort ein Segenswunſch. Sein Tod warf einen duͤſtern Schleier uͤber Alle, die ihn umgaben, denn er hatte nie unſchuldige Froͤhlich⸗ keit entmuthigt; er hatte ſich gefreut, laͤchelnde Ge⸗ ſichter um ſich zu ſehen und es nicht fuͤr noͤthig gehalten, in der ewigen Dunkelheit gegenwaͤrtiger Nacht zu leben, um den Glanz des kuͤnftigen Tages genießen zu koͤnnen. Die arme Miriam verlor hierdurch ihre letzte Stuͤtze und hatte jetzt außer einem betagten Frauen⸗ zimmer, das allerdings freundlich und liebevoll war, aber von beſchraͤnktem Geiſte, der nicht mit dem ihri⸗ gen zu ſympathiſiren vermochte, keinen irdiſchen Freund mehr. 2— Um dieſe Zeit begann ſie auch wieder von den Beſuchen Tobias Harpsfields geplagt zu werden, der trotz ſeiner fruͤhern Abweiſung immer noch berechnete, 1³⁴ daß ſie eine vortreffliche Spekulation ſein wuͤrde. Er hatte ſich große Muͤhe gegeben, um auszumitteln, wie hoch ſich ihr Vermoͤgen belief, und wartete mit der Geduld eines Raubthieres, bis einer nach dem an⸗ dern von den Beſchuͤtzern und Vertheidigern ſeines beabſichtigten Opfers abgerufen worden war. Er gab viel auf die Ausdauer, und pflegte zu ſagen, daß Derjenige, welcher am Laͤngſten aushalte, ſicher ſtets gewinnen werde. Nachdem er daher eine anſtaͤndige Zeit, wie er ſich ausdruͤckte, denn der Anſtand war ſein moraliſches Geſetz, gewartet hatte, begann er ſeine Operationen von Neuem, indem er ihr einen Condo⸗ lenzbeſuch machte, der von allen Beſuchen fuͤr Denje⸗ nigen, welcher ihn erhaͤlt, der fatalſte iſt, wenn er von einem Menſchen kommt, der keine Theilnahme fuͤhlt. „ Ach,“ ſagte Tobias, indem er ſeine grauen Gaͤnſeaugen verdrehte,— per war ein guter Mann, — ein zaͤrtlicher Gatte, ein liebevoller Vater, ein freundlicher Nachbar und ein frommer Chriſt! Ein ſolcher Verluſt laͤßt ſich nie erſetzen, er iſt ſchlimmer als der Deiner vortrefflichen Mutter. Du wirſt nie wieder einen ſolchen Vater erhalten. Obgleich Du aber ohne Freund und Verwandten in der Welt zu⸗ ruͤckgeblieben biſt, darfſt Du doch nicht verzweifeln, denn es giebt Tauſende und Zehntauſende auf dieſer Welt, denen es weit ſchlimmer geht als Dir, die Du die Mittel haſt, um gut zu leben, und in Deinem 135 eignen zweiſpaͤnnigen Wagen zu fahren, wenn Du ſonſt willſt.“ ¹ Dies war etwa die Summe der philoſophiſchen Troſtgruͤnde nach Harpsfields Glauben, da Der⸗ ſelbe zu jener zahlreichen Klaſſe gehoͤrte, welche das Geld nicht nur als einen großen Segen, ſondern fuͤr Etwas, das alle uͤbrigen Guͤter erſetzt, zu halten pflegen. Miriam hoͤrte ihn mit Abſcheu anz; ſie blickte mit dem ſichern Inſtinkte des Weibes in ſein Herz, deſſen ein⸗ ziges Prinzip eine gemeine Selbſtſucht war, die ſich nicht nur darauf beſchraͤnkte, ihre eigne Befriedigung der aller andern vorzuziehen, ſondern auch die ganze uͤbrige Welt ausſchloß. Die angebliche Freundlichkeit ſeines Grundes, ſie zu beſuchen, verbot ihr jedoch, ihn geradezu mit Un⸗ hoͤflichkeit zu behandeln, und Tobias entfernte ſich in der frohen Ueberzeugung, daß er das Eis ganz erfolg⸗ reich gebrochen habe, wiewohl er, wenn er in ihrem Geſicht zu leſen verſtanden haͤtte, im Geiſte ſchwer geſtoͤhnt und mit den Zaͤhnen geknirſcht haben wuͤrde. Er wurde aber von der Verfolgung ſeiner egoiſtiſchen Abſichten ſo gaͤnzlich in Anſpruch genommen, daß er alles Andere vergaß, er ſtudierte nur in ſeinem Buche und blickte nie in die Anderer. 4 Nach dieſem gluͤcklichen Anfange wiederholte To⸗ bias ſeine Beſuche und ließ allmaͤhlig kuͤrzere Zwi⸗ ſchenraͤume eintreten, bis ſeine Verfolgungen faſt un⸗ leidlich wurden. Miriam konnte ihn nicht los wer⸗ 136 den, denn in jenen aufrichtigen Tagen waͤre es keinem Menſchen eingefallen, einen Dienſtboten in der Kunſt des Luͤgens zu unterrichten und ſagen zu laſſen, daß der Herr oder die Herrin nicht zu Hauſe ſei. Die redliche, wahrheitsliebende Miriam wuͤrde einen ſolchen Auftrag mit Verachtung von ſich gewieſen haben. Dies war aber noch nicht Alles. Miriam konnte weder des Morgens, noch des Mittags, noch des Abends ausgehen, ohne, wie es Tobias nannte, zufaͤllig mit ihm zuſammenzutreffen, und wenn ſie zu Hauſe blieb, ſo fand er auch ſtets einen unbeholfenen Vorwand, um ihr ſeinen Beſuch zu machen. Er wartete auf ſie, wenn ſie in die Kirche ging, oder lauerte ihr auf dem Heimwege auf, und wußte es, kurz geſagt, ſo einzurichten, daß die Nachbarn endlich Miriam Komplimente uͤber ihre Eroberung machten und ſie fragten, wann die Hochzeit ſtattfinden ſolle. Tobias fuͤhlte ſich hiervon ungemein gekitzelt, denn er dachte, daß doch etwas daran ſein muͤſſe, da alle Welt der gleichen Anſicht zu ſein ſchien. Er war ein ſchlauer, aber kein weiſer Mann. „Ausdauer,“ dachte er,„wird endlich doch den Sieg davon tragen,“ als er ſich einmal mit dem feſten Entſchluſſe, ſein Gluͤck noch einmal zu verſuchen, zu ihr auf den Weg machte. Nun traf es ſich, daß Miriam gerade an jenem Morgen zum zweiten Male von einer nahe wohnenden blauen alten Dame, die ſich damit beſchaͤftigte, die An⸗ 137 gelegenheiten ihrer Nachbarn ſo viel als moͤglich zu er⸗ forſchen, bekomplimentirt worden war. Himmel, wie ihr Herz vor Entruüͤſtung und Kummer daruͤber ſchwoll, daß Langley einen ſolchen Nachfolger erhalten koͤnnte! Es war nicht mehr zu ertragen, und obgleich der vorſichtige Tobias ſeinen An⸗ trag bis jetzt weder wiederholt, noch ihr ſonſt einen paſſenden Anlaß geliefert hatte, um ihn abzuweiſen, beſchloß ſie einen ſolchen herbeizufuͤhren, ohne zu war⸗ ten, bis er ſeine Bewerbung erneuern wuͤrde, obgleich es eine kitzlige Sache war, einen Bewerber, der ſeine Bewerbung noch nicht ausgeſprochen hatte, zuruͤck⸗ zuweiſen.. Sie befand ſich in der hoͤchſten Entruͤſtung, als Tobias eintrat, ohne anzuklopfen, denn er affektirte große Vertraulichkeit mit ihr— und ſein Gluͤck zum zweiten Male verſuchen wollte. Er hatte ſich auf die Kriſis vorbereitet— er hatte ſich mit einem kraͤftigen Hm!l geraͤuspert und ſeine eiskalte Seele durch die Ausſicht auf ihr Vermoͤgen erwaͤrmt, als Miriam ihm zuvorkam, und ihm auf mehr als halbem Wege begegnete. Sie begann mit einer Beziehung auf ihre eigen⸗ thuͤmliche Stellung als ein ſchutzloſes, einſam daſte⸗ hendes Maͤdchen, auf bie Pflichten, welche ihr eine ſolche Lage gebiete und ſeine haͤufigen Beſuche und be⸗ ſtaͤndige Aufdringlichkeit und bezog ſich endlich mit er⸗ roͤthender Wange und blitzendem Auge ſchamhaft auf 138 die Geruͤchte, welche ſein Benehmen zur Folge ge⸗ habt hatte. Tobias ſaß mit offenen Ohren, Augen und Munde da, und erwartete nichts weniger als eine Klage wegen nicht erfuͤllten Eheverſprechens nach der Mode der neuengliſchen alten Jungfern fuͤr den Fall, daß er ihr nicht augenblicklich ſeine Hand anbiete. Wie groß war aber ſein Erſtaunen und Schrecken, als ihn ein peremtoriſches Erſuchen begruͤßte, das einer Forderung ſehr aͤhnlich ſah, daß er ſofort und fuͤr immer ſeine Beſuche einſtellen, ſich aller weitern Aufmerkſamkeiten enthalten und fuͤr die Zukunft als ein ihr gaͤnzlich Fremder betrachten moͤge. Die Umwaͤlzung, welche in ſeinen Gefuͤhlen ein⸗ trat, war furchtbar und bitter. Er war ſo beſtuͤrzt, daß er kein Wort erwiderte und ſich, von Grimm, Bosheit und Rachſucht erfuͤllt, ohne Abſchied ent⸗ fernte.. Waͤhrend Maſter Tobias Harpsfields Freierei einen ſo ungluͤcklichen Ausgang nahm, hatten ſich verſchiedene, fuͤr das Schickſal der kleinen Gemeinde hoͤchſt wichtige Veraͤnderungen ereignet. Es waren neue Zuwuͤchſe von Anſiedlern angekommen und ein neuer Richter angeſtellt worden, der direkt aus der zweitaͤlteſten Stadt der Provinz kam und daher mit ſuͤndiger Ehrerbietung betrachtet wurde, und um Allem die Krone aufzuſetzen, hatte man einen neuen Paſtor aus der Mitte der Hexen herbeigerufen, die um dieſe 139 Zeit wieder in Naumkeag und an andern Orten ihre ſuͤndigen Streiche zu ſpielen begannen. Er war von einer Anzahl Schuͤler begleitet, die ſich in ſeine Lehren und Predigten verliebt hatten. Dieſe Neuerungen und Neuerer brachten den Samen zu vielen ſpaͤtern Stoͤrungen mit und verur⸗ ſachten eine Menge von Unheil und Elend. Die Neuangekommenen, der Richter ſowohl wie der Paſtor und ſeine Gemeinde glaubten ohne Aus⸗ nahme, da ſie aus dem Brennpunkte des Hexenthums kamen, an Hexerei. Eine ſolche Verblendung wuͤrde ſeltſam erſcheinen, wenn ſie nicht in jedem Zeitalter und bei jedem Volke der Welt gehegt worden waͤre. Gluͤcklicherweiſe wird ſie zwar noch der Hexe von En⸗ dor wegen auf der Kanzel geduldet, aber von dem Ge⸗ ſetze jetzt gaͤnzlich von ſich gewieſen und ihre Beſtra⸗ fung nicht mehr auf ihre Wirklichkeit, ſondern auf ihre Nichtexiſtenz begruͤndet. Nicht lange nach der Ankunft der Verſtaͤrkungen in der Anſiedelung begann man einander zuzufluͤſtern, daß es Hexen unter der Gemeinde gebe. Es geſcha⸗ hen eine Menge von ſonderbaren Dingen oder ſollten doch geſchehen, die man nicht auf natuͤrliche Art er⸗ klaͤren konnte. Unſichthare Haͤnde veruͤbten unſicht⸗ bare Schandthaten, wie: ehrliche Leute des Nachts mit Steinen zu werfen, die Schmorpfannen nach profa⸗ nen und ſataniſchen Melodieen zuſammen zu ſchlagen, Milcheimer umzuwerfen, die Feuerzangen zu behexen, 1⁴⁰ ſo daß ſie ſich oͤffneten, wenn ſie ſich haͤtten ſchließen ſollen und ſich ſchloſſen, wenn das Oeffnen an der Zeit geweſen waͤre, ſo wie eine Menge anderer bos⸗ hafter Thaten, die von den Hexen ſo zu ſagen aus keinem andern Grunde, als um ihre gottloſen Launen zu befriedigen, ausgefuͤhrt wurden. In Faͤllen dieſer Art laͤßt ſich nicht bezweifeln, daß die Neigung zum Unheilſtiften manche Menſchen anregt, verſchiedene neckiſche Streiche auszufuͤhren, oder daß Andere unter dem Deckmantel der herrſchen⸗ den Verblendung ihrer Bosheit freien Lauf laſſen. Tobias Harpsfield war eines von den erſten Opfern der Bosheit des Satans. Er begann ſich jetzt an der Ueberlegung eines Planes zu erletzen, der von der Zeit weiter entwickelt werden wird, und in deſſen Folge er den Glauben an Hexerei durch alle in ſeiner Macht ſtehende Mittel befoͤrderte. Es verging dem⸗ nach keine Nacht, ohne daß er, wenn man ihm Glau⸗ ben ſchenken durfte, von einem oder mehreren dieſer unſichtbaren Daͤmonen angefallen oder verfolgt wurde. Zuweilen wurde er mit Ohrfeigen aufgeweckt, mitun- ter fiel ihm, wenn er am Fenſter ſaß, daſſelbe auf den Kopf, einmal wurde ihm der Hut vom Kopfe ge⸗ weht, obgleich ſich kein Luͤftchen regte und oftmals hoͤrte er ein furchtbares Gelaͤchter dicht an ſeinem Ohre, waͤhrend er betete, und endlich wurde er mehr als einmal bei Nacht durch Nadelſtiche aufgeweckt, obgleich er bis jetzt noch keine Nadeln in ſeinem 141 Fleiſche finden und uͤberhaupt keine andern Spuren davon entdecken konnte. Die Leute begannen den gu⸗ ten Tobias anzuſtarren und ſich uͤber ihn zu verwun⸗ dern, er war zu einem Gegenſtande uͤbernatuͤrlicher Einwirkungen geworden und man betrachtete ihn mit derſelben geheimnißvollen Scheu wie ſeine Verfolger. So fuhr er eine Zeitlang fort, die Furcht vor der Hexerei zu naͤhren, bis endlich einige neuer⸗ lich vorgekommene Beiſpiele, wo dergleichen Dinge verkehrt ausgeſchlagen waren, in ihm die Beſorgniß er⸗ regten, daß er aus einem Opfer in einen Mitſchuldi⸗ gen verwandelt werden koͤnnte, und von dieſer Zeit an hoͤrten ſeine Verfolgungen auf wunderbare Art auf. Bwölftes Kapitel. Sinnreicher Plan Maſter Tobias Harpsfields, um zu einer Frau zu kommen.— Beſchreibung einer Hexe vom erſten Range.— Miriam wird der Hexerei beſchuldigt. Bis jetzt hatte ſich der Verdacht des Publikums noch auf keine beſtimmte Perſon concentrirt, die Furcht iſt aber nahe mit der Grauſamkeit verwandt und muß ihre Opfer haben. Wir koͤnnen vielleicht einen großen Theil des Blutes, welches Tyrannen ver⸗ gießen, ihren Beſorgniſſen vor dem Volke zuſchreiben. Alte, haͤßliche und gebrechliche Weiber werden, wenn ſie auch ſonſt in Vergeſſenheit bleiben, ſtets in der Vorhut figuriren, wenn im Lande die Hexerei ſpukt. 1 Je aͤrmer, hilfloſer und vor Allem, je haͤßlicher und gebrechlicher ſie ſind, deſto groͤßer iſt im Geiſte eines in dieſer Wiſſenſchaft Gelehrten die Wahrſchein⸗ lichkeit, daß ſie einen Bund mit dem Erzfeinde einge⸗ gangen ſind, nicht zu dem vernuͤnftigen Zwecke um ihre eigne Lage zu verbeſſern, ſondern blos um die Macht zu erhalten, ſich mit dem Quaͤlen kleiner Kin⸗ der zu beluſtigen. 143 Am Fuße des fruͤher erwaͤhnten Berges, etwa eine halbe Stunde vom Dorfe entfernt, wohnte eine alte Hollaͤnderin, die in ihrer Jugend von den Man⸗ hatta⸗Indianern auf einem ihrer Beutezuͤge gefangen worden war und ſich nach einer Reihe merkwuͤrdiger Schickſale, die in jenen Tagen der wahrhaften Roman⸗ tik nicht ganz ungewoͤhnlich vorkamen, endlich nach der kleinen Anſiedelung gefunden hatte, wo man ihr erlaubte, am Rande eines Waldes, der den Fuß des Berges bekleidete, eine Huͤtte zu bauen. Dort hatte ſie ſeit einem halben Jahre mit keiner andern Geſell⸗ ſchaft als einer Katze gelebt, deren Farbe nach ſo lan⸗ ger Zeit nicht mehr genau angegeben werden kann. Niemand wußte, wie ſie lebte, und zwar aus dem Grunde, weil ſich Niemand darum kuͤmmerte als Mi⸗ riam, die, wenn ſie gewollt, das Geheimniß aufzuklaͤ⸗ ren vermocht haͤtte. Dieſes alte Weib war, da es nicht die minde⸗ ſten Anſpruͤche auf Schoͤnheit beſaß, vortrefflich zu einer Hexe geeignet. Sie war in ihrer Jugend ſchon unſchoͤn geweſen, und die Leiden und Entbehrungen, die ſie waͤhrend ihrer Gefangenſchaft unter den Wilden erduldet, ſo wie die tiefe Narbe einer Tomahawk⸗ wunde auf ihrem Geſicht, hatten demſelben einen wil⸗ den, aͤußerſt harten und unangenehmen Ausdruck verlie⸗ hen. Ueberdies lebte ſie ganz allein mit ihrer Katze und ſcheute, wie es ſchien, allen Verkehr mit ihren Nebenmenſchen. Der natuͤrlich daraus hervorgehende 144 Schluß war der, daß ihre Hauptgefaͤhrten Geiſter der Finſterniß ſeien, kurz ſie war alt, haͤßlich und arm, ihr Dialekt ein Kauderwaͤlſch aus Hollaͤndiſch, Indianiſch und Engliſch, ſie ging am Stocke, war faſt gaͤnzlich zuſammengeknickt und hatte eine Katze. Bedurfte es noch weiterer Beweiſe fuͤr ihren Beruf? Einer von den merkwuͤrdigſten Zuͤgen der Hexen⸗ prozeſſe iſt die Mitwirkung kleiner Kinder; wenigſtens fand hier eine ſolche ſtatt. Sie waren die hauptſaͤch⸗ lichſten und zuweilen die einzigen Zeugen, auf deren Ausſage hin waͤhrend dieſer moraliſchen Peſt mehr als eine Perſon zum Tode verurtheilt und hingerichtet wurde. Ob dieſe Kinder nun von ihren eigenen Be⸗ fuͤrchtungen oder Phantaſiegebilden getaͤuſcht, oder von Andern, die ſchlauer waren wie ſie, angeſtiftet, oder ob ſie von der Eitelkeit, ſich zu Gegenſtaͤnden allgemeiner Verwunderung gemacht zu ſehen, bewogen wurden, laͤßt ſich jetzt nicht mehr beſtimmen. So ſeltſam aber auch alle dieſe Annahmen ſein moͤgen, ſo ſind dieſelben doch noch nicht halb ſo unglaublich, wie daß ſie wirk⸗ lich unter dem Einfluſſe uͤbernatuͤrlicher Kraͤfte ſtanden. Dem mag nun ſein wie ihm wolle, ſo iſt doch ſo viel gewiß, daß um dieſe Zeit ein paar jener klei⸗ nen Rangen, die ohne allen Zweifel unter dem Ein⸗ fluß der einen oder der andern boͤſen Macht ſtanden, von der Manie angeſteckt wurden. Sie geriethen in ſeltſame Convulſionen, ſtießen eben ſo ſonderbare Ausrufungen aus und gaben ſich verſchiedenen un⸗ 145 nachahmlichen Leibesverzerrungen hin, in deren Zwi⸗ ſchenraͤumen ſie ſchrieen, daß die alte Katze, wie man die alte Frau, deren Name Catalina war, allgemein nannte, ſie entweder kratze oder wuͤrge oder mit Na⸗ deln ſteche. Nachdem ſie dieſe abſcheuliche Poſſe zu mehre ren Malen mit weitern Variationen wiederholt hatten⸗ verſammelten ſich die davon benachrichtigten Magi⸗ ſtratsperſonen und beſchloſſen nach gehoͤriger Ueber⸗ legung die alte Katze verhaften und zum Verhoͤr vor⸗ fuͤhren zu laſſen. Das dem Verderben geweihte alte Weib erſchien in Verwahrung dreier Conſtabler, von denen zwei ausdruͤcklich zu dieſem Zwecke angeſtellt worden waren, da kein Einzelner davon Muth genug beſaß, um ſich allein in ihre Wohnung zu wagen. Nachdem das arme alte Geſchoͤpf die Anklage, von welcher es kaum ein Wort verſtanden, angehoͤrt hatte, wurde Catalina ſtreng uͤber die Sache ausgefragt und ſie ſtroͤmte ihr unverſtaͤndliches Kauderwaͤlſch von indianiſchen, hollaͤn⸗ diſchen und gebrochen engliſchen Worten heraus, daß die Richter in die groͤßte Verlegenheit verſetzt wurden. Sie verſtanden von ihrer Vertheidigung eben ſo we⸗ nig wie Jene von der Anklage, und erklaͤrten das Ge⸗ heimniß dadurch, daß ſie es einſtimmig fuͤr die Sprache des Teufels erklaͤrten; dann wurde ſie mit ihren an⸗ geblichen Opfern confrontirt und dieſe verfielen bei ihrem Erſcheinen in noch heftigere Parotysmen, was Die Tochter des Puritaners. II.. 10 146 man fuͤr entſcheidend hielt und ſie bis zu der demnaͤchſt ſtattfinden ſollenden Gerichtsverhandlung in's Gefaͤng⸗ niß brachte.—. In dieſer Kriſis glaubte Maſter Tobias Harps⸗ field eine ſchoͤne Gelegenheit zu erblicken, um ſich ent⸗ weder fuͤr ſeine doppelte Abweiſung zu raͤchen oder Miriam zu zwingen, in ſeinen Armen Schutz zu ſu⸗ chen. Er hatte ſeinen Plan ſchon ſeit mehreren Mo⸗ naten uͤberlegt und ſich allmaͤhlig mit ſeiner nieder⸗ traͤchtigen Grauſamkeit vertraut gemacht, denn mit jedem Male, wo der Gedanke an ein beabſichtigtes Verbrechen vor den Geiſt tritt, entkleidet er ſich im⸗ mer mehr der empoͤrendſten Zuͤge. Sein Plan beſtand darin, das arme ſchutzloſe Maͤdchen der Hexerei anklagen zu laſſen, was ſicher⸗ lich zweierlich Folgen haben wuͤrde. Entweder wurde ſie zu einem Gegenſtande der allgemeinen Furcht und des Abſcheu's, oder man warf ſie in das Gefaͤng⸗ niß, um dort ihren Prozeß zu erwarten. In beiden Faͤllen zweifelte er nicht, daß es ihm durch freundſchaftliche Einmiſchung zu ihren Gunſten und Befreiung, wenn es auf das Aeußerſte kam, ge⸗ lingen wuͤrde, ihre Dankbarkeit, wo nicht ihre Nei⸗ gung zu gewinnen und ſie zu bewegen, ihm ihre Hand zu geben, nach der er, da ſie gut gefuͤllt war, heftig verlangte. So betrog ſich der ſchlaue Betruͤger ſelbſt, denn er ahnte nicht, mit welcher Zaͤhigkeit der Fanatismus 147 und Aberglaube an ihrem Opfer feſthalten wuͤrden. Als ein Mann von großem Gewicht und Einfluß in der Kirche wie im Staate, ſchmeichelte er ſich jedoch, daß ſein Einſchreiten zu jeder Zeit von Erfolg begleitet ſein wuͤrde, und ſein erſter Schritt war, ſich eine Zuſammenkunft mit der alten Catalina zu verſchaffen, was ihm ohne Schwierigkeit gelang, obgleich ihn der Kerkermeiſter mit Verwunderung anblickte und fuͤr ein Muſter des Heldenmuthes hielt, daß er ſich ſo in die Gegenwart eines echten Teufelsbratens wagte. Er fand das alte Weib mit Rauchen aus einem kurzen ſchwarzen Pfeifenſtummel beſchaͤftigt, obgleich dies den Regeln des Gefaͤngniſſes gerade zuwiderlief, aber ſie hatte darauf beſtanden und der Kerkermeiſter mußte wohl oder uͤbel nachgeben, damit ſie nicht etwa eine von ihren Teufelskuͤnſten an ihm ausuͤben moͤchte. Neben ihr ſaß die Katze, welche ihr in das Gefaͤngniß gefolgt war, trotz des jedoch nicht ſehr energiſchen Widerſtandes des beſagten Kerkermeiſters, der ſich un⸗ gemein vor dem, was er fuͤr ihren spiritus familiaris hielt, ſcheute. Tobias, der bei ſeinen Spekulationsausfluͤgen zuweilen nach Neu⸗Amſterdam gekommen war, hatte ſich einige Kenntniß des Hollaͤndiſchen angeeignet, die ihn im Verein mit ſeiner als Handelsmann erlangten Kenntniß einiger indianiſchen Dialekte faͤhig machte, die Alte zu verſtehen und ihr verſtaͤndlich zu werden. Er wirkte zuerſt auf ihre Befuͤrchtungen, indem 10* 148 er ihr verſicherte, daß ſie lebendig und unter Qualen, wie ſie die Indianer ihren Gefangenen auferlegten, verbrannt werden wuͤrde, und deutete, nachdem er ſie ſo faſt vom Verſtande gebracht hatte, vorſichtig dar⸗ auf hin, daß die einzige Moͤglichkeit, dieſem furchtba⸗ ren Schickſal zu entgehen, darin beſtehe, irgend eine Perſon anzuſchuldigen, daß ſie von ihr behext worden ſei, wodurch ſie die Anklage von ihrem Haupte auf das eines andern Menſchen waͤlzen koͤnne. Durch die ſchlaue Benutzung und Anregung ihrer Furcht vor Strafe und ihrer Hoffnung auf Belohnung gelang es ihm, das arme, halbverwirrte Weſen ſeinen Zwecken geneigt zu machen. Der Plan war einfach genug. Sie ſollte, wenn ſie vor Gericht geſtellt wuͤrde, in Convulſionen fallen, heulen wie die Wilden und von Zeit zu Zeit den Namen Miriam Habingdons, als Derjenigen, welche alle ihre Leiden verurſacht, ausſtoßen. Miriam war ihre Wohlthaͤterin und wir muͤſſen der alten Catalina die Gerechtigkeit angedeihen laſſen, zu ſagen, daß ſie ſich dem letzten Akte der Poſſe auf's Kraͤftigſte widerſetzte, bis ihr endlich Tobias feierlich verſprach, beſondere Sorge dafuͤr tragen zu wollen, daß der jungen Dame kein Leid geſchehe. Catalina wurde zu gehoͤriger Zeit vor Gericht geſtellt. Auf ihrem Wege von dem Gefaͤngniſſe nach 149 dem Zimmer, in welchem der Gerichtshof ſeine Sitzun⸗ gen hielt, machte ſie alle Arten von Bocksſpruͤngen, ahmte die heftigſten Geberden der Wilden bei ihren Taͤnzen, ihr Geſchrei und Heulen nach und kreiſchte, nachdem ſie eine Reihe von faſt uͤbernatuͤrlichen Ver⸗ zerrungen des Koͤrpers durchgemacht, von Zeit zu Zeit den Namen Miriam Habingdons heraus, die ſie, wie ſie ſagte, auf dieſe Art quaͤle. Die Verhandlungen des Gerichtshofes kamen in Stocken, die Zuſchauer entſetzten ſich uͤber die An⸗ klage eines Weſens, deſſen Leben bisher fuͤr ſo unta⸗ delhaft und von jedem Vergehen gegen ſeine Mitmen⸗ ſchen frei gegolten hatte. Bisher waren die Anklagen der Hexerei nur auf Perſonen von verdaͤchtigem Rufe und geringem Stande beſchraͤnkt geweſen, deren Le⸗ bensgewohnheiten wenigſtens einen Vorwand zur Ver⸗ folgung geboten hatten. Jetzt ſchien es aber, als ob der Erbfeind des Menſchen auf hoͤhere Eroberungen ſinne und als ob Keiner ſeinen Fallſtricken zu ent⸗ gehen hoffen duͤrfe. Der Schrecken wurde ungeheuer und die Reinheit des Lebens und Rufes, welche Mi⸗ riam haͤtte vor Verdacht ſchuͤtzen ſollen, diente nur dazu, ſie zu einem Gegenſtande raſchen Entſetzens zu erheben, denn die Gemeinde war ſo verblendet, daß, wenn ein Engel vom Himmel herabgeſtiegen waͤre, derſelbe durch ſeine goͤttliche Sendung doch kaum davor bewahrt geblieben ſein wuͤrde, fuͤr den 150 verkleideten Geiſt der Finſterniß gehalten zu werden. Die Alte wurde, ſtatt als Verbrecherin, nun als Zeugin in's Gefaͤngniß zuruͤckgebracht und die Richter erließen nach reiflicher Ueberlegung einen Verhaftsbefehl wegen Hexerei gegen Miriam Habingdon. Dreizehntes Kapitel. Miriam wird verhoͤrt und auf das Zeugniß einer alten Katze in's Gefaͤngniß geſchickt.— Beileidsbeſuch Tobias Harpsfields und deſſen Folgen.— Prozeß und Verurthei⸗ lung auf das Zeugniß des Teufels hin. Unſere Heldin war bei dem Empfang einer La⸗ dung, um ſich wegen eines Verbrechens zu verantwor⸗ ten, an deſſen Exiſtenz ſie nicht glaubte, weniger er⸗ ſchrocken als verwundert. Sich ihrer Unſchuld bewußt, ließ ſie ſich ohne Widerſtand hinfuͤhren und ahnte nicht, daß weder die Unſchuld noch die Menſchlichkeit ihr Schutz gegen einen Wirbelwind gewaͤhren wuͤrde, der alle Schranken des geſunden Menſchenverſtandes vor ſich niederwaͤrf. Sie erſchien mit der ruhigen Faſſung des Be⸗ wußtſeins der Unſchuld vor den Gerichtsperſonen; die Umwaͤlzung, welche einige wenige Stunden in der oͤf⸗ fentlichen Meinung lenn Bufnche hatten, war aber ſo groß, daß die meiſten Zuſchauer ihr Benehmen fuͤr nichts als verhaͤrtete Gefühllſigkeit erklaͤrten, die das letzte hoffnungsloſe Stadium der Schuld verkunden. — Nach Tobias Harpsfields Unterweiſung erzaͤhlte die alte Katze in Verlauf einer Quantitaͤt von Zuckungen, 15² Schreien und Convulſionen die gewoͤhnliche Geſchichte von Schlagen, Kneipen, Wuͤrgen und Stechen, was Alles ſie Miriam zuſchrieb, die ſie, obgleich fuͤr An⸗ dere unſichtbar, als ihre Ouaͤlerin erkannte. Nach Beendigung dieſer beklagenswerthen Poſſe betheuerte die Delinquentin auf dieſe Frage, was ſie zu ihrer Vertheidigung zu ſagen habe, einfach und feierlich ihre Unſchuld, und ſchloß mit dem Vorſchlage, die Exiſtenz der Hexerei erſt auszumitteln, ehe ſie die Hexen be⸗ ſtraften. Dieſe Andeutung ſchadete ihr ſehr, da ſie deutlich ſagte, daß die richterlichen Perſonen ſowohl wie das Volk unter dem Einfluſſe einer Taͤuſchung ſtaͤnden. Dies ſchnitt zu tief ein. Schon hatte man zwei Opfer auf dem Altare des Aberglaubens dargebracht und Je⸗ der empoͤrte ſich gegen die Moͤglichkeit, daß ſie un⸗ ſchuldig hingeopfert ſein koͤnnten. Es war noͤthig, daß ſie glaubten, ſchon um ihr Gewiſſen zu beruhigen. Ueberdies fuͤhlte ſich Einer von den Richtern, der ſich bei den Kreuzzuͤgen gegen die Hexerei beſonders ausge⸗ zeichnet hatte, perſoͤnlich durch dieſe Andeutung, welche uͤherdies nach Ketzerei ſchmeckte, beleidigt. Der Glaube an die Hexerei war in gewiſſer Beziehung zu einem Pruͤfſteine der Rechtglaͤubigkeit geworden, da er nicht nur durch das Beiſpiel der Hexe von Endor, ſondern auch durch die Lehren des aus dem Mittelpunkte der Hexenmanie gekommenen Paſtors beſtaͤrkt wurde. So ſeltſam es auch erſcheinen mag, war er, obgleich von 15³ der religioͤſen Engherzigkeit, der herrſchenden Suͤnde je⸗ nes Zeitalters, angeſteckt, doch ein bedeutender Gelehr⸗ ter und frommer Geiſtlicher. Er war ohne allen Zwei⸗ fel vollkommen von der Hexerei uͤberzeugt, betrog da⸗ mit aber ſich wie Andere. Die Verblendung, welche damals unter allen Klaſſen herrſchte, war ſo groß, daß, ſo lange der Schrecken davor anhielt, die Anklage der Hexerei das ſichere Vorſpiel zur Einkerkerung und zum Tode war. Dieſe furchtbare Verblendung fuͤhrte in ein La⸗ byrinth von Irrthuͤmern und Freveln, die ſich nicht durch den Vorwand der aufrichtigen Ueberzeugtheit ent⸗ ſchuldigen laſſen, und der Aberglaube und Fanatismus hielten waͤhrend jener Zeit ein reichliches, blutiges Mahl. 4 Die Untadelhaftigkeit ihres bisherigen Lebens, die feierliche Behauptung ihrer Unſchuld, die ruhige Faſ⸗ ſung ihres Weſens waren gaͤnzlich nutzlos gegen die abgeſchmackten Behauptungen und Koͤrperverrenkungen des alten Weibes, welches in der That eine Pantomime auffuͤhrte, die uͤbernatuͤrliche Gelenkigkeit und Ge⸗ ſchmeidigkeit zu verrathen ſchien. Miriam wurde in das Gefaͤngniß abgeliefert, wo ſie, von Allen gemieden, einſam blieb. Selbſt Mrs. Mildred, die feſt an die Hexerei glaubte, fuͤrchtete ihrer jungen Herrin nahe zu kommen, um nicht etwa von ihr angeſteckt zu werden, und wagte ſich, obgleich ſie die⸗ ſelbe ſorgfaltig mit Allem, was ſie bedurfte, verſah, 15⁵4 nie uͤber die Gefaͤngnißſchwelle. Sie hatte Miriam von Kindheit auf gepflegt, liebte ſie von ganzem Her⸗ zen, und wuͤrde, aller Wahrſcheinlichkeit nach, fuͤr ſie in den Tod gegangen ſein, aber in dieſem Verkehr mit dem Teufel lag etwas ſo furchtbar Empoͤrendes, daß die fromme alte Seele entſetzt zuſammenſchauderte, wenn ſie an ihren fruͤhern Pflegling dachte. So wurde die arme Miriam von der ganzen klei⸗ nen Welt um ſie her verlaſſen, und blieb außer dem Bewußtſein ihrer Unſchuld ohne die mindeſte Stuͤtze. Jetzt brachte der fromme Tobias Harpsfield, der ſich ruͤhmte, am Sabbath nie gelacht noch ein warmes Mittagseſſen verzehrt zu haben, der die Geſetze nie ver⸗ letzte, oder wenigſtens nie dabei ertappt wurde, und den alle ſeine achtungswerthen Nachbarn fuͤr einen gu⸗ ten Menſchen und ehrenwerthen Buͤrger hielten— jetzt brachte er ſeine Maſchinerie in's Spiel, um den letzten Einſatz zu gewinnen. Er beſuchte Miriam, und ihre Niedergeſchlagenheit und das Gefuͤhl der gaͤnzlichen Verlaſſenheit, wodurch ſie zur Erde gebeugt wurde, war ſo groß, daß ihr ſelbſt ſeine Gegenwart nicht un⸗ willkommen erſchien. Fuͤr den einſamen Gefangenen, der dazu verurtheilt iſt, den langen Tag muͤſſig, ohne Beſuche und ohne Unterhaltung und nur in traurigen Gedanken an die Vergangenheit oder duͤſteren Ahnungen der Zukunft zuzubringen, iſt die Gegenwart jedes leben⸗ den Weſens ein Freudenfeſt. Da, wo Alles rings umher von entſetzlicher Leere erfuͤllt iſt, wird die ihr 155 Gewebe verfertigende Spinne und das Maͤuschen als Gefaͤhrte begruͤßt. In der Zeit bis Miriam vor Gericht geſtellt wurde, wiederholte Tobias ſeine Beſuche zu verſchie⸗ denen Malen und erging ſich dabei in Reflexio⸗ nen uͤber ihre Lage und Vorſchlaͤgen uͤber die beſten Mittel, um ſie zu erleichtern, ohne auf ſeinen Zweck im Geringſten anzuſpielen. Miriam begann zu glauben, daß er ein wahrer Freund ſei und tadelte ſich uͤber ihre fruͤhern Vorurtheile. Endlich, als der Prozeß nahe heran ruͤckte, benachrichtigte er ſie mit einer Miene be⸗ ſonderer Zufriedenheit, daß es ihm durch ſeine uner⸗ muͤdlichen Nachforſchungen gelungen ſei, wie er glaube, einen Schluͤſſel zu finden, der, wenn er gehoͤrig benutzt werde, entweder ihre augenblickliche Freilaſſung oder ihre ſpaͤtere Freiſprechung zur Folge haben werde. Nachdem er ſo ihre Hoffnungen erweckt, deutete er indirekt und vorſichtig auf ihre einſame Lage hin, gab ihr zu verſtehen, daß ſie außer ihm keinen einzigen Freund habe und ſchloß mit der Andeutung, daß ſie unter dem anerkannten und geſetzlichen Schutze eines Mannes von Gewicht und Einfluß in der Gemeinde, beſonders in der Kirche, ohne allen Zweifel vor weite⸗ ren Verfolgungen bewahrt bleiben wuͤrde. Er ſchritt mit der Vorſicht eines erfahrenen Jaͤgers auf ſein Ziel zu, ging rund um ſein Wild herum, und kam demſelben allmaͤhlig naͤher und naͤher und war bereits ſo weit ge⸗ langt, ihr anzudeuten, daß er es fuͤr moͤglich halte, ja 156 faſt uͤberzeugt ſei, genuͤgenden Einfluß auf die alte Catalina zu erlangen, um ſie zur Zuruͤcknahme ihrer abgeſchmackten Anſchuldigung zu bewegen. Miriam errieth ſeine Abſicht aber augenblicklich, unterbrach ihn mit tiefer Bewegung und rief: „Genug— genug, Maſter Harpsfield, ich ver⸗ ſtehe Dich jetzt, aber ich bin bereits vermaͤhlt, ich ge⸗ hoͤre den Todten an. Erſpare mir weitere Worte uͤber den Gegenſtand, Du biſt freundlich gegen mich gewe⸗ ſen, als mir kein Anderer Freundlichkeit bewies und ich war dankbar gegen Dich geworden. Ich ſehe aber jetzt Deinen Zweck ein, und um ihn fuͤr immer zu be⸗ ſeitigen, ſo wiſſe, daß ich zehnmal lieber das Schickſal, welches Denjenigen, die der Hexerei angeklagt ſind, be⸗ reitet iſt, erleiden, als mich einem Manne vermaͤhlen wuͤrde, der meine ungluͤckliche Lage benutzen kann, um ſeine ſelbſtſuͤchtigen Zwecke zu befoͤrdern. Ich bitte Dich meiner zu ſchonen und mich in Frieden zu laſſen, wenn es der Himmel ſo beſchloſſen hat. Der Tod wird mich nicht von meiner Welt trennen, ſondern mit Allen, die ich auf Erden geliebt habe, vereinigen.“ Tobias entfernte ſich, aber nicht in Verzweiflung. „Die Zeit,“ dachte er,„iſt noch nicht gekommen! Selbſt Schwache und Gottloſe bieten dem Tode, ſo lange er noch fern iſt, Trotz, und glauben außer dem Bereiche ſeines Pfeiles zu ſtehen. Wir werden ſehen, wenn er ihr in's Geſicht ſtarrt. Das naͤchſte Mal muß ſie mich bitten, ſie zu heirathen.“ 157 Der Gerichtshof war jetzt zuſammengetreten und endlich erſchien der Tag, welcher uͤber das Schickſal der verlaſſenen Waiſe entſcheiden ſollte. Im Gerichts⸗ ſaale draͤngte ſich eine Menge von Zuſchauern, die durch den ſeltſamen Zauber, welchen der Schrecken uͤber den menſchlichen Geiſt ausuͤbt, dorthin gelockt worden wa⸗ ren. Die Magiſtratsperſonen nahmen zu beiden Sei⸗ ten des vorſitzenden Richters ihre Plaͤtze ein, und um dieſem Hohn der Gerechtigkeit mehr Feierlichkeit zu geben, wies man dem Pfarrer in ſeinen geiſtlichen Ge⸗ waͤndern einen Sitz auf der Richterbank an. Das Verbrechen der Hexerei wurde fuͤr von ge⸗ miſchter Natur gehalten, und umfaßte Vergehen gegen die buͤrgerlichen wie gegen die geiſtlichen Geſetze, die eigent⸗ lich unter der Competenz der geiſtlichen Gerichtshoͤfe ſtanden. Hier war aber nichts von dieſer Art vorhan⸗ den, und man uͤberließ die Verbrecher dieſer Klaſſe der buͤrgerlichen Gewalt. Miriam erſchien mit der ruhigen Zuverſicht der Unſchuld, obgleich ſie unter der Schwaͤche zitterte, welche lange geiſtige Leiden verurſachen. Nachdem die Alte ihre Lektion wiederholt und alle Abgeſchmacktheiten ihrer Geſchichte in einer Sprache erzaͤhlt hatte, die durch ihre Dunkelheit die Geſchichte noch entſetzlicher machte, er⸗ hielt Miriam die Erlaubniß, ihr ebenfalls Fragen vor⸗ zulegen. 8 Sie befragte ſie ruhig uͤber ihren Verkehr und die Zwecke, welche ſie beim Beſuch der Huͤtte gehabt habe. 158 Hier aber konnte ſie die alte Catalina weder verſtehen noch ſich verſtaͤndlich machen, ſie antwortete nur mit einem Gewaͤſch von allen den Dialekten, von denen ſie ſich einige Worte angeeignet hatte, das von den Zu⸗ hoͤrern wieder fuͤr die Sprache des boͤſen Geiſtes ſelbſt erklaͤrt wurde. 3 Als ſich Miriam zur Vertheidigung aufgefordert ſah, erhob ſich ihr Geiſt mit dem Anlaſſe, und auf ih⸗ rem Geſicht ſtrahlte ploͤtzlich ein Ausdruck erhabener Unſchuld hervor, der Allen ſichtbar war, aber in jenen Zeiten nur fuͤr eines von den ſchlauen Auskunftsmit⸗ teln des Erzverſuchers galt, um die Menſchen zu be⸗ ruͤgen, die Augen der Gerechtigkeit zu blenden und eine Sklaven vor der verdienten Strafe zu ſchutzen. Sie ſprach wie begeiſtert, ſie zeichnete den Charakter ihrer Eltern, deren Leiden und Verbannung um ihres Glaubens willen, ſo wie ihre eigene Erziehung und Le⸗ bensgewohnheiten, und ſchloß folgendermaßen: „Was meine gelegentlichen Beſuche bei dem armen getaͤuſchten oder irregeleiteten Weibe betrifft, ſo fuͤhle ich mich, obgleich ich weiß, daß Wohlthaten geheim gehalten werden ſollten, jetzt genoͤthigt, zu erklaͤren, daß ſie Be⸗ ſuche der chriſtlichen Liebe waren. Die Lehren meiner Eltern unterwieſen mich, daß es Anlaͤſſe gaͤbe, wo die rechte Hand nicht wiſſen duͤrfe, was die linke thue, ich hoffe aber, daß es auch Anlaͤſſe giebt, wo gute Tha⸗ ten aufgefuͤhrt werden duͤrfen. Ich habe dieſes Weib aufgeſucht, nicht um die Macht uͤber ſie zu uͤben, die, 159 wie ich glaube, den Gottloſen noch nie verliehen wor⸗ den iſt“— hier erhob der Pfarrer ſeine Augen und Haͤnde,—„ſondern um die Beduͤrfniſſe durch die Un⸗ terſtuͤzung, welche ſie zu erfordern ſchienen, zu befrie⸗ digen. Ich weiß nicht, ob ſie ſich ſelbſt taͤuſcht, oder Andere betruͤgt; ich weiß nicht, ob ſie das Werkzeug ihres eignen verderbten Herzens, oder eines andern, noch verderbteren iſt. Es giebt auf der Welt nur Eine Perſon—“ und hier warf ſie ihre Augen auf Tobias Harpsfield, der ſich ebenfalls eingefunden hatte— vich wenigſtens kenne auf Erden nur Eine Perſon, die ich beleidigt habe. Ich klage jedoch keinen an, da ich meine Anklage durch nichts als den bloßen Verdacht unterſtuͤtzen koͤnnte. Wenn er unſchuldig iſt, ſo moͤge Gott meinen Argwohn verzeihen— iſt er ſchuldig, ſo verzeihe Gott ihm.“ Hier zuckte Tobias ein wenig mit den Augenbrau⸗ nen, blieb aber muthig ſtehen. „Ich moͤchte ihn nicht ungerechter Weiſe ankla⸗ gen, aber ich kann mich nicht enthalten, in dieſem Complott gegen mein Leben und meinen guten Namen die Hand eines ſchlauern Menſchen als dieſes ungluͤck⸗ lichen Weibes zu erblicken. Wer es auch immer ſein mag, der ſo vor der ganzen Welt eine verlaſſene Waiſe, die unter Fremden allein daſteht und nur den einzigen Freund beſitzt, welcher uͤber uns Allen wacht, als Ge⸗ genſtand einer abſcheulichen Verleumdung ausgewaͤhlt hat, den beneide ich nicht um ſeine Gefuͤhle, wenn es 160 ihm auch gelingt, mich zu einem ſchmaͤhlichen und von Allem verabſcheuten Gedaͤchtniſſe zu bringen, und mich, ſo lange ich lebe, der Gefangenſchaft, dem Spott und der Schmach auszuſetzen.“ Hier wurde Tobias von ploͤtzlichem Naſenbluten befallen, hielt ſein Taſchentuch vor das Geſicht und entfernte ſich eilig. „Aber,“ fuhr Miriam fort,„ich fühle, daß meine Tage der Demuͤthigung und des Kummers ihrem Ende nahe ſind, und daß ich eines von den vielen Opfern der von den ſeltſamen Offenbarungen eines phantaſti⸗ ſchen Wahnſinns verwirrten Menſchen werde. Ich kann nichts als feierlich erklaͤren, daß ich unſchuldig bin— ich habe keine Zeugen, um es zu beweiſen, außer Demjenigen, der Alles, ſelbſt die tiefſten Geheimniſſe des Herzens ſieht und kennt. Wenn man mich frei⸗ ſpricht, ſo werde ich dankbar ſein, verurtheilt man mich aber, ſo hoffe ich jenſeits die Gnade zu finden, welche mir hier verſagt wird.“ Als ſie zu Ende war, ſagte der Pfarrer, ein wohlmeinender, aber ſchwacher und tief von dem Wahne jener Zeit durchdrungener Mann, leiſe zu den Magi⸗ ſtratsperſonen: „Wahrlich, wie kunſtvoll kann der Satan ſeine Anhaͤnger bekleiden, ſo daß er die Schwaͤrze der Schuld in die Weiße der Unſchuld verwandelt. Wahr⸗ haftig, es iſt hohe Zeit zu handeln, wenn die Geiſter 161 der Finſterniß unter uns in der Verkleidung von Gei⸗ ſtern des Lichts umhergehen.“ Da dies die vorherrſchende Anſicht aller Gegen⸗ waͤrtigen war, ſo brauchen wir kaum zu ſagen, daß das unſchuldige Maͤdchen der Hexerei fuͤr ſchuldig er⸗ klaͤrt und ihre Hinrichtung auf einen nahe bevorſtehen⸗ den Tag angeſetzt wurde, damit ſie ſich nicht der Rach⸗ ſucht auf Koſten der Gemeinde hingeben koͤnne. Miriam ſchwieg. Sie ſchlug ihre Augen zum Himmel auf, kreuzte ihre Arme auf der Bruſt und verbeugte ſich unterwuͤrfig, als ſie wieder in das Ge⸗ faͤngniß gebracht wurde. Da im Gerichtshofe einige Meinungsverſchieden⸗ heit uͤber die Catalina herrſchte, ſo wurde ſie zu ihrem großen Aerger und Mißvergnuͤgen ebenfalls wieder in das Gefaͤngniß gebracht. Tobias hatte ihr verſichert, daß ſie nach Miriams Verurtheilung ſogleich frei gelaſ⸗ ſen werden wuͤrde und ſich um ſeiner ſelbſt willen be⸗ deutend angeſtrengt, die Erfuͤllung ſeines Verſprechens zu bewirken. Als er ſich aber an die Magiſtratsperſo⸗ nen wandte, fand er zu ſeinem großen Erſtaunen und Schrecken, daß ſie zwar ihr Zeugniß gegen das Leben einer Andern fuͤr giltig anerkannt hatten, ſie aber immer noch fuͤr beſeſſen hielten, und daß die arme Miriam da⸗ her auf das Zeugmß des Teufels hin zum Tode verur⸗ theilt worden war. Die Tochter des Puritaners. II. 11 Vierzehntes Kapitel. Die Selbſtbeſtrafung des Boͤſen.— Eine Erſcheinung.— Beſchwoͤrung Mildreds, die ihre junge Herrin ebenfalls der Hexerei beſchuldigt.— Das Geſpenſt verſchwindet plöͤtzlich, erſcheint aber bald darauf Miriam.— Beſchreibung der Zuſammenkunft. tgsittee Als Tobias Harpsfield fand, daß ſein Heiraths⸗ plan gaͤnzlich mißlungen war und er Miriam in das Grab ſtatt in das Brautbett brachte, begann er die Folgen zu fuͤhlen, welche ſelbſt auf dieſer Welt ſchon ſtets den Schuldigen ereilen. Obgleich er gemein, ſelbſtſuͤchtig und rachgierig war, hatte ſeine Schlech⸗ tigkeit doch nie den Grad erreicht, nach dem Leben ſei⸗ nes Opfers zu trachten, und als er allen ſeinen Ein⸗ fluß umſonſt angeſtrengt hatte und zu der Ueberzeu⸗ gung gekommen war, daß ihr Schickſal ſich nur durch ein Wunder abwenden laſſe, wurde ſein noch nicht gaͤnzlich verhaͤrtetes Gewiſſen zu ſeinem Anklaͤger, ſei⸗ ner Folter. 3 4 Das Verbrechen war allerdings nicht geradezu abſichtlich begangen worden, aber doch die Folge von vorſaͤtzlich geuͤbten Handlungen, und er konnte ſich trotz alles Scharfſinns ſeiner Eigenliebe doch nicht. die 163 bittere Wahrheit verhehlen, daß er fuͤr alle Folgen verantwortlich ſei. Zu dieſen Gefuͤhlen der Zerknir⸗ ſchung kam noch die Furcht, von der alten Catalina verrathen zu werden, die, ſobald ſie fand, daß ſein Verſprechen, ihr die Freiheit wieder zu geben, nicht er⸗ fuͤllt wurde, aus Rache dafuͤr wahrſcheinlich ein voll⸗ ſtaͤndiges Bekenntniß ablegen wuͤrde. So auf der einen Seite von dem Stachel der Schuld, auf der andern von der Furcht der Ent⸗ deckung[getrieben, fand er weder bei Tage noch bei Nacht mehr Ruhe und litt bei weitem groͤßere Qua⸗ len als ſein beabſichtigtes Opfer. Je naͤher der Tag der Hinrichtung des unſchul⸗ digen Maͤdchens kam, deſto mehr wurde Tobias Harps⸗ field von Reue und Furcht gepeinigt. Zuweilen gaben ihm ſeine beſſern Gefuͤhle ein, dem Pfarrer privatim ein ausfuͤhrliches Geſtaͤndniß abzulegen, damit dieſer ſeinen maͤchtigen Einfluß zu Gunſten Miriams uͤben koͤnne; aber er hatte von den drei großen Stadien der Beſſerung nur das erſte erreicht, denn es war vollkom⸗ men gewiß, daß die Furcht fuͤr ſich eben ſo großen Einfluß auf ihn uͤbte, wie das Mitleid um ſie. Der Stolz, welcher oft die Menſchen vom Falle abhaͤlt, und eben ſo oft verhindert, daß ſie ſich erheben, wenn ſie gefallen ſind, wurde eines von den groͤßten Hinder⸗ niſſen eines Geſtaͤndniſſes. Da er ſo lange ſchon ſeine eigne gute Meinung verwirkt hatte, wurde er um ſo eifriger, die ſeiner Nachbarn zu bewahren, 11* 164 nicht blos als Huldigung fuͤr ſeinen Stolz, ſondern auch um eine Speiche in das Rad ſeines Gluͤckes zu ſchieben. Endlich ſuchte er dem Bewußtſein der Schuld oder der Furcht vor Strafe dadurch zu entgehen, daß er hinauswanderte und in den Waͤldern umherirrte; aber er konnte ſich ſelbſt nicht entfliehen und wurde mit jeder Stunde mehr von Schuldbewußtſein, Reue und Furcht gepeinigt. Wir wollen den Ungluͤcklichen ſeiner wohlverdien⸗ ten Strafe uͤberlaſſen und zu Denjenigen zuruͤckkeh⸗ ren, welche unſere Theilnahme mehr verdienen. Die arme alte Mildred glaubte, wie ſchon erwaͤhnt, nicht nur feſt an Hexerei, ſondern auch an Geſpenſter, Feeen und Kobolde. Obgleich ſie Miriam aus Zunei⸗ gung und Gewohnheit lieb hatte, beſaß ſie doch einen ſolchen religioͤſen Abſcheu, einen ſo toͤdtlichen Widerwillen gegen alles auf irgend eine Art mit dem Erbfeinde des Menſchen in Verbindung Stehende, daß ſie ſich nicht uͤberwinden konnte, mit ihrer Herrin in Verkehr zu treten, die nicht nur angeklagt, ſondern auch uͤberwie⸗ ſen war, mit ihm oder ſeinen Geiſtern der Finſterniß ein Buͤndniß eingegangen zu haben. Obgleich ihr Herz ihrer jungen Herrin geneigt war, vermied ſie daher doch alle Beruͤhrung mit derſelben und wagte ſich zwar ein paarmal bis zur Thuͤr des Gefaͤngniſſes, ſchrak aber entſetzt vor dem Eintreten zuruͤck. Sie verwendete einen großen Theil ihrer Zeit auf Be⸗ 4 8 165 ten und Pſalmſingen und wenn auch ihre Stimme nicht die lieblichſte von der Welt war, ſo macht dies doch nicht viel aus, wenn nur das Herz gut ge⸗ ſtimmt iſt. So war ſie eines Abends in der Daͤmmerungs⸗ ſtunde beſchaͤftigt, hatte nach ihrer Gewohnheit die Augen geſchloſſen und ſchaukelte ſich in einem alten Schaukelſtuhle, als ſie von einem leiſen Pochen an der Hausthuͤr erweckt wurde, worauf Schritte in dem Hausgange erſchallten und ſich dem Zimmerchen, wo ſie ſaß, naͤherten. Als die Schritte immer naͤher kamen, oͤffnete ſie die Augen, blickte einen Moment auf den Ein⸗ dringling, ſtieß ein lautes Geſchrei aus und verſuchte aus dem Zimmer zu eilen; aber die Geſtalt hielt ſie mit feſter Hand zuruͤck, daß ſie bis in's Mark der Knochen ſchauderte. So ſtand ſie einige Augenblicke von Furcht gelaͤhmt, zitternd und keuchend da und kreiſchte dann: „Laß mich gehen, laß mich gehen!— Du biſt todt,— Du biſt begraben— Dein Fleiſch iſt in Staub zerfallen! Dein Hut iſt auf dem Meere und Deine Leiche am Lande gefunden worden! Du biſt todt und begraben, ſage ich, und ſollteſt Dich ſchaͤmen, wieder aus dem Grabe zu kommen und ein armes verlaſſenes Frauenzimmer zu erſchrecken.“ „Mildred! Mildred!“ antwortete das Geſpenſt, indem es ſie immer noch feſt hielt— verſchreckt nicht! 166 Ich bin weder todt noch begraben. Ihr werdet Eure junge Herrin in Schrecken ſetzen, wo iſt ſie— iſt ſie — iſt ſie noch am Leben?— iſt ſie vermaͤhlt?— iſt ſie zu Hauſe?— Was iſt aus ihr geworden, daß ich ſie nicht hier ſehe?— Sagt mir— ſagt mir, wo Miriam iſt?“ „Sie iſt behext!“ kreiſchte Mildred,„ſie iſt ſelbſt eine Hexe geworden und hat die alte Catalina behext — ſie hat ſich an den Boͤſen verkauft und iſt mit dem Satan verheirathet. Sie ſticht die kleinen Kin⸗ der mit Nadeln, ſie quaͤlt die alten Weiber, ſie reitet auf dem Beſenſtiele und ſoll naͤchſten Freitag verbrannt oder gehangen werden!“ Und die arme alte Seele brach bei dem Gedanken an das traurige Schickſal, welches ihre junge Herrin erwartete, in einen Thraͤnenſtrom aus. Dann kehrten jedoch ihre Befuͤrchtungen zuruͤck, ſie ſuchte ſich los zu machen und wiederholte: „Laßt mich gehen, laßt mich gehen, Maſter Langley, wenn Ihr es wirklich ſeid.“ Dieſe Nachricht drang wie ein eiſiger Dolch durch das Herz Langley Tyringhams, denn er war es. Er vermochte ſich nicht aufrecht zu erhalten, ließ Mildreds Hand los, ſank in einen Stuhl und bedeckte ſein Ge⸗ ſicht. Allerdings vermuthete er bei der armen Mi⸗ riam keine andere Hexerei als die, welche Damenaugen gewoͤhnlich auszuuͤben pflegen, und glaubte nicht an die Exiſtenz ſolcher Teufelsvertraͤge. Aber er kam ſo 167 eben aus einem damit angeſteckten Diſtrikte und hatte dort genug gehoͤrt und geſehen, um uͤberzeugt zu ſein, daß die Anklage, wie abgeſchmackt und monſtroͤs ſie auch ſein mochte, doch keine laͤcherliche Sache war. Er begriff ſogleich die gefaͤhrliche Lage Miriams, er⸗ mannte ſich und beruhigte allmaͤhlig Mildred, der er einen vollſtaͤndigen Bericht uͤber das bereits Erzaͤhlte entlockte. Sobald er ſich in Beſitz deſſelben befand, ſtuͤrzte er nach dem Gefaͤngniſſe, ohne zu beachten, welchen Eindruck ſein ploͤtzliches Erſcheinen auf Mi⸗ riam ausuͤben konnte, die ihn ohne Zweifel ſo gut wie Mildred fuͤr todt hielt. Sein Herz erweichte ſich zu einem Gefuͤhle un⸗ ausſprechlicher Zaͤrtlichkeit, dem Sproͤßling des Ver⸗ eins der Liebe und des Mitleids, als er ſich ihre ein⸗ ſame, verlaſſene Lage in's Gedaͤchtniß rief, denn er hatte unterwegs den Tod ihrer Eltern erfahren. Als er nach dem Gefaͤngniſſe kam, vermochte er ſich nur ſchwer dort Einlaß zu verſchaffen. Der Ker⸗ kermeiſter war aber, wenn auch von der Hexenfurcht und der damit verbundenen Inhumanitaͤt angeſteckt, doch von gutem Gemuͤth und wies Langley, als er erfuhr, daß derſelbe ein alter aus weiter Ferne ge⸗ kommener Freund ſei, endlich in die duͤſtere Zelle, wo ſich die Waiſe befand. 4 Er trat geräuſchlos und ohne von Miriam, die an einem Gitterfenſter, welches nach Weſten hinaus⸗ ging, ſaß und die ſtumme Veraͤnderung des Glanzes 168 des ſcheidenden Tages in die milderen Schoͤnheiten der Sternennacht betrachtete, bemerkt zu werden, ein. Aber weder ihr Herz noch ihr Auge war auf das Schauſpiel vor ihr geheftet. Ihre Gedanken befan⸗ den ſich in weiter Ferne unter den Erinnerungen an die Vergangenheit, den Ausſichten auf die Zukunft. Sie befand ſich unter den Todten, nicht unter den Lebenden und war mehr mit Andern als mit ſich ſelbſt beſchaͤftigt. Ihre Zerſtreuung war ſo tief, daß ſie weder das Oeffnen noch das Schließen der Thuͤr be⸗ merkt hatte. Als Langley jedoch naͤher kam, bemerkte ſie, daß Jemand da ſei, erhob ihre Augen und erkannte im Daͤmmerlichte einen Mann. Sie ſtrich ſich con⸗ vulſiviſch uͤber die Stirn, blickte noch einmal auf ihn hin, ſtieß einen herzdurchſchneidenden Schrei aus und wuͤrde zu Boden geſunken ſein, wenn ſie Langley nicht in ſeinen Armen aufgefangen haͤtte. Eine Zeitlang lag ſie ohne Bewußtſein und Be⸗ wegung da. Allmaͤhlig wurde ſie aber von der Stimme und den Liebkoſungen Langley's wieder zu ſich gebracht, ſie oͤffnete ihre Augen und ſprach in Toͤnen, die in die innerſten Tiefen ſeines Herzens ſanken: „Kommſt Du aus Deinem Grabe, Langley, um mich in das meine zu begleiten?“ „Nein, meine geliebte Miriam, ich komme, um Himmel und Erde zu Deiner Erloͤſung aufzurufen.“ „Ach, warum biſt Du gekommen! ich hatte mich auf das Sterben gefaßt gemacht, da ich glaubte, 169 daß ich zu Dir gehen wuͤrde, aber jetzt werde ich vor dem Tode erſchrecken, weil er unſere Trennung her⸗ beifuͤhren muß. O, haͤtte ich doch in Unwiſſenheit daruͤber, daß Du lebteſt, ſterben koͤnnen!“ „Es thut Euch alſo leid, daß ich lebe?“ ſagte er mit tief gekraͤnktem Tone, waͤhrend er ſeinen Arm von ihr hinwegzog.„Ich bin Euch alſo nicht willkommen?— Ihr wuͤnſcht mich todt!“ „Nein, nein, nein! Du biſt meinem Herzen — meinen Armen dreimal willkommen!“ und ſie warf ſich an ſeine Bruſt.„Ich will dem Grabe einige Augenblicke entleihen, um mit Dir gluͤcklich zu ſein und ich denke, daß mir der Himmel verzeihen wird, wenn ich einen Tropfen der Suͤßigkeit in den bittern Trank miſche, den ich bald bis auf die Hefen leeren muß.“ Sie lehnte ſich an ſeine Bruſt, ſie geſtattete ihm, ſie in ſeine Arme zu ſchließen und die Thraͤnen hinwegzukuͤſſen, welche jetzt ſeit vielen Tagen zum erſten Male uͤber ihre bleichen Wangen herabtraͤufel⸗ ten und ihr beladenes Herz erleichterten. Ueber der Freude des Wiederſehens vergaßen ſie, wie bald ſie ſich trennen mußten, und erſt als der Kerkermeiſter erſchien und Langley erinnerte, daß es Zeit ſei, ſich zu entfernen, erwachte ſie zum vollen Bewußtſein der gegenwaͤrtigen entſetzlichen Kriſis.— Funfßzehntes Kapitel. Worin der Verfaſſer einen Ruckblick ſtattfinden laͤßt, um das Erſcheinen des Geſpenſtes zu erklaͤren. Waͤhrend des im vorigen Kapitel berichteten Ge⸗ ſpraͤches kann man ſich leicht denken, daß Miriam als Frauenzimmer Neugier kund gegeben hatte, wie es kam, daß Langley Tyringham ſich noch im Reiche der Leben⸗ den befinde, nachdem er ertrunken und ſeine Leiche er⸗ kannt worden war. Dies hatte eine Erzaͤhlung zur Folge, welche wir mit unſern eignen Worten geben wollen, da ſich Ma⸗ ſter Langley im Laufe derſelben verſchiedenen Abſchwei⸗ fungen ſowohl in Reden wie in Thaten hingab, wozu er von Miriam ermuthigt wurde, und was, um die Wahrheit zu geſtehen, ſeine Geſchichte fuͤr einen leiden⸗ ſchaftsloſen Zuhoͤrer etwas langweilig machte. Die Abreiſe Harold Habingdons und ſeiner Fami⸗ lie ohne vorherigen Abſchied, hatte den alten Cavalier, der etwas ceremonioͤs war und eine Verletzung der Eti⸗ quette mit einer Verletzung der zehn Gebote faſt fuͤr gleichbedeutend hielt, nicht wenig beleidigt. Sie ver⸗ mehrte ſeinen Widerwillen gegen die Rundkoͤpfe, und 171 gab zu verſchiedenen Ausfaͤllen gegen Stutzohren, Gleich⸗ macher und Rebellen Anlaß. Auf Langley uͤbte ſie eine ganz andere Wirkung aus. Obgleich wir uns im Laufe unſerer Erzaͤhlung nur kurz uͤber den Gegen⸗ ſtand ausgeſprochen haben, da Liebesſcenen unſerer An⸗ ſicht nach fuͤr die handelnden Perſonen bei Weitem an⸗ genehmer ſind als fuͤr die Zuſchauer, ſo war doch ſo⸗ wohl Zeit wie Gelegenheit genug vorhanden geweſen, um eine gluͤhende, tief eingewurzelte und dauernde Liebe zwiſchen den beiden jungen Leuten enrtſtehen zu laſſen, die ſo in eine Lage geworfen worden waren, wo die 3 Abweſenheit der verſchiedenartigen Aufregungsmittel der geſchaͤftigen Welt, welche die Neigungen des Her⸗ zens ſtuͤckweiſe zerſplittern und einander gewiſſermaßen neutraliſiren, dem herrſchenden Gefuͤhle, worin es auch beſtehen mag, Kraft und Dauer verleiht. Dieſe Liebe, welche im erſten Stadium auf das poſitive Verbot des einen Vaters, und den ſtrengen, unbeugſamen Wider⸗ ſtand des andern geſtoßen war, hatte ſich durch dieſe Hinderniſſe weder unterdruͤcken noch hemmen laſſen, ſondern war dadurch vielmehr verſtaͤrkt worden. Das Aufdaͤmmen des Stromes erhob die Gewaͤſſer nur noch mehr, und warf ſie mit groͤßerer Wucht zuruͤck. Langley wurde muͤrriſch und zerſtreut, vernach⸗ laͤſſigte ſich ſelbſt und ward gegen Andere gleichgiltig. Er machte lange Spazierritte, vermochte aber bei der Ruͤckkehr nicht zu ſagen, wo er geweſen war, gab nicht mehr den geringſten Antheil an ſeinen fruͤhern 3 172 Lieblingsbeluſtigungen, der Jagd und Fiſcherei kund, und ſchien gaͤnzlich in eine Art von traͤger, duͤſterer Trauer verſunken zu ſein. Der alte Cavalier machte ihm haͤufig Vorſtellun⸗ gen und dadurch, wie gewoͤhnlich, die Sache nur um ſo ſchlimmer. Gleich vielen Vaͤtern vergaß er, daß ſein Sohn kein Kind mehr war und behandelte ihn als einen Knaben, ſelbſt als er ſchon die Mannesjahre er⸗ reicht hatte. Langley hatte ſtets eine warme kindliche Liebe, ſo wie ein tiefes Pflichtgefuͤhl gegen ſeinen Va⸗ ter gehegt, aber deſſen leidenſchaftliche, herriſche Vor⸗ wuͤrfe waren eher dazu geeignet, Widerſtand bei ihm zu erregen, als ſein Herz zu erweichen oder ihn dazu geneigt zu machen, ſeine lange gehegten Gefuͤhle auf den willkuͤrlichen Befehl ſelbſt eines Vaters aufzuge⸗ ben. Er glaubte, daß er ſeine Handlungen dem Wil⸗ len ſeines Vaters unterworfen und dadurch wenigſtens ein Recht auf ſeine Gedanken erworben habe. Als der alte Cavalier ſeine Vorſtellungen und Be⸗ fehle zur Veraͤnderung des Benehmens ſeines Sohnes gleich fruchtlos fand, kam er auf ein meiſterhaftes Auskunftsmittel. Er trieb ſeine Frau an, einen Be⸗ ſuch von einer beruͤhmten Schoͤnheit in der Hauptſtadt zu negociiren, die am Hofe Karls des Zweiten eine Rolle geſpielt, und wie man ſagt, beinahe den Mo⸗ narchen ſelbſt gefangen hatte. Sie war uͤberdies eine junge Dame von großer Schoͤnheit und Bildung, und eine reiche Erbin. Endlich war ſie auch eine Nichte 173 des Gouverneurs, der nicht nur der Vertreter Sr. Ma⸗ jeſtat, ſondern auch ein echter, von Koͤnig Jakob ſelbſt geſchlagener Ritter war. Langley bewies ihr aber, wie er Miriam ver⸗ ſicherte, nicht die mindeſte Aufmerkſamkeit uͤber das hinaus, was er dem Gaſte ſeiner Mutter ſchuldete, und wußte die Haͤlfte der Zeit uͤber gar nicht, daß ſie exiſticte. Die junge Dame wurde natuͤrlich der Ga⸗ lanterie des alten Ritters bald muͤde, der die Maͤngel ſeines Sohnes durch eine Menge von Ritterdienſten gut zu machen ſtrebte, kehrte nach Hauſe zuruͤck und erklaͤrte dort den Maſter Langley fuͤr ſo langweilig wie eine Eule. Der alte Cavalier begann eenſtlich zu fuͤrchten, daß ſein einziger Sohn als Hageſtolz ſterben, und der alte Name Tyringham in der neuen Welt erloͤſchen wuͤrde. Wie gewoͤhnlich, wenn er ſo weit auf der fal⸗ ſchen Spur gegangen war, daß er ſich nicht mehr zu⸗ ruͤckfinden konnte, berief er als letztes Auskunftsmittel den weiſen Gregor Motte, fuͤr deſſen Anſicht er ſtets große Achtung hatte, wenn ſie mit der ſeinigen uͤver⸗ einſtimmte, zu einer Berathung. „Gregor,“ ſagte er,„was iſt in meinen dumm⸗ kopfigen Sohn gefahren! Ich weiß wahehaftig nicht mehr, was ich aus ihm machen ſoll. Er wird mager, hat allen Geſchmack an Pferderennen, Jagden und Seefahrten verloren, ißt wenig Fruͤhſtuͤck, vergißt zum 174 Mittagsbrote zu Hauſe zu kommen, und was ſchlim⸗ mer als Alles iſt, trinkt keinen Wein.“ „Das iſt ein ſehr ſchlimmes Zeichen!“ ſagte Gre⸗ gor kopfſchuͤttelnd. „Sehr ſchlimm, es ſollte mich nicht wundern, wenn, ehe lange Zeit vergeht, er einmal einen Fieberan⸗ fall haͤtte. Was meinſt Du 2 „Das glaube ich auch; aber, Herr, iſt es denn Euch in Euern Stunden ernſthaften Nachdenkens nie in den Sinn gekommen, daß Ihr, metaphoriſch ge⸗ ſprochen, ſo blind wie ein Maulwurf ſeid.“ „Ei, Du unverſchaͤmter Schlingel, was meinſt Du damit?— hel“ „Nun, Sir, mit gehoͤriger Ehrerbietung geſagt, meine ich es gerade wie ich ſpreche, was mehr iſt als die meiſten Leute thun. Ich denke, daß Ihr mit einer uͤbernatuͤrlichen Blindheit geſchlagen ſeid, die ohne Zwei⸗ fel zur Strafe dafuͤr beſtimmt iſt, daß Ihr mich ſo oft zu Rathe gezogen habt, ohne meiner Anſicht zu fol⸗ gen. Ich kann mich irren, Sir, aber ich habe mit⸗ unter bezweifelt, ob Ihr die Naſe in Euerm Ge⸗ ſicht ſeht.“ „Ich will Dir etwas ſagen, Maſter Gregor Motte,“ rief der Cavalier, indem er ſeinen Stock ſchwang.„Wenn Du nicht deutlich ſprichſt, und das ſchnell, ſo kann ich gut genug ſehen, um Dir dieſen Stock direkt auf den Schaͤdel zu pflanzen. Gottes Tod, Sir, antworte mir, ohne Deine hoͤlliſchen Um⸗ 175 ſchweife. Was glaubſt Du, das uͤber meinen Sohn Langley gekommen iſt?2“ „Nun wahrhaftig, Sir, ich denke, daß ſeine Herz⸗ faſern zu einem Liebesknoten verknuͤpft ſind.“ „Eh— was?— Unſinn, Gregor! Ei, er hat ja, ſeit er zu vernuͤnftigen Jahren gekommen iſt, außer der, die uns vor Kurzem verließ, nur ein einziges jun⸗ ges Frauenzimmer geſehen und ich hatte ihm doch po⸗ ſitiv verboten ſie zu beſuchen, mit ihr zu ſprechen oder an ſie zu denken.“ „Ach, Sir, das iſt es eben. Da er nur ein jun⸗ ges Frauenzimmer geſehen hat, konnte er keine Ver⸗ gleiche zu ihrem Nachtheil machen. In der Wuͤſte iſt jedes allein daſtehende Frauenzimmer ein Engel. Was Eure Verbote betrifft, ſo muͤßt Ihr, wie ich ſo eben mit aller gehoͤrigen Unterwuͤrfigkeit bemerkt habe, fuͤr alle menſchlichen Erfahrungen blind ſein, wenn Ihr nicht wißt, daß die Maͤnner ſowohl wie die Frauen⸗ zimmer als Nachkommen Adams und Eva's nichts ſo ſehr lieben als verbotene Fruͤchte, ergo— logiſch ge⸗ ſprochen, hat ſich mein junger Herr ohne Zweifel ſo ſchnell als moͤglich nach Euerm Verbote in die Tochter des Stutzohrs verliebt, wenn es nicht vorher ſchon ge⸗ ſchehen war.“. „Hm,“ meinte der Cavalier nachdenklich,„Du kannſt recht haben; ich glaube mich an etwas derglei⸗ chen aus meiner Jugendzeit erinnern zu koͤnnen. Wenn aber das Unheil einmal geſchehen iſt, ſo wird es jetzt 176. wohl zu ſpaͤt ſein, es zu verhindern. Was meinſt Du?“ „Ihr habt in Euerm Leben nie etwas Kluͤgeres geſagt, Sir, und gleicht in Bezug auf die Weisheit Eurer Zunge zum Verwundern unſerm allergnaͤdigſten Souverain Karl dem Zweiten. Meiner geringen An⸗ ſicht nach iſt die beſte Art, ein Ereigniß zu behandeln, nachdem es einmal vorgefallen iſt, die, es ſeinen Ver⸗ lauf nehmen zu laſſen, bis es auf den Sand ſtoͤßt, ſtatt ſich die Finger damit zu zerquetſchen, daß man den Stein aufzuſetzen ſucht, waͤhrend er in voller Eile den Berg herabrollt. Die Wahrheit iſt, daß wir nicht wiſſen, ob es gut oder ſchlimm ausfallen wird, bis wir das Ende davon ſehen, und wie Seneca ſagt— ich weiß nicht genau mehr was er ſagt, aber es iſt etwas ganz Zweckgemaͤßes— und ſo viel iſt gewiß, daß un⸗ ſer Ungluͤck haͤufig zu unſerm großen Vortheil aus⸗ ſchlaͤgt. Wenn man das Gluͤck verfolgt, gleicht man dem Jäger, der durch Dickigte, Suͤmpfe und Pfuͤtzen muß, um ſein Wild zu erreichen.“ „Gregor,“ ſagte ſein Herr,„wenn Deine Weis⸗ heit nicht ſo ſtark mit Deiner Narrheit vermiſcht waͤre, ſo koͤnnteſt Du bei guter Zeit den achten Weiſen von Griechenland abgeben. Wenn ich Dich recht verſtehe, was nicht leicht iſt, ſo wuͤrde ich am beſten thun, Ma⸗ ſter Langley ungeſtoͤrt zu laſſen, bis ſeine Liebe von ſelbſt ausbrennt, wie ein Feuer im Gebirge, nicht wahr?“ 177 „Allerdings, Sir.“ „Aber wenn ich finde, daß ſie nicht Kusbenneh will, wie dann?“ 3 „Nun dann, Sir, wuͤrde ich ihn, logiſch geſagt, die junge Stutzohrdame aufſuchen und heirathen laſſen, und dann wird es dem gewoͤhnlichen Laufe der Dinge nach ganz von ſelbſt ausbrennen.“ „Nun, ich will ihn noch eine Zeitlang ſich ſelbſt uͤberlaſſen, und wenn es nicht einen Fieberanfall giebt, und er ſeinen Lebensmuth doch nicht wieder erhaͤlt, ſo gebe ich ihm vielleicht die Erlaubniß, nach dem Rundkopf⸗ geſt abzuſegeln und das Maͤdchen aufzuſuchen, an dem ich ſelbſt großes Gefallen finden wuͤrde, wenn es nicht von der verhenkerten puritaniſchen Zucht waͤre, die es ver⸗ achtet, einem Koͤnig zu gehorchen, geſchweige denn einem Ehemanne. Sie kann ſich verheirathet haben oder eine Hexe geworden ſein, wie ich hoͤre, daß es den meiſten Frauenzimmern in der Gegend ſo gegangen iſt, und in beiden Faͤllen iſt er kurirt. Was meinſt Du dazu?“ .„Ich ſage Amen! Sir, und unterwerfe mich Eurer höhern Weisheit. Es wuͤrde ſehr ſchade ſein, wenn mein junger Herr Euern Namen und Eure Eh⸗ ren nicht der Nachwelt uͤberlieferte.“ „Ja, Gregor, und wer weiß, was ſonſt noch. Ich habe von Hauſe Briefe erhalten, woraus ich ent⸗ nehme, daß Seine Lordſchaft, mein aͤlterer Bruder, der Erſtgeborene von Egypten, gegenwaͤrtig nur vier Sohne Die Tochter des Puritaners. II. 12 178 am Leben hat, und nicht bei guter Geſundheit iſt. Nimm einmal an, daß der Eine auf der Fuchsjagd den Hals braͤche, der Zweite in einer Schlacht um⸗ kaͤme, der Dritte ertraͤnke und der Vierte ſich aus Lan⸗ geweile hinge, ſo wuͤrde Langley, wie Du weißt, die Familienguͤter und Titel erben. Es iſt daher unerlaͤß⸗ lich, daß er ſich verheirathet, um die Familie fortzu⸗ pflanzen, die, wenn man Alles bedenkt, durch eine Verbindung mit der Tochter eines Rundkopfs nicht geſchaͤndet werden wird, denn er hat, wie Langley ſagt, einen infam langen Stammbaum.“ Hiermit endete die Conferenz; als es ſich aber nach Verlauf mehrerer Monate ergab, daß Langley keineswegs ſeine gute Laune wieder erlangte, ſondern eher noch zerſtreuter und truͤbſeliger wurde, daß ſeine Krankheit zwar nicht ein Fieber war, aber ſeine Geſund⸗ heit allmaͤhlig immer mehr abzunehmen ſchien, brach der alte Cavalier eines Tages die Gelegenheit vom Zaune, ihn direkt uͤber den Grund der Veraͤnderung ſeiner Manieren und Gewohnheiten zu befragen, indem er ihn zu einer offenen Antwort aufforderte. Langley nahm keinen Anſtand, ſeinem Vater ſein Herz aufzuſchließen, und endete ſeine Rede folgen⸗ dermaßen: „Was Euere Gebote, allen Verkehr mit Miriam Habingdon aufzugeben, betrifft, ſo habe ich Euch ge⸗ honcht, Sir, und wenn ich mit ihr zuſammen traf, ſo geſchah es durch Zufall. Als Vater hattet Ihr das 179 Recht, mir zu verbieten, eine Tochter in Euer Haus zu bringen, deren Sitten, Gewohnheiten und Religion Euch nicht nur unangenehm, ſondern geradezu zum Abſcheu waren. Ich war, und bin jetzt gaͤnzlich von Eurer Guͤte abhaͤngig, und habe, ſo lange dies der Fall iſt, keinen Anſpruch darauf, nach meinem eignen Sinne zu leben. Aber, Sir, hiermit hoͤrt auch Eure Gewalt auf. Ihr habt nach goͤttlichen und menſchli⸗ chen Geſetzen kein Recht, von mir ein weiteres Opfer zu fordern, indem Ihr mir etwa geboͤtet, mich mit einer Andern zu verbinden. Ich kann weder, noch werde ich Euch gehorchen. Wir ſind eben ſo ſehr durch den Austauſch unſerer Geluͤbde, wie durch die unver⸗ aͤnderlichen Gefuͤhle wenigſtens meines Herzens an ein⸗ ander gebunden, und ich erklaͤre Euch feierlich und vor Gott, daß kein anderes Maͤdchen als meine Miriam je mit mir vor den Altar treten ſoll. Es ſei Euch an⸗ heim geſtellt, Sir, zu beſtimmen, ob ich eine Exiſtenz fortſetzen ſoll, die mir und Andern gleich nutzlos iſt, als ein einſam ſtehendes Weſen ohne irgend einen Zweck im Leben, eine Laſt fuͤr mich und Diejenigen, welche ich gern von allen Laſten befreien moͤchte, oder ob Ihr mir eine neue Exiſtenz, neue Hoffnungen und Ausſichten gewaͤhren wollt, indem Ihr mir geſtattet, Miriam, wo ſie auch zu finden ſein mag, aufzuſuchen. Wenn ſie mich vergeſſen und einen andern gewaͤhlt hat, ſo bin ich kein ſo thoͤrigter Schwaͤchling, daß ich ſie nicht verlaſſen und vergeſſen koͤnnte; wenn ich ſie 12* aber, wie ich ſicher weiß, ihren Geluͤbden treu finde, ſo werde ich jede moͤgliche Anſtrengung machen, um die Einwuͤrfe zu entfernen, welche, wie ich fuͤrchte, noch weit ſchwerer zu beſiegen ſind, als die Euern, mein theurer Vater. Ich bitte, ich beſchwoͤre Euch, Sir, wenn Ihr auf mein Gluͤck in dieſer Welt Werth legt, mich gehen und mein Schickſal verſuchen zu laſſen. Verſprecht mir, daß Ihr, wenn es mir gelingt, Mi⸗ riam aufnehmen und als Tochter lieben werdet, denn ich ſchwoͤre Euch zu, daß ſie es verdient. Was meine Mutter betrifft, ſo bin ich ihrer ſicher.“ „Gehe denn in Gottes Namen und moͤge Dich guter Erfolg begleiten!“ ſagte der alte Cavalier uͤber⸗ waͤltigt.„Es liegt ein Schiff in Jamestown, das in wenigen Tagen abſegeln wird. Mache Dich, ſo ſchnell Du kannſt, bereit und kehre ſo bald als moͤglich zu⸗ ruͤck, denn wer weiß, was in Deiner Abweſenheit vor⸗ faͤllt. Von den Wilden iſt jetzt nichts mehr zu be⸗ fuͤrchten, aber es giebt einen andern Feind, der ſeine Pfeile mit groͤßerer Sicherheit, als der indianiſche Krie⸗ ger abſchießt.“ „Glaubt mir, Sir,“ rief Langley, der augen⸗ blicklich zu einem neuen Leben zu erwachen ſchien, „glaubt mir, daß ich keinen Augenblick verlieren werde, und ich hoffe zu Gott, Euch ein Weſen mitbringen zu koͤnnen, das auf lange Jahre hinaus der Troſt Eueres Alters ſein wird.“ „Amen!“ ſagte der alte Cavalier und ſie ſchieden. Sechzehntes Kapitel. Fortſetzung des Ruͤckblickes. MNachdem die Sache jetzt abgemacht war, zog Maſter Hugh Tyringham ſeine beſſere Haͤlfte uͤber den Gegenſtand zu Rathe, worauf dieſe als ein vernuͤnf⸗ tiges Frauenzimmer und eine vortreffliche Gattin ſehr richtig bemerkte: „Du verſtehſt es am beſten, lieber Schatz!“ und ruhig in ihren Bemuͤhungen, ihre Nadel einzufaͤdeln fortfuhr. Sie war ein Muſter von einem Frauen⸗ zimmer und verdiente eigentlich eine ausfuͤhrlichere Bekanntſchaft mit dem Leſer, als die, welche bis jetzt erfolgt iſt. Der alte Cavalier beſaß eine Menge von guten Eigenſchaften, obgleich er ſie mitunter auf eine unan⸗ genehme Art zeigte. Wir gedenken aber nicht, ihn als ein Muſter fuͤr Ehemaͤnner hinzuſtellen, denn er war zuweilen ein wenig empfindlich und mitunter et⸗ was unbillig in ſeinen Anſpruͤchen. Es gefiel ihm weder, wenn ſeine Frau ihm ohne eine kleine Dis⸗ kuſſion beiſtimmte, noch wenn ſie ihm Widerſtand leiſtete, ohne am Ende zu ſeiner Anſicht herum zu 182 kommen. Schweigende Zuſtimmung war ihm eben ſo ſehr zuwider, wie hartnaͤckiger Widerſtand, und da er eben jetzt uͤber die Klugheit ſeines Benehmens et⸗ was im Zweifel war, wuͤnſchte er ſich durch die An⸗ ſicht ſeiner Frau zu unterſtuͤtzen, damit er, wenn die Sache ſchlecht ausſchlug, die Verantwortlichkeit auf ihre Schultern werfen koͤnne. Als ſie daher ruhig antwortete:„Du verſtehſt es am beſten, lieber Schatz!“ aͤrgerte er ſich ein wenig uͤber ihren paſſiven Gehorſam. „Gottes Tod, Mrs. Tyringham,“ ſagte er,„ich habe Dich um Deinen Rath, aber nicht um Deine Beiſtimmung gefragt. Ich bin ſo ziemlich uͤberzeugt, daß ich es am beſten weiß; da aber zwei Koͤpfe immer beſſer ſind, als Einer,— Du kennſt das alte Sprich⸗ wort,— ſo moͤchte ich wiſſen, was Du von der Reiſe Langley's denkſt?“ 1 „Nun, lieber Schatz, wie geſagt, ich denke, daß Du es am beſten weißt, oder doch am beſten wiſſen follteſt, und— Du lieber Gott, da habe ich wahr⸗ haftig den Rock mit der falſchen Seite nach außen genaͤht.“ „Zum Teufel mit allem Naͤhen, Flicken und Saͤumen! Was hat das mit der Sache zu thun? Ich verlange Deine Anſicht zu wiſſen.“ „Nun, lieber Schatz, ich ſtimme Dir vollkom⸗ men bei.“ 183 „Zum Henker, ich ſage Dir, daß ich nicht will, daß Du mir vollkommen beiſtimmen ſollſt!“ „Nun wohl, lieber Schatz—“ „Nenne mich nicht lieber Schatz, wenn Du die Guͤte haben willſt; Du biſt nie zaͤrtlicher, als wenn Du Dein Moͤglichſtes thuſt, um mich zu aͤrgern.“ „Nun wohl, lieber— hm!l ich ſtimme Dir ganz und gar nicht bei,“ ſagte ſie, zugleich ſo herzlich lachend, daß ſie dreimal hinter einander ihr Nadeloͤhr ver⸗ fehlte. „Mrs. Tyringham,“ ſchrie der Cavalier,„ich will keineswegs etwas Unangenehmes oder Reſpectwidri⸗ ges ſagen, aber beim Henker, Du biſt eine große Naͤrrin.“ „Ach, lieber— Mr. Tyringham, Du ſollteſt das nicht ſagen, wenigſtens nicht in meiner Gegen⸗ wart. Ich bin vielleicht nicht ſo geſcheidt wie Du, aber es iſt ganz unmoͤglich fuͤr einen Menſchen, ſo lange mit Dir gelebt zu haben und eine Naͤrrin zu ſein. Aber jetzt beſinne ich mich, Gregor hat einen von den ſchoͤnſten wilden Truthaͤhnen, die ich je ge⸗ ſehen, gebracht, und ich moͤchte Deine Meinung uͤber die Art, wie er zuzubereiten iſt, wiſſen.“ Hierauf rieb ſich der gute Gentleman freudig die Haͤnde und die Conferenz endete in der Speiſekammer. Man kann ſich leicht denken, daß Langley Ty⸗ ringham keine Zeit verlor, ſeine Zuruͤſtungen fuͤr die Reiſe nach Neu⸗England zur Aufſuchung einer Gat⸗ 184 tin zu treffen. Er hoͤrte, daß unſer alter Bekannter, Capitain Skeering, der jetzt einen regelmaͤßigen Ver⸗ kehr zwiſchen den beiden Colonieen eingerichtet hatte, ſich im Hafen befinde und im Begriff ſei, abzuſegeln. Sobald ihn daher ſein Vater reichlich mit Geld ver⸗ ſehen, und er Empfehlungsbriefe an den Gouverneur und andere Herren in der Bai von Maſeachuſetts erhalten hatte, nahm er einen herzlichen Abſchied von ſeinen Eltern und Gregor Motte, ſchiffte ſich mit Capitain Skeering ein und ſegelte mit guͤnſtigem Winde auf das Meer hinaus. Am erſten und zweiten Tage hatte Langley als einziger Paſſagier das Schiff ganz allein fuͤr ſich, am dritten meldete aber einer von den Matroſen dem Ca⸗ pitain, daß ſo eben eine„verdammt drollige Kreatur“ aus dem Vordercaſtell gekrochen ſei, obgleich Niemand wiſſe, wie er dorthin gekommen waͤre. Der Capitain begab ſich, von Langley begleitet, nach vorn, um den ſonderbaren Zuwachs zu unterſuchen, und dieſer er⸗ gab ſich auf den erſten Blick als ein verlorenes Schaf aus der Heerde der Gentlemen. Seine Kleider waren offenbar einſt reich und modiſch geweſen, befanden ſich aber jetzt im letzten Stadium der Aufloͤſung und des Ver⸗ falls und er trug alle Zeichen der Armuth, außer der Be⸗ ſcheidenheit an ſich, denn er begegnete den unwillkomme⸗ nen Blicken der ihn Umgebenden mit dreiſtem, inſolentem Trotz. Obgleich ſein Geſicht von Unmaͤßigkeit ge⸗ faͤrbt und entſtellt und ſeine zerriſſenen Kleider mit 185 Koth bedeckt waren, trug er doch einige von jenen Zeugniſſen beſſerer Tage an ſich, die oft die tiefſten Stufen der Herabwuͤrdigung uͤberleben und den ge⸗ fallenen Engel von dem bloßen animaliſchen Menſchen unterſcheiden. Capitain Skeering war ein Mann, der Alles ruhig aufnahm, er wurde nie aͤußerlich zornig und ſeine Faſſung wurde ſelbſt von einem Orkan nicht ge⸗ ſtoͤrt. Er fragte den geheimnißvollen Fremden, wie er an Bord gelangt ſei, woher er kaͤme und weshalb er ſich eingefunden habe. „Ich habe mich in einer Kiſte verſteckt,« ant⸗ wortete Jener,„ich komme aus der Hauptſtadt und mein Zweck war es, dem Conſtabler zu entwiſchen.“ „Wirklich!“ antwortete der Capitain;„was hat⸗ tet Ihr mit einem Conſtabel zu thun?“ „Nun, ich hatte das Ungluͤck, bei meinem Wirthe eine Schuld auflaufen zu laſſen, und dieſer war ſo unbillig, Zahlung von e em Manne zu er⸗ warten, der nicht die Mittel dazu ſaß.“ „Dann werdet Ihr wohl kein d haben!“ fragte der Capitain. „Keinen Heller.“ „uUnd wie gedenkt Ihr Eure Ueberfahrt zu be⸗ zahlen, Freund?“ „Ich gedenke ſie nicht zu bezahlen, Freund... „Zum Geier, aber ich erwarte Bezahlung.“ „Seht, Capitain,“ ſagte der vagabondirende 186 t Gentleman,„ich habe in meinen Adern koͤnigliches Blut und kann Furſten, Herzoͤge und Grafen dutzend⸗ weiſe unter meinen Vorfahren aufzaͤhlen.“ „Pah!“ ſagte der Capitain,„was nuͤtzt Einem gutes Blut, wenn man kein Geld hat?“ „Nuͤtzen?“ ſagte Jener,„ſehr viel, Sir. Einer der groͤßten Vortheile des guten Blutes iſt der, daß es das Verdienſt vollkommen unnoͤthig macht. Aber hoͤrt— ich bin Hoͤfling, Soldat, Spieler, Straßen⸗ raͤuber, Bravo, Betruͤger und Betrogener geweſen. Ich habe von meiner Klugheit gelebt— aber zu zweier⸗ lei Dingen habe ich mich nie herabgelaſſen;— ich habe nie gearbeitet noch gebettelt— das war mir Bei⸗ des zu gering. Ein Mal war ich nur um eine Sproſſe von der Spitze der Leiter entfernt, jetzt bin ich unten am Fuße und obgleich mir der Muth fehlt, mich ſelbſt zu ertraͤnken, ſo wuͤrde ich mir doch nicht viel daraus machen, wenn mich ein Anderer ertraͤnkte. Hier ſtehe ich ohne einen Schilling in der Taſche; wenn Ihr mich nicht nach Eurem Beſtimmungsorte mitnehmen wollt, ſo fuͤllt mir die Taſchen mit Blei und werft mich uͤber Bord, damit ich meine guten Freunde zu Hauſe, die mir immer prophezeiht haben, daß ich zum Haͤngen geboren ſei, Luͤgen ſtrafe.“ „Aber wie ſeid Ihr in dieſe traurige Lage ge⸗ kommen, wenn Ihr ſo große Freunde habt?“ fragte der Capitain. „Ich war ein nachgeborener Bruder,“ antwortete 187 Jener ſtolz,—„ich bin durch meine Geburt ſchon enterbt. Ein Anderer kam mir zuvor und erntete. Wißt Ihr nicht, Sir, daß bei uns Derjenige, welcher der Zweite iſt, gar nichts gilt? Mein aͤlterer Bruder trat den Wettlauf zuerſt an, nahm den Beutel und ließ mir das Futter. Er ſpielte den Tyrannen gegen mich und ich pruͤgelte ihn durch. Ich wurde auf die Univerſitaͤt geſchickt und relegirt. Man kaufte mir ein Offizierspatent in einem Regimente, das beim Abſchluß des Friedens aufgeloͤſ't wurde. Ich ließ mei⸗ nen Vater um Verzeihung bitten, aber er ſagte, daß ich ihm Schande gemacht haͤtte. Ich ſchloß mich einer Geſellſchaft an, die ſich zuweilen auf der Landſtraße amuͤſirte, that einen großen Fang, der dem fruͤhern Beſitzer das Leben koſtete, wurde vor Gericht geſtellt und zum Galgen verurtheilt. Mein Vater, der in Furcht ſtand, daß ich ihm noch mehr Schande machen und gehaͤngt werden koͤnnte, ſchickte einen Agenten und ließ mir ſagen, daß er mir Begnadigung ver⸗ ſchaffen wuͤrde, wenn ich einen Eid darauf ablegte, meinen Namen zu veraͤndern, England zu verlaſſen und nie wieder zuruͤckzukehren. Ich hatte große Luſt, mich abſichtlich haͤngen zu laſſen, um meine Familie zu aͤrgern und eine famoſe Galgenrede zu halten, ließ mich aber endlich doch bereit finden, die angebotenen Bedingungen anzunehmen, beſonders da ſie einen Beutel mit Geld umſchloſſen. Dann ſegelte ich nach Virginien, kam wohlbehalten an, verzehrte mein 188 Geld, machte Schulden, ging durch und hier bin ich zu Euern Dienſten.“ Der vagabondirende Gentleman weigerte ſich be⸗ ſtimmt, ſeinen Namen anzugeben, ſchien nicht im Mindeſten durch die Erinnerungen an ſeine Vergan⸗ genheit oder die Ausſichten auf die Zukunft geruͤhrt zu werden, und hatte offenbar nicht nur das Gefuͤhl der Reue, ſondern auch das der Schaam verloren. Er beſaß weder die Faͤhigkeit noch die Neigung, ſich zu beſſern und es ſchien, als ob er nur deshalb auf der Erde umherwandere, um ein Beiſpiel zu geben, wie wenig hohe Geburt oder edles Blut im Stande iſt, die Wuͤrde des Menſchen aufrecht zu erhalten, wenn dieſe Eigenſchaften nicht von Rechtſchaffenheit und Tugend unterſtuͤtzt ſind. Es ließ ſich jedoch nicht aͤndern, der Capitain zuckte die Achſeln und lehnte es ab, ihn uͤber Bord zu werfen und man ließ ihn auf dem Schiffe, bis ſich eine Gelegenheit bieten wuͤrde, ihn an's Land zu ſetzen. Es war merkwuͤrdig, wie der elende Auswuͤrfling ſich uͤber die gemeinen Matroſen erhaben duͤnkte und mit welcher ſchweigenden Verachtung er es ablehnte, ihre Fragen zu beantworten. Er ſtellte ſich ſogar uͤber den ⸗Capitain, und wenn er Langley Tyringham anre⸗ dete, ſo geſchah es mit der Miene hoͤfiſcher Herab⸗ laſſung, die von jedem Andern als von einer ſolchen Vogelſcheuche aͤußerſt aͤrgerlich geweſen ſein wuͤrde. Wenn er aufgefordert wurde, bei irgend einer 189 Gelegenheit Hilfe zu leiſten, ſo ruͤmpfte er die Naſe veraͤchtlich und ſagte, daß er lieber im Hospital ſterben oder am Galgen umkommen, als ſich durch Arbeit herabwuͤrdigen wolle. Die Matroſen tauften ihn den Landſtreicher, der Capitain verbot ihm die Kajuͤte zu betreten und Langley betrachtete ihn mit einem Gemiſch von Verachtung und Abſcheu. Mittlerweile ſegelte das gute Schiff mit einem milden Suͤdwinde vorwaͤrts und der ehrliche Capi⸗ tain, der in keinem Zwiſchenhafen beſondere Geſchaͤfte hatte, hielt ſich unterwegs nicht auf. Sie hatten die oͤſtliche Spitze von Long⸗Island erreicht und der Capi⸗ tain ſich, nachdem er den Schooner der Fuͤrſorge ſei⸗ nes Lieutenants uͤbergeben, in ſeine Kajuͤte zuruͤckgezo⸗ gen, als das Schiff ploͤtzlich von einem Windſtoße ge⸗ troffen wurde, der es vornuͤberlegte. Es fuͤllte ſich nicht augenblicklich, aber die Verwirrung, welche der Unfall erregte, war ſo groß, daß Niemand daran dachte, etwas zu retten, ehe es zu ſpaͤt war. Anfaͤnglich hatte man geglaubt, daß der Land⸗ ſtreicher uͤber Bord geſpuͤlt worden ſei, man ſah ihn aber bald darauf aus der Kajuͤte kriechen wie eine er⸗ traͤnkte Ratte. Alle waren zu ſehr beſchaͤftigt, um von dieſem Umſtande Notiz zu nehmen und ſpaͤter dachte Niemand mehr daran. Dem Windſtoße folgte ein heftiger Sturm, der faſt vier und zwanzig Stunden anhielt und das Schiff nach Belieben vor ſich hintrieb, bis es endlich auf 190 einem kleinen, von Indianern bewohnten Inſelchen an den Strand geworfen wurde und in Stuͤcken zerfiel. Wahrſcheinlich war es die, jetzt Block⸗Island genannte Inſel; da dies aber nichts zur Sache thut, wollen wir es nicht fuͤr gewiß behaupten. Die Wilden, welche ſie bewohnten, thaten den Schiffbruͤchigen weiter nichts zu leide, als daß ſie die⸗ ſelben ihrer Kleider beraubten und ſie auf verſchiedene Art zur Arbeit anhielten. Da Langley beſſer geklei⸗ det war als die Uebrigen, ſo wurde ſein Anzug von dem Haͤuptling in Anſpruch genommen und unter den Schaͤtzen ſeines Wigwams aufbewahrt. Der Landſtreicher fiel denſelben ebenfalls zu, durfte aber ſein Koſtuͤm, das ſelbſt Jenen zu ſchlecht war, be⸗ halten. Capitain Skeering, der ſich ſchon einmal in aͤhn⸗ licher Lage befunden hatte, machte gute Miene zum ſchlechten Spiele, er arbeitete wie fuͤr ſeinen eignen Nutzen und bewahrte bei allen Anlaͤſſen den vollkom⸗ menſten Gleichmuth, nur daß er ſich hartnaͤckig wei⸗ gerte, an Sonntagen zu arbeiten. Dies brachte ihn anfaͤnglich in Ungelegenheiten, bis er die Sache da⸗ durch ausglich, daß er ſich Sonnabends doppelt an⸗ ſtrengte. Langley erregte durch ſeine Unwiſſenheit in allen haͤuslichen Geſchaͤften die Verachtung der Squaws; er verſtand zwar etwas vom Fiſchen und Jagen, aber die Indianer wollten ihm weder Waffen anvertrauen 191 noch ihn in einem Canoe hinaus laſſen. Aus dem Gentleman konnten die Wilden nichts machen. Er ſchwor, daß er ſich und ſeine Ahnen nicht durch Arbeit ſchaͤnden wolle, widerſtand allen Zwangsmitteln und ging endlich einen Vertrag ein, in Folge deſſen er ſeine Wuͤrde unter der Bedingung bewahrte, daß er die kleinen Kinder mit Rohrpfeifchen verſah. So verging die Zeit in hoffnungsloſer Gefangen⸗ ſchaft, bis die Indianer einmal in Verbindung mit einem befreundeten Stamme auf der gegenuͤberliegen⸗ den Kuͤſte von Long⸗Island einen großen Jagdzug anſtellten. Wie es bei ſolchen Anlaͤſſen gewoͤhnlich iſt, zogen alle Maͤnner, mit Ausnahme der Alten und Gebrech⸗ lichen dazu mit aus und nahmen ihre Canoes mit bis auf ein einziges, das fuͤr den Fall reſervirt wurde, daß es noͤthig ſein wuͤrde, ſich mit der Jagdgeſellſchaft in Verbindung zu ſetzen. Die Gefangenen blieben da, denn die Entfer⸗ nung der Inſel von allen uͤbrigen Landpunkten machte ihre Flucht durch Schwimmen faſt unmoͤglich, und das einzige Boot, ein Rinden⸗Canoe, gewaͤhrte ihnen kein Mittel zur Flucht. Am Morgen nach dem Auszuge der Wilden ver⸗ mißte man nicht nur den vagabondirenden Gentleman, ſondern auch die Kleider Langley Tyringhams, welche dem Haͤuptling der kleinen Inſel zugefallen waren und das Canoe. Statt dieſer Dinge fand man die 19²2 Leiche eines alten Indianers, der den Wigwam des Haͤuptlings bewacht hatte und offenbar gewaltſam um⸗ gekommen war. Es iſt ſchon fruͤher geſagt worden, daß dieſes Subjekt, welches die letzte Stufe menſchlicher Schlech⸗ tigkeit erreicht hatte, aus der Kajuͤte des Schooners kam, als derſelbe ſich, nachdem er von dem Wind⸗ ſtoße getroffen worden war, vornuͤberlegte. Er hatte die darauf folgende Verwirrung benutzt, um Langley's Koffer, an dem ſorglos der Schluͤſſel gelaſſen worden war, einer gutgefuͤllten Boͤrſe und eines Taſchenbuchs, welches ſeine Empfehlungsbriefe, ſo wie die foͤrmliche Zuſtimmung des alten Cavaliers zu ſeiner Heirath mit Miriam Habingdon enthielt, zu berauben. Er verbarg dieſe Dinge unter ſeinen Lumpen und hatte ſie behalten duͤrfen, da ſie, wie vorerwaͤhnt, ſo werth⸗ los und ſchmutzig ausſahen, daß ſie die Habgier der Wilden nicht erregten. Da er dem Haͤuptling aus⸗ ſchließlich angehoͤrte, wohnte er gemeinſchaftlich mit deſſen Vater, einem gebrechlichen, alten indianiſchen Krieger in ſeinem Wigwam und benutzte die Nacht, waͤhrend derſelbe feſt ſchlief, um ihn mit einer Stein⸗ axt, die er im Wigwam gefunden hatte, zu toͤdten. Nachdem dies geſchehen war, warf er gemaͤchlich ſeine Lumpen ab, legte die fruͤher Langley Tyringham gehoͤrigen Kleider an und eilte nach dem Canoe, wel⸗ ches er vom Strande abſtieß und ſo ſchnell als moͤg⸗ lich hinwegruderte. Der Wind wehte von der Inſel ab, 1⁰93 die Gewaͤſſer waren vollkommen glatt und er ruderte ohne Gefahr und Schwierigkeit dem Feſtlande zu, bis er aus dem Bereich der Inſel kam und unter den Einfluß der Wellen des atlantiſchen Meeres gelangte, welches ſeine Lage aͤußerſt gefaͤhrlich machte. Da er nur geringe Erfahrung in der Behand⸗ lung von Booten beſaß, wurde er umhergeſchleudert, ohne ſich helfen zu koͤnnen, gerieth in Schrecken und Verwirrung und endlich ſchlug, lange ehe er das Feſt⸗ land erreichen konnte, ſein Canoe um und ging unter. Der Leſer weiß, wie ſeine Leiche gefunden wurde und welche Schluͤſſe man aus dem Namen in ſeinem Hute und dem theilweiſe noch in gutem Stande be⸗ findlichen Inhalte ſeines Taſchenbuches zog. Die Leiche war zu lange im Waſſer geblieben, um wieder erkannt oder beſchrieben zu werden, und Langley Tyringhams Eltern erhielten Nachrichten, die ſie mit Kummer und Trauer erfuͤllten. Die Tochter des Puritaners. II. 13 Siebzehntes Kapitel. Fortſetzung des Ruͤckblicks. 8 Die Flucht des gentlemaͤnniſchen Vagabonden und die Ermordung des Vaters des Haͤuptlings verſetzte Langley und deſſen Gefaͤhrten, wie ſie wohl wußten, in die kritiſchſte Lage. Es ließ ſich nicht bezweifeln, daß bei der Ruͤckkehr der Indianer wenigſtens Einer von ihnen den Manen des ermordeten Indianers zum Opfer ge⸗ bracht werden wuͤrde und ſie ſannen daher auf Mittel zur Flucht. Es bot ſich jedoch kein einziges dar, die Boote des Schooners waren vom Verdeck hinweggeriſ⸗ ſen worden und Niemand wußte, wo ſie ſich befanden. Das einzige auf der Inſel gebliebene Conoe war ver⸗ ſchwunden und das Schwimmen nach dem Feſtlande oder nach Long⸗Island unmoͤglich. So blieben ſie hilf⸗ und hoffnungslos bis zur An⸗ kunft der Jaͤger. Der Zorn des Haͤuptlings, als er den Mord ſeines Vaters erfuhr, war furchtbar, und Dieje⸗ nigen, welche mit dem Wiedervergeltungsrechte der Wil⸗ den bekannt ſind, wiſſen, daß die Unſchuldigen, welche ſich in ihrer Macht befinden, ſtets fuͤr die Schuldigen, welche entflohen ſind, hingeopfert werden. Die Wilden hielten einen Rath und es war ein Gluͤck fuͤr die Ge⸗ 195 fangenen, daß Jene keine Luſt hatten, ſich ſo vieler Ar⸗ beiter zu berauben, ſonſt wuͤrden ſie Alle zum Brand⸗ pfahle verurtheilt worden ſein. Es wurde einſtimmig beſchloſſen, daß Einer von den Weißen geopfert werden ſollte, um den Geiſt des gemordeten Indianers zu ver⸗ ſoͤhnen. Der Wunſch nach Rache wurde einigermaßen durch die Liebe zur Bequemlichkeit unterdruͤckt und die Wahl eines Opfers fiel auf Langley, deſſen Arbeit nicht ſo werthvoll war, wie die ſeiner kraͤftigen Gefaͤhrten. Die Ausuͤbung der Rache der Wilden iſt eben ſo ſchnell als furchtbar, und die erſte Nachricht, welche un⸗ ſer Held von ſeinem Schickſale erhielt, war das Eintre⸗ ten dreier Wilden, die ihn vom Kopf bis zum Fuße ſchwarz anmalten. Seine Erfahrung in indianiſchen Sitten und Gebraͤuchen hatte ihn die Bedeutung dieſer Ceremonie nur zu gut gelehrt und er wurde von der furchtbaren Ueberzeugung ergriffen, daß er zu einem lang⸗ ſamen, durch alle Kuͤnſte wilder Grauſamkeit erſchwer⸗ ten Tode beſtimmt ſei. Es war ein Mann von Muth und Feſtigkeit, aber die Ueberzeugung entmannte ihn faſt und auch eine Zeit lang litt er die furchtbarſte Seelen⸗ pein. Bisher hatte er in Hoffnung gelebt, hier hoͤrten aber alle ſeine Hoffnungen auf. Er ſollte Miriam nie wiederſehen, das Haus ſeines Vaters von nun an ver⸗ oͤdet ſein und er ſelbſt unter unnennbaren Schmerzen ſterben. Sobald der erſte Schlag voruͤber war, bot er je⸗ 13* 4 196 doch allen ſeinen Muth auf und ruͤſtete ſich, ſeinem Schickſale maͤnnlich entgegenzutreten. Er blieb bis zum folgenden Tage unter ſtrenger Bewachung und als Alles in Bereitſchaft war, verſam⸗ melte ſich der ganze Stamm, Maͤnner, Weiber und Kinder, in einem kleinen Thale, das auf die See hinaus⸗ ging, um den großen Gerechtigkeitsakt, denn als ſolcher erſchien es ihnen ſicherlich, mit anzuſehen. Wie faſt ſtets bei ſolchen Anlaͤſſen, waren die Leidenſchaften Aller, be⸗ ſonders der Frauen und Kinder auf den hoͤchſten Grad wilder Wuth getrieben worden, und als der Gefangene herausgebracht und mit einem Seile von genuͤgender Laͤnge, um im Bereich der Flammen im Kreiſe umher⸗ laufen zu koͤnnen, an den Pfahl gebunden wurde, em⸗ pfing ihn ein Triumphgeſchrei, das dem Jubel einer Schaar von Daͤmonen glich. Die Weiber und Kinder uͤberhaͤuften ihn mit allen moͤglichen Schmaͤhungen, um ihn zum Zorn oder zur Klage zu reizen. Langley hatte ſich aber waͤhrend der vorhergehenden Nacht auf die Schrecken ſeines Schickſals vorbereitet. Er beſchloß dieſen Barbaren keine Urſache zum Triumph uͤber den Weißen zu geben und war im Stande, ſeinen Entſchluß zu halten. Capitain Skeering, der ſich fuͤr ihn auf's Aeu⸗ ßerſte angeſtrengt hatte, kam jetzt, als der Scheiterhau⸗ fen angezuͤndet werden ſollte, zu ihm und ſagte, waͤh⸗ rend Thraͤnen uͤber ſein wettergebraͤuntes Geſicht herab⸗ traͤufelten: 197 „Maſter Tyringham, ich will fuͤr Euch beten, das iſt Alles, was ich thun kann!“ ſank auf ſeine Kniee und erfuͤllte ſein Verſprechen mit frommer Inbrunſt. Das Feuer wurde jetzt angezuͤndet, der Rauch be⸗ gann langſam aufzuſteigen und das Opfer ſtand mit auf den Ruͤcken gebundenen Haͤnden todtenſtill und mit gen Himmel gerichteten Augen da, als ein Kanonenſchuß erdroͤhnte und im folgenden Augenblicke ein Schiff, das um eine Landſpitze gebogen war, die Segel einzog und in etwa einer halben Stunde Entfernung der Bucht ge⸗ genuͤber vor Anker ging. Dieſer Anblick verſetzte die Wilden in bedeutende Bewegung, ſie bewieſen dem Scheiterhaufen keine Auf⸗ merkſamkeit mehr und das noch nicht uͤberall angezuͤndet geweſene Feuer ging von ſelbſt aus. Kurz darauf wurde ein Boot von dem Schiffe herabgelaſſen, eine Anzahl von Menſchen ſtiegen in daſſelbe und es wurde mit einer am Hintertheile wehenden weißen Flagge ſchnell dem Ufer zugerudert. Auf dieſes uͤberall von civiliſirten Menſchen wie Wilden verſtandene Zeichen ging der Haͤuptling mit al⸗ len ſeinen Leuten an den Strand hinab und den Frem⸗ den entgegen, die ſich als Hollaͤnder aus der guten Stadt Manhattan erwieſen, welche nach dem Gebrauche jener Zeit auf einer Handelsreiſe begriffen waren. Der Verkehr wurde ſchnell eroͤffnet und als der. Capitain im Laufe des Handels vernahm, daß fuͤnf bis ſechs chriſtliche Gefangene auf der Inſel ſeien, begann 198 der ehrliche, gutmuͤthige tabakrauchende Schiffer eine Negociation zu ihrer Ausloͤſung, wobei er keine große Schwierigkeit fand, außer inſofern es unſern Helden be⸗ traf. Eine Flaſche mit echtem Genever beſeitigte aber alle Hinderniſſe, Langley wurde losgebunden und war wohl dem Feuer nie ſo nahe geweſen, ohne ſich zu ver⸗ ſengen. Nach Beendigung der Handelsreiſe wurden die befreiten Gefangenen nach Manhattan gebracht, wo man ſie gut aufnahm und gaſtlich bewirthete. Capitain Skee⸗ ring und ſeine Mannſchaft fanden bald Gelegenheit zur Heimkehr und wir muͤſſen zu ſeiner Ehre bemerken, daß er, ſo lange der hollaͤndiſche Schiffer lebte, nie ermangelte ihm jaͤhrlich einen Centner vortrefflicher Stockfiſche zu ſchicken und Langley bewies ſeine Dankbarkeit dadurch, daß er ſeinen Wohlthaͤter ſtets reichlich mit ausgezeich⸗ netem virginiſchem Canaſter verſorgte, bis der Tod ſeine Pfeife zerbrach und auf ewig ausloͤſchte. Mynheer Tirhoven, denn dies war ſein Name, pflegte zu behaupten, daß er nie mit groͤßerem Vergnuͤ⸗ gen Tabak geraucht habe als jetzt, da es ihn ſtets an eine gute Handlung erinnere, welche, mit dem Wohlge⸗ ruch des Tabaks vermiſcht, aͤußerſt angenehm fuͤr die Naſe ſei.. Langley kaͤmpfte heftig mit ſich, was er wohl thun ſolle. Sein Herz ſehnte ſich nach Oſten, wo ſein Mor⸗⸗ genſtern erglaͤnzte, aber außer einem ſtarken Pflichtge⸗ fuͤhl, welches ihn nach Suͤden zog, um zu erfahren, wie 199 es ſeinen Eltern ergehe, die, wie er glaubte, ihn fuͤr lange ſchon von den Fiſchen verzehet halten mußten, ſah er ſich genoͤthigt, dem großen Geſetze der Nothwendigkeit, wel⸗ ches alles Andere beſiegt, zu folgen. Durch den Schiff⸗ bruch war er um ſein ganzes Geld, mit Ausnahme eini⸗ ger kleiner in ſeiner Taſche befindlicher Muͤnzen, gekom⸗ men und die letztern von den Wilden angeeignet, durch⸗ bohrt und als Zierrathen in ihre Naſen gehangen worden. Er entſchloß ſich endlich nach Suͤden zu ziehen, zu ſehen, wie es daheim gehe, ſeinen Beutel wieder zu fuͤllen und ſodann, von den durch Capitain Skeering erhaltenen Nach⸗ weiſungen geleitet, ſeine Reiſe von Neuem anzutreten. Nachdem er die Sache auf dieſe Weiſe abgemacht, wartete er eifrig auf eine Gelegenheit zur Heimkehr, die nur zur See ſtattfinden konnte. Gluͤcklicher Weiſe bot ſich bald eine ſolche und er trat ſeine Reiſe an. Achtzehntes Kapitel. Schluß des Rüͤckblicks. Es war ein heiterer Abend im Fruͤhling jener ſuͤd⸗ lichen Gegend und der alte Cavalier ſaß in ſeinem Lehn⸗ ſtuhle unter dem nach dem Fluſſe zugehenden Vorhauſe und athmete das balſamiſche Luͤftchen ein, welches die Oberflaͤche des traͤgen Waſſers kraͤuſelte, ohne daran je⸗ doch Genuß zu finden. Diejenigen, welche ihn fruͤher gekannt hatten, wuͤrden ihn jetzt kaum wieder erkannt haben. Krankheit und Kummer ſind ſchlimme Gefaͤhr⸗ ten fuͤr das Alter. Er hatte den Tod ſeines Sohnes vernommen und war bald darauf von einem heftigen Gichtanfalle ergriffen worden, der auf ſeinen Wanderun⸗ gen die edeln Organe bedroht hatte. Obgleich theilweiſe geneſen, war er doch immer noch ſchwachen Koͤrpers und bekuͤmmerten Herzens. Auch die Reue fuͤgte hierzu ihren Skorpionenſtachel, denn er mußte ſich vorwerfen, daß er durch ſeine grundloſe Antipathie gegen die Toch⸗ ter des Puritaners wenigſtens zu dem Tode ſeines Soh⸗ nes beigetragen hatte. 4 Gregor Motte, der jetzt an ſeinem alten Herrn zu ſehr Theil nahm, um noch mit ſeinen Schwaͤchen zu ſpielen, ſtand neben ihm. Nach einer langen Pauſe 201 tiefen Nachdenkens ſagte der Capitain mit ſchwacher, zit⸗ ternder Stimme: „Gregor, weißt Du, was fuͤr ein Tag dies iſt?“ „Der zehnte Mai,“ antwortete Gregor. „Ja, das weiß ich, aber weißt Du, wer an dieſem Tage geboren iſt?“ „Maſter Langley, Sir!“ ſagte Gregor zaudernd. „Ja, Du haſt Recht, Gregor; wir pflegten dieſen Tag luſtig zu feiern. Einſt war es ein Tag der Freude, jetzt aber iſt es ein Tag des Kummers; jetzt iſt er nur der Geburtstag eines Todten und ſollte nicht mit luſti⸗ gem Gelaͤute, ſondern mit Trauerklaͤngen gefeiert werden, wie ſie verkuͤnden, daß wieder Einer in die ewige Hei⸗ math eingegangen iſt.“ Er hielt eine Weile inne und fuhr dann ploͤtz⸗ lich fort: „Vielleicht iſt er aber doch nicht todt. Es iſt nicht ſicher, daß er todt iſt. Vielleicht lebt er noch, denn was wir jetzt wiſſen, haben wir nur durch das Geruͤcht er⸗ fahren und ich kann mich mitunter des Gedankens nicht enthalten, daß ich ihn noch ſehen und ſegnen werde, ehe ich ſterbe.“ Gregor hegte keine ſolche Hoffnung, aber er konnte es nicht uͤber ſein Herz bringen, den letzten Funken der Hoffnung in der Bruſt ſeines Herrn zu verloͤſchen. „Es gibt im Leben nichts Gewiſſeres, Sir, als den Tod, und nichts Ungewiſſeres als das Geruͤcht. Was wir gehoͤrt haben, iſt von Leuten und von Orten gekom⸗ 202 men, die kein Menſch kennt. Das Schiff iſt unterge⸗ gangen, ſo viel iſt gewiß, aber nicht gewiß iſt es, daß alle an Bord Befindlichen mit untergegangen ſind. Er war ein guter Schwimmer und iſt vielleicht an das Ufer gelangt und von den Wilden an der Kuͤſte gefan⸗ gen worden. In dieſem Falle waͤre es nicht zu ver⸗ wundern, daß Ihr nie von ihm gehoͤrt habt. Wer weiß, ob er nicht noch lebt und einmal zuruͤckkehrt.“ Dieſe Vermuthung ſchien den alten Cavalier neu zu beleben und er rief eifrig: „Wahr, Gregor, ſehr wahr! Weshalb habe ich nicht eher daran gedacht; ich will ihn aufſuchen laſſen, ich will ein Schiff miethen und ſelbſt gehen, ich will das Land in der Naͤhe und Ferne durchforſchen. Ich— ich—“ und er ſank erſchoͤpft und keuchend in ſeinen Stuhl zuruͤck. In dieſem Augenblicke ſah Gregor ein von zwei Negern gerudertes Boot, worin ſich noch eine dritte Per⸗ ſon befand, uͤber den Fluß kommen, das Boot naͤherte ſich dem Ufer, gerade dem Hauſe gegenuͤber, und als es das Land beruͤhrte, ſprang der im Hintertheil befindliche Mann hinaus und eilte ſchnell dem Gebaͤude zu. Es war noch immer hell und Gregor erkannte augenblicklich den Herankommenden. Er begann faſt unverſtaͤndlich zu murmeln: „Herr— Herr— er kommt— er— er iſt da — Maſter Langley iſt—«— „Wer, ſagteſt Du?« fragte der Cavalier ſchwach. 203 „Wer iſt gekommen?— haſt Du nicht etwas von Langley geſagt?— Sprich, Schlingel, wer kommt, oder wer iſt gekommen?“ „Ich bin es, Vater!“ rief Langley, indem er deſſen zitternde Hand erfaßte;„Dein Sohn iſt gekommen, um ſich von Dir ſegnen zu laſſen.“ Der alte Cavalier erkannte die Stimme ſeines Sohnes und breitete ſeine Arme aus, um ihn zu um⸗ fangen. Er konnte ihn nicht ſegnen, denn die Stimme verſagte ihm, aber er druͤckte ihn in ſeine Arme und vergoß Freudenthraͤnen, ſo alt er auch war. Das Wie⸗ derſehen ſeiner Mutter brauche ich nicht zu beſchreiben, es war, als ob die Mutter eines der alten Patriarchen den Sohn ihres Herzens bewillkommnete, der todt ge⸗ weſen, aber wieder in's Leben zuruͤckgekehrt war. Jetzt war wieder Alles unter dem Dache des alten Cavaliers von Leben und Freude erfuͤllt und dieſer wurde von Neuem krittelig und Gregor logiſch. Kurz, ſie wa⸗ ren wenigſtens viermal ſo gluͤcklich als ſie es geweſen ſein wuͤrden, wenn ſie nie ungluͤcklich geweſen waͤren. Das Licht, welches der alte Cavalier bei der Ruͤck⸗ kehr ſeines verlorenen Kindes ausſtrahlte, glich aber dem letzten Scheine der Sonne, wenn ſie hinter den Huͤgeln hinabſinkt. Sein alter Feind, die Gicht, machte einen zweiten Einfall und nahm von der Citadelle des Lebens Beſitz. Der alte Cavalier langte in dem großen Gaſt⸗ hofe an, wo alle Reiſenden auf Erden fruͤher oder ſpaͤ⸗ 204 ter ihr letztes Nachtquartier aufſchlagen. Dort moͤge er in Frieden ruhen und Keiner ſeine Aſche ſtoͤren! Nachdem Langley's Schmerz ſich ein wenig gelegt hatte, kuͤndigte er ſeiner Mutter die Abſicht an, noch einen Verſuch zu machen, um zu Miriam Habingdon zu gelangen. Die vortreffliche Frau, welche die ſeltſame Gewohnheit beſaß, das wichtige Weſen des Selbſt zu vergeſſen, fuͤgte ſich ſogleich darein, er beauftragte Gregor, der bei dieſer Gelegenheit ſchmaͤhlich gegen die Stutzoh⸗ ren loszog, die Angelegenheiten des Gutes zu beſorgen und begab ſich wie gewoͤhnlich zur See auf ſeine Wall⸗ fahrt. Nachdem er ſicher in Boſton angekommen war, verlor er keine Zeit, um ſeine Reiſe fortzuſetzen, und langte ohne weiteren Zufall gerade zur rechten Zeit bei Miriam an, um ſie in einer aͤhnlichen Lage zu finden, wie die geweſen war, aus welcher ihn die Menſchenfreund⸗ lichkeit des Capitain Tirhoven befreit hatte. 4 Ueunzehntes Kapitel. Arme Miriam Habingdon!— Alle menſchlichen Mittel ſind fruchtlos.— Die letzte Zuſammenkunft. Langley hatte die Geſchichte, welche wir abgekuͤrzt mitgetheilt haben, kaum beendigt, als der Kerkermeiſter herein kam und ihn benachrichtigte, daß es Zeit zur Entfernung ſei. Er brachte die lange Nacht ſchlaflos zu und ſann auf Mittel, um Diejenige, welche er end⸗ lich gefunden, um ſie wieder auf ewig zu verlieren, zu befreien. Endlich fiel ihm ein, die alte Catalina aufzuſuchen, um vielleicht durch ſie Mittel zur Rettung Miriams ausfindig zu erlangen. Sobald der Morgen graute, begab er ſich nach dem Gefaͤngniſſe und wurde zu der Alten gelaſſen. Sie murmelte etwas in einem ſonderbaren Kauderwaͤlſch vor ſich hin, wovon Langley nur wenig verſtehen konnte, außer daß ſie mit Tobias Harpsfield hoͤchſt unzufrieden ſei. Endlich gelang es ihm, ausfindig zu machen, daß das arme alte Geſchoͤpf auf irgend eine Art von Tobigs benutzt und betrogen worden ſei. Mit unermuͤdlicher Geduld fragte er und horchte, bis er Schritt fuͤr Schritt zum vollen Ver⸗ ſtaͤndniſſe der ſchaͤndlichen Verſchwoͤrung gegen Miriam 206 gelangte. Er uͤberredete ſie, als das beſte Mittel, um dem ſie ſicher erwartenden Schickſale zu entgehen, vor den Richtern ein ausfuͤhrliches Geſtaͤndniß abzulegen, und Langley begab ſich mit erleichtertem Herzen augen⸗ blicklich nach dem Gerichtshofe, wo die Richter jetzt faſt beſtaͤndig Sitzung hielten und neue Hexengeſchichten an⸗ hoͤrten, die ſo an Zahl und Ahgeſchmacktheit zugenom⸗ men hatten, daß ſie uͤber die neuen und furchtbaren Verantwortlichkeiten, die ihnen dadurch auferlegt wur⸗ den, erſchreckt zu werden begannen. Es ſchien, als ob die ganze Gemeinde behext wäre. Auf Langley's Vorſtellungen willigten ſie ein, Catalina noch einmal zu verhoͤren, und nahmen, als ſie herbeigebracht wurde, ihr Bekenntniß mit großer Gra⸗ vitaͤt auf. Es erfolgte eine Verſammlung, worin der Paſtor, der bei dieſen Verſammlungen als eine Art von geiſtlichem Rathe zugegen war, den Vorſitz fuͤhrte. Er gab es als ſeine entſchiedene Meinung zu erkennen, daß dieſes Geſtaͤndniß der alten Catalina nichts als einer von den ſchlauen Plaͤnen des Teufels ſei, womit dieſer eine Lieblingsanbeterin der verdienten Strafe zu entrei⸗ ßen hoffe, und das Zeugniß, welches hinreichend ge⸗ weſen war, um die arme Miriam zu verurtheilen, wurde fuͤr ungenuͤgend zu ihrer Rechtfertigung erkannt, die alte Katze aber wieder in das Gefaͤngniß zuruͤckge⸗ fuͤhrt, wobei ſie Verwuͤnſchungen gegen die ganze Welt und beſonders gegen Tobias Harpsfield ausſtieß. Jetzt erſt kam Langley zur vollen Erkenntniß der 207 verzweifelten Lage Miriams, und fuͤhlte, wie die bleierne Laſt der Verzweiflung die Kraͤfte ſeines Koͤrpers wie ſeines Geiſtes zu laͤhmen begann.— „Ach!“ dachte er,„es iſt keine Hoffnung fuͤr die Unſchuld mehr vorhanden, wenn ſich die Religion mit dem Geſetze zu ihrem Untergange verbindet, keine Hoff⸗ nung, keine Zuflucht!— doch halt!“« Ein ploͤtzlicher Gedanke draͤngte ſich ihm auf, er ſtuͤrzte aus dem Ge⸗ richtshofe und eilte nach dem Hauſe, wo er ſeine Woh⸗ nung aufgeſchlagen hatte. Dort lud er ſorgfaͤltig ſeine Piſtolen, ſteckte ſie in die Taſche und begab ſich nach Tobias Harpsfields Hauſe, an deſſen Thuͤr er heftig klopfte. Eine Magd kam heraus und benachrichtigte ihn, daß Tobias nicht zu Hauſe ſei. „Die letzte Stuͤtze iſt gebrochen! Nun, es mag ſo ſein, dann wollen wir wenigſtens zuſammen ſterben!“ murmelte Langley, als er ſeiner Wohnung zuſchwankte. Von Tobias Harpsfields Schuld uͤberzeugt und eben ſo gewiß, daß nur ein niedertraͤchtiger Feigling ein ſolches Complott gegen ein armes, ſchutzloſes Maͤdchen ausgeheckt haben koͤnne, hatte er ſich entſchloſſen ge⸗ habt, ihn durch Furcht zu einem Geſtaͤndniſſe zu zwingen, welchem er bei den Richtern groͤßeres Gewicht zutraute als dem der Alten. Aber er war nicht zu fin⸗ den, und jetzt konnte nur ein ⸗Wunder ſeine Geliebte retten. 3 b3 Der Tag war uͤber dieſen nutzloſen Anſtrengungen 208 vergangen und der Abend eingebrochen, ehe er Miriam zum letzten Male beſuchen konnte. Sie hatte ſich uͤber feine Abweſenheit nicht gewundert, da ſie uͤberzeugt war, daß er ſich zu ihrem Beſten anſtrengte. Als er erſchien, ſank ſie ſanft in ſeine ausgebreiteten Arme, blickte in ſein Geſicht und ſagte leiſe: „Morgen wird ein anderer Braͤutigam kommen, und ich muß mit ihm gehen. Bis dahin, Langley, bin ich gaͤnzlich die Deine.“ „Miriam,“ erwiderte er, ſie feſt an ſeine Bruſt druͤckend,„glaubſt Du, daß uns je der Tod trennen wird?“ „Nur auf kurze Zeit, hoffe ich, nicht fuͤr immer.“ „Auf keinen Augenblick, wir trennen uns nicht wieder.“ „Ich verſtehe Dich, Langley,“ ſagte Miriam, in⸗ dem ſie ſich ſanft ſeinen Armen entzog.„Setze Dich neben mich und laß uns zuſammen ſprechen. Deine Mutter lebt noch, nicht wahr?“ Langley bejahte es und ſie fuhr fort: „Ich weiß recht gut, daß Du das beſitzeſt, was die Menſchen Muth nennen, ſonſt wuͤrdeſt Du nie der Auserwaͤhlte meines Herzens geworden ſein. Du haſt den Muth zu ſterben, aber ich fordere von Dir den Muth zu leben. Wenn Dein Tod mein Leben retten koͤnnte, ſo wuͤrdeſt Du vielleicht ein Motiv zu dieſem Opfer haben; wenn Du aber mit mir ſterben oder mir im Tode folgen wollteſt, ſo wuͤrdeſt Du Dich nur auf V 209 dem Altare der Feigheit opfern. Liebſt Du mich wirk⸗ lich, ſo mußt Du mir gehorchen und leben.“ „Weshalb ſoll ich leben?“ fragte er duͤſter. „Lebe zur Ausuͤbung der hohen und edlen Pflich⸗ ten, fuͤr die der Menſch auf die Welt geſendet und mit Eigenſchaften be abt worden iſt, die ihn in den Stand ſetzen, die Wohlfahrt ſeiner Mitgeſchoͤpfe zu befördern. Lebe fuͤr Dein Vaterland, das Deine Dienſte fordert und Deine Hingebung verdient— lebe fuͤr Deine ver⸗ witwete Mutter, die jetzt in dem Thale der Thraͤnen durch Deinen Tod ihres einzigen Stabes und ihrer ein⸗ zigen Stuͤtze auf der Welt beraubt werden wuͤrde. Lebe fuͤr mich, Langley, denn wenn Du todt biſt, wird Niemand mehr vorhanden ſein, der ſich meiner er⸗ innerte. Du wirſt einem Denkmale fuͤr mich gleichen, denn ſo lange Du lebſt, weiß ich, daß ich nicht vergeſ⸗ ſen ſein werde. Denke aber auch an Deine Mutter. Die Bande, welche Mutter und Kind verknuͤpfen, ſind heiliger als die der Liebe. Lebe alſo und erweiſe Dich als meiner wuͤrdig.“ „Ich bin froh, daß Du nicht wuͤnſcheſt, daß ich Dich vergeſſe,“ ſagte Langley etwas vorwurfsvoll. „Nein— nein— nein— nie! Ich wuͤnſche, daß Du Dich in dieſem Leben und wo moͤglich auch im zukuͤnftigen meiner ſtets erinnern moͤgeſt als eines Maͤdchens, das Dich mit aller Tiefe und Reinheit der erſten und einzigen Frauenliebe geliebt hat, als Einer, an die Du Dich, wenn die Zeit die rauhen Furchen des Die Tochter des Puritaners. II. 14 210 Kummers geglaͤttet haben wird, ohne Vorwurf und Reue erinnern kannſt. Es moͤge Dein Troſt ſein, daß Du mich nie von dem Pfade der Pflicht zu locken ge⸗ ſucht— nie Deine ſelbſtſuͤchtigen Wuͤnſche gegen meine ſchmerzliche Selbſtverleugnung aufgeſtellt und meinem Herzen willlentlich nie einen Schmerz zugefuͤgt haſt. Es wird alſo ſicherlich eine Zeit kommen, wo Du Dich der armen Miriam vielleicht mit Kummer erinnerſt, aber mit einem ſanften Kummer, der Dein Herz er⸗ weicht, aber nicht verzehrt und von aller Bitterkeit des Selbſtvorwurfes frei iſſ. O, wenn es mir ge⸗ ſtattet ſein wird, herabzublicken und Dich ſo zu ſehen, ſo wird ſich meine Seligkeit in den hoͤheren Regionen vermehren.“ AEI Miriam! Miriam!“ rief Langley, viſt dies die Art, womit Du mich mit Deinem Verluſte ausſoͤhnen moͤchteſt? Denkſt Du, daß ich Dich einen Tod der Schmach ſterben ſehen kann,— denn ein ſolcher wird es in den Augen aller Zuſchauer außer den meinen ſein?— Denkſt Du, daß ich Dich als unſchuldiges Opfer eines blinden, blutigen Aberglaubens leiden ſehen kann? Es iſt unmoͤglich, der Menſch kann es nicht ertragen. Ich wuͤrde wahnſinnig werden und gegen die ganze Menſchheit erbittert. Ich habe jedes Mittel verſucht, um Dein Schickſal abzuwenden, und will mit Dir ſterben!“ Beh „Du biſt alſo ein Feigling, Langley; das haͤtte ich nicht geglaubt. Du willſt meinen letzten Wunſch 4 nicht erfuͤllen und gibſt doch vor, mich zu lieben. Du willſt die Schmerzen des Todes durch die letzte und bit⸗ terſte Qual erhöhen. Grauſamer Langley, das haͤtte ich von Dir nicht erwartet!“ Und jetzt weinte und ſeufzte ſie zum erſten Male laut. Langley konnte dies nicht ertragen und antwortete: „Beruhige Dich, Innigſtgeliebte! ich verſpreche Dir, meine Laſt zu ertragen, bis ſie mich erdruͤckt.“ Sie dankte ihm innig, und eine Zeit lang ver⸗ harrten Beide, in tiefe Gedanken verſunken, in Schwei⸗ gen. Endlich ſtand Langley ploͤtzlich auf und unter⸗ ſuchte das Fenſter ſo wie jeden Theil des Zimmers auf das Sorgfaltigſte. „Es iſt unmoͤglich, auf alle Faͤlle iſt es jetzt zu ſpaͤt!“ ſagte er und nahm ſeinen Sitz wieder ein. „Ich dachte,“ ſagte Miriam faſt heiter,„wie wenig Raum ich auf dieſer Welt einnehme und wie Wenige mich vermiſſen werden, wenn ich fort bin. Ich bin die Letzte eines Geſchlechts, das, wenn ich un⸗ ſerer Familien⸗Chronik Glauben ſchenken darf, acht⸗ hundert Jahre lang auf einer und derſelben Stelle exi⸗ ſtirt hat; ich werde hier in dieſem einſamen Winkel der Erde umkommen, ohne, außer Dir, von irgend Je⸗ mand vermißt zu werden— denn die arme, alte Mil⸗ dred hat mich verlaſſen, ſeit ich eine Hexe geworden bin — und das luͤgneriſche, thoͤrigte Brandmaal auf mei⸗ nem Namen wird bald in Vergeſſenheit begraben ſein. 14* 212 Warum ſollte ich alſo den Tod fuͤrchten? Es wuͤrde mir vielleicht ſchwer werden, wenn er nicht das gemein⸗ ſchaftliche Loos aller Lebenden waͤre. Wir Alle folgen einander auf der gleichen Spur und holen einander bald ein; aber ich hatte etwas vergeſſen. Ich muß Dir eine Bitte vorlegen, Langley, die, daß Du, wenn Du nach Hauſe kommſt, Deine Mutter bitteſt, mich ihre Tochter Miriam zu nennen. Willſt Du das thun?“ „Ja,“ antwortete er mit ſchmerzerſtickter Stimme. Jetzt forderte der Kerkermeiſter Langley zur Ent⸗ fernung auf; es war, als ob die Leichenglocke erſchallte, und Beide ſtanden ſchweigend und unbeweglich da. Endlich ſagte Miriam wie zu ſich ſelbſt: „Es muß ſein, und es muß ertragen werden!“ Hierauf warf ſie ſich ihm noch einmal freiwillig in die Arme und ſagte ihm ihr letztes Lebewohl. „ Nicht das letzte!“ ſprach er mit ſchwankender Stimme;„ich werde in Deinen letzten Augenblicken bei Dir ſein; vielleicht gibt mir Dein Beiſpiel Muth zum Leben.“ „Du kannſt es nicht ertragen, mein theuerſter Langley.“ „Vielleicht wird mir das Herz brechen. Um ſo beſſer! Aber verſuche mir nicht abzureden, denn ſo wahr Gott lebt, werde ich bei Dir ſein.“ its Der Kerkermeiſter wiederholte die Aufforderung, 213 Langley riß ſich von ihr los, um die Nacht uͤber wie ein ſchuldbeladenes Geſpenſt umher zu irrren, und Mi⸗ riam ſank in jenen tiefen Schlaf, welcher die ſegensreiche Zuflucht des von inneren und aͤußeren Kaͤmpfen er⸗ ſchoͤpften Koͤrpers iſt. Bwanzigſtes Kapitel. Die letzten Scenen des Drama's. Die Sonne ging an jenem Morgen hell und glaͤnzend auf, und die balſamiſchen Sommerluͤfte, welche mild die Blumen, Wieſen und fluͤſternden Waͤlder faͤ⸗ chelten, waren rein wie der unſchuldige Geiſt, welcher ſich jetzt zu den Regionen verwandter Seelen auf⸗ ſchwingen ſollte. Langley erſchien jedoch, nachdem er die Nacht ohne Ruhe und Obdach zugebracht hatte, an jenem Morgen wie ein Bild der Troſtloſigkeit vor Mi⸗ riam. Seine vom Regen getränkten Kleider klebten ihm am Koͤrper feſt, und ſeine Geſtalt wie ſein Geſicht zeigten die Verheerungen der Verzweiflung. Er fand ſie, wie ſie ſagte, in ihren Brautgewaͤndern von flecken⸗ loſem Weiß, und ſie erwartete ruhig die Umarmung des Todes. Die Stunde war zu ernſt, um einander Beweiſe der Liebe zu geben, und als ſie ſo da ſaßen und mit in einander verſchlungenen Haͤnden die be⸗ ſtimmte Zeit erwarteten, wurde nur wenig geſprochen. Miriam hatte ihn gebeten, fortzugehen und ſeine naſſen Kleider zu wechſeln, aber er wendete ſich ungeduldig und wie indignirt, daß ſie in einem ſolchen Augenblicke noch — 215 an dergleichen Kleinigkeiten denken koͤnne, ab. Ihrem Herzen wurde eine Thraͤne, die ihr eigenes bevorſtehendes Schickſal ihr nicht entreißen konnte, durch Mitleid fuͤr einen Andern entlockt. Jetzt wurde das Zeichen gegeben. Sie ſtanden auf, umarmten und kuͤßten ſich und nahmen zum letz⸗ ten Male von einander Abſchied. Es bildete ſich ein Zug unter Anfuͤhrung der richterlichen Perſonen und des Pfarrers, in deſſen Mitte Langley und Miriam nach dem Orte hinwandelten, wo das Opfer dem fin⸗ ſtern Daͤmon des Aberglaubens dargebracht werden ſollte. Es hatte ſich eine Menge von Menſchen ein⸗ gefunden, die von dem ſeltſamen Gemiſch von Entſetzen und Neugier herbeigezogen worden war, welches ſo viel Tauſende zuſammenlockt, um Scenen mit anzuſehen, welche ihr Ruhekiſſen noch lange nachher mit furcht⸗ baren Geſpenſtern bevoͤlkern. Die Zuſchauer wurden von verſchiedenartigen Gedanken ergriffen, als ſie Mi⸗ riam in ihrem ſchneeweißen Gewande und faſt mit eben ſo bleichem Geſicht und der ſtillen, ruhigen Miene der Ergebung, welche, wie Manche einander zufluͤſterten, ganz wie die der Unſchuld ausſahen, erblickten. Andere behaupteten, daß ſie eher wie eine verhaͤrtete Suͤnderin ausſehe. Einige betrachteten ſie mit Theilnahme, An⸗ dere mit ſchauderndem Widerwillen, und ein großer Theil mit frommem Entſetzen. Ueber den Fremden, der ihre Hand hielt und in allen Zuͤgen ſeines Geſichts Gefuͤhle ausdruͤckte, die ſie nicht zu beſchreiben vermoch⸗ 216 ten, ſchienen die Meiſten der Anſicht zu ſein, daß er nichts als ihr Spiritus familiaris in Verkleidung eines ſchoͤnen Juͤnglings ſei. In dieſem Zuſtande verharrten die Dinge eine Zeit lang, denn man ſchien nicht gern zu dem letzten Akte ſchreiten zu wollen. Endlich naͤherte ſich ihr der Paſtor und ſchlug ihr vor, mit ihr zu beten. Miriam antwortete: „Du biſt nicht mein Freund geweſen, aber ich will mit Dir und fuͤr Dich beten!“ und ihre Gebete erhoben ſich zuſammen gen Himmel. Als er ſie mit inbruͤnſtiger Froͤmmigkeit den Namen ausſprechen hoͤrte, welchen, der allgemeinen Ueberzeugung gemaͤß, die un⸗ ſeligen Lippen der vom Teufel Beſeſſenen nicht nennen konnten, blickte der wohlmeinende, aber irregeleitete Mann aufmerkſam in ihr Geſicht und ſah dort einen ſolchen Ausdruck von Religioſitaͤt, Unſchuld und Re⸗ ſignation, daß ſeine Ueberzeugung von ihrer Schlech⸗ tigkeit erſchuͤttert wurde. Peinliche Gedanken zogen auf einen Augenblick durch ſeinen Geiſt, aber er ver⸗ ſank bald wieder in ſeine bisherige Anſicht. Miriam ſollte jetzt auf den Karren geſetzt werden, wo dem Gebrauche gemaͤß kein Sarg ſtand, denn jene verabſcheuten Boͤſewichter wurden ohne Saͤrge auf Kreuzwegen begraben, damit ſie die Kirchhoͤfe nicht be⸗ flecken ſollten. Es wurde noͤthig, Miriams und Langley's Hände zu trennen, und als dies geſchah, war es, als ob das 3 5. 217 letzte Band zerſchnitten wuͤrde; ihre letzten Worte, als ſie ihre Hand aus der ſeinen zog, waren: „Langley, nimm Dich der armen, alten Mildred an! Sie hat mich allerdings verlaſſen, aber es war aus Furcht, nicht aus Mangel an Zuneigung fuͤr mich. Nimm ſie mit Dir, wenn Du nach Hauſe zuruͤckkehrſt.“ Langley antwortete nicht; er blieb in ſtummer Verzweiflung und unbeweglich wie eine Bildſaͤule da⸗ ſtehen; ſeine Gefuͤhle waren ſo ſtark, daß er faſt be⸗ wußtlos geworden war. Sein Auge rollte wild, wie das eines Nachtwandlers, und offenbar hatte er von dem, was um ihn vorging, keine genaue Idee. Mi⸗ riams Herz blutete, als ſie ſeinen traurigen Zuſtand be⸗ merkte, aber ſie dachte: „Es iſt am beſten, daß es ſo iſt— fuͤr uns Beide am beſten.“ Der Augenblick war erſchienen, der Sherif knuͤpfte mit zitternden Haͤnden den toͤdtlichen Knoten und erwartete dann das Zeichen von den Richtern. Die Menge ſtand in athemloſem Schweigen und von der zunehmenden Ueberzeugung ihrer Unſchuld be⸗ druͤckt, da, die Richter nahmen Anſtand, das Zeichen zu geben, und der Geiſtliche hoͤrte eine Stimme in ſei⸗ nem Innern fluͤſtern, daß er fuͤr ſeinen Antheil an dem Werke edieſes Tages verantwortlich ſei. In dieſem Augenblicke, wo Miriams Schickſal nur noch an Einem Haar hing, erregte Tobias Harps⸗ field, der, von Daͤmonen gepeitſcht, an jenem Morgen 218 zuruͤckgekehrt war und ſich unter die Menge gemiſcht hatte, die Aufmerkſamkeit der ihn Umgebenden durch die Aufregung, welche er zeigte. In den Banden der Schuld und Furcht liegend, und auf der einen Seite vom Gewiſſen, auf der andern von der Scham geſta⸗ chelt, ſtand er in einem Zuſtande furchtbarer Unent⸗ ſchloſſenheit, keuchend und mit kaltem Schweiß bedeckt, da, und draͤngte ſich bald ploͤtzlich durch die vor ihm Stehenden, bald eben ſo ploͤtzlich wieder zuruͤck. End⸗ lich ſtuͤrzte er mit einer verzweifelten Anſteengung vor⸗ waͤrts und ſchrie laut: „Halt, halt! ſie iſt unſchuldig! Bindet mich, haͤngt mich— denn ich allein bin der Schuldige. Sie iſt keine Hexe! Ich hatte das alte Weib verlockt, das unſchuldige Maͤdchen anzuklagen, und werde daher ihr Moͤrder ſein, wenn ſie umkommt. Gebt mir die Bi⸗ bel und laßt mich die Wahrheit deſſen, was ich ſage, bezeugen, und dann haͤngt mich, denn ich habe in der letzten Zeit zehn Mal Schlimmeres als den Tod er⸗ litten.“ Wenige Worte werden das Frſcheinen und Venahe men Harpsfields erklaͤren. Wie wir im vorigen Kapitel erzählt, hatte er, ſo⸗ bald er fand, daß alle ſeine Anſtrengungen, Miriam aus dem von ihm ſelbſt gewobenen Netze zu befreien, vergeblich ſeien, die Anſiedelung in einem Geiſteszu⸗ ſtande verlaſſen, der fuͤr jeden Andern als einen ſo ge⸗ meinen unmenſchlichen Boͤſewicht Mitleid erweckt haben 219 wuͤrde. Je naͤher die Zeit kam, welche den Tod ſeines Opfers herbeifuͤhren ſollte, deſto ſchwerer und bitterer wurden ſeine Kaͤmpfe. Er kehrte unentſchloſſen nach Hauſe zuruͤck; er begleitete immer noch unentſchloſſen den Zug und blieb bis zum letzten Augenblick unent⸗ ſchloſſen, bis endlich die Reue die Scham beſiegte und er im kritiſchen Augenblicke vorwaͤrts ſtuͤrzte. Die noch zur rechten Zeit eingetretene Reue Harpsfields that der Hinrichtung Einhalt. Die Rich⸗ ter entſchieden, nachdem ſie ſein Bekenntniß in geſetzli⸗ cher Form aufgenommen und ihr Orakel, den Paſtor, zu Rathe gezogen hatten, daß es, als mit der Ausſage der Alten uͤbereinſtimmend, zur Freiſprechung Miriams genuͤgend ſei. Miriam wurde demnach ſchnell freigelaſſen. Sie hatte Harpsfields Erklaͤrung gehoͤrt, und waͤhrend der furchtbaren Pauſe der Ungewißheit mehr gelitten als zu der Zeit, wo ſie noch ganz ohne Hoffnung geweſen war. Auch Langley hatte dieſelbe Stimme aus ſeiner Betäu⸗ bung erweckt und ſein erſter Antrieb war es geweſen, auf Tobias zuzuſtuͤrzen und ihn zu zerreißen. Er wurde aber mit Gewalt durch die Gerichtsdiener zuruͤck⸗ gehalten und eilte, ſobald ihre Freiſprechung erfolgt war, auf den Karren zu, loͤſ'te den Knoten auf, nahm ſie in ſeine Arme und trug ſie nach Hauſe. Hier wurden die erſten Augenblicke der Liebe und die folgenden frommer Dankbarkeit geweiht, und die naͤchſten Stunden verguͤteten faſt diejenigen, welche 220 dieſer rechtzeitigen Rettung vor dem Tode der Schande vorausgegangen waren. Der gegenwaͤrtige Wohnſitz Miriams hatte zu viele ſchmerzliche Erinnerungen, um ihr den Wunſch einzufloͤßen, dort zu bleiben, und ſie gab bereitwillig ihre Zuſtimmung zu erkennen, Langley nach dem ſon⸗ nigen Suͤden zu begleiten und ſich dort mit ihm in Gegenwart einer neuen Mutter zu verbinden. Sie nahm die Mildred mit, die noch lange Zeit ziemlich ſcheu gegen ihre Herrin war, und begab ſich nach einem Abſchiedsbeſuche bei den Graͤbern ihrer Eltern auf ihre dritte und letzte Pilgerreiſe. Die wenigen Jahre, welche vergangen waren, ſeit ſie mit ihren Eltern durch die Wildniß gezogen, hatten einige von den Wundern gewirkt, welche der Fleiß und Unternehmungsgeiſt der Menſchen in der neuen Welt zur Folge haben. Es waren Staͤdte gegruͤndet, Waͤlder gelichtet und Wege gebahnt worden, ſo daß ihre Reiſe nach Boſton weder anſtrengend noch langweilig war. Von dort reiſ'ten ſie zur See nach Virginien ab und gelangten ohne Unfall nach Hauſe, wo Miriam von Mrs. Tyringham mit der Freude einer liebevollen Mutter aufgenommen wurde, und bald darauf dem, welcher ſeit ſo langer Zeit ihr Herz beſaß, auch ihre Hand gab. ann Miriam wurde von einem Geiſtlichen der engli⸗ ſchen Staatskirche getraut, denn es gab zu jener Zeit noch keine andere Gottesverehrungsweiſe in Virginien, ——— ———— 221 und hielt die Geluͤbde, welche ſie nach dieſem Ritus ab⸗, legte, fuͤr eben ſo bindend, als wenn ſie an einem an⸗ deren Altare ausgeſprochen worden waren; ja, als ſie ſpaͤter von ihrem Gatten befragt wurde, ob ſie ihn nach der einzigen Kirche der Nachbarſchaft— einer Episco⸗ palkirche— begleiten wolle, antwortete ſie beſcheiden: „Ich habe nichts dagegen, Gott mit Chriſten in irgend einer chriſtlichen Kirche anzubeten.“ Diejenigen, welche Fanatismus mit Froͤmmigkeit, und das Gift der Sektirerei mit dem heilenden Balſam der Religion verwechſeln, werden ohne Zweifel unſere Heldin der Suͤnde zeihen; aber dasjenige, was den Menſchen milder und duldſamer gegen Andere, einer verſchiedenen Sekte angehoͤrig, oder bereitwilliger macht, mit ihnen Freundesdienſte auszutauſchen, kann nicht unrecht ſein, welchen Namen man ihm auch beile⸗ gen mag. Und dies iſt die Moral unſerer Geſchichte. Der ehrliche Gregor Motte war bei der Ruͤckkehr ſeines Herrn noch am Leben und ſtarb erſt mehrere Jahre ſpaͤter. Er ſang zuweilen ſein Lieblingslied: „ Barnabas, Barnabas, Du haſt gezecht!“ und erſchreckte oft die Muhme Mildred dadurch, daß er mit ſeiner gewohnten Gravitaͤt behauptete, daß, logiſch geſprochen, ihre junge Herrin ihn ſicherlich behext habe, da er alles Moͤgliche fuͤr ſie thun wuͤrde, was ihn nicht in Gefahr braͤchte. Auch Langley klagte ſie in ihren Stunden der Zaͤrtlichkeit, die die Flitterwochen lange 222 uͤberlebten, oftmals an, daß ſie eine offenbare Hexe ſei, da ſie ihn dazu zwinge, Alles, was ſie wolle, zu thun. Die Geſchichte erzaͤhlt nichts davon, daß er ſeine vier Vettern uͤberlebt und dadurch den Titel ſeines Onkels geerbt häͤtte, aber ſo viel iſt gewiß, daß er mit Miriam ein langes, gluͤckliches Leben fuͤhrte und ihre Nachkommenſchaft noch in Virginien lebt. Ende des zweiten und letzten Bandes. In unſerm Verlage ſind ferner erſchienen: Haß und Liebe. Roman vom 4 Onkel Adam. Aus dem Schwediſchen uͤbertragen A. Kretzſchmar. Vier Theile. Preis 2 Thlr. Politiſche Ketzereien Ch. St. D. Haſſenpflug. Preis 7 ½ Ngr. Die proviſoriſche Uegierung und das Pariſer Stadthaus. Gnihiilnngen Charles 3e Tavarenne, Volksrepräſentanten bei der proviſoriſchen Regierung. Zugleich als Fortſetzung des Chenu'ſchen Werkes: „Die Verſchwörer.“ Preis 15 Ngr. 5 Drei Novellen. 69 Von Chriſt. Winther. Eines Weibes Herzensräthſot.„Slaf Borch. Eines Weibes Nache. Aus dem Daͤniſchen uͤbertragen von Leo Silberſtein. Preis 15 Ngr. Die Verlobten des Todes. Vom 4 Vicomte d'Arlincourt. Aus dem Franzoͤſiſchen uͤberſetzt von Ludwig Fort. Preis 15 Ngr. Die drei Röniginnen. V 1 FrSderio Bewanne. Aus dem Franzoͤſiſchen uͤbertragen Ludwig Fort. Zwei Theile. Preis 1 Thlr. Verlags-Comptoir in Grimma& Feipzig. 4 auunnuzxREEEREEEEEEE 8 9 10 11 12 13 14 15 16