——— 2 7 34 —————— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. G 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe eſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurü gabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 8 für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— buener: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 M— Pf. 3 „ der Leſer zunn Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Aus ———— — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur v Ednard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 2 3 3. C(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———;——— auf 1 Monat: 1 Mk. Ff. 1 Nk. 50 Ff. 2 M. f u1 1 1„ u.— 1— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, Leſchanbte, ver⸗ lorene oder deſerte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer unn Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage ſeſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— Thorney-Hall. Geſchichte einer alten Familie. Von Holme Lee. Aus dem Engliſchen von — Carl Müller. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1857. Druck von Eduard Hallberger in Stuttgart. I. Jenes grüne Thal, an deſſen Sohle ſich die Ure hinſchlängelt, ein hübſches ſilberwogendes Flüßchen, iſt das ſogenannte Wensleydale. Das Dörfchen Thorney liegt halb verſteckt unter dem dichten, weit⸗ ſchattenden Laubdach jenes Hügels, welcher ſich im Norden des Thales erhebt, und von deſſen Spitze das alte Schloß Thorney⸗Hall herunterſchaut. Zur Rechten ſchweift der Blick unbeengt hinaus bis zum Städtchen Middleham, welches noch heutzutage die Trümmer ſeiner alten Burg überragen. Zur Linken er⸗ blickt man in größerer Nähe den ſogenannten Thorney⸗ Scaur, einen ſteilen Felſenkegel, deſſen ſpitzen Grat dunkle Föhrenwipfel krönen. Darüber hinaus ge⸗ wahrt man einen langen Zug niedriger Hügel, wel⸗ cher ſich in weiter Ferne verliert, ſo daß die Umriſſe der hinterſten Berge mit den Wolken des Horizonts verſchwimmen, von deſſen duftigem Schleier nur da und dort ein Faden weißen Rauchs ſich abhebt, um das Daſein eines im Duft der Ferne verlorenen Dorfes oder eines einſamen Maierhofes zu verrathen, deſſen Gebäude ſich hinter dem grünen Kranze von Laubwerk verſtecken. Der Garten von Thorney⸗Hall iſt nach Süden gelegen und ſchaut daher gerade nach dem Thale herunter, und auf dieſer Seite liegen auch die Wohn⸗ gemächer des Schloſſes. Das große Einfahrtthor mündet nach Weſten. Im Ganzen genommen ver⸗ liert dieſes ſtolze Gebäude, das aus der Ferne be⸗ ſchaut ſo majeſtätiſch ausſieht, bei näherer Unter⸗ ſuchung ſehr, und ſtellt ſich nur als eine Anhäufung von unregelmäßigen, und man möchte beinahe ſagen unzuſammenhängenden Gebäuden dar. Nur ſeine Lage, ſein alterthümliches Ausſehen und die präch⸗ tigen Bäume, welche es umgeben und zur Hälfte verſtecken, verleihen ihm ſeinen wahrhaft maleriſchen Charakter. Dieſes burgartige Herrenhaus iſt jedoch trotz ſeines kriegeriſchen Ausſehens eine behagliche, wohlunterhaltene und friedliche Wohnung. Vergebens würde man im feinen Sande der Allee, welche vom großen Außenportal(das Greifen als Schildhalter überragen) durch den Schloßhof bis zum eigentlichen Schloßportal führen, die Spur eines Wagenrades ſuchen. Die Raſenplätze zwiſchen den Gruppen ur⸗ alter Bäume ſind glatt und dicht wie Sammet, die Hecken von Lorbeer und Stechpalmen, welche die übereinanderliegenden Gartenterraſſen einfriedigen, ſind mit mathematiſcher Genauigkeit beſchnitten; und auf dem nicht bepflanzten Raum des Gartens ver⸗ ſchlingen ſich kleine, ſorgſam mit Buchs eingefaßte Pfade in tauſenderlei launiſchen Krümmungen. So iſt Thorney⸗Hall heutzutage.— Ganz an⸗ ders aber war es anzuſchauen ums Jahr 1775. Ralph Randal— oder der Squire Ralph, wie ihn ſeine Nachbarn vertraulich nannten— ließ es ſich 5 wenig angelegen ſein, um ſich her gehörige Ordnung zu erhalten. Unter ſo verſchwenderiſchem Haushalt zer⸗ bröſelte ſich die alte domäne von Tag zu Tag mehr. Ob den Thoren des Schloſſes kauerte das Verder⸗ ben, unbekümmert um die drohenden Geſtalten der ſpringenden Greifen, der Schildhalter, während drin⸗ nen im Schloſſe Tag und Nacht eine Schaar emſiger Gäſte und hungriger lärmender Schmarotzer an des Beſitzers Tiſche ſchwelgten und die alten Hallen vom Tumulte der Orgien und dem Getöſe der frivolen Trinkſprüche widertönten, und es buchſtäblich hieß wie in der alten Romanze: „Der Ritter trank, der Knappe ſoff, Der Jagdhund kaut am Troge.“ So ſaß dort das Verderben und verſchlang, Acker um Acker jene ſtolzen herrlichen Ländereien, welche ſeit ſechs Jahrhunderten in derſelben Familie geblie⸗ ben waren, und von Zeit zu Zeit zeigte es dem er⸗ ſchrockenen Squire auf der Schwelle des Bankettſaa⸗ les ſein leichenbleiches drohendes Geſicht. Eines Tages ſtarb der Squire und zwar ſehr plötzlich; er war mit ſeinen Hilfsmitteln am Ende und von einer ſchweren Kataſtrophe bedroht, und da überdies dieſem jähen Ende keine Spur von Krank⸗ heit vorangegangen war, ſo erſchien dieſer Todesfall nur um ſo räthſelhafter. Die Nachbarn ſprachen nur ungern und flüſternd davon. Das Gemach, worin der Squire verſchieden war, die ſogenannte öſtliche Stube, blieb verſchloſſen. Man ſetzte ſeine Leiche in der Gruft der Kirche von Thorney bei, wo ſie bei den Gebeinen ſeiner Vorfahren ruhte; allein die Beiſetzung geſchah, dem üblichen Brauche zuwider, ohne die mindeſte Feierlichkeit und beinahe hehlings. Ralph Randal hinterließ drei Kinder: eine Tochter in einem Alter und Charakter, wovon ſich annehmen ließ, daß ſie nicht mehr heirathen werde, und zwei Söhne aus einer zweiten Ehe. Miß Griſſell*) Randal erhielt ihr mütterliches Vermögen zugeſchieden; die beiden Jungen aber erhielten nichts. Man veräußerte ſtückweiſe die ungeheure Beſitzung und der Ertrag dieſes Verkaufs reichte kaum hin, um die von ihrem letzten Beſitzer ſeit langer Zeit aufgehäuften Schulden zu decken. Miß Griſſel er⸗ ſtand das alte Schloß, weil ſie hiedurch ihren Brü⸗ dern— wenigſtens in ſo lange, als dieſe deſſelben benöthigt ſein möchten— die Zufluchtsſtätte ihres Vaterhauſes ſichern wollte.. 8 Dieſer Umſtand kam dem Käufer der Mehrzahl der Grundſtücke von Thorney, Mr. Nevil, einem entfernten Verwandten der Randal, welcher unweit vom Schloſſe die Ruinen einer alten Abtei bewohnte, höchſt ungelegen. Er glaubte bei dieſer Gelegenheit einige Gegenbemerkungen und Vorſtellungen ſich er⸗ lauben zu dürfen, die ebenſo ſehr auf ſein Verlangen gegründet waren, das alte Schloß zu erwerben, wie auf das Unpaſſende und Abnorme für Miß Griſſell, daß ſie bei ihren beſchränkten Einkünften und be⸗ ſcheidenen Anſprüchen ein derartiges Anweſen be⸗ wohnen wolle. Seine Vorſtellungen fanden jedoch *) Diminutiv von Griſeldis oder Grishilde. 7 eine ebenſo kühe Aufnahme, wie die Mehrzahl der⸗ jenigen, welche man den einmal feſtſtehenden und wohlerwogenen Entſchlüſſen der Miß Griſſell entge⸗ genzuſetzen verſuchte. Sie war ein beſonnenes, ern⸗ ſtes, entſchloſſenes Frauenzimmer, anſcheinend wort⸗ karg und verſchloſſen nach außen, aber dabei doch reich an Gemüth und innerer Wärme und Weichheit; ſie handelte nicht eher, als bis ſie eine Sache nach allen Seiten erwogen hatte, und that nichts halb. — Als ſie erſt Beſitzerin des Schloſſes geworden war, brachte ſie daſelbſt in wenigen Tagen eine gänz⸗ liche Umwälzung zuwege: die zahlreiche Dienerſchaft ward verabſchiedet, die ausgedehnten Stallungen niedergeriſſen, die Staatsgemächer mit ihren verbli⸗ chenen Draperien und breſthaften Möbeln blieben ſtrenge verſchloſſen. Dagegen bekamen die ſeit vie⸗ len Jahren verwahrlosten und unter einer ganzen Pflanzendecke von Unkraut verwilderten Gärten bald ein ganz anderes Anſehen und wurden allmälig das wieder, was ſie ſein ſollten. Das wackere Fräulein führte hinfort in ſeinem alten Schloſſe ein höchſt einfaches und ruhiges Da⸗ ſein. Miß Griſſell empfing keine Gäſte, und die we⸗ nigen Leute, welche hie und da am Schloſſe vorüber⸗ kamen und einen Blick in dieſes klöſterlich ſtille An⸗ weſen warfen, erblickten darin nie jemand anders, als eine Frauengeſtalt in Trauergewändern, einen Strohhut auf dem Kopfe, die Arme mit langen Hand⸗ ſchuhen von Wildleder bekleidet, welche die Arbeiten eines alten Gärtners beaufſichtigte. Das war Alles, was man von ihr gewiß wußte. Man erzählte ſich freilich noch mehr von ihr, und unter den Nachbarn waren tauſend mehr oder weniger abgeſchmackte Ge⸗ rüchte über ſie in Umlauf; man beſtürmte den alten Pfarrer von Thorney mit Erkundigungen und Fragen ihretwegen, weil er den beiden Stiefbrüdern der Miß Griſſell die erſten Anfangsgründe des Lateini⸗ ſchen beizubringen hatte; allein weder er noch ſeine Tochter Mary, die Einzige, welche mit der Schloß⸗ herrin in vertrauterem Umgange ſtand, wollten der Neugierde und Klatſchſucht der Nachbarſchaft die ſehn⸗ lichſt erwartete Nahrung verabreichen. Allmälig ge⸗ wöhnte man ſich daran, Miß Randal als eine„ex⸗ centriſche Perſon“ zu behandeln, von welcher ſich jeder nach Belieben eine mitleidige oder lächerliche, eine tadelnswerthe oder Mißtrauen⸗erweckende Vor⸗ ſtellung machen konnte. Auch das Schloß ſelber kam in Verruf. Die Leute aus dem Dorfe wagten ſich. nach Einbruch der Nacht nicht mehr gerne in die öde, einſame, düſtere Allee vor demſelben. Miß Griſſell übrigens verfolgte unabläſſig die Ausführung ihrer Pläne, ohne ſich im Mindeſten um das Ge⸗ ſchwätz der Leute zu bekümmern: ſie beendete die Erziehung ihrer beiden Brüder. Der älteſte davon, Godfrey, erhielt eine Fähndrichſtelle im Heere. Der jüngere, Percival, welcher für den geiſtlichen Stand beſtimmt war, beendigte ſeine Univerſitätsſtudien. Die böſen Zungen der Gegend verfehlten aber nicht zu bemerken, nachdem der junge Fähndrich erſt we⸗ nige Monate zum Heere abgegangen war, daß Miß Randal's Benehmen eine vollſtändige Umwandelung erlitten hatte: ſie war noch ungeſelliger als jemals und ſchien auch noch unruhiger; ihre gedrückte ſor⸗ genvolle Stimmung ließ ſie noch älter erſcheinen, ———— 9 und ſie galt bei den böſen Zungen der Umgegend ſchon für eine„alte Jungfer,“ obſchon ſie kaum erſt dreißig Jahre alt ſein mußte. Nach Jahr und Tag wußte man übrigens bei⸗ nahe mit Beſtimmtheit um den Grund jener Schwer⸗ muth, jener geheimnißvollen Aufregung, welche die Schloßherrin, trotz ihrer ruhigen kalten Außenſeite, dem boshaften Scharfblick ihrer Nachbarn nicht zu verheimlichen vermocht hatte. Es kurſirten ſeltſame Gerüchte über Godfrey Randal's Aufführung, welcher dem Vernehmen nach in Allem ſeines Vaters würdiger Sohn ſein ſollte.„Seine Schweſter hat ihn ſo verhätſchelt,“ hieß es. Dieſe ungerechte und thörichte Beſchuldigung kam der Miß Griſſell zu Ohren, und ging ihr ſehr zu Herzen, ohne daß ſie jedoch derſelben irgend welche Beachtung zu gönnen ſchien. Sie wußte ſich in ihr Loos zu ergeben. Ihrer Jugend Frühling war nie ganz aufgeblüht. Das Opfer eines herben Geſchicks, hatte ſie ſich von Tag zu Tage nur zu Opfern gezwungen geſehen, und ſich daran gewöhnt, keine Geltung, keine Stimme zu haben, ihr Leben Stück für Stück ohne Entgelt hingeben zu müſſen, ihre regen, tüchtigen Geiſtes⸗ gaben gewiſſermaßen an Unthätigkeit hinſterben zu laſſen und ſie durch eine Reſignation erſetzt zu ſehen, für welche ihr Niemand Dank wußte. Aber auch dieſe Frau von ſo kalter ſtrenger Außenſeite, welche man für unempfänglich und unfähig für alle Liebe und Zärtlichkeit hätte halten können, konnte noch ſchwer leiden: Godfrey war nicht bloß ihr innigſt geliebter Bruder, ſondern er war auch ihr Sohn, ihr Abgott geworden. Welchen Gram, welche Gewiſſens⸗ 10 biſſe, Zweifel und Aengſten mußte es ihr verurſachen, wenn ſie ſich beſchuldigen hörte, ſie habe ihn vorge⸗ zogen, verhätſchelt, vielleicht gar in ſein Verderben geſtürzt! Was war dies für ein Lohn für ihre Hin⸗ gebung ſonder gleichen, was für eine Anerkennung für die zahlloſen Opfer, welche ſie ſich ſelber aufer⸗ legt hatte! Und wenn ihr Gewiſſen an ſolche Vor⸗ würfe glaubte, welch nagender Wurm mußte dies erſt ihrem Herzen werden!— Die Bosheit der Men⸗ ſchen hatte ſie— wie dies überhaupt beinahe immer geſchieht— an der empfindlichſten Stelle getroffen! Mr. Nevil, welchen der Gedanke und Wunſch, Thorney⸗Hall zu beſitzen, noch nie verlaſſen hatte, war nicht wenig überraſcht, als er mitten unter ſei⸗ nen Lieblingsträumen eines Tags unverhofft einen Beſuch von Miß Griſſell erhielt, die an einem Fe⸗ bruarabend trotz Schnee und Nordſturm zu ihm her⸗ über kam. Sein Staunen wuchs aber noch, als ſie mit ihrer gewohnten Trockenheit und Beſtimmtheit ihrem Verwandten in die blumenreiche und geſchwätzige Rede voll Artigkeiten fiel, ihm erklärte, ſie wolle jetzt das Schloß verkaufen, und ihm rundweg die Frage ſtellte, ob er es noch kaufen wolle. Als man ihm ſo eng auf den Leib rückte, hätte Mr. Nevil gar zu gerne die Beweggründe zu dieſem plötzlichen Entſchluſſe kennen gelernt, ſich nach den Verhält⸗ niſſen der Verkäuferin erkundigt und daraus einigen Vortheil zu ziehen verſucht, um den Gegenſtand ſei⸗ ner ſteten Sehnſucht um Einiges wohlfeiler zu be⸗ zahlen; allein all die ſchlauen Fragen, womit er das Terrain zu ſondiren verſuchte, wurden von Miß Ran⸗ dal geſchickt und raſch umgangen, durch die Erklä⸗ 11 rung, daß ſie keiner Bedenkzeit und keiner nähern Erkundigung ſtattgeben könne. Mr. Nevil glaubte nun einige Anſpielungen wagen zu dürfen über die „bedenklichen Gerüchte“, welche dem Schloſſe, worin er ſich feſtzuſetzen vor Begierde brannte, an ſeinem Werthe ſchadeten. Seine Baſe erwiderte ihm aber einfach, ſie hoffe mit einem aufgeklärten vernünftigen Manne zu unterhandeln und nicht mit einem un⸗ wiſſenden abergläubiſchen dummen Bauern, und dieſe Antwort war von einem geringſchätzigen Blicke be⸗ gleitet, welcher den beredtſten Kommentar dazu lie⸗ ferte. Jetzt wollte Mr. Nevil die Sache noch mit ſeinen Sachwaltern näher überlegen; aber Miß Griſſell bedeutete ihm, daß die mit einer derartigen Be⸗ handlung unzertrennlich zuſammenhängende Art der Unterhandlung ihr in keiner Weiſe genehm ſein würde, ſondern daß ſie verkaufen wolle und zwar ſogleich. Sie habe ſchon einen Kaufsliebhaber unter der Hand, falls Mr. Nevil ſich nicht ſogleich würde entſcheiden können; ſie benachrichtige ihn hievon, ſagte ſie, einzig nur in Folge einer Regung von Familienſtolz und Schicklichkeits⸗Gefühl, weil ſie es lieber ſehen möchte, wenn das Schloß nicht in ganz landfremde Hände fiele. Als Mr. Nevil ſie ſo entſchloſſen ſah, gar keinem Aufſchub und keiner Ausrede ſtattzugeben, und als eer daraus unzweideutig wahrnehmen konnte, daß er entweder alsbald zugreifen oder eine Gelegenheit ſür immer verlieren mußte, auf welche er ſchon längſt mit Spannung und Sehnſucht gelauert hatte, wagte er nicht länger zu zögern. Wenige Minuten reichten hin um einen proviſoriſchen Kaufbrief aufzuſetzen und zu unterzeichnen, worauf Miß Griſſell ſich wieder in den Sattel ſchwang und im ſchärfſten Trabe davon ritt, ohne ſich um den Schnee zu kümmern, welcher in großen Flocken herabfiel, und ohne den freundlich⸗ ſten Einladungen ihres Vetters zu einem Imbiß nachzugeben; ſie nahm nur eine ſtarke Abſchlagszah⸗ lung an dem feſtgeſetzten Kaufspreiſe mit fort. „Durch eine Frau gekommen, geht es auch wie⸗ der durch eine Frau!“ murmelte ſie, als ſie vor dem alten Gebäude abſtieg.„Die Randal ſind nicht mehr die Randal von Thorney.— O Godfrey, Godfrey!... Aber die Ehre vor Allem!“ Es erregte das allgemeine Erſtaunen, als man Miß Griſſell Randal in ein Häuschen ganz unten im Dorfe überſiedeln ſah, nachdem ihr Schloß in das Eigenthum der Nevils übergegangen war. Es war leicht zu ſehen, wohin das Geld kam, welches ſie ſich durch dieſen Verkauf, der ihr ſo nahe gehen mußte, verſchafft hatte. Hörte man ja doch überall nur von den unbeſonnenen und leichtſinnigen Streichen Godfrey's reden! Eines Tages trieb er den Unver⸗ ſtand ſo weit, daß er ſogar ſeinen Oberſten gröblich beleidigte; dafür ward er vor ein Kriegsgericht ge⸗ ſtellt, ſeines Grades beraubt und aus der Armee geſtoßen. Faſt gleichzeitig verlautete es, er habe England verlaſſen. Bald darauf ſah man das Häus⸗ chen verſchloſſen, worin Miß Griſſell ſeither gewohnt hatte, und Jedermann glaubte, ſie ſei dem Bruder, welchen ſie nicht vor Schande zu retten vermocht hatte, in das ſelbſtgewählte Exil nachgefolgt. Kurze Zeit vor dieſem Vorfalle, welcher viel von ſich reden machte, hatte Percival, der jüngere 13 von den beiden Brüdern, eine Pfarrſtelle in einem ziemlich entfernten Bezirke übertragen erhalten und ſich ſogleich verheirathet. Sein Leben war in allen Stücken das direkte Widerſpiel von demjenigen, wel⸗ ches Godfrey geführt hatte. Mary Marchbank, ſeine Frau, beſchenkte ihn mit einem zahlreichen Häuflein Kinder, welche ſich allmählig nach allen Richtungen hin davon machten, verſchiedene Handwerke und Ge⸗ werbe erlernten, ſich dann ſeinerzeit ſelbſt niederließen und dem alten Stamme Randal zahlreiche Spröß⸗ linge gaben. Ihr Bruder war ſchon alt, als plötzlich Miß Griſſell wieder aus der Fremde heimkehrte und aus halber Vergeſſenheit auftauchte. Godfrey war geſtorben, und Miß Griſſell kehrte nun, nach man⸗ cherlei Irrfahrten in fernen Ländern und des unſteten Lebens unter fremden Zonen müde, von nun an arm, das Herz zerriſſen von jenem unſäglichen Schmerz, wel⸗ cher dem endlichen Untergang einer einzigen Hoffnung, einer rückhaltslos geleiſteten, opferfreudigen Hingebung und Liebe folgt, in ſtummer Ergebung und alles Stolzes bar in die Heimath zurück. Sie gedachte nie mit einem Worte der zwanzig Jahre, welche ſie auf dieſe Weiſe im Ausland verbracht hatte. Man begriff und reſpectirte dieſes Schweigen, das ſich durch ſo ſchmerzhafte Erinnerungen erklärte, und Niemand ließ ſich beikommen, demſelben eine unpaſ⸗ ſende Deutung geben zu wollen. Percival's Kinder legten zuſammen, um ihrer Tante einen beſcheidenen Jahresgehalt zu ſchöpfen, mittelſt deſſen ſie unab⸗ hängig in demſelben Häuschen leben konnte, worin ſie einſt nach dem Verkauf des Schloſſes ihren Auf⸗ enthalt genommen hatte. 14 Mein Vater, Percival Randal's dritter Sohn, hatte ſich dem beſcheidenen Gewerbe eines Uhrmachers gewidmet. Eine meiner fernſten und undeutlichſten Erinnerungen ruft mir noch den Tag ins Gedächt⸗ niß, wo mich Papa zu unſerer Großtante Griſſell mit⸗ nahm, deren Name in unſerer ganzen Familie ſtets nur mit einer tiefen Hochachtung, einer ganz beſon⸗ deren Verehrung genannt wurde. Auch betrat ich nur mit einer Art frommer ehrfurchtsvoller An⸗ dacht das Haus dieſer unbekannten Verwandten, welche für uns die einſtige Größe unſerer nun her⸗ unter gekommenen Familie vergegenwärtigte; ſie war ja die einzige, welche uns von dem alten Stammgute erzählen und ſolchergeſtalt eine Tradition wieder aufleben machen konnte, welche ſich für uns ſchon in die dämmernden Schatten der Vergangenheit verlor. Ich ſah damals eine alte Frau vor mir, welche nur noch am Stocke gehen konnte; und doch war mir, als hätte ich nie zuvor einen ſo hohen Wuchs, eine ſo majeſtätiſche Haltung geſehen. Ihre Rede war deut⸗ lich und wohlgeſetzt, ihre Erinnerungen genau, denn ſie behielt den Gebrauch ihrer geiſtigen Fähigkeiten bis zum letzten Tage. Sie erzählte uns mehrere Anekdoten über ihren Bruder Percival, unſern Groß⸗ vater, deſſen Tod wir gerade damals betrauerten. Bevor wir uns von ihr verabſchiedeten, rief ſie mich noch zu ihrem Lehnſtuhl heran und bat mich, ihr mit lauter Stimme das 12. Kapitel im Prediger Salomonis bis zum achten Verſe vorzuleſen, und während des Leſens legte ſie ihre Hand auf meinen Kopf. Dann zog ſie einen ſeltſam gearbei⸗ teten Ring von ihrer Hand und gab ihn mir mit 15 den Worten:„Du heißeſt nach mir Griſſell, mein Töchterchen, und haſt das echteſte Randal⸗Geſicht unter allen, und weil du darum auch die echteſte Randal biſt, ſo haſt du fortan ein Recht an dieſen Ring, als ein Kleinod, welches ſeit undenklichen Zei⸗ ten in unſerer Familie ſtets von einer älteſten Tochter auf die andere überging!“— Mit meinem Namen waren merkwürdigerweiſe auch die Züge der Groß⸗ tante Griſſell auf mich vererbt worden, und mein Großvater hatte mir oft geſagt, meine Phyſiognomie erinnere ihn ſtets an ſeine Schweſter. Ich habe meine Großtante ſeit jenem Male nicht wieder geſehen. Sie ſtarb wenige Monate nach unſerem Beſuch und wurde in Thorney in der Fami⸗ liengruft beigeſetzt, welche ſich ſeither für Niemand mehr geöffnet hat. Ihr Leichenbegängniß war ſehr feierlich: mehrere Glieder des Adels in der Nachbar⸗ ſchaft ſchickten dazu ihre Wagen und erwieſen damit dem letzten Sproß eines altadeligen Stammes ihre Huldigung. An ihrem Sarge erwachten Erinnerun⸗ gen, welche ſeit vielen Jahren in Schweigen begra⸗ ben geſchlafen hatten. Auch war es am Abend eben jenes Tages, wo mein Vater von der traurigen Ceremonie zurückkehrte, daß meine unverehelicht ge⸗ bliebene Tante Thomaſine, die lebendige Chronik der Familie, mir beinahe Alles das erzählte, was ich ſeither geſchildert habe.’ II. „Mein Vater— wie ſchon erwähnt, ein ſchlichter Uhrmacher— hatte ſich in Burndale niedergelaſſen. Unſer Haus lag am Waſſerthore und war eines jener alterthümlichen Gebäude, deren erſtes Stockwerk bedeutend über die Läden und Magazine im Erdge⸗ ſchoſſe hervortritt. Hinter dem Hauſe lag ein Gar⸗ ten, welcher ſich in faſt unmerklicher Neigung bis zum Fluſſe hinunterzog. Die Zimmer nach der Straße hinaus waren dunkel; allein von unſerem Empfangs⸗ zimmer aus, deſſen Fenſter auf einen freien Raſen⸗ platz und Blumenbeete mündeten, ſchweifte der er⸗ heiterte Blick, wohlthuend angeregt, ungehemmt, über den ganzen Lauf des Fluſſes hin, deſſen Spiegel. ſilbern zu uns heraufblinkte. Dieſes Empfangszimmer und der Garten waren daher auch der Lieblings⸗ ſchauplatz unſerer Kinderſpiele. Wir waren unſerer vier Geſchwiſter, worunter ich das älteſte. Nach mir kamen, immer je einige Jahre aus einander, meine Schweſter Marian, mein Bruder Allan und mein Bruder Hugh, der jüngſte von uns. Marian war von der Tante Thomaſine halb adoptirt worden, und lebte daher nur ſelten bei uns. Meine Brüder waren in einer höhern Koſt⸗ ſchule. Nur zu Sommersanfang, um Johannis herum, fanden wir uns Alle etwa für Monatsfriſt vereinigt. Dies war für uns immer eine Freuden⸗ zeit, die mir unvergeßlich bleiben wird. Die ſtrenge väterliche Zucht des Vaters ließ alsdann etwas nach, und auf dem ſtillen ruhigen Geſicht unſrer guten 17 Mutter erſchien dann häufiger ein belebendes Lächeln, denn ſie war glücklich, alle diejenigen um ſich zu haben, welche ihr auf der ganzen Welt am liebſten waren.. Viele Jahre verſtrichen nach dem Tode der Miß Griſſell Randal ohne irgend ein merkwürdiges Er⸗ eigniß. Tage auf Tage, Wochen auf Wochen, Mon⸗ den um Monden vergingen, ohne daß ſich das Min⸗ deſte in unſerem ruhigen Leben änderte, deſſen Be⸗ haglichkeiten wir mit emſiger Arbeit erkauften und das uns zwar in einem engen Geleiſe hielt, aber im Ganzen glücklich und friedlich vorüberzog. Ich er⸗ innere mich noch beſonders eines Abends, wo wir — es war gegen das Ende der Sommerferien— Alle in dem Empfangszimmer verſammelt waren. Tante Thomaſine und Marian ſollten uns am an⸗ dern Tage verlaſſen. Mein Vater und meine Mut⸗ ter ſaßen an ihrem gewohnten Plätzchen, waren aber vielleicht noch ein wenig ernſter, als an den voran⸗ gegangenen Abenden. Marian hatte ſich dem Vater auf die Kniee geſetzt, einen ihrer weißen Arme um ſeinen Hals geſchlungen und drückte ihre roſigen Lippen auf ſeine runzelvolle Wange, um durch Lieb⸗ koſungen und Schmeicheleien ſür meinen Bruder Allan die Erlaubniß auszuwirken, daß er acht Tage mit ihr bei der Muhme Thomaſine auf dem Lande zubringen dürfe. Bruder Hugh dagegen hatte ſich in eine Ecke zurückgezogen und las emſig in einem alten Quartbande, worin er die Geſchichte eines un⸗ ſerer Vorfahren, Everard Randal, gefunden hatte, welcher bei Worceſter geblieben und deſſen Güter hernach auf Befehl des Parlaments confiscirt worden Lee, Thorney⸗Hall. 2 jungen Leſer mit Fragen beſtürmt wurde, hatte ſich in eine ganze Reihe heraldiſcher und genealogiſcher Einzelnheiten verrannt und bemühte ſich vergebens, die Wichtigkeit derſelben meinem Bruder Allan bei⸗ zubringen, der bei derartigen Gelegenheiten zuweilen zerſtreut und ſpöttiſch war. Ich ſaß in ihrer Nähe am offenen Fenſter und horchte abwechſelnd bald auf dieſe vom Zaun gebrochenen Plaudereien und ihre launenhaften Wendungen, bald auf das Rauſchen der Bäume im Garten und das Murmeln der Wel⸗ len im Fluſſe, als die Ankunft meines Vetters Har⸗ ley der ſtillen Scene ein Ende machte, da wir ihn Alle mit lautem Jubelruf bewillkommten. Wir waren nämlich dem guten Vetter Harley herzlich zugethan; früh verwaist, war er in unſerem Hauſe aufgewach⸗ ſen und mein Vater hegte für ihn eine ſolch warme aufrichtige Zuneigung, wie ich ſelten zwiſchen zwei Men⸗ ſchen von ſo verſchiedenem Alter ſtattfinden ſah. Der Vetter kehrte aus Edinburgh zurück, woſelbſt er der Hochzeit einer Verwandten von väterlicher Seite an⸗ gewohnt, die ihren Couſin geheirathet hatte. Muhme Thomaſine nahm ſogleich dieſen Anlaß wahr, um dieſe Art von Verbindungen zu tadeln, welche den engliſchen Bräuchen und Anſichten und Sitten ſo ſehr zuwider ſind. Mein Vater pflichtete ihr bei und er⸗ klärte, er würde bei keinem ſeiner Kinder eine der⸗ artige Heirath zugeben. Harley, welcher ſeither ganz heiter geplaudert hatte, ſchien plötzlich verſtimmt und kleinlaut geworden zu ſein. Die Fragen der Kinder ſchienen ihm bald zu viel zu werden, er klagte über Müdigkeit, und auf des Vaters Geheiß nahm ich ein waren. Muhme Thomaſine, die von dem wißbegierigen —— — 4 19 Licht, damit er ohne Hinderniß über einen dunklen engen Hausgang nach dem Stübchen gelangen könne, welches ihm bei uns eingeräumt war. Am Fuß der Treppe hielt mich der Vetter eine kleine Weile zu⸗ rück, theilte mir ſeine Abſicht mit, ſich in Edinburgh niederzulaſſen und fragte mich um meine Meinung hierüber. Er machte während dieſer Unterredung eine ſolch ernſthafte Miene, daß ich große Luſt hatte, ihm ins Geſicht zu lachen; allein da er dabei ganz ungewöhnlich blaß ausſah, ſo unterdrückte ich dieſe ungeſtüme Anwandlung von unzeitiger Luſtigkeit. „Ich will Dir meine Anſicht darüber ſagen, wenn ich mich erſt gehörig erkundigt haben werde!“ ver⸗ ſetzte ich.— Nun drückte er mir haſtig die Hand und ſtieg dann die Treppe hinan, ohne ein einziges Wort hinzuzufügen. Bei der Rückkehr ins Beſuchs⸗ zimmer erzählte ich, was mir der Vetter Harley ge⸗ ſagt hatte. Meine Mutter faßte mich ſogleich feſt ins Auge. „In der That!“ rief mein Vater,„das iſt mir etwas ganz Neues! Ich will morgen mit dem Jungen ſprechen, den ich bisher nicht für ſo launen⸗ haft und fantaſtiſch gehalten hätte. Wie iſt er nur ſo plötzlich auf dieſen ſonderbaren Einfall gekom⸗ men?“ Mit dieſen Worten warfen er und meine Mutter einander bedeutſame Blicke zu: meine Gegen⸗ wart ſchien ſie zu geniren, und ich begab mich daher zu dem Kinderkreiſe am andern Ende des Zimmers, waüchen ſich um die Muhme Thomaſine geſammelt hatte. 1 Einige Tage hernach verließ Harley unſer trau⸗ liches Burndale. Eine Reihe von Zufällen(indeſſen, wer weiß, ob es lauter ſolche Zufälligkeiten waren?) machte, daß ich den Vetter von der vorerwähnten kurzen Unterredung an nicht wieder ſah. Ich war ſpazieren gegangen, als er zu uns kam, um ſich zu verabſchieden, und in einer Unterrichtsſtunde, als er abreiste. Man ſagte mir nur, er habe bei einem ſeiner Oheime in Edinburgh eine Stelle als Commis erhalten, welche ihm einen größeren Gehalt und be⸗ deutendere Vortheile ſichere, als er irgend in Burn⸗ dale zu finden im Stande geweſen wäre. Nun wagte ich zwar noch einige weitere Fragen, um hierüber mehr zu erfahren; allein meine Eltern gaben mir keine Antwort darauf, und ich ſchloß daraus, des guten Vetters Handlungsweiſe habe nicht ihren ganzen Beifall; ich drang daher auch nicht mit wei⸗ teren Fragen in Vater und Mutter. Gleichwohl hatte Harley's Scheiden eine merkliche Lücke in unſerem kleinen Kreiſe zurückgelaſſen. Mein Vater pflegte ihn gerne Abends mit in ſein Arbeitscabinet zu nehmen, wohin er ſich gewöhnlich vom Lärm unſerer Spiele betäubt flüchtete; meine Brüder er⸗ kundigten ſich bei ihm mit Vortheil, wenn ihnen irgend eine Schwierigkeit in ihren Schulaufgaben begegnete und ihnen eine Unterſtützung willkommen war. Namentlich aber am Sonntag bemerkten wir ſeine Abweſenheit ſchmerzlich während der langen müſſigen Stunden, welche er gewöhnlich mit uns verbrachte und während deren er uns trefflich zu unterhalten wußte. Allein dieſe Lücke war bald zum Theil ausge⸗ füllt durch eine neue Bekanntſchaft, welche mein Vater gemacht hatte. Es hatte ſich ein Herr in 8 4 21 Burndale niedergelaſſen, welcher von ausgedehnten Reiſen im Orient zurückkam und ſich dadurch in kurzer Zeit und vielleicht auf ſehr wohlfeile Weiſe den Ruf eines großen Gelehrten erworben hatte. Er war nicht gerade reich, denn er ließ ſich in einem Hauſe nieder, welches noch älter und noch mehr vom Zahn der Zeit mitgenommen war, als das unſrige, und von dieſem nur wenige Schritte entfernt, in der Richtung des Waſſerthores gelegen war. Seine Bedienung beſtand nur aus einem einzigen, ſchon bejahrten Manne. Meine Mutter war gleich von Anfang an nicht zum Beſten auf dieſen Ankömmling zu ſprechen, denn er war, nach ihrem Geſchmacke, allzu düſter und ſkeptiſch. Als ſie jedoch bemerkte, wie mein Vater mit Mr. Langley immer vertrauter wurde, legte ſie Jenem zu Liebe allmälig etwas von ihrem Vorurtheil gegen ihn ab und ward nachſichti⸗ ger gegen ihn. Unſer neuer Gaſt ſchien bald ebenfalls, wie ſein Vorgänger Harley, die Plauderſtündchen des Fami⸗ lienkreiſes im Beſuchszimmer den philoſophiſchen Geſprächen vorzuziehen, welche ihn in dem Cabinet meines Vaters erwarteten. Im Anfang unſerer Be⸗ kanntſchaft flößte er uns große Scheu ein, und man ſchwieg gerne, wenn er anweſend war; allein nach und nach entdeckten wir unter dieſer ernſten geſetzten Außenſeite eine wahre Herzensgüte, viel Gemüth und eine freundſchaftliche Leutſeligkeit, welche die Herzen von uns Jüngeren gewannen. Die Knaben, und Hugh insbeſondere, fanden an dieſem neuen Freunde viel Geſchmack. Auch mich wollte es bald bedünken, wenn er plötzlich unſer Beſuchszimmer meiden würde, ſo wäre ich dort gar nicht mehr heimiſch und könnte mich ſelbſt nicht mehr wieder erkennen. Da Mr. Langley keinen eigentlichen Beruf hatte und auf keine regelmäßige Arbeit angewieſen war, ſo brach er ſich von Zeit zu Zeit eine oder zwei Morgenſtunden von ſeiner gewöhnlichen Beſchäftigung ab, um meinen Unterricht in den höheren Fächern des Wiſſens zu controliren und zu leiten, und obſchon ich von Natur aus keineswegs mit einer raſchen Faſſungsgabe be⸗ dacht bin, ſondern ſchwer lernte, ſo erinnere ich mich doch nicht, daß ihm auch nur ein einziges Mal die Ge⸗ duld ausgegangen wäre. Er nannte mich manchmal ſcherzweiſe die„ge⸗ duldige Griſeldis“; allein ich ließ dieſen ſpöttiſchen Vergleich nicht gelten.—„Ein derartiger Gehorſam, eine ſo vollſtändige Selbſtverleugnung,“ erwiderte ich ihm,„ſind bei einer Frau ebenſo wenig mehr zuläſſig, als die Gabe der Rede bei Bäumen oder Thieren, welche ihnen nur der Märchen⸗ oder Fabel⸗ dichter zuſchreibt. Und wenn ich für meinen Theil die Frau des Grafen geweſen wäre, ſo...“ damit brach ich ab, und dieſe Schweigſamkeit ſchien ihn eigenthümlich zu beluſtigen. Eines Tages ſaßen wir neben einander auf den Stufen der Treppe, welche zum Waſſerrande hin⸗ unterführt; da fragte er mich plötzlich:„Griſſell, be⸗ trachten Sie ſich zuweilen auch etwas Anderes als das Stück weiße Leinwand, auf welchem Ihre Nadel den ganzen Tag ſo geſchäftig hin und her fährt?“ —„Ei freilich!“ erwiderte ich ihm kurz.—„Achten Sie auf jene reichen wellenlinigen Schatten, welche die beweglichen Runzeln des vorüberrauſchenden 23 Waſſers werfen?“ fuhr er fort;„haben Sie auch ein Auge für die wechſelnden Wolkenbilder,— für das Spiel der Lichter im Laubwerk oder auf den ſonnebeſchienenen Blumenbeeten?“ Ich hatte zwar über dies alles meine eigenen Anſichten, allein ich behielt ſie ſorgſam für mich. Es herrſchte in unſerem Hauſe ein ſehr poſitiver Geiſt und ich hatte gar keine Luſt, für ein romantiſches oder gar träumeriſches junges Mädchen gehalten zu werden. Dennoch ärgerte ich mich einigermaßen darüber, daß Mr. Langley, welchem man ſo viel Scharfblick und Menſchenkenntniß beimaß, ſich ver⸗ anlaßt ſah, mich auf ſolche Weiſe zu katechiſiren. Ich gab ihm daher keine Antwort auf ſeine Fragen. „Ei ei,“ fuhr er fort,„es muß doch irgend etwas in dieſem ſinnigen, träumeriſchen kleinen Köpf⸗ chen ſtecken! Geſtehen Sie nur, Griſſell, Sie hängen von Zeit zu Zeit auch gewiſſen Gedanken nach?“ Ich fühlte inſtinktmäßig, daß ſein Blick mich während dieſer kurzen Frage fixirte, und ich erröthete unwillkürlich unter ſeinem forſchenden Auge. Nichts⸗ deſtoweniger war ich darob mehr unzufrieden als eingeſchüchtert. Dieſe Regung meines Innern trat vielleicht an die Erſcheinung, denn er ſchlug ſogleich einen andern Ton an und fragte heiter:„Fürchten Sie ſich etwa, mit mir eine kleine Fahrt in dem Nachen dort zu wagen?“ Dabei zeigte er auf ein klei⸗ nes Boot, welches unten an der Treppe angebunden war und meinem Vater gehörte. Hugh und Allan fuhren oft mit demſelben, aber ich hatte mich noch niemals hineinzutreten getraut. Diesmal zwar wil⸗ ligte ich ein, bedeutete aber Mr. Langley, daß ich meine Mutter zuvor davon in Kenntniß ſetzen wolle. Er meinte jedoch, dies würde nicht der Mühe ver⸗ lohnen, weil unſere Fahrt nur ein Viertelſtündchen dauern ſolle, und wir fuhren ab. Allein anſtatt den Nachen ſtromabwärts treiben zu laſſen ins Freie hinaus, ruderte Mr. Langley flußaufwärts gegen die Strömung, nach der alten Brücke zu, zwiſchen zwei Reihen ſchwarzer Häuſer hin. Es war mir nicht ganz wohl bei der Sache, und ich würde viel lieber daheim in unſerem Garten ſitzen geblieben ſein. Die Bootsleute, welche von Zeit zu Zeit an uns vorüber kamen, muſterten mit einer gewiſſen Ueber⸗ raſchung mein ihnen ganz fremdes Geſicht und mei⸗ nen Aufzug, der nicht eben beſonders vortheilhaft ſein mochte, da der Wind mir die Haare aufgelöst hatte, ſo daß ſie mir um Hals und Nacken flatterten. Mr. Langley ſchien meine Unruhe gar nicht zu be⸗ achten und erzählte mir von ſeinen Reiſen, ſo daß ich es gar nicht wagte, ihn um die Umkehr und Heimfahrt zu bitten. Während ich noch mit mir hierüber zu Rathe ging, paſſirte unſer Nachen die Sprengung eines der dunklen Brückenbogen, ſtieß an ein unſichtbares Hinderniß und eine Sekunde ſpäter befanden wir uns ſchon im Waſſer. Mit Blitzes⸗ ſchnelle ſchoß mir nur ein Gedanke durch den Kopf: die Erinnerung an meine Mutter, an den Gefährten in meinem drohenden Unfall, an das Vaterhaus— an einen dreifachen Abſchied... Ich kann nur mit dieſen Worten jene blendende Viſion bezeichnen, welche mich damals durchzuckte... Dann war es Nacht um mich her und in mir, und mir entſchwand 25 plötzlich beinahe ſogar das Bewußtſein meines eigenen Daſeins. Wir bedurften Hilfe und eine ſolche ward uns in der That auch ſehr ſchnell von Seiten der Boots⸗ leute, welche von der Anlände der Brücke und den Ufern aus unſer Boot hatten umſchlagen ſehen. Sie brachten uns nach Hauſe, wo man mich ſogleich auf mein Bett legte: mein Vater, meine Mutter und der Arzt waren um mich beſchäftigt, als ich aus meiner Ohnmacht erwachte. Wie ich reden wollte, legte man mir Stillſchweigen auf, womit ich mich jedoch nicht eher einverſtanden erklärte, als bis man mich über das Schickſal von Mr. Langley beruhigte, welcher jedoch, gleich mir, nur mit einem tüchtigen Schnupfen davon kommen ſollte. Mehrere Tage lang mußte ich trotz meiner Un⸗ geduld das Bett hüten, und als ich endlich wieder in das Empfangszimmer hinunter gehen durfte, traf ich hier Mr. Langley. Er gedachte nicht mit der leiſeſten Anſpielung der Gefahren, welchen ſeine Un⸗ beſonnenheit mich ausgeſetzt hatte, vermuthlich weil Fremde zugegen waren; allein als dieſe fort waren, bot er mir ſeinen Arm und lud mich zu einem klei⸗ nen Spaziergang durch den Garten ein; hier erſt gab er mir ſein Bedauern mit einer Wärme, einer De⸗ muth zu erkennen, welche mich ganz befangen machte. Er ging viel weiter, als der Anlaß dazu es verdiente, und jedenfalls viel weiter, als mir lieb war. Die Verzeihung, welche er von mir erbat, hatte ich ihm ſchon längſt gewährt, und ich begriff nicht, wie er ſich ſo ſehr darauf erpichen konnte, daß ich ihm dieſe Verſicherung ſo oft wiederholen mußte, als ob er meinen Worten nicht glaubte. Von dieſem Tage an war er gegen mich ein ganz Anderer. Es lag weit weniger ſkeptiſche Bitterkeit und weit mehr Herzens⸗ güte in Allem, was er mit mir ſprach. Er widmete meinen Studien größere Aufmerkſamkeit, und ich bin überzeugt, wenn ſein Unterricht länger gewährt hätte, würde ich gewiß am Ende die angeborene Trägheit meiner Intelligenz überwunden haben. Allein ſein Unterricht ſollte mir bald wieder entzogen werden. Mir war in meinem Leben nur ſelten ein reines Glück beſcheert, und es iſt mir daher auch von denen, die ich am unverkümmertſten genoſſen habe, auch weitaus die beſte und treueſte Erinnerung geblieben. Man vergönne mir daher, daß ich dieſen ſeltenen frohen Stunden nicht ſo raſch den Rücken kehre, um ſo mehr da ſich hier in die Reihe der Erlebniſſe, welche ich zu erzählen habe, ein Vorfall einfügt, den ich nicht mit Stillſchweigen übergehen könnte. Allan war als der ältere von meinen Brüdern dazu beſtimmt, das väterliche Gewerbe fortzuführen. Leider aber hatte dieſer Beruf gar nichts Anziehen⸗ des für ihn, und hieraus entſpannen ſich zwiſchen ihm und meinem Vater Wortwechſel, welche immer heftiger und bitterer wurden, zumal da der Vater ſeiner etwas deſpotiſchen Autorität nichts vergeben wollte, und mein Bruder das Recht in Anſpuch nahm, über ſein Leben und ſeine Zukunft nach eige⸗ nem Gutdünken und Gelüſte zu entſcheiden. Allan und Hugh boten dem Beobachter einen jener merk⸗ würdigen Kontraſte, welche immer an Kindern über⸗ raſchen müſſen, welche von gleichen Eltern abſtammen, unter demſelben Dache erzogen wurden und den 27 gleichen Einflüſſen unterworfen waren. Hugh war minder ſchön als ſein Bruder, aber ſein Geſicht machte einen raſcheren und tieferen Eindruck. Sein ziemlich breiter maſſiger Kopf, die ſtark gewölbte Stirne, unter welcher ſich ein Paar ernſter Denker⸗ Augen, die ſelten ein Lächeln aufheiterte, zu ver⸗ ſtecken ſchienen, ſeine ſchmale gerade Naſe, die hübſch geſchnittenen feinen Lippen, ſein etwas vorſpringendes, durch ein Grübchen geſpaltenes Kinn,— bildeten zuſammen bei ihm eine jener Phyſiognomieen, gegen welche man nicht gleichgültig bleibt; und mit dieſer Phyſiognomie ſtimmten auch ſeine unbedeutendſten Bewegungen, von der heitern Starrheit ſeines Blickes bis zu der feſten Entſchiedenheit ſeines raſchen Gan⸗ ges, auf frappante Weiſe überein. Allan war ein ganz anderer Typus mit ſeiner niedrigen weißen Stirn, ſeinen vollen Lippen, ſeinem etwas geiſtloſen Auge und einer guten Doſis Indolenz in ſeinem ganzen Weſen,— lauter Anzeichen eines leichtſinni⸗ gen und leicht zu verführenden Naturells. Er gefiel aber im Allgemeinen beſſer als ſein Bruder, und zwar ohne die mindeſte Anſtrengung von ſeiner Seite, blos durch die einfache Anziehungskraft ſeiner ſich ſtets gleich bleibenden Laune und unverwüſtlichen Fröhlichkeit, während Hugh, mit weit hervorragen⸗ deren und in anderem Sinne ausgezeichneteren Fähig⸗ keiten und einem weit gediegeneren Charakter, ſchweig⸗ ſam und verkannt durch die Welt ging. Mein Vater hatte ſich ebenſo gut wie andere Leute von dieſen äußeren Vorzügen zu Gunſten ſei⸗ nes älteſten Sohnes einnehmen und deſſen Eigenſinn weit mehr um ſich greifen laſſen, als er es gethan 28 haben würde, wo es die Unterwerfung eines minder ſympathiſchen Charakters gegolten hätte. Er hätte vielleicht, als er bei Allan plötzlich auf einen ganz unerwarteten Widerſtand ſtieß, beſſer gethan, den vermittelnden Weg ſanfter Uebergänge einzuſchlagen, anſtatt ſo raſch von einer zuweilen allzugroßen Nach⸗ giebigkeit zu einer Strenge überzugehen, welche un⸗ erträglich ſchien. Dieß ſchien auch meiner Mutter Anſicht zu ſein; allein ihre weinerliche Vermittelung beſchwichtigte nur ſelten die Ausbrüche der häuslichen Gewitter, und kaum war Ein Stein des Anſtoßes aus dem Wege geräumt, ſo machten bereits neue Zuſammenſtöße abermals eine Vermittlung zwiſchen dieſen beiden gänzlich verſchiedenen Charakteren noth⸗ wendig. Mr. Langley rieth meinem Vater im Ver⸗ trauen, er ſolle Allan demjenigen Stande ſich wid⸗ men laſſen, wozu er ſelbſt einen Beruf in ſich ver⸗ ſpüre; allein wie konnte der Vater es auf ſich neh⸗ men, einem Willen nachzugeben, welcher niemals zwei Tage nach einander ſich getreu blieb? So ſtanden die Sachen, als eine Bande herum⸗ ziehender Schauſpieler ihr Zelt in Burndale aufſchlug. Mein Vater hegte einen ausgeſprochenen Abſcheu vor dem Theater, das er den„Vorhof der Hölle“ nannte, und an meine Brüder erging das gemeſſenſte Verbot, ja niemals jenes ambulante Pandämonium zu betreten, welches auf dieſe Weiſe die friedlichen Einwohner unſerer Vaterſtadt in Verſuchung führen wollte. Allan wandte ſich mit flehentlicher Bitte an meine Mutter, ſie möge doch den Widerruf dieſes allzu ſtrengen Gebotes zu erzielen ſuchen. Sie aber wollte um einer ſolch geringfügigen Sache willen 29 einen Einfluß nicht in Frage ſtellen, welcher ihr ſelbſt vielleicht bereits zweifelhaft erſcheinen mochte. Und weil nun Allan auf dieſem Wege nicht die erwünſchte Erlaubniß zu einmaligem Beſuch des Theaters er⸗ wirken konnte, ſo wagte er dem Verbot zu trotzen und ging eigenmächtig dahin. Es war ſchon ſpät, als er aus dem Theater zurückkehrte. Die Mutter war bei mir auf meinem Zimmer. Der Vater er⸗ wartete unten den ungehorſamen Sohn. Ich erinnere mich nicht mehr genau, weßhalb wir ſo in Angſt und Schrecken waren; aber ſo viel iſt eine Thatſache, daß wir beim Geräuſch der ſich öffnenden Hausthüre unbeweglich blieben und den Athem anhielten. Allan und mein Vater traten ins Beſuchszimmer, und als⸗ bald entſtand ein lauter Wortwechſel, bei welchem ſich Beide um die Wette überſchrieen; dann vernah⸗ men wir das laute Klatſchen mehrerer Hiebe. Meine Mutter eilte der Treppe zu und ich folgte ihr einige Schritte weit... Allan ſtürzte, vor Grimm ganz blaß, aus dem Zimmer, die Treppe herauf und wollte unaufhaltſam an uns vorübereilen, als meine Mutter ihn am Arm ergriff und ihn fragte:„Unglück⸗ ſeliger, Du haſt doch hoffentlich nicht die Hand gegen Deinen Vater aufgehoben?“ „Nein, Mutter!“ erwiderte er, riß ſich durch eine heftige Bewegung von der Mutter los und eilte in ſein Schlafzimmer, wo er ſich einſchloß. In den paar erſten Tagen nach dieſem Auftritt ward auch nicht Ein Wort zwiſchen dem Vater und dem Sohn gewechſelt. Es entging mir jedoch nicht, daß auf Allan eine tiefe Niedergeſchlagenheit und Wehmuth laſtete, welche ſeinem Weſen ganz fremd war, und daß er beinahe gar nicht von der Seite ſeiner Mutter hinwegging. 3 An den Sonntagen, wenn wir Alle in den Abend⸗ gottesdienſt gingen, mußte immer einer der beiden Knaben zu Hauſe bleiben. An dem auf jenen Streit folgenden Sonntag war die Reihe des Zuhauſeblei⸗ bens an Allan, und wir verließen ihn wie gewöhn⸗ lich. Mr. Langley hatte ſchon im Lauf des Nach⸗ mittags bei uns eingeſprochen und den Vater zu einem Spaziergang auſ's Land abgeholt, wohin Hugh mitgenommen worden war, während Allan bei uns im Garten zurückblieb. Da ich wußte, daß die Mutter ihm Vorſtellungen machen wollte, ſo hatte ich mich von ihnen entfernt. Als ich hernach wieder zu ihnen ſtieß, bemerkte ich, daß ſie beide geweint hatten, wiewohl Allan ſich die größte Mühe gab, kalt und ruhig und gefaßt zu erſcheinen. Als wir von der Kirche zurückkamen, begegnete uns Mr. Langley unterwegs, wie es bei ihm oft vorkam. Bei der Heimkehr in unſer Haus fanden wir die Hausthüre angelehnt und das Beſuchszimmer leer.—„Der ungehorſame Junge!“ rief mein Vater! „ich wette, er iſt meinem Verbot zum Trotz wieder auf den Fluß gegangen!“— Während aber der Vater noch ſo ſprach, bemerkte ich in dem Antlitz meiner Mutter einen Ausdruck von Entſetzen, der mir ganz neu war. Sie winkte mir aus dem Zimmer, begleitete mich auf mein Stübchen und theilte mir hier ihre Befürchtungen mit.„Ich habe es kommen ſehen,“ ſtammelte ſie;„ich habe heute Nachmittag bemerkt, daß der Junge der Unterwürfigkeit ſatt war... Seine Worte kamen aus einem zertretenen, ent⸗ * 31 muthigten Herzen... Sein Vater hat es zu weit getrieben,“ fuhr ſie mit bebenden Lippen und ſchluch⸗ zend fort.„Allan iſt auf und davongegangen, er iſt mit Einem Worte entlaufen, das darfſt Du mir auf's Wort glauben!... Armes Kind! o mein Allan, mein unglückſeliger Knabe!“ Ich war tief erſchüttert, verſäumte aber trotzdem nicht, einen raſchen Blick nach dem Fluſſe hinauszu⸗ werfen. Unſer Nachen lag noch an ſeiner gewöhn⸗ lichen Stelle feſtgebunden,— ein Umſtand, welcher den Vermuthungen meiner Mutter einige Wahr⸗ ſcheinlichkeit zu geben ſchien. Mit Erlaubniß der Mutter holte ich auch meinen Bruder Hugh herbei, welcher jedoch unſere Vorausſehung auf die leichte Achſel nahm. Er begab ſich in Allan's Schlafſtüb⸗ chen und kehrte ſehr beruhigt von dort zurück, denn nichts deutete dort auch nur im Entfernteſten auf eine Vorbereitung zur Abreiſe. Allan's Ueberrock lag noch ganz ſo auf ſeinem Bette, wie er ihn am Morgen bei der Heimkehr aus der Kirche dort zu⸗ rückgelaſſen hatte; das Gebetbuch und die Börſe ſteckten noch in den Taſchen. Die Mutter erwiderte nichts, beruhigte ſich aber auch nicht. Wir tranken den Thee, waren aber einſylbig, verſtimmt und un⸗ geſellig, trotz aller Bemühungen des Mr. Langley, welcher uns zu zerſtreuen ſuchte und uns eine kürz⸗ lich gemachte wichtige Entdeckung erklärte. Mein Vater ſchien ihm aufmerkſam zuzuhören, allein in ſeinem Innern ward er je länger deſto mehr un⸗ ruhig und horchte auf das mindeſte Geräuſch in unſerer ſo ſtillen Straße. Hugh hatte nach einge⸗ nommener Mahlzeit eine große alte Chronik in Quart 3² vorgenommen, eine echte Sonntagslecture, welche ihm Muhme Thomaſine geliehen hatte, und ſchien emſig darin zu leſen; allein ich nahm bald wahr, daß das Knittern des Papiers, ſo oft er ein Blatt umſchlug, dem Vater peinlich ward, und ich bat daher Hugh ganz leiſe, ſeinen Band bei Seite zu legen. Meinem Vater ward dieſe Spannung zuletzt ganz unerträglich.„Es iſt hier entſetzlich heiß,“ ſagte er plötzlich.„Wollen Sie mich nicht auf einem Spaziergang nach der Brücke hin begleiten, Mr. Lang⸗ ley?“ Dieſer unerwartete Vorſchlag zu einem Unter⸗ nehmen, das ihm ſonſt ſo fremd lag, verrieth die Seelen⸗ angſt, welche den Vater verzehrte, ohne daß er dieß merken laſſen wollte. Als die Mutter ihm Hut und Handſchuhe reichte, ſah ich wie ſie ihrerſeits ſich zu ihm neigte und ihm einige Worte ins Ohr flüſterte. Ich errieth ſogleich, daß ſie ihn um Nachſicht für „das Kind“ anging, falls Allan ihm begegnen ſollte. Er war zu ſehr aufgeregt um ihr anders zu ant⸗ worten als durch ein einfaches Kopfnicken, welches zu ſagen ſchien:„Ich habe Dich verſtanden— ſei nur ruhig!“ Sie waren mehr als eine Stunde abweſend. Mein Vater wollte beim Zuhauſekommen noch nicht die mindeſte Unruhe merken laſſen, aber ſeine ton- loſe Stimme, deren natürlichen Umfang er offenbar hinaufſchrauben wollte, ließ mich hierüber durchaus nicht im Zweifel. Er verabſchiedete ſich ganz ver⸗ traulich von Mr. Langley und hieß uns alle zu Bette gehen.—„Der Junge wird nicht draufgehen, wenn er eine Nacht unter freiem Himmel zubringt,“ ſagte er;„er wird dafür mit um ſo Wärferem Appetit zum Frühſtück kommen!“ Als ich mein Schlafſtübchen erreicht hatte, kam es mir gar nicht in den Sinn, mich auszukleiden. Ich ſetzte mich ans offene Fenſter und durchſchweifte mit dem Blicke das Gelände der breiten Thalſohle. Heller Mondſchein lag über der Landſchaft; dichter Nebel, dem Fluſſe entſteigend, bezeichnete alle Krüm⸗ mungen ſeines Bettes. Am fernen Horizont hob ſich wie eine dunkle zackige Mauer der Felſenkamm der Berge mit ſeinen einzeln ſtehenden hohen Föhren oder ſpärlichen Gruppen ſolcher vom blauen Nacht⸗ himmel ab; die Bäume des Gartens warfen da und dort ſchwarze Schatten auf den bleichen, vom Froſt gehärteten Raſen. Ich bemerkte zwiſchen ihnen eine dunkle Menſchengeſtalt, welche unruhig auf⸗ und niederging. So leiſe wie möglich öffnete ich mein Fenſter, bog mich behutſam aus demſelben und muſterte den geheimnißvollen Spaziergänger, in wel⸗ chem ich, ſobald er in den vollen Mondſchein heraus⸗ trat, meinen eigenen Vater erkannte. Er ſchritt den Gartenweg hinab bis zu den Stufen der Anlände, wo der Nachen lag, blieb dort eine Weile ſtehen und ſchien ſorgfältig forſchend in das tiefe Waſſer hinab⸗ zuſchauen... Welche Gedanken mochten ihn in die⸗ ſem Augenblicke beſchäftigen?... Nach einer Weile kehrte er wieder zurück, das Haupt auf die Bruſt herabgeneigt, die Hände auf dem Rücken, in ſchreck⸗ liche Befürchtungen verſenkt, wie mir ſeine tiefen Seufzer verkündeten. Ich errieth, wie tief er leiden mußte und vergab ihm darum ſeine harten Worte. Eine Stunde ſpäter, als Alles im Hauſe in tiefſtem Lee. Thorney⸗Hall. 3 34 Schlafe zu liegen ſchien, hörte ich leiſe Schritte vor der Thüre meiner Schlafſtube, und öffnete ſie ſachte. Es war Hugh, noch vollſtändig angekleidet, aber barfuß und mit den Stiefeln in der Hand. „Ich glaube zu wiſſen, wo Allan ſteckt,“ ſagte er zu mir;—„weißt Du was, Griſſell? ich will ihn bei der Muhme Thomaſine aufſuchen! Habe ich nicht Recht, Griſſell?“ Seine Vermuthung hatte ſehr viel Wahrſchein⸗ liches für ſich; allein wozu ſollte dieſer Schritt die⸗ nen? Ich konnte mir keinen rechten Erfolg davon verſprechen und wollte ihm ſein Vorhaben ausreden, allein Hugh war nicht ſo leicht zu üͤberzeugen. „Laß mich nur gewähren, Griſſell!“ ſagte er. „Iſt erſt Allan's Entweichung in der Stadt bekannt geworden, ſo wird ſeine Rückkehr jedenfalls keine anderen Folgen haben, als daß der Vater noch ſtrenger gegen iſt.“ Ich fühlte, daß Hugh hierin vollkommen Recht hatte; deßhalb erbot ich mich auch ihn begleiten zu wollen, aber der unerſchrockene Knabe wollte dies nicht zugeben. Der Gedanke an eine Wanderung von ſechs Meilen durchs platte Land, mitten in der Nacht, machte ihm keinerlei Bangen, und er fürchtete nur den Zorn unſeres Vaters, falls dieſer vor ſeiner Wiederkehr den nächtlichen Ausflug entdecken ſollte. Ich ließ ihn nun ziehen, jedoch nicht ohne mir gleich darauf ſelbſt Vorwürfe deßhalb zu machen, und als ich ihn aus dem Geſicht verloren hatte, betete ich für ihn, für den Erfolg ſeines großmüthigen Unter⸗ nehmens. Der Morgen begann eben zu grauen, als Hugh, von Staub bedeckt und von Müdigkeit bei⸗ 35 nahe erſchöpft, allein zurückkehrte. Der Flüchtling hatte ſich bei unſerer Muhme gar nicht ſehen laſſen. —„Und was denkt Muhme Thomaſine von Allan's Flucht?“ fragte ich.—„Ich weiß es nicht,“ verſetzte er;„ſie brach nur in lautes Weinen aus, und da ſie nicht weiß, wem ſie zumeiſt Vorwürfe machen ſoll, ſo beſchuldigt ſie uns Alle, es mit dem Bruder nicht gut gemeint zu haben!“ Meine gute Mutter hatte vor Gram und Sorgen die ganze Nacht kein Auge ſchließen können und ſank nun am Morgen, vor Erſchöpfung halb todt, in einen lethargiſchen Schlaf. Ich bereitete das Früh⸗ ſtück für meinen Vater, welcher ſich düſter und ſchweigend zu Tiſche ſetzte. Bald darauf kam Mr. Langley und fragte:„Nun? haben Sie noch keine Nachrichten?“— Der Vater antwortete nur mit einem ſtummen Kopfſſchütteln. Am Abend war der Vorfall in unſerem Hauſe ſchon das Gerede des ganzen Städtchens. Das Er⸗ eigniß ward von allen Kaffeeſchweſtern und Klatſch⸗ baſen gedreht, gedeutelt und ausgebeutet, und auf hunderterlei Weiſe ausgelegt, von welchen die eine immer falſcher und abgeſchmackter war als die andere. Es hat in ganz Burndale noch nie ſo viele unrichtig gehende Uhren gegeben, als an jenem Abende, und die Werkſtätte meines Vaters öffnete ſich für mehr Beſucher, als in den drei vergangenen Monaten zu⸗ ſammen. Am ſpäten Abend langte auch Muhme Thomaſine an, und hatte einen Schwall Vorwürfe und Vorſtellungen auf den Lippen. Vor ihr geſtand mein Vater ſein Unrecht ein, obſchon es ihn große Selbſtüberwindung koſtete; und meine Mutter mußte ihn noch vertheidigen, ſo ſtrenge war er gegen ſich ſelbſt. Sie that es mit ihrem gewohnten Edelmuthe; ihre Wärme und Rührung ſteckte auch die Muhme Thomaſine an, die nun ſogleich einen andern Ton anſchlug.—„Geſchehen iſt geſchehen,“ ſagte ſie, „und zu geſchehenen Dingen muß man das Beſte reden. Allan iſt beinahe fünfzehn Jahre alt. Wie viele junge Leute, welche in dieſem Alter das väter⸗ liche Haus verlaſſen und ganz auf ſich ſelber ange⸗ wieſen geweſen ſind, haben ihr Glück in der Welt gemacht!“— Ich muß übrigens hier erwähnen, daß der Troſt der Muhme Thomaſine uns beinahe ebenſo unangenehm berührte, wie ihr Tadel. Wir begaben uns Alle früh zu Bette. Am andern Tage reiste mein Vater nach London und verbrachte dort einen ganzen Monat mit tauſenderlei Schritten, von wel⸗ chen jedoch keiner von Erfolg begleitet war. Allan war vollſtändig verſchollen und jede Spur von ihm verloren. Eines Tages meldete uns der Vater in einem Briefe, er kehre allein und ohne Hoffnung zurück, und meine arme Mutter, welche ſich ſeither noch mit chimäriſchen Hoffnungen aufrecht erhalten hatte, verſank nun in eine tiefe Schwermuth. An dem Abend, wo mein Vater nach Hauſe zu⸗ rückkehren ſollte, blieb ich noch ſehr ſpät im Garten und lauſchte auf das klagende Säuſeln des Windes, welches mir wie ein Echo meiner innern Traurigkeit erſchien. Mr. Langley ſuchte mich hier auf, ſchlang ſeinen Arm in den meinigen und wandelte lange neben mir auf und nieder. Von Zeit zu Zeit richtete er einige Worte an mich, und ich machte mir das geheime Vergnügen zum Vorwurf, wodurch allmälig 37 in meinem Gemüthe die traurigen Eindrücke ver⸗ drängt wurden, welchen ich mich bisher ſo ausſchließ⸗ lich hingegeben hatte. Ein Geräuſch, das wir im Hauſe hörten, trieb uns zuſammen in das Beſuchs⸗ zimmer zurück: mein Vater war angekommen, jedoch nicht allein: Vetter Harley war bei ihm. Es war in der That ein trauriges Wiederſehen! Kalte Um⸗ armungen, erzwungene Worte, die man gleichſam auf die Goldwage legte,— Gedanken die man nicht auszuſprechen wagte.— Mein Vater erſchien bedeu⸗ tend gealtert; ein einziger Monat hatte ihn um zehn Jahre älter gemacht. Sein Haar war weiß, ſeine Stimme ſchwächer und unſicher geworden. Er erzählte uns von ſeinen Aengſten, ſeinen vergeblichen Bemühungen, welche Vetter Harley mit der auf⸗ richtigſten, herzlichſten Sympathie getheilt hatte. Harley hatte mit Aufopferung ſeiner Zeit dem Vater manchen Gang gethan, und ſich die Wiederauffindung Allan's höchlich angelegen ſein laſſen. Ich konnte nicht umhin, ihm dafür einen dankbaren Blick zuzu⸗ werfen. Er dagegen erſchien mir kälter, zurückhal⸗ tender gegen mich, als ſonſt. Vielleicht täuſchte ich mich aber auch hierin, denn als er am andern Mor⸗ gen, bevor er nach Edinburgh abreiste, mit mir unter vier Augen im Beſuchszimmer zuſammentraf, begegnete und ſprach er mir wieder ſo liebevoll wie vordem. 3 „Auf jeden Fall und unter allen Umſtänden weißt Du nun, Griſſell,“ ſagte er ſchließlich zu mir, —„wo Du Rath und Hilfe finden wirſt. Ich werde mir ſtets eine theure Pflicht daraus machen, Dir zu nützen; vergieß dies ja nicht. Ob ich Dir 38 räumlich nahe oder ferne bin, ſoll keinen Unterſchied machen. Ich kenne auf der ganzen Welt kein größeres Vergnügen, als das, Dir meine Thätigkeit und meine Kräfte zu weihen. Glaubſt Du mir das, Bäschen? Und willſt Du mir verſprechen, daß Du mich zu Deinem Beſchützer und Sachwalter annehmen wirſt, wenn Du meiner bedarfſt?“ „Gewiß, lieber Vetter,“ erwiderte ich und ſchlug mein Auge zu ihm auf;„ich wüßte Niemand, an den ich mich lieber wenden würde, als an Dich!“ „Wirklich, Griſſell? iſt dies Dein Ernſt?“ rief er und drückte mir leidenſchaftlich die Hand. „Ei natürlich!“ verſetzte ich;„das iſt ja eine ganz ſelbſtverſtändliche Sache! Denke nur, wir kennen uns ſchon ſo lange und ſind einander ſo gut ... Du biſt für mich gleichſam ein älterer Bruder!“ Er ließ meine Hand los und trat an's Fenſter, kam alsdann aber ſogleich wieder zurück und ergriff die fahrengelaſſene Hand von Neuem.„Du haſt Recht, Griſſell! ich begehre vorerſt nicht mehr,“ ſagte er mit einem neuen Händedruck;—„aber Du ver⸗ gißſt doch Dein Verſprechen nicht? Ich darf mich alſo darauf verlaſſen?“...— Endlich umarmte und küßte er mich ernſtlich als alter Vetter, und ver⸗ ließ mich dann, ohne ſich von meinem Vater verab⸗ ſchieden zu wollen. Wir mußten uns darein ergeben, Allan als ver⸗ loren zu betrachten; ſein Name ward gar nicht mehr unter uns genannt. Während des darauffolgenden Winters aber entrang ſich der Bruſt meiner guten Mutter jedesmal, wenn draußen der Schnee fußtief lag und der Wind ſchaurig durch die finſtre Nacht heulte 39 und wir ſchweigend mit unſrer Arbeit im warmen Zimmer beiſammen ſaßen,— ein leiſer ſchmerzlicher Seufzer, den ſie nicht verhalten konnte, weil er ihr das Herz ſchier abdrücken wollte. So oft dagegen mein Vater ſeine Zeitung in die Hand nahm, ſuchte ſein Auge unwandelbar immer zuerſt diejenigen Spalten auf, wo gewöhnlich die Berichte über tragiſche Begebenheiten, außerordentliche Abenteuer oder ungewöhnliche Unfälle ſtehen, wie ſie ſich im⸗ mer noch, bald mehr, bald minder zahlreich, im Schooße unſerer ſo gerühmten Civiliſation zutragen; aber Allan’'s Name war niemals dort erwähnt. III. Im darauffolgenden Monat Mai, an einem wunderſchönen Nachmittage(ich habe ihn nicht wie⸗ der vergeſſen) ſaß ich eben mit Mr. Langley zuſam⸗ men und las ihm eine Ueberſetzung aus dem Italie⸗ niſchen vor, welche ich für ihn gefertigt hatte,— als ſich die Thüre des Beſuchszimmers leiſe öffnete und zwiſchen Thüre und Angel ein allerliebſter blon⸗ der Mädchenkopf erſchien, deſſen Wangen, von der Wanderung und der Freude des Wiederſehens der lieben Ihrigen lebhaft geröthet, in reizender Friſche prangten. Es war meine Schweſter Marian, auf die ich ſogleich zueilte um ſie mit meinen Küſſen beinahe zu erſticken.„Ich wußte, daß es Euch freuen würde,“ rief ſie und erwiderte meine Lieb⸗ koſungen;„ich habe die Muhme Thomaſine gebeten, euch keine Nachricht zu geben, damit ich euch über⸗ 40 raſchen könne, und ſo erſcheine ich nun hier unter euch wie vom Himmel gefallen!“ Sie hüpfte und tanzte, klatſchte in die Hände und jubelte... bis ſie plötzlich eine fremde Perſon im Zimmer wahrnahm, die ſie nicht kannte. Tief erglühend blieb ſie nun ſtehen, grüßte linkiſch Mr. Langley, und flüchtete ſich nach der Hausflur.— „Ach, Griſſell!... was wird dieſer Herr von mir denken?!“ ſtammelte ſie verlegen, als ich ihr gefolgt war.„Ich habe ihn gar nicht geſehen, ich hätte ihn ſogar beinahe über den Haufen gerannt!...“ — Ich beeilte mich, ſie zu beruhigen, bewillkommte ſodann die Muhme Thomaſine, welche ſich bereits bei unſerer Mutter befand, und kehrte hierauf zu meinem gefälligen Lehrer zurück. „Wiſſen Sie, Griſſell,“ ſagte er zu mir,„daß Ihre Schweſter und Sie förmliche Widerſpiele von einander ſind?... Fürwahr, ich möchte Euch Bei⸗ den Beinamen geben! Sie müßten Mondſchein, Ihre Schweſter aber Sonnenſtrahl heißen!“ Dieſe Definition, ſoweit ſie wenigſtens meine liebe Marian anging, war nur gerechtfertigt. Sie war eine von jenen glücklichen Naturen, deren Un⸗ befangenheit, harmloſer Frohſinn, muntere Mittheil⸗ ſamkeit und unverwüſtliche Laune überall, wo ſie ſich geltend machen, gleichſam eine Atmoſphäre von Wärme und Wonne verbreiten. Ich bin überzeugt, mein Vater hatte Marian nur von ſich entfernt, um ſie nicht allzuſehr zu verhätſcheln. Ihre kleinen Launen, ihr kecker Eigenſinn in manchen Dingen hatten einen gewiſſen Reiz, der eher zu ihren Gunſten als gegen ſie einnahm. Auch Mr. Langley vermochte 41 1 ſich dieſem Einfluſſe nicht zu entziehen. Er beobach⸗ tete ſie mit einer Art einſchmeichelnder, liebkoſender Neugier; ein Lächeln ſpielte um ſeine Lippen, ſo oft er ihr antworten mußte, und ich bemerkte mit Ent⸗ zücken, bis zu welchem Grade dieſer ernſte Mann für die Freundlichkeiten und kleinen Scherze unſeres ſchönen Blondköpfchens, das kaum eben erſt in das Alter der Jungfrau trat, empfänglich und zugänglich war. Er ſah ihr ohne Stirnrunzeln zu, wie ſie ſich gar ſeltſame Freiheiten mit dem großen italieniſchen Wörterbuch herausnahm, deſſen prächtigen Einband möglichſt zu ſchonen er mir gleichſam auf die Seele gebunden hatte. Ja als Marian die erſte Befangen⸗ heit überwunden hatte und mich bat, die„alten Leutchen“ allein im Zimmer zu laſſen und mit ihr in den Garten hinunterzugehen, da bedurfte es nur eines ſchüchtern fragenden Blickes des Mädchens nach ihm, um ihn alsbald zur Annahme dieſer Ein⸗ ladung zu bewegen. Es ſchmeichelte ihm unverkenn⸗ bar, zu ſehen, daß ſich die kleine Zauberin ſo raſch an ihn gewöhne. Er lauſchte mit unerſchöpflichem Behagen auf ihr hübſches Geplauder und ſchien es gar nicht wahrzunehmen, daß ich ebenfalls noch auf der Welt war. Offenbar hielt er es lieber mit dem Sonnenſtrahl als mit dem Mondſchein; und ich war davon weder überraſcht noch beleidigt. Vor dem Eſſen wollte Marian mit mir auf mein Stübchen gehen, um ihre Kleidung zu wechſeln und ſich ein wenig in Putz zu werfen. Ich wollte ihr dies unter Lachen ausreden, und dabei entſchlüpfte mir beinahe unbewußt und unwillkürlich die Aeußerung: Mr. Langley verdiene nicht ſo viele Umſtände, da er ——— 4² nur um meinetwillen da ſei. Kaum war mir aber dieſes Wort entſchlüpft, ſo erröthete ich, und Marian fragte betroffen:„Willſt Du ihn denn heirathen?“ „Freilich!“ erwiederte ich;„wir ſind ſchon ſeit einigen Monaten verlobt!“ „Ach geh'! Und Du liebſt ihn?“ fuhr ſie fort. „Liebſt Du wirklich dieſen alten Pedanten?. Aber bedenke doch nur: er iſt ja ein Dreißiger— mindeſtens zweiunddreißig Jahre alt!...“ Dann folgten noch eine Menge neckiſcher Fragen und ſcherzhafter Bemerkungen. Sie nahm meinen Ver⸗ lobungsring, betrachtete ihn genau und machte ſich dann über uns luſtig; wir kamen ſo in's Plaudern und Scherzen hinein, daß wir es ganz vergaßen, rechtzeitig zu Tiſche zu kommen und erſt Hugh's Er⸗ ſcheinen, den man heraufgeſchickt hatte, dieſem Plau⸗ dern und muntern Gelächter ein Ziel ſteckte. Mein gewöhnlicher Platz bei Tiſche war zwiſchen dem Vater und Mr. Langley. Marian nahm ihn ohne Umſtände ein. Ich empfand darob einiges Herzweh, aber glücklicherweiſe bemerkte es niemand an der Tiſchgeſellſchaft. Muhme Thomaſine, neben welche ich mich geſetzt hatte, machte mich mit der Urſache ihres Beſuchs vertraut. Da nämlich der Familie jetzt eine Trennung bevorſtehe(ein Seiten⸗ blick auf Mr. Langley erklärte mir, was die Muhme damit ſagen wollte), war ſie der Anſicht, Marian müſſe nun ihre Stelle im Vaterhauſe wieder einneh⸗ men, und da ſie es anderſeits nicht über ſich ver⸗ mocht haben würde, ſo von dieſem liebgewonnenen Adoptivkinde ganz zu trennen, ſo hatte ſich Muhme Thomaſine ein hübſches Landhäuschen, eine kleine 43 Cottage, ganz in der Nähe von Burndale gemiethet, wohin ſie jetzt ihre ganze Fahrniß bringen laſſen wollte, um ihren Lebensabend in unſerer Nachbar⸗ ſchaft zu beſchließen. Während ſie mir von dieſen neu⸗ getroffenen Anordnungen Mittheilung machte, war mei⸗ ner Schweſter umherſchweifender Blick auf die Stelle gefallen, welche Allan ſonſt am Tiſche eingenommen hatte. Augenblicklich verſtummte ihr harmloſes Ge⸗ plauder, ihre Wangen erblaßten, Thränen hingen ihr an den langen Wimpern, allein ſie wiſchte ſie raſch hinweg, damit der Vater nichts davon bemerken ſollte. Mr. Langley verſtand dieſe plötzliche Ge⸗ müthsbewegung, und achtete ihr Geheimniß. Der ganze Abend aber hat in mir nur traurige und wehmüthige Erinnerungen zurückgelaſſen. Mir war als ſei ich von irgend einem geheimnißvollen Ein⸗ fluſſe gelähmt und befangen. Es lag wie eine bange Ahnung auf mir; ein tückiſches, ſchauriges Geſpenſt ſchien mich unheildrohend zu umſchweben, und mir war, als verſpüre ich die eiſigkalte Berührung ſeiner bleiernen Schwingen. In der darauffolgenden Nacht erwachte ich jählings aus einem wüſten ſchreckhaften Traume und fand mein Kiſſen in Thrä⸗ nen gebadet... Der Wendepunkt in meinem Geſchick, den ich geahnt, die Veränderung, vor welcher mir gegraut hatte, trat auch ein,— jedoch nicht plötzlich, ſondern ganz allmälig— etwa ſo wie ein Nebel ſich über eine lachende Landſchaft herniederſenkt, eine Linie des Horizonts um die andere überlagert, dann lang⸗ ſam wieder zum Himmel emporſteigt und endlich die Erde ganz vom Licht der darüber ſtehenden Sonne 3 44 abſperrt. Es iſt nicht meine Abſicht, hier einen Vorwurf gegen irgend Jemand auszuſprechen. Allein es ging ganz natürlich zu, ohne vorausgefaßte Ab⸗ ſicht, in ganz ungeſuchtem Verlauf. Ich hatte mich ſelber über das Wohlgefallen gefreut, welches Mr. Langley vom erſten Anblick an für unſere hübſche Marian zu Tage gelegt hatte. Sie wünſchte eben⸗ falls von ihm Unterricht im Italieniſchen zu erhalten, und ich trat ihr meinen Lehrmeiſter und die Stun⸗ den ab, welche er ſeither mir gewidmet hatte. Ich mußte lächeln, als ich ſah, wie ſie mit den Schwierig⸗ keiten rang, welche ihre Unaufmerkſamkeit und ihre Flatterhaftigkeit ihr noch vergrößerten, wie ſie dar⸗ über faſt verzweifelte, daß ſie die Sorgfalt ihres Lehrers nicht beſſer belohnte; ich lächelte, als ich ſah, daß Mr. Langley ſich niemals über das ſchlechte Gedächtniß und die widerſtrebende Intelligenz ſeiner Schülerin ärgerte, daß er über die furchtſamen, ver⸗ legenen Blicke lachte, die ihm ſeine Schülerin ihrer⸗ ſeits verſtohlen zuwarf, wenn ſie ihn gegen ſich auf⸗ gebracht wähnte. Und er ließ ihr wirklich viele Fehler nachſichtig hingehen, welche er an mir ſtreng gerügt haben würde; aber er wollte ſie nicht ent⸗ muthigen. So gab ſich zuerſt die Veränderung kund, von deren Tragweite dieſe beiden mir ſo werthen Perſonen zuerſt wohl ebenſo wenig eine richtige Ahnung hatten, als ich ſelber. Nach Ver⸗ lauf von ſechs Wochen verlangte Marian, man ſolle ihr nun Ferien geben, und da man im Grunde im⸗ mer jeden Wunſch erfüllte, ſo reiste man nach dem Landhäuschen der Muhme Thomaſine ab. Das launiſche Blondköpfchen ſchien ganz im Himmel, als 45 es ſeinen Lehrer nicht mehr an der Seite hatte. Ich meinerſeits war aber auf einen Beſuch Mr. Lang⸗ ley's gefaßt, und ich hatte mich nicht getäuſcht. Das erſte Mal, als man ihn am jenſeitigen Saum der Wieſe erſcheinen ſah, welche ſich vor dem Häuschen ausbreitete, rief Marian mit einer erheuchelten Be⸗ ſtürzung:„Oh wehl! dort kommt der Gelehrte!... Ver⸗ bergt mich vor ihm! ich will mich geſchwind verſtecken!“ ... und ſie ſuchte ſich wirklich ein Verſteck. Mr. Langley kam an, ernſt und gedankenvoll wie gewöhn⸗ lich. Marian warf ihm einen erſchrockenen, ſcheuen Blick zu, dann aber ward ſie nach den erſten Be⸗ grüßungen ganz ruhig und ſtumm. Einen Augen⸗ blick ſpäter änderte ſich die Scene: Marian trat ge⸗ gen ihn auf, beſpöttelte, verlachte, neckte ihn und wunderte ſich, wie ein Mann, der ſo vielſeitige und wichtige Geſchäfte habe, die Zeit finden könne, uns zu beſuchen. Sie fragte ihn, ob der Garten der Muhme Thomaſine irgend eine intereſſante geogno⸗ ſtiſche Formation oder Erſcheinung aufzuweiſen habe, welche der Aufmerkſamkeit der Gelehrten werth ſei. Mr. Langley's Miene verdüſterte ſich allmälig im⸗ mer mehr. Er neigte ſich zu der kleinen Spötterin herab und flüſterte ihr einige Worte in's Ohr, ob denen ſie plötzlich aufſchaute und ihn lächelnd an⸗ blickte. Sie wollte ihm antworten, aber ſchon die erſten Worte blieben ihr gleichſam im Halſe ſtecken. Er nahm abermals das Wort, allein immer allzu leiſe, als daß ich hätte verſtehen können, was er ihr ſagte. Ich ſtand auf und verließ in aller Stille das Zimmer. Ein Viertelſtündchen ſpäter ſah ich Mr. Langley aus dem Hauſe treten und mit großen 46 Schritten die Wieſe hinunter wandern. Er war aufgeregt und ſprach im Gehen vor ſich hin. Kaum war er mir jedoch aus dem Geſicht, ſo ſprang Ma⸗ rian auf mich zu und rief:„Du lieber Gott, Griſſell, wie wenig beneide ich Dich um Deinen Liebhaber! ... er iſt offenbar verrückt, der ſchmachtende Täu⸗ ber! Ich habe ihn in einen großen Zorn verſetzt!“ Aber wie, und bei welcher Gelegenheit, das vermochte ich nicht in Erfahrung zu bringen. Sollte ich ſie darum fragen, es zu wiſſen verlangen? Sollte ich darauf beſtehen? Nein, ich wollte es nicht; ich durfte mich nicht zur Spionin an meiner Schweſter machen. Wäre dieſe Rolle meiner, wäre ſie Mr. Langley's würdig geweſen? Er hatte mich ſeiner Liebe verſichert, er hatte von mir verlangt, ich ſolle ſeine Frau werden. Er hatte laut ſeiner eigenen Verſicherung von dem Entſchluſſe, welchen ich faſſen würde, Glück oder Unglück ſeines Lebens abhängig gemacht;— durfte ich alſo ſeiner Aufrichtigkeit miß⸗ trauen? Auf alle dieſe Fragen, welche ich an mich richtete, lautete die Antwort ſtets gleichförmig: ‚das iſt Alles wahr und gut, aber damals hat er eben den„Sonnenſtrahl“ noch nicht gekannt!⸗ Endlich bemächtigte ſich meiner eine unbezwing⸗ liche Unruhe. Ich konnte nirgends mehr ruhig blei⸗ ben. Mit meiner Schweſter konnte ich mich gar nicht mehr recht vertragen. An die Stelle unſers einſti⸗ gen rückhaltsloſen Vertrauens in unſeren gegenſeiti⸗ gen Mittheilungen war beiderſeitig eine Verlegen⸗ heit getreten. Nie ward zwiſchen uns eine Anſpie⸗ lung auf meine bevorſtehende Heirath gewechſelt. Der Unterricht im Italieniſchen ward wieder aufge⸗ 47 nommen, und die Lehrſtunden wurden immer länger. Langley und meine Schweſter ſchienen glücklich, wenn ſie nur beiſammen ſein konnten. Meine Anweſen⸗ heit beengte ſie bald um kein Haarbreit mehr, als wenn ich ein fühlloſer Stein geweſen wäre, und dieſe Gleichgültigkeit, dieſe Nachläſſigkeit ſteckte zuweilen auch mich an. Ich überraſchte mich oft darüber, daß ich dieſe beiden Köpfe, den blonden und den braunen, hübſch fand, wenn ſie manchmal, von dem⸗ ſelben lächelnden Ausdruck belebt, ſich über das näm⸗ liche Buch beugten. Ich vertraute meine Befürch⸗ tungen, meinen Argwohn niemand an. Ich bot meine ganze Willenskraft auf, um mich ſelbſt blind zu machen, und ſo blieb ich, von Beſorgniſſen und Aengſten gequält, ganz unentſchieden bis zu dem Tage, wo der bereits ſchon ſo durchſichtig gewordene Schleier plötzlich vollends mir von den Augen ge⸗ riſſen wurde. Es war an einem Auguſtmorgen. Beide ſaßen in ihr Studium vertieft im Zimmer. Ich litt an heftigem Kopfſchmerz und meine Schläfenarterien poch⸗ ten laut und fieberiſch; drunten im Garten rauſchte ein friſches Lüftchen durch die Bäume. Ich eilte hinunter, mich in's Grüne zu ſetzen, und ließ ſie allein. Lange Zeit ſaß ich, das Geſicht mit den Hän⸗ den bedeckend, in meiner Laube, zu allem anhalten⸗ den Denken und Nachgrübeln unfähig. Ich kann es frei behaupten und vermöchte es nöthigenfalls zu beſchwören, daß, als ich endlich zurückkehrte und mich dem Hauſe näherte, mir nichts ferner lag, als der Gedanke, ihre Geheimniſſe zu belauſchen und ſie zu überraſchen. Vielmehr trat ich an das Fen⸗ 48 ſter, in deſſen Nähe ſie ſaßen, mit einer unbeſchreib⸗ lichen Stimmung; mir war zu Muthe, wie gewiſſen Verurtheilten, die zum Tode geführt werden— ich hatte einen wahrhaften Durſt oder Drang nach Ruhe, Ruhe und Frieden um jeden Preis. Bei meinem Näherkommen hörte ich ihre Stimmen, ohne einen beſtimmten Begriff mit den Worten verbinden zu können, die an mein Ohr ſchlugen. Ich ſah, daß ſie die Bücher geſchloſſen und hinweggelegt hatten— ich wollte weitergehen: unmöglich! meine Füße ſchienen gleichſam am Boden zu wurzeln. Ich blieb alſo und betrachtete ſie beide. Ich ſah wie er ſeine Arme um ſie ſchlang und ſie ſich ohne Sträuben ſeiner Um⸗ armung überließ; ich ſah wie er ihr einen Kuß gab, ſah ſie ihr Geſicht an ſeine Bruſt ſchmiegen und hörte ſie einige Worte flüſtern, von denen ich nichts unterſchied als:„die arme Griſſell.“ 5 Ich begriff nun Alles und erkannte mit Einem Blick, um was es ſich handle. Ich trat in den Sa⸗ lon, zog den Ring vom Finger, welchen ich von Mr. Langley hatte, legte denſelben vor ihm auf den Tiſch, ohne ein Wort zu ſprechen und verließ dann Beide. Eine Minute länger geblieben und ich würde mich verrathen haben. Der Inſtinkt der Frau und jenes Bewußtſein von Würde, welches der Frau in der⸗ artigen Augenblicken nie fehlt, hatten mir erlaubt, während der erforderlichen Zeit meine eiſige Maske zu behalten. Allein jetzt mußte ich meinen Schmerz ausathmen, mußte ihm die Zügel ſchießen laſſen. Wohin ſollte ich jedoch gehen? Welchem andern Herz ſollte ich die Qualen des meinigen anvertrauen, in welchem durfte ich ſein krampfhaftes Erbeben, den 49 gährenden Tumult meiner aberwitzigen Gedanken niederlegen? Ich konnte es nicht über mich gewin⸗ nen, mich in dieſem Zuſtande der Erſchütterung vor irgend jemand anders ſehen zu laſſen, als vor un⸗ ſerer gütigen Mutter Natur, die im Voraus von allen Geheimniſſen unterrichtet iſt, welche man unter ihre Verwahrung gibt, und ſie auf immer in ihre tiefſten Eingeweide verſchlingt. Ich eilte unabläſſig hinaus in die Felder, wo das goldene Getreide der Ernte entgegenreifte, hinaus in die Wälder voll Schweigen und dämmerndem Schatten, und ſchmei⸗ chelte mir mit der Hoffnung, die phyſiſche Erſchöpfung würde die Leiden meiner Seele einſchläfern. Ich er⸗ zielte zwar damit nicht jene Ruhe, welche ich erwar⸗ tete, aber es verſetzte mich in eine kalte ſtarre Apa⸗ thie, welche vielleicht eben ſo viel werth war. Ein unbezwinglicher Widerwille hielt mich von der Rückkehr ins Vaterhaus ab. Nach einer langen Wanderung langte ich endlich im Zwielicht des Abends bei der Muhme Thomaſine an, welche friedlich vor ihrem Kaminfeuerchen ſaß und ſtrickte. Bei meinem Anblick fielen ihr die Nadeln aus der Hand. „Barmherziger Gott, was iſt denn dem Kinde?“ rief ſie erſchrocken;„Griſſell, was fehlt Dir? Du biſt ja todesbleich!“ Ich ſank in einen Stuhl, und hier, in das Feuer ſtierend— daſſelbe Feuer, worin ich ſonſt ſo vielerlei merkwürdige Phantaſiegebilde geſehen hatte,— hier floßen meine erſten Thränen. Die gute Tante drang nicht eher mit Fragen in mich, als bis ich mich etwas beruhigt hatte. Nun bekannte ich ihr Alles, mit Ausnahme deſſen, was Marian und Langley allzu⸗ Lee, Thorney⸗Hall. 4 ſehr anklagte. Sie entrüſtete ſich aber darum nicht minder über das, was ſie Täuſchung, Verrath, und was weiß ich was ſonſt noch, nannte, und wollte ſo⸗ gleich aufbrechen und von meinem Vater Gerechtig⸗ keit verlangen. Ich hatte Mühe, ſie hievon abzu⸗ halten. Sie ließ mich hierauf eine ganze Stunde ruhig ausweinen, damit mir leichter ums Herz wurde. Ich habe mir ſeither immer geſagt, wenn ich mir jene ſtumme Theilnahme und taktvolle Handlungs⸗ weiſe der Muhme Thomaſine ins Gedächtniß rief, ſie habe ſelbſt gewiß einmal irgend eine ſolche ſchwere innere Prüfung an Herz und Gemüth durchmachen müſſen. Als die Nacht eingebrochen war, machte ich mich wieder auf den Rückweg. Bald hatte ich Burn⸗ dale wieder erreicht und wie ich ſo an den alten, ſonderbaren Häuſern vorüberging, in welchen ſo viele Geſchlechter nach einander gehaust hatten, ver⸗ gegenwärtigte ich mir mit jener wilden Freude, wie viele Gemüthsbewegungen gleich der meinigen alle jene Weſen bewegt und durchbebt hatten, die alle hier vorübergehend gehaust, die alle denſelben Le⸗ benspfad gegangen waren und jetzt ſtarre Aſche und Moder waren,— ein Loos, welches ja auch mir in wenigen Jahren beſchieden ſein würde! Langſam betrat ich Watergate, die Straße, worin mein väterliches Haus ſtand, und bemerkte ſchon aus einiger Entfernung einen Mann, welcher langſam vor meinem elterlichen Hauſe auf⸗ und niederging. Es war Mr. Langley. Ich errieth, weßhalb er mich erwartete, und ich wäre ihm gar zu gerne ausge⸗ wichen; allein kaum war er meiner anſichtig gewor⸗ den, ſo eilte er auf mich zu, vertrat mir den Weg * 51 und fragte:„Wollen Sie mich nicht anhören, Griſſell?“ Es war mir nicht möglich, ihm zu antworten, und er ſelbſt blieb mir einige Minuten ſchweigend gegenüberſtehen. 1 „Ich kann mich nicht rechtfertigen,“ fuhr er dann beſchämt und verlegen fort;„ich vermag mir nur Verzeihung von Ihnen zu erflehen... Wollen Sie mir erlauben, daß ich Ihnen ſchreibe?“ „Wozu denn?“ erwiderte ich endlich mit Mühe, denn ich konnte kaum reden. Und um ihn aus dieſer grauſamen Verlegenheit zu ziehen, ſetzte ich hinzu: „Ich verzeihe Ihnen. Vergeſſen Sie mich— das iſt das Einzige, um was ich Sie bitte... Und nun leben Sie wohl!“ „Nur noch einen Augenblick ſchenken Sie mir Gehör, Griſſell!... Ihr Vater...“ „Haben Sie mit ihm geſprochen?“ fiel ich ihm ins Wort. „Ja, ich habe ihm rückhaltslos Alles geſtanden. Er verurtheilte mich, und er hat Recht... Aber Marian... Hier wollte ich an ihm vorübergehen, aber Mr. Langley hielt mich zurück und legte ſeine Hand auf die meinige. Was hatte er für ein Recht, mich ſo zu quälen? „Ihr Vater hat mir ſein Haus verboten,“ fuhr Mr. Langley fort,„und doch muß ich Marian ſehen ... Ich will, ich muß ſie gewiß ſprechen... Griſſell, wollen Sie nicht für mich einſchreiten? Ihre Fürbitte kann den Vater beſtimmen...“ Bei dieſer höchſt ſeltſamen Bitte, welche er an mich richtete, waren ſeine Geberden und Miene die eines Mannes, der jede Herrſchaft über ſich ſelbſt verloren hat. An die Stelle des ruhigen geſetzten Gelehrten, den ich ſonſt in ihm zu ſehen gewohnt geweſen, war eine Art Thor oder Narr getreten. „Sprechen Sie doch, Griſſell!“... hub er wie⸗ der von Neuem an, ohne mir aber diesmal den Weg zu verlegen.„Wollen Sie mir dieſe Freund⸗ ſchaft erweiſen? O, bitte, reden Sie doch!“ Ach, ich liebte ihn leider noch mehr als mich ſelbſt, denn ich wandte mich noch einmal nach ihm um und ſagte:„Ich will Ihrer Bitte nachzukommen und den Vater zu erweichen ſuchen. Wenn es mir nicht gelingt, ſo tragen Sie mir deßhalb keinen Groll nach!“ Sein eifriger, ernſthafter Dank und die Eile, wo⸗ mit er ſich hierauf entfernte,— dies Alles machte einen ſchmerzlichen Eindruck auf mich. Ich ſah nun deutlich, dieſer Menſch hatte mich nie geliebt,— ich wiederholte mir dies mehr als zwanzigmal mit einer Art wilder Genugthuung. Ich habe von jeher die Anſicht gehegt, eine grauſame Wahrheit ſei beſſer als eine ſchmeichelhafte Lüge. S Mein Vater erwartete mich in ſeinem Studier⸗ zimmer. Er ſprach zu mir von Mr. Langley mit einer ſolch ſtrengen Geringſchätzung, mit ſolch ent⸗ rüſteter Verachtung, daß vorerſt keine Rede davon ſein konnte, einen Verſuch zur Verſöhnung des Va⸗ ters und zu einer Vermittlung zu Gunſten meiner Schweſter und Mr. Langley's zu machen. Ich ſuchte nun das Stübchen auf, welches ich mit Marian theilte, und fand ſie im Finſtern ſitzend. Kaum 53 hatte ich mich auf mein Bett geſetzt, ſo kam ſie wei⸗ nend zu mir und warf ſich mir zu Füßen. Sie er⸗ griff meine Hände und küßte ſie mir... ich fühlte ihre warmen Thränen auf meine zuſammengedrückten Finger niederthauen... aber all dies rührte mich nicht. Ihr tiefes Schluchzen fand nur in meinem Herzen eine Art ſchmerzhaften Echos. Alles was ich über mich vermochte, das war nur, ihre leiden⸗ ſchaftlichen Betheurungen und Schwüre durch einige freundliche Worte zu erwidern und mit liebkoſender Hand ihr verwirrtes Haar zu ſtreicheln. Trotzdem hatte der Ton meiner Stimme wider meinen Willen etwas Erzwungenes und Herbes, das ſeltſam mit meinen Verſicherungen von zärtlicher Liebe und ſchweſterlicher Hingebung kontraſtirte. Auch weinte ſie eben deßhalb nur um ſo heftiger. Was konnte ich aber dazu thun? Ich konnte doch ihr nicht mein ganzes Herz enthüllen und von ihr den Troſt verlangen, welchen dieſes Herz ſo ſehr bedurfte! Ich mußte mich daher nothgedrungen hinter den An⸗ ſchein einer trägen, lebloſen Kälte verſtecken, einen Anſchein, deſſen Unwahrheit ſie durchſchaute und der ihr daher als eine Heuchelei des Zornes erſcheinen mußte. Ich hoffe zwar, ſie habe mich in dieſem Stücke nicht verkannt, allein Gewißheit habe ich hierüber nicht, denn dieſe Erörterungen über den fraglichen Gegenſtand waren die erſten und die letzten, welche wir mit einander hatten. Am andern Tage und den darauffolgenden wid⸗ mete ich mich mit einem hartnäckigen Eifer der her⸗ gebrachten Erledigung meiner häuslichen Arbeiten und Pflichten. Ich gönnte mir keinerlei Stillſtand 54 und Erholung, um nicht denken und grübeln zu müſſen. Ich ſah wie Marian heimlich die Bücher bei Seite ſchaffte und verſteckte, welche Mr. Langley gehörten, und wie ſie ſich bemühte, dieſen Schatz, auf welchen ſie ein Recht hatte, Aller Augen zu ent⸗ ziehen. Ich erklärte mir vollkommen die ſeltene Ruhe, mit welcher ſie das kalte Mißfallen meines Vaters und das mißbilligende Schweigen ertrug, das unſere gute Mutter ihr gegenüber mit großer Selbſtüber⸗ windung beobachtete. Mir lag jetzt die Pflicht ob, das Verſprechen zu halten, welches ich Mr. Langley gegeben hatte. Ich vertheidigte ihre Sache mit dem feſten Wunſch und Willen, ſie zu gewinnen, denn allmälig hatte ſich meiner ein aufrichtiges Mitleid bemächtigt, als ich die friſchen Roſen von Marian's Wangen weichen und ihre ſchönen Augen am Mor⸗. gen noch verdüſtert und umwölkt ſah von den Thrä⸗ nen, welche ſie die Nacht hindurch vergoſſen hatte. Sie glaubte, ihr Geſchick hänge nur von mir ab und ich hatte deßhalb große Mühe, ſie zu überzeugen, daß ich Allem aufgeboten, wiewohl ohne jeglichen Erfolg, um den Entſchluß unſerer Eltern umzuſtim⸗ men. An der Feſtigkeit und Strenge meines Vaters ſcheiterte all meine zärtliche Fürſprache. Marian ſah die Eltern immer kalt und hart in ihrem Be⸗ nehmen gegen ſie, und dieſes einſt ſo verhätſchelte Kind verdachte es nun mir, daß es mir nicht gelin⸗ gen wollte, die Empfindungen und Anſichten der Eltern umzuſtimmen und ihre Ahndung zu mildern. „Ich kann und will nicht mehr ſo leben!“ ſagte Marian leidenſchaftlich zu mir.—„Niemand hier liebt mich mehr... niemand als Mr. Langley!“ 55 Auf Alles, was ich ihr ſagte, um ſie zu tröſten, zu beruhigen, zu beſchwichtigen, auf alle Ausſichten in eine beſſere tröſtlichere Zukunft, womit ich ihr ſchmeicheln wollte, erwiderte ſie mir nur durch Vor⸗ würfe; allein dieſe Vorwürfe und Anſchuldigungen erzürnten mich nicht; ich hatte nur Mitleid mit dem armen verblendeten Kinde. Man bedenke nur: ein bloſes Kind— ein unerfahrenes Geſchöpf von kaum ſechzehn Jahren— ſtieß hier zum erſten Mal auf ein Hinderniß in der Erfüllung ſeiner Wünſche! Auch nahm ich von Zeit zu Zeit wieder meine Sühn⸗ und Fürſprachs⸗Verſuche bei meinen Eltern auf, allein unglücklicherweiſe hegten ſie weder zu der Dauerhaftigkeit und Innigkeit dieſer jugendlichen Neigung, und noch weit weniger zu dem Charakter und der Feſtigkeit der Grundſätze des Mr. Langley ein rechtes Vertrauen. Meine Bitten und Bemühun⸗ gen blieben daher ganz nutzlos und ohne Erfolg. Ich habe hier noch ein kleines grünes Heft vor mir liegen— ein Geſchenk meiner Tante Thomaſine, das mir gleichſam zum Tagebuch diente, und worin ich jeden Abend die Gedanken und Gefühle nieder⸗ ſchrieb, welche mich den Tag über beſchäftigt hatten. Ich kenne kein beſſeres Mittel, um ſeine eigene Schwächen zu bekämpfen, als wenn man ſie ſo in der Einſamkeit und Stille ſich wieder vor die Seele ruft und ſie beurtheilt. In dieſem Tagebuch könnte ich noch heute, wenn ich es wollte, die Regungen der Eiferſucht auffinden, die ich hinterher ſo ſtrenge ver⸗ dammte, und die Sehnſucht nach dem Tode, die ich als eine fürchterliche Verſuchung von mir ſtieß. Es iſt mir ſchon ſelbſt begegnet, daß mir dieſe Spuren 56 der Vergangenheit, wenn ich ſie wieder aufſuchte, ein ſeltſames Erſtaunen und eine große Verlegenheit erregten.— Iſt es möglich, ſo fragte ich mich ſchon oft, iſt es möglich, daß ich alles das gedacht habe? — and doch iſt dies eben ſo wahr als wirklich, ſo ſeltſam es mir auch jetzt erſcheinen mag. So erinnere ich mich namentlich eines Tages, deſſen Einzelnheiten noch vollſtändig in meinem Ge⸗ dächtniß haften: eines warmen Nachmittags, wo ich auf den ſchon erwähnten Stufen am Waſſerrande ſaß. Das Waſſer des Fluſſes badete beinahe meine Füße. Eine eigenthümliche Verkettung von Gedanken brachte mich mit immer ſteigender Verlockung und einem verhängnißvollen Drang auf den Einfall, ich hätte hier ein ſicheres Mittel, mich an Jenen zu — rächen, indem ich mir in dieſen klaren Fluthen den. „ F Tod geben würde. Würden ſie alsdann, die Ur⸗ heber und Mitſchuldigen eines ſolches Selbſtmordes, noch länger den Gedanken an eine Heirath gehegt haben? Würden ſie es wagen, auf dieſe Weiſe meinen rächenden Schatten herauszufordern?— Es war der kritiſche Augenblick meines Schmerzes, die höchſte Steigerung jener Fiebergluth, die mir manch⸗ mal das Gehirn zu verzehren drohte. Von dieſem Wendepunkte an— eine Seite die ich nicht aus meinem Lebensbuche ausreiße, aber von der ich wünſchen möchte, daß ſie niemals geſchrieben worden wäre— gab ſich ein allmäliges Erſchlaffen meines Schmer⸗ zes kund, und die wilden Gluten legten ſich. Schwei⸗ gen zog in meinem Herzen ein; die Reſignation beugte mich unter ihr Joch; zuweilen ſchwankte ich, fühlte 57 mich dem Erliegen nahe— allein welche tödliche Krankheit hat nicht ihre Rückfälle? Mein Vater ließ ſich übrigens durch meine wie⸗ derholten dringenden Bitten nicht erſchüttern; dage⸗ gen war es mir gelungen, die Tante Thomaſine mit dieſer Verbindung zu verſöhnen, welche ſie Anfangs für unmöglich erklärt hatte. Marian war immer ihr Liebling geweſen, und der Gedanke, ſie ſo hin⸗ welken und mit ſich ſelbſt zerfallen zu ſehen, war ihr unerträglich. Mittlerweile war eine anſteckende Krank⸗ heit in Burndale ausgebrochen, und die Muhme wollte ſogleich Marian wieder mit ſich aufs Land nehmen, weil, wie ſie ſagte, ihre Gemüthserſchütterung und ihr leidender Zuſtand ſie bei einer Epidemie doppel⸗ ter Gefahr ausſetzen mußten. Meine Schweſter hatte gegen dieſen Plan gar nichts einzuwenden, ſondern er ſchien im Gegentheil ihr zu gefallen und ſie eini⸗ germaßen aufzurichten. Beide reisten alſo mit ein⸗ ander nach einem Seebade ab, wo ſie ſich ungefähr ſechs Wochen lang aufhielten. Bei ihrer Rückkehr hatten unverkennbar die See⸗ bäder den günſtigſten Einfluß auf Marian's Geſund⸗ heit ausgeübt. Meine Eltern hatten meinen Bitten nachgegeben und ſich entſchloſſen, Marian zu ver⸗ verzeihen und ſie wieder aufzunehmen wie früher; ja ſie überhäuften ſie bei ihrer Rückkehr ſogar mit Liebkoſungen— allein zu meiner Ueberraſchung ſchien Marian darüber verlegener als jemals. Nachdem ſie die Eltern in der Eile geküßt hatte, ſtieg ſie in unſer Stübchen hinauf, und bat mich, ſie dahin zu begleiten. Dort wollte ich ihr beim Auskleiden be⸗ hülflich ſein, allein ſie ſtieß meine dienſtfertigen Hände 58 zurück, und ihre Verlegenheit und Aufregung wurden immer größer, ſo daß ich nicht wenig davon über⸗ raſcht wurde. „Nun, wie ſteht es mit der anſteckenden Krank⸗ heit?“ fragte meine Schweſter, ohne mich anzublicken. Ich antwortete ihr der Wahrheit gemäß, daß die Krankheit im Abnehmen und ſeither noch Niemand von unſerer Bekanntſchaft davon ergriffen worden ſei. Dieſe Verſicherung ſchien ſie zu beruhigen; ſie entkleidete ſich, und bat mich ſie allein zu laſſen, weil ſie ſchlafen wolle; ſie fühle ſich zu müde, um länger zu plaudern. Bei meiner Rückkehr in das Wohnzimmer fand ich, daß die Unterhaltung ſich ebenfalls um die Typhusepidemie von Burndale drehte. Die Tante Thomaſine fragte ſo eben, ob irgend einer unſerer Freunde davon ergriffen worden ſei? „Nein, Keiner!“ erwiderte mein Vater gleichgültig; dann ſetzte er, ſich verbeſſernd, hinzu:„Keiner, denn ich zähle Mr. Langley nicht mehr unter diejenigen, welche dieſen Namen verdienen!“ Ich erfuhr auf dieſe Weiſe, daß Mr. Langley krank war, und kam auf den Einfall, Marian davon zu benachrichtigen, ſohald ich hinaufging und mich zu Bette legte. Als ich jedoch ſchlafen ging, fand ich ſie bereits eingeſchlafen, und verſchob die ſchlimme Nachricht auf den andern Tag. Im Verlauf der Nacht träumte ſie lebhaft, und nannte zu wiederhol⸗ tenmalen den Namen desjenigen, den ſie liebte. Ihre Aufregung und ihr Seufzen während des Schlafs beunruhigten mich ſehr, und da ich fürchtete, ſie könnte krank geworden ſein, ſo weckte ich ſie beim * 1 59 erſten Morgengrauen. Allein ſelbſt nach dem Er⸗ wachen ergoß ſie ſich zu meinem großen Erſtaunen in ſchmerzliche Klagen.— „Griſſell,“ ſagte ſie zu mir,„ich bin überzeugt, ich fühle es ordentlich, es muß Mr. Langley irgend ein Unglück zugeſtoßen ſein!— Wie könnte man es aanſtellen, um ſich nach ihm zu erkundigen?“ Jetzt brachte ich ihr ſchonend bei, was ich von ihm wußte. Augenblicklich ſprang ſie auf mich zu, warf mir einen erſchrockenen Blick zu, wobei ſie übri⸗ gens noch einige Ungläubigkeit zu erkennen gab und ſtürzte mir dann an den Hals. Im höchſten Grade überraſcht, ſchloß ich ſie zaͤrtlich in meine Arme.„O Griſſell, laß mich!“ rief ſie;—„laß mich!— Wie bin ich nur noch hier! bei ihm iſt mein Platz— ich habe jetzt das Recht, ja die Pflicht, ihn aufzuſuchen!“ Einen Augenblick hielt ich ſie für aberwitzig, aber ſie hatte mich bald enttäuſcht.—„Laß mich doch los!“ fuhr ſie beinahe leidenſchaftlich fort.„Begreife mich doch endlich— ich bin ja ſeine Fraul ungefähr ſeit einem Monat ſind wir verheirathet. Siehſt Du hier?“ ſetzte ſie hinzu und zeigte mir einen Trau⸗ ring, den ſie an einem ſchmalen ſchwarzen Bande um den Hals trug. Von dieſem Augenblick an hatte ich ihr nichts mehr zu erwidern, noch zu wehren, und ließ ſie ge⸗ währen. Ich half ihr ſogar auf ihre Bitte beim Ankleiden, damit ihr dies weniger Zeit koſtete. Sie erklärte mir nun auch, wie und warum ſie ſich von Mr. Langley, der ihr insgeheim gefolgt, hatte über⸗ reden laſſen, ihre Verbindung unwiderruflich zu ma⸗ chen, bis man Mittel gefunden haben würde, unſere Eltern zu beſänftigen. Ich ſah ſie zitternd, von Ge⸗ wiſſensbiſſen zerriſſen, von Unruhe verzehrt. Armer Sonnenſtrahl! es war nicht der Augenblick, ihr dar⸗ über zu zürnen oder mit ihr zu hadern. Ich redete ihr daher ſelbſt zu, das zu erfüllen, was ſie mit Recht für ihre Pflicht hielt. Ich leiſtete ihr Beiſtand, das Haus zu verlaſſen, ohne Jemand zu wecken, ich folgte ihr mit dem Auge bis an die Thüre des Mr. Langley, in deſſen Hauſe ſie ohne Schwierigkeiten durch ſeine alte Dienerin eingelaſſen wurde, die, wie ich nachher erfuhr, eine der Zeugen ihrer Trauung geweſen war. Als dies geſchehen war, blieb mir noch eine ſchmerzliche Aufgabe zu erfüllen; ich mußte alles meinem Vater erzählen, und da ich ihn beſſer kannte, als irgend Jemand ſonſt, ſo that ich es in ſehr we⸗. nigen Worten, ohne die mindeſte Umſchreibung, ſo einfach wie möglich. Er hörte mich ruhig bis zu Ende an und erwiderte mir keine Sylbe. Später im Verlauf des Tages ſagte er mir, er wolle meine Mutter nicht hindern, das Kind— mit dieſem Aus⸗ druck bezeichnete er ſie— zu beſuchen; allein er ſei⸗ nerſeits wolle nie wieder einen Verkehr mit Marian haben. Meine Mutter weinte, flehte, beſchwor ihn, konnte aber nichts von ihm erlangen. Wie bitter mußte an jenem Tage der väterliche Stolz in ihm leiden! ſich auf dieſe Weiſe ein zweites Kind geraubt zu ſehen, und zwar ſeinen Liebling! Noch am ſelben Abend begab ſich meine Mutter zu Marian und verſuchte ſie vergebens zu bereden, ihren kranken Gatten der Pflege einer Wärterin an⸗ zuvertrauen. Statt aller Antwort ließ meine Schwe⸗ 61 ſter mich bitten, ſie in ihrem Amte zu unterſtützen. Ich erbat mir vom Vater dieſe Erlaubniß, und zö⸗ gerte dann keinen Augenblick ihre Bitte zu erfüllen — trotz alledem, was man mir von der Möglichkeit einer Anſteckung durch dieſe Krankheit ſagte. Ich begab mich an den Ort, wohin man mich berief, und es verurſachte mir ein großes Erſtaunen, zu ſehen, daß meine Schweſter, durch den Drang des Augen⸗ blicks wie durch Zauberſchlag verwandelt, unter ſolch kritiſchen Verhältniſſen eine vollkommene Ruhe und Selbſtbeherrſchung bewahrte. Ihre Lippen beb⸗ ten kaum ein wenig, als ſie mir ſagte, daß ihr Gatte, der in ſeinem Delirium fortwährend ihren Namen nannte, ſie noch gar nicht erkannt habe. Ich blieb Marian zur Seite, bis ſich bei dem Kranken die erſten Zeichen der Wiedergeneſung gel⸗ tend machten. Mein Vater ſah mich ins Haus zu⸗ rückkehren, wie er mich daſſelbe hatte verlaſſen ſehen, ohne ein Wort der Theilnahme für das eine oder das andere des jungen Ehepaars. Wir erfuhren bald darauf, Mr. Langley ſei nur unvollſtändig wieder geneſen, und der Arzt habe ihm deßhalb eine Luftveränderung und den Aufenthalt in einem wär⸗ meren Lande angerathen. Hievon erfuhr mein Vater nicht einmal etwas, denn er hielt an den Sonntagen in der Kirche während des Gottesdienſtes ſeine Augen ſorgſam von der Bank abgewandt, wo er Marian 3 iid ihren Gatten einmal neben einander hatte ſitzen ehen. Eines Abends kehrte ich in einer Stimmung, die mir ganz neu war, in das gemeinſame Wohnzimmer zurück. Das Leben dünkte mir weniger bitter; die 62 Entſagung war mir leichter geworden. Ich machte mir die Selbſtſucht zum Vorwurf, mit welcher ich, mich ſeither ſo hartnäckig dem Kummer hingegeben. Als meine Mutter nämlich, welche mir neben ſich Platz gemacht hatte, mich auf einem niedrigen Sche⸗ mel zu ihren Füßen ſitzen ſah, ſtreichelte mir ihre Hand ſanft mein Haupt. Ich blickte zu ihr auf, und ſah ihre Augen von friſch vergoſſenen Thränen geröthet. Ganz in meinen eigenen Schmerz verſun⸗ ken, hatte ich alſo ſeither nicht an den ihrigen ge⸗ dacht!— Dieſer Gedanke ſchnitt mir tief in die Seele. Ich ſah darin eine Schuld, die ich zu büßen hatte, und zwar ohne allen Zeitverluſt. Meine arme Mutter, deren Sehkraft ſehr ſchwach geworden war, kannte kein größeres Vergnügen, als ſich laut vor⸗ leſen zu laſſen. Seit mehreren Monaten, ja ſeit dem Tage, wo ich das traurige Buch des Lebens hatte entziffern lernen müſſen, war mir alle Lectüre ganz unerträglich geworden. Es koſtete, mich an jenem Abende einige Selbſtüberwindung, um meiner Mut⸗ ter den Vorſchlag zu machen, ihr etwas vorzuleſen; allein welcher Vorwurf für mich lag in der freudigen Miene, womit ſie dieſes ſo einfache Anerbieten an⸗ nahm! Ich hatte ganz vergeſſen— niemals begriff ich das mehr als in jenem Augenblicke— welch ſchwere Schuld wir uns dadurch aufladen, daß wir jene kleinen Gelegenheiten zu werkthätiger Herzens⸗ güte verſäumen, die uns im häuslichen Leben ſo häufig geboten werden, und deren Verſäumung man ſo ſelten bereut. Ich wählte aus unſerem kleinen Büchervorrathe dasjenige Werk, das ſie am meiſten liebte: ein altes Buch, deſſen Blätter vom vielen 63 Leſen ganz abgenützt waren, und dem ſie nur die Bibel vorzog. Es war das Leben des Oberſten Hutchiſon, geſchildert von ſeiner Frau, einer ächten engliſchen Cornelia, welche der ſchönſten Zeiten der römiſchen Republik würdig geweſen wäre. Mein Vater, der eben ſelbſt mit Leſen beſchäftigt war, ſchlug ſein Buch zu, um uns zuzuhören. Es ent⸗ ſtrömte dieſen Seiten ein Duft von ſtoiſcher Tugend, der uns alle gleichſam berauſchte; ſelbſt Hugh ſchob ſeinen Euclid und ſeine geometriſchen Figuren bei Seite, und nahm aufmerkſam in unſerem kleinen Familienkreiſe Platz. Als ich mit Vorleſen fertig war, zog mein Vater mich zu ſich heran, und drückte mir einen Kuß auf die Stirne. Dieſe nur ſelten gewährte Liebkoſung verrieth von ſeiner Seite eine Rührung, die meinem ſtillen Wunſche günſtig zu ſein verſprach. Ich machte mir den paſſenden Augenblick zu Nutze und nannte ihm den Namen meiner Schweſter. Mein Vater verſuchte mir Stillſchweigen aufzuerlegen, allein ſeine Stimme klang nicht ſo feſt, wie ſonſt. Er ließ ſich ſogar dazu herbei, uns den Grund ſeiner Strenge zu erklären.— Konnte er ſich mit dem Manne ver⸗ ſöhnen, der ihm ſein Kind geraubt hatte? und die⸗ ſes— die arme liebe kleine Marian, wie mein Vater ſagte— wie ſollte er ſie von dem Manne trennen, den ſie ſich ſelbſt gegeben hatte? 3 „Sie wird es freilich noch bereuen!“ ſetzte er wehmüthig hinzu.—„Ihr Gatte hat Charakter, eine ſeltene Bildung und glänzenden Verſtand, aber gar keine Grundſätze.— Sie wird es bitter bereuen.— 64 Für jetzt iſt dies vielleicht noch nicht der Fall, aber wollte Gott, ich würde mich für immer täuſchen!“— Wir waren nun ſchon einmal daran von Ma⸗ rians Geſchick zu reden; wir machten ihn daher auch mit der bevorſtehenden Reiſe des jungen Chepaares bekannt, und ſahen, wie ihm die Thränen in den Augen ſtanden beim Gedanken an die Trennung von Marian,— als die Thüre ſich öffnete, und Marian ſelbſt eintrat. Der liebe Gott führte ſie uns ohne Zweifel zu. Sie trat zunächſt zu meinem Vater, faltete die Hände und flüſterte bittend:„Segnen Sie mich, ehe ich euch alle verlaſſe!“ Dieſer plötzlichen unverhofften Aufforderung ver⸗ mochte mein Vater nicht zu widerſtehen. Er küßte ſie tief gerührt, und drückte ihre Wange lang an ſeine Bruſt,— dieſe Wange, die einſt ſo friſch und blühend geweſen, jetzt aber bleich und abgehärmt war. Marian richtete ſich auf den Fußſpitzen in die Höhe, und flüſterte ihm einige Worte ins Ohr, mit jener gewinnenden Weiſe, deren Macht er, wie ſie wohl wußte, ſonſt niemals zu widerſtehen vermocht hatte. Mein Vater runzelte die Stirn, aber kaum in eine Minute;— dann blickte er mich an und agte: „Griſſell, wie es ſcheint iſt Mr. Langley draußen!“ „So erlauben Sie ihm einzutreten!“ erwiderte ich. Und Marian lief nach der Thüre und führte ihren Gatten zu uns herein. Noch einmal nahmen wir mit einander das Abendbrod ein, aber es war das letztemal, denn am andern Morgen mit Tagesanbruch verließen Sonnen⸗ ſtrahl und Mr. Langley unſer trauriges Burndale. — 65 Wir wünſchten uns im höchſten Grade Glück zu die⸗ ſer ſpäten Verſöhnung, bei dem Gedanken, daß jede Vertagung derſelben die Verzeihung unmöglich und Reue und Gewiſſensbiſſe vergeblich gemacht haben würde! IV. Mit Allan und Marian ſchien alle Fröhlichkeit aus unſerer Behauſung gewichen. Eine frühzeitige herbe Lebenserfahrung hatte mich traurig gemacht, und Hugh war von Natur aus ernſthaft geſtimmt. Die Muhme Thomaſine ließ ſich, wie wohl meines Erachtens ganz vergebens, angelegen ſein, ihm un⸗ aufhörlich zu widerholen, daß er die Hoffnung der Familie ſeie, und man ſich von ihm große Dinge verſpreche. Es bedurfte bei ihm gar nicht dieſer Anſpornungen ſeines Chrgeizes, und ſeine Pläne für die Zukunft, welche er in gewiſſen vertraulichen Augenblicken vor mir entrollte, waren meines Er⸗ achtens nur allzu umfaſſend und ungeheuer. Er träumte vom Ruhm des Gelehrten, von akademiſchen CEhren, von ſchriftſtelleriſchem Rufe, und wer weiß von wie viel tauſend anderen Chimären auf die er ſpäter Verzicht leiſten mußte. Meine Mutter, die von jeher kränklich geweſen, war ſeit Allan's Verſchwinden immer leidender ge⸗ worden. Ihre Schwäche und Entkräftung nahm immer mehr zu, und wenige Tage vor Weihnachten verloren wir ſie. Meinen Vater hatten die ver⸗ ſchiedenen Erlebniſſe in ſeiner Familie in der jüng⸗ Lee, Thorney⸗Hall. 5 66 ſten Zeit weit tiefer erſchüttert, als wir nur geahnt hatten, und er überlebte meine gute Mutter nur um drei Monate. Ich gehe raſch über jene wehmüthige Periode meiner Erinnerungen weg. Dieſer doppelte Verluſt, den wir erlitten hatten, warf alle Pläne über den Haufen, welche für Hugh's Erziehung gebildet worden waren. Meinem Vater war es nicht vergönnt geweſen, von dem beſchränk⸗ ten Ertrag ſeines Berufs vieles bei Seite zu legen; ſeine Hinterlaſſenſchaft war daher eine nur ſehr be⸗ ſcheidene. Mein Bruder war groß genug, daß man ihm ſeine neue Lage auseinander ſetzen konnte; er begriff ſie auch ſehr wohl, und eines Tages, als Muhme Thomaſine ſoeben mit mir darüber ſprach, mengte er ſich plötzlich in unſere Unterhaltung. „Habt Ihr ſchon entſchieden, liebe Tante, was aus mir werden ſoll?“ fragte er mit einer gewiſſen Feſtigkeit, Die Tante erwiderte ihm mit einem Seufzer, man müſſe in dieſer Beziehung erſt den Rath des Mr. Flinte abwarten, der ſich gar nicht zu beeilen ſchien, uns ſeine Anſichten mitzutheilen. Dieſer M. Flinte war der einzige Bruder meiner Mutter, und durch den Wunſch meines Vaters mit der Bereini⸗ gung ſeiner Angelegenheiten beauftragt, und zu un⸗ ſerem Vormunde auserſehen,— ein Amt, welches Mr. Flinte allem Anſchein nach nur ziemlich ungern übernommen hatte.—„Für irgend etwas wird man ſich wohl jetzt entſcheiden müſſen,“ ſetzte die Tante hin⸗ zu;„Du wirſt nächſten Mai ſchon vierzehn Jahre alt!“ „Nein, fünfzehn, mit Verlaub!“ gab Hugh zur Antwort. 3 „In der That, Du haſt Recht— fünfzehn!“— . 676 „Es iſt ja wahr! wie doch die Zeit vergeht! aber Du mußt wiſſen, lieber Junge,“ fuhr die Tante mit gedämpfter Stimme und beinahe zärtlich fort, als ob ſie die Enttäuſchung mildern wollte, die ſie ihrem Neffen bereiten mußte,— Du mußt wiſſen, daß Du ohne die Unterſtützung, und zwar die ſehr freigebige Unterſtützung des Mr. Flinte nicht im Stande ſein wirſt, die ſogenannte gelehrte Laufbahn fortzuſetzen!“ „Ich weiß es, liebe Tante, und ich habe auch dieſen Gedanken bereits aufgegeben,“ verſetzte Hugh und keine Muskel ſeines Geſichts zuckte;„ich verlange von Mr. Flinte nichts anderes, als daß er mich auf dem Comptoir irgend eines Großhändlers als Lehr⸗ ling unterbringt, oder mich ſelbſt in dieſer Eigen⸗ ſchaft in ſein Geſchäft nimmt, was mir eigentlich das allerliebſte ſein würde!“— Ich fand dieſen Einfall vortrefflich und wagte es zu äußern. Meine Tante aber war nicht meiner Anſicht.—„Du hatteſt dir früher ein weit edleres Ziel für Deinen Ehrgeiz geſteckt,“ gab ſie Hugh zur Antwort;—„bedenke, daß ein Kaufmannsdiener eben ſein Lebenlang nur Kaufmannsdiener bleiben muß!“ Hugh erwiderte dieſe drohende Warnung nur durch ein Lächeln.—„Eröffnet mir nur eine Lauf⸗ bahn, und überlaßt es dann nur mir, auf derſelben vorwärts zu kommen!“ verſetzte er entſchloſſen.„Ich brauche keinen glänzenderen Anfang als den ge⸗ nannten!“ „Bedenke,“ fuhr die Tante fort,„daß Mr. Flinte nicht eben der liebenswürdigſte Menſch iſt; er hat eine rauhe Außenſeite und...“ „Ich habe ein hartes Fell,“ fiel ihr Hugh in die 68 Rede, und ich hätte ihn um dieſer Feſtigkeit willen, die mir von der günſtigſten Vorbedeutung erſchien, küſſen mögen. Dann aber ſetzte ſich Hugh, ohne weiter in uns zu drängen, an das andere Ende des Zimmers und ließ uns über dieſen neuen Plan uns ausführlich beſpre⸗ chen, bis es mir gelang, die Einwilligung der Tante hiefür zu gewinnen. Man ſchrieb daher in dieſer Richtung an Mr. Flinte, der übrigens keine Antwort darauf gab. Dagegen meldete uns am darauf folgen⸗ den Sonntag, ſchon ziemlich ſpät am Abende, ein furchtbares Pochen an unſerer Hausthüre die An⸗ kunft dieſes gefürchteten Verwandten. „Ich reiſe immer am Sonntag,“ ſagte er feierlich zu meiner Tante, um ihr ſein Erſcheinen zu dieſer ungewohnten Stunde zu erklären;—„man gewinnt dadurch Zeit, und die Zeit iſt unſer werthvollſtes Beſitzthum.“ Unſer Oheim mütterlicher Seite war ein hochge⸗ wachſener dicker Mann mit einem Kahlkopf, hochge⸗ röthetem Geſicht, und langen dichten Augenbrauen, unter denen ein paar ſtechende Augen voll unerbitt⸗ licher Strenge und unbeſtimmtem Argwohn hervor⸗ blickten. Ich ſah ihn zum erſtenmal in meinem Le⸗ ben, fand jedoch, daß die Aeußerung der Tante über ſeine perſönliche Erſcheinung nicht aus der Luft ge⸗ griffen war. Von den erſten Worten an, mit wel⸗ chen er ſeinen Neffen anredete, war es uns klar, daß er die Pflichten der Verwandtſchaft nur auf die allerengſten Grenzen beſchränkte. Als Tante Tho⸗ maſine ihren Liebling mit ſolch geringſchätzender Verrraulichkeit behandeln ſah, gerieth ſie darüber all⸗ 69 mählig in Entrüſtung, ſprach nur in trockenem an⸗ züglichem Tone und ließ in ihrem immer ſteifer und ceremoniöſer werdenden Benehmen ihre Unzufrieden⸗ heit und Mißbilligung an den Tag treten. Allein Mr. Flinte achtete gar nicht darauf, und behandelte im Gefühl ſeiner Ueberlegenheit die Einfälle der gu⸗ ten alten Provinzialen als Geſchäftsmann und als Menſch, der die Welt geſehen hat, ſehr von oben herab. Er ſchien gar nicht zu ahnen, daß Tante Thomaſine in unſerem Familienkreiſe für ein Orakel galt. „Dieſer Menſch iſt mir unausſtehlich,“ ſagte ſie zu uns, nachdem Mr. Flinte mit einem ſehr unbeſtimm⸗ ten Verſprechen, an Hugh denken zu wollen, uns verlaſſen hatte, um in ſein Gaſthaus zurückzukehren; —„ich hätte wirklich große Luſt, ihn und ſeine Pro⸗ tection zum Henker zu wünſchen. Er iſt ein wahrer Tyrann, und ſonſt nichts!“ „Tyrann oder nicht,“ erwiderte ibr mein Bruder; „wenn er ſich meiner annehmen will, ſo wage ich meinen Hals daran. Man muß nicht glauben, der ganze Lebensweg ſeie mit ſammetnen Teppichen be⸗ legt; es iſt vielmehr ſehr gut, wenn man ſich früh⸗ zeitig am Geſtrüpp des Weges reiben muß!“ „Wie wenig gleicht er doch ſeinem Bruder Allan!“ flüſterte mir die Tante zu. „Allan war ein trefflicher Junge!“ rief Hugh mit ungemeiner Herzlichkeit. „Freilich, freilich— in ſeiner Art; aber ein Bis⸗ chen tüchtiger Arbeit und raſchen Zugreifens iſt mehr werth, als ſehr viel guter Wille!“ verſetzte die Tante, welche, ohne ſich ſelbſt davon zu viele Rechenſchaft 5 70 zu geben, von dem energiſchen Einfluſſe und der Entſchloſſenheit des Jünglings ſich hinreißen ließ. Die väterliche Sorgfalt, mit welcher ſich Mr. Flinte in Beziehung auf Hugh gerne brüſtete, gab ſich, als er ſie durch ſeine Handlungen verwirklichen ſollte, durch ſehr mittelmäßige Vorſchläge kund. Er erklärte ſich nämlich bereit, Hugh al pari in ſein Geſchäft zu nehmen, d. h. ohne von ihm Lehrgeld zu begehren oder ihm irgend eine Vergütung zu rei⸗ chen, worauf nach einem unentgeltlichen dreijährigen Dienſte, welcher als Lehrzeit angeſehen werden ſollte, der junge Commis Anſprüche auf ein Salair von 30 bis 40 Pfund Sterling bekommen ſollte. Woher der Jüngling während dieſes langen Noviziates den Aufwand für ſeine Wohnung, Verköſtigung und Un⸗ terhalt beſtreiten ſollte, darum kümmerte ſich Mr. Flinte nicht im mindeſten, und als er ſah, daß Tante Thoma⸗ ſine und ich uns anſchickten, dieſe kitzlichen Fragen unter uns zu erörtern, entfernte er ſich, um dieſer Erörterung fremd zu bleiben. Die liebe Tante hatte große Luſt bezeugt, die Anerbietungen dieſes ‚alten Ungehängten,“ wie ſie ihn nannte, rundweg zu verwerfen, allein Hugh hatte ihr verſtohlen durch Blicke und Geber⸗ den mit ſo dringenden Bitten zugeſetzt, daß er ſie davon abgehalten hatte. Als Mr. Flinte weggegan⸗ gen war, ſchickte ich auch meinen Bruder unter dem erſten beſten Vorwande hinweg, denn auch er ſollte an dieſer Berathſchlagung nicht Theil nehmen. „Nun,“ rief die Tante, als wir allein waren,— „ihr nehmt alſo an?— iſt denn der Junge ein Cha⸗ mäleon? Will er denn die ganze Zeit von Luft leben?“ 71 „Er ſoll von Dem leben, was ich ihm zu geben im Stande ſein werde,“ erwiderte ich ihr.„Ich will mit ihm nach London gehen. Wir haben ja das kleine Vermächtniß von meiner Pathe Lee...“ „Eine ſaubere Herrlichkeit!... Die Zinſen aus dieſen hundert Pfund Sterling reichen euch nicht ein⸗ mal für Salz und Brod!“ „Dann leben wir vom Kapital herunter!“ „Und wenn das Kapital aufgezehrt iſt— was ſoll euch alsdann bleiben?“ „Dafür wird alsdann die Zukunft ſorgen!“ gab ich zur Antwort.„Einſtweilen iſt dies meine Pflicht und meine Aufgabe; die eine muß ich erfüllen und der an⸗ dern will ich nachkommen, ohne mir eitle Sorgen über Das zu machen, was daraus entſpringen könnte. Nur dies Eine halte ich für unerläßlich, daß dieſe Verabredungen meinem Bruder unbekannt bleiben. Sie müſſen mir daher verſprechen, liebe Tate, ihm nie ein Wort davon zu ſagen!“ Die treffliche Frau leiſtete mir das Verſprechen um welches ich ſie bat; und einige Tage ſpäter, an einem ſchönen Frühlingstage, verließen mein Bruder und ich Burndale. Die Landkutſche, mit welcher wir fuhren, kam an Thorney⸗Hall vorüber, wo alle Fenſter geſchloſſen waren, weil die Eigenthümer ſich in London befanden. Hugh zeigte mir das alte Schloß hYund flüſterte mir leiſe zu: „Griſſell was würdeſt Du ſagen, wenn es einmal wieder einen Randal von Thorney gäbe?“ „Das ſind Träume, Brüderchen— nichts anderes als Träume!“ erwiderte ich ihm mit einem wehmüthi⸗ gen Lächeln. Er entgegnete mir kein Wort, allein 72 ſeine feſt zuſammengekniffenen Lippen, die lebhafte Röthe ſeines Geſichts und ſeine glänzenden Augen verkündeten mir, daß er ſich mit Entzücken in dieſen Zukunftsträumen erging. Bis dieſe jedoch in Verwirklichung gingen, und bis die Familie Randal ſich aus ihrem Verfall er⸗ hoben und wieder in den Beſitz des Stammgutes ihrer Ahnen geſetzt hatte, mußten wir auf unſer Unterkommen in London denken, und dies war um ſo mehr eine ſchwierige Aufgabe, als wir auf die allerſparſamſten Anſprüche und die ökonomiſchſten Combinationen angewieſen waren. Für eine Pro⸗ vinzialin zog ich mich nicht allzu ſchlecht aus der Affaire, und die Habſucht der kleinen Hausvermie⸗ ther, mit denen ich mich herumſchlagen mußte, be⸗ gegnete von meiner Seite einem Widerſtande, der ihnen eine gewiſſe Achtung vor meiner Perſon ein⸗ flößen mußte. Ich erhielt auf dieſe Weiſe um ziem⸗ lich billigen Miethpreis drei kleine Zimmer, worunter zwei bloße Kabinete, welche ich ſo gut wie möglich in Schlafzimmer verwandelte, während das dritte durch eine ſorgfältige Reinigung, neue Tapeten und friſche Tünche beinahe ein behagliches Wohnzimmer wurde. Die einzige Unbequemlichkeit dieſer Wohnung war ihre Entfernung von den Comptoirs in der City, wo mein Bruder den ganzen Tag zubringen mußte. Wir mußten uns daher entſchließen, ihn ſein Mit⸗ tagsbrod in einem Speiſehauſe in der Nähe ſeines Comptoirs einnehmen zu laſſen. Mr. Flinte's Pri-⸗ vatwohnung lag in jener großen, prächtigen und thörichten Straße, die man Portland⸗Place nennt; ſoüſchag ich dorthin einen ziemlich weiten Weg hatte, 4* 4 73 machte ich ihm doch zweimal einen Beſuch daſelbſt, fand ihn aber abweſend und ließ ihm deßhalb meine Karte zurück. Es war allerdings eine vergebliche Höflichkeit, denn er erwiderte meinen Beſuch nicht, ja er erkundigte ſich nicht einmal bei meinem Bruder nach mir, wenn er Hugh ſah, was ihm jeden Tag mindeſtens einmal begegnete. Es koſtete mich in der erſten Zeit viele Mühe und Arbeit, unſern kleinen Haushalt ordentlich zu organiſiren. Ich wollte, daß mein armer Hugh ſich bei mir behaglich fühle, und dieß gelang mir nach und nach. Das einzige, was er hier vermißte und was uns in Burndale in ſolcher Abwechslung und Fülle geboten war,— und ich vermißte es ebenſo ſchmerzlich wie er, und ſehnte mich vielleicht noch in höherem Grade darnach zurück,— das war unſer ſchöner grüner Garten und der friſche Fluß, die Ausſicht auf die Felder, Wälder und röthlichen Hai⸗ den. Ich ließ es mir alsdann zunächſt angelegen ſein, unſer kleines Budget auf regelmäßigen Grund⸗ lagen feſtzuſtellen, und wenige Stunden des Rechnens und Nachdenkens überzeugten mich, daß das kleine Kapital nach und nach, auf welchem unſere ganze Zukunft beruhte, trotz aller Sparſamkeit, mit welcher ich unſere Ausgaben nur auf das Nothwendigſte be⸗ ſchränkte, nicht drei Jahre lang dauern konnte. Es war alſo ein Defizit vorhanden, das ich decken mußte, und nun fragte es ſich, durch welche Arbeit ich es ausfüllen ſollte, denn ich hielt mich gottlob nicht für zu gut und zu vornehm, um für Geld zu arbeiten. Ich hatte nicht genug Kenntniſſe und Talente, um mich dem Unterricht zu widmen, nicht genug Ge⸗ 74 ſchmack um modiſche Putzartikel oder Stickereien zu verfertigen. Es blieb mir alſo nichts übrig, als einfaches Nähen, die allerurſprünglichſte und gewöhn⸗ lichſte Nadelarbeit. Ich ſprach darüber mit meiner Hausbeſitzerin, und ſie brachte mir bald darauf ſchönes Linnenzeug zum Nähen, für eine vornehme Familie, in welcher ſie früher Kindermädchen geweſen war. Später erfuhr Mr. Flinte, der ſich bei mir nach unſeren Subſiſtenzmitteln zu erkundigen geruhte, mit was für einer Art von Arbeit ich mich befaßte, und gab ſeiner Haushälterin Befehl, mir ausſchließ⸗ lich ihre Aufträge zuzuwenden. Von dieſem Augen⸗ blick an mangelte es mir nicht an Arbeit. Aller⸗ dings war, trotz meiner anhaltenden Beſchäftigung und trotzdem, daß ich nicht wie andere Nähterinnen von zeitweiligen Feierzeiten betroffen wurde, der Er⸗ folg meiner Arbeit nicht bedeutend, in Anbetracht, daß Mr. Flinte mir als einer Verwandten ſtets ein Drittel weniger bezahlte, als der gewöhnliche Tarif war; allein ich ging gleichwohl auf ſeine Bedingun⸗ gen ein und ließ es mir nicht beifallen, Hugh mit all dieſen kleinen Leiden zu langweilen, denen er ja im Grunde doch nicht abzuhelfen vermocht hätte. So lebten wir ſehr glücklich, und jener Zeitraum meiner Exiſtenz hat mich aufs Innigſte überzeugt, daß es für eine Frau die Hauptſache iſt, eine Pflicht zu haben, die ſie erfüllen muß, gleichviel worin dieſe auch beſtehe, und ein Weſen zu beſitzen, dem ſie ſich ganz hingeben kann. Die Tante Thomaſine, welche wir ſchriftlich von allen unſeren häuslichen Einrich⸗ tungen in Kenntniß ſetzten, ſtaunte über die Heiter⸗ keit unſerer Briefe, allein noch weit mehr den enor⸗ 7⁵ men Preis, zu welchem man uns die Butter und die Eier zu verkaufen die Stirne habe. Dieſe Theu⸗ rung brachte ſie ganz außer ſich. Eines Abends ließ mich mein Bruder weit län⸗ ger auf ſeine Rückkehr warten als wie gewöhnlich, und trat endlich in Begleitung eines fremden Herrn ins Zimmer. Es ergab ſich aber, daß dieſer Fremde kein anderer war, als Vetter Harley, der aus Edin⸗ burgh angelangt war, und Hugh bei Mr. Flinte ab⸗ geholt hatte, um eine Woche bei uns zuzubringen. Sein Ausſehen verkündete, daß er ſich ſehr wohl be⸗ fand, und ſeine Heiterkeit ließ nichts zu wünſchen übrig. Die Veranlaſſung zu ſeiner Reiſe nach London war, wie er uns ſagte, eine Geſchäfts⸗ ſache, die ihn je nach ihren Ergebniſſen auf längere oder kürzere Zeit hier zurückhalten konnte. Hugh, der auf den Rath ſeines Lehrherrn das Franzöſiſche erlernte, verließ uns bald, um in ſeine Lehrſtunde bei einem benachbarten Profeſſor zu gehen und ich erfuhr nun, worin die große Geſchäftsſache des Vet⸗ ters beſtand. Er hielt nämlich in beſter Form um meine Hand an und geſtand mir, er habe dieſen Gedanken ſchon ſeit ſehr langer Zeit gehegt, und ſich nur zeitweilig durch jene Abneigung, welche mein Vater gegen Heirathen unter Verwandten an den Tag gelegt, davon abhalten laſſen. Meine Gleich⸗ gültigkeit habe ihn anfangs ein wenig zurückgeſtoßen, allein er könne es nicht über ſich gewinnen, auf die ſchönſte und liebſte ſeiner Hoffnungen zu verzichten. Wenn ich einwilligte, ſollte ich alsbald eine 23 hängige geſicherte Exiſtenz haben, und er wolle ſi verpflichten, Hugh eine Stelle in dem Handelshauſe zu verſchaffen, bei welchem er betheiligt war. Ich dankte Harley aus Grund meines Herzens, allein ich hatte damals nicht mehr jene Liebe zu ver⸗ ſchenken, welche allein die Ehe heiligt und ihrem Bunde die geiſtige Weihe gibt; keine Rückſicht des gemeinen Eigennutzes und der Selbſtſucht aber hätte mich zu beſtimmen vermocht, ſein Anerbieten anzu⸗ nehmen. Er bat mich, im ſchlimmſten Falle ihm doch irgend eine Hoffnung zu geben— irgend eine, wenn auch noch ſo unbeſtimmte und ferne Zuſage. Ich ſchüttelte jedoch ſtatt aller Antwort nur weh⸗ müthig den Kopf, obſchon ich in dieſem Augenblicke mir die Thränen in die Augen ſteigen fühlte beim Gedanken an den Schmerz, welchen ich ihm verur⸗ ſachte. Allein meine Handlungsweiſe hatte nicht den erwarteten Erfolg. Harley wollte ſich nämlich trotz alle dem nicht gänzlich entmuthigen laſſen. Auf welche Gründe er ſeine Hoffnungen ſtützte, weiß ich nicht; — ſoviel aber iſt mir bewußt, daß nichts von mei⸗ ner Seite dieſe eigenthümliche Hartnäckigkeit recht⸗ fertigte. Harley verbrachte ungefähr vierzehn Tage in London, und ihm verdankte es Hugh, daß es ihm wenigſtens dann und wann vergönnt war, ein End⸗ chen von jener glänzenden Welt zu ſehen, inmitten welcher wir wie wahre Einſiedler leben. Als er ab⸗ reiste, nahm ich wahr, daß mir die Gewißheit, irgend jemanden durch mich ſelbſt und um meiner ſelbſt willen ein ſolch lebhaftes und ausdauerndes Intereſſe ein⸗ zuflößen, keine geringe Genugthuung gewährte, und es that mir aufrichtig leid, daß ich nicht im Stande —— ⏑⏑—.â 77 geweſen war, eine ſolch hingebende Zärtlichkeit beſſer zu erwidern. Er ſchrieb uns übrigens ziemlich regel⸗ mäßig, und ſeine Briefe wurden uns am Ende ſo lieb, daß wir ſie immer mit Sehnſucht erwarteten und in ihnen eine angenehme Abwechslung in der Eintönigkeit unſeres Alltagslebens ſahen. Weihnachten kam heran; Mr. Flinte überraſchte uns ſehr durch eine Einladung zum Diner. Nun erfuhr ich zum erſten Mal, daß er verheirathet war und eine einzige Tochter hatte. Die große Frage wegen meiner Toilette hätte uns ernſte Schwierig⸗ keiten und viel Kopfzerbrechen verurſachen können; allein ich war in tiefer Trauer, was die Sache weit einfacher machte. Die Gäſte bei dieſem jährlichen Feſtmahle, zu welchem der große Mann der Familie alle ſeine Verwandten um ſich verſammelte, waren ſehr zahlreich; und unter den Leuten, die dabei er⸗ ſchienen, bemerkte ich mehr als Einen, deſſen ſchüch⸗ ternes Auftreten, linkiſches Benehmen und ſervile Schmeicheleien mir den Mann von geringem Ver⸗ mögen und mangelhafter Bildung verriethen. Na⸗ mentlich erinnere ich mich noch eines Mannes, wel⸗ cher auf mich einen beſonders peinlichen Eindruck machte: es war ein kleines blaſſes Männchen mit unruhiger Phyſiognomie, das in aller Stille eine ungeheure Menge Wein vertilgte. Dagegen ſaß mir bei Tiſche gegenüber ein friſcher fröhlicher junger Menſch, von Witz und Laune überſprudelnd, der bei jedermann nur der arme Dick hieß. Ich erlaubte mir die Frage: warum denn ein ſo heiterer Geſell⸗ ſchafter dieſen luſtigen Beinamen führe, und erhielt zur Antwort, er verdanke ihn dem beſtändigen Un⸗ —— 78 glück, dem hartnäckigen und unverſöhnlichen Mißge⸗ ſchick, und dem„ſchnöden Pech“, welches dieſen Menſchen beharrlich in allen ſeinen Unternehmungen verfolgt habe. Wenn dies der Fall war, ſo haben in der That Unſtern und Unglück nie einen fröh⸗ licheren und beſſer gelaunten Geſellen heimgeſucht.— Im Allgemeinen war die Mahlzeit lang, die Unter⸗ haltung eiſig kalt, und ich hörte nicht ohne ein leb⸗ haftes Vergnügen das halblaute mahnende Hüſteln, womit Mrs. Flinte den Damen ein Zeichen gab, von der Tafel aufzuſtehen und in den Salon zurück⸗ zukehren. Meine Muhme Flinte kann ich kurzweg als eine wohl erzogene und ſehr vortheilhaft gekleidete Perſon bezeichnen. Ihre Tochter Blanche war groß, ſtolz und wortkarg; dennoch legte ſie große Zuvorkommen⸗ heit gegen Hugh an den Tag, dem ſie den Platz an ihrer Seite eingeräumt hatte,— und zwar, wie mir ſchien, zur großen Verzweiflung eines jungen Man⸗ nes, welcher ſehr auf dieſen beneidenswerthen Platz geſpannt hatte. Nach aufgehobener Tafel kam Blanche zu mir und ſetzte ſich neben mich auf einen Divan, ſchien aber nicht zum Plaudern aufgelegt. Auf ihren Zügen lag ein eigenthümlicher Ausdruck von Traurig⸗ keit,— aber von einer halbverſchwiegenen, unbehag⸗ lichen Traurigkeit, welche keine Sympathie hervorrief und den Tröſter gleichſam entmuthigte. Der junge Mann, welchen ich bei Tiſche für ihren Anbeter ge⸗ halten hatte, trat bald darauf in den Salon. An⸗ ſtatt ſich uns jedoch offen zu nähern, ſtrich er immer um das Piano und den Muſikkoffer herum. Ich wähnte ihn auf einem flehentlichen Blicke zu ertappen, 79 welchen er dem hochmüthigen jungen Mädchen zu⸗ warf, und den Blanche nur durch eine ungeduldige Bewegung erwiderte. Gleich darauf führte ſie mich unter irgend einem nichtigen Vorwande, deſſen ich mich nicht mehr entſinne, in ihr Zimmer; während ich hier einige hübſche Aquarellgemälde bewunderte, die an den Wänden hingen, kritzelte ſie einige Worte auf ein Blatt Velinpapier. „Dieſe Aquarellen ſind Schöpfungen des jungen Mannes, welchen wir im Salon zurückgelaſſen haben,“ ſagte Blanche zu mir;—„eigentlich hätte ich ihn Ihnen vorſtellen ſollen, denn er iſt ebenſo gut Ihr Vetter als der meinige!“ Als wir in den Salon zurückkehrten, begegneten wir ihm auf halbem Wege. Er näherte ſich Blanche'n und flüſterte ihr raſch einige leiſe Worte zu. Statt aller Antwort übergab ſie ihm das zuſammengefaltete Papier, das ſie in der Hand hielt, und er entfernte ſich augenblicklich. Es berührte mich ſehr unange⸗ nehm, daß man mich auf dieſe Weiſe zur Zeugin eines ſolchen heimlichen Briefwechſels gemacht hatte; da mir aber Blanche keinerlei Aufſchluß darüber gab, ſo blieb mir nichts übrig, als darüber zu ſchweigen. Als ich mich endlich von ihr verabſchiedete, gab mir das junge Mädchen, das bei all ſeinem Stolze im Grunde auch ſeine guten Seiten hatte, einen herz⸗ lichen Kuß. „Mein Vater,“ ſagte ſie,„behauptet, Sie ſeien gar kein Frauenzimmer wie die Anderen, ſondern ein durchaus vollkommenes, ideales Weſen. Doch wie dem auch ſei, ich möchte wünſchen, Sie wären meine Schweſter! Wollen Sie mir erlauben, daß ich Sie bisweilen beſuche?“ Ich konnte natürlich nicht umhin, ihr den freund⸗ lichſten Empfang zu verheißen. Blanche kam in der That auch und ſehr oft, allein ihre Beſuche waren ſehr abgekürzt und ich mußte bald unwillkürlich argwöhnen, ſie gebrauche dieſe Beſuche bei mir nur zum Vorwand, um ins⸗ geheim Zuſammenkünfte mit ihrem jungen Verwandten, dem Maler Herbert, zu haben. Ich hatte mir ge⸗ lobt, dieſen Mißbrauch nicht zu dulden, falls meine Vermuthung gegründet war, und war feſt entſchloſſen, mich hierüber ganz unumwunden zu erklären, als Hugh eines ſchönen Tages meinen Argwohn in Ge⸗ wißheit verwandelte. Sein Lehrherr war in Ver⸗ zweiflung. Miß Blanche, welche ſeit einigen Wochen heimlich mit Mr. Herbert verheirathet war, hatte mit dieſem das väterliche Haus und die Heimath verlaſſen! Mr. Flinte, der reiche ſtolze Kaufmann, hatte einen Künſtler zum Schwiegerſohn, und über⸗ dies noch einen Künſtler ohne Namen und Anſehen! ... Schon am andern Tage kam er ganz wüthend zu mir, und wollte mich einer Art Mitſchuld an der Intrigue, die man ihm geſpielt hatte, anklagen; allein ich ſtopfte ihm ſogleich den Mund durch die Beweis⸗ führung, daß ſeine Tochter verheirathet geweſen ſei, als ich ſie zum erſten Male geſehen hatte, und er verließ mich ohne Groll gegen mich. Später er⸗ fuhren wir, daß das junge Ehepaar in ſehr bedräng⸗ ten Umſtänden in Rom lebte, wo Mr. Herbert ar⸗ beitete, um ſich in ſeiner Kunſt zu vervollkommnen. Mr. Flinte aber ließ ſich nicht erweichen, und ver⸗ — 81 weigerte den jungen Leuten jegliche Unterſtützung, obſchon er ſo reich war, daß er gar nicht wußte, was er mit ſeinem Gelde beginnen ſollte. Dieſes Ereigniß hatte auf Hugh's Schickſal gro⸗ ßen Einfluß. Mr. Flinte, der ſich ſeither gegen ihn ſo karg an Wohlthaten gezeigt hatte, gewann ihn auf einmal lieb und überhäufte ihn mit Geſchenken. Er behandelte ihn wie ein verſchwenderiſcher freige⸗ biger Vater, und es hätte nur von Hugh abgehan⸗ gen, daß ihn Mr. Flinte ſogar in ſein Haus aufge⸗ nommen hätte. Ich glaubte aber mich Dem wider⸗ ſetzen zu müſſen, einmal weil ich dieſer freigebigen und wohlwollenden Laune des lieben Oheims keinen allzugroßen Werth beilegte, und dann weil es mei⸗ nem Gefühl widerſtrebte, Hugh einen Platz einneh⸗ men zu ſehen, welcher ihm nicht zukam, während diejenige, deren angeborne und natürliche Stelle er uſurpirt hätte, in der Ferne alles Ungemach der Armuth erdulden mußte. Zu meiner großen Freude theilte Hugh hierin vollkommen meine Anſichten.— „Ich will kein falſches Spiel, keine Schleichwege!“ ſagte er;—„wenn wir jemals reich werden ſollen, ſo ſoll es durch Arbeit geſchehen.“ V. Jahre ſchwanden. Mr. Flinte hatte uns mit Wohlthaten und Beweiſen ſeines freigebigen Wohl⸗ wollens überhäufen wollen, allein wir hatten ſie ge⸗ wiſſenhaft abgelehnt. Dies verdroß ihn zwar und machte ihn etwas kälter gegen uns. Allein er mußte Lee, Thorney⸗Hall. 6 — 82 allmälig unwillkürlich ſeine Achtung und Liebe meinem wackern Hugh wieder zuwenden, und konnte ihm das Vertrauen nicht verſagen, welches derſelbe je länger deſto mehr verdiente. So kam es denn, daß mein Bruder im Verlauf der Zeit von Stufe zu Stufe ſtieg, erſt Commis, dann Kaſſier, dann Dis⸗ ponent und endlich gar Principal, nämlich Aſſocié des Oheims Flinte, wurde. Seit dem Tage, wo Hugh ſeinen Gehalt als Commis bezog, hatte ſich unſer Verhältniß in ſoweit geändert, daß er nun mich verhielt, wie ich früher ihn. Meine beſchei⸗ denen Einwendungen gegen dieſen Stand der Dinge fanden bei ihm kein Gehör. „Laß es gut ſein, Griſſell,“ pflegte er zu ſagen; —„glaubſt Du denn, ich habe ſeit ſechs Jahren ein Fell auf dem Auge gehabt? Glaubſt Du denn, ich wiſſe nicht, wie unverdroſſen und angeſtrengt Du gearbeitet und welch zahlloſe Entbehrungen Du Dir mir zu Liebe auferlegt haſt?... Nein, jetzt iſt die Zeit da, wo ich Dir meine Schuld abtragen will und kann!... Hiegegen war nichts einzuwenden, und ich ent⸗ hielt mich daher auch der Antwort. Wir hatten unſere Miethwohnung ſeit Kurzem verlaſſen und uns in einem eigenen Hauſe beſcheiden eingerichtet, als Muhme Thomaſine, die uns ſchon ſeit Jahren gerne beſucht haben würde, hiezu eine Gelegenheit fand. Einer unſerer Bekannten von Burndale nämlich, der Doctor Larke, Director der höhern lateiniſchen Schule daſelbſt, ein früherer Leh⸗ rer von Hugh, mußte in eigenen Anliegen nach London reiſen. Seine Tochter Mary begleitete ihn. 83 Wir hatten dieſe als ein neunjähriges Kind verlaſſen, als eine kleine blonde Elfe, die jedermann entzückte. Nun bekamen wir ſie nach ſechs Jahren wieder zu ſehen: ſie war ſo hübſch geworden, als man es nur ſein kann, und ſie erſchien mir heiter, lebhaft, an⸗ ſprechend und anziehend, obſchon ſie weder geiſtig ſehr bedeutend noch von beſonderer Bildung und ſcharfem Verſtande war. „Nicht wahr,“ fragte mich eines Tages Muhme Thomaſine,—„nicht wahr, ſie erinnert einigermaßen an unſern kleinen Sonnenſtrahl?“ Armer Sonnenſtrahl! Dieſer Beiname lebte noch unter uns fort. Zeit und Trennung hatten Alles das aus unſerm Gedächtniſſe verwiſcht, was einen Schatten auf jene glänzende leuchtende Er⸗ innerung an die Vergangenheit werfen konnte. Sie brauchte nur wieder zu erſcheinen— unſere Arme und Herzen ſtanden der armen Marian offen! Doctor Larke hatte ſeine Sehkraft in einem Maße verloren, das zu den ſchlimmſten Befürchtungen An⸗ laß gab; er wollte daher bei einigen der berühmte⸗ ſten Augenärzte der Hauptſtadt ſich Raths erholen. Dieſe machten ihm kein Hehl daraus, daß auch die Behandlung, welche ſie bei ihm in Anwendung brin⸗ gen wollten, wenig Ausſicht auf günſtigen Erfolg darbot. Der arme Doctor, welcher bereits ſeine Schule hatte aufgeben müſſen, und niemals große Erſparniſſe gemacht hatte, befand ſich in dringenden pekuniären Verlegenheiten, welche die Krankheit und Hülfloſigkeit, von der er bedroht wurde, noch peini⸗ gender und drückender machte. Seine Tochler wußte von alle dem nichts. 3 84 .8„Ich weiß gar nicht, was meinem Vater iſt!“ ſagte ſie zu mir;—„er liest und ſchreibt gar nicht mehr; er erbricht nicht einmal mehr ſeine Briefe. Stundenlang ſitzt er auf ſeinem Lehnſtuhle, unbe⸗ weglich und ohne den Mund aufzuthun! Er macht mir ordentlich bange... Ich möchte ihn gerne wieder nach Burndale zurückbringen. Die Londoner Luft thut ihm nicht gut!“ Man mußte das arme Kind nothgedrungen über ſeine eigene Lage und die ihres Vaters aufklären. Ich übernahm dieſes undankbare ſchmerzliche Amt, nachdem ich die Genehmigung ihres Vaters hiezu eingeholt hatte, welche mir der Doctor Larke nach den erſten Worten ertheilte. Der erſte Eindruck, welchen meine Mittheilung bei dem Kinde hervor⸗ brachte, war ein bewundernswürdiger. Kaum hatte Mary mich nänlich begriffen, ſo ſtürzte ſie auf den⸗ jenigen zu, welchem fortan zu jeder Stunde ihre ſorglichſte Pflege zu Theil werden mußte, und über⸗ häufte ihn mit den rührendſten Liebkoſungen. Beide verzichteten nach reiflicher Ueberlegung auf den frü⸗ heren Plan, nach Burndale zurückzukehren. Der Doctor fand eine Anſtellung als ſtändiger Mitar⸗ beiter bei einer philoſophiſchen Zeitſchrift; ſeine Toch⸗ ter las ihm vor und ſchrieb unter ſeinem Diktate. Die Arbeit und ihre heilſamen Zerſtreuungen ver⸗ liehen dem armen Blinden allmälig ſtille Ergebung in ſein hartes Geſchick. Es war übrigens Schade um dieſes junge Mädchen, das von Lebensluſt ſtrotzte und in dem der ſchönſte Lebenslenz ſtrahlte, daß es ſo hinter einem ſchwarzen Schreibepulte verblühen und ſich verzehren mußte— mit glühendem Kopfe, 85⁵ ermüdeten Augen, beinahe erliegend unter einer kör⸗ perlichen und geiſtigen Anſtrengung, welche weit über die Kräfte eines ſo zarten Geſchöpfes ging. In die⸗ ſem Zuſtande nämlich fanden Hugh und ich ſie end⸗ lich an einem ſchönen Julitage, als wir ſie und ihren Vater in ihrer ärmlichen Wohnung beſuchten. Dieſer Anblick ſchnitt uns tief ins Herz, und ohne irgend welche Verabredung von unſerer Seite erbot ſich Hugh, die Stelle der hübſchen zarten Mary als Schreiber zu verſehen, während ſie zur Erholung mit mir einen Spaziergang in die Umgebungen von London machte. Man mußte das Entzücken dieſes armen Kindes ſehen, als es wieder den Duft der Felder athmete und an meiner Seite die rothbeſäum⸗ ten Maasliebchen, die gelben Wieſenranunkeln und den blühenden Gaisbart pflückte! Dies Alles er⸗ innerte ſie an die ſchönen Wälder von⸗ Thorney, und mit gierigen Zügen ſog ſie die linde Luft wie ein köſtliches Getränke ein. treidefelde der ſcharlachrothe wilde Mohn blüht!...“ Sie war hier außer ihrem Element und man hätte ſie einem Maasliebchen vergleichen mögen, das be⸗ — 86 rufen worden in der finſtern Teufe eines Bergwerks zu erblühen! Aber Mary ſchien gar nicht zu ahnen, was mich ſo wehmüthig ſtimmte. Sie hatte ein ſtarkes wackeres Herz unter einer fröhlichen leicht⸗ fertigen Außenſeite, und— wer weiß?— ſie liebte vielleicht jenes ſchwarze Kabinet, den Schauplatz die⸗ ſer langen Aufopferung. Der Jugend ſind derartige Vorrechte beſcheert. Kein Fleckchen iſt ſo klein, ſo dunkel und öde, worin ſie nicht ihre Träume zu we⸗ ben vermöchte, die ſo zart und duftig und ſchwebend ſind wie die Fäden des fliegenden Sommers. Muhme Thomaſine machte mich kurz nach die⸗ ſem Spaziergange darauf aufmerkſam, daß Hugh nicht mehr ſo oft ſeine Abende bei uns verbrachte. Sie freute ſich innig darüber, daß ſie ihn ſo häufig und eifrig beim Doctor ſah, deſſen philoſophiſcher Umgang ihm, nach ihrem Dafürhalten, ſehr von Nutzen ſein mußte. Für mich hatte es jedoch nicht erſt der Bemerkungen der Tante bedurft, um die häufige Abweſenheit meines Bruders wahrzunehmen. Da ich aber etwas genauer beobachtete als ſie, ſo maß ich Hugh's Beſuche bei dem alten Doctor mehr der Anziehungskraft, Mary's, als der Gelehrſamkeit des armen Erblindeten bei. Hugh hatte mir noch nichts geſtanden, und ich erwartete feſten Fußes die vertraulichen Mittheilungen, die er mir zu machen hatte. Es gewährte mir Vergnügen, Mary's Ver⸗ legenheit zu beobachten, wenn er bei ihr war, und die ganz beſondere Aufmerkſamkeit, welche ſie auch der alltäglichſten und unbedeutendſten Anekdote aus ſeiner Kindheit ſchenkte, die die gute Muhme Tho⸗ maſine immer mit beſonderer Vorliebe und ſo breit 87 und umſtändlich als möglich zum Beſten gab. Wenn man dann, während derartiger Plaudereien, den feſten entſchiedenen Schritt des jungen Mannes auf der Treppe ertönen hörte, ſo verſtummte das holde Kind plötzlich und ein dunkler Purpur, gleich der Gluth der Abendröthe, überflog ſeine Wangen. Ver⸗ gebens grübelte ich darüber nach, warum Hugh ſich mir gar nicht anvertraute. Es überraſchte und be⸗ unruhigte mich einigermaßen; ich war gar nicht mit ihm zufrieden. Er ward immer weniger mittheilſam und ſchien traurigen Gedanken nachzuhängen. Ge⸗ ſchäftliche Sorgen oder anderweitige materielle Un⸗ ruhe konnten ihn nicht drücken, denn gerade um jene Zeit hatte Mr. Flinte ihm einen gewiſſen beſcheide⸗ nen Antheil an dem reinen Nutzen ſeiner kaufmän⸗ niſchen Unternehmungen eingeräumt. Als ich dies erfuhr, hatte ich zu mir ſelber geſagt: Wenn er ſich bisher durch den Gedanken hat zurückhalten laſſen, daß er Mary bei etwaiger Werbung an ein nicht völlig geſichertes Schickſal ketten würde, ſo hat er jetzt eine ſo hinreichende Bürgſchaft für die Zukunft, daß er ſie mit vollkommenſter Ruhe zum Weibe be⸗ gehren kann.— Allein merkwürdigerweiſe erfolgte nicht nur keine Werbung von Seiten Hugh's, ſon⸗ dern er beſuchte von dieſem Augenblicke an den Doc⸗ tor immer ſeltener. Seine Schwermuth ſchien immer mehr zuzunehmen, und wenn man ihn über ſeinen Zuſtand befragte, wollte er durchaus nicht zugeben, daß ſich in ſeiner Stimmung irgend etwas geändert habe. Ich konnte gar nicht mehr aus ihm klug werden. 4 Ich hatte der Muhme Thomaſine verſprochen, ſie 88 nach Burndale zurückzubegleiten und einige Wochen bei ihr zu verweilen. Am Vorabend meiner Abreiſe war die gute Muhme frühzeitig ſchlafen gegangen, um ſich auf die Strapazen der Reiſe zu ſtärken, und ich blieb mit meinem Bruder allein. Er ſaß an ſei⸗ nem Tiſche, auf welchem er einen großen, auf Lein⸗ wand aufgezogenen Bogen Papier ausgebreitet hatte, und ſtudirte, über denſelben gebeugt, dieſe Urkunde mit großer, unbeeinträchtigter Aufmerkſamkeit. Sein Auge hatte einen ungewöhnlich lebhaften Glanz, ſeine Lippen waren minder enge zuſammengekniffen als ſonſt, und all dies deutete bei ihm auf eine günſtige Stimmung hin. Ich glaubte jetzt mit eini⸗ ger Schonung die Frage an ihn richten zu können, welche mir ſo ſehr am Herzen lag. „Wie es ſcheint,“ hub ich an,„will ſich der Doctor Larke einen Wohnort außerhalb Londons ſuchen!“ „Ah ſol will er das wirklich?“ fragte Hugh me⸗ chaniſch, ohne die Augen aufzuſchlagen. „Allerdings,— er kann ſeine literariſchen Ar⸗ beiten auch auf dem Lande fortſetzen, und die Land⸗ luft bekommt ſeiner Tochter beſſer!“ Bei dieſen Worten bebte Hugh zuſammen, er⸗ widerte aber kein Wort. Er ſtellte ſich zwar zer⸗ ſtreut oder von anderen Gedanken beſchäftigt, verlor aber trotzdem keine Sylbe von dem, was ich ſprach. „Das arme Kind würde auf die Länge krank werden, wenn er noch länger dieſe Einſperrung ins Zimmer und dieſe anſtrengende Arbeit ertragen müßte!“ fuhr ich fort.„Und beiläufig geſagt, der 89 Doctor hat mich gefragt, warum Du Dich nur ſo ſelten bei ihm ſehen laſſeſt...“ „Und was haſt Du ihm geantwortet?“ fragte er raſch. „Daß ich den Grund nicht kenne!“ „Du ſagteſt vorhin, wenn ich nicht irre, Mary ſeie... ſei leidend, nicht wahr, Griſſell?“ Ich bejahte.— Es folgte nun eine lange Pauſe, während welcher mein Bruder das Auge nicht von dem Papier aufſchlug. Gleichwohl hätte ich wetten mögen, daß ſeine Gedanken ganz anderswo waren. Endlich blickte er zu mir herüber und ertappte mich auf einem forſchenden Blicke, den ich auf ihn heftete. „Was iſt Dir denn, liebe Griſſell?“ fragte er. „Du ſcheinſt heute Abend ganz beſonders ernſt ge⸗ ſtimmt. Was haſt Du?“ „Ich dachte an die arme Mary!“ „Nun, und was iſt denn mit ihr?“ verſetzte er, ſchob ſeine Papiere bei Seite und trat zu dem Kamin. „Wir werden ihnen fehlen, der guten Mary und dem armen Doctor, wenn ſie ferne von uns ſein werden. Sie werden uns ſchmerzlich vermiſſen. Iſt das nicht auch Deine Anſicht, Hugh?“ „Oh, mir iſt nicht ſo bange um Mary! Sie wird ſich überall Freunde erwerben!“ „Ich habe noch gar nichts von ſolchen bemerkt, welche ſie ſich während ihres hieſigen Aufenthaltes verſchafft hätte!“ wandte ich ein. „Der Doctor wird ſich durch ſeine Kenntniſſe und Talente beliebt machen,“ fuhr Hugh fort;„man wird ſich um ihn drängen, um ihn reißen...“ „Es iſt doch ſonderbar,“ ſagte ich;„ich hätte Dir weit mehr Anhänglichkeit an Beide zugetraut, als Du jetzt für ſie an den Tag legſt.“ Er ſchrack von Neuem zuſammen. Ich war davon entzückt, und darum nochfeſter entſchloſſen, ihn nicht zu ſchonen. Es war hohe Zeit, dieſes Herz zu ſon⸗ diren, das ſo verhärtet und voll Finſterniſſen ſchien. Deßhalb ſchilderte ich mit einem beſondern Nachdruck Mary's unglückliche Lage, ihre mühevolle harte Ge⸗ genwart, ihre ſo ungeſicherte Zukunft, den Zuſtand der Erſchöpfung und Verzehrung, der ſie allmälig, wenn nicht dem Tode, ſo doch einem frühen Alter entgegenführen konnte. „Griſſell!“ unterbrach mich mein Bruder, als ob er mich zwingen wollte, dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben,—„welcher Ehrgeiz iſt nach Deiner Anſicht der verdienſtlichſte?“ „Derjenige, welcher ſich beſtrebt gut zu ſein un Gutes zu thun.“* „Eine echte Frauen⸗Antwort, auf welche ich eigent⸗ lich auch gefaßt war. Ein Anderer hätte vielleicht geſagt: der Ehrgeiz, groß und mächtig zu ſein.“ „Man iſt nur groß, wenn man gut iſt!“ gab ich zur Antwort. 3 „Ein Gemeinplatz, liebe Griſſell!“ rief er gleich⸗ gültig,—„ein ſehr abgedroſchener Gemeinplatz!“ „Lieber Bruder, abgedroſchen iſt am Ende Alles was wahr iſt!“ 3 „Mag ſein!“ ſagte er;„aber vergönne mir, Dir noch eine andere Frage vorzulegen: Iſt es erlaubt, ein leicht erreichbares Glück, das man am Wege fin⸗ det, einer zwar ungewiſſen aber glänzenden Zukunft 91 aufzuopfern, welches ein derartiges Opfer gebieteriſch heiſcht?“ 1 „Nein, mein Bruder!“ entgegnete ich;„ganz entſchieden nein!“ „Dies heißt eine ſchwierige, kitzliche Frage über's Knie abbrechen, liebe Schweſter. Laß uns jetzt den Fall ſetzen, jenes leicht erreichbare Glück werde nur aufgeſchoben und gehe deßhalb nicht für ewig ver⸗ loren;— was würdeſt Du dazu ſagen?... Und komm', meine Liebe! weßhalb überhaupt in Gleich⸗ niſſen und Räthſeln reden, da wir uns ja vollkom⸗ men verſtehen?“— „Es gibt ein gewiſſes Glück, Hugh,“ erwiderte ich,„welches ſeinen feinen Duft verliert, wenn es nicht bei Zeiten gepflückt wird! Du haſt Dir den vollen Beſitz eines Herzens geſichert, das rein und keuſch und jung iſt. Weßhalb alſo willſt Du Dir nicht dieſe vielleicht einzige Gelegenheit zu Nutz ma⸗ chen und nicht für immer jene zärtliche Liebe, jenen Herzensbund beſiegeln, welcher— glaube mir es— alle Deine ehrgeizigen Plane überleben wird?“ Mein Bruder war erſchüttert und in ſeinen Ent⸗ ſchlüſſen wankend gemacht. Er ging mit großen hef⸗ tigen Schritten im Zimmer auf und nieder, und blieb endlich nach einigen Minuten vor ſeinem Tiſche ſtehen, und holte wieder das Papier herbei, in welchem er zuvor ſo geduldig und lange ſtudirt hatte. Ich er⸗ kannte in demſelben jetzt den Stammbaum der Fa⸗ milie Randal. „Höre mich an,“ ſagte er zu mir mit einer Be⸗ tonung, welche meine ganze Aufmerkſamkeit heiſchte, —„ſchon ſeit meiner früheſten Jugend, ſeit meiner 9² Schulzeit habe ich ſtets dieſelbe Hoffnung vor Augen gehabt, ſtets demſelben Ziele entgegen geſtrebt. Ich bin in dieſem Augenblicke vielleicht noch weit von demſelben entfernt; allein ich weiß, ich fühle es, daß meine Hoffnung eines Tages verwirklicht werden wird— wenigſtens wenn mir die Vorſehung das Leben friſtet, denn mein ganzes Leben wird nur darauf verwendet werden, die Hinderniſſe zu beſiegen, welche ſich etwa auf meinem Wege finden. Thorney Hall, das Stammgut auf unſerer Familie, muß durch mich wieder an die Randals kommen. Ich werde mich durch Nichts davon abbringen, durch Nichts verführen, durch Nichts läſſig machen laſſen... Man mußte ſehen, wie ſeine Lippen ſich zuſam⸗ menkniffen, als er dieſe letzteren Worte ausſprach und betonte. Ich geſtehe aber, daß es mir in jenem Augenblick wenig Sympathie einflößte. Jener Auf⸗ ſſchrei eines unerſchütterlichen Ehrgeizes weckte kein Echo in meinem Herzen, ja er erfüllte mich ſogar mit einem unwillkürlichen Grauen.— „Verurtheile mich jetzt nicht, Schweſter!“ fuhr er fort.„Ich habe Mary nie durch ein Wort von Liebe getäuſcht; ich habe niemals auch nur die min⸗ deſte Hoffnung in ihr erweckt. Sobald unſere Ver⸗ traulichkeit, die auf mich ſelber den größten Zauber 6 ausübte, mir für ihre Ruhe und für meine Zukunft gefährlich werden zu wollen ſchien, habe ich mich zurückgezogen. Ich habe nie die leiſeſte Abſicht ge⸗ hegt, ſie zu Hoffnungen zu verleiten, die meinen Plänen zuwider liefen. Darum hoffe ich viel von der Wirkung der Zeit,— wenn auch nicht für mich, ſo doch für ſie!“ 93 „Aber wenn ſie Dich wirklich liebte, Hugh, dann wäre es zu ſpät!“ „Ich weiß nicht, ob ſie mich liebt, Griſſell,“ ſagte er. „Du gibſt mir nicht die volle Wahrheit kund, Bruder! Du verhehlſt mir gerade jenen Zweifel, der Dir das Herz foltert und zerſchneidet. Uebri⸗ gens liebſt Du ſie— ich ſage Dir, Du liebſt ſie!“ „WWohlan, und wenn auch, was dann weiter?... Wenn ich ſie liebe, kann ich es ihr nicht verſchwei⸗ gen? Kann ich mir nicht ſelbſt ihren Anblick, ihren Umgang verſagen? In einigen Wochen wird dieſes Kind nicht mehr an mich denken. Ihr Geſchick in dieſem Augenblick an das meinige zu knüpfen, wäre ein Akt der Grauſamkeit. Ich bin ein Ehrgeiziger, ein Selbſtſüchtling, d. h. ein Geſchöpf ohne Raſt und Ruhe. Ich würde mich nicht in dem engen Kreiſe, worein dieſe Verbindung unſer Beider Geſchick ein⸗ ſchlöſſe, vertragen können; ich würde es nicht aus⸗ halten. Ihre Liebe vermöchte mir nicht dasjenige 8 zu erſetzen, was ich um ihretwillen aufgeben müßte. Sie beſäße nur einen Theil von meinem Herzen, und ſie würde nicht glücklich ſein, wenn ſie es nicht ganz inne hätte. Ihre Hoffnungen wären doppelt getäuſcht, ihr Unglück ein doppeltes! Das wäre unſer Loos.— O Griſſell, wenn Du wüßteſt, was es um eine einzige, all umfaſſende, lange gehegte Hoffnung iſt, die mit uns groß geworden, die ſich an den Kräften geſtärkt hat, die wir erhalten haben, die ſo verführeriſch geworden iſt, daß der Menſch, den ſie unterjocht hat, ſein ganzes Leben hingeben 94 würde, um ſie nur einen einzigen Tag in greifbare Wirklichkeit verwandelt zu ſehen!“ „Nicht doch, lieber Bruder! lebe für Dich, nicht für Deine Ahnen!“ rief ich ungeduldig und beinahe entrüſtet.—„Dein Ehrgeiz hat zwar allerdings nichts Tadelnswerthes, wenn er Dich zu keiner ent⸗ ehrenden Handlung hinreißt. Allein wenn Du Dir durch ihn auch nur im allermindeſten jenes Gefühl für Rechtſchaffenheit, jenen geraden, ehrenhaften Charakter trüben läſſeſt, welche an Dir glänzten, ehe jener verhängnißvolle Drang Dein ganzes Herz aus⸗ füllte, ſo wäre es— ich betheure es Dir,— hun⸗ dertmal beſſer, Dein ganzes Leben lang unbekannt, in Verborgenheit und zu den demüthigſten Arbeiten verurtheilt zu bleiben, als nur noch einen einzigen Schritt auf dieſem Wege zu machen!“ „Oh, Du kennſt mich ſchlecht, liebe Griſſell!“ rief er feierlich.—„Auf unſern Namen, den ich ja wieder empor und zu Ehren zu bringen bemüht bin, ſoll durch mich nie auch nur der mindeſte Makel kommen. Hätte Mary eine Zuſage von mir erhal⸗ ten, ja glaubte ich mich auch nur von ihr in dem Maße geliebt, wie ich ſie liebe, ſo würde ich mich für gebunden erachten und ihr alle meine Hoffnun⸗ gen und meinen ganzen Ehrgeiz aufopfern. Allein ich weiß, woran ich mit ihr bin. Gerade weil ich ihr weiches, eindrucksfähiges, oberflächliches Weſen kenne, will ich ſie nicht auf meinen Lebensweg her⸗ überziehen. Ich lege mir eine herbe, tiefeinſchnei⸗ dende Pein, einen bittern Schmerz und langes Lei⸗ den auf, um ihr in Zukunft noch grauſamere Leiden zu erſparen!— Glaube an mich, Griſſell! vertraue — —,— —— 95 Deinem Bruder! Ich muß auf mein Ziel losgehen, ganz frei von jeglicher Bürde, aller Sympathie und aller Theilnahme bar, außer der Deinigen, Schwe⸗ ſter, auf welche ich von jeher gerechnet habe. Du warſt ſeither mein beſter Schanzgräber und Wege⸗ Ehner, liebe treue Schweſter! entmuthige mich darum auch heute nicht! Es iſt eine heilige Aufgabe, die ich mir geſtellt habe!“ Ich war erſtaunt, ergriffen, ja beinahe überzeugt. Ich fühlte, daß er weniger als die Wahrheit ſagte, als er von ſeinen geheimen Aengſten, von ſeiner innern Aufregung und Pein ſprach; ich begriff, daß er in gewiſſen Beziehungen recht haben konnte. Allein mein Herz legte noch immer Einſprache dagegen ein, und das Herz einer Frau ſieht zuweilen richtiger, als die Vernunft eines Mannes. Ja ſogar noch heute zweifle ich ſehr, ob Hugh von den beiden vor ihm liegenden Wegen den beſſern gewählt hat. Der⸗ jenige, welcher ihn gerades Wegs zu einer glückli⸗ chen Mittelmäßigkeit geführt, derjenige, welchen er mit der kleinen Mary an ſeiner Seite zurückgelegt haben würde, erſcheint mir noch heute als derjenige, welcher bei Weitem den Vorzug verdient haben würde! VI. Auf die Sorgen einer ungeſicherten Laufbahn, auf die Zufälligkeiten und Wechſelfälle eines aben⸗ teuerlichen Beginns mußten nothwendig andere Sor⸗ gen und Wechſelfälle folgen. Ich begriff dies, ſo⸗ 96 bald mir mein Bruder den Zweck ſeiner geduldigen Anſtrengungen und muthigen Opfer eröffnet hatte. Das alte Herrenhaus der Familie Thorney ſammt deren alten Ländereien wieder an ſich zu bringen, das war der Traum ſeines Lebens, die Idee, welcher er nachſtrebte; aber mochte ſich dieſe jemals verwirk⸗ lichen? Unter meinen Augen und um mich her wa⸗ ren ſchon ſo viele Veränderungen vor ſich gegangen, mußten ohne Zweifel noch viele andere vor ſich ge⸗ hen: meines Bedenkens ſchien gar nichts das ſtolze Vertrauen zu gewährleiſten, womit Hugh in die Zu⸗ kunft blickte. —— Ich hatte einige Wochen zum Beſuche in Burn-⸗ dale, bei der Tante Thomaſine, zugebracht. Als ich wieder nach London zurückkehrte, ward mir hier die Kunde von mehreren Ereigniſſen, welche nicht ohne Einfluß auf unſer beſcheidenes Geſchick bleiben konn⸗ ten. Herrn Flinte's Tochter und Schwiegerſohn, meine Baſe Blanche und der Maler Herbert, waren ſammt zwei Kindern nach England zurückgekehrt, und hatten ſich in Islington, in einem kleinen Häuschen jener gewaltigen Vorſtadt von London, niedergelaſſen. Herr Flinte wollte noch immer nichts von ſeiner Tochter wiſſen, geſchweige denn ſie wieder bei ſich ſehen oder ſeinem Tochtermanne verzeihen; er wußte ſogar, daß ſie ſich in ſehr bedrängten. Umſtänden befanden, welche durch den geringen Ertrag von Mr. Herbert's künſtleriſchen Leiſtungen keineswegs aufgebeſſert wur⸗ den, aber er verweigerte ihnen trotzdem erbarmungs⸗ los jede Unterſtützung. Der Doctor Larke und ſeine Tochter, jene holde niedliche Mary, von welcher ich einen Augenblick geglaubt hatte, daß ſie Hugh's Le⸗ —+ 97 bensglück und Lebensgefährtin werden würde, hatten ſich nach Blackheath übergeſiedelt. Wollte man ihnen dort einen Beſuch abſtatten, ſo erforderte es beinahe eine Reiſe. Hugh war ein einziges Mal hingegan⸗ gen, hatte aber keines von beiden angetroffen und nur die Verſicherung mitgebracht, daß ſie ſich beide ſehr wohl befänden. Ich fand endlich den Vetter Harley in London, welcher ſchon ſeit wenigſtens zehn Tagen bei uns einquartirt hatte; ſeinem Vor⸗ geben zufolge war er eines wichtigen Geſchäſtes we⸗ gen nach London gekommen, allein er verbrachte ſeine meiſte Zeit damit, entweder mein Nähkörbchen in Unordnung zu bringen, wenn ich arbeitete, oder mir Waſſer zu pumpen und herbeizutragen, wenn ich in unſerm kleinen Gärtchen die Blumen begoß. Mein Bruder meinte, dies ſeie doch für einen Mann von dreißig Jahren ein höchſt ſonderbarer Zeitver⸗ treib; allein ich durchſchaute mehr als zur Hälfte dieſen ſcheinbaren Müſſiggang. Ich hatte es mit einem Manne zu thun, der in denjenigen Einfällen, die er ſich einmal in den Kopf geſetzt hatte, ſehr hartnäckig war, dabei aber eine Menge trefklicher Eigenſchaften beſaß, unter denen in meinen Augen die treue ſtandhafte Liebe, die er mir gewidmet hatte, nicht die geringſte und werthloſeſte war. Wozu ſollte ich mich nun entſchließen, und wie konnte ich ſo vielen dringenden Bitten widerſtehen? Als ich ihn ſo feſt entſchloſſen ſah, ſich meine Liebe zu erringen, forſchte ich nach den Gründen, welche mich fühllos und gleichgültig gegen ſeine Bemühun⸗ gen und Wünſche machen könnten, und da ich in mir keine Gründe auffinden konnte, die mir triftig Lee, Thorney⸗Hall. 7 ſchienen, ſo bemühte ich mich, ihn von ganzem Her⸗ zen zu lieben. Hugh war darob ganz erſtaunt, oder gab ſich wenigſtens das Anſehen es zu ſein. Tante Thomaſine gab mir einen Stich ins Herz durch die Verſicherung, daß ſie dieſes Ergebniß längſt voraus⸗ geſehen habe. Ich hätte vielleicht dem Roman mei⸗ ner jungfräulichen Jahre getreuer bleiben und mich von Schwermuth verzehren laſſen ſollen; allein ich war, wie die übrigen Glieder meiner Familie, ſehr praktiſch, ſehr poſitiv, ſehr wenig zum Träumen auf⸗ gelegt geworden. Regelmäßige anhaltende Thätigkeit war mir zur Gewohnheit geworden, und dieſer Drang in mir heiſchte gebieteriſch eine tägliche Beſchäfti⸗ gung, ein geordnetes Tagewerk. Mein Bruder be⸗ durfte meiner nicht mehr. Dagegen ſah ich, daß bei meinem Vetter meiner noch ein ernſtes Tagewerk harrte: ich hatte ihn erſt noch zu erziehen, eine eigen⸗ ſinnige Natur zu bändigen, einen anziehenden Kampf zu beſtehen, mir eine Herrſchaft zu ſichern. Harley hat mir ſeither oft geſtanden: wenn er gewußt hätte, was hinter meinen ruhigen Blicken und meiner klö⸗ ſterlichen Bläſſe ſtecke, würde er ſich zweimal beſonnen haben, ehe er ſich eine ſolch energiſche Lebensgefähr⸗ tin beigelegt hätte. Aber ich glaube nicht, daß es ihm hiermit Ernſt war. Ich bin im Gegentheil über⸗ zeugt, daß es ihn angenehm überraſchte, als er zum erſtenmal die Glut und den Lichtglanz der inwendi⸗ gen Flamme bei mir aufſchlagen ſah. Ich war damals volle ſechsundzwanzig Jahr alt, und darin beſtand für meinen Gatten die ganze Poeſie unſrer Verbindung,— falls überhaupt etwas Poeſie dabei ins Spiel kam. Wir feierten unſre 99 1 24 Hochzeit in Burndale, in der Cottage unſrer alten Tante, die über dieſem Ereigniß vor Freuden ganz außer ſich gerieth. Dann reisten wir nach Edin⸗ burgh ab. Während wir dort jene Art von ſchlich⸗ tem und anſpruchloſem Daſein voll beſcheidenen Glücks führten, deren unſchätzbares Vorrecht darin beſteht, daß es niemand intereſſirt, ward mein Bru⸗ der von Mr. Flinte in die ute geſchickt, um dort die Handelsgeſchäfte ſeine uſes zu leiten. Er verbrachte drei Jahre in Smyrna, und nichts ließ uns während dieſer drei friedlichen Jahre auch nur entfernt die Ereigniſſe ahnen, welche uns noch ein⸗ mal mit den härteſten Prüfungen des Lebens heim⸗ ſuchen ſollten. 5 Um die Zeit, wo mein Bruder von ſeiner großen Reiſe zurückkehren ſollte, begaben wir uns nach Lon⸗ don, um ihn dort zu empfangen. Mr. Flinte lag ſehr krank darnieder; die Aerzte hatten ſeine Krank⸗ heit für eine höchſt gefährliche erklärt, allein er ſchlug alle ihre unheimlichen Prophezeiungen in den Wind. Mrs. Flinte war allmälig in eine tiefe phyſiſche und moraliſche Niedergeſchlagenheit verfallen, aber ſie gab ebenſo wenig zu, wie ihr Gemahl, daß er ernſt⸗ lich in Gefahr ſein könne. Gleichwohl drang ſie in mich, ich ſolle mich der Pflege des Kranken widmen, mit welchem ich mehrere ernſte Unterredungen vor der Ankunft meines Bruders hatte, die ſich um drei oder vier Tage verzögerte. Eines Morgens ward mir zu ungewöhnlich frü⸗ her Stunde ein Billet von Seiten einer Perſon über⸗ geben, welche, wie man mir ſagte, drunten im Haus⸗ flur auf mich wartete. Dieſes Billet trug Herbert's 10⁰ 4 Namen als Unterſchrift. Haſtig legte ich nur die nothwendigſten Kleidungsſtücke an und rilte in den Flur hinab, wo ich meine Baſe Blanche fand, die ich trotz des dichten Schleiers und weiten Mantels, worein ſie ſich gehüllt hatte, auf den erſten Blick erkannte. Es ward mir aber ſehr ſchwer und be⸗ klommen um's Herz, als Blanche mit mir allein in einem abgelegenen Zimmer war und ich ihre unter Kummer und Elend ſ frühe verblühte Schönheit und ihre abgehärmten und entſtellten Züge erblickte. „Es iſt ſeit meiner Rückkehr in die Heimath das erſte Mal, daß ich die Schwelle dieſes Hauſes über⸗ ſchritten habe!“ hub ſie tief bewegt an.„Nur heim⸗ lich und verſtohlen komme ich hierher, als wollte ich ein Verbrechen begehen. Mein Vater liegt dem Vernehmen nach zum Tode krank und will weder mich noch meine Kinder ſehen!... Und dennoch bin ich überzeugt, daß er mir verzeihen würde, wenn er nur die Hälfte von Dem wüßte, was ich gelitten habe... O glauben Sie mir, Griſſell! wenn er mich ſähe und hörte, er würde mich für hinlänglich geſtraft halten!...“ War dies wirklich die einſt ſo ſchöne und ſtolze Blanche, die hier vor mir ſtand, demüthig und ge⸗ beugt in Ton und Haltung, und mich flehentlich bat, ſie zu ihrem Vater zu laſſen?... Ich ging zu dieſem, um ihm ihr Begehren vorzutragen und zu befürworten. Mr. Flinte ſah mich ohne das min⸗ deſte Staunen eintreten, ſtreckte mir ſogleich die „Times“ entgegen und bat mich ihm einige wichtige Urkunden vorzuleſen, welche ſich auf irgend eine Frage in Zollangelegenheiten bezogen. Als ich ihm 101 4 mit größtmöglicher Schonung den Zweck meines ſo frühen Beſuches mittheilte, als ich ihm ſagte: Blanche ſeie auf meinem Zimmer und wolle ihn um die all⸗ zu lange verweigerte Verzeihung anflehen, ſchien er überraſcht aber nicht gerührt. „Sie hat es ja ſo gewollt,“ erwiderte er mir mit düſtrem zornigem Blick. Ich ſtellte ihm vor, ſie Kinder habe, die Hunger leiden müßten, da tief gebeugt und zer⸗ knirſcht ſeie, weil ihre Kinder unter der Schuld ihrer Mutter litten; aber er blieb verſtockt. „Wer trägt die Schuld daran?“ rief er endlich, aber ſeine Stimme war diesmal unſicher, und man hätte glauben mögen, ſie bebe vor Gewiſſensbiſſen. „Ich habe ſie gewarnt; ich habe Blanche im Voraus geſagt, weſſen ſie ſich von mir verſehen dürfe. Aber ſie war eigenſinnig und hartnäckig! Es geht mich nun nichts mehr an; es war ihr Fehler, ihre freie Wahl... Und zudem,“ ſetzte er hinzu und heftete ſeine ſtechenden Augen mit einem durchdringenden, halb ironiſchen Blick auf mich,—„was für einen Vortheil verſprichſt Du Dir davon, Griſſell, wenn ich dieſe Leute vor mich laſſe!“ „Ich rechne nicht, lieber Onkel, ich erfülle eine Pflicht!“ „In der That?“ rief er mit jenem trockenen, kalten, höhniſchen Lächeln, das ihm ſtets auf die Lippen trat, wenn man ihm von einer uneigennützi⸗ gen Handlung ſprach.—„Wohlan denn! Dir zu Liebe will ich Blanche noch einmal von Neuem den Vorſchlag machen, den ich ihr ſchon früher vergebens gethan habe... Sie ſoll ſich für immer von ihrem — 4„ Manne trennen, dann will ich ſie wieder aufnehmen, ohne ihr irgend etwas nachzutragen!“ „Das iſt Ihr Ernſt nicht, Oheim! Das können Sie unmöglich verlangen!“ rief ich;„dieſen Auftrag von Ihnen beſtelle ich nimmermehr!? „Das ſind aber meine Bedingungen! Von ihnen laſſe ich auch kein Jota nach!“ rief er entſchieden. Sein Ton und noch mehr die Betheurung, die er daran knüpfte, li mir nur wenig Hoffnung. Dennoch drang ich mit Bitten in ihn, ohne aber dem eigenſinnigen Greiſe auch nur das Mindeſte ab⸗ zuringen. Ich wollte mir die Unterſtützung der Mrs. Flinte ſichern, allein ſie verweigerte rundweg ihre Einmiſchung und Vermittelung, als ganz vergeblich. „Ich bin überhaupt gegen jede Gemüthsbewe⸗ gung!“ ſagte ſie;„die Aerzte haben Mr. Flinte und mir abſolute Ruhe und Gleichmuth anbefohlen, und ich will ihn nicht unnöthigerweiſe aufregen!“ Als ich wieder die Treppe hinunterging, um zu Blanche zurückzukehren, begegnete mir Harley und drückte mir, ohne ein Wort zu reden, eine Banknote von fünfzig Pfund Sterling in die Hand. Ich ent⸗ nahm daraus, daß er Alles wußte, und errieth, für wen er mir dies Geld gab. Als Blanche es aus meiner Hand empfing, wähnte ſie, ich habe ihres Vaters Herz bewegt; ich enttäuſchte ſie auch hierüber nur halb und ließ ſie darin den Anfang einer Sin⸗ nesänderung von Seiten ihres Vaters vermuthen. Vielleicht werde er ſie am folgenden Tage vorlaſſen, ſagte ich, und ſie verließ mit lautem Dank gegen Gott ihr väterliches Haus. Ich hatte ihr das Geleite bis zur Hausthüre ge⸗ 2 103 geben. Unten an der ℳ hörte ich mich bei Namen rufen. Da ich Harley's Stimme erkannt zu haben glaubte, ſprang ich eilends die Treppe hinan. Allein wie groß war mein Erſtaunen, als ich den Oheim über das Treppengeländer ſich herunterbeugen ſah. Er ergriff mich am Arme und zog mich auf⸗ geregt in ſein Zimmer. „Iſt dieſe Frau,... dieſe Frau, die ich ſo eben geſehen habe... iſt ſie nche?“ fragte er mit unſicherer Stimme.„Das kann nicht ſein!“ „Dieſe Frau iſt Ihre Tochter!“ erwiderte ich. Mr. Flinte blieb einige Minuten lang ſtarr, und hörte kaum auf mich. Alle die ſchmerzlichen Einzelnhei⸗ ten, auf welche ich einzugehen mich beeilte, weil mir jetzt ſein Widerſtand erſchüttert ſchien, waren nicht im Stande, den Eindruck zu erhöhen, welchen ein ein⸗ ziger verſtohlener Blick auf dieſes bleiche Bild des Jammers, des Unglücks und der Verzweiflung her⸗ vorgebracht hatte. Er bedeutete mir mit einem Wink, mich zu entfernen, und ich ließ ihn allein mit ſeinem Gewiſſen. Was für Gedanken ihn in jener Stunde beweg⸗ ten, hat man nie in Erfahrung gebracht. Einige Stunden ſpäter trat ſein Diener in Mr. Flinte's Zimmer und fand ihn noch in demſelben Lehnſtuhle, worin ich ihn verlaſſen hatte. Allein jetzt war er todt und ſchon ganz kalt. Vor ihm lag ein Blatt Papier, ſeine todesſtarren Finger hielten eine Feder, die er in Tinte eingetaucht hatte... Was würde er wohl geſchrieben haben, wenn es der Tod ihm erlaubt hätte?— Ohne Zweifel einige Worte des Erbarmens und Mitleids. „ 404* Hugh langte an, as das ganze Haus noch von dieſer Kataſtrophe erſchüttert und beſtürzt war. Mrs. Flinte hatte bereits nach ihrer Tochter geſchickt. Harley und ich waren in unſern Gaſthof zurückge⸗ kehrt, wo mein Bruder zu uns ſtieß. Wir kamen überein, alle mit einander nach Edinburgh zurückzu⸗ kehren, ſobald die Beerdigung vorüber ſein würde; allein der Anwalt des Mr. Flinte, bei welchem zu⸗ gleich das Teſtament des Verſtorbenen niedergelegt war, verlangte, daß mein Gatte der Eröffnung die⸗ ſes Documents anwohne. Es war ſchon von altem Datum, und ſeine Anordnungen erſchienen uns ganz ungewöhnlich. Mein Bruder Hugh erbte das ganze Vermögen mit einziger Ausnahme einer beſtimmten Summe, deren Nutznießung Mrs. Flinte auf den Reſt ihrer Lebenszeit zugeſchieden war. Blanche's Name war auch nicht ein einziges Mal genannt in den paar Zeilen, worin ihr Vater dieſe letztwilligen Verfügungen getroffen hatte. Dies Alles erſchütterte mich tief und flößte mir Furcht ein, nicht als ob ich in Hugh den mindeſten Zweifel geſetzt oder ihn für fähig gehalten hätte, ſich die Rechte Blanche's und ihrer Kinder anzumaßen, denn ich kannte ſeine Be⸗ griffe von Ehre und Rechtlichkeit nur allzu gut;— ſondern es verlangte mich, ihn zu ſehen und zu er⸗ fahren, wie er ſeine neue Lage anſehen würde. Am Abend kehrte Hugh nach Hauſe, ermüdeter und erſchlaffter, als ich ihn je zuvor geſehen hatte. Er warf ſich in ein Kanapee, verlangte Wein, und trank Schluck für Schluck mehre Gläſer voll hinter einander, um ſich wieder zu beleben. Weder mir noch Harley fiel es ein, ihn zu beglückwünſchen, und 10⁵ wir erwarteten neungedundhen erſtes Wort. End⸗ lich fragte ihn Harley, ob die Beſtimmungen des Teſtaments ihn nicht einigermaßen überraſcht hätten. „Allerdings,“ erwiderte er ohne das geringſte Zögern.—„Das ganze Vermächtniß iſt ein Werk des Aberwitzes... Mein Oheim war nicht bei Ver⸗ ſtand, als er jene Zeilen aufſetzte. Das habe ich auch zu Holmes geſagt!“—(Holmes war der An⸗ walt des Oheims, bei welchem das Teſtament nieder⸗ gelegt geweſen war.) „Und was hat er Dir geantwortet?“ rief ich. „Er meinte, es habe in ganz England keinen vernünftigern Menſchen gegeben, als Mr. Flinte, und der Narr in der ganzen Angelegenheit ſei nur ich, wenn ich darüber unnütze Skrupel hege!“ „Du haſt ihm darin doch hoffentlich nicht Recht gegeben?“ fragte ich. „Keineswegs, ich habe mich vielmehr lange mit ihm herumgeſtritten, allein mein Entſchluß ſtand ſchon im Voraus feſt, die ganze Erbſchaft, ohne alle Be⸗ dingungen, den rechtmäßigen Blutserben zurückzu⸗ geben.“ „Bravo!“ rief Harley. „Rufe Du Bravo, ſo lange Du willſt!“ verſetzte Hugh.„Aber Herbert iſt nicht Deiner Anſicht. Er beſteht abſolut darauf, daß ſeine Frau mit mir hälf⸗ tig theile... Er behauptet, Mr. Flinte würde un⸗ ter allen Umſtänden und ſelbſt dann, wenn Blanche von ihrem Vater wieder wäre zu Gnaden angenom⸗ men worden, mir einen großen Antheil an ſeinem Vermögen durch ein letztwilliges Vermächtniß zuge⸗ dacht haben... Und er iſt hartnäckig, dieſer Her⸗ 06 1 bert!... JIhr hant das Hohnlächeln von Mr. Holmes ſehen ſollen!... Ich glaube, wenn es auf ihn angekommen wäre, ſo würde er uns am liebſten ins Narrenhaus geſprochen haben!“ „Wie hoch beläuft ſich nach Deiner Schätzung die ganze Hinterlaſſenſchaft?“ „Auf etwas mehr als fünfzigtauſend Pfund Ster⸗ ling!“ ſagte Hugh. „Ah!“ ſeufzte mein Gatte,„das iſt ein ſchönes Vermögen für denjenigen, der es nur ſo einſtreichen darf! Ich glaubte aber immer, Mr. Flinte habe weit mehr zuſammengerafft!“ „Endlich iſt nun Alles geregelt!“ fuhr Hugh fort.„Holmes ſetzt eine Urkunde auf, worin ein Drittel der Hinterlaſſenſchaft für Blanche und ein Drittel für jedes ihrer beiden Kinder geſichert wird. Ich glaube, ihr Vater würde ebenſo gehandelt haben, wenn er ſeinen Groll gegen ſie überwunden hätte, und dieſe Theilung ſcheint mir die angemeſſenſte nach unſeren Geſetzen!“ „Man wird Dich für einen Don Quixote halten,“ ſagte Harley,„allein mich dünkt, Du haſt ganz recht gehandelt!“ 3 „Allerdings! ich muß mir mein Vermögen erſt noch machen, und dieſes Erlebniß mit ſeinen Folgen iſt im Grunde für mich nichts Anderes als ein tüch⸗ tiger Schritt rückwärts!“ gab mein Bruder zur Ant⸗ wort.„Allein wozu würden mir dieſe Muskeln und dieſe Nerven, wozu dieſe moraliſche und phyſiſche Spannkraft meines ganzen Weſens, wozu die Stäh⸗ lung meiner Kräfte durch das Leben und die Erfah⸗ rung dienen, wenn mir der Reichthum ſo auf den —— —— 107 . Kopf herunter fiele wie ein Dachziegel? Mit nich⸗ ten! Ich bin zur Thätigkeit geſchaffen, und will mich rühren; ich finde meine Freude daran. Mein Haus wird außerdem auch ein um ſo feſteres und ſolideres Gebäude ſein, wenn ich es Stein um Stein zuſam⸗ mentrage, als wenn es eines jener Luftſchlöſſer iſt, die wie ein Traum vor uns entſtehen, wie Pilze unter unſeren Händen aufſchießen!— Was ſagſt Du dazu, Griſſell?... Du thuſt ja den Mund gar nicht auf!“ „Ich ſage Dir nur, lieber Bruder, daß Deine Schweſter ſtolz auf Dich iſt!“ entgegnete ich. „Bah! bah!... ich habe nur dem Gefühl der Pflicht nachgegeben und Du haſt mir ſeit meiner Kindheit gepredigt, daß es gar kein Verdienſt ſei, ſeine Schuldigkeit zu thun!... Sei ſo gut und reiche mir eine Taſſe Thee, und laß uns von dieſer ganzen Sache nie wieder ein Wort reden!“ ** * Vierzehn Tage ſpäter traten wir eine Reiſe an, aber nicht nach Edinburgh zurück, ſondern in die Schweiz. Mr. Langley und Marian wohnten dort ſchon ſeit längerer Zeit in der kleinen Stadt Biel. Nun war ein Brief von meiner Schweſter einge⸗ troffen, worin ſie mich dringend bat, zu ihr zu kom⸗ men und zwar ohne Zeitverluſt. Dieſe unter⸗ ſtrichenen Worte hatten mich ſehr unruhig und ge⸗ dankenvoll gemacht, und da Harley ſich entſchloſſen hatte, mich zu begleiten, ſo beſchloß ich, ohne den mindeſten Verzug abzureiſen. Tante Thomaſine wurde 7 108 .. davon benachrichtigt, und die unerſchrockene gute Alte wollte ebenfalls die Reiſe mitmachen. Wir machten uns übrigens ohne große Befürchtungen auf den Weg, als gelte es nur eine Vergnügungs⸗ und Er⸗ holungs⸗Reiſe; wir erinnerten uns an die fröhliche Jugend unſeres Sonnenſtrahls und waren überzeugt, wir würden ſie ſo ſchmuck und heiter wiederſehen, als in ihren ſchönſten Tagen, und machten uns ſchon Hoffnung, ſie wieder mit uns in die Heimath zurück⸗ führen zu können. Ich habe mich ſeither oft gefragt, wie es denn möglich ſei, daß das Leben, das doch ſo voller Täu⸗ ſchungen iſt, uns ſo unbedacht und mit ſo geringer Ahnungsgabe ausgeſtattet laſſe, ſo daß wir nicht das Mindeſte von all den rauhen und dornenvollen Umwegen vorausſehen, durch welche es uns auf un⸗ ſerer prüfungsreichen Wallfahrt führt. Wir verlie⸗ ßen ein friſches Grab, das ſich kaum geſchloſſen hatte, und ahnten nicht, daß wir einem Grabe entgegen⸗ fuhren, das ſich vor unſeren Augen öffnen ſollte. Wir plauderten fröhlich von Marian, von ihrer ſtrah⸗ lenden Schönheit und von ihrer Tochter Ruth, welche wir ohne Zweifel als der Mutter verjüngtes Eben⸗ bild finden, an welcher wir ganz dieſelbe ſchelmiſche Anmuth und die muthwillige tolle Luſtigkeit unſeres Sonnenſtrahls wieder ſehen würden!— Aber ach! der erſte Blick auf meine Schweſter ließ mich den düſtern Sinn der unterſtrichenen Worte:„komme ohne Zeitverluſt!“ vollſtändig begreifen. Als man uns in Marian's Zimmer treten ließ, fanden wir ſie auf einem Divan neben ihrem Fenſter aus⸗ geſtreckt, das auf den Bieler See hinausſchaute, wel⸗ — — 109 dcher auf allen Seiten von den hohen grauen Felſen⸗ mauern des Jura umſtarrt iſt, und in deſſen ſüd⸗ lichem Theile ſich die ſchneebedeckte Bergkette der Alpen ſpiegelt. Zu Marian's Füßen ſahen wir, mehr hockend als ſitzend, ein blaſſes Kind mit ſchwar⸗ zen Augen, den echten Typus eines Mädchens aus einem Feenmährchen. Die Kleine las der Mutter laut vor und⸗ihre Silberſtimme ſprach bei unſerem Eintritt gerade die Worte der heiligen Schrift: ‚Dein Herz erbebe nicht und ſei nicht bekümmert. Du haſt an Gott geglaubt, glaube auch an michl Marian ſtieß bei unſerm Anblick einen Freudenſchrei aus, richtete ſich in eine ſitzende Haltung auf und ſtreckte uns die Arme entgegen. Die kleine Vorleſerin hielt inne, legte den Finger auf das geöffnete Buch und maß uns mit ſchüchternen Blicken. „Gott ſei Dank, ihr kommt noch zu rechter Zeit!“ flüſterte Marian uns leiſe zu. Tante Thomaſine mußte nach dem erſten Kuſſe hinausgehen, um ihre Thränen zu verbergen. Von unſerm ſchönen kleinen Sonnenſtrahl war kaum noch ein ſchwacher, fahler Schein übrig, der an einem wolkenſchweren umnachteten Horizont verglühend auf⸗ flackerte.. Der Abend brach herein: ich blieb bei Marian allein im Zimmer, wo es beinahe ſchon Nacht war. Harley und Mr. Langley— welcher wieder ganz der kalte ernſte Gelehrte geworden war, als welchen ich ihn früher gekannt hatte,— ergingen ſich auf einer der hohen Terraſſen, welche den See beherr⸗ ſchen. Tante Thomaſine hatte ſich bereits zur Ruhe begeben. 110 Ruth ſchlummerte friedlich auf ihrem kleinen Feldbette. Marian ſah nach den Wolken, die eilends über den blauen Himmel hinzogen, und lauſchte den Tönen einer fernen Muſik.— „Komm hieher!“ ſagte ſie zu mir.—„Noch etwas näher... damit ich Dein Geſicht ſehe!“ Allein ich wagte es nicht, denn ſeit einigen Mi⸗ nuten waren mir wider Willen Thränen in die Augen getreten. 1 „Erzähle mir von meiner Mutter... und von dem Vater!“ fuhr ſie fort. Das hieß zwar alte Wunden wieder aufreißen, allein trotzdem ſchilderte ich ihr ohne Zaudern die letzten Augenblicke unſerer theuren geliebten Eltern. Ich wiederholte Marian die zärtlichen Liebesworte, welche beide ſogar in dieſen erhabenen Augenblicken noch für ihre abweſende Tochter gefunden hatten. Während ich ſprach, ließ Marian aufmerkſam und beruhigt ihre Hand in der meinigen ruhen. Dann trat ihr Gatte herein und richtete einige Fragen an ſie, und in dem beinahe fröhlichen Ton der Antwor⸗ ten, die ſie ihm gab, unterſchied ich ein holdes Lächeln, das die Dunkelheit mir ſeither verborgen hatte. „Bald, Harry,“ ſagte ſie heiter,„bald wird mir ganz wohl ſein!“ Und Mr. Langley hatte ſie begriffen, denn er unterdrückte ein Schluchzen, in welches er unwillkür⸗ lich ausbrach. Ich ging aus dem Zimmer, allein ſchon nach wenigen Augenblicken rief man mich dorthin zurück. Marian bat mich, ihr aus dem Evangelium St. V 111 Johannis vorzuleſen, und ich las von derjenigen Stelle an weiter, wo Ruth ſtehen geblieben war. Nachdem ich mehre Kapitel dieſes gotterfüllten Evan⸗ geliſten geleſen, kam ich endlich an jenen Schlußvers des 16. Kapitels:„In der Welt habt ihr Angſt; aber ſeid getroſt, ich habe die Welt überwunden!“... Da lenkte ein tiefer Seufzer meiner Schweſter meine Aufmerkſamkeit auf dieſe. Sie öffnete die Augen, lächelte, ſchloß ſie wieder und ſchlummerte dann noch einmal ein... um hienieden nicht wieder zu er⸗ wachen! 2— VII. Ich wollte ſogleich nach der traurigen Ceremonie des Begräbniſſes von Biel abreiſen; allein Mr. Lang⸗ ley, den plötzlich wieder ſeine alte Reiſeluſt erfaßt hatte, beabſichtigte eine andere Reiſe in den Orient. Da ich nun während ſeiner Abweſenheit Ruth unter meine Obhut und Pflege nehmen mußte, ſo war ich gezwungen, um dieſes armen Kindes willen noch auf einige Zeit eine Trennung hinauszuſchieben, welche es ganz zur Waiſe machen ſollte. Ruth war ganz von ihrem Vater unterrichtet worden und leider außer allem Verkehr und jeglicher Beziehung zu Kindern ihres Alters aufgewachſen; ſie war deßhalb ein ſeltſames, beinahe unbegreifliches Geſchöpf. Ihr Charakter hatte Unebenheiten und dunkle unbegreifliche Tiefen, die uns ganz an ihr irre machten. Endlich mußten wir doch Biel ver⸗ laſſen und nach Edinburgh zuruͤckkehren. Ruth zeigte* — 112 nicht die mindeſte Abneigung, ihren Vater zu ver⸗ laſſen. Als ſie aber erſt von ihm getrennt war, verſank ſie in eine tiefe verzehrende Schwermuth und Sehnſucht nach ihm, die mir große Unruhe verur⸗ ſachten, und nichts vermochte ſie aus dieſer gedrückten Stimmung zu reißen bis zu dem Tage, wo die An⸗ kunft eines neuen Gaſtes, der unſern Familienkreis vergrößerte und uns vom Himmel geſchenkt war, unſer ſtilles Hausweſen in Aufruhr verſetzte. Ruth faßte beinahe vom erſten Augenblicke an eine ſo leb⸗ hafte Zärtlichkeit und Liebe für mein Söhnchen, daß ich zuweilen gegen ſie jene eiferſüchtigen Befürchtun⸗ gen verſpürte, welche der Liebe einer Mutter ſo natürlich und angeboren ſind. Bald darauf kamen auch ſchlimme Tage für uns. Harley, welcher gewöhnlich nicht den geringſten Hehl vor mir hatte, wurde allmälig immer zurückhalten⸗ der. Meine Erkundigungen nach dem Grunde der geheimen innern Angſt, die ihn zuweilen zu bedrücken ſchien, erhielten nur ausweichende oder nichtsſagende Antworten. Eines Morgens kündigte er mir an, er müſſe nach London reiſen, wo ihn ſeine Geſchäfte ungefähr acht Tage lang zurückhalten würden, bei ſei⸗ ner Rückkehr von dort wolle er mir dann Alles er⸗ klären. Seine Abweſenheit währte jedoch länger, als er mir angegeben hatte, und als ich bei ſeiner Rückkehr ſeiner anſichtig wurde, verkündete mir ſeine Phyſiognomie auf den erſten Blick, daß er ſchlimme Nachrichten mitbrachte. Mit Einem Worte: wir waren ruinirt. Eine jener induſtriellen Kriſen, gegen welche keine Anſtrengung etwas vermag, unterwühlte beinahe ſſchon ſeit Jahren das Beſtehen des Handelshauſes, V 113 in deſſen Operationen unſer ganzes Vermögen geſteckt worden war. Das längſt ſchon bevorſtehende und über unſeren Häuptern ſchwebende Falliſſement mußte nun erklärt werden— es blieben meinem Gatten keine zweihundert Pfund Sterling mehr, die er wirk⸗ lich ſein nennen konnte. Ich ſah Harley unter dieſem Schickſalsſchlage bei⸗ nahe erliegen, aber ich ermuthigte ihn wieder, indem ich ihm unſern Knaben hinreichte, um deſſen willen er ausharren mußte bis ans Ende. Mein kleines Vermögen, welches Hugh am Tage meiner Hochzeit verdoppelt hatte, ward ganz zur Verfügung Harley's geſtellt, der ſich jedoch ein Gewiſſen daraus machte, dieſen Nothpfennig anzugreifen, auf welchen ſeine Gläubiger keinen geſetzlichen Anſpruch hatten. End⸗ lich aber bewogen wir ihn doch dazu, und es wurde gottlob Alles bezahlt, und unſer Name blieb flecken⸗ los, trotzdem daß Hugh uns nicht hatte zu Hilfe kommen können. Er hatte ebenfalls mit der Ungunſt der Zeiten zu kämpfen; allein er kämpfte mit einer Art wildem Enthuſiasmus und freudiger Thatkraft, während Harley, der nicht mehr ſo jung und weniger vertrauensvoll war, ſich entmuthigen und herunter⸗ ſtimmen ließ. Gewöhnt einen hohen Werth auf die öffentliche Meinung zu legen, fühlte ſich mein Mann dadurch gedemüthigt, daß er in derſelben herunter⸗ ſteigen und einbüßen ſollte; es ging ihm entſetzlich nahe, daß mein Kind und ich auf die Annehmlich⸗ keiten eines wohlhabenden behaglichen Lebens ver⸗ zichten mußten, und daß er mich wieder aufs Neue gezwungen ſah für Andere zu arbeiten. Ich meiner⸗ ſeits ergriff⸗dagegen mit frohem Muthe wieder dieſe Lee, Thorney⸗Hall. 114 Exiſtenz, deren Entbehrungen und ſtarre Monotonie ich ſchon einmal kennen gelernt hatte. Jetzt fügte ich mich ſtärker und ergebungsvoller als ehedem in dieſelbe, denn ich hatte ja einen Gatten, ein Kind, und das Vertrauen des Einen und die Liebkoſungen des Anderen tröſteten mich; wie hätte ich da für dieſe beiden nicht von Neuem wieder anheben können, was ich für meinen Bruder gethan hatte! Hätte Harley mir geglaubt und auf meinen Rath gehört, ſo wären wir in Edinburgh geblieben; allein ſeine Eigenliebe war jeden Augenblick an der empfind⸗ lichſten Stelle verwundet, ſogar durch die Beweiſe von Theilnahme, welche ſeine Freunde uns zu geben für ihre Pflicht hielten. Ich begriff zwar dieſe Schild⸗ erhebungen der Eitelkeit bei ihm gar nicht, allein ich mußte mich den Wünſchen deſſen fügen, welcher für den Unterhalt der Familie ſorgte. Harley hatte eine Stelle als Commis angenommen, welche ihm Hugh bei einem neuetablirten Kaufmann Namens Rivers verſchaffte; er war daher in ſeinen reiferen Jahren wieder Diener geworden, nachdem er als Herr ge⸗ wirkt hatte. Unſere veränderte Lage und Lebens⸗ weiſe übte bald einen unverkennbaren Einfluß auf ſeine Geſundheit. Für mich und Ruth war es nun Pflicht und Aufgabe, ihm die peinlicheren Einzeln⸗ heiten unſrer Lage zu verheimlichen. Der geringe Gehalt, welchen Harley erhielt, erlaubte uns nur einen einzigen Dienſtboten, und wir machten uns deßhalb ſeine tägliche Abweſenheit von Haus zu Nutze, um die gröberen häuslichen Geſchäfte ſelber zu be⸗ ſorgen. Wenn Harley alsdann nach Hauſe kam, fand er um ſich her nur Ruhe, Ordnung und lachende 115 Geſichter, und wir erſparten ihm manche Sorge durch das emſige Bemühen, ihn ja nichts von der Arbeit, ſehen zu laſſen, die uns dieſe Behaglichkeit koſtete, deren er genoß, ohne ſich davon allzuſehr Rechen⸗ ſchaft zu geben. Als ich ſah, wie er allmälig wie⸗ der kräftiger und gefaßter wurde, wie ſein Appetit zurückkehrte und mit ihm einige Heiterkeit, da fühlte . ich mich beinahe ebenſo glücklich, als ich es vor un⸗ ſerem Ruin geweſen war. Ich hatte bald nach unſerer Rückkehr nach Lon⸗ don Mrs. Herbert beſucht, die mich in ihrem ſchönen, nun ganz neu hergerichteten, reſtaurirten Hauſe em⸗ pfing, worin ſie ſich mit dem, einem Künſtler eigenen Geſchmack und Schönheitsſinn eingerichtet hatten. Das neue Haus zeigte auch nicht die entfernteſte Aehnlich⸗ keit mehr mit ſeiner frühern Einrichtung. Blanche ſelbſt hatte zum Theil ihre frühere ſtolze, etwas lin⸗ kiſche Schönheit ohne Anmuth wieder erlangt, dabei aber die Lehren des Unglücks vergeſſen, und war abermals das verwöhnte Kind ihres glücklicheren Ge⸗ ſchickes geworden: ſie klagte über ihre Geſundheit, über ihre Strapazen, über den Oſtwind, der ihre Nerven angreife. Einige Worte der Theilnahme an unſerm Unglück, die ſie, ganz nonchalant auf ihrem Kanapee ausgeſtreckt, mehr der Form wegen an mich richtete, ließen mich ziemlich kalt. Auch fühlte ich mich meiner hochmüthigen Baſe gegenüber nicht behaglich, und wollte mich eben, nach einem ſehr kurzen Beſuch, entfernen, als mich eine Entdeckung, die ich ganz unverhofft machte, noch einmal zur Stelle feſſelte. „Apropos,“ ſagte Blanche zu mir,„Hugh be⸗ ſucht uns ja gar nicht mehr... Ich fürchte bei⸗ 116* nahe, er iſt böſe auf uns, und dies ſollte mir wirk⸗ lich leid thun, denn in jener Angelegenheit mit dem Teſtament hat er ſich ſo edel und großmüthig benom⸗ men. Wenige Andere hätten an ſeiner Stelle ſo ge⸗ handelt wie er!“ Ich äußerte mein Bedauern über den Bruch, deſ⸗ ſen Blanche erwähnte, und ſetzte hinzu, mein Bru⸗ der habe deſſelben in meiner Gegenwart auch noch nicht mit der leiſeſten Anſpielung Erwähnung ge⸗ than. „Oh!“ verſetzte Blanche,„glauben Sie ja nicht, daß der mindeſte Bruch zwiſchen uns ſtattgefunden habe. Die Sache iſt einfach nur die: vor einigen Wochen kam Hugh zu uns und bat Herbert, ihm auf ein oder zwei Monate eine ziemlich ſtarke Summe zu leihen, deren er bedurfte. Da wir es uns aber zur abſoluten Regel gemacht haben, allen kommer⸗ ziellen Operationen fremd zu bleiben und nichts von dem Vermögen, welches unſeren Kindern gehört, aufs Spiel zu ſetzen, ſo haben wir uns genöthigt geſehen, ſeine Bitte abſchlägig zu beſcheiden. Hugh ſchien über dieſe abſchlägige Antwort ſehr erzürnt und hat uns ſeither nicht wieder beſucht. Hoffentlich hat er dieſes Geld anderswo aufzetrieben; er ſchien es da⸗ mals ſehr dringend zu bedürfen, und Herbert ver⸗ muthete, es ſeien Hugh's Verhältniſſe damals ſehr kritiſch geſtanden... Auch hätten wir gerne das Unmögliche gethan, um ihm wenigſtens einen Theil dieſes Darlehens zu verſchaffen; allein unglücklicher Weiſe ſprach Hugh bei uns im allerungünſtigſten Augenblicke vor, und wir hatten gerade ungeheure Aus⸗ gaben zu beſtreiten... Es liegt mir jedoch viel — ⸗ 117 daran, daß Hugh durch Sie erfahre, daß es uns ſtets Vergnügen machen wird, ihn bei uns zu ſehen.“ „Ja, ſehr viel Vergnügen!“ ſetzte Mrs. Flinte aus der Tiefe des Lehnſtuhls, in welchem auch ſie ruhte, hinzu;„wir haben immer große Stücke auf Hugh gehalten, und wollen hoffen, daß es ihm ge⸗ lingen werde...“ Mrs. Flinte legte ſich nur ſehr ſelten die Stra⸗ paze einer ſo langen Rede auf, und ich eilte mich zu entfernen mit dem Verſprechen, dieſe zärtlichen liebevollen Grüße beſtens an ihre richtige Adreſſe zu beſtellen. Ich vermag es gar nicht auszuſprechen, wie leicht mir ums Herz ward, als ich dieſen pracht⸗ vollen Salon und dieſe vornehme feierliche Straße hinter mir hatte und mich wieder in meinem Stüb⸗ chen ſah, wo Ruth mich erwartete, und wo mein ſchmucker kleiner Junge meine vom Winterfroſt und kalten Nordoſt erſtarrten Wangen mit ſeinen holden Lippen wärmte. Hugh kam bald darauf, und als ich ihm die Worte wiederholte, welche mir Mrs. Her⸗ bert für ihn aufgetragen hatte, erröthete er wider Willen und ſagte: „Es iſt wahr, ich fühlte einigen Aerger und Entrüſtung über die Entſchiedenheit, womit ſie mir meine Bitte verſagt hatten. Ich war in jenem Au⸗ genblicke in großer Verlegenheit, wußte weder aus noch ein, und hatte auf Herberts gerechnet, weil ich einige Anſprüche auf ihre Freundſchaft und Dank⸗ barkeit zu haben glaubte: wie es ſcheint, habe ich mich aber in ihnen getäuſcht. Aber ſiehſt Du, Griſ⸗ , daran muß man ſich gewöhnen: die Welt iſt — * 118 — nun einmal nicht anders. Uebrigens habe ich ſie gott⸗ lob entbehren können,“ ſetzte er fröhlich hinzu,—„und ſeither habe ich ihnen verziehen. Ich will morgen wieder zu Blanche gehen und Frieden mit ihr ſchließen. Wäre ich aber in Folge ihres ſeltſamen Verfahrens meinem Unſtern erlegen, ſo würde ich wahrſcheinlich weniger nachſichtig gegen Herbert und ſeine Frau ſein. Ueberdies iſt es ſehr gut, wenn man bei Zeiten erfährt, daß man ſich auf Niemand verlaſſen kann als auf ſich ſelbſt, und namentlich gegen die⸗ jenigen mißtrauiſch iſt, welche man ſich zu Danke verpflichtet hat.“ „Nicht doch, Hugh!“ erwiderte ich ihm augen⸗ blicklich;„dieſer Bitterkeit hätteſt Du keinen Aus⸗ druck geben ſollen. Sie verdirbt für mich Deinen großmüthigen Entſchluß. Was Du damals thateſt, haſt Du doch gewiß nicht des möglichen Lohnes wegen gethan, oder um die Couſine zur Dankbarkeit zu ver⸗ pflichten.“ Hugh lächelte darüber, und wir ließen dieſen Gegenſtand dabei auf ſich beruhen. Ich bin über⸗ zeugt, daß ich, ohne die zweckloſe Eröffnung meiner Baſe Blanche hierüber, von Hugh nie auch nur im Mindeſten erfahren hätte, was ſich zwiſchen ihnen zugetragen hatte, und ſpäter kamen Hugh und ich niemals wieder auf dieſen Gegenſtand zurück. Wie er mir verſprochen hatte, ging er den andern Tag zu den Herberts und ſöhnte ſich mit ihnen wieder aus. Meine Couſine machte uns ihren Gegenbeſuch und beſchenkte uns mit einigen Beileidsbezeugungen und Artigkeiten, die von unſrer Seite eine ſehr kühle Aufnahme fanden; dann aber hinderte die Ver⸗ 119 ſchiedenheit unſerer Anſichten und äußeren Verhältniſſe fürder jede innigere Beziehung zwiſchen uns, ohne daß wir jedoch allen Verkehr aufgaben. Vier Jahre vergingen ohne irgend welche er⸗ wähnenswerthe Erlebniſſe. Unſer Leben glitt— ich entlehne dieſen Ausdruck meinem Gatten— ſachte in ſeinem beſchränkten ſchmalen Geleiſe dahin, und es ſchien höchſt wahrſcheinlich, daß wir auf dieſelbe Weiſe bis an unſer Ziel kommen würden. Hugh äußerte ſich gegen uns niemals über den Gang ſei⸗ ner Geſchäfte, allein er arbeitete fortwährend wie ein Mann, der Erfolg haben will und muß. Sein Verſtand war gereift, aber ſeine Anſichten und Pläne hatten ſich nicht geändert. Ich hätte es lieber ge⸗ ſehen, wenn er ſich nicht ſo ausſchließlich nur von einem einzigen Gedanken hätte abſorbiren laſſen und wenn er zugänglicher für jene kleinen ſüßen Schwächen geweſen wäre, welche die rauhen harten Beſtrebun⸗ gen des Willens auf erfreuliche Weiſe mildern; aber es ließ ſich nichts dieſer Art bei ihm ahnen oder wahrnehmen. In der That zeigte ſich Hugh weder hierüber noch über andere Gegenſtände mittheilſam. Er bedurfte weniger Ermuthigung oder Theilnahme als irgend ein Anderer, und man ſah ihn im Allge⸗ meinen auch weit mehr mit älteren Männern um⸗ gehen, als mit Altersgenoſſen von ihm. VIII. Eines Tages beſuchte mich Hugh und hub ohne weitere Einleitung an:„Denke Dir, Griſſell, ich habe Allan wieder gefunden!“ Ein Freudenſchrei entfuhr mir— zwanzig ver⸗ ſchiedene Fragen drängten ſich mir auf den Lippen. „Es iſt eine ſehr einfache Geſchichte,“ verſetzte Hugh.„Heute Nachmittag habe ich Allan im Hyde⸗ Park begegnet und wir haben mit einander geſprochen. Er iſt Soldat in einem Regimente, das in London in Garniſon liegt!“ 1 „Armer Allan!“ rief ich, vom innigſten Mitge⸗ fühl bewegt. „Beklage ihn doch nicht ſo ſehr, Schweſter!“ entgegnete Hugh.„Er hat diejenige Berufs⸗ und Lebensweiſe gewählt, die ihm am beſten zuſagt. Ich verſichere Dich, er iſt ein ſchmucker Burſche gewor⸗ den und hat ein Stück von der Welt geſehen. Meh⸗ rere Jahre lang diente er auf dem Kap, und nun hofft er, bald wieder ins Feld rücken zu dürfen. Möchteſt Du ihn nicht auch wiederſehen? Er iſt drunten und wollte nicht heraufkommen, bevor ich Dich davon in Kenntniß geſetzt hätte...“ Ich hörte gar nicht weiter auf ihn, ſondern ſprang in großen Sätzen die Treppe hinab. Allan ſtand an der Thüre; ich zog ihn am Arm in unſern ſchmalen Hausflur herein und weinte hier wie ein Kind, um ihm meine Freude beſſer zu bezeugen. Ich weiß nicht, wie Hugh im Stande geweſen war, ſeinen Bruder wiederzuerkennen. Ich hätte einen ganzen Tag neben dieſem großen jungen Manne mit dem dunkelgebräunten Geſicht und röthlichen Barte ſitzen können, ohne darin das friſche Geſicht des eigenſinnigen Knaben zu entdecken, deſſen Bild meinem Erinnerungs⸗Vermögen noch immer gegen⸗ wärtig war. Wir ſtellten ihn erſt Harley vor, welcher 121 ihn beinahe ganz vergeſſen hatte, und dann meinem kleinen Frank, der ſich ſchon fünf Minuten ſpäter gar nicht mehr von„ſeinem Oheim dem Soldaten“ trennen wollte. „Und Marian?... wo iſt denn Marian?“ fragte bald darauf Allan, deſſen Blicke von Einem unter uns zum Andern ſchweiften. „Hier iſt Ruth Langley, die Tochter unſerer lieben Schweſter... Ihre Mutter... ruht im Frieden,“ ſetzte ich hinzu und zog das zitternde Kind an mein Herz. Allan ſchwieg bewegt. Er hatte uns Alle wiederzuſehen gehofft. Hugh und Harley verließen uns bald. Ich ſchickte die Kinder weg, und mein Bruder und ich ſchwelgten nun im Aus⸗ tauſch der Erinnerungen an die Vergangenheit. Er erzählte mir ſeine Entweichung aus unſerem väter⸗ lichen Hauſe und die Vorſichtsmaßregeln, die er an⸗ gewandt hatte, um ſich etwaigen Verfolgungen zu entziehen; er ſchilderte mir, wie er ſodann ſich den herumziehenden Komödianten angeſchloſſen habe, mit deren einem ſeine Flucht verabredet worden war; er entwarf mir ein ſchauderhaftes Bild von dem Elend, mit welchem er während ſeines herumziehen⸗ den Lebens zu kämpfen gehabt, von dem Ekel, wel⸗ chen es ihm eingeflößt hatte, von den Mühſalen, die er während ganzer ſieben Monate, welche er nach ſeiner Trennung von ſeinen herumziehenden Gefähr⸗ ten in London gänzlich mittellos verbrachte, ausge⸗ ſtanden hatte, und von dieſen kritiſchen Augenblicken ſeines Lebens, wo er zwanzig verſchiedene Berufs⸗ arten nach einander ergriffen hatte, ohne eine einzige zu finden, die ihn dem Elend entreißen konnte,— † — 122 er ſchilderte mir ferner ſeine Anwerbung unter die Fahne, und ſeinen Aufenthalt in Afrika, die einzige Zeit, deren Andenken ihm noch lieb und gegenwär⸗ tig war. „Du liebſt alſo Deinen Beruf?“ fragte ich ihn. „Ich liebe Dasjenige an ihm, was er Gutes hat — das rührige thätige Leben, die guten und ſchlim⸗ men Wechſelfälle, die Gefahren die man beſtehen und überwinden muß,“ erwiderte er.„Das Garni⸗ ſonsleben dagegen iſt mir unerträglich. Zum Glück werden wir bald wieder ins Feld ziehen!...“ „Wenn man Dich aber loskaufte, Allan? Wenn wir Dir dieſen Vorſchlag freiwillig machen würden!“ „Bah, das iſt Dein Ernſt nicht, Griſſell! Geh' doch! wie ſollte ich meinen Stand aufgeben?!. Nein, fürwahr! ich will unter meinem Harniſch ſter⸗ ben! Ueberdem, wozu wäre ich jetzt noch zu gebrau⸗ chen? Laßt mich lieber wo ich bin; es paßt kein Stand beſſer für mich und es lockt mich auch kein anderer mehr!? Ein Blick auf Allan gab mir die Gewißheit, daß er die Wahrheit ſprach. Unter allen Entbehrungen, Wechſelfällen und Mühſalen des Kriegs, unter allen Strapazen der Reiſe war ey heiter, fröhlich, aufge⸗ räumt und ſorgenlos geblieben wie ein Kind. Er war nicht unter häuslichen Sorgen und Kümmer⸗ niſſen gealtert wie ich, nicht ernſt und gedankenvoll wie Hugh. O daß meine gute Mutter ihn noch hätte ſehen können, wie ich ihn jetzt ſah, unſern ver⸗ lorenen Sohn, ihren Liebling, den Gegenſtand ihrer innigſten Zärtlichkeit! Allan errieth meine Gedanken. „Sieh', Griſſell!“ ſagte er,„Du nimmſt mich 123 auf, wie meine gute Mutter mich wieder aufgenom⸗ men haben würde. Ich will recht oft wiederkommen und Dich beſuchen, aber wenn Du allein biſt. Dei⸗ nem Harley und ſelbſt meinem Bruder gegenüber fühle ich mich gleichſam wie ein Fremder. Wir leben in verſchiedenen Welten, die ſozuſagen einander gar nicht kennen. Mit Euch Frauen aber iſt es etwas ganz Anderes... Ihr beſitzet eine Gabe des Mit⸗ gefühls, der gar nichts unbekannt und fremdartig bleibt... Und weil wir gerade von Hugh reden, weißt Du, ſo hat er mir zwar das Ausſehen eines bereits reich gewordenen Mannes, aber er erſcheint mir abgejagt, angegriffen, vor der Zeit gealtert, bei⸗ nahe ſchon ein alter Mann...“ „Er arbeitet ſo viel!“ ſagte ich. „Nun ja, ſolche Jahre voll Kampf und Sorgen zählen doppelt.— Und will er noch immer, wie ehedem, ſeine Familie wieder in die Höhe bringen?“ „Es iſt noch immer ſein feſtes Ziel, und ich glaube er wird es erreichen.“ „Dann Bravo und alles Gedeihen!— Aber laß uns jetzt von Mr. Langley reden. Du ſagteſt, er habe Marian geheirathet?... aber ich glaubte immer, Du wäreſt mit ihm verlobt geweſen!“ 4 89 ſchüttelte ſtatt aller Antwort verneinend den opf. „Er iſt ohne Zweifel geſtorben, da Du ſein Kind bei Dir haſt?“ fragte Allan weiter. „Wir wiſſen nicht, ob er noch am Leben oder ſchon geſtorben iſt,“ gab ich zur Antwort.„Der letzte Brief, welchen wir von ihm erhielten, war in 124 dem Augenblick geſchrieben, wo er nach Egypten ab⸗ reiste mit der Abſicht, den Nil bis zu ſeiner Quelle hinaufzufahren. Seither haben wir auch nicht das mindeſte Lebenszeichen mehr von ihm oder über ihn erhalten. Harley und ich haben ſchon längſt alle Hoffnung aufgegeben, ihn wieder zu ſehen; aber Ruth will immer noch nicht glauben, daß ſie eine Waiſe ſei.“ Während ich noch ſprach, hatte Allan auf ſeine Uhr geſehen und fiel mir plötzlich in die Rede mit den Worten:„Schon acht Uhr!... ich habe keine Minute mehr zu verlieren, denn ich muß zum Ver⸗ les; ich bin ein Sklave der Conſigne!“ Haſtig drückte er mir noch einen Kuß auf die Lippen und ließ mich dann ganz allein vor meinem Kamin, noch ganz er⸗ griffen von dieſer plötzlichen Wiedervereinigung. IX. Mr. Rivers, bei welchem Hugh meinen Gatten untergebracht hatte, beſuchte mich bald darauf und theilte mir mit, daß er ſich binnen Kurzem von den Geſchäften zurückzuziehen gedenke. Der drittgeborene von fünf Brüdern hatte Mr. Rivers im Handel ein Ver⸗ mögen ſuchen müſſen, welches ihm die Hinterlaſſenſchaft ſeines Vaters nicht zu ſichern vermochte. Er war indeß trotzdem Gentleman geblieben, und dieſer That⸗ ſache brauche ich wohl kaum erſt beizuſügen, daß er ſich kein ſehr bedeutendes Vermögen erſchwungen hatte. Auch gab er ohne großes Bedauern einen 125 Stand auf, zu welchem ihn mehr die Nothwendigkeit als ein innerer Beruf getrieben hatte. „Ich würde noch im Geſchäft bleiben, wenn ich die unbezähmbare Thatkraft Ihres Bruders hätte,“ ſagte er;„allein es ſcheint nicht im Blute der Rivers zu liegen, daß ſie ſich ein Vermögen erwerben. Ich mache daher noch bei Zeiten auf meiner Bahn Halt, um nicht das Vermögen meiner Tochter in Frage zu ſtellen.— Sie kennen ja Laura, meine Tochter!“ fügte er hinzu(denn er hatte ſt mir in der That zwei Jahre früher vorgeſtellt gehabt);„ſie hat jetzt ihre Penſion verlaſſen und iſt geſtern wieder unter mein Dach zurückgekehrt; ich hoffe, Sie werden ſie häufig beſuchen.“ Ich ſtattete Miß Laura Rivers meinen Beſuch ab und fand ſie ſo ſchön, als man nur hatte hoffen können; allein ihr Benehmen erſchien mir etwas ge⸗ ziert und linkiſch. Ich kehrte mit der Idee von ihr, daß ſie ein wenig ſtolz und etwas kalt ſey, nach Hauſe zurück. „Wirklich?“ rief Hugh, als ich ihm dies mit⸗ theilte,„ich habe ſie nie ſo gefunden.“ Hugh ſprach dann gar nicht weiter von ihr; einige Wochen ſpäter jedoch beſuchte er mich um die Stunde, wo er mich gewöhnlich allein zu Hauſe wußte, und kündigte mir, ohne Einleitung und Um⸗ ſchweife, wie es ſeine Gewohnheit mit ſich brachte, an, daß er ſich zu verheirathen gedenke. „Erräthſt Du auch mit Wem?“ fragte er, und ſeine Augen glänzten vor Freude. „O ja, ich errathe es— vermuthlih mit Laura Rivers!“ ſagte ich.. 126 „ öGetroffen, Griſſell!“ Hierauf ſetzte er ſich zum Kamin, und trotz mei⸗ ner aufs Lebhafteſte erregten Neugierde ließ ich ihn doch ganz unbeläſtigt nach Herzensluſt in ſeinen roſenfarbenen Gedanken ſchwelgen. Ich hoffte er werde mir endlich ebenfalls einige Reflexe davon zu⸗ kommen laſſen; allein gerade in dem Augenblick, wo ich, meines Schweigens müde, eine Frage an ihn richten wollte, ſtand er auf, nahm ſeinen Hut und ging ebenſo plötzlich, wie er gekommen war. Ich begab mich ſchon am folgenden Tage zu meiner künftigen Schwägerin. Hier wenigſtens hoffte ich vielleicht etwas mehr zu erfahren. Neue Ueber⸗ raſchung! Man führt mich in Laura's Zimmer, wo ſie an einem Stickrahmen ſitzt. Sie ſteht auf, reicht mir die Hand hin, ſetzt ſich wieder, ganz mit Gluth übergoſſen, an allen Gliedern zitternd. Man ver⸗ gegenwärtige ſich meine Verlegenheit; ſie klang in meinem Kompliment, in meinem Glückwunſche hin⸗ durch, und ich glaube kaum, daß ſich jemals Jemand in meiner Lage verlegener und linkiſcher benommen haben kann. Als ich von dem Glücke ſprach, das Hugh an ihrer Seite finden würde, ſchlug ſie ihr⸗ feuchtes Auge fragend zu mir auf und ſah mich be⸗ deutſam an. 3 „Glauben Sie das wirklich?“ fragte ſie. Ein ſchwaches Lächeln folgte meiner bejahenden Antwort, und bald darauf beugte die ſchmollende Schöne ihr Köpfchen wieder auf ihren Stickrahmen, lange blonde Locken fielen über ihr Geſicht herab und entzogen mir den Anblick ihrer glühenden Wangen, deren 5 . b b V . . V V 127 Röthe mir nur ein lebhaft carminroth gefärbtes Endchen ihres Ohrläppchens verrieth. Dies Alles war für mich ebenſo geheimnißvoll, als für meinen Bruder wenig ſchmeichelhaft. Ge⸗ rade dadurch, daß Laura den Gatten, welchen ſie ſo ſehr gegen ihren Willen anzunehmen ſchien, ſo ſchlecht nach ſeinem wahren Werthe zu beurtheilen wußte, gab ſie mir einen ſehr dürftigen Begriff von ihrer Urtheilsfähigkeit. Als ich von ihr weggegangen war, machte ich im Vorbeigehen Mrs. Herbert meinen Beſuch, die mich nach ihrer gewohnten Weiſe aus⸗ zankte, daß ich mich ſo ſelten bei ihr ſehen laſſe. Sie brachte ſogleich das Geſpräch auf die Frage von der beabſichtigten Heirath, von welcher ſie ſchon ge⸗ rüchtweiſe gehört hatte. Sie fand ſie hinſichtlich des Vermögens durchaus nicht den Anſprüchen ent⸗ ſprechend, zu welchen ſie meinen Bruder berechtigt glaubte. Ich machte ſie als Erwiderung auf ihr eigenes Beiſpiel aufmerkſam, und vernahm mit Ver⸗ gnügen aus ihrem Munde die Erklärung; daß ſie es noch niemals im Mindeſten bereut, einen Mann geheirathet zu haben, der weniger reich geweſen ſei als ſie ſelber. Die Selbſt⸗ ſucht hatte alſo doch nicht ihr ganzes Weſen ausge⸗ füllt.— Dann kam ſie wieder auf meinen Bruder zurück und ſagte:. „Hugh wird ſein Hausweſen ohne Zweifel auf einem glänzenden Fuße einrichten und führen. Laura Rivers liebt die große Welt und iſt ganz geſchaffen, um in derſelben zu glänzen.“. Ein neues Räthſel für mich! Dieſes ſchüchterne Kind ſollte für Erfolge im geſelligen Verkehr höherer 128 Kreiſe geſchaffen ſein? Jeder betrachtete ſie alſo von einem verſchiedenen Geſichtspunkte aus. Allein welches von allen Urtheilen, die man über dieſe junge Dame fällte, war wohl das richtige? Mr. Rivers gab uns bald darauf eine Art Familienfeſt in einer Abendgeſellſchaft, wobei ich Gelegenheit hatte, wahrzunehmen, daß die Verlobte meines Bruders ſich mit Leichtigkeit und Grazie in einem Salon bewegte. Sie ſang mit Geſchmack und ohne Prätenſion; ſie plauderte gewandt und ange⸗ nehm, und ich bemerkte, daß man ſich gern in einem Kreiſe um ſie ſammelte. Mein Bruder war einer der letzten Gäſte, welche ankamen; kaum aber war er ins Zimmer getreten, ſo gewann Alles ein anderes Ausſehen: Laura empfing ihn mit unverkennbarer Verlegenheit, erwiderte ſeine Fragen und Anreden nur einſylbig, und als er ſie zu ſingen bat, ließ ſie ſich willenlos zum Piano führen, ſang und ſpielte die Stücke, die er ihr vorgelegt hatte, und kehrte dann wieder auf ihren Platz zurück mit einer paſſi⸗ ven Gelehrigkeit, die mich in eine wahre Erbitterung verſetzt haben würde. Sie ſprach nie mit ihm ohne zu erröthen, ſie heftete nie einen Blick auf ihn, und ich ging mit der Ueberzeugung nach Hauſe, daß ſie Hugh nicht liebe. 4 Am andern Tage hing es nur von mir ab, das Gegentheil zu denken. Meine künftige Schwägerin beſuchte mich. Nach einer Stunde offizieller Unter⸗ haltung ſchien das Eis bei ihr allmälig zu ſchmelzen. Laura klagte mir die Zurückhaltung, welche mein Bruder ihr gegenüber an den Tag lege. „Er ſpricht mit mir lediglich nur über Bagatel⸗ 129 len!“ ſagte ſie mit ſichtbarem Aerger.„Er behan⸗ delt mich wie ein Kind. Er ſcheint zu glauben, ich möchte ihn nicht verſtehen... Das heißt doch nicht Liebe, das?... Und überdies, wie ſollte er mich auch lieben? Er hat ja gar nicht um mich geworben . ſondern mein Vater hat mich vielmehr ihm an⸗ getragen,“ ſetzte ſie erröthend hinzu und einige Thränen traten ihr in die ſchönen Augen.—„Fer⸗ ner ſtehe ich in keiner Weiſe ihm gleich; ich bringe ihm beinahe kein Vermögen zu... Er hätte beſ⸗ ſere Parthieen machen können!“ Man kann ſich denken, durch welche Vernunft⸗ ſchlüſſe ich dieſe kleinen Revolten eines romantiſch⸗ geſtimmten Herzens zu beſchwichtigen verſuchte. „Kurzum,“ fragte ich Laura ſchließlich, weil ich dies für das zweckmäßigſte Mittel hielt,—„glauben Sie an Hugh und an ſeine Redlichkeit?“ „Ganz gewiß!“ „Hat er Ihnen denn niemals geſagt, daß er Sie liebe?“ fragte ich. Ein freudiger Blick und ein Lächeln, an welchem man nicht irre werden konnte, waren Laura's einzige Antwort. „Zweifeln Sie denn an ſeinem Worte?“ „Nein, ich zweifle vielmehr an mir ſelbſt,“ ver⸗ ſetzte ſie.„Ich will Alles oder Nichts... Ich verlange ſo viel als ich gebe,“ fuhr ſie immer höher erglühend fort.„Sehen Sie, Mr. Harley, Sie halten mich vielleicht für bizarr und für vermeſſen, für un⸗ weiblich keck; aber was kann ich dafür! ich habe keine Mutter, keine Schweſter, ich habe ierhahpt 7 Nie⸗ Lee, Thorney⸗Hall. 130 manden, dem ich mich anvertrauen, dem ich mein Herz erſchließen könnte!“ „Sie werden hiezu Ihren Gatten haben,“ gab ich zur Antwort;—„und ich weiß, wie viel er als Vertrauter werth iſt.“ „Ach, Sie wollen ſich über mich luſtig machen, nicht wahr?“ „Gott bewahre, mein Kind, ich rede in vollem Ernſte!“ „Sie glauben alſo wirklich und aufrichtig, daß ich geliebt werde, Mr. Harley?“ fragte Laura mit weit ſanfterem Tone und mit weit innigerer Hin⸗ gebung.. Ich bejahte.. „Wohlan denn!“ erwiderte ſie mir.„Sie ent⸗ laſſen mich weit glücklicher und zufriedener als ich hergekommen bin. Und nun... nun,“ fuhr ſie ganz leiſe fort,„nun müſſen Sie mir verſprechen, daß Sie Hugh auch nicht ein Sterbenswörtchen von unſerer heutigen Unterredung mittheilen wollen. Verſprechen Sie mir dies?“ „Von Herzen gerne!“ „Adieu denn, meine Schweſter!“ rief ſie, um⸗ armte mich ſtürmiſch, küßte mich noch einmal und eilte dann fort. 4 X. „Ich nehme Griſſell mit mir nach Burndale... wir wollen der Muhme Thomaſine einen Beſuch ab⸗ ſtatten,“ hub mein Bruder an, als er eines Mor⸗ 131 8 gens in mein Wohnzimmer trat. Mein kleiner Frank begann ſich dawider aufzulehnen, und mein Gatte öffnete ſchon den Mund, um einige Erläuterungen hierüber zu verlangen, als Hugh ſie mit einem ein⸗ zigen Blick zum Schweigen brachte, Ich hatte gar keine Luſt, den Verſuch zu machen, in den Sinn die⸗ ſes geheimnißvollen Blickes einzudringen. Wir reisten alſo den andern Tag ab, und da uns der Eilwagen nur bis auf eine Entfernung von zwölf(engliſchen) Meilen von Burndale brachte, ſo nahmen wir für den Reſt des Weges eine Extra⸗ poſtchaiſe. Es war zu Anfang der Ernte; das Wetter war drückend heiß, und die Pferde klimmten nur mühſam die ſtarken Steigungen der Straße hinan. Von der Höhe einer ſolchen Steigung aus erblickten wir plötzlich gerade vor uns die grauen Mauern des alten Schloſſes Thorney, welche ſich von dem grünen Grunde der dichten Blättermaſſen abhoben. Hugh, welcher ſeither— ſeiner ſonſtigen Gewohnheit zu⸗ wider— ſehr geſprächig geweſen war, beobachtete plötzlich ein hartnäckiges Stillſchweigen, lehnte ſich in den Fond des Wagens zurück, und legte die Hand über ſeine Augen. Mittlerweile fuhren wir in das Thal hinab, und als wir ſodann die gewundene Straße wieder hinanſtiegen, führte der Weg uns hart an den Mauern des Parks hin. Plötzlich bog der Wagen in den Park ſelber ein, deſſen Gitter⸗ thore ihre beiden Flügel vor uns öffneten. In dieſem Augenblick neigte ſich Hugh auf eine Weiſe vorwärts, daß er mir unter meinen Hut blicken konnte, und fragte:„Nun, Griſſell! was meinſt Du?... ſind das nur Träume?“ —. 132 — Jetzt erſt leuchtete mir die Wahrheit blendend helle ein.—„Randal von Thorney!“ rief ich. „Ja, Randal von Thorney... nun ſind ſie wieder erſtanden und dürfen das Haupt hoch tragen?“ Gleichſam um die Wahrheit dieſes feierlichen Wortes zu bekräftigen, empfing die Muhme Thoma⸗ ſine uns in Wirklichkeit ſtehend unter dem Portal. Ihr Empfang war zwar unſerer Ahnen würdig, er⸗ ſchien mir aber ſogar in dieſem Augenblicke, wo mein Herz vor ſtolzer Freude pochte, wie eine Art Anachro⸗ nismus. Schlichte Einfachheit, Herzlichkeit, gemüth⸗ liche Hingebung und Zwangloſigkeit— dieſen gibt mein Herz vor allen Anderen den Vorzug. Muhme Thomaſine trug heute, ſtatt ihres ſonſtigen, lila ge⸗ ſteinten Mouſſelinkleides, eine alte Brocatrobe, und erſchien mir in dieſem Aufzuge wie ein altes Ahnen⸗ bild, das aus ſeinem Rahmen herausgetreten. Ruth theilte meine Verlegenheit und folgte mir nur ſchüch⸗ tern auf den Ferſen. „Wem gehört denn dieſes große Haus?“ fragte ſie mich leiſe.— „Es iſt das Haus Deines Urgroßvaters. Jetzt aber gehört es dem Onkel Hugh,“ erwiderte ihr die alte Muhme feierlich, und wir mußten ihr nun von einem Corridor zum andern, von einem alten Saal zum andern folgen und uns das eichene Getäfel,, deſſen Schnitzwerke ſie uns bewundern ließ, und die Glasmalereien der Fenſter betrachten, deren Gegen⸗ ſtände ſie uns erklärte. Alles in dem ganzen alten Schloſſe war düſter, verblichen, Alles roch nach Moder. Die ſchmalen hohen Fenſter waren ganz von den Schoſſen der Schlingpflanzen umrankt, welche die 133 Außenwände der Mauern bedeckten, und gewährten nur einem gedämpften zweifelhaften Lichte den Ein⸗ tritt in das Halbdunkel der großen gewölbten Ge⸗ mächer. Endlich ſtieß die Muhme eine ſchwere Thüre auf, ließ uns in ein ganz verhangenes Zim⸗ mer treten und ſagte: „Hier ſtarb der Squire Ralph!...“ Bei dieſen wenigen einfachen Worten tauchte die ganze tragiſche Legende wieder in meiner Erinne⸗ rung auf und erfüllte mein Herz mit einem eiſigen Schauer.. „Hier iſt ſeit ſeinem Tode gar nichts von der Stelle gerückt worden— alle Möbeln ſtehen noch ganz wie damals!“ fügte die Tante hinzu. In der That drückte ſich hier der alte maſſive Tiſch noch in den dicken zerfetzten Teppich ein, und ſelbſt die alten, mit Leder überzogenen Lehnſtühle, die da und dort herumſtanden, waren nicht einmal an die Wand gerückt worden. Ueber dem Kamin hing das Bildniß jenes jungen Mannes in reicher Tracht von rothem Sammt. „Ralph Philipp Randal,“ murmelte die Muhme, als ſie mühſam die Inſchrift unten an dieſem Rahmen entzifferte.„Das Bild iſt vom Jahre 1729; es rührt alſo noch aus der Zeit vor ſeiner erſten Hei⸗ rath her.— Hier,“ fuhr ſie mit einem bewegtern Tone fort,„hier iſt der Lehnſtuhl, worin er todt ge⸗ funden wurde, umgeben von Papieren, von Akten und Urkunden, von Verträgen aller Art, die zer⸗ ſtreut um ihn her lagen. In ſeiner Hand fand man noch ein Miniaturbild, das er im letzten krampfhaf⸗ ten Todeskampf zerbrochen hatte; zu ſeinen Füßen Hugh hat, wie Ihr ſeht, Alles: Möbeln, Gemälde, 134 die Bruchſtücke eines Glasfläſchchens... Das iſt Alles, was man von ſeinem jammervollen Ende weiß!“ Ich fühlte, wie Ruth's Hand in der meinigen erbebte und ſich eiſig anfühlte. Hugh trat an ein Fenſter und öffnete alle Flügel deſſelben. Seine Geberde ſchien zu ſagen: Nun ich hier Herr und Gebieter bin, ſollen Luft und Sonne ungehemmt hier Eingang finden!— Muhme Thomaſine ſchien bei⸗ nahe erſchrocken über dieſe unerwartete Kühnheit, und ſagte:— „Mr. Nevil hat den glücklichen Einfall gehabt, hier gar nichts von der Stelle zu rücken... und Familienbilder u. ſ. w., in demſelben Zuſtande wie⸗ der erkauft, in welchem es ſich zur Zeit des Ver⸗ kaufs des Schloſſes an die Nevils befand.“ Wir waren dieſer düſtern, traurig⸗ſtimmenden Beſichtigung bald müde und überdrüſſig. Hugh ſchlug mir einen Gang in'’s Freie, nach den Gärten hinaus, vor; unten aber, in der großen Hausflur oder in der Eingangshalle, blieb er plötzlich ſtehen und ſagte: „Ohne Dich, Griſſell, hätte ich mich niemals als Herrn und Beſitzer von Thorney Hall geſehen... Dir verdanke ich dies Alles... Glaube mir, ich werde Dir dies nie vergeſſen!“ Die Gärten waren in der größten Unordnung. Das Moos erſtickte die Obſtbäume; vom Winde aus⸗ geſäet und vom Regen begoſſen, wucherten tauſen⸗ derlei verſchiedene und heterogene Pflanzenarten in den Alleen und verſperrten ſie. Als wir auf eine 135⁵ Terraſſe gelangt waren, welche das ganze Thal be⸗ herrſchte, theilte mir Hugh den Plan ſeiner künftigen Verſchönerungen und Einrichtungen mit, welche ſich insgeſammt auf Laura Rivers, ſeine Verlobte, be⸗ zogen. Er wollte für ſie das große achteckige Ge⸗ mach wieder in Stand ſetzen, welches einſt Miß Griſſell bewohnt hatte, jene ſtolze Heldin des Hau⸗ ſes Randal, die das Schloß verkauft hatte, um die durch ihren Bruder kompromittirte Ehre des Hauſes zu retten. Unter ihrem Fenſter wollte er Luſtgehölze von blühenden Gewächſen und Blumenparterres an⸗ legen laſſen. „Beabſichtigſt Du denn, Dich mit Deiner jungen Frau ganz hier niederzulaſſen?“ unterbrach ich ihn in ſeinen Auseinanderſetzungen. „Nicht doch!— das iſt für jetzt noch un⸗ möglich! Ich habe vorerſt nur die von unſeren Ahnen erbauten und bewohnten Mauern kaufen kön⸗ nen. Ihre Felder ſind noch nicht in meinen Beſitz zurückgefallen. Da das Schloß zum Verkauf aus⸗ geſetzt war, ſo mußte ich mich raſch entſchließen, wenn ich nicht den Schmerz haben wollte, es in andere Hände übergehen zu ſehen. Wir wollen uns daher vor der Hand nur auf einige Reparaturen im In⸗ nern beſchränken und die Gärten wieder in guten Stand ſetzen. Muhme Thomaſine wird ihre Cottage verlaſſen und ſich Behufs eines bleibenden Aufent⸗ halts hieher überſiedeln. Wir werden hier aber jedes Jahr nur einige Monate der ſchönen Jahreszeit ver⸗ bringen.“ Der gute Hugh! ich beobachtete ihn am Abend jenes Tages genauer vor der Abendmahlzeit, wäh⸗ 136 rend Muhme Thomaſine, deren Finger heute nicht wie ſonſt der unvermeidliche Strickſtrumpf beſchäf⸗ tigte, in ihrer müſſigen Majeſtät einſchlief, und wäh⸗ rend die kleine Ruth, noch ganz traurig und ver⸗ ſchüchtert von den unheimlichen Legenden, womit man ihre jugendliche Phantaſie verdüſtert hatte, kaum das Auge von der Flamme des Kaminfeuers abzu⸗ wenden wagte. Er war ſehr gealtert, mein armer Bruder. Da und dort ſchlangen ſich ſchon ſilberne Fäden durch ſein dichtes ſchwarzes Haar. Seine Stirne, auf welcher mehr als eine Runzel für immer eingegraben war, erinnerte mich an das Bildniß von Pierce Randal, dem Gelehrten der Familie, von deſſen akademiſchen Ruhm und Ehren Hugh ehedem geträumt hatte. Daran dachte er in dieſem Augen⸗ blicke allerdings nicht mehr. Laura's Name trat ihm jede Minute auf ſeine ſtummen Lippen und ich errieth ihn daſelbſt ſo deutlich, als wenn er ihn aus⸗ geſprochen hätte. Noch ganz in ſeinen ſüßen Traum verſenkt, erhob er ſich plötzlich und ging im Zimmer hin und her, ohne ſich an den leichten Schrei der Tante Thomaſin zu kehren, die jählings von dem Krachen ſeiner Stiefeln auf dem tönenden Parkette boden aufgeweckt worden war. „Wißt Ihr's ſchon?“ rief ſie, als ſie wieder ganz zu ſich ſelber gekommen war;„wir müſſen morgen nach Burndale gehen. Der Doctor Larke weiß, daß wir hier ſind, und würde es bitter übel nehmen, wenn wir ihn nicht beſuchten!“ „Und wie geht es Mary?“ fragte ich meine Tante. 4 „Oh, Mary iſt die Heiterkeit ſelbſt, und ihre Kin⸗ 137 der ſind wahre Eichhörnchen. Sie hat nun denjeni⸗ gen Mann gefunden, der am allerbeſten für ſie tau⸗ gen konnte;— er iſt die Ruhe und Unbeweglichkeit ſelbſt, dieſer Mr. Cloſe!“ Mary hatte in der That bald nach meiner Ver⸗ heirathung einen der Lehrer an derſelben Schule ge⸗ heirathet, deren Vorſteher ihr Vater ehedem geweſen war, und es hatte mir einige Enttäuſchung und Aerger verurſacht, daß ſie auf dieſe Weiſe die Pro⸗ phezeiungen meines Bruders erfüllt hatte. Wir ſtatteten ſchon am nächſten Tage dem Doctor Larke, der bei ſeinem Schwiegerſohne wohnte, unſern Be⸗ ſuch ab. Mary's Gatte erſchien mir als ein hüb⸗ ſcher Mann, aber geiſtig höchſt unbedeutend; Mary jedoch betrachtete ihn mit ganz anderen Augen als ich, und ſprach nie anders von ihm, als von einem äußerſt hochbegabten, intelligenten, gelehrten und mit den trefflichſten Eigenſchaften des Geiſtes und Her⸗ zens ausgeſtatteten Mann. Sie ſelbſt war ein gan⸗ zes Mütterchen geworden, ſtrahlend und ſchön, von geewinnender Luſtigkeit, herzensgut und hingebend, und ihre harmoniſche Stimme, ihr ſchallendes Ge⸗ lächter thaten dem Hörer ordentlich wohl. Muhme Thomaſine war nicht meiner Anſicht; ſie fand es vollkommen abſurd, daß eine einſichtsvolle Frau einen ſolchen„großen, einfältigen Süßling“, wie Mr. Cloſe, förmlich anzubeten ſich herablaſſe. Hugh mengte ſich nicht in unſern Streit. Ich habe ihn ſelten in hartnäckigerer Schweigſamkeit verharren ſehen⸗ als während unſeres Ausflugs nach Burn⸗ dale. 3 Auf der Heimkehr hielten wir vor der Kirche 138 von Thorney. Der Küſter hatte ſich nicht ſobald vergewiſſert, daß er mit dem neuen Beſitzer von Thorney⸗Hall zu thun hatte, als er ſich ſehr gefällig und mittheilſam bezeigte. Ich hätte ihm gerne die ſehr unerbaulichen Geſchichten erlaſſen, welche er von Squire Ralph Randal erzählte; zum Erſatz dafür ſprach er aber auch, und zwar in Ausdrücken, die mich auf's Innigſte rührten, von meinem Großvater Percival Randal. Er hatte alle dieſe einzelnen anekdotiſchen Züge von ſeiner eigenen Mutter erfah⸗ ren, welche im Dienſte der Miß Griſſell geweſen war, und wußte von dieſer Heldin unſerer Familie zu erzählen, daß die edle Dame in ihren jungen Jahren ſchön und heiter geweſen ſei und einen Mi⸗ litär, Lord d'Arley, hätte heirathen ſollen, der aber im Duell von der Kugel eines ausgeſtochenen Ne⸗ benbuhlers gefallen war. Dieſe Geſchichten klangen um ſo ſeltſamer, als wir beim Anhören derſelben mit unſeren Füßen auf dem kalten Grabe derjenigen ſtanden, die die Heldin derſelben geweſen war! Wir ſtanden nämlich in jenem Augenblicke in der Fami⸗ liengruft unter den Gräbern unſerer Ahnen, muſter⸗ ten die Gedenktafeln von ſchwarzem Marmor, beſich⸗ tigten die bleichen Konterfeie der Einzelnen, und laſen der Reihe nach die ſämmtlichen, mehr oder weniger volltönenden Grabſchriften. Diejenige auf Pierce Randal's Grabſtein war ein Muſter von trefflichen latei⸗ niſchen Verſen; auf dem Stein dagegen, welcher Squire Ralph's ſterbliche Ueberreſte deckte, waren nur ein Name und zwei Daten zu leſen. Griſſell Randal und Godfrey, ihr Lieblingsbruder, ruhten unter dem⸗ ſelben Grabſteine. 139 „Hier könnte ich Tage lang verweilen!“ flüſterte die Tante. Ich hätte nicht das Gleiche von mir zu ſagen vermocht. Mein Herz hängt ſich an die Lebenden, beſchäftigt ſich mit Allem, was dieſe berührt und ih⸗ nen Freude oder Leid verurſacht, in weit höherem Grade, als mit dem Tod und der Erinnerung an verblichene und verſchwundene Herrlichkeiten. „Die Gruft iſt beinahe ganz angefüllt,“ ſagte unſer Führer, der Küſter.„Im günſtigſten Fall hat noch ein einziger Sarg hier Raum!“ Bei dieſen Worten bebte die Tante zuſammen und ſchlug ihren Blick mit einer bedeutſamen ſtum⸗ men Bitte zu Hugh auf. Sie ward verſtanden und ſogleich erhört. „Dieſen einzigen Platz ſollen Sie haben, liebe Tante!“ erwiderte mein Bruder.„Für mich und die Meinigen will ich die friſche freie Luft da draußen, die Sonne, den Regen, den Wind, als ob wir noch bei einander lebten. Ich glaube, unter dieſer ſchwe⸗ ren Steinlaſt würde ich ſchlecht ſchlafen!“ „ Liebe Tante,“ fügte ich hinzu,„wir wollen hoffen, daß Sie ſich nicht gar zu ſehr beeilen werden, hieher zu kommen und dieſen Chrenplatz einzunehmen, auf welchen Sie ſo großen Werth zu legen ſcheinen.“ „Nun ja, vorher möchte ich allerdings Hugh ver⸗ heirathet, als Familienvater und ſein altes Geſchlecht auf dem Wege einer völligen Wiedergeburt und Er⸗ neuerung ſehen!“ verſetzte die Muhme.—„Uebri⸗ gens geſchehe mit mir, was der liebe Gott will!“ XI. Es verlangte mich gar ſehr, die alte Herrlichkeit von Thorney⸗Hall zu verlaſſen und wieder zu mei⸗ nem kleinen Frank zurückzukehren, von dem ich mich ſeit ſeiner Geburt zum erſten Male getrennt hatte. Der kleine Schelm flog mir bei der Heimkehr mit einem Freudenſchrei und mit Küſſen an den Hals, die mich ganz entzückten; aber er ſprach fortan nur noch von Krieg und Schlachten, und ſpielte nicht mehr anders als von Kopf bis zu Fuße bewaffnet. Gott weiß es, wie wenig ich es Allan dankte, der die Einbildungskraft des Kleinen durch ſeine kriege⸗ riſchen Schilderungen erfüllte und ſteigerte, die auf Frank einen ganz anderen Eindruck machten, als meine friedlichen Predigten! Mein Onkel Sol⸗ dat lachte nur über die Befürchtungen, von denen er mich heimgeſucht ſah. Seit Mr. Rivers ſein Geſchäft aufgegeben hatte, war Harley ohne regelmäßige Beſchäftigung geweſen. Nun aber fand er wieder eine Stelle. Hugh wäre nichts lieber geweſen, als wenn er Harley in ſeine Dienſte hätte nehmen und ihm die Leitung ſeines Comptoirs übertragen können; allein mein Mann hätte dieſe untergeordnete Stellung unter den Be⸗ fehlen eines ſo nahen Verwandten niemals ange⸗ nommen. Mit ſeiner neuen Anſtellung war ein noch geringerer Gehalt verbunden als derjenige, wel⸗ chen er bei Mr. Rivers gehabt hatte; allein ich hatte mich bereits in unſre immer beſcheidenere Mittelmä⸗ ßigkeit ſchicen gelernt und war entſchloſſen, mich 141 an keine Entbehrung und keine Strapaze zu kehren, wenn uns nur vergönnt war, unſere Kinder bis zu demjenigen Alter zu erziehen, wo ſie für ſich ſelber ſorgen konnten, und wenn nur mein Gatte ſeinen einfachen Anſprüchen an das Leben getreu und er mit ſeiner beſcheidenen Stellung zufrieden blieb. Inzwiſchen verſtrichen Wochen auf Wochen, und Hugh verheirathete ſich nicht. Laura war auf Be⸗ ſuch zu Verwandten ihres Vaters gereist, welche in ziemlicher Entfernung von London wohnten, und ihre Rückkehr ward von einer Woche zur andern hinaus⸗ geſchoben. Mrs. Herbert beſuchte mich eines Tages und gab mir ſcherzweiſe einen Wink von Dem, was möglicherweiſe gegen meinen Bruder im Werke war. Es ſollte ſie gar nicht wundern, meinte ſie, wenn dieſes Verlöbniß ſich wieder auflöste.— Laura ſei nur ein leichtſinniges kokettes Kind. Mr. Rivers habe ſich allzu ſehr beeilt, dieſe Heirath für ſie zu Stande zu bringen. Man trage ſich mit dem Ge⸗ rücht, daß ein gewiſſer Capitän Martin der Miß Nivers angelegentlich den Hof mache, und nicht allein von ihr gerne geſehen, ſondern in ſeinen Be⸗ mühungen um ihre Gunſt auch von Seiten der Fa⸗ milie ſehr unterſtützt werde, in deren Schooße Laura ſich ſo glücklich fühle und ihren Aufenthalt ſo ſehr verlängere. Ich hütete mich ſehr, Blanche den Schrecken merken zu laſſen, welchen mir ihre Mittheilungen einflößten, und noch weniger wagte ich es, mit Hugh über dieſen kitzlichen Punkt zu ſprechen. Er war ohnedem ſchon ſeit einiger Zeit ſo ſchweigſam und gedankenvoll und ich hatte allen Grund zu glauben, * 14⁴² daß gerade das Betragen ſeiner Verlobten der Ge⸗ genſtand dieſer Grübeleien und finſteren Gedanken war. Man erfuhr endlich, daß ſie von ihrer Reiſe zurückgekehrt ſei, und noch am ſelben Tage beſuchte mich Hugh in ſpäter Abendſtunde. „Haſt Du Laura geſprochen, Bruder?“ fragte ich ihn lebhaft. „Ja, aber nur fünf Minuten lang,“ entgegnete er.„Sie war gerade im Begriff einen Ausgang zu machen.“ „Und wohin?“ „Das hat ſie mir nicht mitgetheilt,“ ſagte Hugh, „und ich habe nicht die Zeit gehabt, ſie darum zu fragen.“ Ich konnte mich unmöglich über den Ausdruck täuſchen, welchen ich in dieſem Augenblick in Hugh's Zügen bemerkte. Ich kannte ſehr gut die Bedeu⸗ tung der düſtern Blitze, die ſein Auge unter der gerunzelten Stirne und den zuſammengezogenen Brauen hervorſchoß, und der zuſammengekniffenen Lippen, die er kaum öffnete, um eine erzwungene Antwort herauszulaſſen. Diesmal aber machte ſein Grimm ſich Luft. „Ich habe eine Thorheit begangen, Griſſell!“ hub er an.—„Ich hätte bis zu Ende hart und fühllos bleiben ſollen wie Demant und Eis... dieſes Kind kümmert ſich nicht mehr um mich,— man hat es mir ganz und gar entfremdet!“ „Sei auf Deiner Hut, Bruder!“ entgegnete ich ihm;„es iſt nur ein Kind!“ „Ganz recht, das iſt's ja eben! Das hatte ja gerade mein Herz gewonnen,“ ſprach er dumpf. 143 „Ich habe dieſem ſchönen jungfräulichen Blick, die⸗ ſer friſchen Unſchuld Glauben geſchenkt.— Aber ſie ſoll mit einem Manne meines Gleichen kein Spiel treiben... Würde ich eine Frau auch aufs Höchſte lieben, ſo wird ſie mich doch nicht zu ihrem Sclaven machen... O über jene verwünſchte Reiſe nach Alderbeck!— warum hat man ſie ihr auch nur ge⸗ ſtattet!“ „Aber bedenke doch...“ „Ich bedenke Alles,“ verſetzte er kälter;„ich be⸗ denke, daß ſie mir ſeit zwei Monaten auf keinen meiner Briefe geantwortet... daß ſie bei unſerm Wiederſehen, wo ſie doch ihr Stillſchweigen hätte entſchuldigen müſſen, an nichts Anderes gedacht hat, als ſich meiner zu entledigen und mich ſo raſch wie möglich wegzuſchicken.— Aber laß hören, Griſſell, wozu Du mir räthſt! Hilf Du mir handeln! Was muß ich nach Deiner Anſicht thun?“ Ich beredete ihn, ſogleich am andern Tage Laura wieder aufzuſuchen, ihr zu ſagen, daß ſie ihn betrübt habe, vor Allem ihr zu zeigen, wie werth ſie ihm ſei. Hugh hörte mich ruhig bis zu Ende an, ohne mich zu unterbrechen; allein auf ſeinen zuckenden Lippen zeichneten ſich ſein innerer Schmerz und ſeine Entrüſtung ab. Es gährte in ſeiner Bruſt ein wil⸗ der Kampf zwiſchen der wahren Leidenſchaft, welche ihm das launenhafte junge Mädchen einflößte, und der Beſchämung, daß er dieſem Zuge einer Neigung nachgab, die ihn demüthigte. „Griſſell,“ ſagte er endlich zu mir,„mein Ent⸗ ſchluß iſt gefaßt: Laura muß ohne weitern Verzug meine Frau werden... oder ich werde ihr ihr Wort zurückgeben!“ Dieſe letzteren Worte koſteten Hugh einen gewal⸗ tigen Entſchluß; er ſprach ſie nur mühſam und mit unſicherer Stimme aus. Dann drückte er mir die Hand, daß ich hätte laut aufſchreien mögen und ſagte: „Morgen Abend ſollſt Du Alles erfahren, was zwiſchen uns vorgefallen ſein wird. Was übrigens auch kommen möge, Du kannſt auf mich zählen!“ Als ich ihn ſo leiden ſah, war ich nahe daran, in Thränen auszubrechen. Unſer beider Leben war ſo innig in einander gekettet und verwoben, daß wir Alles mit einander theilten, Freude wie Schmerz. — Am andern Tage erſchien Hugh nicht bei mir; — ich ſah ihn erſt drei Tage nachher wieder. „ Du machſt es mir vielleicht zum Vorwurf, ich habe Dich vergeſſen!“ ſagte er mit vollkommener Ruhe. Ich zog aus dieſem Anfang den günſtigſten Schluß; als ich ihn aber dabei ſtehen bleiben und in einem heftigen innern Kampfe begriffen ſah, ehe er fortfuhr, da fühlte ich raſch meine Hoffnungen ſchwinden. „Ich habe Laura erſt heute Morgen ſprechen können,“ fuhr er fort.„Sie war niemals zu Hauſe . Dieſen Morgen erſt hat ſie mich angenommen — ſie war allein!— Es iſt unnöthig, daß ich über dasjenige, was zwiſchen uns verhandelt wurde, mich auf Einzelnheiten einlaſſe... Zwiſchen uns beiden iſt nun Alles zu Ende!... Alles zu Endel wie viele Dinge liegen in 145 dieſen wenigen Sylben eingeſchloſſen! wie viele zu Grabe getragene Hoffnungen! wie viele vereitelte Träume! Und doch wußte ich, daß ich keine Frage an ihn richten, ihm keinen einzigen Troſt anbieten durfte! Solche tiefe, ruhige, in ihrem Schmerze ſchweigſame Naturen ſind Räthſel für mich. Ich vermag ſie nur mit jenen ſtillen geheimnißvollen Seeen zu vergleichen, welche von ſtarren himmelho⸗ hen Felſenzacken umgürtet und beinahe vom Sonnen⸗ lichte abgeſchloſſen werden. Kein Bild auf ihrer ſchwarzen Oberfläche, immer unbeweglich! Der Stein, den man hineinwirft, ſinkt in ihren boden⸗ loſen Schooß hinunter, ohne ein Echo zu wecken. Man iſt genithigt, ſie mit dem Gedanken zu ergrün⸗ den zu ſuchen, und ſich längs ihrer düſteren Felſen⸗ wände, ein Rehricht dichtverſchlungenen Schilfs zu denken, und dann tief unten auf der Sohle ihres unergründlichen Schooßes, fern, ganz fern von je⸗ dem Blick und jidem Licht, einige Trümmer von ei⸗ nem zerſchellten Fahrzeug und etliche Gebeine von einer unheimlihen Weiße.— Alles zu Ende!... Als mein Bruder dieſe drei Worte ausgeſprochen hatte, ward ſein Geſicht wieder ruhig wie der Spiegel eines Gewäſſers, nach⸗ dem es den Stein verſchlungen. Er ſchickte ſich nun an, mit mir über unſere laufenden Angelegenheiten zu ſprechen, über Harley, die Kinder, über Allan, der demnächſt mit ſeinem Regimente nach Malta ab⸗ gehen ſollte. Als mein Mann nach Hauſe gekom⸗ men war, ſprach man von der europäiſchen Kriſis, von den politiſchen Erſchütterungen auf dem Feſt⸗ lande. Hugh blieb bis zum ſpäten Abend bei uns 0 Lee, Thorney⸗Hall. — und verabſchiedete ſich lächelnd. Harley hatte nichts gemerkt. In der Ueberzeugung, daß dem ganzen Bruche irgend ein unerklärliches Mißverſtändniß zu Grunde gelegen habe, wartete ich etliche Tage und theilte dann dieſe Anſicht meinem Bruder mit. Er blieb aber bei meiner Inſinuation ganz ungläubig und erzählte mir ganz unumwunden ſeine letzte Unter⸗ redung mit Laura, die Gegenbeſchuldigungen und Vorwürfe, womit ſie ihn überhäuft hatte, ohne ſich jemals über irgend einen ſeiner Vorhalee rechtferti⸗ gen zu wollen; er ſchilderte mir ihr launenhaftes Benehmen und die emſige Eile, womit ſie ihn beim Worte genommen, als er eine Anſpielung auf einen möglichen Bruch hatte fallen laſſen. „Ich habe an jenem Tage an ihr nichts geſehen, als ein eigenſinniges, anſpruchsvolles, empfindliches, verwöhntes Kind, und in keinerlei Weiſe mehr das junge Mädchen, das ich für ein ganz unübertreffſkfe⸗ liches außerordentliches Weſen anzuſehen gewöhnt geweſen war.“+ Selbſt nach dieſer Schilderung war ich aber noch nicht ganz überzeugt. Laura's Empfindlichkeit ſuchte ich mir dadurch zu erklären, daß ich mir in's Ge⸗ dächtniß zurückrief, wie ſie mir ſelber geſchildert, welche Qual es ihr bereitet habe, ſich von ihrem Vater einem künftigen Gatten angeboten zu ſehen, während ſie von Hugh ſelber gefreit und gewor⸗ ben ſein wollte. Ich hätte meinem Bruder gar zu gerne hiervon ausführliche Mittheilung gemacht, al⸗ lein ein förmliches Verſprechen band mir die Zunge. Erſt einige Tage ſpäter regten ſich allmälig Zweifel 147 über Laura's Charakter in mir, und ich ahnte, daß ich mich in ihr getäuſcht habe, als Blanche mir er⸗ zählte, man ſpreche allgemein von einer Heirath der Miß Rivers mit dem Capitän Martin, die man als nahe bevorſtehend bezeichne. Dies geſchah in Hugh's Gegenwart, und er nahm dieſe Kunde mit einem leiſen Seufzer auf, welchen indeß, wie ich verſichert bin, nienand außer mir hörte. Ich verwunderte mich daher auch gar nicht darüber, als ich am an⸗ dern Tage von ihm hörte, daß„ſeine Geſchäfte“ ihn auf einige Monate nach dem Kontinent hinüber⸗ riefen. Hugh wa noch abweſend, als Mr. Rivers ganz unvermuthet md nach einer Krankheit von nur we⸗ nigen Tagen ſtab. Es erregte allgemeines Erſtaunen, als man erfuhr er habe ſeine Angelegenheiten in der größten Vewirrung hinterlaſſen. Er hatte bei⸗ nahe ſein ganſes Kapital⸗Vermögen in eine Actien⸗ Unternehmung gcteckt, deren Mißerfolg ihn ruinirt hatte, und min glaubte allgemein, dieſer Verluſt ſeines Vermögens labe ſein Ende beſchleunigt. Laura mußte nach Alderbeck zurückehren, wo ihre Verwand⸗ ten ihr wenigſtens zeitweilig und vorübergehend eine Zufluchtsſtätte anboten. Allein nach Blanche's Be⸗ hauptung, die über alle nöglihen Dinge genau un⸗ terrichtet ſein wolte— ſotar üͤber Dinge, die bei⸗ läufig geſagt gar nicht exiſteten— wuͤrde ihr bei dieſer Familie nun eine gatz andere Aufnahme zu Cheil werden, als das vorige Mil. „ Je nun,“ ſagte ich,„ihr beibt ja noch die Aus⸗ ſicht auf die Verheirathung, vm delcher Sie mir erzählt haben...“ — * 148 „Ach ja!“ gab ſie mit einigem Zögern zur Ant⸗ wort,„ich bin, wie es ſcheint, über dieſe Heiraths⸗ geſchichte nicht gut unterrichtet geweſen... Capitän Martin hatte allerdings um die Hand der Miß Ri⸗ vers angehalten, ehe dieſe Alles verloren hatte... Er mag es ſogar für ſeine Pflicht erachtet haben, ſelbſt nachher ſeine Werbung zu erneuern; allein er iſt beide Male abſchlägig beſchieden worden. Und das iſt in der That ſehr zu verwundern, denn der Capitän iſt ein volllommener Gentſeman, ein ſehr angenehmer Mann;... aber Lcura iſt ſehr launiſch und anſpruchsvoll!... Hugh iſt ſehr glück⸗ lich zu preiſen, daß er ſie losgeworden iſt.“ Ich hielt es für geboten, meinem Bruder Alles mitzutheilen, was hierauf Bezug hatte und zu mei⸗ ner Kenntniß gekommen war. Er antwortete mir nicht, aber als wir uns wiederſahen, bat er mich, nicht wieder auf einen Gegenſtand zurückzukommen, der ihn ſchmerzlich berühre.— Er hätte ſich glücklich geſchätzt, wenn ſeine Frau ihm Alles verdankt haben würde, ſagte er zu mir; aber die unerläßliche Be⸗ dingung wäre geweſen, daß dieſe Frau ihn liebte. Da Laura keinerlei Neigung für ihn gefühlt, ſo habe ſie ſich nur einer ganz berechtigten und legitimen Befugniß bedient, indem ſie ſeine Hand ausgeſchla⸗ gen. So ſehr ihn dies anfänglich auch gedemüthigt habe, ſo bereitwillig müſſe er jetzt anerkennen, daß Laura damit kein Unrecht begangen habe, und er ehre ſie zu ſehr um ſich einzubilden, daß der Um⸗ ſchlag in ihren öußeren Glücksumſtänden irgend ei⸗ nen Einfluß auf den Entſchluß auszuüben vermocht, den ihr Herz r dictirt habe.— Hugh theilte mir 149 dies Alles ohne die mindeſte Bitterkeit mit, und es würde für mich ſehr ſchwierig geweſen ſein zu ent⸗ ſcheiden, ob mein Bruder für Miß Rivers noch ir⸗ gend ein zärtliches Andenken bewahrt habe oder nicht. Er hatte ſich mit erneuertem und geſteigertem Eifer wieder in das Getriebe der Geſchäfte geworfen, und ich hörte ihn fortan mit meinem Manne über nichts Anderes mehr reden, als über Dreiprocentige, Bankactien, Ankunft und Abgang von Schiffen, Schiffsfrachten u. dgl. mehr, ſo daß ich oft, wenn ich die Beiden ſo reden hörte, von einer gewaltigen Unruhe und Befürchtung ergriffen wurde, die Seele meines Bruders möchte auch, wie bei ſo vielen An⸗ deren, unter dem ewigen Mißbrauch von Calcul und Speculation und unter den ſteten Verlockungen der Habſucht ſich verhärten und allmälig für jede ſanf⸗ tere Regung und geiſtige Beſchäftigung unzugäng⸗ lich werden. Seine Speculationen gelangen ihm übrigens beinahe insgeſammt. Er erweiterte nach und nach um Thorney⸗Hall herum den Kreis ſeiner Erwerbungen immer mehr, und ſtellte an dem alten Schloſſe— wie die gute alte Muhme mir pflichtlich meldete— koſtſpielige Reparaturen an, über welche er niemals mit mir ſprach, wahrſchein⸗ lich um nicht die Erinnerung an jene Zeit wieder wachzurufen, wo er mich in das Motiv zu allen die⸗ ſen Verſchönerungen eingeweiht hatte. Blanche Herbert hatte mit aufmerkſamem Auge dieſe Vergrößerungen ſeines Vermögens beobachtet und es ſich in den Kopf geſetzt, Hugh zu heirathen. Sie neckte ihn wegen dieſes Beſitzthums, welches er immer ausdehnte, ohne zu wiſſen für wen, machte 5 150 ihm aber zugleich auch die ernſthafteſten Vorſtellun⸗ gen darüber, daß er endlich an die Fortpflanzung ſeines Stammes und Namens denken müſſe. Mein Bruder ließ ſie reden und ging ſogar darauf ein, daß ſie ihn einer jungen reichen Wittwe vorſtellte, welche ſich alle mögliche Mühe gab um ihn zu feſſeln; allein gerade aus dieſem Grunde blieb er vollkom⸗ men unempfindlich gegen ſie, und ich kam nachgerade ſelber auf den Gedanken: wenn jene geheime Her⸗ zenswunde meines Bruders noch nicht vernarbt wäre, könnte er leicht als Junggeſelle ſterben. Gleichwohl hätte ich in jenem Augenblick noch nicht darauf ſchwören mögen. XII. ... Hugh las eines Tages bei mir einen Brief, den er von der Muhme Thomaſine erhalten hatte. —„Sie hat wahrlich Recht!“ rief er, als er den⸗ ſelben zu Ende geleſen;„es iſt ſchon drei Jahre her, ſeit man uns nicht mehr zu Thorney geſehen hat! Diesmal müſſen wir Alle dorthin gehen. Kinder, Mann, kurzum die ganze Haushaltung von Dir, Griſſell, nehme ich mit mir!“ Kaum hatten wir uns in dem alten Schloſſe ein⸗ gerichtet, ſo begann es ſchon Einladungen zu regnen. Hugh ward in Folge ſeiner großen Ankäufe von Liegenſchaften und der ſteten Erweiterungen ſeines Beſitzthums nun von allen großen Gutsbeſitzern der Umgegend anerkannt, welche ſich zur Zeit unſeres erſten Beſuches in Thorney von ihm entfernt gehal⸗ — 1 15¹ ten hatten. Das erſte große Diner uns zu Ehren ward bei dem Oberſt d'Arcy gegeben. Man hätte ſich in's Mittelalter zurückverſetzt glauben können, während man ſo nach und nach alle die alten Namen der Grafſchaft anmelden hörte: die Chaytors, die Hutton, die Nevil, die Wyvil, die Scrooge, die Paw⸗ lett u. A. m.— Alle dieſe adeligen Grundbeſitzer waren mir übrigens vollkommen fremd, und ich er⸗ laubte mir, ſie vollkommen langweilig zu finden. Als wir von der Tafel aufſtanden, bemerkte ich mit Ver⸗ gnügen im Salon eine Gruppe von Kindern, die ſich auf dem Teppich herumwälzten und mit denen ich mich für die Langeweile zu entſchädigen gedachte, welche ich unter meinen Tiſchnachbarn ausgeſtanden hatte, als ſich plötzlich meine Aufmerkſamkeit auf ein junges Frauenzimmer richtete, die an einem mit Büchern bedeckten kleinen runden Tiſchchen ſaß. Ob⸗ ſchon ſie den Kopf von mir abwandte, erkannte ich doch in ihr alsbald Laura, und um meiner Sache noch gewiſſer zu ſein, erkundigte ich mich bei einer Dame, welcher ich vorhin vorgeſtellt worden war, nach ihr. „Ach ja,“ erwiderte mir dieſe,„es lohnt ſich nicht der Mühe, ſich um dieſe Perſon zu bekümmern! Es iſt nur die Erzieherin. Sie heißt übrigens Rivers, wenn ich mich nicht irre.“— Ich trat augenblicklich zu dem jungen Mädchen, das ſich mit einiger Verlegenheit erhob und mir die Hand hinreichte. Ich fand ſie auf eigenthümliche Weiſe ſchöner geworden, und die Ruhe in ihrem Benehmen, die beſcheidene Sicherheit und feſte Anſpruchsloſigkeit ihres Charakters, machten einen ſehr günſtigen Ein⸗ 152 ꝛdruck auf mich. Die ausnehmende Einfachheit ihrer ganz ſchwarzen Kleidung hob die klaſſiſche Reinheit ihrer Züge und die ganz griechiſche Zierlichkeit ihrer ſchlanken Taille noch vortheilhafter hervor. Mrs. d'Arcy kam ſelbſt heran und bat Laura, eine Dame zu accompagniren, welche ſingen wollte; ſie ſetzte ſich an's Piano, und als das erſte Stück geſungen war, wurde ſie ſelbſt aufgefordert etwas zu ſingen. In dem Augenblick, wo ihre ſchöne, klangreiche und bieg⸗ ſame Stimme ertönte, traten die Herren, welche ſo eben von der Tafel aufgeſtanden waren, zu uns in den Salon. Der Geſang hielt nicht inne, die Stimme bebte auch nicht Einen Augenblick, allein die Sän⸗ gerin erröthete ein wenig, und mir war, als laufe ein leiſes Zucken über ihre Wimpern. Mein Bruder trat nämlich in's Zimmer. Sein Ohr hatte unge⸗ ſäumt dieſe Stimme erkannt; ein einziger Blick hatte ihn verſichert, daß er nicht durch irgend eine eitle Zlluſion getäuſcht worden ſei. Er lehnte ſich an den Kaminſims und horchte, das Haupt leicht vorwärts geneigt, die Lippen feſt aufeinander gedrückt. Laura ſtand vom Piano auf, um die Kinder wegzuführen, welche von ihrer Mutter in das Kinderzimmer zu⸗ rückgeſchickt worden waren. Eines von den Kindern, ein pausbäckiger Junge, ſprang der hübſchen Erzie⸗ herin in die Arme und hing ſich an ihren Hals. In dem Augenblick, wo ſie vor Hugh vorüberging, ſchlug er die Augen nach ihr auf; ſie aber hielt die ihrigen geſenkt, und es ward kein Blick gewechſelt. Den ganzen Abend ſah ich Hugh, ſo oft ſich die Thüre öffnete, in jener Richtung aufblicken; allein Laura kehrte nicht wieder zurück und ich bin ſehr ge⸗ 153 neigt zu glauben, daß mein Bruder mit getäuſchten Erwartungen hinwegging. Er gedachte dieſes Wiederfindens mit keinem Worte; nur fand ich, daß er jetzt noch ſchweigſamer und träumeriſcher war, als gewöhnlich. Einige Tage ſpäter gingen Hugh und ich mit den beiden Kindern nach einem kleinen Teich, auf welchem mein Sohn Schlittſchuhe laufen lernte; da begegneten wir an einer Krümmung des Weges Miß Rivers und den Kindern der Mrs. d'Arcy. Unſere Kleinen machten ſchnell Bekanntſchaft mit einander, ohne zu ahnen, daß ſie uns ſehr genirten, und da wir, ohne uns das Wort gegeben zu haben, nach demſelben Ziele und Orte gingen, ſo mußten wir wohl zuſammen gehen. Hugh und Laura hatten ſich nach allen Re⸗ geln der ſtrengſten Höflichkeit gegrüßt; allein die Pflicht, die Unterhaltung aufrecht zu erhalten, fiel ganz allein mir zu. Mein Bruder that den Mund gar nicht auf und Miß Rivers beeilte ſich, ſobald ſie es ohne Affectation thun konnte, ihre Zöglinge wieder wegzuführen. Ich dankte ihr im Stillen ſehr für ihr ſtolzes Stillſchweigen und ihre ruhige Kälte. Es ſchickte ſich gewiß nicht für ſie, den erſten Schritt zu thun; allein mochte ſich Hugh anderſeits dazu herbeilaſſen?— Ich wünſchte dies lebhaft, denn es ſtand bei mir die Ueberzeugung feſt, daß mein ar⸗ mer Bruder, ſeit er ſeinen Ehrgeiz befriedigt hatte, niemals wieder etwas finden würde, um die Leere ſeines Herzens auszufüllen. Er begann dies nun⸗ mehr ſelbſt zu fühlen, und nahm mit ziemlich ſardo⸗ niſcher Miene die Complimente auf, welche man ihm über die Art von„Reſtauration“ machte, vermöge 15⁵⁴ derer die Familie Randal wieder in das Thal des Wensley zurückkehrte. Muhme Thomaſine ſchien in Gedanken ganz mit mir einverſtanden zu ſein; nur hatte ſie ihr Augenmerk auf eine andere Dame ge⸗ worfen und zur„Zukünftigen“ meines Bruders eine gewiſſe Miß Blounte auserſehen, welche nach ihrer Anſicht„für Hugh wie geſchaffen war“. Dieſe junge Dame war in der That Beſitzerin eines wunder⸗ ſchönen und vorzüglich verwalteten Gutes, welches gerade an die Ländereien von Thorney angrenzte. Dieſe Motive machten auf mich einen ſehr unange⸗ nehmen Eindruck; ich ſträubte mich immer mit Hän⸗ den und Füßen gegen dieſe Wahl, und es kam ein⸗ mal Abends zu einem eigentlichen Wortwechſel zwi⸗ ſchen meinem Gatten, der Muhme und mir, wäh⸗ rend Hugh, ohne auf uns zu hören, mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder ging. „Was habt Ihr denn?“ fragte er plötzlich und blieb ſtehen;„wovon iſt die Rede? Ihr nennt ja in jeder Minute meinen Namen!“ „Wir verheirathen Dich!“ gab ihm Harley zur Antwort. „Wie! weiter nichts?!“ verſetzte Hugh gleich⸗ müthig, und ſetzte ſeine ſchweigſame Wanderung durch das Zimmer wieder fort. Am andern Tage und an den drei oder vier folgenden fuhr mein Bruder ſehr häufig nach Wood-⸗ End(ſo hieß nämlich das Gut des Oberſten d'Arcy), um dort irgend ein Geſchäft, ich glaube den Aus⸗ tauſch eines kleinen Waldſtrichs, zu verhandeln. Ich hatte ihn niemals zuvor ſo erpicht und eiferſüchtig auf ſeine Einſamkeit, und ſo ärgerlich über jede 155 Störung, die ihn in ſeinem langen Nachdenken un⸗ terbrach, geſehen. Endlich führte er mich eines Tages, nachdem er von einem dieſer Ausflüge zu⸗ rückgekehrt war, auf eine der Terraſſen, ſchob ſeinen Arm durch den meinigen, und hub an: „Du wirſt nun hoffentlich mit mir zufrieden ſein, Griſſell... ich habe Laura geſehen und ge⸗ ſprochen!“ „ Nun? und was weiter?“ rief ich. „Was weiter? Wir haben Erörterungen ge⸗ pflogen und uns gegenſeitig aufgeklärt... Es war höchſt nothwendig und die höchſte Zeit,— da wir in acht Tagen nach London zurückkehren. Sieh, Griſſell, wir haben Beide Unrecht gehabt. Ich habe das meinige zuerſt eingeſtanden, ſie hat meinem Bei⸗ ſpiele Folge geleiſtet. Wenn man ſich wirklich liebt, ſo hält der Stolz nicht vor. Laura iſt mehr als jemals die meinige.“ „An ihr habe ich auch niemals gezweifelt,“ er⸗ widerte ich;„meines Erachtens haſt Du das beſte Theil erwählt. Allein woher rührte denn ihre Ver⸗ ſtimmung?“ „Von einem Mißverſtändniß, das irgend jemand zu nähren und zu ſteigern gewußt hat,“ entgegnete Hugh.„Sie glaubte Verhehlung, Duckmäuſerei oder Mangel an Aufrichtigkeit in dem Stillſchweigen zu ſehen, welches ich gegen ſie über den beſcheidenen Beruf unſers Vaters beobachtet hatte. Die Couſinen in Alderbeck haben ſie damit geneckt, daß ſie den Sohn eines Uhrmachers heirathe, der ſich ſchäme für einen ſolchen zu gelten. Sie wähnte darin eine ab⸗ ſichtliche berechnete Täuſchung zu ſehen. Man hat 156 Briefe u. dergl. unterſchlagen— was weiß ich?— kurz als ſie nach London zurückkehrte, hielt ſie ſich für gekränkt, und meine Vorwürfe fanden ſie geneigt, mir jede Erklärung zu verweigern. Offenbar aber fällt in dieſer ganzen Sache das größere Unrecht auf meine Seite.“ Und Hugh geſiel ſich darin, um Laura zu recht⸗ fertigen, ſich ſelber mit einer Wärme anzuklagen, die mich lächeln machte, um ſo mehr als ich, meines Erachtens, über dieſes Kapitel etwas beſſer unter⸗ richtet war als er. Allein die Hauptſache war ſchließ⸗ lich nur das, daß eine Verſöhnung, und zwar eine vollſtändige, zu Stande gekommen war, wie ich mich nun mit Vergnügen überzeugte. Laura hatte mir den Wunſch ausdrücken laſſen mich zu ſprechen. Ich eilte nach Wood⸗End und fand hier Laura ſo glück⸗ lich, wie man es nur beim Erwachen aus einem böſen Traume iſt; ihr ganzes Dichten und Trachten war nur darauf gerichtet, von Hugh Verzeihung zu erlangen. „Ach!“ ſagte ſie zu mir,„Sie können ſich gar nicht vorſtellen, in welchem Grade ich verändert bin! Sollten Sie es mir glauben, daß ich jetzt kein grö⸗ ßeres Glück kenne als den Gedanken, daß ich ihm Alles verdanken werde, daß er allein der Gründer meines Glückes iſt. Und doch war dieſe Idee mir ehedem die drückendſte, peinlichſte!“ Ich konnte mich kaum eines Lächelns enthalten bei der Erwägung, daß ſie mir hiedurch, nur in an⸗ derer Form, eine Empfindung ausſprach, in jeder Hinſicht ganz analog derjenigen, welche Beide eine Zeitlang entzweit hatte. Laura's frühere Hartnäckig⸗ 157 keit trat wieder in ihrem ganzen Umfang zu Tage, als ich ihre Einwillignng zu einer unverweilten Hei⸗ rath verlangte. Man mußte die größten Mittel an⸗ wenden, um ſie hiefür zu gewinnen, und Hugh nahm dies auf ſich. Drei Wochen nach ihrer Wiederausſöhnung ver⸗ ließ Laura ihren ſeitherigen Aufenthalt zu Wood⸗ End, um Beſitz von Thorney⸗Hall zu nehmen, und zwei Stunden nach der Trauung verließen wir— nämlich die Muhme Thomaſine, Harley, ich und die Kinder,— das alte Schloß, um nach London zurück⸗ zukehren. In dem Augenblick, wo die Poſtchaiſe aus dem Gitterthore des Parks von Thorney fuhr, ſagte ich:„Nun iſt meine Miſſion vollendet: Hugh hat nun an ſeiner Seite eine zärtlich liebende Gattin, die ihm meine Liebe erſetzen wird. Der Himmel gebe, daß er ein ungetrübtes ſtetes Glück genieße!“ XIII. Wenn ein Bauernmädchen einen Lord heirathet, ſo kennt man ſchon im Voraus die wahrſcheinlichen Ergebniſſe einer ſolchen ungeeigneten Verbindung, einer derartigen Mißheirath; allein es gibt andere Mißgriffe und Unvereinbarkeiten von minder auf⸗ fallender Art, die nur ein ſchlagendes Beiſpiel, eine entſcheidende Probe in's rechte Licht ſetzen kann. „Ich müßte mich ſehr täuſchen,“ hatte Mrs. Herbert zu mir geſagt,—„wenn Laura jemals eine große Freude an dem Leben einer Schloßherrin haben wird, und wenn eine Lehre von zwei oder drei Jah⸗ 1 158 Ten in ihr den Geſchmack an den Freuden der gro⸗ ßen Welt, den Hang zu rauſchenderen geſelligen Vergnügungen in ihr ausgerottet hat!“ Dieſe boshafte Anſpielung wies ich anfangs als grundlos von mir; allein ſchon nach Jahresfriſt mußte ich mit Bedauern wahrnehmen, daß ſie ſich leider als gegründet bewährte. Als Laura nach London zurückkehrte, vergaß ſie, daß ihr Gatte nur darum noch im Geſchäftsleben blieb, um es dahin zu brin⸗ gen, daß er ſich ſpäter gänzlich und definitiv in Thorney⸗Hall niederlaſſen konnte, woſelbſt er unge⸗ heure Arbeiten, landwirthſchaftliche Verbeſſerungen, die Gründung von Wohlthätigkeits⸗Anſtalten u. ſ. w., kurzum alles Dasjenige beabſichtigte, was dem intelli⸗ genten und rührigen Menſchen an einem Leben voll ländlicher Muße nur immer lockend erſcheinen mag. Gewöhnt in den Salons zu glänzen, fand ſich Laura bald wieder mit Vergnügen auf dem Schauplatz ihrer früheren Erfolge zurecht, und ſtürzte ſich allmälig wieder in eine, meines Erachtens(obſchon ich hier⸗ über vielleicht von einem allzu beſchränkten Stand⸗ und Geſichtspunkte aus urtheilte) tadelnswerthe Lauf⸗ bahn verderblicher Zerſtreuungen und Verſchwendung. Hugh war von ſeiner Liebe für ſie verblendet und achtete anfangs nicht genug hierauf. Er lieferte anfänglich, ohne darüber nachzudenken, ſogar die Mittel zu jenem großen Aufwande, worin ſich ſeine Frau gefiel. Später aber, und als ſeine Vorſtellun⸗ gen ohne Zweifel nicht mehr ſo geneigtes Gehör ge⸗ funden haben würden wie im Anfang ſeiner Che, fühlte er nicht mehr den Muth in ſich, dieſe Vor⸗ ſtellungen zu machen. Ich vermochte mir dieſe Be⸗ 159 fangenheit und Schüchternheit bei Hugh vollkommen zu erklären aus der gründlichen Verſchiedenheit in der Erziehung, welche er und ſeine Frau empfangen hatten. So ſehr er auch im Uebrigen die meiſten Männer in demjenigen Geſellſchaftskreiſe überragte, worin er jetzt lebte, ſo hatten dieſe in Laura's Augen vor ihm den ungemeinen Vorzug jener vollkommenen Höflichkeit, jenes eleganten Firniſſes voraus, welchen ſich derjenige, deſſen Jugend beſtändig in harter Ar⸗ beit hingebracht wurde, niemals mehr anzueignen im Stande iſt. Hugh trug noch ganz das Gepräge ſeiner mühevollen arbeitſamen Vergangenheit; Laura dagegen blieb immer das, was ihre üppige reiche Jugend aus ihr gemacht hatte: ſie hatte ſich den natürlichen Stolz, die ariſtokratiſche Sorgloſigkeit, das weichliche Sich⸗ gehen⸗laſſen, die leichtfertige Genuß⸗ ſucht und die Gewohnheit bewahrt, das Vergnügen nur als den Hauptzweck des Lebens zu betrachten. Die Sachen gediehen ſoweit, daß Hugh an einem ſchönen Tage endlich gezwungen ward, von nothwen⸗ dig werdenden Einſchränkungen und von Sparſam⸗ keit zu ſprechen. Ich war dabei anweſend. Laura arrangirte in jenem Augenblicke gerade ſchöne exotiſche Pflanzen in einer Vaſe von chineſiſchem Porcellan. „Je nun,“ meinte ſie,„man muß eben Thorney verkaufen!“ Thorney zu verkaufen erſchien ihr als eine ganz einfache, ſich von ſelbſt verſtehende Sache. Hugh bebte zuſammen und hielt inne, überraſcht und ver⸗ letzt zugleich. Er ſagte jedoch nichts darüber; allein einen Augenblick ſpäter, als er das Zimmer verließ und Laura ihn zurückrief um ihm zu empfehlen, er 160 Iſolle doch ja nicht zu ſpät nach Hauſe kommen, weil ſie zuſammen in eine große Abendgeſellſchaft gehen mußten, richtete er an ſie die Frage: „Wirklich, Laura, räthſt Du mir in vollem Ernſte, Thorney zu verkaufen?“ „Ci freilich!“ erwiderte ſie, begann aber den⸗ noch nachgerade etwas verlegen zu werden, denn der Ton, in welchem jene Frage an ſie gerichtet worden war, mochte ganz eigenthümlich klingen.—„Es iſt ein todtes Kapital... Das haſt Du mir zwanzig⸗ mal geſagt; und wenn es uns nun an Kapital fehlt! ... Uebrigens werde ich hoffentlich nicht mehr fürch⸗ ten müſſen, daß Du einer jener Kohljunker werdeſt, die mir ſo zuwider ſind!“. „Dieſes Heilmittel würde nur von geringem Er⸗ folg ſein!“ erwiderte Hugh mit einiger Bitterkeit.— „Ich fürchte ſehr, Laura,“ fuhr er ſanfter fort,„ich fürchte überdem, wir haben damit angefangen, wo⸗ mit man eigentlich aufhören ſollte... und wenn dies ſo fortdauert, ſo werde ich bald etwas Schlim⸗ meres werden, als ein Krautjunker— ich werde ein ruinirter Kaufmann ſein!“ Laura antwortete ihm nur durch einen ſanften Blick, der ihn bat, dieſes Geſpräch abzubrechen, und durch einen zärtlichen Kuß, der ihm Schweigen auf⸗ erlegte. Noch am ſelben Abend ſah ich ſie, ſtrahlend von Putz und Schönheit, bei Mrs. Herbert erſcheinen. Ich wunderte mich nicht mehr über den Stolz, den mein Bruder darein ſetzte, ſie mit Luxrus zu umgeben und in geſelligen Kreiſen glänzen zu ſehen. Ein ſo prachtvolles Bild heiſcht auch einen koſtbaren Rahmen 161 von reichem Schnitzwerk und Vergoldung. Die ganze faſhionable junge Männerwelt hatte ſich bald um ſie geſammelt und ich bemerkte mit Schmerz, wie ſich Laura in den Huldigungen derſelben gleichſam be⸗ rauſchte, wie ſie mit ihnen um die Wette in geiſt⸗ reichen Einfällen und raſchen Witzworten ſich erging, während Hugh— nicht im Stande, ſich zu dieſen Nichtigkeiten herunterzugeben und dieſen Jargon zu reden,— am andern Ende des Saales ernſtlich mit eini⸗ gen Greiſen ſprach, und von dieſen ſeinen ſcharfen Ver⸗ ſtand, ſeine kräftige Intelligenz, ſeinen ſichern be⸗ ſonnenen Scharfblick und ſeine ſolide und gediegene Welkanſchauung in allen Dingen bewundern ließ. Unter den modiſchen jungen Herren, unter den Dandies, welche Laura den Hof machten, war der Capitän Martin, der frühere verſchmähte Bewerber um ihre Hand, einer der eifrigſten. Hugh verwandte kein Auge von ihm, obſchon er ſich dies nicht im Mindeſten merken ließ. Im Augenblick unſeres Weggehens trat der Capitän zu gleicher Zeit mit uns in das Vorzimmer, bemächtigte ſich des Um⸗ ſchlagemantels von Laura und wollte ihr denſelben um die Schulter legen; allein ich nahm mit Ver⸗ gnügen wahr, daß Hugh ſich höflich in's Mittel ſchlug, dieſen Dienſt der Artigkeit für ſich ſelber in Anſpruch nahm und mit einer einzigen Geberde das⸗ jenige zurückwies, was in dieſen Aufmerkſamkeiten eines Fremden für ſeine Frau Unziemliches und Uebertriebenes liegen mochte. Von dieſer Abendgeſellſchaft an war nicht mehr von Erſparniſſen die Rede. Ohne gerade eiferſüchtig auf Laura zu ſein, ohne die vollkommene Loyalität Lee, Thorney⸗Hall. 3 11 162 ihrer Liebe in Zweifel zu ziehen, ſchien mein Bruder entſchloſſen zu ſein, vor keinem Opfer zurückzuſchrecken, um ſich das abſolute Monopol jener Zärtlichkeit zu ſichern, die ſein köſtlichſter Schatz geworden war. Laura's Launen und Gelüſte wurden nicht allein als⸗ bald befriedigt, ſobald ſie ſie ausſprach, ſondern auch im Voraus errathen und verwirklicht. Ihre Dank⸗ barkeit wurde beinahe täglich durch irgend eine neue Aufmerkſamkeit herausgefordert und aufgeboten. An⸗ geſichts einer ſo fortdauernden Hingebung, ſo ſinni⸗ ger und ſcharfſinniger Zuvorkommenheiten, ſo viel⸗ fältiger Opfer, war jede Nebenbuhlerſchaft, jede Con⸗ currenz, jeder Wetteifer unmöglich. „In der That,“ ſagte Blanche eines Tages zu mir,„der Capitän iſt vollſtändig aus dem Felde geſchlagen. Er folgte Laura wie ihr Schatten; aber Hugh iſt eine Sonne, die immer im Zenith ſteht!“ Laura beſtätigte mir einige Tage ſpäter die Wahrheit dieſes Scherzes, indem ſie mir erklärte— ein ſeltenes und erhabenes Geſtändniß!— ſie ſei ganz zum Sterben in ihren Gatten verliebt.— „Ach, ich wünſchte nichts ſehnlicher,“ ſetzte ſie hinzu, „als daß ſich bald eine Gelegenheit böte, ihm meine Dankbarkeit durch irgend ein großes Opfer zu beſtätigen.“. „Meine Liebe,“ erwiderte ich ihr,„die Gelegen⸗ heiten, deren Sie erwähnen, ſind ziemlich ſelten; allein man findet jeden Tag nicht minder werthvolle Veranlaſſungen, die uns geſtatten, durch vielfältige kleinere Opfer Denjenigen glücklich zu machen, den man liebt.“ 3 Dieſe Worte machten ſie nachdenklich, und ſie 163 entgegnete mir nach einer kleinen Pauſe:„Sie haben vielleicht Recht, Schwägerin! Wohlan denn! ſagen Sie mir's unumwunden: habe ich auch Alles das gethan, was ich thun mußte, um Hugh glücklich zu machen?“ „Antworten Sie ſich doch ſelbſt auf dieſe Frage Laura!“ ſagte ich. „Zuweilen muß ich ſie mir verneinen. Und wenn ich jetzt...“ Sie hielt plötzlich erſchrocken inne. „Nunl! vollenden Sie doch!“ ...„Wenn ich jetzt ſterben würde!...“ „Ei, gehen Sie!... Warum hängen Sie doch ſolchen thörichten Befürchtungen nach?... Hugh würde es Ihnen nicht verzeihen, wenn Sie ſtürben!“ „Er? O, Sie täuſchen ſich— er gibt mir Alles!“ rief ſie mit freudigem Stolze. Hugh kam in dieſem Augenblick die Treppe her⸗ auf, und ich gab Laura ein Zeichen, das Geſpräch abzubrechen. Mein Bruder war etwas bleich als er in's Zimmer trat.„Nun, Laura!“ hub er an und ſuchte einen Seufzer ſo gut wie möglich zu unter⸗ drücken,—„ich habe nun einen Kaufsliebhaber für Thorney gefunden!“ Laura ward plötzlich ganz dunkelroth und rief: „O, warte nur noch einige Wochen. Um Gottes⸗ willen, beeile Dich nicht damit!“ „Das wäre ſchon gut,“ verſetzte Hugh,„aber ich muß verkaufen!“ „Und durch meine Schuld!“ rief Laura und ſenkte das Haupt. 1 „O ſo ſchweige doch, mein Kind!“ rief mein Bruder und zog ſie an ſein Herz.„Willſt Du wohl ſchweigen?“ Da die Frage aber einmal ſo ſtand, ſo erlangte Laura wie gewöhnlich von ihm was ſie wollte, und diesmal gab der Zufall ihr Recht. Während der Bedenkzeit oder des Aufſchubs, den ſie von Hugh erbeten hatte, ſtarb nämlich ein ſehr geiziger alter Verwandter von ihr, und hinterließ ihr als ſeiner Univerſalerbin ein ſehr bedeutendes Vermögen. Thorney war gerettet. Ich hätte nicht geglaubt, daß dieſe günſtige und unerwartete Wendung mir ſo viel Vergnügen bereiten würde. Allerdings war mir der Kummer ſehr nahe gegangen, welchen Hugh empfin⸗ den mußte, wenn er ſich zum Verkaufe des alten Familiengutes der Randal genöthigt ſah, deſſen Er⸗ werbung er ſich hatte ſo ſauer werden laſſen. Muhme Thomaſine wäre ohne Zweifel vor Gram darüber geſtorben. Die gute alte Frau weiß aber gottlob nicht, wie wenig noch gefehlt hätte, daß dieſes ehr⸗ würdige Gebäude, das in ihren Augen durch ſo viele glorreiche Erinnerungen geweiht war, zum zweiten Male aus den Händen unſerer Familie gekommen wäre! Wenige Wochen nach dieſem unerwarteten Creig⸗ niß beſchenkte Laura ihren Gatten mit einem Sohne. Ich kann es nicht beſchreiben, welche Freude, welche Glückwünſche, welche ehrgeizige Projekte dieſe Be⸗ gebenheit hervorrief! Hugh ſchrieb an die Tante Thomaſine und überſandte ihr das Programm der Feſtlichkeiten, welche den Bewohnern von Thorney die Geburt des präſumtiven Erben und Stammhal⸗ ters dieſer Herrſchaft verkündigen ſollten. Laura 165 vertrieb ſich die Zeit, während deren ſie in ihr Bett gebannt war, und die damit verbundene Langeweile durch tauſend und abertauſend Conjecturen. Sie machte und verwarf hunderterlei Pläne wegen der Erziehung ihres Sohnes: ſie wählte ihm ſchon eine Frau; ſie ſah ihn als Militär, wenn er in ſeinem Bette zappelte, als Magiſtratsperſon, wenn er ernſt auf den Armen ſeiner Amme ſaß. Eines Abends, als Laura und ihr Gatte tauſend mehr oder minder bizarre Luftſchlöſſer in Betreff ihres kleinen Lieblings gebaut und wieder aufgegeben hatten und in Träu⸗ men aller Art ſchwelgten, trat die Kindbettwärterin in's Zimmer, war beinahe böſe und eröffnete Hugh, daß er nun das Zimmer verlaſſen müſſe, weil das viele Sprechen Madame allzu ſehr angreife. Hugh ließ ſich dieſen gebieteriſchen Tadel gefallen, ſtand auf und ſchickte ſich zum Gehen an.—„Bleibe noch ein Weilchen!“ ſagte Laura zärtlich zu ihm; und während er ſich über ſie neigte, um ihr den Abſchiedskuß zu geben, flüſterte ſie ihm ganz leiſe einige Worte ins Ohr, die ich nicht mehr verſtehen konnte. Allein ich errieth beinahe ihren Sinn, als ich meinen Bruder plötzlich düſter werden und— ohne mir ein Wort zu gönnen— ſich auf ſein Zim⸗ mer begeben ſah, wo er ſich einſchloß. Am andern Tage war Laura weit ſchwächer, als man hätte erwarten ſollen. Dieſer Zuſtand der Schlaffheit ſteigerte ſich in bemerkbarer Weiſe binnen vierundzwanzig Stunden; und am Abend des dritten Tages ward uns Allen die traurige Gewißheit klar, daß ſie uns geraubt werden würde. Einer von uns ſtand ſtarr wie eine Bildſäule angeſichts dieſer unabwendbaren Nothwendigkeit, und ſchien die Gerechtigkeit des Himmels in Zweifel zu ziehen und mit Gott zu hadern. Die arme junge Mutter dagegen nahm dieſes fürchterliche Verhäng⸗ niß ergebungsvoll an und beugte ihr Haupt demüthig unter den unerforſchlichen Rathſchluß des himmliſchen Vaters. Ihr Gatte war bei ihr in dem Augenblicke, wo ihr ſchönes Auge brach, das ſie unabwendbar auf das ſeinige gerichtet hatte. Er allein vernahm ihre letzten Worte. Ich ſah ihn ihr Haupt ſanft auf das Kopfkiſſen niederlegen, von welchem ſeine Arme es erhoben hatten, und dann bewußtlos neben ihr zuſammenſinken. Ich legte ihm die Bibel zurecht, worin die Entſchlafene noch wenige Stunden vorher geleſen hatte, und ließ ſie dann mit einander allein... Noch am ſelben Abend langten die Glückwünſche der Muhme Thomaſine zu der Geburt ihres Groß⸗ neffen an. ** * Mein Bruder blieb einige Zeit wie vom Donner gerührt. Er konnte ſich mit dem Gedanken an ſein Alleinſtehen gar nicht vertraut machen— er begriff dieſe jähe und unwiederbringliche Trennung von der Geliebten ſeines Herzens gar nicht. Wenn er ſo am Kamin ſaß, dem jetzt leeren Lehnſtuhle gegen⸗ über, welchen Laura ehedem eingenommen hatte, kamen ihm jeden Augenblick ſeltſame Hallucinationen, um deren Erklärung er mich bat. „Sag' mir nur,“ fragte er mich eines Tages in — — 167 vollem Ernſte,—„ſag' mir nur, weßhalb ich ihre Stimme höre!... Erkläre mir nur, warum mir immer iſt, als ſitze ſie am Piano und ſinge!...“ Ich wunderte mich auch über die ſeltſame Um⸗ wandlung, welche in ſeiner Einbildungskraft allmälig mit der theuren Verewigten vor ſich ging. Aus einer im Grunde ziemlich unvollkommenen Frau, die in ihrem Wollen und Thun launiſch und nicht allzu verſtändig war, die ihn zuweilen in ſeinen liebſten Ideen verletzt hatte, ward ſie nachgerade für ihn ein Engel, von dem er nur als einem höhern himmliſchen Weſen ohne Fehler und Makel, voll innerer und äußerer Schönheit ſprach. Die Todten haben doch ein wunderbares Vorrecht! ihr Hingang verwiſcht alle ihre Schattenſeiten, und unſer Schmerz läutert und verklärt den Gegenſtand, den er ſich zum Abgott, zum Ziel der liebenden Verehrung erkoren. Pierce— dieſen Namen hatte man nämlich Lau⸗ ra's Kinde gegeben,— wuchs unter den Augen ſei⸗ nes Vaters heran, und ward in der Verehrung des Gedächtniſſes ſeiner Mutter erzogen. Es war ein gutes, wackeres, edles Kind.—„Ein echter Ran⸗ dal!“ ſagte Muhme Thomaſine.„Nie ſpricht er eine Unwahrheit; nie hört man von ihm eine Feig⸗ heit... Alle lieben und verehren ihn, Menſchen und Thiere... Das Sprichwort hat Recht, daß drei Generationen erforderlich ſind, um einen Edel⸗ mann zu machen!... Seht mir einmal den Jun⸗ gen an! ſein Großvater war ein Gewerbsmann, ſein Vater ein Kaufmann, und er trägt dennoch ſeinen Adelsbrief auf die Stirne geſchrieben!“— Es lag etwas Wahres in dieſem Panegyrikus der alten Muhme. Nur konnten wir beide uns nicht über die Bedeutung des Wortes Edelmann verſtändigen, denn ich hatte meinen Bruder ſtets für einen ſolchen gehalten, und fand gar nichts Wunderbares darin, daß ein ſolcher Vater auch einen ſolchen Sohn habe. XIV. Die Geſchichte der nun folgenden vierzehn Jahre läßt ſich, ſoviel mich anlangt, in die drei⸗ Worte zuſammenfaſſen: Ich bin allein! Harley hat mich verlaſſen... er erwartet mich droben. Frank hat ſich verheirathet und iſt darum von meiner Seite weggezogen. Ruth Langley, die ich mir zur Tochter erzogen hatte, iſt die Frau eines nach Indien geſandten Miſſionärs geworden, und wird ohne Zweifel ihr Leben unter jenem mörderi⸗ ſchen Himmel beſchließen. Die Krümmungen meiner Lebensbahn haben mich wieder an die Seite meines Bruders geführt, und wir verfolgen mit einander nun unſern traurigen Pilgerlauf. Wir bewohnen Thorney⸗Hall, wo Hugh, der ſich ſeit drei Jahren aus dem Geſchäftsleben zurückgezogen und zur Ruhe geſetzt hat, nun ſeine Ideen von Verbeſſerungen in der Landwirthſchaft verwirklicht und darauf bedacht iſt, Glück und Wohlſtand unter ſeinen zahlreichen Pächtern und Hinterſaſſen heimiſch zu machen. Dieſe neue Lebensweiſe iſt ihm anfänglich ſehr ſchwer ge⸗ fallen, denn er war ganz aus ſeinem gewohnten Lebenskreiſe herausgeſchleudert, er war nirgends zu Hauſe, er fühlte ſich außer ſeinem Element. Ihm 169 fehlten der Lärm und die Aufregung des großen Handelsverkehrs, und ſeine Thatkraft, ſeine Rührig⸗ keit konnten der täglichen Anforderungen des Berufs⸗ lebens nicht entbehren. Jetzt hat er ſich eingewöhnt und iſt ruhiger, friedlicher geworden. Von Zeit zu Zeit machen wir uns Beide das wehmüthige Ver⸗ gnügen, einen prüfenden Rückblick auf die durchmeſ⸗ ſene Lebensbahn zu werfen; wir ſehen ſie, wie die antike Heerſtraße, von Gräbern beſäumt, und wir beſchwören die geliebten Geiſter herauf, welche in jenen herbergen. Vornehmlich iſt es die Weihnachks⸗ zeit und der Chriſtabend, wo wir uns der fröhlichen Vereinigungen von ehedem erinnern und wo unſere jetzige Verlaſſenheit und unſer Alleinſtehen uns er⸗ ſchrecken. Allmälig kommt Schweigen über unſere armen ſchwachen greiſen Häupter, die wir auf den verlaſſenen öden Herd des Hauſes ſtützen, und un⸗ ſere vielgeliebten Todten ſprechen dann ganz leiſe mit uns. Pierce's glänzende Jugend hebt ſich lebhaft von dieſem verdüſterten Grunde ab. Er iſt jetzt ein kraft⸗ ſtrotzender aufſchäumender Jüngling, der den Ruhm ſo leidenſchaftlich und glühend liebt wie Andere eine Geliebte. Als es ſich darum handelte, für ihn einen Stand zu wählen, rief er kühn:„Ich würde lieber als gemeiner Soldat eintreten, als den Kriegerſtand aufgeben!“ „Wohlan denn, mein Sohn! ſo ſollſt Du Mili⸗ tär werden!“ entgegnete ihm ſein Vater augen⸗ blicklich. An Hugh's Stelle wäre ich nicht ſo ſtoiſch ge⸗ weſen. Glücklicherweiſe iſt Frank trotz der ſchreck⸗ . 170 haften Prophezeiungen ſeines Oheims Allan doch ein ſehr friedlicher und friedliebender Menſch gewor⸗ den. Allerdings aber iſt es, wenn ſich einmal ein Beruf ſo entſchieden kundgibt und ausſpricht, gefähr⸗ lich, demſelben Hinderniſſe in den Weg zu legen. Pierce trat alſo in die Armee, und kaum war er zu ſeinem Regimente geſtoßen, ſo begannen ſchon die erſten Kriegsgerüchte ſich zu verbreiten, und ſein Regiment war eines von den erſten, welche in die Türkei abgeſchickt wurden. Der Brief, worin er uns dieſe Neuigkeit meldete, die für ihn eine wahre Freudenbotſchaft war, überſtrömte von Enthu⸗ ſiasmus, und als er einige Tage ſpäter uns beſuchte, um von uns Abſchied zu nehmen, war dieſer Enthu⸗ ſiasmus noch bedeutend geſteigert worden. Das Waffenhandwerk bot ſich ihm alſo vom Anfange an ganz ſo dar, wie er es ſich geträumt und gewünſcht hatte— er konnte im ganzen Schmuck der Uniform, unter den rauſchenden Klängen kriegeriſcher Muſik und mit fliegenden Fahnen in's Feuer marſchiren. Die Muhme Thomaſine war davon ſo verblendet, als ob ſie kaum ſechszehn Jahre alt wäre, und ſie ſpornte dieſen feurigen, jungen Hengſt voll Gluth und Streben noch an, während ſein jugendlicher Ungeſtüm eher noch einer tüchtigen Zügelung be⸗ durft hätte. „Der Junge wird ſeine Schuldigkeit ſchon thun!“ ſagte mein Bruder manchmal voll Ungeduld und faſt ärgerlich zu ihr. „Seine Schuldigkeit allerdings!“ verſetzte die Muhme;„aber für einen Randal iſt dies noch nicht genug!...“ 171 Hugh kehrte von London, wohin er mitgegangen war, um der Einſchiffung ſeines Sohnes beizuwoh⸗ nen, weit ruhiger zurück, als ich es erwartet hatte. Einige Monate verſtrichen für uns und das Heer in der Türkei in abſoluter Unthätigkeit. Wir waren echte politiſche Kannegießer geworden, und die Muhme Thomaſine, die ſich in der Schule der Journale ihre Begriffe von Taktik u. ſ. w. geholt hatte, ſchmälte oft ſehr unnöthig über die Unziemlichkeit, die in der ſteten Verſchiebung der Eröffnung des Feldzugs lag. Mary Cloſe hörte ihr immer aufmerkſam zu und ſperrte Mund und Augen weit auf über die Weis⸗ heit der alten Dame. Mary Cloſe— man weiß noch, wer ihre Mutter war— kam ſehr oft auf ihrem langhaarigen rauhen Pony von Burndale nach Thorney geritten. Sie war die Jugendfreun⸗ din von Pierce,— ſeine kleine Frau, wenn ich aus der Schule reden ſoll,— und die beiden jungen Leute hatten ſich, allem vernünftigen Rath und Zu⸗ reden der Eltern zum Trotz, noch vor Pierce's Ab⸗ reiſe mit einander verlobt und die Ringe gewechſelt. Mary aber war, wir wollen es nur geſtehen, gar nicht ſo ſehr darauf erpicht wie die Muhme Thoma⸗ ſine, daß der Feldzug endlich eröffnet werde. Sie ſchalt gar nicht ſo ungehalten über das Miniſterium, und vernahm nicht mit ſolcher Freude die Kunde von der Ausſchiffung des verbündeten Heeres an den Küſten der Krim. Am 3. Oktober 1854 gelangten große Neuigkei⸗ ten und hochwichtige Nachrichten von Kriegsſchau⸗ platze nach Thorney. Die Schlacht an der Alma war gewonnen, Sebaſtopol(nach einem vorſchnellen 172 Werüchte) eingenommen. Muhme Thomaſine ſetzte ihre Brille auf und las uns die Zeitung vor. Mein Bruder hatte die Stirne auf die Hand geſtützt und hörte zu. „Sein Regiment hat geſtürmt!“ ſagte er ruhig. „Gott ſei Dank!“ ſetzte die Tante hinzu.„Und wenn er nicht unter den Sturmkolonnen geweſen wäre, ſo bin ich feſt überzeugt, Pierce wäre trotzdem in's Feuer gegangen! Glaubt mir's!“ Miein Bruder ſtand auf, um nach Burndale zu gehen. „Die kleine Mary,“ ſagte er,„muß unſere Neuigkeiten auch erfahren!“ Dieſer zartſinnige liebevolle Gedanke, der ihm in einem Augenblicke der höchſten Angſt und Spannung kam, hatte ihm für ſich allein ſchon mein Herz ge⸗ wonnen. Bald langten aber andere Nachrichten an. Se⸗ baſtopol iſt nicht genommen. Man hat ſich aber allerdings an der Alma eine Schlacht geliefert. Die Zahl des Verluſtes iſt nun bekannt, aber noch keine Namen! Ach, welche Spannung, welche Angſt und Unruhe! Mary verläßt uns gar nicht mehr. Hugh fühlt ein dringendes Bedürfniß, ſie bei ſich zu haben, und jedes wiegt ſich in den Hoffnungen, die das Andere affektirt. Endlich treffen die Liſten der Ver⸗ wundeten und Todten ein. Das Regiment, worin Pierce dient, hat entſetzlich gelitten. Pierce ſelbſt iſt verwundet... ſehr ſchwer verwundet. „Er iſt gottlob nicht auf den Tod getroffen,“ bemerkte Muhme Thomaſine, die nun nicht mehr ſo entſchloſſen ſchien. 173 „Das iſt das Loos des Kriegers!“ ſagte Hugh und verſtärkte ſeine Stimme, die wider ſeinen Wil⸗ len zitterte; er warf einen zweiten Blick auf die Liſten und ſetzte dann hinzu:„Auch Allan's Regi⸗ ment iſt ſehr übel zugerichtet worden. Der arme Bruder! in unſerer Unruhe um den Sohn hätten wir beinahe den Bruder vergeſſen!“ Ein Seußzer, der hinter uns erſcholl, machte, daß wir den Kopf umwandten. Er kam von Mary, welche weinend neben dem Kanapee, auf welchem ſie geſeſſen hatte, in die Kniee geſunken war. Noch am ſelben Abend langte Mary's Mutter an und holte ſie von uns ab, und mein Bruder trat eine Reiſe nach London an. Wir hatten eine ge⸗ heime Ahnung, daß er nicht dort bleiben werde, und waren daher durchaus nicht erſtaunt, als ein Brief von Hugh uns belehrte, daß er nach Konſtantinopel abgereist ſei, um ſich von hier überall hin zu bege⸗ ben, wohin Pierce nur immer gebracht worden ſein könnte. Er ſchrieb auch an die kleine Mary. Die deſinitiven Liſten kamen uns endlich zu. Unter den Namen der gemeinen Soldaten, welche unter dem Feuer der Ruſſen an der Alma gefallen waren, figurirte auch unbemerkt derjenige von Allan Randal. So hatte er denn geendigt, wie er es ſich gewünſcht hatte, mitten im Lärm der Schlacht und unter dem Siegsgeſchrei der Seinigen! Die Ein⸗ zelnumſtände, welche von den Korreſpondenten der Journale gegeben worden, gedachten der Unerſchro⸗ ckenheit und außergewöhnlichen Bravour eines jungen Offiziers, der, obſchon von einer Kanonenkugel ge⸗ troffen, dennoch ſeine Wunde überlebte. Dieſer junge 124 Offizier war unſer Pierce, dem eine Kugel den lin⸗ ken Arm weggeriſſen hatte. Muhme Thomaſine war ſo von Stolz und Be⸗ wunderung für ihren Großneffen erfüllt, daß ſie ſich mit echt philoſophiſcher Reſignation in die Ausſicht ergab, ihn verſtümmelt wieder zu ſehen. Ich begab mich zu Mary, die ich beinahe in ganz gleicher Stim⸗ mung fand; nur war bei ihr der Heroismus weni⸗ ger echt und aus dem Innern kommend; denn in dem Augenblick, wo ihre Mutter mir von ihr rühmte, ſie ſei ein unerſchrockenes, furchtloſes Gemüth, eine wahre Soldatenfrau, brach das arme Kind in wildes Weinen aus. 3 In den folgenden Tagen ward es noch ſchlim⸗ mer mit uns. Es war nicht mehr ſo viel die Rede von Sieg und Ruhm. Man erzählte ſich haarſträu⸗ bende Geſchichten von den furchtbaren Leiden der Verwundeten, von den Verheerungen, welche der La⸗ zarethtyphus anrichte, von den unerhörten Entbeh⸗ rungen, denen die fabelhafte Sorgloſigkeit und Un⸗ geſchicklichkeit der britiſchen Militärverwaltung die Kranken und Verwundeten der engliſchen Truppen ausgeſetzt hatte. Muhme Thomaſine hörte alle dieſe Geſchichten aufmerkſam und kleinlaut mit an und begann nun den Krieg und ſeine Gefahren unter einem minder poetiſchen und wahreren Geſichtspunkte aus zu betrachten. 3 Leider kam es ganz anders, als wir erwartet hatten. Wie viele Herzen welkten in jenen Jahren mit den herbſtlichen Blättern dahin! wie viele Hoff⸗ nungen fielen zu Boden, wie das dürre Laub! Als endlich das Freudengeläute verſtummte, welches den 175 Sieg verkündigt hatte, wie viele ächzende Klagen bildeten da das Echo jener Jubelklänge! Der Monat November war prachtvoll. Ich habe die Abende nicht vergeſſen, wo Mary und ich auf den Terraſſen des Schloſſes im Freien ſitzen blieben, bis die Uhr vom Thurme im Dorfe Mitternacht ver⸗ kündete. Eine Art nervöſer Unruhe war über das arme Mädchen gekommen; ein Schatten an der Mauer machte Mary erbeben, und ich begann nachgerade ſehr für ihre Geſundheit zu fürchten, welche unverkenn⸗ bar unter dieſer langen Spannung, dieſem peinlichen Warten litt; allein ich behielt meine Befürchtungen weislich für mich. Wir warteten nämlich ſchon längſt auf einen Brief von meinem Bruder, der aber immer noch nicht kom⸗ men wollte. Als er endlich anlangte, vermochte er nur wenige von unſeren Beſorgniſſen zu heben. Na⸗ mentlich vermochte ich daraus ganz deutlich zu ent⸗ nehmen, daß mein Bruder über den Geſundheitszu⸗ ſtand ſeines Sohnes durchaus beruhigt war. Mit Mary dagegen war es anders; ihr junges Herz ver⸗ mochte noch nicht auf alle Hoffnungen zu verzichten. „Sehen Sie,“ ſagte ſie zu uns,„es iſt nun doch durchgeſetzt, daß Pierce beurlaubt wird, bis er ſeinen Abſchied erhält. Er wird alſo in's Vaterland zurückkehren, ſobald man glaubt, ſein Geſundheits⸗ zuſtand werde den Strapazen der Reiſe gewachſen ſein... Vielleicht iſt er ſchon jetzt mit ſeinem Va⸗ ter unterwegs!“ Glückliche Jugend, der nichts die Hoffnung rau⸗ ben kann, jenen Schatz aller Schätze, welcher ſie reicher macht, als alle Könige der Erde! 176 Wir mußten uns aber noch mehr als einen Monat gedulden, bis uns ein anderer Brief von meinem Bruder zukam. Die Muhme und Mary verſchlangen mich beinahe mit den Augen, als ich das Siegel erbrach, und ſuchten, während ich ihn las, aus meinem Geſichte, welchem ich aber abſicht⸗ lich und mit Mühe einen ganz theilnahmsloſen und kalten Ausdruck zu geben ſuchte, ſeinen Inhalt zu errathen. Hugh meldete mir nämlich in dieſem Schreiben mit wenigen Worten, daß unſere lieben Reiſenden am Abend zuvor in London eingetroffen waren. Pierce aber ſei ſo erſchöpft, daß es minde⸗ ſtens einer achttägigen Raſt bedürfe, bevor er im— Stande ſei, die Reiſe nach Thorney fortzuſetzen; der junge Kranke hoffe jedoch raſch wieder zu geneſen, ſobald er nur wieder die gute Luft von Wensleydale athmen werde. „In acht Tagen alſo! jetzt nur noch acht Tage!“ rief Mary.—„O Piercel... Pierce!... Bitte, geben Sie mir den Brief, Mrs. Harley!“ Damit bemächtigte ſie ſich der koſtbaren Botſchaft, und flüch⸗ tete ſich auf ihr ſtilles Zimmer, um dort den Brief ganz mit Muße zu überleſen.— Schlichtes, treff⸗ liches Gemüth voll edler Herzensgüte, wie konnte man ſich wundern, daß Mary ſich der Liebe Aller zu verſichern gewußt hatte! Zwei Tage ſpäter war ich Morgens nach dem Frühſtück gerade vom Tiſche aufgeſtanden, um in den Garten zu gehen, als mir der Diener begegnete, welcher unſere Briefmappe von der nächſten Poſt⸗ ſtation geholt hatte. Ich nahm ihm dieſelbe aus der. Hand und fühlte, daß ſie ziemlich gewichtig war. 177 Wie von einer Art Ahnung getrieben, von welcher ich mir gleichwohl keine Rechenſchaft zu geben ver⸗ mochte, kehrte ich mit meinem Päckchen Briefe nicht in das Frühſtückszimmer zu der Muhme Thomaſine und Mary zurück, ſondern ging in mein Zimmer hinauf und ſchloß mich ein. Unter den angekomme⸗ nen Briefen war auch einer von meinem Bruder, aber ſo kurz, daß er kaum ein Briefblättchen füllte, und folgenden Inhalts: „Liebe Schweſter! „Pierce iſt todt! Geſtern Abend hauchte er ſein junges Leben aus. Ich kann dem lieben Gott nicht genug dafür danken, daß Er mir vergönnt hatte, dabei anweſend zu ſein: mein Sohn iſt doch nicht allein, nicht unter Fremden und ferne von den Sei⸗ nigen geſtorben. Er hatte nicht zu leiden; ſein Todeskampf war kurz und beinahe heiter... Was ſoll ich nun zum Troſte ſagen?... Sein Tod war ehrenvoll— der eines Soldaten, welcher ſeine Pflicht gethan hat... Er hatte nur Eines zu be⸗ dauern, daß er nämlich nicht auf dem Schlachtfelde fallen durfte wie Allan! Unſer Verluſt iſt furchtbar, meine arme Schweſter! Wie ſollen wir uns darein finden!— Ich werde binnen achtundvierzig Stunden von jetzt ab bei Euch eintreffen. Beſorge Du ge⸗ fälligſt alle nöthigen Vorkehrungen. Pierce ſoll da begraben werden, wo ich eines Tages an ſeiner Seite ruhen zu dürfen hoffe. Wenn die kleine Mary noch bei Dir iſt, ſo theile ihr Alles ſchonend mit und führe ſie zu ihrer Mutter zurück, falls ihr nicht be⸗ ſonders daran gelegen iſt, unſern theuren Verſtorbe⸗ Lee, Thorney⸗Hall. 12 178 ſten noch einmal zu ſehen. Der Schmerz dieſes un⸗ glücklichen Mädchens würde den meinigen noch ſtei⸗ gern. Wenn ſie inzwiſchen bleiben will, ſo lege ihren Wünſchen nichts in den Weg.“ Hugh war keiner von jenen Menſchen, welche ihren Schmerz in langen Phraſen zu Tage kehren; allein ſeine ſonſt ſo feſte Hand hatte beim Nieder⸗ ſchreiben dieſer wenigen Zeilen ſichtlich gezittert und dadurch den Zwang verrathen, welchen ſein Schmerz und ſein energiſcher Wille mit einander beſtanden hatten. Ich weinte nicht lange allein über dieſen inhalts⸗ ſchweren herzzerreißenden Brief. Ein leichter flüch⸗ tiger Schritt, das Rauſchen eines Frauengewandes, ein beſcheidenes Pochen an der Thüre meines Zim⸗ mers verkündeten mir, daß Mary da war. Ich brauchte ihr kein Wort zu ſagen— meine weinen⸗ den Augen und das in meiner Hand zerknitterte Papier ſagten ihr Alles. Ueber dem durchdringenden Jammergeſchrei, welches ſie ausſtieß, kam auch Muhme Thomaſine herbeigeeilt und errieth ebenfalls auf den erſten Blick die erſchütternde Kunde. ** * ... Die Nacht ſank eben hernieder, der Abend war kalt, das Wetter trübe und regneriſch. Wir hatten Mary genöthigt, ſich zu Bette zu legen; ihre Mutter war bei ihr. Muhme Thomaſine hatte ſich allmählig beruhigt, allein alle Vorkehrungen und Zurüſtungen, welche zu treffen geweſen, waren mir überlaſſen geblieben. Ich entledigte mich ihrer ma⸗ 179 ſchinenmäßig, denn ich konnte an nichts Anderes den⸗ ken, als eine einzige Sache: den Schmerz meines armen Bruders. Was mußte er fühlen, wenn wir uns nun wieder begegneten?... „Es iſt fünf Uhr vorüber!“ ſagte die Tante zu mir.— Im ſelben Augenblicke ertönte von dem Thurm der Kirche von Thorney ein dumpfes Grab⸗ geläute, und als wir aus den Fenſtern blickten, ſah ich auf der Landſtraße langſam eine ſchwarze Maſſe ſich gegen uns heranbewegen. Einer von der Die⸗ nerſchaft trat ein und zündete die im Zimmer herum aufgeſtellten Kerzen an. Dann näherte er ſich dem Bette um ſich zu überzeugen, daß es im Stande ſeie, ſeine traurige Laſt aufzunehmen. Wir ſtiegen die Treppe hinunter und warteten unter dem Portale. Die ganze Dienerſchaft war in Trauerkleidern dicht neben einander aufgeſtellt und ſprach leiſe über ihren jungen Gebieter. Er hatte ſich ſo ſehr bei Allen beliebt zu machen gewußt!— Draußen hielt eine Gruppe Männer, ſchweigend, harrend und trotz des Regens barhäuptig. Das Trauergeläute erſchütterte unſere Nerven, und die arme Muhme zitterte ſo ſtark, daß ich ſie wieder hinaufführen mußte. In dem Augenblick wo ich wieder herunter kam, hatte man ſo eben den Sarg unter dem Periſtyle niedergeſetzt. Mein Bruder war dabei und drückte mir die Hand, ohne den Blick von der eichenen Truhe abzuwenden, welche den Gegen⸗ ſtand all ſeiner Hoffnungen umſchloß. Er ließ ſich nicht von mir hinwegführen, ſondern wollte Schritt für Schritt dem Sarge folgen, welcher langſam die Treppe hinangetragen wurde. Die Träger ſtiegen 180 Vorſichtig und unter tiefem Schweigen hinan, als ob ſie gleichſam von dieſem concentrirten Schmerz der Leidtragenden erſchreckt und der Sprache beraubt worden wären. Droben ließen ſie uns mit unſerm theuren Todten allein. Jetzt begegnete mein Blick zum erſten Male dem⸗ jenigen meines Bruders. Es lag eine tiefe Weh⸗ muth, eine erſchütternde Traurigkeit in demſelben, welche mich um ſo tiefer ergriff, als ich ihm keiner⸗ lei Troſt zu bieten vermochte. Hierauf, während wir einander noch ſchweigend anblickten, öffnete ſich die Thüre leiſe und die kleine Mary trat herein, näherte ſich dem Sarge, ohne uns wahrzunehmen, und wäre neben meinem Bruder zuſammengeſtürzt, wenn dieſer nicht ſchnell herzugeeilt wäre und ſie eben noch rechtzeitig aufgehalten hätte. Er führte ſie hierauf beinahe bewußtlos zu ihrer Mutter zurück, und ich folgte ihm. Von hier wollte er ſich aber⸗ mals in das Gemach begeben, wo die Leiche unſers armen Pierce lag; allein ich legte ihm abwehrend die Hand auf ſeinen Arm und ſagte ſanft:„Nicht doch, Hugh! gehe heute Abend nicht mehr hinein! laß es genug ſein für heute!“— Er leiſtete meiner Bitte willig Folge, und ließ ſich von mir in den Salon führen; als ihm aber hier das lebensgroße Bild ſei⸗ nes Sohnes in die Augen fiel, kam ſein wilder Schmerz von Neuem zum Ausbruch,— er begrub das Geſicht in ſeine beiden Hände und rief mit dumpfer Stimme: „O mein Pierce! o mein armer Sohn! warum habe ich nicht ſtatt Deiner ſterben dürfen!“ Einen Mann weinen zu ſehen, hat von jeher . 4 181 einen erſchütternden Eindruck auf mich gemacht.— Thränen gereifter Männer erſcheinen mir an ihnen wie geſchmolzenes Blei, welches überall, wo es her⸗ abläuft, eine brennende Furche zurückläßt; das Schluchzen der Männer iſt ein Krampf; ihr Schmerz lindert ſich nicht, wie der der Frauen, dadurch daß er ſich nach außen entlädt, ſondern er wird immer ernſter und regt ſich ſtets wieder von Neuem auf. Anm andern Tage wollte mein Bruder ſelbſt das Tuch herunterſchlagen, welches auf immer das noch an Liebreiz ſo reiche Geſicht unſers jungen Helden bedecken ſollte. Als dieſe Pflicht erfüllt war, ver⸗ ließen wir das Todtengemach— Mary und ich um nicht wieder dahin zurückzukehren.— Am folgenden Tage gingen wir nach dem Grabe, welches die irdi⸗ ſchen Ueberreſte von Pierce Randal umſchloß, um daſelbſt zu beten. XV. Mein Bruder kämpft wacker gegen ſeinen Schmerz; allein es verurſacht Herzweh, es mit anzuſehen. Sein ergrauendes Haar iſt nun ganz ſchneeweiß geworden; die leichten Fältchen auf ſeiner Stirne und um ſei⸗ nen Mund her, welche man früher kaum bemerkte, haben ſich nun in tiefe Furchen von Runzeln ver⸗ wandelt. Ich glaube nicht, daß er ſeit der Stunde, wo er ſeinen Sohn unter dem Erdhaufen ſeiner letz⸗ ten Ruheſtätte verſchwinden ſah, auch nur ein ein⸗ ziges Mal gelächelt hat. Jede ſtolze Hoffnung, je⸗ des irdiſche Ziel für ſeinen Chrgeiz, jedes Glück 182 wornach man eifrig ſtrebt, ſind für ihn zu Grunde gegangen, und er findet auf Erden nichts mehr, was für ihn exiſtirt, um ihn zu erfreuen. Das Einzige, was ihm noch geblieben, iſt eine Rückerinnerung an vergangene Zeiten, welche ſich für ihn in jene furchtbaren Worte des Predigers: Alles iſt eitel! zuſammenfaſſen läßt. Offenbar ſind ihm noch manche Jahre ſeiner ir⸗ diſchen Pilgerlaufbahn beſchieden, welche für ihn ge⸗ wiß nicht verloren ſein werden. Er wird ſich nicht ewig in ſeine Erinnerungen der Trauer und Weh⸗ muth verſenken und dadurch verzehren. Es wird einmal der Tag kommen, wo er ſich, obſchon nicht ohne Anſtrengung, aufrichten und die tägliche Arbeit, das Werk der Wohlthätigkeit, der werkthätigen Menſchenliebe, wieder aufnehmen wird. Der Tag muß noch kommen, wo er im Stande ſein wird, von ſeinem Sohn zu ſprechen, von deſſen letzten Stunden zu erzählen und die ſchönen Züge ſeiner Jugend zu citiren. Hat er doch ſogar jetzt ſchon in ſeinem Ge⸗ dächtniß die rührende Geſchichte von jenem Vater wieder aufgefunden, welcher zwar den Tod ſeines einzigen Sohnes beweinte aber doch von ihm ſagte: „Ich würde meinen verſtorbenen Sohn gegen keinen von Jenen vertauſchen, welche noch die Freude einer chriſtlichen Familie bilden!...“— Hugh wird an ſeinen armen Pierce ſtets nur mit einem berechtig⸗ ten Stolze denken, und dies tröſtet einigermaßen, wann der Schmerz erſt etwas älter geworden iſt. Auch die kleine Mary wird ſich tröſten. Jene Blüthe der Jugend, über welche die Winterwinde zu frühe hingeweht haben, iſt nicht für immer ver⸗ „p 183 welkt. Ihr liebendes Herz, worin noch lange das Bild ihres theuren Jugendfreundes fortleben wird, kann ſich nicht ewig einer andern Neigung verſchlie⸗ ßen. Sie wird den Geſetzen der Natur gehorchen, ohne daß man ſie der Leichtfertigkeit oder Treuloſig⸗ keit anklagen könnte; ſie wird nicht als hartnäckiges Opfer, den Ihrigen zur Laſt und ſich ſelber feind, den heilſamen Balſam von ſich weiſen, welchen die Zeit hinieden mit vollen„Händen aj alle irdiſchen Wunden n heraögießt. ** * In dem Augenblicke wo dieſes mit ſchwarzen Schriftzügen und düſteren Aufzeichnungen bedeckte Blatt meinen Händen entſinken will, haftet mein Auge auf einem hübſchen Knaben, der dort vor dem Kamin, auf einem Kiſſen zuſammengekrümmt, vor mir ruht. Der kleine Junge iſt noch ſchlecht gezogen und kaum gezähmt; ſeine ſchwarzen und etwas ſcheuen Augen wandern unſtät und fragend von einem Ge⸗ ſicht zum andern, und ſuchen zu verſtehen, zu er⸗ kennen, ſich zurechtzufinden. Es iſt erſt wenige Wo⸗ chen her, ſeit ſeine Mutter auf dem Sterbebette ihn uns vermacht hat, denn das arme Kind iſt noch einer der Waiſen, welche der große Sieg der Waffen geſchaffen hat— der Knabe iſt der Sohn Allan's! Er iſt jetzt der präſumtive Erbe von Thorney⸗ Hall, der Stammhalter unſerer Familie. Mein Bruder irrt nachdenklich um dieſen Knaben herum und betrachtet ihn mit einer Art ſchmerzlicher Neugier. Er forſcht in dieſem kleinen Zigeunerge⸗ — 184 ſicht, der undurchdringlichen Maske noch im Keime ſchlummernder Leidenſchaften, und ſcheint ſich zu fra⸗ gen, ob die edleren Eigenſchaften des Blutes der Randal hinreichen werden, Dasjenige zu mildern und zu läutern, was er von dem Blute ſeiner Mutter in ſeinen Adern trägt. Doch gleichviel! das Kind kann mit Recht An⸗ ſpruch auf den Namen Randal machen. Das Geſetz wird ihm denſelben zuerkennen: das Weitere aber wird der liebe Gott ſchon fügen!— Ende. ſiſnſnfffiſſinſſſnnſſnnſfrſnſſſniſinnſſnſenſenſiniſſe 9 1 6 7 8 0 11 12 13 14 15