Leihbibliothek 3 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher eiteratur Eduard Otlmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſehedingungen. 1. Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ fangnahme und Rückgabe der Buͤcher jeden Tag von Morgens — p 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei? tückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruckgabe von mir zurückerſtattet wird. 86 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für ascheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— 3 uii 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswäürtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung g der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. 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Erwacht— erwacht, ihr guten Leute, Dem Staate droh'n Gefahren heute, Wir alle ſind des Todes Beute— Erwacht— erwacht, ihr guten Leute! Roberts. Der neugierige Wanderer, welcher die nördlichen Ufer des Delaware bereiſ't, wird kaum die wenigen zer⸗ ſtreuten Trümmer alten Mauerwerks und zerfallener Schornſteine überſehen, welche die ehemalige Lage der berühmten Feſte und Stadt Elſingburg— eine der erſten Niederlaſſungen der Schweden in Amerika— be⸗ zeichnen. Die Stelle, wo dieſe Ruinen zu ſehen, werden wir nicht genauer angeben, da wir eine ſo in das Ein⸗ zelne gehende Beſchreibung der Oertlichkeit zu geben ge⸗ denken, daß ein Leſer von ganz gewöhnlichem Scharfblick ſich unmöglich irren kann. Zur Zeit, in welcher dieſe Geſchichte beginnt, das heißt, ungefähr um die Mitte des ſiebzehnten Jahrhun⸗ derts— eine in das tiefſte Alterthum hinabreichende Periode, wenn man die große Jugendlichkeit unſeres Landes erwägt— befehligte dieſen wichtigen kleinen Platz der Heer Peter Pfeifer, ein kurzer, unterſetzter Mann deutſchen Urſprungs, welcher bei Regen und Sonnenſchein, an Werk⸗ und Sonntagen, in Kriegs⸗ und Friedenszeiten, im Sommer und Winter, in oliven⸗ farbnen, mit elfenbeinernen Knöpfen geſchmückten Sammt gekleidet war. Die Familie Pfeifer bewahrt noch ein Gemälde, auf welchem er mit einem runden, etwas vollen und beträchtlich runzelreichen Geſicht, kurzen, ſtämmigen, oben ſehr fleiſchigen und an den Knöcheln ſchmal zulaufenden Beinen, vornen abgeſtumpften Schu⸗ hen und viereckigen gelblichen Schnallen dargeſtellt iſt. Wir gäben die Welt, das heißt denjenigen Theil davon, über welchen wir in dieſem Augenblicke zu verfügen haben— vornehmlich ein prachtvolles Luftſchloß— darum, wenn wir im Stande wären, die Zweifel des Leſers hin⸗ ſichtlich der Frage, ob der Heer Peter Pfeifer einen dreieckigen Hut getragen, zu löſen. Da aber der Maler mit einer unverzeihlichen Vernachläſſigung und gänzlicher Mißachtung der Nachwelt der Grille folgte, ihn baar⸗ haupt zu malen, ſo können wir nur ſagen, daß ſein Kopf mit einem bedeutenden Haarwuchſe verſehen war, wel⸗ cher ſich ziemlich verwachſen um Stirne und Ohren kräuſelte. Von ſſcharfſinnigen Beobachtern der menſch⸗ lichen Natur iſt die Behauptung aufgeſtellt worden, daß dieſe Art wilden Gelocks beinahe unwandelbar in dem Gefolge eines reizbaren, ungeduldigen, eigenſinnigen Charakters gefunden wird, welcher ſich, ſo zu ſagen, gleich dieſem Haare, nur ſeinen eigenen Launen und Grillen fügt und ſchmiegt. Gewiß iſt es, daß der Heer Peter Pfeifer— ſo viele Ausnahmen es auch von der allgemeinen Regel geben mag— keine war, denn der Verlauf unſerer Ge⸗ ſchichte wird hinreichend zeigen, daß er ein ungemeiner, kleiner Tyrann war, welcher um Nichts in einen wahren Höllenzorn gerieth, ſeine Naſe an jedem Strohhalme anſtieß, welcher in ſeinem Wege lag, und nur ſelten in einer Art guter Laune gefunden wurde, ausgenommen, wenn er Jeden, der ihn in Harniſch brachte, in die tiefſte Hölle verwünſcht hatte. Wirklich war er einer von jenen geſpreizten kleinen Helden, die ſich weſentlich von denen unterſcheiden, welche, wie man zu ſagen pflegt, keine Helden für ihre Kammerdiener ſind, denn man behauptet zuverſichtlich von ihm, er ſei für Niemanden, als für ſeine Dienerſchaft und ſolche, die von ihm ab⸗ hingen, und welche jeder Art Mißhandlung ausgeſetzt waren, ein Held geweſen. Die guten Leute von Elſingburg nannten ihn hinter ſeinem Rücken Pfeffermus⸗Peter,— eine doppelte An⸗ ſpielung auf die feurige Weiſe ſeines Gebährdens, und auf ſeine Vorliebe für ein Gericht, welches unſere Vor⸗ — 10— fahren mit dieſem Namen belegten und das wegen ſeiner ſtarken Würze in hohem Rufe ſtand. Vieles könnten wir noch von dem Charakter des guten Heern Peter erzählen, wenn wir der Geduld der Leſer ſo viel zutrauten, wie manche unſerer Freunde; wir ziehen es vor, ſein Bild im Verlaufe der Geſchichte durch ſich ſelbſt hervortreten zu laſſen und fahren in un⸗ ſerer Erzählung fort. An einem ſchwülen Sommernachmittage— es war im Juli— ſaß der Heer Peter, der um Ein Uhr zu Mit⸗ tag geſpeiſ't hatte, in ſeinem großen Lehnſeſſel, unter dem Schatten einer rieſigen Ulme, deren Stamm noch ſteht und, da er hohl iſt, als ein Behälter für gewiſſe grunzende Thierchen benutzt wird,— rauchte ſeine Pfeife, wie es ſeine Gewohnheit war, und verlor ſich in jenen ſeligen Zuſtand der Einfalt zwiſchen Schlaf und Wachen, in welchem große Geiſter der Menſchheit ſchon ſo be⸗ deutende Dienſte geleiſtet haben ſollen. Der Delaware, auf welchen man die Ausſicht hatte, breitete ſich zu einem ausgedehnten See aus, glatt und hell, wie ein Spiegel; die Blätter hingen faſt leblos an den Bäumen, denn auch nicht das kleinſte Lüftchen regte ſich; die Ochſen und Kühe ſtanden bis an den Leib in dem Waſſer und peitſchten die Fliegen wacker mit dem Schweife; die wilden Truthühner ſuchten, den Schnabel weit geöffnet und nach Luft ſchnappend, den Schatten, und in der ganzen belebten und unbelebten Natur gewahrte man ——— — 11— jene Erſchlaffung, welche die Folge allzugroßer Hitze zu ſein pflegt. Der Heer Pfeifer ſaß ſtill mit geſchloſſenen Augen, und wir wollen nicht ſchwören, daß er gerade in dieſem Augen⸗ blicke nicht feſt eingeſchlafen war, obgleich der Rauch ſeiner Pfeife in regelmäßigen Pauſen kerzengerade empor⸗ wirbelte, wie denn Wolfgang Langfanger und andere ſeiner Freunde und Räthe behaupteten, Heer Peter rauche zuweilen ein wenig inſtinktmäßig, wie der Menſch im Schlafe Athem holt. 3 Wie dem auch ſein mag und ob der Statthalter ge⸗ ſchlafen oder gewacht hat— er wurde plötzlich durch den raſchen Eintritt eines gewiſſen Lob Dotterel aufge⸗ ſchreckt— eines Gerichtsdieners und Allerweltsmenſchen, welcher ſich, kraft ſeines Amtes, für völlig berechtigt hielt, ſein Nordergeſicht in jede Ecke und in jedes Loch zu ſtecken und die geheimen und zumal öffentlichen Handlun⸗ gen jedes Bewohners des Ortes auszuſpüren. Es iſt erſtaunlich, welch ein Triumph es für Lob Dotterel war, wenn er Jemanden auf einem Seitenwege erwiſchte; wie ſtolz war er dann auf ſeinen Scharfſinn und ſeine Wachſamkeit! Damit jedoch der Leſer dem Meiſter Dot⸗ terel nicht Unrecht thut und des Glaubens wird, die Ausſicht auf Belohnung oder Fanggeld habe ihn zur Thä⸗ tigkeit angeſpornt, müſſen wir bekennen, wie wir des feſten Glaubens ſind, daß er durchaus nicht durch ſolche ſchmutzige Beweggründe geleitet wurde, ſondern eben ſo aus Inſtinkt handelte, wie ein tüchtig dreſſirter Jagd⸗ hund, welchen man ſtets mit großem Vergnügen mit dem Schweife wedeln ſehen wird, wenn er ein Wild aufjägt, obgleich er weder Lohn, noch einen Antheil an der Beute erwartet; wenigſtens gilt dies in ſo weit, als wir im Stande waren, die Motive ſeiner Thätigkeit zu durchſchauen. Bei der eben erwähnten Gelegenheit befanden ſich in Meiſter Dotterel's Geſellſchaft ein gewiſſer Reſtore Gos⸗ ling und Meiſter Oldale, Inhaber der Indianiſchen Kö⸗ nigin, das modernſte, um nicht zu ſagen das einzige Gaſthaus von Elſingburg. Dieſe drei würdigen Männer hatten in ihrem Gewahrſam einen ſchlankgewachſenen, blondhaarigen, blauäugigen Jüngling, welcher ſeine Ver⸗ achtung gegen die Anklage— welcher Art ſie auch ſein mochte—, gegen den Gerichtsdiener, Meiſter Reſtore Gosling; Meiſter Oldale und den Heern Peter ſelbſt dadurch an den Tag legte, daß er ſich mit den Fingern leicht um das Kinn ſpielte und„Nankee Doodle,*** oder irgend ein anderes Lied pfiff, das eben nicht ganz gegen die Zeit verſtößt. Es gibt drei Dinge, welche ein wahrhaft großer Mann nicht ertragen kann, nämlich: nach dem Mittageſſen etwas zu thun; in ſeinem Nachdenken ge⸗ ſtört zu werden; oder zu argwöhnen, die kleinen Leute *)„Nankee Doodle,“ ein bekanntes Volkslied der Nordamerikaner, — 13— unter ihm hielten ihn nicht für den großen Mann, für den er ſich zu halten geneigt iſt. Alle dieſe üblen Gründe vereinigten ſich, den Heern Peter in üble Laune zu ver⸗ ſetzen, ſo daß er in ſeinem Sinne ſofort mit ſich einig war, dieſen pfeifenden, das Kinn liebkoſenden jungen Burſchen ein wenig zu kitzeln. „Nun, Verbrecher,“ ſagte der Heer mit einer furchtbaren Amtsmiene und einſchüchternder Stimme, „nun, Verbrecher, was habt Ihr geſündigt? Ich ſehe es mit dem halben Auge, daß Ihr nicht beſſer ſeid, als Ihr ſein ſolltet.“ Der junge Mann verſetzte mit großer Faſſung: „Das iſt nicht mehr, glaube ich, als von den mei⸗ ſten Leuten wird geſagt werden können.“ „ Antwortet mir, Burſche,“ ſagte der Heer,—„was iſt Euer Verbrechen? ſage ich.“ „Fragt dieſe Männer,“ verſetzte der Andere. „Wie?— ha! Ihr wollt nicht geſtehen— he? Ein alter Sünder, ich ſchwöre darauf. Ich werde Euch kitzeln, ehe ich von Euch ſcheide, gewiß. Wie heißt du?— Wo⸗ her kömmſt du?— und wohin gehſt du, Verbrecher?“ „Mein Name,“ ſagte der blonde, ſchlanke, junge Mann,„iſt Königsmarke und ich werde überdies„der lange Finne“ genannt; ich kam von dem Hoarkill und werde in das Gefängniß gehen, wie es ſcheint, wenn ich nämlich nach den Mienen Eurer Excellenz und den har⸗ — 12 ten Namen, welche Ihr an mich zu verſchwenden beliebt, ſchließen darf.“ Nichts iſt der Majeſtät eines großen Mannes ärger⸗ licher und kränkender, als die Ruhe und Selbſtbeherr⸗ ſchung eines kleinen. Der Heer Peter Pfeifer begann zu argwöhnen, der lange Finne hege nicht die gehörige Ehr⸗ furcht vor ſeiner Würde und ſeinem Anſehen,— ein Arg⸗ wohn, der vor Allem geeignet war, ihn in den größten Zorn zu verſetzen. Er wendete ſich raſch an Meiſter Dotterel und begehrte zu wiſſen, aus welchem Grunde der Verbrecher vor ihn gebracht worden, und zwar in einem Tone, in welchem Lob hinreichende Aufmunterung fand, nichts von dem zu verſchweigen, was dem Gefangenen zur Laſt gelegt wer⸗ den konnte. ⸗ Lob verwies den Heern auf dieſe Anrede an Meiſter Oldale, welcher ihn an Reſtore Gosling verwies, der den Sünder auf der That ertappt und eingebracht habe. Die augenſcheinliche Ungeneigtheit, die Laſt der Be⸗ weisführung zu übernehmen, mußte natürlich den Zorn des Statthalters ſteigern, der zu fürchten anfing, der lange Finne möchte ihm entſchlüpfen und ſich den Folgen der Verachtung ſeiner Würde und ſeiner Macht entzie⸗ hen. Er donnerte daher Gosling den Befehl zu, Alles zu berichten, was er gegen den Angeklagten wiſſe, wobei er auf das Wörtchen„Alles“ den ſtärkſten Nachdruck legte. 4 .— 15— Nach einigem Zaudern und Zögern und Hin⸗ und Herwerfen des Kopfes und Kribbeln hinter den Ohren, wie es Lord Byron, wann er dichtete, geliebt haben ſoll, nahm ſich Meiſter Gosling zuſammen und brachte ſeine Ausſage vor— denn der Heer hielt es für ein ſeinem Anſehen nicht entſprechendes Zugeſtändniß gegen Gefan⸗ gene, die gegen ſie Zeugenden den Eid auf die Bibel ablegen zu laſſen.— Meiſter Gosling erzählte, er habe den jungen Menſchen, der ſich Königsmarke oder den lan⸗ gen Finnen nenne, aus ſeiner Taſche eine Hand voll Mark Newby's halbe Heller, oder, wie ſie gewöhnlich genannt wurden, Pat's halbe Heller nehmen ſehen, welche, wie männiglich bekannt, nicht in die Beſitzungen der Krone Schwedens eingebracht werden durften, und die, wo man ſie fand, verfallen waren— die eine Hälfte an den, der die Anzeige machte, die andere an die geheiligte Majeſtät, den König von Schweden, Dänemark, Nor⸗ wegen ꝛc. ꝛc.* „Ho ho!“ rief der Heer, ſeine Hände reibend, „dies ſieht ja ganz aus wie Verrath und Verſchwörung gegen meinen höchſten Herrn— ich würde mich gar nicht wundern, wenn der Papſt und der T— l hier die Hand im Spiele hätten.“ Wir müſſen den freundlichen Leſer erinnern, daß dies in jene Zeit fiel, welche an Verſchwörungsfabriken, ſowohl papiſtiſchen als presbyterianiſchen, ſo fruchtbar war, wo jede Privatleidenſchaft den offiziellen Mantel — 16— der gefährdeten Religion und des bedrohten Staatswohls umhängte und der Ehrgeiz und die Citelkeit Einzelner Gelegenheit nahm, die Maſſe durch Popanze aller Art in Schrecken zu ſetzen und zu erhalten. Nun nahm der Heer Peter die alten Länder ſtets als Vorbild und Mu⸗ ſter, ſo daß er, wenn je eine Verſchwörung in England oder ſonſt wo kund wurde, eine andere, jener ſo ähnlich als möglich, zu Elſingburg herbei zu rufen wußte. Dabei kam es ihm auf die Mittel und Wege, ſeine Zwecke zu fördern, ſo wenig an, daß manche einen echten Staats⸗ Jeſuiten in ihm zu ſehen glaubten. Auch herrſchten in jener Periode, welche unſere Geſchichte im Spiegelbild zu zeigen bemüht ſein wird, nicht geringe Eiferſucht und Zwietracht zwiſchen den königlichen Stellvertretern in den angränzenden oder benachbarten Colonien New⸗Jerſey, Pennſylvanien, Maryland, New⸗York und Connecticut. Die verſchiedenen europäiſchen Herrſcher hatten in dieſer unſerer neuen Welt nicht nur mit einer ganz erſtaunlichen Freigebigkeit weggegeben, was ihnen nicht gehörte, ſondern das Alles auch wieder verſchiedenen Per⸗ ſonen überlaſſen, ſo daß es an das Unmögliche gränzte, die Scheidemarken der verſchiedenen Beſitzungen genau auszumitteln oder es ſicher hinzuſtellen, wer der wahre Eigenthümer des Bodens ſei. Was die Indianer betraf, ſo war von ihnen gar keine Rede. Obgleich nun von hundert Theilen dieſer Länderſtriche neun und neunzig eine vollkommene Wildniß waren und auf hundert Mei⸗ — E— len im Geviert kaum ein Bewohner kam, ſo waren doch dieſe Potentaten, und mehr noch ihre Statthalter, in der ängſtlichen Beſorgniß, ſie möchten in kurzer Zeit keinen Raum mehr haben, den Arm auszuſtrecken. Demzufolge zankten ſie ſich ſtets wegen den Gränzen und kämpften auf das tapferſte durch Proteſtationen und Proklamatio⸗ nen um jeden Zoll des wilden Bodens. Der Heer Pfeifer beherrſchte in ſeines Gebieters Na⸗ men, kraft des Rechts der Entdeckung, der Abtretung, des Beſitzes und, weiß der Himmel, welcher andern Rechte, ein Gebiet, welches etwas größer war als Schweden, und das zu der Zeit, von welcher wir reden, genau(nach der amtlichen Zählung) neunhundert acht und ſechszig Seelen enthielt, die Indianer nicht gerechnet. Man darf ſich daher nicht ſehr wundern, wenn er als ein Mann von vorra⸗ gender Stirne— metaphoriſch geſprochen— und der war er in der That, bei Zeiten daran zu denken anfing, daß die ungeheuere Bevölkerung, der es, wie er klug voraus⸗ ſah, bald an Raum fehlen müſſe, ihre Bequemlichkeit habe. Seine Eiferſucht war daher in einem ſteten Ge⸗ plänkel mit ſeinen Nachbarn, beſonders den Quäkern von Coaquanock und den Katholiken, welche ſich um dieſe Zeit unter der Leitung von Leonard Calvert zu St. Mary angeſiedelt hatten. Sobald er alſo nur den Namen der Mark Newby's halben Heller hörte— eine Münze, welche damals in Weſt⸗Jerſey und Coaquanock ſehr im Gange war,— ſpitzte er die Ohren und roch eine Verſchwörung. Paulding V.. 2 . —— Sofort ſah er in dem langen Finnen einen Emiſſär der Quäker, welche, wie er heilig betheuerte, obgleich ſie nicht kämpften, tauſend Mittel hätten, ſich ſeines Gebietes zu bemächtigen, und dies viel erfolgreicher als durch Waffen zu bewerkſtelligen wüßten. Sie waren ihm ferner zuwi⸗ der, weil ſie vor dem Stelbvertreter des Königs von Schweden, Dänemark, Norwegen ꝛc. die Hüte nicht abzo⸗ gen und ſeiner Behauptung zufolge Leute waren, welche von Andern ſtets Artigkeit erwarteten, obgleich ſie ſelbſt nichts der Art beſaßen. Dieſe Gründe des Widerwillens wurden, wie das Gerücht ging, dadurch noch geſteigert, daß ſeine Extellenz, der Heer, als er einſt in der Umge⸗ gend von Coaquanock reiſte, auf einen Quäker ſtieß, der einen großen Laſtwagen führte, und weder rechts, noch links ausweichen wollte, daher der Heer Peter es noth⸗ wendig fand, einen Verſuch zu machen, an ihm vorüber zu kommen, wobei ſein Fuhrwerk umgeworfen und er in eine Pfütze geſchleudert wurde. Ich brauche dem Leſer nicht zu ſagen, daß die Menſchen ſchon mehr als einmal wegen geringfügigern Dingen, als dieſe, ſich in die Haare fielen und die Ströme der Erde mit ihrem Blute färbten. Unter dem Einfluſſe dieſer ſtaatsweiſen Anſichten, Eiferſüchteleien, perſönlichen Abneigungen und wer weiß, was alles— betrachtete der Heer den Beſitz einer ſolchen Menge von Mark Newby's halben Hellern als einen ſehr gefährlichen Umſtand und hegte wirklich in ſeiner Seele nicht den geringſten Zweifel, daß der lange Finne in die A A — 19— Anſiedlung gekommen ſei, um durch Geldvertheilung und Beſtechung die Bevölkerung in ihrer Treue gegen den großen König Guſtav Adolph wanken zu machen. Vielleicht lächeln die Leſer über den Gedanken, eine Gemeinde mit halben Hellern beſtechen zu wollen, da das Papiergeld jetzt in einer ſolchen Menge vorhanden iſt, daß die Dollars umher fliegen, wie die Mücken an einem heißen Sommertage und man wirklich nun zuweilen hun⸗ dert und mehr derſelben anwenden muß, um das Gewiſ⸗ ſen eines Menſchen zu kaufen. Aber wir ſagen es ihnen gerade in's Geſicht— ihr Lächeln verräth nur eine gänz⸗ liche Unbekanntſchaft mit der Einfalt jener Zeiten, wo ein Heller ſo viel Werth hatte, als ſechs weiße und vier ſchwarze Wampum, und wo ein Strich Landes, größer als ein deutſches Fürſtenthum, einmal für ſechszig Tabaksbüchſen, hundert und zwanzig Pfeifen, hundert Maultrommeln und ein Stückchen rothe Schminke verkauft wurde. Man hat die ſcharfſinnige Bemerkung gemacht, der Werth des Geldes beſtimme und regle die Gewiſſen der Menſchen, wie jeden andern Gegenſtand des Handels und Verkehrs, ſo daß der Verdacht, den der Statthalter Pfeifer geſchöpft hatte, nicht ganz ſo lächerlich war, wie mancher unwiſ⸗ ſende Leſer beim erſten Blicke anzunehmen geneigt ſein möchte. Wir geben dieſe Auseinanderſetzung gratis, bemer⸗ ken jedoch, daß es durchaus nicht in unſerer Abſicht und in dem Plane des Buches liegt, den Dingen einen Anſtrich von Wahrſcheinlichkeit und den Handlungen die Farbe des 2*½ — 20— 2* Zuſammenhangs zu geben— wir würden den Spott der Kritiker und der Zeitgenoſſen überhaupt auf uns ziehen, wenn wir ſolchen veralteten Anforderungen der Kunſt ein Ohr leihen wollten. „Langer Finne,“ ſagte der Heer, nach einer beträcht⸗ lichen, in Nachdenken hingebrachten Zeit—„langer Finne, du biſt ſchuldig befunden des Verdachtes verrätheriſcher Abſichten und Plane gegen die Würde und das Anſehen ſeiner geheiligten Majeſtät, des Königs Guſtav Adolph von Schweden, und damit du Zeit und Gelegenheit haſt, uns über deinen Charakter und dein Thun Aufklärung zu geben, verurtheilen wir dich zum Gefängniß, bis deine Unſchuld klar dargethan iſt, oder bis du deine Schuld bekenneſt.“ unterdeſſen hatte ſich wenigſtens das halbe Dorf oder die halbe Stadt— denn Elſingburg wurde bereits öfter ſo genannt— verſammelt, wie dies bei ſolchen Gelegenheiten gewöhnlich iſt, wo Alles zuſammenſtrömt, um einen Verbrecher zu ſehen, wie die Meerſchweine ſich um ein verwundetes aus ihrer Familie drängen, nicht um ihm zu helfen, ſondern es zu zerren und zu quälen. Die ganze Verſammlung war außer ſich vor Staunen und Verwunderung über die Weisheit der Entſcheidung des Statthalters Pfeifer, welche ſie als einen Ausſpruch der blinden Gerechtigkeit ſelbſt betrachteten. Nicht ſo der lange Finne, welcher, wie ſehr häufig von unverſtändigen Leuten zu geſchehen pflegt, die mit einem Ausſpruche des —y— Rechts oder Gerichts ſelten zufrieden ſind, wenn er gegen ſie iſt, Luſt zu haben ſchien, Einwendungen zu machen. Der Heer jedoch, deſſen Grundſatz es war, erſt zu ſtrafen und dann zu bemitleiden, befahl ihm ſofort, ſich ruhig zu verhalten, und bediente ſich ſeines Lieblings⸗ ſpruches: „Menſch, wie ſollen wir einander verſtehen, wenn wir beide zugleich ſprechen?“ Der ſchlanke, blonde Jüngling wendete, als man ihn von dem Statthalter wegführen wollte, um ihn in das Gefängniß zu bringen, ſein Auge mild, aber bedeu⸗ tungsvoll auf den Heern, und ſprach mit leiſer Stimme die Worte: „Kaspar Steinmetz!“ „Was, ha? Weſſen Namen haſt du genannt?“ rief ſeine Excellenz in großer Bewegung. „Kaspar Steinmetz!“ wiederholte der junge Mann. „Was iſt's mit ihm?“ fragte der Heer. „Ich bin ſein Neffe!“ erwiederte der lange Finne.— „Euer Jugendfreund würde Euch wenig dankbar ſein, wenn er ſähe, daß Ihr ſeinen Schützling in ein Gefäng⸗ niß werfen laßt, weil er eine Handvoll Mark Newby's halber Heller beſaß.“ „Pah, pah!“ rief der Heer,—„ich habe nie etwas davon gehört, daß der alte Kaspar Steinmetz einen Nef⸗ = 22 fen habe, und ich glaube keine Sylbe von deinem Vor⸗ bringen.“ „Er hatte eine Schweſter, welche einen Finnländer, Oberſt Königsmarke, gegen den Willen ihrer Freunde und Verwandten heirathete. Sie wurde enterbt, und ihres Namens durfte nie mehr gedacht werden. Nach dem Tode meiner beiden Eltern nahm mein Oheim mich als Sohn an, aber auch er ſtarb kurz nach Eurer Abreiſe in die neue Welt.— Seht, Heer— erkennt Ihr dieſes Bild?“ „Blut meines Herzens,“ rief der Heer, als er das Gemälde betrachtete,—„o ganz gewiß— dies iſt der alte Kaspar Steinmetz! Ah, ehrlicher, luſtiger, alter Kaspar! Wie oft haben wir beide in dem guten Finn⸗ land mit einander getrunken und gekämpft und geſpielt! Aber— bei all' dem ſollſt du, Verbrecher, der Gerechtig⸗ keit nicht entſchlüpfen, bis du mir Rechenſchaft abgelegt haſt, wie du in den Beſitz dieſes Gemäldes gekommen biſt, das mir eine wunderbare Aehnlichkeit mit geſtohlenem Gute zu haben ſcheint.“ „Geſtohlenes Gut, Heer?“ fiel ihm der junge Mann zornig in das Wort; er ſchien ſich aber plötzlich wieder zu faſſen, verfiel in ſein früheres, unzerſtörbar heiteres Weſen und pfiff leiſe vor ſich hin. „Ja, freilich, geſtohlenes Gut!— Ich werde dich alſobald in das Gefängniß führen laſſen und das Ge⸗ mälde behalten, bis du bewieſen, daß es dein Eigenthum, — —j, und alle Koſten bezahlt haben wirſt. Bringt ihn hinweg, Meiſter Dotterel!“ Der junge Mann ſchien im Begriff zu ſein, etwas zu entgegnen, aber er blieb wieder, als wenn er ſich plötzlich faßte, ſtill, zuckte mit den Schultern und ließ ſich ruhig in das Gefängniß führen, wohin ihm die Menge folgte, welche gewöhnlich bei ſolchen Gelegenheiten den Helden der Criminal⸗Juſtiz als freiwilliges Geleite dient. Nichts konnte jedoch dem Triumphe Lob Dotterel's bei dieſer Veranlaſſung gleichen, da er die Freiſprechung eines Angeklagten als eine Herabwürdigung des Anſehens eines Gerichtsdieners betrachtete, deſſen Würde und Wich⸗ tigkeit, wie er behauptete, in dem genaueſten Verhältniß zu den Verbrechen der Menſchheit ſtand. Nachdem dieſes wichtige Geſchäft abgethan war, klopfte Heer Peter die Aſche aus ſeiner Pfeife, und be⸗ gab ſich mit dem feſten Entſchluß, die ganze Sache dem Kanzler Oxenſtierna ausführlich zu berichten, in das ſtatthalterliche Gebäude. Zweites Kapitel. Es war eine alte Frau und was will euch bedünken? Sie lebte von nichts, als von Eſſen und Trinken; Eſſen und Trinken war ihr ganzes Thun und Treiben, Und doch konnte die alte Frau nie ruhig bleiben. Der Mutter Gans Lieder. Die langen Schatten der Bäume, welche ſich faſt über den halben Strom hindehnten, begannen allmählig zu verſchwinden, wie die Sommerſonne hinter die Berge ſank, welche weſtlich von dem berühmten oder bald be⸗ rühmt zu werden verſprechenden Elſingburg allmählig und anmuthsvoll über einander emporſtiegen. Die Tages⸗ arbeiten waren abgethan und ein Theil der Dörfler ſaß an der Thür von Meiſter Oldale's Schloß, ſchmauchten ihre Pfeifen und erzählten ſich Geſchichten von den Krie⸗ gen in der alten Welt, oder von Gefahren und Aben⸗ teuern, welche ſie in der neuen Welt beſtanden. Ein Theil der Mädchen und Frauen bereiteten ge⸗ ſchäftig das nachdrucksvolle Abendeſſen; andere melkten die Kühe, und andere luſtwandelten mit ihren Herzgetreuen die Ufer des Stromes entlang unter den alten Ulmen, deren Rinde mit Namen und Anfangsbuchſtaben von Namen und flammenden Herzen und vereinigten Händen— den rohen, aber einfachen Sinnbildern ländlicher Liehe— — 15— jämmerlich zerkratzt war. Frau Kratzfuß, die Henne, und ihre ganze gackernde Brut ſuchten für die Nacht die ſchattigen Aeſte der Bäume; die häuslichen Geſchlechter der zwei⸗ und vierbeinigen Thiere waren im Begriff, ihre mannichfachen Schlafſtellen zu beziehen, und der ſorgſame Hausherr kettete den getreuen, mächtigen Bullenbeißer los, der ihn ſelbſt, ſeine Kinder, ſein Weib und alle ſeine Schätze in der Einſamkeit der Nacht vor jedem Ueberfall getreu beſchützte, wenn man den wilden Wolf und den eben ſo wilden Indianer den markdurchbebenden Ton der Gefahr und des Todes ausſtoßen hörte. Alles ringsum begann nach und nach ſich jener länd⸗ lichen Stille und der glücklichen Ruhe hinzugeben, welche den Abend eines ſtillen Dörfchens und einer Bewohner⸗ ſchaft von einfachen, tugendhaften Sitten bezeichnen. Um es mit einem Worte zu ſagen— es war genau die Zeit zwiſchen Dämmerung und Dunkel, als der Heer Pfeifer ſich— wie es am Ende des erſten Kapitels an⸗ gedeutet worden— in ſeine Wohnung begab, um ſein herkömmliches tüchtiges Abendmahl zu ſich zu nehmen, das gewöhnlich in einem Humpen ſogenannten harten CEiders beſtand— eine Art Getränk, das wie ein ſchar⸗ fes Schwert in des Menſchen Kehle hinab geht, und welches der mäßige Heer mit Nachdruck„Männer⸗Cider“ nannte, da es ohne allen Zweifel von großer Männer⸗ haftigkeit zeugte, wenn Jemand im Stande war, es zu trinken, ohne daß ihm die Augen aus dem Kopfe ſprangen. — 26— Dazu kam gewöhnlich eine Schüſſel geräuchertes Fleiſch und eine Maſſe Gemüs, vor Allem das in der ganzen Würde eines Nationalgerichts prangende, ſchreckliche und nicht genug zu meidende— Sauerkraut. Alle dieſe Leckerbiſſen jener Zeit waren auf dem Tiſche vertheilt und harrten ſeiner Ankunft und der des übrigen Theils der Hausgenoſſenſchaft. Unter dieſen müſſen wir den Leſer zuerſt in gebüh⸗ render Form mit der Dame Editha Pfeifer, der einzigen Schweſter ſeiner Excellenz des Statthalters, bekannt machen, einer Perſon von furchtbarem Anſehen, welche nach dem Tode[der Gattin des Heern Peters den Ober⸗ befehl über die ganze Niederlaſſung und, wenn das Ge⸗ rücht wahr iſt, über den Statthalter Pfeifer obendrein an ſich gezogen hatte. Im Allgemeinen war ſie eine gute Sorte von Weſen und von dem gemeinnützigſten Cha⸗ rakter; denn ſie vernachläſſigte die Angelegenheiten ihres Bruders, um ſich mit denen aller anderen Bewohner des Dorfes zu befaſſen. Sie wußte Alles, was vorging und ſich zutrug, und eine große Menge Dinge, die ſich nie zutrugen. Ja, wir können unſere Wahrhaftigkeit als Geſchichtſchreiber zum Pfande einſetzen, daß es nie— von der Zeit der Ankunft der Dame Editha bis zu der Stunde ihres endlichen Abſcheidens— in dem Dorfe mehr als zwei Geheimniſſe gab. Das erſte war der Ge⸗ burtstag der guten Dame, das zweite möchten wir gern noch ein wenig für uns behalten, da wir beſorgt — 27— ſein müſſen, die Welt zu überzeugen, daß wir ein Ge⸗ heimniß eben ſo gut wie andere Leute zu bewahren wiſſen. Um der guten Dame nicht mehr als Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, bemerken wir, daß ſie durchaus nicht bösartig war, obgleich ihr Durſt nach Wiſſen einiger⸗ maßen außerordentlich genannt werden konnte; auch machte ſie niemals einen ſchlimmen Gebrauch von den Dorfklat⸗ ſchereien, welche zu ihren Ohren kamen. Sie hat nie eine verläumderiſche Geſchichte weiter erzählt, ohne vorher die Zuhörerſchaft feierlich zu verſichern, daß ſie auch nicht eine Sylbe von der ganzen Sache glaube; ſie erzähle die Ge⸗ ſchichte lediglich, um darzuthun, in welcher bösartigen Welt man jetzt lebe. Viele glaubten, Dame Editha habe ſich mehr durch das ſtete Raſſeln ihrer Zunge, als durch ein anderes Ein⸗ ſchüchterungsmittel die Herrſchaft über den Statthalter, ihren Bruder, geſichert. Wenn ſie etwas durchſetzen wollte, ließ ſie nie davon ab, und wenn der Statthalter, wie ſich dies öfter zutrug, unwillig und ärgerlich aus dem Hauſe ging, um ihren Zudringlichkeiten auszuweichen, ſo nahm ſie, bei ſeiner Zurückkunft, den Gegenſtand mit erſtau⸗ nenswerther Genauigkeit da wieder auf, wo er vor⸗ her abgebrochen worden war. Mit dem Laufe der Zeit machte ſie ihn mürb und müde; die vielen Beweiſe, welche der Statthalter Pfeifer von der Beharrlichkeit der Dame, ſo wie von der Nutzloſigkeit alles Widerſtandes erhalten — 28— hatte, brachten ihn zuletzt zu einer ganz ruhigen Unter⸗ werfung unter das Tyrannenjoch in ſeinem Hauſe, wo⸗ gegen er feſt beſchloß, ſich dadurch zu entſchädigen, daß er draußen den Tyrannen ſpielte. Die Dame Editha— welche, wie wir zu melden vergaßen, nie verheirathet war, da es ihr nie, weder in der alten, noch in der neuen Welt gelingen wollte, Jeman⸗ den zu finden, der gut genug für ſie wäre,— Dame Editha, ſagen wir, war, es iſt nicht zu läugnen, eine gehörige Rednerin, obgleich wir, zufolge deſſelben Strebens nach Wahrheit, geſtehen müſſen, daß ſie von ihrer Zuhörer⸗ ſchaft nicht immer verſtanden wurde. Da ſie es für aus⸗ gemacht annahm, daß alle Welt eben ſo begierig war, wie ſie ſelbſt, ſich in aller Welt Angelegenheiten zu miſchen, ſo traute ſie Andern eine eben ſo ausgedehnte Bekanntſchaft mit Allem zu und ſprach ſtets in halben Worten, ver⸗ ſteckten Winken und Anſpielungen, wodurch ihre Freun⸗ dinnen oft in größere Verlegenheit kamen, als wenn ſie die Räthſel einer Sphynx zu löſen hätten. So ſpielte ſie unaufhörlich auf ihre Bekanntſchaften in dem alten Finnland an, nannte die Leute bei ihren Taufnamen und erzählte weit und breit die mannichfachen Vorfälle und Be⸗ gebniſſe, welche ſich in der Küche und im Keller, bei Hoch⸗ zeiten und Kindtaufen zugetragen hatten, als wenn die ganze Welt bei dem betheiligt ſein müßte, was ſie betraf und was ihre Bekannten geſagt und gethan hatten. Mit Einem Worte, ſie war eine magere, kleine, kurze 32 —— — — 29— Dame, in Schuhe mit hohen Abſätzen, in ein Zitz⸗ kleid mit Blumen, ſo groß wie Kürbiſſe, und Blättern gleich denen des Palmbaums, und in eine weit abſtehende Haube von Schleiertuch gekleidet, an deren Stelle man, bei großen Gelegenheiten, eine ſchwarze Sammtmütze ſah, welche eng an dem Kopfe anlag und unter dem Kinne gebunden war. Was ihre Stimme betrifft, ſo darf man behaupten, daß ſie eben ſo ſcharf war, wie der Cider ihres trefflichen Bruders, des Statthalters. Das einzige Weſen in der ganzen Colonie, welches der Tante Editha, wie ſie gewöhnlich benamſet wurde, das Licht halten konnte, oder welches es wagte, in dem Zungen⸗ krieg einen Schuß mit ihr auszutauſchen, war ein gewiſſes geheimnißvolles, wunderliches, abſonderliches Geſchöpf, welches nach der allgemeinen Annahme ein Gemiſch von Hexe und Wahrſagerin war. Sie war von Geburt eine Afrikanerin und die gewöhnliche Benennung, welche man ihr gab, war Bombie, die Krausköpfige. Bombie war eine derbe, ausgedehnte Geſtalt, merk⸗ würdig durch jene eigenthümliche Rundung des Wuchſes, welche ſo häufig bei Frauen ihrer Farbe und ihres Lan⸗ des gefunden wird. Ihr Kopf und ihr Geſicht ſtanden in einem auffallenden Widerſpruch hinſichtlich ihrer Größe — denn jener war ſehr klein, und das letztere ungemein groß, da man in Wahrheit behaupten konnte, faſt ihr ganzer Kopf ſei nichts als Geſicht. Die Natur hatte ihr nämlich eine ſolche überſchwengliche Ueppigkeit von einer 3 — 30— dreiten platten Naſe gegeben, daß ſie, wenn ſie der ſchwarzen Dame überhaupt etwas von Augen zugeſtehen wollte, dieſelben auf die beiden Seiten des Kopfes ſetzen mußte, wo ſie faſt ſo weit hervorſtanden und ſo roth waren, wie die eines gekochten Hummers. Sie erhielt dadurch ein auffallend wildes Ausſehen, denn ihr Blick hatte ganz das eigenthümlich Starre, das die neuerdings geſchaffenen und ſo ſehr beliebten Weſen bezeichnet, welche zwiſchen Hexen, Kobolden, Feen und Teufeln eine Art Mitte halten und ein wunderbares Gemiſch von allen 1 dieſen ſind. Bombie, die Krausköpfige, hatte dieſen Beinamen wegen ihres Haares erhalten, welches ſich durch jenes abſonderliche, widerſpenſtige Krauſe auszeichnete, das im Geleite der ſchwarzen Hautfarbe als ein charakteriſtiſches Merkmal der Nachkommenſchaft Kain's angeſehen wird. Das Alter hatte jetzt ihren Körper faſt ganz gebeugt, ihr Geſicht mit unzählbaren Runzeln gefurcht und ihr Haar weiß gefärbt, was in auffallendem Contraſt mit ihrer ebenholzfarbnen Haut ſtand. Dennoch zeigte ſie noch eine der Eigenthümlichkeiten dieſer unglücklichen Rage — nämlich eine Reihe Zähne, die weiß waren, wie der friſch gefallene Schnee, und ſo ſchön, wie die ſchönſten, die jemals durch die Roſenlippen des Mädchens glänzten, das dem Leſer am theuerſten iſt. Sollen wir nichts ver⸗ ſchweigen, ſo müſſen wir hinzuſetzen, daß ihre Zunge durch die Stürme der Zeit eben ſo wenig gelitten hatte, — 31— wie der Glanz ihrer Zähne. Sie war in der That eine verzweifelte Schwätzerin und hatte eine natürliche Be⸗ redtſamkeit, welche die Stimme und das Anſehen der Tante Editha gewöhnlich überwältigte und den Heern Peter in ſeinen ſtrengſten häuslichen Beſchlüſſen wanken machte. Die Tyrannei der krausköpfigen Bombie wurde jedoch in ihrem Gewichte noch durch gewiſſe in der Anſiedelung umgehende Anſichten und Meinungen geſtärkt, welche vielleicht um ſo mehr Gewicht hatten, je unbeſtimmter und dunkler ſie waren. Man ſagte nämlich, ſie ſei eine afrikaniſche Prinzeſſin und die Gemahlin eines ſchwarzen Königs; man habe ſie bei einem Kampfe gefangen genommen und einem Kaufmann verkauft, welcher ſie nach Sanct Bartholomäus brachte, wo ſie Heer Peter Pfeifer kaufte, der damals als Fiscal auf dieſer fruchtbaren Inſel hauste und ſie zuerſt nach Finnland und dann in die neue Welt mitnahm. Das Gerücht— dieſer Sohn der Dunkelheit, der Entfernung und des Müßiggangs— flüſterte auch: die mit dem gekräuſelten Haare könne in die Tiefen der Zukunft ſehen; ſie ſei mit den Geheimniſſen, krumme Nadeln zu ſtecken und un⸗ ſichtbare Ziegelſteine zu werfen, vertraut und überhaupt in all' die ſchrecklichen Geheimniſſe Obi's eingeweiht. Das ſeltſame Ausſehen und Gebährden der Krausköpfigen be⸗ ſtärkte die Leute in ihrem Argwohn, ſo wie die Autorität gewiſſer Beiſpiele von Hexerei und Zauberkraft, welche damals der Oſten lieferte und die von dem gelehrten, hochwürdigen Cotton Mather, in ſeinem Buche der Wun⸗ der,„Magnalia“ genannt, ausführlich erzählt wurden. Gleich der Eule und dem Käuzchen ſah man ſie nur ſehr ſelten anders als bei Nacht außerhalb des Hauſes, und wie jene, zog ſie, nach der allgemeinen Meinung, nur aus, um Unheil zu verkünden oder zu üben. Mit ihrer kurzen Pfeife in dem Munde, und dem gehörnten Stock in der Hand, pflegte man ſie des Nachts das Ufer des Stroms entlang gehen zu ſehen, ohne daß ihr Gang einen anſcheinenden Zweck hatte— gewöhnlich ſtill und ſtumm, doch dann und wann auch in einem unbekannten Gewälſch, von dem Niemand ein Wort verſtand, knur⸗ rend und murrend. Dieſe Sitte, in der Nacht und in jeder Stunde der Nacht umherzuſtreifen, ſetzte ſie in den Stand, Kenntniß von mannichfachen Geheimniſſen der Dunkelheit zu erlan⸗ gen, welche oft als das Ergebniß eines übernatürlichen Blickes in die Wege des Geſchickes oder in das Thun der Menſchen erſchienen. In der That iſt die Bemer⸗ kung, welche ein großer Geiſt gemacht hat, nicht ganz unwahr, nämlich, wer die Welt ſehen wolle, wie ſie wirklich iſt, müſſe, wie der Hofhund, den Mond anbellen und nur beim Sonnenſchein ſchlafen. Zu Hauſe, in der Küche des Heern Peter, ſchlief Bombie nur während den Stunden des Tages; oft brachte ſie den größten Theil der Nacht damit zu, daß ſie in ſolchen Theilen des Hauſes umherwanderte, welche ihr offen ſtanden, gleichſam als würde ſie von dem Geiſte der Schlafloſigkeit verfolgt; öfter hielt ſie den Schritt vor der großen holländiſchen Uhr in der Halle an. Hier ſah man ſie, die gekrümmte Geſtalt, auf ihren Stock gelehnt, ſtehen— ein wahres Sinnbild des Alters, welches die wenigen, flüchtigen Momente ſeines Daſeins überzählt. Ihre Bekleidung beſtand aus einer unzählbaren Maſſe von Fetzen und Lappen, welche mit der entſchiedenſten Verachtung gegen das Paſſende der verſchiedenen Farben auf und an einander geflickt waren, und die Bruchſtücke aller Moden des verfloſſenen Jahrhunderts zeigten. Bei abſonderlichen Gelegenheiten ließ ſich jedoch Bombie in ihrem großen Staate ſehen, welcher in einem Mannshut und Kleid, und einem Frauenrock beſtand— eine Ver⸗ bindung, welche eine wilde, maleriſche Wirkung hatte, die ganz unbeſchreiblich iſt. Um dem Statthalter nicht Unrecht zu thun, müſſen wir bemerken, daß es nicht ſeine Schuld war, daß Bombie nicht beſſer gekleidet ging, denn er beſchenkte ſie oft mit Kleidern; Niemand wußte aber, was ſie damit anfing, da man ſie ſelten anders, als mit einer Menge von Lumpen angethan ſah. Obgleich der Schneeball, wie Statthalter Pfeifer ſie zu nennen pflegte, allem Ausſehen nach ungemein alt und hinfällig war, ſo beſaß ſie dennoch eine Thätigkeit und Kraft, welche etwas faſt Uebernatürliches hatte, und ſie in den Stand ſetzte, jeder Jahreszeit und jedem Paulding V. 3 — 34— Wetter zu trotzen, ſo daß ſie wirklich die ſchwarze Mar⸗ morſtatue zu ſein ſchien, der ſie zuweilen glich, wenn ſie bewegungslos daſtand und, auf ihren Stab gelehnt, den ſtillen Mond betrachtete. 1 Sie hatte einen Enkel, von welchem wir bald mehr zu ſagen Gelegenheit nehmen werden. Jetzt wollen wir den Heern ſein Abendeſſen beendigen und der wohlver⸗ dienten Ruhe pflegen laſſen, wie wir denn auch dem freundlichen Leſer jetzt eine kleine Ruhe gönnen müſſen, da wir ihm nicht auf einmal mit zu viel Gutem läſtig werden möchten. —— Drittes Kapitel. Die Rof' iſt roth, die Nelke ſüß, Das Veilchen blau— und du biſt dies. Die Worte hießeſt du mich ſagen, Für einen Kuß, an den Oſtertagen. Der Mutter Gans Lieder. In dem Geleite Lob Dotterels, des wachſamen und ſcharfblickenden Obergerichtsdieners von Elſingburg, ſahen wir am Schluſſe des erſten Kapitels unſern Helden ſich geduldig in das Gefängniß begeben. Der Leſer wundert ſich vielleicht über die ruhige Ergebung, mit welcher der lange Finne das Urtheil des Heern Poter und das Ge⸗ leite des Gerichtsdieners hinnahm. Obgleich es nun in unſere Gewalt gegeben iſt, dieſen ſeltſamen Umſtand durch einen einzigen Federſtrich zu erläutern und in das rechte Licht zu ſtellen, ſo ſind wir doch mit der Natur des menſchlichen Geiſtes zu bekannt, als daß wir unſere Geſchichte ſchon in den erſten Blättern jenes unbeſchreib⸗ lichen Intereſſes berauben möchten, welches daraus her⸗ vorgeht, daß der Dichter ſeine Leſer über gewiſſe Dinge im Dunkeln läßt und ſie auf dieſe Weiſe wie an einem Leitſeile bis zu dem Ende führt, wo ſie hoffen, endlich durch die Lüftung des Vorhangs völlig entſchädigt zu wer⸗ den— eine Hoffnung, in welcher ſie, wir müſſen es 3* — 36— bekennen, oft gar bitter getäuſcht werden, indem ſie ein⸗ ſehen lernen, daß es viel leichter iſt, ein Geheimniß zu ſchürzen, als es zu löſen. Es genüge hier zu ſagen, daß der ſchlanke Jüngling ſich ruhig in das Gefängniß führen ließ und, wie es ſchien, weder ſich ſelbſt ſehr deßhalb bekümmerte, noch das Mitleid irgend einer Seele in dem Dorfe erregte. Doch war dem nicht ſo. Es gab ein Herz, das vor Mitleid ſchmolz, und ein Auge, welches eine einſame Thräne weinte, daß ein ſo anziehender Jüngling, auf einen ſo unbeſtimmten und leichten Verdacht hin, gleichſam lebendig begraben wer⸗ den ſollte. Dieſes Herz und dieſes Auge ſchlug in der Bruſt und glänzte in dem Antlitz einer ſo ſchönen Maid, als die Sonne je auf eine in dieſer neuen Welt ſchien, von deren lebhaften Töchtern man es allerſeits zugeſteht, daß ſie an Schönheit, Anmuth und Tugend alle übrigen in dem Univerſum übertreffen. Die Tochter— die einzige Tochter— ja, das ein⸗ zige Kind des Heern ſaß an dem niedrigen Fenſter des Beſuchzimmers, das die Ausſicht auf den grünen Raſen⸗ platz hatte, wo dieſer mächtige Statthalter bei ſchönem Wetter ſeine Nachmittagspfeife zu rauchen pflegte, als der wachſame Obergerichtsdiener den ſchlanken, blonden Gefangenen hereinbrachte. Natürlich wurde ihr Auge durch ein Antlitz und eine Geſtalt angezogen, die ſo ver⸗ — 37— ſchieden von Allem war, was ſie bis jetzt in dem Dorfe geſehen; und da ſie nahe genug war, um kein Wort des Verhörs zu verlieren, ſo bewächtigten ſich ihrer Staunen und Neugierde— zwei Gefühle, welche auf das ſchöne Geſchlecht unmittelbar von Mutter Eva vererbt worden ſein ſollen. Die Leſer, und die Schriftſteller obendrein, welche zufälligerweiſe von der menſchlichen Natur ſo viel wiſſen, wie ein Kohlkopf, kennen den elektriſchen Charakter jeder Erregung, welche in dem Herzen unter Umſtänden und in einer Lage wach wird, wo anziehende Gegenſtände zu den Seltenheiten gehören und kein Wechſel der Dinge uns dem Zuge der Gedanken und Gefühle entfremdet, welche ſolche Gegenſtände einflößen. In früher Jugend, und gerade in jener friſchen Frühlingszeit, wo die Knospe der Empfindung ihre Blätter dem ſchmeichelnden Weſt⸗ hauch und der jungen Sonne zu entfalten beginnt, begibt es ſich oft, daß ſich Phantaſie und Gedächtniß auf das innigſte verbinden, der Seele ein Gefühl einzuprägen, das ein einziger Funken, in einem einzigen Augenblick, entzündet hat— ein Eindruck, den faſt keine Zeit mehr zu verlöſchen im Stande iſt. So erging es gewiſſermaßen der ſchönen, lieblichen Tochter des Heern, deren glanzvolles blaues Auge— die Farbe des Nordens— beſtimmt ſchien, alle Herzen der neuen Welt zu erobern, wie ihre blauäugigen Vorfahren die alte Welt mit der Gewalt ihrer unwiderſtehlichen — 38— Waffen eroberten. Seit ſie zur Jungfrau herangewachſen war, hatte ſie kein Weſen geſehen, das dem langen Finnen glich, welcher, mit dem plumpen, rauhen Volke zuſammengehalten, einem Apollo unter einem Haufen Satyrn ähnlich war, wobei wir ſelbſt ihren Bewunderer und Anbeter, Othman Pfegel, nicht ausgenommen wiſſen wollen. Chriſtina— denn ſo hieß ſie— hatte in der That eine ferne Erinnerung an eine Art edlerer Geſchöpfe, wie ſie ſie, als ein kleines Müdchen, in Finnland geſe⸗ hen hatte; aber dieſe Erinnerung war ſo unbeſtimmt, daß ſie nur im Stande war, in den Sonntagshelden von Elſingburg einigermaßen das Gemeine und den Man⸗ gel edler Bildung und Geſittung zu erkennen. Man kann ſagen, das Herz, das reine, warme, geſellige Herz eines ſiebzehnjährigen Mädchens gleiche der Turteltaube, welche über die Abweſenheit ihres Ge⸗ ſpielen trauert und die Einſamkeit der Welt mit ihren Seufzern und ihrer Klage erfüllt. Es harrt nur der Er⸗ ſcheinung des ihm beſtimmten Gegenſtandes, um zu beben und zu zittern; und wenn ſeine erſten Regungen nicht rauh zerſplittert, oder durch den Wechſel widerſprechender Gefühle und die Mannichfaltigkeit ſich bekämpfender Ver⸗ ſuchungen bewältigt werden, ſo bleiben ſie während einem ganzen Leben voll Liebe das herrſchende Princip des Daſeins. Königsmarke war in der That eine Geſtalt, welche — 39— die beſondere Aufmerkſamkeit eines weiblichen Weſens auf ſich ziehen konnte, deren Augen an die ſchönſten männlichen Formen gewöhnt ſind. Er war beinahe oder ganz ſechs Fuß hoch— man ſieht, wir ſind genau— man imponirt der Welt ſtets durch beſtimmte Maßan⸗ gaben;— ſein Wuchs war ſchlank und in den ſchönſten Verhältniſſen, ſeine Hautfarbe weiß— faſt zu blendend für einen Mann— und die Augen von dem durchſich⸗ tigſten Blau. Seine Haare waren etwas zu hell, um der Mode des heutigen Tages ganz zuzuſagen; wer ſie aber, wie Chriſtina, dem Ideale männlicher Schönheit zuge⸗ ſellte, fand ſie eher anziehend als unangenehm. Nach dieſer hingeworfenen Skizze hätte man ſein Aeußeres vielleicht für etwas zu zart und weiblich halten können, wäre nicht die kräftige, muskulöſe Geſtalt und ein gewiſſer ſeltſamer Ausdruck des Auges, der ſelbſt etwas Ungeſtümes und Heftiges hatte, geweſen, wodurch er das Anſehen eines kühnen und furchtloſen Mannes erhielt. In ſpäterer Zeit, als ihre Bekannt⸗ ſchaft inniger geworden war, flößte dieſer Ausdruck des Auges der ſchönen Chriſtina oft einen unerklärbaren und unbeſtimmten Argwohn gegen ſeinen Charakter, ſo wie ein Bangen vor der Entwickelung deſſelben ein, und ſie war ſelten im Stande, ſich demſelben gänzlich zu entſchlagen. Die Kleidung des jungen Mannes war zwar weder zierlich, noch glänzend, aber doch von der beſſern Art und in ſehr gutem Geſchmack; eine Modeſchöne von London —-— 40— oder Paris hätte wahrſcheinlich an dem Schnitt ſeines Hemdkragens etwas auszuſetzen gehabt, aber Chriſtina hatte von den Fortſchritten der Mode glücklicherweiſe noch nicht viel Nutzen gezogen. Der Mann, deſſen äußere Erſcheinung wir auf dieſe Weiſe einſtweilen hinreichend gezeichnet zu haben glau⸗ ben, erregte in der jungen Maid einen Grad von Theil⸗ nahme, welcher mächtig genug geweſen wäre, ſie zu einer kräftigen Fürſprache für den Gefangenen bei dem Statt⸗ halter zu vermögen, wenn jenes neugeborne Gefühl nicht geweſen wäre, das, wenn es in der Bruſt eines zarten und tugendſamen weiblichen Weſens erwacht, ein ſcheues und furchtſames Bewußtſein in ſeinem Geleite hat, welches bangt, die gewöhnlichſte Handlung der Näch⸗ ſtenliebe und das unverdächtigſte Gefühl des Mitleids möchte als das Ergebniß wärmerer Empfindungen miß⸗ deutet werden. Ueberdies wußte die ſchöne Chriſtina aus Erfahrung, daß ihr Vater, obgleich er ſie mehr, als irgend etwas auf der weiten Erde liebte, dennoch Etwas noch viel höher hielt— nämlich die Freiheit ſeines allgebietenden Willens bei Allem, was ſeine Eigenſchaft als höchſter Stellvertreter des Königs Guſtav Adolph von Schweden u. ſ. w. betraf und mit ſeiner Amtswürde im Zuſam⸗ menhang ſtand. Wirklich verfehlte der Heer niemals, alle Eingriffe dieſer Art von Seiten der Frauen ſeines Hauſes zu vereiteln, wobei er ſeiner abſchlägigen Ant⸗ — 41— wort gewiß einen eben nicht freundlichen Scherz, oder eine Anſpielung auf Leute hinzufügte, welche ſich nicht um das bekümmerten, was ſie anging. Chriſtina blieb daher ruhig auf ihrem Stuhle ſitzen und begleitete den blonden Jüngling mit den vorher erwähnten Seufzern und den ſtillen Thränen in das Gefängniß. Das Verließ bildete die eine Seite des freien Platzes, an deſſen entgegengeſetztem Theile der Pallaſt des Statthalters, wie ſich dieſer auszudrücken pflegte, lag— nämlich ein zweiſtöckiges Gebäude von Backſteinen, mit einem hohen Dache, welches mit feuerrothen Ziegeln ge⸗ deckt war, die übereinander lagen, wie die Schuppen eines Trommelfiſches. Die Backſteine, aus welchen der Pal⸗ laſt aufgeführt worden, waren gleichfalls von rother Farbe, ſo daß das Ganze das Ausſehen eines ungeheu⸗ ren Ofens hatte, der eben zum Brodbacken geheizt war. Der Sitte jener Zeit gemäß war das Haus von ſehr geringer Tiefe und die Fenſter deſſelben Zimmers öffne⸗ ten ſich nach der Vorder⸗ und Hinterſeite; allein es er⸗ ſetzte durch Länge, was ihm an Tiefe abging, und ſah, wenn man es nicht von der Seite betrachtete, gar im⸗ poſant und ſtattlich aus. Gerade gegenüber, ungefähr dreißig bis vierzig Schritte entfernt, lag das Gefängniß, gleichfalls von Backſteinen erbaut und mit kleinen Fenſtern verſehen, welche mit abſchreckenden Eiſenſtangen und anderen, die Beſtimmung — 42— des Gebäudes unverkennbar andeutenden Abzeichen ver⸗ ziert waren. Ein Theil des Baues diente als Aufenthalt für die, welche das Unglück hatten, ſich die Schuld des Verdach⸗ tes, wie der lange Finne, zuzuziehen; in dem anderen war der große Gerichtsſaal, wie man ſich pomphaft aus⸗ zudrücken pflegte, wo der Heer ſeiner Gewohnheit nach ſich einfand, um mit ſeinen Räthen Rath zu pflegen und dann zu thun, was ihm beliebte, ein Verfahren, das dem mächtigen Statthalter jener Zeit zur andern Natur geworden ſein mochte. Dieſe kleinen großen Herren waren allerdings ſo weit außerhalb des Bereiches ihrer Gebieter, daß ſie ſich kaum für weniger als unſterbliche Gottheiten hielten und oft um einer Kleinigkeit willen ſich erzürnten, bloß um zu zeigen, was ſie vermöchten. Der Pallaſt des Statthalters und das Gerichtsge⸗ bäude waren die einzigen Backſteinhäuſer in dem Dorfe, denn die ärmeren Einwohner hatten runde Blockhäuſer und die wohlhabendern viereckige. Die Oeffnungen der Balken waren ſpärlich mit Mörtel verwahrt und ließen da und dort den Winden des Himmels freien Zugang. Dieſe Hütten waren ſorglich um den freien Platz hinge⸗ ſtreut und zwar aus zwei beſonderen Gründen: erſtens, damit ſie um ſo leichter in die ſtarke Verzäunung ein⸗ geſchloſſen werden könnten, welche ſich zur Sicherheit gegen irgend einen plötzlichen Ueberfall der Wilden um den Ort zog; zweitens, damit kein Raum verloren ginge, — 43— denn nach der Anſicht der klügſten und weitſehendſten Köpfe war die Lage von Elſingburg ſo herrlich, daß in der kürzeſten Zeit jede Spanne Boden von dem un⸗ ſchätzbarſten Werthe war. Eitle Hoffnungen! Eitle Träume! Der Ort iſt jetzt eine Ruine und die Colonie beſteht nicht mehr. Aber ſo ergeht es immer den zu hoch fliegenden Planen der Menſchen! Die Häuſer, von denen wir eben geredet, waren faſt alle von gleicher Größe und Bauart, und ſämmtlich mit einem ungeheuren Schornſteine geziert, welcher zu dem Hauſe gehörte, oder, um uns richtiger auszudrücken, zu welchem das Haus zu gehören ſchien, und der nicht innerhalb, ſondern außerhalb der vier Wände ſtand, um den Einwohnern den Platz nicht zu verſperren; die Häu⸗ ſer erhielten dadurch vollkommen das Anſehen von Schwal⸗ benneſtern, welche an die Seite eines Schornſteins an⸗ geklebt ſchienen. In das eben näher bezeichnete Gefängniß wurde der lange Finne von Lob Dotterel gebracht und von dem Cerberus in Empfang genommen, der es bewachte und gewöhnlich, da ſein Dienſteinkommen nicht ganz mit dem im Einklange war, was zur Erhaltung einer Familie von acht bis zehn Kindern gefordert wurde, als Zimmermann draußen arbeitete und die Schlüſſel des Gefängniſſes ſeiner Frau zurückließ. Man ſah die letztere allgemein als den herrſchenden Theil der Familie an und das Gerücht wollte — 4— wiſſen, daß ſie am hellen Tageslichte ſich weder vor dem Teufel, noch vor dem Dorfpfarrer fürchtete. Meiſter Gottlieb Schwaſchbuckler's Stelle war, die Wahrheit zu ſagen, faſt eine Faulenzer⸗Stelle, denn das Gefängniß war, ungeachtet der wachſamen Polizei des Lob Dotterel, während dem größeren Theile des Jahres ohne irgend einen Inſaſſen, den Gefangenwärter und ſeine Frau ausgenommen. Und hier können wir nicht umhin, unſere tiefe Betrübniß aus szuſprechen, daß unge⸗ achtet der unbeſchreiblichen Mühe, welche man ſich ſeit längerer Zeit gegeben hat, den Geiſt der Menſchen zu bilden und ihre Moralität zu heben und zu kräftigen, daß ungeachtet der erſtaunlichen Erfolge, welche dieſe philanthropiſchen Pläne in der Welt hatten, eine ſo merk⸗ würdige, unbegreifliche Vermehrung von Kerkern, Straf⸗ und Beſſerungs⸗Anſtalten ſtattfindet. Die Thatſache, welche wir hier bemerklich machen, iſt wirklich ſo außer⸗ ordentlich, daß wir es für unſere Pflicht halten, den Leſer zu bitten, ihr einen kleinen Theil jener edlen Gläubigkeit zuzuwenden, durch welche er in den Stand geſetzt wird, die intereſſanten Unwahrſcheinlichkeiten un⸗ ſerer neuern Romane zu bewältigen. Frau Schwaſchbuckler war, wie man ſich denken kann, über die Ankunft des langen Finnen ſehr erfreut, denn ſeit geraumer Zeit hatte ſie an Niemand, als ihrem Gat⸗ ten und ihren Kindern ihr Anſehen geltend machen kön⸗ nen; auch glaubte ſie, ein Gefängniß ohne einen Gefan⸗ — 45— genen ſei wie ein Käfig ohne Vogel, ohne allen Werth und ohne alles Intereſſe. Sie beſchloß ſofort, ihn auf das beſte zu halten, und führte ihn daher in ein Zimmer, deſſen Thüre doppelt ſo ſtark, und deſſen Fenſter doppelt ſo ſchwer mit Eiſen verziert waren, als irgend ein ande⸗ res in dem ganzen Gebäude. Da wir auf dieſe Weiſe für die Unterkunft unſeres Helden geſorgt haben, ruhen wir einen Augenblick, um nachzudenken, was wir in dem nächſten Kapitel vor⸗ bringen. Viertes Kapitel. Wer kömmt da? Ein Grenadier. Was wollt Ihr? Eine Flaſche Bier. Euer Geld? Ich ließ es zu Haus. Packt Euch fort, Ihr betrunkner Daus. Der Mutter Gans Lieder. Da wir nicht vorherſahen, daß es im Laufe der Ge⸗ ſchichte nöthig ſein würde, vergaßen wir zu erwähnen, daß der Heer Pfeifer, als er das Urtheil über den langen Fin⸗ nen ausſprach, zu gleicher Zeit alle Mark Newby's halbe Heller, welche dieſer bei ſich hatte, für verfallen erklärte und die eine Hälfte dem Angeber, die andere der Krone Schwedens zuſprach. Die Summe wurde daher zwiſchen Reſtore Gosling und dem Statthalter, als dem Stellver⸗ treter der ſchwediſchen Majeſtät, getheilt. Der lange Finne betrat demnach das Gefängniß ohne jenen Schlüſſel, der nicht allein Thore und Mauern öffnet, ſondern auch die ſteinernen Herzen derer, welche gewöhnlich innerhalb derſelben wohnen. Seine Taſchen waren ſo leer, wie eine Kirche an Werktagen. Als er daher am kom⸗ menden Morgen das Nagen jenes unerſättlichen Teufels fühlte, den weder Schloß, noch Riegel, noch unterirdiſche Qualkammern abhalten können, den Ferſen des Men⸗ ſchen zu folgen— und als er der Dame Schwaſchbuckler — 47— anzudeuten bemüht war, es komme ihm vor, als wenn ſein Frühſtück nun gelegen käme, forderte ihn dieſe gute Frau mit der größten Bereitwilligkeit auf, mit ſeinen Spänen herauszurücken, und ſie wolle ihm ein Frühſtück beſorgen, mit welchem ſelbſt der Statthalter Pfeifer zufrie⸗ den ſein ſollte. „Aber ich habe keine Späne, Mutter, wie Ihr es zu nennen beliebt!“ verſetzte der Jüngling. „Was? Kein Geld?“ rief die Frau krächzend. „Der T-—l hole dich*)— wie kamt Ihr denn nur hierher?“ „Durch Meiſter Lob Dotterel,“ erwiederte er. „und du haſt kein Geld— du Galgenſchlin⸗ gel!“ brüllte die Frau. „Keinen Stüber, nicht einmal einen Mark Newby's halben Heller,“ antwortete der lange Finne ruhig und heiter. „Dann bekömmſt du auch kein Frühſtück,“ rief die Gebieterin des Gefängniſſes,„es müßte denn ein Teu⸗ felsbraten ſein. Es wär' auch in der That eine ſchöne Sache, wenn man hier auf Koſten der Armen jeden vom Galgen gefallenen Spitzbuben im Müßig⸗ gange ernähren müßte!“ Nach dieſen Worten watſchelte die Frau mit dem *) Die unterſtrichenen Stellen ſind im Original deutſch ſtatt ſchwe⸗ diſch.. 48= harten Namen und Herzen erzürnt aus dem Zimmer, ſchloß die Thüre mit großem Nachdruck hinter ſich und drehte den Schlüſſel raſch um, was ſtets andeutete, daß ſie im größten Zorne war. Der Mittag kam, aber kein Mittageſſen; der Abend kam, aber kein Abendeſſen; denn wir müſſen bemerken, daß es eine von des Heern Pfeifer's Staatsmaximen war, daß ein Gefangener, je weniger man ihm in ſeiner Einſamkeit Nahrung des Geiſtes und des Körpers reiche, um ſo eher zum reumüthigen Geſtändniß ſeiner Schuld komme. Er ließ daher Leuten, welche auf bloßen Verdacht eingekerkert waren, keine Lebensmittel verabreichen. Die meiſten Menſchen ſind zufällig, wie uns bedünkt, mit der großen Wichtigkeit des Eſſens und Trinkens bekannt, da darin nicht nur ein einfaches Mittel liegt, den Be⸗ dürfniſſen der Natur abzuhelfen, ſondern auch gewiſſe Tagesabſchnitte geſchaffen werden, wodurch der ehrwür⸗ dige Gott der Zeit nicht allein zur Hälfte ſeiner Schrecken beraubt wird, ſondern auch die verzweifelte Einförmig⸗ keit ſeines Ganges eine angenehme Unterbrechung erhält. Als in dieſer Weiſe die Nacht und nichts zu eſſen kam, begann der lange Finne ſeine Lage nicht wenig überdrüſſig zu werden. Schweigend und ärgerlich ging er in ſeinem einſamen Gemache auf und nieder, ſtand dann und wann an dem Fenſter ſtill, das auf den beleb⸗ ten Pallaſt des Statthalters ging, und ſah gedankenvoll den Geſtalten nach, welche an dem Hauſe vorbeikamen. Als er ſo hinüberſchaute und den heitern Anblick des Pallaſtes mit ſeinem dunkeln, lautloſen Gefängniß und ſeinem einſamen, hungernden Zuſtande verglich, ſah er, wie man das Abendeſſen des glücklichen Heern auf den Tiſch ſetzte, und ſeine Zunge lechzte. Der Contraſt war nicht zu ertragen. Er warf ſich in einem Winkel des Gema⸗ ches auf das Stroh und verſank in der Bitterkeit ſeines Herzens in ſich ſelbſt; in der Qual ſeines Durſtes trank er ſeine Thränen, erlag endlich ſeiner Schwäche und den Gefühlen ſeines Herzens und ſchlief feſt ein. Aus dieſer letzten Zuflucht des Elends und des Hungers weckte den jungen Mann ein krachender Don⸗ nerſchlag, welcher das ganze Gerichtshaus in Atome zu zerſplittern ſchien. Der erſte Gegenſtand, welcher ſich ſeinem geöffneten Auge unter dem faſt unaufhörlichen Flammen des Blitzes darbot, war eine Geſtalt, die, faſt ganz niedergebückt und auf ihren Stock gelehnt, ſich über ihn beugte und einen unverſtändlichen Zauberſpruch mur⸗ melte. Ihre Augen ſchienen feurige Kohlen, die in ihren tiefen Höhlen tanzten, und ihre ganze Erſcheinung war faſt wie etwas Uebernatürliches anzuſchauen. „Wer und was biſt du, bei dem Namen Gottes!“ rief der junge Mann und ſprang von dem Strohbün⸗ del auf. „Ich bin ein Weſen, das alle Rechte, auf welche die Menſchheit Anſpruch machen kann, verloren und alle unbilden geerbt hat, die ſie treffen können. Auf dem Paulding V. 4 einen Erdtheil ward ich als Königstochter geboren,— ich wurde, ein Laſtthier, in den andern geſchleppt. Ich bin hier die Sklavin des Willens eines Mannes, das Ge⸗ ſchöpf ſeiner launiſchen Willkür. Die Stimme der Geſtalt war hohl und dumpf und klang wie eine— ocke. „Und was führt Euch in dieſer Stunde der Nacht— und überdies einer ſolchen Nacht hierher?“ fragte Kö⸗ nigsmarke. „Der Donner und der Blitz, der Sturm und der Wirbelwind ſind meine Elemente; für mich iſt Nacht Tag, und wenn Andere ſchlafen, zieht der Geiſt, der am Morgen unſichtbar iſt, und der Schuldige, der das Licht und das Antlitz der Menſchen fürchtet, und der Unglück⸗ liche, der ſie haßt, aus, um den Lebenden zu warnen, der Bitterkeit ſeines Herzens nachzuhängen oder neue Verbrechen zu begehen.“ „Fort!— Ich kenne dich nun; du biſt die kraus⸗ köpfige Bombie!— ich kenne dich nun!“ verſetzte der junge Mann. „und auch ich kenne dich!“ erwiederte dumpf die Geſtalt,—„ich kenne dich, langer Finne.— Du kömmſt nicht in guten Abſichten hierher; du willſt die ſchlummernde Unſchuld morden— auf den Baum des Hauſes meines Herrn die bittere Frucht der Schuld und des Elends pfropfen. Ich bin hierher geſandt, all' dem zuvorzukommen. Ich habe Nahrung bei mir, und die — 51— Mittel, dich aus deinem Gefängniß zu befreien. Folge mir und wandle deines Weges, um nie wieder zu kommen.“ „Ich will hier bleiben und ſterben!“ rief der blonde junge Mann bitter.—„Ich bin ein Geächteter in mei⸗ nem Heimathlande— ein gehetztes Wild, für welches weder die Wälder, noch die Gewäſſer, noch die Lüfte ein Zufluchtsort ſind. Wohin ſoll ich gehen?— Weder der weiße, noch der rothe Mann werden mich vor dem ſchützen, was mich überall hin verfolgt— vor dem Wurme, der nie ſtirbt; vor dem Feuer, das nie erliſcht.— Nein, ich will hier bleiben und ſterben.“ Er warf ſich unbekümmert um Alles, was um ihn vorging, auf den Boden und bedeckte ſein Antlitz mit den Händen. 5 Donner und Blitz folgten ſich draußen noch unauf⸗ hörlich. 3 „Hier bleiben und ſterben!“ wiederholte Bombie, die Krausköpfige, mit höhniſchem Tone.—„Ja, ſo wimmert und winſelt der feige weiße Mann, wenn er etwas gethan hat, dem ſein verworfener Geiſt nicht in das Geſicht zu ſehen wagt. Wer den Muth hat, ein Verbrechen zu begehen, ſollte auch den Muth haben, den Foigen deſſelben zu trotzen.— Memme, ſteh' auf und folge mir.“ „Nein— ich will hier ſterben.“ „Und drüben verderben,“ rief das ſchwarze Geheim⸗ 4* — 52— niß, und ſtellte einen kleinen Korb neben den jungen Mann. „Lebe wohl!“ ſagte ſie nach einer Pauſe,—„aber bedenke, was du thuſt. Ich werde dir folgen, wohin du gehſt; ich werde Alles wiſſen, was du thuſt, und wenn du, unter der Hülle der Nacht und der Einſamkeit, wo du glaubſt, von keinem menſchlichen Auge geſehen zu werden, Böſes zu thun wagſt, wird mein Auge auf dir ruhen und mein Zauber deine Entſchlüſſe errathen. Hüte dich!“ Mit dieſen Worten ſchied ſie, und wir bedauern, ſagen zu müſſen, daß die Art und Weiſe, wie ſie ver⸗ ſchwand, ihres geheimnißvollen Weſens etwas unwürdig war; denn ſie ging zur Thür hinaus und ſchloß ſie hinter ſich zu. Der lange Finne lag eine Zeitlang in Nachdenken verſunken und ließ, was er geſehen und gehört, an dem innern Sinne nochmals vorübergehen; endlich aber flößte ihm ſeine Neugierde den Gedanken ein, den Korb zu unterſuchen, deſſen Inhalt ihn Allem entfremdete, was ihn vielleicht innerlich beſchäftigte. Und hier könnten wir wohl mit des Leſers Neugier ſpielen und jene geheimnißvolle Maske vornehmen, mit welcher ihn gewiſſe Schriftſteller auf eine ſo unbarmher⸗ zige Weiſe quälen. Aber wir verachten dergleichen ge⸗ meine Autorenkünſte und bekennen ehrlich, daß der lange Finne außer ſich war, als er ein treffliches Nachteſſen — 53— erblickte, das er ſogleich mit großer Beherztheit angriff, ganz nach Art der Leute, die viel gefaſtet und wenig ge⸗ betet haben. Die Krausköpfige ſetzte hierauf ihre nächtlichen Be⸗ ſuche fort und vergaß des Abendeſſens nicht, was Alles ohne Zweifel nicht ohne Vorwiſſen der Frau Schwaſch⸗ buckler geſchah, deren Ehegenoſſe, als großer Politiker, der er war, den erſten Theil der Nacht damit hinbrachte, daß er ſich in dem Tempel von Meiſter Oldale ein Räuſch⸗ chen holte, und den andern, daß er es zu Haus wieder verſchlief. Wahrlich, das weinende Blut eines Frauenherzens ſchlägt ſelten mit einem theilnehmenderen Gefühle, als das in dem Buſen der ſchönen Chriſtina nun klopfte. Man ſah ſie oft an dem Fenſter ihres Zimmers, das auf die Vorderſeite des Gefängniſſes ging, wo ſie durch die Eiſengitter die unbeſtimmten Umriſſe des ſchlanken, ſchönen jungen Mannes ſehen konnte, der in ſeinem engen Bereiche auf und ab ging, manchmal vor den Ei⸗ ſenſtäben ſtill ſtand, ſeine Hand auf ſein Herz legte und ſein Haupt tief neigte, gleichſam als wollte er ihr für das Mitleid danken, das ſie einem armen Wanderer widmete. Zuweilen ſpielte er in den Abendſtunden auf einem kleinen Flageolet, das er meiſterhaft blies, oder er ſang Strophen zärtlicher Volkslieder aus ihrem Heimathlande, wo ſie oft folgende Worte hörte: 8 53— Mauern machen kein Gefängniß, Eiſenſtangen keinen Käfig. Der Ausdruck dieſer Worte ſchien ihm ſtets der des Triumphes des Geiſtes über Zeit und Verhältniſſe. Die Leſer, welche einen tiefern Blick in das Herz des Weibes gethan und in den ſeltſamen Schriftzügen deſſelben geleſen haben, wie ſehr es ſich dem Mitleide zuneigt, und wie natürlich es von dem Mitleid zu einem wärmeren Gefühle übergeht, werden nichts Unwahrſchein⸗ liches darin finden, wenn wir darauf hinzudeuten wagen, daß das kleine einfache Dorfmädchen ſich jenem nicht lange hingegeben hatte, als ſie bereits die Annäherung des letzteren zu fühlen begann. Sobald ſie dieſen Wechſel ihrer Gefühle gewahr ge⸗ worden, verſchwand all' die Wonne, welche ſie bisher gefühlt, wenn ſie den Bedürfniſſen des Gefangenen durch Bombie's hülfreiche Hand abgeholfen hatte. Eine unbe⸗ ſchreibliche Empfindung von Verlegenheit und Unbehülf⸗ lichkeit bemächtigte ſich ihrer, ſo oft ſie ſich an die Si⸗ bylle wendete, um das Abendbrod hinüberzuſchicken. Und das Erröthen, welches die Bitte begleitete, war der ſtumme, aber gewiſſe Beweis, daß ſie nur unter dem Einfluſſe eines neuen Gefühles handelte, welches ſie nicht einzugeſtehen wagte. Das Benehmen der krausköpfigen Schwarzen ver⸗ mehrte dieſe Verlegenheit.„ Die Sibylle zeigte von Tag zu Tag mehr Wider⸗ —— —-— . willen, den hülfreichen nächtlichen Weg anzutreten, und ließ ſtets myſtiſche Prophezeihungen und Verkündigungen hören.* „Nein, nein,“ ſagte ſie endlich,—„nein, ich will den Wolf nicht nähren, damit er erhalten werde, um das ſchuldloſe Lamm zu verſchlingen. Ich habe geſehen, was ich geſehen habe; ich weiß, was ich weiß. Es iſt Gefahr in der Erde, in dem Meer, in der Luft; aber die Jugend ſieht ſie nicht, bis ſie da iſt, und wenn ſie da iſt, weiß ſie nicht, wie ſie ihr entgehen ſoll.— Ich werde nicht mehr in das Gefängniß gehen.“ „und der junge Mann ſoll Hungers ſterben?“ fragte Chriſtina traurig. „Laßt ihn ſterben,“ rief die alte Schwarze;„die Schuld mag zu Grunde gehen, damit die Unſchuld leben bleibe; denn Laſterhaftigkeit iſt die Kraft des Löwen und die Liſt des Tigers vereinigt. Sie kann ſchon ohne mein Zuthun Unheil genug anrichten.— Ich werde nicht mehr hinübergehen.“ „um des Himmels Willen,“ fragte das bebende Mädchen,„was willſt du durch dieſe fürchterlichen Andeu⸗ tungen und Winke ſagen? Wo iſt die Gefahr? Wer iſt der Wolf, und wer iſt das Lamm, daß du dem ſo ent⸗ gegen biſt, was mich das Mitleid zu thun heiſcht?“ „Ich habe geſehen, was ich geſehen habe; ich weiß, was ich weiß,“ erwiederte die Sibylle.„Die Warnung, welche zeitig gegeben wird, iſt das Wort, das man in — 56— die Wildniß ſchreit. Es wäre für Eine von meiner Farbe beſſer, ſie wäre ſtumm, als daß ſie Böſes von einem Weißen ſpricht. Aber— ich habe geſehen, was ich geſehen habe; ich weiß, was ich weiß.“ Dies und mehr nicht konnte die arme Chriſtina aus der alten Geheimnißvollen herausbringen, und dieſe Nacht legte ſich der lange Finne ohne Abendeſſen auf ſein har⸗ tes Lager und der Gedanke laſtete ſchwer auf ſeinem Herzen, daß er nun von der ganzen Welt verlaſſen und vergeſſen ſei. Zweit es B u ch. Erſtes Kapitel. Singt— ſingt— was ſollen wir ſingen? Vom Mond— vom Kukuk und ähnlichen Dingen. Der Mutter Gans Lieder. Während Herr Amor mit ſo vielem Erfolge ſeine. goldnen Pfeile aus den Fenſtern des Gefängniſſes in jene des Pallaſtes, und aus denen des Palaſtes in die des Gefängniſſes ſchoß, waren der Heer Peter Pfeifer und Dame Editha mit andern wichtigen Angelegenheiten beſchäftigt, welche ſie hinderten, ſich in irgend einer Weiſe um die jungen Leute zu bekümmern. Seine Excellenz war durch einen Anfall von Poda⸗ gra in ſein Gemach gebannt, eine Krankheit, welche zu⸗ folge der Theorie eines wunderlichen Freundes in ihrem Verlaufe ſich ganz natürlich in drei beſtimmten Abſtu⸗ fungen darſtellt. Die erſte iſt die Fluch⸗Stufe, in wel⸗ cher ſich der Kranke dann und wann durch einen derben Fluch Luft zu machen bemüht iſt. Die zweite iſt die Bet⸗Stufe, die frühern Ausrufungen werden nun in „o du mein Gott!“ oder„Gott ſei meiner Seele gnä⸗ dig!“ und ähnliche herabgeſtimmt und geſänftigt. Die dritte und ſchlimmſte iſt die Pfeif⸗Stufe, während wel⸗ cher man den Kranken den leidenden Theil mit einem ziſchenden Pfiff emporheben und das Geſicht in mancher⸗ lei Formen verzerren ſieht. Der Heer pflegte oft zu ſagen, dieſes Podagra ſei das einzige Erbe, das ihm ſein Vater hinterlaſſen, welcher einem ſeiner Söhne die Güter ohne das Podagra, und dem andern das Podagra ohne die Güter vermachte, eine Vertheilung, welche nach der Anſicht des Statthalters Pfeifer eine höchſt unge⸗ rechte war. Es bedarf kaum der Bemerkung, daß des Heer's natürliche Reizbarkeit während dieſen Angriffen unend⸗ lich erhöht wurde, ſo daß er, wenn Jemand pöö'tzlich in das Gemach trat, oder die Thüre plötzlich mit Geräuſch öffnete, oder ſchwer auftrat und den Boden nur wenig erſchütterte, ſeine Krücke mit großer Lebhaftigkeit ſchwang und einen jener kräftigen Flüche hören ließ, um deren⸗ willen die Nachkommen des großen Teuto noch heut zu Tage ſelbſt in der neuen Welt berühmt ſind. Ueberhaupt war es für Jedermann gefährlich, ſich ihm jetzt zu nahen, die ſchöne, ſanfte Chriſtina ausge⸗ nommen, deren weiche, wohlthuende Stimme, deren zarte, leiſe Berührung alle ſeine Schmerzen wegzuzaubern und ſeinen ungeduldigen Geiſt in eine zeitliche Ruhe zu lullen ſchien. Dann pflegte er ſeine Hand freundlich auf ihr Haupt zu legen, ſagte:„Gott ſegne dich, meine Tochter!“ und ſchloß ſeine Augen in ruhiger Ergebung. Das iſt der Balſam kindlicher Liebe! dies iſt das gött⸗ liche Geſchäft zärtlicher, pflichtgetreuer Frauen! Bei ſolchen Gelegenheiten pflegte Chriſtina, gleich der Sylphide der göttlichen Poeſie, aus dem Gemach zu gleiten, ſich an ihr Fenſter zu ſetzen, ihren neuerwachten Gefühlen ſich hinzugeben und über die Gefangenſchaft des ſchönen fremden jungen Mannes zu ſeufzen. Mittlerweile war Dame Editha geſchäftig bemüht, gewiſſe in dem Dorfe eben umgehende Gerüchte zu un⸗ terſuchen, beſonders aber einem Gerücht auf den Grund zu kommen, welches eine Liebesgeſchichte betraf, die in jener Zeit viel zu ſprechen gab. Begebniſſe dieſer Art brachten ſie außer ſich und ſetzten ihre ganze Zungen⸗ thätigkeit in Bewegung, denn ſie glich der guten Königin Eliſabeth in dieſer Hinſicht, daß eine Heirath zwiſchen Leuten innerhalb der Sphäre ihres gewichtigen Einfluſſes ihr ein ähnliches Gefühl gab, wie das jenes Hundes an dem Trog, der weder ſelbſt etwas berühren wollte, noch Andere davon freſſen ließ. Sei dem nun, wie ihm wolle, Dame Editha war durch außerhäusliche Geſchäfte ſo in Anſpruch genommen, daß ſie dem, was zu Hauſe vorging, wenig Aufmerkſamkeit ſchenkte und ihre Nichte unge⸗ ſtört thun ließ, was ihr beliebte. Im Verlauf der Zeit genas Heer Peter hinreichend, um mittelſt Krücke und Sammt⸗Schuhen aus dem Hauſe — 60— zu hinken, und ſich nach den Angelegenheiten von Elſing⸗ burg zu erkundigen, welche, nach ſeiner Anſicht, während ſeiner Krankheit außerordentlich gelitten hatten. Eines Tages kam ihm unter andern auch zufällig der lange Finne in das Gedächtniß und er erwog, wie es käme, daß dieſer junge Mann in der langen Zeit noch nicht zu einem Geſtändniß gebracht worden. Er war nun beinahe acht volle Tage in dem Gewahrſam und der Statthalter Pfeifer wurde der Anſicht, er müſſe ein zähes Stück von einem Menſchen ſein, wenn er nicht in dieſer Zeit, unter dem Einfluſſe des Hungers und der Einſamkeit zumal, zu einiger Zerknirſchung ge⸗ kommen wäre. Sofort beſchloß er, den jungen Mann vor ſeinen geheimen Rath zu berufen, und ſchickte daher ſeinen getreuen Boten Kupido, den Enkel der geheimnißvollen Bombie mit dem Krauskopf, ab, denſelben zu ſich ein⸗ zuladen. Dieſer Kupido war, wie man ſich höflich auszudrücken pflegt,„ein farbiger Herr“ von vier und einem halben Fuß Höhe, mit einer Hautfarbe wie Ebenholz, einer platten Naſe, einem langen, runzelvollen Geſicht, kleinen, tief in dem Kopfe liegenden Augen, einem großen Mund, hohen Backenknochen, buſchigen Augenbraunen und Au⸗ genlidern, kleinen knochigen Beinen von der Ausbeu⸗ gung des Kürbiß, und einem großen platſchigen Fuß, der, wie man ſich erzählte, noch immer wuchs und an — 61— Größe zunahm, nachdem alle ſeine übrigen Gliedmaßen längſt zu wachſen aufgehört hatten. Kurz, er war, was man in den ſüdlichen Theilen unſeres Landes einen liebenswürdigen Burſchen nennt. Kupido galt für einen der erſten Taugenichtſe der⸗ ganzen Anſiedelung, denn er war ſtets an der Spoitze, wenn es galt, einen muthwilligen Streich auszuführen; ja, wenn das Gerücht nicht lügt, hatte er mehr als ein⸗ mal die Häuſer von Leuten, gegen welche er aufgebracht war, anzuſtecken verſucht. Lob Dotterel's Finger zuckten, um dem ſchwarzen Buben in den Nacken zu fahren; aber die Ehrfurcht, welche Lob nebſt dem übrigen Theil der Einwohnerſchaft vor den übernatürlichen Gaben ſei⸗ ner Großmutter hegte, machte die ungemeine Wachſam⸗ keit des Obergerichtsdieners zu Schanden und rettete Kupido mehr denn einmal vor Strafe. Der Knabe, welcher nun, ſeiner kleinen Geſtalt un⸗ geachtet, in das achtzehnte Jahr getreten, war eigenſinnig wie ein Maulthier, boshaft wie ein Affe und biſſig wie ein Hofhund. Züchtigung war an ihm verloren, und Güte verſchwendet. Weder jene, nocc dieſe lockten je eine Thräne aus ſeinem Auge, oder brachten ihn zu einem Geſtändniß ſeiner Schuld, oder zu einem Ver⸗ ſprechen der Beſſerung. Da er zu einer Race gehörte, welche, wie es ſchien, in dem eigentlichen Heimathslande, Afrika, wie in jedem andern Welttheile, zur Duldung geſchaffen war, ſo dul⸗ dete er ſchweigend und rächte ſich in dem Dunkel der Nacht, wobei er eine Verſchlagenheit und Gewandtheit zeigte, wie ſie oft bei Leuten gefunden wird, deren Lage eine offene Rache unmöglich macht. Nur gegen ſeine Großmutter und einen alten ſchwe⸗ diſchen Hund/ der dem Statthalter gehörte, ſchien dieſes zwergartige, elende Geſchöpf einen Funken von Liebe oder Zuneigung zu zeigen. Wenn einer, wie dies unter Knaben zuweilen geſchieht, die alte Frau oder den Hund beleidigte, war die Wuth des Zwerges fürchterlich und ſeine Rache kannte keine Gränzen. Zweimal hatte er einem böſen Buben von der Anſiedelung den Kopf mit einem Steine geſpalten, weil er ſich dieſer Sünde ſchul⸗ dig gemacht, und einmal war er im Begriff, einen an⸗ dern todtzuſchlagen, als man glücklicherweiſe ſeine Abſicht entdeckte. Seine Großmutter hing an ihm mit jener hartnäckigen, inſtinktartigen Liebe, die ſo oft eben durch ſolche Eigenſchaften hervorgerufen wird, welche ihren Gegenſtand in den Augen der Welt verhaßt oder ver⸗ ächtlich machen. Was den alten Grip, den Hund, an⸗ geht, ſo gehorchte er Niemand, er folgte Niemand, er ſchmeichelte Niemand, er ließ ſich von Niemand gebieten Jemand ſchön zu thun oder zu beißen, ausgenommen den ſchwarzen Zwerg Kupido; ſobald aber dieſer, ſein mächtiger Herr, winkte, war Grip ganz Gehorſam und Behendigkeit. — 63— Zweites Kapitel. Was wollt ihr nur mit mir? Ich hab' ein ſeltſam Verhängniß! Ihr glaubt, ibr ſtraft mich bier, Und ich bleibe ſo gern im Gefängniß. Der Mutter Gans Lieder⸗ Zu gehöriger Zeit fanden ſich zuſammen Wolfgang Langfanger, der Töpfer, und Ludwig Varlett, der Schuh⸗ macher, welcher, wenn ihm je das Sprichwort: ne sutor u. ſ. w. zu Ohren gekommen iſt, daſſelbe herzlich verachtete, und Meiſter Oldale, feiſt und plump wie ein Faß ſeines dicken Biers, alles ehrliche Leute und Mitglieder des königli⸗ chen Raths in der guten Stadt Elſingburg. Nachdem die verſchiedenen Begrüßungsformeln ausgetauſcht waren und der Heer eine vollſtändige, getreue und in's Einzelne gehende Beſchreibung ſeines letzten Podagra⸗Anfalls ge⸗ geben hatte, eröffnete er die Sitzung und Lob Dotterel, welcher ſich bei ſolcher Veranlaſſung ſtets inſtinktmäßig einfand, ward nach dem langen Finnen abgeſandt. Mittlerweile zündeten der Heer und ſeine Räthe ihre Pfeifen an und nahmen mit Ehrfurcht gebietender Würde ihre Sitze ein. Meiſter Dotterel erfüllte mit pünktlicher Eile ſeinen Auftrag und der lange Finne erſchien vor dem hohen Gericht ſo ziemlich mit derſelben Gleichgültig⸗ — 64— keit, die er früher gezeigt, und mit einer roſigen Geſichts⸗ farbe, die den Heern in nicht geringe Verlegenheit ver⸗ ſetzte, bis er zu dem Entſchluſſe kam, darin nichts als das Erröthen eines ſchuldbewußten Sünders zu finden. „Nun, Henkersknecht,“ ſagte der Heer,„ſeid Ihr unterdeſſen zur Vernunft gekommen?“ „Ich bin kein Henkersknecht,“ verſetzte der lange Finne,„und war mein ganzes Leben nicht toll.“ „Der Teufel hole dich,“ rief der Heer aus, dem die Galle ſtieg;„glaubſt du es auf dieſe Weiſe mit mir auszufechten, du aus dem Lande gejagter Kerl? Woher hatteſt du jene Hand voll Mark Newby's hal⸗ ber Heller? Darauf antworte mir, du Teufelsbraten!“ „Fragt Lob Dotterel,“ verſetzte der junge Mann, „er war zugegen, als ein Fremder, welcher durch das Dorf kam, ſie mir auf einen Reichsthaler herausgab.“ „Der Teufel!“ rief der Heer aus, und darauf ließen die drei weiſen Herren vom Rath einen ähnlichen Ausruf hören, welcher von ihrem ganz außerordentlichen Erſtaunen Zeugniß gab. „Höre, du, Lob Dotterel,“ ſagte der Heer,„ſahſt du einen Fremden dem langen Finnen dieſes Geld her⸗ ausgeben?“ „Ja,“ ſagte der Herr Obergerichtsdiener, der zu ahnen begann, der Gefangene werde ſeinen Händen entſchlüpfen. „Verflucht und verdammt,“ rief der Heer und klopfte in tödtlichem Zorn die Aſche aus ſeiner Pfeife,„und warum haſt du mir dies nicht vorher ge⸗ ſagt, du Galgenſchwängel?“ „Es war nicht meine Sache,“ ſprach Lob;„Eure Excellenz befiehlt mir ſtets, mein Ruder aus dem Spiele zu laſſen, bis ich zum Reden aufgefordert würde.“ „Laßt ihn auf die Bibel ſchwören,“ ſagte der Heer, welcher der Anſicht war, der Eid eines Zeugen ſei, ob⸗ gleich man deſſen nicht bedürfe, um einen Angeklagten in das Gefängniß zu werfen, doch unerläßlich, um ihn wieder daraus zu befreien. Wolfgang Langfanger, der Töpfer, zog nun aus ſeiner Taſche ein wunderſam vergriffenes, kleines, vierecki⸗ ges Buch mit ſilbernen Clauſuren, wiſchte dieſe auf ſei⸗ nem Rockärmel rein und übergab das Buch dem Statt⸗ halter. Lob Dotterel wurde augenblicklich zum Eide ge⸗ laſſen und beſchwor die Ausſage des langen Finnen in Betreff der Weiſe, wie er zu einer ſolchen Menge von Mark Newby's halber Heller gekommen ſei. „Der Galgenſchwängel!“ rief der Heer und ſchwang ſeine Krücke gegen Lob Dotterel, welcher ziem⸗ lich ſchafsmäßig ausſah, und die Excellenz ſtand ihm in dieſem Betracht nicht nach. Der Statthalter nahm ſich jedoch bald zuſammen und ſprach ſofort ein ſo ſcharfſin⸗ niges Urtheil über den Vorfall aus, daß die Stadt El⸗ ſingburg, wäre ſie nicht längſt den Weg aller irdiſchen Herrlichkeiten gegangen, ſich noch heute deſſen in den Paulding V. 5 — 66— Ueberlieferungen ihrer Einwohner erinnern würde. Er hielt über ſeine durchgängeriſche, widerſpenſtige Würde Muſterung, ſprach ihr Muth ein und ließ dann das in zwei Theile zerfallende Urtheil vernehmen. Und zwar er⸗ ſtens ſolle er, Königsmarke, mit dem Beinamen der lange Finne, da er verrätheriſcher Abſichten mit den bei ihm gefundenen Mark Newby's halber Heller nicht ge⸗ ziehen werden könne, aus dem Gefängniß entlaſſen werden. Zweitens ſolle er, in ſo fern er nicht im Stande geweſen, über ſich gebührende und genügende Auskunft zu geben und darzuthun, was ſeine Ankunft in dem Dorfe herbeigeführt, auf den Verdacht gewiſſer Anzeigen, welche bis jetzt noch nicht hinreichend in den Augen der Re⸗ gierung ſeiner Majeſtät aufgeklärt ſeien, wieder in den Kerker geſchickt werden. Die Räthe der ſchwediſchen Majeſtät gaben, wie gewöhnlich, ihre Beiſtimmung durch Stillſchweigen kund; denn wir dürfen nicht unbemerkt laſſen, daß der Heer Pfeifer, als Statthalter des Königs, der Anſicht war, er ſei zwar verbunden, ſeine Räthe um Rath zu fragen, aber nicht gehalten, ihren Anſichten die geringſte Aufmerk⸗ ſamkeit zu ſchenken. Ja, es war bei ihm Grundſatz, ein Rath ſei für einen Statthalter ohne allen Werth, aus⸗ genommen, den Tadel einer unglücklichen oder unbelieb⸗ ten Maßregel auf ſich zu nehmen.— Als Lob Dotterel ſeine Krallen an die Schulter des langen Finnen brachte, nahm dieſer geheimnißvolle und — 67— undurchdringliche junge Mann die Gelegenheit wahr, ſich gegen die Behauptung des Statthalters, er ſei nicht im Stande geweſen, genügende Auskunft über ſich zu geben, alles Ernſtes zu verwahren. „Wenn Eure Excellenz nicht zufrieden iſt, will ich nochmals beginnen und will Euch die Geſchichte meiner Familie von der Sündfluth an erzählen, wo ohne Zwei⸗ fel einige meiner Vorfahren ertranken, bis zu dem jetzi⸗ gen Augenblick, wo—“ „Wo,“ fiel der Heer ein,„einer ihrer Nachkommen wenigſtens in einiger Gefahr ſchwebt, gehenkt zu werden. Fort, du aus dem Land gejagter Kerl! Hinweg mit ihm in das Gefängniß.“ Der lange Finne machte mit einem Ausdrucke des Geſichts, in welchem etwas von Ironie nicht zu verken⸗ nen war, ſeine Verbeugung, zuckte die Achſeln und gab ſich ruhig der Leitung des Obergerichtsdieners von Elſing⸗ burg hin. Drittes Kapitel. Vöglein, Vöglein, fliege heim, Nimm all deine Kraft zuſammen! Dein Haus, das ſteht in Feuer, Deine Kinder, die weinen in den Flammen. Der Mutter Gans Lieder. Es war eines Samſtags Nachmittags, als der lange Finne, in der ſo eben erzählten Weiſe, in das Gefäng⸗ niß zurückgeführt wurde. Die ſchöne Chriſtina weinte und rang ihre Hände; denn man müßte wenig mit dem weiblichen Herzen bekannt ſein, wenn man nicht einſähe, in wie hohem Grade die Leiſtung jener freundlichen Dienſte, bei welchen Bombie behülflich geweſen, und das Mitleid, welches dieſe unverdiente Gefangenſetzung der edlen Jungfrau einflößen mußte, ihr Herz gegen den ſchlanken, blonden Jüngling geſänftigt hatte. Sie bat die Krausköpfige, ihm, wie früher, das Nachteſſen zu bringen; aber die alte Sibylle antwortete hartnäckig mit ihrem ewigen Singſang:„Ich habe geſehen, was ich geſehen habe; ich weiß, was ich weiß.“ Das blauäugige Fräulein des Nordens fand in die⸗ ſer Nacht, die ſich trüb und unheimlich auf die Erde ſenkte, keinen Schlaf. Sie ſaß an ihrem Fenſter und das grabähnliche Schweigen, welches durch keinen Laut, — 69— als durch das dumpfe Heulen des Nordoſtwindes unter⸗ brochen wurde, erhöhte das Oede und Troſtloſe ihrer Gefühle. Durch die ſchwarze Leere, welche den Pallaſt von dem Gefängniß trennte, konnte ſie den langen Fin⸗ nen an dem Gitterfenſter vorübergehen ſehen, aus dem das Licht ſeiner Lampe ſtrahlte. Als es verſchwand, warf ſich Chriſtina, welche glaubte, er ſei zur Ruhe ge⸗ gangen, auf ihr Lager und ſank, nach langem, trübem und ängſtlichem Wachen, in einen unruhigen Schlaf, deſſen Träume ſie noch mehr ſchreckten, als die wachen Gedanken. Ein grelles Licht, das voll in ihr Gemach fiel, und eine Helle, welche ſie beunruhigte und erſchreckte, weckte ſie aus dem Schlummer. Sie fuhr empor und eilte an das Fenſter, welches dem Gefängniß gegenüber war, und hier bot ſich ihr ein Anblick dar, welcher ihr Blut vor Schrecken ſtarr machte. Die Eiſenſtäbe des Gefängniſſes glühten, wie vor einem feuerrothen Schmiedeofen, und Alles innerhalb ſtand in Flammengluth. Jetzt brachen Dampf und Funken und Flammen in glührothen Maſſen aus der Wohnung des Gefangenwärters und ſtiegen empor und zogen ſich zurück, je nachdem die verſchiedenen Luftzüge ihre Gewalt geltend machten. Einen lauten Schrei ausſtoßen, zu ihrem Vater eilen und das ganze Haus wecken, war das Werk eines Augenblickes; und wenige Minuten darnach war Alles Lärm und Verwir⸗ rung in dem Dorfe Elſingburg. — 76= Männer, Weiber, Kinder und Hunde ſtürzten her⸗ aus, halfen den Aufruhr vermehren, und hinderten auf die eine oder die andere Weiſe die Verſuche, welche einzelne wenige, die nicht ganz von Sinnen waren, machten, um den Fortgang des Feuers zu hemmen. Keine Zunge beſchreibt und keine Phantaſie denkt ſich das tobende Geſchrei„Feuer! Feuer!“, das Wim⸗ mern und Wehklagen der Weiber und das Heulen der Hunde,— Töne, die ſich dem mächtigen Aufruhr zugeſell⸗ ten und die Stimmen derer überſchrien, welche verſuch⸗ ten, Anweiſungen zu geben, wie das Feuer abgehalten werden könne, ſich in das Dorf zu verbreiten. Mit großer Mühe ſprengten ſie die äußere Thüre, welche in die Wohnung des Wärters führte, wo ſie denn dieſen wackern Degen, Gottlieb Schwaſchbuckler, trotz dem Höllenlärm draußen und dem Jammergeſchrei der kleinen Schwaſchbucklers drinnen, nebſt ſeiner ge⸗ treuen Gattin feſt entſchlafen fanden. Die Wahrheit iſt, daß Meiſter Gottlieb und ſeine gewichtige Gebieterin den Samſtag Abend einem gewiſſen Lieblingsgenuſſe weih⸗ ten, welcher gewöhnlich damit endigte, daß beide gerade da einſchliefen, wo ſie das letzte Glas mit einander nahmen. In dieſer Nacht war das Feuer in einem an⸗ ſtoßenden Gemache, das als Eßzimmer und Küche diente, brennen gelaſſen worden, um der Frau Schwaſchbuckler beſtes und in der That einziges Zitz⸗Kleid— ein Stoff, welcher in der damaligen Zeit ſeine Beſitzerin in 1 — 11— den Augen der Welt bedeutend auszeichnete— ſo wie gewiſſe andere Kleidungsſtücke, welche Gatte und Kinder am folgenden Sonntage tragen ſollten, zu trock⸗ nen. Ueberdies lag in der Kammerecke ein Haufen dür⸗ res Holz und Geſtrüpp, welches Meiſter Gottlieb, der eine ſtürmiſche Nacht vorausſah, zuſammengelegt hatte, um am Morgen Gebrauch davon zu machen. Entweder hatten die Kleider Feuer gefangen und es dem trocknen Holze mitgetheilt, oder das letztere war zuerſt angegangen und hatte die Kleider gefaßt, denn es iſt dies eine jener verwickelten ſchwierigen Fragen, welche ſelbſt Schriftſteller, die doch mit ſo vielen Geheimniſſen vertraut ſind, oft nicht zu löſen vermögen. Dem ſei nun, wie ihm wolle, als die Thüre geſprengt war, hatte das Feuer ſo überhand genommen, daß es nur noch wenige Minuten bedurft hätte und die ganze alte Familie der Schwaſchbuckler wäre verloren geweſen. Als die Thüre aufging, ſtürzte die kleine Brut wie im Fluge gefangene Rebhühner heraus. Aber es koſtete nicht wenig Mühe, dem ſchlafenden Ehepaare einen Be⸗ griff von ihrer Lage beizubringen; noch ſchwerer war es, ſie aus dem Gebäude zu ſchaffen, da ſie ſich das Ver⸗ gnügen machten, ſtehen zu bleiben und ſich zu ſtreiten, wer Urſache an dieſem Unglück ſein möchte. Da die Eröffnung der großen Thüre, die in der Richtung lag, aus welcher der Wind wehte, die Flamme mächtig anfachte, ſo verbreitete ſie ſich bald bis zu der — 2— einzigen Treppe, welche in den obern Stock des Gefäng⸗ niſſes führte. Es war von jetzt an vergeblich, einen Verſuch zur Rettung des Gebäudes zu machen, und ein Theil der Gemeinde beſchäftigte ſich daher mit dem Begießen ſolcher Häuſer, die dem Sprühen der nun in die Luft emporſteigenden Feuerfunken am meiſten blos⸗ geſtellt waren, während Andere in ſtarrem Erſtaunen da⸗ ſtanden und ruhig geſchehen ließen, was nicht zu ändern war, oder auf den Wiederſchein der Flammen ſahen, die den einen Augenblick zu dem dunkeln Himmel empor zu wirbeln ſchienen, in dem andern ungeſtüm zurückſchlugen und Alles ringsum nur noch mehr ver⸗ dunkelten. Andere vermehrten die Schrecken der Scene durch Jammern und Wimmern, oder durch furchtbares Feuergeſchrei, obgleich jetzt Alles von nah und fern ſich um den Brand geſammelt hatte. In dieſem Augenblick ſtürzte die geheimnißvolle Bom⸗ bie unter den Haufen und ſchrie mit einer Stimme, die den Höllenlärm übertönte: „Schmach und Schande auf die blaſſen Geſichter! Sie laſſen Einen ihrer Farbe in den Flammen ſterben und verſuchen nicht einmal, ob noch Hülfe möglich, gleich⸗ ſam, als gehörte er dem Stamme an, welchen ihr die Nachkommenſchaft des erſten Mörders nennt.“ „Es iſt Niemand im Gefängniß!“ So riefen hundert Stimmen. „und doch iſt Jemand darin, ſage ich euch,“ verſetzte — 173— die Sibylle.„Schaut dorthin! Seht ihr nicht einen Schatten, der ſich im Scheine der Flammen in jenem Gemache bewegt? Seht ihr nicht, daß er ſeine Hände durch die Gitterſtäbe ſtreckt, und um Hülfe und Erbar⸗ men fleht? Seht ihr nicht, wie er verſucht, wie er jetzt ſeine letzte verzweifelte Kraft aufbietet, das Eiſen aus ſeinen Fugen zu reißen? Er iſt unſchuldig, wenigſtens—“ murmelte ſie in ſich ſelbſt hinein—„wenigſtens iſt er un⸗ ſchuldig an dem Verbrechen, das ihn hierher brachte; ich wollte, ich könnte ſagen, an allen andern.“ „Eine Leiter! Eine Leiter!“ rief ein halbes Hun⸗ dert Stimmen auf einmal. Aber auch keine der vorhan⸗ denen Leitern war hoch genug, um das Fenſter zu er⸗ reichen. Man ſuchte nun den guten Meiſter Gottlieb Schwaſch⸗ buckler, um von ihm die Schlüſſel zu dem Gemach zu erhalten, in welchem der Gefangene eingeſperrt war. Er fand ihn nicht. Man wandte alle ſeine Taſchen um, allein der Schlüſſel war nicht zu finden. Endlich, nach⸗ dem dieſer würdige Gefangenwärter ein halbes Dutzend Mal ſeine Augen gerieben, ſich den Kopf gekratzt und gegähnt hatte, ſprach er ſeinen feſten Glauben aus, er habe das Gemach ſorgfältig verſchloſſen und den Schlüſſel eben ſo ſorgfältig in dem Schlüſſelloche ſtecken laſſen. Mehrere Perſonen verſuchten nun, die Treppe hinauf zu kommen und die Thüre zu öffnen, die nur zwei Schritte davon entfernt war; alle aber kehrten ohne Erfolg zurück, — 74— einige hatten ſich die Haare geſengt, andere die Hände verbrannt und waren faſt erſtickt, alle erklärten, an Hülfe für den Armen ſei nicht mehr zu denken. Bombie trat jetzt ein wenig vor die Uebrigen, lehnte ſich auf ihren Krummſtab und rief mit einer faſt über⸗ natürlichen Stimme: „Königsmarke!“ „Ich höre!“ antwortete eine Stimme drinnen. „Königsmarke! dein Schickſal iſt in deinen Händen; alle menſchliche Hülfe, deine ausgenommen, iſt eitel. Wende deine ganze Kraft gegen die Thüre oder gegen die eiſernen Gitter. Du biſt ſtark; die Verzweiflung muß deine Kraft ſtählen! Strenge dich an und gewinne deine Freiheit oder ſtirb, wie du es verdienſt,“ ſagte die Si⸗ bylle und endigte ihre Rede mit einem leiſen Murmeln. In dieſem Augenblicke hörte man einen Krach in dem Gebäude und das Verſchwinden des jungen Man⸗ nes verkündigte ein Angſtruf der Zuſchauer, deren lär⸗ menden Ausrufungen jetzt ein ſchreckliches Schweigen folgte. Eine oder zwei Minuten ſpäter ſah man ihn noch einmal am Fenſter erſcheinen; dieſe Zeit mochte er zu einem abermaligen Verſuche, die Thüre zu öffnen, ver⸗ wendet haben. Nun hot er die letzte verzweifelte Kraft auf, eine der Eiſenſtangen des Fenſters auszureißen; aber ſie widerſtand den ſtarken Armen. „Die andere Stange! die andere!“ rief die Sibylle. — 75— Er verſuchte ſeine Kraft an der zweiten, jedoch ohne Erfolg. „Es iſt vergeblich,“ rief der junge Mann in Ver⸗ zweiflung.„Ich ſterbe hier! Vergiß, vergiß mein nicht!“ „Vergiß du nicht,“ ſchrie das alte Weib,„vergiß du nicht, daß die Taube in eurem Buche der Bücher, wie ihr es nennt, dreimal ausflog, ehe ſie fand, was ſie ſuchte. Strenge dich noch einmal an!“ Er verſuchte es wieder, aber umſonſt— die Eiſenſtan⸗ gen bebten, aber ſie wichen nicht. „Noch Ein Mal!“ rief ſie,„noch Ein Mal, um deiner Wohlthäterin willen!“. Er machte einen letzten Verſuch mit krampfhafter Anſtrengung,— die Eiſenſtangen zitterten, bewegten ſich, die Mauern, in welche ſie eingefügt waren, bebten, wichen und das Ganze ſtürzte in das Gemach. Ein Jauchzen, das der frohlockenden Menſchlichkeit, kündigte das Begebniß an. „Springe, ſpringe, es gilt das Leben!“ So rief Einer und ſo riefen Alle; denn dies war das einzige Rettungsmittel. Königsmarke hing einen Augenblick an der Seite des eingebrochenen Fenſters,— jetzt ließ er die Hand los und fiel bewußtios herab. Viertes Kapitel. Und warum ſoll ich Johnny nicht lieben? Warum wäre mir Johnny zu ſchlecht? Und warum ſoll mich Johnny nicht lieben? Mich dünkt, wir ſind uns beide ganz recht. Der Mutter Gans Lieder. Wo war das ſchöne, liebliche Töchterlein des Statt⸗ halters während den in dem letzten Kapitel erzählten Vorgängen? Dieſe unſchuldige, zartherzige Maid weilte, von dem eingebornen Schicklichkeitsgefühl, welches die beſte Schutzwehr der Tugend iſt, zurückgehalten und durch die Schüchternheit einer neugebornen Neigung ge⸗ zügelt, in dem Zuſtande der qualvollſten Angſt zu Hauſe. Sie ſandte die alte Sibylle Bombie aus, um Erkundi⸗ gungen einzuziehen, und ging zurück an das Fenſter, wo ſie mit ſtets wachſender Angſt den Fortgang des furcht⸗ baren Brandes ſah. Bei dem grellen Lichte der Flammen ſah ſie den fremden Jüngling zuweilen an das Fenſter kommen, als wolle er um Rettung flehen, und ſo oft er verſchwand, erwachte die Hoffnung von neuem in ihrer Bruſt, man habe die Thüre endlich geöffnet und ihn be⸗ freit. Aber er kam wieder und immer wieder an das Fen⸗ ſter, während bei jeder neuen Vernichtung ihrer Hoffnung die Angſt ihrer Seele wuchs, bis endlich, als ſie das — — 277—— Krachen der einſtürzenden Treppe hörte und eine Wolke brennender Funken in die Luft empor flog, alles Blut in ihr Herz zu ſtrömen ſchien und ſie für eine Zeit lang der Beſinnung beraubt war. Die ſchöne Chriſtina ſchlug kaum die Augen wieder auf, als ſie die ſchwarze Sibylle vor ſich ſtehen ſah, die in einem leiſen, grabähnlichen Tone einen ihrer geheim⸗ nißvollen Zauberſprüche über ſie murmelte. „Iſt er gerettet?“ fragte die Maid bange. „Der Wolf iſt wieder frei und das Lamm mag ſich in Acht nehmen,“ verſetzte die mit dem krauſen Haar. „Was ſoll dein ſtetes Anſpielen auf Wolf und Lamm, um des Himmels willen? Ich bitte dich, ſchweig' oder ſage, was du weißt,“ erwiederte das erſchreckte Mädchen. „Der Sclave kann nicht gegen den Herrn zeugen, ſo wenig als meine Farbe gegen die deinige. Ich habe geſehen, was ich geſehen habe; ich weiß, was ich weiß. Bringe die wenigen Stunden dieſer Nacht in dem Schlummer der Unſchuld hin, denn Niemand weiß, ob ſie nicht die letzte iſt.“ Mit dieſen Worten ſagte die geheimnißvolle Mahne⸗ rin ihrer jungen Gebieterin gute Nacht und begab ſich hinweg, während ſie der armen Chriſtina Zeit ließ, über ihre dunkeln, undurchdringlichen Orakelſprüche mit qual⸗ voller Neugier nachzudenken. Mittlerweile hatte der Heer Pfeifer Nachricht von der Lage des langen Finnen erhalten, welcher ſich, wie — 78— wir oben bemerkt haben, von dem Fenſter des Gefäng⸗ niſſes niederſtürzte und bewußtlos aufgehoben wurde. War der Heer gleich ein ungeduldiger, eigenſinniger, lau⸗ niſcher Mann, ſo war er doch im Grunde der Seele nicht böſe oder unmenſchlich. Nicht ohne ein peinliches Gefühl der Reue konnte er der dringenden Gefahr, wel⸗ cher ein bloßer Verdacht den fremden jungen Mann preisgegeben hatte, und nicht ohne Mitleid ſeiner jetzi⸗ gen Verlaſſenheit gedenken. Von dieſen menſchlichen Gefühlen geleitet, befahl er, den langen Finnen in ſeinen Pallaſt zu bringen, wo er in ein Bett gebracht und jedes Mittel angewendet wurde, das ſeine Lage erforderte. Eine Zeit lang war es zweifelhaft, ob ſich ſein geiſtiges und körperliches Ich nicht auf immer getrennt hätten; mit einem lang gezo⸗ genen Seufzer öffnete jedoch der junge Mann endlich ſeine Augen, und ſchloß ſie dann auf einige Minuten wieder, während denen er zwiſchen Leben und Tod zu kämpfen ſchien. Endlich aber war der verzweifelte Kampf gekämpft; das Blut kehrte allgemach wieder in die Wan⸗ gen zurück und er ſchien den Heer, der in nicht geringer Bedrängniß und Sorge das Ende dieſes Kampfes erwar⸗ tet hatte, wieder zu erkennen. Die Geneſung des langen Finnen, welcher ſich bei dem Falle ſchmerzlich verwundet hatte, konnte nur lang⸗ ſam und allmählig von ſtatten gehen; aber er fühlte ſich doch endlich wieder hergeſtellt u ne Kraft geſtärkt. 5 — 79— Der junge Mann, der ſich nicht länger an der Gaſtfrei⸗ heit des Statthalters verſündigen wollte, nahm eines Tages die Gelegenheit wahr, ſein tiefes und unauslöſch⸗ liches Dankgefühl gegen den Heer und die Seinigen aus⸗ zudrücken und ſich als ihren ewigen Schuldner zu erklä⸗ ren; zugleich ſprach er die Hoffnung aus, die Vorſehung möge es je in ſeine Macht geben, alle empfangene Güte zu vergelten, und ſchloß mit der Erklärung, er ſei ent⸗ ſchloſſen, am folgenden Tage abzureiſen. Der lange Finne war nun ſeit mehr als einem Monat in dem ſtatthalterlichen Pallaſte und hatte wäh⸗ rend dieſer Zeit nur Liebe und Güte gefunden. Es iſt eine der edelſten und entzückendſten Eigenthümlichkeiten unſerer Natur, daß wir, was auch der erſte Beweggrund geweſen, dem zufolge wir einem Mitmenſchen Gutes er⸗ wieſen, dieſes nicht lange thun können, ohne uns unver⸗ merkt dem Gegenſtande unſeres Wohlwollens mehr und mehr zu nähern. Allerdings iſt der Menſch zum Undank geneigt und fühlt ſich unbehaglich, wenn ſein Wohlthäter vor ihn tritt; aber man wird nie Wohlthätigkeit üben, ohne ſeinen Lohn in dem Beifall des eigenen Gefühls und in dem ſtillen Glück ſeines Herzens zu finden. Auch gibt es in der menſchlichen Natur ein Geſelligkeitsgefühl, welches durch häuslichen Verkehr genährt wird und nach und nach voreilige und ungegründete Vorurtheile und vage Antipathien beſeitigt, da es kaum möglich iſt, mit Jemanden in demſelben Hauſe zu wohnen, der irgend — 80— etwas Gewinnendes und Anziehendes hat, ohne jene Art nachbarlichen Wohlwollens zu empfinden, das, nach Allem, doch wohl das ſtärkſte Band der Geſellſchaft iſt. So war es mit dem Heer Pfeifer, der nicht wenig. Wohlwollen und Hinneigung zu dem jungen Mann zeigte, wenn er auf die mannichfachen Anſprüche blickte, die feine Güte ihm und den Seinigen in der neuern Zeit auf die Dankbarkeit des Geneſenden gegeben. Als er daher von dem Entſchluſſe, am nächſten Tage abzureiſen, hörte, fühlte er eine Art Mißbehagen und Unzufrie⸗ denheit. „Pah, ſtill, ſtill, Königsmarke,“ rief er, gutmüthig polternd,„ich hoffe, es iſt kein böſes Blut wegen der Mark Newby's halber Heller mehr zurück, he?“ „Es wäre undankbar, wenn ich daran denken wollte,“ ſagte der junge Mann;„dies iſt auf immer unter der Erinnerung an tauſendfache Güte und Liebe begraben. Ich erinnere mich nur deſſen, daß ich mein Leben, ſo werthlos es auch iſt, Euch zu danken habe.“ „Gut, gut,“ erwiederte der Heer,„ich will dir etwas ſagen. Du äußerteſt, du ſeieſt ohne Freunde und ohne Geld, wo willſt du jene oder dieſes in dieſer Wild⸗ niß finden?“ 3„Ach, ich weiß es nicht,“ ſagte der junge Mann, „aber es iſt beſſer, man geht und ſucht ſich neue Freunde, als daß man ſich den alten läſtig macht.“ „Der Teufel hole dich,“ rief der feurige und — 11= ungeſtüme Heer,—„wer hat dir denn geſagt, du ſeiſt deinen alten Freunden läſtig geworden? Hat dich Jemand im Hauſe nachläſſig behandelt, oder hat man mit dir mehr Umſtände gemacht, als mit einem jungen Kätzchen? Potz Wetter, Meiſter Königsmarke, wäre das Gefängniß nicht unglücklicherweiſe niedergebrannt, ich würde dich, wegen eines ſolchen falſchen Verdachtes, von neuem ein⸗ ſperren laſſen, gewiß,— hole dich der Teufel!“ „Aber ich bin nicht gewohnt, von der Mildthätigkeit zu leben,“ erwiederte der junge Mann. „Mildthätigkeit!“ rief der Heer wüthend,„Mild⸗ thätigkeit! Verflucht und verdammt Ei, alle Blitz, bin ich denn nicht der Statthalter dieſes Gebietes und kann ich nicht einen Mann aus freiem Willen und weil es mir ſo gefällt, in meinem Pallſt aufnehmen, ohne daß man mich der Mildthätigkeit zeiht und mir die Sache in das Geſicht ſagt? Hört Ihr, langer Finne, entweder bleibt Ihr in meinem Hauſe, bis ich weiter für Euch ſorgen kann, oder, bei dem unſterblichen Ruhme des großen Guſtavs von Schweden u. ſ. w., ich ſperre Euch wieder zwiſchen vier Steinmauern ein, und baue eigens deßhalb ein neues Gefängniß.“ „ Dies iſt nicht nöthig,“ verſetzte der lange Finne lächelnd,„denn ich entlaufe Euch ſicher nicht. Vielleicht kann ich, wenigſtens in Zeiten der Gefahr, mich nützlich erweiſen. Ich war einſt Soldat, und wenn die Wilden Paulding V. 6 — 32— ſich je in dieſe Niederlaſſung wagen ſollten, könnte ich vielleicht einige alte Schulden abtragen.“ „Ganz gut,“ ſagte der Heer;„du kannſt nun gehen und wenn ich je wieder ein Wort von dieſer verdammten Mildthätigkeit höre, ſo hetze ich die unausſtehliche Schwä⸗ tzerin, den Schneeball ſage ich, an dich; denn ich höre, daß du dich vor ihrer verwünſchten geräucherten Zunge mehr fürchteſt, als vor dem Teufel.“ Bei dieſen Worten blickte der Heer ziemlich ängſtlich rundum, als wollte er ſehen, ob der Schneeball wohl im Bereich des Gehörs ſei, denn er wußte wohl, daß ſie ihm irgend ein Lieblingsgericht beim bendeſen verder⸗ ben würde, wenn er ſie erzürnte. Der lange Finne verbeugte ſich, verließ den Statt⸗ halter der ſchwediſchen Majeſtät und begab ſich dahin, wo er ziemlich gewiß war, die reizende Chriſtina zu fin⸗ den, die ihm während ſeiner Krankheit hülfreich geweſen, wie eine ſchützende Sylphide— nein, wie ein gütiges, liebevolles, herzliches weibliches Weſen, das gewiß alle Sylphiden werth iſt, die je in dem leeren Raume des Gehirns eines Dichters geſungen und geflattert haben. „Gehſt du morgen?“ So fragte Chriſtina und ihr blaues Auge ſenkte ſich zur Erde. „Nein,“ verſetzte der junge Mann mit einem Lä⸗ cheln,„dein Vater droht mir, er wolle ein neues Ge⸗ fängniß bauen laſſen, wenn ich vom Weggehen ſpräche⸗ — 33— Ich will bleiben und wenigſtens auf eine angenehmere Weiſe meine Freiheit verlieren.“ An jenem Abend wandelte die ſchöne Chriſtina und der blonde Finne auf dem weißen Sandufer, das den weiten, ausgedehnten Strom umgürtete, auf deſſen ſtillem Buſen der Südwind mild fächelte und der Mondſchein Millionen kleine, glänzende Lichter anzündete, die auf den Wellen tanzten, während ſie ſüß plaudernd ſich an den Kieſeln des Ufers brachen. Nacht und Schweigen— dieſe ſtummen Zeugen der Schwüre treuer Liebe, der treuloſen Künſte des Verfüh⸗ rers, des geräuſchloſen Schrittes des Mörders, der Irr⸗ wege des Trunkenbolds und der Umzüge des heimath⸗ loſen Unglücklichen— Nacht und Schweigen ſchufen jene Einſamkeit, in welcher glückliche junge Liebende nur ſich ſelbſt ſehen und vergeſſen, daß ſie nicht allein in dieſer Welt ſind. Die faſt lautloſe Einförmigkeit der Wellen, welche, wie die vorübergleitenden Geſchlechter der Menſchen, eine nach der andern, kamen, ſich brachen, und dann ver⸗ ſchwanden; das Platſchen des Störs, der in langen Zwiſchenräumen ſich hob und wieder in das Waſſer zu⸗ rückfiel; dieſe und andere leiſe Töne und Klänge verlei⸗ teten ſie, weit am Ufer hinab zu gehen, wo ſie von dem Dorfe nichts mehr ſahen, noch hörten. Plötzlich vernahmen ſie auf der Ufererhöhung über 6* — 81— ſich eine Stimme, welche folgendes wilde, geheimnißvolle Lied ſang: Sie ſaßen all' in einer Laube grun, Von Duft und Blüthen umfangen; Die Vöglein, die flogen her und hin, Und ihre ſüßen Kehlen erklangen. Mit harmloſer Unſchuld im Blick Zieht er, mit ſtummem Flehen, Ihre entweichende Hand zurück— Der erſte Schritt, ſie zu hintergehen. Er erbat— er erhielt einen Kuß Ihre Wange ward roth und glühte, Ihr Herz durchbebt's wie Flammenguß, Der in alle Adern ſprühte. Er war fort und kam nicht mehr, Und ſie, deren Daſein voll Wonne, Die umrauſcht von der Freude Meer, Die umglänzt von des Glückes Sonne,— Sie ſaß nun jedes Troſtes baar, Ihr ſchwand der Hoffnung Schimmer, Kalt blickte das ſchöne Augenpaar Auf die Wellen— er kehrte nimmer. Sie wandelte einſam dort und da, Vom ſtillen Abendſtern umſchimmert, Und wer die arme Maid je ſah, Wußte, daß ihr Glück zertrümmert. Es war die Stimme, es war die Geſtalt der kraus⸗ köpfigen Bombie, welche, eine ſo bemerkenswerthe Eigen⸗ —— thümlichkeit der afrikaniſchen Rage, das muſikaliſche Ta⸗ lent in hohem Grade beſaß und dieſes Lied von Meiſter Lazarus Birchem, dem Schulmeiſter und Schöngeiſt der Colonie, gelernt hatte, der für ſeinen Unterricht manches gewürzige Abendmahl erhielt. Man ſah ſie, tief nieder⸗ gebeugt, auf ihren Stock gelehnt, auf der Höhe des Ufers ſtehen, einer alten Hexe, wenn nicht etwas Schlimmerem, ziemlich ähnlich. Als ſie ihr langes Lied geendigt hatte, rief ſie in einem Grabestone: „Miß Chriſtina, man fragt zu Hauſe nach Euch, das Abendmahl iſt fertig und des Vaters Lieblingsgericht wird kalt. Der Wolf iſt frei, das Lamm nehme ſich in Acht. Ich habe geſehen, was ich geſehen habe; ich weiß, was ich weiß.“ Als ſie dieſe Worte geſprochen hatte, beſtieg ſie ihren Stock, der, wie wir zu bemerken für nöthig erachten, kein Beſenſtiel war, und ſprang wie ein Straus davon, halb laufend, halb fliegend. Das junge Paar kehrte zu dem Pallaſte zurück und die ſchöne Chriſtina bemerkte, daß der lange Finne wäh⸗ rend dem ganzen Weg nicht ein einziges Wort für ſie hatte. Fünftes Kapitel. Artbur O'Bower hat ſeine Bande geſprengt, Stürmiſch er landauf ſeine Schritte lenkt. Welch Heer auch der Schottenkönig zuſammen⸗ rafft, Vermag er doch nichts gegen Arthur's Kraft. Der Mutter Gans Lieder. Der Sommer war dahin und der Herbſt begann ſeine buntfarbige Flagge auf den Bäumen auszuſtecken, die, von den Nachtfröſten getroffen, jeden Morgen weni⸗ ger von der grünen und mehr von den bunten Farben zeigten, welche in unſerm weſtlichen Clima das entſchwin⸗ dende Jahr bezeichnen. Die guten Leute von Elſingburg zogen ſtets mit dem erſten Morgenſtrahl in das Feld hinaus, um die Früchte ihrer Frühlings⸗ und Sommer⸗ Arbeiten einzuthun, oder waren angeſtrengt beſchäftigt, ihren Cider zu machen; während die Jugend in den freien Stunden Nüſſe ſammelte, um ſie an dem Winterherde aufzuknacken. Die kleinen Wachteln begannen ihr Herbſt⸗ lied zu ſingen; der Grashüpfer, deſſen müßiggängeriſche, zirpende und luſtige Stunden nun vorüber waren, begann jetzt, ſeine gedankenloſe Unvorſichtigkeit zu bereuen und man ſah ihn um die Mittagsſtunde in melancholiſchem Schweigen ſich an der Sonne wärmen, als wenn er im — 87— Geiſte ſchon die Zeit ſähe, wo es um ſein kurzes, luſtiges Daſein geſchehen wäre. Ganze Heere von Rothkehlchen flogen vorüber und dem Süden zu, um die wärmere Luft zu ſuchen; das genügſame Hornvieh zog ſein rauhes Win⸗ terkleid an und ſchaute mit jener verzweifelten langweili⸗ gen Miene drein, mit welcher die ganze Natur den un⸗ willkommenen Winter begrüßt. Nur das kleine Blau⸗ kehlchen, der letzte Vogel, der von uns ſcheidet, und der erſte, der uns im Frühling wieder begrüßt, ließ dann und wann ſein trauerndes Lied hören, als wollte er dem Neſte Lebewohl ſagen, in welchem er ſeine Jungen auf⸗ gezogen hatte, wie dies in dem Liede geſagt iſt, das man dem oben erwähnten Lazarus Birchem, ehemaligen Geißler der kleinen Elſingburger Brut, zu verdanken hat und wel⸗ ches hier folgt: Wenn Blaukehlchen uns enteilet Aus dem Waldtbal, wo es weilet, Schau' ich nach mit trübem Blick; Ach, der Winter kehrt zurück. Denn wenn aus des Walds Revieren Alle Sänger ſich verlieren, Und das Laub ſich färbet ſchon, Hört man noch Blaukehlchens Ton. Und wenn ich es wieder ſehe, Iſt der Frühling in der Nähe; Denn es ſagt den Frühling an, Sagt, daß Zephyr, Blumen nah'n. — 88— Sei willkommen in den Thalen, Vöglein, das des Frühlings Strahlen Und des Maien Wonne bringt Und ſo ſüß am Waldbach ſingt. Während dieſer ganzen Zeit waren die ſchöne Chriſtina und der ſchlanke junge Mann ſich ſelbſt überlaſſen; ſis konnten luſtwandeln, leſen, ſingen, ſich unausſprechliche Sachen mit den Augen ſagen,— Niemand bemerkte ſie, Niemand ward ihnen läſtig, die geheimnißvolle alte Afrikane⸗ rin ausgenommen, welche ihnen ſtets zur Unzeit begegnete und ihre ewige Phraſe:„ich weiß, was ich weiß; ich habe geſehen, was ich geſehen habe,“ wiederholte, wo ſie ihnen auch in den Weg treten mochte. Bei ſolchen Gelegenheiten pflegte das Auge des langen Finnen jenen furchtbaren Ausdruck anzunehmen, welcher, wie wir früher bemerkt haben, die ſchöne Chriſtina beun⸗ ruhigte und ſchreckte, und der nun, da ſie eine innigere Theilnahme zu dem jungen Manne hinzog, oft ein unbe⸗ ſtimmtes Gefühl der Furcht in ihr erregte, das ihr manche ſchlafloſe Nacht machte. Die Lage unſerer kleinen blauäugigen Finnländerin wurde von Tag zu Tage bedrängender und peinlicher; das Bewußtſein, daß ihr Herz ſich dem jungen Manne immer mehr zuwende; die Dunkelheit, welche über ſeiner Ge⸗ ſchichte ſchwebte; der Ausdruck ſeines Auges, den ſie nicht zu deuten wußte, und die geheimnißvollen Warnungen der ſchwarzen Bombie, Alles vereinigte ſich, um ſie in ein ðU — 89— Meer von Zweifeln und Befürchtungen zu verſetzen, auf welchem ihr Herz hin und her geworfen wurde. Zuweilen faßte ſie den Entſchluß, ihr Benehmen ge⸗ gen den jungen Mann zu ändern und ihn durch hartes, wegwerfendes Betragen aus dem Hauſe ihres Vaters zu verbannen. Hier aber trat die Liebe unter der Geſtalt des Mitleids in die Mitte. Arm, ohne Freunde, unbe⸗ kannt, wo ſollte er eine Zuflucht ſinden, wenn er ge⸗ zwungen würde, die Colonie zu verlaſſen? Er würde genöthigt ſein, in die Wälder zu flüchten, ſich mit den Indianerhorden zu verbünden, und könnte vielleicht der ſchlimmſte Wilde, ein Weißer, werden. Dann kam ſie auf den Gedanken, mit der Tante Editha Rathes zu pflegen. Allein dieſe gute Dame hatte, wie ſchon angedeutet, viel zu viel außerhalb des Hauſes zu thun, um ſich mit dem zu beſchäftigen, was zu Hauſe vorging; ſie war von dem Wunſche, Gutes in einem großen Maßſtab zu üben, ſo beſeelt und durchdrungen, daß ſich ihre Sympathien nie in den kleinen Kreis des häuslichen Herdes einſchränken ließen. Zunächſt trat nun ihr Vater vor ihre Seele, ihr natürlicher Schützer und Berather. Aber der Heer war, obgleich er ſie mehr liebte, als ſeine Pfeife und das ge⸗ pfeffertſte Gericht, immer ein eigenſinniger, auffahrender, kleiner Mann, der im Stande war, mehr zu ſprechen, als er dachte, und mehr zu drohen, als er ausführte. Kein Wunder, wenn die zarten Gefühle eines Mäd⸗ — 90— chens unter ſolchen Umſtänden und bei ſolchen Umgebun⸗ gen vor dem Gedanken zurückbebten, ſich im Anfange rauh abgewieſen und behandelt zu ſehen, obgleich ſie am Ende hoffen konnte, liebende Theilnahme bei den Ihrigen zu finden. Der Heer war während dieſer Zeit von gewiſſen wichtigen Staatsangelegenheiten bedrängt, welche ihn un⸗ gemein in die Enge trieben und die Reizbarkeit ſeines Charakters nicht wenig erhöhten. Er hatte ſich, wie man zu ſagen pflegt, über Hals und Kopf mit ſeinem Nach⸗ barn, William Penn, welcher, wie man wohl weiß, in einem Papierkriege ein furchtbarer Gegner war, in eine Streitigkeit wegen den Gränzen geſtürzt. Zwei Bäche. welche ungefähr eine halbe Stunde von einander dahin floſſen und ſich durch nichts von einander unterſchieden, erregten mächtigen Hader, da ſie die Gränze der Gebiete von Coaquanock und Elſingburg bezeichnen ſollten. Von beiden Seiten fanden Ueberſchreitungen ſtatt und von beiden Seiten entſtanden Beſchwerden, wobei der Heer Pfeifer in Zorn und Wuth gerieth, ſein Gegner aber ganz ruhig blieb, während keiner von beiden von ſeinem Rechte laſſen wollte.— Um endlich dieſen Zwiſtigkeiten ein Ende zu machen, beſchloß man von Seiten derer von Coaquanock, einen Abge⸗ ſandten nach Elſingburg zu ſenden, welcher ſich denn auch um dieſe Zeit in der berühmten Hauptſtadt einſtellte. Sadrach Geldpfennig, wie man ihn gewöhnlich nannte— — —.— —,— —— denn die Excellenzen und Euer Herrlichkeiten waren zu jener Zeit noch nicht ſo häufig, wie heut zu Tage— war eine große, derbe, knochenfeſte Geſtalt, vom Hals bis zu den Füßen in Schwarz gekleidet und mit einem großen Hute auf dem Kopfe, deſſen Rand hinten aufgeſchlagen war, und ohne irgend ein Anhängſel, das im entfernteſten auf Putz hindeutete, ausgenommen ein ſehr kleines Paar ſilberne Schnallen an den hochheraufgehenden Schuhen. Bei all' dieſer Einfachheit war in der ganzen Art, wie Freund Sadrach ſich trug, etwas ſehr Sorgfältiges und Geſuchtes, das mit der patriarchaliſchen Einfalt gut harmonirte und auf eine verſchlagene Weiſe andeutete, daß er von ſeiner äußern Erſcheinung eben ſo viel hielt, wie mancher Andere, der ſich heiterer für das Auge klei⸗ dete. Der lange Finne, welcher zuweilen wunderliche Ver⸗ gleichungen hören ließ, behauptete, der ehrenwerthe Ge⸗ ſandte ſehe aus, als habe er denſelben Prozeß des Waſchens, Stärkens und Bügelns beſtanden, wie ſein Halstuch und ſein ſteifer Kragen. Sadrach Geldpfennig ritt ein Pferd von ſiebzehn Fauſt Höhe und verhältnißmäßiger Ausdehnung in jeder Richtung, ſo daß es mit der Magerkeit ſeines Reiters in dem auffallendſten Contraſte ſtand, und der Eine ſie mit Pharao's Traum, der Andere mit König Porus und ſeinem Elephanten verglich, wie es denn überhaupt an ſeltſamen Vergleichungen nicht fehlte, als Sadrach und ſein dickes Roß in der Colonie anlangten. Nur mit vie⸗ ler Mühe hielt Lob Dotterel die auf der Straße ſpielende Jugend ab, den Fremden auszulachen und zu verhöhnen, als er in die Reſidenz des ſchwediſchen Statthalters einzog. Der Stellvertreter des großen Königs von Schweden empfing den Botſchafter in vollem Rathe, und da wir es früher nicht geeignet hielten, den Gang der Geſchichte durch die Porträtirung der würdigen Räthe des Heern zu unterbrechen, ſo benutzen wir dieſe Gelegenheit, das Verſäumte nachzuholen, ehe wir in unſerer Erzählung einen Schritt weiter thun. Wolfgang Langfanger, der Töpfer, war der größte Tabacksraucher, und folglich der größte Mann in dem Dorfe, den Statthalter natürlich ausgenommen. In frühern Zeiten hatte er den Ruf, zu den wohlhabendſten und reichſten Männern in dem ganzen Gebiete von Neu⸗ Schweden zu gehören; denn er war ein trefflicher Töpfer, und manche ſeiner Arbeiten, ſchön lackirt und mit grünen Blumen geziert, werden heute noch in den Wohnungen der Abkömmlinge der alten Coloniſten aufbewahrt und haben alle die Buchſtaben W. L., die gewiß künftige Alterthumsforſcher in große Verlegenheit ſetzen würden, wäre nicht dieſe unſere wahrhafte Geſchichte. Er verſtand es, mit ſeinem Pfunde zu wuchern; und da ſeine Ehe⸗ hälfte innerhalb des Hauſes ſo thätig war, als er an ſeinem Ofen, ſo kam er allgemach in die beſten Umſtände und baute jedes Jahr entweder ein neues Hühnerhaus, oder einen Schweinſtall, oder etwas Aehnliches; auch ſtrich —.—— —— — 93— er im Frühling und Herbſt ſeinen Gartenzaun weiß an. Seit dem Augenblicke jedoch, wo ihm die unerwartete Ehre widerfuhr, in den Rath des Königs aufgenommen zu werden, drehte ſich Alles in ſeinem Kopfe quer und krumm, und ſeine theure Ehehälfte wußte nicht mehr, ob ſie gehen oder fliegen ſollte. Wolfgang kam, in Folge der Angelegenheiten des großen Guſtav Adolphs, welcher damals die Reformation auf der Spitze ſeines Degens nach Deutſchland brachte, in einen ſolchen innern Aufruhr, daß er fortan nicht mehr im Stande war, einen guten Topf zu machen, während ſeine Hausfrau es tief unter ihrer Würde fand, den häuslichen Geſchäften obzuliegen und dafür zu ſorgen, daß Alles im Hauſe rein und anſtändig ſei. Schon am erſten Sonntag ergriff ſie die Offenſive in der Kirche und rückte mit einem Kleid von demſelben Zeuch, und einer Haube von demſelben Schnitt, wie jene der Dame Editha, heran, zum großen Aerger⸗ niß des hochwürdigen Kanttwell und auch der Tante Edi⸗ tha, deren fromme Betrachtungen an dieſem Tage ganz und gar geſtört waren. Was aber noch ſchlimmer war, — Wolfgang fing nun an, Meiſter Oldale's Haus zu beſuchen, wo er über Politik ſprach, Bier trank, ſeine Pfeife rauchte, bis die Kühe nach Hauſe kamen, und den Ruf eines tiefſichtigen Mannes erhielt, deſſen Auge weit in die Zukunft reichte. Plötzlicher Reichthum und nlößliche Ehren haben ſchon manchen braven Mann zu Grund gerichtet. Wir haben — 94— es erlebt, daß ein bedeutender Gewinn in der Lotterie und eine Wahl in die geſetzgeben de Kammer die wür⸗ digſten Männer an den Rand des Verderbens gebracht haben. So war es mit Wolfgang Langfanger, der ſein Geld ausgab und ſein Geſchäft vernachläſſigte, bis ihm endlich kein Reichsthaler mehr in der Taſche geblieben und ſein Ruf als Töpfer zu Grund gerichtet war. Zur Zeit, von welcher wir hier reden, lebte er theils auf Credit, theils von ſeinem Witze; erſtern brauchte er, um bei Meiſter Oldale lange Rechnungen auflaufen zu laſſen; den letztern aber, um verſchiedene berühmte Plane 3 und Vorſchläge zur Verbeſſerung der Colonie und Elſing⸗ burgs zu betreiben, wodurch der Werth des Grundeigen⸗„ thums ſich verdreifachen und die alte Welt plötzlich reich werden ſollte; doch davon ſogleich. Inmitten ſeiner Armuth diente ihm jedoch die Würde ſeines Amtes als Stütze; denn ſelbſt in jener Zeit war es einem großen Manne möglich, mit Aufwand zu leben und anderer Leute Geld auszugeben, ohne daß dies dem Rufe ſeines Charakters und ſeiner wundervollen Talente eben bedeutenden Abtrag that. Das zweite Glied des Rathes Sr. Majeſtät war„ Othman Pfegel, welcher einige Anſprüche an einen alt⸗ ſchwediſchen Freiherrntitel hatte; die Beſitzungen, welche ſich daran knüpften, ſollten irgendwo in der Nähe des 1 Eispols liegen. Er legte eine kriechende Freundlichkeit gegen die ſchöne Chriſtina zur Schau und ſtand in großer — 95— Gunſt bei dem Statthalter, mit welchem er auf dem beſten Fuße lebte, ſo daß ſie zuweilen Stunden lang mit einander ſchmauchten, ohne ein einziges Wort zu ſprechen. Die Wahrheit jedoch, unſere ſtete Begleiterin auf dem Blumenpfade dieſer Geſchichte, zwingt uns das Geſtänd⸗ niß ab, daß der einzige ſichtbare Beweis, welchen er der ſchönen Chriſtina jemals von ſeiner Liebe gab, darin beſtand, daß er der ſchönen Maid, ſo oft ſie in dem Zimmer war, die Tabackswolken in das Geſicht blies, was für ein ſicheres Merkmal galt, welchen Weg ſeine Neigung nahm. Othman wurde für einen vielverſprechenden jungen Mann gehalten, da man ſah, daß er ſchon in dem frühen Alter von acht und vierzig Jahren ſich zu ſo bedeutenden Ehren emporgeſchwungen hatte; und es gab Leute, welche keinen Anſtand nahmen, darauf hinzudeuten, er könne einſt noch Statthalter von Elſingburg werden. Othman und der lange Finne waren geſchworne Feinde; der Eine legte ſeinen Haß dadurch an den Tag, daß er ſeinen Nebenbuhler mit einer Hüttenthüre an einem froſtigen Morgen verglich; der Andere dadurch, daß er, wenn ſein Gegner anweſend war, ihn nicht zu beachten ſchien, und verſchiedenartige Bemerkungen über ihn machte, wenn er ſich entfernt hatte. Das dritte Mitglied des großen Rathes von Neu⸗ Schwedenland war Ludwig Varlett, ein wilder, tollköpfi⸗ ger, luſtiger Geſell, faul, wie ein Türke, müßig, wie ein weſtindiſcher Pflanzer, und wenn er Geld hatte, ſo groß⸗, müthig, daß er, wenn er keins hatte, zu niedrigen Mit⸗ teln ſeine Zuflucht nehmen mußte. Klugheit, Sparſam⸗ keit, Armuth und Aehnliches hielt er für Wörter india⸗ niſchen Urſprungs und pflegte wohl, wenn man ſie in ſeiner Gegenwart gebrauchte, auszurufen:„Ei, was? klug? ich weiß nicht, was dies iſt; ich glaube, es iſt indianiſch.“ Rath Varlett äußerte ſich ſehr freigebig in einer großen Mannichfaltigkeit ſeltſamer Wendungen und Ausdrücke, die nur ihm eigen waren, und welche er ge⸗ b gen Jedermann ohne Unterſchied gebrauchte. Aber er konnte den Leuten in dieſer Weiſe das Bitterſte mit einem ſo gutmüthig heftigen, leidenſchaftlichen Ungeſtim ſagen, daß nie Jemand glaubte, er rede im Ernſte oder man könne in ſeinen Worten eine Beleidigung finden. „Bei all' dem war Rath Ludwig Varlett im Allge⸗ meinen ein gutmüthiger Mann, der die Welt nahm, wie ſie war; theilnehmend gegen die Armen, denen er mit einem herzlichen Fluche half; ein Mann, deſſen Groß⸗ muth man in der That hätte achten müſſen, wenn er ſie nicht zu oft auf Koſten ſeiner Gläubiger geübt hätte. 1 Er ſah ſtets nur den gegenwärtigen Augenblick und war gewohnt, die Verbeſſerungsentwürfe des Rathes Lang⸗ fanger zu verfluchen und zu verwünſchen, da ſie ſich ſtets auf entfernte Ausſichten künftigen Vortheils gründeten. Die Folge war, daß der Letztere den Ruf eines ſehr weit⸗ — 7— ſehenden Mannes erhielt, während Ludwig mit dem Na⸗ men eines kurzſichtigen Geſellen gebrandmarkt wurde. Als Sadrach Geldpfennig vor dem Rathe Neu⸗ Schwedens erſchien, beſtand ſeine erſte Beleidigung darin, daß er weder eine Verbeugung machte, noch ſeinen Hut abnahm; ein Benehmen, das den Statthalter Pfeifer tief kränkte, denn er nahm es in Betreff von Ceremo⸗ nien und Aeußerlichkeiten eben ſo genau, wie der Kaiſer von China, oder der Staatsſecretair in einer Republik, wo Alle gleich ſind. Der Heer huſtete, wendete ſich rechts⸗ um und linksum, machte unterſchiedliche ſchiefe Geſichter und würde Sadrach Geldpfennig, wäre er wegen ſeines Amtes, als bevollmächtigter Geſandte, keine privilegirte Perſon geweſen, den Händen des getreuen Lob Dotterel überliefert haben, um ihn zu lehren, wie man ſich gegen einen ſchwediſchen Statthalter zu benehmen habe. Mittlerweile ſtand Sadrach kühn aufgerichtet, die Hände vor ſich gekreuzt, die Naſe gegen die Decke des NRathsſaales erhoben und die Augen geſchloſſen. Endlich näſelte er Folgendes hervor: „Freund Pfeifer, der Geiſt treibt mich, dir zu ſagen, daß ich von Coaquanock gekommen bin, mit dir wegen der Zwiſtigkeiten zwiſchen unſerm Volk und dem deinigen, in Betreff gewiſſer Gränzen, zu ſprechen, die unſer Frei⸗ brief beſtimmt und auf welche dein Gebieter anmaßliche Rechte geltend machen will.“ „Freund Pfeifer“—„anmaßliche Rechte,“ wiederholte Paulding V. 3 7 — 98— der Heer in leiſem, unwilligem Murren.„Aber hört, Meiſter Sadrach Schwarzrock und der T=l, ehe wir in unſerem Geſchäfte einen Schritt weiter gehen, müßt Ihr Euch gefälligſt ſagen laſſen, daß Niemand mit be⸗ decktem Haupte vor den Stellvertreter des großen Gu⸗ ſtas tritt, der ein Bollwerk der proteſtantiſchen Reli⸗ gion iſt.“ „Freund Pfeifer,“ verſetzte Sadrach ganz in der Stellung, wie wir beſchrieben haben,„Freund Pfeifer, laß vor Allem das Fluchen. Wahrlich, ſag' ich dir, ich nehme vor Niemanden meinen Hut ab, am wenigſten vor dem Statthalter des Mannes, welcher ſich den großen Guſtav nennt und den ich als einen der Gottlo⸗ ſen im Geblüte anſehe, als einen, der das Wort Gottes mit dem Schwerte der Menſchen verbreitet, ſtatt in dem Namen Jehovahs.“ „Verflucht und verdammt,“ rief der Heer in tödtlichem Ingrimm,„der große Guſtav Adolph, das Bollwerk des proteſtantiſchen Glaubens, ein Gottloſer im Geblüt? Der Teufel hole dich! Ich ſchwöre, du wirſt deinen Hut abnehmen oder du gehſt mit einem Floh in deinem Ohre wieder von hier weg, ohne mit uns irgend etwas verhandelt zu haben.“ „Schwöre nicht, fluche nicht, Freund Pfeifer,“ ver⸗ ſetzte Sadrach;„ich ſage dir nochmals, ich werde meinen Hut nicht abnehmen, und wenn es nothwendig iſt, werde ich eher mit einem Floh in meinem Ohre, wie du dich — 399— auszudrücken beliebteſt, wieder abreiſen, ehe ich von dem Gebote meines Glaubens abgehe.“ „Du Galgenſchwängel!“ ſagte der Heer,„liegt deine Religion in deinem Hute, weil du dich weigerſt, ihn abzunehmen? Doch mag ſie ſein, wo ſie will, ich ſchwöre—“ „Schwöre nur nicht!“ ſprach der bedachtſame Sadrach. „Potz Blitz und Wetter! Aber ich will ſchwören und fluchen und auch Ludwig Varlett ſoll dies thun!“ rief der Heer. Und nun öffnete Ludwig Varlets die Thore ſeiner Beredtſamkeit und ließ einen ſolchen Strom von Derb⸗ heiten herausſchießen, daß Sadrach, wäre er nicht ſo un⸗ beweglich geweſen, wie ſein Hut, gänzlich vernichtet wor⸗ den wäre. Dieſer unbeſteglich höfliche Kämpe öffnete jedoch, während Ludwig Varlett heiße Feuerſtröme von Verwünſchungen über ihn goß, weder ſeine Auge, noch änderte er ſeine Stellung, ſondern blieb bewegungslos, und drehte nur ſeine Daumen im Kreiſe. „Freund Pfeifer, beliebt es dir, anzuhören, was ich zu ſagen habe? Der Geiſt treibt mich—“ „Der Geiſt mag dich zum T— l treiben,“ rief Pe⸗ ter,„ſonſt wird es das Fleiſch thun, wenn du deinen Hut nicht abnimmſt, du aus dem Lande gejagter Kerl.“ „Wahrlich, ich verſtehe dein Kauderwälſch nicht, Freund Peter,“ erwiederte Sadrach;„auch werde ich 7 ½ weder auf dein, noch auf irgend eines Menſchen Geheiß zu dem gehen, von welchem du ſprichſt. Willſt du die Vorſchläge des Freundes William Penn hören, oder willſt du ſie nicht hören?“ „Nein, ich will von des Teufels Braten eſſen, wenn ich noch ein Wort aus deinem häßlichen Munde höre, bevor du deinen Hut abgenommen haſt,“ rief der choleriſche Heer, indem er von ſeinem Stuhle aufſprang. „Du magſt eſſen, was dir beliebt, Freund Peter,“ verſetzte der Andere,„und was meinen häßlichen Mund betrifft, ſo will ich, da du Aergerniß daran nimmſt, da⸗ hin zurückkehren, woher ich kam.“— Bei dieſen Worten drehte er ſich mit aller Muße um und wollte ſeines Weges gehen, als der Heer Pfeifer, auf deſſen feurigen Geiſt die trockene Beredtſamkeit des Freundes Sadrach friſches Oel gegoſſen hatte, mit einer Donnerſtimme rief: 3 „Halt!⸗ Die Maſchinerie des Freundes Sadrach, welche zu ſeinem Weggehen in Bewegung geſetzt worden, ſtand demgemäß ſtill und er verharrte in der regelrechteſten Perpendicularität, den Rücken dem Heern zugewendet und den Kopf über ſeine Schulter gedreht, ſo daß er ihm voll in das Auge ſah. „Ich ſtehe, Freund Peter,“ ſagte er. Der Heer Pfeifer befahl darauf dem Lob Dotterel, welcher als zur Staatsgewalt des Statthalters gehörig — 101— in der Nähe war, ihm alsbald einen Hammer und einen Zehnpfennigsnagel zu bringen— ein Befehl, welchem dieſer vortreffliche und aufmerkſame Gerichtsdiener mit ſeiner gewöhnlichen Behendigkeit nachkam. „Willſt du dir vielleicht ein Haus bauen, Freund Peter, weil du dir Hammer und Nägel bringen läßt?“ fragte Sadrach. „Du wirſt es ſogleich ſehen antwortete der Heer. „Da dein Glaube darin beſteht, daß du deinen Hut auf dem Kopfe haſt, ſo will ich dafür ſorgen, daß du feſt an deinem Glauben hältſt, indem ich dir ihn mit dieſem Zehnpfennignagel in den Kopf nageln laſſe.“ „Du magſt thun, wie es dir beliebt, Freund Peter,“ verſetzte Sadrach, auf welchen die Drohung nicht den geringſten Eindruck machte.—„Wir haben in der alten Welt Schlimmeres als dies erduldet, und wir ſind in der neuen zum DOulden bereit. Eben jetzt werden in jenen öſtlichen Anſiedelungen unſere Brüder aus den armen Zufluchtsörtern verjagt, welche ſie ſich geſucht haben, und wie Thiere von dem Boden weggeſcheucht, den ſie zuerſt bebaut haben, als wenn ihr Blut das Blut von Wölfen wäre, und ihre Hände die Klauen von Tigern, und ihre Füße die Füße von Mördern. Unſer Glaube wuchs empor unter Geißelſtreichen, Gefängniß⸗ qualen und Leiden jeder Art, und ſieh', ich bin bereit! Schlage zu— ich bin bereit! Der Wilde, der keinen Gott hat, duldet, ohne zu beben, die Qualen des Feuers— — 1⁰²2— und warum ſollte ich nicht dulden können, ich, den Er erhält? Schlage— ich bin bereit!“ Der Heer war jetzt in der Lage gewiſſer leidenſchaft⸗ 4 licher Leute, welche drohen und, wenn es zur That kommen ſoll, nichts weniger als geneigt ſind, die Dro⸗ hung zu bethätigen. Nicht nur heiligt das Völkerrecht die Perſon eines Geſandten, ſondern er konnte es auch nicht über ſich gewinnen, an einem Manne Gewalt zu üben, deſſen Grundſätze des Nicht⸗Widerſtandes ſo unbeug⸗ ſam waren. Um ſich daher mit Ehren aus dem Handel zu ziehen, verfielen er und Ludwig Varlett in einen mächtigen Zorn und grüßten Sadrach Geldpfennig mit 3 einem furchtbaren Duett von Verwünſchungen, welche dieſer würdige Bevollmächtigte eine Zeit lang mit ſeiner gewöhnlichen ſtoiſchen Gleichgültigkeit ertrug. 1 „Biſt du fertig, Freund Pfeifer?“ ſagte er, als er hörte, daß die beiden Sänger, wegen Mangel an Athem, eine Pauſe machen mußten. „Gehe, gehe, und der Teufel hole dich und das Donnerwetter ſchlage dich kreuzweiſe in den Boden!“ rief der Heer. „Ich gehe, wahrlich!“ Und damit wanderte der gute Sadrach langſam und 5 bedächtig, die Hände über ſeiner Bruſt gekreuzt, die Augen aufwärts gekehrt, und weder zur Rechten, noch zur Linken einen Blick werfend, aus dem Rathsſaale. 3 Als er zu dem Orte kam, wo er ſein Pferd gelaſſen V — 103— hatte, band er daſſelbe von dem Aſte eines Aepfelbaumes los, beſtieg es mit Hülfe eines nahen hohen Steines und ſetzte ſich in dem Sattel feſt, worauf er dem Thiere mit der unbeſpornten Ferſe einen Ruck gab, und das Pferd, das den Wink verſtand, trabte hinweg und dem Gebiete von Coaquanock entgegen. Dies war die diplomatiſche Verhandlung zwiſchen den Mächten von Coaquanock und Elſingburg, die ſich an einem Punkte der Etikette zerſchlug, wie jene zwiſchen England und China in etwas ſpäterer Zeit. Sadrach's Eigenſinn, der ihm nicht geſtattete, den Hut vor dem Heern abzunehmen, und der des Lord Amberſt, welcher ſich weigerte, vor dem ältern Bruder des Mondes ſich ſo und ſo viele Mal in den Staub zu werfen, hatten aller Wahrſcheinlichkeit nach Folgen, welche Millionen menſchlicher Weſen gebüßt haben, oder in künftigen Zei⸗ ten noch büßen werden. Man ſieht daraus, von welcher großen Wichtigkeit die Etikette iſt, und wir hoffen, unſere Staatsmänner werden in ihren lobenswerthen Verſuchen beharren, gewiſſe Leute, welche von der Bedeutſamkeit dieſer Dinge nichts wiſſen, die unbedingte Nothwendigkeit einſehen zu lehren, daß die Rangordnung, wenn man zum Mittagsmahl geht, und wenn man ſich an den Tiſch fetzt, auf das ſtrengſte beachtet werde. Sechſtes Kapitel. Was? Will das Volk denn ganz umſonſt regiert ſein? Iſt's das Geheimniß nicht der Politik, Die Schurken brav zu rupfen und zu ſagen, Des Staates Beſte fordre das? Bei Gott, Kein Floh ſoll in dem ält'ſten Lumpen bleiben, Oder ſich in der Bettſtatt kleinſtem Loche Verbergen, der das Privilegium Nicht gut bezahlet, Chriſtenblut zu ſaugen. 8* Der Alderman, oder Bettler zu Pferd. Wolfgang Langfanger, das weithin blickende Mitglied des hohen Rathes von Elſingburg, hatte, wie oben ange⸗ deutet worden, ſeine Privatverhältniſſe in große Ver⸗ wirrung gebracht, indem er dem öffentlichen Wohl allzu⸗ viel Zeit widmete. Doch begann er ſchon ein oder zwei Jahre vor dem Anfang unſerer Geſchichte, ſich mit dem Gedanken zu tragen, es ſei nun ſehr an der Zeit, daß das öffentliche Wohl ihm einen Theil ſeiner gewich⸗ tigen Verpflichtungen zurückzahle. Er erfand daher ein Syſtem innerer Verbeſſerung, welches ſeitdem von Zeit zu Zeit in der neuen Welt mit bedeutendem Erfolge nachgeahmt worden iſt. Daß Wolfgang den Statthalter überredete, dem Plane beizutreten und ihn in das Leben zu rufen, verſteht ſich von ſelbſt. Das Weſentliche dieſes ſeines Anſchlags beſtand darin, die Schuld für die jetzige — — 105— Zeit zu häufen, und dann von der Hoffnung auf künf⸗ tigen Reichthum zu leben. Zur Zeit, von welcher wir reden, begab es ſich, daß ein Schoner aus irgend einem Theile von Neu⸗Eng⸗ land mit einer Ladung ſeltſamer Nachrichten anlangte. Der Capitain war ein gewiſſer Abenteurer, welcher ſich auf folgende Weiſe ankündigte, nämlich: Capitain John Turner, Herr und Eigenthümer Von dieſer Ladung und dem Schoner. 7 Der weiſe Langfanger bewillkommte dieſes Begebniß als ein unbezweifelbares glückliches Vorzeichen, daß die Stadt Elſingburg beſtimmt ſei, den Handel aller Beſitzun⸗ gen der ſchwediſchen Majeſtät in der neuen Welt allein an ſich zu ziehen, vorausgeſetzt, daß die gehörigen Maß⸗ regeln getroffen würden, um die Vortheile der natür⸗ lichen Lage zu benutzen. Er legte daher die Zeichnung eines großen Hafenbaues vor, wo dreißig bis vierzig der bedeutendſten Schiffe Platz hatten; auch für Waarenlager und andere ähnliche Dinge, welche der Großhandel for⸗ dert, war geſorgt. Nachdem Wolfgang auf dieſe Weiſe für den Verkehr Elſingburgs nach außen Alles geordnet hatte, wandte er ſeine Aufmerkſamkeit auf den Binnenhandel, welcher bis jetzt in der Fracht einiger rohen Canons beſtand, in wel⸗ chen die Indianer Bärenhäute und Affenfelle herab brach⸗ ten, um dafür Tigermilch einzutauſchen. — 106— Um dieſen Verkehr zu erleichtern, ſchlug er einen Canal vor, welcher den Brandawine mittelſt eines Durch⸗ ſtichs mit dem Delaware verbinden ſollte, wodurch der Weg wenigſtens um anderthalb Stunden abgekürzt würde. Dadurch ſollte, wie er ſich rühmte, der ganze Binnenhandel ſich in der Stadt Elſingburg concentriren und Coaquanock gänzlich iſolirt werden, ſo daß das feind⸗ liche Gebiet bald nichts als eine unfruchtbare, öde Wüſte darſtellen könne und müſſe. Der Gedanke, auf eine ſo glänzende und nachdrückliche Weiſe an Sadrach Geld⸗ pfennig und ſeinen übrigen alten Feinden, den Quäkern, ſich gerächt zu ſehen, kitzelte den Statthalter ungemein. Der nächſte Plan betraf die Verſchönerung des Dor⸗ 3 fes, welches, wie man eingeſtehen muß, ein ſchmutziges, winkeliges Neſt war, das der Zufall zuſammen gewürfelt hatte. Die Gaſſen liefen etwas krumm und da und dort ſtellten ſich die Häuſer auf eine ziemlich unhöfliche Weiſe vor einander. Langfanger ſchlug vor, den ganzen Stadt⸗ plan einer neuen Durchſicht zu unterwerfen, mehrere der Hauptſtraßen zu erweitern, verſchiedene andere in einem großartigen Style zu erbauen und alle Häuſer nieder⸗ zureißen, welche der Verſchönerung der Hauptſtadt Elſing⸗„ burg in dem Wege ſtanden; denn bald begann er, das Dorf mit dieſem wohlklingenden Titel zu belegen. Der Heer ſchüttelte den Kopf ein wenig bedenklich, als er dieſen Plan überdachte, denn ihm fielen die bedeu⸗ tenden Ausgaben ein, welche mit dem Ankaufe der vie⸗ — 107— len niederzureißenden Häuſer verbunden waren; auch fürchtete er den Widerſtand der guten Leute, welche jetzt darin wohnten. Aber Langfanger war bei ſolchen Gele⸗ genheiten nie um eine Auskunft verlegen. Er ging die Bewohnerſchaft mit einer Kette von Beweiſen, Erläuterungen, Berechnungen und glänzenden Ausſichten an, wodurch ſelbſt klügere Köpfe, als die, welche auf den Schultern dieſer einfachen Coloniſten ge⸗ wachſen waren, betäubt, wenn auch nicht überzeugt wor⸗ den wären. Gab man nur das Einzige zu, daß ſeine Vorderſätze richtig wären, und daß Alles, was er ſo glänzend vorherſagte, auch einträfe, ſo war an ſeinen Schlüſſen kein Jota abzuſchneiden. Die guten Leute ſahen daher bald deutlich ein, daß das Einreißen ihrer Häuſer und die Umwandlung ihrer Gärten und Felder in breite Straßen und geräumige Plätze Alle in der kürzeſten Zeit ſteinreich machen würde. Es war ein merkwürdiger Anblick, wenn man die prachtvollen Aepfel⸗ bäume niederhauen, das Gras ausheben und die Länder⸗ viertel in den ſeltſamſten Figuren vertheilen ſah— Alles in Folge der wichtigen Pläne des weiſen Wolfgangs. Die ſchönen Wieſenſtücke machten weiten, offenen Plätzen Raum, welche ſich nach allen Seiten hin öffneten und nirgends wohin führten, ſo daß die Leute kaum den Weg irgend wohin finden konnten. Häuſer, welche bis⸗ her auf die Straße gegangen waren, kehrten derſelben 108— nun den Rücken oder zeigten ihr einen ſpitzen Winkel. Alles war zu Elſingburg kopfüber, kopfunter gekehrt. Aber der Genius des Rathes Langfanger zeigte ſich in dem größten Glanze ſolchen eigenſinnigen Perſonen gegenüber, welchen es einfiel, ſich dem Niederreißen ihrer Häuſer zu widerſetzen, bevor ſie das Geld dafür in den Händen hätten. Wolfgang hrachte Alles mit ihnen ins Geleiſe, indem er die Häuſer um den und den Preis ſchätzen und dann die Wertherhöhung des Eigenthums nach dem Niederreißen der Häuſer als Erſatz des Ver⸗ luſtes anſchlagen ließ. Durch dieſe höchſt billige Ueber⸗ einkunft wurden dieſe unvernünftigen Leute aus ihren Wohnungen vertrieben und konnten von der Hoffnung auf die große Wertherhöhung ihres Eigenthums ſehr bequem leben. In hoffnungsreicher, glänzender Ferne wuchs, zu⸗ folge des prächtigen Syſtems des Rathes Laͤngfanger, das Dorf Elſingburg zur Stadt und Hauptſtadt, und erblühte, wie man früher nie ein Beiſpiel hatte; obgleich ſeit jener Zeit ähnliche Wunder in der neuen Welt eben nichts Neues ſind. Aber es gibt immer und in jeder Sache Schatten⸗ ſeiten— ſchwarze Schlaglichter, die ſich auf die unge⸗ ſchlachteße Weiſe auf das Glück der Menſchen werfen und ſie um ihre ſchönſten Hoffnungen bringen. Das Unglück wollte, daß dieſe großen Verbeſſerungs⸗ entwürfe ſehr viel Geld koſteten, und daß deſſen zu — 109— Elſingburg gar wenig zu haben war. Die Verbeſſerungen hatten Schulden zur Folge, und den Schulden folgen Auflagen eben ſo natürlich, wie einer Kuh der Schweif. Es wurde wenigſtens unerläßlich, die Zinſen der durch die glänzenden Verſchönerungen entſtandenen Schuld zu zahlen, um den öffentlichen Credit aufrecht zu erhalten und den Rath Langfanger in den Stand zu ſetzen, ſeine Pläne fortzuführen und die Stadt durch Aufnahme noch größerer Summen zu verſchönern. Und hier müſſen wir auf den ſehr wichtigen uUnterſchied aufmerkſam machen, der zwiſchen dem Manne, welcher ſein eigenes Geld aus⸗ legt, und jenem beſteht, der aus einer öffentlichen Caſſe ſchöpft. Wie ſorgfältig ſieht der erſtere darauf, daß er den möglichſten Vortheil erringt, jeden Heller zu ſeinem Gewinn anlegt und den wahrſcheinlichen Gewinn in An⸗ ſchlag bringt, bevor er nur einen einzigen Dollar aus ſeiner Hand gleiten läßt. Bei dem andern aber, der das öffentliche Vermögen zu ſeiner Verfügung geſtellt ſieht, iſt es erſtaunenswerth, wie großmüthig er wird; wie ſein Edelmuth die Fittiche ausdehnt und auf welche zweifel⸗ hafte Entwürfe hin er Millionen verſchwendet, die nicht ſein gehören. Es gibt noch eine Eigenthümlichkeit, welche mit der Verwaltung öffentlicher Schätze vergeſellſchaftet iſt— ein Mann mag nämlich früher noch ſo ehrlich, noch ſo begierig geweſen ſein, der Welt ein reines Beiſpiel von uneigennützigkeit zu geben— ein Theil dieſes Geldes bleibt ihm ſtets, trotz ſeiner Zähne, an den Fingern — 110— kleben und bringt ſeine Ehrlichkeit in's Gedränge. Dies iſt ohne Zweifel der Grund, warum die Menſchen ſo, ungern dergleichen Geſchäfte übernehmen, und nur die wärmſte Vaterlandsliebe ſie verleiten kann, ſich mit öffentlichen Geldern irgend zu befaſſen.. Doch kehren wir zu unſerer Geſchichte zurück. Der würdige Rath Langfanger begann, unter der Leitung des Statthalters Pfeifer, die Mittel und Wege näher in das Auge zu faſſen, durch welche der öffentliche Credit auf⸗ recht erhalten und die Verbeſſerungen der Stadt weiter geführt werden könnten. Die Staatsökonomie, oder die Wiſſenſchaft, nach philoſophiſchen Principien zu verhun⸗ gern, war damals noch nicht ſo ausgebildet, wie jetzt; aber das Genie erſetzt Lehre und Beiſpiel. Nach der Idee des Rathes Langfanger, welche der Statthalter Pfeifer billigte und durch ſein Anſehen und ſeine Macht unterſtützte, wurde ein Abgaben⸗Syſtem ein⸗ geführt, das gerechter und auf gleichmäßigere Vertheilung baſirt war, als irgend eines vorher. Niemand ſollte höher, als um Ein Hunderttheil von ſeinem Eigenthum beſteuert werden; nur behielt ſich der Heer das Recht vor, das beſagte Eigenthum ganz nach ſeinem Wunſch und Willen anzuſchlagen. Damit alſo die Einkünfte und die Verbeſſerungen der Stadt in einigen Einklang kämen, mußte er Grund und Boden nach einer Art vorausſicht⸗ lichem, imaginairem Werthe anſchlagen, das heißt, wenig⸗ . 1 — 111— ſtens drei Mal höher, als irgend ein vernünftiger Menſch dafür geben würde. Die guten Leute von Elſingburg, waren höchſt er⸗ ſtaunt, als ſie ſahen, wie reich ſie waren; ſie bezahlten ihre Abgaben freudig, bis der ewige Durſt nach ihrem Gelde, der bei Rath Langfangers fortgeſetzten Bemühun⸗ gen um das Staatswohl etwas ganz Natürliches war, bald den Einen, bald den Andern zwang, einen Theil der liegenden Habe zu verkaufen, wo ſie denn zu ihrer großen Betrübniß einſahen, daß ſie nur auf der Steuer⸗ liſte des Statthalters reich waren. Nach dem alten amerikaniſchen Spruche jedoch:„iſt der Pfennig fort, ſo ſoll auch der Dollar fort!“ ver⸗ ſicherte ſie der Rath Wolfgang⸗ Langfanger, wenn ſie nun mit den Verbeſſerungen inne hielten, bevor ſie nur zur Hälfte gekommen, ſo würde alles bisher aufgewendete Geld gänzlich vergeudet ſein; verharrten ſie aber ſtandhaft bis zu dem Ende, ſo könnte es ihnen gar nicht fehlen, daß eine glorreiche Ernte ihre Opfer vergelte. Die guten Elſingburger fuhren ſich ein wenig in die Haare und bezahlten die Abgaben. Mittlerweile entdeckte der Heer und ſein Rath jeden Tag irgend einen neuen mit Steuer zu belegenden Arti⸗ kel, bis es ſich endlich begab, daß Alles, was zum Unter⸗ halte der guten Bewohner von Elſingburg unerläßlich war; Alles, was ihnen gehört hatte; Alles, was ſie ſich im Schweiße ihres Angeſichtes erworben; daß — 1122— ſelbſt die Köpfe auf ihren Schultern und die Kleider auf ihren Rücken mit Steuern beladen waren, um den Zweck der öffentlichen Verbeſſerungen zu fördern. Wir greifen dem Gange der Begebenheiten nur um wenige Jahre vor, wenn wir bemerken, daß viele Anſchläge des Rathes Langfanger die Vortheile niemals abwarfen, welche er in ſo glänzenden Worten vorausge⸗ ſagt hatte; daß andere zwar gedeihlich wurden, daß der Gewinn aber denen nie anheim fiel, welche dafür ge⸗ zahlt hatten, indem ein großer Theil derſelben im Laufe der Zeit genöthigt war, ihr Beſitzthum Stück für Stück um geringe Preiſe los zu ſchlagen, um den ſteten Anfor⸗ derungen des Heern Pfeifer und ſeines weitausſehenden Rathes zu genügen. —— — 113— Grittes Bu ch. Erſtes Kapitel. Was wir hier für Philoſophen ſchreiben, Wird wohl ungeleſen bleiben. William Bott. Wenn wir an dem Licht der Geſchichte den Gang der menſchlichen Begebniſſe in das Auge faſſen, ſo finden wir, daß ſich Alles in einem ewigen Kreiſe dreht. Die Erde bewegt ſich um ihre Axe und Alles folgt dieſer Be⸗ wegung. Alles Neue iſt nur das Wiederaufleben von irgend etwas Vergeſſenem; und was die Leute Verbeſſe⸗ rungen, Entdeckungen oder Erfindungen zu nennen be⸗ lieben, iſt größtentheils nicht viel mehr, als etwas, das in Folge der Umwälzungen des Rades der Zeit wieder obenauf kommt. Man kann ſagen, Wechſel und Wan⸗ delbarkeit ſei die Harmonie des Univerſums, deſſen große Mannichfaltigkeit und ſtete Abwechſelung, wie die der Nuſik, dadurch hervorgebracht werden, daß man dieſel⸗ ben Noten auf verſchiedene Weiſe verbindet. „Der Wind iſt ſchlecht, der für Niemand gut bläf't,“ Paulding V. 8 — 114— ſagt ein altes amerikaniſches Sprichwort und wir finden demzufolge, daß die Urſachen, welche das Unglück Eines Weſens ſchaffen, das Glück eines Andern mit ſich bringen. Die Thräne Eines Auges wird durch das Lächeln einer andern Wange ausgeglichen; der Todeskampf Eines Her⸗ zens durch die aus derſelben Quelle entſpringenden Wonnen eines Andern. So trägt, um unſern Grund⸗ ſatz von Individuen auf Nationen auszudehnen, das Mißgeſchick der Einen zum Gedeihen der Andern bei, und eben dieſe Nationen werden, wenn der Kreis der Begebenheiten ſeinen Umlauf vollendet hat, ihre Verhält⸗ niſſe gegen einander austauſchen, indem die glückliche ſich elend, die unglückliche dagegen ſich in glänzenden umſtänden ſehen wird. Und ſo iſt es auch mit den ſich folgenden Menſchengeſchlechtern. Die Kämpfe, die Ge⸗ waltthaten, die Laſter, die Revolutionen in Einem Jahr⸗ hundert haben in künftigen Zeiten Ruhe, Ordnung, Ge⸗ deihen und Glück in ihrem Gefolge; und ſo ſollte jeder Sterbliche ſich an die tröſtliche Verſicherung halten, daß er nichts als das Opfer oder der Märtyrer des Glückes irgend eines unbekannten Weſens iſt, welches in dem Laufe der Zeit die Wonneernte einthut, welche einer Thränenſaat entkeimte. Ohne Zweifel werden viele Menſchen, welche der durch⸗ gängigen Einförmigkeit, die den Lauf der Begebenheiten, in allen Jahrhunderten der Welt charakteriſirt und durch die Umwälzungen unſeres Rades hervorgebracht wird, keine —— 115— Aufmerkſamkeit ſchenken, der Meinung ſein, dieſe Staats⸗ künſteleien, dieſe Anſchläge für öffentliche Verbeſſerungen und öffentliche Wohlfahrt, dieſes edle Syſtem der politiſchen Oekonomie, durch welches Nationen und Gemeinden ge⸗ rupft und bis über die Ohren in Schulden geſteckt werden, ſeien Erfindungen unſerer Zeit! Wer aber das Wohl⸗ fahrtsſyſtem des Statthalters Pfeifer und ſeines Rathes Langfanger mit dem vergleicht, das faſt durchgängig jetzt in unſern freien Staaten und Städten im Gange iſt, der wird ſogleich bemerken, daß es nichts Anders, als dieſelbe durch die Umwälzung des großen Rades wieder erzeugte Erſcheinung iſt. Aus der nähern Erörterung der verſchiedenen Entwürfe und Pläne des Statthal⸗ ters, z. B. alle kleinen böſen Buben gut zu machen, indem man ſie das Abe lernen läßt, oder Armuth und Laſter aus der Stadt Elſingburg zu verbannen, indem man auf eine ſcharfſinnige Weiſe den Müßiggang nährt und befördert, ſo wie aus verſchiedenen andern philan⸗ thropiſchen Anſchlägen, auf welche wir von Zeit zu Zeit hindeuten werden, wird es klar in die Augen ſpringen, daß er dem jetzigen Augenblicke wenigſtens um andert⸗ halb Jahrhunderte vorſchritt. Die Umwälzungen unſeres Rades erwieſen in wenigen Jahren das Unnütze jener Pläne; aber die Lehren der Erfahrung werden immer vergeſſen, wenn man ihre Wirkungen nicht mehr fühlt, und ein neuer Umſchwung der Welt brachte dieſe Ideen wieder obenauf, wornach ſie wieder ſinken werden, wenn 8*½ — 116— ſie dem Rade ihren Impuls gegeben haben, wie das Waſſer aus den Mühlenſpeichen fällt und fortſtürzt, um eine andere Kraft in Bewegung zu ſetzen, und ſich in Dünſte auf⸗ löſt, worauf es in Thau und Regenſchauern wieder zu uns kommt und den Bach wieder füllt, der das Mühlen⸗ rad treibt. —õ— — 117— Zweites Kapitel. Dem Meiſter Scrupple Strong ward es enthüllt, Daß in dem letzten Jahr die Peſt entſtand Aus böſer Luft nicht, ſondern böſen Tbaten; Aus Hobngelächter in den offnen Straßen; Aus falſchem Eid gelehr'ger Papageien; Durch böſe Buben, die der Väter Pfennig In Leckerbiſſen aller Art vergeudet; Vor Allem dadurch, daß man arge Sünder Zu Sberiffs macht' und andern Würdenträgern. So ſchrei'nde Sünden brachten trockne Sommer, Und machten, daß das Volk an Fiebern ſtarb. 5 Balaam's Eſel. Der Heer Peter war, wie wir in den vorſtehenden Kapiteln geſehen haben, bei ſeinen politiſchen Plänen vorzugsweiſe durch den Rath des weiſen Wolfgangs ge⸗ leitet worden; die Verwaltung der kirchlichen Angelegen⸗ heiten aber vertraute er dem Dominie Kanttwell, dem Leiter und Lenker der Gewiſſen der guten Leute von Elſingburg. Der Dominic beſaß, obgleich ein Bekenner der Lehre Luthers, wenig von dem freiſinnigen Geiſte dieſes großen Reformators, denn er war in ſeinen Grundſätzen etwas unverträglich, in ſeiner Lehre bigott, in ſeinem Humor ſauer, und der bitterſte Feind aller Arten unſchuldiger Freuden und Spiele, welche er als Anlockungen des Teu⸗ 4 — 118— fels hinſtellte, mit denen dieſer arge Feind der Menſchen die Welt dem treuen Schooße der Kirche zu entziehen beabſichtige. Alles, was der Arme ſich für entſtehende Noth zurücklegte; Alles, was man für die Zukunft that, galt ihm für wenig mehr als Mißtrauen an der Vorſehung; er benutzte jede Gelegenheit, ſeiner Heerde zu ſagen, wie es ihre Pflicht ſei, während den Wochen⸗ tagen tüchtig zu arbeiten, jede Art von Vergnügungen und Ergötzlichkeiten zu meiden und Alles, was ſie ver⸗ dienten, dem Beſten der Kirche und der Wohlfahrt des Seelſorgers zu widmen. Er betheuerte heilig, ſie wür⸗ den, wenn ſie dies thäten, allem Mangel künfliger Zei⸗ ten entgehen, indem im Falle von Krankheiten, Miß⸗ ernten oder andern menſchlichen Mißgeſchicken gewiß irgend ein Wunder allen Nöthen und Bedürfniſſen abhel⸗ fen würde; es würde Bohnen und Schinken vom Him⸗ mel regnen, Feldhühner würden ihnen durch Thüren und Fenſter in die Häuſer fliegen und gegen jede Noth würde Hülfe kommen, als Lohn für ihre Großmuth gegen den Seelſorger. Dominic Kanttwell hielt viel auf Zeichen und Wun⸗ der. Seinem Auge war die unmittelbare Einwirkung der Vorſehung in jedem kleinſten Vorfall bei ſeiner Heerde ſichtbar, und während er predigte, dieſes Leben ſei nur ein Zuſtand der Prüfung— ein Ofen, in wel⸗ chem die Guten durch Feuer gereinigt und jeder Art Lei⸗ den unterworfen würden, nahm er jede Gelegenheit — 119— wahr, dieſer Lehre zu widerſprechen, indem er jeden guten oder ſchlimmen Vorfall, welcher ſeiner Heerde zuſtieß, in ein Zeichen oder Wunder umwandelte— in eine Belohnung für fleißiges Kirchengehen und Berück⸗ ſichtigung des Wohls des Seelſorgers, oder in eine Strafe für Vernachläſſigung des einen wie des andern. Einſt ertrank der einzige geliebte Sohn einer armen Wittwe, indem er an einem Sabbath⸗Morgen auf einem Boot über den Strom ruderte. Der Dominic beſuchte ſogleich die betrübte Mutter und tröſtete ſie mit der Verſicherung, die Hand des Himmels habe ſich an ihr gezeigt, weil ſie ihren Sohn nicht in die Kirche geſandt. Am Nachmittag donnerte er von der Kanzel herab und verglich dieſes unglückliche Begebniß, oder dieſe auffallende Strafe des Himmels mit dem Wunder des armen Mannes, welcher, obgleich er bis über die Ohren in Schulden ſteckte und für acht bis zehn Kinder zu ſorgen hatte, einen Theil ſeiner Ernte in eine Stiftung gab, welche den Zweck hatte, die Hottentotten zu bekehren, und durch einen wunderbaren Schuß belohnt wurde, durch welchen er einen fetten Rehbock tödtete— ein Glück, das ihm nie vorher in ſeinem Leben begegnet war. Was jedoch ſehr ſonderbar war und bei jedem andern Falle einigen Ver⸗ dacht erregt hätte, war Folgendes: der Dominiec ſelbſt war nichts weniger als freigebig; eben ſo wenig ver⸗ traute er, wenn es ſich von ihm und ſeinen Angelegen⸗ heiten handelte, auf eines jener Zeichen und Wunder, — 120— die er ſtets im Munde hatte; vielmehr war es ſein Grundſatz, daß es ganz daſſelbe ſei, wenn man Andere zu Wohlthaten bewege und treibe, und wenn man ſelbſt ſolche übe. Kurz, er hielt an der tröſtenden und com⸗ fortabeln Lehre, daß er vollkommen berechtigt ſei, aller der guten Dinge dieſer Erde ſich zu erfreuen, wenn er nur im Stande wäre, die Armen ſeiner Heerde zu überreden, einen Theil ihres nöthigen Bedarfs den Zwecken zuzu⸗ eignen, welche er im Auge hatte. b Unter dieſen ſtand der voran, allen ſündigen Er⸗ götzlichkeiten, als da ſind das Tanzen, das Singen arger Lieder von Liebe und Mord, das Beſuchen von Mario⸗ netten⸗Theatern, das Leſen von Schauſpielen, Gedichten, und ſolcher heidniſcher Erzeugniſſe, kurz allen ſolchen Erholungen, mit welchen die heitern und freundlichen Gefühle unſerer Natur ſo unmittelbar verbunden ſind, ein Ende zu machen. Das frohe Lachen wurde unter⸗ drückt und das heitere Lied ſchwieg, wenn der Dominie Kanttwell ſein Haus verließ, um in das Dorf zu gehen; man hörte nichts als das näſelnde Zwängen von Stim⸗ men, welche Maſſen brennenden Zornes und ewiger Flammen denen entgegenwälzten, die es wagten, in einem Augenblicke, wo ſie von der Arbeit ausruhten, glücklich zu ſein. Dieſe Predigten und gewiſſe Abhand⸗ lungen, welche wundervolle Nachrichten von der Bekeh⸗ rung junger fünfjähriger Sünder enthielten, Ankün⸗ digungen ewiger Strafe für gottloſe luſtige Seelen, die — 12²1— zu lachen ſich erkühnten, während⸗der furchtbare Höllen⸗ ſchlund ſich bereits vor ihren Augen aufthat, und fromme Ermahnungen, den Dominic gut zu bezahlen und zur Bekehrung der Hottentotten beizutragen, waren die ein⸗ zigen Erholungen und Vergnügungen, welche in dem Dorfe Elſingburg erlaubt waren. Durch den Einfluß des Heern Pfeifers, die Beredt⸗ ſamkeit der Tante Editha und die Thätigkeit von Lob Dotterel wurde das luſtige Elſingburg mit dem Laufe der Zeit ein langweiliger, unerträglicher, qualvoller Ort, wo man an nichts mehr dachte, als an den bodenloſen Abgrund der Hölle. Die Leute vernachläſſigten ihre Ar⸗ beiten, um Pſalmen zu ſingen, und ſtatt ihre Schulden zu bezahlen, gaben ſie ihr Geld dem Dominic und ver⸗ ließen ſich auf ein Wunder, wenn ihnen ein Unfall zu⸗ ſtoßen ſollte. Der ehrliche Lob Dotterel drängte ſich in jedes Haus, um alte Balladen und ähnliche Laſterthaten auszuſpüren, und ruhte nicht eher, als bis es ihm durch Ueberredung, Drohung oder Beſtechung gelungen war, dieſe alten Ueberlieferungen zu vernichten. An ihrer Stelle ſah man Tractate, wie ſie oben beſchrieben wor⸗ den, und die man auf großes Papier hatte drucken laſſen, um ſie an den Wänden aufzukleben und die einfachen Seelen ſchon durch den Anblick der großen Lettern zu erbauen und von jedem Gedanken an die verlornen lu⸗ ſtigen Lieder und Balladen abzuhalten. Es dauerte auch nicht lange, ſo war nicht eine ein⸗ zige mehr von dieſen zu ſehen, ausgenommen in dem Laden eines ketzeriſchen Schuhflickers, deſſen Stuben⸗ wände mit einer zahlreichen Sammlung alter ſchwediſchen Balladen bedeckt war, wie er ſie in ſeiner Jugend gehört hatte und die mit all' den ſüßen und beglückenden Erin⸗ nerungen verbunden und verflochten waren, welche ſich um die Gedanken an unſer Heimathland drängen, wenn wir ihm für immer Lebewohl geſagt haben. Dieſe ehr⸗ würdigen alten Legenden waren ſein theuerſter Schatz und gaben in der That die Quelle ſeiner ſchönſten Freu⸗ den ab. Er ſang ſie, wenn er in ſeiner Werkſtätte ar⸗ beitete; und in den Mußeſtunden des Abends, wenn er an ſeiner Thüre ſaß, hörte man ihn dieſe Lieder mit einer ſchönen Stimme vortragen, ſo daß ſich ſtets eine Anzahl muthwilliger Rangen um ihn ſammelte und manchmal ſelbſt die Hörer in einem gegenüberliegenden Hauſe ſich verlockt fühlten, in welchem der Dominic und Tante Editha eine Geſellſchaft geſtiftet hatten, deren Zweck war, die Schauer der bodenloſen Hölle zu feiern. Dieſe Verführung durch den Zauber alter Balladen wurde übel aufgenommen und Lob Dotterel erhielt Be⸗ fehl, ſich mit einem Arm voll frommer Abhandlungen zu waffnen, einen Sturm auf die Balladen zu machen und ſte auf Leben und Tod anzugreifen. Crispin, der eine Ahnung hatte, daß Niemand das Recht zuſtand, ſich in ſeine Balladen zu miſchen, widerſtand dem Obergerichts⸗ diener anfangs mit Worten; als er aber ſah, daß Lob — 123— begann, ſeine Lieblingslieder abzureißen, nahm er ihn ſehr unhöflich um die Mitte des Leibes, warf ihn aus dem Fenſter und ließ die Taſche mit frommen Tractaten nachfolgen. Allein dieſer Schimpf, den der gottloſe Schuh⸗ flicker dem Boten der chriſtlichen Liebe angethan, wurde ſchnell, durch ein beſonderes Gericht des Himmels, wie Dominic Kanttwell die Sache taufte, geſtraft; wir müſ⸗ ſen jedoch bemerken, daß der Dominie ſich menſchlicher Hülfe bediente, um die Sache in's Werk zu ſetzen. Der Dominic wußte es durch ſeinen eignen Einfluß, ſo wie durch den des Heern Pfeifers und der Tante Editha dahin zu bringen, daß er die Leute überredete, mit ihren Schuhen könnte es nie gut ſtehen, wenn ſie von dem gottloſen, balladenſingenden Schuhflicker gemacht würden. Einem, welcher demungeachtet darauf beſtand, ihn zu brauchen, wurde ein neues Paar Schuhe, die der arme Crispin gemacht hatte, in der erſten Nacht, in wel⸗ cher ſie in das Haus gebracht worden, von einem durch den Himmel begeiſterten Schurken geſtohlen. Der Ein⸗ fluß des Dominic und ſeiner Helfershelfer verfehlte nicht, mehrere Gerichte dieſer Art über den armen Schuhflicker zu verhängen, ſo daß er allmählig ſeine Kunden und mit ihnen die Luſt verlor, Balladen zu ſingen. Auf eine höchſt ſeltſame Weiſe wurde die Strafe des Gottloſen durch ein Feuer vollendet, das ſeine Hütte, ſeine Balla⸗ den und Alles vernichtete; und da Niemand von dem Hergange der Sache etwas ſagen konnte, ſtellte der Do⸗ minic in ſeiner nächſten Sonntagspredigt das Ganze als ein beſonderes Gericht der Vorſehung dar. Der Schuhflicker verließ das Dorf und man hörte. viele Jahre nichts von ihm, bis er endlich, wie wir ſpä⸗ ter hören werden, in der Perſon des reichen Bürger⸗ meiſters oder Alderman Spangler von Neu⸗York, der zu Reichthum und bürgerlichen Ehren emporgeſtiegen war und alte Balladen noch immer liebte, wie früher, entdeckt wurde. Allein dieſer Umſtand ſchadete weder dem Wunder des Dominic Kanttwell, noch minderte er das Vertrauen der guten Dörfler in den beſten Willen der Vorſehung, jede an dieſem würdigen Manne verübte Beleidigung zu rächen. Der ehrliche Spangler erreichte jedoch ein hohes Alter und ließ ſich ein Grabmal ſetzen, auf welchem er der Welt zu wiſſen thun wollte, daß er ſeiner Liebe zu Balladen bis an ſein Ende treu geblieben. Es lautete ſo: Hier unter dieſem Paar gewicht'ger Steine Ruh'n Ehren⸗Wolvert Spangler's Gebeine; Er ward reich, der heit're Geſell, Trotz dem T— l und Dominie Kanttwell. Bis an den Tod blieb er dabei, Daß der kein Ehrenmann ſei, Der den Geſang nicht liebt und beachtet Und die alten Balladen verachtet. Wolvert war der letzte Mann, welcher die Legitimi⸗ tät der alten Balladen in Elſingburg aufrecht erhielt. Seitdem das furchtbare Gericht über den heitern Sänger ergangen war, verſchwanden die Töne geſelliger Fröhlich⸗ keit, das herzliche Gelächter, der luſtige Tanz; ſelbſt die füßtönende Heerdenglocke, dieſe idylliſche Muſik, deren Einfachheit ſo ſchön mit ländlicher Scenerie und länd⸗ licher Ruhe harmonirt, wurde verbannt, weil die gottlo⸗ ſen Kühe mit ihrem Klingeln den Dominic am Sonn⸗ tage ſtörten. 3 Der Dominic und ſeine eifrige Gehülfin, Tante Editha, freuten ſich ihres Werkes mächtig und ſahen wundervolle Wirkungen von dem Sturze gottloſer Balla⸗ den, weltlichen Geſangs und Kuhglockengeklingels voraus. Aber man kann mit Recht ſagen, daß die Verderbniß der menſchlichen Natur der des Blutes gleicht, das in kleinen Ausſchlägen hervorbricht, die, obgleich ſie das Ge⸗ ſicht ein wenig entſtellen, keine unglücklichen Folgen haben, man müßte ſie denn gewaltſam wieder zurücktreiben, wo ſie freilich wohl die gefährlichſten Krankheiten zu erzeu⸗ gen im Stande ſind. Die Aerzte ſollten ſehr auf ihrer Hut ſein und mit kleinen Ausſchlägen keinen Scherz treiben; und Reformatoren ſollten ſich hüten, daß ſie nicht, während ſie, wie ſchlechte Pfannenſchmiede, ein Loch zunieten, ein halbes Dutzend neue ſchlagen. Der Art war der Erfolg der Reformation des Dominic Kanttwell. Da die guten Leute von Elſingburg ſich die kleinen Freuden und Erholungen verſagen mußten, welche jene Stunden der Muße gewiſſermaßen heiligen, die dem — 126 Menſchen im Allgemeinen ſo gefährlich ſind, wenn er ſie nicht auf dieſe heitere Art hinbringt, ſo begannen ſie ſich mit Dingen zu befaſſen, welche für die Ruhe der Geſell⸗ ſchaft und für das Glück der Menſchheit bei weitem ge⸗ fährlicher ſind, als das Singen und Tanzen. Die kleinen Ausſchläge verſchwanden aus dem Geſichte, aber der Krankheitsſtoff ſetzte ſich im Innern um ſo feſter. Die unſeligen Laſter des Trübſinns und des Aberglaubens traten an die Stelle heiterer Ergötzung und Unterhaltung, und man bemerkte, daß jetzt mehr Beiſpiele von Ueber⸗ vortheilung im Handel und Wandel, mehr Störungen der geſelligen, nachbarlichen Eintracht, und mehr fleiſch⸗ liche Sündenfälle in einem Jahre ſtattfanden, als früher in fünf Jahren. Die Unwiſſenden ſchienen zu glauben, ſie erhielten ein Vorrecht, ſich weltlichen Sünden hinzu⸗ geben, wenn ſie die äußere Form der Frömmigkeit be⸗ achteten und dem Dominic Geld gäben; während die wirklich Bösgewillten die Religion zu einer Cloake für ihre Heuchelei machten. Allein dies waren nicht die einzigen Folgen eines Syſtems, dem zufolge der Arme um ſeine Freuden und um ſeine kleinen Erſparniſſe gebracht wurde, um ſie frommen Zwecken zu weihen und ſich in der Zeit der Noth auf Wunder zu verlaſſen. Statt etwas für die regneriſchen Tage zurückzulegen und ſich gegen jene Ebben des Glückes zu verwahren, welche ſo häufig in dem Flu⸗ thenmeere des menſchlichen Daſeins vorkommen, entäußer⸗ — 127— ten ſie ſich jener kleinen Sparpfennige und vertrauten der Verſicherung des Dominic Kanttwell, ſie würden, ſelbſt wenn das Schlimmſte ſich ereignen ſollte, gleich dem Propheten, von 7 Raben gefüttert werden. Als aber die Zeit ſolcher Prüfung kam; als der Mehlthau die Ernte vernichtete, oder Krankheit den Arm des gläubi⸗ gen Landmannes lähmte, ereignete es ſich oft, daß die bittere Wirkung der Vernachläſſigung weltlicher Mittel ſchwer auf die Leute fiel. Die Feldhühner flogen nicht zu den Fenſtern herein und der ungeſchickte Schütze traf nicht immer den Bock. Viele wurden das Opfer der Armuth, dieſer unausbleiblichen Folge des Glaubens an Wunder und übernatürliche Hülfe— wenigſtens in un⸗ ſern Zeiten. Um ſolche Heimſuchungen zu vermeiden, ſtiftete der Dominic, mit Hülfe der Tante Editha, eine Geſellſchaft zur Unterſtützung dieſer armen Leute, welche durch ihren Wunderglauben ſo in das Unglück geriethen. Wer zu⸗ fällig einige überflüſſige Heller geſpart hatte, wie ſie die Wohlfahrt des Landmannes ſo weſentlich braucht, wurde verlockt, einen Theil derſelben herauszugeben und den erſten Schritt zu thun, um ſeinerſeits ein Gegen⸗ ſtand der Mildthätigkeit zu werden, indem er ſeine künf⸗ tigen Bedürfniſſe den Bedrängniſſen und Unfällen des Lebens preisgab. Die, welche es angenehmer fanden, ohne Arbeit, auf Koſten Anderer zu leben, gaben, da ſie ſahen, daß ſie ihre Wünſche befriedigen konnten, ohne von den Folgen des Müßiggangs zu leiden, nach und nach jede Arbeit, die des Säens, wie des Erntens auf. So wuchs die Zahl der Hülfsbedürftigen; der Müßig⸗ gang griff weiter um ſich; Laſterhaftigkeit mußte natür⸗ lich folgen; und es dauerte gar nicht lange, ſo war die fleißige Gemeinde von Elſingburg, wo man faſt nie einen Bettler geſehen hatte, ein Neſt von Armen. Der geſchäftige Dominic und ſein eifriger Beiſtand be⸗ gaben ſich nun daran, Geſellſchaften anderer Art zur Unterſtützung dieſes wachſenden Elendes zu gründen. Je mehr Geſellſchaften ſie aber gründeten, deſto mehr wuchſen Müßiggang und Bettelei. Nun rde Rath Langfanger wegen der beſten Abhülfe dieſer ſchreienden Uebel in Anſpruch genommen und ſchlug demgemäß eine Geſellſchaft zur Ermunterung des Fleißes vor. Unglück⸗ licherweiſe verfehlte dieſer Anſchlag ſeine Wirkung, was der außerordentlichen Urſache zuzuſchreiben iſt, daß, ſo lange die übrigen Geſellſchaften Hülfe ohne Arbeit gewährten, Niemand bei der Geſellſchaft für Ermuthi⸗ gung des Fleißes nach Beſchäftigung fragte. 1 So leicht iſt es, den Menſchen zu ſchaden, indem man ſich bemüht, ihnen zu helfen. — 129— Drittes Kapitel. Ein Tollhanns war's, man konnte nicht toller ſein, Blitztoll nannte ihn Groß und Klein; Um aber der Welt nichts ſchuldig zu ſein, Sagt' er, er ſei klug, toll aber Groß und Klein. Balaam's Eſel. Unſere jugendlichen Leſerinnen werden vielleicht glau⸗ ben, wir hätten unſere Heldin vergeſſen und den Haupt⸗ gegenſtand jeden Geſchichte dieſer Art, der natürlich kein kann, als möglichſt viele Hinderniſſe in den Weg des Glückes der Liebenden zu werfen, ganz aus den Augen verloren. Eine ſolche Anſicht iſt jedoch ganz grundlos. Die ſchöne Chriſtina iſt kein Gegenſtand, den man ſo leicht aus den Augen verliert, und obgleich wir dann und wann unſern Blick von ihren Angelegenheiten auf ernſtere Staatsfragen wenden, ſo geſchieht dies nur, um unſern Liebenden Gelegenheit zu geben, ohne Unterbre⸗ chung jener unſchuldigen, nie zu vergeſſenden Wonnen zu genießen, welche das erſte Aufknospen der Liebe begleiten, und auf welche das Alter ſtets als die glücklichſte Zeit des Lebens zurückblickt. Die blauäugige Maid und der blonde, ſchlanke junge Mann waren während des Vorſchreitens der Herbſtzeit Paulding V. 9 — 130— ziemlich ſich ſelbſt überlaſſen, da der Statthalter, wie wir vorher dargethan haben, emſig beſchäftigt war, Elſingburg zu heben und zu verſchönern, Tante Editha aber mit der Beſſerung des Menſchengeſchlechts alle Hände voll zu thun hatte. Die jungen Leute ſangen, laſen und luſtwan⸗ delten mit einander; und jeder neue Tag gab jenen Banden, welche allmählig ihre Herzen für immer ver⸗ einigten, neue Stärke. Obgleich alle Handlungen, alle Blicke des jungen Königsmarke das ganze Gefühl einer innigen Liebe ausdrückten, ließ er doch nie eine deutliche Erklärung in dieſer Hinſicht laut werden, eenn beide ſchie⸗ nen in dem ſüßen Bewußtſein gegenſei Anhänglich⸗ beit glücklich und zufrieden. Chriſtina hatte keine Neben⸗ buhlerin in dem Dorfe, und Othman Pfegel behandelte ſie mit einer Art ſtolzer Gleichgültigkeit, ohne ſich ihren einſamen Spaziergängen zuzugeſellen, oder ihr häusliches Glück zu ſtören. 3 Aber Chriſtina war bei weitem nicht glücklich. Sie konnte ſich nicht mit der Hoffnung täuſchen, daß ihre Liebe je durch die Billigung ihres Vaters geheiligt werde; und jedes neue Gefühl, das ſich während dem Fortſchreiten ihrer Neigung entwickelte, diente, ſie zu überzeugen, daß eine Zeit bommen würde, wo eine innigere Verbindung zu ihrem Glücke nothwendig wäre. Ueberdies kehrten gewiſſe unbeſtimmte, nicht zu deutende Beſorgniſſe, ſo ſehr ſie auch bemüht war, ſie aus dem Kopfe zu ſcheu⸗ 8 —ĩV— — 131— chen, immer wieder, miſchten ſich in ihr einſames Sinnen und Denken, und berührten ihr Herz oft peinlich. Dieſe Beſorgniſſe und Zweifel wurden durch den plötzlichen, unbegreiflichen Wechſel in dem Ausdrucke des Auges ihres Freundes lebendig erhalten, das dann und wann einen wilden Ungeſtüm andeutete, und durch die geheimnißvollen Warnungen des Schneeballs erhöht, die jede Gelegenheit wahrnahm, die furchtbarſten Orakel auszuſprechen, welche Chriſtina nicht verſtand, die aber ſtets ein unbeſtimmtes Bangen zur Folge hatten. Die Einſamkeit ward ihr allmählig lieber und lieber, und ſie ergab ſich langen, einſamen Spaziergängen, wobei ſie gewöhnlich dem Laufe des Stromes folgte, deſſen Windungen in die Wälder führten, die ihren endloſen Schatten nach Weſten, dem Aufenthalt der Indianer und der wilden Thiere, hinſtreckten. Die benachbarten Indianer lebten größtentheils auf einem freundlichen Fuße mit den Weißen zu Elſingburg; gelegentlich verfielen ſie jedoch in ihre alte Tücke, raubten das Vieh und plünderten die Felder. An dem Ufer dieſes Stromes, vielleicht anderthalb Meilen von dem Dorfe, wohnte ein ſonderbares Geſchöpf — ein weißer Mann, der ungefähr fünfzehn Jahre vor der Zeit, von welcher wir reden, in dieſe Gegend gekom⸗ men war und immer auf jener Stelle gewohnt hatte. Seine Wohnung beſtand aus Holzpfählen, die auf der einen Seite von einem alten Stamm, auf der andern 9* — 13³2— von der Erde getragen wurden und mit Blättern gedeckt waren. Sie war weder hoch genug, um darin aufrecht zu ſtehen, noch ließ ihre Länge zu, daß er ſich darin aus⸗ geſtreckt niederlegen konnte. Er hatte nichts, um Feuer anzumachen oder zu erhalten, ſondern begnügte ſich bei dem kälteſten Wetter, in ſeine Hütte zu kriechen, die Oeffnungen mit Blättern zu verwahren und darin zu bleiben, bis ihn der Hunger heraustrieb. Dennoch ſchien er ſich dieſer erbärmlichen Lebensweiſe zu freuen, und keine Ueberredung war im Stande, ihm dieſelbe zu ver⸗ leiden und ihn zu den Arbeiten und Freuden des geſelli⸗ gen Lebens zurückzurufen. Er erfreute ſich einer treff⸗ lichen Geſundheit und bat nie Jemand um etwas, aus⸗ genommen, wenn weder Nüſſe, noch Aepfel in den Wäl⸗ dern und Obſtſtücken zu haben waren. Dann kam er wohl in das Dorf, brachte einzelne unverſtändliche Töne heraus, welche die Leute als eine Bitte um Nahrung deuteten und ihm alſo halfen. Seit fünfzehn Jahren hatte man dieſes ſeltſame Weſen nie ein einziges Wort ſprechen hören, das man verſtanden hätte, weil er ent⸗ weder von Natur ſtumm oder blödſennig war, oder jeder Frage ausweichen wollte, wer er ſei, oder woher er komme— zwei Dinge, von welchen Niemand etwas wußte. Er ſchien jedoch ein harmloſer Menſch, und wenn die Leute ſich ein wenig an ihn gewöhnt hatten, hörte er auf, ihre Neugierde zu erregen oder ihnen Furcht ein⸗ zuflößen. — 133— Chriſtina ging oft jenen Weg, ohne an den Ein⸗ ſiedler zu denken, oder etwas von ihm zu fürchten, obgleich in dem Dorfe das Gerücht ging, man habe ihn um die Zeit des Vollmonds ein⸗ oder zweimal in einem Anfalle von raſendem Wahnſinn geſehen. Eines Nachmittags ſtahl ſie ſich von Königsmarke weg, um einen einſamen Spaziergang den Strom ent⸗ lang zu machen, und kam bis an die Hütte, und da in dieſem Augenblick Niemand darin war, ſetzte ſie ſich in der Nähe auf das Ufer des Stroms. Der Zufall wollte es, daß ein kleines Volkslied aus ihrem Heimathland, welches ſich um den Treubruch von Seiten eines jungen Mädchens drehte, ihr in das Gedächtniß kam; ſie ſang es leiſe vor ſich hin, als ein wildes, ſchreckliches Lachen ihre Furcht rege machte. Sie ſprang auf, und als ſie um ſich blickte, ſah ſie den Einſiedler mit dem Blicke und der Miene eines Wahnſinnigen auf ſich zukommen. „Ha, ha!“ rief er,„hab' ich dich endlich gefunden, unbeſtändiges, treuloſes Mädchen! Ja— du biſt's— ich kenne dich an dem Liede.“ Mit dieſen Worten ſtürzte er auf das erſchreckte Kind und bemühte ſich, ſie in die Hütte zu ſchleppen. Chriſtina widerſetzte ſich und bat ihn um Gotteswillen, ſie loszulaſſen; allein der Widerſtand erhöhte nur ſeinen Ungeſtüm. Seine Augen ſprühten Feuer, er knirſchte mit den Zähnen, und der Schaum trat ihm in ſchreck⸗ licher Weiſe vor den Mund. — 134— „O, um Gotteswillen— um des Himmels willen — um meines Vaters willen, der Euch Gutes gethan hat— laßt mich gehen— ich bin die nicht, für welche Ihr mich haltet— mein Name iſt Chriſtina.“ „Falſches, betrügeriſches Weib!“ rief der Wahnſin⸗ nige,„habe ich dich nicht das Lied ſingen hören? Eben jenes Lied? Kenne ich dich nicht an deinen ſanften, blauen Augen— an deinem blonden gelockten Haare— an der Stimme— ja ſelbſt an dem Athem, deſſen Süßigkeit ich ſonſt in mein Herz zu ſaugen pflegte?— Du haſt mich aufgeſucht, um über mein Elend zu lachen und über meine Leiden zu ſpotten. Aber komm— komm herein,“ ſetzte er raſch und leiſe hinzu,„komm herein! Der Tod iſt ſüßer, als das Leben, und die Liebe ſüßer, als der Tod! Komm, ſüße Braut! Viele, viele lange Winter⸗ nächte habe ich auf dich gewartet, wenn die Wölfe heul⸗ ten, und habe geglaubt, du würdeſt nie kommen. Her⸗ ein— herein— meine ſüße Liebe! Bei dieſen Worten verſuchte er es wieder, ſie gegen die Thüre ſeiner kleinen Hütte zu ziehen. Das arme Kind ſchrie und kämpfte nach Kräften; aber die Wuth des Wahnſinnigen wuchs mit ihrem Widerſtande. Er ſchleppte ſie gewaltſam fort, und wenn ſie ſich an den jungen Bäumen feſthielt, um beſſer widerſtehen zu kön⸗ nen, brach er ihr mit grauſamem Ungeſtüm die zarten Hände auf, um ſie zu zwingen, den Halt fahren zu laſ⸗ — — 135— ſen. Ihre Kraft, zu widerſtehen, ſank allmählig und eine Ohnmacht war nahe. Noch Ein Schrei— der letzte, deſſen ihre bedrängte Bruſt fähig war! 3 uUnd ſiehe, in dieſem Augenblick ſtürzt ein Mann mit einem Gewehr aus dem Walde, auf ſie zu. Der Wahnſinnige ließ die Maid, ſchoß mit der Raſch⸗ heit des Blitzes auf den Mann, bevor dieſer ſein Gewehr ſpannen konnte, und faßte dieſes mit beiden Händen. Nun folgte ein tödtlicher Kampf. Der Wahnſinnige entriß dem Andern mit einer ver⸗ zweifelten Anſtrengung das Gewehr; dieſer ſprang vor⸗ wärts, faßte ihn um den Leib und zwang ihn, die Waffe fahren zu laſſen, um ſich zu vertheidigen. Sie ſtürzten,— der Fremde blieb oben; beim Fallen aber faßte ihn der Wahnſinnige an dem Kragen, riß ihn ab, krallte ſich mit ſeinen langen Nägeln in den Hals, bohrte ſeine Zähne in ſein Fleiſch und ſchien glücklich, ſein Blut in ſich zu trinken. Königsmarke— denn er war's— wurde blau in dem Geſichte, und ſeine Augen umſchleierte nach und nach das Dunkel des Grabes, als er, mit der krampfhafteſten Anſtrengung, ſein Knie auf die Bruſt des Wahnſinnigen ſtemmte, ſich plötzlich losriß und aufſprang. Beide ſtanden nun; aber Königsmarke hatte einen Augenblick voraus, und benutzte ihn, um das Gewehr zu ergreifen, worauf er einige Schritte zuruckſprang. — 136— Der Wahnſinnige folgte. „Zurück!“ rief Königsmarke;„wär' ich allein, ſo würde ich nur mit gleichen Waffen dir gegenüber treten; aber das Leben und das Glück eines Engels ſtehen auf dem Spiele.— Zurück— oder—“ Der Wahnſinnige folgte— einen— zwei Schritte, der dritte war der zur Ewigkeit. Der Schütze hatte ſein Ziel gut in das Auge gefaßt. Der Wahnſinnige ſtieß ein gellendes Gelächter aus, machte einen Sprung in die Luft, und fiel regungs⸗ und bewegungslos nieder. Nachdem Königsmarke ſich überzeugt hatte, daß es mit dem armen Unglücklichen vorüber war, eilte er zu Chri⸗ ſtina, die mit aufgelöſ'tem Haar, zerriſſenem Gewand und einer Wange, ſo weiß, wie ihr reiner, ſchneeiger Buſen, deſſen keuſche Bedeckung während dem Kampf abgeriſſen worden, dalag. Er nannte ſie ſeine geliebte Chriſtina; er lief an den Strom, um ihr Antlitz mit Waſſer zu beſprengen, und küßte die Tropfen weg, welche über ihre bleichen Wangen niederfloſſen. Endlich öffnete ſie ihre Augen, ſchaute, wie betäubt, einen Augenblick umher, und ſchloß ſie dann wieder. Allmählig jedoch kam ſie zum Bewußtſein ihrer Lage, ordnete ihr Gewand und verſuchte, ihre Dankbarkeit aus⸗ zudrücken. Aber die Stimme verſagte ihr. Sie ſah das Blut von dem Halſe ihres Befreiers fließen und wiſchte es mit ihren Locken weg; als ſie die Wunde gnauer = 137— betrachtete, ſchrie ſie plötzlich mit dem Ausdruck ſchreck⸗ licher Verzweiflung:„die Narbe!— die Narbe!“ Sie bedeckte ihr Antlitz mit beiden Händen, ſtöhnte in dem Kampfe der ſich widerſtreitenden Gefühle, warf ſich auf die Erde und fühlte endlich durch einen Thränen⸗ ſtrom Herz und Seele erleichtert. Viertes Kapitel. Der alte Rabe krächzt' es laut Dort auf der Kirchhofmauer: Sie wird doch nimmer deine Braut! Was ſtehſt du ewig ſo auf der Lauer? Schwediſches Volkslied. Es war nun Abend; der junge Mann hob Chriſtina auf, legte ihren Arm in den ſeinigen und drückte ihn zärtlich an ſich. Chriſtina bebte und blickte mit einem Ausdruck zu ihm empor, der ſo zärtlich und doch ſo ſchmerzlich war, daß er, hätte ihm ſein inneres Bewußt⸗ ſein nicht geſagt, es ſei jetzt unmöglich, ſie gebeten haben würde, ewig ſein zu ſein. Ohne ein Wort zu wechſeln, kehrten ſie nach Hauſe zurück, wo ſie von dem Heern eben nicht ſehr freundlich empfangen wurden, denn er liebte ihr ſpätes Luſtwandeln beim Mondſchein nicht. Als er aber die Geſchichte der Befreiung Chriſtina's von der blauäugigen Maid ſelbſt hörte, weinte er gleich einem Kinde, ſchloß den langen Finnen in ſeine Arme, ſegnete den jungen Mann und nannte ihn ſei⸗ nen geliebten Sohn. Dem Abenteuer folgte, von Chriſtina's Seite, eine lange Krankheit und als ſie ſich, wie es ſchien, endlich — 139— wieder hergeſtellt fühlte, waren ihre unſchuldige Munter⸗ keit, ihr belebter Gang, ihre roſige Wange, ihr lächelndes Auge und alle die glänzenden Hoffnungen, in welchen ſich die Jugend ſo gerne ergötzt, für immer dahin. Von dieſer Zeit an ſchienen der Charakter und das Benehmen der armen Maid gänzlich verändert. Heftige Ausbrüche der Munterkeit, welchen augenblickliche Düſter⸗ heit und Erſchöpfung folgten, Lächeln und Thränen, wortloſer Gehorſam, oder eigenſinniger Widerſtand gegen die Wünſche derer, die ſie umgaben, zeugten entweder von einem geſtörten Geiſt, oder von einem durch wider⸗ ſtreitende Gefühle zerriſſenen Herzen. Man glaubte, der Schrecken bei dem Anfalle des Wahnſinnigen habe ihre Nerven angegriffen, und alle weiſen alten Weiber des Dorfes erſchöpften ſich vergeblich in Gegenmitteln aller Art.— Vorzüglich zeichnete ſich ihr Benehmen gegen den langen Finnen durch Widerſprüche und plötzliche außer⸗ ordentliche Uebergänge aus. Zuweilen blickte ſie ihm ſtill in das Auge, bis ihr die Thränen über die Wangen ſtrömten; zuweilen ließ ſie, wenn er plötzlich in ihre Nähe kam, einen tiefen, ſtöhnenden Seufzer hören, und eilte, mit einem erſchreck⸗ ten Blick, von dannen. Manchmal gab ſie es zu, daß der junge Mann ihr den Arm bot und ſie das Ufer des Stromes entlang geleitete; dann aber ließ ſie, wie in Folge eines plötzlichen, unwiderſtehlichen Impulſes, den — 140— Arm los, und fuhr zurück, wie von der Berührung einer Schlange. Kurz, jeder neue Tag machte augenſcheinlicher, daß ſie mit mächtigen und ſich widerſtreitenden Gefühlen kämpfe, deren Herrſchaft wechſelte und die ihr Thun, für den Augenblick, mit unwiderſtehlicher Kraft lenkten. Obgleich Königsmarke dieſen Wechſel ihres Charak⸗ ters ſah und zu bejammern ſchien, ſo⸗ bemühte er ſich doch nie, die Urſache von ihr zu erfahren. Er ſchien durch ein geheimes Bewußtſein, daß eine völlige Aufklä⸗ rung ſeine Lage wenigſtens nicht beſſern würde, abge⸗ ſchreckt und ſetzte ſeine Aufmerkſamkeiten, wie gewöhn⸗ lich, fort. Bombie, die Krausköpfige, ſpielte zu dieſer Zeit eine bedeutende Rolle und wurde unbegreiflicher als jemals. Sie ſchien die Auflöſung aller dieſer Räthſel zu kennen, ſagte aber nichts von dem, was ſie wußte, ſondern be⸗ gnügte ſich mit einer mehr als gewöhnlichen Menge ge⸗ heimnißvoller Warnungen, welche Chriſtina jetzt ganz gut verſtand, die aber für ihren Vater unbegreiflich . waren. In der Bitterkeit ſeiner Verlegenheit verwünſchte der Heer ſie oft und rief: „Warum ſprichſt du dich nicht aus, du verdammter Schneeball?“ 8 Bombie aber ſchüttelte den Kopf und wiederholte ihre gewöhnliche Phraſe: — 141— „Ich habe geſehen, was ich geſehen habe; ich weiß, was ich weiß. Eines Tages hatte Königsmarke einen einſamen Weg aufgeſucht und war, den Strom entlang gehend, zufällig an die Hütte des ſeltſamen Einſiedlers gekom⸗ men, wo er ſich niederſetzte und ſchmerzlich über Dinge nachdachte, die ihn nahe berührten, als die wohlbekannte Stimme des alten Schneeballs ihn aus ſeinen Träumen aufſchreckte. „Königsmarke!“ rief ſie laut. „Hier bin ich!“ „Du biſt hier, wenn du weit von hier ſein ſollteſt,“ rief der Schneeball.„Haſt du an der Mutter Geſchick nicht ge⸗ nug, daß du auch der Tochter Glück zu zerſtören dürſteſt? Gehe deines Weges, ſonſt ſage ich, was ich geſehen habe und was ich weiß.“ 4 „Wer wird dir glauben?“ verſetzte der lange Finne. „Du biſt eine Sklavin und kannſt gegen den nicht zeu⸗ gen, der frei iſt. Ich bin lange genug ein Pilger gewe⸗ ſen, der keine Stätte hatte, wo er ſein Haupt ruhig niederlegen konnte; ich habe endlich eine Heimath gefun⸗ den, und werde ſie nicht wieder verlaſſen. Sage, was du willſt, es kümmert mich nicht.“ „Ach,“ ſagte die Sibylle,„du haſt eine Heimath gefunden, und dafür verloren die, welche dir ein Obdach gaben, Glück und Ruhe; du biſt eine Schlange gewor⸗ den, die denen tödtlich iſt, an deren Feuer du dich wär⸗ — 142— meſt; du haſt dich in eine unſchuldige Bruſt eingeniſtet, um ihren Frieden zu zerſtören, oder ihre Unſchuld zu rauben; du folterſt ein Herz, das faſt gebrochen wäre— ja, das noch brechen wird, wenn du hier verweileſt. Geh', ſag' ich dir, und möge dieſe einzige Handlung gegen die „Tochter ſühnen, was du an der Mutter gethan haſt.“ Der lange Finne rang ſeine Hände und die Thrä⸗ nen rollten ihm die Wangen herab, als er ausrief: „Weib! Weib! Wohin ſoll ich gehen? Laß mich hier weilen, wo Niemand als du und— wiſſen, wer ich bin; ich will hier für das Vergangene büßen, indem ich mich Chriſtina's und ihres Vaters Glück weihe. Etwas An⸗ deres bleibt mir nicht übrig; denn ſcheide ich von hier, ſo werde ich wieder, was ich einſt war. Das Geſchick meiner unſterblichen Seele ruht auf dieſem Entſchluß.“ „Es iſt zu ſpät,“— verſetzte Bombie—„es iſt zu ſpät; ſie weiß es jetzt. Siehſt du nicht in ihren Thränen, in ihrer Angſt, in ihren bleichen Wangen, in ihren wilden, hohlen Augen, daß ſie es weiß? Es iſt zu ſpät. Wenn du bleibſt, ſtirbt ſie; wenn du ſchleunig ſcheideſt, kann ſie noch gerettet werden. Fort darum, und laß dich nie wieder ſehen.“ 3 „Hinweg, alter Rabe,“ erwiederte der junge Mann und kehrte in ſeine Verſtocktheit zurück.—„Und wenn ſie aus dem Grabe aufſtieg und mir mit ihrem fleiſch⸗ loſen Finger nach Norden oder Süden, nach Oſten oder Weſten winkte— ja, wenn ich die Hand des Schick⸗ — 143— ſals bereit ſähe, mich und Alles um mich her zu vernich⸗ ten— dennoch würd' ich bleiben.“ Die Sibylle ſenkte ihren gekrümmten Stab, erhob ihre gebeugte hinfällige Geſtalt, bis ſie gerade, wie die ſchlanke Tanne, daſtand, ſtreckte ihre Hände gen Himmel und rief in der Bitterkeit ihres Herzens: „So bleibe— und möge der Fluch des Gottloſen raſch über dich kommen. Mögen die Qualen, welche du Andern bereitet haſt, zehnfach ſchmerzlich auf dich zurückfallen. Möge der Fluch des Vaters, der dir ſein Haus geöffnet, den Sünder zertrümmern. Möge die Vergebung derjenigen, welche ſterben wird, indem ſie dir verzeiht, nur der Anfang deiner ewigen Verdammniß in jenem Feuer ſein, das nie erliſcht und das nie verzehrt.“ Bombie brach wieder in ihre gewöhnliche gebeugte Stellung zuſammen, hob ihren Stab auf und verſchwand, während der lange Finne ihr mit ſchwerem Herzen, aber auch mit dem feſten Entſchluß nachblickte, Elſingburg nicht zu verlaſſen. Fünftes Kapitel. Der Nord ſtürmt kalt und rauh heran, Und ſchüttelt wild die Bäume; Die Berge zieh'n ihr Schneekleid an Und Alles ſucht die warmen Räume. Schwediſches Lied. Der Winter mit ſeinen Silberlocken und den fun⸗ kelnden Eiszapfen näherte ſich nun allgemach und in ſeinem Geleite waren die Nordweſt⸗Winde, die tobenden Stürme, die kalten, unbehaglichen Morgen, und die bit⸗ tern, froſtigen Nächte. Wahrlich, dieſe Gelegenheit iſt uns erwünſcht, dem trefflichen Verfaſſer der Anſiedler (Cooper) unſern gefühlten Dank für die Freude darzu⸗ bringen, welche er uns durch ſeine gelungene Schilderung der Uebergänge unſerer Jahreszeiten und der mannichfa⸗ chen Wechſel, welche den Verlauf derſelben charakteriſiren, bereitet hat. Jeder, der ſich ſeiner auf dem Lande ver⸗ lebten Jugendjahre erinnert und mit zärtlichem, faſt weh⸗ müthigem Gefühle auf die Spiele und Ergötzungen auf dem Eis, auf die Chriſtfeſt⸗Kuchen, auf das Nüſſe⸗Knacken an dem traulichen Kamin zurückblickt, wird ſeine Zeilen mit wonnigem Entzücken leſen und ihm herzlich danken, daß er halb verlöſchte Erinnerungen an Scenen und Sitten, an Mühen und Genüſſe in das Gedächtniß zu⸗ — 145— rückgerufen hat, welche bei dem raſchen Schritt der Zeit und den Wechſeln, welche ihren Weg überall bezeichnen, in einer künftigen Zeit vielleicht nur in den Zeichnungen ſeiner Feder leben werden. Wenn wir im Verlaufe un⸗ ſerer Geſchichte bei Scenen verweilen, welche denen, die er ſchildert, ähnlich ſind, oder die wechſelnden Tinten unſerer Jahreszeiten mit denſelben Farben andeuten, ſo ſage man uns nicht nach, wir hätten ihm etwas entlehnt, denn wir copiren nur daſſelbe Original. Die Feſttage, dieſes Glück des Winters, dieſe Tage, die das Herz von Jung und Alt erfreuen und der dü⸗ ſtern Oede des Winters das Leben und die Seele des lächelnden, heitern Frühlings geben, waren jetzt da. Die in den Räumen der Wohnungen verbreiteten Düfte zeug⸗ ten, daß man das Gewürz bei dem Backen der Kuchen nicht geſpart hatte, und der Lärm in und um die Küchen deutete auf das hin, was allmählig herannahte. Die Feier des neuen Jahres hat ſich bekanntlich von den Völkerſchaften des nördlichen Europas, wo noch heutzutage viele Gebräuche, Vergnügungen und Ergötzlichkeiten, wie ſie ihren Vorfahren bekannt waren, im Gange ſind, auf uns vererbt. Der Heer Pfeifer hielt etwas darauf, für einen ächten Nordländer zu gelten, daher die Winterfeſt⸗ tage bei ihm auch in ganz beſonderer Gunſt und hohem Anſehen ſtanden. Zu dieſer angebornen Vorliebe zu alten Sitten und Gewohnheiten geſellte ſich ein anderer Um⸗ ſtand, welcher ſeinen Eifer, dieſe guten alten Gebräuche Paulding V. 10 — 146— aufrecht zu erhalten, mächtig anfeuerte; ſein Todfeind, William Penn, hatte nämlich im Verlaufe ihrer Streitig⸗ keiten die Behauptung aufgeſtellt, das Aufrechthalten der Feſt⸗ und Feiertage ſchmecke nicht nur nach Papſterei, ſondern auch nach Heidenthum. 3 Ehe der Heer einwilligte, die Pläne des Domin ic Kanttwell zur Abſchaffung von Spielen und Balladen zu beſtätigen, behielt er ſich und ſeinen Leuten zu Elſingburg volle Freiheit vor, während den Winter⸗Feſttagen ſo viel zu eſſen, zu trinken, zu ſingen und zu jubeln, als ihnen beliebte. Der Dominic machte wirklich nicht viele Ein⸗ wendungen gegen ſolch ein zeitliches Aufheben ſeiner Fröh⸗ lichkeitsverbote, indem er gern etwas Gutes aß und trank, ſo oft die Gelegenheit es rechtfertigte— das heißt, ſo oft ihm etwas der Art in den Weg kam. Es war ſeit langer Zeit die Gewohnheit des Statt⸗ halters Pfeifer, das neue Jahr mit einem großen Nacht⸗ eſſen einzuleiten, zu welchem der Dominic, die Mitglieder des Rathes und einzelne der angeſehenſten Bürger ſtets eingeladen wurden. Dieſes Jahr beſchloß er, das alte Jahr endigen und das neue beginnen zu ſehen, wie man zu ſagen pflegt, denn er hatte eben von einem großen Siege Nachricht erhalten, welchen das Bollwerk der proteſtantiſchen Religion, der große Guſtav Adolph, davon getragen hatte; die Nachricht war zwar fünf Jahre alt, doch konnte nicht geläugnet werden, daß ſie für Elſing⸗ — 147— durg den Reiz der größten Neuheit hatte. Der Schnee⸗ ball Bombie erhielt daher den Auftrag, ſich anzuſchicken, ein furchtbares Abendeſſen zu bereiten, und ſie würzte dieſes, nach dem Geſchmack der weſtindiſchen Epikuräer, mit ſolchen ungeheuern Maſſen von rothem Pfeffer, daß Jeder, der davon aß, trinken mußte, um einen Brand in der Kehle zu vermeiden. Genau mit dem zehnten Glockenſchlage ſetzten ſich die Gäſte an die Tafel, wo ſie dann auf glückliche Er⸗ folge der proteſtantiſchen Sache, auf den Ruhm des gro⸗ ßen Guſtav Adolphs und auf das Verderben des Papſt⸗ thums und der Quäker mit gleichem Eifer und Patrio⸗ tismus aßen und tranken. Im Augenblicke, wo es zwölf ſchlug, wurde von dem Fort eine Salve abgefeuert und eine mächtige, bodenloſe Bowle, welche man für dieſelbe hielt, in welcher die berühmten weiſen Männer von Go⸗ tham in See ſtachen, wurde, bis an den oberſten Rand mit dampfendem Punſch gefüllt, hereingebracht. Das An⸗ denken an das vergangene Jahr und die Hoffnungen auf das künftige wurden jetzt in einem beſondern Becher ge⸗ trunken, worauf ſich die Damen wegbegaben und Lärm und Scherz an ihre Stellen traten. Der Heer erzählte ſeine lange Geſchichte, wie er unter dem großen Guſtav Adolph ein ganzes Piket überfallen und gefangen genom⸗ men hatte; eben ſo hatte jeder der Gäſte ſeine eigene Ge⸗ ſchichte zu erzählen, wobei man jedoch ſorgfältig bedacht war, den Wirth in dem Wunderbaren nicht überbieten 10* — 148— zu wollen, ein Umſtand, der den Statthalter ſtets übel⸗ gelaunt machte. Rath Langfanger verbreitete ſich wunderbar über öf⸗ fentliche Verbeſſerungen; Rath Varlett ſang oder viel⸗ mehr er brüllte hundert Verſe aus einem Lied zum Lob des Rheinweins, und Othman Pfegel ſchmauchte und trank, bis er wirklich zu dem Entſchluſſe kam, am näch⸗ ſten Tag ſeine Angelegenheit mit der ſchönen Chriſtina zu einer Kriſe zu bringen. Solche Wunder vermag ein heißer Punſch hervorzubringen! Was den Dominic be⸗ trifft, ſo ging er mit der Morgendämmerung weg und zwar in einer Weiſe, daß wir, wenn es nicht unmöglich geweſen wäre, ihn in Verdacht haben würden, der beſagte Punſch habe ihm ſo zu ſagen ein wenig zugeſetzt. Einigen Leuten, welche ihn zufällig ſahen, kam es vor, als wanke er ein wenig hin und her; aber ſo groß war das Ver⸗ trauen ſeiner Pfarrkinder, daß keiner dieſer würdigen Burſche je ſeinen eigenen Augen getraut hätte, wenn ihnen etwas der Art zu Geſicht gekommen wäre. Einige Stunden Schlaf reichten hin, um die Punſch⸗ und Pfeffer⸗Paſteten⸗Dünſte zu verſcheuchen, denn die Köpfe waren in jener Zeit viel ſtärker als jetzt, und der Heer, ſo wie ſeine Tiſch⸗ und Bechergenoſſen ſtanden zeitig genug auf, um die Complimente und Glückwün⸗ ſchungen des Tages in Empfang zu nehmen. Der Morgen war ſtill, klar und kalt. Die Sonne hatte den Glanz, wenn auch nicht die Wärme des Sommers, — 149— und der blendende Schimmer des Eiſes, das weit und breit, wohin das Auge blickte, den Strom bedeckte, war wie ein Spiegel, welcher der Sonne Bild tauſendfach wiederſtrahlte. Der Rauch der Dorfſchornſteine ſtieg gerade in die Luft empor, wo er ſich, wie eine verkehrte Pyramide, aus⸗ dehnte, allmählig breiter und breiter wurde und dann, ſich mit dem Aether verbindend, im blauen Raum ver⸗ ſchwand. Kaum war die Sonne über dem Horizonte, ſo wim⸗ melte das Dorf ſchon von roſigen Knaben und Mädchen, welche, in ihre neuen Kleider gekleidet, mit jenen war⸗ men Hoffnungen auf Glück auszogen, wie Zeit und Er⸗ fahrung ſie unmerklich abkühlen, bis nur noch ſchwache Nachbilder und dann die Trümmer ſüßer Träume übrig bleiben. „Glückliches neues Jahr!“ kam aus jedem Munde, aus jedem Herzen. Mit offner, freigebiger Hand wurde Kuchen und ge⸗ würztes Getränk allumgereicht; Jeder war in jedem Hauſe willkommen; Alle ſchienen ihre kleinen Leiden und Betrübniſſe und Streitigkeiten vergeſſen zu haben; Alle ſchienen glücklich und Alle waren es; und der Dominie, welcher am Neujahrstage ſtets ſeinen Ueberrock mit den vier großen Taſchen anzog, kam ſieben Mal nach Hauſe und leerte ſie, und ſein Tiſch faßte kaum die Menge von Neujahrskuchen. Als die heitern Gruppen ihre Runde in dem Dorfe — 150— gemacht hatten, begann ſich das Eis vor demſelben zu be⸗ leben, und Alles trieb ſich, bunt und kraus, ſchlittenfahrend und ſchlittſchuhlaufend, gleitend und tanzend auf der ſpiegel⸗ hellen Fläche umher und erfreute die froſtzerbiſſenen Ohren des Winters durch die Töne der Freude und der Luſt. Hier ſah man eine Gruppe, welche mit krummen Stöcken Ball ſpielten, und zuweilen den Ball, zuweilen auch ihre Beine mit dem Krummſtab trafen. Dort war eine Reihe Schleifer, deren einer hinter dem andern daher gleitete, ſo daß, wenn der vorderſte fiel, die übrigen ſicher waren, über ihn herzuſtürzen. Ein wenig entfernter ſah man Einige, die das gute Glück hatten, ein Paar Schlittſchuhe zu beſitzen und in dieſer anmuthigſten aller Körperübungen ſchwelgten, wäh⸗ rend ein halbes Dutzend böſer Buben, die ſich glatte Knochen an die Füße gebunden hatten, es ihnen gleich zu thun ſuchten und mit einem Ernſt und einer Beharr⸗ lichkeit dahin glitten, welche beſſerer Hülfsmittel werth ge⸗ weſen wären. Alles war Luſt, Gelächter, Schwelgerei und Glückſeligkeit, und der eiſige Spiegel des Delaware ſpiegelte an dieſem Tage ſo leichte Herzen wieder, wie ſie je in der neuen Welt geſchlagen haben. Um zwölf Uhr begab ſich der heitere Statthalter, wie es ſeit undenklicher Zeit bei ihm Sitte war, auf das Eis und theilte Aepfel, Nüſſe und andere Leckerbiſſen, ſo wie auch Hände voll Wampum aus, der, auf dem Eiſe in allen Richtungen dahin rollend, unter der jungen Schaar — 151— unzählige Streitigkeiten und Balgereien veranlaßte, was auf dem ſchlüpfrigen Elemente für die Zuſchauer nur be⸗ luſtigend ſein konnte. unter den Unermüdlichſten, Hartnäckigſten und Muth⸗ willigſten that ſich beſonders der liebenswürdige Kupido hervor, welcher an dieſem Tage mehr Lärm machte und mehr umher rannte, als zehn ſeiner ungezogenheits⸗Ge⸗ noſſen. Seine Stimme verſchlang die aller Uebrigen, beſonders bei der Ankunft des Heern, vor welchem er es für ſeine Pflicht hielt, ſich anzuſtrengen, während ſein ungeſchlachtes, übermäßiges Lachen von jener ſonderbaren Heiterkeit des Geiſtes zeugte, welche das Benehmen des afrikaniſchen Selaven von dem ſteten Ernſte des freien rothen Mannes in der weſtlichen Welt auszeichnet. Den ganzen Tag, bis die Sonne ſich geſenkt hatte und die Schatten der Nacht gekommen waren, folgten Spiel auf Spiel und Ergötzlichkeit auf Ergötzlichkeit, und fern und nah hallte der Jubel wieder, den dann und wann ein lautes Krachen unterbrach, wie man es oft auf dem Eiſe hört, wenn das ſteigende oder fallende Waſſer die Eisrinde berſten macht. 4 Plötzlich jedoch verſtummten alle dieſe lauten, fröh⸗ lichen Töne, und ein hohles, unbeſtimmtes Murmeln folgte, das allmählig verklang und einer einzigen Stimme Raum gab, welche, wie aus der Entfernung, und immer ſchwächer werdend, rief:„ Hülfe!— Hülfe!— Hülfe!“ Alsbald verbreitete ſich das Gerücht, ein Reiſender, welcher auf dem Eiſe den Fluß herabgekommen, ſei in eine der Waſſerlücken, wie man es nennt, gefallen, die von der anſchwellenden Fluth, welche an dieſen Stellen ſtärker war, gebildet und von ausgewaſchenen Felſen umgeben wurden. An Stellen dieſer Art hört das Eis nicht plötzlich auf, ſondern wird allmählig dünner und ſchwächer gegen die Mitte hin, wo dann ein offener, unbedeckter Raum iſt. Die Folge iſt, daß es für Jemand, der unglücklicher Weiſe in eine dieſer Lücken fällt, welche man in der That des Nachts kaum von dem feſten Eiſe zu unterſcheiden vermag, faſt unmöglich iſt, trotz allen Anſtrengungen, ſich zu retten oder von Andern Rettung zu erwarten. Das Eis, an das er ſich mit der letzten verzweifelten Kraft anklammert, bricht unter ihm, und jede Anſtrengung lähmt ſeine Kräfte, ohne ihm Hülfe zu bringen. So ſetzt der Unglückliche ſeinen hoffnungsloſen Kampf fort und wird allmählig ſchwächer und ſchwächer, bis endlich ſein Blut erſtarrt, ſeine Glieder unbeweglich werden, ſein Halt unter ihm einbricht, und er ſinkt, um ſich nie wieder zu erheben. Derſelbe Grund, welcher ihn hindert, ſich zu retten, hält auch Andere ab, ihm hülfreich zu werden; denn wenn ſich auch Jemand ihm hinreichend nähern wollte, um ſeine Hand zu erreichen, ſo würde das Eis unter ihm brechen, und Beide müßten mit einander zu Grunde gehen. In dieſer Lage war der arme Mann, deſſen Hülfe⸗ ruf man jetzt immer ſchwächer und ſchwächer werden — 153— hörte. Das ganze Dorf war heraus und mehrere kühne Männer, von dem Gefühle der Menſchlichkeit getrieben, machten vergebliche und verzweifelte Anſtrengungen, um ihm nahe genug zu kommen und ihn zu retten. Obgleich einige ihr Leben wagten, gelang es doch keinem, und ein allgemeines Wehklagen derer, die in der Nähe waren, kündigte ihre Ueberzeugung an, daß ſein Geſchick unab⸗ wendbar ſei. In dieſem Augenblicke nahte ſich der lange Finne mit zwei Brettern auf ſeiner Schulter, welche er ſo nahe, als es mit Sicherheit geſchehen konnte, an die Oeffnung brachte. Eines der Bretter legte er in dieſer Richtung auf das Eis vor ſich, zog das andere nach und ſchritt vorſichtig bis zu dem Ende hin. Dann nahm er das zweite Brett auf, legte es vor ſich, ſchritt auf demſelben langſam und vorſichtig fort, und zog das erſte hinter ſich her, wie früher. Auf dieſe Weiſe näherte er ſich, wäh⸗ rend die Umſtehenden in athemloſem Schweigen harrten, allmählig der Oeffnung und ermuthigte den armen Mann, um Gotteswillen noch einige Augenblicke auszuharren. Endlich war er nahe genug, um ihm einen Strick zuzuwerfen, welchen er mitgebracht hatte. Der Unglück⸗ liche faßte ihn und verſuchte, während Königsmarke das andere Ende hielt, ſich mit ſeinem Beiſtand aus dem Waſſer zu erheben. Allein ſeine Kraft reichte nicht hin, das Eis brach abermals unter ihm, und er verſchwand, wie Alle ringsum glaubten, für immer. — 154— Eine verzweifelte Anſtrengung half ihm jedoch wieder empor. „Bindet Euch den Strick um den Leib!“ rief der junge Mann.— „Meine Finger ſind ſtarr von Kälte,“ ſagte der An⸗ dere,„und wenn ich das Eis fahren laſſe, bin ich ver⸗ loren.“ 3 Königsmarke kroch nun auf Knieen und Händen auf eines der Bretter, ſtieß das andere vor ſich hin und näherte ſich auf dieſelbe Weiſe dem Ende des letztern. Er war jetzt nahe genug, um die Hand des Ertrinkenden zu erfaſſen und ihm den Strick um den Arm zu binden. Wie er ſich ihm genähert hatte, zog er ſich nun wieder zurück und warf das andere Ende des Strickes den Leu⸗ ten zu, welche mit einem Jubelrufe, der den Sieg des Muthes und der Menſchlichkeit verkündigte, den armen Unglücklichen aus dem Waſſer zogen. Während des ganzen Vorgangs, den wir eben ge⸗ ſchildert haben, war Chriſtina's Angſt in der ſchmerzlich⸗ ſten Weiſe rege erhalten worden. Anfangs nahm die Lage des unglücklichen Reiſenden, der dem Untergange nahe war, ihr ganzes Gefühl in Anſpruch; als man ihr aber ſagte, der lange Finne ſetze ſein Leben auf das Spiel, um den Fremden zu retten, ſtieg ihre Angſt bis zur Ver⸗ zweiflung. Sie rang ihre Hände und rief, da ſie ſich allein glaubte, aus: 3 — 155— „Er wird ertrinken— er wird ertrinken!“ Die hohle Stimme der Krausköpfigen antwortete: „Sei ohne Furcht! das Geſchlecht deſſen, für wel⸗ chen du bangſt, iſt nicht beſtimmt, hier zu endigen. Er wird nicht durch das Waſſer ſterben.“ „Was meinſt du?“ rief die bange Maid. „Er wird aufwärts und nicht niederwärts aus der Welt gehen,“ verſetzte die alte Afrikanerin und glitt aus dem Gemache. Jetzt hörte man den Lärm von vielen Fußtritten und vielen Zungen ſich nähern und Chriſtina gewann es über ſich, die Treppen hinab zu gehen, um, wenn es nöthig wäre, ihren Beiſtand anzubieten. Der Fremde wurde, faſt ganz ſtarr und erfroren, in das Haus des Statthalters gebracht, in ein Bett ge⸗ legt, mit warmen Tüchern bedeckt und man bot Alles auf, die kaum merkliche Circulation des Blutes wieder herzu⸗ ſtellen. Allmählig begannen die angewendeten Mittel zu wirken und bald hatte der Fremde ſich erholt. Er war, wie er ſagte, von Coaquanock und wollte hinab zu dem Hoar Kill, wobei er ſich des Eiſes, als des beſten und ſchnellſten Weges dahin⸗ bedient hatte. Der würdige Heer, deſſen edle Gefühle ſeine Anti⸗ pathien ſtets zu beſiegen gewiß waren, behandelte den — 156— Fremden mit der größten Güte und bot Alles auf, um ſeine völlige Herſtellung zu bewirken; den langen Finnen erhob er wegen ſeines Edelſinnes und ſeiner Geiſtesge⸗ genwart bis in den Himmel und bemerkte zum Schluſſe: „Ich würde zwanzig Reichsthaler geben, wenn der Galgenſchwängel etwas Anderes als ein Quäker wäre.“ Sechſtes Kapitel. Schöne Maid! Schöne Maid! Sei doch endlich mein! Du ſollſt das glücklichſt' Weib auf Erden ſein! Auf einem Kiſſen ſollſt du ſitzen in Freuden, — An allem Schönen dein lieblich Auge weiden. Der Mutter Gans Lieder. Das Geſchick ſchien es feſt beſchloſſen zu haben, daß der Kampf der armen Chriſtina zwiſchen kindlichem Ge⸗ horſam und jugendlicher Liebe ſtets neu belebt und durch das Betragen des langen Finnen ſchmerzlicher und bitte⸗ rer gemacht werden ſollte. Er hatte ſie aus den Armen des einſiedleriſchen Wahnſinnigen gerettet und ſo ihre ewige Dankbarkeit in Anſpruch genommen; und bald darauf hatte er eine Handlung der Menſchenliebe geübt, welcher ſie ihre ganze Bewunderung zollen mußte. So trat jeder Anſtrengung, welche ſie machte, ihn ihrem Her⸗ zen zu entfremden, eine Handlung von ſeiner Seite ent⸗ gegen, welche ihm dort nur noch mehr Raum gab. Während der Winterzeit entzog ſie ſich allmählig ſo viel als möglich der Geſellſchaft des jungen Mannes und vermied jeden nähern Verkehr, ſo wie jeden einſamen Spaziergang.. Chriſtina war eines jener ſeltenen weiblichen Weſen, — die ſeltenſten und ſchätzenswertheſten des ganzen beſeli⸗ genden Geſchlechtes der Frauen— welche nie der Schwäche ihrer Nerven oder der Innigkeit und Tiefe ihres Gefühls eine Einmiſchung in ihre kindlichen und häuslichen Pflich⸗ ten zugeſtand. Sie fühlte, daß dies wenig mehr ſei, als ein Nachgeben gegen zu weit getriebene Selbſtliebe, und daß die Erfüllung übernommener Pflichten einen doppel⸗ ten Segen mit ſich führe, indem ſie zum Glück derer beiträgt, für welche man zu ſorgen hat, und indem ſie ein Balſam für das eigene wunde Herz iſt. Sie war ſogar jetzt ſorgfältiger denn je in Allem, was ihren Vater betraf; ſie ſänftigte durch ihr freundliches Wort ſeine Un⸗ geduld, ſeine kleinen Leiden, und kam jedem ſeiner Wün⸗ ſche zuvor. Sie gab ſich nie freiwillig den Gefahren des Müßiggangs hin, ſondern ſuchte bei allen Gelegenheiten ihren Geiſt ſchmerzlichen Erinnerungen und Gedanken zu entreißen, indem ſie ihren häuslichen Pflichten oblag. Dennoch kamen lange, lange Nachtſtunden, wo ſie ſich nicht beſchäftigen konnte und wo, in dem Schweigen und der Dunkelheit, ihre Schmerzen ſich wie nächtliche Geſpenſter um ſie ſchaarten und das ſüße Glück eines ruhigen Schlafes verſcheuchten, indem ſie Erinnerungen an die Vergangenheit in ihr weckten, welche nichts Freu⸗ diges hatten und ihr eine Zukunft zeigten, welche aller Hoffnung baar war. Die Bläſſe ihrer Wangen, das Hin⸗ fällige ihrer Geſtalt, das Trübe ihres Blickes zeigten ſich allmählig deutlicher, bis endlich der gute Heer ihr Aus⸗ ſehen zu beachten und darüber zu erſchrecken begann. — — 159— Mittlerweile brachte der lange Finne, begleitet von ſeinem Gewehr und ſeinem Hunde, ganze Tage in den Wäldern zu, entweder um Chriſtina ſeiner Geſellſchaft zu überheben, oder um ſeine eigenen Gefühle in der Tiefe der Wälder zu begraben, wo das Beil des Wald⸗ manns und die Stimme des geſittigten Mannes noch nie gehört worden waren. Manchmal überſchritt er das Eis des Fluſſes und drang auf dem andern Ufer in die Fichten ein, die ihre grünen Häupter in den Himmel hoben und mit ihrem dunkeln Haar einen Contraſt gegen den weißen Schnee bildeten, welcher die Düſterkeit des Winters, wenn möglich, noch erhöhte. Zuweilen wendete er ſeine Schritte nach Weſten, wo, mit Ausnahme eines kleinen bebauten Raumes um das Dorf, eine ausgedehnte, ununterbrochene Welt von uUrwald ſich ſo zu ſagen bis zu den Regionen der unter⸗ gehenden Sonne hinzog. Hier ſtreifte er, ſich in Gedan⸗ ken, ſo düſter, wie die ſchwarzen winterigen Wälder über ſeinem Haupte, verſenkend und keines Zieles ſich bewußt, umher, bis das ſcheue Rebhuhn, das plötzlich auffuhr und durch die Zweige donnerte, oder das Bellen ſeines Hun⸗ des, der ein Eichhörnchen oder dann und wann einen Bären anſichtig geworden, ſeine Aufmerkſamkeit erregte. Selten brachte er eine Jagdbeute nach Hauſe und ohne Zahl waren die Scherze, welche der Heer über ſeine Un⸗ geſchicklichkeit in dem deln Waidwerk laut werden ließ. Der lange Finne hätte ſich oft in den Wäldern verloren, — 160— wenn ſein Hund nicht geweſen wäre, welcher ihm ſtets mit einem bewundernswürdigen Scharfſinn den Weg nach Hauſe zeigte. Eines Tages— wir glauben, es war gegen das Ende des Februars— ſchickte Königsmarke ſich mit ſeinem Ge⸗ wehr auf der Schulter, der Zunderbüchſe, Stahl und Stein, den unerläßlichen Werkzeugen in jenen pfadloſen Wäl⸗ dern, zu einem ſeiner gewöhnlichen Ausflüge an. Er pfiff und rief ſeinem Hunde, aber Kupido, der liebliche Geſell, hatte aus bloßer Luſt an Schelmerei das Thier hin⸗ weggelockt. Königsmarke begab ſich daher ohne ihn auf den Weg, wobei ihm der Heer den freundlichen Rath gab, auf die Richtung zu achten, in welcher er gehe, nicht zu weit ſich zu verirren, und— ein ſchlauer Blick beglei⸗ tete die Mahnung— das Wild tüchtig auf das Korn zu nehmen und einen fetten Braten mit nach Hauſe zu bringen. Der lange Finne vergaß gar bald den Rath, ſo wie den Scherz, und ehe der Mittag kam, irrte er ſo tief in den Wäldern, daß er keine ſeiner gewöhnlichen Landmar⸗ ken, noch irgend einen Gegenſtand, der ihm die Richtung gezeigt hätte, ſehen konnte. Gegen Ein Uhr wurde der Himmel flockig, ſchwarz und gelb, und Alles deutete auf einen Sturm. Der junge Mann bedachte, daß es nun hohe Zeit ſei, den Rückweg zu ſuchen; aber ohne irgend einen Pfad, ohne einen Füh⸗ rer, welcher die Richtung kennt, bewegt man ſich in einem —— 4 — 161— großen Walde im Kreiſe. Königsmarke hörte jenes dum⸗ pfe, düſtere Heulen, welches der durch die laubloſen Aeſte brechende Wind verurſacht, ſtärker und ſtärker werden, furchtbarer anſchwellen und wilder und wilder dröhnen, bis er zu einem grellen, gellenden Pfiff wurde, welcher ſein Blut erſtarrte. Nach einer kleinen Weile begann der Schnee in klei⸗ nen, faſt unmerklichen Flöckchen zu fallen, was nicht nur eine große Kälte, ſondern einen ſchweren, anhaltenden Sturm andeutete. ⸗ 3 Der lange Finne hatte eben die Entdeckung gemacht, daß er ſeinen Weg verloren habe, und daß, wenn er ihn nicht ſchnell wieder zu finden im Stande wäre, zehn gegen eins zu wetten ſein dürfte, daß er dieſe Nacht im Schnee umkommen müſſe. Obgleich er nun während der Strei⸗ ferei dieſes Tages bereits zweimal zu dem Entſchluſſe gekommen war, ſeinem Elend ein Ende zu machen, indem der ſich eine Kugel durch den Kopf jagte, ſo fühlte er ſich doch nicht wenig durch die Gefahr ſeiner jetzigen Lage erregt und erſchreckt. Es iſt ein großer Unterſchied, ob Jemand aus freiem Willen ſtirbt, oder weil er es nicht ändern kann. Dort iſt die Kraft des eigenen Entſchluſ⸗ ſes vorherrſchend; hier iſt ein unſeliger Beigeſchmack von Zwang; und wie John Fallſtaff aus Zwang keinen Grund angeben wollte, ſo will, Niemand gern aus Zwang ſterben. Unſer Held kam vager ſchweigend mit ſich dahin über⸗ ein, daß er für den Augenblick das Sterben ausſetzen Paulding V. 11 und die wenigen noch übrigen Stunden des Tags benützen wolle, um den Weg nach Haus zu ſuchen. In ſeiner Betäubung irrte er in den Labyrinthen des Waldes um⸗ her, bis es faſt dunkel war, ohne irgend ein Zeichen gewahr zu werden, das ihm entſchieden andeutete, wo er wäre. Er rief und glaubte, er habe das Bellen eines Hundes gehört; wenn er aber näher kam, ergab es ſich, daß es das Heulen eines Wolfs geweſen. Ein ande⸗ res Mal hörte er aus weiter Ferne den Knall eines Ge⸗ wehrs, aber in der Tiefe des Waldes konnte er nicht unterſcheiden, in welcher Richtung es abgefeuert worden. Die düſtern Schatten der Nacht begannen ſich um und um zu ſchaaren und erinnerten ihn, daß er den Mor⸗ gen nicht mehr erblicken würde, wenn ihn die Dunkelheit überraſchte, bevor er irgend ein Obdach gefunden. Als er um ſich ſchaute, gewahrte er eine ſtarke Tanne, welche der Sturm aus der Wurzel niedergeriſſen hatte; an der letzteren waren Moos und Erde hängen geblieben, wodurch ihm eine Art Schutz gegen Wind und Wetter geboten wurde. Der Schnee war auf die Windſeite des gefallenen Stammes getrieben worden und ließ auf der anderen Seite, wie dies oft zu geſchehen pflegt, eine Stelle unbedeckt. Er warf da und dort den Schnee auf, ſuchte trockene Blätter zuſammen und machte ſich ein La⸗ ger daraus zurecht; aus den Zweigen des geſtürzten Bau⸗ mes ſuchte er ſich eine Decke zu machen, indem er ſie gegen die Wurzel legte und ſo eine Art Hütte bildete. — 163— Dann ſammelte er etwas Reiſig, dürres Holz und Blät⸗ ter, um damit während der Nacht ein Feuer zu unter⸗ halten; denn die Kälte war ſo beißend, daß er ohne Bei⸗ hülfe künſtlicher Wärme vor dem Morgen unvermeidlich erfroren wäre. Während er mit dieſen Vorbereitungen fertig geworden war, hatte ſich die Dunkelheit vollkommen eingeſtellt; der Wind pfiff lauter und lauter durch die blätterloſen Aeſte, die ſchwer dröhnend krachten, und der Sturm nahm von Minute zu Minute an Ungeſtüm zu. In peinvoller Angſt ſchickte Königsmarke ſich an, Feuer zu ſchlagen, und ſammelte das trockenſte Gezweig und Blätterwerk, um ſie mit ſeinem Zunder anzuzünden. In ſeinem Eifer, Feuer zu ſchlagen, flog ihm der Stein aus der erſtarrten Hand und er konnte ihn in der Dun⸗ kelheit, welche ihn umgab, nicht wieder finden. Er ſchraubte jetzt den Stein von ſeinem Flintenſchloſſe ab; in dem Au⸗ genblicke aber, in welchem ſich die Funken dem Zunder mittheilten, blies ihn ein plötzlicher Windſtoß aus der Büchſe und zerſtreute ihn in der Luft. Ein Augenblick der Unentſchloſſenheit und der Ver⸗ zweiflung folgte— aber er gedachte eines neuen Mittels, ſein Leben zu friſten. Er ſchraubte den Stein wieder auf das Schloß und feuerte das Gewehr gegen den geſtürzten Baumſtamm; der brennende Pfropfen fiel auf die dort hingelegten trock⸗ nen Blätter; er blies ſie ſorgfältig an, eine kleine Flamme 115 —. 164— kam zum Vorſchein, welche endlich die Blätter faßte und ihn ſeiner athemloſen Angſt überhob. Behutſam legte er das Holz auf die Blätter, bis das knitternde Feuer die öde Düſterheit des Waldes über⸗ glänzte; und nun begab er ſich daran, eine hinreichende Menge Brennholz zu ſammeln, um das Feuer während der Nacht zu unterhalten. Die kleine Flamme brannte gerade an der Oeffnung des armen Obdachs, in welches er mit dem Entſchluſſe kroch, ſorgfältig zu wachen und das Feuer lebendig zu erhalten, da er wohl wußte, daß er wahrſcheinlich nicht mehr erwachen würde, wenn er es ausgehen ließ. Aber die mannichfachen Beſchwerden des ganzen langen Tages, die große Kälte, welche er ausge⸗ halten, und die Schwäche, welche das lange Faſten in ihm erzeugte,— alles dies vereinigt, hatte eine unwiderſteh⸗ liche Neigung zum Schlafen zur Folge, und lange zuvor, ehe der Morgen graute, lag er in tiefem Schlafe. Er wußte nicht, wie lange er geſchlafen; als er aber wieder zu einer Art Selbſtbewußtfein kam, konnte er keines ſeiner Glieder rühren; das Feuer war faſt ganz ausgegangen und er war nicht im Stande, aufzuſtehen, noch Hand oder Fuß zu regen. Eine tödtliche Angſt überfiel ihn und der plötzliche Im⸗ puls, welcher ſie dem Blutſchlag ſeines Herzens mittheilte, rettete wahrſcheinlich ſein Leben. Nach und nach brachte er es dahin, daß er zu dem Feuer kriechen konnte; er ſchürte es auf und legte friſchen Brennſtoff an; dann — 165— ſuchte er durch ſtarke Bewegung die Circulation des Blu⸗ tes wieder herzuſtellen. Nach kurzer Zeit brach der Tag an, die Wolken theilten ſich und die Sonne ging klar und glanzvoll am Himmel auf. Durch Hülfe dieſes ſichern Führers ward er in den Stand geſetzt, die Richtung nach dem Strome zu gewinnen, und hatte er dieſen erreicht, ſo konnte er leicht den Weg nach dem Dorfe finden. Da der lange Finne gewöhnlich den ganzen Tag auf ſeinen Jagdausflügen hinbrachte, ſo erregte ſeine Abwe⸗ ſenheit keine Beſorgniſſe, bis es dunkel wurde. Die hef⸗ tige Kälte war Urſache, daß der Heer und ſeine Familie ſich dicht um ein luſtig flackerndes Nußbaum⸗Feuer geſetzt hatten, wo ſie ſich anfangs wunderten, warum der junge Mann ſo lange ausbleibe. Als der Abend dunkler und dunkler wurde, und die ſchwarze Nacht und der heulende Sturm kamen, wurden ihre Beſorgniſſe peinlicher und Jedes hatte ſeine Vermuthungen, was aus ihm gewor⸗ den ſein könne; allein keine dieſer Vermuthungen war beruhigend. Als die Schlafſtunde kam und der junge Mann noch immer nicht erſchien, konnte die ſchöne, liebliche Chriſtina jene herbe Beängſtigung nicht länger verbergen, welche mädchenhafte Schüchternheit bisher in die Tiefe ihres Herzens zurück gedrängt hatte. „Er wird im Schnee zu Grunde gehen!“ So ſagte ſie in tödtlicher Angſt und bat ihren Va⸗ ter, Leute nach ihm zu ſenden. — 166— Bald hörte man den Aufruf im Dorfe und kleine Schaaren zogen mit Lichtern und Gewehren in die Wäl⸗ der, um Königsmarke zu ſuchen. Umſonſt war ihr Ru⸗ fen; umſonſt das Abfeuern ihrer Gewehre; keine Ant⸗ wort, als das Heulen des Sturmes! Gegen Mitternacht kehrten Alle zurück und man war überzeugt, der junge Mann müſſe im Schnee erfroren ſein. Der gute Heer vergoß Thränen, wenn er an das unglückliche Geſchick des jungen Mannes dachte; aber die Augen ſeiner ſchö⸗ nen Tochter waren trocken, während ihr Herz blutige Thränen weinte. Sie begab ſich in ihr Gemach und machte ihrem SGefühle in Ausrufungen verzweifelter Angſt Luft. „Er iſt allein zu Grunde gegangen; er liegt unter dem kalten Schnee begraben und die Wölfe werden ſeine Leiche zerreißen.“ „Beſſer,“ antwortete die Stimme der Krausköpfigen, „er geht allein zu Grund, als daß Andere für ihn ſter⸗ ben! Beſſer, die Wölfe zerreißen ihn, als daß er das unſchuldige Lamm zerreißt. Der Himmel iſt gerecht!“ „Aber ſo zu ſterben!“ rief Chriſtina und rang ihre Hände. „So büßt er vielleicht für ſein Verbrechen,“ ant⸗ wortete der Schneeball.„Beſſer, man ſtirbt ungeſehen in der Tiefe der Wälder, als daß man in der Luft ſich hin und her bewegt; ein Schauſpiel, an dem die Menge ſich höhnend freut, ein Mahl für die Geier!“ — 167— „Es mag ſo ſein, es mag ſo ſein,“ verſetzte die Maid;„aber ach, gerechte Vorſehung, ich wollte, dieſer furchtbare, furchtbare Kampf wäre mir erlaſſen worden.“ „Bedenke,“ erwiederte der Schneeball,„bedenke, was er, der dein Leben rettete, ihr that, die dir das Leben gab! Ihr Geiſt wacht über dir!“ Bei dieſen Worten gleitete ſie aus dem Gemache und die arme Chriſtina warf ſich auf ihr Lager, wo ſie bis zum Morgen blieb, eine Beute der bitterſten und widerſtreitendſten Gefühle. Siebentes Kapitel. Sie wollen und wollen nicht— Wer ſchafft in der Sache Licht? Der Mutter Gans Lieder. Als Königsmarke der Richtung der aufgehenden Sonne eine Strecke gefolgt war, hörte er in der Ent⸗ fernung einen Hund bellen und antwortete mit lautem Rufe. Bald näherte ſich das Bellen und nach wenigen Minuten ſah er ſeinen treuen Jagdhund auf ihn zu⸗ eilen. Das arme Thier wedelte mit dem Schweife und wimmerte vor Freude, ſeinen Herrn wieder zu ſehen. Jetzt ſprang er an ihm empor, leckte ihm die Hände, blickte ihm verſtändig in die Augen und eilte in mächti⸗ gen Sprüngen vor ihm her, jeden Augenblick zurück keh⸗ rend, als wollte er ſehen, ob jener ihm folge. Königsmarke verſtand all' das und ſchleppte ſich ihm mühſam nach, bis er ſich von dem klugen Thiere in der geradeſten Richtung zu dem Dorfe geführt ſah. Die guten Bewohner von Elſingburg begrüßten ſeine Rückkehr durch hundertfachen Jubelruf. Der Heer Pfei⸗ fer fiel ihm um den Hals und hieß ihn willkommen, während ſeine blaſſe Tochter bis in die Mitte des Zim⸗ mers vorſtürzte, als wollte ſie ihn bewillkommen, dann plötzlich zurückwich und ohnmächtig niederſank. — 169— Der Heer begann nun zum erſten Male den Zu⸗ ſtand des Herzens ſeiner Tochter zu ahnen; denn obgleich die geheimnißvollen Winke des Schneeballs, und gewiſſe, gelegentliche, ſchlaue Andeutungen ſeines weiſen Rathes Wolfgang Langfangers ihn über die Sache nachdenken ließen, ſo wurde er doch ſtets durch die wichtigen Staats⸗ angelegenheiten zerſtreut und konnte zu keinem Schluſſe über die Sache kommen. Aber nun blitzte ihm die Wahr⸗ heit durch den Kopf und ſeiner Ueberzeugung folgte die Ausrufung: „Der Teufel!“ Nun war der Heer ein warmherziger kleiner Mann, welcher etwas raſch zu ſeinen Entſchlüſſen kam. Er hatte den langen Finnen gern, war an ſeine Geſellſchaft ge⸗ wöhnt und konnte, wenn er in Elſingburg umherſchaute, Niemand entdecken, welcher der Hand ſeiner Tochter würdig wäre, oder der Schwiegerſohn des Stellvertreters der Majeſtät zu werden verdiente. Nachdem er einen Augenblick über dieſe Dinge nach⸗ gedacht hatte, ſchlug er mit der flachen Hand auf ſeinen Schenkel und ſprach mit entſcheidendem Tone: „Es ſoll ſo ſein!“ Alsbald wendete er ſich an Königsmarke. „Langer Finne,“ ſagte der Heer,„langer Finne! Liebſt du meine Tochter?“ 4 „Sie weiß es,“ verſetzte der junge Mann,„daß ich ſie mehr als mein Leben liebe.“ — 170— „Chriſtina, meine Tochter, mein Liebling, komm hierher,“ ſagte der Heer. Blaß wie eine Lilie, zitternd wie ein Espenlaub, trat die ſchöne Chriſtina vor ihren Vater. „Chriſtina, willſt du die Gattin dieſes jungen Man⸗ nes werden? Denke daran, daß er dich vom Tode ge⸗ rettet hat, vielleicht vor Schlimmerem dich ſchützte. Und, was mehr iſt, er hat mich überzeugt, er iſt der Neffe meines alten Freundes, Kaspar Steinmetz.“ „Und der Mörder von“— murmelte Bombie leiſe vor ſich hin, ſo daß Niemand ihre Worte beachtete. Der Kampf der armen Maid war fürchterlich; die Bläſſe des Todes überkam ſie; ſie zitterte und ſank auf einen Stuhl, und ihr ſchönes Haupt ruhte auf ihrer ſich hebenden Bruſt. Der Heer trat zu ihr, nahm ihre kalte Hand und ſprach: „Antworte mir, mein Kind! Willſt du die Gattin dieſes jungen Mannes werden?“ „Ich will,“ verſetzte ſie und haſchte nach Athem. „Dann gebt euch die Hände,“ ſagte der gute Heer und die Thränen traten ihm in die Augen,„und em⸗ pfangt den Segen eines Vaters.“ „Und den Fluch einer Mutter!“ rief Bombie, die Krausköpfige, und humpelte hinaus. Chriſtina zog ihre Hand ungeſtüm aus der des jun⸗ — 171— gen Mannes und ſtürzte aus dem Zimmer ihres Vaters, indem ſie rief: 3 „O Gott, lenke mich!“ „Der Teufel hole dieſen hölliſchen Schneeball!“ tobte der erzürnte Heer.„Sage mir, langer Finne, was meint die alte Hexe?“ „Sie meint— ſie meint— ich ſei— was du, wie ich Gott bitte, nie werden mögeſt,“ antwortete der junge Mann und eilte aus dem Zimmer. „Ich glaube, der Teufel iſt in euch alle gefahren,“ brummte der Heer Pfeifer und begab ſich, mit aller Welt, beſonders aber mit ſich ſelbſt, unzufrieden, wieder an ſein Frühſtück.. Man wird allgemein finden, daß Leute in einem ſolchen Gemüthszuſtande ihre üble Laune endlich einem Gegen⸗ ſtande ausſchließlich zuwenden; dem zufolge begab es ſich, daß der Heer, als er über die Urſachen dieſer Wirkungen nachdachte, die Entdeckung machte, daß alles Unheil dieſes Morgens darin ſeinen Grund hatte, daß Kupido, wie früher bemerkt worden, den Hund des langen Finnen verlockt hatte. Alsbald befahl er Lob Dotterel, ihm eine geſunde Tracht Peitſchenhiebe angedeihen zu laſſen. Wie die Streiche Boadiceg's vor Zeiten den Aufſtand der alten Briten bewirkten, ſo hatten die Streiche, die Kupido erhielt, Folgen, welche noch lange nachher von den guten Bewohnern Elſingburgs gefühlt wurden. Viertes Buch. — Erſtes Kapitel. Wenn's euch wie goldne Strahlen Lebendig durch die Seele quillt, Wie Feuer ener Herz erfüllt, Dann iſt es leicht, Gefühle malen. Der Mutter Gans Lieder. Wie die Würde und Wichtigkeit einer Geſchichte nicht ſowohl in der Größe der Begebenheiten, welche ſie er⸗ zählt, ſondern in dem Rang und der Bedeutſamkeit der Perſonen liegt, welche in dem großen Weltdrama auftre⸗ ten; ſo knüpft ſich auch das Intereſſe poetiſcher Pro⸗ ductionen an ähnliche Motive. Jedes Wort, jede That eines mächtigen Herrſchers, zum Beiſpiel, iſt ein Gegen⸗ ſtand von unendlicher Bedeutſamkeit und nimmt die Theil⸗ nahme der Mit⸗ und Nachwelt in Anſpruch; daher der⸗ gleichen auch ſorgfältig auf den Blättern der Geſchichte verzeichnet wird. Macht er einen Spazierritt, oder geht er in die Kirche, ſo wird ſolches, beſonders das Letztere, als etwas ſo Seltenes und Merkwürdiges angeſehen, daß —— — 173— keine Rettung iſt, es muß in den Chroniken aufge⸗ 2 zeichnet werden.. Daher leiten ſich die großen Vortheile ab, welche einem Schriftſteller aus einer klugen Wahl ſeiner Cha⸗ raktere erwachſen; ſtehen ſie nur in einer bedeutenden Höhe der Geſellſchaft, ſo mögen ihre Handlungen gemein oder unbedeutend ſein, der Leſer wird weder abge⸗ ſchreckt, noch gelangweilt. Wenn das Geblüt des Helden nur, wie das der ſpaniſchen Granden, recht ſchön blau iſt, ſo kann er ſeinen Pallaſt in ein liederliches Haus umwandeln und die größten Gemeinheiten begehen,— er verliert nichts von ſeinem Charakter; wenn die Heldin ſich der Vortheile der Geburt erfreut, ſo darf ſie kraft dieſes Vorrechts wie ein Fiſcherweib fluchen, ohne daß man ſie im entfernteſten für gemein hält. Das ſittigſte und tugendhafteſte weibliche Weſen läßt ſich, wenn ſie den Geſchmack für den ächten hiſtoriſchen Roman gehörig in ſich aufgenommen hat, von einem beliebten Schrift⸗ „» ſteller, ohne ſich lange zu beſinnen, in die Geſellſchaft der Verlornen und Frechen einführen, wenn ſie durch ihren hiiſtoriſchen Namen und ihre Stellung in der Welt ſich das Recht erworben haben, Dinge zu thun, welche den Pöbel beleidigen würden, der— o des Aermſten!— keine andere Auskunft kennt, ſich achtungswerth zu machen, als daß er ſich dem herkömmlichen Anſtande und der ge⸗ wöhnlichen Geſittung fügt. Die Buckinghams, die Roche⸗ ſter und ähnliche Charaktere von geſchichtlichem Witz mögen in den Romanen noch ſo flach und fad reden, unter zehn Leſern werden neun an der Quinteſſenz des feinſten Witzes und der herrlichſten Laune zu ſchmauſen meinen. Uund ſo kann man es als eine allgemeine Regel hinſtellen, daß die Würde der Handlungen, die Verfeine⸗ rung der Sitten und die Schärfe des Geiſtes im genaue⸗ ſten Verhältniß zu dem Range und dem Stande der Charaktere ſtehen, welchen ſie angehören. Wir nehmen, aus den angeführten Gründen, hier gern die Gelegenheit wahr, den Leſer zu erinnern, daß unſere meiſten Hauptcharaktere durch ihren Rang und ihre Würde vollkommen berechtigt ſind, ſich zu der niedri⸗ gern Sphäre des Lebens herabzulaſſen, ohne daß ſie deßhalb ſeine Achtung und Bewunderung verlieren. Der Heer Pfeifer reiht ſich, in Folge ſeiner hohen Stellung, den erſten Ständen an. Er war oder däuchte ſich der oberſte Be⸗ herrſcher eines Ländergebietes, das wenigſtens ſo groß war, wie England; auch glaubte er Geſetzen, die von ihm ſelbſt geſchaffenen ausgenommen, eben ſo wenig unter⸗ worfen zu ſein, als der tödtlichſte Tyrann in der fernen* Oſtwelt. Wir ſehen daher keinen abſonderlichen Grund, warum er nicht, ohne ſich etwas zu vergeben, ſollte fluchen dürfen, wie die Königin Eliſabeth oder Heinrich der Vierte, oder irgend ein anderer fluchender Potentat, von dem die Geſchichte redet. Auch für die krausköpfige Bombie und ihre Ergüſſe können wir die Wohlthat der Erhabenheit anſprechen. — 175— Sie war, wie erzählt wurde, die Tochter und die Gemah⸗ lin eines afrikaniſchen Königs, und dieſe ſchwarzen Mo⸗ narchen glauben ſich unendlich erhaben über einen König von Großbritannien, z. B. weil ſie, wie ſie behaupten, ihre Unterthanen verkaufen dürfen, während dieſer ihnen nur die Taſchen leeren darf. Wenn man einwenden wollte, ſie ſei eine Sclavin, ſo bemerken wir, daß ein ſolches Unglück, ein ſolches Mißgeſchick ſie nur noch inte⸗ reſſanter macht, da ſie in ihrer Perſon ein ſchreckliches Beiſpiel bietet, wie unſicher alle menſchliche Größe ſei. Doch wir kehren von dieſer höchſt nöthigen Abſchwei⸗ fung zu unſerer Geſchichte zurück. Dann und wann begann jetzt der lächelnde, wonnige Frühling ſein dralles Geſicht am hellen Morgen zu zeigen; augenblicklich aber, wenn er das ärgerliche, mürriſche Zürnen des Winters ſah, der ſeine rauhe Herrſchaft über das weite Reich der Natur nicht gern aufgab, verbarg er ſich wieder in den ſüdlichen Blumenlauben, um noch ein wenig zu dämmern und zu träumen. Obgleich jedoch ſeine erſten Beſuche nur kurz waren, ſo hatte ſelbſt ſein Blick einen wahrhaft magiſchen Einfluß. Die Knospen begannen allmählig ihre dichten Winterhüllen auszudehnen; die dunkeln, tief melancholiſchen Wälder nahmen nach und nach, faſt unmerblich, eine Purpurtinte an; und da und dort ließ ſich ein ſingender Blauvogel in den Gärten um Elſingburg ſehen. — 176— Streifen von friſchem Grün erſchienen entlang den Thalbächen, welche jetzt, ihrer Eisbanden entledigt, luſtig dahin ſprangen, und eine Menge kleiner bunter Blumen, ohne Namen, aber einen ſchönen Namen verdienend, entfalteten ihre Reize an den geſchirmten Abhängen der laubloſen Wälder. Nach und nach kam die Aloſe, dieſe Verkünderin des Frühlings und des Reichthums zumal, mit dem mil⸗ den Südwind den Strom herauf; die rothe Blüthe des Pfirſichbaums entfaltete ihre entzückende Pracht; die klei⸗ nen Lämmer ſpielten und ſprangen um ihre geſetzte Mut⸗ ter; junge, ſchuldloſe Kälber verſuchten zuerſt den Wohl⸗ laut ihrer Kehlen; unter dem Dache der Scheunen kün⸗ digte die gackernde Henne mit ſchreiender Freude ihr täg⸗ liches Heldenwerk an; jeder Tag erhöhte den lebendigen Anblick jenes thätigen Schaffens und Regens aller Kräfte, welche das Fortſchreiten des heitern Frühlings bezeichnen. Endlich verkündigten die Blumen, die Zephyre, die gefiederten Sänger und der Mädchen roſige Wangen dem Auge, dem Ohre, der Phantaſie, dem Herzen die Rück⸗ kehr und das Verweilen des ſüßen Frühlings. Aber die munteren Geſänge, die Harmonie der Na⸗ tur, das ländliche Glück und die erwachten Reize des Frühlings wollten keinen Frieden, keine Freude mehr in die Bruſt unſerer blauäugigen Maid zurückführen. Jedes Herz ſchien entzückt, nur das ihrige nicht; und die — 177— Roſen blühten überall auf, nur nicht auf Chriſtina's Wangen. Nehmen wir nun gleich in hohem Grade an der Ruhe und dem Glücke dieſes ſüßen Weſens Theil, ſo müſſen wir ihr Bild doch einen Augenblick zurücktreten laſſen, um uns Gegenſtänden zuzuwenden, welche in den Fortgang unſerer Geſchichte eingreifen. Panlding V. 1² Zweites Kapitel. Plötzlich regnete es eine Schaar Könige nieder, Sie hielten Reden und verſchwanden wieder. Balaam's Eſel. Zur Zeit, von welcher wir reden, war das ganze ufer des Delaware, dieſſeits und jenſeits, von dem Hoar Kill, jetzt Lewistown, bis nach Elſingburg, in dem Zuſtande der Natur. Das Gebiet war von verſchiedenen Monar⸗ chen an verſchiedene Perſonen überlaſſen worden, welche von Zeit zu Zeit von den Indianern große Länderſtrecken kauften, und einen nur unbedeutenden Theil derſelben, gerade in der Nähe ihrer Forts, rodeten und bebauten. Ueber Elſingburg, auf demſelben Ufer des Delaware, war die Anſiedelung von Coaquanock, und höher hinauf war Chygors und die Anſiedelung der Fälle, wo Trenton nun liegt. Jenſeits dieſer waren kleinere Anſiedelungen gemacht und Dörfchen erbaut worden, wie Eliſabethtown, Bergen, Mittleton, Shrewsbury, Amboy, und vielleicht noch einige andere Orte. Mit nur unbedeutenden Aus⸗ nahmen lebten alle Coloniſten in Dörfern, um gegen die Einfälle der Indianer geſichert zu ſein; ihre Ländereien lagen zerſtreut umher, und ſie bebauten dieſelben mit den Waffen in der Hand. — 179— In den Räumen, welche dieſe unter ſich entfernten Anſiedelungen trennten, wohnten mehrere kleine indianiſche Stämme, welche zuweilen in freundlichem Benehmen mit ihren neuen Nachbarn lebten, zuweilen aber auch Raub und Mord begingen. Die erſten Anſiedler dieſes Landes waren vielleicht ein ſo ungewöhnlicher Menſchenſchlag, wie je einer exi⸗ ſtirte. In ihren Sitten ganz unkriegeriſch, wagten ſie ſich in eine neue Welt und begaben ſich in geringer An⸗ zahl furchtlos in die Nähe und in die Macht einer zahl⸗ reichen Rage von Wilden. Der tugendhafte und berühmte William Penn und ſeine Begleiter, welche nach ihren Grundſätzen und ihren Handlungen dem Nicht⸗Wider⸗ ſtande zugethan waren, und es ſelbſt für unrecht hielten, ſich zur Abwehr der Gewalt zu rüſten, vertrauten ſich den Wildniſſen an— nicht mit Waffen, um ſich den Weg durch die wilden Indianer zu erkämpfen, ſondern mit dem Oelzweige in den Händen, um den freundlichen Verkehr des geſelligen Lebens zu fördern. Dieſe Aben⸗ teurer beſaßen im Allgemeinen einen hohen Grad von mora⸗ liſchem Muthe, von Ausdauer, Kühnheit und Biederkeit und eine unvertilgbare Liebe zu bürgerlicher und religiöſer Unab⸗ hängigkeit, wodurch ſie in den Stand geſetzt wurden, mit den beſchränkteſten Mitteln zu thun, was Andere mit den aus⸗ gedehnteſten nicht zuwege brachten. Es iſt unmöglich, ihre frühere Geſchichte zu leſen und bei den vielfachen Mühſeligkeiten, Leiden und Gefahren von Seiten der 12* 1 — 180— Männer, bei der heldenmüthigen Kraft und Entſagung von Seiten der Frauen zu verweilen, ohne daß unſer Auge feucht wird und unſer Herz ſich in Liebe und Be⸗ wunderung dieſer unſerer edlen Vorfahren ausdehnt, welche den jungen Baum der Freiheit mit ihren Thränen begoſſen, und mit ihrem Blute ſich und ihren Nachkommen das edelſte Vorrecht geſichert haben,— Gott nach ihrem Gewiſſen dienen zu können. Der Charakter der indianiſchen Nationen, welche jene Theile von Nordamerika bewohnten, und man kann ſagen aller der wilden in dieſem unermeßlichen Länder⸗ gebiet zerſtreuten Stämme, war ziemlich einer und der⸗ 3 ſelbe. Wie alle unwiſſenden Völker, waren ſie ſehr aber⸗ gläubiſch. Als im Jahre 1680 der große Komet erſchien, wurde ein Sachem(Weiſer und Prieſter) gefragt, was er von dieſer Erſcheinung halte. „Sie bedeutet,“ ſagte er,„daß wir Indianer weg⸗ ſchmelzen werden, wie Frühlingsſchnee, und daß dieſes Land von einem andern Volke bewohnt werden wird.“ In großer Verehrung ſtanden bei ihnen ihre alten Begräbnißplätze, und wenn einer ihrer Freunde oder Verwandten in einer weiten Entfernung ſtarb, ſo brach⸗ ten ſie ſeine Gebeine heim, um ſie auf der Begräbniß⸗ ſtätte des Stammes beizuſetzen. Nichts hat in ſpätern Zeiten das Gefühl der Rache gegen die Weißen mehr angefacht, als wenn ſie den Boden umpflügten, in wel⸗ chem die Gebeine ihrer Väter ruhten. — 181— Wenn man ſie gut behandelte, waren ſie freundlich und freigebig gegen Fremde; ſie waren aber von Natur zurückhaltend, leicht reizbar und trugen ihre Rache lange Zeit in der Bruſt. Allein das Andenken an Wohlthaten haftete eben ſo lange und ſie vergaßen es nie, wenn ſie bei Weißen Gaſtfreundſchaft und Güte gefunden. In jenen frühen Tagen pflegte ein alter Indianer das Haus eines wackern Landmannes zu Mittleton, in Neu⸗Jerſey, zu beſuchen, wo er ſtets gaſtfrei aufgenom⸗ men und freundlich bewirthet wurde. Eines Tages be⸗ merkte die Gattin des Coloniſten, daß der Indianer nachdenklicher war, als gewöhnlich, und daß er dann und wann tief ſeufzte. Sie fragte, was ihm fehle, und er verſetzte, er habe ihr etwas zu ſagen, das, wenn es be⸗ kannt würde, ihm das Leben koſten müſſe. Als ſie wei⸗ ter in ihn drang, entdeckte er ihr, daß die Indianer ſich gegen die Einwohner des Dorfes verſchworen und beſchloſ⸗ ſen hätten, es in der Nacht anzugreifen und Alles zu ermorden, was darin lebte. „Ich habe dich noch nie getäuſcht,“ ſagte der alte Mann;„ſag' es deinem Gatten, damit er ſeine Brüder warne; aber laß es Niemand wiſſen, daß du mich heute geſehen haſt.“ Der Hausvater ſammelte die Dörfler und man wachte die Nacht. Um Mitternacht hörten ſie das Kriegsgeſchrei; da die Indianer das Dorf aber zur Vertheidigung gerüſtet — 182— fahen, ließen ſie ſich zu einem Friedensvertrag bereden, welchen ſie nie in der Folge verletzten. Ihre Begriffe von Recht waren faſt nur darauf be⸗ ſchränkt, Rache gegen Unbilden zu üben; ein Verbrecher jedoch, welcher ſich der Strafe zu entziehen ſuchte, und darüber betroffen ward, unterwarf ſich, ohne zu murren, dem Willen ſeines Stammes. Einſt verlor ein Häuptling, Namens Taſhyowican, eine Schweſter durch die Blattern, deren Verbreitung durch die Weißen eine der Hauptveranlaſſungen des Haſ⸗ ſes der Indianer war. „Der Maneto des weißen Mannes,“ ſagte er,„hat meine Schweſter getödtet, und ich werde nun den weißen Mann tödten.“ Alsbald nahm er einen Freund mit ſich, griff einen Anſiedler, Namens Huggins, an und tödtete ihn. Als die Coloniſten von dieſer Gewaltthat hörten, forderten ſie von dem Stamm, zu welchem Taſhyowican gehörte, Genugthuung und drohten, wenn dieſe verweigert würde, mit furchtbarer Rache. Die Sachems ſandten zwei Indianer ab, um ihn, lebendig oder todt, gefangen zu nehmen. Als ſie zu ſei⸗ nem Wigwam kamen, fragte ſie Taſhyowican, der ihre Abſicht errieth, ob ſie ihn tödten wollten. „Nein,“ verſetzten ſie,„aber die Sachems haben befohlen, daß du ſterben ſollſt.“ „Und was ſagt ihr dazu, Brüder?“ fragte er. — 183— „Wir ſagen, du mußt ſterben!“ erwiederten ſie. „Tödtet mich!“ rief Taſhyowican und bedeckte ſich die Augen, worauf jene ihm durch das Herz ſchoſſen. Vor ihrem Verkehr mit den Weißen kannten ſie nur wenige Laſter, da ihr geſelliger Zuſtand ihnen nur wenige Verſuchungen darbot; und jene Laſter wurden durch viele gute, um nicht zu ſagen, große Eigenſchaften aufgewogen. Später wurden ſie nach und nach durch jenen allge⸗ meinen Fluch ihrer Rage, die geiſtigen Getränke, deren Reiz die beſten und größten unter ihnen nicht widerſtehen konnten, verderbt. Vorzüglich dadurch welkten ihre Stämme hinweg und hinterließen nichts, als einen Namen, wel⸗ cher auch bald vergeſſen ſeyn wird, oder höchſtens die elenden Sprößlinge entarteter Weſen, deren Geiſt ernie⸗ drigt iſt und deren Formen nichts von jener ſchlanken, ſtattlichen Majeſtät zeigen, welche einſt dieſe Monarchen der Wälder charakteriſirte. Der allgemeinſte und beachtenswertheſte Zug jedoch in dem Charakter der rothen Männer Nord⸗Amerika's war ein Ernſt des Betragens, welcher faſt an Schwer⸗ muth gränzte. Es war, als hätten ſie ein Vorgefühl des Looſes gehabt, welches ihrer bei der anwachſenden Zahl der Weißen harrte; und es iſt gewiß, daß es viele Ueber⸗ lieferungen und Weiſſagungen bei ihnen gab, welche den endlichen Untergang und die Vernichtung ihrer Rage an⸗ zuzeigen ſchienen. In ihrem Antlitz herrſchte ſtets der Ausdruck der Schwermuth vor; und man hat bemerkt, — 184— daß ſie nie lachten oder fröhlich waren, ausgenommen bei ihren Trinkgelagen, welche jedoch gewöhnlich mit Be⸗ leidigungen und Blutvergießen endigten. Die kleine Chri⸗ ſtina nannte ſie ſtets„die traurigen Leute“ und dieſer Ausdruck paßte vollkommen zu ihrer gewöhnlichen Erſcheinung. Man darf ſich nicht ſehr wundern, wenn zwei Men⸗ ſchenragen, welche ſo ganz verſchieden an Sitten, Ge⸗ wohnheiten und Intereſſen ſind, und überdies ſich gegen⸗ ſeitig mit Furcht, Argwohn und Eiferſucht betrachten, öfter in Feindſchaft als in Eintracht mit einander leben. Jeder kleine ungewöhnliche Umſtand in ihrem wechſelſei⸗ tigen Benehmen und in ihren Handlungen gab dem zu⸗ folge Veranlaſſung zu Argwohn, dem oft Kränkungen folgten; jede kleine Plünderung auf dem Grund und Boden des Einen oder des Andern wurde dem Gegen⸗ theile zugeſchrieben, ſo daß die Geſchichte ihres früheren Verkehrs unter einander kaum etwas Anderes iſt, als eine Erzählung fortgeſetzten Haders und Blutbades. So lebten ſie fort, bis es endlich ſich in der neuen Welt begab, wie es immer in der alten ſich begeben hatte, daß der„kluge weiße Mann“ zuletzt das Uebergewicht erhielt und es ſeiner Nachkommenſchaft übermachte. Drittes Kapitel. Prinz Heinrich. Hier iſt mein Fuß. Falſtaff. Hier iſt meine Rede. Shakſpeare. Zur Zeit, der unſere Geſchichte uns nun genähert hat, herrſchten bedeutende Mißverſtändniſſe zwiſchen dem Heer Pfeifer und den benachbarten Stämmen. Eine Mühle war an der Einmündung des kleinen Fluſſes gebaut worden, und die Aloſen und Heringe, welche in dieſer Jahreszeit den Haupttheil ihrer Nahrung ausmachten, konnten, in Folge der Eindämmung des Waſſers nicht mehr den Fluß herauf in das Innere des Landes ſteigen, wohin die Indianer im Frühjahre zum Fiſchfang kamen. Auch hatten die Indianer den Branntwein aufgezehrt, das Pulver verſchoſſen und die warmen Ueberwürfe abgetra⸗ gen, welche ſie für ein großes Ländergebiet, das ſie der ſchwediſchen Regierung verkauft, erhalten hatten, und ſie bereuten nun, wie es unter ſolchen Umſtänden zu gehen pflegt, den Handel. Die Sachems beklagten ſich überdies, der Dominic Kanttwell treibe böſes Spiel mit einigen ihrer Leute und ſuche ſie zu verführen; indem er ſie gute Chriſten zu werden lehren wolle, habe er ſie blos Rum trinken ge⸗ lehrt und ſie zu ſchlechten Indianern gemacht. ſen und dort haben ſie mir geſagt, die ihrige ſei die ein⸗ — 186— Auf der andern Seite machte ihnen der ſchwediſche Statthalter den Vorwurf, ſie handelten gegen die Rechte der ſchwediſchen Majeſtät, indem ſie auf dem Gebiete jagten, welches ſie verkauft und abgetreten hatten. Er deutete auch an, daß er ſie in Verdacht habe, ſie beab⸗ ſichtigten, die Stadt Elſingburg zu überrumpeln, ein Ver⸗ dacht, welchen er auf einige geheimnißvolle Winke des Schneeballs gründete, die neulich gewiſſe unerklärliche, dunkle Ausſprüche hatte laut werden laſſen.. Auch Dominic Kanttwell war in furchtbarem Eifer gegen die rothen Leute, da ihn vor kurzer Zeit ein alter Sachem, welchen er zu dem einzig wahren Glauben, wie er es zu nennen für gut fand, bekehren wollte, mit ſei⸗ nen Beweisgründen mächtig in die Enge getrieben hatte. Der alte Sachem blieb ſtill, bis jener fertig war, denn es iſt ihre Gewohnheit, nie Jemand im Reden zu unter⸗ brechen, und dann verſetzte er mit großem Ernſte: „Bruder, du ſagſt, deine Religion ſei die einzig wahre Religion in der Welt. Gut! Ich bin in Canada gewe⸗ zig wahre Religion. Gut! Ich bin zu Boſton geweſen und dort ſagten ſie mir, die Religion der Leute von Ca⸗ nada ſei die Religion des böſen Geiſtes, und die ihrige ſei die einzig wahre. Gut! Ich bin bei den Manhattans geweſen, wo ſie das Boſtoner weiße Volk ein ſchlechtes Volk nannten und ſagten, ſie hätten keine Religion. Gut! Ich bin zu Coaquanock unter den Groß⸗Hüten gewe⸗ — 187— ſen, und ſie ſagten mir, die Religion der Manhattans ſei nicht die rechte Sorte. Gut! Ich bin hier, Bruder, und Ihr ſagt mir, unſere Religion iſt die einzig wahre und ihr müßt glauben, wie ich. Gut! Aber, Bruder, wem ſoll ich glauben? Ihr ſagt ſammt und ſonders, das gute Buch, aus welchem ihr predigt, ſei das, was ihr alle zu euerm Führer nehmt und es ſei von dem großen Geiſte ſelbſt geſchrieben, und doch weicht ihr alle untereinander ab. Nun, Bruder, höre, was ich dir ſagen will. Sobald ihr unter euch einig geworden ſeid, welches die wahre Religion iſt, werde ich daran denken, zu euch überzutreten. Gut!“ Es war nicht wohl möglich, einem Naturmenſchen dieſe offenbaren Widerſprüche zu erklären. Der India⸗ ner begreift metaphyſiſche Spitzfindigkeiten nicht, und eine Religion, welche für einen Geſellſchaftszuſtand, wie der ihrige, berechnet iſt, muß aus den einfachſten Elementen beſtehen. Wie dem nun ſein mag, den Dominic ärgerte die Hartnäckigkeit des alten Sachem, und er ſprach bereits davon, die Wilden durch Feuer und Schwert zu bokeh⸗ ren. Der Heer zog es jedoch vor, auf eine Zuſammen⸗ kunft mit einigen der Häuptlinge anzutragen, welche mit dem Stellvertreter der ſchwediſchen Majeſtät an einem Orte, fünf Meilen von Elſingburg, zuſammentreffen ſoll⸗ ten, und zwar am fer des kleinen Fluſſes, deſſen wir im Laufe unſerer Geſchichte ſchon mehrfach erwähnt haben. Der zu dieſer Zuſammenkunft erwählte Platz war ganze Schaar. — 188— eine kleine Fläche in einer Ausbeugung des Fluſſes, der hier ungefähr ſechszig Juß breit war; majeſtätiſche Ulmen, die auf das ſchönſte gruppirt waren, um⸗ gaben den Grund, den nirgends kleines Gebüſch verdeckte. Der grüne Raſen breitete ſich auf der einen Seite bis zu dem Ufer des Flüßchen aus, und auf der andern er⸗ hob ſich ein ſtolzer Felskranz, mit grünem Moos und Lorbeerbüſchen bedeckt, welche eben jetzt ihre blaſſen Blü⸗ thenaugen erſchloſſen. Der Fels war in ſeiner Höhe mit einer Gruppe ſtolzer und uralter Eichen gekrönt, welche ihre breiten Aeſte über dem Fels wiegten und den Fluß zum Theil überſchatteten, welcher ſich in einiger Entfer⸗ nung zwiſchen zwei Hügeln fortſchlängelte und verſchwand. Zu dieſem abgeſchloſſenen Platz kam der Heer Pfei⸗ fer, begleitet von dem langen Finnen, Dominic Kanttwell, den getreuen Räthen von Elſingburg, nebſt einer Anzahl von Männern, Weibern und Kindern, welche die Neu⸗ gierde herbeizog, und die der unermüdliche Lob Dotterel in Ordnung hielt, indem er mehr Lärm machte, als die Hier verſammelten ſich auch zehn oder zwölf von den Monarchen der neuen Welt, deren Namen und Titel, richtig und genau überſetzt, denen der ſtolzeſten und größten Herrſcher aller Zeiten und Länder nicht nach⸗ ſtanden. Man ſah hier den Großen Büffel, das Kleine Entenbein, den Spitzköpfigen Bären, den Wandelnden Schatten, den Rollenden Donner, die Eiſen⸗Wolke, den — 189— Spring⸗Stör, das Leib⸗Weh und den Doctor, ſämmtlich legitime Herrſcher, mit Kupferringen in ihren Naſen, den Staats⸗Umwürfen und den gemalten Geſichtern. In ihrem Gefolge war ein Zug von Unterhäuptlingen und Kriegern, welche auf der einen Seite der kleinen Fläche ſchweigend in einem Halbkreis Platz nahmen. Zu ihrer Rechten ſaßen die Könige, den Körper vorgebeugt, in der Stel⸗ lung aufmerkſamer Hörer, und die Umwürfe dicht um die Schultern gezogen, welche, wenn ſie ſich dann und wann öffneten, das mörderiſche Tomahawk und das Scalpirmeſſer erblicken ließen. Ihnen gegenüber, auf einer kleinen natürlichen Plat⸗ form, war eine Bank oder eine Art Bühne für den Heern Pfeifer und ſein Gefolge. Der Heer trug bei dieſer Ge⸗ legenheit ſeine ſchwediſche Offiziers⸗Uniform, welche er unter dem großen Guſtav Adolph getragen hatte; um die Lenden hatte er ein Schwert gegürtet, welches ihm, wie er ſagte, jenes Bollwerk des proteſtantiſchen Glaubens gegeben hatte, um ihn für gewiſſe wichtige Dienſte zu belohnen, welche Statthalter Pfeifer herzuzählen ver. weigerte, ausgenommen am Neujahrs⸗Abend und an an⸗ dern denkwürdigen Tagen. Der Rollende Donner zog eine lange Pfeife hervor, die mit gefärbten Pferdehaaren und andern bunten Ge⸗ genſtänden mannichfacher Art verziert war. Nachdem er ſie angeſteckt hatte, that er einige Züge daraus und gab ſie ſeinem Nachbarn; und ſo ging ſie in der Runde um⸗ — 190— her, bis ſowohl die weißen als die rothen Männer an dieſer feierlichen Friedensſitte ihren Antheil genommen hatten. Der Rollende Donner verbeugte ſich dann an⸗ muthig vor dem Heern und winkte mit der Hand, als Zeichen, daß ſie bereit ſeien, ihn zu hören. Jetzt erhob ſich der Statthalter Pfeifer und ſeine Rede wurde von Zeit zu Zeit durch einen Dolmetſcher überſetzt. „Delawares, Minks, Mingoes, Muskrats und Mud Turtles, hört!“ ſagte der Heer und fühlte die ganze Würde ſeiner Lage als der Stellvertreter eines Königs, welcher eine Verſammlung von Königen anredet. „Ihr habt euch in der letzten Zeit ſchlecht benom⸗ men; ihr habt Ländereien verkauft und ſie wieder an euch geriſſen, nachdem ihr euer Pulver verſchoſſen, eure Ta⸗ backsbeutel geleert und euern Rum getrunken hattet.“ „Delawares, Minks, Mingoes, Muskrats und Mud Turtles, hört!“ „Ihr werdet von Tag zu Tage ſchlechter, trotz Allem, was wir thun, um euch beſſer zu machen; ihr betrinkt euch und bekämpft euch mit Meſſern, ſtatt euch wie Brüder zu umarmen. Das iſt gottlos und der große Geiſt wird euch ſtrafen. Bevor viele Monde vergangen ſind, werden die Leute fragen, was aus den Oelawares, den Mingoes und dem Reſt der rothen Leute geworden iſt; und die Antwort wird ſein, daß ſie von flüſſigem Feuer verzehrt wurden.“ — 191— „Delawares, Minks, Mingoes, Muskrats und Mud Turtles, hört!“ „Ihr habt euch geweigert, die anzuhören, welche ich zu euch ſandte, um euch zu lehren, wie man den großen Geiſt verehrt, der euch zürnt und euch die Blattern ge⸗ ſendet hat, um euch zu züchtigen. Ihr habt auf des wei⸗ ßen Mannes Gründen gejagt und den Damm niederge⸗ riſſen, welchen ich über den Fluß gebaut habe, damit wir unſer Getraide ſchälen und Bretter ſägen können, unſere Häuſer zu bauen.“ „Dies ſind einige der Dinge, von denen ich mit euch ſprechen wollte. Ich ſage euch, der große Geiſt zürnt, und euer großer Vater, über dem großen See drüben, wird Rache nehmen. Laßt mich hören, was ihr zu ſagen habt.“ Die rothen Könige hörten dieſe Anrede mit dem Schweigen des Grabes. Sie warteten eine Zeit lang, um zu hören, ob der Heer mit ſeiner Rede zu Ende ſei. Dann erhob ſich der Rollende Donner, warf ſeinen Ueber⸗ wurf zurück, ſo daß man ſeine Schulter und den rothen rechten Arm nackt ſah, und begann nun, erſt leiſe und dann lauter und belebter, Folgendes zu ſprechen: „Langmeſſer! Das ſtarke Getränk kam zuerſt durch die Holländer zu uns, welche es uns verkauften und uns dann ſagten, wir dürften es nicht trinken; ſie wußten, daß es uns ſchädlich wäre, und doch verſuchten ſie uns, es zu kaufen.“ „Langmeſſer! Das Volk, welches nach ihnen zu uns kam, waren die Engländer, die uns gleichfalls ſtarkes Getränk verkauften, wegen deſſen Genuß ſie uns nah⸗ her tadelten. Dann kamen die Schweden, euer Volk, und auch ſie verkauften uns ſtarkes Getränk. Ihr alle habt gewußt, daß es uns ſchädlich ſei, und daß wir es, wenn ihr es uns gegeben, trinken und toll werden wür⸗ den. Wir trinken es, gerathen in Hader und Streit, und werfen einander in das Feuer. Sechs Schock und zehn von unſern Leuten ſind bei dieſen tollen Trinkge⸗ lagen von ihren eigenen Brüdern erſchlagen worden. Wer iſt deßhalb zu tadeln?“ „Langmeſſer! Ihr ſagt, wir beſuchten die Gebiete, welche wir euch verkauft, wieder, und jagten darauf, als ſeien ſie noch unſer, nachdem wir den Kaufpreis vergeu⸗ det. Wir verkauften euch das Land und die Bäume darauf, aber wir haben nicht die Vögel in der Luft und die Thiere des Waldes verkauft. Dieſe gehören denen, welche den Muth und das Geſchick haben, ſie zu tödten. Die Langmeſſer verſtehen von der Jagd nicht mehr als Weiber. Auch ſagtet ihr, wir hätten den Damm zer⸗ ſtört, welchen ihr über den Fluß gebaut habt, um euer Korn zu ſchälen. Als wir uns dieſen Frühling nach den Fiſchen umſahen, welche gewöhnlich den Fluß herauf zu uns kamen, waren keine da, und unſere Weiber und Kinder ſtarben faſt vor Hunger. Wir kamen herab, um zu ſehen, was es gäbe, und fanden, daß die Fiſche nicht — 193— über euren Damm konnten, und ſo zerſtörten wir ihn. Ihr ſagt uns, wir ſollten ſo handeln, wie wir gern gegen uns gehandelt ſähen. Warum nehmt ihr uns denn unſere Fiſche, damit ihr euer Korn ſchälen könnt?“ „Langmeſſer! Wir haben die Reden des Dominic aufmerkſam angehört und ſie zu verſtehen geſucht, es gelang uns aber nicht. Der große Geiſt hat dem rothen Mann einen Sinn gegeben und dem weißen einen andern. Wenn ihr um drei Biberfelle mit uns handelt, werdet ihr nicht eines für drei nehmen; und doch wollt ihr uns glauben machen, drei große Geiſter machten nur Einen großen Geiſt aus. Wir verſtehen das nicht. Iſt's unſere Schuld?“„f „Langmeſſer! Ihr ſagt, wir würden von Tag zu Tage ſchlechter und ſchlechter und der große Geiſt wolle uns in ſeinem Zorne von dem Angeſicht der Erde ver⸗ tilgen. Wir wiſſen das, denn unſere Zahl nimmt von einem Tage zum andern mehr und mehr ab. Der weiße Mann iſt das Feuer, das in den Wäldern angezündet wird und die Blätter abbrennt und die hohen Bäume der Wälder tödtet. Wir werden ſterben oder verjagt werden, bis wir dorthin kommen, wo ſich die Sonne in den großen Salzſee des Weſten ſenkt, und wenn wir nicht weiter können, wird et mit unſerer Rage bald ein Ende haben. Wenn dies der Wille des großen Geiſtes iſt, ſo Paulding V. 13 — 194— können wir es nicht ändern; wenn es ſein Wille nicht iſt, ſo könnt ihr nichts dazu thun.“ „Langmeſſer! Ich habe euch geantwortet; hört mich nun. Ihr kamt als Fremdlinge hierher und batet uns um ein Stück Land zu einem Garten— wir gaben es euch. Nach und nach begehrtet ihr mehr— und es ward euch gegeben. Als wir des Gebens müde waren, kauftet ihr uns große Länderſtrecken für Tabacksbeutel und Rum ab. Die Tabacksbeutel und der Rum ſind dahin und ihr habt das Land. Iſt es zu wundern, wenn wir böſe ſind, daß man uns geäfft hat, und wenn wir wünſchen, das Land wieder zu haben? Der weiße Mann kommt jeden Tag und drängt den Indianer weiter und weiter in die Wälder zurück, wo es weder Fiſche, noch Auſtern zu eſſen gibt. Iſt es ein Wunder, daß wir, wenn uns hun⸗ gert, übelgelaunt werden und den weißen Mann haſſen? Der Dominic ſagt uns, ihr hättet ein Recht auf unſer Land, wenn wir keine Umzäunungen machen, den Boden nicht umpflügen, und reich und glücklich werden, wie eure Leute in ihrem eigenen Land. Wenn dieſe aber zu Haus ſo glücklich ſind, ſo ſehe ich nicht ein, warum ſie hierher kommen.“ 4 „Langmeſſer! Wir möchten gern Freundſchaft mit euch halten, aber ihr ſeid ein ſchlechtes Volk; ihr habt zwei Geſichter, zwei Herzen und zwei Zungen; ihr ſagt uns ſo und handelt anders; der rothe Mann lügt nie, 1 — 195— ausgenommen, wenn ihr ihn trunken gemacht habt; was er ſagt, wird er thun; er ändert niemals ſeinen Weg. Ihr kamt als Freunde hierher; aber ihr ſeid unſere ärg⸗ ſten Feinde geweſen; ihr habt uns ſtarkes Getränk, die Blattern und Lügen gebracht; geht wieder heim und nehmt das alles mit euch zurück. Wir möchten gern, wenn möglich, wieder ſein, wie wir einſt waren, ehe ihr zu uns kamt. Geht! Laßt uns unſern Wäldern, unſern Waſſern, unſern alten Sitten und unſern alten Göttern. Wenn der große Geiſt will, daß wir das Land pflügen, Rum verkaufen und Chriſten werden, ſo kann er es thun. Die Mittel aber, welche ihr anwendet, bringen dieſe Dinge nur zum Ziele, wenn von den rothen Män⸗ nern nichts mehr da iſt, als ihr Name und ihre Gräber.“ Als der Rollende Donner ſchwieg, erhob ſich Dominic Kanttwell und hielt eine Rede, welche, obgleich ſie ſehr eindringlich und gut gemeint war, nur dazu diente, die rothen Könige noch mehr zu erbittern. Er ſprach von ihrem alten Glauben mit Verachtung; beleidigte ihren Nationalſtolz; ſpottete über ihre Art zu denken und zu handeln und ſtellte einen niederſchmetternden Contraſt auf zwiſchen den unwiſſenden, in den Wäldern umher ſchwär⸗ menden Barbaren und den weißen Männern, welche ſich der Behaglichkeit und der Sicherheit des geſittigten Le⸗ bens egfreuten. 7 Die Indianer umher begannen zu murren, dann 13 † — ! — 196— mit den Zähnen zu knirſchen und endlich ſprangen viele von ihnen auf, ergriffen ihre Tomahawks und ließen das Kampfgeſchrei hören. Der Heer und ſeine Begleitung waren nun in dringender Gefahr, der Wuth des Augen⸗ blicks als Opfer zu fallen. 1 Aber der Rollende Donner erhob ſich nun, gebot mit der Hand Stillſchweigen und ſprach folgende Worte: „Rothe Männer, hört mich! Die Langmeſſer kamen in Frieden hierher, und ſo laßt ſie auch wieder gehen. Laßt uns ihre Verrätherei nicht nachahmen, indem wir ihr Zutrauen benutzen, um ſie zu vernichten. Seht! Ich verlöſche hier die Friedenspfeife; ich zerreiße den W pumgürtel, welcher ein Zeichen war, daß wir Freunde ſein wollten; und ich grabe das verſcharrte Tomahawk wieder aus. Unſere Freundſchaft iſt zu Ende. Langmeſſer, heute geht in Frieden von hinnen; aber morgen betrachtet den rothen Mann als euren Todfeind. Ehe ein neuer Mond dahin iſt, ſeht ihr euch wieder.“ Er entblößte dann ſeinen Arm, zog ſein Meſſer und ſtieß es in den fleiſchigen Theil. Das Blut ſprang und er rief: „Für jeden Tropfen, der nun auf den Boden fällt, ſollen ein, zwei, drei, ja vier Opfer aus dem Schlangen⸗ neſt gezählt werden.“ Die rothen Könige entfernten ſich nun langſam, von ihrem Volke gefolgt, das, den Schlachtruf brüllend und — 197— blutige Lieder ſingend, allmählig verſchwand, bis endlich ihre Stimmen in der Tiefe des Waldes verhallten. Der beunruhigte und gereizte Heer aber ſagte vor ſich hin: „Verflucht und verdammt ſei deine ſchwarze Seele!“ worauf er mit ſeinem Gefolge düſter und mißvergnügt in ſein Dorf Elſingburg zurückkehrte. Viertes Kapitel. Der Bratſpieß fuhr erzürnt los Und gab dem Puddingſtock einen Stoß. Mord! ſprach die Feuerkluft, wollt ihr einig ſein? Ich bin der Oberconſtable! Sperrt ſie ein! Der Mutter Gans Lieder. Gleich dem alten Streitroß, dem der Pulvergeruch in die Nüſtern fährt, und das die gellende Pfeife, die ſchmetternde Trompete und die rollende Trommel hört, fühlte der Heer Peter jetzt den Geiſt der alten Kriegs⸗ genoſſen Guſtav Adolphs, wie das Aufflackern einer aus⸗ gehenden Lampe, in ſich auflodern. Er hielt Inſpection über die Paliſaden, putzte ſeine alten Waffen, verſah die Garniſon mit Lebensmitteln und übte die Dörfler in der Handhabung der tödtlichen Büchſe. Jeden Tag ſah man ihn in ſeinem aufgeſtülpten Hut, mit ſeinem unbezwingbaren Schwert, der zerknitterten Uniform und mit einem Geſicht umhergehen, in welchem die unbeſieg⸗ bare Tapferkeit ſo grimmig glänzte, daß ſelbſt die Frauen und kleinen Kinder jede Nacht köſtlich ſchliefen, ausge⸗ nommen, wenn ein Trupp heulender Wölfe ſich unter der Hülle der Finſterniß dem Dorfe näherten, und die Angſt ſie wach hielt, die Indianer ſeien im Anzug und der Rol⸗ lende Donner nahe, deſſen Name allein hinreichte, ein ganzes Regiment Miliz in Schrecken zu verſetzen. — 199— Es gehört zu den ärgerlichſten Dingen, die dem ſterblichen Menſchen auf dieſer erbärmlichen Welt begeg⸗ nen können, wenn man ſich die größte Mühe gibt, einer Gefahr vorzubeugen, und dieſe ſich nicht zeigt. Nichts iſt aber gewöhnlicher, als daß Leute Schätze anhäufen, ohne lange genug leben zu bleiben, um ſie zu genießen; daß ſie ſich gegen Mangel ſchützen, der nie eintrifft, und daß ſie den Genuß, die Freude und Wonne des Augenblicks opfern, um ſich nur gegen die Bedürfniſſe einer Zeit ſicher zu ſtellen, welche ſie nie erleben. Es will faſt ſcheinen, als habe das Schickſal ſeine Freude daran, den Stolz der menſchlichen Weisheit zu demüthigen, indem es täglich Beiſpiele zeigt, wie oft die wachſamſte Klugheit vergeblich aufgeboten wird, Uebel zu verhüten, die nie kommen, oder den Folgen ſolcher, die wirklich eintreffen, zu entgehen; während auf der andern Seite die kühnſte Verachtung gegen Berechnungen der Zukunft mit dem größten Glücke gepaart iſt. Wir gäben dieſe Welt der Einbildungskraft— die einzige, auf welche wir Helden von der Feder einen wirklichen An⸗ ſpruch machen können— hin, wenn wir im Stande wären, die Frage zwiſchen den relativen Ausſichten eines Mannes von außerordentlicher Klugheit und von gar kei⸗ ner Klugheit zu entſcheiden. Es iſt jedoch möglich, daß der Verlauf unſerer Erzählung einiges Licht auf dieſen Gegenſtand wirft. 4 Mehr als vierzehn Tage waren unter dem Getöſe — 200— der Vorbereitungen und Zurüſtungen und der Wachſam⸗ keit beſorgter Angſt verlaufen, ohne daß ſich eine Spur von dem Rollenden Donner und ſeinen gemalten Krie⸗ gern gezeigt hätte. Der Heer ſprach von Tag zu Tage ſtolzer und übermüthiger, ſein Gang wurde feſter und er rühmte ſich zuverſichtlicher der tüchtigen Naſenſtüber, die er dieſen Galgenſchwängeln geben wollte, wenn ſſie es wagten, ſeine Feſtung Elſingburg anzugreifen. Aber, ach! dieſer Mann ſollte ſtets von einem Extrem zum andern übergehen, ſeine beſorgliche Angſt nur mit der thörichten Kühnheit gränzenloſer Sorgloſigkeit ver⸗ tauſchen! Da der gute Heer ſah, daß die Indianer nicht ſo ſchnell kamen, als er ſie erwartet hatte, überredete er ſich zuletzt, ſie würden wohl gar nicht kommen, obgleich er hätte wiſſen ſollen, daß die Rage der rothen Männer kommt, wie der Tod, wenn man ſie am wenigſten er⸗ wartet. Er ließ ſonach allmählig die bisherige Wachſamkeit einſchlafen und ſetzte ſein Fort in Friedenszuſtand, trotz den ſeltſamen, geheimnißvollen Warnungen des afrikani⸗ ſchen Schneeballs. Dieſe geſchwätzige alte Schwarze war jetzt heftiger und dringender, als je, mit ihren unbegreif⸗ lichen Weiſſagungen, und der Heer ſtieß ihr nie auf, ohne daß ſie irgend eine Rabenbotſchaft krächzte. „Schlafe fort, bis du nicht mehr erwachſt,“ rief ſie.—„Träume, bis deine Träume in wachem Wehkla⸗ 2 — 201— gen endigen, und glaube, das, was nicht iſt, würde nie ſein.“. „Was willſt du damit ſagen, du ewige Mühlen⸗ klapper?“ pflegte der Heer zu antworten.—„Fort mit dir, und ſprich entweder, was du weißt, oder halte dein Maul. Was weißt du? Der Teufel hole dich!“ „Ich weiß, was ich weiß; ich könnte dir ſagen, was ich dir nicht ſagen will.— Ich könnte die, welche ich liebe, auf die Gefahr hin, die zu verderben, welche ich noch mehr liebe, retten.“ „Verwünſcht ſeiſt du, trogköpfiger, verrückter Schnee⸗ ball!“ ſagte der Heer, während die krausköpfige Bombie fortging, um den lieblichen Geſellen Kupido, ihren Enkel, aufzuſuchen, welcher von Tag zu Tage düſterer und wider⸗ ſpenſtiger wurde, und nun mehr als die Hälfte ſeiner Zeit damit hinbrachte, daß er mit ſeinem Hund in den Wäldern umher ſtreifte. Man ſah jetzt die Großmutter und den Enkel häufig in geheimem Geſpräche begriffen, und Bombie ſchien dann häufig ſehr beunruhigt zu ſein; der Gegenſtand dieſer Verhandlung wurde aber nicht be⸗ kannt und die Sache erregte weiter kein Intereſſe. Die Pfingſtzeit kam heran und mit ihr hundert ländliche Freuden und muntere Spiele und Luſtbarkeiten. Die drallen Dirnen eilten in ihrem beſten Staate und mit Wangen, röther als die Roſe, von ihren ländlichen, biderben Korydons degleitet, in die Wälder, um die Pfingſt⸗ Aepfel zu ſuchen, oder in dem Blüthengezweige Ver⸗ — 202— ſtecken zu ſpielen. Die jungen Burſche, welche noch nicht das Alter hatten, um an ein Süßliebchen zu denken, ver⸗ ſammelten ſich auf einem öffentlichen Raſenplane in der Nähe des Dorfes und gaben ſich mannichfaltigen Spielen hin, wie ſie ihren Jahren und ihrer Neigung angemeſſen waren. Hier ſpielte eine Gruppe luſtiger Knaben Ball, und ihre Zuſchauerſchaft beſtand aus einem halben Dutzend ſchwarzer Geſellen, welche bei jedem guten Schlage, bei jedem glücklichen Lauf mit furchtbarem Geſchrei ihren Beifall zu erkennen gaben. Dort unterhielt ſich eine Schaar ſolcher, die noch nicht alt genug waren, um unter die Erſteren aufgenommen zu werden, damit, daß ſie paarweiſe ihren Ball einander zuwarfen. Ein dritter Haufen warf Marmorkugeln; ein vierter feuerte mit klei⸗ nen Bleikanonen; ein fünfter ſpielte das Ringelſpiel; ein ſechster das Hellerſchieben, wobei Knöpfe ohne Oehre die Heller vertraten; ein ſiebenter rollte ſich im Koth, und ein achter machte Kothpaſteten. Kurz, es waren hundert verſchiedene Spiele und Ergötzlichkeiten im Gange, und Alle waren ſo glücklich, als der Lärm und die freie Zeit ſie machen konnte. Das einzige Hinderniß der Freuden dieſer muntern, lärmenden Geſellen war die Anweſenheit jenes geſchäf⸗ tigen Allerweltsmenſchen, Lob Dotterels, des Obergerichts⸗ dieners von Elſingburg, welcher nie ſehen konnte, daß eine Gruppe Menſchen, groß oder klein, fröhlich war, ohne daß er ſich in das dichteſte Gedränge miſchte, Un⸗ — 205— heil anzurichten und jede Freude zu ſtören, was er„den Frieden erhalten“ zu nennen beliebte. Wir hätten ſchon früher erwähnen ſollen, daß unter den von dem Heer und ſeinen getreuen Räthen zur Verbeſſerung der Elſing⸗ burger Polizei angenommenen Plänen auch der war, Verordnungen zu erlaſſen, durch welche die verſchiedenen Vergnügungen gehemmt würden, denen ſich Kinder ſeit undenklicher Zeit überlaſſen, und die eben ſo gut zu ihren Rechten gehören, wie irgend eine der Freiheiten, welche man unter dem bürgerlichen Geſetze genießt. Wenn Lob Dotterel, welcher ſtets auf der Wache war, die Nachricht brachte, ein Reiter ſei von ſeinem Pferde geworfen worden, weil dieſes vor einem Papierdrachen geſcheut habe, ſo wurde alsbald ein Geſetz erlaſſen, welches ein ſo gefahrvolles, un⸗ geſetzliches Vergnügen verbot; wenn der Rock einer alten Frau durch das Platzen eines Schwärmers anbrannte, ſo erſchien alsbald eine Verfügung gegen dieſe peſtilen⸗ zialiſchen Feuerwerke; und ſo fort, bis die Dorfjugend allmählig durch alle Geſetzarten ſo gehemmt und eingethan war, daß dieſe loſen Schelme, hätten ſie dieſen Erlaſſen die ge⸗ ringſte Aufmerkſamkeit gewidmet, kaum ein Vergnügen oder ein Spiel gehabt hätten, das nicht unerlaubt geweſen wäre. Wie bei vielen neuern Geſetzgebern, reichte eine einzige Thatſache hin, um ein halbes Dutzend weitſchwei⸗ figer Geſetze zu geben, welchen am Ende Niemand ge⸗ horchte. Dieſe liegen, der Mehrzahl nach, unbeachtet, wie eine große Spinne in der Verborgenheit ihres Gewe⸗ ——-— ' — 204— bes, bis der Eifer irgend eines Lob Dotterel einmal plötzlich erwacht und die unſchuldige Freude eines Kindes ſtört, das an ſeinen Papierdrachen, aber nicht an einen Geſetzesdrachen dachte. Man konnte nicht ohne Staunen die geſchäftige Thä⸗ tigkeit Lob Dotterels bei Gelegenheit der Pfingſtvergnügen anſehen. Wenn es zwei kleinen Burſchen begegnete, daß ſie bei ihrem Marmorkugelſpiel oder bei dem Hellerſchie⸗ ben in Hader geriethen und dem natürlichen Geſetze zu⸗ folge ihren Streit ausmachen wollten; oder wenn ein Zank auf irgend einem Theile des Plans losbrach, warf ſich dieſer unermüdliche Gerichtsdiener wie der Blitz unter ſie, und wo er ſich nahte, entſtand ein augenblickliches Schweigen, bis ſeine Pflicht ihn auf eine andere Seite rief, um einen Streit zu ſchlichten, worauf ſeine Entfer⸗ nung durch ein Erneuern des Zankes und Lärms ange⸗ kündigt wurde. Nie war ein Menſch in einer ſo mühe⸗ vollen Lage, und nie wurde ein Menſch für ſeine Mühe ſo ſchlecht belohnt, wie Lob Dotterel, von welchem man wohl ſagen konnte, es ergehe ihm wie einem böſen Hunde, der in der Mitte muthwilliger Knaben von allen Seiten angegriffen und mißhandelt wird, und am Ende nicht weiß, wohin er ſich wenden ſoll. Mannichfach waren die Streiche, welche man dem Obergerichtsdiener ſpielte. Zuweilen banden ſie ihm einen alten Lappen an den Schoß ſeines Staatsrocks, und er wandelte eine Zeit⸗ lang umher, ohne etwas von dieſem Anhängſel an ſeiner . Würde zu wiſſen; zuweilen brachten ſie ihm einen Schwär⸗ mer zwiſchen die Beine; dann ſchickten ſie ihm wieder einen Hagel von Koth und andern ähnlichen Dingen nach. Vergebens fuhr er herum, um den Frevler zu ſtrafen; denn im Augenblick ſtäubte die muthwillige Schaar wie ein Flug wilder Enten auseinander, und Andere griffen ihn in dem Rücken mit neuen Waffen an. Nie wurde ein Mann in dem öfefentlichen Dienſte ſo geärgert und geneckt, wie Lob Dotterel, der zuletzt den Plan verließ und, ſeiner amtlichen Würde überdrüſſig, die junge Elſingburger Brut Ball ſpielen, Drachen ſteigen, Schwär⸗ mer werfen, ſich im Kothe wälzen und ſich zanken und prügeln ließ, ſo lange ſie wollte.. Gegen Abend kam der Heer, der eine gewiſſe Weich⸗ heit des Herzens beſaß, welche ihn mit Entzücken auf glückliche Leute blicken ließ, mit dem guten Ludwig Var⸗ lett, der auch an Spielen und Freuden dieſer Art Ge⸗ fallen fand, heraus, um ſein Alter an dem Anblick der muntern Scherze zu erheitern. Als der Heer Pfeifer ſo umherging, ſteuerte die Krausköpfige auf ihn zu, machte ſich um ihn zu ſchaffen und ließ eine noch bedeutendere Menge von Unbegreif⸗ lichkeiten hören, als gewöhnlich. Zuweilen wendete ſie ſich an den Heern, zuweilen an die ſpielenden und lär⸗ menden Gruppen und kedete ſie in anſcheinender Zer⸗ ſtreutheit an. „Ja,“ murmelte ſie,„ja, ſpielt und tändelt nur, 3 — 206— ihr Grashüpfer, die ihr ſingend und tanzend ſterbt. Das Heimchen zirpt in dem Herde, wenn das Haus im Brande ſteht; das Inſekt ſpielt in der warmen Mittags⸗ ſonne und träumt nicht, daß ihm die kommende Mitter⸗ nachtskälte den Tod bringt.“ Dann wendete ſie ſich zu dem Statthalter und rief mit kräftigem Nachdrucke: „Heer! Heer!— du ſiehſt, wie die Sonne drüben in Weſten untergeht; nimm dich in Acht, ſonſt ſiehſt du ſie nie wieder aufgehen. Bedenke, die Gefahr kömmt wie der Dieb in der Nacht; es iſt mehr Gefahr im Schlafen, als im Wachen. Morgen— wer weiß, wer von uns noch dieſes„Morgen“ ſieht?— morgen ſind wir vielleicht, wie geſtern, ein Theil der Ewigkeit. Vergiß die letzte Warnung nicht,— verachte ſie nicht!“ Die Sonne ging unter; der kalte Thau fiel auf das Gras und dämpfte die Heiterkeit der ſpielenden Grup⸗ pen, welche ſich allmählig zerſtreuten und in das Dorf zurückkehrten. Den ganzen Abend war die ſchwarze Bombie um ihren Herrn zu ſehen, als wenn irgend ein geheimer Drang ſie feſthielt und als wenn ſie gern ſagen möchte, was ſie nicht auszuſprechen wagte. „Der Teufel hole dich!“ ſagte der Heer end⸗ lich.„Was willſt du nur? Ich glaube, du haſt zu viel ſtarkes Getränk zu dir genommen und biſt betrunken?“ „Der Geiſt treibt mich,“ verſetzte ſie langſam, — 297— „aber es iſt nicht der Geiſt, welcher den Fluch meiner Race und der deinigen ausmacht.“ „So laß ihn dich treiben, daß du etwas ſagſt, das man verſteht. Sprich es heraus, oder ſchweige, du kräch⸗ zender Rabe.“ „Ja, ich bin der Rabe, deſſen Geſang warnend und ahnungsvoll iſt!— Wenn der Rabe krächzt, mag ſich der Sterbliche, an deſſen Fenſter ſeine ſchwarzen Schwin⸗ gen anſchlagen, in Acht nehmen; wenn Bombie krächzt, nimm du dich in Acht, Heer!“ „Vor was?“ „Vor— ich kann es nicht ſagen. Um das Blut derer zu retten, welche, wenigſtens manchmal, gütig gegen mich waren, mußte ich Blut vergießen, welches in den Adern des einzigen Weſens fließt, das auf dieſer weiten Welt mit mir verwandt iſt. Heer, ich habe dich ge⸗ warnt, lebe wohl! Wenn du das mörderiſche Geſchrei hörſt, das Todtengeächze, den Jubel der Sieger, und das Ziſchen der Flammen, ſo tadle mich nicht. Lebe wohl!“ Nach dieſen Worten begab ſie ſich langſam weg und der Heer ſah ſie nicht wieder. Er dachte einen Augen⸗ blick über ihre ſeltſamen Warnungen nach; aber er war an ihr wildes, ſeltſames Geſpräch ſo gewöhnt, daß der Eindruck ſich bald verlor. Er begab ſich zur Ruhe und lag, wie gewöhnlich, bald in tiefem Schlafe, die Folge. einer guten Geſundheit und eines guten Gewiſſens. Fünftes Kapitel. Der Wolf und der Wieſel lieben die Nacht; Ohne blutige Beute kehren ſie nie; Die Geiſter im Leichentuch ſind erwacht— Doch der Menſch iſt ſchlimmer, als ſie. Der Raub des Roſſes. Die Nacht, die dem Biedermanne Ruhe gibt und den Schurken, den Wolf und die Eule zu ihrem Räu⸗ berwerk ruft, hatte nun ihren Friedensmantel über die harmloſen Bewohner von Elſingburg ausgebreitet. Die beſorgten Wächter, an denen die Reihe war, an dem Eingang der Paliſaden zu wachen, die den Ort umgaben, waren auf ihren Poſten feſt eingeſchlafen, wie ihre legi⸗ timen Nachfolger, die getreuen Schaarwächter von Neu⸗ York und Philadelphia; und nichts ſtörte die Ruhe der Mitternacht, als das Bellen einiger ſchlafloſen Hofhunde, welche ſich aus der Entfernung anheulten. Keine Seele war in dem ganzen Dorfe wach, die geheimnißvolle Afri⸗ kanerin ausgenommen, die hin und her wandelte, aus der Küche in die Halle, und wieder in die Küche ging, und ihre unverſtändlichen, ſinnloſen Sprüche vor ſich hin murmelte und brummte. 3 Plötzlich blieb ſie vor der großen Uhr ſtehen, betrach⸗ tete ſie einen Augenblick, und rief: — 209— „Die Stunde iſt faſt gekommen, jetzt iſt es Zeit, oder nie.— Vielleicht kann ich meinen Herrn und ſein Kind retten, ohne mein eigenes Blut zu verrathen!“ So ſprach ſie und humpelte hin zu dem Gemach des langen Finnen, ſchüttelte ihn, bis er wach war und rief ihm zu: „Auf, auf, Königsmarke! Die Wölfe ſind in der Nähe! Wache auf, oder du ſchläfſt den ewigen Schlaf!“ „Was iſt's mit den Wölfen?“ erwiederte er und rieb ſich die Augen;„hat man ihr Heulen in dem Dorfe gehört?“ „Ja,“ die Wölfe, welche das Tomahawk und das Scalpirmeſſer führen, und nicht die ſchuldloſen Lämmer freſſen, ſondern das Blut der weißen Leute trinken. Noch ehe eine halbe Stunde vergangen ſein wird, wirſt du den Rollenden Donner raſſeln hören, nicht in den Wol⸗ ken, ſondern in deiner Thüre. Schnell, waffne dich, und wecke die Leute, die da ſchlafen an dem Rande des Grabes! Schnell, ſchnell, ſage ich, die Indianer ſind in dieſer Nacht auf dem Wege.“ Königsmarke kleidete ſich raſch an, faßte Schwert und Büchſe und eilte fort, das Dorf zu wecken, während Bombie den Heern aufſtörte, der ihr für dieſe Unter⸗ brechung ſeines Schlafes den Segen ſprach. Als aber die Krausköpfige, die ſich einmal herabließ, deutlich zu ſprechen, ihm verſicherte, die Wilden ſeien im Anzuge, ſetzte er raſch ſeinen Krämpenhut auf, zog ſeine alte Paulding V. 14 —Q·— ͤm-sms.sms ——y öö — 210— Uniform an, gürtete ſein Schwert um die Lenden und eilte, den Pflichten ſeines Amtes nachzukommen. Noch war jedoch kaum das halbe Dorf in den Klei⸗ dern, als die Uhr in dem Pallaſte zwölf ſchlug, und in demſelben Augenblicke verkündigte ein furchtbares Geſchrei, welches von allen Seiten erſcholl, daß der Ort von den wilden Kämpfern umzingelt ſei. Dieſes Geſchrei, welches die an Gefahren aller Art gewöhnten Anſiedler in der neuen Welt leider nur zu gut kannten, hatte die allge⸗ meinſte Aufregung zur Folge. Alles war nun Verwir⸗ rung— Lärm— Schrecken; aber die kühnen Dörfler waren weit entfernt, ſich der Verzweiflung hinzugeben. Jeder war auf ſeinem Poſten, und ſelbſt die Frauen und Kinder ſtanden bereit, die Gewehre zu laden und ſie ihren tapfern Vertheidigern darzureichen. Das kleine Dorf Elſingburg war dicht an dem Strome erbaut, ſo daß ein Theil der Verſchanzung, welche aus dicken, ungefähr vierzehn Fuß hohen Paliſaden beſtand, die in ziemlich gleicher Entfernung Schießſcharten hatten, um auf die Angreifenden feuern zu können, und innen mit Akazien⸗Nägeln auf zwei Reihen Balken befeſtigt waren, zur Zeit der hohen Fluth vier bis fünf Fuß unter dem Waſſer ſtand. Hier wurden die Fiſcherboote der Dörfler jeden Abend untergebracht, um ſie gegen Dieb⸗ ſtahl und jeden Mißbrauch zu ſichern. Da dieſe Seite des Dorfes gewiſſermaßen durch den Strom geſchützt war, hatten die Indianer ſich alle Mühe gegeben, die Paliſaden in Brand zu ſtecken und das Thor, das der Landſeite zugewendet war, zu ſprengen. Von dem Rollenden Donner angeführt, ſtürmten die Indianer das Thor, wo der tapfere Heer, von Kö⸗ nigsmarke und den Erprobteſten ſeiner Leute unterſtützt, mit allen den Künſten focht, welche ſeine beſchränkte Kennt⸗ niß des Kriegsweſens ihm darbot. Die Wilden verſuch⸗ ten, das Thor in Brand zu ſtecken, indem ſie an der äußern Seite Reiſig und dürres Holz anzündeten; aber die Frauen und Kinder brachten Waſſer, welches man denen reichte, die es wagten, ſich auf die bereits erwähnte obere Balkenreihe zu ſtellen, von wo ſie es auf die Flam⸗ men goſſen und ſie von Zeit zu Zeit löſchten. Mehrere Male hatte das Feuer die dürren Paliſaden angegriffen, und eben ſo oft war es durch die unabläſſigen Bemühun⸗ gen derer von innen gelöſcht worden. Durch die Schieß⸗ ſcharten unterhielten die tapfern Elſingburger ein ſtetes Feuer; aber die Dunkelheit der Nacht hinderte ſie, genau zu zielen, obgleich dann und wann ein gellender Schrei ihnen verkündigte, daß die Kugel nicht verloren ſei. Die Indianer, welche ſich in ihrer Hoffnung, die Paliſaden anzuſtecken, getäuſcht ſahen, ſchleppten nun große Steine herbei, häuften ſie an der Außenſeite und verſuchten ſo die Höhe zu erreichen, um auf den innern Raum hinabzuſpringen. Aber die Schützen waren auf ihrer Hut, und ſobald ſich ein Kopf über den Paliſaden zeigte, blies ihn eine Kugel weg. 3 14* — 212— Die Wilden haben keine Ausdauer im Kriege und ein ernſter Widerſtand entmuthigt ſie leicht. Ihr Eifer ließ allmählig nach, als plötzlich ein donnerähnlicher Knall von der Seite her, wo das kleine Pulvermagazin lag, den ſchreckengelähmten Dörflern ankündigte, daß ihr Haupt⸗ vertheidigungsmittel in einem Augenblick vernichtet wor⸗ den. Ein allgemeines Wehklagen innerhalb und ein Ju⸗ belgeſchrei außerhalb der Paliſaden verkündigten die Ver⸗ zweiflung der weißen Männer und den Triumph der Wilden. Der wackere Heer, der nun bemerkte, daß Alles ver⸗ loren war, und daß das Tageslicht, welches eben im Oſten erwachte, Zeuge des Todes ſeiner Tochter, ſeiner Leute und ſeines eigenen werden würde, bat Königs⸗ marke, das auf den Strom gehende Thor zu öffnen und mit der größten Eile die Boote in Bereitſchaft ſetzen und die Frauen und Kinder einſchiffen zu laſſen, während er ſelbſt das weſtliche Thor bis auf den letzten Augenblick zu vertheidigen bemüht ſein wolle. Mit ſchweigender Eile wurden dieſe Befehle vollzogen und Königsmarke kam nach wenigen Minuten mit der Nachricht zurück, daß Alles bereit ſei. „Geht nun,“ ſagte der lange Finne,„geht, wäh⸗ rend Ludwig Varlett, Lob Dotterel und ich hier noch Stand halten, bis Ihr in Sicherheit ſeid.“ „Den Teufel,“ erwiederte der Heer,„gehe du; ich muß der letzte Mann ſein, der ſeinen Poſten verläßt.“ * „Nein,“ ſprach der Andere,„du biſt alt und kannſt nicht laufen, wie wir. Denke an deine Tochter— deine einzige Tochter! Wer ſoll ſie ſchützen, wenn du ſtirbſt?“ „Du,“ verſetzte der Heer;„vergiß nicht, daß ich, wenn mir etwas Menſchliches begegnet, ſie deinem Schutze in meiner letzten Stunde überantwortet habe. Lebe wohl, wir haben keine Zeit mit Hin⸗ und Herreden, wer von uns gehen ſoll, zu verlieren. Wenn du einen Schuß hörſt, ſo folge raſch.“ Der Heer und die Uebrigen begaben ſich nun eilig zu den Booten, und überließen es Königsmarke und ſei⸗ nen zwei Gefährten, die armen Dörfler durch einen letz⸗ ten Widerſtand in Sicherheit zu bringen. Das Thor ſtand jetzt in hellem Feuer und begann, da man es mit großen Steinen bewarf und die Flammen überall durchſchlugen, zu krachen und furchtbar zu wan⸗ ken; jetzt hörte man den Signalſchuß. In dieſem Au⸗ genblick ſtürzte das Thor ein. Die Indianer brüllten jubelnd auf und warteten eine halbe Minute, bis das brennende Gebälk gefallen war. Dieſe halbe Minute ſetzte Königsmarke und ſeine Gefährten in den Stand, einen entſcheidenden Vortheil zu erlangen. Sie flohen, von einigen der vorderſten Wilden verfolgt, deren einer den Haarzopf Lob Dotterel's faßte, welcher glücklicher Weiſe eine Perücke trug und ſie als eine Trophäe in den Händen des erſtaunten Krie⸗ gers zurückließ. — 214— Die drei Flüchtlinge ſprangen in das Boot, in wel⸗ chem die ſchöne Chriſtina und zwei oder drei Frauen und Kinder waren, und ruderten es den andern nach, welche ſchon in einiger Entfernung waren. Ein großer Indianer warf ſich in den Strom und ſchwamm dem letzten Boote nach; er faßte mit der linken Hand eine Seitenplanke und ſchwang in der Rechten das Tomahawk. Königsmarke eilte mit ſeinem Schwerte zur Stelle und hieb mit einem gutgeführten Zug die Hand ab, welche das Boot hielt. Der Wilde faßte es jetzt mit der andern, welche in demſelben Augenblick von Königsmarke abgehauen ward. Der Wilde brüllte vor Zorn und Wuth und ſchlug, als letzte verzweifelte Anſtrengung, ſeine Zähne in die Seite des Bootes, wo er ſich feſthielt, bis ihm der Kopf abge⸗ hauen wurde und er todt in den blutgefärbten Strom ſtürzte. Aber ſein Angriff war für die Geſellſchaft in dem Boote gefährlich, da andere Indianer dadurch Zeit erhielten, ſich in den Fluß zu werfen und das Boot von verſchie⸗ denen Seiten anzugreifen. „Leiſtet keinen fernern Widerſtand und man wird euch am Leben laſſen; kämpft ihr, ſo iſt euch der Tod gewiß.“ 3 Dieſe Worte rief ihnen die afrikaniſche Sibylle vom Ufer zu. — 215— Chriſtina legte in dieſem Augenblicke des Schreckens ihre weißen Arme um Königsmarke's Hals und beſchwor ihn, auf den Rath zu hören. Widerſtrebend gehorchte er, das Boot wurde an das Ufer gezogen und die Geſellſchaft von den Indianern, unter welchen man den zierlichen Burſchen Kupido er⸗ blickte, der ſich während der ganzen begebnißreichen Nacht nicht hatte ſehen laſſen, zu Gefangenen gemacht. Bombie küßte die Hand ihrer jungen Herrin, wäh⸗ rend ihr die Thninen über die runzeligen Wangen herab⸗ liefen; dann wendete ſie ſich zu dem langen Finnen und rief in feierlichem Ernſte: „Das Lamm iſt dir übergeben, daß du es bewahrſt; zeige dich nicht als Wolf, der es verſchlingt, ſondern hüte es Tag und Nacht; laß nicht einen Augenblick deine Augenlider ſich ſchließen und dein Ohr ſich abwenden, ſondern wache, wache, wache, wie die Sterne, die nie ſchlafen. Sei bieder und treu, und der Geiſt der Mutter vergibt vielleicht dem Retter der Tochter.“ Königsmarke legte die Hand auf ſein Herz, hob ſein Auge himmelan und verſetzte, es dann auf Bombie ruhen laſſend, mit leiſer Stimme: „So wahr mir Gott hilft!“ —·— — 216— Sechſtes Kapitel. Die Gründe ſteben öd' und leer, Wo einſt mein Glück gelacht; Hier blüht kein ſüßes Blümchen mehr, Hier herrſchen Graus und Nacht. Schwediſches Volkslied. Die Boote, in welchen ſich die Bewohner von Elſing⸗ burg geflüchtet hatten, waren kaum außer dem Bereiche der Wilden, als aus der Tiefe der Nacht eine ſchwarze Rauchmaſſe emporſtieg, welcher hundert emporwirbelnde Flammenbüſchel folgten, die den raſchen Verluſt der Heimath derer andeuteten, welche noch vor wenigen Stunden ſo ſüß in dem Schutze ihrer Hütten geſchlum⸗ mert hatten. Weinend und die Hände ringend ſaßen ſie in ihren Booten und ſahen ein Dach um das andere aufflammen und ſtürzen, und die Feuerfunken bis hoch an den Himmel emportreiben. Der gute Heer, welcher nicht wußte, daß ein noch ſchwereres Unglück ſich auf ſein altes Haupt geſenkt hatte, blickte mit ſtummem Gram auf den Ruin des kleinen heimlichen Ortes, welchen er, in den Stunden ſtolzer Hoffnung, ſich als die künftige Hauptſtadt eines ausge⸗ dehnten Reiches, als deſſen Gründer er ſich ſchon be⸗ grüßen hörte, ausgemalt hatte. — 217— Als von dem Dorfe nichts mehr übrig war, als die ſchwarzen Brandtrümmer, verkündigte ein wilder, gellen⸗ der Schrei den Triumph und den Abzug der Wilden, welche eben vor dem Aufgang der Sonne mit frohlocken⸗ den Herzen in ihre Waldwohnungen zurückkehrten. Mit dem fortſchreitenden Tage wagten es die Flücht⸗ linge, ſich dem Platze wieder zu nähern, wo einſt ihre Wohnungen geſtanden. Langſam und vorſichtig ruderten ſie an das Ufer und wagten es, da keine Spur der In⸗ dianer mehr zu finden war, unter den rauchenden Trüm⸗ mern an das Land zu ſteigen. Nichts war mehr übrig von ihren Hütten, als deren Aſche und, wie die Israe⸗ liten, kehrten ſie nur heim, um zu weinen. Jeder hatte gemeinſam mit den Andern gelitten, und während Manche ihrem Schmerze durch laute Ausrufungen Luft machten, ſtanden Andere, von der Verzweiflung niedergedrückt, in ſtarrem Entſetzen da. Aber der unglückliche Statthalter, der zuerſt, als ſie an das Ufer kamen, entdeckte, daß ſeine Tochter vermißt wurde, war wie vom Wahnſinn ergriffen. In dem Kampfe des Schmerzes lief er umher, ſchalt Alle und klagte Jedermann, vor Allen aber ſich ſelbſt, der Nachläſſigkeit an. Er ſchlug ſich die runzelvolle Stirne und rief: „Meine Tochter, p meine Tochter!— mein ein⸗ ziges, mein geliebtes Kind, wo biſt du jetzt? Ach, deine Gebeine bleichen nun in dieſer rauchenden Aſche, oder ———— du weilſt, eine unglückliche Gefangene, unter jenen grau⸗ ſamen Wilden, welche kein Haar deines unſchuldigen Hauptes verſchonen werden.— Und auch Königsmarke, ſie ſind mit einander geſtorben, und wollte Gott, ih hätte ihr Loos getheilt.“ „Sie ſind nicht todt,“ rief eine Stimmne, welche die Anweſenheit der alten Schwarzen verkündigte,„ſie ſind nicht todt, ſie ſind als Gefangene weggeführt worden und vielleicht ſiehſt du einſt deine Tochter wieder!“ „Ich werde lange todt ſein,“ verſetzte der Heer, „ehe ſie zu mir zurückkehrt!“— Und er zerraufte ſein graues Haar und wollte von keinem Troſte hören, obgleich Tante Editha verſicherte, es ſei des Herrn Wille und daher eine Sünde, dagegen zu murren. „Ach,“ ſagte der kummervolle Vater,„daſſelbe We⸗ ſen gab mir eine einzige Tochter und ein Herz, ſie zu lieben. Es kann keine Sünde ſein, das zu beweinen, was Er mir gab!“ Tante Editha nannte dies Gottesläſterung und be⸗ gann, ihm eine Predigt über die Gottloſigkeit zu halten, die ihn veranlaßt hatte, ſeiner Tochter das T Tanzen und Singen zu erlauben. Aber er hörte ſie nicht, er ſtand, in dem Ent⸗ ſetzen überwältigenden Schmerzes halb gebeugt, ein Bild der niedergeſchmetterten, ſchmerzlichen Verzweiflung da! Aber jener heilſame Drang nach Thätigkeit, welcher dem Menſchen nicht als eine Strafe, ſondern als ein — 219— Troſt und als ein gelegentliches Heilmittel gegen das Elend und Unglück gegeben wurde, erlaubte den armen heimathloſen Dörflern nicht, ſich der Muße des Gra⸗ mes hinzugeben. Ohne Nahrung und Obdach, und faſt außer dem Bereiche jener freundlichen Hülfleiſtungen guter Nachbarſchaft, wodurch in den reichen bevölkerten Gegenden ein plötzlicher Unfall durch das Zuſammengrei⸗ fen Vieler ſo raſch gemildert werden kann, mußten ſie nur auf ihre eigenen Mittel ſich verlaſſen, um ihren erſten Bedürfniſſen abzuhelfen. Unſere Dörfler begannen demnach, jenen unverdroſſe⸗ nen Hummeln nicht unähnlich, welche, wenn ihr Bau von muthwilligen Knaben zerſtört worden, ſich augenblick⸗ lich daran begeben, einen neuen aufzuführen, ſich ſogleich ein zeitliches Obdach zu bauen. Sie machten ſich aus Baumäſten Lauben und aus Blättern ein Lager. Ein Theil begab ſich an den Strom, um zu fiſchen, Andere gingen auf die Jagd, und Alles war thätig und geſchäf⸗ tig, ſelbſt der Dominic, der umher ging und die Leute mit der Verſicherung tröſtete, der Brand des Dorfes und der Verluſt ihrer Freunde ſei eine Strafe des Him⸗ mels wegen der ungeziemlichen Spiele und Scherze, denen ſich ihre Kinder zur Pfingſtzeit mit ihrer Geneh⸗ migung hingegeben. Aber man bemerkte, daß die, welche eine ſolche Lehre am ejifrigſten unterſtützten, wenn das Gericht ihre Nachbarn traf, ſie nun, da ſie das Unglück ſelbſt theilen mußten, ſehr unſchmackhaft fanden. — 220— Als Dominic Kanttwell bemerkte, daß dies der Fall ſei, ſprach er von der Umwandlung des Ungemachs in Segen; der Leiden des Körpers in das Glück der Seele, und des Elends dieſer Welt in die Freuden des künfti⸗ gen Lebens. Die alten, Heiligen, ſagte er, faſteten ganze Tage, ja, manchmal Wochen, um freiwillig Buße zu thun; ſie pflegten in den Wäldern und auf dem freien Felde zu ſchlafen, um nur die ſündigen Gelüſte des Fleiſches zu zähmen. Bei all' dem war des Dominic Haus das erſte, das wieder gebaut wurde; der Dominic hatte ſtets die fette⸗ ſten Fiſche und die ſchmackhafteſten Stücke Wildpret; und bevor das Dorf wieder zur Hälfte ſtand, ging Tante Editha ſelbſt mit einer Liſte umher, um ihm ein neues Gewand und eine ſilberne Uhr zu kaufen, damit er wüßte, wenn es Zeit ſei, in die Kirche zu gehen. Den Tag nach dem Brande wurde der Heer durch einen Beſuch ſeines alten Feindes Sadrach Geldpfen⸗ nigs überraſcht, in deſſen Geleit eine ziemliche Anzahl von Großhüten in Booten kamen, und eine Menge Lebensmittel, Balken, Bretter und andere Gegenſtände des Bedarfs brachten; auch hatten ſie Handwerksleute bei ſich, welche ihnen bei dem Aufbauen der Häuſer hel⸗ fen ſollten. All' dies geſchah auf Geheiß des guten Wil⸗ liam Penn; er hatte kaum von ihrem Unglücke gehört, ſo öffnete er ihnen ſein Herz— nein, ſein Herz war ſtets offen,— ſo ſandte er ihnen dieſe willkommene Un⸗ terſtützung. Sadrach war nicht ganz ſo ſteif, wie bei ſeinem erſten Beſuche, und als er vor dem Heern er⸗ ſchien, zollte er ſeinem Unglück jene Achtung, die er ſei⸗ nem Glücke verweigert hatte; er ließ ſich ſo weit zu einer Art Verbeugung herab, als ſeine Höflichkeitsgeſetze es nur erlaubten.. „Freund Pfeifer,“ ſagte Sadrach— und der Ausdruck Freund, welcher früher ſo rauh geklungen, tönte nun ange⸗ nehm in den Ohren des gebeugten Vaters—„Freund Pfeifer, ich bin von deinem Nachbarn William Penn geſen⸗ det, der von deinem Unglücke gehört hat und dir das Wenige ſchickt, was er zur Hülfe deiner Leute erübrigen kann.“ 3 „Aber ich kann dir dafür kein Geld geben, und man ſagt, die Deinigen erwarteten für Alles Bezahlung.“ „Freund Pfeifer,“ verſetzte Sadrach,„es iſt mög⸗ lich, daß unſere Leute im Handel und Wandel auf Geld ſehen; wenn ſie aber Unglücklichen Hülfe leiſten und das Elend ihrer Mitmenſchen zu lindern ſuchen, erwarten ſie nicht, in dieſem Leben belohnt zu werden. William Penn gibt dir als Geſchenk, was ich bringe; überdies ſoll ich dir melden, daß er mit der erſten Gelegenheit zu den Indianern ſenden und, wenn möglich, dir dein verlornes Kind wieder in die Arme liefern wird.“ Die alten Vorurtheile des Heern gegen ſeine fried⸗ lichen Nachbarn zu Coaquanock ſtrömten jetzt zu ſeinem Herzen und wurden dort für immer in einem Strom von — 222— Dankbarkeit begraben. Der Name ſeiner Tochter, die edeln Gaben und das Verſprechen William Penn's, der ſeine Zuſage zu erfüllen gewohnt war, überwältigten den alten Vater und er weinte laut. Als der Sturm der Gefühle ein wenig ruhiger geworden, faßte er Sadrach's Hand und ſagte: „Freund! ich kann dir nicht danken.“ „Es iſt auch nicht nothwendig, Freund Peter! Wil⸗ liam Penn verlangt nichts von dir, als daß du glaubeſt, daß die Menſchen nicht, wie die Thiere des Waldes, blos geſchaffen ſind, um wechſelſeitig ihr Blut zu vergießen.“ Der Heer fühlte ſein Unrecht, denn er gedachte des Hohns, mit welchem er ſeine friedlichen Nachbarn, die Großhüte von Coaquanock, behandelt hatte. Mit der Hülfe dieſer guten Leute, welche der Geiſt trieb, die Anſtrengungen derer von Elſingburg eifrig zu unterſtützen, wurde das Dorf von neuem aufgebaut und ſchwärmte wieder wie ein Bienenkorb. Der Heer aber und ſeine Untergebenen bewahrten die Güte des edeln William Penn in dankbarem Andenken, den Dominic Kanttwell und Tante Editha jedoch ausgenommen, welche alle guten Werke zu bekriteln und die Güte und Gefälligkeit Aller zu verachten pflegten, welche nicht das Glück hatten, von ihnen zu den Auserwählten gerechnet zu werden. — 223— Fuͤnftes Buch. 8 Erſtes Kapitel. Mühſam ging's durch pfadloſe Wälder, An Strömen auf und nieder, Und Mancher brach heut mit der Sonne auf, Und ſah die Sonne nicht wieder. Ein Ungenannter. Nachdem die Wilden das Dorf geplündert und in Brand geſteckt hatten, wendeten ſie ſich mit ihren Gefan⸗ genen dem Fluſſe zu, an deſſen Ufer die Mehrzahl von ihnen wohnte. Die Gefangenen waren, außer der ſchönen Chriſtina und Königsmarke, der Rath Ludwig Varlett, Lob Dotterel, ein armer Mann, Namens Klaus Tome⸗ ſon, nebſt Frau und Kindern, und der liebliche Burſche Ku⸗ pido, welcher ihnen, man wußte nicht aus welchem Grunde, eher freiwillig als gezwungen zu folgen ſchien. Der Weg der Schaar ging in weſtlicher Richtung fort und führte durch tiefe Wälder, wo der Klang des Beils noch nie gehört worden war, und wo die wilden Thiere bisher in ungeſtörtem Beſitze gelebt hatten. Die — 224— arme Chriſtina war durch Kummer und Anſtrengung bald ſo gebeugt, daß ſie nicht im Stande war, mit der Schaar gleichen Schritt zu halten, und hätte der lange Finne ſie nicht zuweilen in ſeinen Arm genommen und durch die Moräſte getragen, ſo würde ſie von den Wilden, welche ſich oft umkehrten und ihr mit ihren Tomahawks droh⸗ ten, ermordet worden ſein. Am Ende ihres erſten Tag⸗ marſches fühlte ſich die unglückliche Frau des Klaus To⸗ meſon, deren Kind kaum vier Wochen alt war, ſo ermü⸗ det und ſchwach, daß die Indianer unter einander berath⸗ ſchlagten, ob es nicht beſſer ſei, dem Leben der Beiden ein Ende zu machen. Die Anſicht der herzloſeſten erhielt das Uebergewicht und ſie wurden gemordet, trotz dem Fle⸗ hen der ſchönen Chriſtina und dem Jammergeſchrei des Gatten, der an einen Baum gebunden wurde und ſo das Schickſal ſeines unglücklichen Weibes, und noch mehr, ſei⸗ nes hülfloſen Kindes mit anſehen mußte, ohne im Stande zu ſein, auch nur ein Glied zu regen, um die Mörder abzuhalten. Drei Tage zogen ſie in dieſer Weiſe durch die Wild⸗ niß. Chriſtina wurde von Tag zu Tage ſchwächer und war jeden Augenblick gewärtig, das Schickſal der armen Frau und ihres Kindes zu theilen. Am Abend des vierten Tages näherten ſie ſich den Ufern des Fluſſes, an welchen der Stamm des Rollenden Donners wohnte, und ließen den Kriegsruf laut werden, der von den Greiſen, Frauen und Kindern, die zu Hauſe geblieben waren, beantwortet wurde. Einer der Krieger war in das Dorf vorausgeſchickt worden, um ſie von dem glücklichen Erfolge ihres Zuges zu unterrichten, und ein Freudenfeſt anzukündigen. Dem zufolge kam der Schaar ungefähr eine halbe Meile von dem Dorfe ein wüthendes Geſindel entgegen, mit Flinten, Keulen und Tomahawks bewaffnet, ſchreiend und brüllend, Manche Freude jauchzend, Andere Rache knir⸗ ſchend— dies waren die Verwandten der vor Elſingburg Erſchlagenen. Der arme Klaus Tomeſon wurde bei dieſer Gele⸗ genheit zum Gegenſtand ihrer hölliſchen Luſtbarkeit auser⸗ koren. Er wurde entkleidet, mit Kohlen ſchwarz gemalt, und ihm zu verſtehen gegeben, wenn es ihm gelinge, die Thüre des Berathungshauſes, welche man ihm zeigte, zu erreichen, ſo ſei er frei. Sie ließen ihn jetzt einen Vor⸗ ſprung von ſechs Schritten nehmen und Klaus lief, was er konnte, von dem brüllenden Haufen gefolgt, der ihm jede Qual anthat, welche die ſcharfſinnigſte Grauſam⸗ keit nur erſinnen konnte, indem ſie ihn bald mit ihren Keulen ſchlugen, bald mit ihren Tomahawks nach ihm hieben, bald die Mündung der Gewehre dicht an ſei⸗ nen nackten Körper legten und das Pulver in die Haut ſchoſſen, während ſie die ganze Zeit ihre rohen Trom⸗ meln rührten. Obgleich der arme Klaus verwundet und auf die grauſamſte Weiſe verſtümmelt war, ſo belebte ihn doch die letzte Hoffnung; er ſtrengte alle ſeine Kräfte Paulding V. 15 an, und es gelang ihm endlich, die Thüre des Berathungs⸗ hauſes, dieſes von den Wilden heilig gehaltenen Aſyls, zu erreichen. Er faßte den Thürpfoſten und ſtürzte in demſelben Augenblicke ohnmächtig nieder. Nun erhob ſich ein lebhafter Streit, ob der weiße Mann unter ſolchen umſtänden auf die Wohlthat des Aſyls Anſpruch machen könne, und nur mit großer Schwierigkeit konnten die Greiſe die wüthende Jugend abhalten, den Unglücklichen zu ermorden. Endlich kamen ſie dahin überein, ihn we⸗ nigſtens für den Augenblick noch am Leben zu laſſen; er wurde in ein Wigwam gebracht, wohin ein Doctor oder Beſchwörer geſendet wurde, um ihm beizuſtehen. Das Erſte, was der Doctor that, beſtand darin, daß er eine Zeit lang unverſtändliches Gewälſch vor ſich hin⸗ brummte, von dem der arme Klaus ſo wenig verſtand, wie ein civiliſirter Kranke von den Auseinanderſetzungen eines civiliſirten Doctors, wenn er ſeine Symptome ſchil⸗ dert. Darauf ließ er ein großes Feuer anmachen und die Thüre feſt ſchließen und begann nun Luftſprünge zu machen, zu ſchreien und zu toben, bis er in einer glor⸗ reichen Perſpiration war; denn er war der Anſicht, wenn der Kranke ſich nicht ſelbſt Bewegung genug machen könne, um dieſe Wirkung auf ſeinen Körper hervorzubringen, ſo ſei es des Doctors erſte Pflicht, dies für ihn zu thun. So war es bei den indianiſchen Doctoren auch Sitte, daß ſie die Arzneien ſelbſt nahmen, welche dem Kranken hel⸗ fen konnten, und daß ſie ſich den ſtrengſten Faſten unter⸗ warfen, wenn des Patienten Zuſtand dies forderte; es verſteht ſich von ſelbſt, daß all' dies dem Kranken trefflich zu ſtatten kam— vorausgeſetzt, daß der Doctor gut bezahlt wurde. Ohne dieſen unerläßlichen einleitenden Weg war eine ſolche Heilmethode ohne alle Wirkſamkeit. Nachdem der Doctor ſich durch ſeine Luftſprünge in einen bedeutenden Wärmezuſtand verſetzt und eine Doſis von einem gewiſſen Etwas verſchlungen hatte, fragte er Klaus, wie er ſich befände. Der arme Mann, der wieder zu ſich gekommen war, hielt es für das Klügſte, dem Doctor zu ſchmeicheln, indem er ſagte, er fuͤhle ſich beſſer; denn er fürchtete, er möchte, wenn er alle Hoffnung, ſeinen Kranken wieder herzuſtel⸗ len, aufgeben müſſe, die Sache kurz abmachen und ſeinen Credit aufrecht erhalten, indem er ein Auto-da-fe veran⸗ ſtaltete; er äußerte ſich alſo dahin, daß die Mittel vor⸗ trefflich bei ihm angeſchlagen hätten. Den nächſten Tag kam der Doctor wieder, machte abermals einige Luftſprünge, murmelte einiges Kauder⸗ wälſch vor ſich hin und nahm einen Schluck ſtarken Ge⸗ tränks oder Rums, um ſeinem Kranken Kraft zu geben, welcher, wie am erſten Tage, erklärte, die Behandlung fördere ſeinen Zuſtand bedeutend. Am dritten Tag brachte der Doctor ſeine große Medicin, wie er es nannte, womit er die Kur vollenden wollte. Er fing damit än, daß er die teufliſcheſten Ge⸗ ſichter ſchnitt, welche man ſich nur denken kann; dann 15* — 228 ſchlug er um ſich, focht und hieb, als wenn er aus allen Leibeskräften mit einem unſichtbaren Weſen zu kämpfen hätte. Dann ruhte er und rief: »Mila— mila— kipokitie koasab!“« Dieſe Worte heißen in der Gelehrten⸗Sprache der Indianer ſo viel, als:„gib mir deine Beinkleider.“ Als man Klaus dies erklärt und er ſich überzeugt hatte, daß die glückliche Wirkung der großen Medicin davon abhänge, daß er ſich in die Wünſche des Doctors füge, ſagte er ſeinen Beinkleidern gern Valet. Der Doctor begann nun einen neuen Kampf mit dem großen Maneto, welchen er wieder mit einem mäch⸗ tigen Schlage auf den Boden warf und dabei ausrief: „Mila— mila— capotionian!— d. h.„gib mir deinen Rock.“ Und dieſen geſtand Klaus ihm zu, worauf der Doctor einen dritten, noch verzweifeltern Kampf mit dem Geiſte begann, und denſelben glücklich mit dem Rufe endigte: „Mila— mila— papakionian!“— d. h.„gib mir deine Weſte.“ Klaus nahm von ſeiner rothen Weſte, die mit run⸗ den Metallknöpfen prachtvoll beſetzt war, Abſchied, und bereitete ſich auf mehrere dergleichen Trennungen vor, welche auch erfolgten; denn der erfahrne rothe Hypokra⸗ tes lockte ihm nach und nach Alles, was einigen Werth hatte, ab, und nahm endlich, nachdem er ſich noch einmal rund umgeſehen hatte, um ſich zu überzeugen, daß nichts —— mehr zu holen war, eine Adlerfeder aus ſeiner Taſche, pflückte dieſelbe und blies die Flöckchen in des Patienten Geſicht, wobei er rief: „Huana— huana— magat! magat!“— d. h.„es iſt geſchehen— es iſt geſchehen— er iſt ſtark— er iſt ſtark.“ Jetzt nahm er die verſchiedenen Artikel, die er als Lohn erhalten, ſorgfältig zuſammen, und ſchritt mit einer bewundernswürdigen Würde und Gravität aus dem Wigwam. Mit der Zeit genas Klaus wirklich und gab ein ſchla⸗ gendes Beiſpiel von der herrlichen Wirkung des Verfah⸗ rens des Doctors ab, der die von ihm verordneten Heil⸗ mittel ſelbſt nahm, ſtatt ſie dem Patienten zu geben. Zweites Kapitel. Hu! hu! die Raben krächzen laut, Hu! hu! die Eulen ſchrein! Er ſieht nicht mehr die ſüße Braut! Man ſenkt in’s kühle Grab ſie ein! Schwediſches Volkslied. Mittlerweile verſammelte ſich ein Rath, um zu ent⸗ ſcheiden, was aus den übrigen Gefangenen werden ſollte. Nach der Sitte der rothen Männer haben die Verwandten desjenigen, der in dem Kampfe gefallen, die Wahl, ob ſie den Gefangenen an die Stelle des Verlornen als Freund aufnehmen, oder einem qualvollen Tode preis⸗ geben wollen. Dem zufolge wurde Chriſtina, Königs⸗ marke, Rath Varlett, Lob Dotterel und Klaus Tomeſon, der kaum von den Folgen des Wettlaufs, welchen er ge⸗ halten, geneſen war, vor das Berathungshaus gebracht, um ihr Urtheil über Vben oder Tod anzuhören. Die Mütter der drei bei dem Angriffe von Elſing⸗ burg gefallenen Krieger traten vor, heulten, zerriſſen ſich das Haar und gebährdeten ſich ziemlich wie drei nach dem Blute ihrer Opfer dürſtenden Furien; während die Ju⸗ gend, früh ſchon gelehrt, ſich an den Qualen ihrer Feinde zu letzen, bereit war, das Urtheil, wenn dies nöthig, zu vollſtrecken. — 231— Nachdem eine junge Squaw die Gefangenen einige Minuten betrachtet hatte, als ob ſie mit ſich ſelber uneins wäre, ob ſie dem Durſt nach Rache, oder einem menſch⸗ lichern Gefühle Raum geben ſollte, trat ſie vor, nahm Chriſtina's Hand und rief: „Vor fünf Monden verlor ich eine Schweſter, welche von den Mohawks entführt wurde; du ſollſt ihre Stelle einnehmen und mir wie eine Schweſter ſein.“ Die Alten gaben ihre Einwilligung, und das india⸗ niſche Mädchen führte ihre weiße Schweſter in ihren Wigwam. Das Weib des Häuptlings, welcher, wie wir früher erzählt haben, bei dem Verſuche, das Boot zurückzuhalten, umgekommen war, ſchritt nun hervor und redete, nach⸗ dem ſie das Antlitz und die Geſtalt des langen Finnen eine Zeit lang betrachtet hatte, die Alten ſo an: „Meine Kinder haben einen Vater verloren— ich einen Gatten— die Rache iſt ſüß— aber wer wird für⸗ uns auf die Jagdgebiete ziehen, und uns in den langen Wintern Nahrung geben, wenn ich ſage, wir wollen die⸗ ſen weißen Mann opfern, der einen rothen Häuptling ge⸗ tödtet hat? Nein— er ſoll mein Sclave werden— er ſoll für mich jagen, wie er that, der nun in das Land der Geiſter gegangen!“. Auch ihr Ausſpruch wurde von den Weiſen gebilligt und Königsmarke wurde der indianiſchen Wittwe über⸗ — 232— geben, daß er ihr Gatte oder Sclave ſei, wie ſie es für gut fände. Nun kam die Reihe an Lob Dotterel, deſſen kahler Schädel in nicht geringem Grade das Staunen der Wald⸗ könige auf ſich zog, da ſie die Geſchichte gehört hatten, wie ſeine Kopfhaut auf eine ſo wunderbare Weiſe abge⸗ gangen war. Ein großer Rath war über ſeine Perücke gehalten worden, ſie konnten aber aus der Sache nicht klug werden. Die vorherrſchende Anſicht war, hier habe eine große Medicin gewirkt, kraft deren Lob allen Nach⸗ theilen und Schmerzen einer Operation entgangen war, die für Andere ſo gefährlich wurde, und der Obergerichts⸗ diener müſſe eine Art Zauberer ſein, mit dem zu thun zu haben leicht Gefahr bringen könne. Lange beriethen die Weiſen des Stammes und be⸗ ſchloſſen endlich, ihn für den Augenblick noch leben zu laſſen, da Hoffnung vorhanden ſei, er würde ſie in der Kunſt unterrichten, ſeine große, für die Wohlfahrt der indianiſchen Krieger ſo wichtige Medicin zu verfertigen. Rath Varlett und Klaus Tomeſon waren nun allein noch zu richten, und die Verſammlung der Weiber und Kinder begann zu murren, daß ihnen ein Feſt entzogen werden ſollte, das ihnen eben ſo viel Vergnügen gewährte, als es die civiliſirten Frauen und Kinder ergötzt, wenn ſie einen Verbrecher henken oder köpfen ſehen. Die Mütter der zwei vor Elſingburg gefallenen Krieger traten vor und begehrten unter mächtigem Geſchrei ihr Opfer, — 233— ein Wunſch, welcher nach der geheiligten Sitte der Wil⸗ den nicht verweigert werden darf. Ihr Todesurtheil wurde alſo geſprochen und durch das verhängnißvolle Scalp⸗Halloh begrüßt, welches das Signal eines qualvollen Todes war. Die Weiber und Knaben ergriffen die beiden Opfer, entkleideten ſie und färbten ſie ſchwarz. Klaus Tome⸗ ſon's Hände wurden jetzt mit einem Seile auf ſeinem Rücken zuſammengebunden; das eine Ende band man an einem Pfahl, der ungefähr 15 Fuß hoch war, ſo feſt, daß er zwei oder drei Mal um denſelben gehen konnte. Ein Häuptling redete nun die Verſammlung an und be⸗ diente ſich jener Beredtſamkeit, die in der Menge das Ge⸗ fühl der Rache gewaltig aufſchürte und alle Leidenſchaften erregte. Ein Gebrüll, das in dem tiefen Walde wieder⸗ hallte, rief ihm Beifall zu. Nun begann eine Schreckensſcene, deren Zeugen die kühnen Geiſter oft waren, welche in die Wildniſſe zogen, um die neue Welt auszukundſchaften und anzu⸗ bauen, und durch die vielleicht einigermaßen ihre Rauh⸗ heit gegen jene unglückliche Rage entſchuldigt wird, welche ihren Freunden und Brüdern ſo oft die herbſten Leiden bereitete. Die indianiſchen Männer traten zuerſt heran und ſchoſſen Pulver auf ſeinen nackten Leib ab, dann zündeten ſie den Scheiterhaufen all, der aus Pfählen beſtand, die theilweiſe vorher angezündet worden. Ein Theil dieſer — 234— leidenſchaftlich gereizten, unmenſchlichen Weſen ergriff jetzt die Brände, umringte das arme Opfer und ſchlug ſie ihm in den nackten Körper. Wohin er lief, hielten ihm dieſe Teufel ihre glühenden Brände entgegen, und wenn er ſtill ſtand, drangen ſie Alle zumal auf ihn ein. Die Squaws warfen ihm dann die glühende Aſche und die brennenden Kohlen auf das bloße Haupt, und da dieſe ihn bald ganz umgaben, ſo trat er bald auf nichts mehr als ein Feuerbett. Klaus nannte ſie Feiglinge, Weiber, und bat, ſie möchten ihn todtſchießen, wie Männer und Krieger. Sie antworteten ihm aber nur durch Gelächter, Hohn und neue Qualen. In der Todesangſt flehete Klaus jetzt zu dem All⸗ mächtigen, daß er Erbarmen mit ihm habe und ihm den Tod ſende. „Hört!“ riefen die Krieger,„hört! er iſt ein Weib, er iſt kein Krieger, er ſchreit, wie ein Feigling!“ „Endlich legte er ſich, von Qual und Anſtrengung er⸗ ſchöpft, auf ſein Geſicht nieder und verlor die Beſinnung. Aus dieſer glücklichen Bewußtloſigkeit wurde er aber von einer alten Hexe geweckt, die brennende Kohlen auf ein Stück Rinde legte und ſie ihm auf den Rücken warf. Das arme Opfer ſprang auf und ſchritt langſam um den Pfoſten, mit leerem Blicke auf die um ihn her ſchauend und kaum wiſſend, was um ihn vorging. Ein Häuptling, der bemerkte, daß er für die Qua⸗ — 235— len kein Gefühl mehr habe, trat nun von hinten auf ihn zu und ſchlug ihm ſein Tomahawk in den Hintertheil ſeines Kopfes. Er ſtürzte nieder und gab ſeinen gequäl⸗ ten Geiſt ohne einen Seufzer auf. Die Reihe war jetzt an Ludwig Varlett, welcher dieſe Scene mit einem Grade von Feſtigkeit mit ange⸗ ſehen hatte, welche dieſer Menſchenklaſſe eigen iſt, die in die Wildniſſe und Einöden der neuen Welt gehen und deren tägliche Mühſeligkeiten, Gefahren und Duldungen ſie für Furcht und Leiden aller Art faſt gefühllos machen. Er ſah, daß ſein Schickſal ein unvermeidliches ſei, und entſchloß ſich, ihm wie ein Mann entgegen zu gehen; zugleich erwachte der Gedanke in ihm, er könne ſich viel⸗ leicht den Qualen entziehen, welche ſein armer Leidens⸗ gefährte erduldet hatte. Er wußte ſich ein wenig in ihrer Sprache auszudrücken, da er als Händler lange in der Wildniß umhergezogen war, und gab den Häuptlingen zu verſtehen, er ſei im Beſitz einer großen Medicin, die ſo mächtig wirke, daß Keiner, der mit dem Geheimniß be⸗ kannt, von einer Büchſenkugel getroffen werde. Mit einer Art ungläubigem Hohne ſchüttelten die Häuptlinge die Köpfe und fragten ihn, ob er den Verſuch an ſeinem eigenen Körper zugeben wolle. Ludwig ſagte ja und ver⸗ langte, fünf oder ſechs von ihnen möchten ihre Büchſen laden, während er ſich auf zehn Schritte von ihnen hin⸗ ſtellen werde. Sie thaten, wie er ihnen geſagt und der — 236— große Haufen ſtand in athemloſem Schweigen da, um Zeuge von der Kraft der großen Medicin zu ſein. „Eins— zwei— drei— geuer!“ rief er und lag im nächſten Augenblick als eine Leiche an. Die Wilden eilten auf ihn zu und begannen jetzt erſt zu begreifen, daß ſie getäuſcht worden. Ihre Wuth kannte keine Gränzen; ſie zerriſſen ſei⸗ nen Körper in Fetzen, ſchöpften ſein Blut mit ihren Händen auf, tranken es rauchend und warfen zuletzt ſeine Glieder in die Flammen. Aber der gute Rath Lud⸗ wig fühlte es nicht und entging durch ſeine Geiſtesgegen⸗ wart den langwierigen und ſchmerzlichen Qualen india⸗ niſcher Grauſamkeit. Den Beſchluß des ſchauderhaften Feſtes machte ein Trinkgelag, welches ſie durch eine große Menge geiſtiger Getränke, die ſie ſich zu Elſingburg angeeignet hatten, zu verherrlichen und genußreicher zu machen im Stande wa⸗ ren. Die zwei Stämme, welche ſich zu dieſem Zuge ver⸗ einigt hatten, trennten ſich und der eine ging über den Fluß, damit die Erinnerung an frühere Unbilden und Zwiſtigkeiten, die bei Trinkgelagen der Indianer ſtets zuerſt vor die Seele treten, keine Feindſeligkeiten zwiſchen den beiden erzeuge. Dann erhielten Einzelne den Auf⸗ trag, die Waffen zu verſtecken und während des Auftritts, welcher folgen ſollte, die Ordnung möglichſt zu erhalten. Das Gelag begann damit, daß ſie ein Faß ſtarken Getränkes in einen großen Keſſel goſſen und mit hölzer⸗ nen Schaufein daraus tranken. Eine Scene folgte nun, die jede Schilderung hinter ſich läßt. Das Schreien, Ju⸗ beln, Toben, Lärmen und Brüllen beider Abtheilungen wurde in Zwiſchenräumen die ganze Nacht hindurch ge⸗ hört und am Morgen ſah man die unglücklichen Trinker in dem jammervollſten und kläglichſten Zuſtande. Manche hatten ſich ihre Bekleidung von dem Rücken geriſſen, andere waren verwundet, andere verſtümmelt und drei Leichen bezeichneten die blutigen Exceſſe, zu denen dieſe Barbaren ſich ſo ſehr hinneigen, wenn ihre ſchlummern⸗ den Leidenſchaften durch jenen gefährlichſten Feind des wilden und des geſittigten Mannes, das ſtarke Getränk, erregt werden. Drittes Kapitel. Ich plaudre ganz erträglich, Freunde, Griechiſch, Hebräiſch und Chaldäiſch und Aegyptiſch Waliſiſch, Iriſch, Niederländiſch, Spaniſch, Kurz, alle Sprachen red' ich von Europa, Von Aſien, Afrika, geläufig g'nug; Doch in Amerika, der neuen Welt, Da, fürcht' ich, möcht' es ein'ge Sprachen geben, Die mich beinah' verlegen machen könnten. Ungenannter. Inzwiſchen hatte das indianiſche Mädchen, welches Aouetti, oder Rehauge hieß, weil ſeine Augen denen die⸗ ſes Thieres an Glanz und Feuer ähnlich waren, Chriſtina mit nach Hauſe genommen. Aouetti galt für die Schönſte des Stammes, da ſie, außer ihren wahrhaft bezaubernden Augen, eine Fülle langer ſchwarzer Haare, eine hübſche, runde, anmuthige Geſtalt und einen Ausdruck ſanften Ernſtes in ihrem Antlitz hatte, der beſonders anzog. Die Familie beſtand aus des Mädchens Mutter, einer alten Wittwe, und dem Nacht⸗Schatten, ihrem einzigen Sohne, einem der ausgezeichnetſten Krieger und Jäger des Stammes. Nacht⸗Schatten war über ſechs Fuß hoch, ſchlank, wie eine Tanne, lebhaft wie der Hirſch und tapfer wie der Leue. Er konnte ſein Auge jedem Punkte des Com⸗ V — paſſes zuwenden und hundert Meilen durch die Wälder wandern, ohne links oder rechts von der Richtung abzu⸗ kommen; mit dem Inſtinkte eines Hundes konnte er den Spuren eines Menſchen oder Thieres auf den dürren Blättern folgen, und auf der Jagd verſchmähte er es, andere als die edelſten Thiere des Waldes zu bekämpfen. Das von dieſer Familie bewohnte Wigwam war von der beſſern Art, denn es beſtand aus zwei Gemächern, welche durch Rindenſtücke von einander getrennt waren. Chriſtina fühlte ſich bald in dieſer einfachen Wohnung heimiſch und wurde mit der ganzen Achtung behandelt, als wenn ſie die Tochter derſelben Mutter wäre. Aouetti liebte ſie innig und gab ihr den Namen Mimi, was in ihrer Sprache„ eine Turteltaube“ heißt. Die Mutter nannte ſie ihre Tochter und die jungen Leute ihre Schweſter. Bei den Wilden arbeiten alle Frauen, ohne unter⸗ ſchied des Ranges, wenn ſie ja zu einer Beſchäftigung befähigt ſind. Mit Ausnahme weniger Sclaven, welche ſie zuweilen aus ihren Gefangenen wählen, werden alle Arbeiten des Feldes und der Haushaltung von den Frauen beſorgt. Die arme Chriſtina, deren Erziehung ſie zu dieſer Lebensart wenig oder gar nicht geeignet machte, ſtellte ſich ziemlich ungeſchickt an, wenn ſie Getraide ſäen ſollte, und das kleine Rehauge lächelte oft über ihre Er⸗ ziehung, die ihr für eine weibliche ganz komiſch vorkam. Chriſtina erhielt daher ſolche Geſchäfte, die weniger Ge⸗ — 240— ſchick und Körperkraft forderten; ſie holte das Waſſer aus dem Brunnen, der mitten in dem Dorfe war; ſie ſammelte Früchte und bereitete das Mahl, was ſie ſehr bald vortrefflich verſtand, da die Kochkunſt der Indianer äußerſt einfach iſt. Auf dieſe Weiſe verſtrich ihr die Zeit, freilich nicht ohne bittern Beigeſchmack; obgleich aber ihre Gedanken ſtets der friedlichen Heimath von Elſingburg und dem gütigen Vater ſich zuwendeten, der jetzt vielleicht todt war, oder, wenn er noch lebte, ihren Verluſt mit all dem ſchmerzlichen Weh betrauerte, das ſeine Unkunde über ihr Loos ihm einflößen mußte: ſo ließ ſich Chriſtina dennoch nicht durch ihr Mißgeſchick beugen. Vielleicht trug das 4 geheime Bewußtſein, daß ihr Geliebter nahe ſei und ihr Schickſal theile, nicht wenig dazu bei, ſie in dieſen Stun⸗ den der Prüfung aufrecht zu erhalten. 1 Der lange Finne, deſſen Leben, wie wir früher be⸗ richteten, die Wittwe gerettet hatte, wurde, nach der Sitte der Indianer, ihr Sclave. Eine Zeitlang wurde er ſtreng bewacht und durfte ſich nicht aus dem Bereiche des Dor⸗ fes entfernen. Da man aber ſah, daß er ſeine heitere Miene beibehielt und ſich allmählig mit ſeiner Lage aus⸗ zuſöhnen ſchien, ſo ließ man ihm nach und nach mehr Freiheit und die Indianer nahmen ihn dann und wann mit auf die. Jagd. Bei dem erſten Jagdzuge, welchem er beiwohnte, be⸗ mühte er ſich, ſich auszuzeichnen, und ſchoß ſo meiſterhaft, — 241— daß die wilden Jäger nicht wenig eiferſüchtig wurden, denn ſie halten ſehr viel auf ihre Ueberlegenheit, ſowohl im Kriege, wie auf der Jagd. Als Königsmarke be⸗ merkte, daß dieß der Fall ſei, that er abſichtlich mehrere Fehlſchüſſe und ſie zeigten ſich wieder heiter, da ſie dach⸗ ten, ſein früheres Glück ſei blos ein zufälliges geweſen. Nach und nach erwarb er ſich ihr Vertrauen in höherm Grade und ſie geſtatteten ihm, allein in den Wäldern zu jagen, ſo daß es ihm leicht geweſen wäre, aus dem Ge⸗ biete zu flüchten, hätte ihn der Gedanke, Chriſtina zu verlaſſen, nicht abgeſchreckt. Er kämpfte oft mit ſich ſelbſt, ob es nicht beſſer wäre, zu verſuchen, nach Elſingburg zu entfliehen, um den Heern von der Lage ſeiner Tochter zu unterrichten, und ihn in den Stand zu ſetzen, Maßregeln zu ihrer Auslöſung zu treffen; die Beſorgniß jedoch, die Wilden möchten ſeine Flucht dadurch rächen, daß ſie ſeine Mit⸗ gefangene dem Tode preisgäben, hielt ihn ab, ſeinen Plan zu verwirklichen. Wenn Königsmarke eine Mußeſtunde hatte, ſo wie an den Abenden, ergötzte ihn oft, denn er hatte ſich mit der indianiſchen Sprache hinreichend bekannt gemacht, die unterhaltung mit einem alten indianiſchen Krieger, dem Vater ſeiner Gebieterin, welcher bei der Familie wohnte. Ollentangi, wie man ihn nannte, war ſeiner Zeit ein großer Krieger, Stagtsmann und Jäger geweſen. Er war nun faſt ſiebzig Jahre alt und lebte, da er der Paulding V. 16 Gicht, der gewöhnlichen Krankheit der alten Indianer, unterworfen war, in behaglicher Muße, welche er vor⸗ züglich dem Tabackrauchen weihte. Ollentangi galt als einer der weiſeſten Männer ſeines Stammes und war in der That, ſo weit das Licht der Natur ihn leiten konnte, zu dem Namen eines Weiſen berechtigt. Wäre der Zufall ihm günſtig geweſen, ſo hätte er leicht ein Solon oder Sokrates werden können. Mit dieſem alten Manne unterhielt ſich Königsmarke oft über Sitten, Geſetze und Lebensweiſe der Indianer und deren Verhältniß zu den geiſtigen und ſittlichen Fort⸗ ſchritten anderer Völker, und mußte oft über den Scharf⸗ ſinn ſtaunen, mit welchem der Greis das höhere Glück und die höhere Tugend der Wilden hervorzuheben wußte. Es war die Anſicht des alten Mannes, der große Geiſt habe die rothen Männer für den Schatten, die Weißen aber für den Sonnenſchein geſchaffen, und jene für die Jagd, dieſe für die Arbeit beſtimmt. „Eure ſchwarzen Röcke,“ pflegte er zu ſagen,„wol⸗ len, daß wir glauben, wie ſie glauben, und leben, wie ſie leben. Sie ſagen, wir müßten uns daran degeben, unſere Wälder zu begränzen, Zäune und Gehege aufzu⸗ führen, und mit Pferden und Ochſen zu pflügen. Wer ſagt uns aber, was einem Jeden gehört, damit wir dem⸗ gemäß Zäune und Gehege aufrichten? Woher ſollen wir Pferde und Ochſen nehmen? Wir haben nichts als Pelze dafür zu geben und wenn wir aufhören zu jagen, ehe — 243— wir Ackersleute geworden ſind, ſo haben wir weder Pelze, um Tauſch zu treiben, noch ein Mahl, um uns vor Hun⸗ ger zu ſchützen. Was unſere Religion betrifft,“ fuhr er fort,„ſo glauben wir ſie zu verſtehen, was mehr iſt, als wir von der eurigen zu ſagen im Stande ſind. Un⸗ ſere Religion iſt unſerm Naturſtand angepaßt; ſie iſt mit unſern Sitten und Gewohnheiten verkörpert und wir müſſen dieſe ändern, ehe wir geeignet ſind, Chriſten zu werden. Ihr könnt uns bald zu ſchlechten Indianern machen, aber ihr werdet uns nie zu guten weißen Leuten machen. Seid überzeugt, daß wir, ſo lange wir Wild genug in den Wäldern und Steppen haben, nie Ackers⸗ leute werden, noch unſere Kinder in die Schule ſchicken, noch an eure Götter glauben.“ „Ihr ſprecht von unſern Göttern, Ollentangi,“ ſagte Königsmarke,„wir glauben nur an Einen Gott!“ „Ja; aber dann habt ihr einen guten Geiſt und einen böſen Geiſt, und euer guter Geiſt iſt, eurer eige⸗ nen Lehre zufolge, nicht ſo mächtig, als euer böſer Geiſt, der nicht allein eure Welt mit Sünde und Uebel erfüllt, ſondern auch eine weit größere Menſchenmenge mit ſich entführt, als euer guter Geiſt. Nach dieſem dürfte es ſcheinen, er ſei der mächtigſte unter den beiden. Ueber⸗ dies haben mich eure ſchwarzen Röcke verſichert, der gute Geiſt beſtehe aus drei, ganz gleichen, guten Geiſtern; daher müßt ihr auch mehr als einen Gott haben.“ Königsmarke bemühte ſich, dem Indianer das Ge⸗ 6 16* —— 4 heimniß der Dreieinigkeit zu erklären, jedoch ohne Erfolg. Dies ging über die Begriffe des Naturmenſchen, der fort⸗ während hartnäckig behauptete, wenn der große Geiſt aus drei großen Geiſtern beſtände, ſo müßten ſie auch meh⸗ rere Geiſter haben; und wenn er nicht aus drei großen Geiſtern beſtände, ſo müßte ſeine Lehre falſch ſein. Dies iſt die äußerſte Gränze, zu welcher die menſchliche Ver⸗ nunft den Naturmenſchen führen kann. Eines Tages näherte ſich Ollentangi ſeinem weißen Freunde und ſagte ihm mit großem Ernſte, er habe einen wichtigen Plan zum Beſten der weißen Leute in ſeinem Kopfe. „Hört!“ begann er,„daß ihr ein unglückliches Ge⸗ ſchlecht in eurer Heimath ſeid, iſt gewiß, ſonſt würdet ihr nie hierher kommen, um uns zu beunruhigen. Nun haben unſere Weiſen aber den Entſchluß gefaßt, einige unſerer beſten Beſchwörer hinaus in euer Land zu ſchicken, um eure Leute zu unſerm Glauben zu bekehren; ſie zu lehren, wie man den Hirſch jagt, und wie man lebt, ohne bei dem Handel einander zu betrügen. Was hältet Ihr davon?“ „Aber,“ ſagte Königsmarke,„eure Beſchwörer ver⸗ ſtehen unſere Sprache nicht!“ „O, darüber iſt es leicht, wegzukommen. Sie wer⸗ den euer Volk die unſrige lehren,“ erwiederte Ollentangi. „Wohl; aber der Zuſtand der Geſellſchaft iſt bei uns ſo verſchieden, daß eure Beſchwörer uns nie lehren 245— können zu leben, wie ihr lebt; überdies haben wir ſo wenig Wild, daß wir wahrſcheinlich bald verhungern wür⸗ den, wenn wir uns dem Waidwerk widmeten.“ „O, dem werden wir bald abhelfen, wir werden Eichen pflanzen, dieſe wachſen bald zu großen Waldbäu⸗ men auf und dann wird es an Wild nicht fehlen.“ „Gut; aber was fangen wir einſtweilen an, bis die Bäume groß ſind? Wir haben ein Sprichwort: ſo lange das Gras wächſt, hungert das Roß. Es wird fünf tau⸗ ſend Monden dauern, bis der Wald wird, wie dieſer hier.“ „Recht, und wie lange wird es dauern, bis ein In⸗ dianer ein weißer Mann wird? Wenn man einen klei⸗ nen Baum ſich ſelbſt überläßt, ſo wird er in einer gewiſ⸗ ſen Zeit ein großer. Es dauert länger, Menſchen zu ändern, als Bäume. Aber laßt uns fortfahren. Unſere Beſchwörer werden euch, unter andern, lehren, an alle unſere großen Medicine zu glauben; ſie werden euch ſagen, wie man es macht, daß eine Adlerfeder euch gegen eine Flintenkugel, ein Fiſchgrat gegen den Blitz und ein Ta⸗ baksblatt gegen alle die Gefahren des Waldes ſchützt. Alle dieſe Dinge werden ſie euch lehren.“— „Aber man kann uns dieſe Dinge nicht lehren, Ollentangi; wir werden ſie nicht begreifen können; wir werden nicht im Stande ſein zu glauben, daß ein Fiſch⸗ grat den Blitz abhalten könne. Dies iſt gegen alle Er⸗ fahrung; es iſt, die Wahkheit zu ſagen, zu thöricht, als daß der Unwiſſendſte unter uns es glaube. Iſt es ein — 246— Geheimniß, ſo begreifen wir es nicht; und iſt es kein Geheimniß, ſo iſt's nicht mehr als Unſinn.“ „Ganz gut, Ihr ſagt mir, unſere Religion ſei für eure Weisheit zu thöricht, und die eurige iſt zu weiſe für unſere Thorheit. Wir werden euch ein wenig von unſe⸗ rer Thorheit in dieſen Dingen lehren, damit ihr uns verſteht. Dies iſt ganz ſchicklich und nachbarlich. Wir werden mit der Zeit Männer aus euch machen. Ich glaube nicht, daß man ganz verzweifeln müſſe, euch wei⸗ ter zu bringen.“ „Aber ihr werdet nicht im Stande ſein, uns Un⸗ wiſſenheit zu lehren, wie ihr es nennt. Der Geiſt geht nie zurück.“ „Ihr habt eben zugeſtanden, was ich Euch glauben lehren wollte, nämlich, daß die Indianer weiſer und glücklicher ſind als ihr. Ich habe viele weiße Männer gekannt, die Indianer geworden ſind; aber ich ſah nie einen Indianer, der ein weißer Mann geworden wäre. Wenn es daher wahr iſt, daß der menſchliche Geiſt nie rückwärts geht, ſo beweiſ't dies, daß der Zuſtand der Natur ein beſſerer iſt, als der des geſittigten Lebens.“ Eines Abends wollte Königsmarke dem alten India⸗ ner darthun, daß ein Volk, welches den Boden anbaute, ein Recht habe, ihn denen zu nehmen, welche darauf jagten, weil es der Wille des großen Geiſtes ſei, daß das Menſchengeſchlecht ſich in allen Theilen der Welt ſo viel als möglich vermehre. — 247— „Nun behaupten,“ fuhr der lange Finne fort,„eure rothen Männer, ſie hätten das ganze Land, hundert Mei⸗ len in der Runde, im Beſitz, obgleich eurer nur zwei bis dreihundert ſind, und das Land, wenn es gehörig bebaut wird, Raum genug hat, um fünfmal ſo viel Menſchen zu nähren.“ „Ganz gut,“ verſetzte Ollentangi,„Ihr ſagt, es ſei der Wille des großen Geiſtes, daß die Menſchen ſich mehren und glücklich ſeien. Ich erinnere mich, daß Ihr mir neulich ſagtet, Eure Landsleute kämen über den großen Salzſee, um ſich hier nach Land umzuthun, weil in Euerm Lande die Menſchenmenge zu groß ſei. Nach Eurer Anſicht kann alſo die Bevölkerung mehr wachſen, als mit ihrem Glücke verträglich iſt. Nun begegnet ſol⸗ ches uns rothen Männern niemals, daher wir glücklicher ſind, als ihr. Ueberdies wolltet Ihr mich vor einiger Zeit überreden, von hundert weißen Leuten, welche in das Land der Seelen übergingen, würde kaum einer glücklich. Es iſt daher ganz einfach, daß, je mehr Men⸗ ſchen auf dieſer Welt ſind, ſie deſto mehr Land brauchen und die Zahl der Unglücklichen in dem künftigen Leben deſto gröͤßer wird. Wie iſt das?“ Königsmarke verſuchte, alle die Fragen zu löſen, aber ſie gingen über das Bereich der Philoſophie des alten Mannes, obgleich er einer der ſcharfſinnigſten Indianer der neuen Welt war. † Einſt lachte Ollentangi, und er lachte ſehr ſelten, als 1 — —õ;ʒõ — 248— Königsmarke den Indianern das Recht auf die Wälder ſtreitig machte, in deren Beſitz ſie ſeit vielen Menſchen⸗ altern geweſen. „Höre mir zu,“ ſagte er.„Vor mehr als zwanzig tauſend Jahren fand man in den Waſſern eines Sees ein junges Mädchen, das in einem kleinen Binſen⸗Canon lag. Als dieſe Kleine herangewachſen war, wurde ſie eine große Prophetin und ehe ſie verſchwand, weiſſagte ſie die Ankunft der weißen Leute. Sie bewirkte eine Menge ſeltſamer und wundervoller Dinge; ſie verwandelte Nacht in Tag, Waſſer in trocknes Land. Als unſer Volk ſich mehrte, machte ſie dieſes Feſtland, das anfangs nur eine kleine Inſel war; und ſie befahl uns, hierher zu ziehen, denn wir lebten viele, viele Monde⸗Reiſen weit gegen die aufgehende Sonne. Obgleich unſer Vols anfangs gering an Zahl war, ſo fehlte es uns doch an Raum zum Ja⸗ gen; da ging die Squaw an das Waſſer und betete, die kleine Inſel möchte größer werden, daß ihr auserwähltes Volk beſſer gedeihe. Der große Geiſt ſendete hierauf eine große Menge Schildkröten und Biſamratten, welche Schlamm und Sand und ähnliche Dinge brachten, ſo daß die Inſel mit der Zeit ein großes Feſtland wurde. Zum Andenken an dieſen Dienſt wurde unſer Stamm in zwei Theile getheilt und der eine wurde Mud Turtle(Schlamm⸗ Schildkröte) und der andere Muskrat(Biſamratte) ge⸗ nannt. Nun iſt es aber, da unſere große Aeltermutter dieſes Land ganz zu unſerm eigenen Gebrauche ſchuf und es — 249— vergrößerte, damit wir Raum genug haben ſollten, darin zu jagen, natürlich, daß ihr weißen Männer keinen An⸗ ſpruch darauf habt, ſondern daß ihr uns große Lügen vorbringt, wenn ihr ſagt, euer großer Geiſt habe es für euch geſchaffen.“ Ein anderes Mal nahm Königsmarke Gelegenheit, Ollentangi's Philoſophie und Religion ſehr geradezu zu be⸗ handeln, indem er behauptete, dieſe ſeien nur das Licht der Natur, das lediglich diene, den Menſchen irre zu führen. „Ganz gut,“ verſetzte Ollentangi,„ich ſehe jeden Tag, daß die Bären, die Biber und alle anderen Thiere ihrem natürlichen Triebe folgen, wodurch ſie denjenigen Grad von Glück erreichen, deſſen ſie fähig ſind. Die Thiere, welche in den Wäldern leben, folgen alſo dem, was Ihr das Licht der Natur nennt. Wer iſt nun aber am glücklichſten— ein Hund, welcher den ganzen Tag an die Kette geſchloſſen iſt, gepeitſcht und zu der Weisheit der weißen Männer abgerichtet wird, um zu beißen und zu bellen und ſeine Naſe zu gebrauchen— oder ein Hirſch, der wild in dem Wald herumläuft und dem folgt, was Ihr das Licht der Natur nennt?“. „„Ich glaube wohl, der Hirſch!“ verſetzte Königs⸗ marke. „Sehr gut alſo!“ ſagte der alte Indianer.„ Iſt es nicht gerade ſo mit den Menſchen? Eure weißen Männer ſind die Hunde, welche angekettet werden, und die man lehrt, einander zu beißen, und wir ſind die Hirſche, die frei und wild in den Wäldern umherſtreifen.“ Königsmarke verſuchte nun, den Unterſchied zwiſchen dem Menſchen und den Thieren auseinander zu ſetzen; er ſagte, jener werde durch die Vernunft geleitet, dieſe aber nur durch den Inſtinkt, daher ſie auch auf der Stufen⸗ leiter der Natur tiefer ſtänden. Ollentangi läugnete jedoch hartnäckig, daß irgend ein Unterſchied dieſer Art beſtehe, indem die Thiere überall klüger ſeien, als der Menſch. „Der Biber,“ ſagte er,„baut beſſere Häuſer, als ein Indianer, und der Fuchs wohnt im Winter beſſer, als wir. Wären wir von Natur ſo vernünftig, wie ſie, ſo würden wir uns, wenigſtens für den Winter, unter⸗ irdiſche Wohnungen bauen. Es iſt waͤhr, eure weißen Männer bauen beſſere Häuſer, wie die Biber, und haben beſſere Wohnungen, wie die Füchſe— aber um ſo weit zu kommen, ſeid ihr ein entartetes, unglückliches Geſchlecht von Sclaven geworden, welche nichts thun, als ſich vom Morgen bis in die Nacht abzumühen und Alles zu kaufen und zu verkaufen, von euerm Schöpfer an bis zu den unbedeutendſten Dingen, die ihr beſitzt. Ihr ſeht daher, daß ihr nicht ſo viel guten Verſtand habt, als ihr glaubt, um das Licht der Natur zu überbieten, indem dieſes euch, allen euern Nachrichten zufolge, doch zuerſt geleitet haben muß, um alle eure früheren geglaubten Verbeſſe⸗ rungen zu Stande zu bringen.“ Königsmarke bemühte ſich nun, dem Geiſte des ar⸗ men Wilden einen beſtimmten Begriff von dem Unter⸗ ſchiede zwiſchen Vernunft und Begeiſterung beizubringen, von welcher letzteren er behauptete, ſie ſei die Quelle der chriſtlichen Religion. Ollentangi ſchüttelte den Kopf. „Ja,“ ſagte er,„ſo ſagen uns eure Beutelſchneider und Beſchwörer. Sie behaupten, der große Geiſt gebe ſeinen Willen durch ſie kund. Aber wir glauben es nicht, weil es gewiß iſt, daß der große Geiſt, wenn er ſeinen Willen verkündigen wollte, dies durch die Häuptlinge des Skammes und nicht durch ſolche verächtliche Geſellen thun würde.“ In der That, je länger ſich Königsmarke mit dem alten Indianer unterhielt, deſto mehr überzeugte er ſich, daß es unmöglich ſei, ihm die einfachſten Elemente unſe⸗ rer geſelligen und religiöſen Anſichten begreiflich zu ma⸗ chen. Noch lange vor Anfang des Winters ward es dem langen Finnen unwiderſprechlich klar, daß jede Glaubens⸗ form dem Zuſtande der Geſellſchaft und dem Fortſchritt der geiſtigen Bildung angepaßt ſein müſſe, und daß jeder Verſuch, ein Glaubensſyſtem zu verbreiten, das dem einen oder andern widerſtreitet, nothwendig ganz fehlſchlagen, oder wenn es auch theilweiſe glückte, große moraliſche Uebel zur Folge haben müſſe. Viele andere unterhaltungen fanden zwiſchen Königs⸗ marke und dem alten Indianer ſtatt; was wir aber be⸗ —— ——·ʒn„Ag⸗mßPß˙ʒyñgwFwwPQ8 —— reits mitgetheilt haben, ſcheint hinreichend, um die Be⸗ ſchränktheit der Anſichten und Meinungen eines india⸗ niſchen Weiſen in das Licht zu ſtellen. Ueberdies iſt es hohe Zeit, zu der ſchönen, lieblichen Chriſtina zurückzu⸗ kehren, welche wir, obgleich wir ſie zuweilen aus dem Geſichte zu verlieren ſcheinen, beinen Augenblick vergeſſen. Viertes Kapitel. Wie troſtlos iſt doch mein Geſchick— Den Liebſten ſoll ich haſſen! So ſüß iſt Liebesglück, Ich kann von ihm nicht laſſen. Ungenannter. Während den erſten Wochen der Gefangenſchaft un⸗ ſerer Bekannten war die Wachſamkeit der Wilden ſo groß, daß Königsmarke keine Gelegenheit hatte, die ſchöne Chriſtina oder den ehrlichen Lob Dotterel zu ſehen, der, da er weder Krieger, noch Jäger war, und keine kleinen Knaben in Ordnung zu halten hatte, in ſeinen eigenen Augen zu einer ſehr unbedeutenden Perſon herabſank. Das Wunder mit ſeiner Perücke machte ihn jedoch immer noch zu einem Gegenſtande des Staunens der Indianer. Der lange Finne begegnete Chriſtina zuweilen an dem Brunnen, aber er wagte es nicht, anders als mit den Augen mit ihr zu ſprechen. Nach und nach bewachte man ihn jedoch weniger ſorgfältig und er wechſelte zuwei⸗ len ein Wort mit ihr, begegnete ihr auch wohl auf dem Felde, wenn ſie Früchte ſammelte. Bei dieſen Gelegen⸗ heiten ward die verlaſſene Lage des Mädchens, welches ſo allein in der pfadloſen Widniß lebte und außer ihm kei⸗ nen Freund hatte, der Grund, daß die ſchöne Chriſtina —y MM —— die Narbe an ſeinem Hals und die Warnungen der kraus⸗ köpfigen Bombie vergaß. Ein Strom zärtlicher Regungen bemächtigte ſich dann ihres Herzens und wenn die Thränen ihr über die Wan⸗ gen floſſen und ſie das naſſe Auge wie ein Kind, das zu ſeinem Vater aufblickt und ihn um Schutz anfleht, zu ihm erhob, vergaß ſie manchmal, ihm zu wehren, ſie hin⸗ weg zu küſſen. Der lange Finne kam dann und wann in das Wig⸗ wam, in welchem Chriſtina wohnte und wo ſeine Beſuche nicht ungern geſehen wurden, am wenigſten von der blau⸗ äugigen Schwedin und dem ſchwarzäugigen indianiſchen Mädchen, welches letztere nach einiger Zeit ihre Sprache hinreichend verſtehen lernte, um bei mannichfachen kleinen Gelegenheiten ein Wort einfließen zu laſſen. Mit beſon⸗ derm Eifer drang ſie häufig in Chriſtina, ſie zu lehren, wie das indianiſche Wort„Kikasia,« welches„ich liebe“ bedeutet, in ihrer Sprache ausgeſprochen werde. Es dauerte in der That nicht lange, ſo entdeckten, oder vielmehr argwöhnten die ſanfte Chriſtina und Reh⸗ auge mit jenem tiefblickenden Inſtinkte ihres Geſchlechtes, daß ſie Nebenbuhlerinnen ſeien oder bald werden könnten. Wenigſtens war dies bei Chriſtina der Fall; denn Aouet⸗ ti's Unerfahrenheit in den Sitten und Gewohnheiten, welche von Seiten der Frauen der geſittigten Welt das Geſtändniß gewiſſer Gefühle hemmend zügeln, hielt ſie — 255— lange Zeit ab, den Herzenszuſtand ihrer weißen Freundin zu erkennen. Die indianiſchen Frauen zeichnen ſich eben ſo ſehr durch die Wärme und Zärtlichkeit ihrer Gefühle aus, wie die indianiſchen Männer durch ihre Kälte und Gleichgül⸗ tigkeit. Sie faſſen ſchnell die ſtärkſte Zuneigung, beſon⸗ ders zu weißen Männern, und da ſie lediglich durch die Gefühle der Natur geleitet werden, ſo zögern ſie nicht, ihre Empfindungen auf eine Weiſe an den Tag zu legen, wie bei civiliſirten Völkern das Weib nur durch vorher⸗ gehende Schritte des Mannes dazu berechtigt iſt. Die zärtliche, holde Einfachheit, mit welcher die indianiſchen Mädchen der beſſern Gattung dies thun, iſt ungemein anziehend und benimmt ihrem Thun jeden Schein der Zudringlichkeit und des Mangels an Delicateſſe. Die Fortſchritte dieſes neuen Gefühls in Aouetti's Herzen kündigten ſich in dem wachſenden Schmachten ihres Auges, in der Sorgloſigkeit bei der Erfüllung ihrer häus⸗ lichen Pflichten, in ihren einſamen Spaziergängen und dadurch an, daß ſie ſich an Chriſtina's Hals warf, ſie küßte und ihr zuflüſterte:„Ich lieb' ihn— wie liebe ich ihn!“ Auf ihren Wanderungen pflegte ſie kleine Stegreif⸗ Liedchen zu machen und ſie nach den wilden Melodien ihrer Phantaſie vor ſich hin zu ſingen; eines derſelben bewahrte Chriſtina in ihrem Gedächtniß und es lautete ungefähr ſo: — 256= Mein Freund gleicht dem Hirſch in des Wald's tiefem Grund, Wie die Kirſchbeer' ſo roth ſind Wange und Mund. Nachts, wenn ich ſchlafe, ſeh' ich ihn erſcheinen; Erwach' ich, ſo flieht er und ich muß weinen. Ich lieb' ihn— o wie lieb' ich ihn! Doch ſeine Braut, ſeine Braut werd' ich nimmer ſein; Sein Herz iſt verſchenkt, doch iſt es nicht mein; Naht er mir, bin ich traurig und könnt' ihn vertreiben; Und iſt er fort, möcht' ich ihn bitten, zu bleiben. Ich lieb' ihn— o wie lieb' ich ihn! Als Chriſtina den Herzenszuſtand des indianiſchen Mädchens entdeckte, ſo minderte dies weder ihre Liebe für die angenommene Schweſter, noch ſchwächte es die dankbare Erinnerung an die Wohlthaten, welche dieſes gütige, zartſinnige Weſen ihr erzeigt hatte. Freilich mochte ſie Aouetti für keine ſehr gefährliche Nebenbuhlerin halten, ſonſt wären ihre Gefühle vielleicht einigermaßen verſchie⸗ den geweſen. Sei dem, wie ihm wolle, ſie erwiederte ihre Liebkoſungen und willfahrte ihrer Bitte, einige der Lieder zu ſingen, welche Königsmarke gern hörte, damit ſie dieſelben lerne und„ihm das Herz wegſinge,“ wie ſie ſich in ihrer bildlichen Sprache ausdrückte. Obgleich Chriſtina, wie wir die feſte Ueberzeugung haben, ſo groß⸗ müthig zu fühlen und zu handeln im Stande war, als dies je ein Weib vermochte, ſo wollen wir dennoch nicht ſagen, daß ihre Sympathie für Rehauge unerſchüttert geblieben wäre, oder ſich auf derſelben Höhe erhalten — 257— hätte, wenn ihre indianiſche Schweſter ihre glückliche Nebenbuhlerin geworden wäre. Wie dem auch ſein möge, es trafen in dieſer Zeit Umſtände und Begebniſſe ein, welche den beiden Mädchen in gleicher Weiſe Eiferſucht und Beſorgniſſe einflößten. Die Indianer, unter denen unſer Held und unſere Heldin jetzt lebten, ſtanden ſeit langer Zeit in Unfrieden mit einem Stamme, welcher an den Ufern des Ohio wohnte. Es iſt wahr, eine ganze Welt von Wald lag zwiſchen ihnen; aber die Jagdzüge der Wilden machten oft, wie die Handelsreiſen der geſittigten Leute, Stämme, die in weiter Ferne von einander lebten, zu Nachbarn und Nebenbuhlern. Vor einigen hundert Jahren war ein Indianer vom Ohio⸗Stamme durch einen von dem Delaware⸗Stamme getödtet worden, und die Rache des Wilden ſchläft nie und ſtirbt nie. Die Erſteren hatten, nicht lange vor dem Zeitpunkte, zu welchem unſere Geſchichte nun vorgerückt iſt, den Delaware⸗Indianern einen Weiberrock geſendet und die beleidigendſten Ausdrücke beigefügt; ſie ſeien Weiber und keine Krieger; ſie würden bald kommen und ſie in die hohlen Bäume jagen, wie Moſchusratten. Solche Verhöhnungen waren unter den Wilden nichts Seltenes, und dieſe Sendung wurde für eine Kriegser⸗ klärung angeſehen. Paulding V. 3 17 Dieſe höhnende Ausforderung und trotzige Kriegs⸗ erklärung ſetzte den Rollenden Donner und ſeine Krieger ſo in Wuth, daß ſie mit der Zuſtimmung der Weiſen des Stammes beſchloſſen, die Ohio⸗Indianer zu über⸗ zeugen, daß ſie keine Weiber ſeien, indem ſie ſich augen⸗ blicklich zu einem Zuge gegen dieſelben rüſteten. Bevor ſie jedoch aufbrachen, hielten ſie einen Schlachtentanz. Dieſer Tanz war von Geſang und Inſtrumental⸗ muſik begleitet. Die letztere rührte von einer Trommel her, die aus einem hohlen ſo geſchnittenen Baumſtück gemacht war, daß das eine Ende vom Holz geſchloſſen blieb und Waſſer hielt. Ueber das andere Ende wurde ein Stück gedörrte Haut, einigermaßen dem Kalbfell ähn⸗ lich, geſpannt; der Ton, welchen man durch Berührung dieſer Haut mit einem Stocke hervorbrachte, war dem eeiner verhüllten Trommel nicht unähnlich. Die Schaar, welche ſich zu dieſem Zuge durch die Wälder vereinigt hatte, ſammelte ſich um einen alten In⸗ dianer, welcher nun zu ſingen begann und in regelmä⸗ ßigen Zwiſchenräumen auf die Trommel ſchlug. Jeder dieſer Krieger, die mit Tomahawks, Schlachtkeulen oder Speeren bewaffnet waren, begann ſich nun im Takte nach Weſten zu bewegen, die Richtung, in welcher ſie dem Kampf entgegen ziehen wollten. Als ſie fünfzig bis ſechs⸗ zig Schritte vorwärts gegangen waren, hoben und ſchwan⸗ gen ſie ihre Waffen auf die furchtbarſte und drohendſte — 259— Weiſe gegen ihre Feinde, wendeten ſich dann mit einem furchtbaren Gebrüll um und tanzten wieder im Takte zurück. Nun begannen ſie den Schlachtgeſang, welchen jedes Mal Einer ſang, und der darin beſtand, daß der Sänger in einer Art Recitativ die Thaten, durch die er ſich aus⸗ gezeichnet hatte, oder noch auszeichnen wollte, vortrug. Dieſe Verſprechungen gleichen den Gelübden der irrenden Ritterſchaft; wer zaudert, ihnen nachzukommen, häuft unvertilgbare Schande auf ſich, und die Krieger geben ſich oft lieber den Tod, als daß ſie dieſe Schmach er⸗ dulden. An dem Schluſſe der Erzählung jeder frühern Heldenthat that der Krieger einen Hieb mit dem Toma⸗ hawk gegen einen Pfoſten, und die, welche umherſtanden, bewahrheiteten ſeine Erzählung, indem ſie ſchrien: „Huh! Huh!“ Erzählte er aber etwas, das im entfernteſten von der Wahrheit abwich, ſo ſchüttelten ſie die Köpfe und beharrten in tiefem Schweigen. Den Schluß der ganzen Ceremonie machte ein lautes Freudengeſchrei, und viele junge Männer, welche ſich ge⸗ weigert hatten, in den Kampf zu ziehen, fühlten ſich durch dieſe Scene ſo erregt, daß ſie augenblicklich ihre Abſicht zu erkennen gaben, ſich dem Zuge anzuſchließen. Sie begaben ſich nun an die Feierlichkeit der Auf⸗ nahme Lob Dotterels, welchen ſie die Abſicht hatten, an 17* — 260— dem Ruhme des Zuges Antheil nehmen zu laſſen, da es ihm endlich gelungen war, durch ſeine ſtets heitere Laune und die Leichtigkeit, mit welcher er ſich in ihre Sitten und Lebensweiſe fand, ihr Vertrauen zu gewinnen. Königsmarke wurde bereits, kraft der Wahl der Wittwe, als zu dem Stamme gehörig betrachtet. Der erſte Theil dieſer Feierlichkeit beſteht darin, daß dem Aufzunehmenden alle Haare ausgerupft werden, die ausgenommen, welche auf der Krone des Schädels wachſen, und welche nach indianiſcher Weiſe hergerichtet werden. Da jedoch Lob Dotterel kein Haar mehr auf ſeinem Haupte hatte, ſo unterblieb dieſe Ceremonie und ſie entſchädigten ſich an ſeinem Barte, welcher mit der Zeit zu einer bedeutenden Länge gewachſen war. Damit die Sache um ſo raſcher vor ſich gehe, tauchte der Mann, welcher dieſes Geſchäft über ſich hatte, von Zeit zu Zeit ſeine Finger in Aſche, die auf einem Stück Rinde lag, und wodurch ſeine Hand einen beſſern Halt gewann. Der Obergerichtsdiener winſelte bei jedem Ruck, und die Thränen floſſen reichlich über ſeine Wangen herab, zum großen Ergötzen der Zuſchauer. Als ſie damit fertig waren, bohrten ſie ihm Löcher in Ohren und Naſe und ſchmückten ſie mit reichen Kupferringen und Juwelen von unbekanntem Werthe, denn ſie hatten ſie ganze Königreiche gekoſtet. Der Obergerichtsdiener wurde dann drei oder vier — 261— Squaws überliefert, welche ihn an den Fluß führten und ihm befahlen, ſich köpflings hineinzuſtürzen. Dem wider⸗ ſetzte ſich Lob Dotterel, da er im feſten Glauben war, ſie wollten ihn ertränken. Darauf ergriffen ſie ihn und zogen ihn, trotz ſeines hartnäckigen Widerſtandes, in das Waſſer, wo ſie ihn ſcheuerten und rieben, bis ihm kaum noch etwas von der Haut übrig blieb. Jetzt wurde er in das Berathungshaus geführt, wo man ihn mit einem neuen Paar Lederbeinkleidern und Mocaſſins, Glasperlen⸗ Strumpfbändern, rothgefärbten Haaren und Schwein⸗ ſtacheln prachtvoll herausputzte und ihm zuletzt eine ſtatt⸗ liche Mütze aufſetzte, welche von der Haut eines Büffel⸗ kopfes, der noch die Hörner hatte, gemacht war. Dann ſetzten ſie ihn auf ein Bärenfell und gaben ihm eine Pfeife, ein Tomahawk, einen Beutel, welcher das Kraut, „Killekenico“ genannt, enthielt, das ſie zuweilen ſtatt des Tabacks gebrauchen, und das Material, um Feuer zu ſchlagen. Nachdem ſie ihn noch in dem beſten Style und mit den ſchönſten Farben, welche ſie beſaßen, ge⸗ malt hatten, war dieſe wichtige Feierlichkeit geſchloſſen, und ein alter Häuptling ſtand auf und hielt eine lange Rede, deren kurzer Inhalt folgender war: „Mein Sohn, man hat dir eben alles weiße Blut aus deinem Körper gewaſchen und du biſt nun ein rother Häuptling. Du biſt ein großer Mann unter einer großen Nation von Kriegern, und wiirſt von heute an der Sprin⸗ gende Stör genannt, nach einem mächtigen Mingo⸗ Häuptling, welcher vor vielen Monden im Kampfe mit den fünf Nationen fiel.— Mein Sohn, du biſt nun von unſerm Fleiſch und Blut; dein Herz iſt unſer Herz; unſere Herzen ſind deine Herzen, und wie du in unſern Schlachten kämpfſt, werden wir dich vertheidigen und ſchützen als unſern Sohn und Bruder.“ Der Springende Stör wurde jetzt ſeinen neuen Ver⸗ wandten und Verwandtinnen feierlich vorgeſtellt und zu einem großen Mahle geladen, wo man auf einem hölzer⸗ nen Brette gekochtes Getraide aß und ſich tüchtige Räuſche holte, welche letztere Ceremonie ſeine Einweihung in den Muskrat⸗Stamm vollendete. Mit dem Grauen des nächſten Morgens brachen die gemalten Krieger, von Königsmarke und dem berühmten Springenden Stör begleitet, auf, um die Indianer vom Ohio zu bekämpfen. Königsmarke folgten die Thränen der ſchönen Chriſtina, die Hoffnungen der reizenden Aouetti und die ermuthigenden Worte der Wittwe, welche ihm verſicherte, wenn er ſich als wackerer Krieger zeige, würde ſie den mit einer gehörigen Anzahl von Hirnhäuten Zurückkehrenden zum einzigen Gebieter ihrer Perſon und ihrer Zinnkannen machen. Mit der aufgehenden Sonne verließen die Krieger das Dorf, indem ſie ihr Marſchlied ſangen, welches wir hier nachzubilden verſuchen: — — — 263— Zum Kampf! Zum Kampf! Wohlauf, zum Kampf! Sie ſollen uns nicht ſehen, Sie ſollen uns nicht hören, Sie ſollen uns nicht ſtören, Bis wir vor ihnen ſtehen. Fort! Fort! Still! Still! Still! Sie ſind nicht fern! An ſolchen Feuern wärmen Sie ihren Rücken gern. Kriecht an der Erde hin, Kürzt den Odem ab, Seid ſtumm wie das Grab. Still! Still! Still! Sie ſind nah'! ſie ſind nah⸗! Ich höre den Todesſang— Ihr letzter Tag iſt da Und er währt nicht lang'. So ſollen ſie ſterben! Eh' unſer Schlachtruf tönt, Jeder ſeinen letzten Hauch ſtöhnt— Horch, ſie ſind nah'! Halt! Das Feuerrohr, Das Tomahawk empor— Wie der Hirſch zum Quell, Eilt ſchneil, ſchnell! Schont keinen— keinen! Laßt ſie blutend fleh'n! Sie ſterben— es iſt geſcheh'n, Sie ſind todt! — 264— Nimmer und nimmer Heben ſie das Haupt, Für immer, für immer Sind ſie des Lichts beraubt. Die Todten ſollen ſchlafen, Die Lebenden ſollen weinen! Die Todten erſcheinen Nummer und nimmer! ſſſſntſfm ſſſſſſſſſſſſſſſffiſſſifſiſſſnnſnnſmnſnnneen 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17