Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ f den angenommen. 1.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und— beträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf1 Monat: 1 Mt. Pf. 1 Nk. 50 Pf. 2 Nt. Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Sie faßten ſchnell die Tomahawks, Und mit des Sturmes Wehen, Doch leiſe, leiſe ſieht man ſie An's blutige Geſchäft nun gehen. Sie kamen hin, wo raſch und wild Des Ohiv's Fluthen ſprüh'n und ſchwellen, Und färbten dann mit rothem Blut Des Ohio's raſche, wilde Wellen. Des weſtlichen Schiffers Ballade. Die Indianer zogen, von Königsmarke und dem neuen Häuptlinge, dem Springenden Stör, begleitet, den ufern des Ohio mit großer Schnelligkeit entgegen. Die Einfachheit der Wilden begünſtigt die raſcheſten Bewegun⸗ gen ſolcher Schaaren, da ſie ſich nicht mit Gepäck über⸗ laden und gewöhnlich im Kampfe nur um die Lenden und Füße bekleidet ſind. Obgleich es keine andere Strafe bei ihnen gibt, als die der Schande, ſo handeln ſie dennoch auf ihren Kriegszügen in Uebereinſtimmung und gehor⸗ chen den Anordnungen der Anführer mit Heiterkeit und . Pünktlichkeit. Die Häuptlinge machen den Angriffsplan und leiten die Bewegungen und Vorbereſtungen, bis die Schlacht beginnt, wo denn jeder für ſich ſelbſt kämpft, als wenn der Sieg von ihm allein abhinge. Der Befehl, vorzurücken oder ſich zurück zu ziehen, wird gewöhnlich durch einen Schrei oder Ruf gegeben, den man alsbald verſteht und befolgt. Nie wurde, weder im Kriege, noch im Frieden, eine körperliche Strafe über einen aus die⸗ ſen Stämmen verhängt, ausgenommen, um eine ähnliche Beleidigung zu rächen; ihre Abneigung vor Ruthenſtrei⸗ chen war ſo groß, daß ſie ſelbſt ihre Kinder nicht züchtig⸗ ten. Einſt ſchlug ein Häuptling ſeinen Sohn, einen Kna⸗ ben von zehn bis zwölf Jahren, in Abweſenheit ſeiner Mutter, welche bei ihrer Rückkehr über die dem Knaben angethane Schmach ſo entrüſtet war, daß ſie denſelben an der Hand nahm und, eine zweite Hagar, mit ihm in die Wildniß zog. Ihr Gatte folgte ihr bis zu einem benachbarten Stamme und ſuchte ſie zu überreden, mit ihm zurückzukehren; da ihm dies nicht gelang, blieb er bei ihr und geſellte ſich ſeinen Freunden nie wieder zu. Die einzige Strafe, welche man Kindern anthut, beſteht darin, daß man ſie in das Waſſer taucht, was das india⸗ niſche Sprichwort erklärt, daß die kleinen Kinder bei ihnen im Winter ſtets beſſer ſind als im Sommer, da ſie ſich nichts daraus machen, bei warmem Wetter ein Bad zu nehmen. 3 Die Schaar zog ſchweigſam und raſch dahin, wie der rothe Mann der weſtlichen Halbkugel dies zu thun pflegt, bis ſie ungefähr noch auf eine halbe Tagreiſe von dem Dorfe entfernt waren, das ihre Feinde bewohnten. Es wurde nun männiglich unterſagt, das geringſte Geräuſch zu machen, oder einen Schuß zu thun, und ſie ſtreckten ſich in dem dichten Walde auf den Boden hin, bis es dunkel war, wo ſie mit noch größerer Vorſicht und Schnel⸗ ligkeit als vorher ihren Marſch fortſetzten. Ihr Zweck war, den Feind vollkommen zu überra⸗ ſchen, indem ſie ſich an das Dorf heranſchlichen, ohne ſelbſt die Hunde, dieſe wachſamen Hüter der Nacht, zu wecken. Um zwei Uhr des Morgens erreichten ſie das Dorf des Ohio⸗Stammes. Nirgends brannte ein Licht— Alles ſchien in feſten Schlaf verſenkt. Man hörte keinen Laut, nur die Eule ſchrie aus dem Dunkel der Bäume und der 8 Wolf heulte in der Entfernung aus der Waldestiefe. Eben wollten die Muskrats und Mud⸗Turtles ihre letz⸗ ten Anordnungen zum Angriff machen, da gab plötzlich das laute Bellen eines Hundes das Lärmzeichen und hun⸗ dert andere antworteten ihm in einem Augenblick. Sobald dieſes wohlbekannte Zeichen erſcholl, ſpran⸗ gen die ſchlafenden Krieger des Dorfes auf, ergriffen ihre Waffen und ſtürzten heraus, während die Angreifenden mit demſelben Ungeſtüm auf ſie eindrangen. Das Dorf lag gerade dem Ufer des Stromes ent⸗ lang, das aus zwei terraſſenartigen Erhöhungen beſtand, — 10— deren oberſte fünfzehn bis zwanzig Schritte über der zweiten lag. Man nennt dieſe jetzt gemeinlich das erſte und zweite Ufer der Ströme des Weſten. Unten ſtrömte der Ohio in ſeinem tiefen Bette ziemlich reißend dahin. Eine indianiſche Schlacht gleicht denen des Homer und beſteht meiſtentheils in einer Reihe perſönlicher Kämpfe. Jeder Einzelne wählt ſich ſeinen Gegner aus und perſönliche Tapferkeit und Kühnheit gewinnt den Sieg. Schrecklich war das Schreien und Brüllen, wel⸗ ches dem Angriffe des Dorfes folgte. Die Ohio⸗Krieger, obgleich überraſcht, fochten wie Männer und die mannich⸗ fachen Waffenthaten, welche an dieſem Morgen verrichtet wurden, möchten leicht die glänzendſten Fecht⸗ und Tur⸗ nierſpiele der ältern Zeit in Schatten ſtellen. Unter denen, welche ſich bei dieſer Gelegenheit am meiſten aus⸗ zeichneten, war der Springende Stör, der aus der Noth eine Tugend machte und da er es nicht wagte, Reißaus zu nehmen, aus reinem Inſtinkt wie ein Löwe focht, um ſein Leben zu retten. Gerade bei Tagesanbruch wählte ein großer India⸗ ner ſich ihn aus, harrte des Augenblicks, wo er ſein Ge⸗ wehr losgeſchoſſen hatte und ſtürzte, ehe er wieder laden konnte, mit ſeinem emporgehobenen Tomahawk raſch auf ihn zu. Der Stör nahm den Lauf ſeines Gewehrs in die Hand und beide gingen langſam und ſich ſorgfältig in die Augen faſſend, auf einander zu. Endlich ließ der indianiſche Häuptling ſein Tomahawk fallen, was ſein — 11— Gegner kommen ſah und ihm ſeine Büffelmütze mit einem ſo überraſchenden Scharfblicke darbot, daß die Wehr auf eines der Hörner traf und zu Boden fiel, wobei der edle Stör weiter nichts zu leiden hatte, als daß ihm der Kopf wie ein Kreiſel ſummte. Der große Indianer ließ jedoch die augenblickliche Verwirrung, die dieſes Kreiſelbrummen verurſachte, nicht unbenutzt; er ſtürzte plötzlich auf den ehemaligen Ober⸗ gerichtsdiener von Elſingburg, und ehe er den Kolben ſeines Gewehrs gebrauchen konnte, begann ein tödtlicher Kampf, in welchem jeder ſeine ganze Kraft und Geſchick⸗ lichkeit aufbot. Sie fielen— der große Indianer blieb oben. In dieſer Lage ließ der Indianer einen n ſcrecklch gellenden Ruf hören und ſuchte nach ſeinem Meſſer; zum Glück jedoch für den Springenden Stör trug ſein Geg⸗ ner an dieſem Tage als beſondere Zierde eine Frauen⸗ ſchürze, die er von einem franzöſiſchen Waarenhändler gekauft und in der Eile der Ueberraſchung über ſeinem Meſſer umgebunden hatte. Dieſer Umſtand hinderte ihn, es ſo ſchnell herauszubringen, wie er ſonſt wohl gethan hätte, und ſetzte Lob Dotterel oder den Springenden Stör in den Stand, einen ſeiner Daumen in den Mund zu bekommen. Dadurch wurde nicht nur die eine Hand des Indianers außer Thätigkeit geſetzt, ſondern auch die andere durch den Schmerz, den das Beißen verurſachte, in ihrem Beginnen gehindert. Endlich faßte der Indianer die Klinge ſeines Meſ⸗ ſers, gerade unter dem Griffe, als eben der Andere Ge⸗ legenheit fand, die Handhabe zu ergreifen, während er an des Indianers Daumen immer tüchtig nagte. Als der Indianer das Meſſer aus der Scheide riß, brachte Lob Dotterel ſeinem Daumen einen ſchrecklichen Biß bei und zog in demſelben Augenblicke das Meſſer durch ſeine Hand, ſo daß er ihm die Finger bis auf die Knochen durchſchnitt. Dies brachte den Indianer außer ſich; er ließ den Springenden Stör los, der durch eine plötzliche Anſtren⸗ gung jeder Kraft ſich aufriß und auf ſeinen Füßen ſtand, während der Indianer daſſelbe that. Der tapfere Stör fuhr dem Gegner ſogleich wieder nach der Hand, brachte den Daumen zwiſchen ſeine Zähne und bearbeitete ihn ſo tüchtig, daß er einen bedeutenden Vortheil über ſeinen Gegner hatte, deſſen Rippen er end⸗ lich das ihm entriſſene Meſſer fühlen laſſen konnte. So⸗ bald dieſer die unzweideutige Abſicht des weißen Mannes merkte, ſtieß er einen gellenden Schrei aus, riß einen CTheil ſeines Daumens aus des Obergerichtsdieners Zäh⸗ nen, die das Uebrige feſt hielten, heraus, zog ſich in größter Eile zurück und ließ ſeinem Gegner den Sieg. Mittlerweile wüthete der Kampf in dem Dorfe und die Ufer des Stromes entlang mit der größten Heftigkeit. Der lange Finne hatte in dem Getümmel des Ge⸗ 4 fechtes einen ſtämmigen Häuptling bis zu dem Rande des erſten Ufers verfolgt; hier wendete der letztere ſich plötzlich um, ergriff jenen und zog ihn bis an den Rand des Waſſers hin, wo ein indianiſcher Knabe von vierzehn bis fünfzehn Jahren ſich verſteckt hatte. Der lange Finne war bei dem Ringen obenauf gekommen; während er aber bemüht war, jenen niederzuhalten, ſagte der rothe Krieger etwas zu dem indianiſchen Knaben, welcher wie ein Hirſch das Ufer hinauf lief und plötzlich mit einem Tomahawk wieder kam. Der junge Mann hatte in dieſem dringlichen Augen⸗ blicke nichts Nöthigeres zu thun, als auf den Hieb des indianiſchen Knaben zu achten, den er auch glücklich durch einen Stoß aufhielt, der die Waffe mehrere Schritte weit aus ſeinen Händen fortſchleuderte. Darüber ſtieß der große Indianer einen verächtlichen Ruf gegen den Knaben aus, der augenblicklich das To⸗ mahawk wieder holte und dem weißen Manne darauf ſehr vorſichtig nahete, denn er machte mannichfache Sprünge und führte falſche Hiebe, bis er die Gelegenheit wahr⸗ nahm, ihm einen ſichern Streich zu verſetzen. So groß war aber die Wachſamkeit und Gewandt⸗ heit des weißen Mannes, daß er eben noch mit einer Armwunde wegkam, die ihn kampfunfähig zu machen drohte. Als er ſah, daß der Knabe wieder kam und aber⸗ mals nach ihm hauen wollte, machte er, wohl wiſſend, — 14— daß dieſe Art den Kampf fortzuſetzen, ganz und gar zu ſeinem Nachtheil endigen müſſe, eine plötzliche, ungeſtüme, unerwartete Anſtrengung, entwand ſich der Umarmung des großen Indianers, ſprang auf, nahm ſeine Büchſe, die er, als er das Ufer herab ſtürzte, hatte fallen laſſen, und ſchoß dem indianiſchen Knaben, als er eben zum drit⸗ ten Male mit ſeinem Tomahawk heran kam, eine Kugel durch das Herz. Der große Indianer, der nun auch auf⸗ geſprungen war, faßte Königsmarke jetzt plötzlich an den Beinen und warf ihn kopfüber in das Waſſer; da das Ufer aber ſehr ſchlüpfrig war, konnte ſich der Indianer nicht halten und ſtürzte Königsmarke nach; und nun begann ein furchtbarer, verzweifelter Kampf, in welchem jeder alle Kraft und alle Gewandtheit aufbot, ſeinen Geg⸗ ner unter das Waſſer zu bringen. Zuweilen war der Eine, dann der Andere unten, bis endlich Königsmarke, der ſchon halb erſtickt war, das Glück hatte, den India⸗ ner an der einzigen Locke zu faſſen, welche er auf dem Kopfe hatte. Mittelſt dieſes Haarbüſchels konnte er ihm den Kopf unter das Waſſer ziehen und ihn dort feſthalten. Dies ſchien den Kampf zu entſcheiden. Die Anſtrengungen des Indianers, ſich zu retten, wurden ſchwächer und ſchwöächer und es hatte den An⸗ ſchein, als wenn er jedes Bewußtſein verloren hätte. Königsmarke ließ nun den Haarbüſchel los und ent⸗ deckte zu ſpät die wilde Kriegsliſt. Sobald der Indianer ſeine Schädellocke wieder los — 15— fühlte, ſprang er empor und der Kampf begann von neuem, wo ſie ſich ſo lange abmühten, bis die Kraft des Stromes die Oberhand über beide erhielt und ſie in die Tiefe fortriß. 3 Der Inſtinkt der Selbſterhaltung nahm bald eine andere Richtung. Als wenn beide unter dem Einfluſſe deſſelben Gefühles ſtänden, ließen ſie einander los und ſchwammen auf das Ufer zu, um die dort liegenden Waf⸗ fen zu ergreifen, die aus dem Tomahawk und zwei Büch⸗ ſen beſtanden, deren eine dem Indianer gehörte und noch geladen war. Der Indianer war unter beiden der beſte Schwim⸗ mer und es gelang ihm, das Ufer zuerſt zu erreichen. Er lief auf die geladene Büchſe zu und in demſelben Au⸗ genblicke faßte Königsmarke das Tomahawk. Der In⸗ dianer hob das Feuerrohr, legte raſch an, faßte ſein Ziel feſt in das Auge und drückte los. Der Schuß verſagte und ehe der Indianer den Hahn wieder ſpannen konnte, ſtürzte der lange Finne auf ihn zu und begrub das Tomahawk in ſeinem Kopfe. Er ſtieß einen furchtbaren Schrei aus; aber ſelbſt in dem Todeskampfe verließ ihn das Gefühl nicht, das dieſen Söhnen des Waldes ſtreng vorſchreibt, ihren ent⸗ ſeelten Körper nicht in der Hand des Feindes zu laſſen; mit einer faſt übernatürlichen Anſtrengung ſtürzte er ſich in die Wellen des Stromes, der ihn ſogleich fortriß und aus dem Bereich ſeiner Feinde brachte. — 16— Unterdeſſen hatte der Widerſtand der Indianer des Dorfes nachgelaſſen. Sie hatten lange genug gekämpft, um ihre Weiber und Kinder in den Stand zu ſetzen, das jenſeitige Ufer des Ohio zu erreichen; nun viele ihrer beſten Krieger gefallen oder gefährlich verwundet waren, nahmen die Uebrigen keinen Anſtand, ihrer zeitlichen Heimath den Rücken zu kehren. Sobald ſich eine Gele⸗ genheit darbot, ſtürzten alle, auf ein wohlbekanntes Zei⸗ chen, in den Strom, tauchten mit der größten Gewandt⸗ heit unter, ſobald die Feinde ihre Büchſen anlegten, er⸗ reichten ſo, Kraft und Liſt vereinend, endlich das entge⸗ gengeſetzte Ufer und verſchwanden. Die Sieger plünderten das Dorf und ließen es dann in Flammen aufgehen; ſo lange der Tag dauerte, ſchrien, tanzten, ſchmauſ'ten und ſangen ſie, und mit dem An⸗ bruch der Nacht traten ſie e triumphirend den Rückzug in ihre Heimath an. Wir dürfen aber nicht verſäumen zu erwähnen, daß nach Allem der glückliche Erfolg des Feldzuges der Mus⸗ krats und Mud Turtles in nicht geringem Grade jener großen Medicin, der Perücke Lob Dotterel's zugeſchrieben werden mußte. Dieſer Kopfſchmuck war nämlich dem Schutze eines der oberſten Prieſter oder Beſchwörer feier⸗ lichſt übergeben worden; dieſer ſetzte die Perücke auf ſein Haupt und begleitete den Zug der Krieger. Als der Kampf begann, tanzte der Beſchwörer, ſang, machte Luftſprünge und verführte einen ſolchen unaus⸗ —. 1— 6 ſtehlichen Lärm, daß er die beſondere Aufmerkſamkeit eines der feindlichen Häuptlinge auf ſich zog, der alsbald vorſchritt, um den Beſchwörer zum Schweigen zu bringen. Der Prieſter wich zurück, der Häuptling folgte; als er ihn ereilt hatte, griff er nach ſeinen Haaren, die, man denke ſich des wilden Kriegers Schrecken, in ſeiner Hand blieben, während der Kopf des Feindes ganz unbeſchädigt war. Dieſes ſeltſame und auffallende Wunder ſetzte den einfachen Krieger des Waldes in das tiefſte Staunen und ſchnell verbreitete ſich das Gerücht, die Feinde ſeien im Beſitze einer großen Medicin, welche ihnen den Kopf auf Koſten des Haares rettete. Dies entmuthigte die Ohio⸗Krieger, und ſie kämpften fortan nicht mehr freudi⸗ gen Herzens. An ſolchen Kleinigkeiten hängt oft das Schickſal von Dörfern, Städten, ja ganzen Reichen! Paulding VI. 2 Zweites Kapitel. Der Tod— was iſt er? Er iſt vielleicht— hem!— Vielleicht auch nicht. Ungenannter. Die Muskrats⸗ und Mud Turtle⸗Krieger kehrten in ihre Heimath zurück und brachten die Leiche eines ihrer Häuptlinge nach Haus, welcher am zweiten Tag ihrer Reiſe an ſeinen Wunden geſtorben war. Als ſie dem Dorfe nahe genug waren, um gehört zu werden, ſtimm⸗ ten ſie das herkömmliche Todtengeheul an, als Zeichen, daß ſie Einen aus ihrer Mitte verloren hatten. Dieſes Geheul wurde augenblicklich von den Frauen und Müt⸗ tern des Stammes verſtanden, welche unter furchtbarem Geſchrei den Ankommenden entgegen eilten, um zu er⸗ fahren, welche von ihnen den Verluſt eines Sohnes oder eines Gatten zu beklagen haben würde. 4 Die vier ausgezeichnetſten Krieger der Schaar nah⸗ men nun die Leiche des Häuptlings auf die Schultern und trugen ſie langſam und feierlich, von den Greiſen und Frauen gefolgt, welche ſich das Haar ausrauften und Schreie ausſtießen, die in den Tiefen des Waldes wieder⸗ hallten, in das Dorf. Die nächſten Verwandten des Todten jedoch folgten in tiefem Schweigen, ohne irgend — 10— ein Zeichen des Schmerzes von ſich zu geben, da es des gefallenen Häuptlings unwürdig erachtet wurde, daß ſeine Verwandten ſein Loos beweinten. Sie bekleideten die Leiche, ſetzten ſie in der Stellung, wie man den Häuptling während ſeines Lebens am mei⸗ ſten geſehen hatte, auf eine Matte, nahmen rings um ſie her Platz und hielten ihm ſeine Trauerrede, indem einer nach dem andern ſeine und ſeiner Porſahren Tha⸗ ten im Kampfe erzählte. Nachdem all' dies geſchehen war, ſangen ſie ihm eine Art Leichengeſang, der, aus der indianiſchen Sprache ſo gut als möglich übertragen, ſo lautete: Fort biſt du, und doch der Unſern Einer! Du ſitzeſt hier, wie vorher! Du ſcheinſt ein Mann und biſt doch keiner; Du biſt dahin und kommſt nicht mehr. Du biſt, mußt' auch dein Leben vergeben; Dein Antlitz konnte der Tod nicht zerſtören; Du haſt Augen, aber du kannſt nicht ſehen; Du haſt Ohren, aber du kannſt nicht hören. Und ſprachſt du geſtern nicht mit deinen Freunden? 4 Und zogſt du nicht mit den Kriegern aus, Die zu Müh' und Luſt ſich glüͤcklich vereinten Und manche Hirnhaut holten im wilden Strauß? Ja— du biſt hier und biſt doch gegangen, Du biſt nicht— und doch ſeh'n wir dich, Wie das Geſtern iſt dein Leben vergangen Und nichts als das Nichts zeiget ſich. — 20— Das Etwas, das dir gab das Leben— Wo iſt's?— Zerſtäubt wie Blumenduft? Es war ein Geiſt— er muß fortweben In den Sternen— im Himmel— in der Luft! Den Geiſt wollen geehrt wir ſehen— 3 Den Geiſt, der unſre Klage hört, 6 Das Etwas, das nie kann vergehen, Das Etwas, das nie wiederkehrt. Die Leiche des rothen Häuptlings wurde jetzt in eine zu dem Zwecke hergerichtete Hütte gebracht, wo ſie vier und zwanzig Stunden blieb, während welcher Zeit die beiden Stämme ſchmauſ'ten und tanzten. Er wurde dann zum Grabe gebracht und aufrecht ſitzend, das Geſicht der aufgehenden Sonne zugekehrt, begraben. Die Freunde und Verwandten des verſtorbenen Kriegers warfen ſeine Waffen, nebſt Pfeifen, Taback, Getraide und einigen Stücken Wampum in das Grab. Dieſes wurde nun ge⸗ ſchloſſen und von dieſem Augenblicke an der Name des Mannes nie wieder von Freunden und Verwandten gehört. Während Königsmarke den indianiſchen Kriegern auf ihrem Zuge folgte, waren die Gedanken der ſchönen Chriſtina und ihrer Freundin Aouetti mit den Gefahren beſchäftigt, denen er preisgegeben war, und dann über⸗ ließen ſie ſich ihren Thränen. Sie liebten ſich noch zärtlich, obgleich ſie allmählig der Gedanke beſchlich, daß ſie Nebenbuhlerinnen ſeien und unter dem Einfluſſe eines mächtigern Gefühles ſtänden, als das ihrer Freundſchaft war. Im Gefolge dieſes aufkeimenden Gefühls trennten beide ſich ſtundenlang, um in der Einſamkeit ihren Ge⸗ danken nachzuhängen. Zuweilen kam Aouetti, nachdem ſie viele Stunden in den Wäldern umher geirrt oder dem Laufe des Stro⸗ mes gefolgt war, zu Chriſtina, warf ſich an ihre Bruſt und weinte. „ Ich liebe dich,“ pflegte ſie zu ſagen,„ich liebe dich, aber ich weiß, daß du die Urſache meines Unglücks ſein wirſt. Du wirſt, früh oder ſpät, nach Hauſe gehen und er wird dir folgen. Ich werde dann allein und verlaſſen ſein; ich werde den Geliebten verlieren und es wird nicht einmal Jemand bleiben, der mich bemitleidet. Chriſtina konnte nur in dem Bewußtſein, daß ihre Liebe mehr als erwiedert werde, die Krgft finden, ihre Nebenbuhlerin zu bemitleiden; und ſie bemitleidete ſie, obgleich ſie nicht umhin konnte, einem ſeltſamen Gefühle nachzugeben, das ſie zuweilen verleitete, die Liebkoſungen des indianiſchen Mädchens mit einer Kälte zu erwiedern, die dem einfachen Kinde der Natur nicht immer entging. „Ich bin dir läſtig!“ pflegte dann Aouetti zu ſagen, ging fort und weinte und ſang ihre ſchwermüthigen Lieder.„ Es iſt nicht wohl möglich zu ſagen, wie lange die Innigkeit und Freundſchaft dieſer zwei unſchuldigen Mäd⸗ chen der Eiferſucht der Liebe noch widerſtanden hätte, denn — 22— es kündigte ſich eine furchtbarere Nebenbuhlerin an und lenkte ihre wechſelſeitigen Beſorgniſſe Einem Punkte zu. Die indianiſche Wittwe, welche das Leben Königs⸗ marke's nur dadurch gerettet hatte, daß ſie ihn als ihren Sclaven in Anſpruch nahm, hörte mit Bewunderung von ſeiner Kühnheit in dem letzten Kampfe an den Ufern des Ohio und von ſeinem verzweifelten Widerſtand gegen die zwei Indianer, und that den Weiſen und Häuptlingen ihre Abſicht kund, ihn an die Stelle ihres verlornen Gatten zu wählen. Der ganze Stamm bhilligte dieſen Entſchluß und man traf Anſtalten, die Hochzeit mit der größten Pracht zu feiern. Dieſe Nachricht ſenkte ſich wie ein kalter Stahl in die Herzen der zwei jungen Mädchen, welche nun in ganz gleicher Lage waren und vollkommen mit einander ſym⸗ pathiſirten. „Wir werden mit einander trauern,“ rief Aouetti, „wir werden beide unglücklich ſein! Laß uns nie ſcheiden!“ Obgleich Königsmarke dieſer Verbindung eben nicht zugethan war, ſo kannte er ſeine Lage doch zu gut, um ſeinen Widerwillen offen an den Tag zu legen, da er wußte, daß dies als eine Beleidigung gelten würde, die der ganze Stamm zu rächen hätte und welche mit der unbeugſamſten Strenge geſtraft werden würde. Er gab ſich daher das Anſehen, als fühle er in ho⸗ hem Grade das Glück und die Ehre, welche ſeiner harrten, — 23— beſchloß aber zu gleicher Zeit, keinen Augenblick zu ver⸗ lieren, um mit Chriſtina über die Mittel einer ſchleuni⸗ gen Flucht Rath zu pflegen. Sobald er ſie einen ein⸗ ſamen Pfad einſchlagen ſah, eilte er, von keinem Auge beachtet, zu ihr hin und fand ſie an den Ufern des Stromes allein, in Thränen gebadet. „Chriſtina, warum weinſt du?“ rief der junge Mann. Chriſtina erſchrak und wiſchte ſich ſchnell die Thrä⸗ nen von dem Auge.— „Ich habe meine Heimath, meinen Vater und Alles verloren, was ich liebte und was mich liebte. Sie haben mich vergeſſen— ja, ſonſt hätten ſie mich längſt geſucht, bis ſie mich gefunden hätten. Ich werde ſie nie wieder⸗ ſehen. Iſt es nun ein Wunder, wenn ich weine?“ Königsmarke ſetzte ſich an ihre Seite, nahm ihre Hand und küßte ſie. „Du haſt noch einen Freund, welcher dich nie ver⸗ laſſen wird. Dein armer Vater hat mich wie ſeinen Sohn behandelt; ich werde der Bruder ſeines Kindes ſein— mehr— mehr als der Bruder, wenn du mir es geſtatteſt.“ 5 „Du kannſt mir nicht mehr ſein!“ verſetzte die ſchöne Maid und entzog ihm ſanft ihre Hand.—„Der Gatte einer Andern kann mir nicht mehr ſein als ein Bruder. Du wirſt ein Wilder in deinem Herzen werden und ein Vater von Wilden.“ — 2— „Nein, gib mir deine Hand!“ antwortete er.— „Ich ſchwöre dir bei der Dankbarkeit, die ich gegen dei⸗ nen Vater fühle,— bei der Liebe, welche ich dir weihe,— bei allen meinen Hoffnungen hier und jenſeits des Gra⸗ bes— ich werde dich nie verlaſſen— ich werde dich nie vergeſſen!“ „Aber du wirſt der Gatte einer Andern; und— und—“ Sie barg ihr Antlitz in ihren Händen und weinte auf ſeiner Schulter. „Höre mich, Chriſtina!“ rief der junge Mann.— „Hätte ich die Wahl zwiſchen dem Pfahl und dem Scheiter⸗ haufen, wie mir faſt keine andere Wahl zu bleiben ſcheint, ſo würde ich doch nur dich zu meiner Lebensgefährtin wäh⸗ len.— Ich habe dich aufgeſucht, um dir dies zu ſagen, wegen der Mittel zu unſerer Flucht mit dir zu reden, Alles auf einen Wurf zu ſetzen, für dich zu leben, oder mit dir zu ſterben. Wagſt du es, heute Nacht mit mir zu fliehen und dich der Gefahr preiszugeben, eingeholt und den Martern an dem Pfahl dich überliefert zu ſehen?“—. „Ich wage Alles,“ verſetzte Chriſtina,—„nur kann ich dich nicht in den Armen einer Andern ſehen!“ Königsmarke ſchloß ſie einen Augenblick mit einem Gefühle unausſprechlicher Zärtlichkeit und Dankbarkeit an 3 ſeine Bruſt und ſetzte ihr dann auseinander, wie er ihre Flucht zu bewerkſtelligen gedenke. Er hatte, indem er „ 25— bei verſchiedenen Gelegenheiten die Wilden ausfragte, ohne ihren Argwohn zu erregen, ſich, wie er glaubte, hinreichende Belehrung verſchafft, um in dem Stande zu ſein, den Weg durch die Wälder zu finden, ſo daß er in der Nähe von Elſingburg oder Coaquanock an die Ufer des Delaware gelangen mußte. In Folge dieſes Planes verabredeten ſie, während des Schmauſes und Tanzes, womit die Indianer Königsmarke's bevorſtehende Hoch⸗ zeit zu feiern beſchloſſen hatten, und ſobald die Wilden, wie es ihre Gewohnheit war,„dem ſtarken Getränke“ oder„Feuerwaſſer“ zu ſtark zugeſprochen, das Dorf ein⸗ zeln zu verlaſſen, an der Stelle, wo ſie jetzt ſaßen, zu⸗ ſammen zu treffen und von hier aus die Richtung zu verfolgen, welche, nach Königsmarke's Dafürhalten, ſie auf dem nächſten Wege nach Hauſe führte. „Chriſtina,“ ſetzte der junge Mann feierlich hinzu, „ich kann dir nicht verbergen, daß viele Mühſeligkeiten deiner harren und daß wir uns der Gefahr ausſetzen, eingeholt zu werden und eines langſamen, qualvollen Todes zu ſterben. Für mich iſt all' dies nichts, aber für dich!— O Gott!— welch' ein Anblick, wenn das Feuer deine ſchneeweißen Glieder ſchwärzt, wenn deine Schön⸗ heit das Spiel harbariſcher Grauſamkeit wird, dein koſt⸗ bares Blut, dein Leben, das mir theurer iſt, als dieſe Welt, Tropfen um Tropfen, Athemzug um Athemzug verſtrömt!—— Bedenke dies, ehe du einen Entſchluß faſſeſt!“ — 26 Chriſtina ſah ihn mit heiterm, liebevollem Blick an und ſagte: „Wenn die Ermüdung mir die Glieder lähmt, werde ich die Hoffnung, meinen armen Vater bald wiederzu⸗ ſehen, zu Hülfe rufen. Werden wir eingeholt, ſo werde ich mich bemühen, nicht zu verzweifeln; und bindet man uns beide an den Pfahl, um den das Feuer flammt, ſo werde ich durch dein Beiſpiel und Gottes Beiſtand mich beſtreben, die Qual zu ertragen.“ „So laß uns nun ſcheiden,“ ſagte der junge Mann, „und der Himmel ſei uns in dieſer Nacht gnädig! Lebe wohl! Und wenn du vielleicht dieſe Nacht vor mir hier⸗ her⸗kömmſt, ſo warte und fürchte nichts.“ 3 Er küßte ſie auf die Wange und ſie kehrten auf ver⸗ ſchiedenen Wegen in das Dorf zurück, wo die Zurüſtun⸗ gen zu dem Feſte die allgemeine Aufmerkſamkeit glückli⸗ cher Weiſe in Anſpruch genommen hatten, ſo daß ihre Abweſenheit unbemerkt geblieben war. Drittes Kapitel. Aber er nahm den andern Weg, Und ſie konnten ihn nicht finden. Vierzebn Tage lief er durch's Waldgeheg Und ſchaute nie nach hinten. Der Mutter Gans Lieder. Die Nacht brach an unter Lärm und Jubel, unter Trinken, Tanzen, Schmauſen und Brüllen, das durch die Stille des Waldes tobte und ſelbſt das Geheul ſeiner hungrigen Bewohner ſtumm machte. Es iſt bei ſolchen Gelegenheiten Sitte, einzeſrn die Aufſicht über die Waffen der Krieger anzuvertrauen, und dieſe haben die Pflicht, nüchtern zu bleiben, damit die tolle Ausſchweifung der Trunkenheit die Kampfſüch⸗ tigen nicht übermanne und ſie in ihrer Wuth ſich ver⸗ ſtümmeln oder tödten. Königsmarke hatte, auf ſein be⸗ ſonderes Begehren, dieſe Aufſicht übernommen und Lob Dotterel wurde, ſehr gegen die Wünſche des jungen Man⸗ nes, ihm als Beiſtand zugegeben. Der letztere Theil der Anordnung ſetzte Königsmarke in nicht geringe Verlegen⸗ heit, denn die Geſellſchaft des Obergerichtsdieners von Elſingburg machte ſeine heimliche Entfernung viel ſchwie⸗ riger, und er wagte es nicht, aus Furcht, verrathen zu werden, auch ihn zur Flucht zu bereden. — 28— Mit dem Vorſchreiten der Nacht wurde die Scene wilder Schwelgerei abſchreckender und furchtbarer. Einige brüllten unverſtändliche Lieder, Andere wälzten ſich trun⸗ ken auf dem Boden und wieder Andere machten ihren erregten Leidenſchaften in Balgereien Luft, in welchen der Wahnſinn der Wuth mit dem Unvermögen thieriſcher Trunkenheit zurückſtoßend contraſtirte. Allmählig ſank einer nach dem andern in tiefen Schlaf und Alles wurde ruhig. Jetzt kam die begebnißvolle Stunde; aber die Gegen⸗ wart Lob Dotterel's, welchen Königsmarke vergeblich zu bereden ſuchte, ſchlafen zu gehen und ihm die Wache allein zu überlaſſen, hinderte ihn, ſich zu entfernen. Endlich war ſeine Geduld erſchöpft; er bat den Springen⸗ den Stör, einige Augenblicke allein auf dem Poſten zu bleiben, ergriff ſeine Büchſe, ein Tomahawk und ein Meſſer; Pulver und Blei hatte er bereits zu ſich geſteckt, und entfernte ſich. Als er ſich der bezeichneten Stelle näßerte, ſchlug ſein Herz in furchtbarer Angſt, denn er fand Chriſtina nicht. Er nannte ihren Namen und ſieh, ihre weiße Ge⸗ ſtalt trat hinter einem Baume hervor. „Ich glaubte, du würdeſt nie kommen!“ flüſterte das zitternde Mädchen und ſank erſchöpft in ſeine Arme. „Dich ſo zu umarmen,“ ſagte Königsmarke leiſe, „iſt ein Glück, das nie endigen ſollte! Aber es iſt kein — 29— Augenblick zu verlieren. Laß uns gehen und Gott ſei unſer Geleite!“ Sie traten in den Wald, verfolgten die von Königs⸗ marke bezeichnete Richtung und waren vielleicht eine halbe Stunde gegangen, als ſie Fußtritte hinter ſich zu hören glaubten. „Man verfolgt uns,“ ſagte Chriſtina;„wir ſind verloren!“. „Still,“ flüſterte der junge Mann,„vielleicht iſt es irgend ein wildes Thier.“ „Der Himmel gebe, daß dem ſo ſei,“ ſagte Chri⸗ ſtina;„der Wolf und der Bär ſind hier willkommner als der Menſch.“ Sie ſtanden ſtill und lauſchten in athemloſer Angſt. Man hörte etwas durch die Büſche ſtreifen und lang⸗ ſam näher kommen; aber ſie konnten nicht unterſcheiden, ob es ein Menſch oder ein Thier ſei, da der Mond eben hinter eine Wolke getreten war. Jetzt ſchien er wieder hell und ſie ſahen die Geſtalt eines Mannes, welcher ſie aus einer kleinen Entfernung beobachtete. „Man muß ihn unſchädlich machen,“ ſagte Königs⸗ marke, ergriff ſeine Büchſe und trat einige Schritte auf die Geſtalt zu. „O, tödte ihn nicht!“ rief Chriſtina,„vielleicht iſt's ein Freund.“ — 30— „Ich werde dies bald erfahren,“ verſetzte er.„Wer du auch ſein magſt, rede— oder du ſtirbſt.“ „Ein Freund,“ rief die Geſtalt und ſie erkannten die befreundete Stimme Lob Dotterel's. „Ich habe euch nicht aus dem Auge gelaſſen,“ fuhr er fort,„denn ich merkte wohl, daß ihr etwas im Schilde führtet. Ihr wolltet mir nicht vertrauen; aber ich bin treu wie Stahl. Ich gedenke mit euch zu gehen und euer Loos zu theilen, ſei es, welches es wolle.“ „Du biſt ſehr willkommen, Lob,“ ſagte der lange Finne,„aber jeder Augenblick iſt ein Leben für uns Alle. Laßt uns fort!“ Wechſelweiſe Chriſtina beiſtehend, ſie ſtützend und zuweilen tragend, ſetzten ſie ihren Weg in der größten Eile fort und hatten, als der Morgen graute, ſchon meh⸗ rere Meilen zurückgelegt, ohne daß ihnen andere als die natürlichen Hinderniſſe aufgeſtoßen wären. 4 Chriſtina klagte über Müdigkeit und es wurde be⸗ ſchloſſen, eine kleine Weile zu raſten, da ſie vermuthe⸗ ten, die Wilden würden, nach der nächtlichen Schwär⸗ merei, bis ſpät am Morgen ſich dem Schlafe überlaſſen. Sie ſetzten ſich alſo nieder und genoſſen ein wenig ge⸗ trocknetes Wildpret, womit Königsmarke ſich verſehen hatte. Wenige Minuten— und ſie hörten den Knall eines Feuerrohrs und einen Augenblick darauf jagte ein ange⸗ ſchoſſener Hirſch an ihnen vorüber und ſtürzte wenige Schritte von ihrem Ruheſitze todt nieder. Königsmarke und ſein getreuer Lob ſprangen augen⸗ blicklich auf und machten ſich auf das Schlimmſte gefaßt. Einige Momente vergingen in dieſer Ungewißheit und nun ſahen ſie zwei mit Büchſen bewaffnete Indianer durch die Bäume daher kommen. Sobald ſie die weißen Männer anſichtig wurden, ſprang jeder wie der Blitz hinter einen Baum und eben ſo raſch folgten die Weißen ihrem Beiſpiele. Königsmarke hatte Chriſtina gefaßt und ſtellte ſie im Schutze des Baum⸗ ſtammes hinter ſich. So harrten beide Theile mit geſpanntem Hahne des Augenblicks, wo irgend ein Glied der Feinde ſich zeigte und Gelegenheit böte, der Kugel ein ſicheres Ziel zu geben. Man hat es als etwas Charakteriſtiſches bei den Indianern bemerkt, daß ſie nie gern mit dem weißen Mann in perſönlichen Kampf treten oder ſich überhaupt mit ihm einlaſſen, wenn ſie es vermeiden können, bis ſich ihnen ein Vortheil zeigt. In dieſem Zuſtande furchtbarer Ungewißheit nahm Königsmarke die Gelegenheit wahr, dem Obergerichts⸗ diener anzuempfelßen, ſeinem Beiſpiel zu folgen. Er nahm nun ſeinen Hut ab und ſchwenkte ihn, wie Jäger zu thun pflegen, wenn ſie eine Ente locken wollen; er zeigte ihn wechſelweiſe und zog ihn wieder hinter den Baum zurück. Lob Dotterel folgte mit ſeiner Büffelmütze raſch ſeinem Beiſpiele. In der großen Dunkelheit des ſich herankämpfenden Morgens und in dem tiefen Walde wurden die India⸗ ner durch dieſe Liſt getäuſcht; ſie glaubten, ihre Gegner ſtreckten die Köpfe hinter den Bäumen hervor, und feu⸗ erten in demſelben Augenblicke. Hut und Mütze fielen zu Boden und die beiden In⸗ dianer ſtürzten herzu, um Tomahawk und Scalpirmeſſer an ihren Feinden zu gebrauchen. Da ſie ohne weitere Be⸗ ſorgniß herankamen, konnten die zwei weißen Männer ſicher zielen, und die Büchſen knallten. Der vorderſte ſtürzte todt nieder; der andere ſtieß ein Gebrüll aus, das dem des angeſchoſſenen Büffels glich, ſprang in den Wald und verſchwand. Unſere Freunde luden ſogleich ihre Büchſen und ſetz⸗ ten ihre Reiſe fort. Ihre Furcht vor den Indianern ward nicht wenig durch den Gedanken geſteigert, der ver⸗ wundete rothe Mann möchte das Dorf erreichen und die Krieger zu raſcher Verfolgung anfeuern. Als ſie an der Leiche des Wilden vorbei kamen, wen⸗ dete ſich Chriſtina, unter dem Einfluß jenes wunderbaren Zaubers, welchen der Schrecken über den menſchlichen Geiſt übt, unwillkürlich nach ihr um und erkannte die Züge des Bruders der reizenden Aouetti, der, wie ſie ſich nun erinnerte, ſeit mehreren Tagen auf einem Jagd⸗ Ausfluge begriffen war. — 33— „Die arme Aouetti!“ rief ſie ſeufzend.„Ich bin ihr zum Unheil geboren.“ Chriſtina vergaß in dieſem Augenblicke ihrer eigenen Gefahr, um nur der Leiden ihrer liebenswürdigen Schwe⸗ ſter zu gedenken. 4 Während dem übrigen Theil des Tages begab ſich wenig Bemerkenswerthes; nur die Beſchwerden und Müh⸗ ſeligkeiten des Weges mehrten ſich und die Ermüdung wuchs. Sie machten eine Art Tragbahre aus Zweigen und trugen die erſchöpfte Chriſtina von Zeit zu Zeit auf den Schultern. Konnten ſie ſogleich anfangs nur langſam vorrücken, ſo bewegten ſie ſich noch langſamer, als der Tag zur Rüſte ging, ſo daß die Nacht ſie überraſchte, ehe ſie, nach der genaueſten Berechnung, eine Strecke von acht Stunden hinter ſich hatten. Die Beſorgniß, verfolgt zu werden, und die Gefahr, fich eingeholt zu ſehen, traten jetzt in den Hintergrund und die Natur machte ihre Rechte geltend. Sie mußten eine kleine Weile raſten. Schnell machten ſie aus Baumäſten und Rinden ein kleines Obdach für Chriſtina, während die beiden Män⸗ ner ſich auf den beiden Seiten der Oeffnung niederlegten. Müdigkeit ſchloß ihnen bald die Augen, obgleich ſie Alles zu der größten Wachſamkeit mahnte. Sie ſchliefen meh⸗ rere Stunden und würden wahrſcheinlich bis zum Mor⸗ gen geſchlafen haben, hätte das furchtbare Gebrüll der Wilden ſie nicht geweckt. Paulding VI. 3 — 34— Die zwei weißen Männer fuhren empor, fühlten ſich aber in demſelben Augenblicke ergriffen und ihre Hände auf den Rücken gebunden, ehe ſie nur an Widerſtand denken konnten. Der Anblick der wilden Gruppe und ihr gräßliches Gebrüll machten die unglückliche Chriſtina einen Augen⸗ blick für Alles gefühllos, was um ſie vorging; auch ſie wurde ergriffen und gewaltſam mit ihren Gefährten in das Dorf zurückgeführt, aus welchem ſie zu flüchten ver⸗ ſucht hatten. Sie kamen an der Stelle vorbei, wo Aouetti's Bru⸗ der am Morgen gefallen war; die Wilden deuteten auf die Leiche des Häuptlings, ſchwangen die Tomahawks über den Häuptern der Gefangenen und gaben ihnen zu gleicher Zeit zu verſtehen, ſie würden ſie nicht augenblick⸗ lich opfern, indem ſie ihnen einen langſamen Martertod anzuthun gedächten. Sie hoben die Leiche auf und trugen ſie in langſa⸗ mem Zuge dem Dorfe zu, unterwegs ihren Todtenge⸗ ſang anſtimmend. Viertes Kapitel. Sie banden ihn an den Unheils⸗Baum Und zündeten den Holzſtoß an; Und luſtig ſangen und tanzten ſie— Doch ihn hielt herber Schmerz umfah'n. Ungenannter. Als ſie das Dorf erreichten, kam ihnen der Sitte gemäß eine Schaar von Weibern und Kindern entgegen, welche unter Geheul und Schreien die bitterſten Verwün⸗ ſchungen über die unglücklichen Flüchtlinge ausſtießen und nur mit Mühe davon abgehalten werden konnten, ihnen augenblicklich den Tod zu geben. Zu den ungeſtümſten gehörte die Wittwe, welche Königsmarke hatte heirathen ſollen, und die Mutter der ſchönen Aouetti; jene war vor Eiferſucht und Wuth ganz außer ſich; dieſe ſtand ganz unter dem Einfluſſe jenes wilden, nicht zu bändigenden Gefühls einer indianiſchen Mutter, die ihren einzigen Sohn verloren hat. Das indianiſche Mädchen ließ ſich nicht ſehen, ob ihre Ge⸗ fühle, oder ein anderer Grund ſie zurückgehalten, iſt uns unbekannt. Die Indianer halten, obgleich in wildem Zuſtande lebend und der gewöhnlichen Schranken des civiliſirten Lebens baar, auf einige Förmlichkeit in der Rechtspflege. 3* — 36— Ein Rath, aus den Greiſen und den Häuptlingen beſte⸗ hend, wurde ſogleich zuſammengerufen und der Fall mit⸗ den drei Gefangenen ihm vorgelegt. Nach ernſter Berathung fiel die einſtimmige Ent⸗ ſcheidung dahin aus, daß Königsmarke und Lob Dotterel — in Betracht, daß beide feierlich dem Stamme einver⸗ leibt und von ihnen als Brüder aufgenommen worden— in Betracht, daß ſie ihnen entlaufen und auf der Flucht einem ihrer tapferſten Häuptlinge das Leben genommen— noch an demſelben Tage ihr Leben qualvoll enden ſollten. Was die arme weiße Maid angeht, ſo herrſchte anfangs einiger Zweifel über den Grad ihrer Theilnahme an der Schuld ihrer Gefährten. Während man über ihr Loos noch ungewiß war, ſtürzte Aouetti in das Berathungs⸗ zimmer, warf ſich, aufgelöſ'ten Haars und mit wilden, leidenſchaftlichen Gebährden, vor den alten Männern nie⸗ der, umfaßte ihre Knie und bat um Gnade für ihre weiße Schweſter. „Sie iſt ſchuldlos!“ rief das edle Weſen.„Sie wollte ihren Vater nur wiederſehen. Wer von euch würde eine Tochter tadeln, wenn ſie den weißen Leuten zu ent⸗ fliehen ſtrebte, um zu euch zurückzukehren? Ich habe mei⸗ nen einzigen Bruder verloren— ich verliere heute noch— doch ſchont meiner Schweſter, damit mir Jemand bleibe, das ich liebe.“ Die Thränen und Bitten des indianiſchen Mädchens rührten die harten Herzen der alten Männer und ſie — 37— willigten nach langem Kampfe darein, daß Chriſtina der Aufſicht ihrer Schweſter übergeben werden ſollte. Sobald Aouetti dieſen Ausſpruch vernommen hatte, lief ſie mit der Raſchheit des Hirſches zur Hütte, in wel⸗ cher die drei Gefangenen bewacht wurden, bahnte ſich einen Weg durch die Schaar der Umſtehenden und warf ſich in die Arme ihrer geliebten Mimi.. „Du biſt gerettet— du wirſt nicht ſterben, meine Schweſter!“ rief ſie. „und unſere Freunde?“ fragte Chriſtina in faſt unverſtändlichen Lauten. Das indianiſche Mädchen wendete ſich, als wenn plötzlich ein vergeſſener Schmerz ſie überfiele, langſam um, ſah Königsmarke an und barg ihr Antlitz an Chri⸗ ſtina's Buſen. So ausdrucksvoll war ihr Blick und ihre Gebährde, daß die unglücklichen Gefangenen vollkommen verſtanden, was ſie nicht ausſprechen konnte. „Gut,“ ſagte Königsmarke,„ein wanderndes, un⸗ glückliches und armes Leben in der alten Welt ſoll nun in der neuen ſein klägliches Ende finden.— Ich klage nicht— aber du, o du— meine arme Chriſtina— was wird aus dir werden? Dein reines, unſchuldiges Leben iſt gerettet, aber wer wird dich aus dieſer peinlichen Gefangenſchaft erretten?“ „Der Tod!“ ſagte Chriſtina.—„Glaubſt du, ich könnte von deinen Qualen— von den Furien, wie ſie dein Fleiſch zerreißen— von den Feuerbränden, die in — 38— deine Seite geſchleudert werden— von den Kohlen— o Gott— den brennenden Kohlen hören, die auf dein bloßes Haupt gelegt werden, bis Wahnſinn, Gefühlloſig⸗ keit und der Tod dich befreien— glaubſt du, ich könnte dies Alles lebend ertragen? Nein— nein— ich werde ſterben— wenn nicht mit dir, doch bald nach dir!“ „Lebe, Chriſtina, ich bitte“— ſagte Königsmarke,— „um deines alten Vaters willen, der—“ „Mein Vater! Ich werde ihn nie wieder ſehen! Längſt haben vielleicht die Sorgen ſein graues Haupt in das Grab gebracht.— Vielleicht— doch es liegt ihm und mir wenig daran!— Wenn du todt biſt, wer wird mich heimwärts geleiten? wer wird ſein Leben wagen, um mich einem Vater, ſo fern er noch am Leben, zurückzu⸗ geben? Nein— nein— ich werde ihn nie wieder ſehen. Ich mag nichts mehr von dem Leben wiſſen, da du mir verloren biſt.“ „Meine Stunden ſind gezählt,“ verſetzte Königs⸗ marke, als er in der Ferne das Jubelgeſchrei vernahm. „Komm zu mir, Chriſtina— näher— näher!— Meine Arme ſind gebunden,“ ſetzte er mit einem wehmüthigen Lächeln hinzu,„du brauchſt mich nicht zu fürchten.“ Sie trat zu ihm und lehnte ihr Haupt auf ſeine Schulter.. „Gott ſegne dich, meine Geliebte,“ fuhr er fort, „Gott ſegne dich; denn nie ſenkte ſein Segen ſich auf ein unſchuldigeres Haupt. In dieſer letzten Stunde laß — 39— mich eine Frage an dich richten. Wenn wir Elſingburg wohlbehalten mit einander erreicht hätten, würdeſt du im Angeſichte des Himmels dein Geſchick mit dem mei⸗ nigen vereinigt haben? würdeſt du geſtrebt haben, die längſt verſchwundene Zeit zu vergeſſen und nur in der Zukunft zu leben 8. „In dem Angeſichte des Himmels, ich würde es,“ erwiederte Chriſtina,„ich würde es, und hätte der Schatten meiner Mutter unſer Hochzeitbett beſucht. Meine Liebe und Dankbarkeit würde jede Erinnerung an die Verirrungen deiner Jugend beſiegt haben.“ „Dann beſiegle dies Wort mit einem letzten Kuſſe! und nun mag kommen, was da will— ich bin, mit der Hülfe Gottes, zu Allem gerüſtet, was über mich verhängt ſein mag. Eine kurze Zeit— und wir werden uns wieder ſehen, oder mein ganzes. Leben iſt ein Traum geweſen.“ „Aouetti,“ fuhr er, zu der ſchönen Indianerin ge⸗ wendet, fort, die in der Entfernung ſtand und ihr wei⸗ nendes Auge von ihnen abwendete,—„ Aouetti, komm zu uns!“ Sie trat herzu. „Nimm deiner Schweſter Hand und verſprich, liebe⸗ voll gegen ſie zu ſein, wenn ich nicht mehr bin.“ Das indianiſche Mädchen ſchüttelte den Kopf. „Wie, Aouetti? du willſt mir dieſen Troſt nicht laſſen?“ — 40— „Sie muß liebevoll gegen mich ſein,“ verſetzte das indianiſche Mädchen,„denn ich werde unglücklicher ſein, als Mimi. Sie wird deiner Liebe gedenken, ich aber werde nur deines Todes gedenken.“ „Aber du wirſt mir verſprechen, liebevoll gegen ſie zu ſein!“ wiederholte Königsmarke. „Ja— ja— wenn ich an etwas Anderes denken kann, als an dich und mich,“ ſagte Aouetti. In dieſem Augenblicke flog die Thür ungeſtüm auf und eine Schaar Indianer ſtürzte herein. Sie ergriffen Königsmarke und den armen Obergerichtsdiener, welcher ſeit ſeiner Wiedergefangennehmung ſich in einer Art Betäubung befand, und führten ſie raſch an das Ufer des Fluſſes, wo auf einer kleinen mit Raſen bedeckten Ebene zwei Pfähle eingerammt waren, um welche man in einer Entfernung von drei bis vier Schritten Holzſtöße aufgehäuft hatte. Königsmarke und Lob Dotterel wurden auf dieſem Wege zu ihrem Marterorte von den Weibern und Kin⸗ dern mit Stöcken geſchlagen und geſtoßen, und jeder möglichen Art von Mißhandlung und Grauſamkeit blos⸗ geſtellt. Am meiſten zeichnete ſich dabei die Wittwe aus, die ihre Liebe mit ſo wegwerfendem Undank belohnt ſah. Mit aufgelöſ'tem Haar und wilden Gebährden folgte ſie dem jungen Manne Schritt vor Schritt, höhnte ihn mit den Reizen ſeiner weißen Geliebten, ſteigerte ſeine Angſt, indem ſie die arme Chriſtina mit der ſchrecklichſten Rache 141— bedrohte, und triumphirte in der Hoffnung ſeines nahen qualvollen Endes. „Sieh,“ rief das grauſame Weib,„dort iſt der Pfah und der Holzſtoß,— ich werde dich ächzen, winſeln hören— ich werde ſehen, wie die rothen Feuerbrände, die heißen Kohlen dich ſengen und ſchwärzen— wie das Meſſer und das Tomahawk in dein Fleiſch eindringen— ich werde deine Glieder zittern ſehen, wie die eines Wei⸗ bes— und ich werde lachen, wenn der Todesſchweiß dir über das Antlitz niederträuft.“ Als ſie die Pfähle erreicht hatten, wurden die zwei Opfer wilder Rache bis auf die Weſte entkleidet und mit Kohlen und Fett ſchwarz gemalt. Man band ſie dann an die Pfähle und das ſchreckliche Feſt ſollte, da Alles nun bereit war, beginnen, als Aouetti faſt wahnſinnig herzu eilte, Als die Schaar unſere beiden Freunde aus der Hütte riß, ſank Chriſtina ohnmächtig nieder; durch Aouetti's Bemühungen zu ſich gekommen, bat ſie dieſe, einen letzten Verſuch zu machen, den unglücklichen jungen Mann zu retten. „Es iſt jetzt zu ſpät,“ ſagte das indianiſche Mäd⸗ chen,—„es iſt zu ſpät— ſie werden mich verhöhnen— ſie werden mich mit Streichen wegjagen. Sie ſind toll vor Wuth und Grauſamkeit.“ „So will ich gehen,“ rief Chriſtina haſtig und ſprang raſch empor.—„Vielleicht haben ſie Mitleid mit meinem Schmerze.“ „Mitleid!“ ſagte Aouetti bebend,„Mitleid! Sie kennen ein ſolches Gefühl nicht. Wenn du ihnen Einhalt zu thun wagſt, werden ſie dich in Stücke zer⸗ reißen.“ „Es thut nichts— es thut nichts— mein Herz iſt bereits zerriſſen! Sie mögen meine Glieder zerreißen— es thut nichts.— Komm, komm, es iſt noch nicht zu ſpät!“ „Es iſt ſchon zu ſpät— der Rauch ſteigt ſchon empor— nichts kann ihn jetzt mehr retten.“ „Aber wir können auch ſterben.— Laß uns gehen! laß uns gehen, ſonſt werde ich wahnſinnig!“ „Er hat meinen Bruder getödtet, und er liebt mich nicht,“ ſagte Aouetti,„und doch will ich noch einen letzten Verſuch machen, ob ſie mich auch verhöhnen. Bleibe hier, meine Schweſter, ich kehre bald zurück.“ Chriſtina ſank abermals leblos zurück, als ſie ver⸗ ſuchte, dem indianiſchen Mädchen zu folgen. Als Aouetti ſich der wilden Schaar nahete, forderte ſie ſolche auf, einen Augenblick mit dem Anzünden des Holzſtoßes zu warten. Auf Befehl einiger der Weiſen, welche den Vorſitz bei dieſem feierlichen Begebniß hatten,— denn dafür galt es bei dieſen Wilden— ſchwieg das Gebrüll der Raſenden und die Flamme wurde erſtickt. Aouetti machte nun jeden erdenklichen Grund gel⸗ — 423— tend, um ſie zu bewegen, der zwei Unglücklichen zu ſchonen. Sie ſprach von den Belohnungen, welche ihnen werden würden, wenn ſie ſie den Großhüten von Coa⸗ quanock zurückſendeten; von der furchtbaren Rache, welche die weißen Männer nehmen würden, wenn ſie von dem Morde ihrer Brüder hörten. „Wenn ihr ſie am Leben laßt,“ ſagte ſee„ſo werden ihre weißen Freunde ſie mit großen Fäſſern ſtar⸗ ken Getränkes loskaufen, euch Taback, Pfeifen, Pul⸗ ver, Kugeln und Alles ſchenken, was ihr braucht und wünſcht. Uebergebt ihr ſie den Flammen, ſo werden die weißen Männer euch früh oder ſpät finden, und dann wehe den rothen Leuten des Waldes, wehe ihren Frauen und Kindern, wehe ihnen und ihren Nach⸗ kommen! Ich weiſſage es— jeder Tropfen Blutes, der an dieſem Tage vergoſſen wird, muß mit Strömen Blutes vergolten werden. Schont der weißen Männer, und laßt den ſchlanken jungen Mann mir die Stelle des Bruders vertreten, den ich verloren habe.“ „Zum Gatten willſt du ihn!“ rief die indianiſche Wittwe, welche Aouetti's Gründe mit einer furchtbaren ungeduld angehört hatte.—„Du möchteſt den weißen Mann, deſſen Hände von dem Blute deines einzigen Bruders roth ſind, in deine Arme nehmen! Schande deines Geſchlechts, Schande des indianiſchen Namens! Ich kenne dich und deine Wünſche; ich habe deine Seuf⸗ zer und deine Thränen, deine einſamen Wege, deine Worte, ja, ſelbſt deine Blicke erſpäht. Ich will und be⸗ gehre, daß die Schatten meines ermordeten Gatten, des ermordeten Bruders dieſes entarteten Mädchens— aller derer, die als Opfer der verdammten Liſten und der blutigen Klugheit der weißen Männer fielen durch das Opfer dieſer Elenden verſöhnt werden, die dem Stamme treu⸗ los wurden, der ſie in ſeinem Schooße aufnahm. Wenn nicht, ſo mag der Zorn des großen Geiſtes euren Stamm vernichten und ſein Fluch euch von der Erde wegraffen.“ Dieſen Worten folgte das Beifallsgebrüll der Menge und die Greiſe, welche anweſend waren, ſprachen, nach einer kurzen Berathung, abermals das Urtheil aus, die Feierlichkeit ſollte ihren Fortgang nehmen. Es war einer jener klaren, glänzenden, ſtillen Nach⸗ mittage, wie ſie der Monat September in jener Zone zu bringen pflegt. Kein Lufthauch kräuſelte die Wellen des Fluſſes oder ſpielte mit den Blättern des Waldes, und keine Wolke war am weiten Himmel zu ſehen. In dieſem Augenblicke— als ſie eben die Holzſtöße wieder anzuzünden begannen, gebot ihnen plötzlich ein lautes, ſcharfes Rollen des Donners Einhalt. Aller Augen wendeten ſich aufwärts, und ein allge⸗ meines Gefühl des Schreckens und Staunens gab ſich kund. Kein erdengeſchaffenes Weſen, von dem erleuchtetſten Philoſophen bis zu dem unwiſſendſten Wilden, von dem Menſchen bis zu den Vögeln der Luft und den Thieren — 15— des Waldes, iſt, wie es ſcheint, ganz frei von Bangen, oder doch wenigſtens von Ehrfurcht, wenn die mächtige Stimme der Natur im Donner und in dem Sturmwinde ertönt, oder die Erde in ihrem Innern erdröhnt und die Pfeiler der Gebirge beben. Nicht allein die Furcht vor den Wirkungen dieſer ſchrecklichen Anzeichen einer un⸗ widerſtehlichen Macht beugt oder erhebt die geiſtigen Kräfte, ſondern der Geiſt wird auch durch eine unmittel⸗ bare Einwirkung zur innern Beſchauung eines unendlichen Weſens hingeführt, indem er das Walten einer unend⸗ lichen Macht mit anſchaut. Weit und nahe war kein Wölkchen am Himmel zu ſehen und ſo kam es, daß das Rollen des Donners wirklich den Anſchein eines übernatürlichen Begebniſſes hatte. Die Dämonen, welche die flammenden Brände in das dürre Holz werfen wollten, hielten unwillkürlich inne, während das indianiſche Mädchen den Augenblick benutzte und ausrief: „Hört! der große Geiſt ſpricht gegen dieſe That. Ihr habt ſeine Stimme in der Luft gehört. Sie kam nicht aus den Wolken, denn es iſt keine Wolke an dem ganzen Himmel. Der große Herr des Lebens hat ge⸗ ſprochen, er hat aus der Höhe gegen ſein Volk geſpro⸗ chen, das ihn beleidigte. In ſeinem Namen befehl' ich euch, einzuhalten; in ſeinem Namen befehl' ich euch, dieſe weißen Männer zu ſchonen!“ Die Geſtalt des kleinen indianiſchen Mädchens ſchien — — 46— durch die Würde der Begeiſterung zu wachſen. Ihre Augen hoben ſich in bewundernswürdigem Glanze him⸗ melan und es ſchien, als ſähe ſie wirklich die ſichtbare Geſtalt des Weſens, deſſen Urtheil ſie kund gethan hatte. Die wilde Wuth der Weiber und Kinder wich dem Einfluß einer abergläubiſchen Furcht. Die Aelteſten be⸗ riethen ſich einen Augenblick und beſchloſſen dann, die Feierlichkeit aufzuſchieben, bis ſie ein Opfer dargebracht und ſich des Willens des großen Geiſtes vergewiſſert hätten. uUnzufrieden, aber nicht verwegen genug, um dieſe Unzufriedenheit laut werden zu laſſen, zerſtreute ſich die Menge; Königsmarke und ſein Gefährte erhielten Erlaub⸗ niß, ſich zu waſchen und anzukleiden, und wurden dann wieder in die Hütte geführt, in welcher ſie früher ge⸗ weſen. Hier blieben ſie, von außen ſtreng bewacht, und harrten deſſen, was der große Geiſt über ſie verhängen werde. 47— Fünftes Kapitel. Leb' wohl, leb' wohl, meine ſüße Maid— Ach, nimmer ſiehſt du mich; Ich ſterbe— doch ſterb' ich gern, Denn ich ſterbe ja für dich. Schwediſches Volkslied. Chriſtina brachte die Augenblicke der Abweſenheit ihrer indianiſchen Schweſter in jenem furchtbaren Zu⸗ ſtand von Ungewißheit und banger Erwartung hin, der an Bewußtloſigkeit gränzt, zu welcher der menſchliche Geiſt gleichſam flüchtet, um das Schlimmſte nicht kommen zu ſehen. Die Begebniſſe der zwei vergangenen Tage hatten ihren Geiſt ſo angegriffen und ihre Kraft ſo er⸗ ſchöpft, daß jene moraliſche und phyſiſche Erſchlaffung erzeugt wurde, die eben durch die Unmöglichkeit eines Widerſtandes dem Schmerze einen großen Theil ſeiner Schärfe nimmt. Vergangenheit, Gegenwart und Zu⸗ kunft ſtanden eher als ſchauderhafte Traumbilder, denn als grauſame Wirklichkeit vor ihrem innern Auge; und als ſie Königsmarke zurückkehren ſah, konnte ſie es kaum begreifen, daß er, wenigſtens für den Augenblick, geret⸗ tet ſei. Nach und nach wich jedoch die Unruhe und die Be⸗ wegung ihres Geiſtes einer unwiderſtehlichen Schläfrig⸗ — 48— keit; in den Armen der indianiſchen Schweſter verfiel ſie in einen langen, ruhigen Schlaf und erwachte neu geſtärkt und mit völligem Bewußtſein ihrer jetzigen Lage. Mittlerweile hatten die Aelteſten des Stammes ihren Oberprieſter oder Beſchwörer rufen laſſen, um alle Vor⸗ bereitungen zu treffen, welche das Herkommen forderte, wenn man ſich des Willens des großen Geiſtes verge⸗ wiſſern wollte, wie dies hier mit dem Looſe der zwei weißen Männer der Fall war. Ein Feuer wurde auf dem Raſenplatze angezündet und Mackate Ockola oder der Schwarze Rock tanzte und heulte um daſſelbe und verzerrte Geſicht und Glieder, bis ſeine ganze Kraft er⸗ ſchöpft war und er ſich in eine Art wirklicher oder ein⸗ gebildeter Begeiſterung verſetzt hatte. Aus dieſer ging er allmählig in eine Verzückung über, welche ungefähr eine halbe Stunde dauerte, während welcher Zeit die verſammelten Greiſe in tiefem, ehrfurchtsvollem Schweigen daſaßen. Endlich ſchien Mackate Ockola zu erwachen und blickte eine Zeit lang ſtarr umher, als ſähe er eine neue Welt um ſich. Allmählig ſchien er zu ſich zu kommen und ſprang nun raſch auf und rief mit hohler Stimme: „Ich habe den großen Geiſt geſehen. Er kam zu mir in einem Traume, in der Geſtalt eines kahlen Adlers, und ſagte:„„Höre, was ich ſage, Mackate Ockola, und höre, was ich will. Nicht viele Monde werden kommen und gehen, ſo wird der weiße Mann an Zahl wachſen, — 10— wie die Blätter der Bäume des Waldes. Wie ſie ſich vermehren, ſchwindet und verfällt mein Volk. Es wird ausgehen, wie die Aſche eines faſt verlöſchten Feuers, bis es keine Wohnung mehr hat, als ſein Grab; und ſelbſt hier wird es nicht Ruhe haben, denn der weiße Mann wird, nicht zufrieden mit dem, was auf der Ober⸗ fläche der Erde wächſt, die Bruſt derſelben aufreißen und die Gebeine der Eurigen ausſcharren, um Schätze und Nahrung zu ſuchen, während jene an der Luft und im Winde bleichen. Der Hirſch wird aus euern Wäldern verſchwinden; die Fiſche werden ſich aus euern Strömen verlieren, denn jene Weißen werden Dämme bauen wie die Biber; und ihr werdet auf euern Jagdgebieten hun⸗ gern. Ihr könnt euerm Schickſal nicht entgehen, aber ihr könnt es verzögern, wenn ihr die vernichtet, deren Kinder, wenn jene leben bleiben, euch vernichten werden. Geh' und ſage meinem Volke, daß ihre Kinder und Kindeskinder für jeden Blutstropfen des weißen Mannes, den ſie ſchonen, hundertfach geſtraft werden.““ Dieſe grauſame Verkündigung, ein Machwerk des Prieſters, entſchied das Schickſal Königsmarke's und des unglücklichen Obergerichtsdieners von Elſingburg. Wir ſind nicht im Stande, die Beweggründe anzugeben, unter deren Einfluß Mackate Ockola handelte, als er ſo auf den Tod der zwei weißen Männer drang. Aber es darf hier bemerkt werden, daß die frühern Religionsſyſteme aller Länder und Nationen, ſo viel wir ihrer kennen gelernt Paulding VI. 4 — 509— haben, mehr oder weniger mit Blut befleckt ſind. Ueberall haben die Prieſter Opfer gefordert, um ihre blutgierigen Götter zu verſöhnen, und überall waren die Altäre Schlachtbänke und Holzſtöße. Die mexicaniſchen Prieſter forderten Menſchenopfer; an andern Orten genügte das Blut von Thieren; und ſelbſt bei den Brahmanen, deren Religion das Vergießen des Blutes wilder Thiere ver⸗ bietet, ermuthigen die Prieſter Menſchenopfer, um ſich bei dem Feſte Juggermaut jeder Art von Qual und MNartern preiszugeben und ihr Leben auf dem Altar eines grauſamen Betrugs darzubringen. In der That haben Aberglauben und Fanatismus ſich ſtets an Blut gelabt, und zu allen Zeiten und bei allen Nationen be⸗ zeichnet dieſe unfehlbare Spur ihren Weg. Dem milden, gnadenreichen Glaubensſyſteme, unter welchem wir leben, war es vorbehalten, jede blutige Sühnung, jedes Opfer von Thieren zu verbannen; das Opfer des Herzens zum Erſatz qualvoller Opfer zu machen; und hätten nicht Herrſchſucht, Geldgier und Rechthaberei ſich in das herr⸗ liche Syſtem eingeſchlichen, es verdorben und ſeine Lehren zu Abſichten des Geizes und der Ehrſucht mißbraucht und verdreht, ſo würde ſein ſchneeweißes Gewand bis auf dieſen Augenblick noch nicht mit dem Blute eines einzigen Opfers befleckt ſein. Aber auch hier, ach, haben, wie bei allen frühern Glaubensſyſtemen, Geiz, Ehrſucht, Frömmelei, und der Stolz der Meinung, dieſe einge⸗ fleiſchten Sünden des Menſchen, ihren ſchädlichen Ein⸗ — 51— fluß ausgeübt und veranlaßt, daß mehr Blut vergoſſen wurde, als je von allen heidniſchen Altären der Welt gefloſſen iſt. So mußte das reinſte, das mildeſte, das vollkommenſte Glaubensſyſtem, das je dem Menſchenge⸗ ſchlecht vorgetragen worden, auf ruchloſe Weiſe jeder Art Grauſamkeit und Blutvergießens zum Vorwande dienen, und, was vielleicht noch mehr zu beklagen iſt, ſeine herrliche Lehre von der Nächſtenliebe wurde als ein Wink, ja, als eine Pflicht gedeutet, alle die, welche nicht gleich mit uns dachten und glaubten, zu haſſen und zu verfolgen. Wir hoffen, der Leſer verzeiht uns dieſe Abſchwei⸗ fung. Königsmarke und ſein Unglücksgefährte erhielten eben ſo wenig, wie Chriſtina, Nachricht von der eben erwähnten Entſcheidung. Und wir wollen das Vorent⸗ halten dieſes Ausſpruchs den Wilden nicht zu hoch an⸗ rechnen, denn die Gewißheit wäre jedenfalls den qual⸗ vollen Zweifeln, in denen ſie lebten, vorzuziehen ge⸗ weſen. Als Chriſtina, an Geiſt und Körper neu geſtärkt, aus ihrem langen Schlaf erwachte, brauchte ſie einige Zeit, um zum völligen Bewußtſein ihrer Lage zu kommen. „Wo bin ich?“ rief ſie. „In den Armen deiner Schweſter!“ verſetzte das indianiſche Mädchen. Chriſtina ſah ſich in der Hütte um. Bei dem trüben Lichte eines faſt erlöſchenden Feuers 44 — 52— bemerkte ſie zwei Geſtalten, die im Hintergrund ſaßen und das Haupt an die Wand lehnten. „Wer iſt das?“ fragte ſie Aouetti. „Er iſt's!“ verſetzte dieſe. „Sie haben ihn alſo nicht gemordet?“ rief die arme Chriſtina auf.„Meine Schweſter hat geſiegt— er iſt ge⸗ rettet?“ „Gerettet— bis morgen!“ antwortete die Anderee. „Nicht länger?“ „Nicht länger! Ich weiß nicht, was morgen aus ihm werden wird. Unſer Prieſter hat zu eulſiheiden und er neigt ſich nie der Gnade zu.“ Als Königsmarke ſah, daß Chriſtina erwacht war, ſagte er: „Chriſtina, willſt du nicht in meine Nähe kommen?“ „Komm— hier bin ich!“ So ſagte Chriſtina, ſelbſt in dieſer Stunde der Prü⸗ fung jenem Gefühle des Paſſenden und Schicklichen treu bleibend, das ein tugendhaftes Weib nie verläßt. „Ich kann nicht zu dir kommen— ich bin durch Stricke an dieſe Stelle gebannt!“ Chriſtina näherte ſich und bemerkte bei dem ſchwachen Lichte des Feuers, daß er an einen der Pfeiler gebunden war, die dieſes einfache Gebäude trugen. „Er fragt nicht nach mir!“ dachte Aouetti und weinte ſtill.— Alle hatten ein Vorgefühl, es dürfte dies die letzte Stunde ſein, welche ſie mit einander zuzubringen hätten, denn der Himmel färbte ſich ſchon im Oſten roth und der Morgen war nicht mehr fern; Königsmarke und Chriſtina beobachteten gegenſeitig eine feierlich ernſte Hal⸗ tung, welche jede kleine äußerliche Liebesbetheuerung ver⸗ bannte. „Ich bin überzeugt,“ ſagte Königsmarke,„daß du den Tag noch erleben wirſt, an welchem du dich in den Armen deines Vaters fühleſt.“ „Meines himmliſchen Vaters— ja!“ erwiederte Chri⸗ ſtina,„denn einen andern werde ich nimmermehr ſehen. Wenn die Sonne dieſes Tages dich bei ihrem Aufgehen ſterben ſieht, ſo wird ihr Abendſtrahl auf meine Leiche fallen.“ „Nein— nein,“ ſagte Königsmarke,„rede nicht ſo, meine theure Liebe! Du haſt Gründe zu leben und Pflichten zu erfüllen, wenn ich dahin bin. Du kennſt mich erſt ſeit kurzer Zeit; deinen Vater kennſt du ſeit dem erſten Athemzuge des Lebens, das du ihm verdankſt. Vergelte ihm das Glück und lebe für ihn.“ „Ich werde ihn nie wieder ſehen,“ rief Chriſtina. „„Wenn ich nicht mehr bin,“ fuhr der junge Mann fort,„und wenn du deinen Vater wieder ſiehſt, ſo ſage ihm, daß ich ſeiner Güte noch gedacht hätte, als der glühende Brand mir an die nackte Kehle gehalten wurde und die ziſchenden Kohlen eben auf mein unbedecktes Haupt gelegt werden ſollten. Sage ihm, daß ich dein — 54— Schützer geweſen, ſo lange ich es gekonnt; daß ich mein Leben preisgegeben, um das deinige zu erhalten, und daß ich den Tod gefunden, indem ich das Aeußerſte verſucht, dich ihm wieder zu geben. Wenn er je erfah⸗ ren ſollte, was du weißt, ſo wird er mir um deßwillen, was ich für dich gethan habe und thun wollte, vergeben. Willſt du dieſen Auftrag an ihn übernehmen, Chriſtina?“ Chriſtina konnte nicht antworten, denn die innere Erregung hemmte ihr den Athem. Ihre Augen waren trocken, aber ihr Herz weinte blutige Thränen. Einen Augenblick lag ſie bewußtlos in ſeinen Armen. Da wurde die Thüre der Hütte geöffnet, denn es war nun heller Tag geworden, und man band Königs⸗ marke nebſt ſeinem unglücklichen Gefährten, deſſen Er⸗ ſtarrung jeden Augenblick zunahm, von dem Pfeiler los und führte ſie aus der Hütte. Der junge Mann drückte Chriſtina's lebloſe Geſtalt zum letzten Male an ſeine Bruſt, küßte ihre kalte Stirne und legte ſie in die Arme des indianiſchen Mädchens. „Liebe deine Schweſter!“ ſagte er leiſe. „Ich werde ſie lieben— aber ſage der armen Aouetti Lebewohl!“ 3 „Lebe wohl, Aouetti, und möge dein Schöpfer und der meinige dich ſegnen!“ verſetzte Königsmarke und verließ eilig die Hütte, ohne noch einen Blick zurück zu werfen. — 55— Sechſtes Kapitel. Dann kamen Sadrach, Mesbech und Abednego. Dieſelben Vorbereitungen, deren wir in dem vorher gehenden Kapitel gedacht haben, wurden wiederholt und die beiden Gefangenen an den Pfahl gebunden. Die Brände wurden wieder angeſteckt, das Meſſer und das Tomahawk erhoben, um ihr Werk zu beginnen, und die rachedür⸗ ſtenden Barbaren ſtanden bereit, an ihr blutiges Geſchäft zu gehen. Aber die Hand der Vorſehung that abermals Einhalt. Die Feuerbrände, die Meſſer und die Tomahawks ſanken plötzlich und Aller Augen wendeten ſich in Einer Richtung dem Fluſſe zu, deſſen Ufer entlang ein Zug weißer Männer ſichtbar ward, welche ein weißes Fähn⸗ chen trugen, das allgemeine Sinnbild des Friedens und Vertrauens. Als ſie näher kamen, erkannte man den ſteifen, förm⸗ lichen Sadrach Geldpfennig, dem acht bis zehn Andere folgten, ſämmtlich mit breitrandigen Hüten auf den Kö⸗ pfen, die Arme über die Bruſt geſchlagen und langſam und ernſt dem Platze ſich nähernd, welchen die Aelteſten der beiden Stämme einnahmen. Dann ſah man einen — 56— zweiten Zug weißer Leute aus dem Buſchwerk treten, die eine Menge Gegenſtände des indianiſchen Handels trugen. Sie kamen in Frieden und wurden von den Söhnen des Schattens in Frieden empfangen. William Penn's Politik in Betreff der Indianer kann nie genug gelobt und bewundert werden. Von ſeinem erſten Auftreten zu Coaquanock an bis zur Zeit ſeines endlichen Abſcheidens lebte er in Frie⸗ den mit den alten Eigenthümern des Bodens und des Wildes durch das einfache Mittel, daß er ſie wie ſeines Gleichen behandelte. Er kaufte ihr Land um einen Preis, der den Vortheilen gleichkam, welche es ſeinen urſprüng⸗ lichen Beſitzern gewährte; er hielt ſeine Leute von jedem Eingriff in jene Gebiete zurück, welche die Indianer für ſich behalten wollten, und wachte ſo gewiſſenhaft über die Beachtung der Bedingungen des erſten Kaufs, daß man mit eben ſo viel Wahrheit als Bitterkeit ſagte,„jener Vertrag ſei der einzige geweſen, welcher nicht durch Eid⸗ ſchwüre erhärtet, und der einzige, der nie verletzt wor⸗ den wäre.“ Durch dieſe Mittel und durch das friedliche Beneh⸗ men ſeiner Leute bei allen Gelegenheiten erwarb und bewahrte ſich William Penn das Vertrauen und die Freundſchaft der Indianer in einem Grade, wie man es ſelten gefunden hat. Man kann in der That mit Recht ſagen, daß nie Jemand, ohne zu Gewalt oder Liſt ſeine Zuflucht zu nehmen, einen ſo großen Einfluß auf den ungeſtümen, launenhaften und unverträglichen Charak⸗ — 5à4— ter der Wilden Nordamerika's hatte, eine ſeltſame Men⸗ ſchenrage, bei denen alle Civiliſationsverſuche nur dahin zu wirken ſcheinen, daß ſie ihre guten Eigenſchaften zer⸗ ſtören und ſie aus Barbaren zu wilden Thieren machen. Die Großhüte, wie die Indianer ſie nannten, waren vielen ältern Männern der Stämme nicht unbe⸗ kannt; ſie hatten mit ihnen zu Coaquanock bereits mehr⸗ fach verhandelt und gehandelt und nahmen jetzt Sadrach und ſein Geleite wie alte Bekannte auf. Mittelſt eines Dolmetſchers ſchritt man ſogleich an das Werk. „Du kommſt als ein Freund,“ ſagte Ollentangi. „Ja, in der That,“ verſetzte Sadrach.„Ich komme von William Penn, welcher der Freund iſt aller Men⸗ ſchen, aller Länder und aller Farben. Er hat gehört, daß du zwei weiße Männer und ein Mädchen zumal in deinem Dorfe hätteſt, die bei dem Brande von Elſing⸗ burg gefangen worden. In der That, dies war eine ſchlechte Handlung, Sachem. Was hatten ſie dir gethan, daß du ihre Häuſer in Brand ſteckteſt und ihre Frauen und Kinder in Gefangenſchaft führteſt? Hatten ſie das Schwert nicht begraben und das Calumet mit deinem Stamme geraucht?“ „Wahr,“ verſetzte Ollentangi,„aber ſie hatten unſer Wild geſchoſſen und die Fiſche von den Flüſſen abgeſperrt, indem ſie Dämme bauten, wie die Biber; darum haben wir ſie bekämpft.“ — 58— „Ja, in der That,“ ſprach Sadrach, welchem eine friedliche Streitfrage nicht weniger willkommen war, als dem William Penn ſelbſt,„ja, in der That; aber die wilden Thiere des Waldes ſind eines Jeden Ei⸗ genthum; ſie ſind allen denen gegeben, welche ihrer hab⸗ haft werden können. Auch die Fiſche ſind nicht dein, denn ſie ſchwimmen durch alle Theile der großen Seen, und wohin es ihnen gefällt. Sie ſind nicht eher dein, als bis du ſie gefangen haſt.“ „Wahr,“ erwiederte Ollentangi mit unendlichem Ernſt; „aber wie ſollen wir die Fiſche fangen, wenn der weiße Mann ſie abhält, zu uns zu kommen? Wir werden un⸗ terdeſſen verhungern.“ „In der That,“ ſagte Sadrach,„ich gebe die Wahr⸗ heit deiner Worte gern zu. Es gibt keinen ſtärkern Be⸗ weis, als die Nothwendigkeit. Dennoch hätteſt du ſie deßwegen nicht bekämpfen ſollen. Du hätteſt deine Klage vor Gericht anbringen und vielleicht auf friedlichem Wege ſie veranlaſſen können, die Dämme niederzureißen, welche die Fiſche abhalten, zu dir zu kommen.“ „Wahr,“ erwiederte Ollentangi,„wir haben etwas von dieſem Gericht gehört. Es iſt ein Zungenkampf und wer am längſten ſchwatzt, gewinnt den Handel. Nun verſtehen es deine weißen Männer aber, uns mit der Zunge zu ſchlagen, und wir ſchlagen euch im Kampf. Wären wir nicht große Thoren, wenn wir die erſtere Art, unſern Streit zu ſchlichten, wählten?“ — 59— „Ja, ich ſehe mich genöthigt, zu bekennen, daß in deinen Worten gewiſſermaßen ein Schatten von Wahr⸗ heit und ein kleiner, winziger Schimmer von Vernunft iſt. Aber, in der That, ich darf nicht überſehen, weß⸗ halb ich geſendet worden bin, denn die beiden weißen Gefangenen ſind mittlerweile in einer dringlichen Lage. Biſt du bereit, mich in dem Geiſte des Friedens zu hören?“ „Sprich— in dem Geiſte des Friedens,“ verſetzte Ollentangi. „William Penn hat, mittelſt der(ich darf wohl ſagen) göttlichen Hülfe einer gewiſſen ſehr weltlichen Pe⸗ rücke(welche, nach dem kahlen Schädel jenes Gefangenen zu urtheilen, ihm gehört haben muß) erfahren, daß das Volk(er meint dich), welches ſich(ich darf wohl ſagen, auf eine ſehr weltliche und nichtsſagende Weiſe) Mus⸗ krats und Mud Turtles nennt, im Beſitze gewiſſer zwei weißer Männer iſt(welche, wie ich zu glauben geneigt bin, jene an den Pfahl dort gebundene ſind), ſo wie auch eines Mädchens, der Tochter deſſen, der ſich der Heer Pfeifer nennt(welcher, wie ich nicht in Abrede ſtellen kann, ein etwas unhöflicher kleiner Mann iſt), und daß alle drei als Gefangene von dem Dorfe Elſingburg weggeführt worden. Nun aber ſpricht William Penn ſo: inſofern du gute Ueberröcke liebſt, hat er dir ein halbes Schock derſelben geſchickt; und inſofern du Glasperlen und andere verderb⸗ liche Eitelkeiten des Fleiſches(um nichts von dem Teufel — 60— zu ſagen) liebſt, hat er dir zehn Stränge derſelben ge⸗ ſchickt, daß du damit den Stolz deiner Ohren und Naſen kitzelſt; und inſofern du Taback liebſt, hat er dir ein Schock zinnener Tabacksbüchſen geſchickt, welche gefüllt ſind mit jenem prächtigen Dunſtqualm, Taback genannt (welcher mir, nebenher bemerkt, ein beſonderer Gegen⸗ ſtand des Abſcheus wäre, wenn ich nicht wüßte, daß Ja⸗ cob, genannt der Erſte, dieſer Feind der Heiligen, ihn haßt). Für alle dieſe guten Dinge fordert William Penn, wie vorher geſagt, nichts als die Befreiung jener eben genannten Gefangenen, damit ſie ihren Freunden zurück⸗ gegeben werden.“ „Bruder,“ ſagte ein alter Indianer,„Bruder, du haſt einen Theil des Auftrags des William Penn ver⸗ geſſen!“ 3 „Ja, in der That,“ verſetzte Sadrach,„welcher iſt dies?“ „Er lautet ſo,“ erwiederte der Indianer:„Und inſofern du Feuer liebſt, hat dir William Penn zwei Fäſſer Waſſer geſchickt, das dich erwärmen und vergnügt machen ſoll, und womit du ſeine Geſundheit trinkſt.“ „Ganz gewiß, Muskrat,“ ſagte Sadrach,„die Wahrheit iſt nicht in dir, denn mein Auftrag enthält nichts, das ſich auf eine Sache dieſer Art bezieht. Wil⸗ liam Penn handelt nicht mit Rum, Branntwein oder andern ſolchen flüſſigen Abſcheulichkeiten; und er wird durch keinen andern Geiſt bewegt, als den der Recht⸗ — 61— ſchaffenheit. Aber berathet ſofort unter euch, welche Ant⸗ wort ich nach Coaquanock mitnehmen ſoll.“ Während die alten Männer Rath pflogen, ließ Sa⸗ drach, als ein tüchtiger Geſchäftsträger, der er war, die Ueberröcke, die Glasperlen und die Tabacksbüchſen recht in die Augen fallend vor den begehrlichen Blicken der Wilden ausbreiten. Je mehr ſie darauf ſahen, deſto ge⸗ neigter wurden ſie, die Gefangenen herauszugeben, bis endlich Ollentangi dem Abgeordneten William Penn's an⸗ kündigte, ſie hätten nichts dawider, den Tauſch einzu⸗ gehen, vorausgeſetzt, daß die Wittwe, welche als die Verlobte des Königsmarke eine Stimme bei der Sache habe, ihre Einwilligung gäbe. Als man ſich jedoch an dieſes wilde Weib wen⸗ dete, verweigerte ſie es geradezu, den Vertrag zu geneh⸗ migen, und begehrte laut den Tod ihres undankbaren Sclaven, der ihre Liebe verſchmäht und ſie wegen eines blaſſen Geſichtes verlaſſen habe. Darauf nahm Sadrach Geldpfennig aus ſeiner Taſche einen ſchönen Strang himmelblauer Glasperlen und band ihn artig und verbindlich um den Hals der unerbittlichen Wittwe. Dann zog er einen kleinen Spiegel heraus, hielt ihr denſelben vor, damit ſie ſich in dieſem ihrem neuen Schmucke ſehen könne, und machte ihr zugleich begreiflich, daß dieſe Dinge ihr eigen ſein ſollten, wenn ſie in die Befreiung Königsmarke's willigte. Das Herz der Wittwe ſchmolz; ſie willigte in die — 82— Freigebung des ihr verlobten Gatten und begab ſich mit entzücktem Herzen hinweg, um ſich und die himmelblauen Perlen im Spiegel zu betrachten. Jetzt ſtand der Befreiung der beiden Gefangenen, welche der Verhandlung mit athemloſer Beſorgniß zuge⸗ hört hatten, nichts mehr entgegen. Sie wurden dem⸗ nach losgebunden, gewaſchen, angekleidet und in die Hütte geführt, in welcher wir Chriſtina und das india⸗ niſche Mädchen verlaſſen haben. Das Wiederſehen der beiden Liebenden war, nach einer Trennung, wie wir ſie geſchildert haben, von Gefühlen begleitet, welche, obgleich die Anweſenheit Fremder ihnen Zwang auflegte, leichter zu denken, als zu beſchreiben ſind. Alsbald wurden die Vorbereitungen zu ihrer Abreiſe getroffen, damit die Wilden den Handel nicht bereueten, wenn das Neue des Beſitzes von Ueberröcken, Perlen und zinnener Tabacksbüchſen vorüber wäre. Das Herz der armen Aouetti ſchien bei dem Ge⸗ danken an den Abſchied von ihrer weißen Schweſter bre⸗ chen zu wollen. Gern hätte ſie ſie begleitet, wären ihre Mutter und ihre Freunde nicht dagegen geweſen. Auch Chriſtina konnte, inmitten der neuen, freudigen Hoff⸗ nungsbilder, welche vor ihrer Phantaſie tanzten, die Güte, die Herzlichkeit und ſchweſterliche Liebe des kleinen Reh⸗ auges nicht vergeſſen. Aber ein geheimes Gefühl, wel⸗ ches ſie nicht bewältigen konnte, hielt ſie ab, den Wunſch — 63— der ſchönen Aouetti, ſie nach Elſingburg zu begleiten, ſehr lebhaft zu ermuthigen. Sie umarmte ihre indianiſche Schweſter unter Thrä⸗ nen, küßte ihr die Wange und bat ſie, ihrer Schweſter zuweilen zu gedenken. „Ach!“ erwiederte das einfache Kind,„ich weiß— ich ſollte, ich müßte glücklich ſein, denn du und er wer⸗ det glücklich ſein; aber wenn ihr fort ſeid, wird mein Elend ſo groß ſein, daß ich gewiß bald ſterbe.— Ich hätte ſeinen Tod ertragen können, denn wir beide hätten ihn betrauert; aber ich kann es nicht überleben, daß er mit dir fortgeht.“ Sadrach forderte jetzt ſein Geleite auf, ſich zum Ab⸗ zuge zu rüſten, und bald hatten unſere Reiſenden das indianiſche Dorf im Rücken. Ehe wir dieſes Buch ſchließen, ſcheint es uns paſſend, der Umſtände zu gedenken, denen unſere drei Gefangenen ihre Befreiung verdankten. Man wird aus dieſer Dar⸗ legung ſehen, an welchen kleinen Zufälligkeiten oft das Schickſal des Menſchen hängt. Der Ohio⸗Indianer, welcher in dem von den Mus⸗ krats und Mud Turtles zerſtörten Dorfe in den Beſitz von Lob Dotterel's Perücke gekommen war, hatte einige Zeit darauf Coaquanock beſucht und dieſe große Medicin mit ſich gebracht. Man denkt ſich wohl, daß ein ſolcher Schmuck bei den Großhüten kein geringes Aufſehen machte; in der That faßte ein Correſpondent der könig⸗ 64— lichen Geſellſchaft von England, die eben errichtet worden war, augenblicklich den Entſchluß, eine Abhandlung über den Gegenſtand bekannt zu machen, in welcher er zu be⸗ weiſen ſuchte, daß einige der indianiſchen Stämme Perücken trügen. Spätere Nachforſchungen ſtellten jedoch die Er⸗ ſcheinung in das klarſte Licht, und der gelehrte Pedant mußte ſeine Abhandlung in das Feuer werfen. Die Pe⸗ rücke machte nicht wenig Lärm in der neuen Welt, ſo daß viele Dörfler gelegentlich ihre eigenen Angelegenheiten vernachläſſigten, um dieſen Gegenſtand gründlich zu be⸗ ſprechen. Aber der gute William Penn hegte, nachdem er alle Umſtände genau erwogen, nur geringen Zweifel, die Perücke dürfte mit dem Schickſale der von Elſing⸗ burg weggeführten Gefangenen in Verbindung ſtehen. Mit jener menſchenfreundlichen Theilnahme, welche alle ſeine Handlungen charakteriſirt, ſendete er ohne Zeitver⸗ luſt ſeinen getreuen Sadrach Geldpfennig zu den Wilden, und ſeine Sendung hatte glücklicherweiſe den Erfolg, daß die drei Gefangenen, wie wir bereits erzählt haben, befreit wurden. Wir dürfen nicht unterlaſſen, zu erwähnen, daß auch der liebliche Burſche, Kupido, den wir in der neuern Zeit gänzlich überſehen haben, weil nichts von ihm zu ſagen war, Sadrach begleitete, obgleich dies einigermaßen gegen ſeinen Willen geſchah. Er hatte ein vollkommen freies und müßiges Leben geführt, zwei Dinge, welche ſeinem Charakter und ſeiner Farbe am meiſten zuſagten, da ihm ——— — 65— die Wilden erlaubten, umher zu ſtreifen und ſich in die Sonne zu legen, ſo viel es ihm gefiel. Als Kupido ſich auf dieſe Weiſe zum Herrn erhoben ſah, während Lob Dotterel, ſein alter Feind, zu ſeinem Unterhalt arbeiten mußte, ließ er in dem Uebermuthe ſeines Herzens eines Tages ein Geheimniß entſchlüpfen, welches er beſſer für. ſich behalten hätte, da dies Folgen hatte, welche zuletzt nicht nur ſeinen eigenen Untergang, ſondern auch den Tod ſeiner Großmutter, der krausköpfigen Sibylle, her⸗ beiführten. Wir übergehen, wenigſtens für jetzt, die hauptſäch⸗ lichſten Begebniſſe, welche Sadrach und ſeine Begleiter auf ihrer Rückreiſe nach Coaquanock zu beſtehen hatten, und bemerken blos, daß der ehrliche Lob Dotterel ſich während der ganzen Reiſe durch die Wechſelfälle, welchen er ſich in einer ſo kurzen Zeit preisgegeben ſah, in ſteter Erſtarrung befand. Auch gab er nicht eher ein Zeichen des Selbſtbewußtſeins, bis ſein Zorn bei ſeiner Ankunft in der berühmten ſchwediſchen Anſiedelung plötzlich ange⸗ facht ward, als er eine Gruppe kleiner Knaben in Mit⸗ ten der Straße Kothpaſteten machen ſah. Dadurch er⸗ wachte die Seele des Obergerichtsdieners von Elſingburg plötzlich zur Erkenntniß der um ihn vorgehenden Dinge, und er bedrohte die jungen Sünder mit augenblicklicher Einſperrung. d Paulding VI. 5 Siebentes Buch. Erſtes Kapitel. —— Ha, Fluch den Sternen, Der Sonne, die da gleich auf Alle ſchaut. Auf Gute, Schlechte, Lumpen, Reiche, Von Satan ſagt man Lügen und dem braven Kain, Und ſo von mir, doch— Lord B—n. Es iſt nun Zeit, zu den würdigen Bewohnern von Elſingburg zurückzukehren, die nun ſchon längſt ihre Wohnungen wieder aufgebaut hatten, und unter dem heil⸗ ſamen Drucke der Nothwendigkeit, welche den Menſchen zwingt, der Vergangenheit zu vergeſſen und für die An⸗ forderungen der Gegenwart und der Zukunft zu ſorgen, ihrem gewöhnlichen Tagewerke und Berufe nachgingen. Das Haus des Dominie Kanttwell war, wie wir ſchon angedeutet haben, durch den frommen Eifer ſeiner Heerde wieder aufgebaut, ehe irgend ein anderer Elſing⸗ burger Zeit gehabt hatte, an ſeine eigenen Bedürfniſſe zu denken; und ungeachtet des Feuers, mit welchem die⸗ — 67— ſer würdige Mann gegen gute Werke ſprach, gefiel es ihm bei dieſer Gelegenheit, die, welche zu ſeinen Gunſten gethan worden waren, von ſeinem Fluche auszunehmen. In der That muß man bekennen, daß der Dominic die Mildthätigkeit, namentlich eine Mildthätigkeit, welche an ihm ſelbſt verübt ward, als eine Art guter Werke be⸗ trachtete, welche unter gewiſſen Umſtänden wohl geduldet werden könnten. Dennoch fuhr er fort, gegen die Ueppig⸗ keiten und ſündlichen Gelüſte dieſer Welt loszuziehen, obgleich die geräumige Rundung ſeiner Geſtalt, ſein Doppelkinn und ſeine großen viereckigen ſilbernen Schnal⸗ len ziemlich ſichere Fingerzeige gaben, daß der Dominic es nicht für unerläßlich nothwendig hielt, ſeine Lehren durch das Anſehen ſeines Beiſpiels zu bekräftigen. Die gute Tante Editha wurde, nach dem Zeugniſſe des Dominic Kanttwell, welcher ſie in der neuern Zeit veranlaßt hatte, ein Teſtament zu Gunſten der Kirche zu machen, von Tag zu Tage vollkommener. Sie trieb ihre Verachtung gegen dieſe Welt ſo weit, daß ſie dieſelbe auf das ganze Menſchengeſchlecht ausdehnte, einen kleinen Kreis Auserwählter ausgenommen, welche ihren erbauen⸗ den Lehren zuhörten, von allen übrigen Bewohnern des Dorfes Uebles ſprachen und ſie in ihrer Menſchenliebe „Gefäße des Zornes“ nannten. Da die guten Leute jene als Gegenſtände der göttlichen Rache betrachteten, ſo hiel⸗ ten ſie ſich verpflichtet, ſie auch zu haſſen und jeden Aus⸗ tauſch freundlicher Dienſte oder geſelligen Verkehrs mit 5* — 68— dieſen gottloſen Sündern von ſich zu weiſen. Dieſe ein⸗ fachen, gutmüthigen Seelen glaubten Heilige zu werden, wenn ſie nur dem Beiſpiele der Tante Editha und des Dominic Kanttwell genau folgten. Aber ſie irrten ſich. Sie wurden im Geiſte ſtolz(die ſchlimmſte Gattung des Stolzes), hartherzig, anmaßend und argwöhniſch gegen Alle, die nicht zu der auserwählten Schaar gehör⸗ ten; geſelliger Tugenden und freundnachbarlicher Liebe unfähig; der Nachſicht und dem Mitleid entfremdet; ſchlechte Väter, Mütter, Gatten und Frauen, und unver⸗ beſſerlich in ihren Fehlern, weil ſie ſte für Tugenden nah⸗ men und als ſolche hegten. Kurz, während ſie ſich ſelbſt⸗ gefällig als die ausſchließlich Erwählten anſahen, behan⸗ delten ſie alle Anderen als Geächtete und Verſtoßene, als Weſen, welche keine Art Verwandtſchaft oder Aehn⸗ lichkeit mit ihnen hätten, und weder in dieſer, noch in jener Welt zu ihnen gehörten. So kam es, daß alle jene Liebesdienſte einer guten Nachbarſchaft, die Gefällig⸗ keiten des geſelligen Daſeyns, der gewöhnliche Austauſch von Artigkeit und Freundſchaft, alle jenen kleinen Bande, welche die Geſellſchaft am beſten zuſammen zu halten ge⸗ eignet ſind, nämlich die gegenſeitiger Hülfe und Dienſt⸗ fertigkeit, wodurch das wechſelſeitige Wohlwollen bedingt iſt, allmählig verſchwanden und herber Verachtung, anmaßen⸗ dem Stolze einerſeits und eingewurzeltem Haſſe oder weg⸗ werfender Gleichgültigkeit andrerſeits Platz machten. Der Art ——— iſt ſtets das Reſultat, wenn man die Anwendung der vor⸗ trefflichen Lehren auf das Aeußerſte treibt, welche ohne Zweifel nur die Abſicht hatten, jene weltlichen Gefühle und Neigungen, welche nicht allein zum Glücke, ſondern ſogar zur Exiſtenz des Menſchengeſchlechts weſentlich ge⸗ hören und der Geſellſchaft oder Einzelnen dann nur ver⸗ derblich werden, wenn ſie ohne moraliſchen oder religiö⸗ ſen Rückhalt wirken, zu zügeln, nicht aber zu zerſtören. Was die gute Tante Editha angeht, ſo konnte man mit Wahrheit von ihr ſagen, ſie grabe ſich von Tag zu Tage tiefer in den Schlamm frommer Abgezo⸗ genheit ein. Sie brachte die Stunden, welche nicht dem Kirchgehen, den Betſtunden und Liebesfeſten gewidmet waren, größtentheils im Bette zu, um welches ſie, ſo oft es nur anging, die ganze Dienerſchaft verſam⸗ melte und wo ſie und Bombie, die Krausköpfige, man⸗ chen herben Kampf der ſchärfſten aller ſcharfen Waffen, der Zunge, mit einander zu kämpfen pflegten. Während der troſtloſe Heer, welchem ſie einen Zufluchtsort, eine Heimath und alle die Bequemlichkeiten des Lebens ver⸗ dankte, in einſamem Grame verſenkt ſaß und ſeiner theu⸗ ren, geliebten Tochter gedachte und ihr Schickſal beklagte, ohne daß eine Seele an ſeinem unheilbaren Schmerze Theil nahm, blickte die vortreffliche Editha, welche ihn kaum für mehr als einen der Gottloſen anſah, mit heroi⸗ ſcher Kälte auf ſeinen Kummer und die Schwäche ſeines Alters, und tröſtete ihn nur dann und wann mit der — 70— Verſicherung, der Verluſt ſeines einzigen Kindes ſei ein— Schickung des Himmels, da er Chriſtina mehr gelr als die Kirche und den Dominic. Die Krausköpfige war zwar eine böſe Sieben und ein Zankeiſen von der erſten Claſſe; dennoch zeigte ſie gelegentlich Spuren jener fleiſchlichen und weltlich geſinn⸗ ten Sympathie, auf welche die Auserwählten mit ſo vie⸗ ler Verachtung und ſo tiefem Abſcheu blicken, wenn ſie gegen die ſündhaften Söhne und Töchter des Menſchen geübt wird, und pflegte ihm dann wohl eines ſeiner Lieb⸗ lingsgerichte zu bereiten oder einen Leckerbiſſen vorzu⸗ ſetzen, um ſeine ſchwindende Eßluſt zu reizen und ihm eine kleine Freude zu machen. So oft jedoch Tante Edi⸗ tha von einem Vorfalle dieſer Art hörte, verließ ſie ſchleu⸗ nig, wie ſchwach und krank ſie auch ſein mochte, man konnte ſagen, wie durch ein Wunder plötzlich geſtärkt, ihr Bett, legte gewaltſam Hand an das Gericht des guten Heern, welcher bei ſolchen Gelegenheiten wie der arme Eſau faſten mußte, und trug es weg, um Dominice Kantt⸗ well oder irgend einen andern der Auserwählten zu trö⸗ ſten, welcher ſich während einer der nächtlichen Betſtun⸗ den erkältet haben mochte. In der That war es ein großer Vorwurf in der Politik des Dominic, die Gemeinde von Elſingburg dadurch zu beherrſchen, daß er in jedem Hauſe des Dorfes eine Art„Reich im Reiche“ einführte. Dies bewirkte er dadurch, daß er die verheiratheten Frauaen unter ſeinen Scepter brachte, und ſo die vanahulund — 71— herrſchte, was auch der natürliche und rechtmäßige Herr nd Meiſter in ſündhafter Widerſpenſtigkeit dagegen vor⸗ bringen mochte. Manche glauben vielleicht, eine ſolche Art, ſich Einfluß zu verſchaffen, ſei eben nicht die ehren⸗ vollſte und beſte; es liegt aber uns, einem Junggeſellen, nicht ob, dieſen Punkt näher zu erörtern. Wir haben hier nichts zu erzählen, das nicht zu dem Fortgang und der endlichen Kataſtrophe unſerer Geſchichte unerläßlich noth⸗ wendig iſt. Zahlreich, um nicht zu ſagen, unzählig, waren die kleinen Geſellſchaften, welche unter dem Einfluſſe und dem Schutze der Tante Editha und des Dominic Kantt⸗ well geſtiftet wurden, deſſen Betriebſamkeit in dem Zu⸗ ſammenbringen aller Arten Geſchenke von Männern, Frauen und Kindern ſo groß war, daß die kleinen Schelme der ſchwediſchen Anſiedlung kein Stückchen Rohrzucker, keinen Biſſen Pfefferkuchen bekamen, ſondern Alles zu dem Dominic und von ihm— Niemand wußte, wohin?— wanderte. Eine Geſellſchaft ward die Mutter eines hal⸗ ben Dutzends anderer, bis ſie ſich ſo raſch ausdehnten und mehrten, daß die guten Dörfnerinnen keine Zeit mehr hatten, ihren häuslichen Beſchäftigungen die geringſte Aufmerkſamkeit zu widmen; kein Reiſender konnte eine Nacht in Elſingburg hinbringen, ohne am kommenden Morgen todtenbleich aufzuſtehen, indem er ſich bedroht ſah, den Hunger von unzähligen Hunden zu ſtillen, deren Anzahl ſtets ein ſicheres Zeichen von dem guten oder ſchlechten Zuſtande der Haushaltungen iſt. Der Dominic hatte keine Ruhe, wenn er wußte, daß in irgend einem Hauſe noch etwas zu holen war. Man ſah ihn, wie Goldſmith's„ſchwarzen Mann“ ſtets in ſeinem dreieckigen Hute umhergehen, um Subſcriptio⸗ nen zu ſammeln; allein Niemand bemerkte, daß er ſelbſt je etwas gab. Daher behaupteten ſeine Bewunderer, er ſei eine wahrhaft mildthätige Seele, denn er verachte allen äußern Prunk und ſpende ſtets im Geheimen. Er war jedoch, obgleich bei ſeiner großen Zurückhaltung Nie⸗ mand etwas von ſeinen ſpendenden Tugenden ſah, gleich Falſtaff, wenn auch nicht ſelbſt mildthätig, gewiß der Grund, daß Andere mildthätig waren. Seine Kunſt, ſelbſt den Aermſten Steuern aufzulegen, war ſo groß, daß es eine Zeit gab, wo keiner von der arbeitenden Claſſe einen ganzen Rock aufzuweiſen hatte und den Kindern die Ellbogen jämmerlich aus den Aermeln ſchauten. Nachſtehendes Geſpräch zwiſchen einem wackern im Schweiße ſeines Angeſichts lebenden Manne, Fospe Ont⸗ ſtout genannt, und ſeiner Frau bezieht ſich auf dieſe Dinge und wurde in dem Archive der hiſtoriſchen Geſell⸗ ſchaft von Elſingburg aufbewahrt. Es zeigt die Folgen des Syſtems unſeres guten Dominic beſſer, als irgend eine noch ſo gelungene Auseinanderſetzung. Am Ende der Handſchrift iſt eine Note von gospe 3 Ontſtout's Hand, welche erzählt, er habe, nachdem er in — 73— Folge der großen Aufmerkſamkeit, welche ſeine Frau der Noth und den Anforderungen aller Welt, ihre eigene Familie ausgenommen, gewidmet, in gänzliche Armuth gerathen ſei, kein Rettungsmittel mehr vor ſich geſehen und in ſeiner Verzweiflung den glücklichen Gedanken gefaßt, ſich bei zwei oder drei Geſellſchaften als Bettler anſtellen zu laſſen, um auf dieſe Weiſe— nach dem Aus⸗ druck eines vortrefflichen alten Schriftſtellers— das Bei⸗ ſpiel gewiſſer ſehr verſchlagener Vögel nachzuahmen, welche, nachdem ſie ſelbſt auf eine jämmerliche Weiſe zerrupft worden, ſogleich Gelegenheit ſuchen, andere dafür zu zer⸗ rupfen. Wir finden ferner in der Handſchrift bemerkt, daß Fospe's Frau eine dralle, friſchfarbige Schönheit war und für eine der hübſcheſten Dörfnerinnen galt. Es war ein kalter, rauher Abend; Fospe war den ganzen regenvollen Tag in dem Walde geweſen, um Holz zu hauen, kam durchnäßt, kalt und hungrig nach Hauſe und redete ſeine Thereſe in folgender Weiſe an. Fospe. Thereſe, mein gutes Weib, meine Füße ſind ſo naß, wie eine ertränkte Ratte. Gib mir ein Paar trockene Strümpfe, von denen, die ich neulich dem Neu⸗Yorker Kaufmann abkaufte. Thereſe. Nicht möglich, mein Lieber! Ich gab ſie letzte Nacht alle der Geſellſchaft. Der Dominic ſagt, wir müßten Alles, was wir erübrigten, den Armen geben; und er behauptet, wir würden nie entbehren, was wir auf dieſe Weiſe gäben. — 4— Fospe. Hm! Ich wollte, der Dominic wäre der Mann, der für ſein Wort ſteht, denn es iſt mir in die⸗ ſem Augenblicke ſehr unbehaglich und ich entbehre die trocknen Strümpf ſehr ungern, welche du in die Geſell⸗ ſchaft gegeben haſt. Aber mich dünkt, es gibt jetzt keine Abhülfe mehr dagegen; da ich alſo eben jetzt kein Geld habe, muß ich den Schilling, welchen ich Hans auf Weih⸗ nachten gab, lehnen und in den Laden hinüber gehen, um ein Paar zu kaufen. Tohereſe. Aber, mein Freund, Hans hat ſeinen Schilling bereits ausgegeben. Fospe. Wie? der kleine Schelm iſt wohl bei Wilde geweſen, um ſich eine Mütze zu kaufen? Thereſe. Nein, mein Freund! Dominic Kanttwell hat uns klar auseinandergeſetzt, daß der Schilling in der Geſellſchaft beſſer angewendet wäre, und er hat Hans verſprochen, ihn in der nächſten Sonntagspredigt vor der ganzen Gemeinde öffentlich zu nennen. Fospe. Gut, was geſchehen iſt, kann nicht geän⸗ dert werden; wir müſſen das Ferkel verkaufen, denn meine Strümpfe ſind nicht nur naß, ſondern ganz zer⸗ riſſen, und ich muß ein Paar trockene haben, Frau. Thereſe. Gewiß, gewiß, mein Freund; aber das Ferkel iſt auch fort... Fospe. Was? Iſt es fortgelaufen, oder geſtohlen worden? Thereſe. Nein, mein Freund! Aber der Dominic — 75— erbat es ſich für die Geſellſchaft; er hat mir verſichert, das Ferkel würde uns zehnfach erſetzt werden. Fospe. Hm! Ei! Ganz gut, Thereſe! Laufe doch ſchnell in den Schweinſtall, um zu ſehen, ob die zehn Ferkel da ſind. Wir müſſen eines derſelben ſogleich ver⸗ kaufen. Aber bleibe; es iſt naß und du thuſt beſſer, dieſen Abend nicht aus dem Hauſe zu gehen. Rufe Hans, und ich werde ihn hinſchicken. Thereſe. Da kommt er, mein Freund. Fospe. Nun, der Burſche ſieht aus, wie ein Lum⸗ penmann; Alles iſt an ihm in Fetzen. Ich würde mich freuen, Liebe, wenn du ſeine Beinkleider flickteſt, denn du ſiehſt, ſeine Kniee ſind ganz bloß. Thereſe. Gern, gern, mein Freund, wenn ich nur Zeit dazu hätte!— Die Geſellſchaft hat beſchloſſen, daß für die armen grönländiſchen Kinder, welche, wie der Dominic ſagt, vor Kälte umkommen, ſechs Dutzend Kleider gemacht werden ſollen, und meine ganze Zeit wird in Anſpruch genommen, um für dieſe lieben kleinen Dulder zu arbeiten. Der Dominic ſagt, es würde der Familie Segen bringen. Fospe. Gut, gut! Der Dominic hat vieleeicht nicht Unrecht. Höre, Hans, gehe in den Schweinſtall und ſieh, ob die zehn Ferkel gekommen ſind. Thereſe. Himmel, mein Freund! du wirſt— du biſt doch nicht ſo thöricht, zu glauben, daß ſie ſchon gekom⸗ men ſind? — 76— Fospe. Warum denn nicht, meine Liebe? Der Dominic hat es dir ja geſagt, und was der Dominic ſagt, muß wahr ſein. Aber, Theure, was werden wir zu Nacht eſſen? Du weißt, ich habe ſeit dem Frühſtücke nichts mehr genoſſen. Könnteſt du mir nicht ein Stück von dem guten Wildpret zurecht machen, das dieſen Morgen übrig blieb?— Komm,, eile dich, Liebe; denn ich bin hungrig wie ein Wolf. Thereſe. Aber, lieber Freund, dieſes ganze Stück Wildpret iſt fort; ich— Fospe. Wie? Du und Hans und die zwei andern kleinen Schelme ſeid mit dieſem Braten fertig geworden? Gut, es liegt nichts daran; ich freue mich, daß ihr gute Verdauungswerkzeuge habt und ihnen etwas zu thun geben könnt. Thereſe. Nein, nein, unſer Mittageſſen beſtand aus den friſchen Fiſchen, welche du geſtern unter dem Eiſe gefangen hatteſt. Der Dominic erbat ſich das Wild⸗ pret für eine arme Familie, die, wie er ſagte, Alles, was ſie entbehren konnte, in die Geſellſchaft gegeben hatte und nun von Hunger und Krankheit aufgezehrt war. Fospe. Ganz gut, Thereſe, es iſt unſere Pflicht, Kranken und Nothleidenden zu helfen. Aber obgleich ich nicht krank bin, ſo leide ich doch ſehr an Hunger. aacke mir einen warmen indianiſchen Kuchen, willſt Du? Biſt ja doch ein herzig Weib! Thereſe. Ganz gern, Lieber; aber wie weltlich — 77— geſinnt du biſt. Der Dominic ſagt, man müſſe ſeinen Gelüſten nicht ſo nachgeben; ſiehſt du nicht, daß das Feuer ganz ausgegangen iſt? Fospe. Ja, und ich fühle es auch. Aber wie kommt es, daß du es an einem ſo kalten, rauhen Abend ausgehen ließeſt? Thereſe. Ei, lieber Freund, Dominic Kanttwell war da und rief mich ab, um mit ihm in eine Betſtunde zu gehen und ſo—— Fospe. Hm! was wurde denn aus den Kindern, während du abweſend warſt? Thereſe. Nun, ich ſchloß ſie zuſammen ein und machte das Feuer aus, damit kein Unglück geſchähe. Fospe. Eine ſorgſame Mutter! Aber ich will ein Feuer anmachen und dann backſt du mir einen indiani⸗ ſchen Kuchen, während ich mich an der Wärme trockne. Thereſe. Ja, mein Freund— aber— Fospe. Nun, was— aber— Thereſe. Ei, um dir nur die Wahrheit zu ſagen, lieber Freund, ich habe verſprochen, mit dem Dominic dieſen Abend in eine ſpäte Betſtunde zu gehen, und die Zeit iſt, glaube ich, nicht mehr fern. Der Dominic ſagt, Kuchen backen und Kleider flicken für die Kleinen und Alles das ſei nur elende Lumperei im Vergleich mit ſolchen nächtlichen Betſtunden. 3 Jetzt war die Geduld des armen Fospe ganz erſchöpft. „Der Teufel hole den Dominic,“ rief er;„ich / — 78— wollte, er hätte meine naſſen Füße und meinen leeren Magen zu ſeinem Antheil für dieſe Nacht!“ In dieſem Augenblick trat der Dominic mit ſtattli⸗ chem Schritte und volltönendem„Hem!“, welches den Eifer des guten Fospe ſogleich milderte, in das Gemach. Thereſe machte ſich bereit und begleitete den Dominic zu dem Liebesfeſte, von wannen ſie erſt gegen Mitternacht zurückkehrte. Der arme Fospe ging naß und hungrig zu Bett und konnte nicht umhin, während ſeines Abendgebetes zu denken, der Dominic dürfte etwas Beſſeres thun, als gutherzige Frauen lehren, daß die Vernachläſſigung ihrer häuslichen Pflichten in dieſer Welt das ſicherſte Mittel ſei, in jener glücklich zu werden. Wir müſſen, ehe wir dieſes Kapitel ſchließen, aus⸗ drücklich bemerklich machen, daß wir uns, weder mittel⸗ bar, noch unmittelbar, auf Glaubensſtreitigkeiten einlaſ⸗ ſen oder den Nutzen der zahlloſen Geſellſchaften in Frage ſtellen, welche die Menſchenliebe, der Glaubenseifer und die prunkſüchtige Eitelkeit der, Menſchen hervorgerufen haben. Wir haben nur den einzigen Zweck, zu erzählen, was ſich in dem berühmten Dorfe Elſingburg begab; und wenn es, im Verfolge der Erzählung, ſich zeigen ſollte, daß unkluger Eifer zuweilen im Kampfe mit geſelligen Pflichten und geſelligem Glücke iſt, und daß ſchlecht ge⸗ leitete Menſchenliebe und Mildthätigkeit den Thätigen in Armuth ſtürzt, ohne dem Müßigen aufzuhelfen, ſo tadle — 79— man uns nicht wegen dieſen Folgen. Sie geben nur neue Beweiſe, daß das Ueberſchreiten der Gränzen an ſich die Wurzel aller Uebel iſt, und daß, ſo oft die ſegenvollen Einrichtungen der Religion unſern geſelligen und moraliſchen Verbindlichkeiten in den Weg treten, jene aufhören, der Schirm des menſchlichen Glückes und der menſchlichen Tugend zumal zu ſein. Wie die Exceſſe in den ſinnlichen Freuden die Empfänglichkeit für feinere Genüſſe aufheben, ſo zerſtört der Fanatismus im Glau⸗ ben die zärtlichſten Gefühle des Herzens und macht uns für viele der reinſten und erhabenſten Genüſſe, deren unſere Natur fähig iſt, unempfänglich. 8 Zweites Kapitel. — Narren mögen ſchaun Auf die geſchweiften Sterne; mir iſt's eins, Ob man den Schweif abſchneidet, oder nicht. Ich trotz' einem Kometen jeden Tag, Und auch des Nachts, bei Jupiter! Ungenannter. Soſ lange der arme Heer ohne Hoffnung, ohne einen Troſt blieb, ſtand immer und immer das Bild ſeiner blauäugigen Tochter, die er vielleicht für alle Zeit ver⸗ loren, vor ſeinen Augen. Das Gericht, welches nach der Anſicht der Tante Editha über ihn verhängt worden, um das ſündige Vergnügen zu beſtrafen, mit welchem er auf die ſanften Tugenden und die edeln, keuſchen Reize ſeiner gehorſamen, liebevollen Tochter geſchaut, ſchien ihn nur noch feſter an dieſe Erde zu feſſeln, denn er konnte an nichts Anderes mehr denken, als an Chriſtina. Seine einzige Beſchäftigung war Nichsthun, obgleich er nicht die Geduld hatte, auch nur eine Minute auf der⸗ ſelben Stelle zu bleiben. Gleich Bombie, der Kraus⸗ köpfigen, wanderte er ohne Abſicht, ja, oft ohne Bewußt⸗ ſein umher, bis ein Ton, ein Gegenſtand, irgend ein Nichts, möchte man ſagen, eine jener Saiten anſchlug, durch welche Alles, was die Natur Liebliches und Schönes hat, mit der Erinnerung an die zuſammenhängt, welche — 31= wir lieben und verloren haben. Dann zeigte ſeine zit⸗ ternde Lippe, ſein glänzendes feuchtes Auge, daß das Licht noch nicht erloſchen war, obgleich die Lampe, in welchem es brannte, ganz in Stücke zerbrochen zu ſein ſchien. Er hatte nun kein Intereſſe mehr an den Regie⸗ rungsangelegenheiten, welche jetzt in die Hände des Wolf⸗ gang Langfanger übergingen, der dieſe Gelegenheit be⸗ nutzte, den öffentlichen Fortſchritten die Zügel ſchießen zu laſſen. Er ließ durch die Felder nach allen Richtungen hin neue Straßen eröffnen, welche die guten Bewohner von Elſingburg bei trocknem Wetter wegen des Staubes, bei naſſem wegen des Kothes ſorgfältig vermieden. So wurden die herrlichen Raſenplätze, die Wieſen, die rei⸗ chen Felder, welche ehedem ihren Segen über das Dorf ergoſſen, wüſt gelegt, um Platz für das einſt größer werdende Dorf zu gewinnen. Die unglücklichen Einwoh⸗ ner traf auf dieſe Weiſe, ſo zu ſagen, ein zweiſchneidiges Schwert; ſie mußten für dieſe Verbeſſerungen bezahlen und verloren zu gleicher Zeit die Erzeugniſſe ihrer Felder. Aber das Meiſterſtück der Staatsklugheit unſeres Langfanger beſtand darin, daß er das alte Marktgebäude niederreißen und ein neues an einem andern Theil von Elſingburg aufbauen ließ, bei welchem Manöver er, wie es heißt, die erſten Grundſätze der großen, gedeihlichen Wiſſenſchaft der Staatsökonomie, oder der Kunſt, die Taſchen der Leute im großen Style zu plündern, an den 8 Paulding VI. 56 — 22— Tag legte. Er ließ die Leute, welche um das alte Markt⸗ gebäude wohnten, tüchtig dafür zahlen, daß dieſes unpaſ⸗ ſende Gebäude entfernt wurde; und dann ließ er die, welche um den Platz wohnten, wo das neue Gebäude ſtehen ſollte, für das große Vergnügen und die Vortheile einer ſolchen Nachbarſchaft ebenfalls tüchtig bezahlen. So zwickte er ſie an den beiden Ohren und kam in den Ruf eines guten Finanzmannes. Die Elſingburger fuhren ſich gewaltig hinter die ſo gezwickten Ohren und der Statthalter mußte ſehr ernſt⸗ hafte Klagen hören; aber dieſer gute Mann ſchenkte ſei⸗ nen eigenen Angelegenheiten, ſo wie denen anderer Leute wenig oder gar keine Aufmerkſamkeit. Er war die Troſt⸗ loſigkeit und Abgezogenheit ſelbſt. Der Dominic kam nur ſelten zu ihm, denn er ließ ſich durch ſeine Verſicherun⸗ gen nicht tröſten, daß der Verluſt ſeines einzigen Kindes ein großer Segen ſei, wenn man die Sache recht be⸗ trachte; die Tante Editha aber ſchwebte hoch über dieſer ſündhaften Welt und über Allem, was darin war, aus⸗ genommen die Betſtunden der Auserwählten, die from⸗ men Geſellſchaften, Liebesfeſte und ähnliche Dinge. Sie hielt Begebniſſe, wie der Verluſt von Kindern, Eltern, Freunden und Verwandten, für bloße Kleinigkeiten, welche nur auf die Weltlichgeſinnten, auf die auserſehenen Ge⸗ fäße des Zorns Eindruck machen könnten, und betrachtete die Erfüllung häuslicher Pflichten als die erbärmlichſte aller jener Erbärmlichkeiten, die man irrig„gute Werke“ — 83— benannte. Ja, ſelbſt Bombie, die Krausköpfige, hatte es ſo weit gebracht, daß ſie, obgleich ſie ihrem Herrn zur Mittagszeit ſein ſtark gepfeffertes Mahl pflichtſchul⸗ dig auf den Tiſch ſetzte, es durchaus von ſich wies, ſei⸗ nem großen Kummer die entfernteſte Theilnahme zu beweiſen. „Ha, wenn meine arme, verlorne Chriſtina hier wäre,“ pflegte er zuweilen auszurufen, wenn irgend etwas ihn an ſeinen Verluſt erinnerte,—„ha, wenn ſie hier wäre, würde ich mich nicht ſo vereinſamt fühlen. Aber was iſt ein alter Mann wie ich, ohne die ſtützende Hand, ohne das freundliche Wort einer tugendhaften Toch⸗ ter? Er iſt ein Stumpf, deſſen Wurzeln ausgetrocknet ſind, deſſen Aeſte dürr wurden, deſſes hohles, mark⸗ loſes Herz nur der Sitz des Wurmes iſt, welcher nie ſtirbt. Schneeball— Hexe— Teufel— oder was du ſein magſt— ſage mir, glaubſt du, ich werde meine arme Chriſtina je wieder ſehen?“ „Ich habe geſehen, was ich geſehen habe; ich weiß, was ich weiß,“ ſagte Bombie. „Gut, gut,“ verſetzte der Heer ungeduldig;„ich glaube dir dies; die meiſten Leute können dies von ſich ſagen. Aber haſt du mehr geſehen und weißt du mehr, als andere Leute? Antworte mir, du Haushälterin des Satans— glaubſt du, wir würden uns wieder ſehen 2 „Dort— vielleicht!“ ſagte die Krausköpfige und zeigte mit ihrem gehörnten Stab nach dem blauen Him⸗ 6* * — 84— mel, welcher mit Sternen dicht beſäet war, und wo der Neumond wie ein Perlenboot in einem Azurſee dahin zog,„dort, wo der gereinigte Geiſt ſeine letzte heitere Wohnung findet, oder“— ihren Stab zur Erde ſenkend— „da, wo⸗—— „Fort, du krächzende Tag⸗Eule,“ unterbrach ſie der Heer;„verwünſcht ſei das Herz, das eine ſolche Weiſſagung eingibt, und der Athem, der ſie ausſprechen wird. Ja, ich— ich habe zuweilen meine unſterbliche Seele mit dem Schmutz weltlicher Sünde befleckt; aber ſie— ſie war rein, wie das Schneeflöckchen, das mitten durch den Himmel herabſegelt, ehe es die befleckte Erde erreicht; ſie war“— „Ja, Heer— ſie war— und wer von uns kann zurückblicken und den Finger nicht an den Punkt der Zeit legen, wo auch wir unſchuldig waren? Monate ſind vorü⸗ ber gegangen, ſeit deine Tochter dich verließ; aber in kürzerer Zeit als dieſe haben, nach deinem Glaubens⸗ buche, die Engel ihren Platz in dem Himmel verloren; ein Drittheil der Sterne, welche um den Thron deſſen glänzten, der uns Alle geſchaffen, Schwarze, Rothe und Weiße, ſtürzten herab auf die Erde— nein, tiefer, als 5 die Erde— in den bodenloſen Abgrund; er, der der Sohn des Morgens genannt wurde, fiel mit den andern, 4 vor allen andern. Willſt du darum ſagen, weil deine Tochter vor Monaten rein und unſchuldig geweſen, ſie müſſe es durchaus noch jetzt ſein?“ — 85— „Verpeſteter Zwerg der Hölle— Schwefelſamen— Geißel meiner ſchwindenden Hoffnungen— Marter mei⸗ nes gebrochenen Herzens,“ rief der Heer,„ſei ſtill, oder ſage mir, was du wirklich von meinem verlornen Kinde weißt.“ „Ich weiß,“ verſetzte die Afrikanerin,„ich weiß, daß ſie noch lebt, denn wenn ſie geſtorben wäre, hätte ich ſie geſehen und mit ihr geſprochen, ehe ihre Leiche in das Grab verſenkt worden wäre. Ich weiß, daß ſie noch lebt; aber dies iſt Alles, was ich weiß. Ob du ſie in die⸗ ſem oder jenem Leben wieder ſiehſt, kann ich dir nicht ſagen, und wenn ich es nicht kann, kann es Niemand anders; denn ich habe geſehen, was ich geſehen habe; ich weiß, was ich weiß. Ich ſah dein Kind wie ein Lamm, das man aus der Hürde ſtiehlt, mit dem Wolfe wegtra⸗ gen, der es zu verſchlingen ſucht; ich habe ihn gewarnt; bei der Erinnerung an die Vergangenheit, bei der Hoff⸗ nung auf die Zukunft ihn gewarnt; ich habe ihn beſchwo⸗ ren bei dem Schickſal der Mutter, bei der Güte des Va⸗ ters, bei der Liebe der Tochter— bei Allem, was guten Menſchen heilig iſt und was Schurken verhöhnen, daß er ihr ein getreuer und ſorgfältiger Hirte ſei, und er rief den Himmel zum Zeugen, daß er es wolle. Wenn aber der Mann ein Wolf gegen den Mann iſt, was kann er gegen das Weib ſein? Erſt der lächelnde Sclave und dann der ffühlloſe Tyrann.“„ S „Aber— werde ich ſie wieder ſehen, bevor, ich ſterbe?“ —— — 36— So fragte der Heer wieder, welcher in der Schwäche des Grames der Krausköpfigen zu entreißen ſuchte, was er ſelbſt nicht zu glauben gewagt hätte, wenn es ausge⸗ ſprochen worden wäre. „Die wiederkehrende Sonne bringt oft Alles dahin zurück, wo es zuvor war. Du kannſt ſie vielleicht wieder ſehen; ſie kann eines Tages zu dir kommen, wenn ſie ſich und ihren Vater vergeſſen hat; wenn die Zeit, die Mühſeligkeiten und das Beiſpiel derer, welche ſie umge⸗ ben, alle Spuren der ſanften, zarten und gehorſamen Tochter verwiſcht haben. Sie kann mit einem gemalten Geſicht und Gliedern zurückkehren, welche Arbeit und Win⸗ terfroſt und die Beſchäftigungen, die der rohe Mann unſerm Geſchlechte auferlegt, wenn weder Ehre, noch Schande ſeine muthwillige Tyrannei zügelt, zu plumper Größe und Ungeſtalt ausgedehnt haben; ſie kann mit einem Papooſe wiederkehren!“ „Hinaus, du Hexe!“ rief der faſt wahnſinnige Heer; „hinaus, du Pfefferbüchſe des Satans, du Kupplerin der Hölle! Fort, du Tochter des Zornes und des Feuers! Ertränbe dich in dem Strome, hänge dich an dem höch⸗ ſten Baum des Waldes auf, oder vielmehr— lebe, und laß dein ſchwarzes, runzeliges Fleiſch verdorren in Qua⸗ len, wie du ſie einem armen, kinderloſen alten Manne anthuſt— gehe und der Teufel hole dich!“ Hier war der Heer zum erſten Male, ſeit er Chri⸗ ſtina verloren hatte, wieder in ſein Hochdeutſch zurückge⸗ . 8= fallen, und es dürfte faſt anzunehmen ſein, daß die kraus⸗ köpfige afrikaniſche Königin ihn abſichtlich in dieſer Weiſe reizte, damit er in dem Zorne gegen die Sclavin den Verluſt der Tochter vergäße. Aber ſie verfehlte ihren Zweck. Der Aerger des Heern war nur vorübergehend; der Kummer des Vaters war ohne Ende. Drittes Kapitel. „Wenn ich nicht mit der Maſſe von Druckern Mitleid hätte, wären dieſe Bücher nie geſchrieben worden. Außerdem finde ich es aber nothwendig, meine ſtumpfe Laune jeden Tag durch Eſſen zu ſchärfen; denn, bei unſrer lieben Frauen, Minerva liebt die Speiſekammer.“ Ungenannter. Nach einer Unterredung, gleich der, welche wir in dem vorhergehenden Kapitel mitgetheilt haben, ſetzte ſich der Heer troſtlos in ſeinen alten Lehnſtuhl und betrach⸗ tete ſtill und bekümmert ein Gemälde, welches ſeine, da⸗ mals kaum Ein Jahr alte Tochter vorſtellte, wie ſie ſich an den Buſen ihrer nun auch heimgegangenen Mutter ſchmiegte. Als Kunſtwerk war das Gemälde nicht einen Stüber werth; aber der Heer hätte es nicht für alle Schätze ſeiner ganzen Statthalterſchaft gegeben, denn es war faſt das einzige Andenken— das ausgenommen, wel⸗ ches er in ſeinem alten gebrochenen Herzen herumtrug— von den zwei Weſen, die ihm theurer waren, als die ganze übrige Welt. Während er ſo daſaß, machte er ſeinem Herzen in ungefähr folgendem Selbſtgeſpräche Luft: „Ha! Weib meiner Seele und Tochter meines Herz⸗ bluts, ihr ſeid von mir geſchieden, obgleich ich, nach — 8— 2* dem gewöhnlichen Laufe der Dinge, vor euch bante ſchei⸗ den ſollen. Wo ſeid ihr nun, du Gefährtin meiner Ju⸗ gend, du Tröſterin meines Alters? Die eine iſt eine Heilige in dem Himmel— aber die andere— meine lieb⸗ liche, gute, theure, gehorſame Tochter! Ihr Auge, die Farbe des Himmels, iſt lange von Nacht umhüllt; ihre Wange, die Farbe der Roſe, iſt ſteinkalt und gebleicht nun— eine Beute des Grams und des Wurmes. Oder ſie lebt vielleicht noch— eine unglückliche Waldbewoh⸗ nerin, die Gefährtin wilder Thiere, oder die Sclavin von Menſchen, die noch wilder ſind als jene; von ihrer gewohn⸗ ten Geſellſchaft ausgeſchloſſen, des Troſtes väterlicher Liebe beraubt, alles deſſen entblößt, was das Leben zu etwas Anderm macht, als zu einer drückenden Bürde, zu einer Laſt, die den regſamen Geiſt niederdrückt, an die Erde feſſelt und auf das Grab als ſeine einzige Zuflucht hinweiſ't. Meine Tochter— mein einziges, mein gelieb⸗ tes Kind!“ Während der Heer ſich ſeinen wehmüthigen Betrach⸗ tungen überließ, zog ein ferner Lärm, der wie ein freu⸗ diges Jubeln zu klingen ſchien, ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich. Er lauſchte, aber Alles war wieder ſtill und ſtumm. „Was mag das bedeuten?“ ſagte er vor ſich hin. Aber die Aufregung war nur eine augenblickliche und er verſank wieder in ſein düſteres, ſchwermüthiges Brüten. Abermals wiederholte ſich der Jubelruf, näher und * — 90— näher; der Heer erkannte die lärmenden Zungen der Dörfler, denen jede Gelegenheit zu Lärm und Fröh⸗ lichkeit willkommen war. Immer näher kam das Getöſe, bis endlich die Auf⸗ merkſamkeit des Heern durch etwas rege ward, das wie eine Wiederholung des Namens„Chriſtina“ an ſein Herz anſchlug. 3 Er ſprang auf, ſeine Kniee wankten, aber er eilte an das Fenſter, riß es auf und ſah, nicht ſehr entfernt, einen Haufen Leute, und in ihrer Mitte zu Pferd einen ſchlanken, ſtattlichen, jungen Mann und hinter ihm eine Geſtalt, die eine weibliche zu ſein ſchien. Das erlöſchende Licht ſeines alten Auges erlaubte ihm nicht, mehr zu unterſcheiden. Dennoch— und die Hoffnung überſtrahlte ſein Herz wie ein Blitz— dennoch— wenn ſie es wäre— wenn ſie endlich wieder in ſeine Arme zurückkehrte! Wie das lange an Dunkelheit gewöhnte Auge bei dem kleinſten Lichtſtrahl die Lider ſchließt, ſo wird der menſchliche Geiſt, welchen Alter, lange Leiden, ſchwer⸗ müthige Gedanken und düſtere Ahnungen ſchwächen, durch den erſten Hoffnungsſtrahl, der in ſein dunkles Innere fällt, überwältigt und niedergedrückt. Auch be⸗ gibt es ſich oft, daß der glühende Wunſch, eine Lieblings⸗ idee verwirklicht zu ſehen, durch die Furcht, die Gewiß⸗ heit möge ſtatt zu der Freude, nur zu gänzlicher Ver⸗ zweiflung führen, zurückgedrängt wird. Für Geiſter, die — 91— von Natur ſchwach oder durch Unglück geſe ſind, iſt die Ungewißheit weniger peinlich als die anntſchaft mit dem Schlimmſten. Aus einem dieſer Gründe, vielleicht aus beiden, kehrte der Heer, ſtatt ſich ſogleich von der Wahrheit zu unterrichten, zitternd in ſeinen Lehnſtuhl zurück und harrte ſo, faſt in einem Zuſtande der Gefühlloſigkeit, der An⸗ kunft des Haufens. „Mein Vater! Mein Vater! wo iſt er?“ So rief eine Stimme, welche das Herz des alten Mannes durchdrang, der in ſeinen Stuhl feſtgebannt war und keiner Bewegung, keines Wortes fähig ſchien. Einen Augenblick noch, und eine junge weibliche Geſtalt ſtürzte herein, warf ſich ihm zu Füßen, küßte ſeine Hände und benetzte ſie mit einem Strom von Thränen. „Mein Vater! haſt du deine Chriſtina vergeſſen? Oder— o, ihr himmliſchen Mächte— vielleicht hat er ſich ſelbſt vergeſſen!— Sprich doch mit mir, theurer Vater, oder küſſe mich, oder drücke mir die Hand! O, thue etwas, um mir zu zeigen, daß du dich deiner Toch⸗ ter noch erinnerſt, daß du ſie noch liebſt!“ Der Heer drückte ihr die Hand als Beweis, daß er ſeine Tochter nicht vergeſſen habe; aber es dauerte meh⸗ rere Minuten, ehe er ſich ſo weit erholt hatte, daß er ſie an ſeine Bruſt ſchließen, weinen und ſie ſeg⸗ nen konnte. Dieſe Scene war ſo ergreifend, daß die 4 — 92— unfenaden m Thränen zerfloſſen, und ſelbſt die trock⸗ nen, leder Wangen des Sadrach Geldpfennig eine entfernte Spur von Feuchtigkeit verriethen. „Aber du mußt meinen Rettern danken!“ ſagte Chriſtina, als ſich der erſte Sturm der Freude ein wenig gelegt hatte.. „Und wer ſind ſie?“ verſetzte der Heer, wiſchte ſich die Augen und ſah rund um.—„Ah, langer Finne, biſt du da? Ich will darauf ſchwören, du biſt bei der Befreiung meiner Tochter nicht unthätig geweſen; komm zu mir, du biſt mir dreifach willkommen. Wie iſt's, Chriſtina, mein Liebling?“ 4 „Ich danke ihm mein Leben,“ antwortete Chriſtina, „aber nicht meine Freiheit, Vater.“ „Wem denn ſonſt? Laß mich ihn in meine Arme ſchließen, wenn er hier iſt; und wenn er nicht hier iſt, will ich die weite Welt durchwandern, nur um ihm zu danken; wenn er arm iſt, will ich ihn reich machen; wenn er reich iſt, ſoll er auf meine ewige Dankbarkeit rechnen. Er trete hierher, wer er auch ſei! Schämen ſich doch oft die Schuldigen ihres ſündhaften Thuns nicht, warum ſollte der Tugendhafte um einer edlen That willen erröthen?“ Die ſteife, lange Geſtalt des Sadrach Geldpfennig nahte jetzt in abgemeſſenen Schritten dem Heern, der, als er ihn herankommen ſah, aufſprang und ihn ſo herz⸗ lich umarmte, daß der Kopf des Statthalters den Hut — 93— des Andern aus dem Gleichgewicht brachte un 1 3 Eſtrich warf. Sadrach bückte ſich mit großer Bedächtigkeit, nahm den Hut auf, ſetzte ihn wieder auf das Haupt und ſagte: „Bemerke, Freund Pfeifer, daß ich meinen Hut nicht aus Reſpect vor deiner Würde, oder der deines Herrn, des blutgeſinnten Mannes, der das heilige Wort des Friedens auf der blutgefärbten Spitze ſeines Schwer⸗ tes einher trägt, abgenommen habe. Er fiel zufällig, in der That.“ „Dem ſei ſo,“ verſetzte der Heer;„du magſt dei⸗ nen Hut in Gegenwart der Könige, ja, des Königs der Könige tragen, wenn es dir beliebt, mein edler Wohl⸗ thäter, dem ich mehr zu danken habe, als ich ihm je vergelten kann.“ „Ich bin nicht dein Wohlthäter, Freund Pfeifer,“ ſprach Sadrach,„und du verdankſt mir nicht mehr, als jenes Wohlwollen, welches wir allen unſern Mitmenſchen ſchuldig ſind. Was ich gethan habe, geſchah auf Befehl, oder vielmehr auf das Erſuchen William Penn's(denn wir nehmen von Niemanden Befehle an, wer er auch ſei, wenn wir nicht wollen), welcher mich mit einem Vorrath von Glasperlen, Taback und Aehnlichem in die Wildniß geſchickt hat, um deine Tochter und den Mann auszulöſen, den man den langen Finnen nennt; ferner Freund Dotterel, unter den Urbewohnern gemeinhin der Springende Stör genannt; und endlich den farbigen ⸗ —— , der den heidniſchen Namen Kupido trägt und welche wie ich es mir als eine beſondere Gunſt erbitte, noch einmal taufen laſſen wirſt, in welchem Falle ich mich erbiete, Pathenſtelle bei ihm zu vertreten.“ „Wohlan denn,“ verſetzte der Heer,„ich werde an Mittel denken, William Penn und alle die würdig und reichlich zu belohnen, welche ſeine Güte und Liebe bei der Befreiung meines Kindes unterſtützten, deſſen Wieder⸗ kehr an meine Bruſt der Wärme des Frühlings gleicht, welche die erſtarrte Natur von neuem belebt.“ „William Penn will keinen Lohn, noch werde ich ſolchen annehmen,“ ſprach Sadrach.—„Als er mich in die Wildniß ausſandte, und ich, nach ſeinem Willen, ab⸗ reiſ'te, ſo geſchah dies nicht mit Ausſicht auf Gewinn oder Vortheil. Wir tauſchen gern Gefälligkeiten und Freundſchaftsdienſte mit dir aus, aber wir verkaufen ſie nicht.“ „Gut, aber der Teufel!“ verſetzte der Heer, ein wenig ſchmollend. „Fluche nur gar nicht, Freund Pfeifer,“ fiel ihm Sadrach ein,„fluche nur gar nicht! Und nun fällt mir ein, ja, wenn du William Penn oder mir, ſeinem erwählten Werkzeuge, deine Dankbarkeit beweiſen willſt, ſo laß von dieſer unziemlichen Sitte, welche, wie ich dir lei⸗ der ſagen muß, nach der Geſellſchaft und guten Genoſſen⸗ ſchaft Satans und ſeiner Helfershelfer ſchmeckt.“ Zu jeder andern Zeit würde dieſer Ausfall des guten Sadrach den Zorn des Heern in einem großen 8 Wetter von Flüchen über ihn gebracht haben; aber er hatte jetzt die Hand ſeiner Tochter in der ſeinigen, wäh⸗ rend ſie ſich auf dem kleinen Stuhle niedergelaſſen hatte, den ehedem ſein gichtiſcher Fuß eingenommen, und fühlte ſich in dieſem Augenblicke ſo glücklich, daß er weder Raum, noch Worte für andere Gefühle hatte. „Sage alſo,“ verſetzte er endlich auf Sadrachs Mahnung,„ſage, ich würde ſelbſt kommen und ihm dan⸗ ben, daß er mir mein Kind wieder gegeben hat; du aber glaube, daß ich deinen Liebesdienſt nie vergeſſen werde.“ „Ich werde es ausrichten,“ erwiederte Sadrach.— „und nun will ich, da ich meinen Auftrag ausgerichtet und das Geheiß(oder vielmehr den Wunſch) William Penn's erfüllt habe, meinen Rückweg dahin antreten, woher ich kam. Lebe wohl, Freund Pfeifer— und fluche nicht mehr!“ Sadrach ſchüttelte nun die Hand des Statthalters, des langen Finnen und des holden Burſchen Kupido, den er ermahnte, ſich einen neuen Namen von etwas chriſtlicherem Klange geben zu laſſen. Er ſah ſich auch nach dem Springenden Stör um; er war jedoch nirgends zu ſehen, denn er hatte bereits ſein altes Amt wieder angetreten, und mit ſeinen alten Feinden, den ordnungs⸗ widrigen kleinen Schelmen von Elſingburg, mächtig zu kämpfen.. Jetzt bewegte der, Geiſt unſern guten Sadrach Geld 4 — 96— pfennig, ſich Chriſtina zu nahen; er that dies mit großer Artigkeit, denn er lüftete ſeinen Hut ein wenig. „Mädchen,“ ſprach Sadrach——„hm, hm! in der That, du biſt ſchön und lieblich zumal; ich will dir als ein alter Bekannter die Hand ſchütteln. In der That, ich wiederhole es, du biſt ungemein ſchön und lieb⸗ lich.— Ich will dich küſſen— hm, hm!— denn ich bin dazu bewegt, da ich mit dir in der Wildniß wohnte. In der That, hm!— ich ſage es zum dritten Male, du biſt ſchön und lieblich ohne Gleichen. Ich werde dich im Geiſte umarmen, da ich dazu bewegt bin von—“ 1 Als jedoch Sadrach ſeine Arme öffnete, um ſeine keuſchen Wünſche in Erfüllung zu bringen, umarmte er, wie ein zweiter Ixion, eine Wolke. Chriſtina hatte ſeine Gewohnheit, die Augen der Oecke zuzuwenden, in aller Eile benutzt und war entſchlüpft, ohne daß der gute Mann es merkte, der, weit entfernt, über dieſe Enttäu⸗ ſchung ärgerlich oder verlegen zu ſein, mit vieler Würde bemerkte, das Mädchen ſei allzu verſchämt. Er wandte ſich nun wie auf einem Kreiſel und nahm Abſchied, von den herzlichen Dankſagungen Aller begleitet, den langen Finnen ausgenommen, welcher Sadrach die Sünde nie verzeihen konnte, Chriſtina's rothe Lippen berührt zu haben. Viertes Kapitel. Herzregierendes Fräulein! Wie der Stein, den die Italiener Baſilinus nennen, Alle verwundet, welche ihn anſehen, und wie die Schlange, die in Arabia Smaray⸗ dus genannt wird, das Auge entzückt: ſo gefallen deine himmliſchen, Alles vernichtenden Augen, und indem ſie gefallen, geben ſie meinem liebezerſchoſſenen Herzen Qual und Pein. Euphues. Nach Sadrach's Abzug kam der gewünſchte Augen⸗ blick, wo der Heer ſich mit den Seinigen allein ſah, und nun waren der Fragen und der Erzählungen kein Ende. Vielleicht iſt es eins der angenehmſten Ergebniſſe des Zuſammentreffens lange geſchiedener Freunde, die Erzäh⸗ lungen des Erlebten wechſelſeitig auszutauſchen und das Vergangene mit den Freunden, ſo zu ſagen, noch einmal zu durchleben. Es ſchmeichelt unſerer kleinen Selbſtliebe, alles das zu berichten, was wir erfahren haben, und unſere Neugierde, vielleicht ein beſſeres Gefühl, thut ſich an der Erzählung deſſen gütlich, was Andere erlebt haben. Abwechſelnd theilt ſich der Held und der Zuhörer dieſer vertraulichen Sagen in den Genuß, eine kleine Zeit den Herrſcher zu ſpielen, und Jeder freut ſich, weil die Reihe des Erzählens an Jeden kommt. Der glückliche Heey ſaß zwiſchen ſeiner Tochter und Paulding VI. 7 ⸗ — 98— dem langen Finnen, und hielt die Hand der erſtern in der ſeinigen, und fragte und antwortete und hörte und ſchwatzte wie ein Kind; denn die Rückkehr ſeines Lieb⸗ lings hatte ihn ganz verjüngt. Die Geſellſchaft beſtand nur aus dieſen dreien, und blos gelegentlich drängten ſich Bombie, die Krausköpfige, und ihr liebenswürdiger Enkel heran, gingen und kamen unter den mannichfachſten Vorwänden, ohne ihr Zudrän⸗ gen durch irgend ein beſtimmtes Geſchäft rechtfertigen zu können. Die gute Tante Editha lag, wie gewöhnlich, zu Bette und fühlte ſich zu krank, um auch nur den Beſuch ihrer Nichte anzunehmen, weil ſie dadurch in ſo hohem Grade angegriffen zu werden fürchtete, daß ſie nicht im Stande ſein würde, die nächſte Abend⸗Betſtunde zu beſuchen. Auch der würdige Dominic Kanttwell war entweder be⸗ ſchäftigt, oder that ſo, denn er ließ ſich nicht ſehen, um dem Heern zu der glücklichen Wiederkehr ſeiner Tochter von der Gefangenſchaft unter den wilden Männern des Waldes Glück zu wünſchen. In der That, man hat, vielleicht nicht mit Unrecht, bemerkt, der gute fromme Mann ſowohl, wie die Tante Editha ſeien ein wenig verlegen, weil bei dieſer Gelegenheit ihre Lehre von der zeitlichen Strafe einen kleinen Riß bekam und die glück⸗ liche Rückkehr des Mädchens die Unfehlbarkeit ihrer Aus⸗ ſprüche in Zweifel ſetzte; auch gab es Leute, welche keinen Anſtand nahmen, zu behaupten, der Dominic ſei in ſei⸗ nem Geiſte ſchmerzlich verwundet, weil ſein Plan, die Kirche zu bereichern, in Trümmer zerfallen, indem der⸗ ſelbe lediglich auf die Entfernung der ſchönen Chriſtina gegründet war. „Ha, armer Ludwig!“ rief der Heer, als ihm Kö⸗ nigsmarke erzählte, wie jener die Wilden getäuſcht und ſie um ihre grauſame Freude gebracht hatte.—„Ha! der brave, fröhliche, gedankenloſe Schelm! Er lebte nur für den Augenblick und dachte nie an die nächſte Stunde, viel weniger an den nächſten Morgen. Luſtiger Varlett! Er war tapfer, wie der tapfere Guſtav, eines andern Mannes nicht zu gedenken, deſſen Namen zu nennen mir nicht geziemt, indem Selbſtlob nur ein anderer Name für Selbſttadel iſt. Er pflegte zu ſagen, ein Mann, der nicht fürchtete, was der gegenwärtige Augenblick brächte, aber vor dem nächſten bebte, gleiche einem abergläubiſchen Thoren, der in ſeinem eigenen Fleiſch und Blut wüthe und vor ſeinem Schatten flöhe. Der ehrliche Wolfgang Langfanger und er paßten nie zuſammen, denn Wolfgang dachte nicht an die Gegenwart, aus dem weltlichen Ge⸗ ſichtspunkte geſehen, während Ludwig behauptete, wenn man Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zuſammen bringe, ſo ſeien die erſte und die letzte wenig mehr, als ſchlafende Weiber. Ha, luſtiger, wackerer Varlett! Ich wollte, ich hörte ihn wieder ſingen!“ Nach einer augenblicklichen Pauſe fuhr der Heer fort: „Aber jetzt, Königsmarke, iſt es Zeit, auch von dir zu ſprechen. Sage mir, wie haſt du gelebt und wie hat 7 ⅔ — 100— meine liebe, ſüße Chriſtina die wilde Knechtſchaft ertra⸗ gen? Deine Hand iſt nicht mehr ſo zart und weich, wie früher,“ ſagte er und drückte ſie zärtlich in der ſeinigen. Dies führte zur Erzählung der von uns in den frü⸗ hern Kapiteln bereits auseinandergeſetzten Einzelnheiten und Chriſtina und Königsmarke berichteten abwechſelnd von den Gefahren und Leiden, denen ſie preisgegeben geweſen, ohne jedoch gewiſſer Scenen zu gedenken, welche blos für ſie Intereſſe hatten. Der Heer lachte und weinte und weinte und lachte. Als ſie ihm die Abenteuer von der Perücke des Lob Dotterel und von der Aufnahme dieſes getreuen Obergerichtsdieners in den Stamm der Muskrats erzählten, brach er in lautes ungemeſſenes Ge⸗ lächter aus und nannte ihn von nun an nicht mehr anders als den Springenden Stör. Bei dem Gedanken an die Leiden ſeines Kindes ſchmolz ſein Herz; und als ſie ihm von der Güte der kleinen Aouetti erzählten, ſprach er ſeinen feſten Ent⸗ ſchluß aus, dies indianiſche Rehauge aufſuchen und nach Elſingburg bringen laſſen zu wollen, damit ſie durch die Liebe eines Vaters für die ſeiner Tochter bewieſene Güte belohnt werde. Chriſtina wollte jedoch aus einem der dem andern Grund, welchen wir, da ſie ihn nicht eingeſtand, nicht entdecken könnten, ohne uns ihres Vertrauens unwürdig zu machen, dieſen Vorſchlag nicht unterſtützen und der — 101— gute Heer war zu glücklich, um dieſe ihre augenfällige Gleichgültigkeit gegen ihre indianiſche Schweſter zu beachten. „Und nun,“ rief der Heer, als ſie mit der Erzäh⸗ lung ihrer Abenteuer fertig waren,„und nun, Kö⸗ nigsmarke, mein theurer Sohn— denn als ſolcher haſt du dich mir bewährt— ſage mir, wie ich dir am beſten dafür lohnen kann, daß du das Leben meines Kindes gerettet und über ihre Sicherheit in der troſtloſen Wild⸗ niß gewacht haſt. Ich bin reich— bei weitem reicher, als zum Glücke einer Familie nöthig iſt— rede, und ich werde dir ſo viel geben, als du brauchſt, um dir ein ſchönes Loos zu ſichern.“ Königsmarke ſchwieg, ſchüttelte den Kopf und blickte auf Chriſtina. „Nicht?“ ſagte der gute Heer und ſah ihm in das Auge.„Nicht? Biſt du denn ſo ſtolz, daß du es ver⸗ ſchmähſt, dir für deine Güte gegen einen alten Mann und ſeine Tochter mit Geld lohnen zu laſſen? Aber erinnere dich, ich bin dir noch eine Hand voll Mark Newby's halber Heller ſchuldig!“ ſetzte er lächelnd hinzu. „Geld belohnt mich nicht für das, was ich für deine Tochter gethan habe,“ verſetzte Königsmarke mit einer Miene und einem Tone, in welchen Schwermuth und Stolz ſeltſam gemiſcht waren. „Nicht? Der Teufel! Aber— wie? Du glaubſt alſo deine Dienſte über allen Lohn erhaben?“ „Niemand denkt von dem, was er für Andere gethan ⸗ — 102— hat, geringer als ich; ganz anders iſt es mit dem, was Andere für mich thun.“— „Gut alſo, ich habe einigen Einfluß bei dem großen König Guſtav, der ſich ohne Zweifel des Dienſtes erinnert, welchen ich ihm erwies, als ich ein feindliches Piket aufhob. Dieſen will ich zu deinen Gunſten benutzen, und ihn bitten, mir, der ich alt und ſchwach bin und mich nach Ruhe ſehne, in dir einen Nachfolger zu geben und dich zum Statthalter von Neu⸗Schweden zu ma⸗ chen— he?“ Der lange Finne ſchüttelte abermals den Kopf und ſchwieg. „Wie? Was? Du Galgenſchwängel!“ rief der Heer und begann böſe zu werden.„Was? du verſchmähſt alſo meine Freundſchaft und verachteſt meine Dankbar⸗ keit? Höre, du Henkersknecht, und merke, was ich dir ſage, wenn ſich Jemand weigert, ſeinen wohlverdien⸗ ten Lohn anzunehmen, ſo vernichtet er auch jede Verbind⸗ lichkeit. Sieh, langer Finne, bin ich nicht alt genug, um dein Vater zu ſein? bin ich nicht der Stellvertreter des großen Guſtav Adolph's? Habe ich dir nicht die Er⸗ haltung meiner einzigen geliebten Tochter zu verdanken? Blitz und— Menſch, und du wagſt es, mir ſo gerade in das Geſicht zu ſagen, es gefalle dir nicht, einen Lohn anzunehmen? Nun höre, Bürſchchen— entweder du nennſt mir das, womit ich dir lohnen ſoll, oder wir ſtehen mor⸗ gen mit guten Hiebern einander gegenüber. Ich werde — 103— dich lehren, eine ſolche Laſt von Dankbarkeit auf mich zu häufen, die hinreichend wäre, Sadrach Geldpfennig's großes Pferd zu erdrücken, und dich dann zu weigern, mir zu helfen, derſelben los zu werden. Komm, Knabe, nenne deinen Lohn, oder du ſollſt morgen dafür büßen.“ Königsmarke warf ſich auf ſein Knie, nahm die Hand der ſchönen Chriſtina und drückte ſie an ſeine Lip⸗ pen und an ſein Herz. „Ich verdiene ſie nicht— ich fordere ſie nicht— ich wage es nicht, ſie von ihrem Vater zu fordern. Aber, o Heer, wenn ſie mir ihr Leben zu danken hat, ſo gut wie dir ſelbſt; wenn ich ſie bewacht, für ſie gearbeitet und gekämpft habe; wenn ich ſie in meinen Armen getragen habe in der unwirthbaren Wildniß, wo ihre eige⸗ nen Glieder ihr den Dienſt verſagten; wenn ich ihr ein Bruder, dir ein Sohn geweſen bin: ſo denke, was ich wünſchen könnte— nicht aber fordere, noch als eine Vergeltung verdiene, als die einzige Vergeltung, die du mir geben kannſt und die ich annehme.“ „Was, Henkersknecht? meine Tochter? He? Bei dem Ruhme des unſterblichen Helden, Guſtav Adolph's, das heißt in der That die Verpflichtung vernichten! Du gabſt mir erſt meine Tochter und nun willſt du ſie mir wieder nehmen? Du willſt mich eines Schatzes berauben, welchen du mir erſt gefunden und zurückgegeben haſt?“ „Ich will dich nicht berauben, Heer; ich wünſche das Glück zu verdoppeln, indem ich dem Troſte der zarten, * — 104— helfenden Hand einer Tochter die Stütze eines gehorſa⸗ men, dankbaren Sohnes hinzufüge.“ „uUnd du begehrſt nicht von ihr, daß ſie ihren armen alten Vater verlaſſe?“. „Nein— wir wollen mit dir leben und ſterben. Dein Haus ſoll unſer Haus ſein und, wenn es der Him⸗ mel ſo haben will, ſollen unſere Gräber neben dem dei⸗ nigen ſich erheben.“ „Sprichſt du ſo, Memme? Ha, du willſſt alſo lieber heirathen, als meinem alten, roſtigen Hieber dich entge⸗ genſtellen? Gut— ich ſehe, du biſt ein ganz kluger Gelb⸗ ſchnabel! Chriſtina, du haſt ein Fieber bekommen, denn in dieſen letzten fünfzehn Minuten hob ſich dein Puls zu einer wahrhaft beunruhigenden Schnelle! Chriſtina, was ſoll ich dieſem wackern Bürſchlein ſagen, welches den Werth ſeiner Dienſte ſo gut anzuſchlagen verſteht? In der That, langer Finne, man ſollte dich zum Oberaufſe⸗ her des indianiſchen Handels machen, da du mit den Ge⸗ heimniſſen, einen guten Kauf zu machen, ſo vertraut biſt.“ Wenn ein junges weibliches Weſen ja dahin gebracht werden kann, eine Frage, wie der Heer ſie vorgelegt, mit Ja zu beantworten, ſo geſchieht dies nur, wenn ſie mit dem Fragenden allein iſt, wir müßten uns denn in unſern Erinnerungen an die Reinheit und das Zartgefühl des Don Amor täuſchen, welcher weiland die Flamme der Liebe in weiblichen Herzen anzufachen pflegte. Chriſtina ſchwieg. — 105— „Gut!“ ſagte der Heer,„wer ſchweigt, willigt ein. Du biſt keine Tochter deines Vaters, Chriſtina, wenn du nicht bereit biſt, dich den Wünſchen eines Mannes, der dir das Leben gegeben hat, und eines ſo gut ausſe⸗ henden Junggeſellen zu weihen, der es dir mehr als ein⸗ mal gerettet hat. Hier, langer Finne, hier iſt ihre Hand; wenn ſie nicht einwilligt, mag ſie es nur dadurch zu ver⸗ ſtehen geben, daß ſie dieſelbe zurückzieht.“ Chriſtina zog ihre Hand nicht zurück, obgleich ihre blaſſe Wange und ihr zitternder Körper bewieſen, daß, wenn ſie ſich auch Königsmarke hingab, dieſes nicht mit jenem gränzenloſen Vertrauen, jener unermeßlichen Hoffnung geſchah, mit welchen das feurige, unerfahrne Weib ſich, ihre Tugend, ihre Schätze und ihre Schönheit ſo oft an die Bruſt des Mannes wirft. „Dieſer Tag ſoll als der glücklichſte meines Lebens in meiner Seele ſtehen!“ rief der Heer.—„Heute iſt— ja, heute iſt mein Hochzeitstag und dein Geburtstag, Chriſtina, und der Tag, an welchem der Himmel dich mir zum zweiten Male geſchenkt hat, damit mein Glück dadurch geſichert ſei, daß dein von der Vorſehung dir geſandter Retter dein Gatte werde. Geſegnet ſei dieſer Tag!“ — 106— Fünftes Kapitel. Hör' den Todtenvogel ächzen Und die Cul' im Walde krächzen. Schwediſches Volkslied. „Es iſt auch der Todestag deiner Gattin!“ rief die Krausköpfige, die immer wie ein Nachtvogel umher⸗ ſchwärmte und krächzte,„es iſt der Todestag deiner Gattin— deiner Gattin, die, wenn ſie in dieſer geſeg⸗ neten Stunde das Leichentuch aufheben und zu euch tre⸗ ten könnte, ihre blutloſe Hand empor heben und in Gra⸗ bestönen gegen dieſe unſelige Verbindung aufſchreien würde, die durch das Andenken an die Vergangenheit und durch die Vorzeichen der Zukunft unterſagt iſt. Ich, die ich weiß, was du, o Heer, nicht weißt; ich, die ich geſehen habe, was du, o Heer, nicht geſehen haſt; ich ſage dir, Heer— ich ſage dir, ſchwachherziges Mädchen, und“— ſie deutete mit ihrem welken Zeigefinger verächtlich auf Königsmarke,—„und ich ſage dir, daß ich, ehe dieſe— unglückliche Verbindung ſtattfinden darf, Alles ſagen werde, was deine Abſichten vernichten und dich wieder 8 fortſenden muß, eine neue Welt aufzuſuchen, wenn es noch eine ſolche gidt. Beſſer, du ſtirbſt, als daß du ſo heiratheſt.“ — 107— „Haushälterin des Satans!“ antwortete der Heer. „Fort, fliege davon, du Verkünderin des Zornes und des Fluches! Wann war ich je geneigt, mich der Freude hin⸗ zugeben, ohne daß du verſucht hätteſt, meine Fröhlichkeit in Schwermuth zu verwandeln? Wann habe ich je mein Herz dem Andenken an die Vergangenheit oder der Hoff⸗ nung künftigen Glückes geöffnet, ohne daß du herzuge⸗ treten wäreſt, mich wie der Rabe in geträumtes Elend zu krächzen? Wann ſchien die Sonne je warm auf mein Herz, ohne daß du gekommen wäreſt, es mit froſtigem Eis zu umgeben? Fort und heule um Mitternacht auf Kirchhöfen! Kreiſche deine Flüche und Verwünſchungen in das Ohr des Schuldigen! Laß mich dein ewiges Ge⸗ klapper nicht mehr hören, oder ſprich verſtändlich, oder“— „Ich heule in die Ohren des Schuldigen, und ich ſpreche verſtändlich für die, welche mich verſtehen ſollen! Mich hören jetzt die, welche mich völlig verſtehen, aber meine Warnungen zu verachten wagen; die ſich in die Arme fallen möchten, obgleich das Grab einer Mutter zwiſchen ihnen und ihren Wünſchen gähnt; die— aber die Zeit iſt noch nicht gekommen, wo ich Alles ſagen muß und ſagen werde.“ „Dann ſchweige ſo lange, um des Himmels willen, und ſtöre dieſe glückliche Stunde nicht. Ich wollte, du wäreſt ſo ſtumm, wie das Grab, von dem du ſprichſt; denn dein Geſchwätz iſt ſchlimmer, als wenn die Schrei⸗ Eule, der Wolf und der Indianer ſich mit dem mitter⸗ — 108— nächtlichen Sturme zu einem Höllen⸗Concert verbinden. Wie kömmt es, daß du das Glück deines Herrn und deiner jungen Gebieterin ſtören willſt?“ „Ich ihr Glück ſtören?“ verſetzte der Schneeball. Ich will ihr Unglück hindern, die Tugend vor der Be⸗ fleckung des Laſters bewahren, den Tod derjenigen rächen, welche unter allen von deiner Farbe und deiner Rage die einzige geweſen, deren Güte gegen mich nie von Schmä⸗ hungen begleitet war, deren Wohlthaten nie durch lau⸗ niſche Tyrannei vernichtet wurden. Heer, warum nehme ich an dem Glücke deines Hauſes Theil? warum ſuche ich dein Glück?— Nicht, weil du in der Sprache deiner hochmüthigen Rage mein Gebieter biſt, ſondern weil du der Gatte des gütigſten Weſens warſt, das je den Athem des Lebens in ſich geſogen!— Tochter meiner Gebieterin, warum wache ich über dein Heil?— Nicht, weil du das Kind meines Gebieters, nicht, weil ich deine Sclavin, ſondern weil ſie deine Mutter war, und weil ſie in ihrem letzten Athemzuge mich bat, dir eine wachſame und getreue Dienerin zu ſein und zu ſorgen, daß kein Uebel dein unſchuldiges Haupt berühre. Ich habe mein Wort gelöſ't, ich werde fortan meine Pflicht erfüllen, bis ich meine Gebieterin wieder ſehe, wo mir erlaubt ſein wird, bin ich gleich ſchwarz wie Dinte, ihrem ſchneeweißen Geiſte zu ſagen, daß ich bis zu meinem Tode ihr gehorcht habe.“ „Die gelbe Peſt auf dich, du unbegreifliches Höllen⸗ räthſel!“ rief der Heer.—„Packe dich, denn ich ſchwöre — 109— dir, Schneeball, der lange Finne ſoll meine Tochter hei⸗ rathen, und wenn du dir ein weißes Geſicht redeſt. Morgen ſoll der Tag ſein, und dann, wenn ich meiner Tochter einen Schützer in Wohl und Weh, in Sturm und Sonnenſchein gegeben habe, bin ich bereit, jenem Rufe zu gehorchen, welcher früher oder ſpäter jeden Sterb⸗ lichen vor den Stuhl des ewigen Richters fordert. Geh' in Frieden, alte Sünderin, und ſchweige, wenn ja etwas der Art möglich iſt.“ „Ich gehe,“ verſetzte die Krausköpfige, ohne den Fuß zu rühren.—„Heer! Heer! In Schmerz und Ge⸗ wiſſensangſt wirſt du, wenn ich todt bin, daran denken, daß ich dich gewarnt habe und daß du mein Wort nicht hören wollteſt. Wenn der Sturm kömmt und du und die Deinigen hinſtürzen, deine Wurzeln baar und deine Aeſte zerſchlagen ſind, wie die Bäume nach einer Windsbraut; dann wirſt du weinen und deine grauen Haare zerrau⸗ fen und den Bergen zurufen, daß ſie über dich ſtürzen, und den Felſen, daß ſie dich bedecken; aber es wird um⸗ ſonſt ſein. Du wirſt den Tod anrufen, aber er wird nicht kommen; du wirſt das Grab ſuchen, aber es wird ſich dir nicht öffnen; leben wirſt du in Angſt und Ver⸗ zweiflung, bis deine Füße dich nicht mehr tragen können, bis du deine Hände nicht mehr zu deinem Haupte erhe⸗ ben kannſt und dein Geiſt und dein Körper die eines hülf⸗ loſen Kindes werden.“ 3 — 110— Während dieſer geheimnißvollen Anrede war Chri⸗ ſtina ſtumm und regungslos geblieben und hatte ihre kalte und faſt lebloſe Hand in die des jungen Mannes geſchlagen, der ſelbſt ſprachlos war, als wenn die ſchreck⸗ liche Beredtſamkeit dieſer ſchwarzen Prophetin ihn betäubt hätte. Die Zukunft umſchließt etwas an das Erhabene Gränzende; und ſelbſt der ſtärkſte Geiſt, den das Be⸗ wußtſein der Unſchuld kräftigt, bebt unwillkürlich bei dem Wegziehen des Schleiers, und erkennt das Furchtbare derſelben, wenn er auch nicht daran glaubt. „Tochter der gütigſten Herrin, die je einer meines unglücklichen Stammes geſchenkt worden,“ hob die ſchwarze Bombie wieder an, ſich zu Chriſtina wendend,„willſt du deine Schönheit, dein Leben, deine Tugend dieſem Manne weihen, der“— „Der mir zweimal Retter und Schützer war!“ unterbrach Chriſtina ſie haſtig.„Ich bin durch mein Wort dazu verpflichtet. Als wir ſchieden und keine Hoffnung war, uns je wiederzuſehen, als er auf dem Wege zu dem Pfahle war, um in Qualen ſein Leben zu enden, weil er⸗ geſucht hatte, mich wieder in die Arme meines Vaters zu führen; als es kaum mehr in der Möglichkeit oder der Macht des Schickſals zu ſein ſchien, ihn mir, oder mich meiner Heimath wieder zu geben, verſprach ich ihm, die Seinige zu werden, wenn wir je das Glück haben ſollten, hierher zurückzukehren. Ich werde mein Wort — 111— halten, was auch kommen mag. Ich werde die Schuld der Dankbarkeit bezahlen, geſchähe es auch um den Preis eines gebrochenen Herzens, eines verunglimpften Namens, ja ſelbſt, wenn der Geiſt meiner Mutter“— Hier bedeckte das arme Kind das Antlitz mit ihren Händen und der Schmerz erſtickte ihre Worte. „So ſei denn der Fluch deiner Mutter auf deinem Haupte und auf den Häuptern aller derer, welchen du das Leben gibſt, wie Kain's Fluch auf ihm und ſeiner Nachkommenſchaft laſtete“— Hier ſtieß Chriſtina einen Schrei aus und fiel be⸗ wußtlos in die Arme ihres Vaters. Der Heer war außer ſich. „Heute,“ rief er,„hat mir der Allmächtige ein ver⸗ lornes Kind wiedergegeben, und heute, ehe ich es noch geſegnet habe, heute haſt du es mir getödtet, ſchwarzer, boshafter Teufel! Aber du ſollſt es entgelten, du und deine ganze verfluchte Rage!“ „Beſſer ſo— beſſer todt, als daß ſie lebt, wie du ſie leben ſehen würdeſt, mit gebleichter Wange, mit gebrochenem Herzen und mit einem Gewiſſen, an welchem der nie ſterbende Wurm Morgens, Mittags und Nachts, wachend und ſchlafend, nagt,“ verſetzte die Sibylle. Ihre ferneren Worte wurden durch den Eintritt Lob Dotterels unterbrychen, welchem eine Menge Dörfler * — 112— folgten, die den lieblichen Burſchen Kupido in Gewahr⸗ ſam hatten. Ihre Erſcheinung leitete den Strom der Gefühle der ſchwarzen Bombie in einen andern Canal, und die Eröffnungen, welche ſich daran knüpften, führten zu Folgen, welche in den folgenden Kiyiteln erzählt wer⸗ den ſollen. — u3— Achtes Buſch. Erſtes Kapitel. Vor Feuer, Waſſer und Dingen des Gelichters Bewahre das Haus eines braven Friedensrichters. Amerikaniſcher Spruch. Lob Dotterel war der Ausübung ſeiner Amtspflich⸗ ten ſo lange entfremdet geweſen, daß er, obgleich keines⸗ wegs ſchlecht geſinnt oder boshaft, jetzt ein gewiſſes Jucken in ſeinen Fingern fühlte und für ſein Leben gern wieder einen guten Fang gemacht hätte. Die Gelegenheit war nicht günſtig. So eifrig er auch umher ſpähte, ſo ſorg⸗ fältig er in die Angelegenheiten der Dörfler eindrang, es wollte ſeinem ſcharfen Auge ſich nichts zeigen. In dieſer Noth gedachte er einiger ruhmredigen Aeußerungen, welche Kupido während ihrer Gefangenſchaft unter den India⸗ nern entſchlüpft waren, und aus denen hervorging, daß dieſer liebliche Burſche die feindlichen Wilden nicht nur über die Mittel und Wege, Elſingburg zu überrumpeln, unterrichtet, ſondern auch bei der Exploſion des Maga⸗ zins und der darauf folgenden Zerſtörung des Ortes thä⸗ tige Hand angelegt hatte. Paulding VI. 8 * — 114— Der Obergerichtsdiener, welchen der ſehnſüchtige Wunſch befeuerte, wieder einmal in ſeinem Lieblingsbe⸗ rufe zu wirken, und der vielleicht auch von der Nothwen⸗ digkeit überzeugt war, ein Verbrechen offenkundig zu machen und zur Beſtrafung zu bringen, welches das Be⸗ ſtehen aller der kleinen Gemeinden, die in der neuen Welt zu erblühen begannen, in ſo hohem Grade gefähr⸗ dete, klagte Kupido des Einverſtändniſſes mit den Wil⸗ den mit den erwähnten Einzelnheiten an und die Einlei⸗ tung der Sache wurde in die Hände Wolfgang Langfan⸗ gers gegeben. Langfanger hatte in dieſem Augenblicke vollkommen Muße, ſich dieſer Angelegenheit zu widmen, denn er hatte das Dorf jetzt in einen Zuſtand der Vollendung empor gehoben, welcher nichts mehr zu wünſchen übrig ließ, da er in der That die guten Leute aller Hülfsmittel jämmer⸗ lich entblößt und in eine Lage gebracht hatte, in welcher ſie gegen öffentliche und Privat⸗Bedürfniſſe und Nöthen ziemlich gleichgültig waren. Seiner Anleitung zufolge erhielt Lob Dotterel einen Vorführungsbefehl und letzterer that ſofort die nöthigen Schritte, den Kobold Kupido habhaft zu werden, den man auch bald in der traulichen Geſellſchaft ſeines alten Freun⸗ des Grip fand, der noch lebte und bei dieſer Gelegenheit faſt eben ſo warme Theilnahme an den Tag legte, wie der weitberühmte Hund des Ulyſſes, von welchem Grip aller Wahrſcheinlichkeit nach in gerader Linie abſtammte. — 115— In demſelben Augenblicke, in welchem Meiſter Lob, ſichtbar in feindlicher Abſicht, ſeine furchtbare Klaue auf die Schulter des Kobold's Kupido legte, nahm ſich der biedere Grip eine gleiche Freiheit mit der Ferſe des Obergerichtsdieners, welche er fortwährend zwiſchen ſei⸗ nen Fängern hielt, ohne jedoch wirklich in die Haut ein⸗ zudringen. Lob war kein Achill, und wäre er ein ſolcher gewe⸗ ſen, ſo würde er, wie dieſer geſprächſame Held, am wenig⸗ ſten an dieſem Theile ſeines Körpers unverwundbar gewe⸗ ſen ſein. Grip's Begrüßung war daher dem Obergerichts⸗ diener höchlich läſtig und er rief ſein Hülfsgeleite herbei, um ihn in der Vollziehung ſeines Auftrags zu unterſtützen. Unter dieſen wackeren Bürgern war jedoch nicht ein einziger, der die entfernteſte Neigung gehabt hätte, zum Beſten des Gemeinwohls mit den weißen Tatzen des Schutzengels Kupido's in Berührung zu kommen. Sie begnügten ſich daher, den Hund wegzurufen; dieſer gab aber nichts auf ihr Locken und Schmeicheln, bis Einer auf den Gedanken kam, dem treuen Thiere eine Beſte⸗ chung vorzuhalten. Jeder Hund hat ſeine ſchwache Seite und wir müſſen es mit Bedauern geſtehen, Grip's Treue konnte dem ihm vorgehaltenen Markknochen nicht widerſte⸗ hen. Wir wüßten für ſein ſchmachvolles Benehmen keine Entſchuldigung anzuführen, als die, daß er während der Abweſenheit ſeines treuen Genoſſen Kupido äußerſt ver⸗ nachläſſigt wurde und daß er jetzt halb verhungert war. 74 8,* — 116— Nach Allem fürchten wir jedoch, daß dieſer Umſtand nur einen neuen Beweis von der Hinfälligkeit alles Irdiſchen werde abgeben müſſen, ein Umſtand, den die Leute mit ungemeiner Scharfſicht auffaſſen, ſobald ſie über vierzig Jahre alt ſind und ſelbſt anfangen, hinfällig zu werden. Dann ſieht man, wie der Reiſende auf einer Eiſenbahn, während man ſelbſt ruhig ſitzt, alles Andere rückwärts gehen, obgleich man wirklich auf ſeinem Wege zu dem Ende der Reiſe iſt und Alles umher hinter ſich läßt.— Sei dem nun, wie ihm wolle, der Hund faßte den Kno⸗ chen und zog ſich in ſeine gewohnte Feſte, unter einer alten Halle, zurück, wo er ſeine Unterſuchungen über die Natur des Geſchenkes mit einem ſolchen Ernſt und Eifer begann, daß ſein alter Freund abgeführt wurde, ohne daß er auch nur ein mißbilligendes Knurren hätte hören laſſen. „Nun, Meiſter Obergerichtsdiener,“ ſprach der Heer, als Lob mit dem lieblichen Burſchen Kupido eintrat, „nun, was gibt es jetzt? Haſt du dein Amt ſchon wieder angetreten? Haſt du einen Sünder gevackt, he? Laß dir ſagen, daß ich ihn augenblicklich losſpreche, denn Niemand ſoll ſagen, daß er an dem Tage, an welchem mein Kind aus der Wildniß zu mir zurückkehrte, beſchämt oder geſtraft worden ſei. Was hat dieſer Burſche verbrochen 22 Lob Dotterel begab ſich nun daran, das Geſtändniß, oder vielmehr die Prahlerei des Kobolds Kupido auseinan⸗ der zu ſetzen: daß ſie ihm für ihre Gefangenſchaft dank⸗ — 117— bar ſein ſollten; daß er den Brand von Elſingburg ver⸗ urſacht habe, indem er den Wilden nicht nur die paſſendſte Zeit, das Dorf anzugreifen, genannt, ſondern auch das Magazin in die Luft geſprengt habe. „Es iſt eine Lüge— er hat dies nie geſagt— oder wenn er es geſagt hat, ſo hat er falſches Zeugniß gegen ſich ſelbſt abgelegt!“ So rief die Krausköpfige, welche ſeit dem Moment, wo Lob Dotterel den lieblichen Kupido einbrachte, eine heftige Erregung verrathen hatte. „Still!“ rief Lob mit all der Würde eines Gerichts⸗ dieners, der ſeinen Werth zu ſchätzen weiß und von ſei⸗ ner Unentbehrlichkeit überzeugt iſt. „Still du ſelbſt!“ gab ihm die afrikaniſche Bombie zurück.„Still! du Feger nächtlicher Kneipen, Kerkervi⸗ ſitator, feinnäſiger, zweifüßiger Spürhund, der ſeine Freude daran hat, den Schuldigen, der wiſſentlich ſün⸗ digt, und den Unſchuldigen, der ſich nicht vertheidigen kann, zu hetzen und zu verderben.“ „Schweige, ſage ich,“ rief der Heer mit einer Don⸗ nerſtimme, vor der Alle bebten.„Schweige, Alte! Glaubſt du, hier habe Niemand zu ſprechen als du, Abſchaum eines Keſſels voll gekochter Kröten? Wenn wir hier Alle zugleich ſprechen wollten, ſo möchte ich wiſſen, woher die Zuhörer uns kommen ſollten! Der Teufel hole dich!“ „Ich werde nicht ſchweigen,“ ſagte der Schneeball; „ich werde reden, denn dies iſt das einzige Recht, das * — 118— unſerm unglücklichen Stamme noch geblieben iſt. Soll man uns mit Füßen treten, ohne daß wir uns winden? Sollen wir uns in den Abgrund des Bodens nieder⸗ drücken, ſchmähen, verachten, verhöhnen, mit Hals⸗ und Fußeiſen behängen laſſen und uns nicht rühren? Heer— Heer— das Herz und die Zunge laſſen ſich nicht in Bande ſchlagen; im Geheimen zeugt jenes, ſtößt dieſe Flüche aus, wie Hunde den Mond anbellen, wenn ſonſt nichts anzubellen iſt. Sei auf deiner Hut! Ich darf nur reden und das Gebäude deines Glücks ſtürzt in Trüm⸗ mer zuſammen; du wirſt in das Grab hinabſteigen, nicht wie ein glücklicher alter Mann, der ſeine Kinder und ſeine Kindeskinder um ſeine zerbröckelnden Wurzeln ſpie⸗ len ſieht, ſondern wie ein unglückticher Elender, der in dem Tode nicht die Unſterblichkeit, ſondern eine Zuflucht vor der Erinnerung an die Vergangenheit ſucht, die alle Furcht vor der Zukunft verſchlingt. Berühre kein Haar dieſes Jünglings, Heer, ſonſt ſenken ſich deine eigenen grauen Haare in Angſt und unausſprechlicher Verzweif⸗ lung in das Grab hinab. „Wär'es irgend etwas Anderes geweſen“— erwiederte der Heer, der, muthigen Herzens, wie er war, ſich doch einer Art Erregung bei dieſen geheimnißvollen Andeu⸗ tungen nicht erwehren konnte, obgleich er nicht im Stande war, ſich Rechenſchaft von einem ſolchen Gefühle zu geben—„hätte er eine weniger bedeutende Schuld auf ſich geladen, ſo würde ich ihm verziehen und meine Verge⸗ — 119— bung an dem Altar dieſes glücklichen Tages dargebracht haben. Aber das Verbrechen dieſes jungen Menſchen gehört zu denen, welche die Sicherheit und das Leben von Gemeinden und Staaten gefährden; es hat das Ver⸗ derben unſerer Stadt und Feſtung Elſingburg herbeige⸗ führt, die beide in Flammen aufgingen; es hat den Tod unſers treuen und würdigen Raths Ludwig Varlett und des armen Klaus Tomeſon, ſeiner Frau und ſeines Kin⸗ des zur Folge gehabt; es hat mich Monate lang in Noth und Verzweiflung verſetzt. Meine eigenen Leiden kann ich vergeſſen und verzeihen, die meiner Tochter kann ich verzeihen; aber als der Beſchützer und Wächter meines Volks muß ich an dem Gerechtigkeit geübt ſehen, welcher das Werkzeug der Zerſtörung ihrer Wohnungen, und der Verbannung, der Knechtſchaft und der Qualen ihrer Freunde und Nachbarn war. So wahr ich lebe, dein Enkel wird morgen verhört werden, ſo es Gott gefällt; und wenn er ſich nicht von dieſer ſchweren Anklage rei⸗ nigt, ſo ſoll er, ſo gewiß als der Morgen kommt, wenig⸗ ſtens einen Theil deſſen fühlen, was er Andere fühlen und dulden ließ. Gehe deiner Wege, altes Weib, und bete, daß dein Enkel ſchuldlos befunden werde, denn nur ſeine Unſchuld kann ihn jetzt retten.“ „Schuldlos!“ verſetzte die Krausköpfige,„ſchuldlos! Wirſt du mich glauben machen, Heer, die Unſchuld ſei ein Freibrief gegen Verdammung und Strafe in dieſer Welt? Ich, die ich den Finger des Hohns auf ein unſchuldiges * — 120— Kind gerichtet ſah, nicht wegen ſeiner eigenen Schuld, ſondern wegen der Schuld ſeiner Eltern; ich, die ich den mächtigen Rieſen, die Schlechtigkeit, zu Roß ſteigen und die Argloſen, die Unſchuldigen unter ſeinen Hufen zermal⸗ men ſah; ich, die ich edle, reine Herzen brechen ſah, weil ſie die Schande und die Laſt der Verbrechen Anderer tragen mußten; ich, die ich überall den Samen des Guten von dem Schlechten ernten, und den Samen des Böſen von dem tugendhaften Manne einthun ſah; ich— Sprich mir davon, daß meines Kindes Unſchuld ihn retten werde! Hätte ich nicht ſeit langer Zeit, ſeit vielen, vielen Jahren das Lachen verlernt, ich würde dir in das Geſicht lachen, Heer, obgleich es mein hartes Loos in dieſer Welt iſt, mich den Gemeinſten, Niedrigſten und Schlechteſten dei⸗ ner Race unterzuordnen.“ „Er wird nach den Geſetzen des Landes verhört werden, und von ſeinen Mitbürgern wird ſein urtheil ausgeſprochen,“ ſagte der Heer. „Die Geſetze des Landes!“ erwiederte der Schnee⸗ ball verächtlich.„Hatte er Theil an dieſer Geſetzgebung? Hat man ihn gefragt, als man dieſe Geſetze machte? Hat er ein Intereſſe oder einen Antheil in dieſer Geſellſchaft, von welcher er unterdrückt und deren Wohlfahrt er ge⸗ opfert wird? Mitbürger ſagſt du? Er hat keine Mit⸗ bürger. Sie werden über ihn zu Gericht ſitzen, nicht wie Männer, die mit einem Sclaven auf einer Linie ſtehen, welche ſeine Gefühle theilen und die ihm ange⸗ thanen Unbilden und die Rache verſtehen. Nein, Heer, nichts weckt das Mitgefühl zwiſchen Menſchen und Men⸗ ſchen mehr, als daß der Eine ſich an die Stelle des An⸗ dern denkt und ſein Herz fragt, was er thun oder fühlen oder leiden würde, wenn man ihn in die Lage ſeines Mitbürgers brächte. Aber ach, Heer, welches Mitgefühl kann je zwiſchen dem Freien und dem Sclaven beſtehen?“ „Gehe deiner Wege,“ antwortete ſanft, aber feſt, der Heer und winkte ihr mit der Hand, ſich zu entfernen. „Es iſt etwas Wahres in dem, was du ſagſt; dennoch ſage ich nochmals: morgen wäſcht er ſich rein von dieſem Verbrechen, oder er büßt dafür mit ſeinem Leben. Gehe deiner Wege. Ich habe Mitleid mit dir, aber du ſprichſt in den Wind.“ „Dann ſoll deine letzte Bitte auf deinem Todbette auch in den Wind geheult ſein, wie jetzt die meinige! Aber nicht nur ich und die Meinigen werden leiden; du und die Deinigen werden lebenslang die Stunde bereuen, wo das einzige We⸗ ſen, das in dieſer weiten, öden Welt mir gehört und dem ich gehöre, ein öffentliches Schauſpiel und ein Opfer werden wird. Bevor ich gehe, und ich werde gewiß gehen, wenn jene Stunde kommt, werde ich etwas auf. dein Herz legen, wodurch es bluten oder brechen ſoll; ich werde eine Zornphiole über dein altes graues Haupt und über das unſchuldige Haupt deines Kindes gießen, welche ſie verſengt und verdörrt, wie der Blitz die Erde 4 verſengt und verdörrt, ſo daß weder Gras, noch Kräuter, noch irgend etwas Grünes darauf wächſt.“ „Mag es ſo ſein; wenn es geſchehen muß, iſt nicht zu helfen. Ich werde meine Pflicht thun, was auch kom⸗ men mag!“ So ſprach der Heer und befahl ſofort, daß der Ge⸗ richtshof ſich am nächſten Tage verſammeln ſolle, um Ku⸗ pido zu verhören, welcher in der Zwiſchenzeit Lob Dotte⸗ rels Sorgfalt anvertraut wurde. Der Letztere erhielt Befehl, den Gefangenen auf das ſchärfſte zu bewachen. Der ſchwarze Burſche war dieſe ganze Zeit in dumpfem Schweigen dageſtanden, indem er ſich entweder auf die unbeſtegbare Beredtſamkeit ſeiner Großmutter verließ, oder unter dem Einfluſſe jener nicht zu bewältigenden Hartnäckigkeit ſtand, die ſeiner Rage eigenthümlich iſt, und bei dem Unwiſſenden Dummheit, bei dem Erleuchteten Philoſophie genannt wird. 3 Jeder ging nun ſeiner Wege, und es iſt vielleicht nicht unter der Würde dieſer Geſchichte, wenn wir bemer⸗ ken, daß der gute Heer, welcher ſich auf dieſe Weiſe be⸗ reit zeigte, den geheimnißvollen Ausſprüchen der Afrika⸗ nerin zu trotzen, um die geheiligten Zwecke der Gerech⸗ tigkeit zu fördern, dieſen Abend ohne Nachteſſen zu Bette ging, entweder weil er keine Eßluſt hatte, oder vielmehr, wie wir glauben, weil die Krausköpfige ſich geweigert hatte, ihm ſeine Lieblingsſchüſſel zu bereiten. — 123— Zweites Kapitel. Hem, hem, Gras und Heu! Wir ſind Alle ſterblich! Was nützt Geſtöhn und Geſchrei; Der Tod iſt einmal erblich. Ungenannter. Früh am nächſten Morgen verſammelte ſich das Obergericht von Elſingburg und begann das Verhör des lieblichen Burſchen Kupido. Der Heer präſidirte in eige⸗ ner Perſon; zu ſeiner Rechten und Linken ſaßen ſeine zwei würdige Räthe Langfanger und Pfegel, und vor ihm thürmten ſich die Myſterien der myſteriöſeſten aller Wiſſenſchaften, der Jurisprudenz, in Geſtalt von ſechs Rechtsbüchern in Folio auf, deren jedes beinahe einen Fuß dick war und Stoff genug enthielt, um das Weltall in Unordnung und Verwirrung zu bringen. Der Gefangene wurde von Lob Dotterel vorgeführt, deſſen ernſtes, gemeſſenes Benehmen einem noch größern Manne, als er war, Ehre gemacht haben würde, und deſſen Aufmerkſamkeit zwiſchen Kupido und einer Gruppe ausgelaſſener Knaben getheilt war, die mit großem Unge⸗ ſtüm herandrangen, und begierig waren, zu erfahren, was aus ihrem ſchwarzen Spielgenoſſen werden würde. Unter denen, welche dem Verhöre beiwohnten, befand 4 — 12²4— ſich Bombie, die Krausköpfige, deren Erregung in auf⸗ fallendem Contraſte mit der ſcheinbar dummen Gefühllo⸗ ſigkeit ihres Enkels ſtand. Der Gefangene ſchien in der That von ſeiner Lage keinen Begriff zu haben, ſtand mit eingeſchlagenen Armen da und ſtarrte leeren Blickes in dem Saale umher, als wenn Alles, was um ihn vorging, ihn nicht im entfernteſten berührte. Als jene wichtigen Feierlichkeiten, welche ſelbſt für die Exiſtenz der Rechtsgelehrten, wenn nicht des Rech⸗ tes, ſo weſentlich ſind, abgethan und die Anklage verleſen war, die dem Gefangenen unter vielen andern Dingen Schuld gab, gegen das Leben des großen Guſtav Adolphs eine Verſchwörung angezettelt zu haben, wurde Kupido die gewöhnliche Frage vorgelegt: „Schuldig, oder nicht ſchuldig?“ Er antwortete nicht, ſondern verharrte in hartnäcki⸗ gem Schweigen und war ein auffallendes Gegenbild ſei⸗ ner ſchwarzen Großmutter, welcher es unmöglich war, ſich ruhig zu verhalten, obgleich Lob Dotterel ſein„Still!“ laut genug brüllte, um jenſeits des breiten Stroms gehört zu werden. Dieſe Weigerung, ſich zu erklären, hatte die Sn Sache faſt in's Stocken gebracht. Rath Langfanger führte aus einem zehn Zoll dicken Folianten einen Fall an, wel⸗ cher die Lehre aufzuſtellen ſuchte, daß es unmöglich ſei, einen Gefangenen zu richten, welcher weder ſeine Schuld bekennen, noch ſeine Unſchuld erklären wollte. — 125— Der Heer brachte dagegen ein Buch herbei, welches wenigſtens zwei Zoll dicker, als das erſtere, und überdies mit gothiſchen Lettern gedruckt war, und durch welches die Au⸗ torität des Langfanger'ſchen Falles ganz über den Haufen geworfen und der Ausſpruch gethan wurde, in einem Falle dieſer Art gelte das Schweigen eines Gefangenen ganz als ein Bekenntniß ſeiner Schuld. Wir wollen den Leſer mit den Gründen nicht belä⸗ ſtigen, welche für und gegen dieſe Anſichten geltend gemacht wurden, ſondern begnügen uns, die Entſcheidung des Gerichtshofes anzuführen, die dahin ging, daß man nicht ferner auf einer Antwort beſtehen, ſondern das Verhör fortſetzen wolle. Das Geſchäft war bald abgethan, denn es befand ſich zu jener Zeit in der ganzen Gemeinde von Elſing⸗ burg nicht ein einziger Advokat, ein Beweis, welche Fort⸗ ſchritte die neue Welt ſeitdem gemacht hat, indem jetzt in dem ganzen Lande nicht ein einziges Dorf von dieſer Größe iſt, in welchem nicht wenigſtens zwei Advokaten reſidiren, um die Gerichte in Verlegenheit und die Lan⸗ desgeſetze in Verwirrung zu bringen. Neben den mehrfachen Prahlereien Kupido's während des Aufenthalts in der Wildniß ſagten einige Perſonen aus, ſie hätten in jener fürchterlichen Nacht den lieblichen Burſchen in der Nähe des Magazins herumſchleichen und zuletzt, wenige Minuten vor der gräßlichen Exploſion, ſich in aller Eile entfernen ſehen. 5 — 126— Man fragte ihn, ob er etwas zu ſeinen Gunſten vor⸗ zubringen, oder Zeugen für ſeine Unſchuld anzugeben wüßte, aber er blieb ſtill wie vorher. Die Beweiſe waren ſo klar, daß wenig oder gar kein Zweifel übrig blieb. Der Gerichtshof erklärte ihn daher nach einer kurzen Berathung einſtimmig für ſchuldig und verurtheilte ihn, gehenkt zu werden, weil er ſich mit den Wilden verſchworen und ſo die Verbrennung des Dorfes und den Verluſt des Lebens mehrerer Perſonen veran⸗ laßt habe. Der Gefangene hörte dieſes Urtheil mit derſelben dumpfen und ſtumpfen Gleichgültigkeit an, welche er bisher gezeigt hatte; er rührte kein Glied, er bewegte ſeine Lippen nicht, ſondern ſtierte fortwährend in der Runde umher, offenbar, ohne ſein Auge auf irgend einen Gegen⸗ ſtand zu heften. Eine Grabesſtille herrſchte in dem Saale, denn in der Verkündigung eines ſchmachvollen und gewaltſamen To⸗ des aus dem Munde eines Richters, den keine Leiden⸗ ſchaft, kein Vorurtheil, kein Rachegefühl bewegt, ſondern der als das Orakel des Geſetzes, als der Schützer der Gemeinde daſteht, um gegen den Verbrecher die gerechte Strafe ſeiner Miſſethat auszuſprechen, iſt Etwas, das den Flüchtigſten ernſt und den Gedankenloſeſten beben macht. Selbſt die redefertige Bombie ſchien einmal durch den Schlag dieſes furchtbaren Urtheils zum Schweigen gebracht — 127— und folgte in tödtlicher Stille, das Haupt auf ihre Bruſt gebeugt, ihrem verurtheilten Enkel aus dem Saale. Die Zeit zwiſchen Kupido's Verurtheilung und der zu ſeinem Tode beſtimmten Stunde benützte die Afrika⸗ nerin, Chriſtina, den langen Finnen, und überhaupt Jeden, von dem ſie hoffen konnte, ſeine Fürſprache bei dem Statthalter würde die Strafe ihres Enkels mildern, für ſich zu gewinnen. Aber die Bemühungen Chriſtina's, ſo wie des langen Finnen, waren vergeblich; keine Bitte fand bei dem ſtrengen Richter Eingang. Das Verbrechen war zu ſchwer; das Beiſpiel der Nachſicht konnte die gefähr⸗ lichſten Folgen haben; und das Recht der Begnadigung durfte nie auf Koſten der Sicherheit des Staates, des Lebens und Eigenthums geübt werden. Den Tag vor der Vollziehung des Urtheils verſuchte Bombie zum letzten Male ihren Gebieter zu Gunſten ihres Enkels zu ſtimmen. „Biſt du entſchloſſen, daß er morgen ſterben ſoll?“ fragte ſie. „So gewiß, als dieſes Morgen kommen wird; ſo gewiß als die Sonne aufgehen wird, eben ſo gewiß ſoll er ſie nie wieder niedergehen ſehen,“ verſetzte der Heer. „Du haſt alſo die Dienſte vergeſſen, welche ich dir und den Deinigen geleiſtet; du erinnerſt dich nicht mehr, daß ich deiner Gattin, die hinüber gegangen iſt, eine getreue Dienerin war; daß ich ihr in Krankheit und Noth * — 128— hülfreich zur Hand war, und daß ſie, als ſie ſtarb, mich deiner Sorgfalt, deinem Schutze vermachte; du haſt ver⸗ geſſen, daß ich es war, die deine kleine Tochter in den Armen trug, als ihre Glieder ſie noch nicht zu tragen vermochten; daß ich es war, die, als ihre Mutter ſtarb, Alles that, um Mutterſtelle bei ihr zu vertreten; und daß ich über das Heil deines Kindes gewacht habe und ſelbſt jetzt noch wache, während du das meinige zu einem ſchmach⸗ vollen Tode verurtheilſt: du haſt dies Alles vergeſſen, Heer?“ „Sprich nicht ſo,“ ſagte der Heer,„denn es iſt nicht ſo. Ich weiß wohl, daß du mir und den Meinigen eine getreue Sclavin warſt, und ich bin dir für deine Güte dankbar, aber“— „Aber was?“ unterbrach ihn die ſchwarze Bombie. „Du möchteſt mich gern von deinem Wohlwollen über⸗ zeugen, während du mir die letzte Bitte abſchlägſt, welche ich je an dich richten werde. Was hilft mich deine Dank⸗ barkeit, wenn du ihr nicht zugeſtehſt, deine Handlungen zu leiten? Was nützt es mir, wenn du, indem du mir eine tödtliche Wunde verſetzeſt, mir in das Ohr weinſt, es thue dir leid? Sage, du wollteſt ſein Leben ſchonen, und ich werde an deine Dankbarkeit glauben.“ „Wenn ich nur durch eine ſolche Gnade gefährdet würde,“ ſagte der Heer,„ſo würde ich nicht zaudern; aber ich handle nicht für mich. Das Glück und Wohl meines Volkes hängt von der Beſtrafung derer ab, welche — 129— beide gefährden, wie dein Enkel gethan hat. Gäb' ich ihn frei, ſo könnte er zum zweiten Mal das Verderben über unſer Dorf herbeiführen, und wie ſollte ich dies vor Gott, meinem König und meinem Volke verantworten?“ „Ja!“ erwiederte die Schwarze mit Bitterkeit,„ja! dieſer Art iſt das Geſetz und das Herz des weißen Mannes! Seine Pflichten liegen in ſtetem Kampfe mit einander, und ſelbſt die Lehre der Gnade und des Erbar⸗ mens, wie das Buch, welches nach ſeiner Behauptung unmittelbar vom Himmel gekommen iſt, ſie überliefert, muß Geſetzen weichen, die er ſelbſt gemacht hat. Als Chriſt hat er die Pflicht, zu verzeihen; als Geſetzgeber muß er Verbrechen ſtrafen. Er kann ſein Vaterland nicht lieben, ohne gegen ſeine Freunde ungerecht zu werden; er kann ſeine Pflichten gegen den Staat nicht erfüllen, ohne alle häuslichen Bande zu ſprengen und jede geſellige Neigung hinzuopfern. Aber— noch einmal— noch einmal— und zum letzten Male, biſt du entſchloſſen, Heenes „Jal⸗⸗ „Feſt, wie das Verhängniß?“ „So wahr ich lebe, ſchwöre ich, daß er, ſo weit es an mir liegt, morgen, ehe es Mittag wird, ſein boshaf⸗ tes Verbrechen mit dem Tode büßt. Beläſtige mich nicht länger, ich bin taub gegen deine Bitten.“ „Dann ſei es auch ſo mit deinen Bitten, jetzt, künf⸗ tig und zu allen Zeiten, wenn du einen deiner Mitmen⸗ ſchen oder Ihn anrufſt, der uns Alle geſchaffen hat. Wenn Mezlrits VI. 9 4 8 — 130— du das Mitleid anflehſt, ſo ſollſt du Verachtung finden; wenn du um Wohlwollen bitteſt, ſo ſoll dich die Bitterkeit des Hohnes treffen; wenn du um Brod rufſt, ſo ſoll man dir einen Stein darbieten; und wenn du in deiner letz⸗ ten Stunde, in dem Kampfe zwiſchen Leben und Tod, Zeit und Ewigkeit, Furcht, Hoffnung, Beben und Zagen, dein letztes Gebet um Vergebung zu dem Throne deines Schöpfers ſendeſt, ſo ſoll es ein taubes Ohr finden, wie jetzt das meinige.“ Mit dieſen Worten ſchloß ſie die Thüre und verließ das Haus des Statthalters. Sie nahm ihren Weg durch das Dorf, ſtand vor jedem Hauſe ſtill und rief den Bewohnern in wahnſinnigem Eifer zu, ſich in das Mittel zu legen und ihren Enkel aus der tyranniſchen Hand des Statthalters, wie ſie ſich ausdrückte, zu befreien. Die Dörfler hatten die verrätheriſchen Streiche Ku⸗ pido's zu ſchmerzlich gefühlt, als daß ſie ihm eine große Theilnahme geſchenkt hätten; und ſie waren ſo gewöhnt, die Standreden und Ergießungen der krausköpfigen Afri⸗ kanerin für wenig mehr als geheimnißvolle Parabeln zu halten, die aus dem Munde eines Weibes kamen, das mit gewöhnlichen Sterblichen nur wenig gemein hatte, daß wenige ihr aus einem andern Beweggrunde, als dem der Furcht, Aufmerkſamkeit ſchenkten. — 131— Drittes Kapitel. Sieh da, ſieh da! am Hochgericht Tanzt um des Rades Spindel Halb ſichtbarlich im Mondenlicht Ein luftiges Geſindel. Saſa! Geſindel, hier! Komm hier! Geſindel komm und folge mir. Tanz’ uns den Hochzeitreigen, Wenn wir zu Bette ſteigen. Bürger. Des nächſten Tages in aller Frühe bemerkte man ein mächtiges Getümmel in dem Dorfe, denn es war der Morgen, an welchem Kupido gehenkt werden ſollte. Dies war das erſte Beiſpiel einer Todesſtrafe in dem guten Elſingburg, und die Wirkung war verhältnißmäßig bedeutend. Alles war in Bewegung und Erregung, ob⸗ gleich noch nichts geſchah. Alle Arbeiten blieben liegen und ſtehen, und obgleich viel geplaudert wurde, ſo geſchah es doch nur in leiſem Flüſtern. Ein gewiſſer tiefer Ein⸗ druck des Schreckens und Schauers beherrſchte Alle rings⸗ um, und nur TDodesbilder gaukelten vor den innern Augen. Und doch iſt die augenfällige Unbeſtändigkeit der menſchlichen Natur ſo groß, daß, außer der Familie des Statt⸗ halters, keine einzige Seele in dem Dorfe war, die der Bewegung fähig und nicht bei der Urtheilsvollſtreckung 9*% Kupido's zugegen geweſen wäre. Von jenem geheimniß⸗ vollen Zauber, welcher den Vogel in den Rachen der Klapperſchlange lockt, und den Menſchen zuweilen reizt, ſich von dem Gipfel eines Felſens in die jähe Tiefe zu ſtürzen, getrieben, eilten Männer, Frauen und Kinder bei dieſer Gelegenheit hinaus, um von einer Scene Zeuge zu ſein, welche ſie mit Schauer und Schrecken erfüllte und ihnen noch lange Zeit die Nacht grauſenhaft machte. Die Leute, die auf dem Lande und in entlegenen Gegen⸗ den wohnen, ſehen ſo ſelten etwas Neues, daß ſie gern Allem zueilen, was ihrem Auge etwas darbietet, das die Einförmigkeit ihres Lebens für einige Zeit unterbricht und Stoff zur Unterhaltung in den langen Winterabenden gibt. Gewiß, dieſe Leute ſehen nicht gerne Schreckens⸗ ſcenen und Blutvergießen; aber ſie wünſchen eine Erre⸗ gung und ſuchen dieſe oft in einer ſeltſamen Weiſe. Der Kobold Kupido hatte ſeit dem Augenblick, wo Lob Dotterel ihn gefangen genommen, nicht ein Wort geſprochen. Er hatte nur ein taubes Ohr für die ſehr ſalbungsreichen Ermahnungen des Dominic Kanttwell und für die Klagen ſeiner armen Großmutter; und es war unmöglich, durch äußerliche Zeichen und Merkmale zu entdecken, ob Schrecken oder Eigenſinn dieſer auffal⸗ lenden Gefühlloſigkeit zum Grunde liege. Als er an den Fuß des Galgens geführt wurde, blickte er um ſich, als wenn er eher ein Zuſchauer, als ein Schauſpieler in dieſem Drama wäre; auch machte — 133— der mächtige Schmerz der armen alten Sibylle, ſeiner Großmutter, welche, als ſie Abſchied von ihm nahm, einen Grad von Verzweiflung zeigte, die manchem Auge eine Thräne entlockte, nicht den geringſten Eindruck auf ihn, und er dachte nicht daran, ihre Zärtlichkeit auch nur im entfernteſten zu erwiedern. „Lebe wohl, mein Sohn,“ ſagte ſie, indem ſie ihn zum letzten Male umarmte,„lebe wohl, verachtetes, ver⸗ worfenes Weſen eines verachteten Stammes! Ich habe dich nur um ſo mehr geliebt, weil die ganze Welt dich verachtete, weil die verächtlichſten von dem Geſchlechte der weißen Leute dich verdammten; weil jeder Bettler, der am Heerweg in der Sonne lag, dich verſpottete; weil du überall und zu allen Zeiten das Spiel launiſcher Ty⸗ rannei warſt. Warum ſollte ich dich beklagen? Du gehſt dorthin, wo ſelbſt nach dem Glauben unſerer feigen Unterdrücker Alle gleich ſind, und wo, ſage ich, die Reihe an dich kommen wird, den Herrn zu ſpielen. Ja— ich ſeh' es— ich fühl' es— ich weiß es! Jeder Hund ſieht ſeinen Tag kommen, warum nicht der Menſch? Millionen Sterbliche leben und gehen in dem Glauben hinüber, der Stier, den man treibt, das Pferd, das man reitet, und das Schaf, das der Menſch ißt, würden in einer künftigen Zeitumwälzung mit ihrem Tyrannen eben ſo verfahren, wie dieſer jetzt mit ihnen verfährt. Und ſoll nicht die Reihe an unſern Stamm kommen? Es muß ſo ſein, hier oder dort.“ — 134— Die afrikaniſche Sibylle wurde nach und nach erha⸗ ben und unverſtändlich, als Lob Dotterel ihr bemerklich machte, wenn ſie dem armen Burſchen noch etwas zu ſagen hätte, ſo möge ſie es bald thun, denn ſein letzter Augenblick ſei gekommen. Der Schneeball drehte ſich um, überſchaute den wei⸗ ten Kreis mit durchdringendem Blicke, und ſagte dann, gleichſam zu ſich ſelbſt: „Er iſt nicht hier.“ In dieſem Augenblicke ſchien ſie zum erſten Male jene unumgängliche und beſtimmte Gewißheit zu fühlen, unter welcher der Todeskrampf des Herzens einen Augen⸗ blick ſtockt und die Hoffnung in ſtumme Verzweiflung verſinkt; ſie entfernte ſich ruhig einige Schritte von dem Galgen und ſtand unbeweglich, auf ihren Stab gelehnt. Sie ſah den verhängnißvollen Strick, den Knoten, den man band; ſie ſah die Binde, welche die Zeit aus⸗ ſchloß und die Ewigkeit umhüllte, ſeine Augen bedecken; ſie hörte die letzten Ermahnungen, das Lied, das ſeine Seele, Niemand wußte, wohin, tragen ſollte, ohne daß ſie eine Muskel bewegte oder einen Laut hören ließ. Das Knarren des Armenſünderwägleins, welches unter dem verhängnißvollen Baume weggezogen wurde, ſchien einen Augenblick ihre alte, zerfallende Geſtalt zu erſchüttern. Sie blickte eine Minute auf, als ihr Enkel in der freien Luft hing, und ſchwieg dann, bis er kein Glied mehr regte, und man ſah, daß er Alles überſtanden hatte. Jetzt ließ ſie ihren Stab fallen, klatſchte in ihre alten, verwitterten Hände, hob ihre Augen gen Himmel und rief: „Es iſt vorüber, und möge die ganze grauſame, verfluchte Rage der weißen Leute ſo ſterben, wie du, mein armes Kind, geſtorben biſt! Ja, ja, ihr ſtolzen, hochmü⸗ thigen Bleichgeſichter! die Zeit wird kommen, gewiß, ſie wird kommen, wo die Säule der Unterdrückung, die ihr bis zu den Wolken empor gebaut habt, fallen und euch zermalmen wird. Die ſchwarzen Männer und die rothen Männer, alle Farben werden ſich gegen eure weiße, bleiche Race vereinigen, und die Kinder des Herrn werden die Knechte der Nachkommenſchaft des Sclaven werden. Ich ſag' es, ich, die in dieſem Augenblicke der Ewigkeit näher ſteht, als der Zeit; ich, die in dieſem Augenblicke den Gruß des Todes hört; ich, deren Seele und Körper ſich eben Lebewohl ſagen; ich ſag' es und es iſt mein letztes Wort!“ Die ſtarken alten Herzbande, die in den harten Stürmen des Lebens ſo oft verſucht worden, brachen jetzt und ſprangen; der kräftige Körper, der ſo viele Müh⸗ ſeligkeiten erduldet, weigerte ſich plötzlich, noch mehrere zu erdulden, und in weniger als einer Minute, nachdem Bombie die obigen Worte geendigt hatte, fiel ſie nieder, von dem Schmerzkrampf ihrer Gefühle überwältigt. Die Menge ſtrömte, wie dies bei ſolchen Gelegen⸗ * — 136— heiten zu geſchehen pflegt, lärmend daher, und Einer rief dem Andern zu: „Hebt ſie auf!“ „Hebt ſie auf!“ wiederholte die Afrikanerin, und die letzte Lebenskraft zitterte auf ihren Lippen.—„Hebt ſie auf! Niemand als Er, der die ewigen Schranken zwiſchen Tod und Leben brach, der an der Oeffnung des Grabes ſprach und den ſchlafenden Staub weckte, der über den Tod und das Grab triumphirte, nur Er kann dieſen verſchrumpften alten Stumpf wieder aufheben. Die Stunde iſt gekommen— ſie iſt vorüber. Warte, Kind— ich komme!“ Ihre Augen ſchloſſen ſich und ſie ging in eine beſſere Welt über. Von Schrecken bewältigt, zerſtreute ſich die Menge, und nur wenige Bewohner des Dorfes fanden in dieſer Nacht den Schlaf. Wachend, zitternd ſchmiegte ſich die bange Hausfrau an die Seite des müden Gatten, und hatte in der Angſt, allein wach zu bleiben, tauſend Fra⸗ gen an ihn zu ſtellen; die Kinder ſahen wachend und träumend den ſchwarzen Kupido in der Luft hin und her treiben und die alte Bombie am Boden verſcheiden. Die Nacht ſchien eine Ewigkeit. Lange Zeit ſpukte der Geiſt Kupido's und der alten Bombie in dunkeln Nächten zu Elſingburg, und man erzählte ſich allgemein, Lob Dotterel, durch deſſen Zuthun der Kobold Kupido ſein Ziel erreichte, erhalte nächtliche Beſuche von einem Paar ſchwarzer Geiſter, die, wie es hieß, gerade ſo kohlig waren, wie während ihres Lebens. Viele wollten aus dieſem Umſtande ſchließen, ſie ſeien böſe Geiſter; da ſie aber nie beſtimmt überführt wurden, Jemanden ein Leid angethan zu haben, ſo ſind wir ge⸗ neigt, zu glauben, daß dieſe Anſicht ohne Grund war. Viertes Kapitel. Hätteſt du halb ſo viel zu mir gebetet, Wie ich zu dir in allen Tagesſtunden, Du hätteſt meine mächtige Hand Zu deinem Schutze bereit gefunden. Ungenannter. Der freundliche Leſer erinnert ſich vielleicht an den Schwur, welchen der Statthalter Pfeifer gethan, daß der lange Finne und die ſchöne Chriſtina ſich, ungeachtet des Widerſtandes der geheimnißvollen Bombie, am kommen⸗ den Tage ehelichen ſollten. Viele Tage waren vergangen, und doch war Chri⸗ ſtina noch nicht verheirathet; ein neuer Beweis, wie ſorgfältig man ſich vor raſchen Schwüren zu hüten habe. Die Wahrheit iſt, daß der Heer während dieſer Zeit zu viel zu thun hatte, um an ſeine perſönlichen Ange⸗ legenheiten zu denken. Außer dem ärgerlichen Verhöre Kupido's und der Urtheilsvollſtreckung, ſo wie der ewigen Ermahnungen, Drohungen und Weiſſagungen ſeiner Großmutter, zog ſich auch ein Sturm im Norden zu⸗ ſammen und drohte den Sturz ſeines Anſehens, ſo wie den der ſchwediſchen Krone in der neuen Welt. Karl der Zweite, König von England, erfuhr eines ſchönen Tages, Cornelius de Witt habe ein großes Ge⸗ mälde, oder, wie ihre Majeſtät es zu nennen beliebten, — 139— ein Schmachgemälde fertigen laſſen, welches den genann⸗ ten de Witt mit den Attributen eines Siegers in einem Seegefechte mit England darſtellte; dies verurſachte ihm üble Laune, und er beſchloß, mit den Holländern einen Krieg anzufangen. Eine Folge dieſes Krieges war, wie Jedermann weiß oder wiſſen ſollte, die Wegnahme der holländiſchen Beſitzun⸗ gen in den ſogenannten neuen Niederlanden in Nordamerika, und in dem Abſchluſſe des Friedens eine vertragsmäßige Verzichtleiſtung auf alle Anſprüche. Dieſe nun an Eng⸗ land übergehenden Rechte umfaßten alle Anſiedelungen unter Coaquanock bis zu der Mündung des Delaware⸗ Stromes, obgleich dieſe urſprünglich von den Schweden gegründet worden waren, welche die Anſprüche der Holländer verwarfen und behaupteten, dieſe Gebiete mit dem Willen und der beſtimmten Zuſtimmung Englands im Beſitze zu haben. In dieſer verwickelten Lage der Dinge war es klar, daß das Recht des Stärkern mehr werth war, als alle andern Rechte zuſammengenommen, und daß folglich die Macht des Statthalters Pfeifer auf einer ziemlich kitzlichen Grundlage ruhte. Mehrfache Verhandlungen fanden zwiſchen ihm und dem Statthalter klace zu Neu⸗York ſtatt, und der Letztere bedeutete um dieſe Zeit den Heern, daß er, wenn er nicht unter Bedingungen in eine Abtre⸗ tung willige, in einigen Monaten ein Heer ſenden würde, das hinreichen dürfte, eine Abtretung ohne alle Bedin⸗ gungen zu erzwingen.. — 140— Statthalter Pfeifer hatte von Neu⸗York ausführliche Nachrichten, welche ihn vergewiſſerten, daß ſeine Macht bei weitem nicht im Stande ſei, der Gewalt des Statthalters Lovelace zu widerſtehen, und daß ihm nichts übrig bleibe, als ſich zu fügen und das Glück der Anſiedelung nicht auf das Spiel des Zufalls zu ſetzen. Er litt daher, eben jetzt, an der unangenehmen Erwartung, ſich bald genöthigt zu ſehen, in das Privatleben zurückzukehren, was man eben nicht als ein beneidenswerthes Loos anſieht, wenn man hohe und einträgliche Stellen bekleidet hat. Dieſe Staatsnöthen zogen natürlich die Aufmerkſam⸗ keit des Statthalters Pfeifer ſo ausſchließlich auf ſich, daß er die Angelegenheiten ſeiner Tochter vergaß, die jedoch, obgleich ſie eingewilligt hatte, Königsmarke's Gat⸗ tin zu werden, in ihrem Benehmen noch eine unbeſieg⸗ bare Unbehaglichkeit zeigte, dem jungen Manne ihre Hand vor dem Altare zu geben. Wir nennen ihn einen jungen Mann, weil er ſehr viel jünger war, als wir jetzt ſind, obgleich er in der That nicht viel unter den Dreißigen war, ungeachtet er jünger ausſah. Der Kampf der armen Chriſtina zwiſchen Dankbar⸗ keit und Liebe einerſeits und zwiſchen kindlicher Liebe und Pflicht gegen das Andenken an ihre Mutter andrer⸗ ſeits, erneuerte ſich jetzt mit größerem Ungeſtüm, ſeit ſie ihrer Heimath wiedergegeben und außer dem Bereiche der täglichen und ſtündlichen Nöthen und Sorgen war, welche ſie während ihrer Gefangenſchaft ſtets umlagert hatten. — 141— Die Ausſicht einer Verbindung mit Königsmarke hatte nichts Erfreuliches für ſie, und ſie ergriff jeden Vorwand, um ſeine Bitten, ihr Verſprechen und die Wünſche ihres Vaters zu erfüllen, zu beſeitigen. Als ſie eines Abends den kleinen Bach entlang gin⸗ gen, deſſen wir früher gedacht haben, kamen ſie an die Stelle, wo Königsmarke Chriſtina aus den Händen des armen Wahnſinnigen gerettet hatte. Der Anblick dieſer Stelle rief ihr lebendiger die Schrecken jenes furchtbaren Augenblicks in das Gedächtniß zurück. Sie ſchauderte und blickte ihm mit einem Ausdrucke der Liebe und Dank⸗ barkeit, der ſein innerſtes Herz durchdrang, in das Antilitz. „Was bin ich dir nicht ſchuldig?“ So flüſterte ſie ihm leiſe zu und ſchmiegte ſich an ſeine Seite, als wenn das Schreckbild, das eben vor ihre Seele getreten, ſich ihr in der Wirklichkeit nahte. „Du biſt mir nichts ſchuldig— wenigſtens nichts, das du nicht leicht vergelten könnteſt,“ verſetzte Königs⸗ marke.—„Ich fordere nichts von der Dankbarkeit und Alles von der Liebe. Sei mein, Chriſtina, wie du es mir verſprochen haſt— wie dein Vater es wünſcht.“ „Und meine Mutter?“ fragte Chriſtina mit einem durchdringenden Blicke. „Sie iſt jenſeits des Bereiches dieſer Welt,“ ver⸗ ſetzte Königsmarke.„Nichts von alle dem, was hienieden ſich begibt, nichts von alle dem, was du thuſt oder unter⸗ läſſeſt, weder deine Tugenden, noch deine Fehler kön⸗ * nen ſie ferner anfügen. Das Grab iſt die ewige Schranke zwiſchen der jetzigen und der künftigen Art des Seins. Es bricht die Bande der Verwandtſchaft, es zerreißt die Feſſeln der Liebe und der Freundſchaft. Wir werden in der Zukunft für das Vergangene belohnt oder beſtraft— das iſt Alles. Wir können dort nicht wiſſen, was in dieſer jämmerlichen Welt vorgeht; wir können nicht von dem Himmel herabſchauen, um zu ſehen, was die, welche wir liebten, thun und leiden, und uns doch der Wonnen der Seligkeit freuen. Chriſtina— meine geliebte Chri⸗ ſtina, opfere dein eigenes, opfere mein Glück nicht ſo hin; weigere dich nicht, die Wünſche eines Vaters— eines lebenden Vaters zu erfüllen, in dem eitlen, leeren Gedanken, dadurch den Geiſt einer Mutter, die todt iſt, zu erfreuen. Die Geiſter freuen und grämen ſich nicht um deſſen willen, was hienieden vorgeht.“ 3„Wenn mein Vater wüßte, was ich weiß,“ ver⸗ ſetzte Chriſtina,„ſo würde er deinen Wünſchen kein Gehör geben und mich verachten, wenn ich ihnen Gewäh⸗ rung zugeſtehen wollte.“ „Aber er weiß es nicht und wird es nie erfahren. Du biſt, ſeitdem die geſchwätzige Bombie todt iſt, das einzige Weſen auf Erden, das weiß, wie viel du mir zu verzeihen haſt. Ich weiß, daß du— einmal die Mei⸗ nige, oder wenn auch nie die Meinige— das Geheimniß edelmüthig vor aller Welt verbergen wirſt.“ „Kann ich es wohl ſo tief begraben, daß es mich nicht verfolgt— Morgens, Mittags, Abends, Nachts, wie jetzt? Ich kann es vor meinem eigenen Herzen nicht verbergen; es gleicht dem Geſpenſte, das um den Schul⸗ digen ſchwebt, jede ſeiner kleinſten Freuden verbittert, und in den ſüßeſten Stunden ſeine hohle Grabesſtimme hören läßt.“ „Chriſtina,“ ſagte der lange Finne in ernſtem, feier⸗ lichem Tone,—„ich kann dieſes Leben nicht länger er⸗ tragen. Die Erinnerung an die Vergangenheit drückt mich nieder, und die Gegenmart iſt nicht geeignet, mich zu erheben! Warum haſt du früher mich Hoffnungen hegen laſſen, und warum willſt du ſie jetzt nicht ver⸗ wirklichen? Faſſe einen Entſchluß— ja, oder nein! Mein Leben hängt davon ab.“ „Ach!“ rief die unglückliche Maid, und der tiefſte Schmerz malte ſich in ihren ſchönen Zügen, in der beben⸗ den Stimme und dem ſeltſam ernſten Blicke,—„ach! warum iſt der Menſch ſtets das Spiel der ſich bekämpfen⸗ den Wünſche und Pflichten? Warum täuſcht die Zärt⸗ lichkeit, oder, wenn du willſt, die Schwäche des Herzens des Weibes ſo oft ihren Verſtand, und gibt ihren guten Namen, den Frieden ihrer Seele, ihre Wohlfahrt in die⸗ ſer und ihr Glück in jener Welt in die Gewalt eines Mannes? Wer kann mich tadeln, daß ich in dieſem Augenblicke, wo das Schickſal meiner Mutter lebendig vor meiner Seele ſteht— an dieſer Stelle, wo ich dem furchtbarſten Geſchicke entriſſen wurde, ſchwanke und zau⸗ * — 144— dere und, ein unglückliches Geſchöpf, das ich bin, von widerſprechenden Wünſchen, Gefühlen und Pflichten mich bekämpft ſehe? daß ich, in der Erinnerung unſerer ge⸗ meinſchaftlichen Gefahren, unſerer gemeinſchaftlichen Ge⸗ fangenſchaft und deiner unermüdlichen Güte, eines feſten Entſchluſſes nicht fähig bin, unbeſtändig umhergetrieben werde— verächtlich in meinen Augen, vielleicht in den Augen deines beſſern Urtheils— jetzt verſprechend, was ich im nächſten Moment zu erfüllen zittere— mein Herz zerriſſen, mein Glück zerſtört, ja, meine Vernunft oft unter der Laſt dieſer Unſicherheit ſchwankend?— Gewähre mir eine kurze Friſt und ich verſpreche dir, bei der Treue des Weibes, die Deinige zu ſein, wie ich dir verſprochen habe.“ „Gut denn,“ ſagte er zärtlich,„ich will geduldig auf deine Entſcheidung harren und in der Erwartung mei⸗ nes Glückes leben.“. „Glück?“ erwiederte Chriſtina.„Glaube es nicht— hoffe es nicht. Die Erinnerung an die Vergangenheit verbietet es. Wer in der frühern Zeit nicht den Samen künftigen Glückes geſäet hat, darf nicht auf eine gute Ernte hoffen; er hat den Samen im Winde zerſtreut, ihn auf öde Steppen und auf unfruchtbare Felſen geſäet.“ Die Liebenden kehrten nach Hauſe zurück. Keines war mit ſich, oder dem andern, zufrieden. Königsmarke klagte in ſeinem Herzen Chriſtina der Unentſchloſſenheit und Launenhaftigkeit an; und Chriſtina quälte ſich mit — 145— Vorwürfen, indem ſie ſich bald der Vergeßlichkeit ihrer kindlichen Pflicht, bald der Gefühlloſigkeit gegen eine Liebe beſchuldigte, welche auf den geheiligten Verbindlichkeiten der Dankbarkeit beruhte. Alle dieſe Kämpfe nahten jedoch durch eine Reihe von Begebniſſen, welche wir ſogleich erzählen werden, raſch ihrem Ende. Paulding VI. 10 Fünftes Kapitel. „An Bord des Schiffs mit muntrer Schaar Ein berühmter Ritter gekommen war; Sir Robert Carre nannt' er ſich; Und er ſprach: Heer Pfeifer, wie befindeſt du dich?“ Wir haben früher Gelegenheit genommen, auf gewiſſe Zwiſtigkeiten hinzudeuten, welche dann und wann zwi⸗ ſchen den mächtigen Anſiedelungen von Neu⸗York und Elſingburg auftauchten und bisweilen ſogar die Exiſtenz der letztern bedrohten. Der Sturm zog ſich von Tag zu Tage mehr zuſammen, da König Karl, glorreichen Anden⸗ kens, alle Beſitzungen der Holländer in Nordamerika ſeinem Bruder Jakob, Herzog von York, ſpäter König Jakob der Zweite, gleichfalls glorreichen Andenkens, über⸗ macht hatte. Der Herzog von York nahm ſogleich von der Colo⸗ nie Neu⸗Amſterdam Beſitz, auf welche er ein unbezwei⸗ feltes Recht erhalten hatte, zuerſt durch Eroberung, und dann, indem er ſie umtaufte, wodurch ſie den heutigen Namen Neu⸗York erhielt, den ſie hoffentlich behalten wird. Dieſe ſchöne berühmte Colonie mit ihrer ſchönen Hauptſtadt, ihren holländiſchen Bürgermeiſtereien, ihren reichen Wittwen und ihren roſenwangigen Mädchen wurde 4 — 147— nun im Namen des Eigenthümers von dem Oberſten Richard Lovelace verwaltet, einem alten Ritter und Krie⸗ ger, welcher in den Reihen der parlamentariſchen Käm⸗ pen mitgefochten hatte und einen tödtlichen Haß gegen Puritaner, Republikaner und alle Arten Leute hegte, welche nicht trinken wollten und Pſalmen durch die Naſe ſangen. Der Oberſt ließ ſich von dieſen Grundſätzen in der That ausſchließlich leiten: er betrank ſich unter andern jeden Nachmittag und kehrte allen Gattungen von Bet⸗ häuſern den Rücken, jedoch geſchah dies nicht aus Liebe zum Wein, oder aus Gleichgültigkeit gegen die Religion, ſondern weil ſeine Feinde, die Puritaner, oder Stutzoh⸗ ren, wie er ſie zu nennen gewohnt war, das Trinken haßten und lange Gebete liebten. Bei all' dem that er ſich auf ſeine Galanterie gegen das ſchöne Geſchlecht etwas zu gut und machte gern jene würdevolle Courtoiſie gegen das weibliche Geſchlecht, beſonders gegen den jüngern und ſchönern Theil deſſelben, geltend, welche die ſonſt barbariſchen Ritterzeiten auszeichnete und ihnen einen gewiſen Anir der Verfeinerung zu geben im Stande war. Der Statthalter Lovelace hegte ferner die tiefſte und entſchiedenſte Verachtung gegen das ſouveraine Volk die⸗ ſes freien, ſtolzen Theils unſerer Erdkugel, welcher ſein Glück der frühern Gewohnheit zu denken und zu handeln verdankt. Leidender Gehorſam und Nicht⸗Widerſtand wa⸗ ren ſein Glaubensbekenntniß und nach ſeiner beſondern Anſicht mehr werth, als alle andern Gebote zuſammen . 10* — 148— genommen; und wenn der Statthalter etwas vorzugs⸗ weiſe haßte, ſo war es ein Menſch im Privatleben, der ſich in die öffentlichen Angelegenheiten miſchte. Als er bei einer Gelegenheit an ſeinen tapfern Ca⸗ pitain, Sir Robert Carre, in Betreff einiger Unruhen in den neu erworbenen Beſitzungen an dem untern Dela⸗ ware ſchrieb, bemerkte er ernſt: „Was die armen verführten Leute betrifft, ſo glaube ich, der Rath eines ihrer eigenen Landsleute ſei nicht zu verachten, welcher, mit ihrem Charakter wohl bekannt, ein Verfahren, ſie in der Ordnung zu halten, vorſchrieb, näm⸗ lich Strenge und ſolche Auflagen, daß ſie nicht Zeit und Muße haben, an etwas.Anderes als an das Bezahlen der⸗ ſelben zu denken.“ Dieſes Verfahren iſt überall noch zu empfehlen, wo die Leute in ihrem Vorwitze ſich mit Dingen befaſſen, die ſie nicht verſtehen, und welche regieren wollen, während es die einzige Aufgabe ihres Lebens iſt, zu gehorchen und ihre Abgaben zu bezahlen. In dem Charakter des Statthalters Lovelace war jedoch ein Zug, und zwar ein Hauptzug, welcher ſeine tyranniſchen Regierungsgrundſätze milderte und neutra⸗ liſirte. Er haßte Unruhen mehr als alle Stellvertreter der Majeſtät, die je in dieſer neuen Welt regierten, und ſeine Liebe zu einem behaglichen Daſein wog ſeine Liebe zur Herrſchaft ſo vollkommen auf, daß er, obgleich gewiſſer⸗ — 149— maßen der größte kleine Tyrann von der Welt, niemals, ſo weit wir in die Geſchichte jener Zeit eingedrungen ſind, während der ganzen Zeit, die er als Statthalter der Colonie hingebracht, das Geringſte that, das als eine Un⸗ terdrückung bezeichnet werden kann. Es iſt in der That ein ſonderbarer Umſtand, welcher ſich nur durch dieſe Eigenthümlichkeit ſeines Charakters erklären läßt, daß dieſer Statthalter derſelbe Mann war, welcher einen großen Theil ſeiner Herrſcherrechte über die Stadt freiwillig in die Hände eines Ausſchuſſes von fünf Aldermen gab und ſo den Grund zu jenem mächtigen Rathe legte, welcher ſeitdem zum großen Ruhme und zum Vortheile des Landes unſer Geſchick in ſeiner Macht hatte. Eine ſeiner beſten und preiswürdigſten Verord⸗ nungen, deren Wiederaufnahme wir nicht genug anem⸗ pfehlen können, war, daß kein Schauſpiel aufgeführt und kein Buch gedruckt werden ſollte, bevor ſie von dem Ge⸗ richt der Aldermen geleſen und gebilligt ſeien. Da dieſe würdigen Cenſoren nur wenig Zeit und keine Neigung hatten, Bücher zu leſen, ſo mehrte ſich die Anzahl der Handſchriften ungemein. Seine Excellenz that ſich viel darauf zu gut, daß in Folge dieſes einfachen Auskunftmittels die verderbliche Buchdruckerkunſt in ſeinem Lande faſt gänzlich unterdrückt und die Ruhe ſeiner Regierung nicht durch ein einziges neues Buch geſtört worden war. Der Art war der Oberſt Richard Lovelace ein — 150— tapferer Krieger, ein träger Staatsmann, ein Kopf, der eben nicht zu den klarſten gehörte, und ein Herz, das nie verſchloſſen war, ausgenommen gegen Presbyte⸗ rianer, Rundköpfe, Stutzohren und unruhige Politiker. Nachdem Statthalter Lovelace in ſeinem neuen Reiche ruhigen Sitz gefaßt hatte, forderte er den Heer Pfeifer auf, ſeine Stadt und das Fort Elſingburg ſofort Seiner Majeſtät, dem König Karl dem Zweiten, von Gottes Gnaden u. ſ. w., zu übergeben. Der Heer lehnte dieſe Einladung ab, da ja König Karl und ſein großer König Guſtav Adolph im Frieden lebten, und er keine Neigung habe, die Eintracht, welche zwiſchen ihnen herrſchte, zu ſtören. Da Statthalter Pfeifer aber vermuthete, jener Auf⸗ forderung möchte ein Beſuch folgen, ſo ſandte er den langen Finnen und ein kleines Geleite mit Geſchenken zu den benachbarten Indianern und lud ſie ein, zu ſeinen Gunſten zu den Waffen zu greifen. Die Indianer lehnten dies ab, wünſchten jedoch heim⸗ lich, die beiden kriegführenden Mächte möchten einander bis auf den letzten Mann aufreiben. Zu dieſen Unannehmlichkeiten geſellte ſich eine hef⸗ tige Erregung des Statthalters Pfeifer, der mehrere Tage in der größten Geſchäftigkeit herumging und nichts that, wie es wohl Leuten zu geſchehen pflegt, die viel ſprechen und tüchtig fluchen. So verging die Zeit, bis eines Morgens, als eben — 151— ein ſchöner Südwind gerade ſtromauf blies, die kleine Colonie durch den Anblick von drei Kriegsſchiffen erſchreckt wurde, die mit vollen Segeln und fliegenden Wimpeln, gar ſtattlich herausgeputzt, daher zogen. Sie kamen wie muntere Vögel, die ihre Schwingen mächtig heben; ſie ſchienen des weißen Schaums zu ſpotten, der ſich hochauf⸗ ſpritzend dem Hals entgegen ſtemmen zu wollen ſchien, und nahten ſo ſchnell, daß es, bevor die weiſen Häupter von Elſingburg ahnen oder rathen oder denken konnten, was ſie wollten und wohin ſie gehen ſollten, plötzlich um alle Vermuthungen geſchehen war, indem die Schiffe ſich gerade der Stadt gegenüber vor Anker legten und der furchtbaren Batterie von Katzenköpfen gleichſam trotzten, die dort zur Vertheidigung des Platzes aufgeſtellt waren. Lob Dotterel war im Begriff, eine Geleitsmannſchaft auf⸗ zurufen und die Eindringlinge in Gewahrſam zu neh⸗ men; aber der Heer zügelte ſeinen Eifer, denn er ſah in ſeinem Geiſte das baldige Ende der ſchwediſchen Herr⸗ ſchaft in der neuen Hemiſphäre vor und war ungemein niedergeſchlagen. Er fühlte ſeine Größe ſchwanken und ſprach ohne Zweifel mit ſich ſelbſt über die ſchlüpfrige, hinfällige Natur der menſchlichen Macht, in der Manier des Cardinals Wolſey und anderer großen Männer. Noch war kaum eine Stunde vergangen, ſo ſtieß von dem größten Fahrzeuge ein Boot ab, an welchem eine weiße Flagge wehte, ein Zeichen des Friedens, wie man es zu zeigen pflegt, wenn man eine Botſchaft ab⸗ ſendet, welche, wenn ſie keine Kanonenſchläge mit ſich führt, doch ſolche in ihrem Gefolge haben ſoll. In dieſem Boote befand ſich der berühmte Sir Ro⸗ bert Carre, einer jener kühnen, unerſchrockenen Aben⸗ teurer, welche der Entdeckung dieſer neuen Welt voran⸗ gingen oder folgten. Sie waren eine Gattung irrender Ritter, welche, ſtatt für Liebe und Schönheit zu dem Schwerte zu greifen, auszogen, um das Glück auf der hohen See oder in der neuen Welt zu ſuchen, wo die Sagen von unermeßlichen Schätzen ſie lockten, Alles zu wagen, und ſich der Strömung zu überlaſſen, die damals alle ihre Fluthen nach Weſten zu wälzen ſchien. Die Mehrzahl derſelben waren abgeſagte Feinde des Papſtes und der Spanier und ſie waren gegen dieſe ſtets kampf⸗ fertig, ziemlich unbekümmert, ob die gegenſeitigen Regen⸗ ten in Frieden lebten oder nicht, denn Religionseifer und eingewurzelter Haß galten als hinreichende Gründe, ſich zu bekriegen, jener Gründe und Beſchwerden nicht zu gedenken, welche in der Regel geltend gemacht werden, wenn man einen Friedensbruch rechtfertigen will. 3 Dieſe Abenteurer waren ohne Zweifel Männer von Talent und hohem Muthe; aber ſie waren auch, wenn man die Wahrheit geſtehen ſoll, keine großen Verehrer des Rechts, des Eigenthums und Beſitzes und machten ſich wenig daraus, eine Stadt in den ſpaniſchen Beſitzun⸗ gen zu plündern oder eine Galleone zu entern, ohne — 153— lange zu fragen und zu forſchen, ob das Völkerrecht die Handlung rechtfertige oder nicht. Gewöhnlich gehörten ſie zu der Rage der jüngern Brüder, welche in Ländern, wie England, wo der Grund⸗ beſitz vorzüglich in die Hände des Erſtgebornen übergeht, eine Menge Männer geliefert hat, deren Verbrechen den Nationalcharakter entehrt, oder deren Tapferkeit und Talente ſo viel zu ſeinér Verherrlichung beigetragen haben. Obgleich es ſehr unrecht wäre, dieſe wilden, aben⸗ teuerlichen Geiſter mit der ihnen folgenden, blutigen und verzweifelten Rage der Seeräuber(Bucaniers) auf eine Stufe zu ſtellen, ſo läßt es ſich doch, unſerer Anſicht nach, nicht bezweifeln, daß ſie jenen herzloſen Feinden des Menſchengeſchlechtes den Weg bahnten. Die Gewohnheit, die ſpaniſchen Anſtedlungen in der neuen Welt in jener freien, ungebundenen und ungeſetz⸗ lichen Weiſe, wie die erſten Abenteurer ſie übten, zu be⸗ kämpfen, hob allmählig den Zwang auf, welchen das Völkerrecht auferlegte, und führte zuletzt zu jenem gänz⸗ lichen Entſagen aller Rechtsgrundſätze, zu jener völligen Verachtung der Anſprüche des Geſetzes und der Menſch⸗ lichkeit, welche jene furchtbaren unmenſchen, Bucaniers genannt, Harakteriſirte, deren Muth eben ihr größtes Verbrechen ausmachte, denn er löſ'te den einzigen Zügel, welchen die Schurken bei der Ausübung von Niſe eihaten anerkennen.„ 4 — 154— Sir Robert Carre war ein Mann von wenig Wor⸗ ten, wodurch er ſich dem Heern vorzüglich unangenehm machte, der gern ſehr viel zu ſprechen pflegte, ehe er zu einer Entſcheidung kam. Der Ritter forderte, kurz und bündig, feſt und beſtimmt, die Uebergabe Elſingburgs und ſeines Zubehörs an den Statthalter von Neu⸗York, als Stellvertreter des Königs von England, welchem in Folge der Entdeckung, der Eroberung, des Kaufs und verſchiedener anderer Gründe, deren jeder einzelne völlig hinreichend war, das Recht des Stärkern einleuchtend zu machen, alle dieſe Gebiete allein und ausſchließlich gehörten. Statthalter Pfeifer ſah ſehr deutlich ein, daß er in dieſes Geſuch oder Begehren willigen müſſe, denn die feindliche Macht war hinreichend, in zwei Stunden die Stadt und das Fort bis auf den Grund zu ſchleifen. Der gute Mann beſchloß jedoch weislich, dem Han⸗ del ein keckes Antlitz zu zeigen und ſich nicht ſchmachvoll, ohne eine lange mündliche Verhandlung, zu fügen, welche er als das beſte und in der That einzige Mittel betrach⸗ tete, ſeine Herzhaftigkeit an den Tag zu legen. Kurz, er war entſchloſſen, eine Unterhandlung eintreten zu laſ⸗ ſen, erfolge, was da wolle, und kam mit ſich überein, es nicht unter ſiebzig Artikeln zu thun, in welchen die Sicher⸗ heit der Perſon und des Eigenthums ſeiner Untertha⸗ nen eine Hauptrolle ſpielen ſollte. 1 ·—¶¶¶¶¶q * — 155— Sechſtes Kapitel. Mein Wahlſpruch, Herr, iſt:„Kurz und gut!“ Das mögt Ihr überlegen; Das Weit're ſprech' ich mit dem Degen, Und dann kömmt über Euch das vergoſſ'ne Blut. Ungenannter. Der Heer hielt es für das Geeignetſte, ſich vor Allem eine Bedenkzeit von vierundzwanzig Stunden zu er⸗ bitten. Sir Robert Carre war jedoch ein Mann, der eben ſo ungern Zeit als Worte vergeudete. Er antwortete daher ſehr unceremoniös: da er ſich nicht vertheidigen könne, ſo ſehe er nicht ein, warum er ſich bedenken wolle; er geſtehe ihm daher vierundzwanzig Minuten, ſtatt der vierundzwanzig Stunden zu, um einen Entſchluß zu faſſen. 4 „Der Teufel!“ ſprach der Heer,„dieſe Zeit iſt zu kurz, um nur einen Entſchluß zu faſſen, auf welcher Seite des Mundes ich dieſen Morgen meine Pfeife rau⸗ chen werde, viel weniger, um über das Schickſal einer ganzen Provinz einen Entſchluß zu faſſen.“ „Nun, wenn aber keine Wahl übrig bleibt, was hilft es da, ſich zu bedenken? Wenn man muß, ſo muß man, Statthalter.“ 4 * — 156— „Muß! Du Galgen—, ich ſehe kein Muß in die⸗ ſem Falle. Du mußt wiſſen, Herr Ritter, daß ich, hätte ich keinen abſonderlichen Widerwillen, Chriſtenblut zu vergießen, indem ich theilweiſe durch meinen Freund William Penn überzeugt worden bin, daß es in dieſer Welt nicht gut iſt, dich und deine Schiffe himmelan blaſen würde, Henkersknechte ihr Alle!“ „Nicht gut, Chriſtenblut zu vergießen?“ rief der Ritter.„Nun, verdammt ſei mein Blut, Statthalter, wenn ich nicht glaube, du ſeiſt ein Papiſt geworden. Ei, Blitz und Hagel, was würde aus Kriegsleuten werden, wenn es kein Kehlabſchneiden mehr gäbe, he? Willſt du ſchuf⸗ tige Schuſterjungen aus uns machen oder ſollen wir filzi⸗ gen Kleinhandel treiben, um nicht zu verhungern, ſtatt durch die Plünderung von Städten reich, und durch kühne Waffenthaten berühmt zu werden? Doch komm, die Zeit iſt eben verlaufen; willſt du in die Uebergabe willigen, oder ſoll ich deine Stadt in einem Augenblicke von der Karte des Weltalls wegwiſchen?“ „Geduld, Geduld, Herr Ritter! Warum eine ſolche Eile? Du ſiehſt, ich bin nicht beeilt?“ „Wahrlich, Statthalter,“ verſetzte der Andere,„dies iſt gewöhnlich der Fall. Dies iſt der ganze Unterſchied in der Welt zwiſchen dem, der gibt, und dem, der nimmt. Doch komm, Sicherheit der Perſon und des Eigenthums iſt das Wort, und wenn dieſe geborgen ſind, was liegt dann an dem Namen des Gebieters, he?“ 4 — 157— „und die Ehre der ſchwediſchen Krone?“ antwor⸗ tete der Heer. „O, was dieſe betrifft, ſo ſoll ſie ſo voll Ehre ſein, wie ein Ei voll Dotter. Ich werde ſelbſt abſonderliche Sorge dafür tragen.“ „Und unſere Religion?“ „Niemand ſoll ihr ein Haar krümmen. Ihr mögt haben, welche ihr wollt, und wie viel ihr wollt, aus⸗ genommen die Papiſterei, gegen die ich einen Schwur gethan, und der Presbyterianismus, den Seine Excellenz, der Statthalter Lovelace, berauſcht oder nüchtern, nicht leiden kann.“ „Gut, gut,“ antwortete der Heer mit einem tiefen, lang gezogenen Seufzer. Wenn ich an dich könnte, ich würde dich, deine Cameraden, deinen Statthalter und deinen König in dem Sande dieſes guten Stromes begraben, ehe ich mein Schwert von mir gäbe. Wie aber die Dinge ſtehen— hier iſt es— nimm's! Und nun trete ich in den Pripatſtand zurück— eine Lage, der ſich alle großen Herren geneigt zeigen, wenn ſie nicht anders können. Ich werde mich drüben auf mein kleines Gut zurückziehen und Kohl pflanzen, wie ein zweiter Dio⸗ cletian.“ Nach dieſen Worten überlieferte er ſein treues Schwert und ſo war die Herrſchaft über Neu⸗Schweden den Händen des Statthalters Pfeifer für immer entriſſen. Keine Zeichen und Wunder begleiteten, ſo viel wir wiſſen, * — 158— dieſen Wechſel der Dinge, welchen Dominie Kanttwell, nebenher bemerkt, als ein Gericht des Himmels über die Bewohner von Elſingburg ankündigte, welche zu dieſer Zeit wieder anfingen, in die gottloſe Gewohnheit, welt⸗ liche Lieder zu ſingen, zurück zu fallen. Nachdem Sir Robert Carre im Namen ſeines Ge⸗ bieters von Elſingburg und ſeinem Gebiete förm⸗ lich Beſitz genommen, eine Salve zu Ehren des glor⸗ reichen Tages abgefeuert und eine proviſoriſche Junta eingeſetzt hatte, lichtete er die Anker und kehrte mit ſeiner Flotille nach Neu⸗York zurück, wo auf die Nachricht des Sieges Seine Excellenz der Statthalter Lovelace ein großes Feſtmahl veranſtaltete, bei welchem, der Sage nach, ſeine fünf neuerwählten Aldermen durch ihr vortreffliches Urtheil über die Gerichte der Wahl des Statthalters große Ehre machten. Der einzige bemerkenswerthe Umſtand, welcher der Wegnahme Elſingburgs folgte, war das geheimnißvolle Verſchwinden des langen Finnen, welchen man ſeit der Abreiſe Sir Robert's vermißte. Ob er jedoch mit ihm gegangen, oder weggeſchnappt, oder gewaltſam mitge⸗ nommen worden war, oder was aus ihm geworden, wußte Niemand, oder das Geheimniß wurde wenigſtens, wenn es Jemand wußte, ungemein treu bewahrt. Vielfach waren die Muthmaßungen der guten Elſing⸗ burger in Betreff des ſeltſamen Verſchwindens des jun⸗ gen Mannes; da ſich aber keine derſelben der Wahrheit — 159— näherte, wollen wir den Leſer nicht mit Aufzählung der⸗ ſelben beläſtigen. Der gute Heer war in großer Verlegenheit, und konnte nicht umhin, ſich dem Verdachte wieder hinzugeben, der bei dem erſten Auftreten des langen Finnen in ſei⸗ nem Geiſte aufgeſtiegen war, wie in dem frühern Theile dieſer Geſchichte erzählt worden. Dieſer Verdacht wurde durch die Einflüſterungen Othman Pfegel's und des Do⸗ minic Kanttwell's beſtärkt, welche gewiſſe geheimnißvolle, auf Königsmarke bezügliche Thatſachen erzählten, die, ſie mochten wahr oder falſch ſein, dem Gedanken Raum gaben, es habe zwiſchen ihm und dem engliſchen Commandanten ein Einverſtändniß ſtattgefunden. Was unſere arme blauäugige Maid, die holde, ſchöne Chriſtina betrifft, ſo verſchloß ſie ihre Gefühle zwar in ihrer Bruſt, oder machte ihnen wenigſtens nur in der Einſamkeit und im Dunkel Luft; wir können aber doch die Behauptung wagen, daß ſie über dieſe geheimnißvolle Sache ihre eigenen Gedanken hatte. Junge Mädchen, beſonders aber junge Mädchen, die lieben, ſind, da ſie nach ſich ſelbſt urtheilen, geneigt, jede Handlung des Geliebten dem Einfluſſe dieſer einzigen Leidenſchaft beizumeſſen, die, ſo lange ſie ihre ganze jugendliche Wärme und Reinheit behält, ihre eigene Füh⸗ rerin, ihr einziger Leitſtern iſt. So ſchrieb Chriſtina die Entfernung Königsmarke's nicht verrätheriſchen Abſichten gegen die Colonie, noch der Furcht vor Entdeckung und 4 — 160— - Beſtrafung, ſondern ſeinem gekränkten oder getäuſchten Gefühle zu, daß ſie ſeinen Bitten um Erfüllung ihres Verſprechens ſo oft ſich widerſetzt hatte. „Wenn dem aber ſo iſt, wird er ſich bald eines beſſern beſinnen und zurückkehren,“ pflegte ſie ihrem un⸗ ſchuldigen Herzen zu ſagen, welches in eben dieſem Augen⸗ blicke bangte, die gehegte Hoffnung möchte nie in Erfül⸗ lung gehen. Jede Stunde, die verſtrich, ohne ihn zurück⸗ zubringen, minderte ihr Vertrauen in die Hoffnung ſei⸗ ner Rückkehr; und als vierzehn Tage verſtrichen waren, ohne daß irgend eine Nachricht von ihm gekommen war, konnten ihre blaſſen Wangen, ihr trübes Auge, ihre Sorgloſigkeit für die äußern Erſcheinungen und ihre Geeich⸗ gültigkeit gegen jene häuslichen Begebniſſe und Geſchäfte, welche die Stunden der Frauen ſo angenehm und wohl⸗ thätig ausfüllen, dem Auge des aufmerkſamen Beobach⸗ ters jenen zerrüttenden Zuſtand des Gefühls, welcher, wenn er lange anhält, über den Körper oder den Geiſt den Sieg davon trägt, hinreichend andeuten. — 161— Neuntes Buch. Erſtes Kapitel. Habt ihr an Wundern eure Freude, So ſollt ihr Wunder hören heute; Und wäre auch nicht Alles neu, So glaubt, daß es um ſo wahrer ſei. Ungenannter. 7. Die Zeit und die Welt bewegen ſich unmerklich und in demſelben gleichen Schritte fort, mag vorgehen, was da will. Die ſchrecklichſten Unfälle von Individuen, der Tod von Menſchen, die das Weltall mit ihrem Ruhme erfüllten, der Wechſel von Regenten⸗Familien und die Re⸗ volutionen großer Reiche— nichts hat auf den allgemei⸗ nen Gang der Dinge oder das große Geſchäft des menſch⸗ lichen Bienenhaufens Einfluß. Die täglichen Bedürfniſſe des Menſchengeſchlechts, die Nothwendigkeit, ſich zu rüh⸗ ren oder zu bewegen, die Befriedigung unſerer Leiden⸗ ſchaften— eins oder das andere— oder alle vereinigt, erhalten ſtets den geſchäftigen Strom des Lebens, der unaufhörlich ſeinen Lauf verfolgt und nur zuletzt aufge⸗ Paulding VI. 11. halten wird, wenn der große Zweck der unendlichen Weis⸗ heit und Macht erfüllt ſein wird. Beinahe drei Wochen waren nun vergangen, ſeit das königliche Anſehen des Statthalters Pfeifer vernich⸗ tet und der lange Finne ſo geheimnißvoll verſchwunden war. Die Bewohner von Elſingburg lebten fortwährend ruhig ihrem mannichfachen Berufe und dachten kaum an die große Revolution, welche, in der Sprache der Ge⸗ ſchichtſchreiber, ihr Glück und ihr Gedeihen vernichtet hatte. Nur den guten Heern und ſeine liebliche Tochter hatte dieſer Sturm ungeſtüm getroffen. Der Heer fühlte nicht allein ſeine geringere Wichtig⸗ keit, ſondern er erfuhr jetzt wirklich, was man in Wahr⸗ heit eins der größten Mißgeſchicke nennen kann, denen die menſchliche Natur unterworfen iſt. Da er von jeder Theilnahme an der neuen Regierung entfernt worden, ſo wußte er nicht, was er mit ſich anfangen ſollte, und ſah ſich endlich gezwungen, zu zwei Extra⸗Schläfchen ſeine Zuflucht zu nehmen, um nur des langen, langwei⸗ ligen Tags los zu werden. Der Teufel der Langeweile faßte ihn mit ſeinen bleiernen Krallen, und wäre er nicht endlich auf den Gedanken gekommen, ſich der Job⸗gleichen Unterhaltung des Fiſchens in dem benachbarten Bache zu ergeben, ſo wäre vielleicht nicht zu ſagen, welche üble Folgen der Müßiggang auf einen Mann gehabt haben könnte, der an Geſchäftigkeit ſo ſehr gewöhnt war. — 163— Was die arme Chriſtina betrifft, ſo klagte ſie nicht und weinte nicht, ausgenommen im Stillen; und denen, welche die Tiefe eines Stromes eher nach ſeinem Getöſe, als nach ſeiner Stille zu beurtheilen pflegten, kam es vor, als wenn Alles beim Alten geblieben wäre. So ſtand es mit den verſchiedenen, zu unſerer Ge⸗ ſchichte gehörenden Perſonen und Dingen, als ſich in einer gewiſſen Nacht um den geräumigen Kamin des Schloſſes Meiſter Oldale's eine Gruppe rüſtiger Dorf⸗ degen verſammelte, deren Großthaten im Trinken in einer Ecke jenes Allerheiligſten, gewöhnlich die Zapfſtube ge⸗ nannt, mit Kreide angeſchrieben waren. Die Geſellſchaft beſtand aus Wolfgang Langfanger, Othman Pfegel und Lob Dotterel, welche, da ſie alle in gleicher Weiſe ihrer frühern Stellen in der Regierung von Elſingburg beraubt waren, gemeinſchaftliche Sache machten und einen Theil ihrer Zeit in der Schenke hin⸗ brachten, um die Neuigkeiten zu hören und den ge⸗ meinſamen Feind aller Müßiggänger todt zu ſchlagen. Außer ihnen war hier auch Meiſter Oldale, welcher, als ein tüchtiger Schenkwirth und Sünder, der ſein Hand⸗ werk verſtand, ſtets gewöhnt war, die Gäſte nicht nur durch ſeine Lehren, ſondern auch durch ſein Beiſpiel zum Trin⸗ ken aufzumuntern. Die fünfte Perſon, welche die Gruppe vollzählig machte, war ein wunderliches, reiſendes Genie, Lowright genannt, ein reiſender Krämer, Zinngießer und, weiß der 11* — 164— Himmel, was Alles, der regelmäßig einmal im Jahre, mit ſeinem Pack auf dem Rücken, die Wildniß zwiſchen Neu⸗York und dem Delaware⸗Strome durchzog, und eben ſo regelmäßig, wie es denn bei ſolchen loſen Wichten der Fall iſt, die Hälfte der Männer und alle Frauen von Elſingburg zu betrügen pflegte. Nicht allein unter den Indianern, ſondern auch bei den Bewohnern der kleinen Dörfer, welche jetzt in Grup⸗ pen von Blockhäuſern weit und breit zerſtreut in der Wildniß aufzutauchen anfingen, war er wohl bekannt und, die Wahrheit zu ſagen, nicht ſehr geachtet. Die Menſchen haben ohne Zweifel einen natürlichen Hang, ſich auf eine oder die andere Weiſe betrügen zu laſſen— manchmal von Geſetzgebern, manchmal von Sclaven— manchmal von Hauſirern. Uebrigens war Lowright nicht nur ein peſtilenzialtſcher Schelm, ſondern auch ein luſtiger Schelm, der vortreffliche Lieder ſang, die blutigſten Geſchichten er⸗ zählte und die Leute ſtets nur im Scherz anführte und betrog. Wenn man ihm ſeine Schelmſtreiche vorhielt, wußte er ſich ſtets durch einen prächtigen Scherz weiß zu waſchen und pflegte in ein unwiderſtehliches Gelächter auszubrechen; und es iſt wohl bekannt, daß man, wenn man die Leute, beſonders die Frauen, bei guter Laune erhält, ſtets gewonnenes Spiel hat. Dieſer umherziehende Wicht war faſt die einzige Quele, aus der man erfuhr, was zwiſchen Neu⸗York und Elſing⸗ burg Wichtiges und Denkwürdiges vorging, denn es war — 165— in jener Zeit etwas Seltenes und faſt Unerhörtes, daß ſich Reiſende durch dieſe wilden Gegenden gewagt hätten. Es war nun allmählig ſpät geworden, die Nacht brach ungemein dunkel herein, und die flammenden Blitze, welche durch die Spalten des Fenſterladens zuckten, und denen ferner grollender Donner folgte, deuteten einen herannahenden Sturm an. Die Unterhaltung wendete ſich den neuern Begeb⸗ niſſen der Nachbarſchaft, beſonders dem Schickſale des Kobolds Kupido und ſeiner geheimnißvollen Großmutter zu, deren nächtliche Wanderungen ſtets noch ein Lieblings⸗ gegenſtand des Dorfgeſprächs waren. Lob Dotterel wurde aufgefordert, die Wahrheit dieſer Sagen zu bekräftigen; er befeuchtete ſeine Kehle, ſah ſich ſorgſam in dem Gemache um, zog ſeinen Stuhl etwas näher in den Kreis, räuſperte ſich und beſtätigte inmitten der Donnerſchläge, die nun lauter und häufiger wurden, folgende Thatſache: „Ihr müßt wiſſen,“ ſagte der ehemalige Obergerichts⸗ diener,„daß einſt Nachts— es war auf Mittwochen, in der Nacht nach dem Todestag Kupido's und ſeiner Großmutter— ich war ſpät in Geſchäften aus“— Hier gab Meiſter Oldale der Geſellſchaft einen Wink, welcher ihnen begreiflich machen ſollte, daß Lob damals in der Schenke zur indianiſchen Königin ein wenig mehr in das Glas geſchaut habe, als einem klugen, nüchternen Mann gezieme. 7 * — 166— „Als ich nach Hauſe kam, begann ich mich zu ent⸗ kleiden und ſtand eben vor dem Spiegel, um meine Nachtmütze aufzuſetzen, als ich, ſo wahr ich ein Chriſten⸗ kind und ein armer Sünder bin, in dem Spiegel das Geſicht der ſchwarzen Hexe Bombie ſah, die mir mit Au⸗ gen, ſo roth wie glühende Kohlen, und mit Lippen, die ſich bewegten, als ob ſie etwas ſagen wollten, obgleich ich nichts hören konnte, über die Schulter blickte.“ „Ich ſah mich um, obgleich ſich mir der Kopf auf den Schultern drehte, wie eine Thüre auf verroſteten Angeln; aber es war Niemand da.“ „Ich blickte wieder in den Spiegel und da war wie⸗ der der geſpenſtiſche Kopf und ſah mir über die Schul⸗ ter wie vorher, mit rothen Augen und blauen Lippen, die ſich zitternd bewegten, ohne ein Wort zu ſagen.“ 1„Mehrmal blickte ich um, ohne etwas zu ſehen; ſo oft ich mein Auge aber auf den Spiegel wendete, blickte die Schwarze mir über die Schulter entgegen“ „Plötzlich fühlte ich zwei eiskalte Hände auf meinem Rücken und das Geſicht in dem Spiegel kam ſo dicht an das meinige, daß ich ſeinen Athem an meiner Wange fühlte.“ „Ich habe noch nie von einem Geiſte gehört, daß er geathmet hätte,“ ſagte Lowright,„aber es kann ſein, daß die Geiſter der farbigen Damen von denen der weißen Leute verſchieden ſind. Fahrt fort, Meiſter Dotterel.“) „Das Gewicht der Hände auf meinen Schultern — 167— nahm mehr und mehr zu, bis ich endlich gerade auf das Geſicht niederſtürzte, unfähig, dieſe Laſt länger zu tragen. Wie lange ich ſo gelegen, kann ich nicht ſagen; als ich aber wieder zu mir kam und mich umſah, war nichts in der Stube, als der alte Grip, der Hund, der in einem Winkel lag und ſchlief.“ Als Meiſter Dotterel ſeine Erzählung ſchloß, zuckte ein furchtbarer Blitz nieder und ein Donnerſchlag folgte, der das Weltall in Atome zerſplittern zu wollen ſchien. Die Geſellſchaft zog ihren Kreis enger und enger zuſammen, bis ſich ihre Knie berührten, und bei dem Sturme, der draußen brüllte, und der feierlichen Stille, die in dem Gemache herrſchte, ſchien Keiner geneigt, den Aufbruch zu machen, ſo ſpät es auch war. Dem Raſſeln des Donners folgte ein lautloſes Schweigen, bis der Hauſirer ausrief: „Es ſcheint ein grauſiges Gewitter geben zu wollen, und, was mich betrifft, ſo habe ich nie bei Donner und Blitz ſchlafen können. Komm, Wirth, noch ein Glas, und Meiſter Wolfgang erzählt uns eine Geſchichte, um die Zeit zu vertreiben.“ Das Glas wurde gebracht und Meiſter Wolfgang begann, auf Bitten der Geſellſchaft, Folgendes zu erzählen. „Vor vielen, vielen Jahren, es war in meinem Hei⸗ mathlande in Schweden, überfiel mich einſt auf der Reiſe, mehrere Meilen von meiner Wohnung, die Nacht. Es war im Sommer und ie Nacht hatte viel Aehnlichkeit 4 — 168— mit dieſer. Der Donner raſſelte durch die Wolken, Schlag auf Schlag, und ein Blitz folgte dem andern, ſo daß ich und mein Pferd ganz geblendet waren.“ „Bei dem Lichte eines ſolchen Blitzes glaubte ich ein altes verfallenes Gebäude zu gewahren, welches ich für die Ruinen einer Kirche anſah, die, wie ich wußte, in die⸗ ſer Gegend liegen ſollten.“ „Ich hörte das Brüllen des Sturmes näher und näher kommen, während mit jedem Augenblick die Re⸗ gentropfen ſchwerer und raſcher niederfielen.“ „Mir blieb keine Wahl; ich mußte mich entweder dem Unwetter ohne Schutz preisgeben, oder in der alten Kirche eine Zuflucht ſuchen, welche, waren gleich die Fen⸗ ſter eingeſchlagen und die Thüren zerbrochen, doch beſ⸗ ſer war, als nichts.“ „Ich hatte einen unbeſiegbaren Widerwillen gegen Kirchen und Kirchhöfe bei Nachtzeit; aber ich haßte auch ein naſſes Wamms mehr noch, als ich Geiſter und Ge⸗ ſpenſter fürchtete. So ſtieg ich denn ab, führte mein Pferd durch die Thüre herein, und ſuchte mich zu einem Stuhle in einem Winkel zu tappen, wo ſich eine erträg⸗ liche Zuflucht darbot.“ „Nun begann der Regen in Strömen zu fließen, der Donner rollte— raſſelte— krachte— und der Blitz zuckte auf die weißen Grabſteine, welche durch die zerfal⸗ lenen Fenſter hereinſahen.“ „Ich fing bald an, die Wirkungen einer langen Ta⸗ — 169— gereiſe zu empfinden, ſtreckte mich in meinem Stuhle aus und fiel allmählig in tiefen Schlaf.“ „Nach einer kurzen Zeit weckte mich ein ſeltſames Geräuſch, nicht unähnlich dem zitternden Gekreiſche der Nachteule, hu! hu! hu! Ich machte die Augen auf und das Erſte, was ich ſah, war eine ſchlanke, geſpenſtiſche weibliche Geſtalt, die ſich über mich lehnte und deren Ge⸗ ſicht dem meinigen ganz nahe war.“ „Während meines kurzen Schlafes hatte ſich der Himmel aufgeklärt und die glänzenden Mondesſtrahlen, die durch die Fenſteröffnungen und die zerfallenen Mauern brachen, fielen gerade auf das Geſpenſt vor mir.“ „Bis zu meiner Todesſtunde werde ich das geiſter⸗ bleiche Geſicht, die hohlen Wangen und die glänzenden Augen nicht vergeſſen, wie das Geſpenſt mit gehobenen Händen, die langen, ſchneeweißen, knochigen Finger gegen mich ausgeſtreckt, in grellem, hohlen Ton das Gekreiſche wiederholte, ſich über mich beugte und mich mit Lippen küßte, welche der Moder und der Thau des Grabes zu befeuchten ſchien.“ „Ich bebte zurück, ich ſchauderte, als ob der Tod in dieſem furchtbaren Kuſſe mir ſein Siegel aufgedrückt hätte.“. „Abermals der furchtbare Laut— hu! hu! hu!“ „Meine Glieder weigerten ſich, dem Gebote meiner Angſt zu gehorchen, und, wenn es das Leben gekoſtet hätte, ich wäre nicht im⸗Stande geweſen, zu fliehen; mir 4 * — 170— war, wie es uns oft in Träumen zu ſeyn pflegt, wo jede Anſtrengung, die Hand oder den Fuß zu bewegen, vergeblich iſt.“ „In dieſem Augenblick begann der Morgen zu däm⸗ mern und ein Kanonenſchuß in einer benachbarten Feſte verkündigte den Tag.“ „Bei dem Knalle, der das Grabesſchweigen unter⸗ brach und weit und breit wiederhallte, ſchreckte die Ge⸗ ſtalt auf.“ „Hu! hu! hul! kreiſchte das ſchauderhafte Weſen, indem es ſich wieder niederbeugte und mir einen ſeiner hölliſchen Küſſe gab. Es entfernte ſich ſodann langſam und verſchwand— ich wußte nicht, wie— in der Dunkelheit eines entfernten Winkels des zerfallenen Gebäudes.“ „Als ich mich überzeugt hatte, daß es fort war, ſprang ich auf, beſtieg mein Pferd und ritt eilig in ein vier Meilen entlegenes Dorf, wo ich mir ein Frühſtück beſtellte.“ „Ich hatte hier kaum eine halbe Stunde zugebracht, als ich dieſelben Töne, die mich in der Kirche ſo ſehr erſchreckt hatten, wieder hörte.“ „Was iſt das? rief ich einem der eintretenden Auf⸗ wärter zu.“ „„O!““ ſagte er,„„es iſt nur ein armes verrücktes Weib, das in dieſer Gegend herumirrt, aber Niemand ein Leid zufügt und nichts ſagt, als hu! hu! hu!““ „und Jedermann küßt?“ — 171— „,Nein! Sie küßt nur die, welche bald ſterben ſollen.““ „Ich behielt das Geheimniß ihres Kuſſes für mich, obgleich ich, die Wahrheit zu geſtehen, ihr Herren, mich ein ganzes Jahr lang für wenig beſſer als einen todten Menſchen hielt.“ „Dies hat ſich vor mehr als zwanzig Jahren zuge⸗ tragen und doch iſt zuweilen, und beſonders in ſo furcht⸗ baren Nächten wie dieſe, das Andenken an mein Aben⸗ teuer in der alten zerfallenen Kirche ſo friſch, al n wenn ich es geſtern erlebt hätte!“ „Doch hört, Meiſter Lowright, die Nacht vergeht langſam und es iſt nicht möglich, ſich in dieſem Aufruhr und in dieſer Dunkelheit hinaus zu wagen. Ihr müßt uns bei einem neuen Glaſe und mit einer neuen Ge⸗ ſchichte Geſellſchaft leiſten.“ „Von ganzem Herzen,“ verſetzte der aufgeräumte Hauſirer;„laßt mich meine Gurgel ein wenig netzen und ich werde euch eine Geſchichte erzählen, die euch Alle in Staunen ſetzen ſoll.“ Das Glas machte die Runde und Meiſter Lowright begann, wie folgt. Zweites 1 Kapitel. Klap und klip! Klip und klap! Hört ihr's raſchelnd nah’n? Treppe auf und Treppe ab! Jetzt klopft's an der Thüre an! Schwediſches Volkslied. „Ihr müßt wiſſen, Gevattersleute, daß ich, obgleich ich von Neu⸗York komme, nicht in dieſer Stadt lebe, ſondern in einem tiefen Walde, ungefähr vier Meilen von der Inſel entfernt, wo Alles ſo wild und in einem ſo gänzlichen Naturzuſtand iſt, wie am Tage der Sündfluth.“ „Mein Haus hat nur einen Stock und nur ein Ge⸗ mach, das mir als Geſellſchaftszimmer, Küche und Spei⸗ ſeſaal dient. Mein Schlafzimmer befindet ſich unter dem Dache und man ſteigt auf einer Leiter hinauf.“ „Ich habe weder Frau, noch Kind; ein Hund und eine Katze ſind meine einzigen Hausgenoſſen, und ſo weit ich von meinem einſamen Fenſter ſehen kann, iſt keine Hütte zu erblicken.“ „Warum ich ein ſolches Leben führe, iſt meine Sache und ich werde euch nicht mit den Gründen läſtig fallen, die mich beſtimmten, dieſe einſame, abgelegene Gegend zu meinem Aufenthalt zu wählen.“ „Eines Sommerabends ſaß ich vor der Thüre mei⸗ — 173— nes Schloſſes und rauchte meine Pfeife, es mögen wohl jetzt gegen vier Jahre ſein, als ich einen jungen Men⸗ ſchen mit einem Stock in der Hand und in dem Aufzug eines gewöhnlichen Bettlers auf mich zukommen ſah. Als er ſich auf dem ſchmalen Pfade, der zu meiner Wohnung führt, näherte, bemerkte ich, daß er ſchlank und wohlge⸗ wachſen war und von Geſicht ſchön genannt werden konnte. Kurz, er war der angenehmſte Geſelle, den ich ſeit lan⸗ ger Zeit geſehen habe, einen jungen Mann ausgenom⸗ men, der lange Finne genannt, der im letzten Jahre hier war, und welchen ich neulich zu Neu⸗York in das Gefängniß bringen ſah.“ „Was?“ rief Wolfgang Langfanger,„iſt der lange Finne zu Neu⸗York?“ „Ei, freilich iſt er dort, und zu ſeinem Leidweſen, denn er iſt verurtheilt, durch die Straßen gepeitſcht und dann als Sclave nach Barbados verkauft zu werden, weil er, wie es heißt, mit den Wilden ſich gegen die engliſche Herrſchaft in aufrühreriſche Pläne einließ.“ „Doch, ich will mit meiner Geſchichte fortfahren, denn ich ſehe, Lob Dotterel wird ſchläfrig.“ „Als mir der Bettler näher kam, bat er mich in der herkömmlichen Weiſe um Herberge, da die Nacht dunkel hereinbräche und der Pfad, welcher in die Stadt führte, durch die Wälder ſchwer zu finden wäre.“ „Aber, bemerkte ich, ich habe nur ein Bett und das behalte ich gewöhnlich gern für mich.“ 1 — 174— - z„Bettler dürfen nicht wählen wollen,““ verſetzte er;„„ich kann an dem Feuerherd ſchlafen. Ich habe mein Leben lang ſchon härtere Lagerſtätten gehabt, und wenn ich etwas über mir habe, liegt mir wenig daran, was unter mir iſt, vorausgeſetzt, daß es eben nicht härter wäre als ein Stein.““ „Aber, erwiederte ich, ich kann Euch nicht— ich wohne allein hier in den Wäldern und es iſt nicht Sitte bei uns, in die Häuſer Leute aufzunehmen, von denen man gar nichts weiß.“. . 2„Wie?““ rief der Bettler und ſah mit einer trocknen Art Blickes weit umher,„„Ihr fürchtet, ich möchte Euch berauben? Denkt nur an den Unterſchied zwiſchen uns! Ihr ſeid mir gleicherweiſe fremd und doch ſeht Ihr, daß ich mich nicht fürchte, in Eurem Hauſe zu ſchlafen. Aber der Bettler ſingt Angeſichts des Räubers.““ „Die gute Laune des jungen Schelms gefiel mir; ich willigte endlich ein, ihn für die Nacht zu beherbergen und machte ihm ein Lager auf dem Herdſtein zurecht. Wir ſaßen faſt bis Mitternacht beiſammen, erzählten uns unſere Abenteuer und gingen dann zu Bett.“ „Ich weiß nicht, wie es kam, Freunde, aber ich konnte nicht ſchlafen; oder, wenn ich auch einen Augenblick ein⸗ ſchlief, ſo ſchreckten mich alsbald wieder furchtbare Träume auf.“ „Als ich einmal ſo empor fuhr, glaubte ich Geräuſch in der Stube unten zu hören; ich ſchlich leiſe an die — 175— Oeffnung und hatte hier einen Anblick, welcher jeden Blutstropfen in mir zu einem Eiszapfen machte.“ „„Was gab's?““ rief Lob Dotterel aus, öffnete ein Auge und zog ſeinen Stuhl dichter in die Ecke. „Der Bettler war eben emſig beſchäftigt, die Spitze eines Meſſers zu ſchärfen, das mir wenigſtens eine Elle lang zu ſein ſchien. Alle Augenblicke befühlte er die Spitze, ſchüttelte den Kopf, als wollte er ſagen:„das Ding iſt noch nicht ſpitz genug,“ und dann fing er wieder von neuem an zu arbeiten.“ „Ich hegte nicht den geringſten Zweifel, daß er, in der Meinung, ich hätte mir durch mein Geſchäft große Summen verdient, die Abſicht habe, mich zu ermorden, und ſchickte mich daher an, mein Leben, ſo gut als ich konnte, zu vertheidigen. Ich hatte ein Piſtol; unglückli⸗ cherweiſe fehlte ihm aber das Schloß; und ein altes, roſtiges Schwert, das in einer Ecke ſtand, hatte weder Schneide, noch Spitze.“ 2„ Ha,““ rief Meiſter Dotterel,„„gerade, wie Eure Raſirmeſſer.““ „Oder vielmehr, wie Euer vortrefflicher Witz,“ ver⸗ ſetzte augenblicklich der Hauſirer und hatte natürlich die Lacher auf ſeiner Seite. „Was war in meiner Lage zu thun? Ich begann, Eis ſtatt des Blutes in meinem Herzen zu fühlen; Muth und Kraft verließen mich, wie es zu oft in ſolchen Stun⸗ den der äußerſten Noth geſchieht. Endlich trat Ver⸗ * — n— zweiflung an die Stelle der Tapferkeit und Klugheit und, ſtatt zu warten, bis der Schurke ſein Meſſer gewetzt und geſchliffen und mich im Nu durchbohrt und getödtet haben würde, beſchloß ich, ihn zu überrumpeln und den Feind in ſeinem eigenen Lager anzugreifen.“ „Ich ſtürzte mich daher augenblicklich auf ihn nieder,— ſchwang mein getreues Schwert in der Rechten, und was meint ihr, meine Herren, was die Folge war?“ „„Nun, Ihr habt ihn getödtet,““ rief die ganze Geſellſchaft mit einer Stimme. „Nein— er hat mich getödtet!“ Hier fuhr die ganze Geſellſchaft, wie von einem Impuls bewegt, in die Höhe und ſtarrte in ſtummem Schrecken Meiſter Lowright an, als wollte Jeder fragen, ob er denn in der That vor ihnen ſitze, oder ob es nur ſein Geiſt ſei. Als ſich Alle in dieſem ergreifenden Zuſtande des Staunens, der Verwunderung und des Zweifels erhoben hatten, hörte man ein lautes Raſſeln des Donners, wel⸗ chem in dem Dachzimmer oben ein ſo furchtbares Po⸗ chen, Stoßen, Heulen und Schreien folgte, daß das kühnſte Herz erbebte und jeder der Anweſenden ſich zitternd und bangend an ſeinen Nachbar drängte. Jetzt hörte man etwas durch die Oeffnung, die mittelſt einer Leiter in das obere Geſchoß führte, mit einem Gewicht niederſtürzen, welches die Hausflur er⸗ ſchütterte; die Lampe, die nahe an der Leiter ſtand, — 177— erloſch plötzlich und das Getöſe in der Dunkelheit war ſo fürchterlich, als wenn alle Bewohner der Hölle ſich zu⸗ gleich aus ihrer finſtern Wohnung losgemacht und ihre Reſidenz in Meiſter Oldale's Schloſſe aufgeſchlagen hätten. Alles war in Schrecken, Angſt und Verwirrung; Niemand wagte es, ſich von der Stelle zu rühren oder ein Wort hören zu laſſen, den ehemaligen Obergerichts⸗ diener ausgenommen, welcher bei dieſer Gelegenheit ſei⸗ ner Tapferkeit und ſeinen Großthaten unter den India⸗ nern nicht wenig Schande machte, indem er laut nach Hülfe ſchrie; wirklich hielt ihn Othman Pfegel, der flach auf den Boden gefallen war, an dem einen Beine feſt. Dieſes Gebrüll rief Madame Oldale herzu, welche mit einem Lichte kam und den Grund dieſes ganzen Aufruhrs in der Perſon von zwei Katzen bemerklich machte, welche nach der Sitte dieſer liebenswürdigen Thiere ſich„grauſamlich“ liebten, gewiſſen Leuten nicht unähnlich, die nach dem alten Sprichworte thun:„was ſich liebt, zankt ſich.“ Die Entdeckung machte dem Feſte plötzlich ein Ende. Alle waren ſich innerlich bewußt, daß ſie über Nichts in Angſt gerathen, und ſchlichen ſich ohne die Förmlichkeit des Gutnachtſagens hinweg. Paulding VI. 4 12 Drittes Kapitel. Er iſt gefangen— laßt uns zu ihm gehen— Er kann zu uns nicht kommen. Frei allein Sind die Gedanken, und die läßt er fliegen, Wie einſt die Taube Vater Noah, und Sie ſagen ihm, die Erde babe nirgends Ein Ruheplätzchen mehr für ihn, Niemand Werd' ihm die Hand mehr freundlich ſchüt⸗ teln und Ihn aufrecht halten auf den wilden Wogen. Fort, laßt uns zu ihm gehen! Ungenannter. Neuigkeiten haben überall, vorzüglich aber in einem entlegenen Dorfe, raſche Schwingen.— Der Heer Pfei⸗ fer und ſeine ſchöne Tochter erfuhren bald, daß der lange Finne als Gefangener nach Neu⸗York gebracht und zu öffentlicher Auspeitſchung verurtheilt ſei, worauf er in die Sclaverei verkauft werden ſollte. Der Hauſirer wurde gerufen und erzählte, der junge Mann ſei in der Nacht vor dem Abzug der engliſchen Flotte ergriffen worden, als er eben einſam am Ufer des Stromes wandelte; man habe ihn an Bord eines der Schiffe gebracht, nach Neu⸗York geführt, wegen verräthe⸗ riſcher Pläne in's Verhör genommen, ihn verurtheilt und zu ſolch ſchmachvoller Strafe verdammt. 8 Der Art war wirklich Königsmarke's Geſchichte; in — 179— der erzählten Weiſe war er ergriffen, nach Neu⸗York gebracht und vor den Statthalter und ſeinen Rath ge⸗ ſtellt worden. Er ſtellte vergeblich dar, daß er unſchuldig, daß er zur Zeit, wo er dieſe Verbrechen begangen haben ſollte, ein Unterthan des Königs von Schweden und keiner an⸗ dern Macht in irgend einer Weiſe verpflichtet geweſen, am wenigſten einer Macht, die in dem Gebiete Schwe⸗ dens nichts zu befehlen habe. Man erwiederte ihm, die Schweden hätten von An⸗ fang her kein Recht auf das Gebiet gehabt, das ſie be⸗ ſeſſen, da daſſelbe factiſch durch das Recht der Entdeckung der Krone Englands gehört habe. Königsmarke habe daher unter einer angemaßten, unrechtmäßigen Regierung gelebt und könnte, auf den Grund hin, daß er einer Macht nicht verpflichtet wäre, welche, obgleich ſie nicht in dem Beſitze, doch in dem Rechte ſei, auf keine Rückſicht Anſpruch machen. Der Rath, aus dem Statthalter, Tho⸗ mas Delaval und Ralph Whitfield beſtehend, beſchloß, auf dieſe Gründe geſtützt, Folgendes: „Daß Königsmarke, gewöhnlich der lange Finne ge⸗ nannt, zu ſterben verdiene; daß es aber, in Berückſichti⸗ gung, daß Viele mit ihm in dieſe Pläne und Abſichten verwickelt und alſo derſelben Strafe verfallen ſeien und daß unter dieſen ſich unwiſſende und verführte Leute be⸗ fänden, auf welche die Strenge des Geſetzes nicht anzu⸗ wenden ſei, für paſſend, erachtet werde, zu befehlen, daß 12* — 180— der lange Finne derb gepeitſcht, mit dem Buchſtaben R gebrandmarkt, ihm eine Tafel auf die Bruſt befeſtigt, auf welcher in großen Lettern geſchrieben ſtehe, daß er wegen Rebellion geſtraft worden, und daß er dann in Gewahrſam gehalten werden ſolle, bis er nach Barbados oder in eine andere entfernte Colonie geſendet und dort als Sclave verkauft werden könne.“ Als Chriſtina dieſen furchtbaren Ausſpruch hörte, ſchien ihr das Herz zu brechen, und ſie ſank bewußtlos in die Arme ihres Vaters. Jede Art hitterer, unauslöſch⸗ licher Schmach war in dieſem urtheilsſpruche vereinigt; und welche zärtliche Freundin, welche innig Liebende hätte nicht lieber gehört, der ihr Theure ſei todt, als er ſei verurtheilt, ſo gezüchtigt, gebrandmarkt und in die Secla⸗ verei verkauft zu werden? Als Chriſtina ſich wieder erholt hatte, begehrte ſie, in ihr Gemach geführt und allein gelaſſen zu werden. Nachdem ſie hier eine oder zwei Stunden geblieben, ſandte ſie nach ihrem Vater, der ſie blaß, ſchwach und durch den Schmerz ihrer Gefühle faſt erſchöpft fand. Dennoch war in dem Glanze ihres blauen Auges eine ſprechende Kraft, welche zeigte, daß ſie mit einem Ent⸗ ſchluſſe kämpfe, der ihre ganze Seele erfüllte. „Wie fühlſt du dich, meine theure Tochter?“ fragte der Heer mit milder Stimme. „Gut— ſehr gut,“ verſetzte Chriſtina;„aber, mein Vater— ich habe dir eine Bitte vorzutragen, welche — 181— du mir gewähren mußt, wenn du einen Werth auf mein Glück— ja, auf mein Leben ſetzeſt. Willſt du?“ „Was begehrſt du, mein Liebling?“ verſetzte der Heer mit liebevoller Theilnahme.„Es müßte etwas Unmögliches ſein, wenn ich es dir abſchlüge. Was iſt es?“ Chriſtina blickte ihm zärtlich in das Auge und ſprach: „Er hat mein Leben gerettet— er hat mich in ſei⸗ nen Armen getragen, wie eine Mutter ihr einziges ge⸗ liebtes Kind; er hat in der Wildniß über mich gewacht; er hat den Tod und die Qualen der Wilden verachtet, um mich wieder an dein Herz zu legen; und ſoll ich nicht etwas thun, um ſo viel Güte, ſo viele Opfer zu ver⸗ gelten?“ „Alles, was nur geſchehen kann, um ihn aus dieſer Schmach, aus dieſem Elende zu retten, ſoll geſchehen. Ich werde nach Neu⸗York ſchicken und ihn als Unterthan meines Gebieters zurückfordern.“ „Ach!“ erwiederte Chriſtina,—„als ich ſeiner Hülfe bedurfte, hat er nicht geſchickt; er kam ſelbſt; er wagte Alles für mich— ſollen wir nicht etwas für ihn wagen? Vater— laß uns nicht hinſenden, ſondern laß uns ſelbſt gehen. Güte ſollte nie von einer zweiten Hand geſpendet werden. Wenn man die Leiden Anderer nicht abwehren kann, ſo ſollte man ſie durch Theilnalme mildern.“ „Aber bedenke, meine Liebe, was die Welt zu deiner Pilgerfahrt ſagen wird? Wird man dich nicht bitter tadeln, wenn du einem entehrten, gebrandmarkten Ver⸗ brecher— einem Geliebten folgſt, deſſen Zuneigung deine Schande und den zu lieben Ehrloſigkeit iſt?“ „Vater,“ ſagte Chriſtina,„ich weiß, daß es ſich für die Ehre und das Glück meines Geſchlechts ziemt, ſich in allen gewöhnlichen Verhältniſſen des Lebens. den ſtrengen Geſetzen des weiblichen Anſtandes zu fügen und unterzuordnen, und ich zolle der Meinung der Welt die gebührende Achtung. Ich weiß aber auch, Vater, daß es Zeiten und Gelegenheiten gibt, wo Liebe, Dankbarkeit, kindliche Pflicht, elterliche Zärtlichkeit, Anhänglichkeit an das Vaterland, ja ſelbſt die Ruhmbegierde ein Abweichen von den gewohnten Vorſchriften und Geſetzen, und das Opfer jener zarten Schranken und Gränzen, welche ſonſt nie außer Acht gelaſſen werden dürfen, nicht nur recht⸗ fertigen, ſondern dringend fordern. Wenn ich einen Gat⸗ ten rettete, ſo würde man mich dieſer Handlung wegen preiſen, ſelbſt wenn er meiner Liebe unwürdig wäre. Sollte ich nicht in gleicher Weiſe für Jemanden handeln dürfen, an den ich wenigſtens durch die Pflicht der Dank⸗ barkeit für ewig mich gefeſſelt fühle?“ „Bedenke aber die Beſchwerden und Mühſeligkeiten der Reiſe, meine Tochter!“ „Du vergißt, Vater,“ verſetzte Chriſtina mit einem trüben Lächeln,„du vergißt, daß ich daran gewöhnt bin, durch die Wildniß zu wandern. Die Pflicht, welche mich gehen heißt, wird mich das Rauhe des Weges überſehen — 183— laſſen, es müßte denn unſern Anſtrengungen ſo hinder⸗ lich werden, daß wir zu ſpät kämen.“ „Ach!“ erwiederte der alte Mann und ſchüttelte wehmüthig, zweifelnd den Kopf,„unſere Bemühungen werden, fürchte ich, jedenfalls zu ſpät kommen oder wenigſtens vergeblich ſein. Was haſt du dem Staats⸗ mann zu bieten, um ihn zu verſuchen, ein Urtheil auf⸗ zuheben, deſſen Vollſtreckung vielleicht politiſche Gründe fordern?“ „Meine Thränen— meine Dankſagungen— meine Gebete— meine ewige Da een Gewiß, Vater, die Ausübung der Gewalt verſteinert die Herzen der Men⸗ ſchen nicht, und ſie können gegen die Wonne nicht un⸗ empfindlich ſein, eine verlaſſene Fremde beglückt— be⸗ ſeligt zu haben.“ „Gut— gut— ich will mich dir nicht länger wider⸗ ſetzen, mein Mädchen. Wir wollen in Gottes Namen die Reiſe machen; und wenn es nöthig iſt, will ich, ſelbſt ich mich eher vor Richard Lovelace demüthigen, als daß ich dich ſo in Kummer vergehen und dem Grabe entgegen welken ſehe. Ich hatte dich ſchon einmal verloren und kenne den Schmerz eines ſolchen Verluſtes. Wir wollen fort, und zwar ſchnell.“ Gctriſtina warf ſich in die Arme ihres Vaters und rief unter Thränen: „O, daß ich am Leben bliebe, um meinem Vater alle Güte und Liebe, die er mir erzeigt hat, zu vergelten!“ — 184— Als es bekannt wurde, daß der Heer und ſeine Toch⸗ ter im Begriffe ſeien, dieſe lange Reiſe anzutreten, welche großentheils durch einen Wald führte, der bis jetzt nur von wilden Thieren und rothen Menſchen, ſelten von einem wandernden Weſen, wie Lowright, betreten wor⸗ den, eilten ein halbes Dutzend Dörfler zumal herbei, um ihre Dienſte anzubieten und ihren alten Gebieter und ſeine Tochter durch die Wildniß zu begleiten. „Wir wollen ein Canon für euch zu den Fällen rudern; wir wollen aus Zweigen eine Bahre machen, wenn ihr müde werdet, oder wenn der Weg durch Sümpfe und Bäche führt.“ Der Heer fühlte ſich durch ihre Zuvorkommenheit und Herzensgüte gerührt, ſchüttelte ihnen die Hände und nahm ihre Anerbietungen dankbar an. Selbſt in der Niedergeſchlagenheit ſeiner Seele und in der Bedrängung, die er wegen des Verluſtes ſeiner Würde fühlte, ſchwoll das Herz des Heern in Stolz und Freude, als er ſah, daß ſeine Mitbürger, obgleich ihm die Macht genommen war, ſich ihnen wohlthätig zu zeigen, ſich ſeiner Güte in den Tagen ſeines Glückes noch erinnerten. Ja, ſo leicht iſt es für Mächtige, die Liebe ihrer Untergebenen zu er⸗ werben, daß wir, wenn wir die Stimme des Volkes gegen ſie laut werden hören, ſtets gewiß ſind, daß Stolz, Anmaßung, ſchlechte Haushaltung und Druck dieſe Unzu⸗ friedenheit hervorrufen. — — 185— Viertes Kapitel. Die Roſen all' auf ihren zarten Wangen, Die Grazien all in ihren klaren Augen, All' die Muſik auf ihrer ſüßen Lippe, Die Lilien all’, die glänzend weiß ſich blähn Auf ihrer Bruſt— ſind werthlos im Vergleich Mit jener Treue, die des Weibes ſchönſter Schmuck iſt. Ungenannter. 2 Nach zwei Tagen waren alle Zurüſtungen zu der Reiſe gemacht, und eines ruhigen, ſtillen Morgens in dem heitern Juni⸗Monat überließ ſich unſere kleine Ge⸗ ſellſchaft in einem kleinen Canon der Fluth, die den Strom hob. Ein ſanfter Südwind kräuſelte die Oberfläche der Waſſer und kühlte die Sommerluft zu wohlthuender Kühle ab. Sie kamen zuerſt an Coaquanock vorbei, da⸗ mals ein kleines, erblühendes Dorf, ſeitdem aber eine edle Stadt, geehrt durch ihren berühmten Gründer, und dreifach geehrt als die Wohnung eines Weiſen, deſſen Lehren ſpätere Zeiten erleuchteten, deſſen Beiſpiel allen Zeiten glänzend vorleuchten wird. Leicht ſchwamm das kleine Fichten⸗Canon die niedrigen Ufer entlang, welche mit Gruppen von Waſſerweiden beſetzt waren, die ſich auf die Wellen niederbeugten und ſie küßten, als ſie ſich den kleinen Niederlaſſungen von Burlington und Briſtol 8 — 186— näherten, wo einige geklärte Feldſtreifen um eine Gruppe ländlich einfacher Wohnungen den Beginn jenes großen Wechſels in dem Charakter des Landes und in dem Ge⸗ ſchicke ſeiner urſprünglichen Bewohner andeuteten, der ſich ſo raſch in der neuen Welt geltend macht, und wahr⸗ ſcheinlich nicht eher endigt, als bis er von dem atlanti⸗ ſchen Meere im Oſten zu dem Geſtade des Oceans im Weſten mit einem Impuls hingedrungen iſt, den nichts niederdrückt und nichts hemmt. Die Fälle, wo Trenton jetzt liegt, waren die letzten Niederlaſſungen der wei Männer an dem obern De⸗ laware. Von da dehnte ſich ein weiter Wald aus, in welchem die Tirans, die Tiascons, die Raritans und hundert andere wandernde Stämme umherſtreiften, die nun entweder von dem Angeſicht der Erde verſchwunden ſind, oder ſich noch in einzelnen entarteten Weſen erhalten haben, die nur zu dem Zwecke zu leben ſcheinen, daß ſie darthun, wie der rothe Mann für den Schatten, der weiße Mann für den Sonnenſchein geboren ſei. Alle dieſe waren jetzt in gutem Einverſtändniß mit ihren neuen europäiſchen Nachbarn, und unſere kleine Geſellſchaft reiſ'te unbeläſtigt von den Fällen durch die Wälder, denen entlang jetzt die claſſiſchen Tempel von Princeton die Jugend unſers Landes von allen Sei⸗ ten herbeiziehen— wo Kingston, Brunswick, Wood⸗ bridge und Rahway jetzt von geſchäftigen Weſen wim⸗ meln, während in jener Zeit noch keine Spur von An⸗ — 187— bau zu ſehen war— bis ſie in die Gegend von Eliſabeth⸗ town kamen, wo ſich eben Coloniſten niedergelaſſen hatten. Wenn Chriſtina und der gute Heer des Gehens müde waren, oder der Weg zu rauh wurde und andere Hemmniſſe eintraten, nahmen ſie auf der Bahre Platz, die das treue Geleite trug; kamen ſie an einen Fluß, durch welchen ſie nicht waten konnten, ſo wurde das kleine Canon in das Waſſer gelaſſen und man ruderte die Reiſenden an das andere Ufer. An der Stelle, die jetzt Eliſabethtown Point heißt, und wo unſere kleine Geſellſchaft jämmerlich von den Muskitos litt, ſchifften ſie ſich ein und wurden in reißen⸗ der Eile die Kills hinabgetrieben. Weder das Waſſer, noch das Land zu beiden Seiten, boten die heitere, be⸗ lebte Scene dar, welche den Reiſenden jetzt hier entzückt. Keine Auſternboote ließen ihre raſchen Ruderſchläge hören; keine Flotten von bunten Schaluppen und andern Fahr⸗ zeugen, wie ſie jetzt jeden Augenblick mit der Schnelle des Windes an einander vorübergleiten, waren zu ſehen; keine Dampfſchiffe zogen ihre langen ſchwarzen Rauch⸗ wimpel auf. Die einzigen lebendigen Weſen, welche außer ihnen zu erblicken waren, waren die Möven, die die Oberfläche des Waſſers ſtreiften, und die Fiſche, die in dem ſpiegelklaren Elemente ſpielten. Wo die kleinen Dörfer, die weißen Kirchthürme, die dichtgeſäeten Bauernhäuſer jetzt die Landſchaft nach allen — 188— Seiten beleben, waren damals nichts als hohe Bäume, auf deren verdorrten Aeſten man dann und wann den Fiſchreiher, der auf ſeine Beute im Waſſer lauerte, oder den Adler ſah, welcher der Gelegenheit harrte, ſie jenem wieder zu entreißen. Sobald der Reiher ſeine Beute gefaßt hatte und ſich in die Luft erhob, regte der ſtolze Adler ſeine Schwingen und verfolgte ihn, bis er ſie fallen ließ, wo denn der königliche Räuber den Fittig raſch ſenkte und den Fiſch mit bewundernswerther Kunſt er⸗ faßte, ehe er das Waſſer erreichte. Eine ſo ſchöne Stenerie mochte wohl ein Herz erfreuen, welches nicht von Gegenſtänden tiefern Inte⸗ reſſes bedrängt war, die jedes Gefühl für die Natur und ihre zauberreiche Pracht verſchlangen. Die Gedanken des guten Heern und ſeiner Tochter waren einem Punkte zugewendet und ſie blieben ungerührt bei der entzücken⸗ den Reihe von Gegenſtänden, welche raſch an ihrem Blicke vorüber gingen, bis ſie die reizende Bucht und die Stadt erblickten, die aus ihrem geräumigen Buſen aufzu⸗ tauchen ſchien. Einen Augenblick gaben ſie ſich dem Zauber dieſer herrlichen Scene hin und überließen ſich dem Staunen und der Bewunderung, wovon Jeder ſich hier ergriffen fühlt. Aber der Gedanke, daß ſie ſich dem Orte und der Stunde näherten, welche ihr Schickſal als glückliche oder unglückliche Weſen hienieden beſiegeln ſollten, gewann — 189— ſchnell wieder das Uebergewicht und ſchloß alle andere Gedanken und Gefühle aus. Unſere kleine Geſellſchaft landete zu Neu⸗York wie Pilger in einem öden Lande, oder fühlte ſich wenigſtens ſo einſam, wie in Mitten der Wüſte. Mit der Stadt unbekannt und ohne eine befreundete Seele, wußten ſie nicht, wo ſie ein Obdach aufſuchen ſollten, und wanderten, für die geſchäftigen Bewohner eher Gegenſtände des Staunens, als der Theilnahme, in den kleinen krummen Gaſſen und Gäßchen umher. Endlich kamen ſie an der Thüre eines behaglich aus⸗ ſehenden Hauſes vorbei und der gute Heer und ſeine Tochter hörten hier plötzlich einige Verſe aus einer alten Ballade, welche ſie oft gehört hatten; auch die Stimme, welche ſie ſang, ſchien ihnen bekannt. „Mein Gott!“ rief der Heer unwillkürlich aus, „wenn es nicht ganz unmöglich wäre, würde ich glauben, unſern alten Nachbarn, Wolvert Spangler, eines ſeiner kleinen Liedchen ſingen zu hören.“ Dieſen Ausruf hörte der Sänger und kam an die Thüre, und ſieh, es war in der That das kleine, runde, luſtige, lächelnde Geſicht des balladenſingenden Schuſters von Elſingburg. Sobald der ehrliche Wolvert den alten Heern und ſeine Tochter erkannte, eilte er herbei, nahm die Hand des Heern und ſchüttelte ſie herzlich, und Thrä⸗ nen des freudigſten Willkomms rollten über ſeine Wan⸗ gen herab. 3 — 190— „Mein alter Heer,“ rief er endlich,„es freut mein Herz innig, dich wieder zu ſehen. Und auch du, mein kleines Fräulein, wirſt einem armen, alten Bekannten, der oft an deinem kleinen Fuße das Maß nahm, erlau⸗ ben, dich in dieſer guten Stadt willkommen zu heißen.“ „In Wahrheit, Wolvert,“ ſprach der Heer,„dein Willkomm kömmt uuns gelegen und erfreut unſere Her⸗ zen, ſo wie er unſerer Noth abhilft. Wir ſind als Fremde hier, ohne Haus, ohne Obdach, ohne Freunde“— „Sprichſt du ſo,“ fiel ihm Wolvert ein,„es freut mich, es freut mich herzlich, denn du wirſt dann viel⸗ leicht mich als deinen Freund und mein Haus als das deinige betrachten. Du wirſt nie eine Schwelle über⸗ ſchreiten, wo du willkommner biſt, oder ein Herz findeſt, das bereitwilliger wäre, zu deinem Glücke beizutragen.“ „Komm herbei, Frau!“ rief er dann.„Du haſt die Güte, die meine Wohlthäterin(das kleine Fräulein hier) mir und den Meinigen erwies, als ich weder Haus, noch Heimath hatte, nicht vergeſſen. Ich habe dir oft davon erzählt.“ Auf dieſen Anruf erſchien alsbald eine niedlich und gut gekleidete, freundliche Frau, die ſie mit Gruß und lächelndem Blicke bat, einzutreten und das Haus als das ihrige anzuſehen. „Wir wollen dein Anerbieten ohne Umſtände anneh⸗ men,“ ſagte der Heer,„nicht nur, weil wir nicht wiſſen, wo anders wir hin ſollen, ſondern ganz vorzüglich, weil — 191— deine Einladung bieder zu ſein und aus dem Herzen zu kommen ſcheint.“ „Sonſt mag auch eines der ſchwerſten Gerichte des Dominic Kanttwell über mich und die Meinigen, über mein Haus und Alles, was darin iſt, kommen,“ ſagte der ehrliche Wolvert, während er den Vater und die Tochter in ſein behagliches Geſellſchaftszimmer führte, deſſen Boden mit Meerſand, ſo weiß wie friſch gefallener Schnee, beſtreut war. Nachdem ſie einige Erfriſchungen zu ſich genommen hatten, die man ihnen mit einfach bie⸗ derer Herzlichkeit aufdrang, redete der Heer, deſſen Herz kaum je ſo verſchloſſen war, daß eine gute Mahlzeit es nicht zu einiger heiterer Fröhlichkeit erwärmt und ausge⸗ dehnt hätte, ſeinen Wirth folgendermaßen an: „Nachbar Spangler, ich freue mich um deinet⸗ und zumal um meinetwillen, daß ich dich in ſo behaglichen Umſtänden finde. Du biſt fleißig und ſparſam geweſen, ich darf wohl darauf ſchwören, he? Denn, wenn ich mich recht erinnere, hatteſt du, als du von Elſingburg Abſchied nahmſt, der guten Dinge, die das Leben erheitern und verſchönern können, eben nicht in ſehr großem Ueberfluß, he? Erzähle uns deine Schickſale.“ „Eine kurze Geſchichte!“ erwiederte der Andere. „Nachdem ich Elſingburg verlaſſen hatte, ſuchte ich mir einen Weg nach Hoarkill, wo ich einen Bruder hatte, der ein Schiffer und im Beſitze eines kleinen Schiffes war, mit welchem er die Küſte auf und ab befuhr. Er * — 192— nahm mich bei einer Reiſe nach Neu⸗York mit ſich und ich ging in den Straßen dieſer Stadt hin und her, um mein Glück zu ſuchen. Die Vorſehung führte mich, wie ich demüthiglich zu hoffen wage, trotz der von Dominic Kanttwell über mich ausgeſprochenen Gerichte, zu dem Eigenthümer dieſes Hauſes, damals ein würdiger, vom Himmel begünſtigter Schuhmacher, welchem es glücklicher⸗ weiſe eben an einem Geſellen fehlte und der mich, auf mein gutes Geſicht hin, in ſeine Dienſte nahm. Es war dies nicht der einzige Gefallen, den mir mein Geſicht that, denn ungefähr ein Jahr darauf ſtarb mein Meiſter und hinterließ ſeiner Wittwe Alles, was er hatte. Die artige Frau hatte ihre Freude an der Muſik, und meine Balladen machten nach einiger Zeit Eindruck auf ihr Herz. Eine lange Geſchichte und eine ziemlich lange Freierei kurz zu machen— ich heirathete eine vortreff⸗ liche Frau, die mir eine vollſtändige Unabhängigkeit in der Welt ſicherte, und welcher ich, wie ich hoffe, ſtets ein guter, liebevoller Gatte war und bleiben werde. Und nicht dies allein— Statthalter Lovelace hat mich in der letzten Zeit auch zu einem ſeiner fünf Aldermen gemacht und zieht mich bei allen wichtigen Angelegenheiten zu Rath, weil ich, wie er zu bemerken beliebte, ſtets einerlei Anſicht mit ihm habe, welches beweiſe, daß ich ein Mann von geſundem Urtheil ſei. Ihr ſeht alſo, mein würdiger alter Gebieter, meine alten Freunde, daß ich den Balladen mein ganzes Glück zu verdanken habe.“ — — 193— Der Heer dachte einen Augenblick über dieſe biogra⸗ phiſche Skizze nach und wendete ſich dann mit beklemm⸗ ter Stimme und faſt ſtockend, als fürchte er, die Ant⸗ wort auf ſeine Fragen zu hören, an den Alderman Spangler: „Da du das Vertrauen des Statthalters Lovelace beſitzeſt, ſo kannſt du mir vielleicht von dem Schickſale eines jungen Mannes Nachricht geben, welcher uns, we⸗ nigſtens mir, ſehr theuer i*ſt, und deſſen du dich vielleicht von Elſingburg her erinnerſt, wo er allgemein unter dem Namen des langen Finnen bekannt war. Wir haben vernommen, er befände ſich hier, und ſein Leben und ſeine Freiheit ſeien gefährdet.“ „Man hat Euch die Wahrheit geſagt,“ erwiederte der Alderman.„Der arme Burſche! Ich habe alles Mögliche gethan, um ihn der Strafe für etwas zu entziehen, deſ⸗ ſen er, wie ich allen Grund zu glauben habe, nicht ſchul⸗ dig iſt. Ich habe mich ſelbſt dem Willen des Statthal⸗ ters entgegengeſtellt, ſo daß er vielleicht in ſeiner Anſicht von meinem geſunden urtheil irre wird. Seine Excel⸗ lenz iſt aber gegen Königsmarke ungemein eingenommen, weil er ſich bei ſeinem Verhöre vor dem Rathe ziemlich keck und kühn benahm und, nach der Anſicht des Statt⸗ halters, ein wenig nach einem Stutzohr und presbyteria⸗ niſchen Parlaments⸗Rebell zu riechen ſchien.“ „Wie weit iſt ſein Schickſal entſchieden?“ fragte der Heer.„ Paulding VI. — 194— „Er iſt verurtheilt,“ antwortete Spangler,„öffent⸗ lich gepeitſcht und dann als Sclave nach Barbados ver⸗ kauft zu werden. Der erſte Theil der Strafe ſoll mor⸗ gen um zwölf Uhr an ihm vollzogen werden.“ „Wollteſt du nicht, meine Tochter, dich mit unſerer gütigen Wirthin entfernen?“ Mit dieſen Worten wendete ſich der Heer an Chri⸗ ſtina, deren Erregung immer ſichtbarer ward und ſie faſt zu vernichten drohte, wenn ſie bedachte, es ſei nun zu ſpät, Königsmarke, wenigſtens vor der Schande, zu retten. Sie widerſetzte ſich der Aufforderung, wegzugehen. „Ich kam, um Alles zu ſehen, Alles zu hören und Alles zu ertragen, wenn die Vorſehung mir einige Tage Kraft gibt. Die Zeit drängt; was gethan werden ſoll, muß ſchnell geſchehen, oder es iſt vergeblich. Guter Wol⸗ vert,“ ſagte ſie, ſich zu ihrem alten Bekannten wendend, „könnteſt du es vermitteln, daß ich Richard Lovelace dieſe Nacht noch ſehe?“ „Ich fürchte, nein, Maid,“ antwortete Wolvert. „Er iſt nach Staten Island zu einer Jagdparthie, um Bären zu ſchießen, und wird erſt ſpät wieder kommen, wenn er überhaupt heute zurückkehrt. Morgen früh aber muß er durchaus hier ſein.“ 4 „Kannſt du ihn morgen früh, ehe die Stunde kömint, ſehen und mir eine Audienz verſchaffen?“ „Ich hoffe, es ſoll mir mit Gottes Beiſtand gelin⸗ gen,“ verſetzte er. — 195— „Kann ich— ihn nicht ſehen?“ fragte Chriſtina und die Worte kamen kaum hörbar hervor. „Wen? den jungen Mann? Nein, heute Nacht nicht. Er ſitzt in dem Fort gefangen und ohne einen ausdrücklichen Befehl von dem Statthalter kann Nie⸗ mand ihn ſehen. Aber morgen— ſei muthigen Herzens, meine gute Maid— morgen werden wir verſuchen, was zu thun iſt. Richard Lovelace iſt ein leidenſchaftlicher Mann, aber er iſt nicht grauſam. Laß uns unſer Ver⸗ trauen auf den Himmel ſetzen.“ „Das thu' ich,“ erwiederte Chriſtina,„aber die Furcht erſchüttert oft mein Vertrauen. O wollte doch der Him⸗ mel, dieſe Nacht wäre vorüber, denn ich fürchte, die Be⸗ ſinnung verläßt mich, ehe die Stunde kömmt, wo ich ihrer Stütze und der meines Schöpfers am meiſten bedarf. Vater, ich wünſche, in mein Gemach zu gehen und mich auf morgen vorzubereiten.“ Die gute Hausfrau führte Chriſtina in ihr Gemach, und überließ ſie, nachdem ſie ſich überzeugt hatte, daß nichts zu ihrer Behaglichkeit fehle, der Einſamkeit. 13* Fünftes Kapitel. Ich ſage, ſchließt die Eiſenthüre auf, Und gebt mir den Gefangenen heraus. Bei'm Himmel— Bande ſollen bald ihn feſſeln, Zu denen eure Eiſenketten ſich Verhalten, wie zu ſtarken Schiffestauen Ein Sommerfaden. Ungenannter. Die Ermüdung, welche der langen und beſchwerlichen Reiſe folgen mußte, war nicht im Stande, den ſtets wa⸗ chen Schmerz der armen Chriſtina zu beſiegen, und ſie wandelte in ihrem Gemache auf und ab, bis das Krähen des Hahns den herannahenden Morgen verkündigte, welcher über ihr Glück oder Elend entſcheiden ſollte. Die aufgehende Sonne fand ſie blaß und von Angſt und Kummer erſchöpft; doch war eine Feſtigkeit, eine Faſſung in ihrer Stimme und Haltung, welche von einem Geiſte zeugte, der entſchloſſen war, den Begebniſſen des Tages entgegen zu gehen, mochte er auch bringen, was er wollte. Sobald die Stunde ſchlug, in welcher der Statthal⸗ ter gewöhnlich von ſeinem Frühſtücke wegging, eilte der gutmüthige Spangler fort, um dem Heern und ſeiner Tochter eine Audienz zu verſchaffen. Seine Excellenz war an dieſem Morgen zufällig in — — 197— ſehr heiterer Laune, indem er eben Nachrichten aus Eng⸗ land erhalten hatte, die ihm beſonderes Vergnügen mach⸗ ten, welchen wir aber, da ſie nicht in näherer Beziehung zu unſerer Geſchichte ſtehen, hier keinen Raum geſtatten können. „Was ſagt Ihr mir, Alderman? Der alte Statthal⸗ ter von Elſingburg kommt mit ſeiner Tochter hierher, um Gnade für den ſogenannten langen Finnen zu erbit⸗ ten! Alle Blitz! Iſt ſie jung und ſchön, he?“ „Sie iſt blaß und traurig,“ verſetzte Spangler; „aber die Maid hat ſchöne blaue Augen, ein ungemein liebliches Geſicht und ihre Geſtalt iſt fehlerlos.“ „Wie? Keine holländiſche Scheuche, gebaut wie ein Weinfaß, he? Gut, ich werde meine Uniform anziehen und Ihr könnt mir den alten Heern und ſeine Tochter hierher bringen.“ Der Alderman entfernte ſich eilig und der Statthal⸗ ter Lovelace zog ſeine Uniform an, um die ſchöne junge Schwedin zu empfangen, deren Glieder wie in einem Fieberfroſte zitterten, als ſie vor den Mann trat, der für ſie jetzt eine, jede andere menſchliche Größe übertreffende Wichtigkeit hatte, da Königsmarke's Schickſal in ſeine Hände gegeben war. 4 Der alte Ritter war von der Schönheit unſerer Hel⸗ din mächtig ergriffen und geleitete ſie mit einem Gemiſch von Galanterie und Mitleid zu einem Stuhle. Nach einer augenblifklichen Verlegenheit ſagte Chri⸗ ſtina zu dem Heer:. — 198— „Vater— die Stunde naht— jeder Augenblick iſt koſtbar!“ Der Heer bat nun in einer feſten, männlichen und gefühlvollen Weiſe um Begnadigung und Freigebung des jungen Schweden, Königsmarke genannt, welcher in Allem, was er gethan, auf ſeinen Befehl gehandelt habe, auf Befehl des wahren, geſetzmäßigen Stellvertreters des Königs von Schweden, in deſſen Beſitz und unter deſſen Rechtspflege damals das Gebiet von Elſingburg geweſen ſei. „Aber er forderte die Wilden auf, zu den Waffen zu greifen, und ſetzte dadurch das Leben vieler Untertha⸗ nen meines Gebieters in Gefahr. Dies war gegen die Geſetze Gottes und der Menſchen und er verdient die ſtrengſte Strafe.“ „Sowohl die göttlichen, wie die menſchlichen Geſetze,“ erwiederte der Heer,„geſtehen uns wenigſtens das Recht der Selbſtvertheidigung zu; und es war bei deiner Nation, ſo wie überhaupt bei allen erſten Abenteurern, die ſich in die neue Welt wagten, herkömmlich, die Wilden bei ihren Kämpfen gegeneinander ſich zuzugeſellen. Er hat den rothen Mann nicht aufgefordert, deine Stadt zu überfallen, und dein Volk zu morden, ſondern uns in der Vertheidigung unſeres Lebens und Eigenthums Bei⸗ ſtand zu leiſten. Dazu war er von mir beauftragt und wenn Jemand in dieſer Sache zu tadeln iſt, ſo bin ich es und ich übergebe mich dir hier als Gefangener, und übernehme ganz und gar die Folgen einer Handlung, welche nicht die ſeinige, ſondern die meinige war.“ —— „Aber,“ ſagte Lovelace,„es iſt durch die Ausſage deiner eigenen Leute bewieſen, daß er ſeinen Verkehr mit den Wilden nach der Uebergabe von Elſingburg fortſetzte und daß er alſo der Verſchwörung und des Hochverraths gegen des Königs von England Majeſtät ſchuldig iſt.“ „Dies iſt nicht möglich,“ erwiederte der Heer,„weil er während der ganzen Zeit der Verhandlungen bei mir war, und auch nach dem Abſchluſſe derſelben mich nicht verließ, bis zu dem Abend, welcher dem Abgang der Flot⸗ tille voranging, wo er, wie ich höre, von den Helfers⸗ helfern des Sir Robert Carre aufgegriffen und mit Ge⸗ walt weggeführt wurde. Wer von meinen⸗Leuten hat dir dieſe falſchen, treuloſen Nachrichten hinterbracht?“ Statthalter Lovelace öffnete eine Schieblade und nahm einen Brief von Othman Pfegel heraus, in wel⸗ chem dieſe Anklagen gegen den langen Finnen enthalten waren und überdies bemerkt wurde, der Dominie Kantt⸗ well ſei bereit, dieſe Ausſagen zu bekräftigen. „Der Galgenſchwängel!“ rief der Heer aus. „Der lange Finne ſoll ihm die Ohren abſchneiden und des Dominic's Zunge ausreißen, wenn er es ja erlebt, Elſingburg wieder zu ſehen; und iſt dies nicht, ſo hoffe ich noch eine kleine Weile am Leben zu bleiben, wäre es auch nur, einem jungen Mann dieſen guten Dienſt zu erzeigen, den ich wie meinen eigenen Sohn geliebt habe.“ „Aber welche Beweiſe haſt du für den jungen Mann beizubringen?“ verſetzte der Statthalter. 4 4 — 200— „Das Wort, oder, wenn du willſt, den Schwur eines Ehrenmannes,“ ſagte der Heer. „Und auch den meinigen,“ fiel Chriſtina weinend ein.„Der junge Mann hatte mich nicht ſo lange verlaſ⸗ ſen, daß er eine Unterredung mit den Wilden hätte haben können.“ „In der That!“ ſagte Lovelace.„Iſt der junge Mann nahe mit dir verwandt?“ „Nein; nicht ein Tropfen des Blutes, das in ſeinen Adern fließt, iſt mit dem meinigen verwandt. Ich bin ihm in dieſer Rückſicht nicht verpflichtet, aber ich habe ihm das Leben, und mehr als das Leben zu danken!“ „Und warum,“ ſagte Chriſtina nach obigen Worten zu ſich ſelbſt,„und warum ſollte ich beben, das zu ſagen, was mir mein Herz eingibt, und deſſen Verſchweigen die Dankbarkeit zu einem Verbrechen machen würde? Die Secunden ſind gezählt— die Uhr ſchlägt elf— eine Stunde noch— nur noch eine Stunde— und es iſt zu ſpät!“ Chriſtina erhob ſich von ihrem Sitze, eilte ſchwankend zu Lovelace und warf ſich ihm zu Füßen. „O Herr,“ rief die Maid mit gefaltenen Händen, „wenn du der Gerechtigkeit, welche die Freiſprechung des Unſchuldigen fordert, nicht nachgeben kannſt, ſo gib den Bitten um Gnade für den Gefangenen nach, der in deine Hände gegeben iſt. Zu jeder andern Zeit würde ich es 3 für paſſend halten, mich in den Schleier der jungfräu⸗ liicchen Beſcheidenheit zu hüllen und vor dem Geſtändniß — 201— zu beben— aber jetzt erkläre ich dir,— dieſer junge Mann iſt mein Verlobter— Liebe und Dankbarkeit ha⸗ ben mich für alle Zeiten an ihn gefeſſelt, und wenn ihn die Streiche der öffentlichen Schande treffen, wenn er mit den indianiſchen Sclaven in die Knechtſchaft verkauft wird, ſo wird er nicht allein, auch ich werde dieſe Streiche, dieſe Ketten fühlen. Auch mein Vater wird in kurzer Friſt ein kinderloſer Greis ſein und auf ſeinen Schultern eine Bürde von Elend tragen, welche größer iſt, als ſelbſt die Laſt ſeiner Jahre. Bedenke all dies und fühle, wie mein Vater und ich für dich fühlen würden, wenn du und deine Tochter vor uns ſtänden und euer Schickſal in unſern Händen wäre. Vielleicht haſt du eine Tochter?“ Der ritterliche, gute alte Herr trocknete ſich die Au⸗ gen, eilte raſch an das Kamin und zog die Klingel haſtig. Ein Diener trat eilig ein. „Meinen Wagen, ſogleich! Hörſt du? ſogleich!“ Er ſetzte ſich nun an ſeinen Tiſch und beſchäftigte ſich mit Schreiben, bis der Diener eintrat und ankün⸗ digte, der Wagen ſei bereit. Lovelace ſtand auf, näherte ſich Chriſtina und gab ihr den Brief, den er eben geſchrieben. „Du ſollſt ihm ſelbſt die erſte Nachricht bringen, meine Tochter, denn als ſolche betrachte ich dich,“ ſagte Lovelace.„ Beſteige mit deinem Vater den Wagen, fahre in das Gefängniß, gib dieſe Zeilen dem Aufſeher, und mögen die, welche vor Schritten, wie der deinige, beben, nie die Wonne fühlen, der du nun entgegen gehſt. — 202— Gehe und bringe den jungen Mann mit dir hierher. Keinen Dank, es iſt kein Augenblick zu verlieren.“ Er führte nun Chriſtina an den Wagen, hob ſie und ihren Vater hinein, und befahl dem Kutſcher, in der größten Eile nach dem Gefängniß zu fahren. „Wenige Minuten, nachdem ſie die Wohnung des Statthalters verlaſſen, ſchlug die Uhr zwölf und Chriſtina rief, als der letzte Schlag verklang, in bitterm Schmerze: „Wir werden zu ſpät kommen. O, ich kenne ihn zu gut! Ich weiß, wenn er einmal den Blicken des Pö⸗ bels blosgeſtellt war, wenn die Peitſche einmal die gehei⸗ ligte Würde des Mannes geſchändet hat, wird es ſo gut ſein, als wenn er auf ewig für uns verloren wäre; er wird ſterben, oder er wird uns wenigſtens nie wieder ſehen!“ Wenige Minuten brachten ſie in das Fort, welches als Gefängniß für Staatsverbrecher diente; als ſie ſich der Halle näherten, ſahen ſie eine lebhafte Bewegung und viele Leute eilten herzu. Als ſie näher kamen, er⸗ blickten ſie eine ſchlanke Geſtalt, die mit einigen Solda⸗ ten kämpfte, welche im Begriff ſchienen, des Gefangenen Ueberrock abzuſtreifen, eine Maßregel, welcher er ſich aus allen Kräften widerſetzte. „Pah! Pah!“ rief einer der Soldaten mit rauher Stimme,„der Widerſtand iſt hier vergeblich und Ihr mögt es immerhin ruhig geſchehen laſſen.“ „Iſt keine Hoffnung, daß man mich erſchießt?“ verſetzte der Gefangene verzweifelnd.„Muß ich wie ein Sclave mich peitſchen laſſen?“ 1 8 — 203— „So gewiß, als man Euch den langen Finnen nennt,“ antwortete der Soldat.„Hier kömmt der Kitz⸗ ler mit ſeiner neunſchwänzigen Katze; wenn Ihr auch ſo viele Leben hättet, als eine Katze, er würde ſie Euch alle herauspeitſchen, ich ſchwör' es Euch.“ „Dann ſei Gott mir gnädig!“ So rief der junge Mann, faßte raſch das Bajonnet, das der Soldat in ſeinem Gürtel ſtecken hatte und rich⸗ tete es auf ſeine Bruſt. In dieſem Augenblick, und als eben ſein Blut die Spitze färbte, hörte er eine Stimme, die in ſeine Seele drang: „Halte ein! Um des Himmels willen, halte ein! deine Ehre iſt gerettet!“ Im nächſten Augenblicke ſank Chriſtina in ſeine Arme, und ihre reine weiße Bruſt wurde von dem Blute deſſen befleckt, der ſie an ſein Herz drückte. Als das blauäugige Mädchen das Blut ſah, bebte ſie in furchtbarer Verzweiflung zurück. „Bin ich zu ſpät gekommen? Haſt du die That vollbracht? O gerechter Himmel— ein Augenblick konnte ihn und mich retten— und dieſer Augenblick wurde ver⸗ geudet!“ Königsmarke verſicherte ſie feierlich, daß er nicht verletzt ſei— daß ſein Arm in dem furchtbaren Augen⸗ blicke durch ihre Stimme zurückgehalten worden ſei. „Und ſo liebſt du mich?“ ſagte Chriſtina,—„du konnteſt nicht ein wenig für mich dulden, die ich Alles für dich dulden wollte!“ —— — 204— „Alles, nur keine Streiche, keine Brandmarkung! Könnteſt du es ertragen, theure Chriſtina, dein Schickſat an das eines Mannes geknüpft zu ſehen, welcher auf ſei⸗ nem Rücken die Narben der Schmach und auf ſeiner Stirne das Zeichen unverlöſchlicher Schande trägt?“ „Ja!“ verſetzte ſie und hob ihre Augen zu dem Himmel empor, als wollte ſie dieſen zum Zeugen nehmen, daß ſie die Wahrheit ſage,—„ja! aber weder du, noch ich könnten es lange ertragen.“ „Kommt! kommt!“ rief der Heer, der nun zum erſten Male wieder über ſeine Augen und ſeine Stimme gebieten konnte.—„Kommt, kommt, ihr jungen Leute! Steht hier nicht und ſprecht und weint im Angeſichte die⸗ ſer rohen, herzloſen Schurken, die, wie ich ſehe, weder lachen, noch weinen können. Herr Aufſeher, iſt der Be⸗ fehl in gehöriger Form?“ „Ganz und gar, Herr— der junge Herr iſt frei und kann gehen, wohin er will!“ „Gut— dann laßt uns gehen, in Gottes Namen!“ ſprach der Heer zu ſeiner Tochter und Königsmarke. „und hier iſt etwas, um euch einen fröhlichen Tag zu machen, ihr Burſchen,“ ſetzte er hinzu, und warf eine Handvoll Reichsthaler unter die Soldaten und Kerker⸗ knechte, und beſtieg den Wagen, während die Beſchenkten ihm ein lautes Hoch! nachriefen. Sechſtes Kapitel. Deine Thaten, mein Freund, ſind bekannt, Dein Name wird mit Schrecken genannt: Kein Bund beſteht mehr zwiſchen uns beiden; Auf ewig, ja, auf ewig müſſen wir ſcheiden. Ungenannter. Der Statthalter Lovelace empfing unſere Geſellſchaft mit großer Liebe und Güte, und ſein Herz ſchwoll von biederer Freude, als Vater und Tochter ihm ihren innig⸗ ſten Dank darbrachten. „Gib mir deine Hand, junger Mann,“ ſagte er zu dem langen Finnen.—„Die Verſicherungen dieſes wür⸗ digen alten Herrn und nicht minder die Bitten dieſer ſchönen jungen Maid haben mich überzeugt, daß du ſchimpflich verläumdet wurdeſt. Gib mir deine Hand; ich hoffe, es iſt kein böſes Blut zwiſchen uns.“ „Gewiß nicht,“ antwortete Königsmarke.„Der weiſeſte Mann kann ſich irren; aber nur der Tugendhafte und Gerechte erkennt ſeinen Irrthum und macht ihn wie⸗ der gut.“ „ Und ich,“ erwiederte des Statthalters Excellenz, „will mir ſelbſt und allen meinen Feinden anbei unter einer Bedingung verzeihen, die keine andere iſt, als die, daß du, Statthalter Pfeifex, da ich hinreichend klar ein⸗ K* — 206— ſehe, wie dieſes junge Paar in kurzer Friſt ſich zu ver⸗ ehelichen gedenkt, beiden befiehlſt und gebieteſt, mein Haus mit dieſer Feierlichkeit zu beehren, auch ihnen bei Strafe, deines Segens verluſtig zu werden, aufträgſt, mir die Freude zuzugeſtehen, über die Hand einer jungen Dame zu verfügen, deren Beſitz ich, wär' ich ein junger Mann, wie ich einſt war, Gug Warwick ſelbſt ſtreitig machen würde. Was ſagſt du dazu, Statthalter?“ „Ich ſage,“ antwortete der Heer,„ich ſchwöre, daß es ſo ſein ſoll und ſein muß, oder ich nehme mein Wort zurück und gebe es dem heimtückiſchen Othman Pfegel, mit dem ich bei meiner Rückkehr noch ein Wörtchen zu reden gedenke. Biſt du es zufrieden, meine Tochter?“ „Lieber Vater— erlaube mir, dir morgen meine Entſcheidung mitzutheilen.“ „Ganz gut— aber, der Teufel, was iſt in dich gefahren, Mädchen? Wenn ſich etwas begibt, das dich von dem langen Finnen zu trennen droht, biſt du halb wahnſinnig; und wenn ich euch dann verbinden will, biſt du mehr als eine halbe Thörin, glaube ich, und weißt nicht, was du thun ſollſt und willſt. Aber höre, Mädchen, morgen in der Frühe halte dich bereit, in die Heirath mit dem jungen Manne zu willigen, oder ihn nie wieder zu ſehen.“ „Ich laſſe mir die Wahl gefallen,“ ſagte Chriſtina und ſenkte ihr Antlitz auf ihre Bruſt. — 207— Statthalter Lovelace nahm jetzt den alten Heern bei⸗ ſeite und ſagte leiſe zu ihm: „Komm mit mir, wir wollen das junge Paar allein laſſen! Ich möchte ſchwören, die Sache wird zu unſerer Zufriedenheit ausgeglichen werden.“ Die beiden alten Herren verließen nun das Gemach. „Chriſtina, du haſt heute eine ſolche Summe von Dankbarkeit auf mich gehäuft, daß ich dein ewiger Schuld⸗ ner bleiben muß. Darf ich dich bitten, ſie dadurch noch zu vermehren, daß du die Wünſche deines Vaters er⸗ füllſt? Ich ſpreche nicht von meinem eignen Glücke, ſon⸗ dern von dem ſeinigen. Unſere Verbindung wird ihm Freude machen.“ „Glaub' es nicht— hoff' es nicht,“ verſetzte Chri⸗ ſtina.—„O wie freue ich mich der Begebniſſe dieſes Tages, welche mich in den Stand geſetzt haben, wenig⸗ ſtens einen Theil meiner Verpflichtungen gegen dich ab⸗ zutragen. Du haſt einſt mein Leben, meine Ehre geret⸗ tet, und ich habe, dir Gleiches mit Gleichem zu vergelten, mich nach Kräften bemüht! Das Vergangene iſt ſo weit ausgeglichen; was die Zukunft betrifft, ſo glaube nicht, daß ich je mein Schickſal unauflöslich an das eines Räu⸗ bers— oder wenigſtens eines Genoſſen von Räubern knüpfen kann. Da die Schuld der Dankbarkeit abgetra⸗ gen iſt, kann ich der Liebe nichts zugeſtehen.“ „Ein Räuber!“ rief der lange Finne aus und bebte, erſchreckt und erſtaunt, vor ihr zurück,„ein Räuber!“ * —jj—— — 208— „Ja! Ich habe es geſagt; denn die Wahrheit zwang mich zuletzt, das Wort auszuſprechen, das ich wie einen vergifteten Dolch von dem Augenblicke an in meinem Herzen trug, als ich zu einer und derſelben Zeit deine ewig dankbare Schuldnerin wurde und entdeckte, daß du meiner Liebe unwürdig ſeieſt.“ „Chriſtina!“ 6 „Nein— läugne es nicht— dein ganzes Benehmen, von deinem erſten Auftreten an bis jetzt, hat den Ver⸗ dacht nur beſtärkt. Nur Räuber konnten handeln, wie du und deine Verbündeten gehandelt habt.“ „Aber ich läugne es. Ich berufe mich auf That⸗ ſachen, auf die ganze Geſchichte meines vergangenen Lebens, auf den ewigen Grund der Wahrheit, auf Gott und auf Menſchen. Nie bin ich das geweſen, was du mich genannt haſt.“ Dieſe feierliche Einrede führte zu Erläuterungen, welche wir, um ſie ſo kurz als möglich zu geben, als zu⸗ ſammenhängende Erzählung und mit unſeren eigenen Worten mittheilen wollen. Es wird zu dieſem Zwecke nöthig ſein, uns zu der Zeit zurückzuwenden, wo der Heer Pfeifer, ſeine Gattin, ein ſchüchternes, liebliches Weſen, ihre Tochter Chriſtina und die krausköpfige Bombie, damals dem Anſcheine nach ſchon eben ſo alt, wie an dem Tage, an welchem ſie ſtarb, noch in Finnland lebten. 1 Siebentes Kapitel. Der Krieg ſchreitet blutig einher, Die Fackel lodert in ſeiner Hand, Stets mordbereit iſt die tödtliche Wehr, Und Mitleid hat er nimmer gekannt. Ungenannter. Das Land wimmelte in jener Zeit, wie es überhaupt in dem nördlichen Europa zu ſeinem großen Verderben und zum Ruin der Bebauer des Bodens auch noch ſpäter der Fall war, von einer Soldateska, welche bei den An⸗ ſä ſigen ihre Wohnung nahmen und zu oft eher als Frei⸗ beuter, denn als Beſchützer des Lebens und Eigenthums der Bevölkerung handelten. Es war in jener Zeit ziemlich allgemein Sitte unter den kleinen Fürſten des Nordens, ihre Unterthanen zu einem gewiſſen Preiſe für den Kopf zu vermiethen, damit ſie nicht den Feinden ihres Landes, ſondern denen des würdigen Machthabers, der ihre Dienſte bezahlte, die Kehle abſchnitten. Das Regiment Holſtein, von dem Oberſten Königs⸗ marke befehligt, war in dieſer Weiſe in dem Dienſte des Königs von Schweden, als dieſer im Begriffe ſtand, die katholiſchen Mächte Deutſchlands mit Krieg zu überziehen. Da dieſe fremden Hülfstruppen und Söldlinge, wie Paulding VI. 14* 28 — 210— man ſich wohl denkt, keine Anhänglichkeit an das Land, keine gemeinſamen Intereſſen, keine Verwandten und Freunde unter der Bevölkerung hatten, ſo handelten ſie allzu oft als deren Unterdrücker, und plünderten und beleidigten ſie nach Gefallen. Eines Sommerabends war der Heer abweſend, und Chriſtina, die damals nur ein Kind von ſechs Jahren, unnd ihre Mutter ſaßen zur Zeit der Dämmerung in einem kleinen beſcheidenen Gemache, deſſen Fenſter auf eine reizende und idylliſche Landſchaft hinausgingen, welche von den ſanften, bezaubernden, wechſelreichen Farben des Abends übergoſſen war, als plötzlich eine Schaar bewaff⸗ neter und, wie es ſchien, durch den Genuß geiſtiger Ge⸗ tränke halb wahnſinniger Schurken hereinſtürzten, Mutter und Tochter roh anfielen und ſie, was ihnen ein guter Scherz zu ſein bedünkte, faſt zu Krämpfen erſchreckten. Sie ſchrien um Hülfe— ihr Ruf hatte aber keine andere Wirkung, als daß er die alte Bombie herbeiführte, welche die Eindringlinge mit den bitterſten Vorwürfen begrüßte, deren ſie nur habhaft werden konnte. Dadurch zog die ſchwarze Bombie die Aufmerkſam⸗ keit der ganzen betrunkenen Schaar auf ſich; ſie ergriffen ſie und begannen mit großer Förmlichkeit, ihr, wie ſie ſagten, den Garaus zu machen. Unter der Schaar war ein ſchöner, blondköpfiger, blauäugiger Jüngling von ungefähr funfzehn Jahren, welcher ſich anfangs von der Schaar fern hielt und an keiner ihrer — 211— Schmachthaten Theil nahm; dann aber, als ihr Hohn und ihr Necken ihn reizte und der Anführer des Haufens ihm Befehl gab, wider Willen ſich näherte und die Miene annahm, als helfe er, die heftigen Anſtrengungen der alten Bombie zu zähmen, deren Hände ſie zu binden be⸗ müht waren. Als der Knabe nahe genug gekommen war, faßte Bombie ihn an dem Kragen, zerriß ihm die Halsbinde und ließ eine große, ſeltſame Narbe, gerade unter ſeinem Ohre, in Geſtalt eines Kreuzes, ſehen. Auch Chriſtina, deren Augen natürlich dieſe Richtung genommen hatten, ſah dieſe Narbe, und nicht nur die Schrecken der Scene prägten deren Bild dem kindlichen Gedächtniſſe unverlöſchlich ein, ſondern auch die Worte der alten Sclavin klangen ihr ſtets in dem Ohre. Dieſe rief: „Ha, ha! du trägſt ein Zeichen— nicht Kain's Zeichen, ſondern eins, an welchem ich dich erkennen werde, welchen Wechſel auch Zeit und Umſtände an dir üben. Du trägſt ein Zeichen, welches für Andere ein Sinnbild des Heiles und Segens ſein mag, das aber für dich, früher oder ſpäter, ein Zeichen der Schmach und Verdammung werden wird. Ich werde deiner gedenken!“ Der Jüngling ſtand niedergeſchlagen da; er ſchämte ſich augenſcheinlich ſeiner Nachgiebigkeit gegen die Anrei⸗ zungen ſeiner Begleiter, und flüſterte in einer augenblick⸗ lichen Pauſe dem Anführer der Schaar die Drohung zu, 14* — 212— ſeinem Vater den ganzen Vorfall mitzutheilen, wenn ſie ferner die geringſte Gewaltthätigkeit verübten. Dieſe Drohung wurde jedoch von denen überhört, welchen ſie zu gut kommen ſollte. Nachdem die Schaar gegeſſen, getrunken und Alles zerſtört hatte, was ihr in die Hände fiel, zog ſie endlich ab und kehrte in ihre Quartiere zurück. Der Schrecken, die Angſt und die innere Erregung, welche dieſe ſchmachvolle Scene hervorbrachte, wirkten auf das zarte Gemüth und die ſchwache Körperbeſchaffen⸗ heit der Mutter unſerer Heldin, und zogen ihr ein Nerven⸗ fieber zu, welches in wenigen Wochen ihr Leben endigte. Der Eindruck dieſer Begebenheit erloſch niemals in Chriſtina's Geiſte; ja, man kann in Wahrheit ſagen, daß er mit dem Alter ſtärker wurde und immer einen düſteren Anſtrich des Schreckens dadurch erhielt, daß die Afrikanerin ihre unheilverkündenden Ausſprüche ſtets wie⸗ derholte und dabei, als ihr Gedächtniß ſchwächer und weniger zuſammenhängend wurde, den Jüngling mit der Narbe als den bei dem Tode ihrer geliebten Gebieterin am meiſten Betheiligten hinzuſtellen bemüht war. Auf dieſe Weiſe übertreibt das Gedächtniß oft die Vergan⸗ genheit faſt eben ſo ſehr, als die Hoffnung die Zukunft. Königsmarke's Regiment zog am nächſten Tage in eine entfernte Gegend ab und dieſer Abmarſch, von wel⸗ chem man Nachricht hatte, war es gerade, was die feigen Eindringlinge zu der erzählten Unthat ermuthigt hatte. — 213— Es liegt nicht in unſerm Plane, dem langen Finnen Schritt vor Schritt auf ſeinem Lebenswege zu folgen, der ihn zuletzt nach Elſingburg führte. Genug, als ſein Va⸗ ter ſtarb, war er ein wilder, kühner Abenteurer, ohne Geld, ohne Mittel, in der Welt fortzukommen. Auch ſeine Mutter ging bald in großer Noth ihrem Grabe ent⸗ gegen. Auf ihrem Sterbebette gab ſie ihm einen Brief an ihren Bruder, Kaspar Steinmetz, den Freund des Statthalters Pfeifer. Dieſer nahm ihn als Sohn auf und er lebte eine Zeit lang bei ihm. Der alte Kaspar war aber ein Mann, der an den kommenden Tag ſo wenig wie ein Grashüpfer dachte, ſondern ſang und ſich in der Sonne wärmte und den lieben langen Tag fröhlich war. Leute dieſer Art hinter⸗ laſſen gewöhnlich nicht viel; einen zweideutigen Nachruf allenfalls ausgenommen, der aus einer freundlichen Erin⸗ nerung an ihre Güte, ihr Wohlwollen und ihre gute Laune beſteht, wozu ſich einiges mitleidsvolle Achſelzucken über ihren Mangel an Klugheit geſellt. Der alte Kaspar ſtarb; all ſein Geld war vergeudet; ſein Jahrgehalt, denn er war Oberamtmann eines Für⸗ ſten, deſſen Gebiet ſich, wie uns glaubwürdige Leute ver⸗ ſichert haben, über zwei Quadratmeilen ausdehnte, die er mit unbeſchränktem Scepter beherrſchte, hörte mit ſeinem letzten Athemzuge auf, und als der ehrliche Mann glück⸗ lich in ſeine letzte Wohnung eingekehrt war, blieb ſeinem Erben nichts übrig, als, die Erinnerung an ſeine Liebe 4 — 214— und Güte, jenes letzte Erbſtück der Dankbarkeit, welches ein gutes Herz als ewiges Andenken gern werth und theuer hält. Als er ſich umſah, was aus ihm werden und wie er Seele und Leib zuſammenhalten ſollte, nachdem die weni⸗ gen Reichsthaler, in deren Beſitz er noch war, in Rauch aufgegangen und mit dem, was geweſen, verſchmolzen wären, fühlte der junge Königsmarke, welchen man den langen Finnen nannte, weil er, freundlicher Leſer, in Finnland geboren und beinahe ſechs Fuß hoch war, ſich verſucht, in die neue Welt zu gehen. Die Zeit war gekommen, wo die kecken Abenteurer— die fröhlichen Jungen, welche ihr Erbtheil vergeudet; die jüngern Brüder, welche nie ein Erbtheil gehabt; die Hel⸗ den, die nach Ruhm ſtrebten; die aufſtrebenden Geiſter, welche Leib und Leben daran zu ſetzen geneigt waren, ſich Schätze zu erwerben, und endlich die frommen Neugläu⸗ bigen, die auf Alles gefaßt waren, Alles wagten, Alles duldeten— wo alle dieſe ſammt und ſonders ihr Antlitz der untergehenden Sonne— einem Lande zuwendeten, wo ſie theils ihr Glück machen, theils ſich der Gewiſſensfrei⸗ heit erfreuen konnten. Königsmarke wußte, daß Schweden Anſprüche auf ein ausgedehntes Gebiet in Amerika hatte, und daß eine Niederlaſſung dort gegründet worden ſei. Mehr war ihm nicht bekannt. Er wußte nicht, daß dieſes Gebiet unter der Statthalterſchaft des Heern Pfeifer ſtehe, in deſſen Haus er als Knabe in der oben erwähnten Weiſe gekom⸗ men war; wirklich hatte er den ganzen Vorfall läng ſt vergeſſen, wie wir, wenn wir das Mannesalter erreicht haben, jugendliche Streiche wohl zu vergeſſen pflegen. Er benutzte die erſte Gelegenheit, ſich nach der neuen Welt einzuſchiffen, landete am Hoarkill und reiſ'te nach El⸗ ſingburg, wo er in die Hände des wachſamen Obergerichts⸗ dieners, Lob Dotterel, fiel und von Bombie erkannt wurde, welche zufällig die Narbe entdeckte, die er, da ſie ſeiner äußern Erſcheinung nicht ſehr vortheilhaft anſtand, gewöhn⸗ lich durch einen hohen Kragen zu bedecken pflegte. Als Königsmarke ſeine Erzählung geſchloſſen hatte, erklärte er feierlich, daß er ihr nur die reine Wahrheit geſagt, daß er nichts gemildert, und daß er, außer dem, was er mitgetheilt, keinen Antheil an einem Begebniß gehabt habe, welches er erſt nach ſeiner Ankunft zu El⸗ ſingburg von der Afrikanerin erfahren habe, aber in einer ſo geheimnißvollen und übertriebenen Weiſe, daß er faſt überzeugt worden wäre, er ſei wirklich der Mörder. Auch Chriſtina mußte, wenn ſie aufmerkſam zurück⸗ blickte und dem Fortſchreiten ihrer Gefühle hinſichtlich jenes ſchmerzlichen Begebniſſes folgte, offen bekennen, daß ſie dem größten Theile nach in dem leidenſchaftlichen Gerede der alten Schwarzen ihren Grund hatten. Den eben mitgetheilten Erörterungen des langen Finnen, vergönne uns der Leſer, noch einige anzufügen. Es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß neben den wilden Ergüſ⸗ * ſen der Krausköpfigen, der lange Finne ſelbſt dazu beige⸗ tragen habe, unſere freundlichen Leſer irre zu leiten, indem er gelegentlich in jenen bombaſtiſchen, romantiſchen Styl, wie er Leuten von überſpannter Phantaſie gewöhnlich eigen iſt, einſtimmte, ſich einen Geächteten nannte, dem ſelbſt die Elemente keine Zuflucht geſtatteten; eine Beute des Wurmes, der nie ſtirbt, gleichſam in der bloßen Ab⸗ ſicht, ſich intereſſant zu machen. Wir können noch hinzufügen, daß wir in den unei⸗ gennützigſten Abſichten, des Leſers Verlegenheit und Ent⸗ zücken bei dem Leſen dieſer Geſchichte möglichſt zu erhö⸗ hen, dann und wann bei den Anklagen der ſchwarzen Sclavin und den Zugeſtändniſſen des langen Finnen die Farben ein wenig grell gemiſcht haben. Sollte der Leſer böswillig genug ſein, ſeinen Zorn über uns auszuſchüt⸗ ten, weil wir auf dieſe Weiſe den alten Spruch bewahr⸗ heiteten,„daß eine Geſchichte nichts dadurch verliert, daß ſie erzählt wird,“ ſo werden wir Sorge tragen, unſern Geheimniſſ en künftig ein anderes Minteichen umzuhängen. Achtes Kapitel. Sind Held und Heldin glücklich im Stand der Ehe, Iſt Alles aus und vorbei— o wehe! Denn ſo wollte man's von jeher haben, Daß ein Schauſpiel ſchließt mit Heirathen oder Begraben. Ungenannter. „Der Wille Gottes, der Wille meines guten Vaters geſchehe denn,“ ſagte die blauäugige Maid;„denn nun darf ich, wie ich glaube, die Deinige werden, ohne zu fürchten, meinen Vater, oder meine Mutter, die im Him⸗ mel iſt, zu beleidigen. Gütige Vorſicht, ich danke dir! Ich kann nun ſeinen Wünſchen mich fügen und meines eigenen Herzens Stimme lauſchen, ohne mich mit nimmer ſchweigenden Gewiſſensbiſſen zu verbinden. Ich bin dein auf ewig!“ Ein Kuß und eine uUmarmung beſiegelten dieſen Bund, als eben die beiden alten Herren in das Gemach traten. „Gut!“ ſagte der Heer.„Soll morgen die Ver⸗ bindung, die euch nie trennt, vor ſich gehen, oder wollt ihr euch trennen, um euch nie wieder zu ſehen?“ „Sie hat mir verſprochen, morgen die Meinige zu werden,“ antwortete der lange Finne,„und Chriſtina hat ihr Wort nie gebrochen.“ „Habe ich dir es nicht geſagt,“ bemerkte der Ritter Lovelace,„daß es das Beſte ſei, ſie allein zu laſſen? Wahr⸗ * —n— ————— n— — 218— lich! in einem ſolchen Falle ſtehen immer zwei gegen einen, um nicht zu ſagen gegen nichts; denn der Liebende und die Schöne ſind auf der einen Seite, und auf der andern— Niemand.“ „Gut denn,“ ſagte der Heer,„morgen ſoll eure Hochzeit ſein.“ „Nein, ich muß bitten, ſie erſt übermorgen zu feiern,“ erwiederte der Statthalter Lovelace;„ich muß Zeit haben, Geſellſchaft zuſammen zu bitten, und bei dem Himmel, Heer, wir wollen ein wenig zechen, nicht?“ „In der That,“ verſetzte der Andere,„ich ſehe kei⸗ nen abſonderlichen Grund, warum das Herz eines alten Mannes, wie ich bin, ſich bei einer ſolchen Gelegenheit nicht freuen ſollte. Ich will auf das Wohl der beſten aller Töchter einen Becher mit dir leeren.“ „Ja— und auf das Wohl eines jeden Buchſtaben in ihrem Namen, oder mein Name ſoll nicht Richard Lovelace ſein.“. Nachdem man ſich auf dieſe Weiſe vereinigt hatte, machte der wackere Ritter Lovelace ſeine Vorbereitungen, um die Hochzeit in einer Weiſe zu feiern, die ſeiner eige⸗ nen Würde eben ſo angemeſſen wäre, als der Achtung vor Chriſtina, deren Schönheit und Charakter ſein gan⸗ zes Herz gewonnen hatten. Etwas bat er ſich vorzüglich aus— nämlich, der Geiſtliche, welcher das junge Paar vereinigte, ſollte kein ſtutzöhriger Pfarrer und das Hoch⸗ zeitkleid nicht von einer franzöſiſchen Putzmacherin ſein. — 219— Der erſte Punkt wurde leicht zugeſtanden; der zweite war ganz unnöthig, denn in jener Zeit war in der gan⸗ zen Provinz nicht eine einzige franzöſiſche Putzmacherin. Endlich nahte die glückliche Stunde, welche Chri⸗ ſtina und Königsmarke für immer vereinigen ſollte. Alle Würdenträger der Stadt wurden eingeladen, Alderman Spangler nebſt ſeiner Gattin natürlich eingeſchloſſen; und die anweſenden jungen Damen waren der einſtimmigen Anſicht, der Bräutigam ſei ein eben ſo ſchöner Mann, wie die Rothröcke von des Statthalters Stab, welche in den zärtlichen Herzen der Neu⸗Yorker Schönen eine große Verwüſtung angerichtet hatten. Die Wahrheit, ſtets unſer Leitſtern in dieſer Erzählung, zwingt uns, zu bemerken, daß der Statthalter Lovelace, der Heer Pfei⸗ fer, Alderman Spangler und einige Andere wacker fort⸗ zechten, bis der Hahn zum zweiten Male krähte, wo des Statthalters alter ſchwarzer Diener in den Saal kam und ſeine Excellenz benachrichtigte, es ſei hohe Zeit, zu Bett zu gehen— ein Wink, dem er ſtets zu gehorchen pflegte. Am zweiten Tage nach der Hochzeit ſagten der Heer, ſeine Tochter und der lange Finne dem würdigen Rit⸗ ter Lovelace Lebewohl und ſchifften ſich in ſeiner Staats⸗ YNacht nach Eliſabethtown Point ein, wo ſie ſich landein⸗ wärts wendeten und ohne einen Unfall zu zehöriger Zeit Elſingburg erreichten. Hier brachten ſie einige Tage zu und rezogen damm. 4 — 220— eine ſchöne Beſitzung an den ufern eines kleinen Fluſſes, ungefähr in gleicher Entfernung von Elſingburg und Coaquanock, wo ſie in ländlicher Behaglichkeit und Ruhe, in dem Genuſſe von Geſundheit, Muße und Wohlhaben⸗ heit, verbunden mit Bewegung und Thätigkeit, den Strom des Lebens ſo zufrieden niederglitten, als es in dieſer beſten aller Welten möglich iſt. Der Heer und ſeine Tochter konnten ſich aber nie über die Grundſätze der Landwirthſchaft vereinigen. Chri⸗ ſtina war für die Anpflanzung von Blumenparkets, von zierlichem Buſchwerk, überhaupt für die Verſchönerung aller Anlagen ringsum, während der Heer eine wahrhaft verwünſchte Neigung zu dem Nützlichen hatte, und einen Fleck mit Rüben höher hielt, als ein Beet von tauſend⸗ äugigen Tulpen. Chriſtina brachte es zuletzt ſo weit, daß er ihr verſprach, der Verſchönerung einige Aufmerkſam⸗ keit zu widmen und einige Lieblingsblumen zu pflanzen; ein Verſprechen, welches er gewiſſenhaft hielt, indem er ein anſehnliches Beet von Blumenkohl pflanzte. Im Verlaufe der Zeit ſah der Heer ſein Geſchlecht durch einen kleinen blauäugigen Enkel vermehrt, und war drei lange Tage in arger Noth, ob er ihn nach ſei⸗ nem unſterblichen Guſtav Adolph, oder nach ſeinem Freunde, dem Statthalter von Neu⸗York, benennen ſollte. Die Dankbarkeit trug endlich den Sieg über die Anhänglichkeit an den großen Helden davon, und der Knabe erhielt den Namen Richard. Der zweite Enkel— beſchloß der Heer bei ſich ſelbſt— ſollte Guſtav Adolph heißen, komme, was da wolle. Da wir nicht gerne von alten Sitten, welche über⸗ dies durch das Beiſpiel Beſſerer, als wir, geheiligt ſind, abweichen, ſo wollen wir zum Schluſſe die Neugierde des Leſers rückſichtlich der übrigen Hauptperſonen unſerer Geſchichte in der Kürze befriedigen. Lob Dotterel hatte, in Folge des guten Einverſtänd⸗ niſſes zwiſchen dem Heern und dem Statthalter Lovelace, ſeine Stelle als Obergerichtsdiener wieder erhalten, und brachte ſeine Tage in geſchäftiger Wichtigkeit und glück⸗ licher Thätigkeit hin; nur dann und wann beläſtigte ihn der geſpenſtiſche Beſuch der krausköpfigen Bombie, welche es ihm wahrſcheinlich nicht verzeihen konnte, daß er ihren Enkel zu einem ſo ſchmachvollen Ende gebracht hatte. Der arme Othman Pfegel hatte durch einen Ver⸗ trauten erfahren, der lange Finne beabſichtige, die erſte Gelegenheit wahrzunehmen, um ihm, wie man im gemei⸗ nen Leben ſagt, einen Denkzettel anzuhängen, an welchem er für ſein ganzes Leben genug habe, machte ſich in aller Eile— nicht aus der Welt, ahr doch aus Elſingburg, und ließ ſich am Hoarkill nieder, wo es Niemand der Mühe werth hielt, ihn zu beläſtigen. Der würdige Heer Pfeifer erreichte glücklich ein ſehr hohes Alter, und obgleich er zuweilen mit einem Seufzer an ſeine entſchwundene Größe und Herrlichkeit dachte, ſo war dieſes doch nur ein vorübergehendes Unbehagen, und 4 die zarte Aufmerkſamkeit der Tochter und das freundliche Lächeln ſeiner Enkel riefen ſchnell die gute Laune wieder zurück. Nur ſelten verließ er ſeine Beſitzung; aber er beſuchte regelmäßig einmal des Jahrs ſeinen guten Freund William Penn und den würdigen Sadrach Geldpfennig, mit welchem er manche Zwiſtigkeiten über die Sitte, den Hut aufzubehalten, über das Schickliche, ſich zu verbeu⸗ gen, und über den Glauben, man werde vom Geiſte bewegt, abzuthun hatte. Allein ſeine Worte machten nicht nur keinen Eindruck auf die trockne Seele Sadrach's, ſondern man wollte auch bemerken, daß er, ſobald er den Heern von weitem anſichtig ward, ſeinen Hut recht nachdrücklich in die Stirne preßte und ihm obendrein einen Schlag auf den Deckel gab, um ſeinem alten Geg⸗ ner tüchtig Trotz zu bieten. Dominic Kanttwell heirathete nicht lange nach dem Ende der ſchwediſchen Herrſchaft das ſchönſte und reichſte Mädchen von ganz Elſingburg, und predigte am Sonn⸗ tage darauf eine furchtbare Philippica gegen die Gelüſte des Fleiſches und gegen die gottloſe Sucht nach Reich⸗ thümern und zeitlichen Schätzen. Dieſe gar nicht erwartete Untreue gegen ſeine Grund⸗ ſätze empörte die Tante Editha in hohem Grade; ſie wollte nichts mehr von ſeinen Lehren wiſſen, wurde eine Schwedenborgianerin und heirathete Wolfgang Langfan⸗ ger, damals ein rüſtiger Wittwer, welcher einſt des Nachts unter ſeinen bekannteſten Freunden erklärte, un⸗ — 223— ter allen Verbeſſerungen, welche er in ſeinem ganzen Leben verſucht, ſei die ſeiner guten Ehehälfte die ſchwierigſte. Dominie Kanttwell ſtarb bald nach ſeiner Vermäh⸗ lung eines plötzlichen Todes, und zwar in Folge eines Neujahrs⸗Nachteſſens. Sein Nachfolger war ein edler, frommer, liebreicher und demüthiger Mann, das Ideal eines tugendhaften Seelenhirten. Ohne Stolz, ohne An⸗ maßung und ohne Heuchelei, verband er mit der größten Einfalt der Sitten, mit einer ſeltenen Herzlichkeit und Verträglichkeit des Benehmens einen heiligen Eifer, eine nie ermüdende Thätigkeit für das Glück Anderer, ſo daß er als einer der auserwählteſten Hirten daſtand, welche der Himmel dann und wann als einen Segen in eine auserwählte Gemeinde ſendet. Heiter ohne Leichtſinn, nahm er an allen unſchuldigen Freuden und Vergnügun⸗ gen ſeiner Pfarrkinder Theil und wandelte, ſelbſt beglückt durch das Bewußtſein eines nützlichen, thätigen Lebens und durch die ſichere Hoffnung einer ſegenreichen Ewig⸗ keit, unter den Seinigen nicht wie ein Schatten, der Alles umher verdunkelt, ſondern wie eine belebende, er⸗ heiternde Sonne, welche die beglückt, die ſich in ihrem Glanze ſonnen. Zu jeder Zeit, bei Tag und bei Nacht, fand man ihn bereit, den Unglücklichen zu tröſten, den Kranken zu ſtärken und dem Sterbenden die letzte Stunde zu erleich⸗ tern. Er forderte nichts für ſich und gab Alles ſeinen Mitmenſchen; er arbeitete hiicht in ſeinem eigenen Wein⸗ 4 — 221— berge, ſondern in dem ſeines Herrn, und die Früchte ſeiner Bemühungen waren bald jedem Auge ſichtbar. Eine heitere, unſchuldige Fröhlichkeit begann bald wieder in dem Dorfe aufzuleben; freudig und hoffnungsvoll la⸗ gen die Dörfler ihren täglichen Pflichten ob, und der friſche Muth gab allen neue Kraft und Ausdauer in ihren mannichfachen Beſchäftigungen. Statt zu betteln, ſuchten ſie in der Arbeit ihrer Hände ihre Zuflucht und fanden ſich bald durch eine unabhängige Behaglichkeit und das billigende Lächeln ihres Paſtors belohnt, welcher nie eine Gelegenheit vorüber gehen ließ, den Müßigen zu tadeln und den Fleißigen zu loben, denn er wußte wohl, daß unter allen Claſſen der Geſellſchaft, beſonders aber unter der arbeitenden, Müßiggang nur ein anderer Name für Sünde und Elend iſt. Kurz, nach einer kleinen Friſt wurde Elſingburg, durch einen ſolchen Mann geleitet und durch ſein Beiſpiel ermuntert, das Vorbild eines tugendhaften, glücklichen Dorfes und man kann mit Wahrheit ſagen, daß weder Armuth, noch Laſterhaftigkeit dort ferner gekannt waren. Der Art ſind die Wohlthaten eines guten Beiſpiels im Ge⸗ leite guter Lehren, und der Art iſt der Segen eines frommen Hirten, welcher ſeine Pflichten gegen ſeinen Schöpfer und gegen ſeine Mitgeſchöpfe erfüllt und dem frommen Berufe lebt, durch welchen er geheiligt und ver⸗ edelt wird. —ꝛʒ“—— — ——— — ſfſſ mnnnſffſſſſſſſſſſſſnf 9 12 1 7 8 10 11 13 14 16