ernnhnnannar Qrararararanachrarharhr Ihrhr aar aLArhrErauhr Leihbibli von othek Eduard Ottmann in Gießen. Tͤcglicher Leſepreis für ein deutſches Dch Kr. „„ franz. od. engl., 4 Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 4 1„ „ 36 „ 4 Bücher: 2 Bücher: 2 fl.— Kr. 1 fl. 12 Kr. 4 „„„ — 27„„ 18 „ auananananauhr agananananahanar aarar Araarr acnhnananhnhnhnanhrhnhnhr Die Tochter des Puritaners. Von J. K. Panlding, Verfaſſer von„Des Holländers Heerd“,„Wohl auf nach Weſten“ u. ſ. w. 1r— 3r Band. Grimma und Leipzig, Druck und Verlag des Verrlags⸗Comptoirs. 1851. Die Tochter des Puritaners. —— Erſter Theil. Die Tochter des Puritaners. I. Erſtes Kapitel. Bericht uͤber eine ſehr alte und unbekannte Familie.— Ein Zufall, der einem ganzen Leben ſeine Faͤrbung gibt.— Ein Conventikel.— Ein ſtutzohriger Prediger.— Ein Ueberfall und Fang.— Die Geſahi⸗ ih in ſchlechter Geſellſchaft zu ſeefinden.— Unter der Regierung Koͤnig Karls, hoͤflicher Weiſe der Martyrer genannt, wohnte in einem unbekannten Winkel des beruͤhmten Koͤnigreichs ein gewiſſer unbe⸗ kannter Landedelmann, der von einer Familie abſtammte, welche unter einem angelſaͤchſiſchen Monarchen, deſſen Name in Vergeſſenheit gefallen iſt, in großem Glanze gelebt hatte. Dieſe alte Familie hatte, wie die meiſten andern von großen Anſpruͤchen auf Alterthum, ſo viele Namen gefuͤhrt, wie gewiſſe Perſonen, die in der. Furcht des Geſetzes leben, aber ſich endlich mit der Be⸗ nennung Habingdon, unter welcher ſie jetzt bekannt waren, begnuͤgt. Sie war etwas arm, aber ſehr ſtolz, und blickte mit Verachtung auf die Nachkommenſchaft der normaͤnniſchen Gluͤckspilze, welche die Guͤter ihrer Vorfahren uſurpirt hatten, herab. Sie hatte mehr als achthundert Jahre auf dem gleichen Flecke gewohnt und waͤhrend dieſer Zeit kein Mitglied je eine That, die 1* der Ueberlieferung auf die Nachwelt wuͤrdig war, ver⸗ richtet, mit einziger Ausnahme eines gewiſſen Thurkill Habingdon, der unter der Regierung des Koͤnigs Johann, ungeſegneten Andenkens, lebte, und aktenkun⸗ dig ein Drittel einer Hufe Landes und eine Windmuͤhle an die Priorei Monks Kirby ſchenkte, damit, wie er ſagte,„ſein Sterbetag dort ewig gehalten und ſein Name in die Martyrologie aufgenommen werde.“ Aus der geſchriebenen Familien⸗Chronik, die mit dem erſten Habingdon, welcher ſchreiben lernte, beginnt, und worin die Trauungen, Geburten und Sterbefaͤlle und andere merkwuͤrdige Ereigniſſe in der Familie ſorgfaͤltig berichtet waren, ergab es ſich, daß waͤhrend der langen Perioden von achthundert Jahren das Gut in direkter Linie vom Vater auf den Sohn uͤber⸗ gegangen war, und daß die reſpektiven Beſitzer ohne Ausnahme wenigſtens einmal in ihrem Leben Obmaͤn⸗ ner der großen Jury geweſen waren. Ferner wird beſonders bemerkt, daß unter der Regierung Heinrichs I. einer von den Habingdons ein Fenſter der Gemeinde⸗ kirche auf eigne Koſten repariren ließ, und daß ein ande⸗ rer auf ſeinem Sterbebette eine Mark zur Unterſtuͤtzung einer Armenſchule vermachte. Der beruͤhmteſte von ihnen allen war jedoch Einer, der es bis zum Friedens⸗ richter und Kirchenwardein brachte und bei verſchiede⸗ denen Anlaͤſſen als Unterſheriff der Grafſchaft agirte, wie ſich deutlich aus der Geſchichte des jetzt erloſchenen alten Burgfleckens Slimbridge in fuͤnf Quartbaͤnden —j—=— 8Aee 5 ergibt. Kein Wunder, daß die Habingdons auf ihre Abſtammung ſtolz waren und den Reichthum und den Titel der Gluͤckspilz⸗Ariſtokratie verachteten. Obgleich das urſpruͤngliche Erbtheil der Familie, der Manuſcript⸗Chronik zufolge, Land genug umfaßt hatte, um zwei bis drei von ſeinen Bettelbaronen zu bereichern und eine ungeheure Schweineheerde zu ernaͤh⸗ ren, beſtand es doch jetzt aus kaum mehr als dreihun⸗ dert Ackern, die der großmuͤthige Beſitzer als Belohnung dafuͤr, daß er uͤber den Verluſt des uͤbrigen nicht gemurrt, gelaſſen hatte. Es war der eigenthuͤmli che erbliche Ruhm der Familie, daß ſie ſeit einer ſo langen Zeit ihre Stellung unter dem niedern Adel der Grafſchaft bewahrt hatte. Ob es von einer Beſtimmung der Vorſehung herkam, oder weil die Zucht ziemlich abgenutzt war, laͤßt ſich ſchwer entſcheiden, aber es iſt eine durch die Manuſcript⸗ Chronik bewieſene auffallende Thatſache, daß kein Einzi⸗ ger von den Beſitzern des Gutes, nachdem ein ſo großer Theil davon durch das Recht der Eroberung weggenom⸗ men war, je mehr als zwei Soͤhne hatte. Der Aelteſte war, um die Wuͤrde der Familie aufrecht zu erhalten, ſtets der einzige Erbe, obgleich kein Fidei⸗Commiß exiſtirte, und natuͤrlich ein angeſehener Mann, waͤhrend der Juͤngere, wenn ein ſolcher vorhanden war, unab⸗ aͤnderlich den Muͤſſiggaͤnger ſpielte, und zu arm zum Heirathen, im Hauſe und der Umgegend umherſchlen⸗ derte, jagte, trank und mit Schenk⸗ und Bauermaͤd⸗ chen liebelte, endlich als alter Junggeſelle ſtarb und bei ſeinen Ahnen begraben wurde. Die Toͤchter traten, wenn ſie ſich nicht bei guter Zeit verheiratheten, gewoͤhn⸗ lich in ein Nonnenkloſter, ſo lange dieſe Zufluchtsorte fuͤr alte Jungfern in England bluͤhten. Wenn es je eine Familie gab, die eine ſo lange Periode hindurch, waͤhrend welcher die Welt ſo oft von politiſchen und andern Revolutionen umhergeſchleudert worden war, eine tadelloſe Exiſtenz bewahrt hatte, ſo mußten es die Ha⸗ bingdons ſein, von denen bis zu der Zeit, wo unſere Geſchichte beginnt, noch kein einziger aufgehangen oder gezwungen worden war, ſein Vaterland wegen Ver⸗ brechen, Hochverraths oder Patriotismus zu verlaſſen. Das gegenwaͤrtige Haupt dieſer alten, obgleich nicht ſehr beruͤhmten Familie war Everard Habingdon, der mit Recht auf die Wuͤrde eines Esquire Anſpruch machen konnte, die, wie er richtig bemerkte, weit aͤlter war, als die Lumpentitel, die ſich unter den Verderb⸗ niſſen des Feudalſyſtems erhoben hatten. Er war ein harmloſer Mann, etwas zuruͤckhaltend, wo nicht geradezu ſchuͤchtern, etwas von einem Gelehrten, ein wenig von einem Aſtrologen, mehr noch von einem Alterthums⸗ forſcher und ſeinem Koͤnige ergeben wie ein Colonial⸗ beamter, wie ſich es nach den ariſtokratiſchen Anſpruͤchen ſeiner Familie erwarten ließ. Es war dafuͤr aber noch beſſerer Grund vorhanden. Er hatte ein Buch zur Vertheidigung des Jus divinum und gegen die Toleranz geſchrieben, worin er behauptete, daß der Wunſch nach — 7 Freiheit der einzige Grund von Adams Fall geweſen, daß ſich das goͤttliche Recht der Koͤnige auch auf das Un⸗ rechtthun erſtrecke, und daß die Fuͤrſten mit geringerer Gefahr den Laſtern und Verbrechen des Menſchen als ihrem Gewiſſen volle Freiheit geben koͤnnten, kurz er war einer von jenen blinden, weiſen Maͤnnern, die ſich einbilden, daß Religionen und Regierungen ſich gleich bleiben werden, waͤhrend ſich Alles um ſie her ver⸗ aͤndert. Nachdem er ſich ſo oͤffentlich einen Weg vor⸗ gezeichnet, konnte er nicht wieder von demſelben abgehen und obgleich er nach den Geſetzen Eduards des Be⸗⸗ kenners eine tiefe Ehrfurcht fuͤr die Magna charta hegte, welches ehrwuͤrdige alte Pergament durch Jakeb den Er⸗ ſten, ſo wie deſſen Nachfolger nicht wenig verſengt worden war, ſo blieb doch der alte Herr bis an's Ende ſeiner Tage ein Muſter der Unterthanentreue und wah⸗ res Exempel der Lehren des paſſiven Gehorſams und Nichtwiderſtandes. Es laͤßt ſich jedoch nicht leugnen, daß ſeine Grundſaftze einſt bei einer koͤniglichen Reiſe einen entſetzlichen Stoß erlitten, indem ſein Vieh, ſeine Pferde und Arbeiter alle fuͤr den koͤniglichen Vagabonden in Anſpruch genommen wurden, der durch ſeine Praͤ⸗ rogative von der Schande befreit war, dafuͤr zu zah⸗ len. Bei allen dieſen Schwaͤchen ſeiner Zeit, war er im Ganzen aber doch ein ehrlicher, gutlauniger Mann, und von Gutmuͤthigkeit gegen alle Menſchen, mit Aus⸗ 8 nahme von Stutzohren, Papiſten, Republikanern und Franzoſen erfuͤllt. Die Nachkommenſchaft Everard Habingdons war ein einziger, jetzt eben zum Mannesalter gelangter Sohn, nach ſeinem Großvater, der hier ehrenvoll erwaͤhnt werden wuͤrde, wenn nicht ſein Leben dahingezogen waͤre wie ein Schiff durch das Meer oder ein Vogel durch die Luft, ohne eine Spur zuruͤckzulaſſen, Harold genannt. Der Vater und der Sohn waren die Letzten ihres Ge⸗ ſchlechts. Jeder andere Zweig des alten Familienbau⸗ mes war verwelkt, abgeſtorben, verrottet und mit dem Staube, von welchem er gekommen war, vermiſcht. Der Gutsherr hatte in der Bergab⸗Haͤlfte des Lebens nach der Weiſe vieler guter alter Hageſtolze einen Selbſtmord an der Familienwuͤrde begangen und ein bluͤhendes, rundes Landmaͤdchen zur Frau genom⸗ men, das ſich in der Haushaltung wie am Kranken⸗ bette ausnehmend nuͤtzlich erwieſen. Und hier muͤſſen wir um Erlaubniß bitten, eine Bemerkung uͤber die ungeheure Eitelkeit mancher einfaͤl⸗ tig kluger Leute zu machen, die ſich einbilden, daß es auf der Welt moͤglich ſei, vollkommene Freiheit zu genießen und ſich daher enthalten, in die Feſſeln der Ehe zu treten, indem ſie hoffen, der Art von Regie⸗ rung zu entgehen, welche, obgleich ſie von Ariſtoteles und ſeinen Commentatoren nicht erwähnt wird, ſeit Anfang der Welt zu exiſtiren ſcheint. Die ganze Na⸗ tur wird von dem großen Geſetze der Attraction —*—— Æ-— 9 beherrſcht und die Beſtandtheile der Welt koͤnnten eben ſo gut dagegen rebelliren, als der Menſch verſuchen, ſeiner Macht zu widerſtehen. Auf eine Zeitlang ent⸗ geht er vielleicht der Art von Hexerei, welche den Frauen allgemein eigen iſt, aber ſeine Zeit muß endlich kom⸗ men und eine dralle Magd oder runde mittelalterliche Haaushaͤlterin wird fruͤher oder ſpaͤter ihr Geſchlecht raͤchen, indem ſie uͤber den widerſpenſtigen Suͤnder, der ihnen Trotz bieten wollte, despotiſche Herrſchaft ausuͤbt. Squire Everard Habingdon iſt ein Beweis davon. Gerade als er in dem Alter ankam, uͤber welches hin⸗ aus der Menſch, wie man ſagt, ſich nie verbeſſert, begann das große Anziehungsgeſetz bei ihm mit unwi⸗ derſtehlicher Gewalt zu wirken und er heirathete trotz ſeiner achthundertjaͤhrigen ununterbrochenen, unbeſtreit⸗ baren Reinheit des Blutes ein Maͤdchen ohne Stamm⸗ baum, das allen Vermuthungen nach keinen Tropfen ſaͤchſiſchen Blutes in ihren Adern hatte. Durch dieſe luͤckliche Verirrung wurde neues Leben in den alten traͤgen Strom gefloͤßt, welcher ſo viele Jahrhunderte lang in den Leibern der Habingdons geſchlummert und große Zweifel auf Doktor Harvey's Theorie geworfen hatte. Es gibt nichts Beſſeres als Kreuzung der Zucht, und wenn die gegenwaͤrtigen Koͤnigsgeſchlechter in der ganzen Chriſtenheit nur dem Beiſpiele Squire Ha⸗ bingdons folgen wollten, ſo iſt aller Grund zu der An⸗ nahme vorhanden, daß ihre Nachkommenſchaft ſich phyſiſch wie moraliſch bedeutend verbeſſern wuͤrde. 10 Dem mag nun ſein, wie ihm wolle, Harold, der einzige Sproͤßling der Verbindung von Gegenſätzen, war eine auffallende Ausnahme von allen ſeinen bekann⸗ ten Vorfahren und weiſſagte eine Revolution im Ha⸗ bingdon'ſchen Hauſe. Er war von kuͤhnem, muthigem, energiſchem und entſchloſſenem Geiſte, aber dieſe Eigen⸗ ſchaften verſchleierten ſich, wie es nicht eben ſelten vor⸗ kommt, unter dem Scheine, und ſogar der Wirklich⸗ keit eines kaltbluͤtigen, ruhigen, der Demuth nahe kom⸗ menden Benehmens. Der Strom ſeiner Gefuͤhle, obgleich er kaum murmelte oder ſich kraͤuſelte, war jedoch tief und kraͤftig. Er hatte einige Zeit in Oxford, der loyalſten und orthodopeſten aller Univerſitaͤten, zugebracht, war aber, weil er einen Studenten belei⸗ digt, der der Sohn eines Edelmanns, der ſechzehn Pfarreien und ein Stipendium zu vergeben hatte, war, und ſich weigerte, ſich zu entſchuldigen, als widerſpen⸗ ſtig relegirt worden und nach Hauſe zuruͤckgekehrt. Der Squire wollte in Uebereinſtimmung mit ſeiner Lehre vom paſſiven Gehorſam, daß er ſich durch Er⸗ fuͤllung deſſen, was ſein Collegium forderte, wieder Zulaß verſchaffen ſollte, aber Harold weigerte ſich, obgleich er Pisher der gefuͤgigſte und gehorſamſte aller Soͤhne geweſen war, und ſeine Hartnaͤckigkeit ließ ſich nicht beſiegen. Von dieſer Zeit an beſchaͤftigte er ſich entweder mit wahlloſer Lektuͤre oder mit Umher⸗ wandern in der Einſamkeit und trug die ſchlimmſte aller Laſten mit Ausnahme der Reue— das bleierne ————— 11 Gewicht unausgefuͤllter Zeit auf ſeinen Schultern. So lebte er, ſich und Andern unbekannt, und naͤhrte den ruhigen, ſchlummernden Enthuſiasmus, welcher die Baſis ſeines Charakters bildete, bis er dazu berufen ward, ſich in das Menſchengewuͤhl zu miſchen und an dem ſich jetzt der Kriſis naͤhernden furchtbaren Kampfe zwiſchen der Praͤrogative des Koͤnigs und den Rechten des engliſchen Volkes theilzunehmen. Das kleine gute Habingdon lag in einem entlege⸗ nen Theile von England, wo der Puritanismus nicht unbedeutende Fortſchritte gemacht hatte. Obgleich von der herrſchenden Kirche nach ihrer unabanderlichen Ge⸗ wohnheit verfolgt, bis die neue Welt der alten ein Bei⸗ ſpiel der Toleranz gab, befaͤhigte der unerſchrockene Geiſt, welcher jeder neuen Sekte, die wie ein fremder Vogel in einem Huͤhnerhofe bei ihrem erſten Erſcheinen alle bereits feſtgeſetzten Bewohner gegen ſich hat, ſo ungemein noͤthig iſt, nicht nur der Verfolgung zu wi⸗ derſtehen, ſondern endlich auch Repreſſalien gegen ihre Verfolger zu ergreifen. Der mildere Geiſt jener Zeit hatte die Folter und den Brandpfahl in England abge⸗ ſchafft, aber die herrſchende Kirche ſchwang immer noch die Knute von Geldſtrafen, geiſtlichen Cenſuren, Ge⸗ fangenſchaft, Striemen und Pranger; ſie legte nicht geradezu das Maͤrtyrerthum auf, ſondern begnuͤgte ſich mit Naſenaufſchlitzen und Ohrabſchneiden. Wie gewiſſe kraͤftige Pflanzen, die nur um ſo munterer aufwachſen, wenn ſie mit Fuͤßen getreten wurden, fuhren jedoch die ſtrengen Lehren der Purita⸗ ner ſo unwiderſtehlich vorzuſchreiten fort, wie die Fluth des Oceans und wurden durch die ihnen entgegenſtehen⸗ den Schranken nur um ſo hoͤher gedraͤngt. Der aͤltere Habingdon verachtete dieſe Stutzohren, wie er ſie nannte, und das Gleiche that auch der juͤn⸗ gere, welcher ein tiefeingewurzeltes, bis zum Wider⸗ willen gehendes Vorurtheil gegen dieſe hartnaͤckigen Schismatiker in Orford, dem wahren Hitzbeete der Loya⸗ litaͤt und Rechtglaͤubigkeit, eingeſogen hatte, wo Pedan⸗ terie gar oft fuͤr Gelehrſamkeit und Bigotterie fuͤr Re⸗ ligion galt. Die Entlegenheit dieſes Landestheiles erwies ſich jedoch dem Wachſen der neuen Sekte guͤnſtig und in der Umgegend wurden unter dem Spottnamen von Conventikeln bekannte Verſammlungen zuweilen gehalten. Eines Morgens war Harold, ohne einen beſtimm⸗ ten Zweck außer dem die Zeit todtzuſchlagen, von Hauſe fortgewandert, als er ploͤtzlich auf eine jener ungeſetz⸗ lichen Verſammlungen ſtieß, und wurde aus ſeinen Traͤumereien zuerſt durch das ferne Stoͤhnen einer ein⸗ toͤnigen Hymne geweckt, das die Stille eines ſchoͤnen Sommertages mit ſeiner Melodie unterbrach. Er naͤherte ſich, von den Toͤnen angezogen, unbemerkt dem Gehoͤlz, aus welchem ſie kamen und fand dort eine Anzahl von einfachen Landleuten beider Geſchlechter und verſchiedenen Alters, die ehrfurchtsvoll einem Pre⸗ diger zuhoͤrten, deſſen Aeußeres von Allem, was er je 13 geſehen, ſo verſchieden war, daß er unwillkuͤrlich ſtehen blieb und einen Zuhoͤrer der Predigt abgab. Er war ohne irgend eines von den aͤußeren Zeichen eines proteſtantiſchen Geiſtlichen. Statt eines Talars und der Baͤffchen trug er grobe Stoffe, die auf gleiche Art zugeſchnitten waren wie die Gewaͤnder des dama⸗ ligen Landvolkes, und ſowohl ſeine Redeweiſe, wie die Sitten verkuͤndeten, daß er nicht zu der Etikette der Staatskirche einexercirt worden war. Sein Geſicht war blaß und ſtreng und beſaß den auffallenden Ausdruck von Intelligenz wie moraliſcher Kraft; er trug ein ſchwarzes Sammetkaͤppchen, das ſeine Ohren bedeckte und ſeine Stirn frei ließ, und redete zu ſeiner kleinen Zuhoͤrerſchaft in eben ſo melodiſcher wie kraͤftiger Stimme. Er ſprach von der Verderbniß der Zeit, den Ausſchweifungen der hoͤheren Klaſſen und der mora⸗ liſchen Erſchlaffung des Volkes, welches durch Jener Beiſpiel irre geleitet worden ſei. Er ließ ſich bitter gegen die Neuerungen der Staatskirche und die Ver⸗ folgung Derjenigen aus, welche die Reinheit und Ein⸗ fachheit der apoſtoliſchen Zeiten wiederherzuſtellen ſuch⸗ ten. Um dieſes Letztere zu erlaͤutern, bezog er ſich auf ſeine eigenen Arbeiten und Leiden; er entbloͤßte ſeine Arme und zeigte die Spuren von Feſſeln an ſeinen Handgelenken; er deutete auf Striemen, welche er erdul⸗ det und deren Narben unverloͤſchlich auf ſeinen Schul⸗ tern geblieben waren, und als er endlich ſein Kaͤppchen gbnahm, bemerkte die in ehrerbietigem Schweigen zu⸗ 14 hoͤrende und ihn anblickende Gemeinde, daß ihm die Ohren fehlten. „Dies,“ rief er mit faſt uͤbernatuͤrlicher Heftig⸗ keit,„dies ſind die Zeugniſſe der Aufrichtigkeit meines Glaubens und der Wahrheit meiner Lehren, dies ſind die Belohnungen, die ich erhalten habe, weil ich den Geboten meines Herzens und Verſtandes folgte. Dieſe Zeichen der Infamie, welche in fruͤheren Zeiten die niedrigſten und abſcheulichſten Verbrecher gegen den Frie⸗ den der Geſellſchaft und die Rechte ihrer Nebenmenſchen erkennen ließen, werden von einem Manne getragen, der, wenn er auch als Verbrecher vor dem Throne der Gnade ſteht und demuͤthig auf Verzeihung hofft, an jedem Verbrechen gegen ſeine Nebenmenſchen unſchul⸗ dig iſt, und fuͤr deren Geiſteswohlfahrt gern ſein Leben hingeben und noch uͤber das Opfer jubeln wuͤrde. Um mich ſelbſt kuͤmmere ich mich nicht, denn ich wußte, was ich zu erdulden haben wuͤrde und war darauf vor⸗ bereitet, ja auf noch mehr, aber— und hier deutete er auf eine Matrone, neben welcher ein junges einfach gekleidetes Frauenzimmer ſaß,—„aber ſeht hierher— die, welche ich mehr als alle irdiſche Schaͤtze liebe, hat meine Leiden und Schmach getheilt, ſie ſind von dem friedlichen Kamine unſers geringen Hauſes fortge⸗ ſchleppt worden, wie die Tochter von Ifrael, um mit Verbrechern zuſammengeſteckt und von Kerkermeiſtern beleidigt zu werden, ſie ſind geſchmaͤht, beſchimpft, ja von Thieren in Menſchengeſtalt geſchlagen worden und 15 ich— ich war gezwungen zuzuſehen und unfaͤhig ihnen Hilfe oder Troſt zu gewaͤhren, außer dadurch, daß ich mich an den Himmel wendete und meine Gebete zu ihm hinaufſchickte. „Aber denkt nicht, meine Bruͤder und Schwe⸗ ſtern,“ fuhr er mit zunehmender Gluth fort,„denkt nicht, daß ich mich uͤber meine Leiden fuͤr die Sache der Wahrheit und Froͤmmigkeit beklage. Es iſt eines von den unabaͤnderlichen Geſetzen des Hoͤchſten, daß alles Gute hier ſowohl wie jenſeits durch Opfer erkauft wer⸗ den muß, und da ein reiner und frommer Glaube die groͤßte aller Segnungen unter dem Monde iſt, ſo muß er auch durch die groͤßten menſchlichen Leiden erlangt werden. Mag Keiner, der mich hoͤrt, ſcheu werden, mag Keiner an beſſern Zeiten verzweifeln, weil ſie nicht ſchon da ſind; bedenkt, daß die mit den Pfei⸗ len des Himmels belaſtete ſchwarze Wolke der Verkuͤn⸗ der eines helleren Sonnenſcheines iſt, daß wir, nachdem wir durch die tiefen Schatten des kalten, eiſigen Wal⸗ des gegangen ſind, ploͤtzlich in das Gebiet des Lichtes und der Waͤrme treten. Glaubt mir— ſeit uͤberzeugt, daß die Zeit nahe bei der Hand iſt, wo die Unterdruͤcker geſtuͤrzt werden und der liebliche Meſſias ſtatt des Ty⸗ rannen regieren wird.“ In dieſem Augenblicke, wo die lauſchende Gruppe von der Stille athemloſer Theilnahme umhuͤllt war, wurde der Prediger von einer lauten Stimme unter⸗ brochen, welche rief: 16 * „Wer ſpricht von dem Tyrannen? Er muß unſern gnaͤdigen Koͤnig Karl meinen. Nieder mit dem Stutzohre, ergreift ihn und ſeine Maulaffen; ich will es ihn lehren, auf den Koͤnig und die Kirche zu ſchim⸗ pfen, er ſoll fuͤr ſeine Ketzerei gehaͤngt und fuͤr ſeinen Hochverrath geviertheilt werden.“ Eine Anzahl von Friedensbeamten, wie ſie hoͤf⸗ licher Weiſe genannt wurden, an deren Spitze ſich Richter Kurzſtrumpf, von dem die vorerwaͤhnten Worte ausgegangen waren, befand, ſtuͤrmte jetzt auf die erwaͤhnte Gruppe los. Einige von den Behendeſten flohen in den Wald, aber die bei weitem groͤßte Zahl wurde feſtgenommen und unter ihnen unſer Freund Harold, auf den der ſtutzohrige Prediger ſolchen Eindruck gemacht hatte, daß er von dem, was um ihn vorge⸗ gangen war, auch nicht das Mindeſte bemerkt hatte. Waͤröe dies aber auch nicht der Fall geweſen, ſo war ſein Charakter dem Davonlaufen doch nie geneigt. Der Richter, der ihn gut kannte, war eines von den gefuͤgigen Werkzeugen der Gewalt, die ſo oft beſchrieben worden ſind, daß es kaum der Muͤhe werth iſt, ſeinen Charakter zu zeichnen. Es genuͤgt, daß er unwiſſend, ſervil und tyranniſch war, eine ungeheure Idee von der Wuͤrde ſeines Amtes hatte und ſich fuͤr den unmit⸗ telbaren Vertreter Sr. geheiligten Majeſtät, Koͤnig Karl des Erſten hielt. Er erkannte Harold unter den Eingefangenen und rief: 2Gblte Leben, Maſter Harold Habingdon, ſeid — 17 Ihr auch unter die Stutzohren gegangen? habt Ihr Euch auch zum Peitſchpfahle, zum Pranger und Ge⸗ faͤngniß bekehrt? Seit wie lange ſtrebt Ihr nach dem Maͤrtyrerthum, Eure Ohren zu verlieren? Weiß Euer wuͤrdiger Vater um Eure Bekehrung?“— Anfanglich verſchmaͤhte Harold, auf dieſe Worte etwas zu entgegnen; da er ſich aber der Zartheit ſeiner Lage und der ſtrengen Geſetze gegen die Conventikel erinnerte, ließ er ſich endlich herab, ſein Erſcheinen bei dieſem Anlaſſe zu erklaͤren und hoffte, ſchnell wieder los gelaſſen zu werden. Er hatte aber die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Meiſter Kurzſtrumpf war ein Menſch, der nur Ein Geſetz kannte, naͤmlich den Willen ſeiner Vorgeſetzten zu erfuͤllen, und ſich fuͤr verpflichtet hielt, ihn ohne Anſehen der Perſon auszu⸗ fuͤhren, wenn er auch damit der Gerechtigkeit Hohn ſprach. Er hoͤrte ihn mit wuͤrdevoller Gravitäͤt an und antwortete: „So, Maſter Harold, Ihr ſeid alſo zufaͤllig her⸗ gekommen und habt aus bloßer Neugier zugehoͤrt. Wißt Ihr nicht, daß in unſerer gefahrvollen Zeit die Neu⸗ gier ein ſchweres Verbrechen iſt, und daß Diejenigen, weelche zuhoͤren, die Ohren verlieren koͤnnen? Gottes Leben, Sir, Ihr habt ein Praͤmunire verwirkt.“ „Ein Praͤmunire, Herr Richter, wie kann das ſein! Es iſt unnöthig, mich zum Erſcheinen aufzufor⸗ dern, wenn ich in eigner Perſon hier bin.“ „Nun, dann habt Ihr etwas eben ſo Schlimmes Die Tochter des Puritaners. 1. 2 18 verwirkt, und das kommt Alles auf Eines heraus. Ihr ſeid bei einem Conventikel gefangen worden, waͤhrend Ihr hochverraͤtheriſchen und gottesläſterlichen Reden zuͤhoͤrtet und ſo zu ſagen im Auge des Geſetzes zu einem Mitſchuldigen wurdet, ſintemalen es Eure Pflicht als getreuer Unterthan war, Euch die Ohren zuzuhal⸗ ten und davon zu laufen. Ich werde Euch mit den uͤbrigen Erwaͤhlten des Herrn in's Gefaͤngniß bringen, hoffe aber um alter Bekanntſchaft willen, daß Ihr da⸗ von kommen werdet, ohne an den Pranger geſtellt zu werden oder Eure Ohren zu verlieren wie jener predi⸗ gende Schuft.“ „Laßt Euch ſagen, Herr Richter,“ begann Ha⸗ rold,„laßt Euch ſagen, Sir Magiſtrat—* „Gottes Leben, wen nennt Ihr Sir Magiſtrat? ich bin kein Ritter, daß Ihr mich mit Sir anredet, und was meint Ihr mit Euerm trotzigen„Laßt Euch ſagen?“— Laßt Euch ſagen, Sir, daß ich Se. geheiligte Majeſtaͤt Koͤnig Karl von geſegnetem Anden⸗ ken— nein, nicht von geſegnetem Andenken, aber das wird er ſeiner Zeit auch noch werden, repraͤſentire, und daß Ihr ihn in meiner Perſon beleidigt, die, ſo zu ſagen, der Schatten des Koͤrpers des Koͤnigthums und eben ſo geheiligt iſt.“ „Mein guter Herr,“ fing Harold an— „Guter Herr!— Gottes Leben, werft Ihr mich mit dem gemeinen Poͤbel zuſammen, daß Ihr mich anredet wie einen Bauern? Es iſt ſo gut als wenn 19 Ihr mir ſagtet, daß ich nicht beſſer waͤre als ich ſein ſollte.“ „Nun, wenn Ihr nicht hoͤren wollt— „Nun, wenn das die Art iſt, wie Ihr mit einem Vertreter des Koͤnigs ſprecht! Haͤttet Ihr nicht hin⸗ zufuͤgen koͤnnen: Euer Ehren oder Euer Wuͤrden, oder irgend etwas, das nach meinem Amte und meiner Ge⸗ walt ſchmeckte?“ „Nun, kurz geſagt,“ antwortete Harold halb aͤrgerlich und halb unterhalten uͤber die Zaͤhigkeit, wo⸗ mit der Richter ſeine Wuͤrde behauptete;„mit zwei Worten geſagt, da Ihr gegen die Art, wie ich Euch anrede, Einwendungen macht, ſo werde ich weiter nichts ſprechen als daß ich, wenn es Euer Ehren ſo gefaͤllt, dieſe guten Leute begleiten und gemeinſchaftliche Sache mit ihnen machen werde.“ „Gemeinſchaftliche Sache— gute Leute?— Schon gut, Sir, das bringt Euch unter das Geſetz, welches beſagt— hem— hem— aber kommt, Herr Rundkopf— Marſch.“ „Ich bin kein Rundkopf, und Ihr habt nicht das Recht mich ſo zu nennen,“ ſprach Harold etwas aͤr⸗ gerlich. „Gottes Leben, Sir, ich habe das Recht, Euch im Namen des Koͤnigs zu nennen, wie ich will Kommt, Maſter Habingdon, wenn Euch das beſſer gefaͤllt. Ihr ſollt mich mit dieſen guten Leuten, wie Ihr ſie nennt, nach der Stadt begleiten. Ihr ſoll 2* mit dieſen guten Leuten in's Gefaͤngniß kommen und meine Schuld ſoll es nicht ſein, wenn Ihr nicht huͤbſch dafuͤr bezahlen muͤßt, daß Ihr Euch in ſo guter Ge⸗ ſellſchaft fangen laßt. Das iſt die beſte Weiſe, meiner Treu, und warum? weil es die einzige iſt.— Kommt — ich moͤchte nicht in der Haut Eurer Ohren ſtecken und wenn ich dafuͤr auch alle Sporteln einbuͤßen ſollte, die ich ſeit der Thronbeſteigung Sr. Majeſtaͤt Koͤnig Karls des Erſten von geſegnetem— hem— erhalten habe.“ Hiermit ſtellte ſich Richter Kurzſtrumpf an die Spitze ſeiner Macht und marſchirte mit dem aus acht: zehn bis zwanzig Perſonen beider Geſchlechter beſtehen: den Convoi nach der benachbarten Stadt ab, wo er ſie im Triumph in's Gefaͤngniß brachte, um dort den Ausſpruch der Juſtiz zu erwarten. * Bweites Kapitel. Israel Baneswright, der ſtutzohrige Prediger und ſeine Fa⸗ milie.— Glaubenseifer und Fanatismus werden oft mit einander verwechſelt.— Wie oft große Veraͤnderungen in den Anſichten der Menſchen herbeigefuͤhrt werden.— Rich⸗ ter Kurzſtrumpf's große perſpektiviſche Ausſicht.— Ein Ungluͤck kommt nie allein, wie Harold aus Erfahrung lernt. — Prozeß und Urtkeil des Rundkopfs.— Eine unange⸗ nehme Stoͤrung, die eine Prophezeihung erfuͤllt.— Eine Trennung und Harold's Gefuͤhle dabei. Da ſich zu jener Zeit die Gefaͤngniſſe ſchnell zu uͤberfuͤllen pflegten, wurde Harold in die gleiche Zelle gebracht wie der Prediger, welcher ſich auf Anfordern des Richters, Iſrael Baneswright von Boſton in Lincolnſhire nannte, wobei ſich Se. Ehren die Haͤnde rieb und ausrief: „Oho, ich habe ſchon von Euch gehoͤrt. Ihr ſeid unter den Auserwaͤhlten des Herrn ein beruͤhmter Mann, der ſeine geheiligte Majeſtaͤt durch die Naſe ſchmaͤht und die Biſchoͤfe Woͤlfe in Schafskleidern nennt. Statt den Papſt den Antichriſt zu nennen, wie es jedem guten Chriſten geziemt, gebt Ihr dieſen Titel unſerm großen Vertheidiger des Glaubens, Erzbiſchof Laud ſelbſt, den ich nach dem Koͤnig am meiſten ehre. Ihr ſeid der Mann, der den Glauben ohne die Werke predigt; aber, meiner Treu, ich werde an Euch ſchon Werke verrichten. Ich ſehe, daß Ihr die Ohren ſchon verloren habt, gluͤcklicher Weiſe kann Eure Naſe aber immer noch dem Geſetze unterworfen werden, und da Ihr alle Eure hochverraͤtheriſchen und gotteslaͤſterlichen Reden durch dieſe ausſprecht, ſo iſt es nicht mehr als gerecht, daß ſie die Strafe dieſer leidet.“ „Sprecht und thut, was Ihr wollt, Herr Richter,“ antwortete Iſrael Baneswright;„ich bin bereit, fuͤr die gute Sache zu leiden, denn ich werde darin von einer hoͤhern Macht unterſtuͤtzt, als der des Erzbiſchofs oder Koͤnigs.“ „Hoͤrt ihn nur“ rief der Richter ergrimmt,„hoͤrt ihn nur! Gottes Leben, ich werde dem Rundkopfe zei⸗ gen, wer von uns Beiden der Staͤrkere iſt, ehe ich mit ihm zu Ende komme. Legt ihn in Eiſcn und ſeht zu, daß er nicht durch ein Wunder entflieht.“ . „In Zeiten großer Gefahr haben zuweilen ſelbſt Engel den Heiligen Hilfe gebracht,“ antwortete Iſrael, „und Eines iſt gewiß, daß ich Alles, was ich durch den goͤttlichen Willen zu leiden beſtimmt bin, auch uͤberſte⸗ hen werde.“ „Hoͤrt ihn nur,“ rief der Richter ſeinem Unterge⸗ benen von Neuem zu;„der Gotteslaͤſterer hat die An⸗ maßung, die Gewalt des Hauptes der Kirche in Frage zu ziehen und ſein Gewiſſen uͤber die Vorſchriften des Koͤnigs zu ſetzen. Knebelt das Stutzohr, damit es kei⸗ 23 nen Hochverrath weiter in das Angeſicht des Vertreters der Majeſtaͤt und Gerechtigkeit ſprudelt.“ Die Unterbeamten gehorchten mit orthodoxer Schnel⸗ ligkeit, und Richter Kurzſtrumpf entfernte ſich mit ſei⸗ nen Myrmidonen und ließ die beiden Delinquenten al⸗ lein. Ohne an die Folgen zu denken, oder ſich vielleicht auch darum zu kuͤmmern, nahm Harold ſogleich den Knebel ab, und der erſte Gebrauch, den Iſrael von ſei⸗ ner wiedererlangten Sprache machte, war der, ihm fuͤr ſeine Guͤte zu danken. Allmaͤhlig geriethen ſie in's Geſpraͤch, und da Ha⸗ rold bemerkte, daß Iſrael es fuͤr ausgemacht hielt, daß er zu ſeinen Anhaͤngern gehoͤrte, ſo enttaͤuſchte er ihn augenblicklich, indem er ihm erzaͤhlte, auf welche Weiſe er in die gleiche Lage wie Jener gekommen ſei. „Ihr ſeid alſo gekommen, um uͤber uns zu ſpot⸗ ten,“ ſagte Iſrael mit einem Blicke und Tone, worin ſich getaͤuſchte Erwartung und Mißfallen kund gaben. „Nein,“ erwiderte Jener,„nicht um zu ſpotten, ſondern nur durch Zufall, und ich bin dann aus Neu⸗ gier geblieben.“ Iſrael ſchwieg einige Augenblicke, als beriethe er ſich mit ſeinem Innern, und ſchien etwas in Zweifel und Ungewißheit zu ſein. Das Streben, Proſelyten zu machen, iſt jedoch der ſtete Begleiter des Glaubenseifers. Iſrael Baneswright war der Sohn eines Geiſtlichen der Staakskirche, der ſich nicht nur in einer Domherrnſtelle zu Durham maͤſtete, ſondern auch in verſchiedenen Thei⸗ len des Landes eine Menge von ſo weit entlegenen Pfruͤnden hatte, daß es ihm geradezu unmoͤglich war, alle ſeine Heerden zu weiden. Er war pflichtſchuldiger⸗ maßen im hoͤchſten Grade dem Koͤnig und der Kirche ergeben und hatte, da er die Praͤſentation zu einer ſei⸗ ner eintraͤglichſten Pfruͤnden beſaß, ſeinen Sohn in den ſtrengſten Lehren der Phariſaͤer, wie ſie die Stutzohren unehrerbietiger Weiſe nannten, aufgezogen. Nachdem er die nothwendigen Vorbereitungen beſtanden, wurde er auf die Univerſitaͤt geſchickt, wo er zuweilen fleißig ſtudirte, obwohl ſein Benehmen etwas unregelmaͤßig war. Unter ſeinen Commilitonen befand ſich Oliver Crom⸗ well, deſſen Jugend von ſeinem kuͤnftigen Charakter und Schickſal nur wenig ahnen ließ, da er ſich zu jener Zeit mehr durch ſeine luſtigen Streiche, als durch ſeine Froͤmmigkeit auszeichnete. Gleiche Gewohnheiten und Neigungen erzeugten eine Univerſitaͤtsfreundſchaft zwi⸗ ſchen dem kuͤnftigen Protector und dem kuͤnftigen Feld⸗ prediger, die durch verſchiedenartige Streiche befeſtigt wurde, welche ſie verſchiedenartigen Graden von Strafe ausſetzten. Die profane Laufbahn Iſraels kam jedoch ploͤtzlich in's Stocken. Um dieſe Zeit begann ſich der Puritanismus in jener Feſtung der Orthodoxie zu zei⸗ gen und mehr als Ein Student wurde von der Ketzerei angeſteckt. Zu dieſen gehoͤrte Iſrael, der durch ſeinen feurigen Charakter ploͤtziich von einem Extrem in das andere gefuͤhrt wurde. Er nahm ſogleich den puritani⸗ 25 ſchen Glauben und mit ihm die Kleidung und Hal⸗ tung und jede andere Eigenthuͤmlichkeit jener außeror⸗ dentlichen Leute an, die ausdruͤcklich dazu gemacht ſchienen, die helle Fackel des Chriſtenthums, der Civiliſation und Freiheit in die Wildniſſe einer neuen Welt zu tragen. Er ließ ſein Haar ſtutzen, ſchmiegte ſeine Kleidung der ſtrengen Einfachheit und ſeine Haltung der nuͤchternen Selbſtverleugnung der ſtrengen Muſter der Sekte an und prach offen von dem Falle des Reiches des Anti⸗ chriſt, der Erſchaffung eines neuen Himmels und einer neuen Erde, neuer Kirchen und eines ganz neuen Staates. Auf ſo kuͤhnen Trotz gegen die Statuten der Uni⸗ verſitaͤt folgte natuͤrlich die Relegation und ſein wuͤrdi⸗ ger Vater ließ ihm bei ſeiner Ruͤckkehr, uͤber ſein unge⸗ heures Vergehen entruͤſtet, die Wahl zwiſchen den neun⸗ unddreißig Artikeln und der Enterbung. Freundlich geüͤbte und mit Ausdauer verfolgte vaͤterliche Liebe und Gewalt wuͤrden Iſrael vielleicht zu ſeiner Mutterkirche zuruͤckgefuͤhrt haben; ungluͤcklicher Weiſe kommt es aber nur zu oft vor, daß die Menſchen bei der Einſchaͤrfung desjenigen, was ſie fuͤr wahr halten, die unveraͤnderli⸗ chen, ewigen Wahrheiten, welche die Baſis unſerer hei⸗ ligſten Pflichten bilden, aus den Augen verlieren. Die Menſchen koͤnnen ſich uͤber Punkte der Philoſophie in Meinungsverſchiedenheiten ergehen, aber wir glauben, daß in unſerm Zeitalter Niemand es fuͤr chriſtlich oder 26 menſchlich halten wird, einen Sohn deshalb zu ver⸗ bannen, weil er anderer Anſicht iſt, wie ſein Vater. Iſrael war hartnaͤckig, ſein Vater unerbittlich, und ſo wurde eines der heiligſten aller menſchlichen Bande auf ewig geloͤſ't. Sie trennten ſich, um nie wieder zuſammenzutreffen und Iſrael wurde ein obdachloſer Wanderer auf Erden. Von ſeinem Eifer getrieben und vielleicht auch von der Nothwendigkeit unterſtuͤtzt, wurde er Feldprediger und verließ ſich, was Nahrung und Kleidung betraf, auf die fromme Dankbarkeit ſei⸗ ner Anhaͤnger. Er gewoͤhnte ſich mit der Zeit daran, die Befriedigung ſeiner Beduͤrfniſſe von der unmittel⸗ baren Einmiſchung der Hand Gottes zu erwarten, und heirathete endlich in der Tollkuͤhnheit ſeines Glaubens eine ſeiner Schuͤlerinnen in dem Augenblicke, wo er keine Heimath beſaß und jeder Hoffnung, außer derje⸗ nigen, welche ſeinen enthuſiaſtiſchen Geiſt beſeelte, be⸗ raubt war. Daß er feſt an dem von ihm gepredigten Glau⸗ ben hing und alle ſeine Thaten und Lehren aus Ueber⸗ zeugung hervorgingen, laͤßt ſich nicht bezweifeln, denn dies zeigte ſich an den Leiden, die er um ihretwillen er⸗ duldete. Heuchler werden nie Maͤrtyrer. Der Glaube Iſrael Baneswright's war gegen den Wind und Strom aufgewachſen, und die Gewalt, womit er angegriffen wurde, vermehrte ſeine Widerſtandskraft. Er ging uͤber die Grenzen des Religionseifers hinaus und war 27 in eine ſtarre, unbeugſame Bigotterie verfallen, die die hoͤchſte Intoleranz nach ſich zog. Obgleich ſeine Menſch⸗ lichkeit ſich dagegen empoͤrt haben wuͤrde, Andern die Leiden aufzuerlegen, die er ſelbſt wegen Meinungsver⸗ ſchiedenheit erduldet hatte, ſo ſchrak er doch mit from⸗ mem Abſcheu vor der Idee zuruͤck, Andern die Dul⸗ dung zu gewaͤhren, welche er fuͤr ſich und ſeine Anhaͤn⸗ ger in Anſpruch nahm. Durch die Gluth ſeiner Ueberzeugung, die Hoffnung, einen Suͤnder zu bekeh⸗ ren und ſeiner Heerde einen Mann von etwas hoͤherem Range, als die meiſten, aus welchen ſie bis jetzt beſtand, hinzuzufuͤgen, angefeuert, begann er ſofort mit dem ganzen Enthuſiasmus, welcher allein im Stande iſt, Wunder zu thun, einen Angriff auf die hochkirchlichen Grundſaͤtze ſeines Mitgefangenen. Es iſt nicht der Zweck dieſer Erzaͤhlung, auf pole⸗ miſche Discuſſionen einzugehen, die nur zu oft dem Gegenſtande wie dem Anlaſſe gleich ungeziemende, beißende Sarkasmen oder bittere Schmaͤhungen aus⸗ hauchen; es genuͤgt, daß nach einer langen Controverſe Harold unerſchuͤttert geblieben war und Iſrael ſeine Beredſamkeit umſonſt aufgewendet hatte. Wie ge⸗ woͤhnlich in ſolchen Faͤllen, verwandelte ſich das aus ge⸗ meinſchaftlichem Ungluͤck hervorgehende Gefuͤhl der Ge⸗ noſſenſchaft in eine dem Widerwillen nahe kommende Käͤlte. Harold ſah ſeinen Gefaͤhrten fuͤr einen bigotten Fanatiker an und Iſrael ſeinerſeits betrachtete ihn als einen ſeiner Verfolger. Harold war eben nicht der Mann, der ſeine Ge⸗ fuͤhle ſo verbittern ließ, daß er die Gebote der Menſch⸗ lichkeit vergeſſen haͤtte, welche Keinem noͤthiger war, als dieſen ungluͤcklichen Conventiklern. Der Kerkermeiſter hing von dem Richter gaͤnzlich ab und ſuchte deſſen Gunſt dadurch zu erwerben, daß er die Entbehrungen, welche er ihnen auferlegte, noch durch Kraͤnkungen er⸗ ſchwerte, und die Unterbeamten folgten ihrem Vorge⸗ ſetzten. Harold bemerkte bald, daß ſein Gefaͤhrte weniger fuͤr ſich, als fuͤr ſeine Frau und Tochter, von deren Schickſal er ſeit ihrer Trennung nichts erfahren hatte, beſorgt war. Er unterließ es nie, bei dem Kerkermei⸗ ſter und den Gefangenwaͤrtern nachzufragen, ſobald ſich eine Gelegenheit bot, wurde aber meiſt durch bittern Hohn oder bedeutſame Winke uͤber das, was erfolgen wuͤrde, wenn der Richter von der Ketzerjagd heimkehre, zuruͤckgewieſen. In ſeiner Bruſt lebte ein noch maͤch⸗ tigeres Gefuͤhl, als das des Enthuſiasmus. Er liebte ſeine Frau und Tochter, die ſeine Schmach und Leiden getheilt hatten und ſeine Neigung durch ihre Zaͤrtlich⸗ keit, Geduld und Ergebenheit verdienten, auf das In⸗ nigſte. Er ſchmachtete nach ihrer Geſellſchaft und alle ſeine Gebete ſtiegen fuͤr ſie in die Hoͤhe. Auch Harold war nicht ohne ſeine Beſorgniſſe. Als er in das Gefaͤngniß geworfen wurde, uͤberlegte er, ob er ſeinen alten Vater, der ſowohl von der Laſt der Jahre, als von langanhaltender Gebrechlichkeit, die ihn Schritt fuͤr 29 Schritt dem Grabe zuzog, darniedergebeugt wurde, davon benachrichtigen ſollte. Der gute Mann hatte Jahre lang vor dem Anfang unſerer Geſchichte ſeine treue Gehilfin ver⸗ loren. Der verwitterte alte Stamm hatte die ſich um ihn ſchlingende gruͤne Rebe uͤberlebt und ſtand jetzt kahl und einſam da. Wiewohl Harold wußte, daß ſein ploͤtz⸗ liches Verſchwinden zu Hauſe die peinlichſten Beſorg⸗ niſſe erregen wuͤrde, war ihm doch die bigotte Ergeben⸗ heit ſeines Vaters fuͤr Staat und Kirche ebenfalls be⸗ kannt und er uͤberzeugt, daß ihm Jener nie verzeihen wuͤrde, einem Conventikel beigewohnt zu haben. Nach langem Bedenken entſchied er ſich indeß dafuͤr, zu ſei⸗ nem Vater zu ſenden, theilweiſe, um deſſen Beſorgniſſe zu heben, zum Theil auch in der Hoffnung, daß er ihn durch ſeinen Einfluß aus dem Gefaͤngniſſe bringen werde.— Einige Tage lang konnte er keinen Boten erlan⸗ gen, denn es lief den Befehlen des Richters Kurz⸗ ſtrumpf zuwider, einen Auftrag fuͤr einen Rundkopf auszufuͤhren. Faſt vierzehn Tage vergingen und ſeine Sehnſucht, etwas von zu Hauſe zu hoͤren, war im hoͤch⸗ ſten Grade peinlich geworden, als der Kerkermeiſter eines Tages, wie er ſeine Bitten, einen Boten an ſei⸗ nen Vater ſchicken zu duͤrfen, wiederholte, ihm grinſend mittheilte, daß der Bote weit zu gehen haben wuͤrde, da ſein Vater, als er vernommen, daß er ein Stutohr geworden ſei, als Maͤrtyrer der Vergehen ſeines einzi⸗ gen Sohnes in's Grab geſunken waͤre. 30 Ohne auf die durch dieſe Nachricht verurſachte Beſtuͤrzung zu achten, theilte er ihm ferner mit einem Blicke beſonderer Zufriedenheit mit, daß Richter Kurz⸗ ſtrumpf ſeine Apoſtaſie den Behoͤrden mitgetheilt, der Kirchengerichtshof ſeinem Vermoͤgen eine ſchwere Strafe auferlegt habe und ein Gerichtsdiener unter der beſon⸗ dern Aufſicht Sr. Ehren jetzt bis zur Zahlung der Strafe im Beſitz des Hauſes ſei. Dies waren die Folgen eines Zufalls und der Nachgiebigkeit gegen eine bloße Anwandlung von Neu⸗ gier. Der Menſch muß ſich wohl im Staube demuͤ⸗ thigen, wenn er ſieht, daß er taͤglich der Spielball von Kleinigkeiten iſt, die an ſich weniger als nichts ſind. Harold Habingdon war zwar der Theorie nach ein ſtrenger Anhaͤnger des paſſiven Gehorſams, aber einer von den Maͤnnern, die ſich nicht zertreten laſſen und nie von ſelbſt fallen. Was auch ſeine Gefuͤhle ſein mochten, er ſprach ſie nicht aus, und als Iſrael ihn zu troͤſten verſuchte, konnte er kaum bemerken, daß er des Troſtes beduͤrfe. Er blieb aͤußerlich unbewegt, wie bis⸗ her, aber die ruhige Oberflaͤche bedeckte ein ſtuͤrmiſches Innere. Er fuͤhlte den Tod ſeines Vaters, der ihn, ſo zu ſagen, allein in einer Menſchenwuͤſte zuruͤckließ, und das ihm zugefuͤgte Unrecht wurde durch den Ge⸗ danken um ſo bitterer, daß es die Tage ſeines einzigen Verwandten verkuͤrzt hatte. Jetzt begann er zum erſten Male in ſeinem Leben die Wahrheit des Glaubens, wel⸗ cher ſolche Ungerechtigkeit billigte, ſo wie die Rechtmaͤ⸗ 31 ßigkeit der Gewalt, wodurch ſie auferlegt wurde, in Frage zu ziehen. Er hatte fruͤher ſchon einige von je⸗ nen beruͤhmten Erklaͤrungen des Parlaments, die die Rechte des Volks ſo trefflich behaupteten, geſehen, und obgleich ſie im direkten Widerſpruche mit ſeinen von Jugend auf eingeſogenen Grundſaͤtzen ſtanden, waren ſeine Vorurtheile doch unmerklich untergraben worden, ohne daß er bis jetzt noch etwas davon wußte; da er aber noch nie von den praktiſchen Folgen dieſer Willkuͤr⸗ grundſaͤtze gelitten hatte, war ihm ihre innere Unfoͤrm⸗ lichkeit noch nie vor die Augen getreten und er hatte ſich unbedingt der ſklaviſchen Lehre vom blinden Gehorſam unterworfen. Jetzt begann er indeß den Druck der Kette zu fuͤhlen, und was ſeine Vernunft zu ſanktioni⸗ ren verweigert hatte, wurde durch wirkliches Leiden in's Leben gerufen. Waͤhrend ſeine geiſtige Verwandlung, ihm ſelbſt unbewußt, vor ſich ging, hatten Ereigniſſe ſtattgefunden, die die kuͤnftige Beſtimmung Harold's ſehr ſtark beein⸗ flußten. Richter Kurzſtrumpf hatte waͤhrend dieſer Zeit ſeine Augen auf das alte Gutshaus von Habingdon ge⸗ worfen. Die Gewalt dieſer Art von Beamten war be⸗ deutend ausgedehnt worden, um die ſtrengen Geſetze ge⸗ gen die Puritaner beſſer ausfuͤhren zu koͤnnen und ſie meiſt in die kleinen Despoten ihrer Gegend verwandelt, die in die Haͤuſer drangen, ihnen Mißliebige gefangen nahmen und den niedern Staͤnden mit eben ſo geringer Ruͤckſicht fuͤr ihre Rechte, Strafen auferlegten, wie die 33 Sternkammer und die kirchlichen Gerichtshoͤfe fuͤr die einer hoͤhern Klaſſe pflegten. Der Richter hatte bereits durch ſeinen Eifer und ſeine Thaͤtigkeit die Augen jener hohen Tribunale auf, ſich gezogen und einige von den Krumen erhalten, die von dem Tiſche der großen Herren abfielen. So wurde ſein Amtseifer durch die Hoffnung auf Gewinn, ſo wie auf Macht geſchaͤrft, die bei Unterbeamten natuͤrlich ſtaͤrker iſt, wie bei Hoͤhergeſtellten. Von der Zeit an, wo Harold die ſchwere Geldſtrafe auferlegt worden war, hatte Richter Kurzſtrumpf eine gute Ausſicht zu er⸗ blicken geglaubt, von Habingdon Beſitz zu nehmen und daher ſein Betragen gegen ſeinen Gefangenen gaͤnzlich veraͤndert. Er nahm haͤufig Anlaß, ſein tiefes Be⸗ dauern, daß er ihn ſo uͤbereilt verhaftet und gefangen gehalten habe, kund zu geben;z er deutete auf die un⸗ beugſame Strenge der hoͤhern Gerichtshoͤfe gegen in ſeiner Lage befindliche Perſonen von Stande und die abſolute Nothwendigkeit, ſeine Strafe zu bezahlen, ehe er aus dem Gefaͤngniſſe frei kommen koͤnne. Er er⸗ bot ſich, aus reiner Ruͤckſicht auf das Andenken ſeines ſeligen Vaters, fuͤr den er ſtets die aufrichtigſte Zunei⸗ gung gehegt, die noͤthige Summe vorzuſtrecken, im Fall es Harold ſchwer wuͤrde, ſie ſo ſchnell aufzubringen, und rieth ihm endlich im Vertrauen, ſich Denjenigen, welche im Falle der Widerſpenſtigkeit die Gewalt wie den Willen haͤtten, ihn zu Boden zu druͤcken, nicht noch ver⸗ haßter zu machen. 4 3 33 Um die kalte Schroffheit Harold's gegen ihn zu beſeitigen, draͤngte er dem jungen Manne etwas uͤber⸗ eifrig verſchiedene kleine Genuͤſſe auf und geſtattete, da er ſah, welches Intereſſe Harold jetzt an dem Un⸗ gluͤck Iſrael Baneswright's und ſeiner Familie zu neh⸗ men begann, der Frau und Tochter deſſelben, den Tag in dem ihm und dem Prediger angewieſenen Zimmer zuzubringen. Dieſe Anordnung brachte natuͤrlich Ha⸗ rold in die Geſellſchaft der Mrs. Baneswright und ih⸗ rer Tochter, und wie es gewoͤhnlich zu geſchehen pflegt, ſo rief die Gleichheit ihrer Lage und die Gemeinſchaft⸗ lichkeit ihres Ungluͤcks eine mehr als gewoͤhnliche Ver⸗ traulichkeit bei ihnen hervor. Harold hatte das Aeußere der Tochter des Predigers fruͤher nicht beobachtet, jetzt machte daſſelbe aber einen bedeutenden Eindruck auf ihn.— Ihr Geſicht hatte wenig Auffallendes und ihre Geſtalt, die weder in modiſche noch koſtbare Gewaͤnder gehuͤllt war, bot in ihrer Einfachheit, wenn auch nicht ungrazioͤſe, doch nicht eben beſonders anziehende Umriſſe. Ihr Teint war ſehr bleich und ihr Geſichtsausdruck wehmuͤthig ruͤhrend. Es war unmoͤglich, ſie ohne die innere Ueberzeugung anzublicken, daß ſie an Leiden ge⸗ woͤhnt ſein muͤſſe. Ihre Augen waren ſchwarz, und obgleich vom Kummer getruͤbt, doch zuweilen von ſchim⸗ mernden Blitzen erhellt, und ihr auf die ungrazioͤſe Art ihrer Sekte geordnetes Haar ſeidenglaͤnzend und uͤppig. Die einnebmendſte ihrer Eigenſchaften war aber wohl Die Tochter des Puritauers. I. 3 34 ihre ſchmerzlich ſuͤße Stimme, und als ſie nach einigen Tagen mit Harold uͤber das lange Ungemach, welches ihre Familie erduldet hatte, redete, wurde dieſer durch ihre kunſtloſe Erzaͤhlung tief geruͤhrt. Sie war fromm, aber ohne Fanatismus, und reſignirt ohne Gefuͤhllo⸗ ſigkeit. In den erſten Tagen ſprach ſie nur wenig und zwar blos mit ihren Eltern. Da ſie aber bald bemerkte, welches tiefe Intereſſe Harold an ihren Ungluͤcksfaͤllen nahm, und zu gleicher Zeit ein eben ſolches fuͤr die Sei⸗ nen fuͤhlte, geriethen ſie allmaͤhlig in einen ruhigen Ver⸗ kehr, wie der von Geſchwiſtern. Gemeiniglich ſprachen ſie uͤber ihre Lage, was natuͤrlich zu einer Gemeinſchaft⸗ lichkeit des Fuͤhlens leitete, da ihr Schickſal ſo ſonderbar mit einander vereinigt worden zu ſein ſchien. Im Laufe dieſer Geſpraͤche bemerkte Suſanne Baneswright mit einem Seufzer, den ſie, vielleicht mit Recht, nur geiſtlichen Beweggruͤnden zuſchrieb, daß Harold, obgleich als Mitſchuldiger eingekerkert, doch nicht zu ihrem Glau⸗ ben gehoͤrte. Sie vermieden daher nach ſchweigender Uebereinkunft gegenſeitig den Felſen, an welchem ſo viele gute Gefuͤhle geſcheitert ſind, und enthielten ſich aller Verſuche, einander zu bekehren. Es war aber unmoͤglich, mit einem Manne, wie Iſrael Baneswright, deſſen Eifer durch die Verfolgung beſtaͤrkt, ſtatt vermindert worden war, Tage lang zu⸗ ſammen zu leben, ohne Anſpielungen auf die Urſache ſeiner Leiden zu hoͤren. Er pflegte, ohne ſich gerade zu 35 Harold zu wenden, von den Verfolgungen zu ſprechen, die er und ſeine Familie deshalb erlitten, weil ſie dem Gebote ihres Gewiſſens gefolgt waren und Andere auf den Pfad der Gerechtigkeit geleitet hatten, und Harold wurde durch dieſe Erzaͤhlungen bedeutend in der allmaͤh⸗ lig eingetretenen Umwandlung ſeiner Gefuͤhle beſtaͤrkt. In dem Maße, wie die Zeit verging, begann Ha⸗ rold ſie nach und nach immer weniger bedruͤckend und langweilig zu finden; er ſehnte ſich nicht mehr nach ſei⸗ ner einſamen Heimath, denn er hatte jetzt eine ſanfte, angenehme Gefaͤhrtin bei Tage und einen Gegenſtand naͤchtlicher Betrachtung, wenn ihm, wie es oft geſchah, ſein Gedaͤchtniß die Geſtalt Suſannens zuruͤckrief, wie ſie mit einem Blicke frommen Kummers auf ihn ſchaute, als ob ſie beklage, daß ſie zwar durch Zufall und Un⸗ gluͤck vereinigt, doch durch den Glauben getrennt waren. Seine letzten Tage waren ſo einſam und blos mit Ge⸗ danken beſchaͤftigt verfloſſen, daß bisher die einen Theil der menſchlichen Natur bildenden Neigungen nur in ſeiner Einbildungskraft eine Heimath gefunden hatten. Es iſt kaum zu verwundern, daß er durch den taͤglichen Umgang mit einem jungen Frauenzimmer, das, wenn auch nicht gerade ſchoͤn, doch huͤbſch und anziehend war, deſſen Lage ſeine tiefſte Theilnahme erweckte, durch ſeine Leiden Mitleid und durch ſeine Geduld Bewunderung erregte— allmaͤhlig in ein tieferes und dauernderes Ge⸗ fuͤhl gerieth. Er wurde ſich endlich ſeiner Lage bewußt und wuͤrde ſich wahrſcheinlich Suſannen entdeckt haben, 3 ℳ 36 wenn er nicht durch die ewige Gegenwart ihrer Eltern gezwungen geweſen waͤre, ſich auf die allgemeine Sprache zu beſchraͤnken, die von allen civiliſirten wie wilden Menſchen, von der Kindheit, Jugend und dem Greiſen⸗ alter gleich vollkommen verſtanden zu werden ſcheint. Richter Kurzſtrumpf hatte ſich unterdeſſen unab⸗ laͤſſig bemuͤht, Harold zu bewegen, das zur Bezahlung der Strafe noͤthige Geld gegen Hypothek auf Habing⸗ don von ihm vorſchießen zu laſſen; er fand aber, daß der junge Mann mit jedem Tage uͤber ſeine Angelegen⸗ heiten gleichgiltiger zu werden ſchien, und als Harold einmal ernſter als gewoͤhnlich aufgefordert wurde, ſich zu entſcheiden, erklaͤrte er mit bitterer Feierlichkeit, daß er lieber im Gefaͤngniß verfaulen, als ſich freiwillig ſo geſetzwidrigen Erpreſſungen unterwerfen wuͤrde, da er hierdurch der That nach ihre Gerechtigkeit anerkennen muͤßte. Kurzſtrumpf, der ſeinen Eifer nur wegen eines Zweckes, welcher, wie er jetzt bemerkte, unerreichbar war, aufgeſchoben hatte, beſchloß nun, die Sache auf's Aeu⸗ ßerſte zu treiben. Er ließ daher Harold und die Banes⸗ wright's zum Urtheil vor ſich fuͤhren, da, wie er tref⸗ fend bemerkte, durch ſein Zeugniß ein vorgaͤngiger Pro⸗ zeß ganz unnoͤthig gemacht wurde. Es war eine Scene, uͤber welche die Menſchlich⸗ keit haͤtte weinen und die Gerechtigkeit ihre Augen ſchließen moͤgen, wenn ſie nicht bereits blind geweſen waͤre. Harold und Iſrael ſahen ſteif und ſtolz aus, waͤhrend die Frau und Jungfrau mit gefalteten Haͤn⸗ 37 den und niedergeſchlagenen Augen in frommer Reſigna⸗ tion ihr Urtheil erwarteten. Der Richter ſaß in allem Prunk ſeiner ungeſchickt getragenen Wuͤrde, von ſeinen ſpoͤttiſch grinſenden Unterbeamten umgeben, da, und be⸗ merkte ernſthaft, daß, da er ſelbſt Zeuge des Vergehens geweſen, kein weiterer Beweis noͤthig ſei. Hier wurde er von Iſrael unterbrochen, der erklaͤrte, daß es keines Beweiſes beduͤrfe, da er ſeinen Beruf geſtehe, ja ſich denſelben zum Ruhme anrechne und vollkommen uͤber⸗ zeugt ſei, daß ihm Gott denſelben angewieſen habe. „Stille!“ ſchrie der Richter.„Ich muß wenig⸗ ſtens die geſetzlichen Formen durchmachen, die Se. Gna⸗ den der Erzbiſchof von Canterbury vorgeſchrieben hat, der nicht nur Primas von England, ſondern auch Pri⸗ mas von ganz England iſt. Ich verlange Euer Ge⸗ ſtaͤndniß nicht, außer wenn Ihr es mit Beſſerung be⸗ gleitet. Gottes Leben, Maſter Rundkopf, wollt Ihr des Koͤnigs Vertreter dadurch beleidigen, daß Ihr thut, als geſtaͤndet Ihr, was er mit ſeinen eignen Augen ge⸗ ſehen hat? Wollt Ihr zu verſtehen geben, daß ich blind und taub ſei, daß ich Euch nicht geſehen und gehoͤrt habe? Euer Geſtaͤndniß iſt ein weiteres Verbrechen, das bei Eurer Strafe beruͤckſichtigt werden ſoll. Aber zur Sache. Herr Schreiber, gebt mir das Buch. Nun, ehrwuͤrdiger Apoſtel, Ihr ſagt, daß Ihr ein Prediger des Evangeliums ſeid. Wollt Ihr verſprechen, Eurer Gemeinde— das heißt, wenn Ihr naͤchſten Sonntag eine habt, dieſes vorzuleſen, im Fall ich Euch gehen laſſe 2E 38 Iſrael nahm das Buch, oͤffnete es, und als er fand, daß es das, den ſtrengen Puritanern ſo verhaßte„Buch der Sports“ war, ſchleuderte er es mit Entruͤſtung von ſich und rief: „Es leſen, das verfluchte Werk der Abſcheulich⸗ keit leſen— das Buch Satans, welches den heiligen Sabbath in einen Feiertag fuͤr Suͤnder verwandelt! Ich wuͤrde lieber eins von den profanen Schauſpielen leſen, von denen einige, und wie man ſagt, die abſcheu⸗ lichſten, durch Prediger des Evangeliums, wie ſie ſich nennen, geſchrieben ſind. Laßt es auf dem Jahrmarkte leſen, denn wahrlich, ich werde meine Lippen nicht mit ſo frevelhaftem Suͤndenabſchaum beſudeln.“. „Stille!“ ſchrie der Richter’ von Neuem,„ſonſt werde ich, wenn es auch nicht im Geſetz ſteht, kraft der Gewalt, die mir als Vertreter der Kirche und des Koͤnigs zuſteht, Euch Eure Schandzunge ausreißen laſ⸗ ſen, damit ſie keine Gotteslaͤſterungen weiter ausſtoͤßt. Stille, ſage ich, und hoͤrt Euern Urtheilsſpruch an, wie es einem widerſpenſtigen Suͤnder geziemt.“ „Ich will nicht ſchweigen,“ entgegnete Iſrael, „es iſt mein Beruf, zu ſprechen, und ich werde ſpre⸗ chen, ſo lange ich Athem habe, das Wort der Wahr⸗ heit zu erklaͤren und gegen die Fallſtricke der Gottloſen zu proteſtiren. Erhebt Eure flehenden Augen nicht ſo zu mir, Ihr armen geſchorenen Laͤmmer,“ ſagte er mit einem Blicke auf ſeine Frau und Tochter,„denn ich bin berufen, den guten Kampf zu kaͤmpfen und habe 39 meine Lenden zum Streite geruͤſtet. JFuͤrchtet Euch nicht, es dauert vielleicht noch ein Weilchen, daß wir gejagt werden wie wilde Thiere; noch ein Weilchen werden wir vielleicht geſchmaͤht, geſtoßen, geſchlagen, eingekerkert und weltlicher Schande ausgeſetzt. Erhebt aber Eure Haͤupter, meine Lieblinge, und erwartet vom Himmel die Gerechtigkeit, welche noch auf ein Kleines, hoffentlich auf ein ſehr Kleines, aus dem Lande ver⸗ bannt iſt, das mit ſeiner Freiheit prahlt, waͤhrend es den Geiſt in Banden zu ſchlagen ſucht. Der die Ge⸗ rechtigkeit ſelbſt iſt, wird der Ungerechtigkeit nicht ewig den Sieg laſſen, denn das wuͤrde die gaͤnzliche Ent⸗ wuͤrdigung ſeiner Geſchoͤpfe zur Folge haben. Es muß Maͤrtyrer geben, die mit ihrem Blute die Aufrichtig⸗ keit ihres Glaubens beſiegeln. Jeder heilige Tropfen, der aus ihren Adern auf den Boden ſtroͤmt, ernaͤhrt ein gutes Samenkorn der Froͤmmigkeit und treibt es zu einem ſtattlichen Baume auf, der ſeinen Schatten fernhin wirft. In Zeiten wie die unſere, iſt ein Maͤr⸗ tyrer nicht genug. Wo Voͤlker ſuͤndigen, muͤſſen Voͤl⸗ ker buͤßen, Hekatomben, Tauſende, ja Zehntauſende von Opfern muͤſſen nicht wie bisher auf den brennen⸗ den Scheiterhaufen oder auf der Folter ihr Leben aus⸗ hauchen, ſondern ſich auf dem Schlachtfelde zur Suͤhne bieten, wo allein der große Kampf entſchieden und die Verbrechen der Herrſcher durch das Blut ihres Volkes geſuͤhnt werden koͤnnen. Was mich betrifft, ſo bin ich nur ein Wurm und man kann mich zertreten, wenn 4 — 40 man will. Wenn ich nicht des Maͤrtyrerthums wuͤrdig bin, ſo werden Striemen hinreichen. Ich bin bereit, Herr Richter, beeilt Euch, die Vergangenheit iſt Euer geweſen, die Zukunft aber in ſtaͤrkern Haͤnden als denen des Erzbiſchofs und Koͤnigs.“ Dies wurde mit einer Heftigkeit und einer Schnelle geſprochen, welche auf eine Zeit lang nicht nur den Richter zum Schweigen brachte, ſondern ihn auch vor dem verachteten Rundkopfe erbeben ließ. Er ſammelte ſeine Wuͤrde jedoch bald wieder und raͤchte ſich, wie es bei kleinlichen, boshaften Geiſtern gewoͤhnlich iſt, fuͤr ſeine voruͤbergehende Bewegung durch das Ausuͤben der ihm vom Geſetze geſtatteten Gewalt und Auferlegen einer ſtrengern Strafe gegen die Perſon, die ihn im Beiſein ſeiner Untergebenen zum Schweigen gebracht hatte. „Was!“ rief er endlich,„Ihr ſeid nicht nur ein Prieſter, ſondern auch ein Prophet? Gottes Leben! Ihr werdet Euch bald auch als Koͤnig etabliren. Koͤnnt Ihr mir mit Euerm prophetiſchen Geiſte vorausſagen, was Euch geſchehen wird, wie Ihr wißt, was dem ganzen Volke zuſtoßen ſoll? Conſtabler, fuͤhrt ihn nach der großen Gefaͤngnißhalle, gebt ihm neunund⸗ dreißig tuͤchtige Hiebe, ſchlitzt ſeine Naſe auf, da ſeine Ohren nicht mehr vorhanden ſind und laßt ihn dann in Frieden ziehen.“ Um die Wahl der Gefaͤngnißhalle ſtatt des Markt⸗ platzes oder eines andern oͤffentlichen Ortes zu erklaͤren, 41 wird es noͤthig ſein, zu bemerken, daß ſeit einiger Zeit der Richter bei aͤhnlichen Schaugebungen chriſtlicher Liebe von ſehr unverkennbaren Zeichen oͤffentlicher Unzufrie⸗ 3 denheit begruͤßt worden war. Vielleicht hatte er ſich auch zu der Anſicht bekehrt, daß Berufungen auf die Einbildungskraft weit wirkſamer ſind, als die auf die Sinne, und Privatexekutionen das Verbrechen weit beſſer verhuͤten als oͤffentliche Beiſpiele. —„Aber was ſoll ich mit den Weibern anfangen, 2 Ew. Ehren?“ fragte der Conſtabler grinſend. „O, ich hatte die Heerde vergeſſen, als ich fuͤr den Hirten ſorgte. Laßt ſehen, hem— ja, ja— ſie ſollen das Vergnuͤgen des Zuſchauens haben, waͤhrend 3 die Ceremonie vor ſich geht und durch Sympathie be⸗ ſtraft werden. Die Gerechtigkeit muß ſich immer mit der Gnade verbinden. Was Euch betrifft, Maſter Harold, ſo werdet Ihr im Gefaͤngniß bleiben, bis Eure Strafe bezahlt, oder die Prophezeihung des Pre⸗ digers erfuͤllt iſt. Fort mit ihnen!“ Die Frau und Tochter des armen Predigers hatten waͤhrend dieſes Spottes mit der Gerechtigkeit in ſtum⸗ mer Reſignation oder Verzweiflung dageſtanden. Sie hatten eine lange Reihe von Leiden erduldet und wenn die Vorſehung auch nicht immer dem geſchorenen Lamme den Wind ſaͤnftigt, ſo erſetzt ſie dies doch oft dadurch, daß ſie das geſchorene Lamm fuͤr den Wind ſaͤnftigt. Sie weinten nicht, ſie rangen nicht die Haͤnde noch weinten ſie laut, obgleich ihnen das Herz 4² blutete und ſie ihre Glieder kaum zu tragen vermoch⸗ ten. Unter allen ihren Leiden erblickte man deutlich, daß ein maͤchtiger Einfluß in ihrem Innern ſie in der Stunde der Pruͤfung aufrecht erhielt. Bleich wie der von Furcht oder Aberglauben heraufbeſchworene ge⸗ ſpenſtiſche Schatten, hilflos wie die Taube in den Klauen des Falken erwarteten ſie die Vollſtreckung des Spruches.. Harold wurde von Liebe und Entruͤſtung faſt bis zum Wahnſinn gebracht, aber die Ueberzeugung, daß ſeine Verwendung nur dazu dienen wuͤrde, den Richter zu neuen Beweiſen kleinlicher Bosheit anzureizen, er⸗ hielt ihn ſtumm. Er blickte, waͤhrend die Vorberei⸗ tungen getroffen wurden, mit furchtbarer Stille zu und warf von Zeit zu Zeit einen Blick auf Suſanne Ba⸗ neswright, der ſelbſt in dieſer traurigen Lage in ihr Herz ſank, und deſſen ſie ſich noch lange nachher er⸗ innerte. Iſrael erwartete die Vollſtreckung des Spruchs mit maͤnnlicher Ergebenheit, indem er ſeine Augen zum Himmel erhob und ſeine Haͤnde faltete. Nur ein ein⸗ ziges Mal rief er: „Herr, Herr, wie lange wirſt Du noch zuſehen?“ Die Zuruͤſtungen waren gemacht, die benarbten Schultern Iſraels entbloͤßt, der Henker ſchwang ſeine Peitſche und wartete begierig auf den Befehl zum An⸗ fangen, waͤhrend die beiden troſtloſen Frauenzimmer die Haͤnde vor die Augen hielten, um nicht zu erblicken, was ſie ſo anzuſehen gezwungen wurden. 43 In dieſem Augenblicke hoͤrte man ein vetwirrtes Summen von vielen Stimmen, dem lautes, mit zor⸗ nigen Drohungen und eben ſo zornigen Entgegnungen vermengtes Geſchrei folgte. Nach dieſem Wortkriege kamen die Toͤne ſchwerer Schlaͤge und von im heißen Kampfe ringenden Maͤnnern. Wenige Minuten dar⸗ auf wurde die aͤußere Thuͤr mit donnernder Gewalt erſtuͤrmt, gab endlich nach und ließ eine Schaar von mit Eiſenſtangen, Senſen, Pfaͤhlen, Flegeln, Feuer⸗ haken und andern laͤndlichen Waffen verſehenen Bauern eindringen. Richter Kurzſtrumpf war anfaͤnglich vor Beſtuͤrzung uͤber dieſe unceremonioͤſe Art des Eintretens ſtumm, erlangte aber bald ſeine Faſſung wieder und fragte in von einem leichten Anfalle des Zitterns ge⸗ maͤßigtem Tone richterlicher Strenge, was ſie wollten und wie ſie es wagen koͤnnten, ſich ihm auf dieſe Weiſe zu nahen. Ein ſtreng ausſehender Mann in einfacher, aber wohlhaͤbiger Kleidung antwortete: „Wir kommen, um dieſe armen, unſchuldigen Gefangenen, die Opfer von durch Bigotterie erlaſſenen und durch Tyrannen ausgefuͤhrten Geſetzen zu befreien. Es haͤngt von Euerm gegenwaͤrtigen Benehmen ab, ob wir nicht auch gekommen ſind, das erbaͤrmliche Werk⸗ zeug der Bedruͤckung zu beſtrafen, obgleich wir ein hoͤheres Ziel im Auge haben.“ „Gottes Leben,“ antwortete der Richter, ein wenig von der Furcht perſoͤnlicher Gewaltthaͤtigkeiten befreit, „Gottes Leben, Sir, wißt Ihr nicht, daß Ihr grade 4Ä4. dem Geſetze entgegenhandelt und die Wuͤrde Sr. Majeſtaͤt und Sr. Gnaden des Erzbiſchofs von Can⸗ terbury beleidigt, auf deren Befehl dieſe peſtilenzialiſchen Stutzohren gefangen genommen worden ſind?“ „Se. Majeſtaͤt der Koͤnig,“ ſagte Jener mit fin⸗ ſterm Laͤcheln,„und Se. Gnaden von Canterbury wer⸗ den jetzt wohl ſchon das Angeſicht des gekraͤnkten Vol⸗ kes fliehen.“ „Was meint Ihr damit, Burſche? Wagt Ihr es, Hochverrath gegen den Koͤnig in Gegenwart ſeines Vertreters zu reden? Ich werde Euch verhaften, Burſche— Ihr ſollt auf einen Karren gebunden, ge⸗ peitſcht, auf einem Balken durch die Straßen getragen werden, an den Pranger kommen, Eure Ohren verlie⸗ ren und uͤberdies noch gehangen und geviertheilt werden.“ Ein leiſes drohendes Murmeln nebſt einem unter⸗ druͤckten Lachen war die Antwort auf dieſen Zornaus⸗ bruch des Richters, der nicht wenig uͤber den ſchlechten Erfolg ſeiner Rede und den Blick kalten Trotzes be⸗ ſtuͤrzt war, womit ihm Derjenige, welchen er anredete, begegnete. Er bruͤſtete ſich nicht nur mit ſeiner Be⸗ redſamkeit, ſondern auch mit ſeinem auffallenden Scharfblicke in der Entdeckung eines Verbrechens an ſeiner Phyſiognomie und prahlte oft, daß er durch den bloßen Inſtinct einen Schurken erkennen koͤnne.„Das Geſtaͤndniß des Geſichts,“ behauptete er oft,„ſei ſicherer als das der Zunge.“ Bei dieſem Anlaſſe ſchoß er jedoch gaͤnzlich fehl. Die Eingedrungenen waren mit Aus⸗ 45 nahme ihres Sprechers einfache Landleute mit rothen Wangen und Geſichtern, die nichts als ehrliche Ein⸗ falt ausdruͤckten. Derjenige, welcher der Anfuͤhrer der Schaar zu ſein ſchien, bewies dem Richter keine weitere Aufmerk⸗ ſamkeit, ſondern forderte die mit ihm Gekommenen ruhig auf, alle Gefangenen ohne Ausnahme zu be⸗ freien, da es unmoͤglich ſei, die Schuldigen von den Unſchuldigen zu unterſcheiden. Die Schluͤſſel wurden daher dem Kerkermeiſter abgefordert, der alle Gegen⸗ waͤrtigen zu Zeugen aufrief, daß er unter Zwang handele. Waͤhrend ein Detachement zu dieſem Behufe im Gefaͤngniß umhereilte, verwandte Richter Kurz⸗ ſtrumpf die Zwiſchenzeit auf eine letzte Anſtrengung zu Gunſten Sr. Majeſtaͤt und des Erzbiſchofs. „Gottes Leben, Herr Stutz— ich meine— das heißt— was wollte ich ſagen?— Hoͤrt, Maſter, wie heißt Ihr gleich?— Wißt Ihr, was Ihr vornehmt? Ihr brecht die Geſetze an zwanzig verſchiedenen Stellen. Das geiſtliche Geſetz, das zeitliche Geſetz, das buͤrger⸗ liche Geſetz und das militairiſche Geſetz. Ihr verletzt die Magna charta, welche beſagt— hem— ich meine — was wollte ich ſagen—“ „Gleichviel, was Ihr ſagt,“ antwortete Jener, als der zur Abholung der Gefangenen abgeſchickte Trupp mit ihnen zuruͤckkehrte.„Wir gehoͤren nur zu den Gemeinen, aber ſind ſtets gute, friedliche Unterthanen geweſen, die das Geſetz achteten, ſo lange es uns Schutz —— gegen ungerecht angemaßte und unbarmherzig ausge⸗ uͤbte Gewalt gewaͤhrte. Der Despotismus des Ge⸗ ſetzes kann eben ſo druͤckend gemacht werden wie der des Willens, und wenn nicht die Menſchheit zuweilen ihre Zuflucht zu den Rechten genommen haͤtte, die zu unſrer Natur gehoͤren und nicht veraͤußert werden koͤnnen, ſo wuͤrde die ganze Welt ſeit lange ſchon nur von Sclaven bewohnt ſein.“ „Beim Himmel, das iſt eine neue Lehre,“ brummte der Richter,„ſie klingt ganz wie Hochverrath mit etwas Ketzerei vermiſcht.“ „Hochverrath! wißt, Richter Kurzſtrumpf, daß es weder Rebellen noch Hochverraͤther giebt, wenn ſich ein ganzes Volk gegen die Unterdruͤckung erhebt.“ Die Entruͤſtung des Richters uͤber das kuͤhne Bekenntniß dieſer Lehren uͤberwaͤltigte ſeine Furcht. Er belegte die Eingedrungenen mit allen Schimpfnamen, deren er ſich im Augenblicke entſinnen konnte, und wovon er einen bedeutenden Catalog beſaß, rief die Conſtabler umſonſt herbei und beſchwor Se. geheiligte Majeſtaͤt, ſeine gaͤnzliche Unfaͤhigkeit, dieſen geſetzloſen Eindringlingen zu widerſtehen, mit anzuſehen. Man achtete wenig auf ſeine Worte und die Gefangenen, unter denen ſich natuͤrlich Iſrael mit ſeiner Familie befand, zogen in der Stille unter Begleitung ihrer Befreier ab. Auch Harold erhielt ſeine Freiheit angeboten, lehnte ſie aber kalt ab, da er noch nicht im Stande war, ſeine Ehrfurcht gegen die Geſetze 47 gaͤnzlich zu uͤberwinden, wie ſchwer er auch unter ihnen leiden mochte. Als Iſrael die Halle verließ, ſagte er nachdruͤcklich zu ihm: „Wir werden einander ſicherlich wiederſehen.“ Die Frau des Predigers bot ihm ein warmes Lebewohl, aber die Tochter ſchwieg. Suſanne und Harold wech⸗ ſelten einen einzigen Blick, als ſie ſchieden— ob um ſich je wiederzuſehen, ſtand in dem Buche des Schick⸗ ſals, welches einen ſo großen Theil der Geſchichte des Menſchen enthaͤlt, geſchrieben. Drittes Kapitel. Ein kurzer Zug in das Gebiet der Geſchichte.— Harold in großer Gefahr.— Er wird daraus durch die Vorſehung in Geſtalt des alten Gilbert Taverner befreit.— Richter Kurzſtrumpf und ſeine Unbekannten machen ſich aus dem Staube.— Ein Geheimniß in Bezug auf Suſanne Ba⸗ neswright.— Harold in großer Ungewißheit, aus welcher er endlich durch die Einmiſchung eines kleinen Gottes mit Bogen und Pfeil geriſſen wird.— Er wird nicht nur ein Rundkopf, ſondern auch ein Republikaner und ſchwoͤrt den paſſiven Gehorſam auf ewig ab. Um die ploͤtzliche Befreiung Iſrael Baneswrights und ſeiner Anhaͤnger zu erklaͤren, iſt es noͤthig, etwas uͤber die Kriſis zu ſagen, wodurch dieſelbe herbeige⸗ fuͤhrt wurde. Die Ereigniſſe ſind ohne Zweifel Allen bekannt und wenige Worte werden daher hinreichend ſein. Der Koͤnig Karl der Erſte lag ſeit laͤngerer Zeit mit ſeinem Parlament im Streite. Es handelte ſich dabei um die Frage, ob der Koͤnig unbedingte kirch⸗ liche und politiſche Gewalt genießen und uͤben, oder ob Glaubens⸗ und politiſche Freiheit des Volkes ein⸗ treten ſolle. Dieſer Streit war ſo weit gediehen, daß beide Theile ſich darauf vorbereiteten, ihre Anſichten 49 mit Gewalt der Waffen zu vertreten. Die Frage, ob die Verfuͤgung uͤber die Miliz dem Parlament oder dem Koͤnig zuſtehen ſolle, brachte den Streit zum Aus⸗ bruch, keiner von beiden Theilen wollte nachgeben, denn von der Miliz hing bei dem damaligen Mangel an ſtehenden Heeren die endliche Entſcheidung aller Wahrſcheinlichkeit nach ab. Es gab außer Nachgibigkeit oder dem Kriege kein Drittes. Der Koͤnig richtete in Nottingham ſeine Fahne auf und das Parlament erließ die Verordnung, ein Heer zu errichten, England ſtand gegen ſich ſelbſt unter Waffen.⸗ Die buͤrgerlichen Behoͤrden vermochten den Geſetzen nicht mehr Achtung zu verſchaffen, Alles war in Verwirrung und dies ganz beſonders in dem entlegenen Diſtrikte der Fall, wo es von Diſſidenten wimmelte, und kaum hatte die Nachricht vom wirk⸗ lichen Beginn des Buͤrgerkrieges jene Gegend erreicht, als ſich eine Anzahl derjenigen, welche John Baneswright's Reden zuzuhoͤren pflegten, aufmachte, um ihn aus dem Gefaͤngniſſe zu befreien und dies, wie wir im vorigen Kapitel geſehen haben, auch bewerkſtelligte. Nach der Entfernung des Rundkopfes und ſeiner Anhanger machte Richter Kurzſtrumpf ſeiner Wuth und ſeinem Aerger durch verſchiedene kraͤnkende Anſpie⸗ lungen und Winke gegen Harold Luft, den er merkwuͤr⸗ diger Weiſe als einen Theilnehmer der Beleidigung, die Seiner geheiligten Majeſtaͤt in der Perſon ihres Ver⸗ treters zugefuͤgt worden war, anſah. Die Tochter des Puritaners. I. 4 Mit dem Beginn der Feindſeligkeiten noch nicht bekannt— denn die Neuigkeiten reiſ'ten damals noch nicht per Telegraph,— beſchloß er Harold zum Suͤn⸗ denbock fuͤr alle Uebrigen zu machen, befahl, ihn in ſei⸗ nem alten Quartier einzuſchließen und verließ das Ge⸗ faͤngniß unter grimmigen Invectiven. Harold brachte die uͤbrigen Stunden jenes Ta⸗ ges und die darauf folgende Nacht ohne leibliche Nah⸗ rung zu, und die geiſtige war etwas bitter. An die taͤgliche Geſellſchaft Iſraels und ſeiner Familie gewoͤhnt, 1 lag ihm ſeine jetzige Einſamkeit ſchwer auf dem Geiſte, und ſeine wahrſcheinliche ewige Trennung von Suſan⸗ nen vermehrte dieſe Laſt bedeutend. Er fuͤrchtete neue Bedruͤckungen des in ſeinen Hoffnungen getaͤuſchten Richters und ruͤſtete ſich auf noch groͤßere Uebungen ſeiner Standhaftigkeit und Geduld. Seit der Entfer⸗ nung des Richters Kurzſtrumpf hatte er keine Menſchen⸗ ſtimme, keinen Schritt mehr gehoͤrt. Das Gefaͤngniß war ſtill wie die Wohnungen der Todten und das Schlagen der großen Uhr in der Halle der einzige ſei⸗ nem Ohr begegnende Laut. Er brachte eine ſchlafloſe Nacht zu und ſtand am Morgen mit einem noch nie gehabten Gefuͤhle von Niedergeſchlagenheit auf. Die gewohnte Fruͤhſtuͤcksſtunde verging, ohne daß Jemand erſchien. Der Mittag kam, aber mit ihm kein Mittagseſſen, und er legte ſich am Abend mit einer Be⸗ ſorgniß nieder, uͤber die ſein Blut erſtarrte, da er den ganzen Tag uͤber weder Nahrung noch Waſſer zu ſich 51 genommen hatte. Unterdeſſen dauerte das todte, oͤde Schweigen fort und er fuͤhlte ſich wie von der ganzen Welt verlaſſen. Im Verlauf ſeiner zweiten abermals wa⸗ chend verlebten Nacht glaubte er zuweilen fernes Ge⸗ ſchrei in der Stadt zu hoͤren, es ſchwieg aber bald wieder und ſelbſt das Bellen der Hunde hoͤrte auf, als der Mond von ſchwarzen Wolken umhuͤllt, und ſein ſilbernes Licht verdeckt wurde. Der folgende Tag und noch einer vergingen auf die gleiche Weiſe in der⸗ ſelben Todtenſtille und derſelben Enthaltſamkeit. Er begann jetzt die gewohnten Folgen lang anhaltenden Hungers und Durſtes zu fuͤhlen. Wenn er gehen wollte, ſo zitterten ſeine Glieder, der Kopf wirbelte ihm, und er ſah wie durch einen Nebel. Allmaͤhlig wurde durch den Mangel Desjenigen, was fuͤr Koͤrper und Geiſt gleich nothwendig iſt, ſein Gehirn ſchwach und mit Schattenbildern angefuͤllt, eine Menge von unbeſtimmten Geſtalten erhoben ſich und verhinderten ihn zwar, feſt auf ſeiner wirklichen Lage zu verweilen vermehrten aber ſeine Leiden durch die Schrecken, welche ſie in ihrem Gefolge hatten. Dann war ſeine Ruhe nichts als halbwache, halbſchlafende Traͤume von kry⸗ ſtallenen Wellen und reichlichen Gaſtereien, ſo daß er nur zu den Qualen des Tantalus erwachte. So lange es ſeine Kraft geſtattete, ſchaute er unablaͤſſig aus dem einzigen Fenſter ſeiner Zelle, das auf den innern kleinen, von einer hohen maſſiven Mauer umgebenen Hof, jenſeits deſſen das freie Feld 4* 52² lag, hinausging. Dort ruͤhrte ſich aber keine Men⸗ ſchenſeele. Mitunter klopfte er an der Thuͤr, ſo ſtark er konnte und rief um Hilfe; aber Keiner hoͤrte und Keiner antwortete. Er ſchien dazu beſtimmt zu ſein, allein inmitten ſeiner Mitgeſchoͤpfe zu verhungern. Mit jedem Tage vermehrte ſich ſeine Schwaͤche und zugleich Ruheloſigkeit, denn obgleich der gewoͤhn⸗ liche Hunger im Schlafe Vergeſſenheit ſucht, ſo kommt doch eine Zeit, wo dem Verhungernden dieſe Erqui⸗ ckung ausbleibt, wo das Gehirn leidet und nach Er⸗ ſchoͤpfung der Naturkraͤfte Tod, nicht Schlaf die ein⸗ zige Zuflucht mehr iſt. Am Morgen des ſechſten Tages lag er nach einer ſchlafloſen Nacht, in der er groͤßtentheils das Bewußt⸗ ſein ſeiner jetzigen Leiden uͤber dem Gemiſch der Schre⸗ cken verloren hatte, die im Chaos ſeines Gehirns um⸗ her zogen, in dem Zuſtande von faſt Bewußtloſigkeit, welcher gluͤcklicher Weiſe mit einem durch uͤbermaͤßiges Leiden erſchoͤpften Geiſt und Koͤrper erſchoͤpft iſt, auf ſeinem elenden Bett, als er dadurch wieder zum Be⸗ wußtſein gerufen wurde, daß er Schritte auf dem ſchmalen Gange vor ſeiner Thuͤr zu hoͤren glaubte. Es war mehr Inſtinkt als eine beſtimmte Wahrneh⸗ mung ſeiner Lage, was Harold zu einer letzten An⸗ ſtrengung bewog, er rief, ſo laut er konnte und ver⸗ ſuchte von ſeinem Bette aufzuſtehen, erhielt aber keine Antwort und die Schritte verklangen in der Ferne. Von Neuem fiel er in ſeinen fruͤhern Zuſtand zu⸗ 53 ruͤck und ſank auf das Bett, von welchem er ſich halb erhoben hatte, nieder. Nach wenigen Minuten unterſchied er zuruͤckkeh⸗ rende Schritte und wie er glaubte, Schluͤſſelgeklirr. Jetzt wurde ſeine Kraft wieder durch die Hoffnung be⸗ lebt und es war ihm gelungen ſich ſoweit aufzurichten, daß er an der Mauer lehnte, als er das Drehen eines Schluͤſſels im Schloß und das Knarren der Angeln vernahm, und die Thuͤr aufgehen ſah. Er war zu ſchwach fuͤr die Freude, aber die ploͤtzliche Umwaͤlzung ſeiner Gefuͤhle uͤberwaͤltigte ihn, ein Nebel trat vor ſeine Augen und er ſank in faſt vollſtaͤndiger Bewußt⸗ loſigkeit nieder. Es war ihm, als ob ihn Jemand mit durch alte Erinnerungen lieb gewordener Stimme rufe, und ob⸗ gleich er ſich zu antworten bemuͤhte, erſtarben doch ſeine Worte in unartikulirtem Murmeln. Allmaͤhlig zog der Nebelſchleier vor ſeinen Augen hinweg, und er glaubte eine Geſtalt uͤber ſich gebeugt zu ſehen, deren Geſicht ihm bekannt ſchien. Es dauerte lange, ehe er ſich vollkommen zu erinnern vermochte, denn die Na⸗ tur war faſt gaͤnzlich erſchoͤpft und hing nur noch durch ein Haar am Leben, aber die Stimme eines uͤber ſeinen traurigen Zuſtand Klagenden, die Stimme der Freundſchaft und Theilnahme, die uns faſt vom Grabe zuruͤckrufen kann, wurde endlich als die eines grauköoͤpfigen Domeſtiken erkannt, deſſen Leben ſo wie das einer langen Reihe ſeiner Vorfahren unter dem Dache von Habingdon vergangen war. Harold re⸗ dete ihn mit ſchwachem Fluͤſtern an und der Alte ſchaffte, ſeine Lage begreifend, Erquickungen herbei, die man ihm vorſichtig einfloͤßte, bis er nach Hauſe geſchafft wurde. Es dauerte viele Tage lang, ehe ſich Harold ge⸗ nuͤgend erholte, um ſein Bett verlaſſen und an das Fenſter ſchwanken zu koͤnnen, um dort die fuͤße Morgenluft einzuathmen und die Schoͤnheiten deſſen zu genießen, was ihm faſt als eine vor ihm ausgebrei⸗ tete neue Welt erſchien. Jeder Gegenſtand war fuͤr ihn mit einem neuen, unausſprechlichen Reiz begleitet und die Muſik der Voͤgel glich der Stimme lange ver⸗ lorener Freunde, die ihn wieder zu Hauſe bewillkomm⸗ neten. Im Verlaufe ſeiner Geneſung erfuhr er den Grund, weshalb er im Gefaͤngniß ſo unerklaͤrlich ver⸗ laſſen worden war, was er zuweilen der Bosheit des Richters Kurzſtrumpf zugeſchrieben hatte. Bei allen ſeinen vielfachen Suͤnden war der Richter aber doch nicht faͤhig, ſeinen Gefangenen abſichtlich verhungern zu laſſen. Er nahm keinen Anſtand, einen Gefan⸗ genen peitſchen zu laſſen und ſein Gewiſſen erlaubte ihm wohl das Aufſchlitzen von Naſen oder Abſchneiden von Ohren, aber man muß ihm die Gerechtigkeit wi⸗ derfahren laſſen, daß das Aushungern uͤber die Sphaͤre ſeiner Schlechtigkeit hinausging, die eigentlich weniger ein Werk ſeines Charakters war als der Verbindung des 55 Sekteneifers mit einem heftigen Wunſche, ſich den hoͤ⸗ heren Gewalten, die ihm das Beiſpiel dazu gaben, geneigt zu machen, entſprang. Er war beim Verlaſſen des Gefaͤngniſſes nach der gewaltſamen Entfuͤhrung ſeiner Gefangenen von den Bewohnern der Stadt, die viele alte Rechnungen mit ihm auszugleichen hatten, und uͤberdies durch das Beiſpiel des Koͤnigs und Parlaments zur Gewaltthaͤ⸗ tigkeit aufgeregt worden, ſo mit Schmaͤhungen und faulen Aepfeln verfolgt worden, daß er im Hauſe eines Verwandten Schutz ſuchen mußte und von da bei Nacht fluͤchtete. Um mit dieſer wichtigen Perſon, die im Laufe unſrer Geſchichte nicht wieder erſcheinen wird, zu Ende zu kommen, wollen wir zur Erbauung unſrer Leſer kurz angeben, daß er bis nach der Schlacht bei Naſeby der getreueſte aller Unterthanen blieb, dann aber Rundkopf wurde, ſein Haar abſchnitt, oͤffentlich betete und laͤrmend zur Froͤmmigkeit ermahnte. Dies dauerte bis zur Reſtauration, wo er gluͤcklicher Weiſe durch ſeine Bedeutungsloſigkeit vor den Folgen ſeines Religionswechſels geſchuͤtzt, von der Fluth der Loyali⸗ tat wieder emporgetragen und von ſeinem dankbaren Souverain, nach der Art des luſtigen Monarchen be⸗ lohnt wurde. Sobald der Richter fort war, folgten der Kerker⸗ meiſter und andere, den Buͤrgern eben ſo verhaßt ge⸗ wordene Beamte ſeinem Beiſpiele und entfernten ſich, ohne Abſchied zu nehmen; ſo blieb das Gefaͤngniß im 56 alleinigen Beſitz Harolds, an den man nicht dachte, entweder weil Niemand vermuthete, daß er dort ſei, oder weil er in der Gaͤhrung, die damals eintrat und alle Gedanken und Gefuͤhle ausſchließlich in Anſpruch nahm, voͤllig vergeſſen wurde. Daß er nicht geradezu verhungerte, war einem bloßen Zufall, oder wie Iſrael Baneswright ſtets behauptete, einem beſondern Ein⸗ ſchreiten der Vorſehung zu verdanken. Es erfolgte naͤmlich auf folgende Weiſe: Das alte Haus Habingdon wurde, als es der Gerichtsdiener in Beſitz nahm, von allen Dienern ge⸗ raͤumt, mit Ausnahme eines gewiſſen Gilbert Taver⸗ ner, des alten Hausfaktotums, welcher, theilweiſe um ſich nuͤtzlich zu machen, theilweiſe um den Schein zu retten, bleiben durfte. Die Uebrigen fanden anderswo Unterkommen und Beſchaͤftigung und kuͤmmerten ſich nicht weiter um Harolds Angelegenheiten. Was den alten Gilbert betraf, ſo ſcheute er ſich mit der natuͤr⸗ lichen Furchtſamkeit eines Dieners vor dem, was nicht im Kreiſe ſeiner haͤuslichen Pflichten lag, und beſon⸗ ders vor allem Verkehr mit dem Richter Kurzſtrumpf, der eben ſo ſehr der Schrecken der Guten wie der Uebelthaͤter war. Er hatte ſich in eine vollkommene menſchliche Maſchine verwandelt und ſeit wenigſtens einem halben Jahrhundert genau im gleichen Kreiſe bewegt und dieſelben Dinge zu derſelben Stunde in derſelben Reihenfolge gethan, ohne je an ein anderes irdiſches Ding zu denken. Er drehte ſich gleich einem 57 Planeten in unveraͤnderlicher Sphaͤre ſeiner Attrak⸗ tion und ſoll nur ein einziges Mal in ſeiner Jugend, wo er heftig in die Melkmagd verliebt war, das Ra⸗ ſirmeſſer ſeines Herrn abzuziehen vergeſſen haben! Gilbert war mit der Abdankung des Richters gaͤnzlich unbekannt geblieben, da die Stadt ſechs Meilen von Habingdon entfernt lag und er dieſe Strecke noch nie auch nur in ſeiner Einbildungskraft durchreiſ't hatte. o ſtanden die Dinge, waͤhrend Harold die ſte Qual litt, zu der wohl je ein Menſch werden kann, als ein Fremder in der Stadt nach Maſter Harold Habingdon erkun⸗ digte und auf die dort erhaltenen Nachrichten ſich nach dem Wohnorte des jungen Mannes begab. Die erſte Perſon, welche er bei ſeiner Ankunft dort traf, war Gilbert, dem er ein Schreiben von Iſrael Baneswright fuͤr ſeinen Herrn üͤberreichte. Gilbert wies ihn in das Gefaͤngniß, erhielt aber von dem Boten die Antwort, daß das Gefaͤngniß leer und der Richter mit ſeinen Unterbeamten davon ge⸗ laufen ſei. Der alte Mann wurde durch den Schre⸗ cken daruͤber etwas aus ſeinem Geleiſe gebracht und es dauerte lange, bevor er das, was in ſeiner neuen Lage noͤthig war, begreifen konnte. Endlich ruͤttelte er ſeine ſchlummernden Geiſteskraͤfte auf und beſann ſich ſo weit, den Boten zu befragen, der ihm weislich den Rath gab, ſich ſofort nach der Stadt zu begeben und ſich zu erkundigen, was aus dem jungen Manne geworden ſei. Jetzt hatte ſich Gilbert auch bis zu dem Grade beſonnen, daß er am Koſtuͤm, dem kurzverſchnittenen Haar und der naͤſelnden Sprache in der Perſon ſeines Beſuchers einen echten Rundkopf entdeckte. Als treuer Diener fuͤhlte er ſich verbunden, den Schritten ſeines verſtorbenen Herrn zu folgen und war demnach ein ergebener Schuͤler der Lehre vom paſſiven Gehorſam. Er wurde aͤußerſt zornig und bitter, als er von den Feinden des Koͤnigs erkannte, wei geradezu den Brief anzunehmen, marſchi Haus und ſchlug dem Boten die Thuͤr zu, ſo daß er nur noch das mit bitterer Emphaſe aus⸗ geſprochene Wort:„Stutzohr“ vernehmen konnte. — Hierauf warf dieſer den Brief durch das offene Fenſter herein und entfernte ſich, indem er ihm zum Trotz eine fromme Hymne anſtimmte. Als Gilbert Taverner ſeinen Gleichmuth ein we⸗ nig wieder erlangt hatte, wendete ſich ſein Geiſt dem jungen Maſter Harold zu, der ſeinem Vater in der Liebe des alten Mannes gefolgt war. Er begann ſo⸗ gleich eine tiefe und etwas konfuſe Ueberlegung in Be⸗ zug auf das bei dieſem Anlaſſe paſſende Verfahren, deren Reſultat, obgleich es ihm ſehr wider den Strich ging, war, dem Rathe des Stutzohrs zu folgen und ſich nach der Stadt zu begeben, um dort Harolds Schickſal zu ermitteln. Er ſcheute ſich jedoch noch 59 ſehr vor dieſer kuͤhnen That und verſank immer wie⸗ der von Neuem in Zweifel oder Verzweiflung. „Ich bin,“ dachte er,„in jenen fernen Gegen⸗ den ein vollkommener Fremdling, und wer wird die Meſſer putzen oder den Tiſch decken, ſo lange ich ſo weit fort bin?“— denn es muß erwaͤhnt werden, daß Gilbert, obgleich ſein alter Herr todt und ſein junger an einem ihm unbekannten Orte war, doch immer fortfuhr, aus bloßer Gewohnheit alle ſeine Pflichten regelmaͤßig zu beſorgen. o blieb er gewiſſermaßen in einander bekaͤm⸗ pfenden Strudeln unbewegt ſtehen. Er pfiff und ruͤckte in großer Verlegenheit umher, endlich aber uͤber⸗ wand die Gewohnheit alle uͤbrigen Ruͤckſichten und er fand ſich, ohne es zu wiſſen, mit der gewohnten Buͤrde ſeiner haͤuslichen Pflichten beſchaͤftigt. Sobald er dieſe zu ſeiner Zufriedenheit beendet, hatte er Muße, die Angelegenheiten ſeines jungen Herrn zu beruͤckſich⸗ tigen und nach langem, von einer Menge ſaurer Ge⸗ ſichter begleitetem Zaudern, beſchloß er dem Rathe des ſtutzohrigen Boten zu entſprechen. Nachdem er daher die ſilbernen Familienloͤffel und Gabeln einge⸗ ſchloſſen, machte er die Thuͤr zu, ſteckte den Schluͤſſel in ſeine Taſche und begab ſich in die Stadt, um Ha⸗ rolds Schickſal zu erforſchen. Das Reſultat ſeiner Sendung iſt bereits mitgetheilt worden. Iſrael Baneswright's Brief war von gluͤhenden Auf⸗ forderungen erfuͤllt, ſich mit Herz und Hand der buͤrger⸗ 6⁰ lichen und religioͤſen Freiheit anzuſchließen, die jetzt zuſam⸗ menſtehen oder fallen muͤßten. Er war mit der gan⸗ zen feurigen Beredſamkeit des Enthuſiasmus geſchrie⸗ ben, welcher in einer gerechten Sache unwiderſtehlich iſt, und wenn er fuͤr eine ungerechte ſpricht, eine Menge von Unheil herbeifuͤhrt. Er ſprach aber kein Wort von ſeiner Frau und Tochter, und das Datum ſeines Briefes gab keine Nachricht von dem Orte, wo er ſich aufhielt. Harolds Geiſt hatte waͤhrend ſeiner Geneſung ſeine gegenwaͤrtige Lage und kuͤnftigen Aus⸗ ſichten aufmerkſam betrachtet. Die Erhebung des Volkes in der Umgegend hatte den Gerichtsdiener, wel⸗ cher von Habingdon Beſitz ergriffen, hinweggeſchreckt und der Tod ſeines Vaters ihn zum eignen Herrn und zum Gebieter uͤber deſſen Guͤter gemacht. Er war gewohnt, uͤber wichtige Gegenſtaͤnde lange und kalt⸗ bluͤtige Ueberlegung zu pflegen, und erſt wenn er ſich vollkommen uͤberzeugt hatte, handelte er mit einem prompten Enthuſiasmus, den man kaum fuͤr die Ba⸗ ſis ſeines Charakters gehalten haben wuͤrde. Er — ſpannte den Bogen und zielte mit Ruhe und Ueberle⸗ gung, aber der einmal entſendete Pfeil ließ ſich nie wieder zuruͤckrufen. Waͤhrend er ſich noch uͤber ſein knftiges Beneh⸗ men im Zweifel befand, wurde er durch einen Beſuch von Iſrael Baneswright uͤberraſcht, der ſich zu einer an wilden Enthuſiasmus grenzenden Aufregung hinauf⸗ gearbeitet zu haben ſchien. Er ließ ſich kaum Zeit 61 fuͤr die gewohnten Begruͤßungen, ehe er auf den ein zigen Gegenſtand, der ſein Herz in Anſpruch nahm einging. „Warum biſt Du hier, o Mann von geringer Vaterlandsliebe und noch geringerem Glauben? Iſt dies die Zeit fuͤr einen Sohn von England, im Hauſe ſeines Vaters zu hocken, waͤhrend Andere draußen im Felde ſind und ihr Blut zur Vertheidigung der Rechte vergießen, welche er, wenn ſie errungen ſind, ebenfalls genießen wird, und deren Verluſt ihn zum gemeinen Sklaven des Willens eines andern Wurmes machen muß? Iſt dies die Zeit, um als muͤſſiger Zuſchauer dazuſtehen, waͤhrend die große Frage entſchieden werden ſoll, ob Geiſt und Koͤrper unter dem Fuße der Gewalt zerdruͤckt werden, und die Vernunft des Men⸗ ſchen nicht weiter auf die Angelegenheiten des Him⸗ mels oder der Erde verwendet werden ſoll oder nicht? „Du Traͤger, warum ſtehſt Du hier den ganzen Tag lang muͤſſig da? weißt Du nicht, daß Deine Mutter in den Armen des Raͤubers kaͤmpft und ihre Kinder aufruft, ſie zu erloͤſen? Alles ſteht auf dem Spiele und Du thuſt nichts! erwache! ſtehe auf!— Guͤrte Dein Schwert um, oder gehe, wenn Du kein Schwert ſchwingen kannſt, hinaus wie David mit einer Schleuder und einem Steine— oder geh mit Dei⸗ nem bloßen Arme, denn der große Jehovah iſt auf Deiner Seite und der muthige, entſchloſſene Geiſt iſt 6² kraͤftiger als das ſchneidende Schwert in den Haͤnden der Philiſter.“ Auf dieſe feurige Ermahnung antwortete Harold ruhig: „Mein Freund, ich habe lange uͤber den Gegen⸗ ſtand nachgedacht—“ „Nachgedacht!“ rief Iſrael unwillig,„iſt dies die Zeit zum Nachdenken? Warum biſt Du nicht im Steigbuͤgel und im Felde?“ „Hoͤrt mich ruhig an, Maſter Baneswright,“ antwortete Harold;„wenn wir im Begriff ſind einen entſcheidenden Schritt zu thun, Alles auf das Spiel zu ſetzen, ſo darf nichts uͤbereilt geſchehen. Ich war im Begriff, Euch zu ſagen, daß ich eine Zeit lang mit mir geſtritten habe, welches Benehmen ich verfol⸗ gen ſollte— ob neutral bleiben—“ „Neutral!“— unterbrach ihn Iſrael von Neuem; „neutral! Hoffſt Du, Wurm im Staube, in Ruhe zuſehen zu koͤnnen, waͤhrend Alles um Dich her in Convulſion liegt? hoffſt Du in den Boden kriechen und dort ruhig liegen zu koͤnnen, waͤhrend die Welt von Erdbeben durchzuckt wird!— Glaube es nicht— hoffe es nicht!— Du mußt eine Seite ergreifen oder von beiden Seiten umhergeriſſen werden, und wenn weder das Gewiſſen, noch die Vaterlandsliebe, noch die Furcht vor Deinem Schoͤpfer Dich dazu bewegen koͤnnen, ſo blicke Dich ſelbſt an und ſei uͤberzeugt, daß es Dir, ſo lange dieſer Kampf dauert, wenn Du nicht 63 fuͤr den Koͤnig oder das Parlament Parkei nimmſt, ergehen wird, wie der Fledermaus in der Fabel— daß beide Parteien Dich verachten und von ſich weiſen werden.“ „Ich war im Begriff, Euch zu ſagen,“ ſprach Harold,„daß ich mich entſchloſſen hatte, nicht neutral zu bleiben.“ „Nun?“ rief Jener ungeduldig. „Daß ich ſo ziemlich feſt entſchloſſen war, fuͤr das Parlament die Waffen zu ergreifen, aber—* „Hoͤre mich,“ rief Iſrael, der das feurige Roß, auf welchem er ſaß, nicht mehr im Zuͤgel halten konnte, „hoͤre mich, junger Mann, laß mich eine Frage an Dich ſtellen und Deine Antwort unverhohlen ſein. Liebſt Du nicht meine Tochter Suſanne?“— „Ja,“ ſagte Harold eifrig,„von ganzer Seele, wiewohl ich es ihr nie geſagt habe.“ „Nicht mit Deinen Lippen vielleicht, aber es giebt noch eine andere, eben ſo deutliche Sprache. Es genuͤge, daß ich die Blicke zwiſchen Dir und meiner Tochter im Gefaͤngniſſe und beſonders bei der Tren⸗ uung bemerkt habe. Als Vater geziemte es mir, ſie uͤber den Gegenſtand zu befragen, und als gehorſame Tochter, deren Herz fuͤr ihren Vater ſtets offen gewe⸗ ſen iſt, geſtand ſie, daß, wenn Du Dich uͤberreden laſſen koͤnnteſt, auf dem Wege der Gerechtigkeit zu wan⸗ deln und es dem Himmel gefiele, ſie gern als Deine Gehilfin leben und ſterben wuͤrde.— Unterbrich mich ——— 5 l — 64 nicht, ſondern hoͤre was ich ſage, Harold Habingdon. Wenn Du Dich als einen Feigling gegen die gerechte und heilige Sache, die jetzt im Lande entſchieden wer⸗ den ſoll, erweiſeſt, und vor Allem, wenn Du Genoſ⸗ ſenſchaft mit ihren Feinden ſuchſt, ſo erklaͤre ich feier⸗ lich im Angeſicht des Himmels, daß Du meine Toch⸗ ter nie wieder ſehen wirſt. Kein Sohn Belials ſoll ein Sohn von mir werden. Lebe wohl— ich werde Deine Entſcheidung erfahren. Faͤllt ſie richtig aus, ſo ſollſt Du wieder von mir hoͤren, und vielleicht ſchla⸗ gen wir die Philiſter zuſammenz faͤllt ſie unrichtig aus, ſo treffen wir einander nur zum toͤdtlichen Kampfe wieder, denn im Nothfalle werde auch ich ein Mann des Blutes werden, in ſofern als ich die Maͤnner des Blutes mit meinen Ermahnungen ſtaͤrke.“ Hiermit entfernte ſich Iſrael ploͤtzlich, ohne eine Antwort abzuwarten, und ließ Harold von einem Wir⸗ belwinde ſtreitender Gefuͤhle bewegt zuruͤck; aber dies dauerte nicht lange und der Sturm verwandelte ſich bald in die Ruhe der Entſchloſſenheit. Er nahm ſich vor, zum Parlamentsheere zu ſtoßen, ſobald er die noth⸗ wendigen Vorbereitungen treffen konnte; obgleich ſeine Vernunft mit dieſem Entſchluſſe uͤbereinſtimmte, ſo laͤßt ſich doch nicht leugnen, daß es Suſanne Banes⸗ wright war, nicht aber die Ermahnungen ihres Vaters, wodurch das Schickſal ſeines kuͤnftigen Lebens entſchie⸗ den wurde. Das Geſtaͤndniß des guten Maͤdchens lenkte von dieſer Zeit an ſein Schwert und beſeelte ihn 65 durch alle traurigen Wechſelfaͤlle des Buͤrgerkrieges hin. Der Wuͤrfel wurde endlich von dem Liebesgotte gelenkt, der ſich in die ſchwankende Wagſchale warf und alle uͤbrigen Ruͤckſichten uͤberwog, ſo daß die Sache der Unterthanentreue in die Hoͤhe geſchnellt wurde. Bisher war er nur der Genoſſe fruͤherer Zei⸗ ten geweſen, von nun an lebte er mit der Gegenwart und Zukunft. Die Tochter des Puritaners, 1, 5 Viertes Kapitel. Harold tritt in das Parlamentsheer.— Kriegsgluͤck.— Er macht mit einem Manne, uͤber den es nur Eine An⸗ ſicht giebt, und mit einem Andern, uͤber den man deren viele hat, Bekanntſchaft.— Scene auf dem Schlachtfelde und Abtreten Iſrael Baneswrights.— Uebergang vom Schlachtfelde zum Ackerfelde.— Der Junggeſell ſucht eine Frau.— Er findet durch Zufall, was er mit allem Suchen verfehlt hatte. Waͤhrend der etwas langwierigen Geneſung Ha⸗ rolds und ſeiner darauf folgenden Unentſchloſſenheit hatten beide Theile die Feindſeligkeiten begonnen, ohne aber ein entſchiedenes Reſultat erlangt zu haben. Die Schlacht bei Edgehill war mit zweifelhaftem Ausgange gekaͤmpft worden und die Zeit zwiſchen den Gefechten wurde durch Unterhandlungen ausgefuͤllt, bei denen, wie man glaubt, weder der eine noch der andere Theil aufrichtig war. Es wurden gegenſeitig Friedensvor⸗ ſchlaͤge gemacht und unter verſchiedenartigen Vorwaͤn⸗ den abgelehnt, und fuͤr Diejenigen, welche tiefer als die Oberflaͤche blickten, war es offenbar geworden, daß der Kampf ſich nur durch das Schwert entſcheiden ließ. Beide Theile machten ſich daher auf's Schlimmſte ge⸗ faßt. Harold hatte ſein Haus zu Pferde verlaſſen und 67 ſeine Wirthſchaftsangelegenheiten dem ehrlichen Gilbert uͤbertragen, der fortfuhr, taͤglich zur gleichen Stunde und auf dieſelbe Weiſe, wie wenn ſein Herr zugegen waͤre, den Tiſch zu decken, bis er endlich mit großer Ueberraſchung bemerkte, daß ſich Niemand einſtellte, und die Uebung verzweifelt aufgab. Man ſagt,— mit welcher Wahrheit, wiſſen wir nicht,— daß er ſpaͤter die Mittagsſtunde darauf verwendet habe, im Hauſe umherzuwandern, als ob er ſich nach Jemand, der ihm fehle, umſaͤhe. Der Leſer wird vielleicht Harolds Klugheit in Zwei⸗ fel ziehen, da dieſer ſeine Angelegenheiten in den Haͤn⸗ den des alten Gilbert laſſen konnte, aber er hatte keine Wahl, er beſaß weder Bekannte, noch Verwandte, noch Freunde in der Naͤhe, und dachte in der Ver⸗ wirrung jener Zeit vielleicht mit Recht, daß er im Gan⸗ zen eben ſo gut der Vorſehung und dem alten Gilbert trauen koͤnne, als einem Andern. 3 Harolds Reiſe ging ohne Zufall oder Unfall vor⸗ uͤber und er ſchloß ſich dem Parlamentsheere, das da⸗ mals auf Turnhamgreen unter dem Grafen von Eſſer ein Lager bezogen haͤtte, an. Das koͤnigliche Heer war ganz in der Naͤhe, da der Koͤnig begonnene Friedens⸗ unterhandlungen benutzt hatte, um einen ſchnellen Narſch gegen London zu unternehmen, in deſſen Ver⸗ lauf er zwei feindliche Regimenter uͤberfiel, die faſt bis auf den letzten Mann niedergehauen wurden. Er ließ ſich ais Gemeiner in einer Cavallerieſchaar unter — 5*½ 1 68 die Milizen aufnehmen und trat ſofort in aktiven Dienſt. Man erwartete taͤglich eine Schlacht, und Skippon, der wackere Anfuͤhrer der Milizen, welche aus Londo⸗ ner Lehrlingen beſtanden, nahm Anlaß, ſie mit den folgenden markigen und charakteriſtiſchen Worten an⸗ zureden:„Kommt, meine braven Jungen, wir wol⸗ len wacker beten und wacker fechten. Ich werde mit Euch die gleichen Gefahren laufen. Bedenkt, daß Ihr fuͤr Gott zur Vertheidigung Eurer Frauen und Kin⸗ der kaͤmpft. Kommt, meine Jungen, wir wollen wa⸗ cker beten und wacker kaͤmpfen.“ Von dieſem Geiſte war ein großer Theil des Par⸗ lamentsheeres beſeelt, und es iſt nicht zu verwundern, daß dieſes endlich den Sieg behielt. Der religioͤſe En⸗ thuſiasmus war gegen das Gefuͤhl der Unterthanentreue in die Schranken getreten und die Ergebenheit gegen den Koͤnig ſtand im Streite mit dem weit maͤchtigeren Einfluſſe der Ergebenheit gegen eine hoͤhere Macht. Die Freiheitsliebe verband ſich mit dem religioͤſen En⸗ thuſiasmus und beide im Verein erwieſen ſich als un⸗ widerſtehlich.— Daß ein großer Theil der damaligen Puritaner trotz der ſo oft gegen ſie von den Loyoliſten erhobenen und von ſpaͤteren engliſchen Geſchichtsſchreibern wie⸗ — derholten Anſchuldigungen der Heuchelei, in ihren reli⸗ gioͤſen Anſichten aufrichtig waren, laͤßt ſich kaum be⸗ zweifeln. Cromwell kann ein Heuchler geweſen ſein, obgleich auch dies aͤußerſt zweifelhaft erſcheint, aber — 69 ſeine Anhaͤnger haben bei verſchiedenen Anlaͤſſen ihre Aufrichtigkeit auf dem Schlachtfelde durch Vergießung ihres Blutes bewieſen. Wenn noch ein weiterer Be⸗ weis noͤthig ſein ſollte, ſo wollen wir unſere Augen auf die Pilgerſchaaren werfen, die ihr Vaterland, ihren haͤuslichen Heerd, ihre Verwandten, Freunde und alle jene Erinnerungen fruͤherer Tage, die ſich am Staͤrk⸗ ſten an das Herz des Menſchen klammern, aufopferten, um die fernen Wildniſſe einer neuen Welt aufzuſuchen, mit Gefahr, Tod und Hunger zu ſtreiten, mit den Winterſtuͤrmen zu kaͤmpfen, mit der Wuth wilder Thiere und der Schlauheit wilder Menſchen Krieg zu fuͤhren, bewaffnet auf dem Felde zu arbeiten und in der Kirche Gott zu verehren und, der gewoͤhnlichſten Behaglich⸗ keiten des Lebens entkleidet, einem rauhen, unwirthli⸗ chen Klima entgegen zu treten. Wenn man an der Aufrichtigkeit dieſer Maͤnner zweifelte, muͤßte man den Glauben der erſten Maͤrtyrer in Frage ziehen, die ihr Leben auf dem Rade oder am Brandpfahle opfer⸗ ten und ihren letzten Hauch zu Triumphgeſaͤngen ver⸗ wendeten. Ohne auf die einzelnen Ereigniſſe, welche nun folgten, einzugehen, da Harold unmittelbar mit ih⸗ nen Nichts zu thun hatte, wollen wir uns damit begnuͤgen, von dem Scharmüͤtzel auf Chalgrowefield Notiz zu nehmen. Ein Zug Prinz Ruperts von Or⸗ ford, dem Hauptquartier des Koͤnigs, hatte die benach⸗ barten Grafſchaften in Beſtuͤrzung verſetzt und die Par⸗ 70 lamentstruppen folgten ihm, als er ſich mit Beute be⸗ laden zuruͤckzog. Unter den Erſten bei dieſem Anlaſſe befand ſich der Patriot Hampden, der, wiewohl Offi⸗ zier beim Fußvolk, ſich einer Reiterſchaar, zu der auch Harold gehoͤrte, anſchloß. Sie holten den Prinzen auf Chalgrowefield ein und wurden, da ſie in ihrem Eifer zu ſchnell vordrangen, vom Feinde umringt und niedergehauen. Faſt bei dem erſten Schuſſe war Hamp⸗ den durch zwei Kugeln in die Schulter verwundet wor⸗ den und einer von den Gefangenen der Royaliſten ſagte aus, daß er ihn ſchon zu Anfange des Gefechts lang⸗ ſam, mit haͤngendem Kopfe und auf dem Halſe ſeines Pferdes ruhenden Haͤnden das Feld habe verlaſſen ſehen. Auch Harold war ziemlich ſchwer verwundet wor⸗ den, und als er das Feld verließ, holte er zufaͤllig auf ſeinem Wege zur Hauptmacht der Patriotenarmee Hampden ein, der auf dem Punkte zu ſein ſchien, von ſeinem Pferde zu fallen. Wiewohl in kaum beſſerer Verfaſſung, bemuͤhte er ſich doch, ihm, ſo weit ſeine Kraͤfte reichten, Beiſtand zu leiſten. Beide aber wur⸗ den ſchnell ſchwaͤcher und immer ſchwaͤcher, und da er in geringer Entfernung ein etwas vom Wege abliegen⸗ des wohlhaͤbiges Paͤchterhaus ſah, ſchlug er ihm vor, ſich wo moͤglich dorthin zu begeben, ehe ſie gaͤnzlich er⸗ ſchoͤpft wurden. Sie verfuͤgten ſich alſo dorthin und wurden von dem Herrn des Hauſes, der der gleichen Sache ergeben, obgleich zu alt war, um thaͤtigen An⸗ theil am Kampfe zu nehmen, freundlich empfangen. —— — — 71 Hampden und Harold waren waͤhrend der kurzen noch uͤbrigen Lebenszeit des erſteren beruͤhmten Vater⸗ landsfreundes Leidensgefaͤhrten. Hampden enthielt ſich trotz der entſetzlichſten Schmerzen aller Klagen, ſchien ſich gaͤnzlich zu vergeſſen und dachte nur an ſein Va⸗ terland. Da ſie der gleichen Sache anhingen und Lei⸗ densgenoſſen waren, beſprachen ſie ſich mitunter uͤber den Zuſtand der oͤffentlichen Angelegenheiten. Harold lauſchte mit achtungsvoller Ehrerbietigkeit der gewiſſer⸗ maßen aus dem Grabe dringenden Stimme der Weis⸗ heit und Vaterlandsliebe, denn es wurde mit jedem Augenblicke deutlicher, daß ſeine Stunden gezaͤhlt wa⸗ ren. Hampden ging ruhig, anſcheinend ohne Schmerz und ohne Furcht hinuͤber. Die Royaliſten jubelten uͤber ſeinen Tod, der ſie ihres furchtbarſten Feindes entledigt habe, waͤhrend die andere Partei ihn als den Verluſt ihres beſten Freundes betrauerte. Harolds Ge⸗ neſung erfolgte langſam, und erſt mit der Eroͤffnung des folgenden Feldzuges konnte er wieder in den akti⸗ ven Dienſt treten, wo er fand, daß große Veraͤnderun⸗ gen im Parlamentsheere ſtattgefunden hatten. Die ſelbſtverlaͤugnende Verordnung, wie ſie genannt wurde, hatte eine Klaſſe von Offizieren ausgeſchloſſen, auf de⸗ ren Eifer, wo nicht Treue, man ſich nicht verlaſſen zu koͤnnen glaubte. Es war aber eine Ausnahme zu Gunſten Oliver Cromwells gemacht worden, der ſich damals der That nach an der Spitze des Heeres befand. Er hatte ſich ſchnell zu einer ausgezeichneten Stellung 72 erhoben, und Harold, der den Befehl uͤber eine Reiter⸗ Compagnie erhielt, war ſo gluͤcklich, in haͤufige Beruͤh⸗ rung mit einem der außerordentlichſten Maͤnner jener und jeder andern Zeit zu kommen. Cromwell, der die ſchnelle Entſchloſſenheit, ſo wie den furchtloſen Muth Harolds bei verſchiedenen entſcheidenden Anlaͤſſen be⸗ merkte, attachirte ihn, ehe noch der Feldzug zu Ende ging, an ſeine Perſon. Unter dieſem beruͤhmten Anfuͤhrer machte Harold eine Reihe von glaͤnzenden Gefechten mit, uͤber die wir weiter nicht berichten wollen, da ſie wohl in eine Ge⸗ ſchichte, aber nicht in die Erzaͤhlung der Schickſale einer Privatperſon gehoͤren. Zum Befehl uͤber ein Reiter⸗Regiment gelangt, an deſſen Spitze er ſich bei der entſcheidenden Schlacht von Naſeby bedeutend aus⸗ zeichnete, war es wieder ſein Loos, gegen das Ende des Treffens ſchwer verwundet zu werden. Er erhielt eine Musketenkugel in die Huͤfte, was einen ſo großen Blutverluſt zur Folge hatte, daß er nach wenigen Mi⸗ nuten bewußtlos vom Pferde ſank und unbeachtet lie⸗ gen blieb, waͤhrend ſein Regiment die fliehenden Roya⸗ liſten verfolgte und die Scene des Kampfes der Leben⸗ den, nur von Todten und Sterbenden bevoͤlkert, zuruͤckließ. Als er nach einiger Zeit wieder zur Beſinnung gelangte, erhob er ſich mit großer Muͤhe, auf ſeinen Ellnbogen geſtuͤtzt, und blickte mit vor Schwaͤche und Erſchoͤpfung getruͤbten Augen um ſich. Beide Armeen waren verſchwunden, die eine als fliehende, die andere 73 als Verfolger. Nur die Verwundeten und Sterbenden waren noch da geblieben, man hoͤrte nichts als Toͤne des Schmerzes und der Verzweiflung. Die Einen lagen auf dem Boden hingeſtreckt mit gegen den Him⸗ mel gerichteten bleichen Geſichtern, Andere kruͤmmten ſich im Todeskampfe und krallten ſich mit ihren Naͤ⸗ geln in den Boden ein, waͤhrend man hier und da ein halb auf einer Leiche liegendes ſterbendes Opfer des Krieges bemerkte. Freunde und Feinde waren einan⸗ der jetzt gleich, und Diejenigen, welche Todfeinde gewe⸗ ſen, ruhten jetzt von Neuem in dem langen Waffen⸗ ſtillſtande des Todes neben einander in Frieden. Dergleichen Gedanken waren jedoch nicht die ſei⸗ nen, denn ſein Geiſt wurde groͤßtentheils von ſeiner eignen Lage in Anſpruch genommen und ſein Mitge⸗ fuͤhl fuͤr Andere dadurch abgekuͤhlt. Es war ihm ge⸗ lungen, die Blutung ſeiner Wunde einigermaßen durch Verbinden mit einem Taſchentuche zu vermindern, aber eine Schwaͤche wie die des nahen Todes lag auf ihm, und da der Abend jetzt hereinbrach, fuͤhlte er, daß er den Morgen nicht erleben wuͤrde, wenn er die Nacht uͤber auf dem Felde bliebe. Der Betrachtung ſeiner eignen verlaſſenen Lage wurde er aber durch eine ſchwache Stimme entriſſen, welche ausrief: „Kennt Jemand hier den Ambroſius Harefleet?“ „Ja,“ antwortete eine andere eben ſo ſchwache Stimme. „Wer biſt Du?« fragte die erſtere. 3 1 f 4 * 74 „Dein Bruder Miles.“ „Das Stutzohr— der Verraͤther an ſeinem Koͤ⸗ nige und der Fluch ſeines Vaters!“ rief der Erſtere, deſſen Stimme ſich durch die Entruͤſtung verſtaͤrkte. „Und Du,“ ſagte Miles Harefleet,—„Du, der Gefaͤhrte der Belialsſoͤhne, der Verfolger der Glaͤubi⸗ gen und der Bedruͤcker Deiner Mitunterthanen. Aber ach! dies iſt nicht die Zeit, um uͤber die Gerechtigkeit unſerer Sache zu ſtreiten. Die Berufung an das Schwert iſt erfolgt und jetzt giebt es nur noch ein hoͤ⸗ heres Tribunal. Kannſt Du nicht hierher kriechen, denn ich kann nicht zu Dir kommen, um gegenſeitig Ver⸗ zeihung auszutauſchen und zuſammen zu ſterben?“ Dem einen Bruder gelang es, mit Stoͤhnen ſich zum andern hinzuſchleppen, und ſie umarmten einan⸗ der weinend. „Ich verzeihe Dir, Miles, daß Du das Schwert gegen Deinen Koͤnig gezogen haſt.“— „Und ich verzeihe Dir, Ambroſius, daß Du das Deine gegen das Volk zogſt. Wir haben bis zuletzt in Uneinigkeit gelebt, laß uns wenigſtens in Frieden ſterben. Heute ſind wir einander im toͤdtlichen Kampfe begegnet, morgen werden wir zuſammen in Frieden ruhen. Ach, meine liebe Frau und Kinder,— und mein theures Vaterland— was wird aus euch wer⸗ den?— Bruder, Bruder, gieb mir Deine Hand, ich ſterbe.“ Die beiden Bruͤder umarmten ſich und lagen ein⸗ 2— —— —— 75 ander eine Zeitlang in den Armen, ohne einen andern Laut von ſich zu geben, als mitunter ein leiſes Stoͤh⸗ nen, welches die Pein der Natur in ihrem letzten Kampfe verrieth. Bald hoͤrte auch dies auf und das Schweigen des Todes folgte. Dieſes traurige Beiſpiel der beklagenswerthen Fol⸗ gen des Buͤrgerkrieges, welcher den Bruder gegen den Bruder, den Vater gegen den Sohn in die Schranken ruft und alle Bande der Natur und der Geſellſchaft aufloͤſ't, ſank tief in das Herz Harolds, der ſich oft daran erinnerte und ſich eben ſo oft fragte, ob nicht ſelbſt die Freiheit zuweilen zu theuer erkauft werden kann. Solche Gedanken wurden aber bald durch das Gefuͤhl ſeiner eignen Lage verbannt. Die Nacht brach jetzt herein, er konnte immer noch das Blut aus ſeiner Wunde tropfen fuͤhlen und bemerkte, daß ſeine Schwaͤche fortwaͤhrend zunahm. Mit einer letzten verzweifelten Anſtrengung erhob er ſich ſo weit, um ſich auf den Koͤrper eines Leidensgefaͤhrten zu lehnen, den er fuͤr todt hielt, der aber, als er ſeinen Druck fuͤhlte, ein leiſes Stoͤhnen ausſtieß und zu gleicher Zeit einen ſchwachen Verſuch machte, ſich der Laſt zu entledigen. Harold wendete ihm den Kopf zu und erkannte das blaſſe Geſicht Iſrael Baneswrights, auf welchem der geſpenſtige Ausdruck des nahen Todes lag. Er redete ihn mit ſeinem Namen an, erhielt aber nur ein Stoͤh⸗ nen zur Antwort; endlich erlangte er allmaͤhlig ſein Bewußtſein wieder und fragte mit einer Stimme, die 75 ſchon einer andern Welt anzugehoͤren ſchien, wer da ſei. „Euer Freund Harold Habingdon,“ antwortete Jener, und der Name ſchien den letzten Funken ſeines Lebens wieder anzufachen. „Du kommſt zu ſpaͤt, um mir zu helfen,“ ſagte Ifrael. „Ach, ich bin eben ſo hilflos wie Ihr.“ „Biſt Du auch verwundet?“ „Ja, ſchwer.“ „Und in welcher Sache? In der eines tyranni⸗ ſchen Koͤnigs oder eines leidenden Volkes?* „Ich diene unter Oliver Cromwell.“ „Genug— wir wollen dann zuſammen ſterben — und ich meinestheils wuͤrde es gern thun, wenn ich wuͤßte, daß die Philiſter auf dem Felde, wo ich umkomme, beſiegt worden ſind.“ „Dein Wunſch iſt erfuͤllt. Das koͤnigliche Heer iſt gaͤnzlich geſchlagen und vom Felde vertrieben wor⸗ den. Ich zweifle, ob es ſich je wieder ſammeln wird.“ Dieſe Nachricht ſchien Iſrael von Neuem mit Leben und Energie zu erfuͤllen. Er erhob ſich halb vom Boden und rief mit einem Enthuſiasmus, der durch ſeine Schwaͤche nur um ſo energiſcher zu werden ſchien: „Preis ſei dem Herrn der Heerſchaaren! Die großen Heere des Gog und Magog fliehen vor der Macht der Frommen. Wir wollen mit Joſua beten, — —— daß die Sonne in Gideon ſtill ſtehen moͤge und der Mond im Thale von Ascalon, daß Zeit genug ſein moͤge, um die Philiſter ohne Gnade zu ſchlagen, wie ſie es mit den Kindern der Gerechtigkeit gemacht haben.“ Durch die Anſtrengung erſchoͤpft, ſank er wieder zu Boden und ſprach nicht weiter. Harold erkundigte ſich begierig nach Suſannen, aber er antwortete nicht. Sein Geiſt war entflohen. Jetzt begannen auch ein⸗ zelne Schaaren der ſiegreichen Armee zuruͤckzukommen und entdeckten Harold noch lebend, aber faſt gaͤnzlich verblutet. Er wurde nach einem Zelte gebracht und ſeine Wunde dort unterſucht. Sie war an ſich nicht toͤdtlich, obgleich der große Blutverluſt, welchen er er⸗ litten, ſeine Geneſung zweifelhaft machte. Seine Ju⸗ gend, gute Conſtitution und geduldige Standhaftigkeit beſiegten endlich ſeine Schwaͤche und mit der Zeit wurde er wieder ſaͤhig, umherzugehen. Da er indeß wußte, daß die anhaltende Schwaͤche, die nicht nur ſeinen Koͤrper, ſondern auch ſeinen Geiſt niederdruͤckte, ihn auf eine Zeitlang dienſtunfaͤhig machen wuͤrde, nahm er Urlaub und kehrte nach Hauſe zuruͤck, wo er genau Alles an derſelben Stelle, wie er es verlaſſen, fand, und Gilbert gerade im Begriff war, wie gewoͤhnlich den Tiſch zu decken. Der gute alte Mann war uͤber ſeinen Anblick ſo erſtaunt, daß er die Loͤffel, welche er in der Hand hielt, fallen ließ, was ihn ſo außer Faſſung brachte, 78 daß er ſeinen jungen Herrn zu bewillkommnen vergaß, bis er ſie ſorgfaͤltig wieder aufgeleſen hatte. Harold kehrte gaͤnzlich veraͤndert nach Habingdon zuruͤck. Waͤhrend ſeiner Dienſtzeit hatten ſich ſeine religioͤſen und politiſchen Anſichten denen der ſtrengſten Puritaner angeſchloſſen. Er hatte fuͤr ſie gekaͤmpft und geblutet und ſie waren ihm dadurch nur um ſo werthvoller geworden. Die Gewohnheit, gegen ſeinen Koͤnig zu kaͤmpfen, hatte alle Ehrerbietung fuͤr deſſen Gewalt gaͤnzlich erloͤſcht, und das Beiſpiel Derjenigen, deren taͤglicher Gefaͤhrte in Gefahr und Tod er gewe⸗ ſen war, ihn allmaͤhlig zum Juͤnger nicht nur ihrer Anſichten, ſondern auch ihrer Sitten und Gewohnhei⸗ ten gemacht. Er war ein Rundkopf und Republika⸗ ner geworden. Sein Benehmen charakteriſirte ſich durch eine ſauertoͤpfiſche Strenge, die jeden Schein der Heiterkeit verachtete und ſich ſelten zu einem Laͤcheln erweichte. Ein geheimes Gefuͤhl der Ueberlegenheit uͤber Diejenigen, welche er die Gottloſen zu nennen beliebte, und das mit der chriſtlichen Demuth im Streite lag, hatte ſich allmaͤhlig in ſein Herz geſchlichen und den des Geiſtes des Chriſtenthums und ſeines Urhebers ſo unwuͤrdigen geiſtlichen Stolz erzeugt. Was ſeine Grund⸗ ſaͤtze und ſein Benehmen anlangte, ſo war er ein Mann von der ſtrengſten Rechtſchaffenheit, aber hatte aufge⸗ hört, einnehmend zu ſein, und konnte, obgleich mit Eigenſchaften, die ihm Achtung verſchaffen mußten, — 79 begabt, kaum von ſeinen Umgebungen geliebt zu wer⸗ den hoffen. Es dauerte lange, ehe er vollkommen genas, und als dies geſchehen, war auch die koͤnigliche Sache ge⸗ ſtuͤrzt und der Koͤnig in den Haͤnden ſeiner Feinde. Seine Partei zeigte ſich nicht mehr im Felde und es dauerte nicht lange, bis er ſeine Irrthuͤmer und Schwaͤ⸗ chen auf dem Blutgeruͤſt ſuͤhnte. Harold hatte den Dienſt einige Zeit vor dem Tode des Koͤnigs verlaſſen, da ſein Regiment aufgeloͤſ't wurde, und war als ruhi⸗ ger, jedoch tief intereſſirter Beobachter der ſpaͤteren Kaͤmpfe zwiſchen den Parteien ſelbſt zu Hauſe geblie⸗ ben. Harold hatte aber noch einen andern Gegenſtand am Herzen. Er hatte Suſanne Baneswright nicht vergeſſen und ſeine tiefgewurzelte Neigung zu der Waiſe wurde durch die Erinnerung, daß ſie jetzt keinen Vater oder Beſchuͤtzer beſaß, nur noch vermehrt. Er ſuchte ſie und ſtellte Nachforſchungen in allen Richtungen, die Hoffnung auf Erfolg boten, an, konnte aber keine Aufſchluͤſſe erlangen und verzweifelte endlich daran, ſie je wieder zu ſehen. Dieſe Vereitelung ſeiner lieb⸗ ſten irdiſchen Hoffnungen erhoͤhte die duͤſtere Strenge ſeiner Froͤmmigkeit, denn Religion und Liebe ſind ge⸗ wiſſermaßen Gegengifte und die Leiden des Herzens ſuchen oft in der Froͤmmigkeit Troſt. . Waͤhrend er ſich in dieſem Geiſteszuſtande befand, riefen ihn mit unſerer Geſchichte nicht in Verbindung 80 ſtehende Umſtaͤnde nach einem entfernten Theile des Landes, nicht weit von der Grenze von Wales. Es war Sommer. Das Wetter war mild und balſamiſch und die Gegend um ihn her zeigte das uͤp⸗ pige Gruͤn, wegen deſſen Alt⸗England ſo beruͤhmt iſt. Als er eines Abends gegen Sonnenuntergang in Be⸗ trachtungen verſunken, bei denen die Vergangenheit uͤber die Gegenwart und Zukunft obwaltete, dahinritt, wurde er durch ploͤtzlich einbrechende Dunkelheit, die zuweilen Blitze und ſchnell darauf folgende Donner⸗ ſchlaͤge unterbrachen, aus ſeinen Traͤumen geriſſen. Die Gegenwart gelangte ſofort wieder zur Herrſchaft und wie es auf dieſer Welt ſo oft geſchieht, wurden die Schmerzen der Erinnerung durch die Ausſicht auf einen nahen Regenſchauer verbannt. Die Furcht vor einer naſſen Jacke iſt ein treffliches Mittel gegen ſenti⸗ mentale Kuͤmmerniſſe; ſie uͤbt einen wunderbar kuͤh⸗ lenden Einfluß auf das Fieber des Geiſtes aus und wirkt als Schauerbad auf das erhitzte Gehirn. Harold trieb ſein muͤdes Pferd an, in der Hoff⸗ nung, ein Unterkommen in einer Huͤtte oder Scheune zu finden. Das Gewitter holte ihn indeß ein, und gerade, als er einen laͤndlichen Tempel der Gelehrſam⸗ keit erblickte, deſſen Schuͤler ſo eben entlaſſen worden waren und, um dem Regen zu entfliehen, nach Hauſe ſprangen, ereilte ihn ein heftiger Regenguß. Da dies das einzige Obdach war, welches er erblicken konnte, ritt er darauf zu, band ſein Pferd an einen Pfoſten 81 und oͤffnete die Thuͤr, durch welche er ohne anzuklo⸗ pfen trat, denn der Regen iſt ein großer Feind des Ceremoniells. Der erſte Gegenſtand, den er erblickte, war ein Frauenzimmer, das uͤber ſein Eindringen et⸗ was beſtuͤrzt zu ſein ſchien, denn es zitterte heftig und ſein Geſicht war ſehr bleich. Ein zweiter Blick zeigte Harold den Gegenſtand, welcher ſo lange ſeine Gedan⸗ ken in Anſpruch genommen und ſeine Handlungen be⸗ einflußt hatte. Es war Suſanne Baneswright, die ihn ſogleich erkannt hatte und nach einigem Zoͤgern auf ihn zutrat, ihn bei ſeinem Namen anredete und mit einem traͤu⸗ meriſchen Laͤcheln bewillkommnete. Es waren Jahre vergangen, ſeit ſie ſich getrennt hatten, aber er konnte nur wenig Veraͤnderung in ihrem Geſicht oder ihrer Perſoͤnlichkeit entdecken. Ihr Antlitz trug immer noch den ſuͤßen Ausdruck unterwuͤrfiger Melancholie, welche vom erſten Augenblicke an ſeine Theilnahme unwider⸗ ſtehlich erweckt hatte, waͤhrend ihre in die einfachſten Stoffe gekleidete Geſtalt doch durch ihre natuͤrliche Bil⸗ dung grazioͤs und die Abweſenheit aller Affektation an⸗ ziehend war.— Man wird ſich erinnern, daß Harold ſeine Liebe außer ihrem Vater, den ſie ſeit der fruͤher berichteten Zuſammenkunft nie wieder geſehen, nicht in Worten ausgeſprochen hatte, und wenn ſie mit ſeinen Gefuͤh⸗ len bekannt war, ſo mußte dies durch jene geheimniß⸗ volle Sympathie geſchehen ſein, die eine Art von mag⸗ Die Tochter des Puritaners. I. 6 netiſchem Telegraphen bilden ſoll, wahrſcheinlich aber doch weiter Nichts iſt, als die ſtumme Beredſamkeit der Augen. Die Begegnung war daher nicht die von Liebenden, ſondern die von lange getrennten Freunden; zwar freundlich, vielleicht auch herzlich, war ſie dennoch von jener nuͤchternen Formalitaͤt begleitet, die der Sekte, welcher ſie angehoͤrten, eigenthuͤmlich iſt, und es wurde zwiſchen ihnen kein Wort gewechſelt, das in die Sprache der Liebe uͤberſetzt werden konnte. Von ihren Blicken wollen wir dies jedoch nicht ſagen. Der Sturm verging eben ſo ploͤtzlich, als er ge⸗ kommen war, und Harold begleitete, ſein Pferd am Zuͤgel fuͤhrend, Suſannen nach ihrer Wohnung in einem kleinen Weiler, der in der Naͤhe lag, aber durch einen ſich uͤber die Daͤcher der Bauernhaͤuſer erheben⸗ den, gruͤn bewaldeten Huͤgel verborgen wurde. Sie lebte bei einer aͤltlichen Witwe, deren Gatte im Kampfe gegen ſeinen Koͤnig geſtorben war und die zur ſtreng⸗ ſten Puritanerſekte gehoͤrte. Die fromme Witwe nahm Harold etwas ungnaͤdig auf; als ſie aber Suſanne be⸗ nachrichtigte, daß er ein alter Freund ihres Vaters und natuͤrlich von aͤchtem Gepraͤge ſei, ließ ſie etwas in ihrer Sauertoͤpfigkeit nach und gab ihm ihren Segen. Waͤhrend ſie mit ihren haͤuslichen Angelegen⸗ heiten beſchaͤftigt war und ſich ab und zu mit einem Liede von groͤßerer Froͤmmigkeit als dichteriſchem Schwunge labte, begannen Harold und Suſanne ein⸗ ander ihre Schickſale zu erzaͤhlen. 83 Harold berichtete die Hauptvorfaͤlle ſeines Lebens ſeit ihrer Trennung, wobei er die Scene nach der Schlacht von Naſeby, ſowie Iſraels Beſuch ausließ und ſeiner eifrigen Forſchungen nach Suſannen nur fluͤchtig erwaͤhnte. Suſanne hatte nur von Kummer und Leiden zu berichten. Ihr⸗Leben war, nachdem ſie das Gefaͤngniß verlaſſen, wieder die fruͤhere Wander⸗ Exiſtenz geweſen. Iſrael ermahnte das Volk, in ſei⸗ ner Macht aufzuſtehen und die Philiſter zu ſchlagen, bis er endlich durch die Nachwehen von den Wechſel⸗ faͤllen des Kampfes auf's Aeußerſte erregt, ſein Schwert umguͤrtete und ſich zum Heere Cromwells, den er als den Erſten der Heiligen betrachtete, begab. Hier pre⸗ digte und kaͤmpfte er mit gleichem Enthuſiasmus, bis er auf dem beruͤhmten Schlachtfelde von Naſeby den Tod fand, waͤhrend er einen fliehenden Royaliſtentrupp verfolgte und ſeine Gefaͤhrten ermahnte, die Heere von Gog und Magog wie Spreu vor dem Winde zu zer⸗ ſtreuen. Von dieſer Kataſtrophe wußte jedoch Suſanne, obgleich ſie ihn als todt betrachtete, nichts Beſtimmtes. Nicht lange nach Iſraels Abreiſe fuͤhlte ſeine Gattin, von den Entbehrungen und Leiden, die ſie aus Liebe zu ihrem Manne, wie aus frommer Ueberzeugung be⸗ ſtanden hatte, erſchoͤpft, allmaͤhlig ihre Geſundheit ſchwinden und ſank in das Grab, wobei ſie Suſannen außer der guten Frau, in deren Hauſe ſie jetzt lebte, ohne Schutz zuruͤckließ. Um dieſer nicht zur Laſt zu fallen, hatte ſie eine 6* ——— — kleine Schule zuſammengebracht, von der ſie ſo viel einnahm, daß ſie ihre Beduͤrfniſſe befriedigen konnte. Sobald ſie mit ihrer Geſchichte zu Ende war, fragte ſie Harold aͤngſtlich, ob er ihr Etwas uͤber das Schick⸗ ſal ihres Vaters ſagen koͤnne. Ohne auf Einzelnheiten einzugehen, theilte er ihr Iſraels Tod auf dem Felde von Naſeby mit und die Nachricht wurde mit beſcheidener Reſignation aufge⸗ nommen, da ſie nur Das, was ſie lange geglaubt hatte, beſtaͤtigte. Nach einer der kindlichen Liebe ge⸗ widmeten Pauſe redete ſie Harold mit einem Gemiſch von Schmerz und Ergebenheit an. „Der Wille des Himmels geſchehe! Ich habe lange geglaubt, daß ich keine Eltern, keine Heimath und keinen Freund mehr haͤtte, außer Demjenigen, welcher die, die keinen andern Beſchuͤtzer haben, zu beſchuͤtzen verſprochen hat. Meine theure Mutter hat in meinen Armen ihre letzten Seufzer ausgehaucht; ich ſah ſie ſterben und ihre letzten Worte waren an mich gerichtet. Mit meines Vaters Schickſal war ich, wenn auch uͤberzeugt, daß ihm etwas Ernſtes zugeſto⸗ ßen ſein muͤſſe, doch bis jetzt unbekannt, und die Ge⸗ wißheit, ſo furchtbar ſie auch ſein mag, iſt weniger peinlich als Ungewißheit ohne Hoffnung. Noch Eines bleibt mir. Ich habe noch immer Pflichten auszuuͤben und es iſt eine treffliche Einrichtung, daß die Armen, indem ſie die Beduͤrfniſſe Anderer befriedigen, fuͤr ihre eigenen ſorgen.“ 85 Harold's Herz wurde von ſeinen Bewegungen uͤberwaͤltigt, er konnte ſich nicht mehr zuͤgeln und rief: „Suſanne, theure Suſanne, ſage nicht, daß Du allein in der Welt ſtehſt und weder eine Heimath noch einen Freund habeſt, ſo lange Einer hier iſt, dem Du theuer biſt wie ſein Augapfel, wie der Athem ſeines Lebens— ich moͤchte faſt ſagen, wie das Heil ſeiner Seele.“ „Hoͤre auf, Harold,“ unterbrach ihn Suſanne: „hoͤre auf, Harold Habingdon. Stelle nicht Dein un⸗ ſterbliches Theil in Vergleich mit Deinen ſterblichen Neigungen. Dein Herz kannſt Du hinweggeben; Deine Seele gehoͤrt Gott.“ „Hoͤre mich an, Suſanne. Von dem Augen⸗ blicke, wo ich Dich zum letzten Male an der Thuͤr des Kerkers ſah, haben meine Gedanken bei Tag und bei Nacht, in Krankheit und in Geſundheit, in der Stunde ruhiger Betrachtung und in der Gluth des Kampfes bei Dir geweilt. Als ich verlaſſen und verhungernd im Gefaͤngniß lag und auf keine Hilfe mehr hoffte, dachte ich, ſo lange noch mein Geiſt ſein Bewußtſein bewahrte, an Dich, und als ich ſtoͤhnend auf dem blu⸗ tigen Felde lag und von Nichts als Schmerz und Tod umgeben war, dachte ich immer noch an Dich—« „Hoͤre auf, Harold, hoͤre auf! Das iſt nicht die Zeit, von ſolchen Dingen zu ſprechen. Es geziemt mir jetzt eher, das Reißen fruͤherer Bande zu betrauern, als an neue zu denken.“ 86 „Verzeihe mir, Suſanne; wir ſind durch Zufall zuſammengetroffen und der Zufall kann uns bald wie⸗ der trennen. Geſtatte mir, mich ganz auszuſprechen, und dann antworte wahrhaft, wie es Dir Dein Herz gebietet. „Als ich nach der Entfernung vom Heere von meiner Wunde geneſen war, ſuchte ich Dich uͤberall, wo ich es fuͤr wahrſcheinlich hielt, daß Du zu finden ſeieſt, und ruhte nicht eher, als bis jede Hoffnung, Dich aufzufinden, ihr Ende erreicht hatte. Wir haben einander endlich getroffen und der Zufall hat fuͤr mich gethan, was meine eigenen Anſtrengungen nicht be⸗ wirken konnten. Laß uns, ich bitte Dich, nie wieder ſcheiden; gleich Dir ſeeh ich allein in der Welt, ich bin der Letzte meines Geſchlechts und habe Keinen, der meine Gedanken theilt oder meine Handlungen beherrſcht und Du, theuerſte Suſanne, Du biſt ein verwunde⸗ tes Reh und allein und ohne Beſchuͤtzer im Walde. Ich biete Dir eine Zuflucht und Heimath, ich biete Dir ein Deinem Gluͤcke geweihtes Herz und erwarte eine beſtimmte Antwort. Sprich zu mir, Geliebte, antworte mir, ſollen wir nie wieder ſcheiden, oder ein⸗ ander nie wiederſehen?“ Zum erſten Male, ſeit er Suſannen kannte, ſchien ihr feſter Geiſt aus ſeinem Gleichgewichte zu kommen. Sie wurde waͤhrend ſeiner Anrede von einem inneren Kampfe bewegt, der ſich weder durch Thraͤnen noch durch Worte Luft machte. Endlich erlangte ſie —— — — — einigermaßen ihre Faſſung wieder, erhob ihre Augen zu den ſeinen und ſagte, als ſie wahrnahm, wie begierig er auf ihre Antwort wartete: 3 „Was kann ich Dir zubringen, als Armuth und Ungluͤck. Mein ganzes Erbtheil beſteht leider nur in getaͤuſchten Hoffnungen und traurigen Erinnerungen.“ „Was Du mir zubringen kannſt?“ rief Harold, deſſen tiefverſchloſſener Enthuſiasmus und Charak⸗ terenergie wie ein lange aufgedaͤmmter Strom hervor⸗ brach;„Du kannſt mir die koſtbarſte aller irdiſchen Mitgiften zubringen— ein ſanftes, frommes, tugend⸗ haftes Weib, dem ich mit dem Glauben eines Maͤrty⸗ rers vertrauen darf. Du kannſt mir Frieden, Zufrie⸗ denheit, Gluͤck und Freude bringen. Du kannſt mein Haus zur Wohnung der Seligkeit machen. Sprich mir alſo nicht von Armuth und Ungluͤck; ich habe ge⸗ nug, um die eine fern zu halten und meine wachſame Sorgfalt wird Dich mit Gottes Hilfe vor dem andern beſchuͤtzen. Antworte mir, Suſanne, willſt Du mein ſein?— willſt Du mir Dein Gluͤck fuͤr dieſes Leben anvertrauen? Ein Wort, und gieb mir Deine Hand zum Zeichen.“. „Ich will es,« fluͤſterte die Jungfrau, und gab ihm ihre Hand. In dieſem Augenblicke triumphirte die Liebe uͤber die ſelbſtverlaͤugnenden Gebote der Sekte, er druͤckte ſie an ſeine Bruſt, er kuͤßte ſie mit der ganzen Gluth langer Enthaltſamkeit, die ploͤtziich zu einem reichen 3 — 88 Mahle geladen wird, waͤhrend Suſanne ſich ohne Zwei⸗ fel nur in der Ueberraſchung den unwiderſtehlichen Ge⸗ ſetzen der Natur unterwarf. Sobald der Contract auf dieſe Weiſe beſiegelt war, erzaͤhlte ihr Harold den Grund ſeiner Reiſe und bat ſie, bei ſeiner nach wenigen Tagen ſtattfindenden Ruͤckkehr ſeine Gattin werden zu wollen. Hier aber bot ihr Pflichtgefuͤhl ein unuͤberſteigbares Hinderniß. Sie hatte ſich auf eine Periode, von der noch mehr als ein Monat uͤbrig war, als Lehrerin verbindlich ge⸗ macht und weigerte ſich feſt, ihr Verſprechen zu bre⸗ chen, obgleich er ſich erbot, einen Vergleich mit den Leuten im Dorfe zu ſchließen. „Nein, Harold,“ ſagte ſie,„ich will kein Verſpre⸗ chen, wie unwichtig es auch ſein mag, verletzen, waͤh⸗ rend ich im Begriff bin, ein anderes, ſo ernſtes und dauerndes einzugehen. Und,“ fuͤgte ſie mit dem er⸗ ſten frohen Laͤcheln, das er je auf ihrem Geſicht geſe⸗ hen, und bei dem ſie faſt ſchoͤn ausſah, hinzu:„Ich fuͤrchte, Du wirſt mir ſpaͤter nicht als Gattin ver⸗ trauen, wenn ich mich gegen dieſe armen Kinder treu⸗ los erweiſe.“. 4 Harold ehrte ihre Bedenklichkeiten und nahm, ſo⸗ bald er den Tag beſtimmt, wo er zuruͤckkehren und ſeine Braut abholen wuͤrde, von Suſannen ein Lebe⸗ wohl, von dem ihre Wange faſt eben ſo roth wurde, wie ihre Lippen. Als er das Haus verließ, hoͤrte er 89 die gute Witwe mit entſetzlichem Naͤſeln folgenden ominoͤſen Vers ſingen: „In unſrer ſchlimmen, boͤſen Welt Das Gluͤck oft ſchnell zuſammenfaͤllt, Die Suͤnde liegt im Hinterhalt Und Satan hat gar viel Gewalt.“ 5 ——— Fünftes Kapitel. Erwartung und Wirklichkeit.— Hartnaͤckigkeit und Grundſatzfeſtigkeit.— Dem Leſer werden trotz ſeiner ſchie⸗ fen Geſichter einige Weisheitsbrocken in den Mund geſtopft. — Eine Prophezeihung.— Ein orthodoxer Dienſtmann.— Harolds Aergerniß uͤber die Suͤnden der Cavaliere.— Er ſinnt auf eine entſcheidende Bewegung, und thut etwas ſehr Thoͤrigtes.— Eine gefaͤllige Gehilfin.— Lobreden auf die neue Welt.— Eine Reiſe nach dem Steine der Weiſen, naͤmlich dem Gluͤcke. Harolds Reiſe wurde durch die Erinnerung an gewiſſe kleine Scharmuͤtzel, die, wie im vorigen Kapi⸗ tel angedeutet, zwiſchen ihm und Suſannen ſtattge⸗ funden hatten, ſo wie durch die Erwartung ihres bal⸗ digen Wiederbeginns mit Zuſaͤtzen und Verbeſſerungen verkuͤrzt. Er befand ſich in einem, einer Perſon, die ſo lange auf ihre Verachtung der Erdenfreuden ſtolz geweſen war, gaͤnzlich unwuͤrdigen Sturme von Hoff⸗ nungen und Erwartungen. Das Eis war ploͤtzlich geſchmolzen; ſeine feurige Seele, die bisher das Roß im Zaume gehalten hatte, ließ jetzt den Zuͤgel locker oder ihn vielmehr ganz fallen, und glich die Vergan⸗ genheit durch Ausſichten auf die Zukunft aus. —-— 91 Der wackere Puritaner begann Luftſchloͤſſer zu bauen, und wenn ſein Roß eben ſo verliebt geweſen waͤre als er ſelbſt, ſo iſt es aͤußerſt ungewiß, ob er ſich nicht auf der Heimreiſe in den Suͤmpfen von Lincoln⸗ ſhire verirrt haben wuͤrde. Der Klugheit ſeines Thieres war es aber zu verdanken, daß er ſicher an⸗ kam, aber nicht ohne einige Male, wenn er an einen Kreuzweg gelangte, die unrechte Straße einzuſchlagen. Dann fing er, von dem alten Gilbert unterſtuͤtzt, an, ſein Haus zum Empfang der neuen Herrin in Ord⸗ nung zu bringen, und Gilbert bemerkte waͤhrend dieſer Zeit, daß ſein junger Herr weder ſo viele Pſalmen ſang, noch ſo oft betete wie gewoͤhnlich, und zweimal ein Conventikel verſaͤumte. Die Zeit hinkt ſtets, wenn ſie zu ſchnell angetrie⸗ ben wird; ſie gleicht einem Eſel, der, wenn man ihn uͤber ſeine gewohnte Schnelligkeit hinaus anſpornen will, die Vorderfuͤße einſtemmt, zum Stehen kommt und laut zu vaen anfaͤngt. So ging es auch mit Harold, der alle Geduld verlor, und Gilbert dadurch, daß er taͤglich die Eßzeit vorruͤckte, als ob er den Lauf der Zeit beſchleunigen wollte, faſt vom Verſtande brachte. „Gilbert,“ ſagte er eines Tages,„welchen Wo⸗ chentag haben wir heute?“ e Gilbert uͤberlegte die Sache reiflich:„Freitag, ir.« „Gottes Leben, ich dachte, es waͤre Sonnabend,“ 2 92 ſagte Harold ſich unmuthig abwendend, zum ausnehmen⸗ den Erſtaunen Gilberts, der ſeinen Herrn noch nie einem Fluche ſo nahe kommen gehoͤrt hatte. Die Zeit geht aber ſicher und ermangelt nie, endlich das Ziel ihrer Reiſe zu erreichen. Die Schickſals⸗ ſtunde erſchien endlich und Harold reiſ'te in einem neuen Anzuge, der wirklich etwas Cavaliermaͤßiges an ſich hatte, ab, und kehrte zu gehoͤriger Zeit mit ſeiner Gattin zuruͤck. Ohne auf Einzelnheiten einzugehen, wollen wir uns mit der Bemerkung begnuͤgen, daß er die gewoͤhn⸗ liche vom Monde beherrſchte Zeit ſo gluͤcklich war, wie es fuͤr den Menſchen gut iſt. Ob nun aber in der Ehe etwas liegt, das wie ein Vergroͤßerungsglas die geringſten Kleinigkeiten als wichtig erſcheinen laͤßt, oder ob die beiden Theile in ſo enge Verbindung gezogen werden, daß ſie einander ihre Fehler und Schwaͤchen nicht mehr verhehlen koͤnnen, ſo iſt doch ſo viel gewiß, daß nach dem Ablaufe jener in den Annalen des Che⸗ ſtandes ſo geheiligten Periode Harold und Suſanne nicht ganz ſo gluͤcklich waren, als ſie erwartet hatten. Alle Maͤnner, und wie ſkandalliebende Perſonen behaupten, auch alle Frauenzimmer wollen ihren Wil⸗ len haben. Nun giebt es im haͤuslichen Leben eine unendliche Menge von Dingen, die, obgleich an ſich ohne Wichtigkeit, die ergiebigſte Quelle kleiner Zwiſtig⸗ keiten und Widerſpruͤche bilden, welche am Ende nur zu oft Kaͤlte, wo nicht Entfremdung erzeugt. Wir — 93 haben irgendwo von einem Paare der zaͤrtlichſten, gut⸗ launigſten Leute von der Welt gehoͤrt, die ungluͤcklicher Weiſe eines Tages in der Mitte einer langen, duͤſtern, regneriſchen Woche im November, waͤhrend welcher die Sonne eine gaͤnzliche Verfinſterung erlitt, uͤber die Frage, ob die Menſchen zehn Finger, oder nur acht Finger und zwei Daumen haͤtten, in Streit ge⸗ riethen. Sie trennten ſich, ohne die Frage auszuma⸗ chen, und am folgenden Tage wurde ſie mit vermehr⸗ ter Lebhaftigkeit wieder aufgenommen. Die Gewohnheit wurzelte bei ihnen ein, und Beide wurden waͤrmer und hartnaͤckiger. Sie began⸗ nen ſich bitter uͤber gegenſeitige Mißlaune zu beklagen, und ließen ſich endlich wegen Unvertraͤglichkeit ſcheiden. Wenn es moͤglich waͤre in die tiefen Geheimniſſe der Ehe zu dringen, ſo wuͤrde man wahrſcheinlich fin⸗ den, daß in einer Menge, vielleicht den meiſten Faͤllen eheliche Zwiſtigkeiten aus einer Meinungsverſchieden⸗ heit uͤber ganz unwichtige Dinge, die den Betheiligten vollkommen gleichgiltig ſind, entſpringen. Harold war ein Mann von Grundſaͤtzen, er that Alles aus Grundſatz, und wendete dieſelben auf Dinge an, die mit gar keinem Grundſatze zuſammenhingen. Auch Suſanne wurde von Grundſaͤtzen regiert. Sie war halsſtarrig gut, obgleich es, um ihr Gerechtigkeit angedeihen zu laſſen, nur paſſive Halsſtarrigkeit war. Keine Macht auf Erden war im Stande ſie zum Un⸗ rechtthun oder Handeln gegen ihre Ueberzeugung zu — ͦ— 3— 94 vermoͤgen. Es wuͤrde fuͤr Beide beſſer geweſen ſein, wenn ſie die Anhaͤnglichkeit an ihre Grundſaͤtze auf Handlungen beſchraͤnkt haͤtten, die auf Pflichten gegen ſich und Andere Bezug hatten, aber ſie gingen noch viel weiter, und klammerten ſich auch, wo es ſich we⸗ der um Recht noch um Unrecht handelte, ſtreng an ihre Grundſaͤtze. Bei alledem aber hatte Suſanne das beſte Ge⸗ muͤth, und gerieth nie mit ihrem Gatten in Streit. Wenn ſie Harold, wie es zuweilen vorkam, tadelte, ſo pflegte ſie nur ihre Nadel mit groͤßerer Schnelligkeit in Bewegung zu ſetzen und auszurufen:„Lieber Mann, ich hoͤre nicht, ich hoͤre nicht.“ Jahre vergingen, und trotz der kleinen Stuͤrme, welche die Oberflaͤche des Lebensſtromes kraͤuſelten und die gruͤnen Blaͤtter ſchuͤttelten, ohne ſie zum Fallen zu bringen, lebten Harold und Suſanne fortwaͤhrend doch ſo ziemlich in Frieden. Die einzigen Ereigniſſe von Wichtigkeit, welche waͤhrend dieſer Periode ſtatt⸗ fanden, waren die Geburt einer Tochter, die die Blaͤt⸗ ter ein wenig ſchuͤttelte, als es ſich darum handelte, ihr einen Namen zu geben, und der Tod des ehrlichen Gilbert Taverner, der ſein ehrwuͤrdiges Haupt ſeit dem ungluͤcklichen Tage, wo ihm ſeine Herrin gebot, die Stellung der Salzfaͤſſer bei Tiſche zu veraͤndern, nie wieder erhoben hatte. Das erſte Mal, wo er dies that, zitterte ſeine Hand ſo, daß er den Inhalt ſeines Salzfaͤßchens gaͤnzlich verſchuͤttete, und er war ſo be⸗ 95 wegt, daß er, wiewohl das Salz zwiſchen ihn und ſeine Herrin fiel, die unerlaͤßliche Ceremonie, einen Theil davon uͤber ſeine linke Schulter zu werfen, vergaß. Zu der Ueberzeugung, daß eine entſetzliche Fehde zwi⸗ ſchen ihm und ſeiner Herrin bevorſtand, kam noch die, daß das Haus Habingdon ſich ſeinem Falle zuneige, woruͤber ihm ſein Großvater, der faſt fuͤr ſo betagt wie Methuſalem galt, verſichert hatte, daß eine alte Prophezeihung folgenden Inhalts exiſtire: „Wenn auf dem Tiſche tanzt das Salz, Geht es den Habingdon an den Hals. Sie werden Zeiten ſehen abſcheulich, Wie nie ſie waren noch ſo graͤulich. St. Rumbold und St. Fridesweid, Erhaltet das Haus in der ſchlimmen Zeit.“ Gilbert hatte von dieſen Heiligen noch nie etwas gehoͤrt, aber fortwaͤhrend zu ihnen fuͤr das Haus Ha⸗ bingdon gebetet, bis er allmaͤhlig einen ſo orthodoxen Wi⸗ derwillen gegen den ganzen roͤmiſchen Kalender und be⸗ ſonders einen ſolchen Abſcheu gegen St. Petrus einſog, daß er ſich kaum enthalten konnte, auf deſſen Mitapo⸗ ſtel zu ſchimpfen. Er war uͤberzeugt, daß ein Haus ohne beſſere Unterſtuͤtzung als St. Rumbold und St. Fridesweid nicht ewig ſtehen koͤnne, und wunderte ſich ſogar, daß es ſchon ſo lange geſtanden habe. Kurz, er hatte ſich zu den Anſichten, oder vielmehr dem Bei⸗ ſpiele ſeines Herrn bekehrt, und hegte einen ſolchen Haß gegen den Papſt, daß er ſogar den vier Cardinal⸗ punkten abſagte, und alle Achtung fuͤr Vorſicht, Maͤ⸗ — 1 1 6 96 ßigkeit, Gerechtigkeit und Standhaftigkeit verlor, als man ihm ſagte, daß es Cardinaltugenden ſeien. Der gute alte Mann— denn er war ehrlich wie der Tag und unſchaͤdlich wie ein Geſpenſt— verwelkte bald uͤber den Neuerungen ſeiner Herrin und ſeinen Be⸗ fuͤrchtungen fuͤr das Haus Habingdon. Seine kurze Geſchichte iſt die des ganzen Menſchengeſchlechts, er er⸗ krankte, ſtarb, wurde begraben und von Allen außer dem Verfaſſer dieſer Erzaͤhlung vergeſſen. Harold war, wie ſchon fruͤher geſagt, faſt unmerk⸗ lich zu einem eifrigen Republikaner geworden, und die Erhebung Cromwells zur oberſten Gewalt that ihm ſehr weh. Sein Tod nach einigen Jahren voll glaͤn⸗ zender Erfolge, in denen er viel fuͤr England, aber wenig fuͤr ſein eignes Gluͤck verrichtete, die Thronbe⸗ ſteigung und Abdankung ſeines Sohnes Richard, die Errichtung eines Staatsrathes, und endlich die unbe⸗ dingte Wiedereinſetzung Karls II. folgten einander ſchnell. Um dieſe Zeit begann Harold, uͤber den ſchlechten Aus⸗ gang des großen Kampfes, in dem er gebetet, gekaͤmpft und geblutet hatte, entruͤſtet, und uͤber die Ruͤckkehr jener Verfolgungen, die, wie er in ſeinem Herzen nicht leugneit konnte, die Puritaner durch ihr Benehmen waͤhrend ihrer Oberherrſchaft reichlich verdient hatten, beſorgt, auf eine entſcheidende Bewegung zu ſinnen. Wenn er die Frivolitaͤt der Sitten, die Erſchlaffung der Moral und die auf die Häupter der Puritaner ge⸗ haͤufte beſchimpfende Laͤcherlichkeit betrachtete, wurde ſein 97 Herz von Kummer und Zorn erfuͤllt und er wendete ſeine Gedanken den fernen Wildniſſen des Weſtens zu, wo er unter den heidniſchen Wilden die Duldung zu finden hoffte, welche die chriſtliche Liebe ihm bisher vorenthalten hatte. Die Reiſe dorthin galt jedoch zu damaliger Zeit fuͤr ein gewagtes Unternehmen, das nicht nur Muth, Ausdauer und Selbſtverleugnung, ſondern auch ein frommes Vertrauen auf die Unterſtuͤtzung und Leitung der Vorſehung erforderte. Harold beſaß alle dieſe Ei⸗ genſchaften, und als er ſich endlich nach vorſichtiger Ueberlegung entſchloſſen hatte, begann er dieſen Ent⸗ ſchluß auch ſchnell auszufuͤhren. Sein erſter Schritt war es, Suſannen den Vorſchlag dazu zu machen. „Ich liebe mein Vaterland, Suſanne,“ ſagte er, vich habe mein Blut fuͤr das, was ich als eine gute und große Sache betrachtete und noch betrachte, ver⸗ goſſen, und bin bereit es von Neuem zu thun, wenn Hoffnung vorhanden iſt, daß es nicht vergebens geſche⸗ hen wird. Aber ich muß es erleben, alle Arten von Gottloſigkeit, Ueppigkeit, Sittenloſigkeit und Laſter durch das Beiſpiel des Koͤnigs und ſeiner Hoͤflinge weit verbreiten, und Tugend, Anſtand und Maͤßigung von ihnen laͤcherlich machen und verhoͤhnen zu ſehen. Das Parlament iſt mit dem Hofe verbunden, und zum Aufopfern des Volkes fuͤr den Lohn der Verderbniß be⸗ reit. Meine Landsleute werden gekauft und verkauft, wie Vieh oder Sclaven, und Keiner iſt ſicher, außer Die Tochter des Puritaners, I, 4 7 98 durch Beſtechung oder Schmeichelei. Allerdings ſchont man bis jetzt noch unſer Leben; wer kann ſich aber auf den Strafloſigkeitsact verlaſſen, oder einem Koͤ⸗ nige, deſſen Wort von einem gottloſen Reimſchmied zum Gegenſtand des Gelaͤchters gemacht wird, Glau⸗ ben ſchenken? Welches Band vermag einen ausſchwei⸗ 4 fenden Monarchen und ein ſelaviſches Parlament zu⸗ ruͤckzuhalten, da der Eine den Geboten ſeines Schoͤ⸗ pfers Trotz bietet und das Andere eben ſo wenig Ruͤck⸗ ſicht fuͤr die Rechte Seiner Geſchoͤpfe hat? Wenn ich Maͤnner wie Vane, Lambert, Hardrigge, Milton und Ludlow auf dem Schaffot hingeopfert oder in das Exil gejagt ſehe, ſo fuͤhle ich die Ueberzeugung, daß meine Bedeutungsloſigkeit mein einziger Schutz iſt. Laß uns gehen und in der neuen Welt ſuchen, was uns in der alten verweigert wird.“ „Ach Harold,“ antwortete ſeine ſanfte, unterwuͤr⸗ fige Gattin, indem ſie auf die kleine Miriam nieder⸗ blickte, die uͤber die Energie ihres Vaters, deſſen Re⸗ den ſie kaum begriff, verwundert daſtand;„ach willſt Du mich und meine Tochter aus unſerer Heimath fortfuͤhren, um uns von den Wellen der See umher⸗ ſchleudern zu laſſen, und den noch groͤßern Gefahren des Landes auszuſetzen? uns in der Wuͤſte zu vergra⸗ ben, wo wir und unſere Nachkommen mit wilden Men⸗ ſchen und wilden Thieren leben muͤſſen, und vielleicht mit der Zeit auch noch Wilde werden wie ſie, und alle Ehrfurcht fuͤr die Gebote Gottes und der Menſchen 99 verlieren? Was iſt die neue Welt, und was wind ſie werden, als eine unbevoͤlkerte Wildniß?“ „Schweig, Suſanne, Du ſprichſt wie ein Weib, oder vielmehr wie ein Kind. Amerika iſt das Erbe des armen Mannesz das Land, in dem wir leben, wird ſei⸗ ner Bewohner bereits muͤde, ſo daß der Menſch, das koſtbarſte aller Geſchoͤpfe, hier gemeiner und ſchlechter geworden iſt, als die Erde, auf welcher er hinſchreitet. Die geſelligen und haͤuslichen Bande ſind wie verbrann⸗ ter Flachs, und Kinder, Freunde und Nachbarn ſind ſtatt Segnungen zu Laſten geworden, weil ſie einander im Wege ſtehen und der Arbeiter fuͤr die Ernte zu Viele ſind. Wir wollen dieſes Land auf ewig verlaſ⸗ ſen, wir wollen dorthin gehen, wo es an Maͤnnern mangelt, um die unerforſchlichen Gebote der Vorſehung auszufuͤhren, und wo ſie ihre gehoͤrige Stellung als ge⸗ meinſchaftliche Eigenthuͤmer der Erde, die nicht blos dem aͤlteſten Sohne Adams, ſondern deſſen ganzer Nachkommenſchaft gegeben worden iſt, einnehmen koͤn⸗ nen. Das Blut der Maͤrtyrer iſt umſonſt vergoſſen, und das, was durch die Tugenden des Volks errungen ward, durch die Entartung ſeiner Anfuͤhrer verloren worden. Dies iſt aber das Schickſal der Voͤlker, ſie kaͤmpfen und ſiegen, ſie vertrauen und werden ver⸗ rathen.“ Man wird bemerken, daß Harold trotz ſeiner aͤußern Eishuͤlle im Innern einen Strom von feurigem Enthuſiasmus beſaß, der aus der Quelle der Natur 4 7* floß und zuweilen nicht unterdruͤckt werden konnte. Sein Enthuſiasmus nahm, wiewohl meiſt durch ſeine Froͤmmigkeit abſorbirt, mitunter doch eine andere Rich⸗ tung, und ſtroͤmte dann in ſeinem neuen Bette brau⸗ ſend dahin. Suſanne war eingeſchuͤchtert, wenn auch nicht uͤberzeugt worden und gab ihre Unterwerfung zu erkennen, indem ſie, auf Miriam deutend, ſagte: „Dies iſt die Tochter meines Herzens, aber Du biſt der Gatte meiner erſten Liebe. Dein Anſpruch iſt ſtaͤrker als der ihre, und ich werde daher gehen, wohin Du gehſt und dieſes theure Pfand, meinem Herzen und meiner Pflicht gehorſam, allen Gefahren, die ihm zu⸗ ſtoßen koͤnnen, ausſetzen. Die Erde iſt unſere Mutter und wir werden uͤberall, wo wir auch leben moͤgen, uns verwandten Staub finden.“ Harold haͤtte ſeine Frau kuͤſſen und ihr fuͤr das ſo der ehelichen Pflicht gebrachte Opfer danken ſollen; gleich ſehr vielen eifrigen Vertretern des Selbſtregierungs⸗ rechtes außer dem Hauſe, wendete er jedoch die Lehre davon im Innern nicht praktiſch an. Er hatte in haͤuslichen Dingen das ſaliſche Geſetz angenommen und die weibliche Gerichtsbarkeit auf gewiſſe Grenzen be⸗ ſchraͤnkt, denen ſich wahrſcheinlich kein republikaniſches Frauenzimmer unſerer Zeit ohne lange vorlaͤufige Er⸗ ziehung unterwerfen wuͤrde. Er nahm daher dieſe Nachgiebigkeit ohne allen beſondern Dank auf, durch welche Unterlaſſung er unſerer Anſicht nach jeden An⸗ ſpruch auf dergleichen Dinge fuͤr die Zukunft ver⸗ 5 101 wirkte. Wenn ein Frauenzimmer, beſonders eine Gat⸗ tin, eine Anſicht aufgiebt, oder einen Wunſch auf⸗ opfert, ſelbſt wenn die eine unrichtig und der andere unvernuͤnftig waͤre, ſo verdient ſie allerwenigſtens einen Kuß, wo nicht ein neues Pariſer Ameublement. Sobald dieſer entſcheidende Punkt abgemacht war begab ſich Harold ohne Saͤumen an die Zuruͤſtungen fuͤr die Wallfahrt nach der neuen Welt, die unſerer Anſicht nach in vielerlei Punkten gegen die alte eine große Verbeſſerung iſt. Es dauerte einige Zeit, ehe er einen ihm zuſagenden Kaͤufer fuͤr ſein Gut finden konnte, denn er beſtand darauf, es nicht an einen Ca⸗ valier zu veraͤußern. Eine vielverſprechende Negociation wurde durch einen Streit uͤber den freien Willen abgebrochen, eine andere durch eine Meinungsverſchiedenheit uͤber die Auslegung einer Bibelſtelle— eine dritte endigte mit einem Zanke uͤber die Verdienſte Luthers und Cal⸗ vins, waͤhrend eine vierte, die Pflicht der chriſtlichen Liebe umfaſſende, damit endete, daß Harold ſeinen Gegner zur Thuͤr hinausſteckte. Endlich gelang es ihm, einen ganz tadelloſen Kaͤu⸗ fer zu finden, der mit ſeinen Meinungen ſo vollkom⸗ men uͤbereinſtimmte, daß Jedermann ſagte, er habe einen vortrefflichen Handel gemacht. Nachdem er alſo alle noͤthigen Vorbereitungen getroffen, wurde es jetzt ſeine ſchmerzliche Aufgabe, Abſchied von einem durch 10² die Erinnerungen ſo vieler Jahrhunderte geweihten Hauſe zu nehmen. Es war in der That ein ihm durch ſeine Erinne⸗ rungen an die Vergangenheit, und ſeine ſtille laͤndliche Schoͤnheit gleich theures Plaͤtzchen. Das Wohnhaus war weder geraͤumig noch geſchmackvoll, ſondern im Gegentheil keineswegs von beſonderer Groͤße und außer einer maleriſchen Unregelmaͤßigkeit und einem aͤußerſt ehrwuͤrdigen Alter fuͤr das Auge nicht angenehm. Es war nicht ganz ſo alt wie die Familie, aber doch alt genug, um alle Bequemlichkeiten, die jetzt in Folge der Fortſchritte der Bildung fuͤr bedeutende Unbequemlich⸗ keiten gelten, zu vereinigen. Es beſtand aus einem dunkeln, ſchieferfarbigen Steine, die Mauern waren ungeheuer dick, die Decken ungeheuer niedrig, die Fen⸗ ſter ſchmal und tief, und ferner beſaß es eine Unmaſſe von Verſtecken fuͤr Ratten, Geſpenſter, Fluͤchtlinge und alle Diejenigen, welche es fuͤr angemeſſen halten mochten, aus dem Wege zu gehen. Vor dem Hauſe, das auf dem ſteilabfallenden Ufer eines kleinen Fluſſes gelegen war, zog ſich eine lange Reihe von majeſtaͤtiſchen Baͤumen hin, die das Alterthum des Hauſes Habingdon verriethen. Man konnte die Windungen des kleinen Fluͤßchens meilenweit auf⸗ und abwaͤrts verfolgen und ſein Murmeln, das in der Stille der Nacht in den Schlafzimmern deutlich zu hoͤren war, konnte Jeden, deſſen Geiſt nicht durch Reue beunruhigt wurde, oder der durch Sorge und 10³ Krankheit zur Wachſamkeit verurtheilt war, in den Schlaf lullen. Die ganze Umgegend war uͤppig, gruͤn und anlockend, und obgleich die Ausſicht nicht ſehr be⸗ deutend war, bot ſie durch die Deutlichkeit, womit ſie dem Auge jeden Gegenſtand abſpiegelte, doch um ſo mehr Verſchiedenartigkeit und Intereſſe. Die Schoͤnheit der Ausſicht wurde durch nichts geſtoͤrt, als den hohen Thurm einer benachbarten Kirche, von der die Woͤlfe in Schafskleidern wieder Beſitz erlangt hatten, und der Harold oft in frommer Verachtung den Ruͤcken zukehrte. Als Harold dem Kaͤufer, welcher gekommen war, um Beſitz zu ergreifen, die roſtigen alten Schluͤſſel ab⸗ lieferte, ſank ihm das Herz, und die Geiſter ſeiner ſaͤch⸗ ſiſchen Vorfahren ſchienen ſich zum Urtheil gegen ihn zu erheben. Dort unter jenen alten Taxusbaͤumen lag der Familienbegraͤbnißplatz, wo eine lange Reihe einander folgender Geſchlechter, die in dem gleichen alten Pfade gewandelt waren, in friedlicher Vergeſſen⸗ heit ruhten, wie ſie zuſammen gelebt hatten. Er erin⸗ nerte ſich von allem Dieſem nur ſeiner Eltern und alle ſeine Erinnerungen vereinigten ſich auf ihren Graͤbern. Er hatte ihnen einen letzten Beſuch gemacht, und als Rer zuruͤckkehrte, fragte ſeine Gattin beſorgt, was mit ihm vorgegangen ſei. „Nichts,“ antwortete erz„ich habe nur einigen alten Freunden Lebewohl geſagt.“ Suſanne verſtand ihn, und fragte nicht weiter. Als ſie durch die alte Allee kamen, die nach der 104 Landſtraße fuͤhrte, warf er einen langen, langen Blick auf die Vergangenheit und einen beſorgten auf die Zukunft. Seine Feſtigkeit verließ ihn und einige Thraͤnen rannen uͤber die Wangen des eiſernen Pu⸗ ritaners herab. Er erlangte aber mit einer heftigen Anſtrengung ſeine Faſſung faſt augenblicklich wieder, und ſchaute nicht mehr zuruͤck. Fuͤr Suſannen war das Scheiden weniger ſchmerzlich. Sie hatte nicht ſeine Erinnerungen, ſie konnte nur auf wenige in der Wohnung, die ſie jetzt auf ewig verließ, zugebrachte Jahre zuruͤckblicken und kuͤmmerte ſich weniger um die Vergangenheit, als daß ſie die Zukunft fuͤrchtete. Die Frauen haben aber in ihrem Herzen eine angeborene Neigung zur Landſtreicherei, die wahr⸗ ſcheinlich aus ihrem eingeſchloſſenen Leben zu Hauſe und der Gleichmaͤßigkeit ihrer Beſchaͤftigungen entſpringt. Suſanne dachte mehr an die Zukunft und weniger an die Vergangenheit als Harold, und blickte, als ſie ſich in den Wagen ſetzte, der ſie hinwegtragen ſollte, nicht auf die verlaſſene Heimath, ſondern auf ihr kleines Maͤdchen, das weinte faſt ohne zu wiſſen warum. Von zwei Dienſtboten begleitet,— dem ſelbſt ſchon bejahrten Neffen des alten Gilbert Taverner und einem ſteifen, geſetzten alten frommen Frauenzimmer, das Suſannen noch wegen ihres Vaters, der ſie zu ſei⸗ nem Glauben bekehrt hatte, ſehr ergeben war, begaben ſie ſich nach London, damals demjenigen Orte, wo ſie am leichteſten Gelegenheit zur Ueberfahrt zu finden hoffen — 1095 konnten. Hier wurden ſie lange Zeit durch das War⸗ ten auf ein Schiff, das einzige, welches die Reiſe nach Virginien, wie es damals hieß, zu machen beſtimmt war, zuruͤckgehalten. Endlich ſchiffte er ſich nach der Cheſapeake Bai ein und nahm Geld genug mit, um ſich in der Wild⸗ niß ein Fuͤrſtenthum zu kaufen. So krlaͤftig ſeine Gruͤnde zur Aufſuchung einer neuen Heimath auch waren, konnte er ſich doch nicht eines wehmuͤthigen Gefuͤhls, das aus einem Gemiſch von Erinnerungen an die Vergangenheit und beſorgten Ahnungen uͤber die Zukunft beſtand, enthalten. Als das Schiff an den Ufern der ſilbernen Themſe voruͤber glitt, ſchien ihn die laͤchelnde Landſchaft mit ihren gruͤnen Matten und ſchattigen Gehoͤlzen einzula⸗ den, und als endlich das Land ſeiner Geburt, Kind⸗ heits⸗, Juͤnglings⸗ und Mannesjahre allmaͤhlig wie eine Wolke am Horizonte verſchwand, hatte er ein Gefuͤhl, als ob er der ganzen Welt den Ruͤcken zugekehrt habe. So ſtreng und unbeugſam auch ſein Geiſt war, wuͤrde er doch der Laſt ſeiner Gefuͤhle erlegen ſein, wenn ihn nicht ein Gedanke aufrecht erhalten haͤtte, der allen Ge⸗ fahren des Lebens widerſtehen und allen Schmerzen des Todes Trotz bieten konnte. Zu jener Zeit gab es noch keine ſchwimmenden Palaͤſte auf den Meeren, und die Zahl der Seereiſenden war noch nicht ſo groß, wie jetzt, wo die Schiffe gewiſ⸗ ſermaßen einen ſtets befahrenen Weg uͤber das breite 106 atlantiſche Meer gemacht haben. Die Fahrzeuge jener Periode wuͤrden nur eine armſelige Figur neben einem Liverpooler Paketſchiffe gemacht haben und einer der merkwuͤrdigſten Umſtaͤnde in Bezug auf die Fortſchritte der Seefahrer⸗Entdeckungen iſt die unbezweifelte That⸗ ſache, daß ihre groͤßten Thaten in Schiffen verrichtet wurden, welche in jetziger Zeit fuͤr zur Kuͤſtenfahrt un⸗ geeignet gelten wuͤrden, und dies noch dazu, ohne daß ſie durch Seekalender oder Karten unterſtuͤtzt worden waͤren. In unſerer Zeit wuͤrde ein muthiger See⸗ mann dazu gehoͤren, um in einer von den Caravellen des großen Columbus eine Reiſe uͤber das atlantiſche Meer zu wagen. Die ungeſchickt gebaute Barke ſe⸗ gelte langſam, von den Wellen umhergeſchleudert, vor⸗ waͤrts, und erwies ſich bald als ohne Schnelligkeit und Ausdauer, denn nach kurzer Zeit mußten ſchon die Pumpen fortwaͤhrend im Gange erhalten werden. Der geizige Capitain hatte ſich mit ſeinen Mundvorraͤthen nur auf eine kurze Reiſe eingerichtet, und da es ſich bald ergab, daß dies eine lange werden wuͤrde, ſo be⸗ gann er kluͤglich bei Zeiten ſeinen Proviant einzuthei⸗ len. Als ſie ſich den ſuͤdlicheren Breiten naͤherten, lagen ſie oft unter Windſtillen auf der oͤden Waſſerwuͤſte unter einer gluͤhenden Sonne und ſchwankten auf den langen huͤgelfoͤrmigen Wellen hin, ohne im Mindeſten vorwaͤrts zu kommen. Zu andern Zeiten wurden ſie von unwiderſtehlichen Stuͤrmen weit aus ihrem Cours getrieben, und als ſie ſich der Kuͤſte naͤherten, machten 107 ſie die Stroͤmungen zu ihrem Spielball und verdarben ihre Berechnung. Außer dieſen Aergerniſſen hatten ſie noch drei bis vier laͤrmende Cavaliere an Bord, juͤn⸗ gere Soͤhne, die, nachdem ſie ihr Geld und ihren Cre⸗ dit in den Wirthshaͤuſern erſchoͤpft, eine Reiſe nach Virginien unternommen hatten, wo ſie eine indiſche Erbin mit einem Königreiche zur Ausſtattung zu hei⸗ rathen hofften. Es war eine Gruppe von laͤrmenden, luſtigen, leichtfertigen Schelmen, mit mehr Witz als Weisheit und beſſerem Herzen als Verſtand begabt. Sie waren durch Nichts ernſthaft zu machen, und als ſie allmaͤhlig Alle auf Viertels⸗Rationen geſetzt wurden, ließen ſie ſelbſt uͤber den Hunger ihre Spaͤße aus, und wurden luſtiger und laͤrmender als je. Hierzu kam noch, daß ſie eine Menge von Spaͤßen und Anekdoten von den Stutzohren hatten, die ſie mit beſonderem Vergnuͤgen voor Harold erzaͤhlten, der, wiewohl er aͤußere Kaltbluͤ⸗ tigkeit und Gleichmuth bewahrte, doch kaum vermochte, das ſo oft uͤber den Geiſt ſiegreiche rebelliſche Fleiſch und Blut nieder zu halten. Er bildete ſich ein, daß er ihnen verzeihe, aber es iſt zu fuͤrchten, daß durch die Unterdruͤckung aller aͤußern Demonſtrationen, ſeine innern Gefuͤhle nur um ſo tiefer und heftiger wurden. Es iſt wirklich zum Erſtaunen, wie ſehr das Zuboden⸗ ſchlagen eines Menſchen dazu beitraͤgt, den aufgereg⸗ ten Geiſt zu beſchwichtigen, und um wie ſchneller wir 108 eine ſchnell geraͤchte Beleidigung als eine ruhig einge⸗ ſteckte verzeihen. Aber die laͤngſte Reiſe, wie die laͤngſte Geſchichte muß ein Ende haben. Sie erreichten endlich das Cap des Cheſapeakes, kamen in vergleichsweiſe ruhiges Waſ⸗ ſer und 5 gute Schiff ſchien daruͤber ſo erfreut zu ſein, daß es wacker mit Wind und Fluth hinauf an der⸗ Willoughby⸗Spitze und der alten Spitze des Troſtes voruͤber bis auf die Hamptoner Rhede ſegelte, von wo es in gehoͤriger Zeit zum Ankern an der Wiege der neuen Welt kam, und ſeine Paſſagiere im Zuſtande entſetzli⸗ cher Erſchoͤpfung landete. Obgleich die alten Cavaliere, die ſich beim Erſcheinen eines Schiffes— was ſelten vorkam,— verſammelt hatten, beim Anblick des Stutz⸗ ohrs ſteife Geſichter machten, vergaßen ſie ihre Vorur⸗ theile doch ſchnell uͤber den Eingebungen ihrer Gaſtlich⸗ keit und der Theilnahme mit ſeinen Leiden. Sechſtes Kapitel. Die neue Welt.— Harold muß ſeine urſpruͤngliche Beſtim⸗ mung aufgeben.— Er kauft eine Pflanzung.— Ein kur⸗ zer Bericht uͤber ſeinen naͤchſten Nachbar Maſter Hugh Tyringham und deſſen rechte Hand Gregor Motte, den Oxforder Studenten.— Eine junge ſtutzohrige Dame und ein junger Cavalier⸗Herr werden eingefuͤhrt.— Der Ca⸗ valier und der Rundkopf vertragen ſich nicht beſſer als die jungen Leute.— Was davon kommt, wenn man jungen Leuten verbietet, wozu ſie keine Luſt haben. Harold war jetzt in einer neuen Welt, wo ſich Alles außer ihm ſelbſt, ſeiner Frau und ſeiner Tochter veraͤndert hatte. Der breite, von den Fluͤßchen, woran er gewoͤhnt geweſen war, ſo verſchiedene Strom, der dunkle, endloſe Wald, der die Ausſicht nach allen Rich⸗ tungen hin begrenzte, die freigebige Erde den Strahlen der Sonne und den Augen ihrer Kinder verbarg und in dem Grabesſtille herrſchte, außer wenn ſein Wieder⸗ hall durch das lang anhaltende Geheul eines Wolfes oder den Ruf eines Wilden erweckt wurde, die Ab⸗ weſenheit des Anbaues mit Ausnahme einiger kleinen und weit von einander entlegenen Stellen, die Einfach⸗ heit der Haͤuſer und Moͤbel, ſo wie viele andere auf⸗ fallende Eigenthuͤmlichkeiten bildeten einen nicht gerade 119 angenehmen, viel neue Eindruͤcke in ſeinem Geiſte er⸗ weckenden Contraſt mit der von ihm verlaſſenen Welt. Auch Suſanne war von Verwunderung erfuͤllt, und Miriam, die jetzt ſchon an das Jungfrauenalter ſtreifte, war halb erfreut und halb erſchrocken, wenn der hohe mit Federn gezierte, rothe Wilde ihren Kopf ſtreichelte und ſie„Pappuhs“ nannte.— Seine erſten Erkundigungen uͤberzeugten ihn bald von der Schwierigkeit, ſich ſchnell nach dem Lande der Pilger zu begeben, und er entdeckte, daß er von demſel⸗ ben weiter als je entfernt ſei, wenn man die Entfer⸗ nung nach Hinderniſſen meſſen kann. Zu Lande dort⸗ hin zu gehen war ganz unmoͤglich. Die dazwiſchen⸗ liegenden Gegenden waren mit wenigen Ausnahmen nichts als eine Wildniß, durch welche ſich nur Wilde finden konnten und die eine Menge von Gefahren und Schwierigkeiten boten. Zu jener Zeit gab es aber auch nur aͤußerſt ſelten Gelegenheiten, zur See zu gehen. Nur einmal in langen Zwiſchenraͤumen ſchneckte ein Kuͤſtenfahrer am Strande hin und taſtete ſich mit ſei⸗ ner Ladung von verſchiedenartigen Waaren in den Cheſapeake. Das einzige Handelsprodukt von Virgi⸗ nien war aber der Tabak und die Pilger rauchten nicht. Es konnte alſo ein Jahr oder noch laͤnger dauern, ehe einer von jenen Abenteuer liebenden Schiffern erſchien. Harold blieb daher eine Zeitlang in Zweifel und Ungewißheit uͤber ſein kuͤnftiges Verfahren. Waͤhrend 111 ſeines Aufenthalts in der kleinen Hauptſtadt war ſeine Lage etwas unangenehm. Die unter den Cavalieren herrſchenden Sitten mißfielen ihm und mehr als ein⸗ mal aͤrgerte er ſich uͤber Anſpielungen auf Stutzohren, Rundkoͤpfe und Gleichmacher. Wiewohl von Gefahren und Entbehrungen um⸗ ringt, und oft dem Hungertode nahe, waren die Bewohner von Jamestown doch ein munteres, gedan⸗ kenloſes Geſchlecht und ſchienen von den benachbarten Wilden die Sorgloſigkeit um die Zukunft, welche eine Haupteigenſchaft derſelben iſt, geerbt zu haben. Sie waren langem Beten oder dem Singen geiſtlicher Lieder nicht ſehr ergeben und eben ſo royaliſtiſch wie orthodox, ob⸗ gleich ſie das Recht der Volksvertretung, ſo wie der Regierung durch ihre eignen Geſetze anſprachen und zu⸗ weilen beſtraft wurden, weil ſie am Sabbath nicht in der Kirche erſchienen. Bei alledem waren ſie gaſtfrei, tapfer und freige⸗ big, obgleich ſie ſich, wie ſchon angedeutet, nicht enthal⸗ ten konnten, auf die Rundkoͤpfe zu ſchelten, und wenn Harold als ein dauernder Einwohner betrachtet worden waͤre, ſo wuͤrde er ſich in der unangenehmen Lage be⸗ funden haben, den Predigten eines jener„Woͤlfe in Schafskleidern“ zuzuhoͤren und eine Geldſtrafe, vielleicht Kerkerhaft zu erdulden. Bis jetzt wußte er jedoch von dieſer angenehmen Alternative noch nichts, und da er mit einigen alten Soldaten Cromwells, die nach der Reſtauration heruͤbergekommen waren, Be⸗ 11² kanntſchaft machte, ſoͤhnte er ſich allmaͤhlig mit ſeiner neuen Lage aus, obwohl er mit jedem Tage die Unan⸗ nehmlichkeit, kein eignes Haus zu beſitzen, ſo wie den Unmuth, anderswo keines finden zu koͤnnen, ſtaͤrker fuͤhlte. Die Lage ſeiner Frau und Tochter, beſonders der Letzteren, war noch unangenehmer. Ein junges un⸗ verheirathetes Maͤdchen war in dieſem Theile der neuen Welt etwas Seltenes, und ernſthafte alte Cavaliere, die eine Frau fuͤr ihre Soͤhne ſuchten, boten ihm zu wie⸗ derholten Male einen Orhoft Tabak fuͤr Miriam an. Unter dieſen Umſtaͤnden und vielleicht auch durch das Zureden ſeiner Frau und Tochter, die ſich ausneh⸗ mend nach einem eignen Heerde ſehnten, veranlaßt, beſchloß er endlich eine damals zum Verkauf ſtehende Pflanzung, die auf der Suͤdſeite des Fluſſes, einige Meilen von der Hauptſtadt entfernt, gelegen war, zu kau⸗ fen. Dorthin brachte er ſeine Familie und dort ſchlug er ſeinen Wohnſitz auf zur großen Zufriedenheit Aller, be⸗ ſonders der alten Mildred, die mehr als einmal von den Gaſſenbuben verſpottet worden war, wenn ſie an ihrem Fenſter geiſtliche Lieder ſang. Bis er ſeine Haushaltung in Ordnung bringen konnte, wurde er von dem Beſitzer des benachbarten Gutes gaſtfrei aufge⸗ nommen und dieſer fuͤgte ſeinen Aufmerkſamkeiten mit der dem Boden der neuen Welt eigenthuͤmlichen Frei⸗ muͤthigkeit und Gutmuͤthigkeit ſeinen Rath und Bei⸗ ſtand hinzu. Da dieſer in den jetzt folgenden Ereigniſſen eine 113 große Rolle ſpielen wird, ſo iſt es noͤthig, etwas aus⸗ fuͤhrlicher von ihm zu ſprechen. Der Vater Mr. Hugh Tyringhams, wie er hieß, war der Sproͤßling der juͤngern Linie einer ſehr alten adeligen Familie, die ſich dadurch beruͤhmt gemacht hatte, daß ſie in den Kriegen der York und Lanca⸗ ſter ſechzehn bis achtzehnmal von der einen Partei zur andern uͤbergetreten war, ſich aber mehr durch ihr gu⸗ tes Blut als ihr gutes Geld auszeichnete. Mehrere Generationen hindurch waren die juͤngern Soͤhne ge⸗ zwungen geweſen, von ihrem Schwerte oder ihrem Verſtande zu leben, da die Familienguͤter kaum genuͤg⸗ ten, den aͤlteſten Sohn in den Stand zu ſetzen zu hei⸗ razhen und das Geſchlecht fortzupflanzen. In ſolchen Faͤllen iſt es in faſt allen aufgeklaͤrten Laͤndern ge⸗ braͤuchlich, den armen Teufeln, die durch ihre Geburt enterbt ſind, eine leidliche Erziehung zu geben und ih⸗ ren Unterhalt ſodann dem Lande zu uͤberlaſſen. Ob⸗ gleich ſie ihres Antheils an dem Familieneigenthum be⸗ raubt ſind, ſteht ihnen doch der Familieneinfluß, wel⸗ cher ſtets eifrig fuͤr ſie angewendet wird, zu Dienſten, und wenn auch der gluͤckliche Erbe des Gutes zum Vortheil des ungluͤckſeligen Desdichado keinen Theil da⸗ von verkaufen darf, ſagt man doch, daß er ſich nicht ſelten ſelbſt zu dieſem wohlthaͤtigen Zwecke verkauft. Der Vater des dem Leſer jetzt vorgeſtellten Herrn war gleich deſſen Vater vor ihm ein juͤngerer Sohn und daher zu einem Protege ſeines Vaterlandes be⸗ Die Tochter des Puritaners. I. 8 114 ſtimmt geweſen. Er erhielt eine gute Erziehung und eignete ſich die modiſchen Leibesfertigkeiten ſeiner Zeit an, die nebſt einer Boͤrſe mit Gold, einem guten Pferde, einer genuͤgenden Quantitaͤt von reichen Kleidern— damals ein koſtſpieliger Artikel— und dem vaͤterlichen Segen ſein Geſchaͤfts⸗Capital bildeten. Der Hof war zu jener Zeit der groͤßte Anzie⸗ hungspunkt fuͤr dieſe Art von Abenteurern und eine huͤbſche Perſoͤnlichkeit pflegte den Grund zum Gluͤck zu legen, da Se. Majeſtaͤt. Koͤnig Jakob der Erſte, der da⸗ mals auf dem Throne ſaß, ſo wie ſeine Vorgaͤngerin, ein großer Bewunderer der maͤnnlichen Schoͤnheit war. Der erwaͤhnte junge Mann beſaß eine im hoͤchſten Grade anziehende Perſoͤnlichkeit und machte ſich in der Hoffnung, die Aufmerkſamkeit des Koͤnigs zu erregen, von angenehmen Erwartungen erfuͤllt, nach dem Sitze der Ehren auf den Weg. Nach Art der Helden der alten Maͤhrchenbhuͤcher reiſ'te er und reiſ'te, und reiſ'te, bis er endlich zur gehoͤ⸗ rigen Zeit an den Hof des maͤchtigen Monarchen ge⸗ langte. Dort folgte er eine lange Zeit den Bewegun⸗ gen des Hofes mit unermuͤdlichem Eifer und uner⸗ ſchoͤpflicher Geduld, ohne das hoͤchſte Gluͤck zu genießen, von Sr. Majeſtaͤt oder deſſen Guͤnſtlingen auf irgend eine Weiſe bemerkt zu werden. Sein Geld und ſeine Gar⸗ derobe neigten ſich ihrem Ruin zu und er uͤberlegte ernſtlich die Alternative, ob er in fremde Dienſte treten oder zu dem Auskunftsmittel Prinz Heinrichs und ſei⸗ —— 115 ner luſtigen Bruͤder greifen ſolle. Aber diejenigen, welche geduldig die Ebbe abwarten, werden endlich ſicher von der Fluth getragen werden. Der Zufall ver⸗ ſchaffte ihm, was er durch das Suchen nicht erlangen konnte. Als er eines Tages im Vorzimmer des Koͤnigs auf und ab ging, hoͤrte Se. Majeſtaͤt, die ſeit der Pul⸗ ververſchwoͤrung aͤußerſt aͤngſtlich geworden war und ſich eben allein in ihrem Gemache befand, zufaͤllig ei⸗ nen Ton, der ſie veranlaßte, ſich ploͤtzlich umzuwenden und wurde uͤber das Abbild ihrer koͤniglichen Perſon in einem großen Spiegel ſo beſtuͤrzt, daß ſie es fuͤr einen Moͤrder hielt und laut um Hilfe ſchrie. Tyringham, der ſich damals unter ſeinem Gluͤcksſterne befand, war der erſte, der mit dem Schwerte in der Hand dem Koͤ⸗ nig zu Hilfe eilte, und da er durch langen Aufenthalt am Hofe einen nie taͤuſchenden Inſtinkt erlangt hatte, begriff er die ganze Geſchichte augenblicklich und behaup⸗ tete bei dieſer, wie bei allen ſpaͤteren Gelegenheiten, daß er beim Eintritt in das Zimmer deutlich eine Per⸗ ſon mit einem Dolche durch die entgegengeſetzte Thuͤr verſchwinden geſehen habe. Dieſe muthige Anſtrengung fuͤr das Leben und die Ehre ſeines Souverains war nicht ohne ihre unmit⸗ telbaren Fruͤchte; er wurde in beſondere Gunſt genom⸗ men und haͤtte mit der Zeit Steenie verdraͤngen koͤn⸗ nen, wenn der Koͤnig ſeinen gefaͤhrlichen Guͤnſtling fortzuſchicken gewagt haͤtte. Se. Majeſtaͤt begnuͤgte ſich 8 ⅝ 116 fuͤr jetzt damit, ihm das hohe Amt eines Tellerwechs⸗ lers zu verleihen. Was dieſe Befoͤrderung um ſo eh⸗ renvoller machte, war die Thatſache, daß ſie dem gan⸗ zen ſchottiſchen Einfluſſe am Hofe gegenuͤber geſchehen war und dieſer ſich fuͤr einen Edelmann jenes Landes verwendet hatte, deſſen Vorfahren dadurch beruͤhmt geworden waren, daß ſie einhundert und ſechzehn Mal gegen ihren rechtmaͤßigen Souverain unter Waffen ge⸗ ſtanden hatten. Baſil Tyringham galt von nun an fuͤr einen an⸗ geſehenen Mann bei Hofe. Seine perſoͤnlichen Vor⸗ zuͤge, nebſt ſeiner hohen Stellung als Tellerwechsler erregten mit der Zeit die Aufmerkſamkeit und verſchaffte ihm die Hand einer Ehrendame, die bei der Koͤnigin noch angeſehener war als er bei dem Koͤnige, und ob⸗ gleich Beide nicht viele Reichthuͤmer beſaßen, rechneten ſie doch mit Gewißheit auf den Koͤnig, der ſich mit dem Gelde ſeines Volkes aͤußerſt freigebig erwies. Auch taͤuſchten ſie ſich darin nicht, denn nach dem Tode des Monarchen zogen ſie ſich auf ein ſchoͤnes Gut, das ihnen eigenthuͤmlich gehoͤrte, zuruͤck, und außerdem war Tyringham zum Lord gemacht worden. Lord Tyringham war außerſt royaliſtiſch geſinnt: erſtlich wegen ſeiner normanniſchen Abſtammung, zwei⸗ tens wegen des hohen Amtes, das er bekleidete, und drit⸗ tens aus dem beſondern Grunde, daß der Koͤnig der Urquell aller Ehren und Vortheile iſt. Aus ſeiner Ehe entſproſſen zwei Soͤhne und eine Tochter. Die 117 Beſtimmung des Aelteſten war natuͤrlich durch das Erſtgeburtsrecht feſtgeſtellt, die des Zweiten eben ſo ge⸗ wiß, und die Tochter wurde beſonders in der Ueber⸗ zeugung erzogen, daß es ihre erſte Pflicht ſei, einen reichen Mann zu heirathen, wie es einem alten und rein ariſtokratiſchen Gebrauche nach, der ſich bis zu unſrer Zeit fortgepflanzt hat, vorgeſchrieben war. Wir eilen uͤber dieſen Theil unſrer Geſchichte hin⸗ weg und geben bloß an, daß Hugh, der vorerwaͤhnte juͤngere Sohn, von der Magna charta zur Nationalar⸗ armee beſtimmt, wie ſein Vater vor ihm, kurz nach ſeiner Ruͤckkehr von der Univerſitaͤt gleich dieſem in die Welt hinausgeſchickt worden war, um ſein Gluͤck unter der Leitung der Vorſehung zu machen, die fuͤr juͤngere Soͤhne beſondere Sorge tragen ſoll. Die Unruhen der Regierung Koͤnig Karls des Er⸗ ſten naͤherten ſich jetzt einer Kriſis und Hugh Tyring⸗ ham, der nicht nur einen royaliſtiſchen Vater, ſondern auch eine royaliſtiſche Alma mater beſaß, begab ſich nach London, wo er durch Vermittlung eines Univerſi⸗ taͤtsfreundes unter die Schaar von jungen royaliſti⸗ ſchen und enthuſiaſtiſchen Leuten aufgenommen wurde, welche um den Whitehall⸗Pallaſt, dem Vorgeben nach um den Koͤnig zu beſchuͤtzen, eigentlich aber um das Parlament zu uͤberwaͤltigen, zuſammen gezogen worden waren. Hier fuͤhrte er ein etwas ausſchweifendes Le⸗ ben, beſuchte die Speiſehaͤuſer und Theater, ſpielte, wenn er Geld hatte, liebelte mit den huͤbſchen Weibern A der Buͤrger und neckte die Rundkoͤpfe, wo ſich ihm Gelegenheit dazu bot. Die Schaar beſtand hauptſaͤchlich aus nachgebore⸗ nen Soͤhnen alter Familien, den Opfern der egyptiſchen Erſtgeburt, die natuͤrlicher Weiſe gaͤnzlich von dem Koͤ⸗ nig abhingen und zu ſervilen Werkzeugen der Gewalt wurden. Dieſe ſind es, welche hauptſaͤchlich die Officiere der europaͤiſchen Heere bilden und unter dem anſtaͤndi⸗ gen Namen der Ergebenheit fuͤr den Koͤnig, die unbarm⸗ herzigſten Bedruͤcker des Volks werden. Als dieſe Genoſſenſchaft durch die Eiferſucht des Parlaments aus einander getrieben wurde und die wirkli⸗ chen Feindſeligkeiten begannen, trat Hugh unter einen Reitertrupp im Dienſte des Koͤnigs und kaͤmpfte mann⸗ haft, bis Cromwell mit ſeinen Pſalmſingern ihn der Krone und des Kopfes beraubte. Durch den Ausgang des Kampfes wurde ſeine Familie auf eine Zeit lang verbannt und er nicht nur gaͤnzlich aller Nothwendig⸗ keiten entbloͤßt, ſondern auch ſeine Freiheit gefaͤhrdet. Er mußte ſich in der großen Menſchenwuͤſte von Lon⸗ don verbergen, wo er eine Zeit lang auf nicht eben re⸗ putirliche Weiſe lebte. Er bewahrte jedoch ſein Ehrge⸗ fuͤhl und ſeinen freien großmuͤthigen Geiſt unter allen Verſuchungen, und wenn auch beſchmutzt, war er doch nicht uͤber das Waſchen hinaus. Der Flecken war nicht unverwiſchbar. Als Olivier Cromwell das Protektorat annahm, wendeten viele Cavaliere, die an der Nuͤckkehr der 8 119 Stuarts verzweifelten und vielleicht auch fuͤr ihre eigene Sicherheit fuͤrchteten, ihre Augen Virginien zu. Unter ihnen befand ſich Hugh Tyringham, der ſich an ſeinen Bruder, welcher in Holland eine Freiſtaͤtte gefunden hatte, wendete und von ihm eine Unterſtuͤtzung erhielt, welche nur gerade hinreichte, ſeine Ausruͤſtung und Ueberfahrt nach der neuen Welt zu beſtreiten. Bei dieſem Abenteuer begleitete ihn ein treuer Diener, der von Jugend auf bei ihm geweſen war und ihn auch in der ſchlimmſten Zeit nie verlaſſen hatke.— Gregor Motte, ſo hieß er, hatte ſeinen Herrn nach Orford begleitet und einige Gelehrſamkeit, wenig⸗ ſtens ſo weit die Worte gingen und Bekanntſchaft mit den Fabeln, Ueberlieferungen und Alterthuͤmern jener alten Bildungsanſtalt erlangt. Er war uͤberdies auf ſeine Art ein großer Spaßvogel, wiewohl mit unendli⸗ cher Gravitaͤt, gelegentlich ein Zecher und ſtets ein Feig⸗ ling. Er ſah immer Gefahren voraus, um eine Ent⸗ ſchuldigung zu haben, ohne Grund erſchrocken zu ſein. Obgleich er ſchon bei der Idee, uͤber den Ocean zu gehen, zitterte und eine unuͤberwindliche Abneigung gegen die Wilden beſaß, war er doch ſeinem Herrn ſo ergeben, daß er ſich endlich entſchloß, ihn zu begleiten. Sie begannen daher die Reiſe zuſammen und lan⸗ deten nach der gewoͤhnlichen langen Ueberfahrt jener Zei⸗ ten endlich in der Hauptſtadt von Virginien als ein 1²⁰ Paar hilfloſe Abenteurer, wie nur je eines den Fuß auf den jungfraͤulichen Boden der neuen Welt geſetzt hat. Tyringham wurde jedoch bald von zweien ſeiner fruͤhern Bekannten bei einigen aͤlteren Anſiedlern ein⸗ gefuͤhrt. Es dauerte bei ſeiner huͤbſchen Perſoͤnlichkeit nicht lange, ehe er das Herz der Erbin einer huͤbſchen Pflanzung eroberte— einer nicht eben jungen oder ge⸗ bildeten, aber gutmuͤthigen und verſtaͤndigen Witwe. Damals waren in der Colonie ſo wenig Frauen, daß dieſe Dame eine Menge von Bewerbern gehabt hatte, aber Keinem den Vorzug gab, bis Maſter Hugh Tyringham das„Eis ihrer Alabaſterbruſt“ ſchmolz, Mit dieſer vortrefflichen Dame zog er ſich auf's Land zuruͤck, um die laͤndlichen Sitten und den Tabak anzubauen. Das Letztere gelang ihm beſſer als das Er⸗ ſtere, und obgleich er etwas uͤbermaͤßig freigebig war, wurde er doch mit jedem Jahre reicher. Die erſte Frage war, was er mit ſeinem Gelde anfangen ſollte, und nach gehoͤriger Ueberlegung beſchloß er wie gewoͤhnlich, Gregor, der ſein Orakel geworden war, zu Rathe zu ziehen. Eines ſchoͤnen Abends, wo der alte Cavalier— denn jetzt war er nicht mehr jung— unter ſeinem Ausbau ſaß und philoſophiſch ſeine Pfeife rauchte, waͤhrend Gregor, um die Rangverſchiedenheit zwiſchen ſich und ſeinem Herrn anzuerkennen, ſich auf der un⸗ terſten Stufe niedergelaſſen hatte, ſagte er: 121 „Motte,— Motte,“ wiederholte er, eine Tabaks⸗ wolke hinausblaſend,„was ſagſt Du dazu, daß ich ein neues Haus bauen will?“ Hierauf lachte er innerlich und ſagte halb zu ſich: „Ich moͤchte wiſſen, was der Lord, mein Bruder, ſagen wuͤrde, wenn er mich in einem Blockhauſe woh⸗ nen ſaͤhe. Motte, warum zum Henker ſprichſt Du nicht?“ „Herr,“ antwortete Gregor,„Ihr wißt, daß ich nie ohne gehoͤrige Ueberlegung ſpreche. Ich dachte uͤber die Sache nach und ſehe nur ein Hinderniß.“ „Nun, worin beſteht es?“ „Nun, Herr, es ſteht Euch ein altes Sprichwort im Wege.“ „Nun, welches, Motte?“ „Ei, Herr, daß Narren Haͤuſer bauen, damit kluge Leute darin wohnen koͤnnen.“ „Pah, was kuͤmmern mich dergleichen alte ver⸗ moderte Redensarten. Hat nicht Koͤnig Salomo ein praͤchtiges Haus gebaut, und das Holz dazu vom Liba⸗ noon kommen laſſen?“ „Ja wohl,“ meinte Gregor,„aber ich habe nie gehoͤrt, daß Salomo deshalb fuͤr kluͤger gehalten wor⸗ den waͤre, eben ſo wenig als weil er ſo viele Weiber und Concubinen hatte. Aber in alten Sprichwoͤrtern liegt große Weisheit; Herr, ſie ſind gewiſſermaßen ein Theil des gemeinen Rechts, ſintemalen die Erinnerung der Menſchen nicht daruͤber hinausreicht.“ 122 „Pah, weißt Du nicht, Gregor, daß das, was man eine lange beſtehende Wahrheit nennt, oft nichts weiter iſt, als eine von der Zeit geheiligte, graubaͤrtige Luͤge. Laß aber Deine Sprichwoͤrter in Ruhe, ich bin entſchloſſen, ein neues Haus zu bauen.“ „Nun, Herr, dann ſehe ich nicht ein, weshalb Ihr mich um meine Meinung fragt.“ „Aber ich verlange Deine Anſicht, was fuͤr eine Art von einem Hauſe es ſein ſoll. Die wirſt Du mir wohl geben koͤnnen.“ „O, wenn es das iſt, Herr, nun, Ihr wißt, daß es verſchiedene Arten von Haͤuſern giebt, naͤmlich die aulae lapideae, die aulae plumbeae, die aulae vi- treae, die aulae cum camino und die aulae cum sira- mine coopertae— das erſte iſt von Stein, das zweite von Blei, das dritte von Glas, das vierte hat einen Schornſtein und das fuͤnfte iſt mit Stroh gedeckt, da koͤnnt Ihr Euch eines davon waͤhlen, Herr.“ „Aber ich verlange Deine Anſicht, ſage ich Dir.“ „Nun, wenn ich an Eurer Stelle waͤre, ſo wuͤrde ich kein ſteinernes Haus bauen, weil funfzig Meilen im Umkreiſe kein Stein iſt,— noch ein bleiernes Haus, weil es beim erſten indianiſchen Kriege zu Kugeln ver⸗ ſchmolzen werden wuͤrde— noch ein glaͤſernes Haus, weil in allen Haͤuſern Dinge vorkommen, die nicht von Jedem geſehen werden duͤrfen— noch ein Haus mit einem Schornſtein, weil zwei weit beſſer ſind— end⸗ lich, Herr, wuͤrde ich Euch nicht rathen ein Strohhaus 12³ zu bauen, da Ihr immer uͤber einzelne Strohhalme ſtolpert und Euch uͤber einem Strohhauſe ſicherlich die Naſe brechen wuͤrdet. „Motte, weißt Du, daß ich große Luſt habe, Dich zu dem Zuge mit zu ſchicken, der jetzt gegen die India⸗ ner ausgeruͤſtet wird? Es fehlt ſehr an Leuten und Du wirſt allein ſchon ein ganzes Heer ſein. Wenn ich nichts aus Dir bekommen kann, ſo wird es doch die Colonie koͤnnen.“ Dieſe Andeutung hatte unmittelbaren Einfluß auf die Nerven Meiſter Gregors, der in einem Paroxysmus von Furcht ausrief: „Um des Himmels willen, Herr, was hat Euch das in den Kopf geſetzte Was habe ich geſagt oder gethan, daß Ihr mich verurtheilt, lebendig gebraten zu werden, wie es mir ſicherlich widerfahren wird, wenn ich gegen die heidniſchen Wilden ausziehe? Was wuͤnſch⸗ tet Ihr aus mir zu bekommen, Sir?“ „Ei, Deine Anſicht uͤber das Haus. Ich will nicht wiſſen, welches Haus ich nicht bauen ſoll, ſondern welches das beſte ſein wird.“ „O, iſt das Alles? Nun, dann wuͤrde ich Euch rathen, ein hoͤlzernes Haus zu bauen, da eine Menge von Holz in der Naͤhe iſt, und Eure neue Saͤgemuͤhle Holz genug dazu liefern wird.“ „Gregor!“ rief Mr. Tyringham;„Du biſt ein wahres Orakel. Das Haus ſoll von Holz gebaut wer⸗ 124 den, dazu bin ich entſchloſſen, und jetzt will ich hinein⸗ gehen und meine Frau zu Rathe ziehen.“ Er that es, und da die gute Dame ihm nie Wi⸗ derſtand leiſtete, wenn er Recht hatte, wurde das hoͤlzerne Haus in fuͤr die neue Welt großem Maßſtabe begon⸗ nen und zur Zufriedenheit aller Betheiligten beendigt. Der Erbauung des Hauſes folgte die Geburt eines Sohnes, der zur Zeit, wo Harold Habingdon von der benachbarten Pflanzung Beſitz nahm, am Rande der Mannesjahre ſtand und ſeiner Anſicht nach ſchon ein Mann war. Da wir nun den Cavalier und den Rundkopf zu⸗ ſammengebracht haben, werden wir unſre Reiſe weiter fortſetzen, ohne wieder zuruͤckzuſchauen. Selten wohl ſind zwei unaͤhnlichere Maͤnner in nahe Beruͤhrung gebracht worden, als Harold Habing⸗ don und Hugh Tyringham, und obgleich Letzterer mit der ihm angeborenen Freigebigkeit dem Ankoͤmm⸗ linge ſein Haus, ſeinen Rath und ſeine Dienſte ange⸗ boten hatte, war es doch, wenn man die damals noch nicht von der Zeit geſchwaͤchten bittern Vorurtheile, welche zwiſchen den Cavalieren und Nundkoͤpfen herrſchten, bedenkt, unmoͤglich, daß ſie je Freunde wurden. S Um den beiden Maͤnnern Gerechtigkeit angedeihen zu laſſen, muͤſſen wir geſtehen, daß ſie weder bei dem erſten Begegnen, noch waͤhrend des kurzen Aufenthaltes Harolds bei dem Cavalier in Streit geriethen. Es laͤßt 125 ſich jedoch nicht leugnen, daß damals ſchon der Grund zu einer langen Reihe von Leiden fuͤr Diejenigen, welche ſie am meiſten auf Erden liebten, gelegt wurde. Die beiden Nachbarn waren indeß auf mehrere Meilen weit die einzigen Anſiedler der Gegend, und fuhren eine Zeit lang fort, einen traͤgen, gleichgiltigen Verkehr zu unterhalten und freundnachbarliche Dienſte mit einander auszutauſchen. So wurde der einzige Sohn des Cavaliers mit der einzigen Tochter des Puri⸗ taners zuſammengebracht, ſie nahmen aber allem An⸗ ſcheine nach keine beſondere Notiz von einander. In ihrem Alter herrſchte nicht viel Verſchiedenheit, wohl aber eine ſehr große in ihrem Charakter. Miriam Habingdon glich ihrem Vater in der Ge⸗ ſetztheit des aͤußeren Benehmens wie in der tiefen Gluth ſeiner innern Gefuͤhle und ihrer Mutter durch ihre ſanfte Stimme und milde Haltung. Sie war von poetiſchem Gefuͤhl erfuͤllt, aber die Lehren und das Beiſpiel hatten ihren Enthuſiasmus auf die Froͤmmigkeit allein beſchraͤnkt. Ihr Aeußeres war gleich dem ihrer Mutter anfaͤnglich nicht auffallend; je oͤfter man ſie aber ſah, deſto mehr gewann ſie das Auge und das Herz ſelbſt Derjenigen, welche durch lange gehegte Vorurtheile einigermaßen dagegen geſtaͤhlt waren. Ihre Stimme iſt bereits erwaͤhnt worden, und ſie war ſo wohlklin⸗ gend, daß ihre gute Waͤrterin Mildred feierlich behaup⸗ tete, daß ſie ihr lieber zuhoͤrte als einem Prediger; und Gregor Motte verſicherte, obgleich er ſie ſtets die junge ham mehr als einmal, daß ihn, ſelbſt wenn er im Po⸗ larmeere vergraben waͤre, der Klang ihrer Stimme ſchmelzen wuͤrde, wie einer von den virginiſchen Hunds⸗ tagen.— Maſter Langley Tyringham war, obgleich noch nicht ganz muͤndig und ein einziger Sohn, doch ein Mann voll Gedanken, Kuͤhnheit und Ausdauer⸗ Von ſeinem erſten Athemzuge an war er von Wilden umgeben geweſen, die ſich als eben ſo ſchwankende Freunde, wie als thaͤtige, furchtbare Feinde erwieſen. Sein Vater lebte am aͤußerſten Saume der Civiliſa⸗ tion und war genoͤthigt, ſein eigner Beſchuͤtzer und Raͤcher zu ſein. Als kleiner Knabe war er einmal beim Spielen am Waldrande in der Naͤhe des Hauſes von einem Indianer ergriffen und fortgetragen, dieſer aber von ſeinem Vater, noch ehe er in den Wald kam, er⸗ ſchoſſen worden. Die Sage berichtet, daß der ruͤſtige kleine Burſche bei dieſem Anlaſſe weder einen Schrei ausgeſtoßen noch eine Thraͤne vergoſſen, ſondern ſich mannhaft mit den Naͤgeln, Zaͤhnen und Fuͤßen gewehrt habe. Er be⸗ handelte die Buͤchſe wie ein Hinterwaͤldler, fuͤhrte ſein Boot auf dem Fluſſe mit der Geſchicklichkeit eines In⸗ dianers, folgte dem Hirſche mit dem Inſtinkte eines Spuͤrhundes, und war ſtets bei den laͤndlichen Ver⸗ gnuͤgungen, die ſich damals mit ewigen Gefahren ver⸗ banden, der Erſte.. Stutzohr⸗Dame nannte, dem Maſter Langley Tyring⸗ 127 Obgleich nach unſern Begriffen nicht gerade ge⸗ bildet, war er doch keineswegs unwiſſend oder unge⸗ lehrt. Sein Lehrer war Gregor Motte geweſen, der ſich damit bruͤſtete, ein Oxforder Gelehrter zu ſein und an jenem Sitze der Gelehrſamkeit wirklich ſo viel zufammengerafft hatte, daß er faſt ein Examen haͤtte paſſiren koͤnnen. Wenn ſeine Geſtalt auch ſchoͤn wie die eines Apollo oder Indianers war, wuͤrde er doch in einer modernen vornehmen Geſellſchaft kein glaͤn⸗ zendes Debut gemacht haben, aber mit allen morali⸗ ſchen, intellektuellen und phyſiſchen Eigenſchaften, die dem Manne in dem Kampfe der Welt die Ueberlegen⸗ heit geben und ihn in Zeiten der Gefahr oder des Lei⸗ dens zum Herrn ſeiner Mitmenſchen machen, war un⸗ ſer Held,— denn dies iſt er— reichlich begabt. Kurz, er war gerade der Mann, wie er fuͤr eine neue Welt und ein freies Land paßte. Miriam ſcheute ſich aber vor der muntern Laune und dem freimuͤthigen Benehmen Langley's, waͤhrend er ſich durch das, was er den ſteifen, kalten, frem⸗ den Empfang nannte, welchen er ſtets bei Miriam fand, erkaͤltet, wo nicht zuruͤckgeſtoßen fuͤhlte. Auch die Kaͤlte zwiſchen dem Cavalier und dem Rundkopf naͤherte ſich allmaͤhlig dem Gefrierpunkte. Es war kein aktiver Haß, ſondern ein paſſiver, tief einwurzeln⸗ der Widerwille. Um dieſe Zeit erfolgten zwei Ereigniſſe, die dem Verkehr zwiſchen den beiden Nachbarn ein Ende mach⸗ 128 6 ten. In einem kleinen Scharmuͤtzel, das bei einer zu⸗ 4 faͤlligen Begegnung uͤber das Praͤlatenthum ſtattfand, hatte Harold behauptet, daß die Mitra der Biſchoͤfe ein den hohen Prieſtern des alten Roms entlehntes heidniſches Kleidungsſtuͤck ſei. Der Cavalier, welcher, wie wir geſtehen muͤſſen, ſeiner Religion eifriger als fromm anhing, entruͤſtete ſich uͤber dieſen Angriff auf die Hierarchie und beſchloß von nun an den ſtutzohrigen Schuft gaͤnzlich links liegen zu laſſen. Aber die Weihnachtsfeiertage waren nahe und, durch den Einfluß dieſer Zeit der guten Wuͤnſche, guten Dinge und guten Genoſſenſchaft erweicht, ſchickte der Cavalier dem Rundkopfe eine cordiale Einladung, am Weihnachts⸗ tage bei ihm mit einigen aus der Hauptſtadt gekom⸗ menen Freunden zu Mittag zu ſpeiſen. Die Einladung wurde prompt abgelehnt und uͤber⸗ dies noch mit einem Hiebe auf das Weihnachtsfeſt, welches heidniſchen Urſprungs und daher der Feier in einem chriſtlichen Hauſe unwuͤrdig ſei. Dies war nicht eben hoͤflich, aber der Eifer fuͤr eine vorgefaßte Mei⸗ nung uͤberwaͤltigt oft die gute Lebensart. Der Cavalier war uͤber Harolds Weigerung und beſonders uͤber ſeine Reflexionen in Bezug auf die ehr⸗ wuͤrdigen Weihnachtsfeiertage hoͤchlich entruͤſtet. Da er ſich beklagte, daß er ſeine Frau nie zur Theilnahme an ſeinem Zorn bringen koͤnne, war es bei allen ſolchen Anlaͤſſen ſeine Gewohnheit, Gregor Motte herbeizu⸗ rufen, der entweder in Folge langer treuer Dienſte oder —— ——— 129 5 4 des Einfluſſes, welchen die Luft der neuen Welt auf alle Diejenigen, welche ſie laͤngere Zeit einathmen, aus⸗ zuuͤben ſcheint, in der letzten Zeit zu einem vernuͤnfti⸗ gen Grade von Gleichheit gelangt war und auf die Redefreiheit, welche fuͤr das Geburtsrecht eines Ameri⸗ kaners gilt, Anſpruch machte. „Zum Henker mit dem undurchdringlichen Rund⸗ kopfe,“ ſagte Maſter Tyringham zu Gregor, der ſelten weit von ſeinem Herrn entfernt war,„er will weder Peſſen, trinken, noch ſich luſtig machen, und ich moͤchte wiſſen, wozu ein ſolcher Menſch gut iſt. Es werden zehn Sommer in Virginien noͤthig ſein, um ihn auf⸗ zuthauen. Was ſoll ich mit dem Burſchen anfangen? ſoll ich ihn herausfordern— eh?“ „Herr,“ ſprach Gregor,„logiſch geſagt, iſt es, ehe ich unternehme, Euch zu rathen, was Ihr thun ſollt, fuͤr mich offenbar angemeſſen, zu erfahren, was Euch widerfahren iſt.“⸗ „Nun, der pſalmſingeriſche Sauertopf hat ſich nicht nur geweigert, zu Weihnachten bei mir zu eſſen, ſondern behauptet auch, daß das Feiern des Weihnachts⸗ feſtes ein fuͤr Chriſten ganz unziemlicher Gebrauch ſei. Was ſagſt Du zu einem ſolchen Kerle— he?“ 5„Nun, Sir, logiſch geſagt—“* O zum Henker mit Deiner Logik; wenn Du ſprechen willſt, ſo ſage etwas, was Sinn hat.“ „ Nun, Herr, ſyllogiſtiſch geſagt— „Zum Henker, Gregor, was hat ein Rundkopf Die Tochter des Puritaners. I. 9 13⁰ mit Syllogismen zu thun? Ich verlange Deinen Rath, was ich mit dem zweibeinigen Kohlkopf anfan⸗ gen ſoll, der, wie ich wahrhaftig glaube, gegen ſein Gewiſſen vegetirt.“ „Nun, Sir, wie kann ich meine Anſicht von einem Individuum kund geben, ohne zuvor die Species zu definiren, und wie kann ich die Species definiren außer logiſch oder ſyllogiſtiſch? Eben ſo gut koͤnnte Ihr meine Gans nach ihren Federn beurtheilen.“ „Schon gut. Ich weiß, daß Du ein halsſtar⸗ riger Eſel biſt, dem die Ohren, weil er an einem Col⸗ legium voruͤbergelaufen, nur um ſo laͤnger gewachſen ſind. Du zeigſt Deine Lumpen und Flecken wahr⸗ haftig eben ſo ſtolz wie Andere ihren ganzen Anzug. Aber fange an, logiſch oder ſyllogiſtiſch, wie Du willſt, und da ich deutlich ſehe, daß Du eine Rede halten wirſt, ſo lang wie ein Rundkopf⸗Gebet, ſo werde ich mir eine Pfeife anzuͤnden und mich unter dieſem Baume niederlaſſen. Fange an.“ „Nun, Herr,“ antwortete Jener, indem er ſich auf den Raſen ſetzte.„Um zu definiren, was der Menſch wirklich iſt, ſo iſt es recht und geziemend, ja abſolut nothwendig, daß wir bis zur Quelle hinauf⸗ gehen. Ich werde daher mit Adam anfangen.“ „Den Teufel wirſt Du das!“ ſchrie Maſter Ty⸗ ringham, die Pfeife aus dem Munde nehmend und eine Rauchwolke von ſich blaſend,„aber fahre fort, Maſter Gregor, mit Deiner hoͤlliſchen Logik.“ 131 „Hoͤlliſche Logik, Herr! Ei, die Vortrefflichkeit der Logik iſt ſo groß, daß ſie ſich nicht in Worten ausdruͤcken, durch Zeichen mittheilen oder in Gedan⸗ ken verkoͤrpern laͤßt. Sie iſt ein Netz, aus dem kein Menſch entrinnen, ein Spinnengewebe, aus dem ſich keine Fliege losmachen kann. Sie legt der Unwiſſen⸗ heit ein Schloß vor den Mund, bringt das Schnat⸗ tern der Phantaſie zum Schweigen und erſtickt ſogar wilde Schweine.— „Erſtickt wilde Schweine!“ rief Tyringham, „wie kannſt Du das beweiſen, Gregor?“ „Auf folgende logiſche Art, Sir. Es wird authen⸗ tiſch von der Tradition erzaͤhlt, die die Mutter der Geſchichte und daher noch ehrwuͤrdiger und unfehlbarer als dieſe iſt, daß ein Student in Oxford in den Tagen, wo noch die wilden Schweine in die Collegien kamen, — ich meine damit nicht, daß ſie ſtudirt oder Diplome als Magiſter oder Doctoren genommen haͤtten, aber wo ſie umherliefen, kurz nachdem Koͤnig Brutus und ſeine tapfern Trojaner das erſte Collegium in Orford gegruͤndet hatten.“ „Nun fahre in Deiner Geſchichte fort, und komme mit dem alten graubaͤrtigen Maͤhrchen zu Ende.“ „Wie geſagt, Sir, ein Orforder Student, der ſich nach einem nahen Walde begeben hatte, um ſeine Studion zu verfolgen, wurde von einem unge⸗ heuren Wildſchwein uͤberfallen und lange belagert, bis er es endlich vollkommen dadurch ſchlug, daß er ihm 9* 132 einen Band des Ariſtoteles in den Rachen ſteckte, woran es augenblicklich erſtickte.“ „Meiner Treu, Gregor, das wundert mich nicht. Ich bin auf die gleiche Weiſe faſt ſelbſt einmal erſtickt. Aber zur Sache. Ich moͤchte wiſſen, was ich mit dem Rundkopf anfangen ſoll.“ „Schon recht, Herr, logiſch zu verfahren; obgleich ich es nicht fuͤr abſolut noͤthig halte, ſo erſcheint es mir doch ganz unerlaͤßlich—“ „Hm!“ warf Mr. Tyringham ein. „Daß wir etwas uͤber Adam hinausgehen, was uns um ſo beſſer in den Stand ſetzen wird zu ſagen, was der Menſch iſt, indem wir definiren, was er nicht iſt, denn wie Ariſtoteles ſagt, ſind die Negativen zuweilen kraͤftiger wie die Affirmativen, beſonders wenn ſie paarweiſe gebraucht werden. Wenn es Euch alſo genehm iſt, Sir, ſo wollen wir mit Erſchaffung der Welt anfangen.“ Hier lehnte ſich Maſter Tyringham gegen den Baum und ſchloß die Augen, wahrſcheinlich um deſto heller in Gregors Logik zu ſehen. „Ich erinnere mich, Sir,“ fuhr Maſter Motte fort,„daß zu unſrer Zeit einmal eine große Disputa⸗ tion daruͤber ſtattfand, ob die Welt je einen Anfang gehabt habe oder nicht, und daß ein gelehrter Profeſſor den Verſtand uͤber dem Aufſuchen der Loͤſung verlor. Wie dem aber auch ſein mag—“ Hier bemerkte Gregor, daß ſein Herr zu nicken 13³ anfing, und ſehr nahe daran war, mit ſeiner Pfeife die Schoͤße ſeiner Weſte zu verſengen, worauf er ihn zu wecken verſuchte, indem er mit lauter Stimme ſchrie:— „Ich meinestheils, Sir, hege eine Art von un⸗ einwilligender Zuſtimmung fuͤr dieſe Theorie und glaube in der durchſichtigen Wolke des menſchlichen Verſtan⸗ des deutlich einen Weg in unuͤberſteigliche Schwierig⸗ keiten wahrzunehmen, indem man ſich bemuͤht, daraus zu entrinnen. Ich werde daher mit lauter Stimme fluͤſtern, und das Maul halten, damit ich die tiefe Seichtigkeit meines Zuhoͤrers durchdringe.“ 1 „Was ſagſt Du da!“ rief Tyringham, indem er ſich die Augen rieb;„tiefe Seichtigkeit! wie iſt das moͤglich, Du Dummkopf. Es iſt geradezu ein Wi⸗ derſpruch, ein logiſches Paradoxon.“ „Erlaubt, Sir,“ entgegnete Gregor,„es giebt fuͤr die Erlaͤuterung einer logiſchen Wahrheit nichts Geeigneteres als direkte Gegenſaͤtze, wodurch wir das genaue Bild eines Dinges um ſo deutlicher unterſchei⸗ den, indem wir etwas ſehen, was ihm ſo unaͤhnlich iſt, wie nur moͤglich. Gerade wie wir durch die Un⸗ ſichtbarkeit der Geiſter ihre Gegenwart nur um ſo ſtaͤrker wahrnehmen. „Schon recht, das iſt genug, Gregor,“ unter⸗ brach ihn ſein Herr;„ich verſtehe jetzt einen Rund⸗ kopf vollkommen. Nimm das Boot und fange einen Stoͤr zum Mittagseſſen; es wird Dir ohne Zweifel 1 7 134 unter den tiefen Seichtigkeiten des Fluſſes am beſten gelingen.“ 3 Waͤhrend ſich Gregor entfernte, ließ der Cavalier ſein Pferd vorfuͤhren und unternahm nach ſeiner taͤg⸗ lichen Gewohnheit eine Inſpektionstour auf ſeiner Pflanzung, die mehrere Meilen im Umfange hatte. Er hatte dafuͤr zwei ſehr vernuͤnftige Gruͤnde: erſtens den, zu ſehen wie ſein Tabak ſtand, zweitens, ſich einen guten Appetit fuͤr das Mittagseſſen zu holen, welcher, wie ſehr er auch von ſentimentalen Leuten verachtet werden mag, von Philoſophen doch keineswegs gering geſchaͤtzt wird. Wie gewoͤhnlich auf dieſen Rundreiſen, begegnete er ſeinem Verwalter, mit dem er ſich berieth, und dem er ſeinen Rath uͤber verſchiedene Dinge, von denen er wenig oder gar nichts verſtand, ertheilte. Der Verwalter benachrichtigte ihn unter Anderm, daß er an jenem Morgen ein Geruͤcht gehoͤrt, daß die Roanoke⸗Indianer auf einen Einfall am Powha⸗ tan⸗Fluſſe ſaͤnnen und rieth ihm, die noͤthigen Vorſichtsmaßregeln zu treffen, um ſich gegen Ueberfaͤlle zu ſichern. Dieſe Indianer hatten vor nicht ſo gar langer Zeit die Friedenspfeife mit dem Gouverneur ge⸗ raucht, aber gegenſeitiger Argwohn, gegenſeitige Be⸗ ſorgniſſe, gegenſeitige Uebergriffe und lang gehegte Er⸗ innerungen an fruͤher erlittenes Unrecht, machten es aͤußerſt ſchwer, wo nicht unmoͤglich, ein dauerndes gu⸗ tes Einvernehmen zwiſchen den Rothen und Weißen 135 aufrecht zu erhalten. Es iſt jetzt nutzlos zu forſchen und vielleicht unmoͤglich zu ermitteln, wer am meiſten Schuld daran hat. Beide Theile fuͤrchteten einander und Furcht iſt die Mutter des Haſſes. In dieſem, wie in vielen andern Faͤllen iſt der Zuſchauer nicht der beſte Richter; er mag wohl am meiſten ſehen, kann aber nicht am meiſten fuͤhlen, und um dieſe Frage zu entſcheiden, ſollte der Schiedsrichter mit den erſten An⸗ ſiedlern der neuen Welt in gleiche Lage verſetzt werden. Sie laͤßt ſich nicht am friedlichen Kaminwinkel von frommen alten Damen oder Univerſal⸗Philanthropen entſcheiden.“. Auf ſeinem Heimwege ſprach der Cavalier, die ihm vor Kurzem widerfahrene Kraͤnkung vergeſſend, bei Harold ein, um ihn zu warnen, damit er auf alle Faͤlle vorbereitet ſein moͤge; da dieſer aber die ihm von ſeiner neuen Lage aufgezwungenen Pflichten und die abſo⸗ lute Nothwendigkeit, daß Jeder nicht nur ſein eigner Vertheidiger, ſondern auch der Beſchuͤtzer Anderer wurde, noch nicht begreifen konnte, ſprach er von den abſtrak⸗ ten Grundſaͤtzen der Gerechtigkeit, verlor das große Geſetz der Nothwehr aus dem Auge und lehnte es ab, zu dieſem Zwecke Maßregeln zu treffen, da es gegen ſein Gewiſſen ſtreite. Er habe den Wilden nie etwas zu Leide gethan, eben ſo wenig als dieſe ihm, und er⸗ warte, daß ihn die Vorſehung beſchuͤtzen werde. „Maſter Habingdon,“ ſagte Tyringham nach⸗ druͤcklich;„ich bin Friedensrichter und es iſt meine 136 Pflicht, die Ausfuͤhrung der Geſetze, beſonders derjeni⸗ gen zur Sicherung des Lebens und Eigenthums zu uͤber⸗ wachen. Unter dieſen befindet ſich eines, welches jedem maͤnnlichen Mitglied der Gemeinde, das nicht durch Alter oder Kindheit zum Waffentragen unfaͤhig wird, aufer⸗ legt, ſich jeden Augenblick bereit zu halten ſich zu ver⸗ theidigen und Andere zu beſchuͤtzen. Wie ſehr es auch meinen Gefuͤhlen als Nachbar widerſtreben mag, ſo bin ich doch durch meinen Amtseid verbunden, dafuͤr zu ſorgen, daß in Zeiten der Gefahr Alle ihr Moͤglich⸗ ſtes thun, und werde mich, wenn ein Einfall der Wilden ſtattfinden ſollte, genoͤthigt ſehen, das Geſetz gegen Euch in Anwendung zu bringen. Bis dahin werde ich meine Augen ſchließen und nichts ſagen, in der Hoffnung, daß Ihr Euch die Sache beſſer beden⸗ ken werdet.“ „Maſter Tyringham,“ ſagte Harold ſteif,„ich handle ſtets nach Grundſaͤtzen und ſtelle es der Vor⸗ ſehung anheim, welche Folgen daraus entſtehen. Nach Allem, was ich erfahren habe, ſind jene Wilden rauh und ungerecht behandelt worden, und wenn wir dafuͤr zu leiden haben, ſo betrachte ich es nur als eine heil⸗ ſame Buße. Ich wuͤrde mir ein Gewiſſen daraus machen, in einer ſolchen Sache Blut zu vergießen.“ „Nachdem Ihr es in der Sache der Rebellion vergoſſen, Sir,“ antwortete Jener,„ſollte ich glauben, daß Ihr weniger ſkrupuloͤs ſein wuͤrdet. Derjenige, welcher das Schwert gegen ſeinen Koͤnig gezogen hat, 137 braucht ſich nicht zu ſcheuen, es gegen ſeine Feinde zu ziehen.“ „Maſter Tyringham, wir Beide ſind uͤber dieſen Gegenſtand ſo verſchiedener Anſicht, daß es nutzlos iſt, daruͤber eine Disputation zu beginnen. Ihr befindet Euch unter meinem Dache, Sir, und ſeid in freund⸗ licher Abſicht gekommen. Ich kann nicht vergeſſen, was ich Euch als Gaſt ſchuldig bin, und erwarte, daß Ihr Euch erinnern werdet, was Ihr mir als Euerm Wirthe ſchuldig ſeid.“ Das Blut des Cavaliers gerieth in Wallung, und eben ſo das Harolds, denn der Vorwurf der Re⸗ bellion gegen eine Sache, die er noch immer fuͤr ge⸗ heiligt hielt, war eine bittere Pille. Es fanden noch einige ſcharfe Worte zwiſchen ihnen ſtatt und ſie trenn⸗ ten ſich in ſchlechterem Vernehmen als ſie zuſammen⸗ gekommen waren. Der alte Cavalier hatte kaum das Haus des Rundkopfes verlaſſen, als er ſeinem Sohne begegnete, der nach dieſer Richtung zuritt, als beabſichtige er einen Beſuch, und ihn etwas aͤrgerlich aufforderte, Rechts⸗ umkehrt zu machen und mit ihm zu kommen. Auf dem Heimwege wiederholte er gegen ihn, was er uͤber die Wilden gehoͤrt hatte, und forderte ihn, zu unmu⸗ thig, um auf die einzelnen Umſtaͤnde ſeines Geſpraͤchs mit Harold einzugehen, in einem nicht mißzuverſtehen⸗ den Tone auf, ſich in Zukunft alles Verkehrs mit einem Manne zu enthalten, der gegen ſeinen recht⸗ 138 maͤßigen Souverain die Waffen getragen, aber Anſtand nehme, das Gleiche zur Vertheidigung ſeiner Gattin, ſeiner Familie, ſeiner Nachbarn und ſeiner Heimath zu thun.. Nun muß man wiſſen, daß Langley Tyringham ſich keinen Strohhalm aus der ganzen maͤnnlichen und weiblichen Rundkopffamilie machte, und einen offen⸗ baren Widerwillen gegen die alte Mildred hegte, die ſich ihm zu verſchiedenen Malen in den Weg geſtellt und ihn zu bekehren verſucht hatte. Er war den ſtei⸗ fen ſtrengen Manieren Harolds gaͤnzlich abgeneigt, wußte wenig von deſſen Frau, die er ſelten zu Geſicht bekam, und wurde, wiewohl ihm zuweilen die beredte Einfachheit der Worte Miriams, der ſanfte Wohllaut ihrer Stimme und die Harmonie ihres Geſichts und ihrer Geſtalt auffielen, ſtets durch die nuͤchterne Ernſt⸗ heit ihrer Manieren zuruͤckgeſtoßen. Waͤre er ſich ſelbſt uͤberlaſſen geblieben, oder haͤtte der Zufall gewollt, daß ſie einander nicht wieder getroffen haͤtten, ſo wuͤrde er ſchwerlich wieder an ſie gedacht haben; ſo aber beugte er ſich unter den Willen ſeines Vaters und entſchied zu gleicher Zeit in ſeinem Innern, daß der alte Herr doch etwas uͤbermaͤßige Anſpruͤche mache. Als er wieder allein war, kehrte er zu dem Ge⸗ genſtande zuruͤck und kam endlich nach langem Nach⸗ denken uͤber die beſondern Gruͤnde, welche ſein Vater fuͤr dieſes Syſtem der Abſonderung haben moͤge, auf den Gedanken, daß er ernſtlich fuͤrchte, daß ſein Sohn 139 und Miriam ſich in einander verliebt haͤtten, oder doch im Begriffe ſeien dies zu thun. In der Idee und ihren Folgen lag etwas ſo muth⸗ willig Kitzelndes, daß er an jenem Abende vor dem Einſchlafen lange daruͤber nachdachte und zum erſten Male in ſeinem Leben von Miriam traͤumte. Siebentes Kapitel. Weisheit Gregor Motte's.— Der Verfaſſer kehrt wieder zu einer ſeiner Heldinnen zuruͤck.— Die kleine Miriam Ha⸗ bingdon ſorgt fuͤr Aufregung.— Eine zufaͤllige Zuſammen⸗ kunft.— Eine Trennung.— Maſter Langley Tyringham 3 fuͤhrt ſonderbare Reden. Der Cavalier kehrte, wie ſchon angedeutet, aͤrger⸗ lich nach Hauſe zuruͤck und berief nach ſeiner Gewohn⸗ heit Gregor zu einem Cabinetsrathe uͤber die vom Ge⸗ ruͤcht mitgetheilte Bewegung der Wilden. Er hielt ſeinen treuen Schelm fuͤr den beſten aller Raͤthe, da er ſich zu bruͤſten pflegte, daß er einen Inſtinkt habe, der ihn von jeder nahen Gefahr benachrichtige und ſo zuverlaͤſſig ſei, wie ein Kalender fuͤr das Wetter. „Komm her, Schlingel,“ ſagte Tyringham,„Du biſt ein notoriſcher Poltron, und man ſagt, daß die Feigheit mitunter guten Rath gebe. Ich hoͤre, daß die Wilden ſich zu einem Einfalle bei uns ruͤſten.“ „Ihr nennt mich einen Feigling, Sir,“ antwor⸗ tete Gregor;„Ihr moͤgt aber ſagen, was Ihr wollt, ſo kann ich Euch doch verſichern, daß es in der gan⸗ zen Colonie keinen tapferern Mann giebt als mich, ſo lange ſich die Gefahr fern haͤlt.“ 141 „Und Du ſorgſt trefflich dafuͤr, daß ſie fern bleibt, denn Du ermangelſt nie, vor ihr davon zu lau⸗ fen, ehe ſie ſich blicken laͤßt.« 3 „Ganz richtig, Sir, das heißt, ehe ſie fuͤr gemeine Augen ſichtbar wird. Ich habe eine Art von Pro⸗ phetenblick fuͤr die Gefahr, und fliehe ſtets vor dem Schatten, weil ich weiß, daß dann der Koͤrper nicht weit entfernt ſein kann. Dank dem Himmelszeichen, das bei meiner Geburt regiert hat,— naͤmlich dem Krebſe, der bei Mondſchein ſeine Nahrung ſucht— bin ich keiner von den dummen Kerlen, die die Gefahr nicht eher ſehen, als bis es zu ſpaͤt iſt, und daher ge⸗ zwungen ſind, trotz ihres Zaͤhneklapperns zu kaͤmpfen und bei denen dann Verzweiflung fuͤr Muth gilt.“ „Gut— willſt Du, der den Gegenſtand ſo voll⸗ kommen verſteht, mir wohl, nach Deinem Syſtem der Logik, einen Mann von Muth definiren?“ „Nun, Sir, der echte muthige Philiſter—« „Gregor, ſprich mir das hoͤlliſche Wort nicht wieder aus; es iſt immer und ewig im Munde jenes heuchleriſchen Rundkopfes zu finden, der Gewiſſensbe⸗ denken hat, gegen andere Leute als den Koͤnig und die Kirche zu kaͤmpfen. Weißt Du, daß er mich erſt heute noch ſo gut wie einen Philiſter genannt und davon geſprochen hat, die Wilden mit Beten und Pſalmſingen zuruͤckzutreiben. Sage Moabiter ſtatt Philiſter.“ „Oder Hethiter, Euer Ehren, wenn Euch das lieber iſt. Was aber die logiſche Definition betrifft, Sir, ſo iſt der einzige Mann von Muth Derjenige, welcher die Gefahr ſo ausnehmend verachtet, daß er ihr augenblicklich den Ruͤcken zudreht, oder, was ein noch unbeſtreitbarerer Beweis von Heldenmuth iſt, ſich ſo wenig vor dem Tode fuͤrchtet, daß er keinen Wider⸗ ſtand leiſtet und als echter Philoſoph ſtirbt. Die Peſt uͤber die gemeinen Renommiſten, die aus der bloßen Furcht, daß man ſie Feiglinge nennen koͤnnte, ewig die Hand am Degen haben. Ich meines Theils fuͤrchte dieſe Benennung nicht— ganz und gar nicht— und wenn ich mich weit vom Schuſſe entfernt halte, ſo ge⸗ ſchieht es nur aus Beſorgniß, daß ich ſchreien koͤnnte, ehe ich getroffen bin. Andere moͤgen aus bloßer Feig⸗ heit ſterben, aber ich meinestheils fuͤrchte mich nicht, zu leben.“— „Gottes Leben, Gregor, Du biſt der erſte Narr, der mir noch vorgekommen iſt, der ſich ſolche Muͤhe gab, zu beweiſen, daß er ein Feigling war.“ „Ein Feigling, Sir? Bin ich Euch nicht in den Krieg gefolgt und habe mich muthig von jeder Gefahr fern gehalten, trotz alles Hohnes jener peſtilenzialiſchen Schufte, die nur deshalb fochten, weil ſie ſich vor dem Davonlaufen fuͤrchteten und vor der Unehre mehr als vor dem Tode? Ein Mann wie ich haͤtte eher Grund ſich zu bruͤſten, wenn er ſich mannhaft der ganzen Welt widerſetzen und ihre Laͤcherlichkeit verachten kann. 143 Iſt das nicht ein groͤßerer Beweis von Muth, als ſich einem einzelnen Feinde entgegen zu ſtellen? Ihr ver⸗ geßt, Sir, daß ich das ganze koͤnigliche Heer gerettet habe, indem ich eines Nachts ſchrie, daß die Rundkoͤpfe da ſeien, wodurch es am folgenden Morgen um ſo beſſer gegen ſie geruͤſtet war.“ „Ei, Freund Gregor, Du haſt Dich in Deinem Berufe geirrt; an Dir iſt ein Profeſſor der Logik ver⸗ dorben. Ich ſage Dir ſicher voraus, daß Du dereinſt noch dem Tode in die Zaͤhne laufen wirſt, wenn Du vor ihm davon eilen willſt.“ „Mit Eurer Erlaubniß, Sir, dann wuͤrde mir es lieber ſein, wenn es bei Nacht geſchaͤhe, denn ich habe keine Luſt, in meiner eigenen Gegenwart zu ſterben und mich als Leiche zu ſehen.“ „Nun, nun, ich geſtehe, daß Du ſo muthig biſt, wie ein Rebhuhn, das ſeine Jungen beſchützt. Aber genug davon. Ich wuͤnſchte Deine beſorgte Feigheit in Bezug auf die Wahrſcheinlichkeit dieſes Geruͤchts zu Rathe zu ziehen. Was meinſt Du, werden die Schufte kommen?“ „Ohne allen Zweifel, Herr— ich fuͤhle es in meinen Knochen, die mir allemal vor einer Pruͤgel⸗ ſuppe weh thun. Und meine falſchen Rippen haben mir in der letzten Zeit Sorge genug gemacht. Außer⸗ dem habe ich ein ſonderbares kitzelndes Gefuͤhl um den Kopf, ſo daß mir in der letzten Zeit das Haar immer 144 zu Berge geſtanden hat, was, wie ich glaube, ſeinen baldigen Verluſt bedeutet.“ „Wirſt Du denn nie ernſthaft werden, Du un⸗ verbeſſerlicher Hanswurſt? Iſt dies eine Zeit zum Spaßmachen, und wuͤrdeſt Du es fuͤr eine Sache zum Lachen halten, wenn die Wilden mitten in der Nacht kaͤmen und uns mit dem Kriegsgeſchrei aufweckten, ſo daß wir außer in den Armen des Todes nie wieder ſchliefen? oder was noch ſchlimmer iſt, denke, daß ſie uns gefangen hinwegfuͤhren koͤnnen, nicht um unſer Leben zu ſchonen, ſondern um den Tod tauſendmal langſamer, qualvoller und ſchrecklicher zu machen.— Es iſt mir, als ſaͤhe ich unſere blutigen Skalpe von un⸗ ſern Koͤpfen reißen, unſeren Koͤrper von ſcharfen Fich⸗ tenſplittern ſtarren, die rauchen und flammen wie an⸗ gezuͤndete Fackeln, unſere blutenden Koͤpfe mit gluͤhen⸗ den Kohlen bedeckt, unſere Beine bis zu den Knieen in gluͤhender Aſche und unſere Koͤrper unter Qualen, von denen wir uns keine Idee machen koͤnnen, ihr Leben verlieren. Dies iſt kein Stoff zum Scherzen oder Lachen. Ehe der naͤchſte Morgen herankommt, haben wir vielleicht ſchon ein Concert von Todesſchreien und letzten Seufzern.“ Es iſt wohl nie ein Menſch vom Lachen weiter entfernt geweſen, als Gregor Motte in dieſem Augen⸗ blicke. Das ihm von ſeinem Herrn ausgemalte Schre⸗ ckensbild hatte ihn in das tiefſte Entſetzen geſtuͤrzt; er lag auf ſeinen Knieen, ſeine Augen ſchweiften wild 145 umher, alle ſeine Glieder zitterten, ſeine Zaͤhne klapper⸗ ten und die Zunge klebte ihm am Gaumen. Sein Herr betrachtete ihn mit einer Art veraͤchtlichen Mit⸗ leids und ſagte, als er ſich wieder etwas erholt hatte: „Nun, willſt Du mir jetzt ernſthaft Deinen Rath geben?“ „Ja— oh,— oh— Sirl“« antwortete Gregor zitternd;„ja— oh— ohl! Sir! mein Rath iſt, uns nach der Hauptſtadt aufzumachen, ohne uns wie⸗ der umzuſehen und von dort im erſten Schiffe nach Alt⸗England abzuſegeln, wo es keine ſolchen kupferfar⸗ bigen Schurken giebt.“ „Wie, mein Haus verbrennen, mein Gut pluͤn⸗ dern laſſen und nach England als Bettler zuruͤckkehren, wie ich von dort abgeſegelt bin?— Nein, nein, Gre⸗ gor, die, welche hier Selbſtſtaͤndigkeit und Vermoͤgen zu finden hoffen, muͤſſen darum kämpfen. Laß mich alſo hoͤren, was Du ſonſt noch vorzuſchlagen haſt. Ich weiß, daß Du kein ſolcher Eſel biſt, wie Du vorgiebſt und guten Rath geben kannſt, wenn Du willſt.“ Gregor ſammelte ſich und rieth nach gehoͤriger Ueberlegung, Mittheilungen von dem Geruͤchte und Bitten um Beiſtand nach der Hauptſtadt ergehen zu laſſen, Maſter Tyringham's Haus in beſtmoͤglichen Vertheidigungszuſtand zu ſetzen, keinem Mitgliede der Familie zu geſtatten, aus dem Hauſe zu gehen und bei Nacht Wachen auszuſtellen, um von der Gefahr Notiz zu geben. Die Tochter des Puritaners. I. 10 146 „Gregor,“ ſagte ſein Herr,„ich ſage und ſchwoͤre es, daß Du ein Orakel hiſt. Obgleich Du hin⸗ und herſchwankſt, wie ein Schiff ohne Steuer, ermangelſt Du doch nie, endlich in ſicheren Port zu kommen. Es iſt gerade daſſelbe, wozu ich mich entſchloſſen hatte, ehe ich Dich um Rath fragte.“ „Hm,“ meinte Gregor,„das dachte ich mir.— Mein Herr zieht nicht eher Einen zu Rathe, als bis er ſich entſchloſſen hat, zu thun, was er will.“ Die von dem klugen Gregor gerathenen Vorbe⸗ reitungen wurden alſo getroffen. Diesmal kamen die Wilden jedoch nicht. Wahrſcheinlich war das Geruͤcht aus den ewigen Beſorgniſſen entſtanden, welche das Leben unter ſolchen Verhaͤltniſſen unleidlich machen wuͤrden, wenn nicht fortwaͤhrende Gefahr ihr eigenes Gegengift waͤre. Die Ruhe, welche auf eine Zeit lang geſtoͤrt worden war, kehrte zuruͤck, die Alltagsgeſchaͤfte des Lebens wurden wie fruͤher vorgenommen und die guten Leute glaubten um ſo zuverſichtlicher, daß die Gefahr voruͤber ſei, je nutzloſer ſie in Schrecken verſetzt worden waren. Der freundliche Leſer wird ſich aber vielleicht be⸗ klagen, daß wir ſeit einiger Zeit nichts von den Damen geſagt haben, die ſicherlich das beſte Recht beſitzen, in einer Erzaͤhlung zu figuriren, da der groͤßte Theil unſe⸗ rer Leſer dem ſchoͤnen Geſchlecht angehoͤrt. Nachdem Du mich, glaube ich ſagen zu hoͤren, zu der Annahme verlockt haſt, daß Suſanne Baneswright 147 Deine Heldin und Harold Habingdon Dein Held ſei, laͤßt Du jene gaͤnzlich fallen und ſprichſt von dieſer we⸗ nig oder gar nichts. Iſt ſie todt?— in dieſem Falle hatteſt Du doch etwas Hoͤfliches von ihr ſagen koͤnnen⸗ Am Ende haben wir weder einen Helden noch eine Heldin. Lieber Leſer, Suſanne iſt nicht todt. Was koͤnn⸗ ten wir aber von ihr ſagen, das der Wuͤrde der Ro⸗ mantik einer Novelle wuͤrdig waͤre. Die gute Mrs. Habingdon verwendete den groͤßten Theil ihrer Zeit auf Nadelarbeiten und Struͤmpfeſtricken. Um dieſe gemei⸗ nen Beſchaͤftigungen zu entſchuldigen, muͤſſen wir uns erinnern, daß es zu jener Zeit keine Putzmacher, noch Putzmacherinnen, noch Naͤhterinnen in der neuen Welt gab. Junge Frauenzimmer waren zu werthvoll, um in Dienſte zu gehen, und ein Maͤdchen von gewoͤhnli⸗ chen Reizen war ein großes Loos fuͤr einen Pflanzer erſten Ranges; ſie wurde, wenn auch nicht mit Gold, doch mit Tabak aufgewogen. . An jenen langen koͤſtlichen Sommerabenden, die dem dichteriſchen wie dem betrachtenden Geiſte gleich theuer ſind, pflegte Mrs. Habingdon mit ihrer Toch⸗ ter am Ufer des Fluſſes hinzugehen, deſſen ſilberwei⸗ ßer von dem Salzwaſſer⸗des unfernen Ozeans beſpuͤl⸗ ter Sand einen angenehmen Weg bildete, waͤhrend das dumpfe Brauſen der Meeresbrandung, welches ſich zuweilen hoͤren ließ, zur Erhoͤhung des Genuſſes beitrug. Bei dergleichen Anlaͤſſen wurden ſie meiſt 10* 148 von Harold begleitet und vor dem Verbote des zorni⸗ gen Cavaliers zuweilen auch von Langley Tyringham, wenn dieſer gerade des Weges kam. Ihr Geſpraͤch war meiſt von nuͤchterner frommer Art und wurde zuweilen von den muntern oder enthuſiaſtiſchen Be⸗ merkungen des Juͤnglings belebt, die wohl ein Laͤcheln auf Suſannens Geſicht und zuweilen ein Vibriren in Miriams Herzen hervorriefen, aber von Harold mit einer ſteifen, entmuthigenden Gravitaͤt aufgenommen wurden, die zwar nicht in Worten ausgedruͤckt, aber verſtaͤndlich genug war. Harold wurde taͤglich mehr von der duͤſtern Froͤm⸗ migkeit, welche die Gaben der Welt verachten lehrt, angeſteckt, und Suſanne und Miriam nahmen an ih⸗ rem Daͤmmerungsdunkel in gewiſſer Hinſicht Theil. Sie lebten, ſo zu ſagen, auf der Schattenſeite der Welt und genoſſen nie den Sonnenſchein in aller ſei⸗ ner Waͤrme und ſeinem Glanze. Deſſenungeachtet waren ſie vielleicht eben ſo gluͤcklich wie ihre Naͤchſten, denn es wuͤrde traurig ſein, wenn es auf der Welt nur ein einziges geſundes und wohlſchmeckendes Ge⸗ richt gaͤbe, da doch ein Jeder ſeine Lieblingsſpeiſe hat. Miriam war aber um dieſe Zeit ſo gluͤcklich, eine neue Aufregung zu erlangen— allerdings nur eine ſanfte, aber auch die geringſte war beſſer als gar keine fuͤr ein Weſen, bei dem ein Tag dem andern ſo ſehr glich. Es mochten zehn oder vielleicht auch vierzehn Tage ſeit dem Verbote des Cavaliers verfloſſen ſein, 149 als ſie eines Abends am Fenſter ſaß und die unterge⸗ hende Sonne und die bunten ewig wechſelnden Far⸗ ben des Fluſſes und des Himmels, die dem ſterbenden Tage ihre glaͤnzenden Tinten gaben, bewunderte. Ohne gerade mit der Betrachtung der Vergangenheit oder der Ausſchau in die Zukunft beſchaͤftigt zu ſein, ſchwebte doch ihre Phantaſie wie der Schmetterling unter den Blumen leicht von einer zu der andern, ohne ihre Fluͤgel zuſammenzufalten, oder ſich darauf nieder⸗ zulaſſen. In dieſem Zuſtande fiel ihr ploͤtzlich ein, daß ſie Langley Tyringham ſeit langer Zeit nicht geſehen habe. Sie machte ſich allerdings nicht viel aus ihm und es war ihr gleichgiltig, ob ſie ihn je wieder ſah. Er war fuͤr ihren Geſchmack zu munter und zu fluͤchtig, ſtuͤrmiſch und enthuſiaſtiſch, und ſie hatte ihn ſogar Wein trinken ſehen, ja es war ihr von Mildred, die es von Gregor Motte hatte, erzaͤhlt worden, daß er zu⸗ weilen auf Baͤllen in Jamestown tanze und mehr als einmal zum Wettrennen gegangen ſei. Ein ſolcher Mann konnte ihr nichts ſein; deſſenungeachtet konnte ſie ſich aber nicht enthalten, ſich ein Wenig zu wun⸗ dern, weshalb er ſie nicht im Hauſe beſuchte, oder auf ihren Abendſpaziergaͤhgen, wie er ſonſt die Woche ein⸗ oder zweimal zu thun pflegte, mit ihnen zuſam⸗ mentraf. Mit Einem Worte, ſie begann an Langley Tyringham zu denken, und je laͤnger ſeine Abweſenheit dauerte, deſto mehr wunderte ſie ſich daruͤber, bis end⸗ 150 lich ihre Neugier wahrhaft unbehaglich wurde. Es war die alte Geſchichte: was ſie verachtete, ſo lange ſie es beſaß, wurde geſchaͤtzt, ſobald es verloren ging, und Miriam wurde ſich allmaͤhlig bewußt, daß Maſter Langley eine ſehr bedeutende Speiche im Rade der Zeit geweſen ſei. In den letzten Tagen war der gute alte Herr mit dem Stundenglaſe im Schneckengalopp einher ge⸗ hinkt und ſeine Senſe ſo ſtumpf geworden, daß er eine Menge von Unkraut hinter ſich ſtehen ließ. Auch Langley war in ſchwerer Ungewißheit. Er konnte ſich in aller Welt nicht vorſtellen, weshalb es ihm verboten ſein ſollte, Miriam zu beſuchen, blos weil die beiden alten Herren uͤber Politik und Religion verſchiedener Meinung waren. Er hatte doch damit nicht mehr zu thun, als der Mann im Monde. End⸗ lich kam er zu dem Schluſſe, daß ſein Vater fuͤrchte, er koͤnne ſich in die Tochter des Rundkopfs verlieben und ſie heirathen. Man ſieht alſo, daß er Miriam und das Heirathen beſtaͤndig zuſammenbrachte, und dies iſt eine hoͤchſt gefaͤhrliche Conjunction und noch ſchlimmer, als die der Jungfrau mit den Zwillingen. In dieſem myſtiſchen Zuſtande beiderſeitiger Sym⸗ pathie, welcher andere Wahlverwandtſchaften verkuͤnden ſoll, traf es ſich eines ſchoͤnen Abends im ſchoͤnen Mo⸗ nat Mai, der in jenem herrlichen ſuͤdlichen Klima den ganzen Enthuſiasmus der Dichter verdient, daß Mi⸗ riam einen einſamen Spaziergang am Flußufer unter⸗ 151 nahm. Man koͤnnte eine Menge guter Gruͤnde angeben, weshalb ſie nicht von ihrem Vater, oder ihrer Mut⸗ ter, oder von Beiden begleitet wurde, wie gewoͤhnlich, Gruͤnde, die ein paar Seiten zum großen Vortheil des Verfaſſers und zur eben ſo großen Erbauung des Leſers fuͤllen wuͤrden. Trotz der Verſuchung begnuͤgen wir uns aber damit, zu ſagen, daß es vom Schickſale be⸗ ſtimmt war, daß Miriam an jenem Abende allein ſein ſollte. Gerade zur gleichen Zeit machte ſich Maſter Langley, ohne Zweifel von dem magnetiſchen Telegraphen beruͤhrt, wodurch Verliebte oder zum Verlieben Beſtimmte mit einander in Verbindung geſetzt, aber um kein Haar Aüger gemacht werden, in derſelben Richtung auf den eg. 8* Es war ein reizender Abend des ſonnigen Suͤ⸗ dens, wo die traͤge Daͤmmerung wie ein altes Weib, das ſich durch die zunehmende Dunkelheit taſtet und den Weg mit dem Stocke fuͤhlt, noch lange nach der untergegangenen Sonne verweilt. Die Herrin des Tages hatte, wiewohl hinter den fernen Bergen ver⸗ ſunken, doch den Reflex ihrer Herrlichkeit am Himmel zuruͤckgelaſſen, der ein praͤchtiges Kleid von Purpur, Roth und Gold zeigte, welches ſich mit den leichten phantaſtiſchen Wolken vermengte, die im Schooße des blauen Himmels ſchliefen und ohne auch nur von einem Luͤftchen bewegt zu werden, doch ewig ihre Geſtalt und Farbe wechſelten. Der breite Fluß ruhte wie die ganze Natur umher und bot nur eine ſchnelle Folge wechſeln⸗ der vom Himmel zuruͤckgeworfener Purpurtinten. Der Spottvogel ging durch alle ſeine endloſen Variationen und floͤtete ſeine unvergleichlichen Melodieen mit ſo freudiger Luſt, ſo reich uͤberſtroͤmender, extemporirter Fuͤlle, daß, wenn irgend eine von unſeren Primadon⸗ nen ihn gehoͤrt haͤtte, ſie vor Neid geſtorben ſein wuͤrde. Außer dieſem laͤndlichen Saͤnger begegnete dem Ohre kein Laut, als dann und wann in der Ferne das Plaͤt⸗ ſchern des maͤchtigen Stoͤrs, wenn er von ſeinem ehr⸗ geizigen Streben, etwas von der Welt uͤber ihm zu er⸗ blicken, zuruͤckfiel. Die beiden Wallfahrer ſahen einander in der Ferne und naͤherten ſich, da ſie nach entgegengeſetzten Rich⸗ tungen hin gingen, einander natuͤrlich, ohne die Begeg⸗ nung zu vermeiden. Sie ſchraken beim erſten Anblicke ein wenig zuſammen, denn zufaͤllig hatten Beide in dieſem Augenblicke an das Gleiche gedacht. Langley wunderte ſich uͤber das Verbot ſeines Vaters, und Mi⸗ riam wunderte ſich, weshalb er ſeine Beſuche eingeſtellt haben moͤge. Dieſes wunderbare Zuſammentreffen verkuͤndete ſicherlich etwas ganz Außerordentliches. Da ſie Beide auf dem gleichen Uferpfade gegen einander hingingen, mußten ſie ſich offenbar mit der Zeit begeg⸗ nen, und ſie begegneten ſich alſo auch unter einem gro⸗ ßen vorſuͤndfluthlichen Baume, deſſen weit ausgebreitete Aeſte einen halben Acker verkuͤmmerten Raſenlandes beſchatteten. 5 Die Begruͤßungsfeierlichkeiten waren ſehr alltaͤglich 15³ und wenn Eines von Beiden erroͤthete, ſo ging es von dem Andern unbemerkt voruͤber, da Beide genug damit zu thun hatten, ihre eigene Verwirrung zu verbergen. Es ſteht den Frauen zu, den Anfang zu machen, weil ſie, wie man ſagt, ſtets bereit ſind, und Miriam, die Maſter Langley allem Anſcheine nach in Verlegenheit um Worte ſah, redete ihn in ihrem einfachen doriſchen Dialekte an: „Du biſt in unſerem Hauſe ſeit einiger Zeit ein Fremdling, Maſter Langley.“ Maſter Langley, der nicht recht wußte, was er ſagen ſollte, antwortete mit dem ausdrucksvollen einſyl⸗ bigen Worte, welches unverheirathete Damen zur Ent⸗ gegnung zu gebrauchen pflegen, wenn man ihnen eine gewiſſe impertinente Frage ſtellt, und hierauf folgte eine zweite Pauſe. „Warſt Du verreiſ't?“ „Nein.“ „Biſt Du krank geweſen?“ „Nein.“ Das Maͤdchen ſchwieg auf einige Augenblicke und gelangte, obgleich es nichts von Logik verſtand und nie Gregor Motte's Unterricht genoſſen hatte, wirklich zu einem Syllogismus.. „Er iſt,“ dachte ſie,„nicht verreiſ't geweſen— er iſt nicht krank geweſen, ergo hat er mich nicht zu ſehen gewuͤnſcht.“ Der Schluß war, im Ganzen ge⸗ nommen, nicht eben zufriedenſtellend. 154 Unterdeſſen hatte Maſter Langley ebenfalls Logik getrieben und war zu dem Schluſſe gelangt, daß es fuͤr Miriam und ihn ſelbſt gleich geziemend ſei, ſie von dem Grunde des unerwarteten Einſtellens ſeiner Beſuche zu benachrichtigen. Er that dies mit der ganzen Freimu⸗ thigkeit ſeines Charakters und fuͤgte hinzu, daß er zwar die Gruͤnde ſeines Vaters fuͤr das ploͤtzliche Ver⸗ bot nicht kenne, ſich aber fuͤr verbunden gefuͤhlt habe, ihm zu gehorchen, wie ſehr es auch mit ſeinen Wuͤn⸗ ſchen im Widerſpruch ſein moͤge. „Ach,“ entgegnete Miriam betruͤbt,„ich kenne den Grund recht gut. Es iſt das, was die Verfolgung meiner lieben Mutter und ihrer Eltern verurſachte, Freunde gegen Freunde, Landsleute gegen Landsleute, den Bruder gegen den Bruder, den Sohn gegen den Vater und den Vater gegen die Kinder aufregt, es iſt das, was England mit dem Blute ſeiner Soͤhne uͤber⸗ ſchwemmt und uns dazu getrieben hat, in den Wild⸗ niſſen dieſer neuen Welt Zuflucht zu ſuchen. Ich dachte nicht, daß es uͤber das breite Meer hinziehen und uns hierher folgen wuͤrde, und einen Nachbar gegen den andern feindlich aufſtellen wuͤrde, wo es doch ſo noͤthig ſcheint, daß ſich Alle zu gegenſeitiger Vertheidi⸗ gung verbinden. Aber die Wege des Himmels ſind fuͤr mich unerforſchlich. Ohne Zweifel iſt Alles recht, oder wird doch dereinſt noch recht werden.“ Sie ſprach dies ohne Deklamation oder Anſtren⸗ gung, nur mit der vollkommenſten Einfachheit und mit 155 wehmuͤthig klagender, ſuͤßer Stimme. Ihr Geſicht war ſtill und unbewegt, aber doch von einem Ausdrucke tiefen Kummers beruͤhrt. Ihr dunkelkaſtanienbraunes Haar, das ganz unpuritaniſch war und ſich trotz der Vorſchriften der Sekte kraͤuſelte, fiel von ihrer ſchneeigen Stien zuruͤck, als ſie ihre Augen zum Himmel erhob, und Langley erinnerte ſich, als er ihren unſchuldigen Blick anſchaute, an die reinen, unbefleckten Jungfrauen, die in alten Zeiten auf dem blutigen Altare der Ver⸗ folgung geopfert wurden. Er fuͤhlte„zu ſtark, um zu ſprechen, und von Neuem folgte eine Stille, die wie⸗ der von Miriam unterbrochen wurde. „Dein Vater hat es fuͤr recht gehalten, Dir zu ver⸗ bieten, in das Haus meines Vaters zu kommen, und ohne Zweifel wuͤnſcht er nicht, daß wir anderswo wieder zu⸗ ſammentreffen. Setze Deinen Gang weiter fort, ich werde zuruͤckkehren.“ „Nein, Miriam, er hat mir nicht verboten, Dich zufäͤllig zu ſehen.“ „Aber dies iſt ohne Zweifel doch in ſeinem Ver⸗ bote mit begriffen geweſen. Guten Abend, Maſter Langley.“ „Ich bitte Euch, bleibt noch einen Augenblick. Mein Vater kann doch ſicher nichts gegen ein ſo un- ſchuldiges junges Weſen, wie Ihr, haben. Sein Groll iſt gegen Euren Vater gerichtet und ich kann Euch ver⸗ ſichern, daß er nicht von der Gemuͤthsart iſt, die Un⸗ ſchuldigen mit— mit—“ Ir 156 „Mit den Schuldigen zu verwechſeln,“ unterbrach ihn Miriam mit einem truͤben Laͤcheln.„Mit dem Schuldigen, mochteſt Du ſagen, wie die vorwitzigen Sterblichen, die ihre eigenen Grundſaͤtze, ja oft Vorur⸗ theile zum Maßſtabe der Vernunft Anderer machen, und nicht mit der eigenen Freiheit zufrieden ſind, wenn ſie nicht ihren uͤbrigen Mitgeſchoͤpfen Knechtſchaft auf⸗ erlegen koͤnnen. Noch einmal, guten Abend; ich wuͤn⸗ ſche Dir Gutes, obgleich mich Dein Vater verdammt hat.“ In ihrer Stimme und ihrem Auge lag Wahrheit, und Langley war tief geruͤhrt, als er ihr Geſicht an: blickte und hielt es faſt fuͤr ſchoͤn. In Allem, was ſie geſagt, lag eine ernſte Einfachheit, eine angeborne Wuͤrde, eine ſtolze Demuth, die ein Intereſſe, wie er es noch nie gefuͤhlt hatte, erweckten. Gluͤhend in ſeinem Cha⸗ rakter, ſchnell bewegt in ſeinen Gefuͤhlen und prompt im Ausdruck derſelben, hielt er ſie ſanft von der Ent⸗ fernung zuruͤck und bat ſie, ihren Spaziergang fortzu⸗ ſetzen und ihm zu erlauben, ſie zu begleiten. Sie lehnte dies ſanft, aber feſt ab, ließ ſich indeß endlich auf ein Compromiß ein und geſtattete ihm, ſie nach Hauſe zu begleiten. „Du ſcheinſt es zu wuͤnſchen,“ ſagte ſie,„und mir wenigſtens iſt nicht verboten worden, mit Dir zu⸗ ſammenzutreffen, obgleich ich Dir offen ſage, daß mein Vater Dich nicht liebt.“ ſeine Gefuͤhle mit poetiſcher Beredſamkeit auszuſpre⸗ 157 „Ich weiß es,“ antwortete Langley,„aber ich hoff, daß Ihr an ſeinem Widerwillen nicht Theil nehmt.“ „Ich— Was ſie hinzufuͤgen wollte, wurde ploͤtzlich durch eine leichte Verlegenheit zuruͤckgehalten, und ſie ſagte weiter nichts, als ſie langſam und mit haͤufigen Pau⸗ ſen in ihrem Geſpraͤche weiter gingen. Allmaͤhlig be⸗ gann Langley, von der Schoͤnheit des Abends begeiſtert, chen. Die kleine Puritanerin lauſchte und blickte ihm halb verwundert und halb bewundernd in's Geſicht. Zuweilen antwortete ſie nicht und einmal ſagte ſie mit einem leiſen Seufzer:. „Du haſt ſtarke Gefuͤhle und einen tugendhaften Geiſt, ſonſt koͤnnteſt Du nicht ſo an den Freuden der Natur Genuß finden. Wie Schade, daß Du von dieſer ſchoͤnen Erde nicht zu Demjenigen hinaufblickſt, der ſie erſchaffen und ſeinen Geſchoͤpfen gegeben hat.“ Langley dachte an die Stutzohren; obgleich ihm aber dieſe Worte nicht gerade gefielen, beſaß die Spre⸗ cherin doch eine ſolche Aufrichtigkeit und Innigkeit, und auf ihrem Geſicht lag ein ſo ſchoͤner Ausdruck der Froͤmmigkeit, daß er ſtehen blieb, um ſie zu bewundern. 3 „Es thut mir leid,“† ſagte er endlich,„daß Ihr eine ſolche Scene nicht bewundert. Bei meinem ein⸗ ſamen Leben in den Waͤldern, ohne Gefaͤhrten meiner Gedanken oder Gefuͤhle, weiß ich nicht, was ich gethan haben wuͤrde, wenn ich mich nicht mit der Natur in 158 Einklang verſetzt und ſie faſt zu meiner Geliebten ge⸗ macht haͤtte. Ihr haltet es wohl fuͤr unrecht, die Na⸗ tur zu verehren?“ „Sie zu verehren, wohl, aber nicht, ſie zu lieben,“ antwortete Miriam mit einem ſanften Laͤcheln.„Du thuſt mir Unrecht, wenn Du denkſt, ich ſei blind loder gefuͤhllos fuͤr die Gaben des Himmels oder die Schoͤn⸗ heiten der Natur. Ich liebe die gruͤnen Wieſen, die ſtillen ſchattigen Waͤlder, die murmelnden Baͤche, die ſchwellenden Huͤgel und duftigen Berge. Ich liebe die Weiße der Lilie, das Erroͤthen der Roſe und die in die ganze Herrlichkeit der bunten Natur gekleidete purpurne Hyazinthe. Wer den Schoͤpfer liebt, muß auch ſeine ſchoͤnen Werke lieben. Aber der Enthuſiasmus iſt an⸗ ſteckend,“ ſprach ſie, ſich ſelbſt Einhalt thuend und er⸗ roͤthend,„ich bitte Dich, mich nicht auszulachen.“ „Euch auszulachen!“ rief Langley feurig,„Euch auszulachen! Bei meiner Seele, ich liebe es, Euch zu hoͤren. Fahrt fort. Ich bitte Euch.“ „Ich habe nichts weiter zu ſagen, als daß Dieje⸗ nigen, welche die Schoͤnheiten der Natur lieben, Dem dankbar ſein ſollen, welcher das Feſtmahl vor ihnen ausgebreitet hat.“ „Wer wagt es zu ſagen,“ rief der junge Enthu⸗ ſiaſt,„wer wagt es zu ſagen, daß Froͤmmigkeit ſauer⸗ toͤpfiſch und zuruͤckſtoßend iſt! Bei meiner Seele, wie ich ſie jetzt ſehe, ſcheint ſie mir ſchoͤner und anlockender 159 zu ſein, als alle Verſuchungen, welche die Welt irre leiten.“ „Nichts weiter davon, Sir,“ ſagte Miriam ernſt⸗ haft.„Du haſt zweimal Deine Seele zum Zeugen fuͤr Dich aufgerufen. Glaube mir, daß ſie, ſo angeru⸗ fen, nur Zeugniß gegen Dich ablegt.“ Langley's Enthuſiasmus wurde mit kaltem Waſ⸗ ſer uͤbergoſſen. Er dachte von Neuem an die Stutz⸗ ohren, und alle ſeine Cavalier⸗Vorurtheile erwachten. Er konnte ihr in dieſem Augenblicke nicht verzeihen, und ſie verwandelte ſich ploͤtzlich in eine ſteife, alltaͤgliche Puritanerin. Er wußte nicht, daß ſie eben ſo enthu⸗ ſiaſtiſch war wie er, nur auf andere Art. So gelangten ſie zu einer kleinen Thuͤr, die auf den breiten Raſenplatz ging, welcher ſich von Maſter Habingdon's Hauſe nach dem Fluſſe hin erſtreckte. „Verlaſſe mich jetzt,“ ſagte ſie,„ich bin zu Hauſe, und Du darfſt den Befehl Deines Vaters nicht weiter uberſchreiten.“ 3 „Aber ich moͤchte nicht ſcheinen, als ob ich fuͤrch⸗ tete, mich ſehen zu laſſen, und uͤbrigens wuͤrde man kaum glauben, daß unſer Zuſammentreffen ein zu⸗ faͤlliges geweſen ſei, wenn ich mich jetzt davon ſchliche.“ „Wenn mein Vater, oder meine Mutter dies den⸗ ken ſollten, ſo werde ich es ihnen ſagen, und ſie werden mir glauben. Guten Abend,“ fuͤgte ſie hinzu, als Langley die Thuͤr oͤffnete;„oder ich ſollte vielmehr ſa⸗ gen: Lebe wohl! denn obgleich wir einander nahe genug — 160 wohnen, ſo kann es doch lange dauern, ehe wir wieder zuſammentreffen, um einen angenehmen Spaziergang mit einander zu machen.“ „O, der Zufall kann es wohl wieder herbeifuͤhren.“ „Denke das nicht, Langley,“— ſie hatte ihn noch nie ſo genannt.—„Es wird kein Zufall ſein, wenn wir dort wieder zu gleicher Zeit ſpazieren gehen. Ver⸗ ſprich mir, daß Du des Abends nicht mehr dorthin ge⸗ hen willſt, ſonſt muß ich einen andern Weg aufſuchen oder zu Hauſe bleiben.“ Er verſprach es und ſie fuͤgte hinzu: „Noch einmal, lebe wohl— wer weiß, ob wir einander je wiederſehen. Das koͤnnen aber Alle ſagen, die ſich trennen, ſei es auch nur auf einen Augenblick Ich werde mich dieſes Abends oft erinnern.“ „Auch ich!“ ſagte Langley;„lebt wohl, liebe Mi⸗ riam; wenn ich in die Vergangenheit zuruͤckblicke, werde ich Euch oft dort finden.“ Miriam ging uͤber den Raſenplatz, und Langley verfuͤgte ſich nach Hauſe und belog unterwegs ſein Herz, indem er ſie eine kleine heuchleriſche Pruͤde nannte, betete mitunter aber ihre Froͤmmigkeit und Herzensein⸗ falt beinahe an. Achtes Kapitel. Eine Discuſſion und eine Kataſtrophe.— Der Cavalier wird peremtoriſch.— Ein Selbſtgeſpraͤch.— Der Cavalier iſt einmal Einer Meinung mit dem Rundkopfe.— Miriam ſchwatzt wie ein Einfaltspinſel und denkt um kein Haar kluͤger.— Sie ſchlaͤft unter tiefen Zweifeln ein. „Gregor!— Gregor Motte!“ rief Maſter Ty⸗ ringham ungeduldig. „Ich komme gleich, Sir,“ antwortete der Schild⸗ knappe,„ich klopfe ſo eben die Aſche aus meiner Pfeife. Staub zu Staub, das iſt die Moral des Rauchers.“ „Haſt Du Langley nicht geſehen? ich moͤchte mit ihm ſprechen. Ich habe heute noch mehr von den Indianern gehoͤrt. Der Gouverneur hat uns einen Expreſſen geſchickt, damit wir auf der Hut ſind.“ „Um aller Paſteten willen bitte ich Euch, Sir, dieſe unleidlichen Ketzer nicht zu erwaͤhnen. Es erſtarrt alle meine Geiſteskraͤfte augenblicklich und ich kann auf Stunden nachher nicht wieder mit mir anfangen.“ „Willſt Du ſo gut ſein, Maſter Gregor, einmal in Deinem Leben direct und kategoriſch zu antworten.— Haſt Du Langley geſehen?“ „Ei Herr, ich kann es nicht gerade direct, kategoriſch oder poſitiv ſagen, denn wir koͤnnen unſern Die Tochter des Puritaners. I. 11 162 Augen nicht trauen und glauben, was wir ſehen, außer wenn es mit den Folgerungen der Wiſſenſchaft uͤber⸗ einſtimmt und nach philoſophiſchen Grundſaͤtzen de⸗ monſtrirt werden kann. Wenn ich aber einem von meinen fuͤnf Sinnen trauen darf, ſo fah ich ihn vor einer kleiner Weile dort am Ufer hingehen.“ „Am Ufer hin! ei, was ficht den jungen Dumm⸗ kopf an, daß er allein am Ufer herumſtreicht? Hat er ſich verliebt oder iſt er ein Dichter geworden?“ „Ei, Sir, wenn mich, wie ſchon erwaͤhnt, meine Augen nicht getaͤuſcht haben, ſo ſah ich etwas einem Fraueenzimmer ſehr Aehnliches neben ihm hingehen.“ „Ein Frauenzimmer? unmoͤglich! die ſind ja in der Gegend hier ſo ſelten, daß man gut und gern ein Orhoft Tabak fuͤr ſie bezahlt. Biſt Du Deiner Sache vollkommen gewiß?“— „Ich muß wieder geſtehen, daß ich es nicht po⸗ ſitiv behaupten kann, da man, wie ich ſchon erwaͤhnt, den ſchuftigen fuͤnf Sinnen nicht trauen darf. Neu⸗ lichſt bei Nacht glaubte ich Einen Mord ſchreien zu hoͤren, aber es war weiter nichts als eine Eule, und es iſt noch nicht lange her, Sir— „Gregor Motte! antworte mir auf eine Frage: haſt Du Luſt Dir den Schaͤdel zerſchlagen zu laſſen, was ſicherlich geſchehen wird, wenn Du mir nicht ſo⸗ gleich und in ſo wenigen Worten als moͤglich ant⸗ worteſt? a „Geehrter Sir,“ ſprach Gregor,„Ihr wißt ohne 163 Zweifel, daß ich ein Mann von wenigen Ideen und folglich einer großen Menge von Worten bin. Etlaubt mir davon ein Beiſpiel zu geben. Ein kluger Mann, der nur eine Guinee in ſeinem Beutel hat, wird ſie pro primo in Schillinge, pro secundo in Pennys und pro tertio in Heller theilen, ehe er es wagt, das letzte Scherflein auszugeben. Ich, Sir, folge dem Beiſpiele dieſes verſtaͤndigen Arithmetikers und ſuche, da ich, figuͤrlich geſprochen, nur Eine Idee habe, ſie dadurch duiſe Beſte zu benutzen, daß ich ſie entſetzlich zer⸗ theile.“ „Hol' Dich der Satan mit Deiner Einen Idee. War es ein wirkliches bona fide Frauenzimmer oder nicht? Sprich, Schuft, oder ſtirb.“ „Geduld, geehrter Sir, Ihr werdet meine Eine Idee noch ganz von Sinnen bringen. Ich denke, daß es ein Frauenzimmer war, ſintemalen ſie unwiderleg⸗ lich einen Frauenzimmerrock trug, und da, wie wir in Oxford zu ſchließen pflegten, der Menſch nur ein ent⸗ fernter Umſtand ſeiner Kleidung iſt, ſo kann man auch logiſch folgern, daß ein zweibeiniges Thier, welches einen Weiberrock traͤgt, ein Frauenzimmer iſt.“ „Nun, Schlingel, da Du die Species ausgemacht haſt, wirſt Du mir auch agen koͤnnen, wer das Indi⸗ viduum war. War ſie alt oder jung, oder von mitt⸗ lerem Alter, ſchwarz, weiß oder kupferfarbig?“ „Ich bin zu dem Glauben geneigt, daß ſie nicht alt war, da ſich mein junger Herr dicht genug an ihrer 11* 164 Seite hielt. Ich ziehe den logiſchen Schluß, daß ſie nicht von mittlerem Alter geweſen iſt, denn ſie trippelte einher wie ein kleiner Zephyr, und ich erklaͤre ſie auf das Nachdruͤcklichſte fuͤr jung, weil Maſter Langley gleich ſeinem Vater zuviel Verſtand beſitzt, um mit einer andern als einem huͤbſchen, bluͤhenden Maͤdchen von hoͤchſtens achtzehn Jahren Abendſpaziergaͤnge zu machen.“ „Haſt Du ihr Geſicht geſehen? Glaubſt Du die Dirne zu kennen?“ „Ich habe ihnen nicht nachgeſpuͤrt, Sir, das waͤre unter meiner Wuͤrde; aber ich glaube ohne Nach⸗ theil fuͤr meinen Ruf der Wahrhaftigkeit ſagen zu koͤn: nen, daß es das kleine ſtutzohrige Maͤdchen war.“ „Unmoͤglich, Gregor! ganz unmoͤglich! Ich habe ihm allen Verkehr mit der Familie verboten.“ „Hm,“ ſagte Gregor;„jetzt bin ich davon uͤber⸗ zeugt. In dieſem kritiſchen Augenblicke kehrte Langley von ſeinem Abendſpaziergange zuruͤck, und ſtolperte in ſeiner Zerſtreuung gegen Gregor Motte, deſſen Pfeife er in zahlloſe Stuͤcke zerſplitterte und wie gewoͤhnlich, wenn die Leute ſelbſt ſchuld ſind, ihm eine Breitſeite gab, weil er ihm im Wege geſtanden. Der Verluſt einer Pfeife galt damals fuͤr etwas Ernſthafteres als heutzutage das Bankerottmachen, da er ſich unter einer Mandel oder einem halben Schock Meilen nicht wieder erſetzen ließ. Gregor war aber ein Philoſoph und V Anſicht, Sir— aber ich habe meine Gruͤnde, die Dich 165 las die Stuͤcken mit großer Ueberlegung zuſammen, worauf er als weiſer Mann abmarſchirte, um zu ſehen, ob er die Sache nicht ausbeſſern koͤnne. „Wo biſt Du geweſen, Sir?“ fragte ſein Vater etwas ſcharf. „Spazieren, Sir,“ antwortete Langley. „Wo?“ „Am Fluſſe, Sir.“ „Mit wem?“ „Mit Miriam Habingdon, Sir.“ „Habe ich Dir nicht verboten, dem verwuͤnſchten Stutzohr wieder uͤber die Schwelle zu gehen?“ „Ich bin nicht uͤber ſeine Schwelle gekommen, Sir. Unſer Zuſammentreffen war vollkommen zufaͤl⸗ lig, obgleich ich geſtehe, daß wir nachher zuſammen ge⸗ gangen ſind. Ich habe ſie bis an die Thuͤr ihres Va⸗ ters begleitet, bin aber nicht eingetreten.“ „Schon gut. Ich glaube Dir, aber iſt es Dir nicht eingefallen, daß Du Dein Verſprechen— wenig⸗ ſtens den Geiſt Deines Verſprechens, wo nicht das Wort meines Gebotes brachſt?“ „Ei, Sir,“ antwortete Langley laͤchelnd,„ich ge⸗ ſtehe, daß es mir am Ende unſeres Spazierganges ein⸗ fiel, daß dies der Fall ſein koͤnne. Ich glaube aber wirklich nicht, daß es viel ſchaden kann, daß ich mir einen bloßen Zufall zu Nutze machte.“ „Das mag wohl ſein— vielleicht biſt Du der 166 nichts angehen, und womit ich Dich alſo nicht behelli⸗ gen werde. Ich habe meine Gruͤnde, Sir, um Dir zu verbieten, nicht nur in das Haus des Rundkopfes zu gehen, ſondern auch durch Zufall oder Abſicht mit einem Mitgliede der Familie, beſonders aber ſeiner Tochter, Umgang zu pflegen. Ich muß Dich alſo bitten, Sir, in Zukunft, wenn Du Miriam Habing⸗ don auf Dich zu kommen ſiehſt, Kehrt zu machen und Ferſengeld zu geben, als ob der Satan ſelbſt hinter Dir waͤre. Siehſt Du ſie einen andern Weg gehen, ſo mußt Du Dich kurz umwenden.“ „Und ihr folgen?“ ſagte Langley mit etwas un⸗ ehrerbietigem Lachen. „Nein, Sir— ich ſage Dir nein— Du mußt — Du mußt— geh zum Teufel!“ und der entruͤſtete Cavalier begab ſich nach Hauſe und zu Bette, da er ſich fruͤh niederzulegen pflegte, außer wenn er ein paar Zechgenoſſen von jenſeits des Fluſſes bei ſich hatte, die ihn wach erhielten. Wie ſich der Leſer erinnern wird, war es zwiſchen den beiden jungen Leuten freiwillig ausgemacht worden, daß ſie nicht wieder zuſammentreffen ſollten. Langley hatte ſich in die Uebereinkunft gefuͤgt, da die Gefuͤhle, welche er fuͤr Miriam hegte, nicht ſtark genug waren, um ihn zum Widerſtand gegen den Willen ſeines Va⸗ ters zu veranlaſſen.“ „Warum,“ dachte er, als er in jener Nacht auf ſeinem Kiſſen lag,„warum verbietet mein Vater ſo 167 heftig das, wozu ich keine Luſt habe? Er muß doch einen beſondern Grund fuͤr dieſe ungewohnte Anwen⸗ dung ſeines Anſehens haben!— und jetzt erinnere ich mich, daß er etwas von geheimen Motiven ſagte, Worin koͤnnen ſie beſtehen?“ 3 Und von Neuem kam der Gedanke uͤber ihn, daß ſein Vater die Moͤglichkeit eines Verhaͤltniſſes zwiſchen ihm und Miriam fuͤrchtete. Dieſes verſetzte ihn in Nachdenken uͤber die Wahrſcheinlichkeit eines ſolchen Ereigniſſes, und um den Gegenſtand leidenſchaftslos zu erwaͤgen, rief er ſich die einfache Kleidung und un⸗ ſtudierte Anmuth Miriams zuruͤck; er verweilte bei ihrer Froͤmmigkeit, die in ihrer Ausdrucksweiſe etwas Poetiſches hatte, ihrer Blumenliebe, die ſo ſehr von einem reinen Geſchmack und zarter Empfindung zeugte; von dieſen machte ſein Gedaͤchtniß einen ſehr natuͤr⸗ lichen Uebergang und beſchwor, im Verein mit ſeiner Phantaſie, ein lebhaftes, uͤbertriebenes Gemaͤlde ihres uͤppigen kaſtanienbraunen Haares herauf, das ſich um die ſchneeweiße Wange kraͤuſelte, welche nie bluͤhte, außer wenn ihr Herz ſchnell klopfte und ihre großen, ſinnenden, durchdringenden Augen, dee zuweilen, trotz ihrer ſelbſt, von andern Freuden als denen des Himmels. erglaͤnzten. 7 1 Das Ende davon war, daß Maſter Langley zu denken begann, daß ſein Vater einigen Grund fuͤr ſeine Beſorgniſſe haben koͤnne und eine ſtrenge Selbſterfor⸗ 168 ſchung anſtellte, welche den Schluß, daß die Sache moͤg⸗ lich ſei, zur Folge hatte. Mitten unter dieſen Gedanken laͤßt ſich nicht leugnen, daß ein Gefuͤhl der Widerſetzlichkeit gegen die unvernuͤnftigen Anſpruͤche der vaͤterlichen Gewalt in der Bruſt des Sohnes erwachte. „Wie koͤnnen Diejenigen,“ fuhr Langley in ſeinem ſtillen Selbſtgeſpraͤche fort,„wie koͤnnen Diejenigen, welche, wie mein Vater, die ſklaviſche Lehre des blin⸗ den Gehorſams verachten gelernt haben, die Anwendung dieſes Grundſatzes auf einen tyranniſchen Koͤnig leug⸗ nen, und ihn auf einen tyranniſchen Vater anwenden! Ich bin ein Mann, ich denke und ziehe Schluͤſſe. Mir ſelbſt uͤberlaſſen, kann ich in Gefahr und Schwierig⸗ keiten fuͤr mich Sorge tragen. Ich bin uͤber das Alter der Zuͤchtigungen hinaus. Man ſollte mir nicht mehr Befehle geben. Sollen vernuͤnftige Weſen, wenn ſie in ihren Neigungen, Anſichten und Grundſaͤtzen von einander abweichen, einander die Koͤpfe zerſchlagen, oder wenn ſie im Verhaltniſſe von Eltern und Kin⸗ dern ſtehen und die Letzteren zu den Jahren der Ver⸗ nunft gekommen ſind— ſoll der Vater dann noch nach Belieben befehlen, und der Sohn gegen die Gefuͤhle ſeines Herzens und die Ueberzeugungen ſeines Verſtan⸗ des gehorchen? Wo endet denn die Gewalt des Va⸗ ters und wo beginnt die Freiheit des Kindes? Das Geſetz ſagt: mit Einundzwanzig— aber es liegt hier keine Geſetzesfrage vor— hm— hm— hm“— 169 hier begann er ſchlaͤfrig zu werden.„Der Unterſchied zwiſchen dem, was vernuͤnftig, und dem, was es nicht iſt, waͤre ſicher deutlich genug, wenn man ihn nur ſehen koͤnnte; aber die Grenzen koͤnnen ſich ſo in einan⸗ der verwaſchen wie Schwarz und Weiß, daß ſich unmoͤg⸗ lich ſagen laͤßt, wo das Eine beginnt und das Andere aufhoͤrt.“ Hiermit ſchlief Langley ein und traͤumte wieder von dem kleinen Stutzohr. Genau in demſelben Augenblicke, wo der Cavalier ſeinen Sohn haranguirte, verhoͤrte der Rundkopf ſeine Tochter in einem andern Style, aber in demſelben Geiſte und uͤber denſelben Gegenſtand. Ein weiterer Beweis, daß die Schickſale der beiden jungen Leute an derſelben Spindel geſponnen waren. Er fragte ſie mit einer kalten Gravitaͤt, die eine Spur von Unfreundlichkeit hatte— einem von ſeinem Herzen weit entfernten Gefuͤhle, denn er liebte ſeine Tochter faſt eben ſo ſehr, wie ſeinen eignen halsſtarri⸗ gen Willen,— wo ſie geweſen ſei. Miriam gab ohne Zaudern und ohne daß ein Er⸗ roͤthen ihre Wahrhaftigkeit angeklagt oder ein ſchlum⸗ merndes Gefuͤhl verrathen haͤtte, die einfache Wahrheit an. Die Mutter, welche zugegen war, ſah mit rich⸗ tigem Fraueninſtinct, daß es eine ganz gewoͤhnliche Geſchichte ſei; aber der Vater, der nur zu gern den Zuͤgel anzog, wenn das Roß auch keine Neigung zum 179 Durchgehen bewies, nahm davon Anlaß, ſeine Miß⸗ billigung ihres einſamen Umherſchweifens kund zu geben.. „Glaubſt Du, daß Gefahr vorhanden ſei, Vater?“ fragte Miriam.„Wenn Du es thuſt, ſo werde ich nicht wieder allein ausgehen, obgleich ich geſtehe, daß ich die ſtillen Sommerabende am Fluſſe liebe, die mich ſo beruhigen und ſo viele angenehme Gedanken in mir erregen.“ „Miriam,“ entgegnete Harold,„weißt Du nicht, daß es fuͤr die Jugend gefaͤhrlich iſt, ſich der Einbil⸗ dungskraft hinzugeben? Sie lockt uns von dem Pfade ab, den wir auf unſrer traurigen Pilgerreiſe zu wan⸗ dern beſtimmt ſind, und leitet uns, ſo rauh er auch iſt, auf einen noch ſchlimmern unter Dornen und Diſteln.“ „Aber, Vater, leitet er uns nicht zuweilen unter die Roſen, ſo gut wie unter die Dornen?“ „Ja, Tochter, um ihren Duft auf einen Augen⸗ blick einzuathmen und Jahre lang an der uns zugefuͤg⸗ ten Wunde zu leiden. Die Pilger dieſer Welt ſind mit dem, was wirklich exiſtirt, nicht aber mit dem, was keine Exiſtenz hat, zu kaͤmpfen beſtimmt, und Diejenigen, welche, wie die Profanen ſprechen, Schloͤſſer in die Luft bauen, werden durch deren Fall zerſchmettert. Das war es aber nicht, was ich Dir eben ſagen wollte. Mein Zweck war vielmehr, Dich vor dem Verkehr mit jenem gottloſen und unglaͤubigen Juͤnglinge Langley Tyring⸗ ham zu warnen.* 171 „Unglaͤubig, Vater!“ rief Miriam.„Ich ver⸗ kehre nicht mit ihm. Unſre Begegnung war, wie ich Dir ſagte, zufaͤllig und wird ſich nicht wiederholen; ſein Vater hat ihm verboten, hierher zu kommen.“ Dieſe Nachricht beruͤhrte Harold unangenehm. Allerdings ſtimmte ſie mit ſeinen Wuͤnſchen vollkom⸗ men uͤberein, aber er fuͤhlte ſich tief gekraͤnkt, daß die erſte Bewegung nicht von ihm ausgegangen war. Er antwortete jedoch in ſeinem gewohnten gemeſſenen Tone ohne aͤußern Anſchein von Zorn: „Du darfſt den jungen Mann nicht wiederſehen, Miriam, meine Tochter, willſt Du Deine Gedanken mit Demjenigen vermiſchen oder Gemeinſchaft mit Dem halten, welcher weder Mitgefuͤhl fuͤr das uns wider⸗ fahrene Unrecht, noch Achtung fuͤr unſern Glauben, noch Theilnahme an unſern Leiden empfindet? Sicher⸗ lich wird die Enkelin Iſrael Baneswrights, des Maͤr⸗ tyrers, dies nicht zu thun wuͤnſchen, und ich erklaͤre Dir, daß, ſo lange ich lebe,— außer im Falle der hoͤchſten Noth— wenn ich es verhindern kann, Du ihn nicht mehr ſehen, noch ſprechen ſollſt.“ „Ich wuͤnſche es nicht, Vater,“ antwortete Mi⸗ riam etwas truͤbe,„Deine Wuͤnſche ſollen meine Wuͤnſche ſein. Ich habe Deinem Willen noch nie den Gehorſam verſagt und werde es auch hoffentlich nie thun.“ Harold war trotz ſeiner, wenigſtens aͤußern 172 Strenge, von dem Gehorſam ſeiner Tochter beſaͤnftigt und ſagte freundlich zu ihr: 3 „Nun geh zur Ruhe, mein Kind, und ſchließe Deine Augen wie jene Blume, die ihre Blaͤtter vor dem Thau der Nacht verſchließt. Empfiehl Dich dem Himmel und ſchlummere in Frieden.“ Mirriam ſchlief nicht in Frieden. Der ruhige Strom ihrer unſchuldigen Gedanken, der bisher faſt ohne Kraͤuſeln oder Murmeln dahin gefloſſen, war auf⸗ geregt worden. Sie dachte bei ſich: „Gewiß kann der Geiſt unſers Glaubens nicht der der Gnade und Verzeihung ſein, ſonſt wuͤrde mein Vater keine ſolche Erbitterung gegen den armen Langley hegen. Ich bin uͤberzeugt, daß er uns nie verfolgt oder verleumdet hat, dafuͤr iſt er zu edel und groß⸗ muͤthig. Obgleich ich geſtehe, daß ich nicht eher viel an ihn gedacht habe, als bis mir verboten wurde, ihn zu ſehen. Ich habe nie von ſo etwas getraͤumt, aber jetzt, wo er es mir in den Kopf geſetzt hat, werde ich ſchwerlich an etwas Anderes denken koͤnnen. Kann es moͤglich ſein, daß Langley mich zu— zu— welcher Unſinn! aber wenn er es nicht thut, wie ſonderbar iſt es da, daß mein Vater mir verbietet, ihn zu heirathen, wozu doch nie Ausſicht vorhanden iſt.“ Der aufmerkſame Leſer wird ſich erinnern, daß Harold kein Wort vom Heirathen geſprochen hatte; aber ſo lag ſie Stundenlang da und traͤumte von Liebe und 173 Heirath und Tyringham— eine hoͤchſt gefaͤhrliche Ideenverkettung! Endich ſchlief ſie ein; auf ihrem Herzen lag jedoch ein Gewicht, ohne daß ſie genau zu ſagen gewußt haͤtte, woher es kam: ob von der Strenge ihres Vaters, oder ſeinem Widerwillen gegen einen ſo guten jungen Mann. Veuntes Kapitel. Eiin großes Ereigniß wird durch ein großes Gaſtmahl ge⸗ feiert.— Umwandelung eines wilden Schweinskopfs.— Ein Poͤckling zu Pferde.— Wie ſich das Fleiſch veraͤndern kann.— Welch eine Suͤnde es iſt, ſich auf unſerer boͤſen Welt luſtig zu machen. An dem Morgen nach dieſen entſchiedenen Ma⸗ noͤvern des Cavaliers und des Rundkopfes ſaß der Er⸗ ſtere unter ſeinem Vordache, wie es ſchien, in tiefe Betrachtungen verſunken, die durch einen ploͤtzlichen Ruck des Koͤrpers, eine Erhebung des Kinns und ein entſchloſſenes Zuſammenpreſſen der Lippen, welches an⸗ zeigte, daß er ſich etwas feſt vorgenommen habe, unter⸗ brochen wurden. Nach einem Augenblicke ſchrie er mit lauter Stimme: „Gregor Motte!“ „Sir le⸗ „Komm her, ich habe mit Dir zu ſprechen.“ „Hier bin ich, Sir, in puris naturalibus— das heißt in eigner Perſon.“ „Gregor, weißt Du, daß Langley naͤchſten Freitag muͤndig wird?“ 4 „Ein ungluͤcklicher Tag, Sir! Ich danke meinem 175 Sterne, daß ich am 29. Februar geboren bin, der ſo zu ſagen gar kein Tag iſt, und daher auch nicht ungluͤck⸗ lich genannt werden kann.“ „Pah, ſchwatze nicht, Sir, ſondern merke auf. Ich gedenke bei dieſer Gelegenheit ein großes Gaſtmahl zu geben.“ „Lieber nicht, Sir! Maſter Langley iſt ſchon et⸗ was hartmaͤulig, und verlaßt Euch darauf, daß er, wenn Ihr ihm einmal die Toga anlegt, das Gebiß zwiſchen die Zaͤhne nehmen und am Ende gar gerade in die Arme der kleinen ſtutzohrigen Dirne laufen wird.“ „Das hat keine Gefahr, Gregor. Hat er nicht verſprochen, dem Hauſe nicht zu nahe zu kommen, und Du weißt ſo gut, wie ich, daß er ein Mann von Wort iſt.“ „Sir, im Laufe meiner Studien und Beobachtun⸗ gen der Menſchen, Sitten und Gebraͤuche, ſo wie der Inſtincte der Thiere, habe ich ſtets bemerkt, daß Alle, Menſchen wie Vieh, ein gottloſes Geluͤſten nach verbo⸗ tenen Fruͤchten haben, ſo daß ich der vollen Ueberzeu⸗ gung bin, daß ſie, wenn man ihnen geſtattete, zu thun, was ſie wollen, nie uͤber ihre Grenzen hinausgehen wuͤrden.“ „Ein hoͤchſt logiſcher Schluß und des beruͤhmten wilden Schweins, das einen Band des Ariſtoteles ver⸗ ſchlang, wuͤrdig. Laß ſie von allem Zwange frei, ſo werden ſie nicht mehr gezwungen zu werden brauchen. Iſt es nicht ſo?— Aber hore auf mit Deinem Un⸗ 176 ſinn, ich bin entſchloſſen, dieſen gluͤcklichen Tag mit einem großen Eſſen zu feiern. Erſtlich lade ich ein—“ „Den Rundkopf wahrſcheinlich, denn er iſt außer uns der einzige Chriſtenmenſch auf zwanzig Meilen in der Runde, wenigſtens diesſeits des Fluſſes.“ „Nein, Sir, nicht den Rundkopf. Nennſt Du ihn einen Chriſtenmenſchen? Ei, der Burſche glaubt nicht einmal an die Biſchoͤfe. Ich will den Gouver⸗ neur mit ſeinem Rathe, den Obergeneral, den Richter, den Doctor und den Pfarrer einladen, der, wie Du weißt, Keiner von den Waſſer trinkenden Diſfentern iſt.“ „Nein, er diſſentirt niemals von gutem Weine, iſt mit einer Bowle Punſch voͤllig conform und ver⸗ ſchluckt die neununddreißig Artikel in eben ſo vielen Glaͤſern.“ „Halt das Maul! Wer hat ein beſſeres Recht, zu trinken, als ein Mann mit einem ruhigen Gewiſſen? Aber ich bin entſchloſſen, das Gaſtmahl ſtattfinden zu laſſen; ſchaffe alſo ohne Saͤumen Mundvorrath herbei. Laß ſehen— ah— ja— einen Hirſchziemer an bei⸗ den Enden.“ 1] „Erlaubt, Sir,“ unterbrach ihn Gregorz„ich wuͤrde achtungsvoll und ehrfurchtsvoll einen Wild⸗ ſchweinskopf an einem Ende des Tiſches mit einer Citrone im Maule und bei dem zweiten Gange einen Poͤkling zu Pferde empfehlen, nach der guten alten Mode des Koͤnigs Brutus und ſeiner tapfern Trojaner, 177 die von gewiſſen griechiſchen Philoſophen begleitet, nach Britannien kamen und an einem Orte, Namens Belloſitum, ſpaͤter Oxenfurt, anlangten, wo ſie ſich an Wildſchweinfleiſch erlabten und elfhundert Jahre vor der chriſtlichen Zeitrechnung den Grund zu jenem alten Sitze der Gelehrſamkeit legten.“ „Ich will verdammt ſein, wenn ich ein Wort davon glaube, aber ich habe nichts gegen den Schweins⸗ kopf und den Poͤkling zu Pferde einzuwenden, denn ich denke, daß der Letztere in dieſer Gegend ein neues Ge⸗ richt ſein wird. Deshalb aber glaube ich doch nicht an Koͤnig Brutus und ſeine tapfern Trojaner. Warum gehſt Du nicht zu Deiner Lieblingsaera der Schoͤpfung zuruͤck, das waͤre ein vortrefflicher Ausgangspunkt.“ „Ihr glaubt es nicht, guter Sir; wenn Ihr in Orford einen ſolchen Zweifel ausgeſprochen haͤttet, ſo wuͤrde man Euch relegirt haben, wie neulichſt den gro⸗ ßen Locke. Ihr haͤttet zu der Zeit bluͤhen ſollen, wo das Studium des Griechiſchen noch fuͤr Ketzerei und so legit und ego currit fuͤr gutes Latein galt.-⸗ Der Cavalier ſchien auf dieſe von ſeinem Diener ausgekramte Gelehrſamkeit nur wenig zu achten. Er ſaß mehrere Minuten lang, wie es ſchien, zerſtreut da, begann dann mit dem Kopfe zu nicken und ſich die Haͤnde zu reiben und endlich die Ruͤckſeite ſeiner rechten Hand ſchnell uͤber ſeine Naſenſpitze hin⸗ und herzuſtrei⸗ chen, wie er zu thun pflegte, wenn ihn eine angenehme Idee kitzelte. Die Jochter des Puritaners. I. 12 4 4 178 „Ja, Motte, das waren ſchoͤne Zeiten in Orford — nicht wahr? Erinnerſt Du Dich des Freuden⸗ feuers, das wir trotz der rundkoͤpfigen Pedelle am Ge⸗ burtstage des Prinzen vor dem Collegium anzuͤndeten?“ „Und erinnert Ihr Euch,“ ſagte Gregor,„des Complotts der Studenten, die rundkoͤpfige Beſatzung zu verjagen?“ „Ja, und daß Du Dich in Duͤnnbier betrankſt, auf Deinem Lieblingsſitze, der letzten Hellerbank ein⸗ ſchliefſt, und als Dich die Morgenkanone erweckte, ſo erſchrocken warſt, daß Du das ganze Geheimniß ver⸗ rietheſt?? „Das war ein Gluͤck fuͤr Euch Alle, denn wenn wir unſer Complott ausgefuͤhrt haͤtten, wuͤrden wir von den ſtutzohrigen Eiſenfreſſern gewaltig gedroſchen und die Ueberlebenden ohne Widerrede fortgejagt worden ſein. Ich klatſchte aus reiner Menſchlichkeit, Sir.“ „Schon recht, es mag ſo ſein. Jetzt geh und triff Deine Vorbereitungen und merke Dir, daß es an nichts mangeln darf.“ „Sie ſollen ſo viel haben, als ſie hinunterbringen konnen, Sir.“ „Sechsmal ſo viel, Gregor; es geziemt einem vir⸗ giniſchen Pflanzer und einem Cavalier dazu nicht, ſeine Gaͤſte an etwas Mangel leiden zu laſſen; aber jetzt faͤllt mir ein, wo zum Henker ſoll der Schweinskopf her⸗ kommen?“ „Sir,“ ſagte Gregor ſa vhabt Ihr je vcfumde 179 daß ich etwas vorſchlug, was ſich nicht ausfuͤhren ließ? Ihr wißt, daß ſich eine Menge von Schweinen in den Wald verlaufen haben und in jeder Hinſicht wild ge⸗ worden ſind. Schickt Euern Foͤrſter hinaus, um eines davon zu ſchießen; ob es ein Eber oder eine Bache iſt, thut nichts zur Sache; wenn es ihm nicht gelingen ſollte, ſo werde ich hingehen und einen Stoͤr fangen und deſſen Kopf auf den Tiſch ſetzen. Wenn Ihr den Gaͤſten vor Tiſche gehoͤrig Punſch einſchenkt, ſo werden ſie den Unterſchied nicht bemerken.“ „Gut— recht, Gregor, und wenn irgend Einer außer dem Gouverneur und dem Pfarrer zweifelt, daß es ein Schweinskopf iſt, ſo fordere ich ihn. Gehe alſo jetzt an's Werk, und ich werde Mrs. Tyringham uͤber die Puddings zu Rathe ziehen. An jedem Ende des Tiſches muß ein Plumpudding ſtehen und in der Mitte zwei.“ Die Gaͤſte wurden gebeten, die Einladung ange⸗ nommen, von Allen mit Ausnahme des Gouverneurs, der am Podagra litt— denn wenn Leute in weiter Ferne von einander wohnen, ſo beſuchen ſie ſich ſtets gern.— Das Wildſchwein wurde nicht geſchoſſen und der Poͤkling zum Fahren bereit auf's Pferd geſetzt. Die gute Mrs. Tyringham laͤchelte uͤber den Schweins⸗ kopf und den Poͤkling und wagte einen Zweifel in Be⸗ zug auf die ſechs Plumpuddings, als vernuͤnftiges Frauenzimmer ſtimmte ſie aber ruhig jedem nicht und vernuͤnftigen Vorſchlage, der ihrem Gatten behagte, bei. 12* 180 Endlich erſchien der Tag und mit ihm die Gaͤſte, die damals zeitig zu kommen gewohnt waren, um durch Punſchlibationen ihren Appetit fuͤr das Mittagseſſen zu ſchaͤrfen, da das unvergleichliche Getraͤnk, der Mint⸗ julep noch nicht entdeckt war.— Gregor Motte befand ſich unter den Unſterblichen. Er hatte beſchloſſen, den Tag, wo ſein junger Herr muͤndig wurde, koͤniglich zu feiern; erſtlich, weil er eine große Zuneigung fuͤr den jungen Mann hegte, zwei⸗ tens, weil er noch groͤßere Anhaͤnglichkeit fuͤr gute Ge⸗ traͤnke beſaß, und er begann daher als kluger Mann bei Zeiten, und war, ehe es an's Eſſen ging, ſo leid⸗ lich mit Ballaſt verſehen. In dem Augenblicke, wo die Gaͤſte durch die eine Thuͤr des Speiſezimmers eintraten, erſchien Gregor nach vorheriger Uebereinkunft mit ſeinem Herrn in der an⸗ dern mit dem Schweins⸗ oder vielmehr Stoͤrkopfe, der auf das Kuͤnſtlichſte maskirt war, auf einer Schuͤſſel und ſang einen Vers aus einem alten Univerſitaͤtsliede, welcher folgendermaßen lautete: Den Schweinskopf in der Hand trag' ich, Geziert mit Lorbeer'n und Rosmarich. Seit luſtig, ihr Herren, das bitt' ich, Quotquot estis in convivio! welcher mit großem Beifall aufgenommen wurde. Der Obergeneral, der in ſeiner Jugend einen Feldzug in Deutſchland mitgemacht hatte, erhielt zuerſt vorgelegt, da ſich Mrs. Tyringham, wie es bei guten 181 Hausfrauen oft der Fall iſt, mit der Anfertigung der ſechs Plumpuddings ſo angeſtrengt hatte, daß ſie mit Kopfſchmerzen zu Bett gehen mußte. Bei dem erſten Biſſen legte der alte General Meſſer und Gabel kreuzweis uͤber einander und machte ein zweifelhaftes Geſicht. Der Nichter verſuchte es zwei Mal, um, ſo zu ſagen, beide Seiten zu hoͤren. Der Doctor machte ein Geſicht, als ob er eines von ſeinen eignen Recepten verſchlungen haͤtte, und der Pfarrer ſah aus, als haͤtte er einen Jeſuiten oder Pres⸗ byterianer verſchluckt. Maſter Tyringham wußte nicht, ob er lachen oder boͤſe ſein ſollte; Langley, der nicht im Geheimniſſe war, wunderte ſich uͤber die allgemeine Enthaltſamkeit. Gre⸗ gor ſtopfte eine Serviette in den Mund und die ſchwar⸗ zen Aufwaͤrter zeigten eine ungeheure Quantitaͤt von Elfenbein. Der Obergeneral koſtete von Neuem und legte dann wieder ſeine Waffen nieder. „Es iſt verdammt fiſchig, ich bitte um Verzeihung, daß ich in Eurer Gegenwart geflucht habe, Pfarrer,“ ſagte er, ſich zu dem hochwuͤrdigen Mr. Treuherz, der neben ihm ſaß, wendend. „Wahrlich, es hat einen alten und fiſchigen Ge⸗ ruch,“ antwortete dieſer aus Shakeſpeare. „Ja, und auch Geſchmack,“ ſagte der General. „Ich habe in Boͤhmen mehr als einmal Schweinskopf gegeſſen, aber ich ſchwoͤre, daß er nicht geſchmeckt hat 182 wie dies. Hoͤrt, Tyringham, woher iſt dieſer Eber ge⸗ kommen?“ .„Nun, Gregor ſagt, daß er irgendwo dort im Walde geſchoſſen worden ſei.“ „ Ich ſollte eher denken, es waͤre im Fluſſe ge⸗ ſchehen, denn, unter uns geſagt, er ſchmeckt mehr nach Fiſch als nach Fleiſch.“ „Erlaubt, Herr Obergeneral, er iſt nach der Art des Koͤnigs Brutus und ſeiner tapfern Trojaner mit Krebsſauce angerichtet. Ueberdies, Sir, kommen die Wildſchweine hier oft an den Fluß herab, um Muſcheln und Schnecken zu freſſen, was ihnen mitunter einen Fiſchgeſchmack giebt.§ „Das iſt eine merkwuͤrdige Erſcheinung in der Naturgeſchichte, Mr. Treuherz. Ihr liebt dergleichen Studien und ſolltet daher die Sache genauer unterſu⸗ chen 6 fluͤſterte der General ſeinem Nachbar zu. 8 Jetzt ging aber ein allgemeines Kichern am Tiſche umher und der Cavalier begann zu bemerken, daß ſich der Spaß gegen ihn wendete, beſonders als der Doc⸗ tor rief: „Ein Stoͤrkopf— bei allen Göttern!“ und in ein wieherndes Gelaͤchter ausbrach. Er uͤberlegte in ſeinem Innern, ob er den Doctor fordern, Gregor zum Suͤndenbock machen oder ein ehrliches Geſtaͤndniß able⸗ gen ſollte. Da er muthig und großmuͤthig war, ent⸗ ſchied er ſich fuͤr das Letztere und erzaͤhlte die ganze Geſchichte. 183 Der Stoͤrkopf veranlaßte, ſtatt die Harmonie der Geſellſchaft zu unterbrechen, nur noch allgemeinere Hei⸗ terkeit. Gregor wurde unbarmherzig uͤber den Schweins⸗ kopf und den Poͤkling zu Pferde geneckt, waͤhrend der Obergeneral davon Anlaß nahm, die Geſchichte eines engliſchen Dieners, den er einmal gehabt, zu erzaͤhlen, wie dieſer einmal nach einem Schafskopf geſchickt wor⸗ den war und ſtatt des ſogenannten Fiſches den Kopf eines ſchoͤnen alten Widders mit praͤchtigen Hoͤrnern gebracht hatte. Gregor ſtand aber gegen das Feuer wie ein Held, ſtaͤkkte ſeinen Muth bei jedem neuen Schuſſe mit einem neuen Glaſe Punſch und zog endlich mit fliegen⸗ den Fahnen ab. Der uͤbrige Theil des Mittagseſſens war vortreff⸗ lich. Das Wildpret und der wilde Truthahn entſchaͤ⸗ digten reichlich fuͤr den Stoͤrkopf, der Kohl mit Speck wurde mit allen Ehren eines Nationalgerichtes aufge⸗ nommen und die Plumpuddings fanden allgemeinen Beifall. Dem armen Langley wurde ſo oft zugetrun⸗ ken, daß er endlich Alles um ſich her vergaß und auf ſeinem Stuhle einſchlief, worauf der Cavalier der Ge⸗ ſellſchaft zublinzelte und ſagte: „Jetzt, da ſich der alte Herr entfernt hat, wollen wir junge Burſchen freie Nacht, machen. Der Doctor ſoll einen Toaſt und eine Geſundheit ausbringen.“ Der Meiſter der ſieben freien Kuͤnſte, der ſich auf ſeine Stimme etwas zu Gute that, brachte„Kirche und 184 Koͤnig“ aus und ließ darauf Ben Johnſons vortreffli⸗ ches⸗ Lied: R Trink mir nur mit Deinen Augen zu, ꝛc.“ folgen, welches er mit großer Salbung ſang, aber den Chor ſo oft wiederholte, daß der Obergeneral endlich ausrief: 4 „Doctor, wie viele Augen hatte die Dame? Ich glaube, ſie hat ihrer ſo viele gehabt wie eine Lamprete, denn Euer Lied hat ſo viele Augen wie ein Pfauen⸗ ſchwanz.“. „ Ja,“ ſagte der Doctor gutlaunig,„ſie ſah dop⸗ pelt, wie Einige unter der gegenwaͤrtigen Geſellſchaft, die nicht genannt werden ſollen.“ Der General wurde ausgelacht und mit einem ungeheuern Becher beſtraft, weil er das Lied unterbro⸗ chen, und um ſkrupuloͤſen Leuten nicht durch weitere Einzelnheiten Anſtoß zu geben, wollen wir nur ſagen, daß das Gelag bis tief in die Nacht dauerte, und der Morgen uͤber einer Geſellſchaft von Herren aufging, die friedlich auf ihren Stuͤhlen ſchliefen. Weniger als zwoͤlf Stunden darauf erfuhr Harold Habingdon und ſeine Familie die ganze Geſchichte von der Gaſterei durch den Telegraphen oder auf irgend eine andere Art. Es hieß, daß der alte Cavalier gottloſer Weiſe die Perruͤcke des Pfarrers angezuͤndet und dieſer dabei geflucht habe wie ein Landsknecht, daß der Rich⸗ ter nicht nur auf ſeiner Bank eingenickt, ſondern ſogar 185 koͤpflings unter den Tiſch geſchoſſen ſei, daß der Ge⸗ neral mit dem Degen in der Hand die Flaſchen und Glaͤſer vom Tiſche geſchlagen und der Doctor ſo ge⸗ meine und unanſtaͤndige Lieder geſungen habe, daß Mrs. Tyringham gezwungen geweſen ſei, den Tiſch zu ver⸗ laſſen. Endlich haͤtte auch Maſter Langley den Tag ſeiner Muͤndigkeit damit gefeiert, daß er ſich ſuperla⸗ tiv betrunken und eine Schlacht mit Gregor Motte ausgekaͤmpft habe. Harolds Abneigung gegen den alten Cavalier wurde durch dieſe Geruͤchte bis zum Ekel erhoͤht, denn das Trinken war ſeine Antipathie, obgleich er ſeiner⸗ ſeits dem guten Eſſen zugethan, und ſtets etwas aͤrger⸗ lich war, wenn das Mittagsmahl nicht gut gekocht auf den Tiſch kam. Auch Miriam war ungemein entruͤſtet uͤber Lang⸗ ley Tyringhams Suͤnden, trotzdem daß ſie kein Recht zum Zorne gegen ihn hatte. Was war er ihr, oder ſie ihm?— nichts. Sie ſollten einander in Zukunft fremd ſein und es war auf der Welt kein Grund vor⸗ handen, weshalb ſie ſich auch nur eines Strohhal⸗ mes Werth darum kuͤmmern ſollte, wenn er ſich taͤglich betrank. Deſſenungeachtet war ſie erzuͤrnt und betruͤbt. „Es war ſehr ſchade,“ dachte ſie,„daß ſich ein ſo talentvoller Juͤngling ſo wegwarf, daß er ein ab⸗ ſcheuliches, thieriſches Laſter annahm.“ Beſonders als 186 ihre Phantaſie ſich ausmalte, wie er in der Trunken⸗ heit mit Gregor Motte kaͤmpfte, wendete ſie ſich em⸗ poͤrt von ihm ab und beſchloß nicht mehr an ihn zu denken. Ob ſie dieſen Entſchluß hielt, wird der zweite Band zeigen. Zehntes Kapitel. Eine in den erſten Anſiedelungen der neuen Welt nicht un⸗ gewoͤhnliche Scene.— Halsſtarrigkeit des Rundkopfes.— Ein Blutbad und eine Belagerung.— Unvergleichliche Hel⸗ denthat Gregor Motte's.— Langley zeichnet ſich aus.— Ein Regenguß und ſeine Folgen.— Ein Schauſpiel und eine Betrachtung. Einige Jahre vor der Zeit unſrer Geſchichte war ein kleiner Indianerſtamm von den ſiegreichen Iroke⸗ ſen faſt gaͤnzlich ausgerottet worden, und die wenigen Ueberlebenden hatten bei den Indianern des Suͤdens Zuflucht geſucht und gefunden. Unter ihnen befand ſich ein kleiner Knabe, der krank und durch eine lange, muͤhſelige Reiſe erſchoͤpft, unterwegs zuruͤckblieb und endlich in die Haͤnde Maſter Tyringhams fiel, wo er zum Gefaͤhrten des damals etwa gleich alten Langley wurde. Er machte ſich allmaͤhlig beliebt und nahm an Langley's Studien, Beluſtigungen und Beſchaͤfti⸗ gungen Theil, bis endlich kaum mehr ein Unterſchied in der Behandlung des Sohnes des weißen Mannes und des indianiſchen Knaben ſtattfand. Sie erlangten große Zuneigung fuͤr einander und haͤtten, wenn die 188 Verſchiedenheit der Farbe nicht geweſen waͤre, fuͤr Bruͤ⸗ der gelten koͤnnen. Etwa in ſeinem ſechzehnten Jahre war Langley nach der Hauptſtadt zu einem Freunde ſeines Vaters geſendet worden, um durch den Verkehr mit der klei⸗ nen Gemeinde, unter welcher ſich viele Perſonen von feiner Erziehung befanden, von denen einige ſogar in ihrer Zeit an Hoͤfen figurirt hatten, ſeine Sitten ein wenig abzuſchleifen. Verſchiedene Umſtaͤnde hinderten den Indianer⸗ knaben, ihn zu begleiten, und er wurde zuruͤckgelaſſen. Von dieſem Augenblicke an ward er traurig und un⸗ zufrieden, er beachtete ſeine Studien nicht mehr, ſo daß Gregor Motte weiſſagte, daß das indianiſche Blut in Wallung gerathen und die Natur fuͤr die Angewoͤh⸗ nung zu ſtark geworden ſei. Seine Tage vergingen unter Wanderungen durch die Waͤlder oder Kahnfahr⸗ ten auf dem Fluſſe und endlich verſchwand er, um nie wiederzukehren. Als Gregor einige Tage nach der im vorigen Ka⸗ pitel erzaͤhlten Scene fruͤh den Wald nach wilden Trut⸗ haͤhnen abſuchte, wurde er durch das ploͤtzliche Erſchei⸗ nen eines Indianers, der ihm waffenlos und mit Zei⸗ chen des Friedens nahte, halb zu Tode erſchreckt. Ob Greger ihn verſtand oder nicht, iſt eine Frage; ſo viel aber iſt gewiß, daß in dieſem Augenblicke ſeine Flinte losging, gluͤcklicher Weiſe jedoch, ohne Unheil anzu⸗ 189 ſtiften. Der Wilde naͤherte ſich ihm noch immer und ſagte endlich laͤchelnd: „Eure Flinte iſt behext, Maſter Gregor.“ Gregor zitterte wie ein Espenblatt und antwortete nur durch Zaͤhneklappern, und Jener fragte darauf: „Kennt Ihr mich nicht?“ „Nein,“ ſagte Gregor, durch ſeine ſanfte Stimme und friedliche Haltung wieder etwas beruhigt;„nein, meine Bekanntſchaft unter Herren von Eurer Farbe iſt nicht ſehr ausgedehnt.“ „Das iſt ſonderbar, ich war einſt ein Schuͤler von Euch.“ „Ha!“ ſprach Gregor, ihn aufmerkſam betrach⸗ tend,„ein Schuͤler von mir?— Laßt Euch anſehen, aber kommt mir keinen Schritt naͤher. Ei— ei— wenn es nicht unſer indianiſcher Junge iſt, ſo bin ich ein blinder Kaͤfer. Wo kommt Ihr her— wo geht Ihr hin, und was bringt Euch hierher, nachdem Ihr meinem Herrn einen ſolchen Streich geſpielt habt, Ihr undankbarer Wilder?“ „Ja, ich bin ein Wilder und will Euch nach Art meiner Heimath Etwas ſagen. Merkt auf. Ich ſehe eine ſchwarze Wolke am Himmel.“ „»Wo?“ ſagte Gregor, in die Hoͤhe blickend;„ich ſehe keine.“ 7 „Nein— das Langmeſſer ſchlaͤft— er ſieht Nichts. Die Wolke wird bald brechen und dann wird er zu ſpaͤt erwachen.“ 89 190 „Was meint Ihr damit? Koͤnnt Ihr nicht wie ein Chriſtenmenſch ſprechen?“ „Der große Geiſt iſt zornig auf die Langmeſſer — wenn die naͤchſte Sonne hoch dort druͤben ſteht, ſo wird er in Blut und Feuer mit ihnen ſprechen.“ „Die Peſt uͤber den metaphoriſchen Hallunken,“ dachte Gregor;„er iſt ſo dunkel wie ein heidniſches Orakel. Sprecht gerade heraus, ſage ich, ich kann Euer Rothwaͤlſch nicht verſtehen, es iſt Alles Griechiſch fuͤr mich.“ „Der Indianer ſpricht auf ſeine Weiſe und das Bleichgeſicht auf ſeine; aber ich will mit der doppelten Zunge zu ſprechen ſuchen. Lauft— fliegt wie der Hirſch zu Euerm Herrn und ſagt ihm von mir, daß heute— um die Mitte des Tages— wenn der weiße Mann von ſeiner Arbeit ausruht, der rothe Mann aus den Waͤldern wie hungrige Woͤlfe hervorſpringen und Alle auf Eine Mahlzeit verzehren wird. Sagt ihm von mir, daß er die wenigen Stunden, welche ihm noch bleiben, auf's Beſte benutzen ſoll, ſonſt wehe ihm und den Seinen.“ Er hielt einen Augenblick inne und fuͤgte ſodann hinzu:„Ich bin gegen den weißen Mann undankbar fuͤr ſeine Guͤte geweſen und ſchaͤme mich, ihm entgegen zu treten. Sagt ihm, daß der Indianer weder gegen den Stamm, welcher ihn adoptirt, kaͤmpfen, noch ſich ihm anſchließen kann, um den weißen Mann, der ihn ernaͤhrt, zu ſkalpiren. Er wird einen andern, fernen Stamm aufſuchen. Seid 191 ſchnell, Langmeſſer, ſie werden zu Mittage kommen — laßt es nicht fuͤr Euch Alle Nacht werden.“ Hiermit wendete er ſich nach Weſten und ward nicht wieder geſehen. Seine Mittheilung laͤhmte Gre⸗ gor auf eine Zeitlang, ſowohl an den Gliedern wie am Verſtande; endlich erholte er ſich wieder ſo weit, daß er begriff, was ſeine Pflicht war, und, von der Furcht befluͤgelt, nach Hauſe eilte, wo er ſeinem Herrn die Nachricht mittheilte. Es ging jetzt auf acht Uhr an einem ſo ſchoͤnen Tage, wie nur je einer uͤber dem ſonnigen Suͤden auf⸗ gegangen iſt. Die Bewohner des Hauſes, welches in jener Zeit, wo hinter jedem Baume Gefahr lauerte, mit Ruͤckſicht auf Vertheidigungs⸗Operationen erbaut worden war, obgleich es hauptſaͤchlich aus Holz be⸗ ſtand, wurden durch die Geſchichte des Indianers aus ihrer Ruhe aufgeſchreckt. Auf mehrere Meilen weit hin lag auf dieſer Seite des Fluſſes kein anderes Haus von einigen Anſpruͤchen außer dem Harold Habing⸗ dons, welches aber zum Widerſtand gegen die indiani⸗ ſche Angriffsweiſe keineswegs geeignet war, wie das ſeines Nachbars. Im Schloſſe war Alles in Eile und Verwirrung. Das Blutbad ſollte zwiſchen Zwoͤlf und Ein Uhr ſtatt⸗ finden, wo die Feldarbeiter matt und traͤge im Schat⸗ ten ruhen oder feſt in ihren Huͤtten ſchlafen und die Herren in ihre Haͤuſer eingeſchloſſen ſein wuͤrden, um die ſchwuͤle Sommerhitze zu vermeiden. 192 Es wurden alle Vertheidigungsmittel, welche die kurze Zeit geſtattete, getroffen und Boten ausgeſendet, um zu beiden Seiten des Fluſſes Warnungen zu ge⸗ ben, aber leider zu ſpaͤt. Ueberdies erwaͤhnte Langley Tyringham die ſchutzloſe Lage Harolds und ſeiner Fa⸗ milie. Der Geiſt des alten Cavaliers erhob ſich, nicht in Zorn, ſondern in Theilnahme. Er vergaß die Ver⸗ gangenheit und erinnerte ſich nur der Gegenwart, wo gemeinſchaftliche Gefahr gemeinſchaftliches Fuͤhlen gebot. „Gottes Leben, das iſt wahr! das Stutzohr iſt in groͤßerer Gefahr als wir, und macht ſich es uͤbrigens zum Gewiſſenspunkte, in dergleichen Faͤllen keinen Wi⸗ derſtand zu leiſten, wie er mir vor nicht langer Zeit ſagte, als ich ihn beſuchte, um ihn vor den Wilden zu warnen. Es iſt noch Zeit, geh' zu ihm. Ich ſehe dort an der Thuͤr ein geſatteltes Pferd. Geh', geh' zu ihm und bitte ihn, mit ſeiner Familie und ſeinen Leuten ſogleich heruͤber zu kommen; ſage ihm von mir, daß uns die Gefahr zu Freunden machen muſſe und er willkommen ſein ſolle. Eile Dich— es iſt kein Augenblick zu verlieren. Steige auf und hinweg. Ver⸗ giß aber nicht, Dich von ſeiner Halsſtarrigkeit nicht zu lange aufhalten zu laſſen.“ Langley beſtieg ſein Pferd und galoppirte in vol⸗ ler Eile zu Habingdon. Dort trat er ohne Umſtäͤnde ein, fand Harold dem Scheine nach mit dem ihm be⸗ vorſtehenden furchtbaren Ungluͤcke gaͤnzlich unbekannt und wurde von ihm mit keineswegs angenehmer ſtei⸗ -ͤͤ —— 193 fer Hoͤflichkeit empfangen. Harold fragte ihn nach ſeinem Geſchaͤfte, was eben ſo viel war, als eine An⸗ deutung, daß nur ein ſolches ſeinen Beſuch entſchuldi⸗ gen koͤnne, und Langley theilte ohne weitere Vorrede den Zweck deſſelben mit. Harold hatte ſich fruͤher zu einem hartnaͤckigen Zweifel an der Wirklichkeit der Ge⸗ fahr hinaufgearbeitet und die Einladung ſeines Nachbars poſitiv abgelehnt. Er verlaſſe ſich, wie er ſagte, auf die Vorſehung, die, da er den rothen Maͤnnern nie ein Unrecht zugefuͤgt, ihre Herzen ihm ohne Zweifel geneigt machen werde. Langley bat ihn, zu ſeinem Vater zu kommen, er malte ihm in wenigen Worten die brutale Rachſucht der Wilden aus, die weder Alter noch Geſchlecht ſchone und Alles in Blut und Feuer huͤlle; er flehte ihn, wo nicht um ſeinetwillen, doch wegen ſeiner Gattin, ſeiner Tochter und Diener⸗ ſchaft, die von ihm Schutz erwarteten, die Einladang ſeines Vaters anzunehmen, die, wie er ihn verſſcherte, herzlich gegeben ſei, und erinnerte ihn endlich daran, daß die Hilfe der Vorſehung nur Denjenigen gewaͤhrt werde, welche jede Anſtrengung gemacht haͤtten, um ſich ſelbſt zu helfen. Die Halsſtarrigkeit Harolds wurde unter der zu⸗ nehmenden Waͤrme, womit man ihn angriff, nur um ſo unbeugſamer. Eine koſtbare halbe Stunde verſtrich und der junge Mann entfernté ſich endlich unter dem Einfluſſe von Gefuͤhlen, die er noch nie gekannt. Cs war nicht nur Mitleid, das an ſeinem Herzen zog, Die Tochter des Puritaners. I. 13 194 fondern ein ſtaͤrkeres Gefuͤhl, das, ſeit ſein Vater ihm den Verkehr mit den Rundkoͤpfen unterſagt, in ſeinem Buſen genaͤhrt worden warr. Die Gefahr, in der ſich Miriam befand, wog alle anderen Gefuͤhle fuͤr den Augenblick auf und er dachte nur an ſie. So jung, ſo fromm, ſo unſchuldig und hilflos— er machte ſich mit einem feierlichen Eide verbindlich, daß ſie nicht umkommen ſolle, wenn er ihr zu helfen vermoͤge. Harold theilte, ſobald er fort war, Suſannen und Miriam das, was er ſo eben ge⸗ hoͤrt, ſeine Zweifel an der Wahrheit des Berichteten und ſeinen Entſchluß, die Ereigniſſe abzuwarten, mit. Sie hoͤrten und unterwarfen ſich ſchweigend. Suſanne hatte ſich ſeit lange ſchon in die Ober⸗ herrſchaft ihres Gatten in allen ihr Gewiſſen nicht ge⸗ rode beruͤhrenden Faͤllen gefuͤgt, und die Religion Mi⸗ riams war die des Gehorſams. Sie entfernten ſich und ſuchten im Gebete Troſt.— Cangley galoppirte wuͤthend nach Hauſe und be⸗ richtete ſeinem Vater den ſchlimmen Erfolg ſeiner Sen⸗ dung. Ein Mal dachte er daran, zuruͤckzukehren und ſich zu bemuͤhen, wo moͤglich jene hilfloſen Frauen zu beſchuͤtzen, aber er erinnerte ſich, daß er zu Hauſe hoͤ⸗ here Pflichten habe, und gab ſeinen Plan mit dem feſten Entſchluſſe, ſeine Pflicht zu thun und ſich ſchwei⸗ gend Dem, was ihm unvermeidlich ſchien, zu unter⸗ werfen, auf. Die kurze Periode vor dem zu erwartenden Angriffe 195 wurde zu verſchiedenartigen Vertheidigungsvorkehrun⸗ gen, welche ſie die fruͤhere Erfahrung gelehrt hatte, verwendet, und als dieſe vollendet waren, kam die Stunde, die mehr als jede andere die Staͤrke des maͤnn⸗ lichen Muthes pruͤft— die Stunde wachſamer Vor⸗ ſicht und tiefer Ungewißheit— die Stunde der furcht⸗ baren Erwartung, ehe die That den Gedanken beſiegt hat— die Stunde, wo der Arm muͤſſig und die Phan⸗ taſie geſchaͤftig iſt. Es war in der That ein Zwiſchenraum furchtba⸗ rer Ruhe, eine duͤſtere, entſetzliche Stille— eine Kri⸗ ſis, die die Feſtigkeit der Seele pruͤfte, ehe ſie die Kraft des Armes in Anſpruch nahm. Endlich, als die Sonne ungefaͤhr die Mitte des Himmels erreicht hatte, ſah Langley, der auf der Hut war, ploͤtzlich jenſeits des Fluſſes hundert Rauchſaͤulen langſam, ſo weit das Auge reichte, in verſchiedenen Richtungen aufſteigen. Der Boden war eine fette Alluvialebene, die ſich viele Meilen weit erſtreckte und den am Staͤrkſten angeſie⸗ delten und am Beſten bebauten Theil der Colonie bildete. Hier, wo jeder Gegenſtand deutlich ſichtbar war, erblickte er Maͤnner, Frauen und Kinder, Weiße wie Schwarze vor dem ſchnellfuͤßigen Indianer fliehend, der, wie ein Daͤmon bemalt und wie ein Satan bruͤl⸗ lend, ſeinen Tomahawk ſchwang. Hier ſah er einen Weißen, der ſich mit der Energie der Verzweiflung wacker gegen die furchtbare Uebermacht vertheidigte, 13 — 196 endlich niederhauen, ſkalpiren und in Stuͤcke hacken. Dort und uͤberall draͤngten ſich ſeinen Augen die ent⸗ ſetzlichſten und unmenſchlichſten Scenen auf— Greiſe und Kinder, Frauen und halb aufgebluͤhte Maͤdchen — Alle theilten in jener blutigen Stunde das gleiche Schickſal und fielen als Opfer der Rache der Wilden. Es war eine von den ſchweren Pruͤfungen, die ſo oft unter einem Conflicte von peinlichen Pflichten ſtattfinden, daß Langley ein Zeuge dieſer Schreckens⸗ ſcene ſein mußte, ohne den davon Getroffenen Hilfe gewaͤhren zu koͤnnen, denn in jedem Augenblicke konnte hier ein aͤhnlicher Angriff ſtattfinden. Er ſchlug jedoch ſeinem Vater vor, in einem Boote uͤber den Fluß zu gehen und wenn auch nur Ein Opfer aus den Haͤn⸗ den der Barbaren zu retten. „Unmoͤglich!“ antwortete der alte Cavalier;„es wuͤrde unſer Ungluͤck ſein, ohne ihnen nur das Min⸗ deſte zu nutzen. Das blutige Schauſpiel iſt voruͤber, ehe wir uͤber den Fluß kommen koͤnnen, und was ver⸗ moͤgen wir blos mit der Hilfe des Aufſehers und Gre⸗ gors, der ein notoriſcher Feigling iſt, anzufangen. Wenn die Nachricht, die wir erhalten haben, ſich als begruͤn⸗ det erweiſ't, ſo koͤnnen auch wir jeden Augenblick einen Angriff erwarten und bald berufen werden, unſern eignen Heerd zu vertheidigen. In dieſem Falle wenig⸗ ſtens beginnt die Naͤchſtenliebe daheim und unſere Hauptpflicht liegt hier.— Aber, Langley,“ fuhr er fort, als ob er ſich ploͤtzlich an Etwas erinnerte,„wir 197 haben hoffentlich noch einige Augenblicke, um die Hart⸗ naͤckigkeit des halsſtarrigen Stutzohrs und ſeiner Fa⸗ milie zu uͤberwinden. Um ihn kuͤmmere ich mich nicht, er mag ſeine Narrheit buͤßen; aber ſeine arme Frau, die wirklich eine recht gute Seele iſt, wenn auch ein wenig fanatiſch, und die kleine Miriam, die fuͤr eine von den Auserwaͤhlten ein ganz gutes Dirnchen ab⸗ giebt, die machen mir Sorge.“ 4 „Dirnchen!“ dachte Langley. „Sonſt ſind ſie nicht zu tadeln, und die Idee, daß ſie elend umkommen ſollen, wie es ſicherlich geſchehen wird, wenn ſie bleiben, wo ſie ſind, gefaͤllt mir ganz und gar nicht.“ 3 „Soll ich noch ein Mal zu ihm gehen?“ unter⸗ brach ihn Langley heftig. „Ja— ſchnell wie der Blitz! nimm Fireblood, den ich geſattelt zu halten befohlen habe, und ſtrenge ihn mit Peitſche und Sporen an. Die Entfernung iſt nur gering und vielleicht wird der Anblick Deſſen, was dort druͤben vorgeht, ſein Vertrauen auf die Un⸗ terſcheidungsgabe der Wilden abkuͤhlen. Wenn das Stutzohr Widerſtand leiſtet, ſo ſchlage ihn zu Boden und gehe mit den Weibern durch, ſie moͤgen wollen oder nicht. Jetzt iſt keine Zeit, Umſtaͤnde zu machen. Begieb Dich augenblicklich auf den Weg. Ich wuͤrde mit Dir gehen, wenn ich nicht uͤberzeugt waͤre, daß ich mit dem Stutzohr in Streit geriethe.“ Langley bedurfte keines Spornes und war in we⸗ — weretxeerce ee 198 niger als zehn Minuten vor Harolds Thuͤr abgeſtiegen. Er fand ihn, wie er das Schauſpiel auf dem jenſeiti⸗ gen Ufer mit tiefer Bewegung betrachtete. „Ihr ſeht, Sir,“ ſagte Langley,„daß ich wieder hier bin und zum gleichen Zwecke. Ihr koͤnnt nicht mehr bezweifeln, welches Schickſal Euch und Eurer Familie bevorſteht, wenn Ihr hier bleibt. Eure ein⸗ zige Ausſicht auf Rettung liegt darin, daß Ihr heruͤ⸗ berkommt und meinem Vater beiſteht, ſein Haus zu vertheidigen, das noch einigermaßen geruͤſtet iſt. Noch ein Mal bitte ich Euch, keinen Augenblick zu verlieren.“ „Ich habe meinen Entſchluß aus Grundſatz ge⸗ faßt,“ antwortete Harold; vich habe jenen Rothen kein Unrecht zugefuͤgt und fuͤrchte keine Rache.“ „Iſt dies Euer feſter Entſchluß?“ „Mein unveraͤnderlicher.“ „Wo ſind die Damen, Sir?“ fragte Langley et⸗ was ſcharf. „Wo es ihnen geziemt,“ antwortete Haroldz „beim Gebet.“. „Kann ich ſie nicht einen Augenblick ſehen? „Wozu?— aber gleichviel, ſie ſind nicht ſichtbar.“ „Aber beim Himmell ſie ſollen ſichtbar ſein. Ent⸗ ſchuldigt mich, Sir, dies iſt keine Zeit zu Ceremonieen. Von jedem Augenblicke haͤngt Leben oder Tod ab!“ Und er ſchoß an Harold voruͤber in ein inneres Zim⸗ mer, wo die Mutter und Tochter in ſtillem Gebete ſaßen oder vielmehr knieten. In dem Augenblicke, 199 wo Langley eintrat, erhoben ſie ſich und Langley rief, auf Harold, der ihm gefolgt war, deuten:; „Euer Gatte und Euer Vater iſt entſchloſſen, daß Ihr bleiben und von den Haͤnden jener Wilden ſterben ſollt. Ich komme von Seiten meines Va⸗ ters, um ihn zu bitten,— ihn zu beſchwoͤren, in ſei⸗ nem Hauſe, das wir wenigſtens auf eine Zeitlang ver⸗ theidigen koͤnnen, Zuflucht zu ſuchen. Aber er weigert ſich; er iſt entſchloſſen, daß Ihr Beide gemordet, ſkal⸗ pirt und von den Flammen ſeines Hauſes verzehrt werden ſollt. Geht zu ihm hin,— fallt vor ihm auf Eure Kniee, umſchlingt ſeinen Leib, umfaßt ſeine Kniee und bittet ihn, das doppelte Verbrechen, Euch aufzuopfern und ſich ſelbſt zu morden, zu unterlaſſen.“ Hiermit nahm er Beide an der Hand und fuͤhrte ſie zu dem ſcheinbar unbewegten Gatten und Vater. Sie knieten vor ihm nieder, ſie umfaßten ſeine Kniee, — ſie ergriffen ſeine Haͤnde, badeten ſie mit Thraͤnen und flehten ihn an, die angebotene Zuflucht zu be⸗ nutzen.—. 3 1 „ Harold!“ ſchluchzte die treue Gattin,„bedenke, daß wir jetzt nicht um des Gewiſſens willen leiden; wir werden gemordet werden, aber nicht den Maͤrtyrer⸗ tod erdulden. Wenn wir ſterben, ſo geſchieht es nicht als ein Gott zu Ehren der Wahrheit dargebrachtes Opfer, ſondern in Folge der falſchen Zuverſicht eines Gatten und Vaters auf die Menſchlichkeit Derjenigen, welche nie ſchonen. Ach, horch!“ man hoͤrte uͤber den 2⁰⁰ Fiuß her ein indianiſches Triumphgeſchrei, welches ver⸗ kuͤndete, daß das blutige Werk vollendet war. Harolds eiſerne Geſtalt erbebte, und ſein mehr als eiſerner Wille wurde durch dieſe Bitte auf's Tiefſte erſchuͤttert. Er betrachtete die einzigen zwei Weſen, welche ihn noch an die Erde feſſelten, auf einige Augen⸗ blicke mit ſprachloſer Zaͤrtlichkeit, und erhob, als ein zweites Triumphgeſchrei in ſein Ohr ſchallte, die blei⸗ chen Bittenden, druͤckte ſie an ſein Herz und rief, als der kriegeriſche Geiſt ſeiner Jugendzeit von Neuem in ihm erwachte: „Es mag ſo ſein, mein eigner Arm ſoll die Gat⸗ tin meines Herzens und die Tochter meiner Liebe be⸗ ſchuͤtzen. Ich will ſie ſelbſt nicht dem Himmel anver⸗ trauen.“— Wenige, nur ſehr wenige Vorbereitungen wurden getroffen und ſie verließen ſchnell das Haus, welches ſie nie wieder beſuchen ſollten. Die Auswanderer be⸗ ſtanden aus Harold, Suſanne, Miriam und Mildred, denn die entſetzten Sklaven waren nach allen Richtun⸗ gen hin auseinander geſtoben. Sie wurden von dem alten Cavalier mit dem warmen Willkommen eines freimuͤthigen, hochherzigen Geiſtes empfangen; ſeine vortreffliche Gattin,— die wir unter unſern disponi⸗ beln Streitkraͤften noch nicht aufgefuͤhrt haben, weil wir bereits ſo viele Truppen beſitzen, als wir regieren koͤnnen— ſeine vortreffliche Frau ſtand ihm an gaſt⸗ lichen Demonſtrationen nicht nach, und der logiſche 201 Gregor, der an einem heftigen Fieberanfalle litt, wurde durch die neuen Rekruten der Garniſon, obgleich ſie ihre Anzahl mehr als ihre Kraft verſtaͤrkten, ſehr be⸗ ruhigt, denn„Noth liebt Geſellſchaft,“ meinte Gregor Motte.. Die furchtbare Ruhe, welche auf kurze Zeit herrſchte, wurde endlich durch das Erſcheinen einer Schaar von bemalten Kriegern unterbrochen, welche vor⸗ ſichtig aus dem dicken Wald, der ſich von einer Viertel⸗ meile Entfernung bis— der Himmel weiß wie weit— erſtreckte, hervorkam. Schweigend und vorſichtig, wie Raubthiere auf ihren blutigen mitternaͤchtlichen Zuͤgen, lauſchten ihre dunklen Geſichter hinter den Baͤumen hervor und ihre Anfuͤhrer tauſchten heftige Geberden mit einander aus. Als ſie ſich endlich uͤberzeugt zu haben ſchienen, daß kein Feind im Hinterhalte ſei, ruͤckten ſie liſtig auf das Haus zu, und boten alle ihre wilden Kuͤnſte auf, um ſich unter dem Schutze der Wirthſchaftsgebaͤude und im Bereich desjenigen Theiles des Hauſes, welcher die wenigſten Fenſter und Thuͤren beſaß, zu halten. Keine Maus ruͤhrte ſich, kein Wort wurde im Hauſe geſprochen und die Wilden glaubten endlich, daß das Haus verlaſſen worden, ſei. Sie ruͤckten jedoch immer noch mit gewohnter Vorſicht heran und krochen, Schlangen gleich, im Graſe darauf zu, um es auszu⸗ pluͤndern und anzuzuͤnden. — n 2⁰²⁸ Der Cavalier hatte ſeinen Vertheidigungsplan mit großer Geſchicklichkeit, wie es einem alten Solda⸗ ten geziemte, angelegt. Seine wenigen Leute waren mit geladenen Gewehren an die verſchiedenen Schieß⸗ ſcharten geſtellt worden, aber mit dem ſtrengen Be⸗ fehle, nicht eher zu feuern, als bis Ordre erfolge— und die Frauen, die ſich geweigert hatten, ſich nach einem innern Gemache zuruͤckzuziehen, ſollten die Mu⸗ nition, wie ſie gebraucht werden wuͤrde, liefern. Die Wilden glitten immer noch mit kaum ſichtbaren Koͤpfen durch das Gras und jede Flinte war mit toͤdt⸗ licher Gewißheit auf ihr beſtimmtes Opfer gerichtet und erwartete den Befehl zum Feuern, als Gregor, der an einer von den Schießſcharten ſtand, in der uͤbermaͤßigſten Furcht, unbewußter Weiſe losdruͤckte, aber nicht traf. Die Wilden ſtießen ein Geſchrei aus, ſprangen auf und zogen ſich, von einem der Wirchſchaftsgebaude gedeckt, zuruͤck. „Victoria! Victoria!“ ſchrie Gregor,„ich habe die kupferigen Geſichter in die Flucht geſchlagen. Seht, wie ſie ſpringen!“ Seinem Jubel wurde jedoch baldigſt ein Ende gemacht, indem ihn ſein Herr, ohne ein Wort zu ſagen, bei der Schulter nahm, in den Keller fuͤhrte und den Schluͤſſel in ſeine Taſche ſteckte. Es verging uͤber eine Stunde, ehe die Rothen wieder erſchienen und man begann zu hoffen, daß 203 Gregor ſie wirklich von weiteren Angriffen abgeſchreckt habe, aber dieſe Hoffnung wurde bald durch das Her⸗ anruͤcken der Feinde mit brennenden Fackeln zerſtreut. Offenbar hatten ſie die Abſicht, das Haus anzuzuͤnden und die Bewohner entweder zum Untergange in den Flammen oder zum Herauskommen und einem noch ſchrecklicheren Tode zu zwingen. Von Neuem wurde jedes Gewehr auf ſie gerichtet und auf ein Signal von dem alten Cavalier Feuer gegeben.— Drei Wilde fielen und einige Andere hinkten nach dem Hintertreffen, worauf ſich die Hauptmacht mit Wuth⸗ und Schmerz⸗ geheul zum zweiten Male zuruͤckzog. Jetzt erfolgte wieder eine Pauſe— eine traurige Pauſe, die durch den Brand des Hauſes Harolds, welchen man von Tyringhams Wohnung aus ſehen konnte, ausgefuͤllt ward. Eine Abtheilung der Bela⸗ gerer hatte es ausgepluͤndert und angezuͤndet und tanzte jetzt wie Daͤmonen um die Ruinen. Die Fluͤchtlinge betrachteten das Schauſpiel mit ſtummem Schmerz, aber der Gedanke an das, was geſchehen ſein wuͤrde, wenn ſie dort geweſen waͤren, ſoͤhnte ſie mit ihrem Verluſte aus, und ſie waren dankbar. Jekzt bot ſich ihnen auch eine neue, naͤherliegende Gefahr. Man ſah die Wilden hinter den Staͤllen hervorkom⸗ men, indem ſie einen mit Stroh beladenen Wagen, der ſie faſt gaͤnzlich deckte, vor ſich herſchoben. Ihre Abſicht ließ ſich nicht bezweifeln, es war die, das Stroh anzuzuͤnden, ſobald der Wagen nahe genug 204 am Gebaͤude ſein wuͤrde, um dieſem die Flammen mitzutheilen. Dieſes Manoͤver machte alle frohern Ver⸗ theidigungsplaͤne der Belagerten zu nichte, ſie hatten keine Zeit mehr, ſich uͤber Mittel dagegen zu berathen und ein Jeder war von nun an auf die Hilfsquellen ſeines eigenen Verſtandes angewieſen. Umſonſt unter⸗ hielten ſie ein ununterbrochenes Feuer. Die Indianer entgingen, hinter dem Stroh verſteckt, ihren Kugeln und fuhren fort, den Wagen windwaͤrts vom Hauſe zu ſchieben. In dieſem Augenblicke furchtbarer Spannung und drohender Gefahr rief Langley ploͤtzlich: „Es giebt nur Einen Ausweg!“ worauf er nach der Kuͤche eilte und mit einem lodernden Holzſcheite zuruͤckkehrte. „Was ſoll das?“ fragte ſein Vater. „Nichts— nichts, Sir!“ antwortete Jener haſtig. „Halte mich nicht zuruͤck, noch einen Augenblick und es iſt zu ſpaͤt. Hierauf begab er ſich nach einer Thuͤr, die der herannahenden Gefahr am Naͤchſten lag, und kam dabei dicht an Miriam voruͤber, die waͤhrend der Belagerung eine kleine Heldin geſpielt hatte, und ploͤtz⸗ lich ſeinen Arm erfaßte, wie um ihn zuruͤckzuhalten. Er blieb ſtehen und Miriam riß, als erinnere ſie ſich jetzt erſt ihrer ſelbſt, ihre Hand zuruͤck, ſenkte ihre Augen und ſprach kein Wort. Ehe noch Jemand ſeinen Plan bemerkte, hatte er haſtig die Thuͤr geoͤffnet, welche gluͤcklicher Weiſe den 8 205 den Strohwagen heranſchiebenden Wilden unſichtbar war, und ſprang in gleicher Richtung auf den Wagen zu, bis er ungeſehen das trockene Stroh, welches ſich augenblicklich in hellen Flammen befand, angezuͤndet hatte. Hierauf zog er ſich eiligſt zuruͤck, wurde aber auf ſeiner Flucht entdeckt und mit einem Pfeilregen begruͤßt, von welchem er ein Andenken in einem in ſeiner Schulter ſteckenden Pfeile mit in das ſchnell wieder hinter ihm geſchloſſene Haus zuruͤckbrachte. Der Pfeil wurde eiligſt von dem Aufſeher, der, wie die meiſten Leute ſeiner Klaſſe, Etwas von der Wundarzneikunde verſtand, herausgezogen, das Blut geſtillt, und Langley beſtand, obgleich er große Schmer⸗ zen litt, doch darauf, an ſeinem Poſten zu bleiben, ſo lange er zielen oder eine Flinte abdruͤcken koͤnne. Aber dieſe kuͤhne Diverſion hatte nicht die er⸗ wuͤnſchten Folgen. Das Feuer wurde ſchnell ausgeloͤſcht, ehe es die Oberhand erlangte. Die Wilden ſchoben den Wagen immer naͤher, und, wie um ſie bei ihren Plaͤnen zu unterſtuͤtzen, erhob ſich der Wind ploͤtzlich zu einem Sturme. Sie verdoppelten ihre Anſtren⸗ gungen und als es ihnen endlich, trotz der Bemuͤhun⸗ gen der Beſatzung, gelungen war, den Wagen dicht an das Haus zu ſchieben, zuͤndeten ſie ihn an und blieben mit Triumphgeſchrei dabei ſtehen. „Unſre Zeit iſt gekommen,“ ſagte Harold mit ru⸗ higer, feſter Stimme;„der Tod iſt unvermeidlich, aber wir haben wenigſtens die Wahl der Todesart. 206 Was ſagt Ihr, Freunde, ſollen wir in den Flammen untergehen, oder kaͤmpfen und wie Maͤnner ſterben? Es iſt eine rechtmaͤßige Sache, in der das Leben und Alles, was das Leben theuer macht, auf dem Spiele ⸗ ſteht. Dieſes Leben iſt eben ſo oft eine Auswahl von Uebeln als von Gutem.— Folgt mir, Freunde, und bedenkt, daß nicht der Schnelle zuerſt an's Ziel kommt, noch der Starke die Schlacht gewinnt. Komm, Su⸗ ſanne, komm, Miriam, wenn es Gott gefaͤllt, ſo wol⸗ len wir zuſammen ſterben, haltet Euch Beide dicht bei mir.“ 3 4 Langley ſchritt jetzt vor und bot der Einen oder der Andern von den armen, troſtloſen Frauenzimmern, deren Unterwuͤrfigkeit und Fuͤgſamkeit in den Willen ihres Gatten und Vaters ſo feſt gewurzelt waren, daß ſie kein Wort ſprachen, ſondern ſich ſchweigend in die Forderung Harolds fuͤgten, ſeinen Schutz an. Sie hatten ſich im Leben an ihn geſchmiegt und waren be⸗ reit, ihm in den Tod zu folgen. „Ihr koͤnnt ſie nicht Beide beſchützen, ſagte Langley. „Leider,“ antwortete Harold;„nur Gott kann ſie beſchuͤtzen. Vor kurzer Zeit ſagte ich, daß ich ſie nicht einmal ſeiner Bewahrung und Obhut uͤberlaſſen wolle, und nun bin ich fuͤr meine Laͤſterung geſtraft.“ „Aber ich bitte Euch um Andrer, wenn auch nicht um Eurer ſelbſt willen, Sir.“ „Genug,— nichts mehr, Maſter Langley. In 207 dieſer Stunde der hoͤchſten Noth, wo wir Alle zu einem gemeinſchaftlichen Schickſale beſtimmt ſind, ſoll⸗ ten alle Meinungsverſchiedenheiten vergeſſen ſein, we⸗ nigſtens fuͤr jetzt. Ich wuͤrde Euer Anerbieten anneh⸗ men, aber ſeht dorthin.— Dieſe,“ ſagte er, auf Mrs. Tyringham deutend,„dieſe habt Ihr zu bewachen. Eine hoͤhere und heiligere Pflicht wartet Euer. Ihr, die mir ihr Leben verdankt, werde ich meine Sorgfalt weihen, der, von welcher Du das Deine haſt, widme Du die Deine und ſtirb fuͤr ſie oder mit ihr, wie es der Himmel will. Nun laßt uns hinausgehen und lieber unter den Tomahawks, als durch das Feuer ſterben.“ 2 Langley verbeugte ſich und ſtellte ſich neben ſeine Mutter. Er tauſchte mit Miriam einen Blick aus, der ausdrucksvoller war, als alle Worte, und Alle ſtan⸗ den, bereit, ihrem Tode entgegen zu gehen, an der Hausthuͤr. Unterdeſſen loderten die Flammen auf und ver⸗ breiteten ſich durch die Strohmaſſen, die trockenen Fichtenbreter begannen zu rauchen und bald liefen die munteren Flammenzungen ſchnell an ihren Raͤndern hin. Der Augenblick, um eine letzte verzweifelte An⸗ ſtrengung zu machen, war gekommen. Vaͤter und Kinder, Gatten und Gattinnen hatten noch eine letzte Umarmung ausgetauſcht und Laͤngley in Miriams Ohr Etwas gefluͤſtert, wodurch ihre Todtenblaͤſſe in eine tiefe Roͤthe verwandelt wurde, als poͤtzlich eine ſchwarze -—-— — —y—ÿ 208 Wolke, die unbemerkt herangezogen war, einen Blitz entſendete, welchem ein Donnerſchlag folgte, der die Einmiſchung einer hoͤhern Macht anzukuͤndigen ſchien. Die Wolke oͤffnete ihren Schooß und eine ſolche Suͤnd⸗ fluth von Regen ſtroͤmte daraus hernieder, daß in we⸗ nigen Minuten die Flammen gaͤnzlich verloͤſcht waren und die Wilden gezwungen wurden, in den Stallun⸗ gen Schutz zu ſuchen, wo ſie ſchweigend und beſtuͤrzt daſtanden, bis ſie ihr Anfuͤhrer anredete. „Der große Geiſt des weißen Mannes beſchuͤtzt das Langmeſſer und ſagt, daß er leben muͤſſe. Laßt uns nach Hauſe zuruͤckkehren, denn er koͤnnte zornig werden, daß wir uns ſeinem Willen widerſetzen. Er mag leben, um die Geſchichte dieſes Tages zu erzaͤhlen und ſeine Kinder zu lehren, wie ſich der rothe Mann raͤcht.“. Alle waren von derſelben Empfindung bewegt und pflichteten ihm bei. Sie nahmen ihre Todten und Verwundeten und zogen ſich unter dem Abſingen ihrer Todeslieder in den Schutz der Waͤlder zuruͤck. Die kleine Beſatzung begab ſich, nachdem ſie in ſtummer Ehrfurcht das Voruͤbergehen des von der Vor⸗ ſehung geſendeten Regenſturzes abgewartet hatte und fand, daß die Wilden nicht wieder erſchienen, in das Haus zuruͤck und berieth ſich uͤber das, was nun zu thun ſei. Es wurde einſtimmig beſchloſſen, bis zum folgenden Morgen auf der Wacht zu bleiben, und wenn in dieſer Zeit kein weiterer Angriff erfolge, anzuneh⸗ 209 men, daß fuͤr dies Mal wenigſtens die Gefahr voruͤber ſei. Die Nacht verging unter aͤngſtigender Ungewiß⸗ heit, aber ohne die Spuren des Feindes, und am fol⸗ genden Morgen ging eine Abtheilung hinaus, um vor⸗ ſichtig den Feind aufzuſuchen, fand von demſelben je⸗ doch nur noch die bis in den Wald reichenden Spuren und Alle waren der Anſicht, daß ſie ſich entfernt haͤt⸗ ten, um nicht wiederzukehren. Da ſie ſich nun wieder etwas ſicherer fuͤhlten, kehrten ihre Gedanken zu dem Trauerſpiele, welches ſie auf dem gegenuͤberliegenden Ufer, wo jede Spur des Lebens vernichtet worden war, geſehen hatten, zuruͤck. Die Wilden hatten ſich entfernt, nachdem ſie ihr blu⸗ tiges Geſchaͤft vollendet und nichts als Tod und Ver⸗ heerung zuruͤckgelaſſen. Mehrere Meilen weit zu bei⸗ den Seiten des Fluſſes erſtreckte ſich eine oͤde, todte Wuͤſte und außer dem Hauſe Maſter Tyringhams ſtand auch nicht ein einziges Gebaͤude mehr. Die ganze Gegend war wie vom Feuer verſengt. Die Frucht von langen, jahrelangen Gefahren, Muͤhſeligkeiten und Entbehrungen war in einer einzigen Stunde zerſtoͤrt worden und der Beſitzer der Felder lag als verſtuͤm⸗ melte Leiche unter den Ruinen.. Eine Abtheilung von den Leuten Maſter Tyring⸗ hams eilte von Beſitzung zu Beſitzung, um zu ſehen, ob irgend noch Jemand dem Tode entgangen ſei, und ſowohl dieſen Beiſtand anzubieten, wie auch die Tod⸗ ten zu beerdigen. Das Schauſpiel, welches ſie erblick⸗ Die Tochter des Puritaners. 1. 14 ——— 210 ten, erregte Mitleid und Rachſucht. Hier lag ein graukoͤpfiger Cavalier, der ſich tapfer gewehrt hatte, denn ſeine Haͤnde waren, als er das indianiſche Meſ⸗ ſer erfaßt hatte, bis auf den Knochen durchſchnitten worden. Dicht neben ihm lag ſeine Gattin, die ihn nach der neuen Welt begleitet, um ſein Schickſal zu theilen, und zwiſchen ihnen ein junges Maͤdchen, ohne Zweifel ihre Tochter, mit von einem Tomahawk ge⸗ ſpaltenem und ſeines blonden Haares beraubtem Kopfe. Hier und da lagen kleine Kinder, denen das Gehirn zerſchmettert worden war, und mehr als Ein Mal tra⸗ fen ſie eines dieſer unſchuldigen Schlachtopfer in den Armen ſeiner Mutter oder treuen ſchwarzen Waͤrterin, die mit ihm umgekommen war. Der Letzte, den ſie ſahen, war ein verbannter, umherirrender Quaͤker, dem ſeine paſſive Widerſtandsloſigkeit hier wenig genuͤtzt hatte. Die Einen lagen in der gluͤhenden Sonnenhitze, Andere waren in die noch rauchenden Ruinen gewor⸗ fen worden und vom Feuer halb verzehrt, und Alle hatten den blutigen indianiſchen Gebrauch des Skal⸗ pirens erlitten. Kein Mann, kein Weib, kein Kind war verſchont worden. Schwarz und Weiß lag neben einander und der Sklave war mit ſeinem Herrn zum Richterſtuhle Desjenigen, welcher keinen Unterſchied kennt, hinaufgerufen worden. So laͤuft das Rad der Zeit und zerſchmettert Die, uͤber welche es hinlaͤuft. Eilftes Kapitel. Auferſtehung Gregor Motte's.— Wie der Zufall mitunter die Plaͤne weiſer Maͤnner zu nichte macht.— Was davon kommt, wenn man ſich nach rechts wendet, ſtatt nach links. — Vernuͤnftige Gedanken eines jungen Mannes uͤber das Verlieben.— Wieder ein Vorfall, der zu einem langen Geſpraͤche fuͤhrt, welches, wie es gewoͤhnlich vorkommt, mit nichts Beſonderem endet. Waͤhrend ſich die im vorigen Kapitel berichteten Dinge ereigneten, war Gregor Motte in dem Kerker, wohin ihn ſein Herr geſteckt hatte, geblieben. Die Wahrheit zu geſtehen, war er anfaͤnglich gar nicht ganz unzufrieden mit ſeiner Lage geweſen, da ſie ihn außer den Bereich der indianiſchen Pfeile brachte. Da aber auf der Seite des Kellers, wo ſich die Wilden naͤherten, kein Fenſter war, wurde ſeine Begier, das, was draußen vorging, zu erfahren, bald ausnehmend druͤckend und mit der Zeit erzeugte das um ihn herr⸗ ſchende tiefe Schweigen tauſend einander draͤngende Befuͤrchtungen. Schon von Furcht gequaͤlt, wurde ploͤtzlich ſeine Naſe von einem ſtarken Rauche begruͤßt, der ihn in Todesangſt verſetzte. Er ſchloß augenblick⸗ 14 212 lich daraus, daß das Haus in Brand ſtehe und gab ſich bereits verloren. Sobald alle Hoffnung voruͤber war, ergab er ſich ruhig in ſein Schickſal, denn die Verzweiflung der Feigheit iſt oft ein Erſatz fuͤr maͤnnliche Reſignation. Aus dieſer Verzweiflung wurde er durch die Blitze, deren Licht bis in ſeinen Kerker drang und die lauten Donnerſchlaͤge, welche uͤber ſeinem Kopfe er⸗ ſchallten, erweckt. Nach dem Regenguſſe folgte wie⸗ der ein Todtenſchweigen und er wurde ſeinen eigenen Conjecturen uͤberlaſſen, die mit einem tiefen erſchoͤpf⸗ ten Schlafe endeten. In dieſem blieb er ungeſtoͤrt, da ihn Alle uͤber den Beſorgniſſen fuͤr ihre eigne Sicherheit und der Betrachtung der ſie umgebenden Zerſtoͤrung vergeſſen hatten. Es ereignete ſich jedoch, daß man am Morgen des der Aufhebung der Belagerung folgenden Tages genoͤthigt wurde, etwas aus dem Keller zu holen und Einer von den farbigen Sklaven, die ſich, wie ich fruͤher haͤtte erwaͤhnen ſollen, ſicher im Hauſe befan⸗ den, zu dieſem Zwecke hinabgeſendet wurde. Kuffy oder wie er gewoͤhnlich von Gregor genannt wurde, der alte Kohlenkoͤnig, war ein Eingeborener von Afrika, mit einem Geſicht, das wie ein gut geputzter Stiefel glaͤnzte. Koͤnig Kohle ſtolperte, als er in den ziemlich dunkeln Kerker hinabkam, uͤber den Koͤrper Maſter —— 213 Gregors, der ſeinen gebieteriſch gewordenen Hunger mit einem zweiten Schlaͤfchen zu beſchwichtigen ſuchte. Der uͤberraſchte Neger fiel mit dem Kopfe gegen die ſteinerne Mauer des Kellers, kam jedoch, da er gluͤck⸗ licher Weiſe eine reichliche Quantitaͤt von dickem Wollenhaar beſaß, ohne weſentliche Beſchaͤdigung davon. „ Goſchl“ rief Koͤnig Kohle, ſeinen Schaͤdel rei⸗ bend,„was das dort ſein?“ „Ich bin eine Art von lebendem Geſchoͤpf,“ ſprach Gregor,„wie ich glaube einem Menſchen ſehr aͤhnlich, obgleich ich in dieſem ungewiſſen Lichte, der Sache nicht ganz gewiß ſein kann.«⸗ „Hei, Maſſa Gregor, Ihr Euch hier vor den Indianern verſteckt— hei?“ „Ich mich vor den Indianern verſtecken, Du mißfarbige Species des Genus Mann! ich verachte Deine Worte. Mein Herr hat mich hierher geſchickt, um das Tageslicht nicht wieder zu erblicken und in einem Kerker zu verhungern, weil ich mit meinem einzigen Arme die kupfrigen Hallunken in die Flucht geſchlagen habe und er den ganzen Ruhm des Sieges fuͤr ſich allein behalten wollte. Aber Kuffy, guter Kuffy, wenn Du auch nur, ſo viel Herz haſt wie eine Schnepfe, ſo bitte ich Dich in Deiner mitleidigen Grauſamkeit und gnaͤdigen Hartherzigkeit meinen Herrn zu erſuchen, daß er mich heraus laſſen moͤge. 214 Ich ſtehe ſo zu ſagen am aͤußerſten Rande des Ver⸗ hungerns und koͤnnte eingemachte Heuſchrecken als eine herrliche Mahlzeit betrachten. Jetzt geh, thue es, ehrlicher Kuffy, und bitte ernſtlich um meine Erloͤſung. Ich werde Dich mit den Stumpfen meiner alten Pfeife dafuͤr belohnen.“ Koͤnig Kohle geruhte dieſe Bitte zu erfuͤllen und ſprach mit ſeinem Herrn. „ Um Gotteswillen!“ rief der Cavalier,„ich hatte den armen Gregor ganz und gar vergeſſen, war es mir doch, als ob mir etwas fehlte. Der arme Bur⸗ ſche, er muß jetzt hungrig ſein wie ein Wolf. Schicke ihn her, ich muß ihn um Verzeihung bitten.“ Koͤnig Kohle gehorchte mit der ganzen wuͤrdevol⸗ len Feierlichkeit eines beguͤnſtigten Hausſklaven, Mei⸗ ſter Gregor hatte ſich aber, ſtatt Entſchuldigungen ab⸗ zuwarten, nach der Kuͤche auf den Weg gemacht, wo er das Fruͤhſtuͤck fertig fand, und ſich dazu niederſetzte, ohne das Gratias zu ſagen, zur großen Unzufriedenheit der Mrs. Mildred, und ſich den Bauch exemplariſch fuͤllte. Und nachdem wir nun unſern Freund Gregor befreit und ihn in den Status quo ante bellum verſetzt haben, koͤnnen wir unſere Erzaͤhlung mit gutem Gewiſſen fortſetzen. Manche Romanſchreiber ſind ſo ohne alles menſch⸗ liche Gefuͤhl, daß ſie Einen gerade auf dem Punkte des Ertrinkens oder mit uͤber ſeinem Kopfe brennen⸗ 215 dem Hauſe, oder mit einem Degen durch den Leib verlaſſen, waͤhrend ſie den guten Leſer der Himmel weiß wohin fuͤhren und ihr armes Opfer die ganze Zeit uͤber in der entſetzlichſten Lebensgefahr ſchwebt. Wir erinnern uns eines bedauerlichen Falles dieſer Art, wo im erſten Kapitel eines Romans eine junge Dame in den Genfer See ſtuͤrzte und erſt in der Mitte des zweiten Bandes gerettet wurde, da der Verfaſſer die ganze Zeit uͤber eine politiſche Frage zu beſprechen ge⸗ habt hatte; aber Dank unſern Sternen, wir ſind nicht unter dem Saturn geboren, um Vergnuͤgen am Ver⸗ zehren unſrer eignen Kinder zu finden, denn als ſolche betrachten wir die Perſonen unſrer Geſchichte. Die Zerſtoͤrung von Habingdons Hauſe machte es fuͤr dieſen und ſeine Familie unvermeidlich, unter Tyringhams Dache zu bleiben, bis er ſich ein anderes Obdach verſchaffen konnte. Jedes andere Gebaͤude im weiten Umkreiſe war von den Flammen verzehrt wor⸗ den, und obgleich die kleine Hauptſtadt der Colonie durch ihre hoͤlzernen Waͤlle, welche von einer Compagnie Soldaten bewacht wurden, unverletzt davon gekommen war, ſo lag ſie doch in weiter Entfernung. Gaſtlich⸗ keit iſt die Tugend der neuen Welt, und der alte Cava⸗ lier bot nicht nur ſein Haus freimuͤthig an, ſondern beſtand auch darauf, daß die ganze Familie ſein Gaſt ſein ſolle, bis ſie eine andere Wohnung gefunden haben wuͤrde. N 216 Harold ſah den Vorſchlag nicht gern, er ging ihm wider den Strich, aber er ſchien keinen andern Ausweg zu haben und gab nach langem Zoͤgern, uͤber das der alte Cavalier ganz aͤrgerlich und kriegeriſch ge⸗ ſinnt wurde, endlich ziemlich ſteif und unfreundlich ſeine Einwilligung kund. So wurden Langley und Miriam, trotz des ſtrengen Verbots ihrer Vaͤter, Be⸗ wohner deſſelben Hauſes. Langley Tyringhams Wunde war zwar ungefaͤhr⸗ lich, heilte aber doch nur langſam. Nach einer Woche war er indeß wieder im Stande, ſein Zimmer zu ver⸗ laſſen und ſich hinaus unter das Vordach zu ſetzen, wo die erfriſchenden Luͤfte vom Fluſſe her ſeinen Koͤr⸗ per neu zu beleben und zu kraͤftigen ſchienen. Dort ſchloſſen ſich ihm mitunter verſchiedene Mitglieder der Geſellſchaft zu geſelligem, wenn auch nicht heiterem Geplauder an, da der tiefe Eindruck, welchen die neuer⸗ lichen grauſigen Ereigniſſe und die ſich jetzt uͤberall zeigende, weit verbreitete Veroͤduug auf ihn machten, den heitern froͤhlichen Geiſt der Jugend niederdruͤck⸗ ten und den Ernſt des Alters in Truͤbſinn verwan⸗ delten. Als Harold ſeiner Gattin und Tochter die von ihm getroffene Anordnung mittheilte, begnuͤgte er ſich damit, die Letztere ernſt und faſt finſter an ſeine fruͤ⸗ hern Reden in Bezug auf Langley zu erinnern und ſein Verbot jedes Verkehrs, ſo weit er ſich ohne direkte 217 Beleidigung gegen ihren Wirth und ſeine Familie ver⸗ meiden ließ, zu wiederholen. Trotz ihrer kindlichen Liebe konnte ſich Miriam jedoch nicht enthalten, dieſe Beſchraͤnkungen in Bezug auf ſie fuͤr unbillig und gegen Diejenigen, welche ihnen Herz und Haus geoͤffnet hatten, fuͤr undankbar zu halten. Sie machte jedoch keine Einwendungen, ſon⸗ dern fuͤgte ſich wie gewoͤhnlich mit ſtummer Reſigna⸗ tion in ſeine Wuͤnſche. Sie war gehorſam aus Ge⸗ wohnheit ſowohl als aus Gewiſſensuͤberzeugung. Das Benehmen Harolds gegen ſie war im Ganzen aller⸗ dings freundlich und liebevoll, aber in allen Dingen, die ſich auf das, was er Grundſaͤtze nannte, bezogen, ſtreng und unbeugſam. Vielleicht war es zu ihrem Beſten und ſeine ſtrenge Zucht bereitete ſie theilweiſe auf die ſchweren Pruͤfungen vor, die ſie noch zu be⸗ ſtehen beſtimmt war. Obgleich ſie Langley ſo viel als es ohne offenbare Ungezogenheit moͤglich war, vermied, ſo dachte ſie doch, wie ſonderbar es auch Manchem erſcheinen mag, deſto haͤufiger an ihn, je weniger ſie ſeine Geſellſchaft genoß. Sie dachte an ſeinen kuͤhnen Muth, als er ſich faſt in den ſichern Tod hinauswagte, um das Leben ihrer Eltern, ſo wie ihr eignes zu retten. Wenn er ſein Leben fuͤr ſie allein gewagt haͤtte, ſo haͤtte ſie ihm nicht dankbarer ſein koͤnnen. Ihre Gefuͤhle wurden noch um ſo inniger, als ſie ſich erinnerte, daß Diejenigen, 218 welche ihr auf Erden die Liebſten waren, mit dem Schickſale bedroht waren, vor welchem ſie zu retten er ſein Leben gewagt hatte. Langley blieb noch wochenlang blaß und matt, und das Mitleid verband ſich mit der Dankbarkeit— im Herzen der Frauen ein hoͤchſt gefaͤhrliches Buͤndniß. Der wackere Cavalier, der ſich koͤpflings in Alles ſtuͤrzte, mochte es nun eine Steinmauer oder ein Feder⸗ bett ſein, hatte auf gleiche Weiſe ſeine Wuͤnſche ſum⸗ mariſch zu erkennen gegeben und Langley geſagt, daß er zwar als virginiſcher Gentleman die Familie des Rundkopfs in ſein Haus geladen, nachdem dieſer das ſeinige verloren, ſein Sohn aber deswegen doch das Edikt des Nichtverkehrs als in voller Kraft ſtehend betrachten muͤſſe. Der kluge alte Herr ſchloß damit, daß er ſeinem Sohne abſolut verbot, ſich in die kleine Stutzoͤhrin zu verlieben, da er nie ſeine Einwilligung dazu geben werde, ſein Blut oder ſeinen Namen mit denen eines Rebellen gegen ſeinen Koͤnig und Abtruͤn⸗ nigen von ſeiner Mutterkirche zu vermiſchen. Der Leſer darf aus dieſer Beziehung auf die Mutterkirche aber nicht etwa ſchließen, daß Mr. Tyringham ein ſehr religioͤſer Mann geweſen ſei; die reine Wahrheit an der Sache iſt die, daß er zwar fuͤr die neunund⸗ dreißig Artikel gekaͤmpft hatte und vollkommen bereit war, dies von Neuem zu thun, aber doch unge⸗ mein verlegen geweſen ſein wuͤrde, wenn man ihn — —— —QE 219 aufgefordert haͤtte, zu ſagen, worin ſie beſtaͤnden. Die Leute koͤnnen aber eine ungeheure Quantitaͤt von Fa⸗ natismus haben, ohne viel Religion zu beſitzen. Wie dem auch ſein moͤge, ſo verſicherte Langley doch ſeinem Vater und zwar aufrichtig, daß er nicht die mindeſte Abſicht habe, Miß Miriam zu lieben, wor⸗ auf der gute Cavalier ſich, mit der Klugheit ſeiner Vorſichtsmaßregeln hoͤchſt zufrieden, entfernte. Langley, der nicht ſo ruhig war, wie er gern gegen ſeinen Vater geſchienen haͤtte, machte ſich eben⸗ falls auf den Weg, um ſich durch einen Spaziergang abzukuͤhlen. Es war nahe an Sonnenuntergang und dies das erſte Mal, daß er ſich erlaubt hatte, ſeit ſeiner Verwundung einen Spaziergang zu machen. Er wen⸗ dete ſich natuͤrlich dem Waſſer zu, denn die laufenden Baͤche, der ſiberne See und der geſchlaͤngelte Fluß beſitzen eine unwiderſtehliche Anziehungskraft. Gerade ehe der Geiſt den jungen Mann bewegt hatte, einen Abendſpaziergang zu unternehmen, hatte Miriam, durch die geheimnißvolle Sympathie, welche zwiſchen Langley und dem kleinen Stutzohrmaͤdchen herrſchte, getrieben, ihr kleines Huͤtchen in derſelben Abſicht aufgeſetzt. Seit dem Beginn von Langley's Krankheit war ſie taͤglich ungeſtoͤrt umhergeſchweift, da ſie keine Beſorg⸗ niß vor einem Zuſammentreffen mit ihm hegte, und Harold hatte ihr dies in der gleichen Ueberzeugung nach⸗ geſehen. 220 Langley war noch nicht weit gekommen, als er etwas, das ihm wie ein Frauenzimmer erſchien, lang⸗ ſam wie in tiefer Betrachtung vor ſich herſchreiten ſah. Er hatte eine Ahnung, wer es ſei und veraͤn⸗ derte, dem Gebote ſeines Vaters gehorſam, ſeinen Lauf um mehrere Compaßpunkte, durch welches Manoͤver er ein dichtes Dickicht zwiſchen ſich und den Feind brachte. Miriam hatte ihn ebenfalls auf ſich zukom⸗ men ſehen und war, von einem aͤhnlichen Pflichttriebe bewegt, anfaͤnglich ein wenig abgeſchweift, bis ſie unter den Schutz deſſelben Dickichts kam, worauf ſie ſich umwendete und ihre Schritte auf der entgegengeſetz⸗ ten Seite dem Hauſe zulenkte. Wir verzweifeln daran, ohne Karte eine klare Idee von ihrer Stellung zu geben, ſo viel aber iſt gewiß, daß dieſe beiderſeitigen Bemuͤhungen, ſich zu vermeiden, ſie ploͤtzlich beim Bie⸗ gen um eine Ecke von Angeſicht zu Angeſicht gegen⸗ uͤber brachten. Seinem Schickſale kann Niemand entgehen und es iſt nutzlos, noch beſondere Gruͤnde dafür anzugeben Das von Natur bleiche Geſicht Miriams wie das durch ſein Unwohlſein ebenfalls bleiche Langley's wur⸗ den ploͤtzlich bei dieſer ungeſuchten und ungeſchickten Begegnung von Purpur uͤbergoſſen. Ohne zu ſprechen an einander voruͤberzugehen, oder zu ſprechen, ohne ſtehen zu bleiben, wuͤrde unhoͤflich geweſen ſein, und der junge Mann redete daher die junge Dame an und machte zu gleicher Zeit Halt. 1— 221 Man glaubt— ja man weiß gewiß, daß ſeine erſte Bemerkung ſich auf das Wetter bezog. Welch ein koͤſtlicher Abend!“ ſagte Langley. „Koͤſtlich!« ſtimmte Miriam bei, und ſie wie⸗ derholten dieſelbe Idee, wo nicht dieſelben Worte, bis ſie kaum mehr wußten, was ſie ſagten. Ob dieſe Bewußtloſigkeit ſich auch auf das erſtreckte, was ſie thaten, iſt zweifelhaft, aber das laͤßt ſich nicht bezwei⸗ feln, daß, ſtatt daß nach allen anerkannten Geſetzbuͤchern der Hoͤflichkeit der Herr mit der Dame umkehrte, die Dame ſich mit ihm zuruͤckwendete, ohne ihre Herablaſ⸗ ſung zu bemerken, und daß ſie nicht dem Hauſe zugingen, ſondern immer noch unter Bemerkungen uͤber die Schoͤnheit des Abends die andre Richtung einſchlugen. Ploͤtzlich veraͤnderte Miriam jedoch den Geſpraͤchs⸗ gegenſtand, heftete ihre Augen auf ſein Geſicht und ſagte mit einer Stimme, die tiefes Intereſſe an dem Gegenſtande verrieth: „Du biſt ſehr blaß und mußt vom Gehen er⸗ muͤdet ſein; laß uns zuruͤckkehren.“ „Muͤde!— Was bringt Euch auf den Gedan⸗ ken,— etwa, daß Ihr meiner muͤde ſeid?“ ſagte Langley ſcherzhaft. „»Nun— nun— weil,Du ſo ausſiehſt. Du biſt ſo blaß und abgezehrt, daß ich uͤberzeugt bin, da Du auch ſchwach und muͤde ſein wirſt.“ „»Da irrt Ihr Euch wirklich. Ich habe mich nie in beſſerer Geſundheit oder gluͤcklicherer Stimmung gefuͤhlt als in dieſem Augenblicke.“ In dem Tone, Weſen oder Blicke, womit dieſe Worte begleitet wurden, lag wahrſcheinlich der Grund, daß ſich Miriams Wange mit einer leichten Roͤthe faͤrbte. Denkſt Du nicht, daß von den Wilden Gefahr zu befuͤrchten ſei?“ ſagte ſie haſtig.— „Nein, ſie werden nicht zuruͤckkehren, ſie haben ihr blutiges Geſchaͤft ſo ziemlich vollſtaͤndig verrichtet. Ueberdies werden ſie bald genug mit ihrer eignen Ver⸗ theidigung zu thun haben. Wir ruͤſten einen Zug, um fuͤr ihre Grauſamkeiten Rache zu nehmen und wo moͤglich deren Wiederholung fuͤr immer zu ver⸗ huͤten.“ „Und gehſt Du mit?“ „Gewiß!— Ein Jeder, der eine Waffe tragen oder einen Fuß vor den andern ſetzen kann, wird gehen und ſein Beſtes thun, um das Blut ſeiner Verwand⸗ ten und Freunde zu raͤchen.“ „Indem er ſein eignes vergießt.— Aber Du biſt noch nicht im Stande ein ſolches Unternehmen mitzumachen. Du biſt kaum von Deiner Wunde ge⸗ neſen und ſollteſt zu Hauſe bleiben, um uns arme. Frauen zu beſchuͤtzen.“ „Ich bin ſtark genug, um eine Flinte abzuſchießen und kann Euch am Beſten dadurch beſchuͤtzen, daß ich Eure Feinde vernichte.“ 4 6 223 „ Ja,“ antwortete ſie mit tiefem Gefuͤhl, vindem Du ſie mit ihren furchtbaren Beſorgniſſen allein laͤſ⸗ ſeſt, um von jedem fallenden Blatte, von dem Rau⸗ ſchen des Windes erſchreckt zu werden, ewig in Angſt uͤber Dein Schickſal zu ſchweben— geh nicht, ich bitte Dich, geh nicht. Verlaß uns nicht— ich— ich— ſpreche fuͤr Deine Mutter.“ „ Wollt Ihr, daß ich zu Hauſe bleiben und mich als Feigling verachten laſſen ſoll?“ rief Langley, von ihrer ſanften Eindringlichkeit tief geruͤhrt.„Wollt Ihr mich Feigling nennen laſſen? Sprecht, Miriam.“ „Nein!“ antwortete ſie feſt;„mein Vater iſt ein chriſtlicher Soldat, und hat mir oft geſagt, daß der Muth die groͤßte Schutzwehr von des Mannes Tugenden iſt, da er ſich ohne denſelben aus ihnen allen ſchrecken laſſen und von Furcht getrieben die ſchwaͤrzeſten Ver⸗ brechen begehen kann. Ich wollte nicht, daß Du Dich auf Erden vor Etwas fuͤrchteteſt, außer vor dem Un⸗ rechtthun, aber ich wollte, daß Du bei uns bleiben koͤnnteſt, ohne Dich einem Namen auszuſetzen, den alle Frauen haſſen und alle Maͤnner verachten. Wann gehſt Du?“ „Uebermorgen.“ 8 „Wirklich— ſo bald; und wann kehrſt Du zuruͤck?« „Wenn es dem Himmel gefaͤllt, vielleicht nie.“ „Vielleicht mag es ſo kommen,“ ſagte Miriam leiſe.„Laß uns nach Hauſe zuruͤckgehen, wir haben und ſie wendeten ſich, wie es ſchien, wenig zu weiterer Unterhaltung geneigt, dem Hauſe zu. 224 einen Fehler gegen unſre Vaͤter begangen. Laß uns hingehen und um Verzeihung bitten.“ Langley machte keinen Verſuch, ſie zurückzuhalten, —õ———————— —ꝛxxx—õ—— Mſſinffſſfſſffffffffſſſſſnſſſinſſnſsnffſnſſnſnſſiſſnſſſſſſſſ 9 1 12 13 14 15 16 1 8 10 1 —