Leihbibliothek 3 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 on.* Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Ofrensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſen angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe de ſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruckgabe von mir zurückerſtattet wird 3 beträgt: für wöcheutlich auf 1 Monat: „ 3„ 5. Auswärtige 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 4 Mk.— Pf. 5. Schadenersatz. Fü defecte Bücher(namentlich bei Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerri lorene und defecte Buch ein Theil eines der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. 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Druck und Verlag von J. D. Sauerlänver. 4 4 8 3 4 1 1 1 1 1 ——V— —+— Erſtes Kapitel. Ländliche Scenen und ländliche Sitten. Zur Zeit des alten franzöſiſchen Krieges wohnte an dem fruchtbaren Ufergebiete des Hudſon, nicht hun⸗ dert Meilen von der guten Stadt Albany, eine Familie von Stande, Vancour genannt und aus drei Brüdern beſtehend, welche ſich Egbert, Dennis und Ariel oder Auriel nannten, wie es die Holländer jener Zeit aus⸗ ſprachen. Sie waren die Söhne eines der erſten und zumal achtenswertheſten Auswanderer aus Holland und hielten durch ihren unbeſcholtenen, biedern Charakter, durch edle Gaſtfreiheit und hochherzigen Patriotismus die Würde ihres Geſchlechtes aufrecht. Nach dem Tode des alten Patriarchen, welcher, wie es in jenen Zeiten herkömmlich war, faſt ein Jahrhun⸗ dert alt, vom Leben ſchied, theilten ſich ſeine drei Söhne freundſchaftlich in die Beſitzung, wobei der Antheil des Aelteſten ſich nur dadurch auszeichnete, daß das alte Herrnhaus darin lag. Dies war die einzige Rück⸗ ſicht, welche man auf das Recht der Erſtgeburt nahm, das in faſt jedem andern chriſtlichen Lande das Erbe der füngern Nachkommenſchaft verſchlingt und Einen in den Stand ſetzt, auf Koſten aller Uebrigen ſeines Geblütes und Stammes in ungemeſſener Ueppigkeit zu ſchwelgen. Dieſes Zugeſtändniß war von Seiten der jüngern Brü⸗ der eher freiwillig, als daß der altere einen Anſpruch darauf machte. Auch war es in jener frühen Zeit unſeres erblühenden Landes bei Leuten, welche Kinder hatten, nicht allgemeine Sitte, ein Teſtament zu machen; und, ſo wunderſam es auch ſcheinen mag—, es gab weniger Erbtheilungsproceſſe, als jetzt, wo man ſo große Sorg⸗ falt auf die Vertheilung der Ländereien verwendet, daß gewöhnlich drei oder vier Gerichtshöfe, ſechs oder acht Advokaten und eine gleiche Anzahl von Jahren nöthig ſind, um das Orakel auszulegen. Ich würde auch ſtau⸗ nen, wenn es anders wäre, denn ich hörte einſt einen berühmten Anwald behaupten, man könne in keiner Sprache der Welt drei Wörter an einander fügen, welche nicht drei verſchiedene Auslegungen zuließen. Hier bedurfte es jedoch der Vermittelung von Fremden nicht; die Kin⸗ der kannten die Wünſche ihrer Eltern und fügten ſich den⸗ ſelben meiſtens ohne Murren. Die Schlichtung der Angelegenheiten der Familie Vancour kam wirklich ohne Zuziehung eines Advokaten zu Stand, theils vielleicht deßwegen, weil ein Mann die⸗ ſes Gelichters nicht näher als hundert und ſechszig Mei⸗ len zu finden war— zu New⸗York nämlich. Nach Pli⸗ nius beſtand Rom fünfhundert Jahre ohne einen Arzt; ſo unglaublich dieſe Thatſache auch ſcheinen mag, ſo kommt ͤ——— ihr doch das Wunder gleich, daß die Stadt Albany und die Umgegend den größten Theil eines Jahrhunderts ohne den Beiſtand eines einzigen Advokaten blühte. Die Men⸗ ſchen können ohne Advokaten ſo wenig vor Gericht, wie ohne Waffen in den Krieg gehen; man nehme ihnen beide und es wird der Friedensgeſellſchaften nicht mehr bedürfen. Doch zu unſerer Erzählung. Unter den vielen guten alten Gewohnheiten, welche in den Tagen der Unwiſſenheit und Einfalt unter unſern Voreltern herrſchten, war auch die, daß ſie ihre Schul⸗ den ſelbſt bezahlten, ſtatt dieß ihren Nachkommen zu überlaſſen. Sie wußten wenig oder nichts von der Kraft des„post obit und es kam, glaube ich, nie bei ihnen vor, daß man der prächtigen Speculation erwähnte, wäh⸗ rend des Lebens in Ueppigkeit zu ſchwelgen und ein glän⸗ zendes Haus zu machen, ihre Nachkommenſchaft aber dafür büßen zu laſſen. Als der alte Herr Vancour ſtarb, zahlte er die einzige Schuld, die er hatte— die Schuld der Natur. Bei der Theilung der Beſitzung erhielt Egbert, der älteſte Bruder, den dritten Theil, welcher, nebſt dem alten Wohnſitze, in der Mitte lag; Dennis den zur rech⸗ ten und Ariel den zur linken Hand. Jeder derſelben nahm den Raum ein, welcher zwiſchen einer Hügelreihe und den Ufern des Hudſon lag, an welche ſie ungefähr zwei Meilen in gleicher Entfernung grenzten. Mit Rück⸗ ſicht auf dieſe Anordnung hatte Herr Vancour zu ver⸗ 4 4 —.—— — 10— ſchiedenen Zeiten an den beiden äußerſten Enden ſeines Gutes ein behagliches Haus erbauen laſſen, ſo daß den zwei jüngern Brüdern die Ausgabe des Baues geſpart wurde. Zur Zeit, in welcher unſere Geſchichte beginnt, war der alte Herr ſchon viele Jahre todt und Ariel, der jüngſte der drei Brüder, neigte ſich mächtig jenem Lebens⸗ alter zu, worin ein Mann der drohenden Gefahr blos⸗ geſtellt iſt, von den jungen Damen unter die alten Jung⸗ geſellen gerechnet zu werden. Dennis, der zweite Bru⸗ der, war ein kinderloſer Wittwer; und Egbert war mit einer ſehr häuslichen Gattin geſegnet, der Mutter einer einzigen Tochter, welche in die Jahre der Jungfräulich⸗ keit überging und deren Erziehung eben in einer Erzie⸗ hungsanſtalt zu New⸗York vollendet wurde. Das von Herrn Vancour bewohnte Haus war gebaut worden, als es bei den Leuten Sitte war, an die Möglichkeit zu den⸗ ken, ihre Erben, oder doch wenigſtens einer derſelben, würde in den Beſitz ihrer alten Behauſung kommen und dieſelbe bewohnen. Es war ein großes viereckiges Gebäude von zwei niedrigen Stockwerken, von kleinen, gelben, holländiſchen Backſteinen erbaut, welche aus den Niederlanden herüber⸗ gebracht worden waren, theils aus Verehrung für das „Faderland,“ theils aus einem gewiſſen Zweifel an dem Geſchick, irgend etwas außer der bisher gewohnten Weiſe thun zu können— ein Zweifel, welcher die Bewohner 5 2¹ — 11— dieſer weſtlichen Welt lange beherrſchte und gewiſſermaßen noch beherrſcht. Die Mitte des Hauſes nahm ein geräu⸗ miger, ſtattlicher Saal ein, der mit Eichenholz getäfelt war und an deſſen äußerſtem Ende eine breite Treppe ſo ſanft hinanſtieg, daß ſie faſt ſo bequem wie eine Eiſen⸗ bahn war. Dieſe Treppe wurde an der äußern Seite durch ein Geländer von dicken Mahagonykegeln geſchützt, welche ſo nahe an einander ſtanden, daß ſie ſich faſt berührten und in ihrer plumpen Ueberfülle paſſende Vor⸗ bilder für die Beine aller der zierlichen Inſaſſen der Umgegend abgaben. Wir wiſſen nicht, ob es aus Sym⸗ pathie mit dieſen klaſſiſchen Muſtern oder aus einem ver⸗ borgenern Einfluſſe geſchah— gewiß aber iſt es, daß, ſeitdem dieſe Geländer aus der Mode kamen, eine ſo ſtattliche Beinſorte nicht mehr zu finden war, ſelbſt nicht auf dem Gemälde der unabhängigkeitserklärung, wie man es jeden Sommer ⸗ Sonntag in wollenen Strümpfen in der kleinen, achteckigen, ſteinernen Kirche auf den Flatts zur Zeit, von welcher wir reden, zu ſehen pflegte. Das Geräthe des Hauſes entſprach ſeiner doriſchen Würde und Einfachheit. Man fand nichts da, das zum Gebrauch zu ſchön geweſen wäre, oder das man nicht gebraucht hätte, ſo oft es die Gelegenheit mit ſich brachte, obgleich wir gern eingeſtehen, daß es ein heilig gehalte⸗ nes Gemach gab, welchem man den ſtolzen Namen„das viereckige Zimmer“ beilegte; der Zutritt zu demſelben war ſchwer und nur bei beſondern Gelegenheiten war es ☛ 2 *— — — ͦH—— p. .—— — 122— vergönnt, ſeine Schwelle zu überſchreiten. Hier wurden die Familien⸗Erbſtücke heilig aufbewahrt:— Stühle mit hohen und bauſchigen Rücken und mit geſtickten Seiden⸗ ſitzen aus dem„alten Lande“; ein Brüſſeler Teppich; zwei große chineſiſche Gefäße auf jeder Seite des Kamins, faſt fünf Fuß hoch; und der Schatz aller Schätze, eine holländiſche Kommode, genau wie die, welche man jetzt zu Hampton Court ſieht und welche von König Wilhelm herrührt, ſo überreich und doch ſo geſchmackvoll und koſt⸗ bar verziert mit meſſingnen Angeln und einem faſt die halbe Vorderſeite bedeckenden Schloſſe, das, wenn es gehörig geputzt war, wie es denn jeden Tag geſchah, prachtvoll in die Augen blitzte. Das Meſſing hatte ein Silberweiß, einen zarten Glanz, wie es die falſche Nach⸗ ahmung unſerer entarteten Tage nimmer zeigt. Aber der geſchätzteſte und ſchätzbarſte Theil der Ausſchmückung des Gemaches war eine Anzahl ſchöner Gemälde aus der Flamändiſchen Schule, welche der ältere Herr Vancour aus Holland mitgebracht hatte und die ſeitdem bei einem Brande in dem Hauſe eines ſeiner ſpätern Nachkommen zu Grunde gegangen ſind. Das Haus lag eine kleine Viertelſtunde von dem Fluſſe, in der Mitte einer herrlichen Wieſe, da und dort mit einer großen uralten Ulme beſetzt, die wie ein mäch⸗ tiger Regenſchirm daſtand, unter welchen die müden Her⸗ den, gegen die Mittagsſonne geſchützt, wiederkäuend lagen. Vier ähnliche Bäume umgaben und verſteckten faſt das —— — 13— Gebäude, ſeine Vorderſeite ausgenommen, und waren der Aufenthalt einer Menge zwitſchender Vögel. Auf der einen Seite, kaum hundert Schritte entfernt, floß ein Bach, welcher von den eine Meile im Hintergrunde hin⸗ ziehenden Hügeln nieder kam und in dem Laufe von Jahrhunderten eine tiefe Kluft gebildet hatte, welche auf heiden Seiten mit einer Wildniß von mannichfachem Ge⸗ hölz und Pflanzen und Dornen und wilden Blumen und Reben jeder Art beſetzt war, wo in der wärmeren Jah⸗ reszeit ein ſtetes Concert der nie ermüdenden und ni⸗ ermüdeten Sänger der Natur zu hören war. Dieſes Gehölz war breit genug, um einen unſichtbaren Weg zu ſchützen, den einzigen, welcher zu dem Hauſe führte, ſo daß Alles rund um daſſelbe nur ein ſchöner Teprich präch⸗ tigen Grüns war, welchen weder Fahrweg noch Fußpfad unterbrach.. Der Hudſon auf der Vorderſeite ſchlief in ſeinen ruhigen Ufern, denn ſein Lauf war ſo langſam, ſo ſanft, ſo unmerklich, daß er jene Ruhe zu theilen ſchien, welche er ringsum verbreitete. Außer den Ulmen und Symmo⸗ ren, welche der fruchtbar angeſchwemmte Boden in ma⸗ jeſtätiſcher Fülle nährte, waren ſein Ufer mit majeſtätiſchen Silberweiden, welche ſeine klaren Wellen küßten, und anderm kleinen Gehölz und wilden Reben geſäumt de⸗ ren Äſte ſich wölbten und kaum den niederfallenden Regen durchließen. Der Fluß war ungefähr eine Vier⸗ telmeile breit, ſo daß von einer Seite zur anderen jede —— — ———— — 14— ländliche Anſicht und jeder laͤndliche Ton geſehen und ge⸗ hört werden konnte. Am äußerſten Ende der prächtigen Wieſen des anderen Ufers erhob ſich ein kühnes Boll⸗ werk graubärtiger Felſen, welche mit hellgrünem Mooſe amaillirt waren und auf ihrer Spitze eine Krone ſtolzer Fichten von unvergänglichem Grün trugen. Gewiß iſt in der Majeſtät der Natur, ihren grauen Felſen, ihren ſtillen, ſchattigen Thälern und ſtolz ragenden Bergen Etwas, das die Seele zu hohem Nachdenken weckt und ihre ſchlummernden Kräfte aufregt. In ihren milderen Schönheiten aber, ihren reichen, lachenden, mit Blumen gezierten und von luſtigen Vögeln wimmelnden Auen, ihren wogenden Getraidefeldern, ihren geräuſch⸗ loſen, ſpiegelhellen Bächen iſt ein nicht minder wohl⸗ thuender und bei weitem dauernderer Reiz, als in der hoch fliegenden Begeiſterung der erſtern. Beide haben jedoch, ohne Zweifel, ihren Einfluß auf den menſchlichen Charakter. Wer in den rauhen Einöden einer Bergge⸗ gend wohnt, wird gewöhnlich gefahrvolle und ermüdende Unternehmungen leichten und geſunden Arbeiten vorzie⸗ hen. Er wird lieber ſein Leben einer Mahlzeit opfern, oder ſie ganz entbehren, als ſie im Schweiße ſeines An⸗ geſichts durch die Bebauung der Erde verdienen. Aber der Bewohner der reichen Ebene, welche für jede Stunde Arbeit, die er ihr weiht, den herrlichſten Lohn aus ihrem edlen Schooße ergeußt, iſt ein Freund der Sicherheit; er haßt jeden Wechſel, den der wiederkehrenden Jahres⸗ — —— zeit abgerechnet; das Uebermaß der Leidenſchaften bleibt ihm fremd; er erhebt ſich nie zur Begeiſterung und läßt ſich nicht von der Verzweiflung bedrängen. Bleibt er allein, ſo wird ſein Leben wahrſcheinlich ſo geräuſchlos, wenn nicht ſo rein dahin gleiten, wie der freundliche Bach, welcher ſich ungehört an dem Fuße ſeiner Beſitzung entlang windet. Es iſt ſchon tauſendmal bemerkt worden, die Gebirgsbewohner hingen inniger an ihrer Heimath, als die, welche in Niederungen wohnen; ich bezweifle jedoch die Richtigkeit dieſer Anſicht. Wer ſeiner Heimath und ſeinem gewöhnlichen Lebensgange entriſſen wird, ſehnt ſich darnach zurück— der Bewohner der Ebene ſo gut, wie der des Gebirgs. Jener dürſfte wohl unter den Felſen und Waldſtrömen, den wilden Thieren und den eben ſo wilden Jägern eben ſo unglücklich ſeyn, wie der letztere in der arbeitſamen Ruhe der fruchtbaren Thäler. Wie dem aber auch ſein mag— die Brüder, deren Bekanntſchaft der Leſer eben gemacht hat, theilten in hohem Grade den Charakter der Szenerie ihrer Geburts⸗ gegend, und nur gewiſſe Eigenthümlichkeiten in ihrer Lage brachten einige Verſchiedenheit hervor. So friedlich die Beſitzung, die ſie inne hatten, und der Anblick ihrer ganzen Umgebung war, ſo hatten ſie doch nicht immer in dem Schooße der Sicherheit geruht. Auf dreißig bis vierzig Meilen nach jeder Richtung hin ſtreiften mehrere Indianer⸗Stämme umher, deren wilder, ruheloſer und rachſüchtiger Charakter ihre Freundſchaft eben ſo unzuver⸗ — läſſig machte, als ihre Feindſchaft ſchrecklich war. Es iſt wahr, ſie lebten jetzt in Frieden, oder vielmehr, ſie hatten ſich in ihr unvermeidliches Schickſal gefügt; man konnte ſich aber auf ihre Freundſchaft nicht verlaſſen, und ſie näherten ſich nicht ſelten den benachbarten Anſiedelun⸗ gen in der Stille der Nacht und begingen die ſchrecklich⸗ ſten Grauſamkeiten. Dieſer Zuſtand der Dinge trug dazu bei, daß ſich bei den erſten Anſiedlern ein kriegeriſcher Charakter und kühner Unternehmungsgeiſt erhielt; ſie widmeten ſich den entgegengeſetzten Beſchäftigungen des Landbebauers und Kriegers in einem Grade, welcher bei den Bewohnern des übrigen Theils der Welt ſelten gefun⸗ den worden iſt. Die Vancour's und ihre Nachbaren fanden es alle nothwendig, ſich den Künſten des Friedens und des Krieges zumal hinzugeben; alle hatten ihre Waf⸗ fen zur Hand, und alle wußten ſie zu brauchen. Die Vancour's waren Leute von Welt, ſo wie von Vermögen. Vorzüglich ſah der Aeltere, weil er im Beſitz des Familien⸗Wohnſitzes war und einen regelmäßig geordneten Haushalt hatte, dann und wann zahlreiche Ge⸗ ſellſchaft von Alban), New⸗York und andern Orten in ſeinem Hauſe. In der That ſtand dieſes allen achtbaren Beſuchern offen, und war ſelten ohne die Gegenwart irgend eines Fremden, Freundes oder entfernten Ver⸗ wandten. Sie wurden mit jener einfachen, prunkloſen, ruhigen Gaſtfreiheit empfangen, welche ſtets eine will⸗ kommene Aufnahme andeutet. — 17— Madame Vancour, wie ſie auszeichnungsweiſe ge⸗ nannt, wurde, war zu New⸗York geboren und erzogen, und hatte faſt gleich viel von dem Geblüte des achten Holländers, des Engländers und des Hugenotten in ſich. Da Ney⸗York damals die Reſidenz des engliſchen Statt⸗ halters war, ſo war es auch natürlich der Mittelpunkt der Mode. Der Statthalter ſpielte den Monarchen im Kleinen, und da ſtets eine brdeutende Truppenmaſſe in der Stadt in Garniſon lag, ſo wimmelte der Ort von Rothröcken, wie einige unſerer Speiſegewölbe jetzt von geſottenen Krebſen. Dieſe rothen Mavorsſöhne waren das Hauptziel des Ehrgeizes unſerer Stadtſchönen, und glück⸗ lich war das Fräulein, und ſtolz die Mutter, welche ihr Geſchick und ihre Familie mit dem Lieutenant einer Compagnie brittiſcher Grenadiere verſchmelzen konnte Seine Excellenz hatte, wie ſo viele andere Excellenzen, eine Menge Aids⸗de⸗camp, welche ſeinen Hofſtaat aus⸗ machten, ſeine Einladungskarten ſchrieben, Neuigkeiten ſammelten und an der Tafel vorſchnitten. Dieſe wichtigen Dienſtleiſtungen berechtigten ſie natürlich zu großer Aus⸗ zeichnung im Kreiſe unſerer Provinz⸗Schönheiten, und es wird in den Sagen und Ueberlieferungen aus jener Zeit erwähnt, daß die guten New⸗Yorker Frauen die Nacht vor einem Balle in des Statthalters Palaſte nie eines ruhigen Schlafes ſich gefreut, weil der Gedanke ſie quälte, ob ihre Töchter mit einem ſolchen Adjutanten tanzen würden. Manchmal erniedrigten ſie ſich ſo weit, Paulding III. 2 — 18— daß ſie eine Erbin aus der Provinz heiratheten! Ja, viele der größten Beſitzungen in der Provinz wurden, nebſt einem blühenden Fräulein, als Zugabe, gegen einen rothen Rock und ein Paar glänzender Epauletten ausgewechſelt,— zu dem größten Vergnügen der Müt⸗ ter, welche an dem Stolze der Verbindung ihren reich⸗ lichen Antheil mitnahmen. Ich kann nicht behaupten, daß die Väter und Brüder dieſe Triumphe theilten; denn bereits hatte das vornehme Weſen dieſer buntgeſchmückten Eindringlinge, und ihre unverhehlte Anmaßung und Aufgeblaſenheit in dem Herzen dieſer einfachen Provinzler ein Gefühl geweckt, welches, ſpäter ſich anderen, gleich mächtigen, zugeſellend, eine Revolution hervorbrachte, deren Einfluß die Welt noch fühlt und lange fühlen wird. Die Vancour's hatten zu New⸗York unter den reichſten und angeſehenſten Familien viele Verbindungen, und verfehlten ſelten, ihnen im Laufe jedes Herbſtes einen Beſuch von einigen Wochen zu machen. Sie fanden ſtets die beſte Aufnahme, und da der Statthalter nie nach Albany kam, ohne ſich ihre Gaſtfreiheit zu Nutzen zu machen, hielt er ſich für verpflichtet, ſie bei ihrem Be⸗ ſuche in ſeiner Reſidenz zu entſchädigen. Dieſer Verkehr mit der heitern Welt nährte gewiſſe Gefühle und Sitten, welche ihn gewöhnlich zu begleiten pflegen; im Allgemei⸗ nen aber hatte ihr Charakter doch ſtets in hohem Grade die Einfachheit des Landes, wo ſie wohnten. Hinſichtlich ihres Aeußeren unterſchieden ſie ſich nicht beſonders von — 19— feinen, gut erzogenen Weltleuten; in ihren Sitten und ihrer Oenkungsweiſe aber waren ſie weſentlich verſchieden. Es herrſchte eine gewiſſe doriſche Einfachheit in ihrer Lebens⸗ weiſe, welche uns längſt verloren gegangen, und für die uns, wie ich zuweilen geneigt bin zu glauben, eine ſehr unverhältnißmäßige Entſchädigung zu Theil geworden iſt. Dennis und Ariel, die zwei jüngeren Brüder, deren Einer ein einſam ſtehender Wittwer, der Andere ein gleichfalls einſamer Junggeſelle war, brachten einen beträcht⸗ lichen Theil ihrer Zeit in dem alten Familienſitze zu, wo ſie eben ſo heimiſch waren, wie in ihren eignen Häu⸗ ſern. Die zwei älteren Brüder liebten ſich ſehr und ver⸗ kehrten gern in ihrer ruhigen Weiſe miteinander. Sie waren manchmal einen ganzen Morgen beiſammen, ohne ein halbes Dutzend Wörter unter ſich zu wechſeln. Sie waren gewöhnt, ſich ihre Gedanken durch gewiſſe kleine, ausdrucksvolle, unartikulirte Töne und unaußdringliche Geberden mitzutheilen, welche ein Jeder ſo gut wie ſeine Mutterſprache verſtand. Ariel dagegen, beſaß einen unbe⸗ zwinglichen Widerwillen gegen den Müßiggang und konnte nie fünfzig Minuten hintereinander ſtill ſitzen, ohne ein⸗ zuſchlafen. Er war ein Meiſter im Pfropfen und Inocu⸗ liren der Obſtbaäume; ein fleißiger Aufſucher von Schwäm⸗ men und in allen Unternehmungen, welche die Förderung gutes Eſſens zum Zwecke hatten, der Erſte. Er war in der That einer jener Leute, welche ſelten ohne einen Plan zum Beſten ihrer Mitmenſchen ſind und die, obgleich ſie in 2* ihren eigenen Unternehmungen niemals auf das geringſte Glück rechnen können, ſtets auf ein Haar wiſſen, was Andern den ſicherſten Vortheil bringt. Dagegen hatte Dennis einen Abſcheu vor jeder Neuerung und Verbeſſe⸗ rung in der Landwirthſchaft; er verachtete aus dem Grund ſeiner Seele die Arbeit ſparenden Maſchinen und hielt es für unwiderleglich, daß die menſchliche Hand das voll⸗ kommenſte Werkzeug ſei, das je erfunden worden. Ariel wendete eines Jahres den ganzen Ertrag ſeiner Ernte auf die Erfindung von Mitteln zur Vertilgung der Feld⸗ mäuſe, wahrend Egbert die Hälfte der ſeinigen durch Thatigkeit und Aufmerkſamkeit rettete. Dem ſei nun, wie ihm wolle— gewiß iſt es, daß der Eine von Jahr zu Jahr reicher wurde, während es dem Andern ſtets an Geld fehlte. „Sie ſcheinen heute nicht zu kommen,“ ſagte Den⸗ nis eines Morgens, nachdem ſein älterer Bruder und er ungefähr zwei Stunden beiſammen geſeſſen und ſich ange⸗ ſehen hatten, ohne ein Wort zu wechſeln. „Sie ſcheinen heute nicht zu kommen,“ wiederholte Egbert und damit war die Unterhaltung wenigſtens für eine Stunde zu Ende. „Ich glaube, das Wetter hellt ſich vor Mittag auf,“ ſagte Dennis und ſah die Wolken an, welche ſich am Himmel theilten, und einen kleinen Fleck klaren blauen Himmels ſehen ließen. —— „Ich glaube es auch,“ verſetzte Egbert und die Sache war abgethan. Die Perſonen, deren Ankunft man erwartete, waren des Oberſten Vancour's Gattin und ihre Tochter, Cata⸗ lina, deren Erziehung in der Penſion vollendet war, und die nun mit ihrer Mutter ſich auf dem Rückwege von New⸗York befand. Der Leſer wird nicht überſehen, daß dies lange vor der Erfindung der Dampfſchiffe war, als ein echtes Albany⸗Packetbot ſich es nicht träumen ließ, anders als bei dem beſten Winde unter Segel zu gehen und kaum jemals den Overslaugh paſſirte, ohne ihm die Artigkeit zu erweiſen, felſenfeſt auf dem Trocknen ſitzen zu bleiben. Wir ſelbſt erinnern uns von langer Zeit her, daß wir einmal ſieben Tage lang nicht mehr als ſieben Meilen von Albany feſt gelegen; die Entfernung erſchien aber ſo unermeßlich, daß Niemand am Bord auch nur daran dachte, das Schiff zu verlaſſen und zu Land in die Stadt zu gehen. Alle warteten ruhig und geduldig auf den Oſtwind oder auf einen ſtarken Regen, um wieder flott zu werden; und man brachte die Zeit behaglich mit Eſſen und Rauchen hin. Wirklich es gibt keine beſſere Geduldsſtütze, als eine Pfeife mit Blaze Moora's Tabak gefüllt. Die Wahrheit aber iſt, daß die Menſchen damals nicht in einer ſo großen Haſt waren und ihre Zeit nicht halb ſo koſtbar war als jetzt. Damals brachte ein Mann ſein ganzes Leben damit hin, ſich ein Vermögen zu erwer⸗ ben; jetzt hat er nicht ſo viele Zeit zu entbehren, denn — 2— er muß, ehe er ſtirbt, ein Vermögen nicht nur erwerben, ſondern auch durchbringen. Es würde etwas faſt Unmög⸗ liches geweſen ſein, jemanden zu überreden, einen ſchnel⸗ len Uebergang in die andere Welt zu wagen, um ſeine Reiſe auf dieſer abzukürzen. Die von ihrer Mutter und Tjerck, einem alten ſchwar⸗ zen Diener, begleitete Tochter, wurde ſchon ſeit länger als einer Woche erwartet, und an jedem Tage, hatte genau daſſelbe Geſpräch, wie wir es eben angeführt haben, zwiſchen den zwei Brüdern ſtatt. Wir müſſen erwäh⸗ nen, daß Herr Egbert Vancour abgehalten wurde, den Damen auf ihrer Reiſe Geſellſchaft zu leiſten, da er zum Mitgliede der Commiſſion ernannt worden, welche mit den „fünf Nationen“ zu Schanectady in Unterhandlungen getreten war. Die letzte Woche hatte es faſt unaufhör⸗ lich geregnet und jeder der drei Brüder gab ſeine Unge⸗ duldꝛ auf ſeine eigene Weiſe zu erkennen. Die beiden ältern wanderten häufig von der Kaminecke an das Fen⸗ ſter und der jüngere ging alle fünf Minuten, nachdem er sin kurzes Schläfchen gehalten, hinaus, ſtellte ſeine kleine dicken Beine weit auseinander und ſah ſich nach der Wetterfahne um, welche, nebenher bemerkt, eine eiſerne Aloſe war, durch deren Seiten, zur Ehre der Familie, die Buchſtaben D. V. ausgeſtochen waren. Endlich brach, gegen Abend, die gelbe Sonne durch die ſich öffnenden weſtlichen Wolken, vergoldete die wei⸗ nende Landſchaft prachtvoll und machte die kalten Regen⸗ — 23— tropfen, welche an dem Graſe und den ſich wiegenden Baumzweigen hing, zu glanzenden, blitzenden Diamanten. Ein lebhafter und doch ſanfter Südwind erhob ſich und eine ganze Flotte von Boten, mit ſchneeweiſen Segeln zeigte ſich unten und kam luſtig den Strom herauf. Alle gingen hinaus, um zu ſehen, ob ſie den„Patroon,“ das Schiff, an deſſen Bord die Damen waren, erkennen könnten. Der unermüdliche Ariel war unten am uUfer und machte einen grimmigen Lärm und rief jedes Schiff, das vorüber kam, an, um zu erfahren ob der Patroon käme, wobei er ſeiner Gewohnheit zufolge, jeden Augen⸗ blick ſeine Kehle mit einem„Hem, hem!“ klärte, das endlich ein Flug ſchwarzer Enten aufſcheuchte, die ſeit mehreren Tagen in einer kleinen benachbarten Felsbucht Schutz gefunden hatte. Ein Schiff nach dem andern flog vorüber, ohne anzuhalten, bis Ariel alle Geduld verlor; er ſtelzte von einer Seite des Dammes auf die andere; der Patroon war ſeiner Anſicht nach, das ſchlechteſte aller Schiffe und der Kapitän der ſchläfrigſte, trägſte, langſamſte, dümmſte aller Dummköpfe. „Ich wußte es, zum T—! mit ihm— ich wußte es. Ich wette mein Leben, er ſitzt mit Rumpf und Stil auf dem Overslaugh.— Nein! bei Gott, nein! zum T= l mit ihm, da kommt der Patroon, da kommt er endlich!“ Und bei dieſen Worten ſchoß er mit einer ſolchen ſeinen Ohren vorzüglich wohl that. — 24— Begeiſterung das Ufer hinab, daß er ſein Schienbein an ſeinem Pfoſten verwundete, weshalb er dem Patroon und ieinem Kapitän einen derben Fluch zuſchickte und auch des Pfoſtens nicht vergaß. Ariel hatte ſich nicht geirrt; es war der Patroon. Nach wenigen Minuten und Madame Vancour und ihre Tochter Catalina, wurden wieder an dem Kamin ihrer beſten Freunde mit einer ruhig ſprachloſen Wärme bewill⸗ kommt, welche die Natur dictirt und die Natur verſtand. Alle, nur Ariel nicht, ſprachen mit ihren Augen; es war aber eine Eigenthümlichkeit dieſes würdigen Junggeſellen, daß er bei allen fröhlichen und traurigen Gelegenheiten zumal, viel Getöſe machte; je mehr er fühlte, deſto lär⸗ mender gebährdete er ſich, und dieſe Neigung folgte ihm ſelbſt in dem Schlaf, denn dieſer war ein ſehr klangreiches, uner⸗ müdliches Schnarchen in allen Tonarten und Tonabſtufungen. Er ſtelzte um das junge Mädchen und rief: „Hem, hem! Ei, ei! Wie ihr gewachſen ſeid! Hem! Blitz, ich hätt' Euch nicht mehr erkannt ei;— hem, hem! beim T— l, Ihr ſeid faſt ſo groß wie ich.“ Und dann maß er ſeine kleine, viereckige, ſtumpfar⸗ tige Geſtalt gegen die des ſchlanken zierlichen Mädchens. Als er endlich all ſeinen wachen Lärm erſchöpft hatte, ſetzte er ſich in einen Lehnſtuhl und verfiel in einen Schlaf, aus welchem er nur durch die Muſik der Zubereitung zum Abendeſſen geweckt wurde— eine Muſik, welche — — 25— „Ho, hol der T— l!— was gibt es heute zu eſſen?“ Er machte nun die Runde um den Tiſch und hielt über das reichliche Mahl die ſorgfältigſte Muſterung. „Aber wo iſt Sybrandt?“ fragte Madame Vancour. „Gewiß, ich hoffte, ihn hier zu finden, um uns zu bewill⸗ kommnen.“ „O, das iſt wahr, Dennis,“ ſagte Egbert:„was iſt aus dem Jungen geworden?“ „Ich weiß es nicht.“ Ariel brach in ein hinreißendes Gelächter aus, wie er es zuweilen hören ließ. „Ich weiß es,“ ſagte er:„der arme Burſche ſchlich nach Haus, ſobald er ſah, daß der Patroon heran kam.“ Egbert zuckte die Achſeln; Dennis trillte ein Stück Sellerie mit einem ſo lebhaften Ruck um, daß er die ganze kunſtreiche Lage der Schüſſel, den Stolz der Dame Phillis, der vorſitzenden Gottheit der Küche, in Unord⸗ nung brachte. Ariel rief mit einer Stentorſtimme:„hem! hem?“ und Madame und ihre Tochter wechſelten bedeu⸗ tungsvolle Blicke und lächelten. Sybrandt ließ ſich dieſen Abend nicht ſehen und die Sache kam nicht mehr zur Sprache. Da dieſer junge Mann beſtimmt iſt, in unſerer Geſchichte eine Rolle zu ſpielen, ſo wollen wir dieſe Gelegenheit benutzen, ihn mit dem Leſer näher bekannt zu machen. 5 1 Zweites Kapitel. Der Leſer macht die Bekanntſchaft eines blöden jungen Mannes. Sybrandt Weſtbrook war der einzige Sohn einer entfernten Verwandten der Familie Vancour, einſt— ſo glaubte man— in großer Gunſt bei Herrn Dennis, welchen man im Verdachl hatte, er betrachte die Dame mit mehr als blos verwandtſchaftlichen Augen. Sie war eine Schönheit und eine reiche Erbin und heirathete einen brittiſchen Officier zu New⸗York, der ihr Vermögen durchbrachte und endlich nach Haus ging und nie wieder kam. Sie hinterließ einen einzigen Sohn, ohne Vermögen, ohne einen Beſchützer ſeiner zarten Jugend. Er fand aber einen ſolchen in Herrn Dennis Vancour, welcher nach dem Tode ſeiner Gattin den Knaben in ſein Haus rief, ihn an Sohnes Statt annahm und ſeine Erziehung über⸗ wachte. Dennis war ein Ehrenmann, der freilich eine Menge Eigenthümlichkeiten hatte. Er hielt viel auf die alten urſprünglichen holländiſchen Sitten und vor allem auf die alte urſprüngliche holländiſche Sprache, die einzige, die man ihn jetzt bewegen konnte, zu ſprechen, obgleich er Meiſter im Engliſchen war. Er hatte eine große Abneigung gegen New⸗Yorker Namen, Sitten und Thorheiten; ſeitdem ihn ein Rothrock „ „ ausgeſtochen hatte, hegte er einen tödtlichen Widerwillen gegen Jeden, der dieſe Uniform trug. Er war ein Feind des neuen Erziehungsſyſtems, das täglich in der Pro⸗ vinz ſich mehr ausdehnte, und der tauſend Neue⸗ rungen, zu welchen die neuen Lehrer Veranlaſſung gegeben hatten. Die jungen Modemänner waren Gecken und die jungen Modedamen zu nichts gut, als zu tanzen, umherzuflattern und ſich von den Rothröcken zum Beſten halten zu laſſen. Aus dieſen und verſchiedenen anderen weſentlichen Gründen faßte er den Entſchluß, ſein Adoptiv⸗Sohn ſollte eine häusliche Erziehung erhalten und der Sorge des guten Dominie Stettinius, des Paſtors der Gemeinde, anvertraut werden. Der Dominie war ein feſter Pfeiler der reformirten holländiſchen Kirche, ein gründlicher Gelehrter, und ein Mann von großer Frömmigkeit und Einfachheit des Charakters zumal. Er war auf der berühmten Univerſität Leyden gebildet worden, auf dieſer weltbekannten gelehrten Pflanzſchule, wo Eras⸗ mus, Grotius, Grävius und tauſend andere berühmte Gelehrte ihre Bildung erhalten hatten; und wo Scaliger, Salmaſius und tauſend berühmte Lehrer von Zeit zu Zeit die Lehrſtühle ſchmückten. Zu Leyden in den Vereinigten Niederlanden fanden Gelehrte Schutz vor pfäffiſcher Frömmelei, hier behauptete ſich die Freiheit des Denkens, Redens und Schreibens gegen die Verfolgungen von Kirche und Staat; hier wurden die größten, die 4 1 4 — 28— fleißigſten und die nützlichſten Gelehrten, welche vielleicht je gelebt haben, für ihre Bemühungen in der Sache der Gelehrſamkeit und der Freiſinnigkeit geſchirmt und belohnt. Frankreich, Italien und England haben den Ruhm der Gelehrſamkeit, der Wiſſenſchaft und Philoſophie eifer⸗ ſüchtig für ſich in Anſpruch genommen; wenden wir unſere Blicke aber der Geſchichte zu, ſo werden wir finden, daß die gebildete Welt den Niederlanden wenigſtens eben ſo viel zu danken hat, und daß der geiſtige Aufſchwung, hätte er einen Zeitabſchnitt hindurch, der ein Jahrhundert oder mehr umfaßte, hier keine Zuflucht gefunden, aller ⸗Wahrſcheinlichkeit nach erſtickt, wenn nicht ganz ertödtet worden wäre. Dominie Stettinius hatte ſich den Wiſſenſchaften eifrig hingegeben und war nun ein gründlicher Gelehrter. Dies war eine Auszeichnung in jenen Tagen, wo es jahrelanger Arbeiten bedurfte, um jene Kenntniſſe einzu⸗ ſammeln, die in tauſend gewichtigen Folianten zerſtreut waren und jetzt in Enzyclopädien, Wörterbüchern und Compendien der mannichfachſten Art geſammelt und geſichtet ſind.„ Aber der Dominie war nur ein Gelehrter und ein frommer Geiſtlicher; er beſaß keine Vorzüge außer ſeiner Gelehrſamkeit, und achtete auch keine andere; ſeine Sitten waren einfach, faſt rauh, und die Nüchternheit ſeines Sinnes war ſo groß, daß er, obgleich einer der gut⸗ müthigſten Erdenbewohner, das Lächeln, die Heiterkeit und die Spiele der glücklichen Kindheit kaum ertragen konnte. 4 Dieſer würdige Geiſtliche übernahm, dem Wunſche des Herrn Dennis Vancour zufolge, die gänzliche Erzie⸗ hung des ſiebenjährigen Sybrandt und hatte aus dem neunzehnjährigen Jüngling einen großen Gelehrten gemacht. Der gute Mann war ſo eifrig, ihn mit Büchern bekannt zu machen, daß er der Menſchen, und vor allem der Frauen darüber vergaß, welche zur Bildung des Geiſtes und der Sitten eben ſo nothwendig ſind, wie zur Schöpfung des Menſchen ſelbſt. Die Folge war, daß der Jüngling ein ſcheues, linkiſches, zurückhaltendes, abſtractes Weſen wurde, das von der Lebhaftigkeit ſeines Alters nichts wußte, und mit jener Weltkenntniß, welche für die Alltagsgeſchafte des Lebens ſo weſentlich iſt, wie kleine Münze, ſo unbekannt war wie ein Kind. Es gab auf der ganzen Oberfläche der Erde nichts, vor dem er ſich mehr fürchtete, als vor einem weiblichen Weſen, vor⸗ züglich vor einem jungen Mädchen, deren bloſe Gegenwart ihn in Stein zu verwandeln und die Quellen des Gedankens und der Thatkraft zumal zu verſtopfen ſchien. Demunge⸗ achtet aber war das Weib der Abgott ſeiner Seele, welchem er heimlich auf ſeinen ländlichen Spaziergängen und in ſeinem einſamen Nachſinnen huldigte. Irgend eine ideelle Geliebte, die er ſich ſelbſt geſchaffen, war ſeiner Phantaſte ſtets gegenwärtig, und der Hang zur Liebe, welcher der Jugend allgemein eigenthümlich iſt, wurzelte um ſo tiefer in ihm, als er demſelben ein Genüge zu thun, weder den Willen, noch die Mittel hatte. So füllte, während er in dem Bewußtſein ſeiner Unbeholfenheit und Verlegenheit jeden perſönlichen Verkehr mit dem weiblichen Geſchlechte vermied, ein geheimes erſticktes Feuer ſeine ganze Seele aus— ein ſchlummernder Kupido, welcher, durch eine günſtige Gelegenheit und einen Gegenſtand geweckt, der herrſchende Lenker ſeines Daſeins zu werden beſtimmt war. Sybrandt's Geſtalt und Aeußeres waren ungemein ſchön; ſeine Sitten und ſein Benehmen aber beklagens⸗ werth rauh und uneinnehmend. Wurde er unverſehens angeredet, ſo hatte ſeine unbeholfene Verlegenheit das Anſehen von Albernheit, und ſeine Zerſtreutheit war gewöhnlich ſo groß, daß er oft die abgeſchmackteſten Antworten gab. So wuchs er auf, ohne etwas zu beſitzen, das ihn der Achtung oder Liebe ſeiner Mitmenſchen hätte empfehlen können, eine Art harmloſe Albernheit abgerechnet, welche der gute Dominie gerne die Wurde der Weisheit nannte. Seine Lebhaftigkeit, wenn ihm die Natur irgend etwas dieſer Art gegeben hatte, war durch anhaltendes Studiren, Mangel an Geſellſchaft und Erholung ganz verkümmert worden und der ſtarre Ernſt ſeines würdigen Lehrers, der ihn Tag und Nacht mit Arbeiten überlud, machte das Mebel nur noch ſchlimmer. Sein Rücken rundete ſich, wie der des herannahenden Alters, und ſeine Gewohnheit, — 31— den Kopf zwiſchen die Schultern ſinken zu laſſen, nahm ſeiner Geſtalt alle männliche Kraft und Würde. Für ihn waren die glücklichen Tage der Kindheit nur Tage ſchwerer Arbeit und harter Anſtrengung. Während er aus dem Fenſter ſeiner Lernſtube die kleinen Wildfänge der Nachbarſchaft auf den Wieſen oder dem weißen, ſan⸗ digen Uferdamme ſpielen ſah und das laute Jauchzen ihrer kecken, freien Fröhlichkeit hörte, hätte er für ſein Leben gerne ein Glück getheilt, das die Natur gleichſam als eine Entſchädigung für künftiges Leid und Ungemach den Maientagen des Lebens ſo verſchwenderiſch ſpendet. Aber jeder Blick von dem ewigen Aufgabebuch wurde durch den guten Dominie bewacht und geſtört, welcher die Erinne⸗ rungen an ſeine jugendlichen Gefühle lange überlebt und jede Anſprache der Natur unter der Maſſe gelehrten Plunders begraben hatte, welchen die unausgeſetzten Arbeiten von ſechszig Jahren in ſeinem Gedächtniſſe angehäuft hatten. Die Gelehrſamkeit iſt allerdings etwas nicht genug zu Schätzendes, faſt glaube ich aber, daß man ſie zu theuer erkaufen kann. Warum ſollten die Tage der Kindheit, welche von Gott und der Natur als die Zeit beſtimmt worden, in welcher die Seele jeder Sorge und Beläſtigung baar und frei ſei, in Tage der Arbeit, Mühſeligkeit und Noth verwandelt werden, lediglich um einiger vorzeitigen Kenntniſſe wegen, welche der unreife, zarte Verſtand noch nicht zu faſſen vermag, oder zu deren Verſtändniß eine Annenaaxu Geiſtes gehört, welche deſſen Wachsthum und Gedeihen fuͤr immer unter⸗ graben? Das Wiſſen muß immer mit der natürlichen Ausbildung der menſchlichen Befähigungen jeder Art gleichen Schritt halten. Ueberſchreitet es die Kräfte des Geiſtes und iſt es für den Bereich unſerer Urtheilskraft zu groß, ſo wird der überladene Verſtand ein Laſtthier, welches Schätze trägt, von denen es keinen Gebrauch machen kann, und welche nur dazu dienen, die geſunde Kraft der Lebhaftigkeit der Natur niederzudrücken. Wenn ich einen kleinen Knaben, welcher ſich der Feiertagszeit der Natur erfreuen und ſeinen Körper für die Wechſel⸗ fälle des ſpäteren Lebens kräftigen und erſtarken ſollte, um ſein Glück beſtehlen, in die Schule ſchicken und da vier bis fünf Stunden auf eine Bank nageln ſehe, bemüht, Dinge auswendig zu lernen, die er nicht zu verſtehen im tande iſt, kann ich nicht umhin, in ihm nur einen Sklaven, ein Opfer der Eitelkeit ſeiner Eltern und der Thorheit ſeines Lehrers zu erblicken. Ein ſolches Syſtem kann nur den Grund zu Krankheiten und früher Gebrech⸗ lichkeit legen, das phyſiſche und geiſtige Gedeihen hemmen und ein vorzeitiges Altern des Geiſtes und Körpers erzeugen. Sybrandt hatte ſeine Baſe Catalina, ehe ſie in die Erziehungsanſtalt gebracht worden, nur ſelten, und ſeit dieſer Zeit noch ſeltener geſehen. Die junge Dame brachte zwar die Ferienzeit zu Haus hin; Sybrandt war aber zu ſehr in ſein 47 vertieft oder zu ſchüchtern, um viel — 33— in ihrer Geſellſchaft zu ſein. War dies der Fall, ſo entſtand kein Zweifel, daß er alberner und verlegener als gewöhnlich war, ſo daß Catalina ihn kaum für mehr als einen ſchläfrigen Landtölpel nahm. Der Jüngling hatte auf ihre Ankunft und ihr endliches Verweilen in der väterlichen Wohnung als auf ein für ihn ſehr wichtiges Begebniß hingeſehen. Es iſt wahr, er fühlte ſich in ſeinem Geiſte überzeugt, daß er es nie wagen würde, ihr voll in das Antlitz zu ſehen, oder ſich in ihrer Geſellſchaft behaglich und glücklich zu fühlen. Doch mußte ihr Aufenthalt in ſeiner Nähe einen neuen, reizenden Vorwurf für ſein einſames Sinnen und ſeine in ſich verſenkten Gefühle abgeben. Sie wurde die geiſtige Genoſſin ſeiner Spaziergänge, das glänzende Ideal ſeiner Träume und gab in jener Welt ſeiner Phantaſte, aus welcher er faſt allein all ſein Glück ſchöpfte, ſeinem Daſein neuen Schwung. Er war ungemein geſpannt, ſie wieder zu ſehen, und bei ſeinen Beſuchen in dem Hauſe, ſo lange der Sturm dauerte und die Ankunft der jungen Dame nicht unmittelbar bevorſtand, ſehr pünktlich; ſobald aber der Patroon ſichtbar wurde, ſchwand ſein Muth und er eilte auf das Feld hinaus, um ſich dort eines ideellen Wiederſehens zu erfreuen, das er in der Wirklichkeit nicht zu beſtehen wagte. Er umarmte ſeine Baſe, küßte ihre Wange, hielt die artigſten, geiſtreichſten und gefühlvollſten Reden, blickte mit den regen Augen der Bewunderung in ihr Paulding III. 23 3 *4 —— — 34— Antlitz und genoß, um kurz zu ſein, in der Einbildung einer Scene, welche ganz das Gegentheil von dem war, was die Wirklichkeit dargeboten haben würde. Glücklich, dreimal glücklich der Mann, welcher ſo ein Paradies um ſich ſchaffen und gleichſam aus ſich ſelbſt ſein Glück weben kann. Es iſt dies eine Art häuslicher Beſchäftigung, welche die Regierungen begünſtigen ſollten. Herr Dennis Vancour war über den ſchmachvollen Rückzug Sybrandt's ein wenig ungehalten und hielt ihm bei ihrem erſten Zuſammentreffen eine holländiſche Predigt über ſeine Abgeſchmacktheit. Der gute Mann dachte nicht ſehr daran, daß dieſe in vielfachem Betracht eine Folge der Erziehung war, welche mit ſeiner vollſtändigen Zuſtimmung ihm von dem Dominie gegeben worden war. Er beſtand darauf, er müßte ihn den nächſten Morgen begleiten, um der jungen Dame ſein Compliment zu machen, und auf dieſe Weiſe ſahen ſich die zwei jungen Leute wieder. Sybrandt benahm ſich bei dieſer Gelegenheit ſcheu und verlegen; ſein Betragen war ein Gemiſch von Stolz und Schüchternheit. Catalina zeigte ſich lebhaft und gut gelaunt und ließ eine gewiſſe nachläſſige Ueberlegenheit durchblicken, wodurch die Verlegenheit eines jungen Menſchen von ſo lebhaftem Gefühle nur noch erhöht und ſeine Unbeholfenheit und Albernheit auffallender gemacht werden konnte. Der geſchäftige aber wohlmeinende Ariel machte die Sache nur noch ſchlimmer, indem er den Jüngling — 35— gelegenheitlich ermahnte, der jungen Dame„das Horn zu zeigen,“ wie er ſich ausdrückte und ſeine gute Erziehung zu erweiſen. Der arme Sybrandt wünſchte ſich tauſend Meilen weg. Während das Mittagseſſen aufgetragen wurde, kam ihm ſein Kopf wie ein großer Wollſack vor und ſein Herz ächzte unter der drückenden Laſt eingebildeter Verachtung und geträumten Hohnes, welche er in den Augen eines Jeden, beſonders aber in denen Catalina's zu leſen glaubte. Ariel, der neben ihm ſaß, ſtieß ihn ſtets mit dem Ellenbogen an, damit er der jungen Dame eine Artigkeit ſage und brachte ihn endlich zu der unerhörten Kühnheit, daß er ſie bat, ein Glas Wein mit ihm zu trinken, was er aber mit ſo leiſer Stimme that, daß ihn niemand hörte. „Noch einmal,“ flüſterte Ariel:„Blitz, Menſch, ich wette darauf, Ihr habt Euch ſelbſt nicht gehört.“ Sybrandt faßte noch einmal Herz, aber ſeine Stimme verlor ſich in ſchwaches Gemurmel. Ariel konnte ſich vor Ungeduld nicht mehr halten. „Hem— Hem,“ brüllte er mit einer Stimme, die Sybrandt beben machte:—„Hem, Hem! Catalina, Euer Vetter wünſcht ein Glas Wein mit Euch zu trinken.“ Die Gläſer wurden gefüllt; unglücklicher Weiſe ſaß aber Ariel, der keiner der ſchmalſten war, grade zwiſchen den jungen Leuten, ſo daß Sybrandt ſeine Baſe nicht ſehen konnte. Als Sybrandt ſich verbeugte, um die Dame zu Geſicht zu bekommen, that Ariel, der keinen Augenblick 3* 1 4 — 36— ſtill ſitzen konnte, daſſelbe, und ſo drehten ſie ſich vorwärts und rückwärts, bis Catalina ſich nicht länger halten konnte, ſondern in ein lautes Gelächter ausbrach. Bei Menſchen von Sybrandt's Charakter und Stimmung findet man es gewöhnlich, daß ſie eine Heiterkeit dieſer Art auf ſich beziehen, wenn ſie auch nicht den entfernteſten Grund dazu haben. Wirklich ſtand der Angſtſchweiß auf des jungen Mannes Stirne und als er zuletzt Gelegenheit fand, der jungen Dame ſeine Verbeugung zu machen, waren ſeine Nerven in einem ſolchen Zuſtande der Auf⸗ regung, daß er nicht fähig war, einen Tropfen zu trin⸗ ken. Der Wein nahm den unrechten Weg und erſtickte faſt den unglücklichen Jungen, dem nur ein nicht zu bemeiſternder Anfall von Huſten zu Hilfe kam, während welches der gute Ariel die Folgen dieſes Halskrampfes auf ſeinem Geſichte fühlen mußte. „Blitzen!“ rief Dennis halblaut aus, denn er wünſchte nichts ſehnlicher, als daß ſein Adoptiv⸗Sohn ſeiner Erzie⸗ hung Ehre machte. „Hem! hem!“ ſchrie Ariel und wiſchte ſich die Augen: „ei, Sybrandt, man ſollte glauben, Ihr hättet den Wein für einen Schluck Arznei angeſehen.“ Die junge Dame tauſchte mit ihrer Mutter ein bedeu⸗ tungsvolles Lächeln und der gute Egbert ſagte nach ſeiner Gewohnheit nichts. Das Mittageſſen ging ohne weitern Unfall vorüber; obgleich der arme Sybrandt bis in ſeines Herzens Tiefe — 35— erbebte und von Schauern übergoſſen war, wenn er etwas an ſeinen Mund brachte, da er fürchtete, es möchte wie⸗ der den unrechten Weg gehen. Sobald als nur möglich, entſchlüpfte er und ſuchte ſeinen gewöhnlichen Verkehr mit ſeiner Freundin und Rathgeberin, der Einſamkeit. Hier ſchwelgte ſeine Phantaſie in Qualen ſeiner eignen Schöp⸗ fung und malte ſich in den grellſten Farben die Scenen aus, welche er eben erlebt hatte. Unter der doriſchen Einfachheit und Rauhheit ſeines Aeußern und ſeiner Sitten, barg dieſer junge Mann eine ſtolze Empfindlichkeit, die ſich unter dem Gefühle des Lächerlichen und der Verachtung krampfhaft zuſam⸗ menzog. Schon der Gedanke, der bloße Schatten des Gedankens, er ſei der Gegenſtand des einen oder der andern, durchdrang ihn mit einem Gefühle der Selbſter⸗ niedrigung, der tiefeinbohrenden Kränkung, welche den Todesſchweiß auf ſeine Stirne trieb und ſein innerſtes Herz bluten ließ. Ein ſolcher Charakter macht aus den unbedeutendſten Dingen Diſteln und Dornen; mit wach⸗ ſamem, ängſtlichem Eifer ſucht er überall nach Gift, um ſeine Kränklichkeit zu nähren und macht ſeine eigene Empfindlichkeit gegen die albernſten Kleinigkeiten zum Maßſtab der Gefühle Anderer. Fünf Minuten nach Sybrandt's Weggehen aus dem Hauſe war alles, was mit ſeinem Unfalle zuſammenhing, von Allen vergeſſen— nur von ihm nicht. Noch lange nachher fuhr die Erinnerung daran fort, in ſeinem Geiſte — 38— zu wuchern und machte ihn, wenn möglich, noch tauſend⸗ mal ſcheuer, furchtſamer und empfindlicher als vorher. Nie betrat er das alte Haus, ohne daß die Scene an dem Mittagtiſche ſich ihm mit grellern Farben und tieferm Weh darſtellte, ſeine Fröhlichkeit lähmte, ſeinen Geiſt beugte und ſeinem Thun einen Grad unbeholfenen Zwangs gab, welcher ſeinen Umgang für Catalina peinlich und zumal läſtig machte. In der That, nur ſelten konnte er vermocht werden, ihre Geſellſchaft zu ſuchen, war ſie gleich ſtets die Gefährtin ſeiner Einſamkeit, der Vorwurf tauſend luftiger Traumbilder der Zukunft, denen er ſich ohne den entfernteſten Gedanken, ja, ſelbſt ohne den Wunſch, ſie jemals verwirklicht zu ſehen, hingab. Er lebte von ſeinen Träumen, welche das ganze Weltall umfaßten, obgleich ſein eigenes Ich der Mittelpunkt war. Der Einfluß der Einſamkeit auf den Charakter iſt der Selbſtſucht ſehr günſtig. Wer allein und ſich ſelbſt lebt, wird gewiſſermaßen der Gegenſtand ſeiner eigenen Ver⸗ götterung. Da er ſeine Aufmerkſamkeit nur auf ſich allein richtet, ſchleichen ſich die Anſprüche, das Thun, die Wünſche und das Glück ſeiner Mitmenſchen niemals bei ihm ein und wenn dies je der Fall iſt, ſo treten ſie blos als Werkzeuge oder als Hinderniſſe der herrſchenden Lei⸗ denſchaft hervor. Das ſociale Gefühl, welches die Quelle von tauſend Tugenden iſt, wirkt nie, oder doch nur in ſchwärmeriſchen, träumeriſchen Stunden auf ihn, in wel⸗ chem eine augenblickliche Aufwallung von Güte und Menſch⸗ — 39— lichkeit in ihm wach wird und wieder verſchwindet, ohne je zur That zu reifen. Er lebt und bewegt ſich und trägt ſein Daſein, ſeine Freude, ſeine Schmerzen, ſeine Hoff⸗ nungen und ſeinen Gram in ſich allein verſchloſſen. Dieſe Wahrheiten bewährten ſich an Sybrandt. Seine Grundſätze waren alle gut und er übte keine Laſter. Doch wurden ſeine Anlagen, ſo wie ſeine Tugenden nie etwas Thatkräftiges, das ſeinen Mitmenſchen frommte, weil ſein Stolz, ſeine Schüchternheit und ſeine Empfind⸗ lichkeit ihn ſtets von der Geſellſchaft entfremdeten, um die fortwährende Betrachtung ſeiner ſelbſt zu nähren, indem er über dem Hohne und der Verachtung grübelte, welche ſeiner Phantaſie ſtets gegenwärtig waren. So lagen alle ſeine Kenntniſſe und alle ſeine guten Eigen⸗ ſchaften ſchlummernd, und ruhten inmitten der heftigen Erregungen von Gefühlen und Gedanken, die ausſchließ⸗ lich ſelbſtſüchtig waren. Es fragte ſich, was aus einem ſolchen Weſen werden könnte, wenn es in Berührung mit ſeinen Mitmenſchen, in die Anregungen und Verſu⸗ chungen der Welt herausträte. 4 Drittes Kapitel. Eine junge Dame, die hundert Jahre alt geworden wäre, wenn ſie lange genug gehlbt hätte. Catalina Vancour war ein ſehr hübſches und, im Allgemeinen, ein ſehr gutes Mädchen, obgleich ſie in einer Erziehungsanſtalt zu New⸗York ihre Bildung erhal⸗ ten und mit einem Adjutanten getanzt hatte. Sie hatte viel von der Doriſchen verloren, dafür aber ſich einen entſprechenden Theil von der Korinthiſchen angeeignet. Sie ſeufzte oft nach den anziehendern und glänzendern Vergnügungen der Hauptſtadt, ganz beſonders nach der Geſellſchaft der muntern Galane in rother Uniform. Dennoch hatte ſie das ländliche Gefühl nicht ganz verlo⸗ ren, noch den bezaubernden Einfluß durchaus von ſich gewieſen, welchen die Natur und ihre mannigfaltigen Reize auf die Herzen derer üben, welche, obgleich ſie an der Prunktafel der großen Welt geſeſſen haben, noch Geſchmack an geſünderer Koſt und einfacheren Speiſen behalten. In der Fröhlichkeit ihres Herzens trieb ſie zuweilen mit den Gefühlen des armen Sybrandt ihren Scherz und ſpottete über ſeine Schüchternheit, der Schmerzen unbewußt, welche ſie ſeiner empfindlichen Selbſtliebe beibrachte und — 41— ohne den Thau des innern Kampfes zu gewahren, der ſich auf ſeiner Stirne ſammelte, wenn ſie ihm im Scherz Vorwürfe machte, daß er ſich vor jungen Damen fürchte. Der Verkehr zwiſchen jungen Leuten war in jenen Tagen ganz verſchieden von dem, was er jetzt iſt. Ich will nicht behaupten, daß eine Zeit im Ganzen wei⸗ ſer und beſſer ſei als die andere, oder mich zum Richter über meine Zeitgenoſſen aufwerfen. Aber ich betreffe mich wohl zuweilen auf einem Gefühle, das einem nüch⸗ ternen Zurückwünſchen jener Tage prunkloſer Einfachheit, Behaglichkeit, kunſtloſen Verkehrs und männlicher Unab⸗ hängigkeit gleicht. Wer hat ſich auch aus Geſchichte und Ueberlieferung ein Gemälde der Sitten, Lebensweiſe und des Thuns der alten Patriarchen von Albany und ſeinen Umgebungen entworfen, ohne ſich geneigt zu fühlen, ſie ſchmerzlich denen der heutigen Zeit gegenüber zu ſtellen? Wer ſeufzt nicht, wenn er ihre Stelle von vergoldeten Schmetterlingen, anſpruchloſer Bettelei, leerer Anmaßung und erbärmlicher Ziererei eingenommen ſieht? An der Stelle von Männern, die unabhängig von dem Lächeln und dem Zürnen von Bankiers und Bankbrüchigen, wird er Spekulanten finden, die in ihrem geborgten Gefieder eine oder zwei Stunden glänzen und dann verſchwinden, ohne etwas anderes zurückzulaſſen als die Trümmer ihrer ungeregelten Laufbahn. Wo einſt einfache obrigkeitliche Perſonen ſaßen und nach den wenigen einfachen Geſetzen Recht ſprachen, die nothwendig waren, um die ordentliche — 42— Gemeinde, welcher ſie vorſtanden, zu reguliren, ſammeln ſich um eine Menge geſchwätziger, unwiſſender, phantaſti⸗ ſcher oder beſtechlicher Geſetzgeber, welche auf Koſten des öffentlichen Wohls ihre Privatintereſſen verfechten und das Glück eines Theils des Staates der frechen Habſucht des andern opfern. An der Stelle wohlhabender Land⸗ bebauer und unabhängiger Handwerker ſehen wir Schaa⸗ ren hungriger Expektanten, welche die gewiſſen und allei⸗ nigen Mittel, ihr Ziel zu erreichen, vernachläſſigen und in der Verworfenheit eines gemeinen Geiſtes um die Erlaub⸗ niß betteln, ihre Unabhängigkeit für eine elende Gabe hinzu⸗ opfern, die ihnen die Hand eines charakterloſen Menſchen reicht. Die einſt ruhige Stadt, wo der Name und die Idee einer politiſchen Beſtechung unbekannt war, iſt jetzt der Strudel der Intrigue, wo keine Blaſen ſich durch die Erregung der Waſſer bilden und erhalten werden und kochende, giſchende Wirbel alles Stroh, alle Spreu und Federn und das werthloſe Nichts, das auf der Ober⸗ fläche des ſtürmiſchen Sumpfes ſchwimmt, in einen Mit⸗ telpunkt ſammeln. Ohne Zweifel iſt die Einfachheit der Sitten eine der größten Stützen der Moralität. Sie ſetzt unſeren Bedürf⸗ niſſen höhere Schranken und mindert ſo jene unabläſſt⸗ gen Verſuchungen zur Ausſchweifung und Unehrlichkeit, welche in der Liebe zu Putz, Glanz, äußerm Prunk und Ueppigkeit ihren Urſprung und ihre Gewalt haben. Wer einen ungeregelten Werth auf dieſe Eitelkeiten ſetzt, wird — 43— auch bald dahin gebracht werden, daß er ihrer Habhaft⸗ werdung jenen ganzen tüchtigen Vorrath von Glück und innerer Zufriedenheit opfert, welcher aus dem Beſitze von Unbeſcholtenheit und Unabhängigkeit hervorgeht. Ein Zeitalter der Einfachheit iſt daher auch ein Zeitalter der Sittlichkeit und darum haben die weiſeſten Schriftſteller des Alterthums die Einfalt der Sitten als weſentlich zur Erhaltung wahrer Freiheit dargeſtellt, welche ein üppiges verderbtes Volk nicht vertragen kann, daß unſer ſtolzes Unabhängigkeitsgefühl von den raſchen Schritten der Prunk⸗ ſucht und Ueppigkeit ſich eilig flüchtet und daß die Liebe zum Reichthum, als dem Mittel, ſich jene Genüſſe zu verſchaffen, die herrſchende Leidenſchaft wird, iſt jedem Beobachter einleuchtend.— Doch genug davon! Der Gegen⸗ ſtand verdient in ernſterer Stunde betrachtet zu werden. An einem lächelnden Junimorgen, als die Natur, um uns einer Modephraſe zu bedienen, an alle lebende Erdengeſchöpfe, von den zwei⸗ bis zu den tauſendbei⸗ nigen, ihre Einladungskarten ausgeſandt hatte, daß ſie kämen und an ihrer Tafel von Blumen, Zephyrn und Waldlandharmonien ſchwelgten— Erdbeeren und Milch nicht zu vergeſſen— hatte Catalina, der doriſchen Sitte jener Tage zufolge, mit jungen Leuten beiderlei Geſchlech⸗ tes von Albany ſich verabredet, eine kleine Inſel zu beſu⸗ chen, welche eine oder zwei Meilen von dem Hauſe am Fluſſe abwärts lag. Dergleichen Ausflüge waren in jener Zeit gewöhnlich, als ländliche Gefilde, lächelnde Land⸗ — 44— ſchaften und abgelegenes Waldland mit Weingewinden und wilden Blumen, und ſangreichen Vögeln und flüſternden Zephyrn die Stelle überfüllter Geſellſchaftszimmer, ſich bekämpfender Eitelkeiten, die Geſundheit untergrabender Zuckerbäcker, ſchläfriger Muſikanten und mitternächtlicher Schmauſereien vertrat. Hier, an der ſanften Bruſt der ruhigen Natur trieb ſich das junge Volk umher, bis ſie müde waren und ſetzten ſich dann auf den grünen Raſen unter den vorſpringenden Schatten einer kleinen Gruppe halbwächſiger Bäume, von Weinranken überwachſen, die einen großen Sonnenſchirm über ihre Häupter bildeten. Hier holten ſie, wenn die Zeit kam, ihre Mundvorräthe heraus und ein Mahl folgte, welches Geſundheit, Bewe⸗ gung und fröhliche, ſchuldloſe Herzen würzten. Mancher nüchterne, junge Mann und manche friſchreife Jungfrau erwachten in dieſer köſtlichen lächelnden Einſamkeit zuerſt zum Bewußtſein ihrer Gefühlsregungen und manche Schön⸗ heit, die lange die Spröde geſpielt, lernte hier dem Auserwählten bekennen, daß es ihr mit ihrer Rolle nicht ſehr ernſt geweſen. Catalina hatte beſchloſſen, Sybrandt ſollte zu der Geſellſchaft zugezogen werden; nicht als wenn ſie von ihrem ſchüchternen, linkiſchen Vetter ſehr entzückt gewe⸗ ſen wäre oder auf ſeine Geſellſchaft einen großen Werth gelegt hätte, ſondern weil es ihr eben ſo gefiel. Die Frauen beſitzen einen ſeltſamen Eigenſinn, welcher, da man etwas der Art zu allen Zeiten gefunden hat, wahr⸗ — 45— ſcheinlich von der Natur ihnen eingeprägt iſt: ſie wollen etwas durchſetzen, gleichviel, ob es zu ihrem Vergnügen beiträgt oder nicht; ſie wollen einen Widerſtand beſiegen,— kurz, in Allem ihren eigenen Weg gehen. Hätte Sybrandt ihre Geſellſchaft geſucht oder ſich geneigt gezeigt, ihr Auf⸗ merkſamkeit zu beweiſen, ſo würde ſie wahrſcheinlich in der kürzeſten Zeit ſeiner todtmüde geweſen ſein und ihn gradezu von ſich gewieſen haben. Er hielt ſich aber in der Ferne; er vermied ſie, ſo oft er es nur konnte; er machte zuweilen ihre Neugier und zuweilen ihren Zorn rege, wenn ſie ihn der Einſamkeit ſo ergeben ſah und er ſie ſo gänzlich vernachlaͤſſigte; kurz, er war nicht immer, er war nie zu haben, und daher gegen ſeinen Willen für ſeine Baſe ein Gegenſtand des Intereſſes. Die Schwierigkeit beſtand aber darin, dieſes launiſchen Unge⸗ heuers habhaft zu werden, und Ariel wurde zu dieſem Ende abgeſandt. Er hatte nichts lieber, als ſich in Ange⸗ legenheiten anderer Leute brauchen zu laſſen und Cata⸗ lina hatte ſein ganzes Herz erobert, indem ſie ihn Tag für Tag nach Albany ſchickte, um einen Brief Steckna⸗ deln, ein Quentchen Zwirn, oder für einen Pfennig das oder Jenes zu kaufen. Ariel, der einige der Schlupfwinkel Sybrandt's kannte, nahm ſeine Flinte, um, wie er ſagte, nach dieſem wunderlichen Thiere zu jagen. In den wilden Höhen, welche dieſe fruchtbaren Niedrungen landeinwärts begrenz⸗ ten, war eine tiefe, romantiſche Thalſchlucht, durch welche 4 — 46— ſich ein ſchöner Bach in reichem Strom von Fels zu Fels ſtürzte. Sie war von ungeheuern Fichten und Cedern überſchattet, welche ihre ſchwarzen Arme weit ausbreite⸗ ten und faſt die ganze ſchaurige Tiefe überwölbten. Zu jeder Stunde des Tages und zu allen Zeiten des Jahres herrſchte hier ein ſüßmelancholiſches Dämmerlicht. In den heißeſten Tagen des Sommers war hier ringsum eine erfriſchende Kühle verbreitet, die dem müden, ſchwachen Körper Spannkraft gab und den Geiſt zu hohen Gedan⸗ ken ſtählte und ſtärkte. Jeder Fels, jeder Baumſtumpf jeder halbdürre Zweig der abſterbenden Bäume war mit Sammtmoos bekleidet und den ganzen Rand des Baches entlang, küßte grünes Laubwerk die ſchäumenden Waſſer, wie ſie dahin brauſten. Hier wurde Sybrandt oft gefun⸗ den, wie er ſich in den Träumen eines unſteten beweg⸗ ten Geiſtes vertiefte, einen haltbaren, vernünftigen Vor⸗ wurf ſeines Strebens ſuchte und zwecklos in der Irre umher trieb, wie das Bot, das der Wind vom Anker⸗ platz geriſſen. Sein Geiſt war ein vollkommenes Chaos, da ihm der mächtige Hebel einer herrſchenden Leiden⸗ ſchaft fehlte, ein großer Vorwurf, zu welchem ſich ſeine geiſtigen Krafte ſammelten, und welcher ſie zu nützlichen, wenn nicht zu edel⸗kühnen Thaten hinleitete. Ariel war bewundernswerth in der Kunſt, zwei Flie⸗ gen mit einer Klappe zu ſchlagen. Er hatte gewöhnlich zwei Eiſen im Feuer und nichts traf ſich häufiger, als daß er Beider vergaß, um ſich mit einem Dritten zu — 47— beſchäftigen. Eines Tages, erzählt man von ihm, wartete er mit ſeinem Pferde auf die Fähre zu Albany, um über den Fluß zu kommen, und war mit dem ungeſchickten Fährmann, der ſeinen Nachen nicht an die Treppen bringen konnte, ſo beſchäftigt, daß er ſeinem Thiere die Zügel ließ, worauf dieſes in aller Eile davontrabte. Sein Herr lief ihm nach und holte es endlich ein; eben hatte er die Zü⸗ gel gefaßt und wandte ſich um, als er den Nachen von der Treppe abſtoßen ſah; ſogleich ließ er die Zügel fahren und lief mit all der Eile, welche ſeine kurzen Trommel⸗ ſchlägel zuließen, auf das Bot zu,„dem verd— ten Einfaltspinſel“ zurufend, anzuhalten. Der Mann konnte, da er jetzt inmitten der Strömung war, nicht wenden, oder wollte es nicht. Darauf wandte ſich Ariel in großem Zorn wieder zu ſeinem Pferde, das jedoch nirgends mehr zu ſehen war, da es ſich in Gallop geſetzt und geraden⸗ wegs ſeinem Stalle zugewendet hatte. So kam Ariel um ſein Pferd und um den Nachen, da er nicht zumal auf Eins geachtet hatte. Als Ariel ſeinen Auftrag zu beſtellen bemüht war, erſpähte er, zum Unglüͤck für die Wünſche der jungen Dame, in einiger Entfernung einen ſtolzen Flug wilder Tauben auf einem dürren Baume. Man konnte ſicher ſein, daß das Letzte und Neueſte ſtets bei Ariel den Sieg davon trug. Er vergaß alles andere und eilte mit Macht dieſem Gegenſtande ſeiner jüngſten Erregung nach. Er erreichte ein Gebüſch, das zwiſchen ihm und den Tauben — 48— lag; vorſichtig ſchlich er unter den Geſträuchern fort und erreichte einen Standpunkt innerhalb Schußweite, wäh⸗ rend die friedlichen Opfer ganz ruhig ſaßen; er ſpannte den Hahn, hob die Flinte an den Backen und zielte eben, als ihm ſeine unwiderſtehliche Neigung, ſich zu räuspern, in den Weg kam; er ließ ein ſo mächtiges, prachtvolles Hem! laut werden, daß die Tauben aufſchreckten und wegflogen.„Verd—t!“ rief Ariel und eilte ihnen nach, das Auge auf ſie gerichtet, bis er unglücklicherweiſe in einen Graben fiel, wo er zu einem prächtigen Panzer⸗ hemd gelangte und froh war, nach Haus zu kommen, die Tauben ihrem Schickſale, und Sybrandt ſeiner Ein⸗ ſamkeit überlaſſend. „Nun, Oheim,“ ſagte Catalina,“ als ſie ihn er⸗ blickte,„habt ihr den weißen Wilden geſehen?“ „Nein, Zlitz! Sie flogen alle davon“ antwortete Ariel, der an die Tauben dachte. „Sie flogen weg? Von wem redet ihr, Oheim?“ „Ci, Blitz! Ich ſag' Euch, als ich eben darauf feuern wollte, feuerten ſie davon, und wie ich ihnen nacheilte, fiel ich in einen Graben.“ „Wem nacheilen?“ fragte die junge Catalina, die zu vermuthen begann, Ariel habe ſeinen Verſtand verloren. „Ei, die Tauben.“ „Tauben? Ich glaubte, ihr hättet Sybrandt aufſu⸗ chen wollen?“ „Gott ſei mit mir! hem, hem! Gott ſei mit mir! — 410= Freilich that ich das. Aber die Wahrheit zu ſagen, Catty, ich nahm meine Flinte mit, um nicht allein zu ſeyn, und fand einen Flug Tauben, die mich in einen ſchmutzigen Graben führten, worauf ich alles andere vergaß.“ Die junge Dame argerte ſich halb, und halb lachte ſie, obgleich ſie mit ihres Oheims eingefleiſchter Gewohn⸗ heit, immer dem neueſten Gegenſtande, der ſich ihm dar⸗ bot, nachzulaufen, bekannt war. Er kam einſt um eine treff⸗ liche Gelegenheit, ſich zu verheirathen, weil er unterwegs anhielt, um einige Knaben zu lehren, wie man Elritze fängt. „Ich gehe dieſen Augenblick fort, um nach ihm zu ſehen,“ ſagte Ariel nach einem augenblicklichen Zögern. „Recht, Oheim; aber nehmt ja eure Flinte nicht mit.“ „Nein, nein!“ „Und lauft den Tauben nicht nach.“ „O nein!“ „Und nehmt euch in Acht, daß ihr in keinen Graben fallt, Oheim.“ „Sorgt nicht, Catty!“ Und dahin eilte der gutmüthige Ariel, nachdem er ſich die Kehle noch einmal durch einige hem! gereinigt hatte. Auf ſeinem Wege zu dem Hauſe ſeines Bruders Dennis ſah er eine Anzahl kleiner Pfirſchbäume, die eben zum Pfropfen geeignet waren, was ihn mächtig anzog. Er hatte aber, zum Glück für die Beſorgung ſeines Auftrags, ſein Gartenmeſſer zu Haus gelaſſen, und ſo war an die Sache nicht zu denken. Er ging daher Paulding III. 4 2 3 F 5 1 1 3 6 4 4 4 — — 30— weiter und fand Sybrandt zu Haus. Er hatte den gan⸗ zen Morgen darüher nachgedacht, ob er zu ſeiner ſchönen Baſe hinüber gehen und ihr einen Beſuch machen ſollte oder nicht, und hatte ſich eben zu dieſer Heldenthat entſchloſſen, als Ariel mit ſeinem Auftrag herankam, und ihn durch denſelben in große Verlegenheit ſetzte. Er war ganz im Stillen mit ſich dahin übereingekommen, daß er, wenn er aus freiem Antriebe und allein ſie beſuchte, ja umkehren könne, wenn er unterwegs den Muth verlöre; dies konnte niemand etwas verſchlagen. Jetzt war aber der Fall ganz anders— ein Bote und ein Begleiter— er fühlte ſich ſehr geneigt, eine abſchlägige Antwort zu geben. „Kommt, kommt! Blitz, Menſch, warum rafft ihr euch nicht auf? Als ich in euerm Alter war, ſchoß ich wie eine Kugel davon, wenn ein hübſches Mädchen nach mir ſchickte.“ „Ja, ihr traft aber nie in's Schwarze, Oheim,“ ſagte Sybrandt lächelnd. „Hem, hem!“ ſagte Ariel;„aber Blitz! Kommt mit, wollt ihr? Ich habe noch fünfzig Dinge dieſen Morgen zu thun. Laßt mich ſehen— ich verſprach dem Dominie zu zeigen, wie man den Kühen Glocken anhängt— darnach muß ich zu der Wittwe van Amburgh gehen und ihr ſagen, wie ſie ihre Gänſe zuſammenjochen ſoll— dann zu dem Squire Vervalen, um ihn zu lehren, wie man Schwämme einmacht— dann zu Brom van ——ᷣ—ᷣ——ᷣ;;U— N 8 — 1— Riper, um zu ſehen, ob ſeine Zuckerbirnen reif ſind— und dann— doch kommt nur mit. Verd—t, ich werde dieſen Morgen meine Geſchäfte kaum zur Hälfte beſorgen können.“ Er faßte bei dieſen Worten den jungen Mann am Arm und zog ihn halb willig und halb ſträubend mit ſich fort. Der Mann läßt ſich zuweilen eine kleine Gewaltthätigkeit wohl gefallen, um dadurch der Mühe überhoben zu werden, einen Entſchluß zu faſſen, wenn er ſelbſt nicht weiß, woran er iſt; und ſo iſt es auch mit dem Weibe, wenn man uns nicht ganz unwahr berichtet hat. „Nun, hier iſt er— ich habe ihn endlich erwiſcht,“ rief Ariel jubelnd, als er in die Halle trat, wo Catalina ſich des ſüßen Südlüftchens erfreute, das den Fluß her⸗ aufgaukelte und Kühlung verbreitete. „Wer, Oheim— die Tauben?“ fragte Catalina und lächelte, als ſte des Unfalls ihres Oheims gedachte. „Nein, die wilde Gans!“ verſetzte Ariel und brach in ein mächtiges Gelächter über ſeine glückliche Entgeg⸗ nung aus. Leſer, biſt du ein beſcheidener, verſchämter, oder was noch mehr iſt, ein blöder junger Mann, ſtolz wie Lucifer und empfindlich und raſch wie ein wildes Rebhuhn und biſt du je zum Gegenſtande des Spottes gemacht worden? Iſt dies der Fall, ſo wirſt du im Stande ſein, dir den Schmerz Sybrandt's zu denken, als er bebenden Herzens in dem Bewußtſein daſtand, daß er 4* 4 8 eine lächerliche Rolle ſpiele. Nur Menſchen von Sybrandt's Charakter können wiſſen, was Jemand in einer ſol⸗ chen Lage leidet. Wüßten Andere es— bönnten ſie in die Tiefen ihres Herzens eindringen und den wilden Kampf des gekränkten Gefühles ſehen— gewiß, die bösartigſten, verderbteſten Weſen, die je geſchaffen wor⸗ den, würden ſich hüten, mit roher Hand in ein Inſtru⸗ ment einzugreifen, das ſo leicht qualvolle Accorde hören läßt. Es gibt tauſende von jungen Leuten, und alle von höherer geiſtiger Befähigung, welche in den Tagen ihrer Prüfung, ehe ihr Herz in dem Feuer der Nachſicht ge⸗ glüht oder durch Enttäuſchungen ertödtet iſt, durch die ſorgloſe Nichtbeachtung ihrer Gefühle und den gedanken⸗ loſen Hohn, welchen ſie in dem geſelligen Kreiſe, in dem ſie ſich bewegen, erfahren müſſen, mehr leiden, als durch alle übrigen Unfälle des Lebens zuſammengenommen. So war es mit Sybrandt. Hundert Dolche bohrten auf einmal ihre Spitzen in das Herz ſeiner Eigenliebe. Sein leicht erregbarer Stolz beſchwor Geſpenſt auf Geſpenſt her⸗ auf, die ihn angrinſ'ten und in bitterm oder muthwilligem Spotte mit den Fingern auf ihn deuteten, oder ihm in das ſummende Ohr flüſterten, ſeine Baſe habe nach ihm geſchickt, um ihren Spott mit ſeiner Schwäͤche zu treiben. Sein Geiſt verlor ſein Gleichgewicht und ſeine Beſinnung ſchwand, wie er in unbehilflicher Verlegenheit daſtand— ein Bild gedankenloſer Unempfindlichkeit, in einem Augenblicke, wo ſein Herz und ſein Gehirn mit Gefühlen geſchwängert waren, — 53— welche ſeinen Oheim in Erſtaunen geſetzt, und in Cata⸗ lina's ſanfter Bruſt Achtung und Mitleid erweckt hätten, hätte er Zuverſicht genug erlangen können, ſie in Worte zu kleiden. So mußte ſie ihn für einen ſtolzen, alber⸗ nen, grillenhaften Bücherwurm halten, der ihre Geſell⸗ ſchaft vernachläſſigte und ſich ſo auffallend von ihr fern hielt, weil ihre Perſon ihm gleichgiltig war, und er ihren Verſtand nicht hoch anſchlug. Von dem Augenblicke an, wo ſich dieſe Ueberzeugung in ihr feſtſtellte, wurde er ein in ihren Augen anziehender Gegenſtand, und ſie beſchloß, dieſe Abneigung oder Gleichgiltigkeit entweder zu beſiegen, oder die beleidigte Würde des weiblichen Geſchlechtes zu rächen, indem ſie ſeinem Stolze übel mit⸗ ſpielte und ſeines überlegenen Weſens ſpottete. Seinen Hut in den zwei Händen drehend, ſtand Sybrandt da, und war in ein Chaos widerſtreitender Gefühle verſenkt, welches ihn um alle Geiſtesgegenwart brachte, als Ariel, auf ſeine gutmüthige, gerauſchvolle Weiſe ihm auf die Schulter ſchlug und mit einer Stimme, vor deren Donner der junge Menſch ſeinen Hut auf die Erde fallen ließ, ihm zubrüllte: „Blitz! Menſch, könnt ihr nicht ſprechen? Warum fragt ihr eure Baſe nicht, was ſie wünſche? Ei, ei! hem, hem! Wenn ich ein junger Burſche wäre, wie ihr, ich hätte in weniger als gar keiner Zeit alles aus ihr her⸗ ausgebracht. Ich glaube aber, ich thue beſſer, das junge Pärchen allein beiſammen zu laſſen. Hem! hem!“ — 54— Mit einem vielſagenden Blicke ſchied er, um den Dominie zu lehren, wie man den Kühen Glocken anhängt. Der Ausdruck„junges Pärchen“ beleidigte Catalina höchlich und machte, daß Sybrandt viel unbehaglicher zu Sinn ward als jemals. Die junge Dame nahm endlich die Miene ſtolzer Entfernung an, welche ſie in gekünſtelte Demuth kleidete und begann: „Herr Weſtbrool iſt, wie ich fürchte, über die Freiheit böſe, welche ich mir nahm, indem ich nach ihm ſendete.“ „Freilich— ich— ich konnte mir nicht denken— ich war überraſcht— ich—“ Seine Zunge blieb ihm hier an dem Gaumen kleben. „Ich bitte wegen dieſer Freiheit um Verzeihung; ich glaubte aber, es würde Herrn Weſtbrook angenehm ſein, mit einer kleinen Geſellſchaft morgen auf die Inſel zu kommen, wenn das Wetter ſchön iſt. Ich fürchte jedoch— ich ſehe, ihr könnt euch nicht von euren Büchern trennen. Dieſe kleinen ländlichen Freuden ſind eines Philoſophen unwürdig.“ Und ihre roſigen Lippen und Elfenbein⸗Zähne geſtal⸗ teten ſich zu einem holdſelig höhniſchen Lächeln, els ſie dieſe echt weibliche Rede vortrug. „Ich wollte— ich will— ich würde ſehr gerne mit euch gehen— aber—“ Und hier beſchwor der Dämon der Albernheit hun⸗ dert Gründe für das Nichtmitgehen herauf. „O ganz gut— ich glaube, Herr Weſtbrook hält die Geſellſchaft gewöhnlicher Leute, beſonders junger Mädchen, die nicht Griechiſch verſtehen, keiner Beachtung werth.“ Sybrandt war ein wenig äargerlich über dieſe Worte und der Zorn beſiegt bald die Schüchternheit. „Miß Vancour beliebt ſatyriſch, ich will nicht ſagen boshaft, zu ſein.“ „Wunderbar! Sieh da, er hat ſeine Stimme gefun⸗ den. Herr Weſtbrook läßt ſich herab, mit einem armen Mädchen zu ſprechen. Gewiß hat er mich irrthümlich für einen der ſieben Weiſen Griechenlands angeſehen! Wie könnt ihr eurer Würde ſo viel vergeben!“ Und das Mädchen machte ihm einen tiefen Knix. Sybrandt's Geſicht und Herz glühten in den Gefüh⸗ len der Kränkung. „Miß Vancour läßt mir keine Gerechtigkeit wider⸗ fahren, wenn ſie mich für ſtolz hält. Sie kann weder meine Gefühle kennen, noch ſich das Bittere des Gedan⸗ kens vorſtellen, mir bewußt zu ſein, daß ich— daß ich—“ Sein ſcheuer, ſtolzer Geiſt bebte hier zurück, die ſelt⸗ ſamen Geheimniſſe ſeiner Gefühle und ſeines Gebährens zu enthüllen. Er blieb ſtumm und verlegen; doch glühte ſein Geſicht von einem Ausdruck und in ſeinen Augen zuckte ein Feuer, das Catalina noch nie geſehen hatte. Sie war entzückt, als ſie entdeckte, daß er Gefühle in ſich trage, welche zu erwecken in ihrer Gewalt ſtehe. Es war ein Beweis, daß er ſie ſeiner Beachtung nicht ganz unwerth fand. — — — 56— „Was hält euch denn,“ ſagte ſie„entfernt von dem Hauſe meines Vaters, wo ihr ſtets willkommen ſeid? von der Geſellſchaft der jungen Leute, die auf euren Umgang ſtolz ſein würden? von aller Theilnahme an den Vergnügungen unſerer Freundinnen? Wenn es nicht Stolz iſt, was iſt es denn?“ Einen Augenblick war Sybrandt entſchloſſen, ſeiner Baſe ſeine Gefuhle offen darzulegen; im nachſten erſchrack er vor einem ſolchen Geſtändniß. Der Kampf der wider⸗ ſtrebenden Entſchlüſſe brachten ſeinen Geiſt ſo in die Ver⸗ wirrung, daß er um alles in der Welt keiner zuſammen⸗ hängenden Antwort fähig geweſen wäre. „Gut, gut, Herr Weſtbrook,“ ſagte Catalina, nach⸗ dem ſie den Ausgang dieſes Kampfes erwartet hatte— „ich wünſche nicht, in eure Geheimniſſe einzudringen, noch euch zu überreden, gegen euern Willen irgend wohin zu gehen. Ihr thätet am beſten, den Dominie um Erlaub⸗ niß zu bitten. Ich will euch euern Studien nicht ferner entziehen.“ Und die junge Dame verließ das Gemach, bei ſich ſelbſt ſagend:„Er iſt nach allem doch der gefühlloſe Block nicht, füͤr den ich ihn hielt. Gewiß, ein Mann, der errö⸗ then kann, muß auch ein Herz haben.“ 3 Sybrandt hätte mit ſeinem Kopfe wieder einen Felſen rennen mögen. Er begrub ſich in die waldigen Einſam⸗ keiten, wo ſein gekränkter Stolz und ſeine ſtark gereizte Empfindlichkeit mit dem wildeſten Schmerze bei der lacher⸗ — 52— lichen Rolle, die er bei dieſer Scene geſpielt hatte, bei Ariel's Gelächter und dem ſcharfen Hohne ſeiner Baſe verweilte. Er nannte ſich in ſeinem Herzen einen Tho⸗ ren, einen Pinſel, einen Gecken und man darf wohl fragen, ob irgend ein Schmerz, den er ſpäter fühlte, und welcher ſeinen Grund in wirklichen Leiden hatte, der furchtbaren Qual gleichkam, mit welcher ſein jetziges Gefühl gekränkten Stolzes und beleidigter Empfindlichkeit, verbun⸗ den mit dem Bewußtſein, ſich lächerlich gemacht zu haben, ihn überſchüttete. Viertes Kapitel. Morgenlächeln, Abendtbhränen. Am nächſten Morgen kam Ariel hinüber und fand Sybrandt halb willig, halb bange, die Geſellſchaft, deren Oberbefehlshaber der Oheim war, auf die Inſel zu beglei⸗ ten. Nie war ein Menſch ſo geſchäftigt, ſo wichtig und ſo glücklich, wie der gute Ariel, daß er für einen ganzen langen Tag etwas zu thun hatte. In der That glücklich, dreimal glücklich der, den Kleinigkeiten in ſo ſelige Laune verſetzen können. Darin beſteht ja das Glück der Kind⸗ heit und der Troſt des Alters, welche beide ihre eigen⸗ thümlichen Genüſſe darin finden, von den ernſten Mühen und den drückenden Sorgen der großen Weltangelegenhei⸗ ten befreit zu ſein. Es war ein heiterer und entzückender Morgen, wie je einer oie rrichen Ebenen des glücklichen Hudſon beſchie⸗ nen— des glücklichen Hudſon, denn er iſt der Lieblingſtrom, auf deſſen Buſen die Flut der Mode hin und her gleitet, an deſſen prachtvollen Ufern in ländlicher Behaglichkeit Tauſende von zufriedenen menſchlichen Weſen wohnen, und ſich inmitten der Genüſſe eines tadelloſen Lebens und eines ruhigen Sinnes der Früchte ihrer Arbeit freuen. — 59— Es war ein Tag, wie ich ihn ſelbſt am liebſten habe— wenn die Sonne ihre Wirkung durch einen luftigen Schleier halb durchſichtiger Wolken verbreitet, welcher ihre Strahlen zu einer milden wohlthuenden Wärme mäßigt, die dem Körper vielleicht weniger Kraft mittheilt, aber dafür der Seele eine behagliche, üppige Befähigung gibt, ſanftern Regungen nachzuhängen. An ſolchen Tagen und durch ein ſolches Medium zeigen die Schönheiten der Natur nur ihre mildeſten Züge und entfalten die größte Man⸗ nichfaltigkeit von Schatten und Färbung. Die Winde ſchweigen; die Waſſer ſind eben und ſpiegelhell; das Laub hat eine wollige Sanftheit; die Höhen erſcheinen ſchöner; die Berge, in der nebeligen Unbeſtimmtheit der Ferne gehoben, ſcheinen ſich in dem Himmel zu verlieren; die manchfachen Schattirungen des Grüns, welches den Buſen der Erde deckt, treten beſtimmter und doch har⸗ moniſcher hervor, als wenn ſie von dem Glanze der Sonne überſchüttet werden; und jeder Ton, der an das Ohr ſchlägt, wie jeder Gegenſtand, der das Auge berührt, theilen die ſanfte Harmonie, welche ringsum herrſcht. In der Erinnerung ſolcher Scenen in unſerm ſpatern Leben und inmitten der Kämpfe, Hoffnungen und Enttäuſchungen, welche ſich in die Zeit des Mannesalters drängen, ſtellen wir wohl unſere jetzigen Sorgen unſeren frühern Genüſſen gegenüber, übertreiben beide und legen den verſchiedenen Perioden eines Lebens, das, wenn wir die Wage recht halten, in allen ſeinen verſchiedenen Wechſeln, von der Wiege bis zum Grabe, ziemlich als daſſelbe befunden wird, einen unrichtigen Werth bei. Unſere kleine Geſellſchaft beſtand aus dem General⸗ Kommandanten Ariel, Feſtordner, Faktotum u. ſ. w., geſchäftig, wie eine Biene, lärmend, wie ein Wachtel⸗ hündchen und luſtig, wie ein Heimchen; aus Catalina, Sybrandt, und einem halben Schock junger Herren und Schönen von Albany, welche mit dem frühen Morgen, zierlich und einfach gekleidet, wie es ſich zu einem Aus⸗ flug unter die wilden Roſen und Weinranken der glück⸗ lichen Inſel paßte, ſich hei Catalina eingefunden hatten. Das kleine Paradies war, um uns gelehrt auszu⸗ drücken, ein ſeit langer Zeit angeſchwemmter Boden, der aus der reichen, vom Fluſſe abgeſetzten Beute des Landes umher beſtand. Es war ſo flach wie die Oberfläche des Waſſers, in der es geborgen lag, und mit einem Teppich des prachtvollſten und üppigſten Grüns bedeckt, welches, wenn es nicht abgeweidet wurde, der Senſe dreimal des Jahres eine reichliche Ernte bot. Auf jeder Seite und rundum waren die Ufer mit dem hellen ſilbernen Laub der Waſſerweide beſetzt, zu der ſich wilde Roſenbüſche und eine Menge namenloſer wilder Blumen von jeder Farbe und den mannigfachſten Düften geſellten; da und dort bildeten die wilden Weinranken zierliche Lauben oder ließen ihre langen Winden auf den ſanft vorüber gleitenden Waſſern hin und her gaukeln. Innerhalb dieſer laubigen Umhegung war nichts als ein grüner Raſen, welchen dann und wann — 6— die Rieſenkinder des angeſchwemmten Bodens— Ulmen und Platanus von ſolcher majeſtätiſchen Größe beſchatteten, daß ſie über die ſanften Abhänge wegſchauten, welche die Ebenen auf beiden Seiten begrenzten. Das bezaubernde Murmeln der Waſſer, die unter den Weidenzweigen und flatternden Weinranken dahin gleiteten, vermiſchte ſich mit dem Chore von tauſend Vögeln, welche hier den ganzen Sommer in ungeſtörter Ruhe hauſ'ten; und obgleich die Flöte des Hirten auf dieſen lieblichen Matten nie gehört wurde, bot die Muſik der klangreichen Natur, die murmeln⸗ den Waſſer, die ſäuſelnden Zweige und die Sänger des Gebüſches und des Waldlands vollen Erſatz dafür. Unter der geſchickten Leitung des thätigen, unermüd⸗ lichen Ariel erreichte die kleine Geſellſchaft den Schauplatz ihrer gehofften Freuden, alle munter und vergnügt, unſern Freund Sybrandt ausgenommen, welcher von dem Augen⸗ blicke an, wo er ſich den jungen Leuten anſchloß, den Zauber ſeines gewöhnlichen Dämons fühlte. Seine Heiter⸗ keit wurde zurückgedrängt, ſein Kopf ſchwer und dumpf, und ſeine jugendliche Kraft in bleierne Trägheit verwan⸗ delt— kurz, ſeine herkömmliche Scheu und Unbehilflichkeit, an die er nur denken durfte, um jede Bewegung, ſie abzuſchütteln, vergeblich zu machen, trug über ſeine beſten Grundſätze den Sieg davon. Er war ſtets vor oder hinter der Geſellſchaft und gewöhnlich zu entfernt, um zu hören, was geſprochen wurde. So flüſterte ihm, wenn die Heiterkeit der jungen Leute ſich durch ein herzliches Gelächter Luft machte, der Teufel des Stolzes, des Argwohns und des Selbſtbewußt⸗ ſeins zu, das Gelächter gelte ihm. Die andern jungen Män⸗ ner waren allerdings ganz ſo unbehilflich und hatten ſeine Kenntniſſe und Befähigungen nicht; demungeachtet ſpielten ſie ihre Rollen ganz gut unb benahmen ſich mit jener heitern, artig⸗freundlichen Offenheit und Ungezwungenheit, wie die Frauen ſie in allen Lagen lieben. Sie hatten in der Welt von Albany gelebt, mit den Menſchen verkehrt und in der Verfolgung ihrer mannigfachen Lebenszwecke ihrer Selbſtliebe den Abſchied gegeben, während der arme Sybrandt ſeine Jugend damit hingebracht hatte, die Kinder der Einſamkeit— Empfindlichkeit, Stolz und Eigenſucht zu nähren und groß zu ziehen. Der geſellige Verkehr allein kann den Menſchen ſelbſt glücklich und zum Werkzeuge des Glückes Anderer machen, denn er zieht uns von der Selbſtbeſchauung ab, und zwingt uns, der Bedürfniſſe Anderer zu gedenken und ihnen Genüſſe zu bereiten, wo wie nur können. Als ſie an das Ufer kamen, wo das Bot lag, welches ſie auf die Inſel bringen ſollte, wollte Syhrandt— er hatte 23 geſchworen— Catalina ſeine Hand bieten, um ihr in den Kahn zu helfen. Er machte aber ſo lange, bis er ſich zu der kühnen That ſammelte und bereitete, daß ihm einer der jungen Männer von Albany, artiger und entſchloſſener zumal, zuvorkam. Ein verſchämter Mann iſt wie ein Tiger; er nimmt nur einen Anlauf; mißlingt — 63— dieſer, ſo ſchleicht er in ſeinen Schlupfwinkel zurück und wagt keinen zweiten. Ich kann meine eigene Erfahrung für dieſen Satz anführen; denn in den fern abgelegenen Tagen meiner Artigkeit habe ich viele Male und oft, wenn ich zu Tiſch geladen war, mich mit einer galanten Wildheit gepanzert, um die Dame des Hauſes um die Ehre zu bitten, ein Glas Wein mit ihr trinken zu dürfen. Aber ach! wenn die Dame vielleicht meinen erſten Anruf überhörte, war ich wohl im Stande, in eine gänzliche, unheilbare Unfähigkeit, die mächtige Anſtrengung zu wieder⸗ holen, allen Vorſätzen zum Trotze, zu verfallen. Der Klang meiner Stimme war plötzlich dahin und ich ſprach kein Wort mehr. So war es mit Meiſter Sybrandt, der, weil ihm das Pulver auf der Pfanne abgebrannt war, durch die Anſtrengung, welche er gemacht hatte, nur noch muthloſer wurde. Die kleine Geſellſchaft landete und ging in einzelnen Gruppen oder paarweiſe, wie Zufall oder Neigung es wollten, ihrem Vergnügen nach. In jenen Tagen doriſcher Unſchuld und Einfachheit— und es iſt, Dank dem Himmel, noch ſo in unſerm glücklichen Lande— bonnten ſich die jungen Leute beiderlei Geſchlechts der Freuden eines ländlichen Ausflugs in kleineren Geſellſchaften oder paar⸗ weiſe erfreuen, ohne daß jemand im Entfernteſten daran dachte, es unſchicklich zu finden und ohne einer ſittenrichteriſchen Zunge Stoff zu übler Nachrede zu geben. Wenn in der Muſik, der Ruhe, der bezaubernden, ſtillen Reizen der Natur etwas zur Liebe hinzieht, ſo iſt es eine edle, tugendhafte Liebe; eher ein erwachender Trieb, als eine unlenkſame Leidenſchaft; und erwächſt doch zuletzt Unheil daraus, ſo geſchieht dies eher durch Zufall als aus Abſicht, und es wird ſeinen Grund eher in der Natur als in einem verderbten Charabter haben. Hier erhalten die ſinnlichen Leidenſchaften ihre bewältigende Kraft nicht, ſondern bei mitternächtlichen Schmauſereien, wo blendende Lichter, künſtlicher Glanz, verführende Muſik, ſtarkgewürzte Speiſen und üppige Weine die Sinne zu leichtfertigen Wünſchen anſpornen und die Phantaſie zu übertriebenen Begriffen von Freuden anfeuern, die uns fortreißen, ohne daß wir wiſſen und uns bekümmern, wohin? Möge es in unſerm Lande noch recht lange dauern, ehe wir die Freuden der Jungfrauen ſchmälern und die der Frauen ausdehnen. Da Catalina es durchgeſetzt hatte, Sybrandt zu ihrer Geſellſchaft herbeizuziehen, zeigte ſie ſich auch in beſſerer Laune, als gewöhnlich. Sie ärgerte ihn dann und wann in verſchiedener muthwilliger Weiſe und erregte zuweilen die Heiterkeit auf ſeine Koſten. Durch die erſten Freuden und die erſten Schmerzen wird die erſte feine Schneide der Gefühle, zum Glück für die Menſchheit, abgeſtumpft. Wäre dem nicht ſo— doch ich werde, ohne es zu wollen, ein Moraliſt, da ich nur eine Geſchichte zu erzählen beabſichtige.— Es war mit Sybrandt bereits, wie mit einem muſikaliſchen Inſtrumente, deſſen Klang dadurch —-— 65— gewinnt, daß man darauf ſpielt; er berief ſich wirklich zwei oder drei Mal darauf, daß er ſich der Gelegenheit und der Heiterkeit ſeiner Genoſſen freute. Die Neckereien von Frauen machen kühne Männer nur noch kühner und zuverſichtlicher. In der That, es gibt in der Welt kein unverſchämteres Weſen, als ein ſchüchterner Mann, der aus ſeiner Furchtſambeit herausgeſchreckt wird. Die bloſe Anregung reißt ihn zu dem entgegengeſetzten Extreme fort. Sybrandt's Geiſt war aber zu lange und zu ſehr in dem ſtarren Zwange befangen geweſen, um ſich plötzlich der Bande ganz zu entſchlagen. 3 Ich bedauere das edelſte und geprieſenſte aller ſterb⸗ lichen Weſen, welches die Begeiſterung der würzigen Luft, der Muſik, des Lächelns der Natur nicht empfinden kann, denn er kann weder Gefühl, noch Phantaſie haben. So war es nicht bei Sybrandt. Obgleich augen⸗ ſcheinlich ein ſehr wenig verſprechender Zögling für die romantiſche Schule, war doch, wenn wir nicht irren, ein gewiſſer thatkräftiger Aufſchwung, ein gewiſſes ſtilles Feuer, heimlich und verborgen, in ſeinem Kopf und Her⸗ zen, die nur erregt und belebt werden durften, um ihn zu einem ganz andern Weſen zu machen, als er jetzt zu ſein ſchien. Wie der Morgen dahin ſchwand, begann er ſich unmerk⸗ lich weniger linkiſch und verlegen zu fühlen und ſeine Schüchternheit verlor ſich allgemach. Er wagte es, mit einigen der jungen Fräulein zu ſprechen, und hatte zuletzt Paulding III. 5 — 66— die kaum denkbare Unerſchrockenheit, bei einem Gang unter den Weinranken und Weiden, welche die Ufer der kleinen Inſel ſäumten, ſich an die Seite ſeiner ſchönen Baſe zu wagen. Allmählich öffneten und dehnten ſich die Gefühle aus, welche die Natur in ſein Herz gepflanzt hatte, wie die Samenkörner, welche jahrelang in dem tiefen Schatten der Wäldern ſchlummernd lagen, bis die Bäume nieder⸗ gehauen wurden und die warmen Sonnenſtrahlen ſie zum Leben und zur Blüthe erweckten. Die Regungen ſeines Herzens bewältigten für eine Weile ſeine lange gehegte Furchtſamkeit und liehen ſeinen Lippen eine Beredſamkeit, welche Catalina gefiel, während ſie ſie überraſchte. Die reichen Schätze des Geiſtes, welche lange Lectüre und Nachdenken in ihm angehäuft hatten, und die an die eiſigen Bande der Schüchternheit geſchmiedet waren, wur⸗ den durch die neugeborne Wärme frei, die ſein ganzes Weſen durchzuckte und ergoſſen ſich ohne Kunſt und ohne Anſtrengung in anziehende Bemerkungen, überraſchende Ideenverbindungen und Funken einer reichen, glühenden Phantaſie. Catalina lauſchte mit Erſtaunen auf die belebte Statüe; und wie ſie ihn, während er die reichen Schätze ſeines Geiſtes entfaltete, ihm in das Antlitz blickte und den göttlichen Funken ſah, der in ſeinem Auge glühte, über⸗ raſchte ſie ſich einige Mal bei dem Gedanken, Sybrandt ſei faſt ſo ſchön, wie ein Adjutant. Auch er fühlte ſich — 67— in ſeinen Augen größer; zum erſten Male in ſeinem Leben hatte er ſeiner eigenen Stimme gelauſcht, ohne ſein Herz ängſtlich und beklommen ſchlagen zu fühlen; zum erſten Male konnte er auf eine Stunde, die er in Geſellſchaft eines weiblichen, Weſens hingebracht hatte, ohne die Qualen der geringſten Kränkung zurückblicken. „Sybrandt,“ ſagte Catalina endlich—„warum redet ihr nicht jeden Tag ſo?"“ „Weil nicht jeder Tag dem heutigen gleicht, und auch ihr, meine Baſe, ſeid nicht immer, was ihr jetzt ſeid.“ Ein Schweigen folgte, aus welchem ſie durch den freudeverbreitenden Ruf Ariel's aufgeſchreckt wurden, welcher mit ſeinem Mahle fertig war und nun alle auf der Inſel zerſtreuten Fräulein und Herrn aufforderte, herbeizukommen und an dem Segen ſeiner klugen Vor⸗ ſicht Theil zu nehmen. Für ihn war das Eſſen ein Gegenſtand der höchſten Wichtigkeit; er ſchloß ſich nie einer Geſellſchaft an, ſie mochte einen Zweck haben, welchen ſie wollte, ohne ſich vorher auf das Sicherſte überzeugt zu haben, daß keine Hungersnoth in dem Gefolge derſelben ſei, und es war faſt ſo rührend, wie eine Leichenrede, wenn man ihn die melancholiſche Geſchichte von dem Verluſt eines Paars der ſchönſten Waldenten, die er je ſah, erzählen hörte; durch die„verd—t alberne Thor⸗ heit“ ſeiner Köchin, die ſie in einem Topf, ſtatt vor dem Feuer briet, war der Arme um dieſen Leckerbiſſen 5* — 68— gekommen. Der gute Ariel hatte ſeine Vorräthe auf einem ſchneeweißen ſehr großen Tiſchtuche ausgebreitet, das auf dem prachtvollen Raſen unter einem Laubdache wilder Reben lag, die ſich über die Wipfel einer Gruppe von Saſſafras hinrankten, deren duftreiche Knospen den lieblichſten Wohlgeruch verbreiteten. Er vertheilte ſein kleines Heer hier mit vieler Klugheit, indem er, wie man zu ſagen pflegt, eine bunte Reihe um das ländliche Mahl bilden ließ und den Herren die größte Aufmerkſamkeit auf ihre nächſten Nachbarinnen anempfahl. Er ſelbſt konnte nie ſtill ſitzen, ſo lange noch irgend etwas zu thun war. Wie ein lebhaftes Wachtelhündchen ſprang er um den kleinen Kreis herum, machte ſeine Späße und lachte nur um ſo lauter, wenn niemand in ſeine Heiterkeit einſtimmte; auch vergaß er ſich nicht, ſondern griff zu und aß und plauderte allzumal mit einem Eifer, einer Fröhlichkeit und einer gutmüthigen Offenheit, welche ſich allen um ihn her mittheilte und die laute Luſt ganz allgemein machte. Die Vögel wirbelten über ihren Häup⸗ tern, die Blumen wuchſen zu ihren Füßen, der milde Sommerwind ſpielte auf ihren Wangen, die Hoffnung glühte in ihren Herzen und Jugend und Geſundheit waren ihre Dienerinnen— warum hätten ſie nicht lachen und luſtig ſein ſollen? Doch die Peſt auf die Natur! Sei iſt und bleibt ein Weib und man kann ihr nun einmal nicht vertrauen. Wie ſie ſo daſaßen und an nichts dachten als an ſich und — 69— den gegenwaͤrtigen Augenblick, war die Natur, von dem kleinen Häuflein unbeachtet, damit beſchäftigt, einen Haufen ſchwarzer rollender Wolken den weſtlichen Horizont entlang in eine große Maſſe zu ſammeln. Der Saum der kleinen Inſel war, wie bereits angedeutet worden, rund umher von Bäumen und Geſträuch und wilden Rebenranken umgeben, welche die Ufer gegenüber ganz verbargen und die Inſel zu einer abgeſchloſſenen Welt machten. Das ſchwarze Gewitter, das ſich in Weſten zuſammenzog, entging daher der Beachtung der Geſellſchaft, bis ein lauter Ausbruch der Heiterkeit durch einen grellen Blitz⸗ ſtrahl und einen lauten, hellen Donnerſchlag unterbrochen wurde. Wenn der Schöpfer ſpricht, iſt die ganze Natur ſtumm, und wenn, wie manche annehmen, der zuckende Blitzſtrahl das flammende Leuchten ſeines erzürnten Auges und der Donner das Drohen ſeiner Stimme iſt, ſo darf man ſich nicht wundern, daß jeder Ton verſtummt, wenn ſte aus der ſchwarzen Finſterniß des Himmels herausbrechen. Man lachte nicht mehr; die Vögel verſtummten in ihren laubigen Sitzen; die Bäume ſtellten ihr ſüßes Flüſtern ein; die Inſekten zirpten nicht mehr und das Murmeln des Fluſſes hörte auf. Eine Todtenſtille folgte in der Luft, auf der Erde, auf dem Waſſer, ausgenom⸗ men, wenn der Schöpfer alles deſſen aus dem Schooße der furchtbaren Dunkelheit redete. Die Fröhlichen ſahen ſtumm einander an und ſaßen ſtumm da, bis Ariel es wagte, ſeine Kehle durch ein„Hem! — 70— Hem!“ zu reinigen, welches, die Wahrheit zu ſagen, ſeiner gewöhnlichen Kraft und Klarheit in hohem Grade entbehrte. Sybrandt ſuchte eine Stelle, wo er die Umſäumung der Inſel überſchauen konnte, und eilte raſch zurück, um zu verkündigen, daß ein furchtbares Gewitter raſch heranziehe— ſo raſch, daß es unmöglich ſein würde, vor dem völligen Ansbruche ſeiner Wuth über den Fluß zu kommen und das nächſte Haus zu erreichen. Die Fräulein ſahen die jungen Männer und die jungen Männer ſahen die Fräulein an; die eine hatte ihren beſten Hut auf, die andere einen neuen Shawl, eine dritte ihr Feſttags⸗Zitzkleid an und alle ſammt und ſonders trugen irgend ein Stück ihres Lieblings⸗ Putzes, das in dieſen Tagen reißender, unerhörter Fort⸗ Pbildung vielleicht Dolly, die Köchin und Betty, die Stuben⸗ magd nicht tragen möchten, von ganz einfachen, unſchul⸗ digen Weſen aber ſehr hoch gehalten wurde. Die Jungen aber, wie ſie genannt wurden und von den alten Herren des Landes noch genannt werden, hatten ihre Sonntags⸗ Kleider an, welchen ſie, da ſie keine Rechnung bei den Schneidern auflaufen ließen, eine ganz beſondere Sorgfalt zu widmen verpflichtet waren. Was war nun in dieſer mißlichen Lage zu thun? denn die grellen, ſtarken Blitze, die eben ſo ſtarken Donnerſchläge, die in ihrem Geleite kamen, und die ſchwüle, grabähnliche Ruhe, welche die Pauſen ausfüllte, zeigten an, daß der Regen und der Sturm nahe ſeien. — 171— Ariel war ſo geſchäftig, wie ein Alderman's Adjunct bei einem Brande und faſt eben ſo nützlich. Da er ein Mann war, den ſtets die Eile drängte, wenn es nicht nöthig war, ſo kann man natürlich annehmen, daß er, wenn ſich eine Gelegenheit dazu fand, in ſo großer Haſt war, daß ſeine Entſchlüſſe einander auf die Ferſen traten oder mit den Köpfen gegen einander liefen. Und ſo war es in der That; er war zehnmal geſchäftiger, als wenn er nichts zu thun hatte; er ſchmähte die Jünglinge, weil ſie nichts thaten, gab hundert ganz unausführbare Dinge an und ſchloß damit, der Edle, daß er aus voller Seele wünſchte, ſie möchten alle wohl⸗ behalten unter dem Dache des alten Familienſitzes gebor⸗ gen ſein.— Catalina war in der Erziehungsanſtalt in der Furcht vor dem Donner erzogen worden. Die Vorſteherin ermuthigte allerdings immer die jungen Mädchen durch Worte, ſich nicht zu fürchten; ſie verfehlte aber nie, bei einem anziehenden Gewitter zu verſchwinden und wurde eines Tages zwiſchen zwei Bettdecken halb todt vor Hitze und Angſt gefunden. Es iſt zu bedauern, daß dieſes natürliche und lobens⸗ werthe Gefühl unſerer Ohnmacht, welches die erhabenen Erſcheinungen der Natur begleitet, ſo oft in gemeine Furcht oder unvernünftigen Aberglauben ausartet. Iſt es dieſer entkleidet, ſo muß die Annäaherung eines Gewitters den Geiſt zu den ſtolzeſten Gedanken an das 1 1 ] K 5 5 —-— 72— große Weſen, welches dieſe ungeheure Artillerieſtücke lädt und losſchießt, entflammen und die Phantaſie in die erhabenſten Regionen, die ſie erſchwingen kann, empor führen. Aber die Furcht iſt ein niedriges, die Seele unterjochendes Gefühl, das den Geiſt knechtet, den phyſiſchen Menſchen erniedrigt und jede Empfindung echter Frömmigkeit und kindlichen Glaubens ausſchließt. Plötzlich flogß ein Gedanke durch Sybrandt's Kopf, welcher augenblicklich angenommen und in Ausführung gebracht wurde. Das Bot, ein breiter, flacher Nachen, wurde auf das Ufer gezogen und den Boden aufwärts, auf der einen Seite von Pfählen getragen, die andere auf den Raſen nach Weſten zu gelehnt, ſo aufgeſtellt, daß der Regen in dieſer Richtung abfließen konnte. Die wenigen Minuten, welche zwiſchen dieſer Einrichtung und dem Ausbruch des Regenſtroms vergingen, wurden von den jungen Leuten dazu verwendet, daß ſie die offnen Räume an den Seiten des Botes mit Gras und Zwei⸗ gen, ſo gut die Zeit es erlaubte, vermachten. Unter dieſem Schirmdache war nur für die jungen Mädchen hinreichender Raum, obgleich Ariel es einzurichten wußte, daß er einen Platz bei ihnen fand. Er war im Allge⸗ meinen ein gutmüthiger, gefälliger Mann, war aber nicht lieber, als irgend einer ſeiner Nachbarn, im Sturme draußen. Die jungen Männer ſtanden unter einer dich⸗ ten Weinlaubdecke, welche ſich über das Bot und einige Schritte weiter wölbte. Man bemerkte, daß Sybrandt — 173— ſich dem Ende des Botes am nächſten ſtellte, wo Cata⸗ lina Platz genommen hatte, und daß er auf die Herrich⸗ tung des Graſes und der Zweige auf jener Seite ganz beſondere Sorgfalt verwendete. Wenige, ſehr wenige Minuten waren in Todtenſtille von der kleinen, ſo geſchirmten Geſellſchaft hingebracht worden, als der Sturm ſeine Fülle von Wind und Regen ergoß, welcher die dröhnenden Bäume niederſchmetterte und die lechzende Erde mit Waſſer überſchwemmte, bis ſie nicht mehr trinken konnte, ſondern das Uebermaß in den ſchwellenden Strom ergoß, der bald zu ſteigen und in zorniger Wuth zu brüllen begann. Man ſprach lange Jahre nachher noch von dieſem Sturme wegen ſeiner furchtbaren Heftigkeit und faſt ein halbes Jahrhundert darauf hörte man von dem unaufhörlichen Niederſchießen der Blitze, den ſchrecklichen, wild wiederhallenden Don⸗ nerſchlägen, der Ueberſchwemmung des Regens, dem brauſenden Sturmwinde, der in dem Gefolge war, den hohen Baͤumen, die der Blitz entweder geſpalten oder der Wind mit den Wurzeln ausgeriſſen hatte, und dem Scha⸗ den, welchen das plötzliche Anſchwellen des Stromes an jenem merkwürdigen Tage angerichtet hatte. Die Geſellſchaft, welche unter dem Bot Schutz gefunden hatte, fand ſich aber nicht in ſehr glänzender Behaglichkeit; aber die Andern waren nach wenigen Minu⸗ ten bis auf den letzten Faden durchnäßt. Die kleinen, ſchmächtigen Weiden beugten ſich nieder, um den Sturm — 14— über ſie hinbrauſen zu laſſen; aber die mächtigen Ulmen und Platanus ſtellten ſich ſtarr dem Winde entgegen, der ihnen die Arme von dem Körper riß und ſie wie Stroh⸗ halme und Federn in der Luft zerſtreute. Die heulen⸗ den Winde, das Brüllen der getrübten Waſſer geſellten ſich zu dem ſteten Leuchten der Blitze, die von jenem grellen, ſcharfen Knalle des Donners begleitet waren, wel⸗ ches das raſche Herannahen der elektriſchen Gewalt verkündigt. Jetzt wurde die kleine Geſellſchaft durch einen Schlag erſchreckt welcher das Gewölbe des Himmels zertrüm⸗ mern zu wollen ſchien, und ſah einen rieſigen Platanus, der hundert Schritte unmittelbar vor ihnen ſtand, vom Wipfel bis zur Wurzel wie ein Rohr auseinander fahren. Die Exploſion ſtillte einen Augenblick das wilde Unwet⸗ ter und während dieſer Pauſe ſtanden die ungeheuren geſpaltenen Trümmer zitternd und ſchwankend da, wie einer, den die Hand des Todes plötzlich getroffen. Noch einen Augenblick, und die Wuth der Winde brauſ'te wie⸗ der einher; der mächtige Beherrſcher der Inſel ſtürzte mit einem fürchterlichen Krachen zu Boden und die Macht des Allgewaltigen über den Wolken zeigte ſich in der augenblicklichen Zerſtörung eines Werkes, welches lange Jahrhunderte zur Reife gebracht. Die jungen Mädchen ſchrien auf und die Jünglinge bebten, als ſie dieſen mächtigen Rieſen der Natur in einem Nu einem mächtigern Willen ſich beugen ſahen. — 15— Bald aber mußten ſie das Auge einer neuen Gefahr erſchließen. Es iſt wohl bekannt, wie raſch, wie faſt augenblicklich unſere Flüſſe anſchwellen, beſonders wo ſie ihren Quellen näher ſind und felſiges oder gebirgiges Land zu durchſchneiden haben. Die kleine Inſel, auf welche wir jetzt die Scene unſerer Geſchichte verlegt haben, erhob ſich nur wenige Fuß über die gewöhnliche Oberfläche des Stroms und war ſo flach, wie der Spiegel des Waſſers ſelbſt, das nun ſeine Wellen über die herkömmlichen Schranken emporzuſchleudern begann, bis die Lage der kleinen Geſell⸗ ſchaft zuletzt höchſt gefährlich wurde. Das Land war minder ſicher geworden als die Waſſer und es mußten ſofort Maßregeln getroffen werden, ſich auf die Ueber⸗ ſchwemmung gefaßt zu machen, indem man das Bot wieder auf ſeinen Kiel brachte. Die Geſellſchaft nahm, ſo gut es ging, auf den Bänken Platz und die jungen Männer ſtanden bereit, die Ruder zu handhaben, ſobald das Bot von dem Waſſer gehoben und weggetragen würde. Bald rollte das Ungeſtüm des Stromes über die ganze Fläche der Inſel in einer mächtigen Maſſe dunkeln, mit weißem Schaume geſäumten Waſſers daher und mit der Schnelligkeit eines Pfeiles wurde das Bot den Strom hinab getrieben. Die Schwierigkeit war, den Bäumen und Büſchen zu entgehen, welche noch über das Waſſer hervorragten, da es einleuchtete, daß nichts das Bot retten konnte, — 75— als wenn es auf ſeinem Wege von dem geringſten Anſtoß bewahrt wurde. Der Hauptvorwurf war daher, jedes Hinderniß zu vermeiden und es grade ſtromabwärts zu führen, bis ſie eine kleine Einbuchtung erreichten, wo die Strömung minder heftig war. In Augenblicken der Gefahr übernimmt der überlegenere Geiſt ſtets die Leitung und die minder begabten gehorchen inſtinktmäßig. Seit dem Augendlicke, wo der Sturm heranzog, ſchien Sybrandt ein neuer Menſch, den eine neu erweckte Seele belebte. Die Erregung des gewaltigen Schau⸗ ſpiels hatte ihn allmählich ſeine Furchtſamkeit vergeſſen laſſen und nun weckten die Gegenwart der Gefahr und die Nothwendigkeit der Thatkraft jene Befähigungen und Eigenſchaften, die zu beſitzen ihm ſo unbekannt war, wie Andern. Sybrandt, der ſchon bei dem Gedanken zitterte, in ein Geſellſchaftszimmer eingeführt zu werden, der bangte, einem lächelnden weiblichen Auge zu begegnen, ſtand jetzt aufrecht in der Haltung unverzagter Männlichkeit, mit einer feſten Hand und einem feſten Auge den kleinen Kahn durch brüllende Strudel und wilde Stromſchöhelle, die wüthend einander bekämpften, faſt mit der Geſchick⸗ lichkeit eines alten Miſſiſippi⸗Schiffers leitend und führend. Alle Uebrigen ſaßen ſtill in der Betäubung unahweisbaren Schreckens. Selbſt der geſchäftige Ariel ſaß bewegungslos auf ſeinem Platze und ſeine ſtets thätige Zunge war ſtumm wie das Grab. Aber weder menſchliche Geſchick⸗ lichkeit noch menſchliſcher Muth konnten lange Zeit mit — 7— der Gewalt der Waſſer kämpfen, deren Wuth ſich jeden Augenblick vermehrte. Als man um einen vorſpringenden punkt, um wel⸗ chen die Strömung mit erhöhtem Ungeſtüm wüthete, zu wenden bemüht war, ſtieß das Bot an die Spitze eines alten Baumſtumpfs unter dem Waſſer und ſchlug augen⸗ blicklich um. Zum Glück für einige, obgleich leider nicht für Alle, machte die Strömung unmittelbar unter dem Vor⸗ ſprunge eine plötzliche Einbeugung in eine kleine Einbuch⸗ tung, wo ſich die Waſſer beruhigten. Als das Bot dieſem Platze zufuhr, ſtieß es unglücklicherweiſe an den Baum, welcher, wie ich bemerkt habe, über dem Waſſer nicht zu ſehen war. Mit ſchmerzlichem Gefühle muß ich berichten, daß dieſer Unfall für zwei der lieblichen Mäd⸗ chen und einen der Jünglinge verderblich war. Sie ſaßen vornen in dem Bot und wurden, als es umſchlug, mitten in die ſtärkſte Strömung geſchleudert. Die wilde Flut trug ſie dahin und ihre Leichen wurden einige Tage darauf mehrere Meilen ſtromabwärts gefunden. Die Andern— Catalina ausgenommen— wurden unmittelbar und in einem Augenblick durch die plötzliche Wendung, welche die Strömung nahm, in die kleine, ſeichte, ruhige Bucht geführt, wo ſie Alle Rettung fanden. Catalina war nicht unter dieſen. Minder kraͤftig und an die Spiele und Gefahren des ländlichen Lebens weni⸗ ger gewöhnt, ſchwand ihr in dem Augenblicke, wo der Unfall ſtatt fand, die Beſinnung; und ſie würde bald den 41 4 4 — — — 78— Tod in den Wellen gefunden haben, hätte ſich nicht Sybrandt in den wirbelnden Strudel, welcher ſie fortriß, geſtürzt und ſie wohlbehalten an das Land gebracht. Die Trümmer unſerer kleinen Geſellſchaft kehrten, ohne ihre verlorenen Gefährten, traurig nach Hauſe zurück und traurig verglichen ſie die Schönheit des ruhi⸗ gen, belebenden Morgens und die freudigen Erwartun⸗ gen, welche der herrliche Tag ihnen zu bieten ſchien, mit dem wilden Aufruhr der Natur und den düſtern Schat⸗ ten des Abends, der in ſchwarzer Nacht und mit Kummer und Tod ſchloß. Oft erinnerte ſich Catalina ſpäter an dieſen Vorgang und an Sybrandt's Benehmen, nicht allein vor, ſondern auch während des Sturms und in der Stunde ihrer äußerſten Gefahr; und dieſe Erinnerung ſetzte oft ihrem Lachen, und oft dem unmittelbaren Ausbruche ihres Zor⸗ nes über den albernen, linkiſchen Vetter, Schranken. Wir brauchen nicht bei der Angſt des Vaters und der Mutter unſerer Heldin, ſo wie bei der des guten Dennis zu verweilen, der inmitten ſeiner Beſorgniſſe nicht umhin konnte, ſich ſtark gegen alle Ausflüge auf Inſeln und ähnliche läppiſche Modepartien zu erklären, obgleich Geſchichte und Ueberlieferung zumal bezeugen, daß der⸗ gleichen Freuden mit dem Beginnen unſerer glücklichen Periode biederer Einfachheit gleichzeitig waren. Wir wol⸗ len nur ſagen, daß die guten Eltern ihr einziges Kind empfingen, als wenn die Güte des Himmels es ihnen — 79— zum zweiten Mal geſchenkt hätte, und daß ihre Dankbar⸗ keit gegen Sybrandt keine Worte fand. Die Begeiſterung, welche dieſen erfüllt hatte, war nun dahin. Der Augenblick der Gefahr, welcher ſeine ſchlummernden Kräfte geweckt hatte, war vorüber und ſeine lange gehegten Gewohnheiten nahmen wieder ihre alte Herrſchaft ein; ſtatt ſeine Freude auszudrücken, daß er zur Erhaltung Catalina's behilflich geweſen— ſtatt zu zeigen, daß er die Dankbarkeit der Eltern zu ſchätzen wiſſe, wurde er verlegen, ſtumm, unbeholfen, albern— und war endlich verſchwunden, niemand wußte, wohin. Wir dürfen nicht vergeſſen, daß von dieſer Zeit an der würdige Ariel des Dominie's Predigten regelmäßig zweimal jeden Sonntag aufmerkſam beiwohnte— eine Sitte, der er früher nie zugethan war, denn er zeigte ſtets, wenn er in die Kirche kam, die größte Neigung, in Schlaf zu verfallen und die Gemeinde durch ſein Schnarchen in ihrer Andacht zu ſtören. Fünftes Kapitel. Der geſottenen Krebſe Ueberfall. Viele Tage vergingen, ehe die ſchöne Catalina ihren Vetter wieder ſah, der, die Wahrheit zu ſagen, von den gewöhnlichen Folgen einer guten That eben ſo raſch zuruck⸗ bebte, wie manche würdige Leute von denen einer böſen That. Catalina ſagte zu ſich ſelbſt—„er will ſich ein Anſehen geben— er glaubt, ich würde abermals nach ihm ſchicken— er wird ſich aber dieſes Mal ſehr irren— ich haſſe ſolche ſtolze, einfältige Geſellen!“— und ſie blickte in den Spiegel und war ſehr zufrieden mit dem, was ſie dort ſah. Der Leſer wird wohl errathen, was es geweſen iſt, denn ich werde nie die Geheimniſſe einer Schönen verrathen. Als Sybrandt endlich ſeinen alten Dämon beſiegte und ſich an einen Ort wagte, der ihm ſchlimmer zu ſein ſchien, als der Rachen eines hungrigen Löwen, behandelte ihn Catalina, welche ſeine lange Abweſenheit unter dieſen beſondern Umſtänden, welche anzudeuten ſchienen, daß er kein ſehr großes Gewicht auf die Rettung ihres Lebens zu legen ſchien, tief kränkte, mit ziemlicher Wegwerfung. Sybrandt, der keichter zwanzig Foliobände über meta⸗ — 81— phyſiſche Gegenſtände verdauete, als er in den Sinn eines Weibes eindrang, und welcher nie träumte, daß ſeine Gegenwart oder ſein Nichtdaſein von irgend einem menſchlichen Weſen in Geſtalt eines hübſchen jungen Mädchens beachtet werde, wurde durch dieſen Empfang nur um ſo ſtolzer, ſcheuer, verlegener und alberner. Es ſchien ihm nun ausgemacht zu ſein, daß ſeine Baſe ihn verachtete, und er gehörte zu denen, welche da nie um Gunſt buhlen, wo ſie Hintanſetzung erwarten. So fuhren die beiden jungen Leute fort, ſich wechſelsweiſe mißzu⸗ verſtehen und es war alle Wahrſcheinlichkeit vorhanden, daß dies bis zum Ende ihres Lebens ſo dauern würde. Nicht lange nach dem Inſel⸗Abenteuer traf ein Be⸗ gebniß ein, welches nicht nur in der Stadt Albany, ſon⸗ dern auch viele Meilen ringsum großes Aufſehen machte. Es war dies die Ankunft brittiſcher Truppen von New⸗ York, welche in Folge drohender Feindſeligkeiten zwiſchen Frankreich und England, deren unſelige Nebenbuhlerſchaft gewöhnlich die vier oder fünf Theile der Erde in Krieg und Blutbad verſetzte, an die Ufer des Hudſon verlegt wurden. Ein großer Theil der Offiziere dieſes Regi⸗ ments waren muntere, junge, unverheirathete Leute, und die Schönen und die Mütter der Schönen in und um Albany ſahen in den Neuangekommenen ein Ziel, an welchem der Einfluß der Reize der Einen, und die Künſte der Anderen ſich verſuchen konnten. Eine der kränkendſten Folgen des Kolonial⸗Zuſtandes iſt die, daß er immer von Paulding. III. 6 — 82— Seiten der Koloniſten eine Gewohnheit, wenn nicht ein Gefühl der Unterordnung, und von Seiten des Mutter⸗ ſtaates eine ſtolze, anmaßende Nichtbeachtung der Schick⸗ lichkeit und des Anſtandes jenen gegenüber erzeugt. Die Männer der vereinigten Kolonien zeigten, vielleicht mit Ausnahme von Virginia und Süd⸗Carolina, in den Tagen, von welchen wir ſprechen, jenes ſtolze Gefühl der Gleich⸗ heit nicht, welches ſie nun überall zu behaupten das Recht haben; und die Frauen, beſonders die, welche auf guten Ton Anſpruch machten— wir ſagen es mit Kum⸗ mer und Verdruß— trugen durch den Eifer und die unverhohlene Eitelkeit, mit welcher ſie die Aufmerkſam⸗ keit der Herrn aus dem alten Lande auf ſich zu ziehen und zu feſſeln bemüht waren, weſentlich zu der Ernied⸗ rigung ihrer eigenen Landsleute und zu dem Uebermuthe der fremden Abenteurer zumal bei. Nichts in der That erhöht die Würde und Tugend der beiden Geſchlechter mehr, als die Achtung, welche ſie ſich gegenſeitig zollen. Wo die Frauen von ihren Landsleuten verachtet werden, oder wo die Männer ſich von den Frauen ihres Landes hintangeſetzt ſehen, und die Bewunderung der letztern Fremden anheim fällt, wird wahrſcheinlich die Gering⸗ ſchätzung Beider unter ſich, und die Achtung derer, um deren Aufmerkſamkeit ſie buhlen, die Folge ſein. Dieſe alberne Gewohnheit, fremde Moden, fremde Länder und Fremdlinge zu bewundern, wurde den Gemüthern der guten Provinz⸗Leute der alten dreizehn Staaten ſo tief — 83— eingeprägt, daß ihr Einfluß immer noch nicht ganz aufge⸗ hoben iſt, wie man aus der Gelehrigkeit abnehmen kann, mit welcher wir dem mäßigen Talente eines Fremden vor dem glänzenden Verdienſte des Eingebornen den Vorzug zu geben gewöhnt ſind,— mit welcher wir uns vor den Ausſprüchen unwiſſender Anmaßlinge beugen, deren Anſichten nur dadurch Gewicht erhalten, daß ſie den Weg über den Ocean gemacht haben. Wie der Wein, welcher die Reiſe nach China gemacht hat, ſollen Gedan⸗ ken und Anſichten durch ein ähnliches Abenteuer beſſer werden; und die Thorheit wird ehrwürdig, wenn wir darthun können, daß ſie aus achtenswerthen Irrthümern einer geſunkenen Zeit jenſeits des Meeres herſtammen. Die Gaſtfreiheit adelt eine Nation nur, wenn ſie aus edleren Beweggründen als der abgeſchmackten Eitelkeit hervorgeht, Leute von mehr Belang als wir ſind, zu bewirthen. Der Oberſt des neu angekommenen Regiments hatte die Periode des Lebens erreicht, wo Eitelkeit und Ehrgeiz die Stelle der Liebe einnehmen. Er war wohlerzogen und von guter Familie; er hängte das Zeichen des Adels an ſeinen Namen und dies reichte allein hin, ihm in den Augen den Schönen der Provinz die Weihe zu geben. Er gehörte zu jener Race von Zierlingen, welche als eine Species längſt zu Grabe gebracht wurden, obgleich wir dann und wann noch einige Spuren davon in den Trüm⸗ mern eines alten Wracks von Soldaten ſehen, deſſen 6* — 84— Witz und Lebhaftigkeit ihn ſelbſt überlebt haben und blos noch kraft der langen Gewohnheit glänzen. Sein Name war Sydenham; er war eine Art Stutzer und ſein Aeußeres war einnehmend, beſonders der rothe Rock und die Achſelbänder. Sein Muth war unzweifel⸗ haft, ſeine Grundſätze nicht in Frage zu ziehen, denn nach ihm beſtand die Ehre darin, daß man für die Fol⸗ gen ſeiner Handlungen, ſeien ſie nun gut oder ſchlecht, einſtehen müſſe, ohne eine Muskel zu verziehen. Es fehlte ihm nicht an einem verſtändigen Grade von Gelehr⸗ ſamkeit und er war in Büchern nicht unbewandert; ſein größter Vorzug aber beſtand in einer durchdringenden Weltkenntniß— ein Gebahren, das ihn in den Stand ſetzte, überall, wo er wollte, zu gefallen, und eine Bieg⸗ ſamkeit der Grundſäͤtze, welche es für ihn ungemein leicht und behaglich machte, denjenigen Pfad zu wählen, wel⸗ cher ihm für den Augenblick der angenehmſte war. Die übrigen Offiziere waren ſich beinahe ganz ähnlich, eben ſo vielen gekochten Krebſen nicht ungleich. Sie trugen alle rothe Röcke und hielten ſich alle für eine ganz andere Menſchenart, als die ehrlichen Koloniſten, deren Wein ſie ſich herabließen, zu trinken und deren Frauen und Töch⸗ ter ſie in dem Verhältniß mit ihrer Aufmerkſamkeit beehr⸗ ten, als das Getränke gut und die Frauen und Töchter ſchön waren. Das Haus der Vancour war ſtets allen achtbaren Fremden geöffnet geweſen, beſonders Militärperſonen, — 35— welche auf ihrem Wege von New⸗York an die Grenz⸗ poſten und zurück, oft hier einkehrten und verweilten. Sie kamen und gingen, wie es ihnen behagte, und wur⸗ den mit einer behaglichen Gaſtfreiheit aufgenommen und bewirthet, von welchen wir in den ſüdlichen Staaten noch da und dort einige Spuren übrig ſehen, und die ſich dem ſtillen Einbruch herzloſen, ſelbſtſüchtigen Prunkes entgegenſtellen. Unabhängig von der Gaſtfreiheit des Hauſes war die Lage des älteren Vancour als öffentlicher Charakter zuſammt ſeiner ausgedehnten Bekanntſchaft mit den Intereſſen der Kolonien und ſein merkwürdiger Ein⸗ fluß auf die Indianer, ganz geeignet, ſein Haus zum Sammelpunkte der Hauptbedienſtigten der Regierung zu machen, bei welcher ſeine Anſichten ſtets von großem Gewichte waren. Dem ſei nun, wie ihm wolle— wir finden bald den Oberſten und ſeine Offtziere ſo zu ſagen heimiſch und eingewohnt in dem alten Familienſitze; ſie reiten die Pferde des Hausherrn, ſchmaußen an ſeiner herrlich beſetzten Tafel und trinken ſeinen alten Wein, und nen⸗ nen ihn eine anſtaͤndige Sorte von altem Degen und witzelten nie üͤber den alten Herrn, als wenn ſie ganz unter ſich waren. Oberſt Sydenham wählte Catalina für dieſe Zeit zum Gegenſtand ſeiner Artigkeiten und die Andern erkür⸗ ten ſich ländliche Gottheiten unter den Töchtern der Van Ambrugh's, der Van Outerstoup's, der Volekmar's und — 86— der Vermalen's der Nachbarſchaft, welche mit ihren Augen, wenn auch nicht mit der Zunge, Engliſch ſprechen konnten. Es war damals nicht Sitte, verheiratheten Frauen eine andere als die ehrfurchtsvollſte Theilnahme zu wei⸗ hen, und wäre dieſe Sitte auch ſchon im Schwung gewe⸗ ſen, ſo war in der Erſcheinung, dem Gebahren und dem Charakter der guten Madame Vancour etwas ſo Steti⸗ ges, eine gewiſſe nüchterne Würde und ruhige Selbſtbe⸗ herrſchung, die ſelbſt die Achtung der Thorheit und Unver⸗ ſchämtheit zumal gebieteriſch anſprach. Einer der jungen Offiziere des Regiments beklagte ſich eines Tags, er ver⸗ möge niemand zu finden, in den er ſich verlieben könnte. „Warum erklärt Ihr der Madame Vancour Eure Liebe nicht?“ fragte ein Anderer im Scherze. „Madame Vancour!“ verſetzte er:„ich könnte eben ſo gut daran denken, dem König ein Glas Wein in das Geſicht zu gießen.“ Die Ankunft und der Aufenthalt dieſer luſtigen Kumpane brachte eine große Senſation in dieſem Theile des Landes hervor und ſchuf in kurzer Zeit große Neue⸗ rungen in den einfachen Sitten der Leute. Unabhangig von der allgemeinen Schlaffheit der Geſittung, welche ſo oft die natürliche Folge des umſchweifenden, unſichern Lebens eines Soldaten, und ſeiner Freiheit von dem hauslichen Zwange iſt, hängt ſich jeder bedeutendern Truppenmaſſe immer ein Gefolge werthloſer und laſter⸗ hafter Leute beiderlei Geſchlechtes an. Die Verderbniß — 87— folgt der Nachhut der Heere und es unterliegt keinem Zweifel, daß durch nichts furchtbarere Eingriffe in die ſittlichen Tugenden eines Volkes erzeugt werden, als durch längern Verkehr mit regelmäßigen Truppen. Man ſollte annehmen, die ſprüchwörtliche Unſicherheit des Lebens eines Soldaten würde die Sitte der Nüchternheit, des Nachdenkens und des Anſtandes erzeugen; weit aber davon entfernt, leuchtet hinreichend ein, daß ſie eine ganz entgegengeſetzte Wirkung hervorbringt. Niemals und nir⸗ gends ſehen wir ſolche herzloſe, fahrläſſige, üppige und ſchwelgeriſche Luſt, wie bei einem Heere die Nacht vor der Schlacht, wo jeder ſein Leben preiszugeben gewillt ſein muß. Die ländlichen Gottheiten der Wälder und Fluren und die trägen Flußgötter, welche in aller Ruhe in ihrem Kryſtallbecken ſchliefen, es mußte denn das Aufgehen des Eiſes im Frühjahr, oder das Anſchwellen des Fluſſes bei tobenden Gewittern ihren Frieden ſtören, ſchreckten bei dem lärmenden Getöſe dieſer neuen Ankömmlinge bald furchtbar auf. Früher hatte es kein Hund gewagt, Abends nach acht Uhr in ſeiner friedlichen Behauſung zu bellen, ausgenommen, wenn er die Ankunft der wilden Menſchen oder der wilden Thiere zu verkündigen hatte. Jetzt aber „Gott ſei uns gnädig!“ wie der gute Dominie Stettinius mit aufgehobenen Handen ausrief—„wurde die halbe Nacht, ſogar bis neun und zehn Uhr, mit Tanz und wilder Fröhlichkeit hingebracht.“ Die Kühe ſtanden brüllend in — 88— dem keuſchen Dämmerlichte da und harrten der zaudern⸗ den Melkmagd, die vielleicht mit ihrem Putze beſchäftigt war, wie die Opferthiere einſt mit Blumen geſchmückt wurden, um ſich irgend einer großen heidniſchen Gottheit opfern zu laſſen, deren Attribute Luſt und Sinnlichkeit waren. Die nüchternen, holländiſchen Jünglinge, welche weiland die Verſchwendung einer Weihnachts⸗Schlitten⸗ fahrt für den Gipfel alles Vergnügens anſahen, gewöhn⸗ ten ſich nun, um die Stunde der Mitternacht ſich aus dem Schlafgemache zu ſtehlen, wo die wachſame Sorgfalt der guten Väater ſie ruhig eingepfercht hatte, um ihre Zeit, ihre Geſundheit, ihre Sittlichkeit und ihr Geld in Schwel⸗ gereien zu vergeuden, welche die Sonne, als ſie über die goldenen Spitzen der öſtlichen Hügel aufging, erröthend ſah. Die friedlichen Vermache, hinter welchen unſere holländiſchen Vorfahren andern Orts ſo kräftig und ſo eigenſinnig ihre Sitten und Gewohnheiten faſt bis auf die neueſte Zeit zu behaupten wußten, wurden allmählich untergraben oder geſtürmt, und der gute Dominie Stetti⸗ nius ſah mit Schrecken und Bangen die abfallenden Nei⸗ gungen der Jünglinge und Mädchen ſeiner bisher ſo gehor⸗ ſamen und gelehrigen Herde. Sofort waffnete er ſich, um dieſem mächtigen Ein⸗ falle in ſein bisher ſo friedliches Bereich ſich zu wider⸗ ſetzen— es verſteht ſich von ſelbſt, daß die Waffen, zu denen er griff, im vollkommenſten Einklange mit ſeinem Alter, ſeinen Gewohnheiten und ſeinem heiligen Amte — 89— waren. Den milden, keuſchen Eifer, mit welchem er ſeither bei ſeinen friedlichen, einfachen Zuhörern den Gehorſam erhalten und eindringlich gemacht hatte, legte er bei Seite und kleidete ſich in die mächtigen Worte des Tadels, der Warnung, der Drohung und der Anklage; gelehrt, beredt und tugendhaft, ließ er den ganzen Reich⸗ thum ſeines Geiſtes und die Begeiſterung ſeiner Seele in Strömen doriſcher, gefühlvoller Einfalt ſich ergießen, die den erſten Reformatoren Ehre gemacht haben würde. Aber ach! was vermögen die Zungen von Engeln, wenn Beiſpiel, Verſuchung und Gelegenheit an der Thüre des menſchlichen Herzens anklopfen, zu den Fenſtern hinein⸗ ſehen und ihre Lockungen ſogar durch die Schlüſſellöcher hören laſſen! Gewiß fühlten ſich manche— und beſon⸗ ders die bejahrtern Zuhörer, deren Leidenſchaften auf der Erinnerung der Vergangenheit ruhten,— durch die fromme Beredſamkeit des guten Dominie auf ihrer ſündhaften Bahn aufgehalten; aber die Jüngern, die Gedankenloſen, die tollköpfigen Burſche und Mädchen— ach, viele, viele von ihnen lebten lange, um den Tag zu bereuen, welcher das Regiment der Rothröcke ſeine weißen, unſchuldig aus⸗ ſehenden Zelte auf den reichen Matten des herrlichen Hudſon aufſchlagen ſah. —— Sechſtes Kapitel. Ein Zierling vom alten Styl. Oberſt Sydenham war ein bejahrter Stutzer von der alten Schule, welche im Allgemeinen, meiner Anſicht nach, nicht wenig beſſer war, als das, was die jetzige Stutzerſchaft charakteriſirt. Es herrſchte damals eine Artig⸗ keit, eine Feinheit, eine edle Achtung und Ehrfurcht vor den Frauen, welche— mochte ſie nun ihren Grund in der Eitelkeit, oder einem beſſeren Gefühle haben, immerhin die Quelle vieler angenehmen Eigenſchaften wurde und dem geſelligen Verkehr einen bezaubernden Beigeſchmack gab. Die kleinen Steifheiten und Ceremonieen, welche dieſen Styl der Sitten begleitete, verdient gewiß den Vorzug vor der ſorgloſen, leichtfertigen Vertraulichkeit oder der bäueriſchen Nachläſſigkeit, welche eine abge⸗ ſchmackte Fügung in die Mode ſeitdem als vornehme, gentlemanartige Leichtigkeit geheiligt hat. Der Oberſt hatte in Indien gedient, was ein glücklicher Umſtand war, da er ihn in den Stand ſetzte, ſeine grauen Haare und die augenſcheinliche Schwächlichkeit ſeines Körpers der Wir⸗ kung eines Klimas zuzuſchreiben, das, wie er häufig bemerkte, den Schein frühzeitigen Alterns hervorzubringen — 91— ſelten verfehlte.„Ich war in meinem zwanzigſten Jahre grau,“ ſagte der Oberſt, der nie Augengläſer trug und bei keiner Gelegenheit einen Stock mit ſich nahm, obgleich vielleicht nie Jemand dieſer nützlichen Beihilfen in höherm Grad bedürftig war. Er war immer von irgend einer oder der andern jugendlichen Schönheit mächtig bezaubert und ſuchte ihre Aufmerkſamkeit für ſich ausſchließlich in Anſpruch zu nehmen, mehr um ſeiner angebornen Eitel⸗ keit Genüge zu thun, als in Folge eines wärmern und edlern Gefühles. Im Allgemeinen war er jedoch ein ungemein angenehmer Mann, ſah trotz ſeines Alters ſehr ſtattlich aus und war in der Geſellſchaft beider Geſchlech⸗ ter willkommen. Er war bald in großer Gunſt bei Hoch und Niedrig, bei Reich und Arm, bei Jung und Alt, den einzigen guten Dominie Stettinius ausgenommen, welcher die Lauigkeit ſeiner Grundſätze durchſchauete und nicht geneigt war, feine Sitten für einen Erſatz guter Sitten zu nehmen. Der Obriſt zeichnete Catalina ſehr bald als den Gegenſtand ſeiner Aufmerkſamkeit aus. Sie war das ſchönſte Mädchen der Gegend, in welcher er ſich jetzt aufhielt; ſie war ohne alle Frage an der Spitze der beau monde; ſie war vorausſichtlich eine reiche Erbin, denn ſie war das einzige Kind eines Mannes, der Land genug beſaß, um berechtigt zu ſein, ſich in dieſer Hinſicht einem kleinen deutſchen Fürſten gleich zu ſtellen. „Wenn es ſich,“ dachte der Oberſt in ſeinem Herzen, — 92— „in dem Kapitel der Zufälle begeben ſollte, daß dieſe Waldtaube ſich durch mein Girren ſänftigen ließe, ſo wäre ſie wohl werth, daß ich ſie heirathete; wenn nicht, ſo wird es auch kein Unglück ſein. Ich bin zu ſehr wan⸗ dernder Natur, um wegen der launiſchen Wünſche und Begehrlichkeiten eines Mädchenherzens Unruhe zu fühlen.“ Demzufolge bezog er als Catalina's treuer Knecht das Feld, und da die ſtrengen Geſetze der militäriſchen Etikette alle Einmiſchungen in die Angelegenheiten des Oberbefehlshabers unterſagt, ſo hielten ſich die tapfern Majore, Kapitäne, Lieutenante und Fähndriche immer in charakteriſtiſcher Entfernung, während der Oberſt bei der jungen Dame den Angenehmen ſpielte. Daß die Auszeichnung, die Schöne des erſten militä⸗ riſchen Mannes in der Gegend zu ſein, der einen rothen Rock trug und von Adel war, dem jungen Mädchen nicht gefallen und geſchmeichelt hätte, wollen wir nicht behaup⸗ ten, denn es würde nicht wahr ſein. Es wäre auch ganz unnatürlich geweſen, gegen ſolche Ehre unempfind⸗ lich zu ſein— eine Ehre, von welcher ſich das ſchöne Geſchlecht leicht beſtechen laſſen ſoll, weil es nicht im Stande iſt, ſich andere Lorbeern zu ſammeln, als die, welche es von der Stirne des Mannes pflückt. Seine Eitelkeit und ſein Ehrgeiz kann nur darin Genüge finden, die Beſieger Anderer in Feſſeln zu legen; ſeinen Namen und ſein Schickſal den ſtolzen Geiſtern, welche als die Gewaltigen der Erde gelten, oder denen beizugeſellen, — 93— welche durch eine lange Reihe von Vorfahren Auszeich⸗ nung, wie der FJuchs den Inſtinkt, ererben. Der Oberſt und Catalina ſtanden auf dem möglich beſten Fuße mit einander, und es dauerte nicht lange, ſo waren die guten Leute der Umgegend, welche von der Aufmerkſamkeit und Artigkeit, zu welchen der Verkehr mit der Welt berech⸗ tigt, keinen Begriff hatten, darüber einig, daß es eine Heirath geben würde.. Unter denen, welche die Fortſchritte dieſer Innigkeit mit Bitterkeit des Herzens verfolgten, war Sybrandt Weſtbrook. Die Selbſtſucht, dieſes Kind der Einſamkeit und Abgezogenheit, ſtimmten ihn natürlich zu einer höchſt verkehrten und lächerlichen Art der Eiferſucht. Er über⸗ redete ſich, er hätte nie den geringſten Anſpruch auf Cata⸗ lina gehabt— könne einen ſolchen nicht haben; ja, er würde mit dem fürchterlichſten Schauer vor dem bloßen Gedanken zurück gebebt haben, daß ſie im entfernteſten vermuthe, ſeine einſamen Stunden und ſeine ſtillen Träume ſeien von ihr, und von ihr allein ausgefüllt. Doch konnte er nicht die geringſte Ahnung, vielweniger den Anblick auch des unbedeutendſten Zeichens des Vor⸗ zugs eines Andern ertragen. War er in ihrer Geſell⸗ ſchaft, ſo hielt er ſich fern und überließ ſie gänzlich der Aufmerkſamkeit anderer Männer; dieſe Aufmerkſamkeiten durchbohrten ihm aber die Seele und die Erinnerung an ſie vergifteten ſeine einſamen Tage und ſeine ichlaſloſen Nächte. 5 —-— 94— Ich wundere mich nicht, wie wohl Andere gethan haben, daß Frauen ſolche heitere und unternehmende Bewunderer lieben, welche ihr ſchüchternes Zartgefühl nie auf die Probe ſtellen, die erſten Schritte zu thun, oder ihrer Albernheit ungebührliche Ermunterung zu geben. Das ſchöne Geſchlecht hat es über ſich, in dem Kampfe der Liebe ſtets die Defenſive zu halten, und nichts iſt, wie ich mir denke, kränkender für ihren Stolz und ſchmerz⸗ licher für ihr Zartgefühl, als ihre Thore freiwillig öffnen zu müſſen oder gar aus ihren Verſchanzungen herauszu⸗ treten, um die feige Verſchämtheit oder den albernen Stolz eines Mannes lenken zu ſollen, der ſeine Liebe dadurch beweiſt, daß er ſich in der Entfernung hält und ſich durch gänzliche Vernachlaͤſſigung angenehm macht. Catalina hatte, trotz des verkehrten Gebahrens Sybrandt's eine Art inſtinktmäßiger Ahnung, welche bei den Frauen oft vorgefunden wird und bei ihnen die Stelle der Weisheit und Philoſophie einnimmt,— daß der junge Vetter eine ſeltſame Art abgezogener Neigung zu ihr hege. Dieſer Gedanke gab ihm Intereſſe in ihren Augen und ward der Grund, daß ſie ihn ſtets ſorgfaltig in das Auge faßte, wenn ſie die Artigkeiten und Aufmerk⸗ ſamkeiten des galanten Oberſten Sydenham mit ermuntern⸗ dem Lächeln hinnahm. Bei dieſen Gelegenheiten glaubte ſie oft die kochende Glut entdeckt zu haben, welche unter der ſcheinbar nicht bewegten Oberfläche alberner Gleich⸗ giltigkeit grollte. Manchmal freuete ſich ihre Eitelkeit, ja, — 95— ihr Herz über dieſe Entdeckung; denn ſie dachte daran, daß ſie ihm das Leben zu danken habe, und bei aller ſeiner wunderlichen, launenhaften Vernachläſſigung und ſeiner Unbehilflichkeit zeigten ſich in langen und ſelt⸗ nen Zwiſchenräumen Funken von Verſtand und Geiſt, welche auf die verborgenen Schätze hindeuteten, die unter dem Schutte ſeiner rauhen Sitten verborgen lagen. Zuweilen beſchloß ſie, ihn durch Freundlichkeit und Aufmerkſamkeit auf die Probe zu ſtellen und mit den neuen Ankömmlingen in nähere Verbindung zu bringen; dann fühlte ſie ſich wieder geſpornt, ihn zum Gegenſtande ihres Spottes zu machen und bohrte ihm mehr denn einmal, ohne einen Funken von Bosheit oder Verderbt⸗ heit zu haben, Dolche in die Bruſt. O dieſer Hohn! wie oft ſchießt er in ſeinen gedankenloſen Spielen vergiftete Pfeile und glühend rothe Kugeln, die tödten, wo ſie nur ſtreifen. Es gibt Seelen in dieſer Welt, welche mit einer äußern Schale der Rauhheit oder Ungeſtalt bedeckt, eben ſo zart, ſo empfindlich ſind, daß ein Fingerzeig für ſie Folterqual— der leiſeſte Hohn Wahnſinn iſt. Der innere Todeskampf erpreßt ihnen in dem Augenblicke Schweiß⸗ tropfen, wo Stolz und Schüchternheit ihre Gefühle ſo dicht verhüllen, daß ſie dem ſorgloſeren Blicke nur alberne Gefühlloſigkeit oder ſchmerzloſen Stolz zeigen, während das Herz in ihrem Buſen zu ſpringen droht. Der Art war dieſer unglückliche junge Mann, von welchem es in dieſer Zeit ungewiß war, ob ihn ſelbſt der — 96.— Freund ſeines Herzens oder das Weib ſeiner Liebe jemals recht durchſchauen und nach ſeinem Werthe würdigen würde; ſchien er doch beſtimmt zu ſein, weder das Glück des einen noch des andern fühlen zu ſollen. Obgleich er dem Hauſe ſeiner Verwandten ſo fern als möglich blieb, ſo gab es doch Stunden, wo ſein gril⸗ lenhafter Charakter ihn ſozuſagen gegen ſeinen Willen dahin trieb, oder wo die geräuſchvolle, gebieteriſche Hei⸗ terkeit Ariel's ihn zwang, ſeine düſtere Einſamkeit mit dem anmuthvollen geſelligen Kreiſe zu vertauſchen, welcher faſt immer bei Hrn. Vancour zu finden war. Eines Abends verſammelte ſich dort eine kleine Geſell⸗ ſchaft, die aus dem galanten Oberſten Sydenham, zweien oder dreien ſeiner Offiziere, dem lärmenden Ariel und den Töchtern eines halben Schocks der wohlhabendſten Bewohner von Albany beſtand. Gegen Einbruch der Nacht war ein furchtbares Gewitter aufgezogen und es wurde beſchloſſen, daß die Geſellſchaft die ganze Nacht beiſammen bleiben ſollte— eine Sache, die den Oheim Ariel höchlich entzückte, da die Ausſicht auf eine luſtige Geſellſchaft und ein gutes, geſelliges Nachteſſen ſeine ganze Seele in Spannung ſetzte. Dieſe waren die einzigen, oder doch faſt die einzigen Anreizungen, welche die gute Seele noch wach halten konnten, wenn die Vögel zur Rüſte gegangen waren. Der Oberſt beſchrieb zufällig ein Gericht von Reis und gekochtem Geflügel, das in Oſtindien beliebt war und — 97— Aries Phantaſie auf eine wunderbare Weiſe ergriff. Er verſchwand kurz darauf und fuhr fort, gelegentlich ab und zuzugehen, ohne daß er weiter von jemanden beachtet würde, denn er konnte nie ruhig ſein, wenn etwas in dem Hauſe vorging. 3 „Sybrandt,“ ſagte Madame Vancour in der gut⸗ müthigen Abſicht, ihn aus dem Chaos von Unbeholfenheit und Geiſtesträgheit herauszureißen, in welchem er lange befangen geweſen:—„Sybrandt, ich bitte, kommt und ſteht uns bei, herauszubringen, was dies heißt.“ Sie hatten ſich um den Tiſch geſammelt, wo eine Anzahl Bücher lagen, in welchen einige laſen, während andere ſich über verſchiedenartige Gegenſtände unter⸗ hielten. „Es iſt Griechiſch,“ ſagte der Eine. „Es iſt Hebräiſch,“ ſagte der Andere. „Es iſt Hochdeutſch,“ ſagte ein Dritter. „Es iſt Mohawkiſch,“ ſagte ein Vierter und jeder gab ſeine Meinung zum Beſten. „Laßt mich ſehen,“ rief Ariel, der in dieſem Augen⸗ blicke mit einem feuerrothen Geſichte in das Zimmer trat. Er zog ſeine Augengläſer hervor, rieb ſie ſorgfältig, ſetzte ſie auf ſeinen kleinen Naſenhöcker, ſtellte ſich in ſeiner gewöhnlichen entſchloſſenen Stellung hin, die kurzen Trom⸗ melſchlägel faſt in einen rechten Winkel ausgebreitet und Paulding. III. 7 — 98— begann über dem Geheimniß zu brüten. Er konnte nichts herausbringen. „Oberſt,“ ſagte er zu Sydenham, der ſich den Anſchein gegeben hatte, als ſei er tief mit Catalina beſchäftigt— „Oberſt, hier— die Peſt darauf— ihr verſteht Indiſch und alle dieſe Arten von Dingen;— überſetzt es uns.“ Die Uebrigen ſtimmten ſeinen Bitten bei, das Buch wurde dem Oberſten in die Hand gegeben und er machte ſich mit großem Ernſte daran, es zu ſtudiren, obgleich er es verkehrt hielt. „Ei, die Peſt auch, Oberſt,“ ſchrie Ariel:„ihr haltet das Buch ja verkehrt. Hier, nehmt meine Brille; ich ſehe, eure Augen fangen eben ſo gut wie die meinigen an, ſchwach zu werden. Der Oberſt wäre lieber einer Kanonenkugel geraden⸗ wegs entgegen gegangen oder hätte eine glührothe Kugel aufgehalten, als er in Gegenwart eines lebenden Weſens, ſeinen Bedienten ausgenommen, auf deſſen Klugheit und Beſcheidenheit er ein unbedingtes Vertrauen ſetzte, eine Brille aufgeſetzt hätte. In ſeiner Bedrängniß, den Miß⸗ griff, welchen Ariel ſo ohne alle Ceremonie bekannt gemacht hatte, wieder gut zu machen, legte er das Buch abermals verkehrt vor ſich hin, während er ſich die Brille mit einem Lächeln und einer Verbeugung verbat, welche beide andeuteten, daß er derſelben nicht bedürfe. „Ei, die Peſt auch, Oberſt,“ rief Ariel wieder und machte ſich mit einem herzlich lauten Gelächter Luft— — 99— „ei, Blitz, ihr habt das Buch wieder verkehrt vor euch. Ich beſtehe darauf, daß ihr meine Brille nehmt— ich bin überzeugt, ihr ſeht trefflich daraus— ihr und ich— wir ſind gerade von einem Alter.“ uUnd er fuhr fort, den Oberſten zu drängen, die Gläſer anzunehmen, bis der gute Herr ſeinen treuen Hilfsgenoſſen, dem Lächeln und der Verbeugung, kaum mehr zu gebieten im Stande war. Es war jedoch ein Grundſatz bei ihm, von welchem er ſeit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr abgewichen war, niemals in Geſellſchaft ſich ärgerlich oder gekränkt zu zeigen. Er begnügte ſich, das Buch ruhig in Sybrandt's Hand zu geben und zu ſagen, er müſſe ſeine Unwiſſenheit in Bezug auf die Stelle bekennen, die er, nebenher bemerkt, wegen der Schwäche ſeiner Augen nicht zu ſehen im Stande geweſen war. Dies war aber ein Geheimniß, welches er für ſich behielt, da er eher für unwiſſend als für blind gehalten ſein wollte. Die ganze Geſellſchaft ſchenkte ſeinem Vorgeben, als ver⸗ ſtehe er die Sprache nicht, den vollſten Glauben, obgleich jeder überzeugt war, daß er die Stelle nicht ſehen konnte, die, wie Sybrandt bemerkte, ein engliſches, mit griechi⸗ ſchen Buchſtaben gedrucktes Sprichwort war, wie man dergleichen Scherze wohl mehrfach in alten Druckwerken findet. In den Tagen, von welchen wir ſprechen, gab es keine oder wenige gelehrte Weiber; in keiner Zeit aber, und bei keiner Menſchenklaſſe, war es je der Fall, daß 7* Gelehrſamkeit und Wiſſenſchaft die Achtung nicht auf ſich gezogen hätten. Sie ſind unabhängig von den wechſeln⸗ den Moden der Zeit und des Raumes,— ſie ſind zumal ſo weſentlich nützlich und achtungswerth, daß ſie ihre Würde zu allen Zeiten und bei allen Klaſſen von Men⸗ ſchen behaupten, denn es iſt unmöglich, daß der Geiſt die Verpflichtung nicht fühle, ſein Bereich ausgedehnter zu ſehen, als es vorher war. Dieſer kleine Umſtand hob Sybrandt im Vergleiche mit dem Oberſten ſehr, beſonders in Catalina's Augen, welche von ihrer Mutter jene beſcheidene Ehrfurcht vor nützlichen Talenten ererbt hatte, die einer der beſten Beweiſe eines geſunden Verſtandes iſt. Der Stolz des Oberſten ſchien nach dem Vorfalle mit dem Buche nicht wenig gelähmt, während ſich der Muth des guten Sybrandt verhältnißmäßig hob; denn es iſt bei ſolchen ſenſitiven Weſen charakteriſtiſch, daß ihr Geiſt ſich eben ſo ohne wirklichen Grund ausdehnt, als er durch Kleinigkeiten und Erbärmlichkeiten zuſammen⸗ ſchrumpft. Eine Pauſe in dem Sturme draußen, und in der unterhaltung in dem Zimmer wurde durch den lauten Lärm von Stimmen von der Küche her unterbrochen, die abgeſondert und etwa fünfzig Schritte hinter dem Hauſe ſtand, mit welchem ſie durch einen bedeckten Gang ver⸗ bunden war. Die Stimmen ſchienen in heißem Kampfe begriffen; und nach einer kleinen Weile ſtürzte Ariel in —— ——:ʒ:ʒꝛ:—— — 101— das Zimmer— ſein Geſicht war Eine Glut— und er ſchrie: „Die alte wollenköpfige Närrin? Sie verſteht nicht mehr vom Kochen, als ein Mohawk⸗Indianer.“ Die ganze Geſellſchaft war beſtürzt und wollte wiſſen, was zu dieſem wilden Ausbruche Veranlaſſung gegeben; Ariel begann daher ſich zu faſſen und zu erzählen. Siebentes Kapitel. Ein Einbruch in Staatsrechte. In der Küche des Herrn Vancour herrſchte eine afrikaniſche Königin, deren Anſehen und Gewalt, kraſt einer vieljährigen unbeſchränkten Regierung, über die der Herrin des Hauſes und aller anderen Perſonen ging. Ihre Farbe war, nach der Mode von Guinea, ein wahres Muſter von Vollendung, denn nichts in der weiten Schöpfung, ſelbſt die berühmte und berüch⸗ tigte Göttin der Nacht nicht ausgenommen, war ſo unwiderſtehlich ſchwarz, wie die Haut der Tante Nauntje, wie ſie von der Familie, jung und alt, genannt wurde. Sie war die Mutter von drei Geſchlechtern Schwarzer— um Vergebung, ich wollte ſagen, farbiger Leute— welche alle zu dem Beſitzthum gehörten. Die Knaben wurden bei ihrer Geburt einem der jungen weißen Glieder der Familie gegeben, welchem ſie auch ihr ganzes Leben beſonders zugethan blieben; die Mädchen wurden in gleicher Weiſe als das Eigenthum der jungen Damen betrachtet, welche ein wachſames Auge auf ihr Betragen hatten und ſie lehrten, nützlich und tugendhaft zumal zu werden. Sie wurden alle mit großer Freund⸗ — 103— lichker und als Glieder der Familie behandelt, und es war dieſe auf ſolche Art ſich bildende Verbindung wechſel⸗ ſeitiger Dienſte, wechſelſeitigen Wohlwollens und wechſel⸗ ſeitigen Schutzes, ein Verhältniß zwiſchen Herrn und Sclaven, welches in jenen einfachen biederen Zeiten zu einem der innigſten und achtenswertheſten von allen gehörte, die zwiſchen Menſchen beſtehen. Die Sclaven gaben ſich nicht mit metaphyſiſchen Studien ab und ver⸗ dummten ſich nicht durch Verhandlungen über die bezüg⸗ lichen Anſprüche der zwei nebenbuhleriſchen Farben der jetzigen Zeit; aber ſie waren bei weitem glücklicher, tugendhafter und ſowohl ſich ſelbſt wie der Geſellſchaft nützlicher, als die bedauernswerthen Opfer einer vor⸗ ſchnellen und ſchlecht berechneten Philanthropie, welche wir jeden Tag auf den Polizei⸗Bureau's und auf dem Wege nach dem Zuchthauſe ſehen. Ihre Arbeiten waren nicht ſchwerer als die ihrer Herren und des Bodens, den ſie bebauten; ſie arbeiteten auf denſelben Feldern oder in derſelben Scheune und wenn ſie ihrem Herrn die Früchte ihrer Jugend und ihres männlichen Alters gegeben hatten, fanden ſie an dem Herde ſeiner Küche eine Zuflucht für den Abend ihrer Tage. Sie brachten denſelben weder in dem Armenhauſe, noch in dem Arbeitshauſe hin. Es that dem Herzen wohl, wenn man in jenen Tagen die Theilnahme, welche dieſe alten treuen Diener an dem Gehaben ihrer Herren an den Tag legten, und die Art und Weiſe ſah, wie ſie ſich gewiſſermaßen mit — 1904— ihnen identifizirten. Der Herr und die Frau des Hauſes fürchteten ſich nicht, eine Reiſe zu machen und enem derſelben die Aufſicht über Haus und Hof anzuvertrauen, denn ſie wußten, daß auf Alles noch viel ſorgfältiger gewacht werden würde, als wenn ſie zu Hauſe wären. Dieſe armen Leute betrachteten ſich damals nicht, wie es wohl jetzt der Fall iſt, in dem Lichte einer hintangeſetzten gekränkten Race, deren Recht, ja, deren Pflicht es ſei, ſich zu widerſetzen, zu entfliehen, ihre Herren zu betrügen, zu berauben, oder ſie zu tödten, wenn es nöthig wäre, um des hohen Gutes der Freiheit theilhaftig zu werden. Der Gedanke einer Trennung der Intereſſen zwiſchen ihnen und ihren Herren kam ihnen nicht in den Sinn, und wäre es der Fall geweſen, ihr Herz würde ſich dagegen empört haben. Doch— wir wollen zu unſerer Erzählung zurückkehren. Tante Nauntje war eine Despotin in dem Bereiche, welches unter den Erleuchteten der heutigen Tage als das Paradies betrachtet wird, in ſo fern von ihm das höchſte Glück dieſes Lebens ausgeht. Bedarf es einer nähern Andeutung, daß ich die Küche meine? Wo die Schwarze ihre Kunſt her hatte, weiß ich nicht zu ſagen; nach der Ueberlieferung aber hatten die Schüſſeln, welche ſie bereitete, einen herrlichen, prächtigen Wohlgeſchmack, ein ſeltenes je ne sais quoi, das den Gaumen mächtig kitzelte und den würdigen Ariel gelegenheitlich zu unklugen Heldenthaten mit Meſſer und Gabel hinriß. Ja, wir — 105— müſſen derclben Autorität folgend berichten, daß Sir Henry Moore, Statthalter, General⸗Kapitän und Stell⸗ vertreter ſeiner brittiſchen Majeſtät in der Provinz New⸗ York bei einem Beſuche dieſes Hauſes in den Wonnen einer gewiſſen, nicht zu beſchreibenden Schüſſel— die Kunſt, ſie zu bereiten, iſt in dieſen entarteten Tagen verloren gegangen— ſo wacker⸗üppig ſchwelgte, daß er vor dem Nachtiſch in Schlaf verfiel. Der thätige Ariel war— ſeiner übrigen Vorzüge und Vollkommenheiten, wie das Pfropfen von Aepfel⸗ bäumen, das Aderlaſſen von Pferden und das Anhängen von Kuhglocken, nicht zu gedenken— ein Dilettant in der edlen Kochkunſt. Er war nicht im Stande, aus der Küche zu bleiben, wenn ein Gaſtmahl bereitet wurde und oft und vielfach mußte ihn Tante Nauntje mittels des hochgeſchwungenen Feuereiſens, oder der Röſtgabel, oder einer ähnlichen furchtbaren Waffe aus den Grenzen ihres Gebietes verjagen. Es wüthete in der That zwiſchen ihnen ein wilder Hader ſeit der ganzen Zeit, wo Ariel ſie öffentlich„eine dumme alte Närrin von einer Guinea⸗ Nigger“ genannt hatte, weil ſie den furchtbaren Mißgriff begangen, wilde Tauben zu röſten, uhne ſie gefüllt zu haben. Als Ariel den Oberſten Sydenham die berühmte indiſche Speiſe von gebochten jungen Hühnern und⸗Reis preiſen hörte, was er mit lobenswerther Genauigkeit that, ſpitzte er ſeine Ohren und dachte bei ſich, er wolle — 106— ſich mit der Tante Nauntje vereinigen, um den Oberſten mit einem Faeſimile zu überraſchen. Demnach derſchwand er denn auch, wie wir angedeutet haben, ſobald der Oberſt mit ſeiner Auseinanderſetzung fertig war, und ſtürmte in das Reich der ſchwarzen Königin Nauntje, die eben mächtig damit beſchäftigt war, ein tüchtiges altmodiſches Eſſen für eine Geſellſchaft geſunder, munterer Leute zu bereiten, welche um zwölf Uhr zu Mittag gegeſſen hatten und daher ein Abendmahl füglich zu ſich nehmen konnten. Der Einbruch war ihrer Majeſtät keineswegs angenehm, allein die Ehrfurcht vor dem Bruder ihres guten Herrn hielt ſie allzeit in Schranken, wenn nicht gerade eine unvor⸗ geſehene Veranlaſſung ihr heißes Blut in Aufregung brachte. „Tante Nauntje, meine gute Seele,“ ſagte Ariel, „ich brauche euch— ihr müßt eure Kunſt an einer berühmten Schüſſel verſuchen, von der ich eben durch Oberſt Sydenham Nachricht erhielt.“ „Ah,“ ſagte Nauntje,„Maſſa Auriel immer haben ein Quitſchi⸗Quatſchi im Kopf, von wegen neuen Speis. Gut, was ſein ſie?“ „Nun, eine Schüſſel von gekochtem Geflügel und Reis, mit Curry angemacht. Ihr wißt, der Oberſt gab euch neulich eine Flaſche des beſten.“ Nauntje begann auszuſpeien. „LCurry! Eh! Zeug, grade gemacht für ein Schweig noder ein Indianer.“ — 107— „Aber ihr wißt, Nauntje,“ ſagte Ariel ſchmeichelnd, „ihr müßt wiſſen— die Peſt darauf— daß ihr es ja nicht zu eſſen braucht. Thut es nur, meine liebe Seele; verſucht es, dem Oberſten zu lieb, wollt ihr?“ „Oberſt— ah— ihn wünſchen hundert Meilen weg, mit alle die Hauf von Rothröcken; eſſen Maſſa aus dem Hauſe in kurzer Zeit, die!“ „Nun, aber eurer Hausfrau wird ein Gefallen damit geſchehen— kommt, kommt, ihr brave Seele, und ſobald ich wieder nach Albany gehe, werde ich euch eine neue Pfeife, ein Päckchen Taback und einen Brief Nadeln mitbringen.“ Ihrer Hausfrau einen Gefallen zu thun und den von Ariel verſprochenen Lohn zu erhalten, willigte Tante Nauntje endlich ein, ihre Kunſt an dem ausländiſchen „Quitſchi⸗Quatſchi“ zu verſuchen und Ariel war außer ſich vor Wonne. Alle fünf Minuten ſteckte er den Kopf in die Küche, gab Befehle, koſtete, lobte und tadelte, bis die Herrſcherin vom Bratſpieß ſich zuletzt nur mit Mühe abhalten ließ, ihm ihren rußigen Scepter zu zeigen und die Küche zu verbieten. Ihr afrikaniſches Blut kochte vor Unwillen und Zorn, daß er es verſuchen wollte, ſie in ihrem Gebiete zu hofmeiſtern und zu beleidigen. Endlich war das wichtige Werk faſt bis zur Kriſis gediehen und Ariel bat wie ein Täubchen, und erhielt die Erlaubniß, das herrliche Geköche zu koſten. Welche Feder vermag aber ſeinen Unwillen zu ſchildern, als er — 108— entdeckte, daß trotz aller ſeiner Vorſicht, ſeiner Ermah⸗ nungen und Rathſchläge, Tante Nauntze, die eine Leiden⸗ ſchaft für Zwiebeln hatte, die ganze Sache durch eine mächtig vorſchmeckende Zuthat dieſes unvornehmen, vege⸗ tabiliſchen Erzeugniſſes vergiftet hatte! Ariel war verblüfft, beſtürzt, vom Donner getroffen. Er ſpie das gemeine Geköche in das Feuer und ſchrie: „Ich laſſe mich erſchießen, wenn die dumme alte Närrin nicht Zwiebeln daran gethan hat.“ Auf dieſe Worte vergaß Tante Nauntje die neue Pfeife, das Päckchen Taback und den Brief Nadeln, und faßte das Feuereiſen und verfolgte Ariel mit einer Eile, die faſt übernatürlich ſchien, wenn man ſte mit ihrem vorgerückten Alter verglich, und jagte ihn, wie wir früher angedeutet haben, ſiegreich vor ſich her bis zu dem Geſell⸗ ſchaftszimmer, an deſſen Thüre ſie einen Augenblick ſtehen blieb, ihren ſchwarzen Scepter ſchwang und ſich dann murrend und brummend wieder in ihre Veſte zurückzog. Dem Rufe und dem Andenken der Tante Nauntje ſind wir es ſchuldig zu bemerken, daß die Schüſſel mit dem übrigen Abendmahle auf den Tiſch gebracht wurde und daß der Oberſt erklärte, ſie ſchmecke ſo gut wie irgend etwas dieſer Art, das er in Indien gegeſſen, durch wel⸗ chen gerechten Ausſpruch er ſich für immer und alle Zeit in der Gunſt dieſer ſaftigen und ſaftig kochenden ſchwar⸗ zen Gottheit feſtſetzte. Das Abendeſſen war ſehr heiter, trotz des anfänglichen — 199— Unwillens des Oheims Ariel, welcher ſeine gute Laune bald wieder fand, denn er gehörte nicht zu jenen unum⸗ gänglichen Thoren, welche mit den guten Dingen des Lebens hadern und ihren Zorn beibehalten, während ſie ihrem Appetite Genüge thun. Er gab ziemlich plumpe Winke hinſichtlich des Oberſten und Cataling's zum Beſten und beehrte jeden Augenblick dieſe junge Dame mit einem bedeutungsvollen Blick oder einem„Hem! Hem!“— brachte den armen Sybrandt aus der geringen Selbſt⸗ beherrſchung heraus, welche er noch zu ſammeln im Stande war, indem er an all das erinnerte, was der Jüngling vergeſſen wünſchte; jubelte, lachte und ſchwazte ſich endlich in dem alten, hochlehnigen, gutgepolſterten Stuhle, welcher ſich, nebſt ſeinen Brüdern, ſeit beinahe einem Jahrhundert in der Familie fortgeerbt hatte, in einem ſanften Schlaf. Der würdige Dominie Stettinius war des nächſten Tages ſchmerzlich betroffen, als er hörte, daß die Geſell⸗ ſchaft ihre unſchuldigen Schwelgereien fortgeſetzt habe, bis die Glocke die halbe Stunde zwiſchen elf und der unheimlichen Zeit der Mitternacht verkündigte. Ein kleiner Vorfall, welcher ſcheinbar ohne alle Bedeutung war und ſich dieſen Abend begab, hatte einen großen, ja, einen weſentlichen Einfluß auf Sybrandt Weſtbrool's künftiges Leben. Als die Geſellſchaft ſich fuͤr die Nacht trennte, bat der galante Oberſt Catalina, ihm ein kleines Veilchenſträußchen zu geben, das ſie in — 110— ihrer Bruſt trug. In der Fröhlichkeit ihres Herzens, oder vielleicht unter dem Einfluß des kleinen boshaften Schelms, Teufels oder Gottes, der immer in den Herzen eines Weibes ſein Weſen treibt, gab ſie Sydenham mit einem ungemein gnädigen und verführeriſchen Lächeln die Veilchen und wünſchte ihm zu gleicher Zeit„glückliche Träume.“ Die Gabe, das Lächeln, der Wunſch— jedes dieſer drei Dinge war ein Dolchſtich in Sybrandt's Herz, vergiftete ſeine Ruhe und ſtachelte wild ſeine Gefühle. Die ruheloſen Qualen dieſer jahrelangen Nacht erzeugten einen unabänderlichen Entſchluß, welchen er unverweilt in Ausführung brachte. Achtes Kapitel. Unſer Held kommt, zum erſten Male in ſeinem Leben, zu einem Entſchluß. 3 Das Leben voller Eiferſucht, Kränkung und Selbſt⸗ vorwurf, welches Sybrandt ſeit der Rückkehr Catalina's aus der Hauptſtadt immer geführt hatte, untergrub allmäh⸗ lich die natürliche Kraft und Stärke ſeiner geiſtigen Fähig⸗ keiten und erzeugte jenen Wechſel von Stolz, Zorn und innerem Unbehagen, der den Menſchen um alle Haltung und Charakterfeſtigkeit bringt. Der Entſchluß, welchen man unter dem Einfluſſe von Stolz und Zorn faßt, wird unter dem des Selbſtvorwurfes aufgegeben und ſo iſt das Leben eines ſolchen Weſens wenig mehr, als eine Reihe von Schuld und Buße. Kein feſter, dauernder Entſchluß iſt in einem ſolchen Zuſtand der Seele möglich. In dem Sturme der ſich bekämpfenden Leidenſchaften hin und her geſchüttelt, iſt der unglückliche Mann wie ein Schiff ohne Ruder oder Steuermann, bis er denn zuletzt Herr ſeiner ſelbſt wird und die heimliche Stille und Ruhe ſeines Weſens ankündigt, daß er zu einem feſten Ent⸗ ſchluß gekommen iſt. So war es mit Sybrandt. 8 Der unbedeutende Vorfall mit den Veilchen machte dem Kampf ein Ende, welchen er ſeit einigen Monaten gekämpft hatte und ſein Entſchluß war unwiderruflich gefaßt. In jenen Zeiten, von denen wir ſprechen, war es bei den jungen Leuten, welche den Grenzen nahe wohn⸗ ten, faſt allgemein hergebracht, daß ſie ihren Eintritt in die Weltgeſchafte durch eine Handelsreiſe zu den Wilden der Grenzen bezeichneten. Es wurde, bevor man ſich die Haltung und den Charakter der Maͤnnlichkeit beilegen durfte, als eine faſt unumgängliche Verpflichtung erachtet, irgend ein Unternehmen dieſer Art, wo es an Entbehrun⸗ gen und Gefahren nie fehlte, zu beginnen und auszufüh⸗ ren. Der junge Menſch zog als Knabe aus und kehrte als Mann zurück; er war nun geeignet, ſeine Stelle unter Männern einzunehmen und ſein Auge zu dem Gegen⸗ ſtande ſeiner frühen Liebe kühn zu erheben. Auf ſolche Weiſe bildete ſich der Charakter der Patriarchen dieſes Landes und durch ſolche Mittel entfaltete er eine Vereini⸗ gung ſchlichter Einfachheit, männlicher Offenheit und kühnen Unternehmungsgeiſtes— Tugenden, welche endlich ihren Lohn in der Erkämpfung und dem Beſittze der Freiheit erhielten. Ohne irgend ein menſchliches Weſen um Rath zu fragen, bat er, den Morgen nach dem oben erwähnten Nachteſſen, ohne weitere Einleitung Hrn. Dennis Vancour um die Erlaubniß und die Mittel, eine Reiſe zu den Indianern des Nordweſtens machen zu dürfen. Hr. Dennis 3 4 — 113— war nicht überraſcht, denn er war ein echter Holländer; aber das Raſche und Plötzliche des Entſchluſſes ſiel ihm doch auf. „Ei, Blitzen, Knabe,“ ſagte der gute Mann:„wozu eine ſolche Reiſe? Ihr wißt, daß ihr genug haben werdet, wenn ich einſt ſterbe— und ſo lang' ich lebe, kann es euch an nichts fehlen. Blitzen, ihr bleibt beſſer zu Haus und ſtudirtet bei dem Dominie.“ „Aber ich bin jetzt nicht dazu aufgelegt— h Sybrandt zauderte und ſchwieg. „Was? Seid ihr des Lernens müde, Kind, he? Nun, ich wundere mich nicht ſehr darüber. Ich hatte immer einen ſehr großen Reſpekt vor aller Gelehrſamkeit, aber, ich weiß nicht wie es kam, ich konnte nie über die Ehrfurcht, welche ſie mir einflöſ'te, hinaus kommen; ich hielt mich ſtets in geziemender Entfernung von ihr. Aber ſeid ihr auch feſt entſchloſſen? werdet ihr nicht ſchwanken, wenn es Ernſt wird?“ „Seid unbeſorgt, Oheim!“ Er ſchlug ſeine Finger unwillkürlich ein:„Seid unbeſorgt, Oheim!“ „Gut dann, ihr ſollt von mir haben, was ihr ver⸗ langt. Dein Muth gefällt mir, Knabe. So habe ich das Leben angefangen, und ſo ſollſt du es auch halten. Vor fünfzig Jahren nahm ich ein Kanot und für fünfzig Dol⸗ lars Waaren und den alten Tjerk, der damals nur ein Knabe war; und fort zog ich, grad' in die Wälder, wo damals, glaube ich, kein weißer Mann vor mir eingedrun⸗ Paulding. III.* — 111— gen und lebendig zurückgekehrt war. Die Indianer hatten damals noch nicht ſo viele Erfahrung im Handeln und Feilſchen wie jetzt, und ich kam mit fünfhundert Dollars Werth in Pelzen zurück. Ich wiederholte dies jedes Jahr und vermehrte mein Kapital bei jeder Reiſe, bis ich für jene Zeit ein reicher Mann wurde. Ich wäre vielleicht auch,“ ſetzte der alte Mann hinzu,„glücklich geworden, ich mußte aber durchaus nach New⸗York, wo ich in Geſell⸗ ſchaft brittiſcher Offiziere kam, und, was noch ſchlimmer war, mich in eure Mutter verliebte— mein Vermögen durchbrachte— meine Hoffnungen vernichtete— erſt ein Thor, dann ein Menſchenhaſſer ward— in meines Vaters Haus als eine Art verlorner Sohn zurückkehrte— einen Theil der Beſitzungen meines Vaters erbte und endlich in dem Sohne einen Gegenſtand für jene Liebe fand, welche die Mutter zurückgewieſen hatte.“ Hr. Dennis Vancour war nie zuvor gegen Sybrandt ſo mittheilend geweſen. Vielleicht hatte der Gedanke, den geliebten Adoptivſohn ſcheiden zu ſehen, ſein Herz geöffnet und ſein lange gewohntes Schweigen einen Augenblick beſiegt. „Aber wer wird mit euch gehen?“ begann der gute Mann wieder nach einer Pauſe, die jeder dazu angewen⸗ det hatte, die Erinnerung an denſelben theuern Gegen⸗ ſtand zurückzurufen:—„Es fällt mir ein— der alte Tjerk iſt der rechte Mann.“ „Ich fürchte, er iſt zu alt, Sir.“ — 115— „O nein, o nein, Knabe,— er iſt zäh wie ein Welſchnußbaum— ihr werdet eher müde, hungrig und durſtig werden, als er— ich ſteh' euch dafür. Ueberdies ſpricht er die Mohawk Sprache.“ So kam man überein, daß Tjerk der Knappe des neuen, durch Wald und Wildniß ziehenden Ritters wer⸗ den ſollte. Wenige Tage reichten zu den Vorbereitungen für bieſe gefahrvolle und mühſame Land⸗ und Waſſerreiſe hin. Indianiſche Waaren, ſo viele deren ein leichtes Rinde⸗ Kanot bequem faſſen konnte— ein kleiner Vorrath von Lebensmitteln— zwei Büchſen, oder vielleicht Flinten und zwei muthige Herzen machten die Ausrüſtung zu dieſer Pilgerfahrt in die Wildniß aus. Meine Leſer werden, wenn ſie zu der„beſſern Art“ gehören, dies nur als ein gemeines Gewerk für den Helden eines Romans anſehen; ich bitte aber zu bedenken, daß es ein gefährliches Unter⸗ nehmen war und daß Muth und Kühnheit jedes ehren⸗ werthe Unternehmen adeln. Seit dem Augenblicke, wo Sybrandt den Entſchluß faßte und die erwähnten Vorbereitungen traf, war er ein anderer Menſch geworden. Er hatte etwas zu thun, er hatte etwas zu beſtehen, das des Mannes würdig war. Er hatte nun Thätigkeit, Wagniß, Aufregung, wodurch ſeine Aufmerkſamkeit den ſelbſtſüchtigen, kleinlichen Quä⸗ lereien entzogen wurde, und ſchritt nun aufrecht einher, Muth in ſeinem Gange, Entſchloſſenheit in ſeinem Auge. 8* 4 — 116— Kurz, er gab ein Beiſpiel der untrennbaren Einheit zwi⸗ ſchen dem Manne und ſeinen Zwecken ab. Beide modeln ſich nach einander und nichts iſt gewiſſer als der Unter⸗ gang deſſen, der nie Ernſt in ſein Leben bringt. Dieſe ganze Zeit über kam er nicht in Catalina's Nähe; und nur, wenn er an ſie dachte— was er ziemlich oft that — verfiel er in ſeine gewöhnlichen Widerſprüche und fühlte ſich gewiſſermaßen zwiſchen zwei entgegengeſetzten Vorwürfen feſtgebannt. Er war ohne allen Zweifel ſehr neugierig, zu hören, was ſie von ſeinem Weggehen dachte oder ſagte; er wünſchte zu wiſſen, ob ſeine Abweſenheit ihr leid thun würde; und in der Stille regte ſich wohl der Gedanke in ihm, ob ſie wohl die Beweggründe ſeines Handelns— ein Umſtand, den er ſich alle mögliche Mühe gegeben hatte, vor ihr geheim zu halten— begreifen würde. Er dachte bei ſich, er würde ihr bei ſeiner Rück⸗ kehr verzeihen, wenn ſie in ſeiner Abweſenheit nur ein wenig blaſſer würde. Zuweilen ſtand der Entſchluß in ihm feſt, er wolle abreiſen, ohne ſie zu ſehen; dann aber entſchied er ſich wieder dafür, mit der größten Gleichgil⸗ tigkeit von ihr Abſchied zu nehmen; und zum Schluſſe kam er zu gar keinem Entſchluß. In dieſem Zuſtande fand ihn Ariel, der in der übel⸗ ſten Laune war, weil er bei Sybrandt's Ausrüſtung gar nichts zu thun hatte. Seit manchem Jahr war dies der erſte wichtige Vorgang in der Gegend, in dem er keine Hand hatte. — 117— „Der T— l hole es,“ ſagte er,„warum habt ihr mich nicht um Rath gefragt? Blitz, ich hätte euch gelehrt, wie ihr euer Kanot rudern müßt— wie man Wildpret ohne Salz kocht— wie man mit geſchloſſenem Munde ſchläft, um die Fliegen und Mosquitos abzuhalten— und wie man einen Indianer todtſchießt. Aber es iſt jetzt zu ſpät. Ich hätte faſt Luſt, die Reiſe mit euch zu machen, wenn ich nur den Offizieren nicht verſprochen hätte, ihnen zu zeigen, wie man wilde Pferde einfängt.“ Bei dieſen Worten entfernte er ſich halb erfreut und halb betrübt, und ging zu den Offizieren. Als Catalina von dem beabſichtigten Reiſezug unſeres Helden hörte, dachte ſie ſtundenlang im Stillen über die Sache nach, ohne daß ſie recht hätte ſagen können, ob ſie böſe oder traurig ſein ſollte. Sie hatte keine Ahnung, daß ihr eigenes Betragen ſeinen Entſchluß hervorgerufen und ſchrieb daher ſein Stillſchweigen über das, was vor⸗ ging, der Gleichgiltigkeit und Vernachläſſigung zu. Dieſem Gefühle ſich überlaſſend, beſchloß ſie, ihn darnach zu behandeln und wenn er ſich zeigte, ihn ohne den gering⸗ ſten Anſchein von Ueberraſchung oder Leidweſen wegen ſeines raſchen Entſchluſſes zu empfangen. Wirklich ging ſie ihm entgegen, ohne jenes oder dieſes auszudrücken, oder auch nur einen einzigen Funken von Neugierde oder Bekümmerniß wegen der Länge ſeines Ausbleibens, oder des Weges, den er nehmen wollte, zu verrathen. Sie cherzte ſogar über die Sache und bat ihn, ſeine Gelehr⸗ — 118— ſamkeit in Kurs zu ſetzen und die Indianer Griechiſch und Latein zu lehren; bis in die Seele verwundete ſie ihn, als ſie, mit einem ſo hübſchen höhniſchen Lachen, wie es je auf den Lippen der Schönheit gethront hat, bemerkte,„ſein Aufenthalt unter den Wilden könne nicht verfehlen, den günſtigſten Einfluß auf ihre Sitten z haben.“ 4 Der Beſuch wurde für Sybrandt ungemein qualvoll und peinigend. Er hätte die Welt dafür hingegeben, aus dem Gemache zu ſein und doch war er durch den geheim⸗ nißvollen Zauber, welchen Unbehilflichkeit, und Stolz, und Empfindlichkeit über die Bewegungsfähigkeit üben, auf die Stelle feſtgebannt. Er war auf ſeinen Stuhl gefeſſelt; der verderbliche Zauber gekränkten Stolzes und verach⸗ teter Liebe klammerte ihn da feſt. Endlich raffte er ſich verzweifelnd zuſammen, ſtand auf und ſtammelte ſein Lebewohl. In dieſem Augenblicke erinnerte ſich Catalina, daß ſie ihm das Leben danke und daß er eine Reiſe antrete, von welcher er vielleicht nicht mehr zurückkehrte. „Sybrandt,“ ſagte ſie mit einer Stimme, welche dieſe Erinnerung geſänftigt und gemildert hatte:—„was ſoll ich euch geben, daß ihr meiner in den Wäldern gedenkt?“ Nach einer augenblicklichen Pauſe nahm ſie aus ihrer Taſche— wir bitten unſere modiſchen Leſerinnen, ſich zu erinnern, daß unſere Erzählung vor faſt hundert Jahren ſpielt— ſie nahm aus ihrer Taſche eine goldene Münze, — 119— — wir glauben, es war ein holländiſcher Ducaten— und fuhr mit einem Tone und Blicke getrübter Lebhaftigkeit fort: „Nehmt dies; ihr könnt ein Loch hindurch machen und es als einen Talisman gegen Indianiſche Zauberei am Halſe tragen. Lebt wohl, Vetter Sybrandt und erin⸗ nert euch, daß— daß— Dominie Stettinius eure Abwe⸗ ſenheit bedauern wird.“ Sybrandt nahm das Goldſtück, aber nicht um alles in der Welt hätte er„Lebewohl“ ſagen können. Er dankte ihr jedoch mit einem ſo innigen und bedeutſamen Blick, daß ſie noch lange Zeit nachher ſich daran erinnerte und darüber wunderte. Sybrandt machte ein Loch in den Ducaten, knüpfte ihn an ein Band und trug ihn von dieſem Augenblick auf ſeinem Herzen. Neuntes Kapitel. Die Wildniß. In der Frühe des nächſten Tages, ehe die Tinten des hellen Morgens den öſtlichen Himmel rötheten, oder die Vögel ihre Neſter unter dem dichtbelaubten Gezweige verlaſſen hatten, ließ Sybrandt ſein leichtes Kanot auf den glatten Spiegel des Hudſon hinauslaufen und ruderte, von dem ſchwarzen Charon, dem alten Tjerk, unterſtützt, aufwärts, den Quellen dieſes majeſtätiſchen Stromes ent⸗ gegen. Den erſten Tag ſahen ſie dann und wann, ſeinem niedrigen üppigen Ufer entlang, zerſtreute Anzeigen von Fußtritten des weißen Mannes und hörten inmitten der hohen, ſtolzen Wäldern in der Entfernung das Beil des erſten Anſiedlers, das Krachen der ſtürzenden Bäume, das dumpfe Bellen der Hunde und den fernen, verlornen Knall der Büchſe, von allen Seiten durch den Widerhall zurückgegeben, der vielleicht nie früher hier geweckt wor⸗ den. Eine rohe Hütte, der erſte Verſuch, das Indianiſche Wigwam zu verbeſſern, zeigte ſich da und dort in weiten Zwiſchenräumen die Ufer entlang, die, ein Bild der Ein⸗ ſamkeit und Oede, dennoch von Leben und lebenden Seelen wimmelten. Wie ſie entlang fuhren, ſtrömten die —y— ᷣ-— kleinen halbnackten weißharigen Schelme dutzendweiſe heran und blickten die fremden Reiſenden an und jauchzten ihnen zu. Nach und nach ſchwanden dieſe Spuren jener umſtreifenden, abenteuernden Menſchenrace, welche ihre Reiſende, ihre Kaufleute, ihre Gelehrten, ihre Soldaten und ihre Miſſionäre, mit dem Schwerte und der Bibel bewaffnet, in jede Region der bevölkerten Erde ſendet. Die Natur ſtellte ſich ihnen in ihrem nackten Schmucke dar und die unſchuldige Erde zeigte ihre Reize in all der ſorgloſen, ungekünſtelten Einfalt unſerer erſten Eltern, bevor das Gefühl der Schuld ſie lehrte, zu erröthen und ſich zu ſchämen. Stille herrſchte auf dem Land, auf den Waſſern und in der Luft, ausgenommen wenn die Stimme der Natur in dem Sturmwind, in dem Donner und in dem Brauſen des Stromes ſprach, in deſſen ruhigen Buſen die dichten ſchwarzen Wolken ihre Sündflut nieder⸗ goſſen. 1 Die Nacht, welche in den bevölkerten Wohnſitzen des Menſchen die Zeit des Schweigens und der Ruhe iſt, war hier bei weitem lärmender als der Tag. Dann bra⸗ chen die räuberiſchen Freibeuter der Wälder aus ihren Schlupfwinkeln, um nach Beute zu ſuchen und dem wech⸗ ſelvollen Monde oder den ewigen Sternen, dieſen ſtum⸗ men Zeugen deſſen, was der Sterbliche zu verbergen wünſcht, ihre grell tönenden oder wild heulenden Metten zu ſingen. Wie ſie ſich an den mondbeleuchteten Abenden der Strömung entgegen arbeiteten, die jeden Tag reißender — 122— wurde, je mehr ſie ſich den Fällen näherten, wurden ſie dann und wann von den ufern herüber von dem Geheul der Wölfe, dem Knurren der Bären und dem kalten, freud⸗ loſen Geſchrill des einſamen Käuzchens begrüßt. Waren ſie der Arbeiten des Tages müde, ſo zogen ſie ihr Kanot auf das Ufer und ruhten während der Nacht aus, wo dann zu ihrer Sicherheit ein Feuer angezündet und die ganze Nacht brennend erhalten wurde. Dieß iſt das ein⸗ zige Mittel, ſich gegen den wilden Hunger dieſer mitter⸗ nächtlichen Freibeuter zu ſchützen, die ſich bis auf eine gewiſſe Entfernung hin nähern, dann ſtill ſtehen und heu⸗ len und ihre Augen funkeln laſſen, ein Ziel für den Jäger, welcher den nie zu verfehlenden Punkt zwiſchen den zwei lebendigen Feuerkugeln gerade in das Auge faßt. Aber die Reiſe⸗Mühſeligkeiten unſeres Helden waren bei weitem größer als ſeine Gefahren. Er und ſein treuer Knappe mußten vom frühen Morgen bis in die Nacht die mächtige Strömung bekämpfen und zumal durch Anſtrengung und Geſchicklichkeit einen jeden Fuß ihres Wegs erkämpfen. Manchmal ſchoß der Fluß durch eine lange, ſchmale Enge zwiſchen Felſenvorſprüngen hin, welche ſeine Tiefe und Schnelligkeit vermehrten; dann ſuchte er ſich wieder launiſch ſeinen Weg in der Niederung und dann bedrohten Sandbänke und Untiefen die Fahrt der zwei Abenteurer; zuweilen mußten ſie das Kanot ausla⸗ den und die ganze Ladung um irgend einen Felspaß oder eine Stromſchnelle tragen. So ſetzten ſie ihren Weg — 123— fort, Schritt vor Schritt ſich weiter kämpfend, und uͤberall ihren Weg mit einer Aufmerkſamkeit, ja, einer Aengſt⸗ lichkeit bemeſſend, welche nicht einen Augenblick erſchlaffen durfte, ohne ſie der gewiſſen Gefahr auszuſetzen, das ſchwache Kanot zertrümmert zu ſehen, die Ladung zu ver⸗ lieren und ſich um den ganzen Zweck der Reiſe gebracht zu ſehen. Das letztere fürchtete jeder junge Mann mehr als alle Gefahren und Entbehrniſſe ſeines Unternehmens. Es war dies ein Todesſtreich für ſeinen Ruf, ſo wie für ſeine künftigen Ausſichten; denn keine ländliche Schönheit hätte ſich herabgelaſſen, ein Lächeln an einen jungen Bewunderer zu vergeuden, deſſen erſter Ausflug fehlge⸗ ſchlagen war. Die erſten Eigenſchaften, auf welche dieſe guten Leute Werth legten, waren Muth und Klugheit; und es verrieth einen Mangel an beiden, wenn Einer ſein Bot und ſeine Ladung verlor und zurückkehren mußte, ehe er einen guten Markt bei den Leuten der Wälder erreicht hatte.* Nachdem ſie Mühſeligkeiten erduldet hatten, welche ein Regiment prachtvoll geputzter Stutzer in dieſen ent⸗ arteten Tagen zu Grund richten würden, wurden ſie am Abend des vierten Tags durch einen fernen, ſchweren, einförmigen, dumpfen Ton belehrt, daß ſie den Fällen von Fort Edwards, wie ſie damals genannt wurden— es war in jener Zeit ein Grenzpoſten— ſich näherten. „Horch, Maſſa Sybrandt,“ ſagte Tjerk und ließ das Ruder ruhen, das er ſonſt ſtets mit Eifer handhabte:— „Horch! ich ihn hören.“ „Was hören?“ verſetzte der Andere. „Die Fälle, Maſſa. Mag ſein, daß wir finden ein Indianer, mit dem ſich ein Handel machen laſſen.“ Sybrandt lauſchte und hörte deutlich den ſchweren Fall des Fluſſes, der immer vernehmlicher wurde, je weiter das Kanot den Fluß hinauf kam, der nun in brau⸗ ſenden Wirbeln zu ſchäumen und zu toben begann und den weißen Giſcht weit in die Luft verſpritzte. Jetzt beugten ſie um eine vorſpringende Felſenſpitze und traten in die volle Stromſchnelle des Fluſſes ein, die, aller Anſtrengungen ſpottend, die Spitze des leichten Kanots vollkommen umdrehte und es, wie den Pfeil vom Bogen, in die Mitte des Fluſſes hineintrieb. Da ſie es unmoglich fanden, in dieſer Weiſe ihren Weg fortzuſetzen, landeten ſie und begannen die mühſelige Arbeit, ihre Fracht auszuladen und ſie nebſt dem Kanot um die Fälle zu tragen, um über denſelben das ruhige Waſſer wieder zu gewinnen. Während ſie ſo beſchäftigt waren, ſtießen ſie auf eine Schaar Mohawks, welche, angeführt von ihrem Häupt⸗ ling, Paskingoe oder der Einäugige genannt, hierher gekommen waren, um zu fiſchen. Dies war ein großer, rieſiger Wilde, ſechs Fuß hoch von wildem Ausſehen und nicht von ſonderlichem Rufe. Er hatte bei irgend einem, — 125— in der Trunkenheit begonnenen Kampfe ſein eines Auge verloren und zeigte, da er mit den weißen Männern vielfachen Umgang gepflogen, die gewöhnlichen Wirkungen eines ſolchen Verkehrs, indem er mit den Laſtern der beiden Racen behaftet war. Liſtig, habſüchtig und rache⸗ dürſtend, wußte er ſeine Gefühle noch hinreichend zu bemeiſtern, um ſie zu verſtecken, wenn es die Gelegenheit forderte, er mußte denn unter dem Einfluſſe geiſtiger Getränke ſtehen. Dann wurden aber ſeine Leidenſchaften auch unlenkſam und ſeine Wuth kannte weder Maß noch Ziel. Man erzählte, er habe in einem dieſer blutigen Paroxismen ſeinen eignen Sohn unter dem Vorwande getödtet, er beſtrebe ſich, ſeinen Einfluß bei ſeinem Stamme zu untergraben. Er ſaß mit ſeinem Gefolge— vier Indianern— unter dem Schatten einer Gruppe von Fichtenbäumen, welche über dem brauſenden Strome ihre Aeſte wiegten, als Sybrandt und Terk ſich plötzlich in ihrer Nähe ſahen. Die Indianer hatten ſie ſchon von weitem mit der Schärfe des Auges, welches vielleicht ſelbſt noch die der Thiere ihrer Wälder übertraf, den Fluß herauf kommen ſehen. „Willkommen, Bruder,“ ſagte der Häuptling zu Sybrandt. „Ah, Paskingoe— wie du leben?“ ſagte Tjerk, der ihn früher gekannt hatte:—„Ich nicht glauben, dich hier wieder zu ſehen— mich auch gar nicht freuen darüber,“ ſetzte er bei ſich ſelbſt hinzu. — 126— Bei dieſen Zuſammenkünften der Kaufleute und Indianer waren viele Ceremonien nicht gebräuchlich. Sybrandt erkundigte ſich nach Fellen und der Häuptling fragte, was er gegen ſolche zu vertauſchen habe. Als Paskingoe hörte, daß Sybrandt zwei oder drei Fäſſer jenes Giftes mitgebracht habe, das die Race der rothen Menſchen ſo raſch dahin gerafft hat und faſt nahe daran ſcheint, die der Weißen gleichfalls wegzuraffen, lag er ihm ſehr an, ihn bis zum Vereinigungspunkte des Hud⸗ ſon und des Sacondaga zu begleiten, wo er, wie er ſagte, eine Menge Leute hatte, welche ihm ſeine Waaren abtauſchen würden. Tjerk ſchüttelte den Kopf und Sybrandt ſchwieg. „Wie? fürchtet ſich mein Bruder?“ ſagte Paskingoe. Iſt der Mohawk nicht der Freund des weißen Mannes? Wer ſich fürchtet, muß zu Haus bei ſeiner Frau bleiben,“ ſetzte er verächtlich hinzu. „Ich fürchte mich nicht; aber—“ „Huh!“ ſagte Paskingoe:—„wenn ich zu dem Fort komme, werde ich ihnen erzählen, daß ich einem weißen Manne begegnete, welcher es nicht wagte, bis an den Sacondaga zu gehen, weil er ein altes Käuzchen heulen hörte.“ Dies war eine Anſpielung an die Winke und Andeu⸗ tungen des alten Tjerk. „Mein Bruder wird keinen Biber erhalten, wenn — 1— er nicht an den Sacondaga geht. Er wird nach Haus zurückkehren, wie er gekommen iſt und die jungen Mäd⸗ chen werden ihn auslachen.“ Sybrandt dachte an Catalina und beſchloß mit dem Häuptling zu gehen. Die Indianer halfen ſein Kanot und ſeine Waaren um die Tragſtellen bei Fort Edwards und den Glens⸗Fällen zu bringen und obgleich ſie man⸗ chen ſehnſüchtigen Blick auf die Rumfäſſer warfen und zugleich manchen verſchlagenen Wink fallen ließen, ſo ſtahlen ſie doch keines derſelben, noch nahmen ſie etwas mit Gewalt. Endlich erreichten ſie nach einer mühevollen Reiſe die Verbindung der zwei Flüſſe, wo keiner derſelben hundert Schritte breit iſt. Der mächtige Hudſon war hier ein kleiner, idylliſcher Bach, welcher ſeinen ſpätern majeſtätiſchen Charakter nicht ahnen ließ, noch den Reich⸗ thum, welchen er in künftigen Zeiten auf ſeinem breiten Buſen tragen ſollte. In der Nähe der Vereinigung der beiden Waſſer waren weite Strecken niedrig gelegener wilder Auen ohne Bäume, von den Schlangenwindungen der verſchiedenen Zweige des Sacondaga durchſtrömt, der in jener Zeit die herrlichſten Forellen nährte. Es war eine wilde einſame Gegend, von dem gewöhnlichen Wege der Reiſenden ganz abgelegen, welche entweder dem Laufe des Mohawkfluſſes folgten, oder bei Fort Edwards den Hudſon verließen oder den Weg über die Berge nach — 128— dem Ende des Georg⸗Sees in der Richtung nach Canada einſchlugen. Die nächſte Anſtedlung war zu Johnstown, nach Süden hin, wo Sir William Johnſon wohnte, und über die Stämme der Indianer fern und nahe unbeſchränkt herrſchte, ein Umſtand, der damals ein Gegenſtand des Staunens und der Bewunderung war und es für alle Zeiten bleiben wird. Es waren weder Indianer noch Biberfelle auf dem Platze, wie Paskingoe verſprochen hatte, welcher das Gras aufmerkſam unterſuchte und ſich, wie er ſagte, uͤber⸗ zeugt hielt, die Leute ſeien einen oder zwei Tage vorher erſt zu dem Fiſcherhaus gezogen. Dies war eine kleine Hütte, welche an einer Klippenerhöhung, unmittelbar an dem Saume der großen Aue und an der Quelle eines Armes des Sacondaga von Sir William Johnſon erbaut worden war, welcher zuweilen von Johnstown hierher kam, um zu jagen und zu fiſchen. Paskingoe verſicherte Sybrandt, er würde ſie in der Nähe der Hütte finden, in welcher die Indianer, da ſie den größten Theil des Jahres unhewohnt war, dann und wann zu ſchlafen pflegten, wenn das Wetter ſchlecht war. Wenn ein Gedanke an Gefahr in Sybrandt's Herzen ſich regte, ſo geſellte er ſich zu der Ueberzeugung, daß, wenn Pas⸗ kingoe irgend ſchlechte Abſichten habe, er dieſe eben ſo gut da, wo ſie waren, in Ausführung bringen konnte, als dort, wohin er ihn zu führen wünſchte. Er willigte daher ein, ihn zu begleiten, all der Beredſamkeit des alten Tjerk ungeachtet, welcher durch Zeichen und Winke ihm abzurathen bemüht war. Demnach ſchifften ſie ſich . früh am nächſten Morgen auf dem trägen Waſſer des Sacondaga ein, die Indianer in ihrem Kanot und Sybrandt mit ſeinem treuen ſchwarzen Knappen in dem ſeinigen, und ruderten die vielfachen Windungen des ſchwerfälligen träumeriſchen Fluſſes entlang, der einer ungeheuren Schlange glich, welche in dem hohen Graſe, das ſeine Ufer ſäumte, zu ſchlafen ſchien. Nachdem ſie einige Mei⸗ len hinter ſich hatten, verloren ſie ſich gleichſam in der pfadloſen Einförmigkeit der ausgedehnten Aue, welche in der braunen Dämmerung eines wolkigen Tages keine Grenze, noch einen beſtimmten Umriß gewahren ließ. Das Schweigen rings um ſie her war wie das Schweigen einer Winternacht, wenn der Wind ſich in einen fröſteln⸗ den Hauch verliert; nur daß man hier in abgemeſſenen Pauſen das Schlagen der Ruder hörte, und kaum hörte, wie das Picken der Todtenuhr, wenn ſonſt alles ſtill iſt. Manchmal hob in ſeltenen Zwiſchenräumen ein einſamer Reiher ſeinen langen Hals über das Gras am ufer ent⸗ lang und ließ ein ſeltſames übelklingendes Geſchrei hören, welches die Indianer zum Scherz nachmachten, ſonſt herrſchte allenthalben eine Todtenſtille der Natur; die Welt der Töne war ſtumm und dem Auge bot ſich nichts dar als eine einförmige, öde, melancholiſche Landſchaft, und ein Himmel, den ein trüber wechſelloſer Sihallen unbewegter Wolken einhüllte. 1Seiig. Paulding III. 9 Sybrandt fühlte ſeine vereinſamte Lage, welche allmählich für ihn unangenehmer wurde, da er Paskingoe und ſeine Indianer gewiſſe Blicke von zweideutigem Cha⸗ rakter wechſeln ſah oder zu ſehen glaubte. Als er ſich einmal raſch umdrehte, ſah er den einäugigen Häuptling ſeinen Kopf ſchütteln— als Antwort auf den fragenden Blick des einen der Indianer— und in der Richtung hindeuten, wo das kleine rohe Fiſcherhäuschen, über die öde Fläche der Wieſen hervorragend, ſtand. Gegen Abend näherten ſie ſich dem Punkte, wo der Bach auf⸗ hörte, ſchiffbar zu ſein und wo das Häuschen erbaut war. Schon ſeit einiger Zeit hatten ſchwere Blitzſtrahlen in langen Pauſen von dem Murren des Donners gefolgt, der in der Ferne knurrte und grollte, die Annäherung eines Gewitters verkündigt. Allmahlich ließen die India⸗ ner ihre Ruder in raſchern und raſchern Schlägen arbei⸗ ten und ſo that Sybrandt mit ſeinem Knappen um gleichen Schritt mit ihnen zu halten. Endlich, als ſie eben den rohen Landungsplatz erreichten, wo Sir William Johnſon ſein Kanot auslaufen ließ, wenn er zum Fiſchfang aus⸗ fuhr, deutete das ferne Brauſen des Fichtenwaldes, der hier in majeſtätiſcher Düſterheit und Größe den Saum der ausgedehnten Aue begrenzte, und die praſſelnden Regentropfen das raſche Heranziehen des Sturmes an. Sybrandt hatte nur noch Zeit, ſeine Waaren ſorgfältig zu bedecken, als das Gewitter auf den Schwingen eines Windes einherbrauſte, welcher das üppige hohe Gras — 131— niederwarf und die Wälder dröhnen machte. Die Geſell⸗ ſchaft, Sybrandt, Tjerk und die Indianer zumal, eilten nach Kräften, das Fiſcherhaus zu erreichen, deſſen Thüre ohne Umſtände geöffnet wurde, da es keine hatte und kein Geräthe einer Wache bedurfte. 9* Zehntes Kapitel. Eine Nachtſcene. Todesſtille herrſchte eine Zeitlang unter der Geſell⸗ ſchaft. Paskingoe war mißmuthig und Sybrandt, der keine Spur von Indianern fand, mit welchen er hier zuſammen zu treffen erwartet hatte, betrachtete ihn von Zeit zu Zeit mißtrauiſchen Auges. Er konnte ſich des Glaubens nicht erwehren, ſeine Abſichten ſeien wenigſtens verdächtig, und er verhehlte es ſich nicht, daß er ſich gänzlich in der Gewalt der Indianer befinde. „Mein Bruder glaubt, ich hätte zwei Zungen und zwei Geſichter,“ ſagte der einäugige Häuptling endlich in einem ſpöttiſchen Tone. Sybrandt gab keine Antwort. „Der weiße Mann,“ fuhr Paskingoe fort und erhob ſeine Stimme,„weiß nicht, was er ſagen ſoll; er fürch⸗ tet ſich, ſeine Gedanken auszuſprechen. Wenn ich ihm ſage, daß die Indianer und die Biber morgen kommen, wird er mir's nicht glauben. Warum ſollt' ich ihn belü⸗ gen? Iſt er nicht eine Biſamratze, die in einer Falle gefangen worden?“ Sybrandt fühlte, daß er recht hatte; er war ganz — 133— in der Gewalt der Indianer. Da er kaum wußte, was er ſagen ſollte, blieb er ſtill. Der Abend brach nun herein und der Sturm währte fort. Der Wind brüllte durch die Fichten, die Blitze zuckten faſt ohne Unterlaß durch das Fenſter und die lauten, zürnenden Donner⸗ ſchläge begleiteten ſie; dann und wann legte das Krachen eines ſtürzenden Baumes Zeugniß von dem Siege der wild empörten Elemente ab. Der Aufruhr draußen ſtand in ſtarkem Kontraſte mit der Stille in der Hütte. Pas⸗ kingoe ſaß in unverdroſſenem Schweigen da und rauchte ſeine Pfeife; Sybrandt war in ein nicht ſehr angenehmes Nachdenken über ſeine unbehagliche Lage verſenkt und der alte Tjerk, welcher den Indianiſchen Charakter aus lan⸗ ger Erfahrung kannte, ſah wohl, daß die Bruſt des einäugigen Häuptlings mit Unheil ſchwanger war. „Iſt nicht der weiße Mann und der ſchwarzweiße Mann hungrig?“ ſagte er endlich.„Hat er irgend etwas Gutes in ſeinem Kanot? Er ſchicke hin und laſſe es holen und wir wollen es mit einander eſſen.“ Sybrandt war dieſem Vorſchlage durchaus nicht abge⸗ neigt und Tjerk wurde mit einem der Indianer weggeſandt, um einige Lebensmittel aus dem Kanot zu holen. Als ſie fort waren, befahl der einäugige Häuptling ſeinen Leuten, ein Feuer anzumachen, was ihnen nicht ohne Mühe gelang und worauf das Gemach endlich von dem rothen Glanze der Fichtenklötze erhellt wurde, die auf dem Herde ziſchten. Nach einer kleinen Weile kamen — 1321— Tjerk und der Indianer wieder und brachten die Lebens⸗ mittel, welche unſere Reiſenden mitgenommen hatten, nebſt zwei Gewehren, die in dem Kanot gelaſſen worden waren. Paskingoe's Augen ſprühten Flammen. „Fürchtet ſich der weiße Mann dieſe Nacht vor den Bären und Wölfen?“ „Ich ſie mitbringen, weil ſie naß ſonſt werden kann,“ ſagte der alte Tjerk. Als der Einäugige ihnen ſeine blinde Seite zuwen⸗ dete, wußte Tjerk ſeinem jungen Herrn geſchickt ein Meſ⸗ ſer zu reichen, das er unter ſeinem groben leinenen Kittel verborgen hatte und welches der junge Mann eben ſo geſchickt in ſeinem Buſen verſteckte. Da die Mahlzeit nun bereit war, ſetzten ſie ſich zu derſelben nieder. Als ſie gegeſſen hatten, fragte der Häuptling Sybrandt: „Hat der weiße Mann Feuerwäſſer in ſeinem Kanot?“ „Ja,“ verſetzte Sybrandt. Nach einer Pauſe von einer Minute fragte der Häuptling: „Iſt es gut?“ „Ja.“ Eine zweite Pauſe folgte, welche wieder durch den Häuptling unterbrochen wurde. „Iſt es nie an der Quelle geweſen? Unſere Leute ſind von dem weißen Manne vergiftet worden, weil er ihnen zu viel kaltes Waſſer in das Feuerwaſſer miſchte.“ — 135— „Es iſt ſehr gut,“ antwortete Sybrandt und wieder folgte eine Pauſe. „Wenn der weiße Mann zu uns kommt,“ ſagte der Häuptling,„ſo bieten wir ihm das beſte dar, was wir haben. Wir verſtecken unſer Welſchkorn nicht und geben ihm die Hülſen. Dies iſt in der Art deſſen, den ihr weißen Männer„Nigger“ nennt.“ ‚Nicht mehr Nigger als dich ſelbſt du,“ brummte der alte Tjerk. 3 „Etwas zu trinken, würde ſehr gut ſein,“ ſagte der Einäugige.„Ich bin ausgetrocknet.“ Tjerk reichte ihm höflich einen Hornbecher mit Waſ⸗ ſer, welchen er auf den Boden warf, während ſein Geſicht Zorn und Ungeduld auszudrücken begann. „Wenn der weiße Mann nicht geben wird, ſo wird er doch verkaufen? Der große Manitou hat mir auf dieſe Nacht Feuerwaſſer derſprochen. So träumte ich letzte Nacht.“ „Ihr träumt ja faſt wie Sir William Johnſon,“ verſetzte Sybrandt lächelnd. Paskingoe ſchüttelte den Kopf. „Nein, nein!“ ſagte er.„Sir William thut mir's darin zuvor. Er hat meine beſten Jagdgründe weggeträumt, ich aber träumte ihm nur ſeinen rothen Rock weg. Aber will der weiße Mann ſich Feuerwaſſer abhandeln laſſen?“ Sybrandt füͤhlte das eigenthümlich Bedenkliche ſeiner Lage, ſo allein in den Tiefen der wilden Einöden des — 136— Sacondaga begraben, wie er war. Er kannte die Gefahr, Paskingoe's Wunſch abzuſchlagen und zumal die, ihn zu befriedigen. Wies er ihn gaͤnzlich ab, ſo konnte dies Gewaltthätigkeit von ſeiner Seite hervorrufen; gab er ihm einen mäßigen Theil des geiſtigen Getränks, ſo durfte dies ihn wahrſcheinlich nur noch begieriger nach mehr machen, und wenn er die Mittel zur Berauſchung lieferte, ſo war dies nur das Vorſpiel zu Gewaltthat und Mord. Während Sybrandt mit ſich zu Rathe ging, wurde der Aerger und die Ungeduld der Indianer ſo ſichtbar, daß er zuletzt beſchloß, ihnen eine kleine Quantität Brannt⸗ wein zu geben, wobei er die entfernte Hoffnung hegte, ſie würden ſich damit begnügen. Er ſchickte daher Tjerk nach einer Flaſche aus, welche er bei Seite gelegt hatte, um dem alten Mann dann und wann eine Stärkung zu geben. Tjerk ſchüttelte den Kopf und gehorchte mit ſicht⸗ barem Widerwillen. „Das Waſſer iſt gut,“ ſagte Einauge, nachdem er einen ſtarken Zug gethan, und reichte es dann dem India⸗ ner, der ihm zunächſt ſaß.„Das Waſſer iſt gut, aber es iſt ſehr ſeicht. Der Indianer ſieht den Boden zu leicht.“ Und in der That war die Flaſche, nachdem ſie ein⸗ mal die Runde gemacht hatte, leer. Das Eingenommene reichte jedoch hin, um den ſchlummernden Dämon zu wecken, welchen jeder Tropfen geiſtigen Getränkes in dem Herzen eines Indianers herauf beſchwört. Wie es — — 137— ihnen in den Kopf ſtieg, lärmten und ſchrieen ſie nach mehr, und Sybrandt ſah, daß ſein Leben gefährdet ſei, wenn er ſich ferner weigerte. Demnach wurde ein kleines Fäßchen aus dem Kanot gebracht und die Indianer ſam⸗ melten ſich um daſſelbe zu einem vollkommen indiani⸗ ſchen Trinkgelage. Nach einer kleinen Weile überbot ihr Heulen und Brüllen den Aufruhr der Elemente draußen, und ihre wilde, gräßliche Heiterkeit that ſich in komiſchen Geberden, Bewegungen, Sprüngen und Poſſen aller Art kund. Ihre Augäpfel leuchteten, ſie tanzten und ſangen und ließen ihre Tomahawks und Scalpirmeſſer über Sybrandt's Haupt kreiſen, der in einer Ecke ſtand, die rechte Hand an den Griff des Meſſers in ſeinem Buſen legend und jeden Augenblick gewärtig, daß der tiefe und nie erſterbende Haß, welchen der Indianer gegen den weißen Mann hegt, ſie zu irgend einer Gewaltthätigkeit gegen ihn hin⸗ reißen würde. Kühn und furchtlos heftete er ſein Auge auf Pasbingoe, der jetzt halbtoll war und mit wilden Geſticulationen und Tönen wahnſinnigen, faſt th ieriſchen Jubels herzählte, wie viele weiße Männer er nieder⸗ gemetzelt, wie viele ihrer Frauen und Kinder er ſcalpirt und wie viele ihrer Häuſer er niedergebrannt habe. Er erzählte, er habe ſich ganz allein einem Dorfe der Huronen genähert, ſei des Nachts in daſſelbe gegangen und habe in einem der Wigwams(Hütten) jede lebende Seele ermordet, worauf er ſich wieder in die Wälder — 138— zurückgezogen, ohne geſehen worden zu ſein. Die zweite Nacht ſei er in das Dorf zurückgekehrt und habe die Leute eines andern Wigwams gemordet, worauf er ſich aber⸗ mals unbemerkt in die Wälder zurückgeſchlichen. In der dritten Nacht hatte man Wachen ausgeſtellt und verfolgte ihn, ehe er ſeine letzte Heldenthat zu vollbringen im Stande geweſen. Unter dem gellenden Triumphgeſchrei ſeiner Kameraden berichtete er nun, wie er ſeine Feinde durch die Flucht getäuſcht und ſiebenzehn Hirnhäute als Siegeszeichen mit ſich nach Haus gebracht hätte. „Welcher weiße Mann könnte ſo etwas vollbringen?“ rief er und ſchoß einen Blick voll boshaften Feuers auf Sybrandt.—„Welcher weiße Mann wagte dies zu thun, auch wenn ſeine Kinder nicht die eines Weibes wären? Der weiße Mann iſt ein Feigling und ein Lügner; er betrügt uns um unſere Ländereien und baut Forts darauf, hinter welchen er uns niederſchießt wie Hunde. Er glaubt, er ſei unſer Herr und wir ſeien ſeine ſchwarzen Nigger und hätten nichts, das wir unſer nennen könnten.“ Nun ſchwang er wieder ſein Tomahawk und tanzte und wirbelte ſich in dem Kreiſe umher und ſtimmte in das Geheul der übrigen Indianer, worauf er fortfuhr: „Der weiße Mann kann vor dem Indianer nicht Stand halten, es müßten denn Zwei gegen Einen ſein. Ich weiß es— ich— Paskingoe— ich weiß es. Zu Caturagui begrub ich dieſes Tomahawk in die Schädel von zwei olchen Memmen, welche wie Rehe davon liefen. — 139— Zu Hoſchelega trank ich das Blut von drei prahlſüchtigen Feiglingen; es war weiß und kalt, wie das eines Fiſches. An dem großen Waſſer des Ontario riß ich ihnen die Herzen aus, und wo ich geh' und ſtehe, zieh' ich ihnen die Haut von dem zitternden Gehirn ab und ſpeie ſie an und trete ſie mit den Sohlen meiner Füße. Weil mir die Memmen nicht in das Geſicht ſehen konnten, ver⸗ ſuchten ſie es, dem Feuer meiner Augen zu entfliehen, indem ſie daſſelbe verlöſchten. Sie ſollen mich aber mit Einem Auge beſſer kennen lernen, als dies mit zweien der Fall war. Zehn Hirnhäute haben für das Eine mei⸗ ner Augen bezahlt und zehn mehr ſollen dafür büßen, ehe ich bei meinen Vätern ſchlafe.“ Die Indianer und ihr Häuptling, welche das Getränk und die Erzählung dieſer blutigen Thaten immer mehr aufregte, wurden raſend toll. Sie ſtritten unter ſich und ſtießen mit ihren Meſſern auf einander und dürſteten mit dem Inſtinkt von Raubthieren, welche Heißhunger und wilde Gier blendet, nach Blut. Endlich brüllte Einauge: „Sind wir Narren? Blut muß dieſe Nacht fließen, — aber nicht das Blut von Indianern. Der große Geiſt hat den weißen Mann hierher geſandt, um für die Krän⸗ kungen ſeines Volkes zu büßen. Er ſoll ſterben!“ „Laßt uns ſein Blut trinken!“ „Laßt uns ſein Hirn an glutrothen Kohlen dörren 4 — 140— „ Laßt uns ſein Herz ausreißen!“ 4 So brüllten die wilden Teufel, waͤhrend ſie ihre Waffen ſchwangen und ſchäumenden Mundes, flammen⸗ ſprühenden Auges auf Sybrandt zukamen. In dieſem Augenblicke beugte ſich die Seele des jungen Mannes unter der Gewalt dieſer ſich häufenden Schrecken; aber dieſes Gefühl währte nur einen Augen⸗ blick; bald gewann er ſein Gleichgewicht wieder. Es war keine Ausſicht zu entkommen, und eben dieſe Hoffnungs⸗ loſigkeit der Flucht erſtarkte ihn zu einer kaltblütigen, vorſichtigen Anwendung ſeiner Vertheidigungsmittel. Er faßte das Meſſer, das er in dem Buſen verborgen hatte, und ſchaute ſich nach ſeinem treuen Tjerk um, deſſen ſchwarze Geſtalt er in demſelben Augenblicke aus einem der Fenſter auf der entgegengeſetzten Seite des Gemaches verſchwinden ſah. So ſich ſelbſt überlaſſen, ſtählte er ſich zu dem, was kommen ſollte. Die Indianer hängen, bei aller ihrer Verwegenheit und Keckheit, ſehr an dem Leben, obgleich wohl kein Volk der Erde, wenn die Gefahr wirklich ſich darſtellt, ſo kaltblütig ſtirbt. Aber es iſt bei ihnen ein Ehrenpunkt, ihren Zweck mit ſo wenig Verluſt als möglich in's Werk zu ſetzen. Sie näherten ſich Sybrandt daher mit einer großen Vorſicht, als dieſer ſich in Vertheidigungszuſtand ſetzte. Sie kamen nahe— ihre Meſſer und Tomahawks waren gehoben zu der finſtern That, und er war eben im Begriff, ſich auf den einäugigen Häuptling zu werfen, als ein gellendes, langes Kampf⸗ — 141— geſchrei, offenbar dicht unter den Fenſtern, inmitten der Pauſen des Sturmes gehört wurde. 1 „Still! Dies iſt der Kampfruf der Adirondocks, 74 ſagte Paskingoe. Die Indianer traten zurück und horchten mit atßem⸗ loſer Angſt. Man höͤrte nichts, als den fallenden Regen, das Brüllen des Waldes und den raſſelnden Donner. „Die Adirondocks wagen es nicht, hierher zu kom⸗ men,“ ſagte Einauge nach einigem Zaudern verächtlich. Und wieder bereiteten ſie ſich zu ihrer ſcheußlichen That, und abermals erſcholl der gellende Kampfruf inmitten des Getöſes draußen und hielt ſie einen Augenblick im Zaum. Sybrandt dachte an die Flucht; aber die einzige Thüre des Gemaches war von den Indianern vermacht worden, und dieſe ſtanden nun einige Minuten, des Angriffes von außen gewärtig. „Laßt uns wie Krieger ſterben,“ ſagte Paskingoe und that einen Zug aus dem Becher; die übrigen folgten ſeinem Beiſpiele, und das neue Getränk erhöhte nur ihre wilden, bösartigen Leidenſchaften zur Wuth. „Der weiße Mann iſt ein Verrather,“ rriefen ſie: „er hat die Adirondocks über uns gebracht.“ Paskingoe hob ſein Tomahawk und führte einen mächtigen Streich damit gegen Sybrandt, welcher denſel⸗ ben nicht abwehren konnte. Er ſchützte ſeinen Kopf durch ſeinen linken Arm, den der Schlag traf und gänzlich lähmte. Paskingoe war aber, als er dieſen Streich führte, — 142— bedeutend unter dem Einfluſſe des Getränkes, welches er zu ſich genommen hatte; er taumelte vorwärts und ſtürzte in Sybrandt's Waffe, die ſeine Bruſt durchbohrte. Er fiel zu Boden und die Wuth ſeiner Begleiter erreichte jetzt den höchſten Grad. Sie brüllten wie gemarterte Teufel und trotz der kaltblütigen Entſchloſſenheit unſeres Helden würden wenige Augenblicke über ſein Leben ent⸗ ſchieden haben, wenn nicht in demſelben Augenblicke, wo der Tod über ihm weilte— in dem gefährlichen Momente, wo ihre Tomahawks und Meſſer bereit waren, ihm das Lebensblut abzuzapfen— die Thüre des Fiſcherhauſes gewaltſam aus ihren Angeln gebrochen und ein großer, majeſtätiſcher weißer Mann im Jagdkleid, von einem halben Dutzend Leute gefolgt, in das Gemach geeilt. So wie die Indianer ihn erblickten, waren ihre Arme wie gebannt, und ihre Waffen ruhten über ihren Häuptern. — 143— Elftes Kapitel. Ein Waldmann. Mit gebieteriſcher Miene und ſeines Anſehens ſich bewußt, richtete der Fremde an die erſtarrten Krieger einige Worte in der Mohawk⸗Sprache. Sie ſenkten ihre Waffen und begaben ſich an das andere Ende des Gema⸗ ches, wohin ein Wink ſeiner Hand ſie beſchieden hatte. Er ſchritt jetzt auf Sybrandt zu, welchen der Verluſt des Blutes allmählich ſchwächer und ſchwächer machte, und bat den jungen Mann höflich um Auskunft wegen der Scene. Sybrandt erzählte kurz, was ſich begeben hatte. Der Fremde ſchüttelte den Kopf und rief in trauerndem Tone: „Rum,— Rum, Rum, die Schmach der weißen Männer, das Verderben der rothen! Was kann ich für dieſes unglückliche Volk thun, wenn mein eigenes alles Mögliche aufbietet, um zu vernichten, was ich zu vollen⸗ den mit aller Kraft meiner Seele erſtrebe?“ Als er bemerkte, daß Sybrandt ſich an die Mauern der Wand lehnte und allmählich in die Kniee ſank, fragte er beſorgt und theilnehmend: „Seid ihr verwundet?“ „Ich weiß es nicht, Sir. Ich fühle keinen Schmerz; aber mein linker Arm ſcheint mir ganz nutzlos zu werden.“ — 144— Von Schwäche überwältigt, ſank Sybrandt nieder auf Paskingoe's Körper. Die herrſchende Leidenſchaft des ſterbenden Indianers belebte für einen Augenblick ſeine hinſchwindende Kraft. Er faßte ſein Meſſer zwiſchen ſei⸗ nen ſchwachen Fingern, erhob ſeinen Arm und that, ohne in der Dunkelheit der Ecke bemerkt zu werden, mit der letzten ſterbenden Kraft der Verzweiflung einen wilden Stich auf das Ungefähr. Zitternd blieb das Meſſer in dem Boden ſtecken und die Anſtrengung tödtete den Indianer⸗Häuptling augenblicklich. „Wer iſt das?“ rief der Fremde. 3 „Paskingoe,“ murmelte einer ſeiner Leute:„der Häuptling, der euch ſein Land gab und den ihr Bruder nanntet. Rächt ihn!“ Der Fremde gab keine Antwort, ſondern fuhr fort, Sybrandt's Zuſtand zu unterſuchen, den der Verluſt des Blutes ohnmächtig gemacht hatte. Er gab einem ſeiner Diener einen Schlüſſel; dieſer eilte in dem Keller, in deſſen Wand ein heimlicher Behälter war, welcher manch⸗ fache Gegenſtande enthielt, die bei den tauſendfachen Entbehrungen und Zufällen, denen das Reiſen und der Aufenthalt in dieſen von den Wohnuüngen der Menſchen und den Bequemlichkeiten des geſittigten Lebens ſo ent⸗ fernten Gegenden unterworfen iſt, nothwendig waren. Der Fremde wendete die ihm für Sybrandt's Zuſtand geeignet ſcheinenden Mittel an; dieſer erwachte bald dar⸗ auf aus ſeiner Ohnmacht, und man legte ihn auf eine — 145— Matratze, die aus dem oben erwähnten Behälter geholt worden. Als der Fremde all dies beſorgt, wendete er ſich zu den Indianern aus Paskingoe's Gefolge, die in düſterm Schweigen daſtanden und fragte ſie nach der Veranlaſſung des Streites. „Der weiße Mann wird es euch ſagen. Er wird eine ſchöne Geſchichte daraus machen. Fragt ihn,“ ſagte einer derſelben. „Gut,“ verſetzte der Fremde.„Nehmt die Leiche eures Häuptlings und bringt ſie ſeinem Volke, daß es ſie zur Erde beſtatte. Der Sturm iſt vorüber. Geht, und wenn ihr dies vollbracht habt, kommt zu mir. Ich werde ſorgen, daß Gerechtigkeit geübt werde. Geht nun und wahrt euch, was ihr beginnt. Wahrt euch!“ Die Mohawks legten die Leiche ihres Häuptlings auf eine rohe Bahre, die aus den Stöcken gemacht wurde, welche zum Unterhalte des Feuers geſammelt worden waren. Langſamen Schrittes entfernten ſie ſich, indem ſie den eintönigen Todtengeſang anſtimmten, der in der Entfernung allmählich dahinſtarb, bis er nicht mehr gehört wurde. Als der Fremde ſich vergewiſſert hatte, daß Sybrandt in einem tiefen, erſchöpften Schlafe lag, hieß er alle ſich ruhig verhalten, warf ſich ſorglos auf den Boden und verfiel bald, ſeine Wange auf die Hand geſtützt, in einen ruhigen Schlaf, welchen bald alle ſeine Begleiter theilten, einen ausgenommen, der angewieſen war, über Sybrandt's Schlummer zu wachen. Paulding. III. 10 — 146— Der Morgen brach klar, glanzreich und belebend an und fand alle wohlbehalten und rüſtig, nur unſern Helden nicht, der jedoch nur noch an Schwäche litt. Er würde mit den Uebrigen aufgeſtanden ſein, aber er fühlte ſeinen Kopf ſchwindeln und gehorchte der Anmuthung des Frem⸗ den, ſich für dieſen Tag wenigſtens ruhig zu verhalten. „Wir werden unſer Jagdvergnügen fortſetzen, welches uns wirklich zu ſo gelegener Zeit hierher geführt hat, und es würde ſchlimm ſein, wenn ihr nicht ein gutes Stück Wildpret zum Mittageſſen bekommen ſolltet. Ich würde euch auch Forellen verſprechen, wenn die Bäche nicht zu ſehr angeſchwellt wären, um das Fiſchen zu geſtatten. Bleibt mit euerm alten Diener ruhig hier; ich habe ihm geſagt, was er zu thun hat, und morgen wer⸗ den euch meine Leute auf einer Trage von grünen Zwei⸗ gen, die beſſer iſt, als alle Polſterſtühle, in meine Woh⸗ nung tragen.“ So ſprach der Fremde, ſchüttelte Sybrandt's Hand und ſchied mit dem Zuſatz: „Ihr habt kein Fieber, wie ich ſehe.“ Als ſie allein waren, drückte Tjerk ſeine herzliche, innige Freude über die wunderbare Rettung ſeines jungen Herrn aus. „Ich alles gethan haben, was ich können, füͤr jung Maſſa,“ ſagte er. „Ja, du liefſt davon,“ ſagte Sybrandt, der nicht wenig über ſein Entſchlüpfen erzürnt war. „Aha, Maſſa,“ ſagte Tjerk,„wer ihr wohl glauben, das große Kampfgeſchrei machen, das den Schurken Ein⸗ auge einhalten laſſen zwei, drei Minuten, und euer Leben retten, he?“ „Ich weiß es nicht— die Adirondocks, glaube ich.“ „Der alte Nigger!“ rief Tjerk mit unbeſchreiblicher Selbſtgefälligkeit und aus allen Kräften lachend:—„der alte Nigger es machen.“ Sybrandt ſah nun klar und dankte djerk für den raſchen Rückzug, welchen er ſeinetwegen genommen, und durch den, da der Fremde Zeit erhielt, heran zu kommen, ſein Leben ohne Zweifel gerettet wurde. Seine Schwäche überkam ihn bald wieder, und er verfiel abermals in Schlaf, während ſein ſchwarzer Schutzengel neben ihm ſaß und ihn mit dem Schweigen der Grabesſtille der Wildniß bewachte. Sein Schlaf währte lang; erquickt und hungrig wachte er auf. Mit reicher Beute kehrte der Fremde und ſeine Begleiter von der Jagd zurück und Sybrandt erhielt Erlaubniß, ſparſam an dem Mahle Theil zu nehmen, welches bereitet worden. Er hatte nun Muſe, den Mann genauer zu betrachten, welchem er ſeine Rettung aus den Haänden des trunkenen, wilden Indianer⸗Häuptlings zu danken hatte. Er mochte ungefähr fünfzig Jahre alt ſein; ſeine Geſtalt war ungewöhnlich kräftig, hoch und breit, ſeine Geſichtsfarbe dunkelroth, und in das Gelbliche ſpielend, das Antlitz ſelbſt eine höchſt ſeltſame Miſchung 10* — 148— des Ausdrucks. Es vereinigte jene unbeſchreiblichen und doch ſo leicht zu erkennenden charakteriſtiſchen Züge, welche von einem gebildeten Geiſte unzertrennlich ſcheinen, mit der ſorgloſen und furchtloſen Kühnheit des Mannes, der ſein Leben inmitten von Gefahren und in dem Beſitze unbeſchränkter Macht hingebracht hatte. Sein Benehmen verrieth, während es leicht und verbindlich gegen Alle war, eine ſorgloſe Ueberlegenheit, welche ſowohl die India⸗ ner wie die weißen Männer ſchweigend anzuerkennen ſchienen, indem ſie jedem Worte, das er hören ließ, jedem Winke ſeiner Hand und jedem Blicke ſeines Auges unbedingt gehorchten. Sein Gebahren und ſeine Aus⸗ drucksweiſe bewieſen hinreichend, daß er„an guter Leute Tiſch“ geſeſſen und daß er geweſen, wo„Glocken zur Kirche läuten“; zugleich aber war etwas darin, das ganz verſchieden von allem war, was Sybrandt in ſeines Oheims Haus geſehen hatte. Seine Bewegungen zeigten die Leichtigkeit, Behendigkeit und nie zaudernde und ver⸗ legene Kraft eines Indianers, und in ſeiner Rede war eine wunderſame Kürze, Kraft und Reichthum des Aus⸗ drucks, wodurch ſie der indianiſchen Sprachweiſe einiger⸗ maßen ähnlich wurde. Er trug ein Jagdkleid, welches gleichfalls etwas von dem wilden und dem geſittigten Charakter hatte und in der That eine ſeltſame Miſchung der Eigenthümlichkeiten der zwei Racen zeigte. Sein Benehmen gegen Sybrandt war freundlich, wahrend ſeine Aufmerkſamkeit gegen ihn ziemlich läſſig ſchien. Er nahm — 149— die Sorge für unſern Helden, ſeine Waaren und Ange⸗ legenheiten über ſich, ohne ihn deshalb zu fragen oder es der Mühe werth zu halten, ihn zu Rath zu ziehen. „Morgen früh, mit Sonnenaufgang,“ ſagte er,„wer⸗ den wir aufbrechen. Meine Leute tragen euch und euer Gepäck, das Kanot muß bleiben, wo es iſt.“ Darauf wendete er ſich zu ſeinen Leuten:„Ruhet, und ſeid mit Tagesanbruch bereit.“ Nach wenigen Minuten waren alle entſchlafen, obgleich, mit Ausnahme Sybrandt's, der Boden ihr Bett, und ein Torniſter, ein Klotz oder vielleicht ein Stein ihr Kiſſen war. Mit dem Anbruche des Morgens begann die Reiſe. Sie hielten ſich faſt ganz ſüdweſtlich und kamen durch Wälder von Fichten, Buchen und Ahorn, wie die Natur ſie nur Ein Mal auf demſelben Boden kraft ihrer unge⸗ ſchwächten, jugendlichen Fülle und Fruchtbarkeit hervor⸗ bringt. Die hehren Fichten, gerade emporgeſchoſſen, wie ein Pfeil und ohne einen Zweig unter einer Höhe von hundert Fuß, beinahe ſchon fertig ſcheinend, um den Maſt eines mächtigen Kriegsſchiffes abzugeben, ſtanden Seite an Seite, in Entfernungen, welche einen hinreichenden, durch kein Gebüſch verkümmerten Raum für den beſchwer⸗ deloſen Weg der Wanderer ließen. Führte aber ihr Weg, wie ſich dies zuweilen traf, durch fruchtbares, ſaftiges Boden⸗ land(Thalniederung), dann erſchloß ſich ihrem Auge eine neue Schöpfung von Buchen, Ahorn und majeſtätiſchen Platanen, welche ihre Arme weit ausſtreckten, unter ſich — 150— verzweigten und ſo ein undurchdringliches Dach bildeten, in welches nur die hellen Strahlen der Winterſonne ein⸗ zudringen vermochten, wenn die Blätter gefallen und die Zweige nackt ſind. Unter ihrem dumpfen und düſtern Bereiche entſtand ein kleineres Geſchlecht von Kindern der Natur, aus Buſchwerk, wildem Wein und andern Pflan⸗ zen aller Arten und Namen beſtehend, welche ſich unter⸗ einander miſchten und verzweigten und eine Reihe von Hemmniſſen abgaben, welche nur die Kraft, die Gewandt⸗ heit und die Ausdauer eines Wäͤldlers bewältigen konnte. Die Trage von Zweigen, welche für Sybrandt ein⸗ gerichtet worden, trug abwechſelnd das Gefolge des Frem⸗ den und gewiß wurde nie eine leichtere Art, einen Kranken weiter zu bringen, erſonnen. Rauh und ſtumm und einförmig, wie der Wald war, durch welchen ihr Weg führte, fehlte es doch nicht an Heiterkeit und unter⸗ haltenden Scenen. Zuweilen entdeckte das ſcharfe Auge Eines aus der Geſellſchaft ein ſchwarzes Eichhörnchen, welches von den höchſten Zweigen einer himmelhohen Fichte nieder blickte und gleichſam zum Hohne eine Art Gebell hören ließ. Der Anführer ſetzte dann einen kleinen Preis für den aus, welcher das Thierchen mit einer ein⸗ zigen Kugel und ohne Blut zu vergießen, herabbrächte. Blos ein Wäldler konnte dieſe kleinen Thiere in dem dunkeln Laube der hohen Fichten, wo ſie ſich an die Aeſte anſchmiegten, und von der rauhen Rinde kaum zu unter⸗ ſcheiden waren, erkennen. Alle legten abwechſelnd an und — — 151— die Sache war, mit der Kugel die Rinde des Baumes gerade da zu treffen, wo ſie mit dem Körper des Thieres in Berührung kam; es wurde dadurch betäubt und ſtürzte herab, ohne äußerlich verletzt zu werden. Nur wenige waren bei dem erſten Verſuche im Stande, dieſe Aufgabe zu löſen und die Schüſſe der unglücklichen Schützen hallten oft und laut in dem ſtillen Walde wieder. Nachdem jeder ſich ohne Erfolg an dieſem Ziele verſucht hatte, ließ der Anführer ein kleines Beiwort der Verachtung fallen, hieß ſie auf die Seite gehen und verfehlte nie, das Thierchen herabzubringen, ohne ſeine Haut zu verletzen. Eben ſo trat er, wenn ſich auf dem Wege irgend ein Hinderniß fand, das die Kraft, die Gewandtheit oder die unerſchrockenheit der Andern nicht zu beſeitigen vermochte, vor und legte Hand an und beſiegte jedes Hemmniß der Natur durch überlegene Kraft, Behendigkeit oder Kühnheit. Durch häufige Beiſpiele dieſer Art erklärte ſich Sybrandt das Geheimniß ſeiner grenzenloſen Herrſchaft über die Seinigen; der menſchliche Charakter kann nur durch die Vereinigung höherer Kenntniſſe und höherer Kraft, welche von einem Muthe geleitet und belebt ſind, der keine Gefah⸗ ren ſcheut, allen Hinderniſſen trotzt, zu ſeiner rechten Vollendung gebracht werden. um die Mittagszeit machten ſie in einem offenen Raume Halt, um auszuruhen und ſich zu erfriſchen. „Auf dieſer Stelle,“ ſagte der Fremde leichthin—„ auf dieſer Stelle wurde vor fünfzehn Jahren ein blutiger — 152— Kampf zwiſchen den Huronen und den Mohawks gekämpft. Wir waren überrumipelt worden und litten furchtbar; aber“— und hier funkelte ſein Auge triumphirend— „wir, ich und die Meinigen, ſchlugen die Memmen endlich in die Flucht und ſchoſſen ſie wie Rehe nieder. Der Name und die Nation gingen auf dieſer Stelle auf einen einzigen Schlag zu Grund. Die Geſchichte ſagt nichts davon; hätte aber ein bettlägeriger König oder eine über⸗ alterte Königin an dieſem Tage ihren Tod gefunden, ſo würde deſſen ſorgfältig gedacht werden. Die Urſachen, welche das Schickſal der Menſchen und die Oberfläche der Erde andern, liegen ungeſehen und unbemerkt, während kleine Dinge und kleine Menſchen der Zukunft als mächtige Triebfedern und Vermittler in der großen Maſchine des Univerſums ſorgſam überliefert werden. Der Art iſt die Geſchichte und die mündliche Ueberliefe⸗ rung iſt in der That nicht beſſer. Die Eine verfehlt oder entſtellt oder überſteht die Wahrheit; die Andere ſchwatzt Lügen.“ Er verfiel in ein kurzes Nachdenken, als wenn er dieſe Bemerkungen auf ſeine eigenen Erfahrungen anwendete. — 153— Zwölftes Kapitel. Des Wäldlers Heimath. Am Abend des zweiten Tages erreichten ſie die Wohnung des Fremden, welche nur wenige Meilen von den Uufern des Mohawkfluſſes lag. Es war eine kleine werdende Anſiedlung, welche aber inmitten des ungeheuern Reiches der Natur ſich herauskampfte und aus Block⸗ häuſern beſtand— der erſte Schritt von den Rindehütten der Indianer zu der behaglichern Wohnung des geſittigten Mannes. „Dies iſt die Hauptſtadt meines Königreichs,“ ſagte der Fremde:„es iſt ein ausgedehntes Reich, nicht ſehr bevölkert— es thut aber nichts, die Zeit wird kommen.“ Er hieß Sybrandt in ſeinem Hauſe— einem großen viereckigen Gebäude von behauenen Fichten, die Zwiſchen⸗ räume mit Mörtel ausgefüllt— mit jener offenen, ſorg⸗ loſen Gaſtfreiheit willkommen, welche alles charakteriſirte, was er ſagte und that, und ſtellte ihn ſeiner Frau und ſeinen Kindern vor; die erſtere eine Indianerin, die andern eine ſichtbare Miſchung von Wild und Zahm— vollkommene Bilder der Natur in ihren ſchönſten Ver⸗ hältniſſen. — 154— Sybrandt blieb in dem Hauſe des Fremden einige Wochen, ehe er von ſeiner Wnnde vollkommen wieder her⸗ geſtellt war, und als er ſich wieder wohl fühlte, warer gar nicht beeilt, abzureiſen. Auch war es ſichtbar, daß der Fremde nicht wünſchte, ſich von ihm zu trennen. 4 „Es iſt ſehr lange,“ ſagte er,„ſeit ich einen Gaſt hatte, mit dem ich über Gegenſtände ſprechen konnte, die mit meinem fruͤheren Thun und Wirken in Verbindung ſtehen.“ Unſer Held konnte ſich nicht enthalten, ſein Erſtaunen auszudrücken, daß ein Mann von ſeiner Erziehung und ſeinen Talenten ſich ſo freiwillig aus der civiliſirten Geſell⸗ ſchaft verbannte, um ſich Weſen zuzugeſellen, welche ſo verſchieden von ihm waren. „Pah, ich weiß es nicht,“ verſetzte er lächelnd:— „ich war der Arbeit des Nichtsthuns überdrüſſig. In meinem Vaterlande war ich ein Edelmann, aber ein Edelmann ohne Vermögen, und ein ſolcher kann ſich, wie ihr wißt, nicht herablaſſen, thätig und nützlich zu werden, gewiſſe Beſchäftigungen ausgenommen. Zu jeder ſitzenden Lebensart war ich phyſiſch unfähig, denn ich fühle eine Ungeduld in ruhigem Gebahren, eine inſtinkt⸗ mäßige Sehnſucht nach körperlicher Thätigkeit, friſcher Luft und freier Bewegung, welche mich zu einem beſſern Gefährten wilder Thiere und wilder Menſchen, als vor⸗ nehmer Herren und Damen macht. Man hätte mich — 155— dem Soldatenſtande gewidmet; aber meine Familie war jacobitiſch und wir wollten um keine Stelle bitten und die Regierung uns keine geben. Ich hätte in fremde Dienſte treten können; aber die Wahrheit zu ſagen, ich hatte einige Beſorgniſſe, mich vielleicht einmal gezwungen zu ſehen, gegen mein eigenes Vaterland zu kämpfen, oder eine Fahne zu verlaſſen, welcher ich mich freiwillig angeſchloſſen hatte. Es begab ſich, daß einer meiner vertrauten Freunde zum Statthalter dieſer Provinz ernannt wurde und der Gedanke flog mir durch den Kopf, in der neuen Welt müßte ich vollauf freien Raum und vollauf zu thun haben für meine nicht zu bemeiſternde Neigung, mich zu bewegen, wilde Thiere zu jagen, mit Baͤren zu kämpfen, mich mit Indianern herumzuſchlagen und was dergleichen ländliche Ergötzlichkeiten mehr ſi ſind. Ich ſchlug ihm vor, ihn zu begleiten und er nahm mich als Gefährten, unter dem Titel ſeines Geheimſchreibers mit. Bei unſerer Ankunft zu New⸗York ſollte ich, ſeinem Wunſch zufolge, mich hinſetzen und einen Bericht von unſerer Reiſe und glücklichen Ankunft an das Kolonial⸗Sekretariat ſchreiben. Ehe ich halb fertig war, entſtand Lärm in dem Hauſe, ein Bär habe ſich auf einem der Märkte, oder vielleicht, wie es wirklich der Fall war, auf dem einzigen Markte der Stadt gezeigt, die, wie ich annehme, ſich ſeitdem ſehr vergrößert hat. Ich warf meine Feder weg, ſtuͤrzte mich in das Gedränge und war ſo glücklich, nach einem ſehr harten Kampfe — 156— Meiſter Braun zu bewältigen und mit meiner eigenen Hand zu tödten.“ „Ich war ungemein ſtolz auf dieſe That.—„„ Ich glaube, ihr erwartet, ein Brevet zu erhalten,““ ſagte Seine Excellenz lächelnd. Dann ſchüttelte er den Kopf und ſetzte hinzu:„„Ich ſehe, ihr paßt nicht, mein guter Freund. Ihr ſeid zu einem mächtigen Jäger von dem Herrn, gleich Nimrod, geſchaffen, aber nicht zu einem Sekretär. Habt ihr Neigung, als Miniſter⸗Reſident zu den Mohawb's zu gehen, und der Bärenführer, oder, in einem klaſſiſcheren Ausdrucke, der Lykurg dieſer wilden ſpartaniſchen Krieger zu werden?““ „Er ſetzte mir nun auseinander, die Regierung habe ihn beauftragt, wenn möglich eine Agentſchaft irgendwo an den Ufern des Mohawk zu gründen, um Einfluß auf dieſe wilden kriegeriſchen Stämme zu bekommen, deren Gunſt die Statthalter von Kanada und New⸗York ſeit langer Zeit zu erlangen bemüht waren.“ „,„Was ſagt ihr dazu, mein Freund?““ fragte er. „„„Ich glaube, ihr ſeid der rechte Mann. Ihr ſeid bereits ein halber Indianer und wenn ihr ſie nur zu halben weißen Männern machen könnt, ſo ſeid ihr der Mann, den wir ſuchen.““ „Der Gedanke machte einen wunderbaren Eindruck auf mich und ich nahm das Anerbieten ohne Zögern an. Euch, der den Grenzen des Bereiches der Natur ſo nahe gelebt und ihre Söhne gekannt hat, brauche ich die Ein⸗ — 157— zelheiten von meinem Hierherkommen, den Entbehrungen und Gefahren und den Hinderniſſen, auf welche ich ſtieß und die ich beſiegte, nicht zu erzählen. Wir ſprechen ein anderes Mal davon. Ich glaube, ich habe nun bereits länger hier ſtill geſeſſen, als mir dieſes in den letzten zehn Jahren begegnet iſt. So kommt denn, Weſtbrook, es iſt ein ſchöner Tag zur Jagd und ihr ſeid wohl genug, um ſie mitzumachen.“ Er pfiff ſeinen Hunden, die, mit den Schwänzen wedelnd und eben ſo vergnügt wie ihr Herr, daher ſprangen, verſah Sybrandt und ſeinen älteſten Sohn, einen Knaben von ungefahr zehn Jahren, mit Flinten und rief, als er alle nöthigen Vorkehrungen getroffen hatte, ſeine Frau, eine hübſchausſehende Indianerin, die eine Stimme ſanft wie eine Flöte und ein Auge wie eine Antilope hatte. „Gakia— ſie iſt eine Algonquin“— ſagte er zu Sybrandt und die Ueberſetzung ihres Namens iſt„Liebe.“ Gakia, wir werden vor Nacht zurückkehren. Sorge, daß du etwas Gutes für uns bereit haſt.“ Gakia ging lächelnd und freundlich wie ein Kind ihres Weges. „Sie iſt mein Weib— mein gutes, geliebtes, geſetzlich mir verbundenes Weib und die Mutter aller meiner Kinder. Ich hatte nie ein anderes und wünſche nie ein anderes zu haben. Ihr ſeht aus, als wolltet ihr euer Erſtaunen ausdrücken, daß ich keine gebildete europäiſche Dame — 158— hierherbrachte, um meine Einſamkeit zu theilen. In Wahrheit aber, was hätte eine ſolche hier gethan? Sie hätte ſich unglücklich gefühlt und alſo auch mich unglücklich gemacht; ihr Lebenlang hätte ſie den Schritt bereut und wäre als eine fürchterliche Laſt auf mir und meinen Planen gelegen. Unter einer Million der edeln Damen, mit welchen ich in meinen frühern Tagen verkehrte, war gewiß nicht Eine, die eingewilligt hätte, mich in dieſe Wildniß zu begleiten; und hätte ſie es gethan, ſo iſt eine Million gegen Eins zu wetten, daß ſie ſich ſelbſt ſo unglücklich gemacht hätte, wie mich. Sie konnte nicht auf die Jagd gehen, wie ich und ihre einſamen Stunden würden durch ſtete Langeweile und ſtete Furcht verbit⸗ tert worden ſein. Noch weniger würde ein unwiſſendes, gemeines wüſtes Weib zu meiner Gefährtin gepaßt haben. Die Unwiſſenheit der Indianerin iſt weder beluſtigend noch abſchreckend, wie die der civiliſirten Frauen; auch hat ſie nicht jene Plumpheit der Sitten und jenes rohe Beneh⸗ men im Gefolge, welche hartes Arbeiten charakteriſiren. Ein indianiſches Weib iſt immer anmuthig und die Süßig⸗ keit ihrer Stimme erſetzt alles, was an Gefühl und Aus⸗ druck entbehrt wird— oder vielmehr ſie iſt Gefüht und Ausdruck vereinigt. Nein, nein, junger Mann— wenn ihr je in den Wäldern zu leben euch entſchließt, ſo hei⸗ rathet eine Waldnymphe. Ihr könnt eben ſo gut einen Tanzmeiſter hierher bringen als eine vornehme Dame. Doch kommt, wir verlieren unſere Zeit. Nehmt euch in — 159— Acht, daß ihr mich nicht für ein wildes Thier anſeht, wenn wir in die Wälder kommen, und mich niederſchießt. — Hier, Will, gehe du voran, mein Knabe, und wenn die alte Diana ſich nicht gut aufführt, ſo gib ihr die Peitſche.— Ich laſſe meine Knaben voran gehen,“ ſagte er, zu Sybrandt gewendet,„ſo oft es ohne Gefahr geſche⸗ hen kann. Dadurch werden ſie ſelbſtſtändig, kräftig und männlich.“ unſere Geſellſchaft eilte nun in die pfadloſen Wälder und machte nicht eher Halt, als bis ſie an die Ufer eines kleinen Sees kamen, deſſen Waſſer kryſtallhell war und deſſen Oberfläche die friſchgrünen Ufer umher mit tauſend neuen, namenloſen Reizen wiederſpiegelte, gerade wie die Phantaſie die Realitäten der Natur erhöht und aus⸗ ſchmückt. „Laßt uns hier eine Weile niederſitzen,“ ſagte der Fremde.„Ihr ſcheint ermüdet zu ſein. Zieht ihr es vielleicht vor, hier zu bleiben und zu fiſchen, wahrend Will und ich den See mit unſern Flinten umgehen? Ich habe Fiſchergeräthe mit mir gebracht.“ Da Sybrandt ein wenig müde geworden, waͤhlte er das letztere und der Fremde und ſeine Knaben gingen mit ihren Hunden davon, um die Runde um den See zu machen, der ungefähr zwei Stunden im Umkreis zu haben ſchien. „Habt euer Gewehr bei der Hand, wenn ein Hirſch oder ein Bär vorbei kommt,“ rief ihm der Fremde — 1650— noch aus der Ferne zu, als er eben in den Wäldern ver⸗ ſchwand. Unter dem Einfluß der Scene vor ihm, welche eine reizende Ruhe und Stille über ſeine ganze Seele ergoß, fuhr Sybrandt, ſtatt ſich dem Vergnügen des Fiſchens zu überlaſſen, fort, die ungeſchmückten und unbefleckten Schön⸗ heiten der Natur in dieſem ihnen wilden, abgeſchloſſenen Paradieſe zu betrachten. Die Kryſtallwaſſer ſchliefen hinter den grünbefranzten Vorhängen ihrer wellenden Ufer, kein Laut, kein Echo, keine Bewegung ſtörte die todähnliche Ruhe der Landſchaft. Die Welt, wie ſie ſich in dieſem Augenblicke ſeinem Auge darſtellte, beſtand aus dem blauen Himmel über ihm, und dem kleinen See und ſeinem grünen Saume vor ihm; alles andere war vor ſeinem Blicke verſchloſſen. Die Axt hatte nie eine Ader in den Körpern oder Gliedern des Urwaldes, dieſer Rieſenkinder der Natur geöffnet, welche das Werk der erſten Kraft der Mutter Erde waren; auch war in dieſem einſamen Gebiete ihr Buſen nie von der Hand des Menſchen berührt worden. Selbſt das Leben ſchien hier erloſchen, das Schlagen von Sybrandt's Puls und die Myriaden kleiner Fiſche ausgenommen, welche in den durchſichtigen Waſſern ſpielten und jeden Augenblick ihre ſilbernen Sei⸗ ten den glänzenden Strahlen der Gottheit des Tages zukehrten. Sybrandt dachte in dieſem Augenblicke wenig daran, daß, bevor wenige Jahre, eine einzige Generation kaum dahin gegangen, dieſes Land der Todten, oder viel⸗ — 161— mehr derer, die nie eine Exiſtenz gehabt, gleichſam durch Zauberwerk zu Leben und Bewegung ſich erheben würde; daß ſeine Stille den geſchwätzigen Zungen aller Sprachen und faſt aller Länder weichen,— daß Sprachen und Menſchen ſich in dieſen nun melancholiſchen Wäldern ver⸗ ſammeln würden, welche ſich nie vorher auf irgend einem Fleck der weiten Erde zuſammen gefunden hatten; und daß die Prometheiſche Berührung des Muthes, des Unter⸗ nehmungsgeiſtes, der Thätigkeit, der Ausdauer und der Charakterſtärke hier in der kürzeſten Zeit das weitbe⸗ rühmte alte Wunder, die lebloſe Scholle mit Bewegung und Verſtand zu begaben, bewirkt haben würde. Sybrandt dachte nicht ſo. Er gedachte der Vergan⸗ genheit und der Zukunft, ſo fern ſie ſich auf ihn und ſeine eigenen Angelegenheiten bezogen. Sie fanden ihren Mittelpunkt in ſeinen Erinnerungen und Träumen, ſeinem Hoffen und ſeinem Bangen, ſeinen Leiden und ſeinen Genüſſen. Jene ſelbſtſüchtige Einſamkeit, welche einen ſo großen Theil ſeiner Gewohnheiten und ſeines Charakters ausmachte, überkam ihn hier mit erneuter Kraft und lähmte und erſtarrte ſeine Gefühle und Sympathien, ſo fern ſie ſich auf ihn allein und ſeine ausſchließlichen Zwecke und Plane bezogen. Mit dieſen war Catalina ſo vergeſellſchaftet, daß er nie an ſich dachte, ohne an ſie zu denken. Eine mehr als gewöhnliche Düſterkeit und mißbehagliche Schwermuth war mit ſeinen jetzigen Gedan⸗ ken verbunden; denn die Einſamkeit nährt immer melan⸗ Paulding. III. 11 — 162— choliſches Brüten, eingebildete Schmerzen und beſorgliche Ahnungen. Die Vergangenheit, ſo fern ſie mit Catalina in Beziehung ſtand, bot ſeinen Erinnerungen wenig Erfreuliches oder Erhebendes und Begeiſterndes dar. Im Gegentheil, jedes ſpöttelnde Lächeln, jedes wirkliche oder eingebildete Zeichen ihrer Gleichgiltigkeit, ihrer Ungewo⸗ genheit oder ihrer Verachtung, tauchten der Reihe nach wie boshafte Geſpenſter vor ihm auf, zeigten mit ihren Knochenfingern auf ihn und grinſ'ten ihn mit übernatür⸗ lichem Hohne an. Flammende Röthe bedeckte ſein Geſicht, ſein Herz bebte und Angſttropfen quollen aus jeder Pore, wie er das lange Verzeichniß der geglaubten Verachtun⸗ gen und Beleidigungen der Reihe nach durchging und wieder freiwillig den mächtigen Schmerz in ſich erneuerte, welche ſie veranlaßt hatten. Wie er ſo da ſaß und gleichſam an ſeiner eigenen Seele zehrte, und in dem herben Mahle verwundeten Stolzes und gekränkter Empfindlichkeit ſchwelgte, blieb ſein Fiſchergeräthe unbeachtet an ſeiner Seite und er hörte weder die laute Muſik der Hunde, noch den Knall der Flinte des Fremden, der von Zeit zu Zeit durch die Wälder widerhallte und die lange tiefe Stille dieſer abgeſchloſſe⸗ nen Gegenden unterbrach. Seine Träume wichen endlich von der Stimme des Fremden, die erfreulich in ſein Ohr klang und ihn wieder zu der Gegenwart und Wirk⸗ lichkeit erweckte. Er kam, mit der mannichfachſten Beute deladen und rief ihm ſchon von weitem zu: — 163— „Kommt! kommt! wir wollen heim! Ich habe eine Menge Wild und ihr, hoffe ich, eine Menge Fiſche. Wir werden ein prachtvolles Mittageſſen und prachtvollen Appetit haben. Nun, laßt ſehen, was ihr gefangen habt!“ „Nichts,“ ſagte Sybrandt, und erröthete ein wenig. „Nichts? O, du fauler oder ungeſchickter Fiſcher— was haſt du denn gethan?“ „Nachgedacht!“ ſagte der Jüngling mit einem Seufzer. „Nachgedacht! Was hat ein Menſch bei Indianern und wilden Thieren nachzudenken? Thätigkeit, Knabe, Thätigkeit iſt das Wort hier in meinem Schattenreiche. Wollte ich meine Zeit mit Nachdenken vergeuden, ſo würden ich und meine Kleinen Hungers ſterben. Ich bin halb und halb geſonnen, euch heute nichts zu eſſen zu geben.“ „Ich habe mir meinen Appetit bereits weggedacht,“ ſagte der andere, ein wenig traurig. Der Fremde warf ihm einen ſcharfen, neugierigen Blick zu. „Junger Mann,“ ſagte er ernſt,„ihr ſeid ein Gelehrter! Ich habe das bereits ausfindig gemacht. Aber eure Erziehung iſt, dünkt mich, noch nicht vollendet. Ich werde einen ganz neuen Curſus mit euch anfangen und einen Mann aus euch machen, ſo gut wie einen Gelehr⸗ ten. In wenigen Wochen werden die Mohawb's hier eine Verſammlung vor meinem Gerichtshofe halten. Vor dieſer Zeit werdet ihr keine Gelegenheit haben, vortheil⸗ 11*¾ — 164— haft über eure Waaren zu verfügen; und ich weiß wohl, daß ein Indianiſcher Kaufmann, der ohne Erfolg zurück⸗ kehrt, ſich bei den Grenzleuten nie hervorthun kann, weil man annimmt, es fehle ihm an Muth, Gewandtheit und Ausdauer. Ihr müßt daher bis nach meiner großen Rathsverſammlung bei mir bleiben und ich werde Zeit haben, ein neues Blatt mit euch zu leſen. Es fehlt euch an Thätigkeit und ſie ſoll euch werden. Was ſagt ihr?“ „Meine lange Abweſenheit wird meine Freunde in Unbehaglichkeit verſetzen.“ „Nichts als das? Ich muß ohnehin in wenigen Tagen einen Boten nach Albany ſchicken und er kann einen Brief von euch mitnehmen. So iſt dieſer Einwurf beſeitigt.“ „Es liegt niemand etwas daran, ob ich komme oder nicht,“ dachte Sybrandt. „Was ſagt ihr? iſt's euch recht?“ fragte der Fremde. „Ja,“ verſetzte Sybrandt, und die Sache war abgethan. „Und nun nach Haus! O, welch einen gloriöſen Hunger ich habe!“ Mit ausgreifenden, haſtigen Schritten eilten ſie nach Haus. Der Tag war weit vorgerückt, als ſie an der Thüre des Fremden ankamen und alles für ſie in Bereitſchaft fanden, wie er es beſtellt hatte. Sein Indianiſches Weib empfing ihn mit einem Lächeln der Freude und die Kin⸗ der eilten herbei, um ihn zu bewillkommnen und ſeine Beute zu bewundern. Es war wenig Anſchein von Gefühl, aber viel gutmüthige Offenheit in dieſem Wie⸗ derſehen. „Wollt ihr ein Buch haben, um euern Abend auszu⸗ füllen?“ fragte der Fremde, als es dunkel zu werden begann.„Ich habe Bücher, aber, die Wahrheit zu ſagen, ich leſe jetzt nur ſelten darin. Sie machen Einen faul und unfähig zur Thätigkeit. Aber ich habe nichts dagegen, daß ihr leſ't.“ „Ich höre euch lieber ſprechen,“ ſagte Sybrandt. Da er gewahrte, daß die Indianiſche Frau ihren haͤuslichen Beſchäftigungen nachgegangen war, fuhr er fort: „Darf ich fragen, ob euch die Zeit nicht zuweilen mächtig lange wird, weil es euch an der Geſellſchaft fehlt, an welche ihr früher gewöhnt geweſen.“ „Nein, nein!“ ſagte der Fremde:„Ich könnte es nicht ſagen. Ich bin nie müßig, weder körperlich noch geiſtig. Theils in Folge der Nothwendigkeit, theils, weil es mir Vergnügen macht, gehe ich faſt jeden Tag auf die Jagd, welches mir Appetit, Beſchäftigung und Ruhe gibt, wenn ich mich des Abends niederlege. Ueberdies,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„habe ich Menſchen zu regieren; ich leite wenigſtens, wenn auch nicht unmittelbar, die Angelegenheiten eines gewiſſermaßen unſichtbaren Volkes, das in dieſen Wäldern verborgen iſt; und dies gibt mei⸗ nem Geiſte hinreichende Beſchäftigung. Es gibt kein anzie⸗ henderes Studium als das des Menſchen, und unter allen — 166— Menſchenarten bietet der Wilde mir einen Gegenſtand der größten Neuheit und des mächtigſten Intereſſes. Es iſt merkwürdig zu ſehen, wie verſchieden und dennoch wie ähnlich die geſittigten und die wilden Menſchenracen ſind. Der Eine iſt eine Bärenhaut in ihrem rohen, natürlichen Zuſtande; der andere iſt dieſelbe Haut, an den Seiten mit rothem Tuch und bunten Federn bedeckt. Das ſo herausgeputzte Thier iſt doch immer nur ein Bär.“ „Ihr ſeid kein Bewunderer des Thieres, wie es ſcheint, in welcher Weiſe es auch auftreten mag,“ ſagte Sybrandt. „Ihr irrt; ich halte es für eine ganz paſſable Thier⸗ art und liege mit meinen Mitgeſchöpfen in keinem Streite, bin ich gleich hierher gekommen, um in den Wäldern zu wohnen und mich einer ſteten Thätigkeit ohne Händear⸗ beit und ſteter Aufregung zu erfreuen, ohne mich an dem Spieltiſch zu Grund zu richten oder andere arm zu machen, nur, um mich immer wach und munter zu erhalten.“ „ Ich möchte dennoch annehmen, daß ihr euch zuwei⸗ len unbehaglich fühlt, weil es euch an dem gewöhnlichen Verkehr des geſelligen Lebens— an dem Austauſch der Gedanken— ja, an dem Kampfe der Meinungen, Anſich⸗ ten und Intereſſen fehlt, wodurch die Welt immer und ewig ſich an ihrer Axe um und umdreht.“ „Ich bin nicht immer allein; die Indianer beſuchen mich zuweilen; ſie ſind aber freilich keine großen Plaude⸗ — 167— rer; ausgenommen, wenn ſie regelmäßige Reden halten wollen, wo ſie denn— ich muß es euch verſichern— als Redner eine ſehr achtungswerthe Rolle ſpielen. Aber es fehlt niemals an widerſtreitenden Anſichten und Inte⸗ reſſen, wenn der Indianer und der weiße Mann mit einander in Berührung kommen. Ich fürchte, ſie wer⸗ den nie unter einander einig. Ich verzweifle zuweilen ganz daran, den Plan durchſetzen zu können, der ſich während meines Aufenthaltes hier allmählich in meinem Kopfe gebildet hat, und welcher nun den Hauptvorwurf meines Lebens abgibt.“ „Darf ich fragen, worin er beſteht?“ ſagte Sybrandt. „Die Indianer in den Kreis des geſittigten Lebens hereinzuziehen. Ich muß mich immer mehr überzeugen, daß ſie untergehen werden, wenn ſie, wie bisher, ein abgeſondertes, unharmoniſches Ingredienz in jenem großen Netze des ſocialen Lebens bleiben, welches ſich nun nach allen Richtungen ausbreitet und, wie ich glaube, eines Tages dieſen ganzen ungeheuren Welttheil überziehen wird. Nichts kann ſie retten, als daß ſie ſich den Geſetzen, den Sitten und Beſchäftigungen der weißen Menſchen anſchließen. Ich habe mich bemüht, ſie allmählich dazu vorzubereiten, und zu dieſem Behufe ging mein Streben dahin, ihr Vertrauen zu gewinnen und einen Einfluß über ſie zu erhalten. Dies iſt mir auf eine bewunderns⸗ würdige Weiſe, und beſſer gelungen, als allen andern weißen Männern, einige der katholiſchen Miſſionäre viel⸗ — 168— leicht ausgenommen. Dennoch drängt ſich mir in jedem Moment meines Lebens die Wahrheit auf— und ich kann ihr meine Augen nicht verſchließen—, daß dieſer, Einfluß ſich nicht auf meine Ueberlegenheit in den Eigen⸗ ſchaften eines geſittigten Mannes, ſondern auf meine Fähigkeit gründet, ſelbſt die Indianer in Kampf, Jagd, Mühſeligkeiten, Entbehrungen und Duldung jeder Art zu übertreffen. Dies iſt das Geheimniß meiner Macht. In dem Verhältniſſe, in welchem ich ein Wilder werde, achten mich die Wilden— nicht mehr.“ 85 Der Fremde fuhr nun fort, eine Menge Anekdoten zu erzählen, welche die Indianiſchen Sitten und die Denkweiſe dieſer Völker in das Licht ſtellten und berech⸗ net waren, dieſe Anſicht zu unterſtützen; und jene ange⸗ borne, nicht zu bewältigende Wildheit des Charakters darzuthun, welche die Mühe, dieſe Nace für höhere Kultur und Sittigung, wornach echte Menſchenfreunde ſtreben, zu gewinnen, zu einer faſt hoffnungsloſen Auf⸗ gabe gemacht hat und noch macht, welche ſelbſt der Eifer der Religion und die Glut echter Menſchenliebe zuweilen verſucht iſt, aufzugeben. 1 — 169— Dreizehntes Kapitel. Die Könige der Wälder. Die eben erwähnte Unterhaltung wurde durch ein leiſes Klopfen an der Thüre unterbrochen, die ſich augen⸗ blicklich öffnete; zu dem nicht geringen Schrecken Sybrandt's traten die Indianer, deren Häuptling durch ſein Meſſer gefallen und in dem Fiſcherhauſe geſtorben war, von einem neuen Hauptling angeführt, ſchweigend in das Gemach, in welchem ſie ſich befanden. Der Fremde empfing ſie höflich und winkte ihnen, ſich zu ſetzen. Sie gehorchten und blieben fortwährend ſtumm, während ſte Sybrandt mit Blicken voll bösartigen, wilden Ausdrucks anſchauten. „Meine Kinder kommen als Freunde?“ ſagte der Fremde mit Nachdruck und Würde. „Die rothen Kinder lieben ſtets ihren Vater,“ ver⸗ ſetzte der Häuptling:—„aber ſie kommen, um ihm zu ſagen, daß er eine Schlange in ſeinem Wigwam hat, welche ſie tödten und deren Zaͤhne ſie ausreißen müſſen.“ Der Fremde fuhr auf und ſagte, ſeitwärts zu Sybrandt gewendet—„wie gedankenlos ich geweſen bin! Ich hätte euch keinen Augenblick hier zurückhalten ſollen, — 170— nachdem ihr im Stande waret, zu reiſen; aber fürchtet nichts; ich bürge euch dafür, daß kein Haar auf eurem Haupte gekrümmt werden wird, ſo lange mir das mei⸗ nige um meine Schultern bleibt.“ Er wandte ſich nun zu dem Häuptling. „Ich verſtehe, was du ſagſt.“ „Gut,“ ſagte der Indianer. „Morgen werde ich die Sache unterſuchen.“ „Die Schlange muß ſogleich mit uns kommen. Ich habe Paskingoe's Frau und Mutter verſprochen, daß ſie morgen mit dem Aufgang der Sonne den Freudegeſang anſtimmen ſollen. Der Indianer lügt nicht.“ „Er iſt mein Freund; er iſt unter meinem Schutze.“ „Er kann nicht der Freund unſeres weißen Vaters und der Feind ſeiner rothen Kinder ſein.“ „Er hat Paskingoe getödtet, um ſein Leben zu retten. Paskingoe und ſeine Leute waren toll.“ „Wer hat ſee toll gemacht? Die junge Schlange und ihr Feuerwaſſer. Er muß mit uns geh'n— wir müſſen ihn haben.“ „Er wird nicht gehen. Ich liefere ihn nicht aus.“ „Dann ſeid ihr unſer Vater nicht mehr,“ verſetzte der Häuptling.„Ihr habt uns geſagt, ihr wäret unſer Freund, aber es war nur des weißen Mannes Rede. Er iſt niemals des rothen Mannes Freund, wenn wir dem weißen Manne gegenüber ſtehen.“ „Bleibt bis morgen,“ ſagte der Fremde, der augen⸗ — 11— ſcheinlich in großer Verlegenheit war:— bleibt bis mor⸗ gen früh und ich verſpreche euch, daß ihr mich zufrieden geſtellt verlaſſet.“ „Es iſt gut,“ ſagte der Häuptling,—„wir wollen bleiben. Aber wird die junge Schlange auch bleiben?“ „Das wird er; er wird nicht davon laufen, wie ein Reh.“ „Es iſt gut,“ ſagte der Indianer und ſie ſteckten ihre Pfeifen an und rauchten eine Zeitlang, ohne ein Wort zu reden. Das Geſpräch war in der Mohawk⸗Sprache geführt worden, aber Sybrandt verſtand leicht, wovon es ſich handelte, und man denkt ſich wohl, daß ſeine Gefühle nicht die angenehmſten waren. Er miſchte ſich jedoch nicht in die Sache, da er hinreichend einſah, daß ſein Dazwiſchentreten die Erbitterung der Indianer nur noch ſteigern könne. Endlich waren ihre Pfeifen ausgeraucht und der Häuptling ſagte zu dem Fremden: „Können wir heute Nacht in unſeres Vaters Wigwam ſchlafen?“ „Wird der junge Mann bis morgen ungefährdet bleiben?“ „Er wird es, wenn er nicht verſucht, zu entwiſchen.“ Der Fremde antwortete nicht. Er zeigte ihnen den Weg zu einem oberen Gemache, wo die Indianer ſich — 172— auf den Boden niederlegten und bald in jenen tiefen, ruhigen Schlaf verfielen, der ihre Race charakteriſirt. Zwiſchen Sybrandt und dem Fremden erhob ſich nun eine anziehende Verhandlung, in welcher der letztere den Vorſchlag machte, er wolle ihm dieſe Nacht zur Flucht verhelfen, indem er ihm einen Führer und ein Kanot verſchaffte und die Indianer in dem Gemache zurückhielt, in welchem ſie ſchliefen, bis er weit genug entfernt war, um nicht eingeholt werden zu können. „Und was wird die Folge ſein?“ fragte Sybrandt.— „Die Indianer werden es euch nie vergeſſen. Sie wer⸗ den eure Feinde werden, und wenn ſie euch, euer Weib und eure Kinder nicht ermorden, ſo werdet ihr von mor⸗ gen an euren Einfluß über ſie verloren haben. Nein, Herr, der große Plan, dem ihr euer Leben geweiht habt, ſoll nicht um meinetwillen ſcheitern. Ich bin ent⸗ ſchloſſen, zu bleiben und dem entgegen zu ſehen, was kommen wird.“ „Wahrlich, ihr ſeid ein wackerer Burſche— etwas mehr als ein Gelehrter, wie ich ſehe. Es mag ſo ſein. Aber ich verbürge mich hier mit meiner Ehre, daß euch kein Leid zugefügt werden ſoll, das ich nicht mit euch theilte. Gehen wir zu Bett. Ihr ſeid dieſe Nacht ſicher. Die Indianer verletzen die Gaſtfreiheit nie.“ Man kann ſich denken, daß Sybrandt dieſe Nacht eben nicht ſehr ruhig ſchlief, obgleich er nicht fürchtete, ſeinen Schlummer unterbrochen zu ſehen— den Morgen — 173— fürchtete er; und als der Morgen kam, ſtand er früh auf und ging in das Gemach hinab, in welchem ſie den vorigen Abend hingebracht hatten. Der Fremde und die Indianer waren bereits dort, der erſtere in die koſtbare engliſche Uniform mit glänzen⸗ den Epauletten auf beiden Schultern gekleidet. Rings um das Zimmer waren eine Menge der Gegenſtaͤnde zu ſehen, welchen das Indianiſche Auge am wenigſten zu widerſtehen vermag, und auf welche ihre ſehnſüchtigen, gierigen Blicke gerichtet waren und von denen ſie ſich nur einen Moment abwendeten, um dem eintretenden Sybrandt einen Blick voll zornigen Haſſes zuzuwerfen. Nach einer Pauſe von wenigen Minuten redete der Häuptling den Fremden ſo an: „Mein Vater, euer Sohn hatte in der letzten Nacht einen Traum.“ „So?“ ſagte der Fremde lächelnd:—„Was iſt es geweſen, mein Sohn?“ „Euer Sohn,“ verſetzte der Häuptling mit großem Ernſte,—„euer Sohn träumte, der große Geiſt ſei ihm erſchienen und habe ihm geſagt, ſein guter Vater habe ihm ein Geſchenk mit einem ſchönen Kleide gemacht und jedem ſeiner Leute ſechs neue Blankets gegeben. Hat der große Geiſt die Wahrheit geſprochen? oder wird mein Vater ihn zum Lügner machen?“ Der Fremde ſchwieg einen Augenblick. „Der große Geiſt,“ erwiederte er endlich,—„hat — 174— wahr geſprochen; das Kleid und die Blankets ſollen aus⸗ geliefert werden. Aber, mein Sohn, ich habe in der vergangenen Nacht auch einen Traum gehabt. Der große weiße Geiſt iſt zu mir an meine Bettſtelle gekommen und hat mir zugeflüſtert,— dein Sohn, der Häuptling des Biberſtammes, hat dem jungen Kaufmann verziehen, durch deſſen Hand Paskingve fiel; er hat ihn dir gegeben, damit du mit ihm macheſt, was du willſt.— Hat der große weiße Geiſt wahr geſprochen?“ Der Häuptling und ſeine Gefährten ſahen ſich zwei⸗ felhaft und verlegen an. „Ich habe vergeſſen,“ fuhr der Fremde fort,—„daß der große weiße Geiſt mir auch geſagt hat, Paskingoe's Mutter habe ihre Thränen getrocknet und ſein Weib ihre Wehklagen eingeſtellt, ſeit du ihr die ſchönen Glaskoral⸗ len und die tombacknen Halsbänder gegeben haſt. Hat der große weiße Geiſt wahr geſprochen oder hat er gelogen?“ Die Indianer wechſelten wieder bedeutungsvolle Blicke und dann ließen ſie jenen Gurgellaut hören, durch welchen ſie gewöhnlich ihre Beiſtimmung zu erkennen geben. „Mein Vater“ ſagte endlich der Häuptling,„ihr träumt zu ſtark für euern Sohn. Aber ihr habt unſern großen Geiſt nicht Lügen geſtraft und ich werde den euri⸗ gen nicht Lügen ſtrafen. Die junge Schlange iſt frei; er mag ſich aber hüten, daß er nicht wieder zu uns kommt. Seldſt mein Vater würde ihn nicht aus dem Feuer heraustraͤumen.“ — 175— Die Sache war abgemacht. Die Indianer zogen mit ihrem Putzwerk ab und Sybrandt war frei. Als ſie in dem Walde verſchwanden, ließ der alte Tjerk, welcher den Ausgang der Sache mit großer Angſt und Unruhe erwartet hatte, den ſchrillenden Kampfruf der Adiron⸗ docks triumphirend hören. Ein Pfeil von einem fernen ungeſehenen Bogen ziſchte an ſeinem Ohr vorüber und machte ſeinem Jubel raſch ein Ende. Er bewahrte jedoch den Pfeil ſein ganzes Leben lang, und machte denſelben zum Texte einer ſehr vortrefflichen Erzählung, die dem, was wir eben berichteten, ſo ähnlich war, wie die Beſchrei⸗ bungen der meiſten Landſchaften dem Originale ähnlich ſind. Der Fremde theilte nun Sybrandt die Unterredung mit, welche in der Mohawk⸗Sprache geführt worden war, und unſer Held beſtand darauf, daß er ihm den Preis ſeiner Freiheit erſetzen wolle. Jener willigte aber durch⸗ aus nicht in dieſes Erbieten, da die Regierung die Mittel lieferte, um die Indianer durch ſolche Geſchenke, wie ſie nöthig erſchienen, zu verſöhnen. — 176— Vierzehntes Kapitel. Der Fremde unternimmt die Umwandlung unſeres Helden. Sybrandt blieb bei dem Fremden, deſſen Charakter und Lebensweiſe er jeden Tag mehr und mehr bewunderte. Von den tauſend kleinen ſeltſamen und abgeſchmackten Fäden des civiliſirten Lebens, welche wie die unſichtbaren Taue und Pflöcke der Lilliputer den rieſigen Gulliver, den Menſchen, an die Erde binden, oder in ein gewiſſes Geleis hergebrachten und vorgeſchriebenen Zwangs feſt⸗ bannen, wurden in der Anſtedlung des Fremden keine gefunden, als die von der einfachſten Form. Es fand ſich alles vor, was zur Befriedigung eines geſunden Appetites, eines geſunden Schlafes und ländlicher Thätig⸗ keit nöthig war. Man ſah hier keine jener künſtlichen, koſtbaren Bedürfniſſe, welche unter der Maske häuslicher Behaglichkeiten oder Verſchönerungen menſchliche Geſchöpfe, die ſich für erleuchtet anſehen, zu Sklaven eines Reich⸗ thums machen, welchen ſie nur erwerben, indem ſie Geſundheit, Freude und Freiheit opfern. Ueberall umher herrſchte eine glückliche Abweſenheit alles Zwanges, und obgleich alles und jedes ſich zu einer behaglichen Regel⸗ mäßigkeit zu ordnen und zu fügen ſchien, ſo geſchah es doch ohne Anſtrengung, ohne Geräuſch und ohne den entfernteſten Anſchein von Zwang oder Befehl. Das indianiſche Weib hatte ſtets ein Lächeln auf ihrem Geſichte; die Kinder ſpielten umher, der ſeelbedrängen⸗ den, geiſttödtenden Aufſicht des ewigen Zwanges und Leitens baar, die glücklichſten der Geſchöpfe Gottes; die Tage, welche die Natur als die Periode feſtgeſetzt hat, wo ihr Sprößling frei von Ketten ſein ſoll, brachten ſie in der ganzen vollen Wonne heiteren Frohſinns hin. Kurz, Sybrandt konnte nicht umhin, zu bemerken, daß, während nirgends Zwang zu ſein ſchien, überall voll⸗ kommener Anſtand, ungekünſtelte Schicklichkeit herrſchte, welche durchgehends den Anforderungen des Lebens der höheren Kreiſe entſprach. Jeden Tag, wenn das Wetter es erlaubte und wahr⸗ lich, ſehr oft, wenn einer der modiſchen Jäger vor dem Kampfe der Elemente zurückgebebt hätte, folgten ſie dem männlichen, erregenden Waidwerk. Das Bild des Krie⸗ ges, beſonders in diefem Bereiche von Wilden und Raub⸗ thieren— mußte dieſe Lebensweiſe natürlich die ſchlum⸗ mernden Kräfte Sybrandt's wecken, die ſo lange unter dem gelehrten Schutte des guten Dominie Stettinius geruht hatten, von deſſen unglücklichem Looſe er bis jetzt noch nichts wußte. Er erlangte Gewandtheit und tüchtige Körperkraft und zumal eine Raſchheit der Auffaſſung und eine Schärfe des Blickes für das, was um ihn vorging, daß er allmählich in ſeine gewöhnte, thatloſe Agezogenden Paulding. III. — 178— und Träumereien tiefe Eingriffe that. Er nahm etwas von des Fremden furchtloſer, unabhängiger Haltung, ſeinem ſtolzen Gebahren und ſeinem Unwillen über Müßiggang oder Unthätigkeit an. Kurz, er erwarb ſich Selbſtvertrauen, Selbſtbeherrſchung und Selbſtachtung, wie er ſie nie vorher gefühlt hatte und welche ihn von den bleiernen Banden jenes unbeholfenen Zwanges befrei⸗ ten, der bisher der Fluch ſeines Lebens geweſen war. Die Kur war aber noch nicht vollſtändig; die Krank⸗ heit hatte ſich zu tief eingeniſtet und gelegentliche Rückfälle ließen nur zu gut gewahren, daß ſeine Rückkehr zu ſeiner frühern Lebensweiſe und ſeinen frühern Umgebungen gewiß auch wieder eine Rückkehr der alten Krankheit erzeugen würde. An einem ſtürmiſchen Tage, als der Wind mit einer ſo grimmigen Wuth losbrach, daß ſie nicht ohne Gefahr ihrer täglichen Jagdbeluſtigung ſich hingeben konnten, fand der Fremde unſern Helden in den wirren Kram vertieft, welcher bei einfachen Leuten unter dem Namen „gelehrte Träumereien“ bekannt iſt, von der beſſern Klaſſe aber mit der ſtolzen Veeichnund„tiefes Nach⸗ denken“ beehrt wird. „Weſtbrook,“ ſagte er mit ſeiner gewöhnlichen kur⸗ zen, offenen Geradheit—„die Zeit, welche wir mit einander hingebracht haben und die Umſtände, unter denen wir uns kennen lernten, ſollten nun Freunde aus uns gemacht haben. Es kommt mir vor, als bekämt ihr das —x ,.,“ — 179— Heimweh. Iſt's ſo, ſo ſagt es. Ihr könnt mich hier als Verwalter eurer Waaren anſehen und ich verbürge mich, daß ich euern Vortheil nach Kräften wahren und euch getreulich Rechenſchaft ablegen werde. Was ſagt ihr, habe ich recht?“ Sobrandt gedachte allerdings ſeiner Heimath, aber nicht mit jenem wunderſamen unerklärlichen Gefühle, welches uns ein Paradies verleidet und uns in bitteren Thränen nach den öden Sandwüſten oder den unfrucht⸗ baren Bergen verlangen läßt, wo wir zum erſten Mal Gottes herrliches Licht geſehen haben und wo wir daheim ſind. Er hatte nur wenige, ſehr wenige erfreuliche Erin⸗ nerungen dort aufgeſpeichert und dieſe waren unter tauſend Qualen der Selbſtliebe, der Kränkungen und eingebildeten Leiden begraben. Er antwortete dem Fremden in einem Tone bittern Schmerzes: 1 „Ich habe wirklich an die Heimath gedacht; aber ich kann eben nicht jetzt wünſchen, dahin zurückzukehren.“ „Waret ihr nicht glücklich dort?“ „Nicht ſehr.“ „Weſſen Schuld war es?“ Sybrandt ſchwieg und wenige Minuten eines raſchen Rückblicks überzeugten ihn, wie ſchwer es ſei, auf dieſe einfache Frage eine befriedigende Antwort zu geben. „Ich weiß es nicht“— ſagte er endlich—„manch⸗ mal glaube ich, war es meine eigene Schuld— manchmal, die Schuld von Andern.“ 1²* — 180— „Weſtbrook,“ ſagte der Fremde gütig,„habt ihr je von dem König gehört, welcher inmitten ſeiner Hof⸗ leute Ball ſpielte?“ „Ich erinnere mich nicht,“ anzwortete er ein wenig erſtaunt.. „Gut, ich will ſie euch erzählen. Ein Streit erhob ſich über einen Fall bei dem Spiele, welches der König ſpielte; eine bedeutende Wette hing von der Entſcheidung ab. Der König wendete ſich an ſeine Höflinge. Sie waren ſtumm. Endlich kam einer ſeiner grauköpfigen Räthe in den Hof, wo geſpielt wurde und als er dieſe Anſtände hörte, ſagte er, Sire, ihr habt Unrecht.— Wie? ſagte der König, ihr gebt mir Unrecht, bevor ihr etwas von der Sache gehört habt?— Verzeiht mir, Sire, verſetzte der alte Mann, wenn ihr recht gehabt hättet, ſo würden dieſe Herren(er zeigte auf die Höflinge) keinen Augenblick in Ungewißheit geweſen ſein. Dieſe Geſchichte läßt ſich auf alle Handlungen des Menſchen anwenden. Seine Eigenliebe und ſeine Leidenſchaften ſind die Höflinge und wenn ſie je in Ungewißheit ſind, wer zu tadeln ſei, und ſie ſchweigen, ſtatt die Frage zu entſcheiden, ſo kann er ſtets gewiß ſein, daß er der Schuldige iſt. Wenn die Sache nur irgend zu ſeinen Gunſten ſpricht, werden ſie keinen Augenblick anſtehen, ſich für ihn zu entſcheiden.“ So ſeltſam es auch klingen mag— Sybrandt hatte die Sache noch nie zuvor aus dieſem Geſichtspunkte — — 181— angeſehen, noch ſich die Frage geſtellt, wer wegen der Geiſtesqual zu tadeln ſei, welche er, die Wahrheit zu ſagen, ſich ſelbſt abſichtlich angethan hatte. Dominie Stettinius war ein guter und ein ſehr gelehrter Mann, aber kein Philoſoph. Er war in ſeinen Einſichten nie ſo weit gediehen, um zu wiſſen, daß Gelehrſamkeit und Weisheit, obgleich wirkliche Geſchwiſter, gewöhnlich ihre eigenen, abſonderlichen Wege gehen und ſelten beiſammen geſehen werden. 4 „Kommt,“ ſagte er, nachdem er ihm hinreichend Zeit gelaſſen hatte, über den Sinn ſeiner Geſchichte nachzudenken—„kommt, ich fühle einige Neugierde— keine müſſige— etwas mehr von einem jungen Manne zu erfahren, von dem ich mich überzeugt habe, daß er der Thatkraft fähig iſt, obgleich es leicht ſcheinen möchte, als ſchweiften ſeine Gedanken ſtets im Blauen. Ich habe euch vor langer Zeit ſchon meine Geſchichte erzählt— erzählt mir jetzt die eurige. Ich ſehe, euer Gemüth iſt in einem kränklichen, erſchlafften, tonloſen Zuſtande. Laßt mich die Natur eurer Krankheit kennen und ich heile euch, ich ſetze mein Leben daran.“ „Ich glaube, ich habe nichts zu erzählen. Meine Geſchichte iſt ohne Handlung; und ohne Handlung iſt ſogar ein epiſches Gedicht langweilig,“ verſetzte der Jüngling, und rief ein ſchwermüthiges Lächeln zu Hilfe. „Es thut nichts; ich bitte, erzählt mir alles. Ich glaube, der Fall iſt mir ſchon durch das bloße Zugeſtänd⸗ — 182— niß, welches ihr eben machtet, klar. Eurer Geſchichte fehlt es allerdings, wie es ſcheint, an Handlung.“ Dieſe Zuſprache beſiegte endlich die Scheue und Zurückhaltung Sybrandt's und er erzählte die Einzeln⸗ heiten von ſeinem grundloſen Elend. Als er fortfuhr, lächelte der Fremde zuweilen, dann ſchüttelte er wieder den Kopf. „Seltſam,“ ſagte er endlich, als der junge Mann ſein ſonderbares Geſtändniß geſchloſſen hatte—„ſeltſam, wie ein Menſch ſein ganzes Leben damit hinbringen kann, ſolches Elend zu münzen, das keine Weſenheit hat, als in ſeiner verkehrten Phantaſie. Junger Mann, ich nehme lebhaften Antheil an euch. Ihr ſeid im Beſitze deſſen, was ich an dem Manne liebe und achte. Ich habe euch zwei Mal in Lagen geſehen, welche des Kräftigſten Ner⸗ ven zu prüfen geeignet waren; ihr habt dem Tode in das Auge geſehen, ohne eine Miene zu verziehen, und habt Schmerzen ertragen, ohne mit einer Muskel zu zucken. Solche Leute erkenne ich als meine Mitgeſchöpfe— als meines Gleichen an.“ Eine augenblickliche Pauſe entſtand, worauf er lächelnd fortfuhr: 3 „Seht nun, derſelbe Mann, welcher vor einer Schaar betrunkener Wilden ſtand, die ihre Meſſer und Toma⸗ hawks geſchwungen hatten, um ihm das Leben zu neh⸗ men— derſelbe Mann, welcher während einer Unter⸗ redung, die über die Frage entſchied, ob er der Wuth 2 — 183— der Indianer ausgeliefert und dem Scheiterhaufen preis gegeben werden ſollte— derſelbe Mann kann einem Mädchen nicht in das Geſicht ſehen, mit dem er von Kindheit auf faſt ununterbrochen in Geſellſchaft lebte! Er zittert und bebt bei dem Gedanken, in das Anſyrach⸗ zimmer eines ehrlichen, guten Land⸗Gentleman zu treten, der überdieß ſein Oheim iſt! Er kann dem Tod in ſeiner ſchrecklichſten Geſtalt in das Auge ſehen, aber er kann kein Lächeln ertragen, er kann nicht einmal die abſtrakte Idee eines Lächelns, welche ſeine krankhafte Phantaſie heraufbeſchworen, ertragen!“ Allmählich, wie der Fremde fortfuhr, übergoß die Röthe des Stolzes und der Scham abwechſelnd Sybrandt's Antlitz. Es war ohne Frage in der Rede mehr Honig als Galle, aber unſer junger Mann hatte ſich ſeit zu langer Zeit gewöhnt, ſich von dem Süßen abzuwenden und in dem Bittern zu ſchwelgen; und da der alte Gedanke, daß man ihn verhöhne, in voller Kraft zuruück⸗ kehrte, ſo ſchwoll ſein Herz und ſeine Stirne wurde feucht von dem Thaue des ſtark angeregten Gefühls. Er blieb in Schweigen verſenkt und wenn ſein Leben davon abgehangen hätte, er hätte kein Wort hervorbringen können. „Iſt euch jemals,“ fuhr der Fremde in dem Tone des Scherzes fort—„iſt euch jemals in eurem ganzen klaſſiſchen Krame ein Held, oder auch nur ein Menſch von erträglichem Rufe vorgekommen, der ſich geſchämt hätte, ſeines Gleichen in das Antlitz zu ſehen? Die — 184— Beſcheidenheit, von welcher wir als einer Eigenſchaft leſen, welche Jung und Alt zur Nachahmung empfohlen wird, iſt nichts mehr und nichts weniger, als ein würde⸗ volles Selbſtbewußtſein, welches ſeine Anſprüche an Ehre und Lohn niemals geltend macht, ſondern es der Welt überläßt, ſie nach ihrem eigenen Gefühle der Verpflichtung zu ermitteln und zu verwirklichen. Die Alten haben nie daran gedacht, jene kindiſche und unmännliche Schwäche, die fälſchlich Beſcheidenheit genannt wird und ein inneres Bewußtſein der Gehaltloſigkeit oder Erniedrigung verräth, welche die Menſchen in ihren Augen immer lächerlich machen und ein ewiges unüberſteigliches Hinderniß gegen große, edle Thaten abgeben, zu preiſen oder zur Nach⸗ ahmung zu empfehlen. In dem ſelbſtbewußten Genius iſt eine herrliche Unverſchämtheit, welche ſich an Dinge wagt und ſie ausführt, die furchtſamen, verſchämten Memmen weit über dem Bereiche der menſchlichen Kraft zu liegen ſcheinen.“ Das Wort„Memme“ kitzelte Sybrandt's Ohr herb und jener geiſtige Prozeß, kraft deſſen er gewöhnt war, alles zu Galle und Wermuth zu verarbeiten, ließ ihn daſſelbe plötzlich auf ſich beziehen. Der Fremde ſah das Gähren ſeines Geiſtes und fuhr fort: „Auch iſt die Thorheit einer ſolchen ſcheuen, beben⸗ den Mädchenhaftigkeit in dem Manne nicht weniger ver⸗ ächtlich als deren Feigheit. Es iſt daher recht, daß er wegen jener verlacht, wegen dieſer verachtet wird.“ — 185— Sybrandt konnte es nicht länger aushalten. Er ſprang von ſeinem Sitze auf, ohne einen Funken von Verlegenheit oder Schüchternheit in ſeinem ganzen Weſen zu fühlen. „Gilt dieſe Sprache mir, Sir? denn, wenn dies ber Fall iſt, vernichtet es jede Verpflichtung von meiner Seite. Wenn ich bei Frauen kein Mann bin, ſo werdet ihr lernen, daß ich es Mannern gegenüber ſein kann. Niemand ſoll ſagen oder andeuten, ich ſei ein Thor oder eine Memme. Habt ihr dieſe Worte auf mich angewen⸗ det, oder nicht?“ „So viel als in eurem eigenen ehrlichen Bewußtſein euch zum Looſe fällt, mehr nicht,“ verſetzte der Andere mit einer ſehr kränkenden Gleichgiltigkeit. Sybrandt maß ihn von Kopf bis zu den Füßen mit einem Auge kühnen Trotzes. „Lebt wohl, Sir, für jetzt. Ich bin euer Gaſt und ihr ſeid mein Wohlthäter. Ich würde für die Güte eurer Gaſtfreiheit und die Gunſt eures Beiſpiels euch bis an das Ende meines Lebens dankbar geweſen ſein; aber ihr habt mir nichts gelaſſen, als das Bedauern, daß ich jemals die eine annahm und von dem andern Nutzen zog. Lebt wohl, Sir. Beurtheilt die Größe meiner Dankbarkeit nach dem Vergeſſen der Beleidigung, welche ihr mir ſo eben angethan habt. So weit gleicht ſich die Schuld aus. Nehmt euch in Acht, ich bitte, keine neue Rechnung anzufangen.“ — 186— Er ſchickte ſich an, das Haus zu verlaſſen, als ihn ein herzliches Lachen des Fremden aufhielt. „Bravo! Recht! Ich ehr' euch, Herr Weſtbrook. Ihr habt wie ein hochherziger, ehrenwerther Gentleman geſprochen. Von meiner ganzen Seele acht' ich einen Mann von Muth. Nicht ohne Grund wird dieſer Muth für die Grundlage aller Tugenden gehalten, da ohne ihn unſere beſten und edelſten Entſchlüſſe behindert oder ganz vernichtet werden, indem wir die Folgen derſelben fürch⸗ ten. Ohne den Muth, Drohungen, Gefahren, den Tod zu verachten, kann niemand auch nur einen einzigen Augen⸗ blick ſich auf ſeine anderen Tugenden verlaſſen. Und doch ſcheint es mir, als wenn alle Erziehung dahin ſtrebe, den Weg zu bahnen, um uns zu Memmen zu machen. Die Amme beginnt damit, daß ſie die Kinder mit Geſchichten von Geiſtern und Geſpenſtern ſchreckt und ſie mit Furcht erfüllt, ſich im Dunkeln zu ergehen; und der Geiſtliche endigt damit, daß er den Mann mit ſchau⸗ derhaften Gemälden von dem Todeskampf und den Qua⸗ len der künftigen Welt ängſtigt. Bei'm Himmel, ich kann oft nicht genug ſtaunen, daß nicht alle eiviliſirten Männer ausgemachte Feiglinge ſind. Aber warum,“ ſetzte er nach einer kleinen Pauſe hinzu—„warum redet und handelt ihr nicht immer und überall mit demſelben männ⸗ lichen Stolze, mit dieſer edeln Freiheit, welche ihr eben gezeigt habt? Mit einer ſolchen Miene, einer ſolchen Geſtalt, einem ſolchen Geiſt und Herzen— wer hat, ſei —— —xx — 187— es Mann oder Weib, den Athem des Lebens geathmet oder athmet ihn, vor dem ihr euch zu fürchten oder zu ſchämen braucht, voll in das Geſicht zu ſehen? Vergebt mir, daß ich euch ſo in Verſuchung führte, oder vielmehr, daß ich euch eine Gelegenheit bot, euch ſelbſt zu zeigen, was ihr wirklich ſeid. Niemand, der euch, gleich mir, in Lagen geſehen hat, welche eines jeden Mannes Nerven auf die Probe ſtellen, wird ſich es je träumen laſſen, daß ihr weniger als durchaus muthig und männlich wäret; und niemand, der gleich mir, ſich mit euch unterhalten und ſo manchen Tag gehört hat, wie ihr die Sprache eines vielſeitig unterrichteten Mannes von geſundem Urtheil und wackern Grundſätzen ſprecht, wird euch der Thorheit zeihen, er müßte denn ſelbſt ein Thor ſein. Bei meiner Seele! was ich geſagt habe, ſollte euch nur zu jenem„Erkenne dich ſelbſt“ verhelfen— die nützlichſte aller Lehren, welche man dem Menſchen geben kann. Fühlt ihr hinfort, daß ihr wieder vor dem Begegnen eines weiblichen Auges bangt, oder den ſpöttiſchen Blick einer Puppe fürchtet, ſo erinnert euch, daß ihr dem Löwen, Sir William Johnſon genannt, in ſeiner Höhle getrotzt habt und fürchtet von nun an keines Mannes, keines Weibes Antlitz mehr. Sind wir wieder Freunde?“ Sybrandt faßte Sir William's Hand ſchweigend und das Begebniß dieſes Tages übte einen Einfluß auf ſeine Zukunft, welcher vielleicht größer war, als alle die Leh⸗ ren des guten Dominie Stettinius, oder der berühmten — 188— Vorbilder des klaſſiſchen Alterthums. Als die Macht der Gewohnheit beſiegt war, ſchienen die ſchweren Bande, welche ſeinen Genius ſo lange gefeſſelt hatten, plötzlich ihre ganze Kraft verloren zu haben, und ſein Benehmen wurde von dieſer Zeit an jeden Tag freier und männ⸗ licher, ſeine Unterhaltung kühner und kräftiger. Kurz, er ſchien im Begriffe zu ſein, die große Wahrheit zu bethätigen, daß, wie wir einer Verſuchung nachgebend, der Herrſchaft einer zweiten über uns den Weg bahnen, ein Hinderniß, das wir einmal überſteigen, hernach immer leicht zu beſiegen iſt. — — — — — — Fünfzehntes Kapitel. Unſer Held reiſ't ab. Sir William beſaß eine ſorgloſe Offenheit, welche Vertrauen einflöſte und zur Nachahmung begeiſterte. Dazu kam, daß er jeden Tag bemüht war, Sybrandt auf ſeine geiſtigen Hilfsmittel und ſeine Kenntniſſe hinzuwei⸗ ſen und ſein Selbſtvertrauen zu beleben und anzufeuern, indem er ihm bei allen ihren Wald⸗Abenteuern den Ehrenpoſten anwies, das heißt, den Platz, welcher der mühſamſte und gefährlichſte war. Er ſah ein, daß ſein künftiges Glück, ſo wie ſein künftiges Schickſal davon abhing, daß ſein Geiſt von dem verkehrten Pfade, durch Erregung, Thätigkeit und Aufmunterung abgebracht wurde. Er bot alles auf, einen Mann aus ihm zu machen, denn er ſah wohl, daß Sybrandt wahrſcheinlich die Mühe für die Lehren, die er erhielt, würde lohnen. Die Zeit nahte nun heran, wo die Zuſammenkunft der Mohawks⸗Häuptlinge, um lange Reden zu halten und ſich Geſchenke machen zu laſſen, ſtatt finden ſollte. Das Verhältniß Sir William's zu den Indianern war ein jenen erſten Anſiedlungen ganz eigenthümliches, wo die Wilden, die zahlreich und kriegeriſch waren, ſozuſagen die — 190— Wagſchale zwiſchen den mächtigen franzöſiſchen Statthal⸗ tern Kanada's und den gewaltigen Statthaltern von New⸗ York in den Händen hatten. Es war daher nothwendig, ſie vorerſt durch Geſchenke zu gewinnen und ihren Ein⸗ fluß dadurch zu befeſtigen, daß man unmittelbar ihre ſtille Bewußtheit von der höhern Macht oder der höhern Weis⸗ heit der weißen Männer bearbeitete. Vielleicht übte der Mann, von welchem wir hier reden, zu ſeiner Zeit einen größern perſönlichen Einfluß über dieſe wilden und lau⸗ niſchen Söhne der Wälder aus, als irgend ein weißer Mann, der je gelebt hat und zwar nicht ſo ſehr in der Eigenſchaft eines Stellvertreters des großen Königs jen⸗ ſeits der Waſſer, als durch ſeinen perſönlichen Charakter. Seine Offenheit, ſeine Unbeſcholtenheit und Wahrheits⸗ liebe waren das, was ihm die Achtung der Wilden gewann und ſie zum Gehorſam brachte; noch mehr aber ſein Muth, ſeine Ueberlegenheit in der Jagd, im Kampfe, in allem, was Körperkraft und Ausdauer forderte, was der Stolz und der Ruhm dieſer Nationen ausmachte. Dieſe Eigenſchaften ließen ſie mit unbeſchreiblicher Verehrung und Bewunderung zu ihm aufblicken. Er ſtand allein in ihrer Minn, außer dem Schutze der Geſetze der Civili⸗ ſation, und fern von der Möglichkeit eines Beiſtandes in der Gefahr; und doch hatte er niemals ein Unrecht oder eine Gewaltthätigkeit von dieſen wilden Kriegern zu ertra⸗ gen, welche um Mitternacht, ohne anzuklopfen oder Furcht oder Argwohn zu erzeugen in ſein Haus treten konnten. —x —jj — 191— Es hat ſich mir oft aufgedrungen, daß ein ſolcher Mann, wenn irgend ein Mann oder irgend Mittel einem ſolchen Zwecke entſprechen können, durch freiwilliges Anſiedeln unter unſern Indianern viel zu thun im Stande wäre, ſie allmählich ihrer jetzigen Lebensweiſe zu entziehen. Ich will damit nicht ſagen, daß er dorthin gehen ſollte, um die Einkünfte eines Staatsdienſtes, oder den Gewinn des Handels zu beziehen, am wenigſten aber, um von den milden Beiträgen anderer zu leben—; nein, er müßte ſich mit ihnen identificiren— einer ihrer Jäger, Krieger, weiſer werden und nach und nach jene Gefühle und Sitten des civiliſirten Lebens, welche mit ihrer jetzigen Lage nicht unverträglich ſind, mit ihrer alten Lebensweiſe vermiſchen. Es möchte die Frage entſtehen, ob der weiße Mann mehr von einem Indianer, oder der Indianer mehr von dem weißen Manne würde; aber die ganze Geſchichte zeigt uns, daß die alte Welt ſich der Barbarei entſchlug, indem ſie wenige Männer von überlegenem Geiſte, oder außerordentliche Gelegenheiten benutzte, um das Licht der Aufklärung da anzuzünden und leuchten zu laſſen, wo Jahrhunderte hindurch finſtere t geherrſcht hatte. Doch genug davon. Sybrandt ſah mit Erſtaunen die majeſtätiſche Grazie und Selbſtbeherrſchung, ſammt der achtungsvollen Höf⸗ lichkeit, welche die ungezähmten Wilden zeigten. Sie boten ein Muſter männlicher Unabhängigkeit und Sprache und Gebahren, das ihm ſelbſt für ſein künftiges Beneh⸗ — 192— men eine eindringliche Lehre abgab. Es war merkwürdig, zu ſehen, wie ſehr ſie ſich der Vollendung vornehmer Erziehung näherten, wie ſie jetzt als Vorbild der höchſten Bildung in Geltung iſt. Sie zeigten weder Staunen bei Gegenſtänden, an welche ſie nicht gewöhnt waren, noch verriethen ſie einen Augenblick Ueberraſchung, Neugierde oder Unterordnung. Die Blicke, welche ſie umherwarfen, waren ſorglos heiter, ihr Benehmen leicht, ihr Thun gefällig; ſie zeigten eine Art Gleichgiltigkeit, welche nahe an Verachtung grenzte, und bei weitem natürlicher und anmuthiger war, als die, welche in den Kreiſen der Großen den höhern Rang charakteriſiren ſoll. Ich bin für den indianiſchen Charakter und indianiſche Sitten nicht enthuſiaſtiſch eingenommen, aber ſo viel darf ich ſagen, ehe ich mich wieder zu meinem Helden wende—, daß ich nie ein würdevolleres und zumal anmuthigeres öffentliches Auftreten ſah, denn das der Oſage⸗Häuptlinge, als ſie ſich dem würdigen und ſchlechtbelohnten Staats⸗ oberhaupte, James Monroe, darſtellten.*) Sie haben gewiß die ſteifen Stickereien der Geſandten, und die ſüß⸗ liche, lächelnde, philiſterhafte, unbehagliche Wichtigthuerei der Attaché's weit in den Hintergrund geſtellt. Sybrandt erhielt von den Königen der Wälder einige Lehren in Beziehung auf Sitte und Benehmen, welche er kaum von den berühmteſten Tanzmeiſtern hätte bekommen können. *) Präſident der Vereinigten Staaten von 1817— 1825. — 193— Es iſt meine Abſicht nicht, die Geſchäfte und Ver⸗ handlungen zwiſchen Sir William und dem Rathe der Häuptlinge zu berichten. Noch weniger werde ich es verſuchen, ihre wechſelſeitigen Reden zu ſkizziren, welche, obgleich ſie nicht ſo langwierig waren, wie manche, die wir gehört haben, ihrem Zwecke doch mehr entſprechen. Der Abreiſe der Häuptlinge folgte unmittelbar die unſeres Helden, welcher einen Boten begleitete, den Sir William mit einem Berichte von dem Reſultate der großen Berathung nach New⸗York ſchickte. „Es thut mir leid, eure Geſellſchaft einzubüßen,“ ſagte Sir William—„ich werde dieſen Winter den Ver⸗ luſt derſelben fühlen. Aber Handlung— Handlung— Handlung, wie der große Redner ſagte—, Handlung iſt das Leben des Lebens— der belebende Geiſt der ganzen Natur. Wenn ich fühle, daß mein Muth ſinkt, werde ich in die Wälder eilen und der Anblick eines Hirſches wird mich einigermaßen für den Verluſt eines Freundes tröſten. Lebt wohl! Ich hoffe, wir werden uns wieder ſehen!“ „Ich zweifle nicht daran,“ ſagte Sybrandt,—„wenn ihr nicht zu mir kommt, werde ich eines Tages, wenn ich am Leben bleibe, zu euch kommen. Aber gewiß, ihr beſucht Albany ein Mal und dann ſeht ihr—“ „Catalina,“ fiel der andere ſcherzend ein.„Gut, ein ſchönes Weib iſt eines weiten Beſuches werth, und ich denke, auf eure Hochzeit zu kommen, wenn ihr mir zu Paulding. III. 13 — 194— guter Zeit gehörige Nachricht gebt, und, wohlbemerkt, ſofern ihr wirklich euern Muth ſoweit ſammelt, einem jungen Mädchen in das Geſicht zu ſehen, das, ich wage es zu ſagen, zehnmal häßlicher— ich bitt' euch um Ver⸗ zeihung— furchtbarer iſt, als der einäugige Paskingoe.“ Sybrandt erröthete und fühlte, daß ſein alter böſer Geiſt ihn wieder anwandeln wolle; er wies ihn aber durch eine kräftige Anſtrengung zurück und antwortete mit angenommener heiterer Laune: „Ich verſpreche, daß ihr zu meiner Hochzeit einge⸗ laden werden ſollt, aber— mein Leichenbegängniß wird zuerſt kommen und ich will euch dazu bitten.“ „Wie? ein Rückfall? Ich glaubte, euch von Grund⸗ aus geheilt zu haben!“ Sir William's Miene ging in feierlichen Ernſt über, als er fortfuhr: „Weſtbrook, jetzt, da ihr zu alten Scenen und alten Freunden und Bekannten zurückkehrt, vergeßt nicht, euch gegen eine Rückkehr alter Gefühle, Schwächen und Selbſttäuſchungen zu wahren. Seid ihr nicht ein Mann — ein freier, muthiger, verſtändiger Mann? Weiß ich nicht, daß euer Herz rein und euer Geiſt wolkenlos iſt? Daß ihr, eurer Geburt, eurer Erziehung und euerm Cha⸗ rakter zufolge, euch jedem Manne gleichſtellen und als ſeines Gleichen zugeſellen könnt und daß kein weibliches Weſen zu gut für euch iſt? Warum ſolltet ihr alſo, im Namen des Himmels, dem ihr, wie ich weiß, in das — 195— Antlitz zu ſehen wagen dürft,— warum ſolltet ihr zau⸗ dern und zagen und eure Selbſtbeherrſchung— die gei⸗ ſtige wie die körperliche— verlieren, wenn ihr einem Manne oder einem Mädchen, oder einer Anzahl Männer und Mädchen gegenüber tretet? bedenkt dies. Erinnert euch deſſen, was ich jetzt ſage, wenn weite Räume uns trennen und verlaßt euch darauf— wenn Catalina es werth iſt, gewonnen zu werden, ſo gewinnt ihr ſie, wenn ihr Muth habt. Ehrerbietung iſt man jedem weiblichen Weſen ſchuldig und alle ſehen ſich gerne geehrt; wenn ich aber das ſchöne Geſchlecht recht kenne, ſo bewundert es Muth und Entſchloſſenheit in ſo hohem Grade, daß Frauen einen Mann nie lieben können, der, jemand, wenn auch nur ſie, fürchtet. Nun, Gott mit euch Sybrandt und herzliches Lebewohl.“ 1 13*¾ — 196— Sechszehntes Kapitel. Zeigt, daß alte Scenen alte Gewohnheiten wieder wecken. Beide Männer trennten ſich ungern und wie Sybrandt ſeine Reiſe fortſetzte, verſuchte er, ſich zu überreden, er ſei alles, oder könnte alles ſein, wie ihn Sir William geſchildert hatte. Allein gewiſſe düſtere Bilder und ein Sinken des Muthes, wenn er ſeine Gedanken der Hei⸗ math zuwendete und ſich den Empfang ſeiner Freunde und Bekannten zu denken begann, warnten ihn, ſorgfältig auf ſich ſelbſt zu achten und ſein Herz zu ſtählen, wenn er nicht wieder in ſeine Muthloſigkeit verſinken wollte, um ſich nie wieder zu erheben. Die kleine Geſellſchaft, die aus Sybrandt, dem alten Tjerk und dem Boten beſtand, reiſ'ten den ufern des Mohawk⸗SFluſſes entgegen, wo ſie ſich in einen Kanot nach Schenectadi einſchifften, damals die Grenzſtadt aller weſt⸗ lichen Anſiedlungen dieſes trefflichen Staates, zu deſſen Alterthümern ſie nur gehört. Kein Haus, keine Spur civiliſtrten Lebens ſchmückte die Ufer des Fluſſes, und doch war alles ſo ſchön, ſo prachtvoll? Denn was iſt herr⸗ licher, als die Verbindung kryſtallner Waſſer, grüner Auen, wogender Wälder und tiefblauen Himmelsglanzes— — 197— dieſer Mittelpunkt, dieſes Meiſterwerk des erhabenen Schöpfers? Es lebten noch vor einer kleinen Anzahl Jahre Menſchen, welche ſich erinnerten, was das ganze Land damals war, und deren Augen— wenn gleich das Alter ſie trübte— noch ſahen, was es ſeitdem geworden iſt. Das Land ſelbſt und die Eigenthümer des Landes ſind nicht mehr dieſelben; jeder belebte und unbelebte Gegenſtand— alles, was da athmet und vegetirt, iſt anders geworden! Der rothe Mann iſt dahin und der weiße nimmt ſeine Stelle ein. Der Art iſt der ewige Wechſel der Dinge! Soll man es bedauern? Nein. Es iſt der Wille und das Werk deſſen, der Alles geſchaffen hat, Alles regiert, Alles ordnet; und es iſt alles zum Beſten, ſonſt iſt der Wechſel die Vorſehung und die „VDorſehung iſt der Wechſel. 8 8 Sie erreichten, ohne ein bedeutendes Begebniß Sche⸗ nectadi, das, obgleich es wieder aufgebaut geweſen, noch bedeutende, traurige Spuren des beklagenswerthen Bran⸗ des vom Jahre 1689 zeigte, wo die Franzoſen und India⸗ ner die Bewohner in ihren Betten überfielen, ein furcht⸗ bares Blutbad anrichteten und die Häuſer in Brand ſteckten. Es war ein ſchreckliches Niedermetzeln von Männern, Frauen und Kindern, welches, der Gewohnheit zufolge, den Indianern zur Laſt gelegt wurde, welche man bei ſolchen Veranlaſſungen unmöglich im Zaume halten kann. Welches Recht haben aber civiliſirte Leute, ſich über die Ausſchweifungen von Wilden zu beklagen, wenn ſie ſich — 198— denſelben als Verbündete zugeſellen, wenn ſie ihre Leiden⸗ 3 ſchaften erſt in Feuer und Flammen ſetzen, und ſie dann zu zügeln ſich anmaßen? Dennoch leuchtet mitten durch dieſe Schrecken ein Strahl von Menſchlichkeit, welcher das Düſtere dieſes ſchrankenloſen Blutbades überglänzt. Ein Mann, Namens Glen, wohnte mit ſeiner Familie eine kleine Strecke über Schenectady, auf den fruchtba⸗ ren Niederungen an dem gegenüberliegenden Ufer des Fluſſes, wo ſein Haus, wenigſtens vor wenigen Jahren, noch ſtand und im Beſitze ſeiner Nachkommen war. Er hatte ſich dann und wann zu Gunſten der franzöſtſchen Gefangenen verwendet, welche in die Hände der Mohawks gefallen waren und die Franzoſen erinnerten ſich jetzt ſei⸗ ner Güte. Sie verſchonten ſein Haus und ſchenkten allen ſeinen Verwandten die Freiheit. Je mehr Sybrandt ſich ſeiner Heimath näherte, deſto mehr fühlte er, daß ſich gewiſſe unverkennbare Symptome ſeiner alten Krankheit wieder bei ihm einzuſtellen began⸗ nen. Er betraf ſich ſelbſt über ernſtem Nachdenken, wie er ſeiner Baſe gegenüber ſich benehmen, was er ihr ſagen ſollte, ſtatt es der Lage des Augenblicks zu über⸗ laſſen, ſein Benehmen zu leiten. Er arbeitete ſich in einen Wirrwarr von Zweifeln, Verlegenheiten und Beſorg⸗ niſſen hinein; er duldete von neuem die Qualen des ſchalkhaften Lächelns der ſchönen Catalina und ſchauderte wirklich bei dem Gedanken, wie unbeſonnen er ſich beneh⸗ men würde. Kurz, als ſie Albany erreichten, hatte er — 199— alles vergeſſen, was Sir William ihm ſo eindringlich dargeſtellt, weshalb er ihn ſo männlich getadelt hatte, und fühlte, ſtatt der Freude, nun bald mit ſeinen Freun⸗ den wieder vereinigt zu ſein, nur die Furcht vor dem Spotte und dem Hohne, welche, wie er glaubte, ſeiner warteten. Er kam zur Mittagszeit nach Albany und zauderte und zögerte eine gute Weile nachher in jener ſeltſamen unentſchloſſenheit, welche ſeinen Gemüthszuſtand in ſo hohem Grade charakteriſirt. Der alle Tjerk verlor endlich alle Geduld und brachte durch ſeine üble Laune ſeinen jungen Herrn zu einem Entſchluß. Als ſie ſich dem nüchternen, ehrwürdigen Familien⸗ ſitze näherten und in der Entfernung die alten grauen Mauern des Hauſes ſahen, welches durch himmelhohe ulmen halb verſteckt war und deſſen Schornſteine in die blaue Luft emporragten, bebte Sybrandt wirklich vor widerſtrebenden Erregungen. Wäre es möglich geweſen, ſo würde er vorübergegangen ſein, um die Wohnung ſei⸗ nes Wohlthäters aufzuſuchen. Aber ſein einziger Weg führte an dem Hauſe von Catalina's Vater vorüber und nicht einzutreten würde eben ſo abgeſchmackt als achtungs⸗ widrig geweſen ſein. Die Sonne war eben untergegangen und der gute Ariel wandelte mit Catalina auf der langen Piazza auf und ab, welche die Ausſicht auf den Hudſon hatte. Die Scene war über alle Beſchreibung lieblich und ruhig, und —“ irgend etwas hatte Catalina's Gedanken zu dem abweſen⸗ den Sybrandt hingeleitet. Ich glaube, es war grade der Tag, an welchem er vor einem Jahre ihr das Leben gerettet hatte. „Ich bin neugierig,“ ſagte ſie endlich,„was aus Vetter Sybrandt geworden iſt. Iſt es nicht Zeit, daß er wieder zu Haus ſein ſollte? und iſt es nicht ſeltſam, Oheim, daß niemand etwas von ihm gehört hat?“ „Der arme Burſche,“ ſagte der gutherzige Ariel— „allerdings iſt es auffallend. Ich wundere mich nicht, daß man nichts von ihm hört, denn, wie ihr wißt, geht ja die Briefpoſt nicht durch die Wildniß. Aber er hätte ſchon vor einigen Monaten wieder zu Haus ſein ſollen. Ich bin höchſt beſorgt, es möchte ihm ein Unglück begeg⸗ net ſein. Er war ein ſo unbeholfener Geſell; er konnte nie etwas mit Fug und Geſchick thun. Ich habe ihn nie lehren können, wie man einen Baum pfropft und wenn es mein Leben gekoſtet hätte.“ „Und doch war er kühn wie ein Löwe,“ ſagte Cata⸗ lina nach der Hand.„Welchen Monatstag haben wir heute, Oheim?“ „Den ſechs und zwanzigſten Mai.“ „Recht, es war derſelbe Tag.“ Und abermals verſank ſie in Nachdenken. „Es würde mich nicht in Erſtaunen ſetzen,“ begann Ariel nach einer Pauſe,„wenn er ermordet worden oder als Gefangener in die Hände der Indianer gerathen wäre.“ — „Gott verhüte es! rief Catalina, erhob die Hände und ſchlug ſie zuſammen:—„Gott verhüte es, daß meinem lieben Vetter Sybrandt irgend ein Unfall zugeſtoßen.“ „Aha,“— ſagte Ariel,—„was würde der Oberſt ſagen, wenn er das hörte— der liebe Vetter Sybrandt!“ „Er hat bein Recht, irgend etwas zu ſagen, und wenn er es hätte, würd' es mich nicht kümmern. Aber wer kommt dort?“ „Wo?“ fragte der kleine Ariel und ſtellte ſich auf ſeine Fußſpitzen. „Dort! auf der Straße von Albany— zwei Leute zu Pferd.“ „Es wird der Oberſt und ſein Diener ſein. Er war heute zu Albany.“ „Nein, es iſt der Oberſt nicht,“ ſagte Catalina und blickte ſchärfer auf die zwei Reiſenden hin, deren Umriſſe in der Dämmerung, die dichter zu werden begann, ziemlich unkenntlich wurden. Sie näherten ſich dem Thore, das in den waldigen Zugang führte, welcher ſich gegen das Haus erweiterte und einer derſelben ſtieg von dem Pferde, um das Thor zu öffnen. „Wer kann es ſein?“ rief Catalina, während ein leiſes Heben ihres Buſens und ein kleines Stocken des Athems ein mehr als gewöhnliches Intereſſe an der Frage beurkundete. Nach wenigen Minuten kamen die zwei Reiter aus — 202— dem waldigen Thale, durch welches ſich der Weg wand und waren nur noch eine kleine Strecke von dem Hauſe, ſo daß man ſie von der Piazza deutlicher ſehen konnte. „Einer von ihnen ſcheint ein ſchwarzes Geſicht zu haben,“ bemerkte Ariel. „Wenn es der alte Tjerk wäre!“ rief das junge Fräulein eifrig. „Nein, nein,“ ſagte der gute Ariel traurig,„ich fürchte, wir werden weder ihn, noch ſeinen jungen Herrn wieder ſehen.“ Und bei dieſen Worten wurde ſein Auge naß. Unterdeſſen waren die Reiter in der Dunkelheit abge⸗ ſtiegen und näherten ſich der Piazza. „Wer mag es ſein?“ ſagte Catalina, während eine Ahnung ihr Herz durchbebte. Sybrandt hatte ein weib⸗ liches Weſen auf der Piazza erkannt, als er ſich ihr näherte, und ein Schauer von Freude und Bangen zumal durchzuckte ihn. Er war ſo langſamen, zögernden Schrit⸗ tes einher geritten, daß der alte Tjerk vor ſich hin murmelte: 3 „Gott du Herr, wenn Maſſa jagen einen Bären, ſie viel eiliger ſein als Miß Tacalina wieder zu ſehen.“ Ariel empfing den jungen Mann mit ſtürmiſchen Ausbrüchen der Freude und mit einem nicht endenden Händeſchütteln; Catalina aber, die gedachte, mit welcher Muſe und Ueberlegung er herangekommen war, um ihren Willkomm zu empfangen, drängte die warmen, edeln — 203— Triebe ihres Herzens zurück, hüllte ſich in den Mantel jungfräulichen Stolzes und empfing ihn ſo geziert, flüch⸗ tig und ſorglos, daß er es in ſeiner tiefſten Seele fühlte. Sein Stolz und ſeine Gefühle waren in gleicher Weiſe verwundet und der Augenblick der Zuſammenkunft der jungen Leute war ein Vorſpiel zu tauſend Mißgriffen und Mißverſtändniſſen. Nachdem Sybrandt mit all ſeiner alten Unbeholfen⸗ heit und Scheue die freundlichen Glückwünſche des übri⸗ gen Theils der Familie hingenommen, machte er einige unglückliche halblaute Verſuche, ſich zu entſchuldigen, wenn er ſofort zu ſeinem Wohlthäter eilte, und ſchied mit einem brechenden, um ſeine ſchönſten ſo lange ſtill in ſich geheg⸗ ten Träume grauſam betrogenen Herzen und einem durch das Bewußtſein der Thorheit, Schwäche und Haltloſigkeit ſchwer verwundeten Gemüthe. „Ihr ſcheint nicht froh zu ſein, daß das heimathliche Dach ſich wieder über euch ausbreitet,“ ſagte der edle Dennis, welchem nicht entging, daß Sybrandt ſtumm und in ſich gekehrt war:—„Ich denke jedoch, ihr ſeid müde und ſchläfrig. Nun, geht zu Bett und morgen ſollt ihr eure Geſchichte erzählen.“ Sybrandt fand ſein Bett wohl, aber nicht jene ſfühe, ſelige Ruhe, welche ein müder Körper und ein ruhiges Herz immerdar mit ſich bringen. Er lag wachend auf ſeinem Lager, dachte über das Geſchehene nach und tadelte ſeine eigenen ſeltſamen Thorheiten. Er rief ſich die Leh⸗ 4 4 4 —— — 204— ren und das Beiſpiel Sir William's in das Gedächtniß zurück und faßte kurz vor der Morgendämmerung den feſten Entſchluß, die Ketten des böſen Dämons, welcher im Begriffe ſchien, im Augenblick ſeiner Rückkehr ſeine alte Herrſchaft wieder an ſich zu reißen, mit aller Kraft von ſich zu werfen und zu ſein, was er überall war, nur nicht dem Weſen gegenüber, welchem er am meiſten zu gefallen wünſchte. Ehe er am Morgen auf war, hörte er die fröhliche Stimme Ariel's, der ihm zurief, ſich auf⸗ zumachen und ſeine Geſchichte zu erzählen und in das große Haus hinüber zu kommen und zu ſehen, wie er die Bienen einthue, welche, wie er ſagte, im Begriffe ſeien, zu ſchwärmen, da er ſchon den Tag zuvor bedeu⸗ tende Bewegungen unter ihnen bemerkt habe. Demzufolge ritten ſie nach dem Frühſtücke zu Herrn Vancour hinüber, wo ſich Sybrandt beſſer benahm und mehr nach ſeinen Wünſchen aufgenommen ward, als den Abend vorher; denn Catalina hatte ſich ſelbſt Vorwürfe gemacht und ſich ſanfter geſtimmt, indem ſie bedachte, wie unfreundlich ſie ihn an dem Jahrtage behandelt habe, an welchem er ſie aus den Fluten des Hudſon gerettet. Catalina fragte ihn, warum er ſo lange weggeblie⸗ ben und ließ ſich ſogar herab, zu ſagen, ſie ſei ſehr beſorgt geweſen, er möchte ermordet oder von feindſeligen India⸗ nern gefangen genommen und nach Kanada gebracht wor⸗ den ſein. Dieſes Gefühl, welches ſich freundlich und ungekünſtelt ausſprach, erwärmte Sybrandt's Herz zu — 205— einem gewiſſen Grade von Zuverſicht und er erzählte die Geſchichte ſeiner Handelsreiſe mit einer Wahrheit und Einfachheit, welche das Intereſſe derſelben bedeutend erhöhte. Nichts kann den Mann mit mehr Würde umge⸗ ben und mehr dazu beitragen, die Theilnahme auf ihn zu ziehen, als das Entgegengehen und Beſiegen von ungewöhnlichen Gefahren, Entbehrungen und Leiden. Die Zärtlichkeit, die Liebe für den Ruhm, und die Bewunderung des Muthes, welche in das weibliche Herz eingeprägt ſind, werden ſtets durch die Erzählung von Gefahren oder den Einzelnheiten muthvoller Wagniſſe und Abenteuer erregt und in Anſpruch genommen. Jedes Weib iſt in dieſer Hinſicht eine Desdemona, und Catalina war gewiß ein Weib, denn ſie war jetzt achtzehn Jahre alt. Von dem Augenblicke an, wo ſie die Geſchichte von dem Abenteuer in dem Fiſcherhauſe hörte und erfuhr, wie er den Händen des Nachfolgers Paskingoe's und ſeines Gefolges entgangen war, gewann Sybrandt neues Intereſſe in ihren Augen, da ſein Bild ſich ihr nun inmit⸗ ten von Gefahren und Todesdräuen darſtellte. Unter dem Einfluſſe dieſer Gefühle behandelte ſie ihn mit einer holden, offenen Freundlichkeit, die ihn in ein gutes Einverſtändniß mit ſich ſelbſt brachte und ſeinem Beneh⸗ men eine Leichtigkeit und Freiheit gab, welche machte, daß Catalina eines Tages läͤchelnd bemerkte—„er ſei gewiß in den Wäldern mit einem Tanzmeiſter zuſammen⸗ getroffen.“ — 296— „Aber, was iſt aus euerm Bewunderer, dem Ober⸗ ſten Sydenham geworden?“ fragte Sybrandt mit nicht geringem Beben, als er ſein Abenteuer erzählt hatte. „O, er iſt fort,“ ſagte ſie, leicht erröthend.—„Sein Regiment wurde bald nach eurer Abreiſe nach Fort Georg beordert.“ Sybrandt freute ſich dieſer Nachricht; aber das Errö⸗ then gefiel ihm nicht. Seine alten Feinde umſpielten ihn einen Augenblick, aber er trieb ſie von ſich und zwang ſich, das Geſpräch auf andere Gegenſtände zu bringen, wodurch er denn mit all den Einzelnheiten bekannt wurde, welche während ſeiner Abweſenheit vorgefallen waren. In dieſer Zeit— und ſie umfaßte doch nur eine kleine Reihe von Monaten— hatte eine große Veränderung ſtatt gefunden, von welcher ich nun mit geziemender Treue zu berichten beginnen werde. — 207— Siebzehntes Kapitel. Wandernde Araber und ſchwärmende Bienen. Wir haben früher der Eingriffe in die tugendhafte Einfachheit der ländlichen Bevölkerung gedacht, unter welche die Scene dieſer Erzählung verlegt worden. Die Offiziere, welche nicht zufrieden waren mit einer Menge Neuerungen, begingen endlich den ungeheuern Frevel, ein Privat⸗Theater zu gründen. Sie beſtachen einen ehrlichen Holländer aus der Nachbarſchaft, ihnen eine Scheuer zu leihen, die zu einem Theater aufgeputzt und in welcher ſie drei Mal die Woche ſpielten— ach, zu dem größten Leidweſen des guten Dominie Stettinius, welcher in dieſer peſtilenzialiſchen Neuerung gerade den Samen des Unkrauts ſah, das ſeine bisher ſo einfache und unſchuldige Herde zu Grund richten ſollte. Die jungen Leute wurden durch dieſe ausländiſchen Schau⸗ ſtücke herbeigezogen und ſpätes Nachhauskommen, Familien⸗ zwiſte, nächtliches Entlaufen und dann und wann noch Schlimmeres waren die Folgen. Der gute, fromme Dominie ſeufzte und ſtöhnte über dieſe höchſt traurigen Symptome der herannahenden Sittenverderbniß und erhob jeden Sonntag ſeine Stimme von der Kanzel herab gegen — 208— das Theater und deſſen Folgen für ſeine geliebte Herde, welche er faſt ein halbes Jahrhundert treulich geſchützet und bewahret hatte. Aber der Strom war zu ſtark, als daß der gute Mann ihn hätte hemmen oder ſeinen Lauf ableiten können; denn der Art iſt die traurige Schwäche der menſchlichen Natur, daß ihre Unſchuld nicht beſſer geſichert werden kann, als wenn ſie mit dem Daſein der Schuld ganz unbekannt bleibt. Sitte und Sittlichkeit iſt überall Fremdlingen und Neuerern— der Mode eher als den Anſichten, preisgegeben. Dies ſchien jedoch noch nicht genug zu ſein. Zur Zeit, als die Verführungen des Scheuer⸗Theaters der Sittlichkeit der jungen Leute ſo tiefe Wunden bei⸗ brachten und die Folgen des Frevels ſich in der gedachten Weiſe zu zeigen begannen, erſchien unter ihnen ein berühmtes neues Licht, ein fremder Prediger, und überbrauſ'te den Sturmwind und das Brüllen des Hudſon's mit einer glühenden, leidenſchaftlichen Bered⸗ ſamkeit, welche eine neue Sekte ſchuf, die beſtimmt zu ſein ſcheint, ſich über alle Klimaten und durch alle Länder der bewohnbaren Welt auszudehnen. Obgleich die nüch⸗ ternen, praktiſchen und vernünftigen Lehren und Ermah⸗ nungen des guten Dominie in die Sprache eines Gelehrten gekleidet und mit der Beredſamkeit und Anmuth eines Schülers des Cicero verſchönert waren, ſo verſchwanden ſie doch zu nichts, wenn man ſie mit der Trompeter⸗ ſtimme, dem heftigen Geberdenſpiel und den wüthenden — 209— Declamationen des neuen Apoſtels verglich. Seine Herde, beſonders die herrlichen jungen Lämmer, welche unter ſeinen Augen aufgewachſen waren, und die er wie ſeine Augen liebte, begannen ſich zu zerſtreuen; jeden Sonntag minderte ſich die Zahl derer, welche nie abweſend zu ſein pflegten und ſo mancher leere Sitz legte Zeugniß ab von dem Rücktritt irgend einer unerfahrenen und ungeprüften Seele, welche durch den flimmernden, feurigen Schweif dieſes Irrſterns verlockt, dem ſanften Glanze ſeines reinen Wahrheitslichtes untreu geworden war. Und noch ein anderes Unheil kam dazu und bedrängte und verwirrte den guten Mann und machte das unglück⸗ liche Trio vollſtändig. Ein Mitglied des wandernden Stammes der amerikaniſchen Araber fand ſich ein und gewann ſich die launiſchen Neigungen der Tochter und Erbin ſeines alten und nächſten Nachbarn, des biedern Yof Vandervelden. Er lehrte gewiſſe Kunſtgriffe, welche damals in der Region, aus welcher er kam, ungemein im Schwunge waren, und das Lange und Kurze von der Sache war, daß der gute Mann ſich zuletzt gezwungen ſah, zur Ehre der Familie ſeinem Widerwillen ein Opfer zu bringen. Er ſtarb bald darauf und Ananias Gookin, wie ſich der wandernde Araber nannte, nahm kraft der Rechte ſeines Weibes Beſitz von ſeinem Habe. Jetzt waren die guten Holländer erſtaunt, beſtürzt und außer ſich über die Neuerungen und Verbeſſerungen des Ananias. Er änderte ſein Haus, er änderte ſeine Scheuer, er anderte Paulding. III. 14 1 — * 1 6 * 4 4 4 1 — 249= ſeine Zäune— kurz, er änderte alles. Als er mit dem Aendern fertig war und allen ſeinen Scharfſinn erſchöpft hatte, begann er niederzureiſſen und nahm eines Tages den alten holländiſchen Wetterhahn vom Dache, der von Amſterdam gebracht worden war und weit länger, als das Gedächtniß irgend eines Mannes zurückreichen konnte, auf dem Gipfel des Hauſes des würdigen Vandervelden ſteif nach Norden geſchaut hatte. Der Dominie verlor ſeinen ganzen Muth und ſeine Feſtigkeit verließ ihn, beſonders als einen oder zwei Tage ſpäter eine ganze Wagenladung von Squire Goo⸗ kin's Vettern herüber kamen, um eine Woche bei ihm hinzubringen. Ehe dieſe Woche vorüber war, hatten ſie den guten Mann durch ihr ewiges„ich denke“ und ihre unaufhörlichen Fragen ſo verwirrt, daß der gute Dominie einſt Nachts, nachdem er in einer Ecke eines ſeiner eigenen Felder über drei Stunden von einem Paare dieſer ſchrecklichen„Denker“ ſich eingethan ſah, die auf ſeinem beſcheidenen, behaglichen Gehege hundert Verbeſſerungen in Vorſchlag brachten, und die Abſicht ausſprachen, eine Schule zu eröffnen und alle Kinder Engliſch zu lehren, ſeine Herde plötzlich verließ⸗ um ſie von den Wölfen freſſen zu laſſen, und nie wieder zurückkehrte. Er hatte von der Ankunft eines holländiſchen Schiffes zu New⸗York gehört, wohin er kummervoll ſeine Schritte lenkte und wo er ſich nach ſeinem guten alten Holland einſchiffte, um nie wieder zu kommen. — 211— Er hinterließ einen Brief an Sybrandt, welcher ſeinen Segen und manchen guten Rath enthielt, und dem eine ſchöne Folio⸗Ausgabe der Werke des Hugo Grotius bei⸗ gefügt war— ein Beweis ſeines liebevollen Andenkens. Biedere Seele! die Einfalt der Religion und der Sitten, welche er predigte, und in der er ſein ganzes Leben lang als Muſter vorleuchtete, wurde unſeliglich gegen modiſchen Enthuſiasmus in jener und gegen geprieſene Verfeinerun⸗ gen in dieſen umgetauſcht. Dieſe Einzelnheiten, welche Beide in hohem Grade intereſſirten, wurden endlich durch ein wirres, lärmendes Gemiſch von Tönen und Stimmen unterbrochen, und ſie fuhren erſchrocken und unwillig auf. Als ſie in den Garten, woher der Lärm kam, eilten, um zu ſehen, was es gebe, fanden ſie Ariel an der Spitze aller Haushaltstruppen, Männer, Weiber und Kinder, ſchwarz, weiß und grau. Er ſchlug wüthend auf eine Bratpfanne los, und alle andern accompagnirten ihm, indem ſich Jedermann bemühte, ſeine Muſik durch irgend ein in der Eile ergriffenes Inſtrument zu verſtärken. Da ſtand die alte Tante Nauntje, die Köchin, und ließ einen großen Bund Schlüſſel klappern; dort unſer alter ſchwarzer Freund Tjerk, welchen Ariel bei dieſer Gelegenheit geworben hatte und der mit einem alten, roſtigen Ladſtock auf einen kupfernen Keſſel ſchlug, während die kleinen Schelme aus der Küche das furchtbare Concert dadurch verſtärkten, daß ſie auf eine wahrhaft hölliſche Weiſe ſangen, ſchrieen, 14* 1 8 1 4 4 3 4 A brüllten und johlten. Alles dies übertönte jedoch die ſchrille Stimme des geſchäftigen Ariel, welcher, je nach⸗ dem die Gelegenheit es zu fordern ſchien, ſeine Getreuen ſchalt, ſie befehligte, ermunterte oder ihren Eifer zähmte. Eine kleine, dichte, ſchwarze Wolke zeigte ſich endlich über ihren Köpfen und ſchweifte in verſchiedenen Rich⸗ tungen unter den Bäumen hin, auf welche ihre ganze Aufmerkſamkeit gewendet zu ſein ſchien. Wie ſie geneigt ſchien, ſich zu nähern oder wieder zu entfernen, wurde das Concert lauter oder ſchwächer, während eifrige Beſorgniß auf jedem Geſicht zu leſen war. Mehr denn ein Mal nannte der hitzige Ariel die Herrſcherin der Küche, Tante Nauntje, eine„alte Närrin,“ weil ſie mit den Schlüſſeln zu laut klingelte, und mehr denn ein Mal gab Tante Nauntje den Vorwurf zurück, indem ſie erklaärte,„Maſſa Ariel würde das Gezücht in die Wälder verſcheuchen,“ weil er viel zu heftig auf ſeine alte Bratpfanne ſchlage. Endlich ſchwangen ſich die kleinen launiſchen Thierchen, nachdem ſie ſich eine Zeitlang ihrer Befreiung von der Herrſchaft des mütterlichen Korbes gefreut hatten, alle plötzlich nieder und ſammelten ſich auf dem breitgeränder⸗ ten Hut des guten Ariel, wozu ſie entweder durch eine der weiblichen Launen der Bienenkönigin, oder durch eine ſchöne fleiſchfarbene Nelke verleitet wurden, welche in dem Hutbande ſteckte. Verwirrung und Schrecken fol gte dieſem unerwarte⸗ ten und unerklärlichen Manoeuvre; die Muſik verſtummte und Ariel ſtand zum erſten Male in ſeinem ganzen Leben ſtill, waͤhrend eine ganze Nation ſich auf ſeinem Hute ſammelte und einquartierte. Es war unmöglich, das Lachen über das Wunderliche dieſes Abenteuers zu ver⸗ halten, obgleich die Sache in der That nichts weniger als lächerlich war. Unter allen Völkern dieſer Erde ſind die Bienen die launiſchſten; es gibt Leute, welche ſie unge⸗ ſtraft mit den Fingern berühren dürfen, während ſie Andere mit unbeſchreiblicher Wuth verfolgen und ſtechen, ſobald ſie ſich ihnen nähern. Ich habe einen Schwarm junger Bienen geſehen, die ein Mann, welcher entweder irgend ein Geheimniß beſaß oder dem ſie durch eine unerklärliche Anziehungskraft gewogen waren, handvoll⸗ weiſe nahm und in den ueuen Korb ſchüttete, ohne daß ſie ihm das geringſte Leid zufügten. Ein ſolcher Mann war der alte Tjerk, welcher jetzt vorſichtig mit einem neuen Strohkorb herbeikam, denſelben gerade über Ariel's Kopf hielt und ihn bat, ſich ganz ruhig zu verhalten, wenn ihm ſein Leben lieb wäre. Der arme Ariel war der letzte aller lebenden Menſchen, der ſtill ſtehen und ſeiner Zunge Einhalt thun konnte; bei dieſer Gelegenheit ſpielte er aber die Statüe mit bewundernswerther Geduld. Nie hat es eine ſchönere Geſtalt gegeben, als Ariel mit dem großen Bienenkorb auf dem Kopfe, eine ſchöne junge Dame ausgenommen, die ich neulich in einem neuen Pariſer Häubchen ſah. Während die Bienen ſich mit geheimnißvollem Geſumm über die Mittel, weiter zu 1 4 4 4 4 1 — 214— ziehen, beriethen und einige derſelben um ſeine Ohren recognoscirten, offenbar in der Abſicht, ſich dort nieder⸗ zulaſſen, ſtand der gute Mann in den höchſten Nöthen da, bald das eine, bald das andere Bein aufhebend und mit den Achſeln zuckend und verſchiedene andere Bewe⸗ gungen machend, welche von ſeiner herben Ungeduld Zeugniß ablegten. Endlich konnte er es nicht länger aus⸗ halten, ſondern brüllte: „Du blutiger alter Narr, glaubſt du, ich wollte den ganzen Tag hier ſtill ſtehen?“ Er hatte kaum geendigt, ſo erhob ſich der ganze Schwarm und flog über den Strom, entweder durch den Lärm erſchreckt oder in Folge eines launiſchen Ein⸗ falls ihrer Majeſtät der Königin. „Da— da ſie hin gehen! Jetzt Maſſa Ariel es haben!“ rief Tjerk in der Bitterkeit ſeines Herzens:— „ich recht freuen mich drüber— recht freuen!“ „Auch ich mich freuen, ſchwarzer Engel,“ ſagte Ariel ärgerlich:—„meinetwegen mögen ſie zum T=l gehen. Nicht für alle Bienenſtöcke, die zwiſchen hier und Jericho ſtehen können, hätte ich drei Minuten länger ſtill gehalten.“ „Ja,“ brummte Tjerk vor ſich hin—„Maſſa Ariel nie ſtill ſtehen, als wenn ſie in der Kirche ſchlafen.“ „Huh!“ ſagte die alte Tante Nauntje—„Maſſa Ariel nicht mehr von Bienen verſtehen, als ein Ochſenfuß.“ Ariel ſchwor, niemand in der Provinz verſtehe es beſſer, Bienen inzuthun, als er; ſie waren aber alle — 215— gegen ihn und erklärten einſtimmig, der Verluſt des jungen Schwarms rühre blos daher, weil er nicht ſtill geſtanden und geſchwiegen habe. Darauf nannte er ſie einen„Pack Narren“ und entfernte ſich zornig, entſchloſſen nicht zum Mittageſſen zu bleiben. Als er aber an der Küche vorüber ging, ſpornte ihn ſein Inſtinkt, einen Blick hineinzuwerfen und der Anblick eines ſchönen Ferkels, das eben gebraten wurde, und deſſen Haut ſo weiß war, wie die einer modiſchen Schönen nach einer Winter⸗ Campagne, entwaffnete ihn augenblicklich. Er machte ſich innerhalb der hochgehaltenen Grenzen der Küche zu ſchaffen, bis die Gottheit derſelben wiederkehrte, welcher er diverſe Anleitungen gab, wie Ferkel gebraten werden müßten, und mit der feierlichen Vermahnung ſchloß, die Haut ja nicht zu braun werden zu laſſen. Das Mittageſſen ging ſehr heiter vorüber und Sybrandt“ war entzückt, zu ſehen, daß er mit Catalina Wein trank, ohne daß derſelbe den unrechten Weg ging; ja, daß er wirklich ein Ferkel vorlegen konnte, während aller Augen auf ihn gerichtet waren, ohne in Angſtſchweiß auszu⸗ brechen. Am Abend wandelten ſie den Sandweg hinab und ſtanden an den niedrigen grünen Ufern des dahinglei⸗ tenden Stromes und ſahen die Schiffe, welche entlang ſegelten, hörten das Brüllen der heimkehrenden Herden, die ſüßklingenden Glocken, das laute ländliche Gelächter und die ganze Harmonie heimiſcher, friedlicher Töne, welche in der entzückenden Ruhe einer langen Sommerdämme⸗ — — 3 rung über das ſtille Waſſer herüber klangen. Die Scenerie umher, die ſüße Stunde begeiſterte Sybrandt; ohne es zu wiſſen und zu wollen, erſchloß er allmählich die Vorräthe ſeines Geiſtes und gab der ſchlummernden Kraft ſeiner Phantaſie Flügel und entzückte, belehrte, über⸗ raſchte Catalina mit dem Reichthum ſeines neugebornen Verſtandes. Während ſie ſich ſo unterhielten, ſahen ſie einen der kleinen ſchwarzen Knaben in großer Eile auf ſie zulaufen, als wenn zu Haus etwas vorgefallen wäre. Als er her⸗ vor kam, beſtand alles, was er ſagen konnte, darin, daß er Sybrandt bat, in das Haus zu kommen, da Hans Pipe, der Indianer, ſehr betrunken ſei. Sybrandt eilte daher, ſo ſchnell er konnte, hinauf und überließ es Catalina, mit Muße nach Haus zurückzukehren. — 217— Achtzehntes Kapitel. Ein civiliſirter Wilder. Hans Pipe, wie er von den Landleuten rundum genannt wurde, war ein Indianer von dem Stamme der Algonquin, welcher in einem Kampfe, der viele Jahre vor der Zeit, von welcher wir hier reden, von den Mohawks faſt ganz ausgerottet worden war. Ein großer Theil ihrer Krieger wurde niedergemetzelt und, was von dem Stamme übrig war, gezwungen, nach Kanada auszuwan⸗ dern, wo ſie bei dem General⸗Statthalter freundlichen Empfang und Schutz fanden. Hans, welcher im Indiani⸗ ſchen Minikone, oder„ich trinke“ hieß, rechtfertigte dieſen Namen; denn er übertraf ſelbſt ſeine rothen Brüder in der indianiſchen Verehrung des Feuerwaſſers. Er war in die Gefangenſchaft der Mohawks gerathen und von dem Tode nur durch den Einfluß des Oberſten Vancour gerettet worden, welcher ſich bemühte, ihn in den Sitten und Gebräuchen des civiliſirten Lebens zu unterrichten und ihn durch Güte und Theilnahme jeder Art an ſeine Familie zu feſſeln. Dieſe freundlichen und wohlwollenden Abſichten hatten jedoch die gewöhnlichen traurigen Folgen. In dem Verhältniſſe, in welchem der Indianer die Sitten 4 1 1 1 4 4 4 * 4 5 1 4 — 218— des Wilden verlor, eignete er ſich die Laſter der Weißen an, welche durch die wilde Kraft der Barbarei und der frühen Entwöhnung aller Selbſtbeherrſchung nur noch greller hervortraten. Seine natürliche Liſt und Verſchla⸗ genheit wurden durch manche Kunſtgriffe, die er den Weißen ablernte, nur noch erhöht; und ſeine natürlichen Leidenſchaften, Grauſamkeit, Rachſucht und Liebe zum Trunk, verſtärkt— die beiden erſten durch eine Reihe von Kränkungen, Beleidigungen und Unbilden, welche er von den Weißen, mit denen er Umgang hatte, erdulden mußte— die letzte durch die Leichtigkeit, mit welcher er ſie befriedigen konnte. Es gibt gewiſſe Pflanzen, Früchte und Blumen, welche wild in den Wäldern wachſen und ſich veredeln, wenn ſie in den Garten verpflanzt und mit Sorgfalt gepflegt werden; andere ſchießen empor mit der üppigen, wuchernden, werthloſen Fülle des unkrauts; noch andere welken und ſterben unter der pflegenden Hand des geſchick⸗ teſten Gärtners ab. Es gibt Vögel und vierfüßige Thiere, welche der Zähmung fähig ſind, andere behalten den wilden Charakter ihres frühern Lebens, ſo lange ſie exi⸗ ſtiren. Eben ſo ſcheint es mit der Race der Menſchen zu ſein. So ſagte der indianiſche Redner einſt zu dem Praͤ⸗ ſidenten Monroe:„der weiße Mann, und der ſchwarze Mann, und der Mann von jeglicher Farbe kann gezähmt und durch das Zähmen veredelt werden, nur der rothe Mann nicht. Er allein ſcheint, in der That, lediglich für — 219— die Wälder geboren zu ſein; da allein können die Tugen⸗ den, welche ihnen inne wohnen, zu ſeinem und ſeines Stammes Beſten geübt werden. Verſetzt ihn in das Licht der Sonne, in die Wohnungen des geſelligen und geſit⸗ tigten Lebens, und er wird— die Erfahrung iſt trau⸗ rig und die Wahrheit beklagenswerth— unter hundert Fällen neunzig Mal, der elendeſte und bösartigſte aller Schurken,— ein Gemiſch der Rohheit des Wilden und der Liſt, der Betrügerei und der Sinnlichkeit des civili⸗ ſirten Böſewichts.“ So begab es ſich mit Hans Pipe. Er wurde ein Trunkenbold und Landſtreicher und mußte zuletzt aus des Oberſten Vancour's Haus entfernt werden, weil er ſein Meſſer gegen eines der ſchwarzen Kinder gezogen hatte, das ſich weigerte, ihm einen neuen Becher Aepfelwein zu bringen. Er war zu faul, etwas anders als die unbedeu⸗ tendſten Arbeiten zu übernehmen, wofür er nichts ver⸗ langte als Branntwein, und zu denen ihn nichts verleiten konnte als Branntwein. Er brachte ſeine Tage in Trun⸗ kenheit und thieriſcher Darlegung wilder Unanſtändigkeiten hin und vergeudete ſeine Nächte mit Diebereien und Ent⸗ wendungen oder verſchlief die Wirkungen ſeiner bei Tage verübten Ausſchweifungen. Manchmal, aber ſehr ſelten, kam er in des Oberſten Haus, wenn er nüchtern war, und bat um Kleidung oder Nahrung, was ihm nie ver⸗ weigert wurde. Vielleicht bewegte ſich nie ein unnützeres, gefährlicheres und racheſüchtigeres Weſen auf der Erde 4 3„* 1 4 — — 220— herum, als dieſer Elende, von der geſittigten und wilden Welt zumal Ausgeſtoßene und Geächtete. Sein Aeußeres war ſchrecklich und abſtoßend. Sein langes, dünnes, ſchwarzes Haar hing wild um ſeine Schultern und bedeckte faſt ſeine niedrige Stirne; ſeine hohen Backenknochen, ſeine eingedrückte Naſe, die weiten Naſenlöcher und der noch weitere Mund, mit ſeiner ſchlechten Bekleidung und den ſchmutzigen Sitten machten jedem das Herz beben, der ihn anſchaute. Aber vorzüglich ſein Auge— ſein bösartiges, hartes, blutunterlaufenes Auge, mit dem Feuer⸗ ringe der zur Gewohnheit gewordenen Unmäßigkeit um⸗ kreiſ't, innerhalb welchem die Flammenkugel rollte— zeugte unwiderſprechlich von dem böſen Geiſt, der ſich in der Veſte ſeines Herzens niedergelaſſen hatte. Es ſprach von offenem und geheimem Morde, um Mitternacht und am Mittag verübt; von einer Rachſucht, die jeden Augenblick ihr Opfer fordern konnte, und welche Jahre nicht löſchen konnten,— von geheimen Anſchlagen und offenbarem Frevelthun. Es begab ſich, daß kein männliches Weſen im Hauſe und deſſen nächſtem Bereiche war, als Hans Pipe in thieriſcher Trunkenheit und, wie in ſolcher Lage gewöhn⸗ lich, unverſchämt und frech, in die Küche trat. Oberſt Vancour war nach dem Mittageſſen in Geſchäften aus⸗ geritten; die Arbeiter waren noch nicht von den Feldern heimgekommen und Ariel hatte ſich geſchäftig entfernt, um bei ſeinem Nachbarn, Mynheer Frelinghuyſen, die — 221— Wonnen ſeines Herzens über das gebratene Ferkel auszu⸗ ſchütten. Sybrandt fand den entarteten Indianer ſeinen derben Stock wild ſchwingend und aus aller Macht nach mehr Branntwein ſchreien. Er hatte ſich in jenen halb vorſätzlichen Wahnſinn hinein gewüthet, welchen die Trink⸗ ſucht oft erzeugt und welcher nicht ſowohl eine Abweſen⸗ heit der Vernunft, als des guten Willens iſt, ihren Befeh⸗ len zu gehorchen. Die kleinen Schwarzen flüchteten ſich in die Ecken und fürchteten ſich, davon zu laufen, und ſelbſt die allgefürchtete Tante Nauntje bebte, ihr Anſehen in ihrem Eigen⸗Gebiete geltend zu machen. Sybrandt verſuchte anfangs, Kapitän Pipe, wie er ſich ſelbſt nannte, zu beſänftigen und in gute Laune zu verſetzen, indem er hoffte, er würde ſich friedlich weg⸗ begeben. Der Kapitän hatte aber alle Selbſtbeherrſchung verloren oder es beliebte ihm nicht, dieſelbe zu üben; er antwortete unſerm Helden mit brutalen Drohungen gegen die ganze Familie, wenn ſeine Wünſche nicht erfüllt würden. Wie der Streit ſich weiter ſpann, wurde er ſo frech und unverſchämt, daß Madame Vancour und Cata⸗ lina, deren Beſorgniſſe ſie zur Stelle gerufen hatten, froh waren, aus dem Bereiche des Hörens zu kommen. Sybrandt wurde böſe und verlor endlich, als der Kapitän einen Schreibtiſch aufbrechen wollte, in welchem er Brannt⸗ wein zu finden hoffte, alle Geduld, faßte ihn an den Schultern und ſchleuderte ihn mit ſolcher Gewalt zurück, daß er wirbelnd bis an das andere Ende der Küche flog. —. — 222.— Die Wuth des Wahnſinnigen verdoppelte ſich. Er ſchien plötzlich die Feſtigkeit ſeiner Füße zu erhalten und ſchritt raſch auf Sybrandt zu, der keine Waffe in der Hand hatte, und gab ihm einen Schlag mit ſeinem gewichtigen Stocke, der, hätte er ihn voll getroffen, ihn kraft⸗ und beſinnungslos hätte machen müſſen. Glücklicherweiſe hatte Sybrandt, obgleich er ſich überraſcht ſah, durch eine raſche Bewegung nach der einen Seite ſeinen Kopf geſi⸗ chert; der Schlag traf aber ſeine linke Schulter mit einer Kraft, die ihn zum Taumeln brachte. Die kleinen ſchwar⸗ zen Knaben ſchrieen aus Leibeskräften; die alte Tante Nauntje ſprang ſo ſchnell, als ihre Glieder ſie trugen, hinaus und rief nach Hilfe, und Catalina, die einen durchdringenden Schrei ausſtieß, flog in ihres Vaters Zimmer, um ſeinen Säbel zu holen, mit welchem ſie in einer Minute erſchien. 1 Aber der Kampf war vorüber, ehe ſie kam. Kapitän Pipe, der ſeinen Gegner durch den Schlag, den er erhal⸗ ten, faſt ganz gelähmt ſah und vor Wuth immer toller wurde, war jetzt ein vollkommener Wilder, der nur noch nach Rache dürſtete und nach Blut lechzte. Er zog ein langes Meſſer, welches er ſtets ber ſich trug, ſeit ihn der Oberſt aus dem Hauſe gejagt hatte, ſchwang es mit ſchrillem teufliſchem Brüllen und führte einen tödtlichen Stoß gegen das Herz unſeres Helden, deſſen einziger Schutz ſein Auge und ſein rechter Arm war; das erſtere war ſcharf und unverwandt auf die Bewegungen des — 223— Kapitäns gerichtet. Der Stoß war gut berechnet, aber Sybrandt's Aufmerkſamkeit und Kaltblütigkeit ſetzten ihn in den Stand, denſelben von ſich abzuwenden, indem er auf die Seite ſprang. Das Meſſer ging gerade unter dem linken Arm durch ſein Gewand, und in demſelben Augen⸗ blicke war der junge Mann des Wilden Meiſter und hielt ihn ſo feſt, daß er nicht ſogleich im Stande war, ſein Meſſer wieder los zu machen. Ein augenblicklicher, aber verzweifelter Kampf erfolgte, der damit endigte, daß Sybrandt ſeinen Gegner ſchwebend in die Höhe hob und ihn in demſelben Augenblick mit ſolcher Gewalt rückwärts hinwarf, daß er auf einen der großen Feuerböcke des Herdes ſiel und bewußtlos dalag. Er hielt das Meſſer krampfhaft gefaßt, aber ſeine Augen waren geſchloſſen und das Blut floß in Strömen von der Hinterſeite ſeines Kopfes. In dieſem Augenblicke kam Catalina mit dem Säͤbel und beſchwor Sybrandt, ihn anzunehmen. „Der Elende iſt nicht todt,“ ſagte ſie,—„ich ſehe, daß ſein Athem noch geht. Er wendet nur eine ſeiner indianiſchen Liſten gegen euch an. Lieber Sybrandt, nehmt die Waffe und— und— tödtet ihn nicht, ſeid ader auf eurer Hut.“ Der junge Mann gedachte lange der Worte„lieber Sybrandt“ und ſo that auch der Indianer, welcher, wie Catalina ſcharfſichtig bemerkt hatte, nur die Stinkratze ſpielte, wie man in dem trefflichen alten Virginia ſagt, — — 1 8 1 1 — — — 224— das heißt, der ſich nur bewußtlos ſtellte. Er beabſichtigte, die günſtige Gelegenheit abzuwarten, ſeine Kräfte ein wenig zu ſammeln und dann aufzuſpringen und das Verderben ſeines Opfers zu bewirken. Mit der Ueber⸗ reichung des Säbels jedoch und dem guten Rathe, welchen Catalina hinzufügte, war ſeine Abſicht vereitelt, und nun wurzelte in ſeinem böſen Herzen ein Gefühl: tiefer, bitterer Rache, welches ſpäter mehr denn ein Mal das Leben des jungen Fräuleins drohender Gefahr preisgab. Das Abenteuer endigte mit der Ankunft eines der⸗ Nachbarn, welchen das Geſchrei der Tante Nauntje ihr zu Hilfe herbeiführte und mit der Uebergabe des Kapi⸗ täns Pipe an die Obrigkeit, welche ihn ſeine Gewaltthä⸗ tigkeit mit mehreren Monaten Gefängnißſtrafe büßen ließ. Er hatte ſeine volle Muſe, über ſeiner Rache zu brüten und Plane, ſie zu befriedigen, auszuſinnen. Als die Zeit ſeiner Hafthaltung vorüber war, begann er eine ganz neue Lebensweiſe. Er wurde von Grund aus mäßig, gelehrig und fleißig. Allgemach wurde ihm das Mitleid und das Wohlwollen der Umgegend zu Theil; er erhielt vollauf zu thun und legte jeden Pfennig ſeines Erwerbes zurück. Oberſt Vancour und ſeine Familie bemitleideten ihn, vergaben ihm und ſuchten ihn nicht nur durch ſtete Beſchäftigung, ſondern auch durch mancherlei Geſchenke an Geld und Kleidungsſtücken zu ermuthigen. Unter andern ſchenkte ihm Catalina, obgleich ſie immer zitterte, wenn er in ihre Nähe kam, eine Bibel, in welcher man ihn 6e — 225— in ſeinen freien Stunden ſtets emſig leſen ſah; denn der Oberſt Vancour hatte dafür geſorgt, daß er im Leſen unterricht erhielt. Er ward ein regelmäßiger Beſucher der Kirche und ging öfter zum Abendmahle, zur großen Freude mancher frommen, wohlmeinenden Leute, welche in ihm einen aus dem Feuer geretteten Brand erblickten. Aber der alte Tjerk, welcher einſt in ſeiner Jugend bei den Indianern in Gefangenſchaft geweſen war, ſchüttelte ſeinen klugen grauen Kopf und ſagte oft: „Er kein guter Chriſten ſein— er nicht. Ich den Teufel Indianer doch immer in ihm ſehen! Wenn India⸗ ner ſehr gut, dann er ſehr ſchlecht werden. Ich ihn kennen — er ſein wie der Tiger— er ganz ruhig ſein, wenn er ſpringen wollen gerade.“ Aber ein weißer Prophet wird wenig in ſeinem Lande geachtet, und ein ſchwarzer noch weniger. Paulding. III. 15 1 4 4 3 4 — 226— Neunzehntes Kapitel. Fernere Züge des civiliſirten Wilden. Als Kapitän Pipe ſich eine hinreichende Summe Geldes geſpart hatte, ging er eines Tages nach Albany und kaufte ſich eine ſchöne Flinte, um, wie er ſagte, Enten damit zu ſchießen. Von dieſer Zeit an nahm ſein Fleiß nicht wenig ab, und er brachte den größten Theil ſeiner Zeit in den Waldern, dem Fluſſe entlang, hin. Zuweilen konnte niemand ſagen, wohin er gegangen und was ſeine Abſicht ſei. Seine Abſicht aber und ſein einziger Zweck war, ſich zu rächen. Er haßte den Oberſten Vancour, weil er ſelbſt ſich durch ſeine gemeine Undankbarkeit ſeines Schutzes unwürdig gemacht hatte; er haßte Sybrandt, weil er ihn verwundet und beſiegt hatte; vor allen aber haßte er Catalina, weil ſie ihm einen der ſüßeſten Augen⸗ blicke der Rache geraubt hatte, indem ſie ihn gegen ſeine Liſten vorſichtig ſein hieß und ihm eine Waffe zu ſeiner Vertheidigung einhändigte. Endlich wußte er, daß ſeine Rache die Drei treffen würde, wenn er Catalina um das Leben brächte. Dies beſchloß er bei der erſten ſichern Gelegenheit zu thun und dann nach Kanada zu den Ueber⸗ bleibſeln ſeines Stammes zu flüchten. Zu dieſem Zwecke bereitete er ſich von den Augenblicke an, wo er die Flinte beſaß, welche ſicherer war, als ſein Meſſer, da er damit das Verbrechen ungeſehen vollbringen konnte— mit der Geduld, der Liſt und der Ausdauer vor, wie Wilde es bekanntlich zu thun pflegen, wenn ſie ſich ihrem Rache⸗ plan geweiht haben. Immer aber, wie dringend auch des Indianers Begierde nach Rache ſein mag, gilt es gewiſſer⸗ maßen für einen Ehrenpunkt, daß ſie mit der möglichſt geringen Gefahr für ihn ſelbſt vollbracht werde. Bei allen ihren Unternehmungen ſpielen die Wilden niemals muthwillig oder unnöthig mit ihrem Leben und ihrer Sicherheit. Sie ſterben männlich, aber ſelten ſuchen ſie den Tod. Wohin Catalina gehen mochte— er hielt ſie im Auge, zögerte und zauderte in einer gewiſſen Entfernung, ſcheinbar ohne auf ſie zu achten, aber auf ſeine Beute geſpannt. Zur Tageszeit ſtreifte er in dem tiefen Thale umher, deſſen wir als einen Lieblingsaufenthalt Sybrandt's gedacht haben, in der Hoffnung, die junge Dame würde ihm vielleicht einen Beſuch abſtatten; und des Nachts umwanderte er ihr Haus, wie ein hungriger Wolf, dem nach dem Blute ſeines Opfers gelüſtet. Das Bellen der Hunde erregte oft die Aufmerkſamkeit des Haushaltes und man glaubte dann, es ſei dem Herumſtreifen wilder Thiere beizumeſſen, welche zu jener Zeit keine unge⸗ wöhnlichen Beſucher waren. Einige Mal ſtellte man auch eine Wache aus, man entdeckte aber nichts; denn — 228— das Haus wurde von einem wachſameren Feinde bewacht, als ſie waren. In einer dunkeln, wolkenverhängten Nacht, im ſchwü⸗ len Auguſtmonate, ſaß Catalina an ihrem Fenſter, das die Ausſicht auf eine Art Luſtwaldchen hatte— aus Pflanzen aller Art beſtehend, welche man in wilder, unge⸗ bundener Ueppigkeit wuchern und ſich ausdehnen und erheben ließ, um ein Obdach für hundert kleine Vögel abzugeben, welche in dieſem verzweigten Geäſte und ver⸗ gitterndem Laubwerk ungeſtört ihre Neſter bauten und ihre Jungen auffütterten. Es hatte frühe am Abend geregnet, der Himmel war mit ſchwarzem, ſchwerem Gewölk behangen, Dünſte umzogen die Höhen und eine ſchwüle Hitze herrſchte in der Luft, die auf Geiſt und Körper erſchlaffend wirkte. Schwärme kleiner Feuerfliegen ſtreiften luſtig in dem Graſe und den Geſträuchen umher und erleuchteten die ſchwarze Dunkelheit. In ferner Weite zuckten dann und wann feurige Blitze über die Bruſt der bläulichen und beweglichen Wolken. Da Cata⸗ lina ſah, daß ihr Licht eine große Menge der umher⸗ ſtreifenden Nachtinſekten anzog, brachte ſie es in ein klei⸗ nes anſtoßendes Gemach, ſetzte ſich wieder an das Fenſter und überließ ſich ihren Gedanken, welche ſich bald der Vergangenheit, bald der Zukunft zuwendeten. Seit einiger Zeit hatten ſich Sybrandt's und Cata⸗ lina's Herzen ruhig und unbemerkt einander genahert. Da ſie öfter beiſammen waren, beſiegte er allmählich — 229— ſeine ſcheue Unbeholfenheit und jene Neigung, ſich Krän⸗ kungen zu ſchaffen, die der Fluch ſeines frühern Lebens geweſen. Er hatte keinen Nebenbuhler zu fürchten, noch ein ſpöttiſches Lächeln zu beſorgen, und ſo knospten und blühten Gefühle und Gedanken wunderbar in ihm auf und breiteten ſich zur vollen Reife aus. Die Schätze des Wiſſens, welche bisher inmitten des Unkrautes abſtoßen⸗ der Ungelenkigkeit begraben lagen, die lebendige, heitere Laune, der Witz, der Geiſt, welche bisher durch Sybrandt's großes Talent, ſich ſelbſt zu quälen und zu demüthigen, unterdrückt worden waren, begannen jetzt in fruchtbarer Pracht aufzuſchießen und gewannen jeden Tag mehr Reinheit und Glanz durch die ſanfte Berüh⸗ rung mit dem lauteren Metalle eines lebendig gebilde⸗ ten weiblichen Geiſtes. Er wurde ſchnell zu dem, wozu die Natur ihn beſtimmt hatte,— zu einem Gegenſtande des Intereſſes und der Achtung aller derer, die ihn umgaben, und der Stern weiblicher Anmuth leitete ihn allmählich in den Hafen des Glückes und der Auszeich⸗ nung zumal. „Wie ſehr mein Vetter Sybrandt von Tag zu Tag gewinnt,“ dachte Catalina, wie ſie an dem offenen Fen⸗ ſter ſaß, und ſeufzte in die Stille der Nacht und Dunkelheit. Die ganze Familie hatte ſich nun zur Ruhe begeben und nur Catalina wachte noch, als plötzlich ein lautes Knurren der Hunde ſie aus ihren Träumen weckte. In — 230— demſelben Augenblick war es ihr, als wenn ſich etwas in der Nähe des kleinen Wäldchens bewegte. Einen Moment ſpäter hörte ſie deutlich etwas wie das Zuſchlagen eines Meſſers und ſah eine Menge Feuerfunken in der Dun⸗ kelheit verſprühen, woher der Ton gekommen zu ſein ſchien. Die junge Dame bebte und dachte einen Augen⸗ blick nach, was dies bedeuten könne— da hörte ſie den⸗ ſelben Ton— da ſah ſie wieder die verſprühenden Feuer⸗ funken, von einem Ziſchen begleitet, wahrend ein blauli⸗ ches Flämmchen aus der Erde aufzuſteigen ſchien. Die Hunde begannen nun wüthender zu bellen, Catalina ſchloß hr Fenſter und bald ruhten ihre lieblichen, keuſchen Glie⸗ der zwiſchen den ſchneeigen, jungfräulichen Decken, die nicht weißer und unſchuldiger waren, als ſie ſelbſt. Sie dachte eine Zeitlang über die ſeltſamen Dinge nach, welche ſie gehört und geſehen hatte; bald aber ſtellte ſich ihrem halb wachen, halb ſchlummernden Geiſte das Bild eines ſchlanken, ſchwarzäugigen Jünglings, mit Zähnen, weißer als ihre eigene ſchöne Bruſt oder das Elfenbein von ganz Afrika dar, ſie ſchloß ihr himmliſches blaues Auge mit holdem Zwange und überließ ſich dem unſchuldi⸗ gen Schlafe unter tauſend glühenden Bildern künftigen Glückes. Eine kleine Verhandlung fand während des Früh⸗ ſtückes wegen der Unruhe der Hunde ſtatt und Catalina erzählte, was ſie geſehen und gehört hatte. Die allge⸗ meine Anſicht ging dahin, das Gehörte ſei etwas ein⸗ — 231— gebildetes oder zufälliges— die Funken aber nichts als Glühwürmchen und die blaue Flamme ein Irrlicht gewe⸗ ſen. Nach kurzer Zeit war alles vergeſſen und ſie hätten es nie wieder in das Gedächtniß zurückgerufen, ohne einen Umſtand, der ſich nicht lange nachher begab. ——— — K Zwanzigſtes Kapitel. Ein Mordverſuch und ein ſchützender Arm. Catalina begab ſich den nächſten oder einen der erſten Tage nach der Erſcheinung des Irrlichts nach Albany, wo ſie eine Freundin beſuchen und eine Woche verweilen wollte. Es war in jener Zeit hergebracht, daß man kleine, ſo wie große Reiſen zu Pferde machte und Catalina liebte eine Uebung ſehr, in welcher ſie Meiſterin war. Als ſie von dieſem Beſuche zurückkehrte, wurde ſie von einem heftigen Regenſchauer überraſcht, der ſie zwang, ſich umzu⸗ kleiden, worauf ihr Mädchen die naſſen Kleider auf einen altmodiſchen hohen Lehnſtuhl gerade an dem Fenſter des Gemachs ausbreitete. „Was? ihr hier?“ rief Ariel, welcher eben, wie gewöhnlich, durch den Garten eingetreten war, um mög⸗ licherweiſe auszuſpüren, was es in der Küche gebe:— „Ihr hier? Nun, ich wollte ſchwören, ich hätte euch oder euern Geiſt eben, als ich hereinkam, an dem Fenſter ſitzen ſehen.“ Caatalina erklärte ihm lächelnd die Urſache ſeines Irrthums. „Bei Jupiter,“ rief Ariel,—„ ich muß euer Mäd⸗ — 233— chen bitten, mir eine Vogelſcheuche für mein Kornfeld zu machen, denn ich habe nie etwas natürlicheres geſehen. Es war zehn Uhr des Abends und die ganze Familie, Sybrandt und Ariel mit eingerechnet,— welcher letztere, wie gewöhnlich, auf ſeinem Lehnſtuhle feſt eingeſchlafen war— ſaß um den Tiſch, als ſie durch einen Flinten⸗ ſchuß, der dicht hinter dem Hauſe gefallen war und dem ſogleich ein furchtbares Bellen der Hunde folgte, aufge⸗ ſchreckt wurde. Sybrandt und Ariel eilten ſogleich zur Hinterthüre hinaus, um zu ſehen, was es gebe, und fan⸗ den die ganze Küchenbevölkerung in großer Aufregung; alle ſchwatzten und ſchrieen zuſammen und eines erzählte dem andern, was es wußte oder glaubte. Das Eine glaubte, der Schuß ſei in dem kleinen Wäldchen gefallen, das Andere, hinten in den Brombeerbüſchen, das Dritte, von dem Ende des Gartenzauns herüber und ein Viertes behauptete, es habe unmittelbar nach dem Schuſſe einen Mann über den Zaun ſpringen ſehen. Wie gewöhnlich in ſolchen Fällen, war es unmöglich, hinter die Wahrheit zu kommen und da niemand ein Leid geſchehen zu ſein ſchien, ſo vereinigten ſich die meiſten zu dem Schluſſe, es ſei auch nichts der Art beabſichtigt worden. Als Cata⸗ lina in ihr Gemach kam, ſah ſie den alten hohen Damaſt⸗ Stuhl, auf welchen ihre Kleider zum Trocknen ausge⸗ breitet worden waren, am Boden liegen. Er ſchien mit Gewalt umgeſtürzt worden zu ſein, ihr Mädchen erklärte aber feierlich, ſie habe, ſeit ihre Gebieterin das Gemach —— — — 234— verlaſſen, es nicht mehr betreten und der ganze Haushalt betheuerte daſſelbe, das Geheimniß blieb daher unerklärt. Als jedoch am nächſten Morgen das Mädchen die früher erwähnten Kleider zuſammenlegen wollte, ſah ſie mit Staunen und Schrecken, daß ſie an mehreren Stel⸗ len runde Löcher hatten. „Gott, junge Miſſi,“ rief die kleine Schwarze,— „was ihr euerm Reitkleid nur gethan haben? ſie voller Löcher ſein, ich ſage.“ Catalina war außer ſich vor Erſtaunen. Sie ſuchte ſich zu beſinnen, wie dieſe hinein gekommen ſein könnten, es fiel ihr aber nichts ein, das eine Erklärung abgab. Endlich, als ſie den alten Stuhl unterſuchte, um zu ſehen, ob etwas daran ſei, das Licht über die Sache verbreiten könnte, entdeckte ſie in dem Damaſt eine kleine runde Oeffnung von der Größe, wie die in dem Reitkleide, ſie ſteckte ihren kleinen Finger hinein, fühlte etwas hartes und zog mit einiger Mühe eine Bleikugel heraus. Das ſchwarze Mädchen ſtieß einen lauten Schrei aus und die junge Dame wurde blaß, als ſich plötzlich alle die Umſtände ihrem Geiſte darſtellten, welche mit dem ſeltſamen Vor⸗ falle und den nächtlichen Begebniſſen die Woche vorher zuſammen zu hängen ſchienen. Die kleine Schwarze wollte in aller Eile hinablau⸗ fen und Madame Vancour und dem Oberſten die Kugel zeigen; Catalina hielt ſie aber auf und befahl ihr zu blei⸗ ben, wo ſie war. Die junge Dame ſetzte ſich nieder und — 235— dachte darüber nach, was ſie zu thun habe. Sie dachte ſich, wie beunruhigend, ja, wie ſchmerzlich es für ihre Mutter ſein müßte, wenn ſie ihr Umſtände mittheilte, welche offenbar darauf hindeuteten, daß ſie einen Feind habe, der ihr nach dem Leben trachte; auch zweifelte ſie, ob irgend erfolgreiche Maßregeln getroffen werden könn⸗ ten, um den Mörder feſtzuhalten oder ſie künftig vor ſeinen Planen zu ſchützen. Endlich ſtellte ſich ihr Sybrandt als der Mann dar, welcher vielleicht insgeheim der Sache nachſpüren und ihr mittlerweile Schutz und Rath zumal geben könnte. Sie entſchloß ſich daher, ihm bei der erſten Gelegenheit den ganzen Vorfall mitzutheilen und empfahl ihrer kleinen ſchwarzen Iris das ſtrengſte Stillſchweigen, bei Strafe ihrer höchſten Ungnade. Das kleine Mädchen war in Verzweiflung, daß die Gelegenheit, eine ſolche wundervolle Geſchichte weiter zu erzählen, ihr abgeſchnit⸗ ten wurde, da ſie aber ihrer jungen Herrin, welcher ſie von ihrer Geburt an zugegeben worden, ſehr zugethan war, ſo gehorchte ſie, obgleich ſehr ungern. Sybrandt kam bald herüber, um ſich zu erkundigen, ob irgend eine neue Entdeckung gemacht worden ſei, denn er konnte ſich nicht enthalten, einen fernen unſichern Verdacht zu hegen; der Schuß und die erwähnten Vor⸗ fälle jener Nacht deuteten auf etwas mehr als auf bloßen Zufall oder ein Spiel der Phantaſie hin. Catalina lud ihn zu einem Spaziergange in den Garten ein und ent⸗ deckte ihm hier alle Einzelnheiten, deren wir hier aus⸗ —— 1 8 1 1 1 1 4 4 — 236—⸗ führlich gedacht haben, bis zu der in der Stuhllehne gefundenen Bleikugel. Der junge Mann ſchauderte, wäh⸗ rend ſein Auge Feuer ſprühte. Er konnte ſich kaum ent⸗ halten, Catalina in ſeine Arme zu nehmen und ſie an ſeine Bruſt zu drücken, wie Mütter ihren kleinen Kindern thun, wenn ſie das Herannahen einer Gefahr beſorgen. Er ſchaute ſie einige Minuten mit der tiefſten, gefühlteſten Theilnahme an und rief dann:— 1 „Liebe Catalina, ich werde euch mit meinem Leben und mein ganzes Leben lang beſchützen und vertheidigen.“ „Ich weiß, daß ihr das werdet, Sybrandt,“ verſetzte ſie mit einem Blicke, in welchem mehr als Dankbarkeit ſprach.„Ich weiß, daß ihr das werdet, denn ihr habt es bereits ein Mal für mich gewagt. Und doch war dieſer Schuß nach allem vielleicht nichts anderes, als Zufall.“ Sybrandt ſchüttelte den Kopf. „Ich möchte euch nicht unnöthig beunruhigen; es iſt mir aber klar, daß ihr einen geheimen Feind habt, wel⸗ cher euer Leben bedroht. Was ihr in jener Nacht in dem Wäldchen geſehen und gehört habt, ſtellt ſich mir nun ganz klar dar. Das Klappen oder Schlagen, welches ihr hörtet und das eurer Schilderung nach dem Schließen eines Meſſers glich, war, wie ich nun nicht mehr bezweifle, das Hahnſpannen einer Flinte, die Funken waren die eines Feuerſteins und die Flamme das Abbrennen des Pulvers auf der Zündpfanne. Ich erinnere mich, es — 237— war ein dumpfer, naſſer Abend und dies erklärt, warum die Flinte nicht losging.“ Die Wahrheit lag zu Tag; Catalina fühlte, daß ihre Kraft ſie verließ und lehnte ſich ſchwer auf ſeinen Arm. „Fahrt fort,“ ſagte ſie und holte mühſam Athem:— „fahrt fort; laßt mich das Schlimmſte wiſſen, was ich zu erwarten habe.“ „Ich werde es, denn es iſt zu eurer künftigen Sicher⸗ heit nöthig. Ohne Zweifel nahm der Elende, wer er auch ſein mag, die Kleider auf der Lehne des Stuhles, welcher, wie ihr ſagt, unmittelbar an dem Fenſter ſtand, für euch ſelbſt, und— und—“ Die zunehmende Schwere Catalina's zog ſeine Auf⸗ merkſamkeit von dem Vorgange ab; er ſchaute in ihr Antlitz und ſah, daß es todtenblaß war. Einen Augen⸗ blick nachher verließ ihre Kraft ſie; das Gefühl ihrer überſtandenen und künftigen wahrſcheinlichen Gefahren zumal überwältigte ſie und ſie ſank in ſeine Arme. Sybrandt legte ſie ſanft auf eine kleine Raſenerhöhung, welche durch üppig aufgeſchoſſenes Gebüſch vor den Blicken verborgen wurde, lehnte ihr Haupt an ſeine Bruſt und erwartete in ſtürmiſcher Unruhe, daß ſie wieder zu ſich komme. Bald ſchlug ſie auch die Augen auf, erröthete und machte ſich aus ſeinen Armen los. Mit einem ſchwachen Lächeln ſagte ſie endlich:— „Ihr müßt mir vergeben, Sybrandt, aber ich bin nur ein Weib.“ 1 1 1 —.— — 238— „Und ich bin nur ein Mann,“ ſagte Sybrandt warm, —„doch ſchwör' ich euch hier, nie zu raſten, bis ich die⸗ ſen geheimen Frevler an das Licht und zur Verantwor⸗ tung gezogen habe. Und wenn ihr, meine liebe Baſe, es mir erlaubt, weihe ich mich hier für alle Zeit feierlich euerm Schutze. Wenn ich nicht an eurer Seite bin, werde ich ungeſehen um euch ſein, jedes Weſen bewachen, welches ſich euch nähert, und jeden geheimen Winkel durchſuchen, in welchen ein Menſch oder ein wildes Thier ſich verſtecken konnte. Fortan iſt es das Geſchäft— die Pflicht— die ſchmerzliche, erhabene Freude meines Oaſeins, für eure Sicherheit zu leben und, wenn es nöthig iſt, zu euerm Schutze zu ſterben. Haltet ihr mich, liebe Cata⸗ lina,— haltet ihr mich für würdig, mir dieſes theure Amt anzuvertrauen?“ Der weiche, ſchwellende Buſen Catalina's hob ſich, von Dankbarkeit, Vertrauen und holder Zärtlichkeit bewegt, als ſie ihm mit glänzendem Auge in das Antlitz ſah und ausrief:— 5 „Ich weiß euch genug zu ſchätzen und ich werde meinem Vetter vertrauen. Wem ſonſt könnte ich ver⸗ trauen? Meinem Vater— meiner Mutter wage ich die Geſchichte von der Kugel nicht zu erzählen, denn ſie würde nur Dornen auf ihr Kiſſen ſaen und ihr Glück untergraben. Ich muß euch vertrauen,“ ſetzte ſie mit einem ſanften, Zärtlichkeit ausſprechenden Lächeln hinzu—„und wenn ich auch nicht genöthigt wäre, es — 239— zu thun, ſo glaube ich, ich müßte euch dennoch ver⸗ trauen.“ „Liebe Catalina! doch— ihr kennt mich— das iſt genug.“ „Ja, wir kennen einander, ich hoff' es,“— verſetzte ſie mit einem Blicke voll grenzenloſen Vertrauens und unausſprechlicher Liebe. Sybrandt benutzte dieſen günſti⸗ gen Augenblick nicht, um von Liebe zu ſprechen. Es war etwas zu Feierliches, Inniges und Tiefes in dem ganzen Charakter dieſes Momentes, ſo wie in den Umſtänden, die zu dieſer Zuſammenkunft Veranlaſſung gaben. Der Gedanke an Gefahr und Tod, mit welchem ſie bedroht zu ſein ſchien; an den unbekannten nächtlichen Mörder, welcher ihren Schritten überall hin folgte und ihren Schlaf wie ihr Wachen belauſchte, umgaben ſie ſo zu ſagen mit einem heiligen Nimbus und theilten ihrer blühenden Schönheit, ihren zutrauensvollen Worten und zärtlichen Blicken eine heilige Unſchuld mit, welche, während ſie die Seele in unausſprechliche Zartlichkeit zerſchmolz, jeden ſelbſtiſchen Wunſch und jede ſinnliche Regung zurückdrängte. Ehe ſie ſich trennten, wurde ausgemacht, daß Catalina ſich fortan enthalten ſolle, allein oder in dem Dunkel des Abends auszugehen; auch an dem Fenſter ſollte ſie ſich nach der Dämmerung nicht mehr ſehen laſſen, bis Sybrandt jede Masregel getroffen, dieſer geheimnißvollen Sache auf die Spur zu kommen und den gefährlichen Frevler ent⸗ deckt hätte. Dieſem Vorwurfe war er nun entſchloſſen, —jj———— — 240— ſeine ausſchließliche Aufmerkſamkeit zu widmen und dazu befeuerte ihn ſeine Liebe, ſo wie die Hoffnung, der Ver⸗ ſuch könnte ihm, von dem dringenden Verdacht, der in ihm aufgeſtiegen war, geleitet, gelingen. „Was der T-—l habt ihr zwei denn die ganze Zeit in dem Garten zu thun?“ rief Ariel, der während ihrer Abweſenheit gekommen war und bei dieſer Frage eine ſehr ſchlaue Miene annahm. „Wir haben Blumen geſucht,“ ſagte Catalina und erröthete, um dann zu erblaſſen. „Ihr habt Streit geſucht, ſollte ich eher denken nach euern Blicken,“ und nun begann er, ſie ein wenig zu necken; da er aber ſah, daß es Beiden peinlich wurde, war er viel zu gutmüthig, um den Scherz fortzuſetzen. Der wackere Ariel ſprach in ſeinem ganzen Leben nicht von Grundſätzen— er übte aber einen ſehr guten— nämlich er wußte, wo der Scherz ſeine Grenze hatte und trieb ihn nie bis zur Bösartigkeit, wie die Leute zuweilen thun. Wenn er ſah, daß er verletzte, ſtand er augen⸗ blicklich ab. Es iſt wohl möglich, daß die Selbſtverleug⸗ nung, welche er bei dieſer Gelegenheit übte, ihren Grund in einer ſchalkhaften Bemerkung hatte, die Catalina als Antwort auf ſeine Behauptung, er habe ihr Flüſtern belauſcht, mit einer bedeutſamen Miene hinwarf—„ es ſei nur das Summen der Bienen geweſen.“ Sybrandt lehnte Ariel's Einladung, mit ihm zu gehen und den großen Ochſen zu ſehen, welchen der gute Mann — 241— jeden Tag beſuchte und an deſſen fettem Rückenſtück er bereits in glorreicher Erwartung ſchmaußte, ab und ent⸗ fernte ſich bald. Der junge Mann verfolgte den Pfad nach Haus in tiefem Nachdenken und in Gefühlen, die aus Schmerz und Freude gemiſcht waren. Die Wonne, in dem Herzen ſeiner ſchönen Baſe Theilnahme zu finden, wie er nun wohl hoffen konnte, durchbebte ſein ganzes Weſen. Dem ſeligen Becher war aber mancher bittre Tropfen beigemiſcht. Der Schatz, welchen er einſt ſein zu nennen hoffte, war in Gefahr, durch eine unſichtbare, unbekannte Hand, gegen welche er eine unausgeſetzte Wachſamkeit zu üben hatte, ihm entriſſen zu werden. Der düſtere Gedanke an den Tod geſellte ſich den glanzreichen Hoffnungsbildern bei und gab ſeiner Liebe einen innigern, feierlichern Charakter. Seine Hoffnung ſchien der Blume zu gleichen, die an dem Rande des Grabes blüht, und das bleiche Geſpenſt des Todes ging Hand in Hand mit den lächeln⸗ den Cherubim der Liebe und der Hoffnung. Aus dieſen widerſtreitenden Gefühlen ging jedoch der feſte Entſchluß hervor, ſeine Zeit, ſeine Kraft und wenn es nöthig, ſein Leben dem großen Vorwurfe zu weihen, welcher nun von ſeiner ganzen Seele Beſitz genommen hatte. —— ———— — —— Paulding. III. 16 Einundzwanzigſtes Kapitel. Der Wettſtreit der Liſt. Wenn Spybrandt ſeine Blicke auf die ländliche Bevölkerung der Umgegend warf, ſo fand ſich nur eine Perſon, welche den entfernteſten Verdacht auf ſich ziehen konnte, und dieſe war der Kapitän Pipe. Er kannte den ausdauernden Geiſt der Rache, der die Söhne des Wal⸗ des beſeelt; er wußte, mit welcher Geduld ſie auf den Augenblick warten und lauern, der ſie zu befriedigen ver⸗ ſpricht. Er erinnerte ſich des bittern Unwillens, den er geaußert, als er aus des Oberſten Vancour's Hauſe ver⸗ wieſen und rief ſich den boshaft gehäſſigen Blick zurück, welchen er auf Catalina geworfen, als man ihn, an dem Tage ſeines Kampfes in der Küche des Hauſes, in das Gefängniß abführte. Er wußte, daß ein Indianer nie verzeiht. Seine plötzliche umwandlung nach ſeinem Ent⸗ laſſen aus dem Gefängniß— ſeine ſcheinbare Frömmigkeit, Thätigkeit, Nüchternheit und der Umſtand, daß er ſich eine Flinte gekauft— alles trat allmählich vor Sybrandt's Geiſt und ſchien auf einen tiefgewurzelten Plan in dem Herzen des Indianers hinzudeuten. Niemand anders war in Verdacht zu ziehen, denn der Charakter der Umwohner — 243— war der der nüchternen, ruhigen Einfachheit und man hörte ſeit langer Zeit nicht, daß ein Fremder die Gegend beſucht hätte. Das Ergebniß dieſer Bemerkungen war der Entſchluß, die Bewegungen des Indianers von jetzt an zu bewachen und dies, wenn möglich, zu thun, ohne ſeinen Verdacht zu erregen. Der erſte Schritt war, daß er ihn unter ſeinen Augen zu halten ſuchte, indem er ihm für Arbeiten bei Herrn Dennis Vancour hohen Taglohn bot. Er ſuchte ihn alſo auf und der Indianer ging in ſeine Vorſchläge ꝛein, ohne einen anſcheinenden Verdacht des wirklichen Zweckes deſſelben. Er kam am folgenden Tage und Sybrandt trug an dieſem und jedem der kommenden Tage, unter manchfachen Vorwänden, Sorge, ihn immer unter den Augen zu haben und doch ſelbſt den Schein einer Abſicht zu vermeiden. Der Indianer hatte ſein Auge auch auf ihn und ohbgleich er keine Anzeigen ent⸗ deckte, daß ſeine ſtete Oberaufſicht ihm gelte, ſo flüſterte ſein liſtiges und ſchuldbewußtes Herz ihm doch Arg⸗ wohn ein, welcher ſeine wachſame Selbſtbeherrſchung verdoppelte. „Was habt ihr mit eurer Flinte angefangen?“ ſagte Sybrandt eines Tages plötzlich; er heftete ſein Auge feſt auf ihn und glaubte ein leichtes Beben zu ventdecken, als der Indianer die Frage hörte. Es war jedoch faſt ſo unmerklich, daß man es für eine bloße Phantaſie nehmen konnte. 16* 8 7 1 5 3 1 5 8 4 4 4 „Ich habe ſie zu Haus gelaſſen,“ ſagte er. „Warum das? Es gibt eine Menge Wild hier um das Haus, ſo wie um das des Oberſten Vancour.“ „Ich habe nie gehört, daß es um des Oberſten Haus viel Wild gäbe.“ „O, eine Menge. Eine prachtvolle Jagd, beſonders des Nachts. Die Vögel ſitzen manchmal auf den Fen⸗ ſtern, um ſich ſchießen zu laſſen.“ Der Indianer, der ſich in dieſem Augenblick bückte, warf einen ſpöttiſchen Blick von unten auf Sybrandt. „Ich bin kein Narr— des Indianers Wild ſitzt nicht auf den Fenſtern.“ „Warum nicht? Angenommen, ihr ſäh't einen ſchönen Hirſch Nachts aus einem Fenſter ſchauen— würdet ihr nicht verſucht ſein, nach ihm zu ſchießen?“ „Könnte wohl ſein,“ ſagte der Indianer mürriſch. „Wenn eure Flinte aber wegen des nebligen Wet⸗ ters verſagte, oder der Hirſch ſich blos als eine Kleider⸗ puppe auswieſe,— was würdet ihr dann thun, Kapi⸗ tan?“ ſagte Sybrandt und that, als ſcherze er. „Ich würde das nächſte Mal ſchärfer zuſehen.“ Sybrandt glaubte den Indianer zu ſondiren, ohne daß dieſer Argwohn ſchöpfe; er verſtand aber die verſteckte Anſpielung vollkommen und hüllte ſich nur um ſo dichter in den undurchdringlichen Mantel Indianiſcher Heuchelei und Verſtellung. Er entfernte ſich den Tag hindurch nie aus dem Bereiche des Hauſes und obgleich Sybrandt alles — 245— aufbot, ihn des Nachts zu bewachen, konnte er doch die Gewißheit nicht erlangen, daß er je abweſend ſei. Als er einſt ausritt, ſorgte er, daß dem Kapitän ſeine Bemer⸗ kung—„er gehe nach Albany und werde erſt morgen wieder kommen,“ nicht entging. Er begab ſich wirklich in die Stadt, woher er nach Mitternacht zurückkehrte und ſein Pferd in bedeutender Entfernung auf einem Felde ließ. Er fand, daß der Kapitän das Haus nicht verlaſ⸗ ſen hatte, auch verließ er es dieſe Nacht nicht.— Allmählich ſchien er ſeine Wachſamkeit erſchlaffen zu laſſen, um den Kapitän ſorgloſer zu machen. Er ließ ihn oft allein, aber nur, um zu Catalina zu gehen, welche ihm ſtets mit einem holden, ſchwermüthigen Gruße entgegen kam, der ihm an das Herz ging. „Ihr kommt jetzt ſo ſelten; aber ich kenne den Grund und danke euch!“ pflegte ſie zu ſagen. Es war augenſcheinlich, daß ein tiefer Kummer ſie niederdrückte. Die Schwungkraft ihres Geiſtes war dahin und die Roſen ihrer Wangen erblaßten allmählich zur Weiße der Lilie. Sybrandt glaubte, ſein Herz müſſe vor Wehmuth und Kummer brechen, wenn er ſah, wie ſie unter dem düſtern Bewußtſein litt, daß der Todes⸗ pfeil auf ihre Bruſt gerichtet ſei, und daß jeder Augen⸗ blick ihr letzter ſein könne. Eine unausſprechliche Zärt⸗ lichkeit, eine feierliche Sympathie, eine Eintracht der Gefühle, welche über alle Zeit hinaus zu reichen ſchien, erwuchs zwiſchen beiden und ihre Liebe wurde faſt ſo — 246— rein, wie die der Geiſter, mit welcher die Einbildungs⸗ kraft die höhern Regionen der Luft bevölkert hat. Aber die Vorſicht des Wilden ſchlummerte nie einen Augenblick und er benutzte, ſo weit dies jemand ſagen konnte, Sybrandt's Abweſenheit nie, um ſeine Arbeit zu vernachläſſigen oder das Haus auf mehr oder wenige Minuten zu verlaſſen. Der Argwohn ließ aber dennoch nicht von Sybrandt's Geiſte und als der Kapitän endlich mit ſeiner Arbeit fertig war und ſich kein Vorwand mehr finden ließ, ihn zurückzuhalten, fuhr er fort, jeden ſeiner Schritte mit dem Auge der Liebe und der Beſorgniß zu bewachen. Vielleicht iſt niemand in der Welt hinterliſti⸗ ger und argwöhniſcher, geſchickter im Ueberraſchen und ſchwerer zu überliſten, als die Söhne des Waldes. Unaufhörlich im Kriege begriffen, entweder mit ihren Nachbarn oder mit den wilden Thieren, müſſen ſie noth⸗ gedrungen ſtets auf ihrer Hut ſein. Tauſend unbedeu⸗ tende Zeichen und Merkmale, die der Beachtung des civiliſirten Mannes entgehen, lehren den Wilden Vorſicht und geben ihm Winke; ſo ſind die Spuren in den Wäl⸗ dern, welche der weiße Mann nicht ſieht, für den India⸗ ner vollkommen erkenntlich und dienen entweder als Füh⸗ rer, einen Feind zu verfolgen, oder als Warnungszei⸗ chen, ihm auszuweichen. Wie ſehr ſich daher auch Sybrandt bemühen mochte, ſein Nachſpähungsſyſtem zu bemänteln,— der ſtets rege Inſtinkt des Kapitän Pipe agte ihm bald, daß man ihn beargwohne und überwache. — 247— Eines Tages, kurz nach der Zeit, wo er ſeine Arbei⸗ ten bei Dennis Vancour beendigt hatte, kam er in des Oberſten Haus herüber und that ſeine Abſicht kund, die⸗ ſen Theil des Landes zu verlaſſen und ſeine übrigen Tage bei den Ueberbleibſeln ſeiner Stammesverwandten in Kanada hinzubringen. „Ihr habt verhindert, daß ich von den Mohawks verbrannt wurde,“ ſagte er zu dem Oberſten— ihr habt mir das Leben gerettet, aber ihr habt mich aus dem Hauſe geſchickt. Der Indianer verzeiht nie.“ Der Oberſt gab ihm mancherlei kleine Geſchenke, welche ihm bei ſeinen Landsleuten nützlich werden konn⸗ ten und ſagte ihm zu gleicher Zeit, er möge nicht vergeſ⸗ ſen, was er den weißen Menſchen ſchuldig ſei und ſich freundlich gegen ſie beweiſen, ſo oft ſich eine Gelegenheit dazu biete. „Der Indianer vergißt nie— verzeiht nie!“ ver⸗ ſetzte der Kapitän— die letzten Worte murrte er vor ſich hin. Oberſt Vancour täuſchte ſich nicht; er ſagte in ſeinem Herzen: „Dieſer Menſch iſt mein und der Meinigen Feind; Dank ſei dem Himmel, daß er uns für immer verläßt!“ —— Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Unſeres Helden Sittlichkeit und Artigkeit kommt in übeln Ruf. Am kommenden Tage fand man die elende Hütte, welche ſich der Kapitän gebaut hatte, verſchloſſen und ver⸗ laſſen. Man hatte den Indianer bei Tagesanbruch mit ſeiner Flinte und ſeinem Bündel den Weg nach Norden, und wie man glaubte, Kanada zu, einſchlagen ſehen. 5 Seine Abreiſe nahm eine Laſt von Sorgen, Kummer und Angſt von Catalina's Bruſt und zum erſten Male ſeit Monaten athmete ſie wieder leicht und frei. Dieſe Beküm⸗ merniß und ſtete Sorge Catalina's, ſo wie das gänzliche unterlaſſen ihrer täglichen Bewegungen zu Fuß und zu Pferde hatten die Geſundheit der jungen Dame angegrif⸗ fen und die Beachtung ihrer Eltern auf ſich gezogen. Sie fragten ſie oft um die Urſache, ſie leugnete aber entwe⸗ der die Wirkung oder ſuchte dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben, wodurch Beſorgniß und Neugierde zumal nur noch erhöht wurden. Vergebens hatten ſie ſie zu bereden geſucht, ihr früheres Leben wieder auf⸗ zunehmen und die freie Luft zu ſuchen; da ſie ſich nun aber in hohem Grade von der Angſt, welche Kapi⸗ tan Pipe ihr eingeflöſ't, befreit fühlte, ſo gewann ſie — 249— bald Muth und Heiterkeit, wieder zu lächeln und glücklich zu ſein. So war es nicht mit Sybrandt. Er konnte ſich nicht von dem Gedanken losmachen, der Kapitän laure irgendwo unfern in den Wäldern. Er war ungefähr dreißig Mei⸗ len ſeiner Spur nach Norden gefolgt und hatte ihn dort aus den Augen verloren; auch konnte er, trotz der ſorg⸗ fältigſten Nachforſchungen nicht erfahren, daß ihn jemand in der Umgegend auf einem andern Wege geſehen habe. Er hielt es aber für grauſam, bei Catalina ſeines Arg⸗ wohns zu erwähnen. Er begnügte ſich, ſie auf allen ihren Wegen zu begleiten und den größeren Theil der Nächte ihre Wohnung zu umgehen. Der biedere Dennis ſtellte ihn mehr als ein Mal zur Rede wegen der nächtli⸗ chen Ausſchweifungen, welchen er ſich nun hinzugeben ſchien und Sybrandt hatte das ſchmerzliche Gefühl, zu ſehen, daß er ſeinen Wohlthäter täglich über alle Maßen beleidigte und kränkte. Das Gerücht, daß er ein ſolcher Wüſtling geworden, verbreitete ſich bald weitum, denn welches Geheimniß wäre in einer Gegend zu bewahren, wo Alle ſich ſo genau kannten und wo ſo wenig Neues ſich begab! Es erreichte auch des Oberſten Haus mit vielen hübſchen Zuſätzen, wie Spiel, Trinken, und Umgang mit dem ſchönen Geſchlechte. Der Oberſt und Madame Vancour begannen ſich kühl gegen ihn zu benehmen; Catalina hatte ihre Vorwürfe nur in ihrem Blicke und ihrer wachſenden Bläſſe. Sie entzog ſich allmählich ſeiner · 3 ——ÿ——— — 250— Geſellſchaft und kam ſelten in das Zimmer, wenn er zum Beſuche da war. Sybrandt war außer ſich vor Angſt und Verlegen⸗ heit. Er fragte ſich, ob er das Glück Catalina's und ihrer Eltern durch Darlegung der Urſache ſeiner nächtli⸗ chen Wanderungen vergiften, oder das arme Mädchen in Unwiſſenheit und ohne Schutz laſſen, oder ſich, ſeinen Charakter und ſein Glück opfern ſollte. „Es iſt beſſer,“ ſagte er endlich zu ſich ſelbſt,— „ſie hält mich für einen Thoren und Wüſtling, als daß ſie, in der ſtündlichen Angſt ermordet zu werden, aus⸗ zehrt und zu Grunde geht. Muß hier ein Opfer ſein, ſo will ich es werden.“ Er blieb fortwährend ihr treuer Hüter und allmäh⸗ lich bannten ihn die geglaubten unregelmäßigkeiten ſeines Lebens aus der Geſellſchaft von ihr, die er auf Erden am meiſten liebte. Catalina wollte ihn nicht mehr ſehen und ging nur ſelten aus, wenn ſie nicht dann und wann ihre Mutter nach Albany begleitete. Der Oberſt und Madame Vancour, welche die zunehmende Bläſſe und Bekümmerniß ihrer Tochter ſahen, pflegten Rathes und kamen, durch mannigfache Umſtande geleitet, zu dem Schluſſe, Catalina's Herz hänge an ihrem Vetter, und ſein ſchlechtes Betragen ſei der Grund ihres Grames. In dieſem Falle hielten ſie es für das geeig⸗ netſte, die jungen Leute auf einige Zeit zu trennen; ſie beſchloſſen daher, die Einladung einer nahen Verwandten — 251— Catalinws, den Winter bei ihr in New⸗York hinzubrin⸗ gen, alsbald anzunehmen. „Je eher, deſtv beſſer,“ ſagte der Oberſt;—„wir ſind nun bereits ſpat im Herbſte und ich will ſie unver⸗ weilt in die Stadt begleiten.“ Man machte Catalina den Vorſchlag; da ſie nichts einzuwenden hatte, wurden ſofort alle Vorbereitungen getroffen. Es war nicht Sitte, mit ſo vielen Koffern und Schachteln zu reiſen, wie junge Damen heutzutage zu thun pflegen. Bei dem erſten Beſuche, welchen Sybrandt in Folge eines Auftrages ſeines Wohlthäters in dem Hauſe des Oberſten machte, ſagte Catalina zu ſich ſelbſt, ſie wolle ihn Ein Mal, nur Ein Mal ſehen, ehe ſie für ſo viele Monate die Gegend verließ. „Ich bin ihm ein Leben ſchuldig, deſſen Werth er für mich ſo gering gemacht hat; aber ich will ihn noch ein Mal ſehen,“ ſagte ſie zu ſich. Sie ging die Treppe hinab und fand Sybrandt allein. Die Eltern waren ausgegangen, um einen Morgenbeſuch abzuſtatten. Sybrandt ſah mit Schrecken, welche große Veränderung wenige Wochen in Catalina hervorgebracht hatten und auch ſie bebte, als ſie ſeine hohle Wangen, ſein trübes Auge ſah. 3 „Es ſind die Ausſchweifungen und die Gewiſ⸗ ſensbiſſe,“ dachte ſie. Indem ſie aber den Stolz und die Würde eines tugendhaften Weibes ſammelte, redete 3 3 4 — — — 252— ſie ihn mit offener Freundlichkeit an, die ſein Herz tief ergriff. „Ich bin im Begriffe,“ ſagte ſi ſie,„nach New⸗York zu gehen, wo ich den Winter hinbringeu werde. Wir reiſen übermorgen ab.“ „Gott ſei Dank! Gott ſei Dank!“ rief Sybrandt und faltete ſeine Hände. 1 Der Unwille über dieſen unartigen, ja, beleidigenden Ausruf ſchwellte die Bruſt der jungen Dame. Sie wurde bleich wie ein Marmorbild und dann überflog die Glut der Roſe ihr Antlitz und ihr blaues Auge blitzte. Aber die Röthe und der Blitz waren in einem Augenblicke dahin und eine noch tödlichere Bläſſe folgte. Endlich faßte ſie ſich wieder. „Ihr freut euch alſo, daß ich gehe!“ ſagte ſie mit einem ſchwachen Lächeln. „O ja, ich freue mich über alle Maßen.“ „In der That!“ ſagte ſie und die Thränen ſammelten ſich in ihren Augen.„In der That! Ihr— ihr— doch ich muß eure Offenheit bewundern. Ich ſehe, daß ihr wenigſtens jetzt kein Heuchler ſeid.“ Sybrandt kam plötzlich zu ſich und erröthete über das anſcheinend Rauhe ſeines Benehmens. „Verzeiht mir, liebe Catalina. Ich habe nicht venußt was ich ſage, oder vielmehr, ich habe in dem Augen blick nicht bedacht, wie ſeltſam ſich meine Worte ausneh⸗ men würden. Verzeiht mir.“ — 253— „Es ſei; aber,“ ſetzte ſie hinzu und drängte das aus der Bitterkeit verwundeten Stolzes und dem ſüßen Zauber der Liebe gemiſchte Gefühl zurück—„aber darf i fem en, Vetter Sybrandt, ob ihr das wirklich gemeint habt, was ihr ſagt e „34, aber—“ „Genug! Lebt wohl! da ihr ſo glückich ſeid, brauche ich keinen Wunſch für euer Glück auszuſprechen. Aber ich wünſche von ganzer Seele, euch glücklich zu wiſſen. Wir werden uns lange nicht mehr ſehen. Lebt wohl.“ „Bleibt, theure Baſe, theure Catalina!“ „Theure Catalina,“ ſagte ſie mit bitterem Hohne. „Danken wir Gott, wenn wir von denen ſcheiden, welche uns theuer ſind? Sparet eure Heuchelei, Sir, und nehmt mein letztes Lebewohl.“ „Catalina, ehe ihr geht, muß ich mein Betragen rechtfertigen. Erlaubt mir, euch morgen zu beſuchen, dann ſoll alles klar werden.“ „Alles iſt bereits klar. Ich bin jetzt zufrieden geſtellt, ganz zufrieden geſtellt.“ Sie ging langſam auf die Thüre zu. „Ihr dürftet dieſen Augenblick einſt bereuen. O hört mich, ich bitte euch, jetzt, der ich euch nicht mehr ſehen ſoll,“ ſagte er und ſtellte ſich zwiſchen ſie und die Thüre. 8 „Laßt mich hinaus,“ ſagte ſie leidenſchaftlich.„Ich wiederhole es, ich bedarf keiner Erklärungen. Eure — 254— Worte und Handlungen waren in der letzten Zeit aus⸗ drucksvoll genug. Laßt mich hinaus.“ Er gehorchte mit einer langſamen, ſtummen, ſchmerz⸗ lichen Verbeugung. An der Thüre wendete ſie ſich ihm ganz zu, faltete ihre Hände und rief mit Eifer: „Gott ſei Dank, ich gehe.“ — 255— Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Der Kapitän wird endlich entlarvt. Sybrandt entfernte ſich, in ſeinem Herzen bitter gekränkt, aber feſt entſchloſſen, Catalina vor ihrer Abreiſe, wenn möglich, noch einmal zu ſehen und ihr über ſein Betragen völlige Aufklärung zu geben. Zugleich ließ er nicht einen Augenblick von ſeiner Wachſamkeit ab. Die Nacht wurde dunkel und ſtürmiſch. Die vom Froſte angegriffenen Blätter jagte der feuchte, ſchneidende Nord⸗ oſtwind haufenweiſe nieder und ſein pfeifendes Stöhnen miſchte ſich in das laute Schlagen der Wellen an den kieſel⸗ bedeckten Ufern des Fluſſes entlang. Der junge Mann war, als die Nacht anbrach, wie gewöhnlich auf der Wache und ſah, wie gewöhnlich, nichts das Verdacht erregen konnte, bis ſich nach zehn Uhr das Fenſter in Catalina's Gemach öffnete und er die kleine ſchwarze Zofe ſah, die mit einem Lichte an demſelben ſtand und jemand in der Küche rief. Alsbald glaubte er in dem kleinen Gebüſche, ganz nahe dem Platze, wo er ſtand, ein mehr als gewöhn⸗ liches Geräuſch zu hören und in den Pauſen des Windes war es ihm, als wenn er den gedämpften Athem von jemand, der ihm nahe, vernähme. Die Dunkelheit war 14 4 4 31 1⁴ 3 4 1 —— — 256— jetzt ſehr groß und man konnte nichts ſehen, als das, worauf das Licht aus den Fenſtern unmittelbar fiel. Ein Schatten, der ſich in dem Gemache hin und her bewegte, deutete an, daß außer der kleinen Dienerin noch jemand dort ſei und ſein Herz ſchlug mächtig bewegt, während es ihm zuflüſterte, dies müſſe Catalina ſein. Das leiſe Athmen dauerte fort und wurde raſcher und raſcher.„Soll ich Catalina zurufen, ſich in Acht zu nehmen?“ dachte er.„Nein, dadurch würde ſie nur an das Fenſter gelockt, um zu ſehen, was es gebe. Soll ich klopfen und die Dienerſchaft herausrufen? Nein; mittler⸗ weile könnte ſie um ihr Leben kommen.“ Raſch wie der Gedanke kreuzten Frage und Antwort ſeinen Kopf und raſch wie der Gedanke ſtürzte er in das Gehölz, als er Catalina an das Fenſter kommen ſah, um mit jemanden unten zu ſprechen, und ein Klappen, wie das Spannen eines Hahnes, hörte. Während er ſo that, hörte er einen leiſen Ruf der Ueberraſchung und ſah jemand in aller Eile durch das Gebüſch brechen. Sybrandt folgte dem Tone ſo raſch wie möglich und glaubte ein oder zwei Mal etwas zu ſehen, das ſich eine kurze Strecke von ihm bewegte. Was es aber auch war, es vereitelte alle ſeine Bemühungen und entzog ſich, von der Dunkelheit der Nacht begünſtigt, ſeinem Verfolger. Bei ſeiner Rückkehr waren die Läden vor Catalina's Fenſtern geſchloſſen und er beſchloß, da er ſie für die Nacht ſicher wußte, die Familie nicht zu beunruhigen. — 257— Am nächſten Tage bekam Catalina, welche die Gefahr nicht ahnte, von der ſie umgeben war, den Einfall, das kleine felſige Thal zu beſuchen, deſſen wir früher als eines Lieblingsplätzchens Sybrandt's gedacht haben und wohin er gewohnt war zu flüchten, wenn er die böſen Geiſter heraufbeſchwören wollte, deren Beute er ſo lange geweſen. In glücklicheren Zeiten hatten ſie es wohl oft mit ein⸗ ander beſucht und Catalina dachte ſeiner nicht, ohne ſich mancher glücklichen Stunden zu erinnern, welche ihr hier in unſchuldiger Freude hingeſchwunden waren. Sie wünſchte es noch einmal zu ſehen, ehe ſie die Gegend verließ; jenes ſchmerzlich⸗ſüße Gefühl, welches das Herz ſtets zu den Scenen unſerer entſchwundenen Freuden hinzieht, war ihr Führer und Begleiter. Der Morgen war eines der Lieblingskinder des Herbſtes. Die Anzei⸗ gen eines Sturmes, welche man den Abend vorher bemerkt hatte, waren verſchwunden und ein ſtiller, klarer Morgen, eine reine, elaſtiſche Luft gefolgt, die nie ver⸗ fehlt, angenehme Gefühle in dem Herzen zu erwecken, das ſich ihrer nicht für immer begeben hat. Wie ſie ihren Weg verfolgte, ließ das Blaukehlchen ſein klagendes Lebewohl hören, ehe es davon eilte, um den Sommer in einem wärmeren Himmelsſtriche aufzu⸗ ſuchen; die Grashüpfer, aus der Erſtarrung der kalten Nacht erwachend, ſpielten und zirpten vergnügt umher, der Vergangenheit vergeſſend und um die Zukunft glück⸗ lich unbekümmert. Das Gras unter ihren Füßen begann Paulding. III. 17 ———— ein fahles, kränkliches Gelb zu zeigen und jeden Augen⸗ blick fiel ein Theil des buntfarbigen Gewandes der Wälder raſchelnd nieder, um ſich wieder mit dem Staube zu vermiſchen, welcher ihm Leben und Reife gegeben. Alles war ruhig und ſchön und rührend. Es war die Schön⸗ heit, welche in dem Bewußtſein der ihr noch beiwohnen⸗ den Lieblichkeit lächelt, aber in der Gewißheit ſeufzt, daß ihre Jugend dahin iſt; daß ſie bereits die Gipfelhöhe des Lebens erreicht hat und nun in das Thal niederſteigt, und daß die Ausſicht noch ſchön in das Auge lacht, aber doch von Tag zu Tag an Reiz und Ausdehnung verliert, bis ſie den Punkt erreicht, jenſeits deſſen nichts mehr iſt, als die Ewigkeit. Die weißen Rauchſäulen ſtiegen kerzengerade empor, von keinem Windhauche gekräuſelt, und dem ſinnigen Auge Bilder ländlichen Glückes hier und reiner, geiſtiger Wonne jenſeits darbietend. Aber Catalina's Gefühle waren nicht der Art, daß ſie ſich der rührenden Schön⸗ heit der Landſchaft, oder der Gedanken, zu denen ſie natürlich hinleitete, hätte freuen können. Sie verfolgte den Pfad in ſchmerzlichem Sinnen, bis ſie die kleine, ruhige Thaltiefung erreichte; ſie ſetzte ſich nieder und verlor ſich bald in dem Labyrinthe ihres Grams und ihrer Leiden. Die Wohnung des Herrn Dennis Vancour lag auf einem kleinen Hügel, welcher die ausgedehnten Wieſen, die ſich den Fluß entlang zogen, überſchaute; von dem Portikus hatte man die Ausſicht auf das Haus des Ober⸗ ſten. Sybrandt ſah Catalina gehen und der Weg, welchen ſie einſchlug, ſo wie das flüſternde Bewußtſein ſeines Herzens ſagten ihm, wohin ſie ging. Er erblaßte und zitterte, wenn er der Begebniſſe der vergangenen Nacht gedachte. Ungeſtüm trieb es ihn fort— er ſchlug einen andern Weg ein und erreichte die Thaltiefe, entſchloſſen, ſich zu verbergen und über die Sicherheit Catalina's zu wachen. Er war vor ihr zur Stelle, ſuchte die Höhlung einer unermeßlichen Eiche auf, die an dem Rande des ſteilen Abgrunds ihre Zweige wiegte, und harrte der Dinge, die da kommen ſollten. Kurze Zeit nach ihm erſchien auch Catalina und ſetzte ſich, wie wir oben bemerkt haben, in eine Vertiefung zwiſchen Felſen und Baumen, da, wo das ſprühende Becken am Fuße des Waſſerfalls die moosbedeckten Steine vor ihr benetzte. Es war etwas Rührendes und Schmerz⸗ liches in ihrer Stellung und ihrer Miene, wie ſie, das ſchöne Haupt auf ihre Hand gelehnt, auf den ſchäumen⸗ den Bach blickte, der ſich über die Felſen ſtürzte. „Jetzt iſt der Augenblick, ihr alles zu ſagen, gekom⸗ men,“ dachte Sybrandt— und vergaß einen Augenblick des Zweckes, welcher ihn hierher geführt. Aber dieſes Vergeſſen war von kurzer Dauer. Mehr als eine halbe Stunde ſtand er unbeweglich, da glaubte er ein Paar Augen hinter dem dichten Epheu glühen zu ſehen, welches den hohen Felſenabhang hinten umgürtete. Er ſchloß ſich 17* — 260— feſt an die innere Seite ſeines Verſteckes an und ſah bald, wie ein Kopf vorſichtig aus den Büſchen hervorlugte. Er war Kapitän Pipe's Kopf. Er ſah ihn bedächtig nach allen Seiten umherblicken; er ſah, wie er ſich niederlegte und auf dem Bauche fortkroch und, ſeine Flinte nach ſich ziehend, den Rand des Abhanges zu erreichen bemüht war, wo er ſein Opfer unten voll im Geſichte hatte. Geräuſchlos wie ein Schatten ſchlich ihm Sybrandt nach. Endlich hob ſich der Indianer auf ſein Knie, ſpannte den Hahn ſeiner ſichern Waffe und legte ſie an ſeine Wange. In einem Nu war ſie ſeinen Händen entriſſen, im nächſten Augenblick hatte ſie der Indianer wieder gefaßt. In dem Kampfe ging die Flinte los und Cata⸗ lina, die empor ſchaute, hatte einen Anblick, welcher alle ihre Zaͤrtlichkeit und alle ihre Beſorgniſſe zurückrief. Faſt an dem Rande des Abgrundes ſtanden Sybrandt und der kräftige, muskelgewandte Indianer und kämpften um ihr Leben; jeder von beiden bot faſt übernatürliche Kräfte auf, den andern in den Abgrund zu treiben; jetzt ſchien der Eine, und jetzt der Andere im Vortheil zu ſein; jetzt war ihr der Rücken des Einen und jetzt der des Andern zugekehrt, und dann ſchienen beide über dem Rande der Ewigkeit zu ſchweben. Vergebens ſtrengte ſie ſich an zu rufen— die Qualen ihrer Furcht erſtickten ihre Stimme; vergebens ſtrengte ſie ſich an, die Steile emporzuklimmen— die Glieder verſagten ihr den Dienſt. Immer dauerte der tödliche Kampf noch fort und von — 261— der Tiefe unten ſah ſie das raſche Heben ihres Athems. Die Flinte war in dem Streite weggeworfen worden und ſie kämpften nun, Glied gegen Glied, Herz an Herz. Mehr denn einmal verſuchte der Indianer, ſein Meſſer zu ziehen, Sybrandt gab aber ſeinen beiden Händen ſo volle Beſchäftigung, daß er ſeinen Zweck nie erreichte. Aber die Kraft des Jünglings ſchwand nun allgemach, denn Sorgen und Nachtwachen hatten ihn in der letzten Zeit geſchwächt. Der Indianer fühlte das Zittern ſeiner Glieder und hörte mit wildem Entzücken die wachſende Schnelligkeit ſeines Athmens. Er verdoppelte ſeine Anſtren⸗ gungen; er umſchlang ihn feſt mit ſeinen Armen, hob ihn frei empor und drängte ihn gegen den Rand des Abgrun⸗ des. Sybrandt faßte ſeine ganze Kraft zuſammen; er ſtemmte den einen Fuß gegen den Felſen und mit einer raſchen Bewegung des andern brachte er den Indianer aus dem Gleichgewichte. Beide ſtürzten an dem äußer⸗ ſten Rande des Felſen, über welchen ihre Füße ragten. Sybrandt war zu oberſt, dies war aber kein Vortheil für ihn, denn der Indianer war durch gewaltige Anſtrengun⸗ gen im Stande, ſich allmählich vorzuſchieben, bis beide an dem äußerſten Felsrand und über der Tiefe ſchwebten, da er entſchloſſen war, eher mit ihm zu Grund zu gehen, als ſeinen Zweck zu verfehlen. Noch ein Augenblick und alles war geſchehen; da bemerkte Sybrandt glücklicher⸗ weiſe eine Epheuwurzel, die aus dem Felſen ſtand und zu erreichen war. Er faßte ſie und ſie bot einen Anhalt. “ 4 1 1 1 4 4 4 1 Mit der einen Hand hielt er ſie feſt und mit der andern ſtieß er den Indianer plötzlich unter ſich weg; dieſer glei⸗ tete über den Rand, hielt ſich aber noch mit der Kraft der Verzweiflung an den Füßen des jungen Mannes, der nun mit beiden Händen die Epheuwurzel umklam⸗ merte und ſich bemühte, den Indianer von ſich loszu⸗ machen.— Einige Minuten lang waren alle ſeine Anſtrengungen umſonſt und dienten nur, die ihm noch bleibende Kraft zu erſchöpfen. Da er fühlte, daß er allmählich ſeinen Anhalt fahren laſſen müſſe und jeden Augenblick ſchwächer und ſchwächer würde, nahm er ſich noch einmal zuſam⸗ men. Er entzog den Fäuſten des Indianers einen ſeiner Füße und ſtieß ihm denſelben mit ſolch krampfhafter Gewalt in das Geſicht, daß er ſeinen Halt verlor und auf die ſpitzen Felſen ſtürzte, welche unten aus dem Becken emporſtanden. Catalina hörte den ſchweren Fall ſeines Körpers und ſank, da ſie nicht wußte, wer gefal⸗ len war, ohnmächtig zurück. Sybrandt erhob ſich lang⸗ ſam und mit großer Mühe und eilte ſo ſchnell als mög⸗ lich zu ihr hinab. Sie erwachte in ſeinen Armen und kam allmählich zu einem Bewußtſein von all dem, was vorgegangen war. „Ihr hier bei mir?“ ſagte ſie endlich und blickte zärtlich auf:—„Ihr hier bei mir? und doch habt ihr Gott gedankt, daß ich abreiſe?“ „Könnt ihr nun den Grund einſehen, liebe Cata⸗ 263— lna? und werdet ihr jetzt auf das hören, was ihr geſtern nicht hören wolltet?“ Sie warf einen angſtvollen Blick auf das Waſſer. „Mir war, als hörte ich ein Aechzen? Vielleicht lebt der arme Menſch noch und kann gerettet werden.“ „Laßt ihn ſterben?“ ſagte der junge Mann unwillig. „O, wenn ihr wüßtet, wie viele unglückliche, angſtvolle Nächte er mir bereitet hat?“ „und mir; dennoch hab' ich Mitleid mit ihm.“ „und wünſcht, er möchte leben 2„ „Wenn ich gewiß wüßte— wenn ich mich ganz überzeugen könnte, daß ihn keines von uns Beiden je wieder ſähe!— Geht, Vetter, und ſeht, ob er noch am Leben iſt; aber nehmt euch in Acht!“ Sybrandt eilte, den Körper aus dem Waſſer zu ziehen. Er war ſchrecklich verſtümmelt und ſcheinbar leblos. Catalina ſchauderte, als ſie einen Blick auf ihn warf. „Laßt uns nach Hauſe gehen,“ ſagte ſie. „Wollt ihr meiner Rechtfertigung nicht jetzt euer Ohr leihen? Ihr verlaßt mich morgen für lange Zeit und wir können uns nie wieder ſehen.“ „Nein, theuerſter Sybrandt. Ich ſehe nun alles klar. Ihr wußtet, daß dieſes ſchreckliche Geſchöpf die Gegend noch nicht verlaſſen hatte.“ „Ich wußte es— ſchloß es wenigſtens aus man⸗ cherlei Umſtänden.“ „und ihr hieltet jede Nacht Wache— ihr beſchirmtet —y—— — 261— mich— mich— die euch anklagte, ihr braͤchtet dieſe Stunden mit Spiel und Ausſchweifungen jeder Art hin — ja, mit Ausſchweifungen jeder Art— denn ſo lautete das Gerücht, das mir zu Ohren kam. O gütiger Him⸗ mel! Welche kurzſichtige Weſen ſind wir?“ Und ſie erhob ihr thränenvolles Auge zu ihm, als wollte ſie ihn um Verzeihung bitten. „Sprecht, habt ihr nicht für mich gewacht? mich beſchützt? die Stunden meines Schlafes geſchirmt?“ „Ich muß wohl ja ſagen.“ „Aber warum ſagtet ihr mir nicht, daß ihr den Indianer im Verdachte hättet, er ſtreife noch in der Gegend umher?“ „Hätte ich jeden Augenblick der euch wiedergegebenen Heiterkeit und Zufriedenheit vergiften ſollen? Nein! ich glaubte, euch vor Gefahr ſchützen zu können, ohne euch dadurch unglücklich zu machen, daß ich ſie euch ſehen ließ.“ „Und ihr gabt mich einem tauſend Mal ſchmerzlichern Verdachte preis!“ „Bedenkt, liebe Catalina, daß ich euern Verdacht nicht vorausſehen konnte.“ „Wahr; und eure Beſorgniß für meine Wahl ent⸗ rang euch den unartigen Ausruf: Gott ſei Dank!“ ſagte ſie und lächelte ſanft. „Was anderes hätte mich dazu bewegen können, theure Liebe? Und doch— wie viel ich auch für euch fürchtete, kannte ich doch die Hälfte der Gefahr nicht.“ — 265— Er erzählte ihr nun, was ſich in der verwichenen Nacht begeben. Sie wurde todtenbleich und ſchwieg einige Augenblicke. „Ich erinnere mich nun— ich ſtand längere Zeit an dem Fenſter und war erſtaunt, was die Hunde hätten. —„Ein Mal— zwei Mal— drei Mal—! Es iſt eine ſchwere Schuld, wie kann ich ſie tilgen?“ „Wenn ihr keinen Zweifel mehr in mich ſetzt, bis ich euch täuſche.“ „Das wird nie geſchehen,“ rief ſie eifrig. „Und wollt ihr— könnt ihr mich lieben und mir vertrauen, liebſte Catalina?“ „Ich kann— ich werde es,“ ſagte ſie feierlich:— „und hier, Angeſichts der Leiche dieſes Menſchen, der ſein beabſichtigtes Verbrechen durch euch gebüßt hat;— Angeſichts jenes gütigen Weſens, das mich vor ſeiner Rache geſchützt hat;— bei dem Leben und allen den jetzigen und künftigen Hoffnungen des Lebens, das ihr drei Mal— vielleicht noch öfter— gerettet habt, ver⸗ ſpreche ich, die eurige zu ſein und mich euerm Glücke zu opfern, ſo ihr es je von mir fordert. Ich gebe mich euch hin für alle Zeit durch dieſen Kuß, wie ihn nie ein Mann vorher von mir erhielt und kein anderer je erhal⸗ ten wird. Ich gebe mich euch für ewig hin!“ Und ſie küßte mit ihren balſamiſchen Lippen ſeine Stirne. „Geſegnet, ewig geſegnet ſei dieſer Tag, ſei dieſe — 3 7 1 — 266— Stunde!“ rief Sybrandt und ſchloß ſie in ſeine Arme:— „Ich kann euch nicht danken, Liebſte, aber ich bin glücklich!“ und er lehnte ſein Haupt an ihre Schulter, über⸗ wältigt von ſeinen Gefühlen und den manchfachen Erre⸗ gungen dieſer begebnißreichen Stunde. „Ihr ſeid verwundet!“ rief Catalina plötzlich, als ſie ihn erblaſſen ſah. „Nein— mein Glück— die Freude überwältigt mich!“ und abermals lehnte er ſein Haupt an ihre klopfende Bruſt. Ein furchtbarer Schrei der Geliebten ſchreckte ihn auf und er ſah den todtenblaſſen Indianer, mit Blut bedeckt, den Arm gehoben, mit dem Meſſer in der Hand, dicht neben ſich. Ehe er zurücktreten und ſich zur Ver⸗ theidigung anſchicken konnte, war der Stoß geführt. Das Meſſer ſteckte in ſeiner Bruſt und er taumelte zurück, aber ſtürzte nicht. In einem Augenblick ſammelte ſich Sybrandt, wich einem zweiten Stiche aus und umfaßte den jetzt erſchöpften, todähnlichen Elenden, welchen er mit wüthendem Grimme zu Boden ſchleuderte. Der Todeskrampf überkam ihn jetzt, ohne jedoch das einzige Gefühl, dem er lebte, zu erſticken. Mit krampfhaftem Ingrimme wühlte er ſein Meſſer wiederholt bis zum Griffe in die Erde und mit einem neuen Stoße ver⸗ hauchte er ſeinen letzten Athem.. Die arme Catalina, deren Geiſt und Körper eine — 267— Beute des ſchrecklichen Wechſels dieſes Tages war, rang während dieſes augenblicklichen Kampfes die Hände und rief faſt bewußtlos:—„zum fünften Male nun! zum fünften Male! Und nun er ſelbſt! Schrecklich! Ich Aermſte!“ Sybrandt eilte zu ihr. „Fürchte nichts, meine theuerſte Catalina— er iſt ja todt!“ „Wer? Sybrandt— mein Retter? Gut— es iſt recht— ich werde ja auch bald todt ſein! Der Indianer wird mich ja auch tödten, nun mein Schützer todt iſt.“ „Erhole dich, meine Liebe! der Indianer iſt todt — er wird dich nicht mehr beunruhigen.“ „Ich kann es nicht glauben,“ ſagte ſie, ſich ein wenig erholend:—„ich ſah ja das Meſſer deine Bruſt durch⸗ bohren— aber du haſt nicht geblutet. Gewiß, du mußt verwundet ſein. Iſt kein Blut zu ſehen?“ Sybrandt öffnete ſeine Bruſt, um ſie zu beruhigen und nun begriff ſie, warum der Todesſtahl ihm nicht geſchadet. Die Spitze des Meſſers des Indianers war in die Mitte des Dukaten eingedrückt, welchen Catalina ihm gegeben hatte, als er ſeine Handelsreiſe antrat; es way ſichtbar, daß die feine Spitze gebrochen war. „Sieh, Catalina,“ rief er,„du haſt mein Leben gerettet und deine Schuld ausgeglichen. Nimmſt du das Geſchenk zurück, welches du mir kurz vorher machteſt?“ „Es iſt des Himmels Hand, die hier waltete!“ ſagte 9 3 17 4 14 3 1 4 4 1 — 268— ſie; dann warf ſie einen Blick auf die Leiche des India⸗ ners und bebte:—„Iſt er todt? iſt er gewiß todt?“ „Er iſt todt! ſei deſſen verſichert.“ „Komm, laß uns dieſes unglückliche Geſchöpf und— dieſen unglücklichen Ort verlaſſen, obgleich er mir mein ganzes Leben lang theuer ſein wird! Und— und du liebſt mich?“ flüſterte ſie, ſanft, wie der Zephyr durch Blätter flüſtert. „Ewig! Ewig!“ rief er und ſie eilten dem Hauſe des Oberſten zu. 5 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Eine Trennung ſtatt einer Verbindung. Man denkt ſich leicht, was Catalina zu erzählen hatte, um ihre lange Abweſenheit zu rechtfertigen. Die Lippen der guten Eltern floſſen über von Dank und Segen. Der alte Herr forderte die Tochter und den Neffen vor ſich, legte ihre Hand in die ſeinige und ſeg⸗ nete ſie feierlich und auf das zärtlichſte als ſeine Kinder. „Ihr habt meines Kindes Leben dreimal geret⸗ tet— mag ſie ſich als das Glück des eurigen erweiſen.“ „Die Peſt darauf,“ ſagte der kleine Ariel,—„die Peſt darauf, Sybrandt, wer hatte das gedacht? Aber kommt! Ihr müßt mit mir gehen und des alten Freling⸗ huyſen's Ochſen anſehen. Er iſt ſo groß geworden wie ein Elephant.“ — 269— Der ſchweigſame Dennis ſagte bei ſich ſelbſt:— „Nicht umſonſt hat er dieſe alten Griechen und Römer ſtudirt. Ich wollte Dominie Stettinius wäre hier und hörte dies alles.“ Und der würdige Mann war ſtolz, einen ſolchen Sohn zu haben. Es wurde nun nothwendig, die Frage abzuthun, ob der Beſuch zu New⸗York abgeſtattet werden ſollte oder nicht. Alles war vorbereitet, das Schiff harrte und die Baſe in der Hauptſtadt war benachrichtigt, daß die Ein⸗ ladung angenommen worden. Der Oberſt glaubte, es ſei am beſten, eine Entſchuldigung abgehen zu laſſen und die Reiſe aufzugeben. Catalina— ich ſage es mit der Offenheit, welche einem Schriftſteller ziemt— Catalina ſchwankte zwiſchen ihrer Liebe und ihrem Hange nach etwas Neuem. Welches Weib hat je der Verſuchung, zu reiſen und die Welt zu ſehen, widerſtehen können? Sie überließ die Entſcheidung jedoch pflichtgemäß ihren Eltern. Madame Vancour war eine Frau— eine höchſt vortreff⸗ liche Frau— aber ſie war eine Frau. Sie widerſetzte ſich nicht geradezu der Verbindung des jungen Paares, aber ſie war in ihrem Herzen nicht dafür. Ihr Ehrgeiz war mächtiger als ihre Dankbarkeit. Gleich allen ame⸗ rikaniſchen Frauen dieſes und wahrſcheinlich aller kom⸗ menden Jahrhunderte, war ſie von ihrer erſten Jugend auf mit einer thörigen Bewunderung alles Fremden behaf⸗ tet— fremder Pferde, fremder Hunde, fremder Men⸗ ſchen und vor allem andern— fremder Offiziere. Alles 4 A „ 4 4 4 4 3 8 4 1 — 270— Provinzielle, wie man es damals nannte, erſchien ihr wie etwas, das das Brandmahl der Gemeinheit an ſich trüge. Sie hatte überdies lange Zeit den Ehrgeiz gehegt, Cata⸗ lina mit einem der Bedienſtigten ſeiner Majeſtät verhei⸗ rathet zu ſehen, welche in jener Zeit ſich großes Gewicht gaben— mit ihrem Titel prunkten— ſich für adelig ausgaben und das Wappen irgend einer der berühmten Familien annahmen, die in dem Hofkalender inmitten von Greifen, Sphinxen, Löwen, Einhörnern, Geiern und nackten Wilden mit ungeheuren Keulen glänzten— paſ⸗ ſende Embleme für die rohen Räuber, welche ſich zuerſt in dieſen ſprechenden Sinnbildern gefielen. Die gute Frau hoffte, ohne ſich deſſen vielleicht ſelbſt ganz bewußt zu ſein— Catalina würde in den Freuden und Zerſtreuun⸗ gen der lebendigen Hauptſtadt des ländlichen Korydons vergeſſen und irgend eines glänzenden Adjutanten, viel⸗ leicht eines Baronet's mit einer blutigen Hand als Helm⸗ zierde, Siegerin und Beſiegte werden. Demgemäß wurde beſchloſſen, daß der Beſuch ſtattfinden und die Reiſe am nächſten Tage angetreten werden ſollte. Mit bangem Herzen und ſchlechtverhehltem Unmuth ließ Sybrandt geſchehen, was er nicht hindern konnte. Die ſtets wachen Dämonen und Schreckbilder, welche ſeine fruhern Tage getrübt hatten, lebten wieder in ſeiner Phantaſte auf, bewegten ihre ſchwarzen Fittiche und flüſterten ihm düſtere Worte der Weiſſagung zu— ſie würde glänzende Bewerber finden, denn ſie ſei eine reiche Erbin und eine Schönheit; ſie würde fern ſein von — 271— ihren Verwandten, ihrer Heimath, ihrem Herde und vor all dem, was als Anker diente, an dem das Herz feſt hielt in den Wechſelfällen des Lebens, bei Sturm und Gewitter, bei Windſtillen und kochender Brandung. „Und dann die verwünſchten Rothröcke“— flüſterte ihm ein boshafter Dämon mit teufliſchem Grinſen zu,— „wenn ſie ihnen, und der Mode, und dem Beiſpiele aller Frauen, den jungen wie den alten, den ledigen und ver⸗ heiratheten, widerſteht, müßte ſie mehr ſein als ein Weib.“ Solche düſtere, aufregende, wunderliche Gedanken umla⸗ gerten ſein Herz am kommenden Tage, als er Catalina an das Schiff begleitete, welches ſie entführen ſollte; aber ſein Stolz begrub ſie in ſeine tiefſte Bruſt und er ſchwieg und ſein Herz blutete. „Ich werde mit den Vögeln im Frühjahre wieder kommen,“ ſagte ſie, als ſie ſein ſchmerzliches Schweigen bemerkte:—„du mußt glücklich ſein, aber du darfſt mich nicht vergeſſen!“ Und ſie legte ihre ſchneeweiße Hand in die ſeinige. Sybrandt fühlte ſie kaum, ſo weich, ſo ſanft war ſie. „Die in der Heimath zurückbleiben, vergeſſen nie,“ ſagte der junge Mann.„Alles, was ich ſehe, alles, was ich höre, iſt heute, morgen, alle Tage daſſelbe. Wie könnte ich vergeſſen, meinen Sinn ändern?“ „Du glaubſt alſo, es ſei mehr Gefahr, ich könnte den meinigen ändern?“ ſagte Catalina mit einem zärt⸗ lichen Lächeln. „Solche Wunder ſind ſchon geſchehen,“ verſetzte er — — 1 7 8 4 ¹ 4 4 3 1 4 und erwiderte ihr Lächeln mit einem ſchwermuthsvollen Ausdrucke. „Sybrandt,⸗„ ſagte ſie mit feierlichem Nachdrucke,— „ſieh, der Fluß, aus dem du mich gerettet, als die Flut mich niederzog, iſt derſelbe, der an der Stadt vorbei fließt, welche ich nun beſuche. Ich ſehe ſeine Wellen jeden Tag aus meinem Fenſter. Die Sonne, welche mir dort den Tag beingt, iſt dieſelbe, welche geſtern ſchien, als du mich vor dem Mörder beſchützteſt; und dieſelben Sterne, die auf die einſamen Stunden ſchienen, in denen du für meine Sicherheit wachteſt, ſtehen dort ſo gut wie hier, an dem Firmamente. Dieſelbe Luft, daſſelbe Licht, dieſelbe Natur, und derſelbe Gott, daſſelbe Gedächtniß und daſſelbe Herz werden mich begleiten, wohin ich gehe. Sei gerecht gegen mich, Sybrandt— wenn ich auch wollte, ich könnte dich nicht vergeſſen.“ Die argwöhniſchen Geiſter entflohen vor dieſer glän⸗ zenden Ausgeburt der Wahrheit und der Tugend, und Sybrandt gewann ſeine Zuverſicht wieder. Ein ſtiller Händedruck ſchloß ihre letzten Grüße und Wünſche in ſich und nach wenigen Minuten ſtand Sybrandt allein auf einem grünen Vorſprung des Ufers und ſah dem Schiffe nach, das raſch dem Geſichte entſchwand. Als er es nicht mehr ſehen konnte, eing er heim und es war ihm, als ſei die Welt plötzlich ier und nichtig geworden. —— ſfinſinnennſfffnſfſſ 9 10 11 12 13 14 15 16 ——— —