4 B —— ———— ——— Leihbibliothek † deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur — von. 8 Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der, Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rikgube der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Pintterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuruückerſtattet wird.— be 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 für achentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 3—————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 3= 5 3„—.,„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 3 27. hensſahdeaent, Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. X—V Der Komet, 5 vder Nikolaus Marggraſ. Eine komiſche Geſchichte. Von Jean Paul.— — 3 Er ſt es Bän dichen. Berlin,. bei Georg Neimer. 18220. —= Fuhalt 7 de s er ſten Bändchen. Vorredee...... Ur⸗ oder Belehnkapitel, worin die Beleihung der Leſer mit der Geſchichte vorgeht, nämlich die Inveſtitur durch Ring und Stab.. Erſtes Vorkapitel, wie der kleine Niko⸗ laus die Menſchen ſehr zu lieben weiß. Zweites Vorkapitel, welches zeigt, wie unendlich viel der kleine Nikolaus war, ſowol in der Wirklichkeit, als in ſeiner Einbildung, und wie er ſein eigner Pabſt iſt und ſich kanoniſtert, nebſt einer Schlä⸗ gerei daßei... IV Nachſchrift. Das große magnetiſche Gaſt⸗ mal des Reiſemarſchalls Worble. Drittes Vorkapitel, wie Nikolaus fürſt⸗ lich erzogen wird— und der Pater Joſe⸗ phus geheilt— und der Armgeiger de Fautle getränkt und ausgefragt. Viertes Vorkapitel. Liebſchaften in die Ferne nebſt dem Prinzeſſinraub... Fünftes Vorkapitel. Krankenbettreden — Der Prinzengouverneur... Sechſtes und letztes Vorkapitel, wor⸗ in des Prinzen akademiſche Laufbahn gut, aber kurz beſchrieben wird.... ½ 1 Seite 79 103 Anhang der ernſten Ausſchweife für Leſerinnen. Ernſte Ausſchweife des Urkapitels. Die Ziele der Menſchen— Klage des ver⸗ hangenen Vogels— Die Weltgeſchichte— Die Leere des Augenblicks— Die ſter⸗ benden Kinder Ernſte Ausſchweife des erſten Vor⸗ kapitels: Die Erinnerung an Dahin⸗ 173 V Seite gegangene— Troſt der Greiſe— Unver⸗ lierbarer Seelenadel— Sittliche Vollen⸗ dung— Wärme⸗ und Kälte⸗ Entmicklung— aus andern Menſchen. 179 Ernſte Ausſchweife des zweiten Vorkapitels: Der Menſch ohne Poeſie — Einſamkeit der Menſchenſeele— Der Atheiſt— Der Dichter— Geiſtige Erha⸗ benheit des Berges.. 182 Ernſte Ausſchweife des dritten Vor⸗ kapitels: Annahme ſittlicher Unarten — Jacobi, der Dichter und Philoſoph zu⸗ gleich— Die leidenden Kinder— An⸗ ſchauung der Größen und der Kleinheiten — Staatsleute— Politiſches Gleichnis und Gegengleichnis— Kanonieren bei Geburt und Begräbnis— 191 Ernſte Ausſchweife des vierten Vor⸗ kapitels: Der unverwelkliche Braut⸗ kranz— Erſtarkung der milden Jungfrau — Weibliche Neize in der Ehe. 199 Ernſte Ausſchweife des fünften Vor⸗ kapitels: Die vrophetiſchen Thautro⸗ pfen— Der Dichter auf dem Kranken⸗ bette— Der Regenbogen über Waterloo's Schlachtfeld— Das Gefühl bei dem Tode 00 ꝗ Seite großer Menſchen— Alte und neue Staa⸗ Ernſte Ausſchweife des ſechſten Vor⸗ kapitels: Der Wolthäter im Verbor⸗ genen— Die Kirchen— Leiden und Freuden— Der Traum über das All. 212 Vorrede. Die Pflicht der Selbererhaltung verlangt, daß ich hier eine Vorrede zu zwei Büchern auf ein⸗ mal ausarbeite, zu dem Buche, das der Leſer eben in die Hände bekommt, und zu einem an⸗ dern, das erſt, geliebts dem Himmel, künftig erſcheinen kann. Die Vorrede zum gegenwärtigen Werkchen, wovon ſchon der erſte und der zweite Theil hier fertig vorliegt, braucht nicht lang zu ſein. In meiner künftigen Lebensbeſchreibung wird man mit einiger Verwundernng leſen, daß ich am VIII zweiten Bande deſſelben ränger als neun ho⸗ raziſche Jahre— denn ſchon 1811 fing ich an— obwol unter vielen Unterbrechungen, geſchaffen und gezeugt. Uebrigens gibt freilich nicht eine Polar⸗ und Doppelnacht an ſich einen Herkules, wenn der Jupiter fehlt, und blos der Heraklide da iſt. Als er endlich fertig war, der zweite Band,— welcher ſo ſchön hätte der erſte ſein Fönnen— erhielt ich durch Hände(im Buche ſelber wird man ſie gleichſam mit Händen grei⸗ fen) einen ganz neuen Band, nämlich den er⸗ ſten, d. h. alle Baumaterialien zu des Helden Kindheit⸗ und Jugendgeſchichte, alſo zu einer ganzen Vorſtadt, die ich erſt ſpät an die Stadt ſelber anzubauen hatte, wiewol freilich überall die Vorſtädte neuer ſind als deren Stadt. Aus Vorſicht werden denn die Geſchichten des erſten Bandes und der Jugend des Helden blos Vor⸗ —— X kapitel genannt, und nur fliegend vorüber geführt, weil man mit Recht zur Hauptge⸗ ſchichte und zu wahren Kapiteln eilt. Es iſt in⸗ deß in jedem hiſtoriſchen Buche nicht anders, von der jüdiſchen Geſchichte an bis zum Roma⸗ ne, wo anfangs Sprünge Wunder thun und erſt ſpäter Schritte gut laſſen, ſo daß man in der Geſchichte zum Erzählen, wie im Schache zum Spielen, im Anfange mit dem größern Vor⸗ theile den Springer und die Königin gebraucht, und erſt gegen das Ende deſſelben nur Schritt vor Schritt vermittelſt der Bauern zieht. Ich vertraue dem guten Leſer die herzliche Bitte im Stillen an, ihren lieben Leſerinnen, mögen ſie dieſe nun geheirathet oder gezeugt ha⸗ ben, oder an Kindesſtatt angenommen, oder ſonſt kennen gelernt, kein Wort von der ganzen Vorkapitelſache zu ſagen, ſondern die Vorrede X (worüber keine leicht geräth) für ſich zu behalten, weil die Guten ſonſt, wenn ſie wiſſen, daß das beſte Hiſtoriſche erſt ſpäter kommt, nicht aufhö⸗ ren zu überſchlagen und Sprünge zu machen, obgleich ihnen ſchon die körperlichen Sprünge einf altes Reichsgeſetz(nach Möſer) ernſtlich un⸗ terſagt. Was jedoch gutgeſinnte Leſer thun können, iſt, daß ſie ihren Leſerinnen aus der Vorrede berichten, wie ich blos für ſie nach jedem Vor⸗ kapitel einige gefühlvolle Ausſchweift Teange welche wirklich am Ende des Buchs geſammelt ſtehen, um durch Zuſätze ernſter Art den ma⸗ gern Band ſowol zu verbrämen als zu verdicken. In der That, ohne alle Ausſchweife bliebe der Schweifſtern oder Komet als ein gar zu dünner Haarſtern in ſeiner erſten Ferne daſtehen, da nicht jeder weiß, wie ich, daß er, ſobald er XI nur einmal in ſeine Sonnennähe gelangt, ſo gut einen Schweif von zwölf Millionen Meilen vorzeigen wird— als der Elfer Komet nach Her⸗ ſchel trug—, um darauf mit Ehren als Bart⸗ ſtern davon zu gehen. Noch iſt über den Titel«Komet)y zu er⸗ innern, daß bei dieſem Namen des Buchs nie⸗ mand zu Gevatter geftanden, als deſſen Held Marggraf ſelber mit ſeiner Natur. Ich hätte daher/ um ſeine Aehnlichkeit mit einem Kome⸗ ten durzuſtete der bekanntlich ſich im Himmel unmäßig bald vergrößert, bald verkleinert— ſich eben ſo ſtark bald erhitzt, bald erkälſtet der auf ſeiner Bahn oft geradezu der Bahn der „Wandelſterne zuwiderläuft, ja im Stande iſt, von Mitternacht nach Mittag zu gehen— und der oft zweien Herrinnen vder Sonnen dient, und von einer zur andern ſchweift— ich hätte, XI ſag' ich, um die Aehnlichkeit mit einem Kome⸗ ten zu beweiſen, nichts nöthig, als blos die Ge⸗ ſchichte des Helden ſelber vorzuführen, worin die Aehnlichkeiten nach der Reihe vorkommen;— nun eben die Geſchichte habe ich ja in folgenden Bänden gegeben, und ich brauche alſo die ganze Hiſtorie hier nicht zu wiederholen oder auch vor⸗ auszugeben. So weit die kurze Vorrede zum gegen⸗ wärtigen Buche. Aber die Vorrede zu dem andern, das erſt erſcheinen ſoll, hat vielleicht deſto mehr zu ſa⸗ gen, da ſie ſich noch auf nichts Vorhandenes ſteuern kann. Gerade im polttiſch⸗böſen Jahre 1811, da in mir der«Komet Nikolaus Marg⸗ graf» aufging’, entwarf ich den Plan zu einem großen Romane, welchen ich auf dem Titel mein letztes komiſches Werk, nennen XIII wollte, weil ich darin mich mit der komiſchen Muſe einmal in meinem Leben ganz auszutanzen vorhatte; in der That wollt' ich mich einmal recht gehen und fliegen laſſen, äſthetiſche und unſchuldige Keckheiten nach Keckheiten begehen, ein ganzes komiſches Füllhorn ausſchütteln, ja mit ihm wie mit einem Satyrhörnchen zuſtoßen, nicht viele Ausſchweifungen im Buche machen, und einſchwärzen, ſondern der ganze Roman ſollte nur eine einzige ſein und ſollte deßwegen (vielleicht mit mehr Recht als dieſes unſchuldige Werkchen) der Komet oder Schwanzſtern beti⸗ telt werden, weil er wirklich ins Unendliche, in eine Hyperbel hinausfahren und nichts zurück⸗ laſſen ſollte als ſtarken Kometenwein für Leſer von Magen und Kopf. Kurz, ich wollte in meinem Alter, worin andere Schreiber und Phi⸗ loſophen und Dichter, geiſtig wie körperlich, XIV durch lauter Funken⸗Geben zu holbauchigen und gekrümmten Feuerzeugen geſchlagen und ausge⸗ tieft ſind, mich als runden Wilſonſchen Knopf 3 elektriſch zeigen, und vollgeladen mich entladen, und unausgeſetzt blitzen;— aber, wie ich frei⸗ lich deßhalb mich an den galvaniſchen unſterb⸗ lichen Säulen eines Gargantua und Don Qui⸗ xote unaufhörlich zu laden ſuchte, dieß läßt ſich vorſtellen. beklagen, als daß der Verfaſſer nach ſeiner of⸗ fenherzigen Voreiligkeit etwas davon heraus⸗ polterte, wie er ſeit Jahren Papiere aller Art zuſammen trage, Herrenpapier und Karthaunen⸗ papier, Trauerpapier mit vergoldetem Schnitte und Staatspapier und Stempelpapier, um al⸗ les zurecht zu ſchneiden und zu leimen zu einem außerordentlichen Papierdrachen, den er als — Bei der ganzen Sache iſt nur nichts zu — — XV eine Spielſache gegen das elektriſche Gewölke wolle zum Scherze, zum Unterſuchen und zum Ableiten ſteigen laſſen, wenn der rechte Wind dazu blieſe.— Aus dieſen Zurüſtungen, die das Rüſtzeug nicht eben hätte zu zeigen gebraucht, wurde nun von Briefwechslern und Reiſenden der Schluß gezogen und umher getragen, gegen⸗ wärtiger Verfaſſer habe, beſonders da er den alten Don Quixote immer in Händen hatte, ei⸗ nen neuen unter der Feder, einen derto, näm⸗ lich einen Vice⸗Detto, oder Subſtituten sine spe succedendi, und wolle ſich zu einem Eh⸗ renmitgliede, wenn auch nicht korreſpondieren⸗ den Mitglied am ſpaniſchen Spaßvogel ſchrei⸗ ben, und kurz, es ſei von ihm nach ſo langer Arbeit und Zeit etwas Erträgliches nächſtens zu erwarten...... Himmel, Cervantes! Der Verfaſſer ſollte Dir einen neuen Don Quixote XVI nachzuliefern wagen, welcher ſogar dem äſtheti⸗ ſchen Mockbird*), Wieland, einem Manne von ſo großen und mannigfaltigen Nachahmta⸗ lenten in ſeinem Don Sylvio ſo gänzlich verun⸗ glückte? Wahrlich, Du erlebteſt dann an Dei⸗ nem Nachahmer und Schildknappen einen neuen irrenden Ritter mehr, und müßteſt jenſeits lachen. Inzwiſchen iſt das verdrießliche Gerücht nun einmal in Deutſchland auf den Beinen und im Laufe und ſchwerlich einzufangen; ja es ſteht uns niemand dafür, daß nicht ſogar dieſer Nikolaus Marggraf anfangs— wenigſtens ehe man dieſe Vorrede und ihn ſelber geleſen— von manchen als der lang erwartete Don Quixote und oben *) Mockbird, Spottvogel, oder die ſogenannte amerikaniſche Nachtigall, welche eine nachahmende lebendige Orgel aller Vogelgeſänge iſt. XVII gedachte Papierdrache in die Hand genommen werde. Der Drache wird freilich einmal ſteigen, aber kann es einer, zumal ein ſo langgeſtreckter, in der Windſtille? Unter dieſer wird hier, ſieht man leicht, das fünfjährige Karlsbader Zenſur⸗ proviſorium gemeint, das eigentlich mehr dem Scherze Schranken droht und anweiſt, als der Unterſuchung und Aufklärung. Gegen letzte ver⸗ mögen ſogar Licht⸗Verbote nur wenig; es iſt damit wie mit Sonnenfinſterniſſen*); bleibt auch nur ein Stückchen Sonne dabei unbedeckt, ſo erfolgt keine Abnahme des Taglichtes. Ja⸗ ein gewaltſames Anhalten der Völker gibt ihnen blos einen neuen Stoß zum Vorwärts, wie man in einem Wagen, der ſchnell ſtehen muß, einen y) Zachs Ephemeriden ic. März 1805. I. 44 XVII Stoß Vorwärts bekommt.— Der Scherz hin⸗ gegen ſchlägt ſich an jedem Gitter die Flügel wund. Er begehrt noch mehr Freiheit zu ſeinem Spielraum, als er benützt, und muß über das Ziel hinaus halten, um in daſſelbe zu treffen; daher iſt jeder unter ſeines Gleichen am leichte⸗ ſten komiſch und witzig, weil die größere Frei⸗ heit das Aufſtehen aller Ideen begünſtigt, de⸗ ren Vielzahl eben zum Begegnen und Befruchten unter einander nöthig iſt. Der komiſche Genius gleicht der Glocke, welche frei hängen muß, um einen vollen Ton zu geben, aber dumpf und wiedertönig erklingt, von der Erde berührt. Sind freilich die fünf Jahre Proviſorium vorüber, gleichſam das Quinquennell für man⸗ che Schuldner der Satire, ſo gehen friſche Winde und lange Drachen können ſteigen. Ob ich gleich jetzo blos den Kometen mit ſeinem —— XIX unſchuldigen Schweifchen liefern darf, das nach allen neuern Sternſehern niemand verbrennt, nicht einmal erſäuft, den Drachen hingegen mit ſeinem Papierſchwanze, der leicht einen Gewit⸗ terſchlag auf mich oder andere herunter leiten kann, zu Hauſe behalten muß: ſo wird doch darum weder die Welt, noch ich dabei verlien ren, ſondern vielmehr außerordentlich gewin⸗ nen. Kann ich nicht die ſchöne Zeit von fünf ganzen Jahren zu Hauſe im Stillen dazu ver⸗ wenden, daß ich die keckſten Satiren auf alles fertig arbeite, um nach dem Ablaufe des Quin⸗ quennells ſogleich damit bei den Quinquenna- lien⸗Spielen als Quinquennalis zu erſcheinen— und kann ich mir nicht gleichſam ein Kontingent ad quintuplum von den berühmteſten Philiſtern, nämlich fünf güldene Aerſe zollen laſſen 7— Oft wünſch' ich mir ſelber Glück, wenn ich es be⸗ XX rechne und bemeſſe, welche lange Schwanzfedern und breite Flügel ich meinem Drachen anzunã⸗ hen vermag, aus ſo manchen Papieren, aus Flugſchriften und Einlösſcheinen— aus Hirten⸗ briefen und gnädigſten Handſchreiben— aus Komödienzetteln und diplomatiſchen Berichten und Konkordaten, wobei ich die Liebebriefe und Küchenzettel und Arzeneizettelchen als bloße Bauchfedern gar nicht einmal mitzähle?— Wie, wenn ich nun einen ſo bekielten Drachen an der Schnur oder Nabelſchnur in die Welt laſſe: ſollt' er bei ſolchen Umſtänden nicht ſo hoch ſtei⸗ gen, als ein Meteorſtein fällt? Die Welt merke nur im Meßkatolog auf das Werk, das nach fünf Jahren unter dem Titel: «Papierdrachey von mir erſcheint. Beſchau' ich vollends die günſtigen literari⸗ ſchen Zeitläufte, wo ſchon jetzo ſo viele herrliche — — XXI Schreibfedern zu Schwungfedern meines Dra⸗ chen zu gebrauchen und anzuſetzen ſind: ſo ſind die Ausſichten für ein komiſches Werk lachend, das noch fünf ganze Jahre lang ein Zeitalter benutzen und abernten kann, wo ſo viel für die komiſche Muſe geſchieht. Nimmt man fünf Muſenberge bei uns an— den engliſchen, welſch⸗ſpaniſchen, fran⸗ zöſiſchen, orientaliſchen und altdeutſchen—: wahr⸗ lich, jeder Berg gebiert ſeine Maus von Gold, folglich eine Ausbeute von fünf goldnen Phtliſter⸗ Mänſen zu den obigen goldnen Philiſter⸗Sitzen. Vernunft— hie und da höhern Orts blos kaum Landes verwieſen— wird von theologi⸗ 1 ſchen Schreibern, wie v. Müller und v. Haller und Harms, viel ſachdienlicher in Ketten ge⸗ legt, aber noch beſſer von Dichtern gar im Feuer verflüchtigt. So weit hat nämlich ſchon jetzo der Deutſche es im Komiſchen gebracht, XXII und iſt ein gemachter Mann in Flögels komt⸗ ſcher Literatur; aber vollends nach fünf Jahren, wenn er ſo fortarbeitet, ſo darf ſich jeder Deut⸗ ſche, der Teukterer, der Brukterer, der UÜſize⸗ ter, der Cherusker, der Sigamber, der Frieſe, der Chauke, der Jüte, der Marſe und Marſete, oder wen ſonſt noch Adelung unter die germa⸗ niſchen Cimbern am rechten Rheinufer ſteckt, er darf ſich ſehen aſſen auf der komiſchen Bühne. Denn ich ſchmeichle weder mir noch andern. Schriftſtellern, wenn ich ſchon jetzt die britti⸗ ſchen ſehr verſchieden von unſern deutſchen finde, indem ich zwar jenen wol einen Scott und einen Byron zugeſtehen kann— welche mit ſinnlicher, ja leidenſchaftlicher Naturwahrheit darſtellen, und Feuer auf einem feſten Erdboden anſchüren, oder ihre Naphtha fantaſtiſcher Flammen aus einer Erdtiefe ziehen—; aber bei ihnen da⸗ XXIII für jene deutſchen Myſtiker und Romantiker nicht aufzutreiben vermag, die uns ein ganz anderes und feineres Feuer ohne Boden geben, das ſie in Funken aus den Augen drücken und ſchlagen, und welche wahrlich nicht ſpärlich in allen, ſo⸗ gar ſchlechteſten Taſchenbüchern und Romanen ausſtehen. Männer(worunter ich auch die Wei⸗ ber mitzähle), welche, eben weil ſie Ländern und Dichtern voll urſprünglicher Wärme und reichen Wachsthums und Anbau durch Pflanzungen gar nicht ähnlich ſind, deſto mehr den Polarländern gleichen„ die ſo zauberiſch alle ſüdliche Farben⸗ gluth und üppige Geſtalten⸗Ausſaat, oben in einem kalten Himmel, ohne Wärme von oben oder unten, durch bloßen Nordſchein vorzeigen, ſammt dem wunderbar unter einander kniſtern⸗ den Stralen⸗Spielleben.— Kurz, kühne Sterne erſter romant iſcher Größe in ihren Romanen⸗ XXIV welche ſich wol dem unvergeßlichen Kometen von 1811, deſſen Kern nach Herſchel zwar nur 93 Meilen, deſſen Nebelglanzmaſſe aber 27000 Mei⸗ len betrug, gleichſetzen mögen..... Hier bringt mich die Vergleichung auf mei⸗ nen eignen, eben in Druck erſcheinenden Kome⸗ ten zurück, der etwa blos dem kleinen, auch im Jahre 1811 erſchienenen ähnlich ſein mag, an wel⸗ — chem nichts groß war, als der Kern.*)— Für ein beſonderes Geſchenk werd' ich es übrigens. von den ſämmtlichen Heveliſchen Kometographen in den verſchiedenen Rezenſteranſtalten anſehen, * Für Unkundige des Himmels mag hier erinnert werden, daß im Jahre 1811, neben dem großen, durch ſeinen Schweif und Wein berühmten Kometen, noch ein kleiner, 3 weniger gekannie, erſchienen, der einen Kern nach Herſchel von 870 Meilen im Durchmeſſer hatte, aber nur einen winzigen Rebel um ſich her. XXV wenn ſie hinter ihren Kometenſuchern die Be⸗ merkung machen wollten, daß der Schwanzſtern erſt ſichtbar wird, und noch manche Sternbilder zu durchlaufen hat, eh' er ſeine Sonnennähe er⸗ reicht; denn früher können ſie unmöglich die Ele⸗ mente ſeiner Bahn berechnen, noch weniger auf einen außerordentlichen Schwanz aufſehen, der den halben Himmel hinunter hängt. Wie ge⸗ ſagt, ich würde die Bemerkung für ein beſon⸗ deres Geſchenk anſehen. Baireut, den 5ten April 1820. Dr. Jean Paul Fr. Richter, Legazionrath. ——— Ur⸗ oder Belehnkapitel, worin die Beleihung der Leſer mit der Geſchichte vorgeht, nämltich die Inveſtitur durch Ring und Stab. In der Marggrafſchaft Hohengeis liegt das Landſtädtchen Rom, worin der Held dieſer viel⸗ leicht eben ſo langen als bedeutenden Geſchichte, der Apotheker Nikolaus Marggraf, jetzt im Belehnkapitel von weitem auftritt. Auch der un⸗ wiſſendſte meiner Leſer, der nie ein Buch geſehen, kann dieſes Hohengeiſer Rom weder mit jenem großen italieniſchen verwechſeln, das ſo viele Hel⸗ den und Päpſte aufzog, noch mit dem kleinen franzöſiſchen*), das ſich blos durch Eſelzucht aus⸗ zeichnet. Verſtändige Leſer ſuchen ohnehin meine Städte und Länder ſelten auf der Karte, weil ſie ſchon wiſſen, daß ich meiſtens, wenn auch nicht *) Ein Dorf im Departement der Deun- Sevtes. Siehe in Jägers Zeitungslexicon, von Mannert neu bearbeitet⸗ den Arrikel Rom. 1.. 1 1 4 65 verfälſchte Namen. doch ganz neue angebe, zu welchen erſt pärere Reiſebeſchreiber die Oerter und die Stiche liefern. Sämmtliche Romer nun— ſo, aber nicht Römer hießen ſie ſich, noch ehe Wolke ſo zu ſchreiben vorgeſchlagen,— konnten unter dem einzigen ausgemachten Narren, unter dem Groß⸗ kreuz der Narren ihres Städtchens, ſich niemand anders vorſtellen als den Apotheker Henoch Elias Marggraf— wegen der Hoffnungen von ſeinem Sohne— alſo gerade den Vater eines Helden, für welchen der Verfaſſer dieſes mehrere Jahre ſeines Schreiblebens, wie die Verlagbuchhandlung mehrere Ballen ihres Schreibpapiers, aufzuwen⸗ den entſchloſſen iſt. Ob aber Rom Recht hat, oder der Verfaſſer und die Buchhandlung und der Apotheker, dieß wird die Zeit lehren,— die man auf das Leſen dieſer Geſchichte verwendet. Der alte Henoch Elias war nun ein Männchen, das nicht mit bloßen Federn, ſondern über ſeine ganze kurze Länge hinab mit lauter Flügelchen von Tag⸗, Abend⸗ und Nachtfaltern, beſetzt war— überall oben oder unten hinaus fahrend und wie⸗ der zurück fayrend und ſich dann ſetzend als Apo⸗ — 3 theker der Stadt. Aufgeräumter, geſprächiger, toller war niemand in Rom als er. Aber dieſe ſpringende Lebhaftigkeit eines Affen wird in einem ſchönern Licht erſcheinen, wenn man die geſetzter Denkenden verſichert, daß er hinter ihr blos eine an⸗ dere Aehnlichkeit, nämlich Hab⸗ und Greifſucht eines Affen, geſchickt verbergen wollte, weil er alle leere Plätzchen(volle hatt' er gar nicht) ſowohl in ſeiner Apotheke als in ſeiner Kaſſe ſo zu benutzen ſuchte, wie die Bienen die ihrigen, welche jede Zelle, ſogar eine eben vom ausgekrochnen Bienenwurm ausge⸗ leerte, ſogleich mit Honig nachfüllen. Luſtigkeit iſt die beſte Fledermausmaske des Nehmens, ſo⸗ gar des Geitzes; und der Apotheker ſetzte in ſei⸗ nen lebhaften, aufflackernden italieniſchen Luſt⸗ feuern wohl häufig Ehre und Verſtand bei Seite, aber niemals einen Profit. 3 Zum Glücke hatt' er nun in ſeinen Mittel⸗ jahren, als er den Erbprinzen von Hohengeis als Reiſeapotheker nach den warmen Bädern von Mar⸗ garethahauſen begleitete, auf eine reizende ita⸗ lieniſche Sängerin getroffen, welche gerade an den Hopstänzen ſeiner Glieder und Worte beſondern Gefallen fand. Da er dieſes Gefallen und noch dazu ihre zwei Hände voll Ringe und dieſe wieder voll Steine ſah, ſo entſchloß er ſich, Hände und Ringe zu wechſeln, blos aus Liebe gegen ihre Hände(denn an ſeinem Ringfinger und Finger⸗ ring ſteckte faſt nichts), um die Reiſende heimzu⸗ führen. In der That konnte die ſchöne Sänge⸗ rin— von welcher die Nachtigall wol die Stim⸗ me hatte, aber nicht Augen und Schönheit— ihr Wachſen, wie Bäume und Thierhörner das ihrige, nach Ringen meſſen und abzählen; denn welchen hohen Ohren ſie vorgeſungen, dieſe lie⸗ ferten ſteinreiche Ringe, wenn auch nicht Ohr⸗ ringe, an ihre Ohrfinger, Zeigefinger, Mittel⸗ finger und Daumen ab. — und Margaretha— ſo wiedertaufte die Italienerin ſich deutſch, wie Mara ſich welſch— verſprach dem unſchuldigen Henoch⸗Elias(der Ringrenner⸗ oder ſtecher und Steinſchneider oder ꝛgräber erſtaunte ſelber) wirklich Hand und Hände zu geben, ſobald ſie ſich nur durch die anweſenden hohen Badgäſte hindurch geſungen habe. Der ſeelige gen Himmel fahrende Henoch!— Dieſen Aufſchub ſeiner Seeligkeit wünſchte eben ſtill ſein Herz, weil jetzo unerwartet immer ſo viele Für⸗ 4 5 ſten in Margarethahauſen*) eintrafen, welche anzuſingen waren, daß das Margarethahäuſer Badwaſſer, nur ſchöner als das Karlsbader, ver⸗ ſteinern und die Hand mit Juwelen inkruſtieren konnte. Glücklicher Weiſe für die Verlobten bekam die allda badende Fürſtenbank auf einmal ſo viele Feſte zu feiern,— theils Freuden, theils Trauerfeſte, weil Eilreiter mit Nachrichten ſowohl geborner Erbprinzen als geſtorbner Appanage⸗Prinzen ein⸗ trafen—, daß die Sängerin faſt nichts zu thun hatte, als nur einigermaßen vor ihnen ihre ſämmt⸗ lichen hohen Freuden und Leiden durch die Sing⸗ ſtimme auszuſprechen. Mitten unter dieſen Feſt⸗ gelagen händigte unerwartet Margaretha, reich⸗ lich beſchenkt, halb von Feierlichkeiten übertäubt, *) So eben vernehm’ ich von einem Liebhaber meines Vorle⸗ ſens, daß es noch ein zweites Margarethahauſen gebe, ein ritterliches Dorf im Würtemberaiſchen Orte Balingen⸗ ja noch ein drites, ein Franziskaner Nonnenkloſter⸗ unweit davon mit einigen Höfen und Zehnten Und wirk⸗ zich fand ich das zweite und dritte in Jägers Lerxicon von Mannert überarbeitet,(Band 2. Seite 273); aber dafür gand das erſte oder meines gar nicht darin. halb von Singen entkräftet, vielleicht der Fürſten und Höfe ſelber ſatt, dem treuen Bräutigam ihre weiße Hand, mit den feinen langen Fingern ein; ſie wollte lieber dem Hoffer und Harrer mit einem proſaiſchen Ja eilig beglücken, als länger mit einem poetiſchen Sirenen⸗Nein. Diefe ſchmeichelhafte Eile war dem guten Henoch Elias noch nie begeg⸗ net. Und dabei eine ſolche Göttin an ſich zu ha⸗ ben!— Er ſah mit ihrer glänzenden und mit ſeiner närriſch⸗kurzen Geſtalt ſo koſtbar und un⸗ beholfen aus wie ein geſprenkelter Froſch, dem ein aufgeſchnappter Schmetterling mit den breiten Flügeln, die der Froſch ſchwer hineinzuſtopfen vermag, das grüne runde Maul beflügelt;— und dabei beſaß er an ſeiner ſo fürſtlich beſchenk⸗ ten Margaretha noch gleichſam jenen ſchwediſchen Bergknappen zur Ausbeute, welcher nach vielen Jahren mit allen reichen Erzadern durchſchoſſen und durchwachſen aus den Stollen gezogen wurde. Noch im Bade wurd' er prieſterlich eingeſegnet. Nach neun kurzen Februar⸗ oder Hornung⸗ Monaten gab die Sängerin dem Reiſeapotheker ſchon die ſchöne Frucht ihres Brunnen⸗Ja zu pflücken, den Heiden dieſes Werkes, Namens — — —,— ₰ 4 Nikolaus, er, wie eine Amphions⸗ Baute, gleichſam eine Schöpfung der Töne. — Müßt' ich mich nuͤr nicht zu weit rück⸗ wärts ſchreiben in einer Woche und Geſchichte, wo ich noch nicht einmal vorwärts gekommen: wahrlich, Winke— Schlüſſel— Nachſchlüſſel — Grubenlichter— Notae ad usum Delphino- rum— versiones interlineares— Ergänz⸗ blätter— Supplement⸗Bände— complemen- ta possibilitatis und mehr wollt' ich hier ein⸗ ſchieben und darüber mich ausbreiten; aber Ver⸗ faſſer langer Werke müſſen ſich leider ins Kurze ziehen, um nicht den Kürzern zu ziehen.— Die Ehe fing ſchon mit Unehe an, denn meh⸗ rere Glanzſteine in den Ringen, die der Apothe⸗ ker zu Bauſteinen ſeines Glückes zu vermauern ge⸗ dacht, wurden als Meteorſteine befunden, oder unächt, und der helle farbige Regenbogen auf ihren Fingern, der ihm heitres trocknes Wetter verſpro⸗ chen, ergrauete erbärmlich und wurde ſelber zu Waſſer; nur die Vorſteckringe verblieben ächt, nämlich von Gold. Der Apotheker, der in ſei⸗ nem Leben nie etwas verſchenkt hatte, als dieſes⸗ mal ſeine Hand ſelber, mußte ſeine Ergebenheit 8 bereuen und den ganzen Tag unbeſchreiblich ſauer zu allem ſehen; und wenn er, der immer vor andern ein aufpaſſendes, durch einander fahrendes luſtiges Feuerwerk war, ſich vor Margaretha als das abgebrannte, rauchige, geſchwärzte Gerüſt hinſtellte: ſo war dieß nur ein Anfang. Denn als vollends noch dazu ſein Erſtgeborner kam: ſo wußte die arme Sängerin ein Lied davon zu ſin⸗ gen, von ſeiner losplatzenden ſelbzünderiſchen Na⸗ tur; wohin ſie nur griff, in jedem Winkel und Schiebfache, in jedem Fleiſch⸗ und Zuckerfaſſe, in jeder Hauben⸗ und jeder Pillenſchachtel und Nadelbüchſe und Bratenpfanne, ſaß er als Bom⸗ bardierkäfer und knallte los, wenn ſie ihn an⸗ rührte; ihr ganzer Lebensweg war voll Selb⸗ ſchüſſe gelegt, womit er vor ihr unverſehens auffuhr.— Die Urſache war, ſie liebte ihren Erſtgebor⸗ nen, den kleinen Nikolaus, ganz übermäßig, nicht einmal zu erwähnen— weil dieſes erſt ſpä⸗ ter eintreten konnte— daß ſie es vier Jahre lang hinter einander that, als ſie ſchon zwei Töchter nachgeboren, und auf das vierte Kind jede Stunde aufſah. Der Kleine hatte zwei mediciniſche Merk⸗ 9 würdigkeiten, die ihn von ſeinem Vater ſo wie von tauſend andern unterſchieden. Er hatte näm⸗ lich auf der Naſe zwölf Blatternarben auf die Welt gebracht, als hätt' ihn die Natur ſchon un⸗ geboren mit dieſen Stigmen(Wundenmahlen) für das Leben geſtempelt und tätauiert, was aber nicht geweſen ſein kann, da er ſpäter die wahren Pok⸗ ken bekam, und alſo die Narben früher als die Wunden hatte. Das zweite Wunder war, daß ſich im Dunkeln, ſchon in der Wiege, eine Art Heiligenſchein um ſeinen Kopf anſetzte, beſonders wenn er ſchwitzte, oder ſpäter, wenn er ſehr be⸗ tete, oder ſich ängſtigte. Dieſer Zeitigenſchein war wol weiter nichts als die Boſiſche Beatifica⸗ zion*), nur daß bei ihm das elektriſche Laden und Ausſtralen von ſelber ſich machte, ſo wie z. B. bei Cahilſton in Boullion, der ſich und ſei⸗ nen Schlafrock oft in Flammen ſtehen ſah, und überall aus ſich, mit Fingern Funken ziehen konnte.**) 3 *) So nennt man den elektriſchen Kovfſchimmer an Men⸗ ſchen, die auf einem iſolierenden Pechkuchen elektriſtert werden. *½) Wilhelmi's Unterhaltung über den Menſchen. B. 2. 16 Seine Mutter gab nun der Blatternaſe und dem Heiligenſcheine einen Mann zum Vater, an welchem ſie ſich in Margarethahauſen nach der Hochzeit verſehen habe, als ſie durch ein Zimmer gegangen, und der Mann im Finſtern zufällig einen ſo heftigen Heiligenſchein aus den Haaren geſchoſſen, daß alle zwölf Blatternarben auf ſeiner Naſe plötzlich erleuchtet geworden und zu zählen geweſen. So ſchön natürlich ſie aber alles ablei⸗ tete, ſo verübte doch in ihr als einer Erzkatholi⸗ kin die Heiligenſucht eine ſolche Blendgewalt, daß ſie die Stigmen und den Nimbus um ihren klei⸗ nen Nikolaus heimlich für Titelvignetten und Buchdruckerſtöcke, für Vorbilder eines künftigen Heiligen anſah, bei welchem der Körper dem Geiſte gleichſam vorangewachſen und voraus ge⸗ laufen. Aber die Mutter fand auch einen geiſtigen Nachtrab des körperlichen Vortrabs ſchon jetzt an dem bloßen Knaben von kaum vier Jahren;— darum hatte ſie ihn ſo unſäglich lieb;— und dieß waren zwei Vorzüge, welche die katholiſche Kirche am meiſten, und beſonders an Heiligen ſucht; nämlich der Knabe zeigte eerſtens eine ans 9* — — — 11 Wunderbare gränzende Mildthätigkeit, ein gänz⸗ liches Unvermögen, Schmerzen zu ertragen, die nicht die ſeinigen waren, und zweitens eine außer⸗ ordentliche Phantaſie, aber eigner und katholiſch⸗ heiliger Art,— wie etwa die das Ignazius von Loyola—, welche ihre Darſtellkraft nicht nach Au⸗ ßen, ſondern nach innen gegen den Beſitzer ſelber kehrt, und nur ihm, nicht andern, vordichtet und vorſpiegelt.... Doch nun kein Tröpfchen Dinte weiter für das Kind vermalt, da es nie mein Vortheil, noch Wille ſein konnte, im Ur⸗ und Belehnkapitel jemand anders in Handlung vorzu⸗ führen als blos die Aeltern. Der Kleine wird noch Kapitel genug füllen als Held. Dem Pflegevater— ſo nenn' ich mit Be⸗ dacht den Reiſeapotheker, denn jeder rechte Va⸗ ter iſt ein Pfleger und Pflegevater ſeines Kin⸗ des— behagte am Kleinen noch außer dem Ver⸗ ſchenken auch Statur und Naſe ſehr ſchlecht, weil er die Länge beider mit ſeiner eignen Doppelkürze und mit ſeinem kurznaſigen und kurzſtämmigen 3 Tochterzwei zuſammenhielt, und dann ſeine Ge⸗ danken hatte. Er hätte ſich, wär' er im päpſt⸗ lichen Rom geweſen, in Margarethens katholi⸗ 12 ſchen Beichtvater eingekleidet, um vielleicht ihrer Beichte ſo viel Sünden abzugewinnen, daß er ihr die Ausſetzung oder Alien-Bill eines ihm fremden Kebs⸗ und Verirkindes oder Volten⸗ und Hokuspokusſohnes als Pönitenz im Beichtſtuhle hätte auferlegen können. Gelten ließ er's, daß ſie den Kleinen aus Mutterliebe und Mutterkir⸗ chenliebe in die päbſtliche Kirche hinein zu locken ſuchte— z. B. durch Vorhalten Augsburgiſcher Heiligenbilder und beſonders des heiligen Nikolaus und der heiligen Maria, ihrer Schutzpatronin und Namenſchweſter. Weniger gab ſie dafür ſich mit ſeinen Töchtern ab, welche ohnehin nicht ſo. leicht zur Hölle fahren konnten, da ſie, nach dem Ehevertrage, der Mutter in die allein ſeligmachende Kirche folgen mußten, wie der Sohn dem Reiſe⸗ apotheker in die proteſtantiſche. In einer ſolchen Ehe ſehe ich den Vater ordentlich in einer Halb⸗ lähmung(Hemiplexie) vor ſeinen Kindern ſtehen, mit der fühlloſen ſtarren Seite gegen die Töchter gerichtet und mit der andern voll Bewegungen und Zuckungen gegen die Söhne;— die Mutter iſt eben ſo gelähmt und getheilt, nur nach den umgekehrten Seiten hin— und die Kinder ſind 13 es auch wieder herwärts——. Himmel! wie viele menſchliche Gefühle wurden von jeher den Altären geſchlachtetl... Glücklicher Weiſe trat jetzo der Alexander der dickſten Knoten auf, oder vielmehr der wahre Mattheis, der das ſtärkſte Eis bricht, oder wo es nicht iſt, macht— der Tod, oder die Leichen⸗ frau, die viel ſtärker und ſchneller als die Heb⸗ amme, auf Thronen und andern Höhen, die Zei⸗ ger der Weltuhr rückt und vorwärts dreht. Margaretha mußte ihre dritte und ſchönſte und ihr ähnlichſte Tochter mit dem Leben erkaufen. Zum Glücke für ihre letzten Stunden, die der alte Elias Marggraf mit keiner Verſöhnung ver⸗ ſüßte, ging ein Franziskaner⸗Mönch durch das Städtchen Rom, bei welchem ſie die lang entbehrte Beichte ablegen konnte.— Hier fiel dem Reiſe⸗ apotheker ein, ob er einen alten engen Wandſchrank dicht mitten am Bette der Frau mit einer Tapeten⸗ thüre nach dem einen Zimmer, und einer nach dem andern, nicht zum letztenmale— er ſtand oft halbe Nächte darin— mit einigem Gewinn benutzen und betreten könne, während der Beichte. 14 — Unb da hörte er ſo deutlich wie der Franziskaner, daß ihr Nikolaus der Sohn eines katholiſchen weltlichen Fürſten ſei, deſſen Namen ſie zu verſchweigen, beſchworen, und der eben ſeinen Heiligenſchein und ſeine Naſen⸗Narben auf den Kleinen fortgepflanzt;— und endlich, daß ſie für die ächten Steine in den Ringen des Fürſten die ähnlichen falſchen hineingeſetzt, die rechten Juwelen hingegen hinter dem Bilde des heiligen Nikolaus zwiſchen dem Papier und dem Holzdeckel ſammt einem Anweiszettelchen aufge⸗ hoben, weil ſie durch die Steine künftig für eine katholiſche und fürſtliche Erziehung des armen Weſens beſſer zu ſorgen gedacht.— Und ſie bitte nun, ihr an Gottes Statt zu vergeben.— Hier riß Henoch die Schrankthüre ſo weit auf als das Bett erlaubte, und ſtreckte den Arm darüber hinein und rief: sich vergebe, vergebe.— «Hab' alles vernommen.— Ich ſpring' nur um die Stube herum und ſchieße gleich vor Dein Bett «und verſöhne mich.» 3 Er ſprang auch zur entgegengeſetzten Tape⸗ petenthüre hinaus, aber vor allen Dingen zum Bilde des h. Nikolaus, um es einzuſtecken, und 15 dann erſchien er vor dem Bette als ein umgeſtülp⸗ ter Ehemann voll Liebeblicke.«Dacht' ichs nicht clängſt?(ſagt' er) Das laß' ich mir ſchon gefal⸗ alen. Fahre hin in Gottes Namen! Ich will aunſer Söhnchen zu einem Fürſten ausbacken, daß aſein Durchlauchtigſter Herr Vater Ihre Luſt cdaran ſehen ſollen, wenn ich ihm den Schelm züberbringe.. Und Sie, hochwürdiger Herr Beichtvater, ſollen mir bezeugen, daß alles wahr siſt und die Mutter es wirklich auf dem Sterbe⸗ obette in der Beichte ſo ausgeſagt.» —— In meinen jüngern, friſchern Jah⸗ ren in Leipzig hätt' ich vielleicht durch langes Ja⸗ gen ein Gleichnis aufgetrieben, um damit das be⸗ troffne Geſicht des Franziskaners nothdürftig dar⸗ zuſtellen;— jetzt aber bei ſo ſpäten in Baireut iſt alles Aehnliche was ich geben kann, etwa die Maulſchelle, welche in Hamburg der Stadtphy⸗ ſikus Paul Marquardt Schlegel von einem Kada⸗ ver bekam, der unverſehens auflebte, als er ihn eben mit dem Meſſer auseinander legen wollte*). *) So ſteht die Geſchichte in Vulpius Kurioſitäten erzählt etwas verſchieden aber in Unzers Arzte. 16 Schlegel ſelber verſchied darüber an einem hitzigen Fieber; der Franziskaner kam blos mit einem milden Zahnfieber davon, das durch das Knirſchen des Gebiſſes das Naturtreiben eines wachſenden anzeigte. Er ſtotterte mit rauher Bauerſtimme heraus:«negatur; der Ketzer verſteht nichts cvom Sigillum confessionis(Beichtſiegel), das zich der h. Dreifaltigkeit ſelber nicht öffne. Aber sden h. Nikolaus hat ſie der Kirche vermacht, «den verlang' ich.“—„Ich hab' ihn ſchon in ader Taſche, verſetzte Henoch, und Ihr habt Euer Beichtſiegel gebrochen. Ich verklag' Euch künf⸗ «tig, wenn Ihr nicht bezeugt, daß ich die Beichte amit gehört. Nun kamen die Hundezähne bei dem Mönche zum Durchbruche, und er rief der Beichttochter zu, er abſolviere ſie nicht, wenn ſie nicht laut der Kirche die Steine vermache. Glücklicher Weiſe aber hatte Schrecken und Schreien die Schwache ſchon in die letzte Stunde geſenkt, worin die Sän⸗ gerin zufolge einzelner Zeichen ſchon ihre eignen ſchönen Töne aus alten Blütenwäldern herüber hörte. Da nun ihr Mann immer lauter ihr zu⸗ ſchrie: sſ'iſt vergeben, vergeben; und Dein Sohn 17 swird fürſtlich erzogen;» ſo kann ſie leicht noch einen Lebens⸗Endtriller mehr genoſſen und die eheliche Stimme für die beichtväterliche genommen haben. Der Franziskaner renne immer mit einem Schocke von Weisheitzahnfieber⸗Ausbrüchen da⸗ von, und uns aus dem Geſicht; uns allen iſt hauptſächlich daran zu wiſſen gelegen, warum Henoch durch dieſes Horchen früher in den Him⸗ mel gefahren, als die Frau, und warum er mit ihr ſo zufrieden geworden, als hätte ſie ihm zum Brautſchatze ſtatt eines Fürſtleins ein Fürſtenthum mitgebracht und nachgelaſſen; denn die abgelauſchte Erbſchaft der ächten Ringſteine konnt' ihn eigent⸗ lich mehr gegen ſie verhärten als erweichen. Al⸗ lein der Umſtand oder der Mann war dieſer: Da Henoch ein wahres Knall⸗Queckſilber von Menſch war, das Schießpulverlärm macht, ſelten gegen Noth und oft ohne Noth: ſo hatt' er ſich an Margarethens Sterbebette aus ihrem wenigen Goldſchlich und Apothekergolde von Wahrheit auf der Stelle eine der längſten Schlußketten geſchmie⸗ det, welche für ihn als eine goldne Gnadenkette oder Ziehbrunnenkette in die Zukunft hinunter I. 2 18 hing. Denn er ſagte nämlich zu ſich— und wahr⸗ ſcheinlich innen in dem Stile, den er außen ge⸗ brauchte: Koſtgelder— Poſtgelder— Tafel⸗ 1 s gelder— Lehrgelder— Beichtgelder— Trank⸗ V sgelder verſchwend' ich auf das kleine Marggräflein « Nikolaus; und zwar davon dreimal mehr als auf 4 mein jetziges Tochterdrei; nur daß ich dabei die Ringſteine nicht angreife; denn die Zeit wird «kommen, die Stunde, die Minute, das Jahr, wo ich mich hinſtelle und das Marggräflein ſei⸗ &nem hohen H. Vater ganz fertig gemacht hinhalte a und des Erſatzes der Auslagen(ſie ſind aber ſämmt⸗ 3 clich beſcheinigt) ſammt einigen Grazialen und Verzugzinſen gewärtig bin. Womit mein hoher & Sohn mir ſonſt noch für ſeine Perſon erkenntlich Liſt, will ich erwarten und mit Jubel empfangen.) Ueber das künftige Auftreiben eines Vaters zum Marggräflein war, ſchien es, Marggraf gar nicht in Angſt. Ich gehe, dacht' er, blos der Naſe nach, nämlich der fürſtlichen pockennarbi⸗ «gen, mit welcher ich dann den Vater auf die „gleiche kindliche ſtoßen will. Hab' ich nur erſt ein gekröntes Haupt an der ſeinigen: die Neben⸗ &umſtände werden ſich ſchon von ſelber auswei⸗ 19 ſen.»— H. v. Benkowitz in ſeiner mehr herz⸗ als kunſtreichen Gemäldeausſtellung der Klopſtok⸗ kiſchen Gemäldedarſtellungen bemerkt zwar ganz richtig, daß ein Heldengedicht wie die Meſſiade die Naſe als ein zu gemeines Wort nicht einlaſſe, ſondern auslaſſe;— haben doch vielleicht deßwe⸗ gen, möcht' ich hinzuſetzen, viele Helden ſelber dieſes alltägliche Gliedmaß im Heldengedichte ihres Lebens an höhere Schönheiten aufgeopfert— aber gerade eine Naſe erhob des Reiſeapothekers gemei⸗ nes Leben zum Epos, zum Pik mit Naſenlöchern*), in welche nicht nur Tabackpflanzungen, ſondern ganze Tabackpflanzer gehen. Und ſah er nicht noch außer der Naſe den vä⸗ terlichen Heiligenſchein vor ſich, unter welchem er die Krone, wie unter einem Flämmchen einen Kronſchatz, finden konnte, der ihn als Gru⸗ benlicht und Feuerſäule und Leuchtthurm zum Va⸗ ter führen mußte?— Denn er wollte durchaus alles, Ueberreichung des Marggräfleins und der Rechnungen, ſo lange erſparen, bis beide groß 9) Die beiden Oeffnungen des Pik auf Teneriffa ſehen näinlich. zwei Naſentöchern ähnlich. 4 20 genug gewachſen und erſtes gut ausgearbeitet, zu⸗ geglättet, ausgeprägt und Kopf ſammt Hand zu Kron⸗ und Zepterträgern mit vielen Koſten ab⸗ gerichtet, dem Potentaten quaestionis zu überrei⸗ chen war, ſo daß dieſer das Kind mit in den ge⸗ heimen Staatsrath gehen laſſen konnte. Die Freude des vielleicht gar kinderloſen Fürſten, dem er auf einmal einen Stammhalter einpelze, konnt er ſich gar nicht unbeſchreiblich genug vormalen und ſie keiner andern gleichſtellen, als ſeiner eignen darüber, daß er ſo was von einem appanagierten oder er⸗ benden Prinzen im Maiſenkaſten ſeines Ehebettes wirklich gefangen oder mit den Schlagwänden von deſſen Vorhängen einen Wappen⸗Falken erwiſcht, womit er künftig hohe Jagd auf Beute machen könne, an die wol niemand denke. — und ſo wäre denn das Ur⸗ oder Belehn⸗ kapitel zu Ende gebracht, und der ſtärkſte Schritt zum erſten Vorkapitel gethan. Im erſten kann der Held ſelber auftreten— in jedem Falle reif, zwar nicht für den Thron, aber doch für das Din⸗ tenfaß— und kann beſtimmter leiden und handeln und überhaupt das Ding führen, was wir Men⸗ ſchen ein Leben nennen. Denn es war nie mein 21 Vorſatz, ihn nur um einen halben Bogen früher vorzuführen, oder anders denn als ein ganz fer⸗ tiges Kind. Wer wird Embryonen Taufnamen geben, da ſie inkognito fortkommen können? Oder wer einem bloßen Fötus ein Ordenband umhän⸗ gen? Letztes kann erſt an die Stelle der abgerißnen Nabelſchnur treten, bei neugebornen Prinzen. Alles dies gälte ſchon, wenn ich hier auch keine Geſchichte ſchriebe, ſondern einen bloßen Roman. Denn die Kindheit, wodurch einige Romanſchreiber das Spätleben zu motivieren glauben, braucht ja ſel⸗ ber wieder motiviert zu werden. Geſtaltet der nackte Geiſt ſich ſeine Gehirn⸗Organe? Oder deſtillieren letzte durch Helm und Kolben ſich ihren beſondern Geiſt ab?— Oder formen weiches Gefãß und wei⸗ cher Teig ſich einander gegenſeitig durch Erhar⸗ ten? Dieß hieße aber nur die Aufgabe in zwei Hälften aus einander rücken, ohne ſie doch über irgend eine zu löſen. Kurz vom Helden ſelber— ich rede noch immer vom Helden des Roman⸗ nicht des Geſchichtſchreibers— muß mit einem Allmacht⸗ ſchlage das ganze Wunder ſeines Daſeins und Gip⸗ fels voll gegeben ſein; und die Zeit kann nicht ſei⸗ ner aufplatzenden Aloeknoſpe, wie einer italleni⸗ 22 ſchen Seidenblume, Blatt nach Blatt einſetzen. Wenn nun dieſes die Dichtkunſt thut, welche nach Ariſtoteles noch mehr als die Geſchichte belehrt: ſo muß die wahre Geſchichte ſich ſo gut als mög⸗ lich ihr zu nähern ſuchen— wie Voltaire in ſeinen Lebensbeſchreibungen Peters und Karls gethan— und ich werde mein Ziel erreichen, wenn ich die hiſtoriſchen Wahrheiten dieſer Geſchichte ſo zu ſtel⸗ len weiß, daß ſie dem Leſer als glückliche Dichtun⸗ gen erſcheinen, und daß folglich, erhoben über die juriſtiſche Regel ſictio sequitur naturam (die Erdichtung oder der Schein richtet ſich nach 3 der Natur), hier umgekehrt die Natur oder die Geſchichte ſich ganz nach der Erdichtung richtet, und alſo auf Latein natura fictionem sequatur. — und ſo ſtehen wir denn vor der Fagade oder Antlitzſeite des erſten⸗Vorkapitels, auf deſ⸗ ſen Schwelle wir unſern Helden und Kleinen ſchon ſo lange ſpielen ſahen mit ſeinen— Aeltern. Die ernſten Ausſchweife für Leſerinnen zum Urkapitel ſind: die Ziele der Menſchen— Klage des verhangnen Vogels— die Weltgeſchichte— die Leere des Augenblicks die ſterbenden Kinder.— — Erſtes Vorkapitel, wie der kleine Nikolaus die Menſchen ſehr zu lieben weis. Leſer und Leſerinnen bekommen nun den Helden dieſes Werks, den ſie durch unzählige Bände hin⸗ durch mir nachziehend begleiten müſſen, zum er⸗ ſtenmale in Handlung zu Geſicht, wie er noch ſeine Mutter hat und neben einem großen Pudel kniet, dem er die ungeheuern Ohren, ſo lange ſolcher frißt, wie zwei Schleppen über der warmen Schwarz⸗Suppen⸗Schüſſel in die Höhe hält, da⸗ mit ſie ſich nicht eintauchen und beſchmutzen oder verbrennen. Feurig und ernſt ſieht er mit ſeinen ſchwarzen Augen und mit der großen welſchen Naſe darein, und die langen blonden Haare fallen ihm über die Backen, und das ſonſt zartweiße Geſicht iſt bis an die Schläfe roth angelaufen. Ey war nämlich mit ſeiner Seele in den Pudel hinein ge⸗ 24 fahren und ſtellte ſich vor, wie es ihm ſelber thäte, wenn feine Ohren in die Suppe hingen. Nit dieſer Seele nun fuhr er in alles hinein; doch aber in Puppen vorzüglich, und es konnte ih⸗ nen kein Glied abgeriſſen werden, wovon er nicht die Schmerzen am erſten verſpürte. Dadurch wird Licht auf die Thatſache geworfen, daß er, ein Knabe, die weiblichen Puppen ſeiner Schweſtern in ihren alten abgeſchabten Tagen gewöhnlich an Kindes Statt annahm— nämlich nicht zum Spielen, ſon⸗ dern zum Leimen. Eine arme Schäferin mit ih⸗ ren Schafen in Moos zu ſehen, aber ſo, daß ihr abgedrehter Arm nur noch am Schäferſtabe an⸗ picht— vielleicht gar mit mehren Schäſchen, de⸗ nen ihre Baumwolle nicht abgeſchoren, ſondern geradezu ausgeriſſen iſt(man ſieht die bloße Haut von Teig)— oder ein ſchön geputztes und an⸗ gefärbtes Ehepaar von Stand in einer Kutſche 4 mit abgebrochnen Beinen(man ſieht an den vier Stümpfen das nackte Fleiſch von Kleiſter)— ſolche ſchuldloſe Weſen dieſer Art zu ſehen, welche nach der ſchönen Weihnachtfreudenzeit, vielleicht ſchon 3 vor dem großen Neujahre, ſo weit herunterge⸗ gebracht waren, dieß ſtand er nicht aus, ſondern er ſetzte ſich an ihre Stelle und fühlte ihre Leiden und that was er konnte, um ihnen Beine, Arme, oder Wolle wieder anzukleiſtern in ſeinem Lazaret; und mich dünkt, ſein Puppenhoſpital kann we⸗ nigſtens als Vorhof neben dem Thierhoſpital in Surate ſtehen, in welches die weichen Indier ſogar Flöhe und Wanzen aufnehmen. Es iſt in der Marggrafſchen Apotheke eine bekannte Sache, daß er, als ſeine älteſte Schweſter, ihm zum Aerger, in das bildſchöne Wachslärvchen ihrer ſchon abge⸗ tragnen Puppe mit der Scheere einſtach, er auch das ſchweſterliche Geſicht und Haar bedeutend hand⸗ habte.— Und warum ſollte er ſich nicht ärgern? Man kann Mörder werden eines Wachsbildes und Menſchenfreſſer von einem Affen; die Menſchen⸗ geſtalt ſei uns bis in jeden fernſten Nachſchatten heilig, wie dem Türken jedes Papier, auf welches er, weil Gottes Name könne darauf geſchrieben werden, ſo wenig tritt, als ein zartfühlender Menſch auf das ſteinerne verwitterte Geſicht eines liegenden Marmormenſchen Stiefel und Ferſe ſetzen wird.— Wenn die Familiennachricht noch dazu ſetzt, daß unſer Nikolaus dieſe Puppe ſpäter, nachdem ſie aus einer geputzten Theaterprinzeſſin 26 und Pallaſtdame allmählig durch den Verbrauch und das Spielen mit ihr zu einem Aſchenbrödel geworden, bis ſie endlich alles Wächſerne, Ge⸗ ſicht, Bruſt und Hände abgenutzt und verloren, wenn die Familiennachricht berichtet, daß er die zu einem Maden:, nämlich Leinwandſäckchen ein⸗ gewelkte Puppenmumie in großer Bewegung ſei⸗ nes Herzchens ordentlich zu Grabe beſtattet und— wie wir uns untereinander im Sarge auf Hobel⸗ ſpäne— ſie unter die Sägeſpäne gelegt, die ſchon überall aus den Wunden der Leinwand heraus rieſelten: ſo glaub' ich nichts lieber und leichter; aber der Himmel(wünſch' ich) verſchone künftig ein ſolches mitſeufzendes Weſen mit dem Anblicke ſeiner trüberen beſeelten Spielpuppen der Männer⸗ fäuſte, welche, als Karyatiden fremder und eigner Sündenlaſten, auch wie Puppen Glieder und Geſtalt hingeben, aber keine von Wachs, ſondern vielmehr für ſolche von Wachs;— ach! er kann dieſe vergrößerten mit keinem Grabe bedecken, ſo lange ſie ihr eignes offnes bleiben.. Him⸗ mel! laß uns ſchnell vom ſtädtiſchen Schmerze wieder zur kindlichen Ugſchuld kommen! Auf dieſe Weiſe iſt es ſehr erklärlich, wie der * 2 ⁷ kleine Nikolaus Marggraf, obwol von verſchied⸗ ner Kirchenkonfeſſion, doch immer mehr ſeine ka⸗ tholiſche Mutter an ſich feſſelte, welche als Armen⸗ freundin freilich nichts lieber haben konnte, als einen Armenfreund wie er. Wol war er ein Narr aufs Geben. Nur daß er vom Vater nichts dazu bekam, als ſein Bischen Eſſen. Einigemal konnte ihm die Mutter nur mit zehn Lügen bei dem Apotheker durchhelfen, als er einer alten zahnloſen Frau, die in der Nacht auf der Gaſſe über das fürchter⸗ lichſte Zahnweh in der Kälte geklagt, ſein Schnupf⸗ tuch um die Kinnbacken gebunden, und als darauf die Frau und das Weh und das Tuch auf immer wie weggeblaſen waren.— Uebrigens mögen die Thränen manches Armen, ſo viel mangelt und ſo wenig brauchen ſie, mit einem Schnupftuch abzu⸗ trocknen ſein, das von bloßer Hausleinwand iſt und das man ihnen ſchenkt. Ich muß mirs gefallen laſſen, wenn Weltleute und Weltweiſe dieſes Nachgefühl fremder Schmer⸗ zen durch eigne— ſo wie ſein Mitjubeln über fremden Jubel— faſt körperlich und eben ſo ſehr aus mitzitternden Nervenſazten, als aus ſeiner dem Herzen vorſpielenden Phantaſie erklären; ich treffe 28 ja faſt das Aehnliche bei dem lieben Montaigne an, welcher einem fremden Huſten nachhuſten mußte, ſo wie er ſich vom Anblick geſunder Leute zu leben getraute*). Stand eine gelbe abgedorrte Bett⸗ lerin mit ihrem Gicht⸗Reißen in allen Gliedern vor Nikolaus: ſo ſteckte er der Hungrigen, um nur ſelber nicht länger zu ſiechen und zu hungern, heimlich etwa einen Wurmkuchen, oder ein Brech⸗ nmittel zu, oder einige Pillen, oder was er erwi⸗ ſchen konnte; denn er glaubte, ſein Vater theile auch alle Arzeneig aben und Biſſen(boli) als Geſchenke und milde Gaben aus; aber möge nur der Himmel bei ihm beſſer, als bei einem praktiſchen Arzte, dafür geſorgt haben, daß er mit den Laxier⸗ tränkchen und Klyſtieren und Pflaſtern unter den kränklichen Bettelkindern, denen er die Mittel ge⸗ reicht, kein bedeutendes Unheil angeſtiftet. Wir ſahen ihn im Urkapitel bey dem Leichen⸗ bette ſeiner Mutter ſtehen. Daß, er bei ſolcher Rege der Phantaſie nicht an ihrem Sterben mit⸗ geſtorben, verdankt er eben dieſer Phantaſie. Da nämlich die Weiber im Hauſe bei der 4 *) Deſſen Essais L. 1. ch. 2. tödtlichen Niederkunft Margarethens ihre großen eleuſiniſchen Myſterien feierten— die kleinen feiern ſie gewöhnlich mehre Monate vorher— ſo ver⸗ nahm er geheimnisvolle Worte, und die Rede, Maria(wie ſie außer, Margaretha noch hieß) ſei in den Himmel gefahren. Dabei ſprach der Apo⸗ theker, ſeit der Entdeckung ſeines Beich tkindes, mit mehr Verehrung von der Donna Sängerin. Da nun für das Beichtkind Nikolaus ſchlechterdings nichts ſo Unglaubliches und Tolles zu erfinden war, was er nicht in der Minute ſteif geglaubt hätte, ſo daß er den ganzen Legendenglauben ſeiner Mut⸗ ter in ſeinen vier Gehirnkammern unterbrachte, und doch noch Erker und Eckſtuben für alle nor⸗ diſche und indiſche Fetiſcherei übrig behielt—: ſo ward es ihm nicht ſchwer, den Tod ſeiner Mutter Maria für eine Himmelfahrt der Ma⸗ donna anzuſehn, und das dagebliebne Kind für ein Jeſuskindlein, wie ſo viele fromme Nonnen nach den mütterlichen Erzählungen dergleichen kleine Jeſuskindlein in ihren Zellen in der Wiege hatten und wiegten und anputzten. Das Ineinander⸗ rühren mehrer Geſchichten kann eine neue backen. So warf ſich nun ſeine ganze Liebe auf das ſchöne 30 Schweſterchen Libette; und er faltete die Hände vor ihm, und ſah ihm ſtundenlang ins ſchlafende Geſicht. Nach einigen Tagen war er von Maria Himmelfarth ſo feurig überzeugt, daß er verſicherte, er habe ſelber die Maria gen Himmel fahren ſehen, und ſie habe einen ſehr goldnen Mantel angehabt. Sein kurzer Irrthum war ein Glück für ſein Herz; wie hätte dieſes ſonſt die theuere ſinnverwandte Mutter nicht beweinen müſſen und die ſchuldlos muttertödtende Schweſter anfeinden! Als nun der Reiſeapotheker ſeine Regierung über den kleinen Regenten antrat, um ihn zu einem erwachſenen zu erziehen, änderte er ſein Moral⸗ ſyſtem über die Mildthätigkeit und friſchte unab⸗ läſſig den Kleinen zu den freigebigſten Geſinnungen an, und ſtellte ihm vor, wie ſehr ſie den Menſchen zieren; nur ſchoß er keinen Heller zu ihrer Aus⸗ übung her, ſondern ſagte, ſobald er einmal ſein eigner Herr werde— nämlich ein regierender, meinte er und hoffte für ſich— ſo könn' er verſchen⸗ ken und zwar nicht genug. Bedeutende Eßwaaren mußte Nikolaus als eine Penſion, im Lande ſel⸗ ber, in der Apotheke verzehren. Das Abſchneiden der bisherigen mütterlichen Lieferungen an die Ar⸗ 51 muth, dieſer ihrer Charitativſubſidien, peinigte ihn oft an der Apothekerthüre, wenn eine zaun⸗ dürre grauhaarige gelbe Hand ſich vor ihm auf⸗ ſperrte und er nichts hineinzulegen hatte, als ſeine eben ſo leere.— Und doch warf er deßhalb nicht den mindeſten Groll auf den filzigen Vater, ſo warm iſt die kindliche Liebe, oder vollends die ſeinige.. — Mohre Leſer und Feinde der ſittlichen Hart⸗ leibigkeit Henochs haben gewiß auf den erſten Bo⸗ gen dieſes Werks bedauert, daß ein ihnen längſt theuer gewordner Schriftſteller— meine unbedeu⸗ tende Perſon meinen ſie— jetzo auf ſo viele Bände und Jahre lang einen Helden anzuſchauen und abzumalen bekomme, welcher nach allem, was man aus dem pflegväterlichen Vorbilde und Vorſatze ſchließen könne, zuletzt und mit den Jahren mit kalten dürren Augen, wie ein Stabs⸗Wundarzt, über das ganze Wundenfeld der Menſchheit ſchrei⸗ ten müſſe und unter allen niemand verbinden werde als ſich zuerſt, falls er ſich etwan an dem Knochenſplitter eines Verwundeten geſtoßen hätte ..... Himmell ſo ſeht aber doch vor allen Din⸗ gen dem Helden ſelber ins Geſicht und blickt ſeine 32 runden Volllippen, und die ſanfte Bogenſtirn, und die äußerſt zarte lilienweiche und lilienweiße Ge⸗ ſichthaut an, deren Schnee bei der kleinſten Herz⸗ bewegung ſich, wie ein Schneehügel vor der Abend⸗ ſonne, mit dünnem Roth bis zu Stirn und Schlä⸗ fen überdeckt! Uebrigens freilich ein ſeltſamer In⸗ einanderbau von welſchem und deutſchem Geſicht, von ſchwarzen Augen und Haaren und mächtiger Naſe, mit weißzarter Haut! Nur auf Einen Menſchen in ganz Rom war Nikolaus heftig ergrimmt, und dieß war der Scharf⸗ richter, der im Frühling vor der Stadt draußen (ſtark gefoltert hatt' er ohnehin ſchon viele Leute, wie der Kleine gehört) einem blutjungen Menſchen, Vatermords wegen, den ganzen Kopf abgeſchlagen. 9 wenn ich nur könnte und der Kaiſer wäre, Sſagte der Knabe, ich ließe dergleichen Scharfrich⸗ «ter— dieſe verfluchten Teufel— einſperren und «abköpfen, damit ſie auch ſpürten, wie es thut, sdenn ſie fragen ja nach nichts und hauen hin, du slieber Heiland!»— Da er am Tage vor der Hin⸗ richtung das aſchenbleiche Kerker⸗ und Richtplatz⸗ Geſicht des Miſſethäters geſehen hatte: ſo hatt' er ſich in der Nacht unaufhörlich ſelber auf das 35 Armenſünderſtühlchen geſetzt, und war der langen blanken Schwertſchneide, wie einem Malerpinſel, zum Treffen geſeſſen, ſo daß er im Gewühle der einander nachziehenden Träume und ſchlaftrunknen Halbgedanken zuletzt zu glauben anfing, er ſelber ſei auch ein hinlänglicher reifer Miſſethäter an ſei⸗ nem Vater, dem Apotheker, und zum Köpfen ge⸗ zeitigt. Erſt um elf Uhr Morgens, als er die Zuſchauer der Hinrichtung zurückkommen ſah— er ſelber hätte um kein Geld zugeſehen— holte er wieder friſchen Athem und fühlte ſich, ſo wie den Geköpften, um vieles erleichtert und glück⸗ licher. Die ernſten Ausſchweife für Leſe⸗ rinnen des erſten Vorkapitels ſind: die Erinnrung an Dahingegangne— Troſt der Greiſe— Unverlierbarer Seelenadel— Sittliche Vollendung— Wärme und Kälte und Entwicklung aus andern Menſchen. —ßͤp—4—— „ 54 —V——-B- nAn[oa 4 Zweites Vorkapitel, welches zeigt, wie unendlich viel der kleine Nikolaus war ſos wol in der Wirklichkeit als in ſeiner Einbildung, und wie er ſein eigner Pabſt iſt und ſich kanoniſirt, nebſt einer Schlä⸗ gerei dabei. Nikolaus rückte nun in die Jahre, wo es ſich von Seiten ſeiner Talente immer mehr entwickelte, welche ſeltene er hatte, indem er ein großer See⸗ held, ein großer Gaſtprediger, ein großer Heiliger (der größte Apotheker ohnehin), kurz alles Große war, was ihm eben unter die Hände kam oder un⸗ ter die Füße; denn ſeine köſtliche Phantaſiekraft ſetzte ſich nicht, wie die des Dichters, an die Stelle 55 laus zwei Sonntage hinter einander für Kaſpar Lava⸗ ter den zweiten— bis er am dritten darauf Iffland der II. wurde, weil Iffland der erſte durchgereiſet und von deſſen Spielen in der Hauptſtadt viel Redens geweſen— und bei einer ſolchen eignen Metall⸗ veredlung unterſtützte ihn nichts ſo ſehr, als daß er ſich allemal hinſetzte und ſich es ſtundenlang aus⸗ malte, wie alles erſt wäre, wenn er den großen Mann tauſendmal überflügelte, und z. B. eine ſo koſtbare himmliſche göttliche Predigt Lavaters hielte, daß die Zuhörer vor Schluchzen und Buß⸗ fertigkeit ganz des Teufels würden und ordentlich heulten und ſtampften und die Kirchgänger ſich vor dem Manne niederwürfen, und ihn halb an⸗ beteten, wenn er die Kanzeltreppe herab käme voll ſeiner unbegreiflichen unendlichen Demuth. Auf dieſe Weiſe ſtrich nun ſelber der große Mann die Segel vor Nikolaus und dieſer fuhr luſtig mit dem Winde dahin. Man halte noch ſtärkere zu liefern— u ſo ganz friſch aus ige; denn dieß iſt ja 56 eben bei einer ſo langen komiſchen Geſchichte mein Gewinn, daß ich für ein Jahrzehnd wie unſeres, wo Ueberchriſtenthum und Ueberpoeſie, ſtatt der alten Paar Monatroſen und Monatnarren des erſten Aprils und der Faſtnacht, dauerhaftere Jahr⸗ narren liefern, weil beide ihr tollmachendes Bil⸗ ſenkraut*) zum Fliegen eingeben, mein Gewinn iſt's, ſag' ich, daß ich einen Helden aufgetrieben, der den Flug mit ihnen aufnimmt, und ſo toll iſt wie nicht jeder. Narrheiten hat, ſo wie Einge⸗ weidewürmer, jeder vernünftige Menſch und nie⸗ mand iſt dadurch vom andern verſchieden; nur ein langer unaufhörlicher Bandwurm des Kopfes, ſo wie einer des Unterleibs, unterſcheidet die Per⸗ ſonen. In ſo fern dürfte nun den myſtiſchen Mu⸗ ſenſitzen, Kanzeln nnd Lehrſtühlen wenigſtens für dieſes Jahrzehnd das Privilegium gebühren, wel⸗ ches die Stadt Troyes beſaß, für die franzöſiſchen Könige die Narren zu liefern**). *) Bilſenkraut gibt, eingenommen, Die Hexen haben es wahrſcheinlich gemiſcht. Eſchen 3 efühl des Fliegens. ihre Einſalbungen B. 3. St. 1. 3. 4. Slö⸗ *.) Geſchichte der Stadt Paris von Sai gels Geſchichte der Hofnarren. 37 Ich fahre nun in Nikolauſens Knabenzeit fort und ſtoße darin mit wahrem Vergnügen auf eine Begebenheit, die am ſchönſten beweiſen wird, daß er die Gabe beſaß, ohne welche kein Held, am wenigſten ein komiſcher, gedenklich iſt, nämlich die mäßige Gabe zeitverwandter Tollheit ſammt großen Anlagen zur Wahrheit und zur Unwahrheit. Im Chriſtmonate, dem eigentlichen Erzählmonate, pflegte Nikolaus gern ſeine Schulkameraden mit Erzählungen, und zwar am liebſten von Heiligen⸗ geſchichten, zu beſchenken, weil er in dieſen die ſchönſten unglaublichſten Wunder— die mannig⸗ faltigſten Teufels⸗Charaktermasken— die gräßlich⸗ ſten Martern— und die feinſten Erhaltungen, nur die der Köpfe nicht,*) liefern konnte, da er *) Leicht kommen nämlich Blutzeugen aus heißen Oelkeſſeln, aus Waſſerſchlünden, aus brennenden Scheiterhaufen, aus Teufels⸗ und Menſchenklauen, mit dem Leben davon, aber das Köpfen nachher halten ſie nicht aus, ſondern kom⸗ men daran um.— Das Köpfen hat überhaupt etwas ſo Vorzügliches, daß blos durch deſſen häufiges Wiederholen ein Scharfrichter die Doktorwürde gewinnt; hängen hin⸗ gegen mag er noch ſo viele oder rädern und erſäufen; ſo wird ihm doch der Doktorhut nur für das Abnehmen der Köpfe auf ſeinen geſetzt. N b 38 ſie aus der beſten und nächſten hiſtoriſchen Quelle geſchöpft, aus ſeiner Mutter. Dabei verſtand er beſſer, als die größten Bollandiſten, Heiligenge⸗ ſchichten mit ſolchen neuen guten Zügen zu berei⸗ chern, und das geſchichtliche Kunſtwerk oder Stück⸗ werk eines Heiligen, wie römiſche Reſtauratoren ein marmornes, durch ſolche friſche Glieder zu ergänzen, daß man geſchworen hätte, man habe eine ganz neue friſche Geſchichte vor ſich. Nun gab er am ſechſten Dezember, gerade am Feſttage des heiligen Nikolaus, ſeines Tauf⸗ pathen, den die katholiſche Mutter gern in ſeinen Schutzpatron verwandelt hätte, da gab er Abends der Welt, nämlich einem gebildeten Knabenzirkel um den Ofen herum, nebſt einigen Magenmor⸗ ſellen die Heiligengeſchichten ſeines heiligen Herrn Pathen. Er trug aber in der Dämmerung das Leben und die Verdienſte des Biſchoffs Nikolaus ſo feurig vor, daß die Zuhörer leicht einſahen, warum er der Schutzpatron nicht nur der Schiffer, ſondern auch aller Ruſſen geworden. Er berich⸗ tete, daß deſſen Bild im ruſſiſchen Rieſenreiche an ſo viel tauſend Wänden hange und noch mehre tauſend Verbeugungen erhalte, weil zuerſt ihm jeder eine mache, der eintrete. Aber wie warm floß erſt ſeine Rede, als er dem Schirmherrn des Weltwaſſers und des Foliokaiſerthums vor den Zu⸗ hörern— ſämmtlich Schüler der lateiniſchen oder deutſchen Schule— gar als den Schutzheiligen ausſtellen konnte, der ſich niederbückte zu den Schu⸗ len, als der Schutzpatron derſelben, indem er der kleinern Schüler ſich annehme, ſie anſporne und fördere und ihnen am Niklastage die herrlichſten Eßwaren zu Thür und Fenſter einwerfe. Und als er vollends in der Erzählung auf die Oelquelle aus deſſen Grabe ſtieß, aus welcher ſo viele Kranke ſich geſund geſchöpft: da konnt' er es ſich gar nicht anders vorſtellen, als daß der Erzbiſchoff, wie tau⸗ ſend ſchlechtere heilige Märterer, enthauptet worden, ob er gleich ſelber ſo wenig davon gehört, als die 1 allgemeine Weltgeſchichte— und er ſetzte alſo die Märtererkrone, die er erſt auf dem Seſſel fertig geſchmiedet, unter lauter Thränen dem armen ge⸗ köpften Biſchoff vor allen Hörern auf. Seine Herz⸗Bewegung bei dem unerwarteten Schickſal eines ſolchen Menſchenfreundes war un⸗ beſchreiblich. Jetzo ſah' er im Spiegel den be⸗ kannten elektriſchen Heiligenſchein, den ſein eigner 40 Kopf, wenn er ſich ſehr erhitzte, ausdampfte. Nun war kein Halten der Rührung mehr denklich. Vielleicht— fuhr er unter haßem Weinen fort— «hat mich der heilige Märterer zu ſeinem Nach⸗ «folger auf der Erde auserſehen, und hat meinen & Kopf von Kindes Beinen an mit einem Schein «angethan, zum Zeichen, daß ich ſo gut geköpft «werde, wie er. Und in Rußland, wenn ſie die⸗ s ſen Schein ſehen, und dabei hören, daß ich mich Nikolaus ſchreibe, werden ſie mich für einen Be⸗ «trüger und Nachmacher ihres Schutzpatrons hal⸗ sten, und mir deßhalb den Kopf wegputzen. Ach! &mit Freuden werd' ich zu einem Märterer und Keinem Heiligen, wenn's auch ein kleiner iſt, und &zu einem Schutzpatron der Schüler, um nur sallen recht zu helfen. Ja ich will ſchon jetzo für «euch fürbitten, und zwar immer länger, je län⸗ «ger ich werde. Ich vermahne euch alle aber ins⸗ &geſammt zum Fleiße, und lernt brav, vorzüg⸗ lich das Schreiben und Leſen und die Exzepzionen «in der Langiſchen Grammatik, die merke jeder « beſonders. Jedoch euer Freund und Fürbitter « werd' ich verbleiben auf der ganzen kurzen Lauf⸗ 41 «bahn, die ich hienieden zu wallen habe bis zu «meinem frühen Grabeshügel.» Hier konnt' er vor Bewegung nichts mehr vorbringen, als ſtatt der Worte einige Gerſten⸗ zuckerſtengel, welche dem bewegten Zuhörerzirkel ordentlich lieber und ſüßer vorkamen, als die läng⸗ ſten Dornen ſeiner Märtererkrone und alle Stra⸗ len ſeines Haarabglanzes. Ich mache gar kein Geheimnis daraus, daß er in der einſamen Nacht nach dieſem Erzählabende, die ihm erſt den Kopf recht heiß, anſtatt kalt machte, ohne Bedenken ſich an ſeine ſeelige Mutter mit dem Geſuche wandte, den H. Biſchoff, da ſie ge— wiß bei ihm ſei, durch Fürbitten dahin zu ver⸗ mögen, daß er als ein Wunderthäter mit Heilöl und als ein Retter der Schiffbrüchigen für ſeinen Namenverwandten auch etwas thun und ihm ſchon bei Lebzeiten mit einigen Kräften zum Beglücken der romiſchen Schüler verſehen möchte. Wie ge⸗ ſagt, ich mache kein Geheimnis aus der Sache. Wenn Zinzendorf als Kind Briefe an den Hei⸗ land ſchrieb, und zum à Fenſter hinaus warf, weil der ſie, bemerkte der Graf, finden würde; oder wenn er gar mehre Stühle um ſich ſetzte und ſie zu erbauen ſuchte durch eine kurze Predigt, als wären ſte ordentliche beſetzte Kirchenſtühle; ja wenn ſogar Lichtenberg Zettelchen mit Fragen an Gott unter den Dachſtuhl legte, und ſagte: alieber Gott, Letwas aufs Zettelchen!— ſo wird mich niemand überreden, daß mein Held anders gehandelt als der Profeſſor und der Graf. Dieß bewies er ſo ſchoͤn am Tag darauf. Er ſchritt durch die romiſchen Gaſſen mit Würde, ohne einen einzigen Sprung, er hob den Kopf mehrmal gen Himmel als woll' er etwas daran ſehen, und ſenkte ihn ſchwer nieder, weil er darin viel hatte, und blickte einige Schuljugend, als ſie aus der Schule mit Sprüngen rannte, in welche ſie nur mit Schleichen wallfahrte, ganz bedeutend an, aber doch milde, weil ihm war, er habe als Schutz⸗ patron ſie mehr zu lieben und zu bedenken. Einen wildeſten Springinsfeld, Namens Pe⸗ ter,(ſein Vater hieß Worble), der die Bücher im Riemen über den Kopf ſchleudernd ihm auf dem Schulheimwege entgegentanzte, hielt er an und ) Spangenbergs Leben. I. 30 32. ſagte zu ihm mit ungewöhnlichem Ernſte: da er geſtern bei ſeiner Geſchichte nicht geweſen, ſo mög⸗ er heute kommen und die andern mitbringen, er wolle ſie wieder geben und etwas Süßes zu eſſen dazu. Peter verſetzte:«Wer wird nicht kommen? &— Mache nur kein ſo hochtrabendes Leichenbit⸗ ters⸗Geſicht dazu!» — Jetzo aber wünſchte ich, bevor ich die Sache hinaus erzählt, wol zu wiſſen ob irgend ein Mann, der eben geleſen, wie Nikolaus zu⸗ gleich ſich und andere in die Gaukeltaſche ſteckte, noch den Muth behält, ſein Scheidewaſſer auf⸗ zugießen und in die Reden eines Muhammeds, Rienci's, Thomas Münſters, Loyola's, Crom⸗ wells, und Napoleons, das was ſolche zeittrunkne Männer andern vorſpiegeln, rein von dem, was ſie ſich ſelber vorſpiegeln, abzuſondern, und ſo durch eine Hahnemann'ſche Weinprobe ihren Schein niederzuſchlagen aus ihrem Sein. Es wird aber ſchwerlich ein Leſer dieſe Scheidung zwiſchen den Waſſern verſuchen, wenn er merket, daß er nicht einmal meinem noch unerwachsnen Nikolaus gewachſen iſt, der noch viele Jahre hin 44 hat zu dem ſeines erwachſenen Namenvetters auf Helena*)— 1 Und herrlich beſtätige ich meinen Satz, wenn ich fortfahre. Die geſtrige Hörgeſellſchaft ſammt Peter Worble erſchien, und Nikolaus theilte ſein Süßes aus— dieſes mal, aus Mangel an Geld, ſüße Mannakörner, die bekannte bibliſche Speiſe in der Wüſte, obwol eine Kinderlaxanz in der Apotheke;— denn Geben war ihm ſo zur zwei⸗ ten Natur geworden, wie ſeinem großen Namen⸗ vetter auf Helena das Nehmen, welcher letzte dem heiligen Nikolaus, der nach der Legende ſogar an der Amme bei heiligen Zeiten faſtete und erſt Abends ſog**), nur ſo weit nachahmte, daß er, ſtatt ſeiner, die Amme ſelber, die Jungfer Europa faſten ließ, und für ſeine Perſon fortſog.— Nun wollte der Kleine die Erzählung noch tauſendmal friſcher und farbiger als Tags vorher auftragen— obgleich ich meines Orts bedacht hätte, nur das Körperliche kann man wiederholen, ſelten das Geiſtige— und er ſtrengte ſich tapfer an; ein Paar Babelthürme (— *) Napoleon heißt bekanntlich Niecolo oder Nikolaus. **½) Breviar. roman. fest. Dec. — 45 höher ſuchte er heute ſeinen Biſchoff zu ſtellen, zumal da er ſelber ihm ſeit geſtern um manches nachgewachſen war bis zu einem halben Weihbi⸗ ſchoff; wahrlich er wollte mit Gewalt ſich und alle außer ſich und in Schwung bringen.. — Es iſt hier weder Zeit noch Ort, dem Keimen und Treiben der Mannakörner tiefer nachzugehen, und daher zwiſchen Gehirn und Gedärm alles ge⸗ hörig zu vermitteln: genug, Nikolaus hätte eben ſo gut die Erfurter Glocke ſammt dem Thurme in Schwung gebracht, als ſich oder ſonſt einen Jungen. Nun weiß ich nicht, war es unglücklicher oder gewähiter Zufall, daß er ſeine Heiligengeſchichte bei brennendem Lichte verſteigerte, wie in manchen Städten mit Waaren geſchieht, die mit auslöſchen⸗ dem zugeſchlagen werden; kurz die Zuhörer von geſtern baueten darauf, er werde wieder mit dem Haarſchein da ſitzen, wenn das Licht weg ſei. Als daher der kleine Peter dieſes ausſchnäuzte, damit endlich die Haarglorie zu ſehen wäre: ſo ſtand der Kopf ganz lichtkahl und ohne die geringſte Faſſung oder Einfaſſung im Finſtern; an abbrennende Zünd⸗ kraute, oder Feuerwerke heiliger Triumphe war nicht zu denken. Da ſang Peter die ſehr einfäl⸗ 46 tigen Kinderverſe(ſie ſtehen entweder im Wunder⸗ horn oder in den Grimmiſchen Wäldern) ſpottend ab: Nikolaus, fang' die Maus, mach' mir ein Paar Handſchuh' d'raus. —— Ich glaube nicht daß ich es ſchildern kann, aber ſo viel berichten will ich doch, daß auf der Stelle Nikolaus aufſprang und an ſich und je⸗ den andern Nikolaus, oder an einen Verehrer deſ⸗ ſelben, mit keiner Sylbe mehr dachte, ſondern den kurzen Peter Worble an den Haaren mit einer Geſchwindigkeit an die Erde legte, die ich am be⸗ ſten Niederreißen nenne— und zwar alles dieß blos zu dem Endzweck, auf der Kehrſeite Peters auf und ab zu ſpringen, gleichſam wie auf der Harz⸗ ſcheibe eine elektriſche Korkſpinne, oder ſonſt eine elektriſche Figur, welche tanzt. Er trat ihn natürlich blos darum mit ſeinen Füßen, um das geiſtige Unkraut, ſo weit es kör⸗ perlich zu thun war, umzutreten. Schade wars, daß der Junge nicht zweimal ſo lang geweſen: das kleine Weihbiſchöffchen hätte nicht ſo oft die⸗ ſelbe Stelle bei ihm zu treten gebraucht. Inzwi⸗ ſchen mit jedem Eilſchritte— Peters Glieder ſtell⸗ 42 ten die Springhölzer in einem Vogelbauer vor— prägte er ihn mit einem andern Namen aus:«Du & Satanas— Du Höllenbeſen!— Du Höllen⸗ « brand!—» In die Länge hielt Peter, wie jeder, eine ſolche Verknüpfung von Verbal⸗mit Realinjurien, von Wort⸗ mit Thatbeleidigungen nicht aus, ſon⸗ dern drehte und ſchnalzte ſich unverletzt empor, und faßte den künſtigen Schutzheiligen bei der beſten oder heiligſten Seite, nämlich bei den Haaren der Heiligenphosphorescenz und leitete ſonach an dieſen einen neuen, ſteilrechten Wettſtreit ein... Rede oder ſchreibe nur aber niemand etwas wider die Wildheit, worein jetzo Nikolaus vollends verfiel, als einige riefen, da er unter dem Balgen zu phos⸗ phoreszieren anfing:«Niklas, du haſt den Heiligen⸗ &ſchein wieder auf!y—«Den lebendigen Höllen⸗ &ſchein hab' ich— rief er— der Teufelsbraten Chier hat mich um Himmel und Hölle und alles «gebracht, und da ſteh' ichy— und ſah in den Spiegel, als ihn Peter losließ. & Ja— fuhr er fort und fing an zu weinen— Sicch ſeh' es, ich ſitze ſchon leibhaftig in der Hölle, „ 48 s und brenne voraus— kein Heiliger darf ſich rau⸗ «fen und die Menſchen mit Füßen treten.»— Je länger er ſich im Spiegel beſah, deſto mehr rührte er ſich ſelber:&Ich fahre nun zum Teufel, und hätt' ein ſolcher Schutzheiliger werden kön⸗ &nen!» Vergeblich wollten einige, aus Mitleiden über das Abjammern, ihn tröſten und ſagten, Peter habe ja angefangen und er werde das Treten ſchon vergeſſen; ja dieſer ſelbe verſetzte weinerlich ko⸗ miſch: meinetwegen! Jetzo wurd' er von an⸗ dern ſo ſehr gerührt wie vorher von ſich: Ltrete « mich nur, rief er, jeder, wer will— Peter & Du zuerſt.— Hier lieg' ich(er blieb ſitzen)— « Ich werde ohnehin kein Märterer mehr, und bin &nichts.» — Ich habe nirgends weniger Zeit als hier, es ſcharfſinnig genug auseinander zu ſetzen und genau vorzuwägen, wie viele Tropfen wahrer Schmerz in dieſer Herzens⸗Mirtur, wie viele eing ebil⸗ deter, und ſogar wie viele vorgeſpiegelter enthalten iſt. Genug dem Herzen iſts, zumal bei poetiſchen Naturen, wie der Hand, welche bei har⸗ ten Körpern, die man in ſie gedrückt, nach eini⸗ 49 gen Sekunden nicht mehr fühlt, ob ſie noch darin ſind, oder ſchon heraus.*) Den Knoten des Helden zerſchnitt ein Leuchter mit Licht, der ihm von ſelber den heiligen oder hölliſchen Schein abnahm. Aber da er nichts mehr vom Heiligen erzählen konnte, ging die kleine Kirche oder Gemeine deſſelben fort, und nur Peter blieb gleichſam als Tröſter da.„Ich für meinen Theil frage nichts darnach, fing Peter mit der Hand in «der Weſte an, aber ich ſpüre, du haſt mir in der Eile die untern Rippen abgeknickt, ſie ſind «viel kürzer als die obern.» Erſchrocken befühlte ihn Nikolaus und fand die kurzen Rippen; ein bittrer Schmerz ſtand in ſeinem Geſichte. Ver⸗ gsſchlägt nicht viel, ſagte Peter, die Rippenendchen «werden ſich wol nur umgebogen haben am Bauche.» Zum Glück riß Niklas ſeine Weſte auf, und hielt ſeinen Leib mit dem fremden zuſammen, um beider organiſche Lesarten zu vergleichen. Da er nun auch bei ſich die kurzen Rippen antraf: ſo that er aus dem Abgrunde einen Sprung in die Entzückung und rief:«So wollen wir auch nun, Peter, die *) Darwins Zoonomle, B. 2, J. 4 &beſten Kameraden bleiben, die es nur gibt; und awenn du deine Geckereien mit mir machſt, ſo will ich dich nicht mehr niederſchmeißen, ob ich &gleich länger bin, ſondern ich verharre dein ewiger höchſt beſtändiger Blutfreund.»—&Ein Wort, «ein Mann, verſetzte Peter, ich ſchlag' ein, du «läßt dich manchmal von mir zum Narren haben, «und ich unterſchreibe mich dein ewiger Freund.» So ſchloſſen beide eine ewige Freundſchaft, welche lange in dieſem Buche dauern kann; die in Handdrücke verwandelten Fußtritte dienten ſtatt des Blutes, das ſonſt bei mehren Völkern Freunde ſich ausritzten und in einander gemiſcht auf ihre Freundſchaft tranken. Nun war Nikolaus durch die Selber⸗Unhei⸗ ligſprechung aus allen Legenden⸗Träumen geweckt; und er trug ſeinen Heiligenſchein nur wie eine dün⸗ nere feinere Krone, als ein feuriger lichtvoller Kopf.— 1 Ich weiß nicht, ſoll ich zum Beweiſe ſeines ewigen Wolmeinens und Irrmeinens noch die kleine Geſchichte geben, die bald nach der großen vorfiel? Es lag nämlich in einem zu Vorſtadthäuſern füh⸗ renden Durchgange zwiſchen langen Staketenmauern . 51 von Gärten gewöhnlich ſo viel gute Gartenerde von Koth, und die umhergeworfnen Spitzſteine, die ſonſt ein gutes Stadtpflaſter vorſtellen konnten, lagen ſo weit aus einander geſäet, daß Nikolaus am Sonntage mit Erbarmen zuſah, wie bei Re⸗ genwetter ganz alte Mütterchen und kleine Töch⸗ terchen mit den weißeſten Strümpfen von der Welt nach den, wie Sonnen aus einander gerückten, Steinen umher ſetzten und meiſtens fehlſprangen. Andere Menſchen in Rom konnten es täglich ſehen und aushalten— ſo wie oft ein ganzes Dorf Jahr⸗ zehnde lang den Querſtein in einem Hohl wege um⸗ fährt und befährt und vermaledeiet, ohne daß ei⸗ ner aus dem Dorfe ſich die Mühe gäbe, den Quer⸗ ſtein aufzuladen und den eisgrauen Jammer weg⸗ zufahren—; aber Nikolaus konnte dergleichen nicht, ſondern dachte als Menſch und Weginſpek⸗ tor. Er brachte deßhalb bei ſchönem Wetter jedes⸗ mal einige Steine in den Durchgang mit, und warf ſie in ſo wolthätigen Entfernungen auseinan⸗ der, daß er das erbärmliche Wetter kaum erwarten konnte, wo die weiſſeſten Strümpfe ſo gut und beſſer über alles ſchritten als bei ſtaubendem. Weg⸗ und Pflaſtergeld dafür entrichtete dem kleinen Weg⸗ aufſeher niemand als ſeine eigne Freude darüber, dieſer ſchönſte Wechſel auf Sicht.— Aber da trat jemand auf, der ihn mit einem andern bezahlen wollte. Es hatte nämlich der Un⸗ teraufſchläger oder Rendant Schleifenheimer, der an den langen Staketenmauern ſein ſchönes Gar⸗ tenhäuschen beſaß, von wo aus er jeden Paſſanten dicht an den Augen, ja an den Händen hatte, längſt die ſtets zunehmende Verſteinerung des Durchgangs verdrießlich wahrgenommen, welcher bei trocknem Wetter eine wahre Kunſtſtraße gewor⸗ den war, mit loſen Steinen aufgefriſcht, denen man, wie ein Fuhrmann, immer auszuweichen hatte. Zum Glücke ſah der Unteraufſchläger aus dem Gartenhauſe herab, als der kleine Wegin⸗ ſpektor wieder einen anſehnlichen Straßenbauſtein getragen brachte und ihn in ſchickliche Weite von andern Springſteinen gerade unter des Rendanten Fenſter zu ordnen ſuchte.&Ei, du biſt's,y ſagte ſanft der Aufſchläger; und griff, als Nikolaus aufſtehend die Mütze abnahm, herunter und ſam⸗ melte in der Eile ſo viel von deſſen blonden Haa⸗ ren, als nöthig, in die Fauſt, um an ihnen den Inſpektor wie an einer Aufziehbrücke aufzuziehen, 53 oder wie einen Anker. Als er ihn nun wie eine Hängſpinne feſt im Hängen und Schweben hatte, ſchüttelte er ihn in der Luft mit Macht, wie etwa der Jäger einen an den Ohren aufgehobnen Hund, und ließ ihn dann als eine Zug⸗ und Fallbrücke ſchnell wieder fallen... — Viele und verſchiedne Weſen werden hie⸗ nieden in die Höhe gezogen und da im Schweben erhalten— Diebe und gefolterte an Seilen— Loyola durch ſeine Andacht— Hellſeherinnen am bloßen Daumen ihres Magnetiſörs— Hähne und ihre Luftfahrer durch Luftbälle— Fiſche an Angel⸗ ſchnüren— der eingeſargte Muhammed durch Mag⸗ neten— inzwiſchen fuhr unter allen dieſen Weſen keines in der Geſchichte ſo unbändig über das Er⸗ heben auf, als der Weginſpektor, da er wieder ſtand; die brennendſten Schimpfflüche flogen, je⸗ der mit einem Pflaſterſteine geladen, in das offne Fenſter des Aufſchlägers; nach wenigen Minuten war in das Häuschen für das aufreißende Zug⸗ pflaſter der Schleifenheimeriſchen Hand das halbe aufgerißne Steinpflaſter eines Wegs geſchleudert, welcher vielleicht nach Namen⸗Aehnlichkeit vom appiſchen, trajaniſchen, flaminiſchen Weg, der der nikolauſiſche, oder nikolaitiſche hätte können genannt werden, wenn er ganz geblieben wäre, oder auch nach Laut von König⸗ oder Kaiſer⸗ ſtraße, die Marggraf⸗Straße. Da ihn endlich Würfe und Worte etwas an⸗ gegriffen hatten— zehnmal mehr als den Gegner— und er alles im Häuschen todtenſtill hörte: ſo über⸗ fuhr ihn plötzlich der Schlaggedanke, der Auf⸗ ſchläger liege oben halb erworfen unter dem Geſtein und ſchweige daher. Der Boreaswind des Zorns ſprang in den lauen Zephyr der Wehmuth um— und der Saulus der Steinigung ging als Paulus nach Hauſe;— ich will es aber nicht drucken laſſen, was er oben unter dem Dachboden empfand; es ſei jedem genug, daß er verzweifelte, und unter einem zufällig einfallenden Leichengeläute ſchon das künftige des erworfnen Aufſchlägers vernahm, in welches noch ſein eignes Armenſünderglöckchen hinein ſchlug,— bis er endlich ſo glücklich war, ſeinen Vater unter der Apothekenthüre herauspol⸗ tern zu hören:«Wol! Ich höre. Ich will ihn «ja auswixen, daß er Oel gibt— und damit holla, HH. Schleifenheimer!» Dieß war doch einiger Troſt.——— 55 So glücklich war ſchon des Helden Knaben⸗ zeit. Denn dieſe kleinen Dornen der Phantaſie— wie die eben gezeichneten— werden ganz von dem vollen Roſengebüſch derſelben bedeckt. Da die Vergangenheit und die Zukunft, die beiden reichen Indien der Phantaſie, um ganze Quadratmeilen größer ſind als der Punkt der Gegenwart, dieſe Erdzunge zwiſchen beiden: ſo kann man mit den Silberflotten der Phantaſie ſchon die Ausgaben der Gegenwart beſtreiten. Daher macht ſie immer in der Jugend glücklich und nur im Alter unglück⸗ lich, wo ihr die neue Welt der Zukunft ſchon ge⸗ nommen iſt, und nur die alte der Vergangenheit noch mit ihrer Nebelküſte nachſchimmert. 1 Hat ſich nun einmal die Phantaſie zum größ⸗ ten Glück eines Menſchen der erſten Form der Anſchauung à priori— welche, wie jede Leſerin aus ihrem Kant wiſſen kann, die Zeit in ihrem Dreiklang von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft iſt— bemächtigt und ſie zu ihrem Brenn⸗ ſpiegel und Vergrößerſpiegel ausgearbeitet und zu⸗ geſchliffen, ſo hat ſie natürlicher Weiſe die zweite kantiſche Form der Anſchauung à priori als ihren zweiten Pfeilerſpiegel in ihrer Gewalt, nämlich 56 den Raum, der in nichts anderes einzutheilen iſt, als in das Nächſte, und in das Fernſte, oder in Mittelpunkt und Umkreis. Aber was iſt das Bis⸗ chen Mittelpunkt des Beſitzes gegen die unzähligen Quadratmeilen der Ferne, die ſtets viel größer als die Nähe iſt, und allein durch die Phantaſie erobert und genoſſen wird?— Man kann ſich nun denken, wie weit und breit Nikolaus Himmel war, da ihm alles gehörte, was er nicht hatte. Dem Sprichwort entgegen, war ihm eine Taube auf dem Dache viel lieber als ein Pfennig in der Taſche; dort hatte er alſo einen ganzen Taubenflug, gegen eine dünne Pfen⸗ nigbüchſe hier. So zog ihn die Kirchthurm⸗ fahne— zumal von der Abendſonne rothgeglüht— unbeſchreiblich an, blos weil er ſie nie anzufühlen hoffen konnte; denn wäre ſie ihm vor die Füße gefallen, ſo hätt' er ſie liegen laſſen und mehr ſehnſüchtig nach der Thurmſtange geblickt. Wenn er als Kind in ein Wachtelhaus guckte, und innen den langen Ritterſaal und die Dreh⸗Erker anſah, und das weiche Tuch, das nicht, wie bei uns, die Stubendiele iſt, ſondern die Stubendecke belegte; und wenn er ſich vorſtellte, wie er, falls er drin⸗ nen herumliefe, ſo ſchön in die Erker ſpringen und ganz ins Freie und in die Apotheke ſehen könnte, und die vergoldeten Thürmchen dazu über ſei⸗ nem Kopfe hätte: ſo hätt' er ſich gern in einen Wachtelkönig verwandelt, um in einem ſolchen Bauer, der gerade recht zweckmäßig aufgehangen war, das häusliche Skück der Einfchränkung mit der freiſten Ausſicht in die Apotheke und in die Welt zu verknüpfen. Wenn nun Nikolaus auf einer ſo ſeltnen Mu⸗ ſenberghöhe ſeiner Phantaſie, wie wir ſehen, ſtand — die beiden Gehirnhügel, welche dieſe, nach Gall, wie zwei Parnaßſpitzen, innen beſitzt, müſſen ſich folglich außen ſehr erhoben haben— daß er, ſo⸗ bald er ſich oben umſah, bei einigem Nebel, wie ein Mann auf dem Aetna, ganze neue Länder und Städte in den Lüften hangend antraf, die niemanden gehörten als ſeinem Auge, wenn er, ſag' ich, auf ſolcher Höhe das Fremde ſo vergrößert erblickte: ſo konnt' ihm auch das andere Glück nicht abgehen, daß er, wie der Reiſende auf dem Brocken ſeine Geſtalt im Nebel als Rieſenbild erſchauet, ſich ſelber ungemein vergrößert wahrnahm. Ja er übertraf hierin manche neuern Dichter. Obgleich dieſe das Wundervermögen der Einbildkraft, welche, wie Midas, alles, was ſie berührt in Gold verwan⸗ delt, natürlich am allernächſten Gegenſtande zuerſt verſuchen und ſich ſelber vergolden, vom Kopf bis zum Fuß: ſo findet ein ſolcher am Ende ſich doch nur als den größten Dichter, als einen Muſen⸗ goldſohn aus dem goldnen Zeitalter, aber als nichts weiteres, nicht als den größten Meß⸗, Heil⸗, Ton⸗ oder ſonſtigen Künſtler. Nikolaus hinge⸗ gen ſah ſein Bild im oben gedachten Brockendunſte, als wie durch ein Polyedron oder Vieleckglas, zu einer Gallerie großer Männer vervielfältigt. Denn es kam nur auf die Bücher, die er las, und die Sachen, die er eben treiben mußte, an: ſo war er einen Tag lang ein zweiter Friedrich der zweite— darauf ein ſtarker Kotzeluch auf dem Klavier— dann ein wahrer Franzoſe wegen der franzöſiſchen Grammaire— häufig, wenn er wollte, ein halber Linné, da er täglich in die Apotheke lieferte, und den botaniſchen Proviſor und die einſammelnde Kräuterfrau hörte, und ein zweiter Marggraf der Chemiker, weil er theils ein entfernter Verwandter deſſelben war, theils der Adoptivſohn ſeines che⸗ miſchen Vaters.— Freilich war er dieß alles nicht — — — 59 auf einmal an einem Tage, ſondern er nahm ſich die nöthige Zeit und war ſo erſt nach Gelegenheit immer einer der berühmteſten Männer nach dem andern. Und ich weiß nicht, was mehr zu ſeiner wah⸗ ren Glückſeligkeit hätte beitragen können, als eben dieſes ſeltne Vermögen, ſo viel zu ſein. Es be⸗ ſchränkt einen Mann unglaublich, wenn er ſich blos für einen großen Dichter halten muß— oder blos für einen großen Philoſophen, oder Welt⸗ mann, oder ſonſt für etwas einzelnes Großes, indeß hundert andre Große um ihn ſtehen, die er alle nicht iſt; und doch möcht' er ſo gern nicht Eine Glanzfarbe allein haben, ſondern den ganzen Re⸗ genbogen mit allen ſieben Farben auf einmal vor⸗ ſtellen. Dagegen gibt es wol keine andre Hülfe als daß einer, der z. B. nur ein ausgezeichneter Dichter in irgend Einem Fache iſt, auch in den übrigen Dichtfächern groß zu ſein ſich vorſtellt oder vornimmt, und ſo ſtatt des Regenbogens doch ein Thautropfe iſt, der einen Regenbogen ſpie⸗ gelt.— Mir ſelber als epiſchen Geſchichtdichter— denn was iſt die Geſchichte anders als ein Epos in Proſa— kommt Nikolauſens Viel⸗ und Groß⸗ männerei am meiſten zu Paſſe; da, wenn in einem 60 Heldengedicht, wie im homeriſchen, jede Wiſſen⸗ ſchaft und alles zu finden ſein muß, es dann immer viel dazu hilft, wenn ſie alle ſchon im Helden ſel⸗ ber ſitzen. 4 Zuweilen mußite wol unſer Nikolaus durch dieſelbe Phantaſie, die ihn zu allem machte, et⸗ was ausſtehen, wenn ſie ihm alles nahm; aber es war nicht von Dauer. Es ſind mir mehre ſolche Fälle erinnerlich;— ich will aber nur des einen gedenken, wo er öffentlich die Kirchenbuße ausſtand, in der Kirche vor allen Zuhörern geſcholten zu wer⸗ den, weil er von einer fiſchdummen Katechismus⸗ ſchülerin das in Einem fort zagende und zuckende Geſicht der antwortloſen Unwiſſenheit aus Mitleid durch zu lautes Vorauseinhelfen wegzubringen ge⸗ trachtet.«Wer berechtigte Euch zum Einblaſen 7» hatte der Katechet geſagt. In dieſem und ähnli⸗ chem Falle pflegte Nikolaus ſich vor ſeinem Freunde Peter Worble einen langen alten Eſel zu nennen, aus dem nichts werden könne, als höchſtens ein Stiefelputzer oder ein Subjekt*), und er erſuchte *) So heißt in manchen Gegenden der Apothekerjunge. 61 Petern, ihn vor den Kopf zu ſchlagen oder ſonſt mit guter Manier von der Welt zu ſchaffen. Jedoch wie kurz war ein ſolcher dunkler Zu⸗ ſtand gegen die langen hellen Zwiſchenräume, wo er vor den Stadtſchülern ganz frei ſich lobte und nicht das kleinſte Treffliche verſchwieg, das er in ſich antraf. Er eröffnete gerade zu, er wiſſe hun⸗ dert Dinge aus ſeinen Büchern, die ſie alle erſt lernen müßten, er habe einen ganz beſondern Kopf und daher leuchte derſelbe auch oft; und ſie wür⸗ den ſchon ſehen, was er einmal werde;— denn wenn man es nur recht mache, ſo werde man, denk' er, einer der berühmteſten Männer mit der Zeit; freilich anfangs ſei keiner gleich berühmt.— Und dieß brachte er alles mit ſo wenigem Stolze und ſo unbefangen, und mit ſo froher Ueberzeu⸗ gung vor, jeder werde darüber im höchſten Grade erfreut und keiner zweifelhaft ſein, daß ich’'s ihm wol vergönnt hätte, wenn es ſo gekommen wäre. Aber für prahlendes Lügen wurde wärmſte Offen⸗ herzigkeit genommen, ſelber von Stadtſchülern, denen er bei öffentlichen Prüfungen mehre Ge⸗ dächtnißkügelchen aus der Apotheke geſchenkt. Die wärmſte Liebe heilt keine verwundete Eigenliebe— . und die größte Freigebigkeit vergütet nicht die kleinſte Lob⸗Entziehung. Leichter gönnen ſogar ⸗» agute Menſchen dem andern jedes Glück, ſogar das unverdiente, aber nie das unverdiente Lob. Nur fehlte Nikolaus darin, daß er ſich nicht auf die Weiſe lobte, wie ſich jeder von uns. Der beſcheidne Mann geht nicht weiter, als daß er roth wird und einige Vorzüge zwar wirklich eingeſteht, es aber dem andern überträgt, das lange Undſo⸗ weiter oder Eicetera anzuhängen, in welches die Unzahl der übrigen hineingeht. Leider ſprach Niklas ſelber ſein ganzes etcerera aus, und war außen nicht um ein Wort ſtolzer als innen: der⸗ gleichen erboßt. Haben freilich auf der andern Seite beſcheidne Männer das Ihrige gethan, und von ſich, wie wol jeder von uns, viele Mängel und nur wenige matte Verdienſte zugeſtanden, in dem feſten Dafürhalten, der Zuhörer werde das Undſoweiter derſelben ſchon ſtatt unſrer ausſpre⸗ chen: ſo iſt der Krieg erklärt, ſobald ers nicht thut⸗ Kündigte nicht ſchon in ähnlichem Falle der König Karl Guſtav von Schweden einen Krieg der Krone von Polen an, weil ſie im ſchwediſchen Titel ein P. p., oder p. p.,(oder Undſo⸗weiter, oder 5 63 etcetera) weggelaſſen und dadurch den Sumsdor⸗ fer Frieden gebrochen*)? Und wurde deßwegen für die Schweden nicht der Name Etceterati er- funden?— Es kann ihn aber jeder von uns gebrau⸗ chen und ſich einen Etceteratus'nennen; wegge⸗ laſſene«p. p.) am Ende ſind wie weggelaßne P. P. oben am Briefe, welche bedeuten Praepositis praeponendis, ſo wie jene postpositis postpo- nendis.— Es iſt nun Zeit, daß wir endlich zum dritten Vorkapitel und zum Apotheker Marggraf gelangen, welcher dem kleinen Fürſtſohn eine Art von fürſtli⸗ cher Erziehung geben will, um die Koſten dafür wieder zu gewinnen. Iſt aber nicht ſchon ein guter Schritt zu einem Fürſten zurückgelegt, wenn Nikolaus ſelber alle die verſchiedenen großen Leute iſt, die er kennt, anſtatt daß ſonſt Hofleute bei einem erwachſenen Fürſten oft Jahre lang zu ar⸗ beiten haben, bis ſie ihm das Nämliche beibringen und er es glaubt? *) Lichtenbergs Taſchenkalender. 1781. S. 73, Nachſchrift. Da in dieſem Kapitel eines gewiſſen Knaben Worble gedacht wird und da es gerade derſelbe iſt, der viele Jahre ſpäter das berühmte magnetiſche Gaſtmal gegeben: ſo will ich die Beſchreibung davon ſogleich hier einſchichten; es wird aber auffallen. Das große magnetiſche Gaſtmal des Reiſemarſchalls Worble. Magnetiſche Gaſtmäler können nur wenige Menſchen geben, Fürſten und Kapitaliſten am allerwenigſten. Deſto lieber iſt es mir, ob ich gleich nicht mit an der Tafel ſaß, daß der Reiſe⸗ marſchall Peter Worble die Sache machen konnte, der unter allen Tiſchen, den Spiel⸗ und den Schreib⸗ und Seſſiontiſch nicht ausgenommen, keinen ſo gern hatte, als den Eßtiſch; nur mußt' es kein einſitziger, ſondern eben ſo wol etwas an(s auf ihm ſein. Ein Miteſſen war ihm ein halbes Eſſen; er genoß zu ſeinen Speiſen immer gern einige Gäſte, ja er hätte auf eine Nachtigall, welche die geſangreichen Italiener ſo gern verſpei⸗ —— —— 65 ſen, ein Paar Gäſte eingeladen, und den Vogel in der Luft geſchickt zerlegt, wär' er einem ſol⸗ chen Braten mit ſeinem Beutel gewachſen geweſen. Es fiel zum Glück gerade in die Zeit eines Mittelalters, wo er halb bezahlen und halb ent⸗ lehnen konnte, daß er ſeine Menſchenliebe und Eßliebe durch das große magnetiſche Gaſtmal be⸗ friedigte, das ich eben zu beſchreiben habe. Künf⸗ tig wird man noch genug davon leſen, daß dieſer Peter Worble der ſtärkſte Magnetiſör war, wel⸗ chen nur die Geſchichte aufführen kann nach einem Puyſegur, der ſogar einen widerſpenſtigen lachen⸗ den Poſtillon von weitem zur Ruhe brachte, oder nach einem Pölitz in Dresden, der an einer Tafel blos durch Handauflegen auf die Achſel auf der Eß⸗ ſtelle einſchläferte. Worble freilich war gar noch darüber hinaus; er überſprang und überflog alle Grade der Einſchläferung ſo mächtig, daß er ſo⸗ gleich bei dem Erwachen anfing, nämlich bei dem Hellſehen. Es ſei nun ſeine durch Markſuppenan⸗ ſtalten verdoppelte Körperkraft— oder ſeine zwei ſechſten Finger an den Händen, die er, wie Katzen und Löwen unter dem Gehen ihre feinen Schneidekrallen, gewöhnlich einſchlug, und die 1. 5 66 er folglich ohne Abnutzung geladen erhielt— oder es ſei ſein verſtecktes Magnetiſieren mit den Fuß⸗ zehen— oder weil es überhaupt magnetiſche Go⸗ liathe geben kann, auf die man erſt künftig mehr achten wird— oder es ſei, was am wahrſchein⸗ lichſten, dieß alles zuſammen genommen die Ur⸗ ſache davon; kurz Worble brachte durch Anſchauen und allmächtiges Wollen und unſichtbares Fern⸗ hauchen und Finger⸗ und Zehenhandhaben die magnetiſchen Wunder des Hellſehens, der Sinnen⸗ Verſetzung, der Anſchmiedung an den Magnetiſör, zu welchen andere Monate brauchen, in Minuten zu Stande. Unter allen Wundern war nun dem guten eben ſo ſpaß⸗ als menſchenliebenden und eſſenlie⸗ bpenden Reiſemarſchall Worble das bekannte das liebſte, daß ein Hellſeher jeden Biſſen und Trop⸗ fen ſchmecken mußte, den ſein Magnetiſör zu ſich nahm. Nie aber zeigte ſich ſein gutes Herz und ſeine Freigebigkeit, ſo wie ſeine herrliche Mag⸗ netkraft, in ſchönerem Lichte, als bei dem berühm⸗ ten Gaſtmahl, das er in der Stadt Wien— ſo heißt der Gaſthof— einer anſehnlichen Geſell⸗ 67⁷ ſchaft von kranken und hungrigen Männern aus verſchiedenen Ständen gab. Er ließ nämlich in der gedachten Stadt Wien eine große Tafel mit 32 wenn nicht mehren Gedek⸗ ken bereiten, und beſtellte zwei Gänge der ausge⸗ ſuchteſten Speiſen, jedoch von jeder Speiſe nur eine Porzion, und zwar für ſich allein. Unter den höchſt bedeutenden Gäſten(um doch einige näher anzugeben) erſchienen ein philoſophiſcher Ordinarius, der an ſeiner neuen Philoſophie, weil ſie hinter den drei andern frühern Philoſophien nicht abgehen wollte, halb umkam vor Hunger und vor Aerger— ein auſſerordentlicher Profeſſor der Jurisprudenz, der ſich an Napoleons rheiniſcher Bundes⸗Akte zu einem erlangiſchen Glück über das römiſche Recht, nämlich zu einem Glück über das neue deutſche hatte hinauf kommentieren wollen, aber damit ſammt dem Bunde ſitzen ge⸗ blieben war, gleichfalls ſiech und arm— mehre Schulmänner voll Eßluſt und Nahrungſorgen— ein Prälar und ein Probſt, und noch einige Klo⸗ ſterleute, ſämmtlich krankhaft genug, weil ſie immer ſowol vor dem Eſſen gegeſſen, als nach dem Eſſen— deßgleichen einige Hofleute, aus demſel⸗ 68 ben Grunde preßhaft— und ein Paar Landleute von Stand, aber durch Krieg herunter und erd⸗ farbig— und ich könnte noch fünf oder ſechs Gäſte anführen. Nachdem nun der Reiſe⸗ und Futtermarſchall ſeine Gäſte mit Handdrücken und Fußſcharren— nicht ſowol aus Achtung als aus magnetiſcher Liſt — empfangen hatte und vor die ſo kunſtreich wie Schwüre gebrochnen Tellertücher ſetzen zlaſſen: bracht' er ſie alle, noch eh' ſie ein Tuch entfaltet hatten, auf ihren Eßſtühlen in magnetiſchen Schlaf, und ſie faßten ſich alle(ſo wollt' ers ſtill als Mag⸗ netiſör) wie Brüder an den Händen an, woran ſie ſich auch unter dem ganzen Eſſen feſthielten, und ſahen ſämmtlich hell. Jetzo ließ er eine köſtliche Sardellenſuppe auf⸗ tragen, und leerte zwei Teller davon mit ſolchem Wolbehagen ab, daß die Profeſſoren und die Schul⸗ männer einſtimmig verſicherten, ſie hätten zum erſtenmale eine ſo feine Suppe geſchmeckt, als er ſie darüber fragte und ihnen die trocknen Suppen⸗ teller weggenommen wurden und andere vorgeſetzt. Es wurde ferner aufgetiſcht moſkowitiſches Rindfleiſch und eine Krebspaſtete, nebſt gebacknen — 2 69 Froſchſchenkeln. Der Reiſemarſchall ſchickte, noch ehe er das Meſſer genommen, die Bemerkung voran: er habe mit Vorbedacht, damit die Parität und Duldung der Römiſch⸗katholiſchen und der Proteſtanten erhalten werde, auf heute, wo kein Fleiſchtag ſei, für die Bekenner der römiſchkatho⸗ liſchen Kirche die Krebſe und die Fröſche beſtellt; wenn er aber das moſkowitiſche Rindfleiſch eſſe, ſo werd' er natürlich dafür ſorgen durch ein recht ſtarkes Wollen*), daß niemand von den Katho⸗ liken etwas davon ſchmecke außer den Proteſtan⸗ ten. Allein hier fielen ihm zwei katholiſche Hell⸗ ſeher, der Prälat und der Probſt, ächte Maul⸗ chriſten, aber im ſchöneren Sinne, nämlich im Schmeckſinne, Männer, welche das Sprichwort: Blut(der Märterer) iſt der Samen der Kirche (sanguis semen ecclesiae) auf ihr eignes an⸗ wandten, und deſſen nicht genug durch Verdauen zu machen wußten, dieſe gaben ihm die Nachricht, daß ſie für ihre kränkern Jahre, ſo ſtrenge ſie auch in ihren geſündern das Faſten gehalten und ſich 7 *) Bei mehren Magnetiſören kam es blos auf ihr ſtarkes Wol⸗ len an, daß die Hellſeherin Geſprochnes nicht hörte u. ſ. w. 70 blos auf die von der Kirche erlaubten Faſtenauſtern, Faſtenforellen, Aale, Salme, Seekrebſe einge⸗ ſchränkt, ſich Faſtendiſpenſen erwirkt hätten, und daß er alſo das moſkowitiſche Rindfleich und alles andere Fleiſch ihnen ſo gut wie ſich ſelber könne ſchmecken laſſen.— Auf dieſe Weiſe konnte der Marſchall als ſchottiſcher Eß⸗ oder Logenmeiſter ſeine Loge zum hohen Lichte ausgeſucht traktieren, ſogleich bei dem erſten Gerichte. Es wäre über⸗ haupt nicht zu ſagen, wie herrlich es allen ge⸗ ſchmeckt, da er zu eſſen anfing, hätten nicht ein Paar Landleute von Stand einen zu großen Ekel an den Froſchſchenkeln verſpürt, den ihn ſein Käuen mit zu koſten gegeben; die einfältigen Land⸗ leute konnten ſich gar nicht in Franzoſen und Frö⸗ ſche, nämlich in den Geſchmack daran, hineinver⸗ ſetzen, und Worble hatte zum Unglück in der Eile ganz vergeſſen, es zu wollen, daß ſie nichts davon ſchmeckten. Darauf bewirthete unſer Bienenwirth— um ſo mehr einer zu nennen, da die Bienen ſich bei jedem Bienenwirthe ihren Honig ſelber machen müſſen—, den geiſtlichen Bienenſtand, beſon⸗ ders den Prälaten und Probſt mit einem Auſter⸗ 71 ragout, welches ihm ſo gut ſchmeckte, daß er den weltlichen und tonſurierten Leckermäulern ſich auf⸗ opferte und anderthalb Teller mehr verzehrte, weil man ihn von zu vielen Seiten darum erſuchte; aber freilich konnte er damit eine eben ſo ſeltne als unſchuldige Freude machen, da die guten Leute, welche bisher zu ihrem Magenſchaden vergeſſen hatten, daß man, wie an Purgiermittel, Eide und Meſſen, eben ſo an Eſſen blos nüchtern zu gehen habe, nun auf einmal ſo viele Auſtern durch ihren Verdaugeſchäftträger genießen konnte, als ſie nur wollten, ohne das geringſte Magenſieber. Was die miteſſenden Hofleute betrifft, ſie waren vol⸗ lends außer ſich über den Wirth, und ſympathe⸗ tiſches Mitgefühl ihrer Geſchmacknerven mit ſei⸗ nen zeigten ein Herz, das fühlte was der andere fühlt, und an fremder Freude Theil nahm, was weit ſchwerer iſt, als Mitleid. Dieſes üppige Genießen der ganzen eingela⸗ denen Koſtſchule— nämlich einer Schule zum Ko⸗ ſten— dauerte von Schüſſel zu Schüſſel fort; beſchränkte Landleute, darbende Schulleute und Kloſterleute, magere philoſophiſche Ordinarien und juriſtiſche auſſerordentliche Profeſſoren der rheini⸗ 72 ſchen Bundakten, erfuhren nun an ſich ſelber, wie geſpickte Hechte ſchmecken, und gebratene Duck⸗ Enten und Krapfen und Rehziemer, und geſtie⸗ felte Mandelköche. Unaufhörlich erkundigte ſich der Reiſemarſchall bald bei dem einen, bald bei dem andern, ob er mehr von einem Gerichte be⸗ gehrte, und nahm gern noch eine Gabel oder ei⸗ nen Löffel voll; indem er jedem die Furcht einer Ueberladung auszureden ſuchte und ſich auf den Senf berief, den er als die beſte Magen⸗ und Gedächtnißſtärkung zu allem reichlich nehme. Da⸗ bei wurde ächter Kometen oder Elferwein nicht geſpart, ein Gewächs, das über manches ſpeiſenden Zechbruders Zunge gar noch nie gekommen war, ja eigentlich zu ſprechen, auch jetzo nicht darüber kam. — Und was mußten vollends die Land⸗ und die Schulleute denken, und empfinden, als die Super⸗ weine großer Tafeln durch den feſtſtehenden Elfer, gleichſam als Bravourarien durch ein Singſpiel, ſich ſchlängelten, nämlich Vorgebirgs der guten Hoffnung⸗Wein, ungariſcher Ausbruch, veſuvi⸗ ſcher Lacryma- Christi Ausbruch? Sogar dem Reiſemarſchall ſtieg ſo viel davon in den Kopf, 73 daß die hellſehende Schlafkammeradſchaft zuletzt etwas in den ihrigen bekam. Als endlich die Geſellſchaft ſatt und froh ge⸗ nug geworden, und Worble zum Abſchluſſe der Ver⸗ dauung noch ein Gläschen anisette d'Amsterdam, deſſen Stärke jedem einheitzte, genommen: ſo hob er die Tafel auf, und beurlaubte ſämmtliche Mit⸗ eſſer, gleichſam die Milchbrüder ſeiner Koſt⸗ Amme, mit der geiſtreichen und lebendigen Tiſchrede: & Mög' Ihnen doch allen mein wolgemeintes Trak⸗ «tament, ſo gut es in der Stadt Wien zu haben «war, einigermaßen geſchmeckt haben!— Es hätte «wol beſſer ausfallen können; ja zehntauſendmal beſſer, und gern hätt' ich(ich darf es ſagen) «Bayonner Schinken aufgetiſcht, und Straß⸗ «burger Paſteten ſammt polniſchem Salat, deß⸗ «gleichen gefüllte Zungen von Troies und Kälber «von Rouen, und Hähne von Caux, Kapaunen «von la Fleſche und Rothkehlchen von Metz; mit «Freuden, wie geſagt, hätt' ich damit bewirthet; «aber die Sachen waren nicht zu haben; konnt' Kich doch kaum in der Stadt Wien gebacknen * Katzendreck auftreiben, und ſächſiſch Chriſt⸗ 24 „ ſcheit*) und abgetriebne Weſpenneſter**) und «boeuf à la mode und pommerſche Gans. &Indeß war doch das Eſſen geſund und leicht. &Wenn nach dem Koran in jenem Leben die Spei⸗ «ſen durch die Schweislöcher abgehen: ſo kann Lich ſchon jetzo von den meinigen daſſelbe ver⸗ Eſprechen, da ich Ihnen, ſo wie nach Strabo « die Perſer den Göttern von den Opferthieren nur die Seele darbrachten, etwas eben ſo Gei⸗ « ſtiges am Gaſtmale aufgetiſcht, nämlich den Ge⸗ Eſchmack, das einzige, aber beſte, was der Ken⸗ ner eben an Kunſtwerken hat und womit er ſie genießt. & Ich ſelber danke freilich der vortrefflichen «Tiſchgenoſſenſchaft den größten Genuß, um ſo «mehr da ich ungern allein genieße und hierin den Manichären ähnlich bin, welche in der Taufe ſchwuren, niemals ohne Geſellſchaft zu eſſen***), *) Wie beides zu machen, ſteht im ſchwäbiſchen Kochbuch von Chriſtiana Kieſin S. 284 und S. 312. **⁴) Wie dieſe zu machen, ſehe bakerſthes Kochbuch von Klara Meſſenbeck. 6. Auflage B. 1. S. 481. ***) Fueßlins Kirchen⸗ und Ketzerhiſtorie. B. 1. S. 21. — —— — 75 auch dem Romanſchreiber Hermes beifalle, wel⸗ ccher Gelehrten das einſame Eſſen ſo eifrig abräth⸗ «Wahrlich wer dem andern keinen Antheil an ſeinen Genüſſen zuläßt, iſt mir eine wahre Drohne, die «wol Honig einſammelt und ſaugt, aber nur für a ſich allein, indeß ein Beſſerer der Bienenwirth ciſt, der zwar auch den Honig genießt und zei⸗ «delt, aber ihn ſtets in harten Wintern mit den Arbeitbienen theilt. So handelt oft z. B. der « gute Fürſt, wenn er offne Tafel hält und dadurch „vielen hundert offnen Mäulern von Hungrigen « den Himmel offen zeigt, ſo daß, wie zuweilen bei «den Römern dem einen Erben die Kunſtmünzen (numismata) vermacht wurden, dem andern aber der Genuß, ſie anzuſchauen*), hier das «gaffende Volk der zweite Erbe iſt und recht an⸗ « ſieht.—— Und ſo wünſch' ich Ihnen ſämmt⸗ «lich zwei geſegnete Malzeiten zugleich, nämlich «nach der jetzigen auch die nächſte, da Sie, wie «ich wünſche, wenn ich Sie durch Gegenſtriche aufgeweckt und nach Hauſe gegangen, ſich etwas sbei dem Wirthe beſtellen und den Appetit be⸗ *) L. 28 D. de usu fruct. 76 « friedigen ſollen, den ich nach Vermögen mit mei⸗ nen ſchlechten Speiſen zu ſchärfen getrachtet, ſo «wie man von Plato's ſpärlichen Gaſtmalen ge⸗ «rühmt, daß die Gäſte darauf immer beſondern &᷑ Hunger verſpürt.» † *** So wurde denn der große magnetiſche Eß⸗ Kongreß in der Stadt Wien geendigt, von deſ⸗ ſen Pracht und Fülle ich ſchon ſo viel Rühmens vernommen. Und in der That war es wol bloße Beſcheidenheit, wenn der Reiſemarſchall ſich mit ei⸗ nem Fürſten verglich und ſein ſchmackhaftes Gaſt⸗ mahl mit einer offnen Fürſtentafel, von welcher kein Zuſchauer das Geringſte ſchmeckt. Wahr⸗ haftig, was hat ſelber bei dem an ſich trefflichen Gabelfrühſtück des Kaiſers Napoleon in Erfurt der ganze an der Tafel naheſtehende Kongreß von Königen, Herzogen, Generalen, Miniſtern und Hofräthen, worunter ſelber ein Wieland ſtand, von welchem man es eben aus ſeinen Briefen weiß, was hat der ganze Kongreß mehr davon gehabt als das Zuſehen? Und war das offne Gabelfrüh⸗ ſtück wol etwas beſſeres als ein Bild der Rhein⸗ —C——— —.,— —— E bundakte, an welcher der auſſerordentliche Pro⸗ feſſor ſich zum Pandekten⸗ Glück emporarbeiten wollte?— Hingegen der Kongreß in der Stadt. Wien, wo vom Hofmann an bis zum Schul⸗ und Landmann alles in zwei Gängen ſchwelgte, und ſogar ſich berauſchte, kann anders ſprechen vom Reiſemarſchall. Ja kaum war die Tafel aufge⸗ hoben und jeder aufgeweckt und der Reiſemar⸗ ſchall zur Thüre hinaus: ſo ließen ſich(er zahlte unten noch in der Wirthſtube an der Zeche ſeine Portion) Schulleute und Landleute(ſie hatten et⸗ was im Kopfe) ganze Stücke gemeines Privat⸗ fleiſch herauftragen, und ſtillten den ſchönen Hun⸗ ger(ſo wenig hatte die feine franzöſiſche Küche ih⸗ ren Magen verderbt) mit wenigem Reellen, indeß zum großen Gaſtmahl viel magnetiſcher Aufwand für die Zungenreſonanzböden nöthig war, ſo wie die Engländer kleine Ausgaben mit Metallgeld ab⸗ thun, aber große mit Papiergeld.— Kurz, man darf es wol noch einmal wiederholen: wo war ein ähnlicher froher Kongreß, wie in der Stadt Wien, und wo kam ſo viel auf die Zunge, wenn auch nicht in den Leib? 28 Ernſte Ausſchweife zum zweiten Einſamkeit der Menſchenſeele— Der Atheiſt— Der Dichter— Geiſtige Erhabenheit des Bergs. Vorkapitel ſind: der Menſch ohne Poeſie— ———— — 69 —————⸗——————V:———— Drittes Vorkapitel, wie Nikolaus fürſtlich erzogen wird— und der Pater Joſe⸗ phus geheilt— und der Armgeiger de Fautle getränkt und ausgefragt. 4 Ich habe im Belehnkapitel den Apotheker Marg⸗ graf am Grabe ſeiner Gattin in lauter Freude über das Glück ſtehen laſſen, das Fürſten, welche an bloßen bürgerlichen Hofbedienten das Mitmachen der Hoftrauer beſtrafen, dieſen doch zuweilen an Hoffreuden und erſten Wiegenfeſten kleiner Prin⸗ zen ſchönen Theil vergönnen; denn der Apotheker hatte ſeinen guten Theil, den Prinzen, im Hauſe. In manchen frohen Stunden konnte Marggraf ſich nicht enthalten, mit unglaublicher Schlauheit und Vieldeutigkeit auf Nikolaus hinzuweiſen und zu ſagen: Ja, Ja! Da, Dal! Der liebe Nik⸗ «kel!— Ich habe hier ein kleines Marggräſchen, Laber nicht jeder hats.»— Da er nun ſelber Marggraf hieß, der Marggraf von Hohengeis aber *. noch keinen Prinzen hatte: ſo konnt' er ſo ſehr misverſtanden und verſtanden werden, als er nur wollte, Ehrverluſt ſpürte er nicht viel mehr als andere Leute Blutverluſt, die ein fliegender Hund im Schlafe anbeißt. Zum Glück haben überhaupt Männer, die durchaus etwas vor ſich bringen wollen, es ſei an Höfen oder im Handel, die Na⸗ turgabe, daß ſie mit ihren breiteſten Ehrenwun⸗ den den Helden der Walhalla gleichen, die jeden Tag aus Gefechten die gefährlichſten Wunden mit ihren luftigen Leibern holen, jedoch jeden Morgen ſie wieder zugeſchloſſen antreffen. Elias Henoch hatte nun einen kleinen Poten⸗ taten von drei oder vierthalb Fuß zu erziehen vor⸗ bekommen, und ſolchen freilich künftig gut ausge⸗ arbeitet abzuliefern; aber wie er es machen ſollte, da in der ganzen Nachbarſchaft aus Prinzenman⸗ gel kein einziger Prinzenhofmeiſter zu haben war, der ihm etwas hätte vormachen können, dieß wäre für den Apotheker eine wahre Aufgabe geweſen, hätt' er ſolche ſich gemacht; denn er konnte eben ſo gut einen Elefanten(was die Römer gethan) auf dem Seile tanzen lehren, als einen Potenta⸗ ten regieren. —— —— 81 Inzwiſchen ſchickt' er ihn vor der Hand in die Stadtſchule. Zum Glück bekam er einen pädagogiſchen Form⸗ ſchneider in die Hand. Es traf ſich nämlich herr⸗ lich, daß der Exjeſuit und Pater Joſephus, der als künftiger Prinzeninſtruktor des*** Kronprin⸗ zen nach deſſen Hofe durch Rom gehen wollte, allda von ſeinem eignen Körper als einem Schlag⸗ baum angehalten wurde, welcher ihn in die Marg⸗ grafſche Apotheke als ein heimliches Kontumazhaus auf einige Wochen einwies. Der Hof, wohin er ging, wurde von reinen ſtrengen Sitten beherrſcht, welche gewöhnlich mehr unter einer Fürſtin, als unter⸗ einem Fürſten, regieren. Da nun der gute Joſephus, wie Proſerpina, unter dem Blumenpflücken der Freuden, in eine dumme Art vonOrkus gerathen war: ſo wollt' er vorher inkognito im Landſtädtchen Rom bei dem verſchwiegnen Apotheker ſich ſo gut her⸗ ſtellen laſſen, als in dieſem, wenn nicht unſchuldi⸗ gen und goldnen, doch queckſilbernen Zeit⸗ alter möglich iſt. Dädalus gab einer hölzernen Venus durch Queckſilber lebendige Bewegung*); *) Beckmans Geſchichte der Erfindungen B. 4. I. 6 82 und noch bleißt dieſes Halbmetall ſtets in heilſa⸗ mer Verbindung mit der Göttin und hilft auf die Beine. Der Ex⸗Jeſuit oder der Dominus ac Re- dewptor noster-Jeſuit*) kannte überhaupt ſeine zweifache Würde, als Jeſuit von der großen Ob⸗ ſervanz und als Prinzenlehrer, viel zu gut, als daß er nicht als ein ungefallner reiner Engel— und wie wolgebildet, geſittet, jugendlich und freund⸗ lich war nicht ſein feines Geſicht!— hätte auftre⸗ ten ſollen; daher ließ er ſich mit Freuden von der Krätzmühle des Apothekers zermahlen und ſein Gold mit Queckſilber verquicken, um aus ihr nach dem Verrauchen des Queckſilbers ganz ſchlackenlos herauszukommen, als reines Gold. — Und einen ſolchen trefflichen Prinzenleh⸗ rer und Schatz beſaß nun der Apotheker umſonſt im Hauſe und konnte ihm unbeſorgt ſeine ehelichen Geheimniſſe anvertrauen, da er deſſen uneheliche als Fauſtpfänder des Schweigens in Händen hatte. Der Pater Joſeph erklärte zu Marggrafs Freude: er habe Nikolauſen bald das Prinzliche *) So heißt die Bulle, welche die Jeſuiten aufhob. 1 83 angemerkt in den hohen Phantaſien, ſo wie leicht aus den Geiſtesgaben gemuthmaßt, daß er nicht Marggrafs Sohn ſei, ſondern irgend ein Baſtard, weil Baſtarde nach der Geſchichte ſo viele Talente zeigen. Vor allen Dingen rieth er ihm, den jungen Fürſten die Geſchichte, und zwar die ſei⸗ nes Hauſes ſtudieren zu laſſen; da aber das letzte noch auszumitteln ſei: ſo möge Nikolaus den go⸗ thaiſchen Taſchenkalender oder ſonſt einen recht aus⸗ wendig lernen, nämlich das genealogiſche Verzeich⸗ nis aller regierenden Häuſer in Deutſchland, ja in Europa. Da man nicht wiſſe, fuhr er fort, mit welchen von ſo vielen hohen Häuſern der Prinz verwandt ſei: ſo hab' er ſich die Linien und Sei⸗ tenlinien jedes einzelnen Hauſes und alle Geburt⸗, Vermähl; und Kröntage ſammt allen Prinzeſſin⸗ nen einzuprägen, um dann leicht, wann er zu den Seinigen komme, auch den entfernteſten hohen Verwandten mit allen Taufnamen ſogleich zu ken⸗ nen; dieß werd' ihn außerordentlich empfehlen und jeder werde Lunten riechen. Der dankbare Pater Joſeph übernahm, auſ⸗ ſer den Stunden ſeiner Verqueckſilberung, ſogar 84 ſelber die hiſtoriſche Profeſſur bei dem Prinzen und überhörte ihm gern die verſchiednen, vor der Hand noch nicht muthmaßlichen Stammbäume, und der gothaiſche Taſchenkalender war hier ein ſchöner Plutarch und Schrökh. Dabei friſchte der gute Jeſuit das äußerſt trockne, blos mit Lettern gezeichnete Namenregiſter mehr faroig auf durch Wappenkunde— dieſe fürſtliche Bilderbibel— und ſuchte ſo durch die heraldiſchen Thiere mehr Leben in die Sachen und Namen zu bringen; denn ein Wappenbuch bleibt um ſo mehr ein heraldiſches Hierozoikon*) für den Adel, als darin die edel⸗ ſten Raubthiere ihre Thierherrſchaft ihm als dem Löwenwärter und Falkenmeiſter unterordnen. Wenn mein Held mir in Zukunft einige Ehre macht und den Leſern lange Freude: ſo haben wir wol das Wichtigſte davon blos dem trefflichen Er⸗ zieh⸗ und Studien⸗Plan des Dominus ac Re- demptor noster⸗Jeſuiten zu verdanken. Der koſtbare Fürſtenſpiegel, den er während ſeiner metalliſchen Kurzeit für den Erzieher Marggraf *) So beißt das Werk, worin Bochart über alle in der Biber vorkommende heilige Thiere ſeine Erlauterungen gibt. 85 goß und ſchliff und mit dem nöthigen todten Queck⸗ ſilber als Folie belegte, ſtellte den ſo wahren Grund⸗ ſatz auf: der Prinz ſoll kein Vielwiſſer werden, aber ein Vielerleiwiſſer; und wie er ſchon als Soldat in wenig Wochen ſich von unten auf bis zum Oben diene und die Stufe von Schild wache— Korporal— Leutenant— Hauptmann— Major — Oberſten— nicht auf einer Schneckentreppe, ſondern auf einer Sturmleiter auflaufe, ſo daß er ſchon ganz oben herunter ſchaut, wenn man ihn kaum unten geſehen, und andere Kameraden noch alle unten auf der Folterleiter liegen: ſo könne und müſſe er noch mehr als Wiſſenſchafter alle Felder des Wiſſens ſchnell überſehen aus der Vogelper⸗ ſpektive, wenn er die rechten Luftſchiffer von Leh⸗ rern gehabt zum Aufſteigen. Non scholae, sed vitae discendum, ſagte Joſephus; d. h. der Fürſt habe nicht für Lehrſtuhl und Schreibepult zu ler⸗ nen, ſondern für die Hoftafel, für den Spiektiſch und für die Seſſel im Schauſpiel und Konzert; wiſſe er etwas zur Hälfte, ſo werde immer jemand da ſein, der die andere Hälfte vorausſetze oder anflicke; daher kenn' er ſelber für eine fürſtliche Erziehung keine wichtigern Werke und keine mehr ad usum Delphinorum(zu Kronerben⸗Ge⸗ brauch) als Reallexika oder Sachwörterbücher; denn erſtlich werde in ihnen die großte alphabe⸗ tiſche Ordnung beobachtet, bei dem übermäßi⸗ gen Reichthum in allen Wiſſens⸗Artikeln; und zweitens könne ein geſchickter Lehrer leicht aus ihr eine Ordnung nach Sachen zuſammenklauben. Er wußte aber damals dem Apotheker aus litterari⸗ ſcher Unkunde kein andres Erziehwerk vorzuſchla⸗ gen, als das Zedleriſche Univerſallexikon. — Himmel! wäre doch meinet⸗ und des Prinzen wegen ſchon damals wenigſtens die erſte Auflage des&Converſationslexikons bei Brock⸗ haus zu haben geweſen! Wie wäre ſeine Bildung, auch ohne die Supplementbändchen, viel reicher und zeitgemäßer ausgefallen! Denn mit dieſem, bloßen Lexikon von 10 Bänden, getrau' ich mir jeden Prinzen oder ſonſt einen für Hof und Con⸗ verſation„ beſtimmten jungen Menſchen vollſtän⸗ dig zu bilden, wenn ichs recht mache und die Ar⸗ tikel der nämlichen Wiſſenſchaft aus dem Zehner⸗ ſyſtem der zehn Bände ſyſtematiſch zuſammentrage und geſchickt zuſammenſchweiße, ob ich gleich gern zugebe, daß ein gewöhnlicher Prinzenhofmeiſter, 87 der den Prinzen blos nach der feſten Buchſtaben⸗ ordnung des⸗ Lexikons ausoilden wollte, anfangs immer nur einen ABC⸗Schüler liefern würde, bis erſt nach langer Zeit in DE F G J K L M NO PQARSTVVWRXYZ⸗Schüler daſtände. Endlich nahm der ſchöne, wie eine Jungfrau, junge und milde Pater Joſeph, nach dem Ablaufe ſeiner Verquickungen, von dem Apotheker mit vielen weichen Dankſagungen Abſchied, dieſer aber, dem nie mit Worten viel gedient war— ausge⸗ nommen mit ſeinen eignen— preßte dem glänzen⸗ den entqueckſilberten Jeſuiten das Verſprechen ab, daß er ihm durch einen Feldſcheerer, einen alten Freund in der Hauptſtadt, von Zeit zu Zeit die wichtigſten Schritte wolle ſchreiben laſſen, die er dort in der Erziehung des Kronprinzen thue, damit Henoch ſie in Rom bei ſeinem bloßen Erb⸗ prinzen gleichen Alters blos nachzumachen habe. Natürlicher Weiſe mußte Joſephus die Sache dem hitzigen Manne zuſichern; denn dieſer wollte gern in der Erziehung mehr zu viel als zu venig t)un— als Egerie und Geſetzgeber eines künftigen Geſetz⸗ gebers—; er wollte den künftigen Vater mit viel⸗ 6 leicht einem bloßen Fürſtenhute durch einen Sohn überraſchen, der ſogar eine königliche Metallkrone zu tragen gelernt, und folglich noch leichter ſein Fürſtenhütchen aufſetzte und ſchwenkte, ſo wie bei den Griechen der Läufer ſeine Kunſt in bleiernen Schuhen einübte um nach Abzuge derſelben noch behender zu laufen. — Und bald fingen nun die pädagogiſchen Stricknadeln oder Pouſſiergriffel nach den beſten Muſtern ſich zu bewegen an. Der Feldſcheer be⸗ richtete, der Potentat habe einen Muſiklehrer be⸗ kommen: ſogleich war der Stadtkantor in der Apotheke, welcher für ſeine Waſſerſucht noch Rech⸗ nungen ſchuldig war, und der vier bis ſieben der ſchwerſten Klavierſtücke dem kleinen Nikolaus ein⸗ ſchmieden mußte, damit ſeine Finger künftig, wenn er den Zepter darin hätte, durch die Taſten in Erſtaunen ſetzten. Nur zu leichte Stücke lernte er nicht ſpielen. Der Feldſcheer hatte kaum geſchrieben, das Franzöſiſche werde getrieben: wozu wäre ein alter Tanzmeiſter in Rom herumgegangen, wenn ihn nicht ſogleich Henoch zum Sprachmeiſter des Marg⸗ gräfchen inſtalliert hätte, damit er in Kurzem 89 keine geringern Wunder thäte als Pfingſtwunder? Da Henoch nämlich vom Pater Joſeph gehört hatte, daß Fürſten an vornehme Fremde, die ih⸗ nen vorgeſtellt werden, blos Fragen— franzöſi⸗ ſche— zu thun haben, nicht aber Antworten zu geben, welche vorzureizen gegen den Reſpekt laufe: ſo konnte der Apotheker den franzöſiſchen Unter⸗ richt vor der Hand faſt um die Hälfte ohne die geringſte Einbuße des fürſtlichen Parlierens ab⸗ kürzen, wenn der Kleine aus den Geſprächen in der Grammaire blos die franzöſiſchen Fragen aus⸗ wendig lernte, ohne die Antworten darauf, welche nur der andere zu geben und zu verſtehen hatte. Der Apotheker griff zu dieſen Erzieh⸗Abbre⸗ viaturen aus mehr als einer guten Anſicht; er wollte nicht nur ſeinen fürſtlichen Neſtling ſo früh als möglich fertig, und gleichſam auf den Kauf gemacht haben— jede Minute konnte ja der Fürſt⸗ Vater aufs Theater ſpringen aus dem Lager— ſondern er wollte auch künftig recht viel für das Erziehen einnehmen und jetzt recht wenig dafür aus⸗ geben. Ein vernünftiger Sparhals wird zwar zuwei⸗ len, wie Friedrich der Einzige, Feſte veranſtalten; aber ihnen wird, wie nach der Sage denen Friedrichs, 90 immer ein Thaler fehlen, wenn er nicht gar lieber mit dem fehlenden Thaler das ganze Feſt beſtreitet; und er erwartet, wenn er auch mit einer Flaſche Wein beſchenkt, als vernünftiger Mann die leere Flaſche zurück, ſo wie bei der Vorſeßzung von einem Glas Wein natürlich das Glas. 4 Noch wolfeiler hatt' es Henoch, als aus der Erziehhauptſtadt auch die Nachricht einlief, daß der Kronprinz eben Unterricht im Kartenſpielen nehme, vielleicht das wichtigſte Stück im ganzen Studienplan. Wie dem Fürſten die Jagd als ein Thierkrieg empfohlen wird, ſo das Spiel als ein Papierkrieg, da die Karten eigentlich Staat⸗ papiere und Territorialmandate im Kleinen ſind. Ein König vird nie auf ſeinem Frieſierſtuhle, oder am Schreibepult, oder auf dem Sattel Audienz ertheilen; aber wol wird er an feierlichen Tagen am Spieltiſche hinter der Stuhllehne Große em⸗ pfangen und Gehör geben; ordentlich als wenn das Bild des Kartenkönigs, den er in der Hand hat und ausſpielt, einigermaßen das in den Siz⸗ zung⸗ und Audienzzimmern über dem leeren Seſ⸗ ſel aufgehangne fürſtliche Bildnis vorſtellte, ſo wie er wieder mit den Königöildern der Karte ſein eig⸗ —— 91 nes Bild auf dem Gelde gewinnt oder verſpielt. Ich erwäge dabei nicht einmal ernſthaft, daß ein Spiel Karten von jeher in hohen Händen den Handatlas von ſeeligmachenden Himmelkarten ab⸗ gegeben, da hohe Perſonen an langer Weile oder langer Zeit ſo außerordentlich leiden, daß ſie, um ſolche nur etwas zu verkürzen, genöthigt, ſich mit den Karten, ihren periodiſchen, einzigen Zeitblättern der Abende, verbinden müſſen. Glücklicher Weiſe konnte nun der Apotheker dießmal ſelber den Privatdozenten machen, und das Schulgeld oder Kartengeld eigenhändig ver⸗ dienen; denn er hatte die beſten adelichen Spiele längſt auf ſeinen Reiſen gelernt, wie Whiſt, Piquet, Boſton, Tarok, und Hombre zu vier Perſonen mit dem Mort; wie er aber natürlicher Weiſe gar erſt die bürgerlichen mag verſtanden haben, den Saufaus, den Kuhſchwanz, das Grob⸗ häuſern, den dummen Hans, und das Sticheln, darüber iſt Eine Stimme. Gleichwol ſchrieb er als Kartenmentor nicht Einen Heller Lehrgeld an, den er wol ſo gut für ſich, wie für andere Prin⸗ zeninſtruktoren ſeines Nikolaus hätte fodern kön⸗ nen; das Höchſte, was er ſich erlaubte, war, 92 daß er die einzelnen ſchwachen Spielſchulden in Rech⸗ nung brachte und anſummierte, welche Nikolaus täglich bei ihm machte, weil der kleine Prinz viel⸗ lajche das Spiel anfangs nicht genug verſtand. So trug nun Henoch Jahre lang in ein Buch, das er Kronſchuldbüchelchen überſchrieb, mit mu⸗ ſterhafter Vollſtändigkeit und Treue und mit Be⸗ legen, alle Ausgaben für den angenommnen Prin⸗ zen ein— jeden Strumpf und jeden Biſſen— alle Medizingroſchen und Schmerzengelder— alle ſeine Lieferungen in adoptivfürſtliche Küche und Keller und Schule— am meiſten aber die Schul⸗ oder die Lehrgelder als die wichtigſten; daher er für die verſchiednen Wiſſenſchaften, die ein trefflicher Kandidat aus dem Zedlerſchen Univerſallerikon vor⸗ trug und aöbthat, eben ſo viel verſchiedne Lehrer in Rechnung brachte; was ohnehin ſchon früher ſeine Richtigkeit gehabt, da die Wörterbuchs Ar⸗ tikel ja von eben ſo vielen Verfaſſern mußten aus⸗ gearbeitet werden. Der Apotheker, der ſich in der Welt nichts lieber machte, als Hoffnungen, hatte ſchon in frü⸗ hern Jahren, noch vor Ankunft des Exjeſuiten, die größten aus dem kleinen Nikolaus zu ſchöpfen ge⸗ 93 wußt; indem er ihn mit den ſchönſten kindiſchen und einfältigſten Wendungen der Erzieher ausholte: „ Nickelchen! Denk an mich! Du biſt et vas außer⸗ Kordentlich Vornehmes! Schon mit mir biſt Du « ver vandt, und das iſt viel; denn ich ſtamme ge⸗ sradezu von der Seitenlinie des berühmten Che⸗ mikers Andreas Sigismund Marggraf in Berlin s ab.— Der Mann wurde aber anno 1709 gebo⸗ ren, und iſt daher 1782 geſtorben. Dort in ſei⸗ «nen Büchern ſtehts, wie viel er konnte; und alle „ Proviſoren ſind etwan Eſel gegen ihn.»— Ni⸗ kolaus verſetzte: Lich heiße ja auch wie er, und « kann wol noch mehr werden, da er ſchon todt iſt, und ich noch lebe.—«Außerdemy, fuhr Henoch fort, Abiſt Du wol gar mit einem Fürſten ver⸗ s wandt, der gewiß Dein leiblicher Vater iſt, und s einmal ſchon kommen wird; denke aber!»y Hier wurde Nikolaus blutroth vor Freude:«ach wie &herrlich,» rief er,«wenn ich zwei Herrn Papas « hätte, und Sie ſind ſchon ſo gut. Der andre wäre alſo der große Herr Marggraf in ſeiner «.Reſidenzſtadt, der gegen alle Leute ſo gnädig iſt?y— Henoch verſetzte:«Gott bewahre 1— Aber Dein Vater wird ſchon kommen, und dann ſich nennen, 94 «wann er Dich an Kindesſtatt und zum Landes⸗ & Vater annimmt. Dann kommt das Schwere, «und Du mußt ſo gut regieren können wie er. &Bedenke aber, was Du dann für gelehrte und &vornehme Leute um Dich bekommſt, die Du alle ®ieren mußt, und noch die unzähligen Städte « und Dörfer voll Menſchen dabei,— Nickelchen! « wie willſt du es denn machen?y— Sehr ſchön, (verſetzte er)«ſo wie unſer Herr Marggraf; ich & will unter die Armen recht viel Geld auswerfen; und Ihnen werd' ich, ſobald ich nur das Gold und Silber kriege, die neue Hofapotheke kaufen, « und den Schweſtern einen prächtigen Staat— «und alle die Bettler in meiner Marggrafſchaft laſſ' ich neu kleiden und beſtelle auf dem Markte s ein herrliches Eſſen für ſie. Ich will ſchon noch « mehr thun, und vor allen Kindern recht freundlich &den Hut abziehen, wie unſer Herr Marggraf.» Welche lachende Ausſichten ſchon frühzeitig für den Kebsvater Marggraf!— Aber ohne Fürſt⸗ vater häufte er Hoffnung und Rechnungen von Jahre zu Jahre in ſeinem Kronſchuldbüchlein auf; er ſah immer mehr, daß er am Ende ſelber mit der lebendigen Reichspfandſchaft, mit Nikolaus, nach dem Schuldner und deſſen Phyſiognomie umherreiſen müßte, und wartete nur auf Zeit. Er brachte frei⸗ lich ein kleines Münzkabinet von Gold⸗ und Sil⸗ brrſtücken mit hohen deutſchen Geſichtern zuſam⸗ men; aber war jemals auf einem Thaler eine fürſt⸗ liche pockengrubige Naſe aufzutreiben, die ſich ihm zum Zeigefinger oder Fühlhorn der dunkeln Vater⸗ ſchaft ausſtrecken konnte? Und was war vollends ſtatt des Heiligenſcheins auf Münzköpfen anders zu finden, als ein Lorbeerkranz?— Ja, wär' es nicht viel beſſer und närriſcher geweſen, wenn er in den damaligen Reichsanzeiger die Anzeige hätte ſetzen laſſen:&ein junger Prinz mit zwölf Blat⸗ & ternarben auf der Naſe, und mit Heiligenſcheinen &auf dem Kopfe bezeichnet, mit den beſten Zeug⸗ & niſſen und mit allen Vorkenntniſſen zum Regieren « verſehen, ſucht ſeinen Herrn Vater; und iſt das Nähere in der Expedizion des G. R. Anzeigers ge⸗ « gen frankirte Einſendung zu erfahren»— wäre dieß nicht viel beſſer und toller geweſen, frag' ich? Ich ſollt' es hoffen; auch ſchickte der Apo⸗ theker wirklich ſpäter eine, faſt ähnliche Anzeige ein, die aber aus Mangel an Einrückgebühren für 96 eine Satire gehalten und aus dieſem doppelten Grund nicht aufgenommen wurde. Reißen alle Stricke, dachte er zuletzt, ſo be⸗ gleit' ich als ſein Prinzengouverneur den Narren auf ein Jahr nach Leipzig auf die Univerſität, und ziehe ſpäter nicht nur die nachträglichen Ein⸗ künfte eines Gouverneurs, ſondern komme auch unter ſo vielen Meßfremden am Ende hinter den Vater. Er war nicht abzubringen; gleich einem Farao⸗ ſpieler ſetzte er immer höher auf die zögernde Karte. In dieſen Zeitraum fiel die für mehre Vor⸗ kapitel dieſer Geſchichte wichtige Begebenheit, daß ein alter Bekannter— von Margarethahauſen her— auf ſeiner vierten Reiſe um die Welt— nämlich um die muſikaliſche— einen Sprung in die Apotheke that, um da ein gutes Glas Doppel⸗ courage zu trinken, nämlich der berühmte Brat⸗ ſchiſt Mr. de Fautle, ein rundes, dickes, galli⸗ ſches Männchen mit wetterleuchtenden Augen und umfahrenden Windmühlarmen. Der erfreute Apo⸗ theker erinnerte ſich— und ihn— ſogleich, daß er ihn im Bade habe zu den Liedern ſeiner ſel. Margaretha geigen hören;— mit Vergnügen er⸗ 97 ſann und entſann ſich de Fautle, daß er Madame an mehr als einem Hofe mit ſeiner Armgeige be⸗ gleiten helfen. Eigentlich wußte er nichts mehr davon, denn Anſäßigen bleibt wol der Reiſende im Kopfe ſitzen, aber dieſem nicht jeder Anſäßige, vor welchem er vorüber rollt. Ein ſolcher hof⸗ und weltkundiger Armgeiger, für welchen es eher zu wenige als zu viele Höfe gab, fiel dem Apo⸗ theker als ein guter Kometenſucher eines Fürſtvaters in die Hand. Der Bratſchiſt verſi⸗ cherte, er habe vor allen großen und kleinen Höfen wenigſtens zweimal den Bogen gezogen, kenne alle Fürſten perſönlich, wiſſe aufs Haar, welcher regierender Herr eine Glatze unter dem Fürſten⸗ hute trageet und welcher nicht, und er drückte auf ſeine Fürſtenkenntnis noch durch die Nachricht das Siegel, daß einige Wagen voll Prinzeſſinnen, deren Namen ihm ſogleich beifallen müßten, weil er vorgeſtern vor ihnen geſpielt, unfehlbar durch Rom gehen würden. Nur führte er ſtarke Klage darüber, daß ein reiſender Dakapo⸗Künſtler im⸗ mer ſo lange warten müſſe, bis man ihn ſo weit vergeſſen habe, daß er wieder erſcheinen könne und mit einer neuen Auflage von dal Segno; ja I. 7 daß manche ſchon bei bis ſagten: tant pis. Und allerdings möchte man wol wünſchen, da die Wie⸗ derholung nicht blos die Mutter der Studien iſt, ſondern auch die Säugamme des Studienmachers, — daß einige kultivirte Welttheile mehr entdeckt würden, damit ein Tonkünſtler erſt größere Zwi⸗ ſchenräume bekäme, um ſein eigner Zwilling, Drilling, Vierling zu werden; ja was die fahren⸗ den Deklamatoren anlangt, ſo wäre ſogar zu wün⸗ ſchen, ſie durchreiſeten keine andern als die unent⸗ deckten Welttheile. Der Apotheker, der ſogleich an ihm den Mann zu finden glaubte, aus welchem etwas herauszu⸗ holen ſei, zog ihn nach den erſten Gläſern Dop⸗ pelcourage in ſein Laboratorium, um iehn als al⸗ ten Freund mit den übrigen zu bewirthen. An⸗ fangs warf er zum Ausfragen nur von weiten die Fragen wie Leuchtkugeln hin, ob er nicht vor man⸗ chem gekrönten Haupte geſpielt, das ſich unter ſeinem Thronhimmel oder Betthimmel härme dar⸗ über, daß es tauſend von Landes⸗Kindern beglücke, und doch ſo viele ihm näher angehende natürliche Kinder in Bädern, Forſten, Hauptſtädten elend ſitzen laſſen müſſe, da es ſie gar nicht kenne. Aber 99 wie er nun auf der einen Seite ſich in den Gram ſo herrlicher Fürſten recht tief hinein fühle— fuhr Henoch fort, obwol nicht in dem langen Perio⸗ denbau, den ich ihm hier, der Zierde wegen, leihen muß— ſo ſtell' er ſich auch auf der andern eben ſo lebhaft den Wonnetanz vor, in welchen ein ſolcher Herr— der vielleicht in ſeiner eignen Ehe keine Misgeburt, geſchweige eine Geburt erſchwun⸗ gen— hinein gerathen müßte, wenn plötzlich eine geheime Geſellſchaf Pflegeältern aufträte, und ihm alle ſeine verſtreuten Kinder oder enfans perdus lebendig vorführte;— ja, ſogar dann möchte der Fürſt ziemlich jubeln,(wenn nicht gar am meiſten) falls ein gewiſſenhafter Mann auch nur einen einzigen, aber völlig auserzognen friſchen Fürſt⸗Sohn ihm wie ein Männchen aus der Uhr beim Glockenſchlage vor die Augen ſpringen ließe; und wenn er ſelber ſich nun gar als den Ueberbrin⸗ ger des Sohnes vorſtellte, als einen ſtillen bishe⸗ rigen Wunderthäter am kleinen Kronweſen, ſei⸗ nes möglichen Lohnes gewärtig und gewiß,—— —&/O, Monsieur de Fautle! rief Henoch, wahrlich ich ſehe den Pflegevater, den man ſo un⸗ 100 gemein belohnt, ordentlich vor Luſt in die Höhe ſpringen vor Seiner Hoheit, dem Vater!y— Der Armgeiger horchte mit geſpitzten Ohren; zwar viel Dummes hatte er bisher als muſikali⸗ ſcher Specht und klopfender Baumläufer an Thro⸗ nen und Stammbäumen vernommen, und manche närriſche Sätze gehört— wozu er jedoch ſeine Ton⸗ ſätze für ſein Inſtrument nie zählen wollte—; aber ſolche Sätze waren ihm niemals in Paris und auf der ganzen Reiſe zu Ohren gekommen. Er begann daher:«zwanzig, funfzig, hundert, hun⸗ «dert und funfzig— gerade ſo viel natürliche Kin⸗ « der zähle Leopold der Großherzog von Toskana*), « ſonſt ein ſo gütiger Herr, der aber wiſſe, daß keine « Fürſtenbank lang genug ſei, um ſie darauf zu « ſetzen.— Er wollte ſich, fuhr de Fautle fort, 3 & nicht einmal auf ſich ſelber berufen, welche Menge « weiblicher Bekanntſchaften(man erſtaune darüber) er ſchon auf ſeinen Kunſtreiſen gemacht, und wie «wenig ihm, bei ſeiner Inſtrumentalmuſik, *) Dieſe Angabe ſteht nebſt der andern von 200 gemißbrauchten Mädchen im 1. Hefte der Fragmente über Italien. 101 «die ihm nothdürftig forthelfe, mit einer Zahl zuntergelegter lebendiger Vokalſtimmen als Tex⸗ aten gedient ſein würde— und zwar mehr Schreier «denn Sänger— pardieu! er würde, wenn ſie Lalle ihn anſängen, verzweifeln, und hätt' er «noch einmal ſo viel Doppelcourage getrunken, als heute bei einem ſo werthen Kunſtfreunde. & Stell' er ſich aber gar einen armen Fürſten vor, «nach ſeiner großen Tour um das Länder⸗Drei «und nach den kleinern Tanz⸗Touren in ſeinem s eignen— und mit ſeinen Appanagegeldern und &mit ſeinen Finanzkammern— und mit den zarten Rückſichten auf ſeinen hohen Stand, deſſen Ehre gerade durch das würde verwundet werden, was «im bürgerlichen als eine Pflicht gegen natürliche & Kinder gelten ſoll— ſtell' er ſich einen ſolchen „ Fürſten vor: wahrlich! er möchte keiner ſein.—y Und dann beſchloß er ruhiger: und überhaupt, « welchem deutſchen Fürſten wären die Familien⸗ «ſtreitigkeiten nicht bekannt, die unſer großer & Louis XIV, der nicht einmal die große Tour « gemacht, zwiſchen ſeinen legitimierten Prinzen s und den Prinzen von Geblüt zu erleben hatte!» 102 Etwas verdrüßlicheres konnte der Apotheker 4 nicht zu hören bekommen, aber in der Hoffnung vom Armgeiger nicht durchſchauet zu ſein, ſtellte er, indem er langſamer einſchenkte, ſich an, als ſpringe er auf etwas andres und könne ſich nicht ſogleich auf den Namen eines großen Fürſten be⸗ ſinnen, der damals im Bade Margarethahauſen geweſen, und der, wie er ſich dunkel erinnere, eine närriſche Naſe mit 12 Blatternarben gehabt. Wie hieß er aber doch?y ſagte Henoch. De Fautle konnte auf nichts kommen. Da es nun zur Darſtellung einer Phyſiogno⸗ mie und deren Naſe keinen beſſern Handgriff gibt, b als die Vorzeigung einer ähnlichen: ſo ſtellte der Apotheker dem Armgeiger auf einige Minuten ſei⸗ V nen Nikolaus mit den Worten vor: aſein leiblicher b Sohn ſei dem Fürſten durch ein Verſehen der Mutter wie aus den Augen geſchnitten.) Aber der eben ſo luſtige als liſtige Franzoſe, ſchon längſt über alles ſtutzig, ſchauete nun durch das Bratſchen⸗ I Efloch oder eirunde Herzloch in den ganzen innern 1 b 3 Apotheker hinein, und erboßte ſich in Geheim unglaublich darüber, daß ein dünner Apotheker, 10³ während er ſelber nur der muſikaliſche Hollandgänger and Grönlandfahrer bei Fürſten war, ſo prahlende Anſprüche auf Verhältniſſe mit ihnen verrieth. Er drückte ſich daher— ſeine Eitelkeit war zehnmal größer, als ſeine Höflichkeit und Dankbarkeit, und ſein gegenwärtiger Durſt— über höhere Naſen und Blattern mit einer Rohheit aus, daß ich gerne, um den Ausdruck etwas gemildert wieder zu geben, zu dem Gleichniß greife: die Höhenmeſſungen man⸗ cher Hohen geſchehen gleich denen der Berge, durch— Queckſilber. Als der Geiger mit ſeiner Doppelcourage abgegangen, blieb dem Apotheker nicht viel von einer einfachen zurück. Auch wuchs ſie nicht ſon⸗ derlich, als die vom Bratſchiſten angekündigten Wagen mit Prinzeſſinnen richtig eintrafen, ſondern der Mann wurde etwas krank. Was aber Nikolaus wurde, als die Prinzeſ⸗ ſinnen ankamen, werden wir nirgends beſſer er⸗ fahren, als im vierten Vorkapitel, wo ſie wieder abgehen. Ernſte Ausſchweife des dritten Vorkapitels ſind: Annahme ſittlicher Unarten 104 — Jacobi, der Dichter und Philoſoph zugleich— Die leidenden Kinder— Anſchauung der Größen und der Kleinheiten— Staatsleute— Politiſches Gleichnis und Gegengleichnis— Kanonieren bei Geburt und Begräbnis. 105 ——— õℳMB——— Viertes Vorkapitel. Liebſchaften in die Ferne nebſt dem Prinzeſſinraub. Bis auf dieſe Zeile wurde mit keiner der Liebe des Helden gedacht, und die Welt wartet noch auf das erſte Wort davon;— und das ſoll auch kom⸗ men—; denn ob wir alle gleich noch in den Zei⸗ ten der Vorkapitel leben, wo die Helden nirgends zum Vorſchein kommen als im Hintergrunde: ſo weiß doch jeder Leſer, was Liebe iſt, nämlich der hebende Sauerteig der Jugend— die Bienen⸗ königin des jugendlichen Gedankenſchwarms— das Baummark des Lebens, das alle jungen Herzen haben, ſo wie alle jungen Pflanzen, indeß ein alter holer Stammrumpf leicht ohne Mark fort⸗ grünt, und das Herz im Spätalter ſich verknöchert und ausleert, und für nichts mehr ſchlägt, als für ſein Blut. 106 Auch brauchte Nikolaus nicht erſt auf die Zu⸗ fuhr zu warten, welche etwan die oben gedachten Wagen voll Prinzeſſinnen in ſeinem Herzen aus⸗ zuladen hatten, um es zu füllen. Wahrhaftig, es ſtand nie leer und er liebte hinlänglich; nur wußt' es keine Geliebte, denn er betete jede Dul⸗ einea immer in ſolcher Ferne an, und hielt ihr in ſo tiefem Hintergrunde auf den Knieen ſich als perſonifizierten Liebhaber hin, daß keine etwas er⸗ wiedern konnte, die nicht ein Sehrohr der Blicke und ein Hörrohr der Seufzer in der Taſche hatte. Eine aber, die ſeine Arme geſtreift hätte, wäre für ihn nichts möglicheres als ein Regenbogen ge⸗ weſen, deſſen Fuß an ſeinen geſtoßen. Indeß blieb ihm noch Kühnheit genug übrig, daß er ſeine jedesmalige Geliebte häufig zu ſehen 6 ſuchte, entweder von ſeinem Fenſter aus, wenn ſie am Markttage ihrer Mutter das Körbchen zum Einkaufen trug— oder in der Kirche vom Chore herab, wenn ſie unten in den langen Tulpenbee⸗ ten der weiblichen Kirchbänke blühte und nickte. Ja er hatte ſogar einmal(verwegen genug) ſeine Liebe einer himmliſchen jungen Freiin von.... innerlich erklärt, und ſich kein Bedenken daraus 107 gemacht, ſie jeden Morgen während ihrer Sing⸗ und Clavierſtunden zu ſehen, indem er auf den Thurm ſtieg und aus dem Schallloch heraus ſolche mit einem ſchlechten Fernglaſe aus ihrer Stube zu ſich hinan und hinaufzog. Auch einer bloßen Pfarrtochter hatt' er, während ſie in der Apo⸗ theke auf die Zubereitung einer Schachtel voll Marg⸗ grafenpülverchen für einen Schreihals von Wiegen⸗ kind warten mußte, im Vorbeigehen ſein Herz ſchweigend geſchenkt,— und wie oft entzückte ihn darauf das ihrige, wenn er ſpazieren ging, und den Kirchthum ihres Dorfs in der Ferne ſtehen ſah. Der runde Thurm war ihr Schattenriß und Gips⸗ abguß und Steindruck, ja noch mehr; denn ſie hörte ihn täglich läuten. Ein furchtſamer Leſer wird ſich verwundern — ſo wie deſto mehr ein gutmüthiger ſich erfreuen — daß Nikolaus es zuweilen bis ins Kecke trieb, und einer oder der andern Geliebten ein Geſchenk machte durch die dritte Hand. Letzte war meiſtens ſeine Schweſter Libette, oder zuweilen ſein Freund Peter Worble; denn in der ſchönen Zeit des Vor⸗ jünglings wird dem Freunde alles, ſogar das ſcheuſte Lieben, geſtanden, nur höchſtens, wie hier, 108 der Geliebten ſelber nicht. Freilich waren Ge⸗ ſchenke die feurigſten Werthers⸗ und Saint-Preux- Briefe, die er nur aufſetzen konnte; und als er einmal(er war noch ſehr jung) ſeinem verſchenkten Herzen noch ein Marzipanherz an die kleine min⸗ derjährige Göttin nachliefern konnte: ſo war er freilich ſo glücklich, damit die Glut des ſeinigen auszudrücken. Was nun unſer Seelenbrãutigam für alles ver⸗ langte, betrug nicht viel über einen Blick, einen ordentlichen;— Gegengeſchenke aber am allerwe⸗ nigſten, etwa blos das fremde Herz ſelber ausge⸗ nommen. Nur einmal wollte ihm das Glück ſo wol, daß er von einer geliebten Jungfrau von 12 Jahren nichts geringeres habhaft wurde, als ihre Puppe, die ſie aus ihren früheren aufgehoben. 3 Himmel! dieſe Puppe war ja nicht viel weniger als die Braut ſelber.— Hat denn kein Leſer ir⸗ gend eine blutjunge geliebte Leſerin, damit er ſich es denken kann, was er ſelber empfinden würde, wenn er eine Kindheit⸗Puppe von ihr in Händen hätte, welche ſie unermüdet herumgetragen, ſo oft geputzt, ſo herzlich geküßt, gelobt, ans Herz gedrückt? Würde ihm nicht das kleine lederne oder 109 wächſerne Mädchen ordentlich ein Medallonbild, eine ausgebälgte Milchſchweſter, eine Erſatzmän⸗ nin der geliebten Leſerin ſein? Ja würde er die Puppe nicht für eine Vorläuferin und Vorweſe⸗ rin achten, und ihre Bruſt für eine Parallelſtelle der ſeinigen?— Wenigſtens that es Nikolaus. Und ſo luſtwandelte denn der junge Menſch in einem wahren zugeriegelten Paradies der Liebe, indem er eine Eva⸗Geliebte ſtets bei ſich behielt, ſtündlich ſah und hörte und küßte, in Kirchen und Schulen, auf der Wieſe und auf dem Kopfkiſſen, und überall; denn er trug ſie, wie geſagt, klug genug blos in ſeinem Kopfe herum, der mit ſei⸗ nen vier Gehirnkammern ihr Bienenkönigin⸗ oder Weiſelgefängnis war— ihre Stifthütte— ihr Schwanenhäuschen— ihre Brautkammer— oder wie man ſich ſonſt zierlich⸗bildlich auslaſſen will. Dabei war er nun bei aller der Menge von Geliebten, die er allmählich in ſich hinein bekam, ſo treu und beſtändig, daß er keiner nachtrug, wenn er mit ihr brechen mußte. Mit dem Bruche war er zwar auf der Stelle da, wenn die Geliebte ihn beleidigte und ſein Anblicken— von welchem, dacht' er, ſie etwas wiſſen hätte ſollen— ihm 110 nicht zufällig mit eignem vergalt; oder gar wenn ſie vor ſeinen eignen Augen die ihrigen aus wahrer, obgleich ihr unbewußter, Treuloſigkeit auf einen Ne⸗ benbuhler fallen ließ; aber alles, was er that, lief dahinaus, daß er den Blickwechſel aufhob ohne allen Wortwechſel; und er war durchaus nicht im Stande, einer ſolchen Ungetreuen den Hals zu brechen oder auch nur das Herz, oder ihr rothe Thränenaugen einzuimpfen, oder einen ſchlechten Kerl von Bräutigam; er ſtieß die Unglückliche nicht eigentlich aus dem Herzen, ſondern er ſchob ſie nur aus der linken Herzkammer von der größten Pulsader weg und hinaus in die rechte näher an die Holader; und hier in dieſem Hintergrunde konnt' er noch immer ihr Köpfchen unter andern Köpfen ragen ſehen. Ja, ich treib' es mit dieſem Beſchreiben noch weiter; nicht zu zählen waren die Frühlinganfänge mit ihren Himmeln, noch auszumeſſen und zu er⸗ ſteigen die hangenden Gärten, noch zu heben die ſchweren Freudenblumenkränze, welche er jeder Landes⸗ oder Herzens⸗Verwieſenen in den Stun⸗ den zutheilte, wo er eben ſich vorträumte. Nun erſt gar was er vollends einer liebenden Geliebten ———ÿ—ÿ—ͦ—:— ⏑Q A; 111 reichen und wünſchen würde, dieß male ſich einmal ein vernünftiger Menſch aus! Er kann es aber nicht. Indeß die drei angelangten Wagen mit Prin⸗ zeſſinnen warfen ſein ganzes Herz um, und ſämmt⸗ liche Geliebten fielen heraus: es mußte aber auch Platz gemacht werden für eine neue ſo glänzende Jungfrau, welche allein zwei Herzkammern nebſt Herzohren recht gut ausfüllen konnte. Es war gerade im ſchönen Lebensjahre des jungen Marggrafs, wo die Erde dem friſchen Menſchen wie eine Sonne unter den Fußſohlen liegt und zu ihm empor ſcheint, als die angekom⸗ menen fünf Fürſtinnen— wol keine über 13 ½ Jahr alt— an einem Sommerabende Arm in Arm den Lindengang des Schloßgartens zu Rom auf und nieder wandelten. Mondſtralen und Mond⸗ ſchatten, Lindenblüten und Bienen— dieſe flo⸗ gen ſogar auf abgebrochne Lindenzweige in hohen Händen— ſchienen gaukelnd den fünf weißen Jung⸗ frauen nachzuziehen; und der Apotheker Nikolaus folgte wieder jenen. Da er keiner beſtimmten Prinzeſſin ins Geſicht ſehen konnte, um ſich im Verlieben darnach zu richten: ſo ſchlug er hinter 112 dem Rücken dem ganzen Grazien⸗Fünf ſein Herz zu, und ging mit ſeinen fünf Wundenmahlen hin⸗ ter drein. Er hatte eine beſondre Kraft, ſich nach Gefallen zu verlieben, ſobald man ihm nur einige Stunden Zeit dazu gab; er konnte ſein Herz, wie andre ihren Naſenknopf, nach Willkühr be⸗ wegen. Vollends in Prinzeſſinnen ſämmtlich hatt' er ſich, ſo viele es deren auch geben mochte, ſchon ſeit Jahren im Voraus verſchoſſen; denn etwas ſchöneres konnte, wußt' er, gar nicht leben, als eine; daher, wo und wie eine auch wäre, ſub⸗ ſkribirte gern ſein Herz auf das ihrige. Von den gekrönten fünf Jungfrauen hatte nun gar das Volk — zumal das weibliche, welchem gerade der Neid gegen weibliche Reize und Kleider auf nachbarli⸗ chen Stufen das wärmere Preiſen der gefürſteten auf den unerreichbaren eingiebt— in allen Gaſſen und Buden Prachtbilder ihrer Schönheit auf Gold⸗ grund gemalt aufgeſtellt, und die gemeinſte Scheu⸗ ermagd lobte ſo inbrünſtig wie ihre Herrin. Aber alle dieſe Lobreden auf das Geſicht wirkten nicht ſo tief in ſein Herz als die andern Lobreden auf die fünf furſtlichen Herzen, auf deren Mildthä⸗ tigkeit und Leutſeligkeit und ihr unaufhörliches Verſchenken; welches das Volk gerade an Fürſten mehr lobt als an jedem andern weniger reichen Ge⸗ ber. Und freilich braucht man kein junger Niko⸗ laus Marggraf zu ſein, um der Allmacht des Bun⸗ des der Schönheit mit der Hülfe und Güte zu unterliegen; eine Vereinigung, wie die der begei⸗ ſterten Weinrebe mit dem Fruchtbaum, oder die der Glanzfarben eines Edelſteins mit ſeinen Heil⸗ kräften.— Und nun laſſe man noch das zugleich bezaubernde und menſchenfreundliche Geſicht gar unter einem Fürſtenhute hervorblicken— an ein Königin⸗Diadem will ich nicht einmal denken— ſo wird wol niemand ein großes Geſchrei darüber erheben, daß Nikolaus ſagte: es iſt wahrlich des Guten zu viel und des Schönen. Er behielt aber im Schloßgarten, als er Vor⸗ ausverwundeter den fünf Ungeſehenen nachfolgte, wenigſtens ſo viel Verſtand und Furcht übrig, daß er keinen Verſuch machte, die Fürſtinnen zu über⸗ holen und vor ihnen vorüber zu fahren— er hätte in dieſem Falle die junge Madonnengallerie äußerſt ſchnell übergleiten müſſen und nirgends einwurzeln können— ſondern er ging immer langſamer, wie ſeine Pulsadern ſchneller, weil er vorausſetzte, I. 8 114 daß ſie alle oben vor dem zuſperrenden Drehkreuze des Lindengangs ſich umwenden und ihm folglich den ganzen Blumenſtrauß von Lippen und Wan⸗ gen in die Hand, nämlich in das Auge liefern müßten. Vier oder fünf Schritte vom Kreuze «+— dacht' er— halt' ich ohne Hut ſtill, und ſie «müſſen dann vor mir langſam vorüber ſtreichen «mit ihrer Sonnenſeite, und ich bekomme die Svolle Ladung. Und dabei bring' ich auch die Cheraus, die die wunderſchöne Redeſtimme hat.— Es lief anders ab. Die luſtigen kleinen Huldgöttinnen gingen über das Drehkreuz hinaus; und drei waren ſchon hindurch; als ſich aber die beiden leßzten hurtig durchhaſpeln wollten, drehten ſie auf einmal ent⸗ gegengeſetzt das Kreuz, und ſtanden ſo feſt. Die Richtungen ſtellten die ſchönſte Unordnung wieder her, zwei Durchgegangne ſahen ſich nach den Ge⸗ bliebenen um, eine fünfte zog allein etwas voraus. Zweien Grazien zugleich ſah er nun geradezu ins Geſicht und er ſchwankte in der Wahl, bis auch die Dritte im Drehkreuz umkehrte zum Vollmachen des Grazien⸗Dreiklangs. Dieſe Herrliche bekam dafür— denn ſie hat wahrſcheinlich die wunder⸗ 2 —— ———— 115 ſchöne Redeſtimme, dacht' er— ſein Herz auf der Stelle und büßte es auch nicht eher ein, als bis gar die vierte ſich umwandte, in der That eine Ve⸗ nus Urania, ein wenig länger, ernſter, erhabe⸗ ner und etwas allmächtiger, als ihr Grazienhof. & Das iſt etwas anderes, und wenn ſie vollends die wunderſchöne Redeſtimme hat: wahrlich!— dachte Nikolaus und ſchenkte daher der Venus auf ewig ſein ſchleunigſt zurückberufnes Herz. Natürlich hatten die Fürſtinnen, als ſie den langen immer nachſchreitenden Menſchen erblickt, der jetzo gar mit dem Hute an der Erde paßte und ſchilderte, den Rückzug angetreten, um ihn nicht länger hinter ſich zu wiſſen, und hatten daher alles Geſchütz der Geſichter umgewandt und ihm ent⸗ gegen gerichtet.— Himmel! warum hatt' er ſo wenig Herzen, nämlich nur eines, anſtatt eines gan⸗ zen Poſtzugs davon, um ſich damit dem Triumph⸗ wagen dieſes Tetrarchats von vier Fürſtinnen vor⸗ zuſpannen— dieß waren ſeine Gedanken, als die heilige Tetraktys oder Vierzahl nahe vor ſeinem Auge und Hute durch das Drehkreuz durchſchlüp⸗ fen mußte. 3 « Amanda!» tiefen auf einmal einige Prin⸗ zeſſinnen der fünften, gedankenvoll vorausgezognen nach; aber ohne die wunderſchöne Redeſtimme. Amanda ſprang um wie ein Wind, und eilte, viel⸗ leicht ſchneller als der hohe Stand erlaubte, zu⸗ rück; ſo trug ſie ihr ganzes Geſichtchen mit den großrunden Augen, woraus ein mildes Aetherfeuer fortloderte, und mit dem vollen Lippenmund ſammt der glänzend⸗abgeründeten Stirne, obwol über ei⸗ ner Naſe, die faſt mehr ein Näschen war, vor ſich voraus und gerade dem an dem Drehkreuze haltenden Nikolaus aufgedeckt entgegen. Zwei Minuten vorher hätte Nikolaus darauf geſchworen und Leib und Leben zum Pfand ein⸗ geſetzt, daß er oder ein andrer niemals die Liebe empfinden könnte, die jetzo in ihn hineingefahren war— nichts Aehnliches hatte ſich je in der gan zen Gegend ſeines Herzens zugetragen— er war ein andrer Menſch, ein verklärter Nikolaus, eben erſt auferſtanden aus dem Grabe des platten Er⸗ dentreibens. Da er ſah, daß Amanda zum Durchſchlüpfen hereilte, ſo drehte er verbindlich mit dem wenigen Verſtande, deſſen er noch mächtig war, ihr das Drehkreuz offen entgegen, und hielt ſie ſo in der 117 Hummerſcheere deſſelben, wider ſein Wiſſen, in Haft. Jetzo ſah er im Hintergrunde des langen grünen Hutes ihr reizendes Geſicht recht nahe, das halb im zarten Roſenſcheine der Abendſonne blühte mit dem feucht⸗-ſchimmernden Augenpaar im Schatten. Aber vergeblich und lächelnd rückte ſie an der Krebsſcheere, er ſelber wollte mit der Gabel zugleich die Jungfrau bewegen— denn der Verſtand war dahin— als ſie mit der wunder⸗ ſchönen Redeſtimme, ohne allen Verdruß und Spott, blos immer ſagte:«ich danke, ich dankey, damit er endlich das Kreuz fahren, und ſie gehen ließe. Dahin kam es denn auch wirklich zuletzt; und ſie dankte freigelaſſen ihm noch mit einer freundlichen Verbeugung. Darüber war ihr Strauß, ein Orangezweig⸗ lein— mit vielen Blüten und einer unreifen Orange — entfallen;— und Nikolaus ſprang ihr und den Blüten nach, um ſie einzuhändigen. Aber ſie lehnte mit einer kleinen verneinenden Hand⸗Be⸗ wegung, welcher ein liebreicher Blick alles Harte eines Neins benahm, das Annehmen ab. Es wird ſchon für mich ſchwierig, zu entſcheiden, ob dieſes Abtragen eines Durchgangzolls an den Apo⸗ 118 theker mehr einer ſtolzen Fürſtlichkeit, die nichts ſchuldig ſein will, oder einer verlegenen Eile, oder einer belohnenden Güte zuzuſchreiben iſt. Aber der letzten ſchrieb der Apotheker alles zu— und zerlief faſt neben ihr vor Dank. Anzuführen für unſern Nikolaus Marggraf iſt hier viel; denn er hörte, als ſie den Geſpielin⸗ nen zuflog, auf eine Frage der letzten, die ſich vermuthlich auf den eingebüßten Blütenzweig be⸗ zogen, mit eignen Ohren Amandas Laute herauf geweht:&thut aber nichts! der liebe Marggraf swird es ſchon zu nehmen wiſſen.) Da nun der beſcheidne Nikolaus nie bei ſeinem Geſchlecht⸗ namen an den regierenden Marggraf dachte— wie denn keiner von uns, er heiße Richter, oder Kaiſer, oder Engel, Schneider, Becker, Wolf, Kuh, Ochs, ſich dabei an die uneigentlichen Na⸗ men erinnert— ſo konnt' er aus ähnlicher Beſchei⸗ denheit hier nicht wol anders glauben, als man habe blos ihn ſelber gemeint anſtatt des Marg⸗ grafen. Jetzo wurde ſie ihm am ſchönſten, denn Schön⸗ heit iſt Verkörperung der Liebe, und daher iſt eeine Schönheit ſo glänzend, daß ſie ſich nicht 119 ſonnenartig vergrößerte hinter der Aurora der Liebe. Als er Amanda den Baumgang mit der oben ge⸗ dachten heiligen Prinzeſſin⸗Vierzahl hinunter ge⸗ hen ſah: wurde dieſe blos zu einer Profeſſor⸗ Wagneriſchen in Würzburg— oder die vorigen vier ſchönen Figuren wurden zu vier ſyllogiſtiſchen Figuren, durch welche zwar etwas geſchloſſen wer⸗ den kann, aber kein Bund; doch ſah er ihnen, als den Pallaſtdamen ſeiner Königin, gern nach. Was noch von ſeinem Verſtande aus dieſem Phönix⸗Brande übrig geblieben, legte er dazu an, daß er, anſtatt der nach Hauſe gehenden Quin⸗ tuple⸗Alliance ehrerbietig nachzuſetzen, durch das Drehkreuz in einen dunkeln Laubengang hinein flog. Es ſoll noch der Anfang eines ſpätern Ge⸗ dichts vorhanden ſein— das ich aber nicht ge⸗ ſehen—, wo er ſingt und ſagt:&Wer kann « Sonnen folgen, wenn ſie in den Ozean ſich ſen⸗ «keny— dieß heißt vielleicht, wenn Prinzeſſinnen ſich Nachts nach Hauſe begeben in die Eiderdu⸗ nenwogen. Er ſetzte ſich in eine durchdämmerte Laube und hielt den Blütenſtrauß und berauſchte damit den ſchönſten Traum ſeiner Jugend. Denkt kein 1120 Leſer daran, daß er das Schönſte hatte, was ein Mädchen zum Erinnern geben kann, eine Blume, deren lebendiger Duft in einem Heiligenſcheine deſſelben wird? Iſt nicht eine ſolche Blume ſchon ein Blumenkranz? Was iſt eine Taſſe mit einge⸗ brannten Blumen, ja eine Weſte mit aufgenähten, gegen lebende oder gar gegen Orangeblüten, de⸗ ren fremder Edenduft aus fernen Paradieſen her⸗ zuwehen ſcheint, wo die Liebe wandelt und winkt? Auch fand er gar in einem Blütenkelche einen Tropfen;— ließ ihn vielleicht Amandas Auge fal⸗ len, wie Blumenmaler immer einen Waſſertrop⸗ fen anbringen, als wären alle Blumen Freuden⸗ blumen, worin freilich die Thräne nicht fehlt? Marggraf zweifelte nicht einen Augenblick daran; aber ach! wäre nur dieſer Tropfe unvertrocknet, wie etwa einer in Bernſtein, zu erhalten! Um das Schönſte, was er noch in der Laube zu genießen hatte und was nicht zu ſehen war, beneid' ich ihn noch heute, nämlich um Amanda's wunderſchöne Redeſtimme, welche in Einem fort in ſeinen Herzohren bis zu den Kopfohren hinauf nachklang. Es gibt ſolche Stimmen, welche aus der Bruſttiefe wie lauter Anreden des Wolwollens —COC—⏑—ꝛ————— und Tröſtens aufſteigen und ordentlich das Herz ſuchen, dem ſie recht helfen können; Redeſtim⸗ men, ſchöner als Singſtimmen, weil ſie länger reden, und weil ſie nur Eignes, nicht wie dieſe Fremdes ausſprechen; und weil ſie nicht, wie die Flöte, bezaubern wollen, und kaum, wie die Harmonika, erweichen, ſondern nur, wie das Waldhorn, liebevoll ins Herz hineinreden wie Ruf aus der Ferne. So nämlich klang Amanda's wunderſchöne Stimme blos täglich, wöchentlich, jährlich;— nun aber gar dieſe Stimme in der Feſtzeit der Liebe, in den Geiſterſtunden des Her⸗ zens—— Himmel! wenn dann Nikolaus ſie zu hören bekäme!... Denn vernünftigen Männern wird wol ſchwer⸗ lich ſein Glauben an die Liebe einer Prinzeſſin lächerlich erſcheinen, wenn ſie ernſthaft bedenken, daß er ſchon von jeher als ein aufrechter Träumer ohne Deckbett umherging, welchem kein Glück und Unglück ſeines Lebens zu unwahrſcheinlich vorkam, ſobald es nur groß genug war, z. B. das, gekrönt— der geköpft— oder verewigt — oder ein Bettley zu werden— oder ein Mil⸗ lionär, falls nicht Trillionär. 122 Als Dichter könnt' ich allerdings ſein Glau⸗ ben und Lieben um vieles motiviren, wenn ich anführen wollte, daß er ja ein, obwol nicht ge⸗ borner Prinz war, doch ein gezeugter; aber ich würde hier zum erſtenmale im ganzen Buche lü⸗ gen und dichten; denn er ſelber glaubte gar nicht daran, und zwar aus zwei Urſachen. Erſtlich hatte der alte Apotheker, in ſpäterer Zeit der Reife, ſich immer ſparſamer und dunkler mit Winken und Zeichen von deſſen fürſtlicher Abſtammung benom⸗ men, vielleicht weil er mit einem natürlichen Sohne von Geburt nicht recht auszukommen fürch⸗ tete. Aber zweitens hätten doch alle Winke nichts verfangen, da Nikolaus dem Apotheker weniger glaubte, als dem eignen Glauben an ſeine Mut⸗ ter; wie eine Heilige ſah er ſie ſeit ſeiner Kind⸗ heit auf den Wolken ſtehen; hätte aber nicht in dieſe die nur uns beglaubigte Fehlthat die Mutter verſenkt und verhüllt? Hundertmal mußten Amanda's Paar Worte und Paar Blicke vor ſeiner Seele umkehren und vorüber ziehen, und immer ſtrenger und unpar⸗ teiiſcher that er ſich dar, daß ſie am Ende ſelber das Drehkreuz feſtgehalten, um nur nicht fortzu⸗ 123 können.*Bin ich nur einmal,» fragte er ſich, ader ſtille Gegenſtand ihrer Flammen oder Flämm: cchen: ſo brauch' ich keine Geburt, ſondern nur « einen Krieg, und darin thus ich mich hervor, und „werde dann leicht, was ſie haben will. Aber «darauf, o Gott, ſoll auch die Unbeſchreiblich⸗ Gute, «die mich jetzo ſchon, in meiner unſcheinbaren « Geſtalt im Park, ſogleich und innig anerkannt, «und wol Tauſenden vorgezogen, von mir auf «meinen Händen getragen werden ihr Lebenlang, a und ich will eine Liebe und Sorge für ſie haben, als wäre ſie ein Tauſend Unglückliche auf ein⸗ «mal, und ſie ſoll gewiß nie weinen.»: So ſtellte Nikolaus in ſeiner Laube immer mehr Träume hinter Träume, und der aufgegan⸗ gene Mond überzog ſie vollends mit Schimmer und Leben; aber er ſah in ihm nicht den Mann im Monde, ſondern die Jungfrau im Monde, vom himmliſchen Heiligenſchein einer ganzen Welt umgeben zur Anbetung für den Erdbewohner. So war er jetzo alles, was um ihn war, die Linden⸗ blüten, die Bienen, die Luna. Wie duftete, wie ſog, wie glänzte ſein Leben 1 Freilich nahm er, wie erwachend, aus der 124 Mondhelle ab, daß es ſehr Nacht ſei, und er trat aus der Laube. Da lag ein Gartenhaus, das er vorher im Schatten gar nicht wahrgenommen, im vollen Mondlicht da, und die fünf Prinzeſſin⸗ nen ſtanden hinter einander, und ſahen aus Ei⸗ nem Fenſter heraus und den Apotheker an. Sein Schreck iſt nicht zu malen— ausge⸗ nommen von einem Porträtmaler.—«Nimmer⸗ emehr haben ſich die Fürſtinnen— ſagte Endy⸗ amion zu ſich— zum Beſchauen meines Lauben⸗ & ſitzes ſo zuſammen gereihet.y Auch ſetzte er mit ſtarken Hut⸗, Arm⸗ und Rückenſchwenkungen, die er nun machte, kein Köpfchen in Bewegung. Sind's Geiſter, ſagte er ſich, doch ohne beſonde⸗ res Schaudern, weil die Nacht in Lindenduft ſchwamm, in Luna's Tage und in ſeinem Trau⸗ me. Als er endlich mit entblößtem Kopfe noch näher trat, fand er die feſten Fürſtinnen ſämmt⸗ lich auf einem langen Tiſche ſtehend— als Wachs⸗ büſten. Sie hatten nämlich zu einem eigenſinnigen Künſtler nach Rom reiſen müſſen, um vom Boſ⸗ ſirer als Unionperlen zu Wachsperlen nachgedruckt zu werden. 125 Zur nächſten und oben am Fenſter ſtehenden Prinzeſſin hatte wol irgend eine überirdiſche Freun⸗ din ſeiner Träume gerade Amanda ausgeſucht.— Und hier ſtand er nun an der ſtillen, ſonſt ſo hoch über ihm ſchwebenden Geſtalt ganz nahe; und ihm war, als athme ſie leiſe; ihm war, als ſei die milde Abendſonne vom Himmel herabgefloſſen und habe ſich dicht vor ſeine Bruſt gelagert, und faſſe ihn mit ihren umher rinnenden Goldwölkchen ein. Er war nicht im Stande, vor der Büſte den Hut aufzuſetzen; er hätte eben ſo leicht vor einer gan⸗ zen Hoftafel die Weſte aufgeknöpft. Sie vollends anzurühren— etwan ihre Stirn mit ſeinen Lip⸗ pen— war ihm eben ſo möglich, als etwa die Taube des heiligen Geiſtes zu rupfen und zu braten.— Da aber alle Menſchen doch am Ende nach Hauſe gehen, ſo that ers ebenfalls, aber ſo ſpät als möglich. Die Nacht wäre die ſeligſte ſeiner Tage geweſen, hätte er ſich nicht nach dem Mor⸗ gen geſehnt; denn er flog nun in jenem Traum⸗ ſtücke unſres Lebens, wo der Menſch mit ſeinem Herzen noch als Schmetterling über Blumenbee⸗ ten gaukelt, indeß er ſpäter als ein verwehter K 126 Zweifalter unter einem Schlagregen, oder auf ei⸗ nem Eisberge, oder neben einer Luftkugel über den Wolken ermattet zappelt.— Italien ſtand als Gewürzinſel in Waſſer neben ſeinem Kopf⸗ kiſſen, der Orangenſtrauß. Durch den früheſten Morgenbeſuch bei Aman⸗ da benahm er ſich die Nachtangſt, ſie ſei gewiß weggetragen worden aus dem Gartenhauſe. Er fand ſie noch— laſſe man mich nicht wieder dar⸗ über reden—; aber als er zurückkam, fand er das Urbild nicht mehr in der Stadt— darüber iſt eher zu ſprechen. Die fünf Prinzeſſinnen wa⸗ ren nämlich abgereiſet in demſelben Inkognito, worin ſie gekommen waren, die Landſtadt war außer ſich, und vor Nachfragen außer Athem. Dieß hatte die wichtige Folge, daß Nikolaus in der nächſten Nacht auf dem Kopfkiſſen, das ohnehin die Grubenzimmerung oder das Erdge⸗ ſchoß der kühnſten Luftſchlöſſer der Menſchen iſt, einen der keckſten Bauriſſe ausführte, den ich nur kenne, nämlich den, die Prinzeſſin zu ſtehlen, ich meine das Wachs dieſer Bienenkönigin ſeines Ho⸗ nigs. Denn was blieb ihm eigentlich von der ganzen Geliebten noch übrig? Nicht einmal ihr 127⁷ Name, nur Bild, ſammt Strauß. Dieß über⸗ legt' er nun im Bette ſehr kaltblütig, und warm⸗ blütig; und er ſah es endlich ein, daß er als ein ächter Ritter handle, wenn er ein Prinzeſſinrãu⸗ ber werde, und etwas für ſie thue, indem er ſie entführe, wenigſtens Gleichniß⸗Weiſe. Ja mir « wird immer wahrſcheinlicher— ſagt' er zu ſich—, daß ſie irgend einem elenden, dummen, dünnen, „greiſen Prinzen, den ſie durchaus nicht ausſtehen skann, zu ihrem Jammer, wie ich aus der Thräne sim Strauße und aus dem einſamen Vorausgehen nur gar zu gut ſehe, ſollte erbärmlich angehef⸗ atet werden, wozu ſonſt das Wachs, als zum „ Wichſen des Zwirns bei dieſer Ehe⸗Nätherei, «und der dumme Prinz will vorher ihr Bild ſe⸗ ghen?— Aber deſto mehr wird ſie mir danken, «daß ich den Muth beſeſſen, es ihm vor der Naſe s wegzunehmen.» Allein der Morgen ſprengte ſein Luftſchloß in den Aether; er konnte vor Abend nicht hoffen, wieder kühn zu werden. Dazu kam noch eine Betrachtung: es iſt zwar leicht, einen Diamant, ja eine Prinzeſſin zu rauben; aber höchſt ſchwer, dergleichen zu bergen und zu decken; und in der 4 128 ganzen Apotheke wußt' er einen Schutz; und Schattenwinkel, eine verwahrte Heiligenblende für eine gekrönte Geliebte ſo wenig auszumitteln, als auf der weiten Sonne eine Schattenlaube.—— In ordentlicher Angſt, als ſähe man ihm die Diebsfinger an, die er auf dem Kopfkiſſen nach Büſten und Kronen ausgeſtreckt, beſchlich er von ferne das Gartenhaus, um nur zu ſehen, ob et⸗ was zu ſtehlen vorhanden geblieben. Das Etwas ſtand noch da. Dieſem gegenüber erſtaunte er ſelber über ſeinen nächtlichen Wagevorſatz, die Raubbiene eines ſolchen Wachſes voll geiſtigen Jungfernhonig zu werden, und er fing ordentlich an, ſich vor dem Muthe zu fürchten, den er nur gar zu gewiß äußern werde. Und der blieb auch nicht aus, ſobald er ſcß niedergelegt. Zuerſt fiel ihm eine ausgeſuchte Non⸗ nenzelle für ſeine Amanda ein. Es war ſolche eine alte erbärmliche Stutz⸗ oder Standuhr. In ganz Rom gab es keine ſo ſchlechte, nicht bloß weil ſie unförmlich groß war, ſondern auch leer und ohne Uhr. Denn das ſtehende Räderwerk war ſchon unter der Regierung der verſtorbenen Margaretha in Gang gebracht, nämlich heraus⸗ 129 gefahren worden vom kleinen Nikolaus, um mit den Rädern ſeine bunten Weihnachtfuhrwerke zu beſpannen. Was aber noch ganz unbeſchädigt da ſtand, waren die Außenſeiten, das Zifferblatt mit ſeinen ausruhenden Zeigern und die Rückenthüre mit dem Schlüſſel zum Aufſperren. In dieſes Uhrgehäuſe konnte nun die Prin⸗ zeſſin eingebracht werden, und da ihr Inkognito fortſetzen. Gegen Mitternacht, die ein Regenguß noch verfinſterte, ergriff ihn der Muth und hob ihn aus dem Bette. Am Tage iſt man kühner gegen Geiſter, in der Nacht gegen Menſchen. Liebe macht ohnehin, wie liſtig, ſo kühn gegen jeden, und nur gegen das Geliebte ſcheuer und einfacher. Er nahm in die Hand ein blos mit einem ſcharfen Feuerſtein geladenes Piſtol zum Zuſtoßen und zum Funkengeben, und an den Arm einen Hand⸗ oder Deckelkorb, um die Fürſtin hinein zu ſtellen. Mit dieſem Bucentauro*) ſeiner ſymboliſchen Ver⸗ mählung am Arme, gelangte er ungeſehen vor dem *) Der Name des Schiffs, auf welchem ſonſt der Doge von Venedig ſich mit dem Meere vermählte. I. 9 130 ſtillen Brauthauſe an;— und da ſtanden nun nahe unter ſeiner Hand die ſchönſten Roſen und Lilien zum Brechen, welche je außerhalb des lebendigen Urbilds geblüht, und welche der Mond zwiſchen fliegenden Sturmwolken im Vorbeigehen verklärte. Jetzt hätte Nikolaus viel Zeit zum Löſen einer der ſchwerſten Aufgaben gebraucht, wie und auf wel⸗ che Weiſe es nämlich zu machen ſei, eine ſolche Schönheit und Fürſtin nur anzufaſſen, anzupak⸗ ken, ja einzupacken,— ſchon mit den zwei Lippen zu berühren, ſchien ihm zu frei, geſchweige mit den zehn Fingern— aber die Nacht und die Sturm⸗ nacht, und die Drohungen der Nachbarſchaft, ſetz⸗ ten ihm geſchwinde Hände an, zum Ergreifen und Gefangennehmen des guten ſtillen Mädchens. Mit außerordentlichem Glücke brachte er die Fürſtin⸗Braut nach Hauſe und in die Stutzuhr hinein, in welche er ſie, mit dem Antlitz gegen das Rückenthürchen gerichtet, einſperrte, damit er ſie, wenn er mit dem Uhrſchlüſſel aufmachte, ſogleich vor ſich hätte. In der Nacht dachte er an nichts, als an ſeinen Petrus⸗Schlüſſel zum Himmelreiche, womit er am Morgen jede Minute aufſperren und außer ſich kommen könnte. 131 — Ich wollte, ich wäre Nikolaus Marg⸗ graf, und er Friedrich Richter dahier, der mich nach Vermögen ſchilderte! Als um fünf Uhr Morgens die Sonne auf die Standuhr ſchien, wollt' er vor Wonne faſt daran zweifeln, daß er darin einen nahen ſonni⸗ gen Himmel verwahre, welcher ihm ſogleich er⸗ ſcheine, ſobald er nur eine einzige Wolke zurück⸗ ſchlage, das Thürchen. Er wagt' es auch, das gekrönte Köpfchen zum erſtenmale am hellen Tage und unter ſeinem Privatdache zu ſehen, und die Stifthütte aufzumachen, nachdem er ſeine Stu⸗ benthüre vorher zugemacht; aber er trat bald dar⸗ auf wie ehrerbietig zurück, und ſah in den Spie⸗ gel, worin er die Fürſtin, wie im Waſſer die ver⸗ finſterte Sonne, anſchauete, alſo nur ein Spiegel⸗ bild eines Wachsbildes, eines Seelenbildes, inſo⸗ fern der äußere Menſch den innern abdrückt. O ihr höhern Geiſter! welchen weiten Weg von Nach⸗ und Urbildern hat der Menſch zum wah⸗ ren Ich!— Als er ihr freilich geradezu und lange ins Geſicht ſah: rollten ihm ſo dicke Liebe⸗ und Wonnethränen herab, daß er viele wild aus den Augen wegſchlug— die andern fraß er unterwegs 132 mit den Lippen auf—, damit ihn ohne ſein Ge⸗ tröpfel die Sonne mild und warm anglänzte.— Mich wundert dabei nichts an der Entzückung; es macht ſich nur kein Menſch von dem Perlen⸗ glanze und Demantfeuer, womit eine Fürſtin in einer Landſtadt ſogar von der gemeinſten Phan⸗ taſie umzogen wird, einen rechten Begriff, wenn er nicht etwan auf dem Dorfe wohnt, wo es noch feuriger hergeht. Aber in Rom wurden um 10 Uhr in den Mäulern aller Gaſſen Feuertrommeln genug ge⸗ rührt von Zungen: Ldas Geſicht der Prinzeſſin „ſei geſtohlen.“ Die Inriſten in allen Stadt⸗ vierteln ſchlugen ſich ſämmtlich zu einander in dem Punkte, daß der Wachs⸗Raub ein Majeſtätver⸗ brechen ſei, ja ſie beriefen ſich— da die Sache von ſich ſelber ſprach, und ſie überhaupt nicht die gelehrten Stellen darüber im Philoſtrat, Sueton und Tacitus kannten— nicht einmal auf die kö⸗ niglichen Bildſäulen im großen Rom, vor wel⸗ chen eigne Sklaven zu prügeln, Kleider zu wech⸗ ſeln, ſeine eigne Statue höher zu ſtellen, ſo gut die Majeſtät beleidigen hieß, als ſie in einem ge⸗ kauften Garten mit zu erſtehen;— und hier war ) 135 das Bildnis gar in einem Deckelkorbe wegge⸗ tragen. Nikolauſen war nicht beſonders zu Muthe bei der Sache; und er wußte einige Tage nicht zu bleiben, zumal Nachts im Bette, wo ihn die Träume ſtachen und biſſen; denn am gewiſſeſten war er ſeiner Verhaftung und ſchmählichen Hin⸗ richtung, wenn ſpät etwa die Schelle der Apo⸗ theke— für ihn die Armenſünderglocke— gezo⸗ gen, und unten von naher Lebensgefahr geſpro⸗ chen wurde, und von einer Mirtur dagegen. Aber ich wundere mich, daß er, und mit ihm ſo viele tauſend Leſerinnen, denen ich die Sache zu leb⸗ haft vormale, ſich ohne Noth abängſtigen. War er nicht ſelber ſo klug geweſen, daß er nicht nur die plumpe ſperrige Standuhr auf den Kräuterboden hinauf getragen, ſondern auch— um dieſen Zu⸗ rückzug zu maskiren— anderes Gerümpel dazu, das ſchon ſo lange, wie er ſagte, den Platz ver⸗ bauet? Sogar den Orangenſtrauß hatte euer Held, ihr gar zu beſorgten Leſerinnen, mit in den Witt⸗ wenſitz der Prinzeſſin eingeſperrt, als gäb' es in der Welt nur den, den er aufgeleſen; ja auch ih⸗ ren Wohlgeruch hätte er als eine Wolkenſäule für 134 einen Spion gefürchtet, wäre dieſe nicht in den ganzen Dampfhimmel des Kräuterbodens zerfloſ⸗ ſen.— Und legte er, der ſonſt vor lauter Phan⸗ taſte dumm in die unbedeckteſten Fallen trat, ge⸗ rade in dieſer Sache nicht ſo viel Schlauheit an den Tag,— wie denn Phantaſten, Kinder und Landleute die größte bei unerwarteten und peinli⸗ chen Gelegenheiten zeigen,— daß er im Stadt⸗ lärmen über die geſtohlne Prinzeſſin nur flüchtig mitſprach, und nicht einmal den Namen des Ur⸗ bildes zu erfragen ſuchte?— Aber ich will euch, liebe Leſerinnen, ihr glänzenden Zitternadeln des männlichen Lebens, nicht etwa für dieſen einzelnen Fall herzhaft ma⸗ chen, ſondern euch fragen, warum ihr bei man⸗ chem Roman enblatte, ſobald es nicht das letzte iſt, euch ſo ſichtbar abängſtigt— ja bei ſo vielen an⸗ dern Blättern— bei jedem Rockblatte— bei einem Tiſchblatte— bei jedem Blättergebäck— kurz faſt bei allen gezähnten(dentatis) Blättern des Lebens? Höchſtens bei den paradieſiſchen Fei⸗ genblättern weniger!— Wahrlich, die Lieben wiſſen zugleich oft nicht, wann ſie zu furchtſam, und wann ſie zu kühn ſein dürfen. 3 4 Ernſte Ausſchweife des vierten Vor⸗ kapitels ſind: der unverwelkliche Brautkranz— Erſtarkung der milden Jungfrau— weibliche Reize in der Ehe. 136 ——————— ℳ V—V—ℳ ℳ ℳʃN§—ℳ—ℳ—ℳ-;n Fuͤnftes Vorkapitel. Krankenbettreden— Der Prinzengouverneur. Im vorigen Vorkapitel warf ich es hin, daß der alte Apotheker krank geworden. Wenn ein Autor von einer Perſon in ſeiner Geſchichte voll Wahr⸗ heit und Dichtung dergleichen anmerkt, ſo iſts ſo gut, als habe das Leichenhuhn geſchrieen oder die Perſon ſich ſelber geſehen, und im nächſten Kapitel kann man ſicher an ihrem Aufkommen zweifeln. Wenigſtens Elias Henoch lag ohne ſonderliche Hoff⸗ nung darnieder; und allerdings war dem Armgei⸗ ger le Fautle viel von dieſer Niederlage aufzula⸗ den. Lange ſchon fiel es jedem, der den Apothe⸗ ker liebte, ſchmerzlich auf, daß er anfing, freige⸗ big zu werden, und desgleichen geſetzt; ein doppel⸗ tes Todesanzeichen eines luſtigen Filzes, als Cha⸗ 137 rakterabwerfen, gleichſam die letzte Häutung der Seidenraupe vor dem Einſpinnen! Um die Gränzen eines Vorkapitels nicht zu überſchreiten, muß manches überſprungen werden, bis der alte Apotheker auf dem Bette todtkrank in einem ſeidenen Schlafrock etwas aufrecht ſitzt, und Nikolauſen vor ſich beſcheidet. Prinz Niko⸗ «laus!— redete er ihn an— Sie hören, daß « Sie ein ſolcher ſind und daß ich auf keine Weiſe «Ihr erlauchter H. Vater bin, ſondern ein an⸗ «derer. Daher nenn' ich wirklich in der kurzen Zeit, die ich noch lebe, aus Anſtand Sie Sie, aſo wie Sie mich bisher zu nennen beliebten. & Ihre ſelige Frau Mutter aber iſt meine Frau «und bleibt ſolche.—— Gewiß wird niemand behaupten, daß Prinz Niklas einer der traumloſeſten Jünglinge geweſen, oder ein gar zu heller nüchterner Philoſoph und Zweifler, der wegen der Menge der Pflaſterſteine an keine Meteorſteine glauben kann; aber gleich⸗ wol mußte dieſer Prinz bei der ſeltſamen Anrede annehmen, Henoch ſei fiebertoll, und in Kurzem des Todes, und er widerlegte aus Weh uach und Liebe kein Wort. Der Alte ging ruhig weiter:«Sollte Sie nun «Ihr durchlauchtigſter H. Vater künftig, wenn «Sie ihn finden, zur Rede ſtellen, ob ich Ihnen «die ſtandmäßige Erziehung geben laſſen: ſo brau⸗ «chen Sie ihm nichts zu zeigen, als dieſes Haupt⸗ oder Kapitalbuch nebſt der Strazza, worin alle &Ausgaben für Ihre fürſtliche Bildung ſammt den Belegen und Quittungen auf das Pünktlichſte zu & finden ſind; auch Ihre Kenntniſſe und conduite Lwerden ſehr dazu beitragen, nämlich zum Be— weiſe der gedachten Erziehung; und es war frei⸗ «lich nicht alles ſo vollkommen wie an einem Hofe «durchzuführen, aus Mangel an Pagen und an Leiner Inſtruktion höhern Orts, und beſonders saus gänzlichem Mangel an Truppen, was das & Kriegs⸗ metier anbetrifft.» Nikolaus bekam jetzo das Kapitalbuch und die Strazza in die Hände.—— Himmel! es war wirklich ſo, und das erſte Ueberblättern zeigte ihm aus den erſten Ueberſchriften der verſchiede⸗ nen Rechnungen, daß die Rede keine Traumtoch⸗ ter des jetzigen Krankenbettes war. α Wahrlich, «kein Heller iſt zu viel oder zu wenig angeſetzt, « mein Prinz»,— betheuerte Henoch dem in ganz — 1 —— —— 5 139 andere Betrachtungen geſtürzten und verſunkenen Nikolaus— Caber vor allen Dingen geruhen Sie chier das Dokument Ihrer Legitimirung zu em⸗ «pfangen. Er übergab ihm einen netten Per⸗ gamentbogen, worauf er die Ohrenbeichte der Frau ſammt der Gegenwart des Paters beſchrieben, be⸗ ſchworen, beſiegelt und unterzeichnet hatte. Kein einziger Hauptpunkt dieſer vielen Vor⸗ kapitel war darin vergeſſen, und er hatte auf dieſe Weiſe den Prinzen durch den Beweis zu legitimi⸗ ren geſucht, daß er ein natürlicher Sohn ſei von einem— Fürſten, der alſo ſeiner Seits wieder zu legitimiren habe. Noch in das ſtumme Leſen des Fürſtenbriefs redete der Apotheker, der den heftigen Bewegun⸗ gen in Nikolaus Geſichte die rechte Laufbahn ge⸗ ben wollte, aus Ungeduld hinein:&Wenn Sie «in einer frommen Gemüthbewegung ſind, mein Prinz, wie ich erſehe: ſo beſchwör' ich Sie bei Ih⸗ «rer vornehmen Geburt, nehmen Sie ſich meiner zarmen drei vaterloſen Waiſen an, die ich, wie s ſichs auch gehörte, ſehr über Sie vernachläſſigt haͤbe.» 140 — Wie es nun nach der Leſung der Stand⸗ erhöhung im Kopfe des Prinzen herging, und wie darin hundert Gedanken auf einmal um ſeine Seele ſich ſtritten: davon entwerf' ich in der That nur ein elendes Bild— ich habe aber kein beſſe⸗ res— wenn ich das Treiben in ſeinem Kopfe mit dem Treiben am Kopfe eines Mannes ver⸗ gleiche, welcher in London ſich außer Hauſe in einer Bude altmodiſch friſieren läßt; vier Menſchen haben ihn zugleich bei den Haaren— einer macht ihm hinten den Zopf— ein zweiter Locken rechts— ein dritter Locken links— ein vierter arbeitet auf dem Scheitel umher— den fünften will ich noch mitrechnen, der das Brenneiſen erhitzt, aber nicht einmal den, der nachher raſiert, was zuſammen fünf Pence koſtet.— So nun, nur heftiger, fuhr alles unter Nikolaus Hirnſchale aneinander— Träume erdrückten Träume— Eltern, Schwe⸗ ſtern, Fürſten, Fürſtentöchter überrannten ſich— und er ſtand mitten in einer Sternallee einer viel⸗ ſeitigen Zukunft, und ſah rund um ſich in blühende Gänge hinaus: Himmel! welche Menge Ausſich⸗ ten bis an den Horizont hinan! Endlich nahm der junge Nikolaus des Kran⸗ X 141 ken Hand und ſagte: Beſtürzt bin ich genug—, gich muß aber alles glauben. In jedem Falle s gebe ich Ihnen das Fürſtenwort, Herr Vater, Sdaß ich, ſobald ich künftig meinen Vater gefun⸗ aden, alles leiſten werde, was Sie nur verlan⸗ «gen, und noch weit mehr; ich kenne die Pflich⸗ aten meines künftigen hohen Standes ganz, und habe mich oft genug in ihn verſetzt. Glauben Sie mir, ich regiere viel ſanfter als ſo viele Fürſten in der Geſchichte, und jeder hat es un⸗ s ter meinem Zepter gut. Ich weiß noch nicht, « was ich mir auf die Tafel ſetzen laſſe, aber auf «die Tafeln meiner Unterthanen muß das Nöthige «kommen, und wenn die Bauern unter Hein⸗ «rich IV. am Sonntage ein Huhn im Topfe ha⸗ «ben, ſo eſſen meine in den Wochentagen noch « die Hühnerſuppen und die Eier.— An Günſt⸗ «linge oder Mätreſſen iſt bei mir nie zu denken, «und meine göttliche Gemahlin iſt genug, und Shilft, ich weiß es, mit beglücken, ſo daß alles «wirklich blüht unter mir.— O Gott, es iſt un⸗ «verantwortlich, wie manche Fürſten Länder preſ⸗ «ſen und quetſchen, die ſie eben ſo gut beglücken skönnten wie ich.» &Mein gnädigſter Prinz!» fing der Apothe⸗ ker an, dem dieſe Freigebigkeit ungemein gefiel—— Laſſen Sie, unterbrach ihn Nikolaus, die ſteife Hofetikette und thun Sie gerade ſo, als wäre cich Ihr Sohn noch.—&So werden Sie al⸗ «ſo(fuhr jener fort) mit Freuden bei Ihrem durchlauchtigſten Herrn Vater nicht nur die voll⸗ « ſtändige Bezahlung aller beſcheinigten Ausgaben serwirken, ſondern noch beſonders meine verſchul⸗ «dete Familie und Apotheke bedenken.—&˙0 « Gott!y erwiederte Nikolaus,«wahrlich es würde « unglaublich und prahlhaft klingen, wenn ich ſa⸗ « gen wollte, was ich alles thun werde.» &So ſtoßen Siey— verſetzte Henoch eilig, welcher gar nichts ſchönres kannte, als einen ſolchen glänzenden offenen Reichthum des Herzens— « zuletzt noch etwas zu Ihren Wohlthaten dazu; laſſen Sie einem Manne, der über funfzehn « Jahre ſeines Lebens an Ihrer fürſtlichen Erzie⸗ c hung gearbeitet, ohne bis jetzt dafür einen Kreu⸗ azer zu ſehen, nach ſeinem Ableben eine Art «von Grabdenkmal mit ſeinem Apotheker wappen sſetzen, beſonders um nur dem Hundedoktor zu zeigen, wie viel ich geweſen, ob er gleich nie 143 «für einen Skrupel bei mir verſchrieben, aus &Bosheit.„— Nitkolaus konnte ſein Ja nicht ohne naſſe Augen ausſprechen. Er war wol mit mehr Recht gerührt, als er nur wußte; denn ein Geiziger bekümmert ſich um kein Denkmal für ſein Grab; thut ers aber, ſo liegt er nicht mehr weit von der Höle, in die er kommt. Der Apotheker ſtreckte ihm jetzo die Hand entgegen, aber nicht aus Rührung, ſondern zu⸗ geklappt, weil er etwas darin hatte. Ein Haupt⸗ ſchritt, ſagte er, müſſe noch geſchehen, und der „Prinz die Univerſität Leipzig beziehen, damit &ſein hoher Herr Vater auch nicht das Geringſte von dem vermiſſe, was an einem Prinzen zu &ſuchen ſei, und man könne mit der Sache nicht genug eilen, damit er, falls er ſeinen Vater Snicht gefunden, die leere Apotheke je eher je lie⸗ ber übernehme, indem er ſelber ſein Leben ſchwer⸗ Llich über drei Tage noch treibe.„ Nikolaus wollte ſtark gerührt einfallen, aber jener fuhr fort:«Um die Koſten des akademiſchen „Jahrs mehr als zu decken, ſagte er, ſo hab' ich, «mein Prinz, da kein einziges Stipendium in «dieſer heimtückiſchen Stadt zu erhalten war, die⸗ 144 c ſes noch einzige Demantchen aus dem Ringe Ih⸗ Arer ſeeligen Frau Mutter ausgehoben und auf⸗ &gehoben, denke aber damit für mehr als eine Perſon auszulangen. Der Diamant war ohne Frage— denn es bedarf hier keines beſondern Zeugniſſes— dritte⸗ halb hundert Gulden im 24 Fuß unter Brüdern, geſchweige unter Juden werth. Da nun ſonſt der Apotheker eine Verbindung mit den Menſchen gleichſam für eine innige Ehe anſah, worin nach dem Geſetze Schenkungen verboten ſind, oder auch die Menſchen für eine Art Bettler, welchen etwas zu geben die Polizei unterſagt: ſo trieb er durch dieſes unverhoffte Gutſein nicht nur alle die Kälte, welche Kinder immer gegen geizige Aeltern haben, aus Nikolaus Herzen hinaus, ſondern auch ſo viel Liebe hinein, daß der Jüngling ſich der wehmü⸗ thigſten Bewegungen vor dem höchſt ruhigen Manne nicht ſchämte und enthielt, der bisher als ein Vater gegen ihn gehandelt, ohne einer zu ſein. 1 „Wie geſagt— fuhr Elias fort— für mehr dals Einen Mann reicht ſchon der Stein; denn ada ich ſelber nicht mit Ihrer Erlaucht die Uni⸗ 145 &verſität beziehen kann, wie ich bishek gehofft, « um auf irgend eine Art den unen behrlichen Prin⸗ &zen⸗Gouverneur, ohne weichen keine Prinzen «auf Akademien zu laſſen ſind, vorzuſtellen: ſo muß ein andrer dazu geſucht werden. Mich dünkt aber, ich habe ſo etwas an einem wackern „geſchickten geſetzten Jüngling bei Jahren und &von ſchönem Ernſte gefunden, welcher, da er Sſelber auf Univerſitäten gehen will, bei ſeiner &Armuth gern für einige 50 Thaler den Gouverneur «machen wird, zumal da er bisher das Glück Ih⸗ «Lres herablaſſenden Umgangs genoſſen. Nikolaus konnte durchaus nicht auf den Men⸗ ſchen kommen. «Ihr Schulfreund Peter Worble, mein Prinz! fragte der Vater. Jeder Peter in Rom wär' ihm leichter ein⸗ gefallen, als dieſer Peter Worble, den er, wie wir längſt wiſſen, in einem Vorkapitel mit Füßen getreten und welchen er ſeitdem mit Bruderarmen an ſich geſchloſſen. Denn Peter war gerade der Gegenfüßler oder Gegenköpfler deſſen, wofür ihn Elias anſah. Aber kein Irrthum war natürlicher. Erſtlich wies er vor dem Apotheker im Vorbei⸗ 1. 10 146 gehen die Kunſtwörter aller Wiſſenſchaften auf, ſogar der Scheide⸗ und Apothekerkunſt, ſo daß der phar⸗ mazeutiſche Mann glauben mußte, Peter ſei in dem Lande bewandert und einheimiſch, deſſen Sprache er rede, ob er ſie gleich nur zu einer ge⸗ ſtohlnen Parole für ſeine Anſpielungen verbrauchte. Zweitens, was ſeinen erwähnten Ernſt anbelangt, ſo war dieſer blos ein Scherz; anſtatt einer ſati⸗ riſchen Ader hatt' er ein ganzes ſatiriſches Schlag⸗ und Blutaderſyſtem, und machte immer Spaß, hauptſächlich blos zum— Spaß; aus Luſt, nicht zur Unluſt, und der ſeinige glich gutem Schießpul⸗ ver, das auf der Hand aufbrennen muß, ohne einen ſchwarzen Flecken nachzulaſſen. Auf ſeinem Geſichte erſchien kein Zeichen, ſondern er hatte auf die komiſche Maſke, in der er ſein Leben ſpielte, ttets eine, wenn nicht tragiſche, doch heroiſche ge⸗ deckt. Dieſen feſtgeſtrickten Musketernſt, womit der Apotheker ihn immer reden ſah, hatte dieſer für geſetztes, gehaltenes Gouverneur⸗Weſen genom⸗ men. Doch nach dem Scherze(keine Sekunde früher) fuhr zuweilen das pockennarbige Geſicht lachend auseinander, und es kamen auf die han⸗ 147 gende Backenhaut viele Lichter, und in die grauen Augen etwas Glanz..... Fände man nur in Vorkapiteln Zeit dazu, welche völlig fehlt, ſo wären vielleicht Leſern, welche zu wiſſen wünſchen, wann, ſie lachen ſollen, wenn ſie einen Spaß machen, ob vor, oder un⸗ ter, oder nach demſelben, oder ob in einem fort, brauchbare, aber neue Winke zu geben; gleichwol aber weiß ich die Mehrzahl zu ſchätzen, welche ihrem Spaße recht lange ihr Lachen vor⸗ ausſchickt, damit es für ihn das fremde vorbe⸗ reite, wie etwan ein Bedienter in Hamburg auf den Leuchter, womit er die Gäſte hinunter be⸗ gleitet, ſelber ein kleines Goldſtück legt, als hab' es einer von ihnen gegeben, um damit die übri⸗ gen zum Nachlegen aufzumuntern.— Der Prinz umarmte den Scheinvater in der Ueberraſchung. War nicht Peter ſein beſter und tollſter Freund, und war nicht dieſer ihm als ſei⸗ nem Pole, wie einem Magneten, als ein Gegen⸗ pol eingeboren und eingeſchmolzen? Hatt' er ihm nicht bisher alle ſeine Luftſchlöſſer anvertraut und den Spaßvogel darin herumgeführt, ohne ihm im Geringſten übel zu nehmen, daß er in ſeinen größ⸗ ten ſpaniſchen Luftſchlöſſern und böhmiſchen Dör⸗ fern herzlich lachte über alles, über ihren Bauſtil und ihre Verzierungen— über ihre Säulenord⸗ nungen und Karyatiden— über die Grubenzim⸗ merung und Grundlage der Luftſchlöſſer— bis zu ihren Thürſtücken und Deckengemälden und Ausſichten darauf?— Aber er wußte, Peter hange an ihm doch feſt. Und er ſelber hatte ihn beſonders wegen deſſen Armuth lieb, weil Peter wirklich nichts hatte, der Prinz aber wenigſtens wenig. Worble hatte— obwol zum Verſenden auf die Univerſität ſo fertig, wie ein in Holland gebratner und in Butter eingepackter Krammets⸗ vogel zum Ueberfahren nach dem Kap der guten Hofſnung— ſchon anderthalb Jahre im Hafen geankert, um auf Geld und Wind zu warten. Sein Vater— zur ſogenannten franzöſiſchen Ko⸗ lonie in Rom gehörig— war nichts als ein dür⸗ rer Friſör; mit noch einiger Puderbleichſucht an Hut und Rock aus vorigen Zeiten, ehe die jetzi⸗ gen ſo viele Locken, Toupées, Zöpfe und Perü⸗ cken der Menſchen mediatiſirt und ſäkulariſirt hat⸗ ten, daß ein Haarkräusler und ein Schulmeiſter als zwei Mitarbeiter an Köpfen chineſiſche Gold⸗ 149 fiſche vorſtellen, welche ungefüttert Jahre lang le⸗ bendig auf Prachttafeln aufgetragen werden kön⸗ nen. Jedoch ſchon in früherer Zeit ſah die Welt nichts ſeltner als einen feiſten Haarkräusler, weil ihn das Pudermehl immer abmagert, er mag es nun anſtäuben,— wodurch Schwindſucht—, oder er mag es gar entrathen,— wodurch Hunger entſteht. Gehen wir nun von einem ſolchen Vater zu dem Sohne über, ſo erklärt ſichs, daß er nichts hat, und jeder kann ihm das Zeugniß der Armuth (testimonium paupertatis) nach Leipzig mitge⸗ ben, um ſo gewiſſenhafter, da überall Armuth leichter und gewiſſer zu erweiſen iſt, als Reich⸗ thum. Peter hatte bisher, um in Leipzig ſein eigner Konviktoriſt und Stipendiat zu werden, ſich etwas(was er immer wieder durchbrachte) zuſam⸗ men zu bringen geſucht durch alle nur erdenkliche Stunden, die er den Kindern in den verſchiede⸗ nen erdenklichen Wiſſenſchaften gab; wobei er doch in müßigen noch ſeinem Vater, der mehr die Auſ⸗ ſenwerke der Köpfe bedachte, ziemlich bei weibli⸗ chen Perücken beiſprang. 150 Als Nikolaus das Beglücken ſeines Vaters wahrnahm, vergaß er in der Freude, daß er ein Prinz war und wollte ſelber zu ihm rennen; aber der Apotheker fand Herbeſtellen ſchicklich. Peter kam geſprungen: und Henoch fragte ihn, ob er ſein Wort des Schweigens geben und halten wollte. Peter antwortete: Ich bin ein Fuchs, und der geht gehetzt, wie die Jäger wiſſen, immer ge⸗ «rade aus; denn ich mache nicht, wie der Haſe «vor den Hunden, Rück⸗ und Seitenſprünge. Ich könnte Ihnen tauſend mir anvertraute Ge⸗ cheimniſſe offenbaren, ſogar von Ihrem Herrn & Sohne hier, aber Sie mögen warten. Niko⸗ laus unterſiegelte es, und ſagte mit Feuer:«Konnt' 8 gich je mich auf meines theuerſten Freundes Ver⸗ « ſprechen ſteuern: ſo weiß ich, iſt es dieſesmal «in der Zukunfty— welche Rede Peter wegen des feierlichen Anſtandes, da er noch nicht wußte, daß Nikolaus von Geburt war, nicht ſowol feier⸗ lich fand, als recht lächerlich. Als aber endlich der Apotheker— und dazwiſchen der Prinz, der gern ſeine neue Weltkagel mit Einem einzigen Ruck ins volle Licht vor den Liebling gedreht hätte— dieſem die Meer⸗, Land⸗ und Luftwunder der 151 Vergangenheit erzählte— ihn in die Kapitalbü⸗ cher und Erziehungsſcheine gucken ließ und als todtkranker ernſter Mann den Prinzen Prinz nannte— und als Worble gar vernahm, er ſolle deſſen Gouverneur in Leipzig werden: ſo that er an den Apotheker— um Zeit und Kraft zum Sammenln ſeines Ernſtes und ſeiner Geſicht⸗Mus⸗ keln bei einer, wie es ſchien, zweiköpfigen Toll⸗ heit aufzutreiben— furchtſam die Bitte, man möge ganz kurz einen der wichtigſten Vorträge, die er je gehört, rekapitulieren, damit er alles ei⸗ ner ſolchen Wichtigkeit gemäß ermeſſe. Scheinvater und Scheinſohn rekapitulierten al⸗ les mit einander. Zuletzt zeigte jener noch gar den kleinen Diamanten als Grund⸗ und Schluß⸗ ſtein des an allen Ecken ſchimmernden Zauber⸗ ſchloſſes der Zukunft vor; und der Prinz trug die Nachricht nach, welchen Antheil und Splitter Worble vom Edelſtein erhalte; ein Splitter, der in deſſen Augen bei ſeinem langen Hunger nach Eſſen und nach Wiſſen ein Balken ſein mußte⸗ Jetzo fing er eine lange ehrerbietige Rede an, und ſagte beiden Herren für ihr Vertrauen Dank, das er ſehr zu erwiedern ſuchen werde.— Den wärmſten Antheil, fuhr er fort, nehm' er beſon⸗ ders an der hohen Abſtammung ſeines hohen Schulkameraden, weil ein Fürſt in jedem Fall das Höchſte ſei, was er ſich denken könne, wenn er auch nur berückſichtige, daß ein ſolcher ſchon als Kind in der Wiege Orden und Hofſtaat bekomme, Oberhofmeiſter nebſt zwei Kammerherren, und Tafeldiener und Thürhüter und einen Kammerhei⸗ zer— und wie ein ſolcher Herr Kröpfe heilen und Feuer beſprechen, was kaum glaublich, und, gleich Louis XIV, fremde Ueberſetzungen von Julius Cäſar unter ſeinem Namen herausgeben könne, was eher zu glauben,— und daß er ſpäter auf dem Throne, ja noch früher faſt für unfehlbar ge⸗ halten werde, aber ſein Miniſter deſto weniger; — er erſtaune, wenn er das Glück betrachte, das einer theils ausbreiten könne, theils ſelber ge⸗ nieße, daher er auch häufig Vater genannt werde, wie Silenus ausſchließend wegen ſeiner Väterlich⸗ keit in allen Dramen Papa*)— und wenn er nun erſt die Ehre und die Ehrenbezeugungen be⸗ denke, die ſolcher einnehme, ſo daß er überall als *) Nämlich aros, Creuzer in Daub's Studien B. 1. — Muſter am Hofe ſteht und alle ihm, wenn er, wie z. B. König Heinrich der zweite in Paris ei⸗ nen Unterrock ſtatt der Hoſen anzieht, es nach⸗ thun und die ihrigen ausziehen und weiblich auf⸗ treten—— O, man kann wahrlich dazu gra⸗ «tuliren, mein Prinz! beſchloß Peter und um⸗ ging die Duzbrüderſchaft, in der er mit ihm von Jugend auf gelebt. Ueber alle Maßen gefiel dem Apotheker dieſe erſte Huldigung und der ganze Ernſt, den Peter in jedem Worte zeigte. Ich ſehe mit Vergnü⸗ «gen, künftiger Gouverneur, ſagte Henoch, daß Kich in meinem Manne nicht fehlgegriffen, und «daß Sie Ihre Gouverneurs⸗Gage nicht um⸗ « ſonſt verdienen werden.— nd wie ſollt' Lich anders(verſetzte Worble), da ich ſie in mei⸗ «nen Umſtänden ſchon brauche; ich kann ſagen, Lich lebe wie der Biber blos von Rinden, wenn's Kauch keine Baumrinden ſind; und wenn das Le⸗ «ben ein Schauſpiel iſt, ſo finden geſchmackvolle & Kunſtrichter, welche verlangen, daß der Schau⸗ c.ſpieler nicht reell auf dem Theater eſſen ſoll, an «mir ihren Mann.) — Es wird doch, hoff' ich, kein Leſer Wor⸗ bles gelehrte Anſpielungen einem erſt nach der Hochſchule ſich einſchiffenden Jüngling als zu un⸗ wahrſcheinliche und mir blos geraubte abſprechen. Dieſen Leſer müßte man ſonſt daran erinnern, daß gegenwärtiger Verfaſſer ſelber tauſendmal mehre Gleichniſſe für ſeine&grönländiſchen Prozeſſe ſchon im erſten Jahr ſeiner akademiſchen Laufbahn in Leipzig, alſo in einem noch jüngern Alter, her⸗ ausgebracht und herausgegeben. Denn Worble war, als er von Henoch zum Prinzenhofmeiſter inſtalliert wurde, gerade anderthalb Jahr älter als ich, nämlich neunzehn und ein halbes Jahr.— Eben dieſe Aehrenleſe aus ganz entlegenen Wiſſens⸗ Feldern, wovon Worble kein einziges beſaß und beſäete— obs bei mir derſelbe Fall, errathe die Welt— hatte ihm bei Henoch die hohe Achtung und das Prinzen⸗Gouvernement ſo leicht erwor⸗ ben, als wäre Henoch Nikolauſens Vater ge⸗ weſen. 3 Als der Apotheker eröffnete, was er von ihm als Gouverneur erwarte und fodere— daß er den Prinzen überall begleite und deſſen Cortége mache, mit ihm die Kollegien beſuche und recht die Wiſſen⸗ ——,— 15³ ſchaften treibe: ſo kehrte ſich Peter mit einer klei⸗ nen, aber feierlichen Stegreifrede gegen den Prin⸗ zen, und that ihm darin ohne alles Du und Sie die Erhabenheit der Wiſſenſchaften für Fürſten ar⸗ tig genug dar.— Der alte Teſtamentmacher, der bisher Zeit genug zu allen Klauſeln gehabt und verwandt, ſetzte ihnen noch als Spitze die letzte auf, daß man in Leipzig durchaus nicht mit den Anſprüchen fürſt⸗ licher Würde auftreten dürfe, indem man dieſe aus Mangel an Appanagegeldern nie genugſam be⸗ haupten und alſo den hohen Vater kompromittieren könnte, wenn er früher oder ſpäter erſchiene und ſein Wort dazu ſpräche, ſondern— teſtirte He⸗ noch— man müſſe unter einem gewiſſen Inkogni⸗ to fortleben, das längſt die größten Potentaten beobachtet, und dazu halt' er die bisherigen Na⸗ men und Titel am füglichſten.—«So behalt' ich «denn auch mein Inkognito, als Gouverneur, vor «den Leuten bei— ſagte Peter— und wir blei⸗ ben vor den Leipzigern ein paar alte gute romiſche «Schulkameraden; ſind wir aber unter uns unter «zier Mauern, ſo tritt freilich das Kognito ein «und wir kennen uns und er tritt als Prinz auf, 156 «und ich als Gouverneur.“—„Das verhüte &doch Gott, mein Worble, verſetzte der Prinz; Lauch dann, wann niemand dabei iſt, verbleiben &wir im alten Du und Du und ich kann und will für nichts beſondres von Dir traktirt ſein— auf dem Throne ſogar will ichs zeigen, Peter!» Letzter that nun an den Apotheker furchtſam und beſcheiden die Frage, wie es aber denn zu halten ſei, wenn beide aus Leipzig, ohne den er⸗ habenen H. Vater gefunden zu haben, wieder nach Rom heimkämen. In meinem geſchriebenen Te⸗ ſtamente— verſetzte Henoch— iſt der Fall be⸗ «dacht, und Sie werden darin für ſolchen, mein Prinz, erſucht, Ihre chemiſchen und botaniſchen & Kenntniſſe aus Liebe gegen Ihre drei Schweſtern « zu benützen und die Apotheke ſo lange zu über⸗ « nehmen, als Sie noch keine Regierung über⸗ snommen; natürlich bleibt bis dahin alles Wei⸗ Ltere verſchwiegen.— So weit des Apothekers letzter Wille, deſſen Ausſprechen vielleicht der Natur noch die ſtärkſte und letzte Spannung gegeben; denn bald darauf ſank ſie in ſich zuſammen, und er ſtarb entweder am —— Herzpolypen, oder an dem Lungenſchlagfluß nach Dr. Hohnbaums Theorie. Es gehört nicht in Vorkapitel, ſchon der Kürze wegen, das weitläuftige Berichten, wie viele Liebe Nikolaus dem armen, an ſeinen Hoffnungen ver⸗ hungerten Pflsgevater jetzo nachgezahlt, die er bisher dem Vater ſchuldig geblieben, wie viele Aus⸗ legungen und Argwöhnungen er ſich reuig zu Her⸗ zen gezogen; kurz, Henoch genoß nun den Vortheil der Unſichtbarkeit unter dem Grabſtein, dem dick⸗ ſten Schleier des Menſchen. Wenn Nikolaus frei⸗ lich noch eifriger das Grab ſeiner Mutter ſuchte, und ſich auf dieſes wie auf eine Thronſtufe ſetzte, um nach ſeinem wahren Vater in der weiten Welt zu blicken: ſo nehme man ihm dies nicht ſo übel, wie hundert andere Dinge. Der erſte Gebrauch, den er von ſeiner künf⸗ tigen Thronbeſteigung machte, war, daß er auf den Kräuterboden hinaufſtieg und die Thüre an der Standuhr aufſchloß, worin die Prinzeſſin wohnte, die er längſt(es war Ahnen ſeines fürſt⸗ lichen Geblüts) geſtohlen hatte. Als er vor der wächſernen hohen Geliebten zum erſtenmale eben⸗ bürtig als Prinz ſtand und er ihr in die feſten treu⸗ unverrückten Augen der Liebe hineinſah, welche ihn einmal im Parke ſo freundlich und faſt ordentlich alles vorausſehend angeblickt: ſo ließ der ebene zuſammennähernde Boden ihres und ſei⸗ nes Standes nach einem ſolchen unverhofften Zu: ſchütten der gegenſeitigen Kluft der Geburt— in deren Tiefe er vor einigen Tagen mit Schrecken hinunter geſehen— ſo warme Paradieſesflüſſe der Liebe in alle Kammern ſeines Herzens laufen, daß es hätte zerſpringen mögen vor Luſt und Liebe.— Und wie gern und feurig hätte er jetzt auf die ein⸗ ſamen Roſenlippen Amanda's einen Kuß gedrückt, bei welchem nur ſein Herz wäre Zeuge geweſen!— Aber weder das Wachs, noch ſeine Achtung für die Geliebte, ließen einen zu, und er hielt ſich in den engſten Gränzen der zärteſten platoniſchen Liebe gegen die Büſte. Daß er ſeinen künftigen Vater mit der er Pok⸗ kennarbennaſe und dem Heiligenſchein einmal fin⸗ den werde, war ihm wol unter allen Dingen, wie das wichtigſte, ſo das gewiſſeſte, nur ausgenom⸗ men das Anerkennen und Legitimieren durch ihn, das allerdings(ſah er) noch gewiſſer war, da es nicht mehr, wie das Finden, von Außen und —— — — Zufall abhing, ſondern von Innen und Herz.— So war er denn ein froher gemachter Mann, der für ſeine ganze Luftſchiffflotte nun einen Anker hatte, den er auf die Erde und auf einen Thron fallen laſſen konnte, um unten anzukommen; denn bisher hatt' er ſeine Anker mehr nach oben in den Aether ausgeworfen, wo ſie der Tiefe wegen nicht Grund faßten. Als er nach einigen Tagen den Schulkameraden und Gouverneur Peter wieder⸗ ſah: wußte er mit dem alten Schul⸗Du einen ge⸗ wiſſen höhern, ſeiner Geburt gemäßen Anſtand ſo leicht zu perknüpfen, daß der Gouverneur über dreißig Einfälle darüber hatte. Prinz Nikolaus hatte nicht halb ſo viele erwartet; denn er hatte, ob er gleich Peters Weiſe kannte, gedacht, dieſer habe den am Krankenbette vorgezeigten Ernſt wirk⸗ lich beſeſſen, und alles geglaubt, was er geſagt oder gehört. Aber er vergab es gern; und er mußte ihn ohnehin haben, weil Peter der einzige in ganz Rom war, mit dem er frei über ſeine Kron⸗ erbſchaft ſprechen konnte, mochte auch der Kauz. dazu ſpaßen, wie er wollte. Der Prinz blieb doch, was er war, wenn der Gouverneur ihm die Frages vorlegte, aber weniger im Ernſt als Scherz: 160 Lob er denn nicht— wenn in China bei der Er⸗ löſchung einer Dynaſtie der Kaiſerthron ſich er⸗ sledigt, und zur vakanten Stelle ſich ſogar Schu⸗ «ſter, Köche, ja Räuber melden— ſchon ſeines «fürſtlichen Geblüts wegen, ganz andere Anſprü⸗ che habe; ja ſchon als bloßer Apotheker mehr als «ein gemeiner Soldat in Algier, wo jeder im &Regiment als präſumptiver Kronerbe anzuſehen Liſt.» — Bon! verſetzte aufgeräumt der Prinz; « ſo ſcherze man denn weiter! Der zweite Gebrauch, den er— nach dem erſten des Treppenſteigens zur geliebten Prinzeſ⸗ ſin— von ſeinem künftigen Regierungsantritt machte, war, daß er unaufhörlich in Rom durch die Straßen auf⸗ und abging und einen Menſchen nach dem andern grüßte; er wollte ſeiner Men⸗ ſchenliebe etwas rechts zu Gute thun. Da er ſchon ſeit Jahren nichts lieber machte als eine Verbeu⸗ gung ſammt Gruß, weil er allen Menſchen gern eine kleine Freude geben wollte, und doch nichts anderes dazu hatte als eben ſeinen Hut, in wel⸗ chen er ihnen ſeinen geiſtigen Hutzucker der Liebe vräſentirte und vorhielt: ſo freute er ſich, daß er 161 zugleich als Prinz ſich herablaſſen, und dadurch den unanſehnlichen Gaben, die er mit dem Weih⸗ wedel des Hutes umherſprengte, einen bedeuten⸗ den Werth, wie man künftig einſehen werde, er⸗ theilen konnte. Und in der That, er hat Recht, daß er einen Gruß ſo hochhält, eine der kürzeſten Bewegungen des Mundes und Hutes, und doch ausreichend, um einem Vorbeigehenden auf der 8 Gaſſe ein Freudenblümchen anzuſtecken und mitzu⸗ geben, das ſo lange friſch bleibt, bis er um die Ecke herum iſt, oder vor einem neuen Gruße vor⸗ bei. Der Verfaſſer dieſes wendet daher mit Freu⸗ den Jahraus Jahrein einige Haſenhaare ſeines Hutes daran, um ihn beſonders vor denen zu zie⸗ hen, die dergleichen gar nicht mehr erwarten, als da ſind z. B. abgelebte verwittibte Honorazioren, überhaupt ältliche Damen, ſo wie junge, noch nicht theetiſchfähige Mädchen von 14 Jahren; für welche die männliche Höflichkeit venia aetatis (Alters Erlaß) iſt; und vernachläßigte abgeſetzte Männer, die kein Teufel kennen will. Zu eini⸗ ger Erſparniß des Filzes ſchreitet er dafür vor kek⸗ ken, hochbaumigen Amtmenſchen, die auf derglei⸗ chen Gewehr⸗Präſentiren paſſen und vor Offizie⸗ 1. 11 ren, die jeden auf einen Schuß und Gruß fodern, bedeckt fürbas. Aber der Prinz Nikolaus fing ſeine künftige Regierung nicht blos damit an, daß er in der Stadt mit der Säemaſchine des Hutes herumging, womit er die Krönmünzen der Grüße an allen Gaſſen aus warf, ſondern er trug ſich auch beſon⸗ ders mit den Planen, wie er einmal die Men⸗ ſchen, wo auch die wären, die ihm ſein Vater da⸗ zu gebe, unerwartet beglücken wolle. Und oft nach einem langen Spazieren lagen um Rom die Dörfer ordentlich im Sonnenſcheine des Glückes vor ihm, den er innerlich auf ſie während des Gehens geworfen. Glücklicher, wenn auch noch von niemand als mir anerkannter Prinz, den keine Kronſchulden und keine Miniſter des Innern ab⸗ hielten, in jeder Sackgaſſe bei jedem Glocken⸗ ſchlage Deinen Unterthanen ſo viel zu bewilligen, als ſie und Du nur wollen; und das Land, das Du in Deinem Kopfe voraus regiereſt, blüht un⸗ ter Dir ſo dauerhaft! Und kein Feind von außen überzieht, keiner von innen unterhölt es!— Sol⸗ che Länder wären den meiſten Fürſten zu wün⸗ ſchen. 163 Da er aber immer öfter neben dem Hute auch den Beutel zog, um landväterlich et was zu ſchen⸗ ken— nur nicht genug wars ihm, und er ſagte, er würde ſich ſchämen, wenn man wüßte, wer er ſei— und da ſich im Sonnenfeuer ſeiner Liebe immer mehr vom akademiſchen Diamante verflüch⸗ tigte: ſo hielt es Peter für Pflicht, ſchon in Rom ſein Prinzengouvernement anzutreten, und ihm zum ſchnellen Beziehen der Akademie(zumal wenn er etwas übrig behalten wollte, um als ausſtu⸗ dierter Prinz ſich in der Apotheke zu ſetzen die ſtärkſten Gründe— ſchwächere, Peters eigenen Vortheil betreffend, brachte er nicht einmal vor— ans Herz zu legen. Und mein eigener Vortheil iſt es auch, denn ich kann nicht genug eilen, um zum letzten Vor⸗ kapitel zu kommen. Ernſte Ausſchweife des fünften Vorkapitels ſind: Die prophetiſchen Thautro⸗ pfen— Der Dichter auf dem Krankenbette— Der Regenbogen über Waterloo's Schlac tfeld— Das Gefühl bei dem Tode großer Menſchen— Alte und neue Staaten. 164 —-——V--VA—V——ê——ℳꝛ—»V—V2V—N R‚ ꝗu ê ê——q—V ðõℳ——— V—— Sechſtes und letztes Vorkapitel, worin des Prinzen akademiſche Laufbahn gut, aber kurz be⸗ ſchrieben wird. Mit Recht ſagt' ich am Ende des vorletzten Vor⸗ kapitels, ich kann nicht genug eilen, um zum letz⸗ ten Vorkapitel zu kommen; denn ich kann ja in dieſem nicht genug eilen, um endlich in das erſte Kapitel zu gelangen. Ich denke, ich koche die Geſchichte der aka⸗ demiſchen Laufbahn zur angenehmen Syrupsdicke ein, oder dämpfe ſie hinlänglich ab, wenn ich ſie ſo erzähle, wie folgt: & Prinz und Gouverneur zogen mit einander «in ihrem Inkognito nach Leipzig und blieben da Lein Paar Jahre in Einem fort darin, bis ſie «wieder nach Rom heimkehrten. Nikolaus hatte «dort unter allen Vätern von Geburt, welche zu⸗ « weilen durchreiſeten, nie ſeinen eignen angetrof⸗ «fen, ſondern war mit ſeinen Heiligenſtralen und &zwölf Naſennarben ohne Vorbild unbekannt ſte⸗ «hen geblieben. Nie vergaß der Prinz ſeiner Würde und Abkunft; indeß mußte er ſich doch « hauptſächlich auf Pflanzenkunde und Scheidekunſt «legen, um ſich als geſchickter Apotheker in Rom zu ſetzen, zumal da Schulden halber die Marg⸗ a grafſche Apotheke bald unter dem Strohwiſch «wegzugehen drohte. Lange konnte er ſich ohne⸗ chin aus zwei Gründen nicht auf der Univerſität s aufhalten, da erſtlich der Diamant durch ihn und Peter ſo glücklich verflüchtigt und geſchmol⸗ «zen worden, als wäre der eine ein Brennſpie⸗ a gel, der andere Bockblut*), und da er zweitens «nicht die Stunde erwarten konnte, wo er ſeine « geliebte Prinzeſſin, von welcher er ſo lange Zeit sgeſchieden und ohne eine einzige Zeile ihrer Hand gelebt, wieder ſehen durfte; denn ſie hatte ihn &nicht dahin begleiten können, da er ſich nicht ge⸗ Ltraute, ſie ſicher genug einzupacken, weil zwar *) Nur Bockblut löſet, wie Leſſing in ſeinen antiauariſchen Briefen aus Plinius bemerkt, den harten Stein auf. 166 «eine Stoßwunde am Fleiſch, aber nicht die klein⸗ aſte an Wachs wieder verwächſt. Da überhaupt «in großen Städten die träumeriſche Phantaſie geinſchrumpft, aber in kleinen aufſchwillt, wo keine Größe durch einen beſchämenden Maßſtab s zurückſcheucht; ſo legte ihn beſonders das kauf⸗ &männiſche Leipzig mit ſeinen hohen Häuſern recht unter die Pflanzenpreſſe und drückte ihn erbärm⸗ lich platt und fahl, bis er erſt wieder in Rom «in einige Blüten ſcho„ Und ſo iſt nun, glaub' ich, das ganze ſechſte und letzte Vorkapitel, wo die Leipziger Studen⸗ tenjahre mit ihren ſämmtlichen Auftritten darzu⸗ ſtellen waren, im Ganzen gedrängt und eutropiſch genug zu Ende gebracht, ſo weit ein neuer Eutrop ſich dem alten klaſſiſchen Eutropius, dem Abkür⸗ zer der römiſchen Geſchichte, im Verkürzen gleich⸗ ſtellen darf. — Jetzo endlich darf ichs herausſagen, wie alles ſteht, und daß ich bisher nicht ohne viele Hinterliſt gegen die ehrlichen Leſerinnen geſchrie⸗ ben. Es fängt nämlich die wahre Geſchichte— Nikolaus und ſeiner Freunde eigentliche, ordent⸗ liche, ungeſtörte Hiſtorie— erſt im nächſten er ſten 167⁷ Kapitel an; ſchreitet aber freilich dafür ſo ſtrenge ohne alle Vorkapitel von Tag zu Tag, von Stelle zu Stelle fort— nicht wie in den ſechs Vorkapi⸗ teln manches, zumal Kleinſtes überfliegend,— daß ich die Zeit; und Raumeinheiten wahrhaft beobachte, und den ganzen hiſtoriſchen Weg nicht als ein lyriſches Flügelpferd, ſondern als eine gute epiſche Flügelſchnecke zurücklege, ähnlich der naturhiſtoriſchen im Meere, welche als Wurm mit zwei häutigen flügelähnlichen Floſſen darin ſchwimmt, ſehr ſchöne Farben hat, Leiöbſpeiſe der Wallfiſche iſt, und ſich bei den Naturforſchern Clio nennt, ein Name der geſchichtlichen Muſe, den ich wol vom Seewurm auf mich, als dichte⸗ riſchen Geſchichtforſcher, übertragen mag. Die Umſtände bei der Sache ſind hauptſäch⸗ lich dieſe, daß ich die ſechs Vorkapitel oder ihre hiſtoriſchen Bruchſtücke erſt überkam, als ich ſchon die ſogleich folgenden zwölf ordentlichen Kapitel völlig ausgearbeitet hatte, und ſogar flüchtig ge⸗ feilt. Da ließ ſich weiter nichts anderes machen— einzuweben waren die breiten Stücke nicht— als ſie etwas geſchickt vorzuſtoßen und ſie dem Werke als ein Vorwerk anzubauen. Es wurde dazu eine 168 gewandte leichte Hand verlangt. Leſer rennen ge⸗ wöhnlich, und ſind am wenigſten aufzuhalten und einzufangen, wenn ſie eine wahre beſtimmte Ge⸗ ſchichte in der Ferne vor ſich erblicken. Ich durfte daher auf keine Weiſe den Vielkopf, wie Wolke das Publiknm höflich und ſchicklich überſetzt, et⸗ was davon merken laſſen, daß die hiſtoriſche Haupt⸗ ſache erſt ſpäter im nächſten erſten Kapitel anfängt — denn über die Ueberſchrift Vorkapitely, die etwas verrathen konnte, ging der Vielkopf wie gewöhnlich hinweg—; und doch durft' ich wieder auf der andern Seite nur kompendiariſch darſtel⸗ len, und galliſche Flüge ſtatt deutſcher Schritte machen, weil ich ſonſt ein ganzes Buch einem ſchon fertigen Buche hätte vorauszuſchicken ge⸗ habt*), und weil ich mich ſelber in das eigentliche rechte Geſchichtwerk zurückſehnte. —— *) Wurde mir doch von einer gewiſſen Perſon, die ich nicht zu nennen brauche, die oben in der Geſchichte mitſpielt, ernſthaft angeſonnen,— als man meine Willfährigkeit zu der bisherigen Vorgeſchichte wahrnahm— dieſem Vor⸗ Bande oder Vor⸗Theile wieder einen Vor⸗Band, alſo den Urkapiteln Ururkapitel vorzuhängen und vorzuſpannen, wie es etwan mit den Vorgeſchichten des Erdballs geht, ——,— — 169 Auf dieſe Weiſe glaub' ich eine der ſchwerſten Aufgaben eines Geſchichtſchreibers nicht unglücklich gelöſet zu haben, indem der größte Theil der Le⸗ ſer wirklich mit mir bis hieher dicht vor das erſte Kapitel gekommen iſt. Die wenigen andern Leſer, welche ſich etwa mit Ueberſpringen aller Vorkapi⸗ tel ſogleich hieher an das erſte Kapitel gemacht ha⸗ ben, halt' ich hier vielleicht zeitig genug an und halte ihnen vor, um ſie zurückzutreiben, ob ſie ei⸗ nem Autor, der ihnen 38 Jahre ſeines Lebens durch ſeine Feder ſchenkte, wol Eine halbe Stunde, ein und zwanzig Minuten und zwölf Secunden ab⸗ ſchlagen können; denn wahrlich keinen Deut mehr kann das Leſen der ſechs Vorkapitel ihnen koſten, ſobald der Rechnung im allgemeinen Anzeiger nicht öffentlich vom Anzeiger ſelber widerſprochen wird, daß ein ordentlicher Menſch, der in ſechs⸗ zehn Sekunden ſeine gedruckte Oktavſeite durch⸗ der täglich rückwärts(nicht blos vorwärts) älter wird; apber ich verſetzte ſehr ernſt und feſt:„Deutſchen Leſern „kann man viel anſinnen, jedoch nicht alles, und es iſt „ überhaupt nicht meine Gewohnheit, ihnen eine Geſchichte „auf irgend eine Weiſe lange vorzuenthalten, nicht einmal „durch erlaubte Ausſchweife.« 3 170 lieſt, ein ganzes Alphabet von Druckbogen in einer Stunde, zwei und vierzig Minuten und vier und zwanzig Sekunden durchbringen kann. 1 — Und ſo mach' ich mich, nachdem ich ſo glücklich mit Sechſen angekommen bin, vergnügt weiter und arbeite, während der Leſer die näch⸗ ſten zwölf fertigen Kapitel durchgeht, ungeſtört und gemächlich an dem darauf folgenden hinten fort; endlich kommt der Leſer aus ſeinen Kapiteln nach und findet mich in meinen; ein köſtliches Le⸗ ben von allen Seiten!— Und ich gewinne am meiſten dabei. — Damit indeß der gute, nie genug zu lo⸗ bende Leſer, der ſich durch die bisherigen ſechs Vorkapitel⸗Wochentage durchgeſchlagen, bis zum Sonntage des erſten Kapitels, ſogleich wiſſe, von welchen Zeiten und Umſtänden daſſelbe zu erzäh⸗ len anfängt: ſo ſoll es ihm hier mitgetheilt wer⸗ den. Nikolaus iſt ſeit der Zurückkehr aus Leipzig theils um einige Jahre älter geworden, theils um manches Goldſtück ärmer(der Diamant iſt ohne⸗ hin längſt fort). Der Prinzengouverneur Peter Worble hat beinahe gar nichts, und iſt ſeitdem zwar vielerlei geworden, aber nicht viel.— An ——y —..— — —.— — 171 Thronbeſteigungen denkt vor der Hand kein Menſch, und Gott dankt man ſchon in der verſchuldeten Apotheke, wenn man nur etwas zu beißen, anſtatt zu beherrſchen hat.— Uebrigens legte ſich Niko⸗ laus, noch bevor er Weisheitszähne hatte, etwas auf den Stein der Weiſen.. Doch ge⸗ nug; ſonſt erzähl' ich ja beinahe das erſte Kapi⸗ tel, eh' es nur da iſt, und mich dünkt, in ihm ſelber iſt immer noch Zeit genug dazu. Buchbindernachricht nach dem Abdrucke des Vorſtehenden, für den Leſer. Eben nach einigen Monaten bringt mir die fahrende Poſt aus Heidelberg die abgedruckten Vorkapitel, und ich ſehe mit Erſtaunen, daßſ dieſe, wenn gar die ernſten Ausſchweifungen für die Le⸗ ſerin in die Preſſe nachgeſendet werden, allein ei⸗ nen ganzen erſten Band des Kometen vollma⸗ chen, ſo daß die Kapitel mit der eigentlichen Ge⸗ ſchichte, wovon bisher ſo viel Redens geweſen, erſt im zweiten auftreten. Eine ſehr verdrießliche Sache für mich, da mir ſo manches Wink⸗Reden wäre zu erſparen geweſen, hätte ich den Abdruck der Vorkapitel vorher in Händen gehabt.— Auch 122 wird die Leſerin leider den ganzen Tempel des Werks nach der Stiftshütte beurtheilen. Es gibt nun aber weiter keine Hülfe, als daß ich in der Vorrede, die ich zum Glücke noch zu ſchreiben habe, die ganze Sache erzähle, und jeden darauf vorbereite, daß er den zweiten Band abzuwarten hat. Von der andern Seite aber kommt mir, ſo viel ſeh' ich wol ein, der Zufall des vollmachen⸗ den und zweibändigen Abdrucks beſſer zu ſtatten, als die feinſten Maßregeln, die ich ſelber nur hätte nehmen können, damit die Leſerin nicht aus hiſto⸗ riſchem Hunger die Vorkapitel überhüpfe; denn den ganzen erſten Band, den ſie vom Bücherver⸗ leiher holen läßt, kann ſie nicht überſpringen, ſon⸗ dern ſie muß ihn für ihr Geld ſo lange leſen, bis ſie den zweiten bekommen.— Und ſo iſt alles gut. Ernſte Ausſchweife des ſechſten und letzten Vorkapitels ſind: Der Wol⸗ thäter im Verborgenen— Die Kirchen— Leiden und Freuden— Traum über das All. Anhang der 4 = — — — — —₰ — — Se — — — — — 2 2 —8 — — — — — ½ 1715 ————ò—ℳsAnAnA Ernſte Ausſchweife des Urkapitels, für Leſerinnen. Die Ziele der Menſchen. Iſt nur dieß noch gethan und jenes errungen «und alles nach Wunſch gegangen: ſo bin ich im «Hafen und ruhe ſchöny, ſagt der Menſch, und zer läuft wirklich in einen Hafen ein, den er ſich, wie zuweilen der Seefahrer, in einen Eisberg aus⸗ gehauen; auch bleibt er darin, bis der Hafen ent⸗ weder fortſchwimmt oder wegſchmilzt. 176 Klage des verhangenen Vogels. &Wie unglücklich wär' ich, ſagt der einge⸗ ſperrte Vogel,«in meiner ewigen Nacht, ohne « die ſchönen Töne, die zuweilen zu mir wie ferne & Stralen eindringen, und meinen verfinſterten «&Tag erhellen!— Aber ich will auch dieſe himm⸗ cliſchen Melodien in mich prägen und wie ein «Echo ſie nachüben, bis ich ſelber mich mit ih⸗ anen in meinen Finſterniſſen tröſten kann.— Und der kleine Sänger lernte die ihm vorgeſpiel⸗ ten Melodien nachſingen; da wurde das verhän⸗ gende Tuch aufgehoben, denn zum Erlernen war die Verfinſterung geordnet geweſen.— Ihr Men⸗ ſchen, wie oft habt ihr nicht eben ſo geklagt über wolthätige Verfinſterungen euerer Tage? Aber nur dann klagt ihr mit Recht, wenn ihr nichts darin gelernt?— Und iſt nicht das ganze irdiſche Daſein eine Verhüllung der Pſyche? Möge ſie nur, wenn die Hülle fällt, mit neuen Melodien auffliegen! 177 Die Weltgeſchichte. Schauet das Menſchengeſchlecht an, in wel⸗ chem Jahrhundert ihr wollt: es wird euch immer Ausbreitung und Uebergewicht der Sünder und Verdorbenen darſtellen, und die Reinen und Be⸗ ſten nur in Ausnahmen gleichſam als kleine Eis⸗ ſtücke vorzählen, die einſam im ſalzigen Weltmeere ſüßes Waſſer bewahren. Wie muß vollends das Menſchengeſchlecht, wenn es in den Zeiten ſich und ſein ſündiges Uebergewicht verdoppelt hat, ausſehen, wird man fragen? Viel beſſer, iſt die Antwort; denn es bleibt auch darin dem verdor⸗ benen Weltmeere ähnlich, daß aus dieſem blos reines ſüßes Waſſer aufſteigt, womit die Berge unſere Erde tränken; und daher konnten aus den düſtern Jahrhunderten ſich helle entwickeln, und aus den jüdiſchen chriſtliche. Das Böſe wirft, wie ein verfinſterter oder nächtlicher Weltkörper, zu⸗ letzt ſeinen Schatten nur in den leeren Abgrund und verfinſtert nur im Fluge. — Die Leere des Augenblicks. Gäb' es für das Herz nichts als den Augen⸗ blick: ſo dürfteſt Du ſagen, um mich und in mir iſt Alles leer; aber liegt nicht die lange Vergan⸗ genheit hinter Dir, und wächſt täglich, und die Zukunft ſteht vor Dir, und Deinen Winter um⸗ ſchließt ein Frühling und ein Herbſt?— So gleicht auch das leerſte Leben den großen Wüſten in Indien, um welche waldige Ufer ewig grü⸗ nen.*) Die ſterbenden Kinder. Ein Polymeter. Die Ephemeren ſterben alle in der untergehen⸗ den Sonne, und keine hat je in den Stralen der aufgehenden geſpielt.— Glücklicher, ihr kleinen Menſchenephemeren! Ihr ſpieltet nur vor der aufgehenden Sonne des Lebens und flogt über ei⸗ ner friſchen Welt voll Blumen und ſanket, noch ehe der Morgenthau verloſch. *) Nach Humbolds Bemerkung. ———— 1729 —-————-————ę— ̈—--—-—— qò—————A Ernſte Ausſchweife d e s r ſten Vorkapitels, für Leſerinnen. Die Erinnerung an Dahingegangene. Ein Polymeter. Kein Todter, ſo riethen die Alten, mache mit dem Lebendigen die Fahrt, ſogar ſeine Aſche er⸗ regt die Wogen und droht ihm Sturm und Un⸗ tergang. O wie anders und ſchöner begleitet ein Dahingegangener das Herz auf der Fahrt des Le⸗ bens, das ihn in ſich aufbewahrt, und das im Geſchrei und Gepränge des Außen immer zu ihm hinein⸗ blickt!— Wie erwärmt und erhebt den Sterb⸗ 180 lichen ein geliebter Unſterblicher, gleichſam ein über⸗ irdiſches Herz in einer Erdenbruſt.*) Troſt der Greiſce. Verzage nicht, edler Menſchengeiſt, wenn deine Kräfte ſich verdunkeln, weil dein Erden⸗ leib ſich vor den Jahren beugt und entfärbt und endlich niederlegt. In einer Sommernacht ſchim⸗ merten einſt die Blumen in ihrem Thau vor dem blendenden Monde, jede mit ſilbernen Perlen ge⸗ ſchmückt; als der Morgen nahte, wurden ſie trübe, die Perlen verloren den Glanz, denn der Mond erblich und ging unter, und nur kalte Thränen blieben in den Blumen. Siehe! es ging die Sonne auf; da glänzten die Blumen wieder, aber Ju⸗ welen ſtatt der Perlen ſpielten in ihnen, und ſchmückten den neuen Morgen.—— Auch dir, o Greis, wird künftig eine Sonne aufgehen und deine verdunkelten Thautropfen verklären. *) Ein Menſch, der einen unerſetzlichen Verluſt fortliebend in ſich tragen muß, erhält gegen einen jeden andern, abey Glücklichern, eine höhere Stellung im Handeln. 181 Unverlierbarer Seelenadel. Es gibt einen Seelenadel, deſſen der Glück⸗ liche, dem er angeboren iſt, ſich nie entſetzen kann, ſelbſt durch ein Leben voll Verirrung, und immer werden ihn Glanzſpuren davon, ſogar in den heiße⸗ ſten Tagen der Jugend und in den froſtigſten und eigennützigſten des Alters, von gewöhnlichen See⸗ len in ihrem Fallen und ihrem Steigen unterſchei⸗ den, ſo wie ein mit wenigen Goldblättchen um⸗ legter Kupfer- oder Silberſtab immer mit dem Golde bedeckt erſcheint, werde er auch durch im⸗ mer engere Löcher dünner gezogen und meilenlang ausgedehnt. Sittliche Vollendung. Der Triumphbogen der Sittlichkeit iſt ein Regenbogen, durch welchen noch kein Sterblicher gezogen, und den keiner über ſeinem Haupte ge⸗ habt, einer ausgenommen, der aber ſelber als Sonne unter den Wolken ſtand. Wärmce⸗ und Kälte⸗Entwicklung aus andern Menſchen. Wie wenig braucht der Menſch Wärme oder Kälte, um ſie dem andern mitzutheilen, und ſich oder ihn heiter oder trübe zu machen. Der Morgen wandelt Reif zu Thau, der Abend Thau zu Reif. Menſch, willſt Du der Morgen oder der Abend ſein, unter Edelſteinen oder auf Schnee wandeln? 183 ——»—————————— ℳ—ℳ—ͤ——OA Ernſte Ausſchweife de s zweiten Vorkapitels. Der Menſch ohne Poeſie. Der Menſch, welcher das Leben blos mit dem Verſtande ohne Poeſie genießt, wird ewig ein nothdürftiges mageres behalten, wie glänzend auch das Geſchick daſſelbe von außen ausſtatte; es bleibt einem Herbſt voll Früchte, welchem der Zauber der ſingenden Vögel fehlt, oder den großen nordame⸗ rikaniſchen Wäldern ähnlich, welche todt und trübe ſchweigen, von keiner Singſtimme beſeelt. Wohnt aber ein poetiſcher Geiſt in dir, der die Wirklich⸗ keit umſchafft— nicht für andere auf dem Pa⸗ pier, ſondern in deinem Herzen— ſo haſt du an der Welt einen ewigen Frühling; denn du hörſt unter allen Gipfeln und Wolken Geſänge, und „ 184 ſelbſt wenn das Leben rauh und entblättert weht, iſt in dir ein ſtilles Entzücken, von welchem du nicht weißt, woher es kommt; es entſteht aber wie das ähnliche in den blätter- und wärmeloſen Vorfrühlingen des äußern Wetters, von den Ge⸗ ſängen im Himmel. Einſamkeit der Menſchenſeele. Wenn du in der Schlacht, wo Tauſende mit dir wirken und ſtürmen, mitten in der blitzenden donnernden Menſchenwelt ſtehſt und mitglüheſt: ſo ſiehſt du keine Einſamkeit, ſondern eine ganze Menſchheit um dich;— und doch iſt eigentlich niemand bei dir als du. Eine einzige Bleikugel, welche als ein finſterer Erdball in deine Himmel⸗ oder Gehirnkugel dringt, wirft das ganze Schall⸗ und Feuerreich der Gegenwart um dich fern hin⸗ unter in die Tiefe, du liegſt als Einſiedler im Ge⸗ tümmel, und hinter dem zugeſchloſſenen Sinne ſchweigt die Welt; dieſelbe Einſamkeit umſchließt dich, ob dir in der entlegnen Waldhütte oder auf dem Pracht⸗ und Trommelmarkte des Todes die 4 185 Sinnen brechen. Neben dir bluten die andern Einſiedler, jeder in ſeiner zugebauten Kerkerwelt. — Wenn aber auf dieſe Weiſe, was aus der Fer⸗ ne als Menſchenbund geſehen, in der Nähe nur eine Menſchentrennung wird, und ein Einſiedler⸗ heer ein unaufgelöster Nebelfleck zuſammenfließen⸗ der Sonnen iſt, welche in der Wahrheit ſich von einander durch Weltenräume ſcheiden;— und wenn dieſes, was für die Prunkſtätten des Lebens gilt, eben ſo für jede andere Stätte gilt: iſt dann nichts vorhanden, damit der Einzelne nicht ein⸗ zeln bleibe, ſondern ſich zu einem Ganzen und Großen vereine? Ja, ein Weſen lebt in Ewig⸗ keit, das alle Weſen zugleich bewohnt und beher⸗ bergt, und ſo alle einander ſelber zunähert. Wir ſind Sennenhirten, jeder auf ſeiner Alpenſpitze, fern vom andern, aber der Geſang geht zu den Hirten über die Abgründe hinüber und herüber, und wohnt und ſpricht von Berg zu Berg in den⸗ ſelben Herzen auf einmal. So ſind wir Alle nicht allein, ſondern immer bei dem, der wieder bei al⸗ len iſt, und in welchem alle von innen, nicht von außen zuſammenſließen; und dieß iſt Gott, durch den allein das Große und Liebe wird, was in der 186 Welt Größe und Liebe ſcheint.— Und ſo bleibt denn auch nicht einmal unſere letzte, dunkelſte, ver⸗ ſchloſſenſte Minute einſam. Der Athei ſt. Der Läugner einer lebendigen Gottheit muß, da er unmittelbar blos mit dem Weſen ſeines In⸗ nern umgehen kann, ſobald ihm das Höchſte dar⸗ unter unſichtbar geworden, in einem ſtarren tod⸗ ten All daſtehen, eingekerkert in die kalte, graue, taube, blinde, ſtumme, eiſerne Nothwendigkeit, und wahrhaft iſt für ihn nichts mehr rege als ſein flüchtiges Ich. So ſteht der Wanderer auf den Eismeeren und den Eisbergen der Schweiz, rund⸗ um Stille— nirgends ein Weſen, das ſich be⸗ wegt— alles ſtarrt unabſehlich weit hinaus— nur höchſtens zieht zuweilen ein dünnes Wölkchen hinauf und ſcheint ſich zu regen in der unermeßli⸗ chen Unbeweglichkeit. Ja, wenn er Gott verlo⸗ in Unglück und Sünde zugleich gerathen iſt: ſo gleicht ſeine Einſamkeit jenem andern, faſt der ren aus ſeinem Glauben, und vollends noch dazu 182 bloßen Vorſtellung zu ſchmerzhaftem Alleinſein ei⸗ nes in ſeiner Holzhütte zur Hinrichtung angeket⸗ teten Brandſtifters, welchen Holzhaufen immer höher und breiter umbauen und einſchichten, und der nun in der Hütte ganz einſam das Heranbren⸗ nen zum Sterben an der Kette erwartet. Der Diſchter. Seh' ich im Gedichte den Dichter nicht als Menſchen, ſagt der eine, ſo ſind mir alle ſeine Spieglungen des Großen bloße Vorſpieglungen. Und ſeh' ich, ſagt der andere, im Gedichte nichts weiter als den lebendigen Menſchen, der es ge⸗ macht: ſo hab' ich ſein Gedicht nicht nöthig, denn die Alltäglichkeit ſteht auf allen Märkten feil. Aber der rechte Dichter vereinigt beide, weil das Ge⸗ dicht ein Strom iſt, der wol den Boden zeigt, worauf er fließt, aber ihn durchſicht macht und unter ihm in einer größern Tiefe, lals er ſelber hat, den unergründlichen Himmel anheite⸗ und ſpiegelnd ihn mit dem obern verwölbt. ☛-ᷣͦOͦq9gFfFPVHNHR— 188 Geiſtige Erhabenheit des Berges. In der Ebene iſt der Berg erhaben, auf die⸗ ſem wird es jene. Man braucht freilich auf kei⸗ nen Maſtbaum zu ſteigen, um die Ebene des Mee⸗ res erhaben zu finden, aber das Meer gewinnt ſeinen Vorzug der Erhabenheit vor der Ebene, theils durch die größere Ausdehnung, theils durch ſeine Beweglichkeit, welche die Wogen zu Millio⸗ nen Gelenken Eines unermeßlichen Rieſen beſeelt. Eine unabſehliche Ebene vergeiſtigt ſich erſt durch die Ferne zu einem verbundenen Ganzen, und durch die Wohnungen der Menſchen zu einem le⸗ bendigen.— Ein Berg gewinnt erſt durch die Ferne ſeine Erhabenheit, in der Nähe wäre ein hochſteiler blos eine Aufeinanderbauung von Thür⸗ men, und ihm gingen zu ſeiner romantiſchen Größenmeſſung der wagrechte Maßſtab und die Wolken unter ſeinem Gipfel ab.— Romantiſch erhaben iſt eigentlich weniger der Verg, als das Gebirg; nur dieſes ſteht als die lange Garten⸗ mauer vor fernen länderbreiten Paradieſen da, und wir ſteigen mit der Phantaſie aus unſerm be⸗ engten Bezirk hinauf auf die Scheidewand und ſchauen hinunter und hinein in das ausgelegte Länder⸗Eden. Stehſt du jedoch ſelber wirklich auf der Scheidemauer zwiſchen deinem Lande und dem fernen: ſo verklären ſich auf dem Tabor der Höhe beide zuſammen und deines ſchimmert als Vergangenheit und das ferne als Zukunft hinauf, und nichts iſt kalt und kahl als der Boden unter deinen Ferſen.— Aber warum bewegen und er⸗ heben uns ferne Waldungen viel weniger als Ge⸗ birge? Ja, warum, wenn dieſe das Herz aus⸗ dehnen, ſchränken jene, obwol auch Höhen, es zuweilen ein?— Rücke und tauche die Wälder nur tief und fern genug unter den Geſichtskreis, daß ſie als niedrigere Wolkenſtreifen ſich hinzuzie⸗ hen ſcheinen: ſo üben ſie, wie ſogar die Ebene, die Zaubermacht der Ferne aus. Näher hingegen herangeſtellt, ſo hebt der Wälderzug die Seele nur wenig, aus vielen zuſammenwirkenden Ne⸗ Bvenumſtänden, z. B. weil er zu keiner beſtimm⸗ ten Gipfelhöhe ſich ſchließt— weil alſo die Phan⸗ taſie ſich auf keine zum Umherblicken begeben, ſon⸗ dern ſich in die enge Tiefe verſenken, und darin nur zerſtreute Menſchen, Köhler, Jäger, Diebe finden kann— weil er uns nur mehr mit der 190 Länge erſcheinen kann, welche ohne die erhebende romantiſche Breite nur eine undurchſichtige dünne Baumlinie iſt. Hingegen ſieht wieder ein Thurm, der aus der an ſich nicht erhabenen Waldung dringt, uns romantiſch⸗erhebend an— was er auf einem Berge nicht thäte—; aber wie viele Stralen brennen hier zu Einem Punkte zuſam⸗ men! Eine, in einen Wald verhüllte, von ihm umgitterte und beſchattete Sammlung von Men⸗ ſchenherzen— die lange Waldung wieder als be⸗ herrſchter Garten an die Gemeinde gedrängt— der Thurm als offner, lichter Sonnenweiſer des aus dem Schatten herauf betenden Seelenbundes — die aufgedeckte Geſelligkeit in der Waldwüſte — das Sehnen der Verſchatteten nach uns, das in uns wieder zu einem nach ihnen wird—— und Himmel! wie viele andere Farbenpunkte mögen ſich noch erſt heimlich in einander verfließen, bis ſie uns zu einem erhabenen Gemälde werden!— So wäre eine Größenlehre der Phantaſie zu ſchreiben eben ſo unerſchöpflich als die mathema⸗ tiſche— wenn man die äſthetiſchen Größen auf neue Weiſen gruppierte und darüber die Ausſprü⸗ che des Gefühls vernähme und aufnähme. —— 191 ——ℳðℳ——-:——ℳ——— Ernſte Ausſchweife d e s dritten Vorkapitels. Annahme ſittlicher Unarten. Manche ſchöne richtige Handſchrift bei Jünglin⸗ gen und Jungfrauen fand ich nach Jahren voll verzerrter, unleſerlicher, ausſchweifender Buch⸗ ſtaben; und nichts war daran Schuld— Nach⸗ läſſigkeit am wenigſten— als die drei Dinge, daß die Schreiber recht viel, folglich recht eilig und abgekürzt, ſchrieben; daß ſie aus Vorliebe für manche Buchſtaben dieſe recht ausſchweiften, und dabß ſie endlich ſich nicht in ihre eigne Unleſerlich⸗ keit hinein zu denken vermochten.— Iſt es viel anders, wie manche ſchöne Seele in ihre Unarten 192 geräth? Die häufige Wiederkehr derſelben Ver⸗ hältniſſe— die Eiligkeit ihrer Behandlung und Abfertigung— die Vorneigung zu gewiſſen Aeuße⸗ rungen— und das Unvermögen, ſich ſich ſelber un⸗ ähnlich zu finden, und das allmähliche Abarten von ſich wahrzunehmen, dieſes Urſachen⸗Drei kann machen, daß ein ſanfter Menſch ohne ſein Wiſſen ein auffahrender wird, oder ein großmü⸗ thiger ein karger u. ſ. w. Jacobi, der Dichter und Philoſoph zugleich. Man zeige mir nur den zweiten Schriftſtel⸗ ler, deſſen Herz ſo trunken nach Liebe dürſtet und von Liebe überquillt, indeß zu gleicher Zeit ſein Geiſt ſo ſcharf einſchneidet und ſo philoſophiſch die Welt abſchält, und das eigne Herz dazu?— So gab uns dieſer Unvergeßliche Liebe und Wahr⸗ heit auf einmal, und glich dem Magnete, welcher ſowol anzieht und trägt, als am Himmel orien⸗ tiert und zeigt als Kompaß. Die leidenden Kinder. Die Kirche nennt die Kinder als die erſten Märterer des Chriſtenthums, nämlich die von Herodes ermordeten. Aber noch ſind die armen Kinder die erſten Märterer in der Weiſe, wie man ihnen das Chriſtenthum predigt— ferner in der Ehe zwiſchen phyſiſch⸗ oder zwiſchen moraliſch⸗ kranken Gatten— und die Märterer der meiſten Kenntniſſe.— O ſchafft die Thränen der Kinder ab! Das lange Regnen in die Blüten iſt ſo ſchädlich! 194 Anſchauung der Größen und der Klei⸗ nigkeiten der Erde auf verſchiedenen Standpunkten. Wie die Seele ſich erhebt, verkleinert ſich ihr das Gepränge des Lebens, die Höhen der Geſell⸗ ſchaft und alles, wovor die Menge kniet und er⸗ ſchrickt. Das Geringfügige aber nimmt der ge⸗ hobene Geiſt liebender wahr, das Wiederkommen⸗ de, die kleinen Freuden und Ehren und Ziele des Lebens, ohne ſich ſelber in ſie zu verlieren. So wiederholt ſich hier geiſtig das Körperliche, daß dem Menſchen auf einem hohen Gebirge die Höhen ſich erniedrigen, aber dagegen die Thäler ſich aus⸗ breiten. 195 Staatsleute. Nichts wird ihnen ſchwerer, als den Unter⸗ ſchied zwiſchen mechaniſchen und organiſchen Kräf⸗ ten im Körperreiche zu übertragen ins Geiſter⸗ reich, und als denſelben durchgreifenden anzuer⸗ kennen; und zwar darum, weil ſie Gewalt und Geſinnung nicht ſcheiden, ſondern ſich einbilden, da Geſinnung Gewalt gibt, ſo gebe Gewalt Ge⸗ ſinnung. Seht, mitten in dem weichen, ſüßen Pfirſich ſetzet ſich die Steinhülſe des Kerns zu⸗ ſammen; und dieſen Stein ſchält nicht der Druck, ſondern das ſanfte Treiben des Keims. So bildet im Staare die öffentliche Meinung eine Gewalt, wel⸗ che die Keime der Zukunft beſchirmt, und die nicht zu durchbrechen iſt. — Politiſches Gleichnis, und Gegen⸗ gleichnis. „ Es i Bicchergeſchwß„ ſagte ein Staats⸗ mann—& daß in England oder in Nordamerika & die, Meinung des Volks, oder gar ein Geiſt der 8 Zeit, Regierende beherrſchen kann und ſoll. 6 Das Wort des Herrſchers treibt oben allmäch⸗ «tig, wenn er will, das Ganze, und ſogar wi⸗ sder den Volts⸗Strom; denn wie will dieſer « Strom, nenne man ihn Geiſt der Zeit, oder Meinung des Volks, entgegenſtrömen, gleich⸗ 4 ſam entzwei getheilet und ſich ſelber bekämpfen «und beherrſchen. Da blickt das Schiff an, Staat iſt ja ein Admiralität⸗ und Kriegſchiff «und ein Kirchenſchiff zugleich, und ſeht zu, ob «dieſes Schiff je ohne Hülfe von oben, nämlich «ohne den Wind und die Segel, die ihn auffan⸗ sgen, und ohne den Maſtoͤaum dazu, jemals « durch und gegen das Waſſer kann getrieben wer⸗ &den. y Wäh rend der Rede kam ein wunderbares Schiff dem Hafen zugeflogen, ohne einen Maſt⸗ baum und ohne Segel, mit einer gefährlich rau⸗ 197 chenden hohen Feuermauer, geradezu gegen den Wind und wider Wellen treibend; und der Mini⸗ ſter fragte, was iſt aber dieß für ein Haus, das ſich ordentlich ſelber bewegt und verrückt, und das noch dazu in Feuergefahr kommen kann? Zum Glücke ſtand ein Gegengleichnismacher neben ihm und konnte verſetzen:& Ein Dampf⸗ gſchiff iſts; Waſſer wird durch Waſſer, das «mit Feuer im Bunde ſteht, beſiegt und be⸗ «herrſcht— keine Winde ſind nöthig, blos Rä⸗ «der, welche an den gewaltigen Dämpfen umlau⸗ afen, und keine Ruder ſind nöthig, als das ſtille « Steuerruder. Dieſe Macht eines, durch bloßes « Feuer entbundnen Waſſergeiſtes, ſcheint über das «Waſſer faſt ſo vermögend zu ſein, als die Macht des Zeitgeiſtes über das Volk. Dieſes war das Gegengleichnis. 198 Kanonieren bei Geburt und Be⸗ gräbnis. Die Fürſten kündigen ihr Ankommen, wie ihr Abgehen— es ſei nun von Städten oder vom Leben die Rede— durch Kanonen an, alſo durch Mord⸗ und Blutzeichen. So bezeichnet die Sonne ihren Aufgang und ihren Untergang in den Wol⸗ ken mit keiner andern von den ſieben Lichtfarben, als mit der rothen. 199 ————————-—-:¶:ͤ́—́—Vêéßééé́é—-————ͤ-:A-— B— Ernſte Auoſchweife d e 3 vierten Vorkapitels. Der unverwelkliche Brautkranz. Roſa hatte am Brauttage ihren Geliebten ſter⸗ ben ſehen, aber ein ſanfter Wahnſinn kam zu ihr und wurde ihr Tröſter. Sie ſuchte jeden Tag weiße Blumen zu einem Kranze und ſtellte ſich damit geputzt auf ſein Grab, und blickte umher und ſagte: er wird ſchon kommen, wenn er mich im Mondſchein mit dem Brautkranz ſieht, und wird mich heimführen.— Sie ging den ganzen Tag mit den weißen Blumen herum, wurde aber ſehr betrübt, wenn ſie Abends welkten und Blät⸗ ter fallen ließen.«Er kommt blos nicht, weil a mein Brautkranz nicht hälty, ſagte ſie, und nahm ſtatt der Lilien weiße Roſen; aber auch ih⸗ ne filnatterten Blätter davon, wenn ſie auf dem Grabe ſtand und ihm entgegen ſchauete, und ſie ſagte:&s wollen nur die Dornen bleiben und der «Geliebte wird nicht kommen.„ Da ſuchte eine Freundin ſich ihres Irrthums zu erbarmen und ſpielte ihr ſtatt der wahren Ro⸗ ſen ſeidene, mit einem Tröpfchen Roſenöl beſeelt, in die Hand. Sie trug nun den ganzen Tag ei⸗ nen Roſenkranz, woraus kein Blättchen entfiel, und ſtellte ſich Abends mit froh⸗ zitterndem Her⸗ zen recht früh auf den Hügel und blickte umher und ſagte:«Heute kommt er gewiß, gewiß; denn mein Brauttranz hält.» Sie ſtand im ſeligſten Vertrauen und Umherblicken ſo lange, bis ſie er⸗ mattet, aber nicht verzagend, zum Halbſchlum⸗ mer niederſank. Als endlich der Vollmond auf⸗ ging und mit ſcharfen Stralen ihre Augen traf: da fuhr ſie entzückt zuſammen, und griff nach dem Roſenkranze und ſagte: ſiehſt du meinen Braut⸗ kranz, Geliebter? Und ſie ſank unter im Won⸗ nemeere der Freude und ſtarb. 201 Erſtarkung der milden Jungfran. Bringt das zu weiche, biegſame Herz in die Ehe, und gebt ihm Kinder: ſo wird es euch un⸗ erwartete Kräfte des Widerſtandes zeigen, und ſtatt des jungfräulichen Gehorchens, vielleicht Be⸗ fehle. Im ſüßen Fleiſche des Pfirſichs bildet der Kern eine beſchirmende Steinrinde um ſich; und nicht dem äußern Schlage, blos dem warmen, linden Drucke des Keimes von innen, gibt der harte Panzer nach und thut ſich auf. 202 Weibliche Reize in der Ehe. Mit bloßen Reizen, leiblichen oder geiſtigen, in der Ehe zu feſſeln hoffen, ohne das Herz und hne die Vernunft, welche allein anknüpfen und feſthalten, heißt, eine Blumenkette oder einen Blumenkranz aus bloßen Blumen ohne ihre Sten⸗ gel machen wollen. —. 203 222—— V⁊ãõAnn—A Ernſte Ausſchweife de s fuͤnften Vorkapitels. Die prophetiſchen Thautropfen. Ein zu weiches und weiſes Kind beklagte an ei⸗ nem heißen Morgen, daß die armen Thautropfen gar nicht lange auf den Blumen hätten funkeln dürfen, wie andere glückliche Thautropfen*), die die ganze Nacht unter dem Monde leben und blin⸗ ken und noch am Morgen bis zu Mittag in den *) Verfliegt der Thau ſogleich bei Sonnenaufgang: ſo kommt Nachmittags Regen und Gewitter. Bleibt er lange fun⸗ kelnd liegen: ſo bleibt der Tag hell. 204 Blumen fort glänzen; die zornige Sonne, ſagte das Kind, hat in ihrer Hitze ſie aus den Blumen getrieben, oder ſie gar verſchlungen. Da kam an dieſem Tage ein Regen mit einem Regenbogen, und der Vater zeigte hinauf:&Siehe, droben ſte⸗ «hen deine Thautropfen im Himmel und glänzen Lin Pracht, herrlich neben einander geſellt, und &kein Fuß tritt mehr auf ſie; denn merte, mein „ Kind, vergeheſt du auf der Erde, ſo entſteheſt du im Himmel, ſagte der Vater; aber er wußte nicht, daß er weiſſagte; denn bald darauf ſtarb das zu weiche und weiſe Kind. — Der Dichter auf dem Krankenbette. Schon halb geſchieden vom Leben, lag der Dichter auf dem Siechbette und die Nacht war um ihn, nur am Himmel ſtanden die Sterne hell mit ihren entfernten Tagen. Einmal malte er ſich ſein Begraben aus ſammt den Thränen, welche ſtrömen würden, wenn die Glocken, die bisher ihn und ſeine Liebenden nur zu froh⸗ und zu weh⸗ milden Gängen begleitet und gerufen, auf einmal die Liebenden zu einem letzten Gange ohne ihn, rufen und leiten würden: da wurde er durch das zukünftige Leichengeläute zu weich und matt und ſich ſelber zu wichtig. Auf einmal fing mitten in der Nacht ein Geläute aller Glocken an und ihm war zugleich, als ſtreife erſchütternd etwas über und durch ihn. Ein Angſtgeſchrei kam: es iſt ein Erdbeben und läutet die Glocken.— Nun ſchämte ſich der Dichter ſeiner vorigen Trauer und er er⸗ hob ſein Herz und ſagte: Wenn die Erde zerreißt und eine Welt ſelber und tauſend Bewohner zu Grabe läutet: wer biſt denn du, daß du aus dem 206 Leichengeläute eines kleinen weggeflogenen Weſens etwas machſt?— Aber die Erderſchütterung hatte heilend den Kranken berührt, und ſeine Todten⸗ glocke wurde noch nicht gezogen. ——— ——— Der Regenbogen über Waterloo's Schlachtfeld. Als endlich ſtatt der Mordgewehre nur noch die zerriſſenen Glieder rauchten, und ſtatt der Käm⸗ pfer nur noch die Verwundeten gehört wurden, ſich nichts mehr bewegte als die Zuckung, und als der Tod ſein meilenlanges, niedergeſchnittenes Ern⸗ tefeld anſah, das Durcheinanderſterben der Men⸗ ſchen und Thiere auf Einem Lager: ſo erſchien in Morgen ein Regenbogen, als wolle der Him⸗ mel die blutige Erde mit dem linden Verbande aus Farben umſchließen.— Für die brechenden Au⸗ gen war der Ehrenbogen in Morgen hingeſtellt mit ſeinen Blumenfarben und mit dem Himmel⸗ blau und mit dem Erdengrün und mit dem Mor⸗ genroth; der Siegerkranz, vom Himmel gereicht, und halb von der Erde verdeckt; der halbe Zirkel der Ewigkeit, in welche das Herz zieht, wenn es ſich verblutet hat. 208 Das Gefühl bei dem Tode großer Menſchen. Die Ewigkeit hat Großes, die Vergangen⸗ heit hat große Menſchen genug, und die Zukunft ihrer noch mehr; aber wie wenige hat immer jede Gegenwart, die ſchmale Erdzunge zwiſchen den beiden Geiſterweltmeeren. Man kann in einem erlaubten Sinne ſagen, der Untergang einer be⸗ völkerten Häuſerzahl durch Erdfall und Waſſer⸗ ſturz wiege in der geiſtigen Welt oft weniger, als der Untergang eines Kraftmenſchen, der, wie alles Große, eigentlich nur Einmal erſcheint; da⸗ her der Beiname des Einzigen bei Friedrich II. ſo überflüſſig, ja zweideutig geweſen. Wenn wir erleben müſſen, daß wahre ausgezeichnete Geiſter hinter einander ſterben: ſo ekelt uns das Leben an, die Erde wird uns zur Waiſe, und man glaubt einſam ohne Vater zu ſein, weil ſie nun ihre großen Gedanken, die wir nicht kennen, nicht mehr unten bei uns denken. Als Herder ſtarb, harte der Verfaſſer—, und er hofft, noch man⸗ 209 cher Deutſche— ein Gefühl, wie es den Reiſen⸗ den auf dem höchſten Gebirge faßt, drückt und hebt, wenn vor ihm unten die Erde als eine ver⸗ floſſene Nebel⸗Ebene und als ein verſtummter Schauplatz liegt, und über ihm der Himmel ſchwarzblau ohne ein Leuchtwölkchen ſteht, aber ihn aus dem dunkeln Abgrunde blitzend anſchauet, blos mit einer einzigen, ſcharfen, kalten Sonne.— Denn ſo ſtehet das Auge eines aufgeſtiegenen Ge⸗ nius in der Ewigkeit und ſieht uns an...... Unſer noch ſo junges neunzehntes Jahrhun⸗ dert ſcheint für uns Deutſche das Sterbejahr des vorigen zu ſein, wenigſtens das der Großen, die uns Dichter oder Weltweiſe waren; denn geboren, d. h. erſchienen, iſt uns aus den in einander faſ⸗ ſenden Enden beider Jahrhunderte noch kein Er⸗ ſatz.— Aber wozu die ganze Betrachtung, oder überhaupt jede Trauer um verlorne Geiſter, zu welchem Nutzen?— Zum Nukzen derer, die wir noch haben, indem wir nämlich unſere Trauer durch das Schonen und Achten der Genien aus⸗ drücken, welche entweder als neue Himmelkörper I. 14 8½ 210 ihren Bogen mit dem wachſenden Lichte hinaufſtei⸗ gen, oder als alte den ihrigen ſchon hinunterge⸗ hen und nur noch kaltes Licht auf die früher von ihnen gewärmte Erde werfen. 211 Alte und neue Staaten. Die neuen Staaten, weniger auf einem ethi⸗ ſchen Wurzelgeflechte als Ganzes ruhend, verlan⸗ gen tägliche Nachhülfen und Erinnerungen zum Gedeihen, und ſind einträgliche Gemüßgär⸗ ten, die in jedem Jahre neu gepflanzt werden; aber die alten Staaten ſind Obſtgärten, die, einmal angelegt, von Jahr zu Jahr ohne neue Anſaat reifere Früchte geben und höchſtens das Be⸗ ſchneiden bedürfen. * 212„ 5———— ℳq:E2—ℳmR— Ernſte Ausſchweife de s ſechſten Vorkapitels. Die Wolthäter im Verborgenen. Ein Polymeter. Verhülle dich immerhin, wenn du blos wolthuſt. Auch dein Verhüllen iſt ein Wolthun. So glei⸗ cheſt du den Cherubim des Propheten, welche mit zwei Flügeln ihr Geſicht verdeckten und ihre Füße mit zweien; aber ein Flügelpaar ſtorckten fe aus und flogen damit. Di e Ki wch e n. Polymeter. Euch verdrießt, daß der Krieg in euere Tem⸗ pel die Verwundeten ſendet, als ob Wunden die Tempel entweihten. Stehen ſie ja den am Geiſte Schwerverwundeten offen, den Sündern und den Irren; und dieſe entweihen ſie leichter, als der matte Krieger mit ſeinem Blute. Leiden und Freuden. Da wir ein matteres Gedächtniß für Größe und Zahl der Leiden haben, als für Freuden: ſo vergeſſen wir mit ihnen leicht auch, welche Früchte uns ihre Stechpalmen getragen. Aber dieſe Früchte ſind vielleicht unſerem Kopfe noch unentbehrlicher als unſerem Herzen. Um alles zu lieben, die Men⸗ ſchen und das Große bis zum Kleinen hinunter, langt ein frohes Daſein ſchon zu; aber um alles zu ſehen, die Menſchen, das Leben und noch mehr ſich, dazu gehört Schmerz. 214 Das geiſtige Auge wird durch das körperliche vorgebildet, das die Thränenwege täglich befeuch⸗ ten müſſen, damit die Thränen ihm Beweglichkeit geben, die Lichtſtärke mildern, und aus ihm fremdartige und feindſelige Körper ſanft forttrei⸗ ben. Wir bemerken es nicht, daß wir eigentlich den ganzen Tag weinen— ich rede vom körper⸗ lichen Auge. Aber doch unterſcheidet die Leiden. Die ei⸗ ner ſchönen Seele ſind Maifröſte, welche der wärmern Jahrzeit vorangehen; aber die Leiden einer harten, verdorbenen ſind Herbſtfröſte, welche nichts verkündigen, als den Winter. Jede ſchwere Leidens⸗Laſt erſcheint uns als eine Niederdrückung und Verſenkung auf immer, als ein angehangener Grabſtein, welcher den Ver⸗ urtheilten in die Tiefe ziehen ſoll; aber vergeſſen wir denn„ daß die Laſten ſo oft nur Steine ge— weſen, die man Täuchern anhängt, damit ſie her⸗ abkommen zum Auffiſchen der Perlen, und dann „ bereichert aufgezogen worden? Die Freude fliegt als ein ſo ſchoͤn farbiger, ſchmei⸗ chelnder, nichts verletzender Goldfalter um uns; nur legt und läßt er ſo oft Eier zu gefräßigen Raupen zurück, welche viel und lange verzehren, bis ſie ſich wieder entpuppen zu leichten Gold⸗ faltern. Der Geiſt allein erſchafft die Zeit; nun wol, ſo miß deinen kürzeſten Tag der Freude mit einer Terzienuhr, und deine längſte Nacht des Trüb⸗ ſinns mit einer Achttaguhr. Großen Seelen ziehen die Schmerzen nach, wie den Gebirgen die Gewitter; aber an ihnen brechen ſich auch die Wetter und ſie werden die Wetterſcheide der Ebene unter ihnen. Wir verwundern uns nie über den Sonnen⸗ aufgang einer Freude, ſondern über den Sonnen⸗ untergang derſelben. Hingegen bei den Schmer⸗ zen erſtaunen wir über den Hyadenaufgang, aber den Untergang des Regengeſtirns finden wir na⸗ türlich. Himmel! was hat unſer Herz für eine ſeltſame Aſtronomie gelernt! im Wachen— es ſind die im Traume. * · 2 Es gibt noch ſüßere Freudenthränen als die 216 Daß die Menſchen ſich, ohne zu erröthen, über das Wetter beklagen und ärgern, iſt ein Be⸗ weis, wie die Empfindung die hellſte Einſicht über⸗ ſtimmt; es iſt blos eine Wiederholung der Lau⸗ ſanner Prozeſſe mit Raupen, und nicht einmal ſo gut als die alten Anklagen der zauberiſchen Wet⸗ termacher. Da jeder Nebelhimmel das Gebräude von Erde, Mond und Sonne iſt, und ſo unab⸗ änderlich entſteht, als die Nebelflecken des Stern⸗ himmels: ſo iſt es eben ſo viel Unſinn, wenn wir uns über unſere matte, bewölkte Sonne ärgern, als wenn wir über den noch mattern Sonnen⸗ ſchein der zahlloſen Milchſtraßen⸗Sonnen klag⸗ ten. In beiden Fällen wollen wir, daß ſich die Welten nach uns— nicht wir uns nach ihnen— richten, und der Meteorſtein ſoll auf ſeiner lan⸗ gen Reiſe nach der Erde ſtets durch ein Abbeugen (Clinamen) epikuriſcher Atomen einige Schritte von unſerem Scheitel anlanden; und wir zanken und tadeln, wenn es nicht geſchieht, indeß blos wir freie und vorausſichtige Weſen zu tadein ſind, daß wir die gezwungene äußere Natur nicht genug berechnen, oder auch hartnäckig mehr un⸗ ſern Wünſchen nachtraben, als den fremden Him⸗ 217 melzeichen folgen.*) Räumen wir nun uns eine ſolche Ungeduld über Wetterübel ein, alſo eine über das ganze, in einander verkettete Erdſyſtem: ſo läßt ſich ſchließen, wie wir uns vollends in die geiſtige Hitze und Kälte und Wärme der freien Menſchen fügen werden; denn niemand von uns bedenkt, daß er hier den alten Wetter⸗ Mißverſtand wiederholet, da wir erſtlich über fremde Geiſter⸗Freiheit unmittelbar gerade nicht mehr vermögen, als über fremde Körper⸗Noth⸗ wendigkeit, und da zweitens jene, ſobald ſie in dieſer erſchienen, nur eine neue Sklavin der Na⸗ tur mehr iſt. O das eigentliche große Unglück, das immer mit dir zugleich auch deine Mitbrüder trifft, er⸗ ſcheint nur ſelten, deſto öfter kehren deine Irr⸗ thümer und Fehler zurück und verdunkeln und er⸗ *) Eigentlich rechnet unſere Phantaſie nur die Ebene oder die . Nitte zwiſchen Oben und Unten, wegen ihrer alltäglichen Crſcheinung zur Körpernatur, in den Himmel aber und in die Erdtiefe, alſo in die Unſichtbarkeit, kann ſie die un⸗ ſichtbaren Geiſter der Willkür verlegen, und daher über Gewitter und über Erdbeben, wie über geiſtige Willkür⸗ lichkeiten klagen. 2ʃ8⁸8 kälten dein Leben. So wird der Erde die Sonne nur ſelten durch den Mond verfinſtert, aber deſto häufiger und verdrießlicher durch die eigenen Wol⸗ ken bedeckt. Kein Menſch krümmt ſich ſo feige zur Erde, daß er bekennt, er werde jeder Art von Schmer⸗ zen erliegen und gar keine bekämpfen und aus⸗ dauern. Nun aber dann, wenn du einmal kämp⸗ fen und trotzen willſt, ſo darfſt du kein Leiden ausnehmen, ſondern mußt dich gegen alle ſtellen, aus demſelben Grunde gegen größte, wie gegen kleinſte, und alles entweder durch Licht der Be⸗ ſinnung auflöſen, oder durch Verhärtung des Ge⸗ fühles aushalten, was da kommt, donnernde Wol⸗ ken und donnernde Menſchen, ein Gerſtenkorn im eigenen Auge, und einen Baſiliskenblick im fremden. Auch wär' es ja widerſinnig, wenn du nur gegen Bienenſtiche, aber nicht gegen Schlan⸗ genſtiche, dir bei der Venunft oder der Religion die Salben verſchriebeſt, oder dir von ihnen nur den verſtauchten Fuß, nicht den gebrochenen Arm zurecht drehen ließeſt.— Der Meiſten Leben gleicht dem Waſſer, das nur auf Einem Punkte Sonnenglanz hat und rund herum dunkel bleibt; 219 zieht nun ein Wölkchen über den Punkt, ſo iſt alles finſter gefärbt. Allein dein Leben gleiche lie⸗ ber dem Diamante, der von Natur auch blos auf Einem Punkte ſtralt, dem aber die Schnitte der Kunſt auf allen Seiten neue Lichtflächen geben, ſo daß er nirgends finſter iſt. Bleibe denn nicht blos in Einer Lage heiter, ſondern, wie auch das Schickſal dich wende, und wo es dich verdecke, ſo könne fortleuchten. Traum über das All. Ich las die Betrachtungen*) über den ge⸗ meinen alten Irrthum, welcher den Raum von einer Erde und Sonne zur andern für leer anſieht, und vollends den ungeheuern von Sonnenſyſte⸗ men und Milchſtraßen zu nächſten. Die Sonne füllt mit allen ihren Erden von dem Raume zur näch⸗ ſten Sonne nur das 3,1419,460,000,000,000 te *) Krüger in einer vortrefflichen Abhandlung im Archiv der Entdeckungen aus der Urwelt, von Ballenſtedt. B. 1⸗ Heft 1. 220 Theilchen aus. Himmel! dacht' ich, welche Leer⸗ heit ertränkte das Al, wenn nichts voll wäre, als einige ſchimmernde, verſtäubte Stäubchen, die wir ein Planetenſyſtem nennen. Dächtet ihr euch das Weltmeer ausgeſtorben und lebenleer, und die bevölkerten Inſeln ſo groß wie Schneckenhäuſer: ſo beginget ihr doch einen viel kleinern Irrthum des Maßes, als der über die Welt⸗Leere iſt; und die Seegeſchöpfe begin⸗ gen einen noch kleinern, falls ſie das Lebendige und Volle nur im Meere fänden, aber über die⸗ ſem den hohen Luftkreis für einen leeren unbe⸗ wohnten Raum anſähen. Wenn(nach Herſchel) die fernſten Milchſtraßen in einer Weite von uns liegen, daß ihr Licht, das heute in unſer Auge kommt, ſchon vor zwei Millionen Jahren ausge⸗ gangen, ſo daß ganze Sternenhimmel ſchon er⸗ loſchen ſein könnten, die wir noch fortſchimmern ſehen: welche Weiten und Tiefen und Höhen im All, gegen welche das All ſelber ein Nichts würde, wär' es von einem ſo weiten Nichts durchzogen und zuletzt umfaßt!— Aber können wir denn ei⸗ nen Augenblick lange die Kräfte vergeſſen, welche ab⸗ und zuſtrömen müſſen, damit nur die Wege 221 zu jenen fernſten Weltküſtenz unſern Angen ſchiff⸗ bar werden? Könnt ihr die Anziehkraft auf eine Erde oder Sonne einſperren? Durchſtrömt nicht das Licht die ungeheuern Räume zwiſchen der Erde und dem fernſten Nebelfleck? Und kann in die⸗ ſem Lichtſtrömen nicht eben ſo gut eine Geiſter⸗ welt wohnen, als im Aethertropfen des Gehirns dein Geiſt? Nach dieſen und ähnlichen Betrachtungen kam mir nun folgender Traum: Mein Körper— ſo träumte mir— ſank an mir herab und meine innere Geſtalt trat licht her⸗ vor; neben mir ſtand eine ähnliche, die aber, ſtatt zu ſchimmern, unaufhörlich blitzte.&Zwei Ge⸗ s danken,y ſagte die Geſtalt,« ſind meine Flügel, «der Gedanke Hier, der Gedanke Dort; und Cich bin dort. Denke und fliege mit mir, damit Lich dir das All zeige und verhülle.» Und ich flog mit. Schnell ſtürzte ſich mir die Erdkugel hinter dem reißenden Aufflug in den Abgrund, nur von einigen ſüdamerikaniſchen Sternbildern bleich umgeben, und zuletzt blieb aus unſerm Himmel nur noch die Sonne als ein Sternlein mit einigen Flämmchen von nahe gerück⸗ 222 ten Kometenſchweifen übrig. Vor einem fernen Kometen, der von der Erden⸗Sonne kam und nach dem Sirius flog, zuckten wir vorüber. Jetzo flogen wir durch die zahlloſen Sonnen ſo eilig hindurch, daß ſie ſich vor uns kaum auf einen Augenblick zu Monden ausdehnen konnten, ehe ſie hinter uns zu Nebelſtäubchen einſchwan⸗ den; und ihre Erden erſchienen dem ſchnellen Fluge gar nicht. Endlich ſtanden die Erdſonne und der Sirius und alle Sternbilder und die Milchſtraße unſeres Himmels unter unſeren Füßen, als ein heller Nebelfleck mitten unter kleinen tieferen Wölk⸗ chen. So flogen wir durch die geſtirnten Wü⸗ 'ſten; ein Himmel nach dem andern erweiterte ſich vor uns, und verengerte ſich hinter uns— und Milchſtraßen ſtanden hinter einander aufge⸗ baut in den Fernen, wie Ehrenpforten des unend⸗ lichen Geiſtes.— Zuweilen überflog die blitzende Geſtalt mei⸗ nen müden Gedanken, und leuchtete, ferne von mir, als ein Funke neben einem Stern, bis ich noch einmal dachte: dort, und bei ihr war. Aber als wir uns von einem geſtirnten Abgrund in den andern verloren und der Himmel über unſern Au⸗ —— 223 gen nicht leerer wurde und der Himmel unter ih⸗ nen nicht voller, und als unaufhörlich Sonnen in den Sonnenozean, wie Waſſergüſſe eines Gewit⸗ ters in das Waſſermeer, ſielen: ſo ermattete das überfüllte Menſchenherz und ſehnte ſich aus dem weiten Sonnentempel in die enge Zelle der An⸗ dacht, und ich ſagte zu der Geſtalt: 4˙O Geiſt! Chat denn das All kein Ende?»— Er antwor⸗ tete:&Es hat keinen Anfang.» Aber ſiehe, auf einmal erſchien der Himmel über uns ausgeleert, kein Sternchen blinkte in. der reinen Finſternis;— die blitzende Geſtalt flog in ihr fort— zuletzt gingen auch alle Sternhim⸗ mel hinter uns in einen dünnen Nebel zurück, und ſchwanden endlich auch dahin.— Und ich dachte:&das All hat ſich doch geendigty— und nun erſchrak ich vor dem gränzenloſen Nachtkerker der Schöpfung, der hier ſeine Mauer anfing, vor dem todten Meer des Nichts, in deſſen bodenlo⸗ ſer Finſternis der Edelſtein des lichten All unauf⸗ hörlich unterſank; und ich fand nur noch die blitzende Geſtalt, aber nicht mich Einſamen, weil ſie mich unerleuchtet ließ. 224 Da antwortete ſie meiner ſtummen Angſt: « Kleingläubiger! Blick auf! Das uralte Licht akommt an.»y Ich blickte auf, ſchnell kam eine Dämmerung, ſchnell eine Milchſtraße, ſchnell ein ganzes ſchimmerndes Sternengewölbe; jeder Ge⸗ dande war zu lang für die drei Augenblicke. Seit grauen Jahrtauſenden war das Sternenlicht auf dem Wege zu uns geweſen, und kam aus den un⸗ ergründlichen Höhen endlich an.— Nun flogen wir, wie durch ein neues Jahrhundert, durch die neue Sternenkugel. Wieder kam ein ungeſtirnter Nachtweg, und länger wurd' es, eh' die Stra⸗ len eines entlegenen Sternhimmels uns erreichten. Aber als wir fortſteigend immer die Nächte abwechſelten mit Himmeln, und wir immer län⸗ ger eine Finſternis hinaufflogen, eh' unter uns g ein altes Sternengewölbe ein Fünkchen wurde und erloſch— als wir einmal aus der Nacht plötzlich vor einen Nordſchein zuſammenlodernder, um Er⸗ den kämpfender Sonnen traten, und um uns her auf allen Erden jüngſte Tage brannten— und als wir durch die ſchauderhaften Reiche der Wel⸗ tenbildungen gingen, wo überirdiſche Waſſer über uns rauſchten und weltenlange Blitze durch den Weſendunſt zuckten; wo ein finſterer, endloſer, bleierner Sonnenkörper nur Flammen und Son⸗ nen einſog, ohne von ihnen hell zu werden— und als ich in der unabſehlichen Ferne ein Gebirge mit einem blitzenden Schnee aus zuſammengerück⸗ ten Sonnen ſtehen und doch noch über ihm Milch⸗ ſtraßen als dünne Mondſicheln hängen ſah: ſo hob ſich und beugte ſich mein Geiſt unter der Schwere des All, und ich ſagte zur blitzenden Geſtalt: laſſ' ab, und führe mich nicht weiter; ich werde zu ein⸗ ſam in der Schöpfung; ich werde noch einſamer in ihren Wüſten; die volle Welt iſt groß, aber die leere iſt noch größer und mit dem All wächſt die Wüſte. Da berührte mich die Geſtalt, wie ein war⸗ mer Hauch, und ſprach ſanfter als bisher: c vor Gott beſteht keine Leere; um die Sterne, zwi⸗ «ſchen den Sternen wohnt das rechte All. Aber «dein Geiſt verträgt nur irdiſche Pilder des Ue⸗ &berirdiſchen; ſchaue die Bilder.„ Siehe! da wurden meine Augen aufgethan, und ich ſah ein unermeßliches Lichtmeer ſtehen, worin die Sonnen und Erden nur als ſchwarze Felſeninſeln verſtreuet waren, und ich war in, nicht auf dem Meere und nirgends erſchien Boden, 1. 15 226 und nirgends Küſte. Alle Räume von einer Milch⸗ ſtraße zur andern waren mit Licht ausgefüllt, und tönende Meere ſchienen über Meere und unter Meeren zu ziehen, und es war ein Donnern wie das der Fluth, und wieder ein Flöten wie von ziehenden Singſchwänen; aber beides vermiſchte ſich nicht. Das Leuchten und das Tönen überwäl⸗ tigte ſanft das Herz; ich war voll Freuden, ohne zu wiſſen, woher ſie zu mir kamen, es war ein Freuen über Sein und Ewigſein, und eine un⸗ ausſprechliche Liebe faßte, ohne daß ich wußte wofür, mich an, wenn ich in das neue Licht⸗All um mich ſah. Da ſagte die Geſtalt: & Dein Herz faßt jetzt die Geiſterwelt; für Aug' und Ohr gibts keine; ſondern nur die Kör⸗ «perwelt, in der ſie regiert und erſchafft. Nun sſchaue dein geſchärftes Auge, armes Menſchen, « kind; nun faſſe dein träumendes Herz!»— Und das Auge ſchaute zugleich das Nächſte und das Fernſte; ich ſah alle die ungeheuern Räume, durch die wir geflogen, und die kleinen Sternhimmel darin; in den leichten Aetherräumen ſchwammen die Sonnen nur als aſchgraue Blüten und die Er⸗ den als ſchwarze Samenkörner.— Und das träu⸗ —rõ — 222 mende Herz faßte; die Unſterblichkeit wohnte in den Räumen, der Tod nur auf den Welten.— Auf den Sonnen gingen aufrechte Schatten in Menſchengeſtalt, aber ſie verklärten ſich, wenn ſie von ihnen zogen und im Lichtmeer untergingen, und die dunkeln Wandelſterne waren nur Wiegen für die Kindergeiſter des lichten All.— In den Räumen glänzte, tönte, wehte, hauchte nur Le⸗ ben und Schaffen im Freien des All; die Son⸗ nen waren nur gedrehte Spinnräder, die Erden nur geſchoſſene Weberſchiffchen zu dem unendlichen Gewebe des Iſis⸗Schleiers, der über die Schö⸗ pfung hing, und der ſich verlängerte, wenn ihn ein Endlicher hob. Da, vor der lebendigen Un⸗ ermeßlichkeit, konnt' es keinen großen Schmerz mehr geben, nur eine Wonne ohne Maß und ein Freudengebet. Aber anter dem Glanze des All war die blitzen⸗ de Geſtalt unſichtbar geworden, oder nur heim⸗ gegangen in die unſichtbare Geiſterwelt; ich war mitten im weiten Leben allein und ſehnte mich. nach einem Weſen. Da ſchiffte und drang aus der Tiefe durch alle Sterne ein dunkler Weltkörper fliegend das hohe Lichtmeer herauf, und eine Men⸗ 228. ſchengeſtalt wie ein Kind ſtand auf ihm, die ſich nicht veränderte und vergrößerte durch das Nahen. Endlich ſtand unſere Erde vor mir, und auf ihr eein Jeſuskind; und das Kind blickte mich ſo hell und mild und liebevoll an, daß ich erwachte vor Liebe und Wonne.—— Aber nach dem Erwachen hatte ich die Wonne noch und ich ſagte: o! wie ſchön iſt das Sterben in der vollen leuchtenden Schöpfung und das Le⸗ ben!— Und ich dankte dem Schöpfer für das Leben auf der Erde, und für das künftige ohne ſie. 4 2 — 2—————* 3 r 4— AN 8 1 I