deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von · Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 Leihj- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 3 2. Lesepreis. Bei Ructgabe eines geliehenen Buches wird von ſedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ een angenommen. 5 3 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſelſen entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuru⸗ wird. h 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:.. für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. — James Paulding's Amerikaniſche Romane. Vierter Band. V Des Holländers Heerd. . Zweiter Theil.. Frankfurt am Main, 1838. Druck und Verlag von J. D. Sauerländer. Des Holländers Heerd. — Roman von James Paulding. Aus dem Engliſchen. „— Zweiter Theil. Frankfurt am Main, 1838. Druck und Verlag von J. D. Sauerländer. — Erſtes Kapitel. Eine lange Reiſe. Viel iſt geſungen und geſchrieben worden von den Reizen des prächtigen Hudſon— ſeinen lachenden Dör⸗ fern, ſeinen edeln Städten, feinen herrlichen Ufern und ſeinen majeſtätiſchen Fluten. Der unnachahmliche Kinder⸗ bocker*), der maleriſche Cooper und tauſend minder berühmte Schriftſteller und Touriſten haben ſich ergötzt in Schilderungen ſeiner fruchtbaren Fluren, ſeiner blu⸗ menreichen Wieſen, ſeiner flüſternden Wälder und ſeiner wolkenbehaubten Berge zu ſchwelgen, bis ſein Name gleich⸗ bedeutend wurde mit all dem Schönen und Erhabenen der Natur. Da dieſe Reize mit unſern früheſten Erin⸗ nerungen im innigſten Zuſammenhange ſtehen, da ſie unzertrennlich mit Bildern der Vergangenheit, mit Hoff⸗ nungen der Zukunft verbunden ſind, möchten aulch wir gern unſern ſchwachen Tribut zollen. Aber der Gegen⸗ ſtand wurde von Händen erſchöpft, welche der Natur *) Waſſhington Irving. — 8— unmittelbar den Pinſel entriſſen und es iſt uns nichts geblieben, als die Gefühle unſerer ſchwellenden Herzen durch ſtummes Sinnen zurückzudrängen. Catalina begab ſich, von ihrem Vater begleitet, an Bord der guten Schaluppe„Watervliet,“ welche Kapitän Baltus van Slingerland kommandirte, ein ſehr erfahrener, entſchloſſener und umſichtiger Schiffer. Dieſes Fahrzeug war wegen ſeiner ſchnellen Fahrten bekannt, worin es die ſo ſehr berühmten Liverpool⸗Paketbote übertraf. Es brauchte nämlich ſelten mehr als drei Wochen, um von Albany nach New⸗York zu gehen, ausgenommen, wenn es auf Sandbänke lief, für welche es, wie ſein würdiger Eigenthümer, eine beſondere inſtinktmäßige Neigung zu haben ſchien. Kapitän Baltus war ein Schiffer von großem Scharf⸗ ſinn und kühnem Muthe, denn er war der Erſte, welcher die gefährliche Reiſe zwiſchen den zwei Städten unter⸗ nahm, ohne in der Kirche Gebete anſtellen zu laſſen und ſein Teſtament zu machen. Ueberdies war er in ſeinem ganzen Thun ſo vorſichtig, daß er nichts für ausgemacht annahm und ſich nie überzeugte, ſein Schiff ſei einer Sandbank oder Untiefe nahe, bis er mit Mann und Maus feſtſaß. Wenn er durch augenfälligen Beweis überfüͤhrt war, fühlte er ſich vollkommen zufrieden geſtellt, ſetzte ſich hin und rauchte ſeine Pfeife, bis es dem Waſſer beliebte zu ſteigen und ihn wieder flott zu machen. Seine Geduld bei einem Unfalle dieſer Art war muſter⸗ beft;— ſeine Pfeife war ſein Troſt, und zwar ein wirk⸗ ſamerer, als alle Lehren der Philoſophie. Es war ein ſchöner Herbſtmorgen, ruhig, ſtill, klar, lieblich. Die Wälder, die an den Ufern des ſilberhellen Fluſſes nickten oder ruhig ſchlummerten, ſpiegelten auf ſeinem Buſen einen reichen Teppich wieder, der mit allen Farben des Regenbogens geſchmückt war. Die glänzende, weißliche Pappel, der noch glänzendere, hellrothe Ahorn, die dunkelbraune Eiche und die noch dunklere, immer⸗ grüne Tanne nebſt der Fichte und tauſend andern Bäu⸗ men und Büſchen von tauſend manchfachen Farben und Schattirungen— alle vermiſchten ſich zu einem reichen, unausſprechlich reichen Gewande, mit welchem die Natur begierig ſchien, ihre verblaſſenden Reize und ihr nahes Ende zu bedecken und zu verhüllen. Das Fahrzeug gleitete langſam mit der Strömung dahin, dann und wann durch einen ſchwachen Wind unter⸗ ſtützt, der für einen Augenblick die Oberfläͤche kräuſelte und die Segel füllte und dann wieder dahinſtarb. Auf dieſe Weiſe näherten ſie ſich dem Overslaugh, einer für 3 alle vergangenen Zeiten berüchtigten Stelle, weil das ſich windende Bett des Fluſſes ſich hier verengte und eine Menge Sandbänke auf den unvorſichtigen Schiffer lauerten. Auf jede Gefahr gefaßt, ſtopfte ſich der wachſame Van Slingerland eine friſche Pfeife und ſteckte ſie in die Knopflöcher ſeiner holländiſchen Fettjacke, um ſie in einem dringenden Falle bei der Hand zu haben. „Boss,“ ſagte der ſchwarze Steuermann, welchem das Schickſal der guten Schaluppe„Watervliet“ anheim gegeben war—„Boss, glaubt ihr nicht, ich ſollte hier wenden; mir iſt, als wären wir jetzt dem Overslaugh nahe?“ Kapitän Baltus ging ſehr behaglich an den Bug des Schiffes, ſah ſich ein wenig um und ſagte langſam: „Ein wenig weider unden— ein wenig weider unden, Brom— keine Urſache, euch ſo zu peeilen, wenn ihr eines Tinges nit ganz gewiß ſeit.“ Brom ließ dem Schiffe ſeinen Lauf, brummte aber doch etwas vor ſich hin. Plötzlich ſtand das Fahrzeug ſtill. Der Kapitän bemühte ſich nun, den Anker los zu machen. „Keine Sorge, Boss, es läuft nicht davon.“ „Sehr gut,“ ſagte Kapitän Baltus,—„ich bin nun zufrieden— ganz zufrieden. Wir ſind gewiß auf dem Overslaugh.“ „So klar wie Koth,“ antwortete Brom. Der Kapitän begab ſich nun daran, ſeine Pfeife anzuſtecken und Brom folgte ſeinem Beiſpiele. Jede Viertelſtunde gleitete ein Schiff in vollkommener Sicher⸗ heit vorüber— diente doch die Lage des Waterpliet als treffliches Warnungszeichen, wo die Sandhank war— und vermehrte den Aerger unſerer Reiſenden, ſo zurück⸗ bleiben zu müſſen. Aber Kapitän Boss rauchte ſeine Pfeife ruhig fort und ſagte dann und wann:„Ja, ja, —, — 1— je mehr Eile, deſto langſamere Fahrd— wir werden ſehen, balte— balte!“ Als die Flut zurücktrat, ſenkte ſich das Schiff, das auf dem äußerſten Ende der Sandbank liegen geblieben, allmählich ſo ſtark auf die eine Seite, daß es ſchwer war auf dem Verdeck zu bleiben und Oberſt Vancour machte den Vorſchlag, an das Ufer zu gehen, bis das Fahrzeug ſich wieder gerade geſtellt hätte. „Ei, wozu tenn tas?“ verſetzte Kapitän Baltus,— „wozu ſich ſo viele Mühe keben? Bah— bah, in zwei oder trei Dagen längſtens werten wir wieter flodd ſein, Es wirt Vollmont ſein— übermorgen wird Vollmont ſein.“ „Zwei oder drei Tage?“ rief der Oberſt.„Wüßte ich das gewiß, ſo ging' ich nach Haus und kam' dann wieder.“ „Bah— bah— wozu ſich denn ſo viel Mühe keben, Oberſt? wozu tenn? Ihr würtet nur wieter packen müſſen.“ „Aber warum ladet ihr euer Schiff nicht aus oder werft Anker? Es ſcheint mir faſt an dem Rande der Sandbank zu liegen und kann jeden Augenblick in die Tiefe gleiten.“ „Bah— bah— wozu ſich tenn ſo viel Mühe keben? 's wirt ſich ſchon von ſelbſt flodd machen tieſer Dage. Was fehlt euch hier auf tem guten Schiff? Nix zu dun und die junge Laty ta gann euch ein baar Strümpfe ſtricken, um ſich die Zeid zu verdreipen.“ „Aber ſie kann keine Strümpfe ſtricken,“ ſagte der Oberſt lächelnd. 3 „Geine Strümpfe ſtricken? Pei meiner Seele— wozu iſt ſie tann zu prauchen? Tann muß ſie eine Pfeife rauchen; tas iſt ter nächſte peſte Weg, tie Zeid hinzu⸗ pringen.“* „Aber ſie raucht auch nicht, Kapitän.“ „Nit rauchen— nit Strümpfe ſtricken? Chriſtus, wo iſt ſie tann auferzogen worten? Ich möchde ſie nit haben für mein kanzes Leben unt wenn ſie eine kanze Schalubbe zu ihrem Vermöken hädt. Ich weiß turchaus nit, was ſie dun kann, die Zeid hinzubringen, bis ter Mont tad nächſte Mal voll wird, ſie müßte tann ſchla⸗ fen; tas iſt tas nächſt peſte Ting nach Stricken und Rauchen.“ Catalina ergötzte ſich ſehr an des Kapitän's Baltus Herzählung der Totalſumme ihrer Hilfsmittel, um die Zeit hinzubringen. Glücklicherweiſe aber machte die erſte Flut ſie flott und das Fahrzeug ſetzte mit einem friſchen Nordweſtwind ſeine Reiſe fort; er blies bald ſo kräftig, daß ſie faſt mit der Schnelligkeit eines Dampfbotes dahin ſegelten. Nachdem ſie wenige Meilen hinter ſich hatten, überholten und ließen ſie mehrere Schaluppen zurück, welche den Watervliet an dem Overslaugh auf dem Sande hinter ſich gelaſſen hatten. „Ihr ſehd, Oberſt,“ ſagte Kapitän Baltus ſelbſtge⸗ fällig,—„ihr ſehd— wozu iſt es tenn kut, immer ſo ——B—B———QOQ.⸗CO—O:⸗C—CQ—C—⸗—⸗—⸗O⸗O⁊Oä˖ÿ=—— ——ʒ—————— — 13— zu eilen? Sie ſint vor Anker kelegen und wir paſten auf der Santpank. Was iſt tenn ter underſchied, Oberſt?“ „Aber es iſt leichter, Kapitän, einen Anker zu heben, als ſich einer Sandbank zu entheben.“ „Kut, angenommen, es wäre— wenn aber Einer nit zu eilen had, was tann?“ erwiederte der gute Kapitän Baltus. In der Zeit, von welcher wir reden, war ein großer Theil der Ufer des Hudſon, welche jetzt mit weißen Dör⸗ fern und entzückenden Villen geſchmückt ſind, noch in ihrem natürlichen Zuſtande. Der kleinen Anſiedelungen waren wenige und ſie lagen zerſtreut und da und dort wohnten noch einzelne Indianer auf jenen Gebieten, welche bald ihnen und ihren Nachkommen für immer entriſſen werden ſollten. Der Fluß allein war in dem ausſchließlichen Beſitze des weißen Mannes; die Ufer waren noch, in manchen Theilen, von den wenigen Reſten der indianiſchen Stämme bewohnt. Es waren aber nicht die Wilden der freien Urwälder; ſie hatten großentheils ihre Sitten als Krieger und Jäger verloren und erlaub⸗ ten ſich, in Folge eines inſtinktmäßigen Gefühls, daß ſie nun der Gnade der Weißen anheimgefallen, ſelten Feind⸗ ſeligkeiten gegen dieſelben. War aber auch ein großer Theil der Ufer wild und unbewohnt und unbebaut, ſo waren ſie darum nicht weniger erhaben und ſchön und Catalina konnte, wie ſie am Abend, wo die Landſchaft in dem Zauber des Zwie⸗ lichts ſchwimmend, eine weite Anſicht einſamer Größe und majeſtätiſcher Ruhe darbot, auf dem Verdecke ſaß, ihrem heiligen Einfluſſe nicht widerſtehen. Am Abend des ſechsten Tages traf ſie eine Windſtille inmitten der Hochlande, der Stelle gerade gegenüber, wo jetzt Weſt⸗Point ſeine grauen Mauern erhebt, welche die Pflanzſtätte der Wiſſenſchaft, des Patriotismus und des Ruhmes umſchließen. Es war damals ein einſamer Fels, wo der Adler ſein Neſt baute und ein verlaſſener India⸗ ner zuweilen auf die Schiffe, welche tief unten vorüber⸗ fuhren, niederſchaute und denen an Bord als Räubern ſeines ehemaligen Bereiches ſeine Verwünſchungen nach⸗ ſandte. Es war eben weder Ebbe noch Flut und kein Luft⸗ hauch regte ſich. Der ſchwarze Pilot rieth dem guten Kapitän Baltus, den Anker zu lichten; aber der Kapitän ſah keinen Grund ein, ſo ſehr zu eilen; und ſo lag das Fahrzeug wie ein ſchlafender Eisvogel, ſtill auf dem bewegungsloſen Spiegel der Waſſer. Der treffliche Baltus ſteckte ſeine Pfeife an und der Neger⸗Pilot wählte ſich eine bequeme Planke auf dem Spiegel des Schiffes aus, auf welcher er nach wenigen Minuten die Ruhe fand, welche der goldene Preis der Arbeit iſt und die ſelbſt⸗ mörderiſchen Ueppigkeiten des trägen, ſchlafloſen Schlem⸗ mers tauſend Mal aufwiegt, deſſen Ruhe der Kampf und nicht die Erholung der Natur— der Streit zwiſchen Leben und Tod iſt. Wenn der Ueppige ſchläft, ſo ſchläft — 15— er in einem Chaos von halb wirklichen, halb eingebilde⸗ ten Schrecken, aus denen er zu einer unglücklichen Kraft⸗ loſigkeit erwacht, um ſich nur für eine kurze Weile zu ſtärken, indem er das Menſch⸗Thier füttert und reizt und es wieder zu einem nächtlichen Kampfe mit ſeinem Mittageſſen und ſeiner Flaſche vorbereitet. Als die goldene Sonne hinter die hohen Gebirge des Weſten niederſank, erhob ſich der andere minder glor⸗ reiche Himmelsſtern in voller, runder, ſilberner Pracht aus dem wolligen Laubwerk des Waldes, welcher auf dem öſtlichen Ufer des Fluſſes die ſteilen Höhen kränzte. Es war, als wenn das Schiff ſich in eine kleine, ihm zuſtehende Welt eingebuchtet hätte, wo nichts zu ſehen war, als das funkelnde Waſſerbecken, die welligen Berge; die eine Seite ganz düſter, die andere glänzend hell und den blauen Himmel mit den Millionen ſchimmernden Welten über dem Haupte. Catalina hüllte ſich in ihren Mantel und ſaß auf dem Verdecke allein und in ſich ver⸗ ſenkt, der ganzen Scene und ihres Zaubers nur dadurch bewußt, daß ſie jene geheimnißvollen Verbindungen von Gedanken und Gefühlen weckte, die die unauflösliche Vereinigung zwiſchen dem Schöpfer und ſeinen Werken ausmachen, und die Seele des Menſchen mit der Seele des Weltalls, die nichts anderes iſt als die Allmacht ſelbſt, verknüpfen. Die Phantaſte, die Erinnerung und die Hoffnung tauchten wechſelnd in ihrem Buſen auf und zu den himmliſchen Wünſchen trat ſüͤßes weltliches Ver⸗ — 16— langen, wie wohl reine Jungfrauen, die ihr Herz verge⸗ ben haben, hegen dürfen, ohne die Lilienweiße ihrer unſchuldigen Neigungen zu beflecken. Allmählich ward Sybrandt Weſtbrook der Mittelpunkt ihrer Gedanken; ſie rief ſich jene früheren Begebniſſe ihres Lebens zurück, welche der Himmel herbeigeführt zu haben ſchien, um ihre Herzen zu einem unzertrennbaren Weſen zu vereinigen, und brachte ſich nach und nach zu der feſten Ueberzeugung, ſie würden und könnten nie getrennt werden. Ein Meer von zärtlichen Gefühlen, durch dieſen Auf⸗ ſchluß einer heiligen, geheimnißvollen Weihe gehoben und geläutert, ergoß ſich in ihre Seele; ſie wünſchte, er möchte bei dieſer Apotheoſe alles deſſen, was es in der Natur ſchönes, was es in dem weiblichen Herzen zärtli⸗ ches und inniges gebe, gegenwärtig ſein, damit ſie ſich in ſeine umfangenden Arme lehne, ihr Haupt an ſeine Bruſt lege, ihr überſtrömendes, liebebebendes Herz vor ihm ausgieße, und in einem langen, langen Kuſſe ſchmelzenden Entzückens ihre Liebe gegen die ſeinige austauſche. In dieſem Augenblicke ließ ſich vom Ufer herüber ein wilder greller Schrei oder heulender Ruf hören, der in den ſteilen Schluchten des Gebirgs wiederhallte und Catalina aus ihrer köſtlichen Träumerei aufſchreckte. Nach einer Minute ertönte der Schrei wieder— und nach einer gleichen Pauſe zum dritten Male. „Tas iſt tie alde Frau,“ ſagte Kapitän Baltus, der auf der Lukenklappe ſaß, ſein Pfeifchen rauchte, und ſelbſt nicht wußte, ob er ſchlief oder wachte. „Welche alte Frau?“ fragte Catalina. „Nun, tie alde intianiſche Frau, tie an tem Felſen grate tort am Ufer ſich aufhäld— tort— ſehd ihr nit— under tem Dannenbaum tort?“ „Welche indianiſche Frau— und was bedeutet ihr Geſchrei?“ ſagte die junge Dame. „Was? Hadd ihr tie Geſchichde niemals gehört? und wißt ihr nit, daß ſie üperhaubt keine alde Frau iſt, ſondern ein Keiſt?—“ G „ Ein Geiſt?“ „Ja— ein Keiſt— ein Keſpenſt— ein Kobolt. Ich habe ſie einſt in ter Nachd geſehen, als ich an tas Ufer ging— auf der Nieterung— dort grate an tem Felſen; und ihr könnd mir klauben, daß ich in kroßer Eile war, zum erſten Mal in meinem Leben, kewiß und wahrhaftig. Sie ſah aus, wie ter lebendige alde Tüfel— ſo ſtant ſie auf dem Felſen und wetzte ein kroßes Knapp⸗ meſſer, wie ſie ſagen.“ 3 —„Wer ſagt es?“ fragte Catalina. „Ei, mein Großvader und mein Vader— die peite dodt teshalb geſtorben ſint; aber ſie haben mir tie Geſchichde erzählt, ehe ſie geſtorben ſint. Wir werten ſechszehn regichde Sonntage haben, eine nach tem antern Paulding. IV. 2 18— — unt tann wird es ſich aufklären mit einem kroßen Schneeſturm.“ „Ei?“ „Gewiß; ſo ſicher als ihr hier ſitzt. Tas trifft immer ein, wann ſich die alde Frau zeigd und ſo ſchreid wie der lependige Tüfel. „Wißt ihr die Geſchichte?“ fragte Oberſt Vancour, deſſen Neugierde durch die Unterhaltung gereizt wor⸗ den war. „Op ich ſie weiß? Nun, tas meine ich, Oberſt. Ich habe ſie hundert Mal von meinem Vader und Groß⸗ vader erzählen hören. Er war ter erſte Mann, der in einer Schaluppe ten Panzen Weg von Albany nach New⸗ York ſegelte.“ „Man kann keine beſſern Gewahrsmänner verlan⸗ gen. Kommt, Kapitän— ich ſehe, eure Pfeife iſt grade geſtopft— erzählt uns die Geſchichte— und dann will ich ſchlafen gehen.“ Der gute Schiffer ſagte, er ſei kein großer Meiſter im Geſchichtenerzählen; er wolle es aber verſuchen, wenn ſie verſprächen, ihn nicht zu ſehr zur Eile zu drängen. Demzufolge begann er: „Einſt, ta war eine alde Frau— Tüfel! da iſt ſie wieter!“— rief Baltus, als ein lautes Schreien von dem Ufer zurückhallte. „Gut— gut! Laßt ſie machen, fahrt fort!“ ————— — 19— „Einſt, ta war eine alde Frau—“ Ein zweiter Schrei, der von dem Maſt herab zu kommen ſchien, unterbrach Baltus und machte Catalina beben. „Tüfel!“ rief Baltus,—„faſt klaube ich, ſie kommt zu uns an Pord.“ 4 „Gut— thut nichts,“ ſagte der Oberſt wieder,— „ſie will vielleicht hören, ob ihr ihr vollkommen Gerech⸗ tigkeit widerfahren laßt. Fahrt immer fort, wackerer Kapitän.“ „Einſt, ta war eine alde Frau,“ begann er mit möglichſt leiſer Stimme, als er von dem ſchwarzen Pilo⸗ ten wieder unterbrochen wurde, der mit einem Lichte daher kam und Baltus fragte, ob ess nicht beſſer ſein würde, die Segel einzunehmen, da er gewiſſe Zeichen habe, daß der Wind ſich nach Nordoſten umſchlage, wo die Wolken den Mond gaͤnzlich verdunkelt hätten. „Seit nit in ſolcher Eile, Brom,“ ſagte der Schif⸗ fer,—„Zeid genug, wenn ter Wint ta iſt.“ „Einſt, ta war eine alde Frau—“ In dieſem Augenblicke wurde Brom's Licht plötzlich ausgeblaſen und Baltus erhielt einen Schlag in das Geſicht und wurde zappelnd auf das Verdeck hingeſchleudert, wäh⸗ rend zugleich ein furchtbarer Schrei von einem Weſen gehört wurde, das niemand ſah, welches aber ganz nahe bei ihm zu ſein ſchien. Baltus brüllte herzhaft und Cata⸗ ina war in nicht geringem Schrecken über dieſes unbe⸗ 2 greifliche Beginnen der alten Frau. beſtand darauf, er ſollte fortfahren. „Auf, auf, Kapitän— erzählt eure Geſchichte.“ „Einſt, ta war eine alte Frau—“ Aber die Geſchichte des guten Baltus ſchien, wie die des Korporals Trim von„einem gewiſſen König in Böhmen,“ das Schickſal zu haben, daß ſie nicht über den erſten Satz gedeihen ſollte. Er wurde wieder durch ein ſeltſames, geheimnißvolles Flattern und Gackeln und Schreien und wirres Toſen in dem Hühnerkorb unter⸗ brochen, welchen der vorſichtige Kapitän zum Beſten des Oberſten und ſeiner ſchönen Tochter mit Geflügel wohl verſehen hatte. „Tüfel! was iſt tas?“ rief Kapitän Baltus in großer Beſtürzung. 4 „O, es iſt nur die alte Frau, die euch euern Geflü⸗ gelvorrath holt,“ ſagte der Oberſt. „Tann muß ich tarnach ſchauen,“ ſagte Baltus, nahm allen ſeinen Muth zuſammen und eilte, um zu ſehen, was es gäbe. Nach einigen Minuten kehrte er zurück und brachte eine große Eule mit, welche aus irgend einer Grille oder vielleicht von den Reizen des Geflügels unſeres Kapitäns angezogen, ſich zuerſt auf dem Maſte niedergelaſſen und dann durch Brom's Licht entweder verführt oder geblen⸗ det, von da in das umfangreiche Vollmondgeſicht des wür⸗ digen Schiffers, wie erzählt worden, geflogen war. Der Oberſt aber ——— —4—— —— „Hier iſt ter Tüfel!“ rief Baltus. „Und die alte Frau,“ ſagte der Oberſt lachend:— „Aber kommt, Kapitan— je mehr ich ſehe, deſto neu⸗ gieriger werde ich, den Verfolg eurer Geſchichte zu hören.“ „Einſt, ta war eine alde Frau—“ Ein dumpfes Murren in den Bergen unterbrach ihn abermals. „Da iſt die alte Frau wieder,“ ſagte der Oberſt. „Tas iſt der alde Tüfel!“ rief Baltus, ſprang auf und forderte„alle Hände“ zuſammen, die Fallen loszu⸗ laſſen. Ehe dies aber geſchehen konnte, traf einer jener plötzlichen Windſtöße, wie ſie im Herbſte in den Hochlan⸗ den ſo gewöhnlich ſind, das Schiff und warf es beinahe auf ſeine Seiten. Die Heftigkeit der Bewegung war ſo groß, daß ſie den Oberſten und Catalina fortriß und ſie würden, ohne die Brüſtung des Verdecks, unvermeidlich ihren Tod gefunden haben. Der Watervliet war jedoch ein gutes holländiſches Schiff von ſehr paſſender Breite des Gebälks und es war nicht leicht, ihn ganz umzule⸗ gen. Eine oder zwei Minuten bebte er und kämpfte mit dem Ungeſtüm des Windes, der aus den Bergen daher brüllte und durch die Segel pfiff; bald aber hob ſich das gute Schiff wieder, ſtellte ſich langſam in den Wind auf, wiegte ſich bequemlich und ſchlug trotzig mit den Segeln an. In der nächſten Minute war wieder alles ſtill und ruhig. Die Wolken zogen vorüber, der Mond ſchien hell und die Waſſer ſchliefen, als wären ſie nie geſtört — 22— geweſen. Als Kapitän Baltus dies ſah, befahl er, wie ein kluger Schiffsherr, der er war, alle Segel niederzu⸗ laſſen und den Anker zu lichten. „Es war hohe Zeid, ſich vor einem Wintſtoß zu wahren,“ bemerkte er weislich. „Ein ſolcher Vorfall auf der See würde ſich als etwas ziemlich ernſtes erwieſen haben,“ ſagte der Oberſt. „Ich weiß nit, was ihr meind, antwortete Baltus,— „aper, nach meiner Anſichd, iſt ter Underſchied nit ſehr groß, ob ein Menſch in ter See erdrinkd oder in dem Fluſſe.“ Der Oberſt wußte nichts dagegen einzuwenden und begab ſich bald mit ſeiner Tochter in ſeine Kajüte. Mit dem erſten, hellen Morgenſtrahl des nächſten Tages ſchaute Kapitän Baltus rund um nach allen Rich⸗ tungen, nach Oſt, Weſt, Nord und Süd, um zu ſehen, ob nicht irgendwo wieder ein Windſtoß gebraut werde; und da er ſich überzeugte, daß keine Wolke am Himmel ſei, befahl er vorſichtig, das halbe Klüber und große Segel auszuſetzen, um von dem ſchwachen Landwinde, der gerade die Oberfläche des Waſſers kräuſelte, Vortheil zu ziehen. Nach einigen Stunden kamen ſie an den Fuß des großen Dunderbarrak aus dem Felſenpaſſe und fuhren langſam in das ſchöne Amphitheater ein, über das die Natur all ihre Schätze und all ihre Reize ausgegoſſen hat. Nichts Weſentliches und des Ernſtes unſerer Erzäh⸗ lung Würdiges begab ſich während der übrigen Fahrt. 2 — 2— Es iſt wahr, der gute Kapitän Baltus ließ das Schiff zwei oder drei Mal auf die Auſterbänke der ſeitdem berühmten Tappon⸗Bay laufen; dies war aber etwas ſo gewöhnliches, daß es kaum der Erwähnung werth iſt und wir würden deſſen gar nicht hier gedacht haben, hätten wir nicht gefürchtet, das Uebergehen deſſelben möchte viel⸗ leicht in ſpaterer Zeit einen ſchreibluſtigen Autor veran⸗ laſſen, eine ganz neue Erzaͤhlung dieſer Abenteuer zu fertigen, nur um ein ſo wichtiges Begebniß der Vergeſ⸗ ſenheit zu entreißen. Genug, zehn Tage nach der Abfahrt von Albany, erreichte die gute Schaluppe, der Water⸗ vliet, Coenties⸗ſlip, wo ſich in jener Zeit alle Schiffe von Albany zu ſammeln pflegten. Die außerordentlich ſchnelle Fahrt wurde in beiden Städten viel beſprochen und kam zuletzt ſogar in das wöchentliche News⸗Letter, die einzige Zeitung, welche damals in der neuen Welt erſchien und deren zerſtreute Blätter die Freunde von vaterländiſchen Alterthümern jetzt ſchon mit Gold aufwiegen. Es wird ferner berichtet, daß einige der Schiffe, die an dem Watervliet, als er auf dem Overslaugh feſtſaß, hochmü⸗ thig vorbeifuhren, faſt vierzehn Tage nach ihm anlangten, was, wie Kapitän Baltus bemerkte, blos darin ſeinen Grund hatte,„taß ſie in ſolcher Eile waren.“ Nach dieſer berühmten That hatte der Watervliet ſtets ſeine volle Fracht und ſo viel Paſſagiere, als er nur irgend aufnehmen konnte, ſo daß dieſer kühne Schiffsführer ſich ſehr bald von dem Waſſerleben zurückzuziehen im Stande war, und ſich ein ſchönes Backſteinhaus baute, deſſen Giebel auf die Straße ging und deſſen Dachecken wie die Fänger eines wilden Ebers vorſtanden. Glück⸗ lich wie ein Vogel ſaß er da an ſeinem Fenſter und ſchaute auf die Waſſer hinaus und rauchte ſeine Pfeife vom Morgen bis zum Abend. Zweites Kapitel. Das der freundliche Leſer überſchlagen kann, da es nicht ein einziges blutiges Abenteuer enthält. Mit herzlicher und zuvorkommender Freundſchaft wurde Catalina von Mrs. Aubineau, der Dame empfan⸗ gen, mit welcher ſie den Winter hinzubringen eingeladen war und die außer ſich war, als ſie die herrlich erblühte Jungfrau vor ſich ſah, welche vor zwei oder drei Jahren das Erziehungs⸗Inſtitut faſt noch als Kind verlaſſen hatte. Unſere Heldin freute ſich, Mrs. Aubineau wieder 3 zu ſehen, da ſie ſich ihrer gefälligen Sitten und ihrer mütterlichen Güte noch gar wohl erinnerte. Der Gatte dieſer Dame war der Sohn eines der Hugenotten, welche die Frömmelei oder die Politik Ludwig's des Vierzehnten in dieſes Land der Freiheit— der Freiheit des Handels, der Freiheit der Rede und der Freiheit des Gewiſſens— vertrieb. Dieſe Auswanderer bildeten den beſterzogenen, den gebildetſten, feinſten und reichſten Theil der früheren Bewohner New⸗Yorks. Sie waren die Gründer von Familien, welche ſich noch des beſten Rufs erfreuen, und Manche, welche mit der Geſchichte unſeres Landes in dem innigſten Zuſammen⸗ — 26— hange ſtehen, ſtammen von ihnen ab. Der Vater der Mrs. Aubineau verwaltete einen bedeutenden Poſten unter der holländiſchen Regierung, ſo lange dieſe im Beſitze von New⸗York war; er verlor ihn jedoch, als die Provinz dem Herzoge von York übergeben wurde, deſſen hungrige Kreaturen in der neuen Welt vertheilt wurden, da es in der alten nicht Brod und Fiſche genug gab, um Aller Hunger zu ſtillen. Vater und Sohn hegten einen Groll darüber und als ein geſetzgebender Körper gebildet wurde, und der Eine oder der Andere regelmäßig ein Mitglied deſſelben wurde, verfehlten ſie nie, ſich unter denen finden zu laſſen, welche auf der Volksſeite waren und gegen den Statthalter ſtimmten und handelten. Sie waren bei allen Maßregeln, welche den Rechten der Kolonie günſtig waren, bei der alten holländiſchen Partei und erwarben ſich bei derſelben großen Einfluß und hohe Achtung. Seinen politiſchen Grundſätzen ungeachtet heirathete der jüngere Aubineau eine ſchöne junge Engländerin, nicht blos ein Kind von engliſchen Eltern, ſondern eine in London geborne und erzogene Engländerin. Ihr Vater kam mit einer Anſtellung über das Meer, denn er war ein jüngerer Bruder und hatte das Erbtheil eines jüngeren Bruders, welches gewöhnlich darin beſteht, daß die Familie ihren ganzen Einfluß aufbietet, ihre jüngeren Sproſſen auf Koſten des Staates zu verſorgen. Der grße Nutzen von Kolonien beſteht vorzüglich darin, daß für jüngere Brüder geſorgt werden kann. Ich weiß nicht mehr, 1 . — 27— welche Anſtellung er hatte; welcher Art ſie aber auch war, ſie ſetzte Herrn Majoribanks in den Stand, ein Haus zu machen und ſeinen Kopf hoch über die Unglücklichen zu erheben, welche ihn ernährten und deren trauriges Loos es war, auf der„linken Seite“ des atlantiſchen Meeres geboren zu ſein, wo bekanntlich Alles, vom Men⸗ ſchen bis zu dem Stutzer herab, ausartet. Jũ Haus geboren zu ſein, wie man ſich damals ausdrückte, wirkte wie eine Art Adelsdiplom und verzweifelt war der Ehr⸗ geiz der reichen jungen Bürger und noch verzweifelter der der jungen Landestöchter und ihrer Mütter, Glück und Vermögen mit einem echten, wirklichen Ausländer zu verbinden. Mancher Glücksritter vom Militär, der von ſeinem Solde und den Schulden lebte, die er machte, wurde auf dieſe Weiſe verſorgt; und nicht wenige Glücks⸗ jägerinnen wußten ſich vortrefflich in Häuſern zu betten, wo ſie bald unbeſchränkte Herrſchaft ausübten und ſich für alles entſchädigten, was das Schickſal früher an ihnen verſchuldet hatte. Wenn ein Mann aus der Provinz einer Frau aus dem Mutterlande zu widerſprechen wagte, ſo galt dies für etwas eben ſo Ungeheures, als wenn die Geſetzgebung der Provinz ihre Beiſtimmung zu einer Verfügung des mächtigen Staatshalters ſeiner Majeſtät verweigerte. Es ſchmeckte nach offenbarer Empörung. Herr Aubineau war jedoch ziemlich glücklich in ſeiner Wahl. Seine Gattin widerſprach ihm in Geſellſchaft ſtets heimlich und ertheilte ihre Befehle mit einem Flüſtern. — 28— Sie erzürnte ſich nie über ihn und lachte nur und that, was ſie wollte, wenn er unrecht hatte; oder, was noch klüger war, ſie überſah ſeine üble Laune und handelte eben, wie es ihr gefiel. Sie war eine Freundin von Vergnügungen, liebte eine reiche Toilette, Equipage und hatte beſonders große Neigung zu den Offizieren, welche zu des Statthalters Hofhaltung gehörten. Dieſe Herren, die nichts zu thun hatten und keine Neigung zeigten zu heirathen, wenn es ihnen nicht gut bezahlt wurde, wähl⸗ ten natürlich verheirathete Damen zu Gegenſtänden ihrer Anbetung, indem ſie den ſehr logiſchen Schluß zogen, es könne, was auch mit den Damen geſchehen möchte, von ihrer Seite zu keinem Bruche eines Heirathsverſprechens kommen, und daher auch keine Schande ſein, den Damen etwas zu Gefallen zu thun. Die Provinz⸗Ehemänner betreffend, ſo war von ihnen gar nicht die Rede. Zu den hervorragendſten Schwaͤchen der Mrs. Aubi⸗ neau gehörte ein Gedanke, welcher zu jener Zeit bei engliſchen und amerikaniſchen Frauen zumal ſehr herr⸗ ſchend war. Es war dieß die unverhehlte und feſte Ueber⸗ zeugung, daß das ganze Weltall, im Vergleich mit dem alten England, ein Neſt von Barbaren ſei und daß der moraliſche wie der phyſiſche Unterſchied zwiſchen zweien, die dort und hier geboren, eben ſo groß ſei, wie der Raum zwiſchen den beiden Ländern. Sie gehörte zwar nicht zu den ſogenannten gelehrten Weibern, denn dieſe Sippſchaft war zu jener Zeit noch nicht als eine — 29— eigene Klaſſe aufgetreten; aber ſie wußte doch die Namen von Shakſpeare, Milton, Bacon und Locke zu handhaben— dieſe vier großen Wörter, von denen aller Ruhm, welchen die Engländer in Bezug auf Dichtkunſt, Philoſophie und Metaphyſik anſprechen, abzuhängen ſchien, die eine Art Fahne bilden, unter welche ſich jeder Schwachkopf gerne flüchtet, um einige der glanzreichen Strahlen ihres Ruhms auf das mitternächtliche Dunkel ſeines Geiſtes zu leiten. Dieſe echte John⸗Bull⸗Anſicht betrachtete Mrs. Aubineau als ſo feſt begründet und außer allen denkbaren Zweifel geſtellt, daß ſie immer mit einer ergötzlichen Einfalt davon ſprach, welche ihren Grund in einer vollkommenen Zuver⸗ ſicht auf einen unwiderſprechlichen Punkt hatte, dem die ganze Welt, ihren Mann ausgenommen, eben ſo einmüthig beiſtimmte, als der Gewißheit des Daſeins der Sonne an einem heißen Sommertage. Die vereinſamte Aus⸗ nahme, deren wir eben gedacht haben, angehend, ſo war ſie damit in ſich längſt fertig und ſchrieb ſie jener uner⸗ klärlichen ehelichen Sympathie zu, welche ſo viele Männer lockt, jeder fremden Frau, ſie mag tauſend Mal unrecht haben, recht zu geben, der ihrigen aber zu widerſprechen, ſo oft ſie recht hat. Die Verwandtſchaft dieſer Dame mit unſerer Heldin gründete ſich auf eine Heirath zwiſchen dem älteren Aubineau und einer Schweſter des Oberſten Vancour. Den Haͤnden der Mrs. Aubineau übergab der Oberſt für den Winter ſeine Tochter und theilte ihr zugleich ihr Verhältniß zu Sybrandt Weſtbrook mit, worüber ſie nicht wenig in ihr Fäuſtchen lachte. Sie hatte bereits einen Plan in ihrem Kopfe, wie ſie ihr reiches und ſchönes Bäschen in eine viel glänzendere Sphäre zu erheben im Stande ſei, als ſich Catalina nur denken konnte. Nach dem Verlaufe von acht oder zehn Tagen nahm der Oberſt Abſchied und eilte auf dem guten Schiffe, der Watervliet, heim, deſſen Eigenthümer ſich mit dem Aus⸗ und Einladen wegen der ſpäten Jahreszeit mächtig geeilt hatte. Catalina war auf manchfache Weiſe mit faſt allen achtbaren und reichen Familien der Hauptſtadt und ihren Umgebungen bekannt— nämlich mit der Philipp, der Stuyreſand, der Van Courtland, der Beekman, der Bayard, Delancey, Gouvernor, Van Horne, Rapulye, Rutger, Walton uund einem Schock anderer, deren Auf⸗ zeichnung zu langweilig iſt. Es konnte ihr daher natürlich nicht an Beſuchen und Einladungen fehlen und alles ver⸗ ſprach einen ergötzlichen Winter. Aber alle dieſe guten Leute ſtanden in der Schatzung der Mrs. Aubineau auf einer untergeordneten Stufe im Vergleiche— nicht mit ſeiner Majeſtät Statthalter und deſſen Familie, denn dieſe waren außerhalb des Bereiches menſchlicher Vergleichung— ſondern mit den Familien des Oberrichters ſeiner Maje⸗ ſtät, des Generalanwalts und der General⸗Fiscale ſeiner Majeſtät, und überhaupt mit den Familien der, wenn auch noch ſo untergeordneten Beamten und Bedienſtigten — 31— ſeiner Majeſtät. Dieſe bildeten den Mittelpunkt des vor⸗ nehmen Lebens in der alten Stadt New⸗York und nichts war auf dem weiten Umkreis der Erde lächerlicher, in den Augen eines vorurtheilsfreien Beobachters, als die Anmaßungen, welche ſich dieſes kleine Häufchen von Abhänglingen gegen die echt würdevolle Unabhängigkeit der ganzen Maſſe der reichen Einwohnerſchaft erlaubte, die Gelehrigkeit vielleicht ausgenommen, mit welcher die letztere ſich dieſer abgeſchmackten Anmaßung fügte. Drittes Kapitel. Ein Ritter und„Adeliger.“ Man bittet den Leſer, ſein beſtes Kompliment zu machen. Am Morgen nach ihrer Ankunft empfing Catalina die Beſuche mehrerer Offiziere, von denen zwei die Ehre hatten, Adjutanten ſeiner Excellenz des Statthalters und Oberbefehlshabers zu ſein. Wir müſſen ihrer daher auch umſtändlicher gedenken und ſie unſern Leſerinnen vorſtellen. „Freundliche Leſerin, dies iſt Sir Thickneſſe Throg⸗ morton, und dies der ehrenwerthe Barry Gilfillan, von einer alten edeln iriſchen Familie, die, etwas arm, aber ſehr bieder und brav, verſchiedene Male wegen ihrer Anhänglichkeit an die Stuart's hart büßen mußte— an dieſes dumme, werthloſe Geſchlecht, deſſen fortwährende Anſprüche an eine Krone, welche es durch ſeine Tyrannei eingebüßt hatte, das Verderben von Tauſenden edler, hochſinniger Opfer nach ſich zog.— Sir Thickneſſe und Oberſt Gilfillan, dies die freundliche Leſerin, eine ſchone, ſehr gebildete Dame von vielem Geſchmacke, wie, Gott ſei Dank, alle unſere Leſerinnen ſind.“ Sir Thickneſſe Throgmorton war, was man jetzt allgemein einen„echten John Bull“ nennt; ein Weſen, — — 33— das der Elemente des wahrhaft Lächerlichen mehr in ſich faßt als vielleicht irgend ein anderes Erdengeſchöpf. Steif, wie Schechter, und plump, wie ein ſchlechtgerathener Auto⸗ mat; ſtumm, einfältig, ohne Sitten und Benehmen, zugleich aber voller Anſprüche auf eine gewiſſe Achtung, welche man andern nur im Austauſche für Höflichkeit und gute Erzie⸗ hung ſchuldig iſt. Mit ſeinem eigenen Vaterland, wegen ſei⸗ ner Unfähigkeit zu lernen, und mit der übrigen Welt, wegen einer gewiſſen wegwerfenden Albernheit, unbekannt, erhob er jenes und verachtete dieſe, ohne eigentlich zu wiſſen, warum, ausgenommen, daß— daß es gewiß ſo ſei und damit war die Sache abgethan. Seine Verbeu⸗ gung war eine Sünde gegen die Natur und gegen ſeine eigene Neigung zumal, ausgenommen, wenn er der Gemahlin des Statthalters oder dem Statthalter ſelbſt ſeine Reverenz machte. Sein Tanzen war die Eſſenz feierlicher Albernheit, welche nach einer würdevollen „nonchalance“ ſtrebt. Nichts konnte ſeinen ſtolzen Unwillen ſtärker entflammen, als wenn ihn jemand anredete, der mit ihm nicht auf gleicher Rangſtufe ſtand. Dieſer Unwillen offenbarte ſich durch das lächerlichſte Gemiſch von unübertrefflicher Plumpheit, affektirter Würde und hochariſtokratiſcher Steifheit. Er kannte nichts Schätzens⸗ wertheres, als das vornehme Weſen im Thun und Benehmen, und war ein Meiſter in der Kunſt jener Zurückhaltung, die ſtets ein Beweis des Mangels an männlicher Zuverſicht und ſtolzem Selbſtbewußtſein iſt. Paulding. IV. 3 34— Unabhängig von der Beleidigung, die ein Untergeordneter gegen ſeine perſönliche, angeerbte und amtliche Würde ſich zu Schulden kommen ließ, wenn er ihn kurzweg anredete, hatte Sir Thickneſſe noch einen andern Grund, ſich nicht gern von Fremden anreden zu laſſen. Die Sache iſt, daß er ſo lange Zeit brauchte, die Materialien zu einer Antwort auf die gewöhnlichſte Bemerkung zuſam⸗ men zu leſen, daß er es ſelten jemand vergab, ihm dieſe Qual bereitet zu haben. Er hatte eine ſehr ſeltene und damals originelle Art, den Angenehmen zu ſpielen, die jetzt bei der vornehmen Welt ziemlich allgemein geworden iſt. Er ſtellte ſich einer Dame gerade gegenüber, ſperr⸗ beinig wie eine mäachtige Eiſenzange, und ſammelte ſeine Stimme zu einer großen Exploſion— wie:„Findet ihr es nicht ein wenig warm, Ma'um?“— Mit dieſer mäch⸗ tigen Anſtrengung vollkommen zufrieden, ſpazierte der Ritter triumphirend weg, um für den übrigen Theil des Abends in dem Schatten ſeiner Lorbern zu ruhen. Ueber⸗ dies war er ein brummiges, übelgelauntes, unzufriedenes Weſen, voller Anſprüche in Betracht ſeiner perſönlichen Verdienſte und der hohen Würde ſeiner Familie. In der That gibt es in den Augen des„echten John Bull“ nichts Schätzenswertheres, als den Beſitz von Familien⸗ Einfluß, welcher perſönliches Verdienſt und wirklichen Werth ganz überflüſſig macht. Die Perſon des Sir Thickneſſe angehend, ſo war ſie wunderbar geeignet, ſeine muſterhafte Plumpheit in das beſte Licht zu ſtellen. Er war ein vollkommenes Zerrbild würdevoller Unbeholfenheit. Man ſah es ſeinen Gliedern an, daß ſie für ſeinen Körper zu groß waren; ſtudirte man aber den letzteren genau, ſo wurde man vollkommen überzeugt, daß der Körper zu groß für die Glieder war. Jeder Zug ſeines Geſichts war, für ſich betrachtet, ohne alles Verhältniß; betrachtete man ſie aber als Ganzes, ſo fand ſich eine harmoniſche Verbindung von unvollende⸗ ter Größe, welche ein echtes und richtiges Verhältniß von Mißverhältniſſen abgab. Seine Augen lagen in einem bleiernen Glanze hervor; ſeine Naſe hatte etwas, das zumal vom Mopſe und der Bouteille ſprach; ſeine Lippen hätten für ſeinen Mund zu groß geſchienen, wäre ſein Mund nicht breit genug geweſen, um mit ihnen zu harmoniren; und ſeine Wangen breiteten ſich zu hin⸗ reichender Weite aus, um ſein übriges Geſicht zu bedecken— bei aller Fülle war jene behagliche Räumlichkeit da, welche der„echte John Bull“ bekanntlich ſehr liebt. Sir Thick⸗ neſſe ſtammte von einer alten, ehrenwerthen Familie, welche ſich in den Geſchichtsbüchern England's ausge⸗ zeichnet hatte. Einer ſeiner Vorfahren hatte, in der Bannmeile des Hofes ſelbſt, einen Mord begangen, und war gezwungen, in der Verkleidung eines Bauern zu ent⸗ fliehen, um der Entdeckung deſto ſicherer auszuweichen, und wurde von den Dienſtleuten des Königs eingeholt, als er eben mit ſeinem Gefährten Holz ſägte. Bei der Erſcheinung der königlichen Dienſtleute verlor ſein Begleiter 3*½ — 336— den Muth und hielt einen Augenblick im Sägen ein; der andere aber rief nachdrücklich„hindurch“— oder„durch”“— die Sage verbürgt nicht, welches von beiden. Der Begleiter merkte ſich den Wink, ſetzte die Arbeit fort und die Ver⸗ folger zogen weiter, ohne etwas zu entdecken. Zum Andenken an dieſe große That nahm der der Gerechtigkeit Entflohene das Wort„durch“ als Deviſe ſeines Wappens an und ſie ging auf ſeine Nachkommen über. Ein Anderer ſeiner berühmten Vorfahren hatte ſich in den Kriegen der rothen und weißen Roſe durch ſeine unbeugſame Bieder⸗ keit ausgezeichnet, denn er war ſtets ein eifriger Anhanger der Könige, welche die Gewalt in Händen hatten und verachtete die tief, welchen das Recht zur Seite ſtand. Der Dritte und der Größte der ganzen Familie des Sir Thickneſſe war der unrechtmäßige Abkömmling einer Thea⸗ termetze und eines nichtswürdigen Königs und er that die Gewalt des Blutes dar, indem er ſpäter eine Schauſpie⸗ lerin von eben demſelben Gepräge heirathete, wie die, von welcher er herſtammte. Kein Wunder, wenn Sir Thickneſſe auf ſeine Familie ſtolz war. So groß aber auch ſeine Ahnen waren, wurden ſie doch nicht würdig befunden, denen des Oberſten Barry Fitzgerald Macartney Gilfillan, eines echten Mileſiers, das Licht zu halten, denn ſeine Vorfahren waren Könige von Connaught, Fürſten von Breffny und Herren von Balli⸗ ſhannoe, Ballynamora, Ballinaſnich, Balligrudrey, Balli⸗ nockamora und verſchiedener anderer Herrſchaften mehr — — 37— geweſen. Gilfillan war ein iriſcher Bull, der vollkommene Gegenſatz eines engliſchen Bull. Er ganz Leben, Liebe, Galanterie, Witz, Laune, Geiſt und Hyperbel. Seine animaliſchen Geiſter waren für ihn wie die Flügel eines Vogels, auf welchen er ſich in die Regionen der Phan⸗ taſte und der Thorheit erhob. Zehnmal in einer Stunde flogen ſie mit ihm davon. Er lernte alles ſo ſchnell, daß er nichts ordentlich wußte; und der Ungeſtüm ſeiner Ideen war ſo groß, daß ſie ihn gewöhnlich auf die ver⸗ kehrte Seite führten. Seine Unwiſſenheit über einen Gegenſtand hinderte ihn keinen Augenblick, ſich kopfüber in denſelben zu ſtürzen, noch hielt ſie den Strom ſeiner Gedanken auf, der einem vom Regen angeſchwellten Waldbache glich und ſehr geräuſchvoll und etwas trüb war. Wirklich ſchienen ſich ſeine Gedanken immer häupt⸗ lings übereinander hinzuſtürzen und boten größtentheils jene rhetoriſche Anordnung dar, welche man durch die Aus⸗ drucksweiſe,„den Wagen vor die Pferde ſpannen“ bezeichnet. Er ließ ſich nie der Unbekanntheit mit irgend einer Sache bezüchtigen und bedachte ſich nie, einen Gedanken da aufzufaſſen, wo er ſich eben darbot— wobei er mit humoriſtiſchem Eigenſinn behauptete, da er deſſen rechtes Ende doch zuletzt faſſen würde, ſei es gleichgiltig, wo er beginne. Die Natur hatte dem Oberſten Gilfillan eine mehr als gewöhnliche Portion des echt iriſchen Hanges, ſich ex tempore zu verlieben, gegeben. Sein Herz war ganz ſo — 38— heiß, wie ſein Kopf und zwiſchen den beiden war ein vollkommener VPulkan. Er ſegelte immer mit vollen Segeln. Er geſtand einſt, oder er rühmte ſich vielmehr, — denn er geſtand nie etwas— er habe ſich zu Kildare an einem Tage in ſechs Damen verliebt und habe von ihnen allen in den nächſten vierundzwanzig Stunden einen Korb bekommen. „Aber, wahrhaftig,“— ſetzte er hinzu,„ich habe zwei Pferde todt geritten, um bei ihnen herum zu kom⸗ men, und das war einiger Troſt.“ „Troſt?“ bemerkte einer ſeiner Freunde:—„wie meint ihr das, Gilfillan?“ „Ei? war das nicht ein Beweis, daß ich wohl wußte, was ich wollte, und daß ich meiner Einwilligung eben ſo gut bedurfte, wie der der Damen, Lieber?“ Es iſt kaum nöthig, hinzuzuſetzen, daß er edel, unei⸗ gennützig, tapfer und ein Mann von Wort war, ausge⸗ nommen in Liebesſachen und zuweilen in Geſchäftsſachen, wenn er dann und wann im Spiele das Geld verlor, das er einem Kaufmann verſprochen hatte. Sein Aeußeres zeigte die reiche Fülle männlicher Schönheit, ſtrotzend von Jugend, Kraft und Geſundheit; er ſang entzückend; er iſpielte die Violine, daß Einem die Thränen in die Augen raten; er tanzte, lachte, ſchwatzte, ſchnitt auf, ſchmeichelte, höfelte und liebte mit anmuthreicher Zuverſicht und furcht⸗ loſer Kühnheit, ſo daß er ein großer Liebling und ein ziemlich gefährlicher Geſellſchafter Davonmen von warmer — 39— Phantaſie und mehr als gewöhnlicher Verfeinerung der Sitten und der Gefühle war. Wie bei den meiſten Männern ſeines Standes waren ſeine Ideen über gewiſſe Gegenſtände von umfaſſender Art. Gilfillan ſchwor, er ſei ein Mann von Ehre, wie je einer die Uniform getra⸗ gen. Er beſtahl keines Menſchen Taſche; aber einer Dame ein liebes kleines Herz aus ihrem weißen Buſen zu ſteh⸗ len— das war er wohl im Stande. Ein redlicher Tauſch war ja nie und nimmer ein Raub und er ließ ſein eige⸗ nes Herz ſtets den Schönen, und wenn ihrer zwanzig waren. Wenn ſeine Kameraden über ihn lachten, weil er ſo viele Herzen habe, ſagte er wohl:„Oh, mein Lie⸗ ber— was wollt ihr mit euerm Gerede von Einem Herzen? Wer nur Ein Herz in ſeiner Bruſt hat, kommt mir vor, wie ein armer Teufel, der nur Einen Schilling in der Taſche hat— er fürchtet, ſich von ihm zu trennen und verhungert daher eben aus Furcht zu verhungern.“ Viertes Kapitel. Eine regierende Schön e. Dieſer entzündliche Herr verliebte ſich bei dem erſten Anblick in Catalina— und nie hatte ein Mann eine beſſere Entſchuldigung; denn ſie war jetzt in der ſchönſten Blüthe der Jungfräulichkeit und lieblich, wie die glück⸗ lichſten Schöpfungen der Malerei und Dichtkunſt. Ihre Augen, ihre Lippen, ihre Wangen, ihre Naſe, ihre Stirne und ihr Kinn waren alle in der glücklichen Form des Ebenmaßes gebildet, und das Ganze brachte einen Aus⸗ druck der Gefühlsinnigkeit, des Verſtandes und der mora⸗ liſchen Kraft hervor, welcher Jedem bei dem erſten Anblick auffiel. Ihr ſchöner, weißer Hals, ihre zartgeformten und doch vollen Schultern; die Umriſſe jener Region, auf welchen Auge und Phantaſie ſo gern als dem erwähl⸗ ten Platze weilen, wo Anmuth und Schönheit wie auf einem Lilienbette ſchwelgen; der kleine, feine, niedliche Fuß und die anmuthvollen Linien, welche den Umriß ihrer zarten, vollen, runden Geſtalt bezeichneten,— alles und jedes legte ein ſchweigendes Zeugniß von der Vollendung der verborgenen Herrlichkeiten des innern Tempels ab, der einem Einzigen geweiht war. — 41— Daß ſich Oberſt Gilfillan bei dem erſten Anblick eines ſolchen Weſens ſterblich verliebte, war eben ſo natürlich, um nicht zu ſagen, unvermeidlich, wie die Exploſion eines Pulverfaſſes, das man dem Feuer ausſetzt. Ich will nicht behaupten, daß ſich ein Funken Intereſſe's ſeinem Feuer beigemiſcht hätte, aber man kann es immerhin als einen in der menſchlichen Natur begründeten Satz anneh⸗ men, daß der uneigennützigſte Liebhaber nicht ſehr viel dagegen einzuwenden hat, wenn ſeine Geliebte ein hin⸗ reichendes Vermögen beſitzt. Als Gilfillan Catalina zum zehnten Male ſah, erklärte er ihr geradezu ſeine Liebe und während ihrem elften Zuſammenkommen bot er ihr ſeine Hand und ſein Vermögen dar, wobei er ſeinen Degen zu ihren Füßen legte und eingeſtand, in ihm beſtehe lediglich das letztere. Er that dies jedoch auf eine ſo wilde, aus⸗ ſchweifende Art, und mit einem ſo wunderbaren Gemiſche von Humor und Pathos, Scherz und Ernſt, daß die junge Dame darüber wie über eine Rotomontade lachte. Sie gewöhnte ſich nach und nach an ſeine Extravaganzen und ſeine gutmüthigen Excentricitäten ergötzten ſie. Unter⸗ deſſen verſäumte ſie die Winter⸗Ergötzlichkeiten nicht und wurde die regierende Schöne der Saiſon. Jetzt fühlte Sir Thickneſſe Throgmorton ſich plötzlich getrieben, ſeine ganze Kraft zuſammen zu nehmen und Catalina mit ſeiner Beachtung zu beehren. Man wird immer finden, daß die dümmſten Geſellen um die glän⸗ zendſten Erſcheinungen der Geſellſchaft ſich bewegen, wie Motten und ähnliches Ungeziefer der Nacht ſich verſtecken, um in dem Glanze der angezündeten Wachskerzen zu ſchwelgen. Außer dieſem allgemeinen Hange wurde Sir Thickneſſe durch ein anderes und ſonderlicheres Motiv geſtachelt. Er war beſonders eiferſüchtig auf Gilfillan, welcher ſeine ſeltenen Vollkommenheiten immerdar in den Schatten ſtellte und deſſen Witz, Geiſt und gute Natur die bleierne Stumpfheit und den albernen Stolz des Andern noch anmuthsloſer machte. Den erſten Beweis der Ergebenheit des Sir Thick⸗ neſſe erhielt unſere Heldin eines Abends in einer(Geſell⸗ ſchaft ſeiner allmächtigen Excellenz, des Statthalters. Er bückte ſich nämlich wirklich, um ihren Fächer aufzuheben. Worauf Madame van Borſum, Madame van Dam, Madame Twentyman und zwanzig andere Madamen, welche verheirathbare Töchter hatten, in Ohnmacht ſielen. Was dieſe Handlung der Ergebenheit noch auffallender machte, war der Umſtand, daß Sir Thickneſſe in Folge der Strenge und Engheit ſeines Koſtüms ſich auf ein Knie niederlaſſen mußte, um ſie zu vollbringen. Die jungen Damen kicherten hinter ihren Fächern und Gil⸗ fillan ſchwor, es erinnere ihn an eine hölzerne Gottheit, welche einer ſchönen jungen Prieſterin Weihrauch ſtreute, was ziemlich wie ein Bull klang. Als Sir Thickneſſe dieſe glückliche That der Galanterie vollbracht hatte, ſtol⸗ zierte er davon und brachte den übrigen Theil des Abends in einer Ecke, in würdevoller Gleichgiltigkeit hin, da er — 43— ſich mit Recht ſagte, er habe für eine Nacht genug gethan. Ein gewiſſes Gefühl befriedigter Selbſtliebe war mächtig in ihm rege, denn in dem Flüſtern der jungen Damen und dem Geplauder ihrer Mütter verſchmolz ſein Name mit dem der Königin des Tages. Ungeachtet ſeiner albernen Affectation einer ſtolzen Gleichgiltigkeit war ſeine Eitelkeit durch dieſen Umſtand in hohem Grade in Bewe⸗ gung geſetzt. Gleich Lord Byron trug er ſtets die unbe⸗ ſchränkteſte Gleichgiltigkeit gegen die Welt und ihre Anſich⸗ ten zur Schau, wahrend niemand empfindlicher war gegen ihren Tadel und ihre Vernachläſſigung. Unter allen Arten von gekünſtelter und erborgter Eitelkeit iſt der Schein der Gleichgiltigkeit gegen die Meinungen der Welt mit den Gefühlen und Handlungen der Menſchen am unver⸗ träglichſten und wegen ſeiner Unnatürlichkeit am leichteſten aufzudecken. Sir Thickneſſe ließ ſeiner erſten offenen That der Galanterie und Ergebenheit andere noch bedeutungsvollere Beweiſe folgen, bis es ſich begab, daß Madame van Borſum, Madame van Dam, Madame Twentyman und die Uebrigen zu dem einſtimmigen Schluſſe kamen, es ſei mit ihren Töchtern aus und Catalina werde gewiß ſehr bald Lady Throgmorton heißen. Keine einzige von ihnen hielt es für möglich, daß ſie ſo wahnſinnig ſein könne, einen Baronet, einen Adjutanten des Statthalters und einen wirklich in dem alten England geborenen Mann — 41— auszuſchlagen. Es iſt unnöthig zu bemerken, daß dieſe würdigen Madamen von dieſer Zeit an ein entſchiedenes Mißfallen gegen unſere Heldin hegten, und ſie mit außer⸗ ordentlichen Beweiſen ihrer Aufmerkſamkeit beehrten. Mrs. Aubineau begriff bald,, mit der Raſchheit einer Muhme, die ein junges Mädchen unter die Haube zu bringen hat, die Wichtigkeit der Eroberung, welche Cata⸗ lina in ſo kurzer Zeit gemacht hatte. Sie begann ſofort, die zwei Bewerber auf die Wagſchale zu legen— denn, den guten Sybrandt angehend, ſo betrachtete ſie dieſe Sache als eine bloße ländliche Spielerei, mit welcher man bei der erſten paſſenden Gelegenheit brechen könne. In der ganzen Welt betrachtet man ſolche auf dem Lande eingegangene Verpflichtungen als nicht bindend in den Städten. Wenn Catalina, ſagte Madame Aubinedu in ihren geheimen Berathungen, Gilfillan heirathet, wird ſie einſt eine Gräfin, aber dies iſt nur ein iriſcher Titel und kein Vermögen, kein Beſitzthum dabei, das weiß ich. Heirathet ſie Sir Thickneſſe, ſo wird ſie ſogleich eine Lady, die Gemahlin eines engliſchen Baronets— und Lady iſt Lady in der ganzen weiten Welt. Ueberdies hat er Güter und wenn ſie auch ein wenig zerlumpt ſind, ſo wird ein kleiner Theil von Catalina's Vermögen ſie wie⸗ der ganz machen. Der unausweichliche Schluß der Madame Aubineau war, Sir Thickneſſe zu ermuthigen und ſeinen Nebenbuhler zu entmuthigen. Aber Gilfillan war ein Ireländer und konnte, wie — 45— er feſt behauptete, den falſchen Mileſier von dem echten ſtets ſogleich unterſcheiden, indem der letztere ſich nie entmuthigen laſſe. „Bei meiner Seele,“ pflegte er zu ſagen,—„es gibt ein ſolches Wort gar nicht in der iriſchen Sprache— es iſt aus England eingeführt worden.“ Einen ſolchen Mann zu entmuthigen war nicht mög⸗ lich. Wenn Madame Aubineau ihn mit Kalte behandelte oder eine der gewöhnlichen Aufmerkſamkeiten verſäumte, zog er ſie mit ſo glücklicher witziger Laune auf oder nahm ihre Vernachläſſigung mit ſolch unbeſorgter Gleichgiltigkeit hin, daß die gute Dame ſich manchmal wieder lachend mit ihm ausſöhnte oder ſich in Verzweiflung über die Unmöglichkeit, ihr Entmuthigungsſyſtem durchzuführen, hinſetzte. Fünftes Kapitel. Intriguen. Am geſchäftigſten und zu gleicher Zeit am umſichtlo⸗ ſeſten iſt bei der Ausführung eines Planes, die gute Frau, welche überbeſorgt iſt, ihre Tochter oder eine ihrer Schutzbefohlenen an den Mann zu bringen, wie man zu ſagen pflegt. Madame Aubineau that nichts, als Nachts Geſellſchaften geben und ihr würdiger Gemahl hatte keine Ruhe, bis er Geſellſchaften bei Tag gab, wo denn Sir Thickneſſe ſtets bei dem Mittageſſen neben Catalina ſitzen mußte und nie verfehlte, ſeine Bemerkungen über das Wetter zu machen und ein Glas Wein mit ihr zu trin⸗ ken. Es iſt nicht zu ſagen, was dieſe verführeriſche Auf⸗ merkſamkeit mit der Zeit bewirkt hätten, hätte Gilfillan's Genius den Pfad des Sir Thickneſſe nicht durchkreuzt. Dieſer unternehmende Mileſier wußte es ſtets mit wunder⸗ barer Geſchicklichkeit und Unerſchrockenheit dahin zu bringen, daß er auf der andern Seite unſerer Heldin ſeinen Sitz bekam, wo ſein Humor, ſeine Lebhaftigkeit und Artigkeit ſelten verfehlten, die feierliche, würdevolle Albernheit ſeines Nebenbuhlers zu verdunkeln und ihn in gänzliches Vergeſſen zu hüllen. Bei dieſem fröhlichen Gelage machte — 47— man die Bemerkung, daß Sir Thickneſſe ſich in noch größere Albernheit hineinaß, während Gilfillan ſich in eine ſolche Uebermunterkeit des Geiſtes trank, daß Cata⸗ lina ſich wirklich vor ihm fürchtete. Die gute Matrone, Madame Aubineau, fand ſonach bald, daß Mittageſſen am wenigſten geeignet ſeien, Ehen zu Stande zu brin⸗ gen, wenigſtens nicht bei Engländern und Ireländern. Madame Aubineau bemühte ſich daher, Sir Thickneſſe von einer andern Seite anzugreifen und wendete die Ver⸗ führungen der Abendgeſellſchaften bei ihm an. Catalina hatte eine ſchöne Stimme und all die Geſchicklichkeit und Kunſt, die in jenen entarteten Tagen zu erlangen war, wo die ganze, oder doch beinahe die ganze Muſik der weſtlichen Welt in Wäldern und auf Feldern zu hören war; wo keine einzige Dame in dem ganzen Land eine Harfe hatte, um Mordthaten darauf zu begehen und wo nur drei ſchwindſüchtige Spinette in der ganzen Hauptſtadl zu finden waren. Zum Unglück für unſere Heldin gehörte eines derſelben in das Haus der Madame Aubineau und Nacht um Nacht ſah die arme Catalina ſich verdammt, dieſe unbehilfliche Maſchine zu etwas wie harmoniſches Seufzen und Aechzen zu martern. Catalina war der Sache todmüde und ſo erging es der ganzen Geſellſchaft. Aber alle Welt ſagte entzückend,“ und alle Welt rief „welch ein herrlicher Ton,“ wenn— wenn das Spiel vorüber war. Sir Thickneſſe gab unabläſſig den Takt, bis er in düſtere Gedanken oder in ein Schläfchen— — 48— niemand konnte ſagen, welches von beiden es war— ver⸗ fiel. Schlimmer als das; auch hier durchkreuzte Gilfil⸗ lan die Milchſtraße des Glückes des Sir Thickneſſe. Seine Stimme war ſo rührend und ergreifenb, daß er, wie man ſagte, den Leuten Thränen in die Augen lockte, wenn er nur ein Iriſches Geheul hören ließ; ergoß ſich aber ſeine ganze glühende Seele in einem alten Iriſchen Liede, wie„Ellen a Roon’ ſo ſollen die härteſten Her⸗ zen erweicht und ſelbſt Theegeſellſchaften ſtill geworden ſein. Er lehrte Catalina einige von jenen alten rühren⸗ den Liedern und wenn ſie ſie zuſammenſangen, ſchien für dieſe Zeit ihr ganzes Weſen ſich in eine reiche Har⸗ monie zu verſchmelzen und dann ſchnappte die Wagſchale des Glückes des guten Sir Thickneſſe höher auf, denn jemals. Madame Aubineau ſah, daß die Gottheiten des Eſſens, ſo wie die der Muſik ihren Wünſchen zumal abgeneigt waren. Sie änderte daher ihren Plan noch einmal, und führte das Tanzen in ihren Geſellſchaften ein. Sie forderte den Orpheus und Arion des Tages auf, nämlich Curaçao Dick und Will, auch Ticklepitcher genannt, die zwei größten Geiger, welche jemals in der weſtlichen Welt einen Bogen geſtrichen hatten. Weder Billy, der Geiger unſterblichen Andenkens, noch Bennett, noch irgend einer von denen, welche jetzt den mitternächt⸗ lichen oder vielmehr den Morgenbeluſtigungen der jungen Schönen unſerer Stadt, von denen ſich ſo viele auf dieſe — 49— Weiſe zu todt tanzen verſtehen— nicht Einer von ihnen, noch alle zuſammengenommen, konnten ſich der unver⸗ gleichlichen Kunſt Curagao Dicks und Will's, auch Tick⸗ lepitcher genannt, gleichſtellen. Sie lebten harmoniſch und ſtarben harmoniſch, denn ſie wurden beide in derſelben Stunde gehängt, weil ſie an der berühmten Negerver⸗ ſchwörung Theil genommen. Aber ach und weh in Betracht der Dame Aubineau! Auch hier zeigte ſich das Schickſal feindlich und der Genius des alten Irelands triumphirte über den von Altengland. Gilfillan tanzte wie der beflügelte Merkur, und Sir Thickneſſe wie ein Bär. Sein Geſicht war von Blei und ſein Körper von etwas noch ſchwererem. Die untern Gliedmaßen ſeines Körpers angehend, ſo hat noch nie jemand ein Gleichniß aufgefunden oder einen Stoff ent⸗ deckt, welcher einen richtigen Begriff von ihrer ſpezifiſchen Schwere gegeben hätte. Gilfillan kam der Sache am nächſten, als er behauptete,„ſie erinnerten ihn an zwei alte, roſtige vierundzwanzig Pfündner, die an den entgegengeſetzten Ecken einer Straße halb in der Erde ſtünden.“ Ueberdies brauchte Sir Thickneſſe ſo viel Zeit, bis er ſich zuſammennahm und durch den Saal ſchritt, um Catalina zum Tanze aufzufordern, daß Gilfillan, der ſeinen Nebenbuhler gern ärgerte, ſtets vor ihm dort war und zum großen Mißvergnügen der Madame Aubi⸗ neau zweimal ſo oft mit ihr tanzte. Die gute Dame nahm jetzt ihre Zuflucht zu Morgen⸗ Paulding. IV. 4 — 50— beſuchen und téte-àä-tete. Sie lud unter mannigfachen Veränderungen Sir Thickneſſe ein, vorzuſprechen und richtete es dann ſo ein, daß Catalina allein mit ihm blieb. Dies war das allerſchlimmſte. Sir Thickneſſe war für eine Unterhaltung unter vier Augen nicht ſehr befähigt. Die Leute ſchrieben ſein Schweigen ſeinem Stolze zu— aber ich gebe mein Wort darauf— es war etwas ganz anders— er hatte nichts zu ſagen— er wußte nicht, wo anfangen und nicht, wo endigen. Eine Menge Leute nehmen aus gleichem Grunde die Maske des Stolzes vor. Er konnte Stunden lang auf einem Sopha ſitzen und mit ſeiner Reitpeitſche auf ſeinen hohen Stiefel ſchla⸗ gen und Catalina voll in das Geſicht ſehen und ſchwei⸗ gen, gleich einer bleiernen Statue. Einmal— denn wir müſſen ihm Gerechtigkeit widerfahren laſſen— einmal fragte er die junge Dame, ob ſie bei der Revue gewe⸗ ſen. Sie gab eine verneinende Antwort, was den Sir Thickneſſe, welcher bei dieſer Gelegenheit in einer neuen Uniform geglänzt hatte, ſo bitterlich verdroß, daß er den ganzen übrigen Morgen ſchmollte und ſich⸗ nicht herab⸗ ließ, ſie wieder anzuſchauen. Auch dieſe Beſuche wurden häufig durch Gilfillan geſtört, welcher ſich nicht viel aus den gewöhnlichen höf⸗ lichen Abweiſungen machte, welche auf eine fein⸗grobe Weiſe andeuteten, daß eines Menſchen Geſellſchaft eben nicht ganz angenehm iſt. Die Wahrheit iſt jedoch, daß er ſich ſelten die Mühe nahm, zu fragen, wer zu Hauſe — 51— ſei, ſondern ſich ohne Ceremonie in das Geſellſchafts⸗ zimmer hinein trällerte oder hineinpfiff. Fand er jemand hier, ſo war es gut; wenn nicht, ſo blieb er, bis jemand kam oder pfiff ſich, wenn er des Wartens müde wurde, wieder hinaus. Seine Geſellſchaft war ſtets ein Troſt für unſere Heldin wegen der tödlichen Einförmigkeit von Sir Thickneſſe's Schweigen und ſie empfing ihn daher mit freundlichem Lächeln, welches faſt an das nicht zu beunruhigende Herz ſeines Nebenbuhlers ging, der ſeine Stiefel immer ſtärker ſchlug und bei ſolchen Gele⸗ genheiten, wenn möglich, noch plumper ausſah. All' dieſe Zeit hatte Catalina keinen Gedanken an eine ernſte Bewerbung von Seiten der zwei Herrn. Sie fühlte ſich zu keinem genug hingezogen, um in die⸗ ſer Sache ſehr hell zu ſehen, und wirklich machte die Albernheit des Einen und das wilde Rodomontiren des Andern ihre Abſichten ſehr unſicher und zweifelhaft. Man kann aber gewiß ſagen, daß junge Damen in dieſe Geheimniſſe durch das freundliche Intereſſe eingeweiht werden, welches Jedermann an Dingen nimmt, die ihn nichts angehen. Ich will nicht leugnen, daß ſie mit dem einen ihrer Bewunderer ein wenig ſcherzte und den andern— was noch verdächtiger war— auslachte; gewiß aber iſt es, daß ſie nicht daran dachte, Ernſt in die Sache zu bringen, bis man anfing, ihr von allen Seiten über die wichtige Eroberung, die ſie gemacht, Glückwünſche darzubringen. Ja, einige der alten Damen 4* fragten ſie mit ſchalkhafter Bedeutſamkeit—„wann es vor ſich gehen ſollte— ob die alten Leute ſchon ihre Einwilligung gegeben und beſonders, wie ſich Meiſter Sybrandt Weſtbrook befände und ob er nicht Luſt habe, einen Theil des Winters in der Stadt hinzubringen?“ Sechſtes Kapitel. In welchem der Leſer in Verlegenheit ſein wird, zu ſagen, ob die graue Stute das beſte Pferd iſt oder nicht. Unſere Heldin ſtaunte ein wenig über dieſe Fragen. Obgleich ſchön wie ein Engel, war ſie doch eine Sterb⸗ liche. Die Zerſtreuungen des Stadtlebens, das Neue alles deſſen, was ſie umgab, beſonders aber der Weih⸗ rauch, welcher allenthalben der heimlich lauernden Eitel⸗ keit dargebracht wurde, hatte allmählich das Andenken Sybrandt's ein wenig in ihrem Herzen getrübt. Sie dachte oft mit liebevoller Dankbarkeit ſeiner, aber dieſer Gedanke wurde ſo häufig durch Beſuche, Einladungen und all die Reize eines vergnüglichen Lebens unterbro⸗ chen, daß er nach und nach aufhörte, das leitende Princip ihrer Handlungen zu ſein: und manche kleine Gefallſüchte⸗ leien ſprachen dafür, daß ihr Herz an den weltlichen Freu⸗ den hänge und zumal, daß die Entfernung nicht ohne Wirkung auf ſie geblieben. Während des Winters beſtand nur geringer Verkehr zwiſchen Albany und New⸗York und der Briefe, welche zwiſchen ihr und Sybrandt gewech⸗ ſelt wurden, waren wenige, und lange Zwiſchenräume traten zwiſchen dieſelben. Man muß auch offen geſtehen, — 54— daß Catalina, wenn ſich Gelegenheiten darboten, mit Beſuchen und Einladungen zu überhäuft war, und ſie nicht immer benutzen konnte. „Meine Liebe,“ ſagte Herr Aubineau eines Tages, als Madame Twentyman ihn fragte, wann Catalina hei⸗ rathen würde, zu ſeiner Gattin—„meine Liebe, habt ihr vergeſſen, daß unſere Freundin, Miß Vancour, mit ihrem Vetter verſprochen iſt?“ „Nein, mein Lieber,“ verſetzte ſie;„ich habe es nicht vergeſſen. Ich habe, Gott ſei Dank, mein Gedächt⸗ niß noch ungeſchmälert.“ „Gut denn, meine Liebe; wünſcht ihr Sir Thick⸗ neſſe Throgmorton zum Beſten zu halten?“ 3 „Nein, mein Lieber, ich wünſche Sir Thickneſſe Throgmorton nicht zum Beſten zu halten.“ „Dann wollt ihr vielleicht Catalina zum Beſten haben?“ „Ich verſtehe euch nicht, mein Lieber.“ „Nun, meine Liebe, es ſcheint mir, daß, da ihr doch von den Verhältniſſen dieſer jungen Dame unterrich⸗ tet ſeid, die Ermunterung, welche ihr Sir Thickneſſe's Bewerbungen um ſie angedeihen laßt, während ſie offen⸗ bar vergeblich ſind, ſehr gut berechnet iſt, nach der allge⸗ mein geltenden Bedeutung des Wortes, ihn zum Beſten zu haben.“ „Pah, Herr Aubineau! Was iſt ein Verſprechen zwiſchen zwei jungen Leuten ohne Weltkenntniß, welche — 55— ſich auf dem Lande verlieben, weil ſie nicht wiſſen, was ſie mit ſich anfangen ſollen?“ „Ei, Madame Aubineau, ich ſollte glauben, ein Verſprechen, das auf dem Lande gegeben worden, ſei eben ſo bindend, als wenn es in der Stadt gegeben wor⸗ den wäre.“ „Pah, Herr Aubineau, ihr redet Unſinn. Eine Unterkunft hinzuwerfen und einen Titel obendrein! Was ſagt ihr dazu?“ „Nun, ich ſage, daß weder ein Titel, noch eine Verſorgung eine hinreichende Entſchuldigung iſt, ehrlos zu handeln.“ „Gott, Herr Aubineau, wie ihr ſprecht!“ „Dieſe junge Dame iſt uns von ihren Eltern, welche die Verbindung mit ihrem Vetter geheiligt haben, anver⸗ traut worden und wir ſind gewiſſermaßen für ihr Betra⸗ gen verantwortlich. Was wird ihr Vater ſagen?“ „Pah— mag er ſagen, was er will— was thut es?“ „Und ihre Mutter?“ „Ei, ſie wird ſagen, wir hätten recht gehabt, die⸗ ſes thörichte Land⸗Bündniß zu löſen, und uns danken, daß wir ſie zur Mutter einer Lady machten.“ „Ich bezweifle es.“ „Wenn ſie es nicht thut, iſt ſie faſt eine unnatür⸗ liche Mutter. Ei, Madame van Borſum und Madame van Dam und Madame Twentyman und alle die übrigen — 56— Madamen, welche verheirathbare Töchter haben, ſind bereit, vor Neid zu ſterben.“ „Nun, ſo laßt ſie ſterben, wenn ſie wollen.“ „Laßt ſie ſterben!— Ei unmenſchlicher Menſch, der ihr ſeid, ſchämt ihr euch nicht vor euch ſelbſt?— Die armen Seelen!“ „Dies gehört aber nicht hierher. Nicht über das, was Andere denken oder ſagen mögen, ſondern über das, was wir zu thun haben, wollte ich mit euch berathen.“ „Gut, mein Lieber, ich bin Willens, mich ſo viel als ihr wollt, um Rath fragen zu laſſen; aber ich ſage es euch vorher— ihr mögt vorbringen, was ihr wollt, nichts wird meine Anſichten und mein Benehmen ändern.“ „O, wenn dies der Fall iſt, Madame, werde ich meinen eigenen Weg gehen. Ich werde noch heute an Sybrandt Weſtbrook ſchreiben und ihn einladen, herab zu kommen und den übrigen Theil des Winters bei uns hinzubringen. Man muß ihn ſelbſt ſeine Intereſſen wah⸗ ren laſſen, da ihr es nicht thun wollt.“ „Wenn ihr ihn einladet, ſo muß ich euch einmal für allemal ſagen, mein Lieber, daß ich nicht höflich gegen ihn ſein werde.“ „Ich werde dann ganz beſonders höflich ſein.“ „Ihr wollt?—“ „Ja!“ — 57— Ein einſylbiges Wort, wie kurz auch, deutet ſtets auf kalte Entſchloſſenheit hin; es machte Mrs. Aubineau beben. „Wir haben keinen Platz für ihn in unſerm Hauſe“— ſagte ſie nach einer Pauſe, in welcher ſie nachgedacht hatte, ob es an der Zeit ſei, böſe zu werden. „Ich werde ihm in meiner Bibliothek ein Bett auf⸗ ſchlagen laſſen.“. „Auch dort iſt kein Platz, wenn die Büchergeſtelle nicht entfernt werden.“ „Dann werde ich die Büchergeſtelle entfernen.“ „Ihr wollt?—“ „ Ja!“ Ein zweites teufliſches einſylbiges Wort! Welche Frau könnte es länger aushalten? „Ich will euch etwas ſagen, mein Lieber—“ „Ihr braucht mir nichts zu ſagen, meine Liebe! Ich erinnere mich, daß es euch vor wenigen Minuten beliebte, mir zu bemerken, nichts, was ich vorbrächte, würde eure Anſichten und euer Benehmen ändern. Ich bin gerade eben ſo geſinnt. Morgen geht ein Bote des Statthalters nach Albany— er wird einen Brief von mir mitnehmen.“ Bei dieſen Worten nahm Mr. Aubineau ſeinen Hut und ging ſehr entſchloſſen in den„ewigen Club,“ eine alte, ſehr achtbare Geſellſchaft, welche zu jener Zeit in der guten Stadt New⸗York blühte und deren erſtes Grundgeſetz war, daß ſtets, bei Tag und bei Nacht, eine Anzahl Mitglieder in dem Lokale gegenwärtig ſein mußten. — 58— „Welch ein eigenſinniges Maulthier!“ rief Mrs. Aubineau, als er ſie nicht mehr hören konnte.„Ein Mann, der nicht auf Vernunft hören will, iſt ſo ſchlimm— ſo ſchlimm—“ Wie eine Frau, die nicht auf Vernunft hört, flüſterte ihr das Gewiſſen zu. Mrs. Aubineau war im Ganzen eine verſtändige Frau und hörte auf ihren innern Mahner, bis ſie beſſer über die Sache dachte. Sie beſchloß, unge⸗ mein höflich gegen Sybrandt zu ſein, wenn er käme, und ſich dadurch zu entſchädigen, daß ſie mit aller ihrer Kraft gegen ſeine Intereſſen handelte. Deſſelben Abends theilte Mr. Aubineau Catalina mit, er habe Sybrandt eingeladen. Das Blut ſtrömte ihr bei dieſer Nachricht aus dem Herzen in das Geſicht; ob es aber das Erroͤthen der Freude, der Ueberraſchung oder der Beſorgniß war, kann ich nicht ſagen. Was auch immer ihre Gefühle waren— ſie ſprach kein Wort und das Geheimniß blieb in ihrem Buſen begraben. Siebentes Kapitel. Der Raub des Gemäldes. Zur gebührenden Zeit empfing Sybrandt das Schreiben des Herrn Aubineau und Herr Dennis Vancour willigte zögernd und ungern in die Annahme der Einladung. Auch Oberſt Vancour verſagte ſeine Billigung nicht und Madame widerſetzte ſich nicht, obgleich ſie große Luſt hatte, es zu thun. Sie war eine Dame vom alten Regime— das heißt, eine vorſündflutliche Dame— denn ich habe von keiner ſolchen ſeit der Sündflutz gehört, die, wie ſie nach dem Grundſatze handelte, daß in Dingen, welche eigentlich in das Bereich des Mannes gehörten, der Mann auch allein zu entſcheiden und zu handeln habe. Sie hatte aber keinen Gefallen an der Reiſe. Ich bin nicht dafür, daß man die Geheimniſſe der Frauen ausplaudert;— es iſt aber eine Thatſache, daß ſeit einiger Zeit eine heim⸗ liche Korreſpondenz zwiſchen ihr und Madame Aubineau im Gange war, worin der Plan, Madame Vancour zur Mutter einer titulirten Lady zu machen, erörtert und mit ausgezeichnetem Wohlgefallen aufgenommen war. Wahr⸗ ſcheinlich gab es in dem ganzen weiten umfang dieſer unſerer neuen Welt nicht eine einzige Mutter, welche der — 60— Verſuchung widerſtanden wäre. Der Apfel der Eva war nichts dagegen. Die gute Madame Vancour dachte bei Tag und bei Nacht an nichts Anderes— ja, ihr träumte drei Nächte hintereinander, ſie ſähe Catalina mit einer Baro⸗ netskrone, ſtatt der Nachthaube, auf dem Kopfe. Sie widerſetzte ſich jedoch dem Beſuche Sybrandt's nicht, der Verſicherungen vertrauend, die ein Brief der Dame Aubineau enthielt, welchen derſelbe Bote brachte, der die Einladung überreicht hatte. Sie würde, ſchried ſie, Sorge tragen, daß Herrn Aubineau s impertinente Einmiſchung keine gute Früchte trage. Der gute Dennis war entſchloſſen, daß ſein Neffe und Erbe ihm an dem kleinen Hofe des kleinen mäch⸗ tigen Statthalters von New⸗York beine Schande machen ſollte. Er ließ ihm von ſeinem eigenen Schneider, welchen er für den erſten Meiſter in Verfertigung von Inexpreſ⸗ ſibles in dem ganzen Lande anſah, zwei vollſtändige Anzüge machen. Gewiß iſt es, der Schneider nahm eine ſünd⸗ hafte Menge des feinſten Tuches, obgleich er in ſeinem Leben des Fleckendiebſtahls nicht beſchuldigt worden war. Die Lieblingsfarbe von Dennis war Schnupftabacksbraun und dieſe wurde alſo gewählt. Der Schneider erhielt den gemeſſenſten Befehl, die Kleider nicht zu enge zu machen, da es ſich zuweilen zu fügen pflege, daß die Leute bei vorrückenden Jahren an Umfang zunähmen. Ariel war bis über die Ohren geſchäftig und daher glücklich. Er ging wöchentlich vier Mal nach Albany, um bei der — 61— Anfertigung von Sybrandt's Garderobe die Aufſicht zu führen, und die Vollendung dieſes Werkes zu beſchleuni⸗ gen. Der Schneider, der ſich ſo geſtachelt ſah, wendete einen ſolchen unerhörten Fleiß auf ſeine ſchwierige Auf⸗ gabe, daß er am Ende der dritten Woche die ganze zwölfte Arbeit des Herkules herausbrachte. Mittlerweile war Sybrandt ganz aus aller Geduld. Aber er wurde für die Verzögerung durch die hohe Vollendung der Arbeit des Meiſters Gooſe Ten Broeck, wie ſich der Nadelkünſtier nannte, entſchadigt. Oheim Dennis ſagte, es paſſe alles wie Wachs, obgleich der Himmel wußte, warum. Es lag ihm wahrhaftig nicht wie Wachs an, ſondern hing in ſehr ehrfurchtsvoller Entfernung um ſeinen Leib und ſeine Glieder herum. Als alles fertig war, gab der gute Den⸗ nis Sybrandt ſeinen Segen nebſt einem guten Vorrath von gutem Rath und nebenbei eine Börſe voll Guineen, deren Muſik die der Sphären weit übertraf, obgleich die Dichter die letztere ungemein erheben, wahrſcheinlich, weil ſie der erſteren ſelten theilhaftig werden; gewöhnten ſie ſich ein wenig an den Klang von Gold, ſo würden ſie finden, daß gar kein Vergleich zwiſchen beiden iſt. „Verd—t, Sybrandt,“ ſagte der kleine Ariel— „verd—t, Sybrandt, ich ging gerne mit euch; aber jetzt, da es mir einfällt, kann ich nicht. Ich habe dem alten Ten Broeck verſprochen, ihm einige Pfirſichbäume zu pfropfen, ſobald der Frühling käme.“ „Lebt wohl, Maſſa Sybrandt,“ ſagte der alte Tjerk, — 682— den Alter und Rheumatismus jetzt faſt doppelt beugte. „Lebt wohl, Maſſa Sybrandt— alten Nigger nimmer wieder ſehen.“ Sybrandt war von dieſen wehmüthigen Worten des alten Schwarzen ſehr bewegt und die Thränen kamen in ſeine Augen. Er ſchüttelte dem treuen Gefährten ſeiner erſten Abenteuer bieder die Hand und ſchied mit Leid⸗ weſen von ihm. Die Worte des guten alten Negers waren prophetiſch— ſie ſahen ſich nicht wieder. Vierzehn Tage ſpater ſtarb der alte Mann in Folge einer Erkäl⸗ tung. Friede ſeinen Manen, ſo ſchwarz ſie auch waren. Ich ehre ſein Andenken, denn er war einer jener treuen Diener, deren Art längſt inmitten der frommen Bemühun⸗ gen der geſchäftigen Leute ausſtarb, welche nichts zu thun haben, als das Loos ihrer Mitmenſchen zu verbeſſern und ſich in die Angelegenheiten Anderer zu miſchen. Während dieſe Dinge auf dem Lande vor ſich gingen, war unſere Heldin in einer ſeltſamen Lage und Stim⸗ mung. Manchmal freute ſie ſich der Ankunft ihres Vet⸗ ters und dann war ſie wieder betrübt darüber. Manchmal war ſie unwillig, daß er ſo lange ausbleibe, und dann war es ihr wieder in ihrem Herzen, als wünſche ſie, er käme gar nicht; denn mächtig war ihre Angſt, die Mode⸗ leute von New⸗York und ganz abſonderlich die Herren Adjutanten möchten über ſeine ländlichen Sitten und ſein ländliches Ausſehen lachen. Sir Thickneſſe und Gilfillan ſetzten ſtets noch ihre Aufmerkſamkeiten fort. Der Erſtere — 63— dieſer Herren nahm ſich in Folge einer lebhaften Anregung der Madame Aubineau mächtig zuſammen und vollbrachte eine glänzende That der Galanterie. Er ſprach in der That an einem und demſelben Morgen drei Male mit unſerer Heldin. Was den zunderherzigen Mileſier betrifft, ſo ſchwor er wenigſtens ſechs Dutzend Mal des Tags, ſie ſei ein Engel und er werde demnächſt aus purer Liebe zu ihrer ſüßen Seele ſterben. Nach Art eines Soldaten und eines Ireländers war er auch wirklich höchlich ver⸗ liebt; obgleich er aber aus Liebe ſterben wollte, war er der geſundeſte und fröhlichſte Geſelle von der Welt, und lachte, tanzte, ſang, trank, ſpielte und liebelte, als wenn nichts mit ihm vorgefallen wäre. Catalina hatte viele Mühe, ihn in gehöriger Ordnung und Unterwürfigkeit unter die Geſetze weiblichen Zart⸗ gefühls zu erhalten, denn ſo ein echter Mileſier iſt wun⸗ derbar unternehmend. Selbſt die Liebe iſt nicht im Stande, ihn einzuſchüchtern. Unſere Heldin mußte ſich ſtets auf der Defenſive halten, wenn ſie allein mit ihm war, und hatte mehr denn ein Mal urſache, ernſthaft böſe zu werden. Eines Tages trat er, ſein Lieblingsliedchen„Ellen a Roon“ ſummend, in das Geſellſchaftszimmer. Als der edle Herr eines Miniatur⸗Porträts Catalina's, das eben fertig geworden war und von einer Meiſterhand herrührte und welches noch in der Familie Vancour aufbewahrt wird, anſichtig ward, ergriff ihn eine ſeiner galanten Launen, daſſelbe wenigſtens für einige Zeit zu beſitzen. — 64— Unſere Heldin bat und widerſetzte ſich— Gilfillan lachte; ſie wurde bös— Gilfillan lachte noch lauter; ſie bewies ihm ernſtlich das Unpaſſende eines ſolchen Beneh⸗ mens und die Folgen, wenn man das Gemälde in ſeinen Händen ſähe— alles half nichts; er hatte tauſend wilde, rodomontirende Betheurungen zu machen und ſchwor, er wolle das Bild nicht behalten, ſondern ihm nur eine Nacht im Geheimen ſeine Anbetung und Vergötterung erweiſen, und es dann zurückgeben, vorausgeſetzt, daß er es nicht durch ſeine Küſſe zu Grund richte; zum Schluſſe machte er aus der ganzen Sache einen Scherz und brachte unſere Heldin trotz ihres Aergers zum Lachen. Kurz, er nahm das Bildchen mit der feierlichen Zuſage eines Lieb⸗ habers mit, es den nächſten Tag zurückzugeben. Aber den nächſten und den folgenden Tag hatte er ſolche wun⸗ derliche, ſeltſame oder humoriſtiſche Entſchuldigungen zur Hand, es noch einen Tag zu behalten, daß Catalina ſeiner unwiderſtehlichen Fratzenhaftigkeit nachgab und ſich wirklich ſchämte, bös zu werden. Nach Verlauf einer Woche gab er das Bild mit der Verſicherung zurück, nur der Umſtand, daß es wirklich die Darſtellung einer Gottheit ſei, habe es wunderbar vor dem Verderben, welches ihm durch das Inbrünſtige ſeiner Andacht drohte, gerettet. Nach kurzer Zeit hatte Catalina alles verziehen und vergeſſen. — 65— Achtes Kapitel. Ein Held in ſchnupftabaksfarbnen Beinkleidern. Wenige Tage darauf langte Sybrandt in ſeinem ſchnupftahaksbraunen Gewande an, das ſchon an ſich hin⸗ reichte, die glänzendſten Ausſichten des begünſtigſten Liebha⸗ bers zu Grunde zu richten. Man denke ſich den Kontraſt mit der Pracht und Herrlichkeit eines Adjutanten? Die ſchar⸗ lachrothe goldverbrämte Uniform, die glänzenden Spor⸗ nen, die reichen ſtrotzenden Achſelbänder! Der arme Sybrandt! Welche Ueberlegenheit des Innern konnte die⸗ ſen äußern Prunk aufwiegen! Catalina empfing ihn— ich wüßte nicht zu ſagen, wie! Sie wußte es ſelbſt nicht, und wie ſollte ich es wiſ⸗ ſen? Es war ein wunderliches, unbegreifliches, unbeſchreib⸗ liches Gemiſch von gekünſtelter Gleichgiltigkeit und gekün⸗ ſtelter Freude; von Furcht, zu wenig Gefühl zu zeigen, und Schrecken, zu viel an den Tag zu legen. Kurz, es war ein unbeholfenes Thun und Sybrandt's Benehmen war dies in noch höherm Grade, da ein ſtarker Anfall ſeiner alten Krankheit— der Scheu und Verlegenheit— plötzlich über ihn kam. Solch ein Wiederſehen iſt oft das Vorſpiel zu einer ewigen Trennung geweſen. Paulding. IV. 5 — 66— Schon am nächſten Abend nach ſeiner Ankunft trat Sybrandt zum erſten Mal in ſeinem ſchnupftabaksbrau⸗ nen Gewande in einer großen Geſellſchaft auf, welche ſeine Excellenz der Statthalter zu Ehren des Geburts⸗ tags des Königs gab. Die ganze Ariſtokratie der Stadt war bei dieſer Gelegenheit verſammelt und mehrere Per⸗ ſonen von hoher Bedeutung verzögerten ihre Erſcheinung bis faſt ſieben Uhr, um der Feierlichkeit dadurch einen noch höhern Glanz zu geben. Die Reifröcke und Friſu⸗ ren waren rieſenhaft, und man erzählt von mehr als einer Dame, ſie ſei, den Kopf aus dem einen, und den Reifrock aus dem andern Wagenfenſter ſteckend, in dieſe berühmte Geſellſchaft gefahren. Es iſt wahr, ihre Aermel waren nicht ſo üppig bauſchig, wie es eine ele⸗ gante Mode neuerer Zeit vorſchrieb; auch war es nicht möglich, den Arm einer Dame für ihren Leib zu neh⸗ men, wie es in unſern Tagen von kurzſichtigen Stutzern geſchehen ſein ſoll, deren einer, wie mir glaubwürdige Zeugen berichteten, ſeinen Arm um den Aermel ſtatt um die Hüfte ſchlang, als er im letzten Winter einen Wal⸗ zer mit einer eben von Paris zurückkehrenden Schönen tanzte. Mancher kleine, ſtarkgeſpitzte Atlasſchuh mit hohen Abſätzen und in Schnallen von falſchen Edelſteinen fun⸗ kelnd, that dieſe Nacht ſeine Wirkung; beſonders prunkte eine alte Dame in allem Stotlze ihrer ſelbſtbewußten Ueberlegenheit mit einem Paar Handſchuhe, welche ihre Mutter an dem Hofe des galanten Karl des Zweiten getragen hatte, welcher ſie beinahe zum Tanz aufgefor⸗ dert und öffentlich erklärt hatte, ſie ſei ganz ſo elegant wie Noll Gwyn, und faſt eben ſo ſchön wie die Herzogin von Cleveland. Dieſe geweihten Reliquien kamen in unmit⸗ telbarer Folge von Geſchlecht zu Geſchlecht auf dieſe hohe Familie und wurden als ihr wertheſtes und heiligſtes Beſitzthum erachtet, bis ſie endlich gottesräuberiſch von einem farbigen Herrn, der in das Haus gehörte, geſtoh⸗ len wurden und ſpäter mehrere Winter hindurch auf den afrikaniſchen Bällen glänzten.„Das iſt das Loos des Schönen auf der Erde.“ Alle Würdenträger der Provinz hatten ſich bei dieſer Gelegenheit eingeſunden, denn man hätte ihre Abweſen⸗ heit als einen Beweis geringer Anhänglichkeit an die Regierung betrachtet, und dies hätte ſie vielleicht ihre Stellen gekoſtet. Da ſah man die gelehrten Glieder des ſtatthalterlichen Rathes, der ſeine Majeſtät im zweiten Grade vorſtellte und vertrat. Dann kam der Oberrich⸗ ter und die verſchiedenen andern Richter, alle in jenen prachtvollen Perücken, welche, wie Kapitän Baſil Hall behauptet, den Entſcheidungen der engliſchen Richter ein ſo mächtiges Uebergewicht geben,— in ſo fern als, wenn der Kopf ſo voller Geſetze iſt, daß nichts mehr hinein⸗ geht, noch eine große Maſſe Wiſſens in den Locken der Perücke aufbewahrt werden kann. Daher iſt auch ſehr ernſtlich bezweifelt worden, ob jene tiefſinnigen Ausſprüche des Lord Mansfield und Sir William Scott's wirklich 5* — 68— aus dem Kopfe oder den Perücken der gedachten Herrn hervorgegangen ſind. Hier figurirten auch ſeiner Maje⸗ ſtät General⸗Anwalt und General⸗Fiskal, welche auch Perücken trugen, aber keine ſo großen, wie die der Rich⸗ ter, denn dieſes würde als eine feine Andeutung ausge⸗ legt worden ſein, als erachteten ſie ſich für rechtserfah⸗ rener als jene. Dann kamen die Scharen von kleinem Gewürm, welche in allen Zeiten und bei allen Nationen den Kolonieen über den Hals geſchickt werden, um ſich in dem Fett des Fleißes zu mäſten und die Leute, welche ſie füt⸗ tern, mit Füßen zu treten. Mauth⸗ und Zoll⸗Beamte, Steuergeſindel, Kommiſſäre und Zahlmeiſter und alle die kriechenden Weſen, welche die Ehre hatten, ſeiner Maje⸗ ſtät in dem verächtlichſten aller Länder zu dienen, hat⸗ ten hier den Vortritt vor den anweſenden alten Beſitzern des Bodens und blickten auf dieſe als auf untergeordnete Geſchöpfe herab. Seine Majeſtät war die Quelle der Ehre und des Ruhms; und da ſeine Excellenz der Statt⸗ halter jene unmittelbar vorſtellte und vertrat, ſo wurden alle Anſprüche an Auszeichnung nach dieſem gewichtigen Beamten gemodelt. Wer ihm in der Amtswürde zunächſt ſtand, war der nächſt größte Mann; und die Dame, welche bei einer Geſellſchaft der Gemahlin des Statthal⸗ ters zunächſt kam, war für dieſe Nacht unzweifelhaft geadelt und blieb für ewige Zeiten ein Gegenſtand des Neides. Vor der Vertreibung der Engländer leiteten mehr als Eine unſerer ariſtokratiſchen Familien ihren — 69— Hauptvorzug daher ab, daß ihre Großmutter einmal mit dem Statthalter zu Mittag geſpeiſ't und ſeiner Gemah⸗ lin an dem Tiſche zur Rechten geſeſſen hatte. Wenn Sybrandt, der arme, unbekannte Sybrandt, Pber nichts zu ſeiner Empfehlung hatte als Talente, elehrſamkeit und ein unerſchrockenes Herz,— wenn er durch die Pracht und Würde einer ſo hohen Geſellſchaft, wo faſt alle von Adel waren, gleichſam geblendet wurde— wer kann ihn tadeln? Und wenn er bei dem Vergleiche ſeines ſchnupftabaksfarbenen Gewandes mit den ſchim⸗ mernden Uniformen der Adjutanten und Offiziere, trotz ſeiner ſelbſt ein Bewußtſein von Unterordnung fühlte— wer wird ſich wundern? Und wenn er, bei einem Blicke auf die dicken Perücken der Richter und auf den unge⸗ heuern Umfang jener Reifröcke, in welchen die Schön⸗ heiten von New⸗York ſich wie in einem von ihnen abhän⸗ gigen Weltall bewegten und ſchwangen, in ſeinem inner⸗ ſten Herzen zitterte, ſo dürfte man deßhalb doch ſeinen Muth noch nicht in Zweifel ziehen. Dieſem Gewichte des Selbſtbewußtſeins ſeiner Unter⸗ ordnung, welches auf der Beſcheidenheit ſeines Charakters laſtete und ſeinen Geiſt ſo zu ſagen in einen Nebel unbe⸗ holfener Verlegenheit hüllte, geſellten ſich verſchiedene andere Gründe des Aergers bei. Als das Geflüſter ſich ringsum hören ließ, er ſei der ländliche„beau,“ der Zukünftige der Königin des Tages, der Schönſten in New⸗York, würde die neugierige Unterſuchung, der er — 70— blosgeſtellt war, das Herz eines brüllenden Löwen zum Zagen gebracht haben. Die jungen Damen, welche Cata⸗ lina um die Eroberung der zwei Adjutanten beneideten, rächten ſich, indem ſie hinter ihren Fächern über ihren Zukünftigen kicherten. „Gott!“ flüſterte Miß van Dam der Miß Twenty⸗ man zu,—„habt ihr je einen ſo altmodiſchen Burſchen geſehen? Ich ſchwöre, er ſieht aus, als wenn er um ſei⸗ nen Verſtand gekommen wäre.“ „Und dann ſeine ſchnupftabaksfarbenen Beinkleider!“ ſagte die Andere:—„er iſt hübſch, gewiß; was iſt aber ein Mann ohne rothe Uniform und Achſelbänder?“ Meine Leſerinnen werden die Einfüuhrung eines gewiſſen übelklingenden Wörtchens in der Antwort der jungen Dame entſchuldigen, wenn ſie hören, daß es leiſe geflüſtert worden. Ich bin der Letzte, der ſich an dem weiblichen Zartgefühle verſündigt und kenne zu gut die Pflichten eines Schriftſtellers gegen das ſchöne Geſchlecht und die guten Sitten, um nicht zu wiſſen, daß es im höchſten Grade unzart, ſolche Worte hören zu laſſen, obgleich es jungen Damen heut zu Tage erlaubt iſt, ſich in Geſellſchaften und auf Bällen auf die freiſinnigſte Weiſe zu präſentiren und Fremden zu geſtatten, ſie beim Tanze um den Gürtel zu faſſen. In der Moral der Mode beſteht das Unzartgefühl nicht ſowohl in der Sache ſelbſt, als in dem Worte, welches man zu ſeiner Bezeich⸗ nung anwendet. Während die jungen Schönen die Verdienſte des ſchnupftabaksfarbenen Gewandes unſeres Helden kritiſir⸗ ten, unterſuchten die Mütter ſeine andere Fähigkeiten. „Man ſagt, er werde unermeßlich reich werden,“ ſagte Mrs. van Dam. „Sollte dies wirklich der Fall ſein?“ rief Mrs. van Borſum. „Ja, er hat zwei rinderloſe Oheime, reich, wie Kröſus.“ 4„Kröſus? Wer iſt der Mann? ich kenne ihn nicht.“ 4„Ich glaube, ein reicher Kaufherr von London.“ „Gut. Iſt es aber auch gewiß, daß er die zwei reichen Oheime beerbt?“ 1„O, ganz gewiß. Der Eine hat ihn als Sohn ange⸗ nommen und der Andere wird ein Teſtament machen und ihm alles überlaſſen, was er beſitzt.“ „Wie Schade, daß er einen ſolchen Zlatterſinn hei⸗ rathet, wie dieſe Miß Vancour.“ „O, ſehr, ſehr Schade, es thut mir wirklich leid. um des jungen Burſchen; er verdiente eine beſſere Frau? 3 Und ſie vachte an ihre Tochter.“ „Das iſt gewiß— ganz gewiß!“ wiederholte die andere Dame und dachte an ihre Tochter. Sie began⸗ nen beide an dem Adjutanten zu verzweifeln und die Militär⸗ und Civil⸗Würdenträger aufzugeben. Der nächſte Gegenſtand ihres Chrgeizes war daher ein reicher Provinzler. Nicht viele Stunden nach dieſer Unterhaltung wurde unſer Freund Sybrandt dieſen guten Damen auf ihr — 2— beſonderes Verlangen vorgeſtellt und ſie ſtellten ihn ihren Töchtern vor. „Iſt er reich genug, um mich heim zu führen?“ flüſterte Miß van Borſum ihrer Mutter zu—heim hieß in jener Zeit„nach Alt⸗England,“ denn man ſah es für gemein an, einer Kolonie anzugehören.—„Iſt er reich genug, mich heimzuführen?? „So reich wie Kröſus, der große Londoner Kaufmann.“ „Dann bin ich entſchloſſen, die Angel nach ihm aus⸗ zuwerfen, trotz ſeinen ſchnupftabaksfarbenen....“ dachte Miß van Borſum. Durch eine jener unerklärlichen Liſten, wodurch erfah⸗ rene Frauen Dinge dieſer Art zu leiten und einzurichten wiſſen, ſah ſich Sybrandt wirklich gezwungen, einen Menuet mit Miß van Borſum zu tanzen, obgleich er es faſt vorgezogen hätte, auf dem Blocksberg ein Tänzchen zu machen. Die gute Dame that es faſt Catalina in die⸗ ſem graciöſeſten und frauenhafteſten aller Tänze gleich; und da ſie einen ſchönen kleinen Fuß et ceters hatte, ſo waren es der ſcharfen Pfeile viele, die ſie von den zugeſpitzten Atlasſchuhen und den Diament⸗Schnallen auf die Herzen der Zuſchauer abſchoß. Das Tanzen unſeres Helden war nicht ganz verächſlich, aber die ſchnupftabaksfarbenen.....! Sie thaten dieſe Nacht das ihrige bei allen jungen Damen und ihren Müttern, die nicht wußten, daß er der Erbe von zwei reichen alten Junggeſellen war. 8 Neuntes Kapitel. Von der edeln Rache des Sir Thickneſſe Thragmorton. Der Autor lobt die Frauen. Gilfillan, welcher von mehreren mittheilſamen und gutmüthigen alten Damen, die es nicht ertragen konnten, ihn zum Beſten gehalten zu ſehen, alsbald benachrichtigt wurde, Sybrandt ſei nach allem der wirklich zu fürch⸗ tende Mann, betrachtete ihn mit höhniſcher, ſpöttiſcher Mienen, Sybrandt machte auch ſeine Augen nicht zu, und gah dieſe Blicke mit Intereſſen zurück. Aber Gil⸗ fillan war ein edelherziger, gutmüthiger Geſell, und bald ſiegte jenes freundliche Gefühl, mit welchem jeder echte Jreländer inen Fremden behandelt, über das feindſelige der Nebenbuhlerſchaft. „Bei den Pluderhoſen meiner großen Vorfahren, des Fürſten von Beffny,“ ſagte er,—„es kann mit einem ſolchen Neben zuhler keine Gefahr haben—“ und er ſtellte ſich ſogleich unſerm Helden mit einer offenen Herzlichkeit vor, die unwiderſtehlich war. Sybrandt fühlte ſich, obgleich er ſein Nebenbuhler war, zu ihm hingezogen. — 74— Aber woher wußte er, daß er ſein Nebenbuhler war? Pah! Edler Leſer, wenn du das nicht begreifſt, ſo gehe und ſtudire Metaphyſik, denn die Welt, die Menſchen lernſt du doch nie verſtehen. Kannſt du es für möglich halten, daß er mit Madame van Borſum ſich unterhielt und mit ihrer Tochter tanzte, ohne alles das zu erfahren? Du mußt glauben, die Frauen hätten in den Tagen deiner Urgroßmutter keine Zungen gehabt? Das Benehmen des Sir Thickneſſe Thragmorton war ganz das Gegentheil von dem des Oberſten Gilfillan. Er ſtellte ſich, als beachte er Sybrandt nicht im entfern⸗ teſten und ſchmollte majeſtätiſch mit Catalina. Er that, als höre er nicht, wenn ſie ihn anredete— vernachläſſigte es, mit ihr zu tanzen— war ſehr nahe daran, Miß van Dam den Hof zu machen, hätt' er nur gewußt, wie?— ging in eine Ecke, wo er zwei Stunden, manchmal auf dem einen, dann auf dem andern Juße ſtand, wie eine Gans, und weigerte ſich endlich, beym Abendeſſen einen gebratenen Welſchen zu zerlegen, obſchon die Gemahlin des Statthalters ihn darum bat, bei welcher unerhört kühnen und verwegenen That Jedermann ſein Meſſer und ſeine Gabel in Erſtaunen fallen ließ. Noch in der⸗ ſelben Nacht hielt er Rath mit ſeinem Kiſſen und beſchloß, Catalina aufzugeben, da er damals das Geſetz nicht zu fürchten brauchte, das ſeitdem ſo viel junge Damen mit — — 75— gebrochenen Herzen für den Verluſt eines Mannes ent⸗ ſchädigte, indem es ſie in den Stand zatzte, einen Zweiten mit der dem Erſten entriſſenen Summe zu kaufen. Er beſchloß daher, unſere Heldin aufzugeben und ihr das Herz zu brechen. Es kam dieſem guten Herrn nie in den Sinn, daß ſie glücklich ſein könne, ihn los zu ſein. Um ſie aber noch mehr zu demüthigen, beſchloß er, einer Andern ſein Herz zu weihen. Er wählte zu dieſem Behufe die Frau eines guten Bürgers, die in der Broad⸗ ſtreet wohnte und an welche er einen flammenden Liehes⸗ brief in engliſcher Sprache ſchrieb. Die gute Frau konnte ihn aber ncht leſen, denn man glaubte in jenen einfachen Tagen, für eine ehrſame Frau reiche Eine Sprache voll⸗ kommen hin; ſie brachte das Schreiben daher ihrem Mann, um es ihr zu verdolmetſchen. Der würdige Bür⸗ ger war ganz in denſelben Umſtänden wie ſeine Frau, Sprachkenntniſſe betreffend, und gab den Brief dem Ober⸗ ſten Gilfillan, einem ſeiner alten Bekannten. Darauf begab er ſich damit zu Sir Thickneſſe, um ſich mit ihm zu bereden und zu hören, was„de Duyvel“ er damit meine.„Ihr könnt meine„Vrouw“ nicht heirathen, weil ſie einen Mann pereits had,“ ſagte er mit allem Anſchein von Logik. Gilfillan machte eine prachtvolle Geſchichte aus dieſem Begebniß und der würdige Baronet wurde, wohin er auch kam, ſo verfolgt, daß er bald Urlaub nahm und nach England zurückkehrte, wo er, wie man erzählte, eine Menge ſtolzer Dummköpfe gefun⸗ — 76— den, welche Unbeholfenheit für Würde, und Plumpheit für edles, vornehmes Weſen hielten, und ihn ſo in den Stand ſetzten, eine Rolle zu ſpielen. Der Leſer wird ſich gütigſt erinnern, daß ich von längſt vergangenen Tagen ſpreche und daß die engliſchen Stutzer ſeitdem durch häufiges Zuſammenſein mit unſern lebendig geiſt⸗ reichen Schönen an Anmuth und feinen Sitten bedeu⸗ tend gewonnen haben. Ich eile jedoch meiner Geſchichte zuvor. Sei dem, wie ihm wolle, ich muß mit Leidweſen eingeſtehen, daß das früher erwähnte ſchnupftabaksfarbene Gewand, das Kichern der jungen Damen, die Kritik ihrer Mütter, und vor allem die muthwilligen Bemerkungen der Offiziere, die bösartigen Seitenreden der Mrs. Aubi⸗ neau, nebſt einem gewiſſen heimlichen Bewußtſein von Seiten unſerer Heldin, daß Sybrandt in dieſer prunk⸗ reichen Geſellſchaft keine ſonderliche Rolle ſpiele, nicht ſehr zu ſeinen Gunſten wirken konnten. Man kann von den Frauen im Allgemeinen(ich meine, bevor ſie verhei⸗ rathet ſind) nicht ſagen, daß ſie irgend eigene Anſichten hätten. Sie ſtehen gewöhnlich ganz unter der Herrſchaft der Mode. Sie werden etwas nicht thun, obgleich es ganz unſchuldig iſt, weil es nicht Mode iſt; und ſie wer⸗ den öfter etwas thun, welches gegen das Zartgefühl der Geſellſchaft anſtößt, weil es Mode iſt. Ja, ſelbſt ihre Tugenden ſcheinen manchmal das Spiel der Mode zu ſein, die nichts anderes iſt, als das Ergebniß der Launen — 22— und Einfälle von— niemand weiß, wem; ein Ausfluß von— niemand weiß, was; manchmal die Excentricität einer Dame von Ton— manchmal der kitzelnde Spröß⸗ ling einer Operntänzerin, manchmal die Erfindung einer phantaſtiſchen Putzmacherin. Ein Kleid kann elegant ſein und im höchſten Grade gut kleiden; dennoch wird ſich, eben weil es nicht Mode iſt, eine Dame, welche ihren Ruf einigermaßen im Auge hat, nicht darin zeigen wollen. Ja, ſelbſt ihre Sitten und Gewohnheiten ſtehen mehr oder minder unter dem Scepter dieſes unſichtbaren Des⸗ poten; und Frauen, welche jede andere Art von Tyrannei verſchmähen, unterwerfen ſich dieſer mit der Reſignation einer Märtyrin. Ein unmodiſches Kleid iſt der Tod einer jungen modiſchen Dame, und ein unmodiſcher Liebhaber das Fegfeuer. Wenn es einem Mann begegnet, daß er in der Modewelt ausgelacht wird, iſt es aus mit ihm; wie groß auch ſeine Verdienſte ſein mögen— er iſt ver⸗ loren. Dieſer kleinen Schwächen des ſchönen Geſchlechtes ungeachtet, wird jedoch nur ein mürriſcher, hoffnungs⸗ loſer alter Junggeſelle leugnen, daß ſie entzückende Ingre⸗ dienzen in dem bittern Kelche des Lebens ſind. In der Kindheit, in den Mannesjahren, im Greiſenalter— bei unſern Spielen, Freuden und Erholungen ſind ſie unſere theuerſten Gefährtinnen; in den Sorgen, Bangniſſen und Müheſeligkeiten dieſer Welt ſind ſie unſere beſten Trö⸗ ſterinnen und treueſten Freundinnen; und in den letzten Stunden unſerer ſterblichen Schwäche, auf dem Todes⸗ — 18— bette ſind ſie die hilfreichen Engel, welche unſer Haupt ſanft betten, unſere Schmerzen lindern und endlich unſer Auge ſchließen und uns in das Todtenkleid, das letzte Gewand der Sterblichkeit hüllen. Doch wie weit verirrt ſich mein Geiſt und meine Feder, während meine Zeilen glühen ſollten von Blut, Mord, Verführung und Che⸗ bruch, in der Weiſe der neueſten romantiſchen Schule! — 79— Zehntes Kapitel. Wie oft enthüllte die Farbe des Kleides das künftige Loos der Menſchen! Unſere Heldin war ein Weib— ein entzückendes Weib— aber doch nur ein Weib, und zumal vor dem glücklichen Zeitalter der öffentlichen Fortbildung und der Vorſchritte des Geiſtes geboren. Ich habe nie gehört, daß ſie Franzöſiſch und Jealieniſch ſprach, obgleich ſie das Engliſche und Holländiſche redete und zwar mit einer Stimme von ſo überredender Muſik, ſolchem tiefen, unwiderſtehlichen Pathos, daß Gilfillan oft erklärte, es ſei gar nicht nothwendig, zu verſtehen, was ſie ſagte, um ſich zu jeglicher Sache überredet zu finden. Sie war aber in der That hinter der jetzigen Zeit der Entwickelung wunderbar zurück. Sie hatte nie in ihrem Leben einer Vorleſung über Genie beigewohnt— obgleich ſie ganz ſicher wußte, was zu einem Pudding gehörte; in der glücklichen Kunſt, die Zeit mit Beſuchen und Umhertändeln und Spazierfahrten zu tödten, eine Kunſt, welche von den Damen dieſer frühreifen Zeit zur höchſten Vollendung gebracht wurde, war ſie ganz unbewandert. In der That, ſie war viel zu gutmüthig, an irgend etwas einen Mord — 80— zu begehen, ausgenommen an Stutzern, und dies that ſie, ohne es zu wollen. Bei all dem war ſie ein Weib und konnte der Anſteckung des Hohnes und Spottes nicht widerſtehen, den es auf die ſchnupftabaksfarbenen Inex⸗ preſſibles des armen Sybrandt's regnete. Sie konnte nicht glauben, daß die Zeit kommen würde, wo dies die Modefarbe fuͤr Pantalons werden würde, in welcher moderne Stutzer und Zierlinge, zum Entzücken des Uni⸗ verſums, auf Bällen und in Geſellſchaften glänzen würden. Da ſie alſo ein Weib war, verweilte ſie nicht bei der Unterſuchung, ob, an ſich betrachtet, die Schnupftabaks⸗ farbe nicht eben ſo achtbar ſei, als Blau oder Roth oder ſelbſt königliches Purpur. Sie betrachtete die Sache in dem Lichte der Mode, und da wurde ſie zu leicht befun⸗ den. Nun beſteht aber ein unauflösliches Band zwiſchen einem Menſchen und ſeinem Kleide. Wie das Kleid zuweilen durch den, welcher es trägt, gewinnt; ſo gewinnt Mancher durch ſein Kleid. Sie ſind nicht zu trennen; ſie bilden ein Ganzes; und daher ſchreibt ſich die große Ver⸗ legenheit einiger neuern Metaphyſiker, welche den genauen Unterſchied zwiſchen einem Stutzer und ſeinem Kleide feſtſtellen und angeben ſollten. Durch dieſe geheimniß⸗ volle Gleichheit des Menſchen und ſeines Gewandes kam das Glück unſeres Helden ſeinem Schiffbruch faſt ganz nahe. Catalina verwechſelte den Spott, welcher ſein ſchnupftabaksfarbenes Kleid traf, mit dem Manne ſelbſt; und auch er wurde, für die wenigen Stunden, welche — 81— die Geſellſchaft währte und die junge Dame unter dem Einfluß der Mode blieb, durch dieſen Gedanken lächerlich. Sie fand allgemach, daß ſie ſich ihres alten Bewun⸗ derers ſchämte, deſſen Aufmerkſamkeiten ſie mit einer gewiſſen Verlegenheit und einer ſtolzen Kälte hinnahm, welche er augenblicklich ſah und fühlte, denn Sybrandt war kein Thor, obgleich er ein ſchnupftabakfarbenes, von einem holländiſchen Schneider gemachtes Kleid trug. Auch fehlte ihm nicht ein Funken des Stolzes, der die ihm innewohnende Ueberlegenheit über den vergoldeten Schwarm rings um ſich fühlt. Sobald er den Zuſtand der Gefühle Catalina's erkannte, kam er ihr nicht mehr als halbwegs entgegen und verſchanzte ſich hinter ſeine alten Bollwerke— ſtolze Demuth und ſchweigende Verachtung. Er ſprach dieſen Abend nichts mehr mit ihr. Obgleich Catalina in ihrem Herzen fühlte, daß ſie dieſe Vernachläſſigung ver⸗ dient habe, war ſie damit doch nichts weniger als zufrieden. Sie wurde nur noch mißvergnügter, ſich ſo vernachläſſigt zu ſehen. So würde Gilfillan ſich nicht benommen haben, dachte ſte, während ſie ſich in das Gedächtniß zurückrief, daß er, je ſchlimmer ſie ihn behandelte, um ſo demüthiger und aufmerkſamer wurde. Dieſe Gleichgiltigkeit oder Unterwerfung unter ihre Launen nahm ſie für einen Beweis innigerer Liebe und verfiel dadurch in einen Irrthum, welcher das Glück ſo manches Weibes unter⸗ graben hat und noch Manche unglücklich machen wird, trotz allem, was ich über den Gegenſtand ſagen kann. Paulding. IV. 6 Der Irrthum, vor welchem ich ſie ernſtlich warnen will, beſteht in dem Verwechſeln geſchäftiger Dienſtfertigkeit und wahrer Liebe. Sie wiſſen wenig von dem Herzen des Mannes, wenn ihnen unbekannt iſt, daß der Mann, welcher ein Weib wahrhaft und innig liebt, und deſſen Abſichten uneigennützig ſind, eben ſo wenig vergeſſen wird, was er ſich ſchuldig iſt, als was er ſeiner Geliebten ſchuldig iſt. Er wird zu keines Weibes Sklaven herab ſinken, die er nicht beabſichtigt, wieder zu ſeiner Sklavin zu machen. Nur Glücksjäger werden die willigen Opfer der Launen und unterwerfen ſich jeder Art Demüthigung, welche der Scharfſinn flatterhafter Eitelkeit erfinden kann, in der Hoffnung, dieſe erniedrigende Knechtſchaft endlich durch den Beſitz— nicht der Geliebten, ſondern ihres Geldes vergolten zu ſehen. Man muß eingeſtehen, daß der Erfolg die Erwartung zu oft rechtfertigt. Sei dem, wie ihm wolle, noch vor dem Schluſſe dieſes wichtigen Abends bemerkte die Geſellſchaft offenbare Zeichen der Kälte zwiſchen den zwei Liebenden, und Gilfillan, welcher ſie mit dem ſcharfen Auge eines Weltmanns beachtete, verdoppelte ſeine Artigkeiten. Es iſt kaum nothwendig zu ſagen, daß unſere Heldin ſte mit verdoppelter Gefälligkeit hinnahm— denn, wie ich bemerkt habe— ſie war ein Weib; und welches Weib hat je verfehlt, die Vernach⸗ läſſigung ihres Geliebten mit reichen Zinſen zu vergelten, obgleich ſie vielleicht ſelbſt Urſache dazu gegeben? „Wenn ſie mich eiferſüchtig zu machen glaubt, irrt — 83— ſie ſehr,“ dachte Sybrandt, während Aerger und Unmuth in ihm wütheten. Am nächſten Morgen frühſtückte Sybrandt zu Haus, ſagte wenig und dachte viel— der beſte Weg, für einen Pinſel zu gelten. Mrs. Aubineau fragte ihn fünfzig Mal nach dem Ball und ganz abſonderlich nach Miß van Borſum. Sie konnte aber nichts aus ihm herausbringen, als daß er dieſe junge Dame ungemein bewundere. Dies war eine mächtige Lüge; aber die Liebe lehrt Alles, das Beſte, wie das Schlimmſte; Himmel und Hölle ſind ſtets in ihrem Gefolge. Catalina ließ ſich augenblicklich zu Gunſten Gilfillan's hören, von welchem ſie gleichfalls erklärte, ſie bewundere ihn ungemein. Dies war auch eine Unwahrheit. Er ergötzte ſie und diente ihrer Eitel⸗ keit; die Wahrheit iſt aber, daß ſie ihn weder bewunderte noch achtete. Die Aufmerkſamkeit und Artigkeit eines Adjutanten war jedoch etwas, was keine ſterbliche junge Dame dieſes entarteten Zeitalters, zu New⸗York wenig⸗ ſtens, freiwillig wegwerfen konnte. Sobald Catalina ihre Bewunderung über Gilfillan auf dieſe Weiſe an den Tag gelegt hatte, ſtand unſer Held, obgleich er den Mund voll Semmeln hatte, plötzlich von dem Tiſche auf, griff nach ſeinem Hut und eilte auf die Straße, obgleich Mrs. Aubineau ihm nachrief, ſie habe eine Morgenpartie für ihn angeordnet. „Catalina,“ ſagte Mrs. Aubineau,„beabſichtigt ihr 6* — 84— wirklich, dieſen albernen Menſchen in dem ſchnupftabaks⸗ farbenen Kleid zu heirathen?“ „Er hat ſehr viele gute Eigenſchaften.“ „Aber er trägt ſchnupftabaksfarbene Beinkleider.“ „Er iſt muthig, gutdenkend, edel, und beſitzt Talente und Kenntniſſe.“ „Gut, aber er trägt dennoch ſchnupftabaksfarbene Beinkleider.“ „Er hat meines Vaters Wort, und—“ „Und das eurige?“ „Er hatte es, als ich es ihm gab.“ „Aber ihr bereut es jetzt?“ fragte Mrs. Aubineau und blickte ſie ſcharf und forſchend an. „Er iſt der Retter meines Lebens,“ verſetzte Catalina. „Gut— das fordert Dank, nicht Liebe.“ „Er rettete es zweimal.“ „Gut, gut— dann ſeid ihm doppelt dankbar; das gleicht die Rechnung aus.“ „Aber er hat es viermal gerettet.“ „Gut, immer verdoppelt und ihr ſeid mit einander fertig.“ „Aber meine liebe Madame— ich— ich glaube— ja, ich bin gewiß, daß ich meinen Vetter von Herzen liebe.“ „Wie? in ſeinem ſchnupftabaksfarbenen Kleide?“ „Nun ich bin deſſen nicht ganz gewiß, wenigſtens nicht hier zu New⸗York unter den ſchönen Rothröcken und den glänzenden Achſelbändern; aber ich bin deſſen ganz überzeugt, daß ich ihn auf dem Lande lieben könnte.“ „In den ſchnupftabaksfarbenen—?“ „In jeder Farbe, denke ich. Um euch die Wahr⸗ heit zu ſagen, Baſe, ich ſchäme mich der Art, wie ich ihn nach einer Trennung von Monaten empfangen und in der letzten Nacht auf dem Balle behandelt habe. Ich glaube, ein böſer Geiſt hat ſich meiner bemächtigt.“ „Es war nur der Stolz des Weibes, meine Liebe, der euch einflüſterte, der glänzenden Ausſicht zu achten, die euch erwartet. Wißt ihr wohl, daß ihr eine Gräfin werden könnt, wenn ihr nur wollt?“ „Ich hätte vielleicht Luſt dazu; aber ich wäre lieber eine glückliche Frau als eine titulirte Lady.“ „Iſt es möglich?“ rief ihre Baſe und hob ihre Augen und Hände in Erſtaunen empor. „Gewiß und wahrhaftig.“ „Dann müßt ihr mehr oder weniger ſein, als ein Weib,“ rief die Andere und ſchnappte nach Athem. „Hört mich an, theure Baſe. Ich weiß wohl, ihr hattet nur mein Glück vor Augen, als ihr Sir Thickneſſe und den Oberſten Gilfillan ermuthigtet, um meine Gunſt zu werben. Die Wahrheit iſt aber, daß mir keiner von beiden gefällt, und daß mir mein Vetter Sybrandt gefällt. Sir Thickneſſe iſt ein ſtolzer, alberner Tölpel, — 86— ohne Herz, ohne Verſtand; und Oberſt Gilfillan iſt, obgleich er tauſend gute Eigenſchaften, oder vielmehr die Anlagen dazu, beſitzt— ich fürchte, nein, ich weiß es, kein Mann von Unbeſcholtenheit und Ehre.“ „Kein Mann von Ehre?“ rief Mrs. Aubineau wieder und hob Augen und Hände himmelan.—„Nun, er hat doch ſechs Duelle ausgefochten.“ „Aber er bezahlt weder ſeine Schulden, noch hält er ſeine Verſprechungen.“ „Er würde mit einem feurigen Drachen kämpfen.“ „Ja— aber es gibt Leute, und zwar ſehr fried⸗ fertige Leute, vor denen er ſich ziemlich fürchtet— ſeine Gläubiger, ehrliche Gewerbsleute dieſer Stadt,“ ſagte Catalina lächelnd.„Ich nahm neulich ſein Geleite an und war ſehr erſtaunt, als er mich bat, den Weg durch eine kleine, enge, ſchmutzige Straße zu nehmen. Nach einer kleinen Weile beſann er ſich anders, und lag mir eben ſo ſehr an, in eine andere Straße zu treten. Ich hielt es nicht für nöthig, in ſeine Wünſche zu willigen, und wir trafen bald auf einen Kaufmann, der angelegentlich bat, mit dem Herrn Oberſten ein Wort zu wechſeln.„Zum T— l mit einem ſo unverſchämten Schurken!“ rief der Oberſt in mächtigem Zorne und zog mich faſt roh entlang, indem er murrte:—„Ein unverſchämter Schurke, der einen Gentleman auf der Straße bedrängt.“ „Nun?“ — 87— „Nun— ich kenne dieſe Kaufleute hinreichend, um zu wiſſen, daß ſie es nie wagen würden, einem Offizier auf der Straße läſtig zu fallen, wenn ſie ihn ſonſtwo treffen könnten. Das Beiſpiel meines theuern Vaters hat mich gelehrt, daß es eine unſerer erſten Pflichten iſt, gerechten Anforderungen Genüge zu thun.“ „Ci, Catalina, ich muß ſagen, die Leute bekommen gar wunderliche Anſichten auf dem Lande. Was gedenkt ihr denn mit euern Bewunderern anzufangen?“ „Das Benehmen des Sir Thickneſſe in der ver⸗ gangenen Nacht läßt mich hoffen, daß er mich fortan nicht beunruhigen werde. Wenn Oberſt Gilfillan ſich dieſen Mor⸗ gen einfindet, werde ich die Gelegenheit benutzen, ihm den Stand meiner Verpflichtungen und Gefühle offen und frei darzulegen. Ich werde ſein ganzes Zartgefühl in Anſpruch nehmen, um ihn zu veranlaſſen, ſeine Aufmerkſamkeiten einzuſtellen, und beſteht er dennoch darauf, ſorgfältig darüber wachen, ihm aus dem Wege zu gehen, bis der Zuſtand des Fluſſes mir erlaubt, nach Haus zurückzu⸗ kehren.“ „ und ich“— dachte Mrs. Aubineau—„werde ſorg⸗ fältig darüber wachen, daß alles dies nicht geſchieht.“ „Aber,“ fuhr ſie laut fort,—„was gedenkt ihr mit dem ſchnupftabaksfarbenen Mann anzufangen?“ „Ich werde ihn behandeln, wie er es verdient. Ich war mehr zu tadeln, als er— es iſt daher nur billig, —— daß ich die erſten Schritte zur Verſöhnung thue. Ich werde dazu die erſte Gelegenheit benutzen, ſowohl ſeinet⸗ als meinetwillen; denn meine Gefühle ſeit unſerm erſten Zuſammentreffen hier überzeugen mich, daß ich ihn nicht mit Gleichgiltigkeit oder Vernachläſſigung behandeln darf, ohne die Folgen eines ſolchen Benehmens zu theilen.“ „Nun, ihr geht über meinen Verſtand, Catalina! Aber ich kann doch nicht umhin, euch zu lieben. Ich habe keinen andern Wunſch, als den, euch glücklich zu ſehen.“ „In dieſer Hinſicht,“ ſagte Catalina freundlich lächelnd,—„bin ich alt genug, ſelbſt ein Urtheil zu haben.“ „Ich weiß das nicht, meine Liebe. Die Frauen kön⸗ nen kaum ſagen, wie es mit ihrem Glücke ſteht, bevor ſie ein Jahr verheirathet geweſen. Was gedenkt ihr aber ſelbſt heute mit euch anzufangen?“ „Ich gedenke zu Haus zu bleiben und die Rückkehr meines Vetters abzuwarten. Je eher wir zu einer Ver⸗ ſtändigung kommen, deſto beſſer.“ „Und ich werde Beſuche machen, da ich keine Miß⸗ verſtändniſſe mit Herrn Aubineau auszugleichen habe. Guten Morgen— wenn ich zurückkomme, hoffe ich Alles ausgeglichen zu finden. Aber, meine theure Cata⸗ lina,“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie plötzlich zurückkehrte und ſie mit großem Ernſte anredete—„meine liebe Freun⸗ — 89— din, verſucht es, ihn zu überreden, daß er ſich von ſeinem ſchnupftabaksfarbenen Kleide trennt.“ „Ich werde euch das überlaſſen, Baſe! Mich angehend, ſo gedenke ich es als eine Strafe für mein tadelwerthes Betragen gegen ſeinen Beſitzer zu ertragen.“ Aber Catalina hatte nie Gelegenheit, ihren helden⸗ müthigen Entſchluß in Ausfuͤhrung zu bringen. Elftes Kapitel. Ein guter Entſchluß kommt zuweilen um einen Tag zu ſpät. Sybrandt war aus Herrn Aubineau's Haus geraden⸗ wegs in die Wohnung des Oberſten Gilfillan gegangen, um demſelben ſeine Anſprüche an Catalina auseinander zu ſetzen und ihn zu bitten, ſeine Aufmerkſamkeiten ein⸗ zuſtellen. Man ſagte ihm, der Oberſt ſei für wenige Minuten ausgegangen, und bat ihn, ſeine Rückkehr abzu⸗ warten. Während dieſer Zeit nahm er zufällig ein Muſik⸗ buch auf, welches auf dem Tiſche lag. Es ging von ſelbſt auf, und ein Miniatur⸗Gemälde fiel aus demſelben auf den Boden. Sybrandt hob es in der Abſicht auf, es wieder in das Buch zu legen, als er zu ſeinem größten Schrecken entdeckte, daß es Catalina's Bildniß ſei, welches Gilfillan, mit einem nicht zu entſchuldigenden Ueberſehen der Schicklichkeit und des Anſtandes, hatte kopiren laſſen, während das Original in ſeinem Beſitze war. Sybrandt's Blut ſtrömte zu ſeinem Herzen und von da in ſein Antlitz und bis in die Kuppen ſeiner Finger, wo es wie flüſſiges Feuer zuckte und brannte. Er ſtand zitternd vor Wuth und Zorn da, das Gemälde in ſeiner — ℳ9— Hand, als Gilfillan eintrat und in ſeinem heiterſten Tone begann:— 1 „Mein theurer Herr Weſtbrook, bei meiner Seele, ihr ſeid willkommen!“ Sybrandt unterbrach ihn ohne Ceremonie: „Eine Frage, Oberſt Gilfillan! Wenn ich euch ſage, daß ſie mich im höchſten Grade intereſſirt, hoffe ich, ihr beant⸗ wortet ſie mir offen. Woher habt ihr dieſes Gemälde?“ Gilfillan fühlte ſich in der Lage deſſen, der auf etwas ertappt worden, das er nicht rechtfertigen kann; er nahm daher ſeine Zuflucht zu der Miene ſtolzer Gleichgiltigkeit; überdies that das ſchnupftabaksfarbene Kleid unſerm Hel⸗ den auch hier einen ſchlimmen Dienſt. Es brachte Gil⸗ fillan auf den Gedanken, er habe einen Bauern vom erſten Waſſer vor ſich, mit welchem er nach Belieben ſpielen und ſeinen Scherz treiben könne. Nie hat ſich jemand gröblicher geirrt, als Oberſt Gilfillan. Er ahnte wenig, daß das grobe Kleid einen Mann umſchließe, wel⸗ cher von dem Pfade nicht abweichen werde, welchen er gewählt, wer ſich ihm auch entgegenſtelle. Er antwortete daher mit ſorgloſem, wenn nicht verächtlichem Stolze:— „Gewiß, Herr— W— Herr Weſtbrook; es ſteht euch vollkommen frei, zu fragen, was ihr wollt: erlaubt mir aber zu bemerken, daß es von mir abhängt, ob ich antworten will.“ Aber, Sir, ihr werdet mir erlauben zu bemerken, daß ihr ſo gütig ſein müßt, meine Frage zu beantworten.“ — 92— „Müßt? Wie meint ihr das, Sir?“ „Seht, Oberſt Gilfillan, es iſt jetzt nicht Zeit zu ſcherzen; und ich werde euch auch nicht erlauben, bei die⸗ ſer Gelegenheit zu ſcherzen. Iſt es euch bekannt, daß eine Verbindung zwiſchen dem Original dieſes Gemäldes und mir beſteht, und daß dieſe die Weiße der Ektern der Miß Vancour hat?“ „Bei meiner Seele, Herr Weſtbrook, es iſt vollkom⸗ men gleichgiltig, ob eine ſolche Verbindung beſteht oder nicht. Wenn ein Mädchen ein Verſprechen gibt, ſo hat ſie, dünkt mich, das Recht, das Verſprechen, wenn ſie deſſen überdrüſſig iſt, zu brechen; und bei der Glorie der Sterne, ich bin der Mann, welcher ihr jederzeit bei einem ſolchen preiswürdigen Unternehmen beiſteht.“ „Sehr gut, ich darf annehmen, ihr wäret mit dem Umſtande bekannt.“ „Ihr mögt annehmen, was euch beliebt, Herr Weſt⸗ brook— es iſt mir ganz einerlei.“ „Ihr wollt alſo meine Fragen nicht beantworten, obgleich ich, wie mich dünkt, das Intereſſe gerechtfertigt habe, welches ich an allem nehme, was dieſe junge Dame betrifft.“ „Nein! wahrlich nein!“ verſetzte Oberſt Gilfillan ſorglos. „Dann muß ich euch auch ſagen, Sir— Sybrandt's Stimme hob ſich, ſein b cht glühte höher und ſein Auge blitzte. — 93— „Haltet ein, junger Gentleman“— unterbrach ihn der Oberſt.„Nach dem Tone eurer Stimme und dem Blitzen eures Auges nehme ich an, ihr gedenkt etwas Unangenehmes zu ſagen: bedenkt wohl, was ihr ſagen wollt.“ „Ich ſage auf eure Mahnung, was ihr ſo gütig waret, auf meine Erkundigung zu ſagen— daß ſie für mich etwas ganz Gleichgiltiges iſt. Und ich ſage ferner, Oberſt Gilfillan, daß ich weder in euerm frühern, noch in euerm jetzigen Benehmen etwas finde, was euch berech⸗ tigt, auf beſondere Achtung Anſpruch zu machen.“ „Che ihr weiter ſprecht, mein Freund, laßt mich eine höfliche Frage an euch ſtellen.— Werdet ihr euch zum Zweikampf ſtellen? denn dazu muß es kommen, wenn ihr den tauſendſten Theil eines zweiten ſolchen Wortes ſagt. 771 Sybrandt ging an den Tiſch und reichte einen Augen⸗ blick darauf dem Oberſten ein Papier, auf welchem fol⸗ gende Worte ſtanden:— „Morgen früh um ſechs Uhr, zu Hoboken, ſollt ihr Antwort auf eure Frage erhalten.“ Der Oberſt war ein wenig verblüfft über dieſes raſche Gebahren eines Menſchen in ſchnupftabaksfarbenen Kleidern. Er fürchtete ſic) nicht— nichts auf der Erde konnte ihn zur Furcht bringen, ausgenommen ein Gläu⸗ biger— aber es erfaßte ihn eine unwillkürliche Achtung vor dem ſchnupftabaksfarbenen Gentleman, welche ihn faſt bedauern ließ, ihn ſo von oben herab behandelt zu haben. Er änderte ſeinen Ton augenblicklich. Mit dem Auge auf das Papier gefeſſelt, ſetzte er ſeine Fragen fort: „Um ſechs Uhr morgen früh?“ „Um ſechs Uhr.“ „Mit Piſtolen, meint ihr wohl?“ „Mit Piſtolen, wenn's euch beliebt, oder—“ „O, es iſt mir ganz einerlei. Herr Weſtbrook, laßt mich eine Frage an euch ſtellen. Beabſichtigt ihr, vorher euer Teſtament zu machen? Denn, wenn ihr es macht, wünſchte ich, ihr vermachtet mir dies Gemälde nach eurem Tode, da ihr nicht geneigt ſeid, mir es bei eurem Leben zu laſſen.“. Sybrandt hatte dieſe ganze Zeit das Gemälde, faſt ohne es zu wiſſen, in ſeiner krampfhaft eingeſchlagenen Hand gehalten. Da er auf dieſe Weiſe daran erinnert wurde, warf er es verächtlich auf den Tiſch. „Nun, das heißt, das Original unartig behandeln,“ ſagte der Oberſt und hob es auf—„und bei meiner Seele, wenn ihr mir nicht zuvorgekommen wäret, ſo hätte ich deshalb Händel mit euch angefangen. In der That, eine bezaubernde Dame! Und ich werde morgen ihr Bild an meinem Herzen tragen.“ Bei dieſen Worten ſteckte er das Bild kalt in ſeinen Buſen und Sybrandt ſchwor in ſeinem Herzen, er wolle gerade auf das treuloſe Bild zielen. „Wir verſtehen nun einander, Oberſt Gilfillan?“ „O, bei Gott, es kann bei ſolch klarer Sprache kein Mißverſtehen ſtatt finden.“ „Guten Morgen alſo, Oberſt.“ „Guten Morgen, Herr Weſtbrook,“ antwortete der Oberſt. 4 „Ei,“ ſagte er dann zu ſich ſelbſt,—„wer T— ls hätte dieſe ſchnupftabaksfarbenen Beinkleider für einen ſo wackern Burſchen genommen? Ich bin entſchloſſen, in der nächſten Minute, wenn ich ihm das Lebenslicht aus⸗ geblaſen, Freundſchaft mit ihm zu ſchließen.“ Der Oberſt wurde hier plötzlich durch eine Botſchaft von ſeiner Excellenz unterbrochen, welche ſein ſofortiges Erſcheinen forderte. Er eilte daher in das Gouverne⸗ mentshaus, während Sybrandt langſam der Wohnung des Herrn Aubineau entgegen wandelte, wo Catalina ängſtlich harrte, um ihre guten Entſchlüſſe in Ausführung zu bringen. Ein Sturm ſtreitender Leidenſchaften beun⸗ ruhigte ſeinen Geiſt und als er das Haus zu Geſicht bekam, wendete er ſich mit ſeinem verwundeten Gefühle ab und wanderte Stundenlang in den Fluren umher, welche die Stadt umgürteten. Zuweilen wollte er abrei⸗ ſen, ohne Catalina zu ſehen, dann wollte er ſie noch Ein Mal ſehen, ihr vorwerfen, daß ſie ihr Spiel mit ſeinem Glück getrieben und ihr dann auf ewig Lebewohl ſagen. Zwölftes Kapitel. Gilfillan und Sybrandt treten eine lange Reiſe an. Mittlerweile hatte Gilfillan Zutritt bei dem Statt⸗ halter, welcher ihn benachrichtigte, daß eben ein Paketbot aus England angekommen und ihm die Nachricht von dem Ausbruche des Krieges zwiſchen Großbritannien und Frankreich gebracht habe; zugleich habe er Anweiſung erhalten, ſogleich alle Vorbereitungen zu treffen, um die Grenzen gegen die Einfälle der Franzoſen und Indianer zu wahren. „Es iſt nöthig, den kommandirenden Offizier zu Ticonderoga in möglichſt kurzer Zeit von der Sachlage in Kenntniß zu ſetzen; ſodann muß der Ueberbringer der Botſchaft mit meinen Anſichten von der Sache bekannt ſein. Meine Wahl iſt deshalb auf euch gefallen. Wann könnt ihr reiſefertig ſein, Oberſt?“ „Morgen früh um acht Uhr.“ „Unmöglich— ihr müßt noch heute reiſen. Ein Schiff iſt bereits zu euerm Befehle.“ „Es kann nicht ſein, Sir,“ rief Gilfillan, ſeiner Verabredung mit Sybrandt eingedenk. „Wie? Es kann nicht ſein? Was kann euch zurück⸗ — 97— halten? Ihr ſeid ohne Familie— der Krieger muß bei jedem Winke bereit ſein.“ „Aber Sir,— ich habe ein Verſprechen gegeben und muß es halten.“ „Einer Dame?“ „Nein, einem Herrn.“ „Gut, ich werde euch entſchuldigen, und ſo macht euch fertig, in drei Stunden abzureiſen.“ „Unmöglich!“ rief Gilfillan wieder. Die Excellenz zeigte ſich beleidigt. „Oberſt Gilfillan,“ ſagte der Statthalter,—„ich kann nicht begreifen, wie irgend ein Verſprechen, irgend eine Zuſage möglicher Weiſe einen Soldaten entſchuldi⸗ gen kann, ſeine Pflicht gegen ſein Vaterland zu erfüllen. 2 „Eine Ehrenſache doch, Sir?“ „Nein, ſelbſt nicht eine Ehrenſache, Oberſt. Die Pflicht gegen das Vaterland geht jeder andern vor; es hat euern Dienſt erkauft, indem es euch mit Ehren über⸗ häufte und ihr habt kein Recht, ein Leben wegzuwerfen, das ihm gehört. Wem habt ihr euer Wort gegeben?“ „Herrn Weſtbrook, Sir.“ „Pah!“ rief ſeine Excellenz,—„ſjetzt begreife ich alles. Aber ihr werdet eure Ehre in meine Hand legen und ich verpfände euch die meinige, daß ich ſolche Erläu⸗ terungen geben werde, die eure Ehre nicht gefährden. Geht und macht euch fertig!“ Gilfillan zauderte noch. Paulding. IV. 7 — 98— „Gilfillan,“ ſagte der Statthalter ernſt,—„entweder gehorcht ihr mir, oder ihr überliefert mir euern Degen. Mein Geſchäft iſt dringend, das eurige läßt ſich auf einen ſpätern Tag verſchieben und ich verbürge mich noch einmal, daß eure Ehre nicht befleckt werden ſoll.“ Gilfillan dachte einen Augenblick nach und verſetzte dann kalt: „Ich werde in einer Stunde bereit ſein.“ „So geht denn und macht alle thulichen Vorberei⸗ tungen und findet euch zur beſtimmten Zeit hier ein. Ich werde eure Depeſchen fertig machen.“ Gilfillan kehrte in ſeine Wohnung zurück und ſetzte ſich augenblicklich nieder, um folgende Zeilen zu ſchreiben. An Sybrandt Weſtbrook, Esg. Sir, Ihr werdet bald erfahren, daß der Krieg zwiſchen dem Löwen und dem Hahn erklärt iſt und dieſe Zeilen dienen, Euch zu unterrichten, daß ſeine Excellenz mich mit Depeſchen an die Grenze beordert hat. Ich muß in einer Stunde abreiſen, demnach bleibt nichts übrig, als die Beendigung unſeres kleinen Handels für einige Zeit zurückzuſetzen. Es iſt aber eine Zeit für alles und jedes, und wir müſſen geduldig warten. Geht Euch die Geduld aus, ſo werdet ihr mich wahrſcheinlich irgendwo in der Gegend des George⸗Sees oder von Ticonderoga finden. ——— — 99— Ihr wißt, die Deviſe meiner Familie iſt:„ Bereit, ja. bereit!“ Für jetzt mein Lebewohl! B. F. M. Gilfillan. Sein nächſter Gang galt dem Hauſe des Herrn Aubineau, um Catalina Lebewohl zu ſagen. Er fand ſie in tiefes Nachdenken verſenkt, der Ankunft Sybrandt's harrend. „Oberſt Gilfillan,“ ſagte ſie ſtolz und unwillig, ſich geſtört zu ſehen,—„ich habe dieſen Beſuch weder gewünſcht, noch erwartet.“ „Seid nicht böſe, mein Fräulein,“ ſagte er:—„ich komme, euch ein langes Lebewohl zu ſagen. Die Frie⸗ denspfeife iſt verſcharrt, das Tomahawk ausgegraben und die zwei alten Böcke fangen von neuem an, ihre Hörner zu wetzen.“ „Deutlich, Oberſt.“ „Krieg, blutigen Krieg, meine Dame. In einer Stunde breche ich nach den Grenzen auf und nur der Himmel weiß, ob ihr den armen Gilfillan je wieder ſeht. Gebt ihm einige Hoffnung; etwas, wovon er lebt, wenn er in der Wildniß hungert; eine kleine Erinnerung, die ihn erfreut, wenn er am Leben bleibt, oder an ſeinem Herzen weilt, wenn er ſtirbt.“ „Ich mag eine ſolche Sprache nicht hören, Oberſt Gilfillan. Hört mir ernſthaft zu, denn ich werde ernſt⸗ haft reden. Ich bin eitel und albern geweſen, und dachte wenig nach, als ich euere Artigkeiten, obgleich ſie flüchtig⸗ 7* — 100— und halb ſcherzhaft waren, duldete. Ich habe nie geglaubt, daß ihr Ernſt machtet.“ „Ich nicht Ernſt machen? Himmliſche Mächte! Haben nicht meine Augen, meine Zunge, meine Handlungen, mein Herz, tauſendmal die Aufrichtigkeit meiner Neigung bewahr⸗ heitet? Ich liebte euch die erſte Minute, in der ich euch ſah und ich werde euch die letzten Augenblicke lieben, in welchem ich das Tageslicht ſehe.“ „Es thut mir leid.“ „Es thut euch leid? Leid, daß ein heißfühlender, und ich darf hinzuſetzen, ein edler, ehrenwerther Soldat euch ſein Herz zu Füßen legt, in euerm Lächeln lebt und ſein Leben nicht eine Stecknadel werth hält, wenn er nur ahnt, er könne es euerm Dienſte weihen? Bei meiner Seele, meine Dame, ich kann um alles in der Welt nichts darin ſehen, das euch leid ſein könnte?“ „Ich möchte nicht die Urſache des Unglücks irgend eines Sterblichen ſein.“ „Ah, das gerade höre ich gern aus euerm Munde. Ihr wollt alſo— ihr wollt die Urſache des Glückes eures armen Dieners ſein?“ „Ich kann es nicht in der That, wie ihr es wünſcht.“ „Nicht? Und warum nicht, Juwel dieſes Erden⸗ rundes?“ „Ich kann eure Liebe nicht erwiedern.“ „Wahrlich, meine Dame, dies iſt das letzte, was — 101— ich wünſche. Ihr braucht meine Liebe nicht zu erwie⸗ dern, ihr dürft mir die eurige nur dagegen geben.“ „Ich habe über meine Liebe nicht zu ſchalten.“ „Ihr verblüfft mich, Engel der Dunkelheit. Bei meiner Seele, wenn wir nicht über unſere Liebe ſchalten können, ſo weiß ich nicht, über was wir noch ſchalten können. Ich würde eben ſo gut bezweifeln, daß ich im Stande waͤre, eine Kompagnie zu kommandiren, als mein eigenes Herz.“ „Mit einem Worte, Oberſt, ich bin die Verlobte eines Andern.“ „Oh, das iſt nur eure Hand.“ „Mein Herz iſt dabei, Sir.“ „Ja, aber ihr nahmt es wieder zurück.“ „Nein, Sir, ich gab es Herrn Weſtbrook, und für ewig.“. „Dem Manne mit den ſchupftabaksfarbenen Bein⸗ kleidern? Jeſus, wie weit iſt es in dieſer Welt gekom⸗ men!“ dachte Oberſt Gilfillan. Und nun ließ er, über⸗ wältigt von der echten Glut eines wackeren, unterneh⸗ menden Mileſters, eine Flut leidenſchaftlicher Beredſam⸗ keit ausſtrömen. Er flehte ſie an, ihn zu lieben, ihn zu heirathen, mit ihm davon zu gehen, ihn zu bemitleiden und endlich ihn auf der Stelle zu tödten. Er fiel auf ſeine Knie und ſtand nicht auf, wie ſehr ſie auch bat, befahl, zürnte. Sie war beleidigt— und welches Mäd⸗ chen wäre es nicht geweſen. Sie bemitleidete ihn— und — 102— welches Mädchen würde ihn nicht bedauert haben. Er ergriff ihre Hände und bedeckte ſie mit Küſſen; das Unge⸗ ſtüm der Leidenſchaft übermannte ihn und er gerieth in ein gänzliches Vergeſſen alles Irdiſchen, ſich und ſeine Geliebte ausgenommen, als ihn die Erſcheinung eines Mannes in ſchnupftabaksfarbenem Gewande auf der Schwelle der Thüre zu ſich ſelbſt brachte. Ganz Blut, Mord und Liebe ſprang er auf. „Ich bitte um Verzeihung,“ rief die ſchnupftabaks⸗ farbene Erſcheinung:—„Ich bitte um Verzeihung wegen meiner zufälligen Störung. Ich will euch nicht unterbre⸗ chen Oberſt!“ Sie verſchwand augenhlicklich. Catalina erhob ſich. „Verlaßt mich, Sir,“ rief ſie mit heftigem Unge⸗ ſtüm:—„Verlaßt mich— dieſen Augenblick! Ihr habt mein Glück für immer zerſtört.“ MInd ſie brach in einen Strom von Thränen aus. Dieſer ſchreckliche innere Kampf erregte Gilfillan's edles Herz mächtig. „Wenn ſie,“ dachte er,„dieſen ſchnupftabaksfarbe⸗ nen Menſchen wirklich liebt, werde ich der letzte ſein, der eine gegenſeitige Neigung ſtört. In der That, ich ſehe, es iſt für mich alles verloren. Nun, an das Tomahawk und das Scalpirmeſſer! Mir iſt gerade, als könnte ich das Blut eines Chriſten trinken! Ha, dieſe kupferfarbenen — 103— Heiden— bei dem Ruhme meiner Vorfahren, ich will ſie pfeffern.“ Am Schluſſe dieſer weiſen Erwägungen ſchritt er auf Catalina zu, welche mit ſichtbaren Zeichen der Furcht und des Widerwillens zurücktrat. „Miß Vancour,“ ſagte Gilfillan feierlich,—„liebt ihr dieſen ſchnupftabaksfarbenen Herrn wirklich?“ „Ja— er verdient meine Liebe— er hat mir zwei⸗ mal das Leben gerettet.“ „Dann— bei meiner Seele, meine Dame,— dann thut es mir leid, was ich gethan habe, und ich bitte euch um Verzeihung. Er wollte die Bitten auf ſeinen Knieen wiederholen, als Catalina eifrig rief: „O, um des Himmelswillen— nur das nicht mehr.“ „Gut denn, meine Dame! Seid verſichert, daß ich alles, was ein Mann thun kann, um das Unheil, das ich angerichtet, wieder gut zu machen, thun werde— und ſo lebt wohl! Mögt ihr tauſendmal glücklicher wer⸗ den, als ich geworden wäre, hättet ihr mich vorgezogen!“ Bei dieſen Worten verbeugte er ſich zerknirſcht und ließ Catalina in jenem Zuſtande des Elendes zurück, das aus dem ſchmerzlichen Kampfe des Herzens und dem Gefühle der Selbſtverdammniß hervorgeht. „Hätte mich meine Eitelkeit,“ dachte ſie,„nicht ver⸗ ſucht, dieſen Mann zu ermuthigen, ſo hätte ich mir die Demüthigung dieſes Augenblicks, das Elend, das mir ein — 104— Blick in die Zukunft zeigt, erſpart. Die Schuld iſt ganz auf meiner Seite— wäre es doch auch die Strafe; aber ich habe zwei gute, edle Herzen verwundet.“ Nach Gilfillan's Abreiſe zwang ſich Sybrandt in einem Zuſtand von Verzweiflung, unſere Heldin noch ein⸗ mal zu ſehen; er hegte den großmüthigen Entſchluß, ſei⸗ nen Anſprüchen zu entſagen und ihr zu erklären, daß ſie frei ſei und über ihre Hand verfügen könne. Sie empfing ihn mit tiefer Demuth— aller Stolz des Weibes war verbannt. Sie verſuchte es ſtammelnd eine Erläuterung zu geben. „Sybrandt,“ ſagte ſie—„Sybrandt— ich— ich habe euch etwas zu ſagen— ich—“ „Es iſt unnöthig— ich weiß alles,“ verſetzte er, ſie ſtolz unterbrechend.„Lebt wohl, Catalina, ihr ſeid frei.“ Wenige Stunden nachher, war er auf dem Wege nach Albany. Gilfillan's Schreiben hatte ihn von dem nothwendigen Zurückſetzen ihrer Zuſammenkunft benach⸗ richtigt und er hoffte ihn zu Albany einzuholen und dort offen ſich aller Anſprüche auf Catalina zu begeben. Es war ein harter Kampf zwiſchen Rache und einem edleren Gefühle. Oberſt Gilfillan war ihm jedoch zuvor⸗ gekommen und es verging einige Zeit, ehe ſie ſich wie⸗ der trafen. Sybrandt ging nach Haus und begrub ſein Geheim⸗ niß in ſeine Bruſt. Wenn der Oberſt und Madame Vancour ihn wegen Catalina fragten, antwortete er — — 105— manchmal verlegen, manchmal nachläſſig. Sie argwöhn⸗ ten, irgend etwas Unangenehmes müſſe vorgefallen ſein; ſie wußten aber nicht, was. Bald traten öffentliche Begeb⸗ niſſe ein, welche die Aufmerkſamkeit des Oberſten Van⸗ cour und ſeiner Familie ausſchließlich in Anſpruch nah⸗ men. Gerüchte von Krieg, Mord und Brand an den Grenzen verbreiteten ſich; die Schrecken eines Ueberfalls ſchienen ſelbſt zu Albany und auf den Niederungen zur Hand, und man ſah überall Gefahr und Tod. Die länd⸗ liche Ruhe floh von dem Herde der friedlichen Hollän⸗ der; die ländlichen Beſchäftigungen wurden auf den frucht⸗ baren Fluren eingeſtellt und Ceres und Amor und ihr ganzes Gefolge von Ernten, Früchten, Seufzern, Lächeln, Hoffnungen, Wünſchen, Verſprechungen und Täuſchun⸗ gen wichen den düſtern Erwartungen von Blut und Mord. Selbſt der kleine Ariel verlor zuweilen ſeine Lebhaftigkeit und redete nicht mehr vom Pfropfen der Bäume. Er nahm ſeine roſtige Flinte herab und putzte ſie ſo hell wie Silber. Er beſchäftigte ſich mit Kugelgießen und ande⸗ ren kriegeriſchen Zurüſtungen und dachte ſogar daran, zu dem Heere bei Ticonderoga zu ſtoßen.„ Verd— t, Sybrandt,“ pflegte er zu ſagen,—„denkt einmal, wenn ihr und ich einen Feldzug mitmachten, he 2⸗ Dreizehntes Kapitel. Dem holländiſchen Herde ein zeitliches Lebewohl! Sybrandt dachte nicht nur an etwas dieſer Art, ſon⸗ dern er war entſchloſſen, den Krieg mitzumachen. Um dieſe Zeit beſuchte ſein alter Freund und Wirth, Sir William Johnſon, den Oberſten Vancour, um mit ihm über die Mittel zu berathen, das Heer in den unbebau⸗ ten Gebieten des George⸗ und Champlain⸗Sees zu unter⸗ halten. Sybrandt benutzte dieſe Gelegenheit, ſeine Dienſte anzubieten und Sir William nahm ſie freudig an. „Ich brauche einen tüchtigen Adjutanten und ihr ſeid der Mann dazu,“ ſagte er:„Wann könnt ihr abziehen?“ „In fünf Minuten.“ „Recht; ich habe kurze Antworten gern, ſie deu⸗ ten auf raſches Handeln hin. Ich gebe euch Zeit bis übermorgen.“ Sybrandt begab ſich alsbald zu dem guten Dennis, um ihm ſeinen Entſchluß, Soldat zu werden, zu verkün⸗ digen und ihn um Erlaubniß dazu zu bitten. In jener Zeit war ein ſichtbarer Funken kriegeriſchen Feuers in der Bruſt der friedlichen Feldbebauer lebendig. Die Nähe der Indianer machte jeden Aufenthalt in dem Grenzge⸗ — 107— biete, und faſt überall, wo man von Städten und mili⸗ täriſchen Poſten fern war, beunruhigend und gefährlich und erregte das männliche Gefühl zu ſteter Wachſamkeit. „Du ſollſt gehen, mein Sohn,“ ſagte Dennis.„Ich bin zu alt, um ſelbſt zu den Waffen zu greifen; aber du ſollſt mein Stellvertreter ſein. Du ſollſt das beſte Pferd aus meinem Stalle haben, den treueſten Diener meines Haushalts und den wärmſten Segen meines Herzens auf die Reiſe.“ Sybrandt traf ſeine Vorbereitungen und verſuchte es, alles andere aus ſeinem Gedächtniſſe zu verbannen. Am Morgen nach ſeiner Unterredung mit Sir William ging er in das Haus des Oberſten Vancour hinüber, um ihm zu ſagen, er ſei bereit. Der Oberſt und Madame ſahen ihn fragend an, und wollten hören, ob er einen Auftrag oder einen Brief an Catalina zurücklaſſen werde. Er gedachte jedoch ihres Namens nie. „Ich muß meine Tochter nach Haus kommen laſſen,“ dachte der gute Oberſt. „Ich bin froh, daß dieſer thörige Handel zu Ende iſt,“ dachte ſeine gute Frau und ihr ſeidenes Kleid rauſchte und raſſelte vor geheimem Stolz, wenn ſie daran dachte, daß ſie es noch erleben könnte, die Mutter einer Lady zu werden. Dieſen Abend beſuchte Sybrandt einige ſeiner Lieb⸗ lingsplätzchen. — — — — 108— „Ich will ſie noch einmal ſehen, ehe ich gehe,“ ſagte er bei ſich—„ich ſehe ſie vielleicht nie wieder.“ So eilte er allein in dem milden Zwielicht eines frühen Lenztages hinaus. Die heilige Ruhe der Gegend, ſo verſchieden von dem Getöſe der belebten Stadt, ſtimmte ſeine Seele zu der zärtlichſten Schwermuth. Vergangene Scenen und frühe Erinnerungen drängten ſich in ſein Gedächtniß, während er allein die gewohnten Pfade wan⸗ delte, wo jeder Schritt und jeder Blick ihn an das Weſen erinnerte, das mit ſeinen Gefühlen geſcherzt und ſeinem Herzen eine unheilbare Wunde beigebracht hatte. Allge⸗ mach weckte ihr unverzeihliches Benehmen ein heilſames Gefühl des Unwillens und der verwundete Stolz kam ſeiner kränklichen Empfindlichkeit zu Hilfe. Er ſchüttelte die drückende Laſt der Schlaffheit und Schwäche von ſei⸗ nem Geiſt, wiſchte die ausbrechende Thräne vom Auge und kehrte mit dem männlichen Entſchluſſe, ſeiner Zukunft, was ſie auch bringe, mit Kraft und Entſagung entgegen zu gehen, nach Haus zurück. „Sybrandt,“ ſagte Oberſt Vancour, als er nach dem Abendeſſen Abſchied nahm,—„habt ihr an Cata⸗ lina geſchrieben?“ „Nein, Sir.“ „Habt ihr ſeit eurer Rückkehr Briefe von ihr erhalten?“ „Nein, Sir.“ „Und was ſoll all das bedeuten, junger Mann?“ — 109— „Es bedeutet, Sir,“ verſetzte Sybrandt, ſeines ver⸗ wundeten Stolzes und Unwillens kaum Meiſter,—„es bedeutet, daß— ſie wird euch einſt ſelbſt ſagen, was es bedeutet; ich Pann es nicht.“ Am nächſten Morgen ſchrieb Oberſt Vancour an ſeine Tochter und lud ſie ein, unter dem Schutze der Gattin eines Offiziers, welcher, wie er wußte, im Begriffe war, zu dem Grenzheere zu ſtoßen, nach Haus zurück⸗ zukehren. Mit Tagesanbruch geſellten ſich Sir William und ſein Adjutant einer Truppenabtheilung zu, welche unter dem zeitlichen Befehle des erſtern auf dem Wege nach Ticonderoga war. Anfangs ſahen ſie auf ihrer Reiſe noch dann und wann eine einſame Wohnung; jenſeits der Glenn's⸗Fälle verſchwand jede Spur des geſittigten Man⸗ nes in dem ungeheuren unbebauten Reiche der Natur. Die Truppen, welche unſer Held begleitete, bilde⸗ ten einen Theil eines Regiments, welches ſich durch ſeine techniſche Disciplin, treffliche Haltung und alte Dienſte in den Kriegen Europa's ausgezeichnet hatte. Die Soldaten waren auf ihre ſchneeweißen Pantalons ſtolz und die Offiziere thaten ſich auf den Glanz ihrer Sticke⸗ reien und Achſelbänder viel zu gut— Dinge, wodurch ſie nur das Auge der Wilden um ſo eher auf ſich zogen und die manchem tapfern Krieger das Leben koſteten. Sir William begann vor allem damit, ſie in einige der indianiſchen Kriegsſitten einzuweihen. Er ging den Offi⸗ zieren mit dem Beiſpiele voran, den reichen militäriſchen Prunk abzulegen und ein gewöhnliches Soldatenkleid anzu⸗ ziehen, deſſen Säume abgeſchnitten wurden. Er verbot jedes Auslegen ſchimmernden Putzes, das hier keinen andern Zweck haben könne, als die Wilden in den Stand zu ſetzen, den Marſch eines Feindes in der Entfernung zu erſpähen. Die Pulverfäſſer wurden zu demſelben Behuf geſchwärzt und überhaupt jede Vorſichtsmaßregel gegen einen verſchlagenen und wachſamen Feind getroffen. Am ſchwerſten wurde die Eitelkeit dieſer militäriſchen Helden auf die Probe geſtellt, als er ihnen den ſtrengen Befehl gab, ihre ſchönen gepuderten Haare zu ſtutzen— man ſah dieſe damals als die ſchätzbarſte Zierde eines Kriegers an. Ferner war dieſe Heeresabtheilung vorſich⸗ tigerweiſe mit einem mächtigen Küchenapparat von Stüh⸗ len, Tiſchen, Kochgeräthſchaften und anderm Gepäcke verſehen, das, wie paſſend es auch in europäiſchen Krie⸗ gen ſein mochte, hier in der Wildniß eine nutzloſe, ja, eine gefährliche Laſt war. Es machte ihren Marſch durch die verwachſenen Wälder und die unbetretenen Pfade langſamer und ſchwieriger und mußte ihnen bei Kämpfen im Wege ſein. Bei dem erſten Halt, welchen man machte, um Erfriſchungen einzunehmen, lud Sir William die Offiziere in ſein Zelt ein. Statt der Stühle und Tiſche fanden ſie nur Bärenhäute auf dem Boden ausge⸗ breitet und ihr Wirth ſaß auf einem Holzblock, um ſie zu empfangen. Als das Mittageſſen hereingebracht wurde, — 111— — es beſtand aus einer großen Schüſſel von Erbſen und Schweinefleiſch— nahm Sir William kaltblütig aus ſeiner Taſche eine lederne Taſche, zog Meſſer und Gabel daraus hervor, zerlegte, gewiſſenhaft und feierlich das Fleiſch und gab jedem ſeinen Antheil. Die Herrn ſahen ſich nach den Werkzeugen um, mit welchen ſie zu eſſen gewöhnt waren; da ſie nichts der Art erblickten, ſaßen ſie in unbeholfener und unwilliger Verlegenheit da. „Gentlemen,“ ſagte er endlich,—„iſt es möglich, daß Soldaten, welche zu einem Dienſte, wie der unſerige, beſtimmt ſind, ohne die nöthigen Werkzeuge dieſer Art hierher gekommen ſind? Habt ihr gehofft, in den Wild⸗ niſſen von Amerika die Mittel oder die Gelegenheit zu finden, euch alles deſſen zu erfreuen, was in Europa zu den Bedürfniſſen eines verfeinerten Lebens gehört? Doch ihr dürft nicht um euer Mittageſſen kommen,“ ſetzte er lächelnd hinzu und hieß einen ſeiner Leute für jeden ſei⸗ ner Gäſte ein Geſteck Meſſer und Gabeln bringen, welches er ſie ſorgfältig aufzuheben bat.„Es würde ſchwer ſein, euch dergleichen hier wiederzuſchaffen, wenn es verloren ginge,“ ſagte er. Die Offtziere, welche ſich auf ihre Erfahrungen in den glänzenden Kriegen Europa's, wo das Theater eine Welt und die Zuſchauer das Volk einer Welt waren, etwas zu gut thaten, nahmen dieſe Lehre der Klugheit und Erfahrung kaum anders als eine Beleidigung hin. Von einem Provinzial⸗Offizier eine Lection zu erhal⸗ — —- — 112— ten— das war nicht zu ertragen. Was konnte er von der Kriegswiſſenſchaft, von der Zucht und der Lenkung großer Heere wiſſen— er, der in ſeinem Leben keine zehntauſend Mann regelmäßiger Truppen beiſammen geſe⸗ hen hatte. Sie murrten und nahmen die Miene ſtolzer, gezwungener Unterwerfung an. Aber Sir William war der Mann nicht, der ſſich durch Murren oder Widerſetz⸗ lichkeit von ſeinen Planen abbringen ließ. Er war daran gewöhnt, ſein eigener Herr, und der Herr Anderer in der Wildniß zu ſein. Durch Muth, Talent, Kraft und Ausdauer hatte er den eigenſinnigen Geiſt der ſtolzeſten, kühnſten und am ſchwerſten zu behandelnden Race beſiegt, welche je, in der alten wie in der neuen Welt, die Erde betrat. Kurz, er übte unter wilden und civiliſirten Men⸗ ſchen das einzige göttliche Recht, das je auf den Menſchen übergegangen— das Recht, zu befehlen und Gehorſam zu finden, weil die höhere phyſiſche und geiſtige Kraft auf ſeiner Seite war. Sybrandt bewunderte und ſtudirte den Charakter die⸗ ſes ſeltenen Mannes, der vielleicht mehr Energie des Körpers und der Seele in ſich vereinigte, als irgend ein anderer Sterblicher. Aber unſer Held fuhr, trotz ſeinem heldenmüthigen Entſchluß, die Schlaffheit ſeines Geiſtes abzuſchütteln, fort, unter dem Alpdrücken einer düſtern, trägen Schwäche zu leiden. Er ſprach nur, wenn er gefragt wurde und zeigte wenig Emſigkeit in der Erfül⸗ lung der Dienſte, welche Sir William ihm, vorzüglich in — 113— der Ausſicht, ſeine ſchlummernden Kräfte zur Thätigkeit zu wecken, übertragen hatte. Als ſie eines Tages langſam einen Berg hinan zogen, welcher das ſüdliche Ende des Georg⸗See's begrenzt, war Sybrandt ſtiller und abgezogener als gewöhnlich. „Junger Mann,“ rief Sir William ohne weitere Einleitung—„junger Mann, ſeid ihr noch verliebt?“ Sybrandt war erregt; die verrätheriſche Glut ſtieg ihm in das Geſicht. „Ich bedarf keiner Antwort,“ ſagte Sir William,— „das Bekenntniß iſt auf euerm Geſichte zu leſen. Aber ſeht, wir ſind auf dem Gipfel des Berges. Das Waſſer, das ihr, mit grünen Inſeln geſchmückt, von jenen mit Gold getupften Bergen begrenzt ſeht, iſt der Georg⸗ See. Am Ende des Georg⸗Sees liegt Ticonderoga; zu Ticon⸗ deroga iſt Ruhm und Gefahr. Entſchließt euch jetzt, ein Mann zu ſein; euch der Gegenwart und der Zukunft zu weihen; die Vergangenheit zu vergeſſen, wenigſtens in ſo fern, als ſie der Erfullung der wichtigen Pflichten hinder⸗ lich iſt, welche der Krieger ſeinem Vaterlande ſchuldet— oder kehrt ſogleich nach Haus zurück. Junger Mann, ich nahm euch nicht mit hierher, um zu grübeln, ſondern zu handeln.“ Sybrandt ritt dicht an ihm heran und rief mit leiſer⸗ beengter Stimme: „Sir William, zeigt mir den Feind, und ich will euch zeigen, daß ich ein Mann bin.“ Paulding. IV. 8 — 114— „Recht,“ ſagte Sir William, indem er ihm auf die Schulter ſchlug,—„recht! Ich ſehe, es fehlt euch nur an Thätigkeit und, bei meiner Seele, ich werde Sorge tragen, daß ihr beſchäftigt ſeid.“ Sie ſtiegen den Berg hinab und blieben dieſe Nacht in dem Fort Georg, dicht an dem Saume des Sees— dieſes ſchönen Sees, welchem weder des Dichters Griffel, noch des Malers Pinſel Gerechtigkeit anthun kann und welcher jeden Reiz in ſich ſchließt, der das Göttliche der Natur ausmacht. Er war damals der Spiegel einer Wildniß; jetzt gibt ſein klares Waſſer das Bild aller Reize des geſittigten Lebens zurück. Hierher begibt ſich in der Sommerzeit, der ermüdenden Einſamkeit von Ballſton und Saratoga müde, die wandernde Modewelt, welche das Vergnügen überall ſucht, nur nicht da, wo es wirklich zu finden iſt, um ſich hier an den Schönheiten der Natur zu langweilen, wie ſie ſich an dem Zauber der Kunſt gelangweilt hatte. Es iſt in der That eine reizende Scene für Liebe, Muſik, Poeſie und Begeiſterung; ein Paradies, um ſich üppigen Träumen hinzugeben, in der Vergant zheit zu ſchwelgen, über künftige Plane zu ſin⸗ neſt oder entzückt auf das ſchöne und erhabene Bild vor uns zu ſchauen und vielleicht in das Gedächtniß zurück⸗ zurufen: Ein Liedchen aus der ſchönen, alten Zeit Als Liebesluſt uns rührt' und Liebesleid — 115— Vierzehntes Kapitel. Sybrandt beginnt zu handeln ſtatt zu denken. Nachdem ſie eine Nacht in dem Fort Georg hinge⸗ bracht, ſchifften ſie ſich in Bote ein, welche bereit lagen, gingen den See hinab und kamen zu guter Zeit zu Ticon⸗ deroga an. Hier ließ Sir William die Verſtärkung, welche er gebracht hatte, zu der Abtheilung des Heeres, welcher ſie angehörte, ſtoßen und übernahm das Kommando der Milizen und verbündeten Indianer, welche letztere aus den Kriegern der ſogenannten fünf Nationen beſtanden. Die Lage von Ticonderoga oder Old Ti, wie es gewöhn⸗ lich genannt wird, ſetzt es in den Stand, die beſte Straße zwiſchen Kanada und Neu⸗York zu beherrſchen, daher es auch ſtets der Zankapfel zwiſchen Franzoſen und Englän⸗ dern war, während die Erſtern im Beſitz von Kanada und die Letztern in dem der Vereinigten Stacn waren. Zur Zeit, von welcher wir jetzt reden, war hier das ſchönſte Heer verſammelt, das in Hinſicht auf Zahl, Disciplin und Ausſtattung je in der neuen Welt beiſammen geſehen worden. Der Oberbefehlshaber war ein fähiger, erfahrener und tapferer Offizier; aber er verſtand wenig von der Natur eines unregelmäßigen Krieges in den Wildniſſen gegen 8* — 116— Waldmenſchen und Rothhäute, und war— was bei weitem ſchlimmer— zu ſtolz, um zu lernen. Er hätte in dem Oberſten Vancour und Sir William Johnſon tüchtige, erfahrene Lehrer finden können; aber er ertrug den Gedanken nicht, ſich von Provinzialen hofmeiſtern zu laſſen, und düſter waren die Ahnungen dieſer zwei erprobten Gentlemen waͤhrend ihrer letzten Berathung, der Eigenſinn des Oberbefehlshabers möchte, bei der An⸗ wendung der europäiſchen Taktik bei dieſem Kriege in den Wäldern, für den Feldzug unheilbringend werden und die Niederlage, wenn nicht die Vernichtung dieſes ſchönen Heeres herbeiführen. Sir William war der Mann nicht, der jemals, am wenigſten in ſo erregten Zeiten, müßig ſein konnte; auch wollte er Sybrandt ſo wenig Muße als möglich geben, ſich in Müßiggang und eitelm Sinnen und Grübeln auf⸗ zureiben. Er verſchickte ihn daher in manchfachen Auf⸗ trägen; zuweilen, um ſich Nachricht von den Bewegungen des Feindes zu verſchaffen, der ſich mit Macht heran⸗ nahen ſollte; dann mit Truppen auf den Georg⸗See nach dem Fort gleiches Namens zu ſchiffen, welches das Haupt⸗ depot für die Zuſendungen der Kriegsbedürfniſſe von Albany war; dann, durch die Wälder zu ſtreifen und wandernde Schwärme feindſeliger Indianer zu verjagen, von denen eine große Anzahl ſich dem Heere des Feindes zugeſellt hatte. Aller dieſer Aufträge entledigte ſich Sybrans mit Klugheit und Muth. — 117— „Brav,“ pflegte Sir William auszurufen,—„ihr ſeid zu einem Krieger geſchaffen— ihr ſeid geſchaffen zu befehlen, nicht zu gehorchen— Männer anzuführen und nicht euch von Frauen leiten zu laſſen. Ich ſehe, ich werde etwas aus euch machen. Dieſe Nacht werde ich euch brauchen und euern wahren Gehalt auf die Probe ſtellen.“ „Ich bin bereit,“ antwortete Sybrandt. „Hört alſo,“ fuhr Sir William fort:—„unſer General iſt ein guter Soldat und ein tüchtiger Offizier, ſo weit bloße Bravour und Bekanntſchaft mit europäiſcher Taktik reichen. Aber er iſt nicht geeignet, hier zu kom⸗ mandiren; er iſt der Moſes nicht, welcher Heere durch Wüſten und Wildniſſe führt. Er kennt ſeinen Feind nicht und legt zu wenig Gewicht auf ihn; ſchlimm, ſchlimm, das eine wie das andere. Er hat nicht die entfernteſte Idee, daß eine Armee von Wilden bis auf zwanzig Schritte an ihn heran ſchleicht, ohne daß er ſie weder hört noch ſieht. Er kann ſich der abgeſchmackten Anſicht nicht ent⸗ kleiden, daß ſie Bagage⸗Wagen, und Pferde für ihre Artil⸗ lerie und eine Menge Pulverwagen und das ganze Gerüſt und Geräthe einer regelmäßigen Armee auf den Ebenen von Flandern bei ſich haben müßten. Er weiß nicht, daß ein Heer Wilder weder gehört noch geſehen wird, bis man ihre Anweſenheit fühlt; daß ſie reiſen, wie der Wind, und mit eben ſo wenig Gepäcke, wie der Wind. Er wird alſo durch Liſt überraſcht und ſein Heer in — 118— Stücke gehauen werden, wenn ich und meine Milizen und Rothhäute ſeine ſorgloſe Thorheit nicht durch kluge Wachſamkeit ausgleichen. Nun zu dem Punkte.“ „Aus verſchiedenen Andeutungen und Zeichen, welche nur ein Indianer oder ein Hinterwäldler kennen und verſtehen kann, bin ich völlig überzeugt, daß der Feind viel zahlreicher iſt, als er uns glauben machen will; dieſes Umſtandes möchte ich bis morgen früh ganz gewiß ſein, weil der Oberbefehlshaber mich benachrichtigt hat, er betrachte es als eine Schmach an den Waffen ſeiner Majeſtät, von einem weniger zahlreichen Feinde in ein Fort eingeſchloſſen zu ſein. Er beabſichtigt morgen, in Schlachtgepräng auszuziehen, mit klingendem Spiele, flatternden Fahnen und all dieſem Firlefanz, wodurch der Feind jede ſeiner Bewegungen ſehen muß. Thut er dies, ſo bedarf es keiner Wahrſagergabe, um vorher zu wiſſen, daß er nicht nur das Intereſſe ſeines Landes, ſondern das Leben von Hunderten vielleicht Tauſenden braver Leute hinopfert. Der Auftrag iſt gefährlich— warum ſollte ich es leugnen? er iſt faſt ſicherer Tod; aber ihr ſeid kein gewöhnlicher Menſch— nein, ihr wißt, ich ſchmeichle niemanden. Ich würde mein Leben daran ſetzen, daß ihr, wenn es nöthig wäre, bis zur Mündung einer Kanone hingeht, ohne mit dem Auge zu zucken. Ich würde dieſen Auftrag ſelbſt vollziehen, wenn es die vielfachen Pflichten und Verantwortlichkeiten, welche ich über mir habe, möglich machten.“ — 119— „Nennt den Auftrag, Sir William. Das Leben hat wenig Werth für mich, und wenn—“ „Still!“ rief der Waldmann ungeduldig:—„Ueber⸗ druß am Leben iſt ein unedler Antrieb zu heroiſchen Thaten. Ich will, daß die Liebe für euer Vaterland und die Ruhmbegierde euch beleben. Solche Beweg⸗ gründe allein ſind des Mannes würdig, welcher ſein Leben an gefährliche Unternehmungen wagt.“ „Sir William Johnſon,“ verſetzte Sybrandt ſtolz— „ihr geht, wenn ihr wollt, an Rang und Verdienſt mir vor; dies gibt euch aber kein Recht, mein Gefühl zu kränken, und ich bin auch nicht geneigt, mir dies gefallen zu laſſen. Als Soldat macht mit mir, was ihr wollt.“ „Ihr habt recht, junger Mann und ich bitte euch um Verzeihung. Gut denn, eure Beweggründe mögen ſein, welche ſie wollen,— wenn nicht Ehrgeiz, Liebe; beide ſind gleich mächtig, wenn nicht gleich edel. Wenn eure Geliebte es redlich meint, wird ſie ſich eures glück⸗ lichen Erfolges freuen; iſt ſie falſch, ſo wird die edelſte Nache, welche ihr nehmen könnt, die ſein, daß ihr ſie bedauern macht, die Gelegenheit, euern Ruhm zu theilen, eingebüßt zu haben. Gebt mir eure Hand; ſind wir wieder Freunde?“ Sybrandt drückte mit dem Ausdrucke dankbarer Achtung und Liebe Sir William's Rechte. „Welches Geleite gebt ihr mir?“ fragte er. „Keines; ein Geleite würde euch unvermeidlich ver⸗ — 120— rathen. Ein Bot und ein einziger Mann, der es rudert, iſt alles, was ich euch zugeſtehen kann.“ „Wie ihr wollt— ich bin zufrieden.“ Sir William fuhr nun fort, ihn in allem, was er zu thun hatte, zu unterrichten. Hätte er ſein Ziel zu Land erreichen wollen, ſo würde die Gefahr der Ent⸗ deckung faſt außer allem Zweifel geweſen ſein; er mußte daher ein indianiſches Kanot und einen Ruderer nehmen und unter der Hülle der Nacht, die hinreichend dunkel zu werden verſprach, ſtill die ſchmale Enge in den Champlain⸗ See, und zwar nur ſo weit hinabgehen, daß er mit Gewißheit vor Tagesanbruch wieder zurück war. Sir William ſcharfte ihm ein, dies nicht zu verſäumen, da die Enge des Paſſes, welche ohne Zweifel mit Abtheilungen herumſtreifender Indianer beſetzt war, ihn dem gewiſſen Tod blosſtellte, wenn man ihn ein Mal geſehen hätte. „Solltet ihr die Stellung des Feindes auskund⸗ ſchaften,“ fuhr er fort—„ſo wird es von eurer und der Klugheit von Timothy Wieſel abhängen, was ihr zu thun beſchließt.“ „Timothy Wieſel— wer iſt der Mann?“ „Wie? Habt ihr nie von Timothy Wieſel gehört?“ „Nein. „Gut, dann muß ich euch eine Skizze ſeiner Geſchichte mittheilen, ehe ich ihn euch vorſtelle. Er iſt, wie er ſagt, in New⸗Hampſhire geboren und hat, wie es in jenen Gegenden gewöhnlich iſt, zu gehöriger Zeit — 121— geheirathet und, meiner Anſicht nach, in Folge des Rech⸗ tes der Entdeckung, von einem Strich Landes Beſitz genommen, welcher zu den damals ſogenannten New⸗ Hampfhirer Almenden gehörte. Andere folgten ſeinem Beiſpiele und in dem Laufe von wenigen Jahren hatte ſich eine kleine Niederlaſſung von echten, feinen Yankees, wie ſich Timothy auszudrücken pflegt, gebildet, welche ſich auf ſechzig bis ſiebenzig Seelen belief. Dieſe nahmen allmählich an Zahl und Wohlhabenheit zu, bis ſie einſt Nachts, in der Mitte des Winters, von einer Schaar Indianer aus Kanada überfallen wurden und ſämmtlich, Timothy ausgenommen, in den Flammen ſtarben, oder bei ihrem Verſuche, zu entfliehen, niedergemetzelt wurden. Ich habe in dem Verlaufe meines Lebens viele ſchauder⸗ hafte Scenen geſehen, aber keine gleich der, welche er ſchildert. Er verlor ſein Weib und acht Kinder. Ihn ſelbſt hielten die Wilden für todt und zogen, wie ſie zu thun pflegen, mit dem Anbruch des Tages ab, da ſie fürchteten, die Kunde von dieſem Blutbad möchte die Bewohner der nahen Anſiedelungen früh genug herbei⸗ führen, um ſie auf ihrem Wege nach Haus einzuholen. Als alles ſtill war, erhob ſich Timothy, der, obgleich mit vielen Wunden bedeckt, nur, wie er ſagte, Opoſſum geſpielt hatte, und ſchaute um ſich. Die rauchenden Trümmer, die zerſtümmelten Glieder, der blutbefleckte Schnee und die ganze Scene, wie er ſie mit lebhaftem Pathos ſchildert, reicht hin, eines Mannes Blut erſtarren — 122— zu machen. Er brachte es durch die unglaublichſten Anſtrengungen dahin, eine benachbarte, gegen vierzig Meilen entfernte, Anſiedelung zu erreichen, wo er ſeine Geſchichte erzählte, in ein Bett gebracht wurde und einige Wochen liegen blieb. Mittlerweile waren die Leute der Anſiedelung zur Brandſtätte gegangen und hatten die Ueberreſte ſeiner unglücklichen Familie und Nachbarn begraben. Als Timothy wieder beſſer war, beſuchte er den Platz und während er auf die Trümmer der Häuſer blickte, und über den Gräbern aller derer, die ihm theuer waren, trauerte, weihte er feierlich den Reſt ſeines Lebens der Rache. Er begrub ſich daher in den Wäldern und baute ſich, zwölf Meilen von da, eine Hütte, deren Lage ſehr günſtig war, um„das Gewürm,“ wie er die Wilden nannte, zu tödten. Von jener Zeit an bis heute hat er einen ſteten Krieg gegen ſie geführt, und, ſeiner eigenen Nachricht zufolge, den Manen ſeines Weibes und ſeiner Kinder faſt hundert Wilde geopfert. Seinee Uner⸗ ſchrockenheit iſt wunderbar und ſein Scharfſinn in der Verfolgung ſeines großen Lebenszweckes geht über allen Glauben. Ich bin ſelbſt ein halber Wilde, aber ich habe dieſen Mann Geſchichten von ſeinen Abenteuern und Gefahren erzählen hören, nach denen ich mir, um mich der Sprache der Rothhäute zu bedienen, faſt ſelbſt wie ein Weib vorkomme, im Vergleich mit dieſem ſeltenen Verein von Liſt und Einfachheit. Es iſt unbegreiflich, mit welcher Gier er auf einen Indianer Jagd macht; — 123— und der ausgemachteſte Jäger fühlt nicht den hundertſten Theil der Freude, ein Wild erlegt zu ſehen, welche Timothy in den Todesſchmerzen eines von dieſem „Gewürme“ findet. Es iſt eine ſchauderhafte Luſt; aber alles in einer Nacht zu verlieren und am nächſten Morgen ſich zu erheben und nichts zu ſehen, als die zerſtümmelten Glieder ſeines Weibes, ſeiner Kinder, aller derer, die das Glück ſeines Lebens ausmachen,— dies iſt keine Kleinig⸗ keit. Wenn je ein Menſch Beweggründe zur Rache hat, ſo iſt es Timothy. Wie er iſt, brauch' ich ihn und finde ſeine Dienſte höchſt nützlich. Er iſt ein Gemiſch von bei⸗ den Racen und vereinigt in ſich alle die Eigenſchaften, welche für die Art Krieg, wie wir ihn jetzt fuͤhren, weſentlich ſind. Ich habe nach ihm geſendet und erwarte ihn jeden Augenblick.“ Als Sir William ſchloß, hörte Sybrandt eine lange trockene Art von„H—e—e—m—m“ unmittelbar vor der Thüre. „Das iſt er,“ rief Sir William—„ich kenne den Ton. So drückt er gewöhnlich ſeine Freude aus, wenn ſich ihm eine Ausſicht bietet, gegen ſeinen alten Feind, das„Gewuͤrm“ gebraucht zu werden. Kommt herein, Timothy!“ Timothy trat augenblicklich ein, vergaß ſeine Ver⸗ beugung und ſagte nichts. Sybrandt betrachtete ſeinen Begleiter mit geſpannter Aufmerkſamkeit. Er war ein großer, hagerer Mann, mit ſehr ſcharfen, winklichten — 124— Zügen und einer Geſichtsfarbe, welche natürlich durch das Leben, das er ſeit ſo vielen Jahren geführt, ſtark bron⸗ zirt war. Sein ſpärliches Haupthaar war von einer Art ſonnenverbrannter Farbe; ſein Bart war wenigſtens einen Monat alt und ſein Auge von lebhaftem Blau und keinen Augenblick ruhig unter den Wimpern. Es blitzte von einer Seite zur andern, auf und nieder, hierher und dorthin, mit unbeſchreiblicher Geſchwindigkeit, als ſuchte es einen Gegenſtand des Intereſſes, oder als fürchte es eine plötzliche Gefahr. Es war eine ſtete, ſtille Unruhe. „Timothy,“ ſagte Sir William,„ich bin heute Nacht eures Dienſtes benöthigt.“ „H—e—e— m-m,“ antwortete Timothy. „Habt ihr Muße, ſogleich zu gehen?“ „Wie, ſtracks?“ „Ja, ſo ſchnell als nur möglich.“ „Ich denke, ja.“ „Gut, gut— das heißt ſo viel als ganz gewiß.“ „Ich bin meines Zieles immer ganz gewiß.“ „Habt ihr eure Flinte bei euch?“ „Das Gewürm iſt gerade vor der Thüre.“ „Und auch Pulver und Blei genug?“ „Nun, was um alle Welt ſoll mir eine Flinte ohne Pulver und Blei?“ „Könnt ihr ein Kanot rudern, ſo daß euch niemand hört?“ „Ob ich es kann? H—e—e—m— m!“ „Und ſeid ihr ganz bereit und fertig?“ „Ich denke. Ich wußte, daß ihr mich nicht wegen Nichts rufen ließt und ſchaffte mir daher alles zur Hand.“ „Habt ihr etwas unterwegs zu eſſen?“ „Nein; wenn ich nur zwei oder drei Tage wegzu⸗ bleiben habe, werde ich nichts brauchen.“ „Aber ihr werdet einen Begleiter haben.“ Timothy fabricirte hier ein hausmachenes Gegrunz, das Mißbilligung andeutete. „Ich wäre lieber allein gegangen.“ „Es iſt aber nöthig, daß ihr einen Gefährten habt; dieſer junge Mann wird mit euch gehen.“. Timothy unterwarf hierauf Sybrandt einer ſtrengen Prüfung ſeiner ſcharfen Augen, die wie Blitze über ihn hin und her zuckten. „Ich wäre lieber allein gegangen,“ ſagte er wieder. „Dies iſt nicht zu andern und ſomit nichts mehr davon. Seid ihr bereit, jetzt— dieſen Augenblick zu gehen?“ „Ja!“ Sir William ſetzte Timothy nun den Zweck der Reiſe, ziemlich in der Art, wie er bei Sybrandt gethan, auseinander. „Darf ich aber nicht einen dieſer ewigen rothen Schurken niederſchießen, wenn er mir in den Weg kommt?“ fragte Timothy und man hörte, welches Gewicht er auf die Frage legte. — 126— „Nein— ihr dürft keinen Schuß hören laſſen, über⸗ haupt keine Feindſeligkeit begehen, ſo lieb euch das Leben iſt.“ „Gut; das heiße ich ſehr hart; aber vieleeicht iſt unſer Leben dabei in Gefahr— und das iſt einiger Troſt.“ Sir William brachte nun zwei indianiſche Anzüge herbei, welche er ſie, einigermaßen gegen den Willen des Freundes Timothy, anziehen hieß, der bemerkte, wenn er zufällig ſeinen Schatten in dem Waſſer ſehe, er ihn gewiß für einen dieſer ewigen Würmer nehmen und ſich ſelbſt erſchießen würde. Sir William malte dann mit eigner Hand Sybrandt's Geſicht ſo, daß es einem india⸗ niſchen ähnlich war— eine Arbeit, die bei Timothy ganz und gar nicht nöthig war; ſeine Toilette war bereits gemacht; man brauchte ſeiner Geſichtsfarbe nicht nachzu⸗ helfen. Die Nacht war in dieſer Zeit nun bereits ange⸗ brochen, Sir William mahnte zum Schweigen und führte ſie vorſichtig zu einem der Thore von Ticonderoga, welches die Schildwache öffnete, worauf ſie raſch und leiſe auf das Ufer zueilten, das ſich über den engen Paß vor dem Fort ſenkte. An dem Waſſer war ein kleines Rinde⸗ Kanot befeſtigt, auf deſſen Boden Sybrandt und Timothy Platz nahmen, von denen jeder ſeine Flinte zur Seite und ein Ruder in der Hand hatte. „Jetzt,“— ſagte Sir William faſt flüſternd— „jetzt Glück auf, Freunde; vergeßt nicht, daß ihr unfehl⸗ bar vor Tagesanbruch zurück ſein müßt.“ — 127— „Aber, Sir William,“ ſagte Timothy ein wenig prahleriſch,—„darf ich keinen von dem ewigen Gewürm auf das Korn nehmen, wenn mir einer aufſtößt?“ „Ich ſag' euch, nein!“ erwiederte der Andere,„ihr müßtet denn wünſchen, bei eurer Rückkehr ſelbſt auf das Korn genommen zu werden. Fort mit euch, ihr Jungen.“ Jeder griff zu ſeinem Ruder und die leichte Feder von einem Bote ſchoß pfeilſchnell davon. Fünfzehntes Kapitel. Ein nächtliches Abenteuer. „Es iſt ganz verdammt hart,“ brummte Timothy in ſich hinein. „Was?“ ſagte Sybrandt. „Ei, ein ſolches Gewürm nicht erſchießen zu dürfen.“ „Still,“ flüſterte Sybrandt,—„man könnte uns vom Ufer her hören.“ „Glaubt er, ich wüßte nicht, wie viel die Uhr geſchla⸗ gen hat?“ murmelte Timothy wieder und führte ſein Ruder mit einer Raſchheit und einer Stille, welcher Sybrandt es gleich zu thun vergeblich bemüht war. Die Nacht wurde allmählich pechſchwarz. Alles zerfloß in eine Farbe, und Erde und Luft zerſchmolzen, wenig⸗ ſtens in den Augen von Sybrandt Weſtbrook, in gänz⸗ liche Dunkelheit. Kein Hauch des Windes hob die Blätter der Bäume, welche, für alle Augen, die Timothy's aus⸗ genommen, der im Dunkeln am beſten zu ſehen ſchien, unſichtbar über die Ufer niederhingen; kein Echo, kein Flüſtern ſtörte die Todesſtille der Natur, als ſie über das dunkele Waſſer dahin ſchoſſen, dem Pfeile gleich, den man in die dunkle Nacht hinaus ſendet. — 129— „Pſt!“ hauchte Timothy endlich ſo leiſe, daß er es kaum ſelbſt hörte, that einige Ruderſchläge, um das Kanot aus ſeinem Laufe zu bringen und legte ſich dann auf den Boden des Botes. Sybrandt that daſſelbe und lugte nur über die Seite des Kanots, um, wenn möglich, den Grund von Timothy's Gebahren zu entdecken. Plötzlich hörte oder glaubte er den abgemeſſenen Schlag von Rudern, die leicht das Waſſer berührten, zu hören. Einige Minuten ſpäter ſah er fünf oder ſechs kleine Lich⸗ ter unbeſtimmt durch die Dunkelheit, wie es ſchien, in großer Entfernung glänzen. Timothy fuhr plötzlich auf, hob ſeine Flinte und zielte einen Augenblick auf eines der Lichter; da er ſich jedoch des Befehls des Ritters, Sir William's erinnerte, nahm er alsbald ſeine frühere Stelle wieder ein. Nach wenigen Minuten ſtarb der Ton dahin und die Lichter verſchwanden. „Was war das?“ flüſterte Sybrandt. „Die Franzoſen haben Luſt, uns kennen zu lernen, denk' ich,“ verſetzte der Andere.„Wenn dieſes Bot nicht eben ſo gut auf das Spioniren ausgeht, wie das unſrige, ſo bin ich ein ſchlechter Rechner.“ „Wie? mit Lichtern? Sie müßten große Thoren ſein.“ „Es war nur das Feuer ihrer Pfeifen, das in der Dunkelheit wie eben ſo viele Lichter ausſah. Ich denke eben, wie ſchön dieſe Lichter meiner Flinte geleuchtet haben würden, und wie ich zwei oder drei von ihnen Paulding. IV. 9 — 130— gepfeffert hätte, wenn Sir William nicht ſo verd— t eigenſinnig geweſen wäre.“ „Sie gepfeffert? Nun, ſie waren ja ein halbes Dutzend Meilen von uns?“ „Sie waren fünfzig Schritte von uns— das Ge⸗ würm; ich hätte alle ihre Pfeifen ſo leicht zerbrochen, als ich meine Hand küſſe.“ „Woher wißt ihr, daß es Gewürm war, wie ihr die Indianer nennt?“ „Ei, habt ihr je ſo viele Franzoſen ſo wenig Lärm machen hören?“ Dieſe Antwort war vollkommen überzeugend; Sybrandt empfahl ſeinem Begleiter wieder Stillſchweigen und ſie fuhren mit derſelben Schnelligkeit und in derſelben raben⸗ ſchwarzen Dunkelheit, wie vorher, langer als eine Stunde dahin. Dies brachte ſie, bei der Schnelle der Fahrt, in eine Entfernung von wenigſtens zwanzig Meilen von dem Platz ihrer Abfahrt. Als die eben angegebene Zeit verlaufen war und ſie eben um einen Vorſprung beugten, zog Timothy wieder plötzlich ſein Ruder ein und legte ſich flach auf den Boden des Kanots. Sybrandt hatte nicht nöthig, nach der Urſache dieſer Bewegung zu fragen, denn als er zufällig auf das Ufer blickte, konnte er in einiger Entfernung unzähliche Lichter ſehen, welche inmitten der Dunkelheit flimmerten und flackerten und die Nacht jenſeits der Sphäre ihres Einfluſſes nur noch ſchwärzer machten. Dieſe Lichter — 131— ſchienen ſich mehrere Meilen weit, die Enge oder den See entlang auszudehnen, deſſen ruhiger Buſen die glän⸗ zenden Strahlen gelegentlich zurückſpiegelte. „Da ſind ſie, das Gewürm,“ flüſterte Timothy froh⸗ lockend.„Wir haben ſie jetzt auf dem Korn, ich ſchwör' es. Nun, Miſter, laßt mich eine Frage an euch ſtellen— wollt ihr meinen Befehlen gehorchen?“ „Wenn ſie mir gefallen,“ ſagte Sybrandt. „Pah— gefallen oder nicht gefallen!— Ich muß, wenigſtens für eine kurze Zeit, Befehlshaber ſein.“ „Ich habe nichts dagegen, eure Erfahrung zu nützen.“ „Könnt ihr den Indianer ſpielen, wenn es ſein muß?“ „Ich bin bei ihnen geweſen und kenne ihren Charak⸗ ter und ihre Sitten ein wenig.“ „Könnt ihr Indianiſch ſprechen?“ „Nein!⸗⸗ „Ah, eure Erziehung iſt traurig vernachläſſigt wor⸗ den. Doch kommt, es iſt keine Zeit mit dem Sprechen irgend einer Sprache zu verlieren. Wir müſſen mitten in dieſes Gewürm hinein. Könnt ihr auf allen vieren kriechen, ohne ein Heimchen aus ſeinem Schlafe zu wecken.“ „Nein!“ „Die Peſt darauf! Ich weiß nicht, was Sir William wollte, als er euch mir mitgab. Ich wäre allein beſſer zurecht gekommen. Fürchtet ihr euch?“ „Stellt mich auf die Probe.“ 9* „Gut denn, ich muß mir helfen, wie es geht. Das Gewürm hat ſich, wie ich an ihren Feuern ſehe, abgeſon⸗ dert gelagert. Ich kann mich nicht aufhalten, euch alles einzeln zu ſagen, aber ihr müßt euch dicht an mich halten— thun, was ich thue, und ſchweigen. Das iſt alles.“ „Ich werde wahrſcheinlich eine ſchöne Rolle ſpielen, wie ich ſehe.“ „Spielen? Ich denke, Miſter, ihr werdet kein Spiel hier finden. Setzt euch nieder— rührt euch nicht— kommt euch das Nieſen oder ein Huſten an, ſo packt euch an der Gurgel feſt und laßt es abwärts gehen.“ Sybrandt gehorchte ſeinem Begleiter und Timothy hielt auf die Lichter ab, welche in der Dunkelheit weit entfernter ſchienen, als ſie wirklich waren; der Wäldler handhabte ſein Ruder mit ſolcher Leichtigkeit und Geſchick⸗ lichkeit, daß Sybrandt die Schläge nicht hören konnte. Auf dieſe Weiſe näherten ſie ſich raſch dem Lager, bis ſie einen wirren Lärm von Jubel und Freudegebrüll hörten, welcher allmählich in unharmoniſchem Ungeſtüm ihr Ohr traf. Timothy zog das Ruder an und lauſchte. „Es iſt der Geſang dieſes ewigen Gewürms, der Utawas. Sie ſind in trunkener Luſt, wie ſie es in der Nacht, ehe ſie in den Kampf gehen, zu halten pflegen. Ich kenne das Gewürm, denn ich habe einige gepfeffert, und kann ihre Sprache und Lieder ziemlich gut nachmachen, denke ich. So wollen wir uns gerade unter ſie begeben. — 133— Vergeßt nicht, was ich euch ſagte— thut, wie ich thue und haltet euern Mund.“ Das Ruder vorſichtig handhabend, drängte er das Bot dicht an das Ufer heran, wo der Jubel laut war, und legte dann in einiger Entfernung von den Wachen, die ſich dann und wann anriefen, an. Sie zogen nun raſch das leichte Kanot in die Büſche, welche hier dicht an dem Ufer wuchſen. „Nun laßt alles außer euch ſelbſt hinter euch und folgt mir,“ flüſterte Timothy, waͤhrend er ſorgfältig taſtete, ob die Flinten gegen die Nachtnebel hinreichend verwahrt wären; dann legte er ſich auf ſein Geſicht nie⸗ der und kroch, mit der ruhigen Schnelle der Schlange in dem Graſe, unter den Büſchen fort. „Müſſen wir unſere Flinten zurücklaſſen?“ lispelte Sybrandt. „Ja— dem Befehle gemäß, es iſt aber ein ver⸗ d—t harter Fall. Dennoch iſt's, im Ganzen genommen, das Beſte; denn wenn ſich ſo ein Gewürm mir ſchuß⸗ gerecht darböte, glaube ich, meine Flinte ginge rein von ſelbſt los. Aber ſtill— den Mund ſo feſtgeſchloſſen, wie ein Pulverhorn.“ Sie hatten nun eine Strecke hinter ſich. Sybrandt war von den Dornen mißhandelt und fand es unendlich beſchwerlich, es Timothy gleich zu thun. Der letztere hielt plötzlich an. — 134— „Hier iſt das Gewürm,“ ſagte er mit dem leiſeſten Flüſtern. „Wo?“ verſetzte Sybrandt eben ſo leiſe. „Seht gerade aus.“ Sybrandt blickte in der angegebenen Richtung und ſah eine Gruppe von fünf bis ſechs Indianern, welche um ein Feuer ſaßen, deſſen verbleichender Glanz ihre dunkeln Geſichtszüge paſſend beleuchtete, in denen der wilde Ausdruck durch die Reizung des Trunkes, in dem ſie eben ſchwelgten, zu thieriſcher Rohheit geſteigert wurde. Sie ſaßen auf dem Boden und wiegten ſich hin und her, rückwärts und vorwärts und von einer Seite zur andern, und ließen von Augenblick zu Augenblick die Flaſche die Runde machen, und haſchten oft mit roher Gier darnach, wenn ſie glaubten, ein anderer trinke mehr, als ihm gebühre. Dann und wann brachen ſie in grelle unhar⸗ moniſche Geſänge aus, in denen die übertriebenſten Prah⸗ lereien von Mord, Todtſchlag, Brand und Plünderung mit Drohungen vermiſcht, was ſie den rothberockten Lang⸗ meſſern den nächſten Tag anthun wollten, zu hören waren. In einem dieſer Geſäange kam die Verheerung eines Dorfes vor und die Schilderung hatte eine auffallende Aehnlichkeit mit der blutigen Kataſtrophe der Familie des armen Timothy. Sybrandt verſtand die Worte nicht, aber er hörte den raſchen, bedrängten Athem ſeines Begleiters, welcher, als die Wilden endigten, in dem Tone niedergepreßten Rachegefühls flüſterte: — 135— „Hätt' ich nur meine Flinte!“ „Bleibt einen Augenblick hier,“ lispelte er, wahrend er vorſichtig auf die lärmende Gruppe loskroch, die plötz⸗ lich ganz ruhig wurde und in der Stellung des Lau⸗ ſchens blieb. „Huh!“ ſagte der Eine dumpf, der nach ſeinem Gewande der Anführer ſchien. Timothy antwortete in wenigen indianiſchen Worten, welche Sybrandt nicht verſtand; dann erhob er ſich vom Boden und erſchien plötzlich in ihrer Mitte. Einige Worte wurden raſch gewechſelt, und dann holte Timothy ſeinen Gefährten herbei und ſtellte ihn den Utawas vor, die ihn willkommen hießen und ihm die nun faſt leere Flaſche reichten. „Mein Bruder ſpricht nicht,“ ſagte Timothy. „Iſt er ſtumm?“ fragte der Häuptling der Utawas. „Nein— aber er hat geſchworen, ſeinen Mund nicht zu öffnen, bis er die Leiche eines Langmeſſers vor ſich hingeſtreckt ſieht.“ „Gut,“ ſagte der Andere—„er iſt willkommen.“ Er betrachtete Sybrandt nicht ohne Argwohn, obgleich ſeine geiſtigen Kräfte durch den Dunſt des Getränkes, das er fortwährend zu ſich nahm und in kurzen Pauſen die Runde machen ließ, derdüſit waren. Nach einem kurzen Schweigen fuhr er fort: „Ich entſinne mich des jungen Kriegers nicht. Iſt er von unſerm Stamm?“ — 136— „Ja; aber die Mohawks hatten ihn vor vielen Jah⸗ ren entführt und er kehrte erſt vor Kurzem zurück.“ „Wie entkam er?“ „Er tödtete zwei Häuptlinge, während ſie am Feuer ſchliefen, und eilte davon.“ „Gut,“ ſagte der Utawas und verſank einige Augen⸗ blicke in eine Art Erſtarrung, aus der er ſich ploͤtzlich aufraffte, empor ſprang, ſein Tomahawk ergriff, auf Sybrandt losſtürzte, ſeine tödliche Waffe erhob und im Begriffe, den mörderiſchen Schlag zu führen, daſtand. Sybrandt blieb ganz unbeweglich, des Schlages gewärtig. „Gut,“ ſagte der Utawas wieder—„ich bin beruhigt; der Utawas ſchließt ſein Auge nie vor dem Tod. Er iſt würdig, unſer Bruder zu ſein. Er ſoll morgen mit uns in den Kampf gehen.“ „Wir ſind grade recht gekommen,“ ſagte Timothy. „Zieht der weiße Häuptling morgen gegen die Rothröcke?“ „Ja. 49 „Hat er Leute genug, ihn zu bekämpfen?“ „Sie ſind zahlreich, wie die Blätter auf den Bäu⸗ men,“ verſetzte der Andere. Nach und nach erfuhr Timothy von dem Utawas⸗ Häuptling die Zahl der Franzoſen, Indianer und cou- reurs des bois(Kanadiſche Botsleute), aus denen das Heer beſtand; die Zeit, wann ſie den Marſch antreten wollten; den Weg, welchen ſie zu nehmen hatten, und die Umriſſe des Angriffsplanes, im Falle die Engländer — 137— ſie entwedenän dem Fort erwarteten oder ihnen im Freien entgegen kämen. Ehe er mit ſeinen Ausforſchungen fer⸗ tig war, lag bereits die kleine Schaar, Timothy, Sybrandt und der Häuptling ausgenommen, in tiefem Schlaf. Wenige Minuten nachher thaten die beiden erſtern als ſchliefen auch ſie und ſchnarchten bald wacker. Der Uta⸗ was⸗Häuptling ließ den Kopf zur rechten und zur linken Seite ſinken, fiel dann wie ein Klotz hin und blieb unbewußt alles deſſen, was um ihn her vorging, in dem Schlafe der Trunkenheit begraben. Timothy lag eine Zeitlang regungslos, dann drehte er ſich um und rollte von einer Seite zur andern, wobei er es ſo einrichtete, daß er nach und nach jeden von dem Haufen anſtieß. Sie blieben feſt entſchlafen. Jetzt erhob er ſich vorſichtig und Sybrandt folgte ſeinem Beiſpiele. In einem Nu war Timothy wieder auf der Erde und Sybrandt that das gleiche, ohne zu wiſſen, warum, bis er jemand herankommen hörte und, als ſie nahe genug waren, zwei Offiziere, augenſcheinlich von Rang, erkannte. Sie hielten an dem verglimmenden Feuer an und der Eine ſagte zu dem Andern leiſe in franzöſiſcher Sprache: „Die Thiere liegen im feſten Schlaf; es iſt Zeit, ſie zu wecken. Unſere Spionen ſind zurückgekommen und wir müſſen aufbrechen.“ „Noch nicht,“ verſetzte der Andere:—„laßt ſie noch eine Stunde ſchlafen und ſie werden nüchtern erwachen.“ 3 — 138— Sie gingen ihres Wegs und als ihr Fußtritt verhallt war, erhob ſich Timothy wieder, indem er unſerm Hel⸗ den winkte, liegen zu bleiben. Nachdem er ſich durch gewiſſe Merkmale, welche die Erfahrung ihn gelehrt, ver⸗ gewiſſert hatte, daß die Indianer fortwährend im tiefen Schlafe lägen, begab er ſich daran, mit wunderbarer Geſchicklichkeit und Stille, von einer jeden ihrer Flin⸗ ten das Zündpulver abzuſchütteln. Darauf nahm er ihre Pulverhörner und leerte ſie aus; dann griff er nach dem Tomahawk des Utawas⸗Häuptlings, das er hatte fallen laſſen und beugte ſich einen Augenblick mit dem Ausdruck tödlichen Haſſes über ihn, wie Sybrandt ihn nie in Timothy's oder eines andern Menſchen Antlitz geſehen hatte; der ſehnliche Wunſch, einen der Indianer wenig⸗ ſtens zu pfeffern, wie er ſich ausdrückte, kämpfte einige Augenblicke mit ſeinen Pflichten, den Befehlen Sir Wil⸗ liam's zu gehorchen; die letztern trugen aber am Ende den Sieg davon; er gab Sybrandt einen Wink und ſie krochen mit derſelben Stille und Raſchheit, mit der ſie gekommen waren, von hinnen. Schnell ließen ſie ihr leichtes Kanot in das Waſſer und brauchten ihre Ruder mit aller Kraft. „Die Morgenluft läßt ſich ſchon ſpüren,“ ſagte Thi⸗ mothy,—„und es wird bald Tag ſein. Wir müſſen uns tüchtig rühren.“ Und ſie rührten ſich tüchtig und blitzſchnell flog das leichte Kanot über das Waſſer, kaum eine Spur hin⸗ — 139— ter ſich laſſend. Als ſie um den Vorſprung wendeten, der das Lager ihren Augen entzog, wagte es Timothy, etwas lauter zu ſprechen. „Es iſt ein Glück für uns, daß das Bot, an wel⸗ chem wir dieſe Nacht vorüberkamen, ſchon zurück iſt, denn es wird raſch hell. Ich bin nur einer Sache wegen betrübt.“ „Was iſt's?“ fragte Sybrandt. „Daß ich dieſen betrunkenen Utawas nicht pfeffern konnte. Wäre ich nur auf meine eigene Fauſt ausgewe⸗ ſen, er wär' auch im Nu maustodt dagelegen, denk' ich.“ „und auch ihr, denk' ich,“ ſagte Sybrandt, ſich ſeiner Sprachweiſe bedienend,—„würdet eingeholt und gepfeffert worden ſein.“ „Wer? ich? Ich wäre doch ein armes Gewürm, wenn ich nicht ein halbes Dutzend dieſer betrunkenen Schurken hinter das Licht führen könnte.“ Wenige Stunden angeſtrengter Arbeit brachten ſie endlich Angeſichts von Ticonderoga, als eben die rothen Herolde des Morgens das blaſſe Grün des Himmels leicht ſtreiften. Stern um Stern verſchwand, wie Timo⸗ thy bemerkte, gleich Lichter, welche die ganze Nacht gebrannt und von ſelbſt ausgingen— und als ſie das hohe Ufer betraten, von dem ſte abgefahren waren, ver⸗ goldeten eben die erſten Strahlen der Sonne die Kuppen der hohen Berge, welche ſich im Weſten erhoben. Timo⸗ thy ſchüttelte jetzt unſeres Helden Hand. — 140— „Ihr ſeid ein herziger Burſche,“ ſagte er,„und ich werde Sir William erzählen, wie ihr das verdammte Tomahawk anſaht, als wär's ein alter Pfeifenſtiel.“ Sie begaben ſich, ohne einen Augenblick zu verlie⸗ ren, in das Quartier Sir William's, welcher ſie mit der größten Aengſtlichkeit erwartete. Er ſtreckte unſern Helden beide Hände entgegen und rief:— „Welches Glück, ihr Jungen? Ich bin die ganze Nacht wach geweſen und habe eurer Rückkehr gewartet.“ „Dann werdet ihr wahrſcheinlich die nächſte Nacht ſehr gut ſchlafen,“ ſagte Meiſter Timothy und lüftete ſo zu ſagen, ein wenig die ernſte Strenge ſeines ledernen Geſich⸗ tes:— Ich bin der Anſicht, ein Menſch, der ſich eines wirklich guten Schlafes freuen will, darf nur die Nacht vorher aufbleiben, und er kann mit Gewißheit darauf rechnen, ſeinen Wunſch erfüllt zu ſehen.“ „Halte deinen Mund, Timothy,“ ſagte Sir William in guter Laune,„oder ſprich von Dingen, die hierher gehören. Seid ihr in dem Lager des Feindes geweſen?“ „Geradezu bis in ſeinen Eingeweiden,“ ſagte Timothy. Sir William fuhr fort zu fragen und Sybrandt und Timothy zu antworten, bis er ſich alle die wichtigen Nachrichten verſchafft, in deren Beſitz ſie waren. Er ent⸗ ließ dann Timothy mit herzlichem Dank und einer Börſe voll gelber Männer, welche er mit vieler Zufriedenheit hinnahm. — 141— „Es iſt für mich nicht ſehr von Nutzen, wahrlich,“ ſagte er, als er wegging,—„aber ich weiß nicht, ich ſehe doch gern auf das Gewürm.“ „Euch betreffend, Sybrandt Weſtbrook, ſo habt ihr den Erwartungen vollkommen entſprochen, welche ich bei unſerem erſten Zuſammentreffen von euch hegte. Ihr habt einen höhern Lohn auszuſprechen, denn ihr habt aus höhern Beweggründen gehandelt und mindeſtens eben ſo viel Muth und Entſchloſſenheit gezeigt. Seine Majeſtät ſoll davon benachrichtigt werden; mittlerweile nennt euch Major Weſtbrook, denn der ſeid ihr von dieſem Augen⸗ blicke an. Nun geht mit mir zum Oberbefehlshaber, der erfahren muß, was ihr gehört und geſehen habt. Sechszehntes Kapitel. Ein Buſch⸗Gefecht. Sybrandt verbeugte ſich dankend. Der Gedanke, dem König empfehlend genannt zu werden, war damals für einen beſcheidenen Provinzialen eine hinreichende Ehre. Weit höher aber hob der Gedanke ſein Herz, Catalina dürfe von ſeiner Auszeichnung hören und vielleicht bereuen, wie Sir William angedeutet hatte, daß ſie nicht mehr hoffen konnte, ſeinen Ruhm zu theilen. Mit dieſem begei⸗ ſternden Gedanken folgte er Sir William zu dem Ober⸗ befehlshaber; ſie fanden ihn von einer Anzahl Offiziere umgeben, unter welchen Sybrandt mit Verwunderung den Oberſten Gilfillan bemerkte, welcher eben von einer Sendung nach New⸗York zurückgekehrt war; er hatte auf Befehl des Obergenerals die Armee an demſelben Tage verlaſſen, an welchem Sybrandt zu Ticonderoga einge⸗ troffen war. Ihr gegenſeitiges Erkennen ſprach ſich in einer förmlichen Verbeugung und einer lebhaften Färbung der Wangen aus. Seine Excellenz hörte den Bericht Sybrandt's auf⸗ merkſam an, lobte ſeine Unerſchrockenheit und äußerte ſeine Abſicht, aufzubrechen und den Feind zu überraſchen, — 143— ſtatt wie Memmen innerhalb ihres Gemaches eingeſchloſ⸗ ſen zu bleiben. „Vorſicht iſt nicht Feigheit,“ bemerkte Sir William. „Es iſt gewiß, daß der Feind uns an Anzahl überlegen iſt. Das Ueberraſchen angehend, ſo reicht es hin, zu ſagen, daß zweitauſend Indianer bei ihm ſind. Dürfte ich einen Rath geben, Sir, ſo würde ich ehrfurchtsvoll dafür ſtimmen, daß wir hier bleiben und den Feind in unſern Verſchanzungen empfangen, wo wir ihn im Zaume halten können, bis ſeine indianiſchen Verbündeten ihn verlaſſen, wie ſie gewiß thun werden, wenn ſie einige Male zurückgeſchlagen worden ſind. Außerdem, daß er ſo geſchwächt wird, muß der Mangel an den nöthigen Vorräthen ihn bald zwingen, die Belagerung aufzugeben. Wenn er ſich zurückzieht, dann iſt es Zeit, über ihn her⸗ zubrechen; ein Feind, der ſich zurückzieht, iſt halb beſiegt.“ Seiner Excellenz, dem kommandirenden General, behagte dieſer kluge Rath nicht, aus mindeſtens zwei ſehr weſentlichen Gründen. Er verſchmähte es, ſich von dem Rath eines Provinzial⸗Offiziers leiten zu laſſen und war in der feſten Ueberzeugung erzogen worden, ein Engländer könne es zu Waſſer wie zu Land mit zwei Franzoſen aufnehmen. Die jungen Linienoffiziere in rothen Röcken und ſchimmernden Achſelbändern waren alle der⸗ ſelben weiſen Anſicht, einen einzigen ausgenommen, wel⸗ cher, hätte er in glücklicheren Zeiten und in einem min⸗ der bedeutungsloſen Wirkungskreiſe gelebt, einen Namen — 1u— zurückgelaſſen haben würde, der gleiche Berühmtheit theilte mit dem eines Wolfe, Montgomery und Mont⸗ calm,— dieſes herrlichen Kriegers, deſſen Ruhm ſelbſt die Niederlage kaum verdunkeln konnte. Es wurde daher beſchloſſen, das Heer ſollte gegen den Feind ausrücken und man ließ zu dieſem Zweck augenblicklich Befehl ergehen. Als ſich die Offiziere trennten, um ihren mannigfachen Beſtimmungen nachzugehen, ſuchte Sybrandt mit Gilfil⸗ lan zuſammenzukommen, und dieſer kam ſeinen Wünſchen eifrig entgegen. „Oberſt Gilfillan,“ ſagte er,—„erlaubt mir, euch an eine gewiſſe Sache von New⸗York hier zu erinnern, die noch nicht ausgeglichen iſt.“ Gilfillan's Anblick hatte alle ſeine frühern friedlichen Entſchlüſſe vernichtet. „Major Weſtbrook,“ ſagte der Andere,—„heute für unſer Vaterland, morgen für Catalina?“ „Ihr erinnert mich an eine höhere Pflicht; mor⸗ gen alſo.“ Und er griff an ſeinen Hut und verbeugte ſich mit militäriſchem Anſtand. trennten ſie ſich für den Augenblick. „Kommt, Weſtbrook,“ ſagte Sir William,—„wir wollen ſchnell unſer Teſtament machen. Morgen wird, wenn ich nicht irre, mancher brave Burſche von uns eine — 145— Haarlocke weniger auf ſeinem Kopfe haben. Aber es liegt nichts daran— der Tod iſt gewiß und die Pflicht gebie⸗ teriſch. Die Sache hat meinen Beifall nicht— aber Sir William Johnſon wird ſtets bleiben was er ſtets war— treu ſeinem Vaterlande— und ſo mag denn der morgige Tag bringen, was er will!“ Dieſer ganze geſchäftige Tag wurde mit Vorbereitun⸗ gen zu dem Aufbruch des Heeres hingebracht, welcher früh des nächſten Morgens ſtatt fand. Die Ufer des Champlain⸗Sees hatten nie vorher ſolchen militäriſchen Pomp, ſolchen ſchimmernden Glanz geſehen und die Ein⸗ ſamkeit ſeiner Berge hatte nie in ihren Schluchten und Klüftungen eine ſolche donnernde, erregende Muſik zurück⸗ gehallt, welche die Adler aus ihrem unnahbaren Horſt aufſchreckte und den wilden Hirſch aus ſeinen unzugängli⸗ ſchen Ruheplätzen verſcheuchte. Die Offiziere der regulären Armee, wie die eigent⸗ lichen engliſchen Truppen genannt wurden, waren alle von dem freudigſten Muthe belebt und verſprachen ſich Sieg und Beförderung. Aber die alten grauköpfigen Provinzialen, welche in dem Grenzkriege beſſer bewandert waren, ſchüttelten ihre Köpfe und zogen in düſterer Hin⸗ gebung aus, da ſie in dieſer ſorgloſen Zuverſicht des Gene⸗ rals die Gewißheit von Unheil und Niederlage vorausſa⸗ hen. Die heißköpfigen Rothröcke ſchrieben höhnend ihr Benehmen der Feigheit oder dem Mißvergnügen zu;— es war aber nichts anders als die beſorgte Ahnung der Paulding. IV. 10 — 146— Erfahrung— ein prophetiſcher Blick in die Zukunft, auf die Kenntniß der Vergangenheit gegründet. Der Marſch war nothwendigerweiſe ermüdend, da die rauhen Unebenheiten eines Landes, welches bisher noch faſt ganz in dem Zuſtande der Natur war, eine Menge Hinderniſſe darboten. Dazu kam, daß ſie mit einer unpaſſenden und unnöthigen Fülle von Gepäcke belä⸗ ſtigt waren, welches ihr Fortſchreiten langſamer und müh⸗ ſeliger machte. Vergeblich ſuchten Sir William und einige der alten Provinzial⸗Offiziere den General auf die Noth⸗ wendigkeit hin zu weiſen, erfahrene Kundſchafter voraus⸗ zuſchicken, um die dichten Wälder zu durchſtreifen, in welche ſie nun im Begriffe waren einzudringen; vergeblich drangen ſie in ihn, das Heer halten, ausruhen und ſich erfriſchen zu laſſen. Er war⸗ voll des abgeſchmackten, eigenſinnigen Gedankens, den Feind überraſchen zu wol⸗ len und in dem Eifer, ſeinen Zweck zu erreichen, ver⸗ nachläſſigte er, wie es in ſolchen Fällen oft zu gehen pflegt, die nöthigen Mittel, ſich gegen einen ähnlichen Unfall ſicher zu ſtellen. an Es war gegen die Mitte eines langen, ſchwülen Sommernachmittags, als das Heer eine Strecke über feuchten, mit Wald bedeckten Boden zurückzulegen hatte, wo ſich jene majeſtätiſchen Bäume erhoben, die unſern Urwäldern eine ſolche Erhabenheit verleihen. Die Hitze war ſehr groß, obgleich ſie inmitten undurchdringlichen Schattens waren; denn die Luft war gepreßt und ſtehend — — — 147— und der Mangel eines freien Durchzugs der Luft war mehr als ein Aequivalent für die Abweſenheit der Sonne. Der Weg— wenn man es Weg nennen will, denn es war kaum mehr als ein ungefähr ſechszig Fuß breiter und von Wald geklärter Raum— wurde tiefer und beſchwerlicher, je weiter ſie kamen, und Soldaten und Pferde begannen zu keuchen und zu erſchlaffen und in dem ſumpfigen Boden ſtecken zu bleiben. In dem Augen⸗ blick, als das ganze Heer ſo mit Hitze, Ermüdung, Hunger und den Verlegenheiten eines ſolchen Wegs zu kämpfen hatten, ſcholl ein furchtbares Gebrüll, von Flintenſchüſſen rings um ſie her gefolgt, in ihre Ohren, ſo daß die kräftigſten Herzen bebten. Weißhäute und Rothhäute ſchienen, wie die fabelhaften Heere, von denen wir leſen, aus der Erde aufzuſteigen; jeder Baumſtamm verſendete Tod und Ver⸗ derben in das umſtrickte Heer und unſichtbare Hände ſchoſſen unſichtbare Gewehre und Bogen auf die Bedräng⸗ ten ab. Hier half keine Wendung nach der Rechten oder der Linken, kein Formiren von Colonnen oder Zuſam⸗ menziehen von Bataillonen oder irgend eine der beliebten Evolutionen des europäiſchen Kriegs. Jeder Mann hatte ſeinen unſichtbaren Feind und jeder Mann kämpfte ſeinen eigenen verzweifelten Kampf. Sobald Sir William das Geſchrei durch den Wald ſchallen hörte, rief er Sybrandt, der müde und muthlos an ſeiner Seite war, zu: 10* — 148— „Da ſind ſie! Ich dacht' es mir! der eigenſinnige Schwachkopf!“ „Eure Befehle, Sir William?“ ſagte der Andere eifrig. „Befehle! Niemand befiehlt jetzt, als der große Leiter der himmliſchen Heerſchaaren. Das Geſetz der Natur gilt jetzt wieder und hier ſind alle gleich. Jeder für ſich und Gott für uns Alle!“ So rief er mit einer Stimme, die durch den Wald hinhallte, während er ein Piſtol zog und ſo ſchnell als der Wald und die Sümpfe erlaubten, in der Richtung des furchtbaren Geſchreies hinſtürmte. Sybrandt folgte oder vielmehr hielt ſich ihm zur Seite. Es war aber kein Feind zu ſehen, obgleich alle Augenblicke Offiziere in ihren rothen Röcken und glänzenden Stickereien von unſichtbaren Händen zu Boden ſtürzten. „Wir kämpfen mit Schatten,“ ſagte Sir William, als die Kugeln und Tomahawks umher flogen, die Rinde der Bäume zerſplitterten oder die armen Leute verwun⸗ deten, welche als Opfer der Thorheit eines Einzigen fielen. Nach und nach, obgleich ſchneller als ich es wieder erzählen kann, ſammelten ſich Schaaren der fünf Nationen um ihren alten Anführer und Sir William ſah ſich bald an der Spitze einer bedeutenden Anzahl Leute. Mit dieſen begann er ſeine Operationen in dem regelmäßigen Style des Buſchfechtens, gegen welches alle andern Arten des Kampfes bloßes Kinderſpiel ſind. Eines jeden Loos hängt — 149— hier von ſeiner Geſchicklichkeit, Liſt und Kühnheit ab; jeder concentrirt Seele und Leib, lediglich die Erhaltung ſeiner ſelbſt zu erzielen und die Begierde nach Ruhm verwandelt ſich in den Inſtinkt der Liebe zum Leben. Der Kampf geſtaltete ſich bald gleich zwiſchen den feind⸗ lichen Indianern und Sir William nebſt ſeinen tapfern Mohawks, welche noch immer der Gegenſtand des Schre⸗ ckens für alle Wilden vom atlantiſchen Meere bis zu den Ufern des Obern⸗Sees blieben. Der alte King Hendrick, der bei ihnen war, beſaß noch ſeinen ganzen Muth und ſeine Kraft und unterſtützte ſeinen Freund Sir William — den er einſt aus einer vollſtändigen Uniform heraus⸗ geträumt hatte— mit ſeinem ganzen Anſehen und ſeiner Liſt. Auch Freund Sybrandt war nicht müßig. Er, ſo wie alle Uebrigen, fochten nun zu Fuß, entweder freiwil⸗ lig oder gezwungen; und da die Hemmniſſe des Bodens ein gemeinſames Handeln unmöglich machten, ward Sybrandt oft mit feindlichen Schaaren handgemein. Die Indianer brauchen aber, wenn ſie es vermeiden können oder wenn die Umſtände nicht beſonders vortheilhaft ſind, ihre phy⸗ ſiſche Kraft nicht gern dem weißen Manne gegenüber, entweder weil ſie ihre eigene Ueberlegenheit in dem Gebahren des Buſchgefechtes, oder die Ueberlegenheit der Weißen in Bezug auf Kraft und Ausdauer kennen. Es traf ſich jedoch, daß Sybrandt, der jetzt einige Fleiſchwunden erhalten, die in den manchfachen Wechſeln des Gefechtes ihn einigermaßen geſchwächt hatten, auf — 159— einen Indianer ſtieß, welcher der erſte, oder einer der erſten Führer der feindlichen Haufen zu ſein ſchien. Er trug ein Kleid von Bockshaut, das dem Körper knapp anlag, und eine kriegeriſche Mütze mit Federn. In ſeiner Hand hielt er ein Tomahawk, das ſeine einzige Waffe zu ſein ſchien. Sybrandt's einzige Wehr war ein geladenes Piſtol mit doppeltem Laufe— was zu jener Zeit eine große Seltenheit war. Es gehörte zu einem Paar, welches das einzige Erbe ſeines Vaters ausmachte. Vorſichtig und ingrimmig betrachteten ſich der Indianer und der weiße Mann; jeder beachtete neugierig, welche Verthei⸗ digungsmittel dem Andern zu Gebote ſtünden. Der Häuptling bemerkte endlich mit innerer Luſt, daß Sybrandt unbewaffnet war, denn dieſer hatte, ſobald er des Wilden anſichtig geworden, ſein Piſtol verſteckt, um ihn ſorglos zu machen. Er nahte ſich daher unſerm Helden mit geho⸗ benem Tomahawk, aber doch mit der ſeiner Race eigen⸗ thümlichen Vorſicht, bis Sybrandt ihn hinreichend nahe glaubte, wo er einen ſeiner Läufe losſchoß, ohne jedoch ſicher zu zielen. Die Kugel ſtreifte eben ſeine Schulter. Der Häuptling, der ihn nun in ſeiner Gewalt zu haben dachte, ſtürzte auf ihn ein, wurde aber mit einem tödlichen Schuſſe aus dem zweiten Laufe empfangen. Sie ging durch ſein Herz und er fiel todt nieder. „ Bravo!“ rief Sir William, welcher in dieſem Augenblick von Blut und Koth bedeckt, erſchien:— „Bravo, Major, ihr habt eine ſehr verdienſtliche That — 151— vollbracht. Dies iſt das Haupt und die Seele der feind⸗ lichen Indianer. Sobald ſie ihn vermiſſen, werden ſie ſich zerſtreuen. Dieſe That ſoll euch den Grad eines Oberſten verſchaffen, wenn wir dieſen Tag überleben.“ und es begab ſich, wie er vorhergeſagt hatte. Die Indianer wurden läſſiger in ihren Angriffen und ſobald die Nachricht von dem Tode ihres großen Hauptlings ruchbar wurde, ſtellten ſie ihre Feindſeligkeiten ein und verſchwanden allmäahlich. 34 „Die Schlacht iſt auf dieſer Seite vorüber,“ ſagte Sir William und befahl ſeinen Mohawks, ihm in der Richtung zu folgen, wo das Feuer noch fortdauerte. Hier fanden ſie eine Scene wilder Verwirrung und ſchrecklichen Blutbades, hauptſächlich jedoch ganz auf der einen Seite. Das brittiſche Heer war in ſolchem Nachtheile überraſcht worden und verſtand von dieſer Art, den Krieg zu führen, ſo wenig, daß alle ſeine Anſtrengungen gänzlich erfolglos waren. Die Provinzial⸗Milizen allein boten einigen erfolg⸗ reichen Widerſtand und waren endlich, als Sir William und ſeine Mohawks zu ihrer unterſtützung herzueilten, im Stande, den Feind zurückzutreiben, der ſich in vollkom⸗ mener Ordnung und ohne bedeutenden Verluſt zurückzog⸗ Als Sybrandt auf dieſe Weiſe von dem einen Ende des Kampfes zu dem andern eilte, wurde er in der Dunkel⸗ heit des Waldes von ſeinen Gefährten getrennt. Als er in der Richtung, die ſie genommen haben mußten, fort⸗ eilte, hörte er in einer kleinen Entfernung etwas wie ein — 152— ſchwaches Rufen. Nach einem kurzen Nachdenkben eilte er mit der Vorſicht, welche ſeine Lage gebot, auf den Ton zu, bis er endlich, durch das dichte Gezweig ſchauend, einen Ofſizier entdeckte, welcher am Fuße eines Baumes lag und ſeinen etwas emporgerichteten Oberkörper gegen deſſen Stamm lehnte. Nicht weit davon ſah er einen Indianer, der ein Meſſer gefaßt hatte und vorſichtig her⸗ beiſchlich, in der offenbaren Abſicht, die blutige Sitte wil⸗ der Barbarei an ihm in Anwendung zu bringen. Das Geſicht des Offiziers war Sybrandt zugewendet und ſo blaß es auch war, erkannte er ſogleich Gilfillan. In einem Nu überſtrömte ihn die Erinnerung an die Ver⸗ gangenheit und in einem Nu lebten ſein früherer Zorn, ſein Kummer, ſeine getäuſchten Hoffnungen in ihm auf. Im nächſten Augenblick mußten ſie aber alle einem edeln Gefühle weichen. Er beſchloß, auf jede Gefahr hin das Leben ſeines Nebenbuhlers zu retten. Mit feſter Hand und ſicherem Auge hob er ſein Piſtol, und wartete, bis der Wilde, der auf ſeine blutige That ſo geſpannt war, daß er ihn nicht bemerkte, nahe genug war. Als er noch wenige Schritte von Gilfillan entfernt war, feuerte Sybrandt und der Indianer ſtürzte. Im nächſten Augen⸗ blick war er an Gilfillan's Seite, der ihm ſeine Hand entgegenſtreckte und ſchwach ſagte:— „Major Weſtbrook, ich danke euch— nicht für mein Leben, denn ich glaube, es iſt rettungslos dahin— ſon⸗ dern dafür, daß ihr meine Haut von dem Abſtreifen von — 153— dem Kopfe gerettet habt; und bei meiner Seele, ich bin dankbar. Ich habe euch etwas zu ſagen und je eher ich es euch ſage, deſto beſſer.“ In dieſem Moment bemerkte Sybrandt einen zweiten Indianer, der ſich mit ſeinem Tomahawk näherte. Er verſuchte aufzuſtehen und ſich ihm entgegen zu ſtellen; da er aber ſeit mehreren Stunden an ſeinen Wunden geblutet hatte, war ſeine Kraft jetzt gänzlich dahin. Er ſank bewußt⸗ los nieder. In dieſem Augenblick hörte er den Knall einer Flinte und den Ausruf: „Nimm das, du ewiges Gewürm!“ Siebzehntes Kapitel. Eine Auseinanderſetzung. Ein blutiger Tag war dies für England und ſeine Kolonieen, und die Folgen erwieſen ſich unglücklich für die Bemühungen ihrer verbündeten Waffen während des übrigen Theils des Krieges. Die zerſprengten Trümmer des Heeres ſammelten ſich zu Ticonderoga wieder, zwei tauſend Mann weniger, als ſie ausgezogen waren. Glück⸗ licherweiſe rückten die Franzoſen, in Folge der Nieder⸗ lage ihrer indianiſchen Bundesgenoſſen nicht nach; der Verluſt der letztern, der ſehr bedeutend war, hatte ſie, wie gewöhnlich, entmuthigt und ſie vergaßen der Tapfer⸗ keit des Sir William und ſeiner Mohawks nicht, wenn in ihren Wigwams von dieſem Tage die Rede war. Sie liefen jetzt in dem Walde, in welchem der Kampf ſtatt gefunden, umher, plünderten die Gebliebenen und übten die letzte That der Barbarei an den Häuptern derer, in welchen noch Leben geblieben war. Mancher tapfere Krieger ſiel in dieſem Waldgefechte, der verdiente, auf eine würdigere Weiſe den Tod zu finden und durch eine beſſere Feder als die meinige in der Nachwelt fortzuleben. Unter dieſen war Lord Howe, von welchem die Annalen — 155— jener Zeit als einem Manne ſprechen, in dem hohes Ehrgefühl, ausgezeichneter Muth und kriegeriſche Eigen⸗ ſchaften in ſeltenem Grade vereinigt waren und der ein Leben von Ruhm und Glanz vor ſich ſah. Was ſind aber alle Vorzeichen der Hoffnung, ſelbſt wenn ſie von ſo wohlbegründeten Wahrſagergaben, wie hier, herrühren, — was ſind ſie anders als die Herolde getäuſchter Erwartungen?“ S Einige Stunden lang war in dem Leben unſeres Helden eine Leere und daß es nicht ganz damit zu Ende war, hatte er blos ſeinem treuen Gefährten bei dem nächtlichen Abenteuer am Champlain⸗See, Timothy Wieſel, zu danken. Timothy hatte ſich an dieſem Tage der Armee als Freiwilliger oder vielmehr als Dilettant angeſchloſſen, und rühmte ſich lange nachher, dem Schat⸗ ten eines Jeden von ſeiner ermordeten Familie einen von dem Gewürm geopfert zu haben. Nachdem er Sybrandt und Gilfillan auf die eben beſchriebene Weiſe von dem Wilden befreit hatte, trat er zu den jungen Männern, deren erſtern er ohne Bewußtſein fand. Er unterſuchte ſeine Wunden, auf die er ſich, in Folge ſeiner langen Erfahrung auf den Pfaden der Rache, vortrefflich ver⸗ ſtand. „Iſt er todt?“ fragte Gilfillan ſchwach. „Nur ohnmächtig,“ verſetzte Timothy.— Er hat faſt kein Blut in ſeinen Adern und das iſt es hauptſächlich, was ihm fehlt. Es wäre Schade, wenn er, ſo zu ſagen, — 156— um gar nichts ſterben ſollte, denn ich muß euch ſagen, er iſt eine anſtändige Art Burſche— er fürchtet ſich vor nichts.“ „Ich weiß es— ich ſchulde ihm meine Rettung vom Scalpirmeſſer und ich würde, was mir vom Leben noch geblieben, wenn es tauſend Mal ſo viel wäre, gerne hingeben, ihn zu retten. Iſt Hoffnung da? Iſt er zu retten?“ Timothy überlegte einen Augenblick. „Es iſt wahrſcheinlich, daß er zu retten iſt. Bleibt hier, bis ich wieder komme und vergeßt nicht— daß ja keiner von euch ſich von dem Platze rührt.“ „Es hat keine Gefahr damit,“ antwortete Gilfillan mit einem ſchwermüthigen Lächeln, indem er ſein trübes Auge von ſeinem zerſchmetterten Bein zu dem lebloſen Körper Sybrandt's wendete. Timothy eilte haſtig davon und ließ die beiden jun⸗ gen Männer ſeiner Rückkunft harren. Er blieb bis die Schatten des Abends zu fallen begannen, und Gilfillan, den Schmerzen, Schwäche und Beſorgniß faſt tödteten, war an der Seite unſeres Helden niedergeſunken. In dieſem Zuſtande fand ſie Sir William, welcher durch Timothy von dem Vorgefallenen benachrichtigt worden. Er verlor keinen Augenblick, ſondern eilte, von Timothy geleitet, mit einer Schaar Mohawks zu ihrer Hilfe her⸗ bei. Nach wenigen Minuten hatten ſie eine Trage von — 157— Zweigen gemacht, auf welche ſie die verwundeten Krieger legten und mit möglichſter Eile den Weg nach Ticonde⸗ roga antraten. Die Bewegung der Bahre brachte das wenige Blut, das Sybrandt in den Adern hatte, in Cir⸗ culation und er kam nach und nach zum Bewußtſein ſei⸗ ner Lage. Auch Gilfillan kam bald zu ſich. Es war Morgen, als die Schaar das verſchanzte Lager erreichte; der kalte Nachtthau hatte auf den erſchöpften Körper der jungen Krieger gewirkt und ſie faſt zu Eis erſtarrt, ſo daß es, als ſie ankamen, ein zweifelhafter Fall war, od ſie todt wären oder lebten. Man trug alsbald Sorge, ihnen jede mögliche Art von Hilfe angedeihen zu laſſen und den Beiſtand der Aerzte anzuſprechen. Die Wunden Sybrandt's wurden an ſich nicht gefähr⸗ lich gefunden; man fürchtete aber, der Blutverluſt und die nächtliche Erkältung möchten Folgen haben, die ſein Leben gefährdeten. Gilfillan's Lage war noch ungewiſſer und beſorglicher. Eine Kugel hatte ſein Knie getroffen und es auf eine ſchreckliche Weiſe zerſchmettert. Die Aerzte ſprachen ſich ſogleich dafür aus, das Bein müſſe am nächſten Tag, wenn ſeine Kräfte ein wenig hergeſtellt, abgenommen werden. Ein Seufßzer, wie ſeine früheren Schmerzen ihm nie einen abgenöthigt, deutete das Gefühl an, mit welchem der ſchöne Gilfillan dieſen Ausſpruch hinnahm. Aber, kein Wort kam von ſeinen Lippen. Sie waren auf Gilfillan's Wunſch in demſelben Zimmer bei⸗ ſammen, und dieſer lag die ganze Nacht wachend, ruhelos — 158— und fieberiſch da. Sybrandt war auch ſo erſchöpft, daß ter kaum Kraft hatte zu ſchlafen; dann und wann hörte er Gilfillan im Fieber halbvernehmliche Worte ausſtoßen: „Man ſoll ſich nicht an meinem Anblick ergötzen!— Schrecklich, das Leben ſo theuer zu erkaufen!— Was werden die Mädchen zu meinem Holzbein ſagen?“ und dergleichen Ausrufungen mehr. Gegen Anbruch des Morgens fragte er, ob Sybrandt wache; auf die bejahende Antwort ſagte er zu ihm:— „Weſtbrook, ich habe euch etwas zu ſagen und ich thue vielleicht beſſer, es jetzt zu ſagen; denn, bei meiner Seele, ich glaube— nein, ich weiß es gewiß, es iſt alles aus mit mir.“ 4 „Seid wohlgemuth, Oberſt Gilfillan,“ verſetzte der Andere—„nach einer Amputation werdet ihr euch beſſer fühten. 3 2,„und bei dem Ruhm meiner Vorfahren, Weſtbrook, wenn ich mich nicht beſſer fühle, ehe dieſe ſtatt ſindet, werde ich mich nie beſſer fühlen. Ich gedenke mit meinen beiden Beinen zu ſterben.“ „Ihr fürchtet euch gewiß nicht vor einer Ampu⸗ tation?“ „ Fürchten!“ rief Gilfillan, indem er ſich in ſeinem Bette erhob—„ſeht ihr, Major Weſtbrook, wenn ich eben jetzt ein Paar Piſtolen hier hätte— aber was — 159— ſpreche ich da? Bin ich euch nicht mein Leben, oder wenigſtens was mir noch davon geblieben, ſchuldig? Nun hört, was ich ſagen werde, und beachtet es.“ Er erzählte ihm nun die wahre Geſchichte von dem Gemälde und wie Catalina an dem Tage, an welchem Sybrandt ihn zu ihren Füßen und ihre Hand küſſend geſehen, ſeine Bewerbung von ſich gewieſen. „Sie liebt euch,“ ſagte er ſchwach—„euch, und keinen andern. Sie ſagte mir dies mit ihren eigenen ſüßen Lippen und mit Thränen in ihren wahr ei tredef den Augen.“ „Iſt dies wahr, bei eurer Seele, Oberſt Gilfilan?⸗ „Wahr, wie das Wort eines Sterbenden. Nun laßt uns Freunde ſein, ſo lange ich noch lebe— es wird unſerer Freundſchaft wenig Zeit bleiben, ſich abzunützen.“ Als die Aerzte die jungen Männer am Morgen beſuchten, fanden ſie Sybrandt beſſer, obgleich fieberhaft angegriffen; ſie ſchüttelten aber die Köpfe, als ſie Gilfil⸗ lan's Wunden unterſuchten und ſeinen Puls fühlten; ſie erklärten, nichts könne ihn retten, als augenblickliche Amputation. „Dann bin ich ein todter Mann,“ ſagte er—„denn mein Bein ſoll mit mir in das Grab gehen. Wir haben unſer ganzes Leoben zuſammen gehalten und ich will mich jetzt bei dem letzten Ruck, nicht von ihm trennen. Alles andere, Doctor!“ — 160— „Alles andere wird unnütz ſein— ihr werdet in weniger als vierundzwanzig Stunden todt ſein. Es iſt in der That zweifelhaft, ob ſelbſt die Amputation euch rettet.“ „Dann iſt die Sache abgemacht,“ ſagte Gilfillan. „Dann iſt euch nicht zu helfen,“ verſetzte der Arzt gefühllos. „Es mag ſo ſein,“ war Gilfillan's Antwort. Achtzehntes Kapitel. Das Begräbniß eines braven Kriegers. Dieſen ganzen Tag und bis zum nächſten Morgen war Gilfillan zuweilen in ſeinem Fieber und den heftigen Schmerzen ohne Bewußtſein; gegen Abend aber kam er zu ſich, fühlte ſich aller Schmerzen baar und redete Sybrandt zuſammenhängend an. „Ihr fühlt euch beſſer?“ ſagte Sybrandt hoff⸗ nungsvoll. „Ich fühle jetzt keine Schmerzen.“ „Dann muß es beſſer mit euch ſein.“ „Es iſt beſſer— meine Schmerzen ſind vorüber— mit Sonnenuntergang werde ich geſund ſein.“ Sybrandt verſtand ihn und gab keine Antwort. Nach einem Schweigen von wenigen Minuten begann Gilfillan wieder zu ſprechen. „Weſtbrook,“ ſagte er ſchwach—„könnt ihr mir das kleine Kiſtchen auf dem Tiſche reichen?“ „Ich kann nicht ſtehen,“ ſagte der Andere. „Vielleicht kann ich es erreichen!“ erwiederte Gil⸗ fillan und erhob ſich mit einer mächtigen Anſtrengung; es gelang ihm mit großer Mühe. Der Aufwärter kam Paulding. IV. 11 — 162— in dieſem Augenblicke herein, um ihn zu bitten, nicht zu ſprechen.“ 3 „Pah,“ ſagte Gilfillan—„geht ihr immerdar euern Geſchäften nach, wollt ihr? Doch bleibt! Ihr ſollt Zeuge ſein, daß ich Major Weſtbrook dieſes Kiſtchen anvertraue. Das Uebrige mag haben, wer es will. Nun könnt ihr gehen.“ Der Diener entfernte ſich. „Weſtbrook,“ fuhr er nach einer Pauſe fort—„in dieſem Kiſtchen iſt ein Gemälde, das euch gehört. Ich verſchaffte mir es wie ein Schurke, und gebe es wie ein ehrlicher Mann zurück, nun es mir von keinem Nutzen mehr ſein kann. Ihr findet einige kleine Andenken von meiner Schweſter darin, die nach Frankreich heirathete und dort ſtarb. Gebt ſie Catalina; ſie braucht nicht zu fürchten, daß ich ſie zurückfordere, wenn ich todt bin. Meine Uhr werdet ihr mit der erſten Gelegenheit an meinen Vater ſenden. Ich kann ihm nichts ſchreiben— aber ihr werdet es thun. Sagt ihm, daß ich ſein altes, graues Haupt geſegnet und als ein wahrer Sohn meines Vaters und meines alten Irelands geſtorben bin. Ihr findet ein Siegel daran mit meinem Wappen— dem Wappen der alten Könige von Connaught; tragt es zu meinem Andenken, und—“ Hier ſchien ihn ſein Bewußtſein zu verlaſſen und er ſprach eine oder zwei Minuten ſo leiſe, daß ihn Sybrandt nicht verſtehen konnte. — 163— „ Weſtbrook,“ flüſterte er,—„ ich ſterbe bald.“ „Soll ich nach Beiſtand rufen?“ „Nein; aber ich wünſche, ihr gebt mir eure Hand, daß ich ſie noch ein Mal ſchüttle. Nun, nun— wir ſind Freunde. Gott mit euch— mit meinem Vater— Catalina— Alt⸗Ireland!“. Sybrandt konnte die letzten Worte kaum noch hören und kurz darauf war die Seele des wackern Gilfillan auf dem Wege zu jenem Lande, das alle zu ihrer Zeit beſuchen,— und von dem niemand etwas weiß, als der Todte, der„nichts mehr erzählt.“ Gilfillan wurde mit allen Ehren des Kriegers begra⸗ ben— eine der feierlichſten und ergreifendſten Cere⸗ monien, welche ſich unſerm Gemüthe darbieten können. Scene und Gelegenheit vereinigten ſich, ſie beſonders anziehend und prunkvoll zu machen. Der ganze Ueber⸗ reſt des Heeres folgte der Leiche mit umgekehrten Waffen und verhüllten Trommeln, während ſämmtliche Muſik⸗ banden vereinigt die reiche, zarte Melodie von„Ellen a Roon,« dem Lieblingsliede des verſtorbenen Kriegers, daherbrauſen ließen. Von Minute zu Minute rollte ein Kanonenſchuß die Schluchten der Berge entlang, und hallte über den See hin, während die Ceremonie im Gange war; und drei Gewehrſalven verkündigten, daß die Leiche des edeln Gilfillan in dem Schooß ihrer Mutter Erde beigeſetzt ſeei. „Iſt es vorüber?“ rief Sybrandt, der auf ſeinem 11* — 164— Bette ausgeſtreckt lag und auf die rauſchenden Töne der Muſik und den Donner der Artillerie lauſchte.„Er iſt dahin, der Arme! vielleicht folge ich ihm bald.“ Der Gedanke war nicht erfreulich; denn er fühlte, daß ihn jetzt etwas an das Leben binde. Der Mangel an Luſt und Gehorſam von Seiten der Indianer, welche bei dieſen Grenzkriegen nicht zu ent⸗ behren waren, hatte das franzöſiſche Heer gehindert, ſeinen Sieg— denn in der That war es ein Sieg— ſogleich zu verfolgen. Die Wilden hatten viel gelitten, nur wenig zu rauben gefunden, und waren des Dienſtes müde; denn Ausdauer im Kriege bildet keinen Beſtand⸗ theil ihres Charakters. Nur mit Mühe konnten ſie bei⸗ ſammen gehalten werden, und dieſer Umſtand kam dem engliſchen Korps zu ſtatten, das, geſchmälert, wie es nun war, die Gelegenheit benutzte, ſich an den Georg⸗See zurückzuziehen. Während dieſer Zeit war Sybrandt's Lage fortwäh⸗ rend ſehr bedenklich. Seine Wunden waren nicht von Bedeutung. Der Verluſt des Blutes aber, der Einfluß der kalten Nachtluft, welcher er ausgeſetzt geweſen, und die folgende Erſchütterung ſeines Gemüthes, welche Gil⸗ fillan's Erzählung veranlaßt hatte, erzeugten ein ſchleichen⸗ des Fieber, das ſehr gefährlich zu werden drohte. Seine Schwäche war ſo groß, daß er, obgleich ſein Freund Sir William die zärtlichſte Sorgfalt auf ſeine Behaglichkeit und Ruhe verwendete, ſeine Ueberkunft zu Waſſer nach — — 165— Fort Georg kaum überlebte; er langte hier in einem Zuſtande an, welcher eine Wiedergeneſung faſt hoffnungs⸗ los machte. 4 Catalina war mittlerweile in das Haus ihres Vaters zurückgekehrt; es war aber jene Catalina nicht, welche es den Herbſt vorher verlaſſen hatte. Nach der Abreiſe von Sybrandt, Gilfillan und Sir Thickneſſe Thragmorton that nichts mehr ihrem Herzen oder ihrer Eitelkeit wohl. Die Zerſtreuung einer großen Stadt, welche ſo häufig die Wunden des Herzens heilen helfen, fehlten ganz; man ſprach von nichts mehr, als von Krieg; alle Gedanken waren auf den Krieg gewendet; alle Geſchäfte, alle Freu⸗ den ſtockten; und die Offiziere, welche das Hauptingredienz abgaben, das zu Ballen, Geſellſchaften und Luſtpartieen veranlaßte, waren alle an die Grenze geeilt. Sie hatte daher reichlich Muße zum Nachdenken und zur Reue. Obgleich ſie Sybrandt tadelte, weil er nicht in das ver⸗ borgene Innere ihres Herzens eindrang und ſich ſelbſt dort im Kampfe mit einer kleinen Schaar Eitelkeiten und Launen ſah, die ihm die Herrſchaft ſtreitig machten, konnte ſie doch mit gutem Gewiſſen nicht leugnen, daß er wenigſtens hinreichend ſcheinbare Gründe für ſeinen Abfall habe; und ſo geſellte ſich zu dem Verluſte ihrer Hoffnungen noch der Stachel des Selbſtvorwurfes. Ihre Lebhaftigkeit ſchwand; ihre blühende Farbe erbleichte, und die reiche Fülle ihrer Formen, wo Jugend und Geſund⸗ heit, ein glückliches Bewußtſein der Gegenwart und eine — 166— freudige Erwartung der Zukunft, ſich vereinigt hatten, das Antlitz und die Geſtalt einer Hebe zu vollenden, wich der Bläſſe, Erſchlaffung und Gleichgiltigkeit. Dieſen folgte eine reizbare Ungeduld, nach Haus zu reiſen, der eine gleiche, obgleich geheime Ungeduld von Seiten der Mrs. Aubineau, ſie los zu werden, entgegen kam. Dieſe Dame konnte Catalina nie, ſelbſt in ihrer letzten Stunde nicht, die Thorheit verzeihen, daß ſie die Gelegenheit, eine titu⸗ lirte Lady zu werden, nicht mit beiden Händen ergriffen hatte. Bei dieſem Stande der Dinge war die Aufforderung des Oberſten an ſeine Tochter, nach Haus zurückzukehren, Catalina und ihrer Wirthin gleichermaßen willkommen. Der Gaſt, welcher des Wirthes müde iſt, und der Wirth, der ſeinen Gaſt los zu werden wünſcht, ſind bei der Abreiſe ganz abſonderlich höflich und artig. Nichts konnte über das zärtliche, liebevolle Lebewohl der Mrs. Aubineau gehen, als die dankbare Anerkennung Catalina's für alle ihr zu Theil gewordene Güte. Unſere geſtrengen moraliſchen Leſerinnen— denn die Leſerinnen von Romanen ſind jetzt ſehr moraliſch und halten auf Zucht und Ordnung in Dingen, wo ſie weniger ſelbſt betheiligt ſind— werden hoffentlich nicht die Bitter⸗ keit ihrer Kritik auf dieſe Mode⸗Verſtellung werfen. Was wär' auch dieſe Welt und wer wollte oder könnte darin leben, wenn ein Jeder hier ſſeine wahren Gefühle vor dem Andern zur Schau trüge? Eine ſolche Probe hielten — 167— weder Freundſchaft, noch Liebe, noch die Bande der Ver⸗ wandtſchaft aus! Sie würden zu Grunde gehen, durch die rauhe Berührung eines ſolchen Probierſteins zerreißen, und wenn ſie noch ſo feſt geknüpft wären. Artigkeit und ſchöne Worte verdienen vielleicht den Namen Heuchelei nicht in ſo hohem Grade, wie der Triumph des Nach⸗ denkens und der Schicklichkeit über die Impulſe des Vorurtheils und der Bösartigkeit. Neunzehntes Kapitel. Catalina kehrt nach Haus zuvück Catalina ſchiffte ſich in einer jener Paketbote von Albany ein, welche damals allein den Dienſt des Perſonen⸗) Transports auf dem edeln Hudſon verſahen. Ihre ſchützende Begleiterin war die Gemahlin eines Offiziers, der eine hohe Stelle bei der Grenzarmee inne hatte. Scene und Jahreszeit waren kaum verſchiedener von denen ihrer Reiſe den Fluß herab, als ihre Gefühle und Erwartungen in dieſen zwei Perioden. So groß aber auch der Wechſel war, ſo unähnlich waren jetzt die äußeren Erſcheinungen und ihre Gefühle. Sie ſtanden in vollkommenem Wider⸗ ſpruch gegen einander. Damals ſtanden Catalina's Hoff⸗ nungen in ihrer ſchönſten üppigſten Blüthe, während die Schönheiten und die Blüthen der Natur in die bunten, aber melancholiſchen Tinten des hinſcheidenden Jahres verbleichten. Jetzt waren dagegen die jungen friſchen Kinder des Frühlings, Luft, Wälder, Vögel, Inſekten, die Stimme und das Antlitz der Natur erwacht— Alles athmete und regte ſich und rauſchte und ſang von neuen Wonnen und jungem Leben. Nicht ſo bei Catalina. Sie — 169— ſtellte nicht die lächelnde, erröthende, volle Ueppigkeit der roſenlippigen Frühlingsgöttin dar, ſondern die verbleichten und noch bleichenden Reize des ſchwermüthigen, nachden⸗ kenden, ſchweigſamen Abbildes des Herbſtes. Das Schiff freute ſich eines ſchönen, lieblichen Süd⸗ windes, der die Segel ſanft ſchwellte, brauchte aber doch vier Tage zu ſeiner Fahrt. Welch ein Zeitverluſt— beſon⸗ ders für Leute, die nichts zu thun haben. Wäre unſere Heldin ſo glücklich geweſen, in unſern Zeiten der raſchen Fortbildung— ſelbſt in dieſem zurückgebliebenen Welt⸗ theile geboren zu ſein— ſie hätte in zwoͤlf Stunden zu Haus ſein können. Hätte die Vorſehung es aber noch beſſer mit ihr gemeint und ſie wäre nicht allein in dieſem glücklichen Jahrhundert, ſondern auch in einem ſo glück⸗ lichen Lande wie Alt⸗England zur Welt gekommen, ſo wäre ſie vielleicht auf einer Eiſenbahn gereiſ't, welche es möglich machte, in einer Stunde ſechszig Meilen zurück⸗ zulegen. Welch eine mächtige Zeiterſparniß! Und wenn es die Sache junger Damen wäre, Zeit zu ſparen, welchen mächtigen Vortheil böte ſolch ein raſches Reiſen dar? Sie wäre in weniger als drei Stunden zu Haus geweſen! Gut, Herr, und was wäre dann geweſen? Ei, ſie hätte eine ſolche Menge Zeit geſpart! Sie wäre drei Tage früher zu den Ihrigen, nach Haus gekommen. Und hätte die freudige Hoffnung, ſie wiederzuſehen⸗ dieſe ganze Zeit verloren. Pah, was iſt die Hoffnung gegen die Wirklichkeit? — 170— Fragt jeden alten Herrn und jede alte Dame, denen ihr begegnet, und ſie werden's euch ſagen. Mein theurer Herr, das Kurze und Lange von der Sache iſt alſo, daß ihr das ſchnelle Reiſen für keinen Fortſchritt haltet? Wahrlich, nein! Ich giaube, wenn das Glück, oder die Intereſſen, oder die Ueberlegenheit des Menſchen auf irgend eine Weiſe vom ſchnellen Reiſen abhinge, hätte die Vorſehung einen Renner aus ihm gemacht oder den Edeln mit einem Paar Adlerflügel verſehen. Mein guter Herr, ihr ſeid um ein Jahrhundert hin⸗ ter dem Geiſt der Zeit. Hat nichts zu bedeuten— ich werde mich dieſer Tage auf eine Eiſenbahn ſetzen und ihn einholen. So brauchte Catalina, das arme Mädchen, denn vier volle Tage, um nach Albany zu kommen. Sie kam aber doch endlich nach Haus.„Eile mit Weile,“ hat Julius Cäſar geſagt, und ſo ſag' auch ich. Eile hat nie etwas getaugt, man müßte denn ſeinen Schuldnern entgehen wollen. Ihre Eltern empfingen ſie mit herzlichem Will⸗ kommen, und ſie nahm dieſen Willkomm mit Thränen hin, welche tauſend Erinnerungen der Vergangenheit aus ihren Augen lockten. Als die erſten Liebkoſungen vorüber waren, hatten ſie Muße, ihr geändertes Ausſehen zu beachten, was ſie mit einem ſtummen Wechſeln beſorgter Blicke thaten. Sie ſagten jedoch nichts; ſie argwöhnten die Urſache, und —ſ — 171— es war jetzt weder Zeit noch Gelegenheit, auf den Gegen⸗ ſtand anzuſpielen. Der ehrliche Ariel aber, der ganz außer ſich war vor Freude über ihre Wiederkehr und nie aus dem kleinen Kreiſe der Gegenwart herauszutreten im Stande war, rief, da ihm ihre Bläſſe plötzlich auffiel, plötzlich aus:— „Ei, Catalina— ei, die Peſt darauf— was habt ihr? Ihr ſeht ja aus wie ein Geſpenſt?“ „Nichts, Oheim,“ antwortete ſie und brach in Thrä⸗ nen aus. „Ei— die Poſt darauf— nun, weint doch nicht! Ich wollte euch ja nicht——“ uUnd der biedere Ariel, deſſen Herz wie ein Butter⸗ weck an der Sonne zerſchmolz, weinte herzlich, um ihr Geſellſchaft zu leiſten. „Sie iſt müde von der Reiſe,“ ſagte die bedachtſame Mutter,—„und wahrlich, du thäteſt wohl, Catalina, wenn du vor dem Eſſen ein wenig ruhteſt. Komm, meine Liebe!“ Und Catalina folgte ihrer Mutter in ihr Gemach. „Ich will mich todt ſchießen laſſen, wenn ich weiß, was ich aus all dem machen ſoll,“ rief Ariel und wiſchte ſich die Augen. „So ergeht es mir gerade,“ dachte der Oberſt,— „aber wir werden es zur rechten Zeit erfahren. Ehe die Sonne wieder aus den Bäumen ſteigt, wird ihre Mutter alles aus ihr heraus haben.“ Und dies that ſie auch. Die Sache iſt, ſie wußte alles bereits vorher durch ihre Freundin, Mrs. Aubineau. Sie hatte aber nichts dagegen, es noch einmal zu hören, denn, dachte ſie, eine gute Geſchichte verliert nie, wenn man ſie zweimal erzahlt. „Ach, Catalina,“ rief ſie und ſchüttelte ihre Hand, —„ich fürchte, du kommſt nie dazu, eine titulirte Lady zu werden— in deinem Leben nicht.“ „Ich glaube, ich werde es nicht erleben, irgend etwas zu werden,“ ſagte ſie und ihre Thränen rollten über die lilienbleichen Wangen. 1 „Der hochgeborne Oberſt Gilfillan,“ ſagte Madame, —„iſt an den Grenzen, glaube ich.“ „Mag er ſein, wo er will,“ dachte Catalina,„wenn ich nur nie ſein Geſicht wieder ſehen muß.“ „Und auch Sybrandt Weſtbrook iſt dort.“ Catalina wünſchte ihn nicht dahin, wo ſie ihn nie wieder ſehen konnte, vielleicht aber that es die alte Dame. „Er iſt ein eiferſüchtiger Thor,“ ſagte Madame. „Wer, liebe Mutter?“ „Sybrandt!“ „Wahrlich, Mutter, ihr irrt euch,“ ſagte ſie feſt. „Dann haſt du ihm Urſache gegeben,“ ſagte Madame einigermaßen in dem Tone des Frohlockens. „Wahrlich, nein— das heißt, wenn er meine wah⸗ ren Gefühle gekannt hatte, würde er zufrieden gewe⸗ ſen ſein.“ — 173— „Ah,“ dachte die Mutter,—„es iſt eine alte Geſchichte bei Mädchen, daß ſie ſich wie kleine T— gegen ihren Liebhaber betragen und ſie dann tadeln, weil ſie ihnen nicht in das Herz ſehen könnten. Sie verſuch⸗ ten aber ebenſo vergebens einen Blick in das Innere eines—, Sie konnte keine Vergleichung finden, welche ihr ganz entſprechend ſchien; ich glaube aber, ſie hatte einen Kürbiß im Sinne. Madame erzählte dem alten Herrn alles und ging unmittelbar darauf nach Albany,— warum? konnte außer ihr niemand ergründen, obgleich ich meine eige⸗ nen Vermuthungen habe. Ich werde aber die Geheim⸗ niſſe der alten Dame nicht verrathen, obgleich ſie— ihre Seele ruhe in Frieden— längſt todt iſt und ich mich nicht vor Geiſtern fürchte. Ich mag nicht mehr ſagen, als daß einige Tage nach dieſer geheimnißvollen Reiſe die Angelegenheit Catalina's an mehreren Theeti⸗ ſchen beſprochen wurde, obgleich niemand wußte, wie die Sache unter die Leute gekommen war. „Ich werde an Sybrandt ſchreiben und alles in's Geleiſe bringen,“ ſagte der biedere alte Gentleman, Oberſt Vancour. „Wie?“ riefen Madame und Catalina zu gleicher Zeit—„wie? Und ihr wollt ihm ſagen, daß ſte— daß ich— ſeinetwegen ſterbe? Oh Vater,“ ſetzte Catalina hinzu,—„lieber wollte ich todt ſein.“ — 174— „Ich ſäh' ſie lieber an den— hochgeborenen Ober⸗ ſten Gilfillan verheirathet,“ dachte die alte Dame. „Es kann kein Eingriff in das Zartgefühl eines jun⸗ gen Mädchens ſein, wenn man ihren Geliebten von irrigen Anſichten hinſichtlich ihres Benehmens befreit. Du weißt, daß er dich liebte und das iſt genug.“ „Aber, mein Vater, er kann ſeitdem eine Andere liebgewonnen haben.“ „O, gewiß,“ rief der Oberſt,— irgend eine ſchöne Rothhaut!“ „Ach, die Männer haben kein Gefühl,“ dachte Cata⸗ lina und ſeufzte:—„Wie kann mein Vater über eine Leidenſchaft ſcherzen, welche die ganze Seele bewältigt!“ Die Leute werden klüger, wie ſie älter werden, meine liebe, kleine Heldin; in jedem Falle werden ſie ſelbſtſüchtiger, und dieß wird oft für Klugheit genommen. Die Zeit wechſelt, ſag' ich, und die Menſchen mit ihr; aber damit iſt nicht geſagt, daß die Wechſel zu etwas beſ⸗ ſerm führen. Catalina widerſetzte ſich dem Schreiben an Sybrandt, und ſo that ihre Mutter, obgleich ſie nicht umhin konnte, üͤber den Geſundheitszuſtand ihrer Tochter ängſtlich beſorgt zu ſein. „Es iſt noch niemand an der Liebe geſtorben,“ dachte ſie, und ſie hatte recht. Die Liebe iſt an ſich keine Krankheit, aber ſie erzeugt oft Krankheiten, welche das — 175— Mark des Lebens ausſaugen und einen frühzeitigen Tod herbeiführen. Er kommt langſam, aber unvermeidlich. Wie dem auch ſein mag— der Oberſt war Einer gegen Zwei, und dieſe waren Frauen. Der Oberſt war nur ein Mann— und ſo murrte er und unterwarf ſich. Was konnte ein Mann mehr thun? Zwanzigſtes Kapitel. Ein Kapitel gegen die Mildthätigkeit. Ich habe bis auf dieſen glücklichen Augenblick noch nicht erforſchen können, ob Catalina ſich freute oder betrübte, daß ſie ihren Willen durchgeſetzt hatte. Auf jeden Fall war es einer von Pyrrhus Siegen und ſie wünſchte nie wieder einen ähnlichen davon zu tragen. Sie hatte nun Muße, der ganzen Wonne des Grames nachzuhängen, aber der Gram hört, wie alle Wonnen bald auf, ein Vergnügen zu ſein. Er iſt eines der lang⸗ weiligſten Dinge von der Welt, wenn er lange währt. Für einen Augenblick— für einen Fieberanfall— ganz gut! Aber jeden Tag und den lieben langen Tag— und jede Nacht und die liebe lange Nacht— die menſchliche Natur hält dergleichen nicht aus und ſucht gegen den tückiſchen, nagenden Feind Zuflucht in der Erfüllung ihrer Pflichten gegen ſich und Andere. Glückliche Nothwen⸗ digkeit! Catalina zwang ſich, in die Beſchäftigungen und Pflichten des häuslichen Lebens einzugehen; und wer Beſchäftigung ſucht, wird bald Intereſſe an dem nehmen, was er thut. Es gibt tauſend kleine Handlungen der —— — 177— Pflicht, der Liebe, der Aufmerkſamkeit, welche Frauen, und nur Frauen zu erfüllen vermögen, und welche weder gegen das Zartgefühl der höhern Stände noch gegen das Gebahren des gebildeten Geiſtes anſtoßen. Dieſes Zuſam⸗ mentreffen iſt, ich geſtehe es, nicht gewöhnlich; aber ich habe— dem Himmel ſei Dank— Frauen geſehen, welche den Willen und die Kraft, nützlich zu werden, mit der höchſten Ausbildung des Geiſtes und der Sitten und den edelſten geiſtigen Befahigungen, welche dem ſchönen Geſchlechte ziemen, vereinigten. Ich wünſchte, recht viele ſolcher Frauen zu finden! Wenn ſie aber ſo gewöhnlich wären, ſo würden ſie keine Seltenheit mehr ſein, und wenn ſie keine Seltenheit mehr wären, würde ſie nie⸗ mand ſchätzen. Ohne Zweifel iſt es am beſten, wie es iſt. Beugen wir uns in demuthsvoller Hingebung und danken wir unſerm Sterne, daß wir, ſelbſt ſchwache Männer, ſo viel vom ſchönen Geſchlechte finden, die nicht ganz Engel ſind; gäb' es viele ganz vollkommene Frauen— wo unter der Sonne fände man Männer, welche ihrer würdig wären? Catalina war geſchaffen, ein Segen und eine Zierde ihres Hauſes und ein Kleinod in dem Herzen eines Gat⸗ ten zu ſein, ſonſt hätten wir ſie nie, da die Wahl uns anheimgegeben war, zu unſerer Heldin gewählt. Obgleich nicht vollkommen, war ſie doch ein vollendetes Weib, und wer ſich damit nicht begnügen will, der mag ſein ganzes Leben ein Junggeſelle bleiben. Es fand ſich in Paulding. IV. 1² der Wohnung des Oberſten Vancour auch eine Biblio⸗ thek, welche, obgleich ſie aus majeſtätiſchen lateiniſchen Bänden von der holländiſchen Schule beſtand, doch da und dort auch ein Werk leichterer Form und Natur zeigte. Es gab nur wenige Romane darin; da ſie aber eine Seltenheit waren, ſo waren ſie um ſo verführeriſcher, und ihre Vortrefflichkeit ließ ſelbſt ein öfteres Durchleſen derſelben zu. Ihre Verfaſſer hatten es nicht auf augen⸗ blickliche Erregung und Schlageffekte abgeſehen, ſondern ſte in wahrhaft poetiſche Schönheiten gekleidet, welche ſich bei jeder neuen Lectüre wie Roſenknospen in der Mor⸗ genſonne öffneten. Neben dieſen hatte Catalina Muſik und Freundinnen, und die Güte ihres Vaters geſtand ihr die Mittel zu, ſich jedes vernünftige Wergugen zu verſchaffen. Welch eine Schande, mit ſo vielen Quellen des Glückes unglücklich zu ſein! Und unſere Heldin war nicht glücklich! Es fehlte ihr— es fehlte ihrem Herzen etwas! Es war der Gefährte ihrer Kindheit, der Freund ihrer Jugend, der Retter ihres Lebens. Sie beſuchte oft die Stelle, wo der ſchreckliche Kampf mit Kapitän Pipe ſtatt gefunden hatte und kehrte ſtets mit neuem Kummer zurück; ſie konnte nicht an ihrem Fenſter ſitzen und in den Garten blicken, ohne ſich der Gefahren zu erinnern, welche ſie bedroht hatten, ohne ſich in das Gedächtniß zurückzurufen, daß ſie der wachſamen Zärt⸗ lichkeit ihres Geliebten ihr Leben verdanke, welchen Pfad — 179— ſie auch immer wandelte,— irgend etwas erinnerte ſie an ihn und dieſe Erinnerung nahm ſtets ihre Zartlichkeit und Dankbarkeit in Anſpruch. Sie hatte ihn jedoch ver⸗ loren und zwar durch ihre eigene Schwäche und ECitelkeit. Dennoch ließ ſie ſich von der Schwäche ihres Her⸗ zens nicht bewältigen. Sie verſuchte jedes Hilfsmittel und zuletzt das, Kinder leſen und ſchreiben zu lehren. Während ſie in New⸗York geweſen, hatte Madame Van⸗ cour eine wahre Leidenſchaft gefaßt, Gutes nach einem großen Maßſtabe zu thun— eine gefährliche Neigung bei Frauen, denn ſie artet leicht in die Schwäche einer urtheilsloſen Milde aus. Dem Unglücke der Menſchheit aufhelfen, ohne ihre Laſter, ihren Müſſiggang und ihre Ausſchweifungen zu ermuthigen, iſt eine zarte, ſchwierige Aufgabe; es fordert eine Kenntniß von den düſtern Sei⸗ ten der Welt und eine Selbſtverleugnung, welche Frauen glücklicherweiſe ſelten erlangen; und darum iſt ohne Zwei⸗ fel der große Antheil, welchen ſie in neuern Zeiten an der Vertheilung der öffentlichen und Privatmildthätigkeit genommen, eine der Haupturſachen der großen Verbrei⸗ tung von Müßiggang, Armuth und der daraus fließen⸗ den Laſter geworden, die jedem Beobachter in die Augen fallen muß. Mit den beſten Abſichten von der Welt, zu denen ſich, wie zu allen unſern beſten Abſichten eine kleine Por⸗ tion Eitelkeit und Gelbſtgefälligkeit geſellte, beſchloß Madame Vancour auf ihre Koſten eine Schule für die Kinder der 12* — 180— umwohnenden Armen zu gründen. Nicht als wenn es irgend arme Leute in der Nachbarſchaft gegeben hätte, welche wirklich der Mildthatigkeit in dieſer Hinſicht bedurf⸗ ten; denn Reichthum und Armuth waren in jener frühen Periode nicht ſo unverhältnißmäßig vertheilt, wie ſie es jetzt ſind. Obgleich ſie aber alle durch Fleiß und Spar⸗ ſamkeit in den Stand geſetzt waren, ihren Kindern den Unterricht geben zu laſſen, welchen ihre Lebensweiſe for⸗ derte(und nicht nur überflüſſig, ſondern verderblich iſt, was darüber hinausgeht), ſo flüſterte doch dieſe neuge⸗ borne Begierde, Gutes zu thun, Madame Vancour zu, daß es ſehr menſchenfreundlich wäre, dieſe Leute der Laſt, ihre eigenen Sprößlinge zu erziehen, zu überheben. Sie ging daher mit Begeiſterung an das Werk; und ihr erſter Schritt war, dieſe würdigen Leute, welche ſich bis⸗ her recht gut fortgeholfen hatten, zu überzeugen, daß es ſehr mühſam für ſie wäre, gewiſſen kleinen Lebensfreu⸗ den entſagen zu müſſen, um den Unterricht für ihre Kin⸗ der zu bezahlen. „Wat? meine eigene rechtmäßig erzeugden Kinter?“ rief der alte Van Bombeler, welcher ſich durch das Ver⸗ fertigen geflochtener Stühle nährte:—„Ei, wer ſoll tenn pezahlen für ihren Unterricht, wenn nicht ich? bin ich tenn nicht ihr Vader?“ Aber Madame Vancour brachte den alten Van Bom⸗ beler bald zur Vernunft, indem ſie ihm zeigte, wie er für das Geld, welches ihn der Unterricht für ſeine drei — 181— Kinder koſtete, ſechs Maas reinen Jamaica⸗Rum und eben ſo viele Pfund Zucker und überdies ein neues Kleid für Mrs. van Bombeler kaufen bönne. „Duyvel!“ ſagte Van Bombeler,—„ei, ich hape nie vorher an tad gedacht.“ Sofort willigte er in den Wunſch der Dame. Auf dieſe Weiſe überredete dieſe gute Frau— denn gut war ſie gewiß dem Begriffe nach, obgleich, wie ich fürchte, nicht praktiſch gut in dieſem Falle— die trefflichen Leute, ihre Nachbarn, die ſo natürliche, ja ſtolze Freude, ihre eigenen Kinder durch den Schweiß ihres Angeſichts zu erziehen, aufzugeben. Nur ein einziger wackerer Hollän⸗ der verwarf ihre Milde und beſtand darauf, ja, er ſchwor, niemand ſolle ſeine Mildthätigkeit an ihm beweiſen wollen. „Ich will meine Finger bis auf tie Knochen abar⸗ peiten und ſie für mein eigenes Gelt in die Schule ſchicken unt tann will ich ſehen, ob ſie ihre Erziehung nicht wieter abvertienen, wenn ſie groß genug ſint!“ Aber Madame rächte ſich— ſie brachte ihn um ſeinen Handel mit Kehrbeſen, indem ſie einen anderen zu dem Geſchäfte ermunterte und unterſtützte, welcher, da er in einem der kleinen Häuſer des Oberſten Vancour wohnte und keine Miethe bezahlte, ſeine Waaren wohlfeiler gab und den andern zu Grund richtete. Durch dieſes Mittel kam der eigenſinnige Thor zur Vernunſt, und ſeine Armuth, wenn nicht ſein Wille, ließen es endlich zu, daß ſeine Kinder in der Freiſchule Unterricht erhielten. Aber dieſe Schwierigkeiten, ſich Gegenſtände für die Ausübung ihrer neugebornen Tugend zu verſchaffen, ſchwanden bald. Allmählich verſöhnte die Gewohnheit die guten Leute mit der Schmach, der Mildthätigkeit zu ver⸗ danken, was ſie durch ihre eigene Arbeit ſich verſchaffen konnten; die zahlreichen Zöglinge, welche ſich bald ein⸗ ſtellten; die ſtolze Haltung der Madame Vancour, zu welcher alle mit der größten Ehrfurcht empor ſahen; vor allem aber das Erſparniß kleiner Summen, mit welchen man ſich in anderer Weiſe gütlich thun konnte— alles zielte darauf hin, daß der Plan der guten Dame die öffentliche Meinung für ſich gewann. Man ſah im Ver⸗ laufe einer kurzen Zeit mit Erſtaunen, wie beſorgt män⸗ niglich war, der Laſt, ſeine Kinder zu erziehen, über⸗ hoben zu werden; und mit welcher ungemeinen Freude Mei⸗ ſter Van Bombeler ſich rühmte, nun in den Stand geſetzt zu ſein, zweimal ſo viel zu trinken, als vor dieſer ſegen⸗ reichen Neuerung. Nach einer kleinen Weile bemerkte man einen bedeutenden Fortſchritt an dieſem Theile der ufer des Hudſon: die Augen der Kinder waren ſtets auf Madame Vancour ſtatt auf ihre unwiſſenden Eltern gerichtet, und die Eltern begannen Kleider von beſſerm Schnitt zu tragen, mehr Zeit außer dem Hauſe als in dem Hauſe hinzubringen, ein großes Intereſſe an allem zu nehmen, das ſie nichts anging und ihre Naſen viel höher zu tragen, als andere Leute— denn ſie hatten ja jetzt die natuͤrlichen und nicht abzuweiſenden Rechte erkannt, — 183— welche Jedermann's Kinder hatten, ſich von irgend Jeman⸗ den erziehen zu laſſen, gerade, wie es Gott gefiel. Die heilſamſte Folge aber war, daß die Eltern allgemach anfin⸗ gen, weniger Intereſſe an ihren Kindern zu nehmen, da ſie einſahen, daß dieſelben ganz der Geſellſchaft angehörten, und daß, da ſie dieſelben größtentheils der Sorge Anderer überließen, weniger zu fürchten war, ſie wöchten die Kleinen mit ihrem ſchlechten Beiſpiele anſtecken. Einundzwanzigſtes Kapitel. Plinius der jüngere. Madame Vancour hatte das unſägliche Glück, zur Vollendung ihres guten Werkes einen ſehr thätigen Gehil⸗ fen in der Perſon des Meiſter Plinius Coffin(des ſechs⸗ zehnten), ehedem von Nantucket⸗Inſel, zu erhalten. Pli⸗ nius war der jüngſte von neun Söhnen und einer unzähl⸗ baren Menge von Töchtern, unter Kapitän Plinius Coffin (dem fünfzehnten) einem bei Tag und bei Nacht uner⸗ müdlichen raſtloſen Manne geboren. Da ſein Oheim, der Diaconus Plinius Maiheu(der zehnte) Pathenſtelle bei ihm vertrat, unterſtützte ihn dieſes würdige„Wallrath⸗ Licht der Kirche,“ wie man ihn nannte, und ſchickte ihn ſchon frühe in die Schule, in der Hoffnung, er werde den Fußſtapfen ſeines Oheims folgen. Plinius der jün⸗ gere hatte aber einen natürlichen, unwiderſtehlichen Beruf zu dem Salzwaſſer, ſo daß, als er kaum zwei Jahre alt, unter dem einzigen Baume in Nantucket, der vor Kapitän Coffin's(des fünfzehnten) Hauſe ſtand, ſpielen durfte, beſtändig an das Meerufer hinabkroch und wie eine junge Ente ſich in dem Waſſer herumtrieb. Auf gleiche Weiſe entwickelte Plinius der jüngere in ſehr zar⸗ — 185— ter Jugend eine mächtige Vorliebe für große Wallfiſche, wozu ihn ohne Zweifel die Geſchichten ſeines Vaters, Pli⸗ nius des ältern, veranlaßt hatten, der ſeiner Zeit ſelbſt ein mächtiger Wallfiſchfänger war. Als er gegen drei Jahre alt war, wurde ein Wallfiſch zu Nantucket wäh⸗ rend eines Sturmes an das Land getrieben und ſtarb hier zum großen Vergnügen der Umwohnerſchaft, welche von allen Seiten herbeiſtrömte, um ihren Antheil an der Beute in Anſpruch zu nehmen. Am Morgen dieſes merkwürdigen Tages, deſſen man noch in den Annalen von Nantucket gedenkt, wurde Plinius der jüngere ver⸗ mißt und auf der ganzen Inſel nicht gefunden, obgleich große Nachſuchungen angeſtellt wurden. Wie grämte ſich ſeine Mutter, eine ſtarke, kräftige Frau, die drei India⸗ ner mit ihrer eigenen ſchönen Hand getödtet hatte. Als die Leute um die Leiche des mächtigen Thieres verſam⸗ melt waren und das geheimnißvolle Verſchwinden des Kindes beſprachen— wie groß war ihr Staunen, ihn aus dem Bauche des Fiſches hervorkommen und fröhlich über den Streich lachen zu ſehen, welchen er geſpielt! Aber der Wahrheit die Ehre! Er nahm die Gelehr⸗ ſamkeit zu ſich, wie die Leute, beſonders die Mediciner, Arznei nehmen,— mit vieler Marter und vielem Ver⸗ ziehen des Geſichtes. Wirklich lernte er nie in ſeinem ganzen Leben ſeine Aufgabe, bis ihm glücklicherweiſe in ſeinem vierzehnten Jahre ein Bilder⸗Büchlein in die Hände fiel, in welchem ein Wallfiſch abgebildet war, der — 186— ihn ſo ſehr in Entzücken verſetzte, daß er an einem und demſelben Tage die ganzen zwei Zeilen auswendig lernte, welche unter dem Bilde ſtanden. Der Lehrer nahm ſich dieſen Wink zu Herzen und brachte ihn, indem er allen ſeinen Aufgaben das Bild eines Wallfiſches vorklebte, mächtig weit auf der Bahn der Viſſenſchaft. Mit dem Laufe der Zeit kam er ſo weit, daß er Diaconus genannt wurde und ſeine erſte Predigt halten ſollte, wobei ihn ein ſehr großer Unfall traf, welcher Urſache ward, daß er das weite Feſtland des Univerſums als Wanderer betrat. Unglücklicherweiſe ſtand die Kapelle, in welcher er ſeinen erſten Verſuch machen ſollte, ſo, daß man die volle Ausſicht auf das Meer hatte und von der Kanzel das Rollen der Wellen ſehen konnte. Plinius der jün⸗ gere hatte ſeinen Text eben in ſechszehn Theile getheilt, ſieh, da erſchien ein mächtiges Schiff, das, mit einem weißen Bein in ſeinen Zähnen, Wolken von Leinwand ausbreitete und mit prächtigem Winde auf die Inſel zuflog. Alsbald kreuzte die Ueberzeugung, dies ſei das gute Schiff Albatroß, das vom Wallfiſchfang in der großen Südſee zurückkehrte, der Geiſt des neuen Apoſtels und ſeine knabenhafte Liebhaberei trug— wir ſagen es mit Leidweſen— den Sieg davon. Außer ſich vor Neugier und Eifer ſtürzte er vom Pulte und lief ungeſtüm an den Strand, während der Diaconus Maiheu und die fromme Gemeinde ſo zu ſagen heulend in der Wildniß zurückblieben. Der Diaconus war Feuer und Flamme — 187— des Zornes und enterbte ihn ſogleich. Die Leute ſagten, er ſei vom Teufel beſeſſen und ſprachen davon, ihn der Feuerprobe zu unterwerfen, worauf der unglückliche Jüng⸗ ling ſich aus dem Lande ſeiner Vaͤter verbannte und ſein Glück unter den Heiden zu ſuchen beſchloß, die Thürme an ihren Kirchen hatten und ſich der Sünde weißer Aermel ſchuldig machten. Von ſeinen Wanderungen und den Zufällen ſeiner Pilgerfahrt weiß ich nichts, bis ſein Stern ihn auf die Niederungen am Hudſon führte, wo es weder Wallfiſche noch Wallfiſchfahrer gab, die ihn in Verſuchung führen konnten. Da es eine der beabſichtigten Verbeſſerungen der Madame Vancour war, die engliſche Sprache unter ihren Zöglingen einzuführen und den heidniſchen holländiſchen Dialect ganz zu verbannen, ſo nahm ſie das erſte Aner⸗ bieten des jüngern Plinius eifrig an und beauftragte ihn ſofort, ihre Pflanzſchule zu beaufſichtigen. In dieſer Lage fand ihn Catalina, welche, wie wir vorher bemerkten, in der Muthloſigheit ihres Geiſtes beſchloß, ihrem Kummer dadurch Linderung zu verſchaffen, daß ſie der ſchwierigen Aufgabe ſich unterzog, andern nützlich zu werden. Sie theilte daher dann und wann die Berufsgeſchäfte des Meiſter Plinius, was ſeinem innern Menſchen zu großem Troſt gereichte. Er gab ſich große Mühe, ſie in die Geheimniſſe ſeines philoſophiſchen, praktiſchen, elementa⸗ riſchen und wiſſenſchaftlichen Syſtems der einzig richtigen Erziehung einzuweihen, auf welches er ſich nicht wenig zu — 188— gut that, und nicht mit Unrecht, denn es iſt unſerer Zeit mit dem beſten Erfolge wieder aufgewärmt und von Padagogen angewendet worden, welche nicht ſo gewiſſen⸗ haft waren zu ſagen, woher ſie es genommen. Wie Newton die Lehre von der Schwere der Körper daher abnahm, daß er einen Apfel auf die Erde fallen ſah und wie der berühmte Markis von Woreeſter die erſte Idee von der Anwendung des Dampfes daher ſtahl, daß er den Deckel eines Topfes ſteigen und fallen ſah; ſo bildete und vervollkommnete Meiſter Plinius ſein ganzes Erziehungsſyſtem nach dem angeführten Begebniß mit dem Wallfiſch in dem Bilderbuche. Da er ſich erinnerte, mit welchem Eifer er durch ein Bild zum Lernen geſpornt worden, ſo beſchloß er, Gemälde und Bilder zu den großen Mitteln zu machen, wie er ſich ausdrückte,„die ‚„verborgenen Kräfte des jugendlichen Genius zu entfalten, den Gang des Geiſtes anzufeuern und die Entwickelung des Gemüthes zu beſchleunigen.“ Da aber Bilder in jener Zeit etwas ziemlich ſeltenes waren, beſtimmte er einen Tag in jeder Woche, an welchem er mit der gan⸗ zen Schule auszog, um Material für ihre Studien zu ſammeln, d. h., Eicheln, Kieſeln, Blätter, Beeren, Amei⸗ ſen, Käfern, Schmetterlinge und alles mögliche. Wenn einer der kleinen Schelme„Käfer“ ausſprechen oder buchſtabiren ſollte, ſo ſtellte er einen dieſer neuen Kunſt⸗ profeſſoren unmittelbar über das Wort und mächtig war ſeine Freude, zu ſehen, wie das Kind durch dieſen Bei⸗ — 189— ſtand die Buchſtaben zu dem Worte„Käfer“ zuſammen leimte. Auf dieſe Weiſe lehrte er alles mittelſt der Anſchauung und rühmte ſich der Originalität dieſer Methode wegen, kaum ahnend, daß er nur die Schrote der chineſiſchen Zeichen und der ägyptiſchen Hieroglyphen gefaßt habe. Hochmuth kommt aber vor dem Falle! Eines Tages ſtellte Meiſter Plinius auf Catalina's Begeh⸗ ren ſeine Schüler auf die Probe, indem er ſie auffor⸗ derte, ohne die Hilfe ſichtbarer Gegenſtände und durch das bloße Anſchauen der Buchſtaben zu leſen. Die Sache lief ſehr ſchlecht ab; kaum ein einziger war im Stande,„Käfer“ zu leſen, ohne die Gegenwart dieſes Thieres über dem Worte. Sie waren an den Beiſtand der Sache ſo gewöhnt worden, daß ſie wenig oder keine Aufmerkſamkeit auf die Buchſtaben, welche ſie darſtellten, richteten und Catalina machte Meiſter Plinius die Bemerkung, die Kinder hätten wenig oder nichts gelernt; was ein Käfer ſei, wär' ihnen vorher bekannt geweſen und mehr wüßten ſie auch jetzt nicht. „Ja,“ antwortete er,„aber die Methode macht das Erwerben von Kenntniſſen ſo leicht!“ „Für den Lehrer, gewiß,“ verſetzte Catalina. In der That fand ſie, als ſie die Verbeſſerungen in Meiſter Plinius Syſtem genau unterſuchte, daß ſie alle auf einen Punkt hinſtrebten— nämlich, nicht die Mühe des Schülers beim Lernen, ſondern die des Meiſters beim Lehren zu vermindern. Ich enthalte mich, aller der — 190— andern manchfachen Plane des Meiſter Plinius zu geden⸗ ken, um die Fortſchritte des Geiſtes zu fördern. Es iſt genug, wenn wir ſagen, daß ſie alle, einer nach dem andern, aufgegeben wurden, da ſie, wenn man ſie ſtark in das Auge faßte, ſich nicht probehaltig zeigten. Sie ſind jedoch ſeitdem mit wunderbarem Erfolg von verſchiedenen berühm⸗ ten philoſophiſchen Pädagogen des In⸗ und Auslandes wieder in das Leben gerufen und in ein ſo vollendetes Syſtem gebracht worden, daß ſie nicht die geringſte Mühe haben, zu lehren, und die Kinder nur Luſt und Freude, zu lernen. Glückliche Zeit! Und glücklicher Plinius, wenn er heute noch lebte, und das Licht, das er angezündet, über das ganze Univerſum leuchten ſähe! Er gab jedoch ſein Syſtem auf den Wunſch eines gewiß ungelehrten Maͤdchens auf und verließ bald darauf die Ufer des Hud⸗ ſon— und auch hier hatte ein Mädchen die Hand im Spiele. Der böſe Geiſt, der Plinius getrieben, von der Kanzel wegzulaufen, ſpornte ihn jetzt, den Kopf in das Feuer zu ſtecken. Plinius war ein roſenwangiger, friſch⸗ ausſehender Mann, welchen die holländiſchen Mädchen in der Gegend ſehr bewunderten, mehr aber noch eine gewiſſe Perſon, die namenlos bleiben ſoll. Er hielt ſich für einen Adonis; und ſagte ſich ſelbſt, kein junges Mädchen von Stand würde ſich freiwillig herablaſſen, Schullehrerin zu werden, wenn ſie nicht einen mächtigen Beweggrund dazu habe. Der beſagte Teufel flüſterte ihm zu, dieſer Beweg⸗ — 191— grund könne nichts anderes ſein, als die Bewunderung ſeiner Perſon und die Liebe zu ſeiner Geſellſchaft. Auf 1 dieſen Wink hin begann er, das junge Fräulein zu beäu⸗ geln; dann, jede Gelegenheit wahrzunehmen, ihre Hand zu berühren und ihren Arm zu ſtreifen, bis ſie nicht mehr umhin konnte, das Eigene ſeines Benehmens zu bemer⸗ ken. Endlich ſchrieb er ihr einen Liebesbrief von ſolcher transcendenten Ausdrucksweiſe, daß Catalina aus Furcht nie wieder in die Schule kam. Sie wollte den einfal⸗ tigen Geſellen nicht unglücklich machen und ließ ihn auf dieſe Weiſe ſein Schickſal erfahren. Der arme Plinius der jüngere wurde ſehr betrübt und verließ bald darauf die Niederungen, um in ſeine Geburtsgegend zurückzu⸗ kehren, wo er von ſeinem Oheim, dem Diaconus freund⸗ lich aufgenommen wurde und auch wieder Zutritt zu der Kanzel fand. Maͤchtig predigte er hier manches Jahr, lief keinem Wallfiſchfänger mehr nach und wurde bald, nach dem Tode ſeines Vaters, Plinius der ältere genannt. Zweinndzwanzigſtes Kapitel. Briefe ohne Antworten. unſere unglückliche Heldin hatte ſo das Schickſal, einen ihrer Bewunderer nach dem andern zu verlieren. Mitt⸗ lerweile war, während des Fortgangs dieſer Begebniſſſe, eine Korreſpondenz über öffentliche Angelegenheiten zwi⸗ ſchen Sir William Johnſon und dem Oberſten Vancour eingeleitet worden, in welcher jener Gelegenheit genom⸗ men hatte, Sybrandt's Benehmen in Ausdrücken des höchſten Lobes zu erwähnen. Er ſprach von ihm als einem Jüngling von ſeltenem Muthe und ungewöhn⸗ lichen Talenten, an deſſen künftigem Schickſale er den innigſten Antheil nehme. Auch die Offtziere, welche dann und wann auf ihren Reiſen von der Grenze nach New⸗ York in dem Hauſe des Oberſten anhielten, gaben ihm einſtimmig das Zeugniß eines tapfern, unternehmenden Kriegers, und, das Ganze zu krönen, that der Ober⸗ general in ſeinen Berichten an die Regierung ehrenvolle Erwähnung von unſerm Helden. Catalina blieb all dies nicht unbekannt und ſie konnte nicht umhin, eine ſtolze Freude zu fühlen, daß der Mann, welchem ſie ihr Herz gegeben, dieſer Gabe würdig ſei. — 193— „Aber,“ ſagte ſie—„er iſt für mich verloren— er iſt verwundet— vielleicht dem Tode nahe— und er hat es nicht der Mühe werth gehalten, derweil nach uns zu ſenden oder uns zu ſchreiben.“ Darin that ſie aber unſerm Helden unrecht. Er lag lange zwiſchen Leben und Tod; endlich aber ſiegte die Kraft der Jugend, unterſtützt durch ſeine Hoffnungen auf die Zukunft, über das ſchleichende Fieber, das ſeinen Wunden und der Erkältung gefolgt war, und er begann allmählich, jedoch langſam, wieder zu geneſen. Sobald ſeine Kraft es erlaubte, ſchrieb er an Catalina und ſetzte ſie von allem in Kenntniß, was er durch Gilfillan erfah⸗ ren, entſchuldigte ſich wegen ſeiner ungegründeten Eifer⸗ ſucht und ſeiner raſchen Abreiſe von New⸗York und gab es ihrem Edelmuth anheim, ihm zu verzeihen. Nun war in dieſer Zeit keine Gelegenheit vorhanden, den Brief auf ein ſichere Weiſe in ihre Hände zu bringen und Sybrandt hatte nicht ſo viel Geduld, den Abgang eines Couriers zu erwarten. Als er ſich nach einem Boten umthat, fiel ihm ein halber Indianer ein, ein Burſche, der ſtets um das Fort lungerte und für Rum alle Arten von Hand⸗ dienſten leiſtete— ein Landſtreicher in dem ausgedehnteſten Sinne dieſes Wortes. Doch hatte er den Ruf, voller Muth, Klugheit und Treue in der Erfüllung ſeiner Pflichten zu ſein, und unſer Held beſchloß, ihn als den Herold Cupido's abzuſchicken, welcher wahrſcheinlich noch nie vorher durch einen ſolchen Pagen bedient worden Paulding. IV. 13 war. Er hatte in frühern Zeiten die Niederungen am ufer des Hudſon oft beſucht, war dort bekannt und Sybrandt hatte ihn öfter in jenen Gegenden geſehen. Er vertraute ihm daher ſeinen Brief an Catalina nebſt zwei andern— den einen an den guten Dennis, den andern an den Oberſten Vancour— der Leſer mag ſich denken, was dieſe Briefe enthielten. Sybrandt beging auch die Unklugheit, den Geſellen mit Geld für die Reiſe⸗ koſten zu verſehen, ſtatt ihm eine Reiſetaſche mit Lebens⸗ mitteln zu geben; und ſo ſandte er ihn ab und ſchärfte ihm dringend ein, ohne Zögern ſeines Wegs zu gehen, die Briefe abzugeben, der Antwort zu warten und ſobald als möglich zurückzukehren. Dieſer wackere Vagabund nahm, ſtatt dieſen Befehlen nachzukommen, die erſte Gelegenheit bei ſeiner Ankunft zu Albany wahr, ſich an Rum und ähnlichen Herrlichkeiten recht gütlich zu thun und fuhr damit fort, bis all ſein Geld ausgegeben war. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß er nun nüchtern wurde; aber ſeine Briefe waren weg— er hatte ſie verloren oder weggeworfen oder man hatte ſie ihm genommen— er wußte es ſelbſt nicht, wo und wann. Der getreue Bote ſann nun, was zu thun räthlich ſei. Ohne ſeine Briefe hinaus zu den Beſitzungen der Vancour's zu gehen, konnte ihm nicht einfallen; nach Fort Georg zurückzukehren und neue Briefe zu holen, war ein mächtiger Zuwachs von Mühe, ohne die Ausſicht neuen Lohnes. Ja, er konnte für ſeine Bemühungen — 195— möglicher Weiſe noch den Kopf eingeſchlagen bekommen. Dieſer Inbegriff der Tugenden der rothen und weißen Roſe hatte einen gleichen Widerwillen gegen mögliche Haupt⸗Verletzungen und die freiwillige Uebernahme fer⸗ nerer Mühen ohne fernern Lohn. Das Ergebniß ſeiner Erwägungen war der Entſchluß, der Sache die beſte Seite abzugewinnen, eine gute Geſchichte zu erfinden und ſofort zu ſeinem Abſender zurückzukehren. Er trat in Folge dieſes Entſchluſſes mit einer eiſernen Miene und zuverſichtlicher Haltung, welche dem geübteſten Diplomaten Ehre gemacht haben würden, vor Sybrandt. „Habt ihr mir Briefe mitgebracht?“ fragte unſer Held eifrig, indem er ſich in ſeinem Bette erhob, wo er jeden Tag noch mehrere Stunden feſtgebannt war. „Nein, Sir; ich kar nichts pringen.“ „Habt ihr die junge Dame geſehen?“ ſagte Sybrandt mit ſchwacher Stimme. „Ja, Sir; ich ſie ſehen und ihr keben der Brief.“ „und hat ſie ihn geleſen?“ „O ja— ſie ihn leſen und tann ſagen, ſehr hüpſcher Brief und tann lachen.“ „Lachen?“ dachte der arme Sybrandt und ſein Herz zagte in ſeiner Bruſt:—„aber ſie gab euch doch etwas für mich?“ „Ja, Sir! Sie mir keben ein Guinea und mir ſagen, ich zurückkehren ſollen, ſo ſchnell ich gekommen ſein— die Brief keiner Antwort prauchen.“ 13* — 196— „ Sah ſie blaß aus? war ſie mager?“ fragte er nach einer Pauſe, in welcher alle ſeine Gefühle wild gegen ſein Herz anſtürmten. „O Gott— nein! Ihre Wangen roth wie Peeren und ſie luſtig wie ein Heimchen, ſie kewaltig lachen, als ich ihr zu ſagen, ihr krank im Bett ſein.“ Sybrandt erwiederte dieſes Lachen ſeiner gefühlloſen Geliebten mit einem Seufzer. Es dauerte einige Minu⸗ ten, ehe er ſich wieder ſammeln konnte, um weitere Fragen zu ſtellen. „Habt ihr den Oberſten und Madame Vancour geſehen?“ „O ja, Sir— den Oberſt ſehe wohl— mir ſie keben ein Schluck und ſagen, ſie denken, Major Sypran jetzt maustodt ſein.“ „und auch er lachte, nicht?“ fragte Sybrandt in der Bitterkeit ſeines Herzens. „Nein— er nicht lachen laut auf wie junge Madam— er nur lächeln ein wenig— ſo.“— Und der Schurke zeigte ſeine elfenbeinernen Zähne. Mit jedem Wort, das Sybrandt hörte, fühlte er ſich kränker und kränker in ſeinem Herzen. „und was ſagte Madame Vancour, als ihr derſel⸗ ben meine Lage ſchildertet?“ begann er endlich wieber. „Sie mir ſagen— nicht mehr als Miſter Sypran verdienen.“ „Schlimmer und ſchlimmer!“ dachte der arme Miſter — 197— Sybrandt:—„die Arznei wird immer bitterer; gut, ich will ſie bis auf den letzten Tropfen, bis auf die Hefen leeren“— und er rief Zorn und Unwillen, ihm zu Hilfe zu kommen.“ „Und was ſagte mein anderer Oheim, Herr Dennis Vancour?“ 4 „Wie? Alte Gentleman, die auf die Höhe wohnen? Oh— er ſagen, er denken Miſter Sypran todt, ehe ſie die Brief von ihr bekommen, und ſagen mir, nichts da zu ſchreiben.“ Sobald Sybrandt Kraft und Muth wieder ſo weit zu ſammeln im Stande war, fuhr er fort, den boshaften Meſtizen genauer und ſchärfer auszufragen; denn ſeine Geſchichte ſchien mit allem, was er von ſeiner Geliebten und ſeinen Oheimen wußte und kannte, im ſtärkſten Widerſpruche zu ſtehen. Der Burſche war aber auf alle Punkte gefaßt und gab ſo verſchlagene Antworten, daß unſer Held ſich am Ende gezwungen ſah, zu glauben, Catalina habe bei ihrer Rückkehr ihrer Familie ſein Benehmen ſo geſchildert, daß ihm dadurch für immer deren Liebe und Vertrauen entzogen worden. „Ganz gut,“ ſagte er, nachdem er ſich eilig durch dieſe Gedanken gewunden und zu dieſem tröſtlichen Ergebniß gekommen war,—„ſehr gut— hier— und nun geht.“ und er zahlte ihn reichlich, weil er ſeinen Auftrag ſo ſchnell und ſo gut beſorgt hatte. — 198— „Ich werde ſie nicht mehr bemühen— ich werde die ihrigen nicht mehr bemühen“— ſagte er zu ſich ſelbſt und legte ſich auf ſein Bett zurück, von welchem er nicht wieder aufzuſtehen wünſchte. Es hatte allen Schein, als ſollte dieſer Wunſch bald erfüllt werden; denn das Ergebniß dieſer Reiſe wirkte gefahrdrohend auf ſeinen geſchwächten Körperzuſtand und es ſchien, als wenn wenige Tage, ja, wenige Stunden ſeinen Lebensfunken verlöſchen, ſein Herz aller Qualen überheben würden. Dreiundzwanzigſtes Kapitel⸗ Der letzte Schlaf eines guten Menſchen. Nicht viele Tage nach den in dem letzten Kapitel erzählten Begebniſſen kehrte ein junger Offizier auf ſei⸗ nem Wege vom Fort Georg nach New⸗York in dem gaſtfreien Hauſe des Oberſten Vancour ein. Die Abend⸗ dämmerung war ſchon angebrochen, und er wurde daher eingeladen, die Nacht zu bleiben. Die Unterhaltung wen⸗ dete ſich natürlich auf die Kriegsbegebenheiten, die Aus⸗ ſichten auf einen baldigen Frieden und die Lage der Dinge an den Grenzen. Catalina ſaß an dem offenen Fenſter, lehnte ihre weiße Wange in ihre noch weißere Hand und lauſchte in athemloſem Schweigen, hoffend, vielleicht den Namen von ihm zu hören, der einen ſo großen Theil ihrer Gedanken beſchaftigte. „Hat ſich zu Fort Georg etwas Neues zugetragen?“ fragte der Oberſt. „Meines Wiſſens nichts,“ verſetzte der Offizier:— „indeſſen bin ich zu kurz da geweſen; ich kam unten vom See herauf, wo ich einige Zeit geſtanden, und hielt nur wenige Minuten in dem Fort an.“ „Habt ihr vielleicht etwas vom Oberſten Weſtbrook gehört?“ fragte der Andere mit leiſer Stimme; aber ſeine Tochter hörte ſeine Worte, und ihr Herz ſchlug raſcher in ihrer Bruſt. „Weſhrook— Weſtbrook!— Ja, ich entſinne mich jetzt— ich hörte etwas von dieſem tapfern, allbeklagten Offizier— er ſtarb den Tag—“ „Still— um des Himmels willen!“ flüſterte der Oberſt. Die Vorſicht kam aber zu ſpät. Die Worte des Offiziers hatten bereits Catilina's Ohren erreicht, waren wie Dolche in ihr Herz gedrungen und hatten das Klopfen deſſelben einige Minuten aufgehoben. Sie fiel nicht in Ohnmacht— ſie ſchrie nicht laut auf, noch rang ſie die Hände— aber ſie ſaß wie eine Statue von reinem weißem Marmor— das Werk eines berühmten Künſt⸗ lers und das Schweigen des unausſprechlichen Schmerzes ausdrückend. Die beſorgte Mutter ſetzte ſich neben die Tochter, die ſich an ihren Buſen lehnte und kein Wort ſprach. Nach Verlauf einer Viertelſtunde fühlte ſie ſich hinreichend wohl, um Madame Vancour zu bitten, mit ihr die Treppe hinauf zu gehen, und ſie verließen das Geſellſchaftszimmer mit einander. Als ſie ſich entfernt hatten, ſetzte der Oberſt ſeine Nachfragen fort. „Ihr ſagtet, Sir, ihr hättet gehört, Oberſt Weſtbrook ſei todt. Wenn ich euch ſage, daß er unſer naher Ver⸗ wandter, daß er füͤr meine Familie der Gegenſtand hohen Intereſſes iſt, ſo werdet ihr mich hoffentlich entſchuldigen, wenn ich euch bitte, mir das Genaueſte über die uunſtände ſeines Todes mitzutheilen.“ „Ich bedaure, euern Wünſchen nicht entſprechen zu können,“ verſetzte der junge Offizier.„Wie ich vorher ſchon bemerkte, blieb ich nur wenige Minuten in dem Fort, um meiner Depeſchen zu harren; während ich bei dem Okbergeneral, der ſie unterzeichnete, ſaß, trat der Diener des Oberſten Weſtbrook eilig ein und ſagte, ſein Herr ſei eben geſtorben. Der General drückte ſein großes Bedauern aus, und ich entfernte mich mit meinen Auf⸗ trägen, ohne etwas Weiteres über die Sache zu hören.“ Catalina ſtand am nächſten Tage nicht, wie ſonſt gewöhn⸗ lich, mit der Sonne auf, obgleich er einer der lieblichſten von all den lieblichen Kindern des Sommers war. Sie verſuchte es— denn ſie gehörte nicht zu denen, welche ohne herben Kampf dem Kummer oder der Krankheit den Sieg über ſich zugeſtehen. Als ſie ſah, wie die ESctrahlen der Morgenſonne an der Wand glänzten und glühten, als ſie die Vögel hörte, die ſie an das Fenſter riefen, verſuchte ſie aufzuſtehen; es drehte ſich aber Alles im Kreiſe, und ſie mußte ihr Haupt wieder auf das Kiſſen ſinken laſſen. Die alte Dame wurde unruhig, und alle Gedanken, die Mutter einer titulirten Lady zu wer⸗ den, ſchwanden vor den Beſorgniſſen der mütterlichen Zärtlichkeit. Sie beſchloß daher— wie Leute gewöhnlich thun, wenn es zu ſpät iſt— eine Handlung unerhörter Groß⸗ muth zu üben— eine Handlung, die verdient, in Erz und Marmor verewigt zu werden; kurz, ſie beſchloß, die Oppoſition aufzugeben und zu ihrem Gemahle überzu⸗ gehen. Sie begab ſich daher zu dem Oberſt und ſchlug ihm vor, an Sybrandt zu ſchreiben, ihm Catalina's Beneh⸗ men und ihre Gefühle klar auseinander zu ſetzen und ihn einzuladen, nach Haus zu kommen. „Wie? jetzt, da er todt iſt?“ ſagte der gute Mann mit Thränen in ſeinen Augen. „Es iſt wahr; ich ſchwöre, daß ich es vergeſſen hatte,“ verſetzte die Dame.—„Was ſollen wir thun?“ „uns dem Willen des Himmels fügen.“ „Gut; ich betheuere, daß es ſehr ärgerlich iſt.“ „Wie? ſich dem Willen des Himmels zu fügen?“ „Nein— daß er eben jetzt ſterben mußte.“ „Solche unglückliche Begebniſſe finden oft in der Welt ſtatt. Wir haben Beide lange genug gelebt, um die Hoffnungen der Jugend in der Blüthe verwelkt, die Früchte der Mühen und Sorgen des Mannesalters zer⸗ ſtört zu ſehen, ehe ſie zur Reife gediehen. Es gibt nichts Gewiſſes in dieſer Welt, als den Tod; warum ſollen wir alſo erſtaunt ſein, daß er in der Blüthe ſeiner Tage ſtarb? Es iſt nicht halb ſo auffallend, als daß wir Beide ein ſolches Alter erreicht haben.“ Dies war eine ziemlich ungalante Standrede, da das Alter jederzeit in der feinen Geſellſchaft als ein Vorwurf gegen eine Dame angeſehen wurde, und jede Anſpielung — 203— darauf für einen Verſtoß gegen gute Lebensart galt. Aber die gute Dame verzieh es oder achtete nicht darauf. Sie dachte an etwas, das ihr näher am Herzen lag, als Komplimente. War ſie nicht eine merkwürdige Frau? „Vielleicht kann aber doch,“ ſagte ſie,„die Nachricht von ſeinem Tode falſch geweſen ſein? Der Diener hat ſich vielleicht geirrt; der Kranke verfiel wohl in jenen Zuſtand zwiſchen Leben und Tod, welcher die Kriſis einer Krankheit, wie die ſeinige, andeutet.“ „Gewöhnlich werden ſolche Nachrichten leider wahr befunden. Ich will jedoch ſehen, ob ich irgend weitere Erkundigungen über die Sache einziehen kann.“ Er beſtellte ſein Pferd und ritt nach Albany, um Nachforſchungen anzuſtellen. Der kommandirende Offizier zu Albany hatte durch den jungen Gentleman, welcher die Nachricht von Sybrandt's Tod gebracht hatte, Briefe erhalten, deren einem die kurze Nachſchrift zugefügt war: „Eben iſt Oberſt Weſtbrook geſtorben.“ Der alte Herr kehrte ſchweren Herzens in die Woh⸗ nung ſeiner Väter zurück und theilte ſeiner Gattin die erhaltene Nachricht mit. Sie beſprachen ſich, ob ſie ihrer Tochter ſogleich alles erzählen ſollten, oder nicht. „Es iſt das beſte, ſie erfährt alles ſogleich, da ſie es doch bald hören muß,“ ſagte der Oberſt;—„die Mutter weiß dergleichen am beſten mitzutheilen— ich kann es nicht.“ 4 Er ging in die Felder hinaus, welche jetzt in der ganzen Pracht des Sommers daſtanden. Aber er ſah ſie durch die Brille des Kummers und die ſonnige Landſchaft ſchien ihm ganz in Thränen gebadet. Nun war das Krankſein an Catalina. Sie hörte die Beſtätigung der Nachricht von Sybrandt's Tod und der Verluſt ihres Geliebten wurde durch das Bewußtſein verbittert, daß ſie hauptſächlich daran ſchuld ſei. Sie hatte ihn aus der Heimath, in den Krieg, in welchem er den Tod fand, getrieben. Ohne ihre thörichte Eitelkeit, ihre kindiſch⸗wechſelnden Launen, hätte er noch leben— für ſie leben können. Der Gedanke war bitterer Wer⸗ muth. Aber ſie rief ihren Stolz, ihre Frömmigkeit, ihre Geiſteskraft und ihre Pflicht gegen ihre Eltern zu Hilfe und ſie trugen zuletzt den Sieg davon. Der Sieg war jedoch mühſam errungen worden und obgleich der Geiſt ſich edel emporhielt, ſank ſein Verbündeter und Mitar⸗ beiter, der Körper, unter dem Kampfe. Monate vergin⸗ gen, ehe ſie ſich wieder aufrichten und des ruhigen, fried⸗ lichen Anblicks der Natur ſich freuen konnte, die nun raſch ſich in das vielfarbige Gewand des hinſcheidenden Jahres kleidete. 3 und nicht ſie nur duldete. Der gute Dennis,— der erſte Freund, der Vater unſeres Helden in dem ſchönſten und weiteſten Sinn des Wortes, der faſt ſechszig Jahre ſeine Pfeife ruhig in demſelben alten Lehnſtuhle geraucht hatte— hörte die Nachricht von Sybrandt's Tod ohne irgend ein äußeres Anzeichen von Kummer oder Verzweiflung. Er beſaß keinen großen Vorrath von Gefühl, aber ein leichter Ruck ſtürzt ein altes Gebäude zuſammen. Entſchloſſen klopfte er die Aſche ſeiner Pfeife an ſeinem Daumennagel aus und deſſelben, wie des fol⸗ genden ganzen Tags ſtellte er ſie, wenn man ſie ihm brachte, bei Seite, ohne ein Wort zu ſprechen. „Maſſa in ſchrecklich ſchlechtem Weg ſein,“ ſagte ſein alter, ſchwarzer Diener, der ſein Geſpiele in der Jugend, ſein treuer, hingebender Freund im ganzen Leben gewe⸗ ſen war:—„Maſea in ſchrecklich ſchlechtem Weg ſein, wenn ſie nicht raucht'back.“ Der alte Mann nahm die Sache von der philoſophi⸗ ſchen Seite— wenigſtens kam er zu dem rechten Schluß, was den gemeinen Leuten gewöhnlich auf eine ihnen eigene, ganz kurze Weiſe gelingt. Es iſt erſtaunlich und zumal für den Stolz der menſchlichen Gelehrſamkeit demü⸗ thigend, wenn man ſieht, wie viele, wie ſehr viele Ent⸗ deckungen der Gelehrten durch die hausbackene Erfahrung der Ungelehrten dieſer Welt vorher gemacht worden. Sie wiſſen vielleicht das Warum nicht; aber ſie wiſſen, daß etwas ſo iſt und das entſpricht dem Zwecke vollkommen. Der alte Naturphiloſoph hatte recht. Es gibt kein ſichereres Zeichen eines wunden Geiſtes oder kranken Körpers, als der Widerwille vor einer lange gehegten Gewohnheit. Dies hat einen Todtengeruch. Die ruhige Ergebung, mit welcher der gute Dennis den erſten Schlag hinnahm, wich nach einem oder zwei Tagen einem Grade — 206— von Ungeduld und Ruheloſigkeit, welche mit ſeinem gewöhnlichen Benehmen im vollkommenſten Widerſpruche ſtand. Es ſchien, als wenn ſein Geiſt durch entgegen⸗ geſetzte Gefühle irgend einer Art getrübt wäre, denn er ſchloß ſich häufig in ſeiner kleinen Wohnſtube ein, wo ſeine Papiere lagen und wo man ihn, wenn er zum Eſſen gerufen wurde, an ſeinem Tiſche mit den Papieren vor ſich und den Kopf auf den Ellenbogen geſtützt, antraf. Wenn er auf dieſe Weiſe geſtört wurde, ſo ſchien er darüber eher froh, als bös zu ſein, als hätte man ihn irgend einer unangenehmen Arbeit oder Ungewißheit über⸗ hoben. Am vierten Tage nach der Nachricht von Sybrandt's Tod fand man ihn in ſeinem Lehnſtuhle leblos. Er war ohne Schmerzen hinübergegangen, denn ſein Antlitz hatte ganz den ruhigen Ausdruck eines ſanften Schlafes und er ſaß cofrecht wie immer im Leben da. „Ach, arme Maſſa!“ rief der alte farbige Mann:— „er jetzt ſeine letzte Pfeife geraucht haben!“ und die Natur preßte einige biedere Thränen aus ſeinem trocke⸗ nen, altersſtumpfen Gefühle. Dennis Vancour war ein guter Mann. Er war nie— denn es war damals nicht Mode— Sekretär, oder, was beſſer iſt, Schatzmeiſter einer Geſellſchaft, welche es über ſich nahm, den ſauern Verdienſt Anderer unter Müßiggängern und Beutelſchneidern zu verkaufen. Er ging nicht herum, das, was er ſelbſt geben konnte, n; er vergeudete ſeine Zeit nicht von andern zu erbettel — 207— mit der unſeligen Beſchäftigung, ſeinen Mitgeſchöpfen, den Armen, Gutes zu thun, indem er ſie lehrte, daß es, wie der weiſe, edle Franklin ſich ausdrückt, noch andere Unter⸗ haltsmittel gebe als Fleiß und Sparſamkeit. Dieſe Unterlaſſungsſünden wurden jedoch von ſelte⸗ nen, ſchätzenswerthen Tugenden mehr als aufgewogen. Er machte ſich nie der kleinſten Ungerechtigkeit gegen ſeine Nebenmenſchen ſchuldig; er verſagte ſeine guten Dienſte oder ſeine Empfehlung dem Würdigen nie und fragte, ehe er half, niemals, ob es ſich von einem Mitgliede ſeiner Lieblingsgeſellſchaft handle, und ob Einer die oder jene Kirche beſuche. Er ging ruhig ſeines Wegs, ohne jemanden mit ſeinen Ellenbogen anzuſtoßen oder ſich in ſeine Angelegenheiten zu miſchen, wenn er es nicht begehrte; und in dem Kreiſe, in welchem allein gewöhnliche Men⸗ ſchen durch ihre Bemühungen und ihre Wohlthaten nütz⸗ lich werden können— in dem Kreiſe ſeiner Freunde, Verwandten und Nachbarn— übte er ſein ganzes Leben lang einen wohlthuenden aber gemäßigten Einfluß, daher ihn auch alle, die ihn kannten, im Leben innig liebten und ſein Andenken nach ſeinem Tode werth hielten. Als er ſtarb, hinterließ er, was er von ſeinem Vater ererbt, ſeinen nächſten väterlichen Erben und beleidigte den Him⸗ mel nicht, indem er ſeine Verwandten enterbte, um ſeine Sünden möglicherweiſe zu ſühnen. Zwei Tage nach dem Tode dieſes guten Mannes, bei deſſen Andenken,— ich gern verweile— ich geſtehe 4— 208— es— ließ die Glocke der kleinen achteckigen Steinkirche auf den Flats die melancholiſche Mahnung hören, daß die Leiche eines Erben der unſterblichkeit im Begriffe ſei, in das enge Haus beigeſetzt zu werden, in welches keine Luft wehen kann. Für mein Herz und meine früheſten Erinnerungen liegt etwas ungemein Rührendes in dem Klange einer Kirchenglocke inmitten des Schweigens einer ländlichen Gegend. Meilenweit umher verkündigt er die Botſchaft der Sterblichkeit. Der Pflüger läßt ſeine Pferde ſtill ſtehen, um der feierlichen Kunde zu lauſchen; die Hausfrau läßt ihre häuslichen Arbeiten ruhen, und ſenkt die Hand mit der Nadel in den Fingern, und denkt nach, wer der ewigen Heimath zueile; und ſelbſt die kleinen gedankenloſen Kinder, die ſpielend und lachend aus der Schule gehen, werden einen Augenblick durch dieſe ſchwer⸗ müthigen Klänge in ihren Abendſpielen aufgehalten und ſtecken ihre Köpfe, wenn ſie zur Ruhe gehen, unter das Kiſſen. Nach einer kleinen Weile ſah man einen langen Zug verſchiedenartiger ländlicher Wagen, von Leuten beiderlei Geſchlechts und jeden Alters, zu Juß und zu Pferd gefolgt, langſam aus dem Hofe des Hauſes kommen, wo die Seele des guten Mannes ſich himmelan geſchwungen, und dem Orte ſich zuwenden, der alle Lebenden auf⸗ nimmt. Die einfache Ceremonie war bald vorüber. Ein Gebet wurde geſprochen; ein Lied geſungen, manche bie⸗ dere Thränen der Erde beigeſellt, die in das Grab — 209— geworfen wurden, über das ſich ſeine nächſten Bekannten und Freunde bekümmert beugten; und die Reſte des guten Dennis ruhten in Frieden zwiſchen den Grabſteinen ſeiner geehrten Vorfahren. „Er war ein guter Mann,“ ſagte ein alter, faſt hundertjähriger Patriarch, und die Herzen aller Anwe⸗ ſenden legten Zeugniß für die Wahrheit ſeines Wortes ab. Kann jemand eine edlere Grabſchrift wünſchen? Wünſcht er eine beſſere, ſo mag er unter den Lobſprüchen der modernden Monumente menſchlicher Eitelkeit wählen, auf denen vielleicht„hie jacet“ das einzig Wahre iſt. Paulding. IV. 14 Vierundzwanzigſtes Kapitel. 2i Ein G eiſ. Wie bekümmert auch die Leute um den Tod eines Verwandten ſein mögen, verſäumen ſie es doch ſelten, bei der erſten ſchicklichen Gelegenheit ſein Teſtament zu eröffnen. So groß iſt die Neugier der Menſchen! Dieſe Eröffnung fand demnach den Tag nach dem Begräbniß des Herrn Dennis Vancour ſtatt. Dieſer würdige Herr hatte, wie es ſchien, auf die Nachricht von dem Tode ſeines Neffen die Beſtimmungen über ſein Vermögen dahin geändert, daß Catalina an der Stelle von Sybrandt Weſtbrook ſeine einzige Erbin ſein ſollte. Dieſe Aende⸗ rung war für die Eltern Catalina's nicht überraſchend und für die junge Dame nicht erfreulich. Von ganzem Her⸗ zen hätte ſie das Ererbte und noch etwas obendrein ihrem Vetter abgetreten, wär' er nicht außer dem Bereiche ihrer Edelmuth geweſen. Wie die Dinge ſtanden, war die Schenkung eher ſchmerzlich als etwas anderes, denn ſie glich faſt einem Raube an dem Todten. Der Oberſt kam eines Tags auf den Gedanken, an den Befehlshaber vom Fort Georg zu ſchreiben, ihn zu bitten, ihm über die Einzelnheiten in Betreff des Todes — 211— ſeines Neffen Nachricht zu geben und zugleich ihn zu fragen, welche Verfügung er über ſeine Habe getroffen. Er that es. Eine geraume Weile verging jedoch, ehe ſich eine Gelegenheit zeigte, den Brief durch die Wildniß zu ſchicken. Mittlerweile begab ſich nichts ſonderlich Bemerkenswerthes in der Familie. Catalina errang allmählich einen Grad von Faſſung, wie er der Würde und der Kraft ihres Charakters ziemte, und nahm die gewöhnlichen Beſchäf⸗ tigungen und unterhaltungen wieder auf. Aber der Wurm war in der Knospe und die Röthe ihrer Wangen war weder die der Geſundheit noch die des Frohſinns. Die Zeit ſchleppte ſich langſam und träge hin, und nichts war in ihrem Gefolge, das auf Freuden oder freudige Hoff⸗ nungen hindeutete. Der braune, düſtere Novembermonat, wo weder Grün in den Wäldern zu ſehen, noch Muſik auf den Fluren, das Heulen des Windes ausgenommen, zu hören iſt, war gekommen. Ein Mann zu Pferd, von einem Diener mit einem Mantelſack gefolgt, ritt auf die Woh⸗ nung zu, welche einſt Dennis Vancour inne gehabt hatte, das aber nun der Sorgfalt ſeines Geſindes überlaſſen war, das aus dem bereits erwähnten ehrwürdigen alten Neger, ſeiner gleichfalls bejahrten Ehefrau und einem halben Dutzend ihrer ebenholzfarbenen Enkel beſtand. Die Abenddämmerung war zur Hand und ſie hatten ſich alle in der Küche um ein prächtig loderndes Feuer geſammelt; 14*¾ — 212— denn männiglich ſei kund und zu wiſſen, daß die zwei Geſchöpfe, welche Wärme und Sonnenſchein am meiſten lieben, die ſchwarze Schlange und der farbige Gentleman ſind— durch welche Zuſammenſtellung ich jedoch den letztern nicht herabzuſetzen beabſichtige. Der Reiter ſtieg ab und ſein Diener folgte ſeinem Beiſpiele und beide gingen mit ſo wenigen Umſtänden, als wären ſie zu Haus oder, wenn nicht zu Haus, doch an einem Orte, wo ſie eine gleich willkommene Aufnahme erwarten konnten, über den Hof, der Hauptwohnung zu. Die getreuen Hüter des Hauſes ſahen und hörten nichts von dieſen Fremdlingen; denn ſobald ſich die Ebenholzrace durch und durch gewärmt hat, kann man gewiß annehmen, daß ſie zunächſt in Schlaf verfällt. Der Fremde klopfte mit dem Knopfende ſeiner Peitſche; niemand kam. Er begann nun, den großen offenrachenen Löwen zu bearbei⸗ ten, welcher dieſes bezauberte Schloß bewachte— den Thürklopfer nämlich— der, wie ich bemerken muß, von ſeinem Glanze nichts verloren hatte. Der Ton wurde jenſeits des Hudſon gehört, aber er weckte die ſchwarze Familie nicht; ſie gehörte dem Geſchlechte der Sieben⸗ ſchläfer an. Der Fremde wurde ungeduldig, ängſtlich ſogar, über die Stille und Oede, welche um dieſes Haus herrſchte. Er ging ein halbes Dutzend Mal auf dem Vorplatze auf und ab, beugte dann um die Ecke, wo die Küche war, ſchaute durch das Fenſter und ſah die ſchla⸗ fenden Schönheiten. Der Anblick ſchien ihm neues Leben zu geben, denn er ſchritt lebhaft an die Thüre, hob raſch die Klinke und trat in die dem Magen geweihte Region. Niemand regte ſich, kein Ton war zu hören, die einträchtige Muſik aus⸗ genommen, an welcher jeder aus der ſchwarzen Geſellſchaft Antheil nahm. Der Fremde trat vor und ſchüttelte den Patriarchen des harmoniereichen Stammes an der Schulter. Er hätte eben ſo gut den Körper des guten Mannes vom Hauſe rütteln können, der einige Monate vorher geſtorben war. Er ſaß unbeweglich, wie einer der trefflichen Geſell⸗ ſchaft, der in der Geſchichte von dem Fiſcher und den Genien in ſchwarzen Marmor verwandelt worden. Der Fremde ſchrie ihm nun in das Ohr— aber auch dieſes ſchlief. „Tölpel!“ murrte der Fremde vor ſich hin und ergriff ein Becken oder eine Schüſſel— ich glaube, es war eine hölzerne Schüſſel— voll Waſſer, goß es dem muſterhaften Schläfer ohne Umſtände in das Geſicht und ſtörte das ſchönſte Schläfchen, das je gehalten worden. „Bo— o— o—o!“ rief das alte Ebenholz, als er, erſchrocken und zornig über dieſe Sündflut auffuhr. Er wiſchte ſich die Augen, wahrſcheinlich um beſſer zu ſehen und warf einen Blick auf den Fremden, welchem Blick ſogleich ein Hinſtürzen und ein Schrei von ſolcher merkwürdiger Originalität folgte, daß ich nicht verſuchen werde, ihn zu beſchreiben. Der Leſer kann ſich jedoch eine Vorſtellung von der Gewalt dieſes Schreies machen, — 214— wenn ich ihm ſage, daß er wirklich den Reſt der Schläfer erweckte und den Zauber der ſchwarzen Inſeln löſ'te. Sebald ſie ihre Blicke auf den Fremden richteten, ertönte der Ruf:„ein'Spenſt, ein„Spenſt!“ mit weitverhallen⸗ der Kraft und augenblicklich folgte das Auseinanderſtäuben der ganzen ſchwarzen Race in verſchiedenen Wegen— durch Thüre und Fenſter— den alten Patriarchen aus⸗ genommen, der noch auf dem Geſichte lag, mit den Füßen arbeitete und wie ein Löwe brüllte. Kehren wir nun in das Haus des Oberſten Vancour und zu dem wohlgewärmten Geſellſchaftszimmer zurück, wo die Familie ſich, wie gewöhnlich, verſammelt hatte. Der Oberſt las; Madame— ich wollte, ich könnt' es übergehen, aber die Gewiſſenhaftigkeit, mit welcher ich alles einzelne zu ſchildern habe, erlaubt es nicht— Madame ſtrickte für eine arme Frau, welche ſich in eben dieſem Augenblicke in einer benachbarten Schenke gütlich that, ein Paar Strümpfe; und Ariel war, wie gewöhnlich in dieſer Abendſtunde, feſt eingeſchlafen und muſikaliſch, wie je. Catalina, die arme Catalina, war an dem Fenſter, wo ſie bei dem verbleichenden Lichte des Tags die Oede der Natur ſehen und mit ihr phantaſiren konnte. In dieſem Augenblicke ſtürzte einer der ſchwarzen Schutzgeiſter des benachbarten Hauſes unangemeldet in das Zimmer und grüßte die Geſellſchaft mit dem Geſchrei: „Ein'Spenſt! EinSpenſt! Maſſa Sybrandt'Spenſt.“ Ariel fuhr von ſeinem Lehnſtuhle auf. 7. — 215— „He? Was ſagſt du von Sybrandt, du kleiner ſchwarzer Sünder.“ „Oh, Naſſa Sybrandt Spenſt witter heim kommen 124 „Ich will dich beſpenſtern, du kleiner ſchwarzer Engel!“ rief Ariel, faßte das Kiſſen ſeines Lehnſtuhls und warf es an den Wollkopf:—„ hier her zu kom⸗ men mit einer ſolchen albernen Geſchichte und die Leute im Schlafe zu ſtören. Fort du Raupe.”“ Aber der Herold der Dunkelheit blieb und behauptete wiederholt, Maſſa Sybrandt's Geiſt ſei erſchienen, ſo daß die Alten nicht wußten, was ſie daraus machen ſollten und Catalina in einem Gewirre ſich bekämpfender Gefühle war. Es war unmöglich, aus dem Schwarzen etwas anderes herauszubringen, als daß das Geſpenſt in einem großen Regenſchauer erſchienen ſei und den„Großvad⸗ der“ flach mit dem Geſicht auf die Erde geworfen habe. „Laßt uns hinüber gehen und die Sache unterſuchen,“ ſagte der Oberſt und griff nach Hut und Stock:—„viel⸗ leicht iſt dem alten Mann wirklich etwas begegnet.“ „Kommt, kommt!“ ſagte Ariel und nahm eine Flinte, die auf dem ſtattlichen Geweih eines Hirſches in dem Zimmer hing:—„vielleicht— die Peſt darauf— ich weiß nicht, was ich von der Sache denken ſoll.“ „Vielleicht iſt er es!“ rief Catalina, und die Hoffnung flog wie ein Blitzſtrahl durch ihre ſo lange umdüſterte Seele. — 216— Die beiden Männer ſchienen ihre Hoffnungen zu theilen und begaben ſich eilig weg. Während dieſen Vorgängen hatte der Fremde durch Schütteln und Zureden und Vorwürfe und Bitten den alten Neger endlich dahin gebracht, daß er ſeine Augen der Wirklichkeit erſchloß. 3 „uUnd jung Maſſa doch nicht todt ſein— ſie kein »Spenſt ſein, he?“ So ſagte er und die gute Seele weinte faſt vor Freuden über ſeines jungen Herrn Rückkehr, wie vor Kummer über ſeines alten Herrn Abſcheiden. Allmählich faßte und ſammelte er ſich hinreichend, um Sybrandt alles Vorgefallene und dem Leſer bereits Bekannte zu berichten. Der Tod ſeines guten Oheims ergriff ihn tief, tiefer als der Verluſt ſeines Erbes. Er hatte ihn allerdings ent⸗ erbt; ohne Zweifel war er aber durch die Vorſtellungen Catalina's von ſeiner Unwürdigkeit überzeugt worden. Galle und Wermuth waren in dieſem Gedanken; und während er die bittere Arznei koſtete, traten der Oberſt und Ariel ohne Umſtände ein. Der Empfang Sybrandt's war ein wenig kalt und zurückhaltend— das Gebahren des Ober⸗ ſten ſchmeckte, als die wirklich freudige Ueberraſchung des Augenblicks vorüber war, nach der Erinnerung an ſeines Neffen Vernachläſſigung gegen ſeine Tochter, gegen ſich ſelbſt und gegen alle ſeine nächſten Verwandten und beſten Freunde. Ariel war ganz Freude, Lärm und Verzeihung. — 217— „Aber, die Peſt auch, warum habt ihr uns denn nicht wiſſen laſſen, daß ihr noch lebt?“ ſagte er endlich. „Ich wußte nicht, daß ihr mich für todt hieltet,“ antwortete der Jüngling. „Für todt hieltet!— Wir waren deſſen gewiß! Glaubt ihr, Dennis hätte euch ent— hem, hem!— wenn er eures Todes nicht gewiß geweſen wäre?“ „Ja,“ ſagte der Oberſt:—„unter dieſer Voraus⸗ ſetzung allein iſt gewiß die Schenkung gemacht worden. Es iſt an mir, die Folgen dieſes Irrthums auszu⸗ gleichen.“ „Er hat wohlgethan,“ ſagte Sybrandt:—„er hat ſein Vermögen ihr hinterlaſſen, die deſſen am wür⸗ digſten iſt.“. „Verd-—t, Junge, ihr ſprecht wie ein Thor. Euch als Bettler zurückzulaſſen— nein— nicht als Bettler— ich kann das hindern,“ ſagte Ariel. „Mein theurer Oheim, ich bin kein Bettler; ich habe einen Degen und eine Stelle, ein Herz und eine Hand.“ „Geſprochen, wie ein braver Burſche. Ich müßte mich aber ſehr irren, wenn ihr nicht noch etwas anderes, als einen Degen und eine Stelle hättet.“ „Ich bin zufrieden.“ „Ich aber nicht,“ ſagte der Oberſt:—„es kann kein Zweifel ſein, daß mein Bruder Dennis ſeinen letzten Willen in der ſichern Ueberzeugung(welche wir alle völlig — 218— getheilt haben), daß ihr nicht mehr am Leben wäret, änderte.“ „Ich kann nicht begreifen, wie ein ſolches Gerücht entſtehen oder ſich verbreiten konnte, Sir.“ „Ich las die Nachricht in dem Poſtſcript eines Briefs des Obergenerals.“ „Wirklich! dann wundere ich mich nicht, Sir, daß ihr ſie glaubtet.“ „Doch zur Hauptſache,“ begann der Oberſt wie⸗ der:—„Catalina iſt mündig und wäre meine Tochter nicht, wenn ſie dieſe Schenkung einen Augenblick länger anſpräche, als nothwendig, ſich derſelben zu begeben. Ich verpfände euch meine Ehre, daß ſie es thut.“ „Und ich perpfände euch die meinige, Sir,“ ſagte Sybrandt ein wenig bitter,—„daß ich eher Hungers ſterben als den kleinſten Theil der Ländereien oder des Goldes annehmen werde. Gott ſei Dank, ich bin zu gut dazu.“ „Es gehört euch mit Recht.“ „Ich verzichte darauf.“ „Wirklich!“ ſagte der Oberſt ziemlich beleidigt:— darf ich fragen, warum? Vielleicht iſt der Geber nicht hinreichend würdig, die Gaben willkommen zu machen?“ „Verſchont mich in dieſer Beziehung. Ich ſpräche lieber gar nicht davon; auch iſt es nicht nöthig. Ich werde morgen zu dem Heere zurückkehren. Dieſe Nacht— dieſe Nacht nur— will ich auf die Gaſtfreundſchaft mei⸗ — 219— ner Baſe ſündigen und, mit ihrer Erlaubniß, hier bleiben.“ „Ihr werdet mit mir hinüber gehen,“ ſagte der Oberſt mit biederer Wärme, obgleich er fühlte, daß die Sprache und das Benehmen unſeres Helden etwas cava⸗ liermäßig waren:—„ihr werdet mit mir hinüber gehen; meine Toch—, meine Frau, eure Tante wird ſich freuen, euch zu ſehen.⸗. „Ihr müßt mit mir gehen,“ rief Ariel:—„keine Einwendung;— doch, die Peſt auch, da fällt mir eben ein, daß ich dieſe Nacht in des Oberſten Haus ſchlafen muß, weil ich morgen in aller Frühe hundert und fünfzig Dinge dort zu beaufſichtigen habe.“ Sybrandt erklärte, er ſei entſchloſſen, die Nacht zu bleiben, wo er wäre. 3 „Gut denn,“ ſagte der Oberſt, ſchritt auf ihn zu und nahm ſeine Hand:—„gebt mir euer Wort, daß ihr eure Tante beſuchen wollt, ehe ihr von hinnen geht.“ „Natürlich, Sir— gewiß— es war meine Abſicht. Ich habe ihrer Güte zu viel zu verdanken, um Pflicht und Anſtand zumal hintenanzuſetzen. Ich hoffe, ſie iſt geſund?“ „Sehr geſund.“ „Und meine Baſe?“ Sybrandt zwang ſich zu der Frage. „Nun— gut, wenigſtens beſſer, als ſie geweſen.“ „Wie?— War ſie krank?“ „Sehr krank— gerade nachdem wir die Nachricht erhal— ich glaube, es ſind jetzt zwei Monate. In der That, ſie iſt kaum wieder hergeſtellt; ihr werdet erſtaunt ſein, wie blaß ſie ausſieht— faſt ſo blaß, wie ihr ſelbſt ſeid. Doch— gute Nacht— ich kann es nicht länger aufſchieben, Mutter und Tochter mit der Nachricht zu beglücken, daß der Einen ein Neffe, der Andern ein alter Freund wiedergegeben worden. Ihr werdet euer Wort halten und morgen kommen?“ „Gewiß, Sir!“ „Sie zu beglücken?“ dachte er, die Worte des Ober⸗ ſten wiederholend,—„ſie mit der Nachricht zu beglücken, daß ich noch lebe!— Pah! Keine von Beiden bekümmert ſich um mich, ſonſt hätten ſie auf meine Briefe geant⸗ wortet. Doch“— ein Gedanke fuhr ihm plötzlich durch den Kopf—„wie, wenn Sir William recht hätte— wenn ſie meine Briefe gar nicht erhalten hatten? Es iſt möglich und morgen ſoll ſich mein Stolz ſo weit herab⸗ laſſen, daß ich die Frage aufwerfe. Es iſt nur gerecht gegen alte Freunde, daß man ihnen Gelegenheit gibt, ſich gegen den Vorwurf der Vernachlaͤſſigung oder unfreundlichkeit zu rechtfertigen.“ Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Geburt und Herkommen eines Gerüchtes. Um einige der vorhergehenden Einzelnheiten zu erläu⸗ tern, wird es nothwendig, auf die Periode zurückzuge⸗ hen, wo der getreue Meſtize die Briefe unſeres Helden nicht an den Hudſon brachte und folglich ohne Antwort zurückkehrte. Dieſe fehlgeſchlagene Hoffnung wirkte auf den ohnedies gebeugten Geiſt und den erſchöpften Kör⸗ per unſeres Helden und brachte eine unbeſchreibliche Schwäche in ihm hervor, welche ihn eine Zeitlang zu jedem Geſchäft untauglich machte. Eines Tages hatte er jedoch mehr als gewöhnliche Anſtrengungen gemacht und ſich ſehr ermüdet, ſo daß er ohnmächtig niederſank. Dieſe Ohnmacht nahm ſein Diener für den Tod und eilte in ſeiner Angſt zu dem General, wo er in Gegenwart des jungen Offiziers, deſſen wir gedacht haben, die Nachricht mittheilte. Der General ſchloß in dieſem Augenblick einen Brief an den kommandirenden Offizier zu Albany und fügte das eilige Poſtſcript an, welches Oberſt Van⸗ cour ſa. Daß Sybrandt je wieder aus dieſem Zuſtande der Be⸗ wußtloſigkeit erwachte, war den ausdauernden Anſtrengun⸗ gen des Sir William zu danken, welcher ihn zufällig in dieſem Augenblicke beſuchte und deſſen lange Erfahrun⸗ gen bei ſeinen Unterthanen, den Indianern, ihn zu einem nicht ſchlechten praktiſchen Arzt gemacht hatten. Es gelang ihm zuletzt, Sybrandt zu ſich zu bringen und der junge Mann öffnete ſeine Augen wieder einer Welt, welche er in dieſem Augenblicke nie wieder zu ſehen wünſchte. Der Feldzug war nun ſeinem Ende nahe. Die Spitzen der Berge begannen ſich mit Schnee zu krönen, die Ufer des Sees des Morgens von Eisrändern zu ſtar⸗ ren und der tiefe dunkelbraune Wald, wo nichts Grünes mehr zu ſehen war als das edle Immergrün der Fichten und Tannen, verkündigte die nahe Ankunft des langen weißen nördlichen Winters. „Ihr müßt mit mir nach Johnstown gehen, um eure Geſundheit herzuſtellen, ehe ihr nach Haus geht, wie ihr nach meinem Bedünken, ſobald ihr könnt, zu thun im Sinne habt. Vor dem Frühjahr iſt nun für nichts mehr zu thun.“ „Ich fühle keine Begierde, dieſen Ort zu verlaſſen. Ich kann eben ſo gut hier, wie anderswo ſterben.“ „Wenn ihr hier bleibt, werdet ihr ohne Zweifel an der Auszehrung ſterben. Ich liebe dieſen hohlen Huſten nicht— er iſt ein Vorbote des Todes. Kommt, ich werde für Urlaub, ein bequemes Transportmittel und einen trefflichen Arzt— ich meine mich ſelbſt— ſorgen. Nein, keine Anſtände, als wenn Liebe oder Ehre hier — 223— betheiligt ſein könnten. Ich ſage, ihr müßt gehen, ſonſt laß ich euch feſtnehmen und in Ketten wegbringen. Ihr würdet eine prächtige Figur abgeben, wenn ihr ſo zu eurer Geliebten heimkehret. Niemand könnt' es ihr ver⸗ denken, wenn ſie ihr Wort bräche, denn ſie könnte ſagen, ihr wäret nicht mehr derſelbe Menſch.“ „Ich habe jetzt weder Geliebte noch Heimath,“ ſagte der junge Mann in dem Tone des tiefſten Schmerzes. „Was? Schon wieder? Spielt ihr die alten Streiche wieder?“ rief Sir William und hob ſeine Finger drohend empor. Wollt ihr, wie gewöhnlich, an euern eigenen Hoffnungen und Freuden zum Selbſtinr. der werden?“ „Nein, Sir William; die Schuld liegt wenigſtens nun nicht an mir, wie ſehr dies früher der Fall gewe⸗ ſen ſein mag. Ich bin aus meiner Heimath entfremdet, aus dem Herzen meiner Geliebten verbannt.. „Wirklich! und durch eure Schuld?“ „Nein, bei meiner Seele! Ich habe mich geirrt. und ſobald ich meinen Irrthum erfuhr, mich beeilt, es anzu⸗ erkennen und Sühne zu bieten. Meine Briefe wurden aber einerſeits mit Hohn und von der andern mit gefühl⸗ loſer Gleichgiltigkeit geleſen. Ich werde nie wieder nach Haus zurückkehren— wenigſtens nicht eher, ais ich ver⸗ geſſen und werdeihen gelernt habe.“ „ Sagt mir alles genau; bedenkt, das ihr mit einem Freunde ſprecht, und daß bei mir dieſer Name ſo viel heißt, als— Herz und Hand ſind zu euern Dienſten.“ Sybrandt erzählte nun, was der Leſer bereits weiß — das Benehmen Catalina's zu New⸗York, ſeinen Zorn, ſeine Eiferſucht, die Geſchichte mit dem Gemälde, Gilfillan's Geſtändniß und endlich die Abſendung des Meſtizen an die Ufer des Hudſon. Sir William hörte mit freundlicher Aufmerkſamkeit zu und dachte nach dem Schluſſe eine Zeitlang nach. „Seltſam!“ ſagte er endlich.—„Das Benehmen eurer Geliebten kann auf Rechnung der Gewiſſensbiſſe, verwundeten Stolzes und Zartgefühls kommen. Daß aber Oberſt Vancour, ein Mann von ſo edlem Herzen und ſo beſonnenen Geiſtes, wie ich ihn kenne;— daß vor allem euer guter Oheim, Vater Dennis, welcher, wie ihr ſagt, euch, von eurer zarteſten Jugend auf, mit ſo unwandelbarer Liebe und Güte behandelt hat— daß er etwas ſo gefühlloſes geäußert, liegt außerhalb aller vernünftigen Möglichkeit. Ich begreife es nicht, ihr müß⸗ tet dann hintergangen worden ſein; und von wem anders, als— doch das kommt nicht in Frage. Ihr habt euch ſelbſt und mich hinſichtlich des Charakters der Miß Van⸗ cour getäuſcht, oder es iſt unmöglich, daß ſie ſo gehan⸗ delt hat.“ „Ich halte es faſt für unmöglich. Aber ſie kann mein Benehmen in einem andern Lichte betrachtet haben, als ich es euch hingeſtellt habe. Der Stolz des Vaters — 225— kann tief verletzt geweſen ſein und ſeine Gefühle mögen meinem Wohlthater bekannt geworden ſein, auf den er einen großen Einfluß hatte.“ Sir William dachte wieder nach und rief dann plötzlich: „Ich hab' es— ich hab' es. Mein Leben darauf, der ſchurkiſche Halbindianer hat euch einen Streich geſpielt. Er hat eure Briefe nicht überliefert. Wo iſt er? Laßt ihn vor mich führen. Ich ſteh' euch dafür, ich erwiſch' ihn, indem ich ihn auf ſeine Fährte ſetze.“ „Ich kann euch keine Auskunft über ſeinen jetzigen Aufenthalt geben. Nicht lange nach ſeiner Rückkehr von Albany verſchwand er aus der Gegend.“ „Ich möchte ſchwören— gewiß, gewiß— der Schurke fürchtete entdeckt zu werden. Wir werden aber der Wahr⸗ heit bald auf die Spur kommen. Habt ihr ſeitdem nicht mehr geſchrieben?“ 3 „Wie ſollte ich auch?“ „Recht; aber ihr müßt ſogleich ſchreiben, wenigſtens bei der erſten Gelegenheit. Ich bin der feſten Ueberzeu⸗ gung, daß euch der Miethling betrogen hat.“ „Ich würde ſehr ungern nochmals ſchreiben. An Catalina ſchreibe ich gewiß nicht, eben ſo wenig an ihren Vater. Ware mein Wohlthaͤter wirklich mein Vater, ſo würde ich, ſofern ich ihn beleidigt hätte, ihn um Ver⸗ zeihung bitten und nicht raſten, bis er meine Bitte Paulding. IV. 15 erfüllt, oder mich für immer aus ſeinem Hauſe gewieſen hätte. Aber es ſcheint mir gemein zu ſein, jetzt auf den Knieen kriechend um ſeine— Mildthätigkeit zu bitten. Ich kann es nicht.“ „Ihr ſeid ein ſtolzer Geiſt,“ ſagte Sir William, den Kopf ſchüttelnd:— aber ein wenig Stolz gefällt mir; er rettet den Mann— und auch das Weib, oft vor dem Falle. Ich werde alſo ſelbſt ſchreiben, wenn ich nach Haus komme und eine Gelegenheit ſich dar⸗ bietet. Mittlerweile ſeid ihr, ohne jedes Wenn oder Aber, mein Gefangener. Haltet euch fertig, mich mor⸗ gen zu begleiten.“ „Ich gehorche,“ ſagte Sybrandt.„Doch nichts von Gefangener— ich gehe als Freiwilliger mit.“ Unter dem Schutze einer Abtheilung von Sir Wil⸗ liam's Mohawks traten ſie am nächſten Morgen die Reiſe an. Eine rohe Trage von Zweigen wurde in der Eile für Sybrandt gefertigt und von den Indianern getragen. Es fehlte an einem Fahrwege zwiſchen Fort Georg und der Hauptſtadt des Reiches Sir William's, und Sybrandt war noch zu ſchwach, um eine größere Strecke Wegs zu gehen oder zu reiten. Von dem großen Kanale träumte man noch nicht; und was Eiſenbahnen angeht, ſo wür⸗ den die Leute, hätten ſie in jenem Zeitalter des Nichtfort⸗ ſchreitens davon gehört, daß man durch eine Fahrt von ſechszig Meilen in einer Stunde den Hals gefährden — 227— könnte, es für gewiß erachtet haben, daß man geraden⸗ wegs zum T— l führe. Die friſche, geſunde Luft, die ſanfte Bewegung, beſonders aber die neugeborne Hoffnung, welche Sir William's Winke geweckt hatten, kamen unſerm Helden trefflich zu Statten und er erreichte die Reſidenz ſeines edeln Freundes in weit beſſerm Zuſtande als er bei der Abreiſe war. Er blieb bei ihm, ging dann und wann auf die Jagd und ſtärkte Geiſt und Körper, bis beide einen gewiſſen Grad geſunden Tones erreicht hatten. „Da ihr nicht geneigt ſchient, zu ſchreiben,“ ſagte Sir William eines Tages,—„ſo habe ich es an eurer Stelle gethan. Ich werde morgen jemand nach Albany ſchicken. Hier iſt der Brief, leſ't ihn und ſagt mir, wie er euch gefällt. Ich wüßte zu nichts beſſerm zu rathen, obgleich ich der Anſicht bin, ihr thätet am beſten, die Reiſe ſelbſt zu machen und eure eigenen Augen und Ohren zu brauchen. Ich wenigſtens halte es ſtets ſo, wenn es irgend möglich iſt. Die Hälfte der Mißgriffe und Irrungen dieſes Lebens kommen daher, daß man ſchickt, ſtatt ſelbſt zu gehen.“ Sybrandt war allmahlich zu demſelben Schluſſe gekom⸗ men und antwortete lächelnd:— „Gut, Sir William, da ihr mich aus eurem Hauſe weiſ't, iſt kein anderer Ausweg übrig. Ich werde mor⸗ gen mit eurem Boten abgehen, obgleich ich, bei mei⸗ 15* ner Seele, lieber noch einmal einem Buſchgefecht entge⸗ gen ging.“ „Ihr ſeid ein wunderlicher Geſell, Weſtbrook,“ ſagte der Andere in heiterer Laune,—„und ſcheint euch vor nichts zu fürchten,— als vor einem Weibe.“ Alle Vorbereitungen wurden alſo für den näͤchſten Tag getroffen. „Weſtbrook,“ ſagte Sir William, als ſie Abſchied nahmen,—„vergeßt nicht mich auf eure Hochzeit ein⸗ zuladen.“ „Werdet ihr kommen!“ fragte Sybrandt mit einem melancholiſchen Lacheln. „Ich werde viele Abhaltungsgründe haben. Aber ich habe euer Verſprechen.“ „Gewiß— aber es iſt wahrſcheinlicher, daß ihr zu meinem Leichenbegängniß eingeladen werdet.“ „Still! Ich bin ein ſchlechter Prophet, wenn ihr nach zwölf Monden noch ein Junggeſelle ſeid. Lebt wohl! Ich wünſchte, du wäreſt mein Sohn!“ „Lebt wohl! Wie gerne hätt' ich einen ſolchen Vater!“ Unſer Held reiſ'te nicht raſch. Er brachte die erſte Nacht zu Schenectady und die zweite zu Albany hin, da er gar nicht beeilt war, an das Ziel zu kommen, wo er nur eine Erneuerung ſeiner getäuſchten Hoffnungen, ſeiner Schmerzen und Kränkungen vorausſah. Er blieb — 229— den ganzen Tag zu Albany in ſeinem Zimmer und wurde von den wenigen Leuten, die ihn ſahen, beglück⸗ wünſcht, daß er noch am Leben ſei. „Ein fader Scherz!“ dachte er und fragte nie nach einer Erläuterung. Am Abend verließ er Albany und kam in der bereits erwähnten Weiſe in dem Hauſe ſei⸗ nes abgeſchiedenen Wohlthaters an. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Unſer Held erhält ſeines Oheims Vermögen mit einer Zugabe zurück. Während der Leſer wie ein Krebs rückwärts gehen mußte, wurde die blaſſe, liebliche Catalina von ihrer Mutter in die Geſpenſtergeſchichte eingeweiht. Erſt wurde ſie blaſſer als je und konnte ſich kaum in ihrem Stuhle halten. Dann überflog eine hohe Röthe ihr Antlitz und die Farbe der Hoffnung und Liebe erblühte auf ihrer Wange, wo die Lilien des Kummers ſo lange gewohnt hatten. „Ich will ihm alles wieder geben,“ dachte ſie und ein Thränenregen erleichterte ihr volles Herz. Dieſe Nacht ſchwebten tauſend flatternde Träume um ihren erregten Geiſt und die Bilder der Vergangen⸗ heit und Zukunft, die früher in ihr lebendig geweſen, kehrten zurück und zeugten neue Gedanken und neue Entſchlüſſe. Der vorherrſchende Gedanke war aber, daß ihr Vetter ſie ungerecht und unfreundlich behandelt habe und daß es der Würde ihres Geſchlechtes zukäme, ſich förmlich und kalt höflich zu verhalten, bis er ſeinen Irr⸗ thum eingeſehen und um Verzeihung gebeten hätte. Sie — 231— kam zu dem Entſchluſſe, wenn Sybrandt den nächſten Tag käme, um Abſchied zu nehmen, ihm eine Urkunde zu überliefern, durch welche er in den Beſitz des Ver⸗ mögens ſeines Oheims eingeſetzt wurde, und welche ihr Vater für ſie bereit halten ſollte, auf der Annahme der⸗ ſelben zu beſtehen und ihm dann, ohne einen Seufzer, ohne eine Thräne, für immer Lebewohl zu ſagen. Am Morgen bat ſie um die Erlaubniß, wenn Sybrandt ihre Mutter zu ſprechen verlange, ihn allein zu ſehen. Ihre Bitte wurde zugeſtanden und ſie harrte mit zitternder Ungeduld ſeines verſprochenen Beſuches. Er kam bald nach dem Frühſtücke und Madame Vancour war entzückt über die Veränderung, welche die militäriſche Uniform ſtatt des ſchnupftabaksfarbenen Gewan⸗ des von Ten Broeck hervorgebracht hatte. Nach einer ziemlich peinlichen und verlegenen Einleitung zwang ſich Sybrandt, nach Catalina zu fragen. „Sie iſt lange krank geweſen,“ ſagte die Mutter,— „und ihr werdet ſie kaum wieder kennen. Aber ſie wünſcht, euch zu ſehen.“ „Mich zu ſehen?“ rief Sybrandt und ſein Herz drohte zu ſpringen. „Ja— euch— ihren alten Spielgenoſſen und Vet⸗ ter. Iſt das ſo außerordentlich?“ verſetzte Madame lächelnd.—„Sie iſt in dem nächſten Zimmer. Geht zu ihr.“ d „Zu— zu— ihr gehen?“ ſtotterte unſer Held:— „Gewiß, ihr könnt nicht glauben—“ „Ich glaube eben, was ich ſage, ich verſichere es euch. Ich hoffe, ihr laßt ſie nicht länger auf euch warten?“ Und Madame lächelte wieder. „Was mag dies heißen?“ dachte Sybrandt, während er faſt mit demſelben Eifer, den ein Mann beweiſ't, der im Begriffe iſt, gehängt zu werden, auf die Thüre zuſchlich. „Ich werde Catalina ſagen, wie eifrig ihr waret, ſie zu ſehen.“ „Sie müſſen glauben, ich hätte kein Gefühl, oder es fehlt ihnen ſelbſt daran,“ dachte er und dieſer Gedanke erregte die ihm inne wohnenden Kräfte. Er ſchritt in das anſtoßende Zimmer, als wenn er ſein Regiment in die Schlacht führte. „Keine ſo wilde Miene, ſonſt erſchreckt ihr meine Tochter,“ ſagte Madame. Aber Catalina war bereits außer ſich vor Schrecken. Sie war zu ſehr damit beſchäftigt, ihre Selbſtbeherrſchung zu ſammeln, um zu ſehen, wie Sybrandt ſich darſtellte. Wirklich war er mehrere Secunden in dem Zimmer, ehe eines von Beiden ein Wort hervorzubringen im Stande war. Endlich begegneten ſich ihre Augen und die unge⸗ wöhnliche Bläſſe, welche Eines in dem Antlitz des Andern bemerkte, ergriff plötzlich Beider Herzen. — 233— „Liebe Baſe,“ ſagte Sybrandt,—„wie übel ſeht ihr aus!“ Dies war, wie man zu ſagen pflegt, ein ziemlich linkiſches Kompliment. Aber Catalina blieb ihm nichts ſchuldig, denfk ſie gab ihm ſeine Worte zurück: „Lieber Vetter, wie übel ſeht ihr aus!“ Stolz und Liebe kämpften nun in den Herzen der zwei jungen Leute. Sybrandt bemerkte, daß ſein Muth in Geſtalt eines kalten Schweißes auf ſeine Stirne trat; aber der weibliche Stolz unterſtützte Catalina, welche ſich zuerſt ſammelte und zuerſt in liebendem Tone, nach und nach aber mit beſcheidener Feſtigkeit ſich ausſprach. „Oberſt Weſtbrook,“ ſagte ſie,—„ich wünſchte euch einer Angelegenheit wegen zu ſehen, die mir viele Qual verurſacht hat— das Vermächtniß eures und meines Oheims. Ich kann es nicht annehmen. Es wurde auf⸗ geſetzt, als wir alle glaubten, ihr wäret nicht mehr.“ Und ſie ſprach dieſe Worte mit einer ſo ſchmelzenden Stimme, daß ſie ihm durch das Herz gingen. „Sie fühlt für mich,“ dachte er,—„aber warum hat ſie auf meinen Brief nicht geantwortet?“ Catalina fuhr fort: „Ich würde mich haſſen, könnte ich einen Augenblick daran denken, euch zu rauben, was euer iſt— was mein Oheim gewiß für euch beſtimmte, bis er euch für todt hielt.“ Und derſelbe ſchmelzende Ton berührte wieder Sy⸗ brandt's Herz. — 231— „Aber warum hat ſie meinen Brief nicht beant⸗ wortet?“ dachte er wieder. „Sybrandt,“ fuhr ſie fort,„ich habe euch zu ſehen verlangt, um mit der vollen Billigung meines Vaters und meiner Mutter euch zurückzugeben, was euch gebührt. Ich bin mündig. Hier iſt die Uebertragungsurkunde. Wenn ihr den Frieden meiner Seele liebt, ſo nehmt ſie, ich bitte euch, eben ſo gerne an, als ſie euch gegeben wird.“ „Wie? meine Baſe berauben? Nein, Catalina, nie!“ „Ich fürchtete es,“ ſagte Catalina mit einem Seuf⸗ zer,—„ihr achtet mich nicht genug, um ſelbſt Gerechtig⸗ keit durch mich üben zu laſſen.“ „Es würde Gemeinheit— es würde Erniedrigung ſein; und da ihr mich des Mangels an Achtung gegen euch beſchuldigt, ſo wird mir erlaubt ſein, zu ſagen, daß ich zu ſtolz bin, irgend ein Geſchenk anzunehmen, am wenigſten ein Geſchenk wie dieſes, von euch, welche die Reue eines Mannes, der faſt dem Tode nahe war, der ſeinen Irrthum entdeckt hatte und ſich beeilte, ihn zu ſühnen, keiner Beachtung werth hielt.“ „Was— was meint ihr?“ rief Catalina. „Den Brief, welchen ich euch ſandte,“ antwortete er ſtolz.—„Ich dachte nie daran, mich zu beklagen oder zu rechtfertigen; aber ihr zwangt mich, mich auszuſprechen.“ „Welchen Brief, um des Himmels Willen?“ „Den, welchen ich euch in dem Augenblicke ſchrieb, wo ich von meinen Wunden hinreichend hergeſtellt war— 2 — 235— in welchem ich euch ſagte, daß mir Oberſt Gilfillan voll⸗ ſtändige Auskunft gegeben— daß ich euch Unrecht gethan; in welchem ich meine Thorheit eingeſtand, euch um Ver⸗ zeihung bat und jede Sühne, welche Ehre und Liebe fordern können, anbot.“ und ihr ſchriebt mir einen ſolchen Brief?“ fragte Catalina und haſchte nach Athem. „Ja— ja— der Bote kam zurück— er hatte euch heiter und glücklich geſehen;— er kehrte mit der mündlichen Nachricht zurück, mein Brief bedürfe beiner Antwort.“ „Und iſt dies— iſt dies die einzige— einzige Urſache eures ſpätern Benehmens? Antwortet mir, Sy⸗ brandt, ſo gewiß ihr ein Mann von Ehre ſeid— iſt dies ſo?“ „Ja. Ich kann— ich konnte nie Verachtung oder Hohn, ſei es von einem Manne oder einem Weibe, ertra⸗ gen, ihr wißt es.“ „Was würdet ihr ſagen— was würdet ihr thun, wenn ich euch feierlich verſicherte, daß ich einen ſolchen Brief nie ſah, nie ahnte, daß er geſchrieben worden?“ „Ich würde ſagen, daß ich euch glaubte, wie ich der göttlichen Wahrheit ſelbſt glaube und auf meinen Knieen würd' ich euch um Verzeihung bitten, daß ich ſo zwei Mal an euch zweifelte.“ „Dann verſichere ich euch in der Reinheit und Ein⸗ fachheit meines Herzens, daß ich nie etwas von dieſem Briefe ſah oder hörte.“ — 236— „Und hat— hat Gilfillan die Wahrheit geſagt?“ flüſterte Sybrandt, denn er wagte es nicht, die Frage laut zu thun. „Ja,“ hauchte ſie und wandte ihm ihr lebendiges Auge voll zu, während die ſanfte Röthe ihre blaſſe Wange wieder beſuchte und ihren ſchneeweißen Hals mit Roſen bedeckte. „So biſt du mein, Catalina, endlich!“ ſagte Sybrandt, als er ihre ſanfte, hingebende Geſtalt aus ſeinen Armen ließ. „Du nimmſt meines Oheims Vermächtniß an?“ fragte ſie mit einem Lächeln, das ſie lange nicht gekannt hatte. „Ja, wenn du dich ihm zufügſt, theuerſtes Weſen!“ „Du mußt es mit dieſer Zugabe nehmen,“ ſagte ſie — und er beſiegelte die Urkunde auf ihre warmen, wil⸗ ligen Lippen. „Was mögen ſie nur ſo lange mit einander zu reden haben?“ dachte die alte Dame, während ſie von ihrem Stuhle an die Thüre, und von der Thüre zu ihrem Stuhle trippelte. Da ſie die wachſende Wärme der Unter⸗ haltung hörte, nahm ihre Unruhe zu und niemand kann ſagen, was die Folge hätte ſein können, wären Catalina und Sybrandt nicht in das Zimmer getreten, ſo glücklich ausſehend, daß die alte Dame dachte, der leibhaftige T=—l ſei in ihnen Beiden. Sobald Sybrandt weg war, erklärte Catalina ihrer Mutter alles.„Ach,“ dachte die — 237— gute Frau—„ſie wird nie eine betitelte Lady; aber wer weiß— Sybrandt geht vielleicht eines ſchönen Tags nach England und wird zum Ritter gemacht.“ Dieſer glück⸗ liche Gedanke verſöhnte ſie plötzlich mit der ganzen Kata⸗ ſtrophe; ſie umarmte ihre Tochter und wünſchte ihr herz⸗ lich Glück zu dem Ende aller ihrer Unruhe und Beküm⸗ merniß. „Die Peſt darauf“— ſagte Ariel—„ich ſah mein ganzes Leben lang kein prächtigeres Hochzeitmahl!“ „Erinnert ihr euch meiner letzten Worte, als wir ſchieden, Oberſt Weſtbrook?“ fragte Sir William John⸗ ſon, ihr hoch geehrter Gaſt. „Ja, Sir William. Ihr ſeid ein eben ſo guter Prophet, als ihr ein Krieger und Geſetzgeber ſeid.“ „Was hat er geſagt?“ fragte ein kleines, erröthen⸗ des Dämchen, das ganz weiß gekleidet und ſchön, wie der ſchönſte Junimorgen, an der Seite unſeres Helden ſaß:—„was hat er geſagt?“ „Er ſagte, in weniger als zwölf Monden würde ich der Gatte eines Engels ſein.“ „Nimm dich in Acht, daß es nicht damit geht, wie mit den Träumen, wo immer das Gegentheil eintrifft,“ ſagte das eben erwähnte, erröthende Dämchen, deren Auge dem Sterne der Liebe glich. Sir William bewährte ſich jedoch als echter Prophet, ſelbſt hinſichtlich der artigen Wendung, welche unſer Held ſeiner Vorausſagung gegeben hatte. Catalina erwies ſich — 238— als eine vortreffliche Gattin und eine muſterhafte Mutter, denn ſie ließ ihren Gatten nie ausfindig machen, daß ſie kein Engel ſei, noch die Kinder, daß ſie durch Bitten und Ungeſtüm ſich beſiegen laſſe. Zu meinem Bedauern muß ich jedoch bemerken, daß die gute Madame Vancour nie das Glück hatte, die Mutter einer wirklichen, betitel⸗ ten Lady zu ſein. Im Verlaufe der Zeit kam aber einer von Sybrandt's Vettern, ein tapferer Degen, über das Meer und war Baronet und die alte Dame tröſtete ſich, daß ſie, wenn nicht die Mutter, doch die nahe Verwandte des nahen Verwandten eines Mannes war, deren Vetter ſeine Frau zu einer betitelten Lady machen konnte. Das Beſte bei der Sache war, daß der Vetter bei Jahren und Junggeſelle und daß Sybrandt ſein rechtmaßiger Erbe war.“ „Wer weiß,“ dachte Madame Vancour—„wer weiß, vielleicht ſtirbt er unverheirathet und ich ſehe doch noch zuletzt meine Catalina als Lady.“ Leute, die etwas von dem Tode Anderer zu erwar⸗ ten haben, hoffen immer, ſie zu überleben. Madame war beinahe doppelt ſo alt, als der Mann, auf deſſen Hinſcheiden ſie rechnete. „Sybrandt,“ ſagte Sir William—„ich werde morgen früh, bevor ihr auf ſeid, abreiſen müſſen. Lebt wohl! Und das Glück ſei euer Geleiter heute, und mor⸗ gen und alle Tage eures Lebens. Ich habe nur ein Wort hinzuzuſetzen— Thätigkeit, ſeid deſſen eingedenk, — 239— Thätigkeit ſichert allein das Glück eures künftigen Lebens, indem ſie euch nützlich und geachtet macht.“ „Wo iſt aber die Moral, guter Freund?“ ſagte eine meiner gewogenſten Leſerinnen, eine ältliche Dame, Schatzmeiſterin, Präſidentin, Sekretärin von fünfzig Geſellſchaften.„Ich finde nichts von Moral her⸗ aus!“ Dabei wiſchte ſie ihre Brille. „Meine theure Madame, könnt ihr ſie nicht durch eines eurer Brillengläſer ſehen? Die Moral meiner Erzählung findet ſich in den letzten Worten, ſowie alle Moral des Lebens eines Schurken ſich in ſeiner Sterbe⸗ rede ſammelt.“ „Thätigkeit— pah! Seid deſſen eingedenk, Thä⸗ tigkeit! Ich gebe keinen Pfifferling auf eine ſolche Moral— ich!“ 3 „Gut denn, meine theure Madame, wenn ihr dieſe nicht liebt, will ich euch eine andere geben. Die Moral meiner Erzählung iſt eine Warnung an alle junge ver⸗ zweifelte Liebende, ſich nicht in ſchnupftabaksfarbenen Kleidern, aus der Fabrik von Meiſter Gooſen Ten Broeck, vor der Geliebten ſehen zu laſſen.“ „Pah, ich werde nie wieder eines eurer Bücher leſen,— dies iſt mein feſter Entſchluß.“ „Dann, Madame, werdet ihr nie ſo klug werden, wie eure Großmutter!“ 1 —— * 8 19 EVIEEEmnnmmnmnmnmnnnuanan ſſnaum 7 1 9 11 12 13 14 15 16 1