977 2— 2es 76◻ 28 41 1 ₰ 44 Leihbibliothek deutſ ſcher, engliſcher und franzö zſiſcher Literatur Eduard Ottm aun in Gießen, Schloßgaſſe Lit. Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſe eſebedingungen. 1. 0ffensein der Bibliothek. Die Miuliwther ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Wlü abe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 4 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe 3 ere welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuruckerſtattet 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß vornus bezahlt werden und eträgt ſfür üochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— 1 k 50 Pf.—— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 2 Answärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer dun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht Ntünden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. B=reeeeeeeeeeeeeeee 1 Der Komet, oder Nikolaus Marggraf. Eine komiſche Geſchichte. Von Jean Jaul. Zweites Bändchen. Berlin, bei Georg Neimer. 18320. Inhalt d e s zweiten Bäandchens. Vorrede.— Erſtes Kapitel, welches durch Judengaſ⸗ ſen, Nezepte und einen offnen Himmel den Leſer ſpannen will.. Zweites Kapitel, oder das Nöthigſte über den Klubbs⸗Klub, oder die Geſelſthatten Geſellſchaft.. 33 IV 4 Seite Drittes Kapitel, welches das Nöthigſte über Worble beibringt, nämlich ungewöhn⸗ liche Kirchengeſänge, ungewöhnliche Kö⸗ che, ähnliche Winkelhochſchulen und Eß⸗ tiſche— 43 Viertes Kapitel, oder man hat viel, wenn man begraben wird, wie ein Fürſt, deß⸗ gleichen ſo getrauet wie einer..——— 69 Fünftes Kapitel, worin am erſten Jahr⸗ markttage Neueſtes vorgeht mit Diaman⸗ ten— mit Drachendoktoren und ihren unterſuchten Apotheken— und mit Dok⸗ kordirlomen. 10¹1 91i* Sechſtes Kapitel, worin ein Dutzend hei⸗ tere Kirmsgäſte anlangt, um ſich bei dem niedergeſchlagenen Apotheker noch mehr aufzuheitern. 131 Siebentes Kapitel, oder der zwanzigka⸗ ratige Grundſtein zur Geſchichte wird ge⸗ legt. 144 — V . Seite Achtes Kapitel, oder: wie der Diamant, deßgleichen der Schächter Hoſeas, aͤcht und hart befunden werden.—— 143 Neuntes Kapitel, worin das Nöthigſte gegeſſen und erklart wird. 153 Na chſchrift des guten Rezeptes zu ächten Diagmanten. 181 Zehntes Kapitel, worin beſchenkt und ausgeprügelt wird— nebſt der Schlacht bei RNoöom 186 Eilftes Kapitrel, worin ein höchſtes Hand⸗ ſchreiben endlich ernſthafte Anſtalten zu ei⸗ nem Anfange der gegenwärtigen Geſchichte trifft, und worin man an manchen Din⸗ gen mehr gewinnt, als an Verſtand ver⸗ liert 203 Zwölftes Kapitel, woraus man erſt ſieht, was aus dem eilften entſtanden, und daß in jenem eine Sitzung iſt, und die Be⸗ richterſtattung derſelben. 223 VI Seite Dreizehntes Kapitel, wotin aus Ae⸗ gypten ausgezogen, und vorher das gelobte Land aufgepackt und mitgenommen, und darauf ein Bettelzug und ein Kandidat der Theologie erſcheinn.... 249 Vorrede. Oa neue Traumgeberorden iſt für uns alle eine Erſcheinung von einem ſo umgreifenden, über⸗ ſchwemmenden Einfluſſe, daß ich, da man auf ihn die Augen der Welt nicht eilig genug richten kann, nicht nur dieſe ganze Vorrede dazu beniütze, in der ich ohnehin ſonſt nichts zu ſagen habe, ſondern auch das Morgenblatt, welches dieſe Vor⸗ rede noch einige Monate vor der Erſcheinung des « Kometen, liefern kann. Wahrlich dieſer Bund iſt auch ein Komet, oder Bartſtern, aber ſein Bart, fürcht' ich, droht ganz andere Umwälzungen, als ein körperlicher mit dem längſten Schweife. VIII Ich las nämlich im neueſten Archiv für den thieriſchen Magnetismus*) einen Brief, worin Hr. Weſermann in Düſſeldorf, Regierungs⸗Aſ⸗ ſeſſor und Ober⸗Weginſpector, Mitglied der Rot⸗ terdamer, Jenaer und Düſſeldorfer gelehrten Ge⸗ ſellſchaften, dem Hrn. Profeſſor Eſchenmayer die Nachricht mittheilt, daß er durch bloßes Wollen— ſeine Gedankenbilder dem Schlafenden als Träume zuführen könne, und ſie in der Entfernung von 6 Meile bis zu 9 Meilen träumen laſſe, was er wolle. So ſtellte er z. B. einem Hofkammer⸗ rath G.**), der in 13 Jahren weder ihn, noch eine Zeile von ihm zu Geſicht bekommen, auf ei⸗ V ner Reiſe zu ihm, ſeine Ankunft im Traume mit völligem Gelingen dar. So ſetzte er einem Dok⸗ tor B., der von ihm eine Probe dieſer Traum⸗ Einimpfung begehrte, in der Ferne einer Achtel⸗ meile eine nächtliche Schlägerei in den ſchlafen⸗ den Kopf, und dieſer träumte ſie wirklich. Auch zweyen Freunden(erzählt er), dem Geheimrathe *) Band 6. St. 2. 1820. S. 135 ff. 1 *.) Arch. S. 137. 6 X H. und dem Doktor der Rechtswiſſenſchaft, ſeien ähnliche Verſuche geglückt**), Andern jedoch we⸗ niger: Ich kann mir nicht denken, daß irgend ein „Menſch dieſe Erfindung der Traumbildnerei kann geleſen haben, ohne über die Gewalt, womit — nun in fremde Seelen einzugreifen iſt, faſt noch mehr in Sorge als in Freude zu gerathen. Was wären dagegen die Erfindungen der Luft⸗ ſchifferei oder der Flugkunſt, welche ſtets nur im Reiche der Körper, nicht der Seelen umzuwälzen vermöchten?— Meine eignen Begriffe darüber hab' ich wol nirgend ſo ſtark ausgedrückt, als in einem Briefe an den Hrn. Polizeidirektor Saal⸗ pater in...., den ich deßhalb zweimal ab⸗ drucken laſſe, als wär' er blos für das Publikum geſchrieben. Der ſo geſchickte Saalpater iſt freilich nur in einem Ländchen angeſtellt, das unter den jetzigen 37 deutſchen Staaten nicht nur das 40ſte, ſondern *) S. 1 8. X. auch das allerkleinſte iſt, da es zur jetzigen Oſtermeſſe, für welche wir Baiern hundert und ze und funfzig Werle geliefert, nicht im Stande —, ſo viele Werke, wie Churheſſen, zu ſteuern, dns vaieee(nach dem Meßkatalog) ein einzi⸗ ges— es war ein Volksmährchen— in die Welt geſchickt: der kleine Staat mußt' es anegs und gar nichts bewenden laſſen. Inzwiſchen kann ſich das Ländchen doch einen 4 Miniſter des Innern und einen Miniſter des Aeuſ⸗ ſern halten, wovon der eine, da das Innere nur ein Punkt iſt, nicht ſonderlich viel vorſtellt, der andere aber deſto mehr, da das Aeußere,— das überall größer iſt, als das Innere— ganz Deutſch⸗ land und ſo viel von Europa in ſich faßt, als man will. Mit dieſem großen Miniſter beräth nun der Polizeidirektor Saalpater das Wohl des Länd⸗ 3 chens und Europa's ſelber bisher ſo geſchickt, daß 1 3 Beide beſtehen, und Alles bleibt, wie es iſt. Saal— pater iſt nicht bloß Unter⸗ und Oberzenſor aller 1 im Ländchen verfaßten Bücher, ſie mögen heraus⸗ kommen oder nicht— und der Zeitungen ohnehin Xl — ſondern auch der Verfaſſer eines mehr gründ⸗ lichen als gemäßigten Werkes gegen die Preßfrei⸗ heit und Bücher⸗Umtriebe, das nächſtens erſchei⸗ nen wird, und das ſchon die Zenſur des Unter⸗ und Oberzenſors ſelber gäſſiert hat. Nun weiß ich nicht, an wen ich mich mit meinen Bedenklichkeiten, über einen möglichen neuen Traumbund oder Traumgeberbund, hätte ſchicklicher wenden können, als an einen Mann, wie Saalpater, der als Zenſor und als Autor im Bilde die Verdienſte zweier Seevögel verknüpft, nämlich indem er als Fregatte(Pelicanus aqui- lus) mit vierzehn Ellen breiten Flügeln in der größten Höhe den kleinſten Fiſch, welcher auffliegt, wahrnimmt und ſtößt, und als Sturmvogel ſich auf den Maſtbaum ſetzt, und dem Schiffer die Sturmwinde anmeldet. Ein ſolcher Mann bringt es, als ein wahres politiſches Wetter⸗, ja Donnerwettermännchen, am beſten heraus, wo Traumgebergeſellſchaften aufkommen, wie ſie zu Werke gehen, wie ihnen zu wehren; denn hier kommt es ſo unglaublich viel auf Einziehung unbedeutender Nachrichten, auf Eigenmachen ſeltner Kleinigkeiten an, durch welches ein warmer Kopf eben dem Schörl oder Aſchenzieher gleich wird, der, heiß gerieben, die Spreu und Aſche, womit der Wind nur ſpielt, ſich anzieht und umlegt, ganz und gar vom Mag⸗ nete verſchieden, der nur Schweres ſich und ſei⸗ nes Gleichen anzieht und abſtöſſt. Dabei hatt' ich noch die Nebenabſicht, ſein patriotiſches, aber überflüſſiges Handeln und Schreiben gegen den Geiſt der Zeit,— welcher, wie eine überladene Büchſe, ſogar unter dem Zerſpringen doch ſeine Ladung dem Ziele zutreibt— lieber auf eine neue Gefahr hinzulenken, wo gegen Traumgeber noch viel, ja alles zu thun iſt, was nur ein Mann in ſeinen Verhältniſſen— denn nicht jeder Saalpa⸗ ter hat einen Miniſter des Aeußern zur Stütze— durchzuſetzen vermag. Hier iſt nun mein Schreiben an den Polzei⸗ direktor, das erſt nachher durch deſſen Antwort den rechten Werth für die Welt bekommt. *⁵** 8 XIII Euer Hochwolgeboren überſende ich anliegend wieder ein Stück des Eſchenmayerſchen Archivs; dießmal jedoch in der Beſorgnis, daß Sie einen wichtigern, ja ſtärkern Feind darin zu bekämpfen finden, als der Magne⸗ tismus iſt, deſſen endlichs Unterdrückung Ihnen in Ihrem Lande ſo überaus ſchön gelungen; was ſonſt in der Arzeneikunde eben nicht ſo leicht der Fall iſt; denn obgleich z. B. in Heidelberg 1580 nach den Statuten jeder Doktor einen Eid abzu⸗ legen hatte, innerlich nie Queckſilber und Spieß⸗ glas einzugeben*); oder obgleich in Dijon Ein⸗ impfung der Menſchenblattern mit 300 Livr. be⸗ ſtraft wurde**): ſo war und iſt ſpäter doch nichts ſo häufig in und an Kranken zu finden, als Queckſilber und Impfpocken.— Allein da zieht ein ganz friſcher Feind— obwol ein Abſenker und Nachkömmling des Magnetismus— nachdem Al⸗ les geſchlagen iſt, von neuem ins Feld und har⸗ *) Baldingers Magazin ꝛc. B. 3. St 6. **) Allg. deutſche Vibliothek. 1. Abth. Anhang 37— 52. S. 187. celiert Polizeidirektoren; und wir haben eine wahr⸗ haft ſkandalöſe Zeit. Zwar ſchon Parazelſus ver⸗ ſprach und verſtand, Jedem die Leute, die er im Traume ſehen wollte, darin erſcheinen zu laſſen; aber hier kam es doch auf den Mit⸗Willen des Schläfers an.*) Aber dagegen halten Sie nun, beſter Polizeidirektor, was der Hr. Ober⸗Weg⸗ inſpektor Weſermann verkündigt und durchſetzt! Er ſelber freilich iſt ein guter Mann, und ſchwärzt in fremde Köpfe beliebige Träume nur als aus⸗ ländiſche Waaren aus den Gewürzinſeln des Le⸗ bens ein. Auch werd' ich ſelber am Ende des Briefes Ihnen mehre Heilkräuter und Freuden⸗ blüten aufzeigen, deren ſchlafendes Knoſpenauge ein wolwollender Traumgeber in den fremden Schlaf einimpfen kann; aber wiegt wol— und brauch' ich dieß einen in Geſchäften grau geword⸗ nen Saalpater noch zu fragen— einiger mögliche gute Gebrauch den grenzenloſen Misbrauch auf, *) Leben und Lehrmeinungen berühmter Phyſiker am Ende des 16ten und Anfang des 17ten Jahrhunderts, von Rix⸗ ner und Siber. Heft 1. XV der mit Traumgeben zu treiben iſt? Iſt es hier mit Träumen wol anders beſchaffen, als mit Bü⸗ chern? Auch dieſe theilen Lichter und Freuden, und Sitten und Herzſtärkungen in jeder Meſſe aus— und ich liefere ja ſelber jedes Jahr meine Werke, wenn auch nicht die allerbeſten— aber was kann auf der andern Seite leichter und wei⸗ ter Irrthümer, Beleidigungen, freche Anfälle al⸗ ler Art, Herzſchwächungen und Herzgifte und kurz alles Böſe verbreiten, als gerade die Bücher; und wer verkennt dieß weniger, als ein Saalpater, der ſie ſo oft verbieten muß? Die Gewalt iſt nie zu berechnen, die ein Traumbildner über jeden hat, der im Bett liegt; denn kein Nachtriegel und kein Nachtlicht ſichert, und Niemand kann ſich wehren gegen die Träu⸗ me, die jener in den Kopf wie Nachtraubvögel fliegen läßt, und die alles wegtragen können. Der Traummacher kann Jedem, ſobald er ſeine Nacht⸗ mütze aufſetzt, die Biſchofmütze abnehmen— den Koadjutorhut— den Dohtorhut— die Lorbeer⸗ krone— die Krone; und die unſchuldigſten und 43 XVI angeſehenſten Leute von der Welt kann er ſo lange hänſeln, als er will und die Leute die Augen zu⸗ haben. Einer kann z. B., wenn er ein boshafter Rezen⸗ ſent und Traumbaumeiſter zugleich iſt, mir meine Schlafmütze zu einer Sanbenitomütze verdrehen, und mich jede Nacht träumen und leſen laſſen, daß gegenwärtiges neueſtes Werk der Komet, eine komiſche Geſchichtey— um ein altes be⸗ kümmert ſich ein Schriftſteller weniger— zu matt geprieſen und zu ſtark herabgeſetzt, daß es gevier⸗ theilt wird vom Kramladen und autodafeciert von Pfeifenköpfen, weil ich darin— könnt' er mich träumen laſſen— jeden andern mehr überträfe, als mich. Wäre dieß freilich chriſtlich gedacht? 1 Traumeinbläſer(die Bettlade iſt ihr Souf⸗ leurkaſten) ſind im Stande, die erſten feurigſten Liebhaber der Theaterzeitungen als bloße Lampen⸗ putzer auf der Traumbühne anzuſtellen, und die Theaterdirektoren und Könige als Statiſten; wer wehrt's ihnen? Oder ein bürgerlicher Traumbild⸗ ner macht ſich nichts daraus, nimmt einen langen XVII Knotenſtock, und prügelt damit den vornehmſten Staboffizier, der ihm in ſeinem ganzen Leben nichts geſagt und angethan, als bloße Beleidi⸗ gungen, welche höchſtens ein Edelmann und ein Offizier übel zu nehmen und zu ahnden hat, aber keineswegs ein Bürgerlicher, einen ſolchen hohen Beleidiger prügelt der niedrige Beleidigte ſo lange in deſſen Bette, mit Händen, ohne einen adeli⸗ chen Bluttropfen im Pulſe, durch, bis der Mann grimmig aus der Haut und aus dem Bette fährt, ohne alle Genugthuung. Wenn der Regierungs⸗Aſſeſſor Weſermann einer Madam W. ein ganzes Geſpräch, das er mit zwei andern Perſonen über ein Geheimnis hielt, durch die Traumpoſt ins Bette ablieferte: ſo ſchließen Sie leicht, mein Saalpater, bis wie weit eine ordentliche Traumgeberbrüderſchaft die Sachen zu treiben vermöchte. Es iſt aber eigent: lich eine ſehr klägliche Ausſicht. Ein Paar Traum⸗ geber können ſich verabreden, einander meilenweit Staats⸗Geheimniſſe anzuvertrauen; denn ſie ma⸗ chen mit einander gegenſeitige Wach⸗ und Schlaf⸗ XVIII zeiten für die Traumtelegraphen aus— Spionen aller Art ſind gar nicht zu zählen, noch zu fangen — Generale ſchlafen zu beſtimmten Nächten in ihren Zelten, und die Spionen träumen ihnen die feindlichen Stellungen vor, und Alles wird geſchla⸗ gen.— Die gefährlichſten Grundſätze und freie⸗ ſten Bücher werden umſonſt verboten, ſie werden von Kopfliſſen zu Kopfliſſen verbreitet, und ma⸗ chen die eifrigſten Anhänger, und ein Nonnen⸗ Dormitorium wird zuletzt eine Propaganda von Allem. Denn Träume, ſobald ſie oft genug wie⸗ derkommen, bekehren allerdings, wie das Bei⸗ ſpiel des vorigen Heiden und nachherigen Kirchen⸗ vaters Arnobius beweiſet*); ja man ſollte— es nebenher zu ſagen— faſt vermuthen, daß man⸗ 4 che geſchickte Kanzelredner, von Arnobius Bei⸗ ſpiel ermuntert, ihre Zuhörer abſichtlich in den Schlaf bringen, um ſie darin mit den nöthigen Träumen zu belehren. Hier theil' ich einen Argwohn mit, der ei⸗ nen Saalpater vielleicht auf mehr Gedanken bringt. ü *) Bayle art. Iheronyin. XIX Ich bin nämlich ſeit dem Leſen des Archivs— denn jetzo paſſ' ich mehr auf,— völlig überzeugt, daß eine Traumgebergenoſſenſchaft wirtlich exiſtiert, und daß ſich daraus ſehr wichtige Erſcheinungen erklären. Wenn man nämlich manche Staaten an⸗ ſieht, wo nichts verſäumt wird, um ſie nicht blos mit einer China⸗Mauer, ſondern auch mit einem Kirchengewölbe oder einer Bleibedachung hinlänglich zu bedecken gegen Außen; wo aber doch jedes Jahr neue Lichtmaterie durchſickert, weil die Völkerzahl ihre Geburtjahrhunderte, wie die Menſchen die ihrer Geburttage, durch die Zahl der Lichter auf dem Kuchen, oder(bey Königen) durch die der „Kanonenſchüſſe, alſo durch Lichter und Feuer zu⸗ gleich anzeigen;— wenn man, ſag' ich, dennoch ſo gut verwahrte Staaten ſo hell findet: ſo ſtutzt man anfangs. Man feagt ſich mit Recht, wozu dient's, daß man die einſichtigſten Geſchäftmän⸗ ner hat, welche den Gränzſtein des Stehenblei⸗ bens, den wahren terminus*), der des Kapito⸗ *) Der unförmliche Stein Terminus, den Saturn ſtatt des Ju⸗ piters verſchlungen, wich, ais Tarquin das Kapitolium bauete, zufolge der Augurien, allein unter allen Göttern XX liums Grundſtein war, mit ihren Gansfedern be⸗ wachen, wenn die Zeit als Saturn den Stein im⸗ mer wieder verſchlingt?— Und der beſte Staats⸗ diener und Saalpater wird dabei endlich matt und der Sache ſatt. Aber ich wittere eben hier Fußtapfen der Traumbündler, welche die Bettladen zu Treib⸗ und Lohkäſten ihres fliegenden Unkrautſamens ma⸗ chen und den Leuten vor dem Angeſichte aller Zen⸗ ſur⸗ und Mautbeamten ihre Grundſätze vorträu⸗ men, und ſie jede Nacht mehr auftlären. Der Nachträumer der Auftlärung wird es dann wie der Nordamerikaner mache in, und wird nach dem Er⸗ wachen alle Gaben i Traums in der Wirklichkeit haben wollen, ſo daß die Polizei die Leute ordent⸗ lich wie die Falken am Schlaf hindern müßte, um ſte zu bändigen. Es iſt bekannt und betrübt, daß keine Per⸗ ſonen auf ihren Lagern mehr von wahren Vorhöl⸗ lenträumen beſucht und gebraten werden, als Leute dem Jupiter nicht, und er blieb daher dort zum Anbeten liegen. Lactant. Inst. 1. r. de fals. rcligione c. XXI. XXI von Stande, denen gerade traumloſer, heiterer Schlaf der Landleute noch nöthiger iſt, als dem geſunden Volle. Linſen*) ſind's ſchwerlich, die hier etwa als Samenkörner von Traum⸗Diſtel⸗ köpfen aufgingen, da hohe Herrſchaften für ganz beſſere Linſengerichte, als Eſau ſeine Erſtgeburt, ihre Wiedergeburt verkaufen; ob aber nicht bos⸗ hafte Traumbündler, die ſelber wenig zu beißen und zu ſchlucken haben, die unſchuldigen Großen mit Schaugerichten verzerrter Träume bewirthen— dieß, mein Polizeidirektor, iſt wenigſtens eine Frage, die ſehr Ihre Prüfung verdient. Seit ich das neueſte Stück des magnetiſchen Archivs geleſen, kann ich mich der Vermuthung nicht erwehren, daß manche Mönche, wenn ſie ſo oft die ſündhafteſten, ihrem Gelübde der Enthalt⸗ ſamkeit mehr entſagenden, als zuſagenden Träume ausſtehen, wol von boshaften proteſtantiſchencraum⸗ gebern verfolgt werden?— Aus nichts anderem wäre es ſonſt erklärlich; denn die Patres haben *) Linſen geben nach— Sanktorius böſe Träume. XXII die reinſten Sitten und die reinſten Lehren— ge⸗ nießen viel öfter als Andere den Umgang mit Non⸗ nen, deren Beiſpiel und Anblick ſchon Weltliche auf andere Gedanken bringt— ſind überhaupt mehr die Lampenputzer als die Ofenheizer ihres von ihnen verachteten Leibes, weil ſchon das Ge⸗ lübde der Armuth allein ihr Fleiſch genugſam kreu⸗ zigt—— Und nun, woher ſoll es denn kom⸗ men, daß Männer, die vom Volke noch früher kanoniſiert werden, als vom Pabſte, daß ſolche, gleich dem betrunknen Alexander, gerade im Schlafe merken, wie die Menſchen ſind, und daß ſie or⸗ dentlich an ſich ſelber des Schwärmers Gichtel*) Meinung von Adatt beſtätigen, der zuerſt im Schlafe Magen, Gedärme, Leber und alles in ſich hinein bekommen, von wem, ſag' ich, kann ein ſolches Nachtgarn des Teufels über die from⸗ men Männer gezogen werden? Lutheraner, ver⸗ muth' ich, die ſich aufs Traumgeben verſtehen, erfiſchen ſie mit dem Garne. Jedoch will ich nicht eben jene ganze Partei vom Traummitarbeiten freigeſprochen haben: ich *) Walchs Kirchenhiſtorie§. LV. — XXIII bin ein ſo redlicher Proteſtant wie Sie. Sehr gut könnten z. B. Beichtkinder von Stande von derſelben, aber aus dem Traumgeberbunde, wenn ſie etwa zu ſchwer an ihren Sündenlaſten(wie leicht ſind am Hofe dagegen die Staatslaſten!) zu tragen hätten, ihren frommen Hofbeichtvater die Nacht vorher alle ihre Sünden im Traume in eig⸗ ner Perſon begehen laſſen, um ſich am Tage aus Zartheit theils die umſtändlichere Beichte zu er⸗ ſparen, theils die härtere Pönitenz. — Und ich will es Ihnen nur von mir ſelber geſtehen, ſchätzbarer Herr Polizeidirektor, daß ich ſeit der Bekanntſchaft mit dem Ober⸗Weginſpek⸗ tor Weſermann gleichfalls meine ſchwachen magne⸗ tiſchen Kräfte zu zwei Traum⸗Einimpfungen nicht ohne Glück, aber zu ſehr wolthätigem Zweck ver⸗ ſucht habe; in der einen legt' ich einen ehelichen Zwiſt bei, in der andern hieb ich mich mit einem Huſaren. Da ich nämlich hörte, daß ein Ehe⸗ paar in nichts einig war, als in dem Wunſche und Vorbereiten der Eheſcheidung: ſo ſtrengte ich mich an, daß ich mehre Nächte hindurch die Leute XXIV förmlich von einander ſchied, als ein vollſtändiges ganzes geträumtes Konſiſtorium mit allen Räthen, Akten und Koſten und was dazu gehört. Seit meiner wiederholten Scheidung im Bette mehr als vom Bette, hör' ich nun in allen Theezirkeln, daß die Leute ſich einander am Tage wieder zu lie⸗ ben anfangen;— was wol am beſten beweiſet, daß mir das Vorträumen gelungen, und daß ſie wirklich auf den wächſernen Flügeln des Traums auseinander geflogen und ſich und die Sache aus⸗ einander geſetzt. Denn bekanntlich iſt Scheidung ein gutes Ehe⸗Aphrodiſtakum und der Scheide⸗ brief eine Auffriſchung des erſten Liebebriefes, in⸗ dem es mit einem böſen Gatten, wie mit einem böſen Zahne geht*), welcher, ſobald man ihn ausgezogen und in die Kinnlade— beinahe Bett⸗ lade hätt' ich geſagt— wieder einſetzt und ein⸗ beißt, nicht im Geringſten mehr ſchmerzet, ſon⸗ dern nur ſchmückt. Einen andern Traumfall hatt' ich mit einem Huſarenrittmeiſter, einem Gelehrtenfeind, der ſich 4*) Unzers mediziniſches Handbuch. V. 2. XXV ſchon ſeit Jahren gern mit mir gehauen hätte— weil er den kleinſten ſatiriſchen Hieb auf ſich zu lenken weiß—, wenn es nicht gegen ſeine Ehre liefe, wie er ſagte, einem elenden Bürgerlichen oder Bücherſchreiber mit dem Säbel den Kopf zu ſpalten, oder auch nur einen Finger wegzuhauen. Dieſen Rittmeiſter fodere ich nun jede Nacht, wenn wir Beide die Schlafhauben aufhaben— gleichſam unſere Sturmhauben—; und er muß ſich mir im Bette ſtellen, und ich adle mich nicht einmal, was ich ſo leicht im Traume könnte. Nun iſt es aber kläglich, dabei zu ſtehen und es anzu⸗ ſehen, wie ich den Huſaren zurichte mit meinem Säbel— rechts und links, in die Quer und die Länge, vierfingerig, dreifingerig, zweifingerig, einöhrig wird er gehauen in den verſchiedenen Nächten, und nur den Schädel läßt man ihm ſitzen, als Unterſatzſchale der Huſarenmütze und des Lebens. Darauf laſſ' ich ihn um Schonung fle⸗ hen, und mir mehr als einen Dank ſagen, daß ich ihn meines Säbels und des Durchhauens ge⸗ würdigt.— Es muß aber mein Traumgefecht wirklich in ihm vorfallen,— fragen will ich ihn II.**† IXVI nicht— weil er, wenn ich ihm begegne und als Sieger ihm etwas ſtolz ins Geſicht ſchaue, mich äußerſt erbittert anblickt, was dem gedemüthigten Huſaren gern zu vergeben iſt, da er ſich für ſeine Demüthigungen nicht rächen kann.— Allerdings ſieht ein einſichtvoller und rückſicht⸗ loſer Mann, wie Sie, von ſelber, daß die Traum⸗ bildnerei gerade wie die Schriftſtellerei ſich auch 4 zu guten herrlichen Zwecken(ich möchte mir ſchmei⸗ cheln, in der einen und in der andern, Beiſpiele gegeben zu haben) verwenden läßt. Ein Bene⸗ diktiner, erzählt Iſiburd(Breviar. num. 26.), hatte in der Nacht, vor dem Morgen, an wel⸗ chem er eine Purganz nehmen wollte, den Traum, daß er die Sache ſchon im Leibe habe; und ſiehe da, am Morgen war auch die Wirkung vorhan⸗ den, und die gekauften äußern Pillen brauchte er gar nicht zu verſchlucken.— Nun ließe ſich recht gut denken, daß ein Arzt die Abführmittel und Brechmittel, die er dem Pazienten verſchreibt, ihm ſo lange vorträumte, bis ſich Wirkung ein⸗ ſtellte. Ein Hofmedikus könnte zarten höheren Perſonen, ſtatt der ekeln Pillen, Träume einge⸗ XXVII ben, und in öffentlichen Krankenanſtalten könnte der Staat manchen Apothekerzettel in der Taſche behalten, wenn der Spitaldiener oder Kranken⸗ wärter als Vorträumer der Arzeneien anzuſtellen wäre, und man nichts in der Apotheke zu machen brauchte. Oder man könnte auch der Staatskaſſe (wie ſchon jetzt, aber ohne Vortheil der Kranken geſchieht) Arzeneien anſetzen, die gar nicht gege⸗ ben worden, ſondern nur geträumt.— Die Ekel⸗ kur, die mancher Arzt oft bei Wachenden ohne ſeine Abſicht durch ſein Aeußeres macht, könnte er bei Schlafenden, wo es nöthig, durch ſein In⸗ neres ausführen; und ſo würden ſich die Jünger des Aeſkulaps, den ſchon die Griechen den Traum⸗ ſender genannt, ſich des Meiſters durch die Träu⸗ me würdig zeigen, die ſie uns unmittelbar und ohne Druckpapier vormachten. Ja, ob man nicht auf Schiffen und in Feſtungen, wo zuweilen die Arzeneien ausgehen, ſtatt dieſer die Apotheker ſel⸗ ber verſchreiben könnte, da ihre treffliche Einbild⸗ kraft gewiß ohne Kräuter gute Brech⸗ und Ab⸗ führmittel machen könnte: dieß würde bald die Zeit lehren, nebſt den erforderlichen Nächten⸗. XXVIII Allenthalben vermißt man noch an Höfen und auf Thronen, gerade für die ganze eine Hälfte des Lebens, alle Hofluſtbarkeiten, Spektakel und Hoffeſte, und nur die andere hat dergleichen ei⸗ nige, die wachen; ſo daß mithin die ſchlafende noch ein ganz unentdecktes Amerika, oder eine neue Welt der Himmelkugel oder Glücklugel blieb, weil hohen Herrſchaften in der Kunſt, allezeit fröhlich zu ſein(der ars semper gaudendi), jeden Tag zehn Stunden fehlen, wenn nicht mehre. Da⸗ gegen gibt's nun kein anderes Mittel, weil der Hof nicht in einem fort für das Vergnügen wach bleiben kann, als einen geſchickten Vorträumer, der's den Frommen im Schlafe beſcheert. Ein ſolcher wäre als der wahre eigentliche maitre de plaisirs für die Nacht anzuſtellen, wo jeder ſeine Himmelfahrt nach dem Betthimmel hielte und in der Ruhe das rechte rheiniſche Luſtſchloß mon Re⸗ pos anträfe. Da nun ein Traum⸗ und Nacht⸗ freudenmeiſter oder Intendant de plaisirs lauter Freuden anordnete, die keinen einzigen Gulden koſteten— weil alle unmittelbar von Gehirn an Gehirn abgeliefert werden— ſo könnten auch die XXIX Landſtände und die Kammern gegen die Freuden⸗ feſte und dieſe Luſtlager ohne Soldaten nichts ha⸗ ben; keine Landesſchulden würden gemacht, weil der maftre de plaisirs ein wolfeiler Fliegen⸗ ſchwamm wäre, womit die Kamtſchadalen ſich durch deſſen Aufgüſſe wahre Edenträume, und ſich die Bettlade zur Nektar⸗Braupfanne machen. Wenn ich weiter nachdenke, lieber Polizei⸗ direktor, wahrlich, das ſchwere Beglücken der Men⸗ ſchen würde gar zu himmliſch leicht gemacht, ſo⸗ bald man es ganz in ſeine Gewalt bekäme, blos durch Träume zu erfreuen— Wunden zu ſchlieſ⸗ ſen nach dem Schließen der Augen, und den ge⸗ plagten Menſchen, wenigſtens ſo lange er liegt, aufrecht zu erhalten. Wahrlich, ich würde keinem Schläfer als eine gebratene Taube*) in den Mund und Magen fliegen, ſondern ich würde mehr den koſtbaren Rubin vorſtellen, der die lieblichſten *, Haller in ſeiner Phyſiologie führt aus Sanktorius an, daß genoſſene Linſen und Tauben häßliche Träume erzeugen. Nach Derhams Phyſikotheologie gibt der getragene Rubin ſchöne Traume. XXX Träume erzeugt. Einem Blinden ſetzte ich ſo lange gute Augen ein, als er ſie zuhätte, und herrliche Nachtſtücke des Frühlings und Sternen⸗ himmels wollt' ich um ihn herhängen. Und da der Traum uns gerade verlorne Geſtalten unſerer wärmſten Sehnſucht am hartnäckigſten verweigert: ſo wäre mein Erſtes, einer ſehnſüchtigen Mutter die Tochter wieder an das Herz zu fühken, die auf höhern Welten lebt, oder auf eine Nacht den Sohn nach Hauſe zu bringen, der auf fernen Schlachtfeldern übernachtet. Gott weiß, was ich noch thäte; unſchuldigen Gefangenen nähme ich ohnehin in der Nacht die Kettenringe ab; und zarten Prinzeſſinnen ſteckt' ich ſchöne Eheringe an, und ließe einer ſchlafenden Diana⸗Göttin einen wachenden Endymion erſcheinen.— Ich triebe es weit. Inzwiſchen bleibt es doch eben ſo wahr, als gefährlich— denn wenige würden ſo vorträumen wie ich— daß die Erfindung des Traumgebens wie die des Bücherſchreibens und Druckens, die Entdeckung einer neuen Welt, und dadurch die XXXI Verdopplung und Umkehrung der alten iſt——; und dieß iſt's eben, worüber man einen Saalpa⸗ ter hören will und zu Rathe ziehen. Unmöglich können Sie in Ihrem künftigen Werke gegen die gewöhnliche Preßfreiheit über die Gefahren der ähnlichen Traumgeberei wegſchlüpfen; Sie müſſen die wichtige Sache erwägen, und wär's auch nur in einem magern Appendix. In ſolcher Hoffnung ver⸗ harr' ich ꝛc. Dr. Jean Paul Fr. Richter. * 3* Kaum hatt' ich den 1ſten April dieſen Brief an Hrn. Polizeidirektor Saalpater abgeſchickt: ſo bekam ich von ihm— dem faſt von Akten erdrück⸗ ten Geſchäftmanne— ſchon in dieſem Monate die Antwort; und zwar eine ſo unerwartete und wichtige, daß ich gewiß nicht getadelt werde, wenn ich der Welt nicht erſt in dieſer Vorrede zum zweiten Kometenbande, ſondern ſchon im frühern Morgenblatte die Beweiſe überliefere, daß der ſo ſehr bedenkliche Traumbund wireach exiſtiert und ſchon thätig iſt. XXXII Saalpaters Schreiben leg' ich hier wörtlich⸗ treu und vollſtändig dem Publilum vor, und laſſe nur da, wo ich's zweckdienlicher finde, Bedeu⸗ tendes aus. Denn da Saalpater den guten, lan⸗ gen, weiten, breiten deutſchen Reichsſtil fertig ſchreibt, von welchem(wie ich hoffe) in den deut⸗ ſchen öffentlichen Kongreß⸗ und Bund⸗Verhand⸗ lungen noch nicht ſo viel untergegangen, als vom Reiche ſelber: ſo war bequem jede Seite auszu⸗ laſſen, wenn auf der abgedruckten daſſelbe ſtand, ſo daß auf dieſe Weiſe nur der Nach druck, nicht der Nach druck wegblieb. Hier iſt der Brief. *.* Wolgeborner Herr, beſonders hochzuverehrender Herr Legationrath! Ew. werden gar bald aus den öffentlichen Blättern erſehen, welche heilſame Wirkungen Dero geehrtes vom 1ſten April hervorgebracht. Schon ſeit geraumer Zeit hielten nämlich fünf magneti⸗ ſche Studenten ſich in unſerem Staate blos zu ih⸗ rem Vergnügen, wie ſie im Fremdenbuche des Gaſthofs vorgeſpiegelt, auf; und zogen ſolche XXXIII ſchon deſſentwegen mein ganzes Augenmerk auf ſich, weil ſie ſich die fünf Vokale nannten und ſich niemalen anders ſchrieben als Ah, Eh, Ih, Oh und Uh. Dabei war doch manches nicht zu ver⸗ kennen, was ſeit ihrem Aufenthalte im Staate Wunderliches vorſiel, ohne daß es recht zu erklä⸗ ren geweſen; denn Träume der verdrießlichſten Art fingen ſeit dem Uebernachten der angeblichen Vokale nächtlicher Weiſe im ganzen Lande an ein⸗ zureißen, wovon drei Exempel von Schlafenden Euer Wolgeboren anſtatt aller übrigen dienen mö⸗ gen. Nämlich Seine Excellenz, der Hr. Mini⸗ ſter der auswärtigen Angelegenheiten, wurden überaus gemartert mit unſchicklichſten Träumen, als wären ſolche in Ungnade gefallen, ohne Pen⸗ ſion entlaſſen, Dero hohe Familie vom Hofe ver⸗ wieſen. Auch mir unwürdigen Subjekte kam es drei Nächte hinter einander vor, ich würde unter vielem Freudengeſchrei auf dem Schloßplatze ge⸗ köpft und trüge darauf den enthaupteten Kopf, nachdem man mir vorher einen hohen, hinten ausgehölten halben Maskenkopf aufgeſetzt, mit beiden Händen ans Schloßthor, um ihn bei den *XXxIV Ohren neben einem angenagelten Hühnergeier an⸗ zunageln. Endlich wurden ſogar Seine Durch⸗ laucht mit den unehrerbietigſten Träumen beun⸗ ruhigt, indem es wenige Dienerverſehen und Un⸗ terthanenklagen im Lande gibt, welche bisher je⸗ der treue Diener vor ſeinem Fürſten aus pflicht⸗ ſchuldigſter Schonung geheim gehalten, die nicht Höchſtdenſelben in allen Träumen vorgekommen wären, ſeit die Vokale da ſind, ordentlich als wären die Landſtreicher Landſtände, welche einem höchſten Herrn alles Elend ausplaudern, wenn es nur wahr iſt, ohne ſich darum zu bekümmern, wie es einem alle Unterthanen liebenden Fürſten ſchmerzet. Wie ich nun die fünf Studenten ſchon längſt politiſcher Umtriebe für verdächtig gehalten, ſo war vollends nach den eingegangenen Fingerzeigen in Ihrem Schreiben, hochverehrteſter Hr. Lega⸗ tionrath, weiter kein Zweifel mehr, daß die Per⸗ ſonen zu einem neuen Traumbunde gehörten und ſich träumeriſche Umtriebe erlaubten. Ich nahm daher vor allen Dingen die fünf Vokale in Ver⸗ xXXV haft und ihre Papiere in Beſchlag.— Und ſiehe da, ſchon aus ihren Tagebüchern wies ſich's ſon⸗ nenklar aus, daß ſie zur neuen geheimen Geſell⸗ ſchaft der Traumbündler gehörten; es iſt aber ſol⸗ ches Komplot das gefährlichſte und ſtrafwürdigſte unter allen, angeſehen ein Traumbündler nächtli⸗ cher Weiſe durch gewaltſamen Einbruch in die ver⸗ ſchloſſenen Schlafkammern dringt, nnd allda ſein politiſches und ſonſtiges Gaukelſpiel in allen Köpfen treibt und weder durch Wache, noch Schlöſſer ab⸗ zuhalten iſt.— Nicht zu ſpät wurden darauf die fünf Bündler zu Protokoll genommen, ſo wie die dienlichſten Extrakte gemacht, und biege Ihnen ſowol Verhöre als Auszüge hier an.—— ** * Aber ich beuge vielleicht beſſer hier den Ver⸗ hören vor, da ein Juriſt, als Wörterlatitudina⸗ rier, für das ſchöne blatt⸗ und ſtachelreiche Ge⸗ ſträuch, worein er ſeine Beeren kleidet, mehr Platz bedarf, als Morgenblätter und Vorreden übrig haben. Der Auszug der Protokolle folgt jedoch: XXXVI Die fünf Traumdirektoren geben zu Proto⸗ koll, daß ſie unterwegs in verſchiedenen Städten ſich aufgehalten, aber blos um da zu übernachten und zu wachen.— Auch läugnen ſie ganz, daß ſie dem Miniſter und dem Polizeidirektor böſe Träume gemacht, aber ſie ſind erbötig, die Träume von Kopfpoerlieren, Ehreverlieren, Stelleverlieren und dergl. aus Beider geiſtigen und körperlichen Natur durch phyſtologiſche Kettenſchlüſſe befriedigend ab⸗ zuleiten.— Ferner thun ſie ſämmtlich die Frage, wer ihnen, wenn jemand gräulich geträumt, be⸗ weiſen könne, daß ſie gerade gewacht, oder wer ihnen verbieten wolle, die Welt, wenn nicht durch Predigten, doch durch Träume ſelig zu machen, und ſogar, wie Titus für einen Tag gethan, es zu beklagen, wenn ſie eine Nacht ohne Beglücken vorüber gelaſſen.— Und endlich wollen ſie, ver⸗ ſichern ſolche, nichts weniger als fünf Vokale odet Selbſtlauter für hebräiſche unpunktierte Staaten voll lauter Mitlauter vorſtellen, da dieſe an Ka⸗ binetordres und Inquiſizionen und an jeder Pai⸗ rie und Mairie ihre guten matres lectionis hät⸗ ten; welche Ausdrücke Saalpater mit Recht eben ſo anzüglich, als unverſtändlich fand. XXXVII Hiemit hätt' ich denn den protokollariſchen Sachzwergen die juriſtiſchen Pump⸗ und Pluder⸗ hoſen des reichen ſchönen Vortrags ausgezogen; aber die Welt wird ſich ſchon mit den Zwergen be⸗ gnügen. — Auch aus Saalpaters Auszügen der traum⸗ bündleriſchen Tagebücher gebe ich deren hier fünf, von jedem Studenten nur ein Vortraumſtück und Nachtſtück; aber die Welt wird ſich mit Saalpa⸗ ter nicht genug verwundern können, daß dieſe Vo⸗ kale, die ſich für die fünf Treffer des Staats und des Schlafs ausgeben, immer nur Nieten jeden Schläfer jiehen ließen. Der magnetiſche und traumgeberiſche Stu⸗ dent Ah erzählt in ſeinem Tagebuch den Vor⸗ traum, daß er einem eben ſo reichen, als behut⸗ ſamen Sparhalſe, der ohnehin nicht viel Schlaf genoß, das Bischen davon verſalzte, indem er ihn darin in Einem fort zu verſchenken zwang. Der Mann, der nichts lieber verdauet hätte als, gleich dem Krebſe, ſeinen eignen Magen, wurde durch den Studenten genöthigt, jeden fremden zu fül⸗ XXXVIII len und die halbe Stadt, nämlich die hungernde, zu Gaſte zu bitten, ja ſeine ſchönſten Kapitalien, die er alle auf ſein Teſtament, als auf den Adel⸗ brief ſeines Gewiſſens, aufhob, an öffentliche An⸗ ſtalten, Schulen und Arbeithäuſer zu verſchwen⸗ den. Dabei ſtand nun der Menſchenfreund nicht etwa blos die nächtliche Qual der verſchenkenden Traumbilder aus, ſondern am Tage mußte ihn auch die Beſorgnis verfolgen, daß er ſich durch dergleichen gegen das Geld abhärte und zuletzt es wirklich herzugeben anfange. Der Student Eh geſteht in ſeinem Tagebu⸗ che die gemeinſchaftliche Mishandlung eines begü⸗ terten Landpfarrers. Sie ließen den exemplari⸗ ſchen Seelenhirten drei Sonnabende hinter einan⸗ der ſeinen aufgehäuften zweyjährigen Sackzehend in ſeinem Bette um den jetzigen Spottpreis an Juden verhandeln, zu einer Zeit, wo gewiß noch nicht jede Hoffnung eines Misjahrs und naſſen Sommers verſchwunden iſt;— was aber dem Seelſorger dermaßen zuſetzte, daß er die an ſich frohen Oſterpredigten mit einer ſo kläglichen Stim⸗ XXXIX me vortrug, als ſey ihm ſchon das Brod gebak⸗ ken; und in der That waren nicht, wenn nach der alten Sage Ameiſen dem ſchlafenden Midas Getraide auf dem Munde anſammelten, die Stu⸗ denten vielmehr Ameiſen, die es dem Pfarrer vom Maule forttrugen? Wollen die fünf Vokale ſo⸗ gar fünf Gerſtenbrode ſein und auf dieſe Weiſe das Volk abſpeiſen?— Unerhört! Sämmtliche magnetiſche Studenten überhaupt gingen unterwegs nicht redlich mit Weibern um, welche ſich zugleich koſtbar und nackt kleideten, ſondern ſie thaten, als wären ſie als die fünf klu⸗ gen Jungfrauen für die fünf thörichten beordert. Wenn einige von dieſen, indeß die erſten Eltern nach dem Genuſſe des verbotnen Apfels ſich ihrer Nacktheit ſchämten, ſich der ihrigen gerade rühm⸗ ten und freueten: ſo trugen ihnen dieß die magne⸗ tiſchen Studenten nach, bedachten aber nicht, daß eine heutige Eva gerade umgekehrt die Schlange zum Anbiſſe des verbotenen Apfels verführen will, ich meine die eleganten männlichen Brillenſchlan⸗ gen, welche jedoch die Brille nicht, wie die na⸗ turhiſtoriſche, auf dem Rücken gemalt, ſondern auf die Naſe geſteckt, tragen. Die Studenten waren vielleicht über die Mode, welche für Bruſt und Rücken nur den halben Anzug nimmt, nur aus dem Grunde verdrießlich, aus welchem Kotze⸗ bue und Hufeland darüber klagten, daß man die Selterflaſchen nur mit halben Korken zugemacht verſchicke, weil dadurch der halbe Geiſt des Waſ⸗ ſers verfliege. Nun war(laut Tagebuch) der Student Ih in einer Reſidenz gerade gegen eine Weltdame be⸗ ſonders erboßt, eine junge Sechsundvierzigerin, deren Blütenäſte an Spieltiſchen bis ins Zwan⸗ zigſte durch Kunſt gebogen überhingen, und an welcher, ſo wie an manchen alten ergänzten Sta⸗ tüen in Rom nur Ein Sechſtel alt iſt, vielmehr ein ganzes Sechſtel jung war. Der Vokal nahm die Dame daher jede Nacht vor einer Ballnacht und führte ſie auf einen geträumten Hofball, wo ihr, ſo oft ſie lächelte, die falſche Zahnperlen⸗ ſchnur aus dem Munde rollte auf die Halsperlen⸗ ſchnur herab; und wenn ſie mit ihrem jungen XLI Wangenroth vor einem Spiegel vorbeiging, ſo war ſie— die Schminke mochte noch ſo unver⸗ fälſcht aufgetragen ſein— aus der Rothgießerin eine Gelbgießerin geworden. Was ihre Kleidung anbelangt, welche dem Buſen und Nacken fehlen ſollte, weil ſie bei ihren Jahren die älteſte Mode des Paradieſes mit der neueſten der Zeit zu ver⸗ ſchmelzen ſuchte, ſo ließ ihr dieß der boshafte Student Ih im Vortraume nicht zu, ſondern er verkorkte, verpetſchierte, inkruſtierte, emballierte die Dame auf dem Hofballe ſo lange, bis er ſie zu einem Mädchen in Holland umgeſetzt, das der Schönheit und Geſundheit halber gewöhnlich ein Hemd trägt, und ein Wollentuch auf der Bruſt und ein Kamiſol dazu, ſammt einer Weſte mit Aermeln*)— dann einen Wollengürtel ſammt Hoſen— dann einen wollnen Rock— dann ei⸗ nen kattunenen— darauf eine kattunene Chemi- *) Vertraute Briefe aus Holland 1797. II.*X* N — XLII se— und einen Mantel mit Watten gefüllt— endlich drei Paar Strümpfe, nebſt ein Paar Sok⸗ kenſchuhe mit Pelz darüber als Schluß von un⸗ ten, und drei Mützen als Schluß von oben.— Himmel, dergleichen möcht' ich nicht einmal in Holland anhaben!— Endlich verſteht ſich ohne⸗ hin, daß der erbitterte Traumvorturner, der be⸗ kannten Beobachtnng Herdeus und anderer zum Trotze, nach welcher Träume in das ſchönſte Ju⸗ gendalter zurück verſetzen, die Dame gerade um eben ſo viele Jahre auf den Bällen voraus altern ließ. Zu hart! Etwas gelinder— aber nicht viel— wur⸗ den vom vierten magnetiſchen Studenten Oh Da⸗ men in einer kaufmänniſchen, an ſich gut han⸗ delnden, aber bösſprechenden Mittelſtadt, wo er mit den andern übernachtete, mitgenommen, und traumärztlich behandelt. Je kleiner die Stadt, deſto kleinlicher die Nachrede, und nur eine große duldet Großes. Da ein weiblicher Thee⸗ oder XLIII Trinkzirkel erſtlich ſich ſelber beobachten muß— um es dem nächſten mitzutheilen—, dann alles dem gegenwärtigen mittheilt, was er in vorigen Zirkeln und Zirkeltangenten beobachtet hatte: ſo ſah in jener Mittelſtadt eine Damenreihe mit den vier Fühlfäden der Ohren für Abweſende und der Augen für Gegenwärtige und mit der Zunge, welche überall ihre Spuren ließ, nicht anders— um ein poſſierliches Gleichnis vom Studenten Oh zu entlehnen— in ihren weit aufgeſperrten Reu⸗ ſenhüten aus, als wie ein lebendiges Konchylien⸗ kabinet, wo aus den weiten Schneckengehäuſen die Köpfchen mit den vier Fühlfäden ſchauen und dann alles überziehen, worüber ſie ziehen. Keine Namen wurden ganz gelaſſen, als die ver⸗ ſchollenen oder begrabenen, die ſich hinter einem Grabſtein wehren und decken konnten. Wie ſchon die Wittwe aus der Aſche ihres Mannes die beſte Lauge für ihren zweiten zu deſſen Weißwaſchen ſiedet; ja wie überhaupt die Verſtorbenen von Jahrtauſenden her gleichſam die Wäſcher und — XLIV die Aerzte der Lebendigen werden, ſo wie die Leichen ſich in Seife*) verwandeln, und die Mumien ſonſt in Apotheken zu Arzeneimit⸗ teln verſchabt wurden: ſo wurde auch in den ge⸗ dachten Zirkeln das Verſtorbne geſchickt zur Sei⸗ fenkugel und Laxierpille, zum Waſch⸗ und Heil⸗ mittel des Lebendigen verarbeitet. Der Thee war am Ende ein Entweihwaſſer für Namen, die kein Weihwaſſer verdienten, oder ein Strafbier der Handwerker, das noch dazu, ungleich dem Straf⸗ bier der Handwerker, nicht von dem Geſtraften bezahlt wird, ſondern von dem Strafenden.— 7 Die Verbreitung ſolcher Strafurtheile war un⸗ glaublich und muſterhaft, denn jeder Theewaſſer⸗ zirkel floß wieder in neue Zirkel ein, und ſo hörte es, wie das Ineinandergehen der Waſſerringe auf einem Teiche, gar nicht auf. Der Student Oh that nun weiter nichts im Vorträumen, als daß *) Auf dem Gottesacker des Innocens(der unſchuldigen Kin⸗ der) zu Paris wurden ganze Schichten in Wallrath ver⸗ wandelt gefunden. Crens chemiſche Annalen von 1792. XLV er jede Verfaſſerin oder Verlegerin eines Strafur⸗ thels mit einem Gygesring unſichtbar in einen Zirkel nach dem andern ſtellte, wo man einer je⸗ den den reichlichen Ehrenſold(wenn's nicht viel⸗ mehr ein Unehrenſold zu nennen iſt) für die ge— fertigten Urthel gewiſſenhaft auszahlte— das Gute der Urthelverfaſſerinnen wurde von ſelber vorausgeſetzt und blos ihr Böſes hinlänglich dar⸗ gethan nnd aufgedeckt;— und ſo mußte eine ſol⸗ che Sonne den glänzenden Thierkreis von Thee⸗ zirkeln durchlaufen.— Jede Mittelſtädterin war im Bette außer ſich und litt viel, und wollte das Haſſen von thren Freundinnen kaum ihren Ohren glauben, denn keine erinnerte ſich— obgleich jede daſſelbe gethan— bei dem Theezirkel, da er eine Art Krieggericht gegen Abweſende iſt(das Aetherflämmchen der Theemaſchine will das Bi⸗ vouakfeuer vorſtellen), daß die ſanfteſten Weſen von der Welt den Bewohnern der Freundſchaft⸗ inſeln ähnlichen, mit deren Gutmüthigkeit Cook und Forſter uns alle beſchämen, die aber doch IVI ihre Feinde lebendig verſpeiſen. Und was iſt Na⸗ menzerreißen anders als eine ſubtile Menſchenfreſ⸗ ſerei, zu deren Eingeſchneizel der Thee die Tunke und Salzlake ſein mag?— Im Tagebuche des fünften magnetiſchen Stu⸗ denten, Namens Uh, zeichnen ſich beſonders die Nächte aus, wo er einer Fürſtin und ihrer Ober⸗ hofmeiſterin in einem gewiſſen Staate ſtatt der Nachtmuſiken arge Nachtfröſte gibt. Der Staat iſt in Rückſicht der Auadratmeilen nicht näher be⸗ ſtimmt, wo Freiheit und Gleichheit auf ſchöne Weiſe geſchieden ſind, und völlige Gleichheit nur außerhalb des Hofs, und wahre Freiheit nur an dieſem herrſcht, ſo daß das Land ein Schachbret iſt, auf welchem man mit Steinen oder Dame (nicht mit Figuren) ſpielt, und wo folglich alle Steine auf allen Stellen einerlei Werth haben, die ausgenommen, welche in die Dame kom⸗ men, d. h. an den Hof. Aber eine ſo uralte, ja adelich⸗alte Rangordnung wollte dem Selb⸗ 8 X. XLVII lauter Uh leider nicht ſchmecken, ſondern er ver⸗ ſuchte ſie(laut ſeines Tagebuchs S. 66) wenig⸗ ſtens bei Nacht im Schlafe der— Fürſtin und ihrer noch ſtrengern Oberhofmeiſterin umzuſtoßen; er träumte nämlich ihr und der grauen Hofmei⸗ ſterin drei oder fünf Nächte(die Zahl iſt zu un⸗ leſerlich) vor, daß beide wirklich an der fürſtli⸗ chen Tafel mit Weibern zuſammen ſäßen, welche entweder von Natur bloße bürgerliche waren, oder doch als Edelfrauen an bürgerliche, wenn auch tafelfähige Diener vermählt. Dem Fürſten, durch ſeine männlichen Beamten ſchon an bürger⸗ liche Gaſt-Einſchiebſel oder Beieſſen gewöhnt, wollte der Vokal nichts vorträumen; aber bei der Fürſtin und der alten Oberhofmeiſterin hatte er offenbar die Abſicht, ſie gegen die Nähe der Bürgerlichen vorher im Schlafe abzuhärten, und den Hof durch Weiber allmählig an Männer zu gewöhnen. Aber freilich weiß ich dann nicht mehr, wenn es den Traumbündlern gelingt, was ein Hof iſt, ſobald der Reſpekt fehlt. Re⸗ XLVIII ſpekt nennen nämlich die Kupferſtichhändler den reinen glänzenden Raum, welcher den grauen unſcheinbaren Kupferſtich umfaßt und hebt, und nach deſſen Abſchneiden das Blatt um mehre Gulden weniger gilt;— der Stich mit ſeinen Figuren ſtellt hier das Volk vor, das vom Glanz⸗ raume des Hofes in gewiſſer Weite bleiben muß, damit dieſer es vom goldnen Kron⸗Rahmen ge⸗ nugſam trenne.— Und was kann am Ende die Folge ſein, wenn der magnetiſche Student das Innere der adelichen oder italieniſchen Schule mit der Gallerie der bürgerlichen oder niederländiſchen Schule durchſchießt? Die erſte Folge iſt wech⸗ ſelſeitige Verwechslung aus Mangel des Unter⸗ ſchieds; aber die zweite iſt die wichtigere für den Buürgerlichen, der immer ein gewiſſes republika⸗ niſches Feuer einbüßt, wenn er am Hofe auf⸗ ſteigt, wie die an Zepter und Thron angeſtängel⸗ ten Hofleute beweiſen, daher manche Länder recht verſtändig den Bürgerlichen ſo behandeln, wie XLIX die Welſchen den Weinſtock*), den ſie unaufge⸗ richtet auf dem Boden fortkriechen laſſen, weil er da mehr Feuer gewinnt, als deutſche Reben, die man am Geländer aufrichtet. Von hier an nimmt ſtatt der Tagebücher wie⸗ der Saalpater das Wort und ſchreibt ſein Schrei⸗ ben zu Ende. « Dahin iſt es denn vielleicht blos durch den Magnetismus, welchen leider noch manche Staa⸗ ten öffentlich erlauben, endlich gediehen, daß wir einen neuen Orden, einen Traumbund wirklich vor der Naſe haben, der ſo gewiß exiſtiert, als der Tugendbund, falls er nicht gar mit ihm zu⸗ ſammenfällt, wobei nur dieß das aller Beklagens⸗ wertheſte iſt, daß man den Bündlern weder durch Ohr⸗ und Augenzeugen, noch durch Augenſchein, noch durch probatio semiplena, noch major et minor beizukommen vermag, weil ihre Gedanken(oder *) Schultes Briefe über Frankreich auf einer Fußreiſe. L Vorträume) nicht zu verhaften und vor Gericht zu ſtellen ſind, ſondern die Bündler es ſtündlich ab⸗ läugnen können, wenn ſie auch damit die gefähr⸗ lichſten Träume angeſtiftet. Das Beſte wäre al⸗ lerdings, ſolchen Menſchen ohne Weiteres das Handwerk, nämlich den Kopf vor 2 Füße zu legen, was Sie gewiß als guter Juriſt auch thä⸗ ten, wenn uns nicht überall die Geſetze bei allem Guten, was man thun will, im Wege ſtänden. Ich erinnere mich noch ſehr wol, wie Ew. Wol⸗ geboren, als Sie noch in Leipzig praktizierten und ſchon damals zwei Vände Prozeſſe drucken kießen— grönländiſche glaub' ich, denn vorbe⸗ kommen habe ſolche nicht— ich erinnere mich, ſag' ich, wie Sie mich ſehr oft in ſcherzhafter Anſpielung Galgenpater anſtatt Saalpater geheiſ⸗ ſen; aber in der That wär' ich in jetzigen Um⸗ ſtänden nichts lieber als dergleichen, um die fünf magnetiſchen Vokale zum Galgen zu beglei⸗ ten.— Aber werden Sie es nach allem dieſen wol LI glauben, daß wir dennoch die fünf Inkulpaten haben frei und ledig der Haft entlaſſon müſſen, ganz ungeſtraft und unverſehrt, ja der Miniſter mit Päſſen, und ich(unter uns) mit einigen Reiſegeldern? Denit ſo lange die Inkulpaten im Kefter ſaßen, war's nicht auszuhalten im Bette; und ich mußte, um bei meiner Wenigkeit anzufangen, ſobald ich mich niederlegte, erwarten, daß ich geviertheilt würde, oder geſäckt, oder mit Zan⸗ gen gezwickt, oder mindeſtens mit Ruthen ge⸗ ſtrichen, ſo daß das Bette ordentlich mein eigner Rabenſtein war. Aber auch nicht mehr wurden Seine Excellenz der Hr. Miniſter geſchont, ſon⸗ dern ſolche mit Halseiſen und Reichsacht verſehen, ferner in Effigie aufgehenkt dicht an denenſelben ſelber, und auf deren Stern, wie bei einem Sternſchießen, geſchoſſen. Ja Seiner Durch⸗ laucht wurden in jeder Nacht aus der Gaukelta⸗ ſche der Traumgeber neue jammernde, ſchreiende LII Unterthanen vorgeſtellt, welche noch dazu, was wol das Betrübteſte, wirklich im Lande zu fin⸗ den waren, ſobald man ſich darnach erkundigte. Inzwiſchen wurden die Schuldigen erſt nach Ab⸗ leiſtung der Urphede fortgelaſſen, daß ſie ſich an einem Staate, der ihnen ſo väterlich nachgeſehen, nicht durch weitere Vorträume vergreifen wollten. Ew. Wolgeboren könnten freilich bei Ihren ſo ausgebreiteten Konnexionen mit Verlegern und Druckern mehr thun, als alle Gerichte, wenn Selbige in einem Ihrer nächſten Werke die Au⸗ gen der Welt auf die Traumbündler lenken woll⸗ ten. Der ich ꝛc. ꝛc. Saalpater. ** *4³ Da nun das nächſte Werk kein anderes iſt, als der zweite Band des Kometen: ſo hab' ich hier und zwar ſchon in der Vorrede dazu— ja noch früher im gegenwärtigen Morgenblatte— die Welt gewarnt, und ſomit meine ganze Pflicht gethan. LIII Was übrigens dieſen zweiten Theil von Marg⸗ grafs Lebensgeſchichte ſelber anlangt, ſo hab' ich ſchon Anfangs dieſer Vorrede angemerkt, daß ich eigentlich keine Vorrede vorauszuſchicken, ſondern nur des Helden Geſchichte nachzuliefern habe, wel⸗ che denn in der That hier endlich auftritt.— Möcht' ich doch ſelber zu den Traumbündlern ge⸗ hören, aber nur in der Dichtkunſt, dieſem erſten und letzten Traumgeberorden, um meinen nach⸗ träumenden Leſefreunden nur Schönſtes und Be⸗ ſtes vorzuträumen! Baireut, den 12ten Mai 1820. Jean Paul Fr. Richter. Erſtes Kapitel, welches durch Judengaſſen, Rezepte und einen offnen Himmel den Leſer ſpannen will. Saͤnmtliche Klubbiſten, Harmoniſten und Caſ⸗ ſiniſten waren ſchon verſammelt, nämlich der Frei⸗ mäuerer, der Zuchthausprediger und der Hofſtall⸗ maler; nur die Reſſourciſten fehlten noch, näm⸗ lich der Apotheker Nikolaus Marggraf. Endlich eine ganze Stunde zu ſpät langte der Jüngling an, und hatte drei Himmel zugleich auf ſeinem etwas eingefallenen, bleichen Geſichte. Da ihn ſein Freund, der Freimäuerer Peter Worble, fragte, warum er gerade heute bei der Wiederer⸗ öffnung des Klubs der letzte ſei, ſonſt doch immer der erſte und eiligſte: ſo verſetzte der Apotheter: &was iſt viel zu fragen?— Nur vor allen Din⸗ Lgen, Peter, hinaus und einen herrlichen Punſch II. 4 2 «gemacht! Denn wahrlich heute iſt ein Tag, wo «mir fünfthalbe Gulden ein Pappenſtiel ſind.» Der Freimäuerer Worble ſah ihn mit drei⸗ fachen Fragezeichen an, und dach te gar nicht dar⸗ an, ſich hinaus und an den Punſch zu machen. Das ganze Kränzchen war in Erſtaunen. zwar nicht im Geringſten über die Freigebigkeit, allein über den ungeheuern Reichthum, und nahm mit allen ſechs Händen den Trinkfreitiſch an; denn es war keiner im Kränzchen(den Apotheker ohnehin mit eingeſchloſſen), der etwas hatte, und der ganze Klub konnte jede Stunde ohne Hindernis vom Donner erſchlagen werden, oder von Meß⸗ mer magnetiſiert, ſo wenig Seidenes hatt' er an. & Blos die Judengaſſey— ſetzte Marggraf dazu— Chat mich etwas aufgehalten.— Ich & ſollte aber heute an einem ſo herrlichen Tage den & Bettel gar nicht erzählen, da es doch blos elende & Schuld⸗ und Geldſachen betrifft.— Meine «theuerſten Freunde! Heute an dieſem Morgen &hab' ich endlich nach ſo manchen Täuſchungen die feuerfeſte Hoffnung gewonnen und gleichſam in « Händen, daß ich aus meinem chemiſchen Ofen gein Gebäck herausziehe, das mich wirklich zu 3 «reich macht für einen Privatmann; es geſchieht aber «dieß noch dazu ſchon künftige Woche am erſten & Jahrmarkttage.» Kein einziges Geſicht des Klubs erſtaunte, jeder paßte auf etwas viel Neueres.«An einem & ſolchen Tage nun»— fuhr Nikolaus fort— ckann man wahrlich nicht fromm und demüthig « genug ſein; ich machte daher einen Spaziergang & durch die Judengaſſe, wo meine meiſten Gläu⸗ &biger gar zu armſelig auf einander hocken. Vom «vorigen Jahre her erinnerte ich mich noch, daß &die Juden heute ihr Hamannsfeſt oder Purim hatten, und ſie mir alſo, und wär' ich der Gaſſe Cauf beiden Seiten ſchuldig, in ihren Feiertlei⸗ «dern nichts anhaben könnten.» — Hier gab der Zuchthausprediger Süptitz mit den Händen ſtarke Zeichen— mit den Augen ſtarrete er gerade aus—, daß alle mit ihren Re⸗ den ein wenig warten ſollten auf ſeine; denn er wollte einfallen, war aber noch im langen Veran⸗ ſtalten zu einem Nieſen begriffen.«Ich bemerk⸗ Ces nur im Vorbeigehen?, fing er an, nachdem er zweimal genieſet—,«einem Manne, der als & Denker auf alles in und außer ſich zu reflettieren „ 4 chat, iſt Nieſen eine Pein, weil er innerlich den «Anſtalten ſo lange zuſehen muß, bis die Naſe «losbricht, und noch dazu wird zweimal genieſet, &was nach Ariſtoteles(ich unterſchreib' es aber „nicht) aus der Zahl der Naſenlöcher fließen ſoll. — Womit ich Sie aber unterbrechen will, Herr «Apotheker, iſt die Anmerkung, daß Sie in der Judengaſſe in einem gewaltigen Irrthum geſtan⸗ «den; ich kann aber, wie Sie wiſſen, nicht den skleinſten anhören, ohne ihn zu widerlegen. Die « jüdiſchen Feſte ſind nämlich in unſerem Kalender cbewegliche, aber nicht feſte Feſte; und Purim s fällt heuer viel ſpäter, wenn nicht früher. Die Juden ſchlagen dann an Hamanns Feſt heftig &mit Hämmern in den Schulen, um den Hamann «gleichſam von wertem ſigürlich zu treffen.» » Ich empfands woly, verſetzte Nikolaus; und nun erzählte er die Folgen ſeiner Kalender⸗ verrechnung, wie aus dem zweiten, ja fünften Stockwerte die halbe Judenſchaft herabgefahren und einen Hof von Gläubigern um ihn gezogen, und wie er den Zug, wie ein Dreh⸗Seiler, mit jedem Rückſchritte immer mehr verlängert habe. 5 te Peter Worble zimmer vor andern den Troſt voraus, daß, wenn sihn auch alle Freunde und alle irdiſchen Güter „verlaſſen, doch die Gläubiger bei ihm blei⸗ Lben und an ihm feſthalten. Mancher Habenichts s kann hier ein größeres Gefolge auf oeiſen als oft Lein Prahlhans. Ich für meine Perſon darf ſa⸗ «gen, daß ich ſelten ohne feſte Anhänger bin, die &oft mehre Straßen mit mir gehen. Auf den &philippiniſchen Inſeln*) ſtellt nach dem dorti⸗ «&gen Glauben ein Arzt die Kranken blos dadurch «her, daß er ſie ſämmtlich hinter ſich nachziehen &läßt; daher man dort einen geſchickten Doktor an dem gaſſenlangen Pazientenſchwanz erkennt. &So nun ſtell' ich mir Gläudiger leicht als ſolche & Leidende vor, die ebenfalls dem Gemeinſchuld⸗ &ner, als ihrem Kreisphyſikus, ſtets nachfolgen s und nachlaufen, in der Hoffnung, dadurch von *) Weygands kleine Abenteuer B. 12, nach Renouard de Sain- te-Croir. Am Ende träſe dieſer Glanbe mit dem neu⸗ magnetiſchen zuſammen, daß der Körper des Arztes ſelber als Arzeneikörper wirke. 6 aihm hergeſtellt zu werden. Am Ende aber, & Nikolaus, hatteſt du cht gehabt und biſt «zum Hamannsfeſt der Juden und unter ihre Hämmer gekommen, als Juden⸗Antichriſt; und & wie liefs denn ab? Herrlich, verſetzte Marggraf, ſei die Sache abgelaufen; denn er habe zum Glücke ſeinen Haupt⸗ gläubiger, den Schächter und Sänger Hoſeas, auf der Gaſſe getroffen, und dieſen durch die Vorſtellung und Betheuerung ſeiner außerordent⸗ lichen Einnahme am künftigen erſten oder zweiten Jahrmarkttage dahin vermocht, daß er ihm den am Jahrmarkte fälligen Wechſel von 100 fl. in einen friſchen von 200 fl.— oder ſei's mehr ge⸗ weſen— umzuſchreiben zugelaſſen, wofür der Jude mit einigem Judendeutſch den Gläubiger⸗ Aufruhr auf der Stelle geſtillt. Der Freimäuerer und ſogleich darauf der Hof⸗ ſtallmaler Renovanz ſchlugen über die unge⸗ meſſene Wechſel⸗Potenzierung die Hände über den Kopf zuſammen. Marggraf fuhr aber fort: Der närriſche Schächter hält ein Paar hundert «weggeworfene Gulden gewiß für ein Wagſtück, &blos weil er weiß, daß ich zu Hauſe nicht vie — 7 «mehr Baares beſitze, als was ich heute mit Ih⸗ «nen, meine Herren, recht aufgeräumt vertrin⸗ «ken will; aber ein Jude bleibt ein feiges Schaf. — Und nun, Peter, hurtig den Punſch ge⸗ &gemacht!. Heute will ich alles außerordentlich &geſchwind. y Das fortdauernde Erſtaunen der Geſellſchaft, das ſich blos auf ſeinen bisherigen Glauben an den Stein der Weiſen und den darauf verſicherten Wechſel bezog, hielt er noch immer für ein ande⸗ res und ſagte: Sie erſtaunen mit Recht, daß ich fünfthalb Gulden habe; aber man hör nur! ſteckte folgendes Licht in dieſer Geld⸗ ſache an. Lange nämlich hatte er auf ſeinem Dachbo⸗ den einen Viertels⸗Zentner alter Rezepte, von ſei⸗ nem Großvater, der ſie nach Apotheterſitte gleich⸗ ſam als peinliche Akten für künftige Richter der Aerzte aufbewahrte: als ihm ein Gewürzkrämer unbeſehns für ein Pfund dieſer Heilblätter vom Baume des Lebens, falls er ſie zum zweitenmale zu Geld machen wollte, wie deren Schreiber zum erſtenmale gethan— zwei Batzen bot. Erſtaun⸗ lich anfangs! Mit ſ vlchei Gewürz krämerei wär' 8 unter Napoleon der halbe Buchhandel zu heben! — Aber es war anders, ſpäter wurde glaubwür⸗ dig herausgebracht, daß der Gewürzhöker nichts als der Unterhändler mehrerer Dorfoarbiere und Wund⸗ ärzte geweſen, welche zu einem Geſammtkaufe dieſer fünf und zwanzig Pfund Lebensſicherheitkarten zuſammen geſchoſſen hatten, um die Rezepte von neuem zu verſchreiben, und ſo immer etwas Kunſt⸗ gerechtes, wenn auch nicht Zweckgemäßes, zu re⸗ zeptieren. Aber ob nicht die redlichen Auackſalber mit ihrem(Makulatur⸗) Pfunde ſo gewuchert, daß manche Rezepte, welche dem offizinellen Arzte un⸗ ter den Händen aus Dummheit zu Urias⸗ und Frachtbriefen an Charon, oder zu päpſtlichen Schenbbriefen der neuen zweiten Welt geworden, ſich jetzo zu Schenkbriefen und Quartierbillets der hieſigen Welt durch eine günſtige Loosziehung aus ganzen Pfunden von Heilmitteln umgeſetzt:— dieß zu unterſuchen, gehört wol in ein anderes Kapitel, als in ein erſtes, wiewol ich nicht ver⸗ hehle, daß ich hierin meiner Meinung bin. & Nur gut— ſagte der Freimäuerer— daß «man die Nilquelle des heutigen Punſches weiß; «Dein anderes Geheimniß von der Goldküſte, 9 am erſten Jahrmarkte entdeckbar, iſt mir ſeit s Jahren halb und halb belannt. Singe nur «Dein altes Lied von Goldmachen und Goldſäure aund materia cruda vor den Herren bis auf aden letzten Vers wieder ab, während ich drau⸗ «ßen am Punſch arbeite. Ich will aber, Be⸗ «ſter, einen glühenden Plättſtahl in die Bowle &ſtoßen— das Ingredienz koſtet nichts und man Chat ſeinen guten Stahlpunſch.— Jetzo aber «fang' an, hinter meinem Rücken Dein Lied &zu ſingen!— Hab' ich mir nur erſt mit eini⸗ «gen Güſſen Punſch den Kopf warm gemacht, &ſo will ich Dir Deinen ſchon waſchen, dafür, &daß Du das Geld, das Du nicht haſt, ins Ju⸗ &denviertel hineinwirfſt und zum Fenſter und & Rauchfang hinaus und Metalle roth färben willſt, &anſtatt türkiſches Garn.» Ich könnte nicht ſagen, daß Nikolaus auch nur das kleinſte Zeichen von Empfindlichkeit äuſ⸗ ſerte; vielmehr lächelte er ihm nach und ſagte zum Maler:&Er ſchießt gewaltig neben hinaus, un⸗ «ſer guter Freimäuerer— ich will jedoch gern &auf ihn warten mit dem Geheimnis;— es dürfte Laber leicht von etwas Gewinnreicherm die Rede 10 s ſein, ats. von bloßem Machen des Goldes— Cauch andere Sachen ſind auf der Erde zu ma⸗ achen“— und dabei ſah er ganz entzückt in die Abendſonne hinaus. Die Leſer des erſten Kapitels dieſes Kunſt⸗ werkes müſſen wiſſen, daß Wordole ſeinen Freund nie öfter zwickte und ihm mit ſeinen Krebsſcheeren die Hand drückte— die Gebehrden waren blos kleinere Krebsfüße— als wenn dieſer die Nach⸗ richt brachte— was er in jedem Vierteljahr drei⸗ mal that— jetzo endlich ſei er von dem großen Werke nur noch ein oder anderthalb Tage(ein Paar Stunden mehr oder weniger ſind nichts) entfernt und er erwarte nächſtens getroſt von Gott das Gold. Denn von der ſeligen Adventzeit des Goldes an(wußte eben Worble) datierte der Apo⸗ theber, wie jeder Alchemiker, ein frommes Kir⸗ chenjahr ſeines Herzens; er hielt nämlich ſein auf⸗ praſſelndes Raketenzornfeuer auf den Boden nieder und angefeuchtet, um den Geber des großen Werks mit nichts zu entflammen. In dieſem Zuſtande des gebundenen Feuers hetzte ihn Worble am lieb⸗ ſten, um ſeinem Anſichhalten zuzuſehen und die 11 äußere Milde mit dem innerlich erſtickten Fluchen zuſammen zu halten. Da der Hofſtallmaler Renovanz den Apothe⸗ ker, der ihn angeredt, in einer ſo freundlichen Laune fand: ſo drückte er eine längſt angelegte, ſchußfertige Bitte ab, die auf den zeitigen Stößer in der Marggrafſchen Apotheke ging, welchen Ni⸗ kolaus ſehr liebte. Er ſing alſo an— konnte aber in ſein ſchön geformtes, etwas abgeblühtes Geſicht mit griechiſcher Naſe und in ſeine Grau⸗ Augen nicht ſo viel Liebe hinein lächeln, als wol zu Bitten gehört, weil er letzte lieber abſchlug, als vortrug—: Herr Marggraf, fing er an, habe ſeine Studien in der niederländiſchen Schule &mehrmal zu unterſtützen verſprochen, wenn das & Gold fertig wäre; aber er könne ſchon jetzo der & Kunſt, ohne einen Heller Koſten, einen bedeu⸗ Ktenden Dienſt erweiſen. Prügeleien, ſagt er, «ſind äußerſt ſelten bei Malern und nicht genug &von ihnen geſucht; und doch ſeh' ich nicht ab, &warum die niederländiſche Schule ſich hierin will &von der italieniſchen beſchämen laſſen, welche Ldie herrlichſten Kindermorde, Schlachtſtücke und « jüngſte Gerichte aufhängt und dabei an Stellun⸗ 1³3 agen und Verkürzungen unſäglich erbeutet. Sie c wiſſen längſt, wie ich mich auf Prügel⸗ oder Schlagſtücke lege, vielleicht mehr als manche Schlacht ſtücke in Kenners Augen werth; aber gleider iſt blos der Pinſel mein Prügel und Lüberall fehlt mir eine Akademie. Sie beſiczen anun, Herr Apotheker, an Ihrem Stößer Stoß «(ſo heißt, glaub' ich, der Menſch) ein Muſter⸗ &bild, das mit ſeiner kurzplumpen, eckigen, ſich abhetzenden Wackelgeſtalt und ſeinem trefflichen & Ausdrucke eines lebhaft⸗ dummen Feuers den be⸗ a ſten Oſtade nicht entſtellen würde. Gott! wie «wäre ein ſolcher kunſtſtoff)altiger Menſch nicht zu verwenden für die Kunſt, wenn Sie woll⸗ «ten! Hat doch der Graf Orlof für den Maler Hackert ein ganzes Schiff in die Luft ſpringen «Llaſſen zuin Aozeichnen. Was wäre gegen ſo et⸗ was die Gefalligkeit, wenn Sie Ihren Stoß ablos ausprügeln ließen in meiner Gegenwart, & damit ich, ſo gut es ginge, ihn als Akademie Lbenützte und flüchtig zeichnete?— Um des Him⸗ «mels willen nehmen Sie die Sache nicht von «der unmoraliſchen Seite!— Wahrlich ich mein' «es nur ſo, daß der Stößer ſich ſelber herum⸗ 13 Eſchlüge mit jemand. Sie haben zum Beiſpiel Ihren baumlangen, langſamen, eiskalten, faul⸗ Lthieriſchen Rezeptuar*), das gerade Gegenbild «&Ihres Stößers. Dieſen wollt' ich durch drei oder vier Gläſer Couragewaſſer, die ich gern aufwendete, leicht mit dem Stößer— dem «müßt' ich wol auch eines geben— in ein Wort⸗ «gefecht verwickeln, daß er gegen Sie recht tapfer Lloszöge— da er Sie ohnehin nicht achtet— und der Stößer wieder ſeiner Seits noch unbändiger für Sie föchte, bis es dahin käme durch einige Lſchelmiſche Aufmunterungen von meiner Seite, daß beide ſich wirtlich einander in die Haare ge⸗ Lriethen. Dann käme ohne Zweifel der kurzbei⸗ Lnige Defektuar unter den langarmigen Rezep⸗ Ltuar zu liegen—— nun das Zappeln, Ga⸗ „&beln, Sicheln der Glieder und die tauſend Ge⸗ Lſichter auf dem tollen Geſicht—— Bei Gott! &Herr Apotheker!)—— *) Defektuar heißt in den Apotheken der Gehülfe, der im La⸗ boratorium arbeitet und die fehlenden Artikel unſchafft und zubereitet; der Rezeptuar beſorgt auf dem Rezeptier⸗ tiſche die Rezepre. Troms dorf verlangt, daß beide immer ihre Aemter wechſeln. 14 Da nun der Stößer Stoß mit aller Innig⸗ keit, Treue und Gläubig eit einer eingeſchränkten Seele am Apotheker hing und bekleibte und die⸗ ſen für den größten Geiſt anſah, der ihm je in den Kopf gekommen, oder auf die Welt; ſo daß Nikolaus keinen Menſchen auf der Erde hatte, der ihm ſo aufrichtig glaubte, wenn er ſich lobte, als Stoß: ſo war ihm bei der Erboßung über den Antrag, eine ſo gute Seele zu mißbrauchen, wel⸗ chen er an einem ſolchen heiligen alchemiſchen Tage mit der größten Gelaſſenheit aufnehmen mußte, nicht beſſer zu Muthe, als einem Geſandten, wel⸗ cher an einem großen Hofe die erſte Audienz und zugleich das ſchrecklichſte Bauchgrimmen hat und doch dabei ganz aufrecht bleiben muß— zur Ehre ſeines Hofes—, ſo gern er ſich, wie immer, tief bücken möchte, ja zuſammentrümmen für ſolchen Fall.— Kein Wort weiter, köſtlichſter Künſt⸗ «lery verſetzte der Apotheter, heftig auf und ab⸗ ſchreitend und mit verzogenen Gevehrden, da er nur der ſanfteſten Worte mächtig geblieben— «Warten ſie nur noch bis zum Jahrmarte!— « Hab' ich Ihnen nicht ſchon längſt ſehr bedeu⸗ & tende Summen für Ihre Kunſt und folglich auch 15 &zu Modellen verſprochen?— Und heute ver⸗ &ſprech' ich Ihnen bei Gott, noch zweimal grö⸗ Eßere, mein herrlicher Oſtade!y— «Nun, ein Bißchen Raphael bin ich wol &auch gern mit, verſetzte der Stallmaler und wollte im völligen Unverſtehen des Marggrafiſchen Anſichhaltens die Prügel des Stößers durchſetzen, bis der Zuchthausprediger Süptitz ihn fragte, ob er denn gar kein Stück vom Pſychologen ſei und nicht im Geringſten aus allem wahrnehme, wie ſehr Herr Marggraf ſich ſelber beherrſche. Da trat endlich Worble mit feurigen Augen hinter der Punſch⸗Ziſterne ein, fuͤr welche er ſelber alles abgerieben, ausgepreßt, zugeſetzt und eingekocht hatte, um, wie er verſicherte, alle Zeit bis zum Amen zu verſäumen, in welcher der Apo⸗ theker gewiß ſeine lange, alte Rede wieder ge⸗ halten über ſeine nächſte Annäherung zum ſoge⸗ nannten großen Werke— dem ſchlagenden Goldherze aller Goldadern— und über ales, was er darauf thun werde, und was ſo lange ſchon berannt geworden. Ja er habe, ſetzte er hinzu, um nur länger auszubleiben, fünf oder ſechs Gläſer Punſch voraus getrunten und er bitte 16 recht flehentlich, man ſoll' ihn einſchenken und ausreden laſſen, weil er gern reden möchte und zwar viel. Die Hauptſache war nämlich, daß der geldloſe und daher trankloſe Peter nun etwas im Kopfe hatte, womit er ſein h. Januars⸗Blut flüſſig machen konnte; er war von früher Zeit dar⸗ an gewöhnt, ſeinem Pegaſus, wie man auch pro⸗ ſaiſchen Pferden thut, etwas Geiſtiges zu trinken zu geben, damit er beſſer flöge, und er behaup⸗ tete, er wiſſe die Stunde, wo er trockner ſein werde als irgend ein Kompendium oder ein Kauf⸗ manns⸗Brief, oder eine Schrift aus der Wiener Kanzlei, nämlich die ſei es, wo er verdurſte. Er fing an: Ich laſſe mich mit kochendem Punſch Labbrühen, wenn ich etwas anderes vorbringen Ewill als die Rede, die Herr Marggraf über das «große Werk, zu welchem er nur noch andert⸗ Chalbe Tagreiſen hin habe, und über alles, was er dann mit zehn Goldfingern(jetzo hat er nur «zwei) und mit zehn Goldzehen vorhabe, unter Lmeinem Punſchkochen an Sie alle gehalten.»— Aber der Klub ſchüttelte Nein. Dieß kam dem Freimäuerer zwar ungelegen; denn er hatte ſich draußen unter dem Punſchmachen und Kredenzen 17 eine der längſten Reden in deſſen Namen ganz fertig ausgearbeitet und nur die Punkte und Kom⸗ mata im Kopfe ausgelaſſen; aber er fuhr fort: &Meinetwegen! In jedem Falle hat er unſtreitig « ſo geſagt: Da die Grunderde des Goldes aus Phlogiſton und einer gewiſſen Säuers beſtehe: & ſo brauche man weiter nichts zu erfinden— denn das Phlogiſton ſei zum Theil ſchon da, als die «gewiſſe Säuere, um dann das konſtantiniſche «Pulver zu machen, womit Sebald Schwärzer «bei dem höchſt ſel. ſächſiſchen Churfürſten Augu⸗ ſtus anno 1584 wirklich 1024 Theile unedle Me⸗ Ctalle in das pureſte Gold verkehret habe.„ Hier ſiel der Apotheker ein: Und iſt die «Thatſache an ſich nicht ja eine der bekannteſten? Denn gerade im ſechzehnten Jahrhunderte ſtand Lneben der Kirchenverbeſſerung zugleich die Me⸗ Ctallverbeſſerung am ſächſiſchen Hofe in Flor; ja, cLſetzte nicht dieſer Sebald Schwärzer auch unter &Auguſts Nachfolger, unter Chriſtian I., die Arbeit ſo lange fort, bis er den Kaiſer Ru⸗ «&dolph II. mit ſeiner Perſon beglückte? Und führt &man denn, ſtatt aller andern Folgen ſeiner Ar⸗ beit, nicht am liebſten blos die Klagen an, wel⸗ II. 2 18 Lche die gemeinen Arbeiter darüber erhoben, daß «der Churfürſt ſie in lauter ganzem Gold oder in Gülden bezahlte, indeſſen die Reichen den Pro⸗ Lfit hätten, die Scheidemünzen zu ſchlucken 7„*) Sagt' ichs denn nicht? verſetzte Worble.— «Jetzo hat er gar zum drittenmale ſeine Rede ge⸗ «halten, denn ſeine erſte hielt ich eben zum zwei⸗ Ltenmale. Inzwiſchen fahr“ ich ſtill fort in Dei⸗ «Lner Rede, in welcher Du geſagt haben wirſt (wenn Du anders auf die Metapher verfielſt), Ldaß nun die Goldſäuere keine ſauere «Wieſe mehr ſei, worauf Du Deine Hoffnungen «weideſt, ſondern ein ſtärkender Sauerbrunnen &für alle Deine Kräfte: weil Du in einigen Ta⸗ «gen die Sache erwiſcheſt. Ich ſollt' es faſt ſel⸗ Eber glauben. Was Du aber, Du Goldſohn, &᷑Du Goldvater, Du Goldkoch, mit Deinem gol⸗ Ldenen Zeitalter anheben willſt, ſtellſt du ja ganz Loffen in Deiner künftigen Rede dar, worin Du «wörtlich ſagen wirſt(doch ohne die nette Ein⸗ kleidung, die ich Dir leihe): —xq; *) Wieglebs Unterſuchung der Alchymie. S. 250. 4* 19 & Hab' ich einmal ſtatt des bisherigen Apo⸗ &thekergoldes unfigürliches Waſchgold, und hab' «Wich mich in meinem Brauofen zu einem Gold⸗ &Eſohn des Glücks hinauf gekocht: ſo brauch' ich &&wahrlich nichts weiter im Ueberfluß, als ſchlechte && Metalle, damit zu dieſen gemeinen Kriſtall⸗ &.. müttern die Goldſäuere den engliſchen Gruß && ſage und ich den I Meſſias bekomme, welchen &ich brauche und ich bin faſt, was ich will. Nicht &Xgerade Alles, was ich als Millionär und Bil⸗ &lionär und Trillionär thun will— fährſt Du «&fort— führ' ich an(denn ich will überra⸗ &Lſchen), aber geſetzt, ich würde Fürſt, weil ich &Cnatürlicher Weiſe, in ſo fern ich ſo viel Gold «&&machte(denn nähere Anſprüche verſchweig' ich), &« daß ich eine und die andere verpfändete Marg⸗ &grafſchaft um das doppelte auslöſte, und Spaſ⸗ &ſes halber z. B. wirklich Hohengeis zu regie⸗ «εren bekäme: ſo weiß ich kaum, was ich thäte &vor Freude. Glücklich gemacht würde ohne⸗ &Lhin jeder— die Armen— die Armendepu⸗ &«tation— der Hof⸗ und der Regimentſtab— &Kjeder ſonſtige Stab— meine vielen Kollegien 8— Denn von jenen Fürſten, welche in ihren & Nächten, die noch theuerer und länger ſind, als «αihre Tage, dem Lande das Fett abſaugen und «&ᷣnur die Thränen ihm laſſen, wie Nacht⸗ &α⅜lampen das Oel aufzehren und nur das Waſ⸗ «&⅛ſer verſchonen; von ſolchen Fürſten bin ich da⸗ «.ᷣ⅞ durch unendlich verſchieden, daß auf meinen &.ό Gaſſen ein Geldbeutel leichter als ein Armer muß «&.zu finden ſein, und mein Land hört man zwei α..χ Meilen weit jauchzen, wie man jetzo einen Welt⸗ ctheil im andern heulen hören kann. Um aber Kadie Sache zu begreifen, ſo erwägt doch nur, «..ν wodurch ich alles ſo glücklich mache, wie ihr &⁴αſeht? Ich, als ein tragbares Potoſi, als ein Ta 8 eſchen⸗Goldſchacht, bezahle mit meinem Golde «.Cjede ſtarke Einfuhr; Hungrigen und Durſtigen &αläge blos die Privat⸗ und Parzialeinfuhr in &eigne Magen⸗Häfen ob; ja ich könnte mir mit &.☛☚ großen Koſten Bettler aus allen Ländern ver⸗ &ſchreiben, um ſie als Reiche durch den Schub «XMüber die Gränze zu ſchicken. Es iſt mir wi⸗ «ℳ derlich, und zu abgeſchmackt, wenn man meine «&.*αkünftige, aber feſte Einrichtung, daß ich jähr⸗ &.lich, ſtatt der drei hohen H. Feſte, an jedem . Sonntage eines ſammt den nöthigen Feierta⸗ 21 4.α.gen einfallen laſſe, damit angreifen will, daß &⁵ die Leute dabei zu wenig verarbeiten würden, &als ob ich nicht an Einem Feiertage mit dem «& κᷣ faulen Heinze*) mehr verdienen könnte, als &..⁴☛ das halbe faulenzende Marggrafthum, oder das &halbe ſchwitzende; und dieſem ſchenk' ich ja, «&᷑. was ich will. Sah ich denn nicht voraus, wie «&röſtlich die Sachen gehen? Was kann ich nicht «&allein ſchon zu meinen Namentagen, Geburt⸗ «&⁵αtagen und Wiedergeburt⸗ oder Tauftagen für «& ungeheure Summen herſchießen zu Ehrenbo⸗ «gen, Vivat⸗Tränken, Geldauswürfen, Co⸗ &œcagne⸗Bäumen?— Gegeſſen wird in meinem && Lande wie in keinem, nämlich delikat, india⸗ «&niſche Hüner ſoll Worble(er nimmts mit Dank «&an) zugleich mit indianiſchen Vogelneſtern aus⸗ «&nehmen; und Wein zahlt, ſtatt des Einfuhr⸗ & zolls, den Ausfuhrzoll, aber den ſtärkſten, &ꝙnämlich eben ſo viel in Geld oder Wein, als & die Ausfuhr beträgt, beſonders für Weine, & wie ſolche: Clos de Vougeot, Madera Mal- *, Oder Althanor, ein chemiſcher Ofen, darum ſo genannt/ weil man ſeuner nachzuheizen brancht. 22 &α oisier und Hochheimer ſogenannter Dohm— aX Preſenz und ſonſt Beſtes. &ςκ Mein ganzes Land ſoll ein großes Bette «lᷣαder Ehren und Ehrengelage ſein. Wenn in « Schwytz in der Schweiz der baarfüßige Bettel⸗ «.α junge ſo gut mit ſeinem Sonnenſchirme geht, .αwie der Bauer auf dem Miſtkarren: ſo kann «Kjeder von mir ein Ordenkreuz erhalten, nur «&.α daß vielleicht der Adel ſeine Andreastreuze vorn «α und das Volk ſie wie Kreuzfahrer auf dem &e.χκ˖ Rücken tragen muß, und ich bin aller Orden c.Lzeitiger Commandeur. Ja, es iſt die Frage, «αob ich nicht Preismedaillen ſtatt des großen &̈ Geldes und Ehrenpfennige ſtatt des kleinen ein⸗ «αführe, blos damit der ganze Staat ſich darf aL ſehen laſſen. Zur Ehre des Landes und Für⸗ ᷣ ſten und der Hoftafel ließ ich das Deſert; oder ✕ Nachtiſchbeſteck von Meſſern, Löffeln und Ga⸗ && beln, das an allen Höfen kleiner iſt, weil es «.α golden iſt, eben darum koloſſal herumgeben &und größer als das ſilberne, und aus einem &«goldenen Vorleglöffel verſuchte man Eiſe. «X.αAber Fürſten müſſen auch(wird unſer X.ᷣ Marggraf fortfahren) Verſtand zeigen und ei⸗ 25 nen mehr als fürſtlichen und Lunte riechen und «&.lαimmer wiſſen, wo der Haſe liegt; darum bin &Lich zu meinen durchdachteſten Geſetzen ſo wie &ν verpflichtet, ſo erbötig. In meinem Landes⸗ 4&&α odex ſollte man z. B. finden: kein Goldma⸗ «Scher werde im ganzen Lande geduldet— kein «..μ rzt mache Arzeneien— der Stand der Apo⸗ ««theker theile, wie Aerzte zerfallend, ſich in &ε Viehapotheker, Leibapotheker, Wundapothe⸗ «&.α ker, Proto⸗Apotheker u. ſ. w.— dem ſo arm «.α machenden Ueberreichthum werde durch ſtarke &. Geldſtrafen des Geldes unter dem Namen Sur- &.& plus-Steuer und zwar ſo nachdrücklich ge⸗ «.α ſteuert, daß ſolche Steuerpflichtige auf ihren *ς̈ Münzen zu leſen glauben, was in mehren Zei⸗ εα ten auf päpſtlichen ſtand: väh vobis diviti- &bus*), worauf ſie ſolche Münzen heute lie⸗ «eαber als morgen aus den Händen wünſchen müſ⸗ &ſen. Aber ſolche Stöhrenfriede in meinem «.lα.ſchönen Marggrafthum ſeh' ich ſchon voraus, &Lja noch ſchlimmere, welche gerade, wenn ich & und das Land die Freude ſelber ſind, und wir *) Weh' euch Reichen! &.ᷣιρuns vor Luſt kaum zu laſſen wiſſen, krächzen «kαuͤnd greinen und thun, als fräßen ſie viel in «.⁴⅜ιοſich und biſſen überall ſchmal. Aber ſolche Lan⸗ &ε des⸗ und Rabenkinder, die verdrüßlich ſind, ««nehm' ich beim Kragen, und ſetze ſie feſt «&..ᷣ und ſtecke, ſollte auch meine ganze Marggraf⸗ «.αiſchaft daraus beſtehen, ins Loch. Aber Him⸗ «ᷣαmel! wer hätte dergleichen unter meiner Re⸗ & gierung erwartet?(Ich freilich am erſten, Llieber Apotheker, denn Du beugſt Dich, wie «gewöhnlich, ins Gegentheil Deiner Rede um, „wie bei der Ewigkeitſchlange der Kopf den « Schwanz beherbergt; aber Du kehreſt wieder «ſchön das Umkehren um, weil Du unerwartet « ſo fortfähreſt, wenn Du mehr getrunken.) In &εjedem Falle ſoll es niemand in meinem Marg⸗ .*αgrafthum herrlicher haben, als meine vorigen &ꝓ trefflichen Hauptfreunde; denn mein Renovanz «&μ wird bekanntlich aus einem Hofſtallmaler zum «.κ eibthiermaler, mein Zuchthausprediger wird amein Kabinets⸗ und Hofprediger, und vollends & mein Worble, der Freimäuerer, der Mann ohne Gleichen, ſoll, wenn ich die Eheſcheidung &ᷣ von ſeiner Frau und alle ſeine Schulden be⸗ . 25 & zahlt habe, dieſer ſoll und muß, ob es gleich «&.⁴ ſeine Verdienſte weniger belohnt als bezeugt, «.αεder nächſte an meinem Throne bleiben, oder &ᷣαder Donner ſoll in den ganzen Bettel fahren. &&Amen!— Dixi— dixisti!««— Peter Worble ſetzte von jeher mit Vergnügen den entzündlichen Apotheker durch ſeine Uebertrei⸗ bungen in Zorn und Brand, weil er ihn ſchnell abkühlen, wieder erhitzen und wieder lüften konnte; am meiſten aber verſuchte er, wie ſchon geſagt, ſein Einheizen und Ueberheizen, wann Nikolaus gerade den Stein der Weiſen, wie einen Grab⸗ ſtein eines auferſtehenden Erlöſers, zu heben dachte, zumal da ſolcher ſchon einigemale durch eine entlockte Aufwallung den nahen Stein ver⸗ ſcherzt zu haben glaubte. Aber dieſesmal verſchoß ſich Peter. Sie iſt nicht zu beſchreiben, die Gelaſſenheit, mit wel⸗ cher der Apotheker ihm freundlich die Hand über. die Punſchſchüſſel hinüber reichte, und zu ihm ſagte: « Mein gar lieber Freund, Du weiſſagſt beſſer als Du weißt, und ich könnte im Ernſte wohl grö⸗ ßere Dinge verheißen als Du im Spaße; denn Lich darf Ihnen allen beſchwören, daß ich durch⸗ 26 Laus nicht den Stein der Weiſen oder das bloße Goldmachen gefunden— wie Sie vielleicht aus meiner heitern Stimmung ſchließen wollen— „ſondern daß ich wirklich eine ganz andere Er⸗ «findung ſo gut als in Händen habe, mit welcher &man freilich neben dem Goldmacher, der mit «der ſeinigen nur als ein Mittelmann und Mil⸗ lionär erſcheinen kann, als ein Billionär und Trillionär daſteht.» Peter verſetzte:«Was mich dennoch wun⸗ adert; denn bisher hat jeder vernünftige Menſch « geglaubt, daß ein einziger Gran vom Weiſen⸗ & Steine 304 Miltionen Thaler und eine halbe an Gold liefere, zumal da ein Stückchen davon in « Nußgröße, das ein Adept vor Helvetius geprüft, zu 20 Tonnen Gold ausgereicht hätte*), nach allen Heugniſſen.» ꝙ mein Freund! fuhr Nikolaus fort, es. « gehen jetzo Sachen in der chemiſchen Welt vor &— aber leine Drei wiſſen es und darunter ge⸗ Chör' ich vielleicht. Gold freilich konnte bisher *) Baldingers Magazin fär Aerzte B. 3. St. 6;— aus Möh⸗ ſens Leben von Thurneiſſen S. 18. 2 ⁷ «jeder machen, der’s verſtand als Adept. Allein Ces gibt, das weiß Gott, noch andere Sachen. «Kommt nun jener herrliche chemiſche Jahrmarkt⸗ «tag, an welchem ich mir ſelber meine Krone Laufſetze und meinen Zepter in meine Hände gebe: ſo werd' ich ein ſolches Kleeblatt von Freunden, das mich ſchon zu einer unſcheinbaren Zeit zu würdigen gewußt, wo mich das hieſige «dumme Rom und der Landhauptmann noch aſchlecht erkannten, in meinem vielleicht zu glän⸗ zenden Zeitabſchnitt nicht vergeſſen, geſchweige « verachten; fern ſei von mir jener dumme Stolz, « womit ich mich ſtelle, als kenn' ich Sie nicht; «wahrlich, ich werde ſteis, und hätt' ich einen Thron auf meinem Kopfe, mit Ihnen umgehen, als wären wir die älteſten Freunde, was ja auch « wirklich ſo iſt. Daher geb' ich hiemit jedem «von Ihnen meine Hand(er bot ſie am Tiſche umher reichend an und warf die Gläſer um, weil er ſich ſelber bis zu Thränen und zu dunkeln Au⸗ gen gerührt),«daß ich Ihr Wohl lünftig vor je⸗ «dem andern ausſchließlich bedenk en werde— «und zwiſchen mir und Dir, Worble, bleibt es «nach wie vor beim Du, wie Du wol durch ge⸗ swiſſe Verhältniſſe auf unſerer akademiſchen Lauf⸗ sbahn die gewiſſeſte Hoffnung davon haben «kannſt. Er zielte auf ſein Dutzen im Prin⸗ zenſtande.—— Hier ſtarrte ſogar der ſonſt ſo vielwortige Freimäuerer ihn dumm⸗ ſtumm an, als habe der Apotheker aus ſeinem chemiſchen Luft⸗ oder Wind⸗ ſchiff zur Erleichterung ordentlich ſein zu gewich⸗ tiges Gehirn als Ballaſt herabgeworfen und nur die leere Gehirnſchale als Korkrinde behalten. & Wenn ich weiß, ſagte endlich nach langem Ein⸗ athmen Worble,«wo mir der Kopf ſteht, oder «wo Dir, ſo will ich mich freſſen.» Der Prediger Süptitz, den jede Unordnung faſt körperlich abpeinigte, und welcher daher lie⸗ gende Trinkgläſer nicht ſehen konnte, ſtellte ſie auf und ſagte: eh' er etwas über alles ſage, halt' ers für ſeine Pflicht, vorher länger darüber nach⸗ zudenken. Ich, ſagte Renovanz, wüßte wahr⸗ slich nicht, was viel dabei zu denken wäre.» Kaum aber hatte Nikolaus die erſten zwei Gläſer Punſch verſchlungen, als er aufſprang und ſagte: hente wiſſ' er nirgend zu bleiben— er möchte gern in Geſellſchaft ſein und doch auch in 29 der Einſamkeit— und Worble's Spaßrede habe vollends hunderttauſend ernſte Gedanken in ihm aufgewiegelt und ihn ordentlich in Brand geſteckt — er müſſe nach Hauſe und ſich aufs Kanapée legen, um ſeine Zukunft noch vorher in Gedan⸗ ken recht ungeſtört zu genießen, ehe ſie da wäre. Dieſe Bruchſtücke warf er in die verſchiedenen Win⸗ kel hinein, wo er Hut und Stock, die männli⸗ chen Lehnträger, ſuchte. Worble bat ihn flehent⸗ lich, einer ganzen Geſellſchaft doch nur einigen Wind zu geben, was er denn außer ſich noch verwandle, da es kein Gold ſei. Da berührte der Apotheker mit dem Stocke eine unter dem Ofen liegende Kohle und ſagte die ſehr bedeuten⸗ den Worte: Die weiche Kohle wird bald eine «harte, die finſtere eine durchſichtige— und leuch⸗ Etet ſo lange wie die Sonne.» Aber aus der Kohle, welche er zum Grund⸗ ſtein ſeines Ehrentempels, wie eines epheſiſchen der Diana, zu legen erklärte, war wenig Licht zu zie⸗ hen, weil ſie im damaligen Alter der Scheide⸗ kunſt nur durch ihre Kraft, faules Waſſer, fau⸗ les Fleiſch, faule Luft zu reinigen im Rufe ſtand. Worble konnte ſich nichts vernünftiges dabei den⸗ ken, als eine Sinnbildlichkeit, nach welcher die Kohle dem Apotheker Luft, Fleiſch und Waſſer ſeiner modernden Lebensverhältniſſe wieder aus⸗ reinigte, und unter Kohle wäre die Hoffnung ge⸗ meint; aber bisher hatte ſich ſein alchemiſches Schatzgeld immer wie das des Teufels blos ver⸗ kohlt. Worble fragte endlich:&So ſag's einmal gin des Henkers Namen, eh' Du gehſt, was &᷑ Du machſt ſtatt Gold 2„ 3* — Nur ſelten wird es witzigen Köpfen im geſellſchaftlichen Leben ſo gut, daß ſich alle Um⸗ ſtände um ſie her zum Abbrennen eines lange ſchußfertigen Fortiſſimo⸗Schlagwortes herzlich ſo zuſammen ſtellen, wie etwan im Palais royal die Sonnenſtralen durch ein Brennglas eine Kanone immer um 12 Uhr abfeuern. Aber Marggrafen ſollte das Glück beſchieden ſein, daß er gerade mit Hut und Stock unter der Gartenhausthüre ſtand und gute Nacht ſagte und ſich dann mit dem über⸗ ſchwangern Kern wort um venden konnte:«Was ich mache, fragſt?— Diamanten, Worble.» Darauf ſchloß er Mund und Thüre und ging mit angeſuchter Würde und mit dem Kopfriſſen im Kopfe nach Hauſe. 31 — Hätt' er geſagt, er mache Kaiſer— oder kaiſerliche Banknoten— oder Heldenge⸗ dichte— oder Reiſen um die Welt— oder per- petua mobilia(Selbbewegmaſchinen): man hätte ſich im Klub nicht ſtärker gewundert, als über ſeine Diamanten; denn damals war die ſpäter von Biot, Pepys und Dayy entdeckte vornehme Ver⸗ wandtſchaft der Kohle mit dem Diamant noch ein Geheimnis.&Diamanten? wiederholten alle, aber jeder anders betonend.— xα Pſychologiſchen Grundſätzen zufolge— ſing Süptitz an— kann Lich mir ſeine neue fixe Idee(dafür muß ich ſie wahrlich nehmen) wol erklären; wie man in der & Liebe nach dem Fehlſchlagen des kleinern Ver⸗ «ſuchs mit Glück zu einem kühnern greift, ſo hat Lihn der alltägliche Gedanke des Goldes ſchon an «den höhern der Diamanten gewöhnt.... Aber ſehr heiß iſt der Punſch! Es iſt ſonderbar ge⸗ Lnug, aber in meinem Leben hab' ich noch keinen Punſch gerrunken, der nicht entweder zu heiß war oder zu kalt, anſtatt gerade recht. So re⸗ « giert alle flüſſige Sachen ein böſer Geiſt. Wenn Lein guter Kopf einen brauchbaren Taſchenwär⸗ Lmemeſſer für Suppe, Kaffee, Punſch erfände: « die Menſchen würden ihm bei aller Lächerlich⸗ ckeit am Ende danken, und brauchten ſelten zu &blaſen.„ Der Hofſtallmaler— unter jene Leute ge⸗ hörig, denen man ihrem Gefühle nach ordentlich die Ehre abſchneidet, wenn man ſich ſelber eine große anthut, ja die ſich über einen ſchon in der Erde liegenden, oder in Nordamerika ſtehenden Schultheis ärgern können, der ſich allein für ei⸗ nen Kopf angeſehen und die Reſt⸗Welt blos für den Rumpf dazu— war am meiſten gegen Marg⸗ graf aufgebracht, zumal da er ihm das Abprügeln des Stößers abgeſchlagen. Der Apotheker— er⸗ klärte er frei— fall' ihm mit ſeinen Anmaßun⸗ gen zuletzt doch zur Laſt— Gern ſeh' er ihm ſeine Kunſtkennerei, wovon jeder andere Künſtler eine Malerkolik bekäme, aus Billigkeit nach, weil ihn nun einmal ſein Vater zu einem Allwiſſer ver⸗ zogen, der alles vorſtellen wolle—; nur aber ſein verfluchtes eingebildetes Kröſus⸗ und Mo⸗ guls⸗Weſen ſei nicht auszuhalten; und einem auf⸗ richtigen Freunde, der ihn gern gebeſſert ſähe, könnt' es ordentlich erwünſcht kommen, wenn ihn der Schächter Hoſeas wirklich am Jahrmarkte 33 feſtſetzen ließe und er ſo als Kröſus ſtatt ſeines Stößers im Kerker ſitzen müßte, ohne daß er beim Sitzen einen Porträtmaler zum Abzeichnen bekäme. e e Der Freimäuerer trank erſt aus und ſchenkte ſich ein und ſagte ganz vergnügt: er hoffe zu Gott und zu ſeinem Troſte, der Apotheker gehe aufs Fabrizieren falſcher Diamanten aus; denn die⸗ ſer ſchöne optiſche Betrug mit Steinen bleibe in jedem Falle wenigſtens ſolider als die Goldbren⸗ nerei; vom Apotheker, als einem Scheidekünſt⸗ ler, laſſ' es ſich ſchon erwarten, daß er die ſoge⸗ nannten diamants du Temple oder von Alengçon, die weiter nichts ſind als bloße Kriſtalle, oder ſonſt durchſichtige Steine zum Glänzen vom Feuer entfärbt, den wahren Diamanten viel trügender nachmachen werde, als ein dummer Handarbei⸗ ter.— Gedächte der Thor freilich, was der Himmel abwende, keine falſchen zu machen, ſon⸗ dern blos wahre: ſo wär' es dem Himmel geklagt — damit tanz' und ſtampf' er ſich immer tiefer in ſeinen grünen Sumpf hinein.—— Er trank deßhalb ſtärker, für ſich und ihn zugleich; der Stallmaler aber eigennützig nur für II. 3 3 8 34 Eine Perſon, und der Zuchthausprediger hielt es für Pflicht, nicht mehr Gläſer zu ſich zu nehmen, als wenn der Geber mittränke, und dividierte da⸗ her unaufhörlich leiſe den Punſchnapf mit vier. 35 2——⸗————-———————— ℳꝛ—V——— Zweites Kapitel, oder das Nöthigſte über den Klubbs⸗Klub, oder die Geſell⸗ ſchaften⸗Geſeltſchaft. Man hat die gute Bemerkung gemacht, daß dich⸗ tende Geſchichtſchreiber an drei Orten anfangen können, entweder am Ende(wie Homer), oder in der Mitte(wie viele Deutſche nach Horaz), oder am Anfange(wie die Franzoſen und Mo⸗ ſes). Ich habe mich bei meinem Anfange im vo⸗ rigen Kapitel mehr den Deutſchen zugeſchlagen, doch in den Vorkapiteln etwas dem Moſes hin⸗ geneigt, und habe daher viel früher fortgefahren als angefangen. Ich hielt neben dabei den gro⸗ ßen Unterſchied zwiſchen dem Menſchen im Leben und zwiſchen dem Menſchen in dichteriſcher Ge⸗ ſchichte feſt. Der Menſch im Leben, auch der 36 unbedeutendſte, macht nie mehr Aufſehen in der Welt als zweimal, nämlich wann er in ſie, und wann er aus ihr tritt, kurz, ſie ſieht nur zum Fenſter hinaus, wann er zum Taufſtein und wann er zum Grabſtein getragen wird; eine Geburt und eine Leiche blickt jeder ſehr an;— aber den langen Mittelweg von einem zum andern legen tauſend Taglöhner, Kinder, Weiber, Schreiber, Höker, Stammhalter, Majoratherren, Grafen, ohne ſonderliches Aufſehen und ohne viel Glocken⸗ geläute und Kanonendonner der Welt zurück,— ſo daß wirklich für die Welt der Menſch ein Biſ⸗ ſen(bolus) iſt, den ein organiſcher Leib nur zweimal verſpürt, erſtlich wann er eintritt in den Schlund, zweitens wann er austritt aus dem After, zwiſchen beiden aber ungefühlt den gan⸗ zen Unterleib durchrückt.— Aber, wie ganz an⸗ ders jgeht es einem Menſchen in der dichteriſchen Geſchichte; hier genießen und bewundern ihn die 3 Leſer gerade am wenigſten, wann er, oder das Buch anfängt, und wann er, oder das Buch auf⸗ hört, denn ſie legen es weg; aber wol das, was zwiſchen dem erſten und dem letzten Blatte ſteht, ergötzt und ergreift ſie ſtark; ſo wie er ſelber ſein 87 Geboren; und ſein Vegrabenwerden weniger ſpürt, als ſein Zwiſchenleben. Alles überhaupt in der Welt iſt ſehr närriſch; beſonders die Hauptſache derſelben, und ich habe oft Gedanken darüber, die zu nichts führen. Weer gegenwärtiges dichtend⸗ hiſtoriſches Werk für eine Alpenreiſe hält— worin den Leſer Sel⸗ tenheiten und Größen aller Art, Nadelberge(ai⸗ guilles) und Alpenroſen und Schnee⸗ und Waſ⸗ ſerfälle wol leichter beſtärken als widerlegen— dem ſind einige Vorkenntniſſe vom Klub, vom Freimäuerer, vom Zuchthausprediger, und Ma⸗ ler ſo nöthig, als einem ſchweizeriſchen Bergrei⸗ ſer eine Karte, des General Pfyffer Alpen aus Kork, ein Führer und ein Mauleſel. In der Handelſtadt Rom blühten vier gute Kränzchen, welche, um ſich auszuzeichnen als Deutſche, ſich nach vier fremden Völkern nann⸗ ten, nämlich engliſch, franzöſiſch, griechiſch und welſch, oder Klub, Reſſourge, Harmonie und Kaſſino. Es gehört weit mehr in meine allge⸗ meine Geſchichte deutſcher Klubbs, als in dieſe Geſchichte, daß im Anfange des neunten Jahr⸗ zehnds des vorigen Jahrhunderts die gedachten 38 Romer Kränzchen ganz ins Welken und Entblät⸗ tern geriethen. Daher unterſuch' ich hier nicht, ob damals mehr die Mainzer Klubbiſten den ro⸗ miſchen einen böſen Geruch und dadurch etwas anhingen— zumal da überall ein politiſcher Spür⸗ höllenhund(Cerberus) mit ſechs Naſenlöchern ſchnupperte und wedelte— oder ob am meiſten der damalige Landhauptmann in Rom die armen vier Kränzchen allmälig auseinander zauſete und verſtreute. Meine Privatmeinung iſt mehr für letztes; denn der Landhauptmann war ein Mann, welcher den Bürger ungern an einem Sonntage, aber gern an ſechs tüchtigen Werkeltagen hindurch ſah, und der nur Einen Jubel liebte, das Dienſt⸗ jubiläum(Dienſtfeier). Alle Billardbeutel und Puderbeutel in Strick⸗ und Scheerbeutel des Staates umſtricken zu können, hätt' er gern noch hei ſeinen Lebzeiten von ſeinem Landesherrn oder von Gott erfleht. Nach dem Tode mußte er oh⸗ nehin in das himmliſche Jeruſalem einziehen, wo in keiner einzigen Gaſſe ein Arbeitshaus ſteht, und wo ſo viele tauſend Vollendete bei ſo vielen Kenntniſſen und ſo ſtarken unſterblichen Leibern und unverwüſtlichen Gliedmaßen die ſchöne Ewig⸗ 39 keit mit Faullenzen hinbringen. Wie zarten See⸗ len, war ihm unter allgemeinen Luſtbarkeiten das Seufzen nahe, aber freilich nur als einem Call⸗ gemeinen Kameralkorreſpondenten, des Staats:; und ſeine Rede iſt auch außer Rom bekannt, daß er in der Weihnachtzeit an einem Tannenbaume mit mehr Vergnügen einen Gehenkten antreffe, als Marzipan und Nüſſe, weil im erſten Falle doch der Baum noch lebe. Ueberhaupt war er kein verächtlicher Mann, ſondern die Polizei, Fi⸗ nanzerei und Strenge leibhaftig. Es ſteht daher unter ſeinen Verdienſten um Nom dieſes nicht zuletzt, daß er die oben gedach⸗ ten vier Geſellſchaft⸗(Sozietät⸗) Inſeln derma⸗ ßen zu lichten, auszuroden und ordentlich zu ent⸗ völkern wußte, daß am Ende auf jeder nur ein Eiländer übrig blieb, nämlich im Klub Worble, — in der Harmonie Süptitz,— in der Reſſour⸗ ge Marggraf, und im Kaſſino Renovanz; daher hieß nachher in der Stadt(was Millionen Durch⸗ reiſende nicht begreifen konnten) Worble nur der Klubbiſt— der Prediger der Harmoniſt— der Apotheker der Reſſourger— und der Maler der Kaſſiner. Die ganze Namenſache wäre an ſich 40 zu klein; da ich jedoch in einem ſolchen großen dichteriſch⸗hiſtoriſchen Werke mit dieſen vier Kar⸗ tenkönigen des ganzen Spiels öfters vermittelſt ihrer Spitznamen zu ſtechen habe: ſo kann ich mit Vergnügen die Spitz⸗ und Ehrennamen her⸗ ſetzen, weil ich weiß, wie das Studium meines ganzen Werls gewinnt, wenn der Leſer die Na⸗ men hier auswendig lernt, um damit ſeinem flie⸗ genden Autor munter genug zu folgen. Der neue Zuſtand der entvölkerten Geſell⸗ ſchaft⸗Inſeln konnte nicht dauern. Warf es wol für einen geſelligen Mann, z. B. für Süptitz den Harmoniſten, beſondern Genaß ab, wenn er allein ſo da ſaß in der Harmonie und rauchte und er keine einzige Seele(nicht einmal ſeine eigene) zum Harmonieren vor ſich hatte, ſondern nach ausgeklopfter Pfeife als ſtiller Solo⸗Harmoniſt aus der Ungeſellſchaft nach Hauſe ſchleichen mußte?. Oder ging es dem Klubbiſten Worble beſſer?— Ich glaube, viel ſchlimmer. Wie es Schreibmen⸗ ſchen, ſo gibt es auch Sprechmenſchen, die(z. B. die Hofleute) nur durch zweite Menſchen zu ganzen werden, und welche, um viel Witz, Scharf⸗ ſinn, Feuer zu haben, durchaus Zuhörer bedür⸗ — 41 fen. So einer aber war der Freimäuerer, wel⸗ cher ohne Syſtem nur von Gedanken zu Gedan⸗ ken, wie im Genuſſe nur von einem Tage zum andern lebte. Kann ſich denn die Welt wundern, daß er auf den vernünftigen Gedanken gerieth, ob nicht aus vier letzten Dingen der vorigen vier ökumeniſchen Kirchen- oder Sakriſtei⸗Ver⸗ ſammlungen, nämlich aus ihnen ſämmtlich, ein ganz neues haltbares, vier Mann hohes Kränz⸗ chen, als erfreulicher Nachflor, zu bilden und zu flechten wäre? Der war zu flechten. Die vier Kränzchen wurden Ein Kranz, die vier Eiländer ſchifften ab und mietheten zum Anlanden eine neue Geſell⸗ ſchaftinſel, nämlich ein artiges Gartenhäuschen an einer der ſchönſten Ecken des herrlichen Rheins, der hier das Luſtgefilde mit einem ſeiner majeſtä⸗ tiſchen Arme vermittelſt des Ohr fingers(denn das Flüßchen iſt mehr zu hören als zu ſehen) berührt und entzückt.. Freilich auf dieſe Weiſe und nach einem ſol⸗ chen Zuſammentreten und Zuſammenſtehen von vier Stammhaltern und Endlingen aus eben ſo vielen Kränzchen, war es kein Wunder mehr, wenn 42 der Geſammtklub eine ſolche, ſo zu ſagen, faſt vierſchrötige Feſtigkeit gewann, daß ſelten ein Mit⸗ glied den Geſellſchaftſaal— das erwähnte Garten⸗ häuschen— betrat, ohne ein zweites anzutreffen, oder ein drittes, ja das vierte dazu, welches den ganzen geſelligen Cercle zuründete, wovon ſchon der Anfang des erſten Kapitels ein Beiſpiel vorgezeigt. Die Sitzungen wurden gern in die ſchöne Jahrs⸗ zeit verlegt, wo Leuchter und Ofen am Himmel hingen ohne eine Rechnung des Wirths. ——— 43 —————— Drittes Kapitel, welches das Nöthiagſte über Worble beibringt, nämlich unge⸗ wöhnliche Kirchengeſänge, ungewöhnliche Köche, ähnliche Winkelhochſchulen und Eßtiſche. 4 Ich habe zwar im zweiten Kapitel das Verſpre⸗ chen gegeben, einige Vorkenntniſſe vom Klub, vom Freimäuerer, vom Zuchthausprediger und vom Hofſtallmaler(es ſind meine eigenen Worte) mitzutheilen; aber ich bin nicht mehr geſonnen, es ganz zu halten, ſondern ich will blos vom Frei⸗ mäuerer— um deſto früher zum Apotheker in ſein ſo viel verſprechendes Laboratorium zurückzu⸗ kommen— das vorausſchicken, was ich nachzu⸗ holen habe, nach ſeiner Rückkehr aus Leipzig, wo er Student und Prinzengouverneur geweſen. Der Maler und der Prediger mögen vor der Hand dem Pinſel des Leſers blos unter ihrem Handeln und 4 Wandeln ſitzen. Worble iſt ein Mann, der ſchon mit dem erſten Aufgange oder Bande des & Kometen) erſchien und ſich daher täglich mit dem Sterne vergrößert, und von welchem jeder Freund des Helden etwas Späteres wiſſen will, zumal bei ſeinen ſo gar erbärmlichen Umſtänden. Auch hab' ich im vorigen Kapitel noch verſprochen, die Namen Harmoniſt, Reſſourcer, Kaſſiner durch ein ſo großes Werk fortzubehalten; aber mein deutſches Ohr— dieß merk' ich ſchon in dieſem Kapitel— ſtürbe an einem ſolchen widerdeutſchen Echo, und ich wüßte auch nicht, wer mich, als Mitglied mehrer Geſellſchaften für deutſche Spra⸗ che, je zum Halten eines ſolchen ſprachwidrigen Verſprechens zwingen könnte. Ueberhaupt werd' ich mich öfters der wahrhaft nützlichen, ſchon im gemeinen Leben eingeführten Freiheit, zu verſpre⸗ chen, ohne zu halten, bedienen, in einem hiſto⸗ riſch⸗dichtenden Werke, wo ich durch die ange⸗ nehmſten Verſprechungen ohne Erfolg und Frucht dem Leſer gleichſam prächtige, gefüllte Blu⸗ men reichen kann, die eben dieſer Fülle wegen be⸗ kanntlich als unfruchtbar nichts tragen. Und war⸗ um ſollen überhaupt Schriftſteller ihr Wort zu 45 erfüllen verpflichtet ſein, da ſie daſſelbe ja den Le⸗ ſern blos ſchriftlich geben, ohne alle hypothekari⸗ ſche Verſicherung, ohne Pfandverſchreibung und ohne landesherrlichen Konſens? Die Leſer ſind höchſtens die chirographiſchen(handſchriftlichen) Gläubiger deſſelben und kommen folglich in die fünfte Klaſſe, die nichts bekommt. Unter den Kränzelherren— ſo ſchreib' ich von Kränzehen gern ſtatt Klubbiſten, nach Sprach⸗ folge von Kränzeljungfern— war Worble im Werth der zweite und hieß(wie gedacht) der Frei⸗ mäuerer. Nur Rom nannte ihn ſo; ſonſt finden ſich nirgend Belege, daß er wirklich Bruder ge⸗ weſen; und bedeutende Logen, zu welchen ich nicht gehöre, wollen ihn nicht kennen. Denn daß er häufig prahlte, er kenne und beichte gar keine Mauerer⸗Geheimniſſe, und daß er immer unge⸗ fragt ſich ganz unwiſſend hierüber anſtellte, dieſe vorgeſpiegelte Unwiſſenheit iſt noch kein feſtes Merkmal eines Freimäuerers, zumal an einem Menſchen, der zu oft lachte und ſelten ein wahr⸗ haft ernſtes Geſicht ſchnitt, ausgenommen im Schlafe, wo er zuweilen ſoll thränend ausgeſehen haben. 46 Ich erkläre mir aber den Beinamen daraus, daß in gewiſſen Städten, beſonders Reſidenzſtäd⸗ ten, z. B. Weimar, Paris, die höhern Kreiſe Perſonen von Gewicht gern mit bloßen Spitz⸗ und Beinamen taufen und rufen; ſo lief z. B. Diderot in der Pariſer großen Welt blos unter dem Namen Chaise de Paille herum*). Iſt es ja ſogar vom alten Rom bekannt, daß daſſelbe ohne Weiteres ſagte: Der Große, und damit unter ſo vielen damaligen Geiſtergroßen niemand verſtand, als Cnejus Pompejus, den Großen. Späterhin konnte man freilich dieſen Beinamen nicht ohne den Taufnamen beilegen, weil man, da in jedem Lande ein Fürſt der Große iſt, ſo viele Große durch etwas von einander abſondern mußte.— Am Glaublichſten hatte Worble den Namen Freimäuerer vom einfältigen Rom erhal⸗ ten, weil dieſes einen Mann nicht zu taufen wußte, der keinen feſten Charakter hatte, ſondern ſeinen Thorzettelcharakter in jedem Staatkalender weechſelte. Er war, wenn auch nicht ernſt und reich, doch ſonſt das Meiſte, und wußte faſt alles *) Cerrespondence inédite de l'Abbé F. Galiani. T. 1. — 42² wenigſtens halb, nur die alten Sprachen weniger. Vom Muſenpferde war er auf der hohen Schule abgeſeſſen und auf das juriſtiſche Streitroß geſtie⸗ gen— von dieſem hatt' er auf das(ärztliche Trauerpferd voltigiert— und zuletzt hatt' er den geiſtlichen Palmeſel beſchritten, um auf ihm vor das Abend⸗ und Liebemahl eines Freitiſches hin⸗ zureiten. Sein Einzug⸗Eſel warf ihn aber bald an Schädelſtätten ab. Es war kein Segen bei ſeinem Leben, etwa ſeinen Frohſinn ausgenom⸗ men, denn ſein Prinzengouvernement in Leipzig wollte wenig ſagen. Allerdings warf ſpäter das Glück einen der wärmſten Sonnenblicke auf ihn; es ließ ihn den allgemeinen Neid ſeiner Vater⸗ ſtadt dadurch auf ſich ziehen, daß er darin Orgel⸗ ſchläger(Organiſt) und unterſter oder fünfter Schullehrer(Quintus) in Einer Perſon wurde; ein trefflicher Anfangpoſten, von wo an er, ſo— bald er nur durch die fünf Hunger⸗ Rechenſpezies, oder Faſten⸗Alte der fünf Schulämter, mit eben ſo vielen Gerſtenbroden ſich durchgefriſtet hatte, in jedem Falle die größte Ausſicht vor ſich bekam, ein Landpfarrer zu werden, und zu Geld zu kom⸗ men und zu einer Frau dazu. 48 Aber er wurde zu früh ſeines Amtes entſetzt. Von den tauſend Urſachen ſetz' ich nur zwei hie⸗ her, wovon die eine den Orgelſchläger, die andere den Quintus betrifft. Die erſte war ſein ſtehender komiſcher Cha⸗ rakter der italieniſchen Komödie, welcher in den ernſteſten Kreiſen des Lebens Schnurren und Schna⸗ ken, und zwar nicht nur Wort-, ſondern That⸗ ſchnurren umherfahren ließ; und der beſonders— dieß fällt eben in der folgenden Thatſache ſo auf — ſtatt eines Einzelnen lieber eine ganze Men⸗ ſchenſammlung ins lächerlichſte Licht ſtellte. Wenn er nämlich in der Nachmittagskirche einen Kir⸗ chengeſang zu ſpielen vorbekam, der theilweiſe bis in die Oktave mit geſtrichenen Noten hinauf⸗ ging: ſo fing er ihn(z. B. den Choral«Straf « mich nicht in deinem Zorn) ſogleich in einer Tonart an, die etwa um zwei bis drei Töne hö⸗ her lag. Anfangs hielt es die Gemeine auf den mittlern Tonleiterſproſſen noch gut aus.— Es hörte ſich wol fremd an, aber doch noch erträg⸗ lich.— Darauf aber, wenn die Kreuz⸗Erhöhun⸗ gen mit dem muſilaliſchen Doppelkreuze erſchie⸗ nen und der ſingende Kirchſprengel ſich oben auf 4 49 den oberſten Staffeln der Tonleiter verſammeln und arbeiten mußte: ſo brach der Jammer der Kirche los und ihr wurde ſehr zugeſetzt.— Ei⸗ nige Baſſiſten und Tenoriſten retteten ſich noch nothdürftig, daß ſie in der Eile ſich zu elenden Altiſten verſchnitten, aber andere kreiſchten gera⸗ dezu hinaus oder ſtürzten ſich aus Verzweiflung in die erſte beſte tiefere Oktave hinab und oben hingen im Freien ängſtliche Fiſtelſtimmen über der Tiefe.— Am meiſten aber zu beweinen waren die ſingenden Weiberſtühle, welche, ungleich den Männerſtühlen, ſich nicht geben wollten, ſondern ſich lieber vom Leitſeile des Chorals ſo hoch auf⸗ ziehen ließen aus dem einmal geſtrichenen f in das zweimal geſtrichene a, aus dieſem in das drei⸗ mal geſtrichene c, daß ganze Bänke voll Kirchen⸗ gängerinnen, wenn ſie ſich nicht ganz in ein Nichts verpfiffen, ſich dermaßen heiſer überſchrieen, daß es klang, als ob ſie einander ſchimpfen wollten und vor Wuth es nicht weiter vermöchten. Die ganze Kirche war eine ſtreitende mit Stimmen, nur begriff das arme abgehetzte Singbabel gar nicht, wie alle mitten im Frieden unter der Hand gegen einander ſo wild gemacht worden. Es ſoll II.. 4 50 ein bekannter Ton⸗Virtuoſe, vielleicht zu ver⸗ wöhnt von den neuern köſtlichen Klangwerkzeu⸗ 4 gen, deren himmliſche Namen(wie Uranion, Apollonion, Aeolodikon) ſo ſehr an Wolklang die Orgel übertreffen— auf anderthalb Tage Ohren⸗ brauſen davon getragen haben, blos weil er vor der trompetenden Kirchgemeine vorbei gegangen war, während ihres Kräh⸗Tutti. Ernſt und heiter indeß regierte der Freimäuerer auf ſeinem Orgelſtuhl das ganze klingende Spiel; welcher überhaupt, wie er ſagte, die Figuralmuſik der Nachmittagskirche nicht für zu ernſthaft genom⸗ men, ſondern mehr für ein übendes Conserva- torium der Singſtimmen angeſehen wünſchte, in welches man den geiſtlichen Schafſtall leite oder läute. Doch vergeſſe ein ernſter Richter nicht, zu des Mannes Entſchuldigung zu erwägen, daß — Worble zu andern Zeiten, wenn die Geſangſtücke gerade tiefes Ton⸗Gefälle hatten(wie z. B. das: eine feſte Burg iſt unſer ꝛc.) dem vorigen Fehler völlig entgegen zu arbeiten ſuchte und den Choral um drei, vier Töne tiefer als gewöhnlich anſchlug; nur zog er freilich dadurch(ein neuer Unfall) die 51 Kirchengänger in einen tiefen dunkeln Baß hin⸗ unter, daß blos einige feſte Bier⸗ und Stroh⸗ Baſſiſten ſich unten halten und ausbrummen konn⸗ ten. Hingegen der ganzen weiblichen Pfarrge⸗ meine ſetzte er dadurch Dämpfer(Sordini) auf, und die Beichttöchter ließen den Beichtſöhnen zum erſtenmale das letzte Wort. Die kirchliche Obrigkeit ſah den Tönen, die ohnehin nicht zu verhaften und abzuhören waren, anfangs durch die Finger, bis ſich der zweite Grund zur Abſetzung anbot. Der Kränzelherr Worble hielt ſich nämlich als unterſter Schullehrer einen unterſetzten kurzen Bedienten, welcher allen weiblichen Arbeiten, be⸗ ſonders der wichtigſten für ihn, der Kocherei— deßhalb hieß der Menſch nur ſein Koch— hin⸗ länglich gewachſen war. Das Beiſpiel, ſagte er, womit er in ſeinem wichtigen Schulante vorzu⸗ leuchten habe, laſſe nicht wol zu, daß er eine weibliche Bedienung halte; denn ſo feſt er auch im ſittlichen Sattel zu ſitzen glaube(er berief ſich auf ſeine Eingezogenheit), ſo hab' er doch Fleiſch und Blut(in den 60 Puls⸗ und den 40 Blut⸗ adern) und 44 Nervenpaare und außer dem Kör⸗ 3 52 per noch eine ganze Seele voll Erbſünden; ja wäre ſelber die Magd eine heilige Madonna und er ein heiliger Engel Gabriel, er ſtände dennoch für nichts; denn mit manchen Größen der Un⸗ ſchuld ſei es wie mit den Buchſtaben in der Alge⸗ bra, die ſich blos durch Nebeneinanderſtehen mit einander vermehren(multiplizieren). Der Koch verſah übrigens ſeinen magern Dienſt ſehr gut und mehr aus Liebe als für Geld, hielt ſich am liebſten zu Hauſe, und lief gegen Abends, wo ſonſt die Menſchen, wie im Som⸗ mer die Flußwaſſer, am wärmſten ſind, kei⸗ ner Seele nach. Gewöhnlich kommen Köche und Metzger(einander ohnehin im Morden verwandt) bald zu Fleiſch, ſo wenig ſie viel Fleiſch genießen, denn der nährende Dampf daſelbſt mäſtet ſie. So wurde auch der Koch des Quintus täglich wolbe⸗ leibter, jedoch ſchwerlich vom Nährdampfe des Fleiſches, da dieſes ſelber ſelten in die Küche kam. * Am Wiegenfeſte Worble's aber, wo der Koch mehre Fleiſchſtücke als gewöhnlich ans Feuer zu ſetzen und ungewöhnlich zu arbeiten hatte, fing der junge Mann zu— kreiſen an, und kam wirk⸗ 5³ lich nieder und machte unſern Kränzelherrn zum glücklichen Vater eines wolgebildeten Mädchens, ſo daß dieſer auf einmal zwei Geburttage oder zwei Wiegenfeſte, wozu nur Eine Wiege nöthig war, feierlich begehen konnte.— Bald nach der Entbindung vollzog der Freimäuerer die eheliche Verbindung mit dem Koche öffentlich am Altare als ſtiller Altariſt oder Altardiener an Aphroditens Altar. Faſt ſtärker noch als das Transponieren(Ue⸗ bertragen) in eine andere Tonart ſcheint hier das Transponieren in ein anderes Geſchlecht, nämlich des Kochs in eine Köchin, die Obrigkeit bewegt zu haben, daß ſie den Transporteur(Ueberträ⸗ ger, ſonſt ein mathematiſches Inſtrument) abſetzte und ihm keine Schule mehr überließ, als ſeine neu errichtete Töchterſchule, die jetzo blos aus dem Mitglied beſtand, das er und der Käh hin⸗ ein geſchickt. Darauf gings dem armen verehelichten Teu⸗ fel etwas hart, und an ſeinen Unbeſonnenheiten hatte er zehnmal länger zu verdauen und abzufüh⸗ ren, als andere an ihren ſchwärzeſten Sünden. Der Koch konnte jetzo nichts kochen, als etwas 54 Gift und Galle und Gardinen⸗ und Faſtenpre⸗ digten gegen den Mann— und es war nicht ein⸗ mal Bratenholz zu bräunen, geſchweige einen Bra⸗ ten über ihm.— Indeß verlor Worble weder Leicht:, noch Frohſinn, noch Farbe, ſondern ſah ſo braunroth aus wie ein Schornſteinfeger am Sonntage, wann er ſich ſelber gefegt und gewaſchen. Ja, er be⸗ hauptete, er ſetze die Stadt, nämlich Huter, Schneider und Schuſter, in Nahrung, da er die⸗ ſen immer etwas aufzufärben, zu wenden, zu flicken und zu beſohlen gebe. Er that oft an die ſcheltende Frau— um ſie mit dem, was ſie ſeine Unverſchämtheit nannte, zu ſtrafen— die Frage, ob er nicht, wie andere reiche Kaufleute, von Verkaufen lebe, und ob nicht in ſeinem oſtindi⸗ ſchen Hauſe, wie in einem glücklichen Lande, nur der Ausſuhrhandel, z. B. von Geräthſchaf⸗ ten, Erbſtücken, Kleidern blühe; ja er drang ſtär⸗ ker ein und fragte, oh denn ein Rock, wofür man neinige Braten erhandle, nicht eben der wahre, thätige(aktipe) Bratenrock ſei, ſo wie es ähn⸗ liche Bratenhoſen, Bratenbetten gebe, deßglei⸗ chen für den Abend ähnliche Abendmalkleider, für 55 das Decken des Tiſches ſolche Tiſchtücher; ja, ſo wie man Predigtbücher durch bloßes Verkaufen zu aktiven Kochbüchern veredeln könne. Einem Menſchen, wie der abgeſetzte Koch, der ſein Kind zu ſäugen und Koſt jetzt weniger mit den Händen, als mit den Milchdrüſen zu be⸗ reiten hatte, würden ſolche Reden wenig Nah⸗ rung gegeben haben, wenn Worble ſich nicht an hundert Griffen, Handhaben und Krücken hätte halten können. Beſonders ging er auf ſeinem glatten, ſchlüpfrigen Lebenſteige mit einem guten Alpenſtocke in der Hand, mit ſeinem gelehrten Federkiel, womit er bald Gelegenheirgedichte, bald Inkognito⸗Predigten, bald Deviſengedichte für Zuckerbäcker, bald juriſtiſche Arbeiten machte, bald Zeitungartikel für entlegene Zeitſchreiber. Weit wichtiger für ſeine Stadt und für ſeine Küche war es, daß er eine Winkelhochſchule ſtif⸗ tete, worin er nur Kinder als ſchultafelfähig an⸗ nahm, die ſtift⸗ und tafelfähig waren, oder höch⸗ ſtens von bürgerlichen kleine Banquiers. Er ſchloß unadeliche Kinder darum aus, weil er ſeine Schule eine aphoriſtiſch⸗enzyklopädiſche Real⸗ lehrſchule hieß, d. h. eine Sachſchule, worin aus 56 allen Sachwiſſenſchaften, z. B. Sternkunde, Völkerkunde, Scheide⸗ und Pflanzenkunde, Thier⸗ und Staatenkunde, Heil⸗ und Rechtskunde, die nöthigſten abgeriſſenen Sätze, und zwar ver⸗ miſchte, in reizendem Abwechſel, ohne allen ſtren⸗ gen alphabetiſchen Zuſammenhang der franzöſiſchen Enzyklopädie oder auch des Converſazionslexikons vorgetragen wurden und auswendig gelernt; es blieben daher Schreiben, Rechnen, Religion, Sprachen, als zeitfreſſende und zuſammenhän⸗ gende Kenntniſſe, ausgeſchloſſen. Aber dadurch wurde auch der junge ſieben⸗ und neunjährige Adel dermaßen in die Höhe geſchraubt, daß er in Geſellſchaften im Stande war, in die einſtöckigen Gehirnkammern der Gerichthalter und Buchhal⸗ ter, der alten dicken Rittergutbeſitzer und der al⸗ ten mageren Großkaufleute, mit unerhörter Ge⸗ lehrſamkeit, wie mit einem Spiegel, den ein. Knabe vor der Sonne bewegt, ein umherfahren⸗ des Lichtſtück zu ſchicken und ihnen mit Leidner laſchen und mit Bologneſer Flaſchen— mit Saturns⸗Ringen und mit Päbſte⸗Ringen— mit Hollandgängern und mit Grönlandfahrern— mit weſtphäliſchen heimlichen Gerichten und mit Frank⸗ 57 furter Pfeifergerichten— mit Torſo's und mit Rumpfparlamenten— mit der ungemeinen Laſt von 280 Zentnern, womit die gemeine Luft uns drückt(die Hofluft und die Kriegknallluft nicht einmal gerechnet) mit den unglaublichen 14700 Meilen, welche die Erde in dieſer und jeder Stunde durchrennt— mit den hohen ſieben Bro⸗ cken des Harzes, welche erſt auf einander geſetzt den Chimboraſſo geben— und mit den unendlich fernen Fixſonnen, deren Licht ſeit der Schöpfung noch immer auf der Reiſe zu uns iſt, kurz, mit ſolchen Sachen vermochte der junge Adel den Edel⸗ und Kaufmännern ins Geſicht zu wetterleuchten und zu fahren; und, was die Weiber anlangt, dieſe vollends außer ſich zu ſetzen. Himmel! wie ſehr mußte ſich dadurch der junge Adel von dem ſogenannten gelehrten Adel unterſcheiden! Und wie lange hätte die Hochſchule in Blüte ſtehen können!— Aber Worble war einmal zu einem J. P. ge⸗ boren: — nämlich ausgeſchrieben franzöſiſch zu einem Jean Potage, 58 — oder engliſch zu einem Jack Pudding, oder John Bull, — oder kurz, zu einem Menſchen, der immer mit ſeinem P oder B anfängt, — zu einem Polincinello, oder Pagliasso, oder Bajazzo, oder Buffo, oder im Por⸗ tugieſiſchen Bobo, — kurz, zu einem Poſſenreißer, — Pritſchenmeiſter, — Pickel häring. Daher opferte er immer den Grazien, den komiſchen; am meiſten aber opferte er, wenn er Schulſtrafen, nämlich blos Ehrenſtrafen, auszu⸗ theilen hatte. Er erſann täglich neueſte; man machte die Schulſtubenthüre auf und trat mit größ⸗ tem Erſtaunen vor Köpfe mit ausgeleerten, auf⸗ geſetzten Zuckerhüten, ſowol blauen als violetten, als Straftappen— ferner vor leinwandne Uneh⸗ renordenbänder auf dem Rücken wie Tragbänder — vor umgeſtülpte Papierkronen mit den Zacken in den Haaren— vor zwei Zöglinge mit Pfeifen im Maul, womit jeder den andern auszupfeifen hat— vor Unehrenſäbel, rechts angehangen,— und hölzerne Ehrenflinten, von der Linken gehal⸗ 59 ten— und kurz vor eine närriſch in Lachen und Grinzen gehälftete Unterrichtſtube. Natürlich war dieß Perſonen von Abſtam⸗ mung ſo viel, als würden ihnen die Ahnen zu Dutzenden geſtohlen, und ſie riefen daher ihre Geſandten aus der Hochſchule zurück. An ſich hielt Worble dieſe Plage, ſo wie die längere, nämlich ſeine Frau— wenn ſie münd⸗ lich blitzte oder ſchneiete— ſo männlich aus, daß er gleich dem Zaunkönige gerade im ſchlechteſten Wetter am ſtärkſten ſang und ſprang. Nur griff die Armuth ihn ſtark an ſeiner zärteſten und em⸗ pfindlichſten Seite an, ich meine ſeinen Gaumen. Er trank nämlich nach ſeiner Gewohnheit nichts lieber als das Beſte— zu welchem Trinken er beſonders das Eſſen rechnete, weil dieſes nach reinen Phyſiologien*) nichts als ein langſameres, dickeres und erſt auf der Zunge friſch von den Speicheldrüſen aus Speiſe⸗Malz gebrauetes Ge⸗ tränke ſei— aber blos aus Armuth hatte er nichts, *) Die Anſicht Worble's iſt ganz richtig; denn weder die Zun⸗ ge kann das feſte ſchmecken, noch der Magen es benützen, ohne daß es in das Naſſe aufgelöſet worden. 60 nämlich keinen Trank und Aaß. In dieſen Um⸗ ſtänden that er, was möglich war und ſchaffte ſich von den koſtbarſten Weinen, die es gab, ſo wol bei Verſteigerungen, als von Weinhändlern, die ächteſten Verzeichniſſe oder Sortenzettel an und genoß dann in Körben und Fudern manches köſt⸗ liche Gewächſe von weitem, indem er die Zettel langſam durchlas, und als Laie, wie bei einer katholiſchen Kelchberaubung, gerade das Geiſtigſte zu ſich nahm, das eben allein im Vorſtellen ſitzt. Im Eſſen war daſſelbe zu machen; er konnte ſich gütlich thun durch Kochbücher, welche er durch⸗ ging, indem er beſtändig dachte: es bedeutet (crede et manducasti). Ein ſolches beſchauli⸗ ches(kontemplatives) Gaumleben ſetzte ihn öf⸗ ter in Stand, wie ein ſpaniſcher König, ſich 100 Gerichte an Einem Mittage auftragen zu laſ⸗ ſen, ja ſich, wie Heliogabalus, Gaſtmäler zu geben, Millionen an Werth; denn Kochbücher achten kein Geld. Aber wie herrlich, und noch beſſer, als aus einer Hoflüche, hätte der arme Teufel erſt ſpeiſen können, wäre ſchon damals der Almanac des Gourmands zu haben geweſen!— Hätt' er darin nicht blos die Eier allein auf fünf⸗ 61 hundert und drei und vierzig franzöſiſche Kochar⸗ ten zubereitet erhalten: à l'allemande— à la bonne femme— à la commere— au Pèere Douillet— à la Jéesuite— au Basilic— 2 Ja, hätt' er nicht zum Ehrenmitglied der ga⸗ «ſtronomiſchen Akademiey(d. h. des gelehrten Bauch⸗ oder Magen⸗Vereins), welche Grimold de la Regniére hinter ſeinem Almanac nachge⸗ ſchaffen, aufſteigen können, um blos in einem Briefwechſel ohne allen Tellerwechſel feinſte Ge⸗ richte zu koſten, von welchen ich nur wenigſtens den Namen zu wiſſen wünſchte? Verfaſſer dieſes bekennt gerne, daß er in Pa⸗ ris bei dieſem wahren Nutritor(Ernährer) einer Akademie, für deren Sekretär er ſich nur ausgibt, zuerſt ſpeiſen und ſeine Hand— früher als ir⸗ gend eine weibliche, weicheſte voll härteſter Steine — ergreifen würde, und wär' es nur, um zu ihm zu ſagen:«Schon lange, lieber M. Gri- «mold de la Regniére, wollt' ich eine Hand «drücken, die, obwol eine linke*)(Sie ſollten die Lrechte noch haben), Eſſern trefflich vorſchneidet, *) Am beſten ſagt' ichs wol in einer Note deutlich, daß er die vechte verloren. 6² «ſo wie vorſchreibt; ich faſſe gern den Mann an, «der das Jahrhundert, nämlich das pariſer, aus «der Sinnlichkeit zu heben ſucht, indem er es. aus dem tiefſten Sinne, dem des Gefühls(dem «fünfſechstel Sinn) ſanft zum höhern des Schme⸗ ackens ſteigert; wie kurz iſt dann der Weg vom «Munde zur Naſe, und zu den Ohren und Au⸗ aLgen, dieſen geſlügelten Dienern der Geiſtigkeit! &— Es iſt nicht Ihre Schuld, wenn nicht aus & Ihrer Hand ein großes Volk hervorgeht, welches adem Wallfiſch gleicht, an welchem die Zunge der cköſtlichſte Theil iſt, deren wegen daher die krie⸗ « geriſchen Schwerrfiſche den ganzen Wallſiſch ent⸗ &leiben.„ Da die Zunge Ausfuhr der Worte und Ein⸗ fuhr der Biſſen betreibt, nach der Bibel aber nur Ausfuhr verunreinigt, und da der Almanac des gourmauds gerade dieſe verbietet und unter dem Schmecken Schweigen anbeſiehlt: ſo möchte wol mit der Zeit der gaſtronomiſche Sekretär Regnié- re der Urheber oder Bildner eines reinern, hö⸗ hern Menſchenſtammes werden, welcher ſchlechtere Güter als Tafelgüter verſchmäht, und ſtets den klaſ⸗ ſiſchen Boden der— Schüſſeln aufſucht und beerbt. 6³ Aber die Leſewelt reiſe endlich von Paris wie⸗ der nach Rom zurück, zum Kränzelherrn Worble. Der hat nun nichts— ausgenommen Ge⸗ ſchmack und Hunger— und lebt, aus Mangel an einem gaſtronomiſchen Sekretär, halb von den guten Stücken ſeiner Küche, in welche er ganze Schweine, deren Schinken, pommerſche Gänſe, Hamburger Rindfleiſch— lauter treffliche, vom Maler Renovanz nach dem Leben gemalte Küchen⸗ ſtücke aufgehangen, um ſie, wie Madonnenbil⸗ der, anzuräuchern und anzubeten, und mit pla⸗ toniſcher Liebe zu genießen. Ein Dutzend weißer Pfefferkörner, die er täglich verſchluckte, ſollten ſeinen Straußenmagen, zu deſſen Füllung ihm Metalle gebrachen, nicht nur noch mehr ſtärken zur Eßluſt— weil doch Hunger eine Art von Vorkoſt iſt— ſondern die Körner ſollten auch als neue Farbenkörner durch den Appetit Renovan⸗ zens Küchenſtücke beſonders heben, weil freilich deſſen Braten nicht ſo gut gemalt waren, als Raphaels irdene Teller, die man noch in Dres⸗ den verwahrt und anſieht. So nahm denn Worble ſogar körperliche Nahrung ſchon ſo geiſtig in Bil⸗ dern zu ſich, wie wir die geiſtige Ambroſia(Frei⸗ heit, Vaterlandliebe, hohe Tugenden) entweder in den herrlichen Federzeichnungen der Alten(des- seins à la plume), oder in großen Altarblättern, oder in guten Kupferſtichen und Steindrücken wirklich beſitzen und genießen.„ —— Wird nun wol ein gutherziger Leſer den Hunger des armen, in einer ſo ſchlechten Haut ſteckenden luſtigen Haut Worble erwägen, ohne recht herzlich zu wünſchen, daß ſein Freund Marggraf wo möglich den Stein der Weiſen, oder ſonſt ein Edelgeſtein erfinde, damit er doch dem guten alten Nagethier am Hungertuche etwas zu eſſen ſchenken könne? Was der gute Apotheker nur aus der Apotheke geben konnte, das gab er ihm, — beſonders wenn er in ſeinem alchemiſchen Vor⸗ paradieſe ſtand, wo der Fluß der Goldſäuere in den Goldpiſon und Paktolus zu fallen und ihn ins Paradies zu flößen verſprach—; natürlich beſtand es nicht in Lebens⸗, ſondern nur in Ver⸗. daumitteln(Stomachalia) und wenigem Aquavit. Und beide liebten einander überhaupt immer ſtär⸗ ker, ſeitdem der Thron, worauf ſich Nikolaus zu ſetzen gedachte, wie durch einen Erdfall mit allen Thronſtufen eingeſunken war bis auf ein ſchmales 65 Spitzchen; Worble liebte ihn wärmer, weil er ihn ſo wenig beglücket und ſo bleich geworden ſah; und Nikolaus hatte jenen noch zehnmal lieber, weil er ihn nicht beglücken konnte, wie er doch an Henochs Sterbebette ſo gewiß verſprochen. Aber warum hatte er den Scherzvogel ſo gar ſehr lieb? Darum: Worble war ſein Schulfreund. Beide hatten mit einander von demſelben Schul⸗ bakel Prügel, auf derſelben Schulbank Anfang⸗ gründe, von demſelben Lehrſtuhle gelehrte Mit⸗ tel; und Hintergründe, von demſelben Rector magnificus das akademiſche Bürgerrecht erhalten. Es iſt etwas Unverwüſtliches in dieſer Ju⸗ gend⸗ und Schulen⸗Freundſchaft, zumal wenn keine ſpätere Ortferne einen kalten Zwiſchenraum in das jugendliche Lauffeuer der verbundenen Em⸗ pfindungen bringt. Oder könnt ihr denn vergeſ⸗ ſen, wie man liebt, wenn man einander noch im Morgenrothe des Lebens, und vom Morgenlichte der Wiſſenſchaft beſchienen fieht— wo man nicht ängſt⸗ lich Werth gegen Werth, nicht Aehnlichteiten gegen unähnlichkeiten, nicht des Standes, kaum des Talen⸗ tes abwiegt, und wo man von derſelben Sonne des Wiſſens auf eine gemeinſchaftliche Bahn gezogen, II. 5 66 Lernen ins Lieben verwandelt, und in der Waf⸗ fenbrüderſchaft ſich auf dem Feldzuge für die Wahr⸗ heit berauſcht? Denn wenn ſogar ſpäter in der Lebens⸗Kühle uns jeder Menſch zum Unvergeß⸗ lichen wird, dem wir uns in irgend einer erſten Erſcheinung des Lebens verbunden— und ſei es in einer erſten Heirath im Spätalter, ſei es in unſerm erſten Feldzuge mit den Zeitgenoſſen—: wie vielmehr wird Herz dem Herzen einwachſen, wenn die Ideale der Kunſt und der Wiſſenſchaft und der Jugend befruchten! Der Jüngling iſt dem Jünglinge ähnlicher, als der Mann dem Manne, wie der Knospe die Knospe ähnlicher, als die Blüten einander.— Und ſo denle denn jeder bei dieſem Spiegelbild einer weit rückwärts gezogenen Zeit an ſeine ſchon liegenden oder noch aufrecht ſtehenden Jugendgenoſſen! Daher hielt das Band der Freundſchaft zwi⸗ ſchen Worble und Marggraf eben ſeines alten Ge⸗ ſpinnſtes wegen recht feſt und färbte ſich nicht ab. Jeder war ſo recht für den andern gemacht und a ſie ſchmeckten ſich einander gut. War auf der ei⸗ nen Seite Worble dadurch Marggrafs Mann, daß er gleichſam mit einem offenen Waarenlager 67 und Fruchtſpeicher der beſten Sachkenntniſſe be⸗ hangen einher ging, aus welchem jeder, der, wie der Apotheber, ein Gelehrter ſein, nicht ſcheinen wollte, nehmen und ſich die Gehirnkammern fül⸗ len konnte: ſo war wieder auf der andern Seite Marggraf für Worble dadurch ſehr ſchätzens verth, daß er leicht in jenes Licht zu ſetzen war, das der Freimäuerer gern auf die Menſchen warf, und welches man im gemeineu Leben das lächerliche nennt. Wie manche Sorgenſtunde verſüßte ihm Marggraf durch die komiſchen Seiten, die er ihm faſt ohne Wiſſen zeigte, und die nachher dem Freimäuerer, der ſie zum Belachen verarbeitete, immer ſo fröhlich machten. —— Sollte man nicht denken, ich hätte den Zufall ſelber erſonnen, daß gerade jetzo ein Polizeibedienter auf der Gaſſe klingelt, der das Wiederbringen eines weggekommenen Dia⸗ mant ringes gegen anſehnliche Erkenntlichkeit ver⸗ langt, gleichſam als woll' er im Schauſpielhauſe dieſes Buchs klingeln, damit der abgetretene Diamantheld wieder auf die Bühne komme? Denn im vierten Kapitel: oder man hat viel, wenn man begraben wird wie ein Fürſty, bring' ich wirklich den Apotheker wieder, obwol ohne ein anderes Grazial zu verlangen, als mein Bewußt⸗ ſein einer aufrichtigen Rückkehr von den bisheri⸗ gen Ausſchweifungen im dritten Kapitel. 24 3 272 — 69 —2--ANöͤ—MOᷓA—ℳ—— ₰ „Viertes Kapitel, oder man hat viel, wenn man begraben wird, wie ein Fürſt, deßgleichen ſo getrauet wie einer. Der Apotheker war, wie wir längſt geleſen, aus dem Klub nach Hauſe gelaufen. Er kam mit der von Worble geſchmiedeten, berauſchenden Krone im Kopfe an, und ſchauete vor allen Dingen nach dem chemiſchen Bratofen ſeiner Diamanten. Sein Stößer Stoß ruhte vor dem faulen Heinze*), mit dem gegen das offene Ofenthürchen gebückten Kopfe zu ſchlafen ſcheinend. Als ihn Marggraf leiſe wecken wollte: fuhr er nicht auf oder um, ſondern guckte fort und rief:«Morbleu! das geht *) Bekanntlich ein chemiſcher Ofen, deſſen Form das immer⸗ währende Nachſchüren entbehrlich macht 70 cja, wie es Gott nur haben will, morgen früh iſt «entweder ein oder der andere charmante Diamant & fix und fertig, oder ich will, ſo wahr ich lebe, s gelogen haben wie ein verfluchter Windſack.» &Lieber Defeltuarius!»— verſetzte der Apo⸗ theker, und ſah immer froher ins Blühen ſeiner Kohlen hinein— sganz wol! Und von dem akleinſten Diamante glaub' ichs ſelber feſt. Hab' s ich Ihn denn nicht bishero für einen der geſcheu⸗ ateſten Diener irgend eines Herrn gehalten» « Lieber wollt' ich auch ganz viehdumm ſein, .H. Prinzipal, als kein ordentlicher geſcheuter «Diener, der die Sachen und Ofen ſeines H. & Prinzipals ſo gut beſorgt und heizt, als er nur «nach ſeiner wenigen Einfalt verſteht,» ſagte Stoß. Die langen Freudenblicke, die der Apotheker in den Ofen, als in eine Diamantengrube, warf, waren für den Stößer eben ſo viele beweiſend auf⸗ gereckte Schwurfinger, daß die Sache ſchon rich⸗ tig ſei und ausgemacht; denn er hielt mit eigent⸗ lichem Köhlerglauben die Kohlenmeiler ſeines Herrn für die verſprochenen goldenen Berge, und glaubte ihm alles, weil er nur deſſen Stößer war „ 71 — und weil er auf ihm hing— und weil er die Oefen heizte.«Leg' er, ſagte Marggrof endlich, s ſeine dumme Tiegelzange weg; ſieht Er nicht, s daß ich ihm die Hand drücken will?» sacre Diable!»(ſagte Stoß nach dem Druͤcke und wuſch und ſcheuerte mit den trocknen Händen das Geſicht und war überhaupt halb au⸗ ßer ſich vor Luſt) Lich wills Ihnen gerne ſtecken, «warum wir am Montage die Diamanten ſo ge⸗ «wiß bekommen, als das Vaterunſer im Amen «iſt. Es haben drei Schöpſen öpfe mir aus Liſt & Stein und Bein ſchwören müſſen, daß ſie mir am Montage allerhand leihen wollten;— nun « kanns uns an einer ſpendabeln Woche nicht feh⸗ «len.“ Das abergläubige Volk hält nämlich Ab⸗ borgen am Montag für ein Zaubermittel zu einer geſegneten Woche, und darauf rechnet Stoß. Der Adel nimmt vielleicht mit mehr Recht daſſelbe von jedem Wochentage an. & Ich lege mich jetzo, ſagte der Apotheker, hier auf dies Kanapée und ſinne aus: ſchweig' «Er ein wenig.» Marggraf wollte ſich nämlich auf ein ernſtes Austräumen und Ausmalen des von Worble nur luſtig abgeſchatteten Fürſtenſtuhles le⸗ gen, um deſſen Thronhimmel mit Deckengemäl⸗ den und Sternbildern zu überziehen. Oder deut⸗ licher, er ging an die Baute eines Aether⸗ ſchloſſes. —— Ich wollte, ich dürfte vorausſetzen, daß die Leſer den Unterſchied zwiſchen Luftſchlöſ⸗ ſern und zwiſchen Aetherſchlöſſern, anſtatt ihn zu vergeſſen, machten. Luftſchlöſſer an ſich lennt und baut jeder, ſie ſind das letzte und höchſte Stockwerk auf jedem Luſtſchloß— etwan wie auf der Peterskirche die Doppel⸗Rotunda—; nur daß am höhern Luftſchloß oft durch Bauko⸗ ſten das tiefere Luſtſchlößchen verwittert und zer⸗ bröckelt. Inzwiſchen dürfen wir Unterthanen uns ſchon von der Hoffnung einige theure Bauriſſe zu ſolchen Luft ugelrotunden zu verſchaffen ſuchen; nur den Fürſten ſollten ſpaniſche Schlöſſer und böhmiſche Dörfer bleiben. Ein Bauluſtiger eines neuen Jeruſalems über ſeinen Giebeln und Thür⸗ men erliegt dem Schwerdrucke und Paſſatſturme der Lüfte, in die er hinein bauet. Hingegen wie anders, höher, leichter wer⸗ den Aetherſchlöſſer dem Bauherrn fertig! Es wird nämlich ein dergleichen Schloß leicht dadurch 23 auf⸗ und ausgebauet, daß man nichts wünſcht und ſucht, ſondern es nur ſo macht, wie der Apo⸗ theker Marggraf, oder wie viele, die ich kenne, z. B. ich. Sieht(mein' ich) ein tüchtiger, fleißtger Bauherr der Aetherſchlöſſer, alſo unſer Apotheter vor allen, etwan einen außerordentlichen Luft⸗ ſpringer: ſo malt er ſich unter dem Zuſchauen vor, wie es vollends wäre, wenn ers zehnmal weiter triebe; dann ſpringt er heimlich in ſich von einem Thore zum andern durch Springwaſſer hindurch, bringt ein gefülltes Glas aus dieſen mit, ja er ſetzt über eine vorüberfliegende Wolke hinüber, und kommt auf einer entfernten wieder zum Vor⸗ ſchein; und nun dentt er ſich das allgemeine Er⸗ ſtaunen über Wolkenſpringer, gegen welchen der arme Seiltänzer nur ein rückgängiger Seilermei⸗ ſter iſt.— Vernimmt er eine große Sängerin, die alles übertrifft und rührt: ſogleich ſetzt er ſich hin und gibt ſich ſolche Mara⸗Töne, eine ſolche Diskanthöhe, unbegreiflich wachſend aus einer ſolchen Baßtiefe, und dabei ſo unerhörte Fertig⸗ keiten, daß er die ganze weibliche Zuhörerſchaft, zu warmem Brei auf den Seſſeln zerfloſſen, vor 8 ſich ſieht, und daß ſogar die Männer fallſüchtig durch einander zucken und einige vor horchendem, ſaugendem Anhalten des Athems gar erſticken, wor⸗ auf er ſelber ſo ruhig, als hätt' er nichts verrich⸗ tet, nach Hauſe geht, umn da von den nachgelau⸗ fenen Belannten mit Be ewunderung ſich umringt zu ſehen.— Rücken verſchiedene mit Ruhm be⸗ deckte Heere ein, welche die Stadk zu toll an⸗ ſtaunt: ſo iſt er auf der Stelle(in ſeinem Kopfe) ein außerordentlicher Held⸗Rieſe, entweder Pan⸗ tagruel der Sohn, oder Gargantua der Vater, oder Grandgouſier der Großvater, kurz ein Ge⸗ neraliſſunus der Welt, und geht als ſolcher den Heeren blos allein(ſtich⸗ und ſchußfeſt an Achilles Ferſe und Sigurds Schulter): ganz gelaſſen mit ſeinem mähenden Degen in der Rechten entgegen, dabei doch ſich mehr auf die Linke einſchränkend, womit er Mann nach Mann blos aus einer Com⸗ pagnie in die andere überſchleudert. Auf gleiche Weiſe ſtellt ſich der Bauherr von Aetherſchlöſſern bei allen großen Gemälden, Büchern, Jagden, Rieſen, Zwergen die Wirlung vor, die es hätte, wenn er Coloſſäa lieferte, wogegen jene zu elen⸗ den Fuggereien einkröchen. Und wer unterließ 75 die weniger als Marggraf? Solche Aetherſchlöſ⸗ ſer werden aber ohne Baugerüſte und Baurech⸗ nungen— blos mit eigenen ausgedehnteſten Bau⸗ begnadigungen— aufgeführt, ſo hoch man will; (denn wie ſchon Luftſchlöſſer größer ſind als Berg⸗ ſchlöſſer, da der Luftkreis 15 Meilen höher über dem Erdkreis ſteht, ſo noch mehr Aetherſchlöſſer, weil Aether die Luft einſchließt und ſchrankenlos überſchwellt);—— ohne zähen Wunſch der Er⸗ füllung, ohne Neid und Gier— noch leichter als einen Traum, den man nicht palingeneſieren kann, ſieht man ein Schloß entfliegen, das jede Minute ſchöner nachzubauen iſt. Kurz dergleichen Aether⸗ bauten bleiben nach Bauverſtändigen unter allen Werken die harmloſeſten, ſelber die der Liebe und die Außenwerke der Feſtungen nicht ausgenom⸗ men.—. Als der Apotheker auf dem Lotterbette lag, ging er, wie gedacht, an die Baute des Aether⸗ ſchloſſes, indem er daſſelbe(wie Menſchen pfle⸗ gen) auf ſein fertiges, feſtes Luftſchloß, zu wel⸗ chem er durch die Edelſteine in der Diamantgrube längſt den Grundſtein gelegt, aufſetzte, da Luft 76 den Aether leicht trägt und beide zuletzt in einan⸗ der verlaufen. 7 «Wenn Er wüßte, Defektuarn, fing lang⸗ ſam Marggraf an, was für Himmelfahrten ich s mir jetzo im höchſten Grade leohaft denke, ein ganz himmliſches Leben für uns beide, welchem « gegenwärtig nichts fehlt, als daß es noch nicht s da iſt, ſondern erſt mit den Diamanten kommt; aber wie wollt' er das wiſſen, Stoß?»— & i! Ob ich's weiß oder nicht, ein ſo «himmliſches Leben ſucht ſeines Gleichen und « war von jeher mein Leben», verſetzte Stoß, und gerieth vor dem Apotheker in acht oder neun mimiſche Entzückungen über einen durchſichtigen Himmel, welcher gar nicht genannt war, ge⸗ ſchweige gewölbt, noch geſtirnt. «Mein Stoß, ſagte Nikolaus, wenn Er a ſich beſonders verwundern will, ſo muß Er erſt d hören, wie ich mir alles deutlich ausmale, was ich genöſſe, wenn ich ein regierender Herr würde und eine Krone betäme und meinen Zepter da⸗ zu. Eine Unmöglichteit wär' es am allerwenig⸗ s ſten. Wenn man Premislauſe im Böhmen vom Pfluge wegnimmt und zu Königen aushebt;— 71 swenn Pizarro's, die nicht einmal leſen und „ ſchreiben können, ſtatt der Schweine Reiche der «Inlas zu hüten und zu regieren bekommen und Lima zur Reſidenzſtadt;— ja wenn gar La⸗ « kaien, wie ich gewiß geleſen*), blos darum zu « Fürſten emporgeſtiegen, weil ſie vorher unehe⸗ «liche Kinder derſelben geweſen und zu ehelichen s legitimiert geworden: ſo iſts ja noch natürlicher, cdaß zu einem Apotheler, als dem viel edlern « Weſen zuerſt gegriffen wird und er auf den Thron «geſetzt, der ihm vielleicht aus mehr als einem atriftigen Grunde gebührt.— Jedoch was iſt «denn dieß? Kennt Er, ich bitt' Ihn herzlich, den Didius Julianus? & Au voleur! Ich mag den närriſchen Men⸗ « ſchen kennen oder nicht, ſo bleibt doch alles wahr, « was Sie von ihm ſagen wollen.» « Didins lebte zu ſeiner Zeit im großen rö⸗ — *) Ein Lakai des Marquis de Capegna wurde anfanas des vo⸗ rigen Jahrhunderts vom neapolitaniſchen Furſten Brancac- cio. der keine ehelichen Erben hatte, auf einmal als ſein unehelicher gerufen, dann zu einem ehelichen legitimtert und endlich zum Fürſten erklärt. Theatr. Europ. T. XVII. S. 346 des Jahrs 1705. «miſchen Reiche und erſtand, als eine Prätoren⸗ « Kohorte*) von 15,000 Mann daſſelbe öffentlich verſteigerte, das ganze lange Kaiſerthum um 1300 Thaler, an jeden Mann 15,000 mal zahl⸗ abar; wurde jedoch baldigſt ſammt ſeinem ge⸗ c krönten Haupte enthauptet, als Septimius Se⸗ « verus ſich die römiſche Kaiſerkrone von ſeinen Soldaten zuſchlagen ließ, weil er mehr geben «konnte, nämlich 2600 Thaler jedem. Wenn Er anun bedenkt, wie außerordentlich groß das rö⸗ s miſche Reich— weit ausgedehnter als ganz Eu⸗ «ropa, wegen ſeiner andern einverleibten Welt⸗ a theile— geweſen gegen eine kleine deutſche « Marggrafſchaft, die ich ja zu jeder Stunde mit einem tüchtigen Diamanten bezahlen will: ſo wird « Er wiſſen, Stoß, von was die Rede iſt. Jetzo « ſind vollends die Zeiten, wo mancher Thron, weil alles unten um ihn herum rebellieret, für Geld zu haben iſt, und ich klann Königen, die «ihren abſtehen, dafür vielleicht etwas bieten, wenn es dort im faulen Heinze zu etwas lommt.) *) Er will ſagen Prätorianer. 79 Der Stößer ſchnapyte heftig mit der Tiegel⸗ zange auf und zu und ſagte entzückt:«Peste! «darin kommts freilich zu'was. Und daß Sie «in drei Kuchen auf einmal Bohnen önig gewor⸗ den*), das muß manches bedeuten. Aber was «wollen wir lange paſſen, wir lönnen ja König s werden ohne einen Heller Diamant, da Sie doch, swie jeder hofft, ſo gut ein ächt fürſtliches Hu⸗ renkind ſind, wie der Bediente vorhin, der's Sauch bis zum Fürſten gebracht.— Aber freilich brauchen thu' ichs ſo ſehr wie Sie; ich muß &ganz neu herausgelleidet werden vom Stiefel bis «zum Kopf— betrachten Sie nur, was ich an & Sonntagen anhabe, und an Werleltagen bin ich « gar ein Haderlump. Peste! wenn ich daran &denke, wie Sie mich Hallunken ſo gnädig aus⸗ *) Wer unter dem am h. drei Köniatage gebackenen Kuchen den einzigen trifft, worin eine B ohne ſteckt, wird der Kö⸗ nig des Feſtes Warum man die Bohne zum Kronen⸗Di⸗ plome wählt, ob, weil die Alten mit ihr verdammten, oder weil ſie den ſchweigenden Pythagoräern unleidlich, oder weil ſie ſchwer verdaulich war und dem Denker durch Blähen ſchadete, dieß bedarf nicht der geringſten Unterſu⸗ chung, da ein Kuchenbäcker an all dergleichen gar nicht denkt. aſtaffieren werden, ſobald Sie in Gold und Sil⸗ aber ſtecken— haben mir ſchon jetzo ſo viele Kleinig eiten ſpendiert, wo Sie ſelber ſchmal biſſen und nichts hatten.» « Leg' Er mir— ſagte Nikolaus— noch « das Fußtiſſen unter das Kopfliſſen, ich liege zu «tief.— Aber um Gottes willen, wer von uns «ſpricht denn davon, daß ich heute oder morgen, «dir nichts mir nichts, ein regierender Fürſt wer⸗ & de? Hör' Ers beſſer, daß ich mir nur recht «lebhaft vormalen will, wie es ſtände, wenn ich «den Fürſtenmantel umhätte. Und da geſteh' ich « gern voraus, daß ein Paradies, ſo viel ich ſehe, &in das andere führt und des Guten, das ich ſo⸗ & wol’ ſtiften als genießen kann, gar kein Ende LKiſt. y Hier rieb ſich 2eae Hände vor Luſt, vor möglicher. Aber bild' Er ſich doch nicht ſofort ein, ich « werde im Fürſtenmantel Ihn mit jeder Kleinig⸗ c leit anſingen, die einen Fürſten ſo groß macht, &und wie warm ich mich z. B. ſchon in der Wiege «betten würde als Fürſt; denn ich hätte als Kind « meine Orden und Regimenter und einen Hof⸗ 81 « ſtaat— es beſteht aber ſolcher aus einem Ober⸗ hofmeiſter, zwei Kammerherren, einem Kam⸗ «merheizer, einem Tafeldecker und Thürhüter—» &,0! Sacre! das wäre!» rief Stoß. &Was wäre, verſetzte Nikolaus, da ich die « fürſtliche Kindheit längſt verabſäumt? Aber dieß « will ich mir denken, was ich als Fürſt genöſſe, wenn ich mich ſo recht herunterlaſſen könnte bis «zu jedem Bürgerlichen, und nun der Augen⸗ zeuge der unbeſchreiblichen Freuden wäre, wel⸗ «che ſo arme, vom Thronhimmel um ganze Him⸗ melleitern entfernte Teufel über einen ſo nahen « Fürſten empfinden müßten, gerade als ob ſie ei⸗ &nen hohen Fiyxſtern unten in der holen Hand hiel⸗ «ten. Welche Luſtſprünge würde Er z. B. ma⸗ achen, wenn Ich mit ihm— ich will Ihm nicht Keinmal Einen Groſchen ſchenken— ſo recht ver⸗ «traulich unterhielte, als kennt' ich Ihn ſchon &längſt!» Ganz natürlich, verſetzte Stoß, und hin⸗ Lterher ſteckten Sie mir doch viel genug in die & Taſche.» &Aber was iſt alles Herablaſſen eines Für⸗ &ſten, lieber Mann, gegen ein ordentliches In⸗ II. akognito deſſelben, das allein ſchon werth iſt, adaß man ein Fürſt wird, da Unterthanen ſich « keines Inkognito anmaßen dürfen, indem ſie ja «niemals ſo überall bekannt ſind als ein Fürſt.— «Da hab' ich denn ſchon früh in meinen Tölpel⸗ s jahren mir es lebhaft gedacht, wenn ich etwa ſo ain einem bloßen blauen Ueberrocke ohne Stern und Stein(denn ich will den Fürſten verſtecken) « in der erbärmlichſten Novembernacht in eine enge seinſtöckige Bettelgaſſe ſchliche, durch die mit Lumpen geflickten Fenſter hinein ſähe in die dam⸗ « pfende Stube voll Kinder in Viertelhemden, die sin die Kartoffelſchüſſel ohne Salz hineingriffen —— Dent' Er ſich doch einmal, ich bitt' Ihn, a hinein in die Sache, wenn Er nun in Seinem « Ueberrocke ohne Seinen Fürſten⸗Stern in die niedrige Stube ſchritte und ganze Hände voll auf a die Kartoffeln würfe„....... & Corbleu!— verſetzte Stoß. Aber doch snicht alle meine Dukaten würd' ich vor die Hun⸗ sgerleider ſchmeißen, ſondern viele für mich weg⸗ « ſtecken und ich ließe eben vorher fünf oder ſechs s wechſein fürs Bettelzeug.⸗ 83 aUm Gottes willen— rief Marggraf— wer ſpricht denn von Ihm und ſeiner Knauſe⸗ «rei. Damit Er aber nur einigen Begriff von « mir als Fürſten bekomme, ſo wollen wir Spaſ⸗ « ſes halber meiner fürſtlichen Leichenbeſtattung &nachfolgen.» & Schon vorher wird der ganze Hof ſchwarz &gemacht, von jedem Cavalier an bis zu den Zim⸗ «mern und Degen, und keine Perücke darf ſich «pudern. Den größten Höfen wird mein leider &zu frühes Abfahren geſchrieben. Ich ſelber liege Lin Sammt auf einem hohen Paradebett, neben &mir Kommandodegen, Zepter und Stab, und &werde ſtrenge von den vornehmſten Kammer⸗ «herren in ganz langen Trauermänteln bewacht; &dabei häng' ich noch als mein Porträt an der «&Wand, und ſtehe in Wachs geboßelt auf einem Seſſel, und bin oft genug da. Er kann ſich Lleicht denken, daß das ganze, in eine ſolche & Trauer verſetzte Land nach der Trauerordnung «weder ſchießen, noch tanzen, noch orgeln darf, &nur läuten, aber letztes in jedem Neſte eine & Stunde. Wem zu Ehren, glaubt Er wol, De⸗ &fektuar, daß eine ſo allgemeine Landtrauer an⸗ 84 b« geſtellt wird? Mir blos, Stoß, mir, der marg⸗ s gräflichen höchſtſeligen Leiche.» &᷑ Diable!— Wahrlich dieſe meine Naſe « gäb' ich drum, wenn mich der liebe Gott einen « ſolchen Tag an Ihnen und Ihrer Leiche erleben &ließe.» « Wenn ich mich denn auf dem Paradebette &mit meinen Armen ausſtrecke und mein ganzes Geſicht daliegt, ſehr weiß und etwas eingefal⸗ «len, und ich freilich die Augen zuhabe wie ein & Schlafender, aber doch ganz anders als in der Schlafzeit, nämlich zierlich gekräuſelt, gepu⸗ « dert und angezogen bin: ſo werden unter den «Unterthanen, die meinen Fürſtenglanz zu be⸗ &ſchauen kommen, ganz gewiß die einen und die « andern, wenn nicht gar alle, erſcheinen, welche « daran denken, wie oft ich mit den Armen, die nun ſo ſtarr ſind und lang, ihrentwegen umher « gegriffen zum Beſchenken, und wie ich mit den sjetzt unverrückten, ſchneeweißen Minen ihnen « ſonſt vieles Glück lächelnd zugeſagt und herun⸗ &tergelangt vom Throne; und wenn ſie dieß al⸗ &les ſo in der Seele zuſammennehmen, ſo wer⸗ « den wol viele vor Thränen kaum zu bleiben wiſ⸗ 8⁵ a ſen, weil ſie der armen Leiche nichts mehr ver⸗ s gelten können. Und ich möchte jetzt faſt ſelber aſo treuen Herzen nachweinen und mich vom Pa⸗ «radebette empor heben, wenn ich noch Kräfte « hätte und Verſtand, blos um die troſtloſen We⸗ sſen etwas aufzurichten und zu erfreuen.» «Das rührt wol einen Stein, Ihre fürſt⸗ d«liche Güte und Gnadey, ſagte der Stößer und ließ ſeine Thränen laufen, weil er die herrſchaft⸗ lichen ſah.—«. ſo ſei Er doch nicht allzunär— «riſch— ſagte Marggraf— Iſt denn ein Wort «wahr von allem und red' ich nicht hier mit Ihm? & Horch' Er lieber aufs Andere! Hierauf werd' ich nun— denn ich bin noch «lange nicht begraben— mit Sorgfalt aufge⸗ s ſchnitten und ſowol Herz und die Zunge, als «das Gedärm wird mir aus dem Leibe genom⸗ &men).... &Wer, fragte gelaſſen Stoß, darf ſich der⸗ „gleichen unterfangen? Sowol meine Leibärzte, als die Leibbar⸗ bierey, verſetzte Marggraf. Die impertinenten Hunde!— Und das swollen Sie mit anſehen, daß an Ihnen herum⸗ 85⁵ sgeſchnitten wird, wie an einem Stückchen Vieh? — Wo ſoll bei ſolchen Umſtänden der Reſpekt « und ein ehrliches Begräbnis herkommen, wenn «& die Leute einen vornehmen Prinzipal, wie neu⸗ «lich den Miſſethäter, zu einem Wurſtgehäck zer⸗ &ſchnitzen? Ein ſolcher Herr verdiente wol hun⸗ & dertmal in einem Tage ſein ehrliches fürſtliches «Begräbnis.— und wer darf ihn denn, wenn Wer todt iſt, noch tödtlich verwunden, da es bei &Lebzeiten keiner probiert und ihm nur einen Ohr⸗ & lappen abſchneidet?— Alle Peſt über die Be⸗ &ſtien!— So wollt' ich doch gleich...„ ſchloß eer und ſtampfte den Nachſatz mit dem Abſatze des krummgetretenen Stiefels heraus. Etwas höher muß ich noch liegen(ver⸗ ſetzte der Apotheler). Hol' Er vom Bett drau⸗ «ßen noch ein Kiſſen.— Aber, guter Mann, laſſ' Er ſich endlich beibringen, daß alles vom Hofe nur geſchieht, um mich, in mehre kleinere „ Ganze zerfällt, gleichſam heftweiſe in mehre Kirchen beizuſetzen; daher ſpannen ſie eben mei⸗ «nem bloßen Herzen, das über keine anderthalb Pfund Gewicht hat, vier Pferde vor, die es in «.die Kirche ziehen, welcher dieſe beſondere Aus⸗ 87 «zeichnung widerfahren ſoll; übrigens begegnet «mir, wenn ſie alsdann auch das Gehirn und &das Gedärm beſonders beſtatten, weiter nichts «größeres, als was dem Kaiſer Leopold erwieſen „ wurde, deſſen Herz und Lunge man in einem «goldenen Becher, überſchrieben: cor. Leopoldi «primi Romanorum Imperatoris mortui die «& Maji 1705, in die Lorettokapelle beiſetzte, das Gehirn und Gedärm aber in der Hofkapelle in Leinem vergoldeten Keſſel mit der Umſchrift zur Ruhe brachte: Intestina Leopoldi etc.» Wird auch einmal,„ fiel der Stößer ein, Leine beſondere Auferſtehung geben, wenn der &Todte ſeine Siebenſachen aller Orten zuſammen⸗ cſchleppen muß und ſein Hirn bei dem einen Ka⸗ «pellmeiſter liegt und ſein Herz bei dem andern. Ih Fi!, Jetzo lieg' ich endlich(Er ſtört nur ſtets) «zum Beiſetzen in die Fürſtengruft ganz fertig da. «&Wenn ich nun, da mir ja das Schönſte zu wäh⸗ «len freiſteht, annehme, ich ſtinke ſo ſtark wie andere gekrönte Leichen im Verfaulen: ſo erhalt' Lich gleich mehren Fürſten die Gelegenheit, zwei⸗ 88 mal begraben zu werden, gleich wie man die &franzöſiſchen Fürſten zweimal tauft.„ &Wie oft werden denn Kaiſer und Reich und Kandere Churfürſten eigentlich begraben, wenn «ſchon Herzen und Gehirne ordentlich zur Ruhe «&Lgebracht worden? fragte Stoß. Heiliger Gott! verſetzte Marggraf, hier Liſt ja mehr von Särgen die Rede, wovon der Leine volle mit dem ausgeweideten lleeren Leibe &ſtill von den Hofkavalieren an Tellertüchern kann Leingeſenkt werden; es iſt dieß keine Einbildung, „ſondern im deutſchen Hofrechte von Friedr. Karl &von Moſer, erſter Band 1761, gegründet und Lerzählt, daß Tellertücher durch die Sarggriffe «gezogen und ſo die fürſtliche Leiche langſam von «den Herren hinabgelaſſen wird. Aber die Haupt⸗ &ſache bleibt immer der leere oder Paradeſarg; «wovon einmal ein zinnerner in Wien(nach Hrn. «von Moſer) 42 Zentner wog und in Kupfer «geſtochen herauskam mit vielen Beſchreibungen. Jetzo aber wollt' ich, Er ſähe lebhaft die tiefe «Trauer um mich— den Leichenwagen mit einem Doppelpoſtzug— und die getragenen Schlep⸗ «pen ſowol der Trauermäntel als des Leichentuchs, gund wie die Stangen des Thronhimmels zwar «von vornehmen Kammerherrn fortgebracht wer⸗ den, aber deſſen Schnüre von noch vornehmern 8— wie Pferde gar nicht geritten werden, ſon⸗ «dern geführty—— Morbleu! All' die Pracht!„ ſagte Stoß, und klatſchte auf die Knie. «Und da gibts keine Wachskerze, keinen He⸗ «roldſtab und Pferdeſchwanz und nichts, um das Enicht Boy gewickelt wäre— und da hört Er „gedämpfte Trauertöne und gedämpfte Pauken «.und Kanonaden und Salven bei der wirklichen Einſenkung,—— «&Wie dämpfen ſie denn die Kanonen und die Salven? fragte Stoß. Ich ſoll es erſt noch hören;— durch Pul⸗ «ver vielleicht. Du vergißt aber über den Bet⸗ «tel das Trauerpferd mit den prächtigſten Dia⸗ «manten am Schwanz, und das Paar Caxvaliere, « die es führen. Schaue noch ſchärfer im Zuge Lauf das Freudenpferd hin, ein herrlicher Sprin⸗ «ger, die rothe Schabracke ganz mit Gold und &Diamanten durchzogen, und der Reiter darauf, «mit ſeinem emaillierten Harniſch und vergolde⸗ F 90 aten Helm und ſeinem Degen in der Rechten, ſticht allen in die Augen und courbetiert... ich wollte, ich ſäße darauf und paradierte!» «Coquin! ſagte Stoß. Das iſt gerade «mein Gedanle. Aber warum ſprengt denn der & Goldmann jetzo mitten unter die gedämpften und .geflorten Leute und Sachen'nein 2 caVEr will nur auf dem Pferde die Empfindun⸗ «gen eines Thronfolgers ausdrücken und es zeigen, «wie ſich ein ſolcher darauf freuet.„ Das könnte aber der Narr, verſetzte Stoß, «Lheimlich in ſeiner Stube verrichten und die Trauer⸗ «leute nicht ſo mitten in ihrem beſten Betrübtſein Laufhalten. Meinetwegen reit' er in die Hölle, Lich ſeh' ihm nicht nach.» «& Stoß! Nichts wird aufgehalten; denn ohne Gränzen dauert der Jammer um mich im gan⸗ zen Lande fort und alle Freuden ſcheinen mit mir «wie vergraben; und an ſechs und vierzig Leichen⸗ «predigten über mich in Regal⸗Folio(ſo viel er⸗ «lebte Churfürſt Auguſt I. von Sachſen nach ſei⸗ «&nem Hintritte) werden mit Kupfern und Sammt⸗ «&bänden an alle freundſchaftliche Höfe verſchickt— & damit ſie es leſen, wie man mich auch nach mei⸗ 91 «nem Tode lobt und erhebt— und jeder Menſch «von Geburt und Hof trägt wochenlang ſeine cſchwarzen Strümpfe und Degen, und angelau⸗ «fenen Schuhſchnallen und brennt ſich vor dem neuen Fürſten, ſo zu ſagen, nur langſam weiß; «ja ein Trauern um mich vorigen Landesherrn «wird ſo hoch gehalten, daß nur höchſter und ho⸗ &cher Adel und Staatbeamter ſich deſſelben erfreuen, 3 gemeines Bürgerweſen hingegen ſich von jeher keiner öffentlichen Traurigkeit um mich unterſte⸗ &hen dürfte.„ &Der Donner! So ſtehts?— Ich denke aber, ich kann ſo gut über Ihr dummes Ster⸗ «ben vor der Zeit mich ablamentieren, als irgend Lein anderer Flegel von Adel, und keiner ſoll «mirs wehren, wenn ich kohlſchwarz gehen will &von der Gurgel bis zum Knorren; ein redlicher «& Defektuarius kann wol ſo gut ſeine Paar Ellen «Flor um den Arm ſpuhlen, als ein Referenda⸗ «Lrius, und läßt ſeine Schnallen ſchwarz anlau⸗ «fen. Iſt denn ein verſtändiger Stößer ſchlech⸗ Cter als ein dummes, viehiſches Reitpferd, das «bis an den Hintern in Flören ſtecken darf, und das doch ſich nicht ſo viel aus höchſtſeeligen Kö⸗ nigen macht, als ſein Reitknecht? So haben «uns die großen Hanſen ſchon die beſten Luſtbar⸗ «keiten genommen, nun wollen ſie uns noch um ein Paar Trauern bringen. Mir komme keiner; cæauf den öffentlichen Viehmarkt ſtell' ich mich hin Lund heule bitterlich und ſchwenke einen langen 4 Flor am Hute und ſchreie aus: Lja, ja, ich «trauere gleichfalls, mir nichts, dir nichts, ich akenne meinen Herrn Landesherrn wol länger als «ihr alle, ſchon als er noch als armer Prinzipal Kauf dem Kanapée lag, und es iſt, als ſeh' ich Lihn noch vor mir.» «Das thut Er ja ohnehin. Mehr Kiſſen! Ich muß viel höher liegen. Mach' Er nur nicht «. ſo gar viele Umſtände,— als ob ich Ihn nicht «vor meinem Hintritte dermaßen adeln könnte, «&daß Er ſo traurig und ſchwarz erſcheinen kann, wie nur irgend ein Mann von Geblüt? Und cſollt' ich vollends— wer kanns wiſſen— gar «wie Karl der Große*), bei lebendigem Leibe «meine fürſtliche Leichenbeſtattung feiern, um ſel⸗ «ber etwas mit Geſundheit zu genießen: ſo ſeh *) Er meint Karl v. * 9³ Lich ohnehin auf Ihn beſonders und ich verſpreche Ihm(halt' Er mich beim Wort) jede Hoftrauer «um mich zu exlauben, die Er nur wünſcht.„(Hier küßte der Stößer ſich beide auf den Mund gelegte Hohlhände.) «Aber, mein Freund, dieß alles iſt nur hoch⸗ Afürſtliche Beiſetzung; jetzo betracht' Er erſt hoch⸗ «fürſtliches Beilager, das lange vorher zu halten «iſt, und ſag' Er mir, wie Ihm wird nach dem Vorigen. Denn mein erſter Blick vom Throne Lcherunter wird, nach einem fürſtlichen Brautbette «geworfen. Freilich Ein Fürſtenglück wird mir «dabei abgehen, nämlich, daß ich, wie andere «& Kronprinzen, ſchon in meiner zarten Kindheit «mit einer äußerſt blutjungen Prinzeß wäre ver⸗ «.lobt geweſen. Indeſſen, Stößer, bleiben himm⸗ &.Lliſche Prinzeſſinnen, die man erſt in ihren zwölf⸗ «ten, dreizehnten Jahren anzubeten bekam, auch Cnoch reizend, ja reizender und lieben gern Ge⸗ «Lliebte. Solche können jetzo neunzehn Jahre alt «ſein und auf Reiſen.... Stößer, bild' Er Eſich nur nicht aus Einfalt ein, daß Er mich ver⸗ «ſteht).... Ich dachte, was mich biſſe,„ antwortete Stoß.—&Steck' Er,„ fuhr Niko⸗ laus fort, lieber alle Kiſſen auf einmal unter, «ich will ganz aufrecht liegen... Ich muß Fetwas haben ſchildern wollen, Stoß!— Ja, «&das Beilager gekrönter Häupter. Wir wollen «nur etwas davon nehmen, da wirs in der heu⸗ Ltigen Nacht doch nicht durchbringen. Wahrlich, “der Himmel ſind zu viele unter einem Thron⸗ «himmel und Betthimmel, wenn man nur vom Lüberreichen Bilde an, das der hohe, nie geſehene Bräutigam, mit zahlloſen Diamanten „geſtirnt, an die eben ſo hohe Braut ablaufen Lläßt, bis zum Vor⸗Beilager deſſelben durch ei⸗ «nen Geſandten zählt 1 « Ich möchte ordentlich meinen eigenen Ge⸗ «ſandten und Bevollmächtigten ſelber vorſtellen, «und als ſolcher(ſo fordert's Etiquette hoher «Häupter), mit Einem Arm und Einem Fuße im «& ˙Harniſch, ganz öffentlich beiliegen im Braut⸗ bette neben dem Schwerte, das mich von der Landern Puissance, von der hohen Braut, ge⸗ hörig abtrennt, die neben der Schneide deſſelben «unbeſorgt ruht. Wenn ich nun gleich darauf «aus einem bloßen Selber⸗Plenipotentiarius 95 «mich auf einmal in den wahren Entrepreneur &vom hohen Haupte ſelber umſetzte und als Fac- totum oder Fac-simi'e aufträte, denk' Er ſich die Sache und ſei er ganz ſtill.„ Bin ich nicht ſtill und verſteh' ich ein Wort «vom ganzen Handel?„ fragte Stoß. & Nachher kommen, das verſteht Er gleich, «kleine unſchuldige Feſte, welche hohe Häupter „ſeit Jahrhunderten einige Tage nach Beilagern «& zu begehen pflegen, und worunter ich mich be⸗ &. ſonders auf die ſogenannten Bauernhochzeiten und « Wirthſchaften freue.» „Der hohe Bräutigam ſtellt einen rohen Bauer vor, und die ſo liebliche Prinzeß ſeine bäuriſche Braut, und jeder Hofmann macht den Lnöthigen Landmann dazu. Da wird denn von «Lhölzernen Tellern geſpeiſt und aus hölzernen «Schleifkannen getrunken, freilich lauter mastirte * Delikateſſen ſinds. Hatte nicht der däniſche Hof «ſogar ein beſonderes Dorf bei Kopenhagen lie⸗ «gen, Amack genannt, wo die königlichen Herr⸗ «ſchaften jedesmal Nordholländiſche Bauern wur⸗ 96 aden und nach den elendeſten polniſchen Böcken oder Dudelſäcken tanzten?»*) «Helas! nach dem Dudelſacke kann jeder «& Menſch und jeder Bock ſpringen, der auch keine „Herrſchaft iſt. Was weiß Er von Fürſten, die «ſich herunter laſſen wollen? Ich treibe aber (— hier drehte der Apotheker die Beine vom Ka⸗ napee herab—) chochfürſtliche Luſtbarkeiten in «meinem Geiſte noch viel weiter, und ſtatt der «Bauern können Honoraziores geſpielt werden, 4 und deſto mehr ergötzen. Wie, wenn das hohe «Brautpaar z. B. ſtatt der Bauernwirthſchaft ceine Apothekerwirthſchaft wählte? Neueres kenn «ich in dem verbrauchten Fache nichts. Stell' Er ſich vor, ich ſtellte als Fürſt einen Apotheker «vor, die Fürſtin meine Frau, und Er(denn Er bleibt bei mir) einen Stößer!— Gott! «Stoß, wenn wir alle dergleichen würden!!„ rief der Apotheker und ſtellte entzückt ſich auf die Füße. *) Einleitung zur Ceremoniel-Wiſſenſchaft der großen Herren x, von Julio Bernhard von Rohr: 1729, Seite 825. 97 &Goddam! verſetzte Stoß, jetzo ſind wirs Lſchon freilich nur ſo im Ernſte, aber wenn wirs Ceinmal gar zum Spaße wären, O Ventre saint &gris 1» Da Marggraf einmal zu Fuße war, ging er zu Bette und übergab ſich luftigeren Träumen. Beide ſahen den erſten Diamant ſchon darum am künftigen erſten Jahrmarkttage ſo gut als in ih⸗ ren Händen, weil ſie ſich über dem Verbrauch deſſelben ſo deutlich und freudig verſtändigt hat⸗ ten. Ein gutes Paar Geiſter! Jeder wechſelnd der Gläubiger und der Gläubige des andern. Der Apotheker ſteht als überreife Aehre da, auf wel⸗ chen der Stößer als ein Samenkorn ſchon aus⸗ ſchlägt und keimt, ohne andere Wurzelerde zu ha⸗ ben, als eben die Aehre ſelber; oder, in einer mehr außereuropäiſchen Metapher, Marggraf ſenkte als Lianenbaum den Stößer als einen Aſt von ſich in den Boden nieder, damit dieſer wieder dar⸗ aus aufwüchſe zu ihm heran und wieder herab und hinauf. Jeder war die Halbkugel des frem⸗ den Himmels, und ſo klebte ſich aus beiden ein ganzer zuſammen.—— Deſto begieriger iſt man II. 72 98 auf die nächſten Kapitel, wo ſich ſo viel für das ganze Buch, ja für das ganze Leſepublikum ent⸗ ſcheiden muß. 8 Nachſchrift. Es wird vielleicht geſchickter hier, als ſpäter, wo man vor lauter wichtig⸗ ſten Ereigniſſen kaum zu ſich und zu Wort kommt, von mir aufgeklärt, warum der Stößer ſo ſehr franzöſiſch flucht und ſchwört. Da er nämlich ganz und gar kein Franzöſiſch verſtand, und doch immer deutſche Leute um ſich ſehen mußte, wel⸗ che, ohne ein Wort mehr davon zu verſtehen, täglich Briefabſchriften— Beſuch⸗ und Abſchied⸗ blätter(pour faire visite, et pour prendre congé en personne)— Billets de Concert— Hausthürüberſchriften(au noble jeu de Billard) — und dergleichen in beſter franzöſiſcher Sprache ſchrieben: ſo wollt' er ihnen auch nicht wie ein Narr nachbleiben, ſondern ſich angreifen und die Schreiber überflügeln durch vieles franzöſiſche Sprechen. Er ſchnappte und pickte daher jeden franzöſiſchen Fluch, Schwur und Schimpf, wel⸗ cher Deutſchfranzoſen von Stande, oder gemeinen Franzoſen im Deutſchſprechen entfuhr, ſorgfältig 99 auf, ſammt der beſten Ausſprache, die er nur hörte, und hielt die Wörter vorräthig für den täglichen Gebrauch. Die Wahl grade der Schimpf⸗ und Fluchwörter war gut; denn da nach einigen Philoſophen, z. B. Herder, die ganze Sprache mit Ausrufen anfing und dieſe überhaupt am häu⸗ figſten einzuflechten ſind— daher ſchon der Staar durch Fluchen und Schimpfen aus Dichtkunſt in Sprachkunſt, aus dem Vogelſange in die Men⸗ ſchenproſe übergehen muß— ſo ſetzte Stoß ſich dadurch in das Anſehen eines Stößers von Welt, der ſich auszudrücken weiß. Nur konnt' er mit⸗ ten in ſeinem Sprachreichthum nicht das Vergrei⸗ fen in den Flüchen und Schwüren vermeiden, ſon⸗ dern pflegte oft diable auszurufen, wo Mon dieu nöthig war, oder à merveille, wo Fi, oder au voleur, wo plait-il erwartet wurde, was aber weniger auf Rechnung ſeines Herzens, als ſeiner gänzlichen Unkunde aller Gallizismen zuzuſchrei⸗ ben iſt. Aber über den Misbrauch von Goddam iſt er doppelt entſchuldigt und zwar durch ſeine doppelte Unkunde engliſcher und franzöſiſcher Sprache zugleich. Er hatte dieſen ſchönen engli⸗ 100 ſchen Fluch wol hundertmal von einem Pariſer Atheiſten der Revolution gehört, und konnte ihn alſo wol nicht anders als für einen franzöſiſchen nehmen. Anin ee⸗ 8 V 101 22————————————êℳê————V— Fuͤnftes Kapitel, worin am erſten Jahrmarkttage Neueſtes vorgeht mit Diaman⸗ ten— mit Drachendoktoren und ihren unterſuchten Apothes ken— und mit Doktordiplomen. 3 B Am erſten Markttage des ſogenannten Frühling⸗ marktes früh Morgens mußte nach Marggrafs be⸗ ſter Rechnung der erſte fertige Diamant im chemi⸗ ſchen Ofen erſcheinen und ſcheinen, und zwar ſol⸗ che neue Wunder darin thun, als mir noch nie unter den alten vorgekommen; dieß alles weiß je⸗ der voraus, der die vorigen Kapitel nur im Vor⸗ beigehen geborgt und geleſen. Auf den Abend des Diamantfundes hatt' er ſeine halbe Baſen⸗ und Vetterſchaft zu einem großen souper fin ein⸗ geladen, um ſich allen als friſchen Kapitaliſten zu zeigen. Das Geld zur Bewirthung wollt' er heute 102 ſeinen drei Schweſtern ſogleich nach dem Verkaufe des Edelſteins reichlich in die Hand werfen. Ver⸗ geblich hatte ſeine Schweſter Libette vorgeſchla⸗ gen, etwan den vierten oder fünften Markttag zu ſeinem Glanz⸗ und Gaſttage ſich auszuſtechen, weil ſie hoffte, bis dahin ſei ihm die Goldkocherei verſalzen und dann ohnehin jede andere Kochma⸗ ſchine zurückgeſtellt. Aber eine Art von Ueber⸗ muth, der ordentlich durch das ſtärkere Setzen auf Eine Karte vom Schickſale das Gewinnen erzwin⸗ gen will, ließ ihn, wie früher den Wechſelſchrei⸗ ber, ſo jetzo den erſten Markttag behalten. Hier muß ich der Leſer wegen, die ſonſt auf dem Romer Jahrmarkte geweſen und nur zwei Meßtage kennen wollen, bemerken, daß ſie Recht haben, daß aber der Landhauptmann dem Geiſte und Körper der Zeit nach Vermögen ſolgte, durch Vermehrung der Markttage und durch Verminde⸗ rung der Feſttage. Wenn jetzo auf der einen Seite Anhaſtn und nahhethahs in den Salnka⸗ ſie. ſcheint es, den wahren Sonntagen gleich ſchätzen—; und wenn der dritte Feſttag in den erſten und zweiten hineinzieht und ſich darin un⸗ 103 geſehen mit begeht— ob es gleich noch viel wei⸗ ter zu treiben und nach dem Muſter des Allerſee⸗ lentags eben ſo gut ein einziger Allerſonntagetag für das ganze Jahr anzuſetzen wäre—: ſo hält man ſich wieder ſchadlos, daß man auf der an⸗ dern Seite die profanen Meß⸗Börſentage deſto mehr ausdehnt, und ſie mit einem und dem an⸗ dern Nach⸗ und Vorſchabbes verſtärkt und durch Meßwochen uns die ſtillen oder Charwochen ver⸗ gütet, an welchen ohnehin nur der Handelgeiſt der Zeit gekreuzigt und verrathen wird.—— Am frühen Morgen ging Marggraf lang⸗ ſam die Treppe hinab zum chemiſchen Ofen und betete unterwegs unter dem Frühgeläute und ſah ſich überall nach kleinen zufälligen Wahrſagereien ſeines Glücks oder Unglücks um. Vor dem Ofen ſaß ſeit Nachmitternacht der Stößer und reichte ihm die Tiegelzange zum Herausheben des großen Werks und ſah hoffend genug aus. Der Edel⸗ ſtein wurde aus ſeiner Kohlenmutter in einen Kühl⸗ ofen gebracht, und Apotheker und Stößer warte⸗ ten die Abkühlung zum Prüfen ab. Endlich wurde er der Klingenprobe unterworfen. Der Stein ließ ſich ſo gut an, daß er faſt alle Fehler zeigte, 104 die ein ächter Diamant nur haben kann; er war unförmlich wie die ſogenannten Käſeſteine unter den Diamanten— er hatte viele gelbe Knoten und mehr als eine Ritze— er hatte Körner oder Points, die das Schleifen hindern er hatte jene grauen matten Stellen, die der Juwelier an Dia⸗ manten Gensd'armes nennt. Allein das weniger Angenehme bei dem Funde war, daß er von den Tugenden eines Diamants keine vorzeigen wollte; — die Feile ſchnitt in ihn— er mit ſeinen Kanten ſchnitt in nichts— in Vitriolöl konnte man ihn zwar kochen, aber zu ſeinem größten Schaden— er war weder vom erſten, noch zweiten, noch dritten Waſſer— und als ihn Marggraf leicht mit dem Hammer ſchlagen wollte, zerfuhr er gar in ſo viele Stücke, wie früher Pohlen und gleich dieſem und ungleich dem ächten Diamant, in un⸗ ähnliche Theile.*)“ Der Apotheker ließ vor Ohnmacht den Stun⸗ denhammer ſeines Unglücks ſich auf die Fußzehen 4 *) Die Stücke, welche vom Diamant unter dem Brennſpiegel aobſpringen, behalten völlig Figur, Eckflächen und Spitzen des Ganzen bei. Krünitz Enzyklop. B. 9. Diamant. fallen, welche gleichfalls in Ohnmacht lagen und nichts verſpürten. Der Stößer Stoß, welcher bisher den Ankerproben des Edelſteins ſchweigend und blos mit einem langen aufzuckenden Farben⸗ klavier auf dem Geſichte, zugeſehen hatte, fuhr bei dem tödtlichen Hammerſchlage mit ſeinem Agi⸗ takel(eine hölzerne Keule zum Pflaſtermiſchen) heftig in die Höhe(weil er ſich verwundern wollte) und gefährlich bei den Schläfen ſeines Herrn vor⸗ bei und ſagte: gſo iſt alſo unſere ganze Herrlich⸗ ckeit ein Hundedreck aus album graecum!y &Defektuar!»— hob Nikolaus gelaſſen an —„wenn Er mich jetzo mit ſeiner Keule ermor⸗ „den oder ſonſt von der Welt wegraffen wollte: «ſo hätt, Er ein gutes Herz, und der ſataniſche «Teufel hätte mir nichts mehr an und ich wär' Lin meiner Ruhe. Er ſieht nun an mir einen ar⸗ «men geſchlagenen Mann vor ſich, einen tauſend⸗ &mal geſchlagenen Mann. Stadt und Land rot⸗ Ltieren ſich heute zuſammen und pfeifen mich aus; «Vettern und Baſen ſtellen ſich ein und ſchauen „Abends zu, wie ich aus der Haut fahre vor 8 Elend— und zeig' ich mich öffentlich, ſo ſteh Lich vor der Welt wie ein ganzer, vom Kopf bis 106 zum Fuße langer Poder da. Ach großer Him⸗ „ mel! noch erſt vor ein Paar Tagen ſah ich ſo dhoch von Thronen auf Romer und Hohengeiſer 8 cherab— Und jetzo ſitz ich da..., Er kann a nun auch paſſen, bis er neu gekleidet wird und aus ſeinen Lumpen kriecht—— O Gott!(rief er und ſchlug mit geballten Händen in zwei Tro⸗ pfen der Augen)«wie hätt' ich alle Menſchen zu « Ehren bringen wollen, und in die größten Freu⸗ «den ſetzen, wäre mir das verdammte Diamant⸗ « Machen gelungen.— Ach erbarmender Heiland! — Hat Er kein Sacktuch?» Stoß ertrug gern und viel von ſeinem Vor⸗ geſetzten Stoßwinde des Zornes, es ſei in Schelt⸗ worten oder in wirklichen Stößen, Launen, Be⸗ fehlen, ja glles; aber Thränen deſſelben hielt er nicht aus, ſondern er ſchnauzte ihn dann ohne weitere Rückſicht an: De iſt— verſetzte er— « der Lappen.— Alle die Wetter, wenn Sie « freilich ein Mann wären, der nur für einen Hel⸗ «ler Verſtand beſäße, in der Sache jetzo näm⸗ «lich: ſo dächten Sie nach und guckten in den «Ofen. Iſt denn unſer mittlerer Diamant ſchon fertig, oder gar unſer größter? Und iſt der ——:—242.—— 107 « größte nicht dreimal mehr unter Brüdern werth, &als der lumpige, winzige, der noch dazu unächt Liſt? Und ſagen Sie nicht ſelber immer, der wird erſt gegen Abend gahr?—» & Gott gebe dergleichen—» verſetzte Niko⸗ laus, gemildert durch den Gedanken, daß ſein Aufbrauſen, als eine Sünde, die chemiſchen Pro⸗ zeſſe der übrigen Diamanten ſtöre— vor der « Hand ſtampf' Er ſeinen Arſenik dort klar, da &Er doch jetzo nichts anderes zu thun haty— und er klaubte gebückt unter Thränen, die ungeſehen fielen, die Splitter von dem Vor⸗Diamanten auf. Der Diener aber ſuchte ſeinen Herrn durch ein beſonderes Geſtändnis aufzurichten:«Ich «wills nur herausplatzen, ſagt' er, die ganze Fa⸗ Stalität rührt blos von mir boshaften Eſel her; s heute gegen Morgen, wo der Stein ſchon leuch⸗ «tete, faſſ' ich aus bloßer Teufelei die Kätzin «(ich kann ſie nun im Märzen nicht leiden) mit „der Tiegelzange am linken Ohr an, und zwicke «ſie ganz hölliſch(denn ſie konnte nicht herum). Jetzo hab' ich den Spektakel; denn jeder Schaden, «den man am Morgen einer Katze anthut, bringt Lauf den ganzen Tag Unglück..... Wetter! dort kommt wieder ein Unglück. Sollte man c ſich doch heute in ſeine eigenen Hoſen verkrie⸗ chen, wenn man hinein könnte,y rief Stoß und ſtampfte grimmig in den Mörſer voll weißen Ar⸗ ſenik mit ſo geringem Bedacht hinein, daß er nicht einmal Mund und Naſe gegen das Fluggift zuband. 1 Der Drachendoktor zog die Gaſſe zur AUnterſuchung der Apotheke herauf. In Rom waren nämlich(es iſt eine ſtadtkun⸗ dige Sache) zwei Apotheken offen, die Hund⸗ apotheke(es iſt eben die unſeres Marggrafs) und die Drachenapotheke; jede hatte ihr Namenthier, wie ein Schlitten, in hölzerner Ab⸗ bildung vorgeſpannt. Eben ſo gab es da zwei Aerzte, welche man, da ſie Brüder waren, da⸗ durch unterſchied, daß man den, welcher nur aus der Drachenapotheke verſchrieb, den Drachendok⸗ tor, und den andern(den Verſchreiber aus der Marggrafſchen) den Hundedoktor hieß. Nun hatte der Landhauptmann jeder Partheilichkeit in der jährlichen Unterſuchung beider Apotheken da⸗ durch vorgebeugt, daß immer nur der feindliche Arzt die ihm verhaßte Apotheke zu prüfen und ——˖˖˖H:P2——.—— 109 auf die Apothekerwage zu ſetzen bekam', weil zu hoffen war, daß ſo deſſen Galle die beſte ſympathetiſche, ja antipathetiſche Dinte(diquor probatorius) aller Eſſenzen, Mirturen, Extrakte, Dekokten, Salben, Theriaken ſein würde, wel⸗ che das gemeine Weſen nöthig hätte. Daher hält nach der Geſchichte gerade der Drachendoktor die Heer⸗ und(Deſtillier) Helm⸗ ſchau in der Hundapotheke, welche ſich freilich lie⸗ ber in die Probiertiegel des Hundedoktors gewor⸗ fen hätte, weil dieſer überhaupt mit dem Hunde um die Wette mit Schwanz und Zunge wedelte, der Drache aber Feuer ſpie ſammt Galle und Gift. Kein Unglück kommt allein, ſondern nach ei⸗ nem Lug⸗Diamant kommt in die Apotheke ein Lug⸗Drachendoktor— ſo ſagt das Sprichwort, meinet aber damit nicht, daß das zweite der Sohn des erſten ſei, ſondern vielmehr, daß zwei wild⸗ fremde Pfeile aus Oſten und aus Weſten nach ein⸗ ander eintreffen und treffen. Will jemand weich hierbei ſein, ſo kann er ſagen:«Ich wollte, ich «wäre das Schickſal, ich hinge dem Apotheker &zwar etwas an, aber nicht zweierlei, nicht den à Vexier⸗Diamant und den Drachendoktor auf 110 seinmal, auch ein Schickſal muß ein menſchliches «Herz haben.»— Allein eben hier zeigt es ei⸗ nes; lieber in die offene Wunde die zweite ge⸗ bohrt, als erſt in die verharſchte; und lieber ſo⸗ gleich nach dem erſten Fingerglied das zweite ab⸗ gehauen; denn zwei Schmerzen werden faſt zu ei⸗ nem. Wie ſehr ich Recht darin habe, ſeh' ich am Apotheker, welcher gleichgültig darüber aus⸗ ſah und ſagte: Heute iſt mir alles einerlei, und sich bin von jedem Teufel, der will, zu holen.» Viel vom letzten brachte der Drachendoktor auf ſeinem Geſichte mit, das ſich ſchon zu einem Kerbholze künftiger Apotheker⸗Schulden ausge⸗ ſchnitten. Höflich und abgeſpannt empfing ihn Marggraf. Der Stößer aber umwickelte Mund und Naſe, um nur nicht zu grüßen und um gif⸗ tiger zu ſtampfen. Nach Marggraſs Höflichkei⸗ ten ging der Doktor ſchweigend an den Geſtellen der Arzeneien hin und her, und ſchüttelte den Kopf. Endlich zeigte er auf eine Pfeffermünz⸗ Schublade mit dem Stocke und mit den Worten: mentha piperita Linnaei. Er griff hinein und zog heraus und ſagte:«Fauler Fiſch! Iſt dieß nicht ein a Blatt der menthae viridis Linnaei? Betrug! — —— ———— 111 — Sind dieß nicht zwei Blätter der menthae aquaticae Linnaei? Unerhört!— Sind dieß nicht drei Blätter der menthae sylvestris Lin- snaei? Ei Verfälſchung und kein Ende!„ Hier machte der Stößer ein ihm nahes Fen⸗ ſterchen auf, damit der Luftzug den Giftſtaub von ihm ſeitwärts mehr nach der Seite blieſe, wo die Luft⸗- und die Speiſeröhre des Drachendoktors ſtanden und einſogen; es iſt aber klar, daß er den Doktor mit dem Luftzuge nicht ſowol erfri⸗ ſchen, als vergiften wollte. Unerwartet trat der Freimäuerer Worble ein, welcher dem Geburttage eines neugebornen Diamanten, oder deſſen erſten Wiegenfeſte beizuwohnen kam: als eben der im⸗ mer dicker gefrierende Apotheker nicht wußte, was er ſagen wollte. Der Drachendoktor fuhr fort; er roch an zu ſtark eingedickte Ochſengalle, und ſtampfte nnd rief: branſtig!y— Er forderte Mohnſaft, beleckte ihn und rief:& Süßholzſaft «darunter, ei ſo ſoll dich doch!y— Er ließ mehre Fächer voll Rinden, Pulver, Kräuter her⸗ ausziehen und überfuhr ſie flüchtig, lachte aber darüber, wenn gar nichts daran auszuſetzen war. — Er befühlte und zerbröckelte die ſpaniſchen Flie⸗ 112 gen und ſagte:«uralt, ſeh' ich!— Er nahm ein Wurzelmeſſer und ein Wiegenmeſſer(zum Kräuterſchneiden) in die Hand und fuhr mit den Handballen über die Schärfe und ſagte: ſchnei⸗ &den nicht den Teufel, ſpür' ich!»— Einmal wollte der Apotheker erklären und beſtreiten; da hob jener den Kopf in die Höhe und befahl lang gedehnt:«ſich nur nicht gerechtfertigt!— Dann ging er weiter und an den Rezeptiertiſch, er fo⸗ derte Galläpfel und legte eine Handvoll in die Wage und rief:«zu ſchwer, falſch, Wind!» Darauf nahm er einen aus der Schale und ſchlug mit einem Pflaſterbrett leicht auf ihn; wider al⸗ les Erwarten zerbröckelte ſich eine graue Thon⸗ ſchale und deckte(die gewöhnliche Verfälſchung) einen bloßen Stein auf:«und das iſt ein Gall⸗ apfel, Herr? fragt' er und ſteckte das Stein⸗ obſt und die Thonhülſe zu ſich. Dem Avpotheker drehten ſich Unmuththränen drückend hart unter den Augäpfeln herum und empor, und er konnte nur ſtotternd im Gefühle ſeiner Trugloſigkeit aufſchreien:«Ja, es iſt ein « Gallapfel, und wird einer ſein, aber ich bin Lan dieſem Markttage ein Kind des Unglücks und — 113 «werde überall aufs Haupt geſchlagen und aufs Herz, aber es kann noch einen Gott geben, der «ſich meiner annimmt, wenns zu ſpät iſt!„ Der Freimäuerer, längſt auf feurigen Koh⸗ len ſtehend, die er lieber auf des Doltors Haupt geſammelt hätte, war unterdeſſen, da er die übri⸗ gen Galläpfel des Schubfachs durchgefingert, we⸗ der auf glatte, noch auf ſchwere geſtoßen;&ſon⸗ «derbar, ſagt' er, auch kein einziger falſcher iſt &ſonſt noch im Fach, alles ächt.» Der Drachendoktor, nicht jener beſſere teuf⸗ liſche Hexendrache, der in den Schornſtein Lebens⸗ mittel trägt, ſondern jener ſpätere, der den Men⸗ ſchen holt, verſetzte auf alles nichts, ſondern prüfte fort. — Der Stößer that ihm hinter dem Tuche die unerhörteſten Grobheiten an, welche man zum Glücke nicht hörte.— Nein,„ fing Worble wieder an, auch nicht Ein falſcher Sodomsapfel «iſt mehr unter den andern zu finden, und ich Swundere mich doch...„ « Was ſtößt hier der Menſch? fragte der Doktor, den Mörſer muſternd. Veit Stoß ſtieß ſtärker und that, als verſperre und verſpünde ſein II. 8 114 Mund⸗ und Naſengitter auch ſeine Ohren und ſtampfte ſtumm fort. Weißen Arſenik,„ ſagte Marggraf. So ſeh' ich ſchon voraus graue Kreide darein eingeſchwärzt, ſagte der Dra⸗ chendoktor und holte ſich zum Beweiſe mit einer Fingerſpitze eine Priſe weißes Giftpulver— rieb es— und ſagte:&graues oder kreidenartiges iſt «Ldarunter.— Und nach mehren glaubwürdigen Geſchichtſchreibern, die vor mir liegen, hatte er wirklich Recht; denn etwas von dem weißlichen Thon des Gallapfels war von ſeinen Fingerſpitzen in den Arſenik übergegangen. Nicht alle Jahr⸗ hunderte wird ein ſo ausgezacktes vollgeſchriebenes Geſicht geſchnitten, als jetzo an Stoßens Vorder⸗ kopfe hing. Doch hatte auf dieſem die Natur der Kunſt vorgearbeitet; denn ſein Geſicht ſah, be⸗ ſonders um den Mund herum, ſtets wie eines aus, das in grimmiger Kälte lachen will, ein weinerlich⸗freudiges, feſtgefrornes Breitzerren. Mit dieſem und der heißen Tobſucht im Blicke hob er eine Hand voll Gift für den Doktor her⸗ aus, gleichſam ſagende ſo lecke, wenn's nur Kreide iſt. 3 115 Marggraf konnte nun nichts mehr vorbrin⸗ gen und vorhalten, er lag erlegt, aber nicht aus Furcht. Das Anſtaunen der Bosheit lähmt ſo gut die Zunge, als das Anſtaunen des Werths; und ein mildes Herz gerinnt tödtlich vor einem grimmig kalten. Worble— der ſich gerade in ſolchem dickluf⸗ tigen Hundegrollen des Zanks friſch gekühlt ver⸗ ſpürte, und den zankenden Männern im feurigen Ofen am liebſten als Schneemann vorſtand— fing an: Herr Stadt⸗ und Landphyſikus! Wenig⸗ &ſtens zeigt unſer Herr Hundeapotheker in dieſer «Sache mehr den Mann, der mehr aufs Lebenlaſ⸗ «ſen, wenn auch nicht aufs Beleben ausgeht, denn alles, was etwa zu fehlen ſcheint, beſteht in Mord⸗ &mitteln— Opium und Rattengift ſind unſchäd⸗ licher gemacht— ſpaniſche Fliegen durch Alter Lentkräftet— Galläpfel und ſogar Meſſer ihrer & Schärfe beraubt— und was Bitteres etwa in «der Apotheke zu ächt und zu inſpiſſiert(einge⸗ dickt) wäre, iſt, wie Sie beſſer wiſſen als ich, die Ochſengalle.“— Auch auf die geſchwächte Pfeffer⸗Münze würd' er gut angeſpielt haben, wäre er früher angelangt. 116 Schon in Schriften, deren Zweck und Geiſt man doch angekündigt kennt, werden Ironien we⸗ nig verſtanden, noch mehr aber im gemeinen Le⸗ ben und von noch gemeineren Seelen; daher fuhr der Drachendoktor auf und ſagte, es für wörtli⸗ che Entſchuldigung nehmend:«Mein Herr, we⸗ «der Sie, noch der Apotheker verſtehen den Hen⸗ &ker von der Heilkunde: zu ſo etwas müßten « Sie erſt Doktoren ſein.» « Wenn wirs aber wären? verſetzte Worble und ſagte mit vielen Gebehrdungen dem zaudern⸗ den Apotheker ordentlich einen Befehl ins Ohr. Nikolaus, der freilich ſich auch darum unter ſolche Schmählaſten niedergebogen hielt, weil er ſie für Prüfungen ſeiner Zornenthaltung bei alchemiſchen Prozeſſen anſah, der aber überdieß in dieſer Hölle halb niedergebrannt daſtand, ſo daß mit ſeiner fleiſchfarbenen Aſche Lüftchen ſpielen konnten, ließ ſich endlich in Gang bringen. Mit einem breiten dicken Pergamente kam er zurück. Worble hielt es aufgeſchlagen dem Scharfrichter der Apotheke vor das Geſicht. Das Pergament war der mediziniſche Dok⸗ torhut, den der Apotheker in Erfurt erhalten. 117 —— Etwas über eine Minute lang ſah der Drachendoktor wie ein gewaſchener, aber gefror⸗ ner Mantel aus, der ſeine, von der Wäſchſtange ausgeſpreizten Aermel wie Arme ausſtreckt und dadurch einem leibhaften Menſchen gleich ſieht. Plötzlich thaueten ihm ſeine Aermel⸗Arme auf und er ließ ſie an die Schenkel anſchlagen, griff zu ei⸗ nem langen lauten Gelächter, und wehte ſich ſel⸗ ber zur Glasthüre hinaus. Der halb eingeäſcherte Marggraf genoß we⸗ nigſtens jetzo das ſchwache Glück, einem ſchwar⸗ zen Räucherkerzchen zu gleichen, welches Knaben auf einem, über ein Gefäß mit Waſſer gedeckten Papiere ſo lange zu einem Aſchenkegel abbrennen, bis es ſich durch das Papier durchglüht und plötz⸗ lich im Waſſer wieder als ſchwarzes Kerzchen, nur kleiner, auferſteht. — Ueber eine ſo wichtige Sache, als Marg⸗ grafs Doktorhut, hat die leſende Welt alles er⸗ denkliche Licht zu fodern. Schon längſt, noch ehe Nikolaus nach Gold und Diamanten ging, fand ers höchſt verdrießlich, nichts als den Koch und Tafeldecker des die ganze Kranken⸗Stadt traltiernden Arztes vorzuſtellen. 118 Hoch ſtehen die Doktoren da und wetzen— wie es Schnitter zum Begrüßen vorbeigehender Leute von Stande thun— ihre ſchimmernden Saturns⸗ Senſen, und Hoch und Niedrig ſpricht von ih⸗ nen, indeß der arme Senſenſchmidt der Arzeneien, der Apotheker, ungenannt(ausgenommen von ei⸗ ner zweideutigen Neunerprobe der Neunundneun⸗ ziger) hinter ſeiner halben Glasthüre ſteht und vor ihren donnernden Triumph⸗Arbeitwagen ſich bis ans Holz der Thüre nieberbeugt. Marggraf ſtand ſo etwas nach ſeiner Rückkehr vom akade⸗ miſchen Leipzig, wo er ſo viele Vorleſungen ge⸗ hört, in die Länge nicht aus; lieber verordnete er eigenhändig ſich und andern Manches und machte aus der Sache, was wirklich gar zu kühn, kein Hehl; denn traf ihn einmal der Drachendoktor mitten im Heilen an, das er, wie die Phariſäer dem Heilande am Sabbath, ſo ihm an ſeinem ſiebentägigen Apotheker⸗Ruhetag, verboten: ſo konnt' er ihm etwas Tüchtiges auf den Kopf ge⸗ ben, weil letzter nicht gedeckt war mit dem Dok⸗ torhute, als dem beſten, wenn nicht Minervens, doch Mambrins Helm kopfloſer Aerzte. — 119 In dieſer Sache fand niemand einen geſcheid⸗ ten Ausweg als Worble zuletzt. Dieſer trug dem Apotheker vor, er wolle ſich in Marggrafs Na⸗ men in Erfurt examinieren und ſich darauf unter den Doktorhut oder die Doktorhaube bringen laſ⸗ ſen, und dann letzte auf den rechtmäßigen Namen⸗ eigner übergehen heißen. Die Wahriſcheinlichkeit des guten Erfolgs liege am Tage, ſagt' er; denn da Nikolaus auf jede Frage der Fakultät mehr als eine Antwort, ja zu viele Antworten habe, und darunter ſogar unpaſſende: ſo würden ihm wegen ſeiner großen Phantaſie und Aengſtlichkeit alle dieſe Antworten und Ideen, wie ein aufgejagter Eulen⸗ ſchwarm, durch einander fahren und keine im Tumulte zu greifen ſein, oder am Ende die unrechte; aber etwas anderes ſei es mit ihm beim Doktorexamen; im Stande der höchſten Ruhe und Kälte werd' er daſitzen und antworten, weil er, in Marggrafs Namen ſprechend, ja leine andere Unwiſſenheit zu verrathen hätte, als eine fremde, weſhalb überhaupt jeder ſich ſollte in fremdem Namen prü⸗ fen und in eigenem krönen laſſen.—— Marg⸗ graf wußte durchaus nichts Gründliches dieſem 120 Vorſchlage entgegen zu ſetzen, und nahmn ihn da⸗ her mit beiden Händen an. Beide fuhren mit ihren Päſſen(eine zwei⸗ hundertjährige Diſputation de flatibus war vor⸗ her ſauber abgeſchrieben) nach Erfurt ah. Allerdings laſſ' ich hier deutlich Erfurt ſtatt E— t ausdrucken; will aber deshalb dieſer be⸗ rühmte Muſenſitz mit mir darüber gerichtlich zer⸗ fallen: ſo erwägt er nicht, daß ein dichteriſcher Geſchichtſchreiber durchaus Ortfarben auf ſeine Al⸗ tarblätter ſtreichen und ich einen belannten Mu⸗ ſenſitz aufſtellen muß, geſetzt auch(wovon ich mir aber den Beweis erbitte), ich löge im casu in terminis. Unter dem Erfurter Thore tauſchten beide ihre Päſſe um, und jeder gab ſich allenthalben für den andern aus. Aber Himmel, wie meiſterhaft ließ ſich Worble examinieren und promovieren! Was der Apothe⸗ ker aus der Heilkunde nur gelernt, ja was er nicht einmal gelernt, dieß alles wußte der Freimäuerer flink auf Befragen ſo trefflich und als ein ſo ſie⸗ gender Campio und curator litis im gelehrten Gefechte herzuſagen, daß Marggraf zum erſten⸗ 121 male in ſeinem Leben durch ſeinen Prinzipalkom⸗ miſſarius auf dieſem akademiſchen Reichstage ſich ſelber übertraf und als Ohrenzeuge ſich ſiegen hörte. Natürlich errang er den geiſtigen Stirn⸗ meſſer, den Hut, und Worble wurde der Schmutz⸗ titel ſeines Doktortitels. Außerhalb des Thores tauſchten beide die Päſſe zurück und Marggraf bekam das Diplom. Hun⸗ dert Aerzte werden fragen, warum Worble bei ſeiner Armuth nicht ſelber den Doktorhut vor den Leuten herumgetragen und vorgehalten und in ihn Verlaſſenſchaften ſeiner Pazienten eingeſammelt; aber er verſetzt ihnen ganz richtig, er gleiche zu ſehr dem berühmten Doktor Platner und Haller, und ähnlichen Großärzten, welche, im Beſitze der ſchönſten Heillünſte, gleichwol die angeborne Kunſt, ſie anzuwenden, bei ſich vermißten und daher ſich mehr darauf legen mußten, wieder geſchickte Heil⸗ künſtler(es ſei durch Schreibpulte oder durch Le⸗ ſekanzeln, oder durch Paß⸗Wechſel, wie er jetzo) als geheilte Kranke hinter ſich zu laſſen; und ſo⸗ gar große Juriſten(z. B. Karpzov) haben ihr eignes Teſtament falſch gemacht; und ſo können große theoretiſche Aerzte oft noch mehr einen eines 122 zu machen zwingen. Auch Verfaſſer dieſes ge⸗ traut ſich, einen Advokaten zwar zu parodieren und nachzuſpielen, aber nicht, ihn zu ſpielen. — Ich mache dieſe Vermählung mit der Wiſſenſchaft durch einen Geſandten gemn bekannt; denn ſie hat, außer ihrer allgemeinen Wichtigkeit für dieſes Werk noch die beſondere, daß ſie die Ehre ſo mancher krönenden Univerſitäten und Dok⸗ torhutmacher retten kann, weil ſie am leichteſten erklärt, warum ein oder der andere Waſſerkopf, oder Luft⸗ und Erd⸗, aber kein Feuerkopf, den akademiſchen Kurhut trägt. Es ſchickte nämlich öfter, als man weiß, ein Schleicher ohne Kopf in ſeinem Namen einen ſo herrlichen geiſtigen Er⸗ ſatzmann in das Katheder⸗Schlachtfeld, daß die⸗ ſer nothwendig einen Koadjutorhut heimbringen mußte. Solchen nimmt darauf der Abſender, als geiſtiger Kronerbe, in Empfang und weiß ihn trefflich zu benützen, weil er ſein Gehirn gleich⸗ ſam zum leichten kleinen Kiſſen gebrauchen kann, das ſonſt die Damen in den Haaren trugen, um darauf das Hütchen feſt zu ſtecken. Früher mö⸗ gen leicht— obwol jetzo ſchwer, wo ja die Päſſe ————— n ————ÿ¼ 2 als Vor⸗Steckbriefe den ganzen Reiſeleib abſchrei⸗ ben— Späße dieſer Gattung vorgefallen ſein, die man heute noch nicht kennt. Wer ſteht und bürgt uns z. B. dafür— ich habe einige Gründe, ſo zu fragen— daß nicht der alte ſchäkerhafte Kant ſich unter dem Namen irgend eines matten Kantianers für dieſen hat examinieren und als deſſen philoſophiſcher Lehnträger zum Doktor ma⸗ chen laſſen, um nachher das Patent dem jungen Menſchen zu ſchenken, welcher alsdann mit einigem kantiſchen Sprachſchatze die Täuſchung leicht fort⸗ führte? — Wir begeben uns in die Apotheke zurück. Stoß riß ſich vor Entzücken über ſeines Herrn Doktorhut die Arſenik⸗Binde vom Maule, um nur unter dem Giftſtampfen den Kopf umzuwen⸗ den und zu ſagen:&Sacre! alle die Hagel! Alle «Ldie Peſt! Ouais! Juchhe! Ich muß'naus!„ — Er ſprang ſogleich vor den ſtillen feſten Re⸗ zeptuarius vor, der in ſeinem Kämmerchen vor ſeiner kleinen Nebenoffizin handthierte, welche meiſtens aus Thieringredienzien, aus Fuchslun⸗ gen, Luchsgehirn, Hechtgräten, Krötenhäuten, 124 und vorzüglich aus den verſchiedenen offtzinellen Drecken beſtand, womit er nach der Anleitung der Neuvermehrten Dreckapotheke,*) im Stillen die wunderbarſten Kuren machen konnte.«Siehſt «du, Eſel, ſagte Stoß, der Prinzipal iſt auch &ein gemachter Doktor und zwar aus Erfurt, und wir können von nun an auf den Drachendoktor «huſten; aber er wird wol beſſer kurieren, als «du mit all deinem Dreck.„— Der Rezeptuar antwortete blos:«Wer konnte das riechen?„— Er fuhr wieder in die Apotheke zurück unter lau⸗ ter freudigem Murmeln:«Doktor! Doktor!„ welche unbändige Entzückung ihm leicht zu ver⸗ zeihen und zu gönnen iſt, da er vorher ſo waf⸗ fenlos den Demüthigungen ſeines Herrn zuhören mußte. Deſto weniger konnte ſich Worble in das nach⸗ dunkelnde Geſicht des neu ausgerufenen Doktors *) Neu⸗Vermehrte heylſame Dreckapotheke, wie nemlich mit Koth und Urin faſt alle, ja auch die ſchwerſte, giſtigſte Krankheiten u. ſ. w curiret worden, u. ſ. w. von Kriſtian Frantz Paulini. Frankfurth am Mayn, in Verlegung Friedrich Knochen und Sohns. 1714. —— 125 finden; bis er endlich die Urſache davon erfuhr, die Zerſtörung des marggrafſchen Jeruſalems, oder vielmehr des erſten Tempels oder Diamants; denn ein zweiter Tempel oder Diamant war noch in der Baute und in den Kohlen. Nun ver⸗ ſchattete ſich wieder Worbles Geſicht, ſeine bishe⸗ rige Hoffnung, Marggraf lege ſich auf falſche Steine, war durch die traurige Nachricht zu Waſ⸗ ſer geworden, daß er blos nach ächten geſtrebt und feſtgezielt. Wenn der Ausgang Strafen auflegt, ſo ſchärfe man ſie nicht noch durch Worte; Schweigen und Blicke ſind ſchon Schärfungen.—&So ſeh' ei⸗ &ner doch!—» fing Worble an.— Inzwiſchen bei dem Abendeſſen, das ohnehin ſchon am Feuer Lſtehen wird, muß es ſein Verbleiben haben; «denn Du gibſt den Doktorſchmaus und läſſeſt & das Diplom auf einem Teller herumlaufen und nächſtens kurierſt Du nebenbei ohne Abbruch Deiner ehemaligen Verſuche. Wie wird ſich der Hundedoktor(er nahm Deine Einladung durch mich recht freundlich an) heute über den neuen «Kollegen erfreuen!) Hier ſprang er als ein unaufgelöster Logogryph vom Apotheker fort. 126 Dachte Worble mehr auf das Abendeſſen als an das Unglück? Oder wollt' er mit jenem den Apo⸗ theker tröſten helfen, weil der Menſch unter dem Eſſen und Trinken(wie der Jude dabei überhaupt den Hut) den Freiheithut aufhat? Haſtigen Luſt⸗Menſchen werden ſelten ihre beſſern Abſichten angeſehen; der Freimäuerer war in der guten fortgeeilt, bei den Wechſeljuden und Gläubigern Marggrafs nach Vermögen einen Wetterableiter gegen das Gewitter zu verfertigen, das er, in den morgen fälligen Wechſel gewickelt, für den Apotheker zum Erſchlagen in der Taſche trug. Er verſuchte viel bei dem Schächter Ho⸗ ſeas— er bot vor deſſen Ohren alles, was chriſt⸗ liche und jüdiſche Beredſamkeit vermochte, auf, zum Erlaſſe des Wechſelarreſtes am zweiten Markt⸗ tage— er ſchlug ſich zum Bürgen vor, ja zur Ausſtellung eines noch höhern Wechſels und zu je⸗ dem Verhafte— er that noch viel mehr, was weder er, noch der Jude ausgeplaudert und man alſo gar nicht weiß—— aber alles, was Be⸗ ſonderes erfolgte, war, daß der Schächter Hoſeas, welcher zu allem den Kopf ſchüctelte, um einen Tag früher, nämlich eben den erſten Marrtrag, 127⁷ bei dem Apotheker erſchien um dieſem ſein Ge⸗ ſicht als einen bald zu entſiegelnden Verhaftbefehl und allerhand andere häßliche Nebengedanken vor⸗ zuhalten. Uebrigens wäre Worble wirklich für Marg⸗ graf ins Gefängnis gegangen, ſchon weil es et⸗ was Neues war, oder weil das Kerkerfieber viel⸗ leicht zu einem Verdaufieber ſeines an ſich unver⸗ daulichen Kochs oder Weibs werden, oder weil er in dem Schuldthurm gemächlich in einer Kaſematte und Gränzfeſtung gegen andere Gläubiger ſitzen konnte, oder weil er ſeinen Freunden, wie ſeinen Neigungen, gern opferte, und viel für ſie ver⸗ ſchluckte, ſogar fremden Gift und Ausfall, nur keinen einzigen Einfall. Allein Hoſeas wollte ſich an ein ſo leichtes Windſpiel, wie Worble war, nicht halten, welchen, wie den Windhund, ſeiner kurzen Haare wegen, wenig Flöhe(Sorgen) beiſ⸗ ſen konnten. Es war ſonſt dieſer Hoſeas außer⸗ halb der Geldſachen ein guter Mann und gebildet genug von Welt, Sprachen und dergleichen— er ſchätzte Geiſter— er empfand Herzen— verſtand Scherze— trieb Scherz—— nur aber mit kei⸗ nem Schuldner ohne Geld, das bei dieſem jüdi⸗ 128 ſchen Hellſeher nicht, wie bei einer Hellſeherin, dem Magnetiſieren und Rapportſetzen Abbruch that, ſondern vielmehr Vorſchub. Wie bei den Juden das Schächter- und das Kantoramt verei⸗ nigt ſind, ſo verwaltete er auch beide, wie unei⸗ gentlich, ſo auch figürlich zugleich gewiſſenhaft, das erſte unter Schuldnern, das andere in Geſell⸗ ſchaft; und ſo iſt mancher Menſch ein vielſeitiger Pferdeſchwanz, deſſen Haare hier als Schlingen erdroſſeln, dort als Haarſeile herſtellen, oder als Fiedelbogenſenne bald zur Folter auf dem Arme, bald zur Muſik von demſelben gezogen werden. Der Schächter und Kantor Hoſeas wollte bei dem Apotheker vor dem Verfalltage die Höflich⸗ keit ſelber ſein— denn zur Grobheit hat man immer noch Zeit, wenigſtens die Verfalltage— und ſich mit höflichen Fahnenſchwenkungen durch die Fragen zeigen: wann er morgen am gele⸗ genſten komme; aber Marggraf verſetzte barſch: «. zu jeder Zeit,; denn dem Schreibfingerrecht des Wechſelſtellens folge doch das Fauſt⸗ und Tatzen⸗ recht des Wechſelarreſtes. Jener wollte noch höf⸗ licher fortfahren und ihn nicht verſtehen, da fuhr der abgehetzte Apotheker faſt ſtößig wie ein Par- * 129 Forge-Hirſch wider ihn und ſagte aufgebracht, er ſolle ſich am rechten Verfalltage herſcheeren, aber heute ſich fortſcheeren. So ſchießen— könnt' ich als Dichter ſingen— auf einem Schiffe, das in Brand geräth, ſich die Kanonen ſelber los. Hoſeas erwiederte ſanft genug, er komme gern morgen wieder, und fügte bei:«Sollte wol ein „Kaiſer von China blos von ſeinem Acker und „Pfluge leben können? Ich vermuthe, daß er vielleicht damit auf Marggrafs Goldtiegel oder auf deſſen zu ſelten in die Hand genommenen pharmazeutiſchen Pflug anſpielte, als welche beide ihm ſo wenig Brod eintragen, als dem chineſiſchen Kaiſer das jähr⸗ liche Prunk⸗Ackern? Es ſollte mir aber lieb ſein, würd' ich eines Andern belehrt. Wenigſtens jüdiſch iſt der Einfall, nämlich witzig. Wenn man ſich fragt, warum die Juden außer der andern kurzen Waare auch die des Witzes häufig führen: ſo antworte man ſich vie⸗ lerlei: die Gedrungenheit des Talmud ſchärft zum Witze— ihr kaltes Verhältnis gegen die Men⸗ ſchen als Kauf⸗ und Verkaufkunden iſt, wie an⸗ dere Kälte, dem witzigen Nordſcheine günſtig— II. 130 von Chriſten, Türken und Heiden im Blokade⸗ Zuſtand geſetzt, greifen ſie zu ihren letzten Waf⸗ fen, zu den Scherzreden, bei dem Verbot der Ernſtworte— ihr Leben iſt ein ewiges Reden und Ueberreden, und das Waarengewölbe ihr Sprach⸗ gewölbe; dadurch wird ihr orientaliſches Feuer in elektriſche Witzfunken zerſprengt, und ihr Ta⸗ lent wird aus einem Geſchäftträger der langen Wiſſenſchaft der Aufwärter und Läufer des Au— genblicks. — Was mich hindert, noch zwanzig andere Mütter des jüdiſchen Witzes anzuführen—, z. B. vorzüglich dieſe, daß weniger eine gewiſſe ge⸗ mäßigte Alleinherrſchaft, als eine gemäßigte Skla⸗ verei den Ausbrüchen und Springwaſſern des Waſ⸗ ſers durch die Unterdrückung der republikaniſchen Redeſtröme ungemein aufhilft, wie jetzige Grie⸗ chen, letzte Römer, vorige Franzoſen beweiſen— was mich daran hindert, ſind drei Schweſtern des Apothekers, welche nach dem Abtritte des Juden mit Küchenzetteln eintreten, um mit ihrem Drei⸗ zack einigermaßen das Peinigen des Diamanten⸗ machers fortzuſetzen im nächſten Kapitel.—— 131 2—ℳö—Vö:ê:ê:ê ê—ℳM——————ℳ—ℳ9ᷣ———-—A 9„ — Sechſtes Kapitel, worin ein Dutzend heitere Kirmesgäſte anlangt, um ſich bei dem niedergeſchlagenen Apotheker noch mehr aufzuheitern. Ich muß es leider als Geſchichtſchreiber ruhig tra⸗ gen— um nur geſchichtlich fortfahren zu können — daß das Schickſal ſo unter meinen Augen und meiner Feder den armen Apotheker von der Wade bis zur Naſe in ein großes ſpaniſches Zug⸗ und Blaſenpflaſter einkleidet und einſchlägt, unter welchem er, wie unter dem ſpaniſchen Mantel der Folter, zu einer Rieſenblaſe auflaufen ſoll. Gleich⸗ wol muß ich als redlicher Mann die Sache weit⸗ läuftig erzählen. Ich habe ſchon berichtet, daß Marggraf ſeine in Rom und Umgegend anſäßige Sippſchaft zu einem Glanzeſſen eingeladen, damit ſie, nachdem 132 ſie lange genug zu ihm hinab geſehen, endlich zu ihm hinauf ſähen, wenn er, anſtatt auf der Schwitz⸗ und Ruderbank, auf einmal auf einem hohen Schatzkaſten und Goldbergwerke ſäße. Be⸗ ſonders erpicht war er darauf, daß der Glanz ſei⸗ ner erfundenen Diamanten, als ein warmer be⸗ fruchtender Sonnenſchein, zu allererſt auf die er⸗ frornen(weniger auf die erkältenden und erkalte⸗ ten) Anverwandten falle, ſo früh als nur mög⸗ lich, damit er ſie ſogleich bei ſeinem erſten Wol⸗ thun dazu vor ſich hätte. O! wie wollt' er Neſt nach Neſt entzücken und ätzen!— Aber warum hatt' er ſo viele Steinfreſſer und Steinſchneider auf einen Meteorſtein von Juwel eingeladen, der ja erſt noch vom Himmel fallen mußte? Es war ein Gefühl in ihm, als könn' er durch die Ver⸗ legenheit, der er ſich abſichtlich blosſtelle, dem Schickſal die Hülfe abzwingen, wie etwan ein Feldherr ſich und ſeinem Heere ſelber die Wege des Rückzugs abſchneidet, um gewiſſer zu ſiegen. — Dabei hatt' er noch von Glück zu ſagen, daß ſeine Schweſter Libette ihn ſehr geſchickt betrogen und wenigſtens an vier der allervornehmſten Ver⸗ wandten, die ſie einzuladen gehabt, mit keiner 1533 Silbe gedacht, ſondern blos die verarmten, die weniger begehrten und nöthiger bedurften, drin⸗ gend um die Ehre des Beſuchs gebeten, indeß umgekehrt die zwei andern Schweſtern gerade die bettelhaften unterſchlagen wollten. Nun rückte endlich der wolkige Nachmittag mit ſeinem Abend an, der das Donnerwetter in ſich hatte. Man weiß in großen Städten wenig, wie viel in kleinen ein Jahrmarkt iſt, und voll⸗ ends eine Eßeinladung dabei. Dazu kommt, daß ſchon, wenn man bei Geld iſt, an keinem Vor⸗ mittage verdrießlichere Geſichter geſchnitten wer⸗ den, als wenn auf ihnen Nachmittags ein Freu⸗ denfeſt aufglänzen ſoll. Noch herber aber ſind dieſe Vorhöllen des Himmels— von welchen der Stadtadel beſſer als ein Dante ein Lied ſingen könnte— wenn gar nicht einmal die Gelder zu haben ſind, ſondern man die Gläubiger und Ju⸗ den früher bitten laſſen muß, als die Gäſte und Chriſten. Es iſt einem ſolchen betrübten Tage, wo Abends die Gäſte in Galakleidern und Freu⸗ den erſcheinen, nachdem den ganzen Tag vorher die Wirthe vielleicht die ihrigen verſetzt, und ſonſt alle Art Geburtſchmerzen des Feſtes ausgeſtanden, 134 vielleicht ein froher Anſtrich nur durch den Ein⸗ fall zu geben, daß eben ſo(wenigſtens ſonſt) in Wien*) Abends der ganze Hof in Gala erſchei⸗ nen mußte, wenn am Tage der Kaiſer oder die Kaiſer abzuführen eingenommen, oder zu erbre— chen oder ſonſt zu medizinieren, weil der Hof da⸗ durch ſeine Freude über die gute Wirkung äußern ſollte. Was ſind aber alle kaiſerlichen Brechmittel und Mittelſalze gegen des Apothekers Wehen und die hyſteriſchen Anfälle durch ſeine Schweſtern? Zwei traten nämlich(aber viel zu ſpät am Tage) vor ihn, verſehen mit ihren Speiſezetteln, und er⸗ öffneten ihm: Geräuchertes, Geſalzenes, Ge⸗ ſäuertes hätten ſie nach Vermögen zuſammen ge⸗ ſcharrt: jetzo fehl' es nur noch an friſchen Sa⸗ chen, die man zu eſſen und zu trinken brauche; da er nun heute Geld zu bekommen und herzuge⸗ ben verſprochen, ſo ſei es hohe Zeit, alles Nö⸗ thige auf dem Markte einzukaufen, und hier ſeien die Zettel des Nöthigſten;—— auf welchen auch alles treulich ſtand, was für den Souper-fin- *) Moſers teutſches Hofrecht. B. 2. S. 444. 135⁵ Abend lebendig zu erhandeln, abzurupfen und ab⸗ zuſchuppen, zu ſchinden und zu ſchaben, zu ſen⸗ gen und zu brennen war. Himmel! aus wie vielen Marterſtunden der Thiere glühen und löthen die Menſchen eine einzige Feſtminute der Zunge zuſammen!... Jetzo trat Libette, die dritte Schweſter, ein, und Nikolaus ſagte: Allertheuerſte, ſiehts wirk⸗ Llich mit dem Abendeſſen ſo gut aus, wie deine «guten Schweſtern mir verſichern wollen?— Ich weiß nicht, ſagte Libette, was ſie verſichert haben.„— Aber Nikolaus ließ ſich auf nichts ein, als auf ſeinen Jammer, oder auf den Lei⸗ denkelch, oder die Zornſchale, die er heute un⸗ verfälſcht und von Waſſer ungeſchwächt auslee⸗ ren wollte. Der Mann war dieſen Vormittag von vier Uhr an gehetzt und geheizt vom faulen Heinz— vom Drachendoktor— vom Schweſtern⸗ paar und vom eigenen Ich; und doch durfte er als frommer Alchemiſt, zumal neben dem noch im Brütofen liegenden zweiten Diamanten, nicht auf⸗ fahren, aufpraſſeln, oder außer ſich kommen vor Ingrimm, ſondern er mußte gefaßt auftreten; und dießt that er ſogleich. Er trank einen ganzen 136 Schoppen Luft aus und reichte den Schweſtern den leeren Seidenbeutel, mit Perlen verziert, und ſagte:& Könnt ihr vielleicht den Perlenbeutel ver⸗ «ſetzen und auf das Fauſtpfand ein paar Groſchen Cauftreiben: ſo richtet nur das Gaſtmal aus; «Geld ſelber aber führ' ich heute nicht bei mir⸗» Zwei Schweſtern— denn Libette ſchwieg— ſetzten aus Bosheit dazu, ſie hätten ſich auf ſeine heutige Einnahme aus dem Ofen ganz verlaſſen (wiewol in Wahrheit keine nur je daran ge⸗ glaubt), weil er ſie noch geſtern darauf vertröſtet. &Du milder ſchweſterlicher Dreizack,» erwiederte er,«ich habe dieſen Morgen den mediziniſchen & Doktorhut aufgeſetzt und ich möchte gern den Lheutigen Ehrentag einigermaßen vergnügt ver⸗ «bringen ohne Nahrungſorgen für eine Eß⸗, &wenn nicht Freßgeſellſchaft von zwölf Mann, Lohne die Kinder. Und dieß heute um ſo lieber; «denn morgen werd' ich ohnehin in Wechſelge⸗ Lſchäften ins Stadtgefängnis abgeführt und ſitze &dort feſt. Wär' es denn nicht zu machen, ihr &Lieben, daß man die ganze Mannſchaft abbe⸗ Eſtellte und einlüde etwa auf beſſere Zeiten?— «&Ach, ſinnt nach y 137 Hier fuhren die drei Spitzen des Dreizackes auf und beeidigten zuſammen, dieß ſei Unmöglichkeit und überhaupt keine Manier, arme Familienſchlucker deßhalb weit hergelaufen— und wo wären die vor⸗ nehmen jetzo auf dem Markte aufzufinden— und der Hundedoktor und die drei Kränzelherren, und alles von Stand und die eigene Familienehre fän⸗ den ſich beleidigt— und es wäre ohnehin unmög⸗ lich.—— &Wenn dieß ſo iſt, wie ich ſelber glaubey— ſagte Marggraf am allergelaſſenſten—«ſo er⸗ « ſcheinen demnach Abends ſämmtliche zwölf ge⸗ &ladene Apoſtel und dabei die übrigen ſammt Kin⸗ «dern, und der einzige Vetter Hoſpauker ißt al⸗ «Llein für zwölf, und der Kutſcher iſt der Zentaur «mit zwei Mägen für Speis und Trank, und &mein Freund, der Hundedoktor, will ſeinen &Wein. Wein aber, glaub' ich, ihr lieben drei Höllenrichterinnen, haben wir wol nicht im &Hauſe— und heute wollt' ich erſt ächten Aus⸗ bruch zapfen laſſen, was aber nicht gegangen— und daran würd' es ſogar gebrechen, ſo wie auch an Mandeln, wenn Ihr Euch auch nur mit dreißig 138 «oder vierzig Katzendrecken und Nonnenfürzchen*) czeigen wolltet. Blos Katzen und Nonnen ohne «Wein und ohne Mandeln wollt; ich leichter auftrei⸗ «ben. Sonſt übrigens leg' ich und Ihr, meine « gute Dreifelderwirthſchaft, mit dem Eſſen Ehre c genug ein. Die Gäſte müſſen mit ihren Ti⸗ sſchen ein artiges Hufeiſen vorſtellen. Die blut⸗ « verwandten Mägen, die ums Hufeiſen herſitzen, slegen wir gewiſſermaßen in Eſſig, in Salz und & Rauch, wir legen nämlich in ſie blos Geſäuer⸗ a tes, Gepökeltes, Geräuchertes— Vieh haben s wir zwar nicht friſch, doch hat der Stößer un⸗ &ten im Keller Krebſe mit Käſe gemäſtet, ja der « gute Menſch kann noch im Stadtweiher nach „ Froſchkeulen zu einer Potage krebſen.— Zu Prügelkuchen**) und Serviettenklöſen haben *) Zwei Backwerke; die erſten ſind Roſinen und Mandeln an einen Faden gereiht, in Schmalz gebacken, gezuckert und ſüß übergoſſen;— die zweiten ſind Apfelſchnitte in einen Brei von Mehl’, Milch, Käſe und Eier und Franzwein getaucht, in Butter gebacken und mit Zucker beſtreur. Frauenzimmerlexikon. B. 1. **) Der Baum⸗ und Prügelkuchen wird an einem beſonders dazu geſchnittenen Holze gebacken/ auf welchem der Ku⸗ chen ſich ſelber am Feuer umwendet. 5 139 wir ſchon Servietten und Prügel in den Händen, &und fehlt es blos an Roſinen und Mandeln... ˙˙ Himmel, o Himmel!(Lrief er auf einmal und bewegte heftig die gebogenen Arme vor ihnen, als ſchaukle er ein Kind darin) X Und ſo ſitz' ich Cheute in meinen alten Tagen zum Spektakel am « Hufeiſen und habe den Doktorhut auf dem Kopf « und das Tellertuch im Knopfloch, und die An⸗ Lverwandten ſitzen dem Miſſethäter mit ihren Tellertüchern entgegen, und ſehen ſich nach et⸗ &was Gutem um, das die Tellertücher beſchmutzt &oder betropft:— ſo fahr' ich ja leibhaftig Lals eine mit Teufelsdreck beſchmierte Taube in &den ganzen Taubenſchlag und ſtöbere meine Ver⸗ wandten auseinander— und die Kränzelherren &trumpfen mir niedergearbeiteten Manne nach Ge⸗ «fallen auf... O Gott, ihr Seelenſchwe⸗ ſtern, hintertreibts, ich kann nicht, ich will Lnicht, ich ſoll nicht—— ach ich muß wol! & Dem Himmel erbarm' es: dort unter den Schu⸗ Lſterſtangen feilſcht ſchon der Vetter Pauker mit «den Seinigen und in allen Buden ſtehen Baſen. — Es zieht näher. Lauft nur entgegen und Lſagt allen, Abends bei dem Souper-fin, und «bei meinem Doktorſchmauſe ſei ich zu haben. & Jetzt putz' ich mich auf, ich ſteh' gern meine « Höllen aus. Zündet nur Räucherkerzen im Gaſt⸗ «zimmer an und fangt die erſten Schüſſe des an⸗ « verwandten Stromes höflich in meinem Namen «auf. Beſtellt nur das Eſſen aufs Herrlichſte und 1 « fragt mich gar nicht, wie 7» ee Lieber Bruder„— fing endlich Libette an, die ihm, gegen die Weiſe ſeiner Schweſtern, gern alles Unangenehme verſchwieg, und die übrigens eben ſo gewöhnt war an ſeine ihn erleichternden Sel⸗ vergeiſelungen und Klagdithyramben, als unauf⸗ merkſam auf alle Evangelien ſeines Gold⸗ und Stein⸗Machens— Ccbereits iſt ſchon alles ge⸗ «backen, gezuckert, abgeſchlachtet, ſogar abge⸗ «zapft— und dem Hundedoktor wird der Wein &beſſer ſchmecken, als wir uns nur wünſchen.— Wer wird auf Dich und Deinen Ofen warten? & Die Weiber können auch Gold machen. Die « Hauptſache iſt jetzo nur, daß Du Dich an⸗ & ziehſt.„ 3 Närriſch genug wollt' er aßeri in ſeinem leich⸗ ten Jammer bleiben— er ſchreibe ſich an dieſen libris tristium ordentlich heiter und es ſchlag' 141 ihm gut an, merkt' er— und ſuchte nun in ei⸗ ner friſchen Verzweiflung zu ſein über ſein Anzie⸗ hen und Fertigwerden. Er fand ſich darin unter⸗ ſtützt, da er jetzo vor dem Gaſthofe aus der Halb⸗ kutſche eines Einſpänners eine ganze heilige Fa⸗ milie ſeiner Verwandtſchaft ſpringen ſah und den Hundedoktor in das nachbarliche Krankenhaus ſchreiten, aus welchem er als Gaſt in des Apo⸗ thekers Hatzhaus wahrſcheinlich eintrat.&Stö⸗ &ßer— rief er— um Gottes willen alles ſchleu⸗ Lnigſt gebracht, Schuhe, Weſten, Uhren— Sie &ziehen ſchon heran und ich bin noch ſplitternackt.„ Er fuhr im Zimmer auf und ab und ärgerte ſich über den ganzen ſummenden Marktplatz und über den Marggrafen von Bronze, der ſo ſteinern und kalt⸗ blütig im Springbrunnen das ſteigende Pferd ritt, als Verzierung der Stadt.«Guter Stößer Stoß (ſagte er zum ankleidenden Diener)«ſei Er vor allen Dingen nicht ſo pfeilſchnell und haſtig. «*Sieht Er, der Strumpfzwickel läuft gerade am Schienbein herauf, zerr' Er ihn doch auf den „Knorren hin. Ich habe mirs eingebildet, da «ziehen ſich drei Weſtenknöpfe an ihren Fäden lang Saus und gerade am Nabel; knöpf' Er nichts zu, Lich will den ganzen Abend die Hand einſchieben, Lum's zu verdecken, wie einer, dem ein Aermel &ſtatt des verlornen Arms in die Weſte geſchoben Liſt.— Nicht einmal die Uhr kann ich einſtecken, «denn niemand im Hauſe läßt ein zerbrochenes « Uhrglas machen. Mein Bart iſt auch handhoch Laufgeſchoſſen; aber glaub' Er nur nicht, daß Er &jetzt in Seiner Haſtigkeit an mir herumſäbeln „ und die Gurgel abſchneiden darf.— Er ſieht Kaber aus allem, was ich für einen Doktorſchmaus Lin meinem Nothſtalle halte, etwan wie eine Die⸗ «bin, die im Zuchthaus niederkommt und Wochen⸗ «betten hält. Sogar unſer elender Pudel iſt elend ge⸗ «.ſchoren und tanzt mit ſeinem Kopf⸗Toupée und «Schwanz⸗Haarbeutel wie ein Narr auf und ab, «weil er aus dem Anziehen ſchließt, ich gehe, wie «andere glückliche Menſchen, auf den Markt— «und Er ſelber macht mit Seinem weinerlichen Geſichte eben nicht die glänzendſte Kirmeß⸗Fi⸗ &gur... Wie der ganze Markt vor dummem «Jubel blöckt und der Viehmarkt dazwiſchen hin⸗ ein.— Und die Straßenjungen gucken herauf «und trommeln und trompeten mich an, und «ſchauen ſich wol nach meinen Luft⸗ und Jam⸗ 145 «merſprüngen um..... Sieht Er, Stoß, ſo &weit iſts mit Seinem Prinzipal heute gekommen; Llauf Er aber ins Laboratorium hinunter und &ſchaue Er nach den Kohlen.— Ich wollte, Lich wäre ſchon fort— ſagte der Stößer höchſt verdrießlich. —— Schleunigſt kam er wieder und mel⸗ dete mit einem unbeſchreiblichen Geſichte:«Die & Kohlen im Heinze ſind alle maustodt und kohl⸗ ſchwarz; aber es ſcheußt etwas darin Stralen «über Stralen und muß es etwa der Diamant &ſein. Sollte wol— verſetzte bleich und leiſe Marggraf— Gott ſo allgütig ſein gegen mich Sünder und Hund?» und lief hinab. 2—ö—ͦℳêq—u30——————————————-ℳ—-——ℳ—ℳʃWän Siebentes Kapitel, oder der zwanzigkaratige Grundſtein zur Geſchichte wird gelegt⸗ Ein ächter Diamant war im chemiſchen Ofen fer⸗ tig geworden und funkelte umher; damit kann ſchon ein ſiebentes Kapitel beſchließen; das zehn: tauſend neue beginnt. 145 +——M—V—v—ê—è—êqℳ éℳ—êqòêł ́ℳV—ue—— . Achtes Kapitel, oder: wie der Diamant, deßgleichen der Schächter Hoſeas, ächt und hart befunden werden. Der Apotheker zog mit einer Zange die blitzende Schlacke heraus und ließ den Stößer mit einem Hammer wacker auf beide ſchlagen: der Stein hielt ſich. Er ließ ihn feſtkneipen und feilte daran mit einer engliſchen Feile: der Stein hielt ſich. Er und Stoß hauchten deſſen Glanz an: letz⸗ ter hielt ſich. Er legte den Stein auf einen Amboß und ſchlug mit einem Schmiedehammer gewaltig auf ihn: er bekam ein Grübchen, nicht der Stein, ſondern der Amboß. Folglich hatt' er nach allen Proben ſeinen er⸗ ſten Diamanten verfertigt. II. 10 146 — Seltſames Menſchenleben! Nichts als ein dünner, undurchſichtiger Augenblick ſcheidet oft deine Hölle von deinem Himmel; und wie wir zuweilen in Träumen die Knochen marklos und Füße und Hände angekettet fühlen, plötzlich aber der Zuck des Erwachens uns voll Kraft und Be⸗ Schickſal die Kette eines langen Qual⸗Traumes auf einmal durch eine Minute entzwei und der Menſch erhält ſeine frohe Freiheit wieder und— wacht.——— Außerordentliche Lehrer der Seelenlehre(Pro- fessores extraordinarii) werden auf ihren ver⸗ ſchiedenen auseinander gelegenen Lehrſtühlen den Heiſcheſatz aufſtellen, daß der Apotheker, welcher karten ſeiner Hoffnungen geblendet und wie außer ſich geriſſen ſtand, nun gar vollends im wahren Himmelwagen ſeßhaft, welcher um die Himmel⸗ kugel rollt, vor Schwindel des Jubelns ſich gar nicht weiter werde zu laſſen wiſſen. Es iſt nicht meine Schuld, wenn ich dieſe ſo zuverſichtlich hin⸗ geſtellten Paragraphen der Seelenlehrer gänzlich umwerfe. Denn der Apotheker ſuchte in der Ue⸗ wegung in friſches Leben ſchickt, ſo reißt das bisher ſchon vor den bleich gezeichneten Himmel⸗ 147 berwonne ein Zweifler und ſein eigener Dissenter zu werden, und wollte ſich Gedanken machen:«Die & Sache iſt ja aber kaum zu glauben, Stoß,» ſagt' er— es wäre zu viel, ein Diamant— Schon Kein ungeſchliffener Karat gilt ſeine 25 Thaler, «vier Karate gelten 16 mal mehr, denn die Steine d werden nach den Quadratzahlen ihres Gewichts bezahlt; aber hier ſind vollends mehr als zwan⸗ &zig Karate auf einmal, und an die Größe künf⸗ Ltiger Diamanten denk' ich nicht einmal mit einer & Silbe.— Mohre Proben wenigſtens ſollten & wir machen, ſollten den Stein ins Verkalt feuer «werfen, ſollten ihn in Vitriolöl kochen und nach⸗ «˖ſehen.— Ach! freilich iſt er ächt und recht ächt Lund dieſe ſchwachen Proben ſind jetzo nach den Lallerſtäriſten wahre Poſſen...... O Stoß! «ſo weit iſt es endlich durch Gottes Güte gedie⸗ &œhen, und wir ſitzen nun beide im Sattel.... Laſſe Dich umarmen, Du alter Kalefa tor des «faulen Heinzes.... Scheue Dich nicht ehrer⸗ Lbietig; wer verdient mehr als Du, daß man Dich umhalſ't? Warſt Du nicht der Mann, der «manche Kohle nachſchürte und auf ſie blies, und 8 ———— 148 «der mit der Zange hin und her wandte, in der & Nacht aufſtand und hundert Dinge that?y Unter der Umarmung gerieth der Stößer außer ſich über lauter Himmel(jeder Arm und jede Lefze Marggrafs war ſchon ein Himmel); er ſchluchzete gerührt und ſchimpfte auf ſich ſelber, als ſei er dergleichen gar nicht würdig als ein ſol⸗— cher Schubjack, und beinahe hätt⸗ er ſogar den Apotheker angefahren vor Jubel über die aller⸗ erſte Umhalſung eines langjährigen Prinzipals.— Himmel! wie könnte oft eine einzige Umarmung eines bewunderten Mannes ſeine Schüler mit gei⸗ ſtigen Geburten auf ein ganzes Leben befruchten, und Ein Körper einen Geiſt mit einer Geiſterwelt ſchwängern 1* Der Stößer ſetzte eine Reibſchale(oder wars eine Abrauchſchale) als Kappe auf den Kopf— er kegelte ein Drathſieb vor ſich hin— er rief zum Fenſter hinaus: Juchheh!»— er warf ſich dem trocknen, eben ſchnupfenden Rezeptuarius um den Hals,— der ihm ins Geſicht nieſete mit der Frage:&Hat man ſeinen Schuß, ſeinen Raptus, «ſeinen Raps 2,— Aber er antwortete: Ja wol, ich habe alles in der Welt und brauche nichts mehr als —OO˖⏑:O⏑—XO—⸗—F—⸗—P—— V 149 Lein ſeliges Ende und damit holla! und ich mache mir heute aus Nichts etwas und juble nach Ge⸗ «fallen. Zum Glücke ſchickte ihn endlich ſein Herr zum Juden Hoſeas, um den koſtbaren Stein vom Herzen zu haben und das Geld in der Hand. Es konnte oben unter dem Gedränge der neuen Himmel den obgedachten Seelenlehrern Marggrafs freudige Zweifelſucht nicht durch die Bemerkung erklärt werden, die erſt jetzo folgt. Das Glück nimmt, wenn es aus einem fernen zu einem nahen wird, eine Größe an, durch wel⸗ che es theils zweifelhaft, theils ſo reizend erſcheint, daß wir mit Beweiſen ſeines Daſeins kaum zu ſättigen ſind; und auf dieſe Weiſe hindert, wie die Größe des Unglücks den Unglauben, ſo die Größe des Glücks den Glauben.— Hoſeas erſchien wahrhaft vergnügt; als ein kaufmänniſcher Steingelehrter(Litholog) der klaſ⸗ ſiſchen oder idealen Steine erkannte er ſogleich auf den erſten Blick am Diamanten den Apotheker als den Ritter des ächten Diamanten⸗Vließes und ſtaunte heimlich einen ſo großen Mogul der Zukunſt an. Um deſto mehr leuchtete ihm die Nothwendigkeit ein, daß er das Steinchen für unächt zu erklären und die ſtärkſten Zweifel aufzuwerfen habe, um für ſein baares Geld wenigſtens ſo viel zu gewin⸗ nen, wie der Apotheker, der ſtatt Geldes bloße Kohlen aufgewandt. Als dieſer zur Wiederholung aller Proben, gleichſam zur Helmſchau des Adel⸗ ſteins zu greifen anfing: ſo wehrte er aus Zärte den meiſten und verſicherte, er zähle am meiſten auf ſein Herz. Nur zuletzt erſt, als der Dia⸗ mant rein erprobt dalag, ließ ihm der Jude kein gutes Haar— ein Käſeſtein war er ohnehin— voll Federn und Knoten innen— finnig aber auch dabei, d. h. ſchwer zu ſchneiden— matter Stellen oder gensd'armes genannt, gar nicht zu gedenken. Der Apotheker wollte den herrlichen Wallfiſch von Stein, den er ſich zum Verſpeiſen gefangen, ungern wie einen gemeinen Kopffiſch durch Zer⸗ drückung der Gallenblaſe deſſelben verbittert ha⸗ ben: er fuhr deßhalb auf und an und ſchlug eine niedergeſetzte Committée vor, welche aus dem in der Marktzeit eben anweſenden Hofjuwelier zuſammengeſetzt ſein ſollte. Aber da ſchon wieder war Hoſeas der Mann, wie er ſein ſoll, der lie⸗ ber dem Apotheker ſchönes Vertrauen zeigen wollte, als einen zweiten Bieter in der Stein⸗Verſteige⸗ rung neben ſich ſehen; und ſchlug daher jenen aus und ſelber in den Handel ein. Nach den geſchichtlichen Papieren, die vor mir liegen und der gewöhnlichen Diamantentaxe zu⸗ folge, nach welcher für den Karat eines geſchliffe⸗ nen Diamanten 50 Rthlr. bezahlt werden— für den ungeſchliffnen nur die Hälfte— und nach der von Jeffery aufgeſtellten Regel, daß das Ge⸗ wicht des Steines mit ſich ſelber verdoppelt wird (mithin einer von 5 Karat für einen von 25 Ka⸗ rat gilt) und dieſe Summe wieder mit dem Kauf⸗ ſchilling(ſo daß ein Diamant von 5 Karat an 1250 Rthlr. gilt): nach allen dieſen Anſichten kann der Schächter Hoſeas unmöglich mehr als etwas über die Hälfte betrogen haben; denn obgleich der Diamant 20 Karat(ungeſchliffen) wog und der wahre Preis mithin nur 10,000 Rthlr. genau be⸗ rechnet betrug: ſo zahlte ihm doch der Jude vier tauſend ſechs hundert und einen halben Thaler wil⸗ lig aus. Gegen jeden, der im Handel, wie im Spiele, keinen Bruder anerkennt und in deſſen Augen der Jude hier zu wenig entnimmt und ge⸗ winnt, rechtfertige ich ihn leicht, wenn ich erwä⸗ 152 gen laſſe, was er ſelber ſagt, daß er den Stein dem Apotheker darum etwas zu theuer bezahle, weil er bei dem Verkaufe ſeiner künftigen Steine ſich ſeines Schadens zu erholen getröſte. Auch daß Marggraf den Wechſel anderthalb Tage vor der Verfallzeit ſich vom Kaufſchilling abziehen laſſen, rechtfertigt den freigebigen Hoſeas. Gern gibt der Jude Geld um Eine Minute ſpäter oder holet es um Eine früher, weil die Minute aus ſechzig Sekunden beſteht, von welchen jede ihre ſechs Prozent— und wär' es nur der Phan⸗ taſie— abwirft. Denn jeder hat einen andern Zinsfuß, der eine nimmt Zinſen vom Monate, der andere von der Minderjährigkeit; der eine beſſere von dem Augenblicke und der andere die beſten von der Ewigkeit. 153 Neuntes Kapitel, worin das Nöthigſte gegeſſen und erklärt wird. — Mit Extrapoſt, in Eilmärſchen hätte Marggraf gern ſeine drei Klubbiſten, beſonders den Frei⸗ mäuerer Worble, hollen laſſen,— um ſie ſo⸗ gleich an ſeiner Edenpforte als Pförtner und Gärt⸗ ner zu empfangen— wären ſie alle nicht früher gekommen. Er zeigte ihnen den Geldſack und ſagte:«So Liſt die Sache, und Gott hat es ſo haben wollen Lund mich geſegnet; freilich bin ich jetzo ſehr wol⸗ habend. Mit dieſen unächten Diamantſplittern fing es am Morgen an.» Worble— nach einigem Aufhellen der Wahr⸗ heit— weinte ordentlich zwei Freudentropfen(in jedem Auge einen) und faßte mit beiden Händen 154 Marggrafs Achſeln, ſagend:&So wär's wirklich «wahr, Doktor, Himmels⸗Menſch, ich bitte & Dich um Gottes willen?— Oder haben Dir « die Juden nur die Gelder vorgeſtreckt?— Aber &verdient hätteſt Du wahrlich die Erfindung, und «mußteſt bisher ſo miſerabel und im Bloßen ein⸗ «her ziehen, wie faſt die braſiliſchen Neger, die «mit nackten Leibern die Diamanten ſuchen müſ⸗ «ſen, um keine einzuſtecken.—— Meinetwe⸗ «·gen mag das Gleichnis ganz falſch hier paſſen. «& Ich gratuliere Dir herzlich und will nicht Worble «heißen, wenn ich künftig einen andern Wein &auf Deine Koſten trinke als 27ger, oder 36ger, 1 Loder 48ger, oder doch 66ger. Nur treibe das & Diamant⸗Machen fort, bis Du das wirſt, was Du ſchon biſt, wie Du weißt von Leipzig her.» — Er ſpielte fein auf den Prinzengouverneur und auf das Fürſtenwerden an. 1 Der Stallmaler Renovanz konnte die Freude ſiber Marggrafs Beglückung gar nicht ausdrücken, ſondern begnügte ſich zu ſagen: Das laſſ' ich « mir doch gefallen, beſonders wenn die falſchen & Diamantſplitter nicht wiederkommen. Ich möchte 3 ſagen, der Diamant oder die Freude hat über den «beſondern Bau Ihres Geſichts ordentlich Glanz verbreitet.» Er gehörte unter die wenigen Men⸗ ſchen, welche nicht recht und nicht heiß Glück wünſchen können. Der Zuchthausprediger nahm ſehr ernſt Marggrafs Hand und ſagte: Dieſer ᷣ Handdruck allein kann Sie ohne alle Worte und «. Wörter meiner wahren Theilnahme an Ihrer Freude verſichern, wenn auch nicht ſchon mein „Geſicht ſie vor Ihnen hinlänglich genug ausſprä⸗ «che.»— Sogleich ſchnitt er das verdrießlichſte im ganzen Zimmer und riß ſeine Linke mit dem Ausruf aus Marggrafs Hand: Du Teufel!— &Die Rechte gehört Ihnen.» Es war aber nichts, als daß der befeuerte Held des Tages die gemäſte⸗ ten Finger des Predigers, um den Handdruck herzlich zu erwiedern, ſehr ſtark mit ſeinen ha⸗ gern Fingern an den dicken Ehering angepreßt hatte, wie zum Daumſchrauben. Die Anrede an den Teufel ging aber nicht auf den Apotheker, ſondern auf den Teufel ſelber, über welchen der Prediger ein eigenes Syſtem bei ſich unterhielt. Großen ſchönen Vortheil brächt' es dem gan⸗ zen neunten Kapitel, wenn meine Leſer ſich in ähnlichem Jubel⸗Babel und froheſten Umſtänden 156 befunden hätten und etwa wären unerwartet z. B. auf Thronen geſetzt worden, oder nur unter Heilige, oder(wie lebendige römiſche Kaiſer) gar unter die Götter, oder auf irgend einen Sitz der⸗ Seligen, blos damit ich ihnen nicht lange vorzu⸗ malen brauchte, wie einem armen Manne, wie der Apotheker, auf Freuden⸗ und Menſchen⸗ Strudeln zu Muthe iſt, wenn ſie ihn ſo heben, ſo drehen, ſo ſchwenken. Solche gekrönte, oder kanoniſierte, oder vergötterte Leſer würden am leichteſten einen Marggraf leibhaftig ſich denken, um welchen auf allen Höhen ſeiner Zukunft Freu⸗ denfeuer lodern, und welcher von da in ein Ka⸗ naan ſehen kann, wo Milch und Honig in Geſtalt von Butterwochen und Honig wochen fließen. —— Aber mit welchen Kräften, mit wel⸗ cher Ordnung, ſtell' ich die Unordnung und Wirr⸗ warre der Freuden der Ankömmlinge, der Fra⸗ gen, kurz alles dar, was folgt und ich jetzo dar⸗ ſtelle? Unordnung der Darſtellung iſt vielleicht Darſtellung der Unordnung, muß ich hoffen! Alles ſtrömt und ſtürmt auf den Mann ein, 1 ſein Innen und ſein Außen.„ 1⁵⁷ Die drei Schweſtern erſcheinen, die er mit Geldſäcken bewirft, ſie aus Höllenflüſſen in Gold⸗ flüſſe umſetzend, und er muß die Wogen ihrer Verwunderung dabei rauſchen hören, weil ſich ih⸗ nen die Sache nicht im geringſten aufklären will und der feindſelige Stößer ſie nach ſeiner Weiſe keiner Aufhellung gewürdigt— Der Hundedoktor erſcheint, welcher ſich am meiſten über den Doktorhut verwundern will und darüber ſein gehöriges Licht verlangt— Die verſchiedenen pharmazeutiſchen Verwand⸗ ten erſcheinen, ſowol weitläuftigſte, als vor⸗ nehmſte, mit lauter Kindern, von Müttern um⸗ geben— Der Lohnkutſcher aus Hohengeis, ein bloßer Gevatter, erſcheint, welcher drei Romern Kirmeß⸗ gäſte zugefahren hatte, um ſelber als ein Gaſt des Apothekers abzuſteigen— Der Beikoch aus der marggräflichen Küche erſcheint, um die marggräfiſche in der Hoffnung zu koſten, ſie ſchmecke zehmal niedriger als ſeine— Der Vetter Hofpauker erſcheint, der erſt lange ſein Vorgeſtern und Geſtern nach⸗ und ab⸗ eſſen will, eh' er ſich mit ſeinem Magen nur an das Heute machen kann, geſchweige an das Mor⸗ gen, ſo leer und laut, wie ſein Paukenfell, iſt ſein Darmfell— Der hagere dürftige Vaterbruder erſcheint, der Goldarbeiter, ein brennender, aber kahllöpfi⸗ ger Kopf, der von ſeiner Hitze, wie von Köchen ein gebratener Haſe, nirgend mit Haren aufge⸗ tragen wurde, als an den Läuften, wovon ſpäter die Vorderläufte auf dem Tiſche zu ſehen wa⸗ ren— Noch mehre erſcheinen 6. B. die Silberdie⸗ nerin, die zweite Frau des Goldarbeiters) und wollten alle(ich betheur' es), jeder in ſein beſon⸗ deres perſönliches Erſtaunen und Erfreuen hinein gerathen und beides nach Vermögen zu erken⸗ nen geben— — Ein größeres Gäſte⸗ Sammelſurium und Fragen⸗ und Antworten⸗ Chaos iſt mir in der Geſchichte noch ſchwerlich vorgekommen, nicht ein⸗ mal in der gegenwärtigen bis jetzo und in dieſer Zeile; denn ſpäter in der nächſten will ſich ſogar dieſer Wirrwarr noch vergrößern—— Die bunten Baſen aus Landſtädten erſchei⸗ nen, eigentlich mehr ſchönfarbige Blumenſtäbe, 159 als Blumen ſelber,— wiewol jeder Stab ſich für die junge Blume eben hält, die unter dem Namen Töchterchen an ihn geheftet iſt—, wel⸗ che lakierte Stäbe ſämmtlich nur darum auf die Einladung das Haus betreten hatten, um deſſen Verfall und den Anzug der drei Schweſtern ſelber zu ſehen und zu beklagen— Der Schächter und Kantor Hoſeas erſcheint wieder, welcher zum zweitenmale bittet, daß Marg⸗ graf ihn bei dem noch in der Geburt arbeitenden größern Diamanten im Angedenken behalten— Der Stößer Stoß erſcheint nirgend und über⸗ all, hat ein neues grünes Jagdkleid an Ein der Eile war bei den Juden lein anderes verſetztes Kleid zu kaufen) und zeigt in ſeiner Freude ſtatt des Menſchenverſtandes viel Feuer, wie ein Knabe Luſtfeuer aushaucht, der auf einen vorn brennen⸗ den Spahn, hinten zwiſchen den Zähnen hin⸗ bläſt— Sein Gehülfe, der Rezeptuar, erſcheint und will kalt und zweifelhaft bleiben und über nichts erſtaunen, und ich weiß nicht, warum ich die Schlafmütze nur herpflanze— 160 Kurz, der Teufel und ſeine Urgroſt mutter er⸗ ſchienen(die Großmutter hatte in Frankreich Ge⸗ ſchäfte).— Vor der Hand auch etwas wolthätig wäre Marggraf noch gern an dieſem Polterabend ge⸗ weſen; und mit beſondern Freuden wär' er im Finſtern verkappt in die Vorſtadt, wo die Ar⸗ mut th ihr Luſtlager in den kleinſten Häuſern voll Volkmenge*) aufgeſchlagen, hinaus geſchlichen, und hätte, als die Göttin Fortuna, die Bilder⸗ blenden der Jammergeſtalten mit einem Abend⸗ rothe vergoldend beſchienen;— wiewol er ſich im Drängen det Zeit auf ſechs oder ſieben Hände voll Kreuzer einziehen mußte, womit er aus dem Fenſter in der Eile den goldnen, nämlich lupfer⸗ nen Regen, mit vielem Verſtand immer in ent⸗ gegenſtehende Ecken warf, damit er die aufleſen⸗ den Jungen und Bertler durch Hin: und Zu⸗ rückrennen vor dem Quetſchen und Prügeln be⸗ wahrte. — *) Die Größe der Hänſer ſteht im umgekehrten Verhältnis mit der Menge der Bewohner und auf einem Roſenſtocke wohnen mehr Lauſe, als auf einem Gärtuer deſſelben. 161 Aber noch ein anderer Wirbelwind trieb ihn in ſeinem Aether um, derſelbe, welcher ſchon öf⸗ ter mich, wie gewiß auch den Leſer, obwol im Kleinen, gezerrt. Bekommen wir beide z. B. einen der ſchönſten Briefe voll wahren, aber ſehr großen Lobs: ſo durchfahren wir das Schreiben höchſt eilig, drücken uns entweder nur die Haupt⸗ ſachen ohne die Nebenſachen ein, oder dieſe ohne die Hauptſachen, und wollen es erſt ſpäter ganz anders und wie vernünftige Menſchen genießen; denn jetzo ſind wir in unbändiger Haſt, den Brief unter die Freunde zu bringen. Nicht viel beſſer geht es mir mit einem herrlichen tiefen Buche, das ich mit der größten Flüchtigkeit überlaufe, weil ich es gern langſam auskoſten will, ſobald ich es nur von dem Freunde wieder habe, dem ich es deßhalb nicht eilig genug leihen kann.— Blos noch tauſendmal ärger wurde Marg⸗ graf von zwei entgegengeſetzten Himmelpolen ge⸗ zerrt. Ein Pol zog ihn zur Tiſchgeſellſchaft, der andere zog ihn zur Traumeinſamkeit, kurz, er wurde zugleich am Schurzleder vorwärts und am Hinter⸗ leder rückwärts gelentt. War es nicht ſeine größte Begierde und Glückſeligkeit, Verwandte, Feinde und II. 11 Freunde, Gönner und Neider in ſeine jetzige Inſel der Seligen zu führen— ſeine Fahrt da⸗ hin, ſammt allen Stürmen und Sandbänken, warm zu beſchreiben, ohne gerade darum alles aufzudecken und Seekarten zu geben, worin man⸗ ches leer gelaſſen iſt— und von ſeiner Inſel ſel⸗ ber einen kleinen Atlas aufzublättern? Konnt' ihm von vornen etwas lieber und angenehmer ſein?— Dieß war das Ziehen des einen Pols. Aber von der andern Seite zog der andere hinten am Berg⸗ leder eben ſo ſtark zur Einſamkeit voll Aether⸗ ſchlöſſer. Konnt' er nicht auf dem Bergleder ein⸗— fahren in den ſtillen Schacht und darin das Glän⸗ zen der unterirdiſchen Schätze anſchauen? Konnt' er nämlich nicht ſich auf ſein Lotterbett legen, und ſeinen unabſehlichen Himmel ſich recht austräumen (er lag ſo ungehindert da), und mit Phantaſie⸗ Füßen von einem Weinberggipfel und Tabor zum andern als Gemſe ſpringen und ſich erlaben an den unendlichen Ausſichten unter ihm umher? Ueberlegte er freilich einige Minuten dieſes Austräumen genauer und dachte ſich vorläufig hin⸗ ein: ſo ſah er ſchon unten in der Stube voraus, er werde droben ſich wieder herab unter die Zuhö⸗ 163 rer ſehnen, damit ſie ihm an ſeinem ſchweren Freudenhimmel durch Aushören ſeiner Schilderun⸗ gen tragen hälfen. Nur entzündete dann— dieß ſah er wieder aus dieſem Vorausſehen voraus— ein ſolches Schildern wieder auf der andern Seite den Trieb nach dem Traumbette ſo ſehr, daß der Apotheker vor Zweifel nirgend zu bleiben wußte, wenn es nicht etwa da war, wo er bisher aus Höflichkeit geweſen. Alſo blieb er, wo er war. An Entzückungen ſich freuen, heißt an den umhergerückten Brennpunkten eines Brennſpie⸗ gels ſich erwärmen. Der Menſch kann keine Freude ganz bekommen; ſo wie der Maler kein Meiſterſtück in der Dresdner Gallerie ganz ko⸗ pieren darf, ſondern der letzten ſtets ein Glied zu⸗ rücklaſſen muß, z. B.(wie ein politiſcher Schrift⸗ ſteller) vom Midas die Ohren.— Das Gaſtmal wird endlich aufgetragen. Es war nach allen Nachrichten, die ich darüber ein⸗ ziehen können, eines der beſten, die je in der Ge⸗ ſchichte geglänzt und gedampft; und der Pauter und der Kutſcher und alle Kinder wurden ſatt. Marggraf konnte gar nicht faſſen, wie Li⸗ bette bei ſo wenigem Geld und Kredit der Apo⸗ 164 theke ſo unerwartete Mundvorräthe beiſchaffen können, ſondern überſah ganz und gar, daß ſie mehre verlorne Sohns⸗Braten erſt eine Stunde nach der Diamant⸗Entdeckung zubereitet gekauft, weil ſie den bunten Baſen zeigen wollte, man ſei von jeher nicht arm geweſen. 6. Noch nie im Leben hatte ſich Worble ſo froh gegeſſen— wie getrunken— als hier bei dem Apotheker, der ſonſt ſo wenig ein Haus machen konnte, als eine Schnecke, die nur ihres macht. Er wußte, der faule Heinz erſtatte und verbürge alles. Auch zweitens war er unter allen am froh⸗ ſten über den Frohen. Die innige Freude am großen Glücke eines Freundes ſpricht höhere Liebe aus, als dieſelbe Theilnahme an deſſen Unglück. Es thut mir nur leid, das der Zuchthaus⸗ prediger— der nicht nur der größte Philoſoph in Rom war, ſondern auch der einzige— ſo wie Renovanz ſowol der größte, als einzige Maler allda — ſich nicht betrank. Aber dazu brachte ihn nicht das beſte Weinglas in der Welt. Seine Angſt war gar zu groß, er werde alsdann zu aufgeweckt und kapp' ab, zapf' an, fenſtr' aus, lurz, nehm' es mit irgend einem Mann, der's nachträgt, oder gar einem Millionär, wie der heutige Apotheker, auf. Niemand fürchtete ſeinen Witz ſo ſehr, als er ſelber, da er wußte, daß in ganz Rom nie— mand ſo viele witzige Einfälle wie er— geleſen. Seine Angſt halt' ich aber mehr für Hypochon⸗ drie. Ich habe mehre treffliche Männer gekannt, welche das ganze Jahr mitten unter den witzig⸗ ſten, beißenden Werken und Menſchen zubrach— ten, ſo auch hohe diplomatiſche Männer, welche die ganze franzöſiſche Literatur aus wendig konn⸗ ten, ohne daß im Geringſten ihr deutſcher Stil kürzer oder ihre eignen Einfälle geſalzen wur⸗ den, oder ſonſt nach Witz ſchmeckten; ſo vermag auch der Seefiſch, z. B. der Häring, obwol im ſalzigen Ozean geboren und genährt, das Salz ſo gut zu zerſetzen, daß ſein Fleiſch ſüß⸗ lich bleibt und er erſt todt außer dem Waſſer wieder in Salz gelegt werden muß, um ſchmack⸗ haft zu werden— was gewiſſermaßen bildlich auch mit gedachten Männern in Satiren geſche⸗ hen kann. Er hatte ſich zu ſeiner Amtwürde den Kopf nach oben weit nach dem Himmel zurückge⸗ ſchnallt und wollte erhaben genug und ehrwürdig ausſehen, eine ſo läſtige Kopfhaltung wie die, womit man im Vatikan Raphaels Logen oder ſonſt Deckenſtücke genießen muß. Der Stallmaler trank, ſo viel er wollte, weil er ſich nur leer, nicht voll trinken konnte oder begeiſtert; ſeine größte Tiſchfreude war der ent⸗ zuͤckten Gebehrden reißende Stoß, der immer noch in die Phyſiognomie hinein gerieth, worin er ihn ſo gern malen wollte. Unter dem Eſſen erwartete man das Wich⸗ tigſte, nämlich eine ausführliche Schöpfungge⸗ ſchichte des Diamanten; und einige einfältigere Blutfreunde des Apothekers, die ſowol in, als außer ſich arm waren, geſtanden gern, daß ſie die Sache nur darum recht erzählt zu hören wünſch⸗ ten, damit ſie ſich ſelber ſolche Steine machen könnten. Eigentlich ſind wir alle, ich und die Leſer, im Grunde dieſelben Blutfreunde und möchten herz⸗ lich gern die Wege einer ſolchen edeln Verſteine⸗ rung zu unſerm eignen Beſten erfahren und er⸗ lauſchen, beſonders ich. Fleiß und Mühe der Nachfragen hab' ich da⸗ her mehr, als ich ſagen will, darauf verwandt, um Marggrafs[leinſtes Wörtchen aus ſeiner Tiſch⸗ 167⁷ Rede über die präexiſtirenden Keime, Samen⸗ thierchen, Muttertrompeten, Geburtſtühle und Geburtzange des glänzendſten Sohns des Jahr⸗ hunderts— ſo nenn' ich mit Recht den Diamanten — für mich aufzutreiben und andern redlich dar⸗ zureichen. Aber noch wollte mir kein einziges Steinchen gelingen; und ob der Leſer glücklicher eines zuſammenbringt, erwart' ich ſehr geſpannt nach der Herausgabe dieſes komiſchen Werks. Marggraf hob denn an:“Wie er ſchon von Kindes Beinen an alle Wiſſenſchaften geliebt und ziemlich getrieben, ſogar Regier⸗ und Hofwiſſen⸗ ſchaft. Herr Worble ſitze da und könne bezeugen, « daß er in Leipzig faſt alle Profeſſoren gehört, vom burſchikoſen oder burlesken Dr. Burſcher an, bis «hinauf zum philoſophiſchen Arzte Platner. «Und um Gottes willen, rief er aus, war⸗ &um ſoll denn ein Menſch nicht alles werden kön⸗ Enen, wenn er Zeit und Mittel hat, oder doch es wollen?—. Natürlich aber behielten die, &meinen Verhältniſſen zunächſt liegenden Wiſſen⸗ Lſchaften immer einen gewiſſen Vorrang; und dar⸗ Sunter gehörte, Herr Kollege(er meinte den «Hundedoktor), zuerſt die Heilkunde. Daher nahm Lich in Erfurt den Doktorhut an.„— &Ich war dabei, fiel Worble ein, als er ihn aufſetzte, und heute hat er ihn endlich auf &mein langes Bitten aus dem Hutfutteral heraus⸗ &geholt. Ein anderer, als Marggraf, hätte vor dem eigentlichen Großwürdeträger oder Hutträger Worble kaum der Sache erwähnt: aber ſeitdem er ſich ſelber aus einer dunkeln Kohle zu einem glänzenden Edelſtein hinauf gebrannt, war ihm der Doktorhut nicht viel mehr als eine Scheibe Ehrenfilz, ja nur Haſenhaar und Schöpſenhaar; — gleichwol wollt' er nicht einmal hier Haar laſſen.— & Jetzo aber, Herr Kollege»— ſagte der runde, frohe Hundedoktor, ein Wollebe⸗Menſch, der in jedes Glas, z. B. in ein Einmachglas oder in ein Deckelglas, tiefer und lieber guckte, als in ein Arzeneiglas oder Blutprobeglas—„werden Sie, «da Sie Diamanten haben, uns armen Stadt⸗ &ärzten doch nicht die Kundſchaft verderben.» Hier hielt Worble, ehe Nikolaus nur ant⸗ wortete, ihm eine Düte voll Gedächtnisküchelchen 169 aufgemacht vor und bat ihn, einige davon zu ver⸗ ſchlucken, wie er ſelber häufig ganze Dutzend lurz vor dem Examen zerkäuet, um gut darin zu be⸗ ſtehen;«großes Glück, fuhr er fort, zerlöchert « das Gedächtnis ſo arg als großes Unglück; Pfef⸗ «fermünzſcheibchen ſtärken nun daſſelbe unglaub⸗ «lich, und Du behältſt künftig leicht, wie wir Lalle um Dich her uns ſchreiben, ich mich näm⸗ Llich Worble, H. Zuchthausprediger ſich Süptitz, & H. Hofſtallmaler ſich Renovanz, Du Dich H. «Marggraf, und ſo jeder ſich anders. Nikolaus hatte kaum drei Gedächtnisküchelchen verſchluckt: ſo ſagte er, eben erinnere er ſich, daß er in Erfurt ſtatt ſeiner habe den Freimäuerer exami⸗ nieren laſſen, und daß er erſt von ihm den Doktor⸗ hut angenommen. Kurz, er erzählte zu Worble's und des Hundedoktors Erſtaunen den ganzen Hutwechſel mit der offenherzigen Wahrhaftigkeit, wie ſie nur der Dank für einen ſolchen Glücktag und das Bewußt⸗ ſein eines Diamantthrones verlangen und erleich⸗ tern konnten. Süptitz aber ſtaunte.— Und nun geſtand er freimüthig, daß er blos darum den Doktortitel angenommen, damit er ohne Hinder⸗ nis und Einwand alle ſeine Kuren mit der Gold⸗ 1²⁰ tinktur machen könnie, die er früher zu erfinden vorhatte. Aber ich 5 gern, daß ich die «hohe Kunſt, ächtes Gold ſcheidekünſtleriſch zu « machen, gegen die aiel höhere des Diamant⸗ « machens aus guten Gründen— mocht' ich auch «darin vorgerückt ſein, wie wenig andere— bald «fahren ließ. Ich konnte mir nicht verbergen, &daß Gold wirklich wenig einträgt, gehalten ge⸗ «gen ein nur mäßiges Diamantmachen, und eine & Diamanten⸗Haſelnuß hier wiegt Goldſtangen «dort auf. Schon als Deutſcher iſt jeder ver⸗ «pflichtet, lieber Diamanten als Gold zu machen; &ja ſogar als Europäer. Unſer europäiſches Gold «iſt ſo gut als das amerikaniſche; aber wie elend «ſtechen die abendländiſchen Diamanten in Schle⸗ & ſien, Ungarn, Böhmen gegen die ſüdamerika⸗ «niſchen ab! Europa, ſagt' ich zu mir, muß zei⸗ «gen, was man machen kann! Weiter wollt' ich &aber nichts. Wenn ich ſchon als Kind bei einem Thau⸗ «tropfen an den Diamanten dachte und beide ein⸗ Lander in Glanz, in erſtem, zweitem, drittem ⸗Waſſer ähnlich fand, nur daß der Tropfe rund siſt und weich: ſo konnte dieß noch nichts Er⸗ — 171 chebliches geben. Aber da ich in Neuton las, & welche auffallende Deherun des Lichts im Dia⸗ «manten erſcheine: ſo ſchloß ich auf der Stelle mit ihm auf Waſſerſtoff(gas hydrogéne), aber « freilich auf unendlich verdichtetere. Raub' ihn, Lſagt' ich zu mir, den Metallen: ſo zerfallen ſie «in mürben Kalk; verleib' ihnen ſolchen wieder Lein: ſiehe, ſie glänzen und ſtarren. Nun ſtieß cich auf einen andern ausgezeichneten Körper— «Ldenn ich arbeitete ja täglich damit— welcher &bei dem Verbrennen gerade ſo viel kohlenſaures & Gas als der Diamant gibt; und wer iſt dieſer Landere Körper? Die Kohle. Deſto mehr kommt «es dann noch auf den Fund eines dritten Kör⸗ «pers an, welcher das Oxygen, das von der Kohle bisher am ſtärkſten angezogen wurde, noch & ſtärker anzieht und es von dieſer abtrennt: ſo «hat man ſtatt der Kohle ſeinen Diamanten in der „Hand. Ich kann daher nicht ausſprechen, wie „wichtig dieſer dritte Körper im ganzen Prozeſſe & iſt.— Jetzo paßte das ganze Eßgelag ſehnſüchtig auf den dritten Körper auf und der kahlköpfige Gold⸗ arbeiter beſtand aus lauter Gehörknöchelchen.— 122 e«Dieſen aber, fuhr Nikolaus fort, werd⸗ wich auf keine Weiſe nennen, zumal da ich ihn anicht einmal recht anzugeben weiß. Schon der Ltrockne Weg, aber noch mehr der naſſe, auf «welchem man zur Baute eines Diamanten ge⸗ «langt, iſt ſo gebogen, ſo zickzackig, daß ich nicht meinem beſten Freunde als Wegweiſer die⸗ «.en möchte. Neben meinem faulen Heinze ſteht «der kleine babyloniſche Thurm, der meine Feuer⸗ «und Wolkenſäule und mein Leuchtthurm iſt, der «&wahre Torre del Filosofo des Aetna; aber ob Lich gleich bisher nur Kupfergeld daran wenden LCckonnte, ſo hat er mir doch ſchon Prin zmetall „ geliefert. Ich merke ſelber, daß ich nicht deut⸗ s lich werde*); aber dieß kann auch meine Abſicht —— *) Er meint offenbar mit dem Thurm die voltaiſche Säute, welche auch Davy in England, nur weniger glücklich, zum Verwandeln der Kohlen in Diamanten angewandt. Zur Beſtätigung führ' ich noch an, daß er oben von Kup⸗ fergeld ſpricht; aber aus Kupferſtücken beſtehen ja in Er⸗ mangelung des Sitbers und aus Zink die galvaniſchen Schichten; und das Prinzmetall wird bekanntlich aus Kupfer und Zink(nebſt wenigem Zinn) verfertigt, dabei überſeh' ich indeß nicht, daß er verſteckt genug die gewon⸗ 125 snicht ſein. Die verwickelten Nebenwege bei der «Sache ſind ſo wenig zu zählen, daß man auf «den Gedanken verfallen könnte, ein höherer Ge⸗ Cnius, wovon wir gar keinen Begriff haben, eſließe durchſichtig mit ein. Wer weiß inzwiſchen «das Gegentheil ſo entſchieden?— Wenn voll⸗ &ends tauſend unbemerkte Handgriffe dazu kom⸗ «men, die man unter dem Diamantſchaffen unbe⸗ Hmerkt macht; oder wenn gar(was das Wahr⸗ ſcheinlichſte, aber eben nicht das Mittheilbarſte Lbei ſo weit ausſehenden Operazionen iſt) irgend magnetiſche Bezüge(Rapports) meines Kör⸗ Spers mit Leitern und Nichtleitern, die ich ſchei⸗ dekünſtleriſch bearbeite, mich gleichſam zum Al⸗ leinſchöpfer der Steine hinaufſchraubten; ja «wenn auch kein anderes Wunder bei der Sache «mitwaltete, als das alltägliche, daß nur gewiſ⸗ «ſen Menſchen Säen und Pflanzen geräth, oder &vor Weibern in gewiſſen Verhältniſſen der Wein Lunter dem Abziehen umſchlägt, wie mir denn „ſelber der erſte Diamant gänzlich umgeſchlagen: nenen Diamanten für Metall zu ſeinem Prinzwerden er⸗ klärt. 174 «.zſo muß ich meine Verſuche wenigſtens noch oft Lund mit gleich guten Ausgängen wiederholen, cbevor ich ein beſtimmtes gutes Rezept zum Ma⸗ «chen eines Diamanten mitzutheilen vermag. «& Und dann, wann ichs endlich habe, theil' wich es natürlich niemal mit. Wie würd' es mit allen gekrönten Häuptern beiderlei Geſchlechts Lausſehen, wenn ich ihre Kronjuwelen ſo gemein &machte wie Haarnadeln? Schon Borneo, Ben⸗ aA galen und Golkonda gehen mir mit ihren Bei⸗ «. ſpielen vor und laſſen immer nur wenige Dia⸗ mantgruben zum Erhalten des Hochpreiſes bear⸗ «.beiten.*) Durch mich ſoll es am wenigſten ge⸗ « ſchehen, daß der ruſſiſche Hof, deſſen größter & Diamant 779 Karate wiegt, oder auch der fran⸗ . zöſiſche, deſſen Grand-Sancy, oder eigentlich & Cent-six, es wenigſtens bis zu 106 ½ Kara⸗ aten treibt, an Glanz einbüßen, und ſogar den & Hofrath Beireiß will ich mit ſeinem Steine ſchonen. Aber dann muß ich allein das Geheimnis behal⸗ d ten und völliger Herr über die großen Diaman⸗ aten, die ich mache, ſein, um ſie nöthigen Falls 4 *) Krünitz Enzykl. Art. Diamant, 178 «zu verhehlen. Aber wahrlich, kein Menſch in & Europa ſoll einen ſo ſanften Gebrauch von ſei⸗ «nen Juwelen machen, als ich von meinen; am «Ringfinger will ich ſie nicht tragen(blos einige «nöthigſte), ſondern in der ganzen Hand und «zwar verſilbert, um ſogleich alle Nothleidende, «ſo wie alle Wiſſenſchaften und alle Künſtler und Lalles zu unterſtützen. Denn niemand kann den «&Menſchen, zumal den erbarmungwürdigſten, ſo «gut ſein, wie ich, und ich habe mich heute or⸗ dentlich gefreuet, daß es ſo viele Bettler auf &dem Markte gab, denen allen zu helfen iſt; und Lich möchte vor Liebe faſt weinen, ihr guten Her⸗ «ren und Damen!—— Der kahlköpſige Goldarbeiter dachte nebſt ein Paar andern Gäſten ungemein tief über manches nach. — Ich will ſogleich eine wichtige Nachſchrift über gute Diamantenrezepte machen, ſobald ich nur das Kapitel mit ſeinen Begebenheiten zu Ende gebracht.— Jetzo ſchon nach ſeiner Rede konnt' er es nicht laſſen, daß er einige ſehr arme Anverwandte vom Tiſche in die Küche hinaus lockte und ſie da 126 vorläufig beſchenkte, um noch unter dem Eſſen ih⸗ rer ſeeligen Dandbarleit gegenüber zu ſitzen; denn ſie etwa erſt beim Abſchiednehmen von der Schwelle aus mit einem übervollen Herzen, plombiert unter das Betttkiſſen, von ſich wegzuſchicken, dabei hätt' er wenig gewonnen, da er die Ausbrüche ihrer Seligleit nicht lange genug vor ſich gehabt hätte. Denken und bedenken aber konnt' er heute am allerwenigſten und etwa gute, genaue Lintenblät⸗ ter ſich in einem Zuſtande, wo er mit rauſchen⸗ den Freudenfittichen bewachſen war, und er vor Flügeln auf keinem Beine ſtehen konnte, inner⸗ lich vorzureißen, wär' ihm am Tiſche nicht leich⸗ ter geworden, als ſich in einem Schnellſegler bar⸗ bieren oder in einem Luftſchiffe Korn ausdreſchen. Deſto beſſer reden donnt' er; und dieß that er denn. Nur wenige Menſchen genießen in be⸗ ſonderem Grade das Glück des Arſenitkönigs auf St. Helena, welcher an ſeiner Tafel nicht nur der Tongeber, auch der Tonnehmer ſein konnte, und ſeinen Marſchällen unter den Tiſchreden nichts ließ, als die Ohren. Aber der Apotherer als Dia⸗ mant⸗König oder regulus durfte ſich und alles gusſprechen, und er konne, wenn er wollte, nicht 177 nur behaupten, daß zweimal zwei entweder mehr oder weniger als vier gebe, ſondern auch daß es geradezu vier ausmache, was man höhern Orts oft nicht gern hört. Ueberhaupt kann ein reicher Wirth manches an ſeiner Tafel gegen die Mathe⸗ matik durchſetzen. Dem Apotheker ſchmeckte ſein Reden über ſich immer ſüßer, ſo daß er vor den Ohren des Freimäuerers wieder in ſeine Jugend und deren Plane mit aufrichtigem Selberlobe hinein gerieth — ob ich gleich jedem lieber mit der Zukunft, die noch nicht reden und widerſprechen kann, groß zu thun rathe, als mit der Vergangenheit, der das Reden nicht zu verwehren iſt—; und kein Herz wurde wol durch ſeine Selberſchildereien ſo ſehr gerührt, als ſein eignes. Leider aß Worbie un⸗ aufhörlich unter dem Beifalle, den Nikolaus ſich ſelber abnöthigte, Pfeffermünz⸗ oder Gedächtnis⸗ ſcheiben und bot auch ihm dergleichen mehrmal an. Ich halte dieß für wahre Intoleranz des fremden Selberlobs. Wenn hohe Häupter aus⸗ ländiſche Münzſtätten— z. B. die pariſer— mit ihren Beſuchen beehren: ſo iſt's etwas ge⸗ wöhnliches, daß die Münzmeiſter unvermuthet II. 12 178 unter dem Prägſtocke eine neue funkelnde Ehren⸗ medaille, worauf viele Lorbeern und Legenden für die Häupter eben abgeprägt worden, vorho⸗ len und überraſchend überreichen. Allein auf ähn⸗ liche Weiſe und mit näherem Recht ſchlagen Neu⸗ Reiche, wenn ſie andere in ihrem eignen Münz⸗ hauſe herumführen, auf der Stelle Ehrenmünzen auf ſich ſelber und weiſen ſie auf, und man er⸗ ſtaunt über die Kunſt. Auf einmal ſiel in Marggrafs Reden die tür⸗ kiſche Muſik draußen ein, die gewöhnlich am Jahr⸗ markte gegen 10 Uhr durch die vollen Straßen zieht, und den proſaiſchen Jubel durch einigen poetiſchen verklärt. Da er nun in ſeinen kleinen, engen Jahren gerade in ſolchen Meßnächten weni⸗ ger von ſeinen Eltern bewacht, gewöhnlich mit den Kindern der Gäſte und Fremden im Hauſe den prächtigen Tönen nachſchwamm im breiten Knabenſtrome; ſo ergrünte jetzo die ganze Kin⸗ derzeit vor ihm, und das heute ſo oft bewegte Herz bekam von den Tonſchwingungen einen neuen Schwung. Wie auf dem Theater ein im Prunk⸗ zimmer raſch aufſchießender Vorhang plötzlich auf denſelben Boden einen Garten ſtellt: ſo wurde 129 jetzo an ſeinen Glanzſaal die kindliche Spielwieſe gerückt. Er erzählte allen Gäſten, er ſehe ſich ordentlich, wie er ſonſt ſo froh und unter ſo ſelt⸗ ſam drückenden Ahnungen einer Zukunft, als Kind mitgelaufen; und er bekannte, daß dieſe ſelige alte Muſik gerade heute an einem ſo ſchönen Tage beſonders in ihn eindringe. Aber ſchon, daß er darüber ſprach, über⸗ füllte ihm das Herz und— gegen ſein Streben— auch die Augen. Er ſtand auf, trank ein Glas recht tapfer aus, um ſich feſt anzuſtellen, und be⸗ gab ſich davon. Der Stößer, den Hunden ähn⸗ lich, die ihren Herrn in Geſellſchaft immer aus⸗ ſpähend anblicken, war ihm heimlich hinterdrein gewedelt, bis er ihn zuletzt durch die Thürſpalte auf ſeinem Zudeckpolſter mit dem Bauche liegen erblickte. Stoß'en kam es vor, als ſeufze ſein Herr, und er deutete es auf Leibgrimmen oder ſo etwas. Aber blos Ton⸗ und Frendenfülle und Augenfülle und weichſte Zerſchmolzenheit hatten den Apotheker auf das ſcheinbare Krankenlager ge⸗ worfen. Nun nahm der Stößer vollends wahr, wie jener ſich mühſam in die Höhe richtete und auf dem Bette zu knien ſuchte, wo er, wie es 180 ſchien, außer dem Fingerkreuzen wenig mehr von einem Gebete, als die Worte zuſammenbrachte: du allgütiger, alllieber Gott! Stoß, dem noch immer das Bauchgrimmen im Kopfe ſteckte, fiel am wenigſten auf ein Dankgebet, womit ſich die überfüllte Bruſt etwa lüften wollte, ſondern er fuhr ins Zimmer und fragte, was ihm Dum⸗ mes paſſiert ſei, da er ja ſo bete in der Noth. & Ach,„— ſagte Marggraf mit gebrochner Stim⸗ me— Cnichts als lauter Gutes, wie Er weiß, «und deßwegen dank' ich Gott!— Aber geh' Er und wart' Er den Gäſten auf.&Warum ſchleicht &Er hinten nach?»—«Pardieu! will ich denn Lunten'was ſagen vom Betty(Vverſetzte der Stöſ⸗ ſer), wenn man mich fragt?» Heftige Freude iſt ein Blitzſtral, der am un⸗ ſchädlichſten am Golde frommer Geſinnung und durch Waſſer der Rührung niedergeht. Aber nach Stoß'ens Gebet⸗Störung mußte Marggraf zu einem andern Ableiter ſeines Freu⸗ denfeuers greifen. Himmel! wie ſehr hat der Menſch nicht nur im Glücke das Unglück, auch in der Rührung die Schranke zu bedenken! Denn hätte Marggraf ein wenig dieſes bedacht, und 181 hätt' er nur überhaupt ſich erinnert, wie der Teu⸗ fel jede Gelegenheit abpaßt, dem Menſchen allen Zucker und ſogar das gewöhnliche Salz(denn Zuk⸗ ker iſt auch eines) zu verſalzen: ſo wäre der Held eines ſolchen Tages ſchwerlich in der Nacht auf der Gaſſe mit einem Gefolge aufgetreten, an wel⸗ ches kein Leſer— ich wette die ganze kommende Nachſchrift darauf— denken wird. Aber ſo— weil er eben nichts erwog— ging er aus dem Bette zum Unteraufſchläger Schlei⸗ fenheimer aus Piſäkendorf, demſelben Manne, der in einem Vorkapitel aus ſeinem Gartenfenſter herausgelangt und unſern Helden als Knaben an den Haaren in die Höhe gezogen. Nachſchrift des guten Rezeptes zu ächten Diamanten. Ich ſchäme mich nicht, zu bekennen, daß ich aus Marggrafs Baurede über ſeinen erſten Dia⸗ manten wenig Haltbares zum Nachmachen zu zie⸗ hen vermocht und eher dadurch dümmer geworden als klüger. So hole doch der Henker ſeinen 182 Schlüſſel zu ſeinem alchemiſchen Schatz⸗ und Schmuckkäſtchen, wenn dieſes mit einem Vexier⸗ und Kombinierſchloſſe zugeriegelt iſt!— Auch der gute Leſer wird eben ſo wenig als ich nach dem längſten Studium des Marggrafſchen Rezeptes weder durch Kochen, noch durch Röſten, auch nur einen Diamanten für eine Glaſermeiſter⸗Fauſt, ge⸗ ſchweige für einen Fürſtenringfinger zur Welt för⸗ dern.— Und dieſer Umſtand iſt um ſo betrüb⸗ ter, da dem Leſer ſelber ſchon ſo viele vom Apo⸗ theker zu Stand gebrachte Diamanten wirklich durch die Hand gelaufen und zwar in den Jahren 1789 und 90; denn die damalige auffallende Menge von Steinen, welche man für Einfuhr der franzöſiſchen Auswanderer zum Theil anſehen wollte, iſt jetzo leicht erklärt, da, wie der Leſer von mir weiß, der Anfang der marggrafſchen Ge⸗ ſchichte gerade in jene Jahre gefallen. Dazu kommt noch etwas, das noch weit mehr auffallen und kränken kann. Nämlich mehre Jahre ſpäter nach dem Kirmeßgaſtmahl— ſo daß folg⸗ lich Marggraf ſeine frühere Erfindung mußte ſel⸗ ber gemacht und nirgend geſtohlen haben— be⸗ hauptete Davy in England, Kohlen zu Dia⸗ 185 manten, nur daß die Edelſteine etwas gelblicht und dunkel ausfielen, verſteinert zu haben durch die voltaiſche Säule; was freilich hinterher gar darauf hinausgelaufen,*), daß er die Kohle blos zu einem Körper abgehärtet, den wir in der Che⸗ mie gewöhnlich Anthrazit oder Kohlenblende nen⸗ nen. Aber auffallend genug iſt, daß der ſpätere Britte ſo ſichtbar mit dem frühern Deutſchen zu⸗ ſammentrifft, und man kann ſich kaum der Ver⸗ muthung erwehren, daß etwas Aehnliches, wie zwiſchen Leibnitz und Neuton in Rückſicht der Er⸗ findung der höhern Analyſis, hier zwiſchen Marg⸗ graf und Davy in Beziehung auf die des Dia⸗ manten, der gegen Metalle auch eine unendliche Größe iſt, obwalte, beſonders da das Tiſchge⸗ ſpräch ſchon durch den aufmerkſamen Goldarbeiter konnte verbreitet worden ſein. Auch die voltai⸗ ſche Säule Davy's unterſtützt mich, denn der Thurm neben dem faulen Heinze war vermuthlich eine und ſie die wahre Mutter des Edelſteins, der Heinz aber nur der Brütofen für dieſes Ei. Um indeß chemiſchen Laien— beſonders weib⸗ *) Flörke's Repertorium des Wiſſenswürdigſten ꝛc. B. 1. 8 8 A — 82 2 2 — —₰ ₰ — ‿ = — ● — 8 — 5 8 — — doch einiges Licht mehr zu geben, als der Apothe⸗ ker angezündet, hab' ich über das Verhältnis zwi⸗ ſchen Kohle und Diamant mit unſäglicher achtt giger Mühe(denn Chemie verſteh' ich nicht) fol⸗ 7 7 4 gende chemiſche Tabellen entworfen. 100 Th. kohlenſaueres Gas 100 Th. kohlenſaueres Gas ———"/—— 17 Th. Diam. 83 Oxyg. 17 Diam. 28 Kohle 11 Oxyg. 82 Oxyg. 28 nach Guyton. Nach Biot und Arago beſteht der Diamant aus Kohlenſtoff und Waſſerſtoff. Verbrennt jener: ſo bildet der Kohlenſtoff mit dem Orygene kohlenſaueres Gas und der Waſſerſtoff mit dem Orygene Waſſer, wie folgendes Schema zeigt: Diamant ————— Kohlenſaueres SRee veef i Waſſer Gas Oxygene Oxygene 4 Nur wollte im Diamanten der Waſſerſtoff und folglich bei dem Verbrennen das Waſſer ſich noch nicht finden laſſen; aber vermuthet iſt der Stoff längſt geworden aus des Steins großer Brechkraft des Lichts. Wenn ich jetzo dazu ſetze, daß nach Pepys und Allen's Verſuchen ſo viel Oxygen zur Ver⸗ brennung bedarf, als der Diamant— denn es geben 28,46 Kohle oder Diamant mit 71,54 Opy⸗ gen 100 Theile kohlenſaueres Gas(fixe Luft): ſo ſieht ſchon ein ſcheidekünſtleriſcher Laie, daß dieſe Verſuche ungemein mit den marggrafſchen übereintreffen, hingegen mit denen von Biot und Arago weit weniger. Die Zeit muß frei⸗ lich zwiſchen beiden entſcheiden; nur nimmt ſie ſich immer ſo gar viel Zeit zu allem. 186 ——————— ℳ——— 44. Zehntes Kapitel, worin beſchenkt und ausgeprügelt wird— nebſt der Schlacht bei Rom. Der Unteraufſchläger Schleifenheimer(ſo heißen in Hohengeis, wie in Baiern, Rendanten auf deutſch) war von jeher der türkiſche Erbfeind und Antichriſt des marggrafſchen Hauſes geweſen. Seit⸗ dem aber ſein eigner Sturz den Kaſſen⸗Stürzen einer Unterſuchung nachgefolgt, dachte niemand in der ganzen Apotheke an ihn, als heute der Apo⸗ theker nach dem Gebete. ſetzt worden, blos weil er gern kaſtrierte Ausga⸗ ben der fürſtlichen Einnahme veranſtaltet und die ſanktoriſche, unmerkliche Abſonderung vom Staats⸗ körper, als wär' es ſein eigner Leib, gut unter⸗ Der Mann war in den frühern Zeiten abge⸗ 1 187 halten hatte. Beſonders hatt' er gern, wenn er vornehme Gäſte bekam, die öffentliche Kaſſen⸗ Ziſterne, wie man auch mit den Waſſerwerken in Marly bei Feierlichkeiten thut, immer ſpringen laſſen, wodurch er wider ſeinen Willen machte, daß, als die marggräfliche Kommiſſion eintraf und am Hahne der Maſchine drehte, nichts ſpringen wollte. Ueberhaupt hatt' er ſein Haus zu ſehr wie einen katholiſchen Tempel gehalten, immer offen für je⸗ den, bis er ſelber mit herausging. Schleifenheimer nahm bald den Charakter ei⸗ nes Pauvre honteux an und ankerte in der Vor⸗ ſtadt in einer Dachkammer und ohne einen andern treu gebliebenen Gaſt, als ſeinen Hunger; das Hemde war ſein Sommerkleid, das Bett ſein Winterpelz, den er ſelten ablegte; ſein Braten⸗ rock und Galakleid war ein grünſeidner Schlaf⸗ rock, welchen er anlegte, ſo oft er von ſeinem Dachfenſter heraus der Gaſſe unten mit ſeiner Büſte gleichſam einen Beſuch abſtattete. Konnt' es nun für den freudetrunkenen Marggraf einen gelegnern Einfall geben, als der, eine unten und oben verſiegelte Geldrolle von 100 fl. in 24kreuzerſtücken einzuſtecken und einem 188 dürftgen, verſchämten Feinde unerkannt durch das Geſchenk einerz ſolchen Saitenrolle wieder Metall zum Bezug ſeines ſaitenloſen Schallbodens zu lie⸗ fern? Er konnte unterwegs deſſen Freude über die lange Wachskerze von Geld, die er dem ar⸗ men Teufel von Heiligen weihte, und die ſchöne Erleuchtung von deſſen Bodenkammer, wenn das Geld in den papiernen Lichtmanſchetten herabbren⸗ nen würde, ſich gar nicht unbändig genug vor⸗ ſp iegeln. Nur wäre dem Pauvre honteux ſchwer in der Nacht beizukommen, ja etwas beizubringen geweſen, wenn nicht der Apotheker unten vor dem verſperrten Hauſe gleichſam auf einer Himmellei⸗ ter zu einem der beſten Gedanken gekommen wäre. Es war nämlich eine Bauleiter an das nur von Armen bewohnte Haus(es lag außer der Stadt), einige Ellen von dem Dachfenſter Schleifenhei⸗ mers, angelegt. Marggraf entwarf ohne vieles Nachdenken ſogleich den Plan, die Leiter ans Fen⸗ ſter anzurücken und zu beſteigen, und oben auf ihr den ſtumpfen Geldkegel hineinzuwerfen. Das Fenſter war zwar nicht offen, aber doch einige — 189 Scheiben; und erleuchtet war im ganzen ſchlafen⸗ den Bettelhauſe kein einziges. Indeß hatte der Teufel, der, als der allge⸗ meine Nachtwächter der Erde, aufbleibt und ar⸗ beitet, einen romiſchen Nachtwächter vor die Bau⸗ leiter geführt, und ihn von weitem ſehen laſſen, wie Marggraf eben an ihr rückte und ſchob. Der Nachtwächter wollte kaum ſeinen Augen trauen— zumal da eines von Glas war.— Weil er ſich aber für verſichert hielt, daß der Dieb noch lange an der Leiter zu lenken habe, ſo ſchlich er ruhig davon, um ſich einen Häſcher und Gehülfen zum Einfangen des nächtlichen Einbrechers zu holen. Er kam gerade mit einem trunknen Häſcher aus der nächſten Schenke zurück, dem er ſeinen Stab vorſtreckte, damit der Mann theils angrei⸗ fen, theils ſtehen könnte— als Marggraf auf der oberſten Sproſſe vor dem Fenſter ſtand, und in der Hand den ſilbernen, ſtumpfen Blitzableiter des Unteraufſchlägers hielt, aber bei dem Lärmen ſogleich einſteckte. Die Fanggenoſſenſchaft aber, die nur das Einſtecken der Sachen und darauf das der Menſchen begriff, und den Apotheker ſchon 190 aus der Kammer mit dem Diebs⸗Sack zehend zu⸗ rückſteigend glaubten, umzingelten und umfaßten die Bauleiter, und ſchrien wechſelnd:«Räuber, &Schleifenheimer, Räuber!» Kein Menſch iſt wol leichter zu fangen, als einer, der auf einer Leiter ſteht. Der Apotheker mußte geradezun den Rückzug antreten, und von hinten den beiden Hebungbedienten in die aufneh⸗ nehmenden Arme ſinken, wollt' er nicht mit der Leiter umgeworfen werden.«Was Sakrement chabt ihr oben eingeſteckt?„ war die erſte Frage des trunknen Schergen; er gab ſich aber ſelber durch einen Griff in Marggrafs Taſche die Ant⸗ wort, nämlich den Silberkegel.&Herr Schlei⸗ «fenheimer(wurde allgemein gerufen)! Sie ſind &beſtohlen!» Anfangs hatte der Unteraufſchläger die Rufe: Schleifenheimer! Räuber! viel zu ſehr auf ſich allein nach der Miſchungrechnung bezogen und alſo nichts von ſeiner Exiſtenz gezeigt— wie denn gewiſſe Menſchen, wie nach den Orthodoxen der Teufel, gern ihr Daſein geläugnet ſehen— aber da er die ſchöne Diſtinkzion zwiſchen Stehlen und Geſtohlenwerden in ſeinem Bette vernahm: ſo 191 trat er im ſeidnen Schlafrock ans Fenſter und gab dem Häſcher, der die Geldwalze empor hob und fragte, ob ihm nicht der Spitzbube dieſe tauſend Gulden geſtohlen, kopfnickend die Antwort her⸗ ab, er komme den Augenblick, ſo wie er wäre, im Nachthabit. Er war ſogleich auf den Seiden⸗ flügeln herab geflattert. Der Apotheker blieb an⸗ fangs noch ſo gelaſſen, daß er einwandte, er habe dem Herrn da ein kleines Präſent mit der Rolle machen wollen; über welche Ausflucht die beiden Fänger herzlich lachen mußten. Der Häſcher ſchwur, er habe ihn damit herausſteigen, und der Nachtwächter verſicherte, er habe ihn das Geld einſtecken ſehen. Schleifenheimer, dem der Hä⸗ ſcher die Rolle hinhielt, verſetzte:«Mein iſt es &allerdings; mit meiner eignen Hand ſteht ja dar⸗ &auf geſchrieben: 100 fl. rhl. in 24 kr. Unter⸗ &aufſchlägerei Piſäkendorf.)— ˙O Sie ewig verfluchter Todfeind!» rief Marggraf, und riß grimmig dem Schergen den ſilbernen Klöppel aus der Hand, welchen der ſeidne Schlafrock zum Läu⸗ ten ſeiner großen Glocke einſetzen wollte.«Räu⸗ «hber!» ſchrie der Dreiklang. Der Häſcher ſuchte 192 ſeinen Stock empor zu bringen, der Nachtwächter hielt das Horn in die Luft. Da kam der Jude Hoſeas, der ſeinen Dia⸗ mantenherrn im Gefechte erblickte, gelaufen, mit einem feinen Sommerdegen, auf welchen er eben etwas Weniges geliehen hatte. Die Fänger hiel⸗ ten ein und wollten dem vornehm⸗angezognen Herrn Bericht erſtatten; aber dieſer ergriff vor allen Dingen Marggrafs Partei, und hörte nur ihn, und konnte darauf den Unteraufſchläger fra⸗ gen, ob er an ihn nicht ſelber alle Piſäkendorf⸗ ſchen Einkünfte vom vorigen Jahre habe einlie⸗ fern müſſen, und ob er wol wage, ſich zu dieſer Geldrolle zu bekennen. Die Sache iſt auf Einer halben Seite er⸗ klärt. Nämlich das Marggrafenthum Hohengeis war mit dem verfluchten Uebel geplagt, daß es zwar Geld hatte, aber nie genug, und daß es zwar Auflagen und Schulden machen konnte, aber nie genug. Es waren— dieß ſoll erſtlich Schuld daran ſein— die obern Staatsrechner, bis zum Fürſten hinauf, mit dem Augenübel behaftet, wo⸗ mit Pentheus von den Göttern für ſeine Neu⸗ gierde nach den Myſterien des Baccchus heimge⸗ 193 ſucht worden, mit dem Uebel, alles doppelt zu ſehen— was indeß Bacchus beſten Freunden auch ohne Strafe begegnet—, hauptſächlich doppelt den Inhalt des Privatbeutels, und des Romer⸗ beutels, wovon folglich der eine die Verdopplung des Nehmens, und der andere die des Ausgebens motiviert, eine Sache, die unter dem Namen Kameral⸗Verrechnung bekannter iſt.— Dabei war nun— zweitens— der Umlauf des Geldes ſehr geſchwächt durch den Durch⸗ und Ablauf deſ⸗ ſelben, welchen jeder, der,(wie ich) kein Hohen⸗ geiſer Landeskind iſt, ohne Gefahr Hof⸗Ver⸗ ſchwendung nennen kann. In Hohengeis griffen gar beide Schöpf⸗ und Gießräder in einander, weil der ausſterbende Fürſtenſtamm, wie andere Bäume vor dem Ausgehen, ſtark blühen wollte. Iſt indeß ein Land mit dem Geld⸗Durchfall (Diarrhoe), mit dieſer Nervenſchwindſucht(ner- vus rerum gerendarum) befallen: ſo befolgt die Regierung mit Recht Galenus Regel, während der Krankheit ſelber, böſe Gewohnheiten, wenn ſie auch die Mütter derſelben ſind, nicht abzudan⸗ ken, und ſetzt alſo unter dem Verarmen ärztlich das Verſchwenden fort. In dieſem Falle werden II. 13 194 Finanzräthe und Miniſter— romiſch zu reden— gelinde zu den Metallen verurtheilt; und haben ſolchen überall nachzugraben. Hier ſah man nun im Marggrafthum, wie in einem Neuſpanien, daß das verachtete Judenthum eben ſo gut im Finanzweſen, wie früher in der Religion, die Unterlage des Chriſtenthums ſein könne.— Juden gaben und nahmen ſchön— das neue Teſtament und Evangelium des Finanz⸗ weſens wurde in Hebraismen geſchrieben— Für die Miniſter, jüdiſche Proſelyten des Thors, war der Judentalar ein gutes Schwimm; und Kork⸗ kleid— An der Uhr des Staats waren zwar Chriſten das Schlaggewicht, aber Juden das Geh⸗ gewicht— Kurz, es war noch viel ſchöner, als ichs hier male, und ich wünſchte wol einmal durch ein ſolches Land zu reiſen.—— Schleifenheimer, welcher die Frage des Ju⸗ den über die Ablieferung der Geldrolle verſtanden, wollte nicht gern ſeine Amtehre zum zweitenmale verlieren, ſondern verſetzte:&Dieſes Geld mein’ er auch nicht, ſondern das andere, das der Apo⸗ «theker, ſein alter Todfeind, der auf der Leiter 193 «bei ihm eingebrochen, noch müſſe in der Taſche Chaben.„ In dieſe wollte der Scherge fahren, aber Marggraf entzog ihm mit der Linken den Alpen⸗ ſtock, mit welchem der Trunkne beſſer ſtehen wollte, und brachte auf ſeiner Stirn mit der langen Geld⸗ ſtange den hinlänglichen Windſtoß zum Umfallen an. Jetzo nun begann das Treffen, und ich glaube nicht, daß ich je ein hitzigeres beſchrieben, oder auch Napoleon im Moniteur; man ſieht aber, was Menſchenkräfte vermögen, wenn ſie ſich auf⸗ machen. Anfangs der Schlacht bei Rom— ſo heißt ſie allgemein— war der Feind dreimal ſo ſtark und beſtand aus dem Nachtwächter, dem Unter⸗ aufſchläger und dem Schergen, der mit ſeinem ganzen umgeworfnen Körper oder corps den Bo⸗ den beſetzte oder belegte. Marggraf war blos ſo ſtark wie er ſelber; denn der Schächter mit ſei⸗ nem Sommerdegen war kaum für Eine bewaff⸗ nete Neutralität anzuſehen. Mit dem linken Flü⸗ gel bonnte der Apotheker, weil er ihn blos in der Linken hielt, nämlich mit dem Alpenſtock, nur ſchwach operieren und ihn wenig oder nicht ent⸗ 196 falten; ja es mußte ihm genug ſein, damit das Ochſenhorn des Nachtwächters zu beobachten und abzuhalten, welcher nicht mit der Spitze des Horns, wie die Stirn des erſten Beſitzers, ſon⸗ dern mit dem ſtumpfen weiten Ende die Aus⸗ fälle that und ſehr geſchickt es, ſo gut zu Hieb, als zu Stoß, folglich ſowol gegen Schultern, als gegen Bauch zu führen wußte. Aber mit dem rechten Flügel, in der rechten Hand, mit der Kreuzerſtange, hieb er ſchnell auf alle Glieder des Schleifenheimerſchen Geſichtes unter beſtändigem Rufen ein:«Da, da, nimm «das Geld, da ſtiehl's, Du Lügner, du ewiger, verfluchter Todfeind!»— Dieſer ſuchte ſtill blos die Rechte des Apothekers zu entwaffnen, und fing unaufhörlich nach dem Stoßgewehr, um deſ⸗ ſen Spitze abzubrechen. Der Häſcher fiel dem Apotheker, ſtatt in den Rücken, gar in die Fer⸗ ſen und ſuchte ihn daran zur Niederlage zu nö⸗ thigen. Der Nachtwächter ſetzte ſich in den Be⸗ ſitz ſeines linken Arms, welcher den Stock leitete (der ganze linke Flügel wurde dadurch unthätig gemacht), und wollte ihn als Krieggefangenen fortführen: als Marggraf zwiſchen zwei Feuern 19 — dem Miniercorps des Schergen unten, und der Seitenbewegung des Nachtwächters oben— mit einer Tapferkeit focht, daß der letzte ein glä⸗ ſernes Auge einbüßte, und, wie die größten Feld⸗ herren, Ziska, Hannibal, Bajazeth, Philippus, nur einäugig kommandierte— und daß aus des Unteraufſchlägers Naſenlöchern, die dem Stan⸗ genkanaſter der Geldrolle am ſtärkſten ausgeſetzt waren, Blutbäche floſſen, welche ſich am Kinne zu einem rothen Judas⸗Spitzbärtchen paarten— und daß er ſelber unbekümmert, was er am Hä⸗ ſcher ertrete, mit den Füßen vorrückte, dabei grimmig rufend: O Ihr Sünder ſämmtlich! Wollt⸗ ich doch heute ſo liebreich ſein und Gott «&Dank bringen— und Ihr ſetzt mich hier in ſol⸗ «che verfluchte Teufels⸗Wuth, Ihr Teufel, Ihr & Unmenſchen, Ihr Unchriſten!„ Noch ſchwankte gänzlich der Sieg. Der Schächter Hoſeas, der mit ſeinem Sommerdegen der Schlacht hätte, wie man glaubt, den Aus⸗ ſchlag zu geben vermocht, wollte durchaus nicht ziehen, um das verpfändete Mordgewehr nicht mit Menſchenblut zu beflecken; nicht einmal mit der Scheide wollt' er ernſthaft drein ſtechen und 198 ſchlagen, weil er zu beſchädigen fürchtete, nicht den Feind, ſondern den Parisien. Ja, als er endlich durch den Zorn des Häſchers, der unten alles anpackte,— bis ſogar des Juden Schuh⸗ ſchnallen,— ſo weit gereizt und gewonnen war, daß er zur Vertheidigung ſeiner Füße den Som⸗ merdegen bei der Spitze ergriff und mit dem Ge⸗ fäße plötzlich losbrach und über die Hände des Feindes herfiel: was waren die bedeutenden Fol⸗ gen eines ſo ſpäten Feld⸗ und Nachzugs? Mel⸗ den nicht alle uns bekannte Kriegberichte, daß der Häſcher im Grimme das Degengefäß mit der Hand gefangen und die Scheidenſpitze gewaltſam durch Hoſeas mancheſterne Hoſen getrieben, ſo daß nicht nur der Jude geſchrieen: Ich bin durchſtochen,» ſondern auch der Häſcher unten im Dummſein: Hülfe! Der Hoſeas hat mich erſtochen!— Aber ſind dieß die Siege, auf die ein Marggraf an ſeinem Diamanten⸗Triumphtage mit Ehren zählt? Glücklicher Weiſe war ſchon lange das Ge⸗ rücht vom Anfange der Schlacht bei Rom in die Apotheke getragen worden. Der Stößer fuhr als Reſerve heraus. Nuhiger folgte ihm der Hof⸗ 199 ſtallmaler, welcher ſeinem Pudel die Laterne, wo⸗ mit das Thier gewöhnlich ihm vorlaufen mußte, vorher anhing und anzündete.— Auch Süptitz war ziemlich geſetzt von wei⸗ tem nachgegangen; hatte aber, ſobald er das Ge⸗ dränge der Anfälle auf den Apotheker wahrge⸗ nommen und daraus den Schluß abgezogen, daß dieſer ſich übermäßig wehren und um ſich ſchlagen müßte, ſich aus Schonung für ihn davon ge— macht, um nicht als Zeuge gegen ſeinen Wolthä⸗ ter aufgerufen zu werden, wenn dieſer der Uebel⸗ thäter an irgend jemandes Gliedern geworden wäre. Stoß ſtürzte ſich mitten ins dickſte Schlacht⸗ getümmel und ſtellte darin im Kriegfeuer ein Lauf⸗ feuer vor— eine Lauferſpinne— einen Schach⸗ ſpringer— einen Hopstänzer— einen Harttra⸗ ber(zumal für den liegenden Schergen)— einen Hüpfpunkt(punctum saliens)—, ein äußerſt ſchnell hin und her fliegendes corps war er, weil er ſonſt keine andern Kräfte hatte. Auch zu rühmen iſt der Eifer, womit der Stallmaler zu den allertapferſten Thaten anſpornte, mit den Worten:«Stößer, zugeſtoßen! Nur aufgewixt! — — — 2 200 &Niemand geſchont, beim Henker!»y Denn der Maler wollte recht lange das köſtliche Schauſpiel feſthalten, daß der Pudel, der ſein Laternenlicht wie eine Leuchtkugel auf das Schlachtfeld warf, durch den tiefen Stand ſeiner Nachtſonne am Halſe eine ungewöhnliche, maleriſche Beleuchtung auf alle gekreuzten, kämpfenden Beine, ſo wie auf den Mittelgrund, den Häſcher, fallen ließ: — etwas Schöneres war Renovanzen nie vorge⸗ kommen, noch auf keinem Gemälde. Aber Stoß, von zu ſchwacher Natur und zu kurzer Statur, keineswegs gewachſen den beiden langen Flügeln, dem Nachtwächter und dem Un⸗ teraufſchläger—(denn vom durchbrochnen, näm⸗ lich umgebrochnen Zentrum des Heers, vom Hä⸗ ſcher, iſt ja keine Rede)— merkte bald, daß er wenig erfechten würde, wenn er nicht, anſtatt taktiſch, ganz ſtrategiſch verführe. Es war alſo reine Strategie, daß er den Nachtwächter um⸗ ging, bis er ihm in den Rücken und darauf in die Haare fallen konnte, welche letzte er durchaus behaupten und ziehen mußte, um ihn daran, in⸗ dem er ihm zu gleicher Zeit mit der Handkante ei⸗ nen hinlänglichen Schlag auf den Uebergang von 201 2* 3 der Naſe zum Mund ertheilte, behend umzureiſ⸗ ſen! Schon wurde der ſtrategiſche Plan ausge⸗ führt. Den Unteraufſchläger hingegen, deſſen ſeidner Schlafrock ihm ungebunden entgegen flat⸗ terte, faßte er blos an ſolchem an, und benützte den langen Rock geſchickt, wie ein Seil, womit Holzhacker eine halb durchſägte Tanne nach einer beſtimmten Seite hinzufallen zwingen; und ſuchte ihn rücklings neben den Nachtwächter zu legen; — was ihm jedoch nicht in einer ſolchen Schnelle gelungen wäre, daß er ſogar ſelber ihm nachfiel, hätte nicht zur nämlichen Zeit der Apotheker glück⸗ licher Weiſe wieder mit dem Sturmbalken der Vierundzwanzigkreuzerſtücke die Stirn des Auf⸗ ſchlägers berennt. Kriegverſtändige ſehen ohne mein Erinnern, daß es ganz die vorige Strate⸗ getik war. Noch aber war der Sieg nicht ganz entſchie⸗ den, als herrlich und recht unverhofft der papierne Sturmbalken zerfuhr, und alle die Stücke, wo⸗ mit er geladen war, die Vierundzwanzigkreuzer⸗ ſtücke, auf den liegenden Poſtzug von Kriegern ſchoſſen. Wieder ein neues Gefecht im Gefecht! Jeder vergaß alles, ſich ausgenommen, und haſchte 202 — der Häſcher, der, wie die Morgenſtunde, ei⸗ niges Gold oder Geld im offnen Munde hatte— der Nachtwächter— der Unteraufſchläger beſon⸗ ders— ſogar der Stößer, der dem Feinde nichts gönnte— auch der Hoſendurchſtochne Hoſeas bückte ſich und erhob— mehre Zuſchauer ſtreckten ſich ſelber nieder, und der liegende Kriegſchauplatz langte über den ſtehenden hinaus— Marggraf ſchüttelte gar den Stumpf von Vierundzwanzigern gleichgültig über die Silberhochzeitgäſte hinab, und ſchritt unangetaſtet und hurtig davon. So hatte das Fallen ſeines Staatpa⸗ pieres ihm Sieg und Frieden gebracht. Was das darauf entſtandne Nachtreffen, oder den Succeſ⸗ ſionkrieg über die Kreuzerſtücke anbelangt, ſo gehört es nicht in meine Geſchichte des wichtigen Treffens bei Rom, ſo kunſtgerecht in der Aus⸗ führung, ſo weitgreifend in ſeinen Folgen, die noch dauern! Zu erzählen iſt nur noch, daß Marggraf matt, blaß, ſtumm ſich nach Hauſe begab, und darin ſich allen Gäſten durch Einſperren entrückte. Dem Freimäuerer Worble, welchem er unweit des Kriegſchauplatzes begegnete, ſoll er auf ſeinen 20³3 ſcherzhaften Glückwunſch gar keine Antwort gege⸗ ben haben. Ich berühre mit Fleiß dieſen für den Feldzug ſo geringfügigen Umſtand, weil ich den Feinden des Freimäuerers, welche daraus gern eine marggrafſche Misbilligung ſeiner Neutralität und Furchtſamkeit erſchließen, und ſo den Freund des Apothekers in Schatten ſtellen wollen, hier offenherzig ſagen will, daß Marggraf blos aus tiefem Schmerze über die heutige erſte(eigentlich zweite) Kränkung ſeiner Ehre und über die zer⸗ reißende, kälteſte Unterbrechung ſeiner weichſten Gefühle, gegen die Scherze Worble'ns ſtumm ge⸗ blieben; aber ganz und gar nicht aus Empfindlich⸗ keit über deſſen furchtſames Beiſeite⸗Stehen wäh⸗ rend der Schlacht. Der Apotheker wußte ſo gut als wir, nur noch früher, daß der Freimäuerer unter allen Dingen in der Welt nichts ſo beſon⸗ ders ſcheuete und floh, als— Prügel; und auch dieſe nur wegen möglicher Wunden davon; denn ſonſt war er tapfer genug; und wie oft hatt' er nicht ſelber geſagt:«Hundert Dinge woll' er er⸗ Ltragen, als ein Mann, Schimpfreden, Beu⸗ Ctelleere, Hitze und Kälte, auch einigen Hunger «und Durſt ſo ziemlich; man ſpüre dergleichen 204 nicht unaufhörlich, oder wenn man ſchläft.—— «Verfluchte Wunden hingegen, welche Tage und & Nächte lang fortſtechen und fortbeißen, die ſeien «für wenige gemacht, und kein Held habe ſie agern.— Noch dazu müſſe man ſich ſolche von Kandern im Fluge geben laſſen nach fremder Will⸗ «kühr ohne irgend eine Uebereinkunft, wie breit Letwan, wie tief, und wo?— Daher verliere «auch Prügeln, das ſonſt jeder dichteriſch⸗ komi⸗ aſche Kopf ſo gern in der Darſtellung der Kunſt «genieße, ja durch bloßes Herausſehen aus dem « Fenſter, auf der Stelle allen poetiſchen Werth «für den Dichter, wenn er ſelber mit ſeinem Leibe « hinein gerathe. 1 205 ——-':-—————ℳqℳK——-————MO ¹ 1 Eilftes Kapitel, worin ein höchſtes Handſchreiben endlich ernſthafte Anſtalten zu einem Anfange der gegenwärtigen Geſchichte trifft, und worin man an manchen Dingen mehr gewinnt, als an Ver⸗ ſtand verliert. irgend ein Romer aus dem Apotheker klug wer⸗ den konnte, beſonders die Schweſtern, welche da gerade auf die größten Nachkirchweihen der Freude ſo entſchieden aufſahen— oder ſein Freund Worble, der ſo vielmal ganz vergeblich und ganz heftig an die verſchloſſene Arbeit⸗ und Geburtſtube der Dia⸗ manten anklopfte, daß Marggraf innen wider Willen ſtark rufen mußte, vor drei Tagen ſeh' er V keinen Menſchen an— oder vier oder fünf ſeiner— einfältigſten Blutverwandten, welche ganz ſich in. 1 Ich möchte wol wiſſen, ob am Morgen darauf —— ihn zu finden glaubten, wenn ſie es für wahre Grobheit anſahen, daß er von ihrem Abſchied kei⸗ nen Abſchied nahm— oder ſogar der ſcharfblik⸗ kende Stoß, der am faulen Heinze ſaß vor einem werdenden Dinge wie ein größter Diamant, und welcher zwei Nächte lang ohne Noth ins Feuer guckte, ob ihm gleich ſein Prinzipal befohlen hatte, zu Bett zu gehen und nicht in Einem fort ſo zu wachen, wie er ſelber. 4 — Die Sachen ſtanden aber freiic ſo— und darum wurde niemand daraus klug—: das Doppelſpiel des Schickſals, das den Apotheker an demſelben Tage, wie zu einer Folter, recht in die Ehrenhöhe hinaufgezogen, um ihn ſchnell auf den harten Laſterſtein einer Diebſchande herabfallen zu laſſen, hatte durch den Sturz ſein ganzes Herz erſchüttert und dadurch das Gehirn dazu. Es war ohnehin mehr der letzte Aufzug der Nacht, als ſein ſchon von den andern Aufzügen des Ta— ges vollgedrücktes und ermüdetes Herz noch zu tragen und zu faſſen vermochte.—— Ueberlegie man nur überhaupt ſorgfältiger, wie kleine, ſo⸗ gar unverdiente Brandwunden der Ehre doch von einem unauslöſchlichen gleichſam griechiſchen Feuer geſchlagen werden— wie das gute Bewußtſein 20² ſie nicht ganz löſchen und kühlen kannz, falls man nicht etwa eine ſo kleine öffentliche Schande, wie zuweilen in London, auf einem Pranger ausſteht, wo die Zuſchauer anſtatt mit faulen Eiern, als beſſere Richter mit friſchen Blumen bewerfen: ſo würde ein gutes Herz, das ſo gern und ſo leicht von den Leiden der Dürftigkeit mit Einer Gabe erlöſ't, noch eifriger den Ehregebeugten mit allen Zeichen tröſtender Achtung aufzuhelfen trachten, da ein Menſch dem andern leicht das Tadeln, folg⸗ lich noch leichter das Loben glaubt.— Es gibt wenige Schmerzen, welche nicht alle Menſchen oft, wenigſtens einigemale, geduldet hätten und dadurch ertragen gelernt; aber dem Schmerze ei⸗ ner öffentlichen Beſchämung bleiben die meiſten Glücklichen entrückt, und ein Unglücklicher bleibt ihm erliegen, weil er ein ganz neuer erſter iſt. Im letzten Fall war Marggraf. Daher wollte er ſich retten und rächen; er mußte Rom beſchä⸗ men; er wollte den allergrößten Schöpfungtag er⸗ leben, den ſechſten, nämlich den Geburttag eines größten Diamanten, und dann, mit langen Gold⸗ ſäcken an jedem Gliede behangen, vor Rom ſich hinſtellen und die Frage thun:«Kennſt du mich, 208 a du grobes Neſt?— Beſtiehl mich nun, du Ra⸗ &benneſt!» In ihm war nämlich Luſt und Hoffnnng vor⸗ handen, von den heiligen drei Königen—(leicht ſo zu nennen, weil Diamanten, nach Art der Metallkönige, Kryſtallkönige ſind), da ihm nach dem unächten Steine oder König(auch unter den drei Weiſen war einer ein Mohr) ein ächter ge⸗ lungen war, endlich den dritten glänzendſten zu machen, der nicht weniger wöge, als hundert und ſechs und dreißig und drei viertel Karat. Kurz, er wollte wirklich einen Regenten machen. Nun iſt freilich ein Regent leichter in einem Fürſtenhauſe, als in einem faulen Heinze, oder in einer voltaiſchen Säule zu machen; aber es iſt ja hier offenbar die Rede blos von jenem großen Diamant⸗Regent, oder auch Pitt genannt, wel⸗ chen zuletzt Pitts Feind und Opfer, Bonaparte, beſeſſen haben ſoll. In ſtummer, ſchwüler Verſenkung in ſich ſelber, nahm er dem ämſigen Diener die beſten Arbeiten ab, mit welchen dieſer ſich gern für die Geſpräche ſchadlos gehalten hätte, die ihm gleich⸗ 209 falls entzogen und verboten worden. Denn der Stößer hatte mehre, zum Erheitern angelegte Bauten von Triumphpforten für die Tapferkeit des Herrn, und von Triumphpförtchen für die des Dieners einſtellen müſſen; Marggraf wollte von der Nachtwächter⸗Nacht durchaus nichts hören. Eſſen und trinken wollt' er auch nur wenig; wel⸗ cher Nebenpunkt dem anhänglichen Diener ſo wehe that, daß er ſein eignes verſtärkte, um ſowol das Faſten des Magens auszudauern, als das Ver⸗ hungern und Verdurſten ſeiner eignen Zunge, über welche kein Tropfen und Biſſen von— Worten gehen ſollte. Er ſagte recht ernſthaft in der Apo⸗ theke:« Keine Dienerſchaft hälts in die Länge «mit einem Prinzipal, der faſte, aus, wenn ſie nicht dabei viel ißt und frißt.» Schon in der erſten Nachtwache glühte Marg⸗ grafs Gehirn mit dem Ofen fort und wurde ſel— ber ein fauler Heinz; denn der ſonſt Lüfte und Köpfe abkühlende Morgen wurde für ihn vielmehr ein wahrer Kühlofen, deſſen Hitze die Arbeiter kennen. Zuweilen murmelte er: SEin Prinz von Geburt iſt kein Dieb, ganz und gar kein Dieb.» II. 14 210 In der zweiten Nachtwache ſchlug ſein Gei⸗ ſtes, Brand ganz hell aus ihm heraus. Das bis⸗ her verſperrte Wachsbild der Prinzeſſin und Ge⸗ liebten Amanda, das er ſogar vor dem vertrauten Stoß, als ſein erſtes und einziges Geheimnis, ver⸗ borgen gehalten, holte er ſelber in der Standuhr, aus ſeiner Heiligenblende unter dem Dache, herab und machte weit die Standuhr auf, und ſtellte zwei Lichter davor, um das holde Köpfchen wie einen Troſt, wie einen Engel, unaufhörlich an⸗ zuſchauen. Es war ſchon in der Nachmitternacht, als er das unbewegte, wenn auch nur mit tauben Blü⸗ ten aber vom Helldunkel verklärte Geſicht, auf das er ſeine von Feuer geblendeten Augen lange empor geheftet, feierlich anzureden anfing, halb träumend, halb ſchauend, Inneres und Aeußeres verſchmelzend: «Amanda! Steh' mir bei, und gib das «Zeichen, daß ich dich wieder finde!»—& Bei «Gotty, rief er,&ſie bewegt die Augen und die «Hände und ſteht mir bei! Da aber die Wachs⸗ büſte nur Augen, keine Hände hatte: ſo ſah er ohne Frage im Halbtraum eine andere Gegen⸗ — 211 wart und Erſcheinung, als Außen vor ihm ſtand. — Stoß ſah gar nichts als den Seher. Amanda, himmliſche Geſtalt!„— fleht' er ſehnſüchtig—&gib mir ein gutes Zeichen, daß Lich meinen Vater finde!„—«0 ſieh doch, Stoß, wie ſie Ja nickt!»— Dieſer blickte hinauf und fing ſelber vor lauter Angſt zu ſehen an, und ſagte: 4Ach, Herr Gott! y— &/O, du theuerſter, liebſter Vater, du willſt deinen Sohn aufnehmen?— Ach ſieh, ach « ſieh! Er machts ſo mit den Armen nach mir!» rief Marggraf und ſtreckte die ſeinigen aus. Er ſah nämlich im fernen Spiegel ſeine eigne Ge⸗ ſtalt, die er der Aehnlichkeit wegen für die väter⸗ liche hielt, und an welcher er blos ſein eignes Armausbreiten und ſeinen eignen elektriſchen Haar⸗ ſchein wahrnahm; aber durch das bisherige Fort⸗ glühen ſeines ganzen Weſens hatt' er ſich im ei⸗ gentlichen Sinne ſelber magnetiſiert, und alles Innere geſtaltete ſich alſo leicht zu Aeußerem. & Ich ſehe vom alten Herrn gar nichtsy— ver⸗ ſetzte Stoß, welcher glaubte, der alte Apotheker Henoch ſei erſchienen— gaber ich bin auch kein Sonntagkind.» 212 2 Marggraf ſchauete wieder zu Amanda hin⸗ auf und bat:«Himmliſches Weſen, gib mir ein Zeichen, daß mein Werk gelingt, gelungen!— 5 Gott, ſie reicht mir die Hand, und hat ſchon den Diamanten am Finger» rief er, ohne nach dem Ofen hinzuſehen. &Mir iſt auch ſo was, ſagte Stoß. Wenn sdergleichen iſt, ſo kann ja der Stein fertig ſein « und herausgelangt werden.“ Das Gehirn des Dieners fing am faulen Flecke des herrſchaftlichen Kopfes, wie ein⸗Apfel am andern, Fäulnis auf. Während Marggraf noch immer mit den Augen in die blauen des Bildes eingeſunken blieb, und ſtatt zu bitten, nur zu beten ſchien: faßte der Stöſ⸗ ſer gläubig mit der Zange den Pitt, nämlich den Regenten, ich meine den Diamanten, und ſchrie im Heben und Wenden: Peste! er ſtralt doch « wahrlich, ſo wahr ich hier ſitze.» Es dämmerte ſchon der Morgen heran, als das Steingut heraus kam und fortblitzte. Mit Mühe brachte und weckte Stoß den Seher aus ſeinem Anſchauen des geträumten Steins zum An⸗ ſchauen des wirklichen, und Marggraf fragte: Iſt etwas damit vorgegangen?„— Schweigend .213 wurden endlich einige Haupt⸗Ankerproben und Waſſerproben damit gemacht. Der Stein beſtand jede— und ich verſichere es hier auf mein Wort der ganzen Welt! Haltet den Athem an Euch, theilnehmende und voreilende Leſer!— Marggraf ſagte endlich ru⸗ hig: Lächt!y und änderte das Geſicht nicht. Stoß ſah begierig in ſein Geſicht und paßte blos auf ein Signal darin, um alle ſeine Jubel⸗Lärm⸗ kanonen zu löſen und ſeine Freuden⸗Feuertrom⸗ mel zu rühren; Marggraf aber gab kein anderes Signal, als das, ſich fertig zu machen, und mit ihm zum Juden Hoſeas zu gehen; und als der Stößer doch einigermaßen ſeiner Freude Luft ma⸗ chen wollte, und franzöſiſch aufzurauſchen anfing: & Paix! Bon! Peste!) ſo verbot es Marggraf mit Handwinken und mit den leiſen Worten: & Ruhig, kein Wort mehr!„ Stoß that es ſo ungern als möglich, ſchnitt aber doch einer ihm zum Ausfragen nachlaufenden Schweſter ein ſo flä⸗ miſches, grinſendes Geſicht, als zu ſeinem Schwei⸗ gen unentbehrlich war. Weil der Apotheker mit⸗ ten in der weiten, vielleicht über Jahrzehnde rei⸗ chenden Freude mit unverletzter Beſonnenheit die 214 Standuhr der Prinzeſſin, ſo wie das Zimmer, ſorgfältig verſchloſſen hatte: ſo verſiel der ſcharf⸗ ſinnige Stößer auf die Vermuthung, das Bild ſei gar eine wunderthätige Heilige— und die an⸗ gezündeten Kerteen und der an Marggrafs Kopfe phosphoreszierende Heiligenſchein und die galva⸗ niſche Säule, in welche vor einigen Tagen große Opferthaler, wie in einen Altar, gelegt worden, ließen ihn denken(und er fand es nicht unmöglich und unrecht), daß ein katholiſches Heiligenbild auch an Proteſtanten Wunder verrichte und ſie reich mache, wie Chriſtus Heiden geſund— und er fühlte ſich lebhaft von ſeinem Glaubenbekenntnis ſo viel abzuſtehen geneigt, als zu einem katholi⸗ ſchen Gebet an eine Heilige gehört. Dem Schächter und Sänger Hoſeas wurde der Regent, nämlich der Regal⸗ und Imperial⸗ folio⸗Diamant, vorgehalten....... Es würde meine Kräfte nicht überſteigen, hier das Gemälde zu liefern, ſowol von den Ausrufungen, Staun⸗ Gebehrden, Wortſlüſſen, Kauf⸗ Fechterſpielen und blauen Dünſten des Schächters auf der einen Seite, als von der ganz neuen Kürze, Feſtigkeit, Würde des Apothekers auf der andern, ſo wie 215 auch von dem hohen Rathe und Sanhedrin bei⸗ gerufner Juden, Notarien, Stein⸗ und Rechts⸗ kundigen—; denn ich hätte nur des Juden Schwüre nachzuſchreiben nöthig, daß der Re⸗ gent(denn eben ſo viele Karate, wie der be⸗ rühmte, wog er nicht nur, ſondern noch ſieben f darüber), daß dieſer Regent ungewöhnlich ge⸗ panzert ſei durch gensd'armes*); daß er points und Stroh in ſich habe, und der Regent ſchwer zu polieren oder ein ſogenannter diamant de na- ture ſei, und daß die Hälfte des Werthes, welche der Schneider oder diamantaire übrig laſſe, gut noch zwei Drittel unter Brüdern ein⸗ büße—— dadurch, wie geſagt, wäre die jü⸗ diſche und juriſtiſche Seite geſchildert; auf der an⸗ dern aber, wie leicht wäre Marggrafs neues Für⸗ ſtenweſen durch ſeine Aeußerungen dargeſtellt: Ge⸗ winn ſei eben ſo ſehr unter ſeiner Würde, als Streit deßhalb, nur möge man ſein gutwilliges Aufopfern nicht mit kaufmänniſcher Unkenntnis verwechſeln.— Mit Vergnügen ſlöcht' ich hier den ganzen Diamant⸗Kaufbrief in ſeiner völligen *) So nennen die Juweliere große Flecken oder matte Stellen. 216 Ausführlichkeit, wie er körperlich vor mir liegt, auf dieſem Bogen ein— zumal da vielleicht durch das Kaufinſtrument meinem, wenigſtens hiſtoriſch wichtigen, Werke doch für einige zweifelſüchtige, juriſtiſche Leſer mehr Glaubwürdigkeit zuwüchſe—; aber ich halt' es(ſonſt thät ich's gern) nicht für recht, ſo viel unſchuldige Leſer dem juriſtiſchen Gehölze zuzutreiben, welche mit einer ſo lebhaf⸗ ten, gewiß nicht tadelhaften Ungeduld vor das ungeheure Palais royal und Eskurial auf einmal geſtellt ſein wollten, zu welchem der Diamant⸗ Pitt den Grundſtein gelegt. Sollt' es uns nicht genug ſein, ſogleich blos Folgendes zu erfahren? Nämlich der Apotheker wurde bei dem Verkaufe des Steins ſo oft als möglich über die Hälfte verletzt(durch laesiones ultra dimid.), und bekam daher nur mehre oder wenigere 10,000 fl. rheiniſcher Währung auf der Stelle in Geld ausbezahlt,— denn die halbe Judengaſſe ſchoß bei—; und eben ſo viele auf Papieren zugeſichert.— Hätt' er freilich nur ſie⸗ ben Tage warten wollen(aber eingeſperrte Gluth jeder Art trieb alle Räder ſeiner Natur heftig um); ja nur fünf: ſo hätte ihm der Hofjuwe⸗ 217 lier der Hauptſtadt Hohengeis mit Freuden das Doppelte bewilligt, um endlich auf einmal in ſei⸗ nem hagern Juwelierleben funfzig Prozent, un⸗ ter lauter Schwüren ſeiner zu großen Einbuße, in das grüne Spiegelgarn ſeines Beutels einzu⸗ fangen.— Als Marggraf ſeine neuen Krontruppen(viele tauſend gekrönte Köpfe ſtark) in ſeiner Stube und auf ſeinem Tiſche hatte— denn natürlich werden die verſchiedenen, aufgeſtellten Geldrollen gemeint— ſo ſetzt' er ſich nieder und ſchrieb fol⸗ gendes hohe Umlauf⸗Handſchreiben an Worble, Süptitz und Renovanz: & Liebe Getreue! Wir thun euch hiemit zu « wiſſen, daß Wir die fürſtliche Würde, die Uns « Gott längſt durch Unſere Geburt verliehen, fort⸗ «an öffentlich durch zweckdienliche Mittel behaup⸗ «ten können und wollen, wolwiſſend, daß es der „Vorſehung aus weiſen Abſichten gefallen, Uns «im dürftigen, ja niedrigen Stande eines Apo⸗ Cthekers aufwachſen und erziehen zu laſſen, um «.ns durch das Bekanntmachen mit ſo vielen Lei⸗ «den der dienenden Stände, theils von aller Ue⸗ «berhebung einer höhern Geburt— über welche “ 218 der Fürſt ſo gar leicht die Verwandtſchaft mit « andern, gleichfalls wie er, von demſelben Adam abſtammenden Menſchen vergißt— auf der ei⸗ &nen Seite zu bewahren, theils um auf der an⸗ «dern Unſer Herz, ſo warm uund mild es auch «von Geblüt ſein mag, noch mehr für jeden «.Menſchenbruder, der Elend hat und Troſt be⸗ «&gehrt, zu erweichen und aufzuſchließen;— al⸗ «les dieß woldiſſend, und wahrhaft dankbar an⸗ erkennend, daß Wir auf dieſe Weiſe in Deutſch⸗ «land und in der Wirklichkeit eben ſo glücklich zu Unſerer Ausbildung als Pridatmann erzogen «worden, wie Prinzen zuweilen im Morgenland, «und beſonders in Romanen, z. B. von Wieland dim goldnen Spiegel— ein Fall, der überhaupt «viel öfter vorkommen muß, da ſonſt nicht ſo «viele ſich aus Wahnſinn für Prinzen halten wür⸗ Aden—; ſo ſind Wir geſonnen, nicht länger als Lbis zur künftigen Woche in einer Stadt zu ver⸗ « weilen, welche Unſer Misfallen in großem Gra⸗ « de, und neuerdings an einem wichtigſten Tage &vom frühen Morgen bis in die tiefe Nacht, ſich a zugezogen.» 219 «Wir wollen deßwegen Uns in gedachter Woche, gleich ſo vielen anderen Prinzen, auf fürſtliche « Reiſen begeben, um ausländiſche Länder zu ſe⸗ «hen— deren Höfe zu ſtudieren— von langer Arbeit auszuruhen— Gelehrte und Künſtler &auszumitteln und aufzumuntern— und haupt⸗ «ſächlich in ſo manche Wunde Oel zu gießen, die & Wir auf Unſerer Luſtreiſe am Wege offen fin⸗ Lden werden. &Ob Wir gleich nach Außen hin vor der Hand Lin einem Al incognito zu bleiben gedenken: « ſo wollen Wir doch in Unſerer Nähe Unſerer Würde nicht entſagen. Da Wir aber zu Unſe⸗ &rem Reiſegefolge und Hofſtaat am liebſten Per⸗ ſonen auswählen, deren Treue und Anhänglich⸗ «keit Uns ſchon früher erprobt geworden: ſo er⸗ Lnennen Wir hier den ſogenannten Freimäuerer „Worble zu Unſerem Reiſemarſchall, den Wai⸗ Sſenhausprediger Süptitz zu Unſerem Hofpredi⸗ «ger, und den Künſtler Renovanz zu Unſerem Hofmaler, und wollen jedem von ihnen den halb⸗ Ljährigen Gehalt von 1000 fl. rhl., welche der & Leibpage Stoß mit dem Handſchreiben über⸗ bringt, dergeſtalt vorauszahlen, daß die Reiſe⸗ 220 ckoſten von Uns beſonders getragen werden. Die übrigen Hofſtellen bleiben offen und werden erſt a unterwegs mit den tüchtigen Subjekten beſetzt. « Solches haben Wir hiemit verfügen wollen. «Rom 1700. Nikolaus.» Wenn mehre verſuchte geheime Kabineträthe und Sekretäre dieſes eigenhändige Hand⸗ und Kabinetſchreiben in einem ſolchen Grade verwor⸗ ren, quer, breit, kurz und lang finden ſollten, daß ſich jeder bedenken würde, nur den eignen Namen darunter zu ſchreiben, geſchweige einen gekrönten: ſo überlegt wol keiner von ihnen, daß Marggraf gar keinen andern Sekretär dazu ge⸗ habt und genützt, als nur ſich ſelber; daher auch dieſe Selber⸗Wahlkapitulazion als die erſte und nöthigſte Handlung betrachtet werden muß, die er unter ſeiner eignen Regierung vornahm. Und doch weiß er— ſo ſchwer ſonſt in Einer Hand Zepter und Feder zu halten ſind— dieſe ſo zu führen, daß er wenigſtens ſein Ich durch alle Beug⸗ fälle hindurch, wie der kleinſte Fürſt, eigenhän⸗ dig groß anfängt. 221 Oben wurde des Stößers als Leibpage ge⸗ dacht. Marggraf hatte nämlich mündlich, noch eh' er die Gehalte forttrug, zu ihm geſagt:«Zu gleicher Zeit ertheil' ich Ihm die Chargen eines « fürſtlichen Kammerdieners und Leibhuſaren und «Leibpagen: goldner Treſſenhut und Treſſen⸗ c rock verſtehen ſich von ſelber, und Er kann Sei⸗ «nen Anzug nicht zu koſtbar wählen, um Seinen « Herrn zu ehren.— Freuet Ihn dieß recht? « Zeig' Er mir's frei; Er weiß, wie mich's freuet, «wenn man mir ſeine Freude nicht verheimlicht.» —«Ach, ich armer toller Hundy— verſetzte Stoß, der heute zum erſtenmale vor Freuden weinte— Lich kann's jetzt unmöglich, aber mor⸗ «gen oder abends.“»— So will ich Ihm nur « ſagen— fuhr Marggraf fort— daß Sein Amt «bei einem Fürſten weit wichtiger iſt, als Er «denkt;— Er zieht den Fürſten an und aus, «Er hat in Krankheiten und Nächten und immer Letwas bei ihm zu thun; und da kann Er gerade auf feine Weiſe die Gelegenheit benutzen, mich Leinzunehmen für oder wider Leute, und hat im⸗ «mer mein Ohr. Wahrlich, Sein Einfluß iſt «faſt unwiderſtehlich, und ich habe in der That 222 a ſehr viele Urſachen, gegen Ihn, da ich Ihm ſo « zugethan bin, recht auf meiner Hut zu ſein.» —— Ach allerliebſter Gott! Thun Sie doch «das vor einem ſolchen Erzſpitzbuben, wie ich, mag «ich auch die Ehrlichkeit ſelber ſein.» 225 —:— ö—é——ßℳ ℳ-————êℳqêäMK⸗2ͤä————ꝓ .* Zwoͤlftes Kapitel, woraus man erſt ſieht, was aus dem eilften entſtanden, und daß in jenem eine Sitzung iſt, und die Berichterſtattung derſelven. Die drei Neubeamten mochten nun von Marggraf denken, was ſie wollten, ſo viel ſahen ſie wenig⸗ ſtens, daß die Säcke voll Beſoldungen vor ihnen ſtanden und konnten ſich leicht entſinnen, daß ſie der Stößer die Treppe hinaufgetragen und hinge⸗ ſetzt. Keiner von den dreien wußte, ob er ſie annehmen ſollte, oder nicht, ſondern jeder behielt ſie vor der Hand. Worble rannte in der erſten Beſtürzung in die Apotheke und fand daſelbſt die drei Schwe⸗ ſtern ſchon in der zweiten, dritten und vierten— denn die jetzo weitläuftigern Anverwandten des Fürſten ſaßen zuerſt mitten in Prinzeſſinſteuer und 224 Wittwenkaſſen und Nadelgeldern, kurz in Geldern, welche ihnen Nikolaus geſchenkt, und tropften noch vom goldnen Platzregen.— Der Stößer ferner hatte im Vorbeilaufen ſowol Dummheiten, die er glaubte, als andere, die er erſann, zuſam⸗ men ausgetheilt, und unterwegs die glänzendſten Nachrichten von einer Heiligen und Wunderthä⸗ terin, die er nicht mehr zu nennen wiſſe, beſchwo⸗ ren und gegeben. Auch der Apotheker ſelber war, eh' er zum zweitenmale ausging, zum erſten mit drei großen Shauls auf den Armen wiedergekom⸗ men und hatte es vor den drei Beſchenkten flüch⸗ tig bedauert, daß er in künftiger Woche auf Rei⸗ ſen gehen und ſich überhaupt als Fürſt in mehr als einem Sinne von ihnen entfernen müſſe. Gerade gegen die Schweſtern hatt' er ſich über ſeine Herkunft nur keck und kurz erklärt, wo⸗ von die Urſache allerdings zu unterſuchen wäre. Zum zweitenmale war er mit Geldern und Leuten ausgezogen, um in aller Eile, als gäb' es einen Tag ſpäter keine Kutſchen und Pferde mehr, ſowol dieſe und Kutſcher einzukaufen, als noch tauſend andere Sachen. 225 Der wirkliche Reichthum war da— ſahen ſie alle— aber mögliche Tollheit auch. Nur eine oder zwei ſeiner Schweſtern— welche bei der Auferſtehung früher ihre Kleider, als ihre Kno⸗ chen geſucht und aufgeleſen hätten— fanden in den geſchenkten Shauls alle Spuren eines wackern Verſtandes. Ehe Worble kaum das größte Erſtaunen aus⸗ getheilt und angehört hatte: kamen noch der Pre⸗ diger und der Maler nach und halfen weiter ſtau⸗ nen, beſonders den Schweſtern, welche von ih⸗ nen Marggrafs neueſte Geldauswerfungen bei ſei⸗ ner Selberkrönung erfuhren. Ganz Rom hatte ohnehin der Stößer erſchüt⸗ tert, weil er über jede Gaſſe, durch die er ging, den Schneckenſchleim und Laich ſeiner Berichte ge⸗ zogen. Sterbende ſollen allda(iſt Worble'n zu glauben), der Neuigkeit wegen eine halbe Stunde länger gelebt haben;— ein verdienter alter Sol⸗ dat, der ſeine Frau mit Füßen getreten und noch dazu mit ſcharfen, hölzernen Stelzfüßen, ſoll von ihr herabgeſtiegen ſein, blos um das Nähere von der Sache in Ruhe zu erfahren.— Wer nur Deeutſch konnte, beobachtete die rhetoriſche Regel II. 8 15 226 und fragte: quis quid ubi quibus auxiliis cur quomodo quando.— Alle Peterskuppeln und Kapitolien im welſchen Rom waren Streuſand gegen den Edelſtein im Hohengeiſer— Regenten aus allen fürſtlichen Häuſern ſtanden auf ihren verſchiedenen Thronen umher und ragten empor, aber kein Menſch ſah hinauf, jeder war nur auf den ſteinernen harten Pitt oder Regenten erpicht. — Aber warum denn, bitt' ich, läßt der Menſch ſich die weite Bruſt, welche ganze Univerſalhiſto⸗ rien und Universa beherbergen kann, vom Ge⸗ webe einer Winkelſpinne ausfüllen, und ſagt dem All, wie einem ſchlechten Miethmanne, die Woh⸗ nung auf, damit ſich ein Endchen Ding einquar⸗ tiere?— Aber warum, frag' ich fort, laſſ' ich mich denn ſelber durch Fortfragen von dem elen⸗ den kleinen Stadt⸗Gelärme dermaßen einnehmen, daß ich das Große der Geſchichte vergeſſe und mit Mühe erſt ſo fortfahre, wie folgt?— Für ſo vieles Geldy— redete Libette die drei Herren an— ckönnten wir wol alle unſer « Bischen Verſtand und Unverſtand zuſammen «nehmen und darüber berathſchlagen, wie einem s ſo guten Manne zu helfen ſei.„ ———y— 227 Der Zuchthausprediger fing als der erſte Vorſtand der gelehrten Sitzung zuerſt zu ſtim⸗ men an, und äußerte ſich nicht ohne Scharf⸗ ſinn ſo: 1 In nichts find' er ſich für ſeine Perſon leich «&ter, als in des Herrn Marggrafs Tollgewordenſein. — Von deſſen früherer Erziehung aus Grün⸗ «den gar nicht zu ſprechen, ſo habe ſchon das « bloße ungeheure Glück, ſtatt eines großen Loo⸗ eſes, ſogar das allergrößte zu gewinnen, womit « die andern Looſe auch zu gewinnen wären, den &beſten Kopf verdrehen müſſen; zu dieſem Flu⸗ «&.ge ſei nun noch gar der Fall von der Leiter «gekommen, der durch den Abſtand das Gehirn «& doppelt erſchüttert habe— Gleichwol wäre noch Beſinnenbleiben möglich geblieben, hätten nicht &die Nachtwachen, wodurch ſogar Thiere, wie «Falken, um Verſtand und um Erinnerung des & vorigen Weſens kommen, ihm beides von neuem «beſchnitten, wiewol ſogar in dieſem Falle ſich «fragen ließe, ob er ohne den Fund des Regent⸗ Diamanten auf den Gedanken einer Regentſchaft & gefallen wäre.——(So aber, Mes De- «&moiselles, konnte ſchlechterdings jeder Seelen⸗ 228 «Lkenner nichts anderes erwarten, als eine wahre « fixe Idee; etwa von wirklicher Tollheit. Sind «&denn nicht Menſchen bei weit mattern Veranlaſ⸗ « ſungen dahin gekommen, für weit unwahrſchein⸗ «lichere Weſen, als für Fürſten, ſich zu halten, sder eine ſich für einen Gott den Sohn, der an⸗ «dere für einen Gott den heiligen Geiſt, der «„dritte ſich für gläſern und der vierte buttern, «V.ĩder fünfte(ein großer Theolog zu Opford) für Leine Flaſche, oder blos für einen Topf ein ſech⸗ eſter, zu geſchweigen der Hähne, Rüben, Ger⸗ eſtenkörner, wofür noch andere ſich angeſehen, «&was doch alles nicht ſo menſchmöglich iſt, als ein Fürſt, da dergleichen exiſtiert.“— Gelehrteſter Herr Prediger,— rief Libette aus—&daß mein Bruder ſich etwas in den Kopf « geſetzt, glauben wir ja alle gern, und ſitzen deß⸗ «wegen hier, wir wollen nur aber wiſſen, was « zu thun iſt, und ob man wie ein Narr dem & Narren ſo zuſehen ſoll.» Nun iſt aber das Erwünſchte bei der Sa⸗ Eche— fuhr Süptitz fort— daß er ſich wirklich « für einen Fürſten hält und ſomit dem bekannten Profeſſor Tittel in Jena gleicht.— Dieſer ſah —ꝛHᷣᷣ 229 s ſich gleichfalls für einen an und zwar für einen «römiſchen Kaiſer ſogar;— man nannte von «weitem eine Macht, ſogleich ließ Tittel die ſei⸗ &nige ins Feld rücken—; indeß er in allen an⸗ dern Punkten, zumal auf dem Katheder, ſo &vernünftig war und las, als ſäß' er auf gar kei⸗ nem Throne. Mit demjenigen Verſtande, den & Herr Marggraf noch hat, läßt ſich alſo anfan⸗ «&gen und der verlorne ſich gleichſam wieder ein⸗ « fangen, wie man große Stockfiſche mit kleinen &ködert. Aus dieſen Gründen war Süptitz der ſtimmenden Meinung, man müſſe ihn reiſen und gewähren laſſen; denn wörtlicher Widerſtand, wie hier in Rom am erſten zu befürchten ſei, preſſe und höle die fixe Idee nur noch tiefer und feſter in ſein Gehirn— die heitern Zerſtreuungen der Reiſe, der Wechſel neuer Ideen heile Leib und Geiſt— und ein geſchickter Seelenlehrer, der ihn begleite, könne unvermerkt hier mit Blick, dort mit Wort, heute umſchleichend, morgen ganz anſprengend, die Spielwalze ſeiner Ideen ſo glück⸗ lich verſchieben, daß ſie ein ganz anderes Lied vor⸗ ſpiele. 2³⁰0 0*₰ Sie reiſen demnach hoffentlich, ſagte Worble, «als Sittenlehrer und Hofprediger mit und arbei⸗ aten am Manne und ſtellen ihn her?— Wider Erwarten brachte der Prediger ſtarke Bedenklich⸗ keiten zum Vorſchein, die Züchtlinge ſeines Kirch⸗ ſprengels hintan zu ſetzen, da es größere Pflicht ſei, Böſewichtern geiſtlich beizuſpringen, als bloßen Wahnſinnigen— wiewol er oft die Polizei⸗Zucht⸗ häusler und Tollhäusler unter Ein Dach gebracht—; indeß ſetzt' er dieſen Bedenklichkeiten wieder ſeinen unſchuldigen Wunſch entgegen(und ſchwächte jene damit genug), auf einige Reiſen zu gehen, um vielleicht ſowol ſeinem beſchwerlichen Fettwerden, als ſeinem immerwährenden Geiſtanſpannen eini⸗ gen Einhalt zu rhun. Als ihm Worble dieſe Ausleerung der Fett⸗ zellen und der Gehirnkammern recht ernſtlich an⸗ rieth, und ihn daran erinnerte, wie oft er ihm ſelber vorgeklagt, daß er für die Kanzel ſeiner Kirche(zumal bei heftigen Nutzanwendungen) end⸗ lich zu dick und feiſt werde, ſo wie ſein Ringfin⸗ ger für den Ehering, auf deſſen Durchfeilen er ſich ungern vorbereite: ſo verſetzte Süptitz wie⸗ derum:«Wahr genug!— Inzwiſchen erklär' ich ——— 231 „ hiemit, lieber bleibe ich daheim, eh' ein Reiſe⸗ «. geld mich beſtimmen ſoll, unterwegs den Herrn Apotheker für einen Fürſten auszugeben; höch⸗ «.ſtens etwan werd' ich ſeinem Eigennamen Marg⸗ « graf, nach der Weiſe der Süddeutſchen, den Ar⸗ «ztikel vorſetzen und bei den Leuten ſagen: der & Marggraf.„ Dem Frohauf Süptitz— den Worble ein lebendiges Pro- contra oder Fürwider hieß— verſetzte Renovanz, um gleichfalls abzuſtimmen: Ich will berſten, thu' ich auch nur dieß, ge⸗ « ſetzt er nähme immerhin mich unter der läſtigen Bedingung mit, ohne welche ich nach dem Te⸗ aſtamente meines Vaters ohnehin nicht verreiſen darf.» 4 5, ſagte Libette, Ihren phantaſtiſchen Bru⸗ ader packt er ſo gern mit auf, als Sie, was iſt «dem närriſchen Verſchwender jetzo ein Narr mehr «oder weniger?„ —— Der gute Leſer, für den ich ja alles thue, und für welchen allein(und für niemand andern) ich eine ſo lange Geſchichte ausarbeite, ſoll wahrhaftig nächſtens das Kapitel, worin über den Bruder des Malers der vollſtändigſte Auf⸗ 23² ſchliß gegeben wird, in die Hand bekommen. Nur jetzo muß vor allen Dingen fortgefahren werden. ˙O meinethalben!» fuhr Renovanz fort— &Maler aber haben von jeher ſich nach keinem & Fürſten gefügt— Holbeine und andere haben & vor Königen, die ſie malten, Tabak geraucht— Titiane haben ſich von Kaiſern, die nur zuſa⸗ «œhen, Pinſel aufheben und zulangen laſſen.— «Und dabei waren dieß noch Fürſten von Geburt Lund Geblüt...... Was gibts aber hier an Lächter Fürſtlichkeit für einen Künſtler?— Oh⸗ «nehin hoff' ich unterwegs dem Herrn Apotheker - Swol weſentlichere Dienſte, als jene Künſtler ih⸗ V«ren Fürſten— denn malen werd' ich ihn überdieß Cnoch oft genug müſſen— zu leiſten, wenn ich, da er «doch jetzo ſich als Fürſt noch mehr, denn ſonſt als Hunde⸗Apotheker, für einen Kenner der Ma⸗ slerei wird ausgeben wollen, mit den nöthigſten & Kunſturtheilen aushelfe, die er in den verſchie⸗ «denen Kunſtſammlungen, die er beſitzt, zu fällen hat. Ich dächt' wenigſtens.» &So denkt doch, unterbrach Libette, jeder Cnur an ſich, keiner an meinen Bruder.— 233 « Mich nehmen Sie aus,) verſetzte der Maler, denn nach meinem Urtheile ſoll er gar keinen Tritt aus Rom verſuchen. Er muß als Mente & captus, als Imbecille, als veritabler Narr ſei⸗ &nen Vormund und Curator bekommen, der ſein Vermögen bewacht,— man könnt' ihn ſogar &für einen Verſchwender erklären.»— Da ſtimmte Worble ab, und fuhr auf: &Wie, ein Mann, der, wie eine Harnblaſe, je⸗ «den Monat Steine erzeugen kann, und zwar «die edelſten, der ſoll kurz gehalten werden? Ei⸗ nen lebendigen Diamantbruch, ein ganzes euro⸗ päiſches Braſilien im Kleinen, das uns wenig⸗ «ſtens Weſtindiens diamantne Ketten zerbröckeln «könnte, will man aufhalten in ſeiner Arbeit?— „Beim Teufel! wenn er ſich nun von heute an « hinſetzte und nichts machte?— Oder ſoll er mit s ſeinem Glanze in dieſem modrigen Neſte ver⸗ «ſchimmeln, ſich wie eine Fackeldiſtel in der Wüſte «abblühen?— Meinetwegen! halt' er ſich für die cheilige Pforte oder für den heiligen Stuhl: ich werd' Lihn, gemäß dem Range in ſeinem Kopfe, an⸗ Lreden, und wenn er ſich für den Beherrſcher von Darfur in Afrika anſehen wollte, der hochtra⸗ 234 bend genug*) ſich den Ochſen, den Sohn eines Ochſen, den Ochſen aller Ochſen ſchreibt: ich «cwürde meine bisherige Dutzbrüderſchaft mit ihm &ohne Anſtand fahren laſſen und ihm ſeine Titel ge⸗ alben.— Der Henker! dort kommen ja eben Seine Durchlaucht mit einem neuen Wagen und Kutſcher «herab gefahren, und Stoß ſteht hinten auf.» Er war's in der That. Zwei Schweſtern, welche blos für einen Kopf⸗ putz Kopf genug hatten, gaben in der Eile nur die kurzen Stimmen ab, daß es für die Ehre der Marggrafſchen Familie allerdings am gerathenſten ſei, wenn ihr verrückter Bruder ihnen und der Stadt keine Schande mache, ſondern in der Fremde ſein Weſen triebe.—— Ho, ho,» verſetzte Libette, mich laßt nur mit. Und ſollt' ich in ein Paar Hoſen und Stiefeln hineinfahren und als die einzige Frau unter dem Männergeſindel, mitlaufen:„—(hier nickte Worble recht bei⸗ fällig und ſagte:&o göttlich!„)«ſo ſoll mein „ guter blinder Bruder nicht ohne eine geſcheidte Schweſter herumreiſen, die ein Bischen auf ihn *) Browu's Reiſen in Afrika. 2³⁵ « ſieht; denn es gibt gar manche Schelme unter⸗ «wegs, Herr Worble!»„ Eben trat der Apotheker ein; leichter, ruhiger Anſtand, verbindlichſtes Lächeln, eine gewiſſe Würde verkündigten den Fürſten.«Ihro Durch⸗ claucht haben wir, hob Worble an, ſämmtlich «in corpore unſern Dank darbringen wollen; „auch haben wir vorher eine heutige leichte Sitzung züber das Mitreiſen gehalten, von welcher ich « Ihnen, Sire, einen kurzen Bericht abzuſtatten «wünſche!„— So hatt' er angefangen, in der feſten Erwartung, der Apotheker werde bei ſeinem vollen Abſprung von der Dutzbrüderſchaft ſeine Leute kennen. Aber der Apotheker erwiederte: « Damit werden Sie mich unendlich verbinden, Herr Reiſemarſchally— und warf ſo den be⸗ troffnen Marſchall beinahe aus ſeiner Rolle, weil dieſer ſeinen halben Ernſt gar mit einem ganzen aufgenommen ſah. Dabei hatte Marggraf ſeinem ſonſt ſchreienden Sprachton einen ſolchen Dämpfer (sordino) aufgeſetzt(hohe Perſonen ſprechen faſt unhörbar, hatt' er gehört), daß er unendlich ſchwer zu verſtehen, ſogar zu beantworten war. 2³⁶6 Der Freimäuerer erſtattete jetzo einen ge⸗ drängten Bericht, nicht ohne leichte Bosheit ge⸗ gen die zwei Mitbeſoldeten.«Wie konnten Sie,„ — wandte ſich darauf der Apotheker mit ausneh⸗ mender Leutſeligkeit und Grazie zuerſt an Reno⸗ vanz—«mein beſter Herr Hofmaler, nur Ei⸗ «nen Augenblick daran zweifeln, daß ich Ihren Herrn Bruder mit größtem Vergnügen und ganz «auf meine Koſten in mein Gefolge aufnehme, «wenn ich damit einen ſolchen Künſtler, wie Sie, «gewinnen und um mich behalten kann. War &dieß freundſchaftlich genug gedacht?» Renovanz verbeugte ſich ſchweigend, aber doch um zwei Pa⸗ riſer Linien tiefer als ſonſt. «Auch Sie, Herr Marſchall, können Ihre « Gemahlin mitnehmeny, fuhr Nikolaus fort.— & Durchlaucht!„— verſetzte Worble, mit ptolo⸗ mäiſchen Kreiſen und Windungen und Wendun⸗ gen auf dem Geſichte— Ldieſe laſſ' ich wol nir⸗ « gend lieber, als zu Hauſe. Mach' ich mich Kauf einige Zeit weg von ihr: ſo thu' ich's haupt⸗ &ſächlich, weil ich eben auf zweierlei ausgehe, «welches in der Ehe ſo wichtig iſt, in der wol « manche Wetterwolken unterlaufen: Ich wünſche 237⁷ „nämlich durch mein Verreiſen es dahin zu brin⸗ «gen, daß wir uns beide nach einander ſtark ſeh⸗ «nen, nicht nur ſie ſich nach mir, ſondern auch Lich mich nach ihr, was beides jetzo der Fall nicht « ſein will. Die Ehe— auch meine— hat das & Beſondere, daß man— die Frau vollends— Ldarin zwar ſehr liebt, aber auch verteufelt brummt; &ſo wird man dadurch auffallend jenem frommen « Manne*) ähnlich, welcher bei dem Namen Gott, ſo gottesfürchtig er war, aus Gemüth⸗ Lkrankheit ihn immer ſo zu läſtern gezwungen Lwar, daß ihm ſelber grauſete; die eheliche Liebe ſelber erhält ſich unter der Schneedecke der ehe⸗ Llichen Zänke ganz warm.— Zweitens will ich meine Abweſenheit zu noch etwas machen, näm⸗ Llich zu einer Hahnemannſchen Weinprobe gegen⸗ «ſeitiger Tugend und Treue; ich will verſuchen, cob ſie mir in der langen Abweſenheit, und ob Lich ihr unter den großen Verſuchungen treu blei⸗ «ben kann. Dieß iſt das Wenige, was ich mit «Vielem habe ſagen wollen, Durchlaucht! Sonſt *) Sulzers Schriften. B. 1. S. 105. 238 chab' ich noch andere Gründe genug zum Mit. «reiſen, die nicht einmal ſo ordentlich lauten.„ Deer Apotheker nahm zwar den kühnen Scherz in ſeiner Gegenwart liebreich auf; doch lächelte er nicht laut, ſondern wandte ſich ſchnell ſo an Süptitz:&Wie herzlich gern, Herr Prediger, « ſäh' ich Sie, ſo wie Ihre Gemahlin, auf mei⸗ aner Reiſe zugegen! Es ſollte Ihrer Geſundheit «ſo gut zuſchlagen, wie, hoff' ich, der meini⸗ « gen.„— Erſt aus ſpätern Papieren erſah ich, daß Nikolaus unter ſeinen Reiſezwecken ſich auch den vorgeſetzt, ſeine am chemiſchen Feuer ver⸗ gelbten Jugendroſen in freier Luft roth außzufri⸗ ſchen, um ſchöner bei der ſchönſten anzulangen. Ohne weitere Frage»— ſagte er zu ſich— «ſtellt jeder ſich nach einer Reiſe viel blühender « vor und die Freude des Wiherſehens hun denn Lauch noch dazu.» Herr Marggraf!y—(verſette Süptit) — amein Herr Marggraf von Hohengeis muß « wol in jedem Fall erſt um gnädigſten Urlaub «von mir gebeten werden; aber ich werde daher erſt nach einigen Tagen indirekt,— unmittelbar «wollt' ich ſagen, jedoch beides, ſo wie direkt 239 Emit mittelbar wegen des Gleichklangs zu ver⸗ «wechſeln, gehört wol auch unter die unerkannten « Leiden des Menſchen— alle Beſchließungen über⸗ «bringen können.» — Damit ich aber meine mir ſo lieben Le⸗ ſer und Käufer auf keinem halben Bogen lang die Angſt aushalten laſſe, einen ſolchen Mann, wie Süptitz, auf Marggrafs Reiſen einzubüßen: ſo ſoll ihnen ſogleich dieſes Kapitel mittheilen, was ich im nächſten hätte berichten müſſen. Froh⸗ auf Süptitz hatte nämlich das Eigne, daß er zu einem Gott getaugt hätte, welcher, um eine kurze Zeit zu erſchaffen— ſei ſie auch noch ſo lang— vorher eine ganze Ewigkeit a parte ante nach den Philoſophen dazu haben muß:— ſo lange berathſchlagte er ſich mit ſich und ſeiner Frau. Letzte aber ſetzte ihn jetzo erſtlich vor lauter Be⸗ wunderung— denn ihr Ehe⸗Haupt war ihr das Haupt der Chriſtenheit und ein Chriſtuskopf des Wiſſens— zweitens vor lauter Liebe— denn für ſich und ihr Wolſein gab ſie keinen Groſchen, aber für jenes und ihn alles— in noch größere Schwan⸗ kungen, als er ſchon litt, weil ſie theils gern zu Hauſe bleiben wollte, gegen welches er ihr ſeinen 2⁴0 Mangel an einer Kranken⸗ und Geſunden⸗Wär⸗ terin einwarf, theils gern mit dem Männerzuge gehen, wobei er ihr deſſen mögliche Verſtärkun⸗ gen, deren Ende gar nicht abzuſehen war und ihre einzige weibliche und prieſterliche Würde vor⸗ hielt.«Mein Hauptanliegen dabei iſt ja blos, « daß Du nicht ſo viel nachdenkeſt, ſondern etwas «magerer werdeſt—y ſagte ſie. Daß Frohauf nun nicht bis dieſe Stunde noch dort ſitzt und fortfährt, abzuwägen und zu überſchlagen, verdanken wir blos ſeiner Diebge⸗ meine, die in Einer Nacht den gordiſchen Knoten durchſchnitt! Es traf ſich nämlich glücklicher Weiſe für alle Parteien, daß der Spitzbubenverein im Zuchthauſe ſich zu einem Ohnehoſenbund oder Klub verknüpfte, und daß das ganze Schelmenkonklave — nur darum ſo hart wie Kardinäle vermauert und ſo karg beköſtigt, damit jeder ſelber ſich zu einem heiligen Vater erhebe,— ſich eines beſſern beſann und glücklich durchbrach und den Zurückzug antrat, ohne auch nur einen Mann oder die ges ringſte Kindermörderin einzubüßen. Nicht ein⸗ mal einen ehrlichen Mann hätten die Schelme zu⸗ rückgelaſſen, wäre einer im Zuchthauſe da gewe⸗ 241 ſen; zum Glück aber war ihr Zuchthausverwalter ſelber keiner, ſondern hatte dieſe habeas corpus- Akte für dieſe armen Inkorporierten beſtätigt und war mit ihnen als Räuberhauptmann davon ge⸗ gangen. Es iſt noch nicht hiſtoriſch ausgemittelt, ob zu dieſer Aufhebung der Selberleibeigenſchaft, nämlich zu dieſem Stürmen der Baſtille von in⸗ nen heraus, nicht das damalige franzöſtſche von außen hinein, die Schelme hauptſächlich bewo⸗ gen hat. Der Leſer erinnere ſich nur— was er ohne ſeinen größten Schaden nie vergeſſen kann— daß die gegenwärtige Geſchichte, die er hier aus mir, als der Quelle, zu ſchöpfen hat, gerade im Anfang der franzöſiſchen Revoluzion vorgefallen. Das Diebgeſindel fand ſich ja von ſeinen Obern eben ſo gebunden und gedrückt, wie Frankreich, ja es hielt ſogar mit einigen Frankreichern(die ich aber für damalige Emigrés halte, welche ſich in der galliſchen Kreuzſchule ſelber veniam ex- eundi gegeben) die Marmorſäge gemeinſchaftlich an der Hand. Davon aber anderswo! Wichti⸗ ger iſt für uns der Umſtand, daß die Zuchtleute ihre kleine Baſtille nicht ſowol abgebrochen, als angezündet. Dieß hatte den für unſere Ge⸗ II. 16 242 ſchichte kaum zu berechnenden Erfolg, daß mit dem Zuchthauſe auch deſſen Kirche in Rauch auf⸗ ging, und dadurch unſer Süptitz weit längere Ferien überkam, als auf der Univerſität Coim⸗ bra gegeben werden, wo ſie jährlich nur acht Monate dauern. Denn jetzo konnte er Jahre lang ahwarten, bis die Stadt den Schaſſtall und die dazu nöthigen Böcke für den Seelenhirten wie⸗ der zuſammen brachte, beſonders da Rom viel⸗ mehr ſich tauſend Glück dazu wünſchte, daß die Kirchgänger die Mühen und Koſten eines Sel⸗ ber⸗Schubs unaufgefordert übernommen. Klei⸗ nere Sünder und ehrliche Schelme aus der Stadt, die ſonſt auch in der Zuchthauskirche hoſpitiert hatten, konnten künftig in anſtändi⸗ gern Kirchen bekehrt und gebeſſert werden, in der Stadtkirche, in der Schloßkirche, in der katho⸗ liſchen. Kurz, der Zuchthausprediger Frohauf Süp⸗ titz wurde Hofprediger des Apothekers, und nahm Ruf und Reiſepaß an, was eben zu er⸗ weiſen war und den Leſern frühzeitig zu erzäh⸗ len....... 243 Wir ſind nun wieder ins Zimmer zurück, wo, wie gedacht, geſeſſen und geſtimmt wurde. — Der Fürſt hob endlich die Sitzung auf, ent⸗ ließ aber jeden mit ſolchen aufrichtig gemeinten Anerbietungen jeder Fürſorgen, mit ſolchen herz⸗ lichen Ausdrücken ſeiner Hoffnung, ihnen allen und wer etwa noch ſich anreihen würde, den Rei⸗ ſeweg durch lauter Freuden zu verkürzen, daß ſeiner Schweſter Libette ordentlich Thränen in die Augen traten über ſein gutes Herz und ſeinen kran⸗ ken Kopf, und ſie ganz verdrießlich die Reiſege⸗ ſellſchafter anſah, welchen jenes und dieſes etwas eintragen ſollte. Nach der Entfernung der Mitreiſer befahl Libette ihren Schweſtern, aus dem Zimmer zu gehen, weil ſie ſo gut etwas zu ſagen habe, als jeder; denn der vortragende Rath Worble hatte ſie(er wollte mithin mehr als gewöhnlich zart erſcheinen) in ſeinem StimmenProtokoll ganz ausgelaſſen.«Bruder— fing ſie an— denn «Eine Mutter werden wir Gottlob doch haben — ich will mitreiſen; höre mich aber aus. Jetzo ſtellte ſie ihm— ſie konnte eine Schwe⸗ ſter⸗Rednerin, ja eine Kanzelrednerin ſein— 244 mit ſanftem Nachdruck vor, wie ſie bisher am meiſten für ihn geſorgt, ſowol für ſeine Pflege, als für ſeine Freude, und wie ſie, ob man ſie gleich den wilden rauſchenden Ruprecht nenne, doch ihn immer ſo weich auf den Händen und Fingern getragen, wie ein Grasmücken⸗Ei;— ſie fragte ihn, wer wol ſeine Bedürfniſſe und Nöthen und Süchteleien beſſer kenne, als ſie aus einem langen Beiſammenleben—(«das « werd' ich hart empfindeny, ſagt' er dazwiſchen, Kaber ſtark ertragen,);— ſie bat ihn, ſelber zu entſcheiden, ob es nicht gut ſei, wenn ein auch nur von weitem Blutverwandter ſich ſeiner und ſeiner Gelder ein wenig annehme gegen blut⸗ fremdes, durſtiges Hofgeſindel, das einen Zapf⸗ hahn nach dem andern in ihn ſtechen und einboh⸗ ren werde.—«Sie mögen ſtehleny, ſag? er, «ich mache einen Diamanten und bleibe ver⸗ «gnügt.„—«Und vergnügt, mein Bruder?» — erwiederte ſie, und faltete die Hände, und blickte zu ihm ſtarr mit ſolchen liebewarmen, lie⸗ befeuchten Augen hinan, daß ſeine ſelber trübe wurden, und er mit beiden Händen ihre gefalte⸗ ten lange umſchloß, eh' er ſich endlich zur Frage 245 verfügte: Ob es aber je die Delikateſſe des Geſchlechts erlaube, daß eine Dame, als die Leinzige, unter lauter Männern ſei, gleichſam eine Blume im Forſte; hier beſonders ſitze der &ᷣ Hauptknoten.,—&Wenn er nur da ſitzt, ſo « gibts noch Troſt in der Welty, verſetzte ſie,« ich «werde Dein Hofnarr, Herr Marggraf, und &habe Hoſen an, und ſage Du zu Dir, wie zu allen Deinen andern Narren! Ihr nennt mich «ja ohnehin immer den Tyroler Waſtel.„ Eine kühne Frau erräth ſelten ein Mann; denn ihre Misgriffe, wie ihre Griffe, fahren über den Kreis der Klugheit hinaus.— Mit dieſer unvorhergeſehenen Kleidung und Rolle hatte ſie das ſchon lange ſtehende Heer von Marggrafiſchen Einwendungen auf einmal zerſchlagen; es flohen alle Einwendungen ihres Geſchlechtes— ihrer bürgerlichen Abkunft— ihres luſtigen, mannhaf⸗ ten Poltertons— einiger Umbildung— und des Du; und er nahm ihre Mitreiſe an, und um ſo leichter an, da ſogar Hofnärrinnen von fürſtlichem Geblüt an großen Höfen, bemerkte er, nichts Un⸗ 246 erhörtes ſein*). Nur wurde ausgemacht, daß ſie einige Tage vor ihm ſich aus der Apotheke ver⸗ lieren und dann in Tracht eines Tyrolers ſich zu ihm finden ſollte, damit nicht einmal ſeine Freunde, geſchweige ein Anderer in ſeinem Gefolge, je er⸗ riethen, wer ſie wäre. Sie verſprach es ihm um ſo leichter, da ſie es den Freunden ſagen, und ſie um Blind; und Stummſein bitten wollte. —— Aber welche rüſtige Eile der Reiſean⸗ ſtalten! Marggraf wäre noch lieber aus Rom ge⸗ flogen, als gefahren; und einen ſolchen Schwan⸗ gern⸗Ekel, eine ſolche Waſſerſcheu empfand er vor der Stadt, die ihn ſo lange für einen Bürger⸗ ſohn, für einen Uebergeſchnappten, ja neuerdings für einen Spitzbuben, angeſehen, daß er nicht einmal die Freude koſten wollte, etwan eine oder die andere Armengaſſe zu beſchenken.—— Ich ſollte hier faſt über die Erſcheinung einen Augen⸗ blick philoſophieren. Wie oft kommt ſie nicht vor in manchem Fürſten⸗ und Miniſterleben, dieſe Ortſcheu? Welche Kleinigkeiten gehören nicht da⸗ *, Z. B. als die Kaiſerin Katharina 1717 nach Berlin abging⸗ nahm ſie die Fürſtin Gallizin als Hofnärrin an und mit. 247 zu, um eine Wagenthüre mit dem Kronwappen auf immer vor einer Stadt zuzuſperren, oder ſie gar auf ſo fernen Umſtraßen vorüber zu lenken, daß man die nächſten nach der gedachten Stadt nie⸗ mal auszubeſſern braucht?— Und doch hat ein ſolcher Ort⸗Ekel das Eigne, daß ich oben von ſolchen Orthaſſern die Metaphern von Schwan⸗ gern und Gebißnen, welche nicht etwas Urſprüng⸗ lich-Verhaßtes fliehen, ganz glücklich gebraucht, und daß die Sache noch viel weiter geht. Denn ein guter Menſch, wie Marggraf, konnte ſämmt⸗ liche Romer kommen laſſen und alle ziemlich lieben, nur aber den Reſt der Stadt nicht aus⸗ ſtehen, den er im Kopfe hatte. Nach allem, was bisher gewiß ausführlich erzählt worden, müßt' ich nun gar zu wenig von Welthändeln verſtehen, wenn ich nicht vorausſe⸗ hen wollte, daß im nächſten Kapitel der Auszug aus Rom unfehlbar erfolgt, und daß Marggraf ſammt allen ſeinen Freunden— und Leſern ſetz' ich dazu— an der Gränze in neue Länder über⸗ tritt.— Iſt denn nicht ſchon alles Koſtbare be— ſtellt und bezahlt, was im nächſten Kapitel kom⸗ men muß, weil es unentbehrlich iſt, und hat 248 Marggraf irgend etwas nicht gekauft? Ja hat nicht ſogar der Schächter Hoſeas ſich ſelber einge⸗ kauft zu einem Hofiuwelier deſſelben, und will mitreiſen— für ſchwache Reiſekoſten und mäßi⸗ gen Gehalt— um nur ſich dem Apotheker ſtets als den treuen Diamantkäufer bereit zu halten, welcher die Funkelſteine, wie elektriſche Funken, aus ſeinen Händen in fremde weiter leitet? 249 —ö⸗⸗————— Dreizehntes Kapitel, worin aus Aegypten ausgezogen, und vorher das gelobre Land aufgepackt und mitgenommen, und darauf ein Bettelzug und ein Kandidat der Theologie erſcheinen. Wenn man an der Gränze auf einer Anhöhe ſtand: wahrlich, ſchwerlich ſah man je einen prächtigern Zug, oder einen ſeltnern. Alles fuhr entweder, oder ritt, oder ging; jedoch nach Belieben;— ein pfeifender, pocken⸗ grubiger Vorreiter, welches Worble war, der Reiſemarſchall;— ein herrlicher Leib⸗ und Staat⸗ wagen, faſt ein halbes niedliches Vorzimmerchen, mit vielem verſehen, worein der Fürſt Marggraf ſelber ſaß, gegenüber der Prinzeſſin⸗Braut aus Wachs in ihrer Standuhr;— zu beiden Seiten reitend das Regiment Marggraf, aus zwölf theils invaliden, theils angeworbenen, braven Haus⸗ 250 ruppen beſtehend, als ſtarke Bedeckung gegen künftige Spitzbuben;— dicht hinter dem Staat⸗ wagen des Apothekers ein ſeltſam bedeckter mit dem Stößer, der vor dem aufgepackten faulen Heinze und der voltaiſchen Säule ſaß, in Arbeit, und neben ihm der Rezeptuarius mit einem ver⸗. drießlichen Geſichte und ſeiner vollſtändigen Dreck⸗ apotheke im Sitzkaſten— ein niedliches Vis-A-vis mit dem Hofmaler Renovanz, gegenüber ſitzend ſeinem ätheriſch und wächſern gebaueten, ſchönen Bruder, welcher ſchlief;— gleich darauf eine Reiſekaleſche mit dem Hofprediger;— und dann ein ſchwerer Kutſchkaſten mit dem Schächter Ho⸗ ſeas, der ſein jüdiſches Küchengeſchirr und einen Bei⸗ und Kochjuden mit hatte;— darhinter noch gar einen leeren Zeremonienwagen für künftiges Frauenzimmer;— und alles dieß vollends ge⸗ 1 ſchloſſen mit einem Küchen⸗ und Kellerwagen, und mit einer Fuhre, worauf manche Eheweiber aus dem Regiment Marggraf hockten..... Die Pracht ſchon an ſich überſtieg alles; aber 4 was war dieſe gegen die allgemeine Freudigkeit und Bewegung? Hier ſprengten einzelne Reiter die Linie herab, um zu decken und zu ſehen— dort hielt ſich hinten Süptitz an ſeinen Wagen an, um ſich magerer zu laufen— der Fürſt ſteckte aus rechtem und aus linkem Kutſchenſchlage das auf⸗ geheiterte Geſicht heraus, um zu ſehen, ob jedes andere lächle— der Reiſemarſchall, wie geſagt, pfiff— ſo mancher vom Regiment ſtieß in ſein Horn— ein Paar Pferde wieherten— ein Lenz⸗ wind blies— der Rezeptuar ſchnupfte— Reno⸗ vanzens Bruder ſchlief und nickte— und endlich hinter der Reiſelinie galoppierten gar zwei Leiter⸗ wagen mit Ochſen nach, und waren mit Krüp⸗ peln, Lumpengeſindel und Bettlern geladen. Letztes veranlaßte den Apotheker, einen Flü⸗ geladjutanten an die Leiterwagen, welche, wie es ſchien, vergeblich nachzurädern ſuchten, eilig abzuſchicken, um ſie zu befragen, was ſie haben wollten. Einſtimmig riefen die Leute vom Wa⸗ gen herab: ſie kämen blos aus Rom und wollten betteln bei ihm. Da nämlich die dortige Armen⸗Negerei viel von Marggrafs Almoſen⸗Ausgüſſen gehört, ja früher etwas davon bekommen; aber die ſo ſchnelle Abreiſe eines ſolchen Allvaters der Weltwaiſen nicht vermuthet hatte: ſo hatten ſie ſich ſämmtlich 25² zur Miethe zwei Ochſenwagen zuſammen geſchla⸗ gen, um etwa der Wolle von Goldregen nachzu⸗ kommen, um noch im Lande einige Tropfen auf⸗ zufangen, ehe ſie über die Gränze gezogen war. Der Plan war doch gut. Kaum hatte der Flügeladjutant die Antwort der Leiterwagen⸗Mannſchaft überbracht: ſo be⸗ fahl der Fürſt und Apotheker auf der Stelle zu halten, damit ſie näher heran führe; und es wurd' ihr ſehr günſtig von weitem zugewinkt. Sie fuhr bei Marggrafs Wagen vor— und er ſah nun wirklich auf der Landesgränze die letz⸗ ten Romer, gute vollſtändige Sansculottes, oder politiſches Freiheitſein nur aushaltende, nicht ausbreitende Ohnehoſen, Ohneſtrümpfe, Ohne⸗ ärmel und Ohnehemden, und was ſonſt noch zu Kleidern gehört und fehlt. In ziemlicher Ferne konnte man ſehen, wie er dem Regimentſtabe von Bettelſtäben zuwarf und nachwarf— nämlich zu viel: denn eine oder zwei Stelzbeine fielen müh⸗ ſam auf das lebendige Knie, das ſie noch hatten; die Weiber riefen«Herr Jeſusy, und warfen die Arme in die Höhe, und die Kinder die Aerm⸗ chen. Nur einer glaubte bei dieſen Konſtantini⸗ 253 ſchen Schenkungen, es hätte mehr gegeben wer⸗ den können; und dieß war Marggraf ſelber, wel⸗ cher ſeinen Zorn gegen Rom und das neuliche Ver⸗ ſchließen ſeiner Hand vor Armen ordentlich auf der Gränze abzubüßen ſuchte. Indem Worble auf einer Anhöhe vor dem Gränzwirthhauſe hielt, damit alles davor früh⸗ ſtückte, ſah er auf der entgegenſtehenden Straße einen dürren Jüngling mit offner Bruſt und flie⸗ gendem Haare, und mit einer Schreibtafel in der Hand, ſingend im Trabe laufen. Der Menſch machte gleichfalls vor dem Wirthhauſe oben Halt, und ſchauete unverrückt in das neue Erntefeſt der Armuth hinab. Er ſah immer erfreuter aus, und endlich weinte er gar darüber. Dem Reiſemar⸗ ſchall gefiel der geiſtige Theilnehmer an den kör⸗ perlichen Theilhabern, und er knüpfte ein Ge⸗ ſpräch mit der Frage an: GBleibt wol ſchön Wet⸗ «ter, mein Herr?„—&So ſchön, wie die Jahr⸗ &zeit und der Auftritt unten(verſetzte der Menſch) — Cdena in fünf Minuten weht es.» Als Worble den Kopf ſchüttelte, bat ihn der Jüngling, Ver⸗ ſuchsweiſe von der Morgenwolke gegenüber den Kopf wegzudrehen nur fünf Minuten lang, und 254 ihn darauf wieder hin zu wenden, ſo werd' er ſie ſehr durchlöchert erblicken, zum Zeichen anfangen⸗ der Auflöſung; denn der Mond kulminiere dann eben über Amerika. Zu Worble's Erſtaunen traf alles pünktlich zu; aber es war ſehr natürlich, denn der junge Menſch war ein Wetterprophet, wie nachher noch mehr einleuchten wird, und wußte ſolglich ſo gut wie ich, daß der Mond täglich viermal mit einer kleinen Wetteränderung, und wär' es Verdün⸗ nung des Gewölks, oder neuer anderer Wind, ſeine Bahn bezeichne, nämlich erſtens bei ſeinem Aufgange, zweitens bei ſeinem Untergange, drit⸗ tens bei ſeiner Vollhöhe(Kulminazion) über uns, und viertens bei der andern über Amerika. 2 Worble ſah als Reiſemarſchall auf der Stelle ein, daß ein ächter Wetterprophet unter allen Stücken eines vollſtändigen Reiſegepäcks das nö⸗ thigſte ſei; und ohne ſein ſchmeichelhaftes Erſtau⸗ nen zu verbergen, befragte er den Propheten um den Namen:&Wer ſoll ich anders ſein?— ver⸗ ſetzte der Prophet— Cals der Kandidat Rich⸗ «ter aus Hof im Voigtlande!y) 25⁵5 Meine Leſer werden erſtaunen, der Kandi⸗ dat war demnach niemand anders als— iich ſel⸗ ber, der ich hier ſitze und ſchreibe. Denn kaum hatte Worble den Namen gehört, ſo fiel er dem Kandidaten um den nackten Hals à la Hamlet und begrüßte ihn als den trefflichen Verfaſſer der Auswahl aus des Teufels Papieren, deſſen verſteckten Namen er in Gera von dem Ver⸗ leger Beckmann erfahren hatte, und der eben, wie jetzo bekannt, der meinige iſt. Der Verleger brauchte ſchon damals kein Geheimnis aus mei⸗ nem Namen zu machen, weil mein Buch ſelber eines blieb und zu Malulatur wurde, wenigſtens zu einer erfrornen Scheinleiche, welche erſt durch das Erwärmen von den ſpätern lebendigen Ge⸗ ſchwiſtern wieder die Augen aufſchlug. Der Reiſemarſchall holte den Kandidaten, der ſeine Freude über einen dritten oder vierten Le⸗ ſer ſeines Buchs kaum weitläuftig genug auszuſpre⸗ chen wußte, mit Mühe aus, ob er eine Luſtreiſe auf Koſten des Herrn Marggrafen Nikolaus mit zu machen Luſt in ſich ſpüre; er verſprach ihm, da Durchlaucht ohnehin noch keinen groſen Schrift⸗ 256 ſteller und keinen eigentlichen Wetterkundigen von Profeſſion in ihrer Zuite beſäßen, ihm die Stelle auf der Stelle zu verſchaffen, ſobald nur der Fürſt vor der Kneipe halte und den Pferden zu ſaufen geben laſſe.— Wer bekam bei dieſen Worten ſtatt eines Veilchen am Wege einen ganzen Vor⸗ leglöffel voll Veilchenſyrup in die Hand, wer an⸗ ders, als der arme Kandidat Richter, der auf ein⸗ mal, nachdem er ſo viele Jahre in Hof unter Kauf⸗ leuten und Juriſten mit ſeinem aufgedeckten Halſe und langen Flatterhaare beſtaubt und unſcheinbar hingeſchlichen, ſich im Gefolge und Pfauenrade eines Fürſten als einen langen Glanzkiel ſollte mit auf⸗ gerichtet ſehen, in täglichem engſten Verkehr mit lauter Hofleuten, nach deren Bekanntſchaft er ſchon damals hungerte und durſtete, um ſpäter endlich Werke, wie einen Heſperus, einen Titan u. dergl., der Welt zu liefern, Werke, die ſie ja gegenwärtig hat und ſchätzt, und worin eben Höfe treu und täuſchend aufzutreten hatten? Der Apotheker hielt an und ſtieg aus— der Reiſemarſchall ſtellte den Kandidaten ihm vor— der Fürſt ſah ihn ſcharf an, aber unendlich mild 257 — der Marſchall hob Richters Talent, ſowol im Schreiben, als im Prophezeien, ſehr heraus— kaum aber war nur Worble's halbe Bittſchrift zu Ende: ſo wurde vom Fürſten dem Kandidaten der Theologie aus Hof die Beſtallung zum Pro⸗ phetenamt mündlich zugefertigt mit allen Nutz⸗ nießungen und Privilegien des Amts, wie ſolche auch immer Namen haben mochten. — Was den Freudenkehraus oder Luſtpolter⸗ abend in des Kandidaten Gehirnkammern anlangt, ſo war ſolcher ſo laut und verworren, daß mir darüber alle die witzigen Verſchrobenheiten ganz ent⸗ fallen ſind, womit der junge Menſch dem Für⸗ ſten ſeinen Dank darbringen wollte, weil er es damals für ſeine geſellige Pflicht anſah, jeden Satz zu einem kurzen, ſcharfen, blanken, dün⸗ nen Gegenſatz auszuſchleifen. Wer es freilich wußte, wie der Kandidat in Hof, gleich faulem Holze, gedrückt und zerdrückt, doch nicht auszu⸗ löſchen war, ſondern zerkrümelt und unter man⸗ chem Waſſer fortleuchtete, der mußte, wenn er nur halb ſo gutmüthig dachte, wie er, ihm den II. 17 258 glänzenden Glückwechſel ſo gönnen, wie ich. Deſto ſchöner iſt, was er ſelber einige Stunden ſpãter dem Reiſemarſchall auf die Frage, ob ihn die jetzige, wie es ſcheine, fliegende Himmelfahrt nach der vorigen Fegfeuerfahrt nicht vielleicht zum Schwindeln und Herausfallen aus ſeinem Poeten⸗ gange und gradus ad Parnassum bringe, ent⸗ ſchieden zur Antwort gab: Herr Reiſemarſchall! «Nicht den Dichter acht' ich am meiſten, wel⸗ acher im Unglück, ſondern jenen, der im Glück s und in der Muße treu der Muſe bleibt. Der « gar zu gewöhnliche Menſch und Schreiber, Herr «von Worble, iſt ein Wind, der nicht eher, als in zerfallenen Gemäuern und Engen ſich hö⸗ Lren läßt, obwol auch da nicht ſonderlich; hin⸗ sgegen der rechte Dichter und Menſch iſt ein «&Ton, der ſich an keinem äußern Widerſtand Lerſt erzeugt, ſondern ſich nur verdoppelt, zu ei⸗ «nem ſchönen Echo., Was denn auch der Kan⸗ didat redlich gehalten bis jetzo, wo er den Ge⸗ ſandtſchaftrath⸗Titel hat und Jahrgehalt und im⸗ mer noch fortſchreibt, als hätt' er keinen Kreuzer im Vermögen.— un ————— — ———— 259 —— Leider iſt nur hier ſchon der zweite Band zu Ende; aber freilich, wie ſehr ich wünſchte, ich hätte lieber den dritten fertig und ſchlöſſe ihn hier, kann ich kaum ſagen. Denn wenn ich mich ſo auf die moſaiſche Anhöhe dieſes unſeres hiſtoriſchen Kanaans ſtelle und hinein⸗ ſchaue, und ſehe, welche Begebenheiten im künf⸗ tigen Bande herankommen— und welche Län⸗ der ſich ausbreiten theils mit Milch und Honig, theils mit Schwefelmilch und Weinſteinrahm und Sauerhonig— wenn ich nur betrachte, was ſchon die beiden vorigen Bände für Bruttafeln und Weſpenneſter und Heckkäſten und Treib⸗ und Gebärhäuſer von Menſchen und Sachen gebauet, welche alle im Frühling des dritten Bandes le⸗ bendig herausfahren und ſummen und ſauſen und brauſen müſſen, unter andern Renovanzens Bru⸗ der und der Kandidat Richter und die Hofnärrin Libette und Marggrafs Hofhaltungen und Haus⸗ und Hofſuchungen in den verſchiedenen Städten und die Städte dazu und der Zuchthausprediger mit ſeinen ſeltenen Leiden und Sätzen— und wenn doch dieß alles gar nichts und nur Bettel 1 iſt gegen die neuen Leute, welche aufſtehen und zum Gefolge ſtoßen, wovon der ewige Jude al⸗ lein ſchon jede Erwartung und mehr als ein Ka⸗ pitel erfüllen kann— ja wenn ſogar wieder ſchöne Heckkäſten und Treib⸗ und Gebärhäuſer für noch ſpätere Bände zum größten Reize des dritten ausgezimmert und angeſtrichen werden: ſo ſollt' es mich nicht zu ſehr wundern, wenn man⸗ cher Leſer noch lieber ſein eignes Ende erlebte, als das Ende dieſes Bandes, da zumal das eine gerade einen Himmel. aufmacht, das andere aber einen verſchiebt. Aber erſt in der Michaelismeſſe 1821 fährt der dritte Band oder Himmel auf Frachtwagen in hohen Ballen nach Leipzig. Ein kleiner, wenn auch ſchwacher Vorſchmack wär' es freilich, wenn ich hier die Moralien, die ſich aus einigen künf⸗ tigen Kapiteln ziehen laſſen, geben wollte. Ich will es gern, da es leicht und kurz zu machen iſt, weil jede Moral ſtets kürzer ausfällt, als die Fabel oder Geſchichte vorher. Aus dem 17ten Kapitel folgt die Moral: die Hebel der Jahr⸗ 261 hunderte und Völker ſind benützte Augenblicke; nur durch das Drehen des Minutenzeigers kannſt du unſchädlich den Stundenzeiger bewegen.— Aus dem 18ten Kapitel fließt dieſe: ſei ein Ja oder Nein, aber kein Dazwiſchen; weder der lange Bart des Mönchs und des Juden, noch das balbierte Kinn fallen verdrießlich ins Auge, ſondern nur der wochenlang ſtehendgebliehne Bart eines Taglöhners oder Gefangnen.— Aus dem 20ſten fließt dieſe: ihr Staat⸗ und Geſchäftmän⸗ ner, ſehet doch die Philoſophie und Poeſie, wel⸗ che kein kameraliſtiſches Gewicht aufzeigen, dar⸗ um nicht für unwichtig, ſondern gerade für die geiſtigen Imponderabilien an, welche den körper⸗ lichen gleichen, die, wie z. B. das unwägbare Feuer, Licht, Anziehen und Abſtoßen, allein erſt das Gewichtige und Körperliche zuſammenſetzen und zerſetzen und beherrſchen. Aus dem 27ſten: tragt doch nicht, ihr geſetzten, ſteifen, ritterlichen Menſchen, auch an den Pantoffeln Sporen— und ihr feurigen, ſpannt dem Leichenwagen keine Hengſte vor.— Aus dreien nahen Kapiteln fließt dieſe: das Volk iſt ein gerader Stamm, aber 262 4 aalle Spähne, in welche ihn die Staat⸗ Drachalse eheis. krümmen ſich.— und endlich aus dem letzten Kapitel:«Ende «gut, alles gut, mithin auch der Anfang.), Ende des zweiten Bäͤndchens. Mm fffffffff fffffff 8 10 11 12 13 15 16 17 18 19 4 1 . 1 1 8 1** 1 8 8 5